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Full text of "Kulturpflanzen und Hausthiere in ihrem Übergang aus Asien nach Griechenland und Italien sowie in das übrige Europa; historisch-linguistische Skizzen"

UC-NRLF 





B 3 157 














Ex 

Libris 
BEATRIX 
FARRAND 



REEF POINT GARDENS 
LIBRARY 



The Gift of Beatrix Farrand 

to the General Library 
University of California, Berkeley 















" 

















KDLTURPFLANZEN UND HAUSTHIERE 

IN IHREM 

UBERGANG AUS ASIEN 

NACH GRIECHENLAND UND ITALIEN SOWIE IN 
DAS tJBRIGE EUROPA 



HISTORISCH-LINGUISTISCHE SKIZZEN 
VON 

VICTOR HEHN 

SIEBENTE AUFLAGE 

NEU HERAUSGEGEBEN 

VON 

0. SCHRADER 

MIT BOTANISCHEN BEITRAGEN 

VON 

A. E N G L E R 



BERLIN 

VERLAG VON GEBRUDER BORNTRAEGER 



SW 4 DESSAUERSTR. 29 
1902 



LANDSCAPE 
ARCHITECTURE 

A lie Rechte, insbesondere das der Uebersetzung 
in fremde Spracheu, vorbehalten. 



Ncu-lluppin,"Buchdriickerei von E. Buchbinder (H. Duskc). 



Farrand Gift 



Lan- 
'* 






Vorrede zur YL Auflage*). 



Die Anfange des Werkes, welches hier zum ersten Mai seit dem 
Tode V. Hehn's (am 21. Marz 1890) neu herausgegeben wird, gehen 
in eine fiir den Verfasser desselben triibe, aber lehrreiche Zeit seines 
Lebens, in die Jahre seines unfreiwilligen Aufenthaltes in der russi- 
schen Gouvernementalstadt Tula, zur tick. Indem ich mich hinsicht- 
lich der Ereignisse, welche zu Hehn's Internirung in dem Inneren 
Russlands fiihrten, sowie der naheren Umstande seines Lebensganges 
iiberhaupt auf meine Schrift: Viktor Hehn, Ein Bild seines Lebens 
und seiner Werke (Berlin 1891) beziehen kann, habe ich hier nur 
diejenigen Punkte hervorzuheben, welche geeignet erscheinen, die 
Entwicklung seiner historisch-linguistischen Studien zu veranschau- 
lichen. 

Von tiefem Verstandniss und gliihender Begeisterung fiir das 
klassische Alterthum durchdrungen und von dem selbstgeschauten 
Bild des Siidens, das er erst vor kurzem in einer seiner Erstlings- 
schriften, Ueber die Physiognomie der italienischen Landschaft, fest- 
zuhalten versucht hatte, in Kopf und Busen erfullt, war V. Hehn 
unvermuthet (1851) in einen zuriickgebliebenen Theil der indo- 
germanischen Volkergruppe, in die Welt der Slaven, versetzt worden. 
Aber so schmerzlich und niederdriickend dieser plotzliche Wechsel 
aller Lebensverhaltnisse dem jungen Gelehrten sein musste, so er- 
schienen doch die Menschen, die er hier schaute, und deren Sprache 
er lernte, sowie die Verhaltnisse des Landes, die er auf haufigen 
Ausfliigen in das Innere studirte, seinem fiir die Erfassung von 
Volkerindividualitaten durch Beanlagung und Uebung besondes ge- 
scharften Auge bald in einem eigenthiimlich interessanten Lichte. 



*) Bei diesem im wesentlichen uiiveranderten Abdruck der Vorrede zur 
VI. Auflage (1894) sind einige jetzt entbehrliche Ausfiihrungen gestrichen 
oder gekiirzt, einige Zusatze in eckigen Klammern beigefiigt worden. 

I* 



341 



jy Vorrede. 

Er erkannte, dass hier fiir den Kulturhistoriker eine reiche, bisher 
noch so gut wie unberiihrte Fundgrube von Alterthiimern verborgen 
sei, oder, wie er es an einer anderen Stelle ausdriickt: Die Slaven 
sind sehr alt, uralt und haben das Aelteste conservativ bewahrt und 
geben es nicht auf. An ihrer Sprache, ihrer Familienverfassung, ihrer 
Religion, ihren Sitten, ihrem Aberglauben, ihrem Erbrecht u. s. w. 
lasst sich das fruhste Alterthum studiren. Aus den hier gleichsam 
crstarrten Anfangen indogermanischen Volkeiiebens, dessen geschicht- 
liche Einheit ihm in Folge des unter Franz Bopp selbst begonnenen 
Studiums der vergleichenden Sprachforschung zu einer lebendigen 
Vorstellung geworden war, wie war aus ihnen die Civilisation Athens 
und Roms und des unter dem Banne des letzteren stehenden mittel- 
alterlichen Europa erwachsen? Diese Frage war es, die den einsamen, 
aller literarischen Hilfsmittel Beraubten wahrend der Tula'er Jahre 
zu beschaftigen anfing, diese Frage, deren Beantwortung er unter - 
nahm, als er (im Jahre 1855) begnadigt und zu einem der Ober- 
bibliothekare an der Kaiserlichen offentlichen Bibliothek zu Peters- 
burg ernannt, sich plotzlich an einen Quell wissenschaftlicher Arbeit 
versetzt sah. Es kann nicht bezweifelt werden, dass V. Hehn das 
gestellte Problem in seiner ganzen Ausdehnung zu behandeln vor- 
hatte. Ein Hehn's Nachlass entnommener Stoss von Papieren lin- 
guistisch-historischen Inhalts, dessen Durchsicht mir die Cotta'sche 
Buchhandlung in Stuttgart freundlichst gestattet hat, zeigt, dass Hehn 
in der That, um es kurz zu sagen, eine Kulturgeschichte Europas auf 
sprachwissenschaftlicher Grundlage zu schreiben beabsichtigte. Den 
Standpunkt, von dem aus er eine solche Aufgabe gelost haben 
wiirde, hat ef in den Kulturpflanzen und Hausthieren selbst bezeich- 
net, indem er sagt: Auch die letztere (die Kulturgeschichte im 
Ganzen) ist nur eine Geschichte des Verkehrs, und wie der ein- 
zelne Mensch nur in der Gesellschaft seine Bestimmung, d. h. die 
hochste Entwicklung seiner Anlagen erreicht, so sind auch die Volker 
in demselben Masse, wie sie zur Bildung sich erheben, nur Schiiler 
und Erben anderer umwohnender, iiberlegener Volker. Aber aus 
der Fulle dieses Stoffes loste. sich immer deutlicher ein einzelner, 
wenn auch an sich wieder ausserordentlich weit reichender Gesichts- 
punkt ab: Was verdankte die Civilisation Europas der Kultur gewisser 
Pflanzen und der Zahmung gewisser Thiere? Dieses besondere Thema 
lag dem Verfasser nahe genug. Hatte er der Flora und Fauna des 
Siidens sich schon in der genannten Schrift, Ueber die Physiognomic 
der italienischen Landschaft, und in seinem aus dieser erwachsenen 



Vorrede. \r 

Buch uber Italien (zuerst 1864) besonders liebevoll zugewendet und 
die Eigenart derselben, so wie sie sich jetzt dem Beschauer dar- 
bietet, mit Meisterhand entworfen, so sollte nunmehr dieser Gegen- 
stand in geschichtliche Beleuchtung gestellt und erortert werden, 
welchen Antheil an dieser gegenwartigen Flora und Fauna die kultur- 
fordernde Thatigkeit des Menschen gehabt habe. Das Ergebniss, 
zu welchem er hierbei gelangte, lasst sich in zwei Satzen zusammen- 
fassen: erstens, die Kultur der wichtigsten Charakterpflanzen des 
Sudens, sowie die Domestication zahlreicher Hausthiere hat im 
Orient begonnen und ist aus diesem nach Griechenland und Italien, 
sowie in das ubrige Europa iibertragen worden, und zweitens, auch 
jene Pflanzen und Thiere selbst sind an der Hand des Menschen 
und zwar erst in historischer Zeit die gleichen Wege gewandert. 
Was ist Europa, als der fur sich unfruchtbare Stamm, dem alles 
vom Orient her eingepfropft und erst dadurch veredelt werden 
musste? Diese Worte Schilling's, neben Hegel, des Lieblings- 
philosophen V. Hehn's, bildeten das Motto des Buches. Als Folie 
diente dem geschilderten Kulturprocess die Darstellung der Zustande, 
in denen die Griechen und Italiker vor oder bei ihrer Einwanderung 
in die Balkan- und Apenninhalbinsel lebten. 

Im Mai 1869 war das Werk, an dem Hehn nach seinen Brief en 
an den Freund Berkholz bereits 1863 seit langerer Zeit gearbeitet 
hatte, fertig und erschien im Jahre 1870 im gegenwartigen Verlag 
zum ersten Mai. Schon 1874 wurde eine zweite Auflage nothig, 
die durch ein neues Kapitel liber das Pferd und durch ein spater 
Avieder weggelassenes [im Anhang abgedrucktes] Vorwort vermehrt 
war, in welchem Hehn seine Stellung gegen zwei Recensenten der 
ersten Auflage, A. Grisebach (Gottinger Gel. Anz. 1872, 2 p. 1766 ff.) 
und 0. Heer in Zurich (Neujahrsblatt, herausg. v. d. naturf. Gesell- 
schaft auf das Jahr 1872) vertheidigte, und in der inzwischen viel 
erorterten Frage nach der Urheimat der Indogermanen sich als 
einen entschiedenen Verfechter der Hypothese ihres centralasiatischen 
Ursprungs bekannte. Bis hierher lasst sich eine lebhafte Theilnahme 
Hehn's an dem von ihm behandelten Stoff und an linguistisch- 
historischer Forschung uberhaupt verfolgen. Dieselbe beginnt zu 
erkalten, als Hehn, irn Jahre 1873 zur Ruhe gestellt, seinen Wohn- 
sitz von Petersburg nach Berlin verlegte. Schon am 26. Februar 1873 
hatte er an Berkholz iiber seine Plane in Berlin geschrieben: Schrift- 
stellern will ich gleichfalls weiter, aber nicht mehr gelehrt, wozu mir 
die bequemen Mittel fehlen werden, sondern angenehm. Ich traue 



VI Vorrede. 

mir dazu einiges Talent zu, an Aufforderungen fehlt es mir schon 
jetzt nicht. Und in der That, die unvermeidlichen Unistandlich- 
keiten in der Benutzung der Kgl. Bibliothek zu Berlin, neue 
Stromungen in verschiedenen, den Gegenstand seines Buches be- 
riihrenden Zweigen der Wissenschaft, und die Schwierigkeit fur den 
alternden Gelehrten, sich in dieselben hineinzuarbeiten, vor allem 
aber der Umstand, dass eine neue Aufgabe, sein Buch liber Goethe, 
ihn mehr und mehr in Anspruch nahm, alles dies liess ihn neue 
Auflagen seines Werkes, von denen eine dritte 1877, eine vierte 1883, 
eine funfte 1887 erschien, mehr als eine Last, denn als eine will- 
kommene Gelegenheit empfinden, seine Ansichten zu vertiefen, auszu- 
bauen oder gegen Angriffe, an denen es nicht fehlte, zu vertheidigen. 

Es ergiebt sich also, dass wir einer seit zwei vollen Jahrzehnten 
in allem Wesentlichen abgeschlossenen Untersuchung gegeniiberstehen, 
und die Hauptfrage, welche der Herausgeber einer solchen sich vor- 
zulegen hat, ist daher diejenige, wie sich die gegen war tige 
Forschung zu der damaligen Behandlung jener Probleme verhalte. 
Indem ich zu der Erorterung dieses wichtigsten Punktes iibergehe, 
lasse ich vorlaufig die schon kurz charakterisirte Bedeutung unseres 
Buches fiir die urgeschichtliche Forschung bei Seite, und da die auf 
die Geschichte der Pflanzen und Thiere beziiglichen Kapitel auf einer 
dreifachen Basis, einer naturwissenschaftlichen, sprachwissen- 
schaftlichen und historischen beruhn, so wird es gut sein, wenn 
ich meine Bemerkungen nach diesen drei Seiten ordne. 

In ersterer Hinsicht schien es vor allem klar, dass die moderne 
Botanik die Frage nach der Herkunft und Verbreitung der Pflanzen- 
arten vielfach mit anderen Mitteln und in anderer Weise beantworte, 
als dies von V. Hehn geschehen war. Da aber der Herausgeber auf 
diesem Gebiet selbstverstandlich sich kein eigenes Urtheil gestatten 
durfte, so war es nothwendig, einen botanischen Fachmann als Mit- 
arbeiter zu gewinnen, sowohl um die einzelnen Pflanzenkapitel mit 
seinern sachverstandigen Urtheil zu begleiten, wie auch seinen Stand- 
punkt zu dem Hehn'schen Werk im allgem einen fiir den nicht 
botanisch gebildeten Leser darzulegen. Ein solcher wurde erfreulicher 
Weise in Professor A. Engler, Direktor des botanischen Gartens in 
Berlin, und durch haufige Reisen mit der Flora des Siidens vertraut, 
gefunden. Dieser aussert sich iiber die Hehn'sche Darstellung der 
Geschichte der Kulturpflanzen in folgender Weise: 

Dem Wunsche des Herrn Verlegers, bei einer neu zu veran- 
staltenden Ausgabe des Hehn'schen Werkes Kulturpflanzen und 



Vorrede. yjj 

Hausthiere mitzuwirken, konnte ich nur unter der Bedingung ent- 
sprechen, dass mir gestattet wurde, das, was iiber die Geschichte der 
von Hehn behandelten Kulturpflanzen vom naturwissenschaftlichen 
l-?tandpunkt aus zu sagen war, in Form von Anmerkungen zu bringen, 
welche zugleich auch meinem geehrten Herrn Kollegen, Herrn Prof. 
Schrader, der Hehn's Werk als Linguist einer Neubearbeitung 
unterwarf, zum Anhalt dienen konnten. Bekanntlich batten Hebn's 
Ausfiihrungen iiber die Kulturpflanzen und Haustbiere in ihrem Ueber- 
gang aus Asien nach Europa bei den bervorragendsten Vertretern der 
Pflanzengeographie und Pflanzengeschichte, bei Grisebach, Oswald 
Heer und Alpbons de Candolle, Widerspruch gefunden; abertrotz- 
dem konnten weder diese, noch andere Botaniker den Darstellungen 
Hehn's die Anerkennung versagen, dass durch sie die Kulturgeschichte 
der Nutzpflanzen in bohem Grade gefordert wurde. 

Gerade durch den Gegensatz, der zwischen Hehn's Anscbau- 
ungen und dem der genannten Gelehrten hervortrat, wurde es recht 
klar, dass die Geschichte der Kultur einer Pflanzenart, insbesondere 
ihrer Rassen, und die Geschichte der Verbreitung einer Art nicht 
zusammenfallen. Wiirde ein Botaniker seine Kenntnisse und Er- 
fahrungen mit der Hehn'schen Darstellung verwebt haben, dann 
wiirde das Charakteristische derselben erheblich geschmalert worden 
sein. Es erschien mir daher das Richtige, die Revision des Hehn'- 
schen Textes ausschliesslich dem Linguisten zu iiberlassen und als 
Botaniker in Anmerkungen den nicht botanisch gebildeten Lesern 
eine kurze Uebersicht iiber den Standpunkt der naturwissenschaft- 
lichen Kenntniss von der Herkunft und Verbreitung der behandelten 
Pflanzenarten zu geben. Auf andere Arten als die von Hehn behan- 
delten wurde nicht eingegangen, obwohl die Versuchung, die Ge- 
schichte der Getreidearten zu besprechen, recht nahe lag. 

Die Heimatsbestimmung einer Pflanze und die Feststellung der 
Wege, welche sie allmahlich bei der Ausdehnung ihres Areals ge- 
nommen hat, erfolgt auf sehr verschiedene Weise. Die sicherste und 
zuverlassigste Methode ist natiirlich die rein historische; aber diese 
Methode setzt wohlverbiirgte Aufzeichnungen iiber das etappenweise 
Vordringen einer Pflanze voraus, die in verhaltnissmassig seltenen 
Fallen vorhanden sind. Bei Pflanzenwanderungen, welche in den 
letzten Jahrzehnten erfolgt sind, wie z. B. bei der des parasitischen 
Pilzes Puccinia Malvacearum, ferner bei der von Elodea cana- 
densis, der aus Nordamerika stammenden und zuerst 1836 in Gross.- 
britannien beobachteten Wasserpest, allenfalls auch bei Wanderungen, 



VTTI Vorrede. 

welche in dem letzten Jahrhundert beobachtet v/urden, wie bei der von 
Senecio vernalis W. Kit., gelingt es einigermassen, an der Hand 
historischer Daten die Erweiterung des Areals festzustellen. Aber schon 
bei den zahlreichen Pflanzen, welche, aus Nordamerika stammend, sicb 
auf den Aeckern und an Flussufern Europas eingebiirgert haben, ist 
es oft scbwierig, die Zeit ihres Auftretens in Europa und den Weg 
ihrer Wanderung genau zu ermitteln. (Diejenigen Leser, welche iiber 
die Herkunft und das erste Auftreten solcher Pflanzen in Deutschland 
Auskunft wiinschen, wenden sich zunachst am besten an Ascher- 
son's klassische Flora der Provinz Brandenburg, Berlin 1864.) Ueber 
Pflanzen jedoch, welche schon langere Zeit in Europa eingebiirgert 
sind, fehlen sehr oft die geeigneten historischen Angaben. Mogen 
uns auch die Schrif tsteller der Griechen und Romer iiber einzelne in 
historischer Zeit eingefuhrte Pflanzen, wie z. B. iiber die Einfiihrung 
der Citronen, Aufschluss geben, so lassen sie uns doch anderseits im 
Stich, wenn wir iiber die Herkunft derjenigen Nutzpflanzen, welche 
auch ausserhalb der Kultur vorkommen, etwas wissen wollen; denn 
den wildwachsenden Pflanzen und namentlich der Art ihres Vor- 
kommens wurde doch erst seit dem vorigen Jahrhundert die nothige 
Beachtung geschenkt. Man hat vielfach Werth darauf gelegt, zu er- 
mitteln, wann zuerst der Name einer Pflanze in der alteren Literatur 
oder das Bildniss einer Pflanze auf Denkmalern, Miinzen etc. auf- 
tauchte und aus der Entwicklung der Pflanzenbezeichnungen hat man 
auch Schliisse auf die Entwicklung der Pflanzenverbreitung gezogen, 
also mit der rein historischen Methode die linguistische verbunden. 
Die Bedeutung dieser Studien fiir die Kenntniss der Beziehungen 
zwischen Mensch und Pflanze soil nicht im Geringsten angezweifelt 
werden; aber fiir die Kenntniss der Geschichte einer Pflanze, ins- 
besondere fiir die Heimatsbestimmung sind sie nur in seltenen Fallen 
ausschlaggebend, denn es ist klar, dass in dem Gebiet einer Volker- 
schaft eine Pflanze langst existirt haben kann, bevor diese Volker- 
schaft von einer anderen die Verwendung der Pflanze kennen lernte ; 
es ist ferner zweifellos, dass eine weniger betriebsame und in der 
Kultur zuriickstehende Volkerschaft auch dann, wenn von einer 
anderswo durch die Kultur veredelten Pflanze in ihrem eigenen 
Lande die minderwerthige Stammform vorkommt, es doch sehr leicht 
vorziehen wird, durch Tausch oder Kauf die veredelte Rasse zu er- 
werben, als selbst aus der heimischen Stammform eine edle Rasse 
zu erziehen. Mit den fremden Rassen werden aber die Volkerschaften 
auch vielfach die fremden Namen iibernommen haben, ganz abgesehen 



Vorrede. JX 

davon, dass friiher ebenso wie heute ein und derselbe Name oft auf 
sehr verschiedene Pflanzen angewendet wnrde, die einigermassen ahn- 
liche Producte lieferten. 

Eine historische Methode anderer Art dagegen erscheint deni 
Naturforscher zuverlassiger, namlich die, aus dem Vorkommen von 
Pflanzenresten in verschiedenen Lagerstatten auf die Geschichte der 
Pflanzen zu schliessen, mogen nun die Lagerstatten alteren geo- 
logischen Perioden angehoren, wahrend deren der Mensch Europa 
hochstwahrscheinlich noch nicht bewohnte, oder mogen sie aus 
jiingerer Zeit stammen, in der der Mensch wohl existirte, aber 
noch nicht schriftliche Aufzeichnungen uber sein Thun und Treiben 
hinterliess. Sicher ist diese Methode die zuverlassigste , um das 
Auftreten einer Pflanze zeitlich und raumlich zu verfolgen; aber auch 
diese Methode hat ihre schwachen Seiten: 1. ist die Zahl der auf- 
geschlossenen Fundstatten von Pflanzenresten eine verhaltnissmassig 
sehr geringe ; 2. ist die Erhaltung solcher Pflanzenreste oft eine sehr 
mangelhafte, sodass man nicht immer liber die Richtigkeit der Be- 
stimmung ausser Zweifel ist. Es ist daher auch bei Anwendung 
dieser Methode grosse Vorsicht und kritische Priifung der von den 
einzelnen Autoren gemachten Angaben geboten ; namentlich darf man 
auch nicht aus dem Nichtvorhandensein gewisser Pflanzenreste in den 
aufgeschlossenen Lagerstatten irgendwelche Schliisse machen, da die 
meisten Pflanzen unter Verhaltnissen absterben, welche der Erhaltung 
einzelner Theile derselben im Wege stehen. Die positiven Ergebnisse 
der palaeontologischen und prahistorischen Forschung sind aber doch 
in nicht wenigen Fallen recht wichtige, wie aus den bei der Be- 
sprechung einzelner Kulturpflanzcn mitgetheilten Daten hervorgeht. 
Es hat sich namentlich mit Sicherheit ergeben, dass mehrere Pflanzen, 
welche heutzutage im ganzen Mittelmeergebiet verbreitet sind und 
welchen aus kulturgeschichtlichen Griinden asiatische Abstammung zu- 
geschrieben wurde, schon gegen das Ende der Tertiarperiode, vor der 
Erscheinung des Menschen in Europa, existirten. Nun ist aber wohl- 
bekannt, dass seit der Tertiarperiode sehr wichtige Veranderungen in 
Europa eingetreten sind, dass namentlich wahrend der Glacialperiode 
gewaltige Veranderungen in der Verbreitung der Pflanzen hervorgerufen 
wurden; es konnte daher auch gerade die Glacialperiode eine Hand- 
habe zu der Vorstellung geben, dass wahrend derselben die vorher in 
Europa eingebiirgerten mediterranen Pflanzen verdrangt wurden und 
orst nachher wieder aus dem Osten einwandern mussten. Aber wir 
wissen heut, dass das Glacialphanomen, so wichtig es auch fur die 



X Vorrede. 

ganze Entwicklungsgeschichte der Pflanzenwelt gewesen 1st, doch nicht 
im Entferntesten die Ausdehnung gehabt hat, welche ihm friiher in 
raumlicher Beziehung zugeschrieben wurde. Ware in der That, wie 
man einst anzunehmen geneigt war, der grosste Theil Europas von 
Eis bedeckt gewesen, dann hatten allerdings die Funde von Kultur- 
pflanzen in jiingeren Tertiarablagerungen fur deren Geschichte in 
Europa keine Bedeutung; dann hatte eben eine erneute Einwanderung 
von Osten her erfolgen mussen, als die Vergletscherung Europas 
zuriicktrat. Schon in meinem Versuch einer Entwickelungsgeschichte 
der Pflanzenwelt, I. (1879) habe ich darauf hinge wiesen, dass die 
Thatsachen der Pflanzenverbreitung in Europa gegen die Annahme 
einer so ausgedehnten Vergletscherung sprechen. Seitdem haben die 
Studien liber das Glacialphaenomen in Europa an Ausdehnung und 
Vertiefung erheblich gewonnen und als eines der wesentlichsten Re- 
sultate steht fest, dass selbst zur Zeit der weitestgehenden Vergletsche- 
rung in Europa ein grosser Theil von Mittel- und Siiddeutschland, 
der grosste Theil von Frankreich, das siidliche England, fast ganz 
Spanien und Italien, sowie die Balkanhalbinsel, eisfrei waren, dass 
also die Mediterranpflanzen, welche vor der Eiszeit in Europa vege- 
tirten, wahrend derselben wohl ihre Nordgrenze weiter nach Siiden 
verschieben, aber nun und nimmermehr aus Europa weichen mussten. 
[Neuere Untersuchungen haben dies nur in erhohtem Maasse be- 
statigt und namentlich auch dargethan, dass die fiir das Mittelmeer- 
gebiet charakteristische Macchienflora niemals aus Italien und Corsica 
verschwunden 1st.] (Wer mit diesen Dingen nicht vertraut ist, hat 
nur nothig, einen Blick auf die Karte der einstigen und jetzigen Eis- 
verbreitung in Berghaus' Physikalischem Atlas, Geologic No. 5 zu 
werfen.) Wir sind daher berechtigt, von alien Pflanzen, welche am 
Ende der Tertiarperiode oder in der Interglacialperiode oder auch 
bald nach der Glacialperiode in Sudeuropa existirten, anzunehmen, 
dass sie ohne Zuthun der Menschen dahin gelangt sind. 

Endlich haben wir zur Heimatsbestimmung einer Pflanze auch 
noch andere Mittel, die sich auf die Kenntniss ihrer physiologischen 
Eigenthumlichkeiten und ihrer verwandtschaftlichen Beziehungen zu 
den ubngen Pflanzen in der Gegenwart und Vergangenheit grunden. 
Aus der Beschaffenheit der vegetativen Organe vermogen wir zu er- 
kennen, ob eine Pflanze in einem gewissen Gebiet existiren kann; in- 
dessen giebt auf diese Frage bei den hier behandelten wichtigen 
Kulturpflanzen die seit langer Zeit bestehende Kultur schon von 
selbst die Antwort. Wiohtiger ist die Beachtung der Verbreitungs- 



Vorrede. XT 

mittel. 1st eine Pflanze mit guten Verbreitungsmitteln ausgestattet, 
d. h. sind ihre Friichte oder Samen leicht durch Thiere oder Wind, 
also ohne die Thatigkeit des Menschen, zu verbreiten, dann ist leicht 
einzusehen, dass eine solche Pflanze bald nach dem ersten Auftreten 
in einer Zone sich innerhalb derselben rasch weiter verbreiten musste, 
weil die an dem einen Ort vorhandenen Existenzbedingungen auch 
an anderen Orten derselben Zone wiederkehrten. Wenn einzelne 
Kulturpflanzen wie Wein, Lorbeer, Feige auch leicht ausserhalb 
ihrer Pflanzstatten sich verbreiten, so liegt dies daran, dass ihre 
Friichte von Vogeln vielfach verschleppt werden. Das ist aber auch 
immer bei den wildwachsenden Pflanzen geschehen. Sobald nach 
der Eiszeit am Fuss der Alpen, Apenninen und Pyrenaen das fur 
die Mediterranpflanzen geeignete Terrain wieder frei wurde, mussten 
alle mit guten Verbreitungsmitteln versehenen und nicht auf beson- 
ders eigenartige Standorte angewiesenen Pflanzen nordwarts Areal 
gewinnen. Bei der Verbreitungsgeschichte hat man auch darauf zu 
achten, ob eine Pflanze nur auf Kulturland oder uberhaupt auf durch 
den Menschen verandertem Land vorkommt, oder ob sie einer fin- 
em gewisses Gebiet charakteristischen urspmnglichen Formation an- 
gehort; findet sie sich vorzugsweise auf Standorten ersterer Art, dann 
spricht mehr dafiir, dass sie verwildert sei; findet sie sich dagegen 
an Standorten letzterer Art, dann ist man in der Regel zu der An- 
nahme berechtigt, dass sie ohne Zuthun des Menschen eingewandert 
ist. Hierbei ist noch in Betracht zu ziehen, dass sehr oft gerade 
solche Eindringlinge, welche von ihrer urspriinglichen Heimat sehr 
weit entfernt sind, auf einem neuen Terrain zugelassen sich ganz 
besonders schnell und sogar die einheimische Flora verdrangend 
ausbreiten. Das zeigt das Verhalten von zahlreichen nordamerika- 
nischen Pflanzen in Europa, von zahlreichen europaischen Pflanzen 
in Australian und Neu-Seeland, von Opuntia und Agave im 
Mediterrangebiet, von zahlreichen amerikanischen Pflanzen im tro- 
pischen Afrika und von manchen tropisch-asiatischen im tropischen 
Amerika. Immer sind diese sich leicht verbreitenden Pflanzen 
solche, welche in dem neuen Gebiet dieselben klimatischen Verhalt- 
nisse wieder finden, die sie in ihrer urspriinglichen Heimat hatten, 
immer sind es Pflanzen, welche von dem neubesiedelten Terrain 
durch so weite ihrer Existenz nicht zutragliche Raume getrennt 
waren, dass deren Ueberwindung erst durch die Thatigkeit der 
Menschen, allerdings meist von diesen nicht beabsichtigt, erfolgen 
konnte. Immer aber sind diese Eindringlinge auch auf einein durch 



XIT Vorrede. 

die Kultur veranderten Terrain, also vorzugsweise auf Ackerland, auf 
stark abgeweideten Triften ocler auf Neuland, Sandbanken, An- 
schwemmungen an Flussufern, auf vulkanischem Boden, bisweilen 
auch auf ganz besonders sterilem und einbeimischen Pflanzen nicbt 
zusagenden steinigen Boden (Opuntia, Agave) anzutreffen. Fur 
die Heimathsbestimniung einer Pflanze kommt auch ihre systema- 
tische Stellung in Betracht, ihre phylogenetische Verwandtschaft rait 
anderen Formen. Die Pflanzengeographie stiitzt sich hierbei auf sehr 
/Aiverlassige Grundlagen. Wir konnen einer Pflanze sehr wohl an- 
sehen, ob sie in naherer verwandtschaftlicher Beziehung zu Pflanzen 
des ostlichen oder westlichen, des nordlichen oder siidlichen Nachbar- 
gebietes steht und konnen darauf Annahmen beziiglich ihrer Her- 
kunft griinden, welche zusammen mit Anderem oft zu guten Re- 
sultaten fiihren. Bei der Lage Europas ist es nun nicht zu ver- 
wundern, dass in der That eine recht grosse Zahl der alteren Kultur- 
pflanzen nahe Beziehungen zu anderen Pflanzen des Ostens zeigt; 
aber diese Beziehungen sind meistens uralte, vor die Existenz des 
Menschen zuriickdatirende, die fur die Wanderungen in der gegen- 
wartigen Erdperiode nicht mehr in Betracht kommen. Es ist nament- 
lich wichtig, dass mehrere der mediterranen Kulturpflanzen Typen 
angehoren, welche nachweislich schon in der Tertiarperiode im Medi- 
terrangebiet existirten und ausserhalb desselben iiberhaupt nicht an- 
getroffen werden; es ist ferner von Wichtigkeit, dass die iberische 
Halbinsel, welche durch Nordafrika mit dem Orient in Verbindung 
steht, nicht wenige Pflanzen mit diesem gemein hat, welche in 
Italien fehlen (vgl. Engler, Versuch einer Entwicklungsgeschichte 
der Pflanzenwelt I. S. 51 ff.); es konnte zweifelsohne auch von der 
iberischen Halbinsel her die Wiederbesiedelung Ober- und Mittel- 
italiens mit mediterranen Pflanzen nach der Glacialperiode erfolgen. 
Dass andererseits auch einzelnc Bestandtheile der Mediterranflora 
(Granate, Johannisbrodbaum, welche jedoch in den dichteren Macchien 
des mediterranen Hiigellandes nicht angetroffen werden) vom Osten 
her in Italien und andere Theile des Mittelmeergebietes durch Zuthun 
der Menschen eingedrungen sind, soil nicht bestritten werden. 
Dies sind die Gesichtspunkte, von denen ich bei meinen An- 
merkungen zu Hehn's Darstellungen ausgegangen bin und welche, 
soweit es sich um Heimatsbestimmung, nicht urn Verwendung von 
Kulturpflanzen handelt, durchaus neben ,der von Hehn in den Vorder- 
grund gestellten Methode beachtet werden miissen. Bei den einzelnen 
Besprechungen habe ich nicht immer alle diese Gesichtspunkte her- 



Vorrede. 



xm 



vorgehoben, um Wiederholungen zu vermeiden; man moge daher bei 
denselben die kurze und vielleicht auch bisweilen zu apodiktisch er- 
scheinende Fassung mit Riicksicht auf die hier gegebenen allgemeinen 
Erlauterungen erklaren. 

In weit geringerem Umfang greifen rein zoologische Fragen 
in das Untersuchungsgebiet Hehn's ein. Bei einer grosseren Reihe 
von Thieren, wie dem Esel oder dem Pfau, 1st es wohl niemals be- 
zweifelt worden, dass dieselben nicht einheimisch in Europa seien. 
Bei anderen freilich wiederholen sich auf zoologischem Gebiet die 
Bedenken, welche wir oben die Botaniker gegen Hehn geltend 
nmchen sahen, d. h. auch hier nehmen auf Grund palaeontologischer 
Indicien die Naturforscher nicht selten, wie bei dem Pferd, dem 
Dachs, dem Hamster ein weit hoheres Alter dieser Thiere in Europa 
als V. Hehn an. In dieser Richtung sind mir besonders die Arbeiten 
A. Nehr ing's werthvoll gewesen, so wohl sein Buch Ueber Tundren 
und Steppen der Jetzt- und Vorzeit (Berlin 1890), in welchem der- 
selbe seine Ansichten von der geologischen Entwicklung Mittel- 
europas seit der Glacialzeit, so wie der seiner Fauna und Flora unter 
mehrfacher Riicksichtnahme auf Hehn's Anschauungen aus^iihrt, als 
auch kleinere Monographien des genannten Gelehrten iiber das Pferd, 
die Katze, den Hamster u. s. w. Aber auch personlich hat Herr 
Prof. Nehring mir iiber mehrere Punkte bereitwilligst Auskunft zu 
ertheilen die Giite gehabt. 

Ich komme nunmehr zu einem mir vertrauteren Gebiet, wenn 
ich weiter die Frage erortere, wie sich Sprachwissenschaft und Ge- 
schichte zu den Untersuchungen Hehn's im Allgemeinen und zu den 
geschilderten Einwendungen der Naturforscher gegen dieselben im 
Besonderen stellen. 

Seit den 70 er Jahren hat die vergleichende Sprachforschung in 
Folge einer Reihe glucklicher Entdeckungen, zu deren Charakteri- 
sirung ich nur die Namen J. Schmidt, K. Brugmann, K. Verner 
zu nennen brauche, und in durchaus folgerich tiger Entwicklung ihrer 
friiheren Bestrebungen den Begriff des Lautgesetzes, auch auf dem 
Gebiete des Vocalismus, das bis dahin fur eine Art freier Biihne 
gegolten hatte, scharfer ausgebildet. Und zwar bezieht sich dies 
nicht nur auf die etymologische Durchforschung des sogenannten 
urverwandten Wortschatzes der idg. Sprachen, sonderu auch auf den 
Theil der Sprache, welcher bei dem Hehn'schen Werk eine besonders 
wichtige Rolle spielt, auf die Entlehnungen von Volk zu Volk. 



XIV Vorrede. 

Vor einer strengeren Anwendung lautlicher Kriterien, als sie 
Hehn und seiner Zeit eigen war, mussen nun zunachst eine Reihe 
von Gleichungen des Hehn'schen Werkes zusammen mit den Schliissen, 
welche auf sie gebaut sind, iiberhaupt fallen. Den Granatapfelbaum 
wird man nicht schon wegen der angeblichen Entsprechung von 
griech. ot,d und hebr. rimmon aus semitischem Kulturkreis ableiten 
wollen. Lat. fwus hangt schwerlich mit griech. avxov, lat. palma 
nicht mit hebr. tdmar zusammen. Griech. ovog werden viele nicht 
mehr an hebr. aton, lat. mulus viele nicht mehr an griech. /uv/Adg 
anzukniipfen geneigt sein u. s. w. Freilich ist auch hier die Kritik 
leichter wie das Bessermachen, und im Allgemeinen wird man sagen 
diirfen, dass die moderne Entwicklung der vergleichenden Sprach- 
wissenschaft auf dem Gebiete des Kulturworterschatzes mehr unrichtige 
Erklarungen der friiheren Zeit vernichtet als neue richtige zu Tage 
gefordert habe. Wie tief ist z. B. das Dunkel, das noch auf einer 
ganzen Reihe von Benennungen siidlicher Kulturpflanzen, wie dav^va- 
ddyvri oder laurus oder nv^og u. s. w. lastet! 

Eine zweite Klasse Hehn'scher Entlehnungsreihen ist laut- 
geschichtlich richtig; es fragt sich aber, ob in ihnen der Ausgangs- 
punkt der Entlehnung richtig bestimmt ist. So ist der Weinstock 
nach Hehn ein Geschenk der Semiten unter Anderm deswegen, weil 
griech. olvog aus dem hebr.-phonicischen jajin entlehnt sei. Der 
Zusammenhang beider Worter liegt auf der Hand; aber des Naheren 
diirfte das Verhaltniss desselben eher das sein, dass das west-semi- 
tische Wort, wenn auch nicht aus dem Griechischen selbst, so doch 
aus einer indogermanischen Sprache tibemominen wurde. Griech. 
sQepivtog, lat. ervum, ahd. araiviz Erbse und xdwapig, lat. cannabis, 
ahd. hanaf Hanf hangen untereinander zusammen, aber die von 
Hehn als fiir die Wanderung der Kulturworter normale bezeichnete 
Strasse: (Orient) Griechenland Italien- Nordeuropa kann in diesen 
beiden Fallen nicht die eingeschlagene sein. Der germanische, ftir 
die Geschichte der Falkenjagd wichtige Name des Habichts, ahd. 
hdbuh, ist zwar identisch mit dem irischen sebocc, aber das Verhalt- 
niss ist das umgekehrte, als es von Hehn angenommen wurde. 

Eg folgt eine dritte Klasse von Gleichungen, die, lautlich un- 
anfechtbar, auch im richtigen Verhaltniss ihrer einzelnen Glieder auf- 
gefasst sind, so dass nur zu erortern bliebe, ob auch die Schliisse, 
welche sie tragen, unanfechtbar sind. Das ist der Punkt, welcher 
uns zu dem Haupteinwand der Botaniker gegen Hehn zuriickfuhrt. 
Was folgt daraus, dass griech. xdvvt] aus dem Semitischen, lat. 



Vorrede. 

murtus und buxus aus dem Griechischen, das deutsche birne aus dem 
Lateinischen entlehnt sind? Unzweifelhaft konnen diese Ent- 
lehnungen darauf hindeuten, dass die genannten Pflanzen selbst 
aus dem Orient nach Griechenland oder aus Griechenland nach 
Italien oder aus Italien nach Deutschland verpflanzt worden sind. 
Aber ebenso unzweifelhaft ist, dass man einen solchen Schluss nicht 
ziehen muss. Denn sprachliche Entlehnungen treten keineswegs nur 
dann auf, wenn ein neuer Gegenstand aus der Fremde eingefiihrt 
wird, sondern aucb dann, wenn, um es allgemein auszudriicken, an 
einem langst bekannten Gegenstand durch fremde Einwirkung eine 
neue kulturhistorische Erfahrung gemacht worden ist. Niemand 
wird, weil das deutsche pferd aus lat. paraveredus entlehnt ist, die 
deutschen Pferde aus Italien ableiten. Man lernte von den Romanen 
eben lediglich eine neue Benutzung der Pferde (paraveredus, eine 
Art Postpferd) kennen. Den in alien Theilen des Mittelmeeres ein- 
heimischen Delphin benannten die Romer offenbar deswegen mit dem 
griechischen Namen delphmus, weil griechische Kulte sie auf das dem 
Apollo geheiligte Thier in einer neuen Richtung aufmerksam gemacht 
hatten. Ebenso tragt der auch nach Hehn bei uns einheimische 
Feld- und Wiesenkummel trotzdem lateinische Namen: Karbe und 
Kummel. Der Grund liegt in dem Einfluss, den die romische 
Gartenbau- und Kiichenkunst auf uns ausiibte. Dasselbe ist bei 
unserem Kohl der Fall. 

Bedenkt man dies, so wird man zugeben miissen, griech. xdvvy 
konne desshalb aus dem Semitischen entlehnt sein, weil die Griechen 
Fabrikate aus Arundo Donax zuerst aus dem Orient erhielten, oder 
lat. murtus und buxus konnten desshalb aus dem Griechischen iiber- 
nommen sein, weil die Romer nach dem Vorbild der Griechen in 
der Myrte den heiligen Baum der Aphrodite schauten, und die Ver- 
wendung des Buchsbauniholzes in der Technik des Drechslers und 
Zimmermanns von den Griechen kennen lernten, oder deutsch birne 
konne desshalb aus lat. pirus gebildet sein, weil man in Deutschland 
den einheimischen wilden Birnbaum mit edlen Reisern aus Italien 
pfropfte. 

So ergiebt sich, dass sprachliche Entlehnungsreihen uns zwar 
mancherlei iiber die Geschichte der Kultur einer Pflanze werden 
lehren konnen, dass wir aber bis zu der Geschichte einer Pflanze 
selbst mit ihrer HiiJfe nicht vordringen konnen, dass also gegen 
die Behauptung der Botaniker, eine Pflanze sei in diesem oder jenem 
Lande einheimisch, der Umstand nicht als entscheidende Instanz 



XVI Vorrede: 

gel tend gemacht werden kann, dass diese Pflanze daselbst einen ent- 
lehnten Namen trage. 

Es soil mit diesen Bemerkungen nicht gesagt sein, dass Hehn 
gelegentlich nicht selbst die so wichtige Unterscheidung zwischen der 
von aussen iibemommenen Kultur einer eben desshalb fremdlandisch 
benannten Pflanze und der einheimischen wilden Pflanze gemacht 
babe. Es ist dies z. B. bei seiner Erorterung des Safrans der Fall. 
Aber im Allgemeinen wird man doch betonen miissen, dass Hehn 
bei seiner Behandlung der Pflanzengeschichte der Thatsache, dass 
ein Pflanzenname entlehnt ist, zu grossen Werth fiir die Bestimmung 
der Herkunft einer Pflanze selbst beigelegt hat. 

Es diirfte hier der Platz sein, sich in Kiirze die Moglichkeiten 
zu vergegenwartigen, welche sich ergeben, wenn die Sprache vor die 
Aufgabe gestellt wird, neue Kulturpflanzen zu benennen. Es sind 
a priori zwei Falle moglich: a) die Pflanze war bereits in wildem 
Zustand bekannt; b) sie war es nicht. In beiden Fallen ist, wie wir 
schon gesehen haben, Entlehnung moglich, durch die, was Fall a) 
betrifft, einheimische Bezeichnungen vernichtet oder zuriickgedrangt 
werden konnen. Von Seiten der Sprache lasst sich hier ein Unter- 
schied nicht machen. Eine Entlehnung wie ahd. chol aus lat. caulis 
Kohl (einheimisch in Deutschland) ist nicht verschieden von einer 
Entlehnung wie ahd. mur -bourn aus lat. morus Maulbeerbaum (nicht 
einheimisch in Deutschland). Dasselbe gilt von lat. murtus = 
Myrte (einheimisch in Italien nach Engler) : lat. eupressus = 
C^resse (nicht einheimisch in Italien nach E.), oder von griech. 
xQoxog = hebr. karkom Safran (einheimisch in Griechenland): griech. 
mtiidxiov, entlehnt aus dem Iranischen, Pistazie (nicht einheimisch in 
Griechenland). Beidemal kann aber die Sprache auch aus eigenem 
Borne schopfen. In Fall a) wird dabei der Name der wilden auf die 
veredelte Pflanze iibertragen werden konnen, wie xsQatfog-cerasus ur- 
spriinglich die Bezeichnung einer wilden Kirschenart gewesen sein 
wird, oder wie auch ngovfjivog-prunus von Haus aus die wilde Pflaume 
bezeichnete. Ferner aber finden in Fall a) und b) iiberaus haufig 
Uebertragungen der Benennungen solcher schon friiher bekannten 
Pflanzen auf die neue Pflanze statt, welche fiir die Anschauung 
des Volkes eine gewisse Aehnlichkeit mit der neuen Kulturpflanze 
hatten, wie, um ein modernes Analogon zunachst anzufiihren, die 
Kartoffel bei ihrem Erscheinen in Europa bald als Triiffel (it. tartufo), 
bald als Frucht des Convolvulus Batatas (engl. potatoe) bezeichnet 
wurde. Auf einen sehr starken Fall solcher Uebertragung hat Hehn 



Vorrede. XVII 

selbst hingewiesen, indem er das lat. citrus Citrone von xefyog-cedrus 
Ceder ableitet, well Cedernholz wie Citrone durch ihren starken Duft 
conservirende Kraft ausiiben. Wenn aber solches moglich 1st, warum 
sollte da nicht, wie ich hier im Gegensatz zu Hehn annehme, in 
Italien schon friiher der Name der dort einheimischen Zwergpalme 
pofrna.mxf die Phoenix dactylifera iibertragen worden sein konnen? 
Ein ahnlicher Process hat meiner Ansicht nach bereits begonnen, als 
die Griechen aus einer nordlichen Heimat in Hellas einwandernd 
eine ganze Heine neuer, im Siiden nach Engler einheimischer Pflanzen 
(damals noch in wildem Zustand) vorfanden, fiir die ihnen natiirlich 
zunachst Namen fehlten. So ordneten sie nach meiner Anschauung 
sprachlich die Pinie unter andere Coniferenarten, die Frucht der 
Kastanie unter die Eicheln u. s. w. ein, bis sich spater eine scharfere 
Terminologie beider Pflanzen ausbildete. Ferner sind die Namen 
der Kulturpflanzen haufig von ihrem wirklichen oder vermeintlichen 
Herkunftsort abgeleitet, wovon Benennungen, wie ^r\Xov xvdwviov, 
indium punicum, (potvt%, /uifcfcx??, mdlum armeniacum etc., reich- 
liches Zeugniss ablegen. Dass auch hiermit die Quellen der Namen - 
gebung auf diesem Gebiet nicht erschopft sind, dass vielmehr bei 
clerselben noch eine Reihe anderer zufalliger Verhaltnisse und Be- 
ziehungen, die in bestimmte Gruppen schwer zu bringen sein diirften, 
mitspielen, werden die einzelnen Pflanzen-Kapitel unseres Buches 
zeigen. 

Wenden wir uns zur Betrachtung der linguistischen Seite des- 
selben zuriick, so darf nicht vergessen werden, dass die verflossenen 
10 Jahre in mancher Beziehung nicht nur eine Vertiefung des in 
Frage kommenden sprachlichen Materials, sondern auch eine betracht- 
liche Erweiterung desselben herbeigefiihrt haben. In Europa 1st 
das Albanesische, fur dessen Studium V. Hehn ausschliesslich auf 
das mitzliche, aber unkritische Buch v. Hahn's angewiesen war, durch 
G. Meyer gewissermassen neu entdeckt worden, und ich gestehe, dass 
ich den Schriften dieses, kulturhistorischen Fragen ein warmes 
Interesse entgegenbringenden Gelehrten, namentlich seinem Etymolo- 
gischen Worterbuch der albanesischen Sprache, sehr viel verdanke. 
Vor Allem aber erweckt das auch auf unserem Gebiet in Folge der 
Arbeiten Lagarde's, Noldeke's, Hommel's, Eb. Schrader's, 
Ermann's, Hiibschmann's u. A. immer fortschreitende Verstand- 
niss der orientalischen Sprachen, einschliesslich des Aegyptischen, die 
Hoffnung, dass sich aus demselben noch manche Forderung fiir 
die Geschichte der Kulturpflanzen und Hausthiere ergeben werde. 

H 



XVIH Vorrede. 

Schon jetzt konnte auf Grund dieser Forschungen die Terminologie 
der Pflanzen und Thiere vielfach 'welter oder in anderer Richtung 
verfolgt werden, als dies zu Hehn's Zeit moglich war. 

Was hier von den Sprachen des Orients gesagt wurde, gilt 
natiirlich ebenso von seiner Geschichte, in welcher durch die 
Forschungen der verflossenen Jahrzehnte theils neue Provinzen er- 
offaet, theils die schon eroffneten genauer bekannt wurden. Um die 
hier gemachten Fortschritte zu ermessen, vergegenwartige man sich 
etwa den Weg, der von Movers' Phoeniciern, einem wichtigen 
Hulfsmittel Hehn's, zu E. Meyer's Geschichte des Orients fiihrt. 

Wir wenden uns damit der historischen Argumentation 
Hehn's zu. 

Den Ausgangspunkt derselben bildet fur ihn naturgemass die 
homerische Dichtung als das alteste Denkmal europaischer Geschichte, 
und seine erste Frage ist daher die, ob ein Thier oder eine Pflanze 
schon dem homerischen Zeitalter bekannt war oder nicht. Seitdem 
ist durch die bewunderungswiirdige Thatigkeit Schliemann's und 
seiner Mitarbeiter und Nachfolger der Anfang der griechischen Ge- 
schichte sozusagen um Jahrhunderte zuriickgeschoben worden. Hehn 
verfolgte diese Entdeckungen mit Misstrauen und einer gewissen Be- 
sorgniss, als ob von ihnen her manchen seiner Anschauungen Gefahr 
drohen konnte. Am meisten erschiittert und zugleich erfreut, 
schreibt er 1880 an Wichmann, hat mich in den letzten Wochen 
eine Kritik von L. Stephani in Petersburg (im neuesten Compte-Rendu 
der Comm. archeol.), wonach die Funde Schliemann's in Troja und 
Mycena, der Schatz des Priamus, das Grab des Agamemnon u. s. w. 
nicht in eine dunkle Ur- und Vorzeit, sondern in das Jahr 267 n. Chr. 
gehoren und von gothischen Barbaren am Pontus herriihren. Die 
Beweisfiihrung ist schlagend und mir dadurch ein Stein vom 
Herzen gewalzt; Schliemann und die Griechen aber und Glad- 
stone und die Englander werden sich garstig erbosen und argern. 
Es kann gegenwartig nicht mehr zweifelhaft sein, dass Hehn in 
dieser Beurtheilung Schliemann's mit so vielen anderen geirrt hat, 
und die Frage wird sich nicht vermeiden lassen, ob jene altgriechi- 
schen Funde nicht auch iiber die Geschichte der Kulturpflanzen 
und Hausthiere uns einiges neue werden lehren konnen. Herr Chr. 
Tsountas in Athen, einer der erfolgreichsten Schiller Schliemann's, 
hat zum Zweck der Neuherausgabe des Hehn'schen Buches die grosse 
Giite gehabt, mir unter dem 1. November 1892 ausfiihrlich iiber 
alles zu berichten, was in den Ueberresten der mykenischen Periode 



Vorrede. XIX 

an Kulturpflanzen und Hausthieren, sei es in Knochen oder vegeta- 
bilischen Ueberbleibseln, sei es auf den Abbildungen der Denkmaler, 
bis jetzt zu Tage getreten ist. [Vgl. jetzt das vortreffliche Buch 
von Tsountas und Manatt, The Mycenaean age, a study of the 
monuments and culture of pre-homeric Greece. London 1897]. Aller- 
dings lassen sich, zum Theil in Folge des Umstandes, dass die wissen- 
schaftliche Bestimmung der gefundenen Thierknochen und Pflanzen- 
reste noch nicht allzuweit vorgeschritten ist, vor der Hand sichere 
Resultate nur selten gewinnen. Bei einigen Punkten scheint es aber 
doch schon jetzt, als ob das von Hehn gezeichnete Bild infolge jener 
Funde sich in etwas verschieben wurde. Ich verweise in dieser Be- 
ziehung auf die beiden Abschnitte Oelbaum und Taube. 

Verhaltnissmassig selten geben uns'die Alten selbst, bei denen 
eine wissenschaftliche Botanik ja bekanntlich erst in dem Zeitalter 
Alexanders des Grossen aufzubluhen anfangt, iiber das erste Er- 
scheinen und die Herkunft einer Kulturpflanze ausdriickliche und 
wohl zu beachtende Nachrichten. Freilich sind auch diese nicht 
immer auf Treu und Glauben hinzunehmen, und gerade Plinius, der 
besonders haufig das Indigenat einer italischen Pflanze in Abrede 
stellt, ist, wie sich an mehreren Stellen dieses Buches zeigen wird, 
von dem Verdachte nicht freizusprechen, zu diesem Urtheil lediglich 
durch den griechischen Namen des betreffenden Gewachses veranlasst 
worden zu sein. Auch sonst wird das Urtheil dieses Sammlers bei 
Hehn zuweilen uberschatzt, wofiir H. Bliimner in seinem Edictum 
Diocletianum S. 100 ein schlagendes Beispiel anfuhrt. 

In den weitaus meisten Fallen sind wir daher, um das erste 
Auftreten einer Kulturpflanze zu bestimmen, auf die erste Nennung 
ihres Namens bei den klassischen Schriftstellern angewiesen. Ohne 
Zweifel liegt hier der Hauptnachdruck der Hehn'schen Beweisfiihrung, 
und seine Ausbeute der klassischen Literatur in dieser Hinsicht 
diirfte nur ganz ausnahmsweise einer Erganzung bediirfen. Natiirlich 
aber kann der Um stand, dass eine Kulturpflanze bei diesem oder 
jenem Autor zuerst genannt wird, nichts daruber aussagen, ob nicht 
eben diese Pflanze in wildem Zustand schon fruher bekannt und 
benannt gewesen sei. Unzweifelhaft waren die Wurzelgraber, 
Qi&TOfJiot,, und Arzneihandler, yaQfJiaxonwlcu, die wir als Vorlaufer 
einer wissenschaftlichen Botanik bei den Griechen betrachten diirfen, 
im Besitz einer reichen Pflanzenkenntniss, deren Terminologie aber 
nur ausnahmsweise und sparlich auf uns gekommen ist. Ein Bei- 
spiel aus dem Thierreich ist hier lehrreich. Erst Archilochus nennt 

n* 



XX Vorrede. 



den Fuchs (aAewVr^J) und zwar in den Resten einer Fabel. Niemand 
wird hieraus den Schluss ziehen, dass es zu homerischer Zeit in 
Griechenland keine Fuchse gegeben habe, sondern nur soviel wird 
man vermuthen diirfen, dass erst die von Osten vordringende Thier- 
fabel auf das geistig bevorzugte Thier aufmerksam machte, fiir das 
es im Griechischen eine reiche volksthiimliche, aber meistens erst 
sehr spat iiberlieferte Terminologie gab, die ich in Bezzenbergers 
Beitragen XV S. 135 ff. besprochen habe. Der eigentliche literarische 
Name des Thieres war und blieb aAcoTr?^, das selbst von einigen 
Etymologen fiir orientalischeri Ursprungs gehalten wird. 

Aber auch bei Schliissen aus der ersten Erwahnung einer 

Kulturpflanze nur auf das erste Auftreten ihrer Kultur bei den 

klassischen Volkern, wird man die Gefahren nicht unterschatzen 

diirfen, welche alien Schliissen e silentio anhaften, die Gefahren, 

welche die Liickenhaftigkeit der Literatur, der Zufall und andere 

Faktoren der Sicherheit unserer Argumentation bereiten. Die Be- 

deutung des Schweigens unserer Ueberlieferung wird wachsen, je 

grosser und literarisch reicher der Zeitraum ist, in welchem von 

einer Kulturpflanze nicht gesprochen wird. Aber je friiher ihre erste 

Erwahnung fallt, um so mehr wird man sich hiiten miissen, allzu 

viel auf den Umstand zu geben, dass nicht noch eher von ihr die 

Rede ist. Die Sache scheint mir bei einem konkreten Beispiel so 

zu liegen. Die Feigen und der Granatapfel werden erst in den 

jiingsten Stellen der homerischen Dichtung genannt. Von Hausthieren, 

von denen mutatis mutandis naturlich dasselbe wie von den Kultur- 

pflanzen gilt, begegnet der Esel nur ein einziges Mai in einem 

Gleichniss der Ilias. Es ist also, wie die Dinge liegen, nicht moglich, 

die Hehn'schen Schliisse, dass die Einfuhrung der Kultur der 

Feige und des Granatapfels erst in die Zeit des Ausklingens der 

homerischen Poesie falle, und dass der Esel als Hausthier noch der 

homerischen Welt fremd gewesen sei, mit Erfolg anzufechten. Aber 

sollten im Laufe der Zeit Feigen- und Granatenkerne in den Ueber- 

resten der mykenischen Periode gefunden und sollten unter den 

Knochenresten dieser Epoche die des Esels mit Sicherheit nach- 

gewiesen werden, was nach den Mittheilungen des Herrn Tsountas 

gar nicht unmoglich*) ist, so wiirden jene literarischen Thatsachen 



*) Derselbe schreibt: Was ich selbst an Hausthieren, namentlich aus 
den Zfthnen erkannt habe, sind die folgenden: Ziege, Schwein, Rind, Schaf, 
Hund, Pferd und Esel; von den zwei letzteren ist die Sache nicht so sicher; 



Vorrede. XXI 

auch nicht als entscheidende Instanz gegen die Annahme eines 
hoheren Alters jener Kulturpflanzen und jenes Hausthieres in 
Griechenland gel tend gernacht werden konnen, als es von Hehn an- 
genommen wird. 

Wesentlich kiirzer kann ich mich iiber diejenige Seite unseres 
Werkes fassen, welche wir die prahistorische nennen konnen, in 
der Hehn die Zustande zu ermitteln sucht, in welchen Griechen und 
Romer vor oder zur Zeit ihrer Einwanderung in den Suden Europas 
lebten. Gegenuber den bisherigen einseitig linguistischen Con- 
structionen der Sprachvergleicher auf dem Gebiete der indogermani- 
schen Urgeschichte knlipft Heh'n in erster Linie an historische Com- 
binationen an. Er erkennt, dass die Anfange indogermanischen 
Kulturlebens, von dem Firniss westeuropaischer Civilisation nur 
schlecht verborgen, in der Welt der Slaven noch in Wirklichkeit 
vorhanden sind. Die Spuren dieser Zustande sucht er in der Ueber- 
lieferung des klassischen Alterthums, der Kelten, Germanen u. s. w. 
wiederzufinden. Er sieht, dass die sprachlichen Gleichungen, weit 
entfernt, dem so gewonnenen Bild der Urzeit zu widersprechen, viel- 
mehr, wenn man sie nur richtig deutet, wenn man nicht alten 
Wortern neuen Sinn unterschiebt oder spat entlehntes als alt ererbtes 
auffasst, geeignet sind, seine Auffassung der Urzeit zu bestatigen 
und zu vervollstandigen. So kann man sagen, ist V. Hehn der Be- 
grunder einer indogermanischen Alterthumswissenschaft ge- 
worden, der immer mehr Krafte ihre Thatigkeit widmen, die die 
Katheder der Universitaten zu besteigen beginnt, der eine neue Zeit- 
schrift (Indogermanische Forschungen, Zeitschrift fur idg. Sprach- 
und Alterthumskunde) eine Heimat eroffnet hat. Und alle, die sich 
diesen Studien hingeben, werden auf das Hehn'sche Werk als auf 
eine immer junge Quelle frischer Anregung und Belehrung blicken. 
Von Einzelheiten abgesehn, werden auch hier freilich gewisse prin- 
cipielle Anschauuugen Hehn's sich nicht halten lassen. Vor allem 
wird dies von seiner gerade fiir die Geschichte der Kulturpflanzen 
und Hausthiere bedeutungsvollen Vorstellung einer verhaltnissmassig 
grossen Jugend des Ackerbaues in Europa gelten. Doch ist hiervon 



denn da sie wohl nicht gegessen wurden, so haben sich nur ein paar Zahne 
in dem Schutt der Hauser gefunden. Es mogen aber andere Pferde- und 
Eselknochen imter den gesammelten Thierresten sein, die ich nicht im Stande 
bin, als solche zu unterscheiden. Eselskopfig sind wohl die Damonen 'Apx- 
1887. T. 10. 



XXII Vorrede. 

ausfuhrlicher in dem Anhang zu dem Abschnitt Griechen, Italer, 
Phoenicier gesprochen worden. 

Wer den bisherigen Ausfiihrungen gefolgt 1st, wird nicht ver- 
kennen konnen, dass die Neuherausgabe des vorliegenden Werkes 
eine in vieler Beziehung schwierige und verantwortungsvolle Auf- 
gabe war. Gait es doch auf der einen Seite, ein Buch wie dieses, 
welches zu dem nicht allzureichen Hausschatz der deutschen wissen- 
schaftlichen Literatur an bahnbrechenden und zugleich geschmack- 
vollen Werken gehorte, mit aller nur moglichen Scheming zu be- 
handeln, und sollte doch andererseits in demselben, dem Wunsche 
des Herrn Verlegers entsprechend, der dem Werke seine lebendige 
Einwirkung auf die Wissenschaft in alien seinen Theilen gewahrt 
sehen wollte, der, wie wir gesehen haben, nicht selten abweichende 
Standpunkt der gegenwartigen Forschung zum Ausdruck gebracht 
werden. Unter diesen Umstanden hielt es daher wie Herr Prof. 
Engler (vgl. oben S. VII), so auch der Unterzeichnete fur bedenk- 
lich, durch Eingriffe irgend welcher Art, so berechtigt sie an und 
fur sich sein mochten, den Charakter des Hehn'schen Buches zu 
verwischen und den Reiz seiner Darstellung zu gefahrden. So wird 
der Text desselben vollig unverandert dem Leser dar- 
geboten. Dagegen ist in besonderen, den einzelnen Abschnitten 
angehangten und durch den Druck unterschiedenen Anmerkungen 
das Wichtigste gesagt worden, was von naturwissenschaftlicher oder 
philologischer Seite zu Hehn's Ausfiihrungen zu bemerken ist. 
Die Beitrage des Prof. Engler sind hierbei durch *, die des Heraus- 
gebers durch ** bezeichnet. Etwas grossere Freiheit hat sich der 
letztere in der Bearbeitung des Hehn'schen Apparates (Anmerkungen) 
genommen, insofern hier bei solchen Excursen, welche zu der Beweis- 
fuhrung des Buches keine oder eine sehr entfernte Beziehung batten, 
wenn es nothig schien, Streichungen oder Ueberarbeitungen vor- 
genommen wurden. Der Grund dieses Verfahrens lag in dem Wunsche, 
nicht uberflussiger Weise, d. h. wenn nicht durch den grossen Zu- 
sammenhang des Ganzen gefordert, unzweifelhaft Unhaltbares abzu- 
drucken, um es kurze Zeit darauf als solches zu bezeichnen. Doch 
ist auch hierbei auf das peinlichste darnach gestrebt worden, jeden 
werthvollen Gedanken Hehn's zu erhalten und fremde Zuthat in 
deutlicher, aber den Leser nicht storender Weise kenntlich zu machen. 
Vgl. das Nahere S. 524 Anmerkung. 

Im Ganzen wird sich durch die vorliegende Neubearbeitung des 
Hehn'schen Buches herausstellen, dass bei nicht wenigen Kultur- 



Vorrede. XXIII 

pflanzen der Unterschied zwischen der Herkunft der wilden Pflanze 
nnd derjenigen mrer, Kulturjscharfer betont werden muss, als dies 
von Hehn geschehen 1st, und dass, wenn man nur die Geschichte 
der Kultur einer Pflanze von derjenigen der Pflanze selbst scheidet, 
eine Versohnung des von Prof. Engler vertretenen naturwissenschaft- 
lichen Standpunktes mit dem linguistisch-historischen des Hehn'schen 
Buehes wohl moglich, wenn auch vielleicht noch nicht an alien Stellen 
dieser Neubearbeitung erreicht ist. Das von Hehn gezeichnete Bild 
des europaischen Siidens, wie es gewesen sein muss, bevor hierher 
der Fuss eines Menschen oder wenigstens der eines Indogermanen 
kam, wird allerdings in mannigfacher Beziehung umgestaltet werden 
miissen. Weinstock und Feige, Lorbeer und Myrte u. s. w. sind hier 
seit unvordenklichen Zeiten einheimisch. Andere Pflanzen, wie die 
Granate, die Cypresse und Platane, scheinen ihr urspriingliches Ver- 
breitungsgebiet wenigstens liber die Inseln des aegeischen Meeres bis 
nach Griechenland erstreckt zu haben. Aber auch hiervon abgesehn 
wird bei einzelnen Kulturpflanzen, sowie fur gewisse Hausthiere ein 
hoheres Alter oder werden andere Wege ihrer Verbreitung anzunehmen 
sein. Der Hauptwerth des Buehes, nachgewiesen zu haben, wie die 
im wesentlichen von Osten nach Westen und dann weiter nach Norden 
fortschreitende Kultur der Pflanzen in Verbindung mit der Zahmung 
gewisser Hausthiere Wesen und Wirken des Menschen durchdringt 
und umgestaltet, wird so nicht angetastet. Nicht minder bestehen 
bleibt die Bedeutung des Buehes fur die Urgeschichte der Volker 
unseres Stammes. Dass aber an so weitschichtig angelegte Unter- 
suchungen Spatere immer aufs neue ankniipfen, gereicht dem Ur- 
heber derselben auch dann nicht zur Unehre, wenn seine Ergebnisse 
sich nach der einen oder anderen Seite als unhaltbar herausstellen 
sollten. Sagt doch Goethe, dessen Lebensanschauungen V. Hehn 
so gern zu den seinen machte: 

Was fruchtbar ist, allein ist wahr, 

und so verstanden ist das Hehn'sche Buch im hochsten Sinne wahr 
und wird es bleiben. 

Jena, den .1. Januar 1894. 

O. Schrader. 



Vorrede zur VII. Auflage. 



In der vorliegenden neuen Auflage des Hehn'schen Werkes 1st 
die seit dem Jahre 1894 erschienene Literatur, einschliesslich der 
zahlreichen kritischen Besprechungen der VI. Auflage, sorgfaltig 
herangezogen worden. Zu einer Aenderung der Anlage dieser Neu- 
bearbeitung (vgl. oben S. XXII), wie sie hie und da gewiinscht worden 
ist, habe ich mich indessen nicht verstehen konnen. Wer da meint, wir 
hatten nicht davor zuruckscheuen sollen, den Hehn'schen Text selbst 
umzuarbeiten, iibersieht nicht, zu welchen Umwalzungen ein solches 
Verfahren gefiihrt hatte. Wer hinwiederum glaubt, dass der ruhige 
Genuss des Lesers durch unsere den einzelnen Abschnitten ange- 
hangten, mehrfach eine von der Hehn'schen abweichende Anschauung 
zum Ausdruck bringenden Amnerkungen gestort werde, bedenkt 
nicht, dass das Hehn'sche Werk nicht nur fiir Liebhaber geschrieben 
ist, und dass jeder uberschlagen kann, was ihm iiberschlagenswerth 
erscheint. Hingegen habe ich, einem mehrfach geausserten Wunsch 
entsprechend, das bemerkenswerthe Vorwort Hehn's zur II. Auflage 
dieses Werkes (vgl. oben S. V) in einem Anhang vollstandig abge- 
druckt. 

Bei der Korrektur dieses Werkes hat mich Herr Gymnasiallehrer 
Dr. Walter in Weimar in dankenswerther Weise unterstiitzt. 

O. Schrader. 

Jena, 21. Marz 1902. 



Inhalt. 



Seite 

Yorrede zur VI. und VII. Auflage , . Ill 

Inhaltsverzeichniss . . 25 

Einleitung I 

Aussaugung durch Kultur 2 

Urzeit 14 

Das Pferd 19 

Griechen, Italer, Phonizier 55 

Weinstock 65 

Feigenbaum 94 

Oelbaum 102 

AnsSssigkeit, Baumzucht 121 

Esel, Maulthier, Ziege 131 

Bienenzucht . '. . . . 134 

Steinbaukunst 136 

Bier 142 

Butter 154 

Schluss 160 

Flachs 162 

Hanf 188 

Lauch, Zwiebel 191 

Ktimmel 206 

Senf 208 

Linsen, Erbsen 210 

Lorbeer, Myrte 220 

Buchsbaum 227 

Granatapfel 207 

Quitte 245 

Hose, Lilie 247 

Viole 257 

Safran 259 

Dattelpalme '. 266 

Cypresse . . ; 281 

Platane 289 

Pinie . . 296 

Rohr V 303 

Papyrus 307 

Cucurbitaceen(Kurbis, Gurke, Melone) 309 

Haushahn ."' 321 

Taube .... 335 



XXVI Inhalt - 

Seite 

Pfau 349 

Perlhuhn 358 

Fasan 361 

Gans, Ente 364 

Zucht der Vogel .... ,.. r .; ._ T 367 

Falkenjagd I ' *- 368 

Pflaume 376 

Maulbeere 381 

Mandeln, Walntisse, Kastanien v ;*^ V j;./ s. ir: 387 

Kirsche 398 

Arbutus, Medica, Cytisus 404 

Oleander ' . . . 410 

Pistazie ...... 414 

Terpentinbaum 417 

Mastixbaum 420 

Perrukenbaum 420 

Sumach 421 

Styrax ' . 421 

Pfirsich, Aprikose ........... 424 

Obstzucht, Impfen und Propfen 428 

Agrumi (Citronen, Pomeranzen, Orangen) 435 

Johannisbrodbaum 449 

Kaninchen , , 453 

Katze 456 

Ratte, Dachs, Hamster 462 

Biiffel 469 

Rindvieh 471 

Hopfen 473 

Riickblick, Untergang des Alterthums 481 

Neu-Europa 489 

Reis ' 495 

Mais '. 501 

Mohrhirse 502 

Buchweizen 504 

Araber ... 508 

Tiirken 509 

Tulpen, Blumen . 509 

Amerika 512 

Cactus, Aloe . 513 

Tabak - 514 

Schluss 515 

Anmerkungen . . . .'.. ....*.' 524 

Ai-hang (Vorrede Hehns zur zweiten Auflage) 617 

Wortregister ....*... 624 

Druckfehler 561 



JJass die Thier- und Pflanzenwelt, also die ganze okonomische 
und landschaftliche Physiognomic eines Landes im Laufe der Jahr- 
Imndprte unter der Hand des Menschen sich verandern kann, ist 
besontters seit der Entdeckung Amerikas ein unwidersprechlicher 
Erfahrungssatz geworden. Auf den neuentdeckten Inseln und in 
den von europaischen Ansiedlern besetzten Landstrichen der west- 
lichen Hemisphere ist wahrend der letztverflossenen drei Jahr- 
hunderte, also in ganz historischer Zeit, nach Erfindung der Buch- 
druckerkunst und gleichsam unter den Augen der gebildeten Welt, 
die einheimische Flora und Fauna durch die europaische oder eine 
aus alien Welttheilen zusammeiigebrachte verdrangt vvorden. So hat 
sich z. B. auf St. Helena die urspriingliche wilde Vegetation auf den 
Bergstock im Innern der Insel zuruckgefliichtet, von einer neuen, 
ringformig nachriickenden Flora umgeben, die im Gefolge des Euro- 
paers liber den Ocean kam 1 ). Auch in den Pampas von Buenos 
Ayres sieht das Auge meilenweit fast keine einheimischen Gewachse 
mehr : sie sind der Usurpation eingefiihrter europaischer Pflanzen 
erlegen. Eine viel weitere, auf zwei bis drei Jahrtausende sich er- 
streckende Uebersicht aber gewahrt die Geschichte der organisirten 
Natur in Griechenland und Italien. Beide Lander sind in ihrem 
jetzigen Zustand das Resultat eines langen und mannigfachen Kultur- 
processes und unendlich weit von dem Punkte entfernt, auf den sie 
in der Urzeit von der Natur allein gestellt waren. Fast Alles was 
den Reisenden, der von Norden iiber die Alpeii steigt, wie eine 
neue Welt anmuthet, die Plastik und stille Schonheit der Vegetation, 
die Charakterformen der Landschaft, der Thierwelt, ja selbst der 
geologischen Structur, insofern diese erst spater durch Umwandlung 
der organischen Decke hervortrat und dann die Einwirkungen des 
Lichtes und der atmospharischen Agentien erfuhr, sind ein in langen 
Perioden durch vielfache Bildung und Umbildung vermitteltes Pro- 
duct der Civilisation. Jeder Blick aus der Hohe auf ein Stuck Erde 
in Italien ist ein Blick auf friihere und spatere Jahrhunderte seiner 

Viet. Helm, Kulturpflanzen. 7. Aufl. 1 



2 Emleitung. 

Geschichte. Die Natur gab Polhohe, Formation des Bodens, geo- 
graphische Lage: das Uebrige 1st ein Werk der bauenden, saenden, 
einfiihrenden, ausrottenden, ordnenden, veredelnden Kultur. Die 
zwischen Festland und Insel die Mitte haltende Configuration des 
Landes, das gemassigte mittlere Klima, die Mannigfaltigkeit der 
historischen Verhaltnisse, in der Urzeit die inehrmals wiederholte 
Einwanderung von Norden, der tyrische Seeverkehr, die griechischen 
Kolonien, die Nahe des gegeniiberliegenden Afrika, die sich aus- 
breitende, alle Gaben und Kiinste des Orients hiniiberleitende 
romische Weltherrschaft, dann die Volkerwanderung von Nordosten, 
die Herrschaft der Byzantiner und Araber, die Kreuzziige, die Ver- 
bindung italienischer Seestadte mit der Levante, endlich nach Ent- 
deckung Amerikas die enge politische Verbindung mit Spanien - 
aus diesen und andern Umstanden und Schicksalen ist das Land 
hervorgegangen, wo im dunklen Laub die Goldorangen gliihn und 
die Myrte still und hoch der Lorbeer steht. Die Agave americana 
und der Opuntiencactus, diese blaugriinen Stachelpflanzen, die alle 
Ufer des Mittelmeeres iiberziehen und so wunderbar zur siidlichen 
Felsennatur und Gartenwirthschaft stimmen, sie sind erst seit dem 
sechszehnten Jahrhundert aus Amerika heriibergekommen ! Diese 
Cypresse neben dem Hause des Winzers, einsam und duster die 
ringsum verworren sich ausbreitende Fruchtfulle iiberragend, sie hat 
ihre .Heimath auf den Gebirgen des heutigen Afghanistan, diese 
eigensinnig gewundenen, mit fliessendem grauem Laube bedeckten 
Oliven, sie stammen aus Palastina und Syrien, diese Dattelpalmen 
im Klostergarten von S. Bonaventura in Rom, ihr Vaterland ist das 
Delta des Euphrat und Tigris! So echte Kinder hesperischen Bodens 
und Klimas diese und andere Kulturpflanzen uns jetzt erscheinen, so 
sind sie doch erst im Laufe der Zeiten und in langen Zwischen- 
raumen gekommen. Oft liegt ihre Geschichte mehr oder minder 
deutlich vor, oft aber muss sie aus zerstreuten und zweifelhaften 
Angaben zusammengelesen oder nach Analogien errathen werden. 



Vielleicht aber ware diese Umwandlung, so wie sie jetzt vor-. 
liegt, nichts als Verderbniss, Ausnutzung, versiegte Lebenskraft ? 
Historische Mystiker haben nicht verfehlt, diese romantische, d. h. 
kulturfeindliche Ansicht auszusprechen. Wie unser Geschlecht iil)er- 
haupt von einem edleren Urzustand herabgekommeii ist, wie wir die 



Aussaugung durch Kultur. 3 

\Yerke Gottes nur zu vernichten verstehen, wie jedes Land und Yolk 
seine Zeit hat, derselbe Process sich an jedem der Reihe nach wieder- 
holt, die Geschichte also nur ein immer wiederkehrender Natur- 
vorgang ist, dem zuletzt durch die Wiederkunft des Herrn und das 
Gericht ein Ende gernacht wird, so sind auch die klassischen 
Lander physisch abgelebt, ihre natiirliche Ordnung zerstort, ihr Boden 
durch Aufsaugung der Kultur erschopft und verbraucht. In Betreff 
Griechenlands hat diese Meinung auf den ersten Blick allerdings 
oinigen Schein. C. Fraas erklart in seiner Schrift: Klima und 
Pflanzenwelt in der Zeit, Landshut 1847, das jetzige Griechenland, 
welches in der Bliithezeit seiner Geschichte waldig, regnerisch, von 
wasserreichen Bach en und Flussen durchstromt gewesen sei, fur eine 
starre, in Folge der Ausrodung der Walder wasserlose, der obern 
Erdschicht entkleidete, einem heissen Klima verfallene Wiiste, fiir 
ein Land, das eines ergiebigen Ackerbaues und aller Industrie, zu 
der Holz erfordert wird, unfahig und folglich zum Wohnplatz einer 
6'konomisch entwickelten Gesellschaft angeeignet sei. Diese Behaup- 
tung wird denn auch auf ganz Vorderasien ausgedehnt: Babylonien 
z. B. soil durch uralte Menschenkultur ausgenutzt und ohne Wieder- 
kehr verdorben sein. Indess, der Groll und manche getauschte Hoff- 
nung hat den mit Undank belohnten Gelehrten in jenem Urtheil 
offenbar zu weit gefiihrt. Die Stellen der Alien sind einseitig aus- 
gewahlt; was dem Thema nicht dienen konnte, ist bei Seite gelassen, 
Manches im Eifer auch falsch gedeutet. Der Eingang des Vendidad 
z. B., wo iiber grosse Kalte geklagt wird, kann nicht beweisen, dass 
das Klima von Iran erst seit jener Zeit heiss geworden, da die Stelle 
entweder nur eine Erinnerung an die Urheimath des Zendvolkes, 
d. h. an das Hochland am westlichen Rande Centralasiens enthalt 
oder sich auf irgend eine der kalten Gebirgslandschaften bezieht, 
an denen es innerhalb des Gebietes der iranischen Stamme nicht 
fehlt. Der Umstand, dass zu Alexander des Grossen Flotte auf dern 
Euphrat Cypressenholz genommen wurde, fallt gleichfalls nicht sehr 
ins Gewicht, denn erstens gait seit den altesten. Zeiten der phonizi- 
schen Seefahrt die Cypresse fiir ganz besonders zum Schiffbau ge- 
eignet, zweitens - - wer sagt uns, ob Babylonien jemals reich an 
schwerem festem Hochwald gewesen sei? - - Dass Griechenland jetzt 
weniger belaubt ist, als zu Homers und vor Homers Zeit, ist sicher; 
dass aber z. B. der Peloponnesus in manchen Gebirgsgegenden jetzt 
dichtere Eichen- und Fichtenwalder tragt, als damals, wo das Land 
bevolkert und mit Stadten besaet war, ebenso dass Attika schon zu 

1* 



4 Aussaugimg durch Knltur. 

Perikles' und zu Alcibiades' Zeit diirr war, wie heute - - ist gleich- 
falls unleugbar. Der Ilissus heisst bei Plato auch nur ein Wasser- 
lein* (vdduov) und erst durch Pisistratus sollte das bis dahin kahle 
baunilose Attika mit Oelbaumen bepflanzt worden sein. Wald- 
zerstorung ist eine Phase, aber nicht das letzte Wort der Kultur. 
Wenn auf einem jungfraulichen Boden eine Menschengesellschaft 
die ersten Schritte zur Bildung thut, da muss der Urwald dem 
nachsten Bediirfniss welch en, da wird an Wahl und Schonung nicht 
gedacht. Jeder schopft nach Belieben aus dem unermesslichen Vor- 
rath, der wie die Luft Allen gleich geschenkt ist. Ja, der Aus- 
roder des Waldes erscheint auf dieser Stufe als ein Wohlthater und 
hiilfreicher Heros. In den Wald vorzudringen war in jenen Urzeiten 
in der That schwieriger, als man jetzt denkt, ein Werk, das fast 
ubermenschliche Anstrengungen forderte. Theophrast, h. pi. 5, 8, 2, 
erzahlt von einem Versuch der Romer, auf der Insel Corsica eine 
Niederlassung zu griinden, der aber an der Undurchdringlichkeit 
des Waldes scheiterte: die Ankommlinge warden vom Dickicht so 
zu sagen zuriickgeschlagen. Belehrend in dieser Hinsicht ist auch 
die Stelle des Strabo, 14, 6, 5: Eratosthenes sagte (zunachst von 
der Insel Cypern, aber der Vorgang ist typisch), Wald habe vor 
Alters alle Ebenen bedeckt und den Anbau gehindert; der Bergbau 
habe ihn ein wenig gelichtet; dann sei die Schifffahrt gekommen, 
die gleichfalls viel Holz verbraucht habe; da aber auch damit die 
Wildniss nicht bezwungen worden, habe man Jedem erlaubt, nieder- 
zuhauen und sich anzusiedeln, wo er wolle, und ihm das also ge- 
wonnene Stuck Land als sein steuerfreies Eigenthum zugesprochen. 
Und erst diese letzte Massregel setzen wir in seinem Sinne 

hinzu - - schuf Licht und Kultur. Je welter der Wald sich zuriick- 
zog, desto freundlicher wurde die Natur, desto mannigfal tiger ihre 
Gahen an Krautern und Friichten, denn der ununterbrochene Urwald 
duldete auf dem mit Fichtennadeln oder gerbstoffhaltigen Blattern 
bedeckten ewig beschatteten Boden nur eine beschrankte und ein- 
formige Vegetation. Erst lange nachher kehrt sich nach dem Gesetz 
der drei Momente dies Vevhaltniss um; der Mangel an Holz, an 
Schatten und Feuchtigkeit erweckt die Klage nach der entschvvun- 
denen Naturfrische ; es regt sich gleichsam das Gewissen; jetzt wird 
niit bewusster Absicht dem Walde sein Bestehen innerhalb gewisser 
Grenzen gesichert oder, da wo er ganz fehlt, Anpflanzung unter- 
nonunen, wie schon heute in mehreren europaischen Staaten ge- 
schieht. Ehe aber rationelle Wirthschaft wieder gut machen kann, 



Aussaugung durch Kultur. 5 

was vorausgegangene Generationen unbefangen verdorben haben, tritt 
haufig aus anderen historischen Griinden Verwilderung ein, so dass 
das Land theils als wie von der Kultur verbraucht, theils als der 
blinden menschenfeindlicben Natur anheimgefallen (z. B. durch Ver- 
sumpfung) sich darstellt - - auf welchern Punkte Griecbenland jetzt 
steht. Zu keiner Zeit aber 1st dies Land feucht und dunstig, wie 
England, gewesen, immer lag es Afrika nabe und schon die Alten 
haben Ziegen gehalten, Cisternen angelegt und kunstlich bewassert. - 
Von Fraas hat sich wohl auch E. Curtius imponiren lassen, wenn 
er in der Einleitung zu seiner Bereisung des Peloponnesus (1,53 55) 
auf Griechenlands physische Natur so duster und hoffnungslos blickt. 
Dass sich bei den Philosophen, namentlich Plato, Stellen linden, 
nach denen die Erde und insbesondere Hellas als gealtert, als 
blosses einst bekleidetes Todtengebein erscheint - - was will das 
sagen? Plato war seinem ganzen Charakter nach ein elegischer 
Idealist und Seneca, wenn er den Ausdruck: Altersschwache des 
Erdbodens (loci seniurn) gebraucht, erscheint auch hierin als Vor- 
laufer des Christenthums. 1st es nicht auch bei uns ein allgemein 
verbreitetes Gefiihl und hort man nicht oft genug sagen, dass das 
Klirna sich verandert habe, dass in den Jugendtagen des Sprechenden 
die Menschen kraftiger und gesunder, der Boden ergiebiger u. s. w. 
war? Der alte Schiffer, mit dem Julius Frobel (Aus Amerika 1, 200) 
die Ueberfahrt von New- York nacb Chagres machte, behauptete sogar, 
die Passatwinde batten wahrend seiner Lebenszeit an Regelmassig- 
keit eingebiisst. Aus der zunehmenden Schlechtigkeit der Welt hat 
man unzahlige Male das bevorstehende Ende aller Tage gefolgert. 
Lasaulx, ein anderer Munchener Romantiker, prophezeite vor nicht 
langer Zeit den Untergang der westeuropaischen Civilisation (der 
ihm einerlei war mit dem der Kirche) und setzte schon die Slaven 
als Erben ein. Solchen Stimmungen und Phantasien gegeniiber 
giebt es jetzt Widerlegungsgriinde, die den alteren Zeiten nicht zu 
Gebote standen, namlich die Zablen der Statistik und die Rech- 
nungen der Naturwissenschaft. E. Curtius schliesst mit den Worten: 
Ein Theil dieser Uebelstande (die durch Ausrodung der Walder sich 
ergeben haben) kann wieder gehoben werden, wenn von Neuem die 
gestorte Ordnung der Natur hergestellt wird. Andere Schaden kann 
keine zweite Kultur ersetzen, so wenig wie im organischen Leben 
erstorbene Krafte durch Kunst wieder erzeugt werden konnen. 
Welches sollen diese unersetzlichen Schaden sein? Humuserde kann 
im Terrassenbau auf die Berge geschafft, stockende Fliisse konnen 



6 Aussaugung durch Kultur. 

gereinigt, diirre Heiden bewassert, versumpfte Ebenen durch Kanal- 
bauten entwassert werden; die Walder warden, wenn man sie gegen 
Ziegen und die Feuer der Hirten schtitzte, in diesem glucklicheii 
Klinia in nicht allzulanger Zeit wieder die Abhange der Berge be- 
decken. Was ware dem Kapital hier unmoglich und welche Krafte 
waren hier auf immer erstorben? Die allgemeinen Naturverhalt- 
nisse, deren der Mensch nicht Herr werden kann, bestanden im 
friihesten Alterthuni wie jetzt. Die Fluten plotzlich einbrechender 
Gewitterstiirze z. B. werden sich immer zerstorend ins Thai stiirzen, 
Baume und Felsen mit sich fortreissen, wie in Homers Zeit, und 
wenn sie abgeflossen, sogenannte Rheumata oder Fiumaren, d. h. 
trockene Kiesgriinde hinterlassen, Dinge, die in den Ebenen Mittel- 
europas, wo der Regen oft tagelang vom grauen Himmel traufelt, 
nicht zu befiirchten sind. Was sich nordischen Reisenden, die ein 
ideales Griechenland in der Vorstellung mitbringen, als Yerderbniss 
in der Zeit darstellt, ist zum Theil Charakter siidlicher Lander 
und Klimate iiberhaupt. Die Mangel, uber die gekiagt wird, sind 
mit allem Zauber und Segen dieser der Sonne naher liegenden 
Gegenden unaufloslich verkniipft. Man iiberschatze auch nicht den 
Einfluss der Walder auf das Klima. Es ist damit gegangen, wie 
oft mit neuen Gesichtspunkten : man pflegt sie allzu ausschliesslich 
geltend zu rnachen. In dem vorliegenden Falle kam noch das 
Interesse poetischer Gemuther und besonders das des feudalen Adels 
hinzu, der fur grossere Besitzstiicke kampfte, sein Jagdrevier nicht 
missen wollte und diesmal so gliicklich war, mit den neuen Lehren 
der Bodenwirthschaft und Nationalokonomie Chorus machen zu 
konnen. In der Tha|, aber hangen die klimatischen und Witterungs- 
verhaltnisse der europaischen Lander im Grossen. gar nicht von der 
Pflanzendecke des Bodens ab, sondern nachst der geographischen 
Breite von weitgreiferiden meteorologischen Vorgangen, die von 
Afrika und dem atlantischen Ocean bis zum Aralsee und Sibirien 
reichen. 

Umsich tiger als Fraas hat Franz Unger die Frage, ob der Orient 
von Seiten seiner physischen Natur einer Wiedergeburt fahig sei, mit 
Ja beantwortet (Wissenschaftliche Ergebnisse einer Reise in Griechen- 
land und in den ionischen Inseln, Wien 1862, S. 187 ff.). Unger 
widersetzt sich auch der Annahme, als gebe es einen Marasmus senilis 
der Natur und als grabe die Civilisation sich ihr eigenes Grab. Man 
bilde nur die Menschen um, die diesen Boden bewohnen: der Boden 
selbst hat von seiner schopferischen Kraft nichts eingebusst; er ver- 



Aussaugung durch Kultur. 7 

langt nur Schonung und Nachhiilfe. Konnten z. B. nur die Ziegeiv 
heerden verringert oder zu Hause gefiittert werden, so wiirde sich 
die Strauchvegetation in kraftigen Wald verwandeln und die Trocken- 
berge sich wenigstens mit Gestriipp bekleiden, ohne irgend eine kiinst- 
liche Pflanzung oder Terrassirung. Die Strandkiefer und quercus 
aegilops wiirden bald nicht mehr die einzigen Baume sein, die dem 
Reisenden auf Ausfliigen in Griechenland begegnen. Wie viel Men- 
schenalter nothig waren, den Orient wieder zu belauben, ist schwer 
zu bestimmen, doch ist unter diesem Himmel die Zeugungs- und 
Heilkraft der Natur erstaunlich. Und wie mit der Vegetation, steht 
es auch mit manchen andern Einbussen, die das Land seit dem 
Alterthuni erlitten hat. Manche Hafen z. B., die die Alten benutzten, 
sind jetzt versandet, aber dafiir giebt es andere, noch schonere, die 
der kleinen Schifffahrt der Alten zu gross und tief waren, aber den 
jetzigen Mitteln und Massstaben gerade entsprechen. Man sieht, 
ob Griechenland, Kleinasien, Syrien, Palastina, diese jetzt so ver- 
wahrlosten Lander, einer neuen Bliithe sich erfreuen sollen, hangt 
allein von dem Gange der Welt- und Kulturgeschichte ab: die 
physische Natur wiirde kein uniibersteigliches Hinderniss in den 
Weg stellen. Auch liegt dem Urtheil, dass diese Gegenden fur 
immer ausgenutzt seien, keine wirthschaftliche oder naturwissen- 
schaftliche Beobachtung, vielmehr nur falsche geschichtsphilosophische 
Theorie zu Grunde. 

Von einem andern, aber gleich triiben Gesichtspunkt aus haben 
Junger einer neueren Wissenschaft, der Agrikultur- und Bodenchemie, 
dem Orient und den Landern urn das Mittelmeer das Urtheil ge- 
sprochen und schon die Todtenklage angestimmt. Der Ackerbau, 
Jahrhunderte und Jahrtausende fortgesetzt, erschopft den Boden und 
/wingt den Menschen, in ein frisches Land zu wandern. Die Stoffe, 
die zum Wachsthum der Pflanzeh und zur Fruchtbildung nothig sind, 
Alkalien, phosphorsaure Salze u. s. w., sind auf einer gegebenen 
Bodenflache nur in einem gewissen begrenzten Masse vorhanden: 
ist durch lange auf einander folgende Krnten dieser Vorrath ver- 
braucht und dieses Mass erreicht, so tragt der Acker keine Frucht 
mehr, wie ein ausgebeutetes Bergwerk kein Metall mehr liefert. Durch 
die Brache gevvinnen die im Boden enthaltenen Minenilien nur Ge- 
legenheit zu verwittern, losbar zu werden: die Zeit schliesst, so zu 
sagen, den Boden nur auf: aber welter geht ihre Macht nicht und 
wo jene Mineralien ihm einmal genommen sind, da kann auch die 
Ruhe dem Acker nichts helfen. Die sorgfaltigste Bearbeitung wirkt 



8 Aussaugung durch Kultur. 

nur dahin, die chemischen Processe, die die Bestandtheile des Bodens 
erleiden miissen, um von der Pflanze ergrifFen zu werden, zu er- 
leichtern und zu beschleunigen, aber neue Bestandtheile der Art kann 
sie nicht schafFen. Durch D tin gun g geben wir dem Boden einen 
Theil dessen wieder, was wir von ihra empfangen, aber eben nur 
einen Theil, und im Laufe der Jahrhunderte muss diese DifTerenz 
sich so haufen, class auch der einst reichste Acker die menschliche 
Arbeit nicht mehr belohnt. Jede Ernte, die ausser Landes geht, 
jedes Getreideschiff, das den Ertrag einer ackerbauenden Gegend liber 
See entfuhrt, ist eine direkte Schmalerung des im Boden liegenden 
Kapitals. Was die Stadte verzehren, ist dem Lande entzogen und 
kommt ihm gar nicht oder in geringem Masse wieder zu. Der Abfall 
der Thiere und Menschen, das Laub der Baume, der Verwesungs- 
staub des organischen Lebens wird von Stiirmen verweht, von Stromen 
fortgerissen und von beiden endlich dem Ocean, dem letzten grossen 
Beh alter, iiberliefert. Was London verbraucht, haben die Grafschaften 
hergeben miissen und wird durch die Themse in die Abgriinde der 
Nordsee versenkt. Wie mit London, so war es einst mit Babylon, 
mit Rom, so mit den unzahligen stadtischen Ansiedelungen des Alter- 
thums; die umgebenden Landschaften liegen jetzt kraft- und hulflos 
da und es ist keine Hoffnung, dass sie je wieder aufleben konnten, 
da durch eine friihe begonnene und lange fortgesetzte Kultur alle der 
limwandlung in Pflanzenleben fahigen Stoffe aufgesogen und entfernt 
worden sind. Ist dieser Gedankengang richtig, so steht der ganzen 
Erde dasselbe Geschick bevor, das die Lander des Alterthums bereits 
betroffen hat. Auch England wird keinen Weizen mehr tragen, wie 
einst auch sein Kohlen- und Eisenvorrath erschopft sein wird; dann 
wird Mexico noch fruchtbar sein, fur welches aber auch der Tag der 
ewigen Ruhe kommen wird; und so weiter durch alle Lander beider 
Hemispharen durch. Und was der Mensch durch seine Nutzung nur 
beschleunigt, das muss auch auf dem Wege des natiiiiichen Pflanzen- 
lebens, auch wenn es nie einen Menschen gegeben hatte, als letzte 
Folge sich ergeben. Dann wird auch, setzen wir noch hinzu, alles 
Gebirge auf Erden durch die Kraft der Wasser und Wincle und der 
Verwitterung geebnet sein und die Sonne, die immerfort W T arme ab- 
giebt, ohne dass ihr die verlorene durch irgend Etwas, so viel wir 
wissen, ersetzt wird, todt und kalt sein und mit ihr die Erde und 
der Mensch. Gliicklicher Weise konnen wir die Zeit, in der dies 
Alles sich vollziehen wird, auch nicht annahernd berechnen und 
haben unterdess Musse, abzuwarten, ob in unserer Schlusskette sich 



Aussaugung durch Kultur. 9 

nicht irgend ein Glied als unhaltbar erweist und damit die ganze Vor- 
aussage triigerisch und zur hypochondrischen Chimare wird. So sind 
schon jetzt an mehr als eiriem Punkte der Erde unerschopfliche Lager 
von Phosphoriten entdeckt worden, geeignet den Boden ganzer Lander 
fur unabsehbare Zeiten zu befruchten. Sollte nicht in naherer oder 
fernerer Zukunft die Kraft der raumbewaltigenden Mechanik so ge- 
wachsen sein, dass von solchen localen Anhaufungen auch welter ab- 
liegende Gegenden einen neuen Boden und mit ihm eine neue Energie 
des Pflanzenlebens beziehen konnten? Was auf diesera Wege einst 
moglich sein wird, das besitzen die Lander um das Mitteltneer zum 
Theil schon jetzt an ihrer gebirgigen, reich gegliederten Bodengestalt 
und an der seit uralter Zeit an dieselbe sich kniipfenden Irrigation. 
Denn wahrend in den Kornebenen des europaischen Wald- und 
Steppengebietes die Meteorwasser den Acker nur tranken, ohne seine 
Verluste zu ersetzen, bereichern die von den Bergen stiirzenden 
Quellen die ausgelaugte obere Erdkrume unaufhorlich aus den Schatzen 
des Erdinnern. Ein lebendiges Beispiel dafiir bildet die Lombardei: 
das Felsengeriiste, an das sie sich lehnt, sendet ihr durch die Fliisse 
und die festen oder aufgelosten Erden, die sie mitfuhren, immer ncue 
Mineralkrafte zu und erhalt sie so fruchtbar, wie vor zweitausend 
Jahren. Was aber die Natur allein nicht leistete, erganzte der Mensch, 
von der Noth belehrt, mit bewusster Zweckthatigkeit. Im Orient 
und am Mittelmeer, ini Bereiche regenloser Sommer, drohte der 
Vegetation jedes Jahr wahrend der drei oder vier heissen Monate 
der Tod durch Verschmachtung. Daher in diesen Landern seit dem 
friihen Alterthum die Sorge fur Bewasserung, die Fassung und Leitung 
der Quellen, die Kunst wagerechter Vertheilung, die Einschnitte in 
den Rand der Strome, die Damme und Durchstiche, die Schopfrader 
und Rinnen. So nothwendig war unter jenem Himmelsstrich diese 
Bemiihung, dass sie sich von Geschlecht zu Geschlecht fortsetzte und 
zum bleibenden Naturell und zu angeborener Kunstfertigkeit wurde. 
Und wenn die kiinstliche Bewasserung urspriinglich ein Zeichen des 
sich regenden vorberechnenden Denkens gewesen war, so wurde sie 
ihrerseits ein machtiger Anreiz fernerer geistiger Entwickelung. Sie 
band den Menschen an den Menschen, - - nicht durch jene dumpfe 
natiirliche Gesellung, die auch die Thiere treibt, heerdenweise zu 
leben, sondern durch freie Gegenseitigkeit, die erste Gemeinde- und 
Staatenbildung. Nordlich der Alpen fiel diese Nothigung weg: da 
siedelte sich der Germane an, wo es ihm beliebte, fragte iiichts nach 
dem Nachbar und bildete den Charakter personlicher Eigenheit in 



10 Aussaugung durch Kultur. 

sich aus. Selbst in der Neuen Welt wahrte dies Verhaltniss fort, 
da wo beide Racen in einer ahnlichen Natur zusammenstiessen. In 
Xeu-Mexiko, z. B. am Rio Grande, und in Texas batten die Spanier 
meilenweit Bewasserungskanale gezogen, die die einwandernden angel- 
sachsischen Amerikaner zum Schaden des Landes wieder eingehen 
liessen. Den Bewohnern der Vereinigten Staaten ist diese Art des 
Landbaues frernd, und sie widerstreitet ihrem individualistischen 
Geiste, da ein grosseres Bewasserungssystem nicht obne eine darauf 
beziiglicbe Gesetzgebung und ohne Schmalerung der freien Dis- 
position des Einzelnen auf seinern Lande denkbar ist (Frobel, Aus 
Amerika, 2, 160). Ja, ein Amerikaner bemerkt selbst, unter ameri- 
kanischen Handeii miisse der an Bewasserung gebundene Ackerbau 
stets damieder liegen, weil die bei einem solchen System noth- 
wendige despotische Verwaltung der Gemeinde zu wenig mit den 
dortigen Sitten iibereinstimmt& (Grisebach, Vegetation der Erde, 
2, 276). Organisirte Gemeinschaft also erscheint dem sachsischen 
Stamme als despotisph iiberhaupt; am Mittelmeer, von Bactrien und 
Babylonien bis zu den Saulen des Herakles, war sie ein Gebot der 
Xatur und wurde ein Charakterzug der Volker. Abgesehen aber von 
dieser politisch-sittlichen Wirkung verbiirgt die Irrigation auch dem 
Grund und Boden, so lange die Berge stehen und die Wasser rinnen, 
eine unvergangliche physische Jugend. Wo das Ackerland und die 
W r iese nur auf die aufsteigenden und niederfallenden Dampfe des 
Meeres angewiesen sind, da muss jener Zustand der Erschopfung 
viel rascher eintreten, welchem in den Augen besorgter, vielleicht 
auch hochmuthiger Beurtheiler die Lander des Altertbums schon ver- 
f alien sind. 

Nicht ein unerbittliches Naturgesetz war es, was der Kultur 
des Orients den Untergang gebracht hat, sondern der Zusammenhang 
geschichtlicher Ereignisse, die erst die humane Entwickelung be- 
giinstigende, dann sie gefahrdende geographische Lage, der Contakt 
der Racen, Lebensformen und Religionen und die ihn begleitende 
Wuth der Zerstorung und Verunreinigung des Blutes. Die Region 
der acker- und stadtebauenden Volker Vorderasiens stiess an un- 
ermessliche Steppen und Wiisten, aus denen immer von Neuem 
wilde, blutgierige Nomaden hervorbrachen. Einst in sehr friiher Zeit 
batten nomadische Semiten vom Kaukasus bis zum persischen und 
arabischen Meerbusen sich ergossen und eine ihnen vorausgehende 
Kultur zerstort, deren Wesen und Richtung wir nicht mehr erkennen. 
Als sie drauf begonnen batten, sich auf dem neuen Boden sesshaft 



Aussaugung durch Kultur. ;Q 

zu machen, erfolgte die iranische Flut, die, vielleicht gleichzeitig 
mil dern Einbruch der Indoeuropaer nach Europa, die semitische 
Welt mitten durch spaltete und in einzelnen Wellen unter der Be- 
nennung Phryger, Lykier u. s. w. bis an das mittellandische Meer 
sich fortsetzte. Seitdem rangeii in Asien beide Racen mit einander, 
die Semiten in ungeheuren despotischen Centren, um bildgeschmuckte 
Paliiste sich sammelnd, Kaiiale zieheiid und den Spaten fiihrend, 
die Iranier in naturlicher Freiheit ihre Thiere weidend, in Stain me 
gesondert und von Patriarchen gefuhrt, lauernd und rauberisch, ver- 
wiistend oder wegschleppend, was sie erreichen konnten. Allmahlich 
aber, durch den Einnuss der Zeit und des Beispiels und in der 
Herrschaft iiber gebildetere Kulturlaiider, ging ein Theil der Iranier 
selbst zu Niederlassung und hoherer Staatsordnung iiber, indess die 
andere Halfte dieses grossen Stammes - - Saken und Massageten, 
Sarmaten und Scythen, spater Alanen und Jazygen - - in den weiten 
unerreichbaren Flachen die alte nomadische Lebensart bewahrte. 
Diese Spaltung in zwei Halften war der Gegensatz von Iran und 
Turan, von Civilisation und Freiheit: das iranische Kulturgebiet 
erwehrte sich nur muhsam der aus dem Schosse der Steppe immer 
neu herein brechenden Wildheit. Schoii gegen Ende des 7. Jahr- 
hunderts vor Chr. batten Scythen einen Pliinderungszug durch ganz 
Asien gemacht, der aber nur acht und zwanzig Jahre dauerte und 
als blosse Episode bald wieder vergessen wurde. Dann hatte Cyrus 
versucht die Massageten, Darius die Scythen zu bandigen, beide 
ohne Erfolg. Vielmehr setzten sich unter dem Seleucidenreiche die 
aus den Jaxartes-Gegenden gekommenen reitenden Bogenschiitzen 
iranischen Stammes, die Farther, in dem ostlichen Theile Asien s bis 
an den Euphrat fest. Dann, im siebenten Jahrhundert unserer Zeit- 
rechnung, stiirmten die Araber, ein fanatischer Wiistenstamm, ur- 
plotzlich heran und rotteten alle Griindungen, die mit der Religion 
zusammenhingen - - und was im Orient hing und hangt nicht mit 
der Religion zusammen? - - mit der Wurzel aus. Wieder einmal 
war der Geist der Semiten Herr geworden liber den iranischen, als 
Widerspiel dessen, was einst Meder und Perser an ihnen veriibt. 
So gross nun auch die Verwiistung war, mit der Turanier und 
Islamiten gegen die Garten und Stadte Bactriens und Mediens, der 
Tigris- und Euphratlander, Syriens und Kleinasiens reagirten, - 
diese Nomaden und Reiter waren doch immer desselben Blutes, von 
edler Herkunft mid schoner Leibesgesta.lt, bildungsfahig und Anlage 
und Bediirfniss civilisirten Lebens, ihnen selbst unbekannt, in sich 



12 Aussaugung durch Kultur. 

tragend. Das eigentliclie Verderben, ohne Moglichkeit der Wider- 
herstellung und Ankniipfung, erfolgte erst, als die bestialischen 
Racen, die bisher am Altai und von da welter am Baikalsee und 
auf der fiirchterlicben Hochflache im Herzen des Welttheils sich ver- 
borgen gehalten und nur fiir das chinesische Reicb den homogeiien 
nomadischen Hintergrund gebildet batten, die Tiirken und auf deren 
Spuren die Mongolen, den Weg nach Siidwesten in die arisch- 
semitische Welt gefunden batten. In Europa tauchte der tiirkische 
Stamm zuerst in der Horde der Hunnen auf, und welcben Eindruck 
schon ihr brutales Aeussere auf den Abendlander macbte, seben wir 
aus den Schilderungen der gleicbzeitigen Bericbterstatter und den 
Fabeln, die tiber die neu erschienenen Unholde im Volksmunde uro- 
gingen. Ammianus Marcellinus, da wo er die roben Sitten der 
Alanen, die frtiher Massageten genannt wurden, beschreibt, fiigt docb 
hinzu: die Alanen sind fast alle hohe, schone Menscben (proceri 
autem Alanipaene sunt omnes et pulehri), den Hunnen in der Lebens- 
art abnlich (suppares), dennoch aber auf hoherer Stufe der Mensch- 
lichkeit stehend (verum victu mitiores et cultu). In Asien waxen 
schon im 6. christlicben Jahrhundert Sogdiana und Bactrien oder 
die alt-iraniscben kanalreichen. Ufer des Jaxartes und Oxus tiirkisches 
Land; von da wurde in den folgenden Jahrhunderten ganz Asien 
allmahlich durchritten, verheert, verbrannt, gepliindext und die Ein- 
wohner gemordet oder in die Gefangenschaft abgefiihrt. Seldschukische 
Hauptlinge schwangen die Lederpeitscbe, legten besiegten arabischen 
Emiren feierlicb den Fuss auf den Nacken und liessen sie dann in 
Stiicke hauen; persische Madcben mit mandelformigen Augen und 
langen Wimpern wurden in die schmutzigen Filzzelte ibrer heulenden 
missgestalteten Gebieter gescbleppt; so mischte sich vom Aralsee bis 
zum mittellandischen Meer unedles hochasiatisches Blut in das der 
alten Kulturvolker, als ein fortwirkendes Element sittlicher Erniedri- 
gung und geistiger Ohnmacht. Indess, auch die tiirkische Eroberung 
erscheint als nur geringes Leiden im Vergleich mit den entsetzlichen 
Graueln, die den Weg der Mongolen bezeichneten. Was diese 
Race gelber schiefblickender Schakale au? der Wiiste Gobi auf 
orientalischem Boden vertibt hat, lasst sich mit Worten gar nicht 
schildern. Als Dschingiskhan im Jahre 1221 - - wir wollen nur 
dies eine Beispiel anfiihren - - gegen die bliihende volkreiche Stadt 
Balkh, das altberiihmte Bactra, die 1200 Moscheen und 200 offent- 
liche Bader besass, drohend heranzog, gingen ihm Abgesandte mit 
Geschenken und Lebensmitteln entgegen, um Schonung flehend: 



Aussaugung durch Kultur. ^3 

der Khan war scheinbar begiitigt, zog in die Stadt ein und liess 
dann sammtliche Einwohner, unter deni Vorwand sie zahlen zu 
wollen, in einzelnen Abtheilungen aufs Feld hinausfiihren und sie 
dort abschlachten, die Stadt selbst aber schleifen - - die noch gegen- 
wartig ein unabsehbares Ruinenfeld bildet. Die tlirkischen Volker, 
deren Ausgang mehr nach Westen zu gelegen war, waren gleich 
Anfangs vom Islam gewonnen worden und batten sich dadurch dem 
Westen innerlich verbunden; auch waren sie, wie man gesteben 
muss, im Laufe der Jahre nach manchen Seiten gegen die mildere 
Sitte und ererbte Bildung der ihnen unterworfenen Bevolkerung 
nicht ganz unempfindlicb geblieben: die mongolischen Horden aber 
trieb nur der Instinkt der Zerstorung und des Mordes, und die 
Spuren ihres Daseins sind bis auf den heutigen Tag nicht erloschen. 
Seit der mongolischen Zeit liegt der Orient wie ein zu Tode Ge- 
troffener da, ohne sich aufraffen zu konnen. So verhangnissvoll 
wurde der altesten Menschenkultur und den gesegneten Landern, in 
deneii sie erbliihte, der ununterbrochene Zusammenhang mit den 
unwirthlichen Hochflachen im Innern des grossen Welttheils, der 
Heimath einer niedern Menschenrace von abstossender Gesichtsbildung 
und unflathigen Sitten. 

Auch der griechischen Halbinsel gereichte die Nahe Asiens und 
der osteuropaischen Steppen und die Verunreinigung mit fremdem 
Blute zum Verderben. Denn welches waren ihre Schicksale seit 
der Volkerwanderung ? Die Bulgaren, ein tiirkischer Stamm, liessen 
sich siidlich der Donau nieder, die gleichfalls turkischen wilden 
Avaren iiberfielen mordend und pliindernd die um die befestigte 
Hauptstadt gelegenen Provinzen; Osmanen streiften und herrschten 
schon vor einem halben Jahrtausend in diesem Vorland Europas. 
Auch den Germanen diente der griechische Boden zum Schauplatz 
ihrer noch ungebandigten Kriegs- und Beutegier - - man erinnere 
sich nur der furchtbaren Verheerungsziige der am schwarzen Meer 
angelangten Gothen gegen die Kiisten, Stadte und Inseln Kleinasiens 
und des Peloponnes ; nach Italien pflegten sie erst zu kommen, 
wenn sie ihre erste frische Rohheit schon abgelegt batten. Slaven 
iiberschwemmten dauernd nicht bloss die Donau gegenden und 
Thrakien, sondern auch alle Theile des alten Griechenlands selbst 
und belegten Berge, Thaler, Fllisse und Ortschaften mit Xamen 
ihrer Sprache; aus rauhen Gebirgswinkeln drangten Albanesen 
liaufenweise in die entvolkerten Landschaften hinab; beide nahmen 
dann die von Konstantinopel auf dem Wege der Kirche und der 



1 4 Urzeit. 

politischen Administration ihneii gebotene griechische Sprache (in 
entarteter byzantinischer Aussprache) an und bildeten mit dem Rest 
der friiheren Bewohner, soweit sich ein solcher noch vorfand, das 
Yolk der heutigen Griechen. So erklart sich die Barbarei, der sich 
Hellas so schwer entwindet, aus dem Fluche der Schandung, der auf 
ihm liegt, nicht aus der angeblichen Erschopfung der Naturkraft, 
die sicher noch so wirksam ist, wie einst in den Tagen der schonsten 
Bliithe dieses Landes. 



Als die grosse arische Wanderung den beiden Halbinseln, die 
nachher cler Schauplatz der klassischen Bildung wurden, die ersten 
Bewohner hoherer Race gab, von denen wir historisch wissen, da 
waren diese Lander - - so diirfen wir uns die Sache denken - - von 
einer dichten schwer zu durchdringenden Waldung diisterer Fichten 
und immergriiner oder laubabwerfender Eichen bedeckt, etwa wie 
Homer sie schildert: 

Diese durchathmete nie die Gewalt feuchthauchender Winde, 
Noch traf Helios Leuchte sie je mit den flammenden Strahlen, 
Auch kein stromender Regen durchnasste sie: so in einander 
Wuchs das Geholz; viel lagen umher der gefallenen Blatter - 
dazwischen in den Flussthalern rait offnern Weidestreckeii, auf denen 
die Kinder der Ankommlinge sich zerstreuten, reich an nackten und 
krauterbewachsenen Felsabstiirzen, an denen die Schafe rupfend auf- 
und abkletterten und von deren Gipfel bin und wieder das ode 
unfruchtbare Meer sichtbar wurde. Das Schwein fand reichliche 
Eichelnahrung, der Hund hiitete die Heerde, wilde Bienenstocke 
lieferten Wachs und Honig, wilde Apfel-, Birn- und Schlehenbaume 
boten saure harte Friichte zum Gemiss, gegen den Hirsch und Eber, 
den wilden Stier und den raubgierigen Wolf ward der Pfeil voin 
Bogen geschnellt oder der mit scharfem Stein bewaffnete Speer ge- 
schwungen. Das Jagdthier und das Thier der Heerde gab alles 
Nothige, sein Fell zur Kleidung, seine Homer zu Trinkgefassen, 
seine Darme und Sehnen zu Bogenstrangen, sein Geweih und seine 
Knochen zu Werkzeugen und den Handgriffen derselben; robes 
Leder war der vorherrschende Stoff, die beinerne und hornerne 
Nadel diente zum Nahen und Befestigen desselben (suere ist das ur- 
alte Wort fiir solche Lederarbeit, man vergleiche sutor der Schuster, 
xaOffvpa das Leder, subula die Able, slav. podusiva die Schuhsohle, 
silo, ahd. siula der Pfriemen u. s. w.). Mit Leder war der auf dem 



Ur/eit. 15 

Wasser schwimmende geflochtene Kahn iiberzogen, mit Stiersehnen 
das Lederkleid zusammengenaht, Hesiod. 0. et d. 544: 

Nahe dir Haute zusammen mit Sehnen des Stiers , 

mit Rieinen die Spitze am Pfeil und am Speer befestigt, das Zug- 
thier vor dem Wagen angeschirrt und die Peitsche, die zum An- 
treiben diente, bewaffnet. Ein viel erlegtes, auch zur Nahrung 
dienendes Thier war der Biber, der durch ganz Europa die Seen 
und Fliisse dicht bevolkerte (lat. fiber, keltisch beber, biber, wonach 
die gallischen Stadte Bibrax und Bibracte benannt waren, ahd. pipar, 
bibur, mhd. biber, ags. beofor, altn. bifr, preussisch und lit. bebrus, 
slavisch bobrif, auch bebru, bibru; im Griechischen ist das Wort, wie 
auch das Thier in Griechenland, fruhe untergegangen, dafur aber 
von Europa in den Orient gedrungen, Frahn Ibn-Foszlan S. 57). 
Zum Bogen diente besonders das Holz der Eibe 2 ), zum Schaft des 
Speers das der Esche, auch des Holunders (dxTsa, axTrf} und Hart- 
riegels, zum Schilde ein Gefiecht aus Rutheri der Weide (ixvs, hsa 
= Schild); die Baume des Urwaldes, von riesenhaftem Wachsthum, 
wurden durch Feuer und mit der steinernen Axt zu ungeheuren 
Boteii ausgehohlt. Auf dem Raderwagen, einer friih erfundenen 
Maschine, die ganz aus Holz zusammengefugt war und an welcher 
Holzpflocke die Stelle der spatern eisernen Nagel vertraten, ward die 
Habe der Wanderer, ihre Melkgefasse, Felle u. s. w. mitgefuhrt 8 ). 
Die Wolle der Schafe ward ausgerupft 4 ) und zu Filzdecken und 
Filztiichern zusammengestampft, besonders zum Schutze des Hauptes 
(gr. Ttthog, lat. pilleus, pileus der Hut, germanisch und slavisch mit 
erweitertem Stamm: Filz, plusti, Hesiod. 0. et d. 545: 

iiber das Haupt dir 
Setze geformten Filz, vor Nasse die Ohren zu schiitzen.) 

Aus dem Bast der Baume, besonders der Linde, und aus den Fasern 
der Stengel mancher Pflanzen, besonders der nesselartigen, f loch ten 
die Weiber (das Flechten ist eine uralte Kunst, die Vorstufe des 
Webens, dem es oft sehr nahe kommt) Matten und gewebeartige 
Zeuge und Jagd- und Fischernetze. Milch und Fleisch war die 
Nahrung, das Salz ein begehrtes Gewiirz, das aber schwer zu 
erlangen war und dem am Meeresufer, in der Pflanzenasche u. s. w. 
nachgegangen wurde 5 ). Je weiter nach Siiden, desto leichter wurde 
es, das Vieh zu iiberwintern, das im hohern Norden wahrend der 
rauhen Jahreszeit nur kummeiiich unter dem Schnee seine Nahrimg 
fand und unter ungiinstigen Umstanden massenhaft zu Grunde gehen 



16 Urzeit 

musste - - denn der Heerde ein Obdach zu schaffen. und getrocknetes 
Gras filr den Winter aufzubewahren, sind Kiinste spatern Ursprungs, 
die sich erst im Gefolge des ausgebildeten Ackerbaues einfandeii. 
Auch die Race der Hausthiere war eine geringe, das Schwein z. B. 
das kleine sogenannte Torfschwein, und stand von der spatern durch 
Kultur und Verkehr veredelten, die wir jetzt vor Augen haben, noch 
weit ab. Zur Wohnung fiir den Menschen diente im Winter die 
unterirdische, kunstlich gegrabene Hohle, von oben mit einem Rasen- 
dach oder mit Mist verdeckt 6 ), im Sommer der Wagen selbst oder 
in der Waldregion die leichte, aus Holz und Flechtwerk errichtete 
zeltahnliche Hiitte. Der Natur der Sache nach musste bei einem 
viehschlachtenden Volke die Kampfsitte blutig und die Strafe grausam 
sein; Wuth und Rache, Raub und Beutegier bildeten die Antriebe, 
List und Hinterhalt und Ueberfall, wie auf der Jagd dem Thiere 
gegeniiber, die Formen und Mittel des Kriegs; die Gefangenen 
wurden geschlachtet, wie bei den Cimbern, ja noch den Germanen 
des Tacitus, die Sclaven zu grosserer Sicherheit verstummelt; 
der Sieger trank von dem Blute des erlegten Feindes, der Hirn- 
schadel diente ihm beim Schmause zur Schale und zu ubermiithiger 
Erinnerung 7 ). Greise, wenn sie zum Kampfe kraftlos geworden, 
gingen freiwillig in den Tod oder wurden gewaltsam erschlagen, 
ahnlich auch unheilbare Kranke 8 ). Bei religiosen Festen und Siihn- 
opfern floss reichlich Menschenblut ; dem Hauptling folgten seine 
Knechte, Weiber, Pferde und Hunde in das Grab nach 9 ); die Frau 
wurde geraubt oder gekauft, das Neugeborene vom Vater aufgehoben 
oder verworfen und ausgesetzt (Grimm R. A. 455: Von Aussetzung 
der Kinder sind alle Sagen voll, nicht allein deutsche, auch romische, 
griechische und des ganzen Morgenlandes. Es lasst sich nicht 
zweifeln, dass diese grausame Sitte in der Rohheit des Heidenthums 
rechtlich war). Die Naturkrafte, deren Gegenwart mit dumpfem 
Schauer empfunden wurde, hatten noch keine menschlich-personliche 
Gestalt angenommen: der Name Gottes, dessen lateim'sche Form 
dens ist, bedeutete noch Himmel (das von den Finnen erborgte 
litauische dtiwctfy preuss. deivas hat bei ihnen noch heute den Sinn 
von Himmel, finnisch taivas, estnisch taevas, livisch tovas), und 
wahrend in dem indischen Varuna schon ethische Motive entwickelt 
sind, hat in dem griechischen Uranos der Process der Personification 
kaum erst angesetzt. Das Loos entschied bei wichtigen oder un- 
gewohnlichen Begegnissen und Entschliissen 10 ); Vorbedeutung und 
Aberglaube bestimmten alles Thun und Lassen; Zauberformeln losten 



Urzeit. 



17 



die Fesseln der Gefangenen und gaben der WafTe iibernatiirliche 
Kraft; die Wunden, die die Ax t gerissen, wurden durch Besprechung 
geheilt, ebenso das hervorspritzende Blut gestillt (em solcher Be- 
schworer hiess gotisch lekeis, leiheis, slavisch UJcari, altirisch liaig, 
Zeuss 2 19; Od. 19, 456: 

Und sie verbanden zugleich des untadligen hohen Odysseus 
Wunde geschickt und stillten das dunkele Blut mit Beschworung. 

Noch bei Pindar Pyth. 3, 51 drei Arten der Behandlung des Kranken: 
durch Beschworung, snaotdri, auch Kvmi Gebet zu den Gottern, 
durch Salben und Tranke, durch Schneiden mit dem Messer). 
Wie in der religiosen Anschauung die Verwandlung der Natur- 
machte in damonische Personen sich noch nicht vollzogen oder eben 
erst begonnen hatte, so walteten auch im Zusammenleben der 
Menschen die unmittelbaren Naturformen: aus dem Familienverbande 
und der Herrschaft des Patriarchen ging in weiterem Wachsthum 
der erst engere, dann umfassendere Zusammenhang des Stammes 
hervor (Worter wie nohg, populus, goth. thiuda u. s. w. sehen wir 
erst allmahlich in das Reich der Freiheit, d. h. zu politischen Be- 
griffen emporsteigen) 11 ). Als Auszeichnung adeliger Geschlechter 
findet sich in historischer Zeit die Tatowirung, vielleicht ein Rest 
uralter Sitte, da sie bei entfernten Gliedern des grossen Stammes 
wiederkehrt, so bei Gelonen und Agathyrsen (Mela 2, 1, 10: Aga- 
thyrsi ora artusque pingunt : ut quique majoribus praestantj ita magis 
vel minus: ceterum iisdem omnes notis, et sie ut ablui nequeant), 
bei Thrakern (schon bei Herodot 5, 6, also vor der keltischen Zeit), 
Sarmaten, Daken, den Briten auf ihrer entlegenen Insel, welche 
letztere danach benannt waren (kambrisch breith = variegatus, auch 
die Picti moglicher Weise nur die lateinische Uebersetzung von 
Briten, Britten) 12 ). Bei der Aufstellung zum Kriege herrschten 
schon die Zahlen des Decimalsystems - - eine erste Regung der 
Abstraction, doch war der Begriff tausend, da das Wort dafur fehlt, 
noch nicht aufgegangen 13 ). Im Uebrigen bildete die Sprache einen 
verhaltnissmassig intakten, viel gegliederten, von lebendigen Gesetzen 
innerlich beherrschten Organismus, wie er nach Jahrtausenden die 
Freude ,und Bewunderung des Grammatikers ist und wie er nur im 
Dunker'-eingehullten Geistes und unmittelbaren Bewusstseins wachst 
und sich entfaltet - - mit dem erwachenden Denken beginnt die 
lastige, wuchernde Formen- Vegetation und die paradiesische Klang- 
fiille allmahlich abzusterben. Dies etwa war der Zustand jener 
Wandervolker zur Zeit ihrer Ausbreitung in Europa, so weit 

Viet. Hehn, Kulturpflan/en. 7. Aufl. 2 



1 8 Urzeit. 

wir ihn nach einigen seiner allgemeinen Ziige im Geiste wieder- 
herstellen konnen. Eine Vergleichung gewahren etwa die Andeu- 
tungen des alien Testaments iiber die kriegerische Einwanderung 
semitischer Hirtenvolker in Palastina: dort traten den Kanaanitern 
wilde Ureingeborene entgegen, die spater als Riesen gedacht wurden 
und die in einigen Resten noch bestanden, als ganz zuletzt die 
Beni-Israel in dem Lande ihrer vorausgegangenen Stammgenossen 
gewaltsam sich festsetzten. So mogen auch die Indogermanen in 
Europa urspriingliche Bewohner vorgefunden haben, die sie aus- 
rotteten, oder mit denen sie sich vermischten : im Osten die Finnen, 
ein sehr tief stehendes Jagervolk, das die Wolle, das Salz und den 
Raderwagen nicht kannte und nicht einmal bis hundert zahlte, im 
Westen und Siiden die Iberer und vielleicht die Libyer, von deren 
Kulturstufe wir nichts wissen. Ein anderes noch lehrreicheres, in 
ganz historische Zeit fallendes Beispiel bietet der grosse Eroberungs- 
zug der Tiirken durch Asien und die Niederlassung dieses noma- 
dischen Stammes auf dem weiten von ihm uberschwemmten Boden. 
Die Tiirken freilich und dies konnte geeignet sein, die Analogic 
wieder etwas einzuschranken - - trieben nicht ihre Rinderheerden 
vor sich her, sondern kamen auf dem geschwinden Ross, das sie 
und ihre Zelte durch die Weite trug und hier erhebt sich die 
schwierige Frage, ob auch die Indoeuropaer schon mit dem ge- 
zahmten Pferde in Europa einwanderten oder es erst nachmals er- 
hielten? Wir haben oben unter den Grabesopfern auch die Pferde 
des Bestatteten mit aufgefiihrt - - wie, wenn wir damit einen Ana- 
chronismus begangen hatten? Humboldt, Central- Asien, 1, 436 sagt: 
die Innere (Kirghisen) Horde bewohnt einen Theil der Gegenden, 
in welchen vormals dieselben Kalmuk-Turguten nomadisirten, welche 
von der chinesischen Grenze gekommen waren und in der Nacht des 
5. Januar 1771 mit ihren 30,000 Jurten davonzogen, urn auf einem 
400 Meilen langen Marsche kriegfiihrend die Ebenen der Dsun- 
garei zu erreichen. Diese Wanderung von 150,000 Kalmuken, be- 
gleitet von ihren Frauen, Kindern und Heerden, vor etwa 70 (jetzt 
iiber 100) Jahren, ist eine historische Thatsache, welche auf die 
alteii Einfalle asiatischer Volker in Europa grosses Licht 
wirft. Diese Bemerkung des tiefblickenden Meisters (fur welche 
wir bereit waren, ein Dutzend sog. indogermanischer Idyllen, so 
reizend ihr Colorit ist, herzugeben) wollen wir uns gesagt sein lassen 
und nicht vergessen - - aber die Karren und Heerden der Kalmuken 
waren von kriegerischen Reitern umschwarmt und so ging der Zug 



Das Pfercl. ^9 

unaufhaltsam nnd sicher fort: durfen wir uns den fruhesten. Ein- 
bmch aus Asien auch schon ahnlich ausgeriistet denken? Wir ver- 
suchen im Folgenden die Hauptziige der altesten Geschichte des 
Pferdes zusammenzustellen und dadurch vielleicht einige Wahrschein- 
lichkeit fur oder wider zu gewinnen. 



Das Pferd. 

(equus caballiis.) 

Das edle Ross, der Liebling und Begleiter des Helden, die 
Freude der Dichter, die es in prachtigen Schilderungen verherrlicht 
haben, z. B. der Verfasser des Buches Hiob ira 39. Kapitel oder 
Homer in der Ilias 6, 506: 

Gleichwie das Ross, das lang im Stall sich genahrt an der Krippe, 
Seine Fessel zerreisst und stampfenden Hufs durch die Ebne 
Rennt, sich zu baden gewohnt in dem schonhinwallenden Strome, 
Strotzend von Kraft ; hoch tragt es das Haupt und umher an den Schultern 
Flattern die Mahnen empor; im Gefiihl der eigenen Scho'nheit 
Tragen die Schenkel es leicht zur gewohnten Weide der Stuten, - 
So schritt Priamos' Sohn von Pergamons Veste hernieder, 
Paris im leuchtenden Waffenglanz, der Sonne vergleichbar, 
Freudig und stolz, rasch trugen die Schenkel ihn - 
oder Vergil Georg. 3, 83: 

turn, si qua sonum procul anna dedere, 
Stare loco nescit, micat auribus et tremit artus, 
Conlectumque fremens volvit sub naribus ignem - 

- dies glanzende, stolze, aristokratische, rhythmisch sich bewegende, 
schaudernde, nervose Thier hat doch fiir die gegenwartige Erdepoche 
seine Heimath in einer der rohesten und unwirthlichsten Gegenden 
der Welt, den Kiessteppen und Weideflachen Centralasiens, dem 
Tummelplatz der Stiirme. Dort schwarmt es noch jetzt, wie ver- 
sichert wird, im \vilden Zustande unter dem Namen Tarpan umher, 
welcher Tarpan sich nicht immer von dem bloss verwilderten 
Musin, dem Fliichtling zahmer oder halbzahmer Heerden, unter- 
scheiden lasst. Es weidet gesellig, unter einem wachsamen Fiihrer, 
dem Winde entgegen vorschreitend, mit den Niistern und Ohren 
immer der Gefahr gewartig, und weil phantasievoll, nicht selten 
von panischem Schreck ergriffen und unaufhaltsam durch die Weite 
gejagt. Wahrend des fiirchterlichen Steppenwinters scharrt es den 

2* 



20 Das Pferd. 

Schnee mil den Hufen weg und nahrt sieh diirftig von. den drunter 
befindlichen abgestorbenen Gramineen und Chenopodeen. Es hat erne 
reich wallende Mahne und einen buschigen Schweif, bei Einbruch 
der Winterkalte wachst ihm das Haar am ganzen Leibe zu einer 
Art dunnen Pelzes. In eben jener Weltgegend lebten auch die ur- 
spriinglichsten Reitervolker, von denen wir Kunde haben, im Osten 
die Mongolen, im Westen die Tiirken, beide Nameii im weitesten 
Sinne genommen. Noch jetzt ist die Existenz dieser Racen an die 
des Pferdes gebunden. Der Mongole halt es fur eine Schande, zu 
Fuss zu gehen, sitzt stets zu Rosse und bewegt sich und steht auf 
der Erde, als ware er in ein fremdes Element versetzt. Ehe der 
kleine Knabe noch gehen kann, wird er auf das Pferd gehoben und 
klammert sich an die Mahne; so wachst er im Verlauf der Jahre 
auf dem Riicken des Thieres au^ und wird zuletzt ganz eins mit 
diesem. Auch der mongolischen Korperbildung hat diese Lebens- 
art, von Geschlecht zu Geschlecht Jahrtausende lang fortgesetzt, ihr 
unterscheidendes Geprage gegeben. Die Beine des Mongolen sind 
sabelformig gebogen, der Gang ist schwerfallig und der Oberkorper 
nach vorn gebeugt; auch innerhalb des Zeltes gleicht sein unstat 
umherspahender Blick dem des Reiters in der unermesslichen Steppe, 
der nach alien Seiten ausschauend eine Meile weit die kleinste Staub- 
wolke am Horizonte entdeckt. Der Reichthum des Einzelnen besteht 
in der Zahl und Grosse seiner in halbwildem Zustand weidenden 
Tabuns; bedarf er in gegebenem Falle eines jungen Thieres, so wird 
dieses mit der Schlinge eingefangen. Die Milch der Stuten ist das 
Getrank und das Berauschungsmittel (es gehort viel Uebung und 
Kraft dazu, die Stuten, nachdem sie gekoppelt worden, zu melken), 
das Pferdefleisch die gewohnte und liebste Nahrung. Bei den jetzi- 
gen Mongolen hat freilich der Buddhisnius die letztere Speise aus- 
zurotten gesucht und der Lama wenigstens hiitet sich in frommer 
Enthaltsamkeit, d'avon zu kosten. Auch das Fell und das Haar des 
Pferdes ist dem Mongolen nutzbar: aus dem erstern werden die 
Riemen geschnitten, die ihm so unentbehrlich sind, das letztere 
client zu Stricken und Sieben und aus dem Felle der jungen Fullen 
werden die Kleider zusammengenaht. 

Von dem breiten Riicken des Welttheils stieg das Thier nach 
alien Seiten bis in die Hochgebirge des nordlichen Indien hinauf 
und in die Flussthaler Turkestans, in die Landschaften und Wusteii 
des Jaxartes und Oxus hinab. Dort ist das Pferd des Turkmenen 
noch jetzt von ungemeiner Kraft, Ausdauer und Klugheit. Mit 



Das Pferd. 21 

geringem Mundvorrath verseheii macht der Turkmene Ritte von hun- 
dert Kilometern, ohne zu rasten, iiberfallt und plunder!, und ver- 
schwindet, ehe der Beraubte rioch zur Besinnung gekommen. Oft 
iibernachtet der Reiter scblafend auf seinem Thiere, mitten in der 
Wiiste, obne diesem einen Tropfen Wasser bieten zu konnen. Auch 
liebt er, nach Vamberys Worten, sein Ross mehr als Weib und 
Kind, mehr als sich selbst; es ist riihrend, rait welcher Sorgfalt 
dieser robe, habgierige Sohn der Wiiste sein Thier aufziebt, wie er 
es hiitet, gegen Frost und Hitze kleidet 'und mit Zaum und Sattel- 
zeug nach Kraften Aufwand treibt. Auch in den Augen des Kirgisen 
ist das Pferd der Inbegriff aller Schonheit. Er liebt sein Pferd mehr 
als seine Geliebte und schone Pferde verleiten auch den ehrlichsten 
und angesehensten Mann zum Diebstahl (W. RadlofF in der Zeitschr. 
fiir Ethnologic, 3, S. 301). Doch ist zu bemerken, dass die turk- 
menische Race, obwohl dem Kerne nach einheimisch, doch stark 
mit arabischem Blute gekreuzt ist und dieser Mischung einen Theil 
ihrer edlen Eigenschaften verdankt. 

Dass das Pferd auch westlich von Turkestan das Steppengebiet 
des heutigen siidostlichen und sudlichen Russland bis zum Fusse der 
Karpathen in urspriinglicher Wildheit durchstreifte, kann glaublich 
erscheinen, weniger, dass sogar die Waldregion Mitteleuropas einst 
von Rudeln dieser Thiere belebt gewesen. Und doch liegt eine Reihe 
historischer Zeugnisse vor, die diese letztere Thatsache ausser Zweifel 
zu stellen scheinen. Von spanischen wilden Pferd en berichtet 
Varro de r. r. 2, 1, 5: equi feri in Hispaniae citerioris regionibus 
aliquot, und ebenso Strabo 3, 4, 15: Iberien tragt viele Rehe und 
wilde Pferde (innovo, ayQCovg). In den Alp en lebten, wie wilde 
Stiere, so auch wilde Pferde (Strab. 4, 6, 10), und nicht bloss in 
den Alpen, sondern im Norden iiberhaupt, Plin. 8, 39: septen- 
trio fert et equorum greges ferorum. Auch im Mittelalter fehlt es 
nicht an Belegen fiir die Existenz wilder Pferde in Deutschland und 
in den von Deutschland ostlich gelegenen Landen. Zur Zeit des 
Venantius Fortunatus wird in den Ardennen oder Vogesen neben 
dem Baren, Hirschen und Eber auch der onager gejagt, worunter - 
wenn das Wort nicht bloss eine poetische Floskel ist - - das wilde 
Pferd verstanden werden kann, ad Gogonem, Miscell. 7, 4, 19: 

Ardennae an Vosagi cervi, caprae, helicis ursi 
Caede sagittifera silva fragore tonat? 
Seu validi bufali ferit inter cornua campum. 
Nee mortem differt ursus. onager, aper? 



22 I>as Pferd. 

In Italien sah man wilde Pferde zum ersten Mai wahrend der longo- 
bardischen Herrschaft, unter dem Konig Agilulf, Paul. Diac. 4, 11: 
tune primum cdballi silvatici et bubali in Italiam clelati Italiae 
populis miracula fuerunt. Papst Gregorius 3 schreibt um 732 an 
den heil. Bonifacius (Bonifac. ep. 28 bei Jaffe, Mon. Mog. p. 91 ff.): 
Du hast Einigen erlaubt, das Fleisch von wilden Pferden zu essen, 
den Meisten auch das von zahmen. Von nun an, heiligster Bruder, 
gestatte dies auf keine Weise mehr. Der Apostel der Deutschen 
war also bis dahin in diesem Punkt liberal gewesen vielleieht 
weil er einen Gebrauch, der dem Italiener in Kom graulich erschien, 
auf seiner heimathlichen Insel von frtiher Jugend an gekannt und 
selbst geiibt hatte ? Unter den von dem St. Galler Monch Ekkehard 
dem vierten herruhrenden Segensspriichen zu den bei , dem gemein- 
samen Mahl aufgetragenen Speisen (vom Jahr 1000 oder bald nach- 
her, herausgegeben von Ferdinand Keller in den Mittheil. der antiqu. 
Ges. in Zurich, III, 2, S. 99 ff.) bezieht sich einer auch auf das 
Fleisch vom wilden Pferde, das also von den frommen Vatern des 
einst in der Wildniss gegrlindeten Klosters noch genossen wurde, 
v. 127: 

sit fcralis equi caro dulcis in hac cruce Christi. 

Der Winsbeke spricht in Strophe 46 (Weingartner Liederhandschrift 
S. 217) die Erfahrung aus: Ein Fohlen in einer wilden Heerde 
Pferde wird, eingefangen, eher zahm, als dass ein ungerathener 
Mensch in seinem Innern Scham empfinden lerne : 

ein vol in einer wilden stuot 
un uzgevangen wirt e zam, 
e daz ein ungeraten lip 
gewinne ein herze daz sich scham. 

Im Sachsenspiegel, da wo die Gerade der Frau bestimmt wird (d. h. 
die fahrende Habe derselben), sagt die Glosse, wilde Pferde, die 
man nicht immer in Hut behalte, seien dazu nicht zu rechnen, 1, 24: 
hir pruve hi, dat wilde Perde, de men al tit nicht unhut, de un horen 
Mr tu nicht. In einer westphalischen Urkunde vom Jahre 1316 (bei 
Venantius Kindlinger, Miinsterische Beitrage, Miinster 1787, I, Urk. 
no. 8, S. 21) wird einem gewissen Hermann die Fischerei im ganzen 
Walde und die wilden Pferde und die Jagd, die Wildforst genarmt 
wird, zugetheilt: item recognoscimus quod piscatura per totum nemus 
pertinet Hermanno praedicto et vagi equi et venatio dicta wiltforst. 
Ja nicht bloss zur Zeit der Merovinger, noch am Ende des 16. Jahr- 
hunderts lebten solche wilde Pferde in dem Vogesengebirge, der 



Das Pferd. 23 

rauhen Kriegs- und Grenzscheide zweier Racen, - wie Helisaeus 
Rosslin, des Elsass und gegen Lotringen grentzenden wassgawischen 
Gebirgs Gelegenheit, Strassburg 1593, S. 21, ausfuhrlich berichtet: 
die in ihrer Art viel wilder und scheuer sind, dann in vielen 
Landen die Hirsch, auch viel schwerer und muhsamlicher zu fangen, 
eben so wohl in Garnen als die Hirsch, so sie aber zahm gemachet, 
das doch mit viel Muh und Arbeit geschehen muss, sind es die 
allerbesten Pferd, spanischen und tiirkischen Pferden gleich, in vielen 
Stiicken aber ihnen fiirgehen und barter seind, dieweil sie sonder- 
lich der Kalte gewohnet, und rauhes Futters, im Gang aber und 
in den Fussen fest, sicher und gewiss seind, weil sie der Berg und 
Felsen, gleich wie die Gemsen, gewohnet. Fanden sich solcher- 
gestalt wilde Pferde in dem kultivirten West- und Suddeutschland, 
so mussten sie sich in den Wildnissen an der Ostsee, in Polen und 
Russland um so langer erhalten. Hier sind in der That die Zeug- 
nisse bis in die neuere' Zeit hinab zahlreich. Das Land der Pom- 
mern war zur Zeit des Bischofs Otto von Bamberg, also in der 
ersten Halfte des 12. Jahrhunderts, reich an aller Art Wild, darunter 
auch wilde Ochsen und Pferde, Herbordi vita Ottonis bei Pertz XX, 
p. 745 : bubalorum et equulorum agrestium . . . copia redundat omnis 
provincia. Um die gleiche Zeit gab es auch in Schlesien ungezahmte 
Pferde: der Canom'cus Wissegradensis, der Fortsetzer des Cosmas, 
berichtet zum Jahr 1132, bei Pertz SS. IX, p. 138: Interea dux 
Sobeslaus (der Schwager des Konigs Bela von Ungarn) . . . Poloniam 
cum exercitu suo 15 Kal. Novembris intravit totamque partem 
illius regionis quae Sleszko (Schlesien) vocatur penitus igne con- 
sumpsit. Multos etiam captivos cum innumera pecunia nee non 
indomitarum equarum greges non paucos inde secum adduxit. 
Bekannt ist und durch viele literarische Erwahnungen wird bestatigt, 
class in Preussen bis zum Zeitalter der Reformation, ja noch spater, 
die Walder von wilden Pferden bevolkert waren. Toppen, Geschichte 
Masurens, Danzig 1870, S. XVII: In Ordenszeiten jagte man wilde 
Rosse, so wie anderes Wild, vorzuglich um ihrer Haute willen. Noch 
Herzog Albrecht erliess um 1543 ein Mandat an den Hauptmann zu 
Lyck, in welchem er ihm anbefahl, fur die Erhaltung der wilden 
Rosse zu sorgen (s. auch denselben in den Preussischen Provinzial- 
blattern 1839, Bd. 22, S. 481 und den Neuen Pr. Prov. Bl. 1847, Bd. 4, 
8. 453). Auch fur Polen und Litauen gehen die Hinweisungen auf 
das Pferd als Jagdthier bis tief in das 17. Jahrhundert hinab (so bei 
Guillebert de Lannoy 1399-1450, Simon Grunau, schrieb zwischen 



24 Das Pferd. 

1516 und 1527, Matthias a Michovia, 1521 herausgekommen, Her- 
berstein u. s. w.), fur Russland geniige die merkwiirdige Aussage des 
Fiirsten von Tschernigow, Wladimir Monomach (er lebte von 1053 
bis 1125), der in seiner hinterlassenen Mahnung an seine Sohne (er- 
halten in der sog. Lawrentisehen Chronik) iiber sich selbst berichtet: 
Aber in Tschernigow that ich dies: ich fing und fesselte eigenhandig 
zehn bis zwanzig wilde Pferde lebendig; und als ich langs deni Flusse 
Rossj ritt (so wird jetzt gelesen: in der auch sonst sehr fehlerhaften 
Handschrift steht das sinnlose po Rovi\ der genannte Fluss Rossj 
bildete eine Art Grenzscheide zwischen den Russen und den wilden 
tiirkischen Polowzern), fing ich mit den Handen eben solche wilde 
Pferde. 

Zur richtigen Beurtheilung dieser Stellen ist vor Allem Folgen- 
des zu erwagen. Bei den europaischen Volkern wurde in altester 
historischer Zeit das Pferd gehalten wie bei den asiatischen Nomaden : 
es weidete abseits, fern von der Niederlassung, in ganzen Heerden, 
im halb wilden Zustande (eine solche Heerde hies ahd. stuot, ags. 
und altn. stod, lit. stodas, slav. stado\ und wurde hervorgeholt, 
wenn die Gelegenheit sich hot, es zu brauchen. War ein heran- 
gewachsenes Thier dazu bestimmt, den Herrn auf einem Zuge zu 
begleiten, so wurde es eingefangen, durch energische Mittel gezahmt 
- wobei manches Individuum durch Erdrosselung zu Grunde gehen 
musste - - und flog dann mit seinem Reiter windschnell durch die 
Weite. Wenn es im altnordischen Havamal heisst: 

Fiittere das Ross daheim, 
Den Hund auswarts, 

so ist dies schon eine spatere Regel, die ungefahr dasselbe sagt, wie 
das griechische, auch unter uns gebrauchlich gewordene Sprichwort: 
des Herrn Auge macht die Pferde fett. Die Freiheit aber, in der 
in fruherer Zeit die junge Zucht aufwuchs, rnusste haufig Anlass zu 
volliger Verwilderung einzelner Thiere oder ganzer Heerden geben. 
Jene rissen sich los, so die Stuten in der Zeit der Brunst, und ver- 
irrten sich, diese stiirzten, von Wolfen verfolgt oder von Moskitos 
gepeinigt, sinnlos in die Weite fort; so wurden sie als freie Be- 
wohner der buschigen Wildniss Gegenstand der Jagd, wie Hirsche 
und Elene. Gegen die Annahme, dass das mittlere Europa bis nach 
Spanien hin zu dem naturlichen Verbreitungsbezirk des Pferdes ge- 
hort habe, scheint der Umstand zu sprechen, dass dieser Welttheil 
vor Beginn der Kulturthatigkeit des Menschen ein dicht verwachse- 
nes und beschattetes Waldgebiet darstellte, das Pferd aber ein auf 



Das Pfercl. 25 

Gras als seine Nahrung und Schiielligkeit als seine Waffe zur Rettung 
vor den grossen Raubthieren berechnetes fliichtiges Steppenthier ist. 
Die Art, wie einige der oben angefiihrten Nachrichten gefasst sind, 
deutet gleichfalls mehr auf verwilderte, als auf urspriinglich wilde 
Pferde. Wenn die Pferde der Vogesen, zwar mit Miih und Arbeit, 
aber doch mit Erfolg gezahmt werden; wenn der dux Sobeslaus von 
einem Kriegszuge in Schlesien indomitarum equarum greges mit 
heimfuhrt oder in jener westphalischen Urkunde Fischerei, Jagd und 
die vagi equi eines Territoriums einem der Theilhaber zugesprochen 
werden; ebenso wenn die ungehiiteten Pferde nicht zu dem Gute 
der Frau zu rechnen sind, so ist gewiss die Vermuthung gestattet, 
dass in all diesen Fallen nur von Fliichtlingen berichtet wird. So 
konnten auch die Thiere, die der heilige Otto in Pommern vorfand 
oder die die Ordensritter in Preussen jagten, zwar in der Wildniss 
geboren sein, dennoch aber von entlaufenen Stuten abstammen, und 
dies um so eher, je mehr jene noch ungelichteten Gegenden seit 
Jahrhunderten von innern Raub- und Kriegsziigen beimgesucht 
waren. Noch natiirlicher war dies im Gebiet von Tschernigow, wo 
der Grossfiirst zehn oder zwanzig unbandige Pferde mit eigener 
Hand fing und koppelte: in jenem Grenzgebiet, das unmittelbar an 
die nomadischen Pferdevolker stiess, konnten die Walder verlorenen 
oder verirrten Thieren der Art leicht eine Zuflucht geboten haben. 
Auch sagt der Grossfiirst nicht, er habe Pferde, wie andere Jagd- 
thiere, erlegt, sondern er habe sie eingefangen und gefesselt, d. h. 
mit kraftigem Arm die Schlinge gefiihrt, die auch bei halbzahmen 
Heerden in Gebrauch war. Wir fiigen noch hinzu, dass auch die 
um den See, aus dem der Hypanis seinen Ursprung hatte, weidenden 
wilden Pferde bei Herodot 4, 52 : innot, aygioi tevxot sich durch das 
Pradikat weiss, Aevxot, als geheiligte, in halber Freiheit gehaltene 
Heerden verrathen. 

Kehren wir aus dem europaischen Waldrevier zu der urspriing- 
lichen Heimath des Thieres, dem Steppengebiet Asiens, zuriick, so 
begegnet uns hier weiter die bedeutungsvolle Thatsache, dass, je 
ferner von diesem Ausgangspunkte eine Landschaft gelegen ist, desto 
spater in ihr auch historisch das gezahmte Pferd auftritt,und desto 
deutlicher die Rossezucht als eine von den Nachbaren im Osten und 
Nordosten abgeleitete erscheint. 

In Aegypten, um mit dem entlegensten Gliede zu beginnen, 
hat sich im sogenannten alten Reiche keine Abbildung eines Rosses 
oder eines Kriegswageiis gefunden. Erst da die Epoche der Hirten- 



26 I>as Pferd. 

konige voriiber 1st, begimieii unter der achtzehnten Dynastic mid bei 
Gelegenheit der Kriegsziige, die dieselbe unternahrn (etwa um das 
Jahr 1700 v. Chr.), die bildlichen Darstellungen und in den Papyrus, 
so weit deren Lesung mit Sicherheit gelungen ist, die Erwahnungen 
des Rosses und der in asiatischer Weise bespannten Streitwagen 
(Brugsch, Gescbichte Aegyptens, Leipzig 1877, S. 198, 273; Chabas, 
fitudes sur Fantiquite historique, p. 413 ff.). Die Vermuthung, dass 
es eben das Hirtenvolk der Hyksos gewesen, welcbes das neue Thier 
und mit ihm die rieue Kriegskunst nach Aegypten brachte (Ebers, 
Aegypten. und die Bticher Mose's 1, 121: es unterliegt keinem 
Zweifel, dass dies Thier von den Hyksos in Aegypten eingefiihrt 
worden ist), hat viel Bestechendes , wird aber bis jetzt von keinem 
bestimmten Denkmal gestiitzt. Vielleicht also wareii es erst die 
Konige der genannten achtzehnten Dynastie, denen bei ihrem 
kriegerischen und friedlichen Verkehr mit Syrien das Pferd und der 
Streitwagen von diesem Lande her bekannt wurden (der agyptische 
Name des Wagens ist dem hebraischen fast vollstandig gleich, 
agyptisch sus das Pferd ist ein semitisches Wort, Brugsch a. a. 0.). 
Wenn Chabas meint, die Zahmung und Anschirrung des Rosses 
setze eine langere Anwesenheit desselben voraus, wahrend welcher 
es stufenweise zum Dienst des Menschen erzogen worden, so vergisst 
er, dass es sich hier um ein fertig von den Nach barn dbernommenes, 
langst an diesen Dienst gewohntes Thier handelt. Uebrigens wurde 
auch in Aegypten, wie bei den Asiaten, das Pferd nur zu kriege- 
rischen Zwecken gehalten; iiber seine Anwendung bei hauslichen 
und landlichen Arbeiten sind die Bildwerke stumm, - - denn das 
Wenige, was dahin zu deuten ware, durferi wir als allzu zweifelhaft 
unbeachtet lassen. Kriegswagen hat auch Achilles im Sinn, wenn 
er II. 9, 383 vom agyptischen Theben sagt: 

Theben die hundertthorige Stadt, es fahren aus jedem 
Thor zwei'huiidert Manner heraus mit Rossen und Wagen. 

Wie der Aegypter selbst iiber den Gebrauch des Pferdes dachte, 
lehrt die mythische Erzahlung bei Plut. de Is. et O. 19: Osiris 
fragte den Horus, welches Thier fur den Krieg wohl das nutzlichste 
sei? Als Horus darauf erwiderte: das Pferd, wunderte sich Osiris 
und forschte weiter, warum nicht eher der L6 we als das Pferd? 
Da sagte Horus: der Lowe mag demjenigen niitzlich sein, der Hiilfe 
braucht, das Pferd aber dient den fliehenden Feind zu zerstreuen 
und aufzureiben. Der Lowe namlich war von den Aegyptern, wenn 
wir den Abbildungen trauen diirfen, in so weit gezahmt worden, 



Das Pferd. 27 

dass er den Pharao in die Schlacht begleiten konnte; er wurde an 
einer Kette am Wagen mitgefiihrt und im rechten Augenblick los- 
gelassen. 

Fur das Alter des Pferdes bei den Semiten Vorderasiens sind 
wir auf die Zeugnisse des Alten Testaments, des Pentateuch, des 
Buches Josua u. s. w. gewiesen aus welcher Zeit aber stammen 
dieselben? Es giebt kein Stiick dieser Sammlung, das nicht aus 
verschiedenartigen Bestandtheilen zusammengesetzt und nicht durch 
die Hand eines Bearbeiters oder mehrerer sich folgender Bearbeiter 
gegangen ware. Hatten sich wirklich einzelne schriftliche Auf- 
zeichnungen aus der Zeit der ersten Besetzung des Landes erhalten, 
so mogen diese in die Erzahlung aufgenommen worden sein; im 
Uebrigen konnte auch der alteste biblische Verfasser, der altere 
Elohist, dessen Schrift gleichwohl nicht iiber die Epoche der 
Konige hinaufgeht, nur aus der Sage schopfen, die ihrer Natur nach 
in der langen Zeit geschaftig gewesen war, ihren Stoff je nach dem 
Bediirfniss zu gestalten und umzugestalten. So sind wir bei keinem 
einzelnen Zuge der biblischen Berichte vollig sicher, ob er von 
echter Ueberlieferung oder von spaterer theokratischer oder nationaler 
Absicht oder endlich von dem Geiste anachronistisch ausmalender 
Dichtung eingegeben worden. Was nun das Pferd betrifft, so fehlen 
in den sogenannten Biichern Mosis und auch in den Geschichts- 
biichern die Erwahnungen desselben nicht, z. B. Jos. 11, 4 von den 
Kanaanitern: diese zogen aus mit all ihrem Heer, ein gross Volk, 
so viel als des Sandes am Meer und mit sehr viel Ross und Wagen 
und der Inhalt dieser Stellen wird durch das Lied der Deborah, 
Richter 5, welches bedeutend alter sein muss, als die Griindung der 
Monarchic, und wohl in das 13. Jahrhundert v. Chr. fallt, als echt 
bestatigt, 22: da rasselten der Pferde Fiisse fiir dem Zagen ihrer 
machtigen Reiter, 28: warum verzeucht sein Wagen, dass er nicht 
kommt? wie bleiben die Rader seiner Wagen so dahinten? aber 
als Haus- und Heerdethier der Patriarchen erscheint es in diesen 
Schilderungen nicht; es nimmt an den Wanderungen und Kampfen 
des Volkes Israel nicht Theil; es ist das kriegerische Thier der 
Nachbarn und Feinde, rasselnd und stampfend vor dem Streitwagen 
oder unter dem Reiter; als Kriegsross, und nur als solches, wird es 
auch in der schwungvollen Schilderung des Buches Hiob gefeiert; 
im Haushalt vertritt seine Stelle der Esel. Lass dich nicht ge- 
1 iisten, lehrt der Dekalog, dessen Gebote doch aus verhaltniss- 
massig sehr alter Zeit stammen, deines Nachsten Weibes 



28 Das Pferd. 

noch seines Ochsen noch seines Esels noch Alles, was dein Nachster 
hat : das Pferd, der Hauptgegenstand des Raubes mid Begehrs bei 
reitenden Nornaden, ist hier bezeichnender Weise nicht genannt. 
(Weitere Belege dafiir, dass den Hebraern in friiher Zeit das Pferd 
fehlte, bei Michaelis, Mosaisches Recht, Theil 3 der zweiten Auflage, 
Anhang: Etwas von der altesten Geschichte der Pferde und Pferde- 
zucht in Palastina imd den benachbarten Landern, sonderlich 
Aegypten und Arabien. ) Wenn uns spater von dem Konig von 
Juda, Josias, berichtet wird, er habe ausser anderem heidnischen 
Grauel auch die der Sonne geweihten Pferde und Wagen abgeschafft, 
2. Kon. 23, 11: Und that abe die Ross, welche die Konige Juda 
hatten der Sonnen gesetzt im Eingang des Herren Hause, an der 
Kamnier Nethanmelech des Kammerers, der zu Parwarim war. Und 
die Wagen der Sonnen verbrannte er mit Feuer so war dies 
unter den mannigfachen Gotterdiensten, die in Jerusalem zusammen- 
flossen, ein aus Medien hierher gelangter Zug des iranischen Sonnen- 
kultus (s. unten). - Kein Wunder, dass wir das Pferd auch bei 
dem sudlichen Zweige der Semiten, den Ismaeliten oder Arabern, 
nicht antreffen. Nirgends im Alten Testament treten die Hirten der 
arabischen Wiiste in Begleitung dieses Thieres auf; sie ziehen nur 
mit Eseln und Kameelen umher und die Kriegskunst der despotischen 
Reiche vom Tigris bis zum Nil ist ihnen unbekannt. Ganz damit 
in Uebereinstimmung reiten in des Xerxes Heer die Araber nur auf 
Kameelen, Herod. 7, 86 : die Araber waren alle auf Kameelen be- 
ritten, die den Pferden an Schnelligkeit nicht nachgaben. Auch 
nach Strabo gab es in dem gliicklichen Arabien keine Pferde und 
also auch keine Maulthiere, 16, 4, 2: an Haus- und Heerdethiereii 
(foaxvjfiaT(ov) ist dort Ueberfluss, wenn man Pferde, Maulthiere und 
Schweine ausnimmt, und ebenso im Lande der Nabataer, 16, 4, 
26: Pferde sind in dem Lande keine: deren Stelle in der Dienst- 
leistung vertreten die Kameele und doch war Strabo, der Freund 
und Genosse des Aelius Gallus, des Feldherrn, der die grosse miss- 
lungene Expedition nach Arabien gemacht hatte, iiber die Halbinsel 
sicherlich so genau, wie nur irgend Jemand in damaliger Zeit, unter- 
richtet. Noch in der Schlacht bei Magnesia fiihrte Antiochus der 
Grosse, wie einst Xerxes, Araber, auf Dromedaren sitzend, ins Gefecht, 
Liv. 37, 40 (das aus mancherlei asiatischen Volkerschaften , jede in 
der ihr zusagenden Riistung und Waffe, bestehende Heer wird be- 
schrieben, darunter die Araber): cameli, quos appellant dromadas. 
His insidebant Ardbes sagittarii, gladios liabentes tenues u. s. w. 



Das Pferd. 29 

Diejenigen, die diese Nachrichten der Alien aus dem Grunde un- 
glaublich finden wollten, well jetzt die 'arabischen Pferde fur die 
edelsten ibres Gesehlechts gelten, haben nicht erwogen, dass auf dem 
Gebiet der Kulturgeschichte ahnliche Falle keineswegs selten, ja 
ausserordentlich haufig sind. In den Sandrneeren Arabiens, in denen 
die Oasen gleicbsam die Inseln bilden, war zur Ueberfabrt von 
einer zur andern das Kameel, das Schiff der Wiiste, bei Weitem 
dienlicher als das Pferd : es konnte schnell sein, wie dieses, es konnte 
auch lange dursten; es nahrte sich von Wiistenkrautern und auf 
seinem breiten Rucken trug es die Zeltstangen und den Mundvorratb, 
die Weiber und Kinder des herumziebenden Hirteii iiber weite 
Strecken. Zu den obigen direkten Zeugnissen lasst sicb noch das 
negative des Publius Vegetius, eines spaten hippiatrischen Compilators, 
fiigen, der im 6. Kapitel des 6. Buches (der Ausgabe von Schneider) 
die dem Alterthum bekannten, durch irgend welche Eigenschaften hervor- 
steehenden Pferderacen aufzablt und charakterisirt, iiber das arabische 
Pferd aber sehweigt. Von den afrikanischen , also dem arabischen 
Schlage, wie man glauben konnte, nahestehenden Pferden sagt er, 
sie wiirden fur den Circus als die schnellsten bezogen, fiigt aber 
hinzu, sie seien spanischen Blutes, 6, 6, 4: nee inferiores prope 
Sicilia exhibet circo, quamvis Africa Hispani sanguinis velocissimos 
praestare consueverit. Auch bei Symmachus Epp. 4, 62 wird aus 
Antiochia eine Gesandtschaft nicht etwa ins nahe Arabien, 

sondern nach Spanien geschickt, urn dort Rennpferde zu kaufen, und 
erhalt von Symmachus einen Empfehlungsbrief an den Spanier 
Euphrasius, den Besitzer grosser Stutereien. Aber bei Ammianus 
Marcellinus, dem etwas alteren Zeitgenossen des Symmachus, in der 
zweiten Halfte des 4. Jahrhunderts , wird 14, 4, 3 bei Schilderung 
der Sitten der Saracenen, deren Wohnplatz der Geschichtsschreiber 
vom Tigris bis zu den Wasserf alien des Nil sich denkt, ihrer 
schnellen Pferde und schlanken Kameele, equorum adjumento per- 
nicium graciliumqiie camelorum, Erwahnung gethan. Ungefahr gleich- 
zeitig besass auch der Kaiser Valens saracenische Reiterei, Eunap. 6 
ed. Bonn. p. 52 : ^o SaQaxqvwv Irtmxov, die er aus dem Orient gegen 
die sein Land verwiistenden Goten voraussandte , und nach der 
etwas spateren Notitia dignitatum I, cap. 25, 1, 4 hatte der Comes 
limitis Aegypti unter seinem Oberbefehl equites Saraceni Thamudeni, 
wie auch cap. 29, 1, 5 equites Thamudeni Illyriciani fur Palastina 
vorkommen. Das arabische Pferd muss also in den letzten Zeiten 
des Alterthums und im friihen Mittelalter, zwar nicht zu allererst 



30 Das Pferd. 

eingefuhrt, doch in einer ihm zusagenden Natur und unter der Gunst 
pflegender Sitte zu dem stolzen und schonen Geschopf geworden 
sein, wie wir es gegenwartig bewundem. Im Koran und in den 
Ueberbleibseln vorislamitischer Poesie, so weit sie uns in genuiner 
Gestalt erhalten sind, wird es schon in Schilderungen und Vergleichen 
mit zartlicher Vorliebe gepriesen. 

Wenden wir uns zu den Ostsemiten, den Babyloniern und 
Assyrern im Gebiet des Euphrat und Tigris, so tritt uns hier an 
den Wanden der neu aufgegrabenen Palaste der Kriegswagen, von 
reich aufgescbirrten Rossen gezogen, uberall in sprechenden Bildern 
entgegen. (Ausfiihrlich handelt dariiber Layard, Ninive and its 
remains, T. 2, chap. 4.) Von hier aus war diese Waffe ohne Zweifel 
weiter nach Westen und Siidwesten, zu den Syrern am mittel- 
landischen Meer und zu den Aegyptern im Nilthal gekommen. In 
den mesopotamischen Ebenen muss es gewesen sein, wo die An- 
wendung des Wagens zum raschen Angriff und ebenso raschen 
Riickzug fiir den Bogenschiitzen erfunden wurde. Wo uns die nini- 
vitischen Skulpturen einen Reiter mit Pfeil und Bogen im Kampf 
zeigen, da wird sein Pferd jedesmal von einem andern Reiter ihm 
zur Seite gehalten und gelenkt; ist der Reiter statt des Bogens mit 
dem Speer bewaffnet, so fehlt dieser Gehiilfe. Der Schiitze musste 
die Hande frei haben, um an den Kocher zu greifen, den Bogen zu 
.spannen und den Pfeil richtig zum Ziele zu senden; ein so mit dem 
Rosse verwachsener Reiter, wie der Farther und jetzt der Turkmene, 
war der Assyrer noch nicht. So verfiel er auf die Einrichtung des 
helfenden Nebenreiters und in weiterer Folge auf den leichten, zwei- 
radrigen, mit zwei Rossen bespannten und zwei Menschen fassenden 
Kriegswagen. Er stand auf diesem Wagen, frei umherblickend, und 
der Rosselenker an seiner Seite; selbst auf der Flucht konnte er sich 
umwendend den verfolgenden Feind noch treffen. Doch scheint auch 
in den assyrischen Kriegsziigeii der Wagenkampf ein Vorzug der 
Edlen zu sein, wie in anderen Zeiten und bei anderen Volkern der 
ritterliche Kampf zu Rosse: der assyrische Konig zeigt sich nicht 
zu Fuss, auch nicht reitend, sondern immer zu Wagen, ausser bei 
Belagerungen fester Platze, wo es der Natur der Sache nach auf 
Fliichtigkeit der Bewegung nicht ankam. Vor den Wagen sind 
immer nur zwei Rosse gespannt; ein drittes, in seltenen Fallen auch 
ein viertes, laufen lose neben her, um weun eins der Deichselpferde 
verwundet oder sonst unbrauchbar geworden, an seine Stelle zu 
treten. Die Pferde dieser Bilder sind zwar, wie die Menschen, 



Das Pferd. 31 

strenge stilisirt, doch will Place, Ninive et 1'Assyrie, II. p. 233, bei 
den heutigen Kurden,. also einem iranischen Volke, ganz ahnliche 
gefunden haben. Dass das semitische Ross uberhaupt aus iranischen 
Landen, wie das agyptische aus semitischen, stammte, ist eine aus 
alien Umstanden sich ergebende Vermuthung. Nach dem Propheten 
Ezechiel bezog auch Tyrus seine Pferde aus Thogarma, d. h. aus 
Armenien und Cappadocien, 27, 14: Die von Thogarma haben Dir 
Pferd und Wagen und Maulesel auf Deine Markte bracht. 

Tiefer nach Siidosten, in Indien, entfernen wir uns sichtlich von 
dem Mittelpunkt des Kreises, den die Verbreitung des Pferdes be- 
schreibt. In Indien waren die Pferde weder haufig, noch schon 
und stark, sie wurden aus den Landern im Nordwesten eingefuhrt 
und arteten leicht aus. Die Alten erwahnen dieser Eigenthtimlichkeit 
des an alien andern Naturschatzen so reichen Landes nicht selten 
und neuere Berichterstatter stimmen mit ihnen iiberein (s. Lassen, 
Ind. Alterthumskunde 1 , 301 f .). Doch im Grenzgebiet bei den 
vedischen Stammen im Fiinfstromlande, steht das Ross im hochsten 
Ansehen und bildet einen erstrebten Besitz und Reichthum (H. 
Zimmer, Altindisches Leben, S. 230 f.). Es die-nt zum Kriege und 
als Opfer, wird nicht geritten, sondern zieht den Kriegswagen. 
Aber wie noch andere Ziige beweisen, dass das aus den Veden zu 
erschliessende Leben keineswegs ein ganz ursprungliches war, sondern 
schon mannigfache Kultureinfliisse von Westen erfahren hatte (die 
babylonische Mine als Goldeinheit, das Wegemass, die Eintheilung 
des Tages, die Mondstationen , die semitische Fluthsage), so gleicht 
auch der vedische Streitwagen genau und in alien Theilen dem 
homerischen und beide zusammen dem assyrischen, von dem sie 
stammen (Zimmer a. a. O. S. 245 ff.). In Karmanien, westlich vom 
Indus, vertrat auch im Kriege der Esel das Pferd (Strab. 15, 2, 14) 
und auch in der Landschaft Persis, aus der die Stifter des persischen 
Weltreichs hervorgingen , fehlte das Pferd fast ganz und war das 
Reiten unbekannt. Der junge Cyrus jauchzte, als er am Hofe seines 
Grossvaters das edle Thier tummeln lernte, denn in seiner gebirgigen 
Heimath war es ungewohnlich, Pferde zu halten oder sie zu be- 
steigen, ja man bekam kaum ein Pferd zu Gesicht (Xen. Cyrop. 1, 
3, 3). Als er spater die Waff en gegen die Meder und Hyrkanier 
erhoben und deren geschwinde Reiterei hatte bekampfen miissen, da 
empfahl er den Seinigen, von nun an auch das Ross zu besteigen 
und gleichsam beflugelt dem Feinde sich entgegen zu schwingen. 
Auf die wohlgesetzte Ansprache voll attischer Beredsamkeit, die ihm 



32 Das Pferd. 

Xenophon, Cyrop. 4, 3, bei dieser Gelegenheit in den Mund legt, 
erwidert einer der Grossen, Chrysantas, mit einer beistimmenden 
Rede, und seit jenen Tagen, setzt Xenophon hinzu, halten es die 
Perser so, dass kein Vornehmer und Gebildeter, oiSelg x<Zv xahoiv 
xdyaOwv , jemals freiwillig zu Fusse gehend erblickt wird. Daher 
auf dem Grabmal des Darius, wie Onesikritos bei Strabo 15, 3, 8 
berichtet, geschrieben stand, der Konig sei nicht nur ein treuer 
Freund, sondern auch der beste Reiter, Schutze und Jager gewesen 
tyikoo, fjv wig (pttoig' ITITISVS xal ^o%o^r\q > agrtfiog eytv6[Jir]V' xwr^wv 
sxQawvv Tidvia noielv ^wdfAtjV. Auch in diesem Punkt, wie in 
den Staatsf ormen , der Kleidertracht, den Sitten und Lebensgewohn- 
heiten bildeten sich die Perser nach den ihnen blutsverwandten 
Medern, nach babylonischem Muster nur, in so fern dies schon 
1'riiher in Medien gewirkt hatte. Das Ross als ein heiliges, verehrtes 
Thier, als weissagerisch , als Opfer fiir den Lichtgott, der Wagen 
des grossen Konigs mit lichtweissen Rossen bespannt, die Unsterb- 
lichen auf weissen Rossen daher sprengerid, die Heldennamen, die 
Narnen der Untergotter mit dem Worte agpa das Pferd zusammen- 
gesetzt dies Alles ist medisch und baktrisch und wurde auch 
Glaube der Perser, Strab. 11, 13, 9: Die ganze jetzt persisch ge- 
nannte Kriegsordnung und die Vorliebe fiir das Schiitzenwesen und 
fiir die Reitkunst und der das Konigthum umgebende Dienst und 
Prunk und die dem Herrscher von dem Beherrschten gewidmete 
gottahnliche Ehrfurcht, Alles dies ist aus Medien zu den Persern 
gekommen. Medien war das Land der Pferde, woher sie ganz 
Asien bezog; es war dazu geeignet, theils der natiirlichen Beschaffen- 
heit mancher Oertlichkeiten , theils der angeborenen Neigung seiner 
Bewohner wegen ; es bildete selbst den Uebergang von Iran zu Turan, 
d. h. von den ansassigen zu den reitenden Volkern iranischen Blutes. 
Medien, sagt Polybius, 10, 27, zeichnet sich durch die Vorziige 
seiner Menschen wie seiner Pferde aus; durch die letzteren steht es 
ganz Asien voran, daher auch die koniglichen Stutereien in dieses 
Land verlegt waren. Auch Strabo ruhmt Medien und das an- 
grenzende Armenien wegen seiner Rossezucht, 11, 13, 7: Beide 
Lander, Medien und Armenien, sind ausnehmend reich an Pferden; 
auch giebt es dort eine Wiesengegend Hippobotos, durch welche die 
Reisenden hindurchkommen , die von Persis und Babylon zu den 
Kaspischen Thoren wollen: in dieser sollen zur persischen Zeit funf- 
zigtausend Stuten geweidet, die Heerden aber dem Konige gehort 
haben. In Medien war es, wo die beriihmten nisaischen oder 






Das Pferd. 33 

nesaischen Rosse gezogen wurden, von deneii das ganze Alterthum 
redet, y.uerst Herod. 7 r 40: in Medien liegt eine weite Ebene, deren 
Name Nesaion 1st : diese Ebene tragt die (nach ihr benannten) grossen 
Pferde. Strabo lasst sie von jener Wiese Hippobotos ausgehen 
und versetzt sie auch nach Armenien, 11, 13, 7: die nesaischen 
Pferde, die als die besten und grossten den Persischen Konigen 
dienten, stammen nach den Einen von hier, nach den Andern aus 
Armenien*, 11, 14, 9: so sehr ist Armenien mit Pferden gesegnet, 
dass es hierin Medien nicht nachsteht und die nesaischen Pferde, 
deren sich die persischen Konige bedienten, auch hier vorkommen; 
auch schickte der Satrap von Armenien dem Perser jedes Jahr 
zwanzigtausend junge Thiere zu dem Mithrasfeste". Die nisaischen 
Pferde waren schnell, wie die heutigen turkmenischen, und Aristoteles, 
h. a. 9, 50, 251, riihmt den hyrkanischen Dromedaren nach, wenn 
sie sich in Lauf setzten, thaten sie es sogar den nisaischen Pferden 
zuvor, also den geschwindesten aller Pferde. Sie waren von eigen- 
thumlicher Bildung, wie die bei den asiatischen Griechen zu Strabos 
Zeit parthisch genannten Thiere (Strabo 11,13,7). Ammianus Marcellinus 
hatte so berittene Kampferschaaren selbst gesehen, 23, 6, 30: sunt apud 
eos (Medos) prata virentia: fetus equarum nobilium quibus (ut 
scriptores antiqui docent, nos quoq^te vidimus) ineuntes proelia viri 
summa vi vehi exsultantes solent qiios Nesaeos appellant. Nisaa 
selbst ist ein Orts- und Landschaftsname , der in Cis- und Trans- 
oxanien hin und wieder vorkommt und ohne Zweifel eine appella- 
tivische Bedeutung hatte. Nach Strabo 11, 7, 2 war Nesaa ein 
Theil Hyrkaniens oder auch, wie Andere sagten, ein Land fur sich, 
und der Ochus floss durch dasselbe, wie auch Ammianus Marc. 23, 
6, 54 in Hyrkanien eine Stadt Nisea kennt. In Parthien lag eine 
Landschaft Nisaa, wo von den Macedoniern Alexandropolis gegriindet 
war, Plin. 6, 113: regio Nisiaea Parthyenes nobilis, uU Alexandropolis 
a conditore, und die Stadt Parthaunisa, in der der Name Parthiens 
und der Farther nicht verkannt werden kann, fiihrte nach Isidor 
von Charax 12 Miiller bei den Hellenen auch den Namen Niaaia. 
Ptolemaus 6, 10, 4 und 8, 23, 6 hat in Margiana einen Ort, Nfacua 
oder Nfycua, nordlich von Aria sogar ein Volk der Nisaer, Nusaloi, 
(6, 17, 3). Nach den Glossarien des Hesychius und Suidas (unter 
Nytfatag innovg und "Irtnog Niaalog) liegt zwischen Susiana und 
Bactriana eine Gegend, deren Name griechisch Nlaog oder Nfoog 
wiedergegeben wird. Ja selbst in den altpersischen und altbaktrischen 
Denkmalern ist dieser Name noch erhalten: in der grossen Darius- 

Vict. Hehu, Kulturpflanzen. 7. Aufl. 



34 Das Pferd. 

inschrift von Behistun oder Bisitun wird eine Landschaft Nigaya in 
Medien genannt und im Vendidad im obern Thai des Margos 
(Murghab) zwischen Bakhdhi (Balkh) und Mouru (Merw) eine Ort- 
schaft Nicaya (s. Justi, Handbuch S. 173, Spiegel Commentar zu 
der St. : Wir wollen bloss bemerken, dass oft'enbar der Name Nic.aya 
im alien Iran ein ziemlich haufiger war und an verschiedenen Orten 
vorkommt.) Die nisaischen Pferde weisen demnach in das Grenz- 
land zum heutigen Turkestan bin, von wo zu aller Zeit die Einbriiche 
der Nomaden in das orientalische Kulturland ergangen sind. Hier 
bis an den Jaxartes oder Tanais (beide Namen des Flusses sind' 
iranisch) und driiber hinaus lebten jene auf fliichtigen Rossen umher- 
schweifenden Volker, die im stetigen Uebergang auch im Norden des 
kaspiscben und schwarzen Meeres bis zum europaischen Tanais und 
zum Borysthenes und Ister reicheii: die Farther, die Massageten, 
die Daer und Chorasmier , die Sarmaten und Scythen u. s. w. , mit 
einem Gesammtnamen Saker genannt. Wie diese Volker alle auf 
und mit ihren Rossen leben, wie sie als Innoxo^oTai, reitend ihre 
Pfeile versenden, wie ihre Rosse, gleich den heutigen turkmenischen, 
die weitesten Strecken fliichtig zuriicklegen, ist von den Alten haufig 
mit mehr oder minder Ausfiihrlichkeit geschildert worden. Just. 41, 
3 (von den Parthern): equis omni tempore vectantur. Illis bella, illis 
convivia, illis publica ac privata officia obeunt: super illos ire, con- 
sistere, mercari, colloqui, hoc denique discrimen inter servos liberosque 
est, quod servi pedibus, lib en non nisi equis incedunt. Von den 
Neu-Parthern, gegen die der Kaiser Alexander Severus zog, giebt He- 
rodian 6, 5, 9 folgendes Bild: Sie brauchen ihre Bogen und Pferde 
nicht bloss zum Kriege, wie die Romer, sondern wachsen mit ihnen 
von Kindesbeinen auf und verbringen ihr Leben auf der Jagd; den 
Kocher legen sie niemals ab und steigen nicht von den Pferden, 
sondern brauchen sie immer, sei es gegen Feinde oder gegen Jagd- 
thiere. (Ganz ahnlich malt es in Versen Dionys. Perieg. v. 1044 ft'.) 
Die Daer ritten durch die weiten, wasserlosen Wiisten, erst nach 
langen Strecken Rast machend, und iiberfielen Hyrkanien und Nesaa 
und die Ebenen Parthyaas (Strab. 11, 8, 3). Die Reiterei der Saken 
war die vorziiglichste im persischen Heere, Herod. 9, 71: unter den 
Barbaren zeichnete sich das Fussvolk der Perser und die Reiterei 
der Saken vor den iibrigen aus. Als Xerxes nach Thessalien kam, 
dessen Pferde vor alien griechischen im Rufe standen, machte er 
Wettversuche zwischen diesen und den von ihm mitgebrachten und 
die seinigen zeigten sich bei Weitem iiberlegen (Herod. 7, 196). 



Das Pferd. 



35 



Eewunderungswiirdig war die Fahigkeit dieser Pferde, diirre Wiisten 
in langen Tagereisen zu durcheilen, Propert. 5, 3, 35: 

Et disco, qua parte fluat vincendus Araxes, 
Quod sine aqua Parthus milia currat equus. 

Kaiser Probus ha tie von den Alanen oder einem andern dortigen 
Volke ein Pferd erbeutet, ausserlich ganz unansehnlich, das aber 
hundert Meilen taglich laufen und dies acht bis zehn Tage nach 
^inander wiederholen konnte, Vopisc. Prob. 8: qui quantum captivi 
loquebantur centum ad diem milia currere dicer etur, ita ut per dies 
octo vel decem continuaret. Doch auch Heerden schonen Schlages 
miissen, wie in Medien, von den scythischen Fursten gehalten worden 
sein, denn Konig Philipp, Vater Alexanders des Grossen, nahm den 
.Scytheii an der Ister - Miindung 20,000 edle Stuten ab und schickte 
sie zur Zucht nach Macedonien, Justin. 9, 2, 6: (a Philippo) viginti 
milia nobilium equarum ad genus faciendum in Macedoniam missa. 
Umgekehrt werden die Pferde der Sigynnen, welches Volk zwar He- 
rodot in die Striche nordlich vom Ister versetzt, das aber in der That 
viel weiter nach Osten am kaspischen Meere hauste, noch in manchen 
Ziigen dem wilden Tarpan der Tartarei und Mongolei ahnlich be- 
schrieben: sie sind behaart, die Haare haben 5 Zoll Lange; sie sind 
stumpfnasig und so klein, dass sie keine Reiter tragen konnen: 
daher sie vor Wagen gespannt werden, mit denen sie sehr geschwind 
laufen (Herod. 5, 9. Strab. 11, 11, 8). Die Sigynnen waren kein 
turkischer Stamm, denn es wird ihnen ausdriicklich medische Her- 
kunft, Sitte und Tracht zugeschrieben, aber ihre Thiere waren noch 
auf der altesten Stufe verblieben oder auf dieselbe zuriickgesunken, 
wahrend die der iibrigen sakischen Reitervolker durch Riicknahme 
von den grasreichen, klimatisch mildern medischen Strichen eine 
veredelte Bildung gewonnen hatten. Urspriinglich aber waren auch 
die medischen aus Turan gekommen, der Heimath der nordostlichen 
Zweige des grossen iranischen Stammes, die, so weit das Licht der 
Geschichte reicht, als Reitervolker erscheinen. Da nun auch der 
Ursitz des indo-europaischen Centralvolkes in jener Gegend oder ihr 
nahe zu clenken ist, so stehen wir hier vor unserer eigentlichen Frage : 
waren es schwarmende Reiterschaaren , gleich den Turaniern der 
altesten Geschichte, die sich von jenem Centralvolk ablosten und 
liber Europa hereinbrachen , oder erhielten die Ausgezogenen das 
gezahmte Ross, gleich Assyrern und Aegyptern, erst nachmals aus. 
der einst verlassenen Heimath im Quellgebiet des Oxus und 

Jaxartes ? 

3* 



36 Das Pferd. 

Dass die Indogermaneii das Ross kamiten, wird unwiderleglich 
durch den Namen desselben, alcva : bewiesen, der bei alien Gliedern 
dieser Familie wiederkehrt, nur je nach Zeit und Mundart etwas 
verschieden gesprochen: sanskr. a$va, zendisch und altpersich agpa, 
litauisch aszwa die Stute, preussisch asvinan Stutenmilch, altsachsisch 
ehuscalc der Pferdeknecht, angels, eoh, altn. ior, gothisch vielleicht 
aihvs, aihvus, altirisch eeh, altkambrisch und gallisch ep (z. B. in 
Epona Pf erdegottin) , lat. equus, griech. innog, Ixxog (nur in den 
slavischen Sprachen verloren). Dieser Wortstamm wird allgemein 
von der Wurzel ok, eilen, streben, abgeleitet: das Pferd Mess so von 
seiner Schnelligkeit , sowohl an sich, als vielleicht im Gegensatz zu 
dem sobwerwandelnden Ocbsen. Die Vorstellung des Rosses als des 
fliichtigen, geschwinden Thieres wirkt noch lange in manchen Mythen 
und in der Di enter sprache nach. Die Sonne eilt schnell am Himmel 
dahin, darum wird ihr von Persern und Massageten das schnellste 
Thier, das Pferd geopfert, Ov. Fast. 1, 385: 

Placat equo Persia radiis Hyperiona cinctum, 
Ne deiur celeri victima tar da Deo. 

Herod. 1, 215 (von den Massageten): als Gott verehren sie allein 
die Sonne, der sie Pfercle opfern. Der Sinn dieses Opfers ist folgender: 
dem schnellsten aller Gotter theilen sie das schnellste aller irdischen 
Geschopfe zu. Die Sonne ist bei Homer unerrnudlich, dxdjjiag, eben 
so Notus und Boreas bei Sophokles, Trach. 112, so aber auch die 
Rosse vor dem Wagen bei Pindar, 01. 1, 87: 

Den goldenen Wagen und die befliigelt unermiidlichen Rosse. 
Das Ross verschmilzt in der Anschauung mit dem Sturm, so be- 
sonders deutlich in der Dichtung von Boreas, der des Erich thonius 
Stuten befruchtet: die Rosse fliegen dahin, ohne die Aehren des 
Feldes zu knicken, sie streifen liber den Kamm der Brandung des 
grauen Meeres, II. 20, 226: 

Diese, so oft sie springend ein Feld mit den Fiissen beriihrten, 
Streiften die nickenden Aehren im Flug und zerknickten den Halm nicht, 
Sprangen sie aber dahin auf machtigem Riicken des Meeres, 
Netzten sie leise den Huf in der brandenden Spitze der Wellen. 

Die Rosse sind nicht bloss wxesg, toxvTisisig, wxvnodeg, 
deQGLnodsg, nodag aioloi, sie heissen stiirmisch, sturnifiissig, 
deg, aekkoTTodeg, bei Vergil alipedes, sie sind [udgyoi d. h. rasend 
(in dem alten Orakel aus der Mitte des 7. Jahrhunderts), schneller 
als Habichte, ttdacroveg IQIJXWV, schnell wie Vogel, nodwxesg OQVC- 
3"sg wg. Die Rosse des Rhesus glichen im Laufe den Winden, 



Das Pferd. 37 

ofioZoi, und die des Achilleus waren Sohne des Zephyr 
und der Harpyie Podarge (d. h. der Schnellfiissigen ; die Harpyien 
sind verderbliche Windstosse), sie flogen roit dem Wehen des Windes, 
und eins derselben spricht selbst II. 19, 415: 

Wir wohl liefen sogar mit des Zephyros Hauch in die Wette, 
Dem nichts Anderes gleicht an Geschwindigkeit. 

Ja Aeolus, der Herrscher der Winde selbst, ist l /7r/rozd^g, Sohn des 
Hippotes oder des Reiters. Wie bei den Griechen, erscheint auch 
in deii Naturbildern der nordischen Edda der Wind und Sturm hin 
und wieder als Ross. Den Odin, den Gott des wehenden Elements, 
tragt sein graues achtfiissiges Ross Sleipnir; der Winter, als Riese 
gedacht, will den Gottern die Burg bauen, und dabei hilft ihm sein 
Ross Svadilfari, d. h. der Nordwind, aber ehe der Eispalast ganz 
fertig ist, verwandelt sich Loki in eine Stute, den Siidwind, die nun 
jeiies erste Pferd von seiner Arbeit ablenkt: so ist das Werk des 
Rlesen im Friihling unvollendet und der Donnergott zerschmettert 
ihm mit dem Hammer den Schadel u. s. w. Auch in der deutschen 
Sage von der wildeii Jagd, an deren Spitze Wuotan auf weissem 
Rosse dahinfahrt, ist es nur der nachtliche Sturm, der sich in Ross 
und Reiter verwandelt hat. Mit diesen alten Vorstellungen mag es 
zusammenhangen , wenn in der romischen Zeit allgemein geglaubt 
wurde, in Lusitanien am Ufer des Oceans wiirden die Stuten vom 
Winde trachtig: Varro, der zuerst davon spricht, nennt es ein un- 
glaubliches, aber dennoch wahres Factum, 2, 1, 19: In foetura res 
incredibilis est in Hispania, sed vera, quod in Lusitania in ea re- 
gionc, libi est oppidum Olysippo, monte TagrOj quaedam e vento certo 
teinpore concipiunt equae. - War nun solchergestalt das Pferd 
dem Urvolke bekannt und lebte es in dessen Vorstellung als das 
fluchtige, geschwinde, so dass auch der Name, den es trug, nach 
diesem Eindruck gebildet war so konnen wir es uns im Ver- 

haltniss zum Menschen auf dreifacher Stufe denken, entweder als 
blosses Jagdthier, das blitzschnell voriiberschoss und darum schwer 
zu erreichen war, oder als Reitthier, das wie in spaterer Zeit den 
herumstreifenden Nomaden rasch zum Ziele trug und auf dem er 
die weidende fortgetriebene Heerde umkreiste, oder endlich auch vor 
den Karren gespannt, die Kibitke ziehend und der Umsiedelung 
dienend. Letzteres aber ist schon nicht wahrscheinlich, da es dabei 
nicht auf die Geschwindigkeit, wie bei der Jagd und auf der Wache, 
sondern auf die Kraft der Muskeln und den starken Nacken ankaiii. 
Die Scythen, ein Reitervolk, wie ihre Verwandten weiter nach Osten, 



38 Das Pferd. 

fahren doch bei Herodot und Hippokrates auf ochsenbespannten 
Wagen, und auf dieselbe Art bewegen sich die Kriegs- und Wande- 
rungsziige der iibrigen europaischen Volker, zu der Zeit, wo sie uns 
zuerst historisch zu Gesichte kommen. Als die Kimbern die Schlacht 
gegen die Romer verloren sahen, da warfen die Weiber, wie Plutarch 
Mar. 27 erzahlt, ihre Kinder unter die Rader der Wagen und die Fiisse 
der Zugthiere, TWV VTIO&YIVOV, die Manner aber, weil in der Gegend 
sich nicht genug Baume zuni Aufhangen fanden, banden sich mit 
den Gliedern an die Beine oder die Horner der Ochsen, trieben diese 
nach entgegengesetzter Richtung und liessen sich so in Stiicke reissen. 
Der Ochsenwagen erscheint bei religiosen und politischen Feierlich- 
keiten, als Rest uralter Tradition, in einer im Uebrigen veranderten 
Zeit. Die Gottin Nerthus bei Tacitus fahrt in einem mit Klihen 
bespannten Wagen, eben so die altgallische Gottin, die Gregor von 
Tours Berecynthia nennt (Grimm DM 2 234). Wenn ein Verstorbener 
den Weg der Hel (goth. Halja) zum Grabe fahrt, wird der Leichen- 
wagen von Rindern gezogen. Auch Konige fahren mit Ochsen in 
die Volksversammlung und uberall hin, wo sie sich offentlich zeigen, 
so die merovingischen (Grimm RA. S. 262 f.), eben so konigliche und 
edle Frauen. Der taurus regis wird im salischen Gesetz mit der 
hochsten Composition gebiisst, mit einer hoheren, als das edelste 
Pferd, der varannio regis. Auf der Antoninsaule werden zwei ge- 
fangene Fiirstinnen auf einem mit Polstern belegten Wagen von 
einem Ochsen gezogen, daneben schreitet ein bartiger Mann, die 
Hande auf den Riicken gebunden, von zwei romischen Soldaten 
eskortirt. Dies ist normal: Frauen und Kinder auf dem Ochsen- 
wagen, Manner zu Fuss. Auch bei Griechen und Romero haben 
sich Spuren der altesten Zeit erhalten, wo das Rind das allgemeine 
Zugthier war. Die Erfindung des Wagens und die Zahmung des 
Stieres werden zusammengedacht, Tibull. 2, 1, 41: 

Illi etiam tauros primi docuisse feruntur 
Servitium et plaustro supposuisse rotam. 

Aus der riihrenden Fabel von Cleobis und Biton, die Solon bei 
Herodot dem Konig Crosus erzahlt, ersehen wir, dass die Priesterin 
der argivischen Hera von der Stadt zum Tempel auf einem Ochsen- 
wagen zu fahren gewohnt war. Auf eben solchern Wagen musste 
nach dem Spruche des Zeus Cadmus mit der Harmonia aus Theben 
zu den Barbaren fliehen, Eurip. Bacch. 1333. 

o%ov tie [wtixwv, /?7(fyeo cog heyet, dicig, 



Das Pferd. 39 



und grimdete in Illyrien die Stadt Uov^w?, die nach diesem Um- 
stand benannt war (Steph. Byz. s. v.). Bei Verrichtungen im Hause, 
auf dem Felde, bei landlichem Verkehr dient nur der Ochse; vor 
den Pflug wird nur der Ochse gespannt; ein Haus, ein Weib und 
der Pflugochse bilden die Grundlage der bauerlichen Wirthschaft, 
Hesiod. Op. et d. 405 : 

Erst vor Allem ein Haus und ein Weib und ein pflugender Ochse. 

Wer keinen Ochsen hat, der kann keine Last bewegen und er spricht 
wohl zum Nachbar: gieb mir ein Paar Ochsen und deinen Wagen, 
aber Jener erwidert: meine Ochsen haben fur mich zu arbeiten, 453: 

Leicht ist das Wort: zwei Ochsen gewahr mir, Freund, und den Wagen, 
Leicht ist die Weigerung auch: die Ochsen sind eben in Arbeit. 

Ein Sprichwort sagte : ?} a[Jia%a wv povv, der Wagen zieht den Ochsen, 
d. h. es ist die verkehrte Welt. Der Ochse als Arbeitsgenosse des 
Menschen ist daher unverletzlich wie der Mensch selbst, Varr. de r. 
r. 2, 5: bos socius hominum in rustico opere et Cereris minister. 
Ab hoc antiqui manus ita dbstineri voluerunt, ut capite sanxerint 
si quis occidisset. Plin. 8, 180: socium enim laboris agrique culturae 
habemus hoc animal tantae apud priores curae ut sit inter exempla 
damnatus apopulo Romano die dicta qui . . . occiderat bovem, actusque 
in exsilium tamquam colono suo interempto. Ael. V. H. 5, 14: 
Und dies war bei den Attikern Brauch: den Ochsen, der das Joch 
tragen und vor dem Pfluge oder dem Wagen sich anstrengen musste, 
nicht zu opfern, denn auch dieser war ja ein Landmann und theilte 
die Arbeit und Miihe des Menschen. Spruch des Pythagoras: Lasse 
die Hand vom Pflugstier, ftobg dgoTTjQog ans^ea^ai. Das Pferd 
dient auch bei den homerischen Griechen nur zum Kriege und zwar 
ganz wie bei den orientalischen Volkern: wie bei diesen und auf 
ihren Bildwerken wird auch in der epischen Welt mit dem Pferde 
gefahren, nicht auf demselben geritten. Das Letztere zwar ist den 
homerischen Dichtern nicht ganzlich unbekannt, wie ware dies auch 
moglich? Als der Seesturm dem Dulder Odysseus das Floss, das er 
sich auf der Insel der Kalypso gezimmert, zerbrach, da rettete er 
sich auf einem Balken, auf dem er nun sass wie auf dem Riicken 
des Renners; als Diomedes und Odysseus Nachts die Rosse des Rhesu& 
entwandten, da wollte Ersterer auch den Wagen des erschlagenen 
Konigs aufheben und forttragen, aber auf den Rath der Athene zogen 
die Helden es vor, die Thiere zu besteigen und mit ihnen zu den 
Schiffen zuriickzueilen. Dies ist unter den geschilderten Umstanden 



40 Das Pferd. 

das Naturliche; wie oft musste der Bube, der die Rosse zur Tranke 
fuhrte, ein Gleiches vor Aller Augen gethan haben! Wie von selbst 
ergiebt sich auch die Scene, die II. 15, 679 geschildert wird: ein 
Mann hat aus der ini Freien weidenden Heerde vier fliichtige Renner 
ausgewahlt : er hat sie langs der Heerstrasse in die Stadt zu bringen, 
sitzt auf und schwingt sich wahrend des gleichstrebenden Laufes von 
einem Riicken zum andern, zur Bewunderung der am Wege stehenden 
Menge. Mil Ausnahme dieser wenigen Falle, aus denen sich auf 
kein wirkliches Reiten schliessen lasst, dient bei Homer das Ross 
nur vor dem Wagen. Auf dem Genlde vor Troja wird gekampft, 
wie auf den Wanden des Konigspalastes von Kojundschik oder 
Khorsabad: leichte Streitwagen mit einer Achse und zwei acht- 
speichigen Radern, von zwei Rossen an der Deichsel bewegt, fiihren 
den Helden in die Nahe der Feinde, dort springt er ab und schleudert 
den Speer oder zieht das Schwert. Die Rosse halten unterdess, bis 
der Zeitpunkt gekommen ist, ihn wieder zuriick zu den Seinigen zu 
tragen. Dabei hat der Streiter einen Freund und Genossen, den 
tfegdrtcov, als Rosselenker zur Jiinken Seite stehn; wahrend der Eine 
den Wagen fiihrt, ersieht sich der Andere in der Rtistung und mit 
Schild und Larize den Feind. Zuweilen riickt ein ganzes Geschwader 
von Wagen zum Angriff vor: so im vierten Buch der Ilias, wo der 
erfahrene Nestor die Seinigen so aufstellt, dass vorn die Wagen, in 
letzter Reihe als unerschiitterlicher Wall die Fusskampfer, in der 
Mitte die Schwachen stehen, und dann das Gebot giebt, kein Wagen- 
lenker solle sich vordrangen, keiner zuriickbleiben, so seien vor 
Alters Stadte und Mauern bezwungen worden, 308: 

Dies war der Branch der Alten, so sttirzten sie Vesten und Mauern. 

Wie die Griechen, kampften auch die Trojaner und die Bundes- 
genossen, die Ilatovtg oder Mrjoveg iriTtoxoQvGmC, die tygvyeg ITCTIO- 
dafiot, und alolortwkoi, , und es ist kein Zweifel, dass die ganze 
Kampfweise, so wie das dazu gebrauchte Ross selbst aus Kleinasien 
stammte. Beinamen, wie die eben angefuhrten, oder wie inmoxaQfjirjg, 
, xayvnwhot,, evinnog, evTiwhog, xhvTGTiwhog, xwrngeg ITITICDV, 
u. s. w. tragen ganz iranisches Geprage. Ares, der Kriegs- 
gott, selbst kampft entweder zu Fuss oder zu Wagen, niemals als 
heransturmender Reiter. Da im fiinften Buch der Ilias die ver- 
wundete Aphrodite zum Olymp eilen will, entleiht sie ihm seineii 
Kriegswagen und seine Rosse, die sie pfeilschnell zum Gottersitz 
tragen. Daher er auf dem Schilcle des Herakles 191 fT. dargestellt 



Das Pferd. 41 

war, wie er die Lanze in der Hand hoch auf dem Wagensessel 
stand, vor ihm die schnellen Rosse, schrecklich anzuschauen. So 
heisst er auch bei Pindar Pyth. 4, 87: '/jalxaQ^arog ncffig 'Ayyo- 
dfaag, der mit ehernem Wageii fahrende Gatte der Aphrodite. Auch 
ausser dem Kriege wird-bei Homer das Pferd nicht zum Reiten be- 
nutzt. Dies erhellt z. B. aus dem dritten Gesang der Odyssee, wo 
Telemachus und des Nestors Sohn Pisistratus von Pylos nach 
Lakedamon quer durch den schwierigen, gebirgigen Peloponnes 
vsteheiid im Wagen fahren, nicht etwa auf und ab iiber die 
Gebirgspasse oder im kiesigen Bette der Bergwasser reiten. Und 
zwar geschieht dies ganz in derselben Schirrung und Riistung, wie 
bei den Kampfen auf dem troischen Gefilde, und neben dem Helden 
steht Pisistratus, der die Zugel fuhrt und die Rosse lenkt. Da 
spater Menelaus dem Telemachus zum Abschiede drei Pferde mit 
dazu gehorigem Wagen schenken will, lehnt Telemachus die Gabe 
ab, indem er daran erinnert, dass in Ithaka weder weite Rennbahn 
noch Wiese, OVT ag SQO^OC evgeeg OVTS u foifuov , sich finde, wie 
in der Ebene, die Menelaus beherrsche: keine der Inseln, die im 
Meer liegen, ist faTtrj faros d. h. eignet sich zum Fahren im niich- 
tigen Wagen, von alien aber Ithaka am wenigsten. Wer sich des 
Rosses freuen will, der bedarf also nicht bloss fetter Wiesen, auf 
clenen die Heerde weide und Erichthonius besass eine solche von 
dreitausend Stuten, sondern auch weiten Raumes, nokv nsdlov, 
und ebener Wege, foZae, bdoC, urn auf diesen mit rasch rpllenden 
Radern dahinzufliegen ; auf ungleichem Boden mit steigenden und 
fallenden Gebirgspfaden , auf denen der Reiter wohl auf- und ab- 
klettert, ist bei Homer das Ross von keinern Gebrauch. Auch bei 
den Leichenspielen der altern Zeit finden sich noch keine Wett- 
rennen zu Pferde; die im 23. Gesang der Ilias bei der Bestattung 
des Patroklus abgehaltenen Spiele bestanden aus Wagenrennen, Faust- 
kampf, Ringen, Lauf, Waffenkampf, Wurf mit der Kugel, Bogen- 
schiessen, Speerwurf. Auch auf der Lade des Kypselos, wo die viel- 
beruhmten von Akastus am Grabe des Pelias veranstalteten Spiele, 
dftta enl IleMy, die Stesichorus besungen hatte, abgebildet waren, 
hatte der Kiinstler kein Pferderennen dargestellt, nur zum Ziele 
eilencle Zweigespanne, Faustkampfer, Ringer, Diskuswerfer und Laufer. 
Aus dieser altesten Zeit sind uns, wenn iiberhaupt, doch nur ganz 
abstrakte Abbildungen des Rosses aufbehalten: was uns an Dar- 
stellungen desselben aus der spatern Zeit der beginnenden und 
vollendeten Kunstbliithe verblieben ist, zeigt nach dem Urtheil von 



42 Das Pferd. 

Kennern den schlanken, orientalischen , nicht etwa den nordischeii 
nnd aus ferner Heimath hierher mitgebrachten Typus. 

In dieser Hinsicht sind noch einige Zuge des altesteii Kultus zu 
erwahnen, die gleichfalls auf iranische Einwirkung hinweisen. Die 
Perser verehrten die Fliisse durch Opferung von Pferden: als Xerxes 
an den Strymon kam, schlachteten die Magier diesem Strome weisse 
Pferde (Herod. 7, 113), und der Parther Tiridates versohnte zu 
Tiberius' Zeit den Euphrat durch ein Ross, Tac. Ann. 6, 37 : cum . . . 
ille (Tiridates) equum placando amni (Euphrati) adornasset. Ganz 
ebenso waren die Troer gewohnt, lebendige Rosse in die Wirbel des 
Skamandros zn versenken, wie Achilleus sagt: II. 21, 132; 

Auch in den Wirbel der Fluth lebendige Rosse versenket. 

An der argivischen Kuste gab es mitten im Meere eine Quelle siissen 
Wassers, Jewy oder dCvq, so genannt wegen des aufsteigenden 
Wirbels, den sie bildete. In diese Dine pflegten die Argiver vor 
Alters aufgezaumte Rosse zu stiirzen, dem Poseidon zum Opfer 
(Paus. 8, 7, 2). Auch die Rhodier warfen jahrlich der Sonne ge- 
weihte Viergespanne ins Meer, Fest. v. October equus: Rhodii qui 
quotannis quadrigas soli consecratas in mare jaciunt, eben so die 
Illyrier jedes neunte Jahr, Fest. v. Hippius: cui (Neptuno) in lllyrico 
quaternos equos jaciebant nono quoque anno in mare. Auch der Sonne 
Pferde zu opfern, weisse Rosse - - eine durch Kultur geschaffene 
krankhafte Abart als durch ihre Farbe dem Lichtgott geweihte, 
dann iiberhaupt als Gotterpferde und als konigliche anzuschauen, diese 
iranische Kultussitte und religiose Phantasie findet sich hin und 
wieder in Griechenland, selbst in Italien. Kastor und Pollux, die 
beiden Lichtgotter, reiten auf schneeweissen Pferden und so erschienen 
sie z. B., in Scharlachmantel gehiillt, in der Schlacht der Crotoniaten 
und Lokrer am Sagraflusse, den letztern Hiilfe bringend, Justin. 20, 
3, 8, Cic. de nat. deor. 3, 5; sie sind mit den heitern, glanzenden 
Tochtern des Leukippos vermahlt, in dessen Namen sein lichtes Wesen 
wiederklingt; der Tag bei Aeschylus, Pers. 387, bei Sophokles, Aj. 672 
steigt mit weissen Pferden, fovxonwhog, auf und verdrangt den diistern 
Umkreis der Nacht u. s. w. Als der Agrigentiner Exaenetus als 
Sieger heimkehrte, begleiteten ihn die jubelnden Mitbiirger unter 
Anderem mit dreihundert Wagen und weissen Rossen davor, Diod. 
13, 82, und auch Camillus zog nach der Einnahme Vejis in einem 
mit weissen Rossen bespannten Wagen triumphirend in die Stadt 
ein, Plut. Cam. 7, 1 und Liv. 5, 23, was von den Zeitgenossen als 



Das Pferd. 43 

ein Uebergriff des Menschen in das Recht und die Herrlichkeit 
des Sonnen- und Hirnmelsgottes geriigt wurde. Die Lacedamonier 
schlachten auf einem Gipfel des Taygeton dem Helios Pferde (Paus. 
3, 20, 5, der noch hinzufiigt: ich weiss, dass auch die Perser die- 
selben Opfer zu bringen pflegen) welcher Branch nicht phonizisch 
sein konnte , da die Phonizier das Pferd , das sie ohnehin aus der 
Fremde bezogen, in ihrern Gotterdienst nicht verwendeten. Vielmehr 
deutet dieser Zng, wie alle friiher erwahnten, auf Entlehnung von 
den Iraniern Kleinasiens, und kam das griechische Urvolk wirklich 
rait dem kleinen rauchhaarigen Steppenpferde in seine spateren Wohn- 
sitze eingezogen, so haben sich wenigstens schon in der altesten uns 
erreichbaren Zeit alle Spuren davon verloren. Nicht ganz so verhalt 
es sich mit dem nordlich von Griechenland gelegenen Thrakien, 
einem schon bei Homer rosseberuhmten Lande. Man konnte Letzteres 
zwar mythisch deuten; Thrakien ware die Heimath der Rosse, wie 
die der Nordstiirme; a us dem thrakischen Meer kommen die wilden 
Wogen herabgestiirzt, in dem Rosse aber wird der Sturm und die 
sich baumende, weissmahnige Woge angeschaut und es ist daher auch 
von Poseidon geschaffen und dient zu Uebungen und Spielen an den 
Kultstatten dieses Gottes. Aber die thrakischen Rosse des epischen 
Gesanges haben doch ein zu wirkliches und geschichtliches Ansehen; 
die Thraker sind fimwtotot, Thrakien ist InnoTQoyog (Hes. Op. et 
d. 507) und in dem alten Orakel aus dem siebenten Jahrhundert 
werden die thrakischen Rosse hervorgehoben, Schol. zu Theocr. 14, 18: 

innoi Ogytxiai,, ^axedac/noviac Se yvvalxsg, 

wo freilich statt Qgrifaiat, eine andere Ueberlieferung OsGffafoxat 
nannte. Die Thraker standen friihe mit den gegeniiberwohnenden 
Volkern Kleinasiens in Kultur- und religiosem Verkehr und in Rhesus 
mit seinen Rossen, die weisser denn Schnee waren, sein em Wagen 
und seinen Waff en, die zu tragen eher den Gottern, als den sterb- 
lichen Menschen geziemte, - - ist ein iranischer Lichtdamon nach- 
gebildet, der daher auch im Dunkel der Nacht seiner Rosse und 
seines Lebens beraubt wird. Aber wie Kleinasien wohnten die 
Thraker auch dem Gebiet der nordischen Reitervolker nahe und der 
thrakische Schlag mochte dem Lande der Hippomolgen urspriinglich 
entstammen. Weiter lassen sich auch die zahmen Pferde der Slaven, 
Litauer und Germanen leicht von denen der reitenden iranischen 
Nachbarn ableiten. Von den Slaven bemerkt Tacitus ausdriicklich, 
sie seien kein Pferdevolk, wie die Sarmaten, von deren Sitten sie im 
Uebrigen viel angenommen, sondern hatten ihre Starke zu Fuss, 



44 Das Pferd. 

peditum usu ac pemititate gaudent, und er rechnet sie deshalb lieber 
zu den Germanen. Als sie spater nach dem Abzuge der Deutschen 
an die Elbe und Oder vorgeruckt waren, da horen wir (lurch die 
Geschichtsschreiber des Mittelalters von einer Verehrung des Pferdes 
bei ihnen, die uns lebhaft an die gleiche bei Iraniern erinnert. Dem 
Svatovit, dem Lichtgotte, 1st ein weisses Pferd geweiht, dem Triglav, 
dem Bosen und Feindlichen, ein schwarzes; das letztere wird nie ge- 
ritten, das erstere zuweilen von dem Priester bestiegen. Das Pferd 
dient zur Vorbedeutung, es weissagt Gliick und Ungliick, die Tempel, 
bei denen es gehalten wird, werden dadurch zu Orakelstatten. Audi 
in der bohmischen Ursprungssage ist es ein damonisches Ross, das 
den Abgesandten der Libussa den Weg zum Premysl, dem aus- 
erkorenen Herrscher, weist. Dieser Gegensatz von Licht und Dunkel 
und die Heiligung des Rosses wird, so gut wie der Name Gottes, 
bogu, von den sarmatischen und alanischen Nachbarn gekommen 
sein. - - Auch die Litauer finden wir in alten Zeugnissen als Hippo- 
molgen, d. h. als Trinker der Pferdemilch, erne Sitte, die, bei den 
Germanen unbekannt, von den Reitern der siklrussischen Steppen 
bis an die Ostsee sich weiter verbreitet hatte. Wulfstan bei Konig 
Alfred (Antiquites russes II, p. 469) berichtet: bei den Esten (d. h. 
den Preussen) giebt es so viel Honig, dass der Konig und die 
Reichen den Metb den Armen und den Knechten iiberlassen, selbst 
aber Stutenmilch trinken. Adam. Brem. 4, 18 : (Sembi vel Pruzzi) 
carnes jumentorum pro cibo sumunt, quorum lacte vel cruore utuntur, 
in potu, ita ul inebriari dicantur, und Peter von Dusburg, III, cap. 5 
(Scriptores rerum pruss. 1, p. 54): pro potu habent simplicem aquam 
et mellicratum sen medonemet lac equarum, quod lac quondam non 
biberunt nisi prius sanctificaretur. alium potum antiquis temporibus 
non noverunt. Aucb bei ihnen also, wie bei den Iraniern, wurden 
die Stuten in grossen Heerden gehalten und diese dann umzingelt 
oder herangetrieben, um gemolken zu werden, eine Operation, die 
Anfangs schwierig war, an die sich aber die Stuten, besonders wenri 
das Tranken damit verbunden wurde, zuletzt gewohnten. Und die 
so gewonnene Milch wurde auch hier, wie am Tanais, durch Gahrung 
in ein berauschendes Getrank urngesetzt, dessen sich vorzugsweise 
die Vornehtnen bedienten: auch aus dem letzteren Zuge schliessen 
wir, dass die Pferdezucht eine der Fremde entlehnte Kunst war. 
Dass auch die Gothen in Schweden, wie die Semben in Samland, 
sich mit Stutenmilch l>erauschten, scheint zwar das Scholion 129 zu 
Adam von Bremen zu sagen: hoc usque hodie Gothi et Sembi facere 



Das Pferd. 45 

dicuntur, quos ex lacte jumentorum inebriari cerium est, allein das 
Melken der Stuteii 1st bei reinen Germanen nie Branch gewesen und 
so wird sich der Scholiast, wie wir mit Grimm, Gesch. d. d. Spr. 721, 
annehmen , miter Gothi et Sembi wohl Samogeten gedacht haben. 
Uebrigens hatte die an den Gegensatz des weissen und schwarzen 
Pferdes gekniipfte religiose Symbolik auch bei den Preussen Eingang 
gefunden, Peter von Dusburg 3, 5 : Prussorum aliqui equos nigroSj 
quidam albi eoloris, p ropier Deos suos non audebant aliqualiter 
equitare. - - Bei den Germanen tragt der clem Rosse gewidmete 
Kultus gleichfalls einige ganz iranische Ziige; die Pferde besitzen 
die Kraft der Weissagung, sie werclen den Gottern geopfert, sie 
ziehen den heiligen Wagen, die weisse Farbe gilt fur die heiligste, 
wie bei Persern, Scythen, deri Venetern, die nach Strab. 5, 1, 9 clem 
Diomedes ein weisses Pferd opferten u. s. w. Die romischen Beur- 
theiler erklareri das germanische Pferd fiir gering und unedel : bei 
Casar sincl die jumenta der Germanen parva atque deformia, bei 
Tacitus die equi derselben non forma, non velocitate conspicui. aber 
nach dem ersteren waren sie so gewohnt, dass sie viel leisten konnten, 
summi ut sint laboris. Der Schlag mochte dem urspriinglichen, wie 
ihn die Steppe geboren hatte, noch nahe stehen : sagt cloch Strabo 
von den Pferden am Borysthenes und an der Maotis fast dasselbe, 
was Casar von den germanischen, 7, 5, 8: sie sind klein, aber sehr 
schnell (6%els) und unbandig (3v(f7ii9el$). Im Uebrigen war auch 
der germanische Mann, \vie der slavische, fester auf den Fiissen als 
zu Ross, Tac. Germ. 6 : in universum spectanti plus penes peditem 
roboris, einzelne Stamme vielleicht ausgenommen, die mit iranischen 
Volkern auf dem Steppenboden enge Gemeinschaft gemacht hatten, 
wie die Quaden mit den jazygischen Sarmaten, Amm. Marc. 17, 12, 1 : 
permistos Sarmatas et Quados, vicinitate et similitudine morum arma- 
turaeque Concordes. Von den nach der entgegengesetzten Seite hin 
wohnenden Germanen, den nach Britannien gezogenen Angeln und 
den Warnen, die er sich am Niederrhein denkt, will Procopius wissen, 
das Pferd sei ihnen ganzlich unbekannt, de b. g. 4, 20 : Diese Insel- 
bewohner sind kriegerischer, als die andern Barbaren, von denen wir 
wissen, liefern aber ihre Treffen immer zu Fuss. Ja sie kennen das 
Ross nicht einmal von Angesicht und auf der Insel Brittien kommt 
dies Thier gar nicht vor. Gelangt einer von ihnen auf einer Ge- 
sandtschaft oder sonst wie zu Romern oder Franken oder sonst wo 
hin, da ist er nicht im Stande, selbst aufzusteigen , sondern muss 
hinaufgehoben , und eben so, wenn er absteigen will, auf die Erde 



46 Das Pferd. 

hinabgesetzt werden. Und eben so sind auch die Warnen keine 
Keiter, sondern alle nur Fussganger. Fiir die Zeit, von welcher 
Procopius spricht, ist dies sehr unwahrscheinlich : vielleicht bezogen 
sich die Nachrichten, die er benutzte, auf die Moorgriinde des Nord- 
westens, die fur Pferde allerdings unwegsam waren und sind. Statt 
der Angeln hatte er dann die Friesen und statt Brittien eine der 
Flussinseln des Festlandes nennen sollen. Aber die Bataver, die 
Bewohner der Rheininsel, galten gerade fiir die besten Reiter unter 
den Germanen, Cass. Dio 55, 24: xgduffcot Innsvuv, Plut. Oth. 
12, 4: FsQuavwv Innelg aqunoi, die bewaffnet mit ihren Pferden liber 
den Rhein schwammen, Tac. Hist. 4, 12: eques, praecipuo nandi 
studio, arma equosque retinens integris turmis Rhenum perrumpere. 
- Auch das kaledonische Pferd wird als klein und unansehnlich 
geschildert, war also dem germanischen verwandt und stellte auf der 
isolirten Insel den altkeltischen Schlag dar, der in Gallien langst 
gekreuzt und veredelt war, Cass. Dio 76, 12 (von den Caledoniern) : 
sie haben kleine und schnelle Pferde, gehn aber auch zu Fuss und 
lauf en sehr schnell und halten im Kampf sehr festen Stand. Also 
auch die Caledonier sind geschwinde Laufer, wie die Germanen und 
die Wenden im Gegensatz zu den Sarmaten: die Reiterei ist bei 
diesen Volkern nur eine untergeordnete Hilfswaffe. Ja der Reiter 
bedarf eines fliichtigen, starken Kampfgenossen zu Fuss, der ihn be- 
gleitet und ihm in entscheidenden Momenten zu Hilfe kommt. Aus- 
fiihrlich schildert Casar diese Combination von Ritt und Lauf bei 
den Germanen, de b. g. 1, 48: Es waren (im Heere des Ariovistus) 
sechstausend Reiter und eben so viel sehr schnelle und kraftige 
Kampfer zu Fuss, die Jene sich um ihres Heils willen, suae salutis 
causa, aus der ganzen Menge ausgewahlt hatten, und mit denen sie 
wahrend der Schlacht im Verkehr standen. Zu diesen zogen sich 
die Reiter zuriick; wurde an einem Punkte cler Kampf schwierig, so 
eilten die Fussganger zur Unterstiitzung herbei; war ein Reiter ge- 
troffen und sank vom Pferde, so umstanden sie den Verwundeten: 
handelte es sich darum, weiter vorzusprengen oder rasch sich zuriick- 
zuziehen, so war ihre durch Uebung gewonnene Geschwindigkeit so 
gross, dass sie die Mahne fassend mit den Pferden Schritt hielten. 
Tacitus bestatigt dies in seiner gedrangteren Redeweise, Germ. 6: 
eoque (pedite) mixti proeliantur apta et congruente ad equestrem 
pugnam velocitate peditum, quos ex omni juventute delectos ante aciem 
locant. Schon lange vorher waren auch die Bastarnen gewohnt, solche 
Nebenkampfer zu Fuss, die bei Plutarch naQa^drat, heissen, zu gleicher 



Das Pferd. 47 

Zahl unter ihre Reiter zu mischen, Liv. 44, 26: veniebant decem milia 
equitum, par numerus peditum, et ipsorumjungentiwm cur sum equis, 
et in vicem prolapsorum equitum vacuos capientium ad pugnam 
equos, und dass auch die Gallier, die den spateren Germanen immer 
ahnlicher werden, je weiter wir in ihrer Geschichte hinaufgehen, sich 
auf ihre Reiterei allein nicht verliessen, sondern diese gern durch 
kraftiges Fussvolk unterstiitzten , lehren einzelne Erwahnungen, wie 
Casar d. b. g. 7, 80. Es war also allgemein nordeuropaische Sitte, 
von Gallien bis zur Istermundung. Zwar wird auch bei den siid- 
lichen Volkern hin und wieder von einer ahnlichen Kampfweise be- 
richtet, die aber, genauer betrachtet, dennoch anderer Natur war. 
Die Iberer ritten zu zwei auf dem Pferde in die Schlacht und dann 
-kampfte der eine von beiden zu Fuss (Strab. 3, 4, 18), und von den 
Keltiberen sagt Diodor 5, 33, sie seien d(,(.id%(u, d. h. wenn sie 
zu Pferde mit Erfolg gekampft, sprangen sie ab und lieferten zu 
Fuss erstaunliche Gefechte. Aehnlich war der taktische Kunstgriff, 
den nach der Erzahlung des Livius 26, 4 und des Valerius Maxi- 
mus 2, 3, 3 die Romer einmal im zweiten punischen Kriege an- 
wandten: als Capua von ihnen unter Q. Fulvius Flaccus belagert 
wurde und die romische Reiterei, an Zahl schwacher, gegen die der 
Belagerten sich nicht halten konnte, erdachte der Centurio Q. Navius, 
um diesem beschamenden Verhaltniss ein Ende zu niachen, folgenden 
Behelf. Es wurden aus alien Legionen die kraftigsten und beweg- 
lichsten Jiinglinge ausgewahlt und mit langen Speeren bewaffnet, 
diese setzten sich hinter den Reiter aufs Pferd und sprangen bei 
gegebenem Zeichen ab, so dass sich gleichzeitig mit dem Reiter- 
kampf ein Kampf zu Fuss entwickelte; das Unerwartete der Scene 
und die beigebrachten Wunden zwangen von da ab die feindliche 
Reiterei zur Flucht. Die Angabe dazu hatte, wie gesagt, der Cen- 
turione Navius gemacht , auctorem peditum equiti immiscendorum 
centurionem Q. Navium ferunt: es war aber wohl nicht seine eigene 
Erfmdung, sondern von ihm bei den Barbaren oder auch den 
Griechen gesehen oder ihm durch Horensagen kund geworden. Nach 
Pollux 1, 132 hatte Alexander der Grosse eine Art Reiter, &iiagBt, 
erfunden, die leichter bewaffnet waren, als der Hoplit, schwerer, als 
der eigentliche Reiter, und die auf Beides geiibt waren, auf den 
Kampf zu ebener Erde und auf den vom Pferde herab, so dass sie, 
wenn es eine Reiterschlacht gab, mit dreinhauen, wenn es auf ein 
Gefecht zu Fuss ankam, gleichfalls das Ihrige leisten konnten - 
also eine, wie die neueren Dragoner, auf die eine und die andere 



48 Das Pferd. 

Waffe eingeiibte Truppe, ein Erzeugniss nicht nationaler Sitte, son- 
dern reflectirender Kriegskunst. Aehnliches besagt auch wohl der 
griechische Ausdruck vtfJUTCTToi, bei Xenophon Hell. 7, 5, 23: Trefoov 
dfJtCnTKov mid Thucydid. 5, 57: die Booter stellten fiinftausend Hop- 
liten, eben so viel Leichtbewaffnete, fiinfhundert Reiter und eben so 
viel aiLUTiTiot. Schon naher der germanischen Art stiinde die Fecht- 
weise der Daer, wenn in dem Bericht des Curtius die letzten Worte 
voile Geltung batten, 7, 32 : equi binos armatos vehunt, quorum in- 
vicem singuli repente desiliunt: equestris pugnae ordinem turbant. 
Equorum velocitati par hominum pernicitas. Aber dass die Reiter- 
volker, die irnmer und uberall schwerfallig zu Fusse sind, im Lauf 
mit ihren Rossen batten wetteifern konnen, hat wenig Wahrscheinlich- 
keit und der Angabe des genannten Geschichtsschreibers liegt sicher. 
irgend eine Verwechselung zu Grunde. Man konnte eine solcbe 
conibinirte Kampfart schon in der Odyssee finden, wo es von dem 
tbrakiscben Volke der Kikonen heisst, 9, 49: 

geiibt von den Pferden (i<p 5 ?IETCU>V) 
Oder zu Fuss, wo die Noth es gebot, mit den Mannern zu kampfen - 

aber der Ausdruck dtp* CTITWDV bedeutet bei Homer sonst immer 
vom Wag en herab und die kikonische Kriegsweise wiirde also 
ganz mit der in der Ilias gebrauchlicben zusammenfallen. Waruni 
aber wurde sie dann ausdriicklich erwahnt? Weil der ritterliche 
Kampf bei einem barbarischen Volke etwas Unerwartetes Avar? 
Zum Verwundern aber stimmt das troische und kikonische Wagen- 
gefecht mit den Kampfsitten uberein, die nachher Casar bei den kel- 
tischen Stammen in Britannien vorfand. Diese rollten mit ihren 
Wagen in die Schlacht, wie die Helden vor Troja. Casar bescbreibt 
ihr Verfahren dabei ausfiihrlich, de b. g. 4, 33; Erst reiten und 
fahren sie pfeileversendend nach alien Seiten und sucben die feind- 
lichen Reihen in Auflosung zu bringen. Dann springen sie plotzlich 
von den Wagen, ex essedis, und kampfen zu Fuss. Unterdess halten 
die Wagenlenker abseits, . um die Streiter, wenn diese vom Feinde 
bedrangt werden, sogleicb wieder aufzunehmen. So vereinigen sie 
die Fliichtigkeit des Reiters mit der Standhaftigkeit des Streiters zu 
Fuss. Ibre Uebung darin ist so gross, dass sie auf steilen Berg- 
abb angen die in vollem Lauf begriffenen Rosse auf halten und lenken 
und an der Deichsel bin und her laufen und auf das Joch treten 
und dann wieder im Nu sich in den Wagen zuriickziehen konnen. 
Die namliche Kampfart hatte spater auch Agricola vor sich, Tac. 
Agr. 35: media campi covinarius et eques strepitu ac discursu com- 






Das Pferd. 49 

plebat. Mela fiigt hinzu, die Wagen seien mil Sicheln bewaffnet ge- 
wesen, woruber Casar und Tacitus schweigen, 3, 6, 5 : dimicant non 
equitatu modo aut pedite, verum et bigis et curribus gallice armati: 
covinnos vacant, quorum falcatis axibus utuntur. (Ueber die Namen 
esseda und essedum und covinus s. Diefenbach O. E. unter diesen 
Wortern und Gliick in Fleckeisens Jahrbb., Th. 89, 1864, S. 599.) 
Andere berichten daneben, diese Kriegswagen seien bei den Belgen 
im Gebrauch und dies fiihrt uns zu der Annahme, dass sie nach 
dem grossen keltischen Wanderzuge in den Osten und in die Nahe 
iranischer und thrakischer Volker diesen letztern entlehnt waren und 
nachdem sie auf dem Festlande ausser Gebrauch gekommen, auf der 
britischen Insel, wie so manches Andere aus alterer Zeit, sich noch 
erhalten batten. Die Sichelwagen waren asiatisch Livius 37, 41 
nennt sie der romischen Kriegskunst gegeniiber ein inane ludibrium 
und das Fahren in der Schlacht iiberhaupt, wie wir gesehen haben, 
assyrisch, persisch und kleinasiatisch. 

Ob das Reiten oder das Fahren das Erste gewesen, ist eine 
von den Dichtern bei ihren Phantasien iiber die Urzeit zuweilen auf- 
geworfene Frage. Lucretius meint, bewaffnet auf den Riicken des 
Thieres zu springen und es mit dem Zaume zu lenken, sei alter, 
als mit der Biga in die Schlacht zu ziehen, 5, 1297: 

El prius est armatum in equi conscendere costas 
Et moderarier hunc frenis dextraque vigere, 
Quam bijugo curru belli temptare perida - 

uncl dies mag in dem Sinne richtig sein, dass zwar der Wagen selbst 
ein uraltes Gerath ist, dass aber von dem rohen, schwerfalligen Lnst- 
fuhrwerk der friihesten Zeiten bis zu dem leichten, geschwinden, zier- 
lichen, mit Melall gearbeiteten zweiradrigen Kriegswagen der Assyrer 
ein sehr weiter Schritt ist. Der Gebrauch des Rindes als Zugthier 
konnte dazu einladen, auch das gefangene Ross zu gleichem Dienst 
anzuhalten; aber natiirlicher ist es, das wilde Thier auf dessen 
eigenem Riicken mit Handen und Fiissen zu umklammern und dann 
miide zu jagen, so dass es nicht weiter kann und dann willig wird. 
Auch war das Ross, wie wir gesehen haben, immer nur ein kriege- 
risches Thier, dessen Werth in der Geschwindigkeit bestand, und 
erst der Reiter verfiel darauf, durch ein angehangtes leicht rollendes 
Gefass, das ihn und seinen Gefahrten aufnahm, gewisse Kriegszwecke 
vollstandiger zu erreichen. 

Fassen wir alle obigen Notizen zusammen, so verrath sich uns 
nirgends in Europa, weder bei den klassischen Volkern des Siidens, 

Viet. Helm, Kulturpflanzen. 7. Aufl. 4 



50 Das Pferd. 

noch bei den nordeuropaisehen von den Kelten westlich bis zu den 
Slaven ostlich das hohe Alter des Pferdes und die lange Dauer 
dieser Zahmung durch deutliche Spuren und unzweifelbafte An- 
zeichen. Ja manche Thatsachen scheinen in positiver Weise die 
Bekanntscbaft mit dem Thiere in friiher Zeit auszuscbliessen, z. B. 
dass die homerischen Griecben auf dem Rosse nicbt reiten (wie sie 
cloch thun miissten, wenn sie es urspriinglich besessen batten), son- 
dern mit dem Rosse nur fahren (was sie den Asiaten abgesehen 
haben miissen). Wir haben daber keinen Grund, uns die Indo- 
germanen bei ihrer friihesten Einwanderung als ein Rossevolk zu 
denken, das mit verhangtem Ziigel iiber Europa dabergesprengt kam 
und Menscben und Tbiere mit der Schlinge aus Pferdebaar einnng. 
Begleitete sie aber das Ross auf ibrem grossen Zuge durch die Welt 
nocb riicht, so miissen die dem Ausgangspunkt nabe gebliebenen 
iraniscben Stamme diese Kunst erst spater erlernt haben von wem 
anders, als von den hinter ihnen hausenden, allmahlich im Laufe der 
Zeit naher geriickten Tiirken? Diesen und hinter ihnen den Mon- 
golen verbliebe der Anspruch, den fliichtigen Einhufer auf der weiten 
Steppe zuerst gefangen und iiberwaltigt und zur Jagd und zurn 
Kriege abgerichtet zu haben. Als die Tiirken den gebildeten Volkern 
des Occidents zuerst zu Gesicht kamen, da waren sie ein Reitervolk, 
wie man in solchem Masse noch keines kannte, auch die Scythen 
und Farther und andere Iranier nicht ausgenommen. Die Hunnen 
sind dxgoGyahelg, d. h. sie fallen bei jedem Schritt, und anodsg, 
d. h. ohne Fiisse zum Auftreten (bei Suidas), sie leben, wachen und 
schlafen, essen und trinken, berathen sich unter einander zu Pferde 
und die Thiere sind ausdauernd, aber hasslich, also friscb von der 
hochasiatischen Steppe gekommen, Amm. Marc. 31, 2, 6: equis prope 
adfixi, cluris quidem, sed deformibus, et muliebriter iisdem nonmm- 
quam insidenteSj funguntur muneribus consuetis. Ex ipsis quivis 
pernox et perdius emit et vendit cibumque sumit et potum et in- 
clinatus cervici angustae jumenti in altum soporem adusque varie- 
tatem effunditur somniorum. Et deliberatione super rebus propo- 
sita seriis, hoc habitu omnes in commune consultant. Und nicht 
anders schildert sie Zosimus 4, 20: sie sind nicht im Stande, den 
Fuss fest auf den Boden zu heften, leben ganz auf den Pferden, 
scblafen auf ihnen u. s. w. Die Steppe hat das Pferd geboren, die 
gelben Steppenvolker haben es gezahmt und nacbdem ihnen diese 
That gelungen, ihr ganzes Dasein von ihr abgeleitet. Wenn es wahr 
sein sollte, wie neuerdings im Hinblick auf die zweite Art der acha- 



Das Pferd. 51 

menidischen Keilschriften angenommen wird, dass Medien entweder 
eine urspriinglich turanische, d. h. nicht-iranische Bevolkerung gehabt 
hat oder urspriinglich von Ariern bewohnt wurde, die spater von 
eingewanderten Turaniern unterjocht worden so wiirde sich dadurch 
des Weiteren erklaren, waruni dieses Land fiir ganz Vorderasien Heimath 
mid Ausgang der Rossezucht und Reitkunst geworden ist u ). 



** Der Annahme Helm's, dass die Indogermanen in einer centralasiati- 
schen Urheimath das Pferd, dessen urspriingliche Weideplatze sich in westlicher 
Richtung hochstens bis zu den Karpathen erstreckt batten (S. 21), nur in 
wildem Zustand kannten, und dass die europaischen Indogermanen das Pferd 
als Hausthier erst in ihren historischen Wohnsitzen auf den Wegen des Volker- 
verkehrs mittelbar oder unmittelbar von iranischen Stammen her empfingen, 
dieser Annahme steht die nicht beachtete Schwierigkeit entgegen, dass man 
so nicht begreift, wie das Wort equus z. B. bei den westlichsten, den keltischen 
Stammen sich erhalten konnte, wenn die Bekanntschaft mit dem Thier Jahr- 
hunderte lang unterbrochen war. Das Vorhandensein dieses Wortes in dem 
Sprachschatz fast aller Indogermanen erklart sich vielmehr nur unter der 
Voraussetzung, dass das Pferd entweder in gezahmtem oder halbgezahmtem 
Zustand die Indogermanen auf ihren Wanderungen begleitete, oder dass das 
Wanderungsgebiet auch der europaischen Indogermanen in das Verbreitungs- 
gebiet des wilden Pferdes fiel oder endlich dass beides zugleich der Fall war. 

Dass Europa mit zu den ursprtinglichen Wohnsitzen des wilden Pferdes 
gehore, wird von den Naturforschern gegenwiirtig mit grosser Entschiedenheit 
angenommen. Vgl. A. Otto, Zur Geschichte der altesten Hausthiere S. 73 ft 
Vor allem ist hier eine Arbeit A. Nehrings in den Landwirthschaftlichen 
Jahrbiichern vom Jahre 1884 zu nennen: Fossile Pferde aus deutschen 
Diluvial-Ablagerungen und ihre Beziehungen zu den lebenden Pferden. Ein 
Beitrag zur Geschichte des Hauspferdes. Nehring unterscheidet mit anderen 
zwei Hauptrassen des Hauspferdes, die orientalische, welche durch eine 
starke Entwicklung des Gehirnschadels charakterisirt sei, wahrend der Ge- 
sichtsschadel mehr zuriicktrete, und die occidentale, bei welcher das um- 
gekehrte Verhaltniss vorliege. Zu letzterer gehore das schwere, starkknochige 
Diluvialpferd Mitteleuropas, und es konne, das ist der Hauptsatz der Arbeit, 
kein Zweifel obwalten, dass von diesem unser schweres, gemeines Hauspferd 
direct abstamme. Daneben wird das Vorhandensein einer kleineren, zier- 
licheren Rasse schon in der Diluvialzeit, z. B. in den Funden von Schussen- 
ried als wahrscheinlich angenommen. Das schwere Diluvialpferd habe in der 
Europa in postglacialer Zeit theilweis bedeckenden Steppen vegetation , deren 
Ueberreste in Schlesien und in der Theissebene Ungarns noch bestiinden, als 
Jagdthier des Menschen in ungeheurer Menge gelebt, vor den sich immer 
mehr ausdehnenden Waldungen sich zwar grosstentheils in die Steppenflora 
des Ostens zuruckgezogen, aber doch theilweis in den Lichtungen des Urwalds 
bis in historische Zeiten erhalten. Die Nachrichten iiber das europaische 
Wildpferd werden daher nicht mit H. auf verwilderte, sondern auf wirklich 
wilde Thiere bezogen (ebenso wie von Ecker Globus 1878 Bd. 34 in einer 

4* 



52 Das Pferd. 

ausfiihrlichen Arbeit iiber das europaische Wildpferd). Die Domestication 
des wilden, mitteleuropaischen Diluvialpferdes habe sehr friih begonnen, 
wann sie durchgefiihrt worden sei, lasse sich mit Sicherheit nicht ermitteln. 
- Lehrreich, aber freilich wenig trostlich, sind auch die Mittheilungen Neh- 
rings iiber den vielgenannten Tarpan (oben S. 19). Nach ihnen sind wir iiber 
dieses Wesen lediglich auf die Berichte der gelehrten Reisenden des vorigen 
Jahrhunderts, wie Pallas, Gmelin, Georgi angewiesen; denn gegenwartig exi- 
stire nirgends in Russland, wenigstens nirgends in Siid- Russland uiid den 
aralo-kaspischen Steppen, irgend ein wildes Pferd. Auch sei in keiner ein- 
zigen Sammlung Russlands ein Skelett dieses sogenannten Tarpan aufzufinden. 
Die letzte noch iibrige Form des wilden Pferdes ist Nebring geneigt, in dem 
equus Przewalkii bei dem See Lob-Nor in Mittelasien zu erblicken. Wie stellt 
sich nun, wenn man mit den Naturforschern von dem Indigeuat des Pferdes 
in Europa ausgeht, hierzu die Frage der Zahmung des Thieres bei den 
Indogermanen ? Da dieselben nach den iiberzeugenden Ausfiihrungen H.'s in 
der Urzeit weder ein Reitervolk gewesen sind, noch auch das Pferd als Zugthier 
benutzt haben konnen, andererseits aber doch das Thier, wie andere indo- 
germanische Hausthiere (vgl. mein Reallexikon u. Opfer und Pferd), bei' 
alien idg. Volkern zu Opfer- und Speisezwecken verwendet wurde, wird man 
fiir die indogermanische Urzeit am wahrscheinlichsten einen halb wilden 
Zustand des Thieres anzunehmen haben, in welchem es nicht sowohl zu 
Dienstleistungen als zur Nahrung uud Bekleidung des Menschen (Fleisch, 
Milch, Felle) in Heerden gehalten wurde. In diesen Zustand konnte das 
Thier ebenso wohl in Asien wie in Europa versetzt worden sein, und der 
Umstand, dass die Indogermanen das Pferd halbwild oder wild gekannt batten, 
Hesse sich an und fiir sich weder zu Gunsten der asiatischen, noch zu Gunsten 
der europaischen Hypothese des Urlandes der Indogermanen ausbeuten. Mog- 
lich ist aber auch, dass erst die europaischen Indogermanen nach Auflosung 
des indogermanischen Verbandes, wahrend aber noch engere kulturgeschicht- 
liche und volkergeschichtliche Beziehungen zwischen alien oder gewissen Theilen 
bestanden (vgl. unten S. 63 f.), zur ersten Zahmung des einheimischen Thieres 
vorschritten. Hierfiir konnte man auf einige Benennungen des jungen oder 
des Mutterthieres hinweisen, die sich auf Europa beschranken. So auf das 
griech. ncuXoc: goth. fula Fohlen, ir. (p)klir, alb. pel's Stute (G. Meyer, Et. W. 
S. 326) und auf das oben (S. 24) genannte ahd. stuot. Hingegen diirfte die 
Gleichung altgallisch marka, ir. marc = ahd. marah, meriha eher auf friilr 
zeitiger Entlehnung aus dem Keltischen beruhn. Das in den germanischen 
Sprachen weit verbreitete Wort ist in der Bedeutung Vieh, Mahre, Waare 
(vgl. Miklosich, Et. W. S. 190) in zahlreiche Slavinen, auch ins Rumanische 
und Magyarische eingedrungen, so auf einen friihen westostlichen Pferde- 
handel hindeutend, der seinen Ausgangspunkt in Gallien zu haben scheint. 
Vgl. Caesar De bello gallico IV, 2: Quin etiam iumentis (Pferd, Wolft'lin 
Archiv VII, 322), qalbus maxime Galli delectantur quaeque inpenso parant pre- 
tio, imp or tat is hi (Suebi) non (wie andere Germanen) utuntur, sed quac sunt 
apud eos nata, prava (nicht parva) atque deformia, haec cotidiana exerciiatione. 
summi ut sint laboris efficiunt. Bekanntlich wurde auch in Gallien eine 
besondere Pferdegottin , Epona (*ep- = ir. ech), verehrt, deren Altare noch 
heute sichtbar sind. Mo'glich ist aber auch endlich, dass die Indogermanen 



Das Pferd. 53 

erst als Einzelvolker und in ihren historischen Wohnsitzen die Zahmung des 
einheimischen Pferdes begannen, nachdem sie auf den A- on Hehn geschil- 
derten Wegen des Volkerverkehrs von aussen dieselbe erlernt hatten; denn 
aucli Nehring hebt mil Nachdruck hervor, dass schon in vorhistorischer Zeit 
das Eindringen des asiatischen Hauspferdes in Europa stattgefunden haben 
miisse. Weiter als zu dem Abwagen von Moglichkeiten wird man in diesen 
sclnvierigen Fragen vorlaufig nicht kommen. In den Schweizer Pfahlbauten 
der Steinzeit sind nach Rfitimeyer, Fauna der Pfahlbauten, S. 123, Ueberreste 
des Pferdes, und zwar unseres Hauspferdes, unzweifelhaft nachgewiesen 
worden; doch sind dieselben der Haufigkeit der Knochen anderer Hausthiere 
gegeniiber selten. Fiir die danische Steinzeit wird die Bekanntschaft mit dem 
Pferd als ,,zweifelhaft" bezeichnet (vgl. S. Miiller, Nordische Alterthumskunde I 
S. 204, 445), wahrend in Schweden sichere Pferdereste ans der gleichen Epoche 
zu Tage gekommen sind (vgl. Montelius, Kultur Schwedens 2 S. 26). Zwei 
Species von Pferden haben sich in den Pfahlbauten der Poebene gefunden 
(W. Helbig, Die Italiker in der Poebene S. 14). Die in Mykenae gefundenen 
Thierreste harren, wie Herr Tsuntas schreibt, noch einer sorgfaltigen Unter- 
suchung. 

Bemerkenswerth 1st, dass an zwei Stellen des europaisch-indogermanischen 
V(">lkergebiets nichtindogermanische, vielleicht vorindogermanische Be- 
zeichnungen des Pferdes hervortreten. Es ist dies einerseits im Norden altsl. 
kobyla Stute, mit dem sich auch das gemeinslavische kom Pferd und das 
gleichbedeutende altruss. komom, cech. Jcomon (vgl. auch altpreuss. camnet 
Pferd, lit. klime Stuet, kumdys Fohlen) lautlich vermitteln lassen, und das 
des weiteren sowohl mit gallisch-lateinischem cabo, cabonis (G. Goetz, Thesau- 
rus I, 159), caballus (griech. xapd/^Y|C, Hesych.), wie endlich auch mit dem 
gemeinlinnischen hebo, hepo Pferd, estn. hebu, hobu Stute, hobune Pferd etc. 
zustimmenzuhangen scheint (vgl. tiber diese Worter Leskien, Bildung der Nomina 
im Litauischen S. 277 und J. Schmidt, Kritik der Sonantentheorie S. 138). 
Es ist dies zwei tens im Alpengebiet bask, mando Pferd oder Maulthier, das 
in lat. mannus (aus *mandus\ ein gallisches Pferd und in alb. mes Fullen von 
Pferd oder Esel aus *mandia (vgl. G. Meyer, Et. W. S. 276) wiederkehren diirfte. 

Weiteres tiber die Terminologie des Pferdes s. in meinem Reallexikon 
u. Pferd. 

Wenden wir uns nach Asien, so weist die Sprachvergleichung darauf 
bin, dass auch bei den Semiten die Bekanntschaft mit dem Pferd bis in 
die Urzeit dieser Volker zuruckgeht. Es handelt sich hier um die beiden 
Gleichungen assyr. sisu, hebr. sus, aram. susjd und hebr. para* Reiter mit dem 
Pferd, Pferd, athiop. faras, arab. feres, die doch kaum anders wie die indo- 
gerinanische Gleichung equiis etc. beurtheilt werden konnen (vgl. F. Hominel, 
Die Namen der Saugethiere S. 45 f.). Auf keine Weise, meint Hommel, S. 54, 
lasse sich die (mit der Hehn'schen Anschauung von der iranischen Herkunft 
des semitischen Pferdes am besten ubereinstimmende) altere Erklarung von 
*susu als das susische und von *param als das persische aufrecht halten, 
hinoegen nimmt er (Beilage zur allg. Zeitung 1895 No. 197 S. 2, einen uralten 
Zusammenhang zwischen der ursemitischen Grnndform *sisivu = assyr. sisu 
und der indogermanischen * ekvo = scrt. d^va-, lat. equus an (?). - Den 
Sumerern, der altesten Bevolkerung Babyloniens, scheint im Gegensatz 



54 Das Pferd. 

zu den Semiten das Pferd niclit urspriinglicli bekannt gewesen zu sein. Seine 
augenscheinlich junge Benennung lautet hier Esel des Berges oder Ostens 
(vgl. F. Hommel, Die Semiten S. 402). 

Weitere (oben S. 26) Thatsachen lassen sich dafur geltend machen, dass 
inAegypten Pferd und Wagen durch semitisclie Beziehungen bekannt warden 
(Hommel, Namen der Saugethiere S. 422, E. Meyer, Geschichte des Alter- 
thums I, 211). Dass dies durch die Hyksos geschehen sei (oben S. 26), wird 
von F. Hommel energisch vertheidigt; er versteht unter diesem Namen ara- 
bisclie Beduinenstamme und ist daher S. 422 geneigt, dem arabischen Pferd 
ein hoheres Alter als Helm (oben S. 29 f.) zuzuschreiben. Spater war Aegypten. 
ein pferdeausfiihrendes Land (E. Schrader, Keiliiischriften u. d. a. Testament, 
2. Auflage S. 188). Ueber das Pferd in Aegypten vgl. noch Dttmichen in Brelims 
Thierleben III 3 , 39 f. und Wiedemann, Herodots II. Buch S. 420 ff., fur das 
Pferd bei den Semiten Riehm, Bibellexikon, 2. Aufl. 

Sehr anschanlich schildert E. Meyer a. a. O. die Umgestaltung, welche 
im ganzen Gebiete der a" gyptisch - vorderasiatischen Kulturwelt das Kriegs- 
wesen durch die Einfiihrung des Pferdes und seine Benutzung zum Ziehen 
des leicht durch die Reihen der Feinde dahinfliegenden Kriegswagens 
erfuhr. Zu den im obigen (S. 26 ff.) von Helm zusammengestellten Be- 
legen hierfur ware noch nachzutragen , dass schon auf den mykenischen 
Grabstelen Streitwagen dargestellt sind (Helbig, Homerisches Epos, 2. Aufl. 
S. 126). So erhalten die schon oben citirten Verse der Jlias (4, 308), die 
Worte des Nestor 

d8s xal oi TtpoTspoi TtoXta? xal TS'.^E' Ircopd'eov 

eine vertiefte Bedeutung. Auch bei den Ostiraniern des Zendavesta waren 
Wettrennen zu Wagen ebenso wie das Fahren in die Schlacht gebrauchlich ; 
aber auch die Reitkunst wurde geiibt (W. Geiger, Ostiranische Kultur S. 350). 
Wie kam es nun, dass in der ganzen agyptisch-vorderasiatischen Kultur, vorn 
Nil bis an die Ufer des Indus das Pferd offenbar zuerst dazu verwendet 
wurde, den Kriegswagen zu ziehen, nicht aber den Reiter in die Schlacht zu 
tragen? Diese Frage ist in neuerer Zeit mehrfach erortert worden. W. Ridge- 
way in der Academy vom 3. Jan. 1891 S. 14 sucht den Grund jener Erschei- 
nung in dem angeblich kleinen und schwachen Typus des primitiven Pferdes. 
Er beruft sich dabei auf die schon oben S. 35 genannte Stelle des Herodot 
von den Sigynnen, einem Volke, das tibrigens auch MiillenhofF, Deutsche 
Alterth. III. If. ahnlich wie Helm localisirt: TOO? 2s irereooc aotw eivai XociS-oo? 
6citav TO au>{xa Inl itevTe SaxTuXoo? TO (3dS-o<; TU>V Tpt^cuv, jAtxpou? os xai otjxoui; xal 
&8ovaTOD<; avBpai; cpspeiv, CeuYvufxsvou? 8s 6cp' apfiaTa etvat O|UTOCTOUC. dpjjLatYjXaTe'etv os 
Ttpo? TauTa TOO? e:ct^a>piooc. Man hat aber mit Recht in der Academy vom 
10. Jan. 1891 S. 40 eingewandt, dass die Pferde, wie sie auf den assyrischen 
und agyptischen Monumenten dargestellt sind, zu dieser Ansicht durchaus 
nicht stimmen. Dass man das Pferd gekannt, es aber iiberhaupt niclit zu 
reiten verstanden hatte, ist ebenfalls unglaublich. Die homerischen Zeug- 
nisse ftir die Ausiibung der Reitkunst s. oben S. 39 f. Fur die Inder des Rig- 
veda beweist dasselbe Rgv. V, 61, 2 (vgl. M. Muller, Biographies of words 
S. 116). Auch in Aegypten diente das Pferd zum Reiten (vgl. Wiedemann 
mid Dlimichen a. d. angegebenen Stellen). In Vorderasien selbst ritten die 



Griechen. Italer. Phonizier. 55 

iirspriinglich wohl nicht sernitischen Chetta's, deren Kriegsgottin sogar zu 
Pferde erscheint (vgl. Wiedemann a. a. O.). 

Es handelt sich, das 1st festzuhalten, bei der ganzen Erscheinung ledig- 
lich um eine Sitte der Kriegsfiih rung, zu deren Erklarung die oben 
S. 30 gegebenen Ausfiihrungen Helm's gentigen. Dass aber gerade auf dem 
Gebiete des Kriegswesens eine machtige Nation, hier also wahrscheinlich die 
assyrische, tonangebend auf andere Volker wirken kann, ist eine Erfahrung, 
die man auch heutzutage bei den modernen Militarstaaten machen kann. 
Dazu kam, dass das Pferd in gewissen Theilen seines Verbreitungsgebietes 
anfangs ein seltner und wertlivoller Besitz war (vgl. fur Indien Roth Z. d. d. 
M. G. 85, 686), so dass auch nach dieser Richtung die Ausbildung einer ins 
Gewicht fallenden Reiterei zunachst unmoglich war. Die erste europaische 
Kunde eigentlicher (turko-tatarischer) Reitervolker bringt das von W. Tomaschek 
in den Sitzungsb. d. k. Ak. d. W. in Wien CXVI (1888) behandelte arimaspische 
Gedicht des Aristeas : die Arimaspen, ein in iranischem Mund gebildetes Wort, 
das nach Miillenhoff soviel wie Besitzer folgsamer Rosse, nach Tomaschek 
S. 47 Besitzer von wilden oder Steppenrossen bedeuten wiirde. Wie Indo- 
germanen und Semiten, besitzen endlich auch die Turko-Tataren eine auf 
dem ganzen Sprachgebiet gemeinsame Bezeichnung des Pferdes at (woruber 
Vambery, Primitive Kultur S. 189). Ebenso scheinen die Finn en das Pferd 
schon vor ihrem EintrefFen an der Ostsee gekannt zu haben (vgl. A. Ahlqvist, 
Die Kulturvolkcr der westfinnischen Sprachen. Ein Beitrag zur altesten 
Kulturgescliichte der Finnen. Deutsche Ausgabe. Helsingfors 1875, S. 9 ff.). 



Zur Zeit, wo die erste Dammerung der Geschichte liber der 
griechischen Halbinsel anbricht, lasst sich etwa Folgendes erkennen. 
Das Volk, welches spater unter dem Namen der Hellenen die Welt 
mit seinem Ruhm erfiillen sollte, mag an der Ostseite des adria- 
tischen Meeres durch Gebirge und Walder bis Dodona in Epirus 
sich durchgekampft haben, an welche Gegend die Nachkommen ihre 
altesten Erinnerungen und Vorstellungen friihesten Gottesdienstes und 
primitiven Lebens kniipften. Hier war ein Haltepunkt; von hier 
gingen die beiclen nationalen Gesammtnamen aus, der der Hellenen, 
der spater mehr im Osten Geltung gewann, und der -der Griechen, 
TgaixoC, der im Westen der Halbinsel haftete und von da den 
gegeniiberwohnenden Italern zukam, nachmals aber im Mutter- 
lande -wieder erlosch. Von Epirus ging der Einwanderungszug, ohne 
Zweifel wilden Drangern von Norden ausweichend, uber schwierige 
Gebirge nach Thessalien, wo ein zweites sehr altes Dodona gelegen 
haben sollte, und erfullte von dort in weiterer Ausbreitung die an- 
grenzenden Landschaften, die erreichbaren Inseln und die siidlichste 
fast von alien Seiten vom Meer umflossene Halbinsel. Als in einer 
viel spatern Epoche der kleine Stamm der Dorer von seiner Heimath 



56 Griechen. Italer. Phonizier. 

am Parnassus erobernd den Peloponnes uberzogen hatte, da war die 
vorbereitende Zeit der Mischung und der unstaten Hin- und Her- 
ziige geschlossen und die Bevolkerung der Halbinsel im Wesentlichen 
in den festen Sitzen angesessen, in denen sie uns seitdem die Ge- 
schichte zeigt. Ueberall wird der eigentlich griechischen Zeit die 
der Pelasger als vorausgehend gedacht, ein Name, in'dem entweder 
nur die Vorwelt und altere Kulturform als solche personificirt (Pelasger 
am wahrscheinlichsten so viel als Altvordern, die Altersgrauen) 15 ), 
oder die Erinnerung an einen bei der Einwanderung den eigent- 
liclien Griechen vorausgegangenen und allmahlich von diesen absor- 
birten Zweig desselben Volkes erhalten worden ist. Wie mit den 
Pelasgern verhalt es sich mit den friihzeitig verschwindenden Stanir 
men, die wir unter dem Namen der Leleger (wohl so viel als Selecti, 
Erlesene, in anderer Form Lokrer) zusammenfassen konnen und die. 
sich als zerstreute Trammer von Westgriechenland iiber die Inseln 
bis an einzelne Punkte der kleinasiatischen Kiiste verfolgen lassen. 
Sie gehorten wie die Pelasger zu den Ersten des grossen Einwamle- 
rungszuges und wurden von nachriickenden Haufen zersprengt oder 
unterjocht oder iiber das Meer gejagt; ihr Ausgangspunkt war, so 
viel wir sehen konnen, Akarnanien nebst den davor liegenden Inseln 16 ). 
In dieser altesten Zeit ist die Volkerscheidung noch keine bestimmte 
und Uebergange fiihren nach alien Seiten hin. Erst die fortgehende 
Bildungsgeschichte schuf den Gegensatz zwischen Barbaren und 
Hellenen ; ethnologlsch verwandte Stamme, die aber auf altern Stufen 
der Kultur verblieben waren und deren Mundart nicht mehr ver- 
standen wurde, erschienen als fremden und ungewissen Blutes. Zu 
solchen Halbhellenen mit vermittelnder Zwischenstellung gehorten 
spater die Aetoler und Akarnanen, weiter hinauf die Thesproten und 
Molosser in dem einst griechischen Epirus, auf der entgegengesetzten 
ostlichen Seite das nachher grosse und ruhmreiche Volk der Make- 
donen (so viel als die Langen, wie umgekehrt die Minyer so viel 
als die Kleinen). Sie bildeten den Uebergang zu den beiden weit 
ausgebreiteten Volkern der Thraker ostlich und der Illyrier west- 
lich, die zwar der indoeuropaischen Familie angehorten, also auch 
den Hellenen nicht absolut fremd waren, dennoch aber wegen langer 
Trennung und abweichender Schicksale bereits in so weitem Abstand 
sich befanden, dass bei der Beriihrung kein unmittelbares Gefiihl 
der Bluts- und Kulturverwandtschaft mehr sprach. Ob diese massen- 
haft dort gelagerten Stamme dem in den Siiden fortgezogenen Ur- 
volke der Griechen erst stidlich der Donau nachgeriickt oder ob 






Griechen. Italer. Phonizier. 57 

dieses sich karopfend an ihnen vorbeigedrangt habe, bleibt in Dunkel 
gehiillt, obgleich Pott, Ungleichheit menschlicher Rassen, S. 71, das 
Letztere glaubt annehmen zu diirfen. Dass uns aber die Sprache 
beider Volker auf immer verloren gegangen ist, bleibt fur die Auf- 
hellung der friiheren Schicksale des Indogermanismus auf europai- 
schem Boden eine schwere Einbusse. In diesen Spracheii ware uns 
der Schliissel fur so manches Problem der Theilung und Wande- 
rungsrichtung und allmahlichen Succession der Hauptglieder dieses 
Volkersystems gegeben gewesen. Denn die Thraker mit den zu 
ihnen gehorenden Geten und Daken und die Illyrier mit ibren Neben- 
zweigen, den Pannoniern und Venetern, bilden die Centralmasse, von 
der nach alien Seiten verbindende Faden auslaufen. Sie standen 
den Griechen nahe, aber auch den Phrygern und durch diese den 
Armeniern und iranischen Stammen, mit welchen letzteren sie ohne- 
hin durch Skythen und Sarmaten sich unmittelbar beriihrten; nicht 
geringe Spuren verkniipfen sie gleichzeitig mit den nordlichen Litu- 
slaven und Germanen und mit den westlichen Kelten. Indem uns 
so in der Reihe der Sprachen und also der Volker ein wichtiges 
Glied fehlt, bleiben wir fur die Gruppirung derselben auf vereinzelte 
Beobachtungen angewiesen, deren Gewicht der Eine so, der Andere 
anders schatzen kann. Zwar scheint von einem der beiden Zweige 
wenigstens ein kostbarer Rest in der heutigen albanesischen Sprache 
erhalten. Allein dieses Idiom liegt in junger, sehr entstellter Form 
vor; es ist von Einwirkungen der es umgebenden Zungen in alter 
wie in neuer Zeit tief durchdrungen worden; was diesem fremden 
Einfluss und was der Urverwandtschaft zuzutheilen sei, muss oft 
zweifelhaft bleiben und Alles zusammengenommen hat bis jetzt die 
ohnehin vielbeschaftigte vergleichende Sprachwissenschaft abgehalten, 
auf diesem Boden, der vielleicht noch manches verbirgt, die Aiis- 
.grabung in grosserem Masse vorzunehmen 17 ). Die Thraker (scheint 
eine griechische Benennung, die Rauhen oder die Gebirgsstamme, 
von TQa%vg mit vertauschter Aspiration, wie Ligures asperi bei 
Avienus) hatten friihe asiatische Kulturvvirkung erfahren und in ihreh 
siidlichsten Zweigen friihe eine solche auf den Norden Griechenlands 
geiibt: die Illyrier fiihren uns' auf der entgegengesetzten Seite zur 
Schwesterhalbinsel It a lien. Dort hatten Illyrier unter dem Namen 
Veneter, Heneter, Eneter nicht bloss das Miindungsland des Po und 
der iibrigen Alpenfliisse besetzt, sondern auch, wie mancherlei Namens- 
spuren verrathen, ja selbst directe Zeugnisse bestatigen, schon friihe 
langst dor ganzen Ostkiiste bis tief an die stidliche Spitze sich aus- 



58 Griechen. Italer. Phonizier. 

gebreitet, ohne indess den Apennin zu iiberschreiten. Zu dem illyri- 
schen Stamm mogen auch die Messapier uiid Japygen im Sudosten 
der Halbinsel nebst den Nachbarvolkchen zu rechnen sein. Auf 
dem grossen Volkerwege um den venetischen Meerbusen herum, die 
italischen Illyrier entweder vor sich und zur Seite schiebend oder 
umgekehrt von diesen vorwarts nach Siiden und Siidwesten gedrangt, 
war denn auch das eigentlich italisehe Volk in die Halbinsel vor- 
geriickt, das, wie der Augenschein den Unbefangenen lehrt, von den 
Vorvatern der Hellenen sich erst verbal tnissmassig spat getrennt 
hatte. ' Unter den Unterabtheilungen, in die es auf dem neuen Boden 
zerfiel nnd die vielleicht nur der in intermittirenden Stossen erfol- 
genden Einwanderung ihr Dasein verdanken, setzten sich die Latiner 
in der Ebene sudostlich von dem unteren Tiber und auf den daran 
stossenden vulkanischen Vorbergen. fest; die sabellischen Stamme 
drangen auf dem Rucken des Gebirges selbst vor; vom untern Po 
und den Ebenen am adriatischen Meer quer durch die Halbinsel 
bis zum westlichen Meer waren die Umbrer verbreitet, an welche 
sich im Nordwesten, in den Gebirgen, die zu den Golfen von Genua 
und Spezzia hinabsteigen, die Ligyer oder Ligurer (in altester Form : 
Liguses), ein nicht italisches Volk, anschlossen. Ob die Einwanderer 
an den Westkiisten Italiens bis hinab nach Sicilien ligurische und 
iberische Bewohner vorfanden und sie verjagten oder vertilgten, lasst 
sich mehr ahnen als behaupten oder verneinen. Aber friihe schon 
wurden die Umbrer durch einen neuen Einbruch von Norden ver- 
drangt, gespalten und unterjocht: das rathselhafte, indess doch wohl 
indoeuropaische Volk der Etrusker setzte sich in breiter Herrschaft 
von den Alpen bis zum Tiber durch die obere Halfte der Halbinsel 
fest, wurde machtig zur See, ging spater sogar nach Campanien 
iiber, bis es durch die iiber die Alpen brechenden Kelten, die sich 
der Ebenen Ober Italiens bleibend bemachtigten, immer mehr be- 
schrankt und geschwacht wurde. Unterdess aber hatten sich die 
kriegerischen , raub- und' wanderlustigen Hirtenstamme in beiden 
Halbinseln, der griechischen und der italischen, allmahlich zum Acker- 
bau gewandt und damit den machtigsten Schritt auf der Balm der 
Humanitat gethan. Dass sie vor 'der Einwanderung, zur graco- 
italischen Epoche, ja wohl gar schon im Herzen Asiens den Acker 
bestellt und sich von der Frucht der Demeter genahrt, ist eine oft 
mit mehr oder minder Sicherheit aufgestellte Behauptung, deren 
Stiitzen aber grosstentheils wenig haltbar sind. Griechisch fyia Spelt, 
agovga der getreidespendende Acker, litauisch jawas Getrcide- 






Griechen. Italer. Phonizier. 59 



korn, Plur. jaival Getreide ira Allgemeinen, so lange es noch auf dem 
Halme steht, jawiena die Stoppel, 1st zwar eine richtige Gleichung, 
beweist aber nur, dass zur Zeit, wo die Griechen und Litauer noch 
nngeschieden waren, irgend eine Grasart, vielleicht mit essbarem 
Korn in der Aehre, mit diesem Namen bezeichnet wurde (man ver- 
gleiche sanscr. yava Gerste, yavasa grasreiche Weide). Aehnlich 
verhalt es sich mit XQI&I], lat. hordeum, ahd. gersta: die Sprache 
eines Volkes, dessen Beschaftigung es war, Thiere zu weiden, musste 
an Gras- und Pflanzennamen besonders reich sein. Aus griechisch 
dyQog, lat. ager, gothisch akrs ist gar iiichts zu schliessen, da die 
Bedeutung dieses Wortes Feld iiberhaupt, nicht bestellter Acker, 
gewesen sein wird. Rechnet man ahnliche Falle und A lies, was auf 
Entlehnung beruht, ab, so bleibt eigentlich nur der eine Wortstamm 
griech. dgovv, lat. arare, lit. drti, goth. arjan u. s. w. mit den dazu 
gehorigen agoigov, aoovQa, arvum u. s. w. als Beweis der Bekannt- 
schaft mit dem Pfliigen und dem Pfluge vor der Volkertrennung 
auf europaischem Boden iibrig. Die lange Wanderung von den 
Gegenden jenseits des Aralsees bis in die Walcler Ureuropas wird 
von Hasten unterbrochen gewesen sein, auf denen je nach ihrer 
grossern oder geringern Zeitdauer Anfaiige, aber auch nur Anfange, 
des Ackerbaues moglich waren. Wenn der neue Wandertrieb er- 
wachte, wurde das schwere, muhselige, alien Hirtenstammen so ver- 
hasste Geschaft der Bodenarbeit aufgegeben und es blieb nur die 
allgemeine Bekanntschaft damit zuriick. Wir mogen also bei den 
Graco-Italern jenen halbnomadischen Ackerbau voraussetzen, den wir 
noch heute bei Beduinen, den Stammen jenseits der Wolga u. s. w. 
im Schwange finden. Der Pnug bestand aus einem passend ge- 
kriimmten Stiick Holz, Avie man es in den Waldern suchte und 
fand, das CZQOTQOV avioyvov, welches noch Hesiodus kennt, wahrend 
die verschiedeneii Theile des zusammengesetzten Pfluges, des von 
Homer und Hesiod genannten agoiQov Tcrjxrov, griechisch und latei- 
nisch ganz verschieden benannt werden und also erst nach der 
Trennung in den neuen Sitzen erfunden oder von aussen her bekannt 
wurden 18 ). Die gebaute Pflanze konnte Hirse gewesen sein, griechisch 
fiMvij, lat. miliuin, lit. malnos, f. pi. Schwaden, nicht sowohl dieses 
Xamens wegen, der offenbar nur eine Grasart bezeichnet, als weil 
die Hirse schon fruhe im Osten und Westen des Welttheils gemeine 
Kornart war. In Gemeinschaft mit ihm treten haufig die Riibe und 
die Bohne auf, zwei sehr alte, mit gemeinsamen Namen benannte 
Friichte, deren Pflanzung vielleicht dem Ackerbau vorausging 19 ). 



(30 Griechen. Italer. Phonizier. 

Indess, wie sich dies auch verhalten mag, nachdem das unruhige 
Hirtenvolk in den meerumgiirteten Landschaften Griechenlands mid 
Italiens seine feste Heimat gefunden und der alte Trieb nur noch 
in localen Wanderungen und Kampfen ausklang, da musste in den 
fetten Ebenen am Meere oder zwischen bewaldeten Bergen (Hesiod. 

Op. et d. 388: 

die sich dem Meere 

Nah ansiedelten, die in dem Thai am Fusse der Waldschlucht, 
Fern von den schaumenden Wogen des Meers, den fruchtbaren Acker 
Bauen) 

der schwarze Boden und der gluckliche Himmel zum Kornerbau ein- 
laden. Die Pelasger wurden ein von der Bodenarbeit sich nahrendes 
Bauernvolk, mil dem Antlitz zur Mutter Erde gewandt, die voran- 
schreitenden Ochsen mit dem X&VCQOV stachelnd, an dem schweren 
AVerke sich abmuhend, das die Gotter den Menschen gelehrt und 
auferlegt, Hesiod. Op. et d. 398: 

Schaffe das Werk, das dem Menschengeschlecht zumassen die Gotter. 

Der in den AValdgebirgen verbliebene Hirte freute sich der leichtern 
Freiheit; arbeitsscheu uncl raubgierig, wie alle Hirten, liberfiel er 
die Wohnungen, Hiirden und Speicher der Ackerbauer und im 
Kleinen herrschte dasselbe Verhaltniss wie im Grossen zwischen Iran 
und Turan, zwischen den Galliern kurz vor Casar und den Germanen, 
spater zwischen den Deutschen und den Ungarn und an so vielen 
andern Stellen der Geschichte. So fiihrte das Bediirfniss zu festeii 
Bauten, Mauern und Burgen auf den Hohen, Schutzwerken der Feld- 
besteller gegen die wilden Nachbarn in den Waldgebirgen und so 
ragen an vielen Stellen Griechenlands unter dem Namen Ephyra 
(die Warte), Larissa oder rich tiger La r is a (wohl so viel als be- 
gabt mit fettem Boden, wie ev TCLOVI $*?,% ncoiawv TisdCov f niova 
Qya, moveg dygoi, /ad^a nlaQ vri ovdag u. s. w., Larisae campus 
opimae. Larisa ist die Tochter des Piasos, in dem thessalischen Larisa 
herrschen die Aleuaden, d. h. die Drescher auf der Tenne oder 
Stampfer im Morser) und Argos (Fruchtebene gegen das Meer ge- 
offnet) feste Niederlassungen der Ackerbauer und Mauerngriinder aus 
der dunklen in die historische Zeit hinein. AVahrend die stamm- 
verwandten Volker im Norden bei ihrer alten unstaten Lebensart 
verblieben, richteten sich die graco-italischen Stamme in dem neu- 
gewonnenen herrlich ausgestatteten Gebiete hauslich ein, des An- 
stosses gewartig, der sie aus der natiirlichen Dumpfheit erwecken 
und auf eine unabsehbare Kulturbahn drangen solltc. Diesen An- 



Griechen. Italer. Phonizier. Ql 

stoss gewahrte die Beriihrung mit den Semiten, einer im Vergleich 
niit der schwerfalligeren indoeuropaischen Natur gewandten, an 
Abstractionskraft reichen und bereits in vielen Zweigen der Kultur- 
technik weit vorgeschrittenen Race, Sidonische Phonizier hatten im 
Verein mit Karern die Inseln des agaischen Meeres besetzt, viel- 
leicht schon im vierzehnten oder dreizehnten Jahrhundert ; sie hatten 
sich ihrer Sitte gemass der kleinen Eilande und abgesonderten Fels- 
vorspriinge am Kande des Festlandes bemachtigt, als eben so be- 
quemer wie gefahrloser Stiitzpunkte fur Handel und Industrie, waren 
von den nordlichen Inseln auf thrakischen Boden iibergegangen, wo 
sie sich mit heriibergekommenen Phrygern beriihrten, herrschten in 
Bootien und Attika (man denke an die Sagen von der Europa und 
vom Tribut der Athener nach Kreta), fassten von der Insel Kythere, 
einer uralten phonizischen Kultusstatte , Fuss in dem gegeniiber- 
liegenden Lakedamon, hielten Korinth besetzt, wo Aphrodite, die phoiii- 
zische Astarte, und Elis, wo Herakles, der phonizische Melkarth, vor 
Alters verehrt wurde, ja gingen viclleicht die Kuste des ionischen 
Meeres bis zu den Aetolern, Thesprotern und Illyriern hinauf. Sie 
trieben an passenden Stellen Purpurfischerei und Buntfarberei, eroff- 
neten Bergwerke auf Metalle und kniipften mit den Naturkindern, 
die um die Faktoreien heruni wohnten, einen gewinnbringeiiden Handel 
an, mit dem nach Weisc der altesten und auch der jiingeren Zeit 
Blendwerk und Raub Hand in Hand ging. Was die Eingeborenen 
bei diesein Austausch geben konnten, war natiirlich nur der Ertrag 
ihrer Heerden und Walder, also Haute, Wolle, Holz, wilden Honig, 
Rinder und chafe, dazu kraftige Jiinglinge und schone Madchen, 
d. h. Sclaven und Sclavinnen. Was sie empfingen, war mannig- 
fach : Tand aller Art, wie er Wilde zu verlocken pflegt, Figuren und 
Biichsen von Bronce und Glas, fertige Kleider (WTWV und tunica 
sind phonizische Worter) , eherne , iiberhaupt metallene Werkzeuge, 
Messer und Waffen, Erzeugnisse verschiedenartigen Handwerks, die 
Mechanik der Steinbaukunst, mythische Erzahlungen, Ideen vorder- 
asiatischer religioser Symbolik, grausame Opfergebrauche. Zwar 
wurde allmahlich das fremde Element, das doch numerisch schwacher 
sein musste, von der Nationalitat der Eingeborenen wieder auf- 
gesogen und ging als besondere Existenz unter; zwar stromten nach 
dem Zuge der Dorer unternehmende Auswanderer in wiederholten 
Seeziigen aus Griechenland von Insel zu Insel, an einzelne Punkte 
der karischen und lydischen Kiiste, von diesen wieder zu andern, 
Ja bevolkerteii mid unterwarfen sogar die einst semitischen Inseln 



62 Griechen. Italer. Phonizier. 

Kreta uncl Rhodus; zwar erscheinen wahrend dieser Periode griechi- 
scher Beherrschung des agaischen Meeres die tyrischen Phonizier nur 
noch als Kaufleute auf einzelnen Handelsschiffen am hellenischen 
Strande, aber mit ihrer Vertreibung oder Assimilation waren manche 
Kenntnisse und Begriffe, die einst durch sie vermittelt wurden, 
nicht mit ausgerottet worden, sondern blieben als verdunkelter 
religioser Kultus, als nationale Gewohnheit, deren Ursprung bald 
vergessen wurde, als werthvoller fortzeugender Besitz von Ge- 
rathen, Kulturarten, Erfmdungen bestehen. Wer will entscheiden, 
ob z. B. die Bekanntschaft mit der Topferscheibe (TQo%6g) und die 
mit Spindel und Webstuhl schon mitgebracht oder von Karem und 
Lydern und Phoniziern uberkommen war? 20 ) Ob nicht Worter wie 
Xffwtos**)', %aA,xog, [JieTaMov, die sich in die indo-europaische Ver- 
wandtschaft nur gezwungen einfugen, von jenem altesten Verkehr 
stammen und lydisch-phonizischer Herkunft sind 22 ), so gut wie 
tidxxog, xdSog und andere Handelsausdriicke? Phonizische Heilig- 
thiimer wurden von den Griechen iibernommen und allmahlich in 
dem freieren hellenischen Geiste ausgebildet, ohne ihre urspriing- 
liche Physiognomic jemals ganz verlieren zu konnen; asiatische 
Baume, die um die alten Kultstatten gestanden, Zweige und Blumen, 
die als alte Symbole gegolten hatten, pflanzten sich in der neuen 
Heimath fort; der Wein, der iiber Meer gekommen war, die siissen 
getrockneten Friichte, das duftende Oel konnten vielleicht im Lande 
selbst erzeugt werden, und was von Anfangen solcher Kultur im 
^igentlichen Hellas wieder erloschen war, wurde durch die grosse 
Kolonisation im Osten neu belebt und stromte von Kreta und Rhodus, 
von Naxos und Thasos und von den neuen Sitzen an der anatoli- 
schen Kiiste ins Mutterland zuriick. Semitischer Wein-, Oel- und 
Feigenbau siedelte sich auf den Hugeln an, die das Saatfeld be- 
grenzten, und die Pflanzung, die der pflegenden Hand im Einzelnen 
bedarf, neben dem Acker, der mit Ochsen gepfliigt, besaet und 
dann der Sorge der himmlischen und unterirdischen Gotter iiber- 
lassen ward. Aus jener Zeit ist uns wie durch ein Wunder in den 
homerischen Gedichten ein Spiegelbild der Sitten, Vorstellungen und 
Beschaftigungen der Menschen erhalten worden. Indess, so licht- 
voll dies Bild ist, so viel Rathsel lasst es dennoch zuriick, und ein 
so treues Zeugniss es abzulegen scheint, mit so grosser Vorsicht 
muss es dennoch aufgenommen werden. Denn in dem homerischen 
und hesiodischen Epos ist nicht Alles gleich werthvoll: naive Ge- 
sange w von echtem sagenhaftem Gehalt und kluge Werke jiingerer 



Griechen. Italer. Phonizier. 03 

Nachahmer mid Bearbeiter, Dichtungen voll alterthiimlich scheuen 
Olaubens und spate Leistungen profaner rhapsodischer Fertigkeit 
sind hier rait Geschick und Ungeschick und mit mehr oder minder 
AVahrscbeinlicbkeit in einen Rahmen vereinigt. Auf jene altesten 
Theile, so weit sie erkennbar sind, gilt es fest den Blick zu 
richten; was hinter Homer hinausliegt, verbirgt sich im Dunkel, 
das nur von einzelnen Streiflichtern der Sprache und des religiosen 
Mvthus bin und wieder erhellt wird. 



Von gleicher Beweiskraft fiir einen vorhistorischen Ackerbau der 
Indogermanen Europas wie das von Hehn in diesem Sinne zugestandene 



sind aber ohne Zweifel auch Gleichungen wie goth. tnalan, altsl. 
mdjq, lit. mdlti, alb. mid Mehl, lat. molere, griech. \L&kf\ (&Xlu>); ahd. mdjanm&hen, 
griech. hp-aun, &JJLYJTOI; = ahd. mad; ahd. samo, altsl. slm, altpr. semen, lit. semu, 
lat. semen; ahd. egjan, lit. dketi, altcorn. ocet, lat. occa, occare, griech. 6|tvYj u. a. m. 
Ein sehr altes Wort fur die Halmfrucht war *bharos: lat. far, farreus, farsio, 
goth. barrz-(dns), altsl. brasino, dessen Grundbedeutung (vgl. Miklosich Et. W. 19) 
Mehlspeise ist. Ein gemeinsamer Ausdruck fiir die (urspriinglich steinerne) 
Pflugschar scheint in griech. b'cpvtc, lat. vomis, ahd. waganso, altpr. icagnis (Fick, 
Indog. W. I 4 , 554), ein gemeinsames Ackermass in osc.-umbr. vorsus = lit. 
wdrstas zu stecken u. s. w. 

Alle diese Gleichungen beschranken sich auf die europaischen Sprachen. 
Sie sind nicht speciell graco-italisch, wie denn die Annahme einer solchen 
Volkerperiode in neuerer Zeit weder kulturhistorisch noch sprachlich an 
Wahrscheinlichkeit gewonnen hat. Unter diesen Umstanden erhalt es den 
Anschein , als ob die Ausbildung eines , wenn auch noch primitiven Acker- 
baues bei den Indogermanen vor Hich gegangen sei, nachdem die arischen 
Volker (Inder und Iranier) sich von dem gemeinsamen Grundstock ge- 
trennt hatten. Auf dem damals noch beschrankteren und durch ununter- 
brochene Continuitat verbundenen vorhistorischen Sprachgebiet der europai- 
schen Indogermanen ist dann die Entwicklung jener Ackerbaugleichungen 
in der Weise erfolgt, wie sie Hehn Anm. 18 schildert, d. h. Wortformen, 
die in allgemeiner Bedeutung schon in der Ursprache vorhanden waren, 
nahmen an einer bestimmten Stelle des Sprachgebiets einen besonderen, 
auf den Ackerbau beziiglichen Sinn an, um sich so in theils weiteren, 
theils engereri Kreisen zu den Nachbarn f ortzupflanzen : *mer, einst allgemein 
zerreiben, bedeutet nunmehr in Europa mahlen (molere), *agros, einst 
>Trift, nun Acker , * grnom, einst vielleicht gereift, nun Korn (goth. 
kailrn, altsl. zruno, lat. grdnum) u. s. w. Dass derartige Vorgange auch auf dem 
historischen, durch allophyle Volker unterbrochenen, weiten Sprachgebiet 
der europaischen Indogermanen denkbar seien, ist eine nicht bewiesene An- 
nahme Hehn's. Wenn dieser Anm. 18 gegen die Annahme eines vor- 
historischen Ackerbaus der europaischen Indogermanen, auf den ja auch- die 
prahistorische Forschung schon in den altesten, metalllosen Stationeii der 
Pfahlbauten unzweifelhaft hinweist, sich auf die Verschiedenartigkeit der 



64 Griechen. Italer. Phonizier. 

Ackerbausprache im Griechischen und Lateinischen beruft, so ist zu be- 
denken, class auch auf dem Gebiete anderer kulturhistorischer Erwerbungen, 
die zweifellos in die Urzeit zuriickfiihren, spater bei zunehmender Erfahrung 
eine mannigfache und in den Einzelsprachen auseinandergehende Termino- 
logie emporbltiht. Niemand wircl daran zweifeln, dass die Urzeit schon Rind- 
viehzucht kannte, und doch stimmen im Griechischen und Lateinischen nur 
$ob<;-bos, taopoc-Jmmts uberein; auseinandergehen itopnc, fxoaxoc, SafxaXcc, SafxotXrj, 
CouYujvsp (Lacones), xotptY) (Cretes), C"Y^a, TcstaXa (Hes.) etc. hwnentum, armen- 
tum, vacca, vitulus, for da u. s. w. 

Ebenso wenig einleuchtend erscheint aus allgemeinen Erwagungen und 
gegeniiber den oben geschilderten, deutlich verfolgbaren Sprachprocessen der 
neuerdings namentlich von H. Hirt (Idg. Forsch. I, 464, V, 395, Jahrbiicher t'iir 
Nation alokonomie und Statistik III. Folge XV, 462) vertretene Gedanke, es 
hatten einst auch die arischen Indogermanen an jenen Ackerbaugleichungen 
theil gehabt und dieselben auf ihrer Wanderung durch unfruchtbare Steppen 
eingebiisst, so dass der Ackerbau bereits indogermanischer Kulturerwerb ware. 
Eine ausfiihrliche Widerlegung dieser der Hehn'schen Auffassung der altesten 
Kulturverhaltnisse der Indogermanen diametral gegeniiberstehenden Anschauung 
habe ich in meinem Reallexikon u. Ackerbau und u. Viehzucht gegeben. 
Indessen bedarf es eines Eingehens auf diese Frageii hier um so weniger, als 
ja bei jener Hirt'sclien Hypothese der Ackerbau der Indogermanen in eine 
noch fernere Vorzeit als von uns zuriickgeriickt wird. 

Ich bin also der Meinung, dass der Uebergang der europaischen Indo- 
germanen (nach Loslosung der Arier) zu einer gewissen Stufe der Agrikultur 
eine der sichersten Erkenntnisse der vergleichenden Alterthumskunde ist. 

Fragen wir nach dem Schauplatz, auf welchem jene europaische Knltur- 
periode sicli abspielte, so wird man passend dafiir diejenige Localitat ins 
Auge fassen, welche aus allgemeinen geographischen und ethnologischen 
Griinden als Trennungspunkt der europaischen Indogermanen, wo immer im 
tibrigen ihre Urheimath war, gelten darf. V. Hehn selbst dachte sich als 
letzteren (Das Salz 2 S. 26 u. 27) das Uebergangsgebiet der stidrussischen Steppe 
zu dem mitteleuropaischen Waldland, das wir uns gegen Westen und Stiden 
von den Karpathen, der Niederdonau, dem Schwarzen Meer begrenzt denken 
diirfen, und der gleichen Ansicht ist Karl Mtillenhoff in dem dritten Band 
seiner deutschen Alterthumskunde S. 164 ff. Dass auf diesem Terrain sich 
der Uebergang der enropaischen Indogermanen vom Nomadenthum zum 
Ackerbau sehr wohl erklaren lasse, ist in Sprachvergleichung und Urgeschichte 
2. Aufl. S. 412 ff., 624 ff. ausfiihrlich erortert worden. 

Sehr wohl moglich scheint es, was gegen Anm. 18 i. Anf. bemerkt werden 
muss, dass in dieses Gelande zunachst nur ein Theil der europaischen Indo- 
germanen, etwa Germanen, Italer, Kelten, vielleicht auch Griechen eintraten 
und jene Ackerbauausdriicke bei sich ausbildeten, die dann die nachdringen- 
den Schaaren litu-slavischer, illyro-thrakischer u. s. w. Volker von ihnen iiber- 
nahmen. 

Wenn nach alledem dem vorhistorischen Ackerbau der Indogermanen 
Europas eine grossere Bedeutung zugestanden werden muss, als Hehii sie 
ilim einraumt, so ergiebt sich hieraus die Moglichkeit, vielleicht 
auch Wahrecheinlichkeit, dass das Kapital jener Epoche an 



Der Weinstock. 55 

Kulturpflanzeii ein grosseres gewesen sei, als Helm oben an- 
nimmt. Hierauf sei zunachst im allgemeinen hingewiesen. 

IJeber die Volkerverhaltnisse im Norden der Balkanhalbinsel vergl. 
Anra. 17, iiber die Pelasger- und Lelegerfrage Holm, Griech. Gesch. I Cap. VI 
und VII. Dieser stellt die Realitat beider Volker fast durchaus in Abrede. 
Dagegen hat Carl Pauli (Eine vorgriechische Inschrift von Lemnos, Leipzig 
1886) den Pelasgern wieder zum Leben zu verhelfen gesucht, indem er eine 
grosse pelasgisch-etruskische Sprachfamilie aufstellt, die auch Lykisch, Karisch 
und Lydisch umfassen soil. Vergl. dazu F. Hommel, Neue Werke iiber die 
iilteste Bevolkerung Kleinasiens, Archiv f. Anthropologie, XIX. Bd., S. 251 ff. 

Den Deutungsversuchen der griechischen Orts- und VOlkernamen, welche 
der vorstehende Abschnitt enthalt, wird man sich jetzt nur selten noch an- 
schliessen konnen. Unmo'glich ist z. B. die Verbindung der @paxs? (Bpa-Ftxec) 
mit tpa^u?. Eine Grundlage fur das richtige Verstandniss der griechischen 
Ortsnamen hat A. Fick in mehreren Aufsatzen in Bezzenbergers Beitragen 
Bd. 21 ff. gegeben. 

Ueber die phonizischen Handelsfahrten und Colonien vgl. E. Meyer, 
Geschichte des Alterthums I, 190 194 und Holm, Griech. Geschichte I, 
Cap. IX., tiber das semitische L ehngut im Griechischen vgl. zuletzt H. Lewy, 
Die semitischen Fremdworter im Griechischen, Berlin, 1895. Ein neuer Hinter- 
grund der griechischen Kulturgeschichte aberhat sich durch die bedeutungsvollen 
Entdeckungen H. Schliemanns und seiner Nachfolger in Mykenae, Tiryns, 
Orchomenos, Troja u. s. w. ero'ffnet, und so zahlreich noch die Rathsel sind, 
welche sich an den Ursprung und die Trager dieser mykenischen Kultur- 
epoche kntipfen, so werden wir doch nicht unterlassen dtirfen, auch in diesen 
Funden nach neuen Anhaltspunkten fiir die besonderen Zwecke dieser Unter- 
suchungen zu forschen. 



Der Weinstock. 

(Vitis vinifera L.) 

Bei den homerischen Griechen ist der Wein schon in all- 
gemeinem Ge branch und wird iiberall als eine naturliche Gabe des 
Landes vorausgesetzt. 2lrog xal owog oder alwg xal pe&v ist eine 
gewohnliche, haufig wiederkehrende Form el; so giebt Kalypso dem 
scheidenden Odysseus Brod, Wein und Kleider, die drei ersten Lebens- 
bedurfnisse, aufs Schiff mit (Od. 7, 264). In Brod und Wein liegt 
Kraft und Starke des Menschen (II. 9, 706 und 19, 161) und darin 
unterscheiden sich die leichtlebenden Gotter von den sterblichen 
Menschen, dass jene keiner Nahrung bediirfen und keinen Wein 
trinken (II. 5, 341). Schon die kleinen Kinder werden mit Wein 
aufgezogen: Phoenix, der Sobn des Ormeniden Amyntor, hat das 

Viet. Hehn, Kiilturpflanzen. 7. Aufl. 5 



66 Der Weinstock. ' 

Knablein Achilleus genahrt und getrankt, ihm die Speise vor- 
geschnitten und ihm den Becher Weins an den Mund gehalten ; der 
Knabe hat ihm oft das Gewand besudelt, indem er nach kindischer 
Art das Getrunkene wieder ausspie (II. 9, 485 ff.). Auch Jung- 
f rauen und Magde trinken Wein wie die Manner : da Nausikaa zum 
Waschen an den Meeresstrand fahren will, bekommt sie von der 
Mutter nicht bloss Speise und Zukost, sondern auch Wein ini 
Schlauch von Ziegenfell rait auf den Weg (Od. 6, 76) 23 ). Auf dem 
Schilde des Achilleus im achtzehnten Buch der Ilias sah man ausser 
einem Brach- und Erntefelde und anderen Scenen des landlichen 
Lebens auch einen Weinberg abgebildet, in welchem frohliche 
Winzer und Winzerinnen gerade mit der Traubenlese beschaftigt 
waren. Wie die Griechen thun auch die Troer: Hektor, Nachts am 
Flusse mit seinen Schaaren lagernd, lasst die Pferde ausspannen. 
und ihnen Futter vorwerfen,*zur Erquickung fiir die Menschen aber 
Kinder und Schafe und lieblichen Wein und Brod herbeiholen (II. 8, 
503 ff). Griechische Stadte und Gegenden werden als reich an Reberi 
bezeichnet, so II. 9, 152 : Hr^aaov a^ne^oeaaav (an der Westkiiste 
des Peloponnes) und im Schiffskatalog v. 507 : 01 ve nohvffTacpvhov 
AQvr]v e%ov (in Bootien), 537 : TTohvGrdyvhov tf 'Idiialav (in Euboa), 
561 : xal dfjinshoevT ' E-nidavQO'v . Eine Menge alter Stadt- und Land- 
schaftsnamen sind vom Wein und Weinbau abgeleitet: so hiess die 
Insel Aegina einst Olvwvr}: in Akarnanien lag dem rechten Ufer des 
Acheloos nahe auf einem empor'ragenden Hiigel die Stadt Oividdat, 
von drei Seiten von einem See umgeben, der den phonizischen Namen 
Mehwi] trug; in der Stadt der ozolischen Lokrer Olvtwv, nahe der 
atolischen Grenze, sollte Hesiodus den Tod gefunden haben; in 
Attika lag eine doppelte Ortschaft Olvo^ die eine in der Nahe von 
Eleuthera an der bootischen Grenze, die andere bei Marathon, wie 
dieses zu der alten ionischen Tetrapolis jeiier Gegend gehorend ; auch 
Megaris, friiher gleichfalls ionisch, hatte in der Peraa, dem Grenz- 
gebiet nach Korinth, einen Ort Oivoy; derselbe Name kehrt in Argolis 
und auch in Elis wieder; vor Methone in Messenien, welches selbst 
weinreich war, lagen die Olvovaacu, die Weininseln u. s. w. Fragen 
wir, wo diese so allgemein verbreitete Kultur zuerst in Griechenland 
aufgetreten war, so scheint die Antwort in zahlreichen Ursprungs- 
und Stiftungssagen gegeben, die aber als blosse mythische Spiegel- 
bilder des Keimens, Bliihens, Verdorrens der Rebe oder des Gegen- 
satzes der neuen gebundenen Kulturart gegeii das rohe Wald- und 
freie Hirtenleben dem, der sie fassen mochte, grosstentheils unter 



Der Weinstock. 57 

den Handen zergehen. So war das siidliche Aetolien eine Geburts- 
statte des Weinstockes : dem Sohne 1 des Deucalion, Orestheus (also 
dem Manne vom Berge), gebar daselbst ein Hund (der Sirius, die 
heisse Zeit) ein Stammende, <frefo%og; er liess es in die Erde ver- 
graben und es envuchs daraus ein rebenreicher Weinstock; drum 
gab er seinem Sohne den Namen Phytios (Pflanzer) ; dessen Sohn 
war wieder Oineus, der vom Wein benannt war (Hecataus von Milet 
bei Athen. 2, p. 35). Ganz dasselbe erzahlten auch die benachbarten 
Lokrer als bei ibnen geschehen (Paus. 10, 38, 1), deren Beiname 
Ozolae sogar von den Sprossen dieses ersten Weinstammes abgeleitet 
wurde. Den atolischen Oineus kennt auch schon die Ilias als Ver- 
treter des milden Weinbaues (9, 539 und 14, 117): er hat der Artemis 
nicht geopfert (ohne Zweifel der kalydonischen Artemis Laphria) und 
wird dafiir von dem verwiistenden Eber bedrangt; seine Briider sind 
Agrios (der Wilde) und Melas, der Schwarze, Schmutzige, d. h. der 
Ziegenhirt, dessen Name mit dem des Melantheus oder Melanthios, 
des bosen Ziegenhirten in der Odyssee, ubereinkommt; sein Sohn, 
Jager Meleager, der seine Burg gegen die anstiirmenden Kureten 
rettet, ist der Gemahl der Kleopatra; Mutter der Kleopatra ist 
wiederum die Marpessa (die Rauberin), deren Eltern Idas (das 
Waldgebirge) und die Euenine, d. h. die Tochter des atolischen 
Flusses Euenos sind. So blickt in der kalydonischen Sage vom 
Weinmann, wie sie Homer giebt, nicht bloss der Drang und Wider- 
spruch sich befehdender Volksstamme, sondern auch der an diese 
sich kniipfenden verschiedenen Lebensformen hindurch. Wie in 
Aetolien war die Rebe auch an vielen anderen Orten zuerst von 
Dionysos geschaffen oder geschenkt, so im attischen Demos Ikaria 
dem Ikarios, dem Vater der Erigone (der im Fruhling geborenen), 
dem Herrn des Hundes Maira (des schimmernden Sirius), und eine 
Menge durchsichtiger Marchen und lustiger oder betaubender Feste 
an den verschiedensten Orten erhielten das Andenken an des Gottes 
Oeburt und erste Schicksale und seine Leiden und herrlichen Thaten. 
Vor alien Gegenden aber erscheint Thrakien als hauptsachliche Hei- 
math und als Ausgangspunkt der Dionysos-Religion. Dort lag das 
alteste Nysa, das des Homer (II. 6, 130ff.); von dort kommen tag- 
lich weinbeladene Schiffe zum Lager der Griechen vor Troja (II. 9, 
72) 24 ) ; dort hat Odysseus von Maron 25 ), dem Priester des ismari- 
schen Apollo, dem Sohne des Euanthes, d. h. des Dionysos selbst, 
jenen kostlichen Wein erhalten, mit dem er den Kyklopen trunken 
macht (Od. 9, 196rT.). Den ismarischen Wein kennt auch ein an- 




68 Der Weinstock. 

clerer alter Zeuge, Archilochos, der in jener Gegend wohl bewandert 
war, Fragm. 3. Bergk. : 

*Ev tiogl fjiev f.ioc [taa fisficcyiJievr}, ev dogi <T olvog 

'iG/iiaQixog, nCvw <T sv dogl xex^tfusvog. 

Bine merkwiirdige Stelle des Herodot, 7, 111, berichtet von einem 
unabhangigen und kriegerischen thrakischen Gebirgsvolke, den Satren, 
die im innersten Gebirge ein Dionysos - Orakel besassen, dessen 
Priesterthum in deri Handen der Besser war. Lobeck Aglaoph. 
p. 290: vperspicuum est, oram maritimam, quae ab Hebri ostiis ad 
Pindum protenditur, quasi pro domestico sacrorum Bacchicormn solo 
habitum esse." Man sehe das weitere gelehrte Material, das Lobeck 
beibringt, und Welcker, Griechische Gotterlehre 1, S. 424 ff. Bis ins 
Innerste des Landes, hinauf in das Hamosgebirge, ging der Dionysos- 
Kultus, Mel. 2, 2, 2: Monies interior attollit Haemon et Khodopen et 
Orbelon, sacris Liberi patris et coetu Maenadum Orpheo primum ini- 
tiante celebratos. Ohne Zweifel stammte dieser thrakische Weingott 
aus dem gegeniiberliegenden Kleinasien, mit welcher Gegend kriege- 
rische Wanderungen und Riickwanderungen das diesseitige Thrakien 
friihe in Sitten- und Kulturverkehr gesetzt batten. Der grosse Ein- 
bruch der Myser und Teukrer z. B., den Herodot (5, 20) vor die 
Zeit des troischen Krieges setzt, mocbte auch den Sabosdienst, den 
Weinstock und die Kunst der Weinbereitung unter die wilden Thraker, 
die Verehrer des Ares gebracht haben. Mysien wird als besonders 
rebenreich gepriesen. Find. Isthm. 7, 54: Mvdiov . . . dftnekoev 
7iedCov. Strab. 13, 1, 12: GcpodQa vd(.inMq Iffav fj XUJQO, (nam- 
lich die der Stadt Priapus) xal avir] xal ^^g ofjiogos, fj TS rwv 
IIaQ(,avuL>v xal y TWV stctfupaxrjvoiJv. Lampsakus war von dem Gross- 
konig dem Themistokles zugewiesen, damit er von dort seinen Bedarf 
an Wein bestreite; Cyzicus hatte zu den vier altattischen Phylen 
noch zwei besondere, darunter eine der O'lvwrtsQ, d. h. der Wein- 
bauer, und seine Miinzen zeigen, wie die der griechisehen Nachbar- 
stadte, bacchische Attribute, den Panther, die Traube, den zwei- 
henkeligen Weinkrug. Der Dienst des Priapos, des Gottes der 
Fruchtbarkeit in Garten und Pflanzungen, ist den hellespontischen 
Stadten geineinsam. Die Vorstellungen von dem leidenden und 
wieder triumphirenden Sonnen- und Jahresgotte, die wiithende Lust 
und die herzzerreissende Klage, mit der die Thyiaden seinen Tod und 
seine Wiederauferstehung Mem, der Doppelcharakter, in welchem 
Dionysos und Apollon, Ares und Dionysos verschmelzen, dies und 
alles daran sich Schliessende ist phrygische und iiberhaupt vorder- 



Der Weinstock. 69 

asiatische Art. Auch im thrakischen, wie im atolischen Bacchus- 
mythus spielt durch die Symbolik des Naturlebens die dunkle 
Anschauung eines Kulturgegensatzes, der Feindseligkeit entgegen- 
stehender Stamme. Lykurgus bei Homer (II. 6, 130), der die 
Ammen des scb warm en den Dionysos im heiligen Nyse'ion verfolgt, 
so dass der Gott selbst entsetzt sich in die Meerestiefe fliichtet, 
er mag ein. Bild des Winters sein, wie Pentbeus in Bootien ein Bild 
winteiiicber Trauer : aber als xQars^bg stvxooQyog, d. h. als barter 
Wolfsmann, als Sohn des Dryas d. h. des Waldes und avSgocpovog 
d. h. Menschenmorder, der den QovitKrfe d. b. die schlachtende Axt 26 ), 
in der Hand fiihrt, ist er der blutige, tbrakische Gebirgsbewohner, 
der in wilden Ueberi'allen den Weinbauer angstigt und die fremden 
Kultusbrauche nicht unter sich dulden will. Dahin deuten wir es, 
wcnn Maron, der Priester des Apollon (d. h. des Apollon-Dionysos), 
dem Odysseus ausser Gold- und Silberwerken (Erzeugnissen orienta- 
lischer Kunstfertigkeit) zwolf Amphoren des gottlichen. Weins schenkt, 
zum Lohne dafur, dass er mit Weib und Kind von dem Helden 
beschiitzt worden ist (Od. 9, 199). Aber der Weingenuss und 
die im Weine alle Naturfiille anschauende Dionysos-Religion. setzte 
sich durch ganz Thrakien durch und wanderte mit thrakischen 
Stammen welter nach Siiden, erfiillte Makedonien, wo die Mimallo- 
nen und Klodonen, bacchische Jungfrauen, rasten, gelangte an den 
Parnass und nach Delphi, wo Apollon allmahlich den Brudergott in 
Sinn und Verehrung der Menschen verdrangte, nach Theben, wo 
Semele, die Erdgottin 27 ), dem Zeus ihren herrlichen Sobn gebar, an 
den Kitharon, als Eumolpos personificirt nach Eleusis in die Nahe 
Attikas und in mancheii Verzweigungen welter nach andern Seiten 
bin. Diesem Kulturstrom aber begegnete von Anfang an und im 
weitern Verlaufe ein anderer, mit ihm urspriinglich identischer, der 
in entgegengesetzter Richtung kam, der phonizische oder karisch- 
phonizische. Die Kiiste Thrakiens war ein alter Schauplatz pho- 
nizischer kolonialer und commercieller Thatigkeit: Phonizier batten 
das Goldbergwerk am Berge Pangaus eroffnet, die gold- und wein- 
reiche Insel Thasos besetzt und von dort Emporien an der thraki- 
schen und hellespontischen Kiiste gegriindet, deren Erhaltung ihren 
Nachfolgern, den Pariern, schwierig wurde (Movers, Phonizier, 2, 2, 
S. 273 ff.). Ueberall, wo sie landeten, werden sie mit dem Wein, 
den sie rnitbrachten, die Barbaren zum Tauschhandel gelockt und 
wo sie sich bleibend niederliessen und Kultusstatten griindeten, die 
Umwohner zur Rebenpflanzung angehalten haben. Auf den Inseln 



70 Der Weinstock. 

des agaischen Meeres geht von Kreta, einem Mittelpunkt phonizi- 
scher Ansiedelungen , der Weinbau uud die an ihn sich kniipfende 
Sage nach Naxos und Chios und strahlt von dort welter aus, siehe 
Fr. Osann, 0enopion und seine Sippschaft oder einige Andeutungen 
iiber die alteste Weinkultur in Griechenland (im Rheinischen Museum, 
von Welcker und Nake III. 1835. S. 241ft'.). Osann schliesst seine 
Untersuchung mit dem Resultat (S. 259): Die Verbreitung und 
Einfiihrung der Weinkultur an verschiedenen Orten Griechenlands 
sehen wir mittels einer aus Kreta stammenden Familie person! ficirt, 
welche ihren Weg liber Naxos und Chios nimmt, welches der Mittel- 
punkt einer ausgebildeten Weinkultur wird, von wo in verschiedenen 
Verzweigungen neue Colonien ausgehen und den Weinstock ver- 
breiten. Ja nach einer schon von Hesiod (Fragin. LVII. Gottl.) 
erwahnten Uebeiiieferung war sogar der thrakische Maron der 
Odyssee ein Sohn oder Enkel dieses Oenopion und liefen also beide 
Zweige oder Ausgangswege der griechischen Rebenkultur in cins zu- 
sammen 28 ). Dass der Wein den Griechen aus semitischem Kultur- 
kreise zugekommen, lehrt auch die Identitat der Benennung des- 
selben, gr. oivog, bekanntlich mit Digamma, hebr. jain, athiopisch 
und auch arabisch wain (Fr. Miiller in Kuhns Zeitschr. 10, 319), 
denn die umgekehrte Annahme Kenans (Histoire generate des langues 
Semitiques p. 193 der ersten Ausg.), die Semiten batten das Wort 
von den Ariern entlehnt - - wohlgemerkt von den Graco-italern, nicht 
von den Iraniern, denen es fehlt , ist kulturhistorisch von der 
aussersten Unwahrscheinlichkeit. Auch die Versuche, das Sanscrit 
heranzuziehen und mit dessen Hulfe den Wein als Urbesitz des un- 
getrennten indoeuropaischen Stammvolkes darzuthun (Pictet, Origines 
indoeuropeennes, 1, 250ft'.), sind ungliicklich ausgefallen und haben 
in den Augen Unbefangener eher das negative Resultat bestatigt. 
Das eigentliche Vaterland des Wein stocks, die durch iippigen Baum- 
wuchs ausgezeichneten Gegenden siidlich vom Siidrande des Kaspi- 
schen Meeres, war auch dem Ursitz so weit sich dieser historisch 
verfolgen lasst - - des semitischen Stamms oder eines seiner Haupt- 
zweige benachbart (Renan a. a. 0. p. 27 ff.). Dort windet sich im 
Dickicht der Waldung die Rebe mit armdickem Stamme bis in die 
Wipfel der himmelhohen Baume, schlingt ihre Ranken von Krone 
zu Krone oder lockt von oben durch schwerhangende Trauben; dort 
oder in Kolchis am Phasis, in den Landschaften Kachethien, Min- 
grelien, Imerethien, Armenien, zwischen Kaukasus, Ararat und 
Taurus, sind nach den anziehenden Schilderungen Moritz Wagners 



Der Weinstock. 71 

(Reise nach Kolchis, Leipzig 1850), Kolenatis (Reise nach Hoch- 
armenien und Elisabethpol, Dresden 1858) und von Blarambergs 
(Erinnerungen, I, Berlin 1872, S. 167 if.) ganz die uralten Methoden 
im Gebrauch, die wir aus den Schriften der Griechen und Romer 
kennen, die Al>theilung der Weingarten durch Kreuzgange nach 
den vier Himmelsrichtungen (limes decumanus und cardo), das Ver- 
pichen oder Verkalken der Amphoren, das Vergraben des Stamm- 
endes, dann des Weines selbst in die Erde u. s. w. Dort wachsen 
die pomeranzengelben, siiss balsamischen, durchdringend duftenden 
Weine und liefert die edelste kachethische Rebe, die sapiranica praecox 
und major, einen Saft von so intensivem Dunkelroth, dass die Damen 
mit ihni ihre Briefe zu schreiben pflegen. Aus jener Gegend be- 
gleitete der Weinstock die sich ausbreitenden senritischen Stamme 
an den unteren Euphrat und in die Wiisten und Paradiese des Stid- 
westens, in dem wir sie spater ansassig finden. Den Semiten, die 
auch die Destination des Alkohols erfunden haben, die die ungeheure 
Abstraction des Monotheismus , des Masses, des Geldes und der 
Buchstabenschrift einer Art geistiger Destination - - vollbrachteii 
(denn die Aegypter blieben an der Schwelle derselben stehen), wird 
auch der zweideutige Ruhm verbleiben, den Fruchtsaft der Wein- 
beere auf der Gahrungsstufe festgehalten zu haben , wo er ein auf- 
regendes oder betaubendes Getrank abgiebt. Aus Syrien ging die 
Weinkultur welter iiber das gauze sogenannte Kleinasien, zu Lyclern, 
Phrygern, Mysern und andern unterdess von Osten nach Westen voiv 
geriickten iranischen oder halbiranischen Volkern, und drang von 
Norden her in die griechische Halbinsel, indess auch direkt zur See 
phonizischer Handel, karische Ansiedelungen, von Europa an die 
Kiisten des fremden Welttheils iibersetzende urgriechische Stamme 
die Kenntniss der wunderbaren Erfindung und mit steigender An- 
sassigkeit auch den Anbau des Gewachses selbst vermittelten. Zur 
Zeit des homerischen Epos und der hesiodischen Gedichte 1st, wie 
gesagt, diese Aneignung bereits geschehen und langst vergessen; das 
Dasein des Weinstockes und des Weines versteht sich von selbst 
und wird, wie alles Gute im Leben, einem lehrenden oder schaffenden 
Gotte zugeschrieben. 

Die frahesten Seefahrten der Griechen nach Westen miissen den 
damonischen Trank auch an die Kiisten Italiens gebracht haben, 
denn dass er aus Griechenland kam, zeigt auf den ersten Blick das 
Wort vinum (als Neutrum, welches nach der Analogic anderer itali- 
*cher Lehnworter aus dem Accusativ olvov zu erklaren 1st) 29 ). Wie 



72 Der Weinstock. 

Odysseus auf den Cyclopen, stiessen die iiber Meer gekommenen 
griechischen Schiffer und Abenteurer auf ein einfaltiges Hirtenvolk, 
auf welches der gierig aufgenommene fremde Wein dieselbe un- 
gewohnte betaubende Wirkung iibte, wie auf die Centauren des 
Pindar bei Athen. 11, p. 476: als die Pheren die mannerbezwin- 
gende Kraft des stissen Weines kennen lernten, stiessen sie hastig 
die weisse Milch von den Tischen, tranken aus silbernen Hornern 
und irrten willenlos umher. Dass die Milch in Latium alter war 
als der Wein, geht aus den auf Romulus zuruckgefiihrten Opfer- 
satzungen hervor, wonach den Gottern nicht mit Wein, sondern mit 
Milch gespendet wurde (Plin. 14, 88: Romulum lacte, non vino libasse 
indicia sunt sacra ab eo instituta, quae hodie custodiunt morem). 
Nach einem Gesetz des Numa durfte der Scheiterhaufen nicht mit Wein 
besprengt werden (Plin. a. a. 0. : vino rogum ne respargito\ d. h. die- 
altesten Bestattungsgebrauche kennen den Wein noch nicht. Denri 
es gab eine Zeit, wo die Romer nur noch Ackerbau trieben und 
die Rebenkultur noch nicht eingeflihrt war, Plin. 18, 24: apud 
JRomanos multo serior vitium cultura esse coepit primoque, ut necesse 
estj arva tantum coluere. Merkwiirdig 4st , dass auch hier wie in 
Griechenland Legenden von Volkerkampfen an die Griindung des Wein- 
baues sich kniipfen. Nach einer viel berichteten Sage (z. B. von Cato 
bei Macrob. 3, 5, 10) sollte Mezentius, der Konig von Care, den 
Latinern den Ertrag ihrer Weinberge oder die Erstlinge der Kelter 
abgefordert, die Latiner sie aber dem Jupiter gelobt und so den 
Sieg iiber den frevelhaften Tyrannen gewonnen haben. Die Herr- 
schaft der Tusker in Campanien und Latium wurde, wie wahr- 
scheinlich ist, durch gemeinsame Anstrengungen der lange in Bundes- 
genossenschaft vereinigten Griechen und Latiner gebrochen: die 
dunkle Erinnerung daran verschmolz mit dem Andenken an die zu 
jener Zeit in Latium sich verbreitende griechische Weinkultur, deren 
Segen man als die Habsucht reizend sich dachte, und an die Ein- 
fiihrung der Erstlingsspenden an den Jupiter Liber und die Venus 
Libera. Der 19 August, an dem die beiden Heiligthiimer der 
Murcia und der Libitina, der Gottinnen der Erntelust, ihren Stiftungs- 
tag feierten, wurde nun zugleich der Tag der vinalia rustica, des 
Vorfestes der Weinlese, dem am 23. April das der vinalia priora 
vorausging beides in Ankniipfung des jiingern Weinbaues an die 
alteren Ackerbaufeste. Dass Jupiter der Schiitzer der neuen Gabe 
wurde und sein Priester, der Flamen Dialis, die Weinlese weihte, 
lag in dem Wesen dieses Gottes, von dem alle Befruchtung und 



Der Weinstock. 73 

landliche Nahrung kam; der Beiname Liber, mit clem er sich als 
Weingott oder italischer Dionysos besonderte, war die Uebersetzung 
des griechischen Avfaog oder 'Efav&fyi&$ (Grassmann in Knhn's 
Zeitschr. 16, 107); die genealogische Ableitung, wie in Griechenland, 
wo Dionysos als Sohn des Zeus gedacht wurde, war den Italern 
nicht gelaufig. Uebrigens gedieh die Rebe an den Bergen Unter- 
italiens so iippig, dass schon im 5. Jahrhundert Sophokles Italien 
das Lieblingsland des Bacchus nennen (Ant. 1117: xhvrav og dfiyz- 
nttg 'Ixahlav co Baxyev} und die Siidspitze Italiens bei Herodot 
(1, 167) den Namen Oenotrien d. h. Land der Weinpfahle (nach 
Hesychius war omorgov dorisch so viel als Weinpfahl) tragen 
konnte. Oenotrien war die Gegend, wo die Reben an Pfahlen ge- 
zogen wurden, im Gegensatz zu den Landschaften , wo der Wein 
hoch an Baumen emporwuchs, wie in Etrurien und Campanien, 
dem Gebiet der Tusker, oder ohne Stiitze kurz und niedrig ge- 
halten wurde, wie in der Gegend von Massilia und in Spanien, 
oder in dachartigen Spalieren an Stangen oder Stricken sich fort- 
rankte, wie im Brundisinischen , oder am Boden fortkroch, wie in 
Kleinasien u. s. w. Die verschiedenen Methoden, am biindigsten 
aufgefiihrt bei Varro 1, 8, ergaben sich theils aus der Natur dep 
Bodens, der entweder felsig und heiss oder feucht und humusreich 
war, theils aus dem Mangel oder Vorrath an dem nothigen Holz 
oder Rohr, theils aus der Gewohnheit derjenigen, von denen in einer 
bestimmten Gegend der Weinbau urspriinglich ausgegangen war, und 
der Rebenvarietat, die sie zu allererst mitgebracht hatten. Der Wald- 
reichthum des spater Lucania und Bruttium genannten Landes, 
welches von der damit zusammenhangenden Viehzucht auch Italia 
benannt war, mag zu allgemeinem Gebrauch eigener Weinpfahle, 
sini, sudes, ridicae, poll (fur pacli oder pagli: das entsprechende 
griechische Ttdaaalog bedeutet nur Pflock) gefiihrt und der Name 
Oivwxgia, OivwTQot von solchen Griechen herriihren, denen die frei 
am Boden gezogene Rebe, die yawing, orthampelos ipsa se sustinens, 
oder die Baumrebe, die dvadsvdQag, dfjidfjia^vg (ein Wort, dessen eigent- 
liche Form nicht feststeht, das aber Sappho und Epicharmus 
brauchten), fj,a[Jiaug, dnva%ata, SQvaxtg, oqwCa, ffixa, %vffidg, vaiag, 
TiaQidg, vlog, vlr^ u. s. w. das Gewohnte war 80 ). Auch in die 
Gegenden an den Pomundungen muss der Weinstock mit dem 
griechischen Seeverkehr fruhe gekommen sein, so wenig der niedrige 
wasserreiche Boden diese Kultur zu begiinstigen scheint. Ueber das 
Zusammentrefren der dortigen Siimpfe mit reichem Weinbau wunderte 



74 Der Weinstock. 

sich init Itecht schon Strabo (5, 1, 7). Die vitis spionia quam 
quidam spineam vacant (Plin. 14, 34. Colum. 3, 2, 27. 3, 7, 1. 
3, 21, 3. 10) wuchs im Gebiet von Ravenna (Ravennati agro 
peculiaris), ertrug Hitze und Regen, nahrte sicb von Nebeln und 
gait - - was aucb von andern nordischen Reben ausgesagt wird - 
fur reich an Ertrag. Der Wein war in Ravenna wohlfeiler als da& 
Wasser, so dass Martial daselbst lieber eine Cisterne mit Wasser, 
als einon Weinberg besitzen mochte, 3, 56: 

Sit cisterna mihi quam vinea malo Ravennae, 
Ctim possim multo vendere pluris aquam 

und sicb beklagt, ein dortiger betrtigerischer Schenkwirth babe ihm 
reinen Wein statt des mit Wasser gemischten verkauft, 57 : 

Callidus imposuit nuper mihi copo Ravennae, 
Cum peterem mixtum, vendidit ille merum. 

Auch die Landschaft Picenum, in der geograpbische Namen und 
nianche andere Spuren auf eine alte Verbindung mit den Po- 
miindungen hindeuten, wird schon friihe als besonders weinreich 
geschildert: bei Polybius 3, 88, 1 kurirt Hannibal die Pferde seiner 
Armee mit den alten, im Ueberfluss vorhandenen Weinen der Gegend: 
xal Tovg ^v i'nnovg exhovwv wlq, Tta'ka.iQlQ. olvoiq dia TO Tdydog, 
RettsQCLHtvae T^V %a%t&av aviwv. Nocb lange nachher gingen grade 
die Weine Picenums ins Ausland, nach Gallien (Plin. 14, 39), wie 
in den Orient (Edict. Diocl. 2.). Dort lag die Landschaft, in der 
die beriihrnte vinum Praetutianum genannte Weingattung wuchs, 
Sil. Ital. 15, 568: 

Turn qua vitiferos domitat Praetutia pubes 
Laeta laboris agros 

die der istrischcn Traube ahnlich war, Dioscorides 5, 10: 6 ds to- 
iQixbg feyoftevog i'oixs no nQauovuavo), ja von Plinius mit dem am 
Flusse Timavus bei Aquileja wachsenden vinum Pucinum identificirt 
wird (14, 60 nach Silligs Emendation). Die picenische Rebe also 
war aus alter griechischer Zeit am Westufer des adriatischen Meeres 
bis in clessen innersten Winkel bin verbreitet. Von der grossen 
Fruchtebene, die sich vom Po bis an den Fuss der Alpen erstreckt, 
weiss auch im Punkt des Weines Polybius, der als Augenzeuge 
spricht, nicht genug Riihinens zu machen (Polyb. 2, 15); sie mochte 
wohl schon Trauben tragen, als die Kelten in Italien einbrachen 
und nach der Sage (Liv. 5, 33. Plin. 12, 5. Plut. Camill. 15) eben 



Der Weinstock. "5. 

durch den Wein und die Friichte des Siidens dazu angereizt wurden. 
Mit Weinlaub bedeckt erscheinen bei Martial anch die Abhange der 
vulkanischen Euganeen bei Padua, 10, 93: 

SI prior Euganeas, Clemens, Helicaonis oras 
Pictaque pampineis videris arva jug is, 
Perfer Atestinae nondum vulgata Sdbinae 
Carmina. 

Sehr beriihmt wurden friihzeitig auch die vina Raetica d. h. die 
heutigen Tiroler und Veltliner Weine, die aus der Ebene kommend 
die Vorhiigel und den Siidabhang der Alpen erstiegen batten. Nach 
Serv. zu Verg. G. 2, 95 hatte schon Cato die rhatische Traube 
gelobt, wurde aber dafiir von Catullus, der als geborener Veronese 
hierin Bescheid wissen musste, getadelt. Unverganglicheii Ruhm 
aber erwarb sich der rhatische Wein durch Vergil, der ihn nur dem 
Falerner nachstellte, G. 2, 95: 

et quo te carmine dicam, 
Raetica? nee cellis ideo contende Falernis. 

Auch Vergil war nicht weit von den Hiigeln und Thalern des Siid- 
alpenlandes zu Hause, vielleicht aber pries er den Rhatier nur, weil 
Augustus, wie Sueton Aug. 77 erzahlt, ihn besonders liebte. Strabo 
stimmt in das Lob mit ein, 4, 6, 8: xal o ys 'Patuxbg olvog, -iwv 
sv wig 'ImfoxoZg STratvovjusvcov ovx aTtoheiTisG&at doxwv, sv xalg 
TOVTCDV VTiwoehug yiveTat, aber vielleicht ist er nur ein Echo Vergils. 
Auch Plinius berichtet 14, 16: ante eum (Tiberium Caesar em) 
Raeticis prior mensa erat et avis Veronensium agro, gleich darauf 
fiigt er indess hinzu : quod et in Raetica Allobrogicaque - - evenit, 
domi nobilibus nee adgnoscendis alibi. Martial kennt gleichfalls die 
rhatischen Weine aus der Heimath des Catullus, 14, 100: Panaca. 

Si non ignota est docti tibi terra Catulli, 
Potasti testa Raetica vina mea. 

Auch noch ganz spat zu Cassiodors Zeit stand das Gebiet von Verona 
wegen seiner Weine in Ruf (Var. 12, 4). 

Schon Cato hatte gefunden, dass von alien Arten der Boden- 
benutzung der Weinbau die vortheilhafteste sei, 1, 7: de omnibus 
agris . . . vinea est prima, si vino multo siet, und in den spatern 
Zeiten der romischen Republik war Italien bereits in so ausgedehn- 
tem Masse ein Weinland geworden, dass das Verhaltniss der Reben- 
zucht zum Kornbau sich umgekehrt hatte und die Halbinsel Wein 
aus- und Getreide einfuhrte. Aber langst hatte diese Kultur auch 
begonnen, iiber die Grenzen Italians hinauszudringen und im Norden 



76 Eter Weinstock. 

und Westen sich einzubiirgern. Columella, 1, 1, 5, fiihrt aus dem 
altern landwirthschaftlichen Schriftsteller Sasema den Ausspruch an, 
das Klima habe sich geandert, denn die Gegenden, die sonst zum 
Wein- und Oelbau zu kalt gewesen, batten jetzt Ueberfluss an beiden 
Produkten. Hier liegt die richtige Beobachtung zu Grande, dass 
der Anbau der genannten Gewachse im Laufe der Zeiten immer 
weiter nach Norden geriickt sei, nicht weil das Klima ein anderes 
geworden, sondern durch allmahliche Acclimatisation. In der neuern 
Zeit ist im Verhaltniss zum Mittelalter das Umgekehrte eingetreten : 
der Weinbau hat sich aus den nordischen Landstrichen zuriick- 
gezogen, in denen er okonomisch nicht mehr vortheilhaft war. Das 
nordliche Frankreich, die sudlichen Grafschaften Englands, Thiirin- 
gen, die Mark Brandenburg u. s. w. trieben sonst Weinbau. Bei 
entwickelterem Verkehr musste man es vorziehen, den Wein be- 
giinstigterer Gegenden gegen diejenigen Friichte einzutauschen, die 
der eigene Bodeii reichlich und sicher hervorbrachte. Der Ueber- 
gang des Weinbaus nach Frankreich, wie er aus historischer Zeit 
in einzelnen Notizen vorliegt, gewahrt iibrigens eine lebendige Ana- 
logic der Vorgange, durch welche die Rebe Jahrhunderte friiher zu 
den Volkem des innern Italiens sich mag verbreitet haben. Der 
erste Weinstock auf gallischem Boden wurde ohne Zweifel von der 
Hand eines Massalioten gepflanzt; auf den Massilia umgebenden 
Bergen gedieh die Rebe vortrefflich, Strab. 4, 1, 5: von den Massa- 
lioten: HWQCLV S' e'xovffiv ehcu6(pvrov /tev xal xardfJiTis^ov. Die 
Kulturart war die aus der Heimath mitgebrachte kleinasiatische 
ohne Stiitzen und Pfahle. Die ostlich und westlich ausgesandteii 
Ansiedler verbreiteten den Weinbau larigs der Kiiste, zunachst 11111 
die befestigten Stationen herum. Die Eingebornen Ligurer und 
Iberer, spater Kelten - - tauschten den Wein gegen die Rohproducte 
ihres Landes ein, ganz wie spater die Bewohner von Aquileja den 
Ill} T riern Oel und Wein lieferten und von diesen dafiir Sclaven, Vieh 
und Haute bezogen (Strab. 5, 1, 8). Zunachst waren es nur die 
Reichen, die den italienischen und massaliotischen Wein tranken, 
wahrend die Aermeren bei dem nationalen Getrank aus gegohrenem 
Getreide blieben (Posidonius Fr. 25. Muller). Allmahlich drang dann 
die Kultur weiter ins Innere; von den benachbarten lernten die ent- 
fernteren Stamme selbst die Rebe ziehen und den Saft der Beeren 
durch Gahrung in Wein verwandeln, Justin. 43, 4: tune et vitem pu- 
tare, tune olivam serere consueverunt . Macrob. Somn. Scip. 2, 10, 8: 
Galli vitem vel eultum olivae, Roma iam adolescents, didicerunt - 



Der Weinstock. 77 

so sehr, dass die Romer, die nicht bloss ein Krieger-, sondern auch 
ein eigenntitziges Kaufmannsvolk waren, bereits eifersuchtig wurden 
und im Interesse der italischen Ausfuhr den von ihnen geziichtigten 
transalpinischen Volkchen die Friedensbedingung auflegten, des Oel- 
und Weinbaus sich zu enthalten, Cic. de rep. 3, 9, 16: nos vero 
iustissimi homines qui Transalpinas gentes oleam et vitem serere non 
siniimis, quo pluris sint nostra oliveta nostraeque vineae (Mommsen, 
Romische Geschichte 2 , 2, 159). Als nach den Siegen iiber die 
Allobroger und Arverner die Gegend zwischen Pyrenaen, Cevennen 
und Alpen zur provincia Narbonensis erhoben worden war, fand 
immer noch eine starke Einfahr von italienischem Wein statt. Wir 
sehen dies aus Ciceros Rede fiir den Fontejus, der sich erlaubt hatte, 
von den aus Italien eingehenden Weinen ein vectigal zu erheben 
und ein portorium vini einzusetzen, und deshalb in Rom angeklagt 
wurde (Cic. pro Font. 5). Es folgte Casars Eroberung des ganzen 
Landes bis zur Nordsee und zura Rbein und der Eindrang romischer 
Kultur, Sitte und Lebensgewohnheit in ungehemmter Stromung. Im 
ersten Jahrhundert der Kaiserzeit zeigen uns die Nachricbten bei 
Plinius und Columella das heutige Frankreich bereits als selbstandi- 
ges, rivalisirendes Weinland, mit eigenen Trauben- und Weinsorten, 
mit Ausfubr und Verpflanzung nach Italien, zugleich nicht ohne 
Anzeichen der eben erst vollbrachten Aneignung einer noch jugend- 
lichen Kultur. Gallien stand damals zu Italien, wie in der Urzeit 
Italien zu Griechenland und noch friiher Griechenland zu Syrien, 
Phrygien und Lydien. Gallische Weine fanden bei Italienem Ge- 
schmack: Plin. 14, 39: mirum -- in Italia Gallica placere, trans 
Alpis vero Picena. Colum. 1, praef. 20: et vindemias condimus ex 
insults Cycladibus ac regionibus Baeticis Gallicisque. Der Bur- 
gunderwein tritt auf, wenn auch natiirlich nicht unter diesem Namen, 
sondern als Wein von Vienna an der Rhone, als Arverner, Sequaner, 
Helvier, Allobroger, Plin. 14, 18: iam inventa vitis per se in vino 
picem resipiens, Viennensem agrum nobilitans, Arverno Sequanoque 
et Helvico generibus non pridem illustrata atque Vergili vatis aetate 
incognita, a cujus obitu xc aguntur anni. Er schmeckte nach Pech 
(wie nach Strabo 4, 6, 2 auch der ligurische, und wie noch heute 
einige Burgunderweine), wurde auch kiinstlich mit Harz und Pech 
behandelt, war an Ort und Stelle beliebt, ward aber auch nach Italien 
ausgefuhrt, Martial. 13, 107: Picatum vinum : 

Haec de vitifera venisse picata Vienna 
Ne dubites: inisit Romulus ipse mihi. 



78 Der Weinstock. 

Auch gallische Traubensorten, also Varietaten, die sich bereits nuf 
dem neuen Boden gebildet batten, fanden in Italien Verbreitung: die 
vitis helvenacia, elvenaca, helvennaca (Colum. 3, 2, 25. 5, 5, 16. 
Plin. 14, 32 ; der Name abgeleitet, Avie es scheint, von dem keltischen 
Volksnamen Helvii, in anderer Form Helvetii, s. oben das genus 
Helvicum bei Plinius), die vitis Biturica, Biturigiaca (Plin. 14, 27. 
Colum. 3, 2, 19 und ofter. Isid. Hisp. 17, 5, 22; schon in das 
Gebiet des heutigen Bordeauxweins hinuberreichend), die Allo- 
brogica (Plin. 14, 26. Colum. 3, 2, 16; colore nigra, eben die rothe 
Burgundertraube) u. s. w. Die Eigenschaften, die diesen gallischen 
Reben zugeschrieben werden, laufen alle auf grossere Widerstands- 
kraft gegen Ungunst des Klimas hinaus: sie nehmen mit magerem 
Boden vorlieb, ertragen Kalte, Regen, Wind; sie sind alle reich an 
Beeren und liefern viel Most; sie arten bei Ortsveranderung leicht 
aus, baben also noch keinen constanten Cbarakter gewonnen: die 
helvennaca kommt in Italien schlecht fort, bleibt dort klein und fault 
leicht, die Lieblichkeit des Allobrogers cum rcgione mutatur u. s. w. 
An der geringen Haltbarkeit lag es, wenn die Weine von Massilia, 
die etwa unseren Cette-Weinen entsprachen, nach griechischer Sitte 
gerauchert wurden (oft erwahnt, z. B. Martial 3, 82, 23 : vel cocta 
fumis musta Massilitanis) und die provengalischen Weine iiberhaupt 
nicht bloss durch Rauch, sondern durch Zusatz von Krautern und 
Gewurzstoffen entstellt in den Handel kamen (Plin. 14, 68). Die 
Alten griffen nach allerhand Mitteln, wie Einkochen, Rauchern, Zu- 
mischen u. s. w., da sie den Branntwein, durch den unsere Xerez-, 
Porto-, Marsala- und andere siidliche Weine vor dem Verderben be- 
wahrt werden, noch nicht kannten. Dass nun wahrend der romischen 
Kaiserjahrhunderte der Weinbau in Gallien nicht bloss sich befestigte, 
sondern seine Grenzen erweiterte, dass er sieh des Thales der Ga- 
rumna, nach Norden und Nordwesten der Thaler der Marne und 
der Mosel bemachtigte, lag im natiirlichen Laufe der Dinge. Den 
Rhein aber iiberschritt er zur Romerzeit noch nicht (Bodmann, Rhein- 
gauische Alterthiimer, S. 393: Wir setzen unbedenklich die Ur- 
spriinge des Weinbaues im westlichen Rheingaue auf den Zeitraum 
der austrasischen Regierung des Merovingischen K6nigsstammes). 
Von Gallien aber ward, wenn auch nicht der Weinstock, so doch 
der Wein den angrenzenden Germanen zugefiihrt, die mit Aufnahme 
dieses Products den verhangnissvollen Pact mit gallisch-romischer 
Kultur schlossen, wahrend bei den weiter wohnenden Stammen das 
sogenannte Freiheitsgefiihl, d. h. die Anhanglichkeit an das von den 



Der Weinstock. 79 

Vatern ererbte halbnomadische Jagd- und Heerdenleben cler verdach- 
tigen Gabe sich erwehrte. (Mehr als tausend Jahr spater ging es 
den Deutschen in Norwegen, wie einst den Romern in Deutschland: 
da waren sie die weinfuhrenden Siidmanner, die das Volk verdarben 
und deshalb vom Konig Sverris in Bergen nicht zugelassen wurden, 
s. die Stelle aus der Sverris saga bei Weinhold, Altnordisches Leben, 
S. 109 f.). So sehr drohte aber auch in den Provinzen die Wein- 
kultur den Getreidebau zu iiberwuchern, dass der Kaiser Domitianus 
in einem Anfall von Besorgniss die Halfte und mehr aller ausser- 
halb Italiens bestehenden Weinberge auszurotten befahl - - was sich 
indess natiirlich nicht ausfiihren Hess, Suet. Domit. 7: ad summam 
quondam ubertatem vini, frmnenti vero inopiam, existimans nimio 
vinearum studio negligi arva, edixit: Ne quis in Italia novellaret, 
atque in provinciis vineta succiderentur, relicta, ubi plurimum, 
dimidia parte: nee exsequi rem perseveravit. Da gleichzeitig ein 
Verbot gegen die orientalische Sitte der Entmannung erging, sagte 
Apollonius, der Kaiser schone dieMenschen, eunuchisire aber dieErde: 
yijv svvovxi&iv (Philostr. vit. Apoll. 6, 42). Die Ausfuhrnng des Be- 
fehls wurde von lonien und iiberhaupt von Asien durch eine 
Gesandtschaft abgewehrt (Id. vit. Soph. 1, 21, 12) 81 ). Indess 
muss der provinciale Weinbau imnier von Italien aus mit un- 
giinstigen Augen angeseheii worden sein. Denn vom Kaiser 
Probus wird berichtet, er habe den Provinzen Gallien, Spanien und 
Britannien, nach Andern Gallien, Pannonien und Mosien erlaubt, 
Weinberge zu besitzen und Wein zu bereiten, Fl. Vopisc. Prob. 18: 
Gallis omnibus et Hispaniis ac Britanniis hinc permisit ut vites 
haberent vinumque conficerent. Eutrop. h. Rom. 17: Vineas Oallos 
et Pannonios habere permisit. Aurel. Viet, de Caes. 37, 2: Hie 
Galliam Pannoniasque et Moesorum colles vinetis replevit. Auch die 
Trinker des Tokayerweins also konnen den Kaiser Probus leben 
lassen, der nur kurz regierte, aber ein Held der Legende, eine Art 
Weiiiheiliger wurde - - natiirlich, wie so oft, auf gelehrtem Wege 
d. h. nach den so eben beigeschriebenen Stellen der Historiker. 
Weniger besungen, aber von nicht geringer Wichtigkeit ist ein 
anderes Kulturproduct, das das transalpinische Europa zugleich mit 
dem Wein von Siiden her kennen und vielfach anwenden lernte, 
wir meinen den Essig 32 ), franzosisch vinaigre, (wortlich: saurer Wein), 
englisch vinegar, goth. alceit (aus acetuwi), alts, ekid, ags. oced, ahd. 
ezih (durch Umstellung der beiden Consonanten), kirchensl. ocitu, 
poln. neosl. bulgar. ocet, serb. ocat, magyar. eczet, walach. ocet. Die 



80 Der Weinstock. 

Russeii und durch sie die Litauer haben ihre Benennung des Essigs 
aus dem Griechischen, d. h. aus Byzanz: griech. o%og, russisch uksus, 
litauisch uksosas, obgleich es jetzt kein Land giebt, wo eine grossere 
Vorliebe fiir alles Sauere herrschte, als in dem weiten Gebiet von 
den Karpathen bis an die chinesische Mauer. Essig mil Wasser 
gemischt, die sog. posca (das Wort angeblich aus s'no^vg entstanden), 
griech. oZtixgamv, war ein unter dem Volk in Italien und in den 
Soldatenlagern gewohnliches Getrank und mag von den letzteren aus 
auch in den barbarischen Landern sich verbreitet haben. 

Vergleicht man den heutigen Zustand des Weinbaues mit dem 
zur Zeit der Alten, so hat auch diese Kultur einigermassen an dem 
allgemeinen Gange der Geschichte Theil genommen, d. h. sie ist in 
ihren Ausgangslandern in Verfall gerathen und steht in dem zu aller- 
jiingst gewonnenen Gebiete auf der hochsten Stufe der Entwickelung.. 
Als Vorderasien, die Wiege der Rebenzucht, von Volkern islamiti- 
schen Glaubens tiberzogen worden, konnte ein Product nicht mehr 
gedeihen, dessen Genuss das Gesetz den Eroberern untersagte. In 
alien Landern arabischer Herrschaft, in Nordafrika, Sicilien, Spanien 
ging der Weinbau zuriick, da er von den Machtigen nicht begiinstigt 
wurde, die mit semitischer Massigkeit mehr den Kultus des Wassers 
und kiihlen Schattens, als den des erhitzenden Getrankes ubten. Ja 
es fanden sich einzelne Fanatiker, die den Wein gar nicht dulden 
wollten, so der Kalif Hakem 2. von Spanien; er liess fast alle Wein- 
rebeii in Spanien ausrotten: nur ungefabr einen dritten Theil der 
Weingarten liess er stehen zum Genuss ihrer Friichte als reife 
Trauben, als getrocknete Frucht, Rosinen, Syrup und Traubenhonig, 
was zu geniessen das mohammedanische Gesetz erlaubte (Aschbach, 
Gesch. der Ommaijaden in Spanien, 2. S. 158f.). Was dem Islam 
in Spanien nicht gelang wie die heutigen Xerez- und Malaga- 
weine beweisen , das setzte er in dem gegeniiberliegenden Marokko 
durch. Die atlantische Kiiste des letztgenannten Landes war im 
Alterthum ein ergiebiger und gepriesener Weinbezirk gewesen, dem 
seine Traube, wie Movers, 2, 2, S. 528 ff. urtheilt, nicht erst von 
den Karthagern, sondern schon in der Urzeit von den Phoniziern 
zugetragen war. Dort lag das Vorgebirge Ampelusia (Mela 1, 5. 
Plin. 5, in.), also das Weinkap, heut -zu Tage Cap Spartel, und die 
uralte Stadt Lix, die auf ihren punischen und punisch-romischen 
Munzen die Traube als Wahrzeichen fiihrt (Miiller, Numismatique 
de 1'anc. Afrique 3, p. 155 ff.) und von deren Einwohnern die Sage 
erzahlte, dass sie sich ohne Bodenbestellung nur von freiwachsenden 



Der Weinstock. gj 

Weinbeeren nahrten (Paus. 1, 33, 4). Auch nach Strabo, 17, 4, 4 
soil ten die Weinstocke von Maurusien so dick gewesen sein, dass 
sie von zwei Mannern nicht umspannt werden konnten, und Trauben 
von einer Elle Lange getragen haben. Von reicher Weinerzeugung 
dieser Gegend und einem darauf gegriindeten Ausfuhrhandel der 
Phonizier berichtet ancb der Periplus des Scylax 112. Noch im 
Mittelalter bei Ankunft der Araber muss diese Kultur bestanden 
haben, da die Stadt, die von ihnen an Stelle des alten Lix ge- 
griindet wurde, den Namen El-Araiscb, d. h. Weinberg erhielt. Jetzt 
nun tragt das iiberaus fruchtbare Land in Folge der arabischen 
Herrscbaft keine oder fast keine Weinpflanzung mehr und nur unter 
den ungebundenen Schelluh's des Rif hat der Islam das verbotene 
Getrank nicht ausrotten konnen (s. Earth, Wanderungen durch die 
Kiistenlander des mittellandischen Meeres, S. 20) 33 ). Das heutige 
Griechenland nach so vielen zerriittenden Schicksalen und Jahr- 
hunderten ethnologischer und wirthschaftlicher Erniedrigung - - er- 
zeugt mit wenigen Ausnahmen nur schlechten Wein; der Ruhm des 
Chiers, Lesbiers, Thasiers ist langst dahin und der harzgeschwangerte 
Resinato , liber den schon Liudprand in seiner Gesandtschaf tsreise 
nach Konstantinopel vom Jahre 968 klagt, nicht geeignet, ihn wieder 
ins Leben zu rufen (Ausfuhrliche Mittheilungen darliber in Fiedlers 
Reise durch alle Theile des Konigreichs Griechenland,-!, S. 571 ff.). 
Vielleicht sind auch die Korinthen nur eine durch Degeneration 
hervorgerufene Varietal. Sie sollen von der Insel Naxos gekommen 
und nicht vor dem Jahre 1600 in Morea bekannt gewesen sein. 
Merkwiirdig ist, class sie gleichsam von Gegend zu Gegend wandern: 
auf Naxos sind sie verschwunden , bei Korinth, woher ihr Name 
stammt, sind sie nicht mehr vorhanden, ihr Productionsbezirk ist 
jetzt Patras, Zante und Kephalonia (s. Xavier Scrofani, Memoire 
sur la culture du raisin de Corinthe, in dessen Voyage en Grece, 
trad, de 1'italien, 3, S. 115 ff.). - - In Italien kam es den ostgothi- 
schen und longobardischen Fursten und Edlen wie alien Barbaren 
gewiss nicht auf feine geistige Blume ihres Weines, sondern auf das 
Quantum an, das die unterworfenen Colonen ihnen zu liefern batten. 
Wer beim Schmause aus dem Schadel des erschlagenen Feindes 
trinkt, dem sagt das Herbe und Starke am meisten zu, vor Allem 
aber begehrt er, seine kriegerische Trinkschale recht oft leeren und 
wieder fiillen zu konnen. Die Normannen im Siiden, die deutschen 
Konige auf ihren Romerziigen und die sie begleitenden Herzoge, 
Graf en, Edlen und Mannen waren allesammt wackere Trinker, aber 

Viet. Hehn, Kulturpflanzen. 7. Aufl. 6 



82 Der Weinstock. 

sicherlich keine allzu kritischen und wahlerischen Kenner. Dazu 
die Gebundenheit des Grund und Bodens, die den arbeitenden Stand 
in dusterem Stumpfsinn erhielt, die ewigen Raub- und Verwustungs- 
ziige und die Verwilderung und Unsicherheit des Lebens iiberhaupt, 
die keine Kapitalanlage auf langere Jahre gestattete. Vielleicht 
machten einige geistliche Besitzthiimer eine Ausnahme, und die 
Keller der Kloster mogen bin und wieder alien, durch Lagerung 
veredelten Wein enthalten haben, doch darf man sich die Zunge der 
Bischofe und Aebte des heiligen romischen Reichs aucb nicht allzu 
fein denken, denn auch sie, wie die Ritter, waren Kinder einer rohen 
Zeit: nicht bloss tranken sie den Wein ohne Zusatz von Wasser - 
im Gegensatz zu der humaiien, schon bei Homer geltenden und 
durch die Gesetze des Zaleukos ausdriicklich gebotenen Sitte der 
Alten, den Wein mit Wasser zu mischen, sondern am meisten mundete 
ihnen Wein mit Gewiirz, Beeren und Honig abgekocht, vinum 
moratum, claretum s. claratum, lutertranc, moras, claret, em Misch- 
trank, der zwar auch bei den Alten mitunter erwahnt wird, aber 
dort nur eine unter mannigfachen, in weinreichem Lande natiirlichen 
Nebenanwendungen des zu taglichem Genusse dienenden Productes 
war. Dass seit der Romerzeit die edlere Weinkultur Riickschritte 
gemacht hat, darf man in Anbetracht dieser ungiinstigen Verhalt- 
nisse wahrscheinlich finden. Liest man die weitlaufige Abhandlung 
des Plinius iiber den Wein (im 14. Buche) oder den Abschnitt iiber 
denselben Gegenstand im Auszuge des ersten Buches des Athenaus, 
so sieht man deutlich, wie der Geschmack und Reichthum der Vor- 
nehmen diesen Kulturzweig in steter Regsamkeit erhielt. Es hat 
sich eine unendliche Mannigfaltigkeit von Sorten und Arten ergeben 
(gleich dem libyschen Sande, sagt Vergil, oder den Wellen des 
Meeres), von denen die eine von diesein, die andere von jenem 
Magnaten patronisirt wird; der Wetteifer, sich gegenseitig zu iiber- 
bieten, fiihrt zu immer neuen Versuchen, sowohl in Wahl der 
Trauben, als in Behandlung des Saftes : die Mode wechselt aber 
vielleicht auch die natiirliche Gute des Gewachses. So batten zur 
Zeit des Augustus die auf der Grenze Latiums und Campaniens 
wachsenden Weine, der aus Horaz Jedem bekannte Falerner, 
Massiker, Cacuber, fiir die edelsten der Halbinsel gegolten, und 
Plinius berichtet, zu seiner Zeit, also nach etwa zwei Menschen- 
altern, wiirden sie nicht mehr geschatzt, wodurch, fiigt er hinzu, 
offenbar wurde, dass jeder Boden seine Zeit hat, 14, 65: sua qui- 
busque terris tempora esse, sicut rerum proventus occasusque. Kurz 



Der Weinstock. 33 

vorher hatte er freilich gerade mit Bezug auf den Falerner gesagt, 
dieser Wein sei nicht mehr der alte (exolescit), well die Producenten 
mehr auf die Menge als auf die Qualitat des Erzeugnisses Bedacht 
nahmen. Ganz denselben Vorwurf niacht man auch dem heutigen 
Weinbau in Griechenland, wie in Italien. Bei der vorherrschenden, 
auf Naturalabgabe basirteii Pachterwirthschaft wird hauptsachlich 
auf das Quantum gesehen, und diejenige Kulturmethode vorgezogen, 
die den reichlichsten Ertrag verspricht; die Traubenlese geschieht 
sorglos, unreife und faule Beeren werden mit den reifen zusammen- 
geworfen; um moglichst dunklen Wein zu erzielen, fur welchen ein 
allgemeines Vorurtheil herrscht, wird der Most zu spat von den 
Trestern abgezapft, wodurch der in der Haut der Beeren enthaltene 
Pflanzenschleim und Farbestoff in den Wein iibergeht und die essig- 
saure Gahrung hervorruft, die den italienischen Landwein meistens 
noch vor dem Schluss des Weinjahres ergreift. Dazu kommt die noch 
zu hohe Temperatur zur Zeit der Gahrung im Herbste, so wie der 
Mangel an luftdichten soliden Fassern und an kiihlen Kellern. Die 
Temperatur der letztern bleibt selten unter der mittleren des Jahres. 
Die Art der Aufbewahrung bei den Alten war in einem warmen 
Klima vielleicht wirklich passender, als die unsere in holzernen 
Tonnen, die die Romer bei den cisalpinischen Galliern und den 
Alpenvolkern zuerst kennen lernten und die sich von da weiter nach 
Siiden verbreitet hat 34 ). Die Schlauche im Orient haben wenigstens 
den Vortheil, dass sie keine Luft zulassen, beim Gebrauch sich ent- 
sprechend zusammenziehen, leicht aufgepackt werden und auf Reisen 
zum Liegen und Sitzeii dienen. -~ Allbekannt ist, dass in moderner 
Zeit die Palme der Weinproduction dem mittleren und siidlichen 
Frankreich zukommt. Wenn Italien die 30 Millionen Hectoliter 
seines jahrlichen Ertrags fast ausschliesslich selbst verbraucht und 
also fiir das Ausland wenig ubrig hat, so erzeugte Frankreich bis 
vor Kurzem (d. h. ehe die Reblaus ihre Verwiistungen begann) das 
Doppelte davon, mit einem Geldwerth von etwa 2000 3000 Mill. 
Franken, und bildete das Hauptausfuhrland, welches alle Gegenden 
der Erde mit den feinsten wie mit gewohnlichen Tischweinen ver- 
sorgte. Das einzige Departement de 1'Herault brachte durchschnitt- 
lich 12 15 Millionen Hectoliter, also dreimal oder viermal mehr 
Wein hervor, als das ganze Konigreich Portugal. Es ist eine merk- 
wiirdige Thatsache, dass der Weinstock ganz nahe an der Nord- 
grenze seiner Verbreitungssphare, in Gegenden, wo er erst miihsam 
und allmahlich und ganz zuletzt eingebiirgert worden, den edelsten 

6* 



84 Der Weinstock. 

Fruchtsaft hervorbringt, cler unter clem Namen Burgunder, Johannis- 
berger u. s. w. in aller Welt beriihmt 1st. Kultur und Technik 
haben freilich das Ihrige dnbei gethan, und wir wissen nicht, was 
beide in den alien Heimathlandern des Weinstocks leisten konnteii, 
wenn sie daselbst Eingang und Aufnahme fanden. In dieser Hin- 
sicht verdient eine in den ersten Jahrhunderten des beginnenden 
Mittelalters, zur Zeit des Sidonius Apollinaris, Cassiodorus, Grego- 
rius Turonensis, Venantius Fortunatus, Fulgentius u. s. w., auftretende 
Erscheinung alle Aufmerksamkeit. Daroals namlich wanclte sich die 
occidentalische Welt zu den Weinen Palastinas, als den starksten 
und edelsten zuriick, etwa in der Weise, wie wir die Sherry- und 
Portweine aus der pyrenaischen Halbinsel beziehen: Gregor. Turon. 
7, 29 : misitqiie pueros unum post alium ad requirenda potent ior a 
vina, Laticina videlicet atque G a sit in a (Weine von Gaza). Sid. 
Apoll. carm. 17, 15: 

Vina mihi non sunt Gazetica, Chia, Falerna 
Quaeque Sareptano palmite missa bibes. 

Cassiod. Var. 12, 12: ibi enim reperitur (vinum) etGazeto par et 
Sabino simile. Auch am byzantischen Hofe ward dieser Wein der 
phonizisch-philistaischen Kiiste geschatzt, Coripp. de laud. Just. 3, 87: 

et dulcia Bacchi 

Munera quae Sarepta ferax, quae Gaza crearat, 
A seal on et laetis dederat quae Graeca colonis. 

Der Einbruch der Araber machte dieser Weinproduction und dein 
darauf gegriindeten Handel ein Ende (s. Stark, Gaza, S. 561 f.). 

Zur Zeit des Alterthums wurde der Weinstock durch alle Lander 
getragen, die das Mittelmeer umgeben: hat er sich jetzt konnte 
man fragen , wo die Kultur in immer grosserem Massstab die 
ganze Erde umfasst, iiber alle Welttheile verbreitet? Die Antwort 
muss verneinend ausfallen. In der slidlichen Hemisphare ist, mit 
Ausnahme des nicht bedeutenden Kaplandes, die schmale gemassigte 
Zone, in der der Weinstock gedeiht, nicht vorhanden, und in der 
sogenannten Neuen Welt haben die Versuche, ihn anzupflanzen und 
ertragfahig zu machen, keinen ubermassigen Erfolg gehabt. Nord- 
amerika mag jetzt nahe an eine Million Hectoliter erzeugen und 
in den meisten Wirthshausern der Vereinigten Staaten ist schon ein- 
heimischer Kalifornier zu haben, aber er wird als von nicht an- 
genehmem Geschmack geschildert. Der Wein liebt, so zu sagen, 
den Westen nicht und hangt an seiner alten Nachbarschaft. In 
einigen Theilen Australiens sollen sich jetzt ziemlich ausgedehnte 



Der Weinstock. 85 

AVeinkulturen finden, meist von deutscher Hand angelegt, aber der 
dortige Bordeaux geht zu sehr ins Blut, Mosel- und Rheinwein 
haben keine Blume u. s. w. (s. Hugo Zoller, Rund um die Erde, 
Koln 1881, I, S. 157 und 190 f.). Nur an zwei Punkten hat am 
Ausgang des Mittelalters die Hand des Menschen den Bezirk der 
Rebe wirklich erweitert, in Madeira und auf den Canarien die 
aber beide gewissermassen noch zu Europa und zum Kreise des 
Mittelmeers gehoren. Nach Madeira liess schon Prinz Heinrich der 
Seefahrer Rebschosslinge aus dem Peloponnes und von der Insel 
Kreta bringen, nach Teneriffa verpflanzte Alonzo de Lungo gegen 
das Jahr 1507 Weinstocke von Madeira. Der dort also aus griechi- 
schen Reben gewonnene Wein wurde spater in alien Landern beriihmt; 
in neuester Zeit hat der Traubenpilz dieser Kultur den Garaus ge- 
macht, und sie hat jetzt Miihe, sich wieder herzustellen. Interessant 
aber ist der Weinbau auf jenen Inseln auch desshalb, well er sich 
hier dem Tropenklima am moisten nahert: die Weinberge von Siid- 
persien und die am Kap stehen vom Aequator welter ab, als die 
der Insel Ferro unter 27 48' (s. Leop. v. Bach in den Abhandl. 
der Berliner Akaclemie vom Jahre 1817, S. 352). 



* Fiir die Frage nach der Herkunft des Weinstockes sind mehrere 
pflanzengeographische und pflanzengeschichtliche Thatsachen, welche vordem 
von He tin nicht beriicksichtigt wurden, von entscheidender Bedeutung. Schon 
in der mittleren Tertiarperiode, zur Zeit der Braunkohlenbildung, wareh in 
Deutschland bis zu den Alpenlandern, gleichzeitig in Frankreich, England, 
Island, Gronland, Nordamerika und Japan Weinreben verbreitet, von denen 
sich sowohl Blatter, wie auch Samen erhalten haben. In wie weit dieselben 
zu einer und derselben Species oder zu verschiedenen Arten gehoren, ist 
naturlich nicht sicher zu entscheiden; |aber so viel ist sicher, dass die in 
Deutschland in den Braunkohlenlagern von Salzhausen, der Wetterau, bei 
Bischofsheim in der Rhon, bei Schossnitz in Schlesien, im Jesuitengraben bei 
Kundraditz im iiordlichen Bohmen, bei Leoben in Steiermark und bei Oeningen 
in der Schweiz vorkoramenden Blatter der Vitis teutonica A. Braun viel mehr 
Aehnlichkeit mit den Blattern der im atlantischen Nordamerika verbreiteten 
V. cordifolia Michx., sowie auch der anderen nordamerikanischen Arten be- 
sitzen, als mit der jetzt in Mittel- und Siideuropa cultivirten V. vinifera L. 
Birnformige Samen, wie sie Vitis vinifera besitzt, finden sich, allerdings mit 
kleinen Abanderungen, auch bei den nordamerikanischen und ostasiatischen 
Arten; es ist daher sehr wahrscheinlich, dass die mit den Blattern von 
V. teutonica in Salzhausen zusammen gefundenen Samen auch zu dieser Art 
gehoren. Auch die in England bei Bovey Tracey gefundenen Samen, ferner 
die auf Island gefundenen Blattfragmente (V. islandica Heer), ebenso die in 
Gronland beobachteten Blattfragmente und Samen (V. areiica Heer) weisen 



86 Der Weinstock. 

grosse Aehnlichkeit mit denen von V. teutonica A. Braun auf, gehoren also 
ebenfalls dem in Nordamerika und auch in Ostasien entwickelten Typus der 
V. cordifolia Michx. und ihrer Yerwandten an; auch schliesst sich V. subintegra 
Saporta aus dem Unterpliocan von Meximieux diesem Typus an. Dagegen 
finden sich Reste der V. vinifera L. bis jetzt nur in jiingeren Lagerstatten 
fossiler Pflanzen, namlich 1. in Frankreich: in diluvialen Tuffen von Mont- 
pellier (G. Planchon, Etude des tufs de Montpellier 1864 p. 63), in den Tuffen 
von Meyrargues und Castelnau, znsammen mit der Feige (Ficus carica L.), dem 
Perrlickenbaum (Cotinus), Ahorn (Acer neapolitanuni), dem kanarischen Lorbeer 
(Laurus canariensis), Pinus Salzmannii Duval; ferner in den etwas jiingeren 
Tuffen von St. Antoine im Departement Bouches du Rh6ne zusammen mit 
der Terebinthe (Pistacia terebinthus L.) und der weichhaarigen Eiche (Quercus 
pubescens Willd). - - 2. In Italien: in dem alten Travertin des Val d'Era 
und bei San Viraldo in Toscana (Gaudin et Strozzi, Contributions a la flore 
fossile italienne, I. et VI. mem. p. 18 t. 11 f. 9), ferner im Travertin von 
Fiano Romano am rechten Ufer der Tiber, etwa 35 Kilom. von Rom und im 
vulkanischen Tuff von Pejerina auf der Via Flaminia, etwa 6 Kilom. von 
Rom, zusammen mit Taxus, Buxus, Hedera, der Feldriister (Ulmus campestris), 
dem Wachholder (Juniperuscommunis). Die franzosischen Tuff bildungen stammen 
aus der Zeit, zu der noch der dem afrikanischen Elephant verwandte Elephas an- 
tiquus sich in Sudeuropa aufhielt, als das bekannte Rhinoceros Merckii, der Urstier 
(Bos primigenius), der Hohlenbar noch nicht vom Menschen verdrangt waren, 
die Vegetation Sud- und Mitteleuropas aber im Wesentlichen schon die Be- 
standtheile unserer heutigen Flora eiithielt. Einer spateren Zeit, der Bronze- 
zeit, gehoren die Sam en der Weinrebe an, welche in den Pfahlbauten von 
Castione bei Parma (Heer, Pflanzen der Pfahlbauten S. 28 f. 11), im See von 
Varese (Ragazzoni in Rivista arch, della prov. di Como 1880 fasc. XVII. p. 30) 
gefunden wurden. Hierbei ist ausdrucklich zu bemerken, dass diese Kerne 
mit denen des wilden Weines ubereinstimmen, woraus auf eine urspriingliche 
Verwendung der Weinbeeren bei jenen Pfahlbaubewohnern geschlossen werden 
kann. Auch die in der zweiten Stadt von Hissarlik (Troja) in der Konigsburg 
von Tirynth gefundenen Samen sind klein und durften (nach Buschan, Vor- 
geschichtliche Botanik, S. 227) von wilden Reben stammen, desgleichen auch 
die in Pfahlbauten des Lago di Fimon im Gebiet von Vicenza gefundenen 
Samen (s. Buschan, S. 227). Dagegen sind die im Terramare von Castione 
in Parma und von Cogozzo in Oberitalien gefundenen Samen schon etwas 
grosser; und die Weinkerne, welche in den Pfahlbauten von Wangen in der 
Schweiz (Heer a. a. 0.) gefunden wurden, stimmen mit denen der Kulturpflanze 
uberein; Heer halt sie daher fur unsichere Zeugen. Bevor man diese 
Thatsachen kannte, war man vielfach geneigt, die in Slid- und 
Mitteleuropa ausserhalb des cultivirten Terrains vorkommenden 
Weinreben als verwildert anzusehen; auch von V. Hehn war diese 
Meinung getheilt worden. Nur am Siidrande des Kaspischen Meeres und 
in den pontischen Landern zwischen Kaukasien, Ararat und Taurus sollte der 
Weinstock heimisch sein und von hier aus iiber Kleiuasien, Griechenland nach 
Ober- und Unteritalien, dann nach Spanien, Frankreich und endlich durch 
die Romer auch nach Deutschland gebracht worden sein. Mag auch die Kultur 
des Weinstockes ihren Weg von Osten nach Westen und Nordwesten ge- 



Der Weinstock. 37 

nommen haben, so ist doch zweifellos vor der Verbreitung der Wein- 
kultur der Weinstock selbst durch ganz Siideuropa und einen 
Theil Mitteleuropas verbreitet gewesen, ja es ist sogar wahrscheinlich, 
<lass vor den Eingriffen der Menschen in die urspriingliche Vegetation der 
Weinstock noch verbreiteter gewesen ist, als gegenwartig. Durch ihre 
Beerenfriichte zur Verbreitung durch Vogel leicht befahigt, 
musste die Weinrebe zusammen mit anderen Waldpflanzen tiberall 
da sich ansiedeln, wo die klimatischen Verhaltnisse ihre Frucht- 
entwicklung gestatteten. Die klimatischen Verhaltnisse waren 
aber vom mittlereii Tertiar bis zur Glacialperiode und nach der- 
selben fast tiberall da gegeben, wo heute die wilde Weinrebe ge- 
deiht; nur wahrend der Glacialperiode wird dieselbe nordlich 
der Alpen gefehlt haben und ihr Areal auch jenseits der Alpen 
etwas eingeschrankt gewesen sein; nach der Glacialperiode aber 
musste sich dasselbe wieder mehr ausdehnen. Dass die Weinrebe 
auch verwildert, indem die Samen der aus den Kulturen von Vogeln ver- 
schleppten Beerenfriichte an geeigneten Stellen zur Entwicklung gelangen, ist 
gewiss; aber dann findet sie sich nur in Hecken oder auf Boden, der von 
heimischen Pflanzen entblosst worden ist oder auch auf jungfraulichem, erst 
von Wasser entblosstem Boden. Unter solchen Verhaltnissen vermogen wohl 
die Keime einer nicht einheimischen Pflanze sich weiter zu entwickeln, da sie 
in geringerem Grade der Concurrenz mit langst eingebiirgerten Pflanzen aus- 
gesetzt sind; aber gewohnlich treten derartige Ansiedler nur vereinzelt auf 
und erhalten sich auch nur kurze Zeit im Kampfe mit den einheimischen 
Pflanzen. Am scbwersten ist es fur verschleppte Samen, in den geschlossenen 
Formationen der Walder, der dichten Gebiische, der Wiesen aufzugehen und 
reichliche Nachkommenschaft zu erzeugen. Wenn wir daher den Weinstock 
oder eine andere Pflanze in grosserer Anzahl in Waldern auftreten sehen, 
dann haben wir ein Recht anzunehmen, dass dieselbe unabhangig von der 
Kultur ihren Weg nach diesen Standorten gefunden hat. Diese Annahme 
wird um so begriindeter sein, je mehr die Fundorte einer Pflanze mit ein- 
ander in Verbindung stehen und in ihrem sonstigen Vegetationscharakter 
iibereinstimmen. Als nach der Glacialperiode in Europa die Laubwald- 
formationen von Osten, Stiden und Westen wieder vordrangen, wurden jeden- 
falls die Beeren des Weins mindestens eben so rasch verschleppt, wie die 
Steinfriichte des Faulbaums oder des Schneeballes und anderer Straucher. 
Gegenwartig findet sich die wilde Weinrebe in ganz besonders uppiger Ent- 
wicklung im westlichen Transkaukasien , in dem zum Schwarzen Meer ab- 
fallenden feuchtwarmen Gebiete, von Beschtau und den Ufern des Terek 
siidwarts bis Armenien und bis zum Talyschgebirge (vergl. den auch sonst, 
namentlich in Bezng auf die Vulgarnamen sehr wichtigen Artikel iiber den 
AVeinstock in Koppen, geogr. Verbreitung der Holzgewachse des europaischen 
Russlands I. 98); von hier verfolgen wir sie ost warts bis in die persische 
Provinz Ghilan und in nordostlicher Richtung bis Turkestan, wo sie Capus 
an den Ufern des Pakeme und an den Ufern des Pokem bis zu einer Ho'he 
von 1250 in wild beobachtete (Planchon in De Candolle, Suites au Prodr. 
V. 2 p. 360), wahrend Albert Regel sie im Tschitschikthal und Tshotkalthal 
zusammen mit wilden Apfelbaumen, Pflaumen, Aprikosen, Kirschen, Maul- 



88 Der Weinstock. 

beeren und Pistacien constatirte. Ob die in Afghanistan und im nordwest- 
lichen Himalaya ausserhalb der Kultur vorkommenden Weinrebeii verwildert 
oder wild sind, ist noch fraglich. Westlich vom Kaukasus finden wir die 
Rebe zunachst wild in der Krim auf beiden Seiten des Gebirges, meist an 
Bachufern, auf der Siidseite bisweilen Stamme mit 4'/ 2 Fuss Umfang (v. Steven, 
Verzeichniss der auf der taurischen Halbinsel wild wachsenden Pflanzen p. 96), 
wahrend derselbe Beobachter bei Tiflis nur Stamme von 3Y Fuss Umfang ge- 
sehen hatte. Auch wircl nach Angabe desselben Gewahrsmannes in der Krim 
bisweilen aus den schwarzen sauren Beeren der wilden Rebe Wein bereitet, 
wie ja uberhaupt wohl nirgends die Benutzung wildwachsender Beerenfriicbte 
zur Bereitung von Getranken so verbreitet ist als in Russland. Sodann ist 
die Rebe hochstwahrscheinlich wild am rechten Ufer des Dnjepr von Alexan- 
drowsk bis Cherson, in Podolien am linken Ufer des Dnjestr zwischen den 
Ortschaften Wyschwatencz und Jagorlyk, in Bessarabien an den Ufern des 
Djnestr, des Pruth und der Donau, sicher wild, wie ich selbst beobachtete, 
an den Ufern der Donau in Rumanien (vergl. auch Brandza, Prodromul 
Florei romane p. 209) bis Orsowa, auch im Banat, wo ich sie in den Misch- 
waldern bei Mehadia als kraftige Liane entwickelt sah. Auch in den bis- 
weilen noch Urwaldcharakter zeigenden Eichenwaldern des ungarischen Tief- 
landes, in welchen die hier schlanken Stamme der Rebe bis zu den Wipfeln 
der Eichen hinanreichen und von da malerisch in das schattige Waldesdunkel 
herabhangen, ist nach Kerner (Pflanzenlebeii der Doiiaulander, p. 42) der 
Weinstock wahrscheinlich einheimisch, ebenso findet er sich dort haufig in 
den aus Erlen bestehenden Uferwaldern. Ob die haufig auf den Auen der 
Donau und March unterhalb Wiens vorkommenden Reben wild oder ver- 
wildert sind, lassen die osterreichischen Floristen noch unentschieden, doch 
mochte ich auch hier ein von der Kultur unabhangiges Einwandern Mr das 
Wahrscheinlich ere halten. Siidlich der Donau ist der Weinstock auf der 
Balkanhalbiusel sicher wild; ich sah ihn selbst als kraftige Liane in den 
dichten Waldern von Bujukdere bei Constantinopel ; sowohl in der Dobrud- 
scha wie im Balkan und dem Rhodopegebirge, wo er bis in die Buchenregion 
hinaufsteigt, ist er sehr verbreitet (Velenovsky, Flora bulgarica p. Ill), sehr 
haufig auch in Waldern und Gebiischen, namentlich in Eichenwaldern Thra- 
ciens, haufig auf der Insel Tasos, in Gebiischen der Ebene Tettovo bei Cal- 
candela, in Siidalbanien (Grisebach, Spicilegium Florae rumelicae I, p. 153). 
In grosser Ueppigkeit sah ich selbst die Rebe im Tempethal und am Wege 
von da nach Larissa. In Sibthorp's Florae graecae prodr. I wird die Rebe 
als ad fluviornm margines Graeciae omnino indigena bezeichnet; das Aui- 
finden von Weinkernen in Tiryns (Wittmack in Tageblatt d. Vers. der Natur- 
forscher und Aerzte in Berlin 1886, p. 194) ist nicht von grosser Bedeutung, 
da die Weinkultur jener Zeit anderweitig hinreichend verbiirgt ist, Auch 
Visiani, der Florist Dalmatiens, giebt an, dass die Rebe an Hecken in ganz 
Dalmatien, selbst in der Bergregion, wild sei. Dagegen sagt G. von Beck in 
seiner Flora von Siidbosnien und der angrenzenden Herzegovina: Ueberall 
verwildert im Drinathal, an der Narenta, doch ist mir kein triftiger Grund 
gegen die Annahrne des spontanen Vorkommens in diesem Gebiet erfindlich. 
Der vortreffliche Florist Italiens Parlatore, welcher die grosste Sorgfalt auf 
die Standortsangabeii verwendete, giebt in seiner Flora italiana V. 483 an, 



Der Weinstock. $9 

class der Weinstock sowohl auf der Halbinsel, wie Sicilien, Corsica und Sar- 
dinien in Gebtischen und Macchien der Olivenregion, wie er glaube, heimisch 
oder seit den altesten Zeiten verwildert sei; dagegen ist er geneigt anzunehmen, 
dass in den mittleren und nordlichen Theilen der Halbinsel, wo die Wein- 
rebe auch in der Eichenregion vorkommt, weniger haufig und kraftig ist, 
wahrscheinlich verwildert sei. Es ist aber bei der Continuitat aller an- 
gegebenen Fundorte die Annahme der Verbreitung vor der Einfuhrung der 
Kultur fiir mich das Wahrscheinlichere, zumal mit Riicksicht auf die oben 
erwahnten fossilen Funde. Der* Florist von Tirol, v. Hausmann, erklart sich 
entschieden fur das Indigenat der Rebe im Etschlande: Wild kommt die 
Rebe im ganzen Etschlande allenthalben im Thai an Zaunen, in Hecken und 
Auen vor. Dagegen sind die Schweizer Floristen meist geneigt, die in der 
Schweiz ausserhalb der Kultur vorkommenden Reben als verwildert anzusehen. 
Im siidlichen Spanien, wo in einzelnen waldreichen Thalern, namentlich der 
Provinz Almeria, die kleinfriichtige Rebe armsdicke Stamme entwickelt und 
hoch in die Wipfel der Baume aufsteigt, diirfte sie auch ursprunglich wild 
sein; auch in Neu-Castilien und selbst im nordlichen Spanien bei Bilbao 
lindet sich diese Form der Rebe noch sehr haufig in Hecken und Hainen. 
Willkomm (Prodromus Florae hispanicae III. 2, p. 567) sieht die Rebe zwar 
auch als verwildert an; aber das urspriingliche Vorkommen im Siiden der 
iberischen Halbinsel ist auch deshalb wahrscheinlich, weil sowohl bei Algesiras 
als auch im siidlichen Portugal Rhododendron baeticum Boiss. etReut. vor- 
kommt, welches mit dem am Siidrande des schwarzen Meeres von Bithynien 
bis zum Kaukasus verbreiteten Eh. ponticum L. identisch ist, einem bei uns 
jetzt vielfach kultivirten Strauch, der in interglacialer Zeit auch noch bei 
Innsbruck in einer Hohe von 1000 -1200m zusammen mit Linde, Ahorn, 
Fichte vorkam (vergl. v. Wettstein in Sitzungsber. d. Kais. Akad. d. Wise, in 
Wien, Bd. XCVII. Abth. 1, 1888 und Denkschr. derselben Akad. Bd. LIX., 
1892). Es ware sonderbar, wenn die Samen der Weinrebe sich nicht auch 
bis Spanien und Portugal verbreitet hatten, da es doch die Samen jenes 
Rhododendron gethan haben. Nachdem jetzt in Frankreich die wilde Wein- 
rebe fossil nachgewiesen ist, mehren sich auch die Angaben tiber das gegen- 
wartige Vorkommen von wildem Wein; Sagot fand solchen in einem Wald 
bei Belley (Dep. Ain), Carriere bei St. Amans (Dep. Cher), Planchon bei 
Montpellier und in den Sevennen etc. etc.; sie ist verbreitet in Sud-, Mittel- 
und Ostfrankreich. Ebenso finden sich wilde Reben in Baden und im Elsass ; 
Oberlin (Pomologische Monatsschrift VII. 1881, Heft 1, S. 20, 21) fand neun 
Standorte wilder Reben auf dem rechten Rheinufer zwischen Rastatt und 
Mannheim, zwei auf dem linken bei Strassburg und Speier, meist in den 
Waldungen, durch Winterfroste nicht leidend. 

Verfolgen wir das Vorkommen der wilden Rebe durch Kleinasien nach 
Nordafrika, so finden wir Angaben tiber das Vorkommen der wilden. Rebe in 
Anatolien (Boissier, Flora orientalis) und Palastina (v. Klinggraff in Oest. 
Bot. Zeitschr. XXX), dagegen keine liber spontanes Vorkommen in Arabien 
und Aegypten, wo aber die Kultur nach den von Prof. Schweinfurth ge- 
machten Funden von Totengaben mindestens bis in die Zeit der XXI. Dy- 
nastie zuriickreicht (vergl. Schweinfurth in Engler's bot. Jahrb. V, S. 189). 
Von Tunis durch Algier bis Marokko ist die Rebe wahrscheinlich wild ; nach 



90 Der Weinstock. 

Cosson findet sie sich z. B. im westlichen Tunis am Dschebel Cheban, fern 
von aller Kultur ; in Algier ist sie nach Cosson und Battandier sehr ver- 
breitet und in Marokko hat sie Ball beobachtet (vergl. Planchon in De Can- 
dolle, Suites au Prodr. V. 2, p. 357). Leider hat es bis jetzt noch kein 
Botaniker unternommen , die wilden Keben dieser verschieclenen Gebiete 
genau zu studiren und zu classificiren; vor einigen Jahrzehnten hatte man 
vielleicht noch hier und da Beziehungen zwischen den wildwachsenden und 
den kultivirten Reben einzelner Gebiete herausfinden konnen, heutzutage, 
nach der Eiiifiihrung der amerikanischen Reben und nach wahrscheinlich 
auch schon weit gegangener Vermischung der Arten wird dies kaum noch 
moglich sein. Nur darauf sei hingewiesen, dass nach Kolenati (Bulletin de 
la soc. imp. des naturalistes de Moscou 1846 p. 279) in dem Gebiet zwischen 
dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer zwei entschieden wilde Formen 
vorkommen, die sich nicht bloss durch die Behaarung und Nervatur ihrer 
Blatter, sondern auch durch die Form und Farbe ihrer Beereii unterscheiden. 
Interessant ist auch die Angabe R. Gothe's (Ampelographische Berichte 1882 
No. 5, p. 40), dass die aus dem westlichen Asien stammenden Kulturreben 
zu Vitis vinifera L. gehoren, dass dagegen die aus Ostasien erhaltenen Wein- 
sorten theils mit der japanischen V. Thunbergii Sieb. et Zucc., theils mit der 
chinesischen V. ficifolia Bunge verwandt sind, theils zur Gattung Cissus ge- 
horen. Endlich seien auch die Nichtbotaniker darauf aufmerksam gemacht, 
dass zahlreiche amerikanische Reben, vor alien Vitis Labrusca L., V. aestivalis 
Michx., V. riparia Michx., V. rotundifolia Michx. (V. vulpina Aut., Muscadine) 
nach der Entdeckung Amerikas in Kultur genommen sind. Im Gegensatz zu 
den vorhistorischen Resten des wilden Weins tragen die Merkmale des kulti- 
virten an sich die Beeren und Samen, welche in altagyptischen Grabern ge- 
funden wurden (vergl. A. Braun, iiber die im Kgl. Museum zu Berlin auf- 
bewahrten Pflanzenreste aus altagyptischen Grabern in Zeitschr. f. Ethnolosrie 
1877, S. 289 310 und Schweinfurth , iiber Pflanzenreste aus altagyptischen 
Grabern, Ber. d. deutsch. bot. Ges. IF, 1884, S. 362, ferner Buschan a. a. O. r 
S. 222). Von besonderem Interesse aber und fur die Geschichte der Kultur- 
weinrebe in's Gewicht fallend ist der Umstand, dass nach Loret, la flore 
pharaonique, Paris 1887, S. 46 in den hieroglyphischen Texten bereits acht 
Weinsorten erwahnt werden. Wie es in dem Gebiet zwischen Schwarzes Meer 
und Kaspi-See, welches gern als die ursprungliche Heimath des Kulturweines 
angesehen wird, zu jener Zeit mit den Sorten oder Rassen bestellt gewesen 
sein mag, entzieht sich vorlaufig noch der Beurtheilung. 



** Versuchen wir zunachst eine Uebersicht iiber die geographisclie 
Verbreitung der Benemiungen des Weins zu geben, indem wir die auf 
den eiuzelnen Gebieten jedesmal altesten Namen zusammenstellen, ohne in- 
dessen schon hier auf eine Erorterung des historischen Zusammenhangs 
der sichtlich mit einander zusammenhangenden Bezeichnungen naher ein- 
zugehen. 

In Europa gilt iiberall die Sippe unseres deutschen ivein: goth. cein (ahd. 
truba, rebaj, slav. vino (altsl. yrozdu Traube), lit. ivynas, altir. fin, lat. vinum (wti8 f 



Der Weinstock. 91 



tlva = lit. uge), griech. ^o-voc (a|j.7t?Xoc, oTacp'j)/rj, 4 36"poc), alb. vt'Jis (alb. harcU 
Weinstock, ruts Traube). Unter den asiatischen Indogermanen setzt sich diese 
Keihe in dem armenischen gini aus *voino-, *voinio- (orf Weinstock) fort, 
das auch im Kaukasus, in georgischen (g'wino) und lasischen Dialecten (g'ini) 
wiederkehrt. Hingegen erlischt dieselbe in den iranischen Sprachen. Die hier 
geltenden, ziemlich jungen Nameii des Weins, z. B. pers. mai, kurd. mei = scrt. 
madhu findet man bei Pott in Lassens Z. f. d. K. d. M. V. S. 62. Vgl. auch 
Koppen, Holzgewachse I, 11(1 Ossetisch san vgl. Anm. 17. - - Wohl aber 
beherrscht das in Europa geltende W^ort auch den grossten Theil des seini- 
tischeii Sprachgebiets : hebr. jajin (aus *wain} } arabisch-aethiop. wain (vgl. 
F. Hommel, Z. f. d. K. d. M. 1889 S. 653 ff.). Ob diese Bezeichnung des Weines 
auch im Babylonisch-Assyrischen von Alters her vorhanden war, scheint noch 
zweifelhaft. P. Jensen (Z. f. Assyriologie I, S. 187) erblickt die lautgesetzliche 
Entsprechung von hebr. jajin in assyr. inu, wahrend F. Hommel das nur in 
den spaten Nationallexicis belegte Wort fur aram.-hebraische Entlehnung halt. 
Letzterer hebt auch hervor, dass eine Reihe semitischer, auf den Weinbau 
beziiglicher Ausdriicke: *karmu Weingarten, *gupnu Weinrebe, *inabu Wein- 
traube im Assyrisch-Babylonischen noch die allgemeinen Bedeutungen von 
Ackerland, Stamm, Pfahl batten, woraus geschlossen werden konne, dass der 
Weinbau in Mesopotamien von Haus aus fremd sei (Hommel, Die sprachge- 
schichtliche Stellung des Babylonisch-Assyrischen, Aufsatze und Abh. S. 94). 
Der spatere Name des Weines im Assyrischen war kardnu (vgl. griech. xapoivov), 
dessen wichtige Bezugsquelle fiir die assyrischen Konige, wie iibrigens auch 
fiir die persischen, die syrische Stadt Helbon, nordwestlich von Damaskus 
(E. Schrader, Die Keilinschriften und das alte Testament' 2 S. 425 f.) war. Auch 
der sumerisch-akkadischen Urbevolkerung Mesopotamiens ware nach Hommel 
(Die Semiten, S. 408) der Weinstock unbekannt gewesen. 

Ganz ohne Zusammenhang mit dem westsemitisch-indogermanischen 
Wort steht der altagyptische Name des Weines arp, der in der Form Ipsi? 
schon im Zeitalter der Sappho in Griechenland bekannt war (A. Wiedemann, 
Sammlung altag. W. S. 20). Ueber die Bedeutung des Weinbaus im alten 
Aegypten, der trotz Herodots Nachricht II, 77: 06 Y"P ac ?' ' tcj - ^ T tf X'"?!? 
afxrtsXoi von sehr friiher Zeit an hier nachweisbar ist, vergl. auch Woenig, Die 
Pflanzen im alten Aegypten, VII. Abschnitt. Hiernach Hesse sich an der 
Hand der bildlichen Darstellungen die Kultur des Weinstocks bis zur 
IV. Dynastie verfolgen (vgl. oben S. 90). 

Zum Schluss dieser Uebersicht sei erwahnt, dass bei den Turko-Tataren 
zwar nicht der Wein, wohl aber die Weintraube eine gleichlautende Benennung 
iizilm, mong. udsiim tragt, woraus Vambery, Primitive Kultur S. 219 folgert, 
dass das ursprungliche Vaterland des Weinstockes auch die urbaren Oasen- 
lander im Osten des Kaspischen Meeres umfasst habe. 

Es erhellt, dass unter den aufgezahlten Wortern der europaisch-semi- 
tische Name des Weines hauptsachlich unser Interesse in Anspruch nehmen 
muss. Wie ist dieser Zusammenhang geschichtlich zu erklaren? In dieser 
Beziehung muss zuerst gegen Hehn (oben S. 70) hervorgehoben werden, 
<lass an eine Entlehnung des griech. /olvo? aus dem hebr. jajin, wie auch der 
phonizische Ausdruck gelautet haben muss, nicht wohl gedacht werden darf, 
da bei dieser Annahme zunachst das anlautende w des Griechischen unerklart 



92 Der Weinstock. 

bleibt (vgl. z. B. den schon homerischen Flussnamen 'Icipov-voc in Elis und auf 
Kreta aus hebr. jarden Fluss). Dazu kommt, dass naeh den Ausfiibrungen 
A. Mtillers in Bezzenbergers Beitragen I, S. 294 fiir die semitischen Worter 
innerhalb des Semitischen eine Wurzel nicht nachweisbar 1st, so dass das 
Indigenat des Wortes *wainu im Semitischen von dieser Seite her nicht gestiitzt 
werden kann. Diese Ansicht M.'s ist bis jetzt von Niemandem widerlegt 
worden, auch nicht von Lagarde, der Mittheilungen II S. 356 neben ganz hin- 
falligen Semitischen Ableitungen von ajjuusXex; und (Jotpos auch an der Erklanmg 
von olvo? aus jajin festhalt (anders jedoch noch Armen. Stud. S. 35). 

Eine andere Moglichkeit ware, dass die Jndogermanen und Semi ten 
gleichermassen von einem dr itt en Volke entlehnt batten. Thatsachlich wird 
diese Annahme durch F. Hommel vertreten, der in seinem Aufsatz Neue 
Werke tiber die Urheimath der Indogermanen (Archiv f. Anthrop. XV. Suppl. 
S. 163 ff. ; vgl. dazu Aufsatze und Abh. S. 102) der Meinung ist, dass die oben 
S. 91 genannten kaukasischen Benennungen des Weins (vgl. dazu auch 
Tomaschek Z. f. o. Gymn. 1875 S. 526) die gemeinschaftliehe Quelle sein, aus 
der sowohl die westlichen Indogermanen, als sie aus dem inneren Asien, 
nord warts des Kaukasus voruberzogen, wie auch die Semiten, als sie ebeii- 
falls auf dem Wege aus Innerasien nach Ablosung der Babylonier siidwarts 
des genannten Gebirges zogen, geschopft batten. Allein auch abgesehen da von, 
dass hier durchaus unbewiesene und unbeweisbare Volkerbewegungeii und 
Volkerlocalisationen angenommen werden, diirfte gegenwartig ein Zweifel claran 
kaum gestattet sein, dass die kaukasischen Worter einfache Entlehnungen aus 
dem Armenischen darstellen. Die westsemitischen Namen des Weins 
konnen also nur aus einer der obengenannten indogermanischen 
Sprachen stammen, und bedenkt man, dass in Klein- und Vorderasien die 
Natur dem Menschen in der Zeitigung der Friichte des Weinstocks soweit ent- 
gegenkommt, dass, wie A. de Candolle Ursprung der Kulturpflanzen S. 236 sagt, 
in Pontus, in Armenien, im Suden des Kankasus und des Kaspisees 
die Rebe den Anblick einer wildwachsenden Liane bietet, welche hohe Baume 
tiberzieht und ohne Schnitt oder irgend welche Kultur eine Menge 
von Friichten hervorbringt." so wird es am nachsten liegen, das westsemi- 
tische *wainu an das obengenannte armenische *voino-, *voinio- = gin'i 
oder eine diesem entsprechende Form aus einer indogermanischen Sprache 
des westlichen Vorderasieiis anzukntipfen. Wir denken dabei nicht mit Hehn 
(oben S. 70) an einen Ursitz der Semiten in der Nachbarschaft Armeniens 
,,siidlich vom Siidrand des Kaspischen Meeres," eine Anschauung, gegen die auch 
E. Meyer Geschichte des Alterthums I S. 208 sich mit Entschiedenheit wendet, 
sondern begniigen uns mit der Annahme frtihzeitiger, teils kriegerischer, teils 
friedlicher Beziehungen semitischer und west-kleinasiatiecher Lander und 
Volker indogermanischen Stammes. Vielleicht hat die Spur einer Erinnerung 
an eine solche Herkunft der Weinkultur die biblische Sage von Noah, dem 
Weinbauer, bewahrt. 

Dieses armenische *voino-. *vomio- = gini biklet nun zusammen 
mit dem illyrischen (albanesischen) *vaina = vcm und dem altgriechischen 
/oivoc: olvot; eine aufs engste zusammenhangende Gruppe der Benennungen des 
Weins, die (im Gegensatz zu den semitischen Namen) mit grosser Wahr- 
scheinlichkeit auf eine einheimische Wurzel zuriickzufiihreii ist, und zwar 



Der Weinstock. 93 

auf die Wurzel vei, die in lat. vieo, sich winden, in mtia und limen sowie in 
der Benennung des wilden Weins im Griechischen 6i4jv, 6.ov = J^t-j-^v, fi-j-w 
(G. Meyer, Griech. Gramm. 3. Aufl. S. 320) vorliegt (daneben vgl. das dunkle 
Hesychische TJtyva- TOV oivov. Kpv]tE?. ol 8s f^]^)- Dass aus derselben Wurzel 
auch Worter fiir weide etc. hervorgegangen sind, findet sein Analogon in dein 
glavischen loza (Miklosich Et. W. s. v.), das ebenfalls die Bedeutungen Wein- 
rebe und Weide in sich vereinigt. 

Des nahereii lasst sich dieser Zusammenhang in einer doppelten Weise 
historisch erklaren. Entweder man nimmt an, dass bei den europaischen 
Indogermanen in vorhistorischer Zeit ein Wort *voino-, *voina in der Bedeutung 
Ranke, Weinstock vorhanden war. Dass hieraus sich, nachdem man gelernt 
hatte, aus der Frucht der Ranke ein berauschendes Getrank zu bereiten, sich 
die Bedeutung Wein entwickeln konnte, wird von Helm Anm. 29 mit Unrecht 
bestritten. Man braucht nur an das schon von Hesiod bezeugte oivrj Weinstock 
zu denken, welches spate r geradezu im Sinne von Wein gebraucht wird, oder 
sich solcher A.usdriieke, wie bei einem Fass voll Reben, ein Glas Korn, 
eine Flasche Kiimmeh zu erinnern. Das lat. tem-$tum Wein hat nach den 
iiberzeugenden Ausf iihrungen Kellers Lat. Volkset. S. 261 f . ursprtinglich sogar 
>AVeingarten bedeutet. ^atiirlich schwebte clem Sprechenden zu der Zeit, 
als oivoc Weinstock in der Bedeutung von Wein gebraucht wurde, die etymo- 
logische Grundbedeutung des Wortes (rankende Pflanze) nicht mehr vor. 
Haben wir oben (S. 64) den Schauplatz richtig bezeichnet, auf dem wir uns 
das letzte Zusammensein der europaischen Jndogermanen denken miissen, so 
wiirde nach den vorstehenden Mittheilungen (oben S. 88) des Herrn 
Botanikers das Vorhandensein des- wilden Weinstocks auf demselben in sehr 
alter Zeit wohl moglich sein. Oder aber und diese Auffassung diirfte nach 
Lage der Dinge vielleicht die grossere Wahrscheinlichkeit fiir sich haben der 
vorausgesetzte Uebergang eines Starames *voino-: vieo von der Bedeutung 
.,Ranke u zu der von,, Wein" hat nur auf einern der obengenannten Sprachgebiete, 
namlich auf dem armenisch-kleinasiatischen, stattgef unden , und das 
albaiiesische vens nebst dem griech. /oivo; stellen, ebenso wie das westsemitische 
*wainu, eine uralte, vorhistorische Entlehnung aus dem Armenisch- 
Kleinasiatischen dar. Da es sich hierbei um einen geographisch zusammen- 
hangenden Bereich idg. Sprachen : Altgriechisch, Altillyrisch, Thrakisch (YVO<; 
bei Suidas verschrieben fiir *-( aiVO ~^ === *vaino-sty, Phrygisch-Armenisch handelt, 
so ware gegen die Annahme der friihzeitigen Wanderung eines derartigen 
Kulturbegriffs nichts einzuwenden. 

Grosse Schwierigkeit macht dagegen die richtige Beurtheilung des lat. 
vinmn, umbr. vinu, volsk. vinu, osk. Vnnikiis, falisk. vinu. Rein lautlich ist 
nach unserem gegenwartigen Wissen fiir diese Worter allein die Ansetzung 
eines zu dem oben besprochenen *voino- ablautenden Stammes *vino- 
berechtigt (vgl. Planta Grammatik der oskisch-umbrischen Dialekte I. S. 279). 
Entschliesst man sich dennoch, mit Bartholomae (Wochenschrift f. klass. Phil. 
1 895 S. 595) und H. Hirt (Anzeiger fiir idg. Sprach- und Alterthumskunde VI, 
175), lat. vinum, aus dem die ubrigen italischen Formen entlehnt sein konnten, 
etwa unter Annahme einer Beeinnussung des zu erwartenden *voenum, *vunum 
durch das daneben liegende vitis auf *voinom zuriickzufiihren, so setzte sich 
also die oben besprochene Reihe armen. gini, alb. venr, griech. /otvoc bis zur 



94 Der Feigenbaum. 

Apeniiinhalbinsel fort. Nicht zufallig ist es wohl auch, dass neben alb. vens. 
griech. /otvoc, lat. vmum noch eine zweite sehr alte Benennung des Weins 
ungefahr dieselben Gegenden verbindet. Es ist dies thrak. Ci/.ai, maked. 
xdX'.O-oc, griech. x^C (zuerst bei Archilochus Bergk frgm. 78), denen sich ein 
aus dem lat. Falernus ager erschliessbares sabinisches *fali- Wein zugesellt. 
In keinem Falle wahrscheinlich ist der Hehn'sche Ansatz, dass erst in 
historischer Zeit die Griechen ihr otvo? in der Gestalt von vmum nach 
Italien gebracht batten, da es auch an sachlichen Anhaltspunkten daftir nicht 
fehlt, dass die griechischen Colonisten Weinstock und Weinbau auf der 
Apeniiinhalbinsel schon vorfanden (vgl. W. Helbig Die Italiker in der Poebene 
S. 109 und P. Weise Ueber den Weinbau der Romer. Progr. Hamburg S. 4). 

Hinsichtlich der nordeuropaischen Ausdrticke, goth. vein, IT. fin, slav. 
vino, lit. wynas zweifelt wohl niemand mehr, dass sie aus dem Lateinischen 
direkt und indirekt entlehnt sind. 

Die Ausftihrungen Hehn's tiber die Wanderungen der Weinkultur 
werden durch unsere Darstellung nicht wesentlich beeintrachtigt. Nament- 
lich bleibt es in hohem Grade wahrscheinlich, dass die Ausbreitung der- 
selben tiber die Balkanhalbinsel in zwei Richtungen, einer von Norden 
(Thrakien) und einer von Osten (tiber die Inseln) ausgehenden sich vollzogen 
hat; nur dass diese beiden Faden wahrscheinlich nicht bei einem semi- 
tischen, sondern bei einem indogermanischen Volk des westlichen Kleinasien 
zusammenlaufen. In das Gebiet des letzteren Kulturstroms gehort auch in 
dieser Beziehung die mykenische Periode; denn dass man an den Konigs- 
hofen von Mykenae, Tiryns u. s. w. bereits wacker dem Tranke, der dazu 
geschaffen ist 



(Athen. II, S. 35 c.), zugesprochen hat, ist nicht zweifelhaft. Vgl. zu oben 
S. 88 Schliemann, Tiryns S. 93. Auch Herr Tsuntas glaubt in Mykenae 
am Boden eines Thonfasses Spuren des Niedersatzes von Wein oder Essig 
erkamit zu haben. Vollstandige Litteraturangaben tiber alles sprachlich 
hierher gehorige bei Muss-Arnolt, Transactions of the American Phil. Asso- 
ciation XXIII, S. 142 ff. und bei H. Lewy Die semitischen Fremdworter im 
Griechischen S. 79 f . 



Der Feigenbaum. 

(Ficus carica L.) 

An die Rebe schliesst sich von selbst die Feige an, die 
Schwester des Weinstocks, wie sie schon der lambograph Hipponax 
nannte (Fragm. 24. Bergk.) : 

2vxi]v [ishcuvav ydjiiTiehov xa^yvr^xr^v. 

Der Feigenbaum hat im semitischen Vorderasien, in Syrien und Pa- 
lastina sein eigentliches Vaterland und erreicht dort das iippigste 






Der Feigenbaum. 95 

Wachsthum und die siisseste Fruchtfiille. Das Alte Testament er- 
wahnt des Baumes oft, vorzuglich in Verbindung mit dem Weinstock, 
und ist voll von Bildern und Gleichnissen , die daher entnommen 
sind; unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen oder von 
seinem Weinstock und Feigenbaum essen - - heisst so viel als eines 
ruhigen, friedlichen Daseins geniessen. Auch in Lydien galten Wein 
und Feigen so sehr als die ersten Giiter des Lebens, dass diejenigen, 
die dem Krosus den Zug gegen Cyrus abriethen, sich darauf be- 
riefen, die Perser tranken nicht einmal Wein, sondern Wasser, und 
batten auch keine Feigen zur Nahrung (Herod. 1, 71). Eben so in 
Phrygien: der komische Dichter Alexis nannte die getrocknete Feige, 
die ia%dg, eine Erfindung der phrygischen ffcxf) (Meineke, Fr. com. 
Gr. 3, p. 456). Aber auf den nahe gelegenen kleinasiatischen Kiisten 
und Inseln findet sich die Feige als Fruchtbaum zur Zeit und im 
Kreise der Ilias noch nicht, um so weniger folglich auf dem 
griechischen Festlande. Erst in der Odyssee tritt der Feigenbaum 
auf, aber auch bier nur an Stellen, deren nachtragliche Einfiigung 
sichtlich ist. In dem Liede von Odysseus Niederfahrt zur Unter- 
welt, welches selbst aus verschiedenen Stiicken von verschiedenem 
Alter zu bestehen scheint, hangen iiber dem hungernden Tantalus 
unter anderen Friichten auch Feigen herab, 11, 588: 

Nieder am Haupt ihm senkten die Frucht hochblattrige Baume, 
Voll von Granaten und Birnen und glanzvoll prangenden Aepfeln, 
Auch siisslabenden Feigen und grunenden dunklen Oliven. 

Die beiden letzten Verse finden sich dann in einem Bruchstiick 
wiederholt, das in die alterthiimliche Beschreibung vom Palast des 
Alkinoos mit Unterbrechung des Zusammenhangs mitten eingeschoben 
ist (7, 103 131) und ausser dem Hauswesen auch den Garten des 
Phaakenkonigs schildert, in welchem Traube an Traube, Feige an 
Feige unverganglich sich reiht. Endlich in den letzten Scenen der 
Odyssee, einem jungen Anhangsel, erscheint Laertes als Pflanzer 
auch von Feigenbaumen. Hesiodus kennt die Feige und deren 
Kultur noch gar nicht; bei Archilochus aber (um 700 v. Chr.) er- 
scheint sie sicher als Product seiner heimathlichen Insel Paros 
(Fragm. 51. Bergk.): 

"Ea Jldgov xal Gvxa xslva xai tfahdffffiov fitov 

ein Vers, der vielleicht nicht viel j linger ist, als die letzterwahnte 
Stelle der Odyssee. Spater rtihmte sich Attika, neben Sikyon, der 
besten Feigen, ja die Derneter hatte auf attischem Gebiet dem 



gg Der Feigenbaum. 

Phytalus, der sie gastlich aufgenommen hatte, den Feigenbaum als 
Geschenk aus der Erde spriessen lassen, wie bei anderer Gelegen- 
heit Athene den Oelbaum, und Pausanias las noch die Grabschrift 
des Heroen, 1, 37, 2: 

Hier hat Phytalos einst, der Held, die hehre Demeter 
Gastlich empfangen und hier zuerst erschuf sie die Frucht ihm, 
Die von dem Menschengeschlecht die heilige Feige genannt wird; 
Seitdem schmiickt des Phytalos Stamm nie alternde Ehre. 

Dass dies Geschenk zugleich als Beginn eines edleren, gebildeteren 

Lebens gefuhlt wurde, geht aus dem Namen ^YI^T^Q ia, yyywQla 

hervor, mit dem eine am Feste der Plynterien in Athen aufgefiihrte 

Masse trockener Feigen benannt wurde: die Kultur der Feige er- 

schien gleichsam als Fiihrerin zu reinerer Sitte 35 ). Wein und 

Feigen wurden in Griechenland ein allgemeines Lebensbediirfniss, 

dem Armen und dem Reichen gemeinsani, und wie der Araber sich 

mit einer Handvoll Datteln begniigt, so reichten auch einige trockene 

Feigen dem attischen Miissigganger hin, wenn er gaffend und je 

nach der Jahreszeit im Schatten oder in der Sonne liegend den Tag 

verbrachte. Was von Plato erzahlt wird, er sei ein Feigenfreund, 

yihGtivxog, gewesen (Plut. Symp. 4, 4, 5), gait irn Grunde von jedem 

Athener, und wie stolz der Letztere auf dies Product seines Bodens 

war, lehrt die Sage vom Perserkonig Xerxes, der bei jeder Mittags- 

tafel durch vorgesetzte attische Feigen sich daran erinnern liess, dass 

er das Land, wo sie wiichsen, noch nicht sein nenne und jene 

Fruchte, statt sie sich von deri Einwohnern steuern zu lassen, als 

auslandische kaufen miisse (Athen. 14, p. 652. Plut. Reg. Apophth. 

Xerx. 3). Der persischen Knechtschaft nun erwehrte sich die Stadt 

der Sykophanten, aber der Auflosung politischer Moral, an die 

dieser von den attischen Feigen hergenommene Name erinnert, und 

dem daraus folgenden Verderben entging sie nicht. - - Mit der grie- 

chischen Colonisation muss auch der Feigenbaum zu den Stammen 

Unter- und Mittelitaliens gedrungen sein. Er findet sich in die 

romische Ursprungssage verflochten, denn unter der ficus Ruminalis 

sollten Romulus und Remus von der Wolfin gesaugt worden sein 

ein Zug der Sage, der offenbar ganz der namlichen Symbolik, 

nach welcher der strotzende fruchtreiche Baum ins hebraische Eden 

versetzt wurde, sein Dasein verdankt 36 ). Spater in der Kaiserzeit 

waren der Sorten und Benennungen schon so viele geworden, dass 

Plinius den gedankenvollen Ausspruch thut, man ersehe daraus wohl, 

class das Bildungsgesetz, welches die Arten in festem Typus erhalt, 



Der Feigenbauin. 97 

schwankend geworden sei, 15, 72: ut vel hoc solum aestumantibus 
adpareat, mutatam esse vitam. Noch zur Zeit des Kaisers Tiberius 
wurden edle Feigenarten direct von Syrien nach Italien versetzt 
(Plin. 15, 83). Wie damals, ist noch heut zu Tage die Feige, so- 
wohl frisch als getrocknet, die allgemeine und gesunde Nahrung des 
Volkes in Italien, besonders im siidlichen Theile des Landes. Neben 
den einmal jahrlich tragenden Baumen giebt es eine Varietat, die 
zweimal tragt, im Sonimer und im Spatherbst: ficus bifera. Die 
reifen Friichte miissen sogleich nach dem Abpflticken gegessen und 
diirfen nicht viel mit den Fingern beriihrt werden : daher die drastische 
Argumentation des Cato im romischen Senat , der eine Feige aus 
Karthago vorwies, die noch vollig frisch war: tarn prope a muris 
habemus hostem (Plin. 15, 75). Sie war wohl, diirfen wir ratio- 
nalistisch hinzusetzen, unreif gepfliickt und durch Zeit und Drdcken 
reif geworden. Die Feigen von Smyrna, die wir jetzt fur die besten 
halten, kamen auch schon im Alterthum unter dem Namen caricae 
und cauneae nach Italien und wurden damals, wie jetzt, gepresst in 
Schachteln versandt. Auch die ficus duplex des Horaz (Sat. 2, 2, 
122) trifft man noch in Unteritalien und kann das Verfahren dabei 
aus der Anschauung leichter kennen lernen, als aus den Worten 
der Alten. Wie von alien viel angebauten Kulturfriichten gab es 
und giebt es auch von der Feige eine Menge Spielarten, besonders 
aber, wie bei dem Wein, zwei Hauptsorten, die purpurrothen und 
die griinlichen, auch jetzt noch neri und bianchi genannt. Die 
letzteren als die siisseren dienen mehr zum Trocknen, die ersteren 
von mehr sauerlichem Geschmack werden frisch verzehrt. In der 
heissen Zeit erquickt der Baum zugleich mit den riesigen Blattern an 
den winkligen, gliederreichen Zweigen durch erwiinschten Schatten - 
im heutigen Griechenland und Italien, wie zur Zeit des Alten Testa- 
ments in Palastina; im verwilderten Stande wachst er malerisch aus 
den Spalten alter Mauern und in den Ruinen und an Felsen; sein 
Holz, ein inutile lignum, d. h. ein schwammiges, leicht berstendes 
und sich werfendes, so lang es frisch ist (daher Ausdriicke wie 
avxivog avr^Q bei Aristophanes), soil nach gehorigem Trocknen hart 
und fest werden wie Eichenholz. 



* Was wir liber die Geschichte und die Verbreitung des Feigenbaumes 
wissen, ist bereits in der klassischen Abhandlimg von Graf zu Solms- 
Laubach, Die Herkunft, Domestication und Verbreitung des gewohnlichen 
Feigenbaumes (Abhandl. der Konigl. Ges. d. Wiss. zu Gottingen XXVIII. 

Viet. Hehn, Kulturpflanzcn. 7. Aufl. 7 



98 Der Feigenbaum. 

1882) zusamrnengestellt. Die jetzt in Siideuropa so verbreitete Feige gehort 
der grossen in alien warmeren Landern mit etwa 600 Arten entwickelten 
Gattung Ficus an und zwar der nnr in Asien, Ostafrika und Europa ent- 
wickelten Section Eusyce Gasp. Innerhalb dieser Section existiert eine Gruppe 
von einigen der gewohnlichen Feige sehr ahnlichen und einander so nahe- 
stehenden Arten, dass iiber deren gemeinschaftlichen Ursprung kein Zweifel 
bestehen kann. 

Alle diese Arten haben das charakteristische allbekannte Blatt des ge- 
wohnlichen Feigenbaumes mit geringen Variationen in der Gestalt und 
starkeren in der Haarbekleidung. Es steht nun unzweifelhaf t fest, 
dass dieser Typus und zwar die jetzt in Siideuropa weit ver- 
breitete Ficus Carica in der Quartar- oder Diluvialperiode bereits 
im westlichen Theil des Mediterrangebietes existirte, ja sogar 
nordwarts von den Grenzen der heutigen Mediterranflora in Westeuropa 
vorkam. Es wurden grosse Mengen von Feigenblattern und auch Hohl- 
drucke von Fruchtstanden in den quaternaren Travertinen Toscanas, bei 
Prota, Gallerage, Poggio a Montone gefunden (Gaudin et C. Strozzi, Contri-, 
butions a la flore fossile italienne, 4. memoire in Neue Denkschr. d. allg. 
schweizerischen Ges. f. d. ges. Naturwiss. XVII. (1860) p. 10); ferner in 
Tuffen von Meyrargues und Aygalades bei Marseille (Saporta in Comptes 
rendus de la 33 e session du congres scientifique de France p. 27), in Siiss- 
wasserbildungen von Castelnau bei Montpellier (Planchon, Etude des tufs de 
Montpellier, Paris 1864 p. 44, 63), in Tuffen von la Celle bei Moret und bei 
Paris (Gast. de Saporta, Sur 1'existence constated du Figuier aux environs 
de Paris a 1'epoque quaternaire, Bull. soc. geol. de France, ser. III. vol. 2 
(187374), p. 442). 

Da nun in den so zahlreichen tertiaren Ablagerungen Europas der 
Typus der Ficus Carica nicht vertreten ist und ausserdem dieser Typus in 
Westasien und Ostafrika reicher entwickelt ist, so ist es allerdings, wie Graf 
Solms-Laubach annimmt, durchaus wahrscheinlich, dass die europaische Feige 
aus dem Osten stammt; aber sie hat sich schon in vorhistorischen 
Zeiten von Osten nach Westen verbreitet, als sie noch nicht 
Kulturpflanze geworden Avar. 

Die heutige Verbreitung der wilden Ficus Carica und ihrer Verwandteii 
ist folgende: 

Beginnen wir im Osten, so haben wir zunachst Ficus palmata Forsk. 
(= F. virgata Koxb.) zu nennen, welche in den niederen Gebirgen des west- 
lichen Indiens vorkommt und ihre ostliche Grenze in Kamaon und Oudh 
erreicht, im Satletschthal bis fast 3000 m aufsteigt, in der obereii Ganges- 
ebene, im Pendschab, Sud- Beludschistan und Afghanistan vorkommt und 
auch in diesen Gebieten als Essfeige kultivirt wird (Brandis, Forest Flora 
419); da nach King (The species of Ficus etc. II. 148, Calcutta 1888) die 
ostindische Pnanze von der durch Forskal in Arabien entdeckten F. palmata 
Forsk. nicht verschieden, so erstreckt sich das Areal dieser Art bis Aegypten 
und Abyssinien. Eine zweite Art ist F. serrata Forsk., welche am Sinai und 
in den agyptischen Wiisten am Rothen Meer vorkommt. F. geraniifolia 
Miqu. (F. persica Boiss.^) wachst im siidwestlichen Persien haufig und auch in 
Beludschistan. F. Pseudo-Carica Hochst. vertritt den Typus in der Woena- 






Der Feigenbaum. 99 

Dega Abyssiniens. F. Carica selbst wachst sehr gern wild in Felsspalten, 
ihr Areal ist, ganz abgesehen von dem durch die Kultur gewonnenen, viel 
ansgedehnter als das der iibrigen Arten. Sie findet sich ebenfalls im nord- 
westlichen Ostindien, in Beludschistan, dem ostlichen, stidlichen und sud- 
westlichen Persien, in Mesopotamien und ganz Kleinasien, sie ist ferner ver- 
breitet vom Talysch entlang dem Siidufer des Kaspischen Meeres, durch ganz 
Transcaucasien, bis zu einer Hohe von fast 1000 m, sodann auf der Krim ; 
in der europaischen Tiirkei findet sie sich am Bosporus und Hellespont, 
sodann in den warmeren Theilen Macedoniens und Thraciens ; haufig ist sie 
in ganz Griechenland und auf den griechischen Inseln, ebenso in Italien und 
auf den dazu gehorigen Inseln in der Olivenregion, sodann auch an warmeren 
Platzen der Kastanien- und Eichenregion. Sicher ist sie auch wild in Siid- 
tirol bei Bozen, wo sie eine kurze, nicht anhaltende Kalte von 10 C. un- 
bedeckt zu ertragen vermag (v. Hausmann, Flora von Tirol II. 1. S. 713). 
In Spanien ist sie wild verbreitet, besonders in den siidostlichen Provinzen, 
woselbst sie bis zu 1300 m vorkommt. In Frankreich ist sie sicher wild in 
der Provence; Zweifel tiber das Indigenat des Feigenbaumes bestehen nur 
beziiglich seines Vorkommens im westlichen Frankreich in den Departements 
Charente-inferieure, Deux-Sevres und Finisterre; sie wachst auch da zerstreut 
an Felsen. Da die kultivirte Feige in diesen Gebieten nicht Samen reift, so 
ist es aber sehr fraglich, ob die Samen dieser nicht gepflanzten Feigen von 
den dort kultivirten abstammen; es ist sehr wohl moglich, dass die Samen 
aus dem stidwestlichen Frankreich nach dem westlichen durch Vogel trans- 
portirt sind. So sind die nordlichsten Standorte der Feige nicht mehr weit 
entfernt von den Anfangs erwahnten prahistorischen bei Paris. Sicher war 
die Feige, als sie in Siideuropa in Kultur genommen wurde, ein dort ein- 
heimisches Gewachs. Ebenso ist die Feige hochst wahrscheinlich wild in 
Arabien und Nordafrika bis Marokko und ebenso auf den Kanaren. Der 
sogenannte Caprificus, welcher sich vorzugsweise im wilden 
Zustande v or findet, ist nicht, wie Graf Solms-Laubach anzuiiehmen 
geneigt war, die einzige wildeUrform der Kulturfeige, sondern 
er ist, wie Fritz Muller betonte und nachher auch Graf Solms in einer 
zweiten Abhandlung (Die Geschlechtsdifferenzirung des Feigenbaumes, in Bot. 
Zeitung 1885 No. 3386) bestatigte, die mannliche Pflanze, die Ess- 
feige dagegen die weibliche Pflanze, welche in der Kultur weiter 
ausgebildet und fixirt wurde. Hierzu sei bemerkt, dass sparliche Samen- 
bildung bei dem Caprificus auch vorkommt, dass er aber vorzugsweise mann- 
liche Bliithen entwickelt, deren Bluthenstaub von den Blastophagen, welche 
sich in den Gallenbliithen des Caprificus entwickelt hatten, auf die weiblichen 
Stocke getragen wird und dort zur Befruchtung gelangt. Mit der Erfindung 
der Caprification war die Moglichkeit gegeben, zahlreiche weibliche Stocke 
durch einen mannlichen zu befruchten; diese Erfindung der Caprification ist 
aber sicher von den Semiten Syriens und Arabiens gemacht worden; durch 
sie wurde jedenfalls die Kultur des im Mittelmeergebiet heimischen Feigen- 
baumes in Griechenland, wahrscheinlich auch in Nordafrika, Siidportugal, 
Siidspanien und Sicilien eingeftihrt, woselbst die Caprification auch noch 
heute zu Hause ist. (Vergl. Graf Solms, Die Herkunft etc. S. 7883.) In 
Italien dagegen wird die Caprification nicht ausgeiibt; dies lasst nach den 



100 Der Feigenbaum. 

Ausfiihrungeii von Graf Solms (a. a. O. S. 85 1)5) darauf schliessen, class die 
Feige den Bewohnern Italiens wohl bekannt war, dass sie aber wahrschein- 
lich im Verkehr mit den ostlichen Volkern die von diesen erzogeiien besseren 
Rassen iiberkamen, deren Vermehrung durch Stecklinge erfolgte und bei 
\velchen die Entwicklung fleischiger zuckerreicher Bliithenstaride auch ohne 
die Caprification eintritt. Hinsichtlich der Geschichte der Kulturfeige scheint 
nach Buschan (Vorgeschichtliche Botanik S. 112) sich zu ergeben, dass in der 
friihgeschichtlichen Zeit die Kultur auf Syrien, Aegypten und Arabien be- 
schrankt war und dass sie verhaltnissmassig spat in Griechenland Eingang 
fand; noch spater in Italien. Nichts desto weniger kannte man schon zur 
Zeit des Plinius in Italien 29 Sorten (Hist. nat. XV, 18 nach Buschan, a. a. 
O. S. 113). 

** Mit der Annahme des Grafen Solms, der Ursprung der griechischen 
und der romischen Feigenkultur sei ein verschiedener gewesen und die letztere 
nicht aus ersterer ableitbar, stehen die sprachlichen Thatsachen nicht in 
Widerspruch; denn es wird heute kaum jemand mehr geneigt sein, das laL 
ficus fur eine Entlehnung aus griech. ouxov zu halten. 

Schwieriger freilich ist es, liber den Crsprung dieser beiden Worter etwas 
Positives auszusagen (vgl. die alteren Ansichten Anm. 36). 

Graf Solms (S. 80, 81) gelangt an der Hand von Gutachten Lagarde's 
(Ueber die semitischen Namen des Feigenbaums und der Feige, Mittheil. I, 
58 ff.) und Noldeke's zu der Ueberzeugung, dass das lat. ficus eine directe 
Entlehnung aus dem Phonikischen (paggim, halbreife Feigen, vgl. auch syr. 
paggd und arab. figg, fagg] sei. Bei dem Wenigen und Zweifelhaften, was wir 
uber semitisches Lehngut im Lateinischen wissen, ist es leider nicht moglich, 
diese kulturhistorisch sehr wahrscheinliche Ansicht lautlich mit Sicherheit 
anzunehmen oder zu verwerfen. Als auf eine Sttitze fiir diese Erklarung kann 
man auf das freilich erst von Plinius iiberlieferte coitana, coctana, eine Art 
kleiner Feigen verweisen, das man aus dem hebraischen qdton zu erklaren 
pflegt (O. Weise, Griech. W. im Latein. S. 139, Keller, Lat. Volksetymologie 
S. 65). Was ooxov, TOXOV, von dem auch Hehn, Anm. 36 oixoa, oixo? Gurke 
nicht trennen wollte, betrifft, so halten wir den einheimischen Ursprung des 
Wortes fiir noch am wahrscheinlichsten. Wir nehmen mit Rticksicht auf 
altsl. tylty Kiirbis ein vorhistorisches *tveqo- und *luqo- (vgl. auch Fick, Vergl. 
W. I 4 S. 449) an, welche eine gurkenartige Frucht bedeuten mochten (vgl. 
weiteres u. Cucurbitaceen). Von diesen beiden Grundformen spiegelt sich die 
erstere in griech. osxooa (Hesych), otxua, oUoc Gurke (i aus e noch unklar wie 
in vielen Fallen, vgl. G. Meyer Griech. Gr. 3 S. 108), die letztere in unserem 
TOXOV und (mit Anlehnung des Anlauts an die erstere Formation) in ooxov ab. 

Diese Benennung iibertrugen die Griechen, als sie bei ihrer Ankunft in 
Hellas auf den wilden Feigenbaum stiessen (s. o.), nach einer oberflach lichen Aehn- 
lichkeit, die in ihrer Bedeutung fiir die Namengebung uns noch ofters in diesem 
Buche begegnen wird, zunachst auf die Fruchte des Iptvsoc, dann, als man von 
Asien her die Essfeigen kennen lernte, auf die der OOXYJ. Es trat also eine 
Bedeutungsdifferenzirung ein, die, wie so oft, von einer Formendiflfereiizirung 
insofern begleitet war, als allmahlich otxuc nur fur Cucurbitaceen, auxov nur 
fiir Feigen gebraucht wurde. 



Der Feigenbaum. 

Anderer Ansicht iiber griech. ooxov sind freilich Bartholomae (Wochen- 
schrift fur klass. Phil. 1895 S. 595) und H. Hirt (Anzeiger fur idg. Sprach- 
und Alterthuniskunde VI, 175), die beide einen vorhistorischen Zusammenhang 
des griech. Wortes mit lat. ficus fiir moglich halten, indem der erstere fiir 
beide Worter eine Grundform *tje oder *dhje, der letztere ein *j)vuko-s ansetzt. 
Zu bedenken bleibt endlich das armenische t'uz Feige (== idg.. *tuy1i), ohne 
dass es bis jetzt moglich gewesen ist, das Verhaltniss dieses Wortes dem 
griech. coxov, toxov gegenuber festzustellen. 

Die Einfuhrung der Feigenkultur in Griechenland wiirde nach Hehn's 
Ausfiihrungen erst in nach- oder spathomerischer Zeit erfolgt sein, und wir 
wiissten nicht, was sich Sachliches hiergegen einwenden liesse. Einigermassen 
auffallend ist vielleicht bei dieser Annahme die schon in den altesten Theilen 
der Ilias vorkommende Benennung des wilden Feigenbaumes, da dieser Name 
mit dem Sinne Bocksfeigenbaum (vgl. Anm. 18) einen Gegensatz zur Ess- 
feige anzudeuten scheint. Oder hatte man dabei einen Gegensatz zu anderen 
Fruchtbaumen im Auge? Aber solche werden von Hehn fiir die alteste 
homerische Zeit kaum angenommen. - - Der Ausdruck o^ovfroc, ion. oXovfto; 
(vgl. namentlich Herodot I, 193: 'I>Y]voc<; Y? O"*] <popsooa'. ev TCO xaprcu) ol epoeve? 
(tuv <pvHiu>v) xata-=p rA oKov&ot) ist leider ganz dunkel. 

Jedenfalls hat der griechische Name der Feige nichts mit der semitischen 
Benennung des Feigenbaums oder seiner Frucht zu thuii. Im Semitischen heisst 
der Feigenbaum * ti'nu, die Feige * balasu. Der erstere Ausdruck begegnet im 
Hebraischen, Phonikischen (vgl. Bloch, Phonikisches Glossar), Aramaischen 
und Arabischen, der letztere im Hebraischen, Arabischen und Aethiopischen 
(vgl. Lagarde, Mittheilungen I, S. 58 ff.). Eine lehrreiche Ableitung von 
letztere m Wort, boles xiqmim Jemand der an der Sycomore eine Operation 
besorgt, ahnlich derjenigen, die am Feigenbaume iiblich ist, findet sich bereits 
Amos c. 7, v. 14 und beweist, dass schon damals die Kenntniss der Caprifi- 
cation bei den Juden verbreitet war (vgl. Graf Solms a. a. 0. S. 75 f.). In 
beiden Fallen versagt, wie beim Wein und Oelbaum, das Babylonisch-Assy- 
rische (vgl. aber bei Delitzsch Assyrisches Handworterbuch S. 716 tittu (aus 
*tintu?) ein Baum?*, woraus zu folgen scheint, dass die Feigenkultur nicht 
der ursemitischen Zeit angehort. In Uebereinstimmung hiermit will Lagarde 
aus der Lautgestalt des oben genannten * ti'nu Feigenbaum es wahrscheinlich 
machen, dass dieses Wort nicht der Zeit vor der Trennung der Semiten in 
ein'zelne Nationen angehorte, sondern seinen Ausgangspunkt im Clan Bahra 
des siid-ostlichen Arabiens habe, von wo Wort und Sache sich dann weiter 
verbreitet habe. Graf Solms (S. 78) halt diese Anschauung, auch aus natur- 
geschichtlichen Griinden, fiir glaubhaft. 

In Aegypten fallt die erste Darstellung eines Feigenbaums, die Ab- 
bildunu r einer Feigenernte, in die XII. Dynastie. Da bis zu diesem Zeitraum 
nach Wonig (Die Pflanzen im alten Aegypten S. 293) der Feigenbaum auf den 
Denkrnalern fehlt, so liegt es nahe, an eine Einfuhrung dieses Gewachses 
um jene Zeit von auswarts zu denken. Nun fallt bekanntlich in die letzten 
Jahre der XI. Dynastie die Expedition des Konigs Sanchkara durch die Wttste 
zurn Rothen Meer, um die Kostbarkeiten des Landes Punt (im siidlichen 
Arabien) einzutauschen. Es scheint daher nicht unmoglich, die agyptische 
mit dem hypothetischen Ausgangspunkt der semitischen Feigenkultur in Ver- 



102 D er Oelbaum. 

bindung zu setzen. Nach F. Hommel (Aufsatze mid Abh. S. 105) ware sogar 
Entlehnung des agyptischen Wortes fur Feige aus dem Semitischen moglich. 
Vgl. auch Schweinfurth, Zeitschrift fur Ethnologic 1891 S. 657. 

Nordlich der semitischen Lander zeigt, wie wir oben sahen, das Ar- 
menische eine selbstandige, leider dunkle Benennung des Feigenbaums (t'zeni) 
und der Feige (t'uz). 

Eine grossere Gruppe zusammenhangender, aber offenbar junger Be- 
nennungen der Feige weisen ferner die neuiranischen Sprachen (kurd. ezir, 
buchar. indschir, afgh. intsir), kaukasische und turkestanische Dialecte, sowie 
auch das Russische (indzaru) auf. Vgl. Pott in Lassens Z. f. d. Kunde d. 
Morgenlands VII S. 110, Koppen, Beitrage zur Kenntniss d. russischen Reiches 
VI S. 22 und Miklosich, Turk. Elemente S. 76. 

Wahrend das nordliche Europa zur Bezeichnung der auf Handelswegen 
zugefuhrten Frucht im Allgemeinen Entlehnungen aus lat. ficus beherrschen 
im Russischen bedeutet indessen pigva = ahd. figa Quitte hat das Gothische 
einen besondern Ausdruck smakka, smakkabagms, der mit dem in fast alien 
Slavinen verbreiteten smoky iibereinstimmt. Eine Verkniipfung desselben mit 
griech. ooxov, wie sie von Hehn Anm. 36 versucht wird, ist lautlich unmoglich. 
Freilich wissen wir eine einleuchtende Erklarung dieser Gruppe nicht zu 
geben. Im Slavischen bedeutet smoku Zukost. Kamen die Feigeii den Gothen 
durch die Vermittlung slavischer Stamme zu und wurden mit slavischem Wort 
allgemein als obsonium bezeichnet? 



Der Oelbaum. 

(Oka europaea L.) 

Der Oelbaum ist, wie der Feigenbaum, ein Gewachs des siid- 
lichen Vorderasiens, das in dieser seiner eigentlichen Heimath unter 
den dort wohneiiden semitischen Volksstammen frtihe veredelt nnd 
durch Kultur zu lohnendem Fruchtertrage gebracht wurde. In alien 
Theilen des Alten Testamentes finden wir das Oel zu Speisen, bei 
den Opfern, zum Brennen in der Lampe und zum Salben des Haares 
und des ganzen Korpers in allgemeinem Gebrauch. Tiefer nach 
Asien hinein verschwindet diese Kultur, denn der Oelbaum liebt das 
Meer und das Kalkgebirge, und auch Aegypten brachte kein Olivenol 
hervor. An der griechischen Kiiste Kleinasiens, auf den Inseln und 
in Griechenland selbst wuchs der wilde Oelbaum haufig, der denn 
auch in den homerischen Gedichten ofters erwahnt wird; sein immer- 
griines Laub, das hohe Alter, das er erreicht, seine unzerstorbare 
I.ebenskraf t , das harte Holz, das eine schone Politur annimmt, 
empfahlen ihn der Aufmerksamkeit des Volkes und der epischen 



Der Oelbaum. 103 

Sage. So hat bei Homer die Axt des Peisandros (II. 13, 612) einen 
langen, wohlgeglatteten Stiel von Olivenholz; die Keule des Cyclopen 
besteht aus deraselben Material (Od. 9, 320), wie die des Herakles 
bei Theokrit (25, 207 ff.) und Andern; Odysseus hat sein Ehebett 
auf den im Boden haftenden Wurzelstock eines wilden Oelbaums 
gegriindet (Od. 23, 190 ff.), offenbar der Festigkeit wegen, weil der 
Oelbaum sich mit weitlaufenden Wurzeln an den Boden klammert, 
die Unverriickbarkeit des Lagers aber den sicheren Bestand der Ehe 
und des Besitzes bedeutet und verbiirgt; eine ravixpvkkoi; sXaCt] stand 
am Eingange der Hohle, im Grunde des Hafens, in dem die Phaaken 
den schlafenden Odysseus ans Land setzten (Od. 13, 102), und erhalt 
im Verfolg das Pradikat heilig (v. 372: leQ^q naga nv&fjiev' ehaCyg) 
u. s. w. Den Oleaster, von dessen Zweigen die Sieger in Olympia 
bekranzt wurden, hatte nach Erzahlung der Elier (Pausan. 5, 7, 4) 
Herakles von den Hyperboreern im aussersten Westen hierher ge- 
bracht, eine Sage, die auch Pindar sich angeeignet hat (Ol. 3, 13). 
Auf der Agora von Megara stand ein uralter wilder Oelbaum, der in 
die Heldenzeit hinaufreichte (Theophr. h. pi. 5, 2, 4. Plin. 16, 199). 
So ist das Dasein des wilden Oelbaums in Griechenland zwar in den 
altesten Quellen und Ueberlieferungen constatirt, aber dass er auf 
griechischem Boden, in einem immerhin rauhereii Klima, unter einer 
im Vergleich mit der semitischen noch jungen und unentwickelten 
Gesellschaft allmahlich zur olreichen Olive erzogen worden, hat keine 
Wahrscheinlichkeit: vielmehr fuhrte der Volkerverkehr mit andern 
werthvollen Giitern auch diese Kultur den Griechen zu. Die Frage 
ist nur, wie friihe? Der homerischen Welt ist das Oel nicht un- 
bekannt, aber als unverkennbar exotisches Produkt, zum Gebrauch 
der Edlen und Reichen. Wenn die Helden gebadet oder gewaschen 
worden, wird der Korper in orientalischer Weise mit Oel eingerieben 
und glanzend und geschmeidig gemacht. Nausikaa, da sie zum 
Meeresufer fahrt, erhalt von der Mutter ein Flaschchen (hjxvfhs) 
mit duftendem Oel; der Leichnam des Patroklus wird gewaschen 
und mit Oel gesalbt; ebenso die Mahne der Rosse des Achilleus, 
denn sie waren ja unsterblich, Sohne des Zephyr; in der Schatz- 
kammer des Telemachos lag neben Gold, Erz und Wein auch 
duftendes Oel. Besonders kostlich und von wunderbarer Kraft ist 
die Salbe, deren die Gottinnen sich bedienen: Hera, dip den Zeus 
verfiihren will, salbt sich mit gottlichem Oel, dessen Duft, wenn es 
bewegt wird, Himmel und Erde durchdringt (II. 14, 171 ff.); Aphrodite 
salbt den Leichnam des Hector mit ambrosischem Rosenol (II. 23> 



104 Der Oelbaum. 

186); Aphrodite wird auf Cypern von den Chariten mit dem un- 
sterblichen Oel gesalbt, wie es den ewigen Gottern anhaftet (Od. 8, 
364. Hymn, in Ven. 61); Penelope hat sich wegen der Trauer nicht 
gewaschen iioch gesalbt, da fallt sie in eiiien Schlummer, und Athene 
reinigt ihr wahrend desseii das Antlitz mit der unsterblichen Schonheit, 
mit der die schongekranzte Cytherea sich salbt, wenn sie zum lieb- 
lichen Chor der Chariten geht (Od. 18, 192 ft'.). An zwei andern 
homerischeii Stellen, wo des Gels Erwahnung geschieht, II. 18, 596 
und Od. 7, 107, war schon den Alten die Erklarung schwierig: an 
der erstern heissen die Rocke der tanzenden Junglinge sanft glanzend 
von Oel, an der andern rinnt von den Gewandern der sitzenden 
Magde das Oel herab. Hier ist entweder der fliessende Glanz des 
Zeuges mit dem des Oeles nur verglichen, wo aber, wie man denken 
sollte, der gleichnissreiche Dichter sich weniger kurz und bestimmt. 
ausgedriickt und mis sein wie oder gleichsam nicht vorenthalten 
hatte, oder nach einer neuern Deutung (Philologus, 1860, XV, 
329) - - die Faden des Gewebes sind zum Behufe des Glanzes oder 
der Biegsamkeit schon urspriinglich mit Oel behandelt, so dass also 
das fertige Gewand, das die Magde im Wunderpalaste des Alkinous 
angelegt haben, buchstablich von Oel trieft (anofaifi&TCu vygbv ehcuov) 
und sich beim Tragen auch triefend erhalt was keiner Wider- 
legung bedarf. Da im Morgenlande und bei den Gottern des Epos, 
wenigstens des spatern, duftende Kleider gewohnlich sind (z. B. 
Psalm 45, 9: Deine Kleider sind eitel Myrrhen, Aloes und Kassia; 
in dem schonen Fragment aus den Cyprien bei Athen. 15, p. 682 f. 
sind die Kleider der Aphrodite, von den Chariten und Horen in 
Fruhlingsblumenduft getaucht, und sie tragt wQaig navioCcug Te$vw- 
jtisva ei'^axa), so liesse sich auch hier an ein fliichtiges Oel, an eine 
phonizische Essenz denken, mit der die Gewander besprengt wurden; 
allein von Duft ist nicht die Rede, nur von Glanz, und die Ana- 
logic von hjragog fettig, glaiizend, z. B. fanaga xgyfofwa, entscheidet 
fur die erste, schon von den Alten gegebene Erklarung. So ist auch 
die weisse steinerne Bank, auf der Nestor vor cler Thiir seines Hauses 
sitzt, blank von Fett, d. h. als ware sie mit Fett iiberzogeii, spiegel- 
blank (Od. 3, 408: Zevxoi aTioGrikpovTtg ahsitfctTog). Die grossen 
Kriige mit /ash und afaiyaQ auf dem Scheiterhaufen des Patroklos 
(II. 23, 170) werden, da hier bei den Bestattungsgebrauchen Alles 
alterthiimlich ist, wie der Name sagt, Honig und Thierfett enthalten 
haben, zwei von dem primitiven Menschen hoch geschatzte Sub- 
stanzen, die er auch den Todten mitgiebt. Wenn in dem Schiffs- 



Der Oelbaum. 105 

katalog (II. 2, 754) der Fluss Titaresius, der in den Peneus fallt, sich 
mit dem Wasser des letzteren nicht mischt, sondern oben schwiimnt, 
ifuT shcuov, so musste beim Baden und Waschen oft die Erfahrung 
gemacht werden, dass die Salbe sich auf dem Wasser schwimmend 
ausbreitet. Nimmt man alle diese Stellen zusammen, so erscheiiit 
das Gel nicht als haufiges und verbreitetes Ertragniss des heimischen 
Bodens, sondern als Schmuckmittel, das der Handel aus dem Orient 
einfuhrte, und das allmahlich an die Stelle des Thierfettes trat. Es 
diente zum Abreiben des Korpers, nicht aber zur Beleuchtung und 
Nahrung. Ueberall ist viel Zeit vergangen, ehe ein nordliches Volk 
sich entschloss, seine Speisen mit Oel anznrichten. Wie noch jetzt 
ein deutscher Bauer mit Behagen grosse Massen Speck verzehrt, 
sich aber schwer entschliesst, Oel zum Gemiise hinzuzugiessen oder 
sein Fleisch mit Oel zu braten, so weigerten sich die Gallier, wegen 
Ungewohntheit , wie Posidonius sagt, den Gebrauch des Oeles zur 
Kiiche anzunehmen (Posid. bei Athen. 4, p. 151). Nicht anders wird 
es bei den Griechen der alteren Zeit gewesen sein. Um so weniger 
konnen wir erwarten, dass der Baum selbst damals schon angepflanzt 
gewesen sei. Unter den landlichen Scenen, die Hephaistos auf dem 
Schilde des Achilleus dargestellt hatte, befand sich ein schwarzer 
Acker mit Pflugern darauf, ein Erntefeld, ein Weinberg und eine 
AVeinlese, eine Kinder- und eine Schafheerde, aber noch k'ein Oliven- 
hain. Ganz an denselben Stellen der Odyssee freilich, wo, wie friiher 
erwahnt, der Feigenbaum genannt ist, wird auch des Oelbaum s und 
seiner Friichte gedacht, aber diese Stellen gehoren, wie auch schon 
oben bemerkt, zu den jungeren Bestandtheilen der Odyssee und fallen 
wohl nicht viel friiher als die Olympiadenrechnung. Von dem Schluss 
der Odyssee ist dies unzweif elhaft ; bei den beiden andern Stellen 
(in dem Bruchstiick von den Hollenstrafen in der Nexvia und in 
dem gleichen, das in die Beschreibung des Palastes des Alkinoos ein- 
geschoben ist, 7, 103 131), die zusammen eigentlich nur eine sind, 
da die eine offenbar nur eine Wiederholung der . andern gleichlauten- 
den ist, erhellt wenigstens die spatere und nachtragliche Einfugung. 
Auch an diesen Stellen erscheint iibrigens der Oelbaum nur als ein 
neben Aepfeln, Birnen, Granaten und Feigen der essbaren Friichte 
wegen gezogener Gartenbaum, nicht als Objekt landlicher Kultur 
der Oelgewinnung wegen. Mitten in der urspriinglichsten und herr- 
lichsten Partie des Gesanges von Odysseus Riickkehr kommt aller- 
dings ein Vers vor, der, wenn die gewohnliche Deutung richtig ware, 
nothigen wiirde, das Dasein kultivirter Oelbaume anzunehmen: Od. 



106 D er Oelbaum. 

5, 476, 477. Odysseus, an das Ufer von Scheria ausgeworfen, findet 
im Walde zwei ganz zusammengewachsene , gegen Wind und Sonne 
Schutz gewahrende Straucher: 

Sotovg <?' aV vnrjhvSe Sdf 
e opo fav Tieytvuuag' o jUer yv^Cr^g, o 
1st nun hier yvMa der Oleaster, so lasst sich IkaCa nur als frucht- 
tragender Olivenbaum fassen. Allein das Wort <pvMa gehort zu 
denjenigen, von denen offenbar die Alten selbst nicht mehr wussten, 
was der Dichter mit ihnen bezeichnet habe. Ammonius erklart 
(fidla als Gylvoq, Mastixbaum, Andere verstanden darunter eine 
Abart des Oelbaums mit myrtenahnlichen Blattern, und fur letztere 
behauptet Eustathius sei der Name noch bis auf seine Zeit bei Vielen 
gebrauchlich. Auch Pausanias 2, 32, 9 nennt die <pvUa unter den. 
Arten unfrucbtbarer Oelbaume : nav oaov axagnov ittaiag, xoitvov 
xal (pvMav xal ekcuov. Der spatere Gebrauch, wenn er wirklich 
stattfand, wird seine Quelle wobl nur in eben diesem Verse Homers 
baben. Das Wort (pvMa tragt nocb deutlich eine allgemeine ab- 
strakte Gestalt an sicb. Es ist aus der Wurzel y>v gebildet, wie 
(pvrov, (pvGig, (fv^ia, nur mit anderem Suffix, demselben, das aucb 
in (pv^rj und in <pvM.ov (fur <pvhov) und lateinisch folium erscheint. 
<PvMa ist also das Gewachs iiberhaupt, und zwar das immergriine, 
da in diesem die Lebenskraft als besonders reich sich darstellt; die 
Bedeutung mag in jener friihen Zeit sich noch nicht individualisirt 
haben oder je nach den Landschaften verschieden. Soil aber auf 
eine bestimmte Pflanze gerathen werden, so wiirde sich mit Bezug 
auf eine Stelle des Theophrast die Myrte, die bei Homer nicht ge- 
nannt wird, am natiirlichsten darbieten. Theophrast namlich meint 
(de caus. pi. 3, 10, 4), einige Baume schienen sich zu lieben, und 
berichtet nach einem altern Gewahrsmann, Androtion, Myrte und 
Olivenbaum pflegten ihre Wurzeln durch einander zu flechten und 
die Zweige der Myrte durch die Aeste des Oelbaums zu wachsen, 
andern Pflanzen aber sei die Nahe des Oelbaums zuwider. Vielleicht 
stammt auch dieser Glaube nur aus Homer; aber an welches 
Gewachs man auch denken mag (z. B. an die Steinlinde, Phillyrea, 
oder an eine Art Elaeagnus), gAat?y ist auch an dieser Stelle der 
wilde, strauchartige , als Salvos bezeichnete Oleaster, ein Gewachs 
des Waldes, fern von der Stadt, in der Nahe des Wassers, wie der 
Dichter ausdriicklich sagt. Nicht so leicht ist die Entscheidung an 
einer andern Stelle, wo des Oelbaums Erwahnung geschieht: II. 17, 
53 bis 58. Dort hat Menelaus den Euphorbus, Sohn des Panthous, 



Der Oelbaum. 107 

mit dem Speer durchstochen , und der GetrofFene sank bin, gleich 
dem Spross des grunenden Oelbaums, den ein Pflanzer an einsamem 
wasserreichem Orte aufzieht; die Liifte umwehen ihn von alien Seiten, 
er bedeckt sicb mit weisser Bluthe; plotzlich aber kommt ein Wirbel- 
wind, reisst ihn aus der gegrabenen Vertiefung und streckt ihn iiber 
den Boden bin. Hier ware allerdings moglich, an einen Setzling 
des Oleasters zu denken, der einst nicht Friicbte, sondern Schatten, 
Holz, griine Zweige geben soil: cloch 1st die Anpflanzung eines 
Waldbaumes in der noch waldreicben bomeriscben Zeit nicbt wahr- 
scheinlich. Wir werden also, Alles zusammenfassend, sagen diirfen: 
in der vielleicht langen Zeit, deren Denkmaler uns bei Homer vor- 
liegen, sehen wir die Feigen- und Olivenkultur erst fremd und un- 
bekannt, dann sicb ankiindigen, dann in spateren Zusatzen und in 
einem Gleichniss deutlich hervortreten , zunachst natiiiiich auf ioni- 
scbem Kiisten- und Inselboden. 

Auf diesem Boden bliihte auch in der nacbbomeriscben Epoche 
der Oelbau. Die Insel Samos heisst bei Aeschylus (Pers. 884) 
shaioyvcog, olivenbepflanzt ; fur Milet und Chios ist ein noch alteres 
Zeugniss in der Anekdote enthalten, die Aristoteles (Polit. 1, 4, 5) 
aus dem Leben des Thales berichtet. Thales namlich schloss aus 
meteorologiscben Griinden (ex rrfi aGrgohoytag), dass eine ungewohn- 
lich reiche Olivenernte bevorstehe; er pacbtete also fur das kommencle 
Jahr sammtliche Olivenpressen in Milet und Chios, zog dann, als 
der vorausgesehene Ueberfluss wirklicb eintrat, betrachtlichen Ge- 
winn aus der Aftervermietbung derselben und bevvies so, dass auch 
ein Philosoph, wenn er wolle, aus seiner Wissenschaft irdischen 
Vortheil zieben konne. Auf der Insel Delos, die von den ionischen 
Cycladen umgeben war, und wo schon in alterer Zeit Festziige der 
lonier sicb vereinigten, hatte Latona bei der Geburt ihrer beiden 
Kinder entweder die delische Palme mit den Arm en umfangen (so 
im homerischen Hymnus an den delischen Apollo 117 und Theogn. 
4), oder sich an den Olivenbaum gehalten (Hygin. Fab. 140, 
Catull. 35, 7), oder an beide genannten Baume sich gelehnt (Ael. 
V. H. 5, 4, Schol. zu II. 1, 9, Ovid. Met. 6, 335). Der Chor in 
der Iphig. T. des Euripides sehnt sich nach Delos zur Palme, zum 
Lorbeer und zur heiligen Olive, die er als stcuovg udZva (pttav be- 
zeichnet (v. 1102); Callimachus h. in Del. nennt erst die Palme 
v. 210, gleich darauf v. 262 das ytveVfaov fyvog elatyg (wo die feste 
Formel tyvog shaCqg nicht auseinandergerissen und yevsttfaov in na- 
tiirlicher Weise nur auf die Geburt der Leto gedeutet werden kann). 



108 Der Oelbaum. 

Nach Strabo 14, 1, 20 ruhte die Gottin. nach der Geburt miter 
dem Oelbaum nur aus, durch welche Wendung die abweichenden 
Gestalten des My thus gliicklich vereinigt wurden. Die Ephesier be- 
haupteten spater, nicht auf Delos, sondern bei ihnen sei die Geburt 
am Fusse des Oelbaumes erfolgt, und jener Baum sei noch vor- 
handen (Tac. Ann. 3, 61. Strab. 14, 1, 20), wie es auch eine Quelle 
f YTtehaiog Unter den Oliven bei Ephesus gab, die in die Grim- 
dungs-Sage der Stadt verflochten war (Strab. 14, 1, 4. Atben. 8, 
p. 361). Da der Oelbaum dem apollinischen Kultus sonst fremd 
ist (denn der dem Apollon geweihte heilige Oelbaum in Milet bei 
Athen. 12, p. 524 ist eine ganz vereinzelte Erscheinung) , so mag 
vermuthet werden, die Olive auf Delos und der an sie gekniipfte 
Mythos sei dort nicht urspriinglich , sondern verdanke ihr Dasein 
erst den Athenern und dem iibergreifenden Athenedienst ; auf Rho- 
dus aber, dieser einst ganz phonizischen Insel, die dann zum Gebiet 
der dorischen Colonisation gehorte, muss der Oelbau in hohes Alter- 
thum hinaufgehen. Dort besass die Stadt Lindos eiiien Tempel der 
Athene, den schon die Danaiden gebaut und in dem Kadmos Weih- 
geschenke zuriickgelassen hatte, mil einem Olivenhain, gegen welchen 
die Oelbaume von Attika zuruckstandeii (Anthol. Pal. 15, 11). 
Auf dem griechischen Festlande finden wir in dem Kreise, den die 
Hesiodischen Gedichte beschreiben, also in aolisch-bootischer 

Sittensphare , noch keine Spur von Olivenzucht; denn ein von 
Plinius (15, 3) angefiihrter angeblicher Ausspruch des Hesiodus liber 
die Langsamkeit des Wachsthums der Olive ist sowohl in Betreff 
der Zeit als des wirklichen Urhebers desselben allzu unsicher. Bei 
den spateren Griechen gait Athen als der Ursitz dieser Kultur, ja 
es gab nach einem merkwurdigen Ausspruche des Herodot (5, 82) 
eine Zeit, und sie war noch nicht lange vergangen, wo es sonst 
nirgends auf Erden Oelbaume gab, als in Athen. Als namlich die 
Epidaurier, von Misswachs heimgesucht, sich an das delphische 
Orakel wandten, gab dieses den Rath, Bildsaulen der Damia und 
Auxesia aus dem Holze der zahmen Olive aufzustellen, sie baten also 
die Athener um Erlaubniss, einen der attischen Oelbaume umhauen 
zu durfen, da sie die dortigen fiir die heiligsten hielten, oder, wie 
auch gesagt wird, weil sonst nirgends Oelbaume existirten. Die 
Athener bewilligten die Bitte unter der Bedingung, dass die Epi- 
daurier jahrlich der Athene Polias und dem Erechtheus Opfer 
brachten. Damals waren die Aegineten Epidauros unterthan; seit- 
dem aber (TO Ss ano xovde) fielen sie von ihrer Mutterstadt ab, raubten 



Der Oelbaum. 

die beiden Bilder und geriethen, da sie die ausbedungenen Opfer 
unterliessen, mit Athen in Feindschaft. Ueber den Zeitpunkt dieser 
Begebenheit berichtet Herodot nichts* nach Otfried Miillers Ver- 
muthung (Aeginet. p. 73) fiele sie etwa in 01. 60, also in Pisistratus 
Zeit, doch darf man sie wohl in die erste Halfte des 6. Jahrhun- 
derts hinaufriicken. Schon am Beginn des genannten Jahrhunderts 
hatte Solon gesetzliche Bestimmungen iiber Oliven- und Feigenbau 
erlassen (Plut. Sol. 23, 10. 24, 1), der also doch schon einige 
Wichtigkeit haben mnsste, wenn auch erst Pisistratus, der Schiitz- 
ling und Verehrer der Athene , direkt fur Anbau des niitzlichen 
Baumes auf der bis dahin kahlen und baumlosen Landschaft sich 
bemuht haben soil (Dio Chrysost. orat. 25, p. 281). In der Akademie 
standen die der Gottin geweihten unantastbaren Oelbaume, die 
fioQtcu, die einen reichen Ertrag geliefert haben miissen anders 
als sonst heiliges Besitzthum zu thun pflegt , da bei den 
grossen Panathenaen, die Pisistratus gestiftet hatte, im gymnischen 
Agon die den Siegespreis bildenden, in bedeutender Zahl gereichten 
Oelkriige von daher gefiillt wurden. Die Baume in der Akademie 
stammten von der Mutterolive auf der Burg, der dacr] ehaia, die 
von Athene selbst geschaffen war und spatei; nach der Verbrennung 
durch die Perser von selbst wieder aufsprosste. Da sie ndyxvcpog 
heisst, ist sie als ein blosser niedrig kriechender Wurzeltrieb zu 
denken. Dass die Attiker shaCa und xouvog, den zahmen und 
wilden Oelbaum, durch eigene Benennungen unterschieden , beweist 
schon, dass hier die Kultur des veredelten Baumes, der felix oliva, 
festen Bestand gewonnen hatte, wie auch Pindar in einem seiner 
Hymnen ayQiog l&aws (Fr. 19. Bergk.) sagte und Herodot in der 
oben angefiihrten Stelle das Orakel von dem Holze der zahmen 
Olive, fjfJifyrjs ehafyg, sprechen lasst. In Attika kam der weissliche 
Kalkboden, die yr\ GxiQgdg der attischen Halbinsel, der dem Ge- 
treidebau wenig forderlich war, der Olive begunstigend entgegen, 
und sie gedieh hier - - nach den Worten des Chors im Oedipus auf 
Kolonos wie nicht im Lande Asien noch auf der grossen dori- 
schen Pelops-Insel. Warum aber wurde gerade Athene die Schutz- 
herrin der neuen Kultur, und warum verflocht sich Oel uud Oel- 
baumzucht so innig und mannigfach mit dem Dienst der aus dem 
Haupte des Himmels unmittelbar hervorgegangenen Lichtgottin? 
Nach Suidas weil das Oel zur Leuchte diente und der Oelbaum das 
Feuer nahrte ('AVyvag ayal^a' didoamv avxfj xal lAatav, cg 

ovacag ov&r}$' (pcomg yaQ v^ r) ehata) - - woraus zu- 



HO Der Oelbaum. 

gleich hervorginge, class die Anwendung des Oels zum Brennen in 
der Zeitfolge die zweite war, wie die als Nahrungsmittel die dritte. 
Homer kennt noch keine Beziehung der Olive zu der Gottin, denn 
aus dem Beiwort heilig, welches an der einen Stelle Od. 13, 373: 
IsQ^g Ttaga 7iv9 t usv* eAatrj? dem Oelbaum gegeben wird, lasst sich 
eine solche nicht erschliessen (das alteste mit Vers 184 schliessende 
Gedicht von Odysseus Ruckkehr, aus dem der jiingere Fortsetzer 
sowohl den Oelbaum, als die Phrase naga Tiv^iev" eAaiyg genom- 
men hat, enthalt auch das Adjectiv heilig noch nicht). Als seit den 
Pisistratiden der Oelbau den Hauptreichthum und die auszeichnende 
Eigenschaft des attischen Landes bildete, als die Athener prahlten, 
vor noch nicht so 1 anger Zeit sei nur bei ihnen und sonst an keinem 
Ort der Erde ein zahmer Oelbaum zu finden gewesen, als sie auf 
jedes Land, wo nur Getreide und Oelbaume wuchsen, als auf ihr 
Eigenthum Anspruch machten (Cic. de rep. 3, 9, 15: Athenienses 
jurare etiam publice solebant, omnem suam esse terrain, quae oleam 
frugesve ferret), da konnte dieser Segen und Stolz ihres Landes nicht 
anders als der unterdess immer mehr in der Bedeutung gestiegenen 
Landesgottin geweiht und von ihr als Geschenk gespendet sein. 
Dass auf dem Burgfelsen einst wilde Oelbaume wuchsen, dass einer 
von diesen mit einem liber Meer gekommenen oder an einem der 
Kiistenorte gewachsenen edlen Zweige gepfropft worden und von 
diesem wieder andere Reiser und Setzlinge abstammten, dass die 
mvax oliva nach dem persischen Brande wieder neu aus der Wurzel 
trieb: das Alles kann immerhin Wirklichkeit sein, doch bedurfte der 
My thus solchen realen Anhaltes nicht. Als gegen Ende der Perser- 
kriege der alte Nationalheld Theseus mit seinen Abenteuern und 
Thaten in verklartem Licht ins Bewusstsein trat, da hatte auch er 
schon vor der Ausfahrt nach Kreta vom heiligen Oelbaum einen 
Zweig gebrochen, ihn mit weisser Wolle umwunden und bit-tend im 
Delphinium dem Apollo niedergelegt (Plut. Thes. 18, 1 die sog. 
Eiresione). Auch in Sicyon, welches aus gleichem Grunde, wie 
Attika, namlich des giinstigen Bodens wegen, als olivifera beruhmt 
war und Olivenfriichte, Sicyonias baccas, reichlich hervorbrachte, 
hatte der alte fabelhafte Konig Epopeus der Athene einen Tempel 
gebaut und die Gottin ihm zum Zeichen ihres Wohlgefallens vor 
dem Tempel eine Oelquelle aufsprudeln lassen (Pausan. 2, 6, 2), - 
ihm also unmittelbar das Oel geschenkt, das die Athener und iiber- 
haupt die spateren Zeiten sich erst durch Anpfianzung, Lese, kiinst- 
liche Pressen u. s. w. erarbeiten mussten. 



Der Oelbaum. 

Als wahrend des ersten Jahrhunderts der Olympiadenrechnung 
die Kiisten des Westens, Italiens, Siciliens, Galliens, zahlreiche und 
bald aufhliihende griechische Ansiedelungen empfingen, da offnete 
sich fur die Olive ein neuer, grosser Bezirk, den sie allmahlich ein- 
nehmen und beherrschen, und in dem sie sich heimisch fiihlen sollte, 
fast wie im Mutterlande. Im Laufe des siebenten, sicher aber in 
dem des sechsten Jahrhunderts bedeckten sich nach und nach die 
herrlichen Hiigellandschaften und Kiistenabhange der Inseln und 
Siiditaliens mit jener fruchttragenden und immergriinen Waldimg. 
Vielleicht aber war es keine griechische, sondern eine phonizische 
Hand, die hier im fernen Westen den allerersten Olivenkern in die 
Erde senkte oder den ersten mitgebrachten Steckling pflanzte. JEin 
My thus namlich, der uns hier entgegentritt, der von Aristaus, scheint 
eine dunkle Erinnerung dieses Verhaltnisses zu enthalten. Aristaus, 
ein alter arkadischer, thessalischer, bootischer Hirtengott, den die 
ersten Ansiedler mit nach Sicilien gebracht hatten, gait bei ihren 
Nachkommen spater als der Ernnder der Olive und des Oeles, Cic. 
in Verr. 4, 57: Aristaeus qui inventor olei esse dicitur. De nat. 
deor. 3, 18: Aristaeus qui olivae dicitur inventor. Plin. 7, 199: 
oleum et trapetas Aristaeus Atheniensis (invenit). Diod. 4, 81 : rov- 
lov de TtaQa xwv Wfjupttv jua&ovia xcor ehat'ov irp> xaTSQya^av 
SM^ac TIOCOTOV rolg dvttQWTTOig. Nach dem Schol. zu Theocr. 5, 
53 berichtete auch Aristoteles, die Nymphen hatten dem Aristaeus 
IT(V lov skatov egyaatav gelehrt. Man bemerke, dass Aristaeus 
nicht, wie Athene, den Oelbaum erschaffen, sondern das Oel oder 
die Olive erfunden hatte, dass er die xaiegfaoCa TO>V shcuwv oder 
lov shaiov, also die Oelbereitung, gelehrt, zu der auch der Gebrauch 
der Oelpresse trapetum, impetus, plur. trapetes, gehort, und dass er 
grade bei der Lese der Friichte von den Bewohnern Siciliens gott- 
lich verehrt wurde (Diod. 4, 82). Nun war aber derselbe Aristaus, 
noch ehe er Sicilien betrat, Herrscher der den Griechen fremden 
Insel Sardinien gewesen (Pausan. 10, 17. Arist. de mir. ausc. 100 
(95). Serv. ad V. Georg. 1, 14), hatte auf derselben die Acker- und 
]>aumkultur eingefiihrt, da sie vorher nur von vielen und grossen 
Vogeln bewohnt gewesen Avar, und daselbst zwei Sohne gezeugt, den 
(Aristaus selbst ist bei Pindar Pyth. 9, 64 avfyaffi xaQfta 
und den KalkCxagrtog (bei Homer ist das Adjectiv 
da jenes nicht ins Metrum ging). Von Sardinien kommt er 
nach Sicilien, welches von Aeschylus Prom. 371 xalUxaQTiog genannt 
wird, wie auch Gyrene bei Strabo 17, 3, 31 xahkixaonoc ist, humanisirt 



Der Oelbaum. 

auch dieselnsel mid erfindet ausser andern landlichenKunsteiibesonders 
das Oel und die Procedur der Oelgewinnung. Wie nun Aristaus dem 
neuen, ubermachtig und glanzvoll auftretenden Glauben an die ihm 
wesensverwandten Gotter Apollon und Dionysos gegeniiber sich nicht 
hatte halten konnen, sondern zu deren Sohne oder Erzieher wurde, so 
verschmolz er auch sichtlich mit einem libyphonizischen Gotte, den 
die griechischen Einwanderer schon vorfanden und in den Kreis ihrer 
Vorsteilungen aufnahmen. Dieser Gott, der Sohn der Nymphe Gyrene, 
der auch in Cyrenaa zuerst das Silphion gepflanzt hat, kann nicht 
anders als von Af rika nach Sardinien gekommen sein ; von Sardinien 
kam er nach Sicilien: sein Gewachs oder seine Ernndung muss 
denselben Weg genommen haben. Ueber die Zeit freilich sagt der 
My thus nichts, und ob die Griechen in der Umgegend der phonizi- 
schen Handelsniederlassungen, die sie mit bewafrneter Hand besetz- 
ten, Olivengarten vorfanden oder nicht, muss zweifelhaft bleiben. 
Spater, als auch im griechischen Mutterlande das Oel seine wichtige 
Stelle in der Oekonomie der Sitten eingenommen hatte, da begegne- 
ten sich in Sicilien beide Stromungen, die karthagische und die von 
dem Vorbild Attikas u. s. w. ausgehende. 

Wenden wir uns zum Festland Italien, so tritt uns hier beim 
ersteii Schritt eine Art chronologischer Notiz entgegen, ein Gliicks- 
fall, der in der altesten Kulturgeschichte so ausserst selten ist. 
Plinius namlich berichtet nach dem Annalisten L. Fenestella, zur 
Zeit des Tarquinius Priscus sei in Italien noch kein Oelbaum vor- 
haiiden gewesen, Plin. 15, 1: Fenestella vero (ajebat oleam) omnino 
non fuisse in Italia Hispaniaque aut Africa Tarquinio Frisco reg- 
nante ab annis populi Romani CLXXIII. Wenn diese Nachricht nicht 
bloss ein Echo der oben angefiihrten Stelle des Herodot ist und 
die Hinzufugung von Spanien und Afrika ist geeignet, diesen Ver- 
dacht zu wecken so durfen wir sie positiv weiideii und dahin 
auslegen, dass es die Zeit der Tarquinier, die Zeit lebhafter Verbin- 
dung mit den campanischen Griechen war, die mit andern griechi- 
schen Kiinsten auch die Olive nach Latium brachte. Vielleicht 
stammt die Notiz aus eiiier cumanischen Geschichtsquelle. Dass der 
Baum jedenfalls von den Griechen und nicht etwa auf anderem 
Wege den Latinern zukam, beweisen die lateinischen Worter oliva, 
oleum, die dem Griechischen entlehnt sind 37 ), und so viele auf 
Olivensorten und die Manipulation bei der Oelbereitung beziiglicheii 
Ausdriicke, die gleichfalls griechische, im lateinischen Munde oft ein 
wenig entstellte Benennungen sind: orchis, cercitis, dmippa, trapetum, 



Der Oelbaum. 

amurca u. s. w. Wenn auf dem Hute des flamen Dialis die oberste 
Spitze, der apex, aus einem Reise vom Oelbaum bestand (Fest. p. 10 
albogdlerus : pileum capitis . . . adfixum Jidbens apicem virgula olea- 
gina) und dieses mit Wolle umwunden und befestigt war (Serv. ad 
V. Aen. 2, 683. 10, 270), so ergiebt sich, dass auch dieser sehr 
alte Gebrauch gleichwohl j linger ist, als die Ankunft der Griechen 
in Italien und der Verkehr der Latiner mit ihnen. Denn was ist 
der mit wollenen Faden umwundene Oelzweig anders, als die ent- 
lehnte griechische SiQSfftwvrj ? Vielleicht klingt eine Erinnerung da- 
von in der Angabe nach, dass die virga lanata zuerst in Alba von 
Ascanius angeordnet sei (Serv. ad V. Aen. 2, 683 : quod primum 
constat apud Albam Ascanium statuisse), sie war also weder etrus- 
kisch, noch sabinisch. Bei Vergil freilich tritt der Konig Numa, so 
wie der marsische sacerdos (Aen. 6, 809. 7, 751) mit Oelzweigen 
geschmiickt auf, aber hier hat die dichterische Phantasie, die auch 
sonst in der Aeneis vom Olivenlaube reichlich Gebrauch macht, die 
spatere griechische Sitte den Helden der Urzeit geliehen. Bei den 
Triumphen siegreicher lorbeergeschmiickter Feldherren trugen die 
Diener oder die Anordner des Triumphs, die selbst nicht in der 
Schlacht gewesen waren, Kranze von Olivenzweigen (Paul, p. 114: 
oleagineis coronis ministri triumphantium utebantur. Gell. 5,6,4; 
oleaginea corona, qua uti solent, qui in proelio non fuerunt, sed 
triumphum procuranf), also in griechischer Weise als Zeichen mehr 
friedlicher, als kriegerischer Beschaftigung. Auch bei der Ovation, 
einer geringeren Art des Triumphes, bestand der Ehrenkranz aus 
gleichem Laube (Plin. 15, 19 wenn hier nicht em Versehen vor- 
liegt, da bei der ovatio sonst immer die Myrte, auch von Plinius 
selbst, 15, 125 genannt wird). Bei der jahrlich am 15. Juli zu Ehren 
des Kastor und Pollux gefeierten transvectio equitum dienten gleich- 
falls Kranze aus Oelzweigen als Schmuck: die Verehrung der ge- 
nannten Heroen war grossgriechischen Ursprungs (Preller, Rom. 
Mythol. 658 ff.). Dies alles sind Symptome der Bekanntschaft mit 
der Olive schon in den fruhern Zeiten der Republik, aber noch nicht 
Beweise wirklichen Anbaues derselben. Letzterer musste sich von 
den verschiedenen griechischen Mittelpunkten aus uberall hin ver- 
breiten, wo nur der Boden dies zuliess, zuerst an der Kiiste, dann 
in den innern Landschaften, in demselben Masse, als das natiirliche 
Vorurtheil gegen den Oelgenuss bei den doch hauptsachlich vom 
Ertrage der Heerden lebenden Eingebornen sich minderte. Bei dem 
komischen Dichter Amphis, der in der zweiten Halfte des vierten 

Viet. Helm, Kulturpflanzen. 7. Aufl. 8 



114 Der Oelbaum. 

Jahrhunderts, etwa in der Zeit von Philipp und Alexander von Mace- 
donien lebte, wird das Oel von Thurii, also der Gegend des alteu 
Sybaris, geriihmt (Meineke, fr. com. gr. 3, p. 318: sv OovQioig 
rovhcuov. Athen. 1, p. 30). Von daher und von Tarent mochte 
die kalabrische Olive, die auch oleastella hiess (Colum. 12, 51, 3), 
und die Sallentina, die schon Cato nennt, stammen ; die hochberuhmte 
Liciniana oder Licinia ini ager Venafranus in Campanien und die 
vom Berge Taburnus an der Grenze von Campanien und Samnium 
(Verg. G. 2, 38) wird zu allererst von den kampanischen Griechen 
eingefuhrt worden sein. Die sabinischen Berge trugen viel Oel: die 
Sorte Sergio, aber, quam Sabini Regiam vacant (Plin. 15, 13), war 
eine grosse, der Kalte widerstehende , olreiche, aber nicht feine 
(Colum. 5, 8) - - bei der also dasselbe eintrat, wie bei dem in die 
kaltern Gegenden des Nordens verpfianzten Weinstock. Jenseit des 
Apennin, wo die herrlichen Kornebenen sich offnen, duldete, wie 
auch heut zu Tage, das Klima keinen Oelbaum mehr, der aber in 
Picenum, also der Gegend der heutigen Mark Ancona, die schon 
zu Suditalien gerechnet werden kann, noch bliihte (Martial. 1, 43, 8. 
5, 78, 19. 13, 36). Italien war im ersten Jahrhundert vor Christo 
schon so reich an Oel und dies Produkt so vorziiglich und zugleich 
so wohlfeil, dass die Halbinsel alien Landern den Rang darin ablief 
(Plin. 15, 3. Id. 8: principatum in hoc quoque bono obtinuit Italia 
toto orbe). Von Massilia war, wie der Wein, so auch die Olive, be- 
gunstigt durch Boden und Himmel der Provence, allmahlich ins 
gallische Land vorgeriickt, doch naturlich ohne dem Wein bis in die 
Thaler der Marne und der Mosel zu folgen. Massaliotischer Her- 
kunft waren ohne Zweifel auch die Oelpflanzungen an der ligurischen 
Kuste, die noch heut zu Tage ein ungeheurer, iippiger Olivengarten 
ist. In kurzer Entfernung vom Meere, wo das Gebirge sich hebt, 
musste der Oelbaum verschwinden, daher die Reiser und Kranze, 
mit denen die Alpenbewohner dem Hannibal unter dem Schein der 
Freundschaft entgegenzogen (Polyb. 3, 52, 3), keine Oelzweige ge- 
wesen sein werden, obgleich das von Polybius gebrauchte AVort 
daMac in der Regel diese Bedeutung hat. Zu Strabos Zeit lieferte 
Genua diesen Gebirgsvolkern Oel und bezog von ihnen dagegen 
Vieh, Haute und Honig (Strab. 4, 6, 2). Auf der entgegengesetzten 
Seite Italiens, im Gebiet der Pomiindungen, verbot der niedrige 
wasserreiche Boden die Einfiihrung der Olive, so alt und lebhaft der 
Verkehr dieser Gegend mit den ionischen Inseln, mit Tarent, spater 
niit Syrakus u. s. w. auch war. Umgekehrt verhielt es sich mit 



Der Oelbaum. 

dem gegeniiberliegenden Istrien uncl Liburnien, deren zum Meere 
absteigende, sonnige, kalkreiche Hiigel, geschtitzt durch das hinter 
ihnen sich erhebende Gebirge, zum Anbau einladen und denselben 
reichlich lohnen mussten. Auch kam das Oel von Istrien oder viel- 
mehr nur der westlichen Kiiste dieser Halbinsel - - denn Istrien hat, 
der Krim vergleichbar, einen Meeresrand mit subtropischem Klima 
und Pflanzenwuchs und ein rauhes, unwirthliches, von Nordwinden 
gepeitschtes Innere in der Schatzung gleich nach dem italiscben 
und wetteiferte mit dem von dem spanischen Baetica (Plin. 15, 8: 
reliquum certamen inter Histriae terram et Baeticae par est). Das 
Oel, welches Aquileja gegen Vieh, Haute und Sklaven in die illyri- 
schen Donaulander einfiihrte (Strab. 5, 1, 8), wird eben dies histrische 
gewesen sein, wobei zugleich die Thatsache interessant ist, dass die 
Pannonier und Kelten der genannten Gegend zu Strabos Zeit nicht 
bloss den Wein, der alien Barbaren willkommen ist, sondern auch 
schon das Oel wenn auch nur als Brennol in Lampen be- 
gehrten. Noch zur gothischen Zeit, nach so vielen Stiirmen und 
Schrecken, hatte jene Region Ueberfluss an Oliven, wie wir aus 
Cassiodorus sehen, Variar. 12, 22: est enim proximo, vobis regio supra 
sinum maris lonii constituta olivis referta. Apicius 1, 5, Palladius 
12, 18 und die Geoponika 9, 27 lehren durch allerlei gewiirzige Zu- 
thaten kiinstlich oleum Liburnicum darstellen, welches also zur Zeit 
dieser spaten Gewahrsmanner im Rufe stand. Die so eben erwahnte 
Provinz Baetica fiihrte auch nach Strabo nicht bloss viel, sondern 
auch das schonste Oel aus (Strab. 3, 2, 6: %dyeTai cT x TOVQ^- 
ravtag &'A.(uov ov nokv f.wvov, dhha xal xdhfoatov) und das 
batische Corduba iibertraf oder erreichte die beruhmten Olivengarten 
von Venafrum und Istrien, Martial 12, 63, 1 (Schneidewin) : 

Uncta Corduba laeiior Venafro, 
Histra nee minus absoluta testa. 

Dass Spanien, ein siidliches Land mit grosser Mannigfaltigkeit der 
Lagen und des Bodens, in demselben Masse als die fremde Civili- 
sation sich erst der Kiisten und dann des Innern bemachtigte und 
darin Bestand gewann, auch den Oelbaum aufnahm, liegt in der Natur 
der Dinge. Als das romische Reich seine Vollendung erreicht hatte, 
war auch die edle Olive von ihrem Ausgangspunkt, dem siidostlichen 
Winkel des mittellandischen Meeres, uber alle Lander verbreitet, die 
ihren heutigen Bezirk bilden, und gedeiht an manchen Punkten des 
europaischen Siidwestens so gut, als ware sie dort geboren und 
immer dagewesen 38 ). Nach dem Volksglauben, der schon bei den 

8* 



116 Der Oelbaum. 

Alien herrschte, tragt cler Oelbaum in Europa nur alle zwei Jahre; 
davon aber 1st nur so viel wahr, dass, wenn der Baum sich durch 
eine besonders reiche Fruchtbildung erschopft hat, seine Kraft im 
nachsten Jahr zu einer gleicheii nicht ausreicht, es mussten ihm 
denn die allergiinstigste Witterung oder ein ausserordentlicher Kultur- 
beitrag zu Hulfe kommen. Auch dass die Olive sich nicht weiter 
von der Kiiste als 300 Stadien (oder TVs geogr. Meilen) entferne, 
wie Theophrast (h. pi. 6, 2, 4) meinte, ist nicht buchstablich, sondern 
nur in dem Sinne richtig, dass sie den Anhauch des mittellandischen 
Meeres liebt, dass aber zu ihrem Gedeihen auch z. B. der Spiegel 
des Gardasees geniigt. Ohnehin fallt ihre Verbreitungssphare ziemlich 
genau mit dem Oval der Ufergegenden des mittellandischen Meeres 
und seiner Buchten zusammen. Schon im Sinne der Romantik ist 
der Baum der Minerva nicht, aber nichts erweckt mehr das Gefiihl 
der Kultur und friedlicher Ordnung und zugleich der Dauer derselben, 
als wenn er in offenen, gereinigten Hallen mit dem kaum merklich 
flusternden Laube an gewundenen Stammen die Hugel ersteigt oder 
die geneigten Ebenen leicht beschattet, und gern gesteht man ihm 
clann mit Columella 5, 8, 1 das Pradikat prima omnium arborum 
zu. Indessen fehlt viel, dass das Produkt uberall dem der Provence 
oder dem von Genua und Lucca gleichkame. Das kalabrische, 
sicilische und sardinische Oel ist meistens unrein und nur zur Seifen- 
bereitung und in Tuchfabriken anwendbar. Der Grund liegt in 
der mangelhaften Darstellungsart , und diese wieder erklart sich 
aus den ungiinstigen agrarischen und volkswirthschaftlichen Ver- 
haltnissen. Besonders die Ernte erfordert die grosste Vorsicht im 
Einzelnen: die eben gereiften Friichte miissen Stuck fur Stuck mit 
der Hand abgepfliickt und ohne Zeitverlust unter die Presse gebracht 
werden; Schnelligkeit und Reinlichkeit sind dabei wesentliche 
Bedingungen. Zu all dem aber fehlt es in den genannten Gegen- 
den an Kapital, an Einrichtungen und an Handen. Man schlagt 
die von Natur zarten Friichte entweder mit Strecken ab oder, was 
noch iibler ist, wartet, bis sie, iiberreif und halbfaul, von selbst 
abfallen (iiber Beides klagen schon die Alten, z. B. Plinius 15, 11); 
dann bleiben sie in Haufen liegen und gerathen in Gahrung, ehe 
eine Oelmuhle frei wird. Letztere ist auch meistens so unvollkommen 
construirt, dass sie Arbeitskraft verschwendet und einen betracht- 
lichen Theil Oel in den Trestern zuriicklasst. Da der gemeine Mann 
das so gewonnene ubelriechende Produkt, als von kraftigerem Ge- 
schmack, dem feinsten provenalischen Tischol, welches ihm nichts- 






Der Oelbaum. 

sagend erscheint, vorzieht, so fiihlt er sich natiirlich auch nicht durch 
das Bedurfniss aufgefordert, auf die Herstellung des letztern beson- 
deren Fleiss zu wenden. Bei all dem sind in neuerer Zeit die Fort- 
schritte unverkennbar. Wenn erst in Folge eines natiirlichern Blut- 
umlaufes im Volkskorper der gedriickte Stand der Paehter sich heben 
wird, dann muss in der Oelkultur eine Quelle des Wohlstandes fiir 
den gebirgigen Siiden des neuen Konigreiches sich offnen. Zwei 
Fliissigkeiten, sagt Plinius 14, 150, giebt es, die dem menschlichen 
Korper angenehm sind, innerlich der Wein, ausserlich das Oel, beide 
von Baumen kommend, aber das Oel etwas Nothwendiges. Demo- 
kritus von Abdera, der beriihmte Philosoph, der iiber hundert Jahr 
alt wurde, erwiderte auf die Frage, wie man gesund bleiben und 
seine Tage verlangern konne, mit der diatetischen Regel: innerlich 
Honig, ausserlich Oel (Diophanes in den Geopon 15, 7, 6 und 
Athen. 2, p. 47). Aehnlich war die Antwort des hundertjahrigen 
Pollio Romilius auf die Frage des Kaisers Augustus, durch welches 
Mittel er sich so riistig erhalten habe: innerlich durch Wein mit 
Honig, ausserlich durch Oel, intus mulso, foris oleo (Plin. 22, 114). 
Heut zu Tage dient das Oel nicht inehr zur aussern Korperpflege 
oder nur in Gestalt von Seife; aber eben die den Alten unbekannte 
Seife, eine nordische Erfindung (Grimm in Haupts Zeitschrift VII, 
S. 4601; Zeuss 2 p. 161; Beckmann, Beytrage, IV, 1), hat die 
orientalisch-griechische Sitte, den Leib zu salben, die in Italien 
ohnehin nur bei den hoheren Klassen herrschte, ganz und gar ver- 
drangt. Nur die Salbung der Konige und Kaiser und die letzte 
Oelung sind noch ein verklingendes Echo der alten Romerzeit. 



*Der Oelbaum gehort zu einer Artengruppe der Gattung Oka, welche 
in Ostindien, dem Kaplande, Abyssinien und Arabien entwickelt ist. In 
neuerer Zeit hat F. Cavara (Le sabbie marnose plioceniche di Mongardino 
e i loro fossili in Boll. Soc. geol. ital. V (1886) p. 265275) Blatter des Oel- 
baumes in pliocenen Lagerstatten bei Mongardino, 18 Kilometer nordwestlich 
von Bologna am linken Ufer des Reno aufgefunden und damit das Indigenat 
des Baumes in Italien. dargethan. Im Orient findet sich der Oelbaum wild- 
wachsend sowohl als Baum, wie besonders haufig als Strauch in den Steppeii 
des Pendschab von Beludschistan, von Persien bis Transkaukasien und auf 
der Krim, in Syrien, in Palastina und in Cilicien, auch in Mesopotamien und 
im siidlichen Arabien bis Mascat. Von Bithynien aus verfolgen wir ihn durch 
Thracien nach Macedonien ; er bezeichnet daselbst zusammen mit Quercus cocci- 
fera L. die Grenze der Mediterranflora und reicht bis 350 m. Sicher wild ist 
er auch in Griechenland, wo man in den Macchien vielfach die kleinfruchtige 



118 Der Oelbaum. 

Form Oleaster antrifft. Caruel sieht in Parlatore's Flora italiana vol. VIII. 
p. 155 den Oelbaum auch fur einen einheimischen Baum Italiens an, der vor- 
zugsweise auf Kalkboden, aber auch auf vulkanischern Boden in der Ktisten- 
region vorkommt; auch im stidlichen Istrien 1st er wild und ebenso treffen 
wir die wilde Form noch am Gardasee und am Luganer See an. Sehr haufig 
ist er auf Sicilien, Sardinien und Corsica. Im ganzen mittlereu, stidlichen 
und sudostlichen Spanien wird in der unteren und der montanen Region an 
felsigen Orten und auch in Gebiischen der wilde Oelbaum als Strauch und 
Baum angetroffen, desgleichen in Portugal, auf den Azoren und Kanaren. 
Auch im mediterranen Frankreich ist der Oelbaum ausserhalb der Anpflan- 
zungen anzutreffen. 

In Nordafrika ist der Oelbaum ebenfalls einheimisch, sicher von Tunis 
bis Marokko. Battandier sagt in seiner Flore de 1'Algerie: Aucune plante 
ne peut d'apres sa dispersion actuelle etre considered comme indigene en 
Algerie, a plus juste titre que 1'Olivier, qui constitue notre essence forestiere 
la plus generalement repandue, en dehors de toute action de l'homme. 
Ebenso spricht sich Ball in seiuem Spicilegium Florae maroccanae, Journ. 
of the Linnean Society XVI. p. 565 dahin aus, dass der Oelbaum im nord- 
lichen und westlichen Marokko wild ist. Dagegen ist Prof. Schweinfurth 
(Aegyptens auswartige Beziehungen hinsichtlich der Kulturgewachse, in Verh, 
der Berliner anthropol. Gesellsch., Sitzung vom 18. Juli 1891) der Ansicht, 
dass der Oelbaum in Aegypten unter der XIX. Dynastie aus Syrien eingefiihrt 
wurde. Die Annahme, dass der Oelbaum aus Arabien stamme, bestatigt sich 
nicht, da derselbe nach Schweinfurth's Beobachtungen (a. a. O. S. 649) 
im glucklichen Arabien nur in einigen neueren Garten gebaut wird. Da die 
Frtichte des Oelbaumes durch Vogel verbreitet werden und von 
jeher im ganzen Mediterrangebiet an vielen Stellen die Existenz- 
bedingungen fur den Oelbaum gegeben waren, so war es auch 
ganz naturlich, dass derselbe die ihm zusagenden Localitaten 
besiedelte, ehe die orientalischen Kulturvolker aus ihm eine 
der wichtigsten Nutzpflanzen machten. Hier ist auch zu erwahnen, 
dass in Spanien bei El Garcel in neolithischen Fundstatten von den Gebrtidern 
Siret zahlreiche durch Kleinheit ausgezeichnete Steinkerne gefunden wurden, 
welche aber der wilden Stammform angehoren durften. 



* In Homerischer Zeit ware nach Hehn das Oel lediglieh zum Salben 
des Korpers und nicht zu sonstigen Zwecken verwendet worden. Auch dieses 
Oel sei aber kein inlandisches Erzeugniss, sondern ein vom Orient eingeftihrtes 
gewesen; denn die Kultur des Oelbaums ginge hochstens in ihren Anfangen 
in die Homerieche Zeit zurtick. Wir glauben, dass diese Anschauungen nicht 
1 anger haltbar sind. 

Zunachst dtirfte allgemein zugestanden sein, dass die beiden Stellen 
II. 18, 596: 

tuiv 8'otl JJLSV XSKTCC? ftO-ovac s/ov, ol 8s 

etat' SOVVYJTOO? Y]xa otcXpovta? iXauo 
und Od. 7, 105 ff.: 



Der Oelbaum. 



)C uccocuot v.a *f] 

old TS cp6XXa fxaxs8vfj<; 



von Hehn (oben S. 104) unrichtig aufgefasst sind. Freilich nicht von den ferti- 
gen Gewandungen traufelt Oel herab, was auch Philologus 1860 XV, 329 nicht 
gemeint war (vgl. Hertzberg, Philologus 1874 XXXIII, 7), sondern gemeint 
ist, dass die linnenen Stoffe bei ihrer Herstellung einer Appretur mit Oel 
nnterzogen wurden oder waren. Naheres daruber vgl. ausser bei Hertzberg 
a. a. O. bei W. Helbig, Homerisches Epos, 2. Ann., S. 168 f. und bei F. Stud- 
nitzka, Beitr. z. Geschichte der altgr. Tracht S. 48 f. Es steht also fest, dass 
das Oel bereits in der Technik 'der homerischen Linnenindustrie eine Eolle 
spielte. Nun konnte ja freilich auch das hierbei gebrauchte Oel auslandisches 
gewesen sein; aber wir miissen 'doch gestehen, dass uns die Ausfiihrungen 
Hehns, durch welch e er die fast vollige Abwesenheit der Kultur des Oel- 
baums in Homerischer Zeit zu beweisen versucht, auch sonst nicht tiber- 
zeugt haben. Wir billigen in dieser Beziehung, ihrem Inhalte nach, die Em- 
wendungen Hertzbergs a. a. O'., wenn es auch Friedlander in Fleckeisens 
Jahrbiichern, XIX. Jahrg. 1873 S. 89 gelungen ist, einige Stellen fiir Hehns 
Anschauung zu retten. In keinem Falle aber kommen wir tiber das Gleich- 
niss in einem als alt und echt unangefochtenen Theile der Ilias (17, 58 58) 
hinweg; denn wie fest musste die Vorstellung eines vom Pflanzer aufgezogenen 
Oelbaums in der Seele des Dichters und seiner Horer haften, wenn ersterer 
dieselbe zur Veranschaulichung anderer Begriffe gebrauchen konnte! Auch bei 
der IXaiY], aus welcher Odysseus sein Ehebett gezimmert hat, ist nicht zu ver- 
gessen, dass dieselbe ipxeo<; IVTOC; (23, 190) gewachsen war. Die Hehn'sche 
Erklarung endlich der rnit der eXaivj zusammengewachsenen ^uXt-r] als Myrte 
(oben S. 106) schiene uns nur dann annehmbar, wenn anderweitig fest stiinde, 
dass die eXaifj nothwendig als wilder Oelbaum gefasst werden musste, was 
eben nicht der Fall ist. Ueber die verschiedenen Deutungen der cpuXiYj bei 
alten und neuen vgl. Buchholz, Die horn. Realien I, 2 S. 255 ff. 

Zu dem gleichen Ergebniss, wie wir, kommen Neumann und Partsch, 
Physikalische Geographic von Griechenland S. 413: Ho"chst unwahrschein- 
lich ist, dass noch im homerischen Zeitalter Olivenol den kleinasiatischen 
Griechen nur als phonizischer Importartikel bekannt gewesen sein soil. Diese 
Ansicht Hehns ist wohl nur dadurch erklarlich, dass er bei seinem Nach- 
weis der Seltenheit des Oeles bei den homerischen Helden reines Olivenol 
und wohlriechendes Salbol nicht auseinanderhalt. Letzteres scheint aller- 
dings ein specifisch semitisches Erzeugniss und fiir die Griechen ein kost- 
spieliger Importgegenstand gew^esen zu sein. 

Eine endgiltige Entscheidung daruber, ob die Kultur des Oelbaurns der 
homerischen Zeit noch fremd war oder nicht, wird man von den altgriechi- 
schen Ausgrabungen erhoffen diirfen. Schon sind einige Denkmaler zu Tage 
getreten, welch e nach dem Urtheil der Sachverstandigen hochstwahrscheinlich 
Abbildungen von Oelbaumen enthalten. Zunachst sind hier die beiden Gold- 
becher von Vafio bei Amyclae ( 3 EcpYj|jisp!<; (Scp^aioXoYtxY) 1889, Tafel 9) zu nennen. 
Ist es hier nach Massgabe der Situation (Stierjagd) moglich, an wilde Baume 
zu denken, so scheint das Bruchstvick eines silbernen Gefasses aus Mykenae 
1891, 3, 2), welches die Vertheidigung einer Stadt darstellt, zu deren 



120 Der Oelbaum. 

Linken Oliven auftreten, mehr auf angepflanzte Oelbaume hinzuweisen. Immer- 
hin aber kann man ja gegen die Beweiskraft derartiger Kunstwerke einwendeii, 
dass wir es hier mit auslandischer Arbeit oder der Arbeit nach auslandischen 
Motiven zu thun batten. Von grosserer Bedeutung sind daher die Oliven- 
kerne, welcbe man neuerdings in Mykenae aufgefunden hat. Hieruber be- 
ricbtet Herr Tsuntas brieflich am 1. November 1892: Olivenkerne (die 
schoii Schliemann in Mykenae gefunden hatte) babe ich auch dies Jahr in 
dem Schutt von Hausern drei Mai gefunden, freilich im Ganzen nur etwa ein 
Dutzend, einmal auch einen in dem Dromos eines Grabes, also sicher aus 
mykenischer Zeit. Ich zweifle also nicht mehr, dass man Oliven ass^wilde 
Oliven sind ungeniessbar) ; ob man aber auch Oel^daraus presste, weiss ich 
nicht, scheint mir aber nicht unwahrscheinlich ; denn in Thera, wo die unter 
der Lava entdeckten Hauserreste etwa gleichzeitig mit der alteren mykeni- 
schen Periode sind, und deren Kultur sich vielfach mit der mykenischen 
bertihrte, hat man gefunden , 7 un instrument complique en lave, qid parait etre un 
pressoir a huile (Dumont et Chaplain Ceramique de la G-rece propre t. 1, p. 31). 
Vgl. dazu auch Neumann und Partsch, a. a. 0. Wenn Tsuntas CEcprjjjLepi? 1888, 
S. 136) an die Stelle Plutarch, Lykurg 27: 1'itetta oovfrdirte-.v ooSev eiaae, aXXa iv 
cpoivtxiSt xftl cpoXXoi? eXoua? 8-svts? to aaifxa TCEpteateXXov erinnert, so haben auch in 
Aegypten sich aus der XXII. und XXV. Dynastie Todtenkranze aus Oelbaum- 
blattern gefunden (Wonig, Die Pflanzen im alten Aegypten S. 330). 

Was die Namen des Oelbaums, gewohnlich identisch mit denen des Pro- 
ductes seiner Fruchte, anlangt, so wird das Hebraische, Phonizische (vgl. 
Schroder, S. 131), Arabische und Aramaische (vgl. Low, Aram. Pflanzennamen 
S. 136) durch eine gemeinschaftliche Benennung (*zeitu) verbunden. Auf dem 
Wege spaterer Entlehnung ist dieser Ausdruck auch in das Persische und 
Kurdische, in kaukasische und tatarische Dialecte eingedrungen (Pott in 
Lassens Zeitschr. VII, 110, Koppen a. a. 0. V, 573). Das Babylonisch- 
Assyrische kennt keinen Namen fur die Olive. Hingegen setzt sich die 
semitische Reihe offenbar fort einerseits im Armenischen (jet\ dzet' Oel und 
Olive, jit'eni Oelbaum), andererseits im Aegyptischen (t'et-t Olive, vgl. 
Wiedemann, Herodots II. Buch S. 383) ; denn es ist eine irrige, durch Strabo 
p. 809 und Hitters Erdkunde XI, 519 veranlasste Anschauung Hehns (oben 
S. 102), dass Aegypten kein Olivenol hervorgebracht habe. Im Gegentheil 
wird der Oelbaum auf den Denkmalern, z. B. d. XVIII. Dynastie in getreuer 
Wiedergabe der Blattformen und Fruchte nicht selten dargestellt. Nach 
Woenig a. a. O. S. 329 ware das Olivenol in Aegypten ausser zum Salben 
auch schon zu Speisen und als Opfergabe gebraucht worden. Ueber die Funde 
handelt G. Schweinfurth in Englers Bot. Jahrb. VIII, 1886 S. 6f. Vgl. auch 
G. Buschan, Vorgesch. Botanik. S. 127 ff. 

Die oben genannte agyptisch-semitisch-armenische Namenreihe hat La- 
garde in den Mittheilungen III, S. 214 ff. einer eingehendeii Untersuchung 
uiiterzogen. Er gelangt dabei zu dem Ergebniss, dass der Ausgangspunkt 
derselben im Armenischen oder in einer diesem nachststehenden Sprache 
Kleinasiens er denkt an die Landschaft Cilicien zu suchen sei, und 
dass von hier sowohl das semitische wie auch das agyptische Wort, ersteres 
auf dem Landwege, letzteres auf dem Seewege entlehnt sei. Eine Bestatigung 
dieser Ansicht erblickt Lagarde darin, dass auch das griech. eXata, eXaiov auf 



Ansassigkeit. Baumzucht. 121 

das Armenische (iul Oel) hinweise. Jedenfalls erscheint diese Erklarung 
annehmbarer als die versuchte Herleitung der griechisclien Worter aus einer 
indogermaniscben, aber im Griechischen nicht vorhandenen Wurzel (lat. ad- 
olere, ags. alan verbrennen, brennen, vgl. Prellwitz Et. W. S. 89). Olivenbau 
fiir pontische Gegenden, fiir Armenien (p. 528), Melitene (535), Sinopitis (540), 
Phanaroa (556) \vird von Strabo bezeugt, wie auch nach Mos. Geog. p. 610 
Oelbaume in der armenischen Provinz Uti vorkamen. 1st die Ansicht La- 
garde's mit welcher F. Hommel, Aufs. und Abh. S. 99 tibereinstimmt, richtig, 
so wiirde die Geschichte des Oelbaums in Asien mancherlei Verwandtes mit 
der des Weines haben, wie sie oben skizzirt worden ist. 

Auch darauf macht Lagarde zum Schluss aufmerksam, dass die bei 
Israeliten und Juden umlaufende Fluthsage (wie den Weinstock so) den Oel- 
baum nach Armenien setze, da die aus der gestrandeten Arc-he Noe's aus- 
gesandte Taube doch wohl das beriihmte Oelblatt aus keiner anderen Land- 
schaft als Ararat, dem Lande der 'AXapoStoi, geholt habe. 

Umgekehrt allerdings leitet Htibschrnann, Z. d. D. M. G. XLVI, S. 243, 
Armen. Gr. S. 309 das armenische Wort aus dem Semitischen ab, und weiter 
betrachtet Ermann ibid. S. 123 die semitische Benennung der Olive als eine 
Entlehnung aus dem Aegyptischen. Das Verhaltniss von griech. eXatov zu 
armen. iul halt Hiibschmann Armen. Gr. S. 394 fiir unaufgeklart. Eine Ueber- 
einstimmung in der Erklarung der sprachlichen Thatsachen ist also noch 
nicht erzielt. 

Zusammenfassend wird man sagen diirfen: es ist wahrschein- 
lich, dass die Kultur der Olive im Orient noch ungewiss von 
welchem Ausgangspunkt sich auf der Linie Aegypten, Syrien, 
Kleinasien verbreitet hat, und von letzterem, schon in vor- 
homerischer Zeit, nach Griechenland iibertragen worden ist. 



Wo die Kultur der drei genannten Gewachse, des Weines, der 
Feige und des Oelbaums, in grosserem Massstab sich festsetzte, da 
musste Lebensart und Beschaftigung der Menschen eine andere wer- 
den, das Land ein anderes Ansehen gewinnen. Die Baumzucht war 
ein Schritt mehr auf der Bahn fester Niederlassung : erst mit ihr 
und durch sie wurde der Mensch ganz ansassig. Der Uebergang 
vom unstaten Hirtenleben zur festen Ansiedelung ist nirgends ein 
plotzlicher gewesen, sondern fiihrte immer durch zahlreiche Zwischen- 
stufen, auf denen die Volker oft Jahrhunderte verharrten. Der 
herumziehende Hirte besaet fluchtig ein Stuck Land, das er im 
Herbst ebenso fluchtig aberntet; er wahlt im nachsten Friihling ein 
anderes, frisches, das er aberrnals liegen lasst, nachdem er ihm den 
Raub abgenommen. Hat die Horde an einem besonders fruchtbaren 
Fleck sich mit ihren leichten Hausern festgesetzt, so ist doch auch 
hier der Boden nach einigen Jahren erschopft: die ganze Gemein- 
schaft bricht auf, ladt alles Bewegliche auf ihre Thiere und Wagen 



122 Ansassigkeit. Baumzucht. 

und baut sich an einem andern Orte wieder an. Auch vvenn die 
Ansiedelung eine statige geworden, 1st cler Begriff individuellen 
Eigenthums am Boden doch noch nicht vorhanden: wie die Weide 
eine gemeinsame war, wircl auch das Ackerland, an welchem bei 
der geringen Bevolkerung kein Mangel ist, in jedem Jahr an die 
Genossen je nach ihrer Zahl neu vertheilt. Dies war der Zustand 
der Germanen zu Tacitus Zeit, und dies ist der naturliche Sinn der 
Worte des genannten Schriftstellers, an denen patriotische Ausleger, 
die gern das Gegentheil erfahren batten, nicbt minder miihselig, als 
in ahnlichem Fall die Bibelexegeten, gedeutet haben. Dieselbe 
communistische, noch halb nomadische Form des Ackerbaues, die 
mit dem Patriarcbalismus eng zusammenhangt, berrscht nocb heute 
in einem grossen Theil Russlands, bei Tataren, Beduinen und 
manchen andern Volkern. Viehzucht bleibt auf diesen ersten Stufen 
des Ackerbaus immer noch das vorherrschende Geschaft, Wandern 
und Raub die Leidenschaft, Fleisch und Milch die Hauptnahrung ; 
die Hauser sind nur leicht gebaut, brennen haufig auf, ihr Material 
ist Holz; der Pflug besteht aus einem spitzen Baumast, ritzt den 
Boden nur leicht und wird von kriegsgefangenen Sklaven gefiihrt; 
die Voraussicht ist keine lange, sie geht nur vom Friihling auf 
den Herbst. Einen bedeutenden Schritt weiter bezeichnet schon 
die Winter saat, aber den entscheidenden erst die Baumzucht. Erst 
mit der letzteren ging das Gefiihl ortlicher Heimath und der Begriff 
des Eigenthums auf. Der Baum muss Jahre lang erzogen und 
getrankt werden, ehe er Frucht giebt (den ich hegte und pflegte wie 
eine Pfianze im Baumgarten, sagt Thetis in der Ilias von ihrem 
Sohne Achilleus); dann giebt er sie jedes Jahr, indess der Bund mit 
dem einjahrigen Grase, das die Demeter saen gelehrt, in dem Augen- 
blick aufgelost ist, wo die Frucht geerntet worden. Um den Weiri- 
berg, um den Baumgarten wird eine schiitzende Hecke gezogen, das 
Zeichen vollen Eigenthums : dem blossen Ackerbauer geniigt im besteii 
Falle ein Grenzstein. Das Saatfeld muss auf Thau und Regen barren: 
der Pflanzer leitet die Quelle aus den Bergen herab und um seine 
Beete herum, und indem er dies thut, verwickelt er sich mit seinen 
Nachbarn in Rechts- und Eigenthumsfragen, die nur durch eine feste 
politische Ordnung gelost werden. Schon eine der altesten politi- 
schen Urkunden, von denen wir iiberhaupt wissen, der uns vom 
Redner Aeschines aufbewahrte Bundeseid der delphischeii Amphi- 
ktyonen, enthielt die Bestimmung: es darf keiner der verbiindeten 
Stadte das fliessende Wasser abgeschnitten werden, weder im Kriege 



Ansassigkeit. Baumzucht. 123 

noch im Frieden. Auch das Haus, das von Fruchtbaumgruppen 
umgeben 1st, wird, wie diese auf lange Jahre berechnet, d. h. es 1st 
von Stein erbaut und schmiickt sich in seinem Innern mit deni Ver- 
machtniss der Geschlechter und dem Erwerbe fortgehender Kultur. 
Das Eisen findet sich ein und wird allmahlich das immer haufigere, 
zuletzt vorherrschende Material aller Werkzeuge, Auch die Gotter 
werden edler: deneii des Hirten, der gewohnt ist, thierische Leiber 
aufzuschneiden, und dessen Poesie in der Vorstellung grasslicher, mit 
der Steinaxt aufgerissener Wunden schwelgt, wird blutig und roh 
geopfert, sanfter der Ceres mit geschrotenem Spelz und Salz und dem 
Terminus mit Kranzen und Kuchen, aber erst der Wein stimmte den 
harten Ackerbauer mild und heiter und machte ihn zu dramatischen 
Spielen aufgelegt, und erst die Olive, der Baum der Athene, der 
Gottin geistiger Helle, gab das Symbol des Friedens, der Bitte und 
der Freundlichkeit ab. 

Schon die alten epischen Dichter unterscheiden genau die drei 
Arten der Bodenbenutzung: Thierweide oder FJeisch, Milch und 
Wolle; Ackerbau oder die siisse Halmfrucht, die Nahrerin des Men- 
schengeschlechts ; endlich Baumpnanzung oder Wein und Oel. Fur 
die beiden letzten Stufen, von denen die dritte, je alter die ent- 
sprechende Dichterstelle ist, um so mehr nur auf die Weinkultur 
sich beschrankt, gelten die sich gegeniiberstehenden technischen Aus- 
driicke: dgoa), agovQa und yvisvw, (pvmkCa. II. 14, 124 (Dio- 
medes erzahlt, sein Vater T} 7 deus habe ein reiches Haus bewohnt 
und viel weizenreiche Felder, viele Baumgarten und viele Heer- 
den besessen): 

sein Haus war 

Reich mit Schatzen gefiillt: er besass viel Weizengefilde, 
Auch viel Garten umher, von Baum und Rebe beschattet, 
Auch Schafheerden in Menge. 

II. 12, 313 (Sarpedon spricht zu Glaukos): 

Wesshalb baun wir den weiten Bezirk an den Ufern des Xanthos, 
Welch er mit Pflanzungen prangt und weizenergiebigem Saatfeld? 

II. 20, 184 (Achilleus fragt den Aeneas, ob ihm die Troer etvva als 
Preis fur die Todtung seines Gegners ein Stuck Land ausgesetzt, 
versehen mit Pflanzung und Acker): 

Steckten die Troer vielleicht dir ab ein erlesenes Grundstiick, 
Treffliche Saatengefild' und Pflanzungen, class du sie hauest, 
Wenn du mich todt hinstreckst? 

(Aehnlich und mit denselben Worten von den Lykiern und dem 
Bellerophontes, II. 6, 194.) Auch die Aetoler bieten dem Meleager 



124 Ansfissigkeit. Baumzucht. 

als Preis fur die Theilnahme am Kampfe ein Grundstuck, zur Halfte 

Weideland, zur Halfte Ackerboden, II. 9, 578: 

Allda hiessen sie ihn ein herrliches Gut sich erlesen, 

Fiinfzig Hufen umher, zur Halft' ein Rebengelande, 

Halb ein freies Gefild, mit dem Pflug es zu schneiden geeignet. 

Od. 9, 108 (von den Cyclopen, die weder Feldbestellung noch Baum- 
zucht kennen): 

ovts cpvievovaiv %eQ(flv (pviov, OVT dyowtitv, 

wo das xsQGlv bedetitungsvoll ist. Hesiod. Op. et d. 22: 
og tfTTSvdsi, lusv aQOf-i/uisvai yde (pvrevew. 

Auch bei Tyrtaus, fr. 3 (Brgk.) : 

Me<ttfivrp> dya&rjv fusv dgovv, aya&p> Sh yvrevetv. 

An einer homerischen Stelle tritt aufMlender Weise zu Acker, Garten 
und Weide als Viertes der Pischfang an der Kiiste: Od. 19. Ill (in 
dem Lande des gerechten Herrschers) 

da bringt der schwarzliche Boden 

Weizen und Gerste hervor, schwer lastet die Frucht an den Baumeii, 
Kraftig gebaren die Schafe, das Meer giebt Fische zur Nahrung, 
Alles als Lohn der Weisheit und zum Gedeihen des Volkes. 



Auch die spatern Prosaisten pflegen das Ackerland, yr { 
i/Jt^r () und das bepflanzte Land, y?J Tieyvrt vf-isvrj , als die beiden 
integrirenden Theile des Kulturbodens zusammenzustellen , z. B. 
Xenoph. Hell. 3, 2, 10: Tio^r^v ds xdya$ifv yr\v GTtoQifJiov, TtoUdrp 
6k jreg)vi:Vfivrjv, na^i7iliqi)elg de xal nayxdkovg vopag navioda- 
Tiolg xxrjvBGt,. Demosth. adv. Lept. 115: sxawv [tsv sv Evfioiy 
TrAetya yr t g rtstyvttv/nsvqg ffdotiav, exawv tie ipihrjg. In Xenophons 
Oeconomicus hat sich Sokrates langere Zeit mit Ischomachus uber 
den Landbau, die yernQyixr] TS-^vr^ unterhalten, da fragt Ersterer: 
gehort denn auch die Baumpflanzung, ^ TWV dwdgoov yvTeia, mit 
zum Ackerbau als ein Theil desselben? Freilich, erwidert Ischo- 
machus. Und darauf wird denn ausfiihrlich iiber Tiefe und Breite 
der Gruben, die Bedeckung mit Erde, die Bewasserung, die Wahl 
des Bodens u. s. w. verhandelt, mit ausschliesslicher Beziehung auf 
die drei Gewachse aftnshog, avxr} und kaia. Wie Demeter die 
Gottin der Feldfrucht, so ist besonders Dionysos, der Gott mit halb- 
orientalischem Charakter, Personification der gedeihenden Baumfrucht 
und des Segens, der daher kommt: Pindar, fr. 153 (Bergk.): 

d&vfyiwv ds vofjibv dwvvoog 
dyvbv 






Ansassigkeit. Baumzucht. 125 



Plut. Symp. 5, 3, 4: xal UoasMvC ye (pvTcdpcw, diovi'&p 6s 
TidvTsg, wg enog slnslv, "Ehhyveg ttvovffiv. Auch evSsv- 

hiess der Gott nach dieser Seite seines Wesens, Hesych. s. v. 
Wenn der Beiname der Demeter [JLahocpOQog in einer Inschrift von 
Selinus so viel bedeutet, als Spenderin von Baumfriichten, nicht etwa 
von Schafen (0. Benndorf, die Metopen von Selinnt, S. 31), so ware 
auch diese Gottin zuweilen als Vorsteherin der Garten gedacht worden. 

Nicht anders war das Verhaltniss in Italien; auch dort sind 
Acker und Pflanzung coordinirte Kulturzweige, Dionysius Halic. 
1, 37 preist Italien als keine Art des Anbaues ausschliessend : es 
sei baumlos, udevdgog, weil es korntragend, (UmyoQog, sei, es sei 
aber auch arm an Getreide, 6^t,yoxaQTiog^ weil es mit Baumeii be- 
pflanzt, devdQlug, sei u. s. w. Bei Eroberung Italiens, sagt Appian 
de bell. civ. 1, 7, wiesen die Romer das wiiste liegende Land Jedem 
zu, der Lust hatte, es zu bebauen, indem sie sich nur einen jahr- 
lichen Zins vorbehielten, den Zehnten von dem Ertrage des besae- 
ten, den Fiinften von dem des bepflanzten Landes. Cic. de rep. 5, 
2 (den Konigen, denen die Rechtsprechung oblag, wurde Land zur 
Entschadigung gegeben): ob easque causas agri, arvi et arbusti et 
pascui, lati atque uberes definiebantur, qui essent regii in welcher 
alterthiimlichen Formel also der ager arbustus, die Baumpflanzung, 
dem ager arvus und pascuus, dem Saat- und Weidelande, als Glied 
der Dreitheilung gegeniibersteht, ganz wie in der obigen Stelle des 
Xenophon. Lucret. 5, 933 ed. Lachm. 

Nee robustus erat curvi moderator aratri 
Quisquam, nee scibat ferro molirier arva; 
Nee nova defodere in terram virgulta neque aliis 
Arboribus veteres decider e falcibu' ramos 

also ohne Umschreibung : weder Ackerbauer noch Baumpflanzer. 
Daher auch Cn. Tremellius Scrofa bei Varro de r. r. 1, 7, 8 es als 
eine Sonderbarkeit anfuhrt, dass er bei einem Kriegszuge ins innere 
Gallien gegen den Rhein hin Gegenden gefunden habe, wo es ganz 
an Weinstocken, Oel- und Obstbaumen fehlte: in Gallia transalpina 
intus ad Rhenum* cum exercitum ducerenij aliquot regiones accessi, 
ubi nee vitis nee olea nee poma nascerentur; ubi agros stercorarent 
Candida fossicia creta; ubi salem nee fossicium nee maritimum 
haberent, sed ex quibusdam lignis combustis carbonibus salsis pro 
eo uterentur. So natiirlich also schien einem Zeitgenossen des Varro 
und Bewohner des Siidens die Verbindung des reinen Ackerbaues 
mit Anpflanzung des Weinstocks und fruchttragender Baume, dass 



126 Ansassigkeit. Baumzucht. 

er die Abwesenheit der letztern mil der ihm imbekannten Mergel- 
diingung und dem Gebrauche der Asche statt des Salzes zusammenstellt. 

Interessant 1st, dass auch in den heiligen Schriften des Zend- 
volkes der Boden auf die dreifache Art benutzt wird, wie in Griechen- 
land und Italien. Vendidad 3, 12 13 (nach Spiegels Uebersetzung) : 
Was ist zum Dritten dieser Erde am angenehmsten? Darauf ent- 
gegnete Ahura-mazda: wo am meisten durch Anbau erzeugt wird, 
o heiliger Zarathustra, von Getreide, Futter und speisetragenden 
Baumen. 76 77: Wer erfreut zum Vierten diese Erde rnit der 
grossten Zufriedenheit? Darauf entgegnete Ahura-mazda: Wer am 
meisten anbaut Feldfriichte, Gras und Baume, die Speisen bringen, 
o heiliger Zarathustra. Aehnlich driickt sich auch der Perser Mar- 
donius bei Herodot aus: als dieser den Xerxes zum Kriegszug gegen 
die Athener bereden wollte, da ruhmte er ihm Europa als ein schones 
Land, wo aller Art Fruchtbaume wiichsen und der Boden hochst 
kraftig (zum Getreidebau) sei, Herod. 7, 5: cog q EvQW7tr t 
xaMrjC WQQI], xal SevdQsa rtavxola (psQsi, TO, r^fiSQa, aQST^v re 
Umgekehrt war Babylonien nach Herod. 1, 193 hochst fruchtbar 
an Getreide : a^iatr} dfarJTQog xagnov zxysgeiv, trug aber keine Spur 
von Baumen: devtigsa ovds neiQaicu aQxyv (pegtw OVTS <Svxei]v, OVTS 
afiiTiehov, ovT8 shaCyv - - wo die typische Zusammenstellung der drei 
Oewachse, der Feige, Rebe und Olive, wiederkehrt. 

Wenn Vergil G. 2, 371 sagt: Texendae saepes etiam u. s. w., 
so ist dies nicht etwa ein neuerer Gebrauch: schon im Alten Testa- 
ment und in der epischen Zeit Griechenlands werden solche Baurn- 
garten als umzaunt, mit Graben oder Hecke und Mauer umgeben 
gedacht, wahrend das Saatgefilde frei daliegt. Wie die Parabel des 
Propheten Jesaias Kap. 5 mit den Worten beginnt: Mein Lieber hat 
einen Weinberg an einem fetten Ort und er hat ihn verzaunet und 
mit Steinhaufen verwahret und edle Reben drein gesenket. , so 
war auch der Weinberg auf dem Schilde des Achilleus mit einem 
Oraben, xdnsxos, und einer Hecke, eQxog, umzogen; Oineus, der 
Herrscher von Kallydon, todtete seinen eigenen Sohn Toxeus, d. h. 
den Schiitzen, weil dieser es gewagt hatte, den Graben, der die 
Weinstocke umschloss, zu tiberspringen (Apollodor. 1, 8, 1). Das 
Material, das zu der Umzaunung gelesen wird, heisst mit einer ety- 
mologisch dunklen Benennung al^aaia entweder Dornen oder 
Steine, vielleicht bald das Eine, bald das Andere, oder Beides zu- 
gleich, je nach der Gegend oder ihrer natiirlichen Beschaffenheit ; der 
gottliche Sauhirt in der Odyssee wenigstens hat seinen Hof mit 



Ansassigkeit. Baumzucht. 127 

herbeigeschleppten Steinen verwahrt und diese dann mit Dornen 
besteckt, 14, 10: 

Steine zusamraengeschleppt und oben umfriedet mit Dornen. 

Solche o/o, <fVTu>v OQ^CLTOC, wie Homer und Hesiod die umfrie- 
digten Fruchtgarten , besonders die Weingarten, nach dieser ihrer 
Eigenschaft benennen (da diese Worter doch wohl auf el'^yco, 
schliessen, zuriickzufiihren sind, JJLETOQWOV = ein Getreidefeld zwischen 
zwei geschlossenen Garten), bedecken und durchschneiden noch jetzt 
das siidliche Italien, dessen Wege zwischen Mauern und Hecken von 
Stachelpflanzen dahinziehen und dem staubbedeckten Reiter die Aus- 
sicht auf das Meer oder das Gebirge versagen. Auch gilt noch jetzt 
in jener Gegend ein Grundstuck, das mit Mauer oder Hecke um- 
geben ist, allgemein fur werthvoller und an Ertrag reicher als ein 
offenes. 

Schon bei Homer sind es die Schwachern, besonders die Greise, 
deren Obhut die Baume anvertraut sind und die niedergebiickt im 
Garten pflanzen, graben und schneiden: mit dem Ochsengespann 
Furchen ziehen und die Wiese mit der Sense, SgeTravov, abmahen, 
gilt, wie der Krieg, fur das Werk der Jiinglinge und Manner. Be- 
sonders deutlich ist in dieser Beziehung die Stelle Od. 18, 356 ff. 
Einer der Freier, Eurymachus, hat den Odysseus wegen seines Kahl- 
kopfes verlacht und schlagt ihm darauf vor, als Arbeiter am Zaun 
und als Pflanzer von Baumen in seinen Dienst zu treten: 

Dornengestrauch mir zu sammeln und stammige Baume zu pflanzen. 

Hierauf erwidert ihm Odysseus: Sollte ich mit dir auf der Wiese 
den ganzen Tag liber um die Wette das Gras abmahen oder mit 
dem Joch Ochsen vier Morgen fetten Ackers pfliigen, dann wurdest 
du sehen, ob ich eine Furche zu ziehen im Stande bin. Und hatte 
ich Waffen, wie sie sich fur den'Krieger schicken, du wiirdest mich 
unter den Ersten kampfen sehen. Du aber scheinst dir gross und 
stark, weil du mit Wenigen und Bosen verkehrst. So hat sich 
auch der greise Laertes zu den Garten zuriickgezogen , und sein 
Genosse ist der gealterte Sklave Dolios, den einst Penelope von 
ihres Vaters Hause in das des Ehegatten mithiniibergebracht. - 
Nicht anders im Hymnus an den Hermes. Dort treibt der Gott die 
gestohlenen Kinder hinweg, da sieht ihn ein Mann, der im Wein- 
garten arbeitet: es ist ein Greis, der, zur Erde gebeugt, im Boden 
grabt, v. 90: 

co yegov, ocrce (pvia GxaiTTSig emxafjiTfvhog 



128 Ansassigkeit. Baurnzucht. 

Und als Tags darauf Apollon suchend an derselben Stelle vorbei- 
kommt, da findet er den Greis, einen Zaun, Qxog aAco?^, zum 
Schutz gegen die Strasse, auf der viel Wanderer ziehen, nags^ 
oSov, aus Dornen flechtend und redet ihn demgemass an, v. 190: 

co YSQOV, y Qy*tf\6i;olo fiaxodgoTie no^eviog. 

Das in dem ersten Verse gebrauchte o*&rzW ist gleichfalls feste 
Bezeichnung fur Arbeit im Wein- und Baumgarten, wie bei Hesiod. 
Op. et d. 572: 

tors drj Gxd(pog ovxen oivewv, 

und wird gern dem OQOVV, dem Ackern auf dem Felde, gegeniiber- 
gestellt. So in dem Verse aus dem homerischen Margites: 
Tbv & OVT aQ ffxaTTT^Qa fool dzaav, OVT' aQOT^ga. 
Auch lateinisch heisst es fodere hortum (Plaut. Pten. 5, 2, 30), und 
fodere und arare stehen in Parallele, Terent. Heaut. 1, 1, 16: quin 
te in fundo conspicer fodere aut arare. Das Werkzeug dazu ist 
entweder das MGTQOV, daher Od. 24, 227 Odysseus seinen alten Vater 
foffiQSvovTa (fVTov findet, oder die [idxeMa, d. h. die einzinkige 
Hacke, in der Ilias 21, 259 zum Aufgraben der Wasserrinnen im 
Garten gebraucht, oder die dixekla, d. h. die zweizinkige Hacke, 
in einem Fragment des Aeschylus in Gegensatz zum Pfluge gestellt, 
fr. 190 (Nauck): 

rafitovg, iv OVT O.QOTQOV OVTS yarofJiog 
TSftvsi, dtxsW agovgav, 

auch die Gxanavr] (bei Theokrit, davon vielleicht das italienische zappa, 
franz. sappe}, in der spatern attischen Sprache die a^ und tfp&tvS 
oder Gfuvvrj, lat. ligo, bidens, vanga (bei Palladius, noch italienisch), 
franzosisch pioche (vermuthlich statt picoche) u. s. w. 

Mit der Baumzucht freilich wurden auch die Kriege furchtbarer, 
weil die Zerstorung mehr Gegenstande fand. Nach der uraltesten 
Sitte, die auch bei Homer nicht fehlt, wie sie noch jetzt bei den 
Beduinen herrscht, ist das Wegtreiben der Heerden, der Raub der 
Pferde ein gewohnlicher Kriegsvortheil und die an dem Feinde 
geiibte Rache und Strafe; oft holt der Beschadigte den abziehenden 
Rauber wieder ein und nimmt sein Eigenthum zuriick; in jedem 
Falle ersetzt sich die Heerde in nicht allzulanger Zeit wieder. Die 
Germanen zogen sich hinter ihre Walder und Siimpfe zuriick, und 
die Romer konnten sie nirgends empfindlich treffen. Warum sollten 
wir uns auf eine Schlacht mit Euch einlassen, antwortet bei Herod. 
4, 127 der Skythenkonig Idan thyrsus dem Darius, wir haben ja keine 



Ansassigkeit. Baurazucht. 129 



Stadte, die eingenommen, keine Pflanzungen. (yrj Tteg) VTSV/LISV^) , die 
ausgerottet werden konnten. Noch in unserm Jahrhundert, im 
Jahre 1812, machten es die Russen ganz ahnlich: sie brannten sogar 
ihre Hauptstadt nieder, die doch nur grosstentheils aus Holz bestand, 
zogen sich immer weiter ins unwirthliche Innere zuriick und liessen 
Entfernung, Wildniss, Klima die Vertheidigung fuhren. Anders da, 
wo der Mensch in dauernden Hausern unter Weinstocken, Oel- und 
Feigenbaumen wohnt, da wuthet ein grausamer Feind schrecklich, 
und das Land ist auf Menschenalter verodet. Die Wasserleitungen 
werden zerstort und damit die eigentliche Lebensquelle abgeschnitten : 
sie wieder einzurichten , kostet viele Arbeit und mehr Kapital, als 
nach einem Kriege vorhanden ist. Die Oelbaume werden nieder- 
gehauen und wachsen nur langsam wieder; auch der Weinstock 
fordert manches Jahr, ehe er tragfahig wird. Zwar das mosaische 
Gesetz verbot das Ausrotten der Fruchtbaume, Deuteron. 20, 19: 
Wenn du fur einer Stadt lange liegen musst, wider die du 
streitest, sie zu erobern, so sollst du die Baume nicht verderben, 
dass du mit Aexten daran fahrest, denn du kannst davon essen, 
darum sollst du sie nicht ausrotten, aber dass das Verbot in der 
Kriegswuth nicht beachtet wurde, lehrt das Alte Testament selbst. 
So verbrannte z. B. der hebraische Nationalheld Simson mittelst 
seiner Fiichse nicht bloss die Saaten des feindlichen Landes (die im 
nachsten Jahr wiederwachsen konnten), sondern auch die Wein- und 
Oelpflanzungen , die nicht so leicht wieder herzustellen waren. Als 
Alyattes, Konig von Lydien, die Stadt Milet nicht einnehrnen konnte, 
bezog er alle Jahre regelmassig ihr Gebiet und verdarb Baume und 
Feldfriichte (Herod. 1, 17). Auf solche Art ist auch spater der 
Orient wiederholt von hereingebrochenen wilden Horden zur Wiiste 
gemacht worden und hat die fruhere Bliite nie wieder erreicht. 
Auch die Geschichte der Griechen ist voll von ahnlichen Barbareien 
vor und nach Plato, der sie in seiner Republik (5. p. 470) 
wenigstens unter Griechen nicht dulden will. Wie oft liest man 
beim Thucydides die verhangnissvollen Worte: vrp yr^v $drjovv oder 
Zufivov, z. B. 3, 26; sie verheerten Attika, sowohl die Gegenden, 
wo schon fmher die Gewachse niedergemacht und jetzt etwa neu 
aufgesprosst waren, als diejenigen, die bei fruhern Einfallen verschont 
geblieben waren. Wie die Peloponnesier besonders in den Oel- 
pflanzungen Attikas gehaust hatten, ergiebt sich deutlich aus des 
Lysias Rede negl wv ffyxov, wo unter andern z. B. folgende Stelle 
vorkommt: Ihr wisst, dass damals viele Gegenden mit Oelbaumen 

Viet. Hehn, KiUturpflanzen. 7. Aufl. 9 



130 Ansassigkeit. Baumzucht. 

bestanden waren, die jetzt grosstentheils niedergehauen sind, und 
dass das Land seitdem kahl geworden ist. Im ersten messenischen 
Kriege sollen nach Pausanias 4, 7, 1 zwar die Baume verschont 
worden sein (ovds devdga sxoniov), aber nur weil die Lacedamonier 
das Land als ihr eigenes betrachteten : spater iibten sie das Ver- 
wiisten urn so besser. Von dem Kriege, den sie gegen die Eleer 
fiihrten und den Xenophon Hell. 3, 2, 21 ff. beschreibt, heisst es 
auch: da das Heer ins feindliche Gebiet eingeriickt war und schon 
im Lande das Niederhauen der Baume begonnen hatte, trat ein Erd- 
beben ein und spater: er marschirte gegen die Stadt, niederschlagend 
und sengend im Lande . Umhauen und ausrotten war auch im 
neueren griechischen Freiheitskriege das gewohnliche Mittel, den Feind 
zu ziichtigen, und in Unteritalien reden die mittelalterlichen Chroniken 
oft genug von der gleichen Behandlungsart feindlichen Gebietes 
(z. B. Muratori Scriptt. VIII, p. 546: Obsedit itaque Princeps 
[Manfredus] civitatem Brundusii et cum civitas ipsa moenibus et 
populo valde munita esset nee posset per insultum earn de facili 
capere, fecit fieri depopulationem arborum circumcirca civi- 
tatem ipsam usque ad moenid). Nach Kaiser Friedrichs I. Barbarossa 
Reichsabschied, die Mordbrenner und Friedenstorer betreffend, Niirnberg 
1187, sollen diejenigen, die Weinberge oder Fruchtgarten zerstoren, der 
Strafe der Brandstifter verfallen, 14: statuimus etiam, ut si quis 
vineas aut pomeria exciderit proscriptioni et excommunicationi 
incendariorum subjiciatur. Umgekehrt verwirkte wohl auch der 
Rebell und Uebelthater nicht nur sein Leben, sondern auch sein Haus 
wurde niedergerissen , seine Fruchtbaume umgehauen, seine Reben 
ausgerottet 39 ). 

Wie sich halber und ganzer Ackerbau oder Ackerbau mit no- 
madischen Gewohnheiten und Ackerbau verbunden mit Baumpflanzung 
unterscheiden , dariiber haben die Franzosen in Algier Gelegenheit 
gehabt, Erfahrungen zu machen. Die fliichtigen Araber zu treffen, 
mussten die europaischen Kolonnen mit ihnen an Beweglichkeit und 
Schnelligkeit wetteifern; denn hatte das Dorf auch nur zwei Stunden 
vorher von der Annaherung des Feindes Nachricht, so fand man an 
der Stelle, wo man es zu iiberf alien gedachte, nichts als die oft noch 
warme Asche ausgeloschter Lagerfeuer. Der Stamm hatte sich 
weiter ins Innere gezogen, von da wich er, wenn er verfolgt wurde, 
immer weiter und weiter ins Innere bis in die unnahbare Wiiste. 
Man mahte ihre Ernten ab, man trieb, soweit man derselben habhaft 
werden konnte, ihre Heerden weg; zuweilen unterwarfen sie sich 



Esel. Maulthier. Ziege. 

dann demuthig; im nachsten Jahr aber konnte dieselbe Scene von 
Neuem spielen. Ganz anders verhielten sich die Kabylen des Djur- 
djuragebirges der Invasion gegeniiber. Diese directen Nachkommen 
der alien Libyer sind namlich ein gartenbauendes Volk mit halb- 
steinernen Wohnungen, festem, durch Mauern und Hecken, uber die 
iiberall fruchttragende Aeste herabhangen, bezeichneten Besitzthum, 
und dem Gefuhl der Anhanglichkeit an den Ort ihrer Geburt. Sie 
wohnen im Gebirge, und der Zugang zu ihnen ist schwer: ist dieser 
a,ber einmal erzwungen, dann bait sie die in ihrer Mitte angelegte 
kleine Festung mit der geringen Besatzung bleibend im Zaum. Sie 
zahlen regelmassig ihren Tribut und sind zufrieden, wenn man sie 
bei ihren alten Sitten und bei der eigeiien Gemeindeverwaltung lasst. 
Einige Strassen werden durch ihr Gebirge gezogen, die ungewohnte 
Sicherheit belebt den Waarenaustausch und den Besuch der Markte, 
und langsam und unmerklich, aber sicher dringt europaische Civili- 
sation unter das bisher nach aussen abgeschlossene und miss- 
trauische Volk. Auch die Dichtigkeit der Bevolkerung steht in 
gradem Verhaltniss zu der mehr oder minder durchgefiihrten Abkehr 
vom Hirtenleben. Eine Beduinenfamilie bedarf zu ihrer Ernahrung 
eines weiten Raumes, den sie immer nur streift, die Kabylen graben 
den Boden um und entlocken ihm zehnfachen Ertrag, und wo dort 
Quadratkilometer nothig sind, geniigt hier ein Garten von wenig Schritten. 
Gleichzeitig mit der Aufnahme der neuen Kulturart, weil eng 
an sie gekniipft, war die Einfiihrung des Esels, die Erzeugung des 
Maulthiers, die Verbreitung der Ziege. Der geduldige, arbeitsame 
(plagarum et penuriae tolerantissimus , Idboris et famis maxime 
patiens), zugleich sehr verstandige Esel, der die Geschafte des Hauses 
besorgte, die Miihle und den Brunnen trieb, die Erde in Korben auf 
die Anhohe trug und beladen den Landmann zu den Markten und 
Opferfesten begleitete, er bedurfte nicht wie das Rind fetter 
Wiesen und schattiger Gebiische, iiberhaupt weiterer Strecken, er 
nahm mit dem Ersten Besten vorlieb, was am Wege wuchs oder 
was das Hauswesen abwarf, mit Stroh, Stengeln, Disteln und Dornen. 
Dass er aus dem semitischen Kleinasien und Syrien nach Griechen- 
land gekommen sei wobei immer wahr sein kann, dass Afrika, 
wo noch jetzt seine Verwandten leben, seine urspriingliche Heimath 
ist , lehrt die Sprachgeschichte 40 ) , und wird durch die altesten 
Kultur- und Volkerverhaltnisse bestatigt. In der epischen Zeit, in 
welcher Viehzucht und Ackerbau noch vorherrschen , ist der Esel 
noch gar nicht das gewohnliche Hausthier; er kommt nur an einer 

9* 



132 Esel. Maulthier. Ziege. 

Stelle der Ilias vor (bloss in einem Gleichniss, 11, 558 ff. , das von 
einem den Salaminiern und Athenern nicht gunstigen. Dichter verfasst 
und dann an dieser Stelle eingeschoben scheint; es streift an das 
Parodische und 1st mit der vorausgehenden Vergleichung widersinnig 
gepaart, s. Welcker, der epische Cyclus 2 , II. 361); in der Odyssee, 
in deren zweitem Theil Gelegenheit genug dazu vorhanden war, wird 
er gar nicht genannt und eben so wenig bei Hesiod. Da das latei- 
nische Wort, asinus, eine alterthiimliche Gestalt zeigt, die iiber die 
Zeit der griechischen Kolonisation hinauszuliegen scheint, so muss 
das Thier schon vorher auf dem Landwege durch Vermittelung der 
illyrischen Stamme in Italien eingewandert sein. Oder sollen wir 
annehmen, dass die Cumaner noch affvog sprachen, als sie ihre Staclt 
auf der heutigen Insel Ischia anlegten? Im spateren Italien war 
der Esel, ausser den gewohnlichen Haus- und Felddiensten , die er 
verrichtete, auch wichtig fur den Ein- und Ausfuhrhandel der ge- 
birgigen Theile der Halbinsel. Der Waarentransport aus den innern 
Landschaften zu den Seehafen geschah auf dem Rucken der Esel 
und die Kaufleute hielten zu diesem Zweck eigene Heerden dieser 
Lastthiere, Varro de r. r. 2, 6, 5: Greges fiunt fere mercatorum, ut 
eorum qui e Brundisino aut Appulia asellis dossuariis comportant 
ad mare oleum aut vinum itemque frumentum aut quid aliud. Mit 
der Wein- und Oelkultur die Grenze derselben nicht iiberschreitend 
- ging auch der Esel weiter nach Norden, mit ihm sein Name: in 
demselben Masse, wie das Hochwild der Walder, der bos urus und 
der bos primigenius (der Auerochs und der Wisent) und der Riesen- 
hirsch (der Schelch, noch im Nibelungenliede genannt) ausstarben, 
biirgerte sich der aus der Fremde gekommene Langohr beim Land- 
mann in Gallien ein, erhielt mannigfache Namen und lebte in den 
Sitten, Scherzen, Sprichwortern und Fabeln des Volkes. In Deutsch- 
land war es ihm schon zu kalt. Das Maulthier, bei Homer 
schon nicht selteii, stammte aus dem pontischen Kleinasien und zwar, 
wie Homer ausdriicklich sagt, von den Enetern, einem paphlagonischen 
Volke, II. 2, 872: 

^Everwv, o&ev r^fjiiovwv yevog dygozsQawv, 

wozu der Scholiast bemerkt: bei den Enetern wurde zuerst die 
Vermischung der Esel und Pferde erdacht. An einer andern 
Stelle sind es die Myser, die dem Priamus Maulthiere schenken, 
II. 24, 277: 

Schirrten die Maulthiere an, starkhuiige, kraftig zur Arbeit. 
Welche die Myser dem Greise verehrt als edle Geschenke. 



Esel. Maulthier. Ziege. 

Myser und Paphlagonier wohnten nicht weit von einander, und der 
Weg zu den letzteren geht durch das Gebiet der ersteren. In einem 
Fragment des Anakreon werden die Myser geradezu als Erfinder der 
Maulthierzucht genannt (fr. 34. Bergk.): 

InTtottoQov de MvcfoC 

SVQflV [itfyv OVVOV TlQOg LTlTlOVg. 

Damit stimmt iiberein, dass auch im Alten Testament die Landschaft 
Thogarma, d. h. Armenien oder Kappadocien die besten Maulesel 
lieferte (Ezech. 27, 14); den Israeliten selbst verbot das Gesetz diese 
Zucht. Auch spater noch horen wir von kappadocischen und ga- 
latischen Maulthieren, und von den erstern wird berichtet, sie seien 
fruchtbar, also unter besonders giinstige Naturverhaltnisse gestellt: 
Pseudo-Aristot. de mirab. ausc. 69 (70): sv KajinadoxCq, (patiiv 
fj/iuovovg elvat, yovt t uovg. Plin. 8, 173: Theophrastus volgo parere 
in Cappadocia tradit, sed esse id animal ibi sui generis. Plut. de 
cupiditate divitiarum, 2: r^iio'voi PahauxaC (als Gegenstand des 
Luxus) 41 ). Hochst merkwiirdig, well den israelitischeii religiosen Vor- 
stellungen (vielleicht auch denen anderer semitischer und halbsemiti- 
scher Stamme?) analog, ist das alte, in die mythische Zeit hinauf- 
verlegte Verbot, im Lande der Eleer Maulthiere zu erzeugen. Der 
Konig Oenomaus, der Sohn des Poseidon und Vater der Hippodameia, 
sollte einen Fluch, xaidga, iiber diese Zeugung ausgesprochen haben, 
und seitdem brachten die Eleer ihre Stuten ausser Landes, um sie 
dort von Eseln belegen zu lassen (Herod. 4, 30, Paus. 5, 5, 2); dass 
der Fluch von dem alten Konig Oenomaus herriihrte, setzt Plutarch 
hinzu (Qu. graec. 52). Vielleicht war in diesem elischen Brauch 
nur die durch Religion festgehaltene alteste Zeit aufbewahrt, wo es 
in Griechenland keine anderen, als vom Orient eingefiihrte Maulthiere 
gab und das Volksgefuhl sich gegen solche widernatiirliche Mischung 
noch straubte. Auch bei Homer besitzt der Ithakesier Nae'mon in 
dem weidereichen Elis zwolf Stuten mit den dazu gehorigen Maulthier- 
fiillen (Od. 4, 635 if.). Im Uebrigen ist in der epischen Welt das 
Maulthier schon ein eigentliches Arbeitsthier, sowohl bei der Feld- 
bestellung, als im Geschirr vor dem Wagen (&vz&n&qyov$) und beim 
Schleppen von Lasten, und es wird daher gern als vielduldend und 
muhselig dargestellt (lahaeQYog). Dass es als starker dem Esel vor- 
gezogen wurde, lehrt der bekannte Vers des Theognis 996: 

yvotfig % oGffov oroov xgeffaovss Tffiiovoi. 

Auffallend aber ist die abstracte Benennung r^uovog, Halbesel, und 
OQwg, ovgevg, Bergthier, die sich in dieser doppelten Gestalt auch 



134 Esel. Maulthier. Ziege. 

bei Hesiod findet und durch das ganze Alterthum fortwahrt. Zur 
Erklarung von ovQei'>c mag II. 17, 742 dienen, wo das Maulthier 
Balken und Schift'sbauholz aus den Bergen miihsam hinabschleppt, 
oder II. 23, 114 ff. , wo die Manner mit Aexten, Seilen und Maul- 
thieren in die hohen Schluchten des Idagebirges hinaufziehen, um 
Holz fur den Scheiterhaufen des Patroklos zu holen, die Last aber 
den Maulthieren angebuiiden wird, die sie dann in die Ebene 
stampfend hinabtragen. Nach Italien kam der mulus, wie dieser 
Name beweist, aus Griechenland 42 ); das lateinische Wort diente 
dann alien Volkern, die das neue kiinstlich geschaffene Thier bei 
sieh aufnahmen, zur Bezeichnung desselben. Wie noch heute, wurden 
auch zu Varros Zeit die Fubrwerke auf den Landstrassen von Maul- 
thieren gezogen, die neben der Kraft und Starke auch durch Schon- 
heit dem Auge wohlgefallig sein mussten, wie gleichfalls noch heut 
zu Tage, 2, 8, 5 : in grege mulorum parando spectanda aetas et forma, 
alterum ut vecturis sufferre Idbores possint, alteruin ut oculos aspectu 
delectare queant, hisce enim binis conjunctis omnia vehicula in viis 
dueuntur. Auch die Griechen lieben ein solches ^svyog OQIXOV, und 
schon Nausicaa fahrt in der mit Maulthieren bespannten a,uaa oder 
aniqvri zum Meeresufer und von diesem zur Stadt zuriick. Auch 
die Ziege ist das Hausthier des mehr gartenartigen Anbaues in siid- 
lichen Gebirgsgegenden ; sie nahrt sich von aromatischen Stauden, die 
von selbst an den heissen Felsabhangen spriessen; sie nimmt auch 
mit hartblattrigem Gestrauch vorlieb und giebt eine fette, gewiirzige 
Milch. Das diirre Attika, reich an Oel und Feigen, ernahrte auch 
zahlreiche Ziegen; ja eine der vier alten attischen Phylen, die der 
AlyixoQeZs, war nach den Ziegen benannt. Auch wenn die Ziege schon 
mit den ersten arischen Volkerziigen in Europa einzog und also den 
Hellenen und Italern nicht erst in ihrer neueii Heimath bekaniit 
wurde, so fand sie doch erst hier und erst mit der adoptirten semi- 
tischen Kulturart ihre eigentliche Stelle und niitzliche Verwendung 43 ). 
Dass auch die eigentliche Bienenzucht erst mit der Baum- 
zucht auftreten konnte, ist leicht einzusehen. Wer ein Olivenreis 
pflanzte, das ihm gehorte, und von dem er erst nach Jahren Friichte 
erwartete, der konnte auch innerhalb eines umfriedigten Raumes 
Bienenstocke hinstellen, sie zur Winterszeit pliegen, ihre Zahl durch 
Kolonien des Mutterstockes , wie die der Fruchtbaume durch Setz- 
linge, zu seinem Nutzen vermehren und zu rechter Zeit und in be- 
stimmten Fristen in G'estalt von Honig und Wachs den Lohn fur 
seine Bemiihung einziehen. Aristaus, der inventor olei, erfand auch 






Esel. Maulthier. Ziege. 135 

die xaraGxevi] rwv o^vciov, d. h. die Bienenwirthschaft, und als sein 
Bruder wird Autuchos genannt, d. h. der Selbstbesitzende. Homer 
weiss noch nichts von Bienenstocken ; wenn das zweite Buch der 
Ilias einmal die Achaer sich sammeln lasst, wie die Bienen aus 
einer Felsenhohlung ausfliegen, so bilden die letzteren also einen 
frei in der Wildniss lebenden Schwarm. Erst eine Stelle der hesio- 
dischen Theogonie (v. 594 if.), die eben darum nicht sehr alt sein 
kann, kennt die o/^'i^ und die Giinfihoi,, d. h. kunstliche Bienen- 
korbe, und unterscheidet auch die Arbeitsbienen von den Drohnen, 
welche letztere mit den Weibern verglichen werden! Der Hirte be- 
raubte wilde Bienenstocke, die er im Walde fand, und bereitete, 
wenn der Fund reich war, M e t h aus dem Honig ; der Ackerbauer 
liess sein Mehl zu einer Art rohen Bieres gahren; der Weinbauer 
mischte oft den Honig, den er regelmassig gewann, in seinen Wein 
und nannte diesen dann pedv oder inulsum und glaubte, der Genuss 
davon schaft'e ihm langes Leben 44 ). 



* * So wahrscheinlich es ist, dass der Esel in homerischer Zeit noch kein 
eigentliches Hausthier war, ebenso un wahrscheinlich ist es, dass sein Name 
aus dem semitischen Volkerkreis den Griechen zukam, dass mit Benfey 
und Hehn (ygl. oben S.-131 und Anm. 40) Entlehnung des griech. ovo? aus 
semitischem dton Eselin anzunehmen sei. Dariiber zuerst Lagarde, Arm. Stud. 
S. 56. Das griech. ovo? und lat. asinus gehen vielmehr wahrscheinlich auf 
eine gemeinsame Grundform * asnas zuriick, deren Herkunft zunachst im Norden 
der Balkanhalbinsel zu suchen sein wird. Vielleicht ist weiter eine Verkniipfung 
mit dem araien. es Esel moglich, von dem wieder das turko-tat. esek, esik und 
das sumerische ansu, ansi nicht getrennt werden konnen. Vgl. hier- 
iiber F. Hommel in der Beilage zur allg. Zeitung 1895, No. 197, S. 3, der 
auch den Namen der medisch-elamitischen Landschaft Anschan, der Heimath 
des Perserkonigs Kyros, hierherstellt, die er ansprechend als Eselland deutet. 
- Wenn aber der homerischen und hesiodischen Volkswirthschaft, welche 
das Maulthier haufig verwendet, der Esel als Hausthier noch nicht bekannt 
war, so ist es auffalligj dass das altere Maulthier dennoch nach dem spater 
auftretenden Esel benannt ist (4)fxiovoi;: b'voc). Es scheint sich dies durch die 
Annahme zu erklaren, dass, als die Hellenen sich selbst der Zucht von Maul- 
thieren zuwandten, sie einzelne Esel oder Eselinnen lediglich zum Beschalen 
oder Beschaltwerden bei sich einfiihrten, die viel zu kostbar waren, um der 
Feld- und Hausarbeit zu dienen. Hierfiir scheint zu sprechen, dass in der 
altesten an Homer anschliessenden Lyrik der Esel eher als Zuchtthier denn 
als Hausthier geschildert wird. So lautet das 97. Fragment des Archilochos 
(bei Bergk): 

4] 8s ol oa^Y) 
st t'ovou 



136 Steinbaukunst. 

(inguina ei turgebant, wie die des Prienischen Zuchtesels, der mit Korn ,ge- 
fiittert). Auch Simonides von Amorgos, der jungere Zeitgenosse des Archi- 
lochos, der in seinem Gedicht auf die Weiber einigen von ihnen den Sinn 
des Esels beilegt, bezieht sich hierbei auf das Phlegma, die Gefrassigkeit und 
die Geneigtheit des Esels zu den epya ftppo8iata. Die Phokaer batten nach 
Hesych ein besonderes Wort fur die ovou? ere 5 c^siav ireptTCOfxIvou?, fiir die zum 
Beschalen eingefiihrten Esel: jjio^Xoi; (:jAtSvcXor ol XOCYVOC, xai ft/eotou und fxuttoi;' 
Yovatxo<; atSoiov, von scrt. mue, Curtius No. 92). Die erste sichere Erwahnung 
des Esels als eines Hausthieres findet sich bei Tyrtaus (Bergk 6), der j linger 
ist als Archilochos und Simonides: 

ovoi fxeYa^oi? ofyfteao Tetp6}xevot 



ftavcoc ooov xaprcov apoupa cpepst. 
Ist es richtig, dass ovoc urspriinglich nicht als Lastthier, sondern als Zucht- 
thier seinen Werth batte, so wiirde schon hieran der Versuch Ficks (Vergl. 
W. I 4 , 15, 368), ovo; von asinus zu trennen und zu lat. onus Last zu stellen, 
scheitern. Vgl. dazu auch G. Meyer, Idg. F. I, 319. Vollstandige Litteratur- 
angabe iiber die Deutungsversuche der Worter ovos-asinus bei Muss-Arnolt, 
Transactions of the American Phil. Association XXIII, 96 f. und H. Lewy, 
Die semitischen Freindw. im Griechischen S. 4. 

In nahem Zusammenhang mit der aphrodisischen Bedeutung, welche 
der Esel im altesten Griechenland hatte, wahrscheinlich auch mit der nord- 
lichen Herkunft des Thieres, steht die Rolle, welche dasselbe im Dionysos- 
dienst in Verbindung mit Bacchos und Seilenos, von Reben umgeben, auf 
antiken Mtinzen (namentlich macedonischen) und Gemmen spielt (vgl. Thier- 
und Pflanzenbilder auf Mtinzen und Gemmen des klassischen Alterthums von 
Imhof-Blumer und Otto Keller, Leipzig 1889). 

Ebenso wenig wie lat. asinus aus ovo? entlehnt sein kann, ist lat. mulus aus 
griech. jio^Xo? hervorgegangen (vgl. oben S. 134 und Anm. 42), das, wie die 
Falle von codea, troclea, nucleus, codes, -dum zeigen, seinen inlautenden Guttural 
im Lateinischen hatte bewahren mussen. Lat. mulus aus *mus-lo schliesst sich 
vielmehr mit alb. musk Maulesel aus *mus-Jco, friaul. muss, venez. musso Esel, 
auch rum. muscoiu zu einer einheitlichen Gruppe zusammen, die auch ins 
Slavische (altsl. mizgu und misku) ubergegangen ist. Vgl. G. Meyer, Idg. 
Forschungen I, S. 322. Ebendieser Gelehrte hegt die ansprechende Vermuthung, 
dass jenes so erschliessbare illyrische *mu80, *mus-ko, *nms-lo nichts anderes 
als my sis dies (Muooi) Thier (vgl. oben S. 132) bezeichnet habe. Wir wtirden 
also auch hier in den Norden Kleinasiens gefuhrt werdeu, und naturgemass 
wird der Ursprungsort der Maulthierzucht in der Nahe des Ausgangspunktes 
des Esels zu suchen sein. Ein anderer Ausgangspunkt fur die Zucht des 
Maulthiers als die sudpontischen Gebirge scheint das abessynische Hochland 
gewesen zu sein. Vgl. daruber F. Hommel, Die Namen der Saugethiere S. 112ff. 



Schon im Vorhergehenden ist hin und wieder darauf hingedeutet 
worden, dass mit der grossern Stabilitat des Lebens, die die Garten- 
kultur mit sich brachte, auch die Wohnungen der Menschen einen 



Steinbaukunst. 137 

dauernden Charakter gewannen. In der That ging auch die Stein- 
baukunst vom sudostlichen Winkel des mittellandischen Meeres aus 
und verbreitete sich wie Wein und Oel schrittweise liber die Kiisten 
und Halbinseln des siidlichen Europas und von da iiber die civilisirte 
Welt. Phonizier batten in der Urzeit die Kunst des Mauer- und 
Terrassenbaues den Griecben gelehrt, Griechen bracbten sie spater 
den Etruskern und Lateinern zu, von Italien kam sie in einem ganz 
jungen Zeitalter zu den Volkern iiber den Alpen. Als die Indoeuro- 
paer mit ihren Heerden vom Aralsee und kaspischen Meer deren 
damalige Gestalt wir nicht kennen westwarts zogen, da ernpfing 
sie entweder unabsehbare Steppe oder zusammenhangender, endloser 
Wald. In der erstern, die zum Umherschweifen einlud, fehlte das 
Material zum Aufbau eines Hauses, und so lebten Skythen und 
Sarmaten auf dem Wagen und unter dem binsengeflochtenen Korbe, 
der diesen iiberdeckte, Hesiod. Frag. 189 Gottl.: 

yhaxToydywv sis alav, dmjvcug oixC* 
Aesch. Prom. 708: 

S' CKpC&t, voftddag, ot rcfaxzag 
vaiova &TI evxvxhoig oxocg. 
Diese Wagen waren sehr gross und wurden nicht bloss von vier, 
sondern auch von sechs Radern getragen, Hippocr. de aere etc. 25, 
Ermer. : sie heissen Nomaden, weil sie keine Hauser haben, sondern 
auf Wagen wohnen ; von den Wagen sind die kleinsten vierraderig, 
die andern haben sechs Rader so dass die Hauser auf Radern, 
vjiiaZoyoQyTOt, olxot, bei Pindar, bewegliche Hauser genannt werden 
konnten. Und wirklich fahrt Hippokrates fort: diese Wagen sinrl 
mit Filz bedacht; sie sind g'ebaut wie Hauser, waney oixijfjiaxa, 
die einen zweifach, die anderen dreifach; sie schiitzen wider Regen, 
Schnee und Wind und werden von Ochsen gezogen, bald von 
zweien, bald von dreien u. s. w. ; auf den Wagen leben die Weiber 
und Kinder, die Manner reiten. Die nordlich an die Sarmaten 
stossenden Slaven batten viel von den Sitten der erstern ange- 
nomrnen, aber ein Reiter- und Wagenvolk waren sie nicht; sie 
schweiften als Rauber durch die Walder, aber sie bauten Hauser, 
Tac. Germ. 46 (die erste genauere Erwahnung der Slaven und ihr 
Eintritt in die Geschichte, nachdem Plinius bloss ihren Namen ge- 
nannt) : Veneti multum ex moribus (Sarmatarum) traxemnt. Nam 
quicquid inter Peucinos Fennosque silvarum ac montium erigitur, 
latrociniis pererrant. Hi tamen inter Germanos potius referuntur 
quid et domos figunt et scuta gestant. Wie dies alteste slavisch- 



138 Steinbaukunst. 

deutsch-keltische Haus aussah, lehren uns noch heut zu Tage die 
Wohnungen der an den Grenzen von Europa und Asien umher- 
schweifenden Volker, z. B. der Turkmenen (abgebildet bei Vambery, 
Reise in Mittelasien, deutsche Ausgabe, zu S. 253): das Gestell wird 
aus Stangen gemacht und ebenso das Dach; beides zusammen bildet 
einen oben abgerundeten Cylinder; das Ganze wird mit Filzdecken 
belegt, auch vorn die rechtwinkelige Thuroffnung durch eine Filzdecke 
verhangt. In seiner spatern, wohl schon vervollkommneten Gestalt 
zeigen es uns die Darstellungen der Antoninsaule und die gelegent- 
lichen Nachrichten der Griechen und Romer, denen die Zeugnisse 
des fruhern Mittelalters nicht widersprechen. Auf der ersten bestehen 
die Vertheidigungswerke der Marcomannen und Quaden, die Marcus 
Aurelius stiirmt, deutlich aus Flechtwerk, das ins Kreuz mit gedrehten 
Seilen umschniirt ist; die Wohnungen bilden Cylinder mit rundge- 
wolbtem Dach, ohne Fenster, mit rectangularer Thur: sie scheinen 
mit Binsen oder Ruthen durchflochten und sind mit Schnuren um- 
wunden. Die Hauser der Kelten beschreibt Strabo 4, 4, 3 als 
VoAoeideig, cylinderformig, und aus Brettern und Ruthengeflecht, 
ex oavldwv xal yeggvov, bestehend, und ahnlich wohnen noch zu 
Jordanis Zeit die entfernten Kaledonier und Maoten, als die Stamm- 
genossen auf dem Festland sich schon langst romisch eingerichtet 
hatten, Jord. 2: virgeas habent casas, communia tecta cum pecore, 
silvaeque illis saepe sunt domus. Auch die Slaven erscheinen bei 
Procop in solchen geflochtenen Hiitten, die sie in unstatem Wechsel 
leicht veiiassen und am andern Orte wieder aufstellen, de bell. goth. 
3, 14: olxovfft, ds ev xahvftaig olxTQalg distixrjvrjjiievoi, jro&fap /tisv an 
aMfawv' dfisifiovTeg de a>g xa TtoMa rbv ire, evot,xr^(Seiog exaatoi ywgov, 
ja ganz spat, als Helmold schrieb, war es noch nicht anders, 2, 13: 
nee in construendis aedificiis operosi sunt (Sclavi), quin potius 
easas de virgultis contexunt, necessitati tantum consulentes adversus 
tempestates et pluvias . . . nee quicquam hostili patet direptioni 
nisi tuguria tantum, quorum amissionem facillimam judicant. 
Die Sueven, sagt Strabo, und die iibrigen dortigen Stamme wohnen 
in Hiitten, deren Einrichtung nur auf einen Tag berechnet ist, 7, 
1, 3 : xocvov <f eauv anaat, wig xavry ^o , , . . ev KC&vfttov; oixelv, 
eytfiueQov e'xovGi naQaaxevtjv. Nicht anders schildert uns Seneca die 
Hauser und die Lebensart der Germanen und der Volker an der 
Donau, de provid. 4, 4: omnes consider a gent es, in quibus It omana 
pax desinit: Germanos dico et quidquid circa Histrum vagarum 
gentium occursat. Perpetua illos hiems, triste coelum premit, 



Steinbaukunst. 

maligne solum sterile sustentat, imbrem culmo aut fronde defendunt, 
super durata glade stagna persultant, in alimentum feras captant. 
- Nullae illis domicilia nullaeque sedes sunt, nisi quas lassitudo 
in diem posuit. Die Germanen kannten, wie nachher Tacitus be- 
richtet, den Gebrauch von Mortel und Ziegeln nicbt, Germ. 16: ne 
caementorum quidem apud illos aut tegularwm usus: materia ad 
omnia utuntur informi (Baumstarame, geflochtene Weiden, Schilf) 
et citra speciem aut delectationem. Ungefahr dasselbe melden He- 
rodian 7, 2, der von den Buden der Germanen den sprechenden 
Ausdruck GxyvoTioislGdai, braucht, und Ammianus Marc., wenn er 
18, 2, 5 die Wobnungen der Germanen poetisirend als saepimenta 
fragilium penatium bezeichnet. Auf einem Fundament ruhten diese 
Hiitten nicht, denn ein Dieb konnte Nachts in sie eindringen, indem 
er sich unter der Erde durchgrub, 1. Saxon. 4, 4 : qui noctu domum 
alterius effodiens vel effringens intraverit .... capite puniatur. 
Ueber den Umfassungswanden Ing das Dach, ohne innere Theilung 
des Raumes, denn das alemannische Gesetz bestimmte, ein Neuge- 
borenes habe gelebt, wenn es die Augen geoffnet und das Dach und 
die vier Wande erblickt habe, 1. Alam. 92 : ut possit aperire oculos 
et videre culmen domus et quatuor parietes (das Haus war also 
nicht rund, sondern schon viereckig, gleich den Wohnungen der 
Dacier auf der Trajanssaule, die auch liber der Thur schon ein Fenster 
zeigen). Wie leicht das Ganze gezimmert war, ersehen wir besonders 
aus dem Titel 10 der lex Bajuv., ob gleich doch der Einfluss aus 
Siiden damals schon gewirkt hatte : dort wird z. B. mit Strafe be- 
droht, wer ein fremdes Haus auseinanderwirft welches letztere 
folglich von lockerem Bestande war. Dass solchen Hausern ewig die 
Gefahr drohte, in Feuer aufzugehen, war natiirlich: der Feind warf 
den Brand in das Schilfrlach, wie wir Marc Aurel auf seiner Saule 
wiederholt thun sehen, der Rauber legte heimlich Feuer an das 
Zimmerwerk, eine zufallig ausgebrochene Flamme verzehrte rasch die 
Stamme der Wande und das trockene Geflecht, mit dem sie verbunden 
waren. Schon das in der Mitte des Hauses auf dem Boden brennende 
Heerdfeuer, das seinen Rauch zum Dach hinaussandte und das Holz- 
werk ausdorrte, so wie die bei alien Nordvolkern herrschende Sitte, 
die langen Winterabende mit dem brennenden, in einen Spalt ge- 
steckten Span zu erhellen, musste dem Hause oft Verderben bringen. 
Nicht selten mochten dann auch die auf dem Boden schlafenden 
Hausgenossen in Rauch und Flammen ihren Untergang finden ; aber, 
wenn sie sich retteten, stand ein neues Haus bald wieder da, das 



140 Stembaukunst. 

nicht wie das alte, den Regen durchliess und von Rauch iiber und 
iiber geschwarzt war, und mit deni alten war gliicklicher Weise auch 
alles Ungeziefer, von dem es bevolkert gewesen war, mitverbrannt. 
- Die Vordersten des grossen indoeuropaischen Zuges, die Kelten, 
waren auf ihrer Wanderung nach Westen auf das Volk der Iberer 
gestossen, die, wenn die Vermuthung nicht triigt, ihrerseits das 
ausserste Glied einer grossen Volkerreihe bildeten, welch e vom Nil- 
thai die Nordkiiste Afrikas entlang durch das heutige Spanien bis 
an den Kanal und den atlantischen Ocean reichte. Gehorte dieser 
Race der Drang nach Aufrichtung jener Steindenkmale an, die wir 
unter verschiedenen Fomien und Namen in Algier wie auf Sardinien, 
im westlichen Frankreich wie auf den britischen Inseln verbreitet 
finden (Nuragen, Dolmen, Cromlech u. s. w.), und hatten die Kelten 
diese Sitte, wenn sie sie spater auch iibten, nur von diesen ihren. 
Vorgangern geerbt? War es derselbe, nur hier im Nordwesten in 
den rohesten Anfangen verbliebene Zug, der in der Errichtung der 
Tempel Aegyptens waltete und fast bis an die Grenze des Schonen 
und wirklicher Kunst sich erhob? Zufolge ihrer geographischen 
Stellung traten die Kelten friiher mit phonizischer, griechischer und 
romischer Kultur in Beziehung und lernten eine steinerne Grundlage 
in die Erde senken, den Stein fiigen, schneiden, mit Mortel verbinden 
und sich dadurch dauernd auf der heimischen Scholle niederlassen. 
Viel spater lernten es die Germanen, die Slaven des Ostens haben 
es grossentheils noch heute nicht gelernt. Der blosse Ackerbau be- 
gniigte sich wohl noch mit holzernen Hausern, mit geflochtenen 
Speichern (lit. Metis, altsl. Idett, Nebengebaude, Vorrathskammer ; 
goth. hleithra, Zelt, Laube; im altkeltischen cletd, irischen cliath, 
kymbrischen eluit, noch in der Bedeutuug Flechtwerk, Hiirde, mittell. 
cleta, franz. claie, proven9alisch cleda u. s. w.) und blossen Hiirden 
fiir Pferde und Vieh; erst als der Weinstock kam, kam auch die 
Mauer (auch altirisch mur), die ihn umschloss, die steingewolbte 
Strasse, via strata, die an ihm vorbeifiihrte und die steinerneii 
Weiler, villas, die Markte, mercatus, die Brunnen (lat. puteus, 
ahd. puzza, mhd. biitze, nhd. mit etwas veranderter Bedeutung 
Pfiitze), die Kloster, die Dome und bald auch die Stadte mit ein- 
ander verband. Konnten wir daran zweifeln, dass die eigentliche 
Baukunst vom Mittelmeer stammt, und dass sie vom Siiden nach 
Norden und vom Westen nach Osten langsam vordrang, die Geschichte 
der gebrauchlichsten Worter wiirde es uns beweisen. Das griechische 
%dfa% wurde von den Romern als calx entlehnt, aus dem romischen 



Steinbaukunst. 1 4 j 

calx entstand unser Kalk; die franzosische und deutsche Chaussee 
1st die romische via calcata, die Kalkstrasse. Unser Ziegel und 
Tie gel ist das entlehnte lateinische tegula, unser Mortel das lat. 
mortarium, unser Thurm das germanisirte turns, das goth. Jcelikn, 
der Thurm, stammt aus dem Altgallischen (celicnon in einer In- 
schrift, s. de Belloguet, ethnogenie gauloise, 1, p. 202 und Kuhn 
und Scbleicher, Beitrage, 2, 108), das inhd. phisel, phiesel, heizbares 
Frauengemach, ist das mittell. pisalis, pisale, unser Fenster und 
Seller das lat. fenestra und solarium, unser Pforte, Pfosten, 
Pfeiler die lateinischen porta, postis, pilarium, die ahd. cheminata, 
mhd. kemendte die lateinische caminata u. s. w. Woher die Stube, 
urspriinglich ein heizbares, feuerfestes Gemach, besoriders zum Bade 
eingerichtet, eigentlich stammt, ist dunkel : ital. stufa, schon in der 
lex Alam. 82, 2 stuffa, stuba, altslavisch istuba, izba, jetzt in alien 
slavischen Sprachen fiir Bauerhaus, tugurium : gebrauchlich 45 ). Als 
die Slaven in die Oder- und Donaugegenden einwanderten, konnen 
sie keinerlei Mauerwerk gekannt oder betrieben haben, denn ihre 
Ausdriicke dafiir stammen theils aus Byzanz, theils aus Deutschland, 
einige auch aus dem Bereich tiirkischer Sprachen. Fiir Kalk gilt 
altsl. und serbisch Idak aus dem Deutschen, altsl. und russisch izvisti 
aus dem byzantinischen afffteffrog. Fiir Ziegel sagen Polen und Bohmen 
init dem germanischen Wort: cegta, cihla, wahrend das altsl. pli- 
niita, plita, russ. plita, poln. ptyta, lit. plyta aus dem byzantinischen 
rcUvSoi;, cremiga aus TO, xegd^ia gebildet ist. Der Ursprung des 
altsl. Jcamara oder Jcomara, des altsl. hamina, des russischen und 
polnischen Jcomnata, Zimmer, liegt auf der Hand. Das griechische 
xa&vpr] wurde zu einem gemeinslavischen Wort, altsl. Icoliba, Jcolibu, 
lit. kaMpa, das griech. rsQe/avov zu trJmu, Thurm, Schloss, das 
deutsche Mauer zum polnischen mur, kroatischen und serbischen 
mir, drang aber nicht bis zu den Russen tief im Osten. Das 
bohmische Prag an der Moldau ist eine hochgethurmte Stadt, denn 
es liegt dem europaischen Westen nahe und ist mit dessen Hiilfe 
gebaut; das russische Moskau war bis 1812 und ist zum grossen 
Theil noch jetzt ein holzernes Lager, ahnlich der Budinennieder- 
lassung, von der Herodot berichtet, und wenn das russische Volk 
seinern Czarensitz der wenigen Steinbauten wegen, die sich drin 
fanden und die von herbeigerufenen Italienern errichtet waren, in 
seinen Liedern den stehenden Beinamen die weisssteinige, beloka- 
mennaja, gab und giebt, so beweist dies nur, wie es solche Wunder 
sonst im Reiche seiner Erfahrung nicht fand. Der romanisch- 



142 Das Bier. 

germanische Westen, nachdem er sich einmal der sudlichen Bauweise 
bemachtigt, trieb im Mittelalter seine Thurrne und Kreuzgewolbe 
sehnsuchtsvoll gen Himmel, fast bis zur Hohe der agyptischen 
Pyramiden ein dennoch barbarischer , krankhafter Drang, von 
dem sich das massvolle Gemiith des Griechen frei gehalten hatte. 
Auch die Stadtearchitektur des Mittelmeers , horizontal, in Wiirfeln 
und Terrassen den mit der Burg gekronten Hugel von alien Seiten 
ersteigend oder amphitheatralisch gegert die Meeresbucht geoffnet, 
reicht nicht weiter als etwa der Bezirk der Olive; von da nach 
Norden beginnt die von mystisch sinnenden Meistern der Bauzunft 
errichtete, gothische, in spitzen Giebeln aufwarts gedrangte mittel- 
europaische Stadt. Wie hoch die babylonisch-assyrischen Terrassen- 
bauten aus Luftziegeln sich erhoben, wissen wir nicht gewiss; was 
die Erde jetzt tragt, steigt etwa so weit empor, wie auch die hoch- 
sten Baume, die Sequoja von Kalifornien und die Eucalyptus von 
Australien, 4 bis 500 Fuss , so weit ist fur Menscherikunst 
und fur das organische Leben das Streben aufwarts von diesem 
Plane ten moglich. Wie einst der hamitisch-semitische Stein das 
TJrmaterial, das Holz, verdrangt hatte, so ist mit der neuesten 
technisch-mechanischen Civilisation das Glas und das Eisen als 
Baustoff aufgetreten, das Glas, ein fast unkorperliches Ding, das 
Eisen, spat gefunden und nur zu Werkzeugen erschaffen, eine 
damonische Zauberkunst, die den Alten so unbegreiflich geschienen 
hatte, wie Gebaude aus Wolkendunst, oder als eine Sinnestauschung, 
wie die Perlenbriicke der Iris. 



Als das romische Weltreich fertig war, fielen seine Grenzen un- 
gefahr mit denen des Weines und Oeles zusammen; wo es nach 
Suden dem Weinstock zu heiss oder nach Norden zu kalt war oder 
wo das Olivenol nicht mehr zur taglichen Nothdurft gehorte, da 
herrschte auch der Romer nicht oder nur voriibergehend und da 
endete der Boden der antiken Welt. Auch das heutige Europa lasst 
sich passend in das Wein- und Oelland und das Bier- und 
Butterland theilen; das Gebiet des erstern deckt sich etwa mit 
dem der Senkung zum mittellandischen Meere, der Bezirk des 
letzteren etwa mit dern der Abdachung zur Nord- und Ostsee. In 
altester Zeit war dies Verhaltniss ein anderes. Sammelt man die 
in den Schriften der Griechen und Romer zerstreuten auf die Ge- 
schichte des Bieres und der Butter beziiglichen Stellen, so erstaunt 



Das Bier. 143 

man, wie ausgedehnt einst das Reich beider jetzt fur nordisch ge- 
haltenen Genussmittel gewesen 1st und wie ganze Lander und Volker 
von ihm abgef alien sind. Bacchus Gabe verdrangte das alteinheiniische 
aus Kornerfriichten gekochte triibe Getrank und Minervens Geschenk 
trat an die Stelle des Fettes, das djer Hirte aus der Milch der 
Schafe, Kinder und Pferde abgeschieden hatte. Es war wie der 
Sieg einer aus der Fremde gekommenen neuen Religion und Sitte 
liber barbarische Gewohnheiten , fur welche letztere der Geschmack 
nur sehr allmahlich, erst bei den Stammeshauptern und Edlen, zuletzt 
auch bei der Menge und dem Volke verloren ging. Dass bei den 
Aegyptern diesem uralten, vorsemitischen Volk, das vielleicht 
schoii vor der Zeit, wo indoeuropaische Schwarme sich iiber Europa 
ergossen, eine eigenthumliche Civilisation entwickelt hatte ein 
Trank aus Gerste im Gebrauch war, berichtet schon Hecataus, Athen. 
10, p. 447 und 10, p. 418 = Mull. Fragm. 290: tag xQtttag sk w 
, und nach ihm Herodot 2, 77: owo <T sx XQI&SWV 

ov yaQ o<pC eltiw sv vy %a>QH afiTishoi. Bei 
Aeschylus ruft der Konig von Argos den aus Aegypten gekommenen 
Danaiden zu, hier wiirden sie eine mannliche Bevolkerung finden, 
nicht Trinker von Gerstenwein, Suppl. 953: 

tfsvdg tot, xrjgds yrjg oixrpoQag 

ov TiCvovmg ex xqidwv fj,e&v. 
Der Gott Osiris selbst hatte da, wo die Landesnatur der Erzeugung 
des Weins sich widersetzte, zum Ersatz die Bereitung eines Ge- 
trankes aus Gerste gelehrt, welches an Wohlgeschmack und Kraft 
sich fast mit dem Weine messen konnte (Diod. 1, 20). Die Aegypter, 
sagt der Akademiker Dio bei Athen. 1, p. 34, die ein sehr zum 
Trinken geneigtes Volk sind, haben fur diejenigen, die zu arm sind, 
sich Wein zu schaffen, ein Surrogat erfunden, namlich den Wein 
aus Gerste: wenn sie diesen zu sich nehmen, sind sie lustig und 
singen und tanzen, kurz benehmen sich, als waren sie siissen Weines 
voll. Auch in dem erst seit der macedonisch-griechischen Zeit be- 
stehenden und von sehr gemischter Bevolkerung bewohnten Alexan- 
drien genoss die Menge zu Strabos Zeit meist jenes altagyptische 
Getrank (Strab. 17, 1, 14). Den Namen desselben meldet zuerst Theo- 
phrast, de caus. pi. 6, 11, 2: olov cog ol wvg olvovg Tioiovvisg lx 
rajv xQidwv xai TWV TIVQWV xal TO sv Myvniw xahov [tevov v&og, 
und unter diesem Namen v$og (auch v$og geschrieben, bald als 
Masculinum, bald als Neutrum, lat. zythum} wird das Getrank seit- 
dem ofters von griechischen und lateinischen Schriftstellern erwahnt. 



144 I> as Bier - 

Das Wort ware wohl aus griechischem Sprachmaterial zu deuten, 
wenn es nicht ausdrucklich als agyptisch bezeichnet wiirde, z. B. von 
Diodor 1, 34: die Aegypter bereiten auch aus Gerste ein Getrank, 
welches sie v9og nennen (o xa&ovai v$og). (S. Jablonskii 
Opera ed. Te Water 1, p. 7679). Begreiflich ist, dass auch die 
Aegypter den schleimigen , susslichen Trank durch beissende Zu- 
thaten geniessbarer zu machen suchten, wie denn auch bezeugt wird, 
Colum. 10, 114: 

Jam siser Assyrioque venit quae semine radix 
Sectoque praebetur madido sociata lupino 
Ut Pelusiaci proritet pocula zythi. 

Selbst von den oberhalb Aegypten wohnenden Aethiopen berichtet 
Strabo 17, 2, 2, sie lebten von Hirse und Gerste und bereiteten sich 
aus dieser Feldfrucht ein Getranke. Noch jetzt fanden die von ver- 
schiedenen Ausgangspunkten zu den Nilquellen vordringenden eng- 
lischen Reisenden bei den Halbnegerstammen jener Gegend ein 
rohes, berauschendes Bier im Gebrauch, das aus Kiirbisschalen ge- 
trunken wurde. Ueber die Biere und Biernamen der friihern und 
der spatern Araber in Aegypten s. die Abhandlung von S. de Sacy in 
seiner Chrestomathie arabe II, 437 ff. ; einer der letzteren fokka ging 
als (fovxag zu den Byzantinern iiber, s. Ducange s. v. und die daselbst 
angefuhrten Stellen des Simeon Seth und des Matthaeus Silvaticus. 
Wie in Afrika ist auch in Spanien bei vor-indoeuropaischen, mit 
den Libyern Afrikas genealogisch oder culturhistorisch sich beriihren- 
den iberischen Stammen das Bier seit alter Zeit iiblich. Spanien 
gilt bei Plinius als ein vorziigliches Bierland, wo man das Produkt 
lange aufzubewahren was in warmem Klima doppelt schwierig 
ist, ja wohl gar durch Alter zu vertedeln verstand, 14, 149: 
Hispaniae jam et vetustatem ferre ea genera docuerunt. In den von 
Strabo geschilderten Sitten der entfernter nach den Kiisten des Oceans 
zu wohnenden iberischen Stamme findet sich so viel Fremdartiges, 
Wildes und Isolirtes, dass, wenn derselbe Schriftsteller von den 
Lusitanern berichtet, sie bedienten sich des &9os (3, 3, 7 : XQWVTCU, 
de xal v$ei,), wir diesen Gebrauch nicht von keltischem Einfluss 
ableiten, sondern fiir altlusitanisch halten werden. Der Wein aber, 
fiigt Strabo hinzu, ist bei ihnen selten (olvco tie anavC&VTai) der 
also damals schon in das Land des Portweins vorzudringeii begann 
und jetzt auf der Halbinsel die Alleinherrschaft behauptet. Einen 
charakteristischen Zug der Anhanglichkeit an das nationale Getrank 
berichtet Polybius (bei Athen 1, p. 16) von einem halbgracisirten und 






Das Bier. 



also halbcivilisirten iberischen Konige: er ahmte im Uebrigen in 
seinem Palaste den des Konigs der Phaaken bei Homer nach 
schon dies war barbarisch, liess aber eine Ausnahme zu: in der 
Mitte des Gebaudes standen silberne und goldene Gefasse, gefiillt 
init Gerstensaft. Einen ahnlichen Eindruck macht es, wenn wir 
von den heldenmiithigen Numantinern lesen, dass sie aufs Aeusserste 
gebracht, im Begriff einen Ausfall auf Tod und Leben zu machen, 
sich vorher bei einem Schmause mit halbrohern Fleische fallen 
also wie heutige Englander und mit der indigena ex frumento 
potio oder dem succus triticus per artem confectus begeistern (Flor. 
Epit. 1, 34 2, 18; ausfuhrlicher Paul. Oros. 5, 7). Den Namen 
dieses spanischen Getrankes erfahren wir zuerst durch Plinius 22, 164: 
ex iisdam (frugibus) fiunt et potus, zythum in Aegypto, caelia et 
cerea in Hispania. -- Auch die Ligurer, wohl ein Seitenzweig der 
Iberer oder ihr ausserster Vortrapp nach Osten, nahren sich bei 
Strabo 4, 6, 2, vom Ertrage der Heerden und trinken Gerstenwein. 
- Eiiie andere Reihe urspriinglich biertrinkender Volker im Siidosten 
gehort schon in die grosse Gruppe der Indoeuropaer. Phryger und 
Thraker, auch sonst unter einander nahe verwandt, erscheinen schon 
bei Archilochus, also nach dem Jahr 700 vor Chr., als fiqvwv trinkend, 
Athen 10, p. 447 = Fragm. 32 Brgk: 

<Mff7lQ TTdQ avhujt fJQVTOV T 



Dasselbe Wort @QVWV brauchten auch Aeschylus in seinem Lykurgos 
(Nauck, Fragm. trag. graec. p. 29) und Sophokles in seinem 
Triptolemos (Nauck 1. 1. p. 211). Hecataus berichtete, die Paoner, 
ein Volk in Thrakien, tranken pgmov aus Gerste und TtaQaftir] aus 
Hirse und dem beigemengten Wiirzkraut xovt'fy (Athen. 10, p. 447 = 
Mull. fr. 123), und der etwas spatere Hellanicus hatte in seinen 
Kzlffeig die Notiz gegeben, PQVTOV werde auch aus Wurzeln bereitet, 
wie bei den Thrakern aus Gerste (Athen. 1. 1.). An die Phryger 
schliessen sich als nachstes Glied nach Osten die Armenier, und 
von dem Gebrauch des olvog xQi&ivog auch bei diesen berichtet 
Xenophon, also ein Augenzeuge, ausfuhrlich in der Anabasis 4, 5, 26 f. 
Die Zehntausend waren vom karduchischen Gebirge gekommen und 
rasteten in armenischen Dorfern, auf dem Wege zu den Chalybern. 
Ausser anderen Vorrathen fanden sie hier Ktibel, xQazr^Qsg, mit 
Gerstenwein: die Gerste lag noch darin, bis an den Rand des Ge- 
fasses (svfoav ds xal amal at xQid-ai ido^'A.slg) ; zum Trinken dienten 
grossere und kleinere Rohrhalme, durch die der Trinker den Saft 

Viet. Hohn, Kulturpflanzen. 7. Aufl. 10 



Das Bier - 

in den Mund sog; das Getrank war stark und berauschend (ndvv 
axqawg\ wenn man nicht Wasser zugoss, im Uebrigen aber fur den, 
der sich daran gewohnt hatte (<fvpfjta$wu), sehr lieblich (paha fjdv). 
Wie die Eingeborenen die der Heimath des Weines so nahe 
wohnten diesen ihren Trank benannten, sagt Xenophon leider 
nicht: dass man aber den Biergenuss lernen muss, 



kann man noch heut zu Tage an Siidlandern beobachten, denen 
Anfangs der braune Trank wider steht, die aber nach einiger Ge- 
wohnung oft leidenschaftliche Freunde desselben werden 46 ). Westlich 
und nordlich von den Thrakern, bei den ihnen cultur- und stamm- 
verwandten Illyriern und Pannoniern, finden wir das Bier unter dem 
Namen sdbaja, sdbajwn, aber, da unsere Nachrichten dariiber aus 
spater Zeit stammen, nur noch als schlechtes Volksgetrank, wahrend 
bei den Vornehmen, die schon lateinisch und griechisch sprachen, 
ohne Zweifel langst der Wein an die Stelle getreten war: Amm. 
Marcell. 26, 8, 2 (der Kaiser Valens belagert Chalcedon; von den 
Mauern rufen ihm die Belagerten Schimpfreden entgegen und nennen 
ihn einen Sabaiarius; der Autor fahrt zur Erklarung dieses Wortes 
fort) : est autem sdbaia ex ordeo vel frumento in liquorem conversis 
paupertinus in lllyrico potus. Aehnlich der aus eben jener Gegend 
gebiirtige h. Hieronymus, Comment. 7. in Isaiae cap. 19 : quod genus 
est potionis ex frugibus aquaque confectum ei vulgo in Dalmatiae 
Pannoniaeque provinciis gentili barbaroque sermone appellatur saba- 
jum. Die Pannonier schildert auch Cassius Dio, 49, 36, der sie kennen 
musste, da er selbst als Legat Dalmatien und dann Oberpannonien ver- 
waltet hatle, als ein armseliges nordisches Volk in winterlichem Klima, 
das weder Oel noch Wein erzeugt und seine Gerste und seinen 
Hirse nicht bloss isst, sondern auch trinkt. Mehr als zwei Jahr- 
hunderte spater erhalten wir durch den merkwiirdigen Bericht des 
Priscus, der im Jahr 448 nach Chr. mit der griechischen Gesandt- 
schaft auf dem Wege zum Hunnenkonig Attila die pannonischen 
Ebenen durchstrich, ein anschauliches Bild des Landes, der Sitten, 
des Volkergemisches u. s. w. Statt Weizens erhielt die Gesandtschaft 
uberall Hirse, statt des Weines den von den Eingeborenen so ge- 
nannten Meth; auf den Antheil der Dienerschaft und des Gefolges 
aber fiel gleichfalls Hirse und ein aus Gerste bereitetes Getrank, 
von den Barbaren xdfiov genannt (Miiller Fragm. IV, p. 83). Welche 
Barbaren ihr Bier camum nennen, wird uns nicht gesagt; gewiss 
aber waren es nicht die Hunnen, derm das Wort ist alter, als die 
Ankunft dieser Horde in Europa, Bei Ulpian Dig. 33, 6, 9 (also am 




Das Bier. 147 

Anfang des 3. Jahrh.) soil bei Vermachtnissen das camum nicht als 
Wein gerechnet werden, und im sog. Edictum Diocletian! vom 
Jahre 301 wird II. 11 (ed. Waddington) neben dem Maximalpreis 
verschiedener Lebensmittel auch der des camum vorgeschrieben. 
Das Wort scheint keltisch (s. Ducange s. v. camba 3) und konnte 
seit den Zeiten der grossen keltischen Wanderung in Pannonien 
heimisch geworden oder auch durch romische Soldaten dahin gebracht 
sein. - - Auch im heutigen Ungarn also, in Illyrien und Thrakien, 
d. h. in der grosseren nordlichen Halfte der turkisch-griechischen 
Halbinsel, in Phrygien, Armenien, Aegypten, in Portugal und Spanien 
bis an die Gebirge der genuesischen Kiiste war einst das heute 
in jenen Landern bei der Masse des Volkes fast unbekannte Bier 
im allgemeinen Gebrauch. Wenden wir uns zu den Volkern von 
Mittel- und Nordeuropa, den Kelten, Germanen, Litauern und Slaven 
- sammtlich indoeuropaischen Blutes , so erhalten wir den altesten 
Bericht iiber Nahrung und Getrank der Erstgenannten durch Pytheas 
von Massilia, dessen Zeit zwar nicht ganz sicher ist, indessen mit 
Wahrscheinlichkeit bald nach Aristoteles angesetzt werden kann. 
Er erzahlte nach Strabo 4, 5, 5 von den Volkern, die er bei seiner 
Kustenfahrt ins Nordmeer kennen gelernt hatte, an Gartenfriichten 
und Hausthieren (xaQnwv rwv yptifHov xal fcpcov) sei bei ihnen ganz- 
licher oder fast ganzlicher Mangel, sie nahrten sich von Hirse und 
anderen Krautern und Beeren (ha%dvotg xal xaQnolg) und Wurzeln: 
diejenigen, die Getreide und Honig erzeugten, bereiteten sich daraus 
auch ihr Getrank (also Bier und Meth). Den Winter der Scythen 
d. h. der Nordvolker iiberhaupt, die Pelzbekleidung, die Wohnungen 
unter der Erde, die langen Nachte, endlich auch das gegohrene 
Getrank statt des Weines schildert auch Vergil Georg. 3, 376, fast 
mit den Worten des spateren Tacitus: 

Ipsi in defossis specubus secura sub alia 
Otia agunt terra, congestaque robora totasque 
Advolvere focis ulmos ignique dedere. 
Hie noctem ludo ducunt, et pocula laeti 
Fermento atque acidis itnitantur vitea sorbis. 
Tails Hyperboreo Septem subjecta trioni 
Gens effrena virum Shipaeo tunditur Euro, 
Et pecudum fulvis velatur corpora saetis. 

Insbesondere bei den Kelten des mittleren Frankreichs war zur Zeit 
des Posidonius (Anfang des ersten Jahrhunderts vor Chr.) das Bier 
unter dem Namen xoQfia noch das eigentliche Volksgetrank, wahrend 
die oberen Klassen schon massaliotischen Wein tranken, Athen. 4, 

10* 



148 Das Bier - 

p. 151 : n-aga dk rolg vTiodst-GtSQQtg v&o$ nvgwov fasra 

, TictQa 6s Tolg nokkolg x#' avw' xahetTat, 6s xog/ua, O.TIOQQO- 
Ss sx wv ctvwv noxr^iov xaia /IIIXQOV, ov nfolov xvddov nvx- 
VOTSQOV de VOVTO noiovGi' TteQicpegsi, Se 6 nalg sirl ra ds^ia xaC TO, kacd 

Letzteres etwa in heutiges Deutsch iibersetzt : Aus demselben Fasse 
(Ix TOV avwv noTr^Qiov} wird fleissig favxvoTsgov} Seidel nach Seidel 
(ov Tihsov xvd&ov) gezapft und von dem Kellner (6 nalg) rechts und 
links ausgetheilt. Bei den Spateren wird dann das keltische Bier 
nicht selten erwahnt : es erhielt sich in Nordfrankreich, Belgien, den 
britischen Inseln wahrend des romischen Kaiserreiches bis zum 
Mittelalter und von da bis auf den heutigen Tag. Kaiser Julian, 
der es mit eigenen Augen gesehen und gewiss mit eigener Zunge 
gekostet hatte, der aber an der klassischen Denkart und Sitte hielt 
und sich gegen das Barbarische des Nordens wie gegen das Orien- 
talische straubte , verhohnte den Pariser Pseudo-Bacchus in einem 
bekannten Epigramm: 

Elg olvov ano xQi&rjg. 

Tig Tto&ev slg Jwvvte; fia yaQ rbv ctir}&a JBdx%ov 
ov ImyiyvwGxao' TOV dibg olda fj.6vov. 
xslvog VSXTO.Q odwde' tfu ds TQayov r] ()d as Ksfaoi 
TTJ nevfy POTQVOOV xsv^av an dffca%va>v. 

ijtuyigtov, ov dtovvcfov, 
xal ftQOjLiov, ov Bgofiiov 

das sich mit Weglassung der uniibersetzbaren Wortspiele etwa so 
wiedergeben lasst: 

Auf den Wein aus Gerste. 

Du willst der Sohn des Zeus, willst Bacchus sein? 
Was hat der Nektarduftende gemein 
Mit dir, dem Bockigen? des Kelten Hand, 
Dem keine Traube reift im kalten Land, 
Hat aus des Ackers Frtichten dich gebrannt. 
So heisse denn auch Dionysos nicht, 
Der 1st geboren aus des Himmels Licht, 
Der Feuergott, der Geistge, frohlich Laute, 
Du bist der Sohn des Maizes, der Gebraute. 

Auch Ammianus Marcellinus kennt die Gallier als ein Trinker- 
volk, das sich in Ermangelung des Weins mit Surrogaten half, 15, 
12, 4: vini avidum genus, adfectans ad vini similitudinem multi- 
plices potus - - also Cider und Bier. Der von Posidonius gebrauchte 
Name XOQ/LUX, der bei Dioscorides 2, 110 in der Form XOVQJM, er- 






Das Bier. 149 




scheint, 1st mit regelrechtem Uebergang des m in w und f noch in 
den heutigen keltischen Sprachen lebendig (Zeuss 2 p. 115 und 821). 
Vielleicht ist das Wort dem Stamme nach identisch mit dem oben 
aus Plinius angefiihrten spanischen cerea (nur mit anderem Ableitungs- 
suffix), wo dann die Wahl bliebe, das Wort und folglich auch die 
Sache aus Spanien zu den Kelten (wofiir wir uns oben entschieden 
haben) oder mit den Kelten aus Gallien nach Keltiberien wandern 
zu lassen. Fruhzeitig und allmahlich immer haunger erscheint die 
durch Derivation erweiterte Namensform cervesia, cervisia (wie mar- 
cisia von marca Ross), zuerst bei Plinius (in der o. a. Stelle am 
Schluss des Buches 22), dann in haufigem Gebrauch durch das 
ganze Mittelalter (s. Ducange s. v.) und noch in den heutigen ro- 
manischen Sprachen erhalten. Ein anderes sehr merkwiirdiges kel- 
tisches Wort ist brace bei Plin. 18, 62, zuerst Name einer Getreideart, 
des Spelzes, dann ubergehend in die Bedeutung Malz, Bierwiirze, Bier 
selbst, in mannichfachen Formen, Ableitungen und Anwendungen, 
mit dem dazwischenspielenden Sinn von germinare, fermentari, im 
Mittellatein, in den nordromanischen und in den heutigen keltischen 
Sprachen reich entwickelt und auch ins Deutsche iibergegangen 
(s. Diefenbach, O. E. p. 265 ff., woselbst auch die bemerkenswerthe 
Form bracisa, analog der Bildung cervisia, cervesa, cervise ; im Capi- 
tulare de villis 61 ist bracii offenbar Malz, nicht ein bierartiges 
Getrank: der judex soil die bracii zum Palatium schaffen und Leute, 
die es verstehen, mitkommen lassen, damit sie dort gutes Bier daraus 
brauen). Einen Beweis von der in der Sitte tief gewurzelten Kraft 
des Bieres bei den britischen Kelten liefert unter vielem Anderen 
die Lebensgeschichte der h. Brigitta: diese Heilige namlich wieder- 
holte das Wunder der Hochzeit zu Kana, doch so, dass sie den 
Durst der Bediirftigen zu stillen, das Wasser in Bier verwandelte 
(Acta SS. Febr. 1. Vita IV. S. Brigidae, cap. 10: quodam die quidam 
leprosi sitientes de via cerevisiam anxie a. B. Brigida postula- 
verunt. Christi autem ancilla, videns quia tune illico non poterat 
invenire cerevisiam, aquam ad balneum portatam benedixit, et in 
optimam cerevisiam conversa est a Deo, et abundanter sitientibus 
propinata est); auch mehrte sie durch den blossen Blick ihrer Augen 
den vorhandenen Vorrath von Bier, Milch und Butter. - - Auch die 
ostlichen Nachbarn der Kelten, die Germanen, zeigen sich allmahlich, 
je mehr sie aus dem Nebel hervortreten und je mehr sie sich dem 
Ackerbau zuwenden, als dem berauschenden Gerstensaft ergeben. Casar 
erwahnt das Bier noch nicht als germanisch, wohl aber anderthalb 



150 Eas Bier. 

Jahrhunderte spater Tacitus, Germ. 23: Potui humor ex hordeo aut 
frumento in quandam similitudinem vini corruptus. wahrend Plinius 
an den Stellen, wo er des Bieres mehr oder minder ausfiihrlich ge- 
denkt, iiber Germanien schweigt. Die gegen die gallischen Grenzen 
drangenden Deutschen am Niederrhein und im Quellgebiet der Donau 
mussten bald von den Kelten den Biergenuss iiberkommen; die an 
die Niederdonau gewanderten fanden bei der thrakischen und panno- 
nischen Urbevolkerung den Trank aus Kdrnerfriichten vor, den sie 
in ihren friiheren Sitzen an der Ostsee vielleicht nicht gekannt batten ; 
von allem Auslandischen aber nebmen Barbaren uberall nichts so 
gem und willig an, als Berauschungsmittel. Das deutscbe Wort 
Bier hat Grimm nacb Wackernagels Vorgange aus dem mittellatei- 
niscben bibere, das nordgermaniscbe Ale (welches auch zu Finnen 
und Litauern iibergegangen ist) aus dem lateinischen oleum abgeleitet, 
Diejenigen, die dariiber erschrecken, sollten bedenken, dass das Bier 
em Erzeugniss und ein Genuss des Ackerbauers ist und zu seiner, 
wenn auch rohen Herstellung eine Technik fordert, die nur bei vor- 
herrschendem Ackerbau moglich ist; dass eine Zeit war, wo die Ger- 
manen als Hirtenstamm in Europa einwanderten und in den neuen 
Landstrichen umherzogen ; dass sie in dem Augenblick, wo wir sie 
kennen lernen, erst im Begriffe sind, zu vollig sesshaftem Leben 
iiberzugehen; dass es folglich thoricht ist, das Bier und Biertrinken 
als urgermanisch oder als von Wesen und Begriff des Germanismus 
unzertrennlich anzusehen; dass, wenn der Genuss und die Bereitung 
des Bieres bei den Germanen allgemeine hervorstechende Sitte ge- 
wesen ware, die Alten nicht so sparlich da von Meldung gethan und 
die Namen Bier und Ale uns nicht vorenthalten batten, wie sie uns 
ja auch thrakische, spanische, keltische Benennungen der ihnen fremden 
und auffallenden Sache iiberliefert haben; dass endlich die nachsten 
Nachbarn der Germanen, die Preussen, zu Wulfstans und Konig 
Alfreds Zeit nur Meth und gegohrene Pferdemilch tranken, das Bier 
aber nicht kannten (Antiquites russes 2 p. 469: cerevisia apud Estos 
non coquitur) - - was einen sichern Ruckschluss auf die Germanen 
in ihrer friiheren Bildungsepoche erlaubt. Auf jeden Fall wiirde das 
robe fermentum, das in den subterranei species der Deutschen des 
Tacitus getrunken wurde, dem heutigen phantasievollen Urenkel sehr 
ungeniessbar vorkommen: von allem Anderen abgesehen, erinnere 
man sich nur, dass der Hopfen erst in Folge der Volkerwanderung, 
wie es scheint, von Osten nach Deutschland gedrungen, obgleich 
jetzt vielfach verwildert ist, und dass die Beimischung dieser narko- 



Das Bier. 

tischen Pflanze zum Bier erst im Mittelalter allmahlich Sitte wurde. 
Der heil. Columbanus traf zwar um das Jahr 600 bei den Sueven 
einst eine cupa mit Bier gefiillt, die ungefahr 26 rnodii enthielt, 
und mit der sie ihrem Wodan ein Trankopfer bringen wollten (Grimm, 
DM 2 S. 49), und schon in der lex Alamann. 22 sollen die Knechte 
der Kirche rich tig ihr Quantum Bier steuern, aber im weiteren Ver- 
lauf des Mittelalters war das Bier in Siiddeutschland ganz oder fast 
ganz aus dem Gebrauch gekommen, unter denselben Modalitateh, 
wie etwa ehemals in Slid- und Mittelfrankreich, und Baiern durch - 
gangig ein Weinland geworden (Wackernagel in Haupts Zeitschrift 
6, 261 fiy, bis in neuerer Zeit das norddeutsche Bier, untersttitzt 
durch vervollkornmnete Bereitungsmethoden, besonders durch die 
Kunst es haltbar zu machen, und durch Wohlfeilheit des Preises 
das verlorene Terrain von Neuem eroberte. Jetzt gilt das Bier, 
welches bei Beginn der europaischen Geschichte das vorzugsweise 
keltische Nationalgetrank gewesen war, fur das Erkennungszeichen 
des Deutschen und deutscher Sitte : so riickt die Kulturgeschichte 
im Laufe langer Perioden von Land zu Land und von Volk zu Volk, 
und so leicht tauscht sich der, der nur die Gegenwart im Auge hat ! 
Raumen wir indess ein, dass Malz d. h. das Geschmolzene, Er- 
weichte, ein echt deutsches Wort ist (und also auch der allheilende 
Malzextract wenigstens zur Halfte deutsch). Brauen dagegen, ahd. 
briuwan, ist ein Wort, iiber dessen Urgestalt und Herkunft sich 
nichts Sicheres aussagen lasst ; es erinnert lebhaft an das thrakische 
PQVIOV (mit participialem t); das litauische bruwele der Brauer steht 
vereinzelt und wird aus dem Deutschen stammen. Da.s gothische 
leithus (fiir sicera, berauschendes Getrank), in den iibrigen deutschen 
Sprachen wiederkehrend, im jetzigen Neuhoch deutsch erst seit Kurzem 
erloschen, scheint eins und dasselbe mit altirischem Und (cerevisia), 
heut zu Tage je nach den Mundarten linn, lionn, leann, llyn 
(Stokes, Ir. gl. 221), so dass also leithus ftir linthus steht (wie 
seit eins fiir sinteins). Wohl ein Lehnwort aus dem Kel tischen, 
zumal auch im Slavischen fehlend. Weiter nach Osten haben die 
Litauer ihr alus Bier, wie gesagt, von ihren deutschen Nachbarn 
entlehnt (es stimmt ganz mit dem altn. 07, wie dieses vor Eintritt 
des Umlauts lautete), die Slaven aber ihr pivo ganz abstrakt aus 
dem Verbum piti trinken gebildet. Wir holen hier eine oben ab- 
sichtlich iibergangene Notiz des Aristoteles nach, der in der verloren 
gegangenen Schrift negl ime&vjg auch iiber die Wirkungen des Gersten- 
weines gesprochen und diesen als das sogenannte nlvov bezeichnet 



152 Das Bier. 

hatte (TO foyofJievov nlvov, bei Athen. 10, p. 447). Den Namen 
(auch von Eustathius, II. 11, 637. p. 871 erwahnt, aber in der Form 
nCvos) hatte Aristoteles ohne Zweifel aus dem Norden: er gleicht 
dem slavischen pivo, nur mit anderem Suffix; denn Meinekes Coii- 
jectur zu Fr. 43 des Hipponax, wonach schon dieser kleinasiatische 
Dichter das Wort gebraucht hatte, ist allzu unsicher. Eine dritte 
Ableitung ist das slavische piru, Schmaus, Gelage, welches buch- 
stablich mit dem albanesischen Partic. pass, pire (als Substantiv : 
Getrank) von pi trinken zusammenfallt (v. Hahn, Albanesische Studien, 
2, 76 und 3, 101). Wer das deutsche Bier mit diesem pirt und 
also mit nCvsw, potus u. s. w. identificirt, muss im deutscheri Wort 
einen. verdorbenen Anlaut statuiren, also die Grundlage der Ver- 
gleichung aufheben. Das altsl. olu, olovina sicera, neusl. ol cerevisia, 
walach. olovin idem hat denselben Ursprung wie das deutsche ale^ 
ol. Ein anderes slavisches Wort braga, braha, braja (Maische, 
Schlampe, Trester, ein bierartiges gemeines Volksgetrank, litauisch 
broga) weist auf das keltische brace zuriick. Da es in den germa- 
nischen Sprachen fehlt ein Zeichen spater und fremder Herkunft 
und da es von den Litauern aus dem Slavischen entlehnt seiii 
kann, vielleicht erst nach Einfiihrung der Branntweinbrennerei, so 
mag es nach der Zeit zu den Slaven gelangt sein, wo keltische 
Stamme in den Sudosten, nach Bohmen und Pannonien und in die 
Donaugegenden zuriickgewandert waren. Von den beiden finnisch- 
estnischen Ausdriicken fiir das volksmassige Diinnbier, potus vilissimus 
ex hordeo: kalja, kalli und taari, taar erinnert der erstere an das 
spanische eaelia, ohne dass wir uns erlauben, daraus fiir eine iberisch- 
finnische Verwandtschaft oder Beriihrung Schliisse zu ziehen. In den 
lindenreichen Waldern des europaischen Ostens, selbst noch hinter 
den slavischen Stammen bei den Nomaden und Halbnomaden der 
Wolgagegenden, spielte indess der berauschende Honigtrank eine 
grossere Rolle und war gewiss daselbst alter, als das Bier. Ja man 
darf vermuthen, dass der Meth das Urgetrank der in Europa ein- 
Avandernden Indogermanen war und sich im Osten des Welttheils 
wie so vieles andere, nur langer erhielt. In Griechenland, wo das 
Bier i-mmer nur fiir barbarisch gait, taucht doch von einem der 
Weinzeit vorausgehenden Honigtranke hin und wieder eine verlorene 
Spur auf. Der Dichter Antimachus aus Kolophon liess in seiner 
Theba'is, - - deren Sagen in ein hoheres Alter hinaufreichen, als die 
der Ilias, den Adrast die schmausenden Helden mit einem Trank 
aus Wasser und unversehrtem Honig bewirthen, Athen. 11, p. 468: 



Das Bier. 153 



Ildvm (uah', oW "Adgrjamg 

8V (H8V vScoQ, ev 6' dffxiy&g fish 
xgyrrgf,, ns()t(pQadeu>g xsgooovrsg. 
In dem Orphischen Fragment 49 (aus Porphyr. de antro Nympharum, 
Orph. ed. Hermann, p. 500) giebt die Nacht dem Zeus den Rath, 
den Vater Kronos, wenn er honigberauscht unter den Eichen liege, 
zu binden und zu entmannen: 

EIT av YI ILUV Id^ac vm dgvalv vipixoftoiaiv 

fyyoMttv [is&vovm [uefaaGdojv tytftofjiftajv, 

avxCxa fuv dfjffov 

wo also die Zeit cles Kronos und des Waldlebens als methtrinkend 
gedacht ist. Die Taulantier, ein illyrisches Volk, verstanden es 
nach Aristot. de. mirab. auscult. 22 (21) aus Honig Wein zu machen: 
nachdem der Honig aus den Waben gepresst worden u. s. w. (wir 
iibergehen das weitere Verfahren), ergiebt sich ein weinartiges, lieb- 
liches und kraftigep Getrank (olvwdeg xal a'AAcog r t dv xal sviovov); 
auch in Griechenland soil dasselbe Einigen gelungen sein, so dass 
sich das Produkt in nichts von altem Wein unterschied (ware ( a^Jfcr 
SiayisQew owov Ttahcuov), nachher aber konnteii sie trotz aller Be- 
mlihung die richtige Mischung nicht mehr finden. Auf reiche 
Honiggewinnung in den Landstrichen jenseits des Ister deutet es 
vielleicht, wenn die Thraker zu Herodots Zeit berichteten, die ge- 
nannte Gegend stecke voll von Bienen, die ein Vordringen dahin 
unmoglich machten (Herod. 5, 10; dasselbe wurde ehemals von der 
Liineburger Heide geglaubt). Weiter wird der Meth direkt als 
skythisches Getrank bezeichnet, das die Skythen aus dem Honig 
der wilden in Felsen und Eichen wohnenden Bienen bereiten, Maxim. 
Tyr. 27, 6: rolg de (unter den Skythen) at fiehnat, xaOrjdvvovat, 
TO Tro^tt, 87tl TTSTQWV xal dgvcov dtaTtkaTTOvGai Tovg (fi[if&ov$. Hesychius : 
fjiehcziov no/no. ^^, 2xv9ixbv /usfaTog eipoflevov (fuv vSau xal Ttoq. uvt. 
Der byzantinische Gesandtschaftsattache Priscus endlich giebt in der 
oben angefiihrten Stelle den in Pannonien einheimischen Namen 
[itdog, welcher sowohl mit dem altirischen mid, altcambrischen med 
(= sicera, Cormac p. 106. Zeuss 2 136) und griechischen [is&v in 
den Landstrichen nordlich von Griechenland wurde die Aspirata als 
Media gesprochen , als mit dem slav. inedu zusammenfallt, welches 
letztere Wort nicht bloss Honig und Meth bedeutet, sondern auch, 
wie das griechische fJLe&v, geradezu vinum iibersetzt(medari = oivo%nog, 
pincerna; medviniza = cella vinaria u. s. w.). Die heutigen Litauer 
unterscheiden mediis Honig von midus Meth ; in dem entsprechenden 



154 ' IG Butter. 

deutschen Wort 1st die Bedeutung Honig ganz verloren, fiir welche 
gothisch das wahrscheinlich an der Niederdonau entlehnte milith, in den 
anderen Mundarten das rathselhafte Honig gilt. Auch heut zu Tage 
ist das Bier in slavischen Landen nicht das populare, unentbehrliche, 
altiiberlieferte Getrank ; der Meth ist freilich auch in Gross- und Klein- 
russland und in Polen mit jedem Jahre seltener geworden, hauptsach- 
lich weil der Zticker die Bienenzucht zerstort hat; an seine Stelle ist 
die Erfindung der Holle, der Branntwein, getreten, der das gegenwartige 
Geschlecht decimirt und die Lebensquelle des kiinftigen vergiftet. 

Die Geschichte der Butter geht der des Bieres parallel. Die 
Butter kann eine Kunst und Gewohnheit des Hirten genannt 
werden, wie das Bier die des Acker bauers ist. Die Milch in 
Schlauchen musste beim Reiten oder auf dem Wagen und alle 
Nordvolker zogen auf Wagen herum, mit denen sie gleich den 
Cimbern und Teutonen ihre Lager bildeten leicht das in ihr ent- 
haltene Fett als Butter ausscheiden, und ahnlich war die Wirkung, 
wenn die abgeschopften fetteren Theile der Warme des Ofens aus- 
gesetzt wurden. Die so gesonderte Butter konnte zum Essen, zum 
Salben des Haares und zum Bestreichen der Wunden dienen. Griechen 
und Romer der guten Zeit wissen von Butter nichts; dass sie ihnen 
vor der Einfiihrung des Olivenols bekannt gewesen, dafiir giebt es 
keine Spur oder Andeutung. Dennoch werden uns in ziemlich 
friihen Zeugnissen die Volker rund um die beiden klassischen Lander 
als butterbereitend geschildert und miissen dies Produkt also 
nach der Volkertrennung kennen gelernt haben. Schon der weit- 
gereiste Solon gedenkt des durch Umriihren der Milch gewonnenen 
Fettes und braucht es als Bild fiir den Vortheil, den eigensiichtige 
Fiihrer aus politischen Unruhen ziehen, Plut. Sol. 16: 

OVT av xttr(S% Sr^fiov OVT STiavcfaw, 

TTQIV av Ta^d^ag nlag eZety yd ha. 

Noch vor Hero dot berichtete dann Hecataus von den Paonern am 
Strymon, denselben, die in Pfahldorfern wohnten und eine doppelte 
Art Bier brauten: sie salben sich mit einem aus Milch gewonnenen 
Oel, Athen. 10, p. 447: akeiyovmt, Ss haia) arco ydhaxxog. Bei 
dem komischen Dichter Anaxandrides (bliihte um die Mitte des 
4. Jahrhunderts, etwa 01. 101 108) sitzen an der Tafel des thra- 
kischen Konigs Kotys, der seine Tochter dem Iphikrates vermahlte, 
strupphaarige butteressende Manner, Athen. 4, p. 131: 



Die Butter. 155 

Von einer skythischen Art, die Pferdemilch zu behandeln, hat 
Herodot 4, 2 gehort, aber in noch ganz unbestimmter Weise: nach- 
dem er angegeben, die nomadischen Sky then blendeteii ihre Sclaven, 
fahrt er fort: sie setzen sie um die hohlen holzernen Milchgefasse 
und lassen sie diese ruhren (oder schwingen: Soveovat,'); was dann 
sich oben ansetzt, 10 smtimf.iwov, wird abgeschopft und fur hoher 
geschatzt, das sich zu Boden Senkende, TO vmtixdfjievov, gilt fiir 
geringer als Jenes. Naher beschreibt das Verfahren der auctor 
Hippocrat. de morbis 4, 20 (ed, Ermerins, II. p. 461), indem er zu- 
gleich das Wort flovrvgov ohne Zweifel zum Behufe der Bedeut- 
samkeit in griechischem Munde mehr oder minder umgestaltet 
als skythisches iiberliefert: die Skythen, sagt er, giessen Pferdemilch 
in holzerne Gefasse und schiitteln diese; dadurch sondern sich die 
Theile, und das Fett, welches sieButternennen, schwimmt oben, 
da es leicht ist : xal TO f-iev TIIOV, o ^OVTVQOV xaheovdi, sncTto^g 
dutfrarai ehacpgbv sov; die schwereren Theile senken sich herab, 
werden herausgenommen, getrocknet und verdickt und heissen dann 
tnndxri (Pferdekase, auch bei Aeschylus Fr. 192 Nauck, und bei 
Hippocrates de aere u. s. w. genannt); in der Mitte ist der oQQog 
(Molken). Diese Kenntniss der Sache und des Nam ens stammte 
ohne Zweifel von den griechischen Kolonien an der pontischen 
Kiiste 47 ). Trotzdem scheint Aristoteles den Gebrauch der Butter 
im Grossen und als Volkssitte nicht gekannt oder nicht beachtet zu 
haben ; wenigstens kommt in der langen Auseinandersetzung iiber 
die Milch der Thiere, die wir Histor. animal. 3, 20 lesen, weder der 
Name noch die Gewinnung und Anwendung der Butter vor; hochstens 
deuten darauf die im Voriibergeheri gesprochenen Worte : vnagxti, 
$ sv TO) ydhaxu foTraQOTyg, 1} xal zv wig TiKnrflQGi ywsuu e&aiwdyg. 
Bei den Aerzten ist fiovivQOV) butyrum, ein bin und wieder ge- 
nanntes Medicament, aber noch Plinius 11, 239, ja sogar Galenus 
de alim. facult. 3, 15 halten fiir nothig, ihren Lesern das Wort wie 
die Herkunft und den Gebrauch der Sache zu erklaren. - - Da die 
Thraker und Skythen Butter bereiteten, so diirfen wir das Gleiche 
bei den Phrygern voraussetzen. Wirklich findet sich bei Hippo- 
krates ein Ausdruck TMXSQIOV , der auf phrygische Butter hindeutet. 
Dies Wort namlich, welches Galenus und Erotianus in ihren Glos- 
saren zu Hippokrates als POVTVQOV deuten, wird von dem Letzteren 
zugleich nach einer alteren Quelle fiir phrygisch erklart, Erotian. 
s. v. : ou 06ag o J ISaxfaiog ItfioQsZ naga <&Qv%l TICXSQCOV xa^elffdac 
TO POVTVQOV. Es scheint wurzelverwandt mit na%vg, pinguis. 



156 Die Butter. 

Auch imter den taglichen Lief erun gen fur den persischen Hof sind 
skaCov ano ydhaxmg TTSVIS pagies aufgefiihrt (Polyaen. strat. 4, 3, 32) 
eine sehr geringe Quaiititat verglichen mit den Aiisatzen fur die 
iibrigen Bediirfnisse der koniglichen Tafel. Auch steht die Butter 
mitten zwiscben dem Sesam- und dem Terebinthenol , wahrend das 
Olivenol in dem Verzeichniss charakteristischer Weise ganz fehlt. - 
Dass den Juden die Butter nicht unbekannt war, wenigstens zu 
einer gewissen Zeit, ist aus Spricbw. 30, 33 mit Sicherheit zu 
schliessen: wenn man Milch stosset, so machet man Butter draus ; 
fiir die halbsemitische Insel Cy pern scheint ein Gleiches aus der 
Glosse des Hesychius hervorzugehen : $k(pog' ftovrvQOv. KVTTQIOI 
(vgl. bei demselben: sknog- ekcuov, ffteag). Gesenius Monum. p. 389 
deutet dies cyprische Wort aus dem Semitischen, Job. Schmidt 
sieht darin das sanscr. Neutrum sarpis. Nach dem Periplus maris 
Erythraei (der unter den Kaisern Titus und Domitian geschrieben 
ist) kam Butter aus Indien in die Hafen des rothen Meeres, und 
das heisse Land wird reich an Reis, Baumwolle, Sesamol und 
Butter genannt (14 und 41); wie auch verwundete Elephanten da- 
selbst durch eingegebene Butter (Strab. 15, 1, 43) oder durch Be- 
streichen der Wunde mit Butter (Ael. H. A. 13, 7) geheilt wurden. 
Auch in Arabien, im Lande des Konigs Aretas, bekam das Heer 
des Aelius Gallus, wie Strabo 16, 4, 24 berichtet, nur Butter statt 
des Oeles. Durch denselben Strabo horen wir, dass bei den 
Aethiopiern im aussersten Siiden Butter und Fett die Stelle des 
Oeles vertrat, die Lusitanier im aussersten Westen statt des Oeles 
sich der Butter bedieaten (an den schon obeii citirten Stellen: 17, 
2, 2 und 3, 3, 7). Sicher war diese indische, arabische, athiopische 
und lusitanische Butter ein flussiges Fett, wie auch die heutigen 
Beduinenaraber gierige Triiiker von Butter sind, die sie aus der 
Milch ihrer Schafe und Ziegen abscheiden. - - Am Fest der Riick- 
kehr der eryciiiischen Aphrodite in Sicilien duftete die ganze 
Gegend um den Tempel nach Butter, zum Beweise, dass die Gottin 
wirklich aus Afrika wiedergekehrt sei, Athen. 9, p, 395: o&i Je nac, 
o -i6nog TOTS ftovxvoov, o> dr] texfjiriQiw ^cu-vra^ TT^ tteCac ertavodov. 
Das Heiligthum auf dem Eryx gehorte urspriinglich den Elymern, 
einem Volke, dessen Herkunft streitig und in Sageii gehiillt ist. 
Mogeii sie ein Rest des iiber die Inseln des westlichen Mittelmeeres 
verbreiteten iberischen Volksstammes oder wirklich von Asien eiii- 
gewandert sein, - - sie werden als Rinderhiiter gedacht und verehrten 
einen entsprechenden Gott, dessen Gegenwart durch die Butter 



Die Butter. 157 

entweder als Leib- uncl Haarsalbe oder von den Pfannen dampfend - 
kund gethan wird (Klausen, Aeneas, 488: von deni segnenden 
Schutz des Butas oder des Rinderfursten Anchises zeugt dann der 
durch den ganzen Ort verbreitete Buttergeruch). Ganz allgemein 
aber heisst es dann bei Plinius 28, 133 : e lacte fit et butyrum, bar- 
bararum gentium lautissimus eibus et qui divites a plebe discernat. 
Unter den b'arbarae gentes sind hier dem Gesichtskreis des Plinius 
nach hauptsachlich Germanen zu verstehen. Die Reichen eriibrigten 
Butter, da sie die Milch ihrer grosseren Heerde nicht sogleich ver- 
zehrten, und der Genuss derselben unterschied folglich den Begiiterten 
von dem Armen. Die bei Plinius gleich folgende Beschreibung der 
Bereitung sowohl der Butter als des Quark (oxygala) leidet iibrigens 
an Confusion und ist wenig sachgemass ein Beweis mehr, wie 
fern diese Speise der klassischen Welt lag. An eirier anderen Stelle 
hat Plinius die Notiz, auch die gentes pacatae, d. h. die schon poli- 
cirten und halb romanisirten Stamme wendeten die Butter, wie Eier 
und Milch, zu kunstlicherem Backwerk an, 18, 105: quidam ex ovis 
aid lacte subigunt (panem), butyro vero gentes etiam pacatae, ad 
operis pistorii genera transeunte cur a; - - also die Kuchenbackerei 
trat auf, die bei Griechen und Romern wegen Mangels an Butter und 
beschrankter Anwendung der Hefe (die letztere ist gleichfalls ein 
nordischer Gebrauch) unentwickelt geblieben war. Merkwiirdig genug 
ist es, dass das Wort Butter auf dem weiten Umwege vom Pontus 
Euxinus iiber Griechenland und Italien zwei Lander, die das 
damit Benannte kaum kannten und wenig schatzten zu den 
meisten Volkern des westlichen und des mittleren Europa gekommen 
ist. Vielleicht ist eine Spur seiner Herkunft in dem magyarischen 
vaj, lappischen wuoj, finnischen und estnischen woi (im Accusativ 
mit wieder hervortretendem Dental der W T urzel: woid), ivoid-tna 
salben, lapp. wuotiet, ivuoitas, finn. ivoitaa, woitelee u. s. w. erhalten. 
Die Erfindung, die Butter durch starkes und wiederholtes Waschen, 
Kneten und Salzen so rein und fest zu machen, wie wir sie jetzt 
kennen, scheint von den nordgermanischen Stammen ausgegangen. 
Noch jetzt besteht der Unterschied zwischen Nord- und Siiddeutsch- 
land, dass in dem ersteren die Butter gesalzen wird (wie auch in 
Scandinavien und England), das letztere aber siisse Butter isst und 
die Speisen mit Schmalz, d. h. fliissiger Butter bereitet. Dieses 
Butterschmalz nennt der Alemanne (nicht der Schwabe) Anke (nach 
Grimm wurzelverwandt mit ungere, imguere: vielleicht gehort auch 
das altpreussische auctan, aucte und das keltische imb dahin, wenn 



158 Die Butter. 

in letzterem b aus g entstanden 1st, Stokes, ir. glosses 784), auch 
wohl Schmutz; bei den Scandinaven heisst die Butter Schmeer 
(d. h. woniit geschmiert wird, schwedisch smo'r, smorja u. s. w. wie 
ahd. anchunsmero, ancsmero). Auch Sal be mag in der Urzeit ein 
deutsches Wort dafur gewesen sein, wenigstens hat das entsprechende 
albanesische Wort gjalpe noch jetzt die Bedeutung Butter (alban. gj 
ist gleich s, vergl. gjaschte mit sex, gjaTc -Blut mit sanguis u. s. w., 
Kuhns Zeitschrift 11, 235) und beiden entspricht vielleicht das oben 
genannte sanscr. sarpis mit der Bedeutung: zerlassene Butter. Die 
Slaven benennen die Butter mit demselben Wort wie das Oel: 
maslo, wortlich Mittel zum Salben, also iibereinstimmend mit den 
obigen germanischen Ausdriicken. Beide Volker, Germanen und 
Slaven, schmierten sich also das Haar mit fliissiger Butter, die 
dann, wenn sie ranzig geworden, nicht den besten Duft verbreitete, 
Sidon. Apoll. carm. 12, 6: 

Quod Burgundio cantat eseulentm, 
Infundens acido comam butyro. 

Dass auch die Kelten, wenigstens die Galater in Kleinasien, sich 
mit Butter salbten, die sich dem Geruchsinn merklich machte, geht 
aus einer Anekdote hervor, die Plutarch adv. Colot. 4, 5 erzahlt: 
zu der Berronike (Berenice), der Frau des Dei'tauros (Dejotarus), 
soil eine Lacedamonierin gekommen sein: als sie einander nahe 
standen, sollen sich beide augenblicklich und gleichzeitig abgewandt 
haben, indem der einen, wie es scheint, der Geruch der Salbe, 
JAVQOV, der anderen der der Butter zuwider war. In entlegenen 
Dorfern nordischer Lander ist diese Sitte bei Weibern und Madchen 
auch jetzt noch nicht ausgestorben , im Uebrigen aber ist sie durch 
die Pomade, ital. pomata, verdrangt worden, in der, wie der Name 
sagt, irgend eine duftende Frucht, porno, beigemischt war. Ur- 
sprunglich diente sie zugleich als Haarfarbemittel und schied sich 
erst spater aus demselben als reine Salbe aus. Die Erfindung 
scheint, wie die der Seife, eine altbelgische zu sein, denn Toiletten- 
kiinstler waren schon die alten Gallier, wie es ihre heutigen Pariser 
Nachkommen noch sind. 



* Zu der Geschichte des Bieres ist zu* bemerken, dass die ger- 
manischen Benennungen. dieses Getrankes keinen berechtigten Anlass zu 
der Anschauung Hehns bieten, das Bier sei bei den Germanen verhaltniss- 
massig jung und keltischen Ursprungs. 



Die Butter. 159 

Das gothische leitku, ahd. lid, ags. Ud kann lautgesetzlich nicht aus 
dem keltischen ir. lind (vgl. oben S. 151) entlehnt sein. Da das germanische 
Wort auch mit poculum, fiala erklart wird (vgl. Schade, Ahd. W.), so liegt die 
Vergleichung desselben mit griech. a-Xeis-ov (aus i-Xeit-jov) Becher nahe. 
Ebenso wenig darf an Entlehnung des deutschen bier und nordgermanischen 
ale aus dem mlat. bibere und lat. oleum gedacht werden. Was das erstere 
betrifft (ahd. bior, ags. beor, altn. bjorr), so hat R. Kogel in Paul und Braunes 
B. IX S. 537 es an agls. bed, altn. bygg Gerste, Getreide angekniipft, eine 
sachlich ansprechende Deutung (,,Gerstensaft"), die aber grosse Schwierigkeiten 
der Wortbildung darbietet. Neuerdings hat daher E. Kuhn (K. Z. XXXV 
S. 313) die germanischen Worter als Entlehnung aus dem altsl. pivo, *pives-, 
altpr. piivis Bier (eigentl. ,,Getrank": griech. TCIVUJ etc.) aufgefasst. Bestatigt 
sich diese Erklarung (germ, b aus slav. p? vgl. etwa ahd. bilih aus slav. *pilchu, 
altsl. pluchu nach Palander Ahd. Thiernanien S. 68), so bote sie eine ansprechende 
Parallele zu der unten bei Besprechung des Hopfens hervorgehobenen That- 
sache, dass dieser Zusatz des Bieres durch die Vermittlung slavischer 
Volker zu uns gekommen ist. Unser ,,bier" bezeichnete dann urspriinglich 
nur das gehopfte Getrank, wahrend der urgermanische Ausdruck fur den des 
Hopfens noch entbehrenden Trank in dem englischen ale erhalten ware. 
Dieses (ags. ealu, gen. ealod. altn. 61) fiihrt auf einen nordeurop. Stamm alut 
Bier, aus dem auch lit. alus (woher finn. olut nach W. Thomsen, Beroringer 
mellem de finske og de baltiske Sprog S. 157) und altsl. olu lautgesetzlich 
hervorgegangen sein konnen (vgl. J. Schmidt, Plural bildungeii S. 180), wenn 
sie nicht wie das slavische mlato, preuss. piiva-maltan (finn. mallas) Bierrnehl 
und vielleicht preuss. dragios Hefen (aus altn. dregg, *dragja, vgl. G. Meyer, 
Et. W. S. 72) aus dem Germanischen entlehnt sind. Urverwandtschaft mit 
dem germ, malz zeigt aber Cecil, mladina, russ. molodi Bierwiirze (Miklosich, 
Et. W. S. 200): altsl. mladu zart. Beilaufig nennen wir noch zwei angel- 
sachsische Namen des Bieres : coerin und swatan, schott. swats, ersteres an die 
oben angeftihrten keltischen Worter (S. 148) erinnernd, letzteres offenbar zu 
ags. swete suss gehorig, ahnlich wie im Slavischen der einheimische Name des 
Maizes slad, der in zahlreiche ostliche Sprachen entlehnt ist, so viel wie suss 
bedeutet. 

Ueber das keltische brace (oben S. 149) vgl. jetzt Holder, Altkeltischer 
Sprachschatz. Hier wird ein inschriftlich tiberlieferter Beiname des Mars 
Braci-dca als Gott des Maizes gedeutet. Ob mit diesem keltischen brace die 
oben (S. 152) genannten slavischen Worter etwas zu thun haben (was Krek, 
Einleitung in die slav. Litg. 2. Aufl. S. 131 billigt, Miklosich, Et. W. abzu- 
lehnen scheint), ist sehr zweifelhaft. 

Schliesslich sei auf eine lehrreiche Abhandlung iiber das agyptische 
Bier verwiesen: Karl Wessely, Zythos und Zythera im 13. Jahresbericht d. 
K. K. Staatsgymnasiums in Hernals Wien 1887, in welcher interessante Mit- 
theilungen iiber agyptische Biersteuer und Fabrication in den letzten vor- 
christlichen Jahrhunderten gemacht werden. Der Ausdruck Cu^o? (oben S. 143) 
hat sich bis jetzt im Altagyptischen nirgends gefunden. Das Bier heisst hier 
held. Es ist uns daher wahrscheinlicher, dass Cu^o? ( : Cs>, wie ^puiov, lat. 
defrutum : brauen) ein dem agyptischen Griechisch eigenthtimliches ein- 
heimisches Wort ist. Eine Abhandlung von Death, The beer of the bible London 



160 Die Butter. 

1887 ist uns nicht zu Gesicht gekommen. Ueber cervesia. camuni. zyihum vgl. 
noch Bliimner, Maximaltarif des Diocletian 1893 S. 69 f. 

Die Butter: Dass die Indogermanen schon vor ihrer Trennung es 
verstanden, die fetten Theile der Milch, um sie .als Salbe zu benutzen, abzu- 
sondern, geht aus den beiden oben S. 157 f. genannten Gleichungen (vgl. dazu 
scrt. anjana Salbe, a/jya Opferbutter) gegeniiber scrt. sdra geronnene Milch, 
griech. 6po<;, lat. serum Molken (davon zu trennen : altsl. syru Kase = alb. hift 
Molken, G. Meyer, Et. W. S. 152) und zend. tuirinqm = griech. topot; Kase 
mit Sicherheit her vor. In der Heimath der Olive ging Griechen und Eomern 
allmahlich diese Kunst verloren. Doch ragt ein uralter sprachlicher Zeuge 
des einstigen Gebrauchs des Fettes zum Salben in die historischen Zeiten der 
Griechen : das griech. [Aopov, mit der Nebenform ojxopov = Salbe. Unzweifelhaft 
steckt in diesem Wort zum Theil das entlehnte hebr. mor, aram. murrdh Saft 
der arabischen Myrrhe. Allein die orientalischen Formen erklaren nicht das 
anlautende a des Griechischen, und so ist es wahrscheinlich, dass ojxupov zu- 
nachst ein einheimisches Wort ist und dem ahd. smero Fett, Schmiere, goth. 
smairthra Fett entspricht (vgl. auch Fick, Vergl. W. 4. Aufl. I, S. 575, Muss- 
Arnolt, Transactions XXIII, 119, Prellwitz Et. W. d. griech. Spr. s. v. fxuppa, 
Lewy Die semit. Fremdw. im Griech. S. 42; unbegrtindet ist Hirts Ein wand 
im Anzeiger f. idg. Sprach- und Alterthumsk. VI S. 175\ 

Vom Pontus her mogen dann die Griechen aufs neue die Butterbereitung 
und dazu den Buttergenuss kennen gelernt haben ; doch scheint es uns lautlich 
und sachlich wenig wahrscheinlich, dass in poutopov ein finnisches woi (oben 
S. 157) stecken soil; bedeutet doch letzteres ausschliesslich im Finnischen 
Butter, wahrend es in alien anderen Sprachen dieses Stammes nur den Sinn 
von Fett hat, das doch die Griechen selbst kannten. Vielleicht ist ^ouTopov 
Kuhquark nichts als eine ungeschickte Uebersetzung eines scythischen Aus- 
drucks (vgl. etwa ahd. chuo-smero = Butter), so dass 8 pootopov xaXeoooi (oben 
S. 155) nur bedeuten wiirde : ein Produkt, das sie mit einem Namen benennen, 
dem im Griechischen ein ^outopov entsprechen wiirde. Die weiteren Schicksale 
von fioompov-butyrum s. bei Kluge, Et. W. 6. Aufl. 

Goth, milith (oben S. 154) kann nur auf TJrverwandtschaft mit griech. 
fiiXt(T) beruhen. 

Eine neuere sachlich werth voile Arbeit fur die alteste Geschichte der 
Butter ist das Buch von B. Martiny, Kirne und Girbe (d. h. Stand- und 
Schwingbutterfass). Berlin 1894. 



Inclem wir hier die drei Urgewachse der friihesten hoheren 
Civilisation, Wem, Oel und Feigen, verlassen, womit konnten 
Avir passender schliesseii als mit der sinnvollen Parabel im neunten 
Kapitel des Buches der Richter? Wir setzen sie her, da das Buch, 
in dem sie steht, doch heut zu Tage wenig mehr gelesen wird. 
Die Baume gingen hin, dass sie einen Konig iiber sich salbeten, 
und sprachen zum Oelbaum: Sei unser Konig. Aber der Oelbaum 
antwortete ihnen: Soil ich meine Fettigkeit lassen, die beide, Gotter 



Die Butter. 

und Menschen, an mir preisen, und hingehen, dass ich schwebe liber 
den Baumen? Da sprachen die Baume zum Feigenbaum: Komm Du 
und sei unser Konig. Aber der Feigenbaum sprach zu ihnen: Soil 
ich meine Siissigkeit und meine gute Frucht lassen und hingehen, 
dass ich iiber den Baumen schwebe? Da sprachen die Baume zum 
Weinstock: Komm Du und sei unser Konig. Aber der Weinstock 
sprach zu ihnen : Soil ich meinen Most lassen, der Gotter und Men- 
schen frohlich macht, dass ich iiber den Baumen schwebe'? Da 
sprachen alle Baume zum Dornbusch: Komm Du und sei unser 
Konig. Und der Dornbusch sprach zu den Baumen: Ist's wahr, 
dass ihr mich zum Konige salbet iiber Euch, so kommt und ver- 
trauet Euch unter meinen Schatten, wo nicht, so gehe Feuer aus 
dem Dornbusch und verzehre die Cedern des Libanon. Welch ein 
Bild syrischer Natur und semitischen Lebens! Jene ungeheuren 
Dornhecken und Stachelpflanzen der Wiiste, die Acacien-Biische, 
denen man nicht anders nahen kann, als mit langen, schneidenden 
und zusammenraffenden eisernen Stangen bewaffnet, sie werden 
in der Sommergluth diirre wie Gerippe und werfen keinen Schatten, 
und wenn sie sich zufallig entziinden, dann geht der Brand ver- 
heerend, so weit der Horizont reicht, und ergreift die Fruchtbaume 
mit, die sich auf seinem Wege finden. So lief en die Feuer des 
Despotismus und der Eroberung iiber ganz Asien und verzehrten 
alles Privatgliick, alle stille Kulturthatigkeit. Die furchtbare Maje- 
stat der Herrscher von Ninive und Babylon gliihte erbarmungslos 
wie die Sonne im Sommer und brannte die Volker nieder, wie der 
Dornbusch die Cedern des Libanon; Oelbaum, Feigenbaum und Wein- 
stock aber glichen dem Manne, der in begrenztem Kreise Werke 
des Friedens schafft und Wohlthaten spendet. Und bis auf den 
heutigen Tag sind Politik und Musik - - im griechischen Sinne - 
feindliche Gegensatze geblieben: unser Dichter erfuhr es, als er 
unternahm , iiber den Baumen zu schweben , und Wahrheit und 
Liebe, vor Allem aber die Poesie, die Gotter und Menschen frohlich 
macht, in seinem Innern zu versiegen drohte. Seitdem hasste er in 
der Revolution den flammenden Dornbusch, der die Garten und 
Pflanzungen verheerte. 



Viet. Hehn, Kulturpflanzen. 7. Aufl. 11 



162 Der Flachs. 

Der Flachs. Der Hanf. 

(Linum usitatissimum.) (Cannabis sativa.) 

In welcher Gegend der Erde der Flachs autochthon 1st, 1st eine 
noch nicht mit Sicherheit beantwortete, bei so vielen Kulturgewachsen 
wiederkehrende Frage. Da der diirre Felsboden der Lander um das 
Mittelmeer, die lange Sommergluth, die oft plotzlich niederstiirzenden 
Regengiisse u. s. w. dem Flachse nicht zusagen, so hat man seine 
Heimath wohl in den kalteren und feuchteren Strichen des mittleren 
Europa gesucht. Allein Aegypten und Kolchis lehren, dass nicht 
die Warme des Siidens, nur die mangelnde Feuchtigkeit dem Ge- 
deihen der Pflanze in den klassischen Landern hinderlich ist. Wenn 
neuere Reisende den Flachs in Nordindien oder am Altai oder am 
Fusse des Kaukasus wild wachsend gefunden haben, wenn Grisebach, 
Spicilegium, 1. p. 118 vom Flachse sagt: sponte crescit in Macedonia 
Thraciaque omni, so liegt bei einer so alten Kulturpflanze die Mog- 
lichkeit nahe, dass sie auch da nur der Gefangenschaft des Menschen 
entschlupft, d. h. nur verwildert sei. Von Wichtigkeit bei der Ge- 
schichte sowohl des Flachses, als des Hanfes, ist auch ihre doppelte 
Anwendung: die Benutzung der oligen Frucht zur Nahrung und die 
der Fasern des Stengels zu Stricken und Geweben: beide finden sich 
nicht immer gleichzeitig auf demselben Boden und bei demselben 
Volke, und es ist noch die Frage, welche von beiden den Anbau 
zuerst veranlasst hat. Das heutige Indien presst die Leinsaat zu 
Oel, verarbeitet aber die Pflanze selbst nicht; auch in Abyssinien 
dient sie nur zum Essen; Herodot erzahlt 4, 73 ff. von den Skythen, 
wie sie bei Todtenbestattungen mit dem Dampf der auf gliihende 
Steine geworfenen Hanfsaat sich reinigten und zugleich berauschten; 
dass sie aber die Benutzung des Hanfes zu Geweben nicht kannten, 
geht aus der Notiz hervor, die Herodot sogleich hinzufiigt, die Thraker 
(also nicht die Skythen) verstanden aus dieser Pflanze auch Kleider 
zu weben, die dem Linnen sehr ahnlich seien. Eben so finden wir 
bei den Griechen zeitig neben den Mohn- und Sesamkornern auch 
die Leinsaat mit Honig eingekocht zum Gebacke dienend: zuerst im 
siebenten Jahrhundert bei dem Lyriker Alcman, Fr. 74 Bergk. : 

xtivai, jisv enxd xal TOGCU 



TS 



Der Flachs. 163 

Im peloponnesichen Kriege, als die Insel Sphakteria von den Athenern 
belagert wurde, brachten Taucher unter dem Wasser in Schlauchen 
Mohnsaat in Honig und zerstossene Leinsaat den Belagerten zu. 
Thucyd. 4, 26 : hCvov ff7isQf.ia xexofjL(.ievov. Auch in Italien jenseits 
des Po gab es nach Plinius 19, in., einen cibus rusticus ac praedulcis 
aus Leinsaat, der aber jetzt nur noch bei Opfern vorkomme: nach 
der Oertlichkeit und dem Opfergebrauch zu schliessen wohl ein alt- 
keltisches oder altliguriscbes Gericht. Reicher als die Geschichte 
der Leinsaat als Speise ist freilich die des Flachses als technischen 
Gewachses. 

Die Linnenkultur geht in Aegypten und Vorderasien ins hochste 
Alterthum hinauf. Linnene Stoffe und Kleider, Tucher und Bin den, 
Zelte und Netze, Taue und Segel sind bei den Aegyptern, den Pho- 
niziern, im Alten Testament in allgemeinster Anwendung. Alt- 
agyptische Wandmalereien zeigen uns den ganzen Process der Be- 
arbeitung des Flachses, das Rosten, Blauen, Kammen u. s. w. des- 
selben (Wilkinson, III, p. 138. No. 356, p. 140. No. 357). Dass die 
Mumien in Leinwandbinden gewickelt sind, haben nach der ent- 
gegengesetzten Behauptung Rosellinis, der gegen zweihundert Mumien 
untersucht und nie anders als baumwollene Binden gefunden haben 
wollte (Monumenti, II. 1. p. 333 ff.), neuere auf die Anwendung des 
Mikroskops gestiitzte Forschungen unzweifelhaft festgestellt (Brugsch 
in der Allgemeinen Monatschrift 1854, August, S. 633) 48 ). Bedenkt 
man die Lange der so verwendeten Leinwandstreifen und die natiir- 
liche Zahl der Todten einen Leichnam in Wolle zu bestatten 
ware ein Grauel gewesen , ferner die allgemeine Anwendung der 
Leinwand auch bei der Tracht der Lebenden und die Satzung, nach 
der die Priester nur reine linnene Unterkleider tragen (Herod. 2, 37 
von den Aegyptern: eifJLaxa 6e Mvea (pogsovGi, alel vsoTiAv 
jfevovteg WVTO ftdJUtna, und von den Priestern: stf&rjta de 
ol fyssg foverjv fjiovvyv .... cU/l^v de ffy>e, scf^Ta ovx 
und hochstens ausser dem Tempel einen wollenen Mantel iiberwerfen 
duiiten, endlich den Betrag der Ausfuhr, der zu jeder Zeit bedeutend 
war, so muss man iiber den Umfang und die Masse dieser Produktion 
in dem Nilthale erstaunen. Dass die agyptische Linnenindustrie auch 
die feinsten und kunstreichsten Luxusgewebe lieferte, beweist nicht 
nur ihr Ruf im ganzen Alterthum, sondern auch der Befund mancher 
Mumienhullen. So schenkte der Konig Amasis den Lacedamoniern 
und dem Tempel der Athene zu Lindos auf der Insel Rhodus je ein 
leinenes Panzerhemd mit eingewebten Thierbildern , mit Gold und 

11* 



164 D e 

Baumwolle gestickt, von solcher Feinheit der Faden, dass dreihundert- 
sechzig derselben wieder einen Faden bildeten (Herod. 3, 47; 2, 182. 
Plin. 19, 12) 49 ). - - Dass die Phonizier friihe den Anwohnern der 
Kiisten des Mittelmeeres linnene Kleider als Tauschwaaren zubrachten, 
geht aus der Identitat des griechischen Wortes /trcov, xcdwv mit dem 
phonizischen kitonet, Jcetonet Leinwand (Movers 3, 1, S. 97), so wie 
aus dem homerischen o$6vr] (s. u.) hervor. Sie bezogen jenen Stoff 
ihrerseits, ausser aus Aegypten, besonders aus ihrem palastinensischen 
Hinterlande, wo nach den Zeugnissen des Alten Testaments der Flachs 
allgemein in den Hausern von der Hand der Frauen gesponnen und 
zu Kleidern, Giirteln, Schniiren, Lampendochten u. s. w. verarbeitet 
ward. Da in einzelnen warmeren Gegenden Palastinas auch die 
Baumwollstaude, gossypimn herbaeeum, wuchs, so mogen auch hier, 
wie bei der agyptischen Waare, Baumwollstoffe und feines Linnen 
in Sprache und Verkehr nicht immer unterschieden worden sein. 
Die Schift'e der Phonizier wurden nicht bloss von Rudern fortbewegt, 
sondern fiihrten auch linnene Segel: woraus aber bestand das Tau- 
werk, das die Hasten hielt und an dem die Segel hingen? Vielleicht 
aus agyptischem Byblus, da der Flachs dazu zu schwach scheint- 
Als viele Jahrhunderte spater Xerxes seine grosse Schiffbriicke iiber 
den Hellespont schlug, hatten die Aegypter die dazu nothigen Seile 
aus Byblus, die Phonizier aus weissem Flachs, favxokwov, zu liefern, 
(Herod. 7, 25 und 34). Unter dem weissen Flachs verstand Salmasius 
(Plin. Exercitat. p. 538) bearbeiteten, linum maceratum, da der Flachs 
durch Rosten, Blauen u. s. w. weiss wird, im Gegensatz zu dem rohen 
Flachs, crudarium, cojUo'Awov. Allein bei Seilen, an denen eine Briicke 
hangen soil, kommt es nicht auf Weisse und Zartheit, sondern vor 
Allem auf Haltbarkeit an. stevxofavov ist nichts anderes, als die 
tevxea, tevxaCa, die nach Athen. 5, p. 206 Hiero II zu den Tauen 
seines Prachtschiffes aus Spanien, $ 'IfiyQiag, bezog, also Spartgras, 
stipa tenacissima, welche spanische Pflanze die Phonizier zu Xerxes' 
Zeit langst kennen und benutzen gelernt hatten. Tiefer in den 
Continent hinein trugen auch die Babyionier lange linnene Kittel 
(Herod. 1, 195: l(f^iju de xoifjde /^aovrcM, xi&nvt, Ttodr^vexeC hwiw 
. . .); Strabo 16, 1, 7 zeichnet besonders die babylonische Stadt 
Borsippa als fovovgyeZov /neya aus, und was fur seine Zeit gait, wird 
bei der Stabilitat des Orients in lokalen Gewerben auch fur eine 
viel friihere richtig sein. - - Weiter nach Norden bliihte die Flachs- 
kultur in Kolchis d. h. in den sumpfigen Gegenden am sudwestlichen 
Fuss des Kaukasus, in solcher Fiille und Vollkommenheit, dass 



Der Flachs. 165 

Herodot 2, 105 darin einen weiteren Grund sieht, die Kolcher und 
Aegypter fiir eines Stammes zu halten. Kolchisches Linnen hiess 
nach Herodot bei den Griechen sardonisches, Ja^Jowxov 50 ); und war 
aueh spater noch ein Ausfuhrartikel von Ruf, Strab. 11, 2, 17: 
(Kolchis) hCvov "is noizl noKv xal xdvvafiiv xal XYJQLV xal TrCrxav. q 
<? fovovgyla xal xs&Qvhyrat,' xal ydg slg wvg &-co tonovg exo/uor. 
Zu alien Arten Netze, lehrt Xenophon de ven. 2, 4 dient phasianischer 
(d. h. kolchischer) oder karthagischer feiner Flachs (ahnl. Poll. 5, 26). 
Der ganze Orient wusste die Leinwand zugleich bunt zu farben, glanzend 
zu durchwirken, arabeskenartig oder in Form von Bildern mit Gold- 
faden u. s. w. zu sticken, und linnene Gewander auf die angegebene 
Art verziert und wegen der hochsten Feinheit halb durchsichtig 
bildeten an den Hofen und im Harem der Konige und Satrapen die 
dem Machtigen und Gottergleichen und seiner llmgebung zukommende 
Tracht. Wie in Aegypten hiillteu sich auch in den vorderasiatischen 
Kulten, die Jehovareligion nicht ausgenommen, die Priester in zartes, 
weisses Linnen, Symbol des Lichtes und der Reinheit: Joseph. 
Ant. 3, 7, 2: Mveov gvdvfia SiTrhrjg (pogeZ fftvSovog ftvaatvrj? (o fogevs). 
XsO-ofisvTf [j,ev xafolTCu, Mveov 6s rovro Grjfuawst,' %e$vv yaQ TO hCvov 
t]/uelg xa^ovfjisv. Nach Philo warf der Hohepriester , wenn er das 
Allerheiligste betrat, das bunte Gewand ab und legte das linnene 
von .weissem Byssus gewebte an, de somn. 1, 37: oiav slg m 
twv ayfaw 6 avxbg oviog dgxiSQevg 8l(ffy, T^V f.ihv noixC^' 
,, fovyv ds Mgav, fivaaov zrjg xaSctQwmirjg 

Diese agyptisch-asiatische Kultussitte ging dann spater 
auch in Europa auf die Pythagoreer, die Orphiker, die Isispriester, 
auf Betende und Biissende uberhaupt tiber, wie Tibulls Delia sich 
bei soldier Gelegenheit in Leinwand hiillte, 1, 3, 29: 

Ut mea votivas persolvens Delia voces 
Ante sacras lino tecta fores sedeat, 

ja erhielt sich als weisses Chorhemd, alba sacerdotalis, franzos. aube, 
in der christlichen Kirche bis auf den heutigen Tag. - - Auch bunt- 
gewirkte Segel und Flaggen aus Linnen mit Gold- und Purpur- 
besatz und eben solche Zeltdecken werden an den Schiffen und 
Barken der orientalischen Despoten geriihmt, von denen die griechi- 
schen Konige, wie so vieles Andere, auch diesen halbbarbarischen 
Luxus annahmen. Schon Theseus hatte, aus Kreta heimschiffend, 
zum Zeichen seiner Rettung ein purpurnes Segel aufgezogen (eine 
Wendung der Sage, welcher Simonides gefolgt war, Plut. Thes. 17), 
und so wagte es auch Alkibiades, als er nach der Verbannung 



166 Der Flachs. 

triumphirend in seine Vaterstadt zuriickkehrte, auf einer Trireme mit 
purpurnem Segel, facto) ahovgya), in den Hafen einzufahren (Plut. 
Ale. 32 und Athen. 12. p. 535, beide nach Duris von Samos). Auch 
Kleopatras Schiff fiihrte bei Actium ein solches Segel, mit dessen 
Hiilfe sie gegen Ende der Schlacht eilig das Weite suchte. Eine 
weitere, in Asien gewiss seit alien Zeiten gebrauchliche Anwendung 
des Flachses war die zu linnenen Panzern, durch welche der scharfe 
Pfeil des Feindes und auf der Jagd der Zahn und die Kralle des 
Raubthieres , des Lowen und Pardels , abgestumpft wurde. Die Be- 
mannung der phonizischen und philistaischen Schiffe im Kriegszuge 
des Xerxes trug linnene Panzer (Herod. 7, 89: evdsdvxoTsg <?e #(?- 
xag favsovg); ebenso die Assyrer (Herod. 7, 63); Abradatas, Konig 
der Susier, legt bei Xenophon, Cyrop. 6, 4, 2, den landesiiblichen 
linnenen Harnisch an (SwQaxa og smxwQwg r t v avrolg); bei den 
Chalybern in Armenien fanden die Zehntausend dieselbe Art Kriegs- 
bekleidung (Xen. Anab. 4, 7, 15); die Mossynoken, ein pontisches 
Volk, trugen Kittel bis uber die Knie, von der Dicke wie die Leiii- 
wandsacke, in welche man im damaligen Griechenland die Bettpolster 
beim Wegraumen oder auf Reisen zu stopfen pflegte (Xen. Anab. 5, 
4, 13), und auch in den karthagischen Heeren, die aus sehr ver- 
schiedenen Soldnern bestanden, war der Leinwandpanzer ein gebrauch- 
liches Waffenstiick (Pausan. 6, 19, 7). 

Dass nun ein durch ganz Asien von Alters her so allgemein ver- 
breitetes Produkt den Griechen der epischen Zeit nieht unbekannt 
sein konnte, ergiebt sich von selbst. Es fragt sich nur, ob die bei 
Homer erwahnten linnenen Gewander auf dem Wege des Handels 
eingefiihrt oder der Rohstoff daheim gewonnen und von den Frauen 
mit der Spindel und am Webstuhl zu Zeugen verarbeitet worden? 
Die bttovrj wenigstens, ein feines linnenes Frauenkleid von weisser 
Farbe 51 ), war, wie der Name lehrt (Movers, 2, 3, S. 319), und der 
Zusammenhang der Stellen, in denen sie erscheint, wahrscheinlich 
macht, ein Erzeugniss asiatischer, nicht griechischer Kunstfertigkeit. 
Helena, die auch sonst mit semitisch-phrygischem Luxus umgebene 
Konigin, die eben ein Gewand gewebt hat, doppelt und purpurn, in 
welchem die Kampfe der Troer und der Achaer zu schauen waren, 
eilt aus dem Gemache, in weisse oftovcu gehiillt (II. 3, 141). Auf 
dem Schilde des Achilleus sah man tanzende Jiinglinge in wuujvsg 
gekleidet, die Jungfrauen aber in zarte oS-ovai gehiillt (II. 18, 595). 
Bei den Phaaken, in dem Wunderschlosse, sitzen die Magde webend 
und die Spindel drehend, gleich den Blattern der Pappel, gekleidet 



Der Flachs. 167 

in dichtgewebte oSovai, die von Oel triefen (Od. 7, 107), wo das 
Adjectiv xaiQoaewv, die von Aristarch (statt x^ocrffcozon;, mit Troddeln 
versehen) eingefiihrte Lesart, zur Aufhellung der Natur des Stoffes 
nichts beitragt, da es selbst dunkel ist. Auch die feinen Betttiicher, 
fiir welche Homer den europaischen im Orient sich nirgends finden- 
den Namen ktvov (mit kurzem Wurzelvokal) braucht, konnten immer 
noch fremder Herkunft sein. Zum wohlbereiteten Lager gehort ausser 
Vliessen und Wollstoffen auch der zarte Flaum desLinnens (II. 9, 660), 
so bei dem Lager, das die Phaaken dem Odysseus auf dem Schiffe 
bereiten (Od. 13, 73) und mit dem sie ihn schlafend ans Land tragen 
(118). Aus welchem Stoffe die Segel der homerischen Schiffe be- 
standen, ergiebt sich aus der stehenden Formel der Odyssee: tana 
Asvxd: sie waren weiss und folglich von Leinwand, und wenn Kalypso 
dem Odysseus cpdgsa, Tucher, bringt, damit er fur sein frisch ge- 
zimmertes Fahrzeug Segel daraus mache (Od. 5, 258), so lehren die 
Beiworter, mit denen kurz vorher das Gewand oder der Umwurf, 
(pagog, der Kalypso geschildert worden, dass auch dieses' als linnenes 
Gewand zu denken ist (Od. 5, 230; danach wiederholt 10, 543). 
Zum Tauwerk dagegen konnte auch in der homerischen Schifffahrt 
der Flachs nicht dienen; woraus es hergestellt war, dariiber geben 
glucklicher Weise Anzeigen des Textes selbst hinreichende Auskunft. 
Od. 12, 422 wird der Mast von den Wogen niedergebrochen ; an 
dessen Spitze war das Tau, Smrovog, umgeschlungen, welches aus 
Rindshaut verfertigt war (fiobg QWOIO rersv^g} und das daher a\ich 
geradezu posvg genannt wird (Od. 2, 426 und in der Parallel stelle 
15, 291, wo zugleich das Adjectiv evatQeTcioiat, lehrt, dass ein solches 
Tau aus zusammengedrehten schmaleren Lederstreifen bestand). Neben 
den Riemen aus Ochsenhaut aber findet sich im zweiten Theil der 
Odyssee auch schon fivjttivog als Pradikat eines Schiff sseiles : unter 
der Vorhalle des Palastes liegt ein von einem Schiffe stammender 
Strang aus Byblus und Philoitios bindet damit die Ausgangsthlir zu 
(21, 390). Wie nun solche Seile aus agyptischem Bast den Griechen 
ohne Zweifel durch semitische Schiffer zugebracht waren, so konnten 
auch die Tucher der Kalypso und iiberhaupt das Segeltuch aus 
fremden Regioneh auf dem Wege des Handels bezogen worden sein. 
Der obige Name Mvov dient aber wieder bei Homer auch fiir die 
Angelschnur, das Fischernetz und den Faden an der Spindel. 
Patroklus hat den Thestor mit dem Schwert in die Zahne getroffen 
und zieht ihn vom Wagen, wie der Angler den hciligen Fisch an 
der Leinschnur aus dem Wasser zieht (II. 16, 406). Sarpedon ruft 



168 Der Flachs. 

dem Hektor scheltend zu, er moge sich hiiten, mit den Seinigen eiue 
Beute des Feindes zu werden, gleichsam gefasst von den Maschen 
des allfangenden Leinnetzes (II. 5, 487). An der Spindel zum Faden 
gezogen erscheint das Mvov in dem religiosen Bilde von dem zuge- 
sponnenen Lebensschicksal. Achilles wird dasjenige erdulden, was 
ihm die Schicksalsgottin bei der Geburt mit dem Leinenfaden zuge- 
sponnen (II. 20, 128; danach auch 24, 209; ahnlich auch Od. 7, 198). 
Bedenkt man, dass noch jetzt der rohe Flacbs in ganzen Sehiffs- 
ladungen in die Lander des Siidens geht, um dort von Frauen und 
Madchen im Freien, vor den Hausern, auf der Weide der Schafe 
und Ziegen an der Kunkel versponnen zu werden, so konnten auch 
die homerischen Weiber und nach ihrem Vorbild die Moren agyp- 
tischen, palastinensischen oder kolchischen Flachs zu Faden gedreht 
und zu Netzen gestrickt haben. Eine andere Frage ware die, ob 
nicht Mvov in Europa ein sehr altes Wort ist, das iiber die Zeit des 
Flachses hinausgeht und nur den Faden und das daraus Gestrickte 
iiberhaupt bedeutet? Fischfang mit Angel und Netz ist eine sehr 
primitive Beschaftigung und Naturvolker wissen aus allerlei wild- 
wachsenden Pflanzen, besonders denen aus dem Nesselgeschlecht, 
und aus dem Bast gewisser Baume Faden zu drehen und gewand- 
artige Matten zu flechten. Warum sollten auch die Parzen bei 
Homer gerade den Lein und nicht lieber die Wolle des Schicksals 
abspinnen, wie sie doch spater thun? (S. dariiber unten.) Asiatische 
Waare mogen auch die Lein wand-Panzer gewesen sein, die an zwei 
Stellen des Schiffskatalogs erwahnt werden, II. 2, 529 und 830. An 
der einen (die freilich ganz wie ein junges Einschiebsel aussieht) 
wird Ajax, Fiihrer der Lokrer, favo#a)()r]% genannt, an der andern 
gleicher Weise Amphius, Sohn des Merops, einer der troischen 
Bundesgenossen. Dass der Letztere, ein halbbarbarischer Asiate, in 
der Tracht erscheint, wie die Chalyber des Xenophon, hat nichts Auf- 
fallendes; bei dem Fiihrer der Lokrer hangt das Pradikat offenbar 
mit der Kampfweise dieses den Lelegern blutsverwandten Stammes 
zusammen: die Lokrer standen nicht Mann gegen Mann in der 
Schlacht, schwangen nicht den Speer und trugen nicht eherne Helme 
und Schilder, sondern fiihrten Bogen und Schleuder, schossen aus der 
Feme und deckten sich also zweckmassig durch leichtere gewebte 
oder gesteppte Kittel (II. 13, 373 ff.). Der linnene Harnisch wird 
von da an durch das ganze griechische Alterthum hin und wieder 
erwahnt. In dem um die Mitte des siebenten Jahrhunderts an die 
Aegier (nach Anderen an die Megarer) ergangeiien sehr beriihmt 






Der Flachs. 169 

und sprichwortlich gewordenen Orakel heissen die Argiver leinwand- 
bepanzert, Anth. Pal. 14, 73: 

'AgysZot, Aiyo&x>^x, xevrga mohsfjioto. 

In einem Fragment des Alcaus (bliihte urn 600 vor Chr.) wird 
unter andern Kriegswaffen auch der #)((> aus Uvov aufgefiihrt 
(Fr. 15 Bergk.); in Olympia lagen drei linnene Harnische, Weih- 
geschenke des Gelon und der Syrakuser nach ihren Siegen zu Lande 
und zu Wasser iiber die Karthager (Paus. 6, 19, 4), und auch sonst 
sah Pausanias Panzer dieser Art an heiligen Statten aufgehangt, 
z. B. im Heiligthum des gryneischen Apollo (1, 21); Iphikrates gab 
den athenischen Kriegern, um sie beweglicher zu machen, linnene 
statt der friihem ehernen und Kettenpanzer (Corn. Nep. Iphicr. 1, 4: 
pro sertis atque aeneis linteas dedif). In der Gruppe der Aegineten 
tragt Teucer, des Ajax Bruder, iiber einem armellosen reich gefalteten 
Unterhemd den linnenen Harnisch mit doppelten TtTSQvysg, dessen 
Enden nach vorn iiber beide Schultern fallen; auch Hercules hat 
iiber einem Untergewand mit gefaltetem Saum den Linnenpanzer, 
aber nur ein Ende hangt iiber die linke Schulter. Dass der Lokrer 
diese Art Riistung erhielt, geschah nach homerischem Vorgang und 
nach der Sitte dieses gewissermassen vorhellenischen Stammes; bei 
Hercules, dem mit Keule und Bogen bewaffneten Helden, erscheint 
natiirlicher Weise neben dem Fell des erlegten Thieres auch die alteste 
leichte Kriegstracht, noch nicht der Stahlpanzer und die dorisch-ritter- 
liche navorcMa. Im Uebrigen herrscht das wollene Kleid bei den 
Griechen vor; die Leinwand gilt fiir iippig und weibisch, sowohl 
wenn sie weiss und glanzend wie Schnee, als wenn sie mit Farben, 
Bildern und Franzen geschmiickt war. Die lonier in Asien hatten 
das lange fliessende Kleid aus Leinwand von ihren karischen Unter- 
thanen und reichen Nachbaren angenommen : schon bei Homer heissen 
sie 'Idoveg shxexiTwvsg, wie die Troerinnen ^IxsGCneTtloi,; von den 
loniern war dieselbe Tracht zu den blutsverwandten, friihe der orien- 
talischen Civilisation geoffneten Athenern iibergegangen. Herodot 
erzahlt 5, 87 die angebliche Veranlassung zu dem Letzteren: da nach 
einem ungliicklichen Kriegszuge gegen die Aegineten der einzige 
entronnene athenische Krieger von den wegen der Ungliicksbotschaft 
und des Verlustes ihrer Manner wuthenden Weibern mit dem Dorn 
der Schnallen, die ihre Gewander festhielten, erstochen worden, 
wurde zur Strafe dafiir die weibliche Tracht durch Volksbeschluss 
geandert: die Frauen mussten das dorische, wollene, bloss umge- 
Avorfene Kleid ablegen und den ionischen oder, wie Herodot hinzu- 



170 Der Flachs. 

setzt, eigentlich altkarischen, ganz genahten und folglich keiner 
Spange bediirfenden linnenen xtdwv annehmen. Spater kam indess 
in Athen die ionische Leinwandtracht wieder ab : Thucydides berichtet 
in einer nicht ganz klaren und viel bestrittenen Stelle (1, 6), gegen 
die Zeit des peloponnesischen Krieges sei auch bei den Athenern 
das altgriechische wollene Gewand wieder Gebrauch geworden; nur 
unter der Klasse der reichern Burger batten die altern am Herge- 
bracbten hangenden Leute den gewohnten Prunk nicht aufgeben 
wollen. Seitdem trugen nur die Weiber nocb Stoffe aus Flachs, 
deren feinere Sorten aus fremden Landern eingefiihrt wurden. Bei 
Aeschylus Sept. 1038 tragt Antigone ein ftv&KVOV TiSTihw/ua und in 
Euripides' Bacchen 820 sind fivGMvoe, nenhoi, so viel als Frauen- 
kleider. Ueber einen Anbau der Pflanze selbst auf griechischem 
Boden liegt aus alterer Zeit kein bestimmtes Zeugniss vor. In den 
besiodischen Gedichten ist nirgends vom Flachs die Rede; auch 
spater sagt Theophrast nur einmal im Vorbeigehen, der Flachs ver- 
lange einen guten Boden (de caus. pi. 4, 5, 4); ganz spat berichtet 
Pausanias (6, 26, 4) von den Bewohnern der Landschaft Elis, sie 
saeten je nach der Beschaffenheit des Bodens Hanf, Lein und Byssos. 
Elis tragt nach Leake, Morea, 1, S. 12, noch heut zu Tage einigen 
Flachs, der aber nur ein grobes Produkt giebt. Jedenfalls nahm der 
Flachs zu keiner Zeit in der griechischen Bodenwirthschaft die her- 
vorragende Stelle ein, wie in manchen Gegenden des asiatischen 
Continents. 

Es konnte nicht fehlen, class linnene Tiicher, Kleider und Stoffe 
friihzeitig auch nach Italien himibergebracht wurden. Freilich, wenn 
Diogenes von Laerte Recht hatte, so ware zu Pythagoras' Zeit, also 
in der zweiten Halfte des sechsten Jahrhunderts, die Leinwand in 
den grossgriechischen Stadten noch unbekannt gewesen (8, 1, 19: TO. 
yag fava ovno) tig Ixetvovg dyiZxro wvg Tonovg), daher der Meister, 
anders als seine spatern Nachfolger, gezwungen war, sich in reine 
weisse Wolle zu kleiden, allein die Nachricht hat wenig Gewahr 
und besagt wohl nur, dass das ionische linnene Kleid bei den Kro- 
toniaten, wie natiirlich, nicht im Gebrauch war und Pythagoras in 
Kroton sich trug, wie a)le Uehrigen. Das lateinische Wort linum 
stimmt in der Quantitat nicht mit dem homerischen Atvov iiberein, 
wohl aber mit dem Gebrauch attischer Komiker und wanderte also, 
wenn es Lehnwort war, aus einer Gegend ein, deren Volkssprache 
jener attischen nahe stand. Aus fruher Zeit horen wir von alt- 
romischen Biichern auf Leinwand, libri lintei, auf deren Auctoritat 






Der Flachs. 



sich noch einzelne Annalisten berufen: dem Nanien nach vermuthen 
wir, dass sie auf Bast geschrieben waren ; an wirkliche Leinwand 1st 
wohl deshalb schou nicht zu denken, well die Alien nicht, wie wir, 
lange zusammengerollte, spater zu verschneidende Stiicke dieses 
Stoffes webten, sondern immer schon fertige, zu unmittelbarem Ge- 
brauch bestimmte Kleider, Tiicher u. s. w. Dass die vejentischen 
Etrusker nach der Mitte des fiinften Jahrhunderts vor Chr. sich 
linnener Harnische bedienten, oder dass wenigstens ihr Konig, wenn 
er zu Pferde in die Schlacht zog, einen Thorax von Leinwand trug, 
geht aus Livius 4, 20 hervor: damals namlich todtete A. Cornelius 
Cossus den Vejenterkonig Tolumnius in der Schlacht und weihte 
dessen thorax linteus im Tempel des Jupiter Feretrius auf dem Kapitol, 
Kaiser Augustus aber, als er den genannten Tempel, der verfallen 
war, wieder herstellte, las noch die Weihinschrift auf dem thorax 
selbst, an dessen Echtheit also nicht zu zweifeln war. Dem Volk 
der Falisker, das den Vejentern blutsverwandt und benachbart war 
und an der erwahnten Schlacht Theil genommen hatte, schreibt der 
Dichter Silius Italicus linnene Tracht zu, als bei ihnen hergebracht, 
4, 223: 

Inductosque simul gentilia Una Faliscos. 

Eine andere etruskische Stadt, Tarquinii, die gleichfalls nicht sehr 
fern lag, lieferte gegen Ende des zweiten punischen Krieges, als die 
Bundesgenossen pro suis quisque facultatibus, d. h. Jeder nach den 
Naturerzeugnissen oder der Industrie seines Landes zur romischen 
Flotte beisteuerten, Leinwand zu Segeln (Liv. 28, 45). Ja die ganze 
Gegend, wo der Tiberfluss durch buschige Wildniss dem Meere 
zustromte, wird von Gratius Faliscus als Flachs tragend ge- 
schildert, 36: 

et aprico Tuscorum stupea campo 

Messis contiguum sorbens de flumine rorem. 

Qua cultor Latii per opaca silentia Tibris 

Labitur inque sinus magno venit ore marines. 

At contra nostris imbellia Una Falisois. 

Und nicht bloss feucht, setzen wir hinzu, war der Landstrich am 
untern Tiber und darum fur die stupea messis, d. h. die Flachsernte 
geeignet, sondern auch Schauplatz eines sehr alten Handelsverkehrs. 
Dass die Samniter gegen Ende des vierten Jahrhunderts von der 
Leinwand schon ausgedehnten Gebrauch machten, wie sie auch an 
Gold und Silber nicht arm sein konnten, erhellt aus dem Bericht 
des Livius 9, 40: danach stellteii sie ein doppeltes Heer auf, das 



172 Der Flachs. 

eine mit vergoldeten, das andere mit silbergeschmiickten Schildern, 
beide mit Biischen auf den Helmen; die goldene Schaar trug bunte, 
die silberne weisse leinene Tuniken; auch die bunten bestanden wohl 
aus gefarbter Leinwand, die vielleicht im fernen Osten gewebt war, 
wie ja auch der Besitz kostbarer Metalle auf Tauschverkehr mit dem 
Auslande hinweist. Noch bedeutungsvoller ist ein anderer Vorgang, 
von dem Livius 10, 38 erzahlt und der die Aufmerksamkeit der 
M} r thologen noch wenig erregt hat. Im Jahre 293 versammelten 
die Samniter bei Aquilonia mit Aufgebot aller Krafte ein Heer von 
vierzigtausend Mann. Mitten im Lager war ein Raum von zwei- 
hundert Fuss nach alien Seiten mit Flechtwerk und Brettern um- 
geben und mit Leinwand bedeckt. Dort wurde nach verschollenem 
Brauch der Vater und dem Text ernes alten liber linteus ein Opfer 
gebracht und dann die Edelsten des Volkes einer nach dem andern 
hereingefuhrt. Der Anblick des nach ungewohnter Form vollzogenen 
Opfers, der Altar mitten in dem ganz bedeckten Raum, die frisch 
geschlachteten Opferthiere ringsum , die mit geziickten Schwertern 
dastehenden Centurionen: Alles ergriff das Gemuth des Eintretenden, 
der sich mehr wie ein Schlachtopfer , als wie ein Opferer vorkam. 
Erst musste er schworen, nichts von dem zu verrathen, was er hier 
sehen oder horen wurde, dann leistete er nach einer grausigen Formel, 
mit Anrufung des Verderbens auf sich, seiii Haus und sein Ge- 
schlecht, einen Eid, durch den er sich verpflichtete, den Fiihrern in 
die Schlacht zu folgen, nimmer aus der Schlacht zu fliehen und Jeden, 
den er fliehen sane , augenblicklich zu todten. Als Anfangs Einige 
sich weigerten, diesen Schwur zu leisten, wurden sie am Altar selbst 
niedergemacht, welcher Anblick darauf die Folgenden. willig machte. 
Nachdem so der Adel durch den Eidschwur sich gebunden, befahl 
der Feldherr zehn von ihm Ernannten, sich Jeder einen Genossen 
zu erwahlen, und dieser wieder dasselbe, bis so durch fortgehende 
Wahl ein Heerhaufe von sechszehn tausend Mann beisammen war. 
Diese Legion hiess die legio Unteata, von der Umhiillung des Raumes, 
in welchem der Adel sich dem Siege oder Tode geweiht hatte. Sie 
erhielt hervorleuchtende Waffen und Heltnbusche, wurde aber trotz 
Allern von den Romern an einem blutigen Schlachttage vollig auf- 
gerieben. Warum aber war der Raum, wo die Yerschworungshand- 
lung vor sich ging, grade mit Leinwand iiberspannt und die Legion 
grade nach diesem Umstand linteata geheissen? Vielieicht wirkten 
hier pythagoreische religiose Vorstellungen ein, von denen die Sam- 
niter, wie sich auch sonst beobachten lasst, nicht unberiihrt geblieben 



Der Flachs. 173 

waren. Als die Romer in die Erbschaft der Samniter und der 
Griechen eintraten, waren vestes linteae, wie im Orient und in Griechen- 
land, eine kostbare iippige Tracht: Cicero in Verr. 5, 56 fiihrt unter 
den Luxuswaaren des Orients, wie Purpur von Tyrus, Weihraueh, 
wohlriechende Essenzen, feine Weine, Geninien und Perlen, auch 
leinene Kleider auf, etwa wie wir sagen: Diamanten und Spitzen. 
Dienende Knaben bei schwelgerischen Gastmahlern trugen, um fliich- 
tiger in der Bewegung zu sein, leichtes anschliessendes Linnen; die 
Reize schoner Libertinen wurden durch fiorartige, purpurfarbige, gold- 
gestickte koische und amorgische Gewebe zu denen auch der 
feinste Flachs diente, Poll. 7, 74 mehr verrathen als verhiillt; reiche 
Magistrate und Casaren spannten, um das schauende Volk und Richter 
und Gerichtete vor der Sonne zu schiitzen, ein Leinwanddach iiber 
das Theater und das Forum. Bei dem Wechsel der Mode, iiber den 
schon friihe noch zur Zeit der Republik geklagt wird, erschienen 
neue Kleiderformen, Tiicher, Binden u. s. w. aus linnenem Stoff : so 
der stippams (ursprlinglich Name eines Segels und zwar eines kleinen 
oder Hiilfssegels, dann ein Frauengewand, schon bei den Komikern, 
Novius (bei Ribbeck, Com. lat. reliq. p. 224): 

Supparum purum Veliensem linteum, 
Afranius (p. 154): 

tace ! 
Puella non sum, supparo si induta sum; 

nach Varro 1. 1. 5, 30 Spengel. ein oscisches Wort, das aber wohl 
aus dem Orient stammte; Paul. p. 311 Miiller setzt es geradezu dem 
spatern camisia, Hemde, gleich), das sudarium (eine Art Handtuch 
oder Taschentuch, das von Leinwand gewesen sein muss, da Catullus 
es an zwei Stellen 12, 14 und 25, 7 von Saetabis in Spanien, dem 
beruhmten Flachsbezirke, kommen lasst und Vatinius bei Quintilian 6, 
3, 60 ein candidum sudarium fiihrt; spater orarium genannt und als 
solches zur christlichen Messkleidung gehorig) u. s. w. Linnene Faden 
dienten zur Angelschnur, zum Verbinden der Brief e, dickgewebte 
Leinwandtiicher zum Abreiben in den Badern, als Tischdecken, letztere 
unter dem Namen mantelia, mantela, dazu bestimmt, den aus kost- 
barem Holz bestehenden Tisch gegen die Eindriicke der aufgetragenen 
Schiisseln zu schiitzen, Mart. 14, 138. Mantele: 

Nobilius villosa tegant tibi lintea dtrum; 

Orlibus in nostris circulus esse potest. 

.Die Pflanze selbst aber wurde in dem Itaiien siidlich von Rom - 
und dieser Theil der Halbinsel war in den ersten Zeiten der romi- 



174 Der Flachs. 

schen Weltherrschaft der civilisirte, der gebende mid empfangende, 
der Weg in die alte Welt, auf ihn gleichsam das Gesicht der Haupt- 
stadt gerichtet kaum oder nur in geringem Masse angebaut. Cato 
erwahnt des Flachses in seiner Landwirthschaft ganz und gar nicht, 
Varro nur fliichtig. Auch Columella legt auf diese Kultur kein Ge- 
wicht; einmal 2, 7, 1, zahlt er unter Bohnen, Linsen, Erbsen und 
anderen Arteii legumina auch den Flachs mit auf, woraus sich ergiebt, 
dass in Krautgarten wohl auch ein Stuck Land zur Erzeugung von 
Leinsaat bestimmt wurde. Ein ganz anderer, weiter, iiber die 
griechisch-romische Welt hmausfiihrender Blick aber offnet sich in 
dem Kapitel, welches Plinius am Anfang des 19. Buches dem Flachse 
und seiner Kultur in der Welt widmet. Wir erkemien hier, dass, 
wenn die am Nil und im Herzen Asiens friihe bliihende Linnenkultur 
bei ihrer Wanderung nach Europa in den warrnen Gebirgsland- 
schaften der beiden klassischen Halbinseln keine rechte Statte fand, 
sie in den feuchten, nebligen Ebenen der Barbaren, auf humusreichem 
Waldboden, in den Landern frischen Anbruchs sich bald iippig ent- 
faltete. Schon Herodot 5, 12 lasst ein Madchen vom Stamme der 
Paoner in Thrakien mit dem Flachs an der Spindel auftreten; am 
entgegengesetzten Ende Europas wird Spanien in friiher und in 
spater Zeit als leinproducirend geriihrnt: in der Schlacht bei Canna 
trugen die Iberer purpurverbrarnte linnene Kittel nach Landessitte 
(xaia ^VL TrdrQia, Polyb. 3, 114, 4 und nach ihm Liv. 22, 46: His- 
pani Unteis praetextis purpura tunicis); die feinen Siebe aus Flachs- 
faden sind eine urspriinglich spanische Erfindung (Plin. 18, 108); die 
Emporiten treiben Leinwandindustrie (Strab. 3, 4, 9); das feine Pro- 
dukt von Tarraco (dort mit dem phonizischen Worte carbasus be- 
nannt, welches selbst wieder fur den indischen Namen der Baum- 
wolle gehalten wird) und Saetabis stand in hohem Rufe und wird 
oft erwahnt, z. B. Sil. Ital. 3, 374 : 

Saetabis et telas Arabum sprevisse superba 
Et Pelusiaco filum componere lino - 

und wenn uns dies von Orten an der Kiiste des mittellandischen 
Meeres, die von friihe an mannichfachem Kultureinfluss geoffnet 
war, weniger wundert, so horen wir doch auch von dem Flachs der 
fernen Stadt Zoelae im Lande der rohen Asturer am Strande des 
atlantischen Oceans (Plin. 19, 10) und von den linnenen Harnischen 
der wilden und rauberischen Lusitanier im hintern Land (Strab. 3, 4, 6). 
Daher es von Spanien ganz allgemein heisst, Just. 44, 1, 6: jam 
lini spartique vis (in Hispania) ingens; Mel. 2, 6, 2: (Hispania) adeo 



Der Flachs. 175 

nt, sicubi ob penuriam aquarum effeta et sui dissimilis est, 
linum tamen aut spartum alat. In Italien selbst aber bilden alle 
die von der inneren Adria her zuganglichen Gegenden, die wasser- 
reichen, von Fliissen und Kanalen durchschnittenen Ebenen, der Land- 
strich, den einst Etrusker, dann keltische Volker besetzt hielten, und 
das von entgegengesetzten Seiten daran stossende ligurische und 
venetische Gebiet von Alters her eine Zone der Flachskultur. Plinius 
kennt in Oberitalien Flachssorten, die nach den spanischen fiir die 
besten auf europaischem Boden galten, den von Faenza in der Romagna 
(in Aemilia via Faventina, noch heut zu Tage geschatzt), den von 
Retovium (bei dem heutigen Voghera) und den in. der regio Aliana 
zwischen Po und Tessin (beide letztere auf altligurischem Boden). 
Eine in der Umgegend Ferrara's, also gleichfalls in der Romagna, 
gefundene, freilich verdachtige Inschrift (Orelli 1614) ist dem Sil- 
vanus cannabifer et linifer geweiht. Dass die Etrusker friihe Flachs- 
bau trieben, ist schon oben erwahnt und bildet ein Symptom mehr 
fiir den Zusammenhang , der dies Volk mit dem Norden verkniipft, 
und fiir die Kuiturscheide , die der Tiberfluss abgab. Jenseits der 
Alpen beschreibt Plinius ganz Gallien als Leinwand webend, be- 
sonders die Cadurci (Strab. 4, 3, 2 : naga tie rolg KadovQxoig hvovQ- 
yiaC), die Caleti, Ruteni, Bituriges, und die fiir die aussersteri der 
Menschen geltenden Morini, d. h. die keltischen Bewohner der 
Niederlande, - - so dass also belgischer Flachs und flamische Lein- 
wand ihren Adel bis wenigstens zum ersten Jahrhundert nach Chr. 
hinaufdatiren konnen. Ein Denkmal davon bewahrt die italienische 
Sprache in dem Wort renso, feiner Flachs, von der Stadt Rheims, 
wo er bezogen wurde. Selbst bis zu den Germanen jenseits des 
Rheins, fahrt Plinius fort, ist diese Kunstfertigkeit gedrungen; das 
germanische Weib kennt kein schoneres Kleid als das linnene; sie 
sitzen in unterirdischen Raumen und spinnen und webeii dort (id 
opus agunt). Ungefahr dasselbe sagt Tacitus, Germ. 17: die Frauen 
kleiden sich wie die Manner, nur dass die erstereri haufiger sich in 
linnene Tiicher hiillen, die sie mit Roth verzieren (purpura variant). 
- Finden wir so den Flachs bei alien Volkern Mittel-Europas unter 
den friihe ergriff enen , weil dem Boden und Himmel zusagenden 
Kulturzweigen, bei den Keltiberern am biscayischen Meerbusen, den 
Ligurern am obern Po, den Thraken, Kelten, Germanen, so lehrt 
zugleich das Wort Lein, dass ihnen Allen das Gewachs von den 
klassischen Volkern zugekommen war: dieser Name geht namlich 
durch den ganzen Welttheil, von den Basken am Fuss der Pyrenaen 



176 Der Flachs. 

(lurch alle keltischen und germanischen Volker bis zu den Litauern 
und Slaven, den Albanesen, Magyaren und Finnen, und findet sich 
in den Sprachen verschiedenster Herkunft wieder 52 ). Bei den Bar- 
baren aber wurde Leinwand nicht bloss allgemeines Lebensbediirfniss 
und fand mannichfache Anwendung, sondern gewann von dort auch 
Eingang in die Sitten der im Abscheiden begriffenen antiken Welt. 
Leinwand als Volkstracht ist nordischen Ursprungs. Wie der Ge- 
brauch gestopfter, mit Leinwand iiberzogener Polster und Kissen aus 
Gallien, namentlich von den schon oben genannten Cadurci, nach 
Italien kam (culcitae, tomenta, bei Martian's Leuconica oder Lingonica 
genannt) denn das friihere Alterthum bediente sich der stramenta, 
d. h. blosser Lagen von Decken t und weichen Stoffen (Plin. 19, 13) 
so ging auch das linnene Unterkleid, das eigentliche Hemde, 
das die Griechen und Romer in der Weise, wie die heutigen Europaer, 
nicht kannten, von den Barbaren aus, mit ihm der neue, zuerst bei 
dem heiligen Hieronymus vorkommende , gallische Name camisia 
(Zeuss 2 p. 787). Friiher hatten hochstens die Weiber vornehmen 
Standes Leinwand unmittelbar am Korper getragen; Plinius bemerkt, 
in der Familie der Serraner sei auch zu seiner Zeit das Hemd als 
weibliches Kleidungsstiick nicht ublich : ohne Zweifel in conservativer 
Anhanglichkeit an die altere Sitte. Nicht mehr sudlich-klassisch, 
schon nordisch-barbarisch war es, wenn der Kaiser Alexander Severus, 
wie ein Biograph Aelius Lampridius 40 berichtet, frische, weisse 
Leinwand liebte, weil sie nichts Rauhes habe (wie die Wolle), und 
die purpurgestreifte oder gar mit Goldfaden gestickte, also das 
orientalische Luxusgewand, verschmahte. Einige Decennien spater 
schenkte Kaiser Aurelian schon dem populus Romanus weisse, mit 
Aermeln versehene Tuniken, die in verschiedenen Provinzen angefertigt 
waren, darunter auch ungefarbte linnene aus Afrika und Aegypten, 
Vopisc. Aur. 48. Aus dem Edictum Diocletiani vom Jahre 301, 
Cap. 17 und 18, ersehen wir, dass die altberuhrnten syrischen Lein- 
wandfabriken schon grobe Zeuge fur den gemeinen Mann und fur 
Sclaven (Ig xQfoiv idov t&corcov r^TOt, (pafJufoaQixiDv) lieferten, darunter 
caracallae, Leinwandmantel gallischen Schnittes, mit Kaputze in Weise 
der noch heute geltenden Monchstracht , yaoxwia oder (paGxelai, 
Binden, die Fiisse zu umwickeln, an Stelle der heutigen Striimpfe, 
awdovsg xoiTagtat,, Bettlaken, xvlat, und TTQogxscpdhaia oder Matratzen- 
iiberziige und Kissenbiihren u. s. w., lauter im Laufe der Kaiserzeiten 
von Gallien her, wie wir glauben, bei den untern Volksklassen 
herrschend gewordene Bediirfnisse. Noch ein Jahrhundert spater 



Der Flachs. ' 177 

encllich sagt der h. Augustinus Sermon. 37, 6, schon geradezu und 
ganz allgemein : interiora sunt enim linea vestimenta, lanea exteriora, 
also: liber Leinwandhemden tragt man Rocke von wollenem Tuch 
(der Kirchenvater findet desshalb, mit dem aberwitzigen Tiefsinn 
des Mittelalters , in der Wolle etwas Fleischliches , carnale aliquid, 
im Lein aber etwas Geistiges oder Geistliches, spirit ale). 

Weder Plinius noch Tacitus sagen uns, ob der rohe Flachs, 
der den germanischen Frauen zu ihren Leingeweben diente, wie die 
rothe Farbe, etwa aus Gallien eingefuhrt, oder der Anbau schon ins 
innere Land eingedrungen war, oder ob er sich auf die Rheingegenden, 
die an gallischer Kultur am friihesten Theil nahmen, beschrankte? 
Aus der Tracht der heiligen Phrophetinnen bei den Cimbern, welche 
Strabo 7, 2, 3 als grauhaarig, barfuss mit ehernen Giirteln und 
spangenbefestigten Manteln aus feinem Flachs (xagnncCvag sfpaTrrtdag 
emTTSTtOQTirjfigvai,) schildert, lasst sich nicht etwa auf Flachsbau an 
der untern Elbe in so friiher Zeit schliessen, da die Cimbern, wenn 
sie wirklich germanischen Stammes waren, vor ihrem Untergang 
durch die Romer weit in keltischen, ja in keltiberischen Landen um- 
hergezogen und in jeder Beziehung nicht ohne keltische Beimischung 
geblieben waren. Paulus Diaconus 1, 20 berichtet aus der alteren, 
d. h. voritalischen Geschichte der Longobarden eine sagenhafte Be- 
gebenheit, die auf germanischen Flachsbau deuten konnte. Die 
Heruler, von den Longobarden besiegt, hielten auf der Flucht ein 
bluhendes Leinfeld fur einen See (Goethe, Italien. Reise, Palermo, 
13. April 1787: Man glaubt in den Griinden kleine Teiche zu sehen, 
so schon blaugriin liegen die Leinf elder unten), sturzten sich hinein, 
als ob sie schwimmen wollten, und wurden so von den verfolgenden 
Siegern ereilt und niedergemacht. Allein die Scene dieser Sage ist 
die pannonische Theissgegend , wo die Flachskultur alt sein mochte, 
und ohnehin die vorausgesetzte Zeit eine spate, etwa das Jahr 500 
nach Chr. Im Lauf der Volkerwanderung hatte sich indess das 
Leinkleid bei den aus ihren Sitzen aufgebrochenen Stammen immer 
allgemeiner verbreitet und wird gegen Ende derselben ausdriicklich 
als gewohnliche germanische Volkstracht genannt, Paul. Diac. 4, 23: 
Vestimenta vero eis (Longobardis) erant laxa et maxim e linea qualia 
Anglisaxones habere solent, ornata institis latioribus, vario colore con- 
textis. Als die Gothen unter Kaiser Valens iiber die Donau setzten, 
um in romisches Gebiet aufgenommen zu werden, da reizten ihre 
linnenen Gewebe mit troddelartigem Besatz die Habsucht der Griechen 
(Eunap. 6 ed. Bonn. p. 50). So tragen auch die Franken bei 

Viet. Helm, Kulturpflanzen. 7. Aufl. 12 



178 Der Flachs. 

Agathias 2, 5 theils lederne, theils linnene Hosen und die west- 
gothischen Aeltesten bei Sidonius Apolliiiaris c. 7, 455 schmutziges 
Linnen und kurze Pelze. Nach deni inonaclius Sangallensis 1, 34 
gehorte friiher zu der Tracht der vornehmsten Franken ausser den 
rothen leinenen Hosen, tibialia vel coxalia linea, auch die camisia 
clizana, d. h. das Hemd aus Glanzleinwand ; zu Karls des Grossen 
Zeit aber zogen die jungen Prinzen schoii das gallische kurze ge- 
streifte sagum vor, wahrend der Kaiser selbst bei der vaterlichen 
Tracht blieb, Einh. vit. 23: vestitu patrio id est francisco utebatur. 
Ad corpus camisam lineam et feminalibus lineis induebatur. Wenn 
die Germanen, die viele Jahrbunderte lang ruhige Anwobner des 
Meeres gewesen waren und Anfangs nur in leichten Kahnen (lintreSj 
Tac. Ann. 11, 18) oder ausgehohlten Baumstammen (singulis ar~ 
boribus cavatis, Plin. 16, 203) die benachbarten belgischen Kiisten 
zu pliindern gewagt batten, plotzlich in weiten See- und Raubziigen 
als kuhne Scbiffer erscheinen, die Sacbsen seit dem vierten, die 
Danen seit dem sechsten, die Normannen seit Beginn des achten 
Jahrbunderts, so mag ausser der allmahlichen Bekanntschaft mit deni 
Eisen und mit dem romischen. Schiffsbau iiberhaupt (einen sprechen- 
den Fall solcher Aneignung erzahlt Eumenius in seinem Panegyricus 
an den Kaiser Constantius, cap. 12), vielleicbt auch die steigende 
Verbreitung des Flachsbaues und die Gewinnung von Leinwand im 
Grossen zu Segeln ein Grund davon gewesen sein. Die Veneter 
wenigstens in der Betragne, die haufig zu den blutsverwandten 
Stammen in Britannien hinuberschifften, batten zu Casars Zeit, wie 
dieser ausfiibrlich beschreibt (de bell. gall. 3, 13), Segel aus Thier- 
fellen und Leder und eiserne Ankerketten, entweder, fugt Casar 
binzu, weil sie den Gebrauch des Flacbses nicht kannten, oder, was 
wahrscheinlicher ist, weil die Gewalt der Stiirme dort so gross ist. 
Woraus bestanderi aber die venetiscben Segeltaue, die von der 
romischen Schiffsmannschaft mit scharfen Sicheln an langen Stangen 
zerscbnitten wurden, so dass die feindlicben Schiffe unbeweglich 
wurden und sich ergeben mussten? Wohl aucb aus ledernen Riemen, 
da Casar das Material nicht besonders bezeichnet; bedienten sich 
doch auch nicbt bloss die homerischen Griechen, sondern auch die 
illyrischen Liburnen derselben bei ibren Schiffen (Varro bei Gellius 
17, 3), wie auch bei den Normannen die Ankertaue aus dem Fell 
der Walthiere und Seehunde geschnitten (s. Ohtheres ersten Reise- 
bericht bei Konig Alfred) und in Island nocb bis in die neuere 
Zeit die Fischernetze aus Lederstreifen geflochten waren; wo es 



Der Flachs. 179 

hanfene Taue gab, waren wohl auch die Segel aus Hanf gewebt 
worden. Zu Plinius Zeit webte ganz Gallien Segeltuch, das auch 
schon. jenseit des Rheins Eingang gefunden hatte (dort also friiher 
unbekannt war), 19, 8: Galliae universae vela texunt, jam quidem et 
transrhenani hostes. Die Suionen, also die Vorfahren der Normannen, 
kannten zu Tacitus Zeit, wie dieser Germ. 44 ausdriicklich sagt, den 
Gebrauch der Segel noch nicht, eben so wenig die Einrichtung 
geschlossener Ruderbanke; Vorder- und Hintertheil war bei ihren 
Schiffen nicht geschieden, so dass sie, ohne zu wenden, iiberall landen 
konnten eine Einrichtung, die Germanicus auf seinem grossen 
ungliicklichen Nordseezuge im Jahre 16 nach Chr. bei einem Theil 
seiner Schiffe nachahmte. Solche altnordische Kahne mochten zur 
Fahrt zwischen den Inseln und in den Belten und Fiorden geeignet 
sein; im Hochsomrner setzten sie vielleicht von der Insel Gothland in 
den finnischen und rigaischen Meerbusen hinuber ; aber erst mit der 
aus Siiden gekommenen Technik des Segeltuchs und des Eisens kam 
der Muth zu den weiten Wikingerziigen. Das deutsche Wort Segel, 
ags. segel, altn. segl, im Germanischen dunkel und fremdartig, stammt 
wohl aus dem Keltischen (aldrisch seal, sool, mit unterdriicktem 
gutturalen Inlaut) oder direkt aus dem lateinischen sagulum. Litauer 
und Polen entlehnten wieder das deutsche Segel, litauisch zeglys, 
polnisch zagiel, die Bohmen half en sich mit der Wendung: Stiick 
Leinwand oder Windfang, die Siidslaven brauchten Schoss fur Segel, 
die Russen nahmen das griechische (pagog in der Formparus an 
lauter spate Sprachprodukte. Bei den Germaneri wurden iibrigens 
seit jenen Zeiten Gewebe aus Flachs fur immer eine Lieblings- 
kleidung. Der Siidlander, mehr im Freien lebend, bedurfte zum 
Schutz gegen die wechselnde Temperatur der Umhullung mit Wolle; 
der Germane, besonders der Nordgermane, im winterlichen Klima 
zur Gefangenschaft im Hause gezwungen, dabei mit angeborenem 
Sinn fur Reinlichkeit begabt, zog das leichte glatte Linnen vor, das 
Abends und Nachts in der geheizten dumpfen Hiitte sich kiihl an 
den Leib legte, an dem jeder Fleck gleich sichtbar wurde, das 
haufig gewaschen werden konnte und immer weicher und schmieg- 
samer aus der Wasche kam. Ganz dieselben Eigenschaften riihmt 
schon Plutarch de Isid. et Os. 4 an der Leinwand: sie gewahrt, sagt 
r, ein glattes und immer reines Kleid, beschwert den Tragenden 
durch kein Gewicht, ist passend zu jeder Jahreszeit und beherbergt 
keine Lause in der That ist die letztgenannte Plage, an der die 
gepriesene Urzeit gewiss in einem Masse litt, von dem sich unsere 

12* 



180 Der Flachs. 

Idealisten nichts traumen lassen, ein Charakterzug aller pelztragenden 
Volker. In einer altnordischen Sage (die wir Weinhold, Altnordisches 
Leben, S. 160, entnehmen) wird ein Meermannlein von einem Konig 
gefangen : von Allem, was es im menschlichen Leben erfahrt, gefallt 
ihm dreierlei am meisten: kalt Wasser fiir die Augen, Fleisch fur 
die Zahne und Leinwand fiir den Leib. Dies ist aus dem Innersten 
germanischer Empfindung geschopft. Die damonische Frau Berchta 
und die gleichbedeutende Holla, die als spinnende Frau gedacht 
wird und der der Flachsbau angelegen ist (Grimm DM 2 S. 247), 
bezeugen gleichfalls als mythische Gegenbilder der fleissigen spinnen- 
den Hausfrau den Werth, den das Volksgefiihl auf dies Geschaft und 
auf dessen Produkt legt. Nicht bloss Silbergerath, sondern auch 
Leinwand in Fiille ist in einer Zeit, in der es weder Werthpapiere 
noch Sparkassen gab, das Zeichen des Reich thums, der Stolz und 
die Vorliebe der Mutter und eine Mitgift fiir die Tochter. Mit 
treffendem Scherz behauptet Jean Paul irgendwo, wenn der Teufel 
eine deutsche Hausfrau verfiihren wollte, wiirde ihm das durch ein 
Geschenk von guter Leinwand noch am leichtesten gelingen. Alexis 
bei Goethe ruft aus: 

Doch nicht Schmuck und Juwelen allein verschafft Dein Geliebter, 
Was ein hausliches Weib freuet, das bringt er Dir auch 
Kostlicher Leinwand Stiicke. Du sitzest und nahest und kleidest 
Dich und mich und auch wohl noch ein Drittes darein, 

und der Vater in Hermann und Dorothea meint: 

Nicht umsonst bereitet durch manche Jahre die Mutter 

Viele Leinwand der Tochter, von feinem und starkem Gewebe. 

Dann neben andern trefflichen Eigenschaften hat die Leinwand auch 
die, aufbewahrt werden zu konnen und fiir kiinftige Zeiten unver- 
sehrt bereit zu liegen, wahrend die Wolle mancherlei Feinde zu 
fiirchten hat. 

Auch den westlichen Slaven war ziemlich friihe im Mittelalter 
der Flachs und die Leinwand schon bekannt. Nach Helmold 1, 12 
erhielt der Bischof von Aldenburg aus dem ganzen Lande der Wagrier 
und Obodriten von jedem Pflug vierzig Biindel Flachs als Zins 
so dass also diese deutschen Grenznachbarn schon zur Zeit als das 
Bisthum Aldenburg noch bestand, Flachs auf ihren Feldern bauten. 
In der von Herzog Heinrich von Sachsen und Baiern fiir das Bis- 
thum Ratzeburg ausgestellten Dotationsurkunde vom Jahre 1158 
(Mecklenburger Urkundenbuch No. 65) wird bestimmt, es solle de 
unco, d. h. vom Haken Landes ein Topp (d. h. Zopf) Flachs, toppus 



Der Flachs. 181 

lini unus, gegeben werden, dessen Anbau also schon gewohnlich war. 
Derselbe Helmold berichtet von den Ranen auf der Insel Riigen, 
sie hatten (Anfang des 12. Jahrhunderts) noch kein gemiinztes Geld, 
an dessen Stelle Leinwand als Tauschwerth diene, 1, 38, 7: apud 
Ranos non habetur moneta nee est in comparandis rebus consuetudo 
numorum, sed quidquid in foro mercari volueris, panno lineo compa- 
rabis. Ganz ebenso wird in altnordischen Gesetzbiichern nach Ellen 
Leinwand gerechnet, die bedeutend hoher im Preise stand, als das 
einheimische grobe Tuch, das Wadmal. Weiter nach Osten erhielt 
sich die Leinwand noch lange als allgemeines Aequivalent, ja noch 
im 18. Jahrhundert wurde sie von kaukasischen Volkern als Durch- 
gangszoll gefordert, Giildenstadts Reisen, herausgegeben von J. von 
Klaproth, Berlin 1815, S. 25: Die Dugoren verlangten fiir jeden 
Mann meiner Begleitung funf Hemden oder vierzig Ellen Leinewand 
und zwei Hemden fiir jedes Pferd als Zoll und noch fiir jeden Ge- 
hiilfen, den ich zum Uebertragen nothig haben wiirde, fiinf Hemden : 
so stark war aber mein Vorrath von Leinwand nicht. Mit dem ge- 
regelten Ackerbau drang die Flachskultur in das Innere des grossen 
osteuropaischen Flachlandes ein, wo der Pflanze der Ueberfluss an 
frischem Boden in der See- und Waldregion giinstig entgegenkam. 
Ganze Bauerndorfer im Herzen Russlands legten sich auf Leinwand- 
weberei und wussten ihren Handtiichern und Laken denselben rothen 
Rand zu geben, wie die Germanen des Tacitus. Segeltuch wurde 
seit Eroffnung des Landes ein bedeutender Ausfuhrartikel, bis die 
Baumwollfabrikation auftrat und den alteinheimischen Industriezweig 
todtete. Besonders in den feuchten Ostseestrichen gedieh der Flachs, 
den wohl die deutschen Eroberer und Kolonisten dort einfiihrten, 
wie in seinem eigentlichen Vaterlande, und rigaischer Lein und Werg 
und die von dort kommende Leinsaat ist Jahrhunderte lang eine in 
Westeuropa unter diesem Namen gesuchte Handelswaare gewesen. 

Die Geschichte des Flachses bei den neueuropaischen Volkern 
bis zum industriellen neunzehnten Jahrhundert hinab zu verfolgen, 
iiberlassen wir dem historischen Theil der Technologic und Volks- 
wirthschaft und wollen nur erwahnen, dass eine der wichtigsten 
Erfindungen, die des Papiers aus linnenen Lumpen, nur durch die 
allgemeine Verbreitung und Anwendung dieser Pflanze in Europa 
moglich war. Die Alten verfielen nicht darauf, da damals keine 
massenhaften Abfalle zu weiterer Verarbeitung aufforderten : hatten 
die Lumpen linnener Kieider, Betttiicher, Tischdecken u. s- w. sich 
gehauft, etwa wie die Scherben der Topfe, die in Rom angeblich 



132 Der Flachs. 

einen ganzen Berg gebildet haben, vielleicht ware schon damals diese- 

neue Art libri lintel aufgetreten, - - da doch z. B. die Cbarpie aus 

altem Linnen den griechischen und romischen Wundarzten nicht 

unbekannt war. Mit dem Anbau der Baumwolle in Westasien batte 

sich auch die Kenntniss des baumwollenen Papiers von China nach 

Samarkand, von da durch die Araber mit Beginn des achten christ- 

lichen Jabrhunderts nacb Mekka, von Mekka nacb Spanien ver- 

breitet. In Spanien muss dann aucb die Anwendung alter Leinwand 

statt baumwollener Lumpen zuerst versucbt worden sein : interessant 

ist, dass schon seit dem 12. Jahrhundert die Ortschaft Xativa, das 

alte durch seinen Flachsbau bei den Romern beriihmte Saetabis, un- 

vergleichliches Papier lieferte, das in den Orient und Occident ver- 

sandt wurde, s. Edrisis Geographic von Jaubert II. p. 37. Von 

Spanien gelangte dann diese Kunst allmahlich welter nach Frank- 

reich, Burgund, Deutschland und Italien. (Ausfiihrlich handelt 

dardber W. Wattenbach, das Schriftwesen im Mittelaltcr. Leipzig, 

1871, S. 92 ff.). Da aber das Linnenpapier wiederum die spatere 

Erfindung der Buchdruckerkunst erst fruchtbar machte, da auf der 

Wohlfeilheit und Zweckmassigkeit dieses Materials die allgemeine 

Anwendung der Schrift in Leben, Verkehr und Staat und damit die 

ganze neuere Kultur beruht, so steigt die Bedeutung der Leinpflanze 

in den Augen des Kulturhistorikers so hoch, dass er ihr in antiker 

Weise das Pradikat heilig oder gottlich geben mochte, das ihr 

die Alten, die sie nur halb kannten und niitzten, beizulegen ver- 

saumt haben. Vergessen wir auch die Malerei auf Leinwand nicht, 

die erst im spateren Alterthum und auch da nur sparlich sich findet, 

sowie die Anwendung des Leinols zur Malerei, die in den Nieder- 

landen, der alten Heimath des Leinbaues, wenn auch nicht zu aller- 

erst erfunden, doch vervollkommnet und zu einem edlen neuen 

Kunstzweige erhoben worden ist. Der Orient mochte in alter Zeit 

feine Gewebe lie fern und sie mit glanzenden Farben, wie sie in 

jenen Sonnenlandern erzeugt werden und den Menschen gefallen, 

tranken und verzieren: unsere Batiste, brabanter Spitzen, flamischen 

Tafelzeuge, hervorgebracht unter Sturm und Nebel in den Um- 

gebungen des Oceans, konnen sich mit jenen wohl messen. Auch 

wissen wir unsere weissen Kleider mit Laugenseife, einer gleichfalls 

altbelgischen Erfindung, wirklich zu was chert; Nausikaa und das 

friihere Alterthum verstand sie nur in fliessendem Wasser zu spiilen, 

wahrend die halb aberglaubische, halb zweckmassige Technik der 

fidlones in Rom nur mit Surrogaten operirte. Wie aber im Mittel- 




Der Flachs. 13 

alter das linnene Segel, das sich fur alle bemiiht (Goethe), die 
Ruderbanke entfernte und die daran geschmiedeten Sclaven befreite, 
*o hat in neuester Zeit der Dampf das Segel mit seineii vielen 
Tauen, das immer noch so viel Hande forderte, immer mehr zur 
Seite gedrangt und die Zahl der dienenden Matrosen vermindert. 
Dann ist die Baumwolle gekommen, die die Alten nur aus der 
Feme kannten, und hat tausend Fabriken in Bewegung gesetzt und 
Millionen Menschen bekleidet: ihr erster ernsthafter Zusammenstoss 
mit der Leinfaser fiihrte zu der wichtigen Erfindung der mechani- 
schen Flachsspindel. Wiederum trat eine Zeit der Baumwollennoth 
ein, wo der king cotton seiner Herrlichkeit entkleidet zu sein schien 
und Wolle und Flachs wieder den ersten Rang einnehmen wollten. 
Doch ging die Krisis wieder voruber und, statt die Baumwolle fallen 
zu lassen, hat die europaische Arbeit angefangen, immer mehr aus 
dem Reichthum der Tropenlarider und fremder Welttheile zu schopfen 
und dort entdeckte neue Gespinnstpflanzen durch chemische und 
technische Wissenschaft nutzbar zu machen. Wir erinnern in dieser 
Beziehung nur an die Jute, das Chiuagras und den neuseelandischen 
Flachs, Phormium tenax, und den bedeutenden Rang, den diese 
Stoffe schon in der heutigen Industrie einnehmen. In clen klassi- 
schen Landern, um zu unserem Ausgangspunkte zuriickzukehren, 
halt sich die Flachskultur ungefahr auf der Stufe des Alterthums. 
In Griechenland ist sie fast null; die fluss- und kanalreichen Ebenen 
der Lombardei und Venetiens bringen geschatzte Sorten von Sommer- 
und Winterflachs hervor, der durch eigenthiimliche, sorgfaltige, viel- 
leicht aus dem Alterthum stammende Behandlung ein sehr weisses 
und dauerhaftes Produkt giebt; auch Toskana, das alte Etruskerland, 
die Romagna und die Marken haben noch ziemlich viel Flachs; je 
weiter nach Siiden, desto sporadischer wird der Anbau, und Samen- 
und Oelgewinnung der Hauptzweck. Im Ganzen ist auch das heutige 
Italien, trotz der zahlreichen Webstuhle der Lombardei, im Punkte 
der Leinwand den nordlicher gelegenen Landern, der im Nebel sich 
verbergenden Insel Hibernia, dem Lande der Bataver, dem Cherusker- 
sitze Westphalen, dem Lygierlande Schlesien u. s. w., nicht eben- 
burtig. Wie die Baumwolle erst durch ihre Verpflanzung nach 
Amerika ein Weltprodukt wurde, so auch der Flachs erst im Norden 
Europas, welcher fur diese altagyptische und babylonische Pflanze 
das Colonialland bildete wie Amerika fiir jene ostindische. 



184 Der Flachs. 

* Mit der Frage nach der Herkunft des Leines haben sich Oswald 
Heer (Die Pflanzen der Pfahlbauten, Zurich 1865 p. 35 und "Uber den Flachs 
und die Flachskultur im Alterthum, Zurich 1872), sowie Alph. de Candolle 
(Geographic botanique raisonne~e p. 833 und L'origine des plantes cultivees 
p. 95102) besonders eingehend beschaftigt. Durch diese Untersuchungeii 
hat sich zunachst ergeben, dass in Europa schon zu einer Zeit, wo 
nur Steininstrumente im Gebrauch waren, Flachs kultivirt 
wurde. Es wird dies durch die Funde, welche man in den Pfahlbauten 
von Robenhausen in der Schweiz und von Lagozza in der Lombardei gemacht 
hat, bewiesen. Diese Funde haben aber zugleich gezeigt, dass cler 
damals in der Schweiz kultivirte Lein nicht der heutzutage liber- 
all angebaute einjahrige Lein (Linum usitatissimum ~L.) war, sender n 
vielmehr das mit diesem sehr nahe verwandte, aber sowohl einjahrig wie 
mehrjahrig vorkommende, mit zahlreichen vom Grunde aus aufsteigenden 
Stengeln versehene L. angustifolium L., welches auch aufspringende Kapseln 
und kleinere Samen besitzt und von den Kanarischen Inseln durch das 
Mittelmeergebiet bis Palastina und zum Kaukasus verbreitet ist. Diese Art 
oder Stammform ist es auch, welche in Macedonien und Thracien wachst 
und von Grisebach (Spicil. Fl. rumel. p. 117) falschlich als L. usitatissimum L. 
bezeichnet wurde. Der heutzutage allgemein in Europa kultivirte Lein (Linum 
usitatissimum L.) ist entweder einjahrig (annuum) oder zweijahrig (hiemale Winter- 
lein); er unterscheidet sich von dem wildwachsend verbreiteten L. angusti- 
folium L., welches wie oben bemerkt sowohl einjahrig als mehrjahrig vor- 
kommt, hauptsachlich durch etwas grOssere, geschlossen bleibende Kapseln, 
durch kahle, gewimperte Scheidewande derselben, durch grossere und etwas 
geschnabelte Samen, Unterschiede, welche bei einer in Stidfrankreich vor- 
kommenden Pflanze, dem zwischen den beiden Hauptrassen in der Mitte 
stehenden Linum ambiguum Jordan, sich verwischen. Demnach ist die von 
De Candolle (L'origine des pi. cult. p. 96) ausgesprochene Ansicht, dass 
wir hier nur Rassen oder Formen einer Art vor uns haben, wohl 
berechtigt. Wie aber die oben an gefuhrten prahistorischen und die his tori- 
schen Funde beweisen, sind diese Rassen sehr alte. Wahrend namlicL 
in den prahistorischen Pfahlbauten der Schweiz (Robenhausen, Wangeii, 
Moosseedorf ), Oberosterreichs (Mondsee) und Oberitaliens (Lagozza in der Provinz 
Mailand), ebenso in den der Bronzezeit angehorigen Fundstatten von Argar 
in Spanien nur das im Mittelmeergebiet wildwachsende L. angustifolium L. 
nachgewiesen werden konnte, haben die in den altagyptischen Grabern 
gemachten Funde unzweifelhaf t dargethan, dass in Aegypten 
schon 2400 bis 2200 Jahre vor Christus der jetzt bei uns kultivirte 
Flachs angebaut wurde, wie auch heute noch. Schon Al. Brauii 
(Die Prlanzenreste des Aegyptischen Museums in Berlin, 1877 p. 4) hat dies 
dargethan; noch mehr geklart wurde diese Sache durch Schweinfurth (Ber. 
d. Deutsch. bot. Gesellsch. I. (1883) p. 546, II. (1884) p. 360) und durch 
Fr. Kornicke (Ber. d. Deutsch. bot. Gesellsch. VI. (1888) p. 380-384). 
Letzterer zeigte namlich, dass der in Dra Abu Negga (Theben, XII. Dynastie, 
2400 2200 v. Chr.) gefundene Lein geschlossene Kapseln mit stark gewimper- 
ten Scheidewanden besass, welche etwas langere Samen enthielten als der 
heutzutage in Mitteleuropa kultivirte Flachs; er zeigte ferner, dass der beim 



Der Flachs. 185 

Assasif (Theben) von Schiaparelli gefundene Lein und der in einein Grabe zu 
Schech Ourna (Theben) gesammelte in der Grosse der Kapseln und Samen 
unseren mitteleuropaischen Lein etwas iibertraf, dagegen hinter deni heute 
in Aegypten kultivirten, noch mehr hinter einzelnen italienischen und spani- 
schen Sorten zurtickstand. Diese Thatsachen beweisen, dass schon im alten 
Aegypten mindestens zwei Varietaten des Schliessleines existirten. Plinius 
(hist. nat. XIX, 1) berichtet sogar, wie Buschan angiebt, dass 4 Varietaten 
Flachs in Aegypten vorhanden waren. Da das mit sich offnenden Kapseln 
versehene L. angustifolium in Aegypten nicht vorkommt, so ist nicht anzu- 
nehmen, dass der Schliesslein in Aegypten entstanden ist ; vielmehr ist wahr- 
scheinlich, dass der Schliesslein aus Asien nach Aegypten eingefiihrt wurde, 
zuraal das L. angustifolium auch in Kleinasien und den Kaukasuslandern vor- 
kommt und Lein sogar in einem altchaldaischen Grab gefunden wurde (Mas- 
pero, Histoire ancienne des peuples de 1'Orient, ed. 3., Paris 1878 p. 13). 



* Dieselben Verse Homers, die wir oben (unter Oelbaum) anfiihrten, 
um mit ihnen die Benutzung des Oels zu technischen Zwecken schon im 
homerischen Zeitalter zu erharten, beweisen zugleich, dass man bereits in 
homerischer Zeit sich auf die Anf ertigung linnener Stoffe verstand ; denii 
nur bei solchen ist die hier gemeinte Appretur mit Oel iiblich (vgl. die am 
angegebenen Ort angefuhrte Literatur; iiber xaipooewv, xaipouaoscuv s. jetzt 
Studniczka, Beitr. z. Geschichte d. altgr. Tracht S. 48; Helbig, Homerisches 
Epos 2 S. 168; Blumner, Technologic und Terminologie I, S. 126). Nun konnte 
man ja freilich an und fur sich bei solchen und ahnlichen Stellen immer 
noch an die Verarbeitung auslandischen, durch den Handel eingefuhrteii 
Flachses denken, wie wenig passend es auch schiene, etwa II. 20, 127 das 
Walten der Schicksalgottinnen sich an einem modernen ImportartikeU 
vorzustellen (Helbig a. a. 0. S. 171). Die Entscheidung daruber, ob man sich 
die Griechen bei dem Betreten ihrer neuen Heimath mit der Kenntniss des 
Flachses und den Anfangen der Flachsindustrie ausgeriistet denken soil, wird 
daher im wesentlichen davon abhangen, ob man die Ausfuhrungen Hehns 
tiber griech. Xivov und seine Sippe (hier und namentlich Anna. 52) billigt, 
oder ob man zu der Ueberzeugung kommt, dass in den genannten Wortern 
eine jener vorhistorischen, gemeineuropaischen Ackerbaugleichungen vorliegt, 
auf die wir schon oben S. 63 hingewiesen haben. Wir sind der Meinung, 
dass die letztere Annahme den Vorzug verdient. 

Auf keinen Fall lasst sich seinem Consonanten und Vocal nach das 
griechische \ivov mit H. aus dem dakischen 86v Nessel ableiten; auch hat 
letzteres Wort nichts mit cymr. dynad, bret. linad zu thun, die auf eine Grund- 
fonn *nenat-. *ninqt- (ir. nenaid Nesseln) zuriickgehn (vergl. Thurneysen bei 
P. v. Bradke, Ueber Methode und Ergebnisse der arischen Aw. S. 245). 
Eine altere Bedeutung als Flachs lasst sich also fur Xtvov, neben 
dem XI-T-I, Xi-t-a liegen, nicht erweisen. Im Lateinischen heisst 
linutn Flachs, linteum Lein wand. Das Vorhandensein von Leinsamen und -Fasern 
in den zeitlich vor jede griechische Beeinflussung Italiens gehorenden Pfahl- 
dorfern der Poebne (vgl. W. Helbig, Die Italiker in der Poebne S. 16, 67) 
macht schon an sich das Vorhandensein eines alten Wortes fur Flachs im 



186 Der Flachs. 

Lateinischen wahrscheinlich und die Annahme einer lautlich zwar inoglichen 
Entlehnung von linwn aus Xtvov (Mvov) kulturhistorisch wenig ansprechend. 
TAnum aber von linteum zu trennen und letzteres mit ahd. linta Lindenbast (das 
vielmehr mit den meisten neueren Etymologen zu griech. Xdr/] Fichte, Tanne r 
lit. lentil Brett, lat. Unter Kahn zu stellen 1st) zu vereinigen, 1st sowohl an sich 
hart als auch besonders deswegen bedenklich, weil alle die Falle, auf welche 
Hehn den Bedeutungswandel Bast, Nessel Flachs, Hanf (Anm. 52) stiitzte,. 
vor einer strengeren Auffassung der Lautgesetze unhaltbar sind. Ebenso 
wenig wie Xivov zu dakisch dyn gehort, kann lat. liciutn mit lit. lunkas, poln. 
lyko Bast oder griech. Xeirra ucpaojAata, XSTCTOC; mit slav. lipa Linde, lit. luptl 
schalen, ahd. louft, loft Baumrinde oder ahd. flahs (zu trennen von fahs Haar- 
schopf = scrt. pakshd Flugel, J. Schmidt, Pluralbild. S. 148) mit lit. plaiiszas- 
Bast (zu trennen von pldukas Haar und vor allem voii slav. vlasu) oder ahd. 
liaru Flachs mit altsl. kropiva Nessel, alb. Jcsrp (siehe dies unter Hanf) ver- 
glichen werden. Der behauptete Bedeutungsiibergang lasst sieh daher auf 
idg. Boden, wenn man von dem secundaren lat. tilia Linde, frz. teiller Hanf 
brechen absieht, tiberhaupt nicht nachweisen. Nieht als ob er an sich nicht 
denkbar ware auf finnischem Gebiet ist er thatsachlich zu belegen (vgl. 
Ahlqvist, Kulturw. in den westf . Sprachen S. 43) ; aber in den idg. Sprachen,. 
soweit wir sie verfolgen konnen, lag keine Veranlassung ftir ihn vor aus dem 
einfachen Grunde, weil schon in vorhistorischer Zeit sich eine feste Bezeichnung^ 
fur den Lein gebildet hatte. Aehnlich wie bei den Lateinern stehen die 
Dinge bei den Kelten. Wenn man auch die Moglichkeit einer Entlehnung 
von ir. lin, cymr. ttin, corn. bret. lin Lein aus lat. linum zugiebt (Stokes Ur- 
keltischer Sprachschatz S. 249 halt sie ftir urverwandt mit dem lat. Wort), 
so bleiben doch noch cymr. lliain. corn. bret. lien Leinen, ir. le'ne, gen. lened, 
n. pi. lenti ,camisia ; tibrig. Die Grundform der letztgenannten Sippe erblickt 
Rhys Revue celtique VII, 241 in *li-s-an, das bei der Uebereinstimmung der Be- 
deutungen von griech. Xl-t-, ),t-vov, li-num (welche letzteren Rhys auf *li-s-no-n 
zurtickfiihren mochte) zu trennen zum mindesten gewaltsam erscheinen muss. 
Eine andere Erklarung fur ir. lene schlagt freilich Strachan, The compensatory 
lengthening of vowels in Irish p. 3 vor (: lacerna, lacinia). Auf germa- 
nischem Boden war schon in der Urzeit eine gemeinschaftliche Ableitung 
von lin- vorhanden: (goth. *lein-jd}, ags. line, altn. Una, ahd. Una Leine, 
aus Lein verfertigt (griech. Xtveo? leinen, Xtvoua Strick). Vgl. Kluge, Et. 
W. 6 unter Leine. Fiir das hohe Alter der Flachsindustrie bei den Ger- 
manen spricht auch der Umstand, dass das spatlat. camisia (oben S. 176) im 
Germanischen (ahd. hamidi), nicht im Keltischen wurzelt, durch dessen Ver- 
mittlung das Wort vielleicht erst zu den Romanen gedrungen ist (vgl. Kluge, 
Et. W. unter Hemd, Thurneysen, Keltoromanisches S. 51). Dasselbe ist, 
wie ich in meinem Reallexikon u. Hose gezeigt habe, bei altgall. braca 
(ahd. bruoh etc.) der Fall. Litauisch Vinas und slavisch linu konnen zur 
Entscheidung nichts beitragen ; doch sei erwahnt, dass ein gemeinslavischer 
Name fur die Leinwand (altsl. plaiino, nach Stokes a. a. O. S. 255 im Irischen 
wiederkehrend, vgl. ir. dia loit find zwei weisse Mantel) besteht. -- Zu- 
sammenfassend betonen wir also die hohe Wahrscheinlichkeit, 
dass schon in vorhistorischer Zeit in den Sprachen der europa- 
ischen Indogermanen Ableitungen von^einer Wurzel // (scrt, II 






Der Flachs. 187 



sich anschmiegen, li-na-s anliegend, vgl. auch griech. Xstoc glatt) 
vorhanden waren, welehe Flachs und primitive Gewebe (vgl. 
Anm. 20) a us Flachs bezeichneten. Sehr wohl mo'glich ist, dass dieser 
urverwandte Kern dann spater durch zahlreiche Entlehnungen, die mit 
verbesserten Arten des Gespinnstes wanderten, zugleich erweitert und ver- 
dunkelt wurde. 

Nach alledem sind wir der Meinung, dass die Indogermanen Europas 
sich mit der Kenntniss des Flachsbaus und einer primitiven Linnenindustrie 
ausgeriistet in Europa verbreitet haben. Die jetzt allgemein anerkannte That- 
sache (vgl. auch Buschan Vorgesch. Botanik S. 234 ff.), dass der in den mittel- 
europaischen Mederlassungen der Steinzeit angebaute Flachs das linum angusti- 
f oil am (nicht das heutige 1. usitatissimuni) war, erklart sich also wohl nicht mit 
Hehn (Anm. 52) aus einem verhaltnissmassig spaten Vordringen der Flachskultur 
aus dem Stiden nach dem Norden, sondern daraus, dass die Indogermanen 
diese Flachsart aus ihren Kleinasien, Thracien und Macedonien (vgl. oben S. 184} 
benachbarten Stammsitzen, in denen sie zum Ackerbau iibergegangen wareii 
(vgl. oben S. 64), mitbrachten. 

Storend ist bei dieser Ansicht nur der Umstand, dass bis jetzt jede- 
Spur des Flachses und seiner Verarbeitung in der skandinavischen Steinzeit, 
die ethnisch doch aller Wahrscheinlichkeit nach auf germanischer Grund- 
lage ruht, fehlt. Indessen darf man nicht vergessen, dass erst iin Jahre 1894 
(vgl. S. Mtiller Nordische Altertumskunde I, 205) durch unzweifelhaft nach- 
gewiesene Getreidekorner der Beweis erbracht wurde, dass auch im Norden 
ein Landbau ahnlichen Umfangs wie im tibrigen neolithischen Europa be- 
trieben wurde. Jeder neue Fund kann hier also diese Lticke ausfullen. 

Wann in Europa das ursprtinglich angebaute I. angustifolium durch das 
heutige linum usitatissimum verdrangt wurde, scheint nicht bekannt zu sein. 

Dass die Griechen spater auch auf dem Gebiete der Flachsindustrie in 
ihrem an dem Rohmaterial armen Lande bald unter den vollen Einfluss des 
Orients geriethen, bleibt natiirlich bestehen. Zu den schon oben (S. 164) an- 
gefuhrten sprachlichen Belegen hierfiir kommt vielleicht noch das homerische 
'fapoc, das Studniczka (a. a. O. S. 89 ff.) zusammen mit lat. supparus (vgl. sub- 
serious) aus dem Aegyptischen, Helbig (Homerisches Epos' 2 S. 195) nach 
S. Fraenkel aus dem Semitischen ableitet. Vgl. noch aus spaterer Zeit griech. 
(joaooc; aus hebr. bus und griech. cpouoacuv grobe I>einwand kopt. cpox (hierogL 
pg, pJc). Dazu 0. Schrader, Handelsgeschichte und Waarenkunde I, 191ff. 
(hier auch iiber otvScuv). Fiir den Zusammenhang zwischen den semitischen 
Landern und Aegypten auf dem Gebiet der Linnenindustrie von Bedeutung 
sind die Gleichungen hebr. pheset (pun. <potot = fist in Cspa-^poiot Diosc., vgl. 
Low, Aram. Pflanzennamen S. 233, 406) = agypt. pest Flachs (Brugsch, Wb. 
Nachtrag S. 489, Ermann, Z. d. D. M. G. 46, 111) und hebr. ses = agypt. ss, 
sin ss, konigliches ses (Brugsch). Doch ist hervorzuheben, dass tiber die 
meisten der hier genannten Worter, wie auch tiber andere in dieses Gebiet 
einschlagende, die Ansichten der Sachverstandigen noch weit auseinandergehen. 
Eine vorzugliche Uebersicht tiber die hier in Frage kommende Litteratur giebt 
MussArnolt, Transactions of the American Phil. Association XXIII, On Semitic 
words in Greek and Latin. Cap. V : Clothing and ornaments (vgl. dazu auch 
H. Lewy Die semit. Fremdw. im Griechischen S. 82 ff.). Dass Linnen auch 



188 Der Flachs. 

unter den Funden der mykenischen Periode vorkommt (vgl. Schliemann, Myc. 
S. 265, Studniczka, Mitth. cl. Inst. 1887 S. 21 ff.), 1st nicht verwunderlich. - 
Ein etymologisch noch nicht aufgeklartes Wort 1st das deutsche Segel (oben 
S. 179). Seine verschiedenen Deutungen sind in meinem Reallexikon u. Segel 
und Mast zusammengestellt worden. 



Der Zwillingsbruder des Flachses, der Hanf, Cannabis sativa, 
gehort doch einer anderen Familie an, der der Urticeen, und hat 
sich auf anderen Wegen und viel spater iiber die Welt verbreitet. 
Die Aegypter kannten ihn nicht in der Umhlillung der Mumien 
hat sich keine Spur von Hanffasern gefunden, - - ebenso wenig die 
Phonizier 53 ) , und auch das Alte Testament erwahnt seiner nirgends. 
Dass die Pflanze zu Herodots Zeiten in Griechenland unbekannt 
war, geht aus der schon oben angefiihrten Stelle dieses Geschichts- 
.schreibers (4, 74) hervor, wo er sie seinen Lesern als eine neue be- 
schreibt. Die Skythen aber bauten den Hanf an und reinigten und 
berauschten sich mittelst der Saat; er war also bei medopersischen 
Stammen, gleichsam im Riicken der Vorderasiaten , im Gebrauch 
und stammte aus Bactrien und Sogdiana, den kaspischen und Aral- 
gegenden, wo er noch jetzt mit Ueppigkeit wild wachsen soil (Hum- 
boldt, Ansichten der Natur, 3. Ausg., Th. 2, S. 64: der aus Persien 
nach Europa eingefiihrte gemeine Hant'). Auch der Gebrauch des 
Haschisch, d. h. die Betaubung durch einen Extract aus Cannabis 
indica findet ein Analogon schon bei den Skythen Herodots. Hesych. 
ig' ffxvdixbv ^vficafna o xoiaviyv %(, Svva/uw ware Qixfid&iv 
vbv TraQSffiwm. Die Thraker webten Kleider aus dieser Pflanze, 
die sie diesmal nicht aus Kleinasien denn sonst ware sie auch 
den Griechen bekannt gewesen , sondern von ihren Nachbarn im 
Nordosten am Tyras und Borysthenes liberkommen batten. Vom 
Pontus und aus Thrakien wird denn auch dies vorziigliche Material 
zu Seilerarbeiten den Griechen zugekommen sein, wie noch heut zu 
Tage die griechische Seemacht ihren Hanfbedarf aus Russland bezieht. 
Unter dem unveranderten Namen cannabis, cannabus wanderte das 
Gewachs in verhaltnissmassig spater Zeit auch nach Sicilien und 
Italien. Als Hiero II. von Syrakus sein bei Athenaus 5, p. 206 be- 
schriebenes ungeheures Prachtschiff baute, zu dem er von alien 
Landern je das Beste in seiner Art kommen Hess, wurden Hanf 
und Pech vom Flusse Rhodanus in Gallien bezogen. Dort also ge- 
dieh er besonders - - war er von Italien aus dahin verpflanzt oder 
langs der grossen keltischen Volkerkette, die damals schon von 



Der Hanf. 189 

Gallien bis Pannonien und an den Hanms reichte, so weit vor- 
gedrungen? - - Von den romischen Schriftstellern 1st cler Satiriker 
Lucilius uni 100 vor Chr. der alteste, cler des Hanfes Erwahnung 
thut (Festus p. 356 Miiller: vidimus vinctum thomice canndbina, mit 
einem hanfenen Strick). Cato nennt weder Flachs noch Hanf; das 
seit dem zweiten punischen Kriege aufgekommene spanische Spartum, 
stipa tenacissima, schrankte den Hanf ein, der nicht oft genannt und 
also wohl auch sparsam angebaut ward. An einzelnen fruchtbaren 
Stellen indess gedieh er uppig, so in dem beriihmten Landstrich um 
Reate im Sabinerlande, wo er Baumeshohe erreichte, Plin. 19, 174: 
rosea agri Sabini arborum altitudinem aequat. Der griechisch-romische 
Name fur die Pflanze, der urspriinglich medisch gewesen sein wird, 
aber auch in der Sprache der alten Inder vorkommt 54 ) , geht zum 
Beweise ihrer Herkunft unverandert durch alle europaischen Spracheu, 
im Deutschen lautverschoben , ahd. hanaf, ags. hdnep, altn. hanpr. 
Auch die deutschen Benennungen des mannlichen und weiblichen 
Hanfes, Fimmel und Maschel, sind lateinischen oder italienischen 
Ursprungs, Fimmel = femella, Maschel = masculus, freilich mit um- 
gekehrter Aiiwendung, denn der Fimmel ist gerade der mannliche 
Hanf, der aber, weil er kiirzer und schwacher ist, in der Vorstellung 
des Volkes als der weibliche erschien. Jetzt ist der Hanf durch ganz 
Europa ausgebreitet und spottet so sehr aller klimatischen Unter- 
schiede, dass Ostindien und die russischen Hafen an der Ostsee, ja 
Archangel in der Nahe des Polarkreises in Betreff dieses Produktes 
in den englischen Markt sich theilen. Im heutigen Italien sind die 
Gegenden siidlich vom unteren Po ein reicher Kulturbezirk fiir diese 
Pflanze, in welchem sie oft doppelte Manneshohe erreicht; die Ernte 
wird theils im Lande selbst zu Tauen und Segeltuch verarbeitet, 
theils liber das adriatische Meer ins Ausland verschifft. Der Betrieb 
auf Saat, der in Russland, wo wahrend der langen und strengen 
griechischen Fasten das Hanf 61 allgemein zur Nahrung dient, eine 
Hauptstelle einnimmt, ist im Siiden nicht gewohnlich. Wir bemerken 
noch, dass der auf europaischen Markten unter dem Namen Kanton- 
hanf oder Manillahanf bekannte Faserstoff kein wirklicher Hanf 
ist, sondern aus dem Schaft einer tropischen Pflanze, einer Art Ba- 
nane, gewonnen wird ; er soil viel biegsamer, elastischer und leichter 
sein, als der gemeine Hanf, ferner auf dem Wasser schwimmen und 
im nassen Zustand, auf Reisen in den nordlichen Gegenden, nicht 
gefrieren, s. J. W. von Miiller, Reisen in Mexico, I. 218 und Jagor, 
Reisen in den Philippinen, S. 245 if. 



190 Der Hanf. 

* Der Hanf, Cannabis saliva L., findet sich sicher wild siidlich vom Kas- 
pischen Meer in Siimpfen und bei Lenkoran, sowie Lei Astarte (Bunge nach 
<jay in Bull, de la soc. bot. de France 1860 p. 30); er wird auch haufig in 
TVlittel- und Stidrussland, sowie in Sibirien vom Ural bis Dahurien angetroffen ; 
<es ist somit erklarlich, dass gerade asiatische Volkerschaf ten , die Scythen 
und die Chinesen den Hanf kultivirten, wahrend die TJmwohner des Mittel- 
meeres Leinkultur betrieben. 



* * Was die Verbreitung des Hanfes und seiner Benennung in Europa 
betrifft, so konnen die nordeuropaischen Namen nicht direkt aus dem griech.- 
lat. Y-awa^Ki-cannabis entlehnt sein. Vgl. in dieser Beziehnng iiber die ger- 
manischen ahd. hanaf, ags. haenep, nord. hampr Kluge, Et. W. u unter Hanf, 
iiber die slavischen altsl. konoplja u. s. w. Miklosich im Et. W. Es ist viel- 
mehr anzunehmen, dass alle die genannten Ausdriicke unabhangig von ein- 
ander aus einer gemeinsameii Quelle abstanimen. Auf diese geht offenbar 
auch eine grossere Zahl der Namen des Hanfes aus ural-altaischen und turko- 
tatarischen Sprachen zuruck. In denselben lasst sich zunachst ein einfaches 
* kanna, * ken unterscheiden, das im ceremissischen Icefie, kine vorliegt. Hiermit 
wiirde auch das indische gana ubereinstimmen (vgl. iioch osset. san Anm. 17). 
Als eine Erweiterung von oder Zusammensetzung mit diesem * kanna stellt 
sich einerseits xdwa^ dar, das vielleicht auf *y.awa-iuc zuruckzufiihren ist 
(vgl. iieben lat. cannabis: it. canape, rum. canapa. alb. kan-p, kzrp}. Es liegt 
nahe bei dem Bestandtheil -ret?, -pt? an die syrjanische und wotjakische Be- 
nennung des Hanfes, eigentlich der Nessel pis, pus (Ahlqvist, Kulturw. S. 43) 
zu denken, die hochst auffalliger Weise im Angelsachsischen wiederkehrt 
(cannabum haenep vel pis Wright- Wulcker, Agl. a. 0. E. Vocabularies I, 198 1:! ), 
falls hier nicht eine blosse Verstiimmlung aus cannapis anzunehmen ist. Vgl. 
noch moksa-mordv. kafdf, ersa-mordv. kafd. Andererseits scheint das oben 
.genannte *kana, *ken auch in den turko-tat. Namen des Hanfes kin-diir, ken-dir. 
cuvasch. kan-dyr) vorzuliegen. Hieraus stammt bulg. kenevir Leinwand, magy. 
-kender Hanf (Miklosich, Turk. Elemente), aus lit. kanapis und preuss. konapios: 
liv. kamp' estn. kanep etc. (Thomsen, Beroringer etc. S. 177). 1m Armenischen 
begegnet kanap\ kanep", kurd. leinif, npers. kanab. Woher, fragt Hiibschmann 
Arm. Gr. I, S. 165, stammt das armenische Wort zunachst? - - Einen 
ganz anderen, aber schwerlich richtigen Weg schlagt zur Erklarung von 
^griech. v.awa^tc W. Tomaschek, Die alten Thraker (Wiener Sitzungsberichte 
130) S. 13 ein. Nach ihm gehOre das Wort ursprunglich der Handelssprache 
der Rarer und Phoenicier an, die den Stoff aus dem Norden bezogen batten. 
Seine Bezeichnung konne von xotvva, hebr. kanndh, assyr. kanu Eohr, Geiiecht 
nicht getrennt werden. In Europa ist aus alten Pflanzenglossaren (vgl. 
G. Goetz Thesaurus I, S. 174) noch eine hochst merkwiirdige Bezeichnung 
unserer Pflanze in lat. agrius, agre zu nennen, die eigentlich ,,wild" (griech. 
aYptoc) bedeutet. Sollte dies, meint v. Fischer-Benzon Altdeutsche Gartenflora 
S. 88, daher kommen konnen, dass der Hanf auf wiisten Platzen gesat M^urde, 
ahnlich wie friiher der Flachs in Mecklenburg, der sich mit den Handera der 
JDorfstrassen und Wege begniigen musste? Ueberhaupt sei der Hanf in 



Lauch. Zwiebeln. 

Deutschland selten gebaut worden, doch batten sich in den Garten von Fischern 
und Landleuten friihzeitig grossere mit Hanf bestellte Beete gefunden, von 
denen man die hauslichen Bedurfnisse an Hanffasern befriedigt habe. 

Die aus dem Bisherigen hervorgehende Jugend des Hanfes in Europa 
bestatigt sich auch auf archaologischem Weg. 

In den Schweizer Pfahlbauten fehlt er ebenso wie in denen der Poebne 
(Christ in Rutimeyers Fauna der Pfahlbauten S. 226, Kellers Berichte VII, 65) 
vollig. Nach G. Buschan Vorgesch. Botanik S. 116 sei er in dem ganzen 
mittleren und westlichen Europa zur jiingeren Stein- und Bronzezeit und auch 
wohl noch zur Eisenzeit unbekannt gewesen. 



Lauch. Zwiebeln. 

Neben den Nahrungspnanzen und dem Fleisch und der Milch 
<ler Jagd- und der gezahmten Thiere griffen schon.die Urvolker mit 
Begierde nach anregenden Gewiirzen, unter denen das Salz bis auf 
den heutigen Tag die erste Stelle einnimmt. Das Pflanzenreich bot 
mancherlei scharfe, beissende Safte, auf deren Entdeckung der Zufall 
fiihrte und die dann auf den Bergen eifrig gesucht wurden. Je nach 
ursprunglicher Anlage und dem Grade der Bildung wirkten solche 
Heizmittel freilich sehr verschieden auf die feineren oder roheren 
oder auch nur anders organisirten Geschmacksnerven der sich fol- 
genden Menschengeschlechter. Das Silphium, das die alteren Griechen 
fur die kostlichste Beigabe jeder Speise hielten, gerieth spater in 
Vergessenheit, angeblich weil es nicht mehr aufzutreiben war, in der 
That, wie wir glauben, weil sich der Geschmack veranderte; denn 
bei starker Nachfrage ware es entweder mehr im Innern Afrikas 
noch zu finden gewesen oder, wenn die Pflanze endemisch war, im 
Gebiet von Gyrene durch Anbau kiinstlich erzeugt worden. Das 
laserpitium, das die Romer Jahrhunderte nachher fur einerlei mit 
dem griechischen Silphium hielten und aus Asien bezogen ob- 
gleich nachbildende Dichter und alterthiimelnde Literatoren dabei 
Cyrene zu nennen liebten war wahrscheinlich ferula asa foetida, 
deren Beimischung die verschlemmte Zunge vornehmer Wiistlinge 
fremdartig reizte. Auch den Zwiebeln gegeniiber reagirt noch jetzt 
die Volksempfindung sehr verschieden. Dem niedersachsischen Ger- 
manen ist der Knoblauch des Orientalen ganz unertraglich und der 
-Zwiebelathem des Russen eine Scheidewand, die keine Gemeinschaft 
zulasst. Ja, man konnte nach diesem Kriterium die Volker in zwei 



192 Lauch. Zwiebeln. 

grosse Gruppen theilen, in die der aZZmm-Verehrer und der allium- 
Hasser, die nach der Weltgegend zugleich als die nordwestliche und 
die siidostliche oder in Europa als die des Mittelmeeres und die der 
Nord- und Ostsee zu bezeichnen waren. 

Wenn es wahr ist, dass die in Rede stebenden Pflanzen ur- 
spriinglich im innern Asien zu Hause sind, auf dessen Steppen Bo- 
taniker sie wildwachsend gefunden haben wollen, dann hat sie schon 
in grauer Vorzeit Verkehr und Wanderung nach Siidwesten weiter 
verbreitet, zum Beweise, wie sehr diese derbe Wiirze dem Natur- 
nienschen begehrenswerth schien. Denn in Aegypten, dessen Sitten 
sich in einer Epoche festsetzten, als es vielleicht noch gar keine 
Indogermanen gab, finden wir Zwiebel und Knoblauch von jeher als 
Bestandtheile der allgemeinen Volksnahrung. Nach den Lauch- 
gewachsen des Nilthales sehnen sich in der Wiiste die Israeliten 
zuriick, Num. 11, 5: Wir gedenken der Pheben, Lauch (chazir), 
Zwiebeln (bezdfari) und Knoblauch (schumim). Beim Bau der grossen 
Pyramide des Cheops, so erzahlt Herodot 2, 125, wurden allein fiir 
die Rettig-, Zwiebel- und Knoblauchkost der Arbeiter 1600 Talente 
Silber aufgewandt, wie auf der Pyramide selbst in agyptischen Schrift- 
zeichen zu lesen stand. Da die Aegypter alle Dinge, auch das Ein- 
zelnste und das Greiflichste der realen Welt in das Dunkel der Re- 
ligion versenkten, so konnte es nicht fehlen, dass diese Lieblings- 
gewachse auch als heilige und geweihte, als Gotter mit Scheu 
verehrt und demgemass von Priestern und From men nicht beruhrt 
wurden. Die Aegypter, sagt Plinius, schworen unter Anrufung des 
Knoblauchs und der Zwiebel, 19, 101: Alium cepasque inter deos in 
jure jurando hdbet Aegyptus. Juvenal spottet dariiber, dass auf solche 
Art die Gotter der Aegypter im Kiichengarten wiichsen, 15, 9 : 

Porrum et caepe nefas molar & ac f rang ere morsu. 
O sanctas gentes, quibus haec nascuntur in hortis 
Numina! 

wahrend der Christ Prudentius dariiber entrustet ist, contra Symmach. 
2, 865: 

Sunt qui quadriviis brevioribus ire parati 
Vilia Niliacis venerantur oluscula in hortis, 
Porrum et cepe Deos inponere nubibus ausi, 
Alliaque et Serapin caeli super astro, locare. 

und Peristeph. 10, 259: 

Adpone porris religiosas arulas, 
Venerare acerbum cepe, mordax allium. 



Lauch. Zwiebeln. 193 

Fur die Enthaltung der Priester vom Zwiebelgenuss fiihrt Plutarch 
deren eigene Erklarung an, es geschehe, well diese Pflanze nur bei 
abnehmendem Mond wachse, sucht aber seine eigenen verniinftigen 
Grimde geltend zii rnachen: in der That schicke sich die Zwiebel 
weder fur fastende Blisser, noch fur die, die frohliche Feste begehen; 
den ersteren wecke sie Begierden, den anderen locke sie Thranen 
ins Auge (de Is. et Osir. 8). An einer anderen Stelle hat Plutarch, 
wie wir aus Gellius ersehen, unter Anfiihrung desselben astro-phyto- 
logischen Motivs die Scheu gegen die Zwiebel auf die Priesterschaft 
von Pelusium, also auf den Lokalkultus der den semitischen und 
philistaischen Landen zunachst gelegenen und mit diesen durch 
Handel und Verkehr eng verbundenen Stadt beschrankt, 20, 8: quod 
apud Plutarchum in quarto in Hesiodum commentario legi: cepe 
turn, revirescit et congerminat decedente luna, contra autem inarescit 
adulescente. Earn causam esse dicunt sacer dotes Aegyptii, cur 
Pelusiotae cepe non edant, quia solum olerum omnium contra lunae 
augmenta atque damna vices minuendi et augendi hcibeat contrarias 
und dies wird durch Lucian bestatigt (Jup. Tragoed. 42), wahrend 
wir noch naher durch Sextus Empiricus erfahren, dass es der Dienst 
des Zeus Kasios bei Pelusium war, der die Zwiebel ausschloss, wie 
der d*er libyschen Aphrodite den Knoblauch (Pyrrh. hypot. 3, 24, 
p. 184). In deni nahen Philistaa wird Zwiebelbau und also 
Zwiebelverbrauch durch die beriihmte Zwiebel von Ascalon verbiirgt, 
die schon Theophrast, h. pi. 7, 4, 7. 8, beschreibt und nach der 
bis auf den heutigen Tag die Schalotte, echalotte, scalogno (in 
Deutschland vorn Volksmunde zu Aschlauch, Eschlauch germanisirt) 
benannt ist. Die kretische Zwiebel war der askalonischen ahnlich 
oder mit ihr eins und dasselbe (Theophr. 1. 1. 9.) hatten die 
Philister diese Zwiebel auf ihren friihen Wanderungen und Seeztigen 
von einer Kuste zur anderen gebracht? Wie die libysche Aphrodite 
schloss auch die Mutter der Gotter den Knoblauchesser von ihrem 
Tempel aus. Denn als der witzige und gottlose Philosoph Stilpo 
einst sich mit Knoblauch gesattigt und dann in dem genannten 
Heiligthum sich zum Schlaf niedergelegt hatte, erschien ihm die 
Gottin im Traum und sagte: du bist doch ein Philosoph und scheust 
dich nicht, das Gesetz zu iibertreten? Worauf er antwortete: Gieb 
mir was Anderes zu essen und ich will mich des Knoblauchs ent- 
halten (Athen. 10 p. 232). - - Die Israeliten, seit sie im Wiisten- 
sande sich des agyptischen Knoblauchs wehmiithig erinnerten, blieben 
alle Zeit unerschutterliche Freunde desselben, sowohl vor als nach 

Viet. Hehn, Kulturpflanzen. 7. Aufl. 13 



194 ( Lauch. Zwiebeln. 

der Zerstorung Jerusalems, wie einst daheim in Palastina, so in der 
Diaspora unter der Herrschaft des Talmuds und der Rabbinen. 
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Sage von dem foetor judaicus, 
wegen dessen die Juden von alien Nationen alter und neuer Zeit 
verhohnt und zuriickgestossen wurden, von dem unter ihnen allgemein 
verbreiteten Genusse dieses streng riechenden Gewiirzes zu allererst 
herriihrte. Ein komischer Zug, den Ammianus Marcellinus aus dem 
Leben des Marcus Aurelius erzahlt, beweist, dass schon damals die 
Juden in dem erwahnten bosen Rufe standen : als dieser Kaiser, der 
Sieger iiber die Markomannen und Quaden, auf einer Reise nach 
Aegypten durch Palastina kam, da wurde ihm Gestank und Larm 
der Juden so lastig, dass er schmerzlich ausgerufen haben soil: 
o Markomannen, Quaden und Sarmaten! habe ich doch noch schlimmere 
Leute, als ihr, gefunden, 22, 5, 5: llle enim cum Palaestinam 
transiret, Aegyptum petens, foetentium Judaeorum et tumultuantium 
(durch einander schreiend, etwa wie in den heutigen Borsenhallen oder 
den sprichwdrtlich gewordenen Judenschulen) saepe taedio percitus 
dolenter dicitur exclamasse: o Marcomanni, o Quadi, o Sarmatae; 
tandem olios vobis inertiores inveni. (Wenn in Griechenland eine 
Abtheilung der Lokrer Ozolae d. h. die Stinkenden genannt wurden, 
so riihrte dieser Beiname vermuthlich nicht von einem Nahrungsmittel, 
sondern von ihrer Kleidung her: sie trugen in alterthiimlicher Weise 
Ziegenfelle und verbreiteten daher, wo sie erschienen, eine Art 
Juchtenduft.) Aus dem Verzeichniss taglicher Lieferungen an 
das Oberkuchenmeisteramt des persischen Hofes ersehen wir, dass 
der Verbrauch von Knoblauch und Zwiebeln an der Tafel des grossen 
Konigs und seines Gesindes kein unbedeutender war: ausser Kiimmel, 
Silphium u. s. w. ist als tagliches Bediirfniss ein Talent Gewicht 
Knoblauch, ein halbes Talent Zwiebeln, letztere von der scharfen 
Art, angesetzt (Polyaen. Strat. 4, 3, 32). Das hohe Alter der 
Zwiebel wird dann weiter durch Homer bestatigt, der diese Pflanze 
bereits unter dem Namen xftofwov kennt, und zwar sowohl in der 
Ilias als in der Odyssee. In der ersten heisst die Zwiebel 11, 630, 
nor$ oipov, Beiessen zum Mischtrank, den die schonlockige 
Hekamede dem durstig aus der Schlacht heimgekehrten Nestor be- 
reitet, in der andern, 19, 232, tragt Odysseus eine glanzende 
Tunika, fein wie das Hautchen um die trockene Zwiebel. Ebenso 
alt oder noch alter als diese homerischen Stellen ist moglicher Weise 
der Name der einst megarischen, spater korinthischen Ortschaft 
der offenbar von der dort angebauten Zwiebel 



Lauch. Zwiebeln. 195 

abgeleitet 1st. Megaris war auch in spateren Zeiten wegen des in 
der Landschaft wachsenden und von den Bewohnern reichlich ver- 
zehrten Knoblauchs beruhmt oder beriichtigt: ^ YQ MeyaQMri GXOQOQ- 
(fogog, sagt der Scholiast zu Aristoph. Pac. 246, und megaren- 
sische Thranen, MeyaQewv ddxQva, nannte ein Sprichwort (bei Suidas 
und Hesychius) erheuchelte oder Krokodilsthranen, wie derjenige 
vergiesst, der eine aufgeschnittene Zwiebel anblickt. In der altesten 
Zeit, ehe das Landchen ionisch und spater dorisch wurde, war es 
von Karern und spater Lelegern besetzt oder heimgesucht gewesen, 
und schon damals konnten von diesen schwarmenden Ankommlingen 
orientalische attmm-Avten eingefiihrt worden sein. Aus dem Namen 
des mythischen Stifters der Stadt, des Kromos, des Sohnes des 
Poseidon (bei Pausan. 2, 1, 3), lasst sich auf eine kurzere Urform 
des griechischen Wortes fur Zwiebel schliessen, welches mit dem 
von der Schweiz bis nach Skandinavien hin verbreiteten Ramser, 
Ramsel, Rams (Schmeller 3,92), AUiumursinumL., wilderKnoblauch, 
Allermannsharnisch, Siegwurz, angelsachsisch hramsa, englisch ramsenj 
ramson, buckrams, irisch cream/fc,litauisch&mm^0,polnisch trzemcha, 
trzemucha, russisch ceremsa, ceremica, ceremucka zusammengestellt 
werden darf. Lateinisch cepe, caepa hat offenbar sein Analogon 
in dem von Hesychius aufbewahrten arkadischen xdma fiir Knoblauch 
(xdrua* TO. Gxogoda. KsQvvrjTCu), die Annahme aber, dass in dem 
Worte der Begriff Kopf liege, caepa capitata, xeyahwiov, xscfa^oQQ^a 
haufig bei Theophrast - - diese Annahme fiihrt in eine feme Sprach- 
periode hinaus, wo caput und xf(pa^ ihre Suffixe noch nicht ent- 
wickelt hatten. Und dennoch reichen die letzteren noch in die Zeit 
der europaischen Volkergemeinschaft hinauf : caput stimmt genau zu 
dem altnordischen hofuth fiir hafuth (das gothische haubith zeigt schon 
eine Ausartung), xeyahr] zu dem angelsachsischen hafela, heafola (wo 
die Aspiration im griechischen Wort wohl dem folgenden I ihr 
Dasein verdankt). Da indess, wie sich hieraus ergiebt, die Suffixe 
noch schwankten, so mochte zu derselben Zeit auch das unbekleidete 
Wort bei einzelnen Wanderstammen, die das Alterthumliche be- 
wahrten, noch fortdauern und, als der Kopflauch oder die Zwiebel 
vom Orient kam, auf diese angewandt worden sein. Die von Po- 
lybius 12, 6 berichtete Ursprungssage der italischen Lokrer zeigt 
deutlich, dass unter ihnen xeyahrj auch den Kopf der Zwiebel be- 
deuten konnte. Als sie zu allererst in Italien gelandet waren, gaben 
sie den Ureinwohnern, den Siculern, das eidliche Versprechen, in 
Frieden und Freundschaft mit ihnen das Land gemeinsam zu be- 

13* 



196 Lauch. Zwiebeln. 

,* 

sitzen, so lange sie diese Erde betreten und ihre Kopfe auf den 
Schultern tragen wiirden. Sie batten aber Erde in ibre Schuhe 
gescbiittet und trugen Zwiebelkopfe, axogodwv xscpahdg, heimlicb unter 
den Kleidern auf den Scbultern; nachdem sie sicb beider entledigt, 
waren sie frei vom Schwur und nahmen das Land fur sich allein 
in Besitz. Und daher kam das Spricbwort AOXQWV tn/Vvfywa 65 ). 
Auch lateiniscb wird in dem Zwiegesprach des Konigs Numa mit 
dem Himmelsgotte bei Ov. Fast. 3, 339 eaput und eepa als gleich- 
bedeutend vorausgesetzt : 

Caede caput, dixit. Cui rex, parebimus, inquit, 
Caedenda est hortis eruta cepa meis. 

Das griechische dxoQodov, oxogdov, ist als ubel machend erklart 
und mit dem slavischen skar^du verglichen worden (Fick 2 S. 204); 
die lateinischen Namen alium, allium und ulpicum (scbon bei Plautus 
und Cato) wissen wir nicbt zu deuten oder sollte in dem erstern, 
worauf das griecbiscbe ayfog fiihrt, ein assimilirter g- oder c-Laut 
stecken? IlQaaov hiess urspriinglicb, wie das hebraische chazir, Kraut, 
Gemiise iiberhaupt; das davon abgeleitete TiQaaid Gartenbeet branch t 
schon der Dichter, der in der Odyssee die Garten des Alcinous be- 
schrieb, und giebt ihm das Beiwort xoafjirpog d. h. durch Kultur 
geschaffen, Vernunft und Zweck offen an sich tragend ; ein attischer 
Demos hiess IlQaaiaC, ebenso eine lakonische Stadt; in der Bedeutung 
Lauch ging das Wort zu den Lateiriern iiber, in deren Munde es 
p or rum lautete, und in weit spaterer Zeit in der Form prasu, prazu 
zu den Slaven. Der durch Herodot beriihmte See Prasias tragt 
seinen Namen wohl eben daher, woher in derselben Gegend der von 
Aeschylos und Thucydides Bohpij genannte See so hiess, namlich 
von einer am Ufer wachsenden Zwiebelart, vielleicht der sogenannten 
Meerzwiebel, scilla maritima. Unter den andern griechischen Be- 
nennungen xldahov (bei Hesychius), ayhg, yshylg, at yehysig, ysh- 
yt,6ovcfd-(u (bei Theophrast), Gen. yehyldog, yshyldvg, pohfiog, Gxttha, 
ytf&vov, yfaiov, yr]9vhMg (schon bei Epicharmus) - nimmt die 
letzte, y^^-yAAtg, ein besonderes Interesse in Anspruch, weil sich ein 
religioser Brauch an sie kniipft und ihr daher ein relatives Alter 
verbiirgt. Am Fest der Theoxenien in Delphi namlich, das als eine 
Bewirthung sammtlicher Gotter durch Apollo gedacht war, erhielt 
derjenige, der die grosste y^v^KCg, Lauchzwiebel, mitbrachte, einen 
Antheil von dem Opf erschmause : der Grund war, weil Leto, da sie 
mit ihrem Sohn schwanger ging , Verlangen nach einer solchen 
getragen hatte. So erzahlt Polemon, der Perieget, bei 



Lauch. Zwiebeln. 197 



Athen. 9, p. 372. Sollte tfj&wv, YyfhfMfc ein Compositum aus y^ 
und &va) sein konnen^ mit der Bedeutung Erdrauch (so auch im 
Slavischen, woher das litauische dimJcas, eine Zwiebelgattung), in 
spaterer Sprache xdrtvtos, fumaria? Lateinisch hiess das Wort palla- 
cana (nach Plinius) welches wie von pattaca, Kebsweib, abgeleitet 
aussieht. 

Uebrigens waren ini nachhomerischen Griechenland wie in Italien 
Zwiebelgewachse die allerbeliebteste, iiblichste Nahrung des Volkes. 
Fur Athen lehrt dies fast jede Scene des Aristophanes, so wie eine 
Menge gelegentlicher Aeusserungen anderer Autoren, Anekdoten, die 
erziihlt werden, Redensarten, die daher entnommen sind u. s. w. 
Mit der steigenden Bildung und daraus fliessenden Milderung der 
Sitten und feinern Reizbarkeit der Nerven schlug dann bei den 
hoheren Standen die alte Vorliebe in Widerwillen uni: Jemandeni 
Zwiebeln anwiinschen, bedeutete jetzt nichts Gutes, und Knoblauch 
geniessen und die entsprechende Atmosphare verbreiten, verrieth den 
Mann aus dem niedrigsten Volke oder ward als ein Ueberbleibsel 
aus der rohen, bauerischen Zeit der Vater angesehen. Als der ly- 
dische Konig Alyattes den w r eisen Bias von Priene einlud, zu ihm 
zu kommen, fertigte dieser den Einlader mit der kurzen Antwort 
ab : nach meinem Willen soil der Konig Zwiebeln essen d. h. Thranen 
vergiessen (Diog. Laert. Bias). Dieselbe Sage berichtet Plutarch von 
Pittakus von Mitylene, dem er noch eine Erweiterung in den Mund 
legt: der Konig sollte Zwiebeln essen und heisses Brot verschlingen 
(Sept. sap. conviv. 10). Dieselbe Redensart auch in Italien : in den 
Eumeniden des Varro hiess es (Riese, M. T. Varronis Sat. Menipp. 
reliquiae, fr. 28): in somnis venit, jubet me cepam esse. Der home- 
rische Branch, den Trunk durch den Genuss von Zwiebeln zu wiirzen, 
der sich mehr far Matrosen als fur Konige zu schicken schien, er- 
regte bei den Spateren Verwunderung (Plut. Symp. 4, 3, 8.) Doch 
half man sich mit Unterscheidung der siissen und der herben Zwiebel; 
die erstere, noch jetzt im Orient gebrauchlich, von milderem Geschmack 
und Geruch, kann ohne Unbequemlichkeit aus freier Hand genossen 
werden; nur die andere, xgofivov djp/ti#, verbreitete den lacrimosus 
odor und konnte von Ennius cepe maestum, von Varro und Lucilius 
flebile cepe, von letzterem die talla oder tola (Zwiebelhiilse) lacrimosa 
genannt werden. Bei einem komischen Dichter setzen die Athener 
den Dioskuren Kase, Oliven und Lauch nach alter Sitte zum 
Fruhrnahl vor (Athen. 4, p. 137) - - und dasselbe wendet Varro in 
mehr romischer Weise so, die Worte der Vorfahren hatten wohl nach 



198 Lauch. Zwiebeln. 

Knoblauch geduftet, um so edler sei aber der Hauch ihres Geistes 
gewesen, bei Non. Marc. 3, p. 201 : am et atavi nostri, cum alium ac 
cepe eorum verba olerent, tamen optume animati erant. Schon bei 
Plautus ist, wie bei Aristophanes, Knoblauchgeruch das Zeichen des 
Armen und erregt dem Edlen heftigen Ekel, Mostell. 1, 1, 38: 

At te Jupiter 
Dique omnes perdant: fit, oboluisti alium, 

worauf spater der Andere sagt: 

Tu tibi istos habeas turtures, piscis, avis, 
Sine me aliatum fungi fortunas meas 

und bei Naevius (in Apella, Prise. 6, 11, p. 681) kam der Vers vor: 
ut ilium di ferant, qui primum holitor cepam protulit. 

Bekannt ist die an Macenas gerichtete dritte Epode des Horaz, in 
der der nervos organisirte Dichter seinem ganzen Abscheu gegen den 
Knoblauch halb ernst, halb scherzend Luft macht. Hart ist das 
Eingeweide der Schnitter, ruft er aus, deren Arbeit in der That 
bei der Sommerglut des Siidens zu den allerschwersten gehort, die 
darum viel vertragen konnen, und die auch bei Vergil sich mit 
Knoblauch starken, Eel. 2, 10: 

Thestylis et rapido fessis messoribus aestu 
Alia serpyllumque herbas contundit olentis. 

Mir scheint es, fahrt er fort, ein Gift, das eine bose Hexe mir bei- 
gebracht hat ! Gebt es kiinftig den Verbrechern statt des Schierlings- 
bechers! Es versengt mir die Glieder, wie die Sonne Apuliens, wie 
das Nessusgewand den Korper des Herkules! Sollte jemals, o 
Macenas, eine Laune dich verfuhren, von diesem Kraut zu geniessen, 
dann mdge die Geliebte deinen Kuss abwehren und fern von deiner 
Umarmung an das unterste Ende des Lagers sich niichten! - - Der 
letztere Gedanke: das Madchen kiisst dich nicht, wenn du Lauch 
gegessen hast (man konnte in moderner Weise sagen: wenn du 
Tabak rauchest oder schnupfest, aber die heutigen Damen 
rauchen selbst!), dieser Gedanke kehrt bei griechischen und romischen 
Dichtern auch sonst wieder, z. B. bei Martial 1, 3, 18: 

Fila Tarentini graviter redolentia porri 
Edisti quotiens, oscula clusa dato 

und in einer Komodie des Alexis oder Antiphanes enthalt sich der 
noQVog, wenn er mit guten Gesellen speist, des Lauches, um dem 
Geliebten keinen unreinen Athem entgegenzubringen (Athen. 13, 



Lauch. Zwiebeln. 199 

p. 572). Umgekehrt that Niceratus seiner eifersiichtigen Frau wegen, 
bei Xenophon Symp. 4, 8: Charmides sagte: Hochgeehrte Herren, 
der Niceratus hier liebt es, mit einem Zwiebelathem nach Hause zu 
kommen, damit seine Frau iiberzeugt sein konne, es habe Niemand 
es sich einfallen lassen, ihm einen Kuss zu geben. Auch bei Ari- 
stophanes Thesmoph. 493 kaut die ungetreue Frau gegen Morgen 
Knoblauch, um dem von der Wache heimkehrenden Manne dadurch 
ihre Unschuld zu beweisen. 

Nach einer anderen Seite hin schaffte der durchdringende Ge- 
ruch und Geschmack der Zwiebel und dem Knoblauch auch aber- 
glaubische Heilkraft, besonders die Kraft, bosen Zauber zu brechen 
und eingeflosstes Gift unwirksam zu machen. Denn alles Stark- 
riechende hat diese abwehrende, das Feindselige erstickende Macht, 
wie auch der dampfende Schwefel als xaxwv axog die durch Mord 
befleckte Halle reinigt. Eine Schrift iiber die Heilkraft der bulbi 
wurde auf Pythagoras zuriickgefiihrt, Plin. 19, 94: unum de Us (bulbis) 
volumen condidit Pythagoras philosophus, colligens medicas vires, und 
der Knoblauch war Bestandtheil vieler Arzneien, besonders bei 
dem Landvolk, ibid. Ill: alium ad multa ruris praecipue medica- 
menta prodesse creditur. Derselbe Philosoph sollte gelehrt haben, 
eine an der Schwelle der Thiir angebrachte Meerzwiebel wehre dem 
Uebel den Eintritt, Plin. 20, 101 : Pythagoras scillam in limine quoque 
ianuae suspensam malorum introitum pettere tradit, und auf denselben 
Glauben zielt ein Fragment des Aristophanes (bei Suidas v. avfowg, 
mit Meinekes Correctur): TtQog zbv ffrgocpea TYJS ctvheCag <f%wov 
xecpahrjv xaiOQVTrsw. Da in der bei alien Griechen beruhmten 
Stelle der Odyssey das Kraut jtiaUv von den Gottern so benannt, 
mit schwarzer Wurzel und milchweisser Bliite, den Menschen schwer 
zu graben, den Gottern, die alles konnen, leicht zuganglich den 
Odysseus stark macht, die Kunste der Circe zu vereiteln, so wurden 
spater in den verschiedenen Landschaften bald diese bald jene zu 
Gegenzauber dienende Krauter und Wurzeln mit dem schon zur Zeit 
des Dichters der Abenteuer mit der Circe nur in der Gottersprache 
noch vorhandenen, nachher ganz verschollenen Namen fuwZv be- 
zeichnet, darunter auch die aus der Gattung allimn. So wuchs in 
gewissen Gegenden Arkadiens, wie Theophrast in dem fur die populare 
d. h. alteste Heilmittellehre iiberaus wichtigen 15. Kapitel des 9. Buches 
seiner Pflanzengeschichte berichtet, ein Kraut juaUi;, mit runder 
zwiebelformiger Wurzel, mit Blattern, denen der Meerzwiebel ahnlich, 
als Gegengift und zur Abwehr von Zauber dienlich, sonst ganz zu 



200 Lauch. Zwiebeln. 

Homers Worten passend, nur im Widerspruch mit ihnen ganz leicht 
zu graben. Im Norden Kleinasiens und in der Pontusgegend, dem 
Gebiet der Gifte und Gegengifte, der Zauber und Gegenzauber, der 
blutstillenden und gegen Schlangenbiss feienden Wurzeln, an dessen 
Aberglauben und magischen Verrichtungen auch die Nachbarlander, 
Thessalien und Thrakien auf der einen, Kolchis auf der andern 
Seite Theil nahmen, in dem kleinasiatischen Galatien und in 
Kappadokien trug die Bergraute, Tnrjyavov ayQiov, Riita graveolens 
oder montana L., den homerischen Namen ILIW&V und diente ohne 
Zweifel zu Averruncationen (Dioscor. 3, 46). Diesen Namen batten 
die griechischen Ansiedler des Pontus mit ihrem Homer in das gift- 
und zauberkundige Land mitgebracht, und in die kappadokische 
wie in die galatische Sprache war es mit anderen. Gracismen uber- 
gegangen. Denn wenn aucb [AO&V urspriinglich ein Fremdling war, 
dass das vorauszusetzende Mutterwort sicb nach so viel Jahr- 
hunderten bei den eingewanderten Galatern und den fernen Kappa- 
doken lebendig erhalten hatte, erscheint uns hundertmal minder 
wahrscbeinlich, als dass, wie in anderen Fallen, auch hier Homer 
die gemeinsame Quelle war. 

Die Germanen lernten die eigentlicbe Zwiebel oder Bo lie von 
Italien aus kennen, wie diese Namen lehren (beide aus ital. cipolla, 
die aus dem spatlateinischen cepulla). Aber ein anderes merk- 
wiirdiges Wort geht nordlich der Alpen quer von West nach Ost 
durch die drei grossen Racen der Kelten, Germanen und Slaven, in 
der urspriinglichen Bedeutung herba, herba succulenta, dann in der 
determinirten porrum, cepe, attium. Altirisch lus, kymrisch Uysiau, 
cornisch les, herba, porrum (s fur alteres x, wie dess = dexter, 
sess sex, ess = goth. auhsa, auhsus, der Ochse u. s. w.); altn. 
lauJcr, ags. ledc, ahd. louh (also gothisch lauks) ; slav. luku, lit. luJcai 
plur. Dass hier nicht etwa Urverwandtschaft, sondern Entlehnung 
vorliegt, lehrt die gleiche Consonantenstufe im Deutschen und Sla- 
vischen; von wo aber ging das Wort aus, und in welcher Richtung 
wanderte es? Grimm Gr. 2, 22 leitet laukr vom gothischen luhan 
claudere ab (welches Verbnm selbst sich ein wenig der Analogic 
entzieht) und erklart: ab aperiendo folia; danach ware das Wort 
bei den Deutschen entstanden und rechts und links von Slaven und 
Kelten erborgt worden kulturhistorisch wenig glaublich. Da die 
Urbedeutung herba bei den Kelten am meisten erhalten geblieben, 
die enger fixirte cepa, porrum bei den Slaven, wie es scheint, die 
einzige ist; da die Kelten, wie in alien Zweigen kultivirten Lebens, 



Lauch. Zwiebeln. 201 

so auch im Garten- und Gemiisebau den welter ostlich in halber 
Wildheit verbliebenen verwandten Stammen um Jahrhunderte vor- 
ausgingen, so scheint uns der Lauch und der Name dafiir eher aus 
Gallien an die Ostsee, als vom Ilmensee und oberen Dniepr, Gegenden, 
die die Slaven noch zu Tacitus Zeit als Rauber durchstreiften, zum 
Rhein und zu den Fruchtgefilden und Stadten an der Sequana und 
dem Rhodanus gekommen zu sein. Das auslautende s des keltischeii 
Wortes konnte von den Deutschen als Nominativzeichen empfunden 
und als solches weggelassen worden sein. Doch muss hier Alles, 
wie natiirlich, nur Vermuthung bleiben. Die Alazonen und Kalli- 
piden in der Nahe Olbias am schwarzen Meer bauten zu Herodots 
Zeit, 4, 17, xQo/u/uva xal ffxdgoSa, doch waren diese halbhellenisirten 
Skythen den nachmaligen Slaven raumlich nicht naher, als sie es 
bald den heranziehenden Kelten wurden, geistig aber viel ferner. 
Bei den Thrakern war die Zwiebel altherkb'mmlich und unentbehr- 
lich, wenn wir namlich dem Komiker bei Athen. 4. p. 131, der die 
thrakischen Hochzeitsgebrauche schildert, trauen durfen : dort er- 
halten bei der Vermahlung des Iphikrates mit der Tochter des 
Konigs Kotys die Neuvermahlten ausser andern kostbaren Geschenken 
einen Krug Schnee, einen Keller Hirse und einen zwolf Ellen hohen 
Topf Zwiebeln: 

%wvog xe TCQO^OVV xey/^cov re 
pokpwv rs XVTQKV 



Die thrakischen fiohfioi gehorten wohl demselben Kulturkreise an, 
wie die xQOpva des Homer, und haben mit dem des europaischen 
Nordens nichts zu thun. Als die Slaven spater in die Wohnsitze 
der Thraker riickten, wurden sie die Erben des thrakischen Hirse 
und der thrakischen Zwiebel. Im germanischen Norden scheint 
der laukr magische Kraft gehabt zu haben, wie in Kleinasien und 
Griechenland. Er wird in den Trank geworfen, um diesen vor Ver- 
rath zu schiitzen, Lied von Sigurdrifa 8 (nach Simrocks Ueber- 
setzung) : 

Die Fiillung segne, 

Vor Gefahr Dich zu schiitzen, 

Und lege Lauch in den Trank. 

So weiss ich wohl 

Wird dir nimmer 

Der Meth mit Meineid gemischt. 

Als Helgi geboren war und Sigmundr, sein Vater, aus der Schlacht 



202 Lauch. Zwiebeln. 

heimkehrte, da trug er edlen Lauch (UrlauJc), Erstes Lied von Helgi 
dem Hundingstodter, 7 : 

Der Konig selbst 
Ging aus dem Schlachtlarm, 
Dem jungen Helden 
Edlen Lauch zu bringen. 

Grimm DM 2 1165 fiihrt dazu die Volsungasaga Cap. 8 an und 
fugt hinzu: es erhellt nicht, ob der Konig als heimkehrender Sieger 
Lauch trug, oder weil es Sitte war, beim Namengeben ihn zu tragen. 
Da der Allermannsharnisch dem Namen gemass den Mann beschiitzt 
und als Siegwurz, dllium victoriale, den Sieg verleiht, so scheint die 
erstere Erklarung sich mehr zu empfehlen. Unser Knoblauch 
ist verdorbene neuere Aussprache fur Kloblauch, ahd. ehlopolouhj. 
Movolouh, welches Grimm als gespaltenen, zerriebenen Lauch, 
von klieben, klauben, erklart hat; dass das richtig ist, beweist da& 
slavische cesniiku, cesmci, welches von cesati pectere, radere abgeleitet 
ist. Das angelsachsische gdrledc, engl. garlick, altirisch gairleog 
(entlehnt), altn. geirlaukr besagt soviel als Spiesslauch. Ein in 
althochdeutschen Glossen vorkommendes surio, surro fur eepa, porrum r 
und das litauische swogunas Zwiebel, notiren wir, ohne eine Erklarung 
geben zu konnen. Das Gegentheil von Knoblauch driickt das 
bauerisch lateinische Wort unio bei Columella aus, d. h. die einfache 
einzige Zwiebel, aus dem das franzosische oignon entstanden ist 
denn dass dies unio nicht lateinisch, sondern nur Wiedergabe einer 
altgallischen Benennung der Zwiebel ware, wie Stokes Irish glosses 
Nr. 862 andeutet, kommt uns diesmal weniger wahrscheinlich vor. 
Das franzosische cive, civette, Schnittlauch, ist nichts als das latei- 
nische caepa. 

Im europaischen Siiden ist heut zu Tage Zwiebel und Knob* 
lauch ganz eben so gesucht und gemieden, wie zur Zeit des 
Aristophanes und Plautus. In Italien versaumt kein Bauer, wenn 
er irgend kann, etwas Knoblauch im Garten zu ziehen und ihm 
fleissig zuzusprechen, wahrend der Gebildete sich dieser Wiirze zu 
enthalten oder vorsichtig zu bedienen pflegt. Dass Spanien ein noch 
argeres Knoblauchland ist, als Italien, ist bekannt; wir erinnern nur 
an die kostliche Scene im Don Quixote, wo der edle Ritter an der 
Heerstrasse eine Bauerin heranreiten sieht, sie fiir die schone Dulciiiea 
von Toboso halt, in seiner Liebeshuldigung aber durch den stechen- 
den Knoblauchsgeruch, der von dem vermeintlichen Edelfraulein aus- 
geht, etwas gestort wird und den ungliicklichen Umstand durch die 



Lauch. Zwiebeln. 2 OS 

Tiicke der Zauberer erklart, die ihn schon so lange verfolgen und 
nun auch den sussesten, lange ersehnten Moment seines Lebens durch 
solches Missgeschick verderben. In Byzanz war der Zwiebel- 
verbrauch, sogar an der Kaiserlichen Tafel, so stark, dass Liudprand, 
der Bischof von Cremona, der doch selbst ein Italiener war, dies 
Uebermass anstossig fand. Der Beherrscher der Griechen, sagt er 
in seinem Gesandtschaftsbericht vom Jahre 968, tragt langes Haar, 
Schleppkleider, w'eite Aermel und eine Weiberhaube . . . . , nahrt sich 
von Knoblauch, Zwiebeln und Lauch und sauft Badewasser (d. h. 
mit Harz und Gips versetzten Wein). Und ein ander Mai: Er 
befahl mir zu seiner Mahlzeit zu kommen, die tiichtig nach Knob- 
lauch und Zwiebeln duftete und mit Oel und Fischlake besudelt war. 
Ganz um dieselbe Zeit freilich machte ein Orientale, der Geograph 
Ibn-Hauqal, einer occidentalischen Stadt, der Hauptstadt von Sicilien, 
denselben schmahlichen Vorwurf. In seiner Beschreibung von Pa- 
lermo (ed. de Goeje S. 86 ff. und im Auszuge bei Jaqut) schreibt 
er den Einwohnern alle moglichen Laster und Thorheiten zu, nennt 
sie stumpf und gottlos, lau zu allem Guten, geneigt zu allem Bosen; 
die Wurzel dieses traurigen Zustandes, fiigt er hinzu, 1st die Ge- 
wohnheit, die bei ihnen herrscht, Morgens und Abends rohe 
Zwiebeln zu essen, wodurch ihr Hirn verstort und ihr Sinn ab- 
gestumpft wird. Man sieht dies an ihrem Benehmen, an ihrem 
Aussehen: sie trinken lieber stehendes, als fliessendes Wasser, scheuen 
sich vor keiner stinkenden Speise, sind schmutzig am Leibe, ihre 
Hauser sind unrein, in den prachtigsten Wohnungen laufen die 
Huhner herum u. s. w. Zur Erklarung dieser Stelle seines Vor- 
gangers fiihrt Jaqut das Zeugniss eines medicinischen Buches an, 
wonach die Zwiebel so sehr das Gehirn und die Sinne betaubt, dass 
nach deren Genuss der Esser iibelriechendes Wasser nicht mehr als 
solches erkennt (bei M. Amari, Storia dei Musulmani di Sicilia, II, 
Firenze 1858, p. 307). Ob hier nicht der alte Glaube an die 
Wunderkraft der Zwiebel noch nachwirkt, nur dass sich, wie so oft, 
der behiitende Zauber in den bethorenden umgesetzt hat? 

*Die Pflanzen, um welche es sich hier handelt, sind folgende: 
1. Knoblauch, Allium sativum L. Diese in Stideuropa haufig verwildert 
vorkommende Art 1st wildwachsend mit Sicherheit nur aus den Thalern des 
Kauman und Chautan in der Songarei bekannt (Re gel, Alliorum mono- 
graphia, Petropolis 1875 S. 44); es muss daher die Pflanze von Centralasien 
aus durch die Kultur schon in sehr frtiher Zeit nach den Mittelmeerlandern 
verbreitet worden sein, da sie in Aegypten schon vor der Auswanderung der 



204 Lauch. Zwiebeln. 

Israeliten eingebiirgert war. Dies beweisen auch die Graberfunde von. Assassif 
z\i Theben (Schweinfurth in Englers Bot, Jahrb. VIII (1886) S. 10) sowie von Dra- 
Abu-Negga, bestehend aus Biindeln von einigen Stielen. Auch in China wurde 
der Lauch seit langer Zeit als Suan kultivirt. Eine Varietat mit kugelig-ei- 
formigen Bulbillen wird als Rocambole (aus dem deutschen Rockenbolle ge- 
bildet) kultivirt. Viel haufiger wird aber als solche Attium Scorodoprasum L. 
gezogen, das in Eussland von Finnland bis nach der Krim verbreitet ist. 

2. Eschlauch, Schalotte, Allium ascalonicum L. Derselbe soil nach der 
Meinung Linne's und anderer Autoren aus Kleinasien stammen, indessen 
giebt es hierftir, wie Alph. de Candolle (L'origine des plantes cultivees 
S. 55) gezeigt hat, durchaus keine zuverlassigen Belege. Vielmehr gehort 
A. ascalonicum als Varietat zu A. Cepa L., welches schon im Alterthum in ver- 
schiedenen anderen Varietaten in Griechenland und in Aegypten in aus : 
gedehntem Maasse kultivirt wurde. Neben vielen zweifelhaften Angaben iiber 
die Heimath des Allium Cepa L. (Zwiebel, Bolle) existiren einige zuverlassige. 
Die Pflanze wurde wild gefunden von Stokes in Beludschistan auf dem 
Chehil Tun, von Griffith in Afghanistan und von Thomson in Lahore 
(Aitchison, a catalogue of the plants of Punjab and Sindh 1869 p. 19), 
ferner in Khorassan (Herbar Boissier) und Kuldscha am Thianschan (Alb. 
Hegel). Weniger verbtirgt ist ihr wildes Vorkommen in Palastina. Jeden- 
falls ist das Verbreitungsgebiet so gelegen, dass die Pflanze gleichzeitig nach 
Indien, China, wo sie ebenfalls schon lange als Tsung kultivirt wird, und nach 
den Mittelmeerlandern verbreitet werden konnte. 

3. Porree, Allium porrum L. Dieser auch heute noch in Aegypten als 
Salat und Zuspeise beliebte Lauch, welchen Schweinfurth auch aus altagyp- 
tischen Grabern angiebt, ist hochstwahrscheinlich eine Kulturvarietat des 
Allium ampeloprasum L., welches im 'Mittelmeergebiet, insbesondere dem 
nordafrikanischen sehr haufig ist, auch im Siiden des Kaukasus vorkommt. 



** Ueber die Kultur der Allium-Arten in Aegypten vgl. auch Woenig, 
Die Pflanzen im alten Aegypten- S. 192fF. Dazu Schweinfurth in d. Verh. d. Berl. 
Ges. fur Anthropologie etc. 1891 S. 666, von dem die Kultur der Zwiebel- 
gewachse in Aegypten wohl fiir ebenso alt wie die der Getreidearten gehalten 
wird. Die Nachricht des Herodot tiber die Inschrift der Cheopspyramide 
(oben S. 192) ist aber unglaubwurdig (vgl. Wiedemann, Herodots II. Buch S. 472). 
Ebensowenig wird eine gottliche Verehrung der Zwiebeln durch die Monu- 
mente bestatigt; doch dienen sie als Opfergabe. Benierkenswerth ist die 
Uebereinstimmung von agypt. bassal, bussal und hebr. besdtim Zwiebel. 
Ein anscheinend in die TJrzeit der semitischen Volker zuriickgehender 
Name des Knoblauchs ist hebr. sum, arab. turn, pun. aoufx (vgl. Low, Arain. 
Pflanzenn. S. 393), assyr. sumu (?Schenkl im Bibellexicon). Sprachliche 
Abhangigkeit derGriechen vom Orient lasst sich auf diesem Gebiete iiicht 
nachweisen, da die Erklarung von griech. npdcoov (ion. *xpdaov) aus arab. kurrdt, 
armen. yourath clurch Lagarde (Armen. Stud. S. 160) unhaltbar ist (vgl. 
A. Miiller in B. B. 1, 296 und Muss-Arnolt, Transactions XXIII, 105). Von 
Benennungen des Knoblauchs und der Zwiebel gehen iiber die Einzelsprachen 
hinaus nebeii dem oben S. 195 genannten xpdfiuov ^*npojxuaov) und seiner Sippe 
noch griech. axdpoSov = alb. hufors Knoblauch (vgl. G. Meyer, Et. W. S. 154) 



Lauch. Zwiebeln. 205 

und vielleicht griech. *(e\fi<; neben ^0)^6? lat. bulbus (vgl. den Eigennamen 
Bulbils ; das lat. Ackerbauwort 1st dann wegen des b oskischeii ITrsprungs ; 
anders Prellwitz, Et. W. der griech. Spr. S. 50 und H. Lewy, Semit. Fremdw. 
S. 32, der griech. -(eX-ft?. f^i^ec a - T&v o*opo8u>v xecpaXai Hes. ans arab. galaga 
Schadel, Kopf ableiten mochte). Auch fur das Verhaltniss von griech. rcpdcov: 
lat. porrum. beide Porree oder Lauch (Allium Porrum L.) nimmt man jetzt 
meist Urverwandtschaft an (vgl. Bartholomae Wochenschrift fur klassische Phil. 
1895 S. 596 f. und K. Brugmann Grundriss I 2 , 2 S. 744). Die tibrigen oben meist 
genannten Namen von allium-A.rten bieten zum Theil noch ungeloste Schwierig- 
keiten. Ob griech. xama, lat. cepeetwas mit den idg. Wortern fiir Kopf (oben S. 195) 
zu thun hat, ist sehr zweifelhaft. Die letzteren sind so zu ordnen, dass die germa- 
nischen goth. haubiih, ahd. houbit, ags. he'afod, altn. haufuth, spater hofud auf 
eine gemeinsame Grundform *kaupot- zuriickgehn, die sich mit lat. caput iiur 
dann vermitteln lasst, falls man letzteres durch eiii dem ags. hafola Kopf, scrt. 
kapala Schadel entsprechendes Wort umgestaltet sein lasst (Kluge). Griech. 
xE<paX-f] wird fern zu halten und zu ahd. gebal Kopf zu stellen sein. Nimmt 
man arcad. xditia als xaiua, so liegt die Ableitung von x-vjno?, V.&KOC, Garten 
nahe, ,,Gartenfrucht". Lat. cepe. caepa ware dann entlehnt aus ion. *xYj7tia. 
Fasst man hingegen xdiua als xaicta und vermuthet Urverwandtschaft mit cepe, 
so machen die Vocalverhaltnisse (lat. e, ae: griech. a) dem Verstandniss 
Schwierigkeiten. Nach Stokes Urkeltischer Sprachschatz S. 68 waren auch ir. 
cainnen Zwiebel, Lauch, cymr. cenin unter Annahme des Ausfalls eines inter- 
vocalischen p (capi-) hier anzureihen. Schliesslich konnte man ftir die Erklarung 
von xarua auch noch an xdirix; .fumus 1 , Hauch, Athem denken. Vgl. oben 
S. 197 und griech. ftufioc; eine Zwiebelart (= klr. dymki eine Zwiebelgattung, 
altsl. dymu Rauch), Ganz dunkel ist griech. JXOTTO-, kypr. fAottocpaYia Knoblauch- 
breiesserei; Meister, Griech. Dial. Ill, 218. Lat. allium, alium deutet man 
jetzt wohl richtig als stinkendes (lat. hdlare, anhelare, altsl. achati, *on-s-ati) 
Kraut. -- Was die deutschen Knoblauch und Bolle anbetrifft, so wird 
ersteres so zu verstehen sein, dass in ahd. chlobolouh schon der erste Bestand- 
theil chlobo- (ags. clufe, engl. dove, vgl. Skeat Et. Diet.) friiher Knoblauch 
bedeutete (vgl. maul-tier, ivint-spiel, damm-hirsch etc.). Bolle ferner ist em 
echtdeutsches Wort mit der Grundbedeutung ,,Knollenartiges" (ahd. hirnibolla 
Hirnschale). Ueber lauch Kluge, Et. W. 6 Die alteste Entlehnung aus lat. 
cepa ins Germanische ist ags. cipe Zwiebel (vor 400, nach Hoops, Altengl. 
Pflanzennamen, Diss. Freiburg 1889, S. 75). Vgl. dazu ir. -dap in folt-chiap 
.Lauch' und alb. k'eps. Weitere germanische Entlehnungen aus dem Latei- 
nischen sind ags. ynne, ynne-le'ac aus lat. unio, das wohl weder aus dem Kel- 
tischen stammt, noch mit lat. unus (*oino-s] etwas zu thun hat (vgl. oben 
S. 202), und ahd. pforro, ags. porr (alb. por) aus lat. porrum. Ahd. surio, 
surro (oben S. 202) konnte die ,,syrische" Pflanze (goth. Saur, gurus') sein (vgl. 
cepa Ascalonica, unser Eschlauch). 

Bei den Turko- Tatar en 'gingeii nach Vambery, Primitive Kultur 
S. 220 Zwiebel und Knoblauch als Nahrpflanzen bis in die altesten Zeiten 
zuriick (sogan, das in hochst beachtenswerther Weise dem lit. swogiinas Zwiebel 
(oben S. 202) zu entsprechen scheint, und sarimsak), wahrend die Westfinnen 
auf diesem Gebiet sich sprachlich ganz von ihren europaischen Nachbarn 
abhangig zeigen (Ahlqvist, Kulturworter S. 40f.). Ein Anbau von 



206 Kiimmel. 

Zwiebelgewachsen im vorhistorischen Europ a hat sich unseres 
Wissens bis jetzt nicht nachweisen lassen. (Vgl. fiber die Geschichte 
der Zwiebelgewachse auch v. Fischer-Benzon Altdeutsche Gartenflora S. 137 ff .) 

A us dem Orient stammen auch zwei and ere Gewiirzpflanzen, 
die wir hier gleich anschliessen , der Pf eff erkummel , Cuminum Cy- 
minum L., und der Senf, Sinapis alba und nigra L. Bei dem 
ersteren liegt dies in dem griechischen Wort xv/ncvov unmittelbar zu 
Tage. Das hebraische Jcammon muss in den iibrigen semitischen 
Sprachen ahnlich gelautet haben: aus einer derselben stammt die 
griechische Form, die weiter das romische cuminum abgab, aus welchem 
letztern dann wieder alle europaischen Namen abgeleitet sind nur 
dass die Deutschen sich die Endung etwas mundgerechter machten, 
die Polen mit Ausstossung des Vocals Jcmin sagten und daraus die 
Russen endlich mit Herstellung der beliebten Verbindurig tm statt 
Jem ihr tmin schmiedeten. Der Weg, auf dem dies Gewurz wanderte, 
ist also der bei zahlreichen Kulturobjecten beobachtete und kultur- 
geschichtlich , sozusagen, normale. Theophrast berichtet, zum Ge- 
deihen des Kiimmels gehore, bei der Saat Fliiche und Lasterungen 
horen zu lassen (h. pi. 7, 3, 3 und 9, 8, 8). Diesem Aberglauben 
liesse sich vielleicht eine Deutung abgewinnen, aber auf die Herkunft 
der Pflanze fiele dadurch, so viel wir sehen, kein neues Licht. Nach 
Dioskorides 3, 61 war der athiopische Kummel der beste, der von 
Hippokrates der konigliche genannt worden sei. In unserm jetzigen 
Hippokrates findet sich nichts von einem xvpivov flaffihixov, und 
Dioskorides bezieht sich entweder auf eine jetzt verlorene Schrift, 
die unter dem grossen Namen des koischen Arztes ging, oder, was 
wahrscheinlicher ist, sein Gedachtniss war ihm hier untreu. Am 
persischen Hofe wurde allerdings nach der bereits angefiihrten Stelle 
des Polyaenus auch athiopischer Kummel verbraucht und zwar tag- 
lich sechs xaneusg, welches persische Mass dem attischen yplvti, 
gleich war. Nach dem athiopischen Kummel kam als nachstbeste 
Sorte der agyptische; unter dem erstern wiirde also der oberagyptisch- 
nubische zu verstehen sein, wenn wir nicht vorzogen, an den vom 
rothen Meer zu denken: da ja Aethiopen auch in Indien gedacht 
wurden. Der Kummel, fahrt Dioskorides fort, wachst auch in dem 
kleinasiatischen Galatien und in Cilicien, sowie im Tarentinischen 
(durch Verpflanzung) : in der That bezieht ihn auch das heutige 
Griechenland aus levantinischen Hafen, besonders aus Smyrna, und 
Apulien treibt starken Kummelbau und lebhaften Handel mit dem 
geernteten Produkt. Innerhalb des romischen Reiches so erganzt 



Kiimmel. 207 

Plinius die Angaben des Dioskorides gilt der Kiimmel von 
Carpetanien im Herzen Spaniens fur den besten, sonst der athiopische 
und afrische oder auch der agyptische, 19, 161: in Carpetania nostri 
orbis maxume laudatur, alioqui aethiopico africoque palma est. quidam 
huic aegypticum praeferunt. Im ganzen Alterthum war iibrigens 
der Kiimmel als ein mildes, anregendes, wohlschmeckendes Gewiirz 
beliebt. Bei einem Dichter der mittleren Kornodie sind Kraut, 
Kiimmel, Salz, Wasser und Oel die gewohnlichsten Kiichenrequisite, 
um einen Fisch anzurichten (Athen. 7, p. 293) und bei Plinius reizt 
der Kiimmel einen verdrossenen Magen am angenehmsten , 160: 
fastidiis cuminum amicissimum. Wie das Salz ein Symbol der 
Freundschaft war, so auch Salz und Kiimmel: ot negl aha xal 
xvfuv'ov sind soviel als vertraute Freunde (Plut. Symp. 5, 10, 1). 
Der Kiimmel gait fur ein hochstrebendes Kraut, in sublime tendens, 
wie schon Phythagoras anerkannt haben sollte, und besass die Kraft, 
rothe Wangen zu bleichen, daher exsangue cuminum bei Horaz und 
pallentis grana cumini bei Persius. Ehe der PfefTer erfunden war 
oder in allgemeinen Gebrauch kam, spiel ten Samen, wie der romisohe 
Kiimmel, der Schwarzkiimmel, Nigella sativa, der Koriander, xoglavvov, 
u. s. w. natiirlich eine wichtigere Rolle. Darunter heben wir den 
Schwarzkiimmel hervor, weil er bei den Romern den orientalischen 
Namen git, gith fiihrt und seinen Ursprung also an der Stirn tragt. 
Er kommt schon bei Plautus Rud. 5, 2, 39 vor, wenn anders die 
Stelle nicht verdorben ist; spater wird er von Columella und Plinius 
als etwas Gewohnliches genannt. Da er bei den Griechen anders 
heisst, Plin. 20, 182: git ex Graecis alii melanihium, alii melaspermon 
vocant, so kann er nicht iiber Griechenland nach Italien gekommen 
sein von wo anders also in so friiher Zeit,, als vom karthagischen 
Afrika? In der That berichtet ein Zusatz zu Dioskorides 3, 64, die 
Afrer nannten das xogtavvov (d. h. Wanzensamen, Koriander) yotd. 
Lesen wir dies Wort nach spat griechischer Aussprache gid, so ist 
dieser Name derselbe, wie der rornische fur Nigella sativa, an den 
sich auch der althebraische gad fur Koriander anschliesst. Ob dies 
gad urspriinglich semitisch oder selbst wieder entlehnt ist, kann uns 
hier gleichgiiltig sein ; auch dass die Pflanzen verschieden sind, macht 
bei der Ungenauigkeit und Unbestandigkeit der Volks- und popularen 
Handelssprache des Alterthums keine Schwierigkeit. Der eigentliche 
in Mitteleuropa einheimische Kiimmel, Carum Carvi, ist, wie bekannt, 
bis auf den heutigen Tag ein vielgebrauchtes, willkommenes Gewiirz 
geblieben, das auf dem Brote, im Kase, Kohl u. s. w., besonders 



208 Senf. 

aber im Branntwein als Doppelkiimmel auch den Hyperboreern gar 
sehr, oft nur allzusehr nrnndet. 

* Der agyptische Kiimmel, Cuminum Cyminum L., 1st wild nur aus Tur- 
kestan von den Ufern des Kisilkura bekannt, wo er von Lehmann gefunden 
wurde. Nach Aegypten 1st er wahrscheinlich fiber Syrien eingeftihrt worden 
(Schweinfurth in Verb. d. Berliner antbropol. Gesellsch., Sitzg. vom 18. Juli 
1891). Der eigentliche Kiimmel, Carum Carvi L., ist von Europa bis zum 
Himalaya und durch Sibirien verbreitet. 



** Zu beachten ist, dass griecb. XOJJLIVOV erst bei Aristophanes auftritt,. 
mithin die Uebernahme des semitischen (auch ins Armenische eaman ge- 
drungenen) Wortes vielleicht erst in die Zeit nach den Perserkriegen fallt, in 
welcher ein sich statig erhohender Lebensgenuss die Aufmerksamkeit auf eine 
ganze Reibe bis dahin unbekannter Aromata und Gewtirze des Orients lenkte. 
Freilich bezweifelt man neuerdings (kaum mit Recht) die Herleitung des griech. 
xojuvov aus dem semitischen hebr. kammon, aram. kamond, pun. ^aixav mit 
Rucksicht auf die Verschiedenheit des Vocalismus beider Worter. Vgl. 
Kretschmer, K. Z. 29, 440; dazu Muss-Arnolt, Transactions XXIII, 105, 117, 
der auch ein assyr. kamanu (F. Delitzsch Assyr. HandwOrterbuch S. 836: 
kamunu ein Gartengewachs) nennt. Kretschmer moehte mit der semitischen 
Sippe vielmehr das griech. (o)*ajAu>via vergleichen eine Art Winde, aus deren 
Wurzel (wie auch aus dem Kummel) ein abfiihrender Saft bereitet wird(?). 
Der Feldktimmel (Mattkiimmel, Wiesenkiimmel, vgl. Pritzel und Jessen, Die 
deutschen Volksnamen der Pflanzen (S. 275) heisst mhd. karbe, karve, engl. 
caraway, entlehnt (unter Einwirkung von arab. al-karavia) aus lat. careum. nach 
Plinius aus Karien (19, 164: careum gentis suae nomine appellatmn culinis 
principale). Diosc. xcxpov. Doch wird Carum Carvi L. auch schlechthin Kummel 
genannt. Eigene Ausdrticke fur die in Europa einheimische Pflanze sind, wie 
es scheint, durch diese Entlehnungen ganz verdrangt worden, ein in der 
Kulturgeschichte typischer Vorgang. Graff bietet : ivitesa (careola), Bock, Krauter- 
buch (bei Pritzel- Jessen) : Wistkimmel. -- Ueber 7018 Low, Aram. Pflanzenn. 
S. 155. 

Auch der Senf wird schon von den attischen Komikern als 
wohlbekannte beissende Substanz erwahnt, die zwar zu Thranen 
und Gesichtsverzerrung reizt, aber trefflich sich eignet, eine abge- 
schmackte Kost zu starken und zu beleben. Die Attiker nannten 
ihn vanv, wahrend der hellenistische Name (Swam, (ftvanv und da- 
nach der lateinische sinapi, sinape oder senapis war. Die erstere 
Form, die auch in der Erweiterung vdnsiov vorkommt, stimmt 
auffallend mit dem lateinischen napus, die Steckriibe, uberein, mit 
welcher letztern die Senfstaude einige Aehnlichkeit hat und deren 
Namen sie annehmen oder der sie den ihrigen geben konnte. Nanv 
heisst der Senf bei alien Aelteren (z. B. Aristoph. Eq. 631) und 
auch Theophrast sagt nie anders, bis seit der maceclonischen Zeit 



Senf. 209 

die urn die Silbe at, liingere Form auftaucht, zuerst bei einern 
Dichter der neueren Komodie, Athen. 9, pag. 404: 
aCvam rovioig TtaQau&rjfM xal TTOIVO 
%vhovg exofiifvovg fy&fJbVTVjWS, vrv (pvffiv 
tva dieysfycts nvsv^ia^ TCV aega. 

Der Verfasser dieser Verse wird im iiberlieferten Text Anthippus 
genannt; da ein solcher Name unerhort ist, so haben die Heraus- 
geber daflir Anaxippus gesetzt, welcher Dichter zur Zeit des 
Antigonus und Demetrius Poliorcetes lebte. Noch alter indess ware 
das abgeleitete Verbum awam&w, Athen. 9, 367: TO SvyaTQwv ii 
ILIOV Gstfwdmxs dia vrjg ^svrjg wenn die Worte in Ordnung sind 
und der Urheber derselben, Xenarchus, rich tig zur mittleren Komodie 
gerechnet wird. Bei dem alexandrinischen Dichter Meander ist der 
vollere Name haufig und seitdem das altere vanv ausser Gebrauch 
und nur noch literarisch vorhandeii. In Italien herrscht sinapis, 
senapis ausschliesslich (schon bei Ennius und Plautus), wahrend napus, 
wie gesagt, nur die Kohlrube bedeutet. In welchem Verhaltniss 
beide Formen zu einander stehen denn dass sie vollig unabhangig 
von einander und also der Gleichklang nur zufallig ware, scheint 
doch nicht annehmbar - - und wie die Vorsatzsilbe hinzutreten oder 
wegf alien konnte, dariiber haben wir keine Meinung. In den Ge- 
setzen der Sprache, aus der das Wort entnommen wurde, konnte 
diese Doppelform begriindet sein, aber welches war die Sprache? 
In Athen gait fur den besten Senf der von der Insel Cypern, vanv 
KVTIQOV, wie wir aus den Versen des Eubulus bei Pollux 6, 67 und 
Athen. 1, 28 ersehen. Benfey, Griech. Wurzelworterb. 1, 428, stellt 
eine Vermuthung auf, wonach das Wort urspriinglich sanskritisch, 
dann in persischem Munde umgestaltet, endlich noch mehr verwandelt 
zum griechischen aivanc geworden ware - - der Sache nach nicht 
unmoglich, ob aber lautlich ohne Gewaltsamkeit? Aegyptische Worter 
wie ffi fa und aeaefag , vagi (agyptische Wasserpflanze) und afaagov, 
ferner xofifjit,, xixt, oder xlxt,, xvyx,, a^^u, dTi^c oder Gufii u. s. w. 
lassen uns auch fiir vanv und awam auf agyptische Herkunft 
rathen. - - Das ital. mostarda, franz. moutarde u. s. w. stammt von 
dem Most, mustum, mit dem der Senf angemacht wurde, der deutsche 
Senf aber wie der Essig, die Zwiebel, der Kiimmel, das Oel und 
der Salat, wie Lattich, Endivie, Cichorie, Kresse, Sellerie, Petersilie, 
Fenchel, Anis und vieles Andere aus Italien. 

* Der weisse Senf, Sinapis alba L., ist in Mittel- und Sudeuropa ver- 
breitet, doch ist die Pflanze in Norddeutschland nur kultivirt oder als Ruderal 

Viet, Helm, Kulturpflanzen. 7. Aufl. 14 



210 Linsen. Erbsen. 

pflanze verwildert anzutreffen; ihre eigentliche Heimath 1st wahrscheinlich 
Sudeuropa, zumal auch die ihr nahe verwandten Arten, S. dissecta Lag; und 
8. hispida Schousb. in Stidspanien heimisch sind. 

Der schwarze Senf, Brassica nigra (L.) Koch, findet sich in Mittel- und 
Sudeuropa, in Gebuschen nnd an Graben wildwachsend, fehlt nur in Nor- 
wegen, Schweden und Nordrussland. 



** Eine altenglische Bezeichnung des Senfes cedelc giebt Hoops iiber die 
ae. Pflanzennamen S. 75. Damit sind vielleicht das von Pictet Origines I, 296 
genannte cymr. cethiv, cediv. ceddw, sowie norddeutsche Namen fiir Sinapis 
arvensis, wie kiddik, kidk (Ostfriesland), koddik (Unterweser) bei Pritzel-Jessen 
S. 379 zu vergleichen. Aus Sudeuropa nennen wir noch das leider dunkle 
albanesisch-neugriechische vruvs-$pou$a , &Yptopo0^a (G. Meyer, Et. W. S. 479) 
und alb. I'inarife Sinapis alba (Heldreich, Nutzpflanzen S. 47, G. Meyer S. 246). 



Linsen und Erbsen. 

Nahe der Zeit nach schliessen sich an den ersten Anbau der 
mehlreichen Graser auch die noch jetzt gebrauchlichen Hiilsen- 
friichte an, in manchen Gegenden den ersteren an Rang und Nutzen 
fast ebenbiirtig, sei es zur Ernahrung des Menschen oder als Thier- 
f utter oder als Brach- und Zwischenf rucht , und auch darin jenen 
gleichkommend, dass ihre Korner - - ein sehr wesentlicher Vorzug - 
nicht verganglich sind, sondern sich lange aufbewahren und in die 
Feme tragen lassen. Von der Bohne, als einem sehr alten Nahrungs- 
mittel, 1st an einer andern Stelle (Anmerk. 19) ina Voriibergehen 
gesprochen; auch Linse und Erbse mussten in den Landern, wo sie 
wild wuchsen, friihe unter den Krautern des Feldes durch ihren ess- 
baren Samen den Hirten bemerkbar werden; von da an war, als 
Noth und Beispiel dem schweifenden Leben immer engere Grenzen 
steckten, bis zur kiinstlichen Ausstreuung derselben nur ein Schritt. 
Wo aber wuchsen sie wild? und von wo ging folglich ihre Kultur 
aus? Da die Naturforscher bis jetzt dariiber nichts Bestimmtes aus- 
zusagen wissen, so finden wir uns wieder auf die uralten Zeugnisse 
zuriickgewiesen, die in den Sprachen niedergelegt sind und von den 
sich folgenden Menschengeschlechtern in unbewusstem Thun bis in 
die Zeiten welter gerettet wurden, wo das historische Morgengrauen 
anbricht. Aber auch dort scheint diesmal nur ein vieldeutiges , un- 



Linsen. Erbsen. 211 

bestimmtes Orakel auf unsere Frage zu antworten. Erstlich sind 
die beziiglichen Namen zum Theil von so allgemeinem Charakter, 
dass sie sehr alt sein konnen, die Frucht aber, die sie benennen, 
jung; zweitens steigt mitten in der Freude, bei getrennten Volkern. 
eine ubereinstimmende individuelle Bezeichnung zu finden, der bose 
Zweifel auf, ob nicht "Kulturunterricht ganz spater Zeit d. h. Ent- 
lehnung das Wort weiter getragen; drittens entzieht sich auch in 
dem letzteren Falle , der immerhin belehrend sein wiirde , oft der 
Zusammenhang selbst unseren Blicken d. h. es bleibt oft fraglich, 
ob die Ueberlieferung von Nord nach Siid u. s. w. oder in um- 
gekehrter Richtung geschehen sei. Nur so viel erkennen wir mit 
einiger Deutlichkeit , dass die Linse schon ein Besitz der vorindo- 
germanischen Kultur und den europaischen Volkern von Siidost her 
zugekommen ist, dass umgekehrt die Erbse - - wir fassen unter 
diesem Namen alle verwandten Arten zusammen dem Norden d. h. 
clem mittleren Asien angehort und sich von dort am Pontus voruber 
den Weg nach Europa gebahnt hat. 

Die Linse in Aegypten, namentlich bei dem semitischen Grenz- 
ort Pelusium und sonst im Nildelta, wo Phacussa oder Phacussae, 
die Linsenstadt, lag, ist vielfach bezeugt. Um die Pyramiden sah 
Strabo 17, 1, 34 die Abfalle von den behauenen Steinen in Gestalt 
kleiner, linsenformiger Kornchen haufenweise liegen und die Leute 
behaupteten, dies seien versteinerte Reste der dort von den Arbeitern 
gehaltenen Mahlzeiten woraus wenigstens erhellt, dass man sich 
jene altesten Steinmetzen schon als linsenessend dachte. Dass die 
Frucht auch den alten Hebraern nicht fremd war, weiss Jeder aus 
der sogenannten biblischen Geschichte, mit der man seine friiheste 
Jugend aufgezogen hat. Der Erzvater kochte einen Linsenbrei, und 
so kostlich war diese Speise, dass der altere Sohn dem jiingeren 
dafiir das Recht der Erstgeburt verkaufte. Und den David, da er 
in der Wiiste weilte, versehen seine Freunde ausser anderen 
Lebensmitteln auch mit Linsen, 2. Sam. 17, 28: brachten .... 
Weizen, Gersten, Mehl, Sangen (gerostete Aehren), Bohnen, Linsen, 
Griitz, Honig, Butter, Schaf und Rinder, Kase zu David und zu 
dem Volk, das bei ihm war, zu essen, denn sie geclachten, das Volk 
wircl hungrig, miide und durstig sein in der Wiisten. Der alt- 
hebraische Name dafiir adaschim ist noch der heutige bei den Arabern 
und auch von den Persern adoptirt worden (01. Celsius, Hierobot. 
2, 103 ff.). Den Griechen, den Zoglingen der Semiten, konnte auch 
cliese Frucht nicht lange verborgen bleiben. Zwar Homer erwahnt 

14* 



212 Linsen. Erbsen. 

sie nicht ; aber in Athen 1st seit der Mitte des fiinften Jahrhunderts 
das Linsenessen schon eioe Sitte des niederen Volkes, deren sich der 
Beguterte und Gebildete enthalt, und hat also bereits eine lange 
Geschichte hinter sich, z. B. Aristoph. Plut. 1004: jetzt wo er reich 
geworden ist, inag er Linsen nicht mehr, friiher, da er noch arm 
Avar, ass er was ihm vprkarn. Nur keine Linsen, ruft eine Person 
bei dem Komiker Pherecrates (Athen. 4 p. 159), wer Linsen isst, 
riecht aus dem Munde. Die Griechen nannten die Linse und das 
Gericht daraus yaxrj , die Pflanze und ihre Frucht (paxog - - mit 
einem dunklen Worte, das ganz einsam steht d. h. in keiner ver- 
wandten Sprache sein Analogon hat, auch nicht nach Italien weiter 
gewandert ist. Denn bei den Romern, wo schon der alte Cato in 
seiner Landwirthschaft Linsen saen und Linsen mit Essig behandeln 
lehrt und bei Todtenmahlern den Verstorbenen Linsen und Salz vor* 
gesetzt wurden (Plut. Crass. 19), tragt die Frucht den ganz ab- 
weichenden Namen lens, lentis - - der also nicht aus griechischer 
Quelle stammt. Aus welcher aber? Wir haben nicht einmal eine 
Vermuthung daruber. Auch aus dem Lateinischen selbst bietet sich 
keine Ableitung. Ist, wie in dem ahnlich klingenden lens, lendis, 
nach lateiuischer Weise ein Anfangs-c oder -g abgef alien? oder diirfen 
wir an lentus, lenis denken? Auf dem richtigen Wege gelangte 
die Linse weiter aus Italien iiber die Alpen nach Deutschland und 
zu Litauern und Slaven. Althochdeutsch linsi, mittelhd. linse aus dem 
Lateinischen; litauisch lenszis, slavisch lesta, leca, lesta, leca u. s. w.. 
magyarisch lencse u. s. w. - - Alles nur das im barbarischen Munde 
nach Bediirfniss umgemodelte lateinische lens, lentis. Die Slaven 
haben daneben noch einen anderen Ausdruck: socivo , lens, auch 
legumen uberhaupt, novella tritici grana, lupinus, in den lebenden 
Sprachen gewohnlich in verlangerter Form: russ. cecevica, soeeviea, 
poln. soczewica, soczka, czech. socovice. Damit vergleicht sich das 
altpreussische UcutTceTcers Linsen, ~keckers Erbsen. Wie das letztere, 
sind auch die assibilirten slavischen Form en nur ein Nach hall 
des lateinischen deer, deutsch Richer, italienisch cece, franzosisch 
chiche. 

Unter den vielfachen Namen fur die Erbse und ihre Arten ist 
der interessanteste , weil altbezeugte und noch heute in seinen Ab- 
kommlingen lebende, das griechische eQepwSvg. Es steht namlich 
schon bei Homer und zwar neben der Bohne: Helenus, der Sohn 
des Priamus, hatte auf den Menelaus einen Pfeil abgeschossen, dieser 
aber sprang von der Rustung ab, wie auf weiter Tenne im Wehen 



Linsen. Erbsen. 213 

des Windes die dunklen Bolmen und die Erebinthen von der Wurf- 
schaufel springend fliegen, II. 13, 588 (nach Dormer): 

Wie von geplatteter Schaufel die Frucht der gesprenkelten Bohnen 
Oder der Erbsen im Herbst auf raumiger Tenne dahin fliegt, 
Unter dem Schwunge des Worfiers vom sausenden Winde getragen: 
So von dem Panzergewolbe des herrlichen Danaerfiirsten 
Prallte der bittere Pfeil und tauchte sich weit in die Feme. 

Ob hier die Richer- oder die gemeine oder die Platterbse u. s. w. 
zu verstehen sei, lehrt die Stelle unmittelbar nicht; der um so viel 
Jabrhunderte spatere Theophrast freilich spricbt, wenn er egsfavdog 
sagt, sicber von der Kichererbse, da er die Schote fiir rund erklart, 
h. pi. 8, 5, 2: GTQoyyvkokofia xa^drrsQ 6 SQsftw&og. Aus dem 
Hiatus bei Homer aber und aus einigen bei Hesychius erhaltenen 
mit y beginnendeii Formen, in denen sich zugleich ein I dem r sub- 
stituirt hat, erhellt, dass das Wort urspriinglich mit einem Digamma 
begann. Trennen wir das im alteren Griechisch haufige und, wie es 
scheint, deminutivische Suffix tv&- ab, so fallt SQsfiiv&og mit dem 
aiidern Erbsennamen ogofiog zusammen. Da ferner auch das in- 
lautende fl nur ein verhartetes Digamma ist, so wird die Urform des 
Wortes J-OQfog gewesen sein (s. Legerlotz in Kuhns Zeitschrift 
10, 379), die sich nicht weiter auflosen lasst, und in der uns ein 
Fremdwort aus Kleinasien vorliegen kann. Nach Kleinasien aber 
kann der ogopog oder fysflw&og nicht aus den warmen Palmenlandern 
nach Indien zu, denen Theophrast h. pi. 4, 4, 9 ausdriicklich so- 
wohl den KQepw&og als (paxog abspricht, gekommen sein und eben 
so wenig aus dem syrisch-agyptischen Kulturkreise, innerhalb dessen 
die Frucht nirgends erwahnt wird, folglich nur aus dem Gebiet des 
Pontus und des Kaukasus, das mit dem innern Asien in natiirlichem 
Zusammenhange stand. Als die Kultur der Erbse von den Griechen 
nach Italien gebracht und den Romern bekannt wurde, war das 
anlautende Digamma in der Aussprache schon verschwunden, denn 
die Lateiner sagten ervum, ervilia, Festus: ervum et ervilia a Graeeo 
sunt dicta quia illi ervum oQofiog, ervilium oQofiwov appellant. Die 
lateinische Wortform liegt clann weiter der deutschen zu Grunde, 
noch ohne Ableitung im angelsachsischen earfe, plur. earfan, in den 
iibrigen deutschen Sprachen mit t weiter gebildet, woraus sich in 
hochdeutscher Lautverschiebung das althochd. arawiz, araweiz und 
clurch fernere Entstellung unser heutiges Erbse ergab. In seiner 
Geschichte der deutschen Sprache hatte Grimm die deutschen Worter 
noch fiir entlehnt gehalten, S. 46 Anm. : mit der Sache scheinen 



214 Linsen. Erbsen. 

uns diese Namen von den Romern zugebracht , bei Ausarbeitung 
des Worterbuches aber, wo sein Sinn immer grublerischer geworden 
war und das Einfache ihm nicht mehr geniigte, schrieb er unter 
Erbeiss: die Wurzel liegt vollig im Dunkel. Wir halten uns, wie 
in andern Fallen, an den friiheren Grimm, besonders an den un- 
sterblichen Verfasser der Grammatik; indess, sehen wir genauer zu, 
so konnte vielleicht in der That nicht das lateinische ervum, sondern 
das griechische IgtfUvdog die Quelle von arawiz, ervet u. s. w. und 
der Zeitpunkt, wo die Erbsen den Deutschen bekannt warden, in 
die Jahrhunderte hinaufzuriicken sein, in deneii die Gothen und 
andere deutsche Volker an der unteren Donau unmittelbar mit 
griechischer Sprache oder mit Volkern griechischer Halbkultur zu- 
sammenstiessen. Wackernagel, die Unideutschung fremder Worter, 
Ausgabe 2, S. 18 driickt sich unbestimmt aus: aus dem Griechischen 
und Lateinischen entlehnt SQept,v$og ahd. arawiz araweiz; an einer 
anderen Stelle, S. 14, bemerkt er, das Hochdeutsche habe schon 
friiher das griechische fh als t genommen, weil sonst aus Q8{ltv&og 
nicht arawiz hatte werden konnen; dass der Anfangsvokal im Hoch- 
deutschen ein a ist, erklart er aus dem im gothischen ai vor r 
denn nur so konnte Ulphilas das s in SQs^tv^hg schreiben docli 
noch horbaren a (Beispiele davon S. 18). Die gothische Form des 
Wortes entgeht uns leider; nach araiviz rathen wir auf airveits: in 
SQS^cv&og namlich wurde das b schon wie v, das fh in nord- 
griechischer Weise wie d gesprochen; aus diesem d ergab sich regel- 
massig ein goth. t, ahd. z\ der Diphthong ei entstand aus Unter- 
driickung des n t wie seiteins aus sinteins, peikabagms aus q>uvi, yivixog 
(so wurde damals schon statt (foCvi^ ausgesprochen) u. s. w. Ein 
slavisches revitovo zrino fur sQs^tviJoc (Mikl. p. 797) gleicht ganz dem 
supponirten goth. airveits und gr. s^s^v^og. 

Neben ogofiog und 8Qe^v^)og besassen die Griechen noch eine 
>alterthumliche Benennung fur die gemeine Erbse: maog, mffog, 
TiiGov, nCoaov. Dieses Wort bringen alle Etymologen in Verbiiidung 
mit dem Stamrae, zu dem das lateinische pinsere, pisere stampfen 
gehort, .und die Ableitung hat gewiss viel Wahrscheinlichkeit, fiir 
das Alter der Frucht ist aber damit nichts gewonnen. Sie ist damit 
nicht sowohl als mahlbare, wie Grimm will, bezeichnet denn dass 
sie gemahlen werde, ist gerade bei der Erbse nicht von nothen, - 
auch nicht als zu einem Brei verkochte, wie Curtius erklart, denn 
dieser Begriff liegt nicht in der Wurzel und dem daraus erwachsenen 
Wortstamme , sondern als Kornerf rucht , aus runden Stiickchen 



Linsen. Erbsen. 215 

oder Kiigelchen "besteliend, wie sie beim Zermalmen und Zerstampfen 
sich ergeben und bei grobem Kies, Hagelschauern u. s. w. der An- 
schauung vorlagen: litauisch peska Sand, (auch smiltis, begrifflich 
fast dasselbe), altslavisch pesuku, Sand, auch calculus, russ. pesok, 
poln. piasel' u. s. w. Das langst vorhandene Wort wurde also auf 
die Erbse angewandt und blieb an ihr haften. Dem Beispiel der 
Griechen folgten die Lateiner mit ihrem pisum, wenn sie das Wort 
nicht direkt entlehnten; es erhielt sich in den romaniscben Sprachen 
und ging auch in die keltischen und ins Englische iiber, nicht aber 
zu den Germanen, vielleicht ein weiterer Wink, dass diese ihr Erbse 
schon friiher, noch vor Beginn des mittelalterlichen Kultureinflusses 
von Siiden und Westen gebildet batten. 

Aehnlich wie mit nfoov verhalt es sich mit dem reduplicirten 
lateinischen deer, dem nach Curtius no. 42 b der Begriff des Harten, 
also kleiner barter Korperchen, zu Grunde liegt. Dasselbe Wort 
ware das griecbische xeyxQog, welches aber in die Bedeutung Hirse 
ausgewichen war und in dieser sich fixirte. Schwierigkeit macht 
nur der Urn stand, dass die kurzen, dicken, an einem Ende etwas 
umgebogenen Schoten des deer arietinum, xgibg oQofiialog, wirklicb 
einem Widderkopf ahnlich sehen wodurch die Deutung nach 

einer anderen Seite abgelenkt wird. Wie die Zwiebeln und Linsen 
in Athen, bildeten Zwiebeln und Kichererbsen in Italien die frugale 
Mahlzeit der armeren Volksklasse, z. B. Horat. Sat. 1, 6, 144: 

inde domum me 
Ad porri et ciceris refero laganiqiie catinum 

daher auch bei den Floralien Bohnen und Kichern unter das Volk 
ausgestreut wurden , das sie rnit Gelacbter aufzufangen. suchte. 
Jedermann weiss, dass, wie Lentulus, Fabius, Piso nach den ent- 
sprecbenden Kornern, so Cicero nach den Kichern benannt 1st: wir 
erinnern bier nur deshalb daran, weil solche populare Beinamen 
nur einer dem Volke altbekannten Speise oder Feldfrucht entnommen 
sein konnen. Das deutsche Richer, preussische keekers verdient Er- 
wahnung, weil es in eine Zeit weist, wo das c noch wie Tc gesprochen 
wurde; viel j linger ist die anclere Form Zieser und wohl aus dem 
norditalienischen sizer, sezer entsprungen. 

Andere griechische Ausdriicke, wie w%()og, agaxog oder aQCtypg 
und hdd-vQog iibergehen wir, weil sie fur die Geschicbte nichts 
ergeben, und halten uns nur noch bei einem slavischen Worte auf : 
altslavisch grachu in der Bedeutung fdba, russisch goroch, polniscb 
groehj czechisch hrdeh die Erbse, slovenisch grah, grahor, grahorica 



216 Linsen. Erbsen. 

die Wicke. Das neugriechische yQa%og wird ein Lehnwort aus dem 
Slavischen sein, ebenso das albanesische gross, die Linse. Wohl 
aber muss vicia cracca bei Plinius dasselbe Wort sein, welches 
wieder auf das reduplicirte griechische xdylrfe, x6%ha Kiesel, Stein- 
chen hinweist. Letzteres stellte sich slavisch als grachu dar, wie 
XAa (fur %ahadja und dies fur %hddja) als gradu. Auch hier also 
wiirde der Name fur die Korner der Hulsenfriichte auf den Begriff 
calculus zuruckzufiihren sein, den die verschiedenen Volker, sei es 
zufolge angeborener gleicher Richtung der Phantasie oder nach dem 
Beispiel derer, von denen sie jene Korner erhielten, gleichmassig 
anwandten. Ein anderes altslavisches Wort fur Erbse slanutuku 
(Mikl. s. v.) muss von slana Reif abgeleitet sein - - bedeutete also 
ursprunglich Hagelkorner, Eistropfen. 

Da die Wicke nur als grimes Futterkraut oder zur Nahrung der 
Tauben, Hiihner u. s. w. in cler spateren Zeit kiinstlicher Boden- 
wirthschaft angebaut wurde, so ist der Weg vom griechischen flfaog, 
PIXCOV zum lateinischen vicia, von diesem zu dem deutschen Wicke 
und weiter zum litauischen wike u. s. w. der normale, den so viel 
Dinge und Namen gewandert sind. 



* Bohne. Die heutzutage bei uns allgemein kultivirte Gartenbohue 
(Phaseolus vulgar is Savi) ist weder in Grabern der alten Welt, noch in Pfahl- 
bauten aufgefunden worden, noch sind im Mittelmeergebiet irgend welche 
nahe verwandte Formen derselben wildwachsend. Da aber andrerseits sich 
die Bohne in den altperuanischen Grabern mit anderen ausschliesslich ameri- 
kanischen Samen zu Ancon bei Lima haufig findet (Wittmack in Verhandl. 
d. bot. Vereins d. Prov. Brandenburg XXI., Sitzungsberichte S. 176), da 
ferner Asa Gray und J. Hammond Tumbull (The American Journal of 
science XXV. (1883) S. 130) gezeigt haben, dass unsere Gartenbohne den 
nordamerikanischen Indianern, selbst denjenigen Canadas vor der Ent- 
deckung Amerikas durch die Europaer bekannt war, da die gewohnliche 
Bohne in nordamerikanischen Grabern von Arizona gefunden wurde, da 
ferner alle verwandten grosssamigen Arten in Siidamerika heimisch sind, so 
ist es wahrscheinlich, dass unsere Gartenbohne den Alten nicht bekannt war 
und erst nach der Entdeckung Amerikas nach Europa gelangte- Die Bohnen 
der Alten gehorten, wie Wittmack (Nachrichten aus dem Club der Land- 
wirthe zu Berlin No. 115, 20. Juli 1881, p. 782) und Koernicke (Verhandl. 
d. naturhist. Ver. d. preuss. Rheinlandes u. Westfalens 1885, Corresp.-Blatt 
S. 136) dargethan haben, zu der im tropischen Afrika heimischen Vigna sinensis 
(L.) Endl. Obgleich diese Pflanze im tropischen Afrika heimisch ist, so ist 
sie wahrscheinlich doch, wie einige andere im tropischen Afrika heimischen 
Kulturpflanzen, erst iiber Indien nach Aegypten gelangt, da auch ein director 
Verkehr Indiens mit Afrika auf dem Seewege bestand. (V er gl- Schwein- 



Linsen. Erbsen. 217 

furth, Aegyptens auswartige Beziehungen hinsichtlich der Kulturgewachse 
in Verhandl. d. Berliner anthropolog. Gesellsch. Sitzg. vom 18. Juli 1891.) 
Die sogenannte Pferdebohne oder Saubohne, Vicia faba L., (Faba vulgaris 
Moench), welche heutzutage in Stideuropa und dem Mittelmeergebiet viel 
genossen wird, war bei den Aegyptern nicht beliebt, ja sogar verachtet; es 
sind nach Schweinfurth (Berichte d. deutsch bot. Gesellsch. II (1884) S. 362) 
auch erst 2 Samen der genannten Art in Grabern aus der XII. Dynastie auf- 
gefunden worden, in derselben kleinen Form, welche heutzutage viel in Ae- 
gypten gebaut wird. Reichlieh fand Schliemann Bohnen in den Ruinen von 
Troja. Derselben neolithischen Periode gehoren nach Buschan (Vorgeschicht- 
liche Botanik S. 213) Bohnenfunde vom Monte Loffa in Italien, von El Garcel 
und Campos in Spanien, von der Aggtelek-Hohle und Lenggel in Ungarn; 
haufig findet sie sich in Pfahlbauten und an anderen Fundstatten der Bronze in 
der Schweiz, Frankreich, Spanien, Italien und Griechenland, sodann in 
deutschen und italienischen Fundstatten der Eisenperiode. Buschans genaue 
Studien an den zahlreichen Bohnenfunden haben ergeben, dass die aus dem 
ostlichen Europa stammenden Bohnen kleiner und mehr rundlich, die aus 
dem westlichen Europa stammenden mehr langlich, flach und schmal sind. 
Diese sind es auch, welche eine grosse Uebereinstimmung mit den Samen der 
vom Mittelmeergebiet bei Nordpersien und Mesopotamien haufigen Vicia nar- 
bonensis L. zeigen und die Abstammung der Vicia faba von dieser Art hochst 
wahrscheinlich machen. Hingegen diirfte die kleinsamige Form aus Vorder- 
asien oder Siidosteuropa stammen. 

Erbsen. Von den beiden gegenwartig in Europa kultivirten Arten der 
Erbse wurde die gewohnliche Gartenerbse mit kugeligem Samen, Piswm 
sativum L. in den Pfahlbauten der Bronzezeit in der Schweiz und Savoien 
gefimden (0. Heer, Die Pflanzen der Pfahlbauten S. 23 und Per r in, Etudes 
prehistorique sur la Savoie p. 22); sie war damals kleiner, als unsere jetzige 
Erbse. Ferner wurde sie von Schliemann und Virchow zusammen mit 
kleinen Saubohnen (Vicia faba ~L.) in Troja (Hissarlik) gefunden (Wittmack 
in Berichten der Deutsch. botan. Gesellschaft 1886 p. XXXI). Bis jetzt 
kennt man keinen Ort, wo die Gartenerbse mit Sicherheit wild wachst. Da- 
gegen ist die graue Erbse, Pisum arvense L., welche durch eckige, braun und 
graugriin gescheckte Samen ausgezeichnet ist, weder in Pfahlbauten noch in 
Grabern gefunden worden; doch will Unger Samen derselben in einem 
Luftziegel der aus der V. Dynastie (im 3. bis 4. Jahrtausend vor Christus) 
stammenden Ziegelpyramide von Daschur gefunden haben. Sie wird im Orient 
und in Europa kultivirt und findet sich wildwachsend in Hecken und Gebirgs- 
wiildern Nord- und Mittel-Italiens ; in Griechenland und Syrien kommt sie 
ausserhalb der Kulturen nur verwildert vor. Da die wenigen aus Fundstatten 
der neolithischen, Bronze- und Eisen-Periode stammenden Erbsen, wie Buschan 
gezeigt hat, eine allmahliche Gro'ssenzunahme erkennen lassen, je jiingeren 
Alters sie sind, so ist es hochst wahrscheinlich, dass die Gartenerbse von dem 
Pisum arvense abstammt. Da die Erbse in Griechenland sicher schon zu Zeiten 
Homers angebaut war und die altesten prahistorischen Funde aus der Schweiz 
(Pfahlbauten von Liischerz, Moosseedorf) und aus Kleinasien (Hissarlik) 
stammen, so ist zu vermuthen, dass die Kultur der in der Schweiz gefundenen 
Erbsen im nordlichen Theil von Italien begonnen hat. 



218 Linsen. Erbsen. 

Linse. Die Linse (Lens esculenta Moench) wurde unter Todtenspeisert 
der XII. Dynastie von Mariette zu Dra-Abu-Negga gefunden und zwar conform 
mit einer kleinsamigen Varietat, welche auch heute im Grossen in Aegypten 
kultivirt wird. (Vergl. Schweinfurth in Ber. d. deutsch. bot. Ges. II. 362. 
Ferner fand sie Schliemann in der zweiten Stadt von Hissarlik. Derselbeii 
neolithischen Periode gehoren die Linsenfunde aus Pfahlbauten und anderen 
Fundstatten in Ungarn, Deutschland, der Schweiz, Italien an (Vergl. Buschan,. 
Vorgeschichtliche Botanik, S. 206). In dieselbe (Bronze-) Periode, wie der 
anfangs erwahnte aegyptische Fund, gehoren nach Buschan die Linsen > 
welche Schliemann in grossen Thongefassen in Herakleia auf Kreta nach- 
wies, ferner die aus den Pfahlbauten der Peterinsel (Schweiz) und von Bourget 
(Frankreich). Auch aus Fundstatten der Eisenperiode wurden Linsen mehrfach 
zu Tage gefordert. Das vergleichende Stadium dieser Funde fiihrte Buschan 
zu dem Ergebniss, dass alle vorgeschichtlichen Linsen weit kleiner sind, als 
die jetzt gebauten. Es ist wohl ziemlich sicher, dass die kultivirte Linse von 
der im Mittelmeergebiet und Orient auf Feldern haufig anzutreffenden Feld- 
liiise abstammt und dass diese urspriinglich in Kleinasien heimisch war, da 
die zunachst verwandte Art, Lens Schnittspahnii Alefeld auf steinigen Platzen 
von Kleinasien bis Afghanistan verbreitet ist. 



* * Die einzelnen Gattungen der Hulsenfriichte werden sprachlich selbst. 
in jtingeren Epochen nicht scharf unterschieden. So vereinigen sich in slav. 
grachu (aus *gorchu, das sich mit xa/XYjS, oben S. 216, nicht verbinden lasst) 
und seiner alb. Entlehnung gross die drei Bedeutungen Erbse, Linse, Bohne. 
Aus dem von lat. faba Bohne abgeleiteten fabarium stammt alb. oHef?, fizfs 
Linse (G. Meyer, Et. W.) u. s. w. Das gleiche werden wir daher auch fur 
die vorhistorische Zeit anzunehmen haben. In dieselbe gehen mit grosserer 
oder geringerer Sicherheit eine gauze Anzahl von Beiiennungen der Hiilsen- 
friichte zurtick: 1. *keqro-, aus welchem vielleicht mit entgegengesetzter Assi- 
milation der Gutturale armen. sisern, lat. deer (von xifXP ? oben S. 215 zu 
trennen), altpr. keekers und griech. (xe)iipi6s hervorgegangen sind; freilich macht 
bei dieser Annahme der Stammvocal des armenischen und lateinischen Wortes 
(i) Schwierigkeit (vgl. H. Hiibschmann Armenische Grammatik I S. 490). 
2. *lenth-: griech. Xdft-opo? eine Htilsenfrucht, lat. lens, lentis (vgl. lat. rote,. 
scrt. rathas, lit. rdtas), slav. l$sta aus *lentja (vgl. tiber slav. t = th Archiv f. 
slav. Phil. XI, 387), ahd. linsi, linsm (vgl. ahd. flins: icXtvO-o?; doch ist auch 
Entlehnung des deutschen Wortes aus dem Lateinischen nicht ausgeschlossen,. 
(vgl. zuletzt Kluge in Pauls Grundriss I 2 S. 339). 3. griech. cpaxo? Linse, oben 
S. 212 alb. bate Saubohne (G. Meyer, Et. W.); 4. lat. faba altsl. bobii* 
5. griech. uico<; = lat. pisum (oben S. 214), fiir das aber auch Entlehnung aus 
lem Griechischen angenommen wird. Was die Reihe (oben S. 212 f.) griech. 
ips^-vftoc, gpo^o? lat. ervum ahd. araiviz betrifft, so ist jedenfalls soviel 
jetzt klar, dass dieselbe nicht auf Entlehnung des lat. Wortes aus dem Grie- 
chischen und des deutschen Wortes aus dem Lateinischen oder Griechischen 
beruhen kann. Einen urverwandten Kern erblicken die einen in ervum arawiz 
(Fick, Vergl. W. I 4 , 364), andere in sps^oc, opo^o; ervum (*er<jvo-tn oder 



Linsen. Erbsen. 219 






*eregvo-m, *erogvo-m) und griech. apaxoc Hiilsenfrucht = arawiz (Sprachver- 
gleichung und Urgeschichte, 2 S. 426 f.). Aber auch wenn wir von dem vielerlei 
unklaren in der Terminologie der Hiilsenfriichte absehn, bleibt eine Anzahl 
sicher urverwandter Nameii derselben (vgl. namentlich griech. <paxo<; = alb. 
bafts und lat. faba altsl. bobu) iibrig. Es liegt daher seitens der Sprache 
auch hier die Moglichkeit vor, dass Griechen und Homer bereits mit der Kultur 
der Hiilsenfriichte vertraut in der Balkan- resp. Apenninhalbinsel eingewandert 
seien. Welche Gattungen der Hiilsenfriichte alsdann freilich in proethnischer 
Zeit angebaut worden sind, lasst sich aus den angegebenen Griinden mit rein 
sprachlichen Mitteln nicht entscheiden. Hier miissen die prahistorische Ar- 
chaologie, sowie historische und geographische Erwagungen eingreifen. Was 
wir in dieser Beziehung bis jetzt wissen, ist das folgende: 1. Da die heutige 
Gartenbohne (Phascolus vulyaris) erst durch die Entdeckung Amerikas bei uns 
bekannt geworden ist, so ist fur die prahistorische Zeit und das Alterthum 
vor allem der Anbau der sogenannten Saubohne (Faba vulgar is) anzunehmen. 
In neolithischen Ansiedlungen wurde sie, wie oben gezeigt ist, in Aegypten 
i in einein Grab der XII. DynastieX in Kleinasien (im Burghiigel von Hissarlik, 
II. Stadt\ in Italien, Spanien und Ungarn nachgewiesen. Die Saubohne war 
ohne Zweifel em wichtiges Nahrungsmittel schon der Urzeit und w r urde daher 
mit Vorliebe auch zur Speisung der Todten ^Todtenopfer) verwendet (vgl. L. 
v. Schroder in der Wiener Zeitschr. f. d. Kunde d. Morgenl. XV, 187 ff., der 
auch tiber die Frage des Alters der einzelnen Bohnenarten in Europa aus- 
fiihrlich handelt). Ausserdem wurde von den Griechen und Romern noch 
eine Dolichosart (Dolichos melanophthalmos D. C.) angebaut, die griech. 
BoXi^oc; (^Theophr.), aju/.al x-r}TCaia und cpaaioXoc (Diosc.), lat. phaselus, faseohis. 
phasiolus hiess (vgl. v. Fischer-Benzon Altd. Gartenfl. S. 98). 2. Von Erbsen- 
arten ist bis jetzt nur die Garten e rb se (Pisum sativum L.), nicht die Feld- 
erbse (Pisum arvense L.), in praehistorischen Schichten Europas, aus neoli- 
thischer Zeit in den Schweizer Pfahlbauten von Mooseedorf und Liischerz 
nachweisbar. Auch in Hissarlik kommt sie vor. Doch wurde im Alterthum 
auch die Felderbse angebaut, wie z. B. die Hervorhebung ihrer unebenen und 
eckigen Samen durch Plinius XVIII, 123ff. lehrt (vgl. v. Fischer-Benzon S. 95). 
Aehnlich steht es mit der Kichererbse (Cicer arietinum L.), die ebenfalls 
bis jetzt in den Funden fehlt. Auch ob homerisch Ip^ivftos sie bezeichne, 
ist ungewiss. Unverkennbar wird sie erst bei Columella genannt (deer quod 
arietinum vocatur). Wahrscheinlich ist ihre Kultur von Italien nach dem Norden 
iibergegangen, worauf die Entlehnung von lat. cicer in ahd. chichhira, mengL 
chiche etc. hinweist. 3. Wichtig fiir die Richtung, in der Erbse und Linse 
sich in Alteuropa verbreitet haben, ist der schon von Hehn (oben S. 211 f.) 
hervorgehobene, durch die spatere Forschung bestatigte Umstand, dass die 
erstere hochstwahrscheinlich dem agyptisch-semitischen Kulturkreis fehlt, da- 
gegen im nordlichen Kleinasien (Hissarlik) vorkommt. Weitere Namen 
von Hiilsenfruchten in Europa: griech. oorcpia (armen. ospn, osbn cpaxoc?) 
und x^poTra Hiilsenfriichte; neben eps^ivfto; noch Xep-iv*o? (= lat. leg-umen?: 
aus dem griechischen Xo(3o Schotenhiilsen : kurd. lobia, armen. loubiaj Bohnen, 
Jaba-Justi S. 381) und yi'k-wd'oc, lip-^-froc, (: lit. zirnis Erbse?); griech. etvoc 
Erbsen- oder Bohnenbrei; griech. SoXt^o? eine an Stangen emporgerankte 
Bohnenart (s. o.); griech. xoafxo?, Tiuavo;: xuloj schwellen; slav. socivo Linse 



220 Lorbeer. Myrte. 

(von lat. deer u. s. w. oben S. 212 zu trennen): soku Saft (nach Miklosich, 
Et. W.). slanutuku Erbse oben S. 216 = salzlose Frucht (nach ebendemselben) ; 
alb. moduh Erbse = rum. mazdre (G. Meyer, Et. W. S. 284) u. s. w. Griech. 
ptxiov wohl aus lat. vicia und nicht umgekehrt (oben S. 216). 

Die westfinnischen Sprachen haben die Namen der Htilsenfrtichte aus 
dem litauischen irnis Erbse und lett. lezas Linsen, sowie aus russ. bob Bohne 
entlehnt. Letzteres Wort ist durch die Vermittlung der finnischen Sprachen wohl 
wieder ins Litauische (pupa) eingedrungen. Vgl. Thoniseu, Beroringer S. 251, 
195, 210 und Kretschraer Einleitung S. 146. Fur Erbse haben ostfinnische 
Sprachen ein tatarisches Wort, von welchem ausgehend sie zuweilen die Bohne 
benennen. Vgl. Ahlqvist, Kulturworter S. 37 fF. 



Lorbeer und Myrte. 

(Laurus nobiliSj Myrtus communis L.) 

In friihe Zeit fallt auch die Einfuhrung der Myrte und des 
Lorbeers, - - die eine der Aphrodite, die andere dem Apollo heilig, 
und beide, wie in Mignons Liede, so auch bei den Alten oft zusammen- 
genannt, z. B. Verg. Eel. 2, 54: 

Et vos. o lauri, carpam, et te. proximo, myrte: 
Sic posltae quoniam suavis miscetis adores. 

ober bei Horaz, Od. 3, 4, 18, wo die Tauben das schlafende Dichter- 
kind mit Lorbeer und Myrte bedecken: 

ut premerer sacra 
Lauroque collataque myrto. 

Beide gelangten im Gefolge wandernder religioser Kulte von Ort zu 
Ort welter ins griechische Land und wurden um die entsprechenden 
Heiligthiimer angepflanzt. Die Myrte, ihres balsamischen Duftes 
wegen so benannt, kam aus eben der Gegend, von wo die orientalische 
Naturgottin, die Aphrodite, stammte. In Lydien jenseits des Hermos 
in der Stadt Temnos hatte schon Pelops, des Tantalos Sohn, der 
Aphrodite aus lebendiger Myrte ein Bild gemacht, damit die Gottin 
ihm bei Bewerbung um die Hippodamia giinstig sei (Pausan. 5, 13, 4). 
In Cypern, dem Sitze der Astarte ward des Priester-Konigs Cinyras 
Tochter, die Myrrha, nachdem sie mit dem Vater in blutschande- 
rischem Umgang gelebt, um sie nach der Entdeckung vor der Ver- 
folgung desselben zu retten, in einen Myrtenbaum verwandelt, aus 
dem nach vollendeter Zeit Adonis geboren wurde (Serv. ad V. Aen. 



Lorbeer. Myrte. 221 

5, 72). Dasselbe erzahlte der Epiker Panyasis, nur hiess bed ihm 
der Vater Theias und 'war ein assyrischer (d. h. syrischer) Konig, 
die Tochter aber ward in den Myrrhenbaum, Smyrna, die arabische 
Myrte, verwandelt (Apollod. 3, 14, 4). Auch bei Hyginus (Fab. .58) 
ist Cinyras, ihr Vater, ein assyrischer Konig. Bei dem Fest der 
Hellotien, das in Kreta und Korinth, Statten altsemitischer Religions- 
iibung, der Mondgottin Europa gefeiert wurde, ward auch ein un- 
geheuerer Myrtenkranz mit aufgefuhrt, Hellotis genannt, nach dem 
gleich oder ahnlich lautenden Namen der Gottin selbst (Et. Magn., 
Athen. 15, p. 678 und Schol. zu Find. Ol. 13, 39). Auch die 
Namen der Amazonen, der Priesterinnen der kleinasiatischen Mond- 
gottin Myrina, deren Grabhiigel schon in der Ilias erwahnt wird, 
Smyrna, nach der die Stadt des Namens benannt sein sollte, u. s. w. 
weisen auf die mit dem Dienst der Gottin verkniipften Raucherungen, 
Salbungen und Bekranzungeri mit Myrrhen und Myrten. Als die 
drei uralten, der Insel Cythere gegeniiberliegenden Stadte, Side, nach 
der Tochter des Danaus genannt, Etis und Aphrodisias, beide von 
Aeneas, dem Sohne der Aphrodite, gegriindet, sich zu gemeinsamer 
Anlage einer neuen Stadt Boa, BoiaC, vereinigten, da zeigte ihnen 
ein Hase (ein aphrodisisches Thier), der sich in einem Myrtenbusch 
verbarg, den passenden Ort dazu an; die Myrte ward zu einem 
Gotterbilde geweiht und bestand noch zu Pausanias Zeit, unter dem 
Namen der Artemis Soteira (Pausan. 3, 22, 9). Polycharmus aus 
Naukratis erzahlte in seiner Schrift liber die Aphrodite, in der 
dreiundzwanzigsten Olyrnpiade habe Herostratus auf einer Kaufmanns- 
fahrt in Paphos in Cypern ein kleines Bild der Aphrodite erworben 
und sei darauf nach Naukratis unter Segel gegangen; nicht weit von 
der agyptischen Kiiste habe ihn plotzlich ein Sturm uberfallen, so 
dass die Schiffsleute zum Bilde der Aphrodite sich wandten. und die 
Gottin um Rettung anflehten; diese, die den Naukratiten hold war, 
habe darauf das ganze Schiff plotzlich mit grunen Myrtenzweigen 
und siissem Duft erfuilt wie im homerischen Hymnus auf 
Dionysos dieser das Schiff der den Gott verkennenden Seeleute ganz 
mit Weinlaub und Epheu fiillt , zugleich sei die Sonne wieder 
erschienen und die Fahrenden seien glucklich in den ersehnten Hafen 
eingelaufen; da habe Herostratus sowohl das Bild, als alle die Myr- 
tenzweige im Tempel der Aphrodite als Weihgeschenk niedergelegt 
und im Heiligthum selbst ein Mahl gegeben, bei dem die Gaste 
Myrtenkranze trugen, und solche Kranze seien seitdem naukratische 
genannt worden (wortlich aus Polycharmus bei Athen. 15, p. 675). 



222 Lorbeer. Myrte. 

Da dies in der 23. Ol. geschehen sein soil, also vor der Griindung 
des Delta-Emporiums, das den griechischen Namen Naukratis trug, 
so bestand hier also schon friiher eine Seestation mit Aphroditekultus, 
wie denn die ttnteragyptische Kiiste seit uralter Zeit mit Syrien, 
Phonizien und Cypern durch Schifffahrt und Wanderung verbundeii 
war und mit diesen Landern in religioser Wechselwirknng stand. 
Als im Verlaufe der Zeit die Aphrodite aus einer unter barbarischer 
Form angeschauten und mit zuchtlosen Brauchen verehrten Natur- 
potenz bei den Griechen immer mehr zur Personification weiblicher 
Schonheit und des Liebesgenusses geworden war, da fehlte auch nir- 
gends im uferreichen Lande bei Tempeln, in Garten und bald auch 
im Freien an den Felsenkiisten der Myrtenstrauch, wegen seines lieb- 
lichen Duftes, der freundlichen Gestalt seiner unverwelklichen immer- 
griinen Blatter, der weissrothen Bliithen und gcwiirzhaften Beeren 
allgemein beliebt und reichlich zu Schmuck und Kranzen verwandt, 
auch bei Gelegenheiten, wo Aphrodite nicht unmittelbar waltete. 
Nur der strengen Hera und der Artemis war begreiflicher Weise die 
Myrte verhasst und von ihrem Dienst ausgeschlossen, und in den 
seltenen Fallen, wo wir die keusche Artemis mit dem brautlichen 
Gewachs in Verbindung gebracht finden, da mag, wie bei der obigen 
Artemis Soteira in Boa, die Verwandlung der bewaffneten Aschera 
von Askalon,. der Gottin von Cythere, in eine griechische Gestalt 
nur eine andere Richtung genommen haben. Auch der Lorbeer 
ward wegen des scharfen aromatischen Geruchs und Geschmacks 
seiner immergriinen Blatter und Beeren friihe ein Gotterbaum. Der 
starke Duft seiner Zweige verscheuchte Moder und Verwesung, und 
derjenige Gott, der aus einer Personification der die Seuche senden- 
den und also auch von ihr wieder befreienden Sonnenglut allmahlich 
zum ernsten Gott der Suhne fiir sittliche Befleckung und Erkrankung 
geworden war, Apollo, der Leto Sohn, Apollo Katharsios, erwahlte 
sich diesen Baum als Zeichen und magisches Mittel der von ihm 
ausgehenden Reinigungen. Zwar im ersten Buch der Bias, wo das 
Heer der Achaer sich entsiindigt (dTtehvfjiawovTo) und die Avfjiara 
in- Meer geworfen werden, ist von dem Lorbeer nicht die Rede, 
aber in der Sage von Orestes, dem von den Erinyen umgetriebenen 
und dann durch Apollo von Wahn und Schuld geheilten Mutter- 
morder, hat auch der Lorbeer, der Baum der Siihne, seine Stelle. 
Als Orestes in Trozen in einem eigenen Gebaude, Gxqvij des Orestes 
genannt, da den Befleckten kein Burger in sein Haus aufnehmen 
"wollte, vom Mutterblute gesiihnt worden war und die xa&dQGta in 



Lorbeer. Myrte. 223 

die Erde vergraben waren, sprosste von ihnen ein Lorbeerbaum auf, 
der noch zu Pausanias' Zeit vor der (fxyvrj zu sehen war (Pausan. 
2, 31, 11). Apollo selbst, da er den Python erlegt hatte, bedurfte 
der Siihne des vergossenen Blutes: auf Geheiss des Zeus (xara TTQOG- 
vayiJia xov Jtog) elite er - - wie die Thessaler erzahlten - - nach der 
thessalischen Hestiaotis in das Thai Tempe, kranzte sich dort mit 
dem Lorbeer neben dem Altare, nahm einen Zweig des Baumes in 
die Hand und zog auf der pythischen Strasse als herrlicher Orakel- 
fiirst in Delphi ein (Ael. V. H. 3, 1). Diesen mythischen Vorgang 
wiederholen die Delphier alle acht Jahre in einer eigenen heiligen 
Darstellung: ein delphischer Edelknabe zog, wie einst der Gott, mit 
der Theorie der Daphnephoren zu dem Altare im Thai Tempe, brach 
sich den Suhnzweig von dem Baume und kehrte auf dem vom 
Mythus bezeichneten heiligen Wege von einer apollinischen Kultstatte 
zur anderen zum delphischen Tempel zuriick (0. Miiller, Dorier, 
2. Ausgabe, 1, 204 fr*.). Griechenland bedeckte sich, je dichter die 
apollinischen Heiligthihner in alien Landschaften ausgestreut waren, 
u in so mehr mit gepflanzten, duftenden, immergrunen Lorbeer- 
waldchen. Weil der Baum einmal dem Gotte gehorte, nahm er 
auch Theil an dessen iibrigen gottlichen Neigungen und Verrich- 
tungen. Der Lorbeerstab (alaaxog) verlieh dem Seher und Weis- 
sager die Kraft, das Verborgene zu schauen; Apollo selbst gab seine 
Orakel vom Lorbeer her (Horn. hymn, in Apoll. 396) und im Aller- 
heiligsten um und an dem Dreifuss, von dem die Pythia weissagte, 
schlangen sich Lorbeerzweige. Die Tochter des Sehers Tiresias, die 
Manto, wurde von Andern auch Daphne, der Lorbeer, genannt: als 
die Epigonen Theben eingenommen hatten, weihten sie diese Daphne 
nach Delphi und dort weissagte sie seitdem die Zukunft, Homer aber 
entlehnte manchen ihrer Spriiche und verwob sie in seinen epischen 
Gesang (Diod. 4, 66). Und da die Dichter auch Seher sind und 
Apollo, der Musenfiirst, sie erfiillt, so wurde der Lorbeerzweig und 
der Kranz aus Lorbeerblattern auch das Abzeichen der Sanger, das 
die musische Begeisterung weckende Zaubermittel. So gaben die 
Musen dem Hesiodus, wie er selbst riihmt, den helikonischen Lorbeer 
in die Hand, auf dass er mit Gotterstimme das Zukiinftige und das 
Vergangene verkiinde (Theog. 30). Bei apollinischen Festziigen, 
Opfern, Wettspielen, Anrufungen und Besprengungen, Abwendungen 
von Uebel und Krankheit an Menschen und Pflanzen u. s. w. dienten 
Lorbeerreiser als nirgends zu missendes Wahrzeichen der Gegenwart 
des Gottes. Gediehen diese an einer giinstigen Stelle besonders gut, 



224 Lorbeer. Myrte. 

dann bildete sich bald die Fabel, hier sei die Daphne urspriinglich 
entstanden und geboren worden: so erzahlten die Arkader, Daphne 
sei die Tochter ihres Flusses Ladon und der Erde gewesen und dort 
in einen Lorbeerbaum verwandelt worden (Serv. ad V. Aen. 2, 513. 
Pausan. 8, 20, 2.). 'Nach Python aber war der Lorbeer von Thessalien 
iibertragen worden, wie die Sage in mancherlei Wendungen iiberein- 
stimmend berichtet: der Kranz der Sieger in den pythischen Spielen 
war Anfangs aus Tempe beschafft (Argum. Pind. Pyth.) oder be- 
stand aus Eichenlaub, da der Lorbeer dort noch fehlte (Ov. Met. 
1, 449) u. s. w. Der Scholiast zu Nic. Alex. 198 sagt geradezu: 
@eGffaA,txrjg, dtort, TIQWTOV sxel svQsO't] TO (pvtov. Der Lorbeer war 
also ein thessalisches Gewachs: weiter fuhrt vorlaufig die Spur nicht. 
Begeben wir uns auf italischen Boden, so waren diesem sowohl 
Aphrodite als Apollo urspriinglich fremd. Erst die griechischen An- 
siedelungen brachten beide Gottheiten und mit ihr die Myrte und 
den Lorbeer in die westliche Halbinsel. Die Vorstellungen der cam- 
panischen Griechen von des Aeneas, des Sohnes der dardanischen 
Aphrodite, Wanderfahrt und Niederlassung in Italien, der weite Ruhm 
und Einfluss des von den Phoniziern gegriindeten, dann von den 
Griechen ubernommenen Heiligthums der Venus Urania in Eryx auf 
Sicilien, die von dort ausgehenden neuen Stiftungen, dies Alles konnte 
nicht verfehlen, wie den Kultus der Gottin, so auch ihr Lieblings- 
symbol unter den Bewohnern des Westens zu verbreiten. Zu aller- 
erst sollte die Myrte in diesen Gegenden auf der Insel der Circe, 
dem Vorgebirge siidlich von den pontinischen Siimpfen, am Grabe 
des Elpenor, des jugendlichen Gefahrten des Odysseus, der wein- und 
schlaftrunken vom Dache gestiirzt war (Od. 10, 552 ft'.), erschienen 
sein, Theophr. h. pi. 5, 8, 3 und nach ihm Plin. 15, 119: primum 
Circeis in Elpenoris tumulo visa traditur Oraeciimque ei no men 
r em a net quoperegrinam esseadparet. In den grossgriechischen 
Stadten war auch Apollo ein viel verehrter Gott, dem die fromme 
Hand der Tempelstifter und der ihn mit Opfern und Gebet An- 
gehenden seinen Baum zu pflanzen gewiss nicht unterliess. In 
Rhegium sollte Orestes vom Mutterblute gestihnt worden sein, wie 
in Athen und Trozen; er griindete dort dem Apollo einen Tempel, 
aus dessen geweihtem Hain die Rheginer, wenn sie nach Delphi 
pilgerten, den Lorbeer mitzunehmen pflegten (Varro bei Prob. Verg. 
Eel. Prooem.); Miinzen der Brettier, von Nola u. s. w. zeigen den 
Apollokopf mit Lorbeerkranz (Mommsen, Romisches Miinzwesen, 
S. 130, 165 u. s. w.); in Cuma, der Heimath der sibyllinischen Spriiche, 



Lorbeer. Myrte. 225 

stand der Tempel des weissagenden Gottes auf der Burghohe liber 
dem Meere; von dort her ergoss sich griechische Bildung nach 
Cicero's Ausdruck nicht als diinnes Bachlein, sondern in vollem Strom 
liber die Barbaren und trug ihnen vor Allem die Verehrung der 
reinsten griechischen Gottergestalt und deren Attribute zu. Der 
Lorbeer fand bald seine Stelle in den zahlreichen dem Apollo glauben 
wahlverwandten Lustrations- und Suhnungsgebrauchen der latinisch- 
sabinischen Religion, in dem Dienst der Laren, in der Feier der 
Palilien und Poplifugien, bei Triumphzugen siegreicher Heere und 
Feldherren denn er reinigte von dem im Kriege vergossenen 
Blute, wie die Myrte, das Symbol der Vereinigung und des Gliickes, 
denjenigen schmiickt, der den Feldzug ohne Schwertschlag beendigt 
hat , und ward auch nach dieser reinigenden Kraft benannt 56 ). 
So konnte um 300 vor Chr. Theophrast (an dem so eben ange- 
flibrten Orte) schon sagen, die latinise he Ebene sei reich an 
Lorbeer- und Myrtenbaumen und die Berge an Tannen und 
Fichten. Anderthalb Jahrhunderte spater nnden wir bei Cato drei 
Lorbeerarten genannt, laurus Cypria, Delphica, silvatica, von welchen 
Namen die beiden ersten sich selbst erklaren, der letzte aber wohl 
auf Viburnum Tinus L. geht (Plin. 15, 128: tinus; hanc silvestrem 
laurum aliqui intelligunt), wie auch die wilde Myrte, (JbvqoCv^ dygCa 
des Dioskorides, nichts ist als der Mausedorn, Ruscus aculeatus L. 
Dass der Lorbeer nicht etwa in Italien einheimisch war, beweist auch 
die Analogic der Insel Corsica, wo die ursprungliche Wildniss sich 
bis in die historische Zeit erhielt und an welcher Italien daher, wie 
immer Continente an gegeniiberliegenden Inseln, ein Spiegelbild seiner 
eigenen Vorzeit hatte: auf Corsica wuchs keine Art Lorbeer, gedieh 
aber spater nach der Einfiihrung ganz wohl, Plin. 15, 132: notation 
antiquis nullum genus laurus in Corsica fuisse, quod nunc satum 
et ibi provenit. In Italien war der Lorbeer immer ein Tempel- und 
Gartenbaum, und der nordische Wallfahrer, der von hesperischen 
Lorbeerwaldern traumt, wird sich in dieser Hinsicht sehr getauscht 
finden. Auch in Griechenland ist laurus nobilis im wilden Zustande 
meistens nur ein grosserer Strauch, wachst aber wohf unter giinstigen 
Umstanden zu einem stattlichen Baum heran. Fraas (Synopsis plan- 
tarum florae class, p. 288) fand ihn im siidlichen Griechenland selten, 
erst im nordlichen, namentlich im phthiotischen Thessalien, wald- 
almlich versammelt und Haine bildend, we nigs tens in der Nahe 
vonKlostern, die sich ihre Zucht angelegen sein lassen. 
Zur Zeit Hesiod's muss der Baum in Bootien am Helikon schon nicht 

Viet. Hehn, Kulturpflanzen. 7. Aufl. 15 



226 Lorbeer. Myrte. 

ungewohnlich gewesen sein, da der Dichter (Op. et d. 435, also in 
einer der echtesten Partien des Gedichts) die Vorschrift giebt, die 
Deichsel des Pfluges aus Lorbeer- oder Ulmenholz zu machen, als 
dem Wurnifrass nicbt ausgesetzt. Auch die Hohle des Cyclopen in 
der Odyssee ist schon in Lorbeer versteckt, 9, 182: 

Sahn wir am Ufersaum in der Nahe des Meeres die Hohle, 

Hoch und von Lorbeerbaumen umwolbt. 

Der Baum kam, wie wir vermuthen, aus Kleinasien nach Europa 
hinuber, wobl als Begleiter einer lustrirenden Religion, sei es mil 
wandernden Thrakern oder Karern oder Kretern u. s. w. Von dem 
Seher Branchus, dem mythischen Stifter des Branchiden-Orakels bei 
Milet, welches die ionischen Einwanderer als karisches Institut schon 
vorfanden, berichtet die Sage, er habe bei einer Pest in Milet die 
Milesier mit Lorbeerzweigen besprengt und gereinigt (Clem. Alex. 
Strom. 5 p. 570 B. ed. Paris. 1629. fol.). Eine andere Erwahnung 
des Lorbeers in der Argonautensage fiihrt auf den thrakischen Bos- 
porus. Dort wohnte in der Vorzeit das mythische Volk der Bebryker, 
nach Strabo thrakischen Stammes, deren Konig Amykos, Sohn des 
Poseidon, sich mit Polydeukes in einen fur ihn todtlichen. Faustkampf 
einliess - - wie Apollonius Rhodius am Anfang des zweiten Buches 
der Argonautica ausfuhrlich erzahlt. Die Helden kriinzten sich nach 
dem Siege mit dem Laube eines am Ufer wachsenden Lorbeers, an 
dem sie ihr Schiff mit Seilen befestigt hatten, und sangen zu Orpheus 
Leier den Hyrnnus (v. 159). Dazu bemerkt der Scholiast nach dem 
einen von zwei alteren Autoren, die jenes Lokal in ihren Schriften 
behandelt hatten : es stehe dort wirklich ein hoher Lorbeerbaum an 
einem noch bewohnten Orte, der Amykos heisse, fiinf Stadien vom 
Chalcedonischen Nymphaum entfernt; nach dem andern: es befinde 
sich dort ein Heroon des Amykos mit eiriem Lorbeer, und wer von 
demselben ein Reis breche, verfalle in Schmahungen (slg koidoQiav 
dvtorrjGi,). Nach Plinius wuchs der Lorbeer seit Bestattung des 
Amycus auf dessen Grabe und hiess der unvernunftige, weil, wenn 
ein Reis davon aufs Schiff gebracht wurde, sogleich Zank entstaiid, 
bis es wieder weggeworfen wurde, 16, 239: in eodem tractu portus 
Amyci est Bebryce rege inter fecto clarus: ejus tumulus a supremo 
die lauro tegitur quam insanam vacant, quoniam si quid ex ea 
decerptum inferatur navibus, jurgia fiunt, donee abiciatur. Der 
Lorbeer hat auch hier die Bedeutung der Siihne nach geschehener 
Todtung: dass er aber zu bosen Reden verfiihrt, und insana oder 
[tawo/Lievrj heisst (bei Arrian. peripl. Ponti Eux. und Steph. 



Lorbeer. Myrte. 227 

Byz.) kommt daher, well er auf dem Grabe oder beim Sacellum des 
prahlerischen, streitsiichtigen Riesen wuchs. Noch welter nach Nord- 
osten bei Panticapaum (dem heutigen Kertsch in der Krirn) hatte 
man, wie Theophrast h. pi. 4, 5, 3 berichtet, Myrte und Lorbeer 
anzupflanzen versucht, zum Zwecke priesterlicher Verrichtungen (rrgbg 
rag fegoffuvag, namlich des Apollo und der in Panticapaum vielver- 
ehrten Aphrodite), aber der Versuch misslang, ofFenbar der skythischen 
Winter wegen. Plinius wiederholt diese Nachricht, mischt aber selt- 
samer Weise den Konig Mithridates ein, 18, 137: circa Bosporum 
Cimmerium in Panticapaeo urbe omni modo Idboravit Mithridates 
rex et ceteri incolae, sacrorum certe causa, laurum myrtumque 
hdbere: non contigit. Hing diese Anpflanzung falls Plinius nicht 
aus irgend einem Missverstandniss, wie ihm dies nicht selten begegnet, 
den Mithridates herbeigezogen hat 57 ) mit der Religion des pon- 
iischen Konigs, der vom persischen Stamme war, zusammen, so wird 
auch von den Persern selbst erwahnt, sie bedienten sich bei gewissen 
heiligen Handlungen der Myrten und Lorbeerreiser, die sich also 
doch in ihrem Lande finden mussten (Herod. 1, 132. Strab. 15, 3, 
14). Die uferliebende Myrte (amantis lit or a myrtoSj litora myrtetis 
laetissima) und auch der Lorbeer sind Gewachse eines milden, von 
Extremen freien Himmelsstrichs. Die Myrte ist in dieser Beziehung 
wie auch Theophrast h. pi. 4, 5, 3 bemerkt, noch zartlicher als der 
Lorbeer. Die erstere verbreitete sich, wenn wir uns nicht tauschen, 
von Siidosten her uber die Felsenufer des mittellandischen Meeres; 
der andere, haufig nicht bloss in Cilicien, wo er fast bis an die be- 
ruhmten cilicischen Thore reicht, in dem apollinischen Lycieri, an 
den Gestaden Kleinasiens bis Troas hinauf, sondern auch am Siid- 
rande der Propontis und des Pontus bis Georgien, wo er aufhort 
(s. Tchihatscheff, Asie mineure, botanique II. p. 445 und die daselbst 
angefiihrten Werke von Sestini, Grisebach und Koch), ward zuerst 
in den Norden der hellenischen Halbinsel und weiter nach Sliden 
und Westen getragen, ohne indess in Europa im freien Stande, 
sowohl was die Zahl als die Pracht der Exemplare betrifft, so frohlich 
xu gedeihen, wie in Vorderasien. 

Die Frage, ob das geringere Abbild der Myrte, der immer- 
griine Buchsbaum, der siideuropaischen Flora urspriinglich an- 
gehort, werden alle Botaniker unbedenklich mit Ja beantworten: 
dem Historiker ist die Sache noch nicht so ausgemacht. Beim 
ersten Blick muss auf fallen, dass die lateinische Benennung buxus 
(oder in der altern, volksmassigen Form buxum) von den Griechen, 

15* 



228 Lorbeer. Myrte. 

bei denen das Gewachs nv^og heisst, entlehnt 1st derm an eine- 
Urverwandtschaft beider Worter wird Niemand denken wollen - 
und dass also ein in Italien einheiniischer Strauch oder Baum einen 
fremden Namen tragt. Das Holz des buxus wurde seit dem frtihen 
Alterthum wegen seiner Harte, Dichtigkeit, Schwere, uriverganglichen 
Dauer und wegen der fehlerlosen Glatte der daraus gefertigten 
Flatten hochgeschatzt : es war das nordische und abendlandische 
Ebenholz; es diente zu Werkzeugen aller Art, zu Cithern und Floten, 
Schmuckkastchen, Tafeln, Thiirpfosten, Gotterbildern, wie auch heut 
zu Tage die Holzschneidekunst es nicht entbehren kann; Grundes 
genug das Baumchen zu verbreiten, welches nach Theophrast h. pi. 3 r 
6, 1 zu den evav^rj gehort d. h. zu solchen Gewachsen, die sich leicht 
vermehren, und also, nachdem es in einer dunkeln Periode, aus der 
es keine Urkunden giebt, von Menschen weiter getragen worden, in, 
historischen Zeiten leicht sich auf dem neuen Boden als freigeboren 
darstellte. Wenn es aber von Asien herubergekommen war, in 
welcher Gegend dieses Festlandes lag der Punkt, von dem seine 
Wanderung ausging? Theophrast in dem wunderbaren Abschnitt 
seiner Pflanzengeschichte, wo er das Bild einer Pflanzengeographie 
entwirft, die schon das ungeheure Reich Alexanders des Grossen 
und einen Theil der Welt dariiber hinaus umfasst, wir meinen die 
ersten Kapitel des vierten Buches , rechnet 4, 5, 1 die Tiv^og unter 
die <ft,koipv%Qa d. h. unter die Gewachse nicht des warmen, sondern 
des kalten Himmelsstrichs, und im vorhergehenden Kapitel hatte er 
berichtet, der griechische Epheu lasse sich in den babylonischen 
Garten wegen der iibergrossen Milde des Klimas gar nicht, der Buchs- 
baum und die Linde aber nur mit grosser Schwierigkeit ziehen 
(4, 4, 1). Aehnlich aussert er sich de caus. pi. 2, 3, 3: in den heissen 
Landern, wo die Dattelpalme gedeiht, kommen Buchsbaum und Linde 
schwer fort. Der Buchsbaum war also kein Gewachs des warmen 
semitischen Landstrichs, und der im Alten Testament Jes. 41, 19. 
60, 13 und in etwas anderer Form Ezech. 27, 6 genannte Baum kann 
schon aus diesem Grunde nicht Buxus sein, wie Bochart und nach 
ihm Celsius wollten. Aber auf den Gebirgen des pontischeii Klein- 
asiens wucherte der Baum in unermesslicher Fiille, und erreichte in 
Hohe und Dicke ein Wachsthum, wie nirgends in Griechenland. 
Dort in Paphlagonien, bei der Stadt Amastris, w r ar besonders das 
Cytorusgebirge, welches nahe an das schwarze Meer herantritt, wegen 
seiner Buxuswaldung beruhmt (Theophr. 3, 15, 5, Strab. 12, 3, 10, 

Catull. 4, 13: 

Amastri Pontica et Cytore buxifer, 



Lorbeer. Myrte. 229 

Verg. Georg 2, 437: 

Et juvat undantem buxo spectare Cytorum 

und wie es hiess: Eulen nach Athen oder Fische in den Hellespont 
tragen, und wie wir sagen: Holz in den Wald tragen, so gait nach 
Eustathius ad II. 1, 206 auch das Spriichwort: Du hast Buchsbaum 
auf den Cytorus gebracht, TTV^OV dg KVTCOQOV ^yaysg). Zu dem 
Cytorus fiigt Plinius noch das Berecyntus-Gebirge in Phrygien am 
Flusse Sangarius, 16, 71: buxus . . . Cytoriis montibus pluruma et 
Berecyntio tractu. Ebenso die Dichter: Verg. Aen. 9, 619: 

buxusque vocat Berecyntia matris 
Idaeae, 

Ovid, ex Pont. 1, 1, 45: 

pro sistro phrygiique foramine buxi. 

Da nun die Paphlagonier schon bei Homer Bundesgenossen der Troer 
sind und von den dortigen Henetern die Maulthiere stammten, so 
erklart sich, dass schon das Epos, obgleich in einem seiner jiingsten 
Theile, dem 24. Buch der Ilias, dem alten Priamus einen maulthier- 
bespannten Wagen giebt mit einem aus Buxus gearbeiteten schon 
yerzierten Joche (v. 268). Noch im Mittelalter heisst es bei Marco 
Polo, 1, Cap. 4: In der Provinz Georgien bestehen alle Walder aus 
Buchsbaum wozu der neueste Herausgeber H. Yule die Notiz 
fiigt: Buchsbaumholz fand sich in den abchasischen Waldern so 
reichlich und bildete einen so wichtigen genuesischen Handelsartikel, 
dass die Bai von Bambor, nordwestlich von Suchum Kale, iiber welche 
dieser Handel ging, den Namen Chao de Bux (cavo di Bussi) erhielt. 
Auch auf dem macedonischen Olympus wuchs der Buchsbaum schon 
zu Theophrasts Zeit, aber verkiimmert, niedrig, knotenreich und 
darum den Technikern nicht nutzbar (Theophr. h. pi. 3, 15, 5. 5, 7, 7). 
In clem mehr siidlichen Griechenland, dem Gebiet des heutigen 
Konigreichs, ist Buxus sempervirens ungewohnlich ; von dem West- 
lande aber und insbesondere von der Insel Kyrnos hat Theophrast 
gehort, dort wachse der hochste und schonste Buchsbaum, der jeden 
anderen an Lange und Dicke iibertrerle, und davon babe der dortige 
Honig seinen iiblen Geruch (h. pi. 3, 15, 3). Den Griechen, die 
einen Theil der Kiisten Italiens, Galliens und Spaniens schon friihe 
mit Kolonien besetzt hatten, blieb doch das Innere der genannten 
Lander lange und bis in die jungste Epoche fast unbekannt, und 
noch zu Theophrasts Zeit ruht ein Schleier dartiber, der den Schrift- 
stellern des Mutterlandes nur momentane einzelne Blicke gestattet. 
Besonders Corsica war dainals noch ein halb mythisches Land, auf 



230 Lorbeer. Myrte. 

welches nach der uralten Anschauung der Identitat des aussersten 
Westens mit dem aussersten Osten gewohnheitsmassig die Naturgaben 
des Pontus, in diesem Fall das gepriesene Holz des Buchsbaums 
iibertragen werden konnten. Denn auch im Pontus hatte der Honig 
seinen widrigen Geruch von dem Buchsbaum (Aristot. de mir. auscult. 
18, wiederholt von Aelian n. a. 5, 42), und noch ein so spater 
Schriftsteller wie Diodor (oder vielmehr der sicilische Geschichts- 
schreiber Timaeus, welchen Diodor hier ausschrieb) berichtet 5, 14 
iiber Corsica wie iiber ein Phantasieland, in dem tugendhafte und 
gerechte Menschen leben, gleich den Abiern und Hyperboreern, und 
die einfachen Sitten der Hirtenwelt herrschen. Sei es nun, dass 
auf diese Art die Phantasie in die gefiirchteten dichten Wai der der 
Insel den Buchsbaum nur hineinschaute, oder class wirklich die jetzt 
den balearischen Inseln eigenthiimliche, friiher vielleicht weiter iiber 
die atlantisch iberische Welt, wie Korkbaum und Speiseeiche, ver- 
breitete Art, die die Botaniker Euxus balearica nennen, auch auf 
Corsica sich fand - - auf jeden Fall gehort der Zusammenhang 
zwischen dem bitteren Honig und dem Buchsbaum der Insel in das 
Reich der Fabel, ja jene Eigenschaft des Honigs selbst ist nur von 
der gleichen des pontischen abgeleitet. Dass aber wenigstens an der 
italischen Kiiste und zwar bei dem heutigen Policastro in Kalabrien 
im funften Jahrhundert vor Chr., zwei bis dreihundert Jahre nach 
der ersten Ankunft der Griechen in jenen Gegenden, der Buchsbaum 
wuchs, geht aus dem Namen der Stadt IlvZovg, bei den Italern 
Buxentum, hervor: dieser von Mikythos, Tyrannen von Messana, 
01. 78, 2 oder 467 vor Chr. gegriindete Ort war ohne Zweifel nach 
dem in der Umgegend vorgefundenen Buxus benannt. Bei den 
spateren Romern diente der lebendige Strauch, wie noch heute, zu 
Einfassung von Gangen und Beeten und wurde nach dem Geschmack 
der damaligen Gartenkunst von der Hand der topiarii und viridarii 
zu mannigfachen Gestalten, Thierbildern, sogar Buchstaben zu- 
geschnitten, woriiber der jiingere Plinius in der Schilderung seiner 
tuscischen Villa, Ep. 5, 6, uns ein belehrendes Document hinterlasseii 
hat. Ein so allgemein verwendetes Gewachs und ein so gesuchtes 
Holz musste sich nach und nach in passenden Localitaten Dasein 
und Raum schaffen. Der altere Plinius wiederholt nach seiner Art 
die Angaben, die er bei Theophrast fand, darunter auch die vom 
corsischen Buchsbaum; Einiges aber fiigt er auch selbstandig oder 
aus anderen Quellen hinzu, was iiber die damalige Verbreitung des 
Baumes Licht giebt, 1.6, 70 (wir geben hier den Text nach Detlefsen): 



Lorbeer. Myrte. 231 

fi'hi ejus genera: gallicum quod in metas emittitur amplitudine 
proceriores; oleastrum- in omni usu damnatum gravem praefert 
odor em; tertium genus nostras vacant, e silvestri, ut credo, miti- 
gatum satu, diffusius et densitate parietum, virens semper ac ton- 
sile. Buxus Pyrenaeis ac Cytoriis montibus plurima (u. s. w., s. o.). 
Die gallische Art halten wir fiir die balearische, die edler, hoher 
und gegen die nordische Kalte empfindlicher ist, als die gemeine, 
und eben dahin mag der Buchsbaum der Pyrenaen gehort haben: 
die beiden anderen unterschieden sich nach Plinius eigener Andeutung 
nur wie Verwilderung und Kultur. In den achtzehn Jahrhunderten 
seit Plinius hat sich der Buchsbaum an den Kiisten Frankreichs, 
Englands, ja Irlands in volliger Freiheit angesiedelt; da ihn dorthin 
sicher erst menschlicher Verkehr gebracht hat, so wird es nicht un- 
verniinftig sein, fiir eine viel friihere Zeit eine ahnliche Wanderung 
von Kappadocien in das europaische Mittelmeergebiet anzunehmen. 
Dass die europaische Benennung des Baumes in alien Sprachen 
aus der lateinischen stammt, kann nicht verwundern; interessanter 
aber ist, wie seit dem Mittelalter das beliebte Material allem urspriing- 
lich daraus Gefertigten den Namen lieh. So im Deutschen. Buchse 
(in alien Bedeutungen, auch in der des Feuergewehrs) : franzosisch 
boite die Schachtel, hotter hinken (d. h. aus der Pfanne, botte, bringen 
oder gerathen); boisseau der Scheffel, englisch bushel; boussole der 
Kompass, spanisch bruxula: buisson der Strauch, ital. buscione; 
buste, ital. busto die Biiste (nach Diez); slavisch pusika, pusJca die 
Kanone, puskari der Kanonier, magyarisch pusJca (aus dem deutschen 
buhsa, puhsa) und manches Andere 58 ). 



* Lorbeer. Fiir den Lorbeer, Laurus nobilis L., liegen ahnliche 
palaoiitologische Thatsachen vor, Avie fiir den Weinstock, welche 
die prahistorische Existenz dieser Pflanze in Italien und Siid- 
frankreich beweisen. Im Travertin um Fiano Romano, am rechten Tiber- 
ufer, wurden in den obersten weissen Schichten Blatter des Lorbeer gefunden 
(Clerici, II travertino di Fiano Romano, Boll, del R. Com. geol. d'ltalia 
ser. II vol. VIII., Roma 1877 p. 99 121), desgleichen am Fuss des Quirinals 
in einer Tiefe von 20 31,5 m (Clerici, sulla natura geologica di terreni 
incontrati nella fondazioiie del palazzo della Bauca nazionale in Roma, Boll. 
<lel R. Com. geol. ser. II vol. VII., Roma 1886 p. 369377). Ferner wurde der 
Lorbeer constatirt in den Travertinschichteii zu Jano bei Florenz (Ristori, 
Filliti dei Travertini toscani, P. V. Pisa vol. V. 188587, p. 114115). End- 
lich existirte er auch zur pliocenen Zeit nordwestlich von Bologna, woselbst 
er fossil in den Argille turchiue von Mongardmo gefunden wurde (Cavara, 
le sabbie marnose plioceniche di Mongardino e i loro fossili, Boll. soc. geoL 



232 Lorbeer. Myrte. 

ital. V. 1886, p. 265275). In Frankreich fand man die Blatter des Lorbeers 
zusammen mit denen der Feige und denen von Eichen im De~partement 
1'Herault in quaternaren Tuffeii des Vis-Thales (Boulay, Notice sur la flore 
des tufs quaternaires de la vallee de la Vis, Annales de la Soc. des sc. de 
Bruxelles, 1887 p. 186199; Annal. geol. univ. t. IV. p. 901). Desgleichen 
wurde der Lorbeer in den Tuffen von Montpellier, Aygelades, des Arcs, im 
Pliocen von Meximieux und von Valentine bei Marseille nachgewiesen. Audi 
der heut noch auf den Kanaren wildwachsende Laurus canariensis L. wurde 
in quartaren Tuffeii der Provence, Liparis und Toscanas gefunden. Diese 
fossilen Funde haben durchaus nichts Befremdendes, weil in den 
vorangehenden Perioden der Tertiarzeit die Lorbeergewachse 
auch in Mitteleuropa reichlich vertreten waren, mit Sicherheit 
in der Schweiz bei Oeningen und sogar im Samlande existirten. 
Durch die wahrend der Glacialperide in Mitteleuropa herr- 
schenden Verhaltnisse koiinte wohl das Area! des Lorbeers im 
nordlicheii Theil des Mediterrangebietes eingeschrankt, sicher 
aber nicht die Pflanze aus Europa verdrangt werden; zudem 
konnte der Lorbeer bei der Verbreitungsfahigkeit seiner fleischigen Friichte 
sich mit dem Riickgange der Vergletscherung der Alpenlander auch wiederum 
im nordlichen Mittelmeergebiet ansiedeln. Heutzutage ist der Lorbeer sicher 
wild in der immergriinen Region der Kiistenlander Kleinasiens, im nordlichen 
Kleinasien bis an die Stidostecke des schwarzen Meeres (Imeretien, Colchis 
der Alten) und im Kiistengebiet von Syrien. Auf der Krim findet er sich 
nur bei dem Dorf Alupka haufig um Ruinen und ist vielleicht dort nicht 
wirklich einheimisch. Haufig ist er im siidlichen Thracien und Macedonien, 
in vielen Theilen Griechenlands (selten in Attica) und auf den griechischen 
Inseln. In Istrien findet sich der Lorbeer strauchartig stellenweise in Menge 
an Waldrandern und in Gebiischen bis zu 100 m Hohe, und bei Abbazia ist 
es vorzugsweise der Rest eines alten Lorbeer waldes, welcher dem kleinen 
Kiistenstrich einen so siidlichen Charakter verleiht; auch in Dalmatien wird 
der Lorbeer mehrfach wild angetroffen, namentlich aber auf den Inseln 
Brazza und Lesina. In Italien ist der Lorbeer sicher wild in den warmeren 
Theilen und auf den Inseln, so namentlich auch in den Waldern Sardiniens. 
Nordwarts reicht in Italien der Lorbeer bis in das Gelande des Gardasees; 
im Gebiet von Brescia und Verona ist er stellenweise so haufig, dass man 
ihn auch dort fur heimisch halten mochte. In Spanien ist der Lorbeerbaum 
unzweifelhaft wild in den schattigen Uferwaldern von Algesiras, wo er bis 
zu 600m Hohe aufsteigt und sich nach Willkomm zu Baumen von 16 bis 
22 m Hohe entwickelt. Auch in Portugal ist er sicher spontan. In Marokko 
ist der Lorbeer nach Ball (Spicileg. florae marpccanae p. 655) wahrscheinlich 
wild bei Tetuan am Fuss des Berges Beni Hosmar. Sehr verbreitet findet 
er sich in dem Kiistengebiet von Algier und bildet stellenweise geradezu un- 
durchdringliche Walder mit einigen anderen immergriinen Geholzen. Schliess- 
lich sei noch erwahnt, class der Lorbeer kultivirt auch noch im westlichen 
Frankreich und siidlichen England aushalt; dies beweist, dass er durch die 
Verhaltnisse der Glacialzeit nicht aus Europa verdrangt werden konnte. Ma.u 
also auch der Kultus des Lorbeers von Kleinasien nach Europa 
gelangt sein, so ist doch sicher der Baum selbst schon lange vor 



Lorbeer. Myrte. 233 

der Einfiihrung seiner Verehrung in Sudeuropa heimisch ge- 
wesen; ja die Geschichte der Lorbeergewachse spricht viel mehr 
dafiir, dass der Lorbeer vom westlichen Europa nach Osten vor- 
gedrungeii ist und in Vorderasien seine Grenze gefunden hat. 

Myrte. Betreffs der Myrte (Myrtus communis L.) ist nicht absolut 
sicher, dass sie schon zur Tertiarperiode in Sudeuropa existirte, da die bei 
8t. George auf Madera und im Quartar von Montpellier fossil gefundenen und 
als Myrtus communis angesprochenen Blatter, desgleichen die bei Gaville in 
Toscana gefundenen Blatter des Myrtus Veneris Gaud, auch noch andere Deu- 
tungen zulassen. Es ist aber die Myrte in alien Macchien des 
Mittelmeergebietes und gerade an den von der Kultur am wenig- 
sten beriihrten Stellen so verbreitet, dass tiber ihr Iiidigeiiat in 
Europa bei einem Botaniker kein Zweifel aufkommen kann. In 
Vorderasien ist die Myrte weiter verbreitet, als der Lorbeer, sie findet sich 
auch im inneren Anatolien, am Libanon, in Mesopotamien bei Habebschi um 
1300m, im siidwestlichen, siidlichen und 6'stlichen Persien, sowie in Afgha- 
nistan und Beludschistan. Sie fehlt auf der Krirn. Auf der Balkanhalbinsel 
findet die in Griechenland sehr haunge Myrte ihre Nordgrenze in Macedonien, 
Albanien und in Dalmatien, wo sie auf sonnigen felsigen Abhangen verbreitet 
ist ; besonders haufig ist sie auch noch auf den dalmatinischen Inseln. Ebenso 
ist sie verbreitet in Istrien in den Macchien der Westktiste uberall von Stig- 
nano bis Promontore, auch auf beiden Brioni, San Girolamo und den Inseln 
bei Veruda (Freyn, Flora von Stid-Istrien in Abhandl. der K. K. zool.-bot. 
Gesellsch. in Wien 1877, p. 337 (99). Sie komrnt auch noch an warmen Felsen 
bei Triest und Duino vor; wachst aber nicht mehr wild in Siidtirol, obgleich 
sie angepflanzt noch in der Nahe von Bozen aushalt. In Italien und auf den 
italienischen Inseln ist die Myrte in den Macchien so verbreitet, dass jeder 
Zweifel an ihrem Indigenat zurtickzuweisen ist; ebenso ist die Myrte sicher 
in Siidfrankreich in der Gegend von Montpellier und Narbonne heimisch. 
Auf der iberischen Halbinsel gehort die Myrte zu den charakteristischen 
Strauchern der in den Ktistenstrichen noch vorhandenen immergriinen Ge- 
holze. Von Galizien im nordlichen Spanien geht sie durch Portugal und vom 
siidlichen Catalonien tiber Valencia bis Granada. Haufig findet sich die Myrte 
auf Madera, fehlt dagegen auf Teneriffa. Verbreitet ist sie endlich auch im 
Kustengebiet Nordafrikas, sie kommt im nordlichen Marokko vor und in Algier 
gehort sie zu den gemeinsten Geholzen der stellenweise noch in urspriinglicher 
Dichtigkeit erhaltenen immergriinen Macchien. 

Buchsbaum. Der Buchsbaum, Buxus sempervirens L., ist nebst der grosy- 
blattrigen B. bakarica Lam. in Europa der einzige Vertreter der nur 27 Arten 
/iihlenden Familie der Buxaceae; die 19 Arten zahlende Gattung Buxus ist sehr 
formenreich auf den westindischen Inseln und hat ausserdem Vertreter auf 
Madagascar, Socotra und in Asien von Kleinasieu bis Japan. Unser ge- 
wohnlicher Buchsbaum war schon in der Tertiarperiode in Europa 
heimisch; man hat ihn fossil gefunden in Tuffen von La Celle bei Paris in 
Gesellschaft der Ficus Carica (Saporta in Bull. soc. geol. de France ser. Ill 
vol. 2 (187374) p. 442), in den Tuffen von Montpellier und in einer nur 
wenig abweichenden Form im Pliocen von Meximieux. Auch in Italien 
kommt er fossil vor in den vulkanischen Tuffen von Peperino auf der via 






234 Lorbeer. Myrte. 

Flaminia, 6 Kilometer von Rom, sowie im Travertin am Fiano Romano am 
rechten Ufer der Tiber (Clerici, II travertine di Fiano romano, in Boll. dell. 
R. Com. geol. d'ltalia, ser. II vol. VIII (1881). Gegenwartig ist der Buchsbaum 
als wildwachsender Strauch oder als Baumchen weit verbreitet. An das Vor- 
kommen der im nordwestlichen Himalaya von 1300 2GOO m wachsendeii 
und vielleicht nur als Varietat des gewohnlichen Buchsbaumes anzusehenden 
B. Wallichiana Baill. schliesst sich zunachst ein Fundort in Afghanistan an; 
dort wachst er bei Kabul um 1300 m Hohe. Sodann wurde er im nordostlichen 
Persien, bei Siaret, in Ghilan und im persischen Talysch angetroffen, im letzte- 
ren bisweilen in kleinen Bestanden bis zu 1000 m Hohe. Die Daten fiber sein 
Vorkommen im Gelande des Kaukasus wurden sehr sorgfaltig von K op pen 
(Geogr. Verbreitung der Holzgewachse des europaischen Russland und des 
Kaukasus II, S. 1 4) zusammengestellt. Hiernach ist in der Kustenzone 
des westlichen Transkaukasiens bis 1300 m Hohe und nordwarts bis zum 
Fluss Psesuape verbreitet. An der Ktiste des schwarzen Meeres selbst finden 
sich in Folge der schonungslosen Verwerthung des kostbaren Buchsbaumholzes 
nur noch kleine Bestande als Unterholz unter Eschen, Buchen, Eichen etc./ 
auf der zweiten Terasse, um 800 m dagegen ist er noch haufig und ent- 
wickelt bisweilen Stamme von 6 7 dcm Durchmesser. Im ostlicheii Kaukasus 
und auch nordlich desselben findet sich der Buchsbaum ebenfalls mehrfach > 
aber meist in der Nahe friiherer Kulturstatten ; er wird daher von Einzelnen 
als dort verwildert angesehen. Ueber das Vorkommen des Buchsbaums in 
Kleinasien wissen wir wenig, wir haben nur Angaben fiber sein Vorkommen 
in Karien und Bithynien; sodann finden wir ihn wieder bei Constantinopel,. 
in Macedonien, auf dem thessalischen Olymp und im Pindus, dann an trocke- 
nen Abhangen bei Gornja Voda in Albanien und auf den dalmatinischen. 
Inseln, besonders auf Arbe. Ferner kommt er in Istrien auf steinigen Hiigeln,. 
stellenweise dichte Gebusche bildend, vor, sodann im osterreichischen Littorale. 
Haufiger findet er sich dann im mittleren und nordlichen Italien von der 
Kastanienregion und Eichenregion bis in die subalpine Region, desgleichen 
in Sudtirol, wo er vom Gardasee zerstreut bis zur Region des Knieholzes auf- 
steigt, in der Westschweiz, den Seealpen und der Dauphine, wo 
er oft in ausserordentlicher, jeden Gedanken an Einschleppung 
zuruckweisender Haufigkeit ganze Bergabhange bedeckt und 
eine charakteristische Formation bildet. Ebenso verhalt er sich in 
den Pyrenaen und auch in Catalonien, seltener ist er in Castilien und 
Valencia; im sudwestlichen Spanien (Granada und Malaga) tritt an seine Stelle 
Buxus balearica Willd., wahrend in Algier eine schmalblattrige Varietat des 
Buxus sempervirens angegeben wird. Bemerkenswerth ist auch noch das reich- 
liche Vorkommen des Buchsbaums auf Kalkhugeln bei Belfort und im Elsass > 
in Oberbaden, im Moselthal von Bernkastel bis Alken, endlich in den Ar- 
dennen und in der englischen Grafschaft Surrey. Diese luckenhafte Verbrei- 
tung des Buchsbaums konnte leicht zu der Annahme veranlassen, dass der 
Buchsbaum an diesen Orten verwildert sei; aber es ist wohl zu beriicksichtigen, 
dass auch manche andere Pflanzen in Westeuropa, wo die Kultur die ursprung- 
liche Flora im hGchsten Grade eingeschrankt hat, nur zerstreut vorkornmen. 
Sodann spricht auch das fossile Vorkommen von Buxus in der Gegend von 
Paris fur eine ehemalige weitere Verbreitung dieses Strauches. 



Lorbeer. Myrte. 235 

** Die sprachliche Erklarung der hier in Betracht kommenden Aus- 
drticke ^a^vr^-laurus, fxoptoc (murtus), TCD^O? (buxus) hat bisher leider nur geringe 
Fortschritte gemacht. Weder wissen wir die thessalischen Formen Sauyva. etc. 
(vgl. Anm. 56 und Meister, Griech. Dialecte I, 301) zu deuten, noch erkennen 
wir, in welchem Verhaltniss hierzu das gemeingriech. Sdcpv-q steht. Nach 
G. Meyer, Griech. Gramm. 3 S. 192 ware von dem ao des Thessalischen als dem 
ursprunglichen Laut auszugehn. Lat. laurus ist wohl sicher nicht von lat. 
luo, lavo (vgl. Anm. 56) abzuleiten, da nicht abzusehen ist, wie eine so primi- 
tive Bildung noch in der verhaltnissmassig spaten Zeit hatte entstehen sollen, 
in welcher man den Lorbeer als Suhnebaum auffassen lernte. Dagegen liegt 
die Annahme eines Zusammenhangs mit dem kleinasiatischen Soapsta (Anm. 56) 
doch sehr nahe. M6pto<; hat mit dem orientalischen Namen des Balsamodendron 
Myrrha (Anm. 56), so sehr Myrrhe und Myrte auch in der Sagenwelt ineinander 
fliessen (vgl. auch Baudissin, Studien zur semitischen Religionsgeschichte II, 
200), kaum etwas zu thun (vgl. A. Muller in Bezzenb. B. I, 293). Ebenso sind 
Myrte und Myrrhe in den orientalischen Sprachen ganz verschieden benannt. 
Letztere wird als *o|j.6pa zuerst, was Athenaus III, 242 ausdrucklich hervor- 
hebt, bei Archilochos genannt: iojjLopiojj.eva<; xojjtac xal ot^^oc, u><; av xal *{ipa>v 
vjpdaaato (Bergk 30). Daneben liegen bei demselben Dichter das schon friiher 
(vgl. unten) bezeugte p-opoiviq Myrte: s^oooa ftaXXov p.opoivY]c: stepTceto p^oS^c te 
xaXov av&oc, YJ 8s ol v.ofxv] UJJJLODC xaTsou'Ia^s xal |xstdcppsva (29), sowie |xoptov Myrten- 
beere: ots4 to fxoptov (164, 165") und jxupov Salbe: o5x av fiopoiai ^P 01 ^ ' soua 5 JjXslcpsto 
(31). Mopoivf] und [xupto!;, woraus armen. murt, pers. murd (Lagarde, Armen. 
Stud., Hiibschmann, Armen. Gr. I, 197) entlehnt sein durften, werden mit 
dem Namen der Tamariske schon in der Ilias zusammenhangen. Ueber 

oben S. 160. n6|o? endlich wird von den Etymologen theils zu TCTOCJOU) 
(so Anm. 58), theils zu rceoxf] Fichte, theils zu TCUXTCOC dicht, fest gezogen, ohne 
class sich etwas bestimmtes bis jetzt sagen Hesse. Sicher ist jedenfalls, dass 
alle eben besprochenen Worter nichts mit den westsemitischen Bezeichnungen 
des Lorbeers, der Myrte und des Buchsbaums (vgl. Low, Aram. Pflanzennamen 
S. 299, 50, 63) zu thun haben. Auch eine Verbindung des griech. Sau^va, Sd-fvrj 
mit dem assyrischen daprdnu, dupranii, nach Delitzsch Assyr. Worterbuch 
S. 226/27, ein Baum, nach F. Hommel, Beilage zur allg. Z. 1895 No. 197, S. 2, 
der Lorbeer lasst sich bis jetzt lautlich nicht erweisen. Sind die in Rede 
stehenden Pflanzen, wie von unserem botanischen Gewahrsmann angenommen 
wird, wirklich seit Urzeiten im Siiden Europas heimisch, so wird man auch 
mit der Moglichkeit rechnen miissen, dass aborigine Benennungen derselben 
von den Griechen oder Roinern iibernommen wurden, in welchem Falle dann 
alle unsere etymologischen Kiinste scheitern wurden. 

Bestehen bleibt die Thatsache, dass lat. murtus und buxus aus dem Grie- 
chischen entlehnt sind. Dass aber hieraus nicht gefolgert zu werden braucht, 
auch die Pflanzen selbst seien von Griechenland nach Italien gewandert, haben 
wir schon gesehen und wird noch aus weiteren Beispielen hervorgehen. Wie 
die Entlehnung von lat. oliva aus griech. eXaia sich nur auf die Uebernahme 
der Oelbaum k u 1 1 u r durch die Romer aus Griechenland beziehen wird, so steht 
nichts der Annahme entgegen, lat. murtus sei deshalb aus dem Griechischen 
entlehnt, weil bei den Griechen die Myrte der Baum der Aphrodite war und 
es infolge (lessen auch bei den Romern wurde, und lat. buxus sei deshalb 



236 Lorbeer. Myrte. 

aus dem Griechischen ubernommen, well die Romer von den Griecheii die 
hervorragende Verwendung des Buchsbaumholzes in der Technik des Drechslers 
und Zimmermanns (vgl. dartiber Bliimner, Terminologie und Technologic II, 
252254 und Das Maximalt. d. Diocl. S. 134 f.) erfuhren. Vgl. zu S. 231 noch 
alb. bost Spindel, Achse, schon bei Hippokrates w^ivo: atpaxtot. (G. Meyer, 
Et. W.). 

Dasselbe wiirde von dem griech. TTU^OC gelten, wenn sich etwa heraus- 
stellen sollte, dass dasselbe doch ein fremder Bestandtheil der griechischen 
Sprache ware. Koppen, Holzgewachse II, 9 erinnert hierfiir an das kaukasische 
bsa Buchsbaum. Auf die Uebernahme eines Fremdwortes hatte der Umstand 
von Einfluss sein konnen, dass die Griechen, wie auch Neumann -Partsch, 
Physikalische Geographic S. 390, 391 hervorheben, in der Drechslerei wohl 
weniger das klein und kriippelig bleibende Buchsbaumholz des Pindos und 
Olympos als vielniehr (iberwiegend auslandisches Material verwendeten. 

Ueber die Entlehnung des lat. buxus nach dem Norden handelt ausfiihr- 
lich J. Hoops, Ueber die altengl. Pflanzennamen, Diss. Freiburg. S. 81 ff. 

Fragen wir schliesslich nach der Zeit der ersten Ueberlieferung 
unserer drei Kulturpflanzen oacpv-r), jAoptoc, roS^oc, in Europa, so ergiebt sich 
aus vorstehendem S. 226 und S. 229, dass BdcpvYj und ituo<; schon der Sprache 
Homers eigen sind. Bei p.opdvY r |ji6pTo<; ist dies allerdings nicht der Fall. Doch 
setzt neben Archilochos (S. 235) schon der homerische Hymnus etc, 'Epfx-rjv die 
Bekanntschaft mit der Myrte voraus: 

oojJifuaYuuv jj.upoV.ac; xai jj-opaivosiofa^ ooocj (81) 

und Ilias 2, 616 wird man den Ortsnamen Mopctvo? in Elis (spater Muptoovnov) 
nicht von dem Namen der Myrte trennen wollen. 

Fassen wir zusammen, so konnen wir in Sprache und Ueber- 
lieferung keinen durchschlagenden Grund finden, aus welchem 
Lorbeer, Myrte und Buchsbaum in Griecheiilaiid und Italien als 
Fremdlinge zu betrachten seien, es sei denn, dass man sich fur die 
spatere Einfiihrung der Myrte in Italien auf das oben S. 224 angefiihrte Zeug- 
niss des Plinius beruft. Allein, wahrend es nach den Worteii Hehns scheinen 
konnte, als ob bereits Theophrast 5, 8, 3 von einer Verpflanzung der Myrte 
aus Griechenland nach Italien sprache, heisst es an der angegebenen Stelle 
nur: Das Gebiet der Latiner ist durchgehends wasserreich. Das ebene Land 

erzeugt Lorbeer, Myrte und herrliche Buchen Das kirkaische Vor- 

gebirge ist sehr hoch, dicht bewachsen, und tra'gt Eichen, viel Lorbeer und 
Myrten. Die Eingeborenen sagen, dass dort Kirke gewohnt, und zeigen das 
Grab Elpenors, woraus solche Myrten hervorwachsen, wie man sie zu Kranzen 
nimmt; die anderen Myrten sind gross (K. Sprengel). Das iibrige ist also 
Zuthat des Plinius, die ganz wie ein Schluss aus murtus = jjujptcx; aussieht. - 
Hinsichtlich des Buchsbaums sei noch auf eine merkwiirdige Ueberein- 
stimmung seiner Nomenclatur in Ost und West aufmerksam gemacht. Im 
kaukasischen Russisch heisst der Buchsbaum pal'ma, kawkassaja pal'ma kauka- 
sische Palme, pal'mowoje dereivo Palmbaum, Namen, die davon herriihren, 
dass der Buchsbaum im Kaukasus am Palm-Sonntag, wie im Norden die 
Weiden, benutzt wird. Sowohl die christlichen Grusier wie muselmannische 
Volkerschaften Transkaukasiens brachten und bringen dieser Holzart religiose 
Verehrung entgegen, woraus sich die Anpflanzung des Buchsbaums niu 



Der Granatapfelbaum. 237 

Kirchen, Gebethauser und Kirchhofe erklart (Koppen, Geogr. Verbreitung 
der Holzgewachse etc. II, 1 ff:.). Dieselben Narnen wie im Kaukasns kehren 
nun merkwiirdiger Weise in Deutschland und zwar an ganz entgegengesetzten 
Stellen wieder. Pritzel-Jessen, Deutsche Volksnamen der Pflanzen S. 71 haben 
Palm (Schweiz, Ostfriesland, Eifel) und Palmenberg (Eifel). S. daruber auch 
mein Reallexikon u. Dattelpalme. Kaukasische, persische und armenische 
Namen des Buchsbaums giebt Koppen a. a. O. II, 8 f. 



Der Granatapfelbaum. 

(Punica Granatum L.) 

Religioser Verkehr hat in alter Zeit auch den gchonen Granat- 
baum nach Europa gebracht, dessen purpurne Bliite im glanzenden 
Laube und rothwangige, kernreiche Frucht die Phantasie symbo- 
lisch denkender Volker Vorderasiens von Anbeginn lebhaft ergreifen 
musste. In der Odyssee sind an zwei schon friiher behandelten 
Stellen unter den Fruchten im Garten des Phaakenkonigs und unter 
denen, die den phrygischen Tantalus durch ihren Anblick qualen, 
auch Granatapfel, yoial, welcher Name allein schon fiir die Her- 
kunft des Gewachses aus seinitischern Sprach- und Kulturkreise 
entscheidendes Zeugniss ablegt 59 ). Im syrisch-phonizischen Gotter- 
dienst war der Baum von so hervorragender Bedeutung, dass der 
Name des Granatapfels, Rimmon, mit dem des Sonnengottes, Hadad- 
Rimmon, zusammenfallt (Movers, Phonizier, 1, 196 ff.). In Cypern 
hatte Aphrodite selbst den Baum gepflanzt (nach dem Komiker 
Eriphus bei Athen. 3, p. 84); er war dem Adonis geweiht und in 
die phrygischen theogonischen Mythen vielfach verwebt. Der Apfel, 
den der troische Paris der Aphrodite, der Landesgottin , im Streite 
mit den eindringenden Kulten der Athene und Hera als Preis zu- 
erkannte, war ohne Zweifel urspriinglich als Granatapfel gedacht. 
Eine zweite griechische Benennung der Frucht und des Baumes, 
(tidy, stammte, wie Qota aus Syrien, so vermuthlich aus Kleinasien 
und mag karisch oder pbrygisch u. s. w. gewesen sein. Literarisch 
erscheint das Wort zuerst in dem von Plutarch (Symp. 5, 8, 2) 
aufbewahrten Verse des Empedokles (v. 220. Stein.): 

ovvsxsv otyCyovoC je~~<fifat xal vTcsocphoa f.iijJLa, 

also in der Mitte des f iinften Jahrhunderts. Die Schriften des Hippo- 
krates, in denen das Wort gleichfalls wiederholt vorkommt, gewahren 
zwar keine sichere Zeitbestimmung, wohl aber Aufklarung iiber 



238 Der Granatapfelbanm. 

Localitat und Mundart, in denen es gebrauchlich war. Die Booter 
sagten OY^, die Athener Qod: Athenaus erzahlt nach Agatharchides 
{14. p. 650 f.), einst batten die Booter und Athener um eiii Grenz- 
land, Namens 2tdcu, gestritten: da habe Epaminondas plotzlich einen 
Oranatapfel hervorgeholt und gefragt: wie nennt ihr das? Als darauf 
die Athener erwiderten: $oa, rief Epaminondas: wir aber aidy, und 
blieb auf solche Art Sieger im Streit. In viel altere Zeit, als diese 
Erwahnungen, fiihren die Namen von Ortschaften, die von der cidy 
entlehnt sind. An der lakonischen Kiiste lag eine Stadt Side, nach 
iner Tochter des Danaus benannt, im politischen Verein mit den 
beiden auf Troas hinweisenden Orten Etis und Aphrodisias (s. oben 
bei der Myrte); in der Landschaft Troas selbst nennt Strabo (13, 
1, 11 und 42) 'eine Stadt Sidene am Granikus nebst gleichnamigem 
Gebiet; ein anderes lykisches Sidene erwahnt Stephanus von Byzanz 
nach Xanthus; ein Flecken bei Korinth oder ein Hafenort in Megaris 
2t,dovg trug besonders schone /.t^Aa (Nicand. in seinen Heteroumena 
und andere Gewahrsmanner bei Athen. 3. p. 82), worunter dem 
Namen des Ortes nach urspriinglich oder vorziiglich Granatapfel zu 
verstehen waren ; Dorfer mit demselben Namen kennt Stephanus von 
Byzanz an der kleinasiatischen Kiiste bei Klazomena und bei Erythra; 
eine Stadt 2idovo<fa in lonien kam 4 bei Hecataus in seiner Um- 
schiffung Asiens vor und wird auch spater noch erwahnt. Side in 
Pamphylien, welches auf seinen Miinzen einen Granatapfel zeigt, 
lag zwar dem syrischen Siiden schon nahe, war aber eine Griindung 
des aolischen Kyme (Strab. 14, 4, 2: 2Cdrj 9 Kv[jiaCan> anoixog). 
Auch im innersten Pontus endlich lag in der gliicklichen Landschaft 
Sidene, also dem Granatenlande , die hochgelegene Kiistenstadt Side 
(Strab. 12, 3, 16). Eine altere, auch von Kallimachos (in lavacr. 
Pall. 28) gebrauchte Wortform <rCfldi] statt ffCdrj - - alter, weil die 
letztere aus der ersteren, nicht aber jene aus dieser entstehen konnte 
iiihrt direct nach Karien, Steph. Byz.: 2ifi8a, TIG fag Ragtag. -- Wie 
in Asien, dient der Baum und seine Frucht denn auch in Griechen- 
land in den entsprechenden Kulten zum Ausdruck dunkler Vor- 
stellungen von Zeugung und Befruchtung und wiederum von Tod 
und Vernichtung. Eine phrygische Farbung trug die thebanische 
Legende, nach welcher am Grabe des Eteokles ein von den Erinyen 
gepflanzter Granatbaum wuchs, aus dem, wenn man eine Frucht 
brach, Blut floss (Philostr. Imag. 2, 29), oder jene andere, nach 
welcher beim Grabmal des Menoikeus, der beim Anzug des Polynices, 
oinem delphischen Orakelspruch gehorchend, sich selbst den Tod 



Der Granatapfelbanm. 239 

gegeben hatte, eine Granate aufgesprosst war, deren reife Friichte 
inneiiich wie von Blut gerothet waren (Paus. 9, 25, 1). Auf der 
bildgeschmiickten Lade des Kypselos im Heraum zu Olympia, deren 
Anfertigung in das erste Jahrhundert der Olympiadenrechnung fallt 
und die noch Pausanias an Ort und Stelle fand und genau be- 
schrieben hat, sah man den Gott Dionysos in einer Hohle liegend, 
um ihn herum aber Weinstocke, Apfel- und Granatbaume wachsend 
(Paus. 5, 19, 1). Das im Heraum zwischen Argos und Mykene 
von Polyklet gearbeitete Bild der Gottin hielt in der einen Hand 
das Scepter mit dem Kukuk, in der anderen den Granatapfel - 
was. dieser letztere bedeutet, fiigt Pausanias bei Beschreibung des 
Werkes (2, 17) hinzu, verschweige ich, da es nicht auszusprechen 
1st. Er bedeutete aber eben die Erdgottin als die vom Himmel be- 
fruchtete und unendlich hervorbringende, wie der Kukuk die regne- 
rische Friihlingszeit, in der jene Befruchtung vor "sich geht. Be- 
sonders im Mythus von dem Pluto und der Proserpina erscheint 
der Granatapfel als bedeutungsvolles Attribut: schon der homerische 
Hymnus auf die Demeter berichtet, wie Persephone in der Unterwelt 
einen Kern der Frucht (QOtr^g xoxxov, fjtrehrjde' f-tSmdrjv) zu kosten ge- 
zwungen worden, d. h. mit dem Ai'doneus sich geschlechtlich verbun- 
den habe und ihm dadurch verf alien sei. Da die Granate uberall in 
mystischer Weise auf das Natuiieben deutet, so konnte sie der Pallas 
Athene, der sittlichen, geistigen Gottin, der Gottin des Staates und 
der Stadt Athen, nicht angehoren. Um so auffallender musste es sein, 
wenn von dem Bilde der ungefliigelten Athena Nike am Aufgang zur 
Burg in Athen berichtet wird, es habe in der Linken den Helm, in 
der Rechten einen Granatapfel getragen (Harpocration unter Ntxt] 
'AV^va), und wir stimmen daher gern 0. Benndorf bei, der dies Bild 
von dem oben genannten Side in Pamphylien ableitet (Festschrift zur 
funfzigjahrigen Griindungsfeier des archaologischen Institutes in Rom, 
Wien 1879, 4). Danach hat es Kimon als Denkmal des Doppel- 
sieges am Eurymedon gestiftet und zum Zeugniss dessen die Pallas 
von Side, der dem Eurymedon nahe gelegenen Stadt, clurch Kalamis 
nachbilden lassen. So war hier die Gottin nur zugewandert und ihr 
Granatapfel nur das Zeichen der asiatischen Gegend, aus der sie kam 
und in der eben die Asiaten iibervvunden worden waren. 

Wie bei der argivischen Hera, so wird auch in dem abgeleiteten 
Herakult der achaischen Stadte in I tali en, besonders der ihnen 
gemeinsamen Hera Lakinia bei Kroton, das Symbol des Granat- 
apfels mid also auch bei Tempeln und in Garten der Baum selbst 



240 I* er Granatapi'elbaum. 

nicht gefehlt haben. Darauf deutete bin, was von der Siegesstatue 
des Milon von Kroton in Olympia berichtet wird: dieser gross- 
griecbiscbe Athlet, der schon um das Jahr 520 vor Chr. lebte, war 
als Priester der Hera dargestellt und trug als solcher in der linkeii 
Hand einen Granatapfel (Philostr. vit. Apoll. 4, 28, woselbst der 
Satz aufgestellt ist: t] Qod ds povr] gwtwv TY^ "Hgq, (pvsiat,). Weiter 
muss der Verkehr der Romer mit den campanischen Griecben, der die 
erycinische Aphrodite und die vom troischen Ida stammenden sibyl- 
linischen Biicher nach Rom brachte, auch die Kunde der Granatfrucht, 
dieses haufigen Symboles, und des Baumes, auf dem sie wucbs, ver- 
mittelt haben. In der That finden wir den Granatzweig in einer der 
altesten Partieen des romischen Priesterrituals erwahnt: die Gattin des 
flamen DialiSj die Flaminica, die in Tracht und Sitte ein Abbild der 
romischen Matrone aus der Urzeit dnrstellte, trug auf dem Haupte 
einen Granatenzweig, arculum, inarculum, dessen Enden mit einem 
Faden weisser Wolle an einander gekniipft waren, offenbar zum 
Zeichen ehelicher Fruchtbarkeit wie das Haupt ihres Gatten mit 
einem Oelzweig am apex geschmiickt war. Hier wird die Granate 
nicht jiingeren Datums sein, als die Olive, die, wie wir sahen, zur 
Zeit der Tarquinier in Italien auftrat. Granatapfel von Thon sind 
zugleich mit sonstigen Friichten ahnlicher Votivbestimmung aus 
unteritalischen, hauptsachlich nolanischen Grabern - - zahlreich vor- 
handen (Gerhard, Denkm. und Forsch. 1850, n. 14. 15). Um so 
mehr durfen wir uns wundern, in Italien keine der beiden grie- 
chischen Benennungen der Frucht, sondern bloss den allgemeinen 
Ausdruck malum mit dem specificirenclen Adjectiv punicmn oder 
granatum zu finden, z. B. Columella 12, 42, 1: mala dulcia granata 
quae Punica vocantur. Aus welcher Zeit stammt der Beisatz pu- 
nicum? Aus jenem friihen Alterthum, in dem der von Polybius 
aufbewahrte Handels- und SchifFahrtsvertrag mit Karthago abge- 
schlossen ward? Schon deshalb nicht, weil die nahe Verbindung 
mit den Griechen in Cuma, Velia u. s. w. in noch altere Zeit fallt 
und der Name der Punier selbst ein aus griechischem Munde ent- 
lehnter ist. Wie das Wort f^^ov bei den Griechen selbst nicht bloss 
die eigentlichen Aepfel, sondern auch die Quitten, Granaten u. s. w. 
umfasst, so geniigte den italischen Naturkindern auch der allgemeine 
Begriff malum, der erforderlichen Falles durch ein beschreibendes 
Epitheton naher bestimmt wurde. Als dann den Romern der Reieh- 
thum an Granatbaumen in den Kolonien der Karthager und endlich 
in Afrika selbst zu Gesicht kam und der Handel ihnen die 



Der Granatapfelbaum. 241 

siissesten, blutrothen, scheinbar kernlosen, d. h. weichkernigen Friichte 
aus Siiden in Menge zufiihrte, da mag sich der Beiname punisch 
festgesetzt haben, in dem zugleich ein Anklang an die Farbe lag. 
Denn dem Wortlaut nach kann malum punicum auch als malum 
puniceum yoivixovv jiiaAov, der Purpurapfel, verstanden werden. Auf 
dem afrikanischen Boden, wohin der Baum gerades Wegs von Ka- 
naan, seiner Heimath, gebracht war, gediehen die feinsten Sorten. 
Zwar wenn Plinius 13, 112 den Granatapfel geradezu den Gegenden 
um Karthago zuspricht: circa Carthaginem Punicum malum cog- 
nomine sibi vindicat (Afrika), so ist dies, wie der Zusatz cognomine 
lehrt, nur ein Schluss aus dem Namen, keine historische oder natur- 
geschichtliche Beobachtung; aber dass Afrika in dieser Hinsicht bei 
den Romern beruhmt war, leidet keinen Zweifel. Martialis begleitet 
die Zusendung eines Korbes mit Obst mit den Worten: hier keine 
afrikanischen Granaten ohne Kern, sondern inlandische Friichte aus 
meinem Garten, 13, 42: 

Non tibi de Libycis inheres aut apyrina ramis, 
De Nomentanis sed damus arboribus. 

Direkt bestatigt dies das an den Flavianus Myrmecius gerichtete 
kleine Gedicht des Rufus Festus Avienus (bei Wernsdorf, Poetae 
lat. min. 5, p. 1296), der in der zweiten Halfte des vierten Jahr- 
hunderts lebte und Afrika selbst gesehen hatte. Er bittet den ge- 
nannten Freund, wenn dessen Schiff aus Afrika ankommen sollte, 
ihm einige dort gewachsene Granatapfel zuzuschicken. Nicht dass 
mein eigener Garten, fiigt er hinzu, keine Friichte der Art triige, aber 
sie sind sauer und herb und nicht mit dem Nekfcar zu vergleichen, 
wie ihn die warme Sonne Afrikas erzeugt, v. 25: 

Nee tantum miseri videar possessor agelli, 
Ut genus hoc arbos nullo mihi floreat horto: 
Nascitur et multis onerat sua brachia pomis, 
Sed grams austerum fert succus ad ora saporem. 
Ilia autem Libycas quae se sustollit ad auras, 
Mitescit meliore solo coelique tepentis 
Nuirimenta trahens succo se nectaris implet. 

In den Paradiesen der Vandalen in Afrika, von denen Luxorius 
spricht (Anthologia vet. Lat. et epigr. poem. ed. H. Meyer, epigr. 343), 
fehlt ohne Zweifel der liebliche Baum nicht, den auch die Araber, 
die Freunde schoner Bliiten und erfrischender Fruchtsafte, mit Vor- 
liebe pflegten. Der Name des Granatapfels und des Granatbaumes 
bei den Portugiesen ist noch heut zu Tage der arabische, roma, 

Viet. Hehn, Kulturpflanzen. 7. Aufl. 16 



242 D er Granatapfelbaum. 

romeira (also wie malum punicum bei den Romern) ; von demselben 
arabischen Wort stammt der italienische und franzosische Name der 
Schnellwage, romano, romaine, da das Gegengewicht bei arabiscben 
Wagen in Form eines Granatapfels gebildet zu sein pflegte ; aucb die 
von den Mauren im zehnten Jabrbundert gegriindete Stadt Granada, 
das Damaskus des Westens, sollte von der Granate den Nam en 
haben, deren Bild in das Wappen der Stadt iiberging und noch 
jetzt alle Strassen und offentlichen Gebaude schmuckt (Murpby, Tbe 
history of the mahometan empire in Spain, p. 188). In Italien ist 
bei den scriptores rei rusticae, von Cato an, der Baum schon ge- 
wohnlich; Plinius in der Kaiserzeit weiss mannigfache Sorten, mit 
vielfacher Anwendung, aufzuzahlen. Das heutige Griechenland und 
Italien haben schon wilde Granatapfelbaume, d. h. verwilderte, strauch- 
formige, dornige an Hecken, deren Friichte aber ungeniessbar sindj 
auch die kultivirten erreichen die Grosse und den kostlichen Ge- 
schmack nicht, der von den Granatapfeln in dem asiatischen Paradies- 
klima des Baumes geruhmt wird (s. daruber den treff lichen Excurs 
yon Ritter, Erdkunde Band XI.)- Auch dient in Italien die prachtige 
rothe Frucht mehr zur Augenweide, zum Schmuck der Tafel, als zum 
eigentlichen Genuss. Im Spatherbst, wo sie reift (vergl. oben oipfyovoi 
Gidai, im Verse des Empedokles), ist mit der heissen Jahreszeit auch 
das Verlangen nach Erquickung durch sauerlichen Fruchtsaft vor- 
iiber. Hauptsachlich die Citrone, kann man sagen, hat dem Granat- 
apfel den Platz geraubt, den er bei den Alten behauptete. Noch jetzt 
aber nach so vielen Jahrhunderten verkniipft das Volk in Griechen- 
land mit der Granate die Vorstellung reichen Segens und der un- 
zahlbaren Menge 60 ) und die purpurfarbene Bliite ist als Geschenk 
em Zeichen feuriger Liebe. Dass das Wort punicum nirgends in 
den neuromischen Sprachen erhalten ist (die Italiener sagen: mela- 
grano, granato u. s. w.), beweist, dass es nie ganz volksmassig ge- 
wesen ist. 



* Die Gattung Punica, von der man lange Zeit nur eine Art, den im 
Mediterrangebiet jetzt allgemein kultivirten Granatapfelbaum kannte, von der 
aber neuerdings eine zweite Art, P. protopunica Balfour fil. auf der Insel Socotra 
entdeckt wurde, ist schon gegen das Ende der Tertiarperiode in Europa hei- 
misch gewesen; Blatter und Blutenknospen einer von unserer jetzt lebenden 
P. Granatum L. etwas abweichenden Art, P. Planchoni Saporta, werden in den 
fur die Geschichte der europaischen Pflanzenwelt so wichtigen pliocanen Ab- 
lagerungen von Meximieux (Departement Ain) gefunden; dagegen ist die 
echte Granate fossil noch nicht nachgewiesen. Wild findet sich sicher P. Gra- 



Der Granatapfelbaum. 243 

natum in Felsspalten der Kalkgebirge Avroman und Schahu im persischen 
Kurdistan, sowie in Beludschistan, Afghanistan und im nordwestlichen Indien. 
Es fehlt nicht an Angaben fiber das Vorkommen der Granate von Persien 
bis zum schwarzen Meer, doch ist iiber die Beschaffenheit der Standorte 
wenig gesagt und darurn schwer zu entscheiden, ob sie seit langerer Zeit 
wild ist oder erst nach Einfuhrung der Kultur verwilderte. In Griechenland 
und auf den Inseln des griechischen Archipels wachst sie nach Boissier 
wild; auch in Montenegro, der Czrnagora und in der Herzegowina findet sich 
die Granate mehrfach in Felsspalten unkultivirter Gegenden, so dass sie da- 
selbst moglicherweise wild ist. Dagegen ist sie in Dalmatien meist nur in 
Hecken anzutreffen und daher hier wahrscheinlich erst nach ihrer Einfuhrung 
in die Kultur verwildert. Auch im osterreichischen Ktistenland kommt die 
Granate ausserhalb der Garten vor, so bei Duino, ist aber dort wohl ebenso 
wenig urspriinglich wild, wie in Siidtirol, wo sie noch bei Bozen an vielen 
siidlichen Abhangen und Felsen, aber meist unweit menschlicher "Wohnungen, 
angetroffen wird. In Italien kommt die Granate zerstreut in Gebiischen und 
Hecken vor, jedoch auch meistens in der Nahe von Ortschaften. Im medi- 
terranen Spanien ist die Granate durch die Kultur ungemein verbreitet; ob- 
gleich sie auch vielfach als Strauch an unkultivirten Orten Granadas ange- 
troffen wird, so scheint inir doch mit Rtieksicht auf die friiher noch aus- 
gedehntere Kultur der Araber ihr Indigenat in Spanien zweifelhaft. Auch 
in Marokko und Algier findet sich die Granate meist nur in der Nahe von 
Ortschaften und ist daher wahrscheinlich als verwildert anzusehen. Dem- 
nach ist sicher die Granate in Vorderasien und einem Theil 
der Balkanhalbinsel heimisch, ihre Verbreitung in Italien und 
den westl'ichen Theilen des Mittelmeergebietes aber wahr- 
scheinlich erst in historischen Zeiten nach Einfuhrung ihrer 
Kultur erfolgt. 



** Die Annahme, dass griech. otdt, poa aus dem west-semitischen hebr. 
rimmon, arab. rummdn (amh. rumdri) Granatapfel entlehnt sei, darf jetzt wohl 
als aufgegeben gelten, da, wie schon A. Muller, B. B. I, 296 bemerkt, die 
ganze Aehnlichkeit im gleichen Anfangsbuchstaben beruht und der Anm. 59 
nach Benfey angenommene Lauttibergang unerweislich ist. Auch der Ansatz 
einer Grundform * ribbon, durch welche O. Keller, Lat. Volksetym. S. 193 das 
semitische Wort dem griechischen zu nahern versucht, ist willkurlich und 
fiihrt, selbst wenn richtig, nicht weiter. Vgl. jetzt auch Muss-Arnolt, Trans- 
actions XXIII, 110 f. Es liegt daher nahe, nach einer einheimischen Ety- 
mologie des griech. Wortes zu suchen. Pott II 2 , 1, 964, III 2 , 1022 hielt einen 
Zusammenhang zwischen poia und dem idg. Wort fur rot griech. l-pu^-po? (vgl. 
ahd. rotes apholes = mali punici) fiir moglich. Lautlich wahrscheinlicher ware 
die von Fick I 3 , 225 (aber nicht I 4 , 151) versuchte Ableitung von ew (zer- 
fliessende Frucht). Eine Unterstiitzung wiirde diese Annahme, die auch von 
H. Lewy, Die semit. Fremdw. im Griech. S. 25 gebilligt wird (er deutet die 
in reicher Fiille sich ergiessende FruchU), scheinbar in dem von Hesych tiber- 
lieferten p68:a Granaten finden, das man zu puY]v fiberfliissig, puSov stellen 
konnte. Doch ware es auch moglich, in poSia eine Nebenform von poSov, 6810? 

16* 



244 Der Granatapfelbaum. 

Rose zu erblicken, wie im Stidslavischen (serb. sipati) die Bedeutungen Granat- 
apfel und Rosenstrauch mit einander wechseln. Am wahrscheinlichsten 1st 
aber das hesychische p68ta nichts anderes als pot&ta (so jetzt auch G. Meyer, 
Griech. Gr. 3 S. 238); hierzu im Neugriechischen potSia, die Fruchte der poto-rjd, 
wahrend die sauren Friichte einer anderen Varietat cvopo8a genannt werden 
(Heldreich, Die Nutzpflanzen Griechenlands S. 64). 1st potd ein echt griechi- 
sches Wort, so wird es zunachst den nach den Botanikern (oben S. 243) auf 
der Balkanhalbinsel einheimischen wilden Granatbaum bezeichnet haben, und 
dann auf die edle Granate iibertragen worden sein, deren Kultur, wie die der 
Feige, nach Hehn erst zur Zeit des Ausklingens der homerischen Dichtung 
aufgekommen ware. 

Mehr nach Entlehnung sieht, schon in Folge des Schwankens der Schrei- 
bung, der zweite, spater tiberlieferte Name des Granatapfelbaums otpSv], OL'SYJ 
aus, mit dem auch das Anm. 59 genannte 4^ai (tiber = a in Fremdwortern 
G. Meyer, Idg. F. I, 328) zu verbinden sein durfte. Das ebendaselbst zur 
Erklarung angezogene np. seb, kurd. siw bedeutet allerdings nur Apfelj der 
Granatbaum heisst in den neuiranischen Sprachen pers. ndr, kurd. endr u. s. w. 
(Pott, Lassens Z. f. d. Kunde des Morgenl. VII, 106, Koppen, Holzgewachse I, 
421) = armen. nurn (nach Lagarde, Armen. Stud. S. 115, wahrend Hiibschmann, 
Arm. Gr. I, 207 nur einen zufalligen Anklang beider Wo'rter annimmt). In 
Europa scheint mit ot^St), oiS-rj irgendwie das alb. segs Granatapfel zusammen- 
zuhangen (G. Meyer, Et. W.). Ein agyptisches shidchi ,Granatapfelwein< wird 
von F. Hommel Beilage z. allg. Zeit. 1895, Nr. 197, S. 4 genannt. Sicher dem 
Orient entstamnit das zuerst von Dioskorides fur die Bltite des wilden Granat- 
baums gebrauchte ^aXaoottov, das nach Low und Noldeke (vgl. Lewy a. a. O. 
S. 25) dem syrischen bdlas entspricht. 

Italien hat, worauf der Name malum punicum doch in erster Linie hin- 
weist, die Kultur des Granatapfelbaums, wie wohl in diesem Falle auch den 
Baum selbst (oben S. 243), von Afrika her empfangen, wodurch sich fur die 
Geschichte des Granatbaums ein neues Analogon zu der des Feigenbaums 
ergiebt. Auch in A e gyp ten ist die Kultur des Baumes, nach dessen Friichten 
sich die Israeliten in der Wiiste zuriicksehnten (Mos. 4, 20, 5), wie die Denk- 
maler (vgl. Woenig a. a. O. S. 323) beweisen, uralt. Als agyptischen Namen 
giebt F. Hommel (Aufsatze und Abh. arabistisch - semitischen Inhalts S. 98) 
nach Brugsch 'inrhamiti,, 'inhmn, 'inhm'ni (kopt. erman, herman) an, der nach 
ihm mit dem westsemitischen Namen des Granatapfelbaums in Zusammenhaiig 
sttinde. Es wiirde dies, wenn richtig, mit der Ansicht Sch weinfurths , Ver- 
handlungen 1891, S. 658 iiberemstimmen, nach welcher der Granatapfelbaum 
nach Aegypten in sehr frtiher Zeit aus dem stidlichen Arabien, wiederum 
ebenso wie die Feige (oben S. 102), gekommen ware. 

Ueber Hadad-Rimmon (oben S. 237) vgl. Baudissin, Studien zur semitischen 
Religionsgeschichte II, 187, 215, Hommel a. a. O. S. 98 und Muss-Arnolt, Trans- 
actions XXIII, 110. Der Zusammenhang des Gottes- und des Pflanzennamens 
wird vielfach, auch von Sayce in der Academy 46, S. 283, bestritten. 

Vgl. tiber die Geschichte des Granatapfelbaums jetzt auch G. Buschan, 
Vorgesch. Botanik S. 155 ff. 



Der Quittenbaum. 245 

Der Quittenbaum. 

(Pyrus Cydonia L. Cydonia vulgaris.) 

Unter den Aepfeln sind, wie oben gesagt, im friiheren Alter thum 
neben den Granateri auch Quitten zu verstehen, die wir aus diesem 
Grunde sogleich hier anschliessen. Die ygvcSea [jifjha der Hesperiden 
und der Atalante waren idealisirte Quitten, und der der Aphrodite 
geweihte, in Madchen- und Liebesspielen aller Art und zu braut- 
lichen Gaben dienende Apfel war gleichfalls kein anderer als der 
duftende Quittenapfel. Seine Farbe, wie die der rothen Granate, 
machte uberall, wo er zuerst erschien, lebhaften Eindruck auf den 
Naturmenschen. Roh konnte er nicht genossen werden, aber in 
Wein, Most, Oel und besonders Honig eingemacht, gab er diesen 
Stoffen einen feinen Duft und Geschmack. Der griechische Name, 
cydonischer Apfel, [irjhov Kvdwviov, wirft einiges willkommene Licht 
auf die Geschichte des Baumes. Danach kam er den Griechen 
zunachst aus Kreta und zwar aus dem Gebiete der Kydonen, die 
an der Nordwestkiiste am Flusse Jardanus wohnten und, mochten 
sie nun semitischen Stammes sein oder nicht, doch zu den altesten 
halb-mythischen Bewohnern der Insel gehorten. Ihre Stadt war die 
mater urbium des Landes, und dass die Quitte gerade nach ihr 
benannt wa,r, deutet auf ein fruhes Zeitalter ihrer Einfiihrung so- 
wohl als ihrer AVeiterverbreitung zu den Griechen. Ihre alteste ur- 
kundliche Erwahnung findet sich, wenn xodv^ahov, worin ein Anklang 
an palov Kvdwviov nicht verkannt werden kann, so viel als Quitte 
ist, bei dem aus Lydien gebiirtigen Alcrnan (Fr. 90 Bergk.), also in 
der Mitte des siebenten Jahrhunderts ; bald darauf, um 600 vor Chr., 
wird sie in der Helena des Siculers Stesichorus genannt (Fr. 27 
Bergk.) : 

llohhd ILISV Kvdwi'ia f.iaha TIOTSQQCTTWVV noil dtcpgov avaxn. 
Etwa um dieselbe Zeit verordnete Solon in einem Gesetz, bei Hoch- 
zeiten solle die Braut, ehe sie das Brautgemach betrete, einen cy- 
donischen Apfel essen, offenbar um sich symbolisch damit dem Dienst 
der Aphrodite zu weihen (Plut. Conj. Praecept. 1 und Quaest. Rom. 65, 
der iibrigens dies solonische Gesetz, durch welches nur ein attischer 
Branch sanctionirt wurde, rationalistisch erklart). Gleichzeitig wird 
der Baum auch von den italiotischen Griechen kultivirt worden sein: 
Ibykus aus Rhegium, also ein geborener Italiot, erwahnt um die 
Mitte des 6. Jahrhunderts der cydonischen Apfelbaume in bewasserten 



246 Der Quittenbaum. 



Garten (Fr. 1 , 1 : Kvdwviai, /nrjhCdsg). Auf die umwohnenden Bar- 
baren verfehlten die goldenen Aepfel ihren Reiz gewiss nicht. Dass 
die Frucht in Italien alt war, lehrt, ausser der popularen Latinisirung 
im Volksmunde: mala cotonea statt cydonia, auch eine sprechende 
Stelle bei Properz (B, 13, 27), wo der Dichter die Einfachheit der 
friihern Zeit mit der spater herrschenden Ueppigkeit vergleicht: sonst, 
sagt er, schenkte die landliche Jugend sich Quitten, vom Baum herab- 
geschiittelt, und voile Korbe mit Brombeeren, jetzt mussen es Lev- 
koien und leuchtende Lilien sein u. s. w. Columella und Plinius 
kennen schon mehrere Arten, darunter die Quittenbirne, malum stru- 
theum, wortlich Sperlingsapfel, die schon bei Cato erwahnt wird und 
also gleichfalls alter als der dritte punische Krieg ist. Wie zu 
Plinius Zeit, werden noch jetzt in Italien die Quitten in Zimmern 
aufgestellt, um diese mit angenehmem Duft zu erfullen, und den 
Zuckerbackern dienen sie zu der cotognata, franz. cotignac, wie im 
Alterthum zum ^r^ofjie^i oder xvda)vcf.ifo. Die melimela , wortlich 
Honigapfel, bei Varro de r. r. 1, 59, 1 : quae antea mustea vocabant, 
nunc melimela appellant, bei Horaz Sat. 2, 8, 31: 

post hoc me docuit melimela rubere minorem 
ad lunam delecta 

und an mehreren Stellen des Martial, werden von neueren Auslegern 
als besonders siisse Aepfel gedeutet ; dass sie aber eine zum Ein- 
kochen in Most und spater in Honig vorziiglich geeignete Varietat 
Quitten waren, bezeugt nicht nur der Schol. Cruq. ausdriicklich, 
sondern lehrt auch das spanische membrillo, das portugiesische mar- 
melo, Quitte, Quittenmus, von welchem letzteren das allgemein euro- 
paische Wort Marmelade abgeleitet ist. Schon zu Galenus' Zeit kam 
solche spanische Marmelade nach Rom (de aliment, facult. 2, 23. 
VI. p. 603 Kiihn). Im Uebrigen ist der Baum im heutigen Italien 
nicht sehr haufig und gewiss seltener als bei den Alten, die noch 
keine Ananas und keine Apfelsinen kannten. Im Orient dagegen 
und in ganz Osteuropa, der Weltgegend eingemachter Friichte und 
des Zuckerwerks, ist das Mittelalter hindurch und bis auf die 
neueste Zeit die Quitte ein beliebter, in Bazaren feilgebotener Genuss 
mdssiger Menschen geblieben, wo von die Menge der zum Theil ver- 
stummelten Namen derselben bei den Volkern slavischen Stammes 
ein lebendiges Bild giebt (s. Miklosich, Fremdworter, S. 89, darunter 
auch persische und tiirkische, wie pigva, aiva, armud u. s. w.). 



Kose. Lilie. 247 

* Cydonia vulgar is Pers. (Pyrus Cydonia L.) wachst mit Sicherheit 
wild im Kaukasus, namentlich in Transkaukasien bis zu 1300 m 
Hohe, sodann in Armenieii, Kleinasien und den Kaspischen 
Provinzen Persiens Talysch und Asterabad. Ob der Quittenbaum in 
Griechenland und Thracien wild ist, ist zweifelhaft; tiber sein urspriingliches 
Vorkomrnen in Greta existiren keine Angaben neuerer Schriftsteller. Im 
ubrigen Siideuropa und in warmeren Theilen Mitteleuropas kommt die Quitte 
wohl hier und da verwildert vor, ist aber daselbst kaum einheimisch und 
auch nicht in grosserer Menge als Bestandtheil einzelner Pflanzengemein- 
schaften anzutreffen. 



** Der Baum scheint dem agyptisch-semitischen Kulturkreis urspriinglich 
gefehlt zu haben. Neuere aramaische Namen bei Low, a. a. 0. S. 144. Eine 
gemeinsame Benennung bieten die neuiranischen Dialecte kurd. beh, pehl. be, 
buchar. bihir, pers. beh (vgl. Pott in Lassens Z. f. d. K. d. M. VII, 106 und 
Koppen, Holzgewachse I, 419 (in Beitrage z. Kenntniss des russischen Reiches 
II. Folge, V. Band), die keine Beziehung zu Europa zeigen. Theophrast, h. pi. 
2, 2, 5 gebraucht die Bezeichnung xo8umo<; von dem wilden resp. verwilderten 
Quittenbaum, wahrend er die Friichte des zahmen otpooO-ta (vgl. oben S. 246) 
nennt (weil ihnen die Sperlinge nachstellen?) Die lateinische Form cotonea 
wird auf einer Vermischung mit Namen derFeige beruhn, die auch in russ.pigva 
Quitte (das also nicht, wie Hehn nach einer friiheren Aeusserung Miklosich's 
vermuthete, orientalisch ist) = ahd. figa hervortritt. Vgl. xoScovsa* aoxa ^et|j.eptvd 
Hesychius und lat. cotana, cottana kleine Feigen (oben S. 100). Ins Deutsche 
sind beide Formen cotonea und cydonia iibergegangen : ahd. cozzana, cottana und 
chutina (altengl. cod-, godceppel). Alb. ftua-oi aus lat. cotoneum (G. Meyer, Et. W. 
S. 113). Im Slavischen scheint das Wort (gdunje etc.) theilweis die Bedeutung 
Birne angenommen zu haben. Vgl. Miklosich, Et. W. S. 61. 

Sehr abweichend von Hehn, aber kaum richtig, wird die Geschichte des 
Quittenbaums von Koch, Baume und Straucher S. 174 176 dargestellt. VgL 
auch Neumann und Partsch, Physikalische Geographic S. 428 f. und v. Fischer- 
Benzon, Altd. Gartenflora S. 146 f., wo ein spates griech.-lat. coronopus sKrahen- 
fuss fur die Frucht der Quitte genannt wird. 



Kose und Lilie. 

(Rosa gallica, centifolia. Lilium candidum L.) 

Wie die Friichte mit dem kostlichen goldenen oder rothlichen 
Mark, so erschienen auch die Blumen des Orients dort von weich- 
lich civilisirten , nur fiir ihre Despoten und Religion sbrauche leben- 
den Menschen angepflanzt, veredelt und zu Salben und Wassern ver- 
arbeitet den Hirten, Kriegern und Ackerbauern des Westens 

lockend und wunderbar. Rosen und Lilien waren schon zur Zeit 



248 Hose. Lilie. 

des Epos zu den Griechen gelangt, Anfangs wohl nur dem Rufe 
nach, als etwas unbestimmt Herrliches der Blumenwelt, von dessen 
Farbe und Gestalt erzahlt wurde, in Form duftenden Oeles, dann 
auch allmahlich die Pflanzen selbst mit ihren Bluten. Homer und 
Hesiod nennen die Morgenrothe rosenfingrig, in einem homerischeii 
Hymnus heisst sie auch rosenarmig, wie auch in der Theogonie 
zwei rosenarmige Tochter des Nereus vorkommen ; Aphrodite salbt 
den Leichnam des Hektor mit rosenduftendem Oel; Hektor will 
die lilienzarte Haut des Ajax mit seinem Speer zerfleischen; die 
Stimme der Cicaden und in der Theogonie die der Musen heisst eine 
Lilienstimme. Dies sind lauter vergleichende Bezeichnungen , die 
sich auf eine moglicher Weise feme Sache beziehen, wie denn auch 
schon jener alte Forscher bei Gellius N. A. 14, 6, 3 die Frage auf- 
warf, warum Homer das Rosenol gekannt, die Rose selbst aber nicht 
gekannt habe (quapropter rosam non norit, oleum ex rosa norit). 
Die Blumen selbst erscheinen in dem Hymnus auf die Demeter, dieser 
ehrwiirdigen Urkunde des alteleusinischen Demeterdienstes (von 
Welcker, Gr. Gotterlehre 2, S. 546, in 01. 30 oder in die Mitte des 
7. Jahrhunderts gesetzt), aber immer noch in fremdartigem Phantasie- 
Scheine : Proserpina spielt auf der Wiese mit ihren Gefahrtinnen und 
pniickt Rosen (die Rose also als Blume einer idealen Wiese, nicht vom 
Strauch gebrochen und nicht mit Dornen bewehrt) und ausser Krokos 
und Violen und Iris und Hyakinthos auch den Narkissos, eine neu- 
geschaffene Wunderblume, bei deren Anblick Gotter und Menschen 
staunen, die sich mit hundert Hauptern aus der Wurzel erhebt, deren 
Duft Himmel, Meer und Erde erfreut offenbar Verherrlichung 
des in den Mysterien gebrauchlichen Symbols der Narcisse, die, wie 
der Name bezeugt, urspriinglich nur berauschende, exotische Blumen- 
diifte iiberhaupt reprasentirte. An einer spateren Stelle desselben 
Hymnus erzahlt Proserpina ihrer Mutter, wie sie auf der reizenden 
Wiese gespielt und 

Kelche der Rosen und Lilien auch, ein Wunder zu schauen, 

gepfllickt - - wo der Zusatz ^av^a iSetiitai das Feme und Fabelhafte 
oder Seltene dieser herrlichen Blumen ausdriickt. Unter den Namen 
der Nymphen, der Gespielinnen Proserpina's auf der Wiese, finden 
sich auch zwei oder drei, die der Rose entnommen sind: 'Podeia, 
c PoJo7r^ (die Rosige), *&xvQoir] xahvxwmg (Okyroe mit dem Gesicht 
wie der Kelch einer Rose; dasselbe Adjectiv auch im Hymnus an 
die Aphrodite zur Bezeichnung einer Nymphe). In einem Fragment 
des um ein Menschenalter alteren Archilochus, dessen Welt aber 



Rose. Lilie 249 

eine weitere war, als die jener eleusinischen Tempelpoesie, und ausser 
den Inseln auch Thrakien und Lydien umfasst, tritt der Rosenstrauch 
selbst mit seinen Bliiten auf und zwar letztere neben Myrtenzweigen 
als Schmuck des Madchens, ohne Zweifel der Neobule, der Geliebten 
des Dichters, Fr. 29. Bergk: 

e'xovffa Sakhov {.ivQawqg ^QTISTO 

godijg re xahbv av&og. 

Hundert Jahre spater war die Rose ein Liebling der Dichterin Sappho, 
von der sie haufig gepriesen und verherrlicht und als Gleichniss 
schoner Madchen gebraucht wurde (Philostr. Ep. 73). Von da an 
nnden wir Rosen und Lilien unter dem Fest- und Blumenschmuck 
liebenden Volke der Griechen eingebiirgert, uberall verbreitet und in 
Leben und Sitte verflochten. Von wo aber waren beide Blumen 
gekommen? In welcher Gegend des Orients, unter welcher seiner 
Volkergruppen war die auch in Europa einheimische Rosa gallica, 
die Stammform der Centifolie, zur siissduf tenden , sechzig- oder 
hundertblattrigen erzogen worden? 

Dass die Rosen den Verfassern der Apokryphen des Alten Testa- 
ments nicht unbekannt sind, darf nicht Wunder nehrnen, da diese 
Schriften in griechische Zeit fallen, aber auch in den alteren Theilen 
der Bibel wurde, wenn wir Luthers Uebersetzung folgen wollten, die 
Rose erwahnt werden, z. B. bei dem Propheten Hosea (er lebte im 
8. Jahrh.) 14, 6: Ich will Israel wie ein Thau sein, dass er soil 
bliihen wie eine Rose, oder an mehreren Stellen des Hohen Liedes, 
z. B. 2, 1 : Ich bin eine Blume zu Saron und eine Rose im Thai, 
2: wie eine Rose unter den Dornen, so ist meine Freundin unter 
den Tochtern u. s. w. Allein Luther hat hier, der Auslegung der 
Rabbinen folgend, das hebraische susan, Susannah falsch mit Rose 
"iibersetzt: es bedeutete vielmehr XQWOV nach der Uebertragung der 
Septuaginta d. h. Lilie und zwar nicht sowohl Lilium candidum, 
griechisch hsigiov, als die farbige Feuerlilie, Lilium chalcedonicum 
und bulbiferum (Plinius: est et rubens lilium quod Graeci XQLVOV 
vacant) oder noch wahrscheinlicher eine Art der gleichfalls glocken- 
formigen Kaiserkrone, fritillaria. Die edle Gartenrose war also den 
Griechen friiher bekannt als den alten Hebraern und ist somit keine 
semitische Kulturpflanze. Bestatigt wird dies durch die Abwesenheit 
der Rose auf den Bildwerken des alten Aegyptens, auf denen sonst 
die Blumenzierde nicht fehlt: auch Herodot erwahnt in seinen 
Schilderungen agyptischer Sitten nur der Lotosblume und rosen- 
ahnlicher xgCvsa, von welchen letzteren dasselbe gilt, was von den 



250 Rose. Lilie. 

Lilien der Hebraer (Herod. 2, 92: , (pvsmi Iv TOJ vSan xgCvsa 
von den Aegyptern Acorog genannt: &m. Ss xal aMa XQWSCC 
QodoHU liMpSQ&a* 1 ). Sind wir somit in Betreff beider Blumen auf 
Oentralasien gewiesen, so kommt uns hier die Sprache hiiltreich ent- 
gegen, die so oft die Tiefen der Vorwelt erschliesst, bis zu denen 
keine historische Kunde reicht. Das griechische godov, in alterer Form 
fiQodov (noch Sappho schrieb das Wort mit dem Digamma), die Rose, 
und AeiQiov, die Lilie sind urspriinglich iranische Worter 62 ), und aus 
Medien also, iiber Armenien und Phrygien kamen Benennung und 
Sache den Griechen zu. Das heisse heitere Persien ist noch jetzt 
ein Blumenland. Ueber Teheran sagt Ritter, Erdkunde, 8, 610: die 
Rose gedeiht hier zu einer Vollkommenheit, wie in keiner Gegend der 
Welt, nirgend wird sie wie hier gepflanzt und hochgeschatzt ; Garten 
und Hofe sind mit Rosen uberfiillt, alle Sale mit Rosentopfen be- 
setzt, jedes Bad mit Rosen bestreut, die von den immer wieder sich 
fiillenden Rosenbiischen stets ersetzt und erneut werden. Selbst das 
Kalium (die Rauchtabak-Wasserflasche) wird mit der hundertblatt- 
rigen Rose fur den armsten Raucher in Persien geschmiickt, so dass- 
Rosenduft Alles umweht. Auch die Rosen von Schiras in Sud- 
Persien sind wenigstens aus Hafis' Gedichten Jedermann bekannt. 
Zu Herodots Zeit hatten die Babylonier den Gebrauch der Rosen be- 
reits von ihren medisch-persischen Ueberwindern angenommen : jeder 
Babylonier, sagt er 1, 195, tragt auf seinem Stock das Bild entweder 
eines Apfels oder einer Rose oder eines xqCvov oder eines Adlers 
oder irgend eines anderen Gegenstandes. Nach Griechenland aber 
wanderte die Blume iiber Phrygien, Thrakien und Macedonien ein, 
wie unverkennbare Spuren in sagenhaften Nachrichten der Alten 
selbst verrathen. Das nyseische Gefilde , auf dem Persephone nach 
dem homerischen Hymnus Rosen und Lilien pfluckt, ist nach Ilias 

6, 133 in Thrakien zu denken, und der Name einer ihrer Gespie- 
linnen, Rhodope, ist zugleich der des thrakischen Gebirges, in welches 
jene Nymphe verwandelt sein sollte. Nach Herodot 8, 138 lagen 
am Fuss des Bermionberges in Macedonien (an welchem nach Strabo 

7. Excerpt. Vat. 25 die Briger wohnten, die in Asien Phryger ge- 
nannt wurden) die sogenannten Garten des Midas, des Sohnes des. 
Gordias : dort sprossten von selbst die sechzigblattrigen Rosen, deren 
Duft schoner war, als der aller anderen. Noch deutlicher, nur mit 
Anwendung der gelehrten Terminologie seiner Zeit und Schule, driickt 
sich der alexandrinische Dichter Nicander aus, im zweiten Buch 
seiner Georgika (bei Athen. 15. p. 683): Midas von Odonien (Edonien, 



Hose. Lilie. 251 

Landschaft in Thrakien), nachdem er die Herrschaft von Asis (in 
Kleinasien) verlassen, erzog zuerst in emathischen Garten (Emathia> 
Landschaft in Macedonien) die Rosen, die mit sechzig Blumen- 
blattern umsaumt sind. Man bemerke hier die altbabylonische Zahl 
sechzig, die allein schon auf Herkunft aus Asien weist. Nach 
Macedonien, in die Gegend von Philippi setzt auch Theophrast 
(h. pi. 6, 6,4) die reich gefiillten Rosen, die er schon gxamvrdfpvMa, 
Centifolien, nennt: die Einwohner sollten sie vom nahe gelegenen 
gold- und silberreichen Berge Pangaus (TO UttyyaiQv) beziehen. In 
dieselbe Gegend weist ein Fragment der Sappho, also ein altes und 
gewichtiges Zeugniss, Fr. 68 Bergk: 

ov 

TVJV ex 

Auch aus Mythen, die sich sofort an die neuen Blumen kniipfen, 
klingt der phrygische Naturdienst wieder. Die Rose ist der Aphro- 
dite geweiht, sie ist auch die Blume des Dionysos; sie ist zugleich 
das Symbol der Liebe und des Todes; wie sie entstand, als Attis, 
der phrygische Adonis, starb, wird verschieden erzahlt: bald schuf 
sie Aphrodite aus dem Blut des Adonis (Serv. ad. V. Aen. 5, 72), 
bald ritzte sich die Gottin selbst, als sie von dem Tode ihres Lieb- 
lings horte, und durch Dornen herbei eilte, den Fuss, und ihr Blut 
verwandelte die weisse in die rothe (Geopon. 11, 17), bald - - und 
dies scheint die eigentlich phrygische Form des Mythus - - erwachst 
die Blume von selbst aus dem Blut des Adonis, wie in ahnlichem 
Falle Granat und Mandelbaum, Bion 1, 64: 

Soviel Thranen vergiesst die paphische Gottin als Tropfen 
Blutes Adonis: am Boden da werden sie alle zu Blumen, 
Rosen erwachsen dem Blut, Anemonen den Thranen der Gottin. 

Von der Lilie, der rosa Junonis, wurde gefabelt, sie sei aus der 
Milch der Hera entstanden, als diese schlafend den Herakles saugte 
(Geopon. 11, 19); mit der Aphrodite war die Lilie der reinen unbe- 
fleckten Farbe wegen in Streit: um die keusche Blume zu beschamen, 
setzte die Gottin ihr das gelbe Pistill ein, welches an den briinstigen 
Esel erinnerte (Nic. Alexiph. 406 f., id. apud Athen. 1. 1.). 

Nach Italien kam die orientalische Gartenrose friihe mit den 
griechischen Kolonien, wie die populare Verwandlung des Namens 
in das lateinische rosa beweist, und mit ihr wohl auch die Lilie, 
Ulium 68 ); von Italien gingen beide unter demselben Namen in alle 
Welt aus, doch je weiter nach Norden, desto mehr von der Kraft 
und Siissigkeit des Duftes einbiissend, der sie in ihrer urspriinglichen 



252 Rose. Lilie. 

Heimath umweht. Unter dem italienischen Himmel gedieh indess 
die Rose noch herrlich, sie bluhte den grossten Theil des Jahres je 
nach den Varietaten , von denen die campanische die friiheste , die 
von Praneste die spateste sein sollte (Plin. 21, 20); Campanien brachte 
Centifolien hervor; von den Rosen um Pastum riihmte man, sie 
bliihten zweimal im Jahr. Schon bei Plautus ist rosa, mea rosa 
eine liebkosende Anrede; schon Cicero nennt die Rose, wo er ein 
Leben voll Ueppigkeit bezeichnen will, z. B. de fin. 2, 20: M. Re- 
gulum clamat virtus beatiorem fuisse quam potantem in rosa Tho- 
rium. Zwar mag es orientalische Ausschweifung gewesen sein, wenn 
Kleopatra den Antonius von Cilicien in Speisezimmern bewirthete, 
deren Boden eine Elle hoch mit Rosen bedeckt war (Athen. 4, 
p. 148); zwar war es von Verres, dem Proprator in Sicilien, Nach- 
ahmung der bithynischen Konige, wenn er sich auf Rosenkissen in 
der Sanfte tragen Hess und dabei ein mit Rosen gefiilltes Spitzen- 
netz an die Nase hielt (Cic. in Verr. 5, 11, 27: lectica octophoro 
ferebatur, in qua pulvinus erat perlucidus, Melitensis, rosa fartus: 
ipse autem coronam habebat unam in capite, alteram in collo, 
reticulumque ad naris sibi admovebat, temiissimo lino, minutis 
maculis, plenum rosae), aber ein Blick in die lyrischen und elegi- 
schen Dichter lehrt, wie auch in Italien die Rose iiberall in den 
Liebes- und Lebensgenuss verflochten ist : der Tisch der Schmausen- 
den ist ganz unter Rosen verborgen, Liebende liegen auf Rosen, 
der Boden ist mit Rosen bestreut, das Haupt der Tanzerin, der 
Flotenspielerin, des weinschenkenden Knaben mit einem Rosenkranz 
umwunden. Der Trinker bekranzt sich selbst, er bekranzt den 
Becher mit Rosen. Sinnentaumel und Rosen sind unzertrennbar: 
unter zahlreichen Stellen der Dichter nur die eine des Martial, 10, 19, 19 : 

cum furit Lyaeus, 
Cum regnat rosa, cum madent capilli. 

Und dass die Rose hinwiederum auch eine Blume der Graber war, 
dass man den Todten Rosen mit Thranen spendete, ist eine sehr 
alte, psychologisch nahe liegende und auch in Italien gewohnliche, 
durch zahlreiche Grabinschriften (Orelli-Henzen, inscriptt., T. 3, ind. 
s. v. rosa) bestatigte Sitte und Vorstellung. Denn die aus dern 
Blute des sterbenden Naturgottes entstandene Rose ist ebenso schon 
als fluchtig (Hor. Od. 2, 3, 13: nimium breves flores amoenae rosae\ 
1, 36, 16: breve lilium; bist du an einer Rose voriibergegangen, 
so suche sie nicht wieder , sagt das griechische Sprichwort: qoSov 
JTM ndfav, und das italienische : non v'ha rosa di 



Kose. Lilie. 253 

cento giorni); sie stellt hochste Lebensfulle dar, aber momentan: 
wegen der ersteren Eigenschaft 1st sie wie Wein und Blut den 
Todten, den lechzenden Schattenwesen, erwunscht. Auch zu Essen- 
zen, Wassern und Salben wurde die Rose viel verarbeitet, so wie sie 
auch in der Arzneikunst als Rosenwein und Rosenwasser, ja nach 
den Berichteri der Alien sogar in der Kiiche reicher Schlemmer 
Anwendung fand. Kein Wunder, dass in und ausserhalb der Stadt 
Rosen garten haufig waren, und deren Ertrag, sowie die der Lilien- 
beete, von stationaren und wandernden Blumenhandlern feilgeboten 
wurde. Varro rath schon in der republikanischen Zeit als vortheil- 
haft an, wenn man in der Nahe der Stadt ein Grundstiick besitze, 
Veilchen- und Rosengarten anzulegen, 1, 16, 3: itaque sub urbe 
colere hortos late expedit, sic violaria ac rosaria, wie er auch 
1, 35, 1 die Jahreszeit bestimmt, wo es passend sei, serere lilium. 
Aber auch in weiterem Kreise bis nach Campanium und Pastum hin 
sorgten Blumenanlagen fur das Bedurfniss der reichen, ungeheuren 
Hauptstadt (Martial 9, 61). In der Kaiserzeit, wo die Ausschweifung 
in der vornehmen Welt und bei Hofe immer hoher stieg und die 
Sitten sich orientalisirten , wurde auch im Punkt der Blumen sinn- 
los verschwendet. Im Sommer Rosen zu haben, war jetzt schon zu 
gem ein, man suchte sie im Winter, bei Beginn des Friihlings. Leben 
diejenigen nicht widernatiirlich , klagt der Philosoph Seneca, die im 
Winter nach Rosen verlangen, ep. 122, 8: non vivunt contra natu- 
ram qui hieme concupiscunt rosam?, und Macrobius (Sat. 7, 5, 32) 
stellt als parallele Forderungen des Luxus zusammen: aestivae 
nives et hibernae rosae. Man bezog daher zur Winterzeit Rosen zu 
Schiff aus dem warmeren Aegypten, wie Martial 6, 80 beweist, und 
trieb Rosen und Lilien in Rom selbst unter Glas, wie wir aus dem- 
selben Dichter ersehen, 4, 22, 5: 

Condita sic puro numerantur lilia vitro, 
Sic prohibet tennis gemma latere rosas. 

In all dem waren die Orientalen vorangegangen. Von Antiochus 
dem Grossen, einem echten griechisch-antiochischen Despoten, erzahlt 
Florus Ep. 2, 8, 9, er habe nach Eroffnung des Krieges mit den 
Romern und Einnahme der Inseln goldgestickte seidene Zelte am 
Euripus, der ein fliessendes Wasser ist, aufgestellt, dann sub ipso 
freti murmure, quum inter fluenta tibiis fidibusque concineret, 
coltatis undique, quamvis per hiemem, rosis, ne non aliquo du- 
cem genere agere videretur, virginum puerorumque delectus habebat 
die Romer trieben ihn, jam sua luxuria debellatumj wie Florus 



254 Rose. -Lille. 

mit Recht hinzusetzt, schnell nach Hause zurlick. Die spateren 
Kaiser in Rom aber gaben ihm nichts nach. Ueber L. Aelius Verus 
berichtet sein Biograph Ael. Spartiaiius, 5, er babe eine neue Art 
Bett erfunden, ganz von einem feinen Netz umgeben, ausgestopft mit 
Rosenblattern , denen das Weisse genommen war, und mit einer 
Decke von Lilienblattern. Auch bei Tische lag er, wie einige liber- 
liefern, auf Polstern, von Rosen und Lilien, und zwar gereinigten. 
Noch arger ist, was Aelius Lampridius 9 und 11 von Heliogabalus 
rzahlt. Dieser aus Syrien stammende Kaiser liess nicbt nur Alles 
in seinem Palaste mit Rosen-, Lilien-, Violen-, Hyacinthen- und Nar- 
cissenteppichen belegen, liber die er wandelte, sondern bei Gast- 
mahlern lagen seine Gaste auf beweglichen Polstern so in Blumen 
vergraben, dass einige, wabrscheinlich schwer vom Wein, sich nicht 
mebr emporarbeiten konnten und in Violen und anderen Blumen 
^rstickten. 

Im Mittelalter , wo so viel Kulturen zu Grunde gingen, blieben 
doch Rose und Lilie, beide verhaltnissmassig leicht zu erziehen und 
durch Duft und Farbe auch dem rohen Menschen imponirend, in 
den Garten gewohnlich. Die Dichter des Mittelalters , denen nicht 
viel Farben zu Gebote stehen, verwenden Rosen und Lilien reichlich 
in ihren Schilderungen ; dem Christenthum dienten beide zu beliebten 
ftymbolen : die heilige Jungfrau in ihrer Anmuth und Milde erschien 
als Rose, die himmlische Reinheit ward in der Lilie angeschaut; 
gothische Kirchen schmiickten sich mit steinernen mystischen Rosen, 
auf Bildern der Verklindigung pflegt der Engel den Lilienstengel zu 
tragen, mitunter und dies ist charakteristisch die Kelche ohne 
Staubfaden. Auch in die Wappensprache jener bildlich denkenden 
Zeit gingen beide Blumen liber: bekannt sind die (angeblich aus 
Lanzenspitzen hervorgegangenen) drei Lilien im koniglichen Wappen 
von Frankreich, die auch der Jungfrau von Orleans bei ihrer Er- 
hebung in den Adelstand verliehen wurden, so wie die feindlichen 
Zeichen der rothen und weissen Rose in den Kampfen der Konigs- 
geschlechter von England. Unter den unzahlig vielen Einzelheiten, 
-die sich aus Sitte, Kunst und Religion des Mittelalters in Bezug auf 
dies Thema sammeln liessen, wollen wir nur zweier Zlige gedenken, 
die beide im Grunde aus derselben Wurzel abzuleiten sind : der papst- 
lichen sogenannten goldenen Rose und der mythischen Figur der 
Russalken bei einem Theil der Slaven. Am vierten Fastensonntage, 
dem Sonntage Latare, der in den Frlihling fallt, weihte der Papst, 
weiss angethan, in Gegenwart des Cardinalcollegiums, in einer mit 



Eose. Lilie. 255 

Rosen geschmiickten Kapelle, am Altare eine goldene Rose, die hernach 
als segenbringend Fiirsten und Fiirstinnen, auch Kirchen und Stadten 
verschenkt wurde. Er tauchte sie in Balsam, bestreute sie mit Weih- 
rauch, besprengte sie mit Weihwasser und betete indess zu Christus 
als der Blume des Feldes und Lilie des Thales. Kurz vor der Re- 
formation erhielt Kurfiirst Friedrich der Weise von Sachsen die 
goldene Rose, in unseren Tagen die ungliickliche Kaiserin Charlotte 
von Mexiko und die fromme Konigin Isabella II. von Spanien. Nach- 
richten iiber diesen Gebrauch gehen bis in das eilfte Jahrhundert, 
in die Zeit Leo des XL, hinauf, aber die Anfange desselben kniipfen 
sich ofFenbar an die altromischen Vorstellungen von der Rose als 
Blume des Lebens wie der Verganglichkeit, die in der Hand des 
Ueberwinders sowohl seine Glorie und Freude als seine Sterblichkeit 
und Demuth bedeutet. Ueberaus interessant sind die slavischen 
Russalken als lebendiger Beweis, wie in einer nocb im Naturdienst 
gefangenen Volksseele aus kleinen Umstanden, Namensklangen, all- 
gemeinen Begriffen, auswartigem Kultureinfluss mythische Personi- 
ficationen sich bilden. Rosenfeste, rosaria, rosalia, wurden noch im 
spatesten Rom an verschiedenen Tagen des Mai und Juni gefeiert 
und bestanden in Schmiickung der Graber mit Rosen und in gemein- 
samen Mahlzeiten, bei denen den Theilnehmern Rosen, die Gabe der 
Jahreszeit, gereicht wurden. Auch in der illyrischen Halbinsel und 
an der Donau waren bei dem romanisirten Landvolke solche Friih- 
lings- oder Sommerfeste unter dem lateinischen Namen govffdfaa ge- 
brauchlich, hier ohne Zweifel als Fortsetzung der bei den thrakischen 
Stammen langst hergebrachten sommerlichen Dionysosfeier und der 
an diese geknupften Rosenlust (s. W. Tomaschek, Ueber Brumalia 
und Rosalia, in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie 1868). 
In der christlichen Zeit trat das gleichfalls in den Mai fallende Pfingst- 
fest in die Erbschaft der Rosalien ein: es hiess pascha rosata oder 
rosarum (im romischen Volksmunde noch heute: pasqua rosa oder 
durch Missverstandniss pasqua rugiada) und am Pfingstsonntage, der 
sogenannten domenica de rosa, wurden Rosen von der Hohe der 
Kirche auf den Boden herabgelassen. Als darauf im sechsten Jahr- 
hundert slavische Volkerschwarme die Landstriche an der mittleren 
und unteren Donau und im Osten und Siiden der Karpathen besetzten 
und zwischen Heidenthum und Christenthum schwankend und getheilt 
waren, da fiel auf natiirliche Weise das christliche Pfingst- oder 
Rosenfest mit der heidnisch-barbarischen Friihlingsfeier zusammen. 
Bei den Slovenen, Serben, Weiss- und Kleinrussen und bei den Slo- 



256 Rose. Lilie. 

waken hiess das Pfingstfest oder ein um die gleiche Zeit begangenes 
frohliches Naturfest rusalija (ahnlich bei Walachen und Albanesen) ; 
aus dem Feste entwickelte sich dann bei den Weiss- und ein em 
Theil der Kleinrussen die Vorstellung iiberirdischer weiblicher We sen, 
die um diese Zeit Feld und Wald beleben, der Rusalky, des mythischen 
Gegenbildes der herumschwarmenden, lachenden, Kranze windenden 
und das selbsterdachte Orakel befragenden slavischen Madchen. Diesen 
historischen Ursprung des Russalkenglaubens aus dem lateinischen. 
rosa hat zuerst Miklosich dargethan (in den Sitzungsberichten der 
Wiener Akademie vom Jahr 1864), wahrend noch Schaffarik in einer 
eigenen Abhandlung die Wurzeln desselben im tiefsten Alterthum 
und in den Abgriinden des Slavismus suchte und Andere, die in der 
Nationalbegeisterung starker als in der wissenschaftlichen Kritik waren, 
den Volksglauben mit mannigfachen poetisch-romantischen Flittern 
eigener Erfindung aufstutzten. Auch in Deutschland mischte sich 
iibrigens in die alten Vorstellungen vom Kampfe des Winters und 
Sommers die siidlandische Rose und das italische Rosenfest (s. Uhland, 
der Rosengarten von Worms, in der Germania 6, 307 ff.); wie die 
Slaven diese Form des Festes und Einkleidung des Mythus von der 
Niederdonau empfingen, so die Germanen aus dem keltisch-romischen 
Tirol und uberhaupt aus Walschland. 

In der neueren Zeit hat die Gartenkunst unzahlige Varietaten 
der Rose geschaffen, in alien Formen und Farben, mit eigenen Phan- 
tasienamen belegt 64 ). Es kamen auch Zeiten, wo die Rose von 
anderen, zum Theil aus fernen Landern eingefiihrten Blumen ver- 
drangt wurde, den Dahlien, Camelien, Azalien u. s. w. Aber bei 
allem Wechsel der Mode wird sich die Rose als Konigin der Blumen 
immer wieder herstellen. Nordlich von den Alpen, besonders in Eng- 
land, mag die Kunst sie in einzelnen Fallen veredeln und vervoll- 
kommnen ; doch wird sie dort nie so in das Leben verwebt sein und 
fast das ganze Jahr hindurch in Villen und an alien Mauern bliihen, 
wie unter dem Himmel von Neapel. Im Orient, so weit er nicht 
ganz in Barbarei verfallen ist, hat sich die Pflege der Rosen wohl 
erhalten: in der Poesie ist die Rose immer gefeiert und die Liebe 
zwischen ihr und der Nachtigall besungen worden; noch jetzt werden 
auf weiten Rosenfeldern die Blatter gesammelt, die zur Bereitung der 
kostlichen Rosenessenz und des beliebten Rosen-Zuckerwerks dienen. 
Der alte Busbequius im 16. Jahrhundert erzahlt im ersten seiner 
Brief e aus Konstantinopel, die Tiirken duldeten nicht, dass ein Rosen- 
blatt auf der Erde liege, denn sie glaubten, die Rose sei aus Mu- 



Rose. Lilie. 257 

hammeds Schweisstropfen entstanden die alte, nicht erloschene, 
nur islamisirte und ins Prosaische iibertragene Adonissage. Auf dem 
angeblichen Grabe Ali's bei Messar, in der Nahe des heutigen Belch 
und alten Bactra, sah Vambery (Reise in Mittelasien, Deutsche Aus- 
gabe, S. 188) die wunderwirkenden rothen Rosen (gull surcti), die 
ihm in der That an Geruch und Farbe alien anderen vorzugehen 
schienen, und die, weil sie nach der islamitischen Lokalsage nirgends 
anderswo gedeihen sollen, auch nirgends angepflanzt worden sind. 
Mit der Rose und weissen Lilie pflegt bei den Alten, wie schon 
aus einigen der obigen Citate hervorgeht, als Schmuck der Garten 
und angenehme Zierde die Viole zusammen genannt zu werden. Ihre 
Geschichte lauft der der Rose parallel. Auch sie stammt als Garten- 
blume und in ihren veredelten Formen aus Kleinasien; Homer er- 
wahnt sie in vergleichenden Adjektiven, wie iodvscprjg, lot,dr { g, iosig^ 
die auf die schwarze Farbe, nicht auf den Duft gehen; einmal auch 
in der Odyssee bei Beschreibung der wunderbaren, selbst die Gotter 
zum Staunen bewegenden Natur um die Hohle der Kalypso : dort 
wachst sie auf weicher Wiese neben dem Eppich (eine iible Stand- 
ortsgesellschaft, Fraas Synops. 114); I'ov bedeutet eben noch jede 
oder irgend eine dunkelbliihende Blume, duftend oder nicht. Spater 
unterschied man von den schwarzen die hellen, farbigen Violen (Find. 
01. 6, 55) und verstand unter den letzteren durchgangig die Levkoje, 
Matthiola incana, und den Goldlack, Cheiranthus cheiri. Das la- 
teinische viola stammt wohl aus dem Griechischen und demgemass 
auch die Kultur dieser Blumen aus Griechenland, welches dieselbe 
selbst, wie gesagt, dem gegenuberliegenden Asien verdankt. 



* Rose und Lilie, Viole, Goldlack. Die zuerst im westlichen Asien 
und im stidlichen Europa kultivirten Edelrosen sind vorzugsweise Kulturformen 
der in diesem Gebiet verbreiteten Rosa galliea L. ; eine durch niedrige Stengel 
ausgezeichnete Varietat derselben, S,. pumila Linn, fil., ist auch noch in Siid- 
und Mitteldeutschland zerstreut wild anzutreffen. Auch die R. centifolia L. 
(Centifolie) gehort dem Formenkreis der R. galliea an; sie ist im Wesent- 
liclien eine Form, deren Staubblatter in Blurnenblatter umgewandelt sind. 
Die Damascener Rose. R. damascena Mill., dagegen ist wahrscheinlich ein 
Bastard der R. galliea L. und der gewohnlichen Hundsrose, R. canina L. 
Das Gleiche gilt von Rosa alba L. Zu letzterer gehoren die heutzutage in 
Ostrumelien in so grosser Ausdehnung kultivirten bulgarischen Oelrosen, 
wahrend in Ostindien meistens die Damascener Rose und in Siidfrankreich 
Rosa galliea var. provincialis als Oelrose kultivirt wird. Endlich kommt als 
Oelrose auch noch die in Nordafrika, Abyssinien und Nordindien heimische 

Viet. Hehn, Kulturpflanzen. 7. Aufl. 17 



258 Rose. Lilie. 

Rosa moschata Mill, in Betracht, von welcher Dr. Dieck vermuthet, dass sie 
das im Alterthum so geschatzte Rosenol von Kyrene geliefert habe. Die im 
Mittelmeergebiet verbreitete R. sempervirens L. hat als Oelrose keine Bedeu- 
tung; von ihr stammen aber die kletternden Ayrshire-Rosen ab. Die Bengal- 
rosen, Theerosen, indischen Monatsrosen etc. stammen von der asiatischen 
Rosa indica L. ab; sie alle haben nur als Zierstraucher Bedeutung, so dass 
also die geruhmten Rosen des Alterthums nur in die Formen- 
kreise der Rosa gallica und R. moschata gehoren. 

Die weisse Lilie, Lilium candidum L., ist in den Gebirgen Griechen- 
laiids und Kleinasiens verbreitet, aber nieist in der Nahe menschlicher Woh- 
nungen; Boissier glaubt, dass sie im Libanon wirklich wildwachsend 
vorkomme. 

Der Levkoje, Matthiola incana L., ist eine an den felsigen Ktisten 
des Mittelmeeres weit verbreitete Pflanze, welche man von den Ka- 
narischen Inseln entlang an Portugal, Spanien, Stidfrankreich, Italien bis 
Griechenland und Cypern verfolgen kann. Von dem Vorkommen der Pflanze 
an den Ktisten Kleinasiens ist mir nichts bekannt. 

Der Goldlack. Cheiranthus Cheiri L., findet sich ebenfalls alsFelsen- 
pflanze in Griechenland und dem ganzen stidlichen Europa zer- 
streut, auch im westlichen Europa, ist aber aus Kleinasien nicht bekannt. 



* * Dass griech. ^poSov eine alte, vorhomerische Entlehnung aus irani- 
schem Gebiet (vgl. awestisch vare^d- Pflanze, np. gul Pflanze xat' eo^v, Rose, 
woraus einerseits armen. vard, andererseits arab. ward, aram. vardah, kopt. 
vert entlehnt wurden) sei, und dass aus einem griech. po&a, poSsa (*po8^a) 
wiederum das lat. rosa hervorging, wird man auch heute noch als die wahr- 
scheinlichere Annahme gelten lassen miissen. In neuester Zeit sind fur die- 
selbe, was das griech. poSov anbetrifft, G. Meyer Griech. Gramm. 3 S. 237, und 
hinsichtlich des lat. rosa K. Brugmann Grundriss I 2 , 2 S. 684 eingetreten. 
Doch fehlt es nicht an abweichenden Anschauungen. So erblickt A. Fick in 
der 4. Auflage seines Vergl. Worterbuchs S. 556 in poSov einen einheimischen 
Pflanzennamen, den er mit griech. p'aSajxvo? junger Zweig und pia Wurzel 
verbindet, Worter, die semasiologisch doch recht fern von p68ov liegen. Auch 
ist, wenn an derselben Stelle armen. vard zur Vergleichung herangezogen 
wird, nicht bedacht, dass dieses Wort bei Urverwandtschaft mit poov *vart, 
nicht vard lauten mtisste (vgl. armen. sirt griech. xapSta). Aehnlich wie 
Fick urtheilt Mikkola B. B. XXH S. 244, wo auch ein lit. radastai Rosen- 
strauch beigebracht und mit diesem sowohl po'Sov wie rosa (*rod-s-a) verglichen 
wird. Bemerkt sei noch, dass im heutigen Armenisch vardeni, das auch in 
kaukasischen Dialekten vorkommt, die Rosa centifolia L. meint, wahrend fur 
Rosa canina etc. andere Namen bestehen (vgl. Koppen, Holzgewachse I, 345). 

Mit grosserem Recht wie fur griech. p"o8ov ist neuerdings die iranische 
Herkunft des griech. Xetptov stark in Zweifel gezogen worden, und zwar durch 
Lagarde, Mittheilungen II, S. 21 ff. Dieser sagt: Alle persischen Worter, 
welche ein L enthalten, miissen mit Vorsicht behandelt werden, da L, welches 
in einzelnen Gegenden Erans ganz oder fast ganz verschwindet, entweder die 



Der Safran. 259 

es enthaltende Vocabel der Herkunft aus der Fremde verdachtigt, oder darauf 
hinweist, dass sie starke Umbjldungen erfahren hat. Stammte das Wort lala 
nicht aus Persien, sondern ware es nur dorthin verschleppt, so diirfte Herr 
Hehn nicht um seinetwillen die Heimath der Lilie in Persien suchen: ware 
lala eine Versttimmlung eines urspriinglich ganz anders lautenden Wortes, so 
konnte ein aus lala entstandenes Xetptov erst verhaltnissmassig spat sein: aber 
Xeiptov ist alt. Ferner w r eist Lagarde darauf hin, dass npers. lala jede wild- 
wachsende Blume bezeichne. Wanderte aber die Lilie aus Persien nach 
Griechenland, so that sie dies schwerlich unter dem ganz allgemeinen Namen 
wildwachsende Blume. Endlich macht er auf die Schwierigkeiten aufmerk- 
sam, den Vocalismus von npers. lala und griech. Xsiptov mit einander zu ver- 
mitteln. Auch Bartholomae in der Wochenschrift fiir klassische Philologie 
1895 No. 22 S. 598 hebt hervor: ,,Wenn das np. Idlah Lilie, Tulpe echtpersisch 
ist, so fiihrt dl aller Wahrscheinlichkeit nach auf alteres (uriran.) ard oder 
arz. Ist das rich tig, so kann das schon bei Pindar (richtiger: Homer, vgl. 
Xeipcoeic) vorkommende Xeipwv nicht aus dem Iranischen entlehnt sein, weil 
jenes dl sich erst wesentlich spater eingestellt hat." Lagarde selbst leitet 
das griechische Wort aus deni Aegyptischen (kopt. 'pfjpe, fifjpi, ,av8-o;', ,xplvov*) 
ab, eine Erklarung, welche darin eine Stiitze findet, dass der in ganz Vorder- 
asien verbreitete Name der Lilie ebenfalls im Aegyptischen wurzelt: syr. 
sosanetd, hebr. sosanndh, arab. sausan, susan, armen. susan, pers. susan (daraus 
altsl. sosonu Lilie), dazu Etymologieum magnum: So5oa 4) rcoXts arco tuiv 
TCcptTiscpoxoTtuv xptvcuv aouaa yap ta Xsipta xaXeltat (vgl. Lagarde, Ges. Abh. S. 227), 
alle aus agypt. seschen Lotus; vgl. Erman, Z. d. D. M. G. 46, 117, der dazu 
bemerkt: Die sem. Worte sind entlehnt zu einer Zeit, als das agypt. Wort 
schon wie im kopt. sosen lautete. Das agypt. Wort bedeutet Lotus Nymphaea L. = 
griech. XCUTOC, das bis jetzt im Aegyptischen aber nicht nachgewiesen ist. Ueber 
den Sinn der semitischen Worter gehen die Ausleger vielfach auseinander. 
Nach Lagarde hatte das hebraische Wort im alten Testament in der Sprache 
der Architekten den Sinn von Lotus gehabt, im Volke aber sei der agyptische 
Name des Lotus auf lilium chalcedonicum oder eine buntbliihende Liliacee 
tibertragen worden. Nach Riehm im Bibellexikon hatte es sowohl die weisse 
Gartenlilie wie auch verwandte wildwachsende Pflanzen bezeichnet. Griech. 
xptvov ist dunkel. (Prellwitz, Etym. W. d. griech. Spr. vergleicht goth. hrains, 
wie er auch Xeiptov : Xetpo? mager, bleich stellt.) Vgl. zur Geschichte der Rosen- 
kultur in sachlicher Beziehung noch v. Fischer-Benzon Altdeutsche Garten- 
flora S. 34 ff. 



Der Safran. 

(Crocus sativus L.) 

Eine friihe beriihmte Blume, der Rose an Rang gleich, sie an 
technischem Nutzen noch iibertreffend, war auch der orientalise he 
Safran, Crocus sativus, der vornehme und erlauchte Verwandte 
des europaischen bescheidenen Fruhlingscrocus, Crocus vernus. Ausser 

17* 



260 Der Safran. 

seinem Dufte, der das orientalische und spater auch das europaische 
Alterthum entziickte, gab die Narbe seiner Bliite auch eine dauernde 
gelbe Farbe, und Gewander, Saume, Schleier, Schuhe, mit dieser ge- 
trankt, erschienen dem Auge der altesten asiatischen Kultur- und 
Religionsgriinder so herrlich, wie der Purpur, sowohl an sich, als 
zum Ausdruck des Lichtes und der Majestat denn Wirklichkeit 
und Symbol scheidet der gebundene Geist jener traumenden Zeiten 
noch nicht. Krokus- und Purpurgewand, thatlose Apathie, Aermel 
am Kleide und Binden um das Haupt bilden die Lust der Phryger, 
Verg. Aen. 9, 614: 

Vdbis picta croco et fulgenti murice vestis, 

Desidiae cordi; juvat indulgere choreis 

Et tunicae manicas et habent ridimicula mitrae. 

Zu der Tracht der Perserkonige, die der alteren babylonisch-medischen 
nachgeahmt war, gehort die safrangelbe Fussbekleidung : in den 
Persern des Aeschylus (v. 657 ff.) ruft der Chor den todten Darius 
aus der Unterwelt mit den beschworenden Worten empor: Erscheine, 
erscheine, alter Herrscher, komme mit der krokusgetrankten Eumaris 
an den Fiissen, mit der koniglichen Tiara auf dem Haupt. (Ueber 
die Verbreitung dieser Pflanze durch Asien s. Ritter, Erdkunde, 
Band 18, S. 736ff.) Den Abglanz orientalischer Heiligung des lichten, 
reinen Safrangelb zeigen die altesten mythisch-poetischen Vorstellungen 
der Griechen. lason, der Argonaute, als er in Kolchis sich anschickte 
mit den feuerspeienden Stieren den Acker zu pfliigen, warf das safran- 
farbige Gewand, mit dem er bekleidet war, ab (Pind. Pyth. 4, 232). 
Bacchus, der orientalische Gott, tragt den xgoxwrfa, das Safrankleid, 
und eben so die taumelnden Theilnehmer an den Freudenfesten, die 
ihm geweiht sind. Der neugeborene Herakles ist bei Pindar in krokus- 
gelbe Windeln gehiillt (Nem. 1, 37). Besonders aber Gottinnen, 
Nymphen, Koniginnen, Jungfrauen werden mit dem safrangelben 
oder mit Safran gezierten Kleide gedacht. Der Pallas Athene sticken 
die attischen Jungfrauen das buntdurchwirkte Krokusgewand, Eur. 
Hec. 466: 

Schonthronige Pallas, soil 

Einst wohl ich in dieser Stadt 

Auf dein Krokosgewande dein 

Eossegespann und den Wagen 

Bilden im Kunstgewebe mit 

Blumengefarbtem Faden? 

Antigone in der Verzweiflung uber der Briider und der Mutter T< 
lasst die krokosfarbene Stolis fallen, in der sie im Gliicke und 



Der Safran. 261 

Konigstochter prangte (Eur. Phoen. 1491), ebenso Iphigenia bei der 
Opferung in Aulis (Aesch. Agam. 239). Venus kleidet die Medea 
in ihr (der Gottin) krokusgewebtes Kleid, Valer. Flacc. 8, 234: 

Ipsa suas illi (Medeae) croceo subtemine vestes 
Induit. 

Die an den Fels geschmiedete Andromeda (oder vielmehr Mnesilochus, 
der als solche verkleidet ist) hat den xQoxostg angelegt (Aristoph. 
Thesm. 1044). Helena hat von ihrer Mutter Leda die goldgestickte 
Palla und den rnit Krokus umsaumten Schleier zum Geschenk er- 
halten und mit nach Mycena gebracht, Verg. Aen. 1, 648 : 

Ferre jubet pallum signis auroque rigentem 
Et circumtextum croceo velamen acantho, 
Ornatus Argivae Helenae, quos ilia Mycenis, 
Pergama quum peteret inconcessosque Hymenaeos, 
Extulerat, matris Ledae mirdbile donum. 

Die Eos im Epos ist durchgangig xQoxoTtenhog, bei Hesiodus die 
Flussnymphe Telesto und die Enyo, die Tochter des Phorkys und 
der Keto, und ebenso die Musen bei Alcman fr. 85: MWGCU XQO- 
xoTiejr&oi,. Auch das Haar der Jungfrauen des Mythus wird als 
krokusfarben angeschaut, so das der Ariadne auf Naxos, Ov. Art. 

am. 1, 530: 

nuda pedem, croceas inreligata comas, 

und das der schonen Tochter des Keleos, die mit aufgeschurztem 
Gewande zum Brunnen eilen, an dem die Demeter sitzt, Hymn, in 

Cerer. 177: 

doch um die Schultern 
Flatterte rings das Haar, der Blume des Krokos vergleichbar. 

Die Bekanntschaft mit der Safranfarbe geht also bei den Griechen 
in die Zeit der Ausbildung des Heroenmythus hinauf; dass sie aus 
orientalischer Quelle stammte, wiirde, wenn dies sonst zweifelhaft 
sein konnte, das Wort xQoxog selbst lehren. Die althebraische Form 
desselben war Jcarkom, wie wir aus dem Hohenliede 4, 14 sehen; in 
andern semitischen Dialecten, z. B. in der Sprache der Cilicier, mag 
sie anders, doch ahnlich gelautet haben. Denn in Cilicien fand sich 
ein Vorgebirge Kwgyxog, und nicht weit davon die corycische Hohle, 
wo in einer Thalniederung der schonste echte Safran wuchs (Strab. 14, 
5, 5), und dass Berg und Gefilde von dem Krokos benannt sind, ist 
eine naheliegende Vermuthung. Ob dem semitischen Worte vielleicht 
ein indisches zu Grunde liegt, das durch uralten Verkehr heriiber- 
gebracht sein konnte, ist fur Griechenland gleichgiiltig , welches die 
gelben oder mit Gelb gestickten Kleider als kostbare Waare zunachst 



262 Der Safran. 

aus semitischen Handen empfangen hatte. Dies war schon in und 
vor der epischen Zeit geschehen; eine andere Frage aber ist, ob die 
homerischen Sanger die Blume selbst schon mit Augen erblickt batten? 
Als Zeus und Hera auf dem Ida sich vereinigten, sprosste der Krokos, 
wie Lotos und Hyakintbos, aus der Erde, II. 14, 347: 
Ihnen gebar frisch griinenden Rasen die heilige Erde, 
Lotos, besprengt mit Thau, auch Krokos und auch Hyakinthos, 
Dicht zur weichlichen Streu, die vom Boden sie schwellend emporhob 

aber das ideale Friihlings - Brautbett des Himmels und der Erde 
schmiickt der Dichter mit dem Herrlichsten, von dem er in Nahe 
und Ferae gehort. Auch sonst wachsen Krokusblumen auf den 
mythischen Wiesen, den Schauplatzen der Gottergeschichte , so bei 
dem Raube der Proserpina, Horn. h. in Cerer. 6: 

Rosen sich pfluckend und Krokos und liebliche Veilchen auf zarter 
Wiese 

425: 

Spielten und lasen uns liebliche Blumen daselbst mit den Handen, 
Bald Hyakinthos und Iris und bald den freundlichen Krokos, 
Kelche der Rosen und Lilien aucb, ein Wunder zu schauen, 
Auch den, gleich dem Krokos, die Erde gebar, den Narkissos. 

Wie bier in Proserpina, ist aucb Creusa, die Tochter des Erechtheus, 
beschaftigt, goldene Krokusbliiten in ihren Schooss zu lesen, da sie 
von dem schimmernden Gotte Apollo iiberrascbt wird, Eurip. Ion. 887: 

Da erschienst du mit goldenem Haar 
Schimmernd, als ich zur Blumenzier 
Sammelte mir ins Gewand 
Goldleuchtende Krokosbliiten. 

Und ebenso die Gefahrtinnen der Europa, als sich ihr Zeus in Stier- 
gestalt nahte, Mosch. 1, 86: 

Sie wetteifernd lasen sich grade des goldenen Krokos 
Duftendes Haar. 

Wenn Pan auf weicher Wiese mit den Nymphen singend streift, dann 
bliiht Krokos und Hyakintbos unter dem mannigfachen Rasen, Horn, 
h. in Pan. 25: 

Auf dem Teppich der Wiese, da wo Hyakinthos und Krokos 
Duftend sich drangen und bliihn in verworrener Fiille der Graser. 

Als die Pbantasie diese Scenen erfand , war die Aufmerksamkeit 
schwerlich scbon auf die einheimischen Krokus-Arten gelenkt; uberall 
ist der feme asiatiscbe Safran gedacbt, von dem die Sage erzahlte. 
Auch in dem herrlichen Triumphliede des Sophokles auf Kolonos 



Der Safran. 263 

schob sich der begeisterten Anschauung des Dichters statt des wirk- 
lichen Fruhlingsblumchens, das dort wuchs, der als goldstrahlend ge- 
dachte Crocus sativus des Morgenlandes unter, 0. C. 681: 

Und in schonem Geringel bltiht 

Ewig unter des Himmels Thau Narkissos, 

Der altheilige Kranz der zwei 

Grossen Gottinnen; golden glanzt 

Krokos; nimmer versiegen die 

Schlummerlosen Gewasser. 

Theophrast aber unterscheidet schon genau den wilden, ogewog, nicht 
duftenden d. h. Crocus vermis, von dem kultivirten, ^ueQog, mid duf- 
tenden (h. pi. 6, 8, 3). Den ersten nennt er auch den weissen, eine 
dritte Art den dornigen, die beide duftlos sind (7, 7, 4). Doch biisste 
die Blume in dem kalteren Europa einen Theil ihres Aromas ein, 
denn sie artet leicht aus (6, 6, 5); unter alien von Griechen be- 
wohnten Landschaften aber trug der Krokus von Gyrene am afri- 
kanischen Stran'de den Preis da von (de cans. pi. 6, 18, 3). Auch 
in den romischen Garten finden wir neben Rosen, Lilien und Violen 
auch den Krokus ; Varro 1, 35, 1 giebt an, wann liliuin und crocus 
zu stecken, und wie Rosenbiische und violaria zu behandeln sind. 
Doch war die Blume fremd und sie erziehen ein Triumph der Accli- 
matisationskunst: wir sehen dies aus Columella, der sie mit der casia, 
dem Weihrauch, der Myrrhe zusammenstellt, 3, 8, 4: quippe com- 
phiribus locis urbis jam casiam frondentem conspicimus, jam tuream 
plantam, florentesque hortos myrrha et croco. Nach Plinius 21, 31 
lohnt es sich nicht, in Italien Safran anzupflanzen; serere in Italia 
minime expedit, doch wird auch wieder der sicilische geriihrnt und 
mit dem italischen verglichen, den es also doch geben musste. Auf 
jeden Fall konnte den starken Verbrauch die einheimische Produktion 
nicht decken, und der sonnigere Orient musste Massen von Safran, 
theils roh, theils in Gestalt von Wassern, Salben, Arzneien, gefarbten 
Stoffen ins romische Italien senden. Wo der vorzuglichste wuchs, 
daruber waren die Meinungen getheilt; Theophrast hatte den cyre- 
naischen besonders hervorgehoben, Vergil den des lydischen Tmolus- 
Gebirges, Georg. 1, 56: 

nonne vides croceos ut Tmolus odores, 
India mittit ebur? 

Sonst gait allgemein der cilicische, namentlich der vom Berge Corycus, 
fur den edelsten, so auch bei Dioscorides 1, 25, der fur den nachst 
besten den lycischen vom Berge Olympus, fiir den dritten den von 



264 Der Safran. 

der aolischen Stadt Aegae in Kleinasien erklart. Plinius 21, 31 weist 
nach dem cilicischen und lycischen dem von Centuripae in Sicilien, 
einer Stadt am Fusse des Aetna, den dritten Rang an. In den Zeiten 
romischen Reichthums und sinnloser Anwendung desselben wurden, 
wie Rosenblatter, so auch Krokusdiifte und Krokusblumen ver- 
schwendet, wovon in den scriptores historiae Augustae Beispiele zu 
nnden sind. Wenn schon Lucretius zur Zeit der Republik den 
Gebrauch kennt, die Theater des Wohlgeruchs wegen mit Safran- 
wasser zu besprengen 2, 416: 

et cum scena croco Cilici perfusa recens est, 

und nach Sallustius bei Macrob. Sat. 3, 13, 9 Metellus Pius durch 
em Gastrnahl gefeiert wurde, bei dem der Speisesaal wie ein Tempel 
ausgestattet und der Boden mit Krokus bestreut war: simul croco 
sparsa humus et alia in modum templi celeberrimi, so ist nicht 
zu verwundern, wenn zur Kaiserzeit die Statuen im Theater von 
Krokussaft flossen, Lucan. 9, 809 : 

Atque solet pariter totis se effundere signis 
Corycii pressura croci : sic omnia membra 
Emisere simul rutilum pro sanguine virus 

oder wenn es von Hadrian heisst, Ael. Spart. 19 : in honor em Trajani 
balsama et crocum per gradus theatri fluere jussit, und Heliogabalus, 
der verkorperte Orient auf dem romischen Thron, in Teichen sich 
badete, deren Wasser durch Safran duftend gemacht war, oder seine 
Gaste auf Polstern von Krokusblattern niedersitzen liess. Auch die 
Kochkunst und Medicin machte von dem Safran reichlichen Ge- 
brauch. Er bildete eine beliebte Wurze in Speisen und Getranken 
und war gegen alle Uebel heilsam. Es gab wenig componirte Recepte, 
in deren Zusammensetzung dieser Bestandtheil fehlte (J. F. Hertodt, 
Crocologia s. curiosa croci enucleatio. Jenae 1670, 8). Die hohen 
Ehren, die das Alterthum dem Safran zuerkannt hatte, mussten in 
dem kindisch abhangigen Mittelalter unverkurzt bleiben, ja sich noch 
steigern. So ging die Sage, unter Eduard III. habe ein Pilger aus 
dem gelobten Lande in einem ausgehohlten Stocke eine Saffranzwiebel 
nach England gebracht (Beckmann, Beytrage, 2, 80), offenbar 
weil das Kostlichste auf Erden nur in tiefem Geheimniss und unter 
Lebensgefahr zu gewinnen ist ; mit der Seide hatte es ja eine ahnliche 
Bewandtniss gehabt. In Wirklichkeit waren es die Araber, die neben 
so vielem Andern auch diese Kultur nach Europa brachten; ihnen 
gelang, was das Alterthum entweder vergeblich unternommen oder 
bei dem offenen Verkehr mit dem Orient nicht ernstlich versucht 



Der Safran. 265 

hatte. Von jener Zeit und aus Spanien stammen die Safranfelder 
am Mittelmeer, wie auch seitdem der arabische Name Safran, ital. 
zafferano, span, azafran u. s. w. den alten griechisch-romischen crocus, 
der freilich anderthalb oder zwei Jahrtausende fruher auch von den 
Grenzen Arabiens gekommen war, verdrangt hat. NUT darin haben 
sich die Zeiten geandert, dass die jetzigen Menschen gegen das 
Aroma dieser Blume gleichgiiltig geworden sind: weder gilt der 
Duft und Geschmack fur so reizend, wie er friiheren Geschlechtern 
schien: ja Manche weisen ihn ganz ab; noch bediirfen wir dieser 
Bliitengriffel ausschliesslich , um den Geweben und dem Leder 
den Glanz hochgelber Farbe zu geben; und dies Alles nicht bloss 
in Europa, sondern, was merkwiirdig ist, auch im Orient selbst. 
Dieser Eiickgang des Safrans in Asien beweist, dass auch in 
jener uiibeweglichen , ganz von unabanderlichen Naturbedingungen 
gebundenen Weltgegend in langen Zeitraumen langsame Abweichungen 
vor sich gehen und die Nerven eine andere Stimmung gewinnen. 

Wir fiigen noch anhangsweise hinzu, dass eine ahnliche, doch 
minder edle Farbepflanze , der Saflor, Carthamus tinctorius , ein 
Distelgewachs, das in Ostindien zu Hause ist, schon den Griechen 
iiber Aegypten bekannt geworden war. Der griechische Name xvrjxog 
entspricht einigermassen dem indischen (s. Benfey, Wurzelworter- 
buch, unter diesem Wort) und stammte ohne Zweifel aus der an- 
gegebenen vermittelnden Gegend. Schon Aristoteles und Theophrast 
kennen das Wort; Theokrit braucht es adjectivisch in der Bedeutung 
fahl, gelblich (wo es dann die Grammatiker xvqxog betont haben 
wollen). Theophrast unterscheidet h. pi. 6, 4, 5, schon die aygCa 
und die yiusgog, von der Anwendung zur Farberei aber spricht er 
nicht, die doch allein die Verbreitung bewirkt haben kann. Im 
heutigen Aegypten werden die Samen gegessen, in Italien dienten 
sie als Lab zur Milch. Erst die Araber aber lehrten den Anbau im 
Grossen und die Benutzung zur Roth- und Gelbfarbung, und von 
ihnen stammt denn auch der Name, ital. asforo, asfiori, zaffron, 
deutsch Saflor, engl. safflow, zaffer u. s. w. 



* Der in Sudeuropa und England, namentlich in Spanien kultivirte 
Safrancrocus, Crocus saiivus L., ist mit keiner der wildwachsenden Formen voll- 
kommen identisch; er ist stets steril, wenn er nicht mit dem Pollen einer 
wilden Form befruchtet wird. Wildwachsend findet sich Crocus sativus L. 
auf den Bergen bei Smyrna, auf Greta, den Cykladen und um 
Athen, in einer anderen Varietat auch in Taurien, Thracien und 
Dalmatien. 



266 Die Dattelpalme. 

** Zu griech. xpdxoc etc. vgl. noch das ebenfalls aus dem Semitischen 
entlehnte armen. k'rk f um Safran (Hiibschmann , Z. d. D. M. G. 46, 254). 
Griech. xv?]v.o<;, xvrjxvo? wird ein einheimisches Wort mit der Bedeutung gelb 
sein = scrt. Jcdncana golden (Fick, Vgl. W. 4 I, 19). Das von Benfey (oben 
S. 265) angezogene scrt. Icufikuma Safran 1st wohl fernzuhalten, hingegen bringt 
Muss-Arnolt, Transactions XXIII S. 116, nach Oppert ein assyr. Jcarkuma (?). 
Auch pers. Tcarkum. Vgl. noch Low, Aram. Pflanzennamen S. 215 220. 



Die Dattelpalme. 

(Phoenix dactylifera L.) 

Die Dattelpalme ist nach Ritter der echte Reprasentant der 
subtropischen Zone ohne Regenniederschlag in der Alten Welt, einer 
Zone, als deren Mittelpunkt etwa Babylon, die palmenreiche Haupt- 
stadt der semitischen Volker, angesehen werden kann. Am besten 
gedeiht sie nach Link, Urwelt 1, 347, zwischen dem 19. bis 35. Grad 
nordlicher Breite; siidwarts vom Ausfluss des Indus und eben so in 
der Landschaft Darfur unter 13. bis 15. Grad der Breite ist sie bereits- 
verschwunden ; nach Norden bedarf sie, um geniessbare Friichte zu 
tragen, einer mittleren Jahreswarme von 21 bis 23 C. Sie verlangt 
Sandboden und liebt den sengenden Hauch der Wiiste; aber als 
Gegensatz ist Befeuchtung ihren durstigen Wurzeln unentbehrlich. 
Der Konig der Oasen, sagt der Araber, taucht seine Fiisse in Wasser 
und sein Haupt in das Feuer des Himmels. Kein Sturm bricht 
oder entwurzelt die Dattelpalme, denn ihr Stamm besteht aus den 
verflochtenen Fasern der Blattstiele, und die durch einander geschlun- 
genen Wurzeladern binden sie an den Boden. Sie wird 50 und mehr 
Fuss hoch, sie wachst langsam, ist mit 100 Jahren in ihrer vollen 
Kraft, von da an mm nit sie ab. Durch das Schirmdach der sauseln- 
den geneigten Blatter dringt kein Sonnenstrahl ; drunten weht es 
lieblich, auch das Wasser fehlt nicht; Gemiise und kleinere Frucht- 
baume gedeihen noch auf dem Boden. Alle Ortschaften, alle Einzel- 
hiitten der Araber bergen sich in Palmenhainen, und mit Freude 
sieht der Reisende am Wiistenhorizont die dunkeln Kronen auf- 
tauchen, gewiss, dort bewohnte Statten und gastfreundliche Aufnahme 
zu finden. Ehret die Dattelpalme, soil der Prophet gelehrt haben, 
denn sie ist eure Muhme von Vaters Seite (Kazwini bei S. de Sacy, 
Chrestomathie arabe, 3 p. 378) und sie ist aus demselben Stoffe 
geschaffen, wie Adam und der einzige Baum, der kiinstlich befruchtet 



Die Dattelpalme. 267 

wird. Im heutigen Arabien bildet die Dattel das Brod, das eigent- 
liche tagliche Brod des Landes und zugleich den wichtigsten Handels- 
artikel (nach Palgrave, Reise in Arabien, 1, 46 der deutschen Aus- 
gabe). Aber nicht von Anbeginn ist der Baum in vollem Masse 
das gewesen, was er jetzt ist. Erst die Pflege der Menschenhand 
hat ihn so veredelt, dass seine Friichte siiss und essbar wurden und 
ganze Volkerstamme jetzt von ihm fast ausschliesslich leben konnen. 
Die altesten Nachrichten kennen die Dattelpalme noch nicht als 
Fmchtbaum (s. die Ausfiihrung bei Ritter, Erdkunde, 13, 771 ff.). 
Es war in den Ebenen am unteren Euphrat und Tigris, im Paradies- 
klima des Baumes, wo, wie Ritter urtheilt, die Kunst der Dattel- 
veredelung von den babylonischen Nabataern zuerst erfunden und 
geiibt wurde. Dort zog sich meilenweit eine ununterbrochene frucht- 
tragende Palmenwaldung fort; dort befriedigte der Baum fast alle 
Lebensbediirfnisse; es gab nach Strabo 16, 1, 14 einen persischen, 
nach Plut. Symp. 8, 4, 5 einen babylonischen Hymnus, in welchem 
360 Arten, von ihm Nutzen zu ziehen, aufgezahlt waren (die mystisch- 
astrologische Zahl, die uns schon bei den Aegyptern begegnet ist, 
und die z. B. bei den 360 Frauen des Perserkonigs, regiae pellices, 
die den Macedoniern in die Hande fielen, Curt. 3 , 8 , wiederkehrt). 
Von dort wurde die fruchttragende Dattelpalme nach Jericho, Pho- 
nizien, zum ailanitischen Golf am rothen Meer u. s. w. verbreitet. 
Man kann dies merkwiirdige Factum der Kulturgeschichte nur mit 
jener andern Thatsache in Parallele stellen, dass das Kameel erst 
seit dem dritten Jahrhundert nach Chr. in Afrika eingefiihrt worden 
welches Thier doch fiir die libyschen Wiisten wie geschaffen 
scheint und den unzuganglichen Welttheil fremden Volkern, ihrem 
Handel, ihrer Religion erst geoffnet hat (s. Waitz, Anthropologie 
1, 410, der sich auf Reinaud im Institut von 1857 p. 136 beruft; 
auch nach Brugsch fehlt das Kameel ganzlich auf den agyptischen 
Monumenten, histoire d'Egypte, p. 25: nous remarquons que le 
chameau, r animal le plus utile aujourd'hui en Egypt e, ne se ren- 
contre jamais sur les monuments)**). Kameel und Dattelpalme, 
zwei innerlich verwandte und denselben Existenzbedingungen unter- 
worfene Geschopfe, gehoren dem Oasenvolke der Semiten, dem Volke 
der bitteren Miihsal und der traumerischen Musse, nicht nur ur- 
spriinglich an, sondern sind auch von ihm, so zu sagen, geschaffen 
worden: es hat das erstere gezahmt und verbreitet und der andern 
den nahrenden Fruchthonig entlockt und so durch beides eine ganze 
Erdgegend bewohnbar gemacht. 



268 Die Dattelpalme. 

Von einer Uebertragung der Dattelpalme nach Europa in dem 
Sinne, wie der Weinstock, der Oel- und Kirschbaum dort eine zweite 
Heimath fanden, kann nach den oben angegebenen klimatischen Be- 
dingungen, von denen sie abhangt, nicht die Rede sein. Sie wurde 
am nordlichen Ufersaume des mittellandischen Meeres angepflanzt, 
aber trug keine reifen Friichte mehr; sie schmiickte reizend und 
fremdartig die Landschaft und lieh ihr einen fliichtigen Schimmer 
der jenseits gelegenen orientalischen Sonnenlander ; der nordische 
Gebirgsbewohner, der in die Kiistenlander hinabstieg, staunte sie als 
eine wunderbare Naturgestalt an, aber er konnte nicht, wie der 
Orientale, sorglos sein Dasein an sie kniipfen und in ihrem Schatten 
Marchen ersinnen und anhoren: eine schwerere Arbeit war ihm unter 
dem rauheren europaischen Himmel auferlegt. Zwar ist alle Baum- 
zucht, wenn sie auch nachdenkliche , zusammenhangende Thatigkeit 
voraussetzt und entwickelt, eine leichtere, in gewissem Sinne huma- 
nere Beschaf tigung : aber von dem Leben unter der Dattelpalme gilt 
dies in allzu hohem Grade, und der Mensch, dem sie fast ohne sein 
Zuthun Alles gewahrt, bleibt ewig in dusterem Fatalismus gebunden, 
und unter der wurdevollen Ruhe, die inn selten verlasst, schlummert 
eine heisse tigerartige Leidenschaft. 

Von wem den Griechen die Kenntniss des wunderbaren Baumes 
zugekommen war, lehrt uns gleich an der Schwelle der Name, den 
er bei ihnen fiihrt. Wie <foCvi% Scharlach die aus Phonizien stam- 
mende Farbe, (povi%, (powixtov ein phonizisches musikalisches In- 
strument, so bezeichnete <poivt,% Dattelpalme den aus Phonizien 
herriihrenden Baum 66 ), der als charakteristisches Produkt und zu- 
gleich Symbol des Landes auf phonizischen, spater karthagischen, in 
Sicilien geschlagenen Miinzen wiederkehrt. Die Ilias weiss von der 
Palme nichts, die an der anatolischen Kiiste ganz ebenso, wie im 
eigentlichen Griechenland ein Fremdling ist; aber Odyss. 6, 162, in 
der altesten und schonsten Partie dieses Epos, wird der Palme auf 
Del os gedacht, in Worten, aus denen die Bewunderung spricht, die 
das neu erschienene fremdartige Pflanzengebilde bei den Griechen 
der epischen Zeit erregte. Odysseus hat sich am Meeresstrande der 
Nausikaa genahert und spricht zu ihr schmeichelnd und um Hulfe 
flehend : 

Denn noch nirgends sah ich, wie Dich, der Sterblichen einen, 

Sei es Weib oder Mann, und Bewunderung fasst mich beim Anblick. 

Also auf Delos erblickt' ich einst mit Augen der Palme 

Jung aufstrebenden Spross am Altar des Phobus Apollon. 



Die Dattelpalme. 269 

Derm dorthin auch war ich gelangt mit vielen Genossen 

Auf der Fahrt, die mir, schwer zum Unheil sollte gereichen. 

So nun jeiie erblickend, erstaunt ich lang' im Gemiithe, 

Denn nicht tragt ein solches Gewachs sonst irgend die Erde. 

So auch Dich, o Jungfrau, schau ich bewundernd und fiirchte 

Flehend die Knie zu beriihren, und schmerzliche Trauer befangt mich. 

Der weitgewanderte Odysseus also hatte sonst nirgends auf Erden 
einen Baum (dogv in dieser alterthiimlichen Bedeutung nur an 
dieser einen Stelle, sonst bei Homer imrner Balken, Speer; wohl mit 
Bezug auf den graden, zweiglosen, oben in einer Krone endigenden 
Schaft), wie den Spross des Phonix ((powixoQ ggvog) gesehen, und 
er vergleicht die schlanke Bildung des letzteren mit der Gestalt der 
koniglichen Jungfrau, ganz wie der Sanger des Hohen Liedes, 7, 8: 
Dein Wuchs gleicht der Palme und Deine Bruste den Datteltrauben, 
und wie Konigstochter im Alten Testament den Namen Tamar, 
Dattelpalme, tragen. Auch der homerische Hymnus auf den delischen 
Apollo, der bei einer delischen Festversammlung gesungen word en 
sein mag, versaumt nicht die Palme zu nennen, die der Stolz der 
Insel war; an ihrem Fuss, den Stamm mit den Armen umfassend, 
117: a(JL(pl ds <powix(, pake nqxes, gebiert Leto ihren herrlichen 
Sohn. Je besuchter die Insel als apollinischer Wallfahrtsort und als 
Emporium wurde, desto hdher stieg der Ruhm der delischen Palme, 
zumal da er auch in der Odyssee einen Widerhall gefunden hatte 67 ). 
Palmblatter dienten spater bei den vier grossen Festen als Sieges- 
zeichen, theils in Gestalt von Kranzen auf dem Haupt theils als 
Zweig in den Handen: zur Erklarung dieser Sitte, die schon Pindar 
kennt (s. Boeckh zu Pind. Fr. p. 578), berichtete der Mythus, 
Theseus habe, von Kreta zuruckkehrend, in Delos zu Ehren Apollos 
ein Kampfspiel gefeiert und die Sieger mit Zweigen der Palme ge- 
schmiickt, und dies sei dann auf die iibrigen Spiele iibergegangen 
(Plut. Thes. 21. Sympos. 8, 4, 3. Pausan, 8, 48, 2). Wir deuten 
dies so, dass nicht bloss die Palme als Attribut des Licht- und 
Sonnengottes Apollon, sondern der Palmzweig als Symbol des Sieges, 
und der Siegesfreude uber Kreta und Delos aus dern Kultur- und 
religiosen Vorstellungskreise der Semiten gekommen war, denn auch 
bei diesen dienten Palmen als Zeichen des Lobes und Sieges und 
festlicher Freude (z. B. am jiidischen Laubhiittenfest) , und Theseus 
personificirt die Fahrten und Thaten der attischen lonier zwischen 
Kreta und Athen und erscheint als ein eifriger Jiinger auch der 
semitischen Aphrodite. Statt des Theseus nannte eine auf anderem 
Lokal erwachsene Legende denHerakles: dieser hatte aus der Unter- 



270 Die Dattelpalme. 

welt wiederkehrend zuerst die Palme erblickt und sich mit ihren 
Zweigen bekranzt, Philargyr. ad V. G. 2, 67: quia Hercules cum 
ab inferis rediret hanc primus arborem dicitur contemplatus esse 
et se inde coronasse, conveniente colore arboris itti eventui quo e 
tenebris in lucem commeavit wo im Herakles der orientalische 
Sonnengott, dem die Palme als Baum des Lichts angehort, nicht 
zu verkennen ist. Damals hatte der arkadische Held lasios als erster 
Ueberwinder im Wettrennen von Herakles die Siegespalme erhalten, 
und Pausanias 8, 48, 1 sah sein Bild in der Stadt Tegea, wie er in 
der Linken ein Ross fiihrte und in der Rechten den Palmzweig 
Melt. Schon in der Mitte des siebenten Jahrhunderts vor Chr. stif- 
tete der Tyrann Kypselos, der Herrscher im halborientalischen Ko- 
rinth, eine eherne Palme als Weihgeschenk in Delphi, woselbst die 
natiirliche Palme nicht wuchs : die unten am Stamme angebrachten 
Frosche und Wasserschlangen machten den spateren Mythologen und 
Hodegeten viel Kopfzerbrechens (Pint. Conv. sept. sap. 21. de Pyth. 
oracc. 12); wahrscheinlich hatte der Kiinstler in naturalistischer 
Weise nur ausdriicken wollen, dass die Palme, das Kind der Wuste, 
doch ohne im Boden verborgenes oder aus der Tiefe hervorbrechen- 
des Wasser nicht leben kann, brakiges Wasser aber allem Uebrigen 
vorzieht woriiber ihm in Korinth wohl Kunde zugekommen sein 
konnte. Wie Kypselos, weihten auch die Athener zu Ehren ihres 
Doppelsieges am Eurymedon, vielleicht um damit das Land zu be- 
zeichnen, in welchem dieser Sieg erfochten war, eine eherne Palme 
in Delphi (Paus. 10, 15, 3) und spater eine gleiche durch Nikias 
in Delos (Plut. Nic. 3, 5); Palmbaume sieht man auf Miinzen von 
Ephesus, von Hierapytna und Priansus auf Kreta, von Karystos auf 
Euboa (s. Mionnet unter diesen Stadten) und auf Vasengemalden 
als Attribut der Leto und des Apollo oder auch den Palmzweig als 
dem Sieger am Ziele winkend (z. B. vor einem brausend daher- 
sprengenden Viergespann bei Millin 1, pi. 24). Dass auch das 
argivische Nemea schon zu Pindars Zeit seine Palme besass, geht 
aus dem von Dionysius de comp. verb. 22 aufbewahrten Anfang 
des in Athen gesungenen Friihlings-Dithyrambus dieses Dichters 
hervor, v. 12: 

Im Argeischen Nemea bleibt dem Seher nicht verborgen 

Der Palme Spross, wenn der Horen Gemach sich offnet 

Und den duftenden Friihling empfindeii die nektarischen Pflanzen 

wo die homerische Formel (poCvixog, tyvog nichts anderes bedeutet 
als Palmbaum (Hesych. cpoCvixog sgvog' TceQKpQaGnxwg TOV 



Die Dattelpalme. 271 

der Seher, [idvug, aber wohl nur der priesterliche Wachter 1st, der 
den geweihten Baum beobachtet und pflegt. Auch zu Aulis vor 
dem Tempel der '.dortigen Artemis fand Pausanias 9, 19, 5 Palm- 
baume stehen, die keine so schoneu Datteln gaben, wie die von 
Palastina, aber immer siissere, als die in lonien erzeugten. So batten 
sich denri im Laufe der Zeiten trotz des pythagoreischen Verbots 
fjirjds (poivixa (pvievsw, keinen Dattelbaum zu pflanzen, Plut. de Is. 
et Os. 10 (weil Zweige dieses Baumes das Siegeszeichen abgaben, 
ein solches aber den Pythagoreern gottlos schien) bin und wieder in 
Griechenland die Umgebungen der Heiligthiimer und Ortschaften rnit 
einzelnen oder Gruppen jener babylonisch-libyschen Wunderbaume 
geschmiickt, zum Staunen Jedes, der sie zum ersten Male sah. 

Wenden wir uns zu den Schicksalen der Palme in Sicilien und 
Italien, so mussen wir vor Allem die Dattelpalme, Phoenix dacty- 
lifera, und die Zwergpalme, Chamaerops humilis. genau unter- 
scbeiden - - letztere ein in Spanien, Sicilien und aucb Unteritalien 
auf heissem Boden wucherndes, meist verkriippeltes , blaugriines Ge- 
strauch, dessen junge Blattsprossen , Wurzeln und Friichte gegessen, 
und aus dessen facherforrnigen Blattern Kehrbesen verfertigt, Stricke 
gedrebt und Korbe, Matten u. s. w. geflochten werden. In Folge 
des gleichen Namens palma sind haufig Notizen der Alten, die sich 
auf die Zwergpalme bezogen, irrig fur die Geschichte der Dattelpalme 
benutzt worden. Schon Tbeophrast sondert beide Arten aufs Be- 
stimmteste, h. pi. 2, 6, 11: die sog. Zwergpalmen (o %aft(U()Qi,<pZg 
xakovpevoi?) sind von den Dattelpalmen verschieden, obgleich sie den- 
selben Namen tragen: sie leben nacb Entfernung des Gebirns fort 
(die schmackhaften Blatterknospen, wabrend die Dattelpalme abstirbt, 
wenn man ihr das cerebrum, den Gipfeltrieb, nimmt) und abgehauen 
scblagen sie aus der Wurzel wieder aus (dies sind die eaeduae pal- 
marum silvae, germinantes rursus ab radice succisae des Plinius, 
die Dattelpalme treibt nicbt wieder aus der Wurzel). Sie unter- 
scheiden sich auch durch die Frucht und die Blatter: letztere sind 
breit und zart (sie sind denen der Facherpalme nicht unahnlich), 
weshalb man auch Korbe und Matten aus ihnen flicht (wie noch 
heut zu Tage). Die Zwergpalmen sind haufig in Kreta, aber noch 
mehr in Sicilien. Von den Wurzeln und Trieben dieser sicilischen 
Kiistenpalme nahrten sich die Matrosen der von ihrem Fiihrer ver- 
lassenen Flotte bei Cic. Verr. II, 5, 87: posteaquam paulum pro- 
vecta classis est et Pacliynum quinto die denique appulsa: nautae 
coacti fame radices palmarum agrestium, quarum erat in illis 



272 Die Dattelpalme. 

locis, sicut in magna parte Siciliae, multitude, eolligebant et his 
miseri perditique alebantur. Wenn Vergil Aen. 3, 705 sagt: pal- 
mosa Selinus, so dachte er an die Zwergpalme, die noch jetzt die 
Kustensteppe um die Ruinen dieser Stadt bei Castelvetrano weit 
und breit iiberzieht. Von derselben Palme kamen die Kehrwische, 
mit denen der musivische Fussboden gereinigt wird, bei Horaz 

Sat. 2, 4, 83: 

Ten' lapides varios lutulenta radere palma, 

und bei Martial 14, 82: 

In pretio scopas testatur palma fuisse. 

Zu den Stricken, Seilen und Matten, die Varro 1, 22, 1 aus Hanf, 
Flachs, Rohr, Pal men und Binsen bereiten lasst, ebenso zu den 
Palmmatten, mit denen Columellas Oheim in der Provinz Batica zur 
Zeit der Hundstage seine Weinreben bedeckte (Col. 5, 5, 15), dienten 
die Blatter der einheimischen Zwergpalme. Palma campestris bei 
Colum. 3, 1, 2 ist offenbar Chamaerops humilis, und eben dahin 
gehort die regio palmae foecunda bei demselben 11, 2, 90. Das 
Verbum palmare, Colum. 11, 2, 96: caeterum palmare id est ma- 
terias alligare - - kann weder von palma, die flache Hand, mit der 
sich nichts anbinden lasst, noch von palmes, palmitis, gebildet sein, 
sondern nur von palma, die Zwergpalme. Selbst die planta pal- 
marum bei dem spateren Palladius 5, 5, 2, quam cephalonem voea- 
muSj und die den diirren Boden, der sonst keine Frucht tragt, von 
selbst iiberdeckt 11, 12, 2: constat autem locum prope nullis utilem 
fructibus in quo palmae sponte nascuntur kann keine andere 
sein, als die Chamaerops humilis, die noch jetzt in Italien cefag- 
lione heisst (von gy*<paAog, die essbaren obersten jungen Sprossen). 
Auch die Insel Palmaria, jetzt Palmarola, hiess so von dem Palmen- 
gestrauch, mit dem sie urspriinglich bewachsen war. Aber auch 
die Dattelpalme oder die Palme als wirklicher Baum tritt uns in 
Italien ziemlich friihe entgegen. Zwar wenn erzahlt wurde, Rhea 
Silvia, die Mutter des Romulus und Remus, habe im Traume am 
Altar der Vesta zwei Palmbaume aufwachsen sehen, von denen der 
eine grossere den ganzen Erdkreis beschattete und zugleich den Him- 
mel mit dem Gipfel beriihrte, Ov. Fast 3. 31: 

Inde duae pariter, visu mirdbile, palmae 
Surgunt. Ex illis altera major erat 
Et gravibus ramis totum protexerat orbem 
Contigeratque sua sidera summa coma 

so konnte diese griechische Dichtung erst entstehen, als Rom schon 
machtig und an Siegen reich war, und das Vorbild gab der Wein- 



Die Dattelpalme. 273 

stock ab, der aus dem Schooss der Mandane , der Tochter des 
Astyages, emporwuchs und ganz Asien uberdeckte, oder jener Oel- 
kranz, den Xerxes im Traum sah und dessen Zweige uber die ganze 
Erde reichten, Herod. 7, 19. Aber auch in Roms friiherer Zeit, da 
es noch klein war und sein Name nicht weit reichte, war schon die 
tunica palmata, die die Romer mit den ubrigen Abzeichen obrigkeit- 
licher Herrlichkeit von den Etruskern uberkommen batten, mit den 
Blattformen der orientalischen Dattelpalme gestickt. Palmzweige als 
Siegespreis in den romischen Spielen kamen, wie Livius 10, 47 aus- 
driicklicb berichtet, zuerst im Jahr der Stadt 459 oder 293 vor Cbr. 
vor, in Nacbabmung griechischer Sitte: translate e Crraecia more. 
Hieraus, wie aus der Palmstickerei ware freilich noch nicht mit 
Sicherheit zu schliessen, dass die Palmbaume selbst schon in Italien 
wuchsen: die zu den Siegespreisen nothigen Blatter konnten zu 
Schiff nach Italien kommen, wie noch heut zu Tage der Seehandel den- 
selben Artikel fur jiidische und christliche Feste liefert, und dies um 
so leichter, als Palmblatter lange griin bleiben und nicbt welken. 
Aber um dieselbe Zeit im Jahre 291 vor Chr., geschah folgendes 
Wunder im Hain des Apollo zu Antium : die Romer batten aus An- 
lass einer Pest die Schlange des Aesculap aus Epidauros geholt und 
landeten mit ihr in der genannten Stadt ; die Schlange, die bis dahin 
den Abgesandten klug und willig gefolgt war und deren Absichten 
errathen hatte, schliipfte aus dem Schiff, ringelte sich um die dort 
stehende bohe Palme und kehrte nach drei Tagen ruhig in das 
Schiff zuriick, welches dann den Tiber hinauf nacb Rom fuhr u. s. w. 
(Val. Max. 1, 8, 2). Man mag iiber diesen Vorgang denken, wie 
man wolle: die Existenz eines Palmbaumes in Antium muss als 
Ankniipfungspunkt fur die Sage vorausgesetzt werden und hat in 
einem Hafen mit lebhaftem Verkehr und Apollodienst nichts Un- 
wabrscheinliches. Das Prodigium, welches Livius 24, 10 unter dem 
Jahr 214 berichtet: in Apulia palmam viridem arsisse, konnte nicht 
geschehen, wenn damals in Apulien nicbt wenigstens eine Palme 
vorhanden war. Wie in Antium standen wohl auch bei den griechischen 
Stadten in Unteritalien Dattelpalmen bin und wieder an der schonen 
Kiiste als Begleiterinnen apollinischer Heiligthumer. Zu Varros Zeit 
fehlte es an diesen Baumen in Italien nicht, wie aus seiner Be- 
merkung hervorgeht, der Palmbaum bringe in Judaa reife Datteln 
hervor, in Italien vermoge er es nicht, 2, 1, 27: non scitis palmu- 
las (Aldina rich tiger: palmas) caryotas in Syria parere in Judaea, 
in Italia non posse? und bei Plinius im ersten Kaiserjahrhundert 

Viet. Hehn, Kulturpflanzen. 7. Aufl. jg 



274 Die Dattelpalme. 

1st der Baum schon in Italien gemein, 13, 26: Sunt quidem et in 
Europa volgoque Italia, sed steriles. Von wem aber war er ur- 
spriinglich in Italien eingefiihrt worden? Wenn nach Livius die 
Palmen als Siegerschmuck in den romischen Spielen aus Griechen- 
land stammten, wenn auch die etruskische Palmenstickerei , wie 
Otfried Miiller, Etrusker 1, 373, urtheilt, ein Ausfluss griechischer 
Sitte war woher dann der ungriechische Name palma? Das 
Wort ist aus dem Lateinischen nicht zu erklaren, wie sollte auch 
ein so fremder exotischer Baum einheimisch benannt worden sein? 
Palma muss aus dem semitischen tamar, tomer entstellt (wie aus 
raw's der Pfau pavus, pavo wurde), oder es muss einer semitischen 
Sprache in der der Anlaut wie p klang nachgesprochen worden sein. 
Letztere Annahme findet in dem biblischen Tadmor und der ent- 
sprechenden griechisch-lateinischen Benennung Palmyra, Palmira (zu-' 
erst bei Plinius und Josephus) , wobei an keine Uebersetzung zu 
denken ist, einigen Anhalt 68 ). Noch vor den Griechen also oder 
vielmehr, so zu sagen an ihnen vorbei, zu einer Zeit, in deren See- 
verkehr uns der von Polybius aufbewahrte Schiffahrtstraktat einen 
Blick eroffnet , mussen entweder tuskische oder lateinische Schiffer 
den Baum an libyschen, sicilischen, sardinischen Kiisten erblickt und 
seinen Namen erfahren oder punische Kauffahrer Zweige desselben, 
termites, anddixsg 69 ) , an die italische Kuste gebracht haben, sei 
es als Wunder des Siidens, wie auch unsere Schiffer Papageien und 
Kokosmisse bringen, sei es zum Schmuck religioser Feste oder 
als Zeichen der Huldigung fiir einheimische Fursten und Ober- 
haupter. So konnten auch die Etrusker, wie die Namen, so auch 
den Gebrauch der Palmblatter als Insignien der Herrscherwiirde ohne 
griechische Vermittelung direkt von den Puniern gelernt haben. An 
die Frucht der Palme als Handelsartikel ist nach dem gleich An- 
fangs Bemerkten in jener alteren Zeit noch nicht zu denken. Das dem 
Semitischen entlehnte Wort ddxrvhog, dactylus, welches mit Finger 
nichts zu thun hat, wie palma nichts mit der Hand, kommt erst 
spat vor (bei Artemidor. 5, 89, zur Zeit der Antonine, und unter den 
Lateinern, bei dem wahrscheinlich noch viel jiingeren Apicius, denn 
bei Plinius 13, 46 sind die dactyli nur eine bestimmte Sorte unter 
vielen andern), ist aber in alle romanischen Sprachen (ital. dattero, 
span, datil, franz. datte) und von diesen auch in die germanischen 
iibergegangen. Aelter ist eine andere, gleichfalls nur einer besonderen 
nussformigen Art Datteln zustehende spater verallgemeinerte Be- 
nennung xaQvatTog, xagvwug, lat. caryota, caryotis, haufig im ersten 






Die Dattelpalme. 275 



Jahrhundert der Kaiserzeit, zu allererst bei Varro 2, 1, 27, dann bei 
Strabo und Scribonius Largus. Entsprechend dem griechischen <folv(,% 
die Dattel sagten die Dicbter auch palma fur die Fmcbt, z. B. Ov. 
Fast. 1, 185: 

quid vult palma sibi rugosaque carica dixi, 

wie auch das verkleinerte palmida denselben Begriff ausdriickte, 
schon bei Varro 1, 67. Doch gin gen alle diese Ausdriicke wieder 
verloren, und Dattel wurde der allgemein ubliche Name in der west- 
europaischen Handelssprache. 

Da der in die Erde gesteckte Dattelkern bald keimt, so 1st es 
leicht, Palmen zu erziehen und zu vervielfaltigen. Triige der Baum 
in Europa Frucht, wie im afrikanischen Dattellande, gewiss wiirden 
dann an zahlreichen Stellen der drei ins mittellandische Meer aus- 
laufenden europaischen Halbinseln Palmenwalder rauschen, und gewiss 
hatten auch dann die Menschen Sorge getragen, beide Geschlechter 
des Baumes neben einander zu pflanzen und der natiirlichen Be- 
fruchtung, wie im Orient, kiinstlich zu Hiilfe zu kommen. Als nach 
dem Untergang der antiken Welt Barbarei iiber jene Gegenden herein- 
brach und der Sinn fiir Anmuth des Lebens erloschen war, da 
starben auch die Palmbaume allmahlich ab, die etwa aus dem Alter- 
thum sich noch erhalten hatten: sie brachten nichts ein, und neben 
der Sehnsucht ins Jenseits und der Selbstqual herrschte nur noch 
der grobe gierige Eigennutz. So weit dann die Araber an den 
Kiisten des Mittelmeers sich niederliessen, ward auch die Palme 
wieder sichtbar. In Spanien pflanzte um das Jahr 756 der christ- 
lichen Aera der Kalif Abdorrahman I in einem Garten bei Cordova 
mit eigener Hand die erste Dattelpalme, von der alle iibrigen im 
heutigen Spanien abstaramen sollen (Conde, historia de la dominacion 
de los Arabes en Espafia, part. 2, cap. 9), und betrachtete sie oft in 
sehnsuchtiger Erinnerung an die arabische Heimath, von der sie 
beide, der Kalif und der Baum, so fern waren. Aehnlich thaten die 
Saracenen in Sicilien und Kalabrien, doch hatte dieser Orientalismus 
auf europaischem Boden nur fliichtigen Bestand. Bis in die neuere 
Zeit waren einzelne Exemplare wie zufallig stehen geblieben, zur 
Freude und Ueberraschung der Reisenden von Norden, durch welche 
die Anwohner erst auf den malerischen vegetativen Schmuck, den 
sie an dem Baum besassen, aufmerksam gemacht wurden. Wie in 
so Vielem, war unterdess auch in dem Symbol der Palmen die 
christliche Kirche der Bildersprache des Heidenthums und Juden- 
thums treu geblieben, und dieselben Zweige, die bei den Festen des 

18* 



276 



Die Dattelpalme. 



Osiris in Aegypten, bei feierlichen Einziigen der Konige und Kriegs- 
helden in Jerusalem, bei den olympischen Spielen und auf dem 
Kleide romischer Imperatoren ein Zeichen der Siegesfreude geweseii 
waren, wurden auch in Rom am Palmsonntage vom Haupte der 
Christenheit geweiht und an alle Kirchen der ewigen Stadt vertheilt. 
Dies gab Veranlassung zur Anlage des grossten Palmenhaines, den 
das jetzige Italien besitzt, des von Bordighera, an der herrlichen 
Uferstrasse, die von Genua nach Nizza fiihrt, zwischen S. Remo und 
Ventimiglia, unter fast 44 Gr. nordl. Breite. Die Einwohner dieses 
Stadtchens haben seit alter Zeit (angeblich seit Errichtung des Obe- 
lisken auf dem St. Petersplatze) das durch Gewohnheit geheiligte 
Vorrecht, zum Osterfest Palmen nach Rom zu liefern, und diese 
Industrie schuf allmahlich die iiber mehrere Meilen sich hinziehende 
Pflanzung, die iiber 4000 Stamme zahlen soil. Um die theueren und 
besonders geschatzten weissen Palmen zu erzielen, werden vom Hoch- 
sommer an die Kronen oben zusammengebunden, so dass die innersten 
Blatter, vom Licht unberiihrt, kein Chlorophyll erzeugen konnen und 
dann ein Bild nicht bloss des Sieges, wie die griinen, sondern zu- 
gleich der himmlischen Reinheit abgeben ein acht christlicher 
Gedanke, auf den die Alten nicht verfielen. Der Reisende, der um 
die genannte Zeit die Riviera di Ponente durchzieht, sieht dann die 
Palmengipfel in Gestalt riesiger Tulpenknospen sich erheben und be- 
greift Anfangs nicht, was die Verstummelung des schonen Baumes 
bezweckt. Von Bordighera aus hat sich die Palme in einzelnen 
Exemplaren langs dieser ganzen Kuste verbreitet; in Rom bildet die 
Palme vor S. Pietro in vinculis das Studium der Maler, die an 
biblischen Scenen arbeiten; wer Capri besucht hat, kennt die Palme 
im Garten von Michele Pagano; in der villa nazionale von Neapel 
sind jetzt einige prachtige Exemplare der Umgegend vereinigt, die 
an dunklen Sommerabenden, von dem bleichen Licht der weissen 
Gasflammen getroffen, iiber den Klangen des Orchesters und den 
Kopfen der ruhenden und auf- und abwandelnden Menge geisterhaft 
schweben. Haufiger, mit der zunehmenden Kraft der Sonne, wird 
der Baum nach Calabrien zu und in Sicilien und Sardinien. In der 
Umgegend des calabrischen Reggio sollen ehedem ganze Walder von 
Dattelpalmen sich erhoben haben, die entweder von den Arabern 
selbst, als sie von dieser Kiiste verdrangt wurden, oder von den 
Christen als Nachlass der Unglaubigen zerstort wurden (G. Vom 
Rath, ein Ausflug nach Calabrien, Bonn 1871, S. 15). Auch siidlich 
von Palermo soil durch die Konige aus dem Hause Anjou, als diese 



Die Dattelpalme. 277 

im 14. Jahrhundert die Insel Sicilien wieder zu unterwerfen suchten, 
eine ganze Palmenwaldtmg ausgerottet worden sein (Theob. Fischer, 
Beitrage zur physischen Geographic der Mittelmeerlander, Leipzig 1877, 
S. 146 f.). Wie zu Bordighera in Italien, steht in Siidspanien, zu 
Elche siidwestlich von Alicante nach der Grenze des heissen Murcia 
hin, zwischen 39 und 40 Gr. nordl. Br., ein beriihmter Palmenwald, 
60000 Stamme stark, der nicht bloss Blatter in die Hand frommer 
Waller, sondern auch siisse Friichte zum Genuss fur Knaben und 
Madchen bietet. Die Araber wurden besiegt, die Moriscos ausge- 
trieben und vertilgt, der Wald von Elche, obgleich urspriinglich von 
unglaubiger Hand gepflanzt, blieb stehen, ein Zeichen von Glaubens- 
schwache selbst bei den Zoglingen Loyolas. Im aussersten Westen 
mitten im Ocean, auf den Inseln der Gliickseligen fanden die ersten 
Entdecker schon fruchtbare Dattelpalmen vor: wenigstens berichtete 
cler numidische Konig Juba, dessen Aussage uns Plinius 6, 205 auf- 
bewahrt hat, hanc (Canariam) et palmetis caryotas ferentibus ac nuce 
pinea (von Pinus Canariensis) abundare. Waren von dem gegeniiber- 
liegenden Afrika etwa Dattelkerne durch die Wellen hinubergespult 
worden und so die genannten Baume au jener Insel aufgegangen? 
In der entgegengesetzten Weltrichtung hatten die friiheren Araber 
sogar am Siidufer des kaspischen Meeres noch eine ergiebige Dattel- 
zucht getrieben, so dass das kalte Reich der Russen hier seine 
Grenzeri bis fast an die subtropische Zone der Dattelpalme vorgeriickt 
hat; wenn aus jener Zeit nur noch einzelne Epigonen ohne Frucht- 
ertrag iibrig geblieben sind, so scheint v. Baer, der zuerst auf ihr 
Vorkommen aufmerksam gemacht hat, mehr geneigt, den Untergang 
dieser Kultur auf eine Abkiihlung des Klimas, als auf die Indolenz 
der jetzigen Bewohner zurtickzufuhren (s. v. Baer im Bulletin der 
Petersburger Akademie, 1860 : Dattelpalmen an den Ufern des 
Kaspischen Meeres, sonst und jetzt). 



Es ist nach den palaontologischen Befunden nicht zu bezweifeln, dass 
im alteren und mittleren Tertiar Mittel- und Siideuropas Palmen aus der 
Gattung Phoenix existirt haben. Da nun die Dattelpalme, Phoenix dactylifera L., 
\ 7 on alien Arten gegenwartig am weitesten nach Norden reicht, so ist es nicht 
unwahrscheinlich, dass diese ausgestorbenen siideuropaischen Phoenix mit der 
Dattelpalme naher verwandt, wenn auch nicht identisch waren. Es ist hochst 
wahrscheinlich, dass schon in vorhistorischen Zeiten das Areal der 
Dattelpalme sich von Nordafrika bis nach dem Pendschab er- 
streckte. Wenn aber auch die Kanaren als urspriingliche Heimath der 
Dattelpalme angefiihrt werden, so ist darauf zu erwidern, dass die Palme, 



278 Die Dattelpalme. 

welche auf jenen Inseln an natiirlichen Standorten (z. B. in der Caldera di 
Bandama von Gran Canaria, im Barranco Guignigada von Canaria, im Barranco 
Carmen von Palma sah ich sie selbst) vorkommt, nicht Ph. dactylifera L., 
sondern die durch dicken kraftigen Stamm, viel dichtere Krone, bogenformig 
herabhangende Blatter mit breiteren Fiedern, bandformigem Stiel des weib- 
lichen Bliitenstandes und durch kleine goldgelbe, im reifen Zustande zur 
Not essbare aber mit sehr diinnem Fleisch versehene Frtichte ausgezeichnete, 
auf den Kanaren endemische Ph. canariensis Chabaud ist, welche auch jetzt 
an der Riviera und iiberhaupt in Oberitalien viel angepflanzt und reichlich 
vermehrt wird, um als widerstandsfahige Decorationspflanze in alle Welt ver- 
sendet zu werden. Diese Art wachst auf felsigem Terrain und bedarf keines- 
wegs in solchem Grade der Bodenfeuehtigkeit , wie die Ph. dactylifera L., 
welche andrerseits feuchte Luft schlecht vertragt und daher auch in unseren 
Gewachshausern nicht gedeihen will. Letztere Art ist zwar auf den Kanaren 
auch schon vor der Ankunft der Spanier cultivirt gewesen, wie einzelne heut 
noch stehende Exemplare (z. B. die 30 m hohe Dattelpalme im Garten der 
Marqueses de Sauzal in Villa Orotava) beweisen. Ob die vonPlinius (Hist. 
nat. lib. VI cap. 37) erwahnten Palmen der Kanaren (,,hanc [Canariam] et 
palmetis caryotas ferentibus . . . abundare") Dattelpalmen gewesen sind, ist 
mehr als unwahrscheinlich ; es dtirfte sich diese Stelle auf die wilde Ph. ca- 
nariensis Chabaud (= Ph. Jubae (Webb.) Christ) beziehen; aber es ist wohl, 
wahrscheinlich, dass die Berber die Dattelpalme von Afrika nach den Kanaren ' 
gebracht haben. Wenn nun, wie auch der beste Kenner der Gattung Phoenix 
Prof. Beccari im III. Bd. seiner Malesia S. 359 annimmt, die von Th. Fischer 
in seiner Schrift tiber die Dattelpalme (Petermanns Mittheilungen, Erganzungs- 
heft Nr. 64) und auch von anderen vertretene Ansicht, dass Ph. dactylifera 
von Ph. canariensis abstamme, nicht haltbar ist, so fragt es sich, an welche 
andere Art sie sich naher anschliesst. Hierbei kommt einerseits die im tro- 
pischen Afrika verbreitete Ph. reclinata Jacq. (= Ph. spinosa Thonning) und 
anderseits die in Vorderindien verbreitete Ph. silvestris Roxb. in Betracht. 
Es ist nun sicher, dass die Dattelpalme durch ihre langlichen stumpfen mann- 
lichen Bliiten der genannten indischen Art naher steht, als der afrikanischen 
Ph. reclinata und dies hat auch zu der Vermuthung Veranlassung gegeben, dass 
die Dattelpalme eine von Ph. silvestris abstammende Kulturpflanze sei. Es 
ist aber wegen der eigenartigen physiologischen Bedtirfnisse der Dattelpalme 
(etwas feuchter Boden, trockene Luft) anzunehmen, dass sie iin afrikanisch- 
indischen Wustengebiet entstanden sei. Schon Boissier (Flora orientalis V. 
S. 47) giebt zu, dass die Dattelpalme, wenn nicht im inneren Nordafrika, sich 
vielleicht auch im siidlichen Persien und Beludschistan wild finden konne. 
Bonavia (The Date palm, in Gardener's Chronicle XXIV (1885) p. 178211) 
nimmt an, dass sie in Arabien heimisch und von dort nach der Sahara ein- 
gewandert sei. Dagegen betrachtet sie Grisebach (Vegetation der Erde) als 
einen indigenen Biirger der Sahara, wie auch Schweinfurth, der aber Ph. 
reclinata alsStammpflanze annimmt. Gegeniiberdiesen verschiedenen Meinungen 
vertritt nun Beccari die Ansicht, dass Ph. dactylifera eine selbstandige Art 
sei, welche mit der auf gro'ssere Regenmengen angewiesenen Ph. reclinata 
wahrscheinlich einen gemeinsamen Ursprung gehabt habe, dass daher ihr 
Heimathland dem der Ph. reclinata zunachst liegen musse und wahrscheinlich 



Die Dattelpalme. 279 

im Westen des Indus, im stidlichen Persien oder am persischen Golf in 
Arabien gewesen sei. Dass die Dattelpalme noch wild existiere, halt er fiir 
ausgeschlossen, weil sie so verandert sei, dass sie nur unter dem Schutze der 
Menschen sich entwickeln konne. Schliesslich spricht er sich auch fiir die 
Ansicht Playfair's (Esparto and Datepalm in Tunis, Gardeners Chro- 
nicle, XXV (1886) p. 731) aus, wonach die Dattel der Lotus der Alten und 
die Lotophagen die Araber seien. 

Sehr interessante Mittheilungen tiber die Kultur der Dattelpalmen enthalt 
ein Vortrag von Prof. Schweinfurth, abgedruckt in der ,,Gartenflora" 1901, 
S. 506522. 



* * Der Ausgangspunkt der Dattelpalmenkultur, wenn derselbe uberhaupt 
ein einheitlicher war, steht noch nicht hinlanglich fest; sicher aber ist, dass 
die altesten Nachrichten, welche von dem Baume berichten, auch seine Kultur 
bereits kennen. Ueber die Dattelpalme in Aegypten vgl. Woenig, Die 
Pflanzen im alten Aegypten S. 304 ff. Nach ihm ware es nicht zu gewagt, 
den Beginn der Dattelpalmenkultur in die X. und XI. Dynastie zu verlegen; 
er vermuthet, dass es der Handelsverkehr zwischen Aegypten und dem Laiide 
Punt (stidliches Arabien) war, welcher die Kultur nach Aegypten brachte. 
Ein Landschaftsbild aus der genannten Gegend in der Tempelhalle von 
Der-el-Baharie zeigt uns ein auf Pfahlen errichtetes Dorf zwischen Dattel- 
palmen und Weihrauchbaumen. Doch zeigen die agyptischen Namen am fiir 
den Baum, baner (nach Diimichen), ba'unirit, ba'unit, baune (nach F. Hommel) 
fiir die Dattel keine sichere Beziehung zum Semitischen. Auch halt Schwein- 
furth, Aegyptens auswartige Beziehungen hinsichtlich der Kulturgewachse 
(Verb. d. Berl. Gesellschaft fiir Anthropologie 1891 S. 656) einen in Afrika 
einheimischen Ursprung der agyptischen Dattelkultur nicht fiir ausgeschlossen. 
- Auch der Bekanntschaft der Aegypter mit dem Kameel wird man ein 
betrachtlich hoheres Alter zuschreiben miissen, als oben S. 267 geschieht. 
Bereits in einem Papyrus aus dem XIV. Jahrhundert wird das Thier mit seinem 
semitischen Namen genannt, und der russische Forscher Golenischeff hat unter 
den aus der XI. Dynastie stammenden Felseninschriften im Wadi-Hammamat 
unter sieben Abbildungen von Straussen, Antilopen und Stieren auch eine 
Abbildung des Kameels gefunden. Vgl. F. Hommel, Namen der Saugethiere 
S. 215 und Schweinfurth a. a. 0. S. 651 Anm. 1. 

Ueber die Palme auf den assyrischen Monumenten handelt eingehend 
E. Schrader in den Monatsberichten der kgl. preuss. Akad. d. W. zu Berlin 
Mai 1881. Nach ihm sind die hier genannten Musukkanbaume mit der Palme 
identisch. Das Musukkanholz wird bei Bauten in Niniveh und Babylon ver- 
wendet und erscheint, wenn es Tributgegenstand ist, lediglich als solcher 
eines besiegten babylonischen, naher stidbabylonischen Machthabers. Ein 
Hain von Musukkanbaumen wird vom Assyrerkonig vor der stidbabylonischen 
Stadt Sapi' vernichtet, durch Umhauen der Stamme. Dagegen erscheint das 
Musukkanholz niemals als ein Tributgegenstand westlicher syrisch-palasti- 
nischer Volker und wird niemals als ein in Westasien, von den Assyrern etwa 
auf dem Libanon und Amanus gefallter Baum bezeichnet. Auch in dem 
heiligen Baum auf den babylonisch-assyrischen Denkmalern (vgl. den Anhang) 



280 Die Dattelpalme. 

erblickt E. Schrader die Dattelpalme. Das Wort musukkan deutet er aus dem 
Sumerisch-Akkadischen und erklart er als himmelhauptig, wie auch hebr. 
tamar die schlanke, hochgewachsene sei. Anderer Ansicht dariiber 1st 
F. Delitzsch in seinem Assyrischen Handworterbuch S. 420. Nach ihm ist 
musukkannu eine jiingere Form fiir das altere mis-md-kan-na, d. i. Mis-Holz 
von Makan. Noch anders urtheilt F. Hommel in der Beilage zur Allg. Z. 
1895 No. 197. S. 4. Ihm zufolge stehe es durch die altesten suinerischen In- 
schriften fest, dass die Dattelpalme aus Arabien nach Babylonien eingefiihrt 
wurde. ,,Der uralte Konig Ur-channa (nach anderen irrig Ur-Mna) sagt in 
iner seiner Weihinschriften : ,,Aus dem Lande Magan (d. i. Ostarabien) den 
w^m-Baum habe ich gebracht." Das ist aber derselbe Baum, den die Baby- 
lonier und Assyrer musukkan (aus mus = Baum und ugiri) und mit volks- 
etymologischer Umformung mismdkan (d. i. Baum von Magan) spater 
nannten, und in welchem schon der englische Assyriologe George Smith die 
Dattelpalme richtig erkannt hatte. Deutlicher kann die Einfuhrung aus Arabien 
nicht ausgesprochen sein." Beide letztgenannte Forseher nehmen also in 
musukkan, mistnakan eine direkte oder indirekte Beziehung zum Lande Makan 
an, hinsichtlich dessen es freilich ungewiss zu sein scheint, ob es mehr mit 
dem 6'stlichen Arabien (so nach F. Hommel), oder mehr mit dem stidlichen 
Babylonien (vgl. z. B. E. Meyer Geschichte des Alterthums I 129, 133) 
identisch ist. 

Was das griech. <poivt betrifft, so wird die Deutung desselben als 
Phonicier (vgl. yaXo^ Stahl, eigentl. der Chalyber), d. h. als der Baum, der 
seine eigentliche Heimath im fernen Stid-Osten hat, richtig sein. Ein Zu- 
sammenhang mit den oben genannten agyptischen Namen der Dattelpalme, 
den F. Hommel a. a. O. fiir wahrscheinlich halt, ist kaum anzunehmen. 
Bemerkenswerth sind noch die Hesychischen Glossen oooxXar <powtxo(3aXavoi 
und ooov(X)o-aXavoc;* TO aiko Ooivixsc, die man seit alters in Verbindung mit 
aram. diqld Palme (s. u.) zu bringen versucht; vgl. M. Schmidt zu den angegeb. 
Glossen. Dass die Palme auf den mykenischen Kunstdenkmalern tiberaus 
haufig ist, ist bekannt. Ueber die Verbreitung des Baumes im alten Griechen- 
land vgl. noch Neumann-Partsch, Physik. Geogr. S. 411. Schwierig ist die 
Entscheidung tiber das lat. palma. Auf jeden Fall ist der Gedanke an einen 
Zusammenhang mit dem Stadtenamen Tadmor-Uo.\\i.6po. (oben S. 274 und 
Anm. 68) aufzugeben. Noldeke in den Gottinger Gel. Anzeigen 1881 S. 1229 
aussert sich dariiber f olgendermassen : Die von Salomo gegriindete Stadt ist 
nach dem echten Text 1. Kon. 9, 18 Tamar in Juda; die Lesart Tadmor 
2. Chron. 8, 4 beruht auf einer Textanderung, welche lieber die beriihmt 
gewordene Handelsstadt als einen obskuren Ort von dem sagenhaft verherr- 
lichten Konig ableiten wollte. Bei Tadmor-Palmyra kennt allerdings Abulfida 
Dattelpalmen, und noch heute sind dort einige; aber eine ergiebige Dattel- 
kultur ist da schwerlich je betrieben. Nun ware es immerhin denkbar, dass 
auf dem Kriegszuge des Antonius, bei dem uns zuerst der Name RaX^xtSpa 
ntgegentritt (Appian &. t. 5, 9), der Anblick der Palmen bei jener Stadt auf 
italische Soldaten, die eben die trostlose Wiiste durchwandert batten, einen 
solchen Eindruck gemacht hatte, dass sie den Namen Tadmor nach ihrem 
heimischen palma in Palmyra abanderten (so dass also ziemlich das um- 
gekehrte Verhaltniss vorlage, als wie es von H. angenommen 



Die Cypresse. 281 

wird). Aber sehr wahrscheinlich 1st das doch eben nicht. Bei einem solchen 
Namen einer asiatischen Stadt wird man lieber annehmen, dass er zuerst von 
Griechen gebraucht sei, zumal das griech. u darin vorkommt; und dann hat 
er keinen Zusammenhang mit der Palme. Der Stadtname Tadmor selbst kann 
aber mit tdmar Palme absolut nichts zu thun haben, und an die Ableitung 
des lat. palma von einem angeblich semitischen tadmar, das Palme bedeuten 
soil, ist nicht zu denken. Noldeke selbst theilt die altere (vgl. Fischer a. a. O. 
S. 278) Ansicht, nach welcher das lat. palma Dattelpalme identisch ist mit der 
gleichlautenden Benennung der in Siideuropa einheimischen Zwergpalme (Chamae- 
rops humilis), die, wie sie z. B. H. Masius, Die gesammten Naturw. Ill, 161 
beschreibt, baid einen 10 15 Fuss hohen Stamm treibt, bald fast ohne 
Stamm mit 20 30 Fuss hohen facherformigen Blattern erscheint. Und wer 
die am eben genannten Orte (S. 24/25) einander gegeniiber gestellten Ab- 
bildungen der Dattelpalme und der Zwergpalme mit einander vergleicht, 
wird dieser Anschauung nur beipflichten konnen. Palma ist dann die ur- 
spriingliche Benennung der in Italien einheimischen Chamaerops humilis und 
spater von der Zwergpalme auf die Dattelpalme nach der Aehnlichkeit tiber- 
tragen worden. Ob das sehr spate $a.Y.tokot.-dactyli Datteln aus dem ara- 
maischen daqual, diqld die Palme (arab. eine Sorte Datteln) entlehnt ist, oder 
einfach Finger bedeutet, wie Noldeke will (vgl. Plinius 13, 9 46 daciyli: prae- 
longa gracilitate curvati interim}, und nach ihm im Gegensatz zu Lagarde, Mitthl. 
II, 356 auch Muss-Arnolt a. a. O. S. 107 anzunehmen geneigt ist, mag dahin 
gestellt sein. Im heutigen Griechenland stammen nach Heldreich, Die 
Nutzpflanzen Griechenlands S. 10, die meisten alteren Palmen aus der Tiirken- 
zeit her, da dieses Volk die Palmen liebt und gern anpflanzt. Damit stimmt 
uberein, dass unser Baum im Neugriechischen tiirkisch benannt ist, xoopfxa??]?, 
ein Wort, das auch im Albanesischen wiederkehrt. In Kreta haben sich die 
alteren cpoivtx-r]d und ftaYjd (spatgriechisch pat; vgl. Anm. 69) erhalten. Der 
Palmsonntag heisst soprr] tuiv Patcuv oder kurz ta ^dia, und da man sich an 
diesem Fest statt der Palmblatter der Lorbeerzweige bedient, so hat der 
Lorbeer neben seiner eigentlichen Bezeichnung Sdcpv-rj auch die Bezeiclmung 
4] fBaiT|d angenommen, ein interessantes Beispiel, von welch zufalligen Um- 
standen oft der Bedeutungswandel der Worter abhangt. Schliesslich sei 
auf das merkwiirdige gothische peikdbagms = Dattelpalme hingewiesen, dessen 
erster Bestandtheil (mit cpoivi oben S. 214 nicht vereinbar) neuerdings als 
eine durch Kelten vermittelte Entlehnung aus lat. ficus Feige angesehen 
wird (vgl. K. Much Deutsche Stammsitze 33). 



Cypresse. 

(Cupressus sempervirens L.) 

Nach A. v. Humboldt, Kosmos 2, 132, der sich auf Edrisi be- 
ruft, scheinen die Gebirge von Busih westlich von Herath die ur- 
spriingliche Heimath der Cypresse zu sein. Auf der Westseite des 



282 Die Cypresse. 

Industhales, in den Plateaulandschaften von Kabul und Afghanistan, 
wo der Baum zu riesigen Grossen emporwachst, besonders aber in 
dem genannten Busih oder Bushank, Fuscheng, findet auch Hitter, 
auf Ibn-Hauqual und Edrisi gestiitzt, das wahre Vaterland der Berg- 
Cypresse (Erdkunde, Band XI: die asiatiche Verbreitung der Cy- 
presse ). Von diesem seinem Ursitz wanderte der Baum im Gefolge 
des iranischen Lichtdienstes weiter nach Westen. In der schlanken,. 
obeliskenartigen, zum Himniel aufstrebenden Gestalt der Cypresse 
schaute die Zendreligion das Bild der heiligen Feuerflamme; nach 
dem Schah-Nameh stammte sie aus dem Paradiese, Zoroaster selbst 
hatte sie zuerst auf Erden gepflanzt, sie ward die Zeugin fiir Ormuzd 
und dessen reines Wort und prangte durch ganz Iran in alten ehr- 
wiirdigen Exemplaren vor den Feuertempeln , in den Hofen der 
Palaste, im Mittelpunkt der medopersischen Baumgarten oder Paradiese. 
Friihzeitig, mit den altesten assyrisch-babylonischen Eroberungsziigen, 
war sie in die Lander des aramaisch-kanaanitischen Stammes gelangt> 
auf den Libanos, auf die nach der Cypresse benannte Insel Cypern 70 ), 
und ward auch hier ein heiliger Baum, in welchem eine Naturgottin 
gegenwartig war, dieselbe, deren uralten verlassenen Tempel mit der 
geweihten Cypresse Vergil uns im troischen Gebiete zeigt, Aen. 
2, 713: 

Est urbe egressis tumulus templumque vetustum 
Desertae Cereris juxtaque antiqua cupressus 
Religione patrum multos servata per annos - 

und die er wie hier Ceres, so an einer andern Stelle Diana nennt > 
Aen. 3, 680: 

Aeriae quercus aut coniferae cyparissi 
Constiterunt, silva alia Jovis lucusve Dianae. 

Mit der religiosen Bedeutung, dieselbe theils erhohend, theils durch- 
kreuzend, verschmolz eigenthumlich der technisch-praktische Werth,. 
den die Cypresse bei den Phoniziern gewann und spater durch das 
ganze griechische und romische Alterthum behielt. Das Cypressen> 
holz, hart, duftend, in der Flamme mit angenehmem Geruch ver- 
brennend, gait zugleich fiir unverganglich und unzerstorbar. Plat, 
de legg. 5, p. 741 : die Landloose der Burger sollen in den Tempeln 
auf cypressenen Gedenktafeln fiir die Nach welt, fig TIV ensna 
XQOVOV, verzeichnet werden. Theophr. h. pi. 5, 4, 2 : von Natur un- 
verweslich ist die Cypresse, Ceder (folgen noch eine Anzahl Holzer): 
von diesen scheint das Cypressenholz am meisten Dauer zu haben > 



Die Cypresse. 283 

Soxel TO. xviragiTuva sivai. Martial. 6, 73, 7 (das Bild des 
Priapus spricht): 

Sed mihi perpetua nunquam moritura cupresso 
Phidiaca rigeat mentula digna manu. 

Cypressenstamme wurden zum Bau der phonizischen Handelsschiffe 
alien ubrigen vorgezogen; wie schon die Arche Noah aus Cypressen- 
holz bestanden haben sollte, so baute noch Alexander der Grosse 
seine Euphratflotte aus diesem edlen Material, das er zum Theil quer 
iiber Land in fertig gezimmerten Stiicken aus Phonizien und Cypern 
bezog (Strab. 16, 1, 11 und Arr. 7, 19, 3), so wie Antigonus zu der 
seinigen im Kriege gegen die wider ihn verbiindeten Mitfeldherren 
die prachtvollen Cedern und Cypressen des Libanon fallen Hess 
(Diod. 19, 58). Das Cypressenholz wurde zu kostbaren Kisten, zu 
Thiiren der Tempel, z. B. zu denen des ephesischen Dianentempels 
(Theophr. h. pi. 5, 4, 2) u. s. w. verarbeitet; es war im Bezirk des 
delphischen Tempels bei dem fuehafyov verwendet worden, in welchem 
Arkesilas den Wagen weihte, mit dem er in den pythischen Spielen 
gesiegt hatte (Pind. Pyth. 5, 51); es diente zu Sargen Verstorbener, 
denen es eine lange Dauer versprach. Als z. B. in Athen zu An- 
fang des peloponnesischen Krieges jene offentliehe Bestattung der fur 
das Vaterland Gefallenen gefeiert ward, bei welcher Perikles seine 
beriihmte Rede zur Verherrlichung Athens hielt, da umschlossen 
Schreine aus Cypressenholz, hagvaxsg xvTraQiGMvae,, je einer fur jede 
Phyle, die in die Erde zu bergenden Gebeine (Thuc. 2, 34). Auf 
dem schon erwahnten prachtvollen Getreideschiff Hiero des zweiten 
von Syrakus, diesem Great Eastern des Alterthums, dessen Bau 
Archimedes als Ober-Ingenieur leitete, bestanden Wande und Dach 
des Aphrodisiums aus Cypressenholz, die Thiir aus Elfenbein und 
Thujaholz. Besonders aber zu Idolen der Gotter und deren waren 
in grossen und kleinen Heiligthumern eine Unzahl iiber ganz Griechen- 
land zerstreut wurde gern duftendes, der Zeit und den Wurmern 
widerstehendes Cypressenholz genommen: wie man sich das Scepter 
des Zeus aus diesem Holz bestehend dachte (Diog. Laert. 8, 1, 8 (10), 
Jambl. de vit. Pyth. 155), so schien es auch fur %6ava d. h. holzerne 
Gotterbilder (neben Eben-, Cedern-, Eichen-, Taxus- und Lotosholz, 
Pausan. 8, 17, 2. Theophr. h. pi. 5, 3, 7) ein besonders wiirdiger 
Stoff. Der komische Dichter Hermippus, der im Beginn des pelopon- 
nesischen Krieges bliihte, nennt in einer uns erhaltenen merkwiirdigen 
Stelle, die den Handel des mittellandischen Meeres in parodischen 
homerischen Hexametern schildert, unter den Artikeln, die zur See 



284 Vie Cypresse. 

iiach Athen kamen, auch kretisches Cypressenholz zu Statuen der 
Gotter, Meineke Fr. com. gr. 2, 1, p. 407: 

doch aus Kreta, der schonen, Cypressen zu Bildern der Gotter 
und Xenophon erzahlt, wie er nach der Riickkehr aus Asien bei 
Olympia einen kleinen Tempel der ephesischen Artemis und darin 
das Bild der Gottin aus Cypressenholz gestiftet habe (Anab. 5, 3, 12). 
Auch die alteste Athletenstatue , die Pausanias in Olympia sah, die 
des Aegineten Praxidamas, vor Ol. 59 (c. 540 vor Chr.), bestand 
aus Cypressenholz und hatte sich besser erhalten, als eine andere, 
etwas spatere, die aus Feigenholz gearbeitet war (Paus. 6, 18, 7). 
Nicht anders in Italien. Plinius spricht von einem sehr alten Idol 
des Vejovis auf der arx in Rom, das aus Cypressenholz bestand 
(Plin. 16, 216), und Livius erzahlt, wie im Jahre 207 vor Chr. zwei 
aus diesem Stoff gearbeitete Bilder der Juno Regina in feierlicher 
Prozession in den aventinischen Tempel der Gottin gebracht wurden 
(Liv. 27, 37). Was vor Zerstorung durch Warmer und Insekten be- 
wahrt bleiben sollte, wurde auch bei den Romern in cypressene 
Kastchen eingeschlossen z. B. Manuscripte bei Horaz, ad Pis. 332: 
carmina levi servanda cupresso. 

Kein Wunder nun, dass einen religios so hoch verehrten und 
technisch so niitzlichen Baum die Phonizier und Philister schon in 
altester Zeit iiberall verbreiteten , wo sie sich niederliessen und wo 
das Klima es erlaubte. In Kreta, dieser fruhe semitischen Insel, ge- 
dieh die Cypresse so machtig und stieg so hoch die Gebirge hinan 
(Theophr. h. pi. 4, 1, 3), dass diese Insel fur das urspriingliche 
Vaterland derselben gehalten werden konnte, Plin. 16, 141: huic patria 
insula Greta. Der homerische Schiffskatalog kennt bereits auf dem 
griechischen Festlande zwei nach der Cypresse benannte Oertlich- 
keiten, die eine in Phocis auf dem Parnas, II. 2, 519 : 

Die Kyparissos umher und die felsige Pytho bewohnten, 
die andere in Triphylien, im Gebiet des Nestor, II. 2, 593: 
Auch die Kyparissei's und Amphigeneia bestellten. 

Auch an der lakonischen Kiiste, einem fruhen Schauplatz phonizischer 
Einwirkungen , lag eine Hafenstadt KvTtaQiGala , wie denselben oder 
einen ahnlichen Namen auch eine messenische Ortschaft trug, in 
beiden Stadten ward eine 'AS-qva KvTraQiaaia verehrt, in der wir 
eine griechisch benannte semitische Gottheit vermuthen diirfen. 
Wandert man an der Hand des Pausanias durch das spatere Griechen- 
land, so trifft man hin und wieder auf Cypressenhaine , in denen, 



Die Cypresse. 285 

was wohl zu beachten 1st, meist Damonen asiatischer Herkunft ver- 
ehrt werden, so auf der Burg von Phlius die Ganymeda, eine dem 
Dionysos wesensverwandte, in keinem Bilde verehrte Gottin, sonst 
auch Dia genannt (Strab. 8, 6, 24), die Loserin der Bande, an deren 
Cypresse befreite Gefangene ihre Fesseln aufhingen (Paus. 2, 13, 3), 
oder im Kraneion, einem Cypressenhain bei Koririth, die Heiligthiimer 
des Bellerophontes und der Aphrodite Melainis (Paus. 2, 2, 4), oder 
die himmelhohen Cypressen vori Psophis in Arkadien, die am Grabe 
des Alcmaon standen und von den Einwohnern Jungfrauen ge- 
heissen und nicht angetastet wurden (Paus. 8, 24) 71 ). Dass die 
Cypresse aus semitischen Landen nach Griechenland eingewandert 
war, wird schon durch den Namen xvTTCtQiGcrog (im alteren Hebraisch 
gofer, 1. Mos. 6, 14) ausser Zweifel gesetzt. Vielleicht bildete, wie 
so oft, die Insel Kreta dabei eine Zwischenstation : darauf deutet 
wenigstens eine von Serv. ad. Aen. 3, 680 aufbehaltene Version des 
Mythus von der Verwandlung des Kyparissos in einen Cypressen- 
baum: danach war dieser Jiingling ein Kretenser, wurde von Apollo 
oder vom Zephyr geliebt, fliichtete, um seine Keuschheit zu bewahren, 
zum Flusse Orontes und zum mons Casius (woselbst Baal als 
Himmelsgott thronte, ein alter den Aramaern und Philistaern ge- 
meinsamer Kultus) und wurde dort in den nach ihm benannten 
Baum verwandelt. Was die Zeit dieser Einfuhrung betrifft, so kennt 
die Ilias, oder wenigstens das Stuck derselben, welches unter dem 
Namen xardhoyog TWV vecov ein abgesondertes Gauze bildet, bereits, 
wie so eben erwahnt, zwei nach der Cypresse benannte griechische 
Stadte, deren Grundung also das Dasein des Baumes schon voraus- 
setzt. In der Odyssee und zwar dem altesten, achtesten Kern der- 
selben, wachst der duftende Cypressenbaum schon in dem Park um 
die Hohle der Kalypso, 5, 63 : 

Bingsher breitete sich frischgriinender Wald um die Grotte, 
Eller und Pappel und auch die balsarnreiche Cypresse - 

und in dem zweiten Theil der Odyssee, der auf Ithaka spielt, er- 
scheint das Cypressenholz wenigstens als Baumaterial, entweder ein- 
gefuhrt oder an Ort und Stelle gewonnen: Odysseus lehnt sich, in 
Bettlergestalt auf der Schwelle seines Palastes sitzend, an die Thiir- 
pfosten aus Cypressenholz, die der Zimmermann einst kundig ge- 
glattet und nach dern Richtmasse gefugt hatte (17, 340). In dem 
beschrankteren Kreise des Hesiodus ist von der Cypresse nirgends 
die Rede. 

Da die Cypresse kein Fruchtbaum ist (Schwatzer wurden gern 



286 I^ Cypresse. 

mit den fruchtlosen Cypressen verglichen), und da ihre religiose Be- 
deutung bei den Griechen keine sehr ausgebreitete war, so fallt ihre 
Versetzung nach Italien schw^rlich in die Zeit der ersten Colonisation. 
Zwar spricht Plinius (16, 236) von einer Cypresse im Vol canal in 
Rom, die zu Ende der Regierungszeit Neros zusarnmenbrach and 
eben so alt, wie die Stadt gewesen sein sollte, aber wer besass da- 
mals die Mittel, jenes Alter zu berechnen? Glaublicher sagt der- 
selbe Schriftsteller an einer anderen Stelle, die Cypresse sei ein in 
Italien fremder Baum, dessen Acclimatisation schwierig gewesen, daher 
auch Cato so umstandlich iiber ihn handle, 16, 139: cupressus ad- 
vena et difficillime nascentium fuitj ut de qua verbosius saepiusque 
quam dc omnibus aliis prodiderit Cato. In Theokrits Idyllen, die 
auf dem warrneren Boden Siciliens spielen, ist ein Jahrhundert vor 
ato die Cypresse schon ein ofters erwahnter und gepriesener Baum, 
z. B. 11, 45, wo der verliebte Polyphemos die Galathea in seine 
Hohle lockt, die von Lorbeeren und schlanken Cypressen gadwal xv- 
TtaQiGtfot, umwachsen ist. Von Sicilien scheint der Baum iiber 
Tarent ins innere Italien gelangt zu sein, wie aus Catos Bezeichnung 
tarentinische Cypresse (151, 2) hervorgeht, Plin. 16, 141: Cato 
Tarentinam earn appellat, credo quod primum eo venerit. Dies 
wird in der Zeit nach der Unterwerfung Tarents geschehen sein, wo 
der hellenisirende Einfiuss der Stadt auf das neue romische Gebiet 
machtig war, und wo zugleich der Geschmack an Villen, Parks, 
Grabmalern, die Freude an der Schonheit der Baume als solcher 
den Romern allmalig aufzugehen begann. Dass auch der Nutzen, 
den die Cypresse als bei Tischlern und Schnitzlern im Preise stehen- 
des Holz brachte, dem praktischen Volke bald einleuchtete , erhellt 
aus der Nachricht des Plinius, die Alten hatten eine Cypressen- 
pflanzung die Aussteuer fur die Tochter zu nennen gepflegt, 16, 141: 
quaestiosissima in satus ratione silva volgoque dotem filiae antiqui 
plantaria appellabant: man pflanzte die Baume etwa bei Geburt 
einer Tochter und mit ihr wuchsen sie in die Hdhe, als lebendiges 
Kapital, zugleich ihr Bild und Gleichniss 72 ). Auch urn die Grenzen 
des fundus zu bezeichnen, wurden ausser anderen Baumen Reihen 
von Cypressen gepfianzt (Varro 1, 15, der aber zu diesem Zweck 
die Ulmen vorzieht). Als dann das romische Reich Afrika und 
Asien umfasste, verbreitete sich auch die diistere immergrune Cy- 
presse in orientalischer Weise als Symbol der chthonischen Gott- 
heiten (Plin. 16, 139: Diti sacra et ideo funebri signo ad 
domus posita), zunachst natiirlich bei den Vornehmen, die sich 



Die Cypresse. 287 

bald die mystische Zeichensprache des Morgenlandes aneigneten, 
Lucan. 3, 442: 

Et non plebejos luctus testata cupressus. 

Bei den Dichtern des augusteischen Zeitalters 1st die Cypresse 
als Baum der Trauer, mit dessen Zweigen Leichenaltar und Scheiter- 
haufen besteckt werden und der gern in Gegensatz zum Gemiss der 
heiteren Gegenwart gestellt wird, schon gewohnlich, z. B. Horaz 

Od. 2, 14, 22: 

neque harum, quas colis, arborum 
Te praeter invisas cupressos 
Vila brevem dominum sequetur - 

oder Ovid. Trist, 3, 13, 21: 

Funeris ara mihi ferali cincta cupresso 
Convenit et structis flamma parata rogis. 

Bei Vergil errichtet Aeneas dem Polydorus einen Altar mit schwarzen 
Binden und Cypressenzweigen umwunden, Aen. 3, 64: 

slant tnanibus arae, 
Caeruleis maestae vittis atraque cupresso - 

wie auch am Scheiterhaufen des Misenus Cypressen angebracht sind, 

6, 215: 

Ingentem struxere pyram: cui frondibus atris 
Intexunt latera et feralis ante cupressos 
Constituunt decorantque super fulgentibus armis. 

Seit jener Zeit ist der herrliche Baum, der neben der Pinie die eigent- 
liche Charaktergestalt der sudeuropaischen Landschaft bildet, in 
Italien eingeburgert. Wo die Cypresse beginnt, da beginnt das Reich 
der Formen, der ideale Stil, da ist klassischer Boden. Eigentliche 
Cypressenhaine, cupresseta, sind in Italien indess nicht zu finden: 
die Cypresse steht meist einsam oder in kleinen Gruppen, oder sie 
zieht in ebenso diisterer als anmuthiger Saulenreihe dahin. Wie in 
der Ebene von Neapel der Blick besonders haufig auf Pinien fallt, 
so im Arnotbal auf Cypressen. Ueber die Alpen geht der Baum 
nicht hinaus. So machtig und schlank iibrigens einzelne Exemplare 
hin und wieder in Italien erscheinen mogen, z. B. in der Villa 
Este bei Tivoli, der Baum erreicht in diesem fremden Lande doch 
nicht die Majestat, wie im Orient, wo nach Hitters Worten bal- 
samisch duftende, ewig griine, unvergangliche Haine solcher Pyra- 
midengestalten iiber die weissen Graber der Glaubigen ihre schirn- 
mernde lichte Damrnerung verbreiten, z. B. in Scutari bei Konstanti- 
nopel oder noch schoner in Smyrna oder Brussa, und im Angesicht des 



288 Die Cypresse. 

Todes doch das Gefiihl des ewig sich erneuenden, emporstrebenden, 
unerschopf lichen Lebens erwecken. 

Eine Abart der pyramidalen Cypresse, Cupressus horizontalis, mit 
nicht aufstrebenden, sondern sich seitwarts ausbreitenden Zweigen ist 
in Italien und Griechenland selten, in den warmeren Oertlichkeiten 
von Kleinasien haufiger. Ein herrliches Exemplar dieser Spezies, 
die Cypresse des heil. Elias, findet sich in dem Prachtwerk: die Insel 
Rhodes von A. Berg, Braunschweig 1862, Beschreibender Theil 
S. 146, abgebildet. 



* Die Cypresse, welche bekanntlich in zwei Varietaten '(Cupressus py- 
ramidalis Targ. Torz. und C. horizontatis Mill.) durch das ganze Mediterran- 
gebiet kultivirt wird, ist auf den Gebirgen des nordlichen Persiens, 
und Ciliciens wildwachsend gefunden worden, namentlich aber im 
Libanon von 1000 1600 m, auf den Bergen von Cypern, Rhodes 
und Melos, sowie auch auf Greta wo sie zwischen 600 und 1400 m eine 
charakteristische Region bildet. 



: Gegen die Annahme, griech. xoTcaptooo? sei aus hebr. gofer entlehrit, 
hat man eingewendet, dass das semitische Wort ein &rca XeY^V svov Gen. 
VI, 14, das ein Material bezeichnet, aus welchem die Arche gebaut ward 
in seiner naheren Bedeutung ganz unsicher sei, und dass sonst semitische, 
ins Griechische aufgenommene Lehnworter nicht in ihrem Lautbestand (xorcdp- 
toaos : gofer) vermehrt wiirden. Dazu sei die gewohnliche Bezeichnung der 
Cypresse im Semitischen sicher nicht gofer, sondern hebr. blrsos (s. u.). Vgl. 
A. Mtiller in Bezzenbergers Beitragen I, S. 290 und S. Fraenkel bei E. Hies 
Quae res et vocabula a gentibus semiticis in Graeciam pervenerint. Diss. Vratis- 
laviae 1890, S. 32. Andererseits hat Lagarde zu verschiedenen Malen (vgl. 
die Literatur bei Muss-Arnolt, Transactions XXIII, 109) nachzuweisen versucht 
dass gofer an der angegebenen Stelle nichts als eine gelehrte und miss- 
verstandliche Abkiirzung aus dem 6'fter iiberlieferten gnfrit Harz, Pech, 
Schwefel sei, und dass an dieses vollere Wort das griech. v.orcdptTto<; anzu- 
kniipfen sei, wobei freilich der Bedeutungswandel unklar bleibt (vgl. auch Lewy 
Semit. Fremdw. S. 33). Wenig wahrscheinlich ist es, dass die Insel Cypern 
von der Cypresse ihreii Namen haben sollte. Sie heisst bei den Aegyptern 
Asebi (E. Meyer, Gesch. d. Altert. I, 191), bei den Assyrern mat Jatnana. 
(E. Schrader, Keilinschr. u. Geschichtsf. S. 242 ff.), bei den Hebraern Kitwi 
(nach Kition). irfo mtisste die Benennung KoTtpo? von griechischen Schiffern 
herrtihren, denen aber der Baum doch eben xtircdpiooo<; hiess. 

Hingegen sind zwei andere Benennungen der Cypresse mit Sicherheit aus 
dem Orient nach Europa eingewandert freilich erst spat und auf nicht immer 
klaren Wegen. Diese beiden Reihen sind : sum.-akkad. mr-man, assyr. surmenu, 
eine cypressenartige Conifere (von den assyrischen Konigen auf dem Libanon 
gefallt, vgl. E. Schrader Berl. Monatsberichte 1881 S. 419 ff.), syr. surbmd, pers. 



Die Platane. 289 

sarv, pehl. sanv, kurd. selbi, selvi (vgl. Selvi-stan, alter Sarvi-stan, Jaba-Justi 
S. 244), armen. saroy, (? vgl. Lagarde, Armen. Stud. S. 133 und Ges. Abh. S. 79 
sowie Hiibscbmann, Armen. Gr. I, S. 237), tiirk. selvi, alb. selvi 1 Cypresse 
(G. Meyer, Et. W. S. 381), bulg. selvija, ngr. oeX^ivt (Miklosich, Turk. Elem.) 
und assyr. burdsu (E. Schrader a. a. O.), bebr. herds, aram. berata, berotd (Low, 
Pflanzenn. S. 82), arab. brot, griecb. ppafto (spat) Sevenbaum, lat. brains, eine 
Cypressenart Vorderasiens (Plinius). Armeniscb beisst die Cypresse auch noc, 
ndci, pers. noj , noz, noz (Lagarde, Armen. Stud. S. 144, Htibscbmann, Arm. 
Gr. I, S. 207). 

Im Ganzen wird das urspriingliche Verbreitungsgebiet der Cypresse ein 
weiteres gewesen sein, als es oben von H. angenommen wird. Vgl. auch 
Anm. 70. Namentlich muss es seit altester Zeit, wie schon die Sprach- 
vergleicbung lehrt (vgl. oben assyr. burdsu u. s. w.), die semitischen Lande mit 
umfasst haben. Dass der Baum hierher an der Hand des zoroastrischen 
Lichtkultus aus iranischen Gegenden erst eingewandert sei, lasst sicb durch 
nichts beweisen. Auf semitiscbem Boden ist die Cypresse seit Alters der 
heilige Baum der Apbrodite- Astarte , auf die sich wohl ohne Zweifel der 
Gottername B^pooO- bei Philo Byblius = Ba'alat Berut, Gottin der Cypresse 
bezieht (vgl. Baudissin, Studien zur semitischen Religionsgeschichte, 2. Band, 
Heilige Baume S. 186, 187, 196). Hingegen sind die Nachrichten iiber die 
Verehrung der Cypresse bei den Persern (vgl. dieselben in Eitters Erdkunde 
Bd. XI) verhaltnissmassig spate, und die Sprache (vgl. oben pers. sarv u. s. w.) 
konnte eher auf eine umgekehrte Eichtung der Wanderung des Cypressen- 
dienstes hinweisen. Nach den Botanikern (siehe auch Koppen, Holzgewachse 
II, S. 389 ff.) hatten auch die Inseln des agaischen Meers mit zu dem ursprting- 
lichen Verbreitungsgebiet der Cypresse gehort. Von hier ware dann der Kult 
des Baumes, und in diesem Falle auch der Baum selbst, durch orientalische 
zumeist an den Kult der Aphrodite-Astarte ankntipfende Beziehungen in west- 
licher Richtung tiber das Mittelmeergebiet verbreitet worden (s. auch den 
Abschnitt tiber die Taube). 



Platane. 

(Platanus orientalis L.) 

Der Ruhm des Platanenbaumes erfiillt das ganze Alterthum, 
das Morgenland wie das Abendland, und klingt noch heute aus 
den Berichten alterer und neuerer Reisenden wieder. Was kann in 
den diirren Felsenlabyrinthen siidlicher Sonnenlander erwiinschter 
sein, ja mehr zu Andacht und Bewunderung stimmen, als der Baum, 
der mit herrlichem hellem Laube an grunlich-grauem Stamme, mit 
schwebenden, breiten, tiefausgezackten Blattern murmelnde Quellen 
und Bache beschattet und noch heute den Ankommling empfangt, 
wie er vor Jahrhunderten die Voreltern empfangen und mit Kiihlung 

Viet. Hehn, Kulturpflanzen. 7. Aufl. ^g 



290 Die Platane. 

erquickt hat? Welche Aussicht 1st kostlicher, als die von verbrannten 
Bergzinnen auf erne Platanengruppe tief unten, die Verkiindigerin 
eines Quells im feuchten Thalgrunde, wo der Wanderer losbinden, 
sein Thier tranken, seinen eigenen Durst stillen und im Schatten 
ausruhen kann? Mit welchem Entziicken beschreibt der platonische 
Socrates jene Platane in der Nahe Athens, unter der er sich mit 
Phadrus zum Gesprach lagert, das eiskalte Wasserlein an ihrem 
Fuss, den Bliitenduft von oben, die wehende Ktihlung, den Chor der 
Cicaden, den weichen Rasen in Worten von so siisser Fiille, dass 
das gekiinstelte rhetorische Compliment, das ihnen spater Cicero 
machte, uns recht abgeschmackt erscheint, de orat. 1, 7: ilia (pla- 
tanus), cujus umbram secutus est Socrates, quae mihi videtur non 
tarn ipsa aquula quae describitur, quam Platonis oratione crevisse. 
Kleinasien und die griechische Halbinsel, sonst von Menschenhand so 
schmahlich verwiistet, weisen doch noch immer einzelne Platanen von 
riesenhafter Grosse und hohem Alter auf. Weit und breit beriihmt 
1st die ungeheure Platane von Vostizza, dem alten Aigion in Achaja, 
deren Stamm, eine Elle vom Boden, iiber vierzig Fuss im Umfange 
misst; der Baum hat noch seine vollstandige Krone und wiirde 
vielleicht noch Jahrhunderte leben, wenn man nicht wahrend der 
Revolution den unten zum Theil hohlen Stamm zur Kiiche benutzt 
und ihn bei dieser Gelegenheit angeziindet hatte, so dass das Feuer 
bis oben hinaus brannte (Fiirst Piickler, Siidostlicher Bildersaal, 2, 
127). Jeder, der Konstantinopel besucht hat, kennt die Platanen 
von Bujukdere, genannt die sieben Briider, aneinander gewachsen, 
durch Alter und die Feuer der Hirten ausgehohlt, aber noch immer 
majestatisch und herrlich. Stackelberg (der Apollotempel von Bassa, 
S. 14 Anm.) sah in der Nahe des Tempels eine Platane, deren 
Stamm einen Umfang von 48 Fuss hatte, wahrend die in demselben 
befindliche Hohlung einem Schafer fur seine ganze Heerde als Hiirde 
diente. Der Verfasser von Morgenland und Abendland berichtet 
(2, S. 131 der zweiten Aufl.) von Stanchio auf der Insel Cos: Vor 
der Moschee steht eine Platane, uralt und herrlich, dreissig Fuss im 
Umfang, und ringsum gestiitzt und getragen von antiken Marmor- 
und Granitsaulen, denen man keine schonere Ruhestatte anweisen 
konnte. Von demselben Baume sagt der Fiirst Piickler, die Riick- 
kehr, 3, 164: Mein erster Gang am folgenden Tage war nach der 
beriihmten Platane, die fur den kolossalsten Baum dieser Gattung 
im Orient gilt. Der Umfang ihres Stammes misst zwar nur fiinf- 
unddreissig Fuss, aber ihre Aeste beschatten den ganzen kleinen 



Die Platane. 291 

Marktplatz von Stanchio. Sie werden von Marmorsaulen gestiitzt, 
die man friiher aus dem Tempel Aesculaps entnommen hat, und die 
jetzt an ihrer Spitze meist schon von der Rinde der ungeheuren Aeste 
wie mit einer dicken Wulst iiberwachsen sind und sich so vollig 
mit ihnen amalgamirt haben. Zwei Sarkophage am Fusse des Baumes 
dienen als Wasserbehalter. Bei dem in der arkadischen Gebirgs- 
wildniss liegenden Hohenkloster Megaspelaon steht die Platane, an 
der der heilige Lucas das wunderthatige Bild der Mutter Gottes 
malte; ihr hohler aber frischer Stamm umschliesst die Kapelle der 
Panagia Plataniotissa, die so geraumig ist, dass zehn Menschen darin 
Platz haben (Ulrichs, Reisen und Forschungen in Griechenland, 1, 51; 
s. auch Ross, Konigsreisen, 1, 169 ff.). Nach Dodwell, A classical and 
topographical tour through Greece, 1, 121, sind noch jetzt die Bazars 
oder Marktplatze der meisten griechischen Stadte von Platanen be- 
schattet, ganz wie einst die Agora von Athen durch Cimon mit 
Baumen derselben Gattung bepflanzt worden war (Plut. Cim. 13, 11). 
Schon die Alten bewunderten einzelne alte, besonders umfangreiche 
und ehrwiirdige Exemplare. So erzahlt Theophrast, h. pi. 1, 7, 1, 
von einer Platane in der Nahe der Wasserleitung im Lyceum bei 
Athen, die, obgleich sie noch Jung war, doch schon Wurzeln von 
drei und dreissig Ellen Langen getrieben hatte. Auch Pausanias weiss 
auf seiner Wanderung hin und wieder von gewaltigen, an die Fabel- 
welt gekniipften Individuen dieser Baume zu berichten. So sah er 
bei Phara in Achaja am Flusse Pieros Platanen von solcher Grosse, 
dass man in der Hohlung der Stamme einen Schmaus halten und 
nach Belieben auch darin schlafen konnte (7, 22, 1) und bei Kaphya 
in Arkadien die hohe und herrliche Menelais d. h. die Platane des 
Menelaus, die dieser Held selbst, wie die Urwohner sagten, vor der 
Abfahrt naoh Troja an der Quelle gepflanzt hatte (8, 23, 3). Nach 
Theophrast, h. pi. 4, 13, 2, war der Baum von Kaphya vielmehr von 
Agamemnon gepflanzt worden, auf den auch die Platane am kasta- 
lischen Quell in Delphi zuriickgefuhrt wurde. Nimmt man dazu die 
Platane der Helena bei Theokrit 18, 43 ff., so. sieht man, wie die 
Sage diesen Baum, der als Schatten- und Wonnebaum immer den 
Konigen, iiberhaupt den Hohen und Reichen gehorte, gern mit den 
Pelopiden, als dem eigentlichen Herrschergeschlechte, in Verbindung 
brachte. Als unter ihrer Fuhrung die Helden in Aulis sich zur Ab- 
fahrt riisteten, da brachten sie am Quell unter einer Platane das 
Opfer, II. 2, 307: 

Unter der schonen Platane, wo blinkendes Wasser hervorquoll, 

19* 



292 Die Platane. 

und dort ward ihnen in den Zweigen des Baumes das Zeichen, 
welches Kalchas auf zehnjahrige Dauer des Zuges deutete. Griechen- 
land hatte den Baum und die Freude an ihm (sie druckt sich in dem 
Adjectiv schon, xcdfj, aus) aus Asien uberkommen, wo die Platane, 
wie die Cypresse, von Alters her bei den baumliebenden Iraniern 
und den vorder-iranischen. Stammen Kleinasiens in religioser Verehrung 
stand. Bekannt ist die schone Episode im Kriegszuge des Xerxes 
gegen Hellas, die uns Herodot 7, 31 und Aelian V. H. 2, 14, auf- 
bewahrt haben : der Konig kam auf dem Wege nach Sardis in Lydien 
zu einer .Platane, deren Schonheit sein Gemiith so ergriff, dass er 
sie, wie ein Liebender die Geliebte, beschenkte, ihre Zweige mit 
Goldketten und Armbandern umwand und einen immerwahrenden 
Wachter fur sie bestellte. Hamilton, Reisen in Kleinasien, deutsche 
Uebersetzung 1, 470, zog ganz in derselben Gegend an dem halb- 
verrotteten Stamme einer der riesigsten Platanen voriiber, die er 
jemals gesehen, und deutet an, es konne vielleicht noch die namliche 
sein, die einst von Xerxes bewundert wurde. In derselben Land- 
schaft wurde auch die hohe Platane des Marsyas gezeigt, an der der 
Gott Apollo seinen unglucklichen Gegner aufgekniipft hatte, Plin. 16, 
240 : regionem Aulocrenen diximus, per quam db Apamia in Phry- 
giam itur; ibi platanus ostenditur, ex qua pependerit Marsyas victus 
db Apolline, quae jam turn magnitudine electa est. Einen der 
grossten Baume der Art beschreibt derselbe Plinius 12, 9 als in Lykien 
befindlich, wo er ohne Zweifel gleichfalls durch den Mythus geheiligt 
war : er stand, wie immer, an einer Quelle, fontis gelidi soda amoe- 
nitate, und die Weite seiner Hohlung betrug 81 Fuss, obgleich die 
Krone noch so kraftig griinte, dass sie ein breites undurchdring- 
liches Schattendach bildete; der Consul Licinius Mutianus, als er in 
dieser Platane mit achtzehn Gasten gespeist und nach dem Schmause 
geruht, gestand, das sie ihm eine schonere Umgebung gewahrt habe, 
als die gold- und bildgeschmiickten Marmorsale Roms bieten konnten. 
Bei Homer erscheint die Platane nur an der einen so eben erwahnten 
Stelle, die moglicher Weise jiingeren Datums ist; wenigstens dem 
Dichter der herrlichen Stelle Od. 17, 204 ff, wo der pappelbeschattete 
Quell in der Nahe der Stadt Ithaka beschrieben wird, kann der 
Baum schwerlich bekannt gewesen sein. Nach Homer findet sich 
zuerst wieder bei Theognis ein Platanenhain in Lakonien erwahnt 
(unter der Form TT^araviffiovg} und auch dieser Haln stand an einem 
kalten Wasser, mit dem ein Winzer seine Reben trankte (v. 879 884). 
Die Phonizier hatten die Platane nicht nach Griechenland gebracht, 






Die Platane. 293 



derm sie 1st kein semitischer Baum; zwar stand bei Gortyn auf Kreta 
die angeblich immergriine Platane, unter welcher Zeus mit der Europa 
sich vermahlt hatte (Theophr. h. pi. 1, 9, 5), allein in dem Europa- 
dienst von Gortyn muss das phonizische Element mit lykisch-karischem 
sich durchdrungen haben (Movers, 2, 2, S. 80). Denn auch den 
Karern war die Platane, wie den Lykiern, ein heiliger Baum: nach 
Herodot 5, 119 stand bei Labraynda ein ausgedehnter, dem ein- 
heimischen Zeus Stratios geweihter Platanenhain, in dessen Schutz 
sich die von den Persern geschlagenen Karer zuruckzogen (ein 
iranischer Zug in dem sonst sernitischen Charakter der karischen 
Religion). Als eigentliches Heimathland der Platane mochten nach 
Grisebach, Vegetation der Erde, 1, 310, die Gebirge der vorder- 
asiatischen Steppen gelten diirfen, wo die Platane am Taurus bis 
iiber 5000 Fuss ansteigt. Dass die Griechen den Baum nicht aus se- 
mitischem, sondern aus phrygisch-lykischem oder iiberhaupt iranischem 
Kulturkreise empfangen hatten, beweist auch der Name desselben 
(nhaxdviGTog bei Homer, Theognis und Herodot, /r^dravog bei 
den Attikern); an phonizischen Ueberlieferungen haftete auch der 
phonizische Name ; nhaTaviarog aber der breitblatterige oder weit- 
schattende Baum ist entweder innerhalb der griechischen Sprache 
selbst gebildet worden (rt^arvg breit u. s. w.) oder, was uns wahr- 
scheinlicher ist, lautete schon in dem verwandten iranischen Idiom 
ahnlich (zendisch frath ausbreiten, perethu breit, von der Wohnung, 
den Wolken, der Erde, Justi Handbuch S. 191. Die spatern per- 
sischen Namen des Baumes, dulb, dulbar und tschindr, tschandl sind 
auch in die neueren semitischen Sprachen iibergegangen, die sich 
also darin von iranischer Kultur abhangig zeigen, P. de Lagarde, 
Ges. Abhandlungen S. 31). Eine schone Abbildung der orientalischen 
Platane findet sich in der Ausgabe des Marco Polo von H. Yule, 
London 1871, 1, 120. 

Ueber die Verbreitung des Platanenbaumes weiter in den euro- 
paischen Westen haben wir ein gewichtiges Zeugniss des Theophrast, 
h. pi. 4, 5, 6 : In den Landschaften um das adriatische Meer soil 
die Platane nicht vorkommcn, ausser um das Heiligthum des Dio- 
medes (d. h. auf der Diomedes-Insel, einer der jetzt sogenannten 
Tremiti-Inseln, nordlich vom Garganos-Vorgebirge), in Italien soil 
sie selten sein, obgleich es dem Lande an grosseren Gewassern nicht 
fehlt; diejenigen Platanen wenigstens, die der altere Dionysius in 
Rhegium in seinen Baumgarten gepflanzt hatte und die jetzt im 
Gymnasium stehen, wollen trotz aller Pflege nicht recht gedeihen. 



294 Die Platane. 

Diese Nachricht wiederholt Plinius 12, 6, erweitert sie aber, wir 
wissen nicht ob aus andern Quellen oder bloss durch Interpretation 
der ihm vorliegenden Stelle des Theophrast, dahin, dass der Baum 
zuerst ins adriatische Meer nach dem Grabe des Diomedes auf der 
nach diesem Helden benannten Insel, dann nach Sicilien und fruh- 
zeitig, inter primas, nach Italien gebracht worden sei worauf die 
Geschichte von der Anpflanzung des Dionysius in Rhegium folgt. 
Bei den romischen Grossen des letzten Jahrhunderts der Republik ist 
Anpflanzung von Platanen ein vornehmer Zeitvertreib, gleich den 
Fischteichen und andern kostspieligen Anlagen in Villen und Garten, 
wahrend geringe Leute natiirlich lieber einen Fruchtbaum setzten, 
der etwas tragen und einbringen konnte. Dass es den Platanen gut 
thue, mit Wein statt mit Wasser begossen zu werden, war ein der 
reichen Aristrokratie willkommener Aberglaube, da er dem Hange 
nach exclusivem Luxus entgegenkam. Von dem beriihmten Redner 
Hortensius, dem Zeitgenossen des Cicero, wird berichtet (Macrob. 
Sat. 3, 13, 3), er habe einmal bei einer Gerichtsverhandlung den 
Cicero gebeten, mit ihm die Reihe im Reden zu tauschen, da er 
nothwendig auf seine Villa bei Tusculum musse, um seine Platane 
eigenhandig mit Wein zu begiessen. Wie einst Menelaus und Aga- 
memnon und spater Dionysius und wie die persischen Konige, die 
[teydhoi paathslg, so pflanzte auch der grosse Casar am Guadalquivir 
eine Platane, von der wir durch einen Hymnus des Martial wissen; 
ihr Wachsthum war in den Augen des Dichters ein Sinnbild der 
unverganglichen Herrlichkeit des Dictators und seines Hauses, 9, 61 : 

dilecia deis, o magni Caesaris arbor, 
Ne metuas ferrum sacrilegosque focos. 
Perpetuos sperare licet tibi frondis honores: 
Non Pompejanae te posuere manus. 

Ini dichten Schatten dieses aristokratischen Baumes am kiihlen Quell 
dem Genusse der Ruhe und des Weines sich hingeben, ist auch bei 
den Dichtern, den Freunden des Hofes, Lieblingssitte. Verg. G. 
4, 146: 

Jamque ministrantem platanum potantibus umbram. 
Hor. Od. 2, 11, 13: 

Cur non sub alia vel platano vel hac 
Pinu jacentes potamus uncti? 

Bei Ovid, Met. 10, 95, heisst die Platane genialis d. h. ein wonniger 
der Pflege des Genius oder dem Lebensgenuss dienender Baum. 
Indess regt sich in echt romischer Weise auch wieder das Ge- 



Die Platane. 295 

wissen, den heiligen Boden, die fruchtspendende Erde durch einen 
blossen Schonheitsbaum, der keinen Nutzen brachte, zu entweihen 
etwa wie man den Kindern verbietet, mit Brot zu spielen. Daher 
die Ausdriicke: platanus vidua, sterilis, caelebs, z. B. Hor. Od. 2, 15: 

Jam pauca aratro jugera regiae 
Moles relinquent, undique latins 
Extenta visentur Lucrino 
Stagna lacu platanusque caelebs 
Euincet ulmos 

welche letztere namlich Weinreben zu tragen geeignet sind, oder die 
Klage des Nussbaumes bei Ovid, Nuc. 17: 

At postquam platanis, sterilem praebentibus umbram, 
Lberior quams arbor e venit honos: 
Nos quoque frugiferae, si nux modo ponor in illis, 
Coepimus in patulas luxuriare comas. 

Plinius driickt dies Gefiihl in directen Worten aus, 12, 6: quis non 
jure miretur arborem umbrae gratia tantum ex alieno petitum orbe? 
Platanus jam ad Morinos usque perveeta ac tributarium etiam 
detinens solum, ut gentes vectigal et pro umbra pendant. Dass 
iibrigens die echte Platane, Platanus orientalis, bei den Morinern 
am belgisch-franzosischen Seestrande angepflanzt worden sei und da- 
selbst ausgedauert habe, ist nicht glaublioh: es wird ein ahnlicher 
Schattenbaum gewesen sein, der nordische Aborn, Acer platano'ides ; 
von Plinius selbst 16, 66 der gallische oder weisse Ahorn genannt y 
fiir welchen Baum eine merkwiirdige gleichartige Benennung durch 
die Sprachen der Kelten, Germanen, Slaven und Thraker geht 73 ). 
Aus noch weiterer Feme, als die Platane der Alten, und auch nur 
um des Schattens willen ist der gewohnlichen Meinung nach der 
amerikaniscbe Ahornbaum, Platanus oecidentalis, zu uns gebracht 
worden, der jetzt in Mitteleuropa vielfach zu Baumgangen verwandt 
wird ; Andere wollen in ihm nur eine Abart der orientalischen finden. 
Nach den Beobachtungen von Theobald Fischer, Beitrage 150ff., ist 
indess die erstere Annahme bei weitem wahrscheinlicher. 



* Das Geschlecht der Platanen besass in der Tertiarperiode eine viel 
ausgedehntere Verbreitung, als in der Gegenwart ; so waren P. Guillelmae (Les- 
quereux) Heer zur Zeit der mittleren und oberen Tertiar von Gronland durch 
Nordamerika und das nordostliche Asien, P. aceroides (Goeppert) Heer von 
Gronland und Spitzbergen durch Europa, Nordamerika und Nordasien ver- 
breitet, neben ihnen existfrten namentlich in Nordamerika eine Anzahl anderer 



296 Di 

mehr lokalisirter Formen. Von der letztgenannten Art diirften die in Nord- 
amerika heimische, in Mittel- und Sudeuropa jetzt allgemein kultivirte P. occi- 
dentalis L., sowie P. orientalis L. abstammen. Diese letztere findet sich wild 
im Himalaya, in Afghanistan, dem sudlichen Persien, in Imeretien und Gurien, 
in Paphlagonien, auf dem Libanon und Cypern, ferner im westlichen und 
sudlichen Anatolien unterhalb der Cedernregion bis zu 1600 m, haufig in 
Bithynien bis zu 800 m, desgleichen in Thracien, Macedonien und Griechen- 
land; sie kommt daselbst in Waldern und an Gebirgsbachen vor, an 
Standorten, bei denen an eine Einschleppung der Pflanze nicht 
zu denken ist. Aber auch aufSicilien und in Unteritalien ist die 
Platane wildwachsend. 



* * Dass TcXatavtoTo?, rcXatavoi; aus dem Iranischen oder aus einer klein- 
asiatischen Sprache entlehnt sei, lasst sich durch nichts wahrscheinlich 
machen. Es ist sicherlich eine echt griechische Ableitung von itXaTu? breit. 
Lat. platanus ist aus dem Griechischen entlehnt. Dies weist im Zusammen- 
hang mit den obigen geschichtlichen und botanischen Nachrichten darauf hin, 
dass der Baum in Italien sich hauptsachlich durch Kultur, die von den grie- 
chischen Kolonien ausging, verbreitete, wahrend der Annahme, dass er in 
Griechenland einheimisch sei, nichts im Wege steht. Vgl. Neumann-Partsch, 
Physikalische Geographie S. 387 f., Koppen, Holzgewachse II, 68 ff., Muss- 
Arnolt, Transactions XXIII, p. 110. 



Die Pinie. 

(Pinus pinea .L.) 

Die Geschichte des Pinienbaumes ist aus dem Grunde schwierig, 
weil die Alten, wo sie der zapfentragenden Nadelbaume erwahnen, 
die Arten derselben nicht strenge zu sondern pflegen und also der 
Deutung und Vermuthung ein freies Feld lassen. Immerhin konnen 
zwei Gruppen dieser Bauaie mit hinreichender Sicherheit unterschieden 
werden, die eine, eAcm? genannt, Pinus picea L., die andere mit dem 
Doppelnamen nCxvc, und nevxrj, unter der die Pinie, wo sie iiberhaupt 
vorkommt, mitbegriffen sein muss. Homer kennt schon alle drei 
Benennungen ; gAa^ ist ihm ein hoher, zum Himmel strebender Baum, 
ovQavoLirjxrjg, nsQc^xewg , wt^/Uj, also die Tanne; dass er aber 
unter seiner nltvg die Pinie, Pinus pinea, den Baum mit dem rei- 
zenden Schirmdach und den essbaren, mandelartigen Friichten ver- 
standen hat, wie Fraas, Synopsis p. 263, annimmt, geht aus den 
drei oder vielmehr zwei Stellen, in denen das Wort vorkommt, nicht 



Die Pinie. 297 

hervor. II. 13, 389 ff. und gleichlautend 16, 482 ff. heisst es von dem 
in der Schlacht fallenden Helden: 

Aber er stiirzte dahin, wie der Eichbauin oder die Pappel 

Oder die Fichte, die schlanke ((3X(u&pY)), von Zimmerern hoch im Gebirge 

Mit scharfschneidendem Beile gefallt zum Baue des Schiffes. 

Hier fiihrt das Pradikat fthwd-Qog , hochaufgeschossen , und die Ver- 
bindung mit Eiche und Silberpappel weit natiirlicher auf Pinus Laricio 
oder auch auf die sonst gAan/ genannte Pinus picea, als auf den 
niissetragenden Pinienbaum, wie denn auch Odysseus, Od. 5, 239, 
auf der Insel der Kalypso sein Scruff aus Ellern, Pappeln und Tannen 
ehdxy, baut. Ganz ebenso verhalt es sich mit der anderen Stelle, 
Od. 9, 186 ff., wo urn die Hohle des Cyclopen eine Hiirde flir Schafe 
und Ziegen aus Steinen und 

Aus langstammigen (fxaxp-goiv) Fichten und hochumwipfelten Eichen 

gebaut ist. IlCxvq und rtevxr^ sind nur verschiedene Formen desselben 
Wortes, welchem die Bedeutung: harzreicher Baum, Pechbaum zu 
Grunde zu liegen scbeint. Je nach den Landschaften mag bald diese, 
bald jene Benennung fur ein und dieselbe Species, oder umgekehrt 
dieselbe Benennung fur verschiedene Arten im Gebrauch gewesen 
sein wie denn Theophrast h. pi. 3, 9, 4 ausdriicklich sagt, was 
er nevxTf] nenne, heisse bei den Arkadern nCxvg. Standort, Boden, 
Klima, Altersstadium brachten gewiss auch damals schon Varietaten 
hervor. Die ausfuhrliche Darstellung bei Theophrast (in dem so eben 
angefiihrten 9. Kapitel des dritten Buches seiner Pflanzengeschichte) 
ist doch nicht bestimmt genug, um in unserem Sinne eine feste Syno- 
nymik der Nadelholzer moglich zu machen. In der dort vorkommenden 
Ttsvxr] r}fj,QO$, die mit der 7ivxr ( f] xwvoyoQog, 2, 2, 6, identisch zu 
sein scheint, erkennt man die Pinie, da jenes Adjectiv die von 
Menschenhand der Friichte oder des Schattens wegen gepflanzten, 
veredelten Baume zu bezeichnen pflegt, und xcovot, Zapfen, auch 
sonst als der specifische Ausdruck fiir die essbare Pinienfrucht auf- 
tritt; aber nichts sagt uns zunachst, ob die zahme Kiefer ihren 
wilden Reprasentanten in den griechischen Bergen hatte, oder ob sie 
ein fremder Baum und im letztern Falle wann und wo sie ein- 
gefiihrt war. Sehen wir auf die Namen fiir die Niisse selbst, so ist 
uns ein solcher angeblich schon aus einem Gedicht des Solon auf- 
bewahrt: Phrynich. p. 396, ed. Lob.: Ifu yaQ vvv xoxxwva heyovac, 
ot nohhol oQ^g. xal yaQ 2oA,o)V sv wig Tiotri^acfc OVTCD 
Koxxwvag aMog, arsgog Ss 



298 Die Pinie. 

Daraus geht nur hervor, dass xoxxwvsg, die bei Solon auch Granat- 
kerne oder sonst eine Beere bezeichnen konnten, in der spatesten Zeit 
als Pinienkerne gedeutet wurden. Dasselbe ist der Fall mit clem 
verwandten Wort xoxxahog bei Hippokrates, von welchem Galenus, 
XV. p. 848 Kiihn, erklarend bemerkt, es sei dasselbe, was sonst 
xwvog genannt worden sei, bei den neueren Aerzten aber QiqofUtog 
heisse. Dass ein ahnlicher Ausdruck in spaterer Zeit im Munde des 
Volkes lebte, beweist auch der neugriechische Name fiir die Pinie 
xovxovvctQtd. Eine friihere Beiiennung war xwvog, eine spatere 
fohog, Galen. XIII. p. 10 Kiihn: ovg vvv anavTeg "EM^ves ovo^i 
GrQopttovg, TO ndkai, tie naga Tolg 'Atuxolg sxahovvxo xwvot,. In der 
attischen Inschrift bei Bockh, Staatshaushalt 2, 356 (der zweiten 
Ausg.), die vielleicht in das zweite Jahrhundert vor Chr. gehort,. 
kommen in der That unter anderem Naschwerk auch xwvoi, vor, 
aber ob sie in Griechenland gewachsen oder von auswarts gekommen 
waren, wie z. B. die Datteln und die agyptischen Bohnen, erfahren 
wir nicht. Pseudo-Herodot. vit. Horn. 20 sagt von der Pinienfrucht : 
Einige nannten sie (ftQofltJioSj Andere xwvog. Die Benennung titgofiikog 
tritt zuerst bei Aristoteles oder bei Theophrast auf (Lobeck zu der 
obigen Stelle des Phrynichus). Wenn in der so eben erwahnten In- 
schrift ausser xwvot, auch nvQ^veg erwahnt werden, so deutet Boeckh 
die ersteren gewiss richtig als Pignolen mit der Schale, die letztern 
als geschalte (und zugleich gedorrte, weil sie sich sonst nicht halten) ; 
das Wort TrvQVJv, welches in alterer Zeit ganz allgemein den Kern 
der Friichte, z. B. der Weinbeere oder der Olive (Herodot 2, 92), 
bedeutet hatte, erfuhr also dieselbe Entwickelung der Bedeutung,. 
wie xoxxcov, xoxxahog, xcxxog. Einen andern sonst nicht vor- 
kommenden und von der Harte der Umhullung entnommenen Aus- 
druck bargaxCg brauchte der athenische Arzt Mnesitheus, wie wir 
aus Athen. 2. p. 57 erfahren. Dioskorides im ersten Jahrhundert 
nach Chr. hat die abstractere Benennung nirvL'g, 1, 87: mTv'i'deg de 
xahovvrat, o xaQ?wg TWV TUTVWV xal xr^g Trevxqg 6 stQKfxofuevog ev Tolg 
xwvoig - - also die Kerne selbst, die in den Niissen stecken. Halt 
man alle diese Zeugnisse zusammen, so ergiebt sich als Resultat, 
dass, je weiter in der Zeit hinab, desto deutlicher die Pinie hervor- 
tritt, desto bestimmter allgemeine Namen auf die Pinienfrucht sich 
fixiren und desto gewohnlicher die letztere als Naschwerk im ge- 
meinen Leben erscheint. Bei den attischen Komikern geschieht der 
Pignolen keine Erwahnung. In Sicilien kennt Theokrit die Pinien- 
nlisse bereits als beliebten Leckerbissen : 5, 45 if. wird ein angenehmer 



Die Pinie. 299 

Ruhesitz beschrieben, wo Quellen frischen Wassers sprudeln, die 
Vogel zwitschern, die Schatten der Baume Kuhlung verbreiten und 
die Pinie von oben ihre Niisse abwirft: 

fidMsi Jg xal a nCrvg vipo&e xwvoig 

(in der That offnet der Pinienzapfen, nachdem er vier Jahre festver- 
schlossen am Baume gehangen, von selbst die Schuppen und lasst 
dann die Niisse herabfallen, die dann nur aufgeklopft zu werden 
brauchen). Auf dem italienischen Festland treffen wir die Pinie auch 
bei Cato, der die Kerne saen lehrt, 48, 3: nuces pineas ad eundem 
modum, nisi tanquam alium serito. Plinius 15, 35 beginnt seine 
Aufzahlung der Baumfriichte schon mit vier Sorten essbarer Zapfen- 
kerne, vier verschiedenen Arten Baume angehorig, darunter auch die 
Picea sativa und der Pinaster, dessen Niisse die Trauriner in Honig 
einkochten und dann aquicelos nannten. Wenn der jiingere Plinius 
in seinem beriihmten zweiten Brief e an Tacitus den aus dem Vesuv 
aufsteigenden Rauch mit einer pinus vergleicht, 6, 20: nubes oriebatur, 
cujus similitudinem et formam non alia arbor magis quam pinus 
expresserit, so erkennen wir deutlich unsere Pinie mit der gewolbten 
Laubkrone auf schlankem, oben in Aeste sich theilendem Stamme. 
Von den Dichtern wird sie bei Schilderungen landlicher Paradiese 
mitaufgefiihrt ; sie war kein Wald-, sondern ein Gartenbaum und 
also gewiss frernder Herkunft. Verg. Eel. 7, 65: 

Fraxinus in silvis pulcherrima, pinus in hortis, 
Populus in fluviis, dbies in montibus altis. 

Ovid. Art. am. 3, 687: 

Est prope purpureos collis florentis Hymetti 
Fons sacer et viridi cespite mollis humus. 
Silva nemus non alia facit; tegit arbutus herbam; 
Ros maris et lauri nigraque myrtus olent. 
Nee densum foliis buxum fragilesque myricae 
Nee tenues cytisi cultaque pinus abest. 

Petron. sat. 131: 

Nobilis aestivas platanus diffuderat umbras 

Et baceis redimita daphne tremulaeque cupressus 

Et circumtonsae trepidanti vertice pinus 

wo das Bild der unten zweiglosen, circumtonsa, oben ein fliisterndes 
Schirmdach tragenden Pinie deutlich wiedergegeben ist. Martial 
warnt den Wanderer davor, sich unter die Pinie zu setzen, denn 



300 Die pinie - 

ihre schweren Zapfen konnten ihm auf den Kopf fallen, 13. 25 
nuces pineae: 

Poma sumus Cybelae, procul hinc discede. viator, 

Ne cadat in miserum nostra ruina caput. 

Die Pinie steigt nicht auf die hohen Gebirge, entfernt sich auch 
nicht von den Vorbergen und Ufern des mittellandischen Meeres, 
fiir uns ein Beweis mehr, dass sie in Italien, ja auch in Griechenland 
eingewandert ist; denn was urspriinglich in diesen Landern, iiber die 
doch auch schneidende Nordhauche hinwehen, einheimisch war, be- 
sitzt auch die Kraft, mit Hiilfe pflegender Kultur die Alpen zu tiber- 
steigen und einzelne begunstigte Localitaten Mitteleuropas zu betreten. 
Der Pinie ist aber bereits die Gegend von Turin zu kalt. Wir 
wissen nicht, ob und in welcher Landschaft Asiens sie etwa noch 
wild vorkommt. Nach Fiedler wachst sie im heutigen Griechenland 
nur hin und wieder und meist einzeln; was an Kieferniissen auf den 
grosseren Bazars feilgeboten wird, kornmt meistens aus Russland von 
Pinus Cembra L. Nach Grisebach, Spicilegium II, 347, findet sich die 
Pinie, vermischt mit Pinus Laricio, als hoher Wald auf dem nord- 
lichen Ufer der Halbinsel Hajion-Oros (die in den Berg Athos aus- 
lauft). Im heutigen Italien bildet die Pinie den malerischen 

Schmuck der Villen und Garten, z. B. in Rom; besonders haufig ist 
sie neuerdings, wie schon friiher bemerkt, in der reichen Campagna 
von Neapel angepflanzt, iiber der weit und breit ihre reizenden grunen 
Laubkugeln schweben. Hin und wieder trifft man die Pinie auch 
in zusammenhangenden Bestanden, nirgends so ausgedehnt, als in 
der beruhmten Pineta von Ravenna. Dieser Pinienwald, dem das 
sumpfumgebene Ravenna nach der allgemeinen Meinung seine gesunde 
Luft verdankt, erstreckt sich auf altem Meeresboden in einer Breite von 
einer Stunde und in einer Lange von mehr als sechs geographischen 
Meilen dem Ufer entlang. Schoii ist er von Karl Witte beschrieben, 
Alpinisches und Transalpinisches , Berlin 1858, S. 308: Statt der 
Einformigkeit eines schwebenden Baldachins, die man sonst an ihm 
gewohnt ist, entwickelt der Baum hier in so viel hundert uralter und 
kraftiger Exemplare die mannigfachsten, oft wunderbar verschrankten. 
und knorrigen Gestalten. Unter dem Dache der Pinien aber, auf 
dem feuchten fruchtbaren Boden hin, wuchert ein iippiges Wachs- 
thum von niederen Gestrauchen und Schlingpflanzen in buntester 
Fiille. Schon ein Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts zahlte fast 
dreihundert Pflanzenarten in ' dieser Pineta. Dazwischen singt und 
summt und zwitschert es von unzahligen Vogeln und anderem fliegen- 



Die Pinie. 301 

den Gethier; oben durch die Pinienzweige aber fliistert ohne Unter- 
lass der Windeshauch vom nahen Meere. Ueber den Ertrag an 
Friichten und die Art der Einsammlung und Reinigung s. eben- 
daselbst S. 309 f. Die Pineta giebt jahrlich etwa 9000 preussische 
Scheffel Pinienkerne, die leereri harzigen Zapfen bilden das schonste 
Material fiir Kaminfeuer. Da der Wald von Ravenna zum grossten 
Theil auf neugebildetem Boden steht, der zur Romerzeit noch Meer 
war, so kann er erst im Mittelalter, nicht vor den Zeiten des Pro- 
copius, angelegt worden sein. Wohl aber war jenes ganze Territormm 
schon friihe reich an Pinien, Sil. Ital. 8, 595: 

et undique sellers 
Arva coronantem nutrire Faventia pinutn. 

Das von Ravenna nicht weit abstehende Faenza pflegte also zu Silius' 
Zeit schon die Pinie, die die Saatf elder kront. Dass Augustus wegen 
dieses Baumes Ravenna zu einem der beiden Standorte seiner Flotte 
erhoben haben sollte, glauben wir nicht, da Schiffswerft und Flotten- 
station zweierlei sind und bei Wahl der letzteren ganz andere mili- 
tarisch-politische Grande entscheiden. Jordanis 57 : (Theodorictis) 
transacto Pado amne ad Itavennam, regiam urbem, eastra componit 
tertio fere milliario loco qui appellatur Pineta. Zur Zeit des Ein- 
bruchs der Ostgothen gab es also schon einen Ort Pineta bei Ravenna, 
der aber nordwestlich von der Stadt gelegen zu haben scheint und 
also mit der heutigen Pineta nicht zusammenfallt (Palmann, Geschichte 
der Volkerwanderung, II, 489 f.). Der Wald wurde zum Schutze 
Ravennas gegen das Meer zu der Zeit angelegt, wo durch ganz Nord- 
italien im Kampfe mit der Natur Kanale, Damme und andere Wunder- 
werke der technischen Kunst ausgefuhrt wurden. Dante kennt und 
preist ihn bereits und benennt ihn nach Chiassi (dem alten Hafen, 
Classis, von Ravenna), ebenso Boccaccio. Er gehorte sonst mehreren 
Kirchen und Klostern und bildete dann bis zur Entstehung des Konig- 
reichs Italien ein Eigenthum der apostolischen Kammer: diese trat 
ihn im Jahre 1860 durch Vertrag (oder Scheinvertrag) an die Ka- 
noniker des Lateran ab, die ihrerseits ihre Rechte auf eine Pri vat- 
person ubertrugen. Beide Kontrakte wurden von den italienischen 
Gerichten fiir nichtig erklart, da wegen Wechsels der Landes- 
souveranetat die papstliche Kammer nicht mehr als Eigenthiimerin 
angesehen werden konnte. Indess Hess sich die italienische Regie- 
rung zu einem Abkommen herbei, vermoge dessen gegen eine ver- 
haltnissmassig geringe Abfindungssumme die Pineta, deren Kapital- 
werth auf 4 5 Millionen Franken geschatzt wird, in die Hand der 



302 Die Pinie. 

neuen Regierung iiberging (heftige Debatten dariiber im Florentiner 
Parlament, Marz 1866). Uebrigens haben nach altem Branch die 
Burger von Ravenna ausgedehnte Nutzungsrechte an dem Walde; ja 
man beschwerte sich, dass der leichte Erwerb, zu dem er Gelegen- 
heit bietet, der Faulheit Vorschub leiste und miissiges Gesindel aus 
weitem Umkreise herbeiziehe. Dennoch gilt die Pineta fur das 
Heiligthum Ravennas, das die Stadt und ihr Gebiet gegen giftige 
Diinste und die Meeresstromungen schiitzt und. demgemass hoch- 
gebalten und gepflegt wird. 



* Die Pinie ist nach der Ansicht fast aller Floristen der Mittelmeer- 
lander ein in den Kiistenstrichen des Mittelmeers heimischer 
Baum. Nach Karl Koch (Linneae 1849 p. 298) und Koppen wachst sie 
vollig wild am Fluss Tschoroch unweit Artevin im Gebiet von Batum; sie 
ist ferner haufig in Gurien, wo sie aber nur in der Nahe von Ruinen ange- 
troffen wird; an der Siidkuste der Krim ist sie eingefiihrt. Im Ktistengebiet 
von Anatolien und Syrien wird sie als wild angesehen. Dass sie im Pelo- 
ponnes heimisch sei, wird von Heldreich nicht bezweifelt, dagegen ist sie 
nach dessen Ansicht in Creta wohl nicht spontan. In Italien ist die Pinie 
an den Kiisten und in der Ebene haufig, zwar vielfach angepflanzt, aber doch 
wohl auch ursprunglich wild. Sehr verbreitet ist die Pinie als einheimischer 
Baum durch Spanien mit Ausnahme der nordwestlichen Provinzen; sie bildet 
namentlich ausgedehnte Walder zwischen Sevilla und Huelva, sowie zwischen 
Huelva und Ayamonte, ferner in der Provinz Segovia, sowie in den castilischen 
Ebenen zwischen Penaranda, Avila und Labajos. Auch auf Madeira kommt 
die Pinie, allerdings nur vereinzelt und wahrscheinlich angepflanzt bis zu 
einer Hohe von 600 m vor. In Algier ist die Pinie nach Letourneux 
nicht wild, aber stellenweise verwildert; auch in Tunis kommt sie nicht 
spontan vor. 



* * Griech. TCITD? und K&UXY] (oben S. 297) sind verschiedene Worter, von 
denen letzteres zu ahd. fiuhta und lit. puszis Fichte, ersteres zu scrt. pita-dru, 
piia-daru, pitu-daru, Pamird. pit, lat. pitu-ita Schnupfen, eigentl. zahe Feuchtigkeit 
gehort. Hierher wird auch lat. pinus zu stellen sein, sei es, dass dasselbe aus 
*pit-snu-s oder pi-nu-s (vgl. scrt. pi-na-s feist) entstanden ist. Dass die Griechen 
und Romer, als sie im Siiden die Pinus pinea kennen lernten, den neuen Baum 
zunachst mit unter die alten Benennungen langst bekannter Coniferenarten 
unterordneten, hat um so weniger auffallendes, als uns ein specieller alterer 
Name der Pinus pinea uberhaupt nicht, weder im Orient noch im Occident, 
bekannt ist. Das allmahliche Hervortreten besonderer Benennungen fur die 
Pinie und ihre Frtichte erinnert in mancher Beziehung an die Geschichte der 
Kastanie und ihrer Namen (s. dieselbe unten), ohne dass es hier wie dort 
nothig ware, aus dieser sich nach und nach verfeinernden Terminologie 
Schlusse auf ein urspriingliches Unbekanntsein beider Baume in Griechenland 



Das Rohr. 303 

oder Italien zu ziehen. Ausfiihrlich handeln tiber die antike Nomenclatur der 
Kiefernarten Neumann und Partsch, Physikalische Geographic S. 366 Anm. 2. 
Gegen die botanische Argumentation Hehns (oben S. 300) beztiglich des spate- 
ren Bekanntwerdens der Pinie in den Mittelmeerlandern vgl. auch Grisebach, 
Gott. Gel. Anzeigen 1872 S. 1766 ff. Zu ngr. xooxoovapid vgl. noch alb. kukunare 
Pinie (G. Meyer, Et. W. S. 211). Wohlerhaltene Zapfen von Pinus pinea 
nennt Woenig (a. a. 0. S. 362) unter den Pflanzenresten auslandischer Ge- 
wachse in agyptischen Grabern. 



Das Rohr. 

(Arundo donax L.) 

Der nordische Reisende staunt, wenn er jenseits der Alpen ein 
dichtes, hochwallendes, im Winde rauschendes Rohrfeld sieht, dessen 
schwankende, in Blatter gekleidete, knotenreiche Halme, oft bis zu 
einem Zoll Dicke, weit iiber seinen Kopf reichen. In fetten, be- 
feuchteten Griinden, langs den Darnmen, an den Ufern der Fliisse 
und Kanale, aber auch auf trockenen Feldern werden die Wurzel- 
knollen (oculi bei den Alten) in tiefe Graben gelegt, die aufgeschosse- 
nen Rohre im Herbste geschnitten und die iibrig bleibenden Stocke 
angeziindet, damit die Asche den Boden fur die neuen Triebe des 
kiinftigen Jahres diinge. Oft sieht man dann von hohern Punkten, 
z. B. auf Abend-Spaziergangen von einem der sieben Hugel Roms, 
Feuer und Rauch in der Feme wunderbar iiber die Ebene ziehen. 
Dies Riesengras ersetzt nicht nur im waldlosen Siiden das fehlende 
Holz zur Feuerung, sondern es stiitzt auch die Weinreben, umzaunt 
die Aecker und Garten, dient zu Lauben, Spalieren, Gipsdecken der 
Zimmer, zum Trocknen der Wasche, zu Angel- und Leimruthen, zu 
Spulen der Weber und zu hundertfaltigem anderem Gebrauch. Wie 
schon im Alterthum, so ist noch jetzt ein Stuck Rohr die leichte 
Spindel des Hirtenmadchens, mit der sie, ohne an ihr schwer zu 
tragen, auf Felsenpfaden den Zickeln und Lammern nachspringt; wie 
im Alterthum, schneidet noch jetzt der Hirtenbursche aus dem Rohr- 
halme sich seine Schalmei, die tibia, fistula, syrinx. Zwar geschrieben 
wird auch im Siiden nicht mehr mit dem Rohre, aber das Tintenfass 
heisst noch immer ealamqjo, wie die Magnetnadel calamita und das 
Brenneisen calamistro, und die Kiiaben reiten noch immer auf dem 
langen Rohrhalme umher, wie die Buben zu Horatius' Zeiten, Sat. 
2, 3, 248: equitare in arundine longa. Auch diese Kulturpflanze, die 



304 Da 

mit dem europaischen Sumpfrohr, Phragmites communis, nicht zu ver- 
wechseln 1st (s. Zeitschrift fiir allgemeine Erdkunde, Neue Folge, 
Band 13: Die Gras vegetation Italiens, nach Parlatores Flora italiana 
bearbeitet von Dr. C. Bolle, S. 298), stammt aus dem warmeren 
Asien und verlasst auch jetzt nicht den Bezirk des Mittelmeeres. 
Schon in homerischer Zeit brachten die Phonizier mancherlei aus 
Arundo donctx Gefertigtes heriiber wie wir aus einigen Namen 
schliessen, die schon die epische Sprache kennt. Das dem Semitischen 
entnommene xdvvr], urspriinglich xdvrj (Renan, histoire des langues 
semitiques, edit. 1, p. 192, 193 und Benfey unter diesem Wort), das 
wieder die Romer den Griechen entlehnten (canna friiher cana, wie 
canalis beweist), gab namlich das homerische xdvsov, xdvswv Brot- 
korb, und den xdvv^ d. h. Kamm oder Spule am Webstuhl und 
das Querholz am Schilde, das entweder die Handhabe zu befestigen 
oder den Schild selbst auszuspannen diente. Der Brotkorb, spater 
auch in der erweiterten Form xdvatftgov, xdviGTQov, aus dem beim 
Mahl den Gasten das Brot vertheilt wird, war aus gespaltenem Rohr 
geflochten und mag ein phonizischer Handelsartikel gewesen sein. 
Die xavovsg am Schilde mussten stark und zugleich leicht sein: 
beide Eigenschaften sind die Hauptvorziige eines guten Schildes und 
beide besass gerade das asiatische Rohr. Die Wage, deren sich die 
Kauf leute bedienten, wenn sie am Strande ihre Waaren ausbreiteten 
und den Kauflustigen zuwogen, wird, ein gleichschwebendes Rohr 
gewesen sein 74 ), eben so das Mass und das Richtscheit ein grader 
Rohrstab, denn in beiden Bedeutungen finden wir das Wort xavwv 
spater wieder. Die cyclopischen Mauern von Mycena waren mit dem 
Kanon und dem Steinmeissel gefugt, Eurip. Here. fur. 944: 

ra Kvxhomwv 
gtoCvixi, xavovt xal vvxoig 
wo das Adjectiv <poCvt roth denn phonizisch kann es ja wohl 
nicht bedeuten beweist, dass der Dichter sich unter xavwv bereits 
eine Richtschnur gedacht hat, die beim Abschnellen eine farbige ge- 
rade Linie zuriicklasst. Auch Matten und Decken aus xdvva ge- 
flochten kommen friihe vor, schon in einem Fragment des Hipponax 
bei Pollux 10, 183. Das Wort xdvva, xavvy selbst ist im griechischen 
Alterthum selten und wo es erscheint, hat es die Bedeutung des aus 
Rohr Geflochtenen, nicht der Pflanze selbst. Wann kam die letztere 
also nach Griechenland, und wie allgemein wurde sie angebaut? Das 
Rohrdickicht, in welchem Menelaus und Odysseus die Nacht hindurch 
vor Troja im Hinterhalt lagen, Od. 14, 174, mag aus gewohnlichem 



Das Rohr. 305 






Sumpfrohr bestanden haben; aber waren nicht die dovaxsg 
an der Phorminx des Hermes, Hymn, in Merc. 47, aus edlem asia- 
tischem Rohr geschnitten? Das letztere Hesse sich noch am ehesten 
bei dem Pfeil voraussetzen, mit welchem Paris, II. 11, 584, den Eury- 
pylus im Schenkel traf, so dass das Rohr abbrach, denn hier kam 
es auf einen leichten und doch kraftigen Schaft an: aber die Pfeile 
konnten eingefiihrt und das Material ein fremdes sei. Auch die 
ausfiihrliche Erorterung iiber die Arten des Rohres bei Theophrast 
h. pi. 4, 11, ist nicht pracis genug, um Arundo donax mit Sicherheit 
in einer derselben wiederzuerkennen. Indess wenn er am Schluss 
des Kapitels hinzufugt, alles Rohr wachse schoner, wenn es nach 
dem Schnitt abgebrannt werde, so muss er doch wohl eine wirkliche 
Rohrpflanzung oder wenigstens ein Gerohricht, das von Menschenhand 
gepflegt wurde, im Auge gehabt haben. Deutlicher bezeichnet Dio- 
skorides das echte asiatische Rohr, wenn er 1, 114 sagt: eine Art 
des Rohres ist dick und hohl, wachst an Fliissen und wird donax, 
von Einigen auch cy prise he s Rohr genannt von welcher Insel 
es also bezogen wurde oder urspriinglich gekommen war. Eine weitere 
Uebergangsstation mag die Insel Kreta gewesen sein, deren Einwohner 
schon bei Pindar m^oyioQOi, sind und treffliche im ganzen Alterthum 
beruhmte Pfeile fiihren. Cnidus an der karischen Kiiste heisst bei 
Catull 36, 13 anmdinosa; im eigentlichen Griechenland eignete sich 
keine Oertlichkeit mehr zur Aufnahme des fremden Rohres, als die 
Ufer des kopaischen Sees in Bootien und der in denselben miindenden 
Fliisse, eine Gegend, die friihe dem orientalischen Einfluss geoffriet 
war. Das spater dort wachsende Flotenrohr, xdhafiog avhynxog, 
kann wohl nur Arundo donax gewesen sein, aus der sich noch heute 
die griechischen Hirten ihre Syrinx schneiden (Fraas, Synops. 298, 
denkt an eine andere seltenere Rohrspecies, Saccharum Ravennae L.\ 
Vielleicht waren auf sicilischem Boden die Rohrhalme, mit denen 
Dionysius der altere Nachts das achradinische Thor in Syrakus an- 
zundete, und die er aus den nahen Siimpfen hatte holen lassen, Diod. 
13, 113, von Menschenhand gezogen worden wie noch jetzt am 
Anapus Arundo donax uppig gedeiht. In Italien giebt schon Cato 
6, 3 Anweisung, an Flussufern und feuchten Stellen ein arundinetum 
anzulegen, eben so seine Nachfolger Varro, Columella, Plinius u. s. w., 
und zwar sind die Methoden, das Einlegen der Wurzelstocke, das 
Abbrennen, die Benutzung zu Hiirden, zum Hauserbau, zur Stiitze 
der Weinstocke u. s. w. ganz die heutigen. Wie in Griechenland 
erscheint aber auch in Italien das Wort canna erst spat, ja es ist 

Viet. Hehn, Kulturpflanzen. 7. Aufl. 20 



306 Das Eohr. 

der Name fiir das diinnere und schwachere gemeine Rohr im Gegen- 
satz zu der eigentlichen arundo. Der alteste Schriftsteller, bei dem 
es vorkommt, scheint Vitruvius zu sein, welcher 7, 3 die Wande zum 
Behuf der Stuckatur mit cannae benageln lehrt. Ovid, der eine Vor- 
liebe fiir das Wort canna hat, dessen sich seine poetischen Zeit- 
genossen enthalten, unterscheidet die kleinere canna von der langen 
arundo, Met. 8, 337: 

longa parvae sub arundine cannae, 

und Columella berichtet ausdriicklich, das Volk nenne das aus- 
geartete Rohr canna, 7, 9, 7: tanquam scirpi juncique et degeneris 
arundinis quam vulgus cannam vacant, und meint, durch Alter 
werde der Wuchs des Rohres so dicht, dass die Halme schlank wiirden, 
wie die der canna 4, 32, 3: .... ut gracilis et cannae similis 
arundo prodeat. Vitruv in dem so eben angefiihrten Kapitel rath 
fiir den Fall, dass arundo graeca nicht zur Hand sei, als Surrogat 
diinnes Sumpfrohr zu nehmen: sin autem arundinis graccae copia 
non erit, de paludibus tenues colligantur, und nennt also Arundo 
donax noch immer nach dem Lande, aus dem es zunachst stammte. 
Bei Palladius endlich in der spatesten Kaiserzeit ist der vulgare 
Ausdruck schon ganz so, wie noch heute, fiir Rohr iiberhaupt herrschend, 
1, 13: postea palustrem cannam vel hanc crassiorem. quae in usu 
est . . . subnectemus. Dass das Wort in Italien viel alter als Vitruv 
ist, bezeugt die schon oben erwahnte Ableitung canalis; auch der 
beriihmte Flecken Cannae am Aufidus in Apulien wird von dem dort 
wachsenden Rohr den Nam en gehabt haben, wie von demselben Um- 
stand die aolische Stadt Kdvat, in Kleinasien. Die neueren europa- 
ischen Sprachen besitzen dann noch weitere Anwendungen und Ab 
leitungen des Wortes, denen man die mannigfache Geschichte, deren 
Niederschlag sie sind, nicht ansieht: Kanne und Kannengiesser, 
Knaster, Canon, Kanone, kanonisches Recht, Kaneel (Zimmt), chanoine 
und chanoinesse, cheneau (Dachrinne), engl. channel (der Kanal 
zwischen England und Frankreich) u. s. w., alle in letzter Instanz 
auf das hebraische Jcaneh oder dessen phonizischen Reprasentanten 
zuriickgehend. 

* Arundo donax L. ist im ganzen Mittelmeergebiet als wildwachsende 
Pflanze verbreitet ; denn sie findet sich nicht bloss an Graben und in Hecken 
angepflanzt, sondern auch an Flussufern, oft schwer zu durchdringende 
Dickichte bildend. Es spricht zwar der italienische Florist Parlatore die 
Vermuthung aus, dass die Pflanze vielleicht fruher kultivirt worden sei und 
sich in Folge der Kultur verbreitet habe ; an dem Indigenat zweifelt er haupt- 



Der Papyrus. 307 

sachlich deshalb, well die Pflanze auch da, wo sie massenhaft vorkommt, nur 
sparsarn bltiht. Indessen scheint mir dieser Grund nicht stichhaltig; denn 
die in Europa weit verbreiteten Wasserlinsen bliihen auch ausserst selten. 
Vielmehr mochte ich einen Grund ftir das seltene Bliihen der Arundo donax L. 
in der starken vegetativen Vermehrung der Pflanze suchen; auch vermuthe 
ich, dass die Pflanze aus alteren Perioden stammt und bei der allmahlichen 
Herabsetzung der mittleren Temperatur des Mediterrangebietes im Bliihen 
und Fruchttragen zuriickgegangen ist. Fiir ihr Indigenat im ganzen MitteJ- 
meergebiet scheint mir auch der Umstand zu sprechen, dass eine sehr nahe- 
stehende Art, A. Plinii Turr. von Spanien bis Griechenland und Constanti- 
nopel verbreitet, aber nicht aus Kleinasien bekannt ist. 



** Die griechisch-lateinischen Worter v.a.vvr^-canna lassen sich jetzt nicht 
nur bis in das Semitische, sondern weiter bis in das Sumerisch-Akkadische 
verfolgen. Hier heisst das Rohr gin, woraus babylonisch-assyrisch qanu u. s. w. 
ntlehnt sind. Die Haufigkeit des Schilfrohrs, sagt F. Hommel, Die Semiten 
S. 407, das besonders an den Stricben am Meer und den Ufern der Fliisse 
und Kanale vorkam und bei dem urspriinglichen sumpfigen Charakter des 
Landes natiirlich hier von Anfang an einen giinstigen Boden hatte, geht 
schon daraus hervor, dass eines der gewohnlichsten altbabylonischen Schrift- 
zeichen, das fiir gi, seitwarts urngelegt das klare und deutliche Bild einer 
solchen Wasserpflanze ergiebt, deren Name im Sumerischen eben gi (altere 
Form gin) war. Ist die Arundo donax wirklich in Griechenland und Italien 
einheimisch, so wird sich die sprachliche Entlehnung auch hier aus der 
kulturhistorischen Bedeutung des Rohres erklaren, die im Orient aufkam. 
Das semitische Wort muss lange vor Homer nach Griechenland gekommen 
sein, wie die mehrfachen Ableitungen von demselben in der homerischen 
Sprache (oben S. 304) beweisen. - 



Eine den Cyperaceen oder Halbgrasern angehorende, also der 
Arundo donax nur halb verwandte Pflanze, die Papyrus staude, 
ubertrifft diese durch tausendjahrigen Ruhm und reizende Schonheit 
der Erscheinnng. Dass sie auch nach Europa gekommen ist, weiss 
Jeder, der das alte Syrakus auf der Insel Sicilien besucht hat. Dort 
ist ein Nebenarm des Anapus, der zu der fabelberiihmten Quelle der 
Cyane (jetzt Testa di Pisima) fiihrt, von beiden Seiten mit Papyrus- 
schilf bewachsen, der unmittelbar aus dem nicht tiefen, klaren, leise 
rinnenden Gewasser aufsteigt. Besonders an einer Stelle, wo sich 
das Fliisschen zu einem seeartigen Becken ausdehnt, dem sogenannten 
Camerone, wird die Scene marchenhaft und ganz tropisch: die riesen- 
haften, zwolf bis sechzehn oder gar achtzehn Fuss hohen Stauden 
mit ihren anmuthig geneigten Kronenbiischeln umschliessen von alien 

20* 



308 D er Papyrus. 

Seiten wie ein dichter Wald die Spiegelflache, auf der ihr Bild ruhig 
schwimmt und an der ihre Wurzeln und Stengel ewig trinken. Im 
alten Aegypten wuchs diese Pflanze, wie allbekannt, in ungeheurer 
Menge und wurde zu mannigfachen Zwecken verwendet, die Wurzeln 
zur Nahrung, der Bast zu Stricken, Korben, Matten, Flusskahnen, 
die feinen Haute zu Schreib papier. Die Griechen bezogen ihr Byblos- 
Material aus dem Nilthale und benannten ihre Bibeln oder Biicher, 
Schriften und Brief e nach dem Nam en desselben. Merkwiirdig genug 
ist es, dass die Papyrusstaude im heutigen Aegypten ganz ausgestorben 
ist denn wenn einzelne Reisende sie gesehen haben wollten, so 
war hochst wahrscheinlich Verwechslung im Spiel und dass die 
Pflanze erst am weissen Nil und Gazellenflusse wieder vorkommt und 
zwar in ungeheurer Menge. Sie ging in Aegypten unter, wohin sie 
wohl aus den oberen Gegenden eingefuhrt war und theilte darin das 
Schicksal der im Alterthum vielgenannten agyptischen Bohne (xva/nog 
Alyvnuog, Nymphaea Nelumbo L.) - - zum Beweise, dass die Kultur, 
wie sie ein Land oder ganze Welttheile bereichert, so auch unter 
veranderten Umstanden ihre Gaben wieder zurucknimmt. Beiden 
Gewachsen ward die Concurrenz anderer Pflanzen und neuer Er- 
findungen verderblich, die des Pergaments und besonders des Lumpen- 
papiers, des Hanfes und Spartgrases, mehlreicherer Friichte u. s. w. 
In Griechenland selbst hat sich nie eine Spur einer Papyruspflanzung 
gefunden: um so rathselhafter schien ihr Auftreten in Sicilien, bis 
die Untersuchungen des Florentiner Botanikers P. Parlatore in den 
Schriften der Pariser Akademie (Memoires presentes par divers savants 
etc. Sciences mathem. et physiques T. 12. 1854. p. 469 et suiv.) 
die Geschichte des sicilischen Papyrus aufklarten. Parlatore unter- 
scheidet zunachst zwei Arten der Pflanze, die jetzt verschwundene 
agyptische, die aber in Mumienresten und noch lebend in Nubieii 
und Abyssinien vorhanden sei, und die er Cyperus papyrus nennt, 
und die sicilische, viel hoher wachsende, oben in einen ausgebreiteten 
Biischel, nicht in einen Kelch ausgehende, die aus Syrien stammt 
und der er daher den Namen Cyperus syriacus giebt. Diese Unter- 
scheidung hat wenig Gliick gemacht, zumal Syrien seinen Papyrus 
doch nur durch Verpflanzung aus Aegypten besitzt, historisch sichcr 
aber ist, dass die Alten von keiner Papyrusstaude in Sicilien wissen, 
und dass sie damals auf der Insel noch fehlte. Vielmehr brachten sie die 
Araber kurz vor dem 1 0. Jahrhundert aus Syrien dahin : Ibn-Hauqal, der 
977 978 schrieb, nennt sie zuerst; Hugo Falcandus bei Muratori 
Scrip tt. t. 7 (gegen Ende des 12. Jahrhunderts) kennt sie gleichfalls 



Cucurbitaceen. 309 

in Sicilien. Zuerst mag sie an dem Fliisschen bei Palermo, dem 
danach benannten Papireto, angepflanzt worden sein: dort wuchs 
sie reichlich bis zum Jahre 1591, wo auf Veraiilassung des darnaligen 
Vicekonigs wegen der vom Papireto ausgehenden Malaria die ganze 
Gegend trocken gelegt wurde und damit auch der Papyrushain ver- 
schwand. Aber noch jetzt heisst jene Oertlichkeit piano del papireto 
und in dem dort angelegten offentlichen Garten wird auch die Pa- 
pyrusstaude gepflegt. Nach Syrakus muss sie erst um die Mitte des 
17. Jahrhunderts versetzt worden sein, denn ein zuverlassiger Autor 
vom Jahr 1624 kennt sie daselbst noch nicht, wohl aber ein anderer 
vom Jahr 1674. Jetzt findet sie sich, ausser am Anapus, hin und 
wieder im siidlichen und ostlichen Theil der Insel wild und in den 
Garten der reichen Aristokratie mit Vorliebe cultivirt. Die Exem- 
plare in den europaischen Gewachshausern scheinen alle aus Sicilien 
zu stammen. Hatten die Araber ihre Herrschaft auch auf Griechen- 
land ausgedehnt und daselbst, wie in Palermo, einen glanzenden Hof 
gegriindet, so wiirden wir an dem einen oder dem andern Flusse 
dieses warmen und der syrischen Kiiste naheren Landes vielleicht 
auch dem herrlichen Uferschmuck begegnen, wie einst am Papireto 
und jetzt am Anapo. 

* Die Annahme Parlatore's, dass der sicilianische Papyrus nicht zu 
Cyperus papyrus L. gehore und von einer syrischen Art, C. syriacus Parl. ab- 
stamme, 1st auch botanisch nicht begriindet. In Syrien komint kein Papyrus 
vor und die sicilianische Papyrusstaude weicht von der afrikanischen nur 
durch etwas mehr rundliche Halme ab. 



1 Fur TraTiopoc fehlt es bis jetzt an einer geniigenden Deutung. Den 
Versuch zu einer solchen hat Lagarde, Mittheilungen II, 260 f. gemacht, 
indem er das griechische Wort in Zusammenhang mit dem Stadtchen 
Biira, einem Kiistenorte des Bezirks von Damiette, bringt, die ein Haupt- 
ausfuhrort des Papyrus gewesen sei. Doch kennen wir den alten Namen 
des Platzes nicht. Zu (36Xo; vergl. Anm. 28 und Muss-Arnolt, Trans- 
actions XXIII, 125. 



Cucurbitaceen. 

Die Friichte dieser Familie, die zu den grossten, zu den wahren 
Riesen des Pflanzenreichs gehoren, stammen alle aus Asien, die 
meisten aus Siidasien, speciell aus Indien. In einigen Arten friihe 



310 Cucurbitaceen. 

in den Landern der alten Kulturwelt verbreitet, bilden sie noch jetzt 
die Lieblinge der stidlichen, besonders aber der ostlichen Volker. 
Durch eine dichte Schale gedeckt, die die Ausdiinstung der inneren 
Feuchtigkeit verhiitet , sammeln sie wahrend der Monate , wo der 
Sonnenbrand Alles versengt, einen reichlichen immer kiihlen Saft 
an, mit dem sie dann den durstigen Esser erquicken. Je nach den 
Arten ist freilich Menge und Geschmack desselben sehr verschieden; 
bald zerfliesst das Fleisch der Frucht fast zu Wasser und traufelt 
beim Essen in dicken Tropfen von Hand und Mund, wie bei der 
orientalischen Wassermelone , bald bildet es eine aromatische, siisse, 
duftende Masse, wie bei der Zuckermelone ; wahrend die eben ge- 
nannten Arten im Zustand volliger Reife, iiach Entfernung der Saat, 
genossen werden, dient die Gurke heut zu Tage nur unreif mitsammt 
der Saat und meistens eingemacht ocler mit beissenden Zuthaten ver- 
sehen zur Nahrung ; der Kiirbiss aber ist nicht, wie seine Verwandten, 
roh, sondern nur gekocht oder gebraten essbar. Zu der oft unge- 
heuren Grosse der Friichte stehen die schwachen Stengel und Ranken 
nicht im Verhaltniss, daher die ersteren ruhig auf der Erde liegend 
anschwellen und ihre Reife erwarten, nicht etwa, wie die Kokosniisse 
oder andere Baumfriichte, lockend von oben herabhangen und end- 
lich zur Verbreitung des Samens auf den Boden niederfallen. Dies 
setzte schon die Alten in Verwunderung. So nannte Matron, der 
lustige Parode, den Kiirbiss den Sohn der hehren Erde, was Homer 
von dem Titanen Tityos gesagt hatte, und wenn der Letztere bei 
Homer auf dem Boden liegt und neun Plethren bedeckt, so lag der 
Kiirbiss des Matron im Gartenbeet und reichte iiber neun Tische 
weg, Athen. 3 p. 73: 

Auch den Kiirbiss sah ich, den Sohn der gewaltigen Erde, 
Liegend unter dem Kraut; er lag neun Tische bedeckend. 

So wachst und wachst bei Callimachus der Kiirbiss im thauigen 
Beet dQoaeQu) svl %<oQ(p, d. h. nicht am luftigen Zweige, Athen. ibid.) 
und ist daher qdvyaiog, wie Heraklides von Tarent bei Athenaeus 
ebenda sagt, und so windet sich bei Vergil die Gurke durch das Gras, 
allmahlich zur Bauchform anschwellend, G. 4, 121: 

tortusque per herbam 
Cresceret in ventrem cucumis. 

Bei keiner Art Friichte sind die Abweichungen , Uebergange und 
Ausartungen so gross, als bei den Cucurbitaceen. Vielleicht liegt 
die Ursache in demselben strotzenden und daher leicht abirrenden 
Bildungstriebe, der auch den erstaunlichen Umfang einiger derselben 






Cucurbitaceen. 

erzeugt. Da nun schon im Alterthum die Grenze zwischen den 
Arten in der Anschauung des Volkes oft unbestimmt schwankte und 
die gebrauchlichen Namen, von vieldeutiger Allgemeinheit , je naeh 
Zeit und Gegend und Umstanden Verschiedenes bezeichneten, so ist 
es jetzt ausserordentlich schwer, ja unmoglich, die Angaben der 
Alten mit unserer Kenntniss der Sache zu vereinigen und im ge- 
gegebenen Falle mit Sicherheit zu unterscheiden , ob ein Kiirbiss und 
welcher oder eine Gurkenart und welche gemeint sei. 

Das alteste Zeugniss fur die Existenz der Kiirbissfruchte im 
Orient oder eigentlich in Aegypten findet sich im 4. Buch Mosis 11, 5. 
Dort erinnern sich die Israeliten, durch die wasserlose Wiiste 
wandernd, sehnsiichtig der in Aegypten genossenen Friichte: Wir 
gedenken der Fische, die wir in Aegypten umsonst assen, und der 
Kiirbiss, Pfeben, Lauch, Zwiebeln und Knoblauch. Was hier Luther 
mit Kiirbiss und Pfeben wiedergiebt, wird von neueren Auslegern 
seit Celsius, Hierobotanicon I, 356 und II, 247, wahrscheinlicher 
durch Gurken und Melonen gedeutet, da die beiden hebraischen 
Ausdriicke, Jcischuim und Ctbattichim, bis auf den heutigen Tag bei 
den semitischen Volkem in dem angegebenen Sinne gebrauchlich 
sind. Bei der Gurke wird dabei an die agyptische Cucumis chate L. 
gedacht, eine grosse, langliche Frucht, die noch jetzt unter diesem 
Namen in der Levante allgemein frisch verzehrt wird, nachdem sie 
zur Reife gelangt und dann in Geschmack und Wirkung einiger- 
massen der Melone ahnlich geworden ist. Doch ware immer mog- 
lich, dass seit jener friihen Zeit bei Syrern, Arabern und Juden die 
Namen von einer Art auf die andere iibergingen und, wahrend die 
eine verschwand und die andere neu auftrat, doch die Bezeichnung, 
dieselbe blieb, s. unten. 

In der epischen Poesie der Griechen, bei Homer und Hesiod,. 
findet sich weder eine der fur diese Friichte spater iiblichen Be- 
nennungen, noch eine Andeutung, die auf Kenntniss derselben zu 
jener Zeit schliessen liesse. Eine solche konnte in dem Namen der 
Stadt Sicyon liegen d. h. die Gurkenstadt, doch geht derselbe in 
kein hohes Alterthum hinauf. Zwar kennt ihn schon die Ilias an 
zwei Stellen, im Schiffskatalog v. 572 und bei den Leichenspielen 
zu Ehren des Patroklus 23, 299, aber der erstgenannte Vers ist auch 
aus anderen Griinden als spateres Einschiebsel verdachtig, und die- 
letzterwahnte Partie tragt ganz den Charakter einer nachmaligea 
rhapsodischen Erweiterung. Der friihere Name Sicyons war Mekone, 
die Mohnstadt, und so heisst die Stadt noch in der hesiodischen Theo- 



312 Cucurbitaceen. 

gonie; als der Vater des Sikyon nenrit der My thus den Marathon 
d. h. den Fenchelmann. Danach trug die fruchtbare Ebene von 
Sicyon, die Asopia langs dem unteren Laufe des Asopus, zuerst 
Mohn (ein uraltes mit dem Getreide als Unkraut aus Asieii ge- 
kommenes Gewachs mit schoner Blunae und essbarem Samen) und 
Fenchel (eine einheimische Doldenpflanze, schon friihe von den 
altesten Bewohnern des Landes als Gewiirz aufgefunden und seitdem 
durch alle Jahrhunderte hindurch hochgehalten), dann erst in weiterer 
Folge die aus dem Morgenlande iiber See eingefiihrten Gurken (oder 
Kiirbisse). Bei einer Neugriindung erhielt die Stadt dann auch nach 
dieser Kultur ihren neuen Namen. Bestande fur uns nicht die lange 
traurige Liicke, die in der griechischen Literatur das alteste Epos 
von Pindar und Aeschylos trennt, so wiirden wir den Zeitpunkt, in, 
dem die Griechen Kleinasiens und des europaischen Mutterlandes 
sich zuerst mit Gurken und Kiirbissen befassten, vielleicht genauer 
pracisiren konnen. Aber weder die Elegiker und Lyriker sind uns 
erhalten, noch Archilochus, der vielberiihmte zweite Homer, dessen 
Werke noch in der christlichen Zeit vorhanden waren und erst dem 
Vertilgungseifer der Kirche und ihrer Bischofe erlagen. Jetzt wissen 
wir durch einen Zufall nur, dass Alcaus einmal das Wort Gt'xvg 
brauchte, das also zu seiner Zeit schon bestand, Athen. 3, p. 73: 
'Ahxalog de ,,ddxr], (pyal, TWV cfixvwv" ano ev&stag T^g aixvg. Aber 
was dachte sich der Dichter unter oCxvg? Das Wort mit wechseln- 
der Endung ist, wie wir glauben, eine Neben- und Scheideform von 
Gvxov die Feige (s. Anmerkung 36) mit vertauschtem oder dissimi- 
lirtem Vokal; wie bei der Feige, war es auch bei der Gurke und 
dem Kiirbiss, der praegnans cucurbita, zunachst die strotzende Zeu- 
gungskraft, der Samenreichthum , woran Sinn und Blick des Natur- 
sohnes haftete. Fur Kiirbiss setzte sich spater ein anderer Ausdruck 
fest: xohoxvvda, xohoxvvir], wie wir aus dem Ausspruch des Phanias, 
eines Schiilers des Aristoteles, sehen, Athen. 2, p. 68: xohoxi'virj Ss 
OJ^TJ [AW dpQWTog' g)$y Se xal omri pQovTrj denn nicht anders 

als gekocht oder gebraten geniessbar zu sein, kann nur auf den 
Kiirbiss gehen. Die Anschauung, die diesem Namen zu Grunde 
liegt, ist iibrigens derjenigen, die zu der Benennung aCxvg, fftxvog, 
Gixva fiihrte, analog: die Frucht wurde nach ihrer kolossalen Grosse 
so benannt (xohoaaog fiir xohoxwg mit der haufigen Ableitungssilbe 
VVT, wd-; eine andere Form desselben Wortes enthalt der Beiname 
der in Sicyon verehrten Ko^oxaaCa 'A&yva, der Kiirbiss - Gottin , bei 
Athen. 3, p. 72, worunter spater die sog. agyptische Bohne, eine 



Cucurbitaceen. 313 

gleichfalls durch den Wuchertrieb und die Grosse der Blatter auf- 
fallende Pflanze, verstanden wurde). Eben dahin deutet das Spriich- 
wort: gesunder als ein Kiirbiss, das schon Epicharmus branch te 
(Athen. 2, p. 59) und spater Diphilus, Com. gr. fr. 4, 420: in sieben 
Tagen stelle ich ihn dir entweder als Kiirbiss oder als Lilie d. b. 
entweder strotzend von Gesundheit oder bleich und todt als ein Bild 
der Verganglichkeit. Dass die xohoxvvrr] als etwas Neues und 
Ausserordentliches gleichsam in die bekannte Naturordnung nicht 
passte, sieht man aus dem lacherlichen Streit der akademischen Phi- 
losophen im Gymnasium bei dem Komiker Epikrates, Athen. 2, p. 59: 
dort ist die Frage aufgeworfen, was die xohoxvvtrj fiir eine Pflanze 
sei; die Denker beugen sich nieder und versinken in tiefes Sinnen; 
plotzlich sagt Einer, es sei ein rundes Gemiise, ein Anderer, es sei 
ein Kraut, ein Dritter, es sei ein Baum (Id^avov tic z<pr\ GTQoyyvhov 
tivat, noiav d'akkog, SsvSgov cffe^og); da unterbricht sie drastisch 
ein anwesender sicilischer Arzt, worauf Plato mit unerschuttertem 
Ernst die Untersuchung fortfuhrt. Besonders merkwiirdig aber ist, 
dass die xohoxvvtrj noch in spaterer Zeit hin und wieder 'fvdixrj, 
die indische Frucht genannt wird, mit dem ausdriicklichen Beifiigen, 
sie heisse so, weil sie aus Indien stamme (Athen. 2, p. 59). Ein 
dritter, noch spaterer Ausdruck ist Tre/rcov , eigentlich das Adjektiv 
reif, welches dann ohne hinzugefiigtes rixvog diejenige Frucht be- 
zeichnete, die zur Reife kommen musste, um zur Nahrung zu dienen. 
Der Name schloss also nur solche Gurken aus, die im ersten zarten 
Stadium genossen wurden, wahrend diejenigen Sorten, die bei der 
Reife einen melonenartigen Wohlgeschmack erreichten und nach 
orientalischer Weise frisch aus dem Garten gegessen wurden, eben 
so wohl TiSTiovsg heissen konnten. 

Alle bisher erwahnten und auch die nicht angefiihrten Stellen 
der Alten lassen sich ohne Zwang auf Gurke und Kiirbiss deuten, 
keine einzige mit Sicherheit auf die eigentliche Melone. Nirgends 
wird die honiggleiche Siissigkeit (eingekochter Melonensaft dient den 
Orientalen noch jetzt an Stelle des Zuckers), nirgends das auf der 
Zunge schmelzende, den kostlichsten Baumfriichten ebenbiirtige Mark, 
die goldgelbe oder auch zartweisse Farbe, der ambrosische, die Ver- 
kaufshalle, ja den Markt erfiillende Duft hervorgehoben. Erst unter 
den spateren romischen Kaisern erkennen wir in der von den scriptores 
historiae Augustae melo genannten Frucht, die, wie Pfirsiche u. s. w., 
zu den Delicien gerechnet wird, ohne Schwierigkeit unsere Zucker- 
melone. Plin. 19, 67 berichtet, in Campanien sei zufallig eine Gurke 



314 Cucurbitaceen. 

entstanden, mail cotonei effigie (die Farbe des Quittenapfels mit 
eingeschlossen) , die dann durch Saat weiter vermehrt worden; da& 
Wunderbare dieser melopepones sei ansser der Gestalt und dem 
Dufte, dass sie sich nach der Reife sogleich vom Stengel ablosten. 
Hier horen wir zum ersten Mai von dem Duft, odor, dieser Fruchte- 
sprechen; der griechische Ausdruck entstand in dem griechischen 
Campanien (ftrj&ov die Quitte) und wurde spater nach Verbreitung 
der Frucht im Volksmunde zu melo abgekiirzt wie sie auch 
Palladius nennt. Bei Galenus ist das Wort [trjhonenwv schon haufig. 
Dass die Melone durch ein Naturspiel in Campanien aus der eucumis 
entstanden sei, wird Niemand glaublich finden; woher also kam sie? 
Nach Alph. Decandolle geographic botanique p. 907, ware die Me- 
lone urspriinglich ein Produkt der Tartarei und des Kaukasus. Unter 
der ersteren kann wohl nur das alte Bactrien und Sogdiana, die 
Oasen am Oxus und Jaxartes gemeint sein, und von dorther also 
ware die Frucht im Laufe des ersten christlichen Jahrhunderts in 
die Garten Neapels gebracht worden. Zwar ist liber die letztere 
Thatsache keine positive historische Nachricht aufbehalten worden, 
aber diese Art Friichte sind leicht durch die Saat in die weiteste 
Feme zu iibertragen, und die ersten Versuche konnten unbemerkt 
bleiben oder in Vergessenheit gerathen. Marco Polo sagt von der 
Landschaft westlich von Balkh, 1, 26: hier wachsen die besten Me- 
lonen der Welt. Man schneidet sie in die Runde in Streifen und 
lasst sie an der Sonne trocknen. So gedorrt sind sie siisser als 
Honig und gehen als Handelswaare iiber alles Land. Dasselbe- 
riihmt Ibn Batuta von den Melonen von Kharizm, Pariser Ausgabe,. 
3,15, und Vambery von denen von Chiwa : Fur Melonen hat Chiwa 
keinen Rivalen, nicht nur in Asien, sondern in der ganzeii Welt. 
Kein Europaer kann sich einen Begriff machen von dem siissen 
wlirzigen Wohlgeschmack dieser kostlichen Frucht. Sie schmilzt im 
Munde und mit Brot gegessen ist sie die lieblichste und erquicklichste- 
Speise, die die Natur bietet. Auch Persien ist ein vorzugliches- 
Melonenland, in welchem die feinsten Sort en erzogen, mit ausserster 
angeerbter Sorgfalt behandelt und aufs Hochste geschatzt werden. 
Der Varietaten sind dort unzahlige, und sie wechseln von Dorf zu 
Dorf; darunter einige von weitverbreitetem, verdientem Ruhme. Zu 
den wichtigsten Lebensbediirfnissen der persischen Stadte, berichtet 
E. Polak, gehoren auch die Melonen: in den Preistarifen steht gleich 
hinter Brot, Reis, Fleisch, Kase, Butter und Eis der Marktpreis der 
Melonen. Sie sind dort so suss, dass der Perser liber den Unver- 



Cucurbitaceen. 31-> 

stand der Europaer lacht, die ihre Melonen mit Zucker essen. Das 
Alles scheint dafiir zu sprechen, dass die Zuckermelone eine in jenen 
Gegenden einheimische Frucht ist; dem Auslander aber ist, wie Polak 
hinzusetzt, ihr Geiiuss gefahrlich, zum Theil auch dem Inlander, in 
so fern Umnassigkeit in diesem Punkt auch bei diesem, obgleich 
haufig begangen, doch sich sogleich bestraft. 

Die lateinischen Bezeichnungen fiir Gurke und Kiirbiss, cucumis 
und cucurbita, geben den Eindruck strotzenden Wachsthums, den 
diese Friichte auch dort auf die Volksempfindung gemacht hatten, 
durch die Reduplication wieder; zugleich steht cucurbita so nahe 
zu corbis, Korb, Gefass, corbita das Lastschiff, corbitare einladen, und 
eben so cucumis, gen. cucumis und cucumeris, zu cumera, cumerum, 
bedecktes Gefass, Truhe, dass es schwer ist, den Zusammenhang 
zwischen beiden abzuweisen. Kiirbissschalen dienten von jeher zu 
Gefassen und dienen unter dem Namen Calebassen dazu noch jetzt: 
erblickten die italischen Strandbewohner zuerst solche griine Schalen 
und Topfe in den Handen gelandeter Schiffer, ehe sie die Frucht 
selbst zu essen und spater auch zu pflanzen Gelegenbeit hatten? 
Colum. 11, 3, 49 : nam sunt (cucurbitae) adusum vasorum satis idoneae. 
Plin. 19, 71: nuper in balnearmn usum venere urceorum vice, 
jampridem vero etiam cadorum ad vina condenda also Ktirbiss- 
flaschen zur Aufbewahrung des Weines. (Nach Fick, Beitrage 7, 383, 
ware cucurbita mit xvQJlig drehbare Saule, xogvcpri Gipfel d. h. Wirbel 
und goth. hvairban, altn. hverfa zusammenzustellen und also so viel 
als rund gedreht). Sonderbar stimmen zu dem lateinischen cucumis 
und cucurbita die Glossen des Hesychius: xi'xvov TOV ctcxvov, und 
xvxvi^a.' yhvxsla xoAoxvvtta. Leider erfahreii wir nicht, wo das Wort 
xvxvog gebrauchlich war, ocler welcher Schriftsteller es gebraucht 
hatte; wie die jungeren Sprachen aus cucurbita durch Lautentstellung 
neue Worter geschafFen haben, lehrt der Artikel cucuzza bei Diez. 

1m friihen Mittelalter trat in Byzanz ein neuer Name fiir Gurke 
auf, der aus dem Orient gekommen war und sich im Laufe der Zeit 
weit iiber Europa von Volk zu Volk verbreitete. Es war dies 
ayyovQiov, ayyovqov, dyyovQiv, ein persisch - aramaisches Wort, zu 
dessen Bildung der Anklang an dyyelov Gefass vielleicht mitgewirkt 
hat. Neben dyyovQia sagte man auch TSiQayyovga, entweder um 
damit eine viermal schwerere oder eine viereckig gestaltete Sorte zu 
bezeichnen, oder nach Salmasius' gar nicht verwerf licher Vermuthung 
als Verstummelung und Umdeutung von xiTQayyv&ov , ital. citriuolo, 
franz. citrouitte, von citreum. Ueber die Zeit, wann dieser neue 



316 Cucurbitaceen. 

Name auftrat, sagt E.Meyer, Geschichte der Botanik, 3, 361: In 
den Geoponicis heissen die Gurken noch wie vor Alters Gixva; erst 
Suidas erklart diesen zu seiner Zeit ausser Gebrauch gekommenen 
Namen durch ra TSTQayyovQa, und einen Unterschied zwischen An- 
gurien und Tetrangurien macht erst Michael Psellus. Indess, wenn 
der Arzt Aetius Amidenus, der unter Justinian lebte, das neue Wort 
schon brauchte, so muss es bedeutend alter sein, als die Sammlung 
der Geoponica und Suidas. Die damit bezeichneten Gurken scheinen 
dieselben Sorten gewesen zu sein, deren wir uns jetzt zu unseren 
Salaten und zum Einmachen bedienen; was das Alterthum an Gurken 
besass, war nach allem Obigen eine grosse, jetzt in Europa nicht 
mehr angebaute Art, die zur Erfrischung gegessen und je nach dem 
Stadium der Keife auch gesotten und gebraten wurde. Von Byzanz 
kam die Gurke, wie der Name bezeugt, zu den Slaven, russisch 
ogurec, poln. ogoreTc u. s. w. und ward bei den Volkern dieser Race, 
so wie bei den unmittelbar hinter ihnen wohnenden Stammen tata- 
rischer und mongolischer Abkunft, zu dem allgemeinsten, mit grosser 
Vorliebe genossenen Nahrungsmittel. Ohne Gurken kann z. B. der 
Gross- und Kleinrusse nicht leben; in Salzwasser eingemacht verzehrt 
er sie den ganzen Winter und schlagt sich mit ihrer Hiilfe durch 
die langen, strengen Fasten der orientalischen Kirche durch. Von 
den Slaven kam die Agurke, spater mit abgefallenem Vokal Gurke, 
wie gleichfalls der Name lehrt, zu den Deutschen, aber erst in neuerer 
Zeit, denn die Spuren des Wortes gehen nur bis in das siebzehnte 
Jahrhundert hinauf (s. Grimm, Worterbuch, unter Agurke, und 
Weigand unter Gurke). Ethnographisch beachtenswerth ist der 
Umstand, dass die sogenannte saure Gurke nur in den Theilen 
Deutschlands ublich geworden ist, die ehemals von Slaven bewohnt 
waren und* sich erst nachmals germanisirt haben. Uebrigens soil 
die kleine, grunliche, wohlschmeckende slavische Gurke, wie sie in 
ganz Russland gemein ist, nach Deutschland versetzt ausarten: sie 
bedarf also jvohl eines excessiven Klimas. 

Gleichfalls erst ein Ankommling des Mittelalters ist die saftreiche 
Wassermelone, Cucumis Citrullus, denn dass sie der pepo der 
Alten sei, wie Manche angenommen haben, lasst sich nicht erweisen. 
Italienisch tragt sie den byzantinischen Namen anguria (in manchen 
Gegenden cocomero aus Cucumis), franzosisch den ar&bischenpasteque. 
Sie ist jenseits der Alpen beliebt, da sie in der entsprechenden Jahres- 
zeit ein e.rfrischendes Labsal bietet, und iiberall sieht man dann die 
blutrothen Halbfruchte mit den glanzend schwarzen Kernen auf den 



Cucurbitaceen. 317 

Markten und an den Strassenecken aufgethiirmt und die Tische, wo 
sie schnittweise fiir geringe Kupfermiinze fell sind, von durstigen 
Bauern, Soldaten u. s. w. umdrangt. Sie reift grade in der grossten 
Hitze des Augustmonats und ist um so siisser und saftiger, je heisser 
und trockener der Jahrgang gewesen. Ungleich wichtiger aber ist 
sie im Haushalt des orientalischen Lebens und bei den Halborientalen 
des europaischen Siidostens. Die gliihenden Sommer und strengen 
Liifte begiinstigen dort das Gedeihen der einjahrigen Pflanze. Sie 
wird auf weiten Feldern gebaut und znr bestimmten Zeit in ganzen 
Wagenladungen in die Stadte gebracht, wo Jung und Alt sich mit 
Leidenschaft dem Genusse hingiebt. Die Wassermelone geht durch 
ganz Vorderasien, Persien, die Kaukasuslander bis zur Niederdonau, 
Ungarn, der Wallachei (vergl. schon Plin. 19, 65: cucumeres . . . 
placent grandissimi Moesiae), besonders aber den humusreichen 
trockenen Ebenen des siidlichen Russlands und den angrenzenden 
asiatischen halb Steppen- halb Gartenlandern. Mindestens zwei Monat 
im Jahr lebt der russische Steppenbewohner nur von Arbusen - 
dies ist der tatarisch-slavische Name der Frucht - - mit ein wenig 
Brot. Ist der nordische Reisende in seinem unformlichen Tarantas 
allmablig bis in jene Gegend gerollt, dann lehrt ihn ein Blick auf 
die Melonenfelder und die gewohnlich danebenstehenden hochragenden, 
urspriinglich aus Amerika stammenden Sonnenblumen , Helianthus 
annuus, deren Samen ein beliebtes Oel abgeben, dass er die Schwelle 
des Orients bereits uberschritten hat. In den Kaukasuslandern, die 
so tiberschwenglich reicb an dem herrlichsten Obst, an Trauben und 
Nussen sind, verschmaht der Eingeborene, er sei welcher Race er 
wolle, neben dem Saft der Wassermelone, der dem Deutschen wie 
Gurkenwasser mit ein wenig Zucker schmeckt, jeden andern Lecker- 
bissen. Auf die Herkunft der Frucht wirft der neupersische Name 
hindevdne d. h. indische Frucht ein helles Licht; woher sie nach 
Griechenland, Russlaiid und Polen kam, lehrt die tatarische Be- 
zeichnung charpuz, Icarpus gegenuber dem neugriechischen 
slavischen arbuz. (Die Variante arbuz und Icarpus erinnert an o 
und slav. Icosti, "Ynavig und Kuban und an den alanischen Namen 
Aspar und dessen . deutsche Form Gaspar, hochd. Kaspar, s. Zeuss, 
die Deutschen, S. 461 Anm.). Sie wanderte also nach Persien ein, 
als die Verbindung mit Indien neu eroffnet war, sei es zur Zeit der 
arabischen oder der mongolischen Herrschaft, nach Griechenland 
durch die Tiirken, nach Russland von den tatarischen Reichen Astrachan 
und Kasan; in Kleinrussland waren wohl die Kosakenhorden am 



:318 Cucurbitaceen. 

Dniepr die Verbreiter. Das polnische Icawon Wassermelone ist gleich- 
falls ein orientalisches Wort (asiatische Benennungen der Friichte 
dieser Familie finden sich gesammelt und untersucht von Pott in der 
Zeitschrift fur Kunde des Morgenl. 7, 151 ff.). Das altslavische tylcva^ 
der Kiirbiss, haben wir schon Miner (bei der Feige) an das grie- 
chische tfixva angelehnt; das altsl. dynja, Melone, erklart Miklosich 
aus dem Verbum dati dunati flare, also die aufgeblasene Frucht; 
poln. banja, Wassermelone, scheint eins und dasselbe mit banja, Ge- 
fass, Wanne; beides letztere, wie man sieht, eine der Auffassung 
der alten Griechen und Romer ganz verwandte Namensgebung. Alt- 
und siidslavisch (auch albanesisch) Jcrastavici cucumis erklart sich aus 
Icrastavi scabidus, scaber, also die rauhe Frucht, alt- und siidslavisch 
lubu, Cucurbita Citrullus, wohl aus lubu calva, Hirnschadel. Die 
deutschen Worter Kiirbiss, Pfebe, Melone stammen aus dem 
Lateinischen und die damit bezeichneten Naturobjecte aus Italien, also 
nicht etwa aus Ungarn und dem byzantinischen Reiche. 



* Von den kultivirten Cucurbitaceen sind mehrere in der alten Welt 
heimisch; einige stammen aber hochstwahrscheinlich aus Amerika. Die 
Wassermelone (Citrullus vulgaris Schrad.) ist im stidlichen Afrika heimisch, 
wo die Friichte nicht nur von Menschen, sondern auch von fleischfressenden 
Thieren aufgesucht werden. (Vergl. Pax inEngler und Prantl, natiirl. 
Pflanzenfamilien IV, 5, S. 27.) Von Stidafrika ist sie nach Aegypten und 
dem Orient schon in den altesten Zeiten gelangt und noch in vorchristlicher 
Zeit tiber Siideuropa und Asien verbreitet worden. Die Melone (Cucumis 
melo L., zu welcher Cucumis chate L. als wilde Stammform gehort) ist im 
stidlichen Asien und im tropischen Afrika heimisch, wo sie von vielen Rei- 
senden gesammelt wurde; in denselben Gebieten kommen auch zahlreiche 
verwandte Arten vor. Nach Schweinfurth ist C. melo L. var. chate Forskal 
von den Aegyptern selbst zur Kulturpflanze gemacht worden. Die Gurke 
{Cucumis sativus L.) stammt hochstwahrscheinlich aus Ostindien, von wo sie 
sich rasch nach Westen verbreitet haben muss. Ebenfalls in den Tropen 
der alten Welt heimisch sind die Flaschenkiirbisse oder Calebassen (Lagenaria 
vulgaris Ser.). Dagegen sind die echten Kiirbisse, von denen Cucurbita pepo L. 
heute auch im gemassigten Europa kultivirt wird, hochst wahrscheinlich in 
Amerika heimisch; denn alle verwandten, nicht kultivirten Arten sind dort 
angetroffen worden, und Samen der in den Tropen vielfach angebauten 
C. maxima und C. moschata Duchartre wurden unter den aus altperuanischen 
Grabern von Ancon stammenden Pflanzenresten von Wittmack nachgewiesen 
(Ber. d. deutsch. bot. Gesellsch. IV. (1886) p. XXXIV), wahrend in altagyp- 
tischen Grabern keine Kiirbisskerne gefunden worden sind. Auch haben Asa 
-Gray und Hammond Trumbull (The American Journal of science XXV. 
1883 S. 130 ff.) aus zahlreichen Stellen der altesten Reisebeschreibungen 



Cucurbitaceen. 319 

und aus eingehenden Vergleichnngen der Indianersprachen die amerika- 
nische Heimath der Kiirbisse bewiesen. 



* * Einige Namen von Cucurbitaceen scheinen tiber die Einzelsprachen 
hinauszugehn. So sahen wir schon oben (S. 100 f.) oexooa, atxua, auo;; mit H. 
{oben S. 312 u. Anm. 36) als Nebenform von ooxov Feige an und stellten es zu 
aitsl. tyky Kiirbiss, ein Verhaltniss, das aber natiirlich nicht auf Entlehnung, 
sondern nur auf Urverwandtschaft beruhen kann. Die versuchte Ableitung 
von otxo? aus hebr. qissu'fon (vgl. Lagarde, Arraen. Stud. S. 134) 1st abzuweisen, 
da eine Umstellung von qissuim zu oixuc, wie sie Lagarde annimmt, unglaublich 
ist. Vgl. auch Muss-Arnolt, Transactions XXIII, S. 111. Eine wichtige 
lautlich freilich noch nicht vollig sicher gestellte Gleichung ist ferner lat. 
cucurbita , scrt. carbhata, cirbhati, cirbhitd Gurke (Fick, Vergl. W. I* S. 25), wozu 
vielleicht weiter ags. hverfette Kiirbiss zu stellen ist. Welche Art von Cucur- 
bitaceen mit diesen Wortern urspriinglich aber gemeint war, und ob wir an 
eine wilde oder angebaute Gattung zu denken haben, lasst sich nicht sagen. 
Zu bemerken ist jedenfalls, dass keine einzige Cucur bitaceenart bis 
jetzt im prahistorischen Europa nachgewiesen werden konnte. 
Ebenso wird sich wohl kaum, namentlich in Folge des Fehlens alterer Ab- 
bildungen auf Miinzen u. dergl., je mit volliger Bestimmtheit der genaue Sinn 
der klassischen Benennungen ermitteln lassen. In dem alten Aegypten wurden 
nach Massgabe der Funde oder Abbildungen bereits in den ersten Kultur- 
pochen gebaut: Citrullus vulgaris Schrad. (Wassermelone), Cucumis melo L. 
(Melone), Cucumis chate L. (agyptische Gurke) und Lagenaria vulgaris L. 
(Flaschenkiirbiss); vgl. Woenig a. a. 0. S. 201 und A. Braun, Z. f. Ethnologic 
1877 S. 303 f. Auch das im 4. Buch Mosis (oben S. 311) genannte dbattiMm 
bedeutete nach Massgabe des arab. batlich Wassermelone und wird in der 
Septuaginta mit -srcove; tibersetzt. Auch im Aramaischen bezeichnet das Wort 
zunachst Wassermelone, wahrend fiir Zuckermelone der griechische Ausdruck 
(jjLY]Xo7riTrcuv) gebraucht wird. Vgl. Low, Aram. Pflanzenn. S. 352. Dies zu- 
sammengehalten mit den obigen botanischen Ausfiihrungen 
wiirde zweierlei wahrscheinlich machen, einmal dass die echten 
Kiirbisse den Alten noch fremd waren, und zweitens dass die 
Wassermelone nicht erst im Mittelalterin den Mittelmeerlandern 
erschien. Die Richtigkeit des ersteren Satzes ist neuerdings auch durch 
v. Fischer-Benzon ausfiihrlich erwiesen worden (vgl. Altdeutsche Gartenflora 
S. 89 ff.), woraus sich ergiebt, dass der im Alterthum gebaute Kiirbiss nur der 
Flaschenkiirbiss (Lagenaria vulgaris L.) gewesen sein kann. 

Die letztere Ansicht wird ausser von Fischer-Benzon auch von H. Bliimner 
(Maxim altarif des Diocletian S. 88) vertreten, der namentlich darauf hinweist, 
dass verschiedene Angaben in der Beschreibung der rcircovec, die Hervorhebung 
ihres Wasserreichthums und gewisser Gefahren fiir die Verdauung, nur 
auf die Wassermelonen passen. Als Plinianische Terminologie ergiebt 
sich aus allem mit einiger Sicherheit: cucurbita als Flaschenkiirbiss, cucumis 
als Gurke, pepo als Wassermelone, melo-pepo als Melone (v. Fischer-Benzon 
S. 94). 



320 Cucurbitaceen. 

Zu den einzelnen Benennungen der Cucurbitaceen 1st noch folgendes zu 
bemerken: Ob xoXoxovtv] (der Flaschenkiirbiss) nur der Kolossale bedeutet, 1st 
zweifelhaft. Andere (vgl. Prellwitz, Et. W. S. 157) trennen xoXo-xovtY] und 
vergleichen einerseits xoXo-xofxa grosse Woge und ziehen andererseits -xovlH], 
-XOVTYJ: xof'u> (vgl. auch cu-cu-mis, griech. xo-xo-ov TOV oixoov Hes.). Pott in 
Lassens Z. f. d. K. d. M. VII, 152 denkt fur xoXox-ovrrj an kurd. kalak ,melori, 
das bei Jaba-Justi zu scrt. Mlinda gestellt wird. Nach Euthydemus bei 
Athenaeus II, p. 58 f. waren die xoXoxoviai bei den Cnidiern ,,indische" genannt 
werden, weil ihr Samen aus Indien gekommen sei. Was das byzantinische 
ocYfODptv Gurke betrifft, so leugnet Karl Foy in Bezzenbergers Beitragen VI, 
226 den behaupteten orientalischen Ursprung dessslben. v AYoopo<; und aY'foupov, 
&YY%> YY "P iv seien dieselben Worter, orf-oopo? aber (= awpoc) sei das ge- 
wohnliche Wort fur unreif, so dass fcYT"P' die unreif genossene Art des otxoo<; 
bezeichne, wahrend vulg. irsrcovt die reif genossene Art benenne. Das indirect 
daraus hervorgegangene deutsche gurke lasst sich iibrigens schon kurz nach 
1500 im Deutschen nachweisen (vgl. Kluge, Et. W (i ). Zu den zahlreichen 
ost- und siidosteuropaischen Namen der Melone fiige noch alb. bostdn Melonen- 
feld (kokomare Melone), auch neugriechisch, bulgarisch, serbisch, rumanisch, 
aus ttirk. bostan Gemiisegarten (G. Meyer, Et. W. S. 42). - - H. Vambery 
(Primitive Kultur S. 217) ist der Ansicht, dass nur die Zuckermelone (kavun, 
Jcaburi) in der Urheimath der Turko-Tataren einheimisch gewesen sei, dass 
hingegen die Wassermelone, wie die Entlehnung des tiirkischen karpuz oder 
charbuz aus pers. xerbuz (wortlich Eselsgurke, P. Horn, Grundr. d. np. Ety- 
mologic S. 105) zeige, aus Persien stamme. Der wechselnde Anlaut des Wortes 
in den slavischen Sprachen, z. B. poln. harbuz, garbuz, arbuz, karpuz (Miklosich, 
Turk. Elem. S. 92) wird auf das verschiedene Horen des fremden Lautes 
zuriickzufiihren sein und findet ein Analogon weder in altsl. kostl: griech. 
OOTSOV (oben S. 317), die ganz von einander zu trennen sind, noch in deutsch 
Gaspar, Kaspar gegentiber dern alanischen Namen Aspar, Worter, von denen 
das erstere nichts anderes als der Name des ersten der heiligen drei Konige 
(vgl. R. Much Z. f. d. osterreichischen Gymnasien 1896 S. 607) ist. Altsl. 
dynja ,pepo' scheint Miklosich, Et. W. S. 55 jetzt von dunqti blasen zu trennen. 
Bulg., serb. lubenica Wassermelone mochte eher zu dem Stamme lub- (Miklosich, 
Et. W. S. 175) gehoren, der die Bedeutungen Rinde, Gefass von Baumrinde, 
Korbchen aus Baumrinde u. s. w. entwickelt. -- Nach dem Norden tiberge- 
gangen ist das lat. pepo in einer doppelteii Form, einmal als ahd. pepano> 
bebano, mhd. be'ben (neben pfeberi), das andere Mai als pethemo, pfedamo, mhd. 
pfedem (vgl. F. Kluge in Pauls Grundriss P, 342). Ganz gewohnlich ist ferner 
der Ausdruck ,,Erdapfel a fur die einzelnen Cucurbitaceenarten. Ein spater 
mittelalterlicher, zuerst bei Albertus Magnus bezeugter Ausdruck fiir dieselben, 
narnentlich fiir die Gurke, ist auch citrulus, eigentl. kleine Zitrone (vgl. von 
Fischer-Benzon a, a. O., s. auch den Anhang dieses Werkes). Zum Schluss 
geben wir nach Heldreich, Die Nutzpflanzen Griechenlands S. 49, die neu- 
griechisch e und pelasgische (albanesische) Terminologie der Cucurbitaceen: 
Lagenaria vulgaris oder Flaschenkiirbis YJ vepoxoXoxuO-ta (4j cpXAaxa oder TO 
(pXaoxl und Y] xooita die aus den trocknen Friichten verfertigten Trinkgefasse), 
alb. kavke (vgl. oben ttirk. kavun?\ Cucumis tnelo L. oder Zuckermelone TOC 
alb. pieper (^.TCooTavta Melonenfelder), Cucumis sativus L. oder Gurken 



Der Haushahn. 321 

alb. kratsaveis (s. oben S. 318), Citrullus vulgaris Schrad. oder 
Wassermelonen ta xapno6Cia und ta yofxovixd, alb. yimiko, Cucurbita pepo 4j 
xoXoxuO-cd, der Ktirbiss to xoXoxoth, alb. kiinku\, kungut (aus cucmnis nach 
trangut, 



I 



Der Haushahn. 

Der Haushahn 1st in Vorderasien und in Europa viel jiinger, 
als man denken sollte. Die semitischen Kulturvolker konnen ihn 
nicht gekannt haben, da das Alte Testament seiner nirgends erwahnt. 
Er fehlt auch auf den agyptischen Denkmalern, deren Bildwerke uns 
im Uebrigen das Detail des Haushalts der Nilthalbewohner so an- 
schaulich vor Augen stellen: wir sehen dort Scharen von zahmen 
Gansen, wie sie von der Weide heimgetrieben, sie selbst und ihre 
Eier sorgfaltig gezahlt werden u. s. w., nirgends aber Huhner, und 
wenn Aristoteles sagt, die Eier wiirden in Aegypten auch kiinstlich 
ausgebriitet, indem man sie in Mist vergrabe (hist. anim. 6, 2, 3), 
und Aehnliehes auch Diodor 1, 74 berichtet, so wird diese Industrie 
entweder nur an Gansen und Enten geiibt - - welcher Vermuthung 
Aristoteles nicht widerspricht , da er nur ganz allgemein von Vogel- 
eiern redet, oder gehort in die Zeit nach der persischen Eroberung, - 
wie Diodor selbst anzudeuten scheint, da er seine Erzahlung von den 
Brutofen mit den Worten einleitet, Vieles in Betreff der Ziichtung 
und Wartung der Thiere hatten die Aegypter von den Vorfahren 
uberkommcn, Vieles aber hatten sie dazu erfunden und darunter als 
das Wunderbarste die kiinstliche Ausbriitung der Eier. Der Haushahn 
stamrnt urspriinglich aus Indien, wo sein Vorfahr, der Bankiva-Hahn, 
noch jetzt von Hinterindien und den indischen Inseln bis nach Kasch- 
mir hin lebt, und verbreitete -sich erst mit den medisch-persischen 
Eroberungsziigen weiter nach Westen. Der Samier Menodotus be- 
hauptete in seiner Schrift iiber den Tempel der samischen Hera, 
wie der Hahn von der Landschaft Persis aus, so habe sich 
der Pfau von dem genannten Heiligthum aus iiber die umliegenden 
Gegenden verbreitet (Athen. 14 p. 655). In der Zoroaster-Religion 
waren Hund und Hahn heilige Thiere, der eine als der treue Hiiter 
des Hauses und der Heerden, der andere als Verkiindiger des Morgens 
und als Symbol des Lichts und der Sonne. Der Hahn ist vorziiglich 
dern Qraosha geweiht, clem himmlischen Wachter, der, vom Feuer 
geweckt, selbst wieclerum den Hahn weckt: dieser vertreibt dann 

Viet. Hehn, Kulturpflanzen. 7. Aufl. 21 



322 ^ er Haushahn. 

durch sein Krahen die Daevas, die bosen Geister der Finsterniss, 
besonders den Damon des Schlafes, die gelbe, langhandige Bushyagta. 
Im 18. Fargard des Vendidad heisst es 34 ff. (nach Spiegels Ueber- 
setzung): Darauf entgegnete Ahura-mazda : der Vogel, der den Namen 
Parodars fiihrt, o heiliger Zarathustra, den die iibelredenden Menschen 
mit dem Namen Kahrkatag belegen, dieser Vogel erhebt seine Stimme 
bei jeder gottlichen Morgenrothe. (Ebenso 18, 51 ff.). . Ormuzd 
hatte den Vogel also selbt dem Zoroaster empfohlen. Eine Stelle 
des Bundehesch im 14. Abschnitt lautet (iibersetzt von Grotefend in 
Lassens Zeitschr. 4 S. 51): Halka der Hahn ist den Dews und 
Zauberern feind. Er unterstiitzt den Hund, wie im Gesetze steht: 
Unter den Weltgeschopfen , die Darudsch plagen, vereinigen Hahn 
und Hund ihre Krafte. Er soil Wache halten liber die Welt, gleich 
.als ware kein Hund zur Beschiitzung der Heerden (oder Hauser) da: 
Wenn der Hund mit dem Hahn gegen Darudsch streitet, so ent- 
kraften sie ihn, der sonst Menschen und Vieh peinigt. Daher heisst 
es : durch ihn werden alle Feinde des Guten iiberwunden ; seine Stimme 
zerstort das B6se oder nach der Uebersetzung Windischmann's (Zo- 
roastrische Studien, S. 95): Der Hahn ist zur Vertilgung der Devs 
und Zauberer geschaffen; mit dem Hund sind sie Gehiilfen, wie ge- 
sagt ist in der Din: von den irdischen Geschopfen sind diese zum 
vSchlagen der Drukh's zusammen Gehiilfen, Hahn und Hund. Wo 
sich ein persischer Mann niederliess, da sorgte er gewiss so sicher 
fiir einen Hahn, als er die Friihgebete und Reinigungen vor und bei 
Sonnenaufgang nicht unterliess. So weit die Grenzen der persischen 
Herrschaft reichten, fand ohne Zweifel das so zahme und nutzliche, 
so leicht iibertragbare und zugleich in Gestalt und Sitten so eigen- 
thiimliche Thier in den Hofen und Haushaltungen der Menschen, 
&uch der Andersglaubigen , leichten Eingang und willige Aufnahme. 
Auf dem sogenannten Harpyieri- Monument der Akropolis von Xanthus 
in Lykien, das sich jetzt in London befindet, wird einer sitzenden 
Gottergestalt ein Hahn als Geschenk oder Opfer dargebracht. Stammte 
dies Grabdenkmal, wie Welker in seiner Ausgabe von O. Miillers 
Archaologie der Kunst annimmt, wirklich aus der Zeit vor Ol. 58, 3 
d. h. vor der Einnahme der Stadt Xanthus durch die Perser, so 
ware der Hahn den Lykiern in der That vor der Ausbreitung der 
persischen Macht bekannt gewesen. Allein der archaistische Stil der 
dort dargestellten Scenen, der in Griechenland vielleicht auf eine 
mehr oder minder bestimmte Epoche fiihren wiirde, bildet fiir Lykien, 
dessen Kunstentwicklung uns unbekannt ist, kein irgendwie sicheres 



Der Haushahn. 323 

chronologisches Merkmal. Die Akropolis wurde vor der Einnahme 
durch den persischen Feldherrn von den Einwohnern selbst durch 
Feuer vernichtet und dabei gingen, wie man glauben muss, auch die 
daselbst vorhandenen Denkmaler mit zu Grunde, und dass zur Zeit 
der persischen Herrschaft, die nur eine Art Oberhoheit war und die 
Lykier in relativer Unabhangigkeit beliess, kein solches Grabmonument 
errichtet werden konnte, ist gewiss eine grandiose Behauptung. 
Ginge die Bekanntschaft mit dem Haushahn in Lykien weit in die 
vorpersische Zeit hinauf, dann wurde die griechische Welt sicher an 
dieser Kenntniss Theil genommen haben. Aber auf griechischem 
Boden zeigt sich bei Homer und Hesiod und in den Fragmenten 
der alteren Dichter von Hahn und Henne keine Spur. Und doch 
miisste der bei Nacht die Stunden abrufende Prophet (unter Menschen, 
die noch keine Uhr besassen), der vornehm stolzirende, lacherlich 
krahende, blinzelnde Sanger (Herr Chanteclers), der von seinem 
Huhnerharem umgebene, hochst eifersuchtige Sultan (salax gallus), 
der hitzige, eitle, mit Kamm, Troddel und Sporn bewaffnete Kampfer, 
die ihr Eierlegen durch schluchzendes Gackern der Welt verkiindende 
Henne (Frau Kratzefuss), iiberhaupt diese ganze heitere Parodie 
menschlicher Familie und ritterlicher Sitte ein haufiger Gegenstand 
der Besprechung und Vergleichung bei den Dichtern sein, wenn Be- 
kanntschaft damit stattgefunden hatte. Auch war es schon den 
Alten nicht entgangen, dass Homer, wenn er auch die Eigennamen 
A&SXTWQ und ^AfoxTQvwv habe, doch das Thier, das eben so be- 
nannt wurde, nicht zu kennen scheme, Eustath. ad. II. 17, 602, 
p. 1120, 13: aber des Thieres Name, sagen die Alten, werde bei 
Homer nirgends gelesen (ahnlich p. 1479, 41). Die alteste Erwah- 
nung ist die bei Theognis, einem Dichter der zweiten Halfte des 
6. Jahrhunderts, der ohne Zweifel die Unterwerfung der lonier durch 
Harpagus und die Besetzung von Samos durch die Perser (im J. 522) 
erlebte und schon die nahe Besorgniss vor einem Kriege mit den 
gewaltigen. Medern ausspricht, v. 863, 864: 

xal O^LY avug 



afoxTQvovwv (pSoyyog 

- obgleich die Zumischung so mancher fremden Bestandtheile in 
unserer Sammlung der Gedichte des Theognis jeder darauf gebauten 
Zeitbestimmung viel von ihrer Sicherheit nimnit. Aus der Batracho- 
myomachie, wo der Hahn gleichfalls vorkommt, ist bei dem Zustand 
des Textes und dem vermuthlich jungen Ursprung dieses Werkes 
natiirlich noch viel weniger zu schliessen. Zu der Zeit des Theognis 

21* 



324 Der Haushahn. 

wurde es stimmen, wenn der beriihmte Athlet, Milon von Kroton, 
wirklich von der gemma alectoria d. h. dem im Magen des Hahnes 
gefundenen angeblichen Edelsteine als Amulet zur Erringung des 
Sieges Gebrauch gemacht hatte (Plin. 27, 144): allein dieser Aber- 
glaube wurde von den Spateren nur auf Milon tibertragen, dessen 
Leben von einer Menge Legenden uinsponnen ist. Aber bei Epi- 
charmus, der um die Zeit der Perserkriege bliihte, bei Simonides, 
Aeschylus und Pindar nnden wir den Hahn unter dem stolzen Nam en 
dhexTWQ schon als gewohnten Genossen des Menschen. Der Kampf 
der Hahne desselben Hofes mit einander wird friihe von den Dichtern 
als Gleichniss und Vorbild auf den Streit der Menschen bezogen. 
In den Eumeniden des Aeschylus (v. 848 ed. Herm.) warnt Athene 
vor dem Biirgerkrieg, als dem Kampf der Hahne gleichend (nach 
Otfr. Mullers Uebersetzung) : 

Noch auch vergall' ihr Herz wie eines Hahnes Sinn, 
Und pflanze Kriegslust meinen Burgern in den Geist, 
Die innern Zwist schafft, Trutz und Gegentrutz erzeugt. 
Jenseits der Marken wiithe Krieg, vom Heerde fern, 
Wo hohe Sehnsucht nach dem Ruhm sich offenbart; 
Den Kampf des Vogels auf dem Hof wiinsch ich hinweg. 

Eben so vergleicht Pindar im 12. olympischen Liede den ruhmlosen 
Sieg in der Vaterstadt mit dem des Hahnes daheim auf dem Hofe 
(in der Epode): evSofid^ag ax dhsxxwQ. Auch Themistokles soil 
den Muth seines Heeres einst durch den Hinweis auf zwei kampfende 
Hahne belebt haben, die bloss fur den Siegerruhm, nicht fur Heerd 
und Gotter ihr Leben einsetzen (Ael. V. H. 2, 28). Wenn man die 
spateren offentlichen und kiinstlichen Hahnengefechte, die sehr beliebt 
wurden und in zahlreichen Bildwerken des Alterthums dargestellt 
sind (0. Jahn, Archaologische Beitrage, S. 437 ft'.), von dieser Rede 
des Themistokles ableitete, so erhellt daraus wenigstens, dass man 
sich diese Wettkampfe nicht alter dachte, als die persischen Kriege. 
Bei den Komikern, bei denen wir rnehr die Sprache des Lebens 
vernehmen, heisst der Hahn immer noch der persische Vogel: 
Gratinus bei Athen 9, p. 374: 

d)0tt&g b TifQGixbg wgav Tiaaav xava%wv bhocpwvog 
Aristoph. av. 483: 

avxCxa fvulv Tigwr hmfafew wv dJlextQVQv', wg 
ij^% re JlegGuiiv TIQWTOV ndviwv, Jagetov xal Msyafid&v, 
WOTS xafoZrai, IJeQCttxbg ogvig dno T^g dgxyg ei exetvqg. 
v. 707: 
b f.isv oQTvya dovg, b ds 7ioQ(fvQC(ov\ b dk %yv'> o Je USQGIXOV OQVCV. 



Der Haushahn. 325 

(Nach Aussage des Scholiasteii verstanden hier einige unter dem 
persischen Vogel den Pfauen: aber die Zusammenstellung mit 
Wachtel, Wasserhuhn und Gans spricht mehr fiir das bescheidene 
Huhn, als fiir den kostbaren Pfau). 

v. 883: 

d<p yfjiwv wv yevovg TOV IltQGixov, 

ksysrat, dst,v6iam<; sivat navia^ov 
vsorwg. 

An einer anderen Stelle desselben Stiickes (v. 276) fiihrt der Hahn 
den komischen Namen Mr t dog, der Meder, und Peithetairos wundert 
sich wie er als Meder ohne Kameel herbeigekommen sei. An zwei 
Stellen des Tragikers Ion, die Athenaus (4, p. 185) erhalten hat, 
lasst die Flote als Hahn das lydische Lied erklingen: 

enl <f avAbg dhexraiQ AvSiov vfnvov a%eu*v 

(nach Meineckes Emendation), und die Hirtenpfeife heisst der Hahn 
voin Berge Ida in Phrygien: 

TCQoSsZ (Mein. yottet*) tie vot, avQty% 'fSalog dhexiwQ. 
Woher aber das Wort dhsxnnQ, dhexrQvwv selbst, das ein so emi- 
nent griechisches Geprage tragt? Es muss in lonien, als die dor- 
tigen Stadte nach dem Sturz des Crosus unter persische Botmassig- 
keit fielen und wie den Besatzungen, so auch dem Kultus des Siegers 
und dessen heiligen Thieren ihre Thore offneten, entstanden, oder 
vielmehr, vielleicht mit Anklang an das iranische halka, alka, er- 
funden worden sein. Der wunderbare, lichtverkiindende Sonnenvogel, 
der den priesterlichen Namen Parodars fiihrte, wurde in einer aus 
dem Traume des Mythus halb erwachten und der epischen Sprache 
wie der epischen Sage schon in beginnender Reflexion sich gegen- 
iiberstellenden Zeit mit dem auf den Sonnengott hinvveisenden gleich- 
falls mystisch-bedeutungsvollen Worte dhexiwQ genannt. Die Namen 
tyexTWQ 'Ymqimv (die strahlend wandelnde Sonne), ifisxigov (glan- 
zendes Metall, sonnenfarbiger Bernstein), 'Hhsxiga (Gottin des wieder- 
spiegelnden Wasserglanzes), 'HhexrQiwv , Sohn des Perseus, die elek- 
trischen Inseln, das elektrische Thor in Theben u. s. w., und auch 
die Formen mit anlautendem a: ^AhexiQvwv, 'AhexiaiQ waren aus 
Homer und dem Heroenmythus jedem gebildeten Frommen lebendig 
und gelaufig, wie auch noch Empedokles in dem Verse, in dem er 
die vier Elemente aufzahlt, das Feuer hieratisch rjhexccoQ nennt: 

rjhexTWQ T8 %3wv TS xal ovgavbg yde SdkatiGa. 

Mit der Zeit freilich, als der urspriingliche Sinn des alten Wortes 
im allgemeinen Gefiihl erloschen war, wurde es in popularer Deutung 



326 Der Haushahn. 

als Zusammensetzung mit &SXTQOV aufgefasst, entweder als Lager- 
genosse, wie Sophokles dhsxtwg fur aho%o$ Gattin gebrauchte 
(fr. 766 Nauck), oder als der Lager lose, nicht Schlummernde, was 
auf den Harm gut zu passen schien. Dass aber der neue Name in 
den beiden Formen dhsxrwQ und dhexTQvwv auftrat von denen 
die erstere sich als die poetisch-edle isolirte, die andere dem taglichen 
Gebrauche zufiel , ist ein sprechender Beleg dafiir, dass er nach 
dem Vorbild jener mythischen Heroennamen gebildet ist. Auch dass 
zu Aristophanes' Zeit die Sprache noch keine feste Form des Femi- 
ninums zu dem Masculinum dhexrgvwv gebildet hatte , so dass der 
Dichter diejenigen verlacht, die sich des Ausdrucks dfaxryvaiva be- 
dienten (Nub. 658 ff.), bestatigt die Neuheit des Namens und der 
Sache, da gerade bei diesem Hausthiere die fixe Unterscheidung 
beider Geschlechter ein dringendes sprachliches Bediirfniss ist; erst 
Aristoteles braucht die weibliche Form dfoxmQig neutral in der 
Weise unseres Huhn fiir die Gattung. Der Volksmund mag sich, 
ehe dksxTQvwv von oben herab durchdrang, mancherlei Benennungen 
gebildet haben, von denen persischer Vogel eine ist, die ubrigen 
aber, wie natiirlich, auf literarischem Wege Dicht bis zu uns gelangt 
sind. - - Da der Hahn in einer jiingeren Epoche erschien, wo die 
mythische Produktion schon im Absterben begriffen war, so konnte 
er keine hervorragende religiose Bedeutung erlangen. Als Kampf- 
hahn war er natiirlich dem Ares und auch der Pallas Athene heilig ; 
Plutarch Marcell. 22 erzahlt, in Sparta sei nach vollbrachtem Feld- 
zuge eine zwiefache Art Opfer Brauch gewesen : wer seine Sache mit 
List und Ueberredung gefiihrt, opferte ein Rind ; wer durch Kampf 
seine Absicht erreicht, einen Hahn. Als die Sonne verkiindend 
oder bedeutend war der Hahn in Olympia, von der Hand des Onatas 
gebildet, auf dem Schilde des Idomeneus zu sehen, der ein Enkel 
der Pasiphae und also Abkommling des Sonnengottes war (Pausan. 
5, 25, 5); Plutarch spricht (de Pythiae oracc. 12) von einem Bilde 
des Apollo, der auf der Hand einen Hahn trug, also als Sonnengott 
gedacht war; auf Miinzen von Phaestus in Kreta halt ein jugend- 
licher Gott, offenbar Personification der Sonne, mit der Rechten 
einen auf seinem Schoss sitzenden Hahn (Welcker, Gr. Gotterl. 
2, 244). Dass der Hahn dem Heilgotte Asklepius geopfert wurde, 
ist aus dem Schlusse von Platos Phadon allgemein bekannt. Der 
Hahnenaberglaube in dem Felsenstadtchen Methana zwischen Epi- 
daurus und Trozen, von welchem Pausanias (2, 34, 3) erzahlt, hiingt 
gleichfalls mit dem Dienst des Asklepios in jener Gegend zusammen: 



Der Haushahn. 327 

um die bosen Wirkungen des ACip, des Siidostwindes, auf die Reben 
zu verhuten, zertheilten dort zwei Mariner einen Hahn, lief en jeder 
mit der Halfte des Thieres von entgegengesetzter Seite um die Wein- 
berge herum und begruben das Thier an der Stelle, wo sie zu- 
sammentrafen. Das bei dem beriihmten Beilager des Ares und der 
Aphrodite der Wachter Alektryon eingeschlafen, den Tag zu melden 
vergessen und dafiir von Ares in einen Habn verwandelt worden, 
erklart Eustathius, der an der betreffenden Stelle der Odyssee 
(p. 1598 ex.) diese auch von Lucian (Somnium seu gallus p. 292 f. 
ed. Bip.) erwahnte Fabel erzahlt, selbst fur eine spatere Erdichtung. 
Bald nach ihrem Erscheinen in Griechenland werden Huhnerfamilien 
zu Schiffe - - nichts ist leichter als diese Thiere zu SchifFe mit sich 
zu fiihren - - auch nach Sicilien und Unteritalien gekommen und 
wie in Griechenland von Haus zu Haus gewandert sein. Dass die 
Sybariten keinen Hahn geduldet, um nicht im Schlaf gestort zu 
werden, ist eine von den spat erfundenen Anekdoten, an denen der 
Witz sich ubte; ihre Stadt wurde ubrigens schon 510 oder 511 
vor Chr. zerstort, als der Hahn noch gar nicht in Italien oder 
daselbst noch sehr Jung war. Auf den Miinzen von Himera in 
Sicilien sieht man den Hahn, zuweilen auf der Riickseite die Henne, 
vielleicht als Attribut des Asklepios, der in den Heilquellen der 
Stadt waltete. Auch was sonst auf Munzen und auf Vasen alten und 
altesten Stils in Griechenland wie in Sicilien und Italien an Dar- 
stellungen des Haushahns sich findet, geht liber die von uns an- 
gegebene Epoche (zweite Halfte des 6. Jahrhunderts) nicht hinaus. 

Die Romer, die den Vogel direkt oder durch Vermittelung von 
einer dieser griechischen Stadte empfingen, benutzten ihn mit echt 
romischer religioser List zur Weissagung im Kriege: da namlich 
kein Augur das romische Heer begleitete und folglich auspicia ex 
avibus nicht moglich waren, schuf man sich den Ausweg, zahme 
Hiihner im Rang mitzufuhren und mittelst ihrer sog. auspicia ex 
tripudiis anzustellen : frassen die Thiere mit Begierde von dem vor- 
geworfenen Brei und zwar so, dass Stiicke desselben aus dem Schna- 
bel wieder auf die Erde fielen, so war dies ein tripudium solisti- 
mum d. h. ein giinstiges Zeichen fiir die bevorstehende Unter- 
nehmung; der umgekehrte Fall ward als Warnung und Abmahnung 
angesehen. Natiirlich hatte dabei der pullarius , je nachdem er 
seinen Thieren zu fressen gegeben hatte oder nicht, den Erfolg ganz 
in seiner Hand. Dass die Sitte jiingeren Ursprungs war (Cic. de 
divin. 2, 35 : quo antiquissimos augures non esse usos, argumento 



328 ^ er Haushahn. 

estj quod decretum collegii vetus habemus, omnem avem tripudium 
facer e posse), geht auch aus der verhaltnissmassig kritischen Auf- 
fassung hervor, die sie in einer religios bereits herabgestimmten 
Epoche erfuhr. Jener Feldherr im ersten punischen Kriege, P. Clau- 
dius Pulcher, von dem Cicero erzahlt (de nat. deor. 2, 3, 7), Hess 
die heiligen Hiihner, weil sie das vorgeworfene Futter verschmahten, 
ins Wasser werfen ; wenn sie nicht fressen wollten, rief er, so moch- 
ten sie saufen; biisste die Lasterung freilich mit dem Verlust der 
Flotte. Cicero selbst aber driickt sich nicht sehr respectvoll iiber 
das Htihnerorakel aus er nennt es ein auspicium coactum et 
expressum und Plinius 10, 49 ist ironisch erstaunt, dass die 
wichtigsten Staatsgeschafte, die entscheidenden Schlachten und Siege 
von Huhnern gelenkt und die Weltbeherrscher wieder von 'Hiihnern 
beherrscht wiirden. In Catos landlicher Oekonomie spielen die 
Hiihner noch keine grosse Rolle er lehrt nur an einer Stelle, wie 
Hiihner und Ganse gestopft wiirden , aus der ausfiihrlichen Unter- 
weisung aber, die Varro 3, 9 und Columella 8, 2 ff. iiber die Be- 
handlung und Pflege derselben geben, ersieht man, wie entwickelt 
und verbreitet die Hiihnerzucht zur Zeit dieser Schriftsteller in Ita- 
lien schon war. Grossere edlere Varietaten des asiatischen Haus- 
hahnes, besonders Kampfhahne, wurden aus verschiedenen durch 
besondere Zucht und Race sich auszeichnenden Orten Griechenlands 
bezogen. In friiherer Zeit war die Insel Delos in dieser Hinsicht 
beriihmt gewesen: Cicero erzahlt (Acad. 2, 18), die Delier hatten 
beim Anblicke eines Eies die Henne angeben konnen , von der es 
gelegt worden (was iibrigens nicht so schwer ist, denn das Sp rich- 
wort: so ahnlich wie ein Ei dem andern trifft nicht ganz zu); 
jetzt standen die tanagraischen , rhodischen, chalcidischen Hahne 
als stark und schon in besonderem Ruf. Varro, Columella und 
Plinius erwahnen auch der grossen sogenannten melischen Hiihner, 
gallinae melicae, die nach dem Erstgenannten , der auch ein 
Sprachforscher war, wiewohl nicht immer ein gliicklicher, eigentlich 
inedicae, medische Hiihner, heissen sollten. Wir entnehmen daraus 
die Thatsache, dass noch in romischer Zeit Medien, woher die 
Hiihner zuerst nach Europa gekommen waren, frisches Blut nach- 
lieferte; die Form melicae konnte aber eben deshalb richtig sein 
und das altbaktrische meregha avis, persische murgh, kurdische 
mrishk, ossetische margh gallina wiedergeben, welches danii auch 
die Urform zu dern griechischen, durch Volksetymologie entstellten 
ware. 



Der Haushahn. 329 

Auf welchen Wegen sich das Geschlecht der Haushiihner zu den 
Barbaren im mittleren lind nordlichen Europa verbreitete, dariiber 
giebt es natiirlich keine direkten historischen Zeugnisse. Diese Ver- 
breitung konnte geraden Weges von Asien zu den stammverwandteii 
Volkern der siidrussischen Steppen und des Ostabhangs der Karpathen 
gehen, deren Religion der der iibrigen iranischen Stamme folgte und 
die in einigen ihrer Glieder schon zu Herodots Zeit Ackerbau trieben, 
oder durch die griechischen Kolonien am schwarzen Meer, deren 
Einfluss sich bekanntlich weit erstreckte, oder von Thrakien zu den 
Stammen an der Donau, oder von Italien aus auf den alten Handels- 
wegen iiber die Alpen, oder tiber Massilia in die Rhone- und 
Rheingegenden, oder endlich auf mehreren dieser Wege zugleich. 
Je mehr ein Volk vom nomadischen Hirtenleben zur festen An- 
siedelung iiberzugehen. sich anschickte, desto leichter musste dies den 
geschlossenen Hof belebende, kornerfressende, von Fuchs und Wiesel 
verfolgte Hausgefliigel bei ihnen Aufnahme, bleibende Statte und 
Gedeihen finden. Casar traf um die Mitte des ersten Jahrhunderts 
vor Chr. die Henne schon bei deri Britannen (de b. gall. 5, 12), in- 
dess vielleicht nur bei den gallisch gebildeten, den Boden bestellenden 
Stammen in der Nahe der Sudkuste. Befragen wir die Sprachen, 
so ergeben sich einige nicht uninteressante Resultate. Wir sehen 
Reihen von Benennungen von Volk zu Volk gehen, in verschiedenen 
sich kreuzenden Richtungen, die auf die Sitze und den Verkehr dieser 
Volker ein dammerndes Licht werfen. Zwar gestatten auch manche 
andere Kulturbegriffe ahnliche Schliisse, selten aber mit einem ver- 
haltnissmassig so festen chronologischen Anhalt. Da der Hahn nicht 
vor der zweiten Halfte des 6. Jahrhunderts vor Chr. in Griechenland 
erschien, so werden wir seine Ankunft im innern Europa nicht vor 
das fiinfte Jahrhundert setzen diirfen. Was in dem civilisirten 
Griechenland schnell von Statten ging, konnte im barbarischen Norden 
nur langsam, allmahlich und stufenweise sich vollziehen. Um die 
genannte Zeit mussen 

1. die Germanen schon ein abgesondertes Ganze gebildet haben, 
da sie den Vogel mit einem eigenen, nur ihnen angehorenden Nam en : 
liana bezeichnen; sie miissen 

2. auf engem abgeschlossenen Raum zusammengewohnt haben, 
da alle germanischen Stamme diesen Namen gleichmassig besitzen; 
sie zerfielen folglich noch nicht in einen scandinavischen und einen 
ontinentalen Zweig oder nach anderer Ansicht in Ost- und West- 
germanen; 



330 Der Haushahn. 

3. die Deutschen miissen unmittelbare Nachbarn der Finnen 
gewesen sein, da das gothische Wort sich finnisch (nicht aber 
litauisch u. s. w.) wiederfindet; 

4. die deutsche Lautverschiebung kann noch nicht eingetreten 
gewesen sein, da das deutsche hana bei den Finnen Jcana lautet: 

5. der bildende Trieb war in der Sprache der Deutschen jener 
Zeit noch so naturalistisch fein und rege, dass er rnit den geringsten 
Lautmitteln fur das mannliche und weibliche Thier und das Junge 
besondere Benennungen schuf, etwa wie solche fur Stier, Kuh und 
Kalb schon bestanden. Aus dem gothischen hana, ahd. hano, ags. 
hona, altn. hani - - welches selbst sehr alterthiimliche Gestalt zeigt, 
da es durch keinen andern Behelf, als das bei Nominalstammen so- 
haufige n, gebildet ist ward ein epiconisches Neutrum ahd. huon r 
in der Bedeutung pullus, spater in der des nhd. Huhn, also gothisch 
hon, und zur Bezeichnung des weiblichen Genus vermittelst eines j 
ahd. henna, also gothisch hanjo, abgeleitet - - zwei ungemein primi- 
tive Bildnngen; 

6. Slaven und Litauer miissen bereits von einander gesondert ge- 
wesen sein, da sie den Hahn abweichend benennen; 

7. das Volk der Slaven muss schon auf dem urspriinglichen 
Boden in die spatere nordost-siidliche und die westliche Gruppe zer- 
f alien sein, da pietlu gallus nur bei der ersteren, Tcogut, kohut idem 
vorzugsweise bei der letzteren erscheint, wahrend das erstere Wort 
zugleich in der Bedeutung (der Sanger), nicht in der Etymologie 
mit dem litauischen und vielleicht mit dem germanischen zusammen- 
stimmt; 

8. die Slaven miissen nach ihrer Trennung von den Litauern in 
einem, auch durch andere Indicien sich verrathenden Zusammenhang 
mit medopersischen Stammen (Skythen, Sauromaten, Alanen) ge- 
standen haben, da das gemeinslavische Jcuru, Jcura gallus , gallina, 
zugleich persisch ist: churu, churuh, churns; 

9. das tiJc, tyuk gallina der Magyaren stimmt genau zu dem 
kurdischen dik gallus (bei Lerch, Forschungen II. 130. 122), welches 
selbst wieder arabisch ist; erhielten sie es, wie ihr Wort fiir den 
Begriff tausend, direkt von einem iranischen Volke, damals als 
sie noch jenseits der Wolga im Lande der heutigen Baschkiren 
sassen ? 

10. Eine seltsame Kette von Namen geht vom Kanal bis zum 
innersten Winkel der Ostsee oder vom franzosischen (nicht proven- 
yalischen) und aremorischen coq bis zum finnischen Tculcko und zu 



Der Haushahn. 33 X 

anderen finnischen Stammen, wahrend ein ahnliches Wort (Kiichlein) 
in etwas veranderter Bedeutung bei Niederdeutschen, Angelsachsen 
und Scandinaviern (nicht bei Hochdeutschen) herrscht, also auf dem 
angegebenen Parallel am Boden haftete; 

11. keine Spur weist direkt nach Italien, sondern alle fiihren 
mehr oder minder deutlich nach dem Sudosten des Welttheils, was 
nur bei iranischen, nie bei semitischen Kulturerwerbungen der Fall 
ist. Ware uns das Alt-Thrakische und Alt-Illyrische oder Pannonische 
erbalten, so wiirden die Namensanklange, die das Griechische gewabrt r 
vielleicht zur vollen Identitat werden; 

12. das altbaktrische Icalirlca Huhn (zu erschliessen aus kahrlc- 
dga der Geier d. h. der Hiihnerfresser) stimmt unmittelbar zusammen 
mit dem altirischen cere gallina, Glosse bei Zeuss 2 p. 782 : cerc-dae r 
gallinaceus. Dazwischen liegt das ossetische Icjarlc gattina und die 
Glosse des Hesychius : xegxog' dhsxTQvwv (welcbe Benennung irgendwo 
auf der Hamus-Halbinsel Braucb gewesen sein muss), so wie vielleicht 
gothisch hruk gallicinium, mit dem dazu gehorigen Verbum hrukjan. 
Das Wort geht also quer durch das europaische Festland vom Pon- 
tus bis an den Kanal und jenseits desselben und stammt aus der 
Zeit, wo keltische Stamme von Gallien bis zum schwarzen Meer 
theils sich tummelten, theils sich bereits gelagert hatten. Die 
litauischen und slavischen Verba karkti, karkati, IcroTcati bedeuten 
mehr krachzen, schnarren, und gehen, wie graculus, altn. kraka, 
XQW&W, crocire, crocitare und eine Menge anklingender Ausdrticke 
auf das Genus corvus: 

13. es war natlirlich, dass mit dem Thier und seinem Namen 
auch die religiosen BegrifFe, die daran sich kniipften, von Land zu 
Land wanderten. Die Redensart: den rothen Hahn aufs Dach setzen, 
nennt statt des Elementes den Vogel, der ihm geweiht und in der 
Anschauung verwandt war. Eine in dem Volumen decretorum des 
Bischofs Burchard von Worms (bei Panzer, Bayerische Sagen und 
Brauche, I, S. 310) eiithaltene Stelle, wonach es gefahrlich ist, vor 
dem Hahnenruf Nachts das Haus zu verlassen, eo quod immundi 
spiritus ante gallicinium plus ad nocendum potestatis habent, quam 
post, et gallus suo cantu plus valeat eos repellere et sedare quam 
ilia divina mens, quae est in homine sua fide et crucis signaculo 

diese Stelle klingt wie ein direkter Bericht liber den Glauben 
der alten Perser an die von ihnen Daevas genannten immundi spiritus 
und an die Kraft des Hahnes, dieselben durch seine Stimme zu 
verscheuchen. Noch in Shakespeares Hamlet (Act 1, Scene 1) sagt 



332 Der Haushalm. 

Horatio ganz ahnlich: Ich habe gehort, dass der Hahn, der die 
Trompete des Morgens 1st, mit heller Stimme den Gott des Tages 
weckt und dass bei seinem warnenden Ruf all die Geister, die in 
Wasser oder Feuer, in Luft oder Erde schweifen und irren, jeder an 
seinen Ort zuriickschliipfen. Demselben Vorstellungskreise gehort 
es an, wenn der Vogel des Lichts bei Nacht der Nachtgottin geopfert 
wird, Ov. Fast. 1, 455: 

Node deae noctis cristatus caeditur ales. 

Auch die slavischen Pommern verehrten den Hahn und fielen an- 
betend vor ihm nieder (die Citate bei Panzer a. a, 0. S. 317); bei 
den Litauern werden Hahn und Henne der Erdgottin geschlachtet 
(Matth. Praetorius, Deliciae prussicae, herausgeg. von W. Pierson, 
Berlin, 1871, S. 62), eben so bei Einsegnung der Hauser zuerst ins 
Haus gelassen: diese werden gehegt und nicht geschlachtet noch 
gegessen, aber darum nicht vor Gotter gehalten (S. 37). In dem 
altindischen Gesetzbuch war das Essen von Huhnerfleisch nicht erlaubt 
(Lassen, Ind. Alterth. 1, 297), und auch die Mysten in Eleusis 
enthielten sich dieser Vogel, die der chthonischen Gottin, der Perse- 
phone, und der Demeter geweiht waren (Porphyr. de abst. 4, 16): 
in iiberraschender Weise berichtet Casar (a. a. 0.) von den Britannen : 
leporem et gallinam et anserem gustare fas non putant , die 
also mit dem Thier und seinem Namen aueh die Scheu vor seiner 
Gottlichkeit mit ubernommen hatten. Wie die Romer, wo keine 
wilden Vogel und Vogelschauer zur Hand waren, mit zahmen Huhnern 
sich halfen, so opferten auf Seeland die heidnischen Danen alle neun 
Jahre neben Menschen, Pferden und Hunden auch Hahne, weil die 
Raubvogel nicht zu beschaffen waren, Thietmar von Merseburg bei 
Pertz Scriptt. Ill p. 739: nonaginta et novem homines et totidem 
equos cum eanibus et gallis pro accipitribus oblatis immolant 
was ihnen vielleicht kluge Sclaven aus dem Siiden vor Alters an 
die Hand gegeben hatten. Wie ferner bei Plutarch de Is. et Osir. 61 
Anubis sowohl iiber die Oberwelt, TO, avai, als unter dem Namen 
Hermanubis iiber die Unterwelt, za xcmo, waltet und ihm in der 
ersteren Eigenschaft ein weisser, in der anderen ein safrangelber, 
gleichsam schwefelfarbiger, Hahn geopfert wird, so singt in der V6- 
luspa, dem altesten Theil der Edda, der goldkammige Hahn, Symbol 
des Lichtes, bei den Asen, der schwarzrothe, damonische in der 
Unterwelt, in den Salen der Hel (Vol. 35), und so unterscheiden 
die Volkssagen auch sonst zwischen dem weissen, rothen und schwar- 



Der Haushalm. 

zeu Hahn (s. Reinhold Kohler in der Germania XI, S. 85 ff.). Die 
Russen unter Sviatoslav bringen nachtliche Todtenopfer bei Doro- 
stolum am Ister, indem sie Sauglinge und Hahne erwiirgen und sie 
dann in die Wogen des Stromes versenken (Leo Diac. 9, 6); auch 
bei der Bestattung des russischen Hauptlings, deren Verlauf uns 
Ibn-Foszlan (bei Frahn) ausfuhrlich schildert, werden Hahn und 
Henne geschlachtet und dann zu dem Todten in das Schiff geworfen. 
Wenn es wahr ist, was in der Zeitschr. fiir d. Mythologie II. S. 327 f. 
deducirt wird, dass der Hahn dem Donar, Thunar, Thorr eigen- 
thumlich gehort, so wiirde dieser deutsche Gott sich dem Qraosha 
oder einer entsprechenden Gestalt der vermittelnden Volker substituirt 
haben. Da die nordischen Stamme zur Zeit, wo dies neue, seltsame 
Hausthier bei ihnen erschien, noch in ganz elementarem Bewusstsein 
befangen lagen und das Gemuth sich der Eindriicke, die es erfuhr, 
nur in ahnender Bildersprache entaussern konnte, so wird ein mannig- 
facher Hahnenaberglaube seitdem auch spontan bei ihnen Wurzeln 
gefasst und sich ausgebreitet haben. Die Mythenvergleicher aber, die 
die wirkliche oder angebliche Uebereinstimmung von mythischen 
Vorstellungen, Namen, Spriichen, Marchen, Zauberformeln, Ge- 
brauchen u. s. w. der alien und neuen europaischen und asiatischen 
Volker zum Aufbau einer reichen und phantasievollen Urmythologie 
des indoeuropaischen Stammvolkes benutzen, sollten, wie sich auch 
hierbei wiederum ergiebt, drei Momente bei jedem Schritte sich 
gegenwartig halten: erstens dass, so weit der Blick reicht, eine un- 
geheuere Kultur- und Religionsentlehnung Statt gefunden hat, zwei- 
tens dass dieselben Umstande und Lebensstufen auf den ver- 
schiedensten Punkten zu sehr verschiedener Zeit parallele Anregungen 
hervorriefen, drittens dass in gewissen Grenzen auch dem Zufall sein 
Recht werden muss. 

Statt die Geschichte des Hahnes durch das Mittelalter zu ver- 
folgen und durch alle fiinf Welttheile zu begleiten, denn dies niitz- 
liche Hausthier ist selbst bis zu den Negern im innersten Afrika 
gedrungen, schliessen wir lieber mit den Worten des alten wiirdigen 
Thomas Hyde (Veterum Persarum et Parthorum et Medorum reli- 
gionis historia. Ed. II. Oxonii 1760. 4. p. 22): Usque hodie gallinis 
adeo scatet Media, ut eo fere solo cibo et earum ovis (una cum 
carne ovina) excipiantur nostrates ibi peregrinantes. Ab ilia regione 
jam utilissima haec avis per totum orbem multiplicatur. Hocque 
novisse juvat: nam rebus alienigenis longo temporis tractu apud 
nos factis tamquam indigenis, unde primum venerint tandem igno- 



334 Der Haushahn. 

raturj quod de multis plantis et arboribus verum et de animalibus 
hand paucis Worte, die wir diesem ganzen Buche als Motto 
batten voranstellen konnen 75 ). 



** Naheres tiber den iranischen Haushahn siehe jetzt bei W. Geiger, 
Ostiranische Kultur S. 365 ff. Friihzeitig scheint die Verehrung des Haus- 
hahns auch in Babylonien bekannt gewesen zu sein. Layard erhielt bei 
Babylon eine Gemme, auf dessen unterer Flache ein gefltigelter Priester oder 
^eine Gottheit eingeschnitten ist, die in einer betenden Stellung vor einem 
Hahne auf einem Altar steht. Ein ganz ahnlicher Gegenstand findet sich auf 
einem Cylinder im britischen Museum, ein Priester in Opferkleidung, der an 
einem Tische steht, vor einem grosseren Altar und einem kleineren, auf dem sich 
ein Hahn befindet. Beidemal erscheint der Hahn von Osten, und tiber beiden 
Abbildungen schwebt ein Halbmond, vielleicht als Zeichen der schwindenden 
Nacht (vgl. Layard, Ninive und Babylon, tibersetzt von Zenker S. 410, 411). 
Merkwurdig ist, dass, obgleich sonst das Haushuhn im alten Aegypten 
allerdings keine Eolle spielt, doch die Hieroglyphe u das deutliche Bild 
eines Htihnchens zeigt, was doch auf eine sehr alte Bekanntschaft mit dem 
Thiere hinzuweisen scheint (vgl. A. Wiedemann, Herodots II. Buch S. 545). 

Eine sichere Deutung des griech. &XlxTu>p, iXsvupocov ist noch nicht ge- 
funden. Das spate alka, halka des Pehlewi (F. Justi, Bundehesch S. 272) ist 
bei der Erklarung fern zu halten (vgl. unten). Man hat das griechische Wort 
als Bernsteinvogel (YJXextpov) deuten wollen, weil die altesten auf griechischen 
Munzen gefundenen Hahnentypen, die Htihner von Himera in Sicilien (erstes 
Viertel des V. Jahrh.) und von Dardanos an den Dardanellen (vor d. Mitte 
des V. Jahrh.) eine grosse Uebereinstimmung mit dem Gallus Sonnerati in 
Nordindien zeigen sollen. Die eigenthtimlichen glanzend - gelben hornartigen 
Gebilde an den Federn des Halses liessen sich aber mit Bernsteinschmuck 
vergleichen (s. Imhoof-Blumer und 0. Keller, Thier- und Pflanzenbilder S. 35). 
Eine andere, aber ausserst gewaltsame Erklarung hat O. Keller (Lateinische 
Volksetymologie S. 195 f.) versucht. Am wahrscheinlichsten ist die neuer- 
dings von P. Kretschmer (K. Z. XXIII, 560 ff.) gegebene Erklarung des griech. 
&XexT(up, &XexTpoow, denen sich erst spater ein aXextpoaiva Henne, &Xextopt<; 
Huhn zugesellt. Hiernach waren die genannten Worter identisch mit den 
gleichlautenden Eigennamen des homerischen Epos, Alektor und Alektryon, 
die zu otXs^tu, &Xe?jrfip, iXxt-rip wehre ab, Kampfer gehoren. Man habe den 
Hahn seinem streitbaren Charakter entsprechend mit einem aus dem Epos 
in doppelter Form bekannten heroischen Namen benannt. Aehnlich sei 
Mepivcuv ein Name des Esels, KaXXia? des Affen, Kep8a> des Fuchses, und genau 
entsprachen die Schicksale des frz. renard Fuchs aus Reinhart, der volks- 
thumlichen Benennung des Thieres im altgermanischen Thierepos. 

Was den Norden Europas betrifft, so wird die Anschaunng Hehn's 
von dem verhaltnissmassig spaten Auftreten des Haushahns daselbst durch 
den Umstand bestatigt, dass Ueberreste des Thieres bis jetzt prahistorisch 
nicht nachweisbar waren. Zu den auf S. 329 332 gezogenen sprachlichen 
Schliissen ist folgendes zu bemerken: 



Der Haushahn. 335 

Zu 4. Das finnische kana wird nicht vor der Lautverschiebung aus dem 
Germanischen entlehnt sein; es scheint vielmehr, dass das anlautende k nur 
Lautsubstitution fur germ, h, / 1st (vgl. W. Thomsen, Ueber den Einfl. d. germ. 
Spr. S. 66). Zu 5. Es 1st nicht wahrscheinlich, dass zu der Zeit, in welcher 
das Haushuhn bei den Germanen bekannt wurde, ihre Sprache noch einen 
Ablaut wie hana : * hdn bilden konnte. Glaublicher ist, dass diese Worter (vgl. 
^ji-xavo? und d-cdnia) zur Bezeichnung eines wilden Vogels uralt waren und 
dann auf den Haushahn iibertragen wurden. Zu 7. Gegeniiber deni Aus- 
einandergehn der slavischen Sprachen in der Benennung des Haushahns fallt die 
Uebereinstimmung seiner Terminologie in den germanischen und keltischen 
(ir. cailech, cymr. ceiliog, corn, chdioc] Mundarten auf. Vielleicht darf man 
hieraus schliessen, dass das Thier eher im Westen und in der Mitte als im 
Osten unseres Erdtheils auftrat. Zu 8. In den angegebenen Zusammenhang 
scheinen auch die finnischen Ausdriicke wotjakisch kurek, syrj. kurb'k u. s. w. 
(Ahlqvist S. 20) zu gehoren. Uebrigens ist die Entlehnung des slavischen 
Worts, das Archiv fur slav. Spr. XI, 394 gleich lat. corvus gesetzt wird, aus 
dem Iranischen zweifelhaft. Auch P. Horn, Grundriss d. np. Etym. S. 106 
scheint dieselbe nicht anzuerkennen. Vgl. daselbst auch kurd. kords etc. 
Sicher aus dem Persischen entlehnt ist serb. oroz Hahn (Miklosich, Turk. 
Elem. S. 74). Zu 9. Das magyarische tyu~k schliesst sich zunachst an das 
ostjakische tava^ Huhn, dann an das turko-tat. tavok, tauq an (vgl. Donner, 
Vgl. W. d. f. Spr. I, S. 116). Ferner stellt sich hierzu kaukas. hiirk. daghwa, 
woraus das kurdisch-arabische Wort wohl stammt (Tomaschek, Z. f. 6'str. 
Gymn. 1875 S. 524). Vgl. auch kurd mami, mamir zu kaukasisch laz. mamuli 
(Jaba-Justi S. 406) und das oben genannte alka des Pehlewi zu kaukas. heleko, 
helk, alkuz (Klaproth, Asia polyglotta S. 135). Zu 12. Hinzuzufiigen ist Pamird. 
ko'rk, afgh. cirk, kurd. kurk, kerge, zu streichen got. hruk, welches lautgesetz- 
lich entweder zu griech. xpaoY^ oder zu xpdCu), xpu>Cu> gehort, vgl. auch altn. 
hrokr Seerabe, altengl. hrdc Mandelkrahe, ahd. hruoh Krahe (Kluge in Paul u. 
Braunes B. VI, 377). Dass die Benennungen von gallus und corvus in ein- 
ander tibergehn, zeigt auch das Verhaltniss von krahen: krahe, engl. croiv 
krahen : crow Krahe. Aehnlich wird der unter 10. genannte Lautcomplex 
kuko- auch zur Bezeichnung des Kukuks verwendet. Uebrigens konnen sowohl 
die Ableitungen von kerk wie von kuku- kuko- (vgl. Fick, Vergl. W. 4. Aufl. 
S. 384, 21) schon idg. Vogelnainen gewesen sein, die spater auf den Haus- 
hahn iibertragen wurden. Vgl. iiber die Geschichte des Haushahns neuer- 
dings E. Hahn, Die Hausthiere S. 291 ff. (mehr in naturgeschichtlicher Be- 
ziehung) und rnein Keallexicon u. Hahn, Huhn. 



Die Taube. 

Schon Homer erwahnt nicht selten der Tauben unter dem Namen 
TTtfaiddeg; aber nichts lasst vermuthen, dass er die Haus- 
taube darunter verstanden habe. Die Tauben sind inm das Bild des 



336 Die Taube. 

Fliichtigen und Furchtsamen : so entzieht sich Artemis der Hera, die 
ihr den Kocher geraubt hat, II. 21, 493: 

Weinend aber entfloh sie zur Seite sofort, wie die Taube, 

Die vom Habicht verfolgt in den Spalt des zerkliifteten Felsens 

Schliipft nicht wars ihr beschieden des Raubers Beute zu werden. 

Hector flieht vor Achilles, wie eine scheue Taube vor dem Falken, 
II. 22, 139, wo das Gleichniss folgendermassen ausgemait wird: 

Wie im Gebirge der Falk, der geschwindeste unter den Vogeln, 
Leicht im Schwunge des Flugs der schtichternen Taube sich nachsturzt; 
Seitwarts fliichtet sie bang; dicht hinter ihr stiirmt er bestandig 
Nach mit hellem Geschrei und brennt vor Begier sie zu fangen. 

Daher auch das Adjectiv rgr/gan', scheu, fliichtig, das Homer dem 
Namen der Tauben gern hinzufugt, wie Aeschylus Sept. 292 Ttdvigo- 
fjiog Tishsidg, die ganz zitternde Taube, sagt. Auch als der schnellste 
Vogel erscheint die Taube in dem Sagenkreise von den Argonauten. 
Das Schiff Argo war, wie der Name sagt, wunderbar schnell, und 
wenn die Taube zwischen den zusammenschlagenden Felsen hindurch- 
flog, durfte auch das Fahrzeug, das die Helden trug, unverletzt hin- 
durchzusegeln hoffen. Daher vorher mit ihr die Probe gemacht 
werden soil, Apoll. Rh. Argon. 2, 328: 

Macht vor Allem zuerst den Versuch mit dem Vogel, der Taube, 
Lasst sie zuvor vom Schiff ausfliegen. 

Aus der Argonautensage stammt denn auch in der Odyssee die War- 
ming der Circe vor den glatten Felsen, 12, 59: 

Rechtshin sind zwei Felsen und hangen heriiber, an diese 
Donnert die machtige Woge der blaulichen Amphitrite: 
Die sind irrende Felsen genannt von den seligen Gottern. 
Da fliegt selbst kein Vogel vorbei, ja schiichterne Tauben 
Nicht einmal, die dem Vater, dem Zeus, Ambrosia bringen; 
Auch von diesen sogar raubt allzeit eine die Felswand, 
Und eine andere sendet, die Zahl zu erganzen, der Vater. 

So verderblich also sind diese Felsen, dass selbst die geschwinden 
Tauben ihnen nicht immer entgehen und Vater Zeus, dem sie Am- 
brosia bringen sie schwingen sich als dun&sig durch die Himmels- 
blaue , die verlorenen durch andere ersetzen muss. Auch bei den 
Tragikern ist die Taube schnell wie der Sturmwind und wie die 
Wuth oder die Rache, Soph, O. C. 1081: 
sl$ aekkaCa 






Die Taube. 337 

Eurip. Bacch. 1090 (die Manaden stiirzen auf den Pentheus): 

fj%av nefotag wxvTrjT ov% yaffoves. 

Noch schneller freilich 1st der Habicht oder Falke, der der schnellste 
aller Vogel 1st da er ja auf die Tauben Jagd macht und nur 
das Wunderschiff der Phaaken, das den schlummenden Odysseus nach 
Ithaka brachte, iibertrifft ihn an Fliichtigkeit, Od. 13, 86: 

Kastlos lief es und sicher dahin : kein kreisender Habicht 
Floge den Lauf ihm nach, der geschwindeste unter den Vogeln; 
So hineilend und leicht durchschnitt es die Wogen des Meeres. 

Griechenland war in Fels und Wald so reich an Tauben, Ringel-, 
Felsen-, Turteltauben, dass ihre Rolle in Gedicht und Sage nicht auf- 
f alien kann. Der Schiffskatalog bezeichnet das bootische Thisbe 
(II. 2, 502) und das lacedamonische Messe (582) als 
taubenreich, ebenso Aeschylus die Insel Salamis als 
taubennahrend (Pers. 309 Dindorf.). Drosseln und Tauben werden 
in Netzen oder Schlingen gefangen, die im Gebusch. aufgestellt sind, 
Od. 22, 468: 

Wie bisweilen ein Zug breitschwingiger Drosseln und Tauben 
Sich in der Schlinge verfangt, die aufgestellt im Gebusch ist, 
Wann sie zum Nest heiraeilen; ein trauriges Lager empfangt sie 

und es kann daher nicht auffallen, wenn im 23. Buch der Ilias 
Achilles bei den Leichenspielen des Patroklus eine lebendige, an die 
Spitze eines Mastbaumes gebundene Taube als Ziel aufstellt: Teukros, 
der gefeierte Bogenschiitze , schiesst zuerst, aber er vergisst, dem 
Apollo sein Gelubde zu thun, und trifft nur die Schnur; die befreite 
Taube strebt kreisend zum Himmel auf; da ergreift Meriones schnell 
den Bogen, betet, und holt den fliichtigen Vogel mit dem Pfeil vom 
Himmel herunter (II. 23, 850 ff.). Daher die Taube auch das my- 
thische Bild des der Fesseln sich entledigenden Gefangenen und 
Fluchtlings ist: die drei Tochter des Anius auf Delos, die Oino, 
Spermo und Elais, die Alles, was sie beriihrten, in Wein, Korn und 
Oel verwandelten und desshalb Oinotropoi genannt wurden, sollten 
von Agamemnon in Fesseln geschlagen und mit Gewalt nach Troja 
geschleppt werden, da verwandelten sie sich in Tauben und flogen 
davon (Ov. Metam. 13, 650 fL). Dass endlich die Taube auch ein 
damonischer weissagerischer Vogel ist, beweist das Orakel von Do- 
dona: dort thaten Ringeltauben vom Gipfel der heiligen Eiche in 
ihrem Fluge und Girren, dem Gerausch ihrer Flugel, ihrem Kommen 
und Gehen, Aufsteigen und Niederstiirzen die Zukunft und den Willen 
des Zeus kund, wie ja Vogelorakel auch in dem gegeniiberliegenden, 

Viet. Hehn, Kulturpflanzen. 7. Aufl. 22 



338 Die Taube. 

in Vieletn dem epirotischen Lande so verwandten Italien ein uralter 
Branch waren und wie die Veneter den Dohlen Kuchen auf dem 
Felde hinzustellen pflegten, damit sie die Saat verschonten (Theo- 
pompus bei Miiller Fr. 143). 

An alien angefiihrten Stellen des Epos wird die Taube Ttskeia 
genannt (im Plural auch nsksid dsg) ; nur einnial kommt bei Homer 
das spater ubliche (pdaaa vor und zwar als erster Bestandtheil des 
Adj. <pa(Hfo(p6vog, taubenmordend, Pradikat des Habichts (II. 15, 237). 
Ein dritter Ausdruck, ydip, Gen. cpafiog, findet sich zuerst bei 
Aeschylus, fragm. 206 Nauck. : 

Svffrrjvov d&ltctv 
nqog rtTvocg 

also die vom Korn naschende, ungliickliche Taube, der mit der Worf- 
schaufel die Knochen zerschmettert werden. Die spatere wissen- 
schaftliche Zoologie (bei Aristoteles, Anim. hist. 5, 13, 2) unterscheidet 
mit diesen Namen die besonderen Arten Tauben und fiigt noch olvdg 
(wortlich: die Weintaube) und TQvytov (die Turteltaube, vom Girren, 
XQVO), benannt, zuerst bei Aristophanes in den Vogeln) hinzu: in 
der Urzeit gingen diese Benennungen wohl ohne Unterschied je nach 
der Landschaft oder nach einer der Eigenschaften des Thiers, die 
grade in das Bewusstsein des Redenden fiel, auf das Geschlecht der 
wilden Tauben iiberhaupt, denn die dodonaische Tieheia, die in den 
Baumen wohnte, Columba Palumbus, kann unmoglich mit der nefoia, 
die bei Homer in einen Felsspalt schliipft, Columba lima, dieselbe 
gewesen sein. Der eigentliche Name fur die Haustaube, und damit 
diese selbst, tritt erst in der spatern attischen Sprache auf, zuerst 
bei Sophokles (Fr. 781 Nauck. , wo sie deutlich als oixetig und 
Icpeouog bezeichnet ist), dann bei den Komikern und bei Plato: 

Tauberich, Taube, neQiaceQcdevg, TISQIGTS- 
TTSQIGTSQIOV Taubchen , TisQiaTSQSojv , der Taubenschlag 
neue Worter, die der dorische Dialect, der fortfuhr nefaidg zu sagen, 
gar nicht annahm (Sophron bei Athen. 9, p. 394). Woher nun kam 
den Griechen in so spater Zeit dies freundliche Hausthier, das gegen 
das Ende des 5. Jahrhunderts vor Chr. in Athen schon ganz ge- 
wohnlich ist? und war die zahme Taube etwa identisch mit einer 
der in Griechenland lebenden wilden Arten? Sehen wir uns zur 
Beantwortung dieser Fragen zuerst, wie gewohnlich, in der semi- 
tischen Welt um. 

Dass in den syrischen Stadten die Taube der dort unter ver- 
schiedenen Namen verehrten weiblichen Naturgottheit , die die 



Die Taube. 339 

Griechen Aphrodite nennen, heilig war und bei ihren Tempeln in 
dichten Schaaren gehegt wurde, ist eine von den verscbiedensten 
alten Schriftstellern bezeugte Thatsache. Xenophon, als er im Heere 
des jiingeren Cyrus mit andern griechischen Soldnern Syrien durch- 
zog, fand, dass die Einwohner die Fische und die Tauben als gott- 
liche Wesen verehrten und ihnen kein Leid anzuthun wagten, Anab. 
1, 4, 9: welche (die Fische) die Syrer fiir Gotter hielten und ihnen 
kein Leids antbaten, so wenig als den Tauben. Nach Pseudo- 
Lucian. de Syria dea 54 waren in Hierapolis oder Bambyce die 
Tauben so heilig, dass Niemand eine derselben auch nur zu beriihren 
wagte; wenn dies Jemandem wider Willen widerfuhr, dann trug er 
fiir den ganzen Tag den Fluch des Verbrechens; daher auch, fiigt 
der Verfasser hinzu, die Tauben mit den Menschen ganz als Ge- 
nossen leben, in deren Hauser eintreten und weit und breit den Erd- 
boden einnehmen. Ganz dasselbe berichtet der Jude Philo (bei 
Euseb. praep. evang. 8, 14) von Askalon, dem Ursitz der 'Ayigodfarj 
Ovgavfy oder der Astaroth: ich fand dort, sagt er wortlich, eine 
unzahlige Menge Tauben auf den Strassen und in jedem Hause, und 
als ich nach der Ursache fragte, erwiderte man mir, es bestehe ein 
altes religioses Verbot, die Tauben zu fangen und zu profanem Ge- 
brauch zu verwenden. Dadurch ist das Thier so zahm geworden, 
dass es nicht bloss unter dem Dache lebt, sondern ein Tischgenosse 
des Menschen ist und dreisten Muthwillen treibt. Die Tauben der 
paphischen Gottin auf Cypern, die Paphiae columbae, die im Tempel 
ein- und ausflogen, ja sich selbst auf das Bild der Gottin setzten, 
sind so bekannt, selbst aus Miinzen und Gemmen, dass es der An- 
fiihrung eines besonderen Zeugnisses nicht bedarf. Da nun die 
Astarte von Askalon in sehr alter Zeit nach Kythera und Lacedamon, 
uberhaupt die semitische Aphrodite nach Korinth und an die ver- 
schiedensten Punkte der griechischen Kiiste verpfianzt wurde und 
Cypern schon fruhe das Ziel griechischer Seefahrten und Nieder- 
lassungen war, so musste, wie man denken sollte, auch die Taube, 
das Symbol und der Liebling der Gottin, mit ihr selbst und eben so 
friihe nach Griechenland gekommen und bei ihren Heiligthtimern 
Gegenstand der Zucht und Pflege geworden sein. Davon aber giebt 
es durchaus keine Ueberlieferung. In dem homerischen Hymnus auf 
Aphrodite finden sich die Tauben nicht erwahnt: die Gottin betritt 
ihren duftenden Tempel auf der Insel Cypern, sie wird von den Chariten 
mit dem unsterblichen Oel gesalbt, mit herrlichen Gewandern be- 
kleidet und mit goldenem Geschmeide geschmuckt und schwingt sich 

22* 



340 Die Taube. 

dann, Cypern verlassend, hoch durch die Wolken nach dem quellen- 
reichen Ida. Und auch am Schlusse des Hymnus heisst es bloss: 
sie entschwebte zum wehenden Himmel: yj'C^e TiQog ovqavov r^ve- 
(j,6svTtt. Auch in den kleineren Hymnen V und IX bezieht sich 
keines der der Gottin. gegebenen Pradikate auf ihre Tauben; sie 
heisst xQvaoGTeyavog , loffi eyxxvog , JlfaxofihsyaQog , yhvxvftslfoxog, 
2ala(Jilvog giixupevyg fisdsovcfa xal Ttdaqg KVTIQOV, TJ ndti^g KVTIQOV 
xQTjdeiiJiva A,ehoy%V elvaMrjg u. s. w. In der uns durch Dionysius 
von Halikarnassus de compos, verb, erhaltenen Ode der Sappho, die 
mit den Worten beginnt: 



wird der Wagen der Gottin nicht von Tauberi oder Schwanen, 
sondern von schnellen Sperlingen durch den Himmel gezogen (fr. 1. 
Bergk.): 

xakoi de G dyov 

wxssg ffTQOvdoi nsQl yag [tehalvag 

Tivxva dwevvTsg nxio an wgdvco 



Von einer Erwahnung der Tauben bei derselben Sappho berichtet das 
Scholion zu Pindar Pyth. 1, 10: bei Pindar namlich sitzt der Adler 
auf dem Scepter des Zeus, die Fliigel sinken lassend: wxelav TixsQvf 
d t u<porsQa)&ev %ahd%aig-, umgekehrt, sagt der Scholiast, aussert sich 
die Sappho iiber die Tauben: 

Tafat, tie ipv%Qog ftsv syevro $V{JLO<;, 

nay S' isHU TO, TirsQa (fr. 16 Bergk.) 

Wir wissen weder, mit welchem Worte hier die Tauben bezeichnet 
waren, noch ob sie als Attribut eines Gottes oder einer Gottin vor- 
kamen ; da ihnen ein kaltes Gemiith zugeschrieben wird, konnen nur 
die .wilden, nicht die kyprischen gemeint gewesen sein. In der 
ganzen iibrigen Lyrik bis auf Pindar hinab so weit sie uns in 
Bruchstiicken und Nachrichten erhalten ist fehlt die Taube 
durchaus. 

Dies spate Erscheinen des nachher in Kunst, Religion und Leben 
so verbreiteten Vogels hat seinen Grund offenbar in dem gleichen 
Vorgang in Syrien, Palastina und Cypern. Auch dort geht die 
zahme Taube nicht in friihes Alterthum hinauf, sondern wurde erst 
Symbol der Astarte und Aschera, als in Folge von Eroberungsziigen 
und Han dels verkehr der Dienst dieser Gottinnen mit dem der wesens- 
gleichen centralasiatischen Semirainis verschmolz. Semiramis war 



Die Taube. 341 

als Taube gedacht und bedeutete so viel als Taube, Diodor 2, 4: 
Semiramis 1st in der Sprache der Syrer so nach den Tauben be- 
nannt, die seit jener Zeit von alien Bewohnern Syriens als 
Gottinnen verehrt werden. Hesych. ^sfjicQa^g- neQitiisQa oQstog 
*Ehhr]ve,cri. Sie wurde in Askalon von ihrer Mutter,, der Fischgottin 
Derketo, gleich nach der Geburt ausgesetzt, von Tauben genahrt, 
vom Hirten Simmas, der sie nach seinem Namen benannte, aufer- 
zogen; dann trat sie in Ninive als herrliche Kriegerin auf und ver- 
wandelte sich zuletzt in eine Taube und flog mit Tauben davon 
(Diod. 2, 20 nach Ktesias). Nach Hygin. fab. 197 fiel vom Himmel 
ein ungeheures Ei in den Euphrat; Fische walzten es an das Ufer, 
Tauben briiteten es aus, und es ging die Venus daraus hervor, die 
spater die dea Syria genannt wurde; daher die Syrer auch Fische 
und Tauben fur heilig halten und nicht essen. Der Taubendienst 
kam also vom Euphrat nach Vorderasien, ebenso die Anschauung der 
Naturgottin als Taube. Im Alten Testament findet sich die erste 
einigermassen sichere Erwahnung der zahmen Taube bei Pseudo- 
Jesaias 60, 8: Wer sind die, welche fliegen wie die Wolken und 
wie die Tauben zu ihren Fenstern (Gittern d. h. zum Taubenschlage)? 
Diese Partie des Jesaias ist in der Epoche des Exils geschrieben, 
und um diese Zeit, nach den babylonischen Eroberungsziigen , mag 
sich auch die Aneignung der Taubenzucht in Vorderasien und die 
Aufnahme des zartlichen Vogels in den syrisch-phonizischen Kultus 
und als Tempelbewohner schrittweise vollzogen haben. Sollten die 
Taubengleichnisse in dem Hohen Liede nicht anders als von zahmen 
Tauben verstanden werden konnen - - was wir dahin gestellt sein 
lassen , dann konnte auch dies Gedicht, dessen Zeitalter ungewiss 
ist, nicht hoher hinaufgeriickt werden. (Nach H. Gratz, das Salo- 
monische Hohelied, Wien 1871, fiele es erst in die macedonisch- 
griechische Zeit, nach S. J. Kampf, das Hohelied, Prag 1877, in die 
vorexilische Epoche und zwar weil die Stimmung darin eine freudige 
ist!) Attch auf der spateren Konigsburg in Jerusalem, die im all- 
gemeinen Brande unterging, waren nach Josephus b. j. 5, 4, 4 viele 
Thiirme zahmer Tauben. 

Von den syrischen Kiisten, doch auf einem Umwege, kam dann 
die Haustaube mit dem Beginn des fiinften Jahrhunderts auch den 
Griechen zu wie uns ein merkwiirdiges Zeugniss belehrt, das 
nur richtig verstanden werden muss. Charon von Lampsakus, der 
Vorganger des Herodot, berichtete in seinen JIsQffixd, zu der Zeit, 
wo die persische Seemacht unter Mardonius bei Umschiffung des 



342 D ie Taube. 

Vorgebirges Athos zu Grunde ging, also zwei Jahre vor der Schlacht 
bei Marathon, seien zuerst in Griechenland die weissen Tauben er- 
schienen, die bis dahin unbekannt waren (Athen. 9. p. 394). Was 
ist hier unter weissen Tauben gemeint? Nichts anderes als Haus- 
und Tempeltauben edler Race, wie die wilden als schwarze, graue, 
aschfarbene, fahle gedacht und danach genannt werden, und zwar 
nicht bloss bei den Griechen, sondern auch in den Sprachen der 
urverwandten europaischen Volker. Den Tauben von Dodona legt 
Herodot ausdriicklich schwarze Farbe bei, 2, 55 und 57, wenn er 
auch das schwarze Gefieder, sowie das ganze Taubenorakel , bereits 
in der Weise der jiingeren Zeit rationalistisch deutet. Den Namen 
des Vogels nekeia erklarten schon die Alten aus dem Adjectiv nshog, 
nefaog, TtsMog, nofaog grau (womit einverstanden ist Pott, Zeitschr. 
6, 282); dasselbe Wort ist das lateinische pahtmbus oder palumbes, 
auch palumba, dessen erweiterte Form aus dem urspriinglich auf das 
I folgenden v mit hinzutre tender Nasalirung entstand, wie in pallidus, 
pullus das doppelte I aus Assimilation. Ganz so stammt das czechische 
(auch polnische und russische) siwdk, die wilde Taube, aus siwy = 
caesius, glaucus, das gleichbedeutende russische sizjak aus sizyi blaulich, 
das franzosische biset, die Holztaube, aus bis schwarzlich. Nicht 
anders ist auch das deutsche Taube, goth. dtibo, ags. dufe, altn. 
dufa mit dem Adjectiv daubs, taub, stumm, blind, duster, dunkel- 
farbig, zusammenzustellen , fur welche letztere Bedeutung das Kel- 
tische willkommene Bestatigung bietet: altirisch dubh niger, dub atra- 
mentum, Dubis der Schwarzbach (Zeuss 2 p. 14). Im Gegensatz dazu 
wird die asiatische, der Aphrodite geweihte Taube wegen ihres zart 
weissen, in hellen Farben schillernden Gefieders durchgangig die 
weisse, hevxrj, alba, Candida genannt. Der Komiker Alexis bei 
Athen. 9, p. 395: 

hsvxbg ' A(fQodLxri<; elftl yaq rtKQiGTSQcg. 

Catull. 29, 9: 

ut albulus columbus aut Adoneus. 

Tibull. 1, 7, 16: 

Quid referam, ut volitet crebras intacta per urbes 
Alba Palaestino sancta columba viro. 

Ovid. Metam. 2, 536 (vom Raben, der friiher schneeweiss war wie 
die Taube): 

Nam fuit haec quondam niveis argentea pennis 
Ales, ut aequaret iotas sine labe columbas. 



Die Taube. 343 

Martial. 8, 28 (der Dichter richtet das Epigramm an eine ihm ge- 
schenkte Toga und riihmt die Reinheit ihrer weissen Farbe durch 
Vergleichung mit der Lilie, der Ligusterbliite , dem Elfenbein, dem 
Schwan, der paphischen Taube und der Perle), v. 11: 

Lilia tu vincis nee adhuc delapsa ligustra 

Et Tiburtino monte quod albet ebur. 

Spartanus tibi cedet olor Paphiaeque columbae, 

Cedet Eryihraeis eruta gemma vadis. 

Apulej. Met. 6, 6, p. 175: de multis quae circa cubiculum dominae 
stdbulant procedunt quatuor candidae columbae et hilaris in- 
cessibus picta colla torquentes jugum gemmeum subeunt susceptaque 
domina laetae subvolant. Sil. Ital. 3, 677 lasst im Anschluss an 
Herodot und zugleich einigermassen im Widerspruch mit ihm, also 
vielleicht nach Pindar, der in seinem Paan an den dodonaischen 
Zeus derselben Stiftungssage erwahnt hatte, urspriinglich zwei Tauben 
aus dem Schoss der Thebe ausfliegen: die eine schwingt sich nach 
Chaonien und weissagt auf dem Wipfel der Eiche von Dodona; die 
andere, weiss mit weissen Fliigeln (jene erste war also schwarz 
oder grau) strebt iiber das Meer nach Afrika und grimdet als Vogel 
der Cy there das ammonische Orakel: 

Nam cm dona Jovis non divulgata per orbem, 
In gremio Thebes geminas sedisse columbas? 
Quarum Chaonias pennis quae contigit oras, 
Implet fatidico Dodonida murmure quercum. 
At quae Carpathium super aequor vecta per auras 
In Libyen niveis tranavit concolor alls, 
Hanc sedem templo Cyihereia condidit ales. 

Die favxal nsQtGteQai des Charon von Lampsakus waren also zahme 
Tauben, die beim Schiffbruch der persischen Flotte am Athos von 
den scheiternden Fahrzeugen sich ans Land gerettet haben mochten 
und den Einwohnern in die Hande fielen. Da die Perser nach He- 
rodot 1, 18 die assyrisch-babylonischen ksvxas neQiGTZQag auch 
Herodot nennt sie fovxat als der Sonne feindlich verabscheuten 
und in ihrem Lande nicht duldeten, so werden es phonizische, 
cyprische, cilicische Schiffer gewesen sein, die mit Idolen ihrer Gottin 
auch die Tauben derselben mit sich fiihrten. Ein halbes Jahrhundert 
spater ist unter den Athenern, die mit Thrakien in lebhaftem poli- 
tischen und Handelsverkehr standen, die Taube unter dem Namen 
7ieQ(,0iQd, der vielleicht auch aus jener nordlichen Gegend stammt, 
ein verbreitetes Hausthier und wird, wie im Orient, zu schnellen 



344 Die Taube. 

Botschaften gebraucht, Pherecr. bei Ath. 9, p. 395 (Meinecke, fr. 
com. gr. II, 1, 266): 

anoTts^iipov dyyehhovTa rov nsQidregov . 

Der um dieselbe Zeit lebende Aeginet Taurosthenes sandte seinem 
Vater von Olympia aus durch eine Taube Botschaft von seinem 
Siege, die noch an dernselben Tage nach Aegina gelangte, Ael. V. 
H. 9, 2. Miiller, Aegin. p. 142 Anna. Dass von nun an die Tauben 
der Aphrodite untrennbar gehorten, dass sie in deren Heiligthiimern 
gehegt, ihr als Geschenk dargebracht wurden, in Wirklichkeit und 
in Marmor, dass Tauben unter Liebenden eine bedeutungsvolle Gabe 
bildeten, das Alles ist aus bildlichen Darstellungen und Erwahnungen 
der Dichter allbekannt. 

Italien machte mit der Haustaube wohl durch Vermittelung des 
Tempels von Eryx in Sicilien zuerst Bekanntschaft. Auf diesem 
Berge, einem alien phonizischen und karthagischen Cultussitze, 
wohnten Schaaren weisser und farbiger, schmeichlerischer, girrender 
Tauben, der dort verehrten grossen Gottin geweiht und an deren 
Festeii theilnehmend. Zog die Gottin am Tage der *Awrfmfta fort 
nach Afrika, dann verschwanden mit ihr auch ihre Tauben; erschien 
nach neun Tagen die erste Taube wieder, dann war auch Hie Gottin 
nahe, und es brach das larmende Freudenfest der KaTaywyia an 
(Athen. 9. p. 394. Ael. N. A. 4, 2). In der traurigen Zwischenzeit 
der neun Tage mochten die Tauben wohl in ihren Kammern ver- 
schlossen gehalten werden. Vom Eryx stammen denn auch die 
2ixeA,ixai TieQ&GisQaC , die in Theophrast Charakteren V. der Selbst- 
gefallige neben Affen sich anschafft. Den Vogel nannten die sici- 
lischen Griechen, als sie ihn zuerst erblickten, xo hv ft/log , xo^v^i 
(vergl. xoAv^/Sa'co), wie wir aus dem lateinischen columba, columbus 
schliessen. Schwarzlich namlich t war die die Uferklippen, Felsen- 
zinnen und Kronen hoher Baume hewohnende wilde Taube im 
Gegensatz zu den Wasser und Schwimmvogeln, welche letztere die 
weissen hiessen: z. B. ahd. alpiz, ags. alfet, altn. (Lift, si. lebedi, 
identisch mit lat. albus, gr. dtyog. Das griechische xo^v^og (ge- 
bildet wie xoQVf-ifiog und palumbus) hat sein Analogon im litauischen 
gulbe der Schwan, altir. gall idem (Cormac p. 84) und da es also 
den weissen Wasservogel bedeutet, so lag es nahe, auch den weissen 
Vogel der Aphrodite so zu benennen, die ja selbst eine pelagische 
Gottin ist und deshalb auch den Schwan liebte. In Italien wurde 
der schone Vogel erst allmahlig naher bekannt und seine Zucht zur 
allgemeinen Sitte. Wir brauchten sonst, sagt Varro, ohne Unter- 



Die Taube. 345 

schied columbae von den Mannchen und Weibchen, erst spater, da 
der Vogel in unseren Hausern gewohnlich ward, lernten wir den 
columbus von der columba unterscheiden , de 1. 1. 9, 38. Spengel: 
Nam et cum omnes mares et feminae dicer entur columbae, quod 
non erant in eo usu domestico quo nunc, contra propter domesticos 
usus quod internovimus, appellatur mas columbus, femina columba. 
Aus den scriptores rei rusticae, zuerst aus Varro, 3, 7, ersehen wir, 
dass auch eine Art der einheimischen Taube, das genus saxatile, 
also die Felsentaube, italienisch sassajuolo, in den Villen zu einer 
Art halber Zahmung gebracht war: diese Tauben bewohnten die 
hochsten TMrme und Zinnen des Landhauses, kamen und gingen 
und suchten im Uebrigen ihr Futter frei im Lande. Die andere 
Art, fiigt Varro hinzu, ist zahmer und lebt nur von dem innerhalb 
des Hauses gereichten Futter: sie ist hauptsachlich von weisser 
Far be, wahrend jene wilde Taube gemischten Gefieders, ganz ohne 
Weiss ist. Diese vollig domesticirte weisse Taube - offenbar die 
aus Babylonien stammende kypriotisch-syrische - - wurde dann auch 
mit der einheimischen grauen Art zusammengebracht und eine 
Mischung erzeugt, miscellum tertium genus, von der in den grossen 
Taubenhausern TtftQitireQewv oder TTSQiGcsgoTQocpeZov genannt, oft bis 
auf 5000 Stuck versammelt waren (Varro 1. 1.). Den Unterschied 
beider Arten, der xcnoixCdwt, oder Haustauben und der fiotfxddeg, 
aygiat, oder Feldtauben, kennt auch Galenus, der noch hinzusetzt, 
bei ihm zu Hause d. h. in der Gegend von Pergamum in Klein- 
asien erbaue man auf dem Lande Thiirme zum Anlocken und Unter- 
halten der letztgenannten (de compositione medicamentorum per 
genera, II. 10, T. XIII. p. 514 Kiihn). Diese Halbzucht der wilden 
Taube mochte nicht bloss in Kleinasien, sondern ini Orient uberhaupt 
und in Aegypten sehr alt sein. Wenn das mosaische Gesetz Vor- 
schriften liber Taubenopfer giebt, die Hebraer aber sonst wilde 
Thiere nicht opfern, so miissen in dem taubenreichen Kanaan solche 
Anstalten zur Anlockung der columba lima und auch der Turtel- 
taube friihzeitig bestanden haben. Auch in der Sage von Noah und 
seinem Kasten scheinen die Taube, welche wiederkehrt, und der 
Rabe, welcher ausbleibt, nicht bloss den Gegensatz der Farbe, son- 
dern auch den der Zahmheit und Wildheit ausdriicken zu sollen. 
Eben so in Aegypten. Zwar bei der Kronungsscene, die Wilkinson 
hat abbilden lassen (Second series, pi. 76), konnen die vier Tauben, 
die als Symbol weitreichender Herrschaft nach den vier Weltgegenden 
ausfliegen, der Natur der Sache nach nur wilde gewesen sein, die 



346 Die Taube. 

der Bande entledigt das Weite suchen, aber das von Brugsch (die 
agyptische Graberwelt, S. 14) beschriebene Wirthschaftsbild enthalt 
wirklich Tauben, die gefiittert werden. Man bemerke iibrigens, dass 
die beigefugten Inschriften sagen sollen: die Gans wird gefiittert, 
die Ente erhalt zu fressen, die Taube holt sich Futter welcher 
letztere Ausdruck auf die ebenso schiichterne, als gierige Feldtaube 
trefflich passt. Aber die Taube der Semiramis , die von Askalon 
und unsere Farben- und Racentaube - - verschieden von den soge- 
nannten Feldfliichtern kann in so alter Zeit in Aegypten nicht 
vorhanden gewesen sein, da sie dann auch in der asiatisch-europai- 
schen Kulturwelt nicht so spat erschienen ware. 

Von Italien ging mit der Macht und Kultur des romischen Reiches 
die Haustaube iiber ganz Europa aus. Die keltischen ISTamen fur 
dieselbe (altirisch colum, walsch und altkornisch colom, bretonisch 
koulm, kloni) sind dem Lateinischen. entlehnt, eben so die slavischen 
(golabl u. s. w.). Dem Christenthum diente ihr Bild friihe zum Aus- 
druck der neuen Religion und der daniit verbundenen Seelenstimmung ; 
die Taube war ein reiner, frommer Vogel, einfaltig und ohne Falsch ; 
in ihrer Gestalt stieg der heilige Geist nieder; beim Tode des Glau- 
bigen schwang sich die Seele als Taube zum Himmel. Man sieht 
sie in den altesten christlichen Katakomben haufig abgebildet, und 
in den Heiligenlegenden des Mittelalters ist sie das sich tb are Zeicheii 
der Einwirkung des Geistes von oben. Als der Frankenkonig Chlod- 
wig sich in Rheims taufen Hess, da brachte eine Taube dem h. Remi- 
gius - - wie Hincmar im Leben des Heiligen erzahlt das Oel- 
flaschchen zur Salbung vom Himmel herab. Es war seit den Zeiten 
der Kirchenvater ein allgemeiner Glaube, dass die Taube keine Galle 
habe; daher z. B. bei Walther von der Vogelweide 19, 13 Lachm.: 

ros dne dorn, ein tube sunder gallen. 

Der Papst verschenkte, wie die Rose, so auch das Bild der Taube. 
Den europaischen Naturvolkern war die graue Taube, wie sie in der 
Wildniss lebt, ein diisterer vorbedeutender /Vogel, vielleicht auch ein 
Leichen- und Trauervogel gewesen (Grimm, DM. 2 S. 1087 f. und 
daselbst die Stelle aus Paulus Diaconus 5, 34): ihr trat jetzt, wie 
dem Heidenthum das Christenthum, die anmuthige und zartliche, 
mit dem Menschen lebende und aus der Hand des Menschen ihre 
Speise nehmende, weisse, fremdlandische Taube gegeniiber. Im 
Westen war indess die Taube immer auch ein Hausvogel, dessen 
Mist und Federn verwandt wurden und der wie Gans, Ente und 
Huhn zum Essen diente; in den Gemeinden der anatolischen Kirche 



Die Taube. 347 

aber bildete sie in Ankniipfung an altorientaliscbe Vorstellungen 
einen Gegenstand religioser Verehrung und aberglaubischer Skrupel. 
In Moskau und den iibrigen Stadten des weiten Russlands werden 
uberall Schaaren von Tauben von den Kaufleuten unterhalten und 
genahrt, und einen der heiligen Vogel zu todten, zu rupfen und zu 
essen ware eine Art Schandung des Heiligen und wiirde dem Thater 
ubel bekommen ganz wie einst zur Zeit Xenophons und Philos 
in Hierapolis und Askalon. In dem halbgriechischen Venedig be- 
wohnen noch jetzt Schwarme von Tauben die Kuppeln der Markus- 
kircbe und das Dach des Dogenpalastes, treiben, von Niemandem 
gekrankt, auf dem Markusplatze ihr Wesen und erhalten zur be- 
stimmten Stunde auf offentliche Kosten ihr Futter gestreut. Die 
neueuropaische Taubenzucht theilt sich zwar noch in die beiden 
varronischen Zweige, aber die Arten und Varietaten der eigentlichen 
Haustaube, der sogenannten Racen- oder Farbentaube, haben sich 'in 
Folge der Zuchtung und des umfassenden Weltverkehrs ins Uniiber- 
sehbare vermehrt, wie jeder zoologische Garten und jede Tauben- 
ausstellung beweist. Im Orient werden noch jetzt, wie altere und 
neuere Reisende berichten, ungeheure Taubenhauser unterhalten, deren 
Hauptwerth in der Erzeugung des fur die Gartenkultur unschatzbaren 
Taubenmistes besteht: sie mogen noch dieselbe columba livia ent- 
halten und noch die Form und Grosse haben, wie die, deren Galenus 
an der o. a. Stelle erwahnt und die wir in Aegypten und Palastina 
voraussetzten. Auch bei Moscheen und Heiligthiimern , in Mekka 
und anderswo, unterhalten die Muhammedaner gern Tauben, die 
ihnen, wie den orientalischen Christen, fromme, dem Reiche Gottes 
angehorende Vogel sind: eine Taube war es gewesen, die dem Pro- 
pheten Alles ins Ohr fliisterte, was sie gesehen und erspaht hatte. 
Zu keiner Zeit aber, weder irn Westen noch im Osten, hat die 
Taube irn wirthschaftlichen Leben der Menschen die Bedeutung er- 
reicht wie das Haushuhn 76 ). 



* * Der Glaube, dass der Taube, der schwarzen, wilden Taube, die Gabe 
der Weissagung innewobnt, kehrt auch auf arischem Gebiet wieder. Schon 
im Rigveda kiindet der Vogel Verderben an und wird als Bote der Nirriti, 
des Genius des Verderbens, und des Yama, des Todtengottes bezeichnet 
(Rgv. X, 165). Die Veranlassung zu dieser wohl bereits indogermanischen 
Auf fassung der Taube mag theils in ihrem schwarz-grauen Gefieder, theils in 
ihrer klagenden, auch auf anderen Volkergebieten bemerkten Stirnme gelegen 
haben, wie es schon in sumerischen Busspsalmen (vgl. F. Hommel, Die 
Semiten S. 321) heisst: Wie eine Taube klagt er oder \vie eine Taube klage 



348 Die Taube. 

ich und zergehe in Seufzen. Dem Verbal tniss von grieeh. rceXsta Taube 
zu TcsXio? schwarzlich, womit sich lat. palumbus (alb. pshim, daneben palarg vgl. 
G. Meyer, Et. W. S. 331) wegen seiner abweichenden und auffallenden Wort- 
bildung (Anlehnung an col-umba?) nur schwer vereinigen lasst, entspricht ferner 
das von scrt. kapota, npers. kaputar Taube: npers. kabud blau (vgl. Anm. 76), 
osset. aysinak Taube: ostiran. a^saena blauschwarz (Hiibschmann, Osset. Spr. 
S. 26, Z. d. d. M. G. 38, 427), lit. karszulis Taube: scrt. krsna schwarz (Feist 
in Paul und Braunes B. XV, 548). Umgekehrt heisst die Taube die weisse 
auch in armen. a\auni: lat. albus, grieeh. &Xcp6c, osset. balon, balan: lit. bdlti 
weiss werden, grieeh. <paX6c (Bugge in Kuhns Z. 32, 1). Als Entlehnung aus 
lat. colutriba darf wohl auch ags. culufre, engl. culver gelten; das Verhaltniss 
von columba selbst einerseits zu slav. golqbi, andererseits zu lit. gulbH Schwan 
ist noch nicht geniigend aufgeklart. Wichtig dafur sind auch die Formen 
altpr. golimban blau, klruss. holub (Miklosich, Et. W.). Vgl. iiber alle diese 
Worter neuerdings Holthausen I. F. X, 112. 

Die Annahme Hehns (oben S. 340), dass in der vorderasiatisch-griechi- 
schen Welt die Taube erst verhaltnissmassig spat Symbol der Astarte- Aphro- 
dite geworden sei, wird sich neueren Funden gegentiber schwer halten lassen. 
In dem dritten Grabe von Mykenae wurden zwei Goldbleche entdeckt, die 
das Bildniss weiblicher Gottheiten enthalten, auf deren Haupte eine Taube 
sitzt. In dem einen Fall fliegen ausserdem von jedem Arme eine Taube aus. 
Es kann nicht bezweifelt werden, dass wir in der Gottheit Astarte-Aphrodite 
zu erblicken haben. Fiinf andere Goldbleche aus dem III. und V. Grabe 
stellen ein von Tauben umgebenes Gebaude dar, das an den Aphroditetempel 
von Paphos erinnern soil (vgl, W. Helbig, Homerisches Epos 2. Aufl. S. 33, 
Schuchhardt, Schliemanns Ausgrabungen S. 226). Auf einem elfenbeinernen 
Spiegelgriff (vgl. Tsountas and Manatt The Mycenaean age S. 187) sind zwei 
weibliche Gestalten dargestellt, von denen jede eine Taube mit ausgebreiteten 
Fltigeln und ausgestrecktem Halse auf dem Arme halt. - - Eine schone 
Bestatigung der Benutzung des Taubenmotivs in der bildenden Kunst, 
auf welche die Beschreibung des Bechers des Nestor (II. 11, 632 ff. : Sotai 
8e TCsXsidSsc; ftfxcplc ixaatov ^pooeta: VEJJLS^OVTO) hinwies, ist durch den Fund 
eines mykenischen Goldbechers (Helbig, Homerisches Epos S. 371) ge- 
geben. Der diesen Kunstwerken zu Grunde liegende Gedanke, dass Tauben 
vertraulich sich dem Becher des Menschen nahen, scheint auch mehr auf ein 
gezahmtes, denn auf ein wildes Thier hinzuweisen. In Griechenland muss. 
worauf zahlreiche Miiiizen deuten, Sikyon eine Hauptstatte der Taubenzucht 
und des Aphroditekultus gewesen sein (Imhoof-Keller S. 33). In den semi- 
tischen Landern scheint schon in der vorsemitisch-sumerischen Kultur die 
Taube in einem gewissen Verhaltniss zum Menschen gestanden zu haben 
(Die Krankheit des Hauptes fliege davon, wie eine Taube zu ihrem Schlage, 
F. Hommel, Die Semiten S. 401, 402). Auch in dem keilinschriftlichen Sint- 
fluthbericht (E. Schrader, Die Keilinschriften und das alte Testament 2. Aufl. 
S. 63) erscheint Taube (* samdmu-summatu) und Rabe ganz wie in der Bibel. 
- Ueber die Taube bei Griechen und Romern vgl. jetzt auch Lorentz, Die 
Taube im Alterthum, Progr. Wurzen 1886, iiber die Geschichte des Vogels 
im allgemeinen E. Hahn Die Hausthiere S. 331 ff. und mein Reallexicon 
unter Taube. 



Der Pfau. 349 

An die beiden im Obigen behandelten, zu historischer Zeit aus 
Asien nach Griechenlaiid versetzten Hausvogel schliessen sich drei 
andere an, gleichfalls Fremdlinge auf deni naturarmen europaischen 
Boden, gleichfalls zur Griechenzeit herubergebracht, um das auf 
hoheren Stufen der Civilisation sich regende Bedurfniss nach Er- 
weiterung und Bereicherung der Anschauung zu befriedigen: der 
Pfau, das Perlhuhn, der Fasan. 



Der Pfau. 

Noch weniger als die Taube war der Pfau unmittelbar nutz- 
bar, aber noch mehr geeignet, durch die Pracht seines Gefieders, das 
er stolz auszubreiten verstand, der schauenden Menge zur Augen- 
weide zu dienen und den Glanz reicher Hauser und Hofe zu erhohen. 
Er gait fur den schonsten aller Vogel, Varr. 3, 6, 2: huic (pavoni) 
enim natura formae e volucribus dedit palmam; Colmnell. 8, 11, 1: 
harum autem decor avium etiam exteros, nedum dominos oblectat. 
Der Weg seiner Einfuhrung zu den Kulturvolkern des Alterthums 
lasst sich im Allgemeinen, wenigstens nach den Haupt-Haltepunkten, 
noch erkennen. Er stammte aus dem fernen Wunderlande Indien 
und gehorte, wie das blanke Gold, die blitzenden Edelsteine, das 
weisse Elfenbein und das schwarze Ebenholz zu dessen angestaunten 
und begehrten Herrlichkeiten. Alexander der Grosse fand dort die 
Pf auen in wildem Zustande in einem Walde voll unbekannter Baume, 
Curt. 9, 2: Hinc per deserta ventum est ad fiumen Hydraotim. 
junctum erat flumini nemus, opacum arboribus alibi inusitatis 
agrestiumque pavonum multitudine frequens, und bedrohte, von der 
Schonheit der Vogel betroffen, Jeden, der sie zum Opfer schlachten 
wollte, mit den schwersten Strafen, Aelian. N. A. 5, 21: xal TOV 
xdMovg tyavftaGag rJTrsttrjas tw xara$v(favu tawv aTrsihag paQVTCtTag. 
Dort also lebte der Vogel frei in den Waldern, und von dort gelangte 
er auf dem Wege. des phonizischen Seehandels in das Gebiet des 
Mittelmeers, wie nicht bloss ein bestimmtes, auf den Anfang des 
zehnten Jahrhunderts weisendes Zeugniss lehrt, sondern auch die 
Vergleichung der Namen bestatigt. Konig Salomos in den edomi- 
tischen Hafen ausgeriistete Schiffe brachten von der Fahrt nach und 
von Ophir neben andern Kostbarkeiten auch Pfauen mit (1. Konige 
10, 22), die im hebraischen Text den Namen tukkijim fuhren. Dieses 



350 De 

Wort 1st, wie zuerst Benary, dann Benfey, Griech. Wurzelworterb. 2, 
236 erkannt hat (dem dann Lassen, Indische Alterthumskunde 1, 
538 folgte, ohne Neues hinzuzuf ugen ; Ritter, Erdkunde 14, 402 ff. 
beruht auf Lassen), nichts anderes, als das Sanscritwort gikM, welches 
idttamulisch togei lautet. An der Kiiste Malabar also lag Ophir, 
oder von dort kamen jene kostbaren Waaren nach Ophir, wenn 
letzteres nur ein vermittelnder Stapelplatz war, und neben bunten 
Papageien und lacherlichen Affen ward auch der Pfau nicht unwiirdig 
befunden, dem Hofe des weisen Konigs Unterhaltung und den Schein 
des Ausserordentlichen zu geben. Eine feme Seltenheit muss der 
Vogel indess noch lange geblieben sein ; er war theuer zu beschaffen, 
vielleicht noch nicht ganz gezahmt oder schwer im neuen Klima zu 
-erhalten und zu vermehren. Wir schliessen dies aus der Lang- 
samkeit seiner Verbreitung nach Westen und der Schwierigkeit, die 
seine 2^ucht und Hutung noch gegen Ende des fiinften Jahrhunderts 
in Athen machte. Dass die Griechen ihn aus dem semitischen Vor- 
derasien erhalten hatten, lehrt schon der Name, den er bei ihnen 
fiihrt: xawg (mit schwankender grammatischer Form; die Attiker 
sprachen in sonst ganz ungewohnlicher Weise, aber der urspriinglichen 
Gestalt des Wortes naher, die zweite Silbe mit Aspiration: rawg). 
Der erste Punkt auf griechischem Boden, wo Pfauen gehalten wurden, 
konnte das Heraum von Samos gewesen sein, da nach der Legende 
des genannten Tempels die Pfauen dort zuerst entstanden und von 
dort als dem Ausgangspunkt den andern Landern zugefiihrt sein 
sollten (Menodotus von Samos in der schon oben im Abschnitt vom 
Haushahn aus Athen. 14. p. 655 angefiihrten Stelle). Was den Pfau 
zum Liebling der Hera machte, war der Augenglanz seines Gefieders; 
denn die Augen sind Sterne, und Hera war auch die Himmelsgottin, 
nicht bloss im abgeleiteten samischen, sondern auch im urspriing- 
lichen argivischen Cultus. Hier floss der Bach Asterion, also der 
Sternenbach, dessen drei Tochter die Ammen der Hera gewesen 
waren; am Ufer dieses Flusses wuchs das Kraut Asterion, also das 
Sternenkraut, welches der Gottin dargebracht wurde (Pausan. 2, 17, 2). 
Der Pfau, der Sternenvogel, schloss sich so, nachdem er bekannt ge- 
worden, dem Herakultus ganz naturlich an. Ein sich von selbst er- 
gebender My thus war es denn auch, dass der allschauende Argus, 
der die Mondgottin lo zu bewachen hatte, nach seiner Todtung durch 
den Argeiphontes sich in den Pfau verwandelte (Schol. Aristoph. 
Av. 102) oder dass der Pfau aus dem purpurnen Blut des Getodteten 
mit blumenreichen Fittigen hervorging und seine Schwingen entfaltete, 



Der Pfau. 351 

wie das Seeschiff seine Ruder (Mosch. 2, 58) oder dass die Juno 
die hundert Augen des Wachters auf die Federn des Vogels setzte, 
Ovid. Met. 1, 722: 

Excipit hos (oculos) volucrisque suae Saturnia pennis 

Collocat et gemmis caudam stellantibus implet. 

Der Pfau war also an der Kultusstatte selbst entstanden, nicht aus 
Indien gekommen, aber in unvordenkliche Zeit, wie Movers will, 
diirfen wir desshalb seine Aufnahme in den Heradienst nicht setzen. 
Dass bestehenden religiosen Gebrauchen eine anfangslose Dauer zu- 
geschrieben wird, liegt in der Natur solcher Institute und der an 
dieselben sich kmipfenden Sage. Als der spatere samische Tempel, 
den Herodot fur den grossten aller griechischen seiner Zeit erklart, 
vollendet war, da schenkte vielleicht ein reicher Verehrer, ein Kauf- 
mann, der nach Syrien und bis ins rothe Meer handelte, oder ein in 
einem syrischen oder agyptischen Hafenplatz angesiedelter frommer 
Samier dem Tempel das erste Paar; ging dieses etwa zu Grunde, 
dann bemiihte sich die Priesterschaft um ein neues, das endlich be- 
schaft't wurde und gliicklich ausdauerte und sich f ortpflanzte ; das 
Naturwunder zog dann irnmer neue Wallfahrer an und trug dazu 
bei, das Ansehen des Tempels und dessen Einkunfte zu mehren; 
und so stolz war die Insel zuletzt auf diesen Besitz, dass sie den 
Pfau auf ihre Mimzen setzte (Athen. a. a. 0.; Mionnet unter den 
Miinzen von Samos). Zu Polykrates' Zeit wird der Vogel indess auf 
Sarnos noch nicht vorhanden gewesen sein : batten die Dichter Ibykus 
und Anakreon, die am Hofe des Tyrannen lebten, den Pfau mit Augen 
gesehen, so hatten sie desselben in ihren Gedichten doch \vohl er- 
wahnt und Spatere, wie Athenaus, nicht unterlassen, diese Stellen 
zu citiren und fur uns aufzubewahren 77 ). Auch nach Athen wiirde 
dann der Ruf des Vogels und der Vogel selbst wohl friiher gedrungen 
sein. In Athen namlich finden wir ihn erst nach Mitte des funften 
Jahrhunderts und zwar als hochste Merkwiirdigkeit und Gegenstand 
ausserster Bewunderung. Vielleicht gab der Abfall der Samier von 
der athenischen Hegemonie in Ol. 84, 4 oder 440 a. Chr. und der 
Feldzug, den Perikles zur Ziichtigung der Insel unternahm und mit 
TJnterwerfung derselben beschloss, den Siegern Gelegenheit, auch 
Pfauen vom Heraon nach Athen zu entfiihren, obgleich Thucydides 
1, 117 nur von Auslieferung der Schiffe und Bezahlung der Kriegs- 
kosten spricht. Wie das neugierige, schaulustige athenische Volk 
durch die Erscheinung des glanzenden Vogels aufgeregt wurde, und 
wie sich die Begierde, ihn zu sehen und zu besitzeii, durch den 



352 P 

hohen Preis und die Schwierigkeit der Zucht und Vermehrung nur 
steigerte, dies Bild malen uns in einzelnen treffenden Ziigen die bei 
Athenaus 14. p. 654. 655 aufbewahrten Stellen der Komiker und die 
Inhaltsangaben eines Xoyog des Redners Antiphon uber die Pfauen 
(ibid, und bei Aelian. N. A. 5, 21). Aus der letzteren Schrift ersehen 
wir z. B., dass es in Athen einen reichen Vogelziichter gab, Namens 
Demos, Sohn des Pyrilampes, reich, denn er stellte eine nach Cypern 
bestimmte Triere und besass vom Grosskonig eine goldene Trinkschale 
als (fu/tifjohov, vielleicht weil er dem Monarchen einen Pfauen iiber- 
reicht hatte (Lysias de bonis Aristophanis 19, 25 ff.)? Dieser Demos 
wurde seiner Pfauen wegen von Neugierigen uberlaufen, selbst aus 
fern en Landschaften, wie Lacedamon und Thessalien. Jeder woilte 
die Vogel schauen und bewundern und womoglich Eier von ihnen 
sich verschaffen. Jeden Monat einmal, am Tage des Neumondes, 
wurden Alle zugelassen, an den anderen Ta'gen Niemand. Und das, 
setzt Antiphon hinzu, geht nun schon mehr als dreissig Jahr so 
fort 78 ). In der That war auch schon der Vater, Pyrilampes, Be- 
sitzer einer oQvidvTQoyta und sollte seinem Freunde, dem grossen 
Perikles, bei dessen Liebeshandeln Vorschub geleistet haben, indem 
er den Weibern, die Perikles zu gewinnen wiinschte, unbemerkt Pfauen 
zuwandte (Plut. Pericl. 13, 13). Die Vogel in der Stadt zu verbreiten, 
fahrt Antiphon fort, geht nicht an, weil sie dem Besitzer davon- 
fliegen; woilte sie Jemand stutzen, so wurde er ihnen alle Schonheit 
nehmen, denn diese besteht in den Federn, nicht in dem Korper. 
Daher sie lange eine Seltenheit blieben und ein Paar 10,000 Drachmen 
(<J(?ajflMcov (WQ&ov 9 nach anderer Lesart gjuUoy) kostete. Ist es nicht 
Wahnsinn, hiess es bei Anaxandrides, einem Dichter der mittleren 
Komodie, Pfauen im Hause zu ziehen und Summen dafiir aufzu- 
wenden, die zum Ankauf von Kunstwerken ausreichen wurden ? 
Und in einer Komodie des Eupolis kamen die Worte vor: So viel 
Geld zu verthun! Hatte ich Hasenmilch und Pfauen, wahrhaftig ich 
wurde das nicht verzehren! Die Komiker unterliessen nicht, den 
Werth, der auf den Besitz von Pfauen gelegt wurde, aus deren Selten- 
heit zu erklaren (Eubulus bei Athen. 9. p. 397), denn an sich sind 
Pfauen und nichtige Possen an Gehalt einander gleich, wie eine 
Stelle des Strattis sagte. Im Laufe des vierten Jahrhunderts mussten 
die Pfauen von Athen aus, der, wenn auch nicht mehr politisch, doch 
im Punkte der Sitten und des Geschmackes noch immer hegemo- 
nischen Stadt, sich mehr und mehr unter den Griechen verbreiten. 
Sonst sagt der Komiker Antiphanes ohne Zweifel iibertreibend - 



Der Pfau. 353 

war es etwas Grosses, auch nur ein Paar Pfauen zu besitzen, jetzt 
sind sie haufiger als die Wachteln! Nach Alexander dem Grossen 
drang mit der griechischen Herrschaft und Colonisation auch der 
Pfau in die Stadte und Garten des inneren Asiens. Zwar wird auch 
Babylonien reich an schonfarbigen Pfauen genannt (Diod. 2, 53) und 
dass ein Naturobjekt, welches schon Konig Salamo aus der Feme 
bezog, auch in dem verwandten, durch Krieg und Handel mit den 
semitischen Kustenlandern am Mittelmeer vielfach verbundenen Ba- 
bylon bekannt und dann haufig geworden, hatte an sich nichts Un- 
wahrscheinliches ; aber der Umstand, dass die asiatischen Pfauennamen 
alle dem Griechischen entlehnt sind (Pott in Lassens Zeitschr. 4, S. 28, 
Paul de Lagarde, Gesammelte Abhandlungen, 227. 35 ff.), spricht 
dafiir, dass erst die griechische Herrschaft durch Riickwanderung, 
die auch sonst noch beobachtet werden kann den Vogel in dem weiten 
Continent popular machte. Dass Suidas furjdtxbg OQVtg mit Pfau glossirt 
und Clemens von Alexandrien den Pfauen an zwei Stellen das Pradikat 
Mydog, [trjdixog giebt, will eben so wenig sagen, als wenn wir den aus 
Amerika stammenden Mais Tiirkischen Weizen oder den gleichfalls ameri- 
kanischen Truthahn Kalkutischen Hahn (d. h. Hahn von Calicut) nennen. 
Die Griechen hatten den Pfau tawos, tawon, tahos genannt: die 
Romer nannten ihn abweichend pdvus oder pdvo, pdvonis. Dieses 
Eintreten eines p statt des t erinnert an das gleiche bei tadmor - 
palma, welches wir durch eine vorausgesetzte Differenz semitischer 
Mundarten zu erklaren suchten. Ware auch hier der Vogel aus 
phonizisch-karthagischen Handen direkt den italisch redenden Stammen 
iiberliefert worden? Die Notiz bei Eustathius (II. 22, p. 1257. 30): 
der Pfau war bei den Bewohnern Libyens heilig und wer ihn scha- 
digte, wurde bestraft ist zu vereinzelt und bei einem so spaten 
Schriftsteller ohne Gewfcht; von Pfauen in Afrika weiss die Natur- 
geschichte nichts und eben so wenig die Religionsgeschichte von solchen 
beim Tempel des Ammon oder der karthagischen Juno. Adler und 
Pfau auf den Miinzen von Leptis magna, auf die sich Movers beruft, 
sind nichts als Apotheosen des Augustus und der Li via oder Julia, 
die demgemass als Jupiter und als Juno erscheinen sollten (Miiller, 
Numismat. de 1'anc. Afrique II. p. 13). Die Moglichkeit indess, dass, 
wie ebur, barrus, palma, so auch dies Produkt der Ophirfahrten aus 
Karthago, Sardinien, Sicilien unmittelbar an die italische Kuste ge- 
langt sei, lasst sich nicht verneinen. Pf auenf edern , aus ihnen zu- 
sammengebundene Biischel und Wedel, mit ihnen besetzte Hiite, sind 
wie Glas- und Bernsteinperlen ein bei Kindervolkern beliebter Ab- 

Vict. Helm, Kulturpflanzen. 7. Aufl. 23 



354 Der Pfau. 

satzartikel, fiir den sie ihre Schafe und Felle gern hingeben. Wenn 
Ennius fingirte, Homer sei ihm im Traume erschienen und habe ihm 
eroffnet, er (Homer) erinnere sich in einen Pfau verwandelt gewesen 
zu sein (Vahlen, Enn. poes. reliquiae p. 6. Charis. ed. Keil. 96: me- 
mini me fieri pavum\ so war dies ohne Zweifel eine pythagoreische 
Vorstellung, die sich der Dichter in Tarent angeeignet hatte: als 
Symbol des sternetragenden Firniamentes und der Erd- und Himmels- 
gb'ttin war gerade der Pfau wiirdig befunden worden, Homers Seele 
aufzunehmen, der ja auch fiir einen Samier gait, wie der Meister 
Pythagoras einer war. Auch als romisches Cognomen tritt Pavus, 
Pavo, wie andere Vogelnamen, schon zur Zeit der Republik auf und 
die Sache kann daher in Italien nicht neu gewesen sein: so der 
Fircellius Pavo bei Varro de r. r. 3, 2, 2, der auch, wenn Reatinus 
nicht dabei stiinde, durch Fircellius (fircus = hircus) sich als Sabiner 
verrathen wiirde, und P. Pavus Tuditanus in der 14. Sat. des Lucilius 
(ed. L. Muller. p. 64): 

Publiu Pavo' Tuditanus mihi quaestor Hibera 
In terra fuit, lucifugus, nebulo, id genu sane. 

Bei den spateren Romern musste ein Thier, das schon in Athen der 

Ueppigkeit gedient hatte, in um so hoherem Masse in Aufnahme 

kommen, als der romische Luxus und Reichthum den attischen hinter 

sich liess. Zuerst sollte der Redner Hortensius, der Zeitgenosse des 

Cicero, der auch in andern Dingen den Reihen romischer Aus- 

schweifung eroffnet, den Pfau gebraten auf die Tafel gebracht haben 

und zwar bei dem prachtigen Antrittsmahl, das er bei seiner Er- 

nennung zum Augur gab (Varr. de r. r. 3, 6, 6). Obgleich das Pfauen- 

fleisch, wenigstens das der alteren Thiere, ziemlich ungeniessbar ist, 

so fand das gegebene Beispiel doch bald allgemeine Nachfolge. 

Schon Cicero schreibt in einem Briefe : Ich habe mir eine Kiihnheit 

erlaubt und sogar dem Hirtius ein Diner gegeben doch ohne 

Pfauenbraten (Ad famil. 9, 20, 3: sed vide audaciam: etiam Hirtio 

cenam dedi, sine pavone tameri), und Horaz wirft seinen Zeitgenossen 

vor: wird ein Pfau aufgetragen und daneben ein Huhn, da greift 

Alles nach dem Pfau - - und warum das? weil der seltene Vogel 

Goldes werth ist und ein prachtiges Gefieder ausbreitet, als wenn 

dadurch dem Geschmack geholfen werde, Sat. 2, 2, 23: 

Vix tamen eripiam, posito pavone, veils quin 

Hoc potius quam gallina tergere palaium, 

Corruptus vanis rerum, quia veneat auro 

Kara avis et picta pandat spedacula cauda, 

Tamquam ad rem adtineat quidquam , 



Der Pfau. 355 

welchem horazischen quid als eigentliches Motiv das stolze Bewusst- 
sein im Besitz grenzenloser Mittel zu sein und Sonne, Mond und 
Sterne in die Luft verpuffen zu konnen, und der daraus hervor- 
gehende Selbstgenuss zu Grande lag. Auch zu Fliegenwedeln 
dienten. an reichen Tafeln Pfauenschweife, wie goldenes Geschirr und 
Becher mit geschnittenen Steinen, Mart. 14, 67. Muscarium pa- 
voniurn : 

Lambere quae turpes prohibet tua prandia muscas, 

Alitis eximiae cauda superba fuit. 

Da so der Pfau in allgemeinem Begehr stand, so wurde die Zucht 
dieses Vogels in ganzen Heerden Gegenstand landwirthschaftlicher 
Industrie, die Anfangs nicht ohne Schwierigkeit war. Die kleinen 
Eilande um Italien herum wurden zu Pfaueninseln eingerichtet, 
wohl nach griechischem Vorgange; so hatte schon zu Varros Zeit 
(3, 6, 2) M. Piso die Insel Planasia, jeizt Pianosa, mit seinen Pfauen 
besetzt. Die Vortheile solcher seeumgebenen Pfauengarten setzt 
Columella 8, 11 auseinander: der Pfau, der weder hoch noch langere 
Zeit zu fliegen vermag, kann iiber die Insel nicht hinaus, lebt aber 
auf dieser in volliger Freiheit und sucht sich den grossten Theil 
seines Futters selbst; die Pfauenhennen erziehen in der Freiheit ihre 
Jungen mit naturgemasser Sorgfalt; kein Wachter ist erforderlich, 
kein Dieb und kein schadliches Thier ist zu fiirchten; der Aufseher 
hat nur nothig, zur bestimmten Stunde die Heerde um das Wirth- 
schaftsgebaude zu versammeln, den herb eieilen den Thieren etwas 
Futter zu streuen und sie dabei zu iiberzahlen. Da solcher Inseln 
aber doch nur eine beschrankte Zahl war, so wurden denn auch auf 
dem Festlande Pfauenparks mit grossen Kosten angelegt. Die ganze 
Einrichtung, die dabei zu beobachtende Vorsicht und die mannig- 
fachen Operationen einer solchen Ziichtung beschreiben uns die Alten 
gleichfalls ausfiihrlich. Zu Athenaus' Zeit (gegen Ende des zweiten 
Jahrhunderts nach Chr.) war Rom so voll Pfauen, dass diese nach 
des Komikers Antiphanes prophetischem Ausspruch wirklich gemeiner 
waren, als die Wachteln, wahrend gleichzeitig der indische Handel 
iiber das rothe Meer und wohl auch zu Lande iiber Neu-Persien 
immer neue Exemplare aus dem Vaterlande des Thieres selbst Heferte. 
In dem Gesprach des Lucian Navigium seu vota 23. wiinscht sich 
der eine der Redenden, Adimantus, wenn er plotzlich reich wurde, 
fiir seine Tafel ausser andern Leckerbissen aus fernen Landern auch 
einen xawg $ 3 Ivdag, der also damals aus jener Gegend noch 
bezogen wurde. 

23* 



356 Der Pfau. 

In sammtlichen europaischen Sprachen beginnt der Name des 
Pfauen mit dem lateinischen p, nicht dem griechischen t, zum deut- 
lichen Beweise, dass der Vogel von der Apenninenhalbinsel, nicht aus 
Griechenland oder dem Orient in das barbarische Europa gekommen 
ist. Wie die Taube, nahm das Christenthum auch den Pfau in seine 
Symbolik auf, theils als Bild der Auf erstehung , weil nach der 
marchenhaften Naturgeschichte der Zeit das Pfauenfleisch unverweslich 
sein sollte (August, de Civ. Dei 21, 4: quis enim nisi Deus creator 
omnium dedit carni pavonis mortui ne putresceret? der Kircbenvater 
will lacherlicher Weise bei einem von ibm selbst angestellten Versuche 
die Sacbe bestatigt gefunden haben), theils zum Ausdruck himm- 
lischer Herrlichkeit, wegen der Pracht seines Aeussern. In letzterer 
Beziehung erinnern wir nur an die Pfauenfedern in den Fliigeln der 
Engel auf Hans Memlings beruhmtem Bilde des jiingsten Gerichts 
in Danzig. Das Misstrauen gegen alle sinnliche Schonheit, das der 
christlichen negativen Weltansicht eigen war, scharfte den Blick 
dann auch wieder fur die Unvollkommenheiten des schmuckreichen 
Geschopfes, z. B. in Freidanks Bescheidenheit , 43, S. 142. Grimm: 

der phdwe diebes sliche hat, 
tiuwels stimme, und engels wai. 

urid gern wies man im Sinne christlicher Moral auf seine nackten 
hasslichen Fiisse hin, als eine beschamende Mahnung zur Demuth. 
Auf den schleichenden Diebsgang ging wohl auch der Name Petitpas, 
den der Pfau im franzosischen Renart fiihrt. Im Uebrigen sagte die 
Pfauenfeder dem barbarischen Geschmacke ganz so zu, wie einge- 
setzte Edelsteine und wie iiberhaupt alles Schimmernde und Hervor- 
stechende. Pfauenfedern prangten auf dem Haupte des Ritters, wie 
in Gestalt von Kranzen um den Hals des Frauleins, Petr. Crescentius 
im Kapitel de pavonibus: pennae puellis pro sertis et aliis orna- 
mentis aptae, und wenn z. B. im Parcival die prachtige Kleidung 
des kranken Konigs Amfortas (225, Lachmann) oder die majestatische 
Tracht der furchtbaren Kundrie la Sorciere (313) oder die des Konigs 
Gramoflanz (605) beschrieben wird, da fehlt nirgends unter andern 
kostbaren Gewandstiicken der pfaewin oder phawin huot. Dass 
solche Pfauenhiite aus England kamen , lehren die obengenannten 
und noch andere Dichterstellen , und dort mussen auch die das 
Material dazu liefernden Thiere geziichtet worden sein. Schon Karl 
der Grosse hatte befohlen, auf seinen Gutern ausser andern Vogeln 
auch Pfauen und Fasanen zu halten (Capitulare de villis 40), und 
diese Sitte pflanzte sich wohl auf den Schlossern des normannischen 



Der Pfau. 357 

A dels in England fort. Auch der Gebrauch, bei Prunkmahlzeiten 
einen gebratenen Pfauen im ganzen Schmuck seines Gefieders auf 
den Tisch zu bringen, war seit dem Alterthum nicht verloren ge- 
gangen und erhielt sich bis ins 16. Jahrhundert hinein. Gewohnlich 
trug ihn die Dame selbst unter Trompetenschall auf goldener oder 
silbener Schiissel feierlich auf und der Herr zerlegte ihn, wie im 
Lanzelot Konig Artus dies seinen an der Tafel versammelten Bittern 
thut. Ueber die auf den gebratenen Pfau von franzosischen Rittern 
abgelegten halb wahnsinnigen Geliibde, die sogenannten voeux du pan, 
in denen es immer Einer dem Andern zuvorzuthun suchte, s. Legrand 
d'Aussy, Histoire de la vie privee des Franyais, Paris 1782, p. 299 ff. 
und Grimm RA. S. 901, der die Sitte von den altnordischen Ge- 
liibden auf den Eber ableitet. Gegen die Zeit der Renaissance be- 
gann dieser Pfauen-Enthusiasmus zu