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Full text of "Kunstgewerbeblatt"

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KUNSTGEWERBEBLATT 



HERAUSGEGEBEN 



VON 



PROF. KARL HOFFACKER 

ARCHITEKT IN CHARLOTTENBURO-BERLIN 



NEUE FOLGE 



ELFTER JAHRGANG 




LEIPZIG UND BERLIN 

VERLAG VON E. A. SEEMANN 
1900. 



Inhalt des elften Jahrgangs 



Seite 

Grössere Aufsätze. 

Alphons Maria Mucha. Von Albert Hofmann (Beriin) i 

Die gegenwärtige Lage der dekorativen Künste in 
Frankreich 5 

Die Zimmerausstattung auf den Ausstellungen in 
Beriin, München und Dresden im Sommer 1899. 
Von A. L. Plehn 19 

Die Zeugdruck-Ausstellung im Österreichischen Mu- 
seum für Kunst und Industrie in Wien. Von Dr. 
Fr. Minkus 39 

Der Sitzungssaal der Minister bei den neuen Gebäuden 
des preussischen Landtages zu Berlin 45 

Badisches Kunstgewerbe 57 

Hat das Publikum ein Interesse daran, selber das 
Kunstgewerbe zu heben? Von Hermann Obrist 62, 91 

Vieriänder Kunst. Von O. Schwindrazheini . . 79, 111 

Geschichte und Ästhetik des künstlerischen Buchein- 
bandes. Von P. Kersten (Aschaffenburg) .... 101 

K. k. Österreichisches Museum für Kunst und Industrie 
in Wien. Die dritte Winterausstellung und die 
Konkurrenz aus dem Hoftiteltaxfond. Von Dr. 
Fräz Minkus 123 

Neues über Altmeissner Porzellan. Von K- Berling . 133 

Die 6. Kunstgewerbliche Ausstellung (arts and crafts 
exhibition) London. Von H. Muthesius- 141 

Das arabische Kunsthandwerk. Von Karl Eugen 
Schmidt (Paris) 163 

Das Kunstgewerbe auf der Pariser Weltausstellung. 
Von Walther Gensei 171, 223 

Van de Velde und die Berliner Tischlerei. Von A. 
L. Plehn 183 

Die deutsche Smyrnateppich-Industrie. Von L. Hagen 201 

Bücherschau. 

Altägyptisches Porzellan 100 

Ausstellung von Kunstwerken des Mittelalters und der 

Renaissance aus Berliner Privatbesitz 158 

Böhaimd, Aug., Der Mäander 100 

M eurer , M., Ursprungsformen des griechischen 

Akanthusornamentes und ihre natürlichen Vorbilder 199 
Meyer' s historisch-geographischer Kalender. 4. Jahrg. 

1900 76 

Schultze- Naumburg, Paul, Häusliche Kunstpflege . . 74 

Schumacher, Fritz, Im Kampfe um die Kunst .... 74 

Wagner, Otto, Moderne Architektur 198 

Wallis, Henry, Persian Lustre Vases 99 

Japanische Färbeschablonen 238 



Seite 
Vereine. 

Berlin, Verein für deutsches Kunstgewerbe .... 137 

Breslau, Kunstgewerbeverein 51, 73 

Frankfurt a. M., Mitteldeutscher Kunstgewerbe- 
verein 51, 116, 157 

Kartsruhe, Badischer Kunstgewerbeverein 116 

Königsberg i. Pr., Kunstgewerbeverein 137 

Krefeld, 15. Jahresbericht des Museums-Vereins ... 179 

München, Bayerischer Kunstgewerbeverein ... 13, 215 
Stuttgart, Der neunte Delegiertentag des Verbandes 

deutscher Kunstgewerbevereine 34 

Stuttgart, Jahresbericht des Württembergischen Kunst- 
gewerbevereins 116 

Stuttgart, Verein für dekorative Kunst und Kunst- 
gewerbe n6 

Wien, Wiener Interieur-Club " 97 

Schulen. 

Berlin, Kgl. Kunstgewerbeschule 52 

Dresden, Bericht über die Kgl. Sachs. Kunstgewerbe- 
schule und das Kunstgewerbemuseum 178 

Elberfeld, Bericht der Stadt. Handwerker- und Kunst- 
gewerbeschule 194 

Genf, Kunstgewerbeschule 194 

Hanau, Jahresbericht der Kgl. Zeichen-Akademie . . 195 
Karlsruhe, Grossherzogliche Kunstgewerbeschule . . 13 
Kassel, Jahresbericht der gewerblichen Zeichen- und 

Kunstgewerbeschule 214 

Magdeburg, Bericht der Kunstgewerbe- und Hand- 
werkerschule 158 

Paris, Stadt. Kunstgewerbeschule 97 

Paris, Neuer Lehrgang im französischen kunstgewerb- 
lichen Unterricht 97 

Pforzheim, Bericht über die Grossherzogl. Kunstge- 
werbeschule 215 

Plauen i. V., Bericht über die Kgl. Sächsische Industrie- 
Schule für die Jahre 1898 und 1899 116 

Museen. 

Basel, Jahresbericht des Gewerbemuseums 213 

BfA-//«, Oriop-Stiftung für Veröffentlichungen des Kunst- 
gewerbemuseums 54 

Berlin, Kunstgewerbemuseum 158 

Bremen, Bericht des Gewerbemuseums 213 

Brunn, Mährisches Gewerbemuseum 53, 214 



IV 



INHALTSVERZEICHNIS 



Seite 

Graz, Bericht des Steiermärkischen kulturhistorischen 

und Kunstgewerbemuseums über das Jahr 1898. . 14 

Karlsruhe, Kunstgewerbemuseum 15 

Krefeld, Kaiser Wilhelm-Museum 53 

Leipzig, Kunstgewerbemuseum 36, 54 

Lübeck, Bericht des Kunstgewerbemuseums .... 74 
Troppau, Kaiser Franz Josef-JViuseum für Kunst und 

Gewerbe 15 



Ausstellungen. 

Bericht des »Moniteur des Expositions« über die Ge- 
winne und Verluste der Weltausstellungen .... 197 
Berlin, Prof. Seliger, Ausstellung von Glasmosaik- 

bildem 218 

Düsseldorf, Der Arbeitsausschuss für die Industrie-, 

Gewerbe- und Kunstausstellung 1902 98 

Göteborg, Eine schwedische Buchgewerbeaussteilung 218 

Kanea, 1. Internationale Ausstellung 98 

Karlsruhe, Deutsche Giasmalereiausstellung i.J. 1901 

138, 195 
Paris, Französische Keramische Jahrhundert - Aus- 
stellung 139 

Paris, Industrie und Weltausstellungen 198 

Paris, Sonderausstellungen 118 

Paris, Weltausstellung «5, 55, 179 

St. Petersburg, Kaiserliche Gesellschaft zur Hebung 

der Künste in Russland 55 

Vereinigte Staaten von Amerika 98 



Wettbewerbe. 

Aachen, Wettbewerb um Entwürfe für moderne Gas- 
ofenmäntel 15 

Berlin, Ergebnis des Wettbewerbs um Entwürfe zu 
Plakaten für die Firma Jünger & Gebhardt .... 36 

Berlin, Preisausschreiben des Vereins für deutsches 
Kunstgewerbe um Entwürfe zu einem Banner für 
die Innung »Bund der Bau-, Maurer- und Zimmer- 
meister« 196 

Berlin, Preisausschreiben für ein Plakat zur Ausstellung 
für Feuerschutz 239 

Berlin, Preisausschreiben für einen Kopf der Tischler- 
zeitung 239 

Bremen, Preisausschreiben für Entwürfe zu einem 
Tafelbesteck in Silber, ausgeschrieben von der Firma 
M. H. Wilkens & Söhne in Bremen 217 

Breslau, Schlesisches Museum für Kunstgewerbe und 
Altertümer. Wettbewerbe 179 

Charlottenburg, Wettbewerb zur Erlangung von Ent- 
würfen für die künstlerische Ausgestaltung der 
Charlottenburger Brücke 197 

Charlottenburg, Wettbewerb um ein Kaiser Friedrich- 
Denkmal 239 



Seite 

Chemnitz, Wettbewerb zur Erlangung von Entwürfen 
für ein König Albert-Museum 196 

Dresden, Preisausschreiben um Entwürfe für den 

Neubau der Kgl. Kunstgewerbeschule. ... 16, 74 

Dresden, Preisausschreiben des Akademischen Senats 195 

Dresden, Preisausschreiben der Cigarrettenfabrik 
Laferme um Etiquetten für Cigarrettenpackung . . 10 

Dresden-Loschwitz, Preisausschreiben zur Erlangung 
von Entwürfen für Zimmerdecken und Wandver- 
täfelungen 99 

Düsseldorf, Wettbewerb zur Erlangung von Entwürfen 
zu einem Plakat für die Rheinisch-Westfälische In- 
dustrie und Gewerbe- Ausstellung in Düsseldorf 1902 217 

Frankfurt a. M., Wettbewerb für den auf dem Römer- 
hof zu errichtenden Brunnen 179 

Hamburg, Ausführung der Deckengemälde in dem 
neu zu errichtenden Schauspielhause 195, 217 

Hannover, Preisausschreiben der KunstanstaU / C. 
König & Ebhardt um farbige Plakat-Entwürfe . . 55 

St. Johann a. d. Saar, Wettbewerb für eine malerische 
Ausschmückung des Sitzungssales in dem Rathause 196 

Köln, Wettbewerb um Entwürfe zu einem Kaiserin 
Augusta-Denkmal 16 

Köln a. Rh., Preisausschreiben der Gebr. Stollwerck 
um Entwürfe für den Einband eines Stollwerck'schen 
Sammelalbums 56 

Leipzig, Preisausschreiben des Bibliographischen In- 
stituts um Entwürfe von Bucheinbänden 119 

Mainz, Preisausschreiben für künstlerische Lösungen 
im Dienste der Feuerbestattung 196 

München, Wettbewerb der Redaktion der »Liebhaber- 
Künste« 99 

Nördlingen, Wettbewerb um ein Brunnendenkmal . . 195 

Oppeln, Ideenwettbewerb zur Erlangung von Ent- 
würfen für einen Monumentalbrunnen auf dem 
Minerva-Platze 138, 196 

Paris, Konkurrenz um das Diplom, für die Pariser 
Weltausstellung 1900 74 

Radebeul, Wettbewerb um Entwürfe für Wandmale- 
reien im Rathause zu Radebeul 217 

Siegmar, Wettbewerb um Entwürfe zu einem farbigen 
Plakat der A.-G. Deutsche Kognak-Brennerei vorm. 
Grüner & Co 99 

Stuttgart, Preisausschreiben des Vereins für dekorative 
Kunst und Kunstgewerbe 180 

Waidenburg i. Schi., Preisausschreiben um Entwürfe 
für eine Denkmünze 17g 

Wien, Wettbewerb um Entwürfe für eine Kopfleiste 
für die Wiener Bauindustrie-Zeitung 16 



Verschiedenes. 

Zu unseren Bildern 76, 119, 140, 160, 219 

Vermischtes 200, 219 

Berichtigungen 36, 160, 180 



INHALTSVERZEICHNIS 



Verzeichnis der Illustrationen 



Seite 



Zierleisten, Vignetten, Initialen. 



C. Adams '42, 237 

A. Brunner, Bad Aibüng 202 

Daniel Blick, Berlin 100, 193 

Elly Hirsch, Berlin »" 

E. Liesen, Berlin lOQ 

H. Lührig »52 

H. Meyer, Kassel »63, 201 

Rob. Ore'ans, Karlsruhe 57 

Hans Schulze, Berlin 163 ; 

M. Seliger, Berlin »37 | 

Helene Varges, Berlin 223 i 

W. Winkler, Idstein 240 

Innendekoration. 

Eck? aus dem Zimmer von K. Gross auf der deutschen 
Kunstausstellung zu Dresden 189g 7, 18 

Stuckdecke im Zimmer von K- Gross auf der deutschen 
Kunstausstellung zu Dresden 1899 8 

Ecksitz (Mahagoni). Entworfen von R. Riemerschmid, 
ausgeführt in den Vereinigten Werkstätten für Kunst 
im Handwerk in München 16 

Zwischenwand im Zimmer von K. Gross auf der 
deutschen Kunstausstellung zu Dresden 1899 . . 21 

Nische von der Dresdner Kunstausstellung 1899; an- 
geordnet von Architekt Gräbner 22 

Speisezimmer eines Landhauses, entworfen und ein- 
gerichtet von Architekt M. Dülfer in München 24, 25, 26 

Jagdzimmer, entworfen von H. E. von Berlepsch- 
Valendas, München 31, 32 

Der Sitzungssaal der Minister im neuen preussischen 
Landtagsgebäude in Berlin 38, 43, 47, 48 

Musikzimmer von Riemerschmid auf der Dresdner 
Kunstausstellung 1899, ausgeführt von den Ver- 
einigten Werkstätten für Kunst im Handwerk, 
München 45, 49 

Vorraum von Bruno Paul auf der Dresdner Kunst- 
ausstellung 1899, ausgeführt von den Vereinigten 
Werkstätten für Kunst im Handwerk, München . 50 

Moderne Zimmerdecke. Entwurf von W. Lang, 
Karlsruhe 56 

Zimmer, entworfen und ausgeführt in der Hofmöbel- 
fabrik H. Dietler, Freiburg i. Br 71 

Kirche zu Altengamme, aufgenommen von H. Haase, 
Hamburg 78 

Dieleninterieur aus Neuengamme, aufgenommen von 
H. Haase, Hamburg 79, 84 

Vierländer Stube in Neuengamme, aufgenommen von 
H. Haase, Hamburg 85 

Bäuerlicher Sgraffito, aus alten Vierländer Bauern- 
häusern, aufgenommen von H. Haase, Hamburg . 87 

Ecke aus dem Schlafzimmer von Bernh. Pankok auf 
der Dresdner Kunstausstellung 1899 (Vereinigte 
Werkstätten für Kunst im Handwerk) 90 

Interieur nach Entwurf von Professor J. AI. Olbrich, 
ausgeführt von A. Ungethüm in Wien 122 



Seile 
Wohnzimmer eines verheirateten Arbeiters, ausgeführt 

von S. jaray in Wien '23 

Speisezimmer nach Entwürfen von Prof./. Hoffmann, 

ausgeführt von A. Pospischill in Wien »27 

Damenschlafzimmer, nach Entwurf von Max Jaray, 

ausgeführt von Siegmund Jaray in Wien .... 129 
Zimmer für ein Landhaus, entworfen und ausgeführt 

von F. Schönthaler in Wien «3' 

Schrankthürfüllung mit Intarsien, entworfen von Archi- 
tekt O. Siedle, Berlin 148 

Entwurf zur Büffetwand eines Speisezimmers von 

R. Organs in Karlsruhe 154. '55 

Innenraum aus Teheran »Ö2, 167 

Aus dem Innenraum von Schneider & Hanau, Frank- 
furt a. M. Ausgestellt auf der Pariser Weltaus- 
stellung 1900 »71. '73> »75. '77 

Treppenhaus im »Deutschen Haus« auf der Pariser' 
Weltausstellung 1900. Architekt Bauinspektor / 

Radke, Berlin 204, 206 

Saal für die Sammlung Friedrich des Grossen im 
»Deutschen Haus« auf der Pariser Weltausstellung 
1900. Architekt Bauinspektor y. Radke, Beriin . . 211 
Von der deutschen kunstgewerblichen Abteilung auf der 
Pariser Weltausstellung igoo. 
Durchgang des einen Treppenhauses. Architekt Pro- 
fessor Karl Hoffacker, Chariottenburg . . .182, 234 
Ansicht der Galerie des einen Treppenhauses. Archi- 
tekt Professor Karl Hoffacker, Chariottenburg 187, 235 
Pfeiler von der dekorativen Frontarchitektur des Licht- 
hofes. Architekt Professor Karl Hoffacker, Char- 
iottenburg '89 

Diele, Holzschnitzerei von Professor G. Riegelmann, 

Chariottenburg .... 191, 195, 208, 209, 210, 220 
Hauplfront. Architekt Professor Karl Hoffacker, 

Chariottenburg 222 

Brunnennische, entworfen von Professor O. Gussmann, 

Dresden 224 

Mittelpartie auf der Galerie 227 

Aus dem »Zimmer eines Kunstfreundes«, entworfen 
von Maler Richard Riemerschmid, ausgeführt von 
den Vereinigten Werkstätten für Kunst im Hand- 
werk, München 228 

Ecke eines Zimmers, entworfen von Maler Bernh. 

Pankok, München, ausgeführt von den Vereinigten 

Werkstätten für Kunst im Handwerk, München . 229 

Ecke eines Jagdzimmers, entworfen von Maler Bruno 

Paul, ausgeführt von den Vereinigten Werkstätten 

für Kunst im Handwerk, München 230 

Raum, Möbel im Besitz Sr. Maj. des deutschen Kaisers 231 
Raum, entworfen von Proitssor Paul Pfaun, Schreiner- 
arbeiten ausgeführt von Wenzel Till, München 232, 233 

Möbel. 

Lehnstuhl von Bernh. Pankok, München (Vereinigte 
Werkstätten in München) 27 

Schrank, entworfen von K Gross, ausgeführt von 
Udluft & Hartmann, Dresden 28 



VI 



INHALTSVERZEICHNIS 



Seite 
Hocker (Birnbaumholz), entworfen von H. Schlicht, 
Dresden, ausgeführt von den Dresdner Werkstätten 

für Handwerkkunst 29 

Fussbank mit Garnknäuelbehäiter von J. V. Cissarz, 
Dresden, ausgeführt von den Dresdner Werkstätten 
für Handwerkkunst 29 

Sessel mit Zeugdruckbezug und mit handbemaltem 
Seidenbezug aus dem 18. Jahrhundert (Schloss 
Feldsberg, Niederösterreich) 42 

Schnitzerei von einer Bettschirmwand, entworfen von 
Bernh. Pankok, ausgeführt von den Vereinigten 
Werkstätten für Kunst im Handwerk, München . 52 

Kredenz-Schrank, entworfen von H. Schlicht, Dresden, 
ausgeführt von den Dresdner Werkstätten für Hand- 
werkkunst 56 

Büffet, entworfen und ausgeführt in der Hofmöbel- 
fabrik L. J. Peter, Mannheim 65 

Stuhl, Truhe und Wiege aus den Vierlanden, aufge- 
nommen von H. Haase, Hamburg .... 80, 81 

Kleiderschrank aus dem Schlafzimmer von Bernh. 
Pankoli auf der Dresdner Kunstausstellung 1899 
(Vereinigte Werkstätten für Kunst im Handwerk) . 89 

Kinderzimmermöbel von K- Bertsch (Vereinigte Werk- 
stätten für Kunst im Handwerk) 91 

Postament und Stühle im nordischen Stil, entworfen 
und ausgeführt in den Werkstätten von F. A. Schätz, 
Hofmöbelfabrik, Leipzig 94. 95, 96 

Etagere, entworfen und ausgeführt von Franz Zelezny 
in Wien 125 

Beleuchtungskörper. 

Beleuchtungskörper in Messing von Bernh. Pankok, 
München (Vereinigte Werkstätten, München) . . 30 

Tischlampe für elektrisches Licht, entworfen von 
A. Riegl, München 164, 165 

Beleuchtungskörper für elektrisches Licht, entworfen 
und ausgeführt von Ferd. Paul Krüger, Kunst- 
schmiedewerkstatt, Berlin 200 

Textilarbeiten. 

Linzer Zeugdruck von 1812 (Fachschule für Textil- 
industrie in Wien) 39 

Stoffdruck von Oberkampf 1770—1780 (Oesterreichi- 
sches Museum) 39 

Javanischer Batik-Sarong (Österreichisches Museum . 40 

Dienerschafts-Kleidung aus der Theatergarderobe des 
fürstl. von und zu Liechtenstein'schen Schlosses zu 
Feldsberg, 18. Jahrhundert, 2. Hälfte 41 

Gednicktes Tuch, 18. Jahrhundert (Oesterreichisches 
Museum) 42 

Bemalter Behang aus dem fürstl. von und zu Liechten- 
stein'schen Schlosse zu Feldsberg, um 1760 ... 53 

Stickereien aus Vierlanden, aufgenommen von H. \ 

Haase, Hamburg 112, 113 | 

Gewebter Brustlatz in Seide, aufgenommen von 
H. Haase, Hamburg 115 

Tapetenmuster von Architekt O. S/erf/«', Berlin 149,150 158 

Stickereien von Frau Schtnidt-Pecht, Konstanz . 214, 215 



Glasarbeiten. 

Füllung Weinrebe, Füllung Iris, Aquarellentwürfe für 
Glasfenster von Otto Vittali, Offenburg . . . 

Olasfenster, entworfen von Prof. AGc/^g-fö, Freiburg i.Br. 

Qlasfenster (dreiteilig), C. Oeck, Glasmanufaktur, 
Offenburg 



Seite 



Olasservice, nach Entwurf des Prof. K- Moser, aus- 
geführt von E. Bakalowits Söhnen in Wien . . . 126 

Entwurf zu einer Glaskanne mit Silber- oder Zinn- 
montierung von Architekt B. Möhring, Berlin 198, 199 



Edelmetalle. 

Ehrenpreis d. Grossh. Bad. Ministers d. L Entwurf 
H. Götz; Ausführung L. Bertsch, Karlsruhe ... 58 

Ehrenpreis Sr. Kgl. H. des Orossherzogs von Baden. 
Entwurf von Prof. H. Götz, Karlsruhe; Ausführung 
von Prof. K. Weihten, Pforzheim 73 

Schmucksachen aus den Vierlanden, aufgenommen 
von H. Haase, Hamburg 82, 83 

Pariser Goldschmuck, ausgestellt von L. A. Gändel, 
Juwelier, Leipzig gg 

Ehrenpreis Sr. Kgl. H. des Grossherzogs Friedrich 
von Baden zum Mannheimer Mairennen 1894. Ent- 
wurf von Prof. H. Götz, Ausführung von Hof- 
juwelier L. Bertsch. Karlsruhe 110 

Ziervasen, nach Entwürfen von O. M. Werner, in 
Silber ausgeführt von / H. Werner, Hofjuwelier, 
Beriin 117 

Ziergefäss, Vasen, Ourtschnalle, Kamm und Haar- 
nadeln. Entworfen von O. M. Werner, ausgeführt 
von Hofjuweliery. H. Werner, Berlin n8 

Goldschmuck, entworfen von O. M. Werner, ausge- 
führt von Hofjuweliery. H. Werner, Berlin . . . 120 

In Silber montierte Tiffany-Oläser von Hofgoldschmied 
H. Schaper 144, 145, 146 

Schmuckgegenstände von Hofgoldschmied H. Schaper, 
Berlin 147 

Ehrenpreis Sr. Kgl. H. des Grossherzogs Friedrich 
von Baden zum Iffezheimer Rennen i8g3. Entwurf 
von Prof. H. Götz, Ausführung von Prof. R. Mayer, 
Karlsruhe 159 

Pokal aus vergoldetem Silber mit eingesetzten Ko- 
rallenästen von A. Riegl, München 160 

Silberner Weinkühler, Kaiserpreis, entworfen und aus- 
geführt von O. Rohloff, Berlin 166 

Silberne Bowle, Kaiserpreis für Hannover, Gr. Armee- 
Jagd-Rennen. Entworfen und ausgeführt von O. 
Rohloff, Berlin 203 



Medaillen und Plaketten. 

Entwürfe zu Tauf-Plaketten von den Bildhauern : 
C. Gomansky, Berlin, Rad. Bosselt, Darmstadt, 
Georges Morin, Berlin, und Adolf Aniberg, Char- 
lottenburg 33, 34, 35, 36 

Medaillon Bally, Avers und Revers von Bildhauer 

H. Bauser, Karlsruhe 64 

Tauf-Plakette von Bildhauer Ad. Amberg, Char- 
lottenburg 92 

Tauf-Plakette, Entwurf von Bildhauer Meinhard 
Jacoby, Berlin 93 

Plaketten »Medusa» und »Hygeia« von O. Rohloff, 
Berlin 166 



I 



Arbeiten in Bronze und Kupfer. 
5 
70 I Henkelvase auf Ständer, in Kupfer entworfen und ge- 
trieben von F. X. Abt, Mindelheim 27 

76 j Entwurf zu einer Kanne von R. Oreans, Karlsruhe . 204 



INHALTSVERZEICHNIS 



VII 



Seite 



Keramik. 



Fliesenbild von Prof. Max Länger, Karlsruiie ... 19 
Porzellanvasen, entworfen von H. Schlicht und E. 
Kleinhempel in Dresden, ausgef. von der Sächsischen 
Porzellanfabrik in Potschappel bei Dresden ... 20 
Fayencen von Fran Schmidt-Pecht, Konstanz ... 72 
Ofen, nach Entwurf des Architekten Riid. Hammel 

ausgeführt von L. & C. Hardtmiith in Wien . 125 

Alt-Meissner Porzellan .... 130, 133, 134, 135> 136 

Eisenarbeiten. 

Schirmständer aus Eisen und Messing. Entworfen von 
Prof. R. Weisse, ausgeführt von KUhnscherf & Söhne, 

Dresden 52 

Blumenkübel, Entwurf von ylü^. 0/as<'r, München 157, 170 
In Eisen geschmiedete Gruppe von Gebr. Armbrüster, 
Frankfurt a. M. Ausgestellt auf der Pariser Welt- 
ausstellung 1900 180 



Buchausstattung. 

Entwurf zu einer Adressenmappe von Prof. ff. Götz, 
Karlsnihe 60 

Entwurf zu einer Urkundenmappe von Prof. ff. Götz, 
Karlsruhe 61 

Komposition einer Randverzierung von Georg Bötti- 
cher, Leipzig 101 

Bucheinbände von P. Kersten, Aschaffenburg 102, 103, 

104, 105 

Buchverzierung, gezeichnet von Liihrig .... 140 

Einband eines alten Dresdner Gesangbuches vom 
Jahre 1728. Im Privatbesitz aufgenommen von 
Georg Bötticher, Leipzig 197 

Buchverzierungen, gezeichnet von Ed. Liesen, Berlin 

238, 239 

Stein-Arbeiten. 

Wandbrunnen, entworfen an der Grossherzogl. Kunst- 
gewerbeschule Karisruhe von Wilh. Merten unter 
Leitung von Prof. F. Dietsche 57 

Steinversetzung in alten Vierländer Bauernhäusern, 
aufgenommen von ff. ffaase, Hamburg .... 87 

Steinzeuggefässe. K. k. Fachschule in Teplitz . . . 126 

Relief in Stein am Haus des Vereins deutscher In- 
genieure, ausgeführt von Prof. G. Riegelmann, 
Charlottenburg 183, 184, 185, 186, 196 

Brunnenschale und Kaminfries, nach Modell von 
Professor G. Riegelmann in Alt-Warthauer Sand- 
stein ausgeführt von Bildhauer G. ffartmann, i. F. 
Gebr. Zeidler, Hofsteinmetzmeister, Beriin . . . 184 



Seite 
Sandsteinfiguren, ausgeführt von Bildhauer P. Hart- 
mann, i. F. Gebr. Zeidler, Hofsteinmetzmeister in 

Beriin 218, 219 

Zimmerbrunnen auf der Pariser Weltausstellung 1900. 
Entwurf Professor Otto Rieth, Berlin, Modell : Bild- 
hauer Adolf Amberg, Ausführung: P. Bruckmann 
& Söhne, Heilbronn 225 

Malerei. 

Plakat-Entwürfe von Alphons Mucha 2, 3, 9, 12, 13, 14 

»Poesie« von Alphons Mucha 4 

»Malerei von Alphons Mucha 5 

»Tanz und Musik von Alphons Mucha 6 

Entwurf zu einem Medaillonbild von Alphons Mucha 

10, 1 1 

»Salome-; von Alphons Mucha 12 

Friese, gemalt von Otto Ubbelohde (Vereinigte Werk- 
stätten für Kunst im Handwerk, München) ... 51 
Madonnenbild für die Jakobskapelle in Gegenbach 

von Prof. H. Götz, Karlsruhe 59 

Akt, gemalt von Herrn. Göhler, Karisruhe .... 62 

Porträt, gemalt von Herm. Göhler, Karlsruhe ... 63 

Moderner Fries, gemalt von Herm. Göhler, Karlsruhe 63 

Grabengel von Prof. F. Dietsche, Karisruhe .... 68 

WeiblicherStudienkopf von Prof. /C/<o/-///ras, Karlsruhe 69 

Naturstudien von Hermann Heidrich, Beriin . 142, 143 
Lünettenbild im Treppenhaus des deutschen Hauses 
auf der Pariser Weltausstellung 1900, gemalt von 

Gustav Wittig, Charlottenburg 213 

Fächer, entworfen von Maler C. Gehrts, ausgeführt 

von C. A. Beumers, Düsseldorf 216 

Naturstudie (Distel) von Maler A. Eckhardt, Hamburg 217 

Verschiedenes. 

Wappen von Prof. K- Kornhas, Karisruhe .... 69 

Kamin im Sitzungssaal der Minister im neuen preus- 
sischen Landtagsgebäude in Berlin 46 

Kamin-Verkleidung, ausgeführt von Kimbel & Fried- 
richsen, Beriin 106, 107, 109 

Gaskamin von Prof. M. Länger, Karlsruhe; Gas- 
apparat von Fr. Siemens, Dresden .... 20, 23 

Arbeit aus der dekorativen Fachklasse der Kunstge- 
werbeschule zu Karlsruhe 61 

Jardiniere und Schalen, entworfen von Bildhauer Alb. 
Mayer, Geislingen 169 

Email-Füllungen. Entwurf von Prof. Karl Gagel und 
Maler Aug. Gagel in Karlsruhe, ausgeführt durch 
Bergmann' s Email-Werk in Gaggenau (Baden) 67, 75 

Künstler-Porträts. 
Alphons Maria Mucha. Nach einer Photographie . 1 



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ALPHONS MARIA MUCHA 

VON ALBERT HOFMANN -^ERLm 



IN der .lebhaften Bewegung, durch welche die 
Kunst unserer Tage ausgezeichnet ist, ist der Name 
des Künstlers, welcher Gegenstand dieser kurzen 
Betrachtung ist, vielgenannt. Gleichwohl ist er kein 
Neuerer und wenn er dennoch beachtet, ja vielfach 
bewundert wird, so zwingt schon dieser Umstand da- 
zu, der eigenartigen Kunst nachzugehen, die es ver- 
standen hat, den oft 
so phantastischen 
und überlauten Äus- 
serungen des Neue- 
rungsfiebers gegen- 
über nicht nur sich 
zu behaupten, son- 
dern trotz diesem 
lauten Getriebe sich 
steigender Anerken- 
nung zu erfreuen. 
Bei dieser Anerken- 
nung darf ich frei- 
lich nicht verschwei- 
gen, dass es mir 
scheint, als ob diese 
Kunst ihren Höhe- 
punkt erreicht, wenn 
nicht überschritten 
habe. Denn auch 
Mucha bietet die 
vielfach beobachtete 
Erscheinung eines 
schnell zu Ruhm und 
Ansehen gekomme- 
nen Künstlers dar, 
auf den heute die 
Aufträge in einer 
solchen Überzahl 
einstürmen, dass er 
kaum im stände ist, 
sie zu bewältigen, 
geschweige denn so 
durchreifen zu las- 
sen, wie seine er- 
sten Werke, die ihn 
zur Höhe der An- 
erkennung geführt 
haben. Die Welle, 
die sich ausbreitet, 
verflacht; diese na- 
türliche Erschei- 
nung lässt sich lei- 
der auch an unserem 

Kunstgewerbeblatt. N. F. XI. H. i. 




ALPHONS MARIA MUCHA. Nach einer Photographie. 



Künstler beobachten und die Thatsache ist mit um 
so grösserem Bedauern zu verzeichnen, als erfahrungs- 
gemäss im Individuum selbst in einem solchen Stadium 
der Entwicklung kaum mehr die Kraft vorhanden 
zu sein pflegt., dem verheerenden Einfluss der zahl- 
reichen Aufträge gegenüber sich widerstandsfähig, ja 
ablehnend zu verhalten. Es ist aber auch natürlich; 

denn schliesslich 
geht auch die er- 
habenste Kunst nach 
Brot und wenn ein 
Künstler wie Mucha 
lange Jahre empfind- 
licher Entbehrung 
hinter sich hat, so 
ist es am Ende nur 
menschlich, wenn er 
die gewinnbringen- 
den Aufträge mit 
offenen Armen auf- 
nimmt. 

Afphons Maria 
Mucha, der zu den 
gefeiertsten Plakat- 
künstlern und Illu- 
stratoren unserer 
Zeit zählt, wurde 
am 24. Juli 1860 in 
einer kleinen Stadt 
Mährens, in Eiben- 
schitz, geboren und 
ist tschechischer Na- 
tionalität. Esistnicht 
unwichtig, das zu 
betonen, denn aus 
diesem Umstände 
erklärt sich manche 
charakteristische Ei- 
gentümlichkeit sei- 
ner Werke, die eine 

so merkwürdige 
Vereinigung von 
französischem und 
slavischem Wesen 
zeigen. Dieslavische 
Kunst ist jederzeit 
und in allen ihren 
Zweigen gern der 
französischen ge- 
folgt und wenn sie 
im modernen Kunst- 



ALPHONS MARIA MUCHA 







r.ntwurf zu dem Plakat: Die Cameliendame«. Von ALPHONS MUCHA. 



leben eine Bedeutung erlangt hat, was unzweifelhaft der 
Fall ist, so ist es auf eine gewisse nationale Wahlver- 
wandtschaft zurückzuführen, die sie der französischen 
Kunst folgen und diese zum Vorbild nehmen Hess. Die 
Anmut der Linie, die Feinheit der Farbengebung, die 
Grazie der Formen der Werke Mucha's sind ohne Zweifel 
auf französischen Einfluss zurückzuführen, während die 
Weichheit und die besondere Charakterisierung seiner 
weiblichen Gestalten, ihre materielle Üppigkeit vielleicht 
das slavische Element in der Weise des Künstlers 
erkennen lassen. Mucha begann seine Studien in 
München und setzte sie, wenn wir recht unterrichtet 
sind, an der Wiener Akademie fort, als deren Stipendiat 
er dann nach Paris ging, um hier an der Akademie 
Julien und in den Ateliers von J. Lefebre, Boulanger 
und Jean Paul Laurens sich weiter zu bilden. Laurens 
war es, welcher die eigenartige Begabung des Künstlers 
bald erkannte und durch seine Vermittlung erhielt 
er schon früh Aufträge für französische Firmen. Auch 
Mucha durchlebte die ' Bohemienne > der französischen 
Künstler mit allen ihren Freuden und Leiden; auch 
Mucha machte zehn Jahre des Elends und der Namen- 
losigkeit durch, bis er eines schönen Tages durch 
Brunhoff, den Direktor des Renaissance -Theaters in 
Paris, den Auftrag erhielt, für Mme. Sarah Bernhardt 
das Plakat zu ihrem ersten Auftreten in der Rolle als 
Ghismonda zu zeichnen (S. 13). 

Dieses Werk war es, welches den Ruf Mucha's 
begründete. Es folgen nun in rascher Reihenfolge 
zahlreiche Affichen, wie die für den Salon des Cent, 
für die Theaterstücke Lorenzaccio (S. 3), die Came- 
liendame (S. 2) und für «La Samaritaine> (S. 12); 
ein interessantes Blatt schuf er für die ' Societe popu- 
laire des Beaux-Arts>, wieder ein anderes für Sarah 
Bernhardt, mit deren von Lilien umgebenem Kopf- 
biid (S. 14). Ausserordentlich fein ist das Plakat 
für Cigarettenpapier 'Job> (S. 9), sehr vornehm 
die verschiedenen Plakate und Umschläge für die 
Zeitschrift 'La Plume>. Prächtige Kompositionen 
sind in Form und Farbe die beiden Rundbilder 
mit weiblichen Köpfen, die wir auf S. 10 u. n wieder- 
geben. Alle diese Werke zeigen, wie ein öster- 
reichischer Beurteiler Mucha's sich ausdrückt, < tüch- 
tige Durchbildung, Pietät für die Form, Feinfühligkeit 
für Linien- und Farbenreiz. Wir lernen da Mucha 
r.ls Meister der historischen Komposition, des Sitten- 
bildes, der intimen Studie und als schöpferischen Geist 
in Erfindung pikanter Plakate und von Illustrationen 
kennen, welche ganz im Geiste der Dichtungen, welche 
sie veranschaulichen sollen, ausgeführt sind. Ob er 
uns nun in einem Karton, als Glasfenster auszuführen, 
den Ritter Hubertus oder eine anmutige Scene aus 
dem Foyer der Grossen Oper vorführt, immer zeigt 
er sich vollkommen Herr des Vorwurfes, den er dar- 
stellen soll. Der Cyklus 'Die vier Jahreszeiten >, 
reizende weibliche allegorische Figuren, als Plakat für 
eine grosse Industrie gedacht, sind mit derselben Sorg- 
falt für alle Details ausgeführt, wie die Geschichtsbilder 
Johann von Leyden >, < Der Prager Fenstersturz» u. s. w. 
Ob er nun eine Affiche für eine Cigarettenpapier- 
Fabrik oder das Titelblatt für die Zeitschrift < La Plume» 



ALPHONS MARIA MUCHA 




Entwurf zu dem Plakat Lorenzaccio für Sarah Bernhardt. 
Von ALPHONS MUCHA. 



ersinnt, sein Stift und sein Pinsel sind immer geist- 
reich; man sehe doch nur das Bild, wie die Muse 
dem Pegasus aus seinem Flügel eine Feder raubt und, 
damit winkend, den Mitarbeitern des Blattes ein Zeichen 
giebt, ihr es nachzuthun. Zahlreiche Studien nach 
der Natur geben Zeugnis dafür, wie ernst es Mucha 
mit seiner Kunst nimmt. > 

Zu den Hauptwerken Mucha's zählt das in 
der Buchhandlung der «Edition d'Art> des Herrn 
Piazza in Paris herausgekommene Bändchen: ' llsec, 
Princesse de Tripoli >, ein köstliches Werkchen, in 
welchem Mucha für die Erzählung von Robert de 
Flers die reizvollsten Abbildungen figürlichen und 
ornamentalen Charakters lieferte. Unser österreich- 
ischer Beurteiler sagt hierüber mit Recht: Eine an 
fesselnden Einfällen unerschöpfliche Phantasie, eine 
Virtuosität in der Veranschaulichung derselben, ein 
Sinn für Wohllaut der Linien und Farben kommt da 
zu Tage, welche es ganz begreiflich erscheinen lassen, 
dass das Werk, kaum in Paris erschienen, auch schon 
vergriffen war. Originell und sinnvoll sind auch die 
ornamentalen Umrahmungen und Leisten; Mucha be- 
nützt da alles, was die Natur an eigenartigen Er- 
scheinungen bietet: Käfer, Schmetterlinge, Blätter, ja 
totes, gefedertes Geflügel — das sieht sich, aus einiger 
Entfernung betrachtet, wie stilisiert an, erscheint aber, 
wenn man näher tritt, ganz naturalistisch, zierlich 
und geschmackvoll im einzelnen und von höchster 
Feinfühligkeit in der Bindung und im Zusammen- 
fassen des Details. Mucha ist in allem und jedem 
ein Bahnbrecher auf dem Kunstgebiete, der sich willig 
dem Gewerbe zu Diensten stellt, ohne -dadurch an 
seinem Werte etwas zu verlieren oder von seiner Vor- 
nehmheit etwas aufzugeben.» Mit dieser interessanten 
Arbeit befindet sich Mucha in den ersten Reihen der 
französischen Buchillustratoren; die «Princesse de Tri- 
polis tritt neben die «Quatre Fils Aymon > des köst- 
lichen Eugene Grasset und neben «das Evangelium 
der Kindheit unseres Herrn» von Carlos Schwabe. 
Es ist nicht die einzige Buchillustration des Künstlers 
geblieben. Die Abbildungen zu den «Scenes et 
Episodes de l'Histoire d'Allemagne» von Charles 
Seignobos, und die Bilder zu den halb ritterlichen, 
halb orientalischen Abenteuern des Troubadours Jaufre 
Rudel verdienen daneben die besondere Beachtung. 

Ein interessantes Werk des Künstlers aus dem 
Jahre i8q8 ist seine Zeichnung für das Titelblatt der 
Wiener Zeitschrift Wiener Chic>, eine lebhaft bewegte 
sitzende Frauengestalt, mit allem dem Beiwerk, welches 
die Mucha'sche Kunst zu einer so dekorativen macht. 
Grösser in der Auffassung als diese mehr genrehafte 
Komposition ist das gleichfalls 1 898 entstandene Titel- 
blatt: «Au Quartier Latin», mit einer Hauptfigur, die 
in eigenartiger Auffassung eine allegorische Verkör- 
perung der Stadt Paris darstellt. Zu den schönsten 
seiner Zeichnungen gehören zwei Blätter, die der 
Künstler für das Werk «L'Estampe Moderne» schuf. 
Das eine «Incantation», giebt eine der schönsten Scenen 
aus Gustave Flauberts farbenglühendem Roman Sa- 
lammbö wieder; das andere stellt die Salome dar. 
Wir geben das letztere Blatt in Abbildung S. 1 2 wieder. 



ALPHONS MARIA MUCHA 




»Poesie«. Von ALPHONS MUCHA. 

Die Wahl des Gegenstandes dieser beiden Blätter ist 
ungemein charakteristisch für die Kunst Mucha's, die 
dem Weiblichen hauptsächlich in den Regungen nach- 
geht, bei welchen das Diabolische in weicher und den 
Sinnen schmeichelnder Weise zum Durchbruch kommt. 
Mucha ist nicht der Künstler grosser Leidenschaften, 
ihn beherrscht vielmehr das Weibische des Weibes, 
die durch alles mögliche Beiwerk gesteigerte begierden- 
reizende Einwirkung. Man darf diese Kunst deshalb 
nicht kraftlos nennen, denn sie wendet sich einem 
Gebiete zu, bei welchem männliche Kraft gegenstands- 
los ist. Nur selten beschäftigt sich der Künstler, dessen 
ganzer Ausdruck schon seine weiche, weibliche Em- 
pfindung verrät, mit der männlichen Figur und wo 
es geschieht, nimmt auch diese den Charakter der 
Weichheit an. Ich möchte die Kunst des Alphons 
Mucha als den entgegengesetzten Pol der Kunst des 
Josef Sattler gegenüberstellen, ohne im übrigen den 
Kunstwert dieser durchaus verschiedenen Künsder- 
individualitäten aneinander messen zu wollen. Beide 
aber scheinen ihr Empfindungsvermögen nur nach 
einer Seite hin ausgebildet zu haben: Josef Sattler nach 
der Seite des Männlichen, mit der Steigerung ins 



Gewaltthätige, Rauhe, oft Titanenhafte, Alphons Mucha 
nach der Seite des Weiblichen mit der Milderung ins 
Betäubende, Erschlaffende, Weiche. Darf ich einen 
anderen nicht erschöpfenden Vergleich wählen, so 
möchte ich die Kunst Sattler's mit der rauhen Distel, 
die Mucha's mit der betäubenden Tuberose vergleichen. 

Einen interessanten Einblick in die Schaffensweise 
unserers Künstlers gewährt das Heft des in Wien bei 
Gerlach und Schenk erscheinenden < Kunstschatzes», 
welches ausschliesslich ihm gewidmet ist. Unter den 
zahlreichen Studien, Entwürfen, ausgeführten Blättern 
dieses Heftes ist kaum eines, auf welchem der Mann 
die erste Rolle spielte, immer das Weib und noch 
einmal das Weib in allen möglichen Auffassungen 
des Lebens wie der Liebesleidenschaft, in allen mög- 
lichen Stellungen und Lagen, wie sie nur ein reich 
entwickeltes Sinnenleben, dessen starker Trieb in über- 
wältigender Weise den Willen beherrscht, hervorbringen 
kann. Dasselbe lässt sich sagen von dem Titelblatt, 
welches der Künstler für Heft XI des I. Jahrganges von 
< Ver sacrum» zeichnete und wiederum dasselbe drücken 
auch die beiden Entwürfe zu Kalenderblättern aus, welche 
in dem gleichen Hefte zur Veröffentlichung gelangten. 
Diesen Entwürfen reiht sich ein interessantes Blatt an, 
welches die No. 75 des Jahrganges 1896 des < Figaro 
illustre» giebt, wieder eine weibliche Gestalt, in mo- 
dernem Kostüm, mit aller Weichheit und mit all dem 
betäubenden Einfluss ausgestattet, welchen das fran- 
zösische Weib, welches sich des Willens bewusst ist, 
den Mann zu erobern, ausstrahlt. 

Ein Titelblatt für das < English illustrated Magazine» 
in London führt uns auf den Weg, den Mucha bei 
seinen Buchillustrationen einschlägt: die Verbindung 
einer Art Stilisierung des Weibes mit einer eigenartigen 
Ornamentik, welche die Motive unbekümmert um ihre 
Herkunft frei wählt und ebenso frei mit ihnen schaltet 
und waltet. Interessante Arbeiten, zum Teil in dieses 
Gebiet einschlagend, zum Teil besondere Wege gehend, 
sind des Künstlers Illustrationen zu < Le Verglas», 
Jahrgang 1897, S. 61 ff. des < Figaro illustre»; sie 
lassen noch wenig von der Freiheit der Mucha'schen 
Plakatkunst erkennen. Auch in den Zeichnungen zu 
<Le Fou», legende hongroise, S. 221 f. des gleichen 
Jahrganges des Figaro, ist noch eine gewisse Gebunden- 
heit bemerkbar, die sich erst in den Zeichnungen für 
die Weihnachtsnummer 1897 derselben Zeitschrift zu 
grösserer Freiheit löst. 

Für die ausgezeichnete Zeitschrift «L'Estampe Mo- 
derne > schuf Mucha vier Kompositionen «Die Künste» 
(S. 4, 5 u. 6), die, wenn sie auch nicht zu seinen 
Werken ersten Ranges zählen, sondern unzweifelhaft 
ein gewisses Nachlassen erkennen lassen, nicht nur. 
durch ihre Auffassung, sondern auch durch ihre Er- 
läuterung sehr charakteristisch für die Weise unseres 
Künstlers sind. Ich kann mir nicht versagen, die Er- 
läuterungen dazu, die auch ihrerseits der Weichheit der 
Auffassung entsprechen, hierher zu setzen. Zur Poesie» 
wird geschrieben: «L'approche du crepuscule guide 
l'äme poetique vers les plages ideales du reve. A 
contempler l'etoile d'or, qui s'est levee, lä-bas, au fond 
du ciel, sa melancolie longuement s'attarde dans la 



DIE GEGENWÄRTIGE LAGE DER DEKORATIVEN KÜNSTE IN FRANKREICH 



tristesse du joiir qui decroit. » Ich setze als besonders 
bemerkenswert noch die Beischrift für die Komposition 
<Musique> hierher: Dans l'harmonie des soirs d'ete 
que baignent les clartes lunaires, ce n'est pas seule- 
ment les trilles melodieux des rossignols que notre 
oreille entend: c'est aussi le chant joyeux — mais dejä 
lointain — des beaux jours passes que croit percevoir 
notre äme, qui se souvient.» Und in der Beischrift 
zu der Komposition < Peinture» wird man die Eigen- 
schaften des Mucha'schen Kolorits wiedererkennen: 
«Toutes les radieuses couleurs de l'arc-en-ciel tiennent 
— comme I'Ocean lui-meme — dans une seulegouttelette 
d'eau. A la rosee brillante qui les rafraichit et les 
epanouit, les fleurs ne semblent-elles pas emprunter les 
exquises nuances du prisme dont elles sont revetues?» 

Damit möchte ich die flüchtige Übersicht über 
das Lebenswerk eines der feinsten aber auch weichsten 
unserer modernen Künstler schliessen und nur noch 
eine hervorragende Arbeit in aller Kürze erwähnen. 
Es ist ein Entwurf Mucha's für das Plakat der 1898 
abgehaltenen Ausstellung des Prager Ingenieur- und 
Architekten -Vereins, den die Wiener Monatsschrift 
«Der Architekt» veröffentlichte; er ist unberechtigter- 
weise in die zweite Linie gedrängt worden und des- 
halb nicht zur Ausführung gelangt. Daraus zu schliessen, 
dass Mucha bei seinen engeren Landsleuten — es 
handelte sich um eine Ausstellung mit czecho-slavischem 
Charakter — nicht dasselbe Ansehen geniesst, wie 
sonst allenthalben, wäre nicht zutreffend. 

Ob das im Vorstehenden kurz skizzierte Lebensbild 
Mucha's und die Charakterisierung seiner eigenartigen 
Kunst bereits eine in sich abgeschlossene Kunst schil- 
dern, steht bei dem noch nicht vorgerückten Alter 
unseres Künstlers immerhin dahin. Ich wiederhole 
aber, dass es mir scheint, als ob Anzeichen vorhanden 
seien, welche darauf hindeuten, dass die Kunst Mucha's 
ihren Höhepunkt überschritten hat. Sollte sich an ihm 
das Wort bewahrheiten: < Die Flamme, die am hellsten 
lodert, erlischt am schnellsten?» 




»Malerei, von ALPHONS MUCHA. 



DIE GEGENWÄRTIGE LAGE DER DEKORATIVEN KÜNSTE 

IN FRANKREICH 



IN der diesjährigen General-Versammlung der Union 
centrale des arts decoratifs in Paris ist durch den 
Vorsitzenden ihres Aufsichtsrates, Georges Berger, 
namens desselben der in folgendem in seinem all- 
gemeinen Teile wiedergegebene Bericht erstattet worden. 
Dieser von einer hervorragenden Persönlichkeit an 
hervorragender Stelle erstattete, vielleicht in manchen 
Punkten nicht völlig objektiv gehaltene Bericht be- 
schäftigt sich, seinem Thema nach, vorzugsweise mit 
der derzeitigen Stellung des französischen Kunst- 
gewerbes, auf welche er ungemein bezeichnende 



und interessante Streiflichter wirft, enthält aber auch 
sehr viele, für deutsche Verhältnisse gleichwie für 
französische zutreffende Ausführungen und lässt es 
namentlich in voller Klarheit erkennen, mit welchem 
Mindestmass von Wohlwollen man an die Beurteilung 
der »von jenseits unserer Grenzen« kommenden Aus- 
stellungsgegenstände für die nächstjährige Pariser 
Weltausstellung herantreten wird. 

Der Bericht des Herrn Berger lautet: 
Vor allen anderen Völkern hat Frankreich jeder- 
zeit sich einerseits durch seine vortreffliche Rechnungs- 



DIE GEGENWÄRTIGE LAGE DER DEKORATIVEN KÜNSTE IN FRANKREICH 





»Tanz< und >Musik< von ALPHONS MUCHA. 



führung, andererseits durch das Blühen und die Über- 
legenheit seines künstlerischen Genius ausgezeichnet, 
mochte es sich um die im engeren Sinne sogenannten 
schönen Künste oder um die angewandten Künste, 
das Kunstgewerbe, handeln. Sicherlich ist niemand 
darauf gefasst gewesen, dass der Rechnungshof, dieser 
verehrte Wächter unserer guten finanziellen Sitten, sich 
eines Tages davon machen würde, aus staubigen Akten 
mehr als hundertjähriger Archive Barrikaden zu er- 
richten, um, wie ich überzeugt bin, gegen seine Ab- 
sicht, jedoch mit einer ungewöhnlichen administrativen 
Rauheit, den Fortschritt der dekorativen Kunst Frank- 
reichs zu unterbinden. Das Hindernis hat sich gerade 
in dem Augenblicke vor ihr aufgerichtet, wo die 
Union centrale des arts decoratifs, mit Hilfe eines 
kräftigen Vorgehens von privater Seite, dahin gelangt, 
die Gunst der öffentlichen Gewalten zu gewinnen, 
sich endlich in der Lage befand, diejenigen praktischen 
Mittel zur Aufrechterhaltung des Übergewichtes unseres 
Kunstgewerbes anzuwenden, durch welche es anderen 
Nationen gelungen ist, ihren Geschmack zu heben 
und sich ihren natürlichen Anlagen gemäss einzurichten. 



Wir sehen diese Nationen sich zu einem er- 
bitterten Wettbewerbe mit uns in der Herstellung von 
Kunstgegenständen und künstlerischen Kleinarbeiten 
erheben, worin wir lange Zeit hindurch die Allein- 
herrschaft besassen. Es ist weit entfernt davon, dass 
wir etwa in diesen Dingen übertroffen werden, und 
nach wie vor wird der französischen Marke der Vor- 
zug in denjenigen ausländischen Kreisen eingeräumt, 
denen das Gefühl für die Schönheiten der Form so- 
wie des schmückenden Beiwerkes angeboren ist. Diese 
Kreise sind die Heimat einer uns treu bleibenden 
Kundschaft, weil sie dasjenige herauszufinden wissen, 
was den anderen künstlerischen Erzeugnissen versagt 
ist. Werden letztere aber noch lange die Mängel 
beibehalten, welche den Rest unserer Stärke aus- 
machen? Diese Frage dürfen wir uns mit Besorgnis 
vorlegen. Die Lähmung allen guten Willens verdammt 
uns zu der Unmöglichkeit einer öffentlichen Beweis- 
führung für die reichhaltigen und unendlich entwicke- 
lungsfähigen Hilfsquellen der dekorativen Kunst, 
vorausgesetzt, dass dieselbe in der Weise ermutigt und 
gefördert werden würde, wie es bei uns der Fall sein 




Ecke aus dem Zimmer von K. Gross auf der Deutschen Kunstausstellung zu Dresden 1899. 



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DIE GEGENWÄRTIGE LAGE DER DEKORATIVEN KÜNSTE IN FRANKREICH 



9 



müsste und wie die mit uns in Wettbewerb stehenden 
Nationen gefordert haben und mehr denn je fordern, 
dass es bei ihnen geschieht. 

Das in seiner Gesamtheit einen Besitz der Union 
centrale bildende National -Museum der dekorativen 
Künste hat seine ihm zugewiesene Unterkunft unter 
dem Dache des Louvre, im 
Pavillon Marsan. Dem Ge- 
setze, welches ihm diese 
Stätte zuwies, ist im Jahre 
1897 seitens des Parlaments 
mit Begeisterung zugestimmt 
worden, allein die Räume 
sind durch die kaum geord- 
neten Massen von Wischen 
des Rechnungshofes in An- 
spruch genommen ! Der Neu- 
bau für denselben verzögert 
sich, nicht im geringsten 
etwa durch ein Verschulden 
des Architekten, sondern weil 
gewisse reine Verwaltungs- 
Formalitäten in Bezug auf 
die freie Verfügung über den 

gesamten erforderlichen 
Grundbesitz nicht zum Ab- 
schluss gelangen. 

Ihr Verwaltungsrat hat 
seine Beschwerden unabläs- 
sig zu Gehör gebracht und 
es auch durchgesetzt, dass 
die Frage dem Ministerrate 
unterbreitet worden ist. Die 
Regierung hat darauf erklärt, 
dass eine solche Lage nicht 
länger geduldetwerden könne 
und eine amtliche Note hat 
feierlich kund und zu wissen 
gethan, dass der Finanz- 
minister und der Minister des 
öffentlichen Unterrichts und 
der schönen Künste den Auf- 
trag erhalten haben, dem 
Präsidenten des Rechnungs- 
hofes die Räumung des Pa- 
villon Marsan einzuschärfen 
und ihm jede wünschens- 
werte Erleichterung zu ge- 
währen, um diese Räumung 
ohne Verzug zu bewerkstel- 
ligen. Man konnte darauf 
eines Tages die zuständigen 
Minister, den Präsidenten des 

Rechnungshofes, den Architekten und , den Vorsitzenden 
der Union centrale aus dem Finanzministerium, wo sie 
sich bei Tagesanbruch versammelt hatten, in Prozession 
sich nach dem Pavillon Marsan begeben sehen, wo sie 
dem scharfen Staube in den Archiven des Rech- 
nungshofes Trotz bietend, lange Beratschlagungen 
hielten. Das war vor drei Monaten. Nichts ist seit- 
dem geschehen, nichts gethan worden und der bisherige, 

Kunstgewerbeblatt. N. f. XI. H. 1. 



denkbar erschl äffen dste Zustand bleibt bestehen. — 
Während solchergestalt auf der einen Seite das Mu- 
seum der dekorativen Künste körperlich verhindert 
wird, seine grossen und lehrreichen Sammlungen auf- 
zustellen und seine Studien- und Vortragssäle zu 
eröffnen, verfallen andererseits unsere Pariser nationalen 




Entwurf zu einem Cigarettenplakat von ALPHONS MUCHA. 



kunstgewerblichen Schulen und gefährden die Gesund- 
heit ihrer Schüler in Bauten ohne die elementarsten 
hygienischen Vorsichtsmassregeln. Die Verwaltung 
der schönen Künste verzweifelt einem solchen Schau- 
spiele gegenüber, doch ist es darutn nicht minder 
wahr, dass dies das herzzerreissende Bild der Lage 
der dekorativen Künste in Frankreich darstellt. Es 
ist dem Staate nicht genug, aus sich selbst nichts 



10 



DIE GEGENWÄRTIGE LAGE DER DEKORATIVEN KÜNSTE IN FRANKREICH 



leisten zu können, er muss sich auch noch daran 
hindern lassen, von dem guten Bissen Nutzen zu 
ziehen, welchen die Union centrale ihm zubringt, 
indem sie sich ihm zu dem Zwecke zur Verfügung 
stellt, dasjenige in Frankreich zu vollbringen, was die 
fremden Regierungen seit langer Zeit und ohne Rück- 
sicht auf die Kosten für ihr heimisches Kunstge- 
werbe thun. 



eines Publikums anzukämpfen, welches nicht danach 
angethan ist, mit ihnen Fühlung zu nehmen, das viel- 
mehr bedeutsame Arbeiten unseres neuzeitigen Kunst- 
gewerbes hintansetzt, um in unverschämter Weise 
zum Händler mit gefälschten Nippsachen zu stürzen, 
wo es Summen ausgiebt, von denen so manche, der 
Bewunderung werte zeitgenössische Künstler leben 
könnten. 




Entwurf zu einem Medaillonbild von ALPHONS MUCHA. 



Unsere Handwerker und dekorativen Künstler 
gelangen nicht dahin, die ihrem Scharfsinne, ihren 
Fähigkeiten und ihrer vielseitigen und verfeinerten 
erfinderischen Begabung gebührende Anerkennung zu 
erwerben. Es bedarf ihrer ganzen Vaterlandsliebe, 
um sie an dem Gedanken festhalten zu lassen, dass 
die Kunst einen wesentlichen Bestandteil der nationalen 
Ehre darstellt, sowie um gegen die Gleichgültigkeit 



Inzwischen brechen nach und nach Waren über 
uns herein, welche uns von jenseits unserer Grenzen 
die Überspanntheiten einer Scheinkunst bringen, welche 
darauf begründet ist, dass sie ihre Hässlichkeit unter 
dem Scheine lügnerischer Eigenart verbirgt. Stoffe 
mit übertriebenen Mustern und schreienden Farben, 
gemalte oder lackierte Möbel von schmächtigen Formen, 
Frauentoiletten, bei denen der anmutlose und unschick- 



DIE GEGENWÄRTIGE LAGE DER DEKORATIVEN KÜNSTE IN FRANKREICH 



11 



liehe Schnitt des Schneiders an die Stelle der feinen 
französischen Mode tritt, welche die Spitzen und 
Stickereien so geschickt mit der Pracht ernster Stoffe 
zu verbinden wusste das ist es, was wir überall 
in den Geschäften bemerken, deren Inhaber auslän- 
dische Namen tragen. Es ist Zeit, uns wieder zu- 
sammen zu nehmen und in allem, was zur künst- 
lerischen Verschönerung selbst der bescheidensten 



Unser Mut ist indes nicht gesunken. Wenngleich 
wir gezwungen sein werden, mit Schmerzen darauf 
zu verzichten, die Pforten des Pavillon Marsan gleich- 
zeitig mit denen der Ausstellung von iqoo zu öffnen, 
so werden wir uns darauf einrichten, innerhalb der 
letzteren würdig zu erscheinen. Wir haben einen 
Baugrund in der Nachbarschaft desjenigen Teiles 
der Ausstellungspaläste an der Invaliden- Esplanade 




Entwurf zu einem Medaillonbild von ALPHONS MUCHA. 



Wohnung und zum persönlichen Schmucke dienen 
kann, unseres Stammes zu bleiben. Die Union cen- 
trale des arts decoratifs beklagt weniger die lange 
Probe, auf welche ihre Geduld und ihr guter Wille 
gestellt werden, der angewandten Kunst gute Dienste 
zu leisten, als das Schauspiel eines durch Oleichgültig- 
keit und Unvermögen auf selten der Regierung be- 
günstigten Verfalls, 



zugewiesen erhalten, in welchem die Aussteller der 
Gruppe XII (Dekoration und Mobiliar von öffentlichen 
Gebäuden und Wohnhäusern) und namentlich die der 
Klasse 66 (Unbewegliche Dekoration von öffentlichen 
Gebäuden und Wohnhäusern) vertreten sein werden. 
Auf diesem Grunde wird durch einen der hervor- 
ragendsten Pariser dekorativen Architekten ein Pavillon 
errichtet werden, in dessen Sälen die Union centrale 

8* 



12 



DIE GEGENWÄRTIGE LAGE, DER DEKORATIVEN KÜNSTE IN FRANKREICH 




Salome von ALPHONS MUCHA. Nach: L'Estampe Moderne. 

des arts decoratifs als Gesamt- Ausstellerin, jedoch 
unter Angabe des Namens der Verfertiger aller ein- 
zelnen Gegenstände, die teils aus ihren Sammlungen 
gewählten, teils aus den im Hinblick auf die Pariser 
Wellausstellung von ihr ausgeschriebenen und noch 
auszuschreibenden Wettbewerben hervorgehenden be- 
merkenswertesten Erzeugnisse der zeitgenössischen 
französischen dekorativen Kunst vereinigen wird. Die 
mit der Verteilung der für diese Wettbewerbe ausge- 
setzten Preise und der Empfehlung dey Ankaufes 
einzelner preisgekrönter Arbeiten seitens unserer Ge- 
sellschaft betrauten Richter haben eine so grosse 
Strenge bewiesen, dass ein beträchtlicher Teil der 
dafüi ausgesetzten Gesamtsumme unverbraucht ge- 
blieben ist, welcher dazu Verwendung finden soll, 
dass noch ein letzter Wettbewerb für den Anfang des 
Jalirts 1900 ausgeschrieben wird. Derselbe gilt 
1. für den unbeweglichen und beweglichen Schmuck 

von Wohnhäusern (Innen -Architektur, Mobiliar, 

Gerät u. s. w.), 



2. für den persönlichen Schmuck (Stoffe, Geschmeide 
u. s. w.) 
und steht ebensowohl Bewerbern um einzelne dieser 
Gegenstände, wie um grössere oder kleinere Zusammen- 
stellungen von solchen offen. Da für diesen Wett- 
bewerb ein Betrag von 22000 Francs verfügbar ist, 
lässt sich mit Sicherheit auf eine zahlreiche Beteiligung 
daran hoffen. C. 







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Entwurf zu dem Plakat: La Saniaritaine" von ALPHONS MUCHA. 




Kleine Mitteilungen 



Entwurf zu dem Plakat Ghismonda für Sarah Bernhardt. 
Von ALPHONS MUCHA. 



VEREINE 

MÜNCHEN. Der Bayerische Kunstgewerbeverein 
hat beschlossen, zur Feier seines 50 jährigen Be- 
stehens im Jahre igoi eine Deutsch -nationale 
Knnstgewerbeaiisstellung abzuhalten. Zur Beteiligung 
sollen auch Deutsch -Österreich und die Schweiz auf- 
gefordert werden. Über die Platzfrage, ob Glaspalast 
oder Kohleninsel, ist noch keine Entscheidung ge- 
troffen, -u- 

SCHULEN 

KARLSRUHE. Grossherzogliche Knnstgew erbe- 
schule. Dieselbe hielt am 28. Juli d. J. ihren 
üblichen Schlussakt, der mit einer Ansprache 
von Direktor Götz eingeleitet wurde und woran sich 
dann die Preisverteilung an Schüler für gut gelöste 
Konkurrenzaufgaben, die für die verschiedenen Fach- 
gebiete gestellt waren, anreihte. — Die Beteiligung 
an diesen Monatsaufgaben war in diesem Jahre eine 
besonders starke und erzielte sehr erfreuliche Ergeb- 
nisse. — Dem bei diesem Anlasse veröffentlichten 
Jahresberichte der Anstalt ist zu entnehmen: Die 
Schülerzahl betrug im abgelaufenen Jahre 206, von 
welchen sich 113 auf die 6 Fachschulen, 3g auf die 
Winterschule und 54 auf die Abendschule verteilen. 
Dem Berufe nach waren Dekorationsmaler 81, Bild- 
hauer 27, Zeichner 22, Schreiner 14, Lithograph 9, 
Zeichenlehrer 7, Architekt 5, Dessinateur 4, Modelleur 
4, Ciseleur 4, Techniker 4, Graveur 3, Glasmaler 3, 
Keramiker 3, Steinhauer 3, Tapezier 2, Marqueteur, 
Drechsler, Photograph, Vergolder, Buchbinder, Schrift- 
setzer je 1 , unbestimmten Berufes 4 Schüler. Der 
Staatsangehörigkeit nach gehören an: Baden 145 (dar- 
unter Karlsruhe mit 45, das übrige Grossherzogtum 
mit 100), Preussen 18, Bayern und Pfalz 11, Sachsen 
8, Württemberg 4, Bremen, Mecklenburg, Braunschweig, 
Hessen je 2, Elsass, Hamburg, Reuss je 1 Schüler; 
dem Ausland: Dänemark 3, Schweiz 2, Norwegen, 
Frankreich, Luxemburg, Nordamerika je 1 Schüler. — 
Der Erweiterungsbau der Anstalt, welcher räumlich 
umfangreicher wird als das jetzige Gebäude, hat im 
abgelaufenen Jahre wesentliche Fortschritte gemacht 
und steht zu erwarten, dass derselbe spätestens im 
Frühjahr 1901 bezogen werden kann. Für die künst- 
lerische Ausschmückung der Fassaden fertigt die An- 
stalt eine Anzahl figürlicher Fayence-Medaillons mit 
farbigen Reliefporträts alter Meister, ferner ein grösseres 
Fliesen- und ein Fresco-Gemälde an. Zur Weihe der 
neuen Räume ist eine grössere Ausstellung von 
Schülerarbeiten in Aussicht genommen. — Der Unter- 
richt des Holzschnitzens wurde durch die Errichtung 
einer Werkstätte für Holzbildhauer erweitert. — Zum 
Leiter der neu begründeten keramischen Fachklasse 
wurde Professor Karl Kornhas ernannt, ferner die 



14 



KLEINE MITTEILUNGEN 



Maler August Oroh und Hermann Göhler, sowie der 
Bildliauer Otto Feist zu Lehrern der Anstalt berufen. 
Maler Fridolin Fenker wurde als etatmässiger Lehrer 
angestellt. — Zwei Lehrer der Anstalt waren bei der 
künstlerischen Anordnung von gewerblichen Aus- 
stellungen des Landes thätig. — Die Beteiligung des 
heimischen Kunstgewerbes bei der Weltausstellung in 
Paris wird von 
dem Vorstande der 

Anstalt geleitet 
und ist die Kunst- 
gewerbeschule 
durch die Herstel- 
lung zahlreicher 
Entwürfe bei diesen 
Vorarbeiten mit- 
wirkend. Insbeson- 
dere wurden ihr 
seitens des Karls- 
ruher Stadtrates die 
künstlerische Aus- 
schmückung des 

neuen Rathaus- 
Trausaales übertra- 
gen. — Die Leis- 
tungen der Anstalt 
fanden vor kurzem 
in zwei Nummern 
der in Paris er- 
scheinendenKunst- 
zeitschrift: < Revue 
des Arts decoratifs » 
und imjuliheft der 
illustrierten Zeit- 
schrift «Kunst und 
Dekoration > aner- 
kennende Würdi- 
gung. Bei der 
im vorigen Jahre 
abgehaltenen Zei- 
chenlehrerprüfung 
haben sämtliche 
sechs Kandidaten 
bestanden. Drei 

frühere Schüler 
wurden als Lehrer 

an ausländische 
Kunstinstitute und 




Entwurf zu einem Plakat für Sarah Bernhardt. Von ALPHONS MUCHA 



ein weiterer als 

Lehrer an die Grossherzogliche Kunstgewerbeschule 

Pforzheim berufen. — 



MUSEEN 

GRAZ. Dem Bericht des Steiermärkischen kultur- 
historisciten und Kunstgewerbe- Museums über 
das Jahr i8g8 entnehmen wir Folgendes: Die 
Erwerbungen waren für sämtliche Abteilungen sehr 
namhaft und betrugen 398 Nummern. Unter den 
Ankäufen sind hervorzuheben neun Glasgemälde aus 



der zweiten Hälfte des 1 4. Jahrh. DieTafeln sind je 1 ,02 m 
hoch und 0,36 m breit, sie enthalten zumeist Darstel- 
lungen aus dem Leben der Maria und ihres göttlichen 
Sohnes. Von tiefer, sehr wirkungsvoller Farbengebung, 
zeigt der figürliche Teil grosse selbständige Auffas- 
sung; die Architektur enthält reich gegliederte Rund- 
und Spitzbogen mit Fialen, Giebel und Baldachine 

und erhebt sich von 

einem dunklen 
Grunde, der teils 
mit roten und zum 
Teil mit blauen 

Blattornamenten 
reich belebt ist. 
Diese Glasmale- 
reien zählen zu den 
besten Arbeiten 
ihrer Zeit und sind 
daher sehr wohl 
geeignet , der er- 
zieherischen Auf- 
gabe des Museums 
in hervorragender 
Weise zu dienen, 
zumal nun auch 

dieser schöne 
Zweig der kirch- 
lichen Kunst sich 
in Graz zu beleben 
beginnt und von 
einigen strebsamen 

Meistern geübt 
wird. Aber auch 
für die Kunstge- 
schichte des Landes 
ist diese Erwerbung 
von hohem Werte, 
da die Fenster dem 

schönsten goti- 
schen Kirchlein der 
Steiermark, Maria 
Strassengel , ange- 
hören. Zu be- 
dauern ist nur, dass 

diese schönen 
Werke nicht direkt 
in den Besitz des 
Museums gelangt 
sind — sie wurden 
an einen fremden Händler verkauft und nur ein glück- 
licher Zufall und rasches Eingreifen des Direktors 
ermöglichte es, dieselben dem Lande zu erhalten. An 
wechselnden Ausstellungen wurde veranstaltet eine 
grössere Sonderausstellung von Stickereien und Webe- 
reien, darunter Webereien aus Scherrebeck und Chris- 
tiania, und eine Plakatausstellung. Auch die im Museums- 
gebäude errichtete ständige Ausstellungs- und Verkaufs- 
halle des Steierischen Kunstgewerbe- Verein wurde im Be- 
richtsjahre gut beschickt und besucht. Reges Interesse 
wurde auch den vom Direktor des Museums veranstalteten 
Führungsvorträgen im Museum entgegengebracht, -u- 



KLEINE MITTEILUNGEN 



15 



KARLSRUHE. Kunstgewerbemuseum. Dasselbe 
liat im Laufe des Jahres verschiedene Aus- 
stellungen veranstaltet und zwar: Die Wander- 
ausstellung des Centralvereins für das gesamte deutsche 
Buchgewerbe in Leipzig, bestehend in 350 Original- 
holzschnitten; eine Ausstellung älterer Bucheinbände 
des 16., 17. und 18. Jahrhunderts; die Ausstellung 
des künstlerischen Nachlasses vom Professor Ernst 
Häberle (f); die Ausstellung schwedischer Webereien 
des kulturgeschichtlichen Vereins in Lund; die Aus- 
stellung von 700 Radierungen, Stahl- und Kupfer- 
stichen aus dem Besitze von Direktor Götz und die 
Ausstellung von 800 Aquarellen, Handzeichnungen, 
Reisestudien und Originalentwürfen zu Künstlerpost- 
karten badischer Künstler, nebst Radierungen von 
Professor L. Kühn. Diese Veranstaltungen wurden 
zum Teil sehr stark besucht, insbesondere auch von 
auswärtigen Interessenten. Auch die Vorbilder des 
Museums fanden in diesem Jahre für die Zwecke der 
Praxis zahlreiche Benutzung. Die Sammlung des 
Museums hat einen Zuwachs von 444 Nummern zu 
verzeichnen, darunter eine grosse Zahl wertvoller 
koptisch -ägyptischer Textile. Am stärksten sind die 
Gruppen von Porzellan, Fayencen, Glas, Schmuck, 
Silber, Bronzen, Eisen, Möbel und Bucheinbänden 
vermehrt worden. Unter diesen Zugängen befinden 
sich namhafte Stiftungen aus Privatkreisen, sowie der 
Jahresbeitrag mit 1000 Mark seitens des Badischen 
Kunstgewerbevereins. 

TROPPAU. Nach dem Jahresbericht des Kaiser 
Franz Josef-Museums für Kunst und Gewerbe 
für das Jahr i8g8 wurde in einer ausserordent- 
lichen Sitzung des Kuratoriums des Museums aus An- 
lass der sojährigen Regierung des österreichischen 
Kaisers, das Kaiser Franz Josef-Museum in eine Kaiser 
Franz Josef-Jubiläumsstiftung umgewandelt, da der Be- 
stand des Museums durch eine grosse Anzahl von 
Subventionen für alle Zeiten gesichert ist. Aus einer 
grösseren Reihe von Ausstellungen im Berichtsjahre 
sind zu erwähnen: eine Ausstellung der bei dem Jubi- 
läums -Wettbewerb der »Wiener Mode< prämiierten 
Handarbeiten, verbunden mit einer Ausstellung von 
Teppichen des norwegischen Hausfleissvereins in Chris- 
tiania und der Webereien der Webschule in Scherre- 
beck; eine Ausstellung von Bildern und Kunstblättern 
von Hans Thoma, Max Klinger, Greiner, Stauffer-Bern, 
Sattler u. a. Besonders die Kaiser-Jubiläums- Kunst- 
ausstellung war ausserordentlich reichhaltig beschickt 
durch eine grosse Anzahl älterer und moderner Bilder, 
besonders des Vereins bildender Künstler Österreichs, 
der Wiener >Sezession<, der Wiener Künstlergenossen- 
schaft und der Worpsweder Malerkolonie, sowie durch 
eine Sammlung mustergültiger, moderner englischer 
und amerikanischer Möbel und schöner Tiffanygläser. 
Im Berichtsjahre wurde zum ersten Male eine Weih- 
nachtsausstellung veranstaltet, bei der nur die Erzeug- 
nisse Troppauer Gewerbetreibender und Firmen be- 
rücksichtigt wurden. Die Beteiligung war eine noch 
ziemlich kleine. Unter den Ankäufen sind zu er- 
wähnen eine Reihe keramischer Erzeugnisse schlesischer 



Werkstätten, darunter ausserordentlich dekorative Schüs- 
seln und Krüge, welche die Delfter Blaumalerei des 
17. und 18. Jahrhunderts imitieren, und besonders ein 
grosser Tauftopf aus der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts. 
Es ist die Absicht, diese Sammlung weiter auszuge- 
stalten durch Ausstattung von Zimmern, die ein 
genaues Bild des altschlesischen Bauernhaus-Interieurs 
geben sollen. -u- 

AUSSTELLUNGEN 

PARIS. Die Anfertigung der Medaillen für die 
Weltausstellung igoo ist den Künstlern Chaplain 
und Roty übertragen worden. Chaplain soll 
die Medaillen, welche als Anerkennung und Belohnung 
verliehen werden, gravieren, während Roty die Er- 
innerungs-Medaille schlagen wird. -u- 

PARIS. Das goldene Buch der Buchdnickerkunst 
wird auf der Weltausstellung zu sehen sein. 
Es wird alle Erfindungen und Neuerungen auf 
dem Gebiete der Buchdruckerkunst in Wort und Bild 
enthalten. Die Titelvignetten und die Abbildungen 
überhaupt sind von den ersten französischen Malern 
und Graveuren entworfen. Das Papier ist von be- 
sonders feiner und seltener Qualität. Der Einband 
besteht aus Kupfer in getriebener Arbeit mit silbernen 
Charnieren. Gedruckt wird dieses Kunstwerk von 
der französischen National-Druckerei. -u- 

PARIS 1900. Nach einer vor kurzem festgestellten 
Liste wird die französische National-Manufaktur 
der Gobelins, einem Berichte in Art et Deco- 
ration zufolge, auf der nächstjährigen Pariser Welt- 
ausstellung mit nicht weniger als 40 Arbeiten vertreten 
sein, von denen eine Anzahl unter Angabe der Dar- 
stellungsgegenstände und der Namen der Urheber der 
Kartons einzeln aufgeführt werden. Der grösste dieser 
Wandteppiche in den Massen von 7 m 18 cm zu 
5 m 21 cm ist die Wiederholung einer älteren Arbeit 
nach Charles le Brun und bringt eine Audienz des 
päpstlichen Kardinal-Legaten Chegi bei Ludwig XIV. 
in Fontainebleau zur Anschauung; der nächstgrösste 
von 7 m 5 cm zu 4 m 66 cm stellt, nach Franz Ehr- 
mann, den Charakter der Künste, Wissenschaften und 
der Litteratur im Mittelalter dar. 

Das genannte Blatt tadelt es, dass so viele ältere 
Arbeiten, darunter allein fünf nach Frangois Boucher, 
wiederholt werden, da eine genügende Zahl zeit- 
genössischer Künstler vorhanden sei, deren Begabung 
sie für die Herstellung von Kartons für Gobelins bestens 
befähigen würde. -ss- 

WETTBEWERBE 

AACHEN. Zu dem Wettbewerb um Entwürfe für 
moderne Gasofenmäntel der Firma J. G. Hauben 
Sohn Carl wurden über hundert Entwürfe ein- 
gesandt. Der erste Preis 400 M. wurde nicht verteilt, 
sondern in zwei weitere zweite Preise zerlegt. Diese 



i6 



KLEINE MITTEILUNGEN 



erhielten: die Architekten Alois Ludwig in Wien, 
E. Kleinhempel in Dresden und Freiherr v. Tettau 
in Charlottenburg. Zwei dritte Preise, je loo M., 
erhielten Direktor J. Malina in Turnau und Ad. Beuhne 
in Hamburg. Fünf weitere Arbeiten wurden zum 
Ankauf empfohlen. -u- 

DRESDEN. Preisausschreiben um Entwürfe für 
den Neubau der Kgl. Kunstgewerbeschule. Da 
das Gebäude, in dem sich zur Zeit die hiesige 
Kunstgewerbeschule nebst dem Kunstgewerbemuseum 
befindet, schon lange den Ansprüchen der Gegenwart 
nicht mehr genügt, so beabsichtigt die Regierung, 
unter der selbstverständlichen Voraussetzung, dass die 
Stände ihre Genehmigung geben, den Bau eines neuen 
Gebäudes und hat zur Erlangung von Entwürfen be- 
reits ein Preisausschreiben an die deutschen Architekten 
erlassen. Für den ersten Preis sind 2500 Mark, für 
den zweiten Preis 2000 Mark und für den dritten 
1500 Mark ausgeworfen. Preisrichter werden sein: 
Geh. Hofrat Prof. Dr. Wallot, Geh. Hofrat Prof. Graff 



(Direktor der Kunstgewerbeschule), Geh. Baurat Wal- 
dow, Landbaumeister Reichelt und der Leipziger Stadt- 
baurat Prof. Licht. -ü- 



KÖLN. In dem Wettbewerb um Entwürfe zu einem 
Kaiserin Augusta- Denkmal fielen die beiden 
ersten Preise den gleichen Bewerbern zu: den 
Bildhauern Stockmann und Dorrenberg im Verein mit 
dem Bildhauer Kirsch. Den dritten Preis erhielt 
Professor E. Herter in Berlin. -u- 

WIEN. In dem Wettbewerb um Entwürfe für 
eine Kopfleiste für die Wiener Bauindustrie- 
Zeitung erhielt den 1. Preis (100 Kr.) Archi- 
tekt Professor Franz Schwertner in Wien, den 2. Preis 
(50 Kr.) Hans Milde in Wien. Zum Ankauf empfohlen 
wurden die Arbeiten des akademischen Bildhauers und 
Illustrators J. Pfeiffer und Adolf R. Müller in Wien 
(für je 30 Kr.). Eingegangen waren 10 Entwürfe. 

-u- 




Ecksite (Mahagoni); entworfen von R. RIEMERSCHMID, ausgeführt in den Vereinigten Werltstätten für Kunst im Handwerl< in München. 

(Gesetzlich geschützt.) 



Herausgeber und für die Redaktion verantwortlich: Professor Karl Hoffacker, Architekt in Charlottenburg- Berlin. 

Druck von Ernst Hedricli Nachf. in Leipzig. 




Fliesenbild von Professor MAX LÄUGER, Karlsruhe. 



DIE ZIMMERAUSSTATTUNO AUF DEN 
AUSSTELLUNGEN IN BERLIN, MÜNCHEN UND DRESDEN 

IM SOMMER 1899 



DIE Wiederkehr der sommerlichen Ausstelhingen, 
die eine Übersicht in grösserem Umfange 
über den augenbiicl<lichen Stand des deutschen 
Kunstgewerbes ermöglichte, giebt Veranlassung eine 
Reihe von Fragen aufzuwerfen, deren Beantwortung 
nicht unwichtig ist. Die erste Frage lautet: Thun 
die Ausstellungen das Ihrige, um eine gesunde Ent- 
wicklung zu fördern? Zweitens: Ist ein einheitlicher 
Fortschritt in bestimmter Richtung zu erkennen? 
Endlich: Wohin könnte eine neue Stilbildung sich 
wenden? Diese Fragen sollen im Folgenden an der 
Hand der Zimmerausstattungen und Gebrauchsgegen- 
stände, wie die Ausstellungen sie zeigten, geprüft 
werden mit Beiseitestellung aller dem Schmuck dienen- 
den Einzelwerke der Kleinkunst. 

Wir haben fast bis zum Überdruss die Leitsätze 
wiederholen hören, die beim Beginn dieser Bewegung 
in Deutschland dem Auslande nachgesprochen wurden. 
Aber haben wir sie befolgt? Da hiess es zuerst, der 
Künstler solle sich nicht zu vornehm dünken, Hand- 
werker zu sein. Er solle mit seiner Phantasie die 
nüchterne Erfahrenheit im Technischen befruchten. 
Und die Künstler gingen ans Werk. Sie hatten geist- 



reiche Einfälle für Einzelheiten die Fülle, aber nun 
drängte die Einzelheit sich vor und lebte als Schmarotzer 
von der Kraft, die das Gebilde als organische Einheit 
sollte wachsen lassen. Statt dass der Künstler selbst 
Handwerker wurde, verdrängte er ihn. Und es war 
nicht einmal überall der Künstler, der diese Stelle 
einnahm. Hin und wieder war es der Dilettant. 
So gut wie in der Malerei kann der Dilettantismus 
auch in jeder angewandten Kunst förderlich wirken, 
indem er Geschmack und Interesse für Dinge weckt, 
die so lange geduldig und ohne viel Nachdenken 
aus der Hand des Handwerkers angenommen wurden. 
Es ist auch sehr begreiflich, dass ein Künstler, selbst 
wenn er nicht grade neue Vorschläge für die Tisch- 
lerei zu machen hat, sich das Möbel für seinen Gebrauch 
nach eigenem Geschmack zeichnen will, wenn er die 
Masse und die Zahl der Fächer an einem Schrank an- 
giebt, die grade seinen Gewohnheiten und Ansprüchen 
entgegenkommen. Aber wenn er solch einfaches Gerät 
im Kastenstil entworfen hat mit einfach rechteckigen 
Flächen und mit Bretterstärken, welche lieber zu plump 
gewählt wurden, damit sie nur nicht zu schwach 
gerieten — denn die Erfahrung im Technischen fehlt — 

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20 



DIE ZIMMERAUSSTATTUNG. AUF DEN AUSSTELLUNGEN IM SOMMER 1899 





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Ie ssiurfrs0mfi*n: 



Porzellanvasen, weiss mit blauer Ornamentik, i bis 5 entworfen von H. SCHLICHT, 6 und 7 entworfen von E. KLEINHEMPEL, Dresden, 
ausgeführt von der sächsischen Porzellanfabrik in Potschappel bei Dresden. 



dann braucht solch Stück nicht unbedingt ausgestellt 
zu werden. Nachdem wir die englischen Vorbilder 
lange genug gesehen haben, ist solche Leistung eben 
keine Heldenthat mehr. Solche Schränke sah man 
aber sowohl in Berlin wie in Dresden und München. 
Auch ist das Selbstvertrauen, welches sich getraut 
eine Wand zu dekorieren, weil ihm bisher Setzschirme 
in japanisierendem Geschmack recht wohl gelangen. 



für sich allein noch nicht des Lobes gewiss. An die 
grosse Fläche stellt man andere Ansprüche. In Berlin, 
wo der Dilettantismus ganz besonders eine Stätte 
gefunden hatte, konnte man ein Zimmer sehen, dessen 
stoffbespannte Wände in Stickerei, verbunden mit 
Malerei, dekoriert waren. Die gelben und weissen 
Blüten auf Blaugrau waren wirkungsvoll genug und 
die Raumfüllung im ganzen glücklich ausgeführt. 




Oaskamin von Prof. MAX LÄUOER, Karlsruhe; Oasapparat von FR. SIEMENS, Dresden. (Oesetzl. geschützt.) 




Zwischenwand im Zimmer von K. Gross auf der Deutschen Kunstausstellnug zu Dresden 189g. 



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DIE ZIMMERAUSSTATTUNG AUF DEN AUSSTELLUNGEN IM SOMMER 1899 



23 



Aber nun die Blütenstiele. Ihnen wäre zwischen den 
weitläufig gestellten Blumen die wichtige Aufgabe 
zugefallen, als stimmunggebende Linien zu wirken. 
Sie mussten konsequent und gefällig geführt sein und 
hätten dann verraten, inwiefern die Fähigkeit zu wirk- 
lichem Stilisieren der Naturform vorhanden war. Das 
will denn doch etwas anderes heissen, als das blosse 
Auslassen der charakteristischen Einzelheiten, womit 
es manchmal verwechselt wird. Hier jedenfalls war 
dieser Teil der Zeichnung recht oberflächlich zufalls- 
niässig ausgeführt. Solche Dinge können natürlich 
nicht vorbildlich wirken. 

Dann wird gesagt, der Künstler solle für den 
praktischen Gebrauch statt für den Luxus arbeiten. 
Trotzdem sind in den Ausstellungen die Prunkgeräte, 
die Schmucksachen und Vasen noch immer unbe- 
dingter befriedigend als die Möbel und Hausgeräte. 
Immerhin ist es mit Genug- 
thuungfestzustellen, dass heute 
mit Vorliebe für den Gebrauch 
gearbeitet wird. Die Geräte 
sollen dann gern so schlicht 
und schmucklos auftreten, dass 
man gewiss keine andere Ab- 
sicht argwöhnen könne, als 
die der praktischen Verwen- 
dung zu dienen. Das gilt auch 
von den Tassen und Bechern 
aus Steingut. Ob man sie 
gerne benutzen wird? Warum 
denn nicht, sie sind kostbar 
und das versöhnt vielleicht 
manche verwöhnte Dame mit 
der derben Form und mit der 
Rauheit des Materials. Sie 
gönnt den grauen und so os- 
tentativ anspruchslosen Tassen 
wohl einen Platz auf ihrem 
Frühstückstisch und verbannt 
dafür Silber und Porzellan. 
Aber so lange die Tasse leer 
dasteht, kann man doch ein 
gewisses Unbehagen nicht los 
werden, wenn man die dick 
auf dem Boden zusammen- 
gelaufene Glasur bemerkt, 
welche die Vorstellung er- 
weckt, als sei sie noch nicht 
erhärtet und eben erst an dem 
Rande des Gefässes herab- 
gesickert. Dies Überfliessen 
der Glasur, diese durch den 
technischen Vorgang entste- 
hende Zufälligkeit der Deko- 
ration, ist eine Eigenheit, auf 
welche die moderne Keramik 
sich etwas zu gute thut. Auf 
Schmuck- und Schaustücken 
bewundert man sie willig, aber 
hier sollen praktische Geräte 
geschaffen werden und ohne 



Rücksicht darauf, ob die Eigentümlichkeit des Materials 
sich dafür eignet, musste es sich dem Eigenwillen des 
Künstlers fügen. 

Ein weiteres Beispiel: Man hat die Vorliebe für 
die kleinen Linien, die unpraktischen Winzigkeiten 
des Rokoko satt bekommen. Grosse, ehrliche Formen, 
die ihren Zweck offen eingestehen, sind die Losung. 
Die kleinen Schreibzeuge auf Damentischen z. B., 
deren zieHiches Gestell wenig Sicherheit gegen das 
Umstossen bot, betrachtet man heute nur vollj,'mit- 
leidiger Geringschätzung. Stellen wir eine grosse 
Schale hin mit fester Basis, verzichten wir selbst auf 
die plastischen Figuren, die eine Zeit lang an den 
Geräten der Du Bois und Carabin unvermeidlich 
waren, wenn sie auch mit dem Tintenbehäiter eigent- 
lich nichts zu schaffen hatten. Aber nun kommen 
doch]]einige einfache Ornamente, die mit ihren grossen 




Oaskamin von Prof. MAX LÄUQER, Karlsruhe ; Qasapparat von FR. SIEMENS, Dresden. 

(Gesetzl. geschützt.) 



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Speisezimmer eines Landhauses, entworfen und eingerichtet von Architekt M. DULFER-Mujichen. 




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Kunstgewerbeblatt. N. F. XI. H. 2. 




Speisezimmer eines Landhauses, entworfen und eingerichtet von Architekt M. DÜLFER- München. 



DIE ZIMMERAUSSTATTUNG AUF DEN AUSSTELLUNGEN IM SOMMER 1899 



27 



Schwingungen we- 
nig Raum für eine 
Kleinigkeit übrig 
lassen, die doch an 
einem Tintenfass 
Beachtungverdien- 
te: Der Glasbehäl- 
ter ist nämlich auch 
hier nicht grösser 
als an jenen für 
abgethan erklärten 
Miniaturschreib- 
zeugen , in denen 
die Tinte alle paar 
Tage eingetrocknet 
stand. Diese zu- 
fällig herausgegrif- 
fenen Beispiele wa- 
ren französischen 
Ursprungs, aber 
dergleichen soll 
auch bei uns vor- 
kommen. So will 
man z. B. am Mö- 
bel jedem Wun- 
sche nach Bequem- 
lichkeit entgegen- 
kommen. Ein Tisch 
vor dem Sofa ver- 
stellte oft störend 
den Weg. Und 
doch will man 
dies oder das gerne 
schnell aus der 
Hand legen. Dar- 
um ist aber noch 
nicht jede Konsole 
oder Etagere prak- 
tisch, die sich neben, über oder — was auch vor- 
gekommen ist - unter dem Polstersitz einschiebt. 
Dies Zusammenschachtelsystem wird in dem Bestreben, 
nur ja alles recht bequem einzurichten, oft zum direkten 
Gegenteil. Manches in der Art war in den Ausstel- 
lungen zu sehen. Den Triumph der grössten Findig- 
keit im Umbauen eines Sitzmöbels mit solchen Auf- 
bewahrungsgelegenheiten feierte aber ein Sofa von Jo- 
seph Hoff mann in Wien, welches der > Artist« kürzlich 
abbildete, ohne es auffällig zu finden, dass ein Baldachin 
über dem Sofa mit seinen verschiedenen Stützen 
die Bank nach vorne so absperrte, dass nicht mehr 
als eine Person darauf Platz fand. Dafür durfte sie 
ihren Kopf nach rückwärts gegen einen Spiegel lehnen! 
Seitwärts davon war der Raum zu Bücherregalen 
benutzt, welche über den ganzen Sitz reichten. Sollte 
es nun jemand einfallen, trotz aller entgegenstehenden 
Hindernisse in den verbauten Kasten hineinzusteigen, 
um sich auf dem Ruhebett auszustrecken, so mag 
man sich wohl hüten, dass man den Kopf nicht oben 
an dem Regal stösst! Endlich fand sich noch ganz 
oben ein Platz, welcher nach der Abbildung für die 
Theemaschine bestimmt war! ! Nach demselben Prinzip 




Henkelvase auf Ständer, in Kupfer entworfen 
und getrieben von F. X. ABT, Mindeltieim. 



sah man in München ein Büffet, welches zwar eine 
Menge offener Fächer aufwies, dieselben aber durch 
eine Art Lattenzaunsystem, das heute vielfach beliebt 
ist, so verbaute, dass man wohl thun wird, nichts 
hineinzustellen, was man in jedem Augenblick ver- 
wenden will. 

Das aber nennt sich für den Gebrauch arbeiten! 

Wir hörten auch viel von der Notwendigkeit, das 
konstruktive Prinzip recht zu betonen. Statt dessen 
macht sich häufig eine Willkürlichkeit in der Linien- 
führung bemerkbar, welche die Möbel beinahe wie 
freigewachsene Gebilde erscheinen lässt und nicht als 
das planvolle Anpassen an den Zweck. Und hier ist 
es notwendig einen Namen zu nennen, um die 
betreffende Richtung deutlich zu charakterisieren. Bern- 
hard Pankok hatte sowohl in München wie in Dresden 
eine Zimmereinrichtung ausgestellt. Hier war es ein 
Schlafzimmer, dort ein Vor- oder Warteraum. In 
beiden sprach sich dies launenhafte Schalten deutlich 
aus. Die Füsse und Stützen, die Rücken- und Seiten- 
lehnen schwingen und biegen bald nach dieser, bald 
nach jener Richtung, es wird ein phantastischer Ein- 
druck angestrebt und dem Ungewöhnlichen das Ver- 
nünftige geopfert. So entsteht z. B. ein Schrank mit 
einer sehr schmalen Standfläche, der sich nach oben 
zu ganz beträchtlich verbreitert, und bei dem man die 




Lehnstuhl von BERNHARD PANKOK-München (Vereinigte Werkstätten). 
(Oesetzl. geschützt.) 



28 



DIE ZIMMERAUSSTATTUNG AUF DEN AUSSTELLUNGEN IM SOMMER iSqq 



ungemütliche Vorstellung hat, dass er nicht feststehe. 
Man überzeugt sich wohl durch den Augenschein, 
dass er nicht fällt, aber unsere Augen lassen sich auch 
durch diese Beobachtung nicht widerlegen, ihnen ist 
ein Anpassen an den logisch notwendigen Aufbau 
ein unübertretbares Gesetz, das durch keine selbst- 
gefällig ausgeführten Manöver umgangen werden darf. 
Dieselbe Willkür waltet auch in Bezug auf die Masse 
und Holzstärken. Alles in allem liebte Pankok von 
jeher das Behäbige, das bei ihm leicht in das Plumpe 
umschlug. Aber auch darin erkennt er keine Kon- 
sequenz an. Er wählt Hölzer von übertriebener Stärke 
und bildet sie zu knolligen Formen aus, und dicht 
daneben stellt er wieder ganz dünne Stäbe, die in 
solcher Nachbarschaft doppelt zerbrechlich erscheinen. 
Ein kleines Ziertischchen ruht auf ungeschlachtem 
Gestell und ein grösserer Eckttsch im selben Raum, 
der doch bestimmt ist, schwerere Lasten zu tragen, 
auf einem unregelmässig gestellten Gittersystem leichter 
Stützen. Nicht der feste Plan, der augenblickliche 
Einfall scheint zu regieren. Dasselbe gilt auch sonst 
von den mehrfach wiederkehrenden Möbelteilen, welche 
demselben Zwecke dienen. Da finden sich an den 
Armlehnen der Stühle Formen, ungefähr wie Hände, 
welche die nach oben verlängerten Stuhlbeine um- 
fassen. An der dazu gehörigen Bank ist an derselben 
Stelle ein ganz anderes, wulstig faltiges Gebilde an- 
gebracht, welches ohne sichtbare Trennung aus der 
wagerechten zur senkrechten Richtung überleitet Auch 
die Bekrönungen und die unteren Endungen der 
Möbel zeigen keine Übereinstimmung. Jeder Fuss 
ist für sich entworfen, das Bett ruht z. B. auf Delphin- 
köpfen, der Waschtisch hat an der Vorderseite ge- 
schwungene nach unten spitz zulaufende Füsse, und 
selbst die beiden Schränke haben ganz verschiedene 
Untersätze. 

Was die Farbenzusammenstellung betrifft, so ist 
die Harmonie von schwarz poliertem Birnbaumholz 
mit der hellen ungarischen Esche an den vorderen 
und Mahagoni an den seitlichen Flächen der Möbel 
mit lachsfarbigem Atlas eine sehr glückliche. Über- 
haupt sind Einzelheiten in diesem Zimmer durchaus 
erfreulich. Die Form der Bettstelle ist zwar schwer, 
aber verhältnismässig einfach und imponierend, und 
es ist verdienstlich, an so viel betretener Stelle ein 
Beispiel einer Fensterumfassung in Holz zu geben, 
welche eine Gardine nicht nur entbehrlich, sondern 
sogar unmöglich macht. Will doch die moderne 
Hygiene aus dem Schlafzimmer alle irgend entbehr- 
lichen Stoffe verbannen. Gegen den Einblick in den 
Raum von aussen schützt undurchsichtiges Glas und 
für den in hellen Sommernächten notwendigen Aus- 
schluss des Lichtes mögen aussen angebrachte Jalousien 
sorgen. Schliesslich dürfte man aber erwarten, dass 
in einem Raum, den der Künstler sich in den Ab- 
messungen nach freiem Gutdünken herrichten lassen 
durfte, der so wichtigen Stellung des Bettes grössere 
Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Dieses sollte nie- 
mals so gerichtet sein, dass der Erwachende direkt 
in das morgens auch durch die herabgelassene Jalousie 
dringende Licht sehen muss, was für die Augen und 



Kopfnerven gleich schädlich ist. Es ist schon genug, 
dass in fast jedem Hotelzimmer gegen diese Regel 
Verstössen wird, wo man die höhere Kopfwand des 
Bettes am häufigsten in die dem Licht gegenüber 
liegende Zimmerecke rückt. Es bietet entschieden 
eine Schwierigkeit, diese Aufgabe befriedigend zu 
lösen, aber dies ist auch eine von den praktischen 
Forderungen, welche massgebend auf die Anordnung 
des Wohnraumes einwirken sollten. Wenn Zimmer- 
einrichtungen in so anspruchsvoller Weise vorgeführt 
werden, so sollten sie auch in jeder Weise vorbild- 
lich sein. 

Übrigens ist es keineswegs Pankok allein, der 
jene Willkür in der Formgebung beliebt, von der 
vorhin die Rede war. Auch andere, die mit weniger 
Phantasie — was vielleicht nicht unbedingt ein Schaden 
ist - aber mit ebensoviel freudigem Willen mehr 
solide Gebrauchsmöbel schaffen, verfallen hie und da 
demselben Fehler. Man kann nicht erwarten, dass 
eine Einrichtung Stil habe, wenn die sonst ganz 




Schrank, in Eiche braun gebeizt niil Eisenbeschlägen. Entworfen von] 
K. GROSS, ausgeführt von UDLUFT und HARTJMANN, Dresden, 



DIE ZIMMERAUSSTATTUNG AUF DEN AUSSTELLUNGEN IM SOMMER 1899 



29 




Hocker (Birnbaumholz), entworfen von H. SCHLICHT, Dresden, 
ausgeführt von den Dresdner Werkstätten für Handwerkskunst, 

bürgerlich solid gestalteten Möbel im selben Zimmer 
bald steife und dann wieder nach auswärts und end- 
lich an dritter Stelle einwärts geschwungene Beine 
haben. In demselben Zimmer - es war von Bruno 
Paul fand sich an dem Büffet noch eine Son- 

derbarkeit. Der untere Kasten des Mahagonimöbels 
wuchs aus einer Art Verbrämung von grauem Eichen- 
holz hervor. Um nun oben eine Übereinstimmung 
damit zu erzielen, waren die Säulen, die den Aufsatz 
trugen, in unregelmässig abgerundete, vorn breiter als 
hinten gestaltete Untersätze hineingestellt, in denen sie 
steckten, wie in Filzschuhen, als sollte dadurch die 
Politur der Standfläche geschont werden. Solch 
Zusammenstellen der regelmässigen und willkürlich 
wie zufallsmässig gebildeter Formen macht natürlich 
einen unruhigen Eindruck. 

Auch von der Bevorzugung glatter Flächen am 
Möbel hatten wir uns Vorteile versprochen. Die 
Oesamtwirkung sollte einfacher werden und die hier 
ersparten Kosten einerseits einer gediegeneren Arbeit zu 
gute kommen, und andererseits die weitere Verbreitung 
geschmackvoller Möbel erleichtern. Aber nun scheint 
man auch der glatten Fläche schon wieder überdrüssig 
zu sein. Sollten etwa die Schwierigkeiten abgeschreckt 
haben? In der That verlangt es ein sicheres Form- 
gefühl und mehr Erfindungsvermögen, um mit der 
einfach ungeschmückten Fläche gefällig zu wirken, 
als wenn durch irgend eine Verzierung die Aufmerk- 
samkeit von der Hauptsache abgelenkt wird. So sah 
man sich nach Bundesgenossen um: zuerst kam das 
Xylektypon, mit seiner Musterung ohne Muster, der 
durch Sandstrahlgebläse aus der weichen Holzmasse 
herausgeschälten Maser, und wurde reichlich für Fül- 
lungen verwendet. Auch das war noch nicht genug. 



Das neue Material wurde durch Schablonenauflage 
stellenweise gegen die Einwirkung des Sandstrahls ge- 
schützt und so entstanden glatte Ornamente auf rauhem 
Grunde, welche die vorhin noch ziemlich bescheidene 
Flächenverzierung etwas unruhig machten. Auch die 
schönfarbigen und gemaserten Holzarten genügen jede 
für sich allein nicht mehr, es müssen mehrere zu- 
sammengestellt werden. Endlich stellen die Metall- 
beschläge sich ein, kleine Kunstwerke an sich, in 
reicher Abwechslung über den ganzen Schrank ver- 
teilt, womöglich an jedem Schub eine andere Form. 
Ist die Schlüssellochumfassung in Messing ausgeführt, 
so erhält die andere Seite der Thür einen Zinnbeschlag. 
Im Münchener Glaspalast konnte man einen Schrank 
sehen, der aus drei verschiedenen Holzarten bestand 
und mit zweifarbigen Metallbeschlägen und überdies 
mit Schnitzerei verziert war. Ein anderes Modell 
zeigte ausser zweifarbigem Naturholz mit dunklen 
Metallbeschlägen in drei lebhaften Farben bemalte 
Schnitzerei. Wo ist da die vielbelobte Einfachheit 
geblieben? 

Selbst ein Künstler wie H. E. von Berlepsch wirkt 
mit seinen Möbeln noch immer unruhig, besonders 
durch die vielfache Gliederung, die er seinen Schränken 
und Büffets zu geben liebt, und durch reichliche 
Metall zugaben, wenn man ihm auch zugestehen muss, 
dass er grade durch Verwendung des Xylektypon 
seinem Stil viel von der Buntheit genommen hat, die 
von seinem Schreibtisch vor zwei Jahren in München 
her noch unvergessen ist. Damals ertränkte er die 
Konstruktion förmlich durch die Überfülle höchst 
geistreicher Verzierungen, von denen jede einzelne 
dankbar begrüsst worden wäre. 

Und wie die Farbenstimmung des einzelnen Möbels 
häufig unruhig ist, so zuweilen auch die des ganzen 
Raumes. Allerdings ist im allgemeinen die Forderung, 
dass eine einheitliche Farbengebung den ganzen Raum 
beherrschen soll, von allen Leitsätzen der neuen Be- 
wegung am wenigsten Phrase geblieben. Und doch 
kommen auch hier Entgleisungen vor. Was hilft es, 
wenn die Farbenwahl für den ganzen Raum auf ganz 
bestimmte, überall wiederkehrende Nuancen beschränkt 
wird, dass auch Decke und Fussboden in die Einheit 
hineingezogen werden, wenn diese Farben unter sich zu 
fremd und gegensätzlich sind, als dass sie ruhig zu- 
sainmen klingen könnten. In einem Billardzimmer 




Fussbank mit Oarnknäuelbehälter von J. V. CISSARZ, Dresden, aus- 
geführt von den Dresdner Werkstätten für Handwerkskunst. 



30 DIE ZIMMERAUSSTATTUNO AUF DEN AUSSTELLUNGEN IM SOMMER 189g 

dem schweren Möbel den Ein- 
druck der Plumpheit ersparen. 
Die ganzen Zimmereinrich- 
tungen, selbst wo man ihnen 
eine gewisse Einheitlichkeit nicht 
absprechen kann, wirken noch 
selten recht befriedigend. Die 
deutsche Stube von Billing in 
Dresden ist in ihrem etwas ge- 
waltsamen Archaismus ungefähr 
das Muster der_ Unbequemlich- 
keit. Max Rose's Treppenhaus 
stellt eine Verschmelzung von 
Empire und Van de Velde dar 
und das Speisezimmer für ein 
Landhaus von Martin Dülfer 
schwelgt allzusehr in vielen 
kleinen Nischen, Eckschränken 
und Bordbrettern, wirkt auch 
in der Farbenstimmung etwas 
frostig. 

Am konsequentesten auf 
einen wirklichen Stil in der 
Tischlerei hingearbeitet hat aber 
bisher Riemerschmid, der am 
häufigsten vollständige Zimmer- 
einrichtungen zeigte und ohne 
sich selbst zu wiederholen stets 
der Einfachheit treu blieb. Er 
arbeitet für einen soliden Bürger- 
geschmack und macht in die- 
sem Sinne fast immer den Ein- 
druck der Behaglichkeit. Jeden- 
falls wirkt er lieber einmal nüch- 
tern, ehe er extravagant würde 
und das Möbel verrät stets, war- 
um es grade so gewollt wurde. Riemerschmid liebt die 
festen Standflächen am Möbel und lässt den Aufbau 
nach oben gern schlanker werden. So vermeidet er die 
ewig senkrechten Linien, die an schlichten Oeräten, 
im Raum häufig wiederholt, ermüden würden. Aus 
dem gleichen Orunde fügt er in den rechteckigen 
Holzrahmen gern eine von schwingender Linie um- 
schriebene Füllung ein, aber auch hierin bescheiden 
Mass haltend, so dass das Auge die Abweichung nur 
eben wohlthuend empfindet und doch die Hauptrichtung, 
das von oben nach unten < als massgebend bestehen 
bleibt. So weiss er auch an einem vielthürigen Olas- 
schrank durch einen in der Diagonalrichtung über die 
Scheibe gelegten Holzstreifen eine willkommene Ab- 
wechslung in die Linienführung zu bringen. Auch 
seine Farbenzusammenstellungen sind stets bescheider. 
Er kommt mit wenigen Nuancen Blau- oder Grüngrau 
für die Wände und Stoffe aus, und er belebt sie je 
nach der Bestimmung des Zimmers durch die Wahl 
der Holzfarbe, oder er dämpft den Eindruck, wie dies- 
mal für ein Musikzimmer, dadurch, dass er auch als 
Holz etwas Stumpfes, nämlich gebeizte graue Wasser- 
eiche wählt. In dieser Farbenstellung, die auch inner- 
halb enger Grenzen nicht monoton wird, erkennt man 
den feinen Koloristen, der sein Auge nicht vergebens 




Beleuchtungskörper in Messing von BERNHARD PANKOK-München (Vereinigte Werkstätten). 

(Oesetzl. geschützt.) 



im 'Münchener Glaspalast sah man: Blau, Grün, Rot, 
Gold und Weiss, alle Farben in ungebrochener Stärke 
auf grossen Flächen ausgebreitet. Der Eindruck war 
entschieden bunt und hart. Dazu waren noch nicht 
einmal überall die Stoffe von derselben Farbe und 
Oewebeart. Ein Vorhang grün, einer rot — wo soll 
da eine gesammelte Stimmung herkommen? 

Es giebt aber auch eine schlichtere, besonnenere 
Richtung in der neuen Tischlerei. Da sind z. B. einzelne 
Geräte von Michael in München, oder von Gross, 
der sich bisher vorwiegend durch seine Zinnarbeiten 
bekannt gemacht hatte, welche auf alle Spitzfindigkeiten 
verzichten und doch neu und gefällig wirken. Be- 
sonders die Schränke von Michael, die ganz in Maha- 
goni ausgeführt waren, zeigten eine sehr glückliche 
Verwendung stilisierter Naturform. Der wachsende 
Stamm, zur Stütze umgebildet, wurde zum Träger der 
vorspringenden oberen Schubfächer, auf denen er sein 
Geäst als Flachschnitzerei ausbreitete, die sich ganz 
organisch der streng regelmässigen Form des Möbels 
anschmiegte. Hierher gehört auch der schon bekannte 
Lesetisch von Schnitze -Naumburg, der so unaffektiert 
eine neue Form aus dem praktischen Zweck ableitet 
durch Schrägstellen der Füsse, die so der grossen 
Tischplatte eine gesicherte Standfläche bereiten und 



DIE ZIMMERAUSSTATTUNO AUF DEN AUSSTELLUNGEN IM SOMMER iSgg 



31 




lagdzimmer, entworfen von H. E. v. BERLEPSCH-VALENDAS, München. 



an verdienstvollen Natiirstudien schulte. — Nur mit 
einer Einrichtung eben jenes Musikzimmers konnte 
man sich nicht befreunden und das war die An- 
bringung des elektrischen Lichtes, ist auch Riemer- 
schmid die Phrase einmal über den Kopf gewachsen? 
Er wollte die Anlage aus dem Material und aus den 
technischen Bedingungen heraus entwickeln, so will 
es ja auch einer der populär gemachten Leitsätze. Um 
nun seine Leitungsdrähte recht offensichtlich zur Gel- 



tung zu brin- 
gen, spannt er 
in weitem Kreis 
einen dünnen 
Stab in einiger 

Entfernung 
von der Decke. 
Hierüber legen 
sich vom Mit- 
telpunktaus die 
Drähte, jeder 
für sich und je 
zwei hängen 
zu der kleinen 
Glocke herab, 

welche die 
Olühdrähte mit 
ihrer Glasum- 
kleidung be- 
herbergt. 
Wenn ich nicht 
irre, waren es 

24 solcher 
Glocken, also 
48 Drähte, die 
wie ein riesiges 
Spinngewebe 
über dem Zim- 
merschwebten. 
Müssen die Lei- 
tungen einmal 
gezeigt wer- 
den, so war dies 
doch jedenfalls 
ein Ubermass. 
Ich für meine 
Person gestehe, 
dass ich dies 
Sichtbarwer- 
den der Strom- 
zuführung ent- 
behrlich finde. 
Möge das Licht 
da sein wie das 

Tageslicht, 
nach dessen 
Herkunft wir 
auch nicht fra- 
gen, und also 

ist mir die 
Lichtquelle un- 
mittelbaran der 
Zimmerdecke die liebste. Eine sehr glückliche An- 
ordnung hatte Gross dafür gefunden, der die Glas- 
glocken unmittelbar in die Stuckornamente einer Decke 
eingefügt hatte. Jedenfalls ist es für das elektrische 
Licht und seine Entstehungsursache am charakteris- 
tischsten, wenn von seiner Anbringung so wenig 
Aufhebens gemacht wird wie möglich, da man die 
eigentliche Kraftquelle, die stromerzeugenden Anlagen, 
doch nicht zeigen kann. Dies Licht verbraucht keinen 



32 



DIE ZIMMERAUSSTATTUNO AUF DEN AUSSTELLUNGEN IM SOMMER 1899 



Stoff, darf also 
auch nicht mit 
einem grossen 

Materialauf- 
wand prunken. 
Jedenfalls kann 
es der Kronen 
entbehren, an 
denen es oft 
noch gewohn- 
heitsmässig an- 
geordnet wird, 
und ganz be- 
sonders sollte 
es durch Ab- 
wärtswenden 
seine vorneh- 
mere Natur ge- 
genüber der 
stoffverzehren- 
den Flamme 
deutlich ma- 
chen, welche 
an eine be- 
stimmte Rich- 
tung gebunden 
ist. Bei der 
Wichtigkeit der 
Beleuchtungs- 
anlagen fürden 
ganzen Raum 
ist es sehr dien- 
lich, wenn gra- 
de sie recht an- 
schaulich vor- 
geführt wer- 
den, freilich 
wäre dann noch 
zu wünschen, 
dass die Be- 
leuchtung 
selbst praktisch 
gezeigt würde, 
damit sich die 
Wirkung auf 
den Raum prü- 
fen Hesse. Das 

war freilich 
weder in Mün- 
chen noch in 
Dresden der 
Fall, weil die 
Ausstellungen 

vor Dunkelwerden schlössen. — Wenn ich nun zu 
der Zusammenfassung dessen komme, was aus obigen 
Betrachtungen für die Beantwortung der eingangs auf- 
gestellten Fragen folgt, so ergiebt sich, dass die Aus- 
stellungen nur dann ihre Aufgabe für die Ent- 
wicklung des Kunstgewerbes voll erfüllen könnten, 
wenn sie vorsichtiger in der Auswahl dessen wären, 
was sie zulassen. Jeder noch so gut gemeinte Dilet- 




Jagdzimmer, entworfen von H. E. v. BERLEPSCH-VALENDAS, München. 



tantismus wäre völlig auszuschliessen. Die Vorführ- 
ungen an diesen Stellen müssten ein Mustergültiges 
bieten, das auch dem simplen Handwerk Ziele auf- 
stellte, nach denen es streben könnte. Der Muster- 
schutz, der all diesen Arbeiten zur Seite steht, soll 
sie doch nur vor dem direkten Kopieren schützen. 
Er kann und soll doch nicht mit einem Zaun umbauen, 
was etwa an allgemeinen Prinzipien dabei gewonnen 



DIE ZIMMERAUSSTATTUNO AUF DEN AUSSTELLUNGEN IM SOMMER 1899 



33 



wird. So oder so, diese Möbel werden nachgeahmt 
werden, so gut die alten Stile oder die englischen 
Möbel nachgeahmt wurden und so gut z. B. Van de 
Velde's Kunst in ihnen selbst Einfluss geübt hat. Am 
leichtesten nachgeahmt wird aber nicht das Beste, son- 
dern grade das Dilettantische oder das, was charakte- 
ristisch bis zur Übertreibung ist. 

Ferner musste die Vorführung eine mustergültige 
werden. Bei einem Durcheinandermengen verschieden- 
artigster Ausstellungsobjekte wie es z. T. in Berlin und 
im Münchener Olaspalast beliebt wurde, könnte selbst 
dann kein voller Nutzen erzielt werden, wenn nur 



auf den Ausstellungen immer neue, noch nicht da- 
gewesene Musterstücke erscheinen, aber was hilft es, 
wenn sie nur deshalb noch nie da waren, weil sie 
dem Vernünftigen und Praktischen entgegenstreben. 
Wo immer sich ein Stil bilden will, da kann er nur 
in langsamer, folgerechter Entwicklung aus unkompli- 
zierten Anfängen hervorwachsen. Alle jungen Stile, 
so lange sie noch entwicklungsfähig waren, zeichneten 
sich durch Einfachheit aus. Das heisst so viel als: 
so lange ein kräftig lebensfähiges Prinzip sich erst 
gegen Altes durchsetzen will, so lange eben dies 
Prinzip an sich noch mit Freude empfunden wird, 




ICy lAUFE JOICH m j^^, 

yj-^^»kUH m yVÄTERS DES 

I '' ' - ^1/ I SBHMES »KD TSeS HEILISEN tf'f 

\ .y^'. ^/, 1! 6EISTES l AMEN f/ 




i» 



Entwurf zu einer Tauf- Plakette von Bildhauer C. QOMANSKY, Berlin. Hl. Preis.') 



Outes geboten würde. Das Anordnen einheitlicher 
Räume wird stets am erspriesslichsten sein. Dresden 
und die Sezessionsausstellung in München hatten 
diesen Weg beschritten, es bliebe nur noch mit 
grösserer Konsequenz vorzugehen. Hie und da fand 
sich doch noch ein fremdes Stück, das willkürlich in 
eine Einheit hineingestellt war. 

Was nun die Frage nach den Fortschritten betrifft, 
die etwa gemacht worden sind, so liegt ihre Beant- 
wortung bereits in obigen Ausführungen. Die Oefahr 
scheint nahe liegend, dass trotz aller schönen Reden 
die Bewegung sich in viele kleine Willkürlichkeiten 
zersplittern könnte. Es mag sehr anregend sein, wenn 



1) Vgl. Kunstgewerbeblatt, N. F. X., S. 196. 



so lange kommt es mit geringem Schmuck- und Bei- 
werk aus. Ist dies Prinzip erst gefestigt und siegreich 
geworden, dann greift es nach dem Zierat, gleichsam 
den Siegeskränzen, mit denen es seinen Triumph 
feiert. Was sollen aber die Trophäen, ehe noch ein 
Sieg errungen wurde? Soldaten, die vor der Schlacht 
frohlockten, kehrten oftmals als Besiegte von der 
Walstatt zurück. Haben wir denn schon einen 
Stil, d. h. ein Oemeinsames, an dem künftige Zeiten 
die Werke unserer Epoche von früheren und späteren 
unterscheiden werden? Wer heute im Kunstgewerbe 
viel Kraft an die Einzelheit wendet, der bringt auf 
den Oedanken, dass die treibende Idee für das Oanze 
nicht eben stark in ihm nach Ausdruck verlangt. 

A. L. PLEHN. 



Kunstgewerbeblatt. N. F. XI. H. 2. 





Entwurf zu einer Tauf-Plakette von Bildhauer RUDOLF BOSSELT, Darrastadt. I. Preis.i) 



KLEINE MITTEILUNGEN 



VEREINE 

STUTTGART. Der neunte Delegiertentag des Ver- 
bandes deutscher Kunstgewerbevereine fand am 
25. September, vormittags 10 Uhr im Sitzungs- 
saale des Königl. Landesgewerbe-Museums in Stuttgart 
statt, nachdem sich bereits am Abend vorher eine 
grosse Anzahl Delegierter im Hotel Viktoria zu zwang- 
losem Zusammensein vereinigt hatten. Die Tages- 
ordnung lautete: 1) Wahl des Bureaus und Festsetzung 
der Präsenz und des Stimmenverhältnisses. 2) Geschäfts- 
und Kassenbericht des Vorortes. 3) Voranschlag für die 
Geschäftsperiode 1899 bis 1901. 4) Festsetzung der 
Vereinsbeiträge für 1899 und 1900. 5) Anträge des 
Oldenburgischen Kunstgewerbevereins, betreffend aus- 
giebigere gegenseitige Unterstützung der deutschen 
Kunstgewerbevereine in ihren Bestrebungen für die 
Hebung des Kunstgewerbes und zwar I. Über gegen- 
seitige Herleihung von Sammlungsgegenständen zur 
Benutzung bei Fachausstellungen; II. Über Austausch 
von Dubletten aus den Muster- und Vorbildersamm- 
lungen; III. Über ein engeres Zusammengehen der 
deutschen Kunstgewerbevereine bei Preisausschreibun- 
gen; IV. Jährliche gegenseitige Mitteilungen über Ziele 
und Resultate des in den Vereinen erteilten kunst- 
gewerblichen Unterrichts; V. Gegenseitige Mitteilung 
über staatliche und sonstige Subventionen der ein- 
zelnen Vereine, sowie über die Dotierung der Be- 
amten derselben. Letzter Punkt der Tagesordnung: 
Neuwahl des Vorortes. Zur Sitzung waren 27 Ver- 



1) Vergl. Kunstgewerbeblatt, N. F. X., S. 196. 



treter erschienen. Nach Eröffnung der Sitzung und 
Begrüssung der Delegierten gedachte Bruckmann-Stutt- 
gart des vor kurzem verstorbenen Fabrikanten Stotz, 
der sich mit warmer Begeisterung stets den Arbeiten 
des Verbandes und der Förderung des Kunstgewerbes 
gewidmet hatte, und ersuchte die Versammlung sich zur 
Ehrung des Verstorbenen von den Sitzen zu erheben. 
Die Festsetzung der Präsenz und des Stimmenverhält- 
nisses ergab die Vertretung von 17 Vereinen mit 36 
Stimmen, von 24 dem Verband angehörenden Vereinen 
mit 43 Stimmen. Als Vorsitzende wurden gewählt : Pro- 
fessor Stier- Stuttgart und Direktor Dr. Brinckmann- 
Hamburg und als Schriftführer Direktor Dr. Graul- 
Leipzig und Maler Flemming-Berlin. Professor Stier- 
Stuttgart verlas hierauf den Geschäftsbericht des Würt- 
tembergischen Kunstgewerbevereins als Vorort des 
Verbandes, sowie den Kassenbericht der mit einem 
Kassenbestand von Mark 1009.10 abschliesst. Als 
Revisoren wurden gewählt die Herren Gesell -Pforz- 
heim und Merk-München. Der Voranschlag für die Ver- 
waltungsperiode 1899 — iQOi wurde genehmigt, wo- 
nach die Beitrageinheiten in derselben Höhe wie bis- 
her beibehalten wurden. Von den Oldenburger An- 
trägen (Referent Holtzinger-Oldenburg) wurde Punkt I, 
Herleihung von Gegenständen aus den Sammlungen 
dahin erledigt, dass von selten des Vorortes an alle 
Verbandsvereine das schriftliche Ersuchen gerichtet 
werde, vorkommenden Falles derartigen Aufforderungen 
Folge zu geben, soweit die Vereine überhaupt im 
Besitz von Sammlungen sind, was bei der Mehrzahl 
derselben nicht der Fall ist. Bezüglich des Punktes II, 
Austausch von Dubletten betreffend, glaubt der Dele- 



KLEINE MITTEILUNGEN 



35 




Entwurf zu einer Tauf-Plakette von Bildhauer GEORGES MURIN, Berlin. Il.^Preis.,') 



giertentag einen Beschluss nicht fassen zu können und 
überlässt es den Einzelvereinen in direkten Verkehr 
untereinander zu treten. Nach Verlesung der Referate 
über die Punkte III, IV und V der Oldenburgischen An- 
träge, sowie längerer Debatte über diese, zieht Oldenburg 
den Antrag IV zurück, da von den Vereinen keine 
Unterrichtskurse mehr unterhalten werden, da dieselben 
von den betr. Regierungen übernommen worden sind. 
Ebenso soll es den einzelnen Vereinen überlassen bleiben, 
sich über die in Antrag V enthaltenen Punkte, Sub- 
ventionen und Dotierungen u. s. w. im direkten Verkehr 
zu informieren, da es nicht für angängig erachtet 
wird, derartige interne Angelegenheiten der Einzel- 
vereine der Öffentlichkeit zu übergeben. Bei Be- 
sprechung des Punktes III, an den sich eine längere 
Debatte schliesst, wurde der Wunsch geäussert, der 
Verband möge in seinen einzelnen Vereinen den jetzt 
öfters sich breit machenden Missständen bei Wett- 
bewerben entgegentreten und auf deren Einschränkung 
auf ein vernünftiges Mass hinwirken. Es wurde der An- 
trag gestellt, dass von selten des Verbandes die er- 
schienenen Ausschreibungen den Mitgliedern bekannt 
gegeben werden möchten. Da dies bei den geringen 
für Publikationen zur Verfügung stehenden Mitteln 
nicht ausführbar ist, wird beschlossen auch diesen 
Wunsch in dem den Verbandsvereinen vom Vorort 
zuzusendenden Zirkular zu berücksichtigen. Die Re- 
daktion dieses Schreibens wird dem nächsten Vorort 
überwiesen. Angeregt durch eine Anfrage Hoffacker's 
an den Vorort entwickelte sich eine lebhafte Aus- 
sprache über den Stand der Pariser Ausstellungsarbeiten, 
wobei aufrichtig bedauert wurde, dass der Verband 
in Folge der Beschlüsse des früheren Delegiertentages 
sich nicht an den Arbeiten beteiligte. Von verschie- 
denen Seiten wurden einige Punkte genannt, z. B. die 
Frage der geschäftlichen Vertretung der Aussteller, der 
Reinhaltung der Gegenstände u. s. w., des Transportes, 
die noch nicht gelöst sein dürften, und zur weiteren 



Behandlung s. Z. dem jetzigen Vororte überwiesen 
waren. Von Stöffler- Pforzheim wurde der An- 
trag gestellt, der Delegiertentag möge an den Reichs- 
kommissar den Wunsch richten, dass bei Ankäufen 
für die Ausstellungslotterie in Paris die Erzeugnisse 
des deutschen Kunstgewerbes Berücksichtigung finden 
möchten, was bei früheren Gelegenheiten nicht ge- 
schehen sei. Da die Befürchtung vorliegt, dass mit 
schriftlichen Eingaben bei der Kürze der Zeit nicht viel 
zu erreichen sei, so wurde beschlossen, eine Deputation, 
bestehend aus zwei Herren des Vorortes Stuttgart, ferner 
v. Thiersch-München, Götz-Karlsruhe und Haupt-Han- 
nover binnen kürzester Frist an den Reichskommissar zu 
entsenden, um über obige Punkte Rücksprache zu neh- 
men. Gesell-Pforzheim regt an, für Paris eine Art kunst- 
gewerblichen Führer herauszugeben, sowie in Paris 
einen Vereinigungspunkt für deutsche Kunstgewerbe- 
treibende zu schaffen. Auch diese Anregung wird 
der Kommission überwiesen. Inzwischen hatten die 
Revisoren die Rechnungslegung geprüft und richtig 
befunden, so dass dem Vorort Decharge erteilt werden 
konnte. Als Vorort für die nächste Geschäftsperiode 
wurde Hamburg gewählt, welche Wahl vom dortigen 
Kunstgewerbeverein angenommen wurde. Auf Vor- 
schlag Stuttgarts wurde an Geh. Hofrat Prof. C. Graff- 
Dresden zu seinem 25jährigen Direktorjubiläum eine 
Glückwunschdepesche abgeschickt. 

Nach Erledigung der geschäftlichen Angelegen- 
heiten vereinigte ein vom Vorort Stuttgart gegebenes, 
durch viele Reden gewürztes Festessen die Delegierten 
in den Räumen des Hotel Viktoria. Am Dienstag 
unternahm der grösste Teil der Delegierten einen vom 
Wetter allerdings wenig begünstigten Ausflug nach 
Tübingen und Bebenhausen unter liebenswürdiger 
Führung der Stuttgarter Herren, von denen sich be- 
sonders Herr Professor Stier in dankenswerter Weise 
aufgeopfert hatte. E. FL. 



1) Vergl. Kunstgewerbeblatt, N. F. X., S. 196. 



5* 



36 



KLEINE MITTEILUNGEN 



MUSEEN 

LEIPZIG. Unter Teilnahme eines grösseren Kreises 
von Geladenen wurde am 25. v. Mts. 1 1 Uhr 
das 25jährige Jubiläum des Kunstgewerbe-Mu- 
seums durch einen Festaktus im Vortragssaale des 
Grassi-Museums in würdiger und weihevoller Weise 
begangen. Von den einstigen Gründern des Museums 
und den ersten Mitgliedern des geschäftsführenden 
Ausschusses wohnten die Herren Handelskammer- 
Sekretär Dr. Gensei, Oberbürgermeister Justizrat Dr. 
Tröndlin der Feier bei, mit ihnen weiter zahlreiche 
Vertreter von Kunst, Wissenschaft und Kunstgewerbe. 
Nach dem Gesang des Thomanerchors Lobe den 
Herren, den mächtigen König der Ehren« hielt Herr 
Dr. Julius Gensei, der erste Vorsitzende des geschäfts- 
führenden Ausschusses, dig Festansprache, mit dem 
Rückblick auf die Thätigkeit des Kunstgewerbe-Museums 
im abgelaufenen Vierteljahrhundert einen freudigen 
Ausblick auf die kommenden Aufgaben und Ziele 
desselben verbindend. Hieran schloss sich eine kurze 
Rede des Herrn Direktors Dr. Graul, deren Inhalt der 
Hinweis auf die von dem Kunstgewerbe- Museum 
weiter einzuschlagenden Wege bildete. Nach einer 
Begrüssung und Beglückwünschung durch Herrn Ober- 
bürgermeister Justizrat Dr. Tröndlin verkündete Herr 
Stadtrat Baurat Dr. A. Rossbach im Namen des Ver- 
eins Kunstgewerbe-Museum die Ernennung des ersten 
Vorsitzenden Herrn Dr. Julius Gensei in dankbarer 
Bekräftigung seiner Verdienste um das Museum zum 
Ehrenmitgliede desselben und überreichte ihm zugleich 
eine von Felix Pfeifer kunstvoll modellirte Plakette. 
Vorher hatte Herr Professor Treu - Dresden , der Di- 
rektor der Antikensammlung, dem Museum die Grüsse 
und Glückwünsche dieses Institutes überbracht. Mit 



einem Dankeswort des Herrn Dr. Gensei und dem 
Gesang des Thomanerchors schloss die weihevolle 
Feier. Nach dem Festaktus unternahmen die Erschie- 
nenen einen Rundgang durch das Museum, um bei 
dieser Gelegenheit auch der heute eröffneten Aus- 
stellung von Werken modernen Kunstgewerbes eine 
eingehende Besichtigung zu widmen. 



WETTBEWERBE 

BERLIN. Ergebnis des Wettbewerbs um Entwürfe 
zu Plakaten für die Firma Jünger & Oebhardt. 
In dem Wettbewerb um das Plakat für Veilchen- 
duft« erhielten den I. Preis (400 M.) A. Weisgerber 
in München, zwei II. Preise (je 300 M.) A. Grote in 
Hamburg und Meinhard Jacoby in Grunewald bei 
Berlin. In dem Wettbewerb um das Plakat für - Lanolin- 
Creme-Erzeugnisset erhielten den I. Preis (500 M.) 
Albert Klinger in Charlottenburg, den II. Preis (300 M.) 
Hans Looschen in Berlin. Über den III. Preis war 
eine Einstimmigkeit nicht zu erzielen. Durch Zuschuss 
der ausschreibenden Firma von 100 M. wurden drei 
dritte Preise zu je 100 M. gebildet und verteilt an: 
Julius Voss in Berlin, Ludwig Kuba in München und 
K. Tuch in Leipzig. -u- 

BERICHTIGUNG 

Durch ein bedauerliches Versehen ist im Sep- 
temberheft des X. Jahrgangs ein Preisausschreiben der 
Kurkonnnission in Baden abgedruckt, das längst ent- 
schieden ist und von dem wir s. Z. N. F. IX, Heft 1, 
Seite 14 schon Notiz genommen hatten. 




Entwurf zu einer Tauf-Plakette von Bildhauer ADOLF AMBERO in Cliarlottenburg. U. I'reis. (Vgl. Kunstgewerbeblatt, N. F. X., S. 196.) 



Herausgeber und für die Redaktion verantwortlich: Professor Karl Hoffacker, Architekt in Charlottenburg- Berlin. 

Druck von Ernst Hedrich Nachf. in Leipzig. 



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Mlf^^: 




stoffdruck von Oberkampf, 1770 17S0. (Österreichisches Museum.) 



DIE ZEUGDRUCK -AUSSTELLUNG 
IM ÖSTERREICHISCHEN MUSEUM FÜR KUNST UND 

INDUSTRIE IN WIEN 




Linzer Zcugdrixk von 1S22. 
(Fachodiule für Textil- Industrio in Wien.) 



DAS österreichische Museum hat es sich, seitdem 
mit der neuen Leitung neuer Geist in seine 
Räume eingezogen ist, zur dankbaten Aufgabe 
gemacht, die reichen, bislang in weiteren Kreisen 
wenig bekannten Bestände seiner wertvollen Textil- 
sammlung dem Publikum zu erschliessen und die 
infolge ihrer Menge in toto nicht ausstellbaren Schätze 
dieser Kollektion, jeweilig bereichert durch besonders 
interessante Stücke aus fremden Sammlungen, in einer 
Reihe von Spezialausstellungen vorzuführen. 

Dank der ausserordentlichen wissenschaftlichen und 
organisatorischen Tüchtigkeit des Verwalters der Textil- 
sammlung des österreichischen Museums, Dr. Dreger's 
- er ist in dieser Stellung der Nachfolger zweier 
Gelehrten von Weltruf, Franz Wickhoff s und Alois 
Riegl's — bieten diese Ausstellungen nicht nur dem 
Kunstindustriellen förderndste Anregung, sondern auch 
dem wissenschaftlichen Fachmann eine wahre Fund- 
grube von Belehrung und dem Publikum künstlerische 
und technische Aufschlüsse über Zweige des Kunst- 
handwerks, mit welchen es, wenigstens in Wien, bisher 
so gut wie gar nicht vertraut war. 

So beweisen diese kleinen Spezialausstellungen des 
österreichischen Museums, so manche gegensätzlichen 
Prophezeiungen glücklich entkräftend, dass es einem 
Kunstgewerbemuseum — eine zielbewusste Leitung 
und fleissige, gründlich geschulte Beamte voraus- 
gesetzt — sehr wohl gelingen könne, neben der an- 
gelegentlichsten Pflege des modernen Geistes im 
Kunsthandwerk, auch die kunsigcscliiclitliche Bildung 
des Publikums rege zu fördern. Dies gilt namentlich 
von der jüngsten, vor etlichen Wochen eröffneten 
Ausstellung von Zeugdrucken, die einerseits in ihren 

6' 



40 



DIE ZEUODRUCK- AUSSTELLUNG IM OSTERREICHISCHEN MUSEUM IN WIEN 




lavanischer Batik - Sarong. (Österreichisches Museum.) 



prächtigen modernen Sammet- und Kattundrucken vor- 
nehmlich englischer und französischer Provenienz dem 
Praktiker und unter den österreichischen Indus- 
triellen bilden die Zeugdrucker eine bedeutsame 
Gruppe — die gediegensten Vorbilder darbietet, 
andererseits . dem Publikum zum erstenmal eine kunst- 
industrielle Technik in ihrem historischen Entwicklungs- 
gange vorführt, der, trotz ihres so ausgeprägten 
stilistischen Eigenwertes, in den Augen der breiteren 
Kreise, ja leider selbst in der Auffassung mancher 
Fachleute das Odium der Surrogattechnik anhaftet. 

Die Geschichte des Zeugdrucks bestätigt freilich 
das Naheliegen dieses Irrtums: Jahrhundertelang hatte 
sich der Zeugdruck durch die Nachahmung aller 
möglichen textilen Techniken durchzukämpfen gehabt, 
bis er seine eigene stilistische Sprache fand, und immer 
wieder — bis in unsere Zeit — verfiel er gelegentlich 
in sein altes Erbübel, die Imitationssucht! Aber auf 
der anderen Seite lehrte auch die historische Ent- 
wicklung des Zeugdrucks in ihren Kulminationspunkten 



— die gute moderne Produktion zählt gottlob dar- 
unter, — zu welcher Höhe stilistischer Selbständigkeit 
der Zeugdruck sich aufzuschwingen vermag und sich 
aufschwingen muss, um den Ehrenplatz einer kunst- 
gewerblichen Technik in des Wortes höchstem und 
engstem Sinne einzunehmen! 

Die ältesten Gegenstände der Zeugdruckausstellung 
des österreichischen Museums — Teile von hand- 
bemalten ägyptischen Mumienumhüllungen — weisen 
auf das Dekorationsverfahren zurück, dem der Zeug- 
druck seinen Ursprung verdanken dürfte. Der älteste 
Zeugdruck der Ausstellung befindet sich auf einem 
Teil der Kleidung einer von Theodor Graf in Akhmin- 
Panopolis ausgegrabenen, etwa 1500 Jahre alten Puppe: 
das Muster ist in schwarzblauer Farbe auf ungefärbtem 
Grunde in einer Art von Reservagedruck hergestellt 
und ahmt in seiner Ornamentation die Wirkerei- 
ornamentik der Spätantike getreulich nach. Das frühe 
Mittelalter ist durch eine Reihe vornehmlich byzan- 
tinischer und italienischer Zeugdrucke vertreten: haupt- 



DIE ZEUGDRUCK -AUSSTELLUNO IM ÖSTERREICHISCHEN MUSEUM IN WIEN 



41 



sächlich sind es Nachahmungen blauer, gold- und 
silberdurchwebter lucchesischer und palermitanischer 
Seidenstoffe, die die billige Industrie jener Zeit mittelst 
des Modeldruckes schlecht und recht hervorbrachte; 
derartige gedruckte Surrogate der kostbaren Oold- 
und Silberstoffe wurden im Mittelalter >Siglat' genannt 
und spielten namentlich, wenn es galt, nach fernen, 
minder kultivierten Ländern blendende und — billige 
Geschenke zu senden, eine grosse Rolle: so schickte 
Rudolf von Habsburg dem Sultan El Malik el Mansur, 
neben anderen Gaben, fünf Lasten Siglat's zum Zeichen 
seiner Freundschaft. Die spätmittelalterlichen Zeug- 
drucke der Ausstellung, darunter eine wunderschöne 
Heiligendarstellung in architektonischer Umrahmung 
und prächtige, der Sammlung Figdor angehörende 
Reste von granatapfelgemusterten Tiroler Leinwand- 
tapeten, bestätigen den von der Forschung nachge- 
wiesenen nahen Anteil unserer Technik an der Erfindung 
des Buchdrucks. 

Die Renaissance-Epoche ist durch gepresste, in 
Färbung und Ornamentierung gleich schöne Sammete 
italienischer Provenienz die Sammetpressung steht 
ja der Technik des Zeugdrucks ungemein nahe — 
und vornehmlich durch eine herrliche Casel des 
XVI. Jahrhunderts repräsentiert, deren Stoff, in schwarz 
auf weiss und weiss auf schwarz bedruckt, die denk- 
bar feinst gezeichnete Musterung aufweist. Der Barock- 
zeit gehören in unserer Ausstellung ein schwarz in 
schwarz bedrucktes, der Pestzeit entstammendes Kelch- 
tuch, ein in zwei Nuancen von Braun bedrucktes, 
an Ledertapeten erinnerndes Stück kurzgeschorenen 
Sammetes und eine technisch sehr interessante rotweiss- 
goldene Tapete an, deren grossliniges Muster, zum 
Teil mit aufgeklebtem Wollstaube bedeckt, den An- 
schein des Sammetes vortäuscht. 

Besonders reich vertreten sind die orientalischen 
Zeugdrucke, deren starker Import im XVIII. Jahr- 
hundert auf künstlerischem und zum Teile auch auf 
technischem Gebiet den europäischen Zeugdruck so 
entscheidend beeinflusste: die interessante Technik des 
indischen Batekdrucks wird durch eine Serie von 
Mustern in ihren verschiedenen Phasen aufs anschau- 
lichste geschildert, der unerschöpfliche Schatz reizvoller 
Dekorationsmotive in zahllosen Beispielen indischer, 
persischer, cyprischer, chinesischer und japanischer 
Zeugdrucke vorgeführt. Herrliche grossblumige Wand- 
behänge rein chinesischen Charakters, mit originellen 
Chinoiserien bedruckte Kleiderstoffe, japanisierende und 
chinesisierende Handbemalungen von Möbelbezügen 
bestätigen, in wie grosse Abhängigkeit sich die euro- 
päische Gewebemusterung des XVIII. Jahrhunderts 
zum ostasiatischen Geschmacke stellte. Aber auch 
Proben reizvoller Rokokomusterung von Zeugdrucken, 
die freilich in tadelnswerter Weise die Technik der 
broschierten Seidenweberei nachzuahmen trachten, bietet 
die Ausstellung in Hülle und Fülle und dazu noch 
eine lange Reihe von Originalmodeln der im Jahre 
1736 gegründeten Kattunfabrik zu Sassin in Ungarn. 

Die Zeit des Aufgebens des Handmodeldrucks 
und der Einführung des modernen Walzendrucks 
bezeichnet in der Ausstellung des österreichischen 

Kunstgewerbeblatt. N. F. XI. H. 3. 



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Dienerscliafts-Kleidiillg; aus der Tlieatergarderobe des fürstl. von und zu 
Liechtenstein'schen Schlosses Vi Feldsberg, XVIII. Jahrhundert, 2. Hälfte. 



42 



DIE ZEUGDRUCK -AUSSTELLUNG IM OSTERREICHISCHEN MUSEUM IN WIEN 



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Sessel mit Zeugdruckbezug. i8. Jahrhundert, 2. Hälfte. 
Schloss Feldsberg, Niederösterreich. 

Museums ein ausnehmend schönes Fabrikat Ober- 
kampf's, des in Jouy bei Versailles thätigen Refor- 
mators der Zeug- 
drucktechnik. 

Ungemein reiz- 
volle, kupferstich- 
artig feine Drucke 
entstammen der 
Empireperiode: 
so ein Paar ita- 
lienischer Karne- 
valshandschuhe 
und eine entzük- 
kende Schärpe, 
die mit buntfar- 
biger mytholo- 
gischer Darstel- 
lung bedruckt ist. 
Das Interes- 
santeste und Über- 
raschendste in der 

Zeugdruckaus- 
stellung des ös- 
terreichischen 
Museums aber 
sind die zumeist 
aus böhmischen 
und oberöster- 
reichischen Fabri- 
ken herrührenden 
bedruckten Kat- 




Oedrucktes Tucli. Cypern (?). i8. Jahrhundert. Österr. Museum. 



Sessel mit handbemaltem Seidenbezug mit teilweisem Mudell- 
vordruck (von 1760). 18. Jahrh. Schloss Feldsberg, Niederösterreich. 

tune des zweiten Drittels unseres Jahrhunderts in ihrer 
geradezu frappierenden Verwandtschaft mit der Deko- 
rationsweise der 
allermodernsten 
Zeit. Es war ein 
kühnes Unterneh- 
men Dr. Dreger's, 
kunstgewerbliche 
Erzeugnisse der 
40er, 50er und 
60 er Jahre, ge- 
rade jener Periode 
auszustellen, ge- 
gen deren »ge- 
schmackliche Mi- 
sere« seinerzeit 

das österreich- 
ische Museum ins 

Leben gerufen 
worden war: es 
hat sich in unge- 
ahnter, staunen- 
erregender Weise 
bewährt, indem 
es ein gutes Stück 
des Schleiers ge- 
lüftet hat, der uns, 
wie stets den Zeit- 
genossen, den 
Werdegang un- 
seres heutigen Ge- 




Teil der Längswand im Sitzungssaal der Minister im neuen Preussischen Landtagsgebäude in Berlin. 



7* 



DER SITZUNGSSAAL DER MINISTER IM NEUEN PREUSSISCHEN LANDTAGSGEBÄUDE 45 



schmacks verhüllt: es lässt sich, wenn man die 
Zeugdruckmusier jener arg verschrieenen Zeit mit 




den unserigen offenen Auges vergleicht, nicht mehr 
verkennen, dass die Wurzeln des modernen kunst- 
gewerblichen Geschmackes 
im Kunsthandwerke der 40 er, 
50er und 60er Jahre ruhen! 
Nichts aber wäre ver- 
kehrter, als aus dieser ent- 
wicklungsgeschichtlichen 
»Entdeckung« die Konse- 
quenz zu ziehen, die Moderne 
hätte sich ganz ebenso und 
noch weitaus früher entfaltet, 
wenn der rückblickende An- 
schluss an »unserer Väter 
Werke« in den 70er und 
80 er Jahren ihre Entstehung 
nicht gehemmt hätte! Dem 
ist gewiss nicht so: die wu- 
chernden Triebe des schran- 
kenlosen und zum guten 
Teile auch verständnislosen 
Naturalismus der Mitte un- 
seres Jahrhunderts mussten 
mit erfahrener Hand gestutzt, 
der ungejätete Boden des 
damaligen Kunsthandwerkes 
säuberlich bestellt und mit 
dem erquickenden Jugend- 
brunnen der alten Stile durch- 
tränkt werden, um die Hoch- 
blüte des modernen Stiles 
zeitigen zu können. 

DR. FRITZ MINKUS. 



Ecke aus dem Musikzimmer von RIEMERSCHMID auf der Dresdner Kunstausstellung i8gg. 

DER SITZUNGSSAAL DER MINISTER 
BEI DEN NEUEN GEBÄUDEN DES PREUSSISCHEN 

LANDTAGES ZU BERLIN 



IN der stattlichen Raumflucht der neuen Gebäude 
der beiden Häuser des preussischen Landtages, 
welche sich nach den Entwürfen des Geheimen 
Baurates Fr. Schulze auf dem Gebäude des alten 
Herrenhauses und der alten Porzellanmanufaktur 
zwischen Leipziger und Prinz Albrecht-Strasse erheben 
oder in der Errichtung begriffen sind, ragt ein Raum 
besonders hervor. Nicht sowohl durch die Grösse 
der Abmessung er misst nur etwa 7,5 : 13 m -, 



oder durch eine architektonische Gliederung von über- 
raschender Neuheit, sondern durch das feine und intime 
Empfinden, mit welchem er in reicher und doch wieder 
nicht vordrängender Pracht und im Hinblick auf gute 
Vorbilder der niederländischen und französischen Ver- 
gangenheit geschaffen wurde. Es ist der kleine Sitzungs- 
saal der Minister, in einem bescheidenen Verbindungs- 
bau gelegen, welcher den Verkehr zwischen dem 
Abgeordnetenhause an der Prinz Albrecht-Strasse und 



46 DER SITZUNGSSAAL DER MINISTER IM NEUEN PREUSSISCHEN LANDTAGSGEBÄUDE 



zwischen dem 
in der Errich- 
tung begriffe- 
nen neuen 
Herren hause 
an der Leip- 
ziger Strasse 
ermöglicht. 

Das zufäl- 
lige Zusam- 
mentreffen der 
Arbeiten des 
inneren Aus- 
baues des 
neuen Abge- 
ordnetenhau- 
ses mit den 
Vorarbeiten 
für die Berli- 
ner Gewerbe- 
Ausstellung 
des Jahres 
1 896 und die 
Absicht der 
Unterrichts- 
anstalt des kgl. 
Kunstgewer- 
be-Museums 
zu Berlin, für 

die Schul- 
abteilung der 
genannten 
Ausstellung 
einen hervor- 
ragenden 
Ausstellungs- 
gegenstand zu 
schaffen , der 
ein Zeugnis 
von der hohen 
künstlerischen 
und prakti- 
schen Leis- 
tungsfähigkeit 
der Anstalt ge- 
ben könnte, 
haben dazu 
geführt, den 
seiner Bestim- 
mung nach zu 
einer feineren 
Ausstattung 
wohl geeigne- 
ten und seinen 
Abmessungen 

nach sich 
innerhalb der 
Grenzen des 
Erreichbaren 
haltenden Mi- 
nistersitzungs- 




Kamin im Sitzungssaal der Minister im neuen Preussischen Landtagsgebäude in Berlin. 



saal zum Ge- 
genstand einer 

besonderen 
künstlerischen 
Ausgestaltung 

zu wählen. 
Dazu bedurfte 
es allerdings 
reicherer Mit- 
tel, welche der 
Baufond des 
Abgeordne- 
tenhauses al- 
leinaufzubrin- 
gen nicht in 
der Lage war. 
Zu den auf 
etwa 50000 M. 
veranschlag- 
ten Gesamt- 
kosten des 
Saales steuerte 
der genannte 
Fond daher 
nur looooM. 
bei, während 
der Betrag von 
40 000 M. dem 
sogenannten 
150000 Mark- 
Fond des 
Kunstgewer- 
be - Museums, 
der eigens für 
die Zwecke 
der Ausfüh- 
rung kunstge- 
werblicher 
Arbeiten be- 
steht, die rei- 
chere Mittel 
beanspruchen, 
entnommen 
wurde. Über 
ähnliche Sum- 
men zu dem 

gleichen 
Zwecke, der 
vornehmlich 
darin besteht, 
die Schüler 
der Anstalt 
nicht nurtheo- 
retisch zu un- 
terweisen,son- 
dern sie auch 

an hervor- 
ragenden Aus- 
führungen zu 
bilden, verfü- 
gen auch die 




Mittelteil der Querwand im Sitzungssaa der Minister im neuen Preussisclien Landtagsgebäude in Berlin. 




Teil der Laiigswaiid ini Sitzungssaal der IMinister im neuen Prcussischen Landtagsgebäude in Berlin. 



DER SITZUNGSSAAL DER MINISTER IM NEUEN PREUSSISCHEN LANDTAOSGEBÄUDE 49 



Anstalten anderer Staaten. — So besteht an der Kunst- 
gewerbeschule des Österreichischen Museums für Kunst 
und Industrie in Wien der sogenannte Hoftitel-Taxfond, 
mit dessen Hilfe eine grosse Reihe hervorragender 
kunstgewerblicher Werke geschaffen wurde, und es 
besitzen die gleichen französischen imd englischen An- 
stalten ähnliche Hilfsmittel zur Förderung der prak- 



tischen Kunstübung. Dass 'diese Mittel reiche Früchte 
tragen, beweist nicht nur der hier dargestellte Saal, 
sondern es beweisen dies auch die Schülerausstellungen 
der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbe-Museums. 

Den Entwurf zu dem Sitzungssaale der Minister 
lieferte der damalige Lehrer der Unterrichtsanstalt 
Hr. Prof. Alfred Messel in Berlin; in seiner Klasse la. 




Mtlsikzimmer von RIEMERSCHMID auf der Dresdner Kunstausstellung 1899, ausgeführt von den Vereinigten Werkstätten Kunst im Handwerk, München. 
Kunstgewerbeblatt. N. F. XI. H. 3. g 



50 DER SITZUNGSSAAL DER MINISTER IM NEUEN PREUSSISCHEN LANDTAGSGEBÄUDE 



wurden sowohl der architeWonische Teil des Entwurfes, 
wie auch die Entwürfe zu den sämtlichen Teilen der 
dekorativen Ausschmückung bearbeitet. Die Modelle 
zu den Holzbildhauerarbeiten und diese selbst wurden 
in der Klasse IV. unter der Leitung des Hrn. Holz- 
bildhauer Taubert gefertigt, während die Herstellung 



der Kaminmodelle unter Leitung des Hrn. Prof. Behrendt 
die Klasse IL übernommen hatte. In der Klasse VII. 
wurden unter Leitung des Hrn. Maler Prof. Max Seliger 
die Kartons für die Ledertapeten bearbeitet, welche 
das Kaufhaus >Hohenzollern<; des Hrn. Hirschwald 
lieferte, in der Klasse Villa, unter Leitung des Hrn. 




i 



Vorraum von BRUNO PAUL auf der Dresdner Kunstausstellung 1899, ausgeführt von den Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk, Münclien. 



KLEINE MITTEILUNGEN 



51 



Prof. E. Doepler die Gitter und Wappen entworfen, 
deren erstere Paul Marcus ausführte. Die Einzel- 
zeichnungen zu dem grossen, den Boden bedecken- 
den Teppich wurden in Klasse Vlllb. unter Leitung 
des Hrn. Maler Timler entworfen, die Malerarbeiten 
der Decke durch die Klasse V. unter Leitung des Hm. 
Maler V. Schmitt ausgeführt. Kleinere Arbeiten über- 
wachten in ihren bez. Klassen die Hrn. Bastanier und 
Rohloff. Die Ausführung der vorzüglichen Tischler- 
arbeiten der Wände und Decke hatte Tischlermeister 
G. Olm übernommen, die Möbel lieferte Aschenbach, 
den Marzana-Kalkstein des Kamines Plöger. 

Unter der Oberleitung des Architekten und der 
verständnisvollen und unterordnenden Zusammenwir- 
kung dieser hervorragenden künstlerischen Kräfte und 



Kunsthandwerker ist ein Innenraum entstanden, welcher, 
im Geiste der schönsten Innenräume der französischen 
und niederländischen Renaissance, etwa des Schlosses 
von Fontainebleau und des Musee Plantin in Ant- 
werpen geschaffen, ein Meisterstück feingestimmter 
Innen-Dekoration ist und zu den hervorragendsten 
Teilen des neuen Monumentalbaues an der Prinz 
Albrecht-Strasse zählt. Im einzelnen zeugen die Arbeiten 
von einer hohen Leistungsfähigkeit der Unterrichts- 
anstalt des kgl. Kunstgewerbe-Museums. Sowohl die 
Beobachtung der feinen Stilunterschiede wie die kunst- 
handwerkliche Fertigkeit in der Bearbeitung des Mate- 
riales können an dem schönen Werke in rühmlicher 
Weise festgestellt werden. 

~ H. — 




KLEINE MITTEILUNGEN 



VEREINE 

BRESLAU. Im Einverständnis mit der Direktion 
des schlesischen Museums für Kunstgewerbe und 
Altertümer hat der Kunstgewerbe -Verein zu 
Breslau beschlos- 
sen, die für den 
Monat November 
festgesetzte Eröff- 
nung des Museums 
durch eine gleich- 
zeitig in den Räu- 
men desselben statt- 
findende Ausstel- 
lung neuer kunst- 
gewerblicher A rbei- 
ten aus der Provinz 
Schlesien zu feiern. 
Die Ausstellung 
wird nur solche 
Erzeugnisse des 
Kunstgewerbes 
umfassen, die einen 

künstlerischen 
Charakter zeigen 
und in Ausführung 
wie Geschmack 
die übliche Markt- 
ware überragen. 
-u- 





Friese gemalt von OTTO UBBELOHDE. 
Vereinigte Werlistätlen für Kunst im Handwerk München. (Ges. gesch.) 



FRANKFURT A. M. Dem Jahresbericht des 
Mitteldeutschen Kunstgewerbevereins für i8g8 
entnehmen wir folgendes: Für die Kunst- 
gewerbeschule bedeutet das Berichtsjahr eine Zeit 

ruhiger und nor- 
maler Weiterent- 
wicklung im Rah- 
men des feststehen- 
den Lehrplans. Für 
einzelne Klassen 
war ein derartiger 
Zuwachs zu kon- 
statieren, dass sich 
die Schulleitung 
veranlasst sah, mit 
besonderem Nach- 
druck auf einer aus- 
reichenden Vorbil- 
dung als Aufnah- 
mebedingung zu 
bestehen. Die Aus- 
stellung von Schü- 
lerarbeiten aus dem 
Schuljahr 1897/98 
fand vom 1 7. April 
bis zum 9. Mai im 
Hörsaal der Poly- 
technischen Gesell- 
schaft statt. Das 

8* 



52 



KLEINE MITTEILUNGEN 



Zeugnis über hervorragende Leistungen im kunstgewerb- 
lichen Beruf zum Zwecke von Erleichterungen beim Ab- 
legen der Prüfung zum Einjährig-Freiwilligen -Dienst 
konnteauch im Berichtsjahreeinem SchülerderFachschule 
ausgestellt werden. Durch die städtischen Behörden wur- 
den die Kräfte des Lehrerkollegiums wiederholt zu künst- 
lerischen Leistungen herangezogen. Dadurch wurde be- 
sonders den Schülern Gelegenheit gegeben, in der für die 
Schule so unentbehrlichen Berührung mit der kunst- 
gewerblichen Praxis zu bleiben. Die Bibliothek geht 
mit der am Schluss d. J. zu erwartenden Fertigstellung 
ihrer neuen Räumlichkeiten einer neuen Phase ihrer 
Entwickelung entgegen. Der Besuch derselben ist 
auch aus Kreisen, die dem Vereine bisher ferner 
standen, in lebhafter Zunahme begriffen. Von den 
Sammlungen des Museums hat besonders die kera- 
mische Abteilung unter anderem durch Ankäufe auf 
der Auktion Hirth in München eine nennenswerte 
Bereicherung erfahren. Diese 
Erwerbungen haben beson- 
ders die in ihren ersten An- 
fängen befindliche Samm- 
lung italienischer Majoliken 
um einige charakteristische 
Typen vermehrt, doch gin- 
gen auch die Abteilungen 
der Fayencen und Porzellane 
(Kleinplastik) nicht leer aus. 
Nur einen geringen Zuwachs 
erhielt die Möbelsammlung. 
Zu erwähnen ist ein nieder- 
ländischer Schrank aus dem 
Ende des 16. Jahrhunderts 
und die Vorderwand einer 
Truhe mit gotischem ge- 
schnitzten Laubwerk und 
Tierfiguren. Die Edelmetalle, 
die im Museum noch vor- 
wiegend in Reproduktionen 
vertreten sind, da die Er- 
werbung von grösseren Ori- 
ginalen der hohen Kosten 
wegen nur ausnahmsweise 
möglich ist, 

hat durch 
den Ankauf 
von 16 gal- 
vanoplasti- 
schen Repro- 
duktionen 
nach Stük- 
ken aus der 
Zeit der Go- 
tik und der 
Renaissance 
eine wesent- 
liche Berei- 
cherung er- 
fahren. Der 

noch vor 
Ende des Be- 




richtsjahres vollzogene Umzug des Museums in 
die neuerbauten Räume hat eine vollständige Neu- 
ordnung der Sammlungen bedingt. Derselben ist im 
grossen und ganzen die technologische Anordnung 
nach Materialien zu Grunde gelegt Mehr denn zuvor 
ist dadurch klar geworden, was bisher in dem Museum 
erreicht wurde und was noch anzustreben bleibt. 
Auf die wechselnden Ausstellungen wurde besonderes 
Gewicht gelegt, nachdem die Permanente Ausstellung 
neuzeitiger kunstgewerblicher Erzeugnisse in Wegfall 
gekommen war, da ein Bedürfnis dafür nicht mehr 
vorlag. Dagegen soll durch Sonderausstellungen das 
Publikum mit den Fortschritten und Wandlungen 
des zeitgenössischen kunstgewerblichen Schaffens im 
In- und Auslande bekannt gemacht werden. In solchen 
Sonderausstellungen wurden vorgeführt: Möbel, Gläser 
und keramische Erzeugnisse Emile Galle's in Nancy; 
keramische Erzeugnisse der Kgl. Manufakturen in Ber- 
lin und Kopenhagen und 

Rörstrand- Aktiebelag in 
Stockholm; Kunst- Lithogra- 
phien, zusammengestellt von 
der Düsseldorfer Hofkunst- 
handlung Bismayer & Kraus; 
schliesslich die Wettarbeiten 
für eine Hochzeitsmedaille. 



B= 



Schirmständer aus Eisen und Messing. Entworfen von 
Prof. R. WEISSE, ausgef. von Kühnscherf & Söhne, Dresden. 




Schnitzerei von einer Bettschinnwand. Entworfen von B. PANKOK, 
ausgeführt in den Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk. München. 



-U- 

SCHULEN 

I ERLIN. Dem Jalires- 
bericht der Königlichen 
Kiinstgewerbeschule für 
das Schuljahr 1898/99 ent- 
nehmen wir folgendes: Der 
ergänzende Unterricht im Akt- 
zeichnen für die Fachklasse 
für dekorative Malerei wurde 
mit Anfang Januar von 6 auf 
4 Nachmittage beschränkt, für 
2 Nachmittage aber ein er- 
gänzenderUnterricht im Pflan- 
zenzeichnen eingeführt. Mit 
dem Beginn 
desSommer- 

quartals 
wurde eine 
neue Abend- 
klasse für 
Pflanzen- 
zeichnen er- 
öffnet. Die 
Abendklasse 
für Fach- 
zeichnen er- 
hielt mit Be- 
ginn des 
Schuljahrs 
diezutreffen- 
dere Benen- 
nung einer 



KLEINE MITTEILUNGEN 



53 



Klasse für Architekturzeiclinen. 
Die Ausstellung der Schülerar- 
beiten der Kunstgewerbeschule 
und der Kunstschule fand von 
November bis gegen Ende De- 
zember 1898 in gruppenweiser 
Vorführung statt. Aus dem Fonds 
für kunstgewerbliche Arbeiten 
wurde ausser den abschliessen- 
den Ausführungen der Einrich- 
tung des Ministerial -Sitzungs- 
zimmers im neuen Landtagsge- 
bäude eine der Königlichen Kunst- 
akademie zu ihrer Jubiläumsfeier 
von den Königlichen Museen ge- 
widmete Gedenktafel fertiggestellt. 
Weitere Arbeiten sind in Angriff 
genommen. An sonstigen Aus- 
führungen, die den Schülern der 
Anstalt Gelegenheit zu praktischer 
Bethätigung boten, sind fertigge- 
stellt Worden die Restaurierung 
des Melanchthon - Zimmers zu 
Wittenberg, die Erneuerung des 
Fassadenschmucks der König- 
lichen Kunstschule zu Berlin und 
die malerische Ausschmückung 
der Wandelhalle im Königlichen 
Gymnasium zu Erfurt. Dazu 
traten umfassende Versuche in 
Freskomalerei nach dem Verfah- 
ren des Malers O. Matthiesen, so- 
wie die in dieser Technik von 
Schülern der Malklassen ausge- 
führte Dekoration der oberen 
Wände des Treppenhauses der 
Unterrichtsanstalt. Die zu Beginn 
des Schuljahrs 1896/97 begrün- 
dete Krankenkasse der Schüler 
der Kunstgewerbeschule und der 
Kunstschule hat sich weiterhin 
der Ansammlung eines Reservefonds beginnen können 

-u- 

MUSEEN 

BRUNN. Das Mährische Gewerbe- Museum hat 
am 2g. Oktober eine reichhaltige »Ausstellung 
historischer Trachten" eröffnet, in welcher zum 
erstenmale die Entwicklung der männlichen und weib- 
lichen Tracht von der Antike bis zum Beginn unseres 
Jahrhunderts darzustellen versucht wurde. Dieser Ver- 
such ist in jeder Hinsicht gelungen. Freilich mussten 
zu diesem Behufe auch Nachbildungen ausgestellt 
werden. Hierfür hat die k. u. k. General Intendanz der 
Wiener Hoftheater in dankenswerter Weise die Gar- 
derobe der k. k. Hofoper geöffnet, deren Kostüme, 
vom Maler Franz Gau! in mustergültiger Weise und 
völlig stilecht entworfen, in wissenschaftlicher und 
künstlerischer Beziehung den höchsten Anforderungen 
entsprechen. So war es möglich die Tracht der 




Ägypter, Assyrer, Griechen, Rö- 
mer, Kreuzfahrer u. s. f., für die 
man sonst nur auf Abbildungen 
angewiesen gewesen wäre, vorzu- 
führen. Das Hauptgewicht lag 
selbstverständlich auf den Origi- 
nalkostümen, die in stattlicher 
Zahl vom regierenden Fürsten 
Liechtenstein, Grafen Hans Wil- 
czek, Freiherrn von Llpperhcide, 
Dr. Albert Figdor, Maler Franz 
Gaul u. A., sowie von den öster- 
reichischen Museen eingeschickt 
wurden. Besonderen Reiz erhält 
die hochinteressante Ausstellung 
durch zahlreiche Porträts, Ölbil- 
der, Miniaturen u. s. f. Der aus- 
führlich beschreibende Katalog 
umfasst 281 Nummern. 



K' 



Bemalter Behang mit teilweisem Modelvordrucl< 

aus dem fürstl. von und zu Liechtensteinisclien Sclilosse 

zu Feldsberg, um 1760. 



entwickelt und mit Charakter zu geben 



REFELD. Das Kaiser Wil- 
helm-Museum hatte aus An- 
lass der Eröffnung der 
Elektrizitätswerke eine Ausstellung 
von Beleuchtungsgegenständen für 
elektrisches Licht veranstaltet, um 
dadurch dem zu erwartenden Be- 
darf an solchen Beleuchtungs- 
körpern eine den ästhetischen 
Anforderungen des modernen 
Kunsthandwerks entsprechende 
Richtung zu geben. Die Aus- 
stellung war von deutschen, eng- 
lischen und amerikanischen Fir- 
men reich beschickt und zeigte, 
welch ausserordentlich grosser 
Formenreichtum sich auf diesem 
noch jungen Gebiet des Kunst- 
gewerbes entfalten lässt. Um der 
Ausstellung einen wohnlichen 
waren vier Räume, ein Herren- 
zimmer, ein Salon, ein Damenboudoir und ein Schlaf- 
zimmer hergerichtet worden, die mit Krefelder Tep- 
pichen von vom Brück Söhne und modernen Mö- 
beln von H. Stroucken ausgestattet waren. Unter den 
deutschen Ausstellern sind zu nennen die Firmen: 
Joh. Zimmermann & Cie. in München mit Beleuch- 
tungskörpern nach Zeichnungen von O. Eckmann, 
Paul Stotz in Stuttgart mit drei grossen Kronen, Otto 
Schulz in Berlin mit Wandbeleuchtungsgeräten nach 
Entwürfen von Bernhard Wenig in Berchtesgaden und 
Steinicken & Lohr in München mit Lampen jeder 
Art nach Entwürfen von Otto Lohr. Von den Eng- 
ländern war die Firma Benson & Cie. mit einer grossen 
Anzahl von Beleuchtungsgeräten vertreten, die beson- 
ders durch ihre schlanken, knappen Formen die Schön- 
heit mit grösster Zweckmässigkeit vereinigten. Aus 
Amerika hatte L. Tiffany in New-York ausgestellt, der 
es besonders versteht, durch seine Opalescentver- 
glasungen entzückende Farbenwirkungen hervorzurufen 
und durch sinnreiche Konstruktionen auch die Brauch- 



54 



KLEINE MITTEILUNGEN 



barkeit zu erhöhen. Zu der Ausstellung hatte auch 
das Kunstgewerbe-Museum in Berlin eine Reihe von 
Gegenständen hergeliehen. -u- 

B ERLIN. Orlop-Stiftung für Veröffentlichungen des 
Kunstgewerbe-Museums. Durch letztwillige Ver- 
fügung des in Genf am 2Q. Juni 1891 verstor- 
benen Herrn Walter Eugen Alexander Orlop aus 
Halberstadt ist dem Kunstgewerbe-Museum in Berlin 
ein Kapital zugefallen, welches mit den aufgelaufenen 
Zinsen z. Z. 186100 Mark beträgt. Mit demselben 
wird eine dauernde Stiftung errichtet, welche den Na- 
men führt: »Orlop-Stiftung für Veröffentlichungen des 
Kunstgewerbe-Museums zu Berlin«. Der Zweck der 
Stiftung ist die Veranstaltung von Veröffentlichungen 
aus dem Arbeitsgebiet des Kunstgewerbe-Museums, 
mit der Bestimmung, historische Kenntnisse oder vor- 
bildliches Material zu verbreiten und durch vollendete 
Ausstattung der Bildung des Geschmackes zu dienen. 
Das Stiftungskapital ist zinsbar anzulegen und bis zur 
Höhe von 186100 M. unangreifbar. Die Einnahmen 
der Stiftung werden aus den Zinsen des Kapitals und 
aus dem Erlös verkaufter Veröffentlichungen bestehen. 
Der 1 86 1 00 M. übersteigende Betrag des Kapitals und 
die Einnahmen sind für den Stiftungszweck verwend- 
bar. Die Stiftung wird von einem Kuratorium ver- 
waltet, welches aus dem Generaldirektor der Kgl. 
Museen, den Direktoren des Kunstgewerbe-Museums 
und dem Justitiar und Verwaitungsrat der Kgl. Museen 
besteht. Sollten die jetzt als Kunstgewerbe-Museum 
vereinigten Abteilungen in getrennte Verwaltungen 
übergehen, so bleibt die Stiftung bei der Sammlung 
und den mit ihr vereinigten Abteilungen. Der Stiftung 
ist unterm 29. August d. J. die Allerhöchste Geneh- 
migung erteilt worden. -u- 

LEIPZIG. Das 25jährige Jubiläum des Leipziger 
Kunstgewerbemuseums wurde am 14. November 
durch ein Festspiel gefeiert, das von allen neun 
Musen begünstigt zu sein schien. Phantasien in 
Auerbach's Keller« lautete der Titel der geistreiciien, 
humorgewürzten Dichtung Fritz Scfiumaclier's, die 
das Gerüst abgab für eine Reihe bewegter lebender 
Bilder, zu denen Otto Wittenbecher und Karl Frodl 
eine gediegene, sorgfältig gearbeitete, bald heitere, 
bald schwungvolle Musik geliefert hatten. Ein an- 
sprechender Gedanke in geschmeidige, oft schlag- 
kräftige Verse gekleidet, unterbrochen von witzigen 
Couplets und einer Reihe farbenprächtiger, »kunst- 
historischer Bilderbogen, die von melodramatischer 
Musik begleitet waren: diese verschiedenartigen Ele- 
mente waren zu so glücklicher Mischung vereinigt, 
dassj^^die ganze Veranstaltung wie aus einem Gusse 
geformt zu sein schien. 

In Auerbach's Keller sitzen zu später Stunde 
einige Kunstgewerbemeister, ein Kunstgelehrter^ und 
ein Musiker im Gespräch am Stammtisch beieinander; 
die Diskussion wird bald zur Debatte über den 
Gegensatz alter und moderner Kunst. Mit dem 
zwölften Glockenschlage der Mitternacht erscheinen 
die ältesten Stammgäste des Lokals, Faust und Mephi- 
stopheles, um »ein bischen zu revidieren <. Mephisto 



in seiner Art drängt sich heran und nimmt bald Teil 
am Kampf der Geister; ein Spezialist preist das 
Gotische als das Urdeutsche, Mephisto erbietet sich, 
die verblassten Gestalten der längstvergangenen Zeit 
lebensfrisch an die Wand des Kellers zu malen ; man 
nimmt ihn beim Wort und unter scherzhaftem Hin- 
weis auf die Konzertmaler skizziert der Herr der 
Ratten und der Mäuse sein Historienbild mit einem 
grossen Besen an die Wand. Es erscheint darauf 
eine bewegte Scene am Hofe Karls des Kühnen von 
Burgund, vornehme Herren und Damen, letztere mit 
dem bekannten zuckerhutähnlichen Kopfschmuck. Ein 
Teil der historischen Gestalten sieht von erhöhter 
Estrade einem gemessenen Reigen zu. Der teuflische 
Kinematographiker erntet lauten Beifall ob seiner 
Leistung und in erhöhter Stimmung, die durch ein 
sächsisches Couplet des Kellermeisters auch aufs 
Publikum übertragen wird, geht die Debatte weiter 
Alsbald fordert man laut die deutsche Renaissance, 
und abermals zeigt Mephisto, dass er hexen kann, 
Ein Osterspaziergang vor den Thoren Nürnbergs mit 
einem fahrenden Spielmann und einem Kupferstich- 
verkäufer zeigt sich, eingeleitet durch eine heitere 
Musik — das Ganze wie ein Ausschnitt aus den 
Meistersingern. Natürlich entspinnt sich darauf ein 
Gespräch über echte und falsche Renaissance und 
Mephisto, so recht in seinem Fahrwasser, parodiert 
die weichliche Butzenscheibenlyrik der vergangenen 
letzten Jahrzehnte: 

»ein Bub', ein Mädchen, Rosen, etwas Minne, 
Ein ganz, ganz kleiner Kitzel für die Sinne 
Und eine süsse Adjektivensauce 
Hübsch umgerührt — und fertig ist die Chose! 
Der Ursprung des Rezepts der liegt schon weit, 
Der stammt noch aus der alten Schäferzeit, 
Nur nahm man da, so wollte es der Stil, 
Noch etwas Puder in den Federkiel, 
Und ging dazu bei den Franzosen betteln.« 
Nach diesem Übergang, den Mephisto selbst her- 
beigeführt, wird nun auch der Stil des Boudoirs 
und der Schminke« gefordert; wie der Kunsthistoriker 
sich ausdrückt »kraft kunsthistorischer Gerechtigkeit. 
Mephisto, der schon A und B gesagt hat, setzt das 
Alphabet fort und giebt einige Bilder im Stile Wat- 
teaus: Gesellschaft im Walde, die Figuren der italie- 
lienischen Komödie treten auf, Harlekin erhält Prügel 
u. s. w. Eine graziöse Gavotte erklingt und die 
Reihen sondern sich zu Paaren. Immer lebhafter 
schallt der Beifall, die Stimmung wird animierter; 
die Biedermaierzeit von 1820 bildet eine weitere 
Etappe, lustige Lieder von der Entstehung der Stile, 
von der hypnotischen Wirkung der Musik werden 
zu Gehör gebracht. In die Fidelität fallen nun zwei 
späte Gäste, Vertreter der »Modernen«, ein Maler 
und ein Poet. Natüriich reden diese Herren sogleich 
von dem Neusten und wollen sich dabei »grenzenlos 
erdreusten«. Auch der neuesten Richtung weiss der 
Junker Satan zu entsprechen, indem er die Goldene 
Treppe des Burne Jones in Scene setzt. Angeregt 
durch diese Leistung zieht der mit Ȇberzeugung 
dekadente« Poet ein eben verfasstes Gedicht aus der 



KLEINE MITTEILUNGEN 



55 



Tasche, das, wie man hört, im nächsten Heft des 
Pan erscheinen solL Der blühende Blödsinn dieses 
Liedes weckt nun eine neue Erregung; noch einmal 
lässt Mephisto : Die Kleinen von den Seinen« an- 
tanzen und diesmal sind es die Plakatgeister, die in 
grosser Zahl anschwirren und ein neues Oährungs- 
ferment in die Parteien bringen. Ein lebhafter Wort- 
wechsel erhebt sich: 

1. Meister: Stil will entwickelt, nicht erklügelt 
sein! 

Maler: Ach Gott, ihr Bürcherwürmer, packt 
doch ein! 

2. Meister: Das Neue ist bisher mehr Schrei'n 
als Sein! 

3. Meister: Gesunde Kinder melden sich mit 
Schrei'n! 

Gelehrter: Es giebt auch Kinder, welche sehr 
früh sterben! 

3. Meister: Und es giebt Männer, die nichts thun 
als erben! Vor dem Erwerbszweig hab ich keine 
Achtung! 

1. Meister: Mir scheint das »Neue« geistige Um- 
nachtung! 

2. Meister: Dazu ein widriges Sich-Überheben ! 

1. Meister: Nein, ein ästhetisches Sich -Über- 
geben ! 

Maler: Ja, schimpft nur, schimpft! u. s. w. 
Indes Mephisto dem wachsenden Lärm mit Be- 
hagen zuhört, schlägt sich Faust ins Mittel und ver- 
söhnt die Streitenden. 

So ist es recht! Such' jeder nach dem Wahren, 
In vielen Formen kann sich's offenbaren 
Und in den besten Werken jeder Zeit 
Steckt auch für uns ein Kern Unsterblichkeit. 
Es ist die Kunst ein schöner, weiter Garten, 
Drin manch' Geschlecht schon seine Bäume hegt. 
Und wenn wir traulich jener Blüten warten. 
Die unsrer Väter Kunst dort einst gepflegt. 
So brauchen wir darum nicht zu verzichten. 
Auch unsern eignen Steckling aufzurichten. 
Mit einer Apotheose der Schönheit, die alle 200 
Darsteller zu einem farbensatten Bilde vereinigt, 
schliesst das Spiel. 

Wir haben den Gang der Scenen ausführlicher 
wiedergegeben, weil die in dramatische Form ge- 
gossene Auseinandersetzung eine weit mehr als lokale 
Bedeutung beanspruchen darf. So reich an guten 
Sprüchen und in so heiterm Gewände ist uns noch 
nie eine kunstgewerbliche Auseinandersetzung aktueller 
Art begegnet. Schon die Dichtung hätte allein hin- 
gereicht, die Spannung und das Interesse der Hörer 
zu wecken und zu steigern; ihre Verbrämung mit 
der Musik und die choreographischen Künste kamen 
hinzu, den Abend zu einem unvergesslichen zu machen. 
Der Beifall des dichtbesetzten Hauses war denn auch 
ein tosender zu nennen. Der Dichter und die Kom- 
ponisten, Komitee und Balletmeister wurden lebhaft 
gerufen, zum Schlüsse auch Direktor Graul, der diesen 
ganzen »Zauber« eingefädelt hatte und in dessen Hand 



die Fäden dieses Gewebes zusammenliefen. In höchst 
ermunterter Stinmmng begaben sich Spieler und Hörer 
nach den festlich geschmückten Räumen des Krystall- 
palasts, wo sich alsbald das bunte Bild eines Kostüm- 
balles entwickelte. Da tanzte denn ein Dürer mit 
einem neuen Plakatgeiste, Harlekin walzte mit einer 
Engelsgestalt des Burne Jones und so reizvoll war das 
ungebundene Dasein, dass die kunsthistorische Ent- 
wicklung rückläufig wurde, insofern mancher Bieder- 
maier sich benahm, wie weiland Karl der Kühne. 
Trotz der hohen Eintrittspreise war auch bei der 
dringend geforderten Wiederholung des Festspiels am 
Sonntag Vormittag das Theater nahezu ausverkauft. 

AUSSTELLUNGEN 

PARIS. Der offizielle Qeneralkatalog der Welt- 
ausstellung iQOO erhält das Format des Reise- 
führers von Baedeker und wird infolgedessen 
handlicher als diejenigen der beiden vorangegangenen 
Pariser Weltausstellungen sein. Er umfasst 18 Bände, 
entsprechend den 18 Hauptgruppen, in die die Aus- 
stellung eingeteilt ist. Der Preis des Bandes ist auf 
3 Eres, fixiert. Die Herstellung desselben wurde der 
Firma Lemercier für die Summe von 453000 Frcs. 
zuerkannt. -u- 

ST. PETERSBURG. Die kaiserliche Gesellschaft 
zur Hebung der Künste in Russland, welche 
alljährlich in ihrem eigenen Ausstellungsgebäude 
Ausstellungen von Werken aus der modernen Kunst 
und des modernen Kunstgewerbes veranstaltet, beab- 
sichtigt in den Monaten Januar bis März 1900 deut- 
sche Kunst und deutsches Kunstgewerbe in aus- 
erlesenen Stücken zur Ausstellung zu bringen. -u- 

WETTBEWERBE 

HANNOVER. Preis- Ausschreiben der Knnstan- 
stalt J. C. König & Ebhardt um farbige Plakat- 
Entwürfe für die Branchen: Chokolade und 
Kakao, Fahrräder, Fleischextrakt, Bier, Parfümerien und 
Seifen, Kognak und Liköre, Kaffee und Surrogate, 
Nähmaschinen, Lederkonservierungsmittel bzw. Wichse, 
Pianoforte, Bisquits und Cakes, Automobile, Kindernähr- 
mittel, Schaumweine. Auch Entwürfe für andere Branchen 
werden zur Konkurrenz zugelassen. Die Entwürfe 
sind in den Hochformaten 82X108, 56X86, 48X72, 
36X75 cm zu liefern, können in beliebiger Maltech- 
nik (mit Ausschluss von Ölfarbe) ausgeführt sein und 
müssen sich für die farbige lithographische Verviel- 
fältigung ohne weiteres eignen. Ausgesetzt sind: ein 
erster Preis von 1000 M., ein zweiter Preis von 750 M., 
ein dritter Preis von 500 M., vier Preise von je 300 M., 
sechs Preise von je 200 M. Ankauf weiterer Entwürfe 
bleibt vorbehalten. Das Preisrichteramt haben über- 
nommen die Herren Professor Max Liebermann, Maler . 
Walter Leistikow, Professor Franz Skarbina, Professor 
Direktor Hugo von Tschudi, Johannes Kirdorf (in 
Firma Reuter & Siecke), sämtlich in Berlin und einer 
der Teilhaber der ausschreibenden Firma. Einzuliefern 
bis 15. Januar 1900. -u- 



56 



KLEINE MITTEILUNGEN 



KÖLN a. Rh. In Angelegenheit des Preisaus- 
ausschreibens der Firma Gebr. Stollwerck, betr. 
Entwürfe für den Einband eines Stollwerck'schen 
Sammelalbums haben die Preisrichter (s. Kunstgewerbe- 
blatt, N. F. X. Heft 8, S. 157/158) bei ihrer am 
18. Juni d. J. in Hamburg stattgefundenen Beratung 
von der Vergebung eines I. Preises Abstand genommen. 
Der entsprechende Betrag von 500 M. wurde jedoch 
in Gestalt eines II. Preises von 300 M. und eines 
III. Preises von 200 M. neben den im Ausschreiben 
bereits ausgelosten II. und III. Preisen verteilt. 86 Ent- 
würfe waren für den Wettbewerb eingegangen und 
wurden der Beurteilung unterzogen. Mit einem 11. Preise 
ausgezeichnet wurden die Entwürfe unter dem Kenn- 
wort: »y4/a//Co7«« von Fritz He/muth Ehmcke-BtrVm 
und »Märchen (No. 52) von > Ernst Neumann-München. 



Dritte Preise wurden zuerkannt den Entwürfen unter 
dem Kennwort: «Sophie« von Adolf Höfer und Walter 
Püttner- München; '> Kater Murr« von Maximilian 
Liebenwein -Burghausen a. d. Salzach in Oberbayern, 
sowie »Blau und Oelb« von K.arl //o7fe- Hamburg- 
Eilbeck. Ausser den fünf genannten wurden die fol- 
genden Entwürfe zur engeren Wahl gestellt, auch den 
Herren Gebr. Stollwerck zur Auswahl empfohlen, falls 
sie den im Ausschreiben vorgesehenen Ankauf von 
nicht prämiierten Entwürfen vorzunehmen beabsich- 
tigten: y Hanne«, y-lm Abendgold«, «Interessant«, 
»Hausmütterchen«, »Albumdeckel«, »Mohrenkuss«, 
»Siesta«, »Drei Mann hoch«, »Märchen (Nr. 63)«, 
»Fahre wohl«, »Bonbon«. Von der Ermittelung 
der Urheber dieser Entwürfe hat das Preisgericht 
abgesehen. 




Credeiiz (helles Fölirenholz). Entworfen von H. SCHLICHT, Dresden. 
Ausgeführt in den Dresdner Werkstätten (Schmidt & Müller). 




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Wandbnmnen : entworfen an der Orossherzogl. Kunstgewerbeschule Karlsruhe von WILHELM MERTEN unler Leitung 

von Prof. F. DIETSCHE. 




BADISCHES KUNSTGEWERBE 



IE Grundbedingung für eine gediegene Pflege des Kunstgewerbes ist die Heranziehung und 
Scfiulung befähigter Kräfte und ihre tüchtige Ausbildung, sowohl nach künstlerischer, wie 
auch nach technischer Seite. Diese Erziehung müsste überall da geschehen, woselbst sich 
eine Kunstindustrie als lebensfähig erwiesen hat, wo eine gesunde Grundlage für eine plan- 
mässige Weiterentwicklung vorhanden ist. Dabei sollte aber auch stets die individuelle 
Eigenart dieser Kunstindustrie, die ja meist mit dem Volke selbst in enger Beziehung 
steht, gewissenhaft gewahrt bleiben. In diesem Sinne hat sich die staatliche Organisation 
Deutschlands als vorteilhaft und weitaus günstiger erwiesen, als z. B. in unserem Nachbar- 
staate Frankreich, bei dem die Hauptstadt Paris fast ausschliesslich einen tonangebenden und 
bestimmenden Einfluss ausübt. Daher kann man auch in Deutschland von einem Münchener, 
Berliner, von einem bayerischen, sächsischen und badischen Kunstgewerbe sprechen. 
Unsere grösseren Ausstellungen haben diese Wahrnehmung zur Genüge gezeigt, denn 
überall machte sich bei denselben die charakteristische Eigenart unserer verschiedenen Volksstämme bemerkbar. — 
Über die Art und Weise dieser kunstgewerblichen Erziehung kann man ja verschiedener Ansicht sein, die 
Ergebnisse allein bieten den Beleg, ob der betretene Weg der richtige ist. Um nach diesen Erfolgen zu 
schliessen, hat das verhältnismässig kleine Badnerland sehr günstige Resultate aufzuweisen, da es überall bei 
seinem öffentlichen Auftreten ebenso eigenartige wie tüchtige Leistungen vorführen und hierbei den Beweis 
liefern konnte, dass das badische Kunstgewerbe sich im steigenden Fortschritte kräftig weiterentwickelt hat. 
Im Grossherzogtum Baden hat man aber frühzeitig die Bedeutung dieser Schulung erkannt, da hier alle 

Kunsfgewerbeblatt. N. F. XL H. 4. g 



Initial, entworfen von 
RGB. OREANS. 



58 



BADISCHES^KUNSTOEWERBE 




Ehrenpreis des Gr. Bad. Minist, d. I. für das Iffezli. Rennen. 
Entwurf H. GÖTZ; Ausführung L. BERTSCH, Karlsruhe. 



massgebenden Faktoren, ein kunstsinniger Fürst, eine 
weise Regierung und opferwillige Landstände gemein- 
sam zusammenwirkten, um iiier für die Pflege des 
Kunstgewerbes eine den Bedürfnissen des Landes ent- 
sprechende Organisation zu schaffen. Für die grossen 
altbewährten Industrien der Uhrenfabrikation des 



Schwarzwaldes wurde die Uhrmacher- und Schnitzerei- 
schuie in Furtwangen, für die Bijouteriefabrikation in 
Pforzheim die Kunstgewerbeschule daselbst geschaffen. 
Die Centrale für das ganze Land bildete nebst der 
Grossherzoglichen Landesgewerbehalle hauptsächlich 
die aus dieser Anstalt hervorgegangene Orossherzog- 
liclie Kunstgewerbeschule Karlsruhe. Anfang der 
siebziger Jahre begründet, hat sie seit ihrem Bestehen, 
insbesondere aber seit der Errichtung ihrer Fachklassen 
auf das Emporblülien des badischen Kunstgewerbes 
einen ganz bedeutenden Einfluss ausgeübt. Später 
entstand dann noch der von dem Vorstande der Anstalt 
geschaffene Kunstgewerbeverein, der in wohlthuendster 
Wirkung die f^eziehungen der Schule zu der Praxis 
vermittelt, sowie die Sanunlung des Grossherzoglichen 
Kunstgewerbe- Museums. Das gesunde Zusannnen- 
wirken dieser verschiedenen Faktoren hat denn auch 
eine Reihe der glänzendsten Erfolge aufzuweisen, da 
sie bei allen grösseren kunstgewerblichen Unter- 
nehmungen leitend an der Spitze standen. 

Ausser den bereits schon angeführten grossen 
Landesindustrien haben sich in Baden auch die übrigen 
kunstgewerblichen Gebiete recht wacker herausent- 
wickelt. So die Möbelfabrikation, die Silberschmiede- 
kunst, die Emailtechnik, die Glasmalerei, die Ofen- 
fabrikation und Keramik, die Tapetenfabrikation, die 
Lithographie, die Kunstschmiedetechnik, die Kartonnage- 
fabrikation und eine Reihe weiterer verwandter Gebiete. 

Auch unser Januarheft istden Erzeugnissen Badens ge- 
widmet, da indemselbenausschliesslich Illustrationen von 
Werken badischer Meister und Schulen enthalten sind. 

Von dem Leiter der Karlsruher Kunstgewerbe- 
schule Professor Hermann Götz sehen wir zunächst 
ein Madonnenbild, welches derselbe, einem Wunsche 
seiner Heimat nachkommend, für die auf einem reizen- 
den Aussichtspunkte des badischen Kinzigthales ge- 
legene Jakobs-Kapelle in Gengenbach gemalt und als 
eine Erinnerung an seine daselbst verlebten Jugend- 
jahre gestiftet hat. Es ist ein Werk von edler Kom- 
position und wirkungsvoller Farbenstimmung, in 
Tempera gemalt, die Figuren etwas über Lebensgrösse. 
Oötz versucht sich hier erstmals im Gebiete der kirch- 
lichen Kunst, doch zeigt der vielseitige und in allen 
Gebieten bewanderte Meister, dass er auch dieser 
Aufgabe vollkommen gewachsen ist. — Weitaus be- 
kannter sind seine künstlerischen Entwürfe für Edel- 
metall. Zählen sie doch zu Hunderten, darunter eine 
Reihe der wertvollsten und reichsten Prachtstücke, 
welche die deutsche Silberschmiedekunst in den letzten 
zwei Jahrzehnten geschaffen hat. Wir erwähnen nur 
den Silberschatz badischer Städte und Gemeinden zur 
Vermählung des Erbgrossherzogs, den Adressenschrein 
des badischen Landes zum Jubiläum des Grossherzogs 
und die Ehrengabe zum 70. Geburtstage von Rudolf 
von Bennigsen. So fertigt Oötz seit 18 Jahren die 
Entwürfe zu den kostbaren Ehrenpreisen, die der 
Grossherzog alljährtich zu den Iffezheimer und Mann- 
heimer Pferderennen stiftet. Dieselben werden durch 
verschiedene Meister des Landes in Kartsruhe, Heidel- 
berg, Mannheim ;und Pforzheim ausgeführt. Unsere 
Illustration enthält den Goldpokal, der mit der Sunniie 



BADISCHES KUNSTGEWERBE 



59 



von 100 000 Mk. 
den diesjährigen 
grossen Preis 
von Iffezheim 
bildete. Ei ist 
nach dem Ent- 
wnrfe des Künst- 
lers durch Pro- 
fessor K- Weib- 
Icn in Pforzheim 
ansgefiihrt nnd 
nnnniehr in fran- 
zösischen Besitz 
übergegangen. 
(Abbild. S. 73). 
In dem weiteren 
Pokale bringen 
wir eine Arbeit 
des Meisters, 
die ans der 
Werkstätte des 
Hofjnweliers L 
Bertsch in Karls- 
rnhe hervorge- 
gangeri ist. Un- 
gemein zahl- 
reich sind ferner 
die Ehrendiplo- 
me, die Direktor 
Götz meist in 
flotten Aquarel- 
len angefertigt 
und auch fürdie- 
selben die ent- 
sprechenden 
Mappen gezeich- 
net hat. Zwei 
derselben in po- 
lychromer Le- 
dertechiuk sind 
in unserem Hefte 
vertreten. Das 
Bedeutendste je- 
doch, was von 
ihm in dieser Art 
gefertigt wurde, 
istdieEhrenbür- 
gerurkundej der 
badischen Städte 
an den Fürsten 
Bismarck. 

Von weite- 
ren Arbeiten der 

Karlsruher 
Schule sehen wir 
das flotte Modeil 
für einen farbi- 
gen Majolika- 
Brunnen, wel- 
ches ]. Merien 
in der Bild- 




Madonnenbild für die Jakobskapelle in Qengenbach von Prof. HERMANN GÖTZ, Karlsruhe. 



hauerfachkiasse 
der Grossher- 
zoglichen 
Kunstgewerbe- 
schule unter Lei- 
tung von Profes- 
sor F. Dietschc 
entworfen hat. 
Von dem letz- 
teren Meister 
stammt auch die 
Engelsfigur für 
ein Grabmal. 
Professor Diet- 
sche ist z. Zt. 
mit grösseren 
Aufträgen für 
das Rathaus in 
Freiburg (Bron- 
zegruppen), die 

Karlsruher 
Christuskirche 
(Reliefs) und Fi- 
guren für die 
Stadt Duisburg 
beschäftigt. — 
Von dem Leiter 
der neubegrün- 
deten kerami- 
schen Fachklasse 
der Karlsruher 
Kunstgewerbe- 
schule Professor 
Karl Kpriihas 
finden wir in 
zwei Majolika- 
Reliefs, einem 
weiblichen Stu- 
dienkopf und 
einem Wappen- 
Medaillon Ar- 
beiten, die leider 
sehr unvollkom- 
men wiederge- 
geben sind, da 
sie der Farben- 
wirkung entbeh- 
ren. Letztere be- 
ruht hauptsäch- 
lich in der ge- 
flammten Lüs- 
terglasur, einer 
besonderen Spe- 
zialität dieses Ke- 
ramikers, bei der 
die metallisch 

schimmernde 
und in allen Far- 
ben reflektieren- 
de Stimmung 
eine besondere 

9* 



6o 



BADISCHES KUNSTGEWERBE 




a?!^ ■'fcirf >»**t^4ft. 



agia&iaaMfiiffr" ' " - 



;j^-.-.g.-j;^f;.:- jjt**.!-^,. 



Adressen -Mappe; Entwurf von Direktor H. GÖTZ, Karlsruhe. 



Eigenart bildet. Kprnhas, ein geborener Schwarzwäider, 
hat diese Technik durch jahrelangen Aufenthalt in den 
ersten italienischen Fabriken eingehend studiert. Die 
Wirkung und der fördernde Einfluss dieser keramischen 
Fachschule dürften sich für Baden in Bälde fühlbar 
machen, denn die Städte Karlsruhe, Mosbach, Heidelberg, 
Baden, Zell a. H., Hornberg, Villingen und Kandern 
besitzen bedeutende Ofen- undThonwarenfabriken. Auch 
Frau E. Schmidt -Pecht in Konstanz hat sich mit sehr 
glücklichen Versuchen in Schwarzwald -Majoliken be- 
fasst, wie ja auch die Erzeugnisse des aus der Karls- 
ruher Kunstgewerbeschule hervorgegangenen Kera- 
mikers Professor M. Läuger überall bekannt sind. 

In das Gebiet der Medailleurkunst, die insbeson- 
dere in Professor Rud. Mayer in Karlsruhe einen 
trefflichen Meister besitzt, gehört ferner die Medaille, 



für weiche Bildhauer H. Bau- 
scr für die Silberhochzeit des 
Kommerzienrats O. Bally in 
Säckingen die in unserem 
Hefte abgebildeten Modelle 
gefertigt hat. Von weiteren 
Lehrern derKarlsruherSchule 
finden wir noch die poly- 
chrom behandelte Decken- 
skizze von Maler Wilhelm 
Lang für einen Plafond des 
neu restaurierten Blumen- 
saales im Konversationshause 
zu Baden-Baden; ferner die 
figürlichen Studien, weib- 
licher Akt und Portrait von 
Maler Hermann Göhler, bei- 
des sehr tüchtige Leistungen. 
Auch der Reiherfries ist von 
demselben Künstler, während 
der andere Fries mit dem 
Bildnisse von Albrecht Dürer 
in der dekorativen Fachklasse 

der Kunstgewerbeschule 
Karlsruhe unter Leitung von 
Professor Karl Eyth entwor- 
fen und gemalt wurde. Als 
weitere dekorative Arbeiten 
sind die beiden für Email- 
technik komponierten Friese 
von Professor/<ö''/Oßg'^^und 
dessen Bruder August Gagel 
anzuführen, welche dieselben 
für Bergmanns Emailwerke 
in Gaggenau ausgeführt ha- 
ben. Diese bis zu einer 
Grösse von mehreren Metern 
auf Eisenblech hergestellten 
Emailarbeiten sind in Fach- 
kreisen noch viel zu wenig 
bekannt, da ihre Technik 
sonst vielmehr Verwendung 
finden würde. Sie eignet sich 
namentlich für Fassaden- 
schmuck, da sie sich für je- 
den Witterungs- und Temperaturwechsel als äusserst 
widerstandsfähig erweist und ungemein dauerhaft ist. 
Fabrikant Bergmann, der sich seit vielen Jahren mit der 
Vervollkommnung dieses Emailverfahrens befasst, hat 
für sein eigenes, in dem badischen Murgthale gelegenen 
Anwesen nach den Gagel'schen Entwürfen ein höchst 
originelles Repräsentationshaus bauen lassen, welches 
die praktische Verwendung dieser Einailarbeiten, so- 
wohl an der Aussenfassade, als auch in der Innenaus- 
stattung zur Anschauung bringt. Diese keineswegs 
leichte Aufgabe hat Professor Oagel mit vielem Ge- 
schick und so gelöst, dass diese Emailfüllungen in- 
mitten der gebeizten Naturholzfriese eine äusserst har- 
monische Farbenstimmung erzielen. Ein Teil dieser 
Dekoration wird auch in Paris im nächsten Jahre zur 
Ausstellung gelangen und so den weitesten Kreisen 



BADISCHES KUNSTGEWERBE 



61 




Arbeit aus der dekorativen Facliklasse der Kunstgewerbescliule zu Karlsruhe. 



zur Einsicht vorgefüiirt werden. Die ersten aber noch 
unvollkommenen Versuche in der Anwendung solchen 
Fassadenschmuckes wurden unseres Wissens in Ham- 
burg gemacht. 

Die Glasmalerei hat in Baden in den letzten Jahren 
einen bedeutenden Aufschwung genommen, denn das 
Land.zählt insgesamt acht zum Teil sehr grosse Fabriken 
und Ateliers, die nicht allein die Bedürfnisse des Landes 
decken, sondern der Hauptsache nach noch sehr 
viel für das Ausland fertigen. So besitzt die Stadt 
Offenburg allein vier grössere Geschäfte, in denen 
ausserdem noch die Glasätzerei und die Anfertigung 
des sogenannten Musselinglases betrieben wird. Aus 
den Werkstätten dieser Fabriken sind schon zahlreiche 
und äusserst tüchtige Leistungen nach Amerika, Eng- 
land, Schweden-Norwegen, Russland, Spanien u. s. w. 
hinausgesendet worden, woselbst sie dem badischen 
Kimstgewerbe zur besonderen Ehre gereichen. Von 
dem bekannten Freiburger Meister Fritz Gciges, der 
namentlich in dem Gebiete der mittelalterlichen, kirch- 
lichen Kunst Hervorragendes leistet und sich in geradezu 
virtuoser Weise in diese Zeit eingelebt hat, finden wir 
in unserem Hefte ein grösseres Kirchenfenster, welches 
in zwei Teile gegliedert ist. Auch hier vermissen wir 
leider die eigentliche Farbenwirkung, welche diesem 
Werke den besonderen Reiz verleiht. Oeiges steht 
neben dem Frankfurter Linneinann ausser Zweifel an 
der Spitze der kirchlichen Glasmalerei, da er nicht 
allein der künstlerische Erfinder seiner Werke ist, sondern 
dieselben auch technisch meisterhaft ausführt. Seine 
Arbeiten für die Münster in Freiburg i. B., Eichstätt, 
Konstanz, Frankfurt a. M., Bonn, Magdeburg und für 
zahlreiche sonstige Kirchen geben hierfür ein beredtes 
Zeugnis. Auch für die Augusta- Gnadenkirche und 
die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin hat 
Oeiges prächtige Fenster gefertigt, die mit zum Besten 
gehören, was in Deutschland überhaupt in neuerer 
Zeit auf diesem Gebiete geleistet wurde. Professor 
Oeiges ist z. Zt. mit drei grösseren Glasgemälden für den 
Erweiterungsbau des Freiburger Rathauses beschäftigt, 
welche geschichtliche Momente und historische Portraits 
zur Darstellung bringen. Auch der dekorative Fassaden- 
schmuck des Freiburger Rathauses ist ein sehr be- 



achtenswertes Werk dieses Meisters. — Als weitere 
Vertreter der badischen Glasmalerei nennen wir noch 
Drinneberg in Karlsruhe, Beiler in Heidelberg, Heimle 
und Merzweiler in Freiburg i. B., Wilhelm Schell, 
Adolf Schell, Vittali, Börner und Gccit in Offenburg. 
Von den letztgenannten enthält unser Heft noch ein 
dreiteiliges Treppenhausfenster. 

Aus dem Gebiete der Möbelfabrikation finden wir 
von der Hofmöbelfabrik von A. Dietler in Freiburg i. B. 
noch die Illustration eines Jagdzimmers. Diese be- 




Eiilwurf zu einer Urkunden-Mappe der Säckinger Walfisch-Gesellschaft 
von Direktor H. OÖTZ, Karlsruhe. 



62 HAT DAS PUBLIKUM EIN INTERESSE DARAN, SELBER DAS KUNSTGEWERBE ZU HEBEN? 




Akt, gemalt von Herrn. OÖHLER, Karlsruhe. 

kannte Firma, die sich auch nach aussen eines be- 
deutenden Rufes erfreut, hat in den letzten Jahren 
eine Anzahl reicherer Einrichtungen für die Schlösser 
des Orossherzogs von Luxemburg, des Herzogs von 
Anhalt u. a. geliefert. Von weiteren Möbelfabriken 
des Landes sind hervorzuheben Gebr. Himmelheber, 
A. Qehrig, L. Distelhorst und M. Reutlinger in Karls- 
ruhe, Gebr. Müller in Baden-Baden,/. L. Peter m Mann- 
heim. Von der letzteren sehr leistungsfähigen Firma 
stammt auch das in unserem Hefte enthaltene Büffet. 
Unterstützt werden diese Fabriken durch zwei be- 
deutende Intarsiengeschäfte des Landes: R. Macco 
in Heidelberg und H. Maybach in Karlsruhe. Die 



farbigen Relief Intarsien des letztgenannten Meisters 
sind eine besondere Spezialität, die auch durch zahl- 
reiche Aufträge für das Ausland ausgezeichnet wird. 
Alle hier angeführten Arbeiten liefern zugleich auch 
den Beweis, dass die moderne Bewegung auch in 
Baden die gebührende Beachtung gefunden hat inid 
zwar in jener massvollen, gesunden Richtung, wie sie 
durch die Karlsruher Schule vorbildlich gepflegt wird. 



HAT DAS PUBLIKUM 
EIN INTERESSE DARAN, 
SELBER DAS KUNSTGE- 
WERBE ZU HEBEN? 



Von Hermann Obrist 



DIE Beantwortung der Frage, die wir hier aufwer- 
fen, ist nicht ganz einfach und ihre Berechtigung 
wird wohl sogar angezweifelt werden. Man- 
cher Leser wird vielleicht fragen: Was kann denn 
das Publikum gross dabei eingreifen und mitwirken? 
Dazu sind ja der Staat, die Gemeinde, die Herren 
Fabrikanten und vor allem die Kunstgewerbetreiben- 
den da! 

Ich fürchte sogar, es werden viele so denken. 
Haben sich doch die grossen Schichten des Bürger- 
tums immer dabei beruhigt, dass die Regierung alles 
Nötige, die Landwirtschaft, den Unterricht, die Hygiene 
und natürlich auch die Kunst zu heben wissen würde; 
wenn nicht, so würde man ihr in der Kammer, im 
Landtage schon die nötige Rüge erteilen! 

Es ist jedoch ein Irrtum anzunehmen, es genüge, 
der Regierung die Pflege der Kunst allein zu über- 
lassen. Wir möchten uns bemühen, diesen Irrtum 
etwas zu zerstreuen und zu zeigen, wie wenig es ist, 
was der Staat thun kann und wie enorm der Einfluss 
sein könnte, den das Publikum, d. h. jeder einzelne 
ausüben könnte. Mit dem Worte heben ist nun 
schon der Begriff des Neuen, des Fortschreitens eng 
verbunden. Der Staat aber kann es nicht gut ver- 
antworten, mit dem Gelde der Steuerzahler in den 
Kunstgewerbeschulen oder bei Vergebung grosser 
Bauten Experimente mit neuen Kunstrichtungen zu 
machen. Der Staat muss sicher gehen. Das, was 
die Alten geschaffen, ist wirklich schön und bewährt 
Man arbeite in diesen Stilformen, lehre sie in den 
Schulen und man wird sicher gehen. Haben sich 
dann im Laufe der Jahrzehnte neue Formen, neue 
Systeme bewährt, so kann der Staat auch diese 
brauchen. Vorläufig ist Vorsicht geboten. Darum 
ist es schwer, Vorschläge zu machen, auf welche 
Weise der Staat das Kunstgewerbe heben solle. Es 



HAT DAS PUBLIKUM EIN INTERESSE DARAN, SELBER DAS KUNSTGEWERBE ZU HEBEN? 63 



sind ihrer schon genug gemacht worden, und es 
geschah fast immer umsonst. 

Was die Kunstgewerbetreibenden, insbesondere 
die Kunsthandweri<er anbetrifft, so ist auch für sie 
die Herstellung von etwas wirklich Eigenartigem eine 
sehr riskante Sache. Sie sind alle mehr oder minder 
abhängig vom Oeschmacke des Publikums, und erst 
wenn das Verhältnis zwischen diesem und jenen ein 
klareres, zuverlässigeres geworden ist, kann man von 
ihnen Initiative verlangen. Vorher kann man den 
Kunstgewerbetreibenden höchstens vorschlagen, Initia- 
tive zu zeigen und sich freuen, wenn es ihnen ge- 
lingt, den Geschmack des Publikums zu bessern. 
Und eben dieses Verhältnis des Publikums zu den 
Kunstgewerbetreibenden wollen wir jetzt etwas be- 
leuchten. 

Also das Publikum soll bei der Hebung des 
Kunstgewerbes mitwirken, offenbar doch wohl, weil 
dies noch nicht hoch genug steht?! 

Es scheint mir sehr wahrscheinlich, dass gleich 
von vornherein gegen diese Forderung Einspruch 
erhoben wird. Ich höre Entgegnungen aller Art. 
Man blicke doch um sich, wird man sagen, strotzen 
nicht alle Läden von herrlichen kunstgewerblichen 
Arbeiten, giebt es nicht Kaufhäuser genug, glänzende 
Ausstellungen, wird nicht enorm produziert, erringt 
das deutsche Kunstgewerbe nicht vielfach Triumphe 
im Auslande? Und werden bei uns nicht auch 
herrliche Einzelwerke geschaffen? Ist unser Kunst- 
gewerbe nicht in der Lage, allen Anforderungen, 
allen Bestellungen in jeglicher Stilart gerecht zu 
werden ? 

Kurz, es werden Gründe verlangt, weshalb denn 
eigentlich das Kunstgewerbe noch mehr gehoben 
werden soll. Nun gut: sehen wir uns einmal um, 
was für Herrliches uns in unseren Läden geboten 
wird. Um nicht ungerecht zu erscheinen, wollen 
wir von vornherein zugeben, dass überall in be- 
schränkter Anzahl ganz gute, sogar schöne Sachen 
erstanden werden können. Wir müssen aber hier 
einmal klar zu erkennen suchen, wie hoch der Durch- 
schnitt der Ware künstlerisch steht. 

Gehen wir z. B. in ein Warenlager von Möbeln 
billigen Genres, so finden wir viele unbequeme 
Sofas, Chaiselonguen, schwere Polstermöbel, Zimmer- 




Portiät, gemalt von HERM. OOHLER, Karlsruhe. 

einrichtungen in jener entsetzlichen missverstandenen 
Schreinerrenaissance mit aufgeleimten Ornamenten. 
Gehen wir in ein besseres Möbelgeschäft, so finden 
wir teuere Einrichtungen im schwersten Architektur- 
Möbelstil oder von goldstrotzenden Barockmöbeln, 
alles schwerfällige, unbewegliche, unbehagliche Stücke, 
oder im Gegensatz dazu neu-englische Stühle, die so 
dünn und leicht sind, dass ein Bürger, der sich 
achtete, sich noch in den 70er Jahren nicht darauf 
gesetzt hätte. 

Unsere heimischen Tapeten sind nur zu oft kreidig 
oder staubbraun im Tone und mit Blümchen oder 
mit Mustern aus längstvergangenen Zeiten bedeckt 
oder den Engländern nachgebildet. Das Linoleum 
imitiert in materialwidriger Weise Holzparkett und 
Fliesen, das Porzellan kommt aus den Formen des 
Rokoko oder der geblümten Muster nicht heraus. 




Moderner Fries (Reihermotivj, gemalt von HERM. OÖHLER, Karlsruhe. 



64 HAT DAS PUBLIKKM EIN INTERESSE DARAN, SELBER DAS KUNSTGEWERBE ZU HEBEN? 




Medaillon Bally, Avers und Revers von Bildhauer H. BAUSER, Karlsruhe, 



Unsere Goldschmiede machen Pokale nacii altdeut- 
schen Vorbildern, Jardinieren in Barock, Tafelaufsätze 
in Rokoko, unsere Juweliere fertigen Ringe und 
Broschen, die Hunderte und Tausende kosten, imitieren 
aber Blümchen und flatternde Bänder oder geben 
überhaupt wesenlose Gebilde und die schönsten 
Steine werden in aufdringlicher oder protziger Weise 
montiert. 

Die Trinkgefässe, Bowlen und Vasen aus Glas 
sind so mit Emailmalereien bedeckt, dass man die 
Form nicht mehr erkennen kann. 

Treten wir in ein Lampengeschäft, so ist es fast 
unmöglich, eine einfache Lampe zu entdecken. Die 
Hängelampen sind mit Zierat bedeckt, alles ist ver- 
goldete oder imitierte Bronze. Die Stehlampen sind 
überall mit Buckeln, Köpfen, Festons, Gekringel 
aller Art verziert. Und begeben wir uns erst in ein 
Luxuswarengeschäft, wie flimmert es einem da vor den 
Augen! Man sieht den Laden vor Prunkstücken 
nicht. Was für Vasen aus Majolika mit Bronze 
montiert, wie grossartig nutzlos! Krüge und Schalen 
und Gefässe aller Art, bemalt, emailliert und ver- 
goldet, aufdringlich von weitem, in der Nähe ordi- 
när. Geschnittenes Glas, gewundenes Rokokopor- 
zellan und verwirrende Mengen von Statuen, Statuetten, 
Bronzen; dazu ein Sammelsurium von Tanagrafiguren, 
altdeutschen Landsknechten, französischen Balleteusen, 
ferner Masskrüge mit den geschmacklosesten Einfällen, 
Münchener Kindl und Rokokoschmiedeeisen; und 
vor allem jene gefährlichen Feinde der Kunst, die 
Nippsachen, wahre Bazillen des Kunstgewerbes! Man 
muss es erlebt haben wie wir, dass eine vornehme 
Frau von Geschmack beim Weihnachtseinkauf den 
Laden mit Thränen in den Augen vor Verwirrung 
und Ratlosigkeit verliess, um den ganzen Jammer 
dieser Überproduktion zu ermessen. 

Kurzum, wohin man blickt, Überfülle, aber das 



Einzelne zu oft kleinlich, banal, Fabrikware, aber bis 
zur Grenze der Möglichkeit mit Ornament bedeckt. 
Und diesem Zustande muss abgeholfen werden. 

Und in der That, das Publikum wird langsam 
inne, dass es von Bazarware, von Massenerzeugnissen 
umringt ist, und dass auch die schönsten Arbeiten der 
besten Werkstätten schwer darunter leiden, dass sie aus 
der Formengebung der Renaissance, des Barock, des 
Rokoko, des Empires und des neuerdings beliebten 
neuenglischen Stiles nicht herauskommen. 

Es fehlt nun bei uns nicht an Personen, die ganz 
zufrieden mit ihrem prachtvollen Empfangssalon in 
Rokoko, etwas verdrossen fragen: Ja, ist es denn wirk- 
lich so nötig, da zu reformieren , muss denn durchaus 
immer etwas Neues gemacht werden, ich finde, dass 
wir so viel Auswahl haben, dass für jeden Geschmack 
etwas da ist? Allein die überwiegende Zahl derer, 
die zu dem Kunstgewerbe überhaupt ein Verhältnis 
haben, hat doch die Erkenntnis gewonnen, dass es 
zuviel Gute-Stube-Kunstgewerbe, zuviel Restaurant- 
Luxus und vor allem zu viel Stilfexerei giebt und dass 
dieses Überwiegen des Banalen und Aufdringlichen, 
dies Kennzeichen der letzten Jahre, einer, aber auch 
nur einer der Gründe ist, weswegen das Kunstgewerbe 
gehoben werden muss. Man interessiert sich für das 
Neue, das Einfache, das Gesunde, man sehnt sich 
danach und das ist ein Anfang zur Besserung. Wie 
diese bessere Einsicht nun bethätigt werden könnte, 
darauf kommen wir später zurück. Zunächst wollen 
wir klarstellen, dass und warum es den Kunstgewerbe- 
treibenden nicht allein überlassen werden kann, an der 
Beseitigung der Missstände zu wirken; Dazu ist ein 
Blick auf ihre Lage und ihr Verhältnis zur allgemeinen 
Produktion notwendig. 

Wer in den Werkstätten der Kunsthandwerker zu 
Hause ist, der kann nicht ohne Ernst die Sorgen be- 
trachten, die jene Kreise in steigendem Masse erfüllen. 



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Kunstsewerbeulatl. N. p. XI. II. 4. 



10 



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HAT DAS PUBLIKUM EIN INTERESSE DARAN, SELBER DAS KUNSTGEWERBE ZU HEBEN? 67 



Es wäre eine sehr irrige Meinung, aus der Masse der 
Ware, die man auf dem Markte sieht, zu folgern, 
es ginge diesen Leuten recht gut, sie hätten ja vollauf 
zu thun. Die grosse Masse dieser Ware stammt aus 
Fabriken und leider nur zu viele Kunsgewerbetrei- 
bende arbeiten direkt oder indirekt mit oder für Fa- 
briken. Die Mehrzahl aller gewöhnlichen Möbel 
z. B. werden im Orossbetriebe angefertigt. Eben diese 
Fabriken aber sind es, die mit solcher beklagens- 
werten Energie den Markt mit schlechten und nach 
unseren Begriffen oft unfassbar geschmacklosen Mö- 
beln überschwemmen. Und gerade sie sind es, die 
es dem Einzelarbeiter so schwer, oft sogar unmöglich 
machen, aus seinen eignen Mitteln heraus eine Ein- 
richtung zu schaffen, die ihm selber geschmackvoller 
erschiene. Denn immer wird sie den Fehler haben, 
dass sie etwas teurer wird als die Fabrikeinrichtung 
und dass sie etwas anders aussieht, als die Massen- 
ware, was den Bürger ja anstatt ihn zu erfreuen, er- 
schreckt. 

Die Fabrik treibt nur zu oft den Kunsthandwerker 
gegen seinen Willen und gegen seine bessere Er- 
kenntnis in die Bahn, etwas Ordinäres und Langwei- 
liges machen zu müssen. In Ermangelung sicherer 
Privataufträge ist er dazu gezwungen, um zu verdienen. 
Daher kommt es, dass wir trotz der hochentwickelten 
Technik bei den Kunsthandwerkern doch in ihnen 
kein rechtes Gegengewicht haben gegen die geschmack- 



lose Dutzendware der Fabriken. Aber viele Hunderte 
dieser Kunsthandwerker ertragen die Zwangslage nur 
mit innerem Widerstreben, sogar mit Groll. Sie 
wissen, dass sie ewig dieselben Formen wiederkäuen, 
dass sie nicht aus dem Kreislauf der Stile heraus- 
kommen. Nicht einmal die Befriedigung haben sie, 
dass sie oft genug einen Privatauftrag bekommen, 
bei dem sie sich Zeit nehmen können, in diesen nun 
einmal hergebrachten und ausgebildeten Stilen etwas 
recht verstandenes und ausgereiftes auszuführen. Dann 
kommen sie auch selber nicht recht dazu, an ihrer 
künstlerischen speziell erfinderischen Ausbildung weiter 
zu arbeiten. Denn dazu gehört Müsse; man muss 
probieren, entwerfen. Und dann, wenn sie einmal 
etwas versuchen, so bleibt ihnen meist nichts übrig, 
als es in einer permanenten Kunstgewerbeausstellung 
zu zeigen, wo es unter der verwirrenden Menge von 
Kram nicht beachtet wird, und von den Kollegen, 
die ja oft doch so gern ebenfalls etwas probieren 
möchten, sonderbarer Weise recht abfällig kritisiert 
wird. Wer viel in Werkstätten verkehrt, was ja unter 
den Gebildeten beklagenswerter Weise nur selten ge- 
schieht, der kann diese Stimmung der dumpfen Un- 
zufriedenheit allerorten fühlen, die Sehnsucht nach 
der Möglichkeit, sich einmal frei bethätigen zu dürfen, 
der Hass auf die alten Formen, die Nervosität infolge 
der Hetze und Überarbeit, die einen zu keiner Samm- 
lung konnnen lässt. Hunderte von jungen Leuten, 




Email -Füllungen; Entwurf von Prof. KARL OAGEL und Maler AUG. OAGEL in Karlsruhe, ausgeführt durch Bergmann's 

Emailwerk in Oaggenau (Baden). 

10* 



68 HAT DAS PUBLIKUM EIN INTERESSE DARAN, SELBER DAS KUNSTGEWERBE ZU HEBEN? 



darunter gerade solche die etwas leisten, sind inner- 
lich unzufrieden mit ihrem Berufe. Alles haben sie 
gegen sich. Sie haben kein Geld, um auf eigenes 
Risiko etwas auszuführen. Sie haben keine Müsse, 
keine Sammlung, um etwas, das vielleicht in ihnen 
schlummert, aussinnen und ausbilden zu können. Sie 
haben sogar schwer zu kämpfen gegen die auf der 
Schute nur zu gut angelernten Formen, die nun 
so fest sitzen, dass sie fast nicht mehr zu verlernen 
sind, und sich immer zwischen das Papier und 
die naive Erfindung drän- 
gen. Und sie haben auch 
oft zu kämpfen gegen den 
eigenen Charakter, gegen 
die allzugrosse deutsche 
Bedenklichkeit, die über- 
triebeneVorsicht und gegen 
den Mangel an frohge- 
mutem Selbstvertrauen. 
Und doch, alles in ihnen 
treibt und gährt. Dazu 
konnnt noch, dass es ihnen 
nicht unbekannt bleibt, 
dass in Frankreich und 
England gerade im Kunst- 
gewerbe ein reges und, 
betonen wir das Wort, 
ein erfinderisches Treiben 
herrscht, das Trumpf- und 
Losungswort wenigstens 
für Kenner und Kritik dort 
ist: eigenartig, unbedingt 
eigenartig. Sie wissen 
nicht, woran es liegt, dass 
es dort geht und hier 
nicht, und so probieren 
sie denn in der Eile 

die unglaublichsten 
Dinge. Eine fieberhafte 
Arbeit, aber ohne innern 
Fortschritt ist volkswirt- 
schaftlich nicht gesund. 
Jedermaini wird verstehen, 
dass es ein nicht gesunder 
Zustand wäre, wenn die 
deutsche Industrie jährlich 
Hunderte von Lokomoti- 
ven oder Kanonen produ- 
zierte, die nicht zweckmässiger, ökonomischer oder 
weittragender gebaut wären, wie solche, die vor drei 
Jahren angefertigt wurden. Und was bei der Loko- 
motive die grössere Leistungsfähigkeit, bei der Kanone 
die grössere Präzision ist, das ist beim Kunstgewerbe 
nicht etwa die immer sauberere und vollendetere Aus- 
führung, sondern der neue praktische, künstlerisch kon- 




OrabeiiEel von Prof. F. DIETSCHE, Karlsruhe. 



struktive oder ornamentale 

eigenartigen Ideen, die im 

Und diese zu unterstützen 

kums. Auf eigene Kosten 

kaut, der Geld aber keine Einfälle hat, seine neue 

Ware lancieren, der Kunsthandwerker aber, der Ideen 



Einfall, die neuen ganz 
Kunstgewerbe auftauchen, 
ist die Pflicht des Publi- 
kann vielleicht ein Fabri- 



und keiri Geld hat, kann das nicht. Denn das Pu- 
blikum geht vorbei, kritisiert oder freut sich, aber 
kauft nicht, auch wenn es sich freut, nicht. Wir wie- 
derholen also: eine fieberhafte Arbeit ohne inneren 
Fortschritt ist volkswirtschaftlich nicht gesund. Und 
es ist eine wirtschaftliche Pflicht der Reichen, die 
freie eigenartige Erfindung im Volke energisch zu för- 
dern. Wir wissen zwar, was deutsche Renaissance, 
deutscher Barock, deutscher neu-englischer Stil ist, wissen 
wir aber schon, was wahre, herrliche, deutsche Er- 
findung in der dekorativen 
Kunst ist? 

Ich glaube hierdurch 
einigermassen klargemacht 
zu haben, dass sowohl des 
Staates, wie der Kunstge- 
werbetreibenden Macht, 
das Kunstgewerbe zu he- 
ben, eine nur beschränkte 
sein kann und dass es 
Pflicht des Publikums ist, 
hier helfend einzugreifen. 
Doch ich bemerke eben, 
dass ich wieder das Wort, 
Pflicht des Publikums< 
gebraucht habe, worauf mir 
leicht jedereinwerfen kann : 
Das ist doch zu viel ver- 
langt, dass ich mein Geld 
ausgeben soll, um die 
Kunsthandwerker zu för- 
dern. 

Nein, nicht von Pflicht 
des Publikums wollte ich 
reden, sondern von dem 
eigenen Interesse dessel- 
ben. Jeder ist sich selbst 
der Nächste, und jeder hat 
das Recht zu fragen, was 
habe ich davon, wenn ich 
mein Geld ausgebe. Nur 
muss man sich wundern, 
dass so ein moderner Mann 
noch lange nicht genug 
an sich selber denkt, dass 
er sich der argen Selbst- 
täuschung hingiebt, er habe 
nun die allcrschönsten 
Sachen und genösse in vollen Zügen die künstlerische 
Atmosphäre seines Berliner altdeutschen Salons oder 
des entzückenden Empireboudoirs seiner Gemahlin. 
Ich sage Selbsttäuschung, denn er könnte diese gute 
Meinung nicht haben, wenn er sich einmal bewusst 
umschaute und sogar in seiner eigenen Stadt seines 
Nachbars Heim mit dem seinen vergliche, oder wenn 
er auf Reisen nicht bloss in Hotels, sondern auch 
bei Gastfreunden verkehrte und etwas überlegte. Es 
ist ja doch ein offenes Geheimnis, dass bei uns in 
Deutschland in dem letzten Jahrzehnt der Dekorateur 
und Tapezierer fast allmächtig herrschen ; das giebt jeder 
zu, wenn er von dem Heim seines Nachbars spricht. 



HAT DAS PUBLIKUM EIN INTERESSE DARAN, SELBER DAS KUNSTGEWERBE ZU HEBEN? 6g 



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Weiblicher Studicnl<opf von I'rof. K. KORNHAS, Karlsruhe. 

Kürzlich fand ich in einem Zeitungsroman folgen- 
den Passus: »Jetzt aber mit dem erwachenden Sommer 
erwacht auch Schloss Petershagen. Handwerker, Tape- 
zierer und Möbelhändler aus Berlin erschienen und 
richteten das Schloss fast neu ein, nur die Zimmer 
des verstorbenen Hans Joachim blieben unberührt in 
ihrer schlichten altmodischen Einfachheit, alle andern 
Räume wurden aufs Eleganteste hergerichtet, persische 
und indische Teppiche, kostbare Bilder und Spiegel 
mit goldenen venezianischen Rahmen, Möbel im Re- 
naissancegeschmack oder nach altdeutschem Muster, 
kurz das alte Herrenhaus von Petershagen wurde zu 
einem hochmodernen Schloss, das von Grund aus 
neu hergerichtet war. < 

Dabei kann man sich eines Lächelns kaum er- 
wehren und doch ist die hier geschilderte Pracht 
noch zu oft der Traum unseres Bürgers. Vielleicht 
ist der Leser der Meinung, ich übertriebe hier wohl 
ein wenig. Es ist ihm aber wohl nicht dabei auf- 
gefallen, dass, wenn er in die Villa seines Nachbars 
einen Blick wirft, er ganz ähnliche Möbel findet, wie 
in der seinigen. Es dürften wohl auch dieselben 
stilechten Möbel sein, die bei der Firma X im Schau- 
fenster stehen, vielleicht auch dieselben englischen 
Möbel, die auf der Veranda der Frau B. stehen, und 
die Teppiche sind ja auch orientalische Teppiche, wie 
sie Herr A. gleichfalls besitzt; auch die Nippsachen 
haben wir bereits in Berlin in der Leipziger Strasse 
gesehen. Was würde man aber imn dazu sagen, 
wenn man jemand zumutete, in seinem Salon dieselbe 



Landschaft von Schönleber, dasselbe Bild von Böcklin 
aufzuhängen, wie sie dieser und jener bereits im Be- 
sitze haben, würde man das Geniessen nennen? 
Das ist aber auch ein Kunstwerk, höre ich entgegnen. 
Sollte denn ein Mobiliar im Werte von Tausenden 
von Mark nicht auch ein Werk der Kunst sein dürfen, 
das nur einer besitzt und das nicht ebenso in einem 
beliebigen Laden erworben werden kaiui. Eine Hand- 
zeichnung eines alten Meisters, die man für loo, 8o 
oder 50 Mark erhalten kann, und die man mit Stolz 
einrahmt, das ist doch sicher ein Kunstwerk; ein 
Theekessel aber im Werte von 120 Mark braucht es 
nicht zu sein; warum nicht? Wie seltsam mutet das 
einen an, wenn man sieht, wie Tausende von reichen 
Leuten nach alten echten Sachen fahnden, welchen 
Spürsinn sie dabei entwickeln; und sie zählen das 
Geld nicht, die Antiquare werden reich, und diese 
Jäger nach dem Alten sind glücklich und stolz. Wir 
haben auch Galerien-Mäcene, ja es giebt sogar schon 
jene reichen Herren, die die jeweils neuesten raffi- 
niertesten Sachen in Paris kaufen; ist aber schon 
einer auf den göttlichen Einfall gekommen, bei uns 
auf die Jagd nach erfinderischen Talenten zu gehen, 
sich keine Mühe verdriessen zu lassen, schöne neue 
Arbeiten des Kunsthandwerks zu erwerben schwer- 
lich! und doch, welch ein ernstes Gefühl überkommt 
den Betrachter, wenn ersieht, wieviele Hunderttausende 
in einer einzigen Stadt alljährlich ausgegeben werden 
für kunstgewerbliche Gegenstände, ohne dass die 
Käufer und Besteller ahnen, was ihnen entgeht, welche 
Freudigkeit, welche Befriedigung des eigenen Ehr- 
geizes, welche Steigerung des Genusses "am eigenen 
Heim sie erfahren könnten, wenn sie nur auf die 
Idee kommen wollten, auf die eine erfösende Idee, 
sich so einzurichten, wie das andre nicht thun. 
Es ist ja doch neben vielem Reichtumsstolz und rein 




Wappen von Prof. K. KORNHAS, Karlsruhe. 




Olasfenster, entworfen von Prof. S. QEIOES, Freiburg i. Br. 



HAT DAS PUBLIKUM EIN INTERESSE DARAN, SELBER DAS KUNSTGEWERBE ZU HEBEN? 71 



äusserem Ehrgeize viel starke intime Liebe zum eignen 
Heim in unsern Bürgerkreisen vorhanden. Gerade 
unsere Vorliebe, das ganze Heim in einheitlicher Art 



etwas Neuartiges in sein Interieur zu setzen, da es 
ja nicht hineinpasst' . Um so mehr ist es zu ver- 
wundern, dass sich mit verschwindenden Ausnahmen 




zu bauen und einzurichten, hat, da sie in gleicher 
Weise bei den Bestellern wie bei den Ausführenden 
vorhanden ist, im Laufe der Zeit zu der Stilfexerei 
geführt, die es so manchem so schwer fallen lässt, 



fast kein wohlhabender Mann findet, der in direktem 
Gegensatze zum einheitlich stilechten etwas einheitlich 
eigenartiges herstellen lässt, absichtlich, gewollt, be- 
wusst eigenartiges. Etwas Neues, ja, das wollen sie 



72 HAT DAS PUBLIKUM EIN INTERESSE DARAN, SELBER DAS KUNSTGEWERBE ZU HEBEN? 




Fayencegefässe von Frau SCHMIDT- PECHT, Konstanz. 



schon, es soll wohl auch künstlerisch vornehm sein, 
aber sie wollen immerhin dabei sicher gehen; sie 
trauen sich selber die Initiative, das Urteil nicht zu. 
Sie haben es auch immer viel zu eilig, sich ihr Haus 
zu bauen, ihr Mobiliar zu kaufen, ihre Tapeten und 
Teppiche zu besitzen. So wenden sie sich denn, um 
ihr Geld nicht zu riskieren, an solche Kräfte, Archi- 
tekten, Lieferanten aller Art, die schon Bewährtes 
geschaffen haben. Dieses Bewährte aber ist bis 
jetzt noch immer das jahrhundertalte, meinetwe- 
gen ausgereifte, aber immerhin das aufgewärmte 
oder missverstanden verwendete, wie der neue eng- 
lische Stil. 

Wir haben eben dank diesem vorsichtigen und 
bedenklichen Misstrauen vor etwas Eigenartigem noch 
wenig bewährte Kräfte auf neuen Bahnen, und doch, 
man bedenke, dass einstmals es alle diese Stilarten, 
die aufzuwärmen wir so stolz sind, nicht gab. Dfe 
Renaissance in Deutschland war doch auch einmal 

neu, wenn 
sie auch nach 

guter deut- 
scher Sitte 

von aussen 

eingeführt 

worden ist. 
Und diejeni- 
gen, die in 
der Chronik 
jener Zeiten 

bewandert 
sind, wissen 

von einem 

herrlichen 
Eifer zu be- 
richten, mit 
dem damals 
die Bürger, 
die Besteller, 
mit den 




Fayencen von Frau SCHMIDT -PECHT, Konstanz. 



Künstlern und den Kunsthandwerkern wetteiferten, um 
die Gotik los zu werden, andere Häuser, andere 
Möbel und allüberall andere Verzierungen zu schaf- 
fen, zu besitzen. Welche Freude, welchen Stolz fühlte 
ein reicher Kaufherr, wenn er seine Freunde nach dem 
Mahle mit einer Kassette, einer Truhe, einem Pokale 
überraschen konnte, der ganz neue Formen zeigte. 

Wir haben das nur, wenn wir z. B. ein neues 
Bild von Menzel erworben haben; das beleuchten wir 
mit einem gewaltigen Reflektor. Aber wann kommt 
es vor, dass uns ein Bankier in ein Speisezimmer 
führt, wo die Möbel, das Tischzeug, das Porzellan, 
das Glas, Formen, Farben, Anordnungen, Material 
zeigen, die die unerwartete schöpferische Kraft mehrerer 
individueller Künstler erkennen lassen, die notabene 
eben nicht schon berühmte Maler und bekannte De- 
korateure zu sein brauchen. 

Und unter Neuem wollen wir ausdrücklich nicht 
etwas Sonderbares, Bizarres verstanden wissen, was 

das Publi- 
kum in sei- 
nem Miss- 
trauen so oft 
vermeint. 
Ebensowe- 
nig ist dar- 
unter etwas 
Kostbares 
gemeint. 
Nein, die 
Grundele- 
mente der 
zweckmässi- 
gen Kon- 
struktion der 

Gebäude- 
teile, des Mo- 
biliars, kön- 
nen , dürfen 
und sollen 



I 



KLEINE MITTEILUNGEN 



73 



niemals ignoriert werden einer Laune des Entwerfers 
oder des Baulierrn zu Liebe. Eine Treppe ist und 
bleibt eine Treppe und um stabil und bequem zu 
sein, muss sie struktiv so gebaut werden, wie sie von 
jeher gebaut worden ist. Das Geländer aber z. B. 
muss denn das Renaissance, Barock oder neu englisch 
sein, kann es nicht einmal anders geartete Stäbe, an- 
dere Verzierungen, andere Verteilung, andere Holz- 
arten, andere Farben haben? Man gebe uns einen 
einzigen vernünftigen Grund an, warum man nicht 
eine solche Treppe ausführen sollte. 

Man stelle sich ein ganzes Haus vor, das gebaut 
wäre mit dieser Lust, dieser Freude an etwas eigen- 
artigem, das nicht jeder Nachbar, und wäre es der 
Reichste, hat! Allgemein wird die Wirkung, die die 
direkte tägliche Umgebung in der eigenen Wohnung 
auf Gemüt und Stimmung hat, unterschätzt. Unbewusst 
leben wir dahin; dass ein Zimmer nach dem Garten, 
wo die Sonne hineinscheint, besser ist, als ein Zimmer 
nach der Strasse zu, das ist uns allen klar. Auch die gute 
Stube mit ihrer Symmetrie, ihren Sofas, ihren Photo- 
graphien und ihren Araucarien wird jetzt schon vielfach 
verhöhnt. Ein skulptiertes Renaissancekamin aber mit 
Bronzelüstern links und rechts, wird, wenn es 4000 M. 
gekostet hat, noch immer geschmackvoll gefunden und 
ist doch bloss die gute Stube der Reichen. 

Und wie rasch gewöhnt man sich an die Interieurs, 
die man fix und fertig vom Architekten hergestellt 
bezieht. Hat man aus Griechenland aber einen vor- 
nehmen antiken Kopf, durch List und viel Geld 
gewonnen, heimgebracht, wie anders hängt man an ihm. 
Wie eifersüchtig stolz ist ein Sammler auf seine langsam 
aufgespürten Schätze. Wie voll ist sein Leben mit Inter- 
esse, Spannung, Zielbewusstsein. Wie gesteigert, ver- 
schärft ist sein ästhetisches Wahrnehmungsvermögen. 
Und alle diese Freude am selbst Entdeckten, selbst 
Erworbenen auf kunstgewerblichem Gebiete lassen wir 
uns entgehen aus Gleichgültigkeit, Misstrauen gegen 
das Neue und vornehmlich aus Hast. Statt wie 
Humboldt in unbekanntes Land zu dringen, mit aller 
Spannung, Erregung und dem Hochgefühl des Ent- 
deckers, ziehen wir es vor, mit 300 anderen per 
Dampfschiff und Eisenbahn in Eile, müde und nur 
etwas neugierig nach Chicago zu reisen. Jeder reiche 
Mann aber, der sich wieder einmal ein Haus von Firmen 
fix und fertig einrichten lässt, statt es nur für sich von 
Künstlern ersinnen zu lassen, schlägt einen weiteren 
Nagel ein in den Sarg des Kunstgewerbes. 

(Schluss folgt.) 

KLEINE 
MITTEILUNGEN 

VEREINE 

BRESLAU. Kiinstgewerbeverein. Am 2. Juni d. J. 
hielt Herr Zeichenlehrer Sonnenkalb einen Vor- 
trag über >' moderne Reformvorschläge im Zeich- 
nenunterricht , verbunden mit einer Ausstellung von 

Kunsluewerbcblatt. N. F. XI. H. 4. 




Ehrenpreis S. K. H. des Qrosslierzogs von Baden zum Ufezheimer 

Rennen 189g. Entwurf von Direktor H. GÖTZ, Karlsruie 

Ausführung von Prof. K. WEIBLEN, Pforzheim. 



74 



KLEINE MITTEILUNGEN 



entsprechenden Schülerarbeiten. Nach Abtauf der 
Sommerpause berichtete am 20. Oktober Herr Direktor 
Dr. Masner über den Verbandstag. In einer ausser- 
ordentlichen Versammlung beschloss der Verein, nach- 
dem er seine Bibliothek dem neuen Kunstgewerbe- 
museum überwiesen, nunmehr auch fortlaufend die 
bisher für Büchereizwecke gebrauchten Geldmittel dem 
Museum zu geben. G. SC/i. 

MUSEEN 

LÜBECK. Dem Bericht des Oewerbeinuseums über 
das Jahr i8g8 entnehmen wir folgendes: Die 
Neuerwerbungen kamen verschiedenen Abtei- 
lungen zu gute. Die Medaillen- und Plakettensamm- 
lung wurde durch französische Medaillen und Plaketten 
der Künstler Oudine, Dupuis, Chaplain, Dubois, Pillet, 
Borrel, Vernon, Degeorge bereichert. Die an sich 
noch sehr kleine Gruppe der französischen Luxus- 
bronzen wurde durch eine Schreibtisch-Stehuhr ver- 
mehrt, ein hervorragend schönes Stück des 18. Jahr- 
hunderts. Die im vorigen Bericht angekündigte 
Plakatausstellung des Kunstgewerbe-Vereins hat im 
September stattgefunden und bei einem allerdings 
schwachen Besuch grosses Interesse und viel Aner- 
kennung gefunden. Eine neue Einrichtung bilden 
die populärwissenschaftlichen Vorträge, die für alle 
Abteilungen seit Beginn des Winters eingeführt wor- 
den sind. Dieselben finden regelmässig Sonntags in- 
mitten der Besuchszeit statt und erfreuen sich eines 
fleissigen Besuches. -u- 

WETTBEWERBE 

DRESDEN. In dem Wettbewerb um Entwürfe für 
den Neubau der Kunstgewerbeschule mit Kunst- 
gewerbemuseum erhielten den I. Preis Regierungs- 
Baumeister Em. Heimann in Neubabelsberg, den II. Preis 
Architekt Richard Senf in Düsseldorf, den III. Preis 
Regierungs-Bauführer Koch in Bautzen. -u- 

PARIS. In der Konkurrenz um das Diplom für 
die Pariser Weltausstellung igoo ist der Preis 
von 10000 Eres, dem Entwurf von Camille 
Boignard, einem 22jährigen Künstler zuerteilt worden. 
Der Entwurf zeigt eine allegorische Darstellung der 
Arbeit mit einer zwischen Eiche und Olive aufragen- 
den symbolischen Figur. Das Ganze unterscheidet 
sich durch seine Originalität von den gewöhnlichen 
Ausstellungsdiplomen und macht durch sinnige Auf- 
fassung und markige Ausführung einen sehr vorteil- 
haften Eindruck. -u- 

BÜCHERSCHAU 

Fritz Schumacher. Im Kampfe um die Kunst, Bei- 
träge zu architektonischen Zeitfragen. Strassburg, 
J. H. Ed. Heitz (Heitz & Mündel), 1899. 2 M. 
»Wir streben neuerdings danach, uns im Kunst- 
gewerbe loszumachen von der Nachahmung unserer 
Altvorderen, und was thun wir, um das zu erreichen? 
Wir machen die modernen Engländer nach.« — 



-Aber das Predigen allein thut's nicht. Man gebe 
uns das natürliche Selbstbewusstsein dieser Nation, 
und wir würden weiter sein als sie.« — »Das Orna- 
ment ist nicht die Melodie, sondern die Begleitung.« — 
»Bei jedem Urteil zuerst die Betrachtung des Ganzen, 
dann erst die Kritik des Einzelnen! Wenn man diese 
Kritik des Ganzen anlegt der Architektur unserer Zeit 
gegenüber, dann erst kann man finden, ob und wo 
Keime zu »Neuem« in unserem Schaffen liegen.« — 
»Das was gemeinhin als die neue Stilentwicklung 
erscheint und dafür ausgegeben wird, das ist eigentlich 
nur ein leichtes Gespinnst flüchtiger Moden, hinter 
denen wir in unbestimmten Umrissen die eigentliche, 
wirkliche Stiluniwandlung sich sehr langsam vollziehen 
sehen.« — Eine falsche Scheu muss man es nennen, 
wenn ein Künstler, der aus modernem Empfinden 
heraus selbständig arbeitet, sich bei der entsprechen- 
den Aufgabe schämt, an historische Formen, die dem 
vorliegenden Zweck und Aufgabecharakter konform 
sind, anzuküpfen, bloss weil sie historisch sind. Soll 
man alle alten Obstbäume verdorren lassen, weil man 
sie nicht selber gepflanzt hat? Ist es eine Thorheit, 
auch an alten Bäumen weiterziehend und veredelnd 
nach neuen Sorten zu trachten?« Bedarf es nach 
diesen Auszügen noch vieler Worte, um das Ganze 
zu empfehlen? Da ist einmal ein Mann in der Hochflut 
der heutigen Kunstschreiberei, der wirklich etwas zu 
sagen hat; kein Litterat oder Professor, sondern ein 
Künstler, ein Architekt von anerkanntem Ruf, der 
zugleich eine Feder führt von seltener Kraft und Fülle. 
Frei von landläufigem Modeurteil folgt er dem Kampfe 
und Ringen der Architektur und des Kunstgewerbes 
mit sicherem Blick, und was er in den zwölf Kapiteln 
sagt, das fesselt, packt und belehrt auf jeder Seite. 
Die Sehnsucht nach dem »Neuen, Stil und Mode, 
Der Maler und das Kunstgewerbe, Englische Eindrücke, 
das sind einige der Überschriften. Überall lebendiger 
Geist in klarer Fassung. Er spricht von den steinernen 
Citaten, in denen viele unserer Architekten reden; er 
vergleicht den klassizierenden Unterricht auf unseren 
technischen Hochschulen dem Latein des Gymnasiums 
und nennt die gleichförmigen Granitdenksteine unserer 
Kirchhöfe ein steingewordenes Adressbuch; er übt an 
Van de Velde eine freimütige Kritik und verfolgt 
das Dekorative in Klinger's Werken« mit dem ge- 
übten Auge des Architekten. Kurzum: neben all den 
behenden Schreibern und Schreiberinnen eine Per- 
sönlichkeit, und aus dem Zeitungswirrwarr heraus ein 
Buch, ein Buch für jeden, der selbst im Kampfe steht. 
Möge es nicht vergeblich geschrieben sein. 

Paul Schultze-Naumburg:. Häusliche Kunstpflege. 
Mit Buchschmuck von J. V. Cissarz. Verlegt bei 
Eugen Diederichs, Leipzig, 1900. 3 M. 
Auch hier spricht ein Künstler, ein Maler von 
Geschmack, der die Not unserer Wohnungkunst, be- 
sonders in den Mietswohnungen, beobachtet hat und 
die weiten Kreise der -Gebildeten' in gefälliger Form 
zu belehren sucht, wie sie auch mit massigem Aufwand 
die gegebenen Räume angemessen und geschmackvoll 
herrichten und ausstatten können. Über alle ein- 




Email-Friese. Entwurf von Prof. KARL OAOEL und Maler AUGUST GAOEL in Karlsruhe, 
ausgeführt durch Bergmann's Emailwerke in Oeppenau (Baden). 



76 



KLEINE MITTEILUNGEN 



schlägigen Fragen, die Dekoration der Wände und 
der Deci<en, die Ofen, die Vorhänge und Teppiche, 
die Möbel, die Beleuchtungskörper, das Tafelgedeck 
u. a. weiss er nutzbare Ratschläge zu geben; besonders 
verdient beherzigt zu werden, was er aus eigensten 
Erfahrungen heraus über den Wandschmuck, die Ge- 
mälde, die Rahmen u. s. f. zu sagen hat. Unserer 
kunstgewerblichen Bewegung ist sehr damit gedient, 
wenn ein solches Buch in möglichst viele Hände 
kommt. Überdies ist der Band bei Drugulin so trefflich 
gedruckt und nach besten Grundsätzen von Künstler- 
hand geziert, dass er auch der ernsthaften Buchkunst 
neue Freunde werben wird. p.jessen. 

Meyer'S Historisch-geographischer Kalender, vier- 
ter Jahrgang, 1 900, Preis 2 Mark, ist Ende November 
dieses Jahres wieder zur Ausgabe gelangt. Den em- 
pfehlenden Worten bei der Besprechung der früheren 
Jahrgänge ist höchstens hinzuzufügen, dass der neue 



Jahrgang gleich seinen Vorgängern die Empfehlung 
rechtfertigt. 

Der im gleichen Verlage, dem bibliographischen 
Institut in Leipzig, erscheinende Hand-Atlas ist mit 
1 1 3 Kartenblättern mit 9 Textbeilagen soeben voll- 
ständig erschienen und es genügt, auf die zweite 
Auflage dieses Buch-Atlas besonders hinzuweisen. 

ZU UNSERN BILDERN 

Wir bemerken nachträglich, dass der Entwurf des 
farbigen Umschlags des ersten Heftes des laufenden 
Jahres vom Maler Molitor in Leipzig herrührt, der 
des zweiten Heftes vom Maler L. Sütterlin, Berlin, 
der des dritten Heftes vom Professor E. Döpler d. j. 
in Berlin, während Herr Maler H. Göhler in Karls- 
ruhe i. B. den Entwurf zum Umschlag des vorlie- 
genden Heftes lieferte. 




Olasfenster (dreiteilig); C. OECK, Olasmanufaktur, Offenburg. 



Herausgeber und für die Redaktion verantwortlich: Professor Karl Hoffacker, Architekt in Chadottenburg- Berlin. 

Druck von Ernst Hedrich Nachf. in Leipzig. 




Kirche zu Altengamme. Aufgenommen von H. Haase, Hamburg. 




Dieleniiiterieur aus Neuengamme. Aufgenommen von H. Haase, Hamburg. 



VIERLÄNDER KUNST 



UNTER den vielen Zweigen, welche dem ge- 
meinsamen Stamme der deutschen Kunst ent- 
sprossen sind, ist einer, dem man bis heute 
ausserordentlich wenig Beachtung geschenkt hat: die 
deutsche Bauernkunst. Die Beschauer, welche uns 
unsere deutsche Kunst bisher schilderten, haben sich 
immer so gestellt, dass dieser eine Zweig ihnen un- 
sichtbar blieb, weil er bescheiden sich unter den 
vielen ihn überragenden anderen versteckte. Erst in 
letzter Zeit ist man auch auf ihn aufmerksam ge- 
worden, indem man die Sache einmal von anderem 
Standpunkte aus betrachtete. 

Die Bauernkunst unterscheidet sich in mancherlei 
Beziehung äusserst auffallend von ihrer prunkenden 
Schwester, der städtischen. 

Zunächst dadurch, dass es keine eigentlichen Be- 
rufskünstler oder -Kunsthandwerker sind, die sie aus- 
üben, sondern Leute, die entweder halb Bauern, halb 
Handwerker sind, oder die, von Beruf Bauern, nur 
aus Liebhaberei für den Schmuck des eigenen Heims 



diese oder jene Technik pflegen, es spielt also bei ihr 
die Liebhaberkunst eine recht grosse Rolle. 

Der zweite Unterschied liegt darin, dass die 
Bauernkunst kein Kunstwerk kennt, das sich Selbst- 
zweck ist. Sie ist lediglich praktisch angewandte 
Kunst, sie stellt nichts dar, sondern stellt stets etwas 
her. Es giebt in ihr nicht das, was wir im höchsten 
Sinne Malerei und Bildhauerkunst nennen. Architektur 
und Kunsthandwerk sind ihre beiden einzigen Zweige, 
ein altertümlicher Zug, in dem sie der ältesten deut- 
schen Kunst, die auch keine Staffeleigemälde u. dgl. 
kannte, entspricht. 

Zum dritten zeigt sie eine Eigentümlichkeit, die 
zwar früher auch unserer städtischen Kunst eigen 
war, von der wir heute aber so gut wie keine Spuren 
mehr in der letztgenannten finden können: sie zeigt 
einen ausserordentlich grossen Reichtum an landschaft- 
lich begrenzten Sonderstilen, die bisweilen von Dorf 
zu Dorf wechseln. 

Wenn man eine Karte von Deutschland entwerfen 

12* 



8o 



VIERLÄNDER KUNST 




stuhl aus den Vierlanden. Aufgenommen von H. Haase, Hamburg. 

würde, auf welcher diese Sonderstile gegen einander 
abgegrenzt wären, würde man die merkwürdige Er- 
scheinung beobachten können, dass dieselbe ausser- 
ordentliche Ähnlichkeit mit einer Bevölkerungskarte 
von Deutschland hat, auf der aufs Genaueste und 
Kleinlichste die verschiedenen Volksstämme und Völker 
eingetragen sind, ja, dass sie sich fast mit derselben 
deckt. Slavische und germanische Stämme, reine und 
gemischte germanische Stämme, Friesen, Sachsen, 
Franken, Thüringer, Bajuvaren, Alemannen, Chatten 
u. s. w., alteingesessene und Kolonistenbevölkerungen 
heben sich in der Bauernkunst deutlich voneinander 
ab. Andere Unterschiede, wie die Hauptbeschäftigungs- 
art, z. B. ob Fischerei, ob Schiffahrt, ob Ackerbau, 
Gartenbau u. s. w., wie ferner die Konfession, ob 
katholisch, ob protestantisch, wie endlich die grössere 
oder geringere Nähe einer grösseren Stadt u. a. m. 
haben noch ferner mitgewirkt, um innerhalb der 
grösseren, umfassenderen Stile kleine und kleinste 
Sonderstile hervorzurufen, so dass das Bild des 
Ganzen ein äusserst buntscheckiges wird. 

Wie gesagt, man fängt heute erst an, der Bauern- 
kunst Beachtung zu schenken, teils infolge des Auf- 
blühens der neuen Wissenschaft der Volkskunde, teils 
aber auch, weil die modernen Bestrebungen im Kunst- 



gewerbe in der Eigenart, welche sich unsere deutschen 
Bauernstile gegenüber städtischen Einflüssen in hohem 
Masse gewahrt haben, ein Vorbild in ihrem Kampfegegen 
die bis vor kurzem übermächtig herrschenden Stilarten 
vergangener Zeiten und Völker sehen und auch in 
der That sehen dürfen. Denn in mustergültiger 
Weise sehen wir die Bauernkunst souverän mit irgend 
welchen eindringenden Formen und Gedanken um- 
springen, sie sich nmndgerecht machen, gerade so, 
wie jede gesunde Kunst der Vorzeit das gethan hat 
— ich erinnere nur an das Verhalten der deutschen 
Renaissance gegenüber der italienischen. — Es wäre 
zu wünschen, dass die tapfere Verteidigung der be- 
sonderen Stammeseigenart, wie wir sie von unserer 
Bauernkunst geübt sehen, unserem deutschen Kunst- 
gewerbe auch ein Vorbild im Kampfe unserer deut- 
schen Eigenart mit modern ausländischen Formen wäre! 

Unter den deutschen Bauernstilen sind ein paar, 
die, durch allerlei Umstände begünstigt, in höherem 
Masse die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt haben. 
Sei's, dass sie unter ihren Schwestern hervorragen, 
sei's, dass sie durch ihre Lage nahe einem Verkehrs- 
zentrum bekannt geworden sind, sei's, dass sie einem 
von Sommerfrischlern oder Künstlern vielbesuchten 
Ländchen eigen sind u. s. f. 

Das ist z. B. der Fall mit dem tiroler Stil, mit 
dem Schwälmer, das ist auch der Fall mit dem Vier- 
länder Stil. 

Der Vierländer Stil ist ein ganz besonders dras- 
tisches Beispiel eines ausserordentlich unabhängigen, 
mit den Grenzen eines bestimmten Volksstammes sich 
deckenden Stiles. Nur geringe Spuren seines Ein- 
flusses finden wir in den Nachbarländchen, in der 
Winsener Marsch und den Landschaften Bill- und 
Ochsenwärder; im Norden, in Stormarn finden wir 
absolut keine. In der gesamten deutschen Bauern- 
kunst anderer Landschaften finden wir niemals etwas, 
das ihr auch nur im geringsten ähnelt. 

Die Vierlande liegen oberhalb Hamburgs am 
Nordufer der Elbe. Sie sind im Grunde ehemalige 
Eibinseln, die durch Kolonisten, und zwar in der 
Hauptsache holländischen, seit dem 12. Jahrhundert 
eingedeicht worden sind. Zwei ehemalige Eibarme, 
die Dove- und die Gose-Elbe durchströmen, mit 
dem Ausgang des 15. Jahrhunderts an ihrem oberen 
Ende durch Deiche geschlossen, das Ländchen, 
das im Perleberger Frieden 1420 von Lauen- 
burg an Hamburg und Lübeck abgetreten, nach 
447 jähriger beiderstädtischer« Verwaltung 1867 
Hamburger Gebiet geworden ist. 

Die Bewohner sind ein Mischvolk aus allerdings 
nahe verwandten Elementen, Holländern und Nieder- 
sachsen beider Eibufer, in dem aber das hollän- 
dische Blut stark vorwiegt. Klar beweisen das Vor- 
namen, wie die Mädchennamen Gesche, Wobke, 
Becke, Ancke, Elsche, Mette, Barber, Tiecke, Jan- 
thrin, sowie die Männernamen Ties, Harm, Hencke, 
Theis u. a. m. Das beweisen ferner die alte volks- 
tümliche Tracht, der Schmuck u. a. m. Ja, man 
möchte sagen, die Landschaft beweise das desgleichen. 
Da giebt's z. B. eine Rembrandt'sche Radierung, eine 



VIERLÄNDER KUNST 



81 




Truhe aus den Vierlanden. Aufgenommen von H. Haase, Hamburg. 



Land- 
schaft, 
eine je- 
nereigen- 
tüm- 
lichen, 
zwecks 
Durch 
lassen ei- 
nes Schif- 
fes hoch- 
zuziehen- 
denBrüi<- 
i<en dar- 
stellend, 
die wie 
ein Ei 
dem an- 
dern ei- 
ner Vier- 
länder 
Land- 
schaft mit 
genau derselben Brücke gleich sieht. 

Die Vierländer haben in den ersten Jahrhunderten 
offenbar tapfer um die Erhaltung ihres Landes gegen- 
über der Gewalt des mächtigen Stromes, in dessen 
Flutgebiet dasselbe noch liegt, kämpfen müssen. Mit 
der Zeit aber sind sie zu Wohlstand gelangt, insbe- 
sondere, als die Stadt Hamburg infolge ihres ge- 
waltigen Aufschwunges seit dem 16. und 17. Jahr- 
hundert ein immer dankbarerer Abnehmer für ihre 
gärtnerischen Produkte wurde. 

Mit dem Beginn 
des allgemeinen Wohl- 
standes hat in Vierlan- 
den offenbar der an- 
geborene Kunstsinn der 
Bewohner kräftigeren 
Aufschwung genom- 
men. Die beiden präch- 
tigsten alten Vierländer 
Häuser, aus den Jahren 
1593 und 1595 datiert, 
reich mit Holzschnitze- 
reien geziert, beide nahe 
nebeneinander in gröss- 
ter Nähe Hamburgs be- 
legen, geben uns, sicher 
in Zusammenhang mit 
dem durch Hamburgs 
Aufschwung verursach- 
ten grösseren Wohl- 
stande stehend, deut- 
liche Merkzeichen für 
den Beginn der Blüte 
der Vierländer Kunst. 

Dass schon vorher 
allerlei Kunstübungvor- 
handen war, davon le- 
gen Reste alter Kirchen- 




Wiege aus den Vierlanden. Aufgenommen von H. Haase, Hamburg. 



Kunstgewerbeblalt. N. F. XI. H. 5. 



bankthü- 
ren , so- 
wie ande- 
re typi- 
sche Bän- 
ke (z. B. 
auf der 

Diele 
Seite 79), 
Schränke 
und Tru- 
hen, die 
vereinzelt 
sich fin- 
den, 
Zeugnis 
ab. Ers- 
tere stam- 
men noch 
aus der 
Zeit des 
gotischen 
Stiles, 
letztere bewahren, obschon später entstanden, charak- 
teristische Züge der Gotik. Endlich weisen jene bei- 
den Häuser durch die treffliche Ausführung und den 
feinen Geschmack ihres Zierwerks auf eine schon 
länger gepflegte Kunstübung hin. Renaissance, Ba- 
rock, Rokoko, Louis XVI., ja sogar Empire haben 
nachher ihre Wellen auch nach den Vierlanden ge- 
worfen, immer aber sind sie typisch in Vierländer 
Dialekt übersetzt und völlig eigenartig entwickelt, so 
dass in Verbindung mit eigenen Zuthaten etwas durch- 
aus Eigenes entstanden 
ist, das absolut nicht 
mit irgend etwas an- 
derem verwechselt wer- 
den kann. Da liegt z.B. 
unterhalb Hamburgsauf 
dem linken Eibufer das 
Alte Land, dessen Be- 
wohner, Brabanter Ko- 
lonisten, den Vierlän- 
dern blutsverwandtsind. 
Es wäre somit nicht 
verwunderlich, wenn 
ihre nationale Kunst 
der der Vierländer täu- 
schend ähnelte - das 
ist aber durchaus nicht 
der Fall, beide Stile 
unterscheiden sich total 
voneinander. - 

Werfen wir zunächst 
einen flüchtigen Blick 
auf die Architektur. 

Im Gegensatz zu 
den Altländern, deren 
Hausgiebel in seinen 
beiden in Schwanen- 
form ausgesägten 

>3 



82 




> Windfedern <, d. i. 
Giebelbrettern, noch 
typisch uralte Stam- 
mestradition festhält, 
haben die Vierlän- 
der in ihrem Haus- 
bau das niedersäch- 
sische Einhaus mit- 
samt seinem Pferde- 
kopfgiebel adoptiert, 
haben es aber ausser- 
ordentlich reich aus- 
gebildet. Vorkra- 
gende obere Stock- 
werke, geschnitztes 
oder bemaltes Stän- 
derwerk, Ziegelmus- 
ter, reich verschnör- 
kelte Pferdekopfgiebel, (es kommen auch Blumen- und 
andere Formen vor), schön ausgebildete Thüren, 
schmucke Hofeingänge in der Gartenhecke vereinen sich 
zu einem ausserordentlich malerischen Gesamtbilde; 
der stets schön gepflegte Garten, in dem Blumen- 
und Gemüsezucht sich die Wage halten, die schönen 
Obst- und anderen Bäume, Lauben u. s. w. thun ein 
übriges hinzu. 

Zwei andere Gebäude hat die Profanarchitektur 
der Vierländer noch aufzuweisen, die künstlerisch 
interessant sind, turmartige hölzerne Kornspeicher und 
malerische, an siamesische Pagoden lebhaft erinnernde 
Heuschober erstere, wie's scheint, rein vierlän- 

disch, letztere kommen auch in anderen Hambur- 
gischen Marschen vor. Von den schönen Korn- 
speichern steht nur noch einer, von den Heuschobern 
ist, glaube ich, in diesem Jahre der letzte vierländische 
gefallen. Die Scheunen, die bei grossen Bauernhäusern 
hie und da vorkommen, sind nur selten mit ein paar ge- 
schnitzten Konsolen oder der- 
gleichen versehen. 

Die Vierländer Kirche hat 
den alten Typus des freistehen- 
den Glockenturmes bewahrt, 
iTiit Ausnahme der Altengammer 
wo er aber auch nur in locke- 
rer Verbindung mit dem eigent- 
lichen Kirchengebäude steht. Die 
nicht grossen Kirchen sind äus- 
serlich wenig ansehnlich; aus 
gotischer Zeit stammend, ein- 
fach im Grundriss, haben sie 
höchstens im vorigen Jahrhun- 
dert durch Anbau einer Ein- 
gangshalle, Oberlicht- und an- 
derer Fenster, deren Sprossen - 
werk das Rokoko verrät, u. dgl. 
m. eine Bereicherung erfahren. 

Anders ist's im Innern, da 
kann man, namentlich wenn 
man die Altengammer Kirche 
ins Auge fast, von wahren Mu- 
seen volkstümlicher Kunst im 



Brustkette der Frauen. 
Aufgenommen von H. Haase, Hamburg. 



VIERLÄNDER KUNST 

Dienste des Gottes- 
hauses sprechen. 

Und das führt 
uns zu dem Gebiete, 
auf dem die Vier- 
länder Kunst ihr 
Höchstes geleistet 
hat, auf die orna- 
mentale Kunst und 
das Kunstgewerbe. 

Schon im Schmuck 
des Hauses zeigt 
sich die charakteris- 
tische Neigung der 
Vierländer Kunst zu 
grosser Schmuck- 
freude, die aber im- 
mer Mass zu halten 
weiss und Überla- 
dung scheut, die manchmal einfach durch eine schöne 
Linie, durch wenig, aber wirkungsvolles Ornament 
ihren Zweck erreicht. Zierlichkeit und Sauberkeit in 
der Ausführung sind desgleichen Eigenschaften, die 
man ihr nachrühmen muss. Neben der Eigenart in der 
Verwendung überkommener Formgedanken ist ihr eine 
besonders hoch zu schätzende, grosse Urwüchsigkeit im 
selbständigen Erfinden glücklicher neuer Formen eigen. 
Ein Beweis dafür sind vor allem die schönen 
schmiedeeisernen Huthalter der Kirchen, die ganz 
original dastehen und nirgends ihresgleichen haben. 
Ein gleicher Beweis dafür war, um noch ein einzelnes 
Beispiel zu nennen, eine drollige Zierde der Spitze 
eines jener merkwürdigen genannten Heuberge: ein 
aus Weidenruten geflochtener Storch. Und anderes 
mehr. 

Seit der Mitte des letzten Jahrhtmderts, zusammen- 
hängend jedenfalls mit der aufblühenden Blumenzucht, 
beobachten wir ein ausserordentlich starkes Vorwiegen 
des naturalistischen Blumenmo- 




Hcnidspange aus den Vicrlandcn. 
Aufgenommen von H. Haase, Hamburg. 



tivs in der gesamten Ornamen- 
tik, das, wie es alle Renaissan- 
ce- und Rokokoornamente ver- 
drängte, auch den später kom- 
menden Motiven des Empire 
fast nirgends Eingang gestattet 
hat. Immer sind es die nach 
der Natur gestalteten Blumen 
des Gartens: Rosen, Tulpen, 
Nelken, Lilien, Ringelblumen, 
Maiglöckchen, Akelei, Schwert- 
lilie, allerlei Beeren u. a. m., 
die wir antreffen. Auch sonst 
hat man gelegentlich frisch in 
Natur und Leben hineingegriffen. 
Von Tieren finden die Vögel 
viel Verwendung. Wir finden 
ferner Bauern auf der Jagd, 
Reiter u. dgl. dargestellt, wir 
finden Wetterfahnen, welche die 
Gestalt der Gemüseschiffe (Ewer) 
haben, Windmühlen in Ziegel- 
muster. Manchmal hat man in 



VIERLANDER KUNST 



83 



barocker Laune auch bei Bank- 
lehnen ' und Ofenthüren das 
Profil eines menschlichen Kop- 
fes als Motiv genommen. 

Allegorische Figuren spielen 
in der Kirchenornanientik eine 
grössere Rolle. Neben dem ural- 
ten Pferdekopfmotiv des Gie- 
bels kommt der Donnerbesen 
oftmals an der Hausfront vor. Der 
Doppeladler, der in der deut- 
schen Bauernkunst überhaupt, 
z. B. in der süddeutschen und 
pommerschen, ein beliebtes Mo- 
tiv ist, spielt auch hier, unter- 
stüzt durch den Umstand, dass 
er zugleich das Wappen Lü- 
becks, der ehemaligen Mitbe- 
sitzerin Vierlandens, ist, eine grosse Rolle. 

Hoch entwickelt ist die Verwendung von Schrift- 
zügen als Ornament; der älteren, monumentalen An- 
tiqua gesellte sich im vorigen Jahrhundert ausnehmend 
schön geschwungene lateinische Schreibschrift, in der 
namentlich die Namen der Besitzer in das Haus- 
mobiliar eingelegt sind. Wappen, die in der Bauern- 
kunst anderer Gegenden, z. B. Hadelns, Wurstens 
u. s. w. eine Rolle spielen, kommen hier selten vor. 

Betrachten wir zunächst die Ornamentik des 
Hausäusseren. 

In den Schnitzereien des Ständer- 
werks finden wir die Halbsonnen der 
deutschen Renaissance, daneben aber 
auch schon im 16. Jahrhundert eigen- 
artige, aber noch nicht naturalistische 
Blumenzweige. Durch Verwendung von 
etwas Rot ist gelegentlich die Wirkung 
noch gehoben. 

Die Pferdeköpfe des Giebels haben 
reiche ornamentale Ausbildung erfah- 
ren; bemalt sind sie nur sehr selten. 

Ziegelmuster finden wir an ein 
und demselben Hause in allerlei ver- 
schiedener Zusammensetzung, obschon 
lange nicht in demselben Masse, wie 
an Altländer Häusern (Seite 87). An 
einigen wenigen Häusern, besonders 
in Altengamme, beobachten wir eine 
andere Schmucktechnik, eine Art Sgraf- 
fito, von der unsere Abbildung Seite 87 
ein schönes Beispiel giebt. Über den 
Ziegelsteingrund ist erst eine gleich- 
massige, dünne, weisse Mörtelschicht 
aufgetragen. Dann ist durch Über- 
malen mit Rot mit Auslassung grös- 
serer weisser Flächen und Wieder- 
herauskratzen weisser Ornamente (Kreis- 
linien und Blumenmotive) eine sehr 
reiche und schöne Wirkung erreicht. 
Dieselbe Technik finden wir, wenn- 
schon heute sehr selten, im Innern 
des Hauses bisweilen angewandt. Auch 




Hemdknöpfe für Männer und Ehering. 
Aiifijenommen von H. Haase, Hainbtirjj^ 




Pantoffel. Adler .auf rot Flanell, grün. 
Kontur ziegelrot, blau, grün, rosa, gelb 

weiss. Schwarz, rot, gelb Leder. 
Aufgenommen von H. Haase, Hamburg. 



auf Ziegelsteinumrahmungen 
ovaler Giebelfenster finden wir, 
aber gleichfalls selten, einen 
Blätterkranz in ähnlicher Weise 
hergestellt. 

Die Fenster sind äusserlich 
schmucklos, die Thür dagegen 
ist ornamental schön ausgebil- 
det. Ich muss hier einschieben, 
dass die grosse Thür des Vier- 
länder Hauses der Strasse abge- 
wandt ist und selten besonders 
verziert ist, die Schaugiebelseite 
hat keine Thür (wieder im Ge- 
gensatze zum Alten Lande), da- 
gegen hat jede Langseite eine 
solche. Anfangs geradlinig oder 
viertelkreisförmig abgeschlossen, 
hat der nut Schrift und etwas Ornament gezierte obere 
Balken der Thüreinfassung später immer reicheren 
Umriss angenommen. Die Thür besteht aus Ober- und 
Unterteil, sie ist durch ein paar ausgesägte Leisten ein 
wenig verziert, hie und da finden wir noch alte 
eiserne Thürklopfer. Bei vielen Thüren findet man ein 
kleines schmales Vordach mit einer hübschen, eigen- 
artigen Krönung. 

Fahnden wir nun einmal im Innern des Hauses 
herum. Es ist da unumgänglich nötig, dass wir der 
grossen Liebenswürdigkeit ein Lob zol- 
len, mit welcher die Vierländer uns 
ausnahmslos in ihrem Hause jederzeit 
umherführen. 

Es ist im Innern aber so viel zu 
schildern, dass eine Einteilung absolut 
im voraus erforderlich ist. 

Ich nehme zunächst die Teile des 
Hausrats heraus, die nicht Vierländer 
Ursprungs sind, sondern aus der Stadt 
Hamburg stammen. Das sind zunächst 
die schönen Barock- und Rokoko- 
schränke, die im Flett, d. h. der Quer- 
diele des Hauses, stehen, das ist ferner 
der blaubemalte Ofen der Wohnstube, 
der in seinen schönsten Exemplaren 
der hochentwickelten Hamburgischen 
Ofenbaukunst des vorigen Jahrhunderts 
entstammt (Seite 85). Wir finden aber 
auch ältere, plastisch verzierte Öfen 
Lüneburger Stils (obschon höchst selten) 
und spätere mit leichtem, blaugemalten 
Blumenwerk und schüchternen Louis 
XVI.- Motiven verzierte Öfen aus dem 
kleinen Städchen Bergedorf. Nicht 
Vierländer Arbeit sind ferner die 
Kacheln, welche zum Teil die Wände 
der Stuben und den Unterbau der 
deutschen Herde auf der Diele beklei- 
den. Die ältesten Kacheln, die vorkom- 
men, mit schön gezeichnetem, dunkel- 
blauen Tulpenornament bemalt, sind 
holländischen Ursprungs, ebenso die sie 



13* 



84 



VIERLANDER KUNST 




Dielenintericur aus Neucngamme. Aufgenoiiiineii von H. Haase, Hamburg. 



einrahmenden und zugleich zu grossen Viereci<en zu- 
sammenschliessenden manganvioietten, etwas marmo- 
rierten Kaciieln. Die anderen Kacheln zeigen jene be- 
kannten typischen landschaftlichen und figürlichen Mo- 
tive, Mühlen, Bauernhäuser, Schiffe, phantastische 
kleine Schlösser u. dgl. m. Ausserdem kommen noch 
einfarbige grüne und gelbe Kacheln vor, die gern zur 
Bekleidung des Herdunterbaues benutzt werden. 

Diese Teile der Hausausstattung, dazu die Delfter, 
englischen u. a. Teller der Wandbörten ausgenommen, 
herrscht im Hause absolut Vierländer Eigenkunst. 

Da haben wir zunächst die Ausstattung der Diele, 
soweit sie aus Holz ist. Treppengeländer in ein- 
fachen Rokokoformen ausgesägt, sowie die grossen 
Thüren der Herde wären zu erwähnen. Letztere sind 
wohl ganz original (Seite 84). Sie sind aus senk- 
rechten Brettern zusammengefügt, oben mit wenigen 
Ausnahmen halbkreisförmig abgeschlossen. Der obere 
Halbkreis ist mit mehr oder weniger reichem, aus- 
gesägten Ornament verziert. Kleeblattformen, Spät- 
renaissance, Blumen- und Laubwerk wiegen vor. Die 
Innenseite der Thür wird ausgenutzt, um daran Löffel, 
Topfdeckel u. dgl. aufzuhängen - man möchte sagen, 
es sei das ein Seitenstück zu der sorgsamen Aus- 



nutzung des Gartenterrains bis ins Kleinste, die wir im 
Lande überall beobachten. 

Die Thüren der Alkoven der Diele, welche die 
Schlafstellen der Knechte enthalten, sind nur ausser- 
ordentlich selten etwas verziert, (s. Seite 79.) 

An beweglichen Möbeln finden wir auf der Diele 
Bänke, die zugleich lange Laden vorstellen und 
immer originelle Seitenlehnen mit irgend einer be- 
wegten Kontur oder mit durchbrochenem Ornament 
haben. Echt Vierländer Schränke sind selten, indessen 
giebt es doch alte, stark gotisierende grössere und 
kleinere aus dem 16. Jahrhundert, sowie auch origi- 
ginelle spätere Eckschränke, ihre Stelle ersetzen die 
Truhen, die wir zwar auf der Diele finden, die wir 
aber auch in der Stube antreffen und dort besprechen 
wollen. 

Die Stubenthür ist auch auf der Diele meist etwas 
verziert, z. B. mit hitarsien in Sternform und Eisen- 
beschlag. Ein kleines Fenster, das Stube und Diele 
verbindet, ist bisweilen mit Blei verglasung in geo- 
metrischem Muster verziert. Daran knüpfen wir gleich 
die Erwähnung der sich noch heute findenden kleinen 
bemalten Fensterscheiben, die gemäss ehemaliger Sitte 
von Freunden beim Bezug des Hauses oder anderen 




Vierländer Stube in Neuengamme. Aufgenommen von H. Haase, Hamburg. 



VIERLANDER KUNST 



87 







Steinversetzung in den alten Vierländer Bauernhäusern. Aufgenommen von H. Haase, Hamburg. 



^ 



freudigen Gelegenheiten gescheni<t wurden und aller- 
lei Schmuck, einen Reiter, Wappen u. s. w. tragen. 

In der Stube wollen wir uns zunächst die Wände 
besehen. Sie sind, wie schon erwähnt, zum Teil mit 
Kacheln belegt, in der Hauptsache aber sind sie reich 
getäfelt. In frühester Zeit wurde die Schnitzerei zum 
Schmuck des Getäfels benutzt, es giebt noch sehr 
schöne Beispiele dieser Art, die Renaissance- und 
Barockmotive zeigen. Sehr selten kommt, aus der 
Rokokozeit stammend, Bemalung der Täfelung vor, 
vorwiegend treffen wir überall als Schmuck derselben 
die Intarsia an, die alte Lieblingstechnik der Vierländer 
Möbeltischler. Es kommen Renaissance- und Barock- 
niotive, sowie naturalistische Blumen vor, sehr beliebt 
sind ferner reich detaillierte Sterne; die Namen der 
Besitzer finden wir an Wand und Thür. In der Wand 
finden sich, durch Schiebethüren abgeschlossen, Al- 
koven für die Betten, auch Wandschränke, sowie über 
den Thüren kleine Porzellanschränke, die immer Glas- 
thüren, mit durchbrochenem Holzornament überzo- 
gen, haben, um den Reichtum des Hauses an schönem, 
goldschimmernden Porzellan und jenem wirkungs- 
vollen, kupferüberzogenen und mit buntbemalten Re- 
liefs verzierten, im Bruch rotbraunem Steinzeug zu 
zeigen, das bei den Bauern in Norddeutschland überall 
sehr beliebt war. 

Bisweilen tritt der Alkoven etwas zu- 
rück hinter der anderen Wand, so dass 
eine kleine, besondere, durch einen Vor- 
hang abzuschliessende Zimmernische ent- 
steht, deren Eingang oben in verschiedener 
Weise portalähnlich gestaltet ist. Korb- 
bögen auf durchbrochenen Konsolen, 
Doppelbögen, geradliniger Abschluss unter 
Ausfüllung der Ecken durch Konsolen 
u. dgl. kommen da vor. 

Einen festen Bestandteil der Wand bil- 
det neben dem schon erwähnten blaube- 
malten, von der Diele aus zu heizenden 
Ofen die hohe Standuhr, die zu einem 
vornehmen, schönen Typus ausgebildet ist. 

Wir kommen damit zu den Vierländer 
Möbeln. 

Der Tisch, bisweilen ausziehbar, zeigt 
Kugel- oder Balusterfüsse. Die Verzierung 
steigert sich bis zu grossem Reichtum an 
geschnitzten oder eingelegten Ornamenten. 
Eine sehr selten vorkommende Form 
ist der mit einer Schmalseite an der Wand 
befestigte Klapptisch, der auf der ande- 



ren Seite sich auf ein hübsch ausgesägtes Brett 
stützt. 

In Bezug auf die Stühle müssen wir zwei Typen 
unterscheiden, der ältere (Seite 80), steifer in der Form, 
zeigt neben reicher Drechslerarbeit an den Rücklehnen 
geschnitztes Ornament: Embleme, Renaissanceornament, 
zwei Vögel mit Krone, Doppeladler u. dgl. m. Der 
jüngere Typus, zu ausnehmend eleganten Formen 
neigend, hat die Drechslerarbeit, fein ausgebildet, bei- 
behalten und mit der Intarsia verbunden. Bemalte 
Stühle, die sonst in der deutschen Bauernkunst stark 
vertreten sind, finden sich hier nie. Neben einfacheren 
Stühlen finden wir reichere mit Armlehnen, die auf zier- 
lichen Docken aufliegen. Namentlich die sogenannten 
Brautstühle sind manchmal ausserordentlich reich ausge- 
stattet und bilden wahre Prunkstücke. Vasen, aus denen 
naturalistische Blumen hervorspriessen, Blumenbouquets, 
Vögel, die auf den Zweigen sitzen oder darüber fliegen, 
sind die Hauptmotive für die Intarsia der Rücklehnen, 
selten kommen Jagddarstellungen vor. Die Schmuck- 
liebe geht bisweilen so weit, dass sogar die Rückseite 
der Rücklehnen verziert wird, es zeugt aber von dem 
feinen Geschmack der Vierländer, dass hier nur ein 
kleines, ellipsenförmiges Ornamentstück oder ein Stern 
in den dunklen Grund eingelegt ist. 




Bäuerlicher Sgraffito, Füllung zwischen dem Ständerwerk an alten 
Vierländer Bauernhäusern. Aufgenommen von H. Haase, Hamburg. 



88 



VIERLÄNDER KUNST 



Die Vierländer Stuhlsitze haben binsen- oder 
rohrgeflochtene Sitze und sind stets für Belag mit 
Kissen berechnet. Unter diesen ragen aus den un- 
schönen modernen Kissen aus geblümtem Stoff oder 
in Straminstickerei die alten Flickenkissen, in geo- 
metrischen, schönen Mustern aus verschiedenen bunten 
Tuchstücken zusammengesetzt, und alte Oobelinkissen 
mit Blumen oder Wappen hoch hervor, denen wir 
auch in der Kirche begegnen werden. 

Das dritte Hauptmöbel ist die Truhe. Ausser- 
ordentlich selten nur treffen wir geschnitzte, überall 
aber die mit Intarsia ausgestattete an und zwar in 
zwei auffallend abweichenden Formen. Die eine, 
offenbar ältere, erinnert an gotische Formen und steht, 
nach unten ausladend, hochbeinig auf Brettfüssen, die 
mit Vorder- und Rückfläche aus einem Stück ge- 
arbeitet sind. Die andere, niederere Form hat Kugel- 
füsse (Seite 84). Bisweilen wird erstere Form als 
Männertruhe, die andere als Brauttruhe erklärt, und 
da es vorkommt, dass man in einer Stube neben einander, 
gleich datiert, mit ganz gleichem Ornament verziert, je 
eine Truhe der beiden Formen stehen sieht, jene den 
Namen des Bräutigams, diese den der Braut auf- 
weisend, mag es oftmals so sein — die erste Form hat 
in der That etwas Mannhafteres, Trutzigeres, als die 
andere, welche einen weichlicheren, zierlicheren Ein- 
druck macht. Einmal finden wir bescheidene, ja spär- 
liche, aber stets gut verteilte Ornamentik, ein ander- 
mal steigert sich 's zu grösster Fülle. Neben Vasen 
mit Blumen u. dgl. kommt öfters ein stattlicher Reiter 
in Rokokotracht als Ziermotiv vor. 

Schränke finden sich in den Stuben nie; sie sind 
durch Wandschränke und Truhen genügend ersetzt. 

Die Wiege hat der Kunstsinn der Vierländer 
ebenfalls schön ausgebildet, oftmals steht sie auf 
einem besonderen zierlich ausgesägten Brett, das die 
Wiege auf demselben Fleck festhält. Wie auch sie 
mit Intarsien geziert ist, so auch allerlei kleine Kästen, 
Uhrgehäuse, Wandschränkchen u. dgl. Kleingerät. 

In Bezug auf Bänke kenne ich kein Beispiel von 
Verwendung der Intarsia; an den Fensterwänden be- 
findlich, zeigen sie nur ausgesägte Seitenlehnen und 
Vorderbrett unterhalb des Sitzes. Rücklehne ist gar nicht 
vorhanden, nur bei Gartenbänken findet sie sich, immer 
sehr zierlich, bisweilen aus ausgesägten Formen gestaltet, 
meist aber aus gedrechselten Gliedern zusammengefügt. 

Die Decke der Stube zeigt einfache Täfelung oder 
Rokokostuckverzierung, an den oft sichtbar durch- 
gehenden Balken sind Haken zum Aufhängen von 
Körben mit vorkeimenden Kartoffeln u. dgl. ange- 
bracht. Auch durch daruntergenagelte Bretter gebil- 
dete schmale Börter finden sich. 

Durch die geöffnete Thür des Alkovens blicken 
wir auf das aufgemachte Bett, das uns auf die Kunst 
der Frauen und Mädchen bringt. 

Die weissen Überzüge der farbigen Kissen sind 
durch breite Streifenzwischensätze geziert, die in feiner 
Netzstickerei gearbeitet sind. Allerlei symbolische 
Motive spielen dabei neben Blumen- und Tierorna- 
menten eine Rolle, die in der Bauernkunst überall be- 



liebten, sich schnäbelnden Tauben, Herzen, von Figuren 
gehalten, Engel, auch Wappen kommen vor. Die 
Namen oder Anfangsbuchstaben sind in schwarzer 
Seide in das Leinen eingestickt und mit schönem, 
der Technik entsprechend umgestalteten Blumen- und 
Blattwerk, namentlich Rosetten, zu einem wirkungs- 
vollen Ganzen verbunden; ebenso sind die Sticke- 
reien der Betttücher in gleicher Technik gestaltet. 

Eine ganze Sammlung schöner Stickmotive weisen 
die Mustersammlungen, die sogenannten Namentücher 
der Vierländerinnen auf, Vasen mit Blumen, Doppel- 
adler, Herzen, Kronen und alle anderen beliebten 
Formen deutscher Bauernkunst begegnen uns, bis tief 
in unser Jahrhundert hinein noch von hohem Ge- 
schmack zeugend. 

Bezüglich der Paradehandtücher ist es noch nicht 
sicher, ob sie im Lande gewebt wurden, sie sind 
reich mit roten oder schwarzen eingewebten Borten, 
sowie schwarz gestickten Namen geziert. 

Andere, sehr schöne Stickereien zeigt uns die 
Tracht der Vierländerinnen, namentlich die Ärmel der 
Jacken und die violetten Schürzen zeigen Namen und 
in Plattstich eigenartig voll gestickte Vierecke mit 
Blumenornamenten in blauer und roter Seide, die 
den Grund vollständig verdecken; auch an den Hemden 
kommen bunte Stickereien vor. Sehr reich gestickt, 
in buntem, in Farbe fein gestimmtem Plattstich oder 
Gold- und Silberstickerei unter Verwendung kleiner, 
kreisrunder Goldplättchen, sind die Brustlätze der 
Vierländerinnen, wobei auch Goldbrokatstoff und 
in Hamburg geklöppelte Metallspitzen zur Verwen- 
dung gelangen. Vasen mit Blumen, Vögeln u. dgl. 
sind die Motive. Ersetzt sind die gestickten Brust- 
lätze bisweilen durch schönfarbene, gleichmustrige 
Sammetstücke, in Bergedorf gewebt. Gleichfalls findet 
Sammet, in abwechselnd verschiedenfarbigen Quadraten 
geschacht, an den Schürzen Verwendung. Dass auch 
schön gestickte Pantoffeln u. a. m. vorkommen, zeigt 
unsere Abbildung Seite 83. 

Von der Tracht der Vierländerinnen zu ihrem 
Schmuck ist ein kleiner Schritt. Auffällig ähnelt der- 
selbe in einzelnen Stücken dem Schmuck seeländischer 
Bäuerinnen, z. B. die kreisrunden grossen Hemd- 
spangen (Seite 82) gleichen denen der Seeländerinnen 
in Form und Technik vollständig. Sie sind in sehr 
geschmackvollen, verschiedenen Mustern in Filigran 
auf einer Silberplatte hergestellt und mit bunten Glas- 
steinen verziert. Die Filigrantechnik finden wir auch 
wieder an den Mittelstücken der Brustketten zum Zu- 
sammenhalten der Jacken, sowie an den halbkugelförmi- 
gen Zierknöpfen der Jackenärmel. Die genannten Brust- 
ketten bestehen aus zwei halbkreisförmigen Seitenstücken 
und den 5 13 sie verbindenden Ketten. Die zwei 
Seitenstücke sind durchbrochen, in Silber gegossen 
und zeigen wieder Blumen, Herz, Vögel und Krone 
(Seite 82). Bisweilen ist in der Mitte der Ketten noch 
das erwähnte schmale ovale Mittelstück in Filigran, so 
breit wie das ganze Schmuckstück, in der Mitte mit 
einem bunten Glasstein oder einer in Silber ge- 
arbeiteten Blume besonders verziert, angebracht. 



VIERLÄNDER KUNST 



89 



Auch die Trauringe waren ehemals besonders ausge- 
stattet. Sie waren durchbrochen gearbeitet und mit 
symbolischen Motiven, verschlungenen Händen, Herzen 
u. s. w., verziert; die Abbildung Seite 83 zeigt als auf- 



fallendes Motiv eine kleine Madonna. Von sonstigem 
Schmuck sind noch die Halsketten aus Glasperlen 
oder Granaten mit einfachem Schloss, zwei gravierten 
Silberplatten, die Zierknöpfe der Männer an Hemd, 




Kunstgewerbeblatl. 



Kleiderschrank aus dem Schlafzimmer von B. Pankok auf der Dresdner Kunstausstellung 1899. 
Vereinigte Werkstätten für Kunst im Handwerk, München. (Ges. gesch.) 
N. F. XI. H. i;. 



14 



90 



VIERLÄNDER KUNST 



Jacken und Beinkleid (einer Art Pumphose), sowie 
silberne Hutschnallen zu erwähnen; auch das Gesang- 
buch kommt mit Silberschmuck (gravierte Platten an 



den Ecken und Schliessen) vor. (S. über weibliche Hand- 
arbeit und Schmuck Prof. J. Brinckmann's Führer d. d. 
Hamb. Mus. f. Kunst-Gewerbe.) (Schluss folgt.) 



•3 
> 
z 

O 



'S 
4 







# 



Kopfleiste, gezeichnet von DANIEL BÜCK, Bciiin. 



HAT DAS PUBLIKUM EIN INTERESSE DARAN, SELBER 
DAS KUNSTGEWERBE ZU HEBEN? 



Von Herimann Obrist 



(Schluss.) 



WAS sollen wir denn aber thun, so wird wohl 
mancher denken. Wir sind doch nicht alle 
reiche Leute, die sich ihr Haus bauen können. 
Wir müssen doch kaufen was da ist, wir können uns 
doch nicht darauf einlassen, extra zu bestellen. Über- 
haupt, was sind denn das für phantastische und para- 
doxale Pläne. Nun, schon bei den kleinen, alltäg- 
lichen Einkäufen in den Läden, wo es sich darum 
handelt, unter vielem etwas hübsches, auch dauerhaftes 
zu wählen, kann vom Käufer ein Einfluss ausgeübt 
werden. Freilich, wenn man das Geschäft eilig be- 
tritt und verwirrt durch die grosse Menge der Gegen- 
stände und geniert durch die Gegenwart und die Blicke 
so vieler Angestellten ziemlich ratlos sich von den 
Verkäufern herumführen und beeinflussen lässt, dann ^ 
kommt man nicht dazu, etwas zu kaufen, was einem [f 
wirklich und ganz persönlich gefällt. Es steht ausser^; 
allem Zweifel, dass wenn jemand nur suchen will,!;, 
in mehreren Geschäften suchen will, er sehr oft etwas; 
wirklich gutes, geschmackvolles finden kann. Thäte" 
man das, so würde es sich herausstellen, dass sehr 
viele Leute im Grunde einen ganz richtigen Geschmack 
haben. Doch wollen wir diesem Mittel nicht mehr 
Bedeutung zumessen, als es wirklich hat. Der wirk- 
liche Einfluss jedoch, den das Publikum auf die Pro- 
duktion ausüben kann, fängt dann an, wenn grössere 
Bestellungen derselben Art von Gegenständen erfolgen 
müssen. Und dahin gehören in erster Linie die Aus- 
stattungen. Und hier ist eine Wandlung nur mög- 
lich, wenn die Frauen uns helfen. Und diese Hilfe 
muss eine bewusste, ausgebildete werden. Bis jetzt 
ist das Kunstgewerbe von den Männern gemacht und 
beherrscht worden. Und die Frauen sind nur auf 
denselben Wegen nachgefolgt, die die Männer be- 
schritten hatten. Sie beschränkten sich darauf, alles 
das, was die Männer produzierten, zu kaufen und im 
Hause zu verteilen. Die Frauen sind nie gefragt 
worden, ob man denn alle diese alten Stile neubeleben 
sollte und wir getrauen uns zu behaupten, dass sie, 
befragt, davon abgeraten hätten. Nein, sie haben sich 
diesen ganzen Geschmack wie so vieles andere auf- 
drängen lassen, ohne auf den Gedanken zu kommen, 



zu widerstehen und etwas neueres vorzuschlagen. Von 
Natur liebt die Frau all das Alte nicht. Ihr ganzer 
Instinkt treibt sie zum Neuen, zum Heitern, zu dem 
was anregt und die ästhetische Neugier befriedigt. 
Nicht nur zieht sie die Gegenwart der Vergangenheit 




Kinderzimmer-Möbel von K. BERTSCH. 

Ausgeführt von den Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk, 

München. (Ges. gesch.) 

•4' 



92 HAT DAS PUBLIKUM EIN INTERESSE DARAN, SELBER DAS KUNSTGEWERBE ZU HEBEN? 




Tauf-Plakette von Bildhauer ADOLF AMBERO in Cliarlottenburg. II. Preis.') 



vor, sondern 
sie greift gern 
der Zukunft 
vor. Fast im- 
mer haben die 
Frauen wenig- 
stens die Nei- 
gung zum 
fortgeschritte- 
nen Ge- 
schmack in 
Kunst und Lit- 
teratur. Und 
wenn sie sich 
nur auf sich 
selber besin- 
nen wollten, 
so][würden sie 
auch finden, 
dass sie mehr 

Sinn dafür 
haben, ob ein 
Gerät prak- 
tisch,'bequem und zweckmässig ist, als die Männer, ganz 
speziell die Männer, welche eben diese Geräte anfertigen. 
Welcher Widerspruch liegt doch darin z. B., dass alle 
diejenigen Handwerker, ganz speziell die Tapezierer, 
welche alles das erzeugen, was in unseren Salons zum 
Gebrauche und zur Zierde herumsteht, gar nicht in 
die Lage kommen, in eben diesen Salons zu verkehren, 
um so sich zu überzeugen, wie unzweckmässig und 
direkt hässlich vieles darin ist. Und wir alle, nicht 
zum wenigsten unsere Frauen, für die alles das in 
erster Linie existiert, reagieren viel zu wenig und 
lassen sich viel zu sehr tyrannisieren von Fabrikanten, 
Ladeninhabern, Dekorateuren und von dem Geschmacke 
desjenigen Teils des Publikums, der in der That, aber 
leider, existiert; der das reich aussehende, das imi- 
tierte, das in die Augen springende liebt, und auf 
den die Fabrikanten in der That, aber leider, mit 
Sicherheit spekulieren können und es auch reichlich 
thun. Statt dass die Verfeinerten, die Vorgeschrittenen, 
diejenigen, die Zeit und Müsse haben, sich der künst- 
lerischen Ausgestaltung des Heims zu widmen, und 
das sind in erster Linie die Frauen unserer wohlha- 
benden Stände, die Initiative ergreifen, um den Ge- 
schmack im Kunstgewerbe zu diktieren, lassen sie sich 
im Strome treiben, nehmen was da ist, lassen sich 
den ganzen minderwertigen Geschmack der Produ- 
zenten gefallen, von dem dann jene sagen, dass es 
der unsere ist. Der Fabrikant hat gut reden: Das 
Publikum verlangt diese und jene Ware. Gewiss, 
ein Teil des Publikums verlangt im Laden direkt ver- 
goldete Kandelaber im Barockstil auf chinesischem 
Vasenkörper. Aber der andere Teil des Publikums, 
dessen Zahl leider viel zu gering angeschlagen wird, 
verlangt sie nicht, sondern lässt sie sich nur gefallen, 
ohne sie besonders zu goutieren. Die ganze Legende, 
dass die Fabrikanten und die Kunstgewerbetreibenden 
nur das produzieren, was das Publikum verlangt, be- 



ruhtauf einem 
subtilen, aber 
folgeschwe- 
ren Missver- 
ständnis, an 
dem Schuld 
trägt die Indo- 
lenz desjeni- 
gen Teils der 
Gebildeten, 
welcher der 
führende sein 
sollte. Nie- 
mand wäre er- 
staunter als 
der Produzent, 
wenn das Pu- 
blikum einmal 

etwas ver- 
langte. Man 
stelle sich ein- 
mal die Ver- 
wirrung in 
den Geschäften vor und die Ratlosigkeit der Ladenin- 
haber, wenn innerhalb weniger Tage fünfzig Menschen 
einmal ein Porzellanservice verlangten, das nicht 
Meissener, nicht Nymphenburger und nicht neueng- 
lischen Stil hätte. 

Aber das können wir ja gar nicht verlangen, wird 
man mir zurufen. Ich möchte wieder auf den oben 
erwähnten Begriff Ausstattungen zurückkommen. Hier 
ist es, wo das Publikum, speziell unsere Frauen, den 
Hebel ansetzen können. Hier, wenn es sich um die 
Einrichtung eines neuen Heims handelt, ist der Wende- 
punkt im Leben jeweils zweier Menschen gekommen, 
wo die Macht des Alten, des Ererbten einmal ge- 
brochen werden könnte. Wer die Mittel hat, eine 
Ausstattung bestellen zu können, sogar eine einfache, 
und in dieser Lage sind doch jetzt zahlreiche Men- 
schen, der sollte seinem Schicksale danken, der sollte 
sich selber zurufen: Ich will jetzt aus dem mir vom 
Schicksale oder von meiner eigenen Arbeit verliehenen 
Mitteln das denkbar grösste Mass von Genuss mir 
selber erzeugen. Es soll alles behaglich sein. Es 
soll vornehm sein, was nur möglich ist bei Abwesen- 
heit von Überladung und Imitiertem. Es soll meinen 
persönlichen, nicht den sogenannten durchschnittlichen 
Bedürfnissen angepasst sein. Es soll hübsch und 
apart sein, wenn irgend möglich sogar schön und 
eigenartig sein. Ich will mir das alles mit Mitarbeitern 
extra ausdenken und wenn Freunde zu mir kommen, 
sollen sie mich bewundern, ja beneiden. Es soll mir 
Lust und Spass machen trotz der vielen Mühe, ich 
will eitel stolz auf mein Heim werden und auf jeden 
Stuhl darin, auf mein Heim, das nicht ist wie das 
meines Nachbars. Ich will ihn nicht übertrumpfen 
damit, dass ich überbiete, sondern damit, dass er 
mich sobald nicht kopieren kann. 

So soll der mit Gütern gesegnete reden. Statt 
dessen wird nur zu oft folgendes gethan, wenn es 



i) Vergl. Kunstgewerbeblatt, N. F. X., S. 196. 



HAT DAS PUBLIKUM EIN INTERESSE DARAN, SELBER DAS KUNSTGEWERBE ZU HEBEN? 93 




Entwurf zu einer Tauf-Plakette von Bildhauer MEINHARD JACOBY, Berlin. III. Preis, i) 



gilt ein neues 
Heim zu grün- 
den. Die 
Hochzeit soll 
in so und so- 
viel Wochen 
oder Monaten 
sein. Da gilt 
es sich zu spu- 
ten. Die gros- 
sen Geschäfte 
werden aufge- 
sucht, Möbel, 

Tischzeug, 
Geräte werden 
rasch gekauft 
oder nach vor- 
handenen 
Mustern be- 
stellt, alles 
wird vorsich- 
tig ausge- 
dacht, damit ja 

nichts fehle später, ein Termin gesetzt für die Ablieferung 
und wenn nur Geld genug da ist, dann geht ja alles 
herrlich glatt. Und damit ist das erste Hemmnis ge- 
schaffen für den weiteren Fortschritt. Je nobler und 
je fertiger, je stilechter ein Zimmer hergestellt wird, 
desto unmöglicher wird es dann den meisten Men- 
schen, etwas eigenartiges, fremdartiges auch noch 
später unterzubringen. Und das bischen Platz, was 
an Wänden und auf Möbeln noch übrig bleibt, ist 
mit Hochzeitsgeschenken anderer Leute besetzt, die 
man nicht kränken darf, indem man ihre Sachen auf 
den Speicher stellt. Und bei solchen Herrschaften, 
die nun gar in ein altes, ererbtes Heim einziehen, 
ist es erst recht schwer. Die wollen durchaus kein 
neuartiges Büffet in ihr altes Speisezimmer stellen; 
dieselben Menschen, die ohne weiteres in ihren Salon 
einen Böcklin ganz nahe an einen Tizian und unweit 
davon einen Watteau neben einen Uhde hängen wür- 
den, wenn sie sie nur kriegten. Das stört sie nicht, 
aus dem Grunde nämlich nicht, weil sie wissen, dass 
solche Kunstwerke einen hohen Wert haben, Unika 
sind, um deren Besitz und Genuss sie lebhaft beneidet 
werden. Dass aber ein Büffet, ein Tisch, sogar in 
ganz einfacher Ausführung, ein Kunstwerk sonder 
gleichen sein kann, dass ein Treppenhaus ein Traum 
sein kann wie nur irgend eine Radierung von Klinger: 
wenn einer das sagt, läuft er bei uns Gefahr, für 
einen überspannten Fanatiker des Kunstgewerbes ge- 
halten zu werden, womit dann auch alle seine Er- 
örterungen als abgethan betrachtet werden. 

Wir wollen deshalb auch aus diesem Traumlande 
wieder heruntersteigen und uns darnach umsehen, ob 
mit den einfacheren Mitteln, die dem Bürger oder 
seiner Gattin zur Verfügung stehen, etwas geleistet 
werden kann. Und da liegt mir ein Fall vor, der 
charakteristisch genug ist, um hier angeführt zu wer- 
den. Ich habe einmal einen jüngeren Gutsbesitzer 

1) Vergl. Kunstgewerbeblatt, N. F. X., S. 196. 



gekannt. Er 
war ein Träu- 
mer und ein 
stiller, nach- 
denklicher 
Mensch. Er 

war aber 
kunstliebend 
und trotz sei- 
ner Träumerei 
ein praktisch 

angelegter 
Mann. Als er 
heiratete, kam 
er dazu, wie 
die Ausstat- 
tung von sei- 
ner Schwie- 
germutter be- 
sorgt werden 
sollte. Da gab 
es schwere 
Kämpfe. Ihm 
passte nichts. Es war zum Verzweifeln. »Er hat 
so eigenen Geschmack, er weiss nicht was er 
will«, so klagten die Frauen. Und im Zorne 
überantwortete man ihm den Kauf des Mobi- 
liars. Mein Freund ging auf die Suche. Er Hess es 
sich recht sauer werden. Wochen vergingen. In 
einer Stadt, berühmt als Hochburg der massivsten 
Renaissance, des prunkreichsten Barocks fand er einen 
Tischlermeister, der nie ausstellte, der nie von sich 
reden machte, der ihm aus Fichtenholz, aus nicht 
fourniertem Fichtenholz, eine Ausstattung machte, fein, 
ruhig, das Holz mildbraun, die matten Farben vor- 
nehm abgestimmt, das Ornament apart, so dass sich 
jeder freute, der die Möbel sah. Auch die Formen 
waren ganz andere. Und das Unbegreiflichste war, 
dass es nicht Renaissance, nicht Rokoko, nicht Empire 
und auch nicht neuenglisch war. Ja, was war's denn für 
ein Stil? Es war gar kein Stil, es hatte nur Stil. Ich 
möchte nur noch sagen, dass die Schwiegermutter, 
eine vernünftige Frau, mit der Ausstattung zufrieden 
war, die Preise waren aber auch recht massige. Die 
Braut aber war nicht zufrieden, und wie einmal eine 
Freundin zu ihr sagte: »Du, es sieht aber alles ein 
bischen dünne aus, da weinte sie vor Ärger. Denn 
die Frau liebt zwar das Neue, traut sich aber doch 
nicht leicht, die Kritik herauszufordern. Sie hatte eben 
noch gar nicht verstanden, dass ihr Mann in mehr 
oder weniger klarem Drange das ausgeführt hatte, 
was wir alle thun sollten. Wir sollen uns nicht den 
Fabrikantengeschmack aufnötigen lassen, von dem jene 
behaupten, dass es der unsere ist. So also soll man 
handeln. Ein Mann könnte mir hier einwerfen: 'Dazu 
haben wir aber keine Zeit.« Eine Frau aber darf so 
einen Einwurf nicht machen, ganz speziell nicht eine 
wohlhabende junge Frau, die noch nicht die Sorgen 
einer ganzen Familie auf sich genommen hat. Wenn 
es die Frauen nicht thun, wird es sobald nicht anders 



94 HAT DAS PUBLIKUM EIN INTERESSE DARAN, SELBER DAS KUNSTGEWERBE ZU HEBEN? 



werden. Selbstredend geht das nicht so rasch und 
es gehört dazu Courage, Zähigkeit und Ausdauer. 
Zuerst würde sie sich gewiss wohl an eine bewährte 
Firma für Möbelschreinerei wenden mit dem ausdrück- 
lichen Bedeuten, das Mobiliar müsse unbedingt anders 
ausschauen als das, was man so wie so anfertigt. Zur 
Erleichterung des Verständnisses würde es sich hierbei 
empfehlen, als Richtschnur folgende Bedingungen zu 
stellen: i) Es darf nicht deutlich an eine der vorhan- 
denen Stil- 
arten, inklu- 
sive des 
Neueng- 
ischen er- 
innern, je- 
denfalls 
nicht be- 
züglich der 
Verzierun- 
gen und 
Farben. 2) 
Jedes Mö- 
bel muss in 
erster Linie 




Postament und Stuhl im nordischen Stil, entworfen und ausgeführt in 

Hofmöbelfabrik, Leipzig. 



chend gebaut sein und alle Verzierung muss sich 
der Konstruktion und der zweckmässigen Form 
unterordnen, darf niemals, wie bei den Renaissance-, 
Barockmöbeln üppig werden und nur als Selbstzweck 
existieren. 3) Es darf und soll eigenartig wirken, 
jedoch unter keinen Umständen bizarr oder lediglich 
kurios sein. 4) Es soll einfach sein und massige 
Kosten nicht übersteigen. Sollte eine Bestellung unter 
solchen Bedingungen erfolgen, so könnte es ja pas- 
sieren, dass der kühnen Bestellerin gleich Entwürfe 
vorgelegt würden, die apart und gelungen wären. 
Wahrscheinlich aber ist es, dass die Firma, die auf 
solche Überraschungen nicht vorbereitet ist und deren 
Zeichner ganz auf Stile dressiert sind, wenig gelungene 
Zeichnungen lieferte. Dann würde es sich empfehlen, 
sich an einen Kunstgewerbeverein zu wenden, dem 
Vorstand Wunsch und Bedingungen zu unterbreiten, 
Zahl der Stücke sowie anzuwendende Summe zu 
nennen und ihn zu veranlassen, innerhalb des Vereins 
eine Umfrage zu veranstalten. »Mein Gott«, so wird 
manche Frau hier sagen, »da müssen wir ja zu all den 
Leuten gehen, zu Vorstandsmitgliedern, die wir gar 
nicht kennen. Das ist alles sehr genant.« Darüber 
kann man sich beruhigen. Ein Mensch, der die Initia- 
tive hätte, solche Bedingungen zu stellen, würde wie 
Manna vom Himmel begrüsst werden, und es würde 
an Zuvorkommenheit und Eifer nicht fehlen. Bei ein- 
fachen Aufträgen wür- 
de es nunmehr sehr 
wahrscheinlich gelin- 
gen, aus den vielen 
eingereichten Skizzen 
ganz interessantes, an- 
ziehendes herauszule- 
sen. Sollte die Be- 
stellung eine ernstere 
Sache sein, handelte 
es sich nun gar um 
eine fürstliche Aus- 
stattung, so würde 
sich wohl herausstel- 
len, dass man künstle- 
rische Kräfte auch aus- 
serhalb des Kreises 
der Gewerbtreiben- 

den heranziehen 
müsste. Esmüssteeine 
weitere Umfrage ver- 
anstaltet werden mit 
Preisen zur Anfeue- 
rung auch Fernerste- 
hender. Es werden 
Architekten, Künstler 
aller Art mit dem 
Besteller in Verbin- 
dung treten müssen. 
Davor wird nun man- 
che, auch reiche Frau 
zuerst zurückschrek- 
ken. Schreckt aber 
eine mutige nicht 



den Werkstätten von F. A. SCHÜTZ, 



HAT DAS PUBLIKUM EIN INTERESSE DARAN, SELBER DAS KUNSTGEWERBE ZU HEBEN? 95 



davor zurück, die Verwalterin iiires eigenen Gutes 
zu sein oder ein Geschäft wie das von Bon- 
Marche zu gründen, so braucht sie auch nicht 
davor zurückzuschrecken, in Berührung zu kommen 
mit einer gewissen Öffentlichkeit, immer eingedenk, 
dass ihr daraus so viel Interesse, Freude und ge- 
steigerte Regsamkeit erblüht, dass die Mühe reichlich 
aufgewogen wird. Hier liegt ein reiches Feld der 
Thätigkeit für unsere beschäftigungslosen Frauen, die 
nicht alle einen Beruf ergreifen können, dürfen oder 
mögen. Um nun aber einem Missverständnis vor- 
zubeugen, wollen wir ausdrücklich betonen, dass es 
nicht nur für die Reichen möglich ist, auf solche 
direkte Weise in Kontakt mit den Kunstgewerbe- 
treibenden zu kommen. Auch nicht bloss bei Be- 
stellung von ganzen Ausstattungen, Mobiliar, Por- 
zellan, Tischzeug. Nein, es giebt wenig Einzelgegen- 
stände, die nicht extra bestellt werden könnten. Immer 
Neues braucht ja ein Heim, das mit zunehmender 
Wohlhabenheit immer behaglicher und luxuriöser wird. 
Man braucht neue Tische, neue Lampen. Ein ganzes 
Zimmer wird für die erwachsene Tochter eingerichtet. 
Ein Rauchzimmer wird der Wohnung hinzugefügt. 
Eine Blumenetagere, neue Stühle werden nötig, und 
wenn es nur ein Spiegel wäre, stets kommt wieder 
eine neue Gelegenheit, etwas Geschmackvolles zu 
erwerben. Man wird mir nun aber einwenden: Das 
wird alles viel zu teuer, es dauert auch viel zu lange, 
ehe man es bekommt, wozu denn auch, es lohnt sich 
doch nicht, es wäre schade um das Geld. Nun gut, 
lassen wir einmal diese Einwände gelten. Zugestanden, 
dass die Indolenz des Menschen so gross ist, dass 
er sich nicht einmal die Mühe geben will, sich etwas 
zu tummeln, um sich später freuen zu können. Es 
bleiben doch noch die zahllosen Geschenke übrig, 
die alljährlich zu Weihnachten, zum Geburtstag, zur 
Hochzeit vergeben werden. Und hier kann man nicht 
sagen, dass der Bürger es nicht für der Mühe wert hält, 
Geld auszugeben. Ebenso wie er Hunderte für ein 
stattliches Diner, Hunderte für einen wohlbestellten 
Weinkeller ausgiebt, ebenso verausgabt er mit oder 
ohne Zaudern grosse Summen für Geschenke und 
Repräsentation. Er unternehme einmal das Wagnis, 
bei einem Juwelier etwas ganz apartes, künstlerisch 
eigenartiges zu bestellen unter obengenannten Be- 
dingungen, und es ist ausser allem Zweifel, dass er 
mit seinem Geschenk einzig dastehen würde unter 
allen Gebern. Statt einer silbernen Fruchtschale in 
Rokoko oder englischem Empire dringe er darauf, 
verlange er, befehle er etwas ganz anderes, einfaches 
aber neu ersonnenes. Man würde in der Werkstatt 
sich vor Staunen nicht recht zu helfen wissen, aber 
gerade die Verwirrung würde vielleicht, vielleicht 
etwas neues entstehen lassen. 

Und wenn die Männer keine Mühe scheuen, für 
den Keller, die Jagd, den Sport, d. h. für Essen, 
Trinken und Amüsement, das ihnen am besten kon- 
venierende so lange zu suchen, bis sie es bekommen, 
könnten auch die Frauen, die von der »Natur durch 
geringere Ausbildung solcher, wie sollen wir sagen, 
mehr physiologischer Triebe besonders bevorzugt sind, 



das Suchen nach etwas apartem, neu ausersonnenen 
zu ihrer grossen Lebensfreude ausbilden. Sie haben 
doch Zeit, Müsse, Geld, Kraft für ihre Schneiderin, 
warum nicht für die doch ganz anders anregenden 
Gänge und Besprechungen in den Werkstätten der 
Kupferschmiede, der Tischler, der Juweliere, und der 
Glasmaler? Statt der erschöpfenden Seancen bei den 
Schneiderinnen wären das Stunden der reinsten Freude, 
der Freude, künstlerisch und schöpferisch thätige Meis- 
ter und Gesellen an der Arbeit zu sehen, an einer Arbeit, 
die für einen selber angefertigt wird, die man wachsen 
sieht wie ein Kind wächst. Zweifelsohne ist das alles 
nicht ohne beträchtliche Anstrengung und Mühe zu er- 
reichen, jedoch darf man sich das nicht übertrieben vor- 
stellen. Diejenigen Frauen und Männer, die die ersten 
sein würden, solche neuen Wege zu wandeln, auf die 
Suche zu gehen nach dem Schönen, dem noch nicht 
tausendfach wiederholten Schönen, auf die Jagd nach 
Talenten, statt in Eile das erste beste in einem Laden, 
was ihnen leidlich gefällt, zu kaufen, die müssten sich 
zuerst nicht abschrecken lassen, da ihnen nicht alles 
auf dem Präsentierteller entgegengebracht werden kann; 
vor allem müssten sie die verhängnisvolle moderne 
Hast verlernen oder hintan setzen können. Der einzige 
Einwand, den wir gelten lassen können, wenn man 
solche Vorschläge als phantastisch bezeichnen sollte, 
dürfte der sein, dass man so lange auf das auf diese 
Weise bestellte warten müsste. Wenn aber ein Mann, 
der die Jagd als Sport betreibt, es sich nicht ver- 




Armlehnstuhl im nordischen iSii, ^:.i.vu.;^.i und ausgeführt in den 
Werkstätten von F. A. SCHÜTZ, Hofmöbelfabrik, Leipzig. 



96 HAT DAS PUBLIKUM EIN INTERESSE DARAN, SELBER DAS KUNSTGEWERBE ZU HEBEN? 



driessen lässt, Jahre lang sich abzumühen, um ein 
brauchbares Tier zu erziehen, so ist nicht abzusehen, 
warum er und seine Gemahlin zusammen nicht sich 
gedulden sollten, um ein Interieur zu schaffen, das 
einzig in seiner Art dastehen würde, ohne deswegen 
irgendwie besonders kostspielig gewesen zu sein. 
Wirklich kostspielig werden jedoch nurGegenstände, die 
ohne besonnene Überlegung gemacht werden. Wenn 
man aber mit den früher erwähnten Bedingungen an 
einen Kunsthandwerker herantritt und nicht eher an- 
gefangen wird, als bis Zeichnung oder kleines Modell 
geprüft worden sind, deren Kosten nicht gross sind, 
dann geht man so gut wie sicher. 

Wenn nun die Kreise der Kunsthandwerker wieder- 
holt innerhalb kurzer Zeit durch die energische Initia- 
tive einzelner kunstsinniger Bürger durch solche Auf- 
träge überrascht worden wären, so würde das ein- 
treten, was sich anderorten, besonders in England, 
längst gezeigt hat. Es würden sich an den un- 
vermutetsten Stellen Talente melden. Wie man in den 
Wald ruft, so schallt es heraus. Man entgegne mir 
nicht, dass der Geschmack unserer Frauen noch nicht 
genug entwickelt sei, dass, wenn sie kein eigenes 
Vermögen haben, sie von ihren Männern abhängig 
wären u. s. w. 

Wenn die Diskretion es nicht verböte, so würde 
es mir zur seltenen Freude gereichen, das Nähere von 




Tisch und Stuhl im nordischen Stil, entworfen und ausgeführt in den Werkstätten 
von F. A. SCHÜTZ, Hofmöbelfabrik, Leipzig. 



einer Frau zu erzählen, die nicht etwa theoretisch vor- 
handen ist, sondern die thatsächlich lebt, und die ich 
persönlich kenne, die noch vor zwei Jahren ein ganzes 
Haus voller ; guten Stuben« bewohnte und die jetzt 
nicht nur zwei Töchter bei ihrer Verheiratung aus 
eigener Initiative ganz einzig eigenartig ausgestattet 
hat, sondern jetzt sogar angefangen hat, im eigenen 
Heime eine »gute Stube« nach der andern systematisch 
auszurangieren. Und ihr Mann, weit entfernt davon, 
sie daran zu verhindern, lässt sie ruhig, wenn auch 
mit etwas Staunen gewähren, denn sie macht es 
systematisch und mit Erfolg, nicht launisch und hastig, 
und ein Mann bewundert immer etwas, was mit Plan 
und Überzeugung geschieht. 

Diese Frau ist eine von den ganz wenigen Müttern, 
die es begriffen haben und ihren Töchtern klar gemacht 
haben, dass sie von dem, was sie zur Aussteuer er- 
hielten, nunmehr zwanzig Jahre, wenn nicht noch 
länger umgeben sein werden, und dass man garnicht 
vorsichtig genug darin sein kann zu verhüten, dass 
das, was einem jetzt elegant und hochmodern vor- 
kommt, später als Krempel erscheine. 

Und wenn man uns nun zuguterletzt noch ein- 
wenden wollte, es sei doch zu viel verlangt, so auf 
gut Glück blindes Vertrauen in etwas zu haben, wovon 
so gut wie nichts zu sehen ist, so können wir auch 
hier zur Beruhigung darauf hinweisen, dass in so 

manchen Orten unserer schö- 
nen deutschen Lande sehr hoff- 
nungsvolle Anfänge zu einer 
solchen neuen Zeit gemacht 
worden sind, und dass das 
Traumland, das ich schon 
skizzierte, anfängt Gestalt zu 
gewinnen. Die Anfänge sind 
nichtmehrzu machen, sie sind 
gemacht. Es haben Künstler 
teilsaus eigener Initiative, teils 

geholfen, angeregt durch 
kunstsinnige Mäcene, neue 
Bahnen im Kunstgewerbe be- 
schritten und sie auch kom- 
merziell so ausgestaltet, dass 
der Käufer ohne grosse Mühe 
das finden kann, wovon wir 
gesprochen. In München, Ber- 
lin, Dresden, Karlsruhe, 
Darmstadt und in noch manch 
anderer Stadt herrscht ein re- 
ges Leben. Man unterstütze 
dieses, wenn man am Orte, 
wo man lebt, daran verzwei- 
felt, das neue Leben zu 
wecken. Das Beste aber ist: 
den heimischen Kräften neues 
Blut, neue Zuversicht einzu- 
flössen. 

Es würde ein Treiben 
und Knospen sondergleichen 
im Kunstgewerbe und unter 
den Künstlern entstehen. Man 



KLEINE MITTEILUNGEN 



97 



glaube uns, die wir mitten drin stehen und man denke Dingen so auch hier, das, was man ersehnt, erträumt, 

vor allem an das eigene Interesse. Man gehe nicht wahr zu machen aus eigener Kraft. Man verlange 

nach Hause indem man sagt: mag sein, wir wollen und es wird gehoben werden. 
aber erst abwarten. Nein: man versuche, wie in allen 



KLEINE MITTEILUNGEN 



VEREINE 

WIEN. Nach dem Vorbilde der Münchener 
Vereinigungen hat sich unter dem Namen 
> Wiener Interieur - Club , Oesellschaft zur 
Pflege der K.unst im Handwerk' eine Gesellschaft von 
Künstlern und Vertretern des Kunsthandwerkes gebil- 
det, die eine Art Zentralstelle für die kunstgewerbliche 
Bewegung moderner Richtung in Österreich sein will. 
Die Zwecke der Gesellschaft sind die künstlerische 
Förderung ihrer Mitglieder und die wirtschaftliche 
Ausnutzung der künstlerischen Erzeugnisse derselben. 
Das Österreichische Museum für Kunst und Industrie 
steht den Bestrebungen sympathisch gegenüber. Für 
den Monat März igoo plant die Gesellschaft ihre erste 
Ausstellung. -u- 

SCHULEN 

PARIS. Die Ausstellung der städtischen Kiinst- 
gewerbeschule. Alljährlich veranstaltet die Ecole 
Boulle eine Ausstellung von Schülerarbeiten, um 
so den Freunden der Anstalt und dem Publikum im 
allgemeinen Gelegenheit zu geben, über die Leistungen 
der Schule ein Urteil zu fällen. Die Ecole Boulle 
hat ihren Namen von dem im Jahre 1642 geborenen 
französischen Kunsttischler Boulle, dessen Möbel sich 
besonders durch die reiche Verzierung mit eingelegtem 
Schildpatt, Zinn und vergoldetem Kupfer auszeichnen. 
Gegründet wurde die Anstalt im Jahre 1886 von der 
Stadt Paris, um, wie es im Programm heisst, »Arbeiter 
heranzubilden, die imstande sind, den traditionellen 
Geschmack und die Superiorität der französischen Er- 
zeugnisse auf dem Gebiete der Kunsttischlerei aufrecht- 
zuerhalten . Etwa 250 Schüler, die beim Eintritt in 
die Schule mindestens 13 und höchstens 16 Jahre 
alt sind, werden daselbst praktisch imd theoretisch 
unterrichtet. Die Schulzeit beträgt vier Jahre und um- 
fasst die folgenden Fächer: Schreinerei, Polstern, Holz- 
schnitzen, Drechseln, Ziselieren, Gravieren, Formen 
u. s. w. Theoretischen Unterricht erhalten die Schüler 
in Geometrie, Technologie, Kunstgeschichte, Muster- 
zeichnen, Dekoration u. s. w. Die zu Anfang Oktober 
eröffnete diesjährige Ausstellung zeigt, dass die Schüler 
allerdings eine gewisse technische Handfertigkeit er- 

KunstgewerbebUtt. N. F. XI. H. 5. 



langen, dass aber im übrigen nicht viel zum Lobe 
der Anstalt zu sagen ist. Die Lehrer versteifen sich 
einzig darauf, die vorhandenen Stile sorgfältig kopieren 
zu lassen, und der Schüler lernt zwar eine Kommode, 
einen Stuhl oder sonst ein Hausgerät im Stile Louis 
quinze oder Louis seize anzufertigen, darauf beschränkt 
sich aber auch sein Wissen und Können. Von irgend 
einem frischen, originellen Zuge ist nichts zu spüren, 
und während man in Pariser Künstlerkreisen die Neu- 
gestaltung unseres Hausrats anstrebt, bleibt die Ecole 
Boulle den alten verknöcherten und versteinerten 
Formen treu. Wir glauben nicht, dass auf diese 
Weise die oben angeführte Absicht des Programms 
erreicht werden kann, und unseres Erachtens thäte 
die Stadt Paris gut daran, einen oder mehrere der 
im Salon des Champ de Mars ausstellenden. Kunst- 
handwerker für den Unterricht in der Ecole Boulle 
zu gewinnen. Denn wenn es sich nur darum handelt, 
Leute zu bilden, die vorhandene Muster treu kopieren 
können, so mag man die Erziehung und Lehre 
der jungen Handwerker getrost den Schreinerwerk- 
stätten und Möbelfabriken überlassen. Was die Zög- 
linge der Ecole Boulle in dieser städtischen Anstalt 
lernen, könnten sie ebenso gut in irgend einer Möbel- 
fabrik des Faubourg St. Antoine lernen. Die Stadt 
Paris könnte mit dem Gelde, was sie jährlich für die 
Ecole Boulle hergiebt, das Kunstgewerbe bedeutend 
fördern und heben; aber die Sache müsste anders 
angefangen werden. Es handelt sich dabei durchaus 
nicht um Aufgabe der guten alten Tradition, aber 
man müsste den Schülern daneben Gelegenheit geben, 
auch die neueren Bestrebungen kennen zu lernen. 
Bei dem sklavischen Kopieren der alten Schablonen, 
wie es jetzt in der Ecole Boulle geübt wird, kann 
von einer Belebung und Förderung des Kunsthand- 
werkes nicht die Rede sein. SCH. 

PARIS. Neuer Lehrgang im französischen kunst- 
gewerblichen Unterricht. Die Zeitschrift »Art et 
Decoration' berichtet: Im National-Konservato- 
rium für Kunst und Handwerk ist im Laufe dieses 
Jahres ein ausserordentlich zweckmässiger Lehrgang 
eingerichtet worden, wie ihn unsere grossen indus- 
triellen Schulen schon längst ihren Schülern hätten 
bieten müssen. Allzuhäufig giebt der kunstgewerb- 

15 



98 



KLEINE MITTEILUNGEN 



liehe Unterricht ausschliesslich Regeln für die deko- 
rative Anordnung, während die mit ihm verknüpften 
praktischen Unterweisungen zu sehr für Anfänger ein- 
gerichtet sind. Der neue, auf drei Jahre berechnete 
Lehrgang wird sich abwechselnd mit den sämtlichen 
Sondergebieten des Kunstgewerbes beschäftigen, die 
Erfordernisse und Vorteile jeder Technik einer Be- 
trachtung unterziehen und die auf diese Weise fest- 
gestellten Grundregeln durch Beispiele aus der Kunst- 
übung aller Zeiten belegen. Für diesen Anschauungs- 
unterricht wird durch photographische Abbildungen 
ein wesentliches Hülfsmittel geboten werden; mehr 
aber noch werden die Zeichnungen des Lehrers an 
der Wandtafel und die auf der Grundlage dieser Zeich- 
nungen durch die Schüler ausgeführten Arbeiten diese 
eingehend über die Unterschiede in der Behandlung 
der verschiedenen Werkstoffe unterrichten. Diese Ar- 
beiten sind bestimmt, mit der Zeit eine Art von prak- 
tischem Museum zu bilden. Hiernach giebt der sehr 
ausführlich gehaltene Artikel einen Abriss der Vor- 
träge, welche zur Einführung in diesen Lehrgang ge- 
halten worden sind. Eine vollständige Wiedergabe 
würde hier zu weit führen, es seien deshalb nur die 
einleitenden Sätze gegeben, welche den Geist und die 
Richtung kennzeichnen, in denen der Unterricht ge- 
führt werden soll. Sie lauten: Eine sogenannte Ein- 
teilung der Kunst in eine hohe und eine niedere, in 
schöne Kunst und Kunstgewerbe hat in der Wirklich- 
keit keinen Sinn und der Schönheitsgedanke sowie 
der der künstlerischen Vollendung ist der gleiche für 
jedes aus der Menschenhand hervorgegangene Werk. 
Die Kunst ist die nämliche beim Eisenschmiede wie 
beim Maler, in der Bildhauerei wie in der Stickerei; 
es sind lediglich die Ausdrucksmittel, welche vonein- 
ander unterschieden sind. Des weiteren wird sodann 
ganz besonders eindringlich auf die Beobachtung der 
Natur hingewiesen, in welcher der eigentliche Auf- 
schluss über die Kunstformen zu finden ist. Eine 
Anzahl den Artikel begleitender Abbildungen veran- 
schaulichen noch deutlicher die Eigenart und den 
Gang des Unterrichts. So ist beispielsweise der näm- 
liche Distelzweig als Vorlage für eine Steinmetz-Arbeit, 
für eine solche in Schmiedeeisen und für ein Glas- 
fenster in Bleifassung verwendet, ein Zweig blühender 
Lilien in einer Vase für eine durchbrochene Arbeit in 
Haustein und für ein Glasmosaik. Zwei weitere Ab- 
bildungen zeigen, einander gegenübergestellt, ein aus 
lauter geschwungenen Linien komponiertes metallenes 
Gitterwerk und ein solches, das aus lauter gebrochenen 
Linien zusammengesetzt ist. -ss- 

AUSSTELLUNGEN 

DÜSSELDORF. Der Arbeits-Ausschuss für die 
Industrie-, Gewerbe- und Kunst-Ausstellung 1Q02 
versendet soeben die^Ausstetlungsbedingungen. 
Ausser Rheinland- Westfalen wird auch der Regierungs- 
bezirk Wiesbaden zur Ausstellung zugelassen. Mit 
Ausnahme von kunstgewerblichen Altertümern und der 
Ausstellung technischer Lehranstalten und wissenschaft- 
licher Vereinigungen dürfen nur solche Gegenstände 



ausgestellt werden, die in den genannten Bezirken, 
mittels gewerblicher Thätigkeit gewonnen aber durch 
eine wesentliche Bearbeitung oder Verarbeitung von 
auswärts bezogener Stoffe hergestellt sind. Für die 
Dauer der Ausstellung ist die Zeit vom 1. Mai bis 
20. Oktober 1902 in Aussicht genommen. Die An- 
meldungen zur Ausstellung müssen bis zum 1. Januar 
1901 eingesandt werden. -u- 

V EREINIGTE STAATEN VON AMERIKA. Dem 
Moniteur des Expeditions zufolge haben, nach 
Mitteilungen des Times Herald in Chicago meh- 
rere grosse amerikanische Städte die Absicht, in näherer 
oder fernerer Zeit Ausstellungen ins Leben zu rufen. 
Abgesehen von der Greater American oder nationalen 
Ausstellung, welche seit dem 1. Juli d. J. die Erzeug- 
nisse des neuen Kolonialbesitzes der Vereinigten Staaten 
in Omaha (Nebraska) zur Anschauung bringt, ist die 
Rede von einer Ohio-Hundertjahr-Ausstellung in Toledo 
im Jahre 1902, anlässlich der hundert Jahre vorher 
erfolgten Einverleibung des Staates Ohio. An dieser 
Ausstellung werden insbesondere die Staaten Illinois, 
Indiana, Michigan, Minnesota und Ohio beteiligt sein, 
da sie den Hauptteil des nordwestlichen Territoriums 
der Vereinigten Staaten bilden. Ferner rüstet die Stadt 
St. Louis (Missouri) sich, die Erwerbung Louisianas 
durch eine grosse Ausstellung im Jahre 1903 zu be- 
gehen. Die nächste sämtlicher bevorstehender Aus- 
stellungen wird die für Buffalo um das Jahr igoi 
geplante panamerikanische Ausstellung sein. 

Einer jeden dieser grossen Städte liegt es natur- 
gemäss am Herzen, sich durch die Veranstaltung dieser 
Ausstellungen ein besonderes, ihren eigenen Interessen 
nützliches Ansehen zu geben. Nicht weniger aber ist 
vielleicht die in den Vereinigten Staaten allgemein ver- 
breitete Überzeugung, dass Ausstellungen der Beleh- 
rung der Massen förderlich sind, einer der haupt- 
sächlichsten Beweggründe für alle diese Pläne. Es 
herrscht das Bestreben, sich zu unterrichten und zu 
kräftigen, um mit immer wachsender Sicherheit an die 
Eroberung der fremden Märkte gehen zu können. 
Und das ist eine überaus dringende, durch die un- 
gewöhnliche Entwickelung der Produktionsmittel des 
Landes herbeigeführte Notwendigkeit. »Wir haben«, 
äusserte kürzlich der Vorsitzende der Gesellschaft der 
amerikanischen Ausfuhrhändler, eine Bevölkerung von 
75 Millionen Seelen und sind im stände, Güter zur 
Befriedigung der Bedürfnisse von 1 50 Millionen Seelen 
zu erzeugen.« -ss- 

KANEA. Eine 1. Internationale Ausstellung wird 
vom 11. April bis 7. Mai 1900 unter dem 
Protektorat des Prinzen Georg von Griechen- 
land, Oberkommissars von Kreta, stattfinden und alle 
Erzeugnisse auf dem Gebiete der Industrie, des Ge- 
werbes, des Handels und der Landwirtschaft, der 
Volksernährung, der Kunst und des Unterrichts um- 
fassen. In Betracht kommen besonders Maschinenbau, 
Elektrizität, Beleuchtung, Textilindustrie, Chemie, Sport. 
Als Auszeichnung kommen zur Verteilung Ehren- 
diplome, sowie Diplome der goldenen, silbernen und 



KLEINE MITTEILUNGEN 



99 



bronzenen Medaillen. An der Spitze des Ausstellungs- 
komitees steht der fürstliche Finanzrat Dr. Konstantin 
M. Foumis. Zum Kommissar für die Ausstellung 
wurde ernannt Arthur Oobiet in Prag- Karolinenthal, 
an den die Anmeldungen zur Beschickung der Aus- 
stellung zu senden sind. -u- 

WETTBEWERBE 

DRESDEN -LOSCH WITZ. Preisausschreiben zur 
Erlangung von Entwürfen für Zimmerdecken 
und Wandvertäfelungen, ausgeschrieben von 
der Aktien -Gesellschaft für Kartonnagen -Industrie. 
Ausgesetzt sind drei Preise von 300, 250 und 
200 M. Einzuliefern bis zum 1. März 1900. 
Näheres durch die ausschreibende Firma. 

-u- 

SIEGMAR. In dem Wettbewerb um Ent- 
würfe zu einem farbigen Plakat der 
»Aktien-Gesellschaft Deutsche Kognak- 
Brennerei vorm. Grüner & Co. haben erhal- 
ten den I. Preis Paul Perks in Dresden, den 
II. Preis Paul Rössler in Dresden, den III. Preis 
Gurt Tuch in Leipzig, den IV. Preis Joh. 
Loawiu in München. -u- 




M 



ÜNCHEN. In dem Wettbewerb der Re- 
daktion 



der 
>Liebhaber- 
künste-'^ für 
die besten Ge- 
genstände 
nach Vorlagen 
und Motiven 
aus den »Lieb- 
haber- 
künsten ' ha- 
ben erhalten : 
den I. Preis 
(250 M.) Frl. 
Else Kette aus 
Kassel für eine 
grosse Sam- 
melmappe für 



Bilder, hergestellt aus Holzdecken mit Flach- und 
Kerbschnitzerei, den IL Preis (150 M.) Julius Schmitt 
aus Esslingen in Baden für einen dreiteiligen Tisch- 
Paravent, hergestellt aus Brettchen mit Flach- und 
Kerbschnitzerei, den III. Preis (100 M.) Frl. Gertrud 
Scherz aus Fretzdorf in der Ostpriegnitz für einen 
kleinen Wandschrank aus Lindenholz mit Kerbschnitt 
und Brandmalerei, den IV. Preis (75 M.) Frl. Emilie 
Stickel aus Herleshausen bei Eisenach für einen Licht- 
schirm aus Holzrahmen, verziert mit Stickerei und 
Brandmalerei, den V. Preis (50 M.) H. Pfannstiel 
aus Weimar für einen dreiteiligen Wandschirm in 
Lederschnitt- und Treibarbeit, den VI. Preis (25 M.) 
Frau Dr. B. Kräh aus Hannover für eine 
Kastenmappe zur Aufbewahrung von Reise- 
erinnerungen, -u- 

BÜCHERSCHAU 

Henry Wallis, Persian Lustre Vases. With 
illustrations by the author. Leipzig, Karl 
W. Hiersemann, 1899. 4". Mit 4 Farben- 
tafeln und 25 Textbildern. 
Mr. Henry Wallis ist den Freunden der 
älteren Keramik als unermüdlicher Sammler 
und Forscher auf dem schwierigen Gebiete 
der persischen Fayencen bekannt. Seit 1885 
hat er eine ganze Reihe stattlicher Bände 

und Hefte ver- 
öffentlicht mit 

trefflichen 
Farbentafeln, 
für dfe er selbst 
die Vorlagen 
gezeichnet hat. 
Darin hat er 
die seltenen 
Beispiele von 
Gefässen und 
Fliesen be- 
kannt ge- 
macht, die aus 
der ältesten 
Kunstepoche 
des mohame- 
danischen 





Pariser 

Ooldschmuck, 

ausgestellt 



von 

L. A. GÜNDEL, 

Juwelier, 

Leipzig. 



15' 



100 



KLEINE MITTEILUNGEN 



Persiens, aus dem 13. Jahrhundert n. Chr., teils als Er- 
gebnisse gelegentlicher kleiner Ausgrabungen, teils als 
vereinzelte, nach Afrika oder Südeuropa verschlagene 
Stücke aufgetaucht sind. Ihm stehen nicht nur die 
wertvollen Privatsammlungen Londons, vor allem die 
reiche Sammlung von Mr. F. Ducane Oodman, zu 
Gebote, sondern er verfolgt mit bewundernswerter 
Zähigkeit auch das entferntere Material, das in andern 
Sammlungen europäischer Hauptstädte sich zerstreut hat. 

Die Gattung, die Mr. Wallis durch seine rastlose 
Arbeit zu Ehren gebracht hat, ist wohl zu unter- 
scheiden von den bekannteren persischen und vorder- 
asiatischen Fliesen des 1 6. und 1 7. Jahrhunderts, von 
denen auch unsere kleineren Museen Proben auf- 
zuweisen pflegen. Sie lässt sich nach einigen chrono- 
logischen Anzeichen in das 13. Jahrhundert hinauf- 
rücken. Ihre Glasur ist meist eine undurchsichtige 
Zinnglasur, und ihr Hauptschmuck ist durch metal- 
lische Lüsterfarben bewirkt, deren mannigfache, leuch- 
tende Töne zu wunderbaren Wirkungen zusammen- 
klingen, tiefer und glanzvoller als beispielsweise die 
spanischen Lüsterfayencen, dem zauberhaften Farben- 
spiel des Labradorfeldspats vergleichbar. Die Orna- 
mente zeigen das bekannte, orientalische Rankenorna- 
ment in reiner, edler Form, kufische Zierschriftzeichen, 
Tiere und menschliche Gestalten. 

Der vorliegende Band, der auch in deutschem 
Verlage erschienen ist, bringt auf vier prächtigen Tafeln 
in Naturgrösse je ein färben- und glanzreiches Bei- 
spiel dieser schönen Ware, Oefässe von verschiedener 
Form. Der Text ist durch weitere Beispiele von Vasen, 
Schalen, Fliesen und Bruchstücken illustriert; er ergänzt 
die früheren Werke und bespricht den Zusammenhang 
dieser Arbeiten mit den Ausgrabungen in der ägyp- 
tischen Ruinenstadt Fostat, der zerstörten Vorgängerin 
des heutigen Kairo, und mit einer neuerdings auf- 
getauchten Gruppe ähnlicher Stücke von noch un- 
sicherer Herkunft. Es ist nicht leicht, die durch den 
Kunsthandel verbreiteten Arbeiten dieser Art nach Ort 
und Zeit zu bestimmen, weil die Händler den Ur- 
sprung ihrer Ware sorgfältig zu verheimlichen suchen. 
Wir dürfen wünschen, dass es den weiteren Studien 
des Verfassers gelingen möge, noch mancherlei Zweifel 
und Fragen über die Geschichte der mittelalterlichen 
Keramik des Islam aufzuklären. Den deutschen Fach- 
kreisen, denen die wertvollen Originale dieser Gruppe 



schwer zugänglich sind, sei das Studium und die 
Anschaffung des Werkes angelegentlich empfohlen. 

P. JESSEN. 

Der Mäander von August Böhaimd, kgl. Reallehrer 
München, Verlagsanstalt und Druckerei Dr. Franz 
Paul Datterer & Cie., G. m. b. H. Preis 10 M. 
Auf 52 Tafeln giebt der Verfasser eine grosse 
Anzahl Variationen der Mäanderformen unter Beach- 
tung einer systematischen Entwicklung und Einteilung. 
Die Verwendung des Mäanders zu Flächenmustern, 
wie zu Einfassungen mit Ecklösungen werden gezeigt. 
Wenn auch mit Rücksicht auf die billigen Anschaf- 
fungskosten nur zwei bis drei Farben im allgemeinen für 
die Muster in Anwendung kamen, so wird der Lehrer 
leicht andere passende Farben durch die Schüler wählen 
lassen können. Trotz der vielen Vorlagenwerke, welche, 
wenn auch nicht ausschliesslich, den Mäander eingehend 
behandeln, darf dieses Werkchen doch als ein sehr brauch- 
bares für die Schule warm empfohlen werden. V- 



Altägyptisches Porzellan. Einer der jüngsten 
Sitzungsberichte der französischen Akademie der Wissen- 
schaften enthält eine Mitteilung von H. Le Chatelier 
über einen Fund altägyptischen Porzellans, der, voraus- 
gesetzt, dass seine Echtheit unanfechtbar feststeht, von 
grosser Bedeutung für die Geschichte der Keramik 
sein würde. Es wäre dadurch nämlich erwiesen, dass 
das Porzellan eine sehr viel ältere Erfindung ist, als 
man bisher annahm und dass ihr Ruhm nicht den 
Chinesen, sondern den alten Ägyptern gebührt. Die 
bereits mehrfach erörterte Frage nämlich, ob dieselben 
schon echtes Porzellan hergestellt haben, ist bisher 
immer verneint worden, so auch von Brogniart in 
seiner Traite des arts ceramiques, der erklärt, alle in 
Ägypten gefundenen Proben von Porzellan seien 
chinesischer Herkunft. Nunmehr aber ist dem oben 
genannten Berichterstatter mit einer Sendung von Proben 
aus Ägypten das Bruchstück einer aus Saggarah (Memphis) 
stammenden kleinen Figur aus einem Grabmale zuge- 
gangen, deren hieroglyphischelnschriften, seiner Behaup- 
tung nach, nicht den geringsten Zweifel an ihrer ägyp- 
tischen Herkunft lassen, und deren chemische Analyse 
ergiebt, dass sie aus echtem Weichporzellan in einer 
Zusammensetzung besteht, welche von der des chine- 
sischen Porzellans durchaus verschieden ist. — ss — 




Vignette ; 
entworfen 



von DANIEL BÜCK, 
Berlin. 



Herausgeber und für die Redaktion verantwortlich: Professor Karl Hoffacker, Architekt in Chariottenbiirg- Berlin. 

Druck von Ernst Hedrich Nachf. in Leipzig. 







GESCHICHTE UND ÄSTHETIK 
DES KÜNSTLERISCHEN BUCH- 
EINBANDES 

VON P. Kersten-Aschaffenburo 



DIE Technik unserer heuttgen Verzierungsweise des künstle- 
rischen durch Handvergoldung und Ledermosaik verzierten 
Bucheinbandes, d. h. der Gebrauch von Rolle, Bogen und 
Stempel unter Verwendung von Blattgold, stammt ohne Zweifel 
aus dem Orient und ist wahrscheinlich arabisch-persischen Ur- 
sprungs. Sie wurde von Orientalen zuerst in Venedig ausgeübt 
und von dort aus verbreitet. Der Ungarkönig Matthias Corvinus, 
gest. 14Q0, ein eifriger Förderer der Künste, dessen Bibliothek von 
50000 Bänden für damalige Zeit geradezu als erstaunlich zu be- 
zeichnen ist, zog die bedeutendsten Buchschreiber und Miniatur- 
maler, die damals auch die Einbände fertigten, an seinen Hof; 
darunter den berühmten Attavante aus Florenz. Aus dieser Biblio- 
thek nun stammen die ältesten bekannten Bucheinbände, die 
mit obengenannten Werkzeugen verziert wurden. Bei jenen Ein- 
bänden sind es hauptsächlich drei Stempel, die unsere Aufmerk- 
samkeit erwecken und die den Beweis erbringen, dass die Art 
und Weise unserer heutigen Einbandverzierung aus dem Orient 
stammt. Die Stempel bilden ein gerades und ein im Halbkreise 
gebogenes Band zwischen zwei glatten Rändern, mit schrägen, 
schnurähnlich gewundenen Strichelchen und einem kleinen punzen- 
artigen Kreis mit einem Punkt im Zentrum. Diese drei Stempel 
finden wir nun ebenfalls in genau derselben Anordnung bei einem 
im Düsseldorfer Museum befindlichen arabischen Einband. Es lässt 
sich kaum ein besserer Beleg für obige Behauptung erbringen. 
In Venedig war es Aldus Manutius, gest. 1515, der die 
Einbandverzierung in Anlehnung an orientalische Bände und unter 
Verwendung typographischer Ornamente umgestaltet hat. Aus 
seiner Offizin stammen auch ohne Zweifel die ersten jener herr- 
lichen Einbände, auf denen Verschlingungen von Bändern, Linien 
und Ranken mit angesetzten Blättern und Blüten (Arabesken) die 
ganze Decke überziehen, anfänglich farbig bemalt, später mit far- 



^^ci^^^y^ <^^m^ 



^. 



r-JT- 



Komposition einer Randverzierung von GEORG BÖTTICHER, Leipzig. 
Kunstgewerbeblatt. N. F. >(I. H. 6. 



16 



102 



GESCHICHTE UND ÄSTHETIK DES KÜNSTLERISCHEN BUCHEINBANDES 




Bucheinband von P. KERSTEN, Aschaffenburg. 

bigem Leder ausgelegt. In Italien war der bekannteste 
Liebhaber dieser Einbände Thomas Majoli. Durch 
ihn wahrscheinlich wurde der, zu dieser Zeit in Italien 
weilende französische Bücherfreund Jean Orolier, 
Vicomte d'Aiguisy, gest. 1565, mit solchen Entwürfen 
bekannt, und Groiier wieder verdankt die französische 
Buchbinderei jene prächtigen, heute mit Gold aufge- 
wogenen Einbände, zu welchen er meistens die Vor- 
lagen selbst geliefert haben soll. Aus derselben Zeit 
ist auch Demetrio Canevari, der Leibarzt des Papstes 
Urban VIII., als grosser Bücherfreund bekannt; seine 
Einbände zeigen gewöhnlich in der Mitte des Deckels 
ein von Linien und Ranken umgebenes kameenartiges 
Relief, meistens Apollo am Fasse des Parnasses dar- 
stellend, mit griechischer Umschrift. 

Von den Majoli- und Grolierbänden weichen die 
Einbände des Geoffroy Tory ab, der, ein Zeitgenosse 
Groliers, mit diesem in geschäftlicher Beziehung stand; 
er war Buchdrucker, Buchbinder, Verleger, Maler und 
Formschneider zugleich. Seine Einbände zeigen meis- 
tens ein von unten aufsteigendes, von der Mittellinie 
sich nach den Seiten zu entwickelndes Ornament, das 
gewöhnlich mit seinem Firmenzeichen, einem zer- 
brochenen Krug, verbunden ist. Unter Heinrich III. 
ist Jacques Auguste de Thou, gest. 1617, als hervor- 
ragendster Bücherfreund zu nennen. Seine Einbände, 
fast immer in rotem, grünem oder gelbem Maroquin 
oder rotgelbem Kalbleder, lieferten ihm die Eves, eine 
Buchhändlerfamilie, die von 1578 bis 1631 den Titel 



Relieurs du Roi« führte. Ihre Einbände waren 
mit Bandverschlingungen verziert, in dessen freien 
Feldern teils Lorbeerzweige, teils spiralförmige 
Ranken (fanfares) angebracht sind. 

Aus jener Zeit stammen auch die ä la Filigran 
verzierten Einbände, die bisher allgemein einem 
gewissen Le Gascon zugeschrieben wurden und 
unter diesem Namen bekannt geworden sind. Den 
Forschungen Leon Gruels verdanken wir den 
wirklichen Namen des Verfertigers; er hiess Flori- 
mond Badier und lebte noch in den ersten Jahren 
der Regierung Ludwigs XIV. Mit ihm und seinen 
Nachfolgern ist die grosse Zeit des französischen 
künstlerischen Einbandes vorüber. Als besonders 
hervorragend sind nur noch die Buchbinderfamilien 
Padeloup und Derome unter Ludwig XV. und 
Pierre Paul Dubuisson und Thouvenin unter Lud- 
wig XVI. anzuführen. 

In England finden wir den künstlerischen Buch- 
einband in unserem Sinne viel später als in 
Frankreich. Auch hier war es ein französischer 
Edelmann namens Louis de Saint-Maure Marquis 
de Nesles, der 155Q als Geisel der Königin Elisa- 
beth übergeben, die Engländer zuerst mit den 
herrlichen Lederbänden eines Groiier etc. bekannt 
machte. Vor dieser Zeit wurden die meisten 
kostbaren Bücher Englands in Geweben, beson- 
ders in farbigem Sammet gebunden und mit 
Metallbeschlägen verziert. Die Einbände Eduards 
IV., Heinrich VIII. und der Königin Elisabeth 
waren alle in dieser Art gehalten. Jacob I. 
führte zuerst das Maroquin zu allgemeinerem 
Gebrauch für die Bücher der königlichen Bibliothek 
ein. Als bedeutendster Bücherfreund damaliger Zeit 
ist Thomas Bodley zu verzeichnen. Auch die so 
charakteristischen sächsischen Einbände, die in grossen 
Mengen mit der Ausbreitung der Reformation in Eng- 
land Eingang fan- 
den, verbreiteten 

den Geschmack für 
den künstlerischen 

Ganzlederband. 
Der hervorragend- 
ste unter den eng- 
lischen Bibliophi- 
len des 18. Jahr- 
hunderts war Har- 
ley Earl of Oxford, 
der die Entwürfe 
ähnlich wie Gro- 
ber meistens selbst 
lieferte; dieselben 
haben in der Regel 
einen roten Maro- 
quinüberzug, der 
Deckel eine breite 
Umrahmung und 
ein Mittelornament 
aus meistens pf lanz- 
lich stilisierten Mo- . „ , „ 

. „ .. Bucheinband von P. KERSTEN, 

tiven m Spitzen- Aschaffenburg. 




GESCHICHTE UND ÄSTHETIK DES KÜNSTLERISCHEN BUCHEINBANDES 



103 




Bucheinband von P. KERSTEN, Aschaffenburg. 

musteraiiordming. In der zweiten Hälfte des 18. Jahr- 
hunderts steht Roger Payne, f 1 779, als der bedeutendste 
an der Spitze der englischen Buchbinder. Seine Werke, 
die sehr gesucht waren, sind mit grosser Accuratesse 
vergoldet; er band besonders für Lord Spencer. Die 
Zeichnungen zu seinen Einbänden und die Werkzeuge 
dazu fertigte er selber. Weder vor ihm noch nach 
ihm hat ein anderer seiner Landsleute es verstanden, 
so künstlerisch individuelle Werke zu schaffen wie 
er; auch war er einer der ersten, wenn nicht gar der 
erste überhaupt, der die Einbandverzierung mit dem 
Inhalt des Buches in Einklang zu bringen versuchte. 
In Deutschland fand der künstlerische, mit Hand- 
vergoldung verzierte Oanzlederband um die Mitte des 
16. Jahrhunderts Eingang und zwar ebenfalls von 
Venedig aus; teils geschah es durch die Frankfurter 
Buchhändlermesse, auf welcher schon seit Jahren in 
Venedig gedruckte Bücher gehandelt wurden, teils 
durch gelehrte deutsche Mönche, die, in Italien stu- 
dierend, mit den dortigen Druckern bekannt wurden 
und deren Werke auch gebunden nach Deutschland 
brachten, wie der gelehrte Mutianus Rufus des Klos- 
ters Oeorgenthal, der mit Aldus Manutius persönlich 
bekannt gewesen sein soll. Als Wiege des deutschen, 
ganz besonders des sächsischen Einbandes ist die 1 502 
von Kurfürst Friedrich dem Weisen gegründete Uni- 
versität Wittenberg zu bezeichnen. Von den deutschen 
Bücherfreunden damaliger Zeit ist besonders den 
Fuggers in Augsburg, dem Grafen Mansfeld, vor 
allem aber dem Kurfürst August von Sachsen, gest. 
1586, die Einführung der neuen Art der Buchdecken- 
verzierung zu verdanken. Letzterer rief 1566 den 
Augsburger Buchbinder Jakob Krause an seinen Hof, 



dem später, 1578, Kaspar Meuser nachfolgte. Die 
Verzierung der deutschen Einbände bestand anfänglich 
in Kartuschen- und Stempelrankenwerk, dem sich 
dann das spitzen- und fächerartige Ornament anschloss. 

Der dreissigjährige Krieg führte leider auch den 
Verfall der Kunstbuchbinderei herbei. 

Aus dem Ende des 18. und dem Anfang des 
19. Jahrhunderts sind Bucheinbände von Bedeutung 
fast gar nicht bekannt. Erst seit den vierziger Jahren 
ist wieder ein Aufschwung in der Kunstbuchbinderei 
zu verzeichnen, und zwar waren es zunächst die 
Deutschen Purgold und Trautz in Paris, Baumgärtner, 
Kalthöfer und ganz besonders Zähnsdorf in London, 
die den Einbänden neuen künstlerischen Wert ver- 
liehen. Weiter sind noch von französischen Buch- 
bindern von Bedeutung die Pariser Michel sen., Duru, 
Cape, Niedree, Cuzin, Lortic und ganz besonders 
Amand, der sich durch wirklich originelle Einband- 
entwürfe auszeichnete, zu nennen. In Österreich war 
es zuerst Franz Wunder in Wien, der auf der Wiener 
Weltausstellung 1873 m't seinen künstlerischen Buch- 
einbänden in Handvergoldung und Ledermosaik ein 
ungeheueres Aufsehen erregte; Wunder ist auch der- 
jenige, dem wir die Wiederbelebung der Lederpunz- 
arbeit verdanken. Durch seine Arbeiten wurden die 
tüchtigsten deutschen Buchbinder angeregt, und lang- 
sam begann sich der künstlerische Bucheinband wieder 
Bahn zu brechen. Voigt, Collin und Demuth in 
Berlin, Graf in Altenburg, Scholl in Durlach, Kreyen- 
hagen in Osnabrück, Anderssen in Rom, Beck in 
Stockholm, Vogel in Jena, Krehahn in Weimar, 
Fritzsche und Julius Hager in Leipzig, Attenkofer in 
München, Pollack und Franke in Wien, sind hier 
zu nennen. Später waren es die Vergoldeschulen, 
besonders die von O. Hörn und W. Patzelt in Gera 
und von A. KuUmann in Glauchau geleiteten, die den 
Sinn und das rechte Verständnis für künstlerische 
Einbände in Hunderte ihrer fleissigen Schüler ver- 
pflanzten. 

Was die künst- 
lerischen Einbände 
der Jetztzeit betrifft, 
so ist bei allen 
Nationen teilweise 
ein mehr oder we- 
niger grosser Fort- 
schritt zu verzeich- 
nen; eine ausge- 
bildetere Technik 
in der Herstellung 
des Buchblockes, 
welches Privilegi- 
um man früher nur 
den Franzosen zu- 
erkennen konnte, 
und Originalität in 

den Entwürfen 
zeichnen die jetzi- 
gen Einbände aus. 
Wie allenthalben 

;« Hör. rloU^-o+I.ra« Bucheinband von P. KERSTEN, 

m den dekorativen Aschaffenburg. 

i6» 




104 



GESCHICHTE UND ÄSTHETIK DES KÜNSTLERISCHEN BUCHEINBANDES 




Bucheinband von P. KERSTEN, Aschaffenburg. 

Künsten, so macht sicli auch im Buchgewerbe eine neue, 
auf naturalistischen Grundlagen beruhende sog. moderne 
Richtung in der Ornamentation bemerkbar, dieauchnatur- 
gemäss einen mächtigen Einfluss auf die Verzierung 
des Bucheinbandes ausübte. Englische Kunstbuch- 
binder waren die ersten, die Dank den Anregungen 
Walter Crane's und W. Morris' sich der neuen Rich- 
tung in die Arme warfen und ganz hervorragende 
Einbände lieferten. Ich nenne hier besonders Cobden- 
Sanderson, Riviere, Roger de Coverly, Zähnsdorf jr., 
auch die Damen Prideaux, Birkenruth, Nichols und 
JVlac Coli zählen zu den besten der englischen Bin- 
derinnen. Da will ich hier einschalten, dass im An- 
fange dieses Jahres in London sich eine Gilde von 
Buchbinderinnen konstituiert hat, die bereits 67 Mit- 
glieder zählt und alljährlich eine Ausstellung veran- 
staltet. Hervorragende Vertreter der neuen Stilrichtung 
sind ferner die Dänen Flyge, Petersen und A. Kyster 
in Kopenhagen; der Schwede G. Hedberg in Stock- 
holm, der seine Ausbildung in Paris fand, und der 
Belgier Ciaessens in Brüssel. In Frankreich finden 
wir M. Michel jr., Mercier, Gruel, Lortic jr., ChamboUe, 
David, P. Ruban, Ch. Meunier in Paris als die be- 
deutendsten lebenden Kunstbuchbinder, die sehr her- 
vorragende Arbeiten geschaffen haben, aber in den 
Geist der wirklich modernen Ornamentation sich nur 
schwer hineinfinden können; ihre Landsleute Magnier 
in Lyon und Rene Wiener in Nancy hingegen zählen 
wieder zu den Vertretern der extremsten, symbolisieren- 
den Richtung des neuen Stiles. In Amerika finden wir 
zur Zeit (Matthews ist vor einigen Jahren gestorben) 



nur einen Kunstbuchbinder von Bedeutung; es ist 
unser Landsmann Otto Zahn in Memphis im Staate 
Tennesee, jetzt Mitinhaber der Firma Toof & Co., 
stets künstlerisch entwerfend, die Dekoration der Buch- 
deckel womöglich in Einklang mit dem Buchinhalte 
bringend, ist er ein Virtuose in der Handhabung der 
Vergolderwerkzeuge sowohl, als auch in der Behand- 
lung des Maroquin ecrase. Seine Herstellung des 
Buchblocks ist tadellos in des Wortes vollster Bedeu- 
tung. Seine Handvergoldungen der letzten Jahre er- 
innern stark an diejenigen Cobden-Sandersons und 
sind doch wieder ganz eigenartig und anders in ihrer 
Wirkung. Er bindet für die meisten New-Yorker 
Millionäre. 

So sehr wir nun auch die Fortschritte anerkennen 
müssen, die die deutsche Kunstbuchbinderei in den 
letzten Jahren genommen, so sehr zu bedauern ist es, 
dass wir in Deutschland so wenig Bücherfreunde be- 
sitzen, die Interesse für einen künstlerischen Einband 
haben; dies ist auch die Ursache, dass wir so wenig 
Kunstbuchbinder von Bedeutung haben. Die älteren 
deutschen Meister habe ich schon oben genannt, die 
der Gegenwart, die im Geschmacke der modernen 
Verzierungsweise arbeiten, sind besonders E. Ludwig, 
Frankfurt a. M., Paul Adam, Düsseldorf, Hulbe in 
Hamburg, Georg Collin, G. Böttger und Herm. 
Söchting in Berlin, Hans Bauer und F. Rudel in Gera, 
Dannhorn in Berlin, F. Zichlarz in Wien u. a. — 

Ich komme nun zur Ästhetik des künstlerischen 
Bucheinbandes. Während sich in den früheren Jahr- 
hunderten die Dekoration des Einbandes dem herr- 
schenden Stil anpasste, begnügten sich die Kunst- 
buchbinder der neueren Zeit im allgemeinen mit 
sklavischen und schablonenhaften Nachahmungen 




Bucheinband von P. KERSTEN, Asciiaffenburg. 



GESCHICHTE UND ÄSTHETIK DES KÜNSTLERISCHEN BUCHEINBANDES 



105 




Bucheinband von P. KERSTEN, 
Aschaffenburg. 



alter Vorbilder, der 
Groliers, Majolis, 
LeGasconsu. s.w., 
selten einmal durch 
moderne Auffas- 
sung von Lederver- 
schlingungen, 
Stempelzusam- 
mensetzungen u. s. 
w. einen selbstän- 
digen, originellen 
Gedanken verra- 
tend. Dies mag 
wohl zum gröss- 
ten Teil seine Ur- 
sache darin haben, 
dass besonders in 
Deutschland Archi- 
tekten die Vorlagen 
zu den Einbänden 
lieferten, die sich 
streng an ihre his- 
torischen Stilarten 
und ihren gewohnten architektonischen Aufbau hiel- 
ten; da ihre Entwürfe gewöhnlich ohne Kenntnis der 
Vergolde-Technik gefertigt waren, so mussten diese, 
um sie ausführbar zu machen, meist erst umgezeichnet 
und korrigiert werden. Dass dadurch mitunter die 
Wirkung verloren ging, kann natürlich nicht Wunder 
nehmen. Die Buchbinderei steht erst dann auf der Höhe 
ihrer Kunst, wenn der Entwurf Hand in Hand mit der 
Ausführung geht, und die Meisterschaft ist nur dann 
bewundernswürdig, wenn sie glückliche, das ästhetische 
Gefühl befriedigende Er- 
findungen zum Ausdrucke 
bringt. Ein Umschwung 
zu Gunsten einer moder- 
nen Bucheinbanddekora- 
tion macht sich seit etwa 
zehn Jahren energisch be- 
merkbar. Von den Japa- 
nern abgelauschte, natura- 
listische Motive waren es 
zuerst, die von den Kunst- 
buchbindern mit mehr oder 
weniger Geschick ver- 
wandt wurden, bis die 
moderne Geschmacksrich- 
tung sich selbständigen, 
edlen Verzierungsformen 
zuwandte. Meister der 
englischen Kunstbuchbin- 
derei, die von jeher schon 
ihre eigene charakteristi- 
sche Bahn gewandelt, ver- 
suchten als erste, mit den 
alten Arten der Verzie- 
rungsweise zu brechen, 
und die Bahn, die nun 
einmal beschritten war, be- 
traten bald die hervor- 

Kunstgewerbeblatt. N. F. XI. H. 5. 




Bucheinband von P. KERSTEN, 
Aschaffenburg. 




Bucheinband von P. KERSTEN, Aschaffenburg. 



ragendsten Fach- 
leute aller Länder 
und zwar meist mit 
gutem Glück. 
Die Ansichten 
der ausübenden 
Kunstbuchbinder 
über die Art der 

Einbandverzie- 
rung sind natürlich 
sehr verschieden. 
Während die einen 
das Buch nach ih- 
rem eigenen oder 
des Zeichners Gut- 
dünken einfach ar- 
chitektonisch aus- 
schmücken und auf 
den Inhalt des 
Werkes gar keine 
Rücksicht nehmen, 
halten die anderen 
sich streng daran, 

den Buchdeckel mit dem Inhalt in Einklang zu 
bringen; die ersteren verfallen dabei oft in Langweilig- 
keit, die letzteren häufig in Extreme. Wieder andere 
binden die Bücher im Geschmack und dem Stil der 
Zeit, der dem Inhalt Stimmung giebt. Die Natura- 
listen wenden mit Vorliebe Blumen, Zweige, Tierbilder, 
Landschaften in möglichst getreuer Nachbildung und 
unsymmetrischer Anordnung zur Verzierung an. Was 
ist nun das richtige? — Die Antwort auf diese Frage 
kann natürlich nur von dem Standpunkt aus erteilt 

werden, den ich selbst in 
dieser Sache einnehme; ich 
kann also nur meine per- 
sönliche Ansicht ausspre- 
chen. Der Entwurf soll 
in erster Linie wirken, be- 
stechen, sich dem Auge 
einschmeicheln, und das 
ist jeder Zeichnung, die 
im ganzen sowohl als auch 
in den Einzelheiten dem 
Auge wohlgefällig er- 
scheint, die es immer von 
neuem anzieht, nicht ab- 
stösst, und die das Schön- 
heitsgefühl anregt. Der 
Entwurf soll auch modern 
sein und sich in der herr- 
schenden Geschmacksrich- 
tung bewegen, die zur 
jeweiligen Zeit die ge- 
samte Kunstrichtung ein- 
nimmt, und er soll schliess- 
lich auch, wenn irgend 
möglich, mit dem Inhalte 
des Buches im Einklang 
stehen. 

Der Entwurf soll fef- 



17 



io6 



GESCHICHTE UND ÄSTHETIK DES KÜNSTLERISCHEN BUCHEINBANDES 




Geschnitzte Füllung zu der Kaniinverkleidung von KIMBEL & FRIEDRICHSEN, s. Abb. S. 107. 



ner ein woiildurchdachtes Motiv haben, ein Muster, 
das ihn in seinen verschiedenen Teilen als etwas 
Ganzes und Zusammengehöriges erscheinen lässt. 
Der Plan, die Ordnung und die richtige Einteilung 
sind die ästhetisch wirkenden Faktoren. 

Der einzige Zweck der Verzierung ist der, den 
Buchdeckel zu verschönern, nicht aber ihn zu illu- 
strieren. Der Entwurf muss daher originell sein, sich 
nicht sklavisch an ältere Vorbilder anlehnen oder gar 
schon vorhandene Motive direkt benutzen ; er soll eigene 
Erfindung sein. Der entwerfende Einbandkünstler 
muss notwendigerweise zeichnerisches Talent und 
einen bis ins feinste ausgebildeten Farbensinn be- 
sitzen und vor allem ideenreich sein; er muss ver- 
stehen, dem Unbedeutendsten seine Aufmerksamkeit zu 
schenken — das winzigste Ornament kann ihm dabei 
das Motiv zu seinem Entwürfe liefern. Wie oft 
schon hat mir eine kleine Vignette, eine Zierleiste, 
ein verschnörkelter Initial, ein verziertes Schluss- 
zeichen u. s. w. die Idee zu einem Entwurf gegeben. 
Ein andermal gab ein Tapeten muster, eine gehäkelte 
Spitze, ein eisernes Gitter, ein gemalter Plafond, eine 



gewebte Gardine Veranlassung zu einer Einband- 
dekoration. Daneben muss man natürlich die sämt- 
lichen historischen Stilarten, besonders die gotische 
gründlich kennen. Von ungeheurem Wert ist ein 
energisches, frisches, Studium der Natur, speziell der 
Pflanzenwelt, denn dass sich aus ihr der Zukunftsstil 
des gesainten Kunstgewerbes entwickeln wird, ist 
kaum noch zweifelhaft. Als Hauptbedingung soll 
man es stets betrachten, die Entwürfe des Vorder- 
deckels, Rücken, Hinterdeckel, Innenkante und Buch- 
schnitt, falls er verziert wird, in vollständiger Über- 
einstimmung miteinander zu bringen. In Bezug auf die 
technische Ausführung der Entwürfe glaube ich, dass die 
Zukunft des Handvergoldens hauptsächlich in der An- 
wendung des Bogensatzes und der einfachen Linienrolle 
mit spärlicher Anwendung von Stempeln liegen wird. 
Was den im gesamten Gebiete der Kunst und 
den dekorativen Künsten seit Jahren schon tobenden 
Kampf zwischen > Alten' und >Jungen«, zwischen 
Vertretern der »alten Richtung' und den Anhängern 
des Modernen« betrifft, so ist ein endgültiges Urteil 
darüber noch nicht zu fällen und müssen wir das 




Geschnitzte Füllungen zu der Kaniinverkleidung von KIMBEL & FRIEDRICHSEN, s. Abb. S. 107. 




»7' 




Einzelheit der Kaminverkleidung von KIMBEL & FRIEDRICHSEN, s. Abb. S. 107. 



einer späteren Zeit überlassen; soviel aber ist sicher, 
dass sich eine durch nichts aufzuhaltende Umwälzung 
zu Gunsten des modernen Stiles« bei den Künstlern 
aller Nationen vollzieht. Wenn nun auch hie und 
da einigemale nicht gerade ästhetisch wirkende Arbeiten 
geschaffen wurden, so soll man nicht gleich -das 



Kind mit dem Bade ausschütten« und die ganze 
Bewegung verdammen. Die >Jugend« hat gesundes 
Blut in ihren Adern, und alle bösen Säfte wird sie 
mit der Zeit schon ausscheiden. 

Und will der Most sich noch so absurd geberden, 
Er giebt zuletzt doch noch 'nen guten Wein. 



St 




Schlussleiste, gez. von E. LIESEN, Berlin. 




Ehrenpreis S. K. H. des Orossherzogs Friedrich von Baden zum Mannlieimer Mairennen 1894. 
Entwurf von Direktor HERMANN GÖTZ, Ausführung von Hofjuwelier L. BERTSCH, Karlsruhe. 




Kopfleiste, gezeichnet von Elly Hirsch, Berlin. 



VIERLÄNDER KUNST 



(Schluss.) 



VonS^sonstiger Metallarbeit [käme noch das 
Schmiedeeisen in Betracht, das wir im und am Hause 
in Giebelkrönungen aus Blumen, in Thürklopfern, 
ringförmig oder in Tierform, sowie in sonstigem Thür- 
und Fensterbeschlag antreffen; die eisernen Kessel- 
haken der Vierlande sind nicht verziert, wohl aber 
treffen wir bisweilen Waffeleisen in Scherenform, 
deren Platten eingegrabene Hohl Verzierungen, z. B. 
Hamburger Wappen und Doppeladler zeigen. 

Eine ganz andere Rolle, als im Hause, spielt das 
Eisen in der Vierländer Kirche, der wir uns nunmehr 
zuwenden. 

Bei der Kirche des Dorfes Curslak sehen wir noch 
heute den Eingang zum ummauerten Kirchhofe durch 
ein hölzernes originelles Thor mit Ziegeldach, an 
altländer Hofthore erinnernd, gebildet. Beim Herum- 
wandeln um die Kirche sehen wir auf den Gräbern 
allerlei typische Vierländer Kreuzformen, aus Holz ge- 
arbeitet, stehen. Die Kreuzenden sind recht ver- 
schiedenartig ausgebildet, wir treffen gleich lange 
Arme, langen Mittelarm oder längere Seitenarme an. 
Immer sind sie weiss gestrichen, bisweilen schwarz 
umrändert. Auch hölzerne Grabtafeln in allerlei Aus- 
gestaltungen der Krönung finden sich vor. Merk- 
würdigerweise kommt das Schmiedeeisen, das in der 
Kirche so sehr dominiert, auf dem Kirchhofe garnicht 
vor, nur auf dem zu Kirchwärder stehen auf einem 
allen liegenden Grabstein als auffallender Schmuck 
zwei niedere geschmiedete Kreuze mit lilienförmigen 
Enden. Dagegen zeigt uns die reich ausgebildete 
Wetterfahne der gleichen Kirche, mit Lilienkranz, mit 
einem ganzen Blumenstrauss und darüber schwebender 
Taube, sowie dem die Gesetzestafeln in der Hand 
haltenden Moses verziert, ein schönes Stück Vierländer 
Schmiedekunst. 

Treten wir ins Innere. 

Hier zeigt sich die Vierländer Intarsiakunst in 
ihrem höchsten Glänze, denn die weit überwiegende 



Mehrzahl der Bankthüren und -wangen aller Kirchen 
ist in dieser schönen Technik geschmückt. Zu den 
Sternen, Vierländer Blumenornamenten, Namenszügen 
und Renaissanceornamenten treten hier architektonische 
Motive und Allegorien hinzu. Hier wie fast immer 
sind es nur zwei Holztöne, die zusammengesetzt 
sind, Farbe kommt nie vor, wohl aber Halbtöne, durch 
Behandlung mit heissem Sand erzielt; die Innenkonturen 
der Formen sind graviert und geschwärzt. Bisweilen ist 
die Intarsia verbunden mit Schnitzerei und Kröpf- 
arbeit. Die nicht eingelegten Thüren sind vielfach 
reich geschnitzt, selten einmal auch in Kerbschnitt. 
In der Altengammer Kirche finden wir ferner derb, 
aber nicht ungeschickt gemaltes, naturalistisches 
Biumenornament auf hellblauem Grunde vor, wie 
auch sonst an Emporen, Orgel, Decke u. s. w. allerlei 
bäurische Maierei sich entfaltet. 

Eingelegte Arbeit zeigen auch die vor den 
Sitzen an der Rückseite der Vorwand befindlichen 
Gesangbuchkästen. An sonstigen Holzarbeiten ein- 
heimischen Ursprungs finden wir noch alte Lesepulte, 
durchbrochene Ornamente über Thüren, an Kanzel 
und Kanzelgeländer, Aufsätzen u. s. w.; auch die 
Rückwände der Bänke sind bisweilen oben durch- 
brochen, aus senk- und wagrechten Sprossen fenster- 
kreuzartig zusammengefügt. Altar und Kanzel, Kron- 
leuchter, Taufstein und Orgel sind überall städtischen 
Ursprungs oder doch in der Hauptsache, einzelnes 
mag im Lande hergestellt sein. 

Ein besonderer, höchst auffallender Schmuck der 
Vierländer Kirchen verdankt den Schmieden des Lan- 
des seinen Ursprung: die Huthalter. An jeder Bank- 
wange und an den Rücklehnen derselben, da wo 
Quergänge den Mittelgang kreuzen, ragen sie empor, 
von der Decke hängen sie über den Emporen herab. 
In diesem Falle sind sie meist nur einfach, anker- 
förmig, in ersterem Falle aber sind sie ausserordent- 
lich verschiedenartig und reich gestaltet. Niedere, 



1 12 



VIERLÄNDER KUNST 



einfache, zwei- oder dreiarmig, mit Blumen endende, 
wechseln ab mit meterhohen, ausserordenthch reich 
verzierten, aus verschlungenem und gedrehtem Linien- 
werk zusammengesetzt, aus Rokokoornamenten auf- 
getürmt oder originelle Kompositionen aus Blumen- 
motiven zeigend. Wieder finden wir die Blumen des 
Vierländer Gartens, geschickt in Schmiedeeisen nach- 
gebildet, lebhaft bunt gemalt und vergoldet. An Be- 
sonderheiten kommen auch wohl Figuren vor, hohe 
cylindrische Kronen, an die Kronen im Kölner Stadt- 
wappen erinnernd, auch ein einfacher Blumentopf mit 
Blumen findet sich, natürlich auch hie und da der 



Doppeladler, sowie Schrifttafeln und durchbrochen ge- 
arbeitete Schrift. Die Pferdeköpfe des Hausgiebels 
finden sich auch wohl verwendet, ein Schmied hat 
auch Hufeisen als Schmuck angebracht. Sehr stechen 
von diesen für den fröhlichen eigenartigen Charakter 
der Vierländer, wie der deutschen Bauernkunst über- 
haupt bezeichnenden Huthaltern spätere messingene, 
öde und langweilige Formen ab, die einen hervor- 
ragenden Mangel an Erfindungsgabe zeigen und 
sicher städtischen Ursprungs sind. Glücklicherweise 
sind sie nur selten. (Siehe die Abbildung Seite 78.) 
Die Sitze der Kirchenbänke sind mit Kissen be- 




Zwischensatz an einem Staatskissen; gestickt, linke Hälfte. Aufgenommen von H. Haase, Hamburg. 




Gestickter Einsatz aus den Vierlanden. Aufgenommen von H. Haase, Hamburg. 



Kudstgewcrbeblatt. N. F. XI. H. 6. 



18 



114 



VIERLÄNDER KUNST 



legt, natürlich eine Menge moderner öder Fabrikate 
darunter, aber es sind auch nicht wenig alte vorhan- 
den, so Oobelinkissen, alte schöne, zerschlissene, gross- 
blumige Stickereien, vor allem aber Flickenkissen in 
abwechslungsreichen schönen Mustern. — 

Haus und Kirche sind durchstreift, es bleiben 
noch der Garten und das Feld. Als Erzeugnis der 
Bauernkunst, wennschon der bescheidensten, untersten 
Stufe, müssen wir auch den Feldzaun ansehen, in dem 
man ja eine der ältesten Erfindungen des mensch- 
lichen Geistes vor sich hat, und den wir mancher- 
orts, z. B. in Tirol, der Lüneburger Haide u.a.O. drollig 
ausgebildet finden. Auffallenderweise wiederholt sich 
auch beim Zaun die der gesamten Bauernkunst eigene 
Eigenschaft, von Stamm zu Stamm sich zu ändern. 
Das einfache Thema hat bei all unseren deutschen 
Stämmen verschiedene Lösungen gefunden. In den 
Vierlanden ist er aus dem Grunde sehr selten, weil 
er nicht nötig ist: alle Felder sind nämlich durch 
schmale Gräben von einander getrennt. Wo wir ihn 
einmal finden, besteht er aus weit von einander 
stehenden Pfostenpaaren, die durch zwei Weidenruten- 
schlingen oben und in halber Höhe verbunden sind, 
und auf die Schlingen aufgelegten langen Latten. 
Auch der Gartenzaun ist nicht häufig, da die Hecke 
ihn ersetzt, und hat keinen besonderen Typus ausge- 
bildet. Nur die Feldeingänge und Garteneingänge 
sind ausgebildet. Erstere bilden ein langes, niederes 
Gatter, das oben einen dicken, über den Drehpunkt 
hinaus verlängerten Balken trägt. Dadurch ist das Gatter, 
Heck genannt, leicht beweglich. Eine besondere 
Stütze stützt das offenstehende Heck. Der ausgebil- 
dete Garten- oder Hofeingang, der indes nicht besonders 
häufig ist, besteht aus zwei oder drei dicken, abge- 
fassten, profilierten und oben flach pyramidal abge- 
schlossenen Pfosten, zwischen denen eine niedere 
Doppelthür aus Latten und runden Stäben für Wagen 
und eine einfache für Fussgänger sich bewegen. 
Alles ist weiss gestrichen. 

Hie und da finden wir im Garten anmutige 
weisse Lauben aus Latten und runden Stäben recht 
hübsch zusammengefügt, offenbar unter Einfluss des 
Louis XVI.-Stiles entstanden, manchmal ist z. B. in 
dem oberen Giebeldreieck eine strahlende Sonne aus 
solchen Stäben gebildet. Desgleichen zeigen die 
Gartenbänke Louis XVI. Einfluss. — 

Lassen wir das Bild, wie es sich vor uns auf- 
gerollt hat, in seiner Gesamtheit noch einmal an uns 
vorübergleiten, so erhalten wir den Eindruck einer 
ausserordentlich gesunden, an innerem Eigenleben 
ausserordentlich reichen Kunst, die allezeit mitten im 
Leben stand, die sich völlig deckt mit dem Charakter 
der Bevölkerung, wie des Landes, einer Kunst, die 
im wahren Sinne des Wortes volkstümliche Kunst ist 
— gewesen ist, wie wir leider sagen müssen. 

Wie es ein Jammer ist, wenn wir einen Mann 
von ausgeprägtem Eigencharakter vom Schicksal dazu 
verurteilt sehen, durch allerlei Misere an der Aus- 
bildung und dem Ausleben seines Charakters verhin- 
dert zu werden und in der grossen Masse von Nullen 
spurlos unterzugehen, so ist es auch ein trauriger An- 



blick, wenn man ein- so lebensvolles Gebilde, wie 
solch volkstümliche Sonderkunst, in den Augenblicken 
seines Absterbens beobachtet. 

Die lebendigen Zeugen kräftigen eigenen Schön- 
heitssinnes der Vorfahren treten in der Wertschätzung 
der Enkel zurück vor den köstlichen Gebilden der 
modernen Möbel- und Fünfgroschenbazare! — »Wat 
schall Ein dorbi dauhn?« — achselzuckend schaut 
man dem Schauspiele zu, 's ist ja so und sovielmal 
theoretisch bewiesen, dass die alte deutsche Bauern- 
kunst, der selbständigsten Zweige unserer deutschen 
Kunst einer, der ehrwürdigsten einer, untergehen muss! 

Muss er's wirklich? 

Es sieht in den Vierlanden so aus. Die alten 
Bauernhäuser machen hochmodernen Kästen im 
Schweizerstil und mit griechisch sein sollenden Orna- 
menten Platz, die alten Öfen verschwinden einer nach 
dem andern, die Vertäfelungen weichen der Papier- 
tapete u. s. w. 

Nur die Lieblingstechnik der Intarsia wird von 
den Tischlern des Ländchens noch ab und zu einmal 
ausgeübt, ja mit Vergnügen hört man, dass einzelne 
junge Tischlergesellen mit grösster Hingabe sie zu 
pflegen sich bemühen. 

Das ist aber gerade ein Umstand, der zu denken 
giebt. 

Es sind also unter der Jugend, der Zukunft des 
Landes, Elemente vorhanden, welche die alte volks- 
tümliche Kunst schätzen und weiterzubilden bereit 
sind, wenn man's von ihnen fordert. 

Was ist's, das der alten Kunst den Untergang 
bereitet? Die Stadt. Nun sehen wir aber gerade die 
städtische Kunst im Begriff, sich im Grunde umzu- 
ändern und zwar gerade in einer Richtung, die sie 
alter volkstümlicher Kunst wieder nähert, nachdem sie 
so und so lange den Charakter künstlich getriebener 
Kunst aufwies. 

Eigenart will sie entwickeln, aus dem gegen- 
wärtigen Bedürfnis heraus will sie ihre Formen ent- 
wickeln, einfache Schönheit will sie bevorzugen, aus 
der Natur will sie ihre Zierformen holen — ja ist 
denn das etwas anderes, als was die deutsche Bauern- 
kunst, die Vierländer mit in erster Linie, immer ge- 
than hat? 

Lassen wir ein paar Jahre einmal vorüber sein, 
bis die neuen Gedanken Allgemeingut sind, bis auch 
insbesondere unser deutscher Volkscharakter sich die- 
selben unterworfen hat, thun wir dann etwas dafür, 
dass, wie in der Stadt, so auch auf dem Lande etwas 
für Handwerker- und Dilettantenausbildung geschieht 
— erscheint es dann so undenkbar, dass es neben 
einer gesunden, eigen-lebendigen deutschen städtischen 
Kunst auch eine wiedererwachte gesunde bäurische 
Kunst giebt, die uns erst wirklich von volkstümlich ge- 
wordener Kunst sprechen lässt? 

Inzwischen wäre es wünschenswert, dass man 
sich die deutsche Bauernkunst einmal ein bissei ge- 
nauer ansähe; abgesehen von Mielke's »Volkskunst«, 
Zell's kürzlich erschienenen Bauernmöbeln aus den 
Bayerischen Hochlanden« und dem Artikel von 
A. Kurzwelly über die Bäuerliche Kleinkunst Sachsens 



VIERLÄNDER KUNST 



115 



(in Dr. R. Wuttke's eben erschienenem Buciie 
»Sächsische Volksi<unde<), giebt es ja heute so gut 
wie keine Veröffentlichungen, die uns mit ihr bekannt 
machen. Wir würden staunen, was alles zutage käme, 
erhielten wir einmal genauere Kenntnis von all dem 
Eigenartigen und Schönen, das unsere Bauernkunst 
geschaffen hat! Haase's vortreffliche Zeichnungen 
sind sicher geeignet, als appetitreizende Probe dafür 
zu dienen! 

Möchten namentlich unsere Regierungen, die die 
Aufzeichnung und Aufbewahrung alter deutscher 



Kunstdenkmale sich angelegen sein lassen, auch die- 
sem Kleinod alter deutscher volkstümlicher Kunst 
ihre Aufmerksamkeit schenken - es wird allmählich 
höchste Zeit, wenn es gelingen soll, der Nachwelt 
vollkommene Bilder der einzelnen deutschen Bauern- 
stile aufzubewahren! Deutscher Volkskunde und 
Kunstgeschichte, wie auch unseren modernen Be- 
strebungen im Kunstgewerbe würde ein ausserordent- 
lich grosser Dienst geleistet werden, dessen Wichtig- 
keit man heute noch garnicht ganz absehen kann! 

O. SCHWINDRAZHEIM- HAMBURG. 




Gewebter Brustlatz in Seide. Muster durch Ausschneiden hervorgebracht. Aufgenommen von H. Haase, Hamburg. 



i8* 



KLEINE MITTEILUNGEN 



VEREINE UND SCHULEN 

BADISCHER KUNSTGEWERBEVEREIN. Die 
jährliche Generalversammlung des Vereins 
wurde am 22. Januar d. J. im Saale der Vier 
Jahreszeiten in Karlsruhe unter dem Vorsitz des 
Herrn Direktors Götz abgehalten. Die umfangreiche 
Tagesordnung wurde Dank der gründlichen Vorarbeiten 
rasch erledigt. Die vier satzungsgemäss ausscheidenden 
Mitglieder: Architekt Bayer, Fabrikant Kammerer, 
Professor Kossmann und Professor Volz wurden 
wiedergewählt. Aus dem Jahresbericht des Vorsitzenden 
ist hervorzuheben: im letzten Vereinsjahr wurden 
Vorträge gehalten von Reallehrer Emele über »Die 
Herstellung von Künstlerpostkarten <-, von Professor 
Kornhas über »Die Beurteilung keramischer Produkte 
unter Berücksichtigung der neuzeitlichen Bestrebungen«, 
von Professor AferA über »Die Technik und geschicht- 
liche Entwicklung des Kupferstichsund der Radierung«. 
Der erste und letztgenannte Vortrag erfolgte im An- 
schluss an die gleichzeitig vom Grossherzoglichen 
Kunstgewerbemuseum veranstalteten Ausstellungen auf 
den entsprechenden Gebieten. Für letztere Anstalt 
spendete der Verein auch im vergangenen Jahre 
einen Beitrag von 1000 Mark und ermöglichte 
dadurch die Anschaffung von 26 kunstgewerblichen 
Gegenständen. Sodann berichtete der Vorsitzende 
über die Beteiligung des badischen Kunstgewerbes 
an der Pariser Weltausstellung und gab einen aus- 
führlichen Überblick über die zur Ausstellung ange- 
meldeten kunstgewerblichen Gegenstände. Es ging 
daraus hervor, dass das Badische Kunstgewerbe 
namentlich auf den Gebieten der Möbel- und Uhren- 
industrie, der Gold- und Silberschmiedekunst, der 
Holzschnitzerei, Keramik, Kunstschmiedetechnik, Email- 
malerei, Buchbinderei, Ledertechnik und kirchlichen 
Kunst in mehr oder weniger umfangreicher Weise 
vertreten sein wird. Ebenso wird die Uhrenfabrikation 
des badischen Schwarzwaldes und die Bijouterie- 
Industrie von Pforzheim zahlreiche Arbeiten ausstellen. 
Besondere Erwähnung verdient die fördernde Unter- 
stützung einer Reihe von Ausstellern durch Aufträge 
S. K H. des Grossherzogs, sowie der Städte Karls- 
ruhe, Mannheim, Heidelberg, Pforzheim, Freiburg 
und Konstanz. Schliesslich gelangte ein Antrag des 
Vorstandes zur Annahme, im Jahre 1901 in Karls- 
ruhe eine Deutsche Glasmalereiausstellung abzuhalten, 
die das ganze Gebiet dieser interessanten Kunsttechnik 
in erschöpfender Weise vorführen soll. Über dieselbe 
wird im nächsten Hefte Ausführliches berichtet. 

STUTTGART. Unter dem Namen » Verein für 
dekorative Kunst und Kunstgewerbe -^^ hat sich hier 
eine Vereinigung gebildet, welche die Förderung 
des heimatlichen Kunstgewerbes auf einer modernen, 
gesunden Basis anstrebt. Der neue Verein macht es 



sich zur Aufgabe, durch Veranstaltung von Vorträgen, 
Studienkursen, Preisausschreiben und Ausstellungen 
auf die verschiedenen Zweige des Kunstgewerbes an- 
regend einzuwirken und im Publikum das Interesse 
an künstlerisch durchdachten und gediegen ausge- 
führten Arbeiten zu wecken. -u- 

P LAUEN i. V. Wie wir dem Bericht über die 
K Sächsische Industrie -Schule für die Jahre 
i8q8 und i8gg entnehmen, ist die Nachfrage nach 
tüchtig geschulten Musterzeichnern in stetiger Zu- 
nahme begriffen. Es fanden daher sämmtliche Schüler, 
welche zu Michaelis 1898 und 1899 nach zurück- 
gelegtem viereinhalbjährigen Kursus die Schule ver- 
liessen, sofort gute Stellungen als Musterzeichner, und 
die Direktion war nicht immer in der Lage, allen Nach- 
fragen zu genügen. Der Wirkungskreis der Anstalt 
erfuhr durch die Eröffnung einer dritten Zweigabteiiung 
zu Eibenstock am 16. April 1899 eine wesentliche Er- 
weiterung. Die im Laufe der letzten Jahre vorge- 
nommenen Erweiterungen und Veränderungen in der 
Einrichtung der Industrieschule machten eine Neu- 
aufstellung des Organisationsplanes notwendig. In 
der Zeit vom 2. bis 14. Januar 1899 fand eine Aus- 
stellung der von der nach Ostasien entsandten Reichs- 
kommission erworbenen Gegenstände statt. Die Aus- 
stellung der gewerblichen Lehranstalten des König- 
reichs Sachsen zu Michaelis 1898 gab der Schule 
Gelegenheit, ihre Leistungen und Ziele auch weiteren 
Kreisen vorzuführen. 

STUTTGART. Nach Aemjahresbericht des Württem- 
bergischen Kunstgewerbevereins für das Jahr 
/89S/99 zählte der Verein 413 Mitglieder, unter 
den verstorbenen Mitgliedern beklagt er besonders 
das Ableben des artistischen Vorstandes Paul Stotz. 
Unter den in der Vereinsausstellungshalle veranstalteten 
kunstgewerblichen Ausstellungen wurden als Sonder- 
ausstellungen vorgeführt dekorative Malereien von 
Josef Rösl in München, Pflanzennaturabgüsse von 
Joh. Bofinger in Stuttgart und architektonische und 
kunstgewerbliche Entwürfe, Skizzen und Studien von 
G. Halmhuber. In seiner Eigenschaft als Vorort des 
Verbandes deutscher Kunslgewerbevereine hatte der 
Verein zum 25. September einen Verbandstag einbe- 
rufen. Gleich zahlreichen anderen Vereinen und 
Korporationen hatte auch der Verein aus Anlass der 
Vermählung der Prinzessin Pauline von Württemberg 
mit dem Erbprinzen von Wied eine Hochzeitsgabe, 
bestehend in einem silbernen Theeservice, dargebracht. 

-u- 

F RANKFURT a. M. Dem Jahresbericht des Mittel- 
deutschen Kunstgewerbevereins für i8gQ entnehmen 
wir folgendes: Der Unterricht in der Kunstge- 
werbeschule erfuhr keine Änderungen. Das letzte 



KLEINE MITTEILUNGEN 



117 





Ziervase Nacht« 



Ziervasen , nach Entwürfen 
von O. M. WERNER. In 

Silber ausgeführt von 

J. H. WERNER, Hofjuwelier, 

Berlin. 




Ziervase »Tag« 



Quartal weist eine niedrigere Ziffer für die Tages- 
fachl<lassen, dagegen eine hohe für die Abendi<lassen 
auf. In diesen Zahlen spiegelt sich einigermassen 
die gesamte Lage des 
Kunstgewerbes wieder, in- 
sofern ein niedriger Stand 
desselben vielen Kräften 
während der Tageszeit zu 
ihrer Ausbildung die nö- 
tige IVluse giebt, bei einem 
Hochstand der kunstge- 
werblichen Produktion 
aber, wie er seit einigen 
Jahren eingetreten ist, der 
Zudrang zu den kunstge- 
werblichen Abendklassen 
zunimmt. Eine Studien- 
reise zur Aufnahme alter 
dekorativer Wandmalerei- 
en mit den Schülern der 
Malerklasse wurde nach 
Strassburg i. E. gerichtet, 
wo die wahrscheinlich auf 
Dietterlein zurückzufüh- 
renden Wandmalereien im 
»Frauenhause« reichesStu- 
dienmaterial ergaben. Vier 
Schülern konnte das zu 
einer Erleichterung bei der 
Einjährig - Freiwilligen - 




Prüfung berechtigende Zeugnis über hervorragende 
Leistungen erteilt werden. Eine Ausstellung der 
Schülerarbeiten fand zu Beginn des Sommerquartals 

statt. Eine wesentliche Be- 
reicherung erfuhr im Be- 
richtsjahre die gelegentlich 
der Umgestaltung der Mu- 
seumsräume in übersicht- 
licher Weise neu eröffnete 
Oypsabguss - Sammlung. 
Zu erwähnen sind auch 
die zahlreichen und bedeu- 
tenden Aufträge , durch 
welche die an der Schule 
wirkenden Künstler mit 
der Praxis in Verbindung 
erhalten wurden. Die Bib- 
liothek hat zu Ostern ihre 
neuen Räume bezogen und 
sieht damit eine der bedeut- 
samsten Voraussetzungen 
ihrer Weiterentwickelung 
erfüllt. — Für die Entwick- 
lung des Kunstgewerbe- 
museums war das Jahr 
1 899 ein sehr bedeutungs- 
volles , indem der Er- 
weiterungsbau fertigge- 
stellt und hierdurch die 
Neuordnung der Samm- 



ii8 



KLEINE MITTEILUNGEN 



lung ermöglicht wurde. Die An- 
ordnung erfolgte in bestimmten 
Gruppen, für welche einesteils 
das Material, aus welchem die 
Gegenstände angefertigt sind, im 
übrigen die zeitliche Zusammen- 
gehörigkeit derselben massgebend 
war. Die Neuerwerbungen des 
Museums kamen auch in diesem 
Jahre im wesentlichen der kera- 
mischen Sammlung zugute. Im 
Berichtsjahre fanden folgende Son- 
derausstellungen statt: Japanische 
Holzschnitte aus dem Besitz des 
Ingenieurs C. Vogel in Cronberg, 
Pflanzenstudien von H. von Ber- 
lepsch in München, die Wettar- 
beiten für eine Taufmedaille aus 
dem vom Kultusministerium er- 
lassenen Preisausschreiben, eine 
typographische Ausstellung, eine 
Buchkunstausstellung und eine 
Ausstellung elektrischer Beleuch- 
tungskörper. 



AUSSTEL- 
LUNGEN 

PARIS. 
Im 
Winter 
pflegen die 
Pariser 
Künstler 
in Sonder- 
Ausstellun- 

gen die Werke noch- 
mals zu zeigen, die das 
Publikum bereits im 
Salon gesehen hat und 
die damals keinen Käu- 
fer fanden. Dies Ver- 
fahren würde Tadel 
verdienen, wenn nicht 
die Menge der Kunst- 
werke im Salon jedes- 
mal so gross wäre, dass 
man achtlos an vielen 
bemerkenswerten Ar- 
beiten vorübergeht. Die 

Sonderausstellungen, 
die selten mehr als ei- 
nige hundert Nummern 
enthalten, gestatten da- 
gegen eine genaue Be- 
sichtigung ohne Ermü- 
dung und Übersätti- 
gung. In der Rue 
Caumartin sind gegen- 
wärtig ei n ige Möbel aus- 







Vase, Ourtschnalle, Kamm, Haarnadeln. Ausgeführt nach 
von O. M. WERNER von Hofjuwelier J. H. WERNER, 



gestellt, die wir im Mai in der 
Ausstellung des Champ de Mars 
bereits gesehen haben, ohne ihnen 
damals mehr als vorübergehende 
Aufmerksamkeit schenken zu kön- 
nen. Desto bereitwilliger ergrei- 
fen wir jetzt die Gelegenheit, von 
ihnen zu sprechen. Selmershelm, 
Plumct und Sauvage arbeiten alle 
drei in ganz ähnlicher Art, und 
da man dieselbe Art auch bei den 
modernen Kunsttischlern Englands 
und Deutschlands findet, so könnte 
man sich versucht fühlen, von 
einem neuen Stil zu reden. Dieser 
Stil geht von den eleganten und 
zierlichen Louis Seize- Möbeln 
aus, um nach einem Umweg über 
England und durch den Garten 
in das Boudoir zurückzukehren. 
Unterwegs hat er den weissen 
Lack abgestrichen und hat zum 
natürlichen Holze gegriffen, wie 
es uns von 
jenseits des 
Ozeans in so 
prächtiger 
Auswahl ge- 
schickt wird. 
Undmitdem 
weissen Lack 
hat auch so 

mancher 
ZieratderRo- 
kokozeit ver- 
schwinden 
müssen: Der 
neue Stil verlangt ein- 
fache, schöne, elegante 
und praktische Formen 
und gestattet Zierat nur 
da, wo er logisch be- 
gründet ist. Die Schrän- 
ke, Tische und Stühle 
der drei genannten 
Künstler entsprechen 
allen diesen Anforde- 
rungen ; sie sind ge- 
schmackvoll und 
brauchbar, und den 
einzigen Zierat liefern 
die Schlösser und Hen- 
kel aus Bronze oder 
Kupfer. Der in dieser 
Ausstellung gezeigte 
Toilettetisch von 
Selmersheim und Plu- 
inet ist in Berlin aus- 
gestellt und für das dor- 
tige Kunstgewerbemu- 
seum gekauft worden. 



Entwürfen 
Berlin. 



KLEINE MITTEILUNGEN 



119 




O. M. WERNER, Ziergefäss; ausgeführt von Hofjuwelier 
|. H. WERNER, Berlin. 

Kaum weniger graziös in ihrer schönen Einfachheit sind 
die Stühle, der Schrank und der Tisch derselben Künstler. 
Dampt, der gewöhnlich zu sehr den Bildhauer zeigt, 
um einfache Gebrauchsmöbel herstellen zu können, 
hat dieses Mal seinen Fehler ganz verborgen. In 
seinem Schreibtische aus ungarischem Eschenholz 
sucht und findet er vielmehr die glücklichsten Farben- 
effekte; das grüne Holz bildet mit dem blassblauen 
Seidenstoff, der die Wand hinter dem für das Boudoir 
der Gräfin von Bearn bestimmten Schreibtisch be- 
decken soll, eine äusserst wohlthuende, sanfte Farben- 
harmonie, und der Tisch selbst ist einfach und schön 
in seinen Formen. Auch Alexandre Charpentier hat 
bei seinen beiden Sesseln den Bildhauer abzustreifen 
gewusst und sich möglichster Einfachheit bei aller 
Eleganz der Form befleissigt Ausser diesen Möbeln 
sind eine Anzahl hübscher Teppich- und Vorhang- 
muster von Felix Aubert ausgestellt; Moreau-Nelaton 
hat mehrere seiner Fayencen gesandt, deren einfache 
Form er den ländlichen Geschirren von Isle de France 
ablauscht, wie auch die bunte Dekoration mit Blumen- 
motiven nur die städtische Übersetzung bäuerischer 
Anregungen ist, und Nau-Jahn ist mit einer Vitrine 
Schmucksachen vertreten, die in dem an ägyptische 
sowie auch altgallische Vorbilder erinnernden halb- 
barbarischen Geschmack gehalten sind , wie ihn 
Henry Nocq und einige andere Kunsthandwerker des 
Champ de Mars kultivieren. k. e. s. 

WETTBEWERBE 

EIPZIQ. Preisausschreiben des Bibliographischen 
Instituts um Entwürfe von Bucheinbänden. Ge- 
wünscht wird zu vier näher bezeichneten Ver- 



lagswerken des Bibliographischen Instituts eine farbige 
Zeichnung des Buchrückens in ganzer Grösse und 
Zeichnung von einem Viertel des an der Innenseite 
des Buchdeckels befindlichen Vorsatzes. Jeder Rücken 
soll als Titelschrift den Namen des Verfassers und den 
Inhalt abgekürzt enthalten. Ausgesetzt sind für jede 
der vier Aufgaben Preise von 300, 200, 150 und 
100 M. Bei gleichwertigem Befund mehrerer Ent- 
würfe behält sich das Preisgericht eine andere Ver- 
teilung der Preise vor. Nicht prämiierte Entwürfe 
können für 50 M. angekauft werden. Preisrichter sind 
Direktor Dr. Kautzsch in Leipzig, Direktor Dr. P.Jessen 
in Berlin, Buchbindereibesitzer A. Sperling in Leipzig 
und, wie wir annehmen, ein Vertreter der ausschreiben- 
den Firma. Einzuliefern bis zum 15. April igoo an 
die ausschreibende Firma. -u- 

ZU UNSERN BILDERN 

Die in diesem Hefte abgebildeten Einbände von 
P. Kersten in Aschaffenburg sind sowohl in der tech- 
nischen Ausführung, wie in der Zeichnung und der 
Wahl der verschiedenfarbigen Leder besonders be- 
merkenswert. Bezüglich der Ausführung im einzelnen 
sei bemerkt: Der Einband zu »Der Radfahrsport in 
Bild und Wort« (S. 102 oben links) ist ausgeführt in 
marineblau Ecraseleder, Handvergoldung und Leder- 
mosaik. Die magnolienähnlichen Blüten sind heliotrop- 



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Bluiuenvase; ausgeführt von Hofjuweiier J. H. WERNER, Berlin. 



120 



KLEINE MITTEILUNGEN 



färben, die aufgelegten Ornamente olivgrün. Der auf 
S. 102 unten abgebildete Einband zu einem Poesie- 
buch zeigt saftgrünes Ecraseieder, weiss und violettes 
Ornament, Handvergoldung und Ledermosaik. Auf 
S. 1 03 finden wir einen Einband in dunkelrot Saffian- 
leder zu einem Oästebuch oder einer Hauschronik 
mit Handvergoldung und Ledermosaik. Das innere 
Ornament ist olivgrün, das äussere Ornament hellrot 



Blüten heliotropfarben gehalten, und in Handvergol- 
dung und Ledermosaik ausgeführt. Der Einband wurde 
mit dem ersten Preis der König Ludwigs-Preisstiftung 
des Bayerischen Gewerbemuseums, Nürnberg 1898, 
ausgezeichnet. Der Einband (S. 105 oben links) zu: 
»Industrie- Ausstellung Leipzig 1897' ist in terracotta- 
farbenem Ecraseieder, das innere Ornament im Mittel- 
feld hellblau, das äussere Ornament olivgrün ausge- 














Ooldschmuck. Nach Entwurf von O. M. WERNER, ausgeführt von Hofjuwelier J. H. WERNER, Berlin. 



gehalten. Das auf derselben Seite abgebildete Poesie- 
buch ist in hellblau Saffian gebunden, das Ornament 
wassergrün gehalten. Der Einband zu einer Biographie 
von »Bonnassieux* (ein französischer Bildhauer), S. 104 
oben, zeigt marineblaues Ecraseieder, dunkelblau ge- 
beiztes Ornament und Handvergoldung. Er ist für 
die Buchbinderei H. Sperling, Leipzig, gefertigt worden. 
Der Einband zu Uzanne's, L'art dans la Decoration 
exterieure des livres (S. 104 unten), ist in orange- 
farbenem Saffianleder, das Ornament olivgrün, die 



führt, die Blüten hellblau. Der auf Seite 105 oben 
rechts wiedergegebene Einband zu Berger's Novellen 
zeigt dunkelgrünes Ecraseieder mit grünen Blättern 
und hellblauen Blüten, während der unten auf S. 1 05 
abgebildete Einband zu Uzanne's L'art dans la Deco- 
ration exterieure des livres eine Ausführung in Hand- 
vergoldung auf rotbraunem Ecraseieder erhalten hat, 
wobei das punktierte Band dunkelrot gebeizt, die 
Blüten hellblau gehalten sind. Dieser Einband wurde 
für die Buchbinderei H. Sperling, Leipzig, gefertigt. 



Herausgeber und für die Redaktion verantwortlich: Professor /Ca/-/ Hoffacker, Architekt in Charlottenburg- Berlin. 

Druck von Ernst Hedrich Nachf. in Leipzig. 



Kunstgewerbeblatt. N. F. XI. H. 7. 

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Wohnzimmer eines veriieirateten Arbeiters, ausgeführt von S. )ARAY in Wien. 



K. K. ÖSTERREICHISCHES MUSEUM FÜR KUNST UND 

INDUSTRIE IN WIEN. 

DIE DRITTE WINTERAUSSTELLUNG UND DIE KONKURRENZ 
AUS DEM HOFTITELTAXFOND. 



Als ich vor zwei Jahren in den Spalten dieser 
Zeitschrift die erste »Winteraussteliung« der 
Aera-Scala, — das Debüt des »neuen Kurses« 
besprach, schloss ich meinen Bericht mit einem Hin- 
weis auf die fundamentale Wichtigkeit einer liebevoll 
eingehenden Pflege der bis dahin, wenigstens bei 
uns zu Lande, arg vernachlässigten billigeren, für ein- 
fachere Kreise arbeitenden Kunstindustrie, als des 
einzigen Weges, auf dem sich die neue Richtung 
wahrhaft popularisieren, zugleich aber auch dauernd 
über das Niveau der Mode erheben liesse. Und ich 
glaubte, an ein paar Objekte der Ausstellung, die, 
unter Wahrung einheitlicher künstlerischer und tech- 
nischer Gediegenheit, dank ihrer bedeutenden Preis- 
und daher auch Stilunterschiede durchaus verschie- 
denen Gesellschaftsklassen galten, die freilich noch 
einigermassen schüchterne Hoffnung knüpfen zu 
dürfen, dieses wesentlichste Postulat einer gedeihlichen 
Entwicklung über kurz oder lang verwirklicht zu 
sehen. Thatsächlich hat die zweite Winterausstellung 



des Österreichischen Museums in ihren vielen für 
weniger bemittelte Gesellschaftsschichten berechneten 
Arbeiten die Hoffnungen des Vorjahres in erfreu- 
lichstem Masse erfüllt. Das heurige Jahr aber hat sie 
aufs überraschendste übertroffen. Denn das Öster- 
reichische Museum hat sich durch eine sehr bedeut- 
same Preisausschreibung für die »Einrichtung des 
Wohnzimmers eines verheirateten Arbeiters« mit 
schöner Energie sogar jener Gesellschaftsklasse ange- 
nommen, deren geschmackliche Sanierung selbst den 
alleroptimistischsten Zukunftsträumern stets als allzu- 
kühne Utopie erschienen war: des allerkleinsten 
Mannes, dem bislang der unerhörte Schund schmäh- 
lichster Trödelware — ohne dass sich die mass- 
gebenden Stellen auch nur einen Pfifferling darum 
gekümmert hätten — den letzten Rest ästhetischen 
Gefühles erstickt hatte, der ihm etwa noch aus den 
guten alten Zeiten, da das Handwerk auch ihm tüch- 
tigen, anständigen Hausrat bot, geblieben sein mochte! 
Obwohl die Ausstellung der bei dieser Konkurrenz 

19' 



124 



K. K. ÖSTERREICHISCHES MUSEUM FÜR KUNST UND INDUSTRIE IN WIEN 



eingelaufenen Arbeiten und Entwürfe — ich habe auf 
sie weiter unten noch des näheren zurüci<zukommen — 
erst einige Zeit nach der Eröffnung der diesjährigen, 
dritten Winterausstellung des Österreichischen iVluseums 
stattgefunden hat, glaubte ich doch einen Hinweis auf 
sie der Besprechung dieser letzteren vorausschicken 
zu sollen, denn nur die schöne Tendenz gleich- 
massiger Förderung des strikte differenzierten Kunst- 
gewerbes aller sozialen Klassen, die die erwähnte 
Konkurrenz so glücklich verkörpert, scheint mir die 
erfreuliche Erreichung des richtigen Niveaus vollauf 
erklären zu können, auf dem sich die Arbeiten der 
Winterausstellung in nahezu völliger Einheitlichkeit 
halten. 

Eine langatmige Auseinandersetzung dessen, was 
ich — und mit mir wohl jeder, der der Entwicklung 
des modernen Kunsthandwerks Anteil entgegenbringt — 
unter diesem »richtigen Niveau« verstehen zu sollen 
glaube, möge ein Hinweis auf die schönen und be- 
herzigenswerten diesbezüglichen Ausführungen A. L. 
Plehn's ersetzen, die das zweite Heft des laufenden 
Jahrgangs dieser Zeitschrift enthalten hat. Was Plehn 
an den Zimmerausstellungen der letzten Ausstellungen 
in Berlin, München und Dresden, unter gerechter An- 
erkennung des vielen Trefflichen, das sie boten, mit 
Recht getadelt hat, — das peinliche Vordrängen der 
Einzelheiten, die modische Spielerei einer gemachten, 
raffinierten_ Einfachheit oder andererseits das ver- 
wirrende Überwuchern des Dekorativen, kurz alle die 
naheliegenden Konsequenzen einer rastlosen Sucht 
nach dem Aparten, Nochnichtdagewesenen: all das 
ist planmässig und nachsichtslos aus dem Boden des 
Wiener Kunsthandwerks, wie es die diesjährige Winter- 
ausstellung vorführt, ausgejätet worden. 

Das nahezu einzige Objekt der Ausstellung, auf 
das das Gesagte vielleicht nicht vollständig zutrifft, 
ist das vielbesprochene, lebhaft angegriffene, lebhaft 
verteidigte Interieur, das A. Ungethiim nach den Ent- 
würfen Prof. Olbrich's ausgeführt hat, des genialen 
Architekten, den die Darmstädter Künstlerkolonie dem 
ihm so viele fördernde Impulse dankenden Wiener 
Kunstleben entführt hat. Meines Erachtens lässt sich 
nicht leugnen, dass die Konzeption des Raumes nicht 
frei sei von einer gewissen Originalitätshascherei und 
einer Unruhe in den Formen und namentlich den 
Farben, die die Wohnlichkeit, — ich möchte fast 
sagen, die Bewohnbarkeit des Zimmers höchst proble- 
matisch macht: das helle Holzwerk der Möbel mit 
seinen derb gefärbten Intarsien, die aschfarbenen 
Polsterungen mit ihren feuerroten Applikationen, vor 
allem die riesigen grün-blau-schwarzen Applikationen 
der weisslich-grauen Wandbezüge — in der in unserer 
Abbildung wiedergegebenen Kaminpartie des Raumes 
wurden diese Wandappliken durch nachträgliches Ab- 
spritzen mit weisser Farbe etwas gedämpft — dies 
alles ergiebt einen ans Wirre grenzenden Gesamt- 
effekt. Freilich entschädigt für die Dissonnanz des 
Totaleindrucks die ausserordentliche technische Tüch- 
tigkeit der Ausführung — A. Ungethüm, der sich 
im Vorjahre durch ein brillantes Herrenzimmer aus- 
gezeichnet hat, zählt ja zu den bewährtesten Firmen 



Wiens — und insbesondere die unvergleichlich liebe- 
volle Durchbildung, die geistvolle Erfindung der 
Details, namentlich die Fülle von Motiven, in denen 
Olbrich bei aller Dominanz seines Lieblingsmotivs 

— des mit grosslinig stilisiertem Blüten- und Blatt- 
werk gefüllten Kreises — unerschöpflich schwelgt; 
von diesem Standpunkt aus betrachtet, ist das Interieur 
ein Unikum genialer künstlerischer Kraftäusserung; 
doch muss man wünschen, dass es Unikum bleibe 
und nicht Schule mache: »Quod licet Jovi « 

Die übrigen Interieurs der Ausstellung erfreuen, 
wenn man von einer misslungenen Zimmerausstaltung 
C. Bamberger's absieht, die, im Gegensatz zu dem 
vorjährigen prächtigen Sheraton-Speisezimmer derselben 
Firma, in einem sehr banalen und aufdringlichen 
Tapeziererstil gehalten ist, durch wohlthuende Zurück- 
haltung gegenüber den Extravaganzen, zu denen neue 
Richtungen so leicht verlocken, durch gesunde, auf- 
richtig betonte Zweckmässigkeit, durch klare Knapp- 
heit und Straffheit in der Formgebung und durch 
feine Bescheidenheit im Dekorativen. Es zeigt sich in 
ihnen deutlich, dass in der modernen Innendekoration 
der Architekt den Tapezierer abgelöst hat: keine viel- 
fältigen Draperien mehr, wie sie seinerzeit, licht- 
raubend und luftraubend, die Zimmer ->schmückten«; 
keine »schwellenden« Polsterungen mehr, wie sie ehe- 
dem die Sitzmöbel zu marklosen, schwammigen Ge- 
bilden machten! Aber auch beileibe keine »Archi- 
tekturen«, wie es etwa, unter der Prädominanz der 
Baukunst, in der Zimmerausstattung der späteren 
Gotik der Fall war, sondern echte, wahre Tektonik, 
die aus dem Material, aus dem Bedürfnis heraus, auf 
dem kürzesten und einfachsten Wege Kunstformen 
bildet, auf alles Überflüssige, Spielende verzichtet — 
verzichten kann, weil sie es nicht zur Bemäntelung 
grundgedanklicher Leere braucht ! 

Die diesen Bericht begleitenden Abbildungen des 
Pospischill'schen Speisezimmers und des Schönthaler- 
schen Landhauszimmers unserer Ausstellung werden 
das Gesagte bestätigen; das erstere, ein überaus ele- 
ganter, beinahe pompöser Raum — wenn man den 
Ausdruck angesichts der Anspruchslosigkeit der 
Formengebung lediglich in Hinsicht auf die Vor- 
nehmheit des Materiales (schönstes Mahagoni, Kristall- 
glas, Bronzebeschläge) und die ungemeine Feinheit 
der Ausführung gebrauchen darf — ist von Prof. 
J. Hoffmann entworfen, der durch seine eigenen 
Arbeiten, sowie durch seine zu immer grösserer Be- 
deutung heranwachsende Schule einen ebenso grossen 
wie glücklichen Einfluss auf das Wiener Kunsthand- 
werk nimmt, und kann als Typus einer wahrhaft ge- 
sunden Moderne gelten; die Ausstattung des von 
Schönthaler entworfenen und ausgeführten Zimmers 

— ein selten bequemes und behagliches und dabei 
bei der glänzenden Tüchtigkeit der Arbeit staunens- 
wert billiges Mobiliar (es kostet nicht ganz looo Kro- 
nen) — ist, wenn man von kleinen Anlehnungen an 
den gemütlichen Biedermännerstil absieht, der ja seit 
kurzem in die Reihe der »offiziell anerkannten« Stile 
vorgerückt ist, gleichfalls durchaus modern im schönsten 
Sinne des Wortes. — In beiden Räumen ist die nahezu 



K. K. ÖSTERREICHISCHES MUSEUM FÜR KUNST UND INDUSTRIE IN WIEN 



125 




puritanische Schlichtheit der Formen und des ganzen 
Arrangements wettgemacht durch den ^ Zauber der 
Farbe: im Hoffmann -Pospischill'schen Zimmer hebt 
an den Wänden und den Bezügen der Sitzmöbel ein 
feines Grau- blau den prächtigen Ton des dunklen 
Mahagoni und den Glanz der spiegelnden Kristall- 
scheiben ; im 
Schönthaler- 

schen In- 
terieur klingt 
die reizvolle 
Färbung des 
schwach sie- 
gellackrot 
gebeizten 
und in der 
Maserung 
leicht mit 
grünlicher 
Bronzefarbe 
eingelasse- 
nen Eichen- 
holzes mit 
den matten 

Messingbeschlägen, dem Lawendel- 
blau der Tapeten, den bunten Blu- 
men des im Fond blauen Cretons 
der Bettdecke, der Vorhänge u. s. w. 
zu einem unvergleichlich schönen, 
frischen und doch sanft abgedämpf- 
ten Gesamtaccord zusammen. 

Auch bei einem dritten Juwel 
unter den neun Interieurs der dies- 
jährigen Winterausstellung, einem 
von M. Niedermoser reizend aus- 
gestatteten Damensalon, spielt die 
feindurchdachte Zusammenstellung 
der Farben — hellgrau gebeiztes 
Ahornholz, leuchtendgelbe Wand- 
und mattblaue Möbelbezüge — die 
Hauptrolle; doch ist hier das deko- 
rative Moment nicht so schlankweg 
negiert, wie in den beiden früher ge- 
nannten Räumen; das gilt insbe- 
sondere von dem zwecklich nicht 
erforderten, aber im Effekt sehr hüb- 
schen und flott gezeichneten Holz- 
bogen, der, zwei einander gegen- 
überstehende Pfeilerschränkchen ver- 
bindend, das Zimmer in zwei Kom- 
partimente teilt und dadurch die 
malerische Wirkung des Raumes 
wesentlich erhöht, ohne sie jedoch 
im geringsten gesucht oder aufdring- 
lich zu gestalten. 

Diese richtige Mitte zwischen 
Rein-Nutzmässigem und Dekorati- 
vem, zwischen Streng- Tektonischem 
und Malerischem ist auch in den 
übrigen Interieurs der Ausstellung 
glücklich eingehalten worden: in 



Etagere, entworfen und ausgeführt von FRANZ ZELEZNY in Wien. 




einer vom Architekten Leopold Müller entworfenen, von 
J. W. Müller ausgeführten schönen, anheimelnden 
»Hall«, in der eine nach der oben ringsumher- 
laufenden Galerie führende, sehr malerisch wirkende 
Treppe, eine eingebaute behagliche Kaminecke und 
ein angebautes trauliches »Cosy Corner« ebenso durch 

ihre reizvol- 
len Details, 
wiedurch ih- 
re gelungene 
Zusammen- 
stimmung 
gerechte Be- 
wunderung 
erregen; in 
einem nach 
den Entwür- 
fen des Ar- 
chitekten 
Baron F. 
Kraus von 
Portois CrFlx 
hergestellten 
»Atelier«, in 
dem das in den Einzelheiten einiger- 
niassen an van der Velde gemah- 
nende Holzwerk, trotz seiner etwas 
missglückten, schmutzig graubraunen 
Färbung, angenehm auffällt; in einer 
ausserordentlich phantasievollen Jagd- 
lialle (Entwurf von Max Schmidt, 
Ausführung von F. O. Schmidt), in 
der bequeme modernenglische Leder- 
fauteuils die zweckmässige Möblie- 
rung bilden, während eine eigen- 
artige Architektur (flaches Kuppel- 
gewölbe über mächtigen Penden- 
tifs, breite Bogen, gedrungene Zwerg- 
säulen) — ein glänzend gelungener 
Versuch, mittelalterliche Bauformen 
mit modernem Geiste zu durch- 
setzen — den überaus poetischen, 
fascinierenden Rahmen abgiebt'); 
schliesslich in dem interessanten nach- 
Max Jaray's Zeichnung von Sieg- 
mund Jaray geschaffenen Damen- 
schlafzimmer, das eine unserer Illu- 
strationen zeigt; dieser luxuriöse und 
namentlich in der einheitlichen hell- 
gelblich-violetten Farbenstimmung 
märchenhaft schöne Raum ist ins- 
besondere beachtenswert wegen der 
aparten Schnitzereien, mit denen 
F. Zelezny das durchgehends mit un- 
poliertem Cedernholz fournierte Holz- 
werk verziert hat: das Fournierholz 



,Ofen , nach Entwurf des Architekten 

RUDOLF HAMMEL ausgeführt von 

L. & C. HARDTMUTH in Wien. 



i) Leider Hess sich dieser hochin- 
teressante Raum infolge Misslingens der 
photographischen Aufnahmen nicht re- 
produzieren. 



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K. K. ÖSTERREICHISCHES MUSEUM FÜR KUNST UND INDUSTRIE IN WIEN 



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Olasservice, nach Entwurf des Prof. K. MOSER ausgeführt von E. BAKALOWITS' SÖHNEN in Wien. 



ist nämlich entsprechend den Konturen der geschnitz- 
ten Rosen ausgeschnitten, und diese selbst sind in 
flachstem Relief im Blindholz ausgeführt und leicht 
polychromiert. 

Die Werke F. Zelezny's, der sich in den letzten 
Jahren zum virtuosesten Holzbildner Wiens heraus- 
gebildet hat, 

nehmen 
auch unter 
den zahllo- 
sen Einzel- 
gegenstän- 
den unserer 
Ausstellung 
einen her- 
vorragenden 
Platz ein : die 
hier abgebil- 
dete Rosen- 
etagere, in 
der sich seine 
Eigenart — 
die nur auf 
Grund phä- 
nomenaler 
Beherr- 
schung der 
Technik 
mögliche 
treffsichere Skizzenhaftigkeit der Darstellung — beson- 
ders prägnant ausspricht, zählt zu seinen interessan- 
testen Arbeiten; daneben hat er noch eine Reihe an- 
derer Werke ausgestellt, so eine wundervolle holzge- 
schnitzte Maske Beetho- 
ven 's, die, was Auffassung, 
liebevolles Eingehen in 
die Details, gewissenhafte 
und doch keineswegs klein- 
liche Ausführung anbe- 
langt, ihresgleichen sucht! 

Die Einzelmöbel der 
Ausstellung bestechen 
gleichfalls nahezu durch- 
gehends durch die grosse 
Gediegenheit der Arbeit; 
insbesondere gilt dies von 

einigen Nachbildungen 
mustergültiger alter Möbel, 
so einer von /. Kßpfer 
ausgeführten Kopie eines 
aus der Zeit um 1 8oo da- 
tierenden englischen Toi- 
lettetisches des South- 
Kerisington-Museums: die 
einsichtsvolle Leitung des 

Osterreichischen Museums hält an dem löblichen 
Prinzip fest, dass es den modernen Kunsthandwerker 
nur fördern kann, wenn er ab und zu bei den alten 
Stilen wieder einmal in eine strenge Schule geht! 

Auf die ausgezeichneten Leistungen der Wiener 
Kupfertreibkunst — an ihrer Spitze steht Georg 




Steinzeuggefässe. K. K. Fachschule in Teplitz. 



Klitnt — habe ich bereits im Vorjahre eingehender 
hingewiesen; sie ragen auch in der heurigen Winter- 
ausstellung ganz besonders hervor, ebenso die Bronzen, 
auf deren Gebiet ein junger, an der Wiener Kunst- 
gewerbeschule herangebildeter und dann in Paris 
längere Zeit thätig gewesener, überaus talentvoller 

Bildhauer, 
G. Oursch- 
ner, mit sei- 
nen etwas an 
Valgreen ge- 
mahnenden, 
für Aschen- 
schalen, Be- 
leuchtungs- 
körper und 
dergleichen 
verwendeten 

pikanten 
Frauenfigür- 
chen beson- 
ders excel- 
liert. 

Unter den 
Glaswaren 
nehmen 
nach wie vor 
die Arbeiten 
MOnE.Baka- 
lowits' Söhnen und der im Tiffany-Genre arbeitenden 
Spaun'schen Glashütte Klostermühle die ersten Plätze 
ein, wenn sich ihnen auch in diesem Jahre zum ersten- 
male wieder tüchtige Leistungen L. Lobmeyr's, der 

endlich mit der »neuen 
Richtung« ausgesöhnt ist, 
an die Seite gestellt haben. 
Viel Neues und ganz 
hervorragend Schönes bie- 
tet heuer die Keramik. 
Zum erstenmale sieht man 
einfache moderne Öfen 
und Kamine ausgestellt, 
darunter ein wirklich präch- 
tiges Stück, den vom Ar- 
chitekten R. Hammel, dem 
trefflichen artistischen Bei- 
rat des Österreichischen 

Museums gezeichneten, 
von L. & C. Hardtmuth 

fabrizierten hellgrünen 
Ofen, den unsere Abbil- 
dung wiedergiebt. An 
klein -keramischen Objek- 
ten wären vornehmlich zu 
erwähnen die hübschen 
U^aÄ/Äss'schen Porzellane in Kopenhagener Art und 
die ausgezeichneten Eosin -Fayencen von Zsolnay in 
Fünfkirchen, die, nach einer recht langen Zeit höchst 
unerfreulichen, unsicheren Umhertappens im Finstern, 
nun auf einmal sowohl in formaler, als in kolo- 
ristischer Hinsicht zu entzückendem Eigen - Charakter 




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K. K. ÖSTERREICHISCHES MUSEUM FÜR KUNST UND INDUSTRIE IN WIEN 



gelangt sind. Durch ganz ausnehmend schöne Stein- 
zeugarbeiten (vergl. Abbildung) überrascht die k. k. 
Fachschule in Teplitz, die sich unter der Leitung 
ihres trefflichen Direktors Stäbchen -Kircher aus den 
unscheinbarsten Anfängen zu hervorragender Be- 
deutung aufgeschwungen hat: es sind Vasen, Krüge, 
Blumentöpfe und dergl., die im allgemeinen einiger- 
massen teils an Läuger, teils an die ähnlichen fran- 
zösischen Arbeiten erinnern, dabei aber im Stil durch- 
aus unabhängig und eigenartig sind und sich 
namentlich durch erquickende Unmittelbarkeit der 
Naturbeobachtung in ihrem plastischen Blumendekor 
auszeichnen. 

Neu sind im Österreichischen Museum auch die 
schönen Juwelierarbeiten, die die Firmen Hauptmann 
und Rozet & Fischmeister ausgestellt haben, desgleichen 
die vorzüglichen Silberschmiedearbeiten von / Bannert, 
V. Mayer's Söhnen u. a. 

Die ausgezeichneten Leistungen moderner Stick- 
kunst, mit denen schon im Vorjahre L. Nerotny, die 
Frauenerwerbschule zu Ischl u. a. schöne Erfolge erzielt 
haben, sind in diesem Jahre durch eine Reihe tüchtiger 
Dilettantenarbeiten vermehrt worden, unter denen die 
in Zeichnung und Ausführung gleich wunderbaren 
Stickereien der Frau Bertha Landauer besonders 
hervorragen. 

Dass das Gesamt-Arrangement der Ausstellung ein 
überaus ansprechendes ist, dafür bedarf es nur eines 
Hinweises auf den anerkannt vornehmen Geschmack 
des Direktors des Österreichischen Museums, Hofrats 
von Scala und auf den Stab hingebender Mitarbeiter, 
den er an den Beamten des Museums gefunden hat: 
es geht ein eigenartiger Zug grossstiliger Noblesse, 
der das Talmiehafte, Protzige, Gekünstelte und Ge- 
schniegelte, ebenso fern liegt, wie die Philisterei, durch 
alle Unternehmungen des Österreichischen Museums, 
durch das gesamte Wiener Kunsthandwerk, soweit es 
unter der Ägide dieses Institutes steht. 

Der Hauptgrund aber für die innerliche Gediegenheit 
des Wiener Kunsthandwerkes, für die ruhige, gleich- 
massige, durch keinerlei modische Excesse gestörte 
Fortentwicklung, die die Moderne hier gefunden, liegt 
meines Erachtens — ich wiederhole es — darin, dass 
das moderne Wiener Kunstgewerbe von vornherein, 
soweit es anging, radikal gegen die Gefahren der Mode 
gefeit ward, indem man sich massgebenden Orts be- 
strebte, den vernichtenden Wirbel der Mode zu hemmen, 
der alles Gute, Neue, verschlechtert und verbilligt in 
alle gesellschaftlichen Kreise hinunterzieht und so zu 
rastloser Neuerung, zum ewigen Haschen nach der 
»höchsten Nouveaute« treibt; indem man die geschmack- 
liche Leitung der unbemittelteren Schichten nicht mehr 
der Plunderindustrie überliess, sondern sie selbst in 
die Hand nahm. Damit bin ich auf die bedeutungs- 
volle Konkurrenzausschreibnng des Österreichischen 
Museums zurückgekommen, von der ich eingangs 
dieser Zeilen gesprochen. 

Die Preisausschreibung aus dem Hoftiteltaxfond, 
jener seit den Zeiten Eitelberger's den Zwecken des 
Osterreichischen Museums zur Verfügung gestellten, 



reichen Einnahmsquelle i), die unter dem früheren 
Regime fast ausnahmslos zur Anschaffung der un- 
brauchbarsten Prunkstücke verwendet worden war, 
hatte ausser der erwähnten, auf die Einrichtung eines 
Arbeiterzimmers bezüglichen Aufgabe, noch drei 
weitere Preisaufgaben gestellt, die der sehr reform- 
bedürftigen Speisetisch -Ausstattung des einfacheren 
Haushaltes — Damasttischzeug, Porzellan- und Glas- 
services für 12 Personen — galten. 

Die erste dieser Aufgaben hat-, dank den gut- 
geschulten Zeichnern der grossen österreichischen 
Leinwandwarenfabriken und dank der Trefflichkeit und 
Universalität der Wiener Kunstgewerbeschüler, eine 
Reihe höchst befriedigender Entwürfe eingebracht: 
der erste Preis ist einem sehr vornehmen, einiger- 
massen anglisierenden Entwurf J. Benesch's (Kgl. Wein- 
berge, Prag) zugefallen, der die Musterung des Tisch- 
zeuges — ein ziemlich streng stilisiertes Beerenmuster — 
lediglich auf die Bordüren beschränkt; den zweiten 
Preis hat M. Pillis (Mährisch-Schönberg) mit einem 
flott gezeichneten Windenmuster errungen, das nur 
in der Eckbildung einigermassen schwerfällig ist; 
lobende Anerkennung fanden u. a. Fräulein M. Peyfuss 
(Kunstgewerbeschule Wien) mit einem entzückenden 
Schierlingmuster und M. Benirschke (Kunstgewerbe- 
schule Wien) mit einem schönen, phantasiereichen 
Paradiesvogelmuster, bei dem wieder einmal der hübsche, 
aber, wie es scheint, im Publikum nicht goutierte 
Gedanke, die Plätze der Teller in der Musterung 
vorzuzeichnen, in Anwendung gebracht ist. 

Die auf das Porzellanservice bezügliche Preis- 
ausschreibung hat einen ziemlich kläglichen, immerhin 
aber insofern dankenswerten Erfolg gehabt, dass der 
geschmackliche Tiefstand eines gründliche Nachhilfe 
dringend erfordernden, wichtigen Gebietes unseres 
kunsthandwerklichen Schaffens klar vor Augen geführt 
worden ist: die eingesandten Entwürfe sind durch- 
gehends so geistlos, zweckwidrig und unschön, dass 
sie eine auch nur flüchtige Erwähnung überflüssig 
machen. Ich will hier nur auf den wahrschein- 
lichen Grund dieser bedauerlichen Erscheinung hin- 
weisen, der wohl darin zu suchen sein dürfte, dass 
unsere zahlreichen grossen Porzellanfabriken ihr Haupt- 
augenmerk auf die Erzeugung von künstlerisch sehr 
minderwertiger Massenexportware richten und daher 
auf gründlichere Ausbildung ihrer Dessinateure durch- 
aus kein besonderes Gewicht legen. 

Ganz ausgezeichnet ist hingegen die Konkurrenz 
für das Qlasservice ausgefallen, und insbesondere ver- 
dient das erstprämiierte, von Kolo Moser gezeichnete, 
von Bakalowits ausgeführte, billige Service, das unsere 
Abbildung zeigt, eingehendste Beachtung: ich möchte 
namentlich, was seinen praktischen Wert anbelangt, 
auf die kräftige und doch keineswegs schwerfällig 
wirkende Bildung der Wandungen und der Stängel 
und die kluge Verlegung der Schwerpunkte nach 



i) Bei Zuerkennung des Titels eines K. u. K. Hof- 
lieferanten hat die betreffende Firma eine Taxe zu ent- 
richten, die über Anordnung des Kaisers dem Österreichi- 
schen Museum zufliesst. 




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Kimstgewerbeblatl. N. F. XI. H. 7. 



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130 



K. K. ÖSTERREICHISCHES MUSEUM FÜR KUNST UND INDUSTRIE IN WIEN 



unten, was den künstlerischen Wert betrifft, auf die 
noblen Silhouetten der einzelnen Gefässe und auf den 
einfachen, der Technik des Gusses so entsprechenden 
und die Brillanz so wesentlieh erhöhenden Dekor durch 
stellenweise, scheibenförmige Abplattungen hindeuten. 

Das weitaus lebhafteste Interesse aber nimmt nahe- 
liegender Weise das Ergebnis der vierten Preisaufgabe 
in Anspruch, welche die in praktischer und ästhetischer 
Hinsicht befriedigendste Einrichtung des Wohnzimmers 
eines verheirateten Arbeiters zum Gegenstande hatte. 
Der Höchstbetrag der Kosten dieser Einrichtung war 
mit 300 Kronen präliminiert, — nach einstimmigen 
Urteil der Fachkreise der Minimalpreis einer wirklich 
gediegenen Einrichtung — und, um etwaige in Wahrheit 
teurere Reklamearbeiten fernzuhalten, hatte die Preis- 
ausschreibung die Bedingung aufgestellt, dass die 
Bewerber sich verpflichten mussten, gegebenenfalls 
binnen Jahresfrist zwanzig solcher Einrichtungen zum 
gleichen Preise anfertigen zu können. Trotz dieser 
strengen Bestimmungen war die Beteiligung an der 
Konkurrenz eine sehr rege: es liefen 33 Entwürfe 
und 12 vollständig ausgeführte Mobiliare ein, und 
unter den Konkurrenten waren nahezu alle bedeuten- 
den Möbelfirmen Wiens vertreten, — erfreuliche Beweise 
für die richtige Würdigung, die die schöne Tendenz 
der Preisausschreibung in den Fachkreisen gefunden. 

Unter den Konkurrenzarbeiten befinden sich einzelne 
sehr hervorragende Leistungen. Der Hofmann-Schüler 
C. Sumetzberger (Kunstgewerbeschule Wien) hat den 
ersten Preis mit einem vorzüglichen Entwurf davon- 
getragen, in dem die einzelnen Möbel sich ebenso 
durch ihre grosse Zweckmässigkeit — keine staub- 
fangenden und leicht zu beschädigenden Ornamente, 
glatte, gut reinzuhaltende Flächen, praktische Formen 
— als durch ihre sehr ansprechende Zeichnung er- 
freuen. In dem zweitprämiierten ya/'oy'schen Interieur 



(vgl. die Abbildung) steckt viel Gutes, doch scheinen 
mir die eingelassenen Flachschnitzereien, abgesehen 
davon, dass sie den Preis auf Kosten mancher wich- 
tigerer Dinge unnötig erhöhen, zu fein und zart für den 
derberen Geschmack des Arbeiters zu sein, während 
andererseits die unpraktischen Strohpolsterungen der 
Stühle ein höchst überflüssiges Kokettieren mit der 
sehr zweifelhaften, sentimentalen Idylle der -glücklichen 
Armut« darstellen dürften. Sehr tüchtig ist eine 
behagliche Eichen-Einrichtung ScAö«//ra/e/s ausgefallen, 
desgleichen ein prächtiges Rusten-MobiliarPos/j/sc/r/V/'s 
und eine sehr zweckmässige Zimmereinrichtung 
Niedermoser' s, die freilich einen etwas gar zu ernsten, 
unfreundlichen Eindruck macht. 

Es ist eben sehr schwierig, hier die richtige Mitte 
zwischen unsolidem Scheinluxus und nüchterner Ge- 
diegenheit, den Ausgleich zwischen dem naiven, rohen 
Geschmack des Arbeiters und den geschulten und oft 
blasierten Schönheitsideen der gebildeteren und wohl- 
habenderen Kreise zu finden! Vielleicht müsste man, 
um die gewiss nicht leichte Frage der zweckmässigsten 
und gefälligsten Arbeiterzimmer-Ausstattung endgültig 
und durchaus befriedigend zu lösen, weitergehen und 
das Arbeiterhaus zum Ausgangspunkt nehmen. 

Jedenfalls ist die ganze weittragende und seit Jahr- 
zehnten verruderte Angelegenheit nunmehr im besten 
Fahrwasser, da das Österreichische Museum ihr Steuer 
in seine glückliche Hand genommen: das Museum 
hat damit zum mindesten eine ebenso gute That 
gethan, wie mit der durchgreifenden Reform unseres 
in der Winterausstellung in so glänzender Vollkommen- 
heit repräsentierten Luxus-Kunsthandwerks, an deren 
Spitze es sich seinerzeit gestellt, und deren Leitung 
es zielbewusst und unbeirrt in seinen Händen zu 
behalten verstanden hat! 

Wien, im Dezember 1 899. DR . FRITZ MINKUS. 




Alt-Meissner Porzellan. Bunt bemalte Figuren, 14,5 cm hoch (TH. BEHRENS, Hamburg). 




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Altnieissner Porzellan. Bunt bemalt, 34,5X22,3 cm. (Kgl. Scliloss in Dresden.) 



NEUES ÜBER ALTMEISSNER PORZELLAN.') 



Wenn ich einer Aufforderung der Redaktion 
dieser Zeitschrift nachi<omme und zu der 
Herausgabe eines von mir verfassten Werkes 
selbst ein paar begleitende Worte schreibe, so wird 
dies vielleicht hier und da einiges Befremden erregen. 
Tadel oder Lob darf man natürlich nicht erwarten. 
Ob das Werk dem von mir und dem mich unter- 
stützenden Komitee (Gurlitt und von Haugk) ange- 
strebten Zweck entspricht, ob es eine bis zum ge- 
wissen Grade abschliessende Behandlung der Ent- 
wicklungsgeschichte des Meissner Porzellans enthält, 
ob die ganze Anordnung praktisch, ob dieser Gegen- 
stand nicht hätte kürzer, jener ausführlicher behandelt 
werden können, das Urteil darüber muss ich selbst- 
redend andern überlassen. 

Unsere Kenntnis von der Erfindung des sächsischen 
Porzellans und der ersten zehn Jahre seiner Fabrikation 
begründete sich im wesentlichen auf die von C. A. Engel- 
hardt im Jahre 1 837 herausgegebene Lebensbeschreibung 
Böttgers. Da aber Engelhardt nach Sitte der damaligen 
Zeit seine Quellen nicht angab, ist man gewohnt, 
Phantasiegebilde bei ihm zu vermuten. Ich gestehe, 
dass ich früher die gleiche Ansicht hatte. Je mehr 
ich indessen an der Hand des authentischen Akten- 



1) Das Meissner Porzellan und seine Geschichte 
1709— 1814 von Karl Beding. Mit 15 Chromolithographien, 
15 Heliogravüren, 219 Textabbildungen und einer Marken- 
tafel. 1900. Verlag von F. A. Brockhaus, Leipzig. 



materials nachprüfte , um so mehr erkannte ich, 
dass Engelhardt nicht nur fleissig, sondern auch ge- 
wissenhaft gearbeitet hat. Es sind daher auch nicht 
gerade allzuviel Thatsachen, die ich für die älteste 
Zeit neu aufzuführen vermochte. In einer Reihe von 
Schlussfolgerungen bin ich indessen auf Grund der 
inzwischen gemachten Forschungen (W. von Seidlitz 
und J. Brinckmann) und meinen eigenen Unter- 
suchungen der Porzellane selbst zu anderen Resultaten, 
vor allem zu einer höheren Wertschätzung von 
Böttger's eigentlichem Können gekommen. Im übrigen 
habe ich mich über die Verhältnisse der in Frage 
kommenden Menschen, die Engelhardt breit und mit 
allen Nebenumständen erzählt, möglichst kurz gefasst 
und das Hauptgewicht auf das, was man in Meissen 
schuf, gelegt. Mir war es vor allem Zweck, zu 
schildern, welche Veränderungen das Meissner Porzellan 
in den verschiedenen Entwicklungsperioden erfuhr, 
und durch wen dies geschah. Damit gebe ich aber 
gleichzeitig eine Art von Künstlergeschichte der 
Meissner Fabrik. Allerdings habe ich sie, um nicht 
zu ausführlich zu werden, kürzer gekalten, als ich 
zuerst beabsichtigte. Meissner Personallisten haben 
sich in grosser Anzahl erhalten. Nur für die Jahre 
1731, 1775 und 1786 bin ich ausführlicher gewesen. 
In den beiden zuletzt genannten Jahren wurden 
wegen Lohnverkürzungen die Meissner Künstler ihren 
Fähigkeiten gemäss in mehrere Klassen eingeteilt. Es 
war mir daher möglich, die der »vorzüglichsten« bez. 



134 



NEUES ÜBER ALTMEISSNER PORZELLAN. 



»ersten Klasse« herauszuheben (Anmkg 351). Das 
im Wortlaut gegebene Aktenstück Nr. 4 enthält alle 
Bildhauer und Maler, die im Jahre 1731 in Meissen 
thätig waren, mit Angabe der Art ihrer Arbeit, wie 
lange diese bereits gedauert, wann und wo sie ge- 
boren. Auch sämtliche Vornamen sind hinzugefügt. 

Dies ist aber 

nicht ohne Be- 
deutung, wenn 

man berück- 
sichtigt, dass in 
Meissen immer 

ein wenig- 
Günstlingswirt- 
schaft betrieben 

wurde, wo- 
durch verschie- 
dene Personen 
gleichen Na- 
mens beschäf- 
tigt worden 
sind. So kom- 
men u. a. zwei 
Herold, zwei 
Kaendler, drei 
von Löwenfink, 
vier Mehlhorn, 
fünf Lücke vor. 
An den von 
mirangeführten 

Thatsachen 
wird sich nicht 
allzuviel ändern 
lassen. Sie be- 
ruhen auf An- 
gaben in den 
im Dresdner 
Hauptstaats- 
archive aufbe- 
wahrten Fabrik- 
akten; einer 
eventuellen 
Kontrolle we- 
gen gebe ich in 
jedem einzelnen 

Falle meine 
Quelle an. Aber 
so reichhaltig 

diese Akten 
auch sein mö- 
gen, vollzählig 

sind sie nicht. Ein oder das andere Stück scheint 
während der Kriegsunruhen verloren gegangen zu 
sein.') Mehrfach liess sich aber das von mir be- 
treffs der künstlerischen Entwicklung für wichtig er- 
achtete aus den Akten nicht herausfinden. Ich glaube 




Altmeissner Porzellan. Uhr in Bronzegestell mit buntbemalten Porzellanfiguren und -Blumen. 
65,5 cm hoch. (Kgl. Schloss Wilhelmsthal bei Kassel.) 



1) Aus dem Jahre 1739 stammt ein Verzeichnis der 
bei der Fabrik »gehaltenen Akten« (H. St. Arch. Loc. 1342. 
Vol. X, Bl. 225), das mehreres heute nicht mehr Vor- 
handenes enthält. 



nun wohl , dass einige meiner in colchen Fällen ge- 
machten Schlussfolgerungen auf Widerspruch stossen 
werden. So meine Ansicht über das, was Tschirnhaus 
gefertigt hat (S. 6 f.), über die Unterschiede der ver- 
schiedenen Steinzeuge (S. 25 f.), über die sog. Callot- 
figuren (S. 44), über die Goldmarken (S. 1 63 f.) u. dgl. m. 

Ich habe hier 

nur Vermu- 
tungen ausge- 
sprochen und 
bin gern bereit, 
mich belehren 
zu lassen. Ge- 
wiss hätte man 
in der Beweis- 
führung mehr- 
fach weiter 
gehen können, 
man hätte z. B., 
um die Unter- 
schiede zwi- 
schen den Bött- 
ger-Steinzeugen 
undderenNach- 
ahmungen wis- 
senschaftlich 
festzulegen, zu 
der chemischen 
Analyse greifen 
sollen. Meine 
Absicht war das 
auch, ich fand 

aber trotz 
meiner Bemüh- 
ungen nicht die 
hierfür geeig- 
nete Kraft. Ich 
musste hierund 
in einigen an- 
deren Fällen auf 

eine weitere 
Verfolgung der 
Angelegenheit 
wegen der ge- 
ringen mir zur 

Verfügung 
stehenden Zeit 

verzichten. 
Denn, um die 
finanzielle Seite 
des Unterneh- 
mens zu ermöglichen, hatte ich die Fertigstellung des 
Werkes zur Pariser Weltausstellung zusichern müssen. 
Wenn aber auch in dieser oder jener Einzelheit 
mit der Zeit eine andere Ansicht wie die meine für 
richtig erkannt werden sollte, so gebe ich mich doch 
der Hoffnung hin, in dem vorliegenden Buche zum 
erstenmale ausführlich und für den Sammler und 
Museumsmann brauchbar diesen Gegenstand auf Grund 
des Aktenmaterials und meines Studiums der Porzellane 
selbst behandelt zu haben. 



NEUES ÜBER ALTMEISSNER PORZELLAN. 



135 



Derjenige, welcher mit der einschlägigen Fach- 
litteratur nicht ganz vertraut ist, wird Mühe haben, 
festzustellen , was in dem vorliegenden Buche neu 
und worin von den bis dahin geltenden Ansichten 
abgewichen ist. Ich will daher einiges hierauf Be- 
zügliche herausheben. 

Es ist hier zum erstenmale der Versuch gemacht 
worden, das Aussehen der Glasflüsse zu beschreiben, 
die W. von Tschirnhaus in der Absicht, den Chinesen 
das Porzellan nachzuerfinden, herstellte. Damit ist 
aber eine Handhabe gegeben, um sie von den vielen 
unter Tschirnhaus' Namen in den Handel gebrachten 
späteren Erzeugnissen zu trennen. Dann sind von 
den Böttger - Steinzeugen die Formen und »Ver- 
feinerungen' ausführlicher, als es bis dahin geschah, 
behandelt. Letztere wur- 
den dabei in folgende 
vier Gruppen eingeteilt: 
1) »Eisenporzellan«, 2) das 
rotbraune Steinzeug mit 
roh gelassener Oberfläche, 
3) das polierte und ge- 
schliffene und 4) das gla- 
sierte Steinzeug. Mehrere 
Seiten (21/25) sind der 
Besprechung der Böttger- 
Nachahmungen gewidmet. 
Die sich hieraus ergeben- 
den Unterscheidungsmerk- 
male der Böttger -Stein- 
zeuge von den chine- 
sischen, von denen von 
Plane a. d. H., von Bay- 
reuth, von Böhmen und 
von Kamenz sind am 
Schlüsse dieses Abschnittes 
nocheinmal kurz zusam- 
mengefasst. 

Auch über die Anfänge 
des Porzellans bis zum 
Tode Böttger's (f 1719) 
wird der Leser manches 
Neue finden. Besonders 

die Behauptung, dass die Anwendung von Farbe in 
dieser Zeit nur versuchsweise vorgenommen wurde, 
wird viele überraschen. 

In der Periode von 1720 — 35 war die Malerei 
die Hauptsache, und Johann Gregor Herold die 
Seele des ganzen Unternehmens. Er herrschte 
über die Maler uneingeschränkt, denn er stellte 
sie an , teilte ihnen die Arbeiten zu und bezahlte 
sie nach seinem Ermessen. Die Fabrik hatte es 
bei Abnahme der Gegenstände und Bezahlung nur 
mit ihm zu thun. Diese Angelegenheit änderte sich, 
als der König August II. im Jahre 1731 selbst die 
Oberleitung übernahm. Denn damals erst stellte die 
Fabrik die einzelnen Maler und zwar in Stücklohn 
an. Nur Herold und 13 Maler erhielten festen Ge- 
halt. Ausführlich ist behandelt worden, wen Herold 
beschäftigte und wie man damals in Meissen arbeitete, 
wobei ich besonders auf eine weitgehende Arbeits- 




Altmeissner Porzellan. Bunt 
(R. Bandli, 



teilung aufmerksam machen musste. Diese Ausführungen 
sind aber dazu angethan , die bisherigen Ansichten 
von der Bemalung einzelner Stücke und deren 
Markierungen zu berichtigen. Auch die Meinung 
über das, was Herold selbst gemalt hat, dürfte eine 
bedeutende Einschränkung erfahren. Es wurde weiter 
entwickelt, dass das Abgehen von der früher fast 
ausschliesslich herrschenden chinesischen Geschmacks- 
richtung in Meissen besonders durch den Einfluss des 
vom Grafen Hoym begünstigten Pariser Händlers 
Lemaire eingeleitet wurde. 

In der dritten Periode (1735 — 56) ist das sich 
mehr und mehr zeigende Übergewicht Kaendler's über 
Herold ausführlich geschildert. Das aktenmässige 
Datieren des Schwanen- und Sulkowskiservices und 

des Eindringens von Ro- 
kokoformen in Meissen 
mag hier besonders her- 
ausgehoben werden. Aus 
den Akten liess sich weiter 
die Thätigkeit Kaendler's 
in den Jahren 1740 und 
1741 Stück für Stück be- 
legen. Aus dieser Zeit 
stammen von bekannten 
Gruppen: der heilige Hu- 
bertus, ein heiliger Nepo- 
muk, der Schneider auf 
dem Ziegenbock, die Frau 
mit dem Dudelsack, der 
Marktschreier,Joseph Fröh- 
lich auf Schlitten, Fröhlich 
und Schmiede! mit Mause- 
falle und Eule u. a. m. 

Um einen Begriff von 
dem staunenswerten For- 
menreichtum zur Blütezeit 
Meissens zu geben, wurde 
das Aktenstück Nr. 5 bei- 
gefügt. Es enthält eine Auf- 
zählung sämtlicher Porzel- 
lane, die der Minister 
Brühl im Jahre 1 753 besass. 
Auch über die Malerei dieser Zeit im allgemeinen 
und über die in einem besonderen Abschnitte be- 
handelte Blaumalerei ist manches neue beigebracht 
worden. 

In der IV. Periode ist die noch vielfach verbrei- 
tete Ansicht, dass die Preussen einen Teil der Arbeiter 
und Formen von Meissen nach Berlin haben schaffen 
lassen, aktenmässig widerlegt. Friedrich der Grosse 
war im Gegenteil während des siebenjährigen Krieges 
der Hauptauftraggeber und nahm an dem, was die 
Fabrik für ihn schaffen musste, den regsten Anteil. 
Nur so konnte es überhaupt geschehen, dass man 
damals in Meissen noch Porzellan herstellte, das höhe- 
ren künstlerischen Anforderungen genügte. Das ist 
aber entgegen der gewöhnlichen Meinung in ausge- 
dehnter Weise geschehen, wovon noch heute einzelne 
Porzellane in den preussischen Schlössern Zeugnis 
geben. Ich glaube dann ferner, das Verdienst des 



bemalte Fi^^uren. 2S cm hoch. 
Hamburg.) 



136 



NEUES ÜBER ALTMEISSNER PORZELLAN. 




Vase, weiss ^belegt«, 33,5 cm hoch. 
(Qraf K. v. Brühl, Seifersdorf.) 



Kommer- 
zienrats Hei- 
big um die 

Eriialtung 
der Fabrii< 
auf das rich- 
tige Mass zu- 
rückgeführt 
zu haben 
So uneigen- 
nützig, wie 
man früher 

annahm, 
scheint mir, 
hat Heibig 
niciit gehan- 
delt. 

hl den bei- 
den folgen- 
den Perio- 
den habe ich 
versucht, die 

einzelnen 
Qründe,wel- 
che den all- 
mählichen 
Verfall her- 
beiführten, 
zu kenn- 
zeichnen. Den ersten Anlass hierzu hatte sicher der 
Krieg gegeben. Von dem Bezahlen grosser Pacht- 
summen und dem unentgeltlichen Abgeben vieler 
Porzellane hat sich Meissen bei dem damaligen Auf- 
blühen der Konkurrenzfabriken lange nicht erholen 
können. Dazu kam noch, dass es in dieser Zeit an 
einer kräftigen und mächtigen künstlerischen Persön- 
lichkeit fehlte. Dies alles, femer die Anstellung des 
Pariser Bildhauers Acier, dessen Nebenbuhlerschaft 
mit Kaendler, die Missstände unter der Leitung Mar- 
colini's bis zu dessen am i. Januar 1814 erfolgter 
Abdankung, ist ausführlich und mit vielen noch nicht 
bekannten Einzelheiten, besonders betreffs des künst- 
lerischen Betriebes, geschildert worden. 

Am Schluss habe ich dem Markenwesen ein Kapitel 
eingeräumt. Dies ausserordentlich schwierige Gebiet 
ist meines Wissens bisher im Zusammenhange über- 
haupt noch nicht behandelt worden. Einige gelegent- 
liche Andeutungen und Markentafeln waren alles, was 
man bis dahin hierüber kannte. Die letzteren waren 
aber nicht allzuviel wert, da in ihnen, besonders nach 
dem Vorgange von Graesse, eine grosse Anzahl in 
der Form wenig voneinander abweichende Schwer- 
termarken mit verschiedenen Jahreszahlen aufgeführt 
waren. Darnach musste man glauben, dass die Form 
der Schwerter in diesem Jahre so, in jenem anders 
gewesen sei. Ich bin zu einem anderen Resultate 
gekommen und zwar auf Grund meiner Untersuchungen 
über die Art, wie die Markierung in Meissen bewerk- 
stelligt wurde. Um dies ganze, immerhin etwas schwie- 
rige Gebiet übersichtlicher zu gestalten, habe ich die- 
jenigen Marken, welche nur auf den inneren Betrieb 



Bezug nehmen, die Arbeitermarken, von den Fabrik- 
marken getrennt. 

Es war mir möglich, aktenmässig nachzuweisen: 
die erste Anwendung von K. P. M., die Verfügung, 
dass die Marke AR nur für die Porzellane der Könige 
August II. und III. verwandt werden sollte, welche 
Bedeutung der sogeannte Merkurstab mit und ohne 
Punkt gehabt habe u. dgl. m. Ich spreche weiter die 
Vermutung aus, dass K. P. M. von 1723 bis höchstens 
1730, die Schwertermarke von 1725 bis heute, AR 
von 1725 bis 1740 und der sogen. Merkurstab von 
1727 bis 1735 gebraucht worden sind. 

Ich möchte an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, 
dass mir die mit mir zum Komitee zusammengetre- 
tenen Herren, Cornelius Gurlitt und Arthur von Haugk, 
während der Herausgabe des Werkes jederzeit in 
weitgehender Weise ihre Unterstützung zu Teil wer- 
den liessen. 

Meine Ausführungen sind von einem ausnahms- 
weise reichen Abbildungsmateriale begleitet, das in 
15 Chromolithographien, 15 Heliogravüren und 219 
Textillustrationen weit über 500 den verschiedensten 
Sammlungen entnommenen Meissner Porzellane ver- 
anschaulicht. Jedes Kapitel zeigt ausserdem eine An- 
fangsleiste, Initiale und Schlussstück, die sich aus für 
die betreffenden Zeilen charakteristischen, Meissner 
Porzellanen entnommenen Motiven zusammensetzen. 
Die Verlagsbuchhandlung hat bei der Ausstattung 




Altnieissner Porzellan. Vase, weiss »belegt«, 54,5 cm hoch. 
(Oraf K. V. Brühl, Seifersdorf.) 



KLEINE MITTEILUNGEN 



137 



keine Mühe gescheut. Sie hat die erwähnten Abbil- 
dungen nicht nur ausserordenthch sorgfältig ausge- 
führt, sondern auch des besseren Verständnisses wegen 
die Böttger- Steinzeuge braun, die blaubemalten Por- 
zellane blau drucken lassen. Auch das Vorsatzpapier 



und der blau und weiss gehaltene Einband zeigen 
Meissner Motive. Dass von der Verlagsbuchhandlung 
ein sorgfältig und praktisch angelegtes, sehr ausführ- 
liches Register hinzugefügt worden ist, wird den 
Gebrauch des Buches wesentlich erleichtem. 

K. BERLING. 




Kopfleiste.^gez. von Maler M.f SELIGER, Lehrer am Kgl. Kuiistgew.-Mus., Berlin. 



KLEINE MITTEILUNGEN 



VEREINE 

BERLIN. Im Verein für deutsches Kunstgewerbe 
in Berlin wurden in der Zeit von Oktober bis 
Ende Dezember 1899 folgende vier Vorträge 
gehalten, die meist durch entsprechende Ausstellungen 
und Lichtbilder illustriert waren: Am 11. Oktober 
sprach Herr Professor Karl Hoffacker über die Ge- 
staltung der Pariser Weltausstellung 1900; am 8. No- 
vember führte der Direktor des Buchgewerbe-Museums 
in Leipzig, Herr Dr. R. Kautzsch, den modernen Holz- 
schnitt und seine Aussichten vor; am 29. November 
sprach Herr Julius Leisching, Direktor des Mährischen 
Oewerbemuseums in Brunn, über alte und neue 
Möbelbeschläge und am 1 3. Dezember Herr C. Götze, 
Vorsitzender der Lehrervereinigung für die Pflege der 
künstlerischen Bildung in Hamburg, über die Reform 
des Zeichnenunterrichtes. — In der am 10. Januar 
stattgehabten Generalversammlung des Vereins wurden 
bei der statutengemässen Vorstandswahl gewählt als 
Vorsitzender: Herr Architekt Professor Karl Hoffacker; 
1. Stellvertreter des Vorsitzenden: Herr Direktor Dr. 
P. Jessen; 2. Stellvertreter des Vorsitzenden: Herr 
Geh. Hofrat E. Schröer; Schatzmeister: Herr Fabri- 

Kunstgewerbeblatt. N. F. XL H. 7. 



kant Gustav Rading; Schriftführer: Herr Maler Ernst 
Flemming; i. Stellvertreter des Schriftführers: Herr 
Prokurist Ernst Heiberg; 2. Stellvertreter des Schrift- 
führers: Herr Fabrikant Paul Schirmer. Als Aus- 
schussmitglieder gingen aus der Wahl hervor die 
Herren: Professor E. Doepler d. j., Wirkl. Geh. Oberreg.- 
Rat K. Lüders, Fabrikant A. Müller, Fabrikant W. Quehl, 
Schlossermeister R. Schaale und Goldwarenfabrikant 
L. Schluttig. E. FL. 

KÖNIGSBERG i. Pr. Der Kunstgewerbe -Verein 
hat seit unserem letzten Bericht (Juni-Heft 1899) 
eine weitere gedeihliche Entwicklung genommen. 
In mehreren vorberatenden Sitzungen und zwei General- 
versammlungen wurden neue Satzungen beschlossen, 
aus deren Inhalt hier lediglich die Erhöhung des 
Jahresbeitrags von 9 auf 1 2 Mark erwähnt sei. Während 
des Sommers wurden der neue, edlem Sport gewidmete 
und recht eigenartig eingerichtete Bau der Palästra 
Albertina, ferner die Universität, das Simering-Museum 
und die dem 17. und 18. Jahrhundert entstammenden 
wertvollen Stuckdecken im Rathaus gemeinsam be- 
sichtigt; auch wurde ein Ausflug nach Lochstädt, 
einem Schloss der Deutschordensritter mit zierlichen 

21 



138 



KLEINE MITTEILUNGEN 



dekorativen Bildhauerarbeiten des 13. und umfang- 
reichen, erst vor 3 — 4 Jahren entdeckten Wand- 
malereien des 14. Jahrhunderts unternommen. Bei 
den beiden vom Verein veranstalteten Preis-Ausschreiben 
siegten die Herren C. Andreae (Bemalung eines ein- 
fachen Schrankes) und Nitsch (farbiger Umschlag für 
die Satzungen). Aus dem Verlauf der Vereinssitzungen 
sei folgendes herausgehoben. In der Juni -Sitzung 
sprach Herr Andreae über die Bedeutung des Bern- 
steins für das Kunstgewerbe; infolge der lebhaften 
Erörterung, die sich hieran knüpfte, soll der für das 
Königsberger Kunstgewerbe so wichtige Gegenstand 
späterhin nochmals zur Verhandlung gelangen. Am 
1 7. November hielt Herr Messelhäuser einen fesselnden 
Vortrag über: Stuckmarmor und stucco lustro, wobei 
er die Technik auseinandersetzte und zahlreiche von 
ihm bei Herrn Glaubitz in Königsberg ausgeführte 
Arbeiten in z. T. recht grossen und durchweg vor- 
trefflich gelungenen Platten vorlegte; zum Vergleich 
waren auch die verschiedensten echten Marmorarten, 
z. T. Originalstücke aus antikrömischen Kaiserpalästen 
(Palatin, Villa des Hadrian u. s. w.) ausgestellt. Am 
11. Dezember gab Herr Dr. Ehrenberg einen Über- 
blick über die Geschichte der Töpferkunst mit be- 
sonderer Berücksichtigung Bernard Palissy's; Frau 
Rittergutsbesitzer Behrend aus Arnau bei Königsberg 
hatte im Jahre 1898 in den Pyrenäen unter merk- 
würdigen Umständen, die den Gedanken an eine 
Fälschung ausschliessen, eine echte Schale Palissy's 
(in der bekannten Art mit über Natur geformten 
Tieren u. s. w.) entdeckt und sie, sowie eine in der 
Sevres- Manufaktur angefertigte Nachbildung dem Verein 
für diesen Abend überlassen ; Herr Direktor Dr. Jessen 
hatte ausserdem eine grössere Zahl einschlägiger 
Photographien gesandt, so dass sich ein übersicht- 
liches Bild über Palissy's Wirksamkeit gewinnen Hess. 
Am 8. Januar behandelte Herr Messelhäuser den Stuck 
und führte die verschiedenen Arten des Gussverfahrens 
praktisch vOr. An weitere Kreise des Königsberger 
Publikums wandte sich ein Vortrag, den der Direktor 
der Bibliothek des Berliner Kunstgewerbemuseums, 
Herr Dr. Jessen am 12. Januar über »die Aufgaben 
des heutigen Kunstgewerbes« unter Vorführung von 
Lichtbildern hielt; die grosse Aula des Altstädtischen 
Gymnasiums vermochte die Zuhörer kaum zu fassen, 
die dem Redner für seine glänzenden, fast zwei 
Stunden währenden Darlegungen mit lang anhaltendem 
Beifall dankten. Zu diesem bedeutenden äusseren 
Erfolge, den Herr Dr. Jessen in selbstloser Bereit- 
willigkeit der Sache des Kunstgewerbes in Königsberg 
bereitete, gesellte sich bald ein zweiter, indem Herr 
Stadtrat Prof. Dr. Walter Simon dem Verein die 
Summe von 500 Mark überwies, aus der in erster 
Linie ein Skioptikon beschafft werden soll. Von 
einem ungenannt gebliebenen Mitglied war dem Verein 
vorher der Betrag von 100 Mark zugegangen. Eine 
wesentliche Vereinsförderung ist auch darin zu er- 
kennen, dass infolge eines besonderen Abkommens 
die Mitglieder vom 1. Januar I. J. ab ohne weitere Nach- 
zahlung Dauerkarten zum Besuche des neugegründeten 
Kunstsalons von Bon bekommen, der nach dem Vor- 



bilde von Keller & Reiner eine ständige und häufig 
wechselnde Ausstellung hervorragender neuer Kunst- 
werke und kunstgewerblicher Neuheiten unterhält. — 
Den Vorstand des Vereins bilden seit November v. J. 
die Herren: Dr. Ehrenberg, Vgl. Archivar und Privat- 
dozent, Vorsitzender; Glaubitz, Fabrikbesitzer und 
Architekt f. Kunstgewerbe, stellvertretender Vorsitzender; 
C. Andreae, Architekt für Kunstgewerbe, Schriftführer; 
Bernhardt, Malermeister, stellvertretender Schriftführer; 
Emil Allzeit, Architekt für Kunstschmiede-Arbeiten, 
Schatzmeister; Köhler, Malermeister, Bibliothekar; 
Schwartz, Lithograph und Buchdruckereibesitzer. Über 
die Aufnahme neuer Mitglieder entscheidet ein Aus- 
schuss, der aus dem Vorstand und den Herren 
Holzbildhauer Boy, Malermeister Leo Müller, Ver- 
golder Trogisch und Malermeister Schultz zusammen- 
gesetzt ist; die beiden letzten Herren sind zugleich 
zu Rechnungsprüfern gewählt. 

WETTBEWERBE 

OPPELN. Ideenwettbewerb zur Erlangung von 
Entwürfen für einen Monumental - Brunnen 
mit figürlichen Darstellungen auf dem Minerva- 
platze, 'ausgeschrieben von dem Ministerium der geist- 
lichen u. s. w. Angelegenheiten unter allen preussischen 
und in Preussen ansässigen deutschen Bildhauern. Aus- 
gesetzt sind zehn gleiche Preise von je 500 Mark. 
Über die Verteilung derselben entscheidet die Landes- 
Kunstkommission, welcher zwei Vertreter der Stadt 
Oppeln mit Stimmrecht hinzutreten. Es ist in Aus- 
sicht genommen, mit dem Verfasser eines preisge- 
krönten Entwurfes wegen der Ausführung des Werkes 
in Verbindung zu treten oder einen engeren Wett- 
bewerb unter mehreren preisgekrönten Verfassern zu 
veranstalten. Einzuliefern bis zum 10. Mai d. J. Die 
Preisausschreiben nebst Lageplan versendet unentgelt- 
lich das Bureau der Kgl. Akademie der Künste in 
Berlin NW., Universitätsstrasse 6 und das Magistrats- 
bureau in Oppeln. -u- 

AUSSTELLUNGEN 

KARLSRUHE. Deutsche Olasmalereiausstellung in 
Karlsruhe im Jahre igoi. Der Badische Kunst- 
gewerbeverein hat auf Anregung seines Vorsitzen- 
den, Herrn Kunstgewerbeschuldirektor Götz, in der Ge- 
neralversammlung vom 22. Januar den einmütigen Be- 
schluss gefasst, im kommenden Jahre igoi in Karlsruhe 
eine Deutsche Glasmalerei-Ausstellung zu veranstalten. 
Schon vor mehr als einem Jahrzehnt hat man bei uns 
den Wert der Spezialausstellungen für einzelne kunst- 
gewerbliche Betriebe erkannt und den Gedanken auch 
alsbald in die That umgesetzt. Im Jahre 1 887 wurde 
eine Deutsche Kunstschmiedeausstellung abgehalten, 
vier Jahre später folgte eine Deutsche Fächerausstellung. 
Beide haben nicht bloss nachhaltig die Entwicklung 
der betreffenden Zweige kunstgewerblicher Thätigkeit 
gefördert, sondern auch befruchtend auf das heimische 
Kunstgewerbe überhaupt eingewirkt. Dem gleichen 
Zweck soll auch die geplante Glasmalereiausstellung 



KLEINE MITTEILUNGEN 



139 



dienen, die zum erstenmale das gesamte Gebiet der 
einst so bedeutenden, dann aber lange Zeit vernach- 
lässigten und erst in unsern Tagen wieder zu Ehren 
gekommenen Kunsttechnik in erschöpfender Weise 
vorführen wird. Bereits sind Einladungen zur Be- 
teiligung an zahlreiche Interessenten ergangen, soweit 
dieselben ermittelt werden konnten und ihnen die 
betreffenden Bedingungen zugesandt worden. Durch 
diese Zeilen sollen auch andere Anstalten für Glas- 
malerei und ebenso die ausübenden Künstler, denen 
etwa eine Einladung nicht zugekommen ist, sowie 
weitere Kreise auf das Unternehmen aufmerksam ge- 
macht werden. 

Die geplante Ausstellung — wie schon erwähnt, 
die erste ihrer Art — will ein übersichtliches Ge- 
samtbild über die Glasmalerei und die verwandten 
Techniken geben und wird daher zunächst eine 
moderne Abteilung enthalten, welche eigentliche Glas- 
gemälde, Kunstverglasungen und Glasmosaiken. Glas- 
ätzungen und schliesslich Kartons und Entwürfe zu 
einschlägigen Werken enthält. Während diese Gruppe 
die mannigfaltigen Bestrebungen wie die technischen 
Fortschritte und die erzielten Leistungen der Gegen- 
wart auf den genannten Gebieten vor Augen führen 
soll, wird eine zweite Abteilung stilistisch und technisch 
interessante Arbeiten aus früheren Kunstperiuden ver- 
einigen und bei hinreichender Beteiligung die ver- 
schiedenen historischen Entwicklungsstufen der Glas- 
malerei veranschaulichen. In einer dritten Abteilung 
sollen schliesslich die wichtigsten Text- und Illustrations- 
werke über Glasmalerei und verwandte Techniken 
zusammengestellt werden, um den Besuchern der 
Ausstellung weitere Anregung zu vermitteln. Die 
Einladung zur Beteiligung ergeht daher an die 
deutschen Glasmaler und an die entwerfenden Künst- 
ler, an die Besitzer von Glasgemälden und an die 
Buch- und Verlagshandlungen. Die hervorragendsten 
Arbeiten der modernen Abteilung erhalten Auszeich- 
nungen in der Form von Ehrenpreisen und Medaillen. 
Das Preisgericht wird aus sieben Fachmännern be- 
stehen: zwei Glasmalern, zwei Malern, zwei Archi- 
tekten nnd dem Vorsitzenden der Ausstellungs- 
kommission. Die Namen derselben werden später 
bekannt gegeben. 

Als Ausstellungsraum ist der ^bis Anfang des 
kommenden Jahres fertiggestellte Neubau der Grossh. 
Kunstgewerbeschule in Karlsruhe vorgesehen. Für 
eine Ausstellung von Glasmalereien erscheint dieser 
besonders geeignet, da er ausser den zahlreichen 
sonstigen Lichtöffnungen allein 40 grosse Fenster mit 
Nordlicht enthält, über deren Form und Grösse den 
Interessenten ein autographiertes Fensterverzeichnis 
auf Verlangen zugesandt wird. Für grössere Glas- 
malereien, wie Kirchenfenster u. s. w., die wegen der 
beträchtlichen Abmessungen im Schulgebäude nicht 
unterzubringen sind, wird ausserdem nach Bedarf ein 
besonderer Anbau mit Nordlicht erstellt, so dass allen 
Ansprüchen in weitgehendstem Masse Rechnung ge- 
tragen werden kann. Aus naheliegenden Gründen 
ist für letztere Kunstwerke eine Platzmiete zu ent- 
richten, welche für den Quadratmeter 20 M. beträgt. 



während alle im Hauptbau aufgestellten Gegenstände 
davon befreit sind. Die Aussteller grosser Fenster 
haben daher im Anmeldebogen anzugeben, ob die 
Unterbringung im Anbau gewünscht wird, oder ob 
die Fenster, in Einzelteile zerlegt, im Schulgebäude 
untergebracht werden sollen. Weiter ist zu erwähnen, 
dass die Ein- und Zurücksendung der Ausstellungs- 
gegenstände auf Kosten und Gefahr der Besteller 
erfolgt, das Aus- und Einpacken und die Rücksendung 
dagegen das Unternehmen auf eigene Kosten besorgt. 
Auf Wunsch übernimmt die Ausstellungskommission 
auch die Vermittlung über die Versicherung gegen 
Feuersgefahr bei einer Ortsagentur auf Grund gegen- 
seitiger Verständigung. Die Anmeldung zur Aus- 
stellung hat längstens bis zum 1. November igoo zu 
erfolgen. Im Anmeldebogen sind die für den herzu- 
stellenden Ausstellungskatalog erwünschten Notizen 
zu vermerken. Auch wird um Überlassung von etwa 
vorhandenen Autotypieslöcken , die zur Illustration 
des Katalogs geeignet erscheinen, gebeten. 

Zur bleibenden Erinnerung an die Ausstellung 
beabsichtigt der Badische Kunstgewerbeverein ein 
Werk herauszugeben, welches die besten Arbeiten 
der modernen wie der historischen Abteilung zu- 
sammenfasst. — 

Dem geplanten Unternehmen ist dadurch eine 
wesentliche Förderung zuteil geworden, dass S. K- H, 
der Grossherzog Friedrich von Baden das Protektorat 
und S. K- H. der Erbgrossherzog das Ehrenpräsidium 
übernommen haben. Gewiss wird denselben auch 
eine rege Unterstützung von selten der_ Glasmalerei- 
anstalten wie der ausübenden Künstler zuteil. Be- 
kanntich ist der Sinn für künstlerisch behandeltes 
Glas im Volk wieder erwacht, nicht bloss in Kirchen 
und öffentlichen Gebäuden , auch in den bessern 
Privathäusern findet es mehr und mehr Eingang. 
Bedeutende Künstler wenden sich wieder dem inter- 
essanten Kunstgebiet zu, zahlreiche Anstalten für 
Glasmalerei sind entstanden. Auch Baden hat eine 
Reihe leistungsfähiger Geschäfte in Freiburg, Karls- 
ruhe, Offenburg, Heidelberg, Konstanz aufzuweisen. 
EineZusammenfassung der mannigfaltigen Bestrebungen 
in einer Fachausstellung erscheint um so wünschens- 
werter, als bei allen grösseren und kleineren allge- 
kleinen Ausstellungen die Glasmalereien nie recht zur 
Geltung kommen, meist schon aus dem Grunde, weil 
sie nur in ungenügender Weise aufgesellt werden 
können. Ohne Zweifel hat der badische Kunstgewerbe- 
verein mit der geplanten Ausstellung einen glücklichen 
Griff gethan und er wird sie jedenfalls in ebenso 
erfolgreicher Weise durchführen wie die vorausge- 
gangenen Veranstaltungen auf anderen Gebieten kunst- 
gewerblichen Schaffens. M. 

PARIS. Französische keramische Jahrhundert- 
Ausstellung. Im Namen der mit der Aufstellung 
der französischen Abteilung der Klasse 72 der 
Pariser Weltausstellung betrauten Personen hat Ed. 
Garnier, der Konservator des keramischen Museums 
von Levres, sich in einem offenen Briefe an den Her- 
ausgeber des Journal des arts gewandt, um dessen 



140 



ZU UNSERN BILDERN 



Beihilfe für den von ihnen unternommenen schwierigen 
Versuch zu erbitten, eine nach Mögiichi<eit vollständige 
und anziehende Ausstellung der französischen Keramik 
des 19. Jahrhunderts ins Leben zu rufen. 
In dem Briefe wird ausgeführt, dass man 
für diese Ausstellung nicht, wie in der 
Regel bei anderen, rückschauenden Aus- 
stellungen, lediglich an bekannte Thüren zu 
pochen brauche, denn es giebt keine Samm- 
ler neuzeitiger Keramik, ausgenommen eine 
kleine Anzahl von Liebhabern, die es sich 
haben angelegen sein lassen, einzelne der 
bemerkenswertesten, im Laufe der letzten 
fünfzehn Jahre in den Salons ausgestellten 
Arbeiten zusammen zu bringen. Das der 
geplanten Ausstellung gesteckte Ziel ist in 
der Hauptsache, die Art von Renaissance 
vorzuführen, welche nach dem Zustande von 
Stockung, oder richtiger Erstarrung, einge- 
treten ist, in dem die keramische Kunst sich 
während der ersten Hälfte des Jahrhunderts 
fortgeschleppt hat. Diese Bewegung trat 
zuerst etwa um 1850 schüchtern zu Tage, 
um dann gegen das Jahr 1 875 zu der herr- 
lichen Blüte zu gedeihen, welche vorzugs- 
weise mit dem Namen Theodor Duck ver- 
knüpft ist. Es wird verhältnismässig leicht 
sein, einige schöne und interessante Proben 
von Arbeiten der in dem Briefe namhaft ge- 
machten Keramiker von Fach aus diesem Zeit- 
abschnitte zusammen zu bringen ; ausserdem 
sind aber noch andere, sehr viel seltenere, 
jedoch vorzugsweise erwünschte Arbeiten 
vorhanden, die von zahlreichen und her- 
vorragenden, indes nur zeitweise auf kera- 
mischem Gebiete thätig gewesenen Künst- 
lern herrühren. Darüber, wo Arbeiten dieser 
Art zu finden sind, bekennt der Verfasser 
des Briefes in vollständiger Unwissenheit 
zu sein und dankt im Voraus denen, die 
ihn auf alles aufmerksam machen werden, 
was dazu beitragen kann, an der Hand 
der Erzeugnisse der französischen Keramik 
des Jahrhunderts ihre bisher, aus Mangel 



an Belegstücken, noch niemals geschriebene Geschichte 
darzustellen. -ss- 



ZU UNSERN BILDERN 




Der Entwurf zum Umschlag dieses 
Heftes rührt vom Architekt G. Siedle in 
Berlin her, während die Zeichnung zum 
Umschlag des letzten Heftes, wie nach- 
träglich bemerkt sein mag, vom Maler 
W. Weimar in Berlin geliefert wurde. 



Die diesem Hefte mit gütiger Geneh- 
migung der Herren F. A. Brockhaus beige- 
gebenen Abbildungen aus dem Werke: 
»Das Meissner Porzellan und seine Ge- 
schichte 1709 — 1814 von Karl Beding« 
können natürlich keinen genügenden Beweis 
für die überaus sorgfältige und reiche Aus- 
stattung des Werkes geben. Mit Rücksicht 
darauf, dass das Werk auf der Pariser Welt- 
ausstellung dieses Jahres in der deutschen 
buchgewerblichen Abteilung berufen sein 
soll, Zeugnis abzulegen für die gediegene, 
künstlerische Ausstattung, welche man in der 
letzten Zeit immer mehr den Erzeugnissen 
des deutschen Buchgewerbes zu geben be- 
strebt ist, hat Anlass gegeben, dass das 
Werk aus den für die Weltausstellung be- 
reit gehaltenen Mitteln vom Reichskommissar 
dotiert worden ist. Wir heben diesen Um- 
stand als Beweis dafür hervor, dass die 
Verlagsbuchhandlung wie der Verfasser des 
Werkes alles daran gewendet haben, dem 
Werke eine dem Werte des Inhaltes ent- 
sprechende Ausstattung zu geben. Für die 
Illustrationen sind je dem Gegenstande ent- 
sprechend die geeignetsten Reproduktions- 
verfahren in Anwendung gekommen. Über 
die Reichhaltigkeit der Abbildungen ver- 
weisen wir auf die Schlussausführungen des 
Verfassers des Werkes, der in seiner kurzen 
Abhandlung auf S. 136 dieses Heftes da- 
rüber nähere Angaben macht. 



Buchverzierung, gezeichnet von LÜHRIG. 



Herausgeber und für die Redaktion verantwortlich: Professor K^rl Hoffacker, Architekt in Charlottenburg- Berlin. 

Druck von Ernst Hedrich Nach/., O. m. b. H. in Leipzig. 




Kopfleiste, gezeichnet von C. ADAMS. 



DIE SECHSTE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNG 

(ARTS AND GRAFTS EXHIBITION) 

IN NEW GALLERY, REGENT STREET, LONDON. 



Seitdem im Jahre 1888 der »Verein für kunst- 
gewerbliche Ausstellungen« (Arts and Grafts Ex- 
hibition Society) in London zum erstenmale 
seine Pforten öffnete und der Welt den neuen Geist, 
der sich unter der Führerschaft William Morris' einer 
ganzen Kunstgemeinde aufgeprägt hatte, offenbarte, 
seitdem sind die Londoner Arts - and - Grafts - Aus- 
stellungen in der gesamten Kunstwelt zu Ereignissen 
ersten Ranges geworden. Auf diesen Ausstellungen 
wurde es zuerst zur Oewissheit, dass sich auf eng- 
lischem Boden in aller Stille eine neue Formenwelt 
vorbereitet hatte, von der die Welt nichts geahnt 
hatte, dass sich hier Knospen zum Aufbruch be- 
reiteten, die möglicherweise einen neuen Kunstfrühling 
in unsere alternde Kultur heraufzaubern konnten. 
Vor allem wurde es den kontinentalen Ländern l<lar, 
dass, während sie sich noch in dem Wiederholen der 
alten Stile genügten, hier wirklich ein neuer Ausgang 
genommen war, von dem sich manches und vielleicht 
das Höchste erhoffen Hess. Wer die letzte dieser 
Reihe von Ausstellungen im Herbst 1896 durch- 
wanderte, konnte sich mit Erstaunen des weiten Ab- 
standes bewusst werden , der die englische Kunst- 
entwicklung von der festländischen in den Kleinkünsten 
trennte. 

Seitdem haben sich die Verhältnisse in einer merk- 
würdigen Weise geändert. Eine neue Kunst ist auch 
auf dem Kontinent in die Höhe geschossen, und es 
wird in ihrer Bethätigung ein Eifer entfaltet, der alle 
früheren Versäumnisse im Sturm wieder gut machen 
zu wollen scheint. Kühn genommene Anfänge sind 
in ganz kurzer Zeit zu einer Reife entwickelt worden, 
die erstaunlich sein würde, wenn sie überall gesund 
und natürlich wäre. Zum mindesten muss man in- 

Kunstgewerbeblatt. N. F. XI. H. 8. 



dessen zugestehen, dass die neue kontinentale Kunst, 
obgleich im letzten Grunde auf den Schultern der 
englischen Bewegung stehend, eine selbständige ist 
und in anderer Richtung sich entwickelt, wie die 
englische. 

Bei dieser Sachlage musste man auf die im 
Herbst 1899 stattfindende sechste Ausstellung des 
englischen Vereins ganz besonders gespannt sein. 
Hatte England Schritt gehalten mit dem Kontinent? 
Waren seine vorhandenen neuen Anfängn in derselben 
Breite erweitert worden, wie die kontinentale Kunst 
neugestaltet worden war? Wie stellte sich ein Ver- 
gleich zwischen der englischen und der neuen fest- 
ländischen Kunst? 

Die Ausstellung in Regentstreet giebt die Antwort auf 
diese Fragen nur in unvollkommenem Masse. Sie wird 
dem Beschauer, und zumal dem kontinentalen, Ver- 
anlassung geben , ein weniger günstiges Urteil zu 
fällen, als die früheren Ausstellungen ihm abnötigten. 
Wir sind bei uns daran gewöhnt, auf ähnlichen Aus- 
stellungen besondere, von langer Hand vorbereitete 
Veranstaltungen zu sehen, Aufstellung ganzer Zimmer, 
Unterordnung der ganzen Aufstellungsart unter einen 
einheitlichen künstlerischen Gedanken. Nichts von alle- 
dem ist hier geschehen. Niemand hat besondere Vor- 
kehrungen für die Ausstellung getroffen, nirgends hat 
sich eine Künstlergruppe zu einer abgeschlossenen 
Leistung vereinigt. Das sich hierin aussprechende 
starke Mass von Gleichgültigkeit ist für die Wirkung 
der Ausstellung bedauerlich, aber dem Kenner 
englischer Verhältnisse geläufig. Einmal ist der eng- 
lische Gewerbetreibende bei der jetzt herrschenden Hoch- 
flut des Geschäftsdranges gerade augenblicklich stark 
beschäftigt, er hat nicht Zeit, besondere Ausstellungs- 

22 



142 DIE SECHSTE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNO IN NEW GALLERY, LONDON 



stücke herzustellen. Dann aber besitzt er überhaupt 
eine starke Abneigung gegen jede Art von Ausstellungen, 
die besondere Opfer von ihm verlangen. So kommt 
es, dass eine ganze Reihe der bekanntesten englischen 
Gewerbekünstler überhaupt nicht ausgestellt haben, 
sie lassen Lücken, deren sich der Uneingeweihte nicht 
bewusst wird. Die jetzige Ausstellung ist im allge- 
meinen nichts als eine Zusammenstellung der in den 
verschiedenen Künstlerwerkstätten zufällig vorhandenen 
und abkömmlichen, für andere als für Ausstellungs- 
zwecke gefertigten Sachen. 

Freilich ist, das muss zu- 
gestanden werden, bei Durch- 
musterung der Ausstellerliste 
der Umstand überraschend, 
dass sie ziemlich genau mit 
der Liste von 1896 überein- 
stimmt. Fast kein neuer Name 
tritt auf, kein neues Talent 
macht sich geltend. Auch die 
Ausstellungsgegenstände wei- 
sen fast genau denselben Cha- 
rakter auf, wie die vor drei 
Jahren. Man hat wieder die 
Stoffe von Voysey, die Metall- 



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Sachen von Dawson wie damals, man sieht die Schmuck- 
sachen von Ashbee, die Einbände von Cobden Sander- 
son, die man 1 896 bewunderte, und sie beherrschen ge- 
rade noch so das Feld wie damals. In dieser Stetigkeit 
scheint sich ein gewisserStillstand bemerklich zu machen. 
Noch eineandere kleineNebenerscheinungist bedenklich; 
man fängt an, sich einem deutlich hindurchblickenden 
Selbstkultus in den Reihen jener Männer hinzugeben, 
die einst so tapfer vorkämpften, um die Phalanx der 
künstlerischen Interesselosigkeit des Publikums zu 
durchbrechen. Abgesehen davon, dass etwa der vierte 
Teil der ganzen Ausstellung 
den Werken des seit drei Jah- 
ren toten William Morris ge- 
widmet ist, macht sich eine 
gewisse Wichtigthuerei der Ge- 
meinde, die dem Meister ihr 
Dasein verdankt, in vielen Ne- 
bensächlichkeiten bemerkbar. 
Man hat oft Gelegenheit, die 
feierliche Miene zu belächeln, 
mit welcher nichtige Kleinig- 
keiten vorgeführt werden, die 
Wichtigkeit, mit welcher der 
Katalog eine Reihe von oft 




Naturstudien von HERMANN HEIDRICH, Berlin. 



DIE SECHSTE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNG IN NEW GALLERY, LONDON 143 




fünf oder sechs Personen aufzählt, welche an einem bescheidenen 
Bauernstuhl, an einem silbernen Löffel mitgewirkt haben. Das sonst 
sehr zu billigende Bestreben, dem Hersteller jeden Dinges sein Recht 
zu gewähren, kann auch so weit getrieben werden, dass es lächerlich 
wirkt. 

Ist der Eindruck der Ausstellung der, dass sie nicht so gut ist, 
wie man hätte erwarten können, so lehrt ein weiteres Studium der- 
selben doch, dass sie besser ist, als sie auf den ersten Blick zu 
sein scheint. Einzelne Gebiete sind vorzüglich vertreten, so vor allem 
der Schmuck, die Metallarbeiten und die auf das Buch bezüglichen 
Gewerbe. Stoffe sind in derselben Vorzüglichkeit wie früher vorhanden, 
ein Schrank mit Gläsern erregt unsere Bewunderung, die dekorative 
Malerei und Plastik hat einige gute Leistungen aufzuweisen. Dagegen 
zeigen einige andere Gebiete wieder eine ganz auffallende Leere, und 
dahin gehört vor allem dasjenige, das man als Hauptgebiet einer Aus- 
stellung ähnlicher Art ansehen müsste, das des Möbels. 

An Möbeln hat die meisten und auch die auffallendsten Stücke 
C. R. Ashbee gesandt. Namentlich zwei reich verzierte Damenschreib- 
tische fallen 
durch ihre un- 
gewöhnliche 
Erscheinung 
auf. Eine ziem- 
lich plumpeGe- 

samtform ist 
durch reich ver- 
zierte Zusatz- 
teile interessant 
gemacht, das 
ganze Möbel so- 
zusagen in zwei 
Teile zerlegt, in 
den Grundkör- 
per und den 
Schmuck. Der 
letztere, an sich 

sehr reizvoll, 
verliert 'r durch 
die gleichartige 
Wiederholung 
an Wirkung; die 
in Handarbeit 
hergestellten 
Zierteile er- 
wecken in ihrer 
Vielheit den 
Eindruck der 
Fabrikarbeit. 
Bei dem grös- 
seren Schranke 
stört die An- 
bringung brei- 
ter, die Ham- 
merschläge zei- 
gender schmie- 
deeiserner Bän- 
der auf der fein 
polierten Maha- 
gonifläche. Die 

Schreibtafel 
ruht in beiden 

aa* 




Naturstudien von HERMANN HEIDRICH, Berlin. 



144 DIE SECHSTE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNG IN NEW GALLERY, LONDON 




In Silber montiertes Tiffanyglas von Hofgoldschmied 
SCHAPER, Berlin. 



Fällen auf Ausschiebehölzern von einer ganz auf- 
fallenden Massigkeit. Aber ein Gutes lässt sich 
von beiden Schränken sagen, sie verkörpern den 
wichtigen Gedanken, nicht nur das Äussere, sondern 
auch das Innere gehörig auszubilden. Die ganze 
bei geöffneten Thüren sichtbare Fläche des Innern 
ist in feinem hellen Holze gearbeitet und zeigt die 
kostbarste Ausbildung in eingelegtem, zum Teil 
plastisch heraustretenden Holze. — Einige weitere 
Stücke Ashbees zeigen ungefähr den gleichen Charakter, 
man könnte sagen, sie taumeln zwischen Bauerntum 
und Verfeinerung hin und her, nicht ohne dabei einen 
starken Stich ins Affektierte zu zeigen. 

Ganz anders treten Voysey's Möbel auf. Sie sind 
klar und werkmässig gedacht, verkörpern ohne Um- 
schweife ihren Zweck und atmen in der Erscheinung 
der schlichten , ungeheizten Eichenholzflächen eine 
gewisse saubere Bürgerlichkeit, aber sie streifen auch 
stark ans Nüchterne. Sie sind kaum anders als in 
einer Bauernstube denkbar. Das starke Unterstreichen 
der Konstruktionsmotive, häufig, wie bei den Arm- 
stühlen, auf Kosten der Bequemlichkeit, ist heute, wo 
man wieder werkmässig zu arbeiten versteht, wohl 
kaum mehr am Platze. Auch Voysey ist von Affektiert- 
heiten nicht frei , wie die scharfen Spitzen an den 
Rückenlehnen seiner Armsfühle zeigen. 

Wie weit indessen die Verirrung in dieser 
Richtung gehen kann, zeigt ein Anrichteschrank von 
H. Barnsley, ein in einer Art Zimmermannsarbeit roh zu- 



sammengefügtes Eichenholzmöbel, das etwa unserm 
Kulturzustande zur Zeit der Römereinfälle entsprechen 
würde. Selbst der Gedanke der Rahmen und Füllungen 
erscheint dem Verfasser zu kultiviert, er wählt Bretter- 
thüren; statt Metallgriffen zeigt das Möbel mit Huf- 
nägeln aufgenagelte Holzgriffe, die Zapfen der Pfosten 
reichen bis zur Tischplatte durch und zeigen oben 
die eingetriebenen Holzkeile. Das Möbel atmet 
förmlich die Atmosphäre des Bauernhofes. Und 
doch geniesst es die Bewunderung der -Arts- and- 
Crafts- Clique« und ihres litterarischen Anhanges. 

Neben einer guten Anzahl braver Leistungen, die 
aber nichts besonders Bemerkenswertes bieten, bleiben 
eigentlich an guten Möbeln der Ausstellung nur zwei 
Stücke übrig, ein Scl|jubfachschrank in Teakholz von 
M. Macartney und ein Kleiderschrank von Heal. Der 
letztere, einfach und vernünftig in der Form, hat 
einen recht wirksamen Schmuck in einem Fries, der 
in einem blau gebeizten Holzstreifen die Einlage von 
Ornamenten und Zierschrift in Zink zeigt. 

Auffallenderweise bemerkt man an vielen der 
Möbel Mängel in der Ausführung, die in Deutschland 
heute nicht mehr möglich sein würden. Nicht genau 
eingepasste Holzteile, rohe Schrauben, zu grosse 
Zapfenlöcher sind keine Seltenheit. 

Die Möbel sind vielleicht die grösste Enttäuschung, 
die die Ausstellung bietet. Weit entfernt, den guten 
Eindruck derfrüheren Ausstellungen zu wiederholen oder 
zu verstärken, scheint das dies Jahr Ausgestellte eher ge- 
eignet, die Vermutung aufkommen zu lassen, dass es 
mit dem mo- 



eng- 
Mö- 



dernen 
lischen 
bei seinem 
Ende entge- 
gengeht. 
Den ge- 
wohnten 
neuengli- 
schen Stil 
halten nur 
noch Voy- 
sey's Sachen 
ein. Die an- 
dern Aus- 
steller ent- 
gleisen mehr 
oder weni- 
ger auf Irr- 
wegen. Lei- 
der ist die 
Olasgower 
Künstler- 
gruppe auf 
der Ausstel- 
lung gar 
nicht vertre- 
ten, ebenso- 
wenig wie 
der poetische 
Baillie Scott 




In Silber montiertes Tiffanyglas von Hofgoldschmied 
SCHAPER, Berlin. 



DIE SECHSTE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNG IN NEW GALLERY, LONDON 145 





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Tiffanyglas in Silber montiert 
von Hofgoldschmied H. SCHAPER, Berlin. 



und der begabte Geo. Walton. Es wäre sonst ein 
besserer Eindruck von dem, was in England im 
modernen Möbel jetzt geleistet wird, zu erwarten 
gewesen. Indessen muss bemerkt werden, dass auch 
die Bestrebungen dieser Künstler vereinzelt und 
ohne sehr weitreichenden Einfluss sind. Was der 
ganzen Richtung hemmend anhaftet, ist der ge- 
ringe Sinn für die Bedürfnisse des feineren Hauses. 
In diesem sind die bäuerlichen Anläufe der neueren 
Schule wenig geschätzt und auch wenig am Platze. 
Hier herrscht heute, nachdem die Chippendale-Periode 
vorüber ist, durchaus das Sheraton-Möbel wieder, 
das, in seiner natürlichen Entwicklung um die Wende 
des letzten Jahrhunderts heimisch, heute eine glänzende 
Neuherrschaft über das ganze bessere englische Haus 
angetreten hat. Seine fein -schlichte Form und Aus- 
bildung, die ihm den Charakter einer zur reicheren 
Entwicklung und Verfeinerung der Lebensführung 
gelangten Bürgerlichkeit verleihen, lassen diese Herr- 
schaft gerechtfertigt erscheinen. Seitdem Morris tot 
ist, scheint niemand mehr vorhanden zu sein, der 
ein der vornehmeren Lebensart entsprechendes Möbel 
in neuartiger Form erfinden kann. Während der 
Kontinent jetzt die mindestens sehr interessanten 
Möbel von van de Velde, Plumet, Eckmann und 
Riemerschmidt aufzuweisen hat, scheint in England 
die Quelle einer lebenskräftigen Empfindung auf diesem 
Gebiet mehr und mehr zu versiegen. 

Kunstgewerbeblatt. N. F. XI. H. 8. 



Ganz anders ist dies auf dem Gebiet des Stoff- 
musters. Hier kommt den Engländern der grosse 
unwägbare Schatz zugute, der durch die jahrzehnte- 
lange Pflege der Stilisierung der Blume angehäuft 
worden ist. Pflanzenstudium und Verwendung der 
Pflanze zu dekorativen Entwürfen ist in England 
heute eine ganz volkstümliche Kunst, die sogar schon 
den Kern des Zeichenunterrichts in der Volks- 
schule bildet. Das, was ein Morris, Walter Crane 
und Voysey in dieser Kunst für das Stoff- und 
Tapetenmuster geleistet haben, wird daher nicht nur 
von den breitesten Volksschichten verstanden und ge- 
würdigt, sondern diese Erzeugnisse werden auch 
massenhaft verbreitet und gekauft. Die Verhältnisse 
liegen heute in England so, dass das blöde Fabri- 
kantenmuster, das die vorigen Jahrzehnte beherrschte, 
zum mindesten durch das neuartige künstlerische 
Muster stark verdrängt, wenn nicht ersetzt wird. 
Hier hat England seine Kulturaufgabe, die Kleinkünste 
auf eine neue Grundlage zu stellen, am vollkommensten 
und glänzendsten erfüllt. Nach William Morris, der 
die Prachtreihe von Stoffen schuf, die in der gegen- 
wärtigen Ausstellung die Wände des Südsaales zieren, 
hat für das Stoffmuster Voysey die Führerschaft über- 
nommen. Seine Stoffe sind nicht so ernst und tief, 
wie die des Altmeisters. Sie sind tändelnder und 
leichter im Charakter und durchaus einer andern 
Stufe in der Qualitätsleiter angehörig. Die ständige 
Wiederholung des stilisierten Vogels und anderer 
Kinderstubenmotive schwächt auf die Dauer den Ein- 
druck ab. Aber er hat doch Treffer ersten Ranges. 
Und die bestellenden Fabriken kommen ihm mit 
einer vortrefflichen Technik und vor allem mit einem 
äusserst sichern Nachfühlen seiner Farbenabsichten 
entgegen. So lassen sich auch in der gegenwärtigen 
Ausstellung wieder wahre Prachtstücke unter den von 
seiner Hand herrührenden Stoffen entdecken. Voysey's 
Arbeiten über- 
wiegen auf 
diesem Gebie- 
te durchaus, 
an Zahl so- 
wohl wie an 
Qualität. Wal- 
ter Crane hat 
einiges nicht 
weiter Hervor- 
ragende aus- 
gestellt, ein 
neuer Name 
ist in Allan 
F. Vigers zu 
verzeichnen, 
der einige sehr 
interessante 
Seidenstoffe 
vorführt. Ta- 
peten sind 
ziemlich we- 
nig vertreten, 

d- «,,. Tiffanyglas in Silber montiert 

le AUS- von Hofgoldschmied H. SCHAPER, Berlin. 

23 




146 DIE SECHSTE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNG IN NEW GALLERY, LONDON 



wüchse des grossen grellen Musters, die sich auf dem 
neueren Markte breit machen , erhalten wenigstens 
durch die gegenwärtige Ausstel- 
lung keine Rückendeckung. 

Wie in Stoffen, so sind auch 
in Metallarbeiten vortreffliche Lei- 
stungen in grosser Zahl vorhan- 
den. Die Palme gebührt, wie vor 
drei Jahren, wieder dem Künstler- 
ehepaar Nelson und Edith Daw- 
son, sowie C. R. Ashbee. Nelson 
Dawson hat ein gutes grosses 
Eisengitter und einen kunstvoll 
geschmiedeten Kamineinsatz nebst 
zugehörigem Vorsatzgitter als 
Hauptwerke ausgestellt. Eine Reihe 
weiterer kleinerer Arbeiten in 
Edelmetallen haben Nelson und 
Edith Dawson in einem beson- 
deren Schranke ausgestellt, dessen 
Inhalt wohl zu dem besten ge- 
hört, das die Ausstellung auf- 
weist. Es handelt sich vorwie- 
gend um Schmuckkästchen und 
Schmuck. Der letztere ist ein 
neues Gebiet für die Dawsons, 
aber was sie geleistet haben, stellt 
sie auch hier sogleich an die 
Spitze. Den andern englischen 
Arbeiten gegenüber ist ihnen eins 
besonders gelungen: die Verfeine- 
rung, das Verlassen der lediglich 
derben Wirkungen, die dem bis- 
herigen englischen Schmuck, be- 
sonders dem Ashbee's anhafteten. 
Schmelz und alle Zweigkünste 
sind hier wie dort in Anspruch 
genommen. Leider sind diese 
Arbeiten der Dawsons so hoch 
im Preise bemessen, dass ihre 
Erwerbung naturgemäss auf eine 
kleine Klasse von Menschen be- 
schränkt bleiben muss. 

Zwei grosse, mit Schmuck 
und kleineren Metallarbeiten Ash- 
bee's gefüllte Schränke, deren In- 
halt in der von ihm geleiteten 
Guild of Handicraft ausgeführt 
worden ist, ziehen unbedingt das 
Interesse auf diesem Gebiete am 
stärksten auf sich. So anfechtbar 
Ashbee's Leistungen im Möbel 
sind, so überzeugend sind sie auf 
dem Gebiete des Edelmetalles. 
Wie 1896 erfreut vor allem wie- 
der sein Tafelgerät. Seine Scha- 
len, Theegefässe, Bratenschüsseln 
mit zugehörigen Deckeln, Pfeffer- 
und Salzbüchsen, Pokale und Blumengefässe sind ge- 
nugsam und durch Ausstellung auch in Deutschland 
bekannt. Entzückend sind jene faustgrossen Silber- 




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Tiffanygläser in Silber montiert 
von Hofgoldschmied H. SCHAPER, Berlin. 



dosen mit Deckeln in blauem und grünen Schmelz, 
eine einfache Zeichnung tragend. Sie haben eine in 
ihrer Einfachheit packende Form, 
verbunden mit dem hohen Reiz 
der Farbe, den der Schmelz ge- 
währt. In seinem Schmuck hat 
Ashbee die ihm früher geläufigen 
Formen durch neue bereichert 
und zeigt eine grosse Mannig- 
faltigkeit in Zusammenstellungen 
von Steinen, Metallflächen und Or- 
namentformen. Lebhafte Schmelz- 
farben heben die Einzelteile treff- 
lich heraus und verhelfen zu 
grossen, hier und da glänzenden 
Wirkungen. Aber dieser Schmuck 
kommt doch über einen gewissen 
bäurischen Charakter nicht hinaus 
und passt nur für eine gewisse 
Art von Frauen mit grossen Zü- 
gen und von drastischer Erschei- 
nung. Er war hochwillkommen 
als Gegensatz gegen die verkom- 
mene und verkleinlichte Kunst 
unserer Juwelierläden, aber er ist 
einseitig auf dem Standpunkt der 
derben Wirkung stehen geblieben. 
Immerhin verraten Ashbee's Ar- 
beiten eine Frische, die sie zu 
den erfreulichsten der Ausstellung 
macht. 

Im Schmuck, der vor drei 
Jahren von Ashbee allein in neuer 
Form vorgeführt wurde, sind eine 
ganze Reihe anderer Künstler er- 
standen, die dieses Jahr als Mit- 
bewerber auftreten. Vor allem 
H. Wilson. Dieser früher durch 
seine genialen Architekturblätter 

Aufsehen erregende Künstler 
scheint sich jetzt ganz auf das 
Gebiet der kleinen Metallkünste 
begeben zu haben. Nicht frei 
von Affektiertheit und von einer 
düster-mystischen Phantasie ge- 
leitet, hat er seinen Ausstellungs- 
stücken zwar auch hier eine hohe 
Eigenart zu geben vermocht, al- 
lein immer nicht eine solche ge- 
winnender Natur. Für seinen 
Schmuck wählt er ganz helles 
Gold von einer grüngelblichen 
Farbe. Glänzende Blechflächen 
wechseln mit getriebenen Gebil- 
den, meist figürlicher Art, deren 
mystische Verschwommenheit Rät- 
sel zu lösen giebt. Besser sind 
seine grösseren Metallstücke, Altar- 
kreuze und dergleichen, in denen sehr interessante 
Farbenversuche durch Anlaufenlassen der Metallfläche 
angestellt sind. 



DIE SECHSTE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNG IN NEW GALLERY, LONDON 147 





Entschiedene Fortschritte sind in den letzten 
Jahren in England in der Kunst des Schmelzes ge- 
macht worden. Der Vater der wiedererweckten 
Technik ist Alexander Fisher, seine Arbeiten sind 
schon seit etwa zehn Jahren bekannt und waren 
ihrerzeit die einzigen in England. In- 
zwischen hat gerade diese Technik «n- 

gemein an Boden gewonnen, sie wird 
an allen Kunstschulen gelehrt und von 
allen Metallkünstlern gepflegt, ja bereits 
von einer Reihe von Dilettanten ausge- 
übt. Auch Maler, wie Herkomer, und 
Bildhauer, wie Frampton, widmen sich 
ihr mit Glück. Sie gehört zu den po- 
pulärsten der jetzt in England geübten 
Kleinkünste. Und so weist auch die 
gegenwärtige Ausstellung 
eine ungemeine Anzahl 
von Schmelzarbeiten jeder 
Art auf. Am auffallendsten 
sind die grossen Stücke 
von Fisher, die in der 
Behandlung des Schmel- 
zes meisterhaft, im Ent- 
wurf der Metallarbeit da- 
gegen oft nicht unbedingt 
glücklich genannt werden 
können. Ein merkwürdi- 
ges Zwitterding zwischen Gebrauchsstück 
und Kunstwerk an sich ist ein elektrischer 
Wandleuchter, der lediglich aus zwei 
kleinen Glühlampen besteht, die auf ei- 
nem mächtigen Schild mit einem als 
Körper heraustretenden Pfau sitzen: ein 
Werk ohne rechte künstlerische Über- 
zeugungsfähigkeit. 

An weiteren Metallarbeiten sind die 
diesmal nicht so sehr hervortretenden 
Erzeugnisse der Birmingham Guild 
of Handicraft zu erwähnen, sodann 
aber vor allem die trefflichen Be- 
schläge Rathbone's, beides alte be- 
währte Bekannte für jeden, der die 
englische Kunstbewegung verfolgt 
hat. Die Arbeiten beider Aussteller 
haben sich seit der letzten Ausstel- 
lung nur sehr wenig verändert. Die 
Birminghamer Gilde pflegt als neues 
Gebiet jetzt auch den Schmuck und 



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k 




fertigt silberne Geräte in grösserer 



Schmuckgegenstände von 
Hofgoldschmied H. SCHAPER, Berlin. 



Anzahl, ohne dabei die Höhe ihrer Sachen in Messing 
und Kupfer immer beizubehalten. Ausser den hier 
genannten wichtigsten Ausstellern sind noch ein gan- 
zes Heer von Künstlern und Dilettanten vorhanden, 
die getriebene Arbeiten jeder Art, Teller, Krüge, Töpfe, 
Füllungen, Leuchter, Schmuckkästchen 
u. s. w. ausstellen. Diese Arbeiten kön- 
nen zumeist tüchtiggenanntwerden, einige 
sind sogar von hohem Reize in Form 
und Arbeit, ein näheres Eingehen auf 
sie würde indes zu weit führen. Im 
allgemeinen machen die ausgestellten Me- 
tallarbeiten einen guten , um nicht zu 
sagen vorzüglichen Eindruck. Ein treff- 
licher Sinn für Werkmässigkeit geht mit 
einer gewissen vornehmen Gesinnung in 
Bezug auf Formengebung 
und Ornament Hand in 
Hand. Diese Art Arbeiten 
haben immer etwas Er- 
frischendes, und wenn sie 
auch auf einer gewissen 
primitiven Stufe stehen 
bleiben, so sind an ihnen 
doch Geschmacksverirrun- 
gen, Übertreibungen und 
phantastische Überladung, 
zu der manche kontinen- 
tale Arbeiten neigen, unbedingt ausge- 
schlossen. Hier und da pocht man et- 
was allzusehr auf den Handwerker. So 
hat es wohl wenig Sinn , auf einem 
glänzenden Theegeschirr aus Silber, das 
einen vornehmen Tisch zieren soll, die 
wuchtigen Hammerschläge der Treibar- 
beit stehen zu lassen. 

Eine ausgesprochen englische Tech- 
nik, die hier zum erstenmal in grösserem 
Umfange vorgeführt wird, verkör- 
pern die Arbeiten in getriebenem 
und gegossenem Blei. In der alten 
englischen Kunst wurde Blei zu aller- 
hand kunstgewerblichen Zwecken, 
zur Herstellung von Gartengefässen, 
Wasserbehältern , verzierten Abfall- 
rohren und selbst zu Bildwerken in 
grosser Ausdehnung verwendet. Der 
Architekt Lethaby hat sich der Tech- 
nik wieder angenommen und sie 
zum Gegenstande eines Lehrfaches 

23* 



148 DIE SECHSTE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNG IN NEW GALLERY, LONDON 



in der von ihm geleiteten Central School of Arts and 
Grafts in London gemacht. Die ausgestellten Arbeiten 
stellen allerhand grössere Gefässe, eine Sonnenuhr und 
künstlerisch ausgebildete Regenrinnen vor. Die letz- 
teren namentlich sind von hohem Interesse. 

In Töpfer- und Glasarbeiten sind einige treffliche 
Sachen vorhanden , ohne dass die allgemeine Ent- 
faltung eine imponierende wäre. Auf dem ersteren 
Gebiet beherrschen Doulton & Co., auf dem zweiten 
Powell & Söhne das Feld, beides grosse Fabrikanten, 
welche indessen doch die beste Art von Arbeit 
pflegen. Die von 
Japan her einge- 
führten »Zufällig- 
keitsglasur« , die 
die Begriffe in 
der Keramik heut- 
zutage etwas zu 

verwirren be- 
ginnt, findet in 

England noch 

wenig Pfleger. 
Doulton hat, aus- 
ser seiner bekann- 
ten rotornamen- 
tierten Lüsterwa- 
re (auf der selt- 
samerweise und 

mit Hohnspre- 
chungderGrund- 
sätze der Arts- 
and - Grafts - Ge- 
sellschaft eine Art 

Glasurbruch 
künstlich nach- 
geahmt ist) eine 
ganze Reihe von 
Tellern, Schüs- 
seln und Vasen 
ausgestellt, die 
sehr gute Farben- 
wirkungen in ei- 
ner Art Bauern- 
majolika vorfüh- 
ren. In Glasar- 
beiten erregt ein 

Schrank feiner 
Tafel- und Zier- 
gläser von Powell & Söhne gerechtes Aufsehen. 
Ausser einer zierlichen, dabei doch grosse Einfachheit 
des Umrisses einhaltenden Form sind feine Farben- 
versuche gemacht, zum Teil durch die Wahl einer 
interessanten Gesamtglasfarbe, zum Teil durch Ein- 
blasen einer streifigen Textur in einem Farbentone, 
zum Teil, indem der Kopf der Gläser ganz in tiefen 
Glastönen gehalten ist. Gerade in letzterer Beziehung 
sind einige Haupttreffer gelungen , die eine Freude 
für den Sammler bilden müssen. 

Eine Reihe feinerer Majolikaarbeiten stellt die 
Della Robbia Pottery in Birkenhead aus, ein Haus, 
dessen Waren auf keiner englischen gewerblichen 




Schrank -Thürfüllung mit Intarsien, entworfen von Arcliitekf G. SIEDLE, Berlin. 



Ausstellung zu fehlen pflegen. Die Sachen ahmen 
im Charakter stark die Werke der Meisterfamilie nach, 
deren Namen das Haus angenommen hat, ohne die 
saftige Farbengebung der Originale zu wagen. Zu 
Zeiten sind recht gefällige Wirkungen ereicht. Er- 
zeugnisse ersten Ranges sind jedoch selten zu finden. 
Auf dem Gebiet der dekorativen Plastik hat sich 
in den letzten Jahren in England ein Kunstzweig ent- 
wickelt, der jetzt von verschiedenen Künstlern gepflegt 
wird, es ist das farbige Relief. Die erste, Aufsehen 
erregende Arbeit dieser Art war ein Fries von dem 

jungen Künstler 
Moira im Traca- 
dero - Restaurant 
in London. In 
der Folge nahm 
Anning Bell die 
Technik auf und 
ausser einigen 
Werken dieses 
Künstlers weist 
die jetzige Aus- 
stellung auch 
zwei grosse Re- 
liefs von Walter 
Crane auf. An- 
ning Bell's Ar- 
beiten zeichnen 
sich durch jenen 
grossen Liebreiz 
aus, der auch den 
Zeichnungen die- 
ses Künstlers ei- 
gentümlich zu 
sein pflegt, ohne 
indes tiefer zum 
Herzen des Be- 
schauers zu spre- 
chen. Das in Eng- 
land zurBerühmt- 
heit gelangte Re- 
lief »Musik und 
Tanz« zeigt die 
Stärke des Mei- 
sters treffend. Die 
Handhabung des 
Farbigen ist in 
beiden Reliefs 
sehr gut gelungen. Das Relief ist, der Technik ent- 
sprechend, ganz flach gehalten, die Färbung aber 
dabei so erfolgt, dass die Vertiefungen einen dichteren 
Farbenauftrag zeigen als die hochstehenden Teile, 
so dass die plastische Wirkung durch die Färbung 
gehoben wird. Die beiden grossen allegorischen Reliefs 
Walter Crane's haben ein viel höheres Relief und eine 
ziemlich bunte Färbung. Man kann die Empfindung 
nicht unterdrücken, dass sie auch in der allgemeinen 
Durchbildung etwas stark Dilettantisches an sich haben 
und gegen die besseren früheren Arbeiten des Meisters 
zurückstehen. Dasselbe lässt sich diesmal von zahl- 
reichen ausgestellten Zeichnungen und Entwürfen 



DIE SECHSTE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNG IN NEW GALLERY, LONDON 149 




Walter Crane's sagen, die auf derselben Wand zu- 
sammengestellt sind. Wie weit der erwähnte Selbst- 
kultus in den Reihen der Gesellschaft gediehen ist, 
kann man an einem kleinen Bücherschränkchen sehen, 
das ebendaselbst unter Walter Crane's Namen ausge- 
stellt ist. Es ist nichts als ein ganz gewöhnliches, 
weisslackiertes Wandschränkchen von trivialster Form 
und mit schlechten Beschlägen, und man fragt sich 
vergeblich, unter welcher Berechtigung dieses voll- 
kommen gleichgültige Stück seinen Platz einnimmt. 

Wie die 
dekorative 
Plastik, so ist 
auch die de- 
korative Ma- 
lerei in das 
Programm 
der Gesell- 
schaft aufge- 
nommen. 
Hier sind ei- 
nigetüchtige 
Arbeiten aus- 
gestellt, die 
durch Farbe 
und Kompo- 
sition erfreu- 
en , so ein 
Wandschirm 
von dem be- 
kannten Künst- 
ler Brangwin 
und zwei präch- 
tige Stellschir- 
me von R. M. 
Nance. An son- 
stigen maleri- 
schen Arbeiten 
sind hier die 
Entwürfe für far 
b ige Glasfenster 
zu erwähnen 
(Fenster selbst 

auszustellen 
verbot die Ört- 
lichkeit), zu de- 
nen Walter Cra- 
ne, der bekann- 
te Glasmaler 
Christopher 
Whall, ferner Louis Davis, Anning Bell, Mary Newill 
u. a. Beiträge geliefert haben, die zum Teil vielver- 
sprechend sind. Des erstgenannten Künstlers Entwürfe, 
die farbig vorgeführt sind, bewegen sich ganz in der 
Richtung, die Burne-Jones dem farbigen Glas in Eng- 
land vorgezeichnet hat. Die Arbeiten Whall 's, die nur 
in flüchtigen Kohlezeichnungen gegeben sind, sind 
durch einen gewissen modernen Bestandteil in Auf- 
fassung und Linie bemerkbar. 

Unter den weiblichen Handarbeiten fallen vor- 
wiegend die Stickereien auf, zum Teil Arbeiten 



•a»|55>'i|-'3!l«'».5»« 







Tapetenbordüren, entworfen von Architekt Q. SIEDLE, Berlin. 



grössten Masstabes, von denen sich indes nicht all- 
zuviele zu Kunstwerken in einem höheren Sinne er- 
heben. Viele verfehlte Versuche, Unmögliches zu 
erreichen, können an den Wänden der Ausstellung 
studiert werden. Am besten gefallen noch die- 
jenigen Stickereien, die die Grundfläche nicht ganz 
zudecken, sondern diese in einer gewissen Weise 
mitsprechen lassen. In dieser Beziehung sind von 
der Kunstschule in Birmingham, wo eine vortreffliche 
Richtung in der Stickerei schon längst gepflegt 

worden ist, 
einige sehr 
interessante 
Stücke aus- 
gestellt. 
Auch einige 
Altarvorhän- 
ge sind vor- 
handen, die 
ein grosses 
Stilgefühl 
bekunden. 
Merkwürdi- 
gerweise ist 
die sonst in 
England ge- 
übte Art von 
Kunststicke- 
rei (für die 
in London 
eine eigne Schu- 
le vorhanden ist, 
"die nächstens 
ihr Heim in ei- 
nem prächtigen 
Neubau finden 
wird) nicht ge- 
eignet, unsertie- 
feres Interesse 
zu erregen. Man 
bevorzugt einen 
Plattstich, der in 
einer die ganze 
Fläche überdek- 
kenden Zeich- 
nung und in 
meist stark zu- 
rückgehaltenen 
Farben von der 
erwünschten 
Gegensatzwirkung zu wenig Gebrauch macht, um die 
besten Möglichkeiten, die sich für die Technik bieten, 
zu erschöpfen. Zu einer ungemein packenden Wir- 
kung ist dagegen die aufgenähte Arbeit neuerdings in 
England entwickelt worden, und zwar hauptsächlich 
von Godfrey Blount in Haselmere, der eine seiner 
prächtigen Arbeiten in einem Vorhang vorführt. 

Das letzte hier zu betrachtende Gebiet, das Ge- 
biet der auf das Buch bezüglichen Gewerbe, ist zu- 
gleich eins der erfreulichsten der Ausstellung. Ob- 
gleich die gute Buchausstattung in England nie so 



150 DIE SECHSTE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNO IN NEW GALLERY, LONDON 




Tapetenmuster, entworfen von Architekt O. SIEDLE, Berlin. 

vollständig ausgestorben war wie bei uns, so hat doch 
auch hier mit dem Wiederaufblühen der Kleinkünste 
eine äussere Umgestaltung des Buches stattgefunden, 
wie sie einschneidender nicht gedacht werden kann. 
Bekanntlich wies auch hier Morris die Wege, nicht 
sowohl, indem er den Stil des Buches feststellte, als 
indem er durch die unantastbare künstlerische wie 
technische Qualität seiner Leistungen eine Höhenmarke 
vorzeichnete, die sich von seinen Nachfolgern im 
besten Falle wieder erreichen, aber keineswegs über- 
schreiten liess. Von der Höhe dieser Leistungen 
strahlt ein Wiederschein auch auf das gewöhnliche 
Marktbuch zurück, der auch hier nur einen Ein- 
fluss , bester Art ausüben kann. Aber auch im 
Luxusbuch und hier erst recht, ist Morris' Einfluss 
heute der massgebende. Schon seit i8q6 trat neben 
Morris ein neuer Name auf mit eigenartigen, wenn 
auch etwas excentrischen Arbeiten , es war Charles 
Ricketts. Auf der diesjährigen Ausstellung hat er 
eine ganze Reihe vorzüglich ausgestatteter Bücher 
ausgestellt, die in der Vale Press gedruckt und von 
ihm mit Borten und Abbildungen geschmückt sind. 
Diese herzerfreuenden Leistungen erheben sich durch- 
aus wieder auf die Höhe der besten Erzeugnisse der- 
frühen Buchdruckerkunst. Einige nicht minder guten 
Bücher stellen Lucien und Esther Pissaro aus. Neben 
der Vale Press liefert die Chiswick Press Erzeugnisse 
ersten Ranges und stellt eine Reihe davon aus. Zu 
den von früher her bekannten Buchgewerbe-Künstlern 
tritt endlich diesmal noch ein neuer Name: der 



Ashbee's, welcher in seiner Guild of Handicraft eine 
Druckerei eingerichtet und einen künstlerischen Verlag 
mit einer typographisch vorzüglich ausgestatteten 
Übersetzung von Benvenuto Cellini's Abhandlung 
über die Emaillierkunst eröffnet hat. 

Der Bucheinband ist wie auf den vorigen Aus- 
stellungen, durch Cobden Sanderson in der allbekannten 
musterhaften Weise vertreten. Veränderungen gegen 
früher sind nicht bemerkbar, dieselbe ganz tadellose 
technische Behandlung, dasselbe vorzügliche Material, 
dieselbe stilistische Ausgestaltung, derselbe tiefe Ernst 
in der künstlerischen Auffassung. Neben ihm treten 
noch die bekannten Kunstbuchbinder Cockerell und 
Zähnsdorf mit Arbeiten auf. Ricketts hat eine ganze 
Sammlung von nach seinen Entwürfen gebundenen 
Büchern ausgestellt , die eigenartigen , ebenfalls von 
früher bekannten Arbeiten von Miss Maccoll sind 
ebenfalls vertreten. Schliesslich sind noch die Buch- 
binder-Erzeugnisse der zwei hervorragendsten eng- 
lischen Kunstgewerbeschulen von heute, der von 
Birmingham und der Central School of Arts and Grafts 
in London zu erwähnen, die beide dem künstlerischen 
Bucheinband ein hohes Mass von Aufmerksamkeit 
widmen. Gepflegt wird vor allem der Lederband 
mit Goldpressung durch Teilstempel; auch das Leder- 
mosaik und überhaupt alle Arbeiten der besseren 
Technik finden Beachtung. Dabei wird, was den 
Entwurf anbetrifft, auf möglichste Selbständigkeit in 
der Eifindung das grösste Gewicht gelegt, die Schüler 
werden von Anbeginn vor die Aufgabe gestellt, selbst 
einen Dekorationsgedanken auszudenken und seine 
Darstellung mit den gegebenen Mitteln zu versuchen. 
Was in dieser Beziehung aus den Schulen hervor- 
geht, verdient unsere höchste Bewunderung, die vor- 




Tapetenmuster, entworfen von Arcnitekt O. SIEDLE, Berlin. 



DIE SECHSTE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNG IN NEW GALLERY, LONDON 151 



geführten Beispiele stehen weit über dem, was man 
als Schülerarbeit zu bezeichnen pflegt. 

Für das künstlerisch gebundene Buch liegt in 
England ein breiterer Bedarf vor als bei uns. Alle 
besseren Buchandlungen halten eine grosse Auswahl 
von allgemein begehrten Büchern in den besten 
durch Handpressung verzierten Lederbänden vorrätig. 
Eine grosse Bevölkerungsklasse ist vorhanden, welche 
willig 20 bis 50 Mark für einen guten Einband aus- 
giebt. Selbst eine Anzahl von Buchbindern, die 
das Zehnfache des genannten Betrages für ihre Bände 
verlangen, finden ihren Kundenkreis. Aber nicht nur 
der als Kunstwerk auftretende Bucheinband, auch das 
Marktbuch ist in England für gewöhnlich künstlerisch 
einwandfrei, hier und da sogar ungemein anziehend 
ausgestattet. Gerade auf diesem Gebiete kann uns 
England noch lange als Lehrmeisterin dienen. 

Die Buchillustration ist diesmal schlecht vertreten. 
Ausser einer Anzahl Zeichnungen von Walter Crane, 
die ziemlich weit unter dem Niveau dessen stehen, 
was man von seiner Hand gewöhnt ist, ist so gut 
wie nichts vorhanden. Dass trotzdem die Illustrations- 
kunst in England nicht ruht, beweisen die fortlaufend 
erscheinenden , meist vortrefflich in dem richtigen 
Schwarz- und Weiss - Charakter illustrierten Bücher, 
so dass die Leere der Ausstellung als rein zufällig 
bezeichnet werden muss. 

Der ganze südliche Saal des Ausstellungsgebäudes 
ist mit Entwürfen und ausgeführten Arbeiten William 
Morris' gefüllt. So wenig es am Platze erscheint, 
diese Arbeiten in eine Ausstellung aufzunehmen, die 
eigentlich den jetzigen Stand des Kunstgewerbes dar- 
stellen soll, so dankbar wird jeder Besucher dem 
Verein sein , diese einzige Sammlung zusammenge- 
bracht zu haben. Nach den gemischten Eindrücken, 
die die übrigen Säle hinterlassen, tritt man hier wie 
in einen Tempel ein, in welchem der erhabene 
Geist eines grossen Genies waltet, das unbeirrt von 
der Strömung des Tages seine eigenen Wege ging. 
Gegenüber dem Ernst dieser Werke schnellen die 
Leistungen der übrigen Säle bedenklich in die Höhe. 
Morris ist tot — das empfindet man, wenn man diese 
Säle im Rückgang wieder durchschreitet. Von höchstem 
Interesse, ja von kulturgeschichtlichem Werte, ist die 
grosse Reihe von Werkzeichnungen, die die Wände 
dieses Sales zieren, sie enthüllen uns die Seele des 
künstlerischen Schaffens des Meisters, sie gewähren 
einen Einblick in jenen Brunnen unversiegbarer 
Erfindungskraft, aus dem er schöpfte. Denn wie 
jeder grosse Künstler fasste er jede neue Aufgabe von 
einem neuen Gesichtspunkt auf, er drang immer vor- 
wärts und blieb immer ein Lernender. So bewahrte 
er seinen Werken jene ewige Jugendfrische, die sie 
von denen des Routiniers so grundverschieden macht. 
Über den Werkzeichnungen sind die Stoffe und 
Gobelinwebereien des Meisters aufgehängt, eine Reihe 
von Schaukästen bergen seine Entwürfe für den Buch- 
druck, sowie seine Bücher. Die Mitte des Zimmers 
nimmt ein riesiger Teppich ein, der nach seinem 
Entwürfe in seinen Werkstätten gefertigt ist. 

Das Denkmal, das die Gesellschaft der Morris'schen 



Kunst in diesem Saale errichtet hat, wirft seinen 
Schatten über den ganzen übrigen Teil der Aus- 
stellung. Morris war zwar in seiner Kunst im ge- 
wissen Sinne archaistisch, ein Mann, der sich ent- 
schieden dem Strom seiner Zeit entgegenstemmte und 
sein Heil in mittelalterlichen Zuständen erblickte, aber 
er war eine kraftstrotzende Erscheinung, eine Per- 
sönlicheit, die ihren Jahrzehnten den Stempel auf- 
drückte. Die Leute, die heute auf den von ihm 
aufgesuchten Pfaden weiter wandeln, sind Epigonen, 
und der Mehrzahl von ihnen fehlt, verglichen mit 
dem Meister, Kraft und Saft. Ein merkwürdiger 
Unterschied gegen den Kontinent: in England liegt 
heute eine ungemeine Breite in der Entwicklung der 
neuen Kunst vor, die gewerblichen Künste sind auf 
der neu geschaffenen Grundlage ganz volkstümlich 
geworden, ein Heer von Dilettanten übt sie aus, aber 
es scheinen kraftvolle Führer zu fehlen, deren Genie 
weitere Bahnen öffnete; auf dem Kontinent haben wir 
einige bedeutende Führer, aber keinen volkstümlichen 
Untergrund. Die gegenwärtige Ausstellung zeigt 
viele brave Sachen, aber keine grössere, irgendwie 
weiter ausfassende Leistung. Hunderte von Kästchen, 
Schalen, Schränkchen, Gefässen und Metallsachen, fast 
alle niedlich in sich, hier und da auffallend gut, im 
Grunde alle werkmässig tüchtig und gesund, aber 
alles Kleinkram. 

Noch eine andere Erscheinung ist auffallend. Man 
beschränkt sich ganz und gar auf das einseitige Ge- 
biet des Primitiven. Und dem Kenner der englischen 
Volkseigenart erscheint es ganz wahrscheinlich, dass 
dies auch so bleiben wird. Das Ländliche, im ge- 
wissen Sinne Bäurische, ist der ausgesprochendste 
englische Zug, ein Zug, der dieses Land und seine 
Bewohner so ausserordentlich verschieden von allen 
Ländern des Kontinents macht. Man wird über 
dieses Primitive schwerlich weit hinauskommen, vor 
allem aber auch schon deshalb nicht, weil man das 
Elegante gar nicht schätzt und versteht. Es kommt 
hinzu, dass gerade die Arts-and-Crafts-Gesellschaft in 
ihrer starken Beimischung von Demokratismus diesen 
Hass gegen das Verfeinerte auf die Spitze treibt. 

In dieser Einseitigkeit liegen die Grenzen vorge- 
zeichnet, die der neuen englischen Kunstentwicklung 
wahrscheinlich gesteckt sein werden. Sie wird immer 
vernünftig und werklich gesund, aber wahrscheinlich 
auch ziemlich schwung- und phantasielos bleiben. Hier- 
aus soll ihr kein Vorwurf erwachsen, die ausgesprochene 
Eigenart macht sie vielmehr selbständig und verleiht 
ihr etwas ausgesprochen Bodenwüchsiges. Aber ge- 
rade deshalb hat sie auf englischem Boden zu ver- 
bleiben, und irgend welche Übertragungen können von 
geringem Nutzen sein. Die englische Bewegung kann 
uns nur das eine lehren, von denselben Grundlagen 
von vorn anzufangen, von denen sie ausging, den 
Grundlagen des Naturstudiums und der Werkmässig- 
keit. Diese Grundlagen sind allgemein gültig. Wenn 
wir dies thun, dann haben wir eine neue Kunst- 
entwicklung, die von selbst von der englischen ver- 
schieden ist. Sie wird die ganze Färbung der deut- 
schen Eigenart enthalten, wie die englische die der 



152 DIE SECHSTE KUNSTGEWERBLICHE AUSSTELLUNG IN NEW GALLERY, LONDON 



englischen Eigenart enthält, sie wird lebensfreudiger, 
phantasiereicher und weitblickender, vielleicht aber auch 
derber und zunächst weniger sicher im Auftreten sein 
als die englische. Aber der Anfang von vorn, das 
Aufbauen der Grundlagen von unten wird uns nicht 
erspart bleiben. An den englischen Verhältnissen, 
die uns auch diese Ausstellung wieder vorführt, bleibt 
immer noch die Breite der Bewegung, die Volks- 
tümlichkeit derselben und die Vielheit, in welcher die 
technischen Künste in England bereits ausgeführt 



werden, für uns beneidenswert. Dies bleibt auch dann 
noch bestehen, wenn festgestellt worden ist, dass die 
diesjährige Ausstellung weniger viel Gutes gebracht 
hat, als man erwarten konnte, ein Umstand, bei dessen 
Beurteilung man übrigens die eingangs erwähnten 
Milderungsgründe, um nicht zu einem schiefen Ge- 
samturteil zu gelangen, nicht ausser Betracht lassen 
darf. 

London, im Dezember 1899. 

H. MUTHESIUS. 




Schlussleiste, gezeichnet von H. LÜHRIG. 



Kunslgewerbeblatt. N. F. XI. H. 8. 

24 




Entwurf zur Buffetwan.!i' 



Biii]i«nrafln*iiJiiiiii!iiiinnKi3iinnninjiiiviiiiajiiaaiaiiiiiiii3Eti 




-I f 



Maasstab = 1-10. 



Speisezimmers von R. OREANS in Karlsriilie. 



KLEINE MITTEILUNGEN 



STUTTGART. Nach dem Jahresbericht des Würt- 
tembergischen Kunstgewerbevereins für das Jahr 
i8g8jgg zählte der Verein 413 Mitglieder, unter 
den verstorbenen Mitgliedern beklagt er besonders das 
Ableben des artistischen Vorstandes Paul Stotz. Unter 
den in der Vereinsausstellungshalle veranstalteten kunst- 
gewerblichen Ausstellungen wurden als Sonderaus- 
stellungen vorgeführt dekorative Malereien von Josef 
Rösl in München, Pflanzennaturabgüsse von Joh. Bo- 
finger in Stuttgart und architektonische und kunst- 
gewerbliche Entwürfe, Skizzen und Studien von O. 
Halmhuber. In seiner Eigenschaft 
als Vorort des Verbandes deut- 
scher Kunstgewerbevereine hatte 
der Verein zum 25. September 
einen Verbandstag nach Stuttgart 
einberufen. Oleich zahlreichen 
anderen Vereinen und Korpora- 
tionen hatte auch der Verein aus 
Anlass der Vermählung der Prin- 
zessin Pauline von Württemberg 
mit dem Erbprinzen Wied, eine 
Hochzeitsgabe, bestehend in einem 
silbernen Theeservice, dargebracht. 

FRANKFURT a. M. Dem 
Jahresbericht des Mittel- 
deutschen Kunstgewerbe- 
vereins für i8gg entnehmen wir 
folgendes: der Unterricht in der 
Kunstgewerbeschule erfuhr keine 
Änderungen. Das letzte Quartal 
weist eine niedrigere Ziffer für 
die Tagesfachklassen, dagegen eine 
hohe für die Abendklassen auf. 
In diesen Zahlen spiegelt sich 
einigermassen die gesamte Lage 
des Kunstgewerbes wieder, inso- 
fern ein niedriger Stand desselben 
vielen Kräften während der Tages- 
zeit zu ihrer Ausbildung die 
nötige Müsse giebt, bei einem 
Hochstand der kunstgewerblichen 
Produktion aber, wie er seit 
einigen Jahren eingetreten ist, 
der Zudrang zu den kunstge- 
werblichen Abendklassen zunimmt. 
Eine Studienreise zur Aufnahme 
alter dekorativer Wandmalereien 
mit der Schülern der Malerklasse 
wurde nach Strassburg i. Elsass 
gerichtet, wo die wahrscheinlich 
auf Dietterlein zurückzuführenden 
Wandmalereien im »Frauenhause« Blumenkübel, Entwurf von 




reiches Studienmaterial ergaben. Vier Schülern konnte 
das zu einer Erleichterung bei der Einjahrig-Freiwilligen- 
Prüfung berechtigende Zeugnis über hervorragende 
Leistungen erteilt werden. Eine Ausstellung der 
Schülerarbeiten fand zu Beginn des Sommerquartals 
statt. Eine wesentlicheBereicherung erfuhr im Berichts- 
jahre die gelegentlich der Umgestaltung der Museums- 
räume in übersichtlicher Aufstellung neu eröffnete 
Gipsabguss-Sammlung. Zu erwähnen sind auch die 
zahlreichen und bedeutenden Aufträge, durch welche 
die an der Schule wirkenden Künstler mit der Praxis 
in Verbindung erhalten wurden. 
Die Bibliothek hat zu Ostern ihre 
neuen Räume bezogen und sieht 
damit eine der bedeutsamsten 
Vorausssetzungen ihrer Weiter- 
entwicklung erfüllt. Für die 
Entwicklung des Kunstgewerbe- 
Museums war das Jahr 1899 ein 
sehr bedeutungsvolles, indem der 
Erweiterungsbau fertiggestellt und 
hierdurch die Neuordnung der 
Sammlung ermöglicht wurde. Die 
Anordnung erfolgte in bestimmten 
Gruppen, für welche einesteils 
das Material, aus welchem die 
Gegenstände angefertigt sind, im 
übrigen die zeitliche Zusammen- 
gehörigkeit derselben massgebend 
war. Die Neuerwerbungen des 
Museums weisen, abgesehen von 
den zahlreichen Schenkungen, 39 
Nummern auf, wovon 20 etwa 
auf keramische Gegenstände ent- 
fallen. Grössere Sonderausstel- 
lungen sind fünf im Berichtsjahr 
veranstaltet worden: Japanische 
Holzschnitte des Herrn C. Vogel 
in Cronberg, Pflanzenstudien von 
H. F. v. Berlepsch, Entwürfe für 
eine Tauf medaille, eine Ausstellung 
von typographischen Leistungen, 
eine Buchkunst-Ausstellung, end- 
lich eine Serie von elektrischen 
Beleuchtungskörpern. Die Be- 
suchsziffer des Museums belief 
sich auf 6703 Personen. Es 
wurden sechs Vereinsexkursionen 
veranstaltet. Die Zahl der Mit- 
glieder ist von 494 auf 723 ge- 
stiegen; das Wachstum sowie die 
Beitragserhöhungen vieler Mit- 
AuQ Ql'vsej^ glieder sind den Bemühungen 

AUG. OLASER, München, der Kommission zu danken, die 



t58 



KLEINE MITTEILUNGEN 




Tapetenmuster, entworfen von Architekt O. SIEDLE, Berlin. 

dafür gewählt worden war. Die Jahresrechnung schhesst 
wieder mit einem Defizit von M. 7234.28 ab, hervor- 
gerufen durch die steigenden Anforderungen an den 
Verein, mit denen die Einnahmen nicht gleichen Schritt 
halten konnten. Durch Erhöhung behördlicher Sub- 
vention, Steigerung der Mitgliederzahl und zum Teil 
Erhöhung einzelner Beiträge ist diesem Übelstande 
einigermassen abgeholfen worden. Dennoch wird 
infolge grösserer Aufwendungen der Etat fürs künftige 
Jahr im Voranschlage noch um mehr als 4000 M. 
überschritten. Zum Vorstande wurden gewählt die 
Herren Ed. Beit, Wilh. Flinsch, L. Orüder, M. Grune- 
lius, F. Günther, W. Maus, H. Seckel, M. Sondheim, 
W. Stock- de Neufville; zu Revisoren wurden die 
Herren G. Flörsheim, Ch. Risdorf und C. Schaub 
ernannt. 

BERLIN. Im Königlichen Kunstgewerbe-Museum 
ist zur Zeit eine Schriftsammlung des Malers 
Ansgar Schoppmeyer, Lehrer für Schriftzeichnen 
an der Unterrichtsanstalt des Museums ausgestellt, 
welche sowohl in wissenschaftlicher wie künstlerischer 
Hinsicht Interesse bietet. Sie enthält getreufarbige 
Kopien von Initialen und Miniaturen der mittelalter- 
lichen Bilderhandschriften und giebt zugleich auf 
460 Tafeln eine Uebersicht über das gesamte Schrift- 
wesen des 1 6. Jahrhunderts. 

SCHULEN 

MAGDEBURG. Nach dem Bericht der Kunst- 
gewerbe- und Handwerkerschule über das Schul- 
jahr iSgSjgg wurde die Anstalt im Sommer- 



halbjahr 1898 von 1335, im Winterhalbjahr 1898/99 
von 1494 Schülern besucht. Verhandlungen mit der 
Uhrmacher-Innung führten dazu, dass vom 1. April 
1898 ab das Uhrmacher-Fachzeichnen auf einen Wochen- 
vormittag ausgedehnt wurde. Neben dem Tages- 
unterricht im dekorativen Malen wurde vom 1. April 
ab ein', Sonntags-Kursus hierfür eingerichtet. Das 
bisherige »Freihandzeichnen nach Wandtafeln und 
Körpern« erfuhr insofern eine Umgestaltung, als auf 
das Körperzeichnen mehr Gewicht gelegt und dieses 
dem Zeichnen nach Moser'schen Wandtafeln voran- 
gestellt wurde. Das Körperzeichnen wird nunmehr 
auf der Unterstufe nach Stuhlmann'schen Modellen 
betrieben. Für vorgeschrittene Schüler kunstgewerb- 
licher Fächer wurden in beiden Semestern je sieben 
Wettaufgaben ausgeschrieben und bestimmt, die Ar- 
beiten nicht wie bisher mit Namen, sondern mit Kenn- 
wort versehen, einzureichen. Seit dem 1. Januar 1898 
besteht für die Lehrer der Anstalt ein Kursus für 
Körperzeichnen, welchen der Direktor leitet. Leider 
konnte die Beschaffung der nötigen Klassenzimmer 
mit dem Anwachsen der Schülerzahl nicht gleichen 
Schritt halten, so dass zu Beginn des Winterhalbjahres 
eine Anzahl neuer Schüler abgewiesen werden musste. 

-u- 

BÜCHERSCHAU 

Ausstellung von Kunstwerken des Mittelalters und 
der Renaissance aus Berliner Privatbesitz, veranstaltet 
von der Kunstgeschichtlichen Gesellschaft, 20. Mai bis 
3. Juli 1898. Berlin, G. Grothe'sche Verlagsbuch- 
handlung, 1899. Gr. 4*. 178 S., mit Textbildern 
und 60 Tafeln in Lichtdruck. 
Der stattliche Band, der durch das opferwillige Zu- 
sammenwirken von Kunstfreunden und Kunstgelehrten, 




Tapelenmuster, entworfen von Architekt O. SIEDLE, Berlin 



KLEINE MITTEILUNGEN 



159 



Drucktechnikern und der Verlagsfirma entstan- 
den ist, ist ein Denkmal deutscher Arbeit im 
Dienste der Kunst, auf das alle Beteiligten stolz 
sein dürfen. Was vor zwanzig Jahren nur in 
Paris oder London möglich schien, eine ge- 
schlossene und ansehnliche Ausstellung alter 
Kunstwerke einer begrenzten Epoche nur aus 
Privatbesitz zu vereinigen, das ist durch die uner- 
müdliche Anregung fast eines einzigen Mannes 
und durch die kunstfreudige Teilnahme zahl- 
reicher feinsinniger Sammler auch in Berlin 
erreichtworden. Der Kunstbesitz in der Berliner 
Gesellschaft um 1 870 war, von 
wenigen Ausnahmen abgesehen, 
recht bescheiden. Was der 
preussische Adel besass, war 
an sich nicht beträchtlich und 
wurde grösserenteils auf den 
Landsitzen aufbewahrt. Auf 
die Beamten war nicht zu 
rechnen. Die Bürgerkreise 
hatten weder Kunstbesitz noch 
Kunstsinn ererbt. Das künst- 
lerische Interesse der Gesellig- 
keit drehte sich um die Musik. 
Die kunstgewerbliche Ausstel- 
lung im Zeughaus 1872 musste 
sich vornehmlich auf die 
öffentlichen Sammlungen und 
das königliche Haus stützen. 
Das ist anders geworden, seit 
die königlichen Museen in den 
siebziger Jahren unter that- 
kräftige und einsichtige Führer 
gestellt wurden. Unter ihnen 
waren Männer, die sich nicht 
damit begnügten, ihreMuseums 
bestände zu vermehren, son- 
dern die es als ein Stück 
ihres Amtes und ihres Berufes 
ansahen, die Freude an guten, 
alten Kunstwerken in weiteren 
Kreisen planmäsig zu pflegen 
und in Berlin neben dem 
öffentlichen auch einen privaten 
Kunstbesitz zu schaffen, der 
uns so sehr fehlte. Das ist 
nicht nur für die Museen ein 
unschätzbarer Gewinn. Sie 
bedürfen eines festen Kreises 
verständnisvoller Freunde, Be- 
obachter, Förderer; sie schwe- 
ben in der Luft ohne einen 
solchen Unterbau, 
auch eine Frage der 
Kunsterziehung, das 
alte Kunstwerk, das 
der Einzelne schätzt 
und zum dauernden 
Genuss erwirbt, sei 
es ein Gemälde, ein 




Ehrenpreis S. K. H. des_Orossh. Friedrich 
Entwurf von H. GÖTZ, Ausführung 



vonÄBadi 
von Prof, 



plastisches Kunstwerk oder ein gutes Stück 
der Kleinkunst, wird ihm und seinen Freunden 
als ein Masstat) dienen für die Schätzung der 
Kunst; es führt sein Interesse weiter zu ver- 
wandten Arbeiten; es wird über kurz oder 
lang sein Kunstgefühl, sein Kunstbedürfnis, 
seinen Geschmack heben und richten. , Es 
ist kurzsichtig, wenn die Freunde lebender 
Kunst sich über die Freude an solch altem 
Besitz beklagen. Wie die Kunsthistoriker, 
so gehören auch die Sammler heute zu 
den wärmsten Förderern neuester Kunst. Als 
ein Mittelpunkt dieser Interessen 
ist 1 886 die Kunstgeschichtliche 
Gesellschaft in Berlin begründet 
worden. Sie hat bisher drei 
Ausstellungen aus Privatbesitz 
veranstalten können, eine für 
niederländische Kunst, eine 
für das 18. Jahrhundert und 
als reifste und fruchtbarste im 
Frühjahr 1 898 die Renaissance- 
Ausstellung, von der dieser 
Band berichtet. In den Aus- 
stellungssälen der Kgl. Aka- 
demie, Unter den Linden, 
waren Gemälde, Bildwerke, 
Zeichnungen, Möbel, Metall- 
geräte, Majoliken und andere 
Arbeiten des Kunsthandwerks 
in sorgfältiger Anordnung auf- 
gestellt; neben Ihren Majestäten 
dem Kaiser und der Kaiserin 
Friedrich und wenigen An- 
stalten hatten siebzig Privatleute 
beigesteuert. Durch das vorlie- 
gende Werk werden ;die Kunst- 
wissenschaft und die Kunst- 
freunde in die Lage gesetzt, 
aus der erfolgreichen Ausstel- 
lung einen dauernden Gewinn 
zu ziehen. Berufene Gelehrte 
besprechen die einzelnen Grup- 
pen nach ihrem kunsthistori- 
schen und künstlerischen Wert; 
die sechzig Tafeln und zahl- 
reichen Textbilder geben die 
Hauptarbeiten in vorzüglichen 
Lichtdrucken wieder. Als Her- 
ausgeber ist Wilhelm Bode 
genannt. Jeder Kundige weiss, 
dass seinem unerreichten 
Schaffensmut nicht nur dieses 
Werk, sondern auch die Aus- 
stellung selbst 
und ihre Ver- 
anstalterin, die 
Kunstgeschicht- 
liche Gesell- 
schaft, ja der 
grösste Teil des 



^fit^-^i 



ex-^ 



en zum Iffezheimer Rennen 1893. 
R. MAYER in Karlsruhe. 



h 



i6o 



KLEINE MITTEILUNGEN 



hier vorgeführten heimischen Kunstbesitzes ihr Dasein 
danken. In dem vorliegenden Bande hat er ausser 
der Einleitung noch einige besonders ausführliche, zu 
selbständigen Bildern abgerundete Aufsätze g'eschrieben, 
über die italienischen Bronzen, die florentiner Haus- 
möbel und die altflorentiner Mosaiken, Studien, die 
jeder Bearbeiter des alten Kunst- 
gewerbes wird zur Hand haben 
müssen. Unter der sorgfältigen 
Redaktion von Richard Stettiner 
haben ausserdem Max J. Fried- 
länder, H.Mackowsky, O. Gronau, 
W. Voege, L. Kaemmerer, H. von 
Tschudi, F. Knapp, J. Menadier, 
F. Sarre, W. Weisbach die ver- 
schiedenen Gruppen behandelt. 
Der Genuss an den abgebil- 
deten Kunstwerken und die 
Achtung vor der wissenschaft- 
lichen Arbeit wird noch er- 
höht durch das Äussere des 
Buches, das in jeder Hinsicht 
mustergültig ist und es mit allen 
ähnlichen Publikationen des Aus- 
landes aufnehmen kann. Das 
Papier, der Druck in allen seinen 
Teilen, der sorgfältige Lichtdruck, 
den man nicht nur für die Ta- 
feln, sondern sogar für die 
Textbilder angewendet hat (eine 
Mühe, die der Kundige würdigen 
wird, weil es zweimaligen Druck 
bedingt), alles ehrt ebenso die 
Herausgeber wie die beteiligten 
Druckanstalten (Reichsdruckerei 
und Albert Fritsch) und die 
opferwillige Verlagshandlung. 
Möge der deutsche Bücher- 
markt beweisen, dass er solchen 
kunstfrohen Wagemut zu schätzen 
weiss. Das gilt besonders auch 
für unsere kunstgewerblichen 
Kreise, Privatleute, Bibliotheken 

und Museen. 

Peter Jessen. 













zu UNSERN BILDERN 

Wir bingen in diesem Hefte verschiedene Ent- 
würfe des Architekten] .,G. Siedle in Berlin. Der 
Künstler denkt sich den Entwurf für Intarsie auf 
Seite 148 als SchrankthürfüUungen. Es sollen diese 
Füllungen gewissermassen Ge- 
denkblätter an die Schwarz- 
waldheimat des Künstlers sein. 
Das Haus, auf der Höhe zwi- 
schen Furtwangen und Oüten- 
bach gelegen, zur Gemeinde 
Neukirch gehörig, heisst »der 
Bregema« und ist die Stamm- 
heimat seiner Familie, das Haus 
im Thal, »die Breg« bei Furt- 
wangen die Geburtsstätte des 
Künstlers. 

Bei seinen Zugabenentwürfen 
leitete den Künstler der Gedanke, 
vor allem »deutsche Zugaben«, 
d. h. also Zugaben zu liefern, 
welche in ihrem Muster sich 
nicht an englische und andere 
Arbeiten anlehnen. Leider ist 
es nicht möglich, die farbigen 
Tapetenentwürfe in ihrem rich- 
tigen Tonwerte zu reprodu- 
zieren. Bei der Wahl der 
Farben ging der Künstler von 
dem Grundsatze aus, jedem 
Raum eine seinen Zwecken 
entsprechende Grundstimmung 
zu geben. Sämtliche Arbeiten 
waren auf der letztjährigen 
grossen Berliner Kunstausstellung 
ausgestellt gewesen. 

BERICHTIGUNG 

Der in unserem Heft 6 ver- 
öffentlichte Kamin ist nach einem 
Entwurf und unter Leitung der 
Herren Architekten Kayser und 
von Groszheim für das Schloss 
Varchentin in der Werkstatt der 
Firma Kimbel & Friederichsen, 
Berlin, Yorkstr. 43, ausgeführt 



Pokal aus vergoldetem Silber mit eingesetzten Korallenästen, entworfen von A. RIEOL, München. 



Herausgeber und für die Redaktion verantwortlich: Professor Karl Hoffacker, Architekt in Charlottenburg - Berlin. 

Druck von Ernst Hedrich NachJ'., G. m. b. H., Leipzig. 



Kunsigewerbeblatt. N. F. XI. H. g. 

25 




Innenraum aus Teheran. 




h.iMEYEK-CASjEL <,g 



DAS ARABISCHE KUNSTHANDWERK 



VON Karl Eugen Schmidt (Kairo). 




IE arabische und im allgemeinen die ganze moslimische Kunst unter- 
scheidet sich sehr wesentlich von allen abendländischen Kunstrichtungen 
dadurch, dass hier niemals eine Trennung der Kunst vom Handwerke 
stattgefunden hat. Der arabische Künstler war und ist heute noch zu- 
gleich Handwerker, und der Handwerker ist Künstler. Diese Verbindung 
ist so innig, dass man beim Schreiner, beim Schlosser, beim Gold-, 
Silber- und Kupferschmied, beim Weber, beim Sticker und beim Leder- 
arbeiter Nordafrikas nirgends die Linie ziehen kann, wo das Handwerk 
aufhört und die Kunst anfängt. Zu keiner Zeit hat sich in den Ländern 
mit arabischer Kultur das Bestreben gezeigt, die Kunst vom Handwerk zu 
trennen und eine sogenannte reine Kunst zu schaffen, sondern wie in Europa 
zur Zeit der höchsten Blüte des Kunsthandwerks hatte' und hat bei dem 
Araber und bei den von arabischem Geiste durchdrungenen Völkern die 
Kunst stets nur den Zweck, das Schöne mit dem Nützlichen zu ver- 
binden! Es gab und giebt keine arabische Kunst um ihrer selbst willen, 
sondern alle arabischen Kunstwerke aus alter und neuer Zeit dienen einem 
nützlichen Zwecke, und die Kunst wurde und wird einzig dazu ange- 
wandt, um notwendige Gegenstände zu verschönern, handele es sich nun 
um die Dekoration einer Moschee oder eines Wohnhauses oder um die 
Verzierung einer Truhe oder eines Kochtopfes. 

Dass die arabische Kunst auf diesem festen Boden unwandelbar stehen 
geblieben ist, während sich überall im Abendlande Kunst und Handwerk 
trennten, hat sie vielleicht grossenteils der strengen Auslegung jener Koran- 
stelle zu verdanken, welche die Götzenbilder verdammt. Diese an sich ganz 
unschuldige Stelle, die sich lange nicht so gut zu einer derartigen Deutung 
schickt, wie das jüdische »Du sollst Dir kein Bildnis noch irgend ein 
Gleichnis machen', ist von den Kommentatoren zu einem Verbote der 
Nachbildung aller lebenden Wesen und weitergehend aller existierenden 
Dinge überhaupt verdreht worden. Obgleich nun das auf diese Weise 
entstandene Verbot niemals allzugenau befolgt worden ist, so wurde doch 
der arabischen Kunst gerade jene Stütze entzogen, die in allen Ländern und 
bei allen Völkern von Anfang an der Haupthalt der aufblühenden Künste 
gewesen ist. Während die höchsten Kunstbestrebungen des Urbewohners 
von Australien, Afrika und Amerika der Herstellung und Ausschmückung 
des Götzenbildes galten, und während in gleicher Weise die Bildhauer und 
Maler Europas ihre schönsten Werke im Dienste der Kirche schufen, 
blieben die arabischen Moscheen den Bildern des wirklichen Lebens ver- 
schlossen, und im Gotteshause blieb die arabische Kunst eine angewandte, 
dem Zwecke untergeordnete und rein dekorative Kunst, wenn auch mancher 
Fürst die Säle seines Palastes mit Gemälden und Statuen ausschmücken mochte. 

25* 



104 



DAS ARABISCHE KUNSTHANDWERK 



In der Moschee durfte nichts in der Dei<oration 
an in der Wirkhchkeit existierende Dinge erinnern, 
und höchstens findet sich hie und da ein dekoratives 
Motiv, was ursprünghch der Pflanzenwelt entnommen 
scheint, obgleich es in seiner starken Stilisierung kaum 
noch an sein natürliches Vorbild erinnert. Wenn man 
bedenkt, eine wie grosse Rolle Religion und Kirche 
in der Entwicklung der Kunst des Abendlandes ge- 
spielt haben, so kann man leicht begreifen, dass dieses 
Verhalten der moslimischen 
Kirche fühlbare Folgen für 
die arabische Kunst haben 
musste. Sie wurde dadurch 
von der Darstellung lebender 
Wesen abgehalten, und so 
konnte hier 
weder der Hi- 
storien- noch 
der Porträt-, 
weder der 
Genre- noch 
der Tiermaler 
entstehen. Die 
weitere Aus- 
dehnung des 
Verbotes auf 
alle existieren- 
den Dinge 

überhaupt 
machte auch 
den Land- 
schafter sowie 

den Maler von Stillleben und Archi- 
tektur unmöglich. Ebenso ging es 
der Bildhauerei, und wie hätte sich 
nun unter so gestalteten Umständen 
eine der europäischen entsprechende 
»hohe, reine Kunst«, ein art pour l'art, 
entwickeln können? 

Indem somit die arabische Kunst auf 
fast alle jene Gebiete verzichtete, welche 
der europäischen Kunst ihre Vorbilder 
lieferte, zwang sie sich zugleich, dem 
Handwerk treu zu bleiben, 
denn was hätte der Schöpfer 
eines selbständigen, keinem 
praktischen Zwecke dienen- 
den Kunstwerkes darstellen 
können? Wenn deshalb dem 
von den italienischen Schatz- 
kammern der Kunst kom- 
menden Rei- 
senden dieara- 
bischenKunst- 
werke Kairos 
uninteressant 
und kaum be- 
achtenswert 
erscheinen, so 
kann dies nur 
für denjenigen 





Tischlampe für elektrisches Licht, entworfen von A. RIEOL, München. 



zutreffen, der Gemälde und Statuen sucht. Wer da- 
gegen den Spuren der eigentlichen Volkskunst, des 
Kunsthandwerks, nachgeht, der wird in den Ländern 
arabischer Gesittung eine Fülle beachtenswerter Kunst- 
werke finden. Nicht nur die hinlänglich bekannten 
Ornamente der Decken und Wände der Moscheen, 
jene als Arabesken bezeichneten endlosen Schnörkel 
und Linien, die sich rastlos ein- und ausschlingen, 
immer wieder neue Verbindungen eingehen und trotz 
anscheinender Willkürlichkeit 
und Planlosigkeit stets genau 
berechnete geometrische Fi- 
guren bilden; nicht nur die un- 
übertroffene Meisterschaft der 
Araber auf dem Gebiete der 
dekorativen 
Kunst, wie wir 
sie in den von 
märchenhafter 
Farbenpracht 
erglänzenden 
Sälen der Al- 
hambra zu 
Granada und 
desAlcazarszu 
Sevillabewun- 
dern , reizen 
den Freund 
der volkstüm- 
lichen Kunst 
in Marokko, 
Algier, Tunis 
und Ägypten, sondern mit nicht minder 
hohem Genuss wird er in den Bazaren 
und Werkstätten der Töpfer und Tisch- 
ler, der Schmiede und Weber, derGold- 
und Lederarbeiter Umschau halten. Denn 
die Künstler der genannten Länder be- 
gnügen sich heute noch mit der Her- 
stellung und Ausschmückung von Ge- 
brauchsgegenständen, und die drei- 
hundert Goldschmiede, welche in den 
engen Buden des Suk-en-Nahasin zu 
Kairo ihrem Gewerbe ob- 
liegen, sind richtige Kunst- 
handwerker, Leute, die mit 
Verständnis und Freude das 
RohmateriaLselbständigzum 
Armband.FussringoderOhr- 
gehänge umwandeln. Eben- 
so steht es mit den Kupfer- 
schmieden, 
deren Bazar an 
den der Gold- 
schmiede 
stösst, mit den 

Drechslern, 
den Teppich- 
wirkern, den 
Verfertigem 
der bunten 



DAS ARABISCHE KUNSTHANDWERK 



165 



Vorhänge, den Webern, den Sattlern ir. s. w. So ein 
kairenischer Sattel ist i<ein Schablonenstüci<, wie sie 
zu Hunderttausenden aus der Fabril< kommen, sondern 
ein stolzes Kunstwerk, verziert mit unzähligen bunten 
Fransen, Messingnägeln, Perlenschnüren, Olöckchen 
und Gott weiss was sonst noch. Ebenso herausge- 
putzt ist der Zaum des Esels, und auf diese Weise 
schmückt der Nordafrikaner von Ägypten bis Marokko 
auch das gewöhnlichste Hausgerät. 

In der Art der Dekoration folgt das heutige 
arabische Kunsthandwerk ganz genau den alten Vor- 
bildern, und man kann ruhig sagen, dass sich in der 
arabischen Kunst seit vier Jahrhunderten nicht das Ge- 
ringste geändert hat. Denn wenn ein reicher Ägypter 
oder die Regierung von einem europäischen Bau- 
meister ein Gebäude errichten lässt, so ist das eben 
keine arabische Kunst, und wenn irgend ein Bey oder 
Pascha einem arabischen Schreiner nach europäischen 
Vorbildern Möbel anfertigen lässt, so stehen wir 
wiederum nicht vor Erzeugnissen des arabischen Kunst- 
handwerkes. In neuerer Zeit bemühen sich nämlich 
die oberen Zehntausend Nordafrikas - Marokko allein 
ausgenommen europäische Sitten nachzuäffen, und 
besonders in Ägypten wird darin Erkleckliches ge- 
leistet. Der reiche Ägypter kleidet sich nach Pariser 
Mode, sein Haus ist 
von einem deutschen 
oder französischen 
Architekten erbaut, 
seinem Garten steht 
ein europäischer Gärt- 
ner, seinem Stalle ein 
englischer Kutscher 
vor, und in seinen 
Zimmern sind nur 
Wiener Möbel zu 
sehen. Das geht so 
weit, dass der reiche 
Ägypter sogar die 
herrlichen orientali- 
schen Stoffe, die Vor- 
hänge, Decken und 
Teppiche aus seiner 
Wohnung verbannt 
hat, um dafür Chem- 
nitzer, Krefelder und 
Lyoner Erzeugnisse 
anzuschaffen. 

Nur die mittleren 
und unteren Klassen 
Ägyptens sind den 
heimischen Trachten 
und Sitten, dem hei- 
mischen Hausrat und 
der heimischen Kunst 
treu geblieben, und 
für diese Klassen ar- 
beiten die Hand- 
werker, die wie bei 
uns im Mittelalter 
nach den Gewerben 




Tischlampe für elektrisches Licht, entworfen von A. RIEOL, iWünchen. 



zusammenwohnen und den Strassen und Vier- 
teln ihre Namen geben. Das ist an vielen Orten 
Europas heute noch ein bisschen so: in Paris giebt 
es immer noch ein paar Goldschmiede am Quai des 
orfevres, und ich erinnere mich, dass ich einst in 
Rom, um einen Koffer zu kaufen, die Strasse der 
Koffermacher aufsuchte. In Nordafrika ist dieser alte 
Brauch noch ganz im Schwang, und sowohl in 
Marokko wie in Algier und in Ägypten habe ich be- 
obachtet, dass ganze lange Strassen mit Schuster- 
werkstätten angefüllt sind, während in einer anderen 
Strasse die Schreiner, weiterhin die Schlosser, die 
Bäcker, die Goldschmiede, die Büchsenmacher u. s. w. 
ihre Kunst ausüben. 

In Marokko, wo sich das Volk am reinsten er- 
halten hat und am wenigsten von europäischer Tünche 
bedeckt worden ist, bietet das Kunsthandwerk die 
interessantesten Seiten. In Tetuan wird eine ganze 
Breite des Marktes von den Büchsenschmieden ein- 
genommen, die jene abenteuerlichen Flinten mit dem 
zwei Meter langen Lauf, dem kühn geschwungenen 
Kolben und den famosen Steinschlössern bauen. Alles 
das wird von dem Meister mit seinen Gesellen vor 
den Augen des Vorübergehenden gemacht: der 
Büchsenschmied von Marokko ist kein Händler, der 

im höchsten Falle 
gerade noch im stände 
ist, eine ihm von der 
Fabrik zugeschickte 
Flinte zu zerlegen 
und wieder zusam- 
menzusetzeUj sondern 
die ganze Arbeit geht 
aus seinen Händen 
hervor. Er hobelt 
und schnitzt den 
Kolben zurecht, er 
schmückt ihn mit ein- 
gelegtem Silber, Perl- 
mutter und anderen 
bunten oder glänzen- 
den Dingen, er schmie- 
det die einzelnenEisen- 
teile und verziert sie 
mit eingeritzten Figu- 
ren und Inschriften, 
die häufig durch ein- 
gelegte Silberplättchen 
deutlicher gemacht 
werden, und wenn 
er mit all der Arbeit 
fertig ist und das 
Werkstück zusam- 
mengesetzt hat, geht 
er damit hinaus vor 
das Stadtthor und 
feuert die ersten 
Probeschüsse aus der 
neuen Waffe. Be- 
sonderes Vergnügen 
machte es mir, in 



i66 



DAS ARABISCHE KUNSTHANDWERK 





Plaketten „Medusa" und „Hygeia" von O. ROHLOFF, Berlin. 



Tetuan der Arbeit des Malers zuzusehen. Dies 
war der Mann, der die bunten Wandbretter, Kre- 
denzen und Truhen verfertigte, die den Kaffeehäusern 
und Wohnstuben in Marokko zum Hauptschmuck 
gereichen, sintemalen es daselbst weder Tische noch 
Stühle, weder Spinde noch 
Schränkegiebt. DerMarok- 
kaner hängt an seineWände 
eine Anzahl hölzerner bunt 
bemalter Wandbretter, die 
unseren kleinen Bücher- 
brettern ähneln, und darauf 
kommen dann die zumeist 
in Fez hergestellten schö- 
nen Vasen und Krüge zu 
stehen. Die Frauen ber- 
gen ihre Habseligkeiten 
in hölzernen Truhen von 
der Form eines etwas 
kurzen und hohen Sarges, 
der auf das bunteste mit 
Gold, Rot, Grün und 
Weiss bemalt ist. Im 
übrigen giebt es in den 
Zimmern nur Teppiche 
und Kissen als Hausrat, 
und die Belegung der 
Wände mit bunten Kacheln 
und noch bunterem Stuck 
oder kunstvollem Holz- 
getäfel vervollständigt die 
Wohnlichkeit der Räume. 
Dem Maler von Tetuan 
habe ich stundenlang bei 
seiner Arbeit zugesehen 
und dabei gelernt, dass 
diese Leute, obgleich der 



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Silberner Weinkühler, Kaiserpreis, entworfen und ausgeführt von 
O. ROHLOFF, Berlin. 



geometrische Charakter ihrer Dekorationen die An- 
ordnung von Schablonen geradezu herauszufordern 
scheint, stets aus freier Hand arbeiten. Dies scheint 
mir bemerkenswert, weil durch diesen Verzicht auf 
mechanische Hilfsmittel, die doch in diesem Falle so 

nahe lägen, der Hand- 
werker seine Selbständig- 
keit behauptet und seiner 
Arbeit den Stempel der In- 
dividualität d. i. der Kunst 
aufdrückt. Zwischen einem 
so bemalten Schrein und 
einem nach der Schablone 
geschmückten besteht der- 
selbe Unterschied wie 
zwischen einem Buche vor 
und einem solchen nach 
der Erfindung der Buch- 
druckerkunst. 

Etwas ähnliches be- 
obachtete ich mit Bezug 
auf die Herstellung der 
bunten Kacheln, deren 
man sich in Nordafrika 
und Spanien zum Pflastern 
der Fussboden und der 
unteren Hälfte der Zim- 
merwände, sowie auch 
häufig zum Ausschmücken 
der Aussenmauern und 
Dächer bedient. Die alten 
Arbeiten dieser Art, die 
sich in der Moschee von 
Cordoba sowie in anderen 
Bauten aus der Mauren- 
zeit in Südspanien erhalten 
haben,^ unterscheiden sich 




Innenrauin aus Teheran. 



DAS ARABISCHE KUNSTHANDWERK 



169 



sehr wesentlich 
von den »Azule- 
jos«, die heute in 
den Fabriken von 
Triana bei Sevilla 
hergestellt werden. 
In der alten Zeit 
war der Maurer, 
der den Fussboden 
und die Wand mit 
diesen »Azulejos« 
belegte, keine Ma- 
schine, sondern ein 
denkender Mensch: 
er stellte die klei- 
nen Plättchen, de- 
ren jedes nur eine 
einzige Farbe hatte, 
so zusammen, dass 
sie regelmässig verlaufende und immer 
bindungen eingehende blaue, braune, 
grüne Linien und Figuren bildeten. Es 



dern hat die Ma- 
schine den denken- 
den Arbeiter um- 
gebracht und aus 
dem Handwerker 
einen Maschinen- 
teil gemacht, wäh- 
rend bei den Völ- 
kern arabischer Ge- 
sittung die Ma- 
schine ihren Sie- 
geszug noch nicht 
angetreten hat und 
somit der Hand- 
werker ein selbst- 
thätiges, denken- 
des Wesen geblie- 
ben ist. 

Auf die einzel- 
neue Ver- neu Erscheinungen des arabischen Kunsthandwerks 
weisse und einzugehen, dünkt mir wenig angebracht, weil sich 
war das ein hierin seit Jahrhunderten nichts geändert hat. Die 




Jardiniere, entworfen von Bildhauer ALB. MAYER, Geislingen. 





aus kleinen Stückchen bestehender Mo- 
saik aus Fayence. So ist es noch heute 
in Marokko. In Spanien aber werden 
jetzt nur noch quadratische Azulejos 
hergestellt, die gleich mit der bunten 
Zeichnung in mehreren Farben ge- 
brannt werden. Der spanische Maurer 
braucht also nur ein Quadrat neben 
das andere zu legen, und die Zeich- 
nung stimmt dann immer ganz von 
selbst. Jeder Pudel könnte diese Ar- 
beit verrichten, aber zu der altspani- 
schen und maurischen Arbeit ist ein 
Mensch erforderlich. Und so geht es 
mit allen den Künstlern des Handwerks. 
Überall in Europa und in den von 
europäischer Kultur heimgesuchten Län- 

Kunstgewerbeblalt. N. F. XI. H. 9. 




Schalen, entworfen von Bildhauer 
ALB. MAYER, Geislingen. 



arabischen Kunstformen des Mittelalters, 
die heute noch ganz unverändert das 
Kunsthandwerk beherrschen, dürften all- 
gemein bekannt sein und keiner Be- 
schreibung benötigen. Es handelt sich 
in der arabischen Kunst fast ausschliess- 
lich um Flachornamentik, bestehe diese 
nun aus dem Bekleiden der Wände mit 
Fayenceplatten, aus dem Verschalen der 
Kanzeln und Thüren mit Mosaik von 
Holz, Metall oder Perlmutter, aus dem 
Einkratzen geometrischer oder auch 
pflanzlicher Muster in Kupfer- und 
Bronzekessel oder aus dem obener- 
wähnten bunten Bemalen des hölzernen 
Hausrats. Von erhobenen Ornamenten 
wussten und wissen die Araber so gut 

26 



170 



DAS ARABISCHE KUNSTHANDWERK 



wie nichts, und was sie in dieser Beziehung ge- 
leistet haben — die Stalaktiten in ihrer Architektur 
ausgenommen — ist auf fremde Einflüsse zurück- 
zuführen. 

Unser jetzt anscheinend zu neuer Blüte auf- 
schiessendes europäisches Kunstwerk wird von dem 
arabischen kaum etwas lernen können, vor allen Dingen 
deshalb nicht, weil unsere modernen Bestrebungen im 
Grundprinzip den arabischen Kunstformen diametral 
gegenüberstehen. Wir suchen uns in Europa so viel 
wie möglich an die Natur anzuschliessen; wir wollen 
keine anderen als die Beispiele der Natur als Vor- 
bilder anerkennen, — und die arabische Kunst hat 



von jeher genau das Gegenteil gethan. Hat dies 
einerseits die Folge gehabt, dass sich die der Volks- 
kunst so schädliche Trennung des Handwerks und 
der Kunst nicht vollzog, so ist andererseits durch das 
Verwerfen aller natürlichen Vorbilder die arabische 
Kunst in eine Sackgasse gedrängt worden, deren Ende 
sie bald erreicht hatte und wo sie nun seit Jahr- 
hunderten steht, ohne einen Schritt vorwärts zu thun. 
Denn die Natur ist unendlich und bietet uns immer 
wieder neue Formen in unerschöpflicher Fülle, während 
selbst dem kühnsten Grübler und Tüftler nichts mehr 
einfallen kann, was vor ihm andere Grübler und 
Tüftler nicht schon gedacht hätten. 




Blumenkübel, Entwurf von AUG. GLASER, München. 




Tisch und Stuhl aus dem Innenraum von SCHNE1DEF< & HANAU, Frankfurt a. M. Ausgestellt auf der l'ariser Weltausstellung 1900, 



DAS DEUTSCHE KUNSTGEWERBE 
AUF DER PARISER WELTAUSSTELLUNO 



I. 



ALS im Jahre 1851 die erste Weltausstellung in 
London stattfand, waren die > Schönen Künste« 
vom Progamm so gut wie ausgeschlossen. Und 
als der französische Kommissar, Graf de Laborde, es 
dennoch versuchte, die Künstler seines Landes zur 
Teilnahme zu bewegen, wurde ihm von fast allen 
Seiten erwidert, man wolle sich nicht kompromittieren, 
der Künstler gehöre nicht in einen »Bazar«. Der 
Zusammenhang zwischen Kunst und Handwerk schien 
für immer verloren, und die unausbleibliche Folge 
davon, ein allgemeiner Rückgang des Geschmackes, 
machte sich bereits deutlich fühlbar; schleunige Hilfe 
war unbedingt nötig. Aus diesen Erfahrungen und 
Erwägungen heraus entstand de Laborde's berühmter 
Bericht über die Londoner Ausstellung, dessen leitende, 
später in seinem Buche über die »Vereinigung der 
Künste und Industrie« weiter ausgeführte Gedanken 
nicht nur in Frankreich den grössten Widerhall fanden 
und mit den wichtigsten Anstoss zu der allgemeinen 



Bewegung für die Wiederbelebung des Kunstgewerbes 
gaben. Aber die in London, Paris, Wien, Berlin, 
Hamburg, Dresden, Leipzig und vielen anderen Städten 
gegründeten Kunstgewerbemuseen und die überall 
emporschiessenden Kunstgewerbeschulen führten im 
allgemeinen nur zur verständnisvollen Wiederaufnahme 
früherer Stilweisen. Man erinnert sich, welche Be- 
geisterung in Deutschland eine Zeit lang für die ita- 
lienische Renaissance herrschte, wie dann nach dem 
70er Kriege »altdeutsch« die Losung wurde, wie man 
dann, der schweren Eichenschränke und Eichenstühle 
müde, dem Barock und Rokoko Eingang verschaffte 
und schliesslich auch das Empire begeisterte Anhänger 
fand. Von einem wirklich modernen Kunstgewerbe, 
das seine Formen aus dem Gebrauchszwecke und der 
Natur des Materials entwickelt und sich im Dekor an 
die Motive der heimischen Fauna und Flora anlehnt 
und diese zu stilisieren sucht, kann man erst seit der 
Mitte der 80er Jahre reden. Heute erscheint uns die 

26* 



172 



DAS DEUTSCHE KUNSTGEWERBE AUF DER PARISER WELTAUSSTELLUNG 



einstige Veraclitung der »kleinen Künste« fast unbe- 
greiflicli. Ja, die Rollen sind heute beinahe vertauscht. 
Oiebt es doch schon Leute, die ein Gemälde oder 
eine Skulptur nur auf ihre dekorative Wirkung hin 
prüfen. 

Es war zu hoffen, dass die diesjährige Weltaus- 
stellung zum erstenmale einen grossen Überblick 
über die neuen Bewegungen geben und so ein Urteil 
über ihre Bedeutung erlauben würde. Diese Hoffnung 
hat sich in der glänzendsten Weise erfüllt. Das Kunst- 
gewerbe steht vielleicht an der allerersten Stelle. Es 
füllt nicht allein zwei grosse Paläste und eine ganze 
Anzahl Annexe auf der Invaliden-Esplanade aus, son- 
dern ist auch in fast alle anderen Abteilungen ein- 
gedrungen. Vor allem haben natürlich die meisten 
Völker sich bestrebt, ihre am Quai d'Orsay gelegenen 
eigenen Paläste bis in alle Einzelheiten aufs Vor- 
nehmste und Geschmackvollste auszustatten und haben 
einige überhaupt ihre besten kunstgewerblichen Er- 
zeugnisse in ihnen vereinigt. Dann aber begegnet 
man fast überall, bei den Nahrungsmitteln wie bei 
den Garnen und Geweben, bei den wissenschaftlichen 
Instrumenten wie bei den chemischen Produkten, dem 
Bestreben, die Erzeugnisse in künstlerisch ausgeführten 
Schränken oder Räumen aufzustellen und diese zu 
einem architektonisch gegliederten harmonischen Ganzen 
zu vereinigen, das zugleich die Natur dieser Erzeug- 
nisse, soweit möglich, andeuten soll. Wenn man z. B. 
früher dem Deutschen vorwerfen konnte, dass er seine 
guten Waren geschmacklos und unvorteilhaft ausstelle, 
so ist es um so höher anzuschlagen, dass Deutsch- 
land und mit ihm Deutsch - Österreich diesmal auf 
mehreren Gebieten in solchen Arrangements das Beste 
geleistet haben. Überhaupt bekommt man nach den 
ersten Besuchen den Eindruck, dass Frankreich in 
mehreren Gruppen, wie vor allem der Juwelierkunst, 
noch den ersten Rang behauptet, dass es aber in 
vielen andern von den germanischen Völkern Deutsch- 
land, Österreich, England und Skandinavien überholt 
oder wenigstens eingeholt worden ist, und dass um- 
gekehrt die südlichen romanischen Völker den Kampf 
scheinbar aufgegeben haben. 

Mit dieser Ungeheuern Bedeutung, die das Kunst- 
gewerbe in der letzten Zeit erlangt hat, steht die Ver- 
ständnislosigkeit, mit dem ihm an leitender Stelle be- 
gegnet worden ist, in schneidendem Widerspruche. 
Die offizielle Einteilung der Ausstellung kennt den 
Begriff Kunstgewerbe überhaupt nicht. Sie hat wohl 
eine Gruppe: Dekoration und Ausstattung von öffent- 
lichen Gebäuden und Wohnräumen, aber in diese sind 
weder die Bronzen noch die Juwelierarbeiten, noch 
die Gold- und Silbersachen, dagegen Heizröhren, 
Thermometer uud Lampencylinder aufgenommen wor- 
den. Nach der Ansicht der Ausstellungsleitung gehört 
ein silberner Tafelaufsatz nicht zu den Porzellanvasen, 
sondern zu den Bürsten und Korbwaren, d. h. zu der 
Verlegenheitsgruppe: Verschiedene Industrien. Auf den 
Protest verschiedenerauswärtiger Kommissare hin hat man 
sich dann entschlossen, die beiden Gruppen zusammen- 
zuwerfen. Und so erleben wir es denn, dass bei 
Amerika die Tiffany-Gläser dicht neben Tintenflaschen 



und Reisekoffern stehen. Deutschland und ein paar 
andere Völker haben sich so zu helfen gewusst, dass sie 
für die nicht rein kunstgewerblichen Gegenstände der 
beiden Gruppen besondere kleine Gebäude errichtet 
haben. 

Eine der wichtigsten modernen Bestrebungen ist 
darauf gerichtet, die Zimmereinrichtungen in Form 
und Ton so harmonisch wie möglich zu gestalten. 
Eine völlig einheitliche Durchführung, die dem Zufall 
und der Laune gar keinen Spielraum liesse, würde 
sich allerdings mit Behaglichkeit und Eigenart nicht 
immer vereinigen lassen; jedenfalls aber will man von 
Bric-ä-brac nichts wissen. Nun aber sind die Aus- 
stellungen immer geradezu eine Schule des Bric-ä-brac 
gewesen. Der Besucher kam von ihnen zurück wie 
von einer Reise in fremde Länder, hatte sich die 
verschiedenartigsten Gegenstände zusammengekauft und 
verwandelte seine Wohnung in.einMiniatur-Musum für 
die staunenden Bekannten. Dieser Neigung galt es nach 
Kräften zu steuern und dies Hess sich nur durch die 
Schaffung von abgeschlossenen vorbildlichen Zimmern 
bewerkstelligen. Andererseits aber soll eine Ausstellung 
möglichst vollständige Übersichten über die einzelnen 
Industriezweige geben und Vergleiche ziehen lassen. 
Man. konnte sich also nicht damit begnügen, einzelne 
Bronzen, Goldarbeiten, Porzellanvasen oder Steingut- 
töpfe in die Zimmer zu stellen, sondern musste sie 
in eigenen Räumen geschmackvoll vereinigen. Beide 
Zwecke sind in der deutschen Abteilung durch ihren 
Architekten Professor Hoffacker in trefflicher Weise 
erreicht worden. 

Kommt man von der amerikanischen Abteilung 
her auf die deutsche zu, so wird man aufs angenehmste 
überrascht. Die hässlichen Doppeltreppen im Eiffel- 
stil sind verschwunden, und auch die mageren Rippen 
der Eisenkonstruktion sind so viel wie möglich ver- 
hüllt. Wir glauben in die Vorhalle eines vornehmen 
Palastes zu treten. An der Eingangsseite ist der 
Raum nur durch eine niedrige Mauer abgeschlossen, 
an den üb:-gen drei Seiten bilden grau getönte, bis 
zum Gelär.-'.cr des Oberstocks hinaufgehende und sich 
nach allen Seiten in weiten flachbogigen Durchgängen 
öffnende Wände den Abschluss, über welchen ein 
reich geschmiedetes Gitter, unterbrochen von vorge- 
legten Stuckbaikonen den Abschluss nach oben 
bildet. Dieselbe Architektur wiederholt sich mit ge- 
wissen Abweichungen im Oberstock, bildet aber hier, 
da der Deutschland dort zugewiesene Raum fast 
doppelt so gross ist, ein geschlossenes Viereck. In 
der Mitte des ganz mit Kiefersfelder Marmor ausge- 
legten Fussbodens erhebt sich auf einem mit Moos, 
Epheu, Farren- und Haidekraut bewachsenen Felsen 
eine grosse schmiedeeiserne Gruppe, die nach dem 
Modell des Professors Fritz Hausmann von Gebr. 
Armbrüster gefertigt worden ist: ein mächtiger Adler, 
der den Drachen der Zwietracht besiegt hat. Dahinter 
stehen, den Eingang zum Durchgangsraum flankierend, 
auf hohen Sockeln die beiden bekannten Maison'schen 
Reiter vom Reichstagsgebäude, in halber Grösse wie 
die Originale von Knodt in Frankfurt a. M. in Kupfer 
getrieben. Von der Mittelwand des Obergeschosses 




Kaminecke aus dem Innenraum von SCHNEIDER & HANAU in Frankfurt a. M. Ausgestellt auf der Weltausstellung in Paris 1900. 



174 



DAS DEUTSCHE KUNSTGEWERBE AUF DER PARISER WELTAUSSTELLUNG 



aber leuchten uns drei nach Kartons des Professors 
Max Koch von Puhl und Wagner ausgeführte Mosaik- 
gemälde entgegen: Der Friede beschützt die deutsche 
Arbeit. Links und rechts unten stehen an Pfeilern 
je zwei der in Bronze gegossenen Kaiserstatuen vom 
Reichstag. Um diese festliche Halle gruppieren sich 
nun mehr als ein Dutzend vornehm ausgestattete 
Zimmer, zu denen fast ebenso viele im Oberstock 
kommen. Wir finden die grösste Mannigfaltigkeit, 
neben völlig modernen solche in früheren Stilweisen, 
neben fürstlichen oder für öffentliche Gebäude be- 
stimmten Prunkräumen schlichte Wohn- und Schlaf- 
zimmer. Bedingung war nur, dass sie einen künst- 
lerischen und einheitlichen Charakter tragen. Links 
gelangen wir zunächst zu dem äusserst kostbaren 
Schlafzimmer in Cedernholz, dessen Täfelung nach 
Hoffacker's Entwurf von G. Olm, Berlin, dessen 
Möbel von J. Zwiener für den deutschen Kaiser aus- 
geführt wurden. Daneben befinden sich ein grösserer 
und ein ganz kleiner Raum der Fabrik Buyten & Söhne 
in Düsseldorf, der erstere nach Entwürfen von v. Ber- 
lepsch-München, der andere nach Angaben des Land- 
schaftsmalers Oeder-Düsseldorf. Rechts liegen andere 
von Berliner Künstlern entworfene Räume, deren 
Möbel zum Teil, neben einem Speisezimmer von 
J. Groschkus, Berlin, ebenfalls für die königlichen 
Schlösser bestimmt sind, und dahinter ein altnieder- 
deutsches Zimmer von Heinrich Sauermann-Flensburg, 
ein gewölbtes, gänzlich in Marketeriearbeit ausgeführtes 
Musikzimmer von Wölfel-Stuttgart nach Entwürfen von 
Gustav Halmhuber, ein kleiner Salon im Louis XVI.- 
Stil von Schneider & Hanau in Frankfurt a. M., 
ein modernes Zimmer mit Marketerie von Robert 
Macco-Heidelberg nach Entwürfen von J. Süssenbach- 
Berlin, endlich zwei kleine ganz moderne Nischen 
eines Treppenhauses von Bodenheim- Berlin, zu denen 
der Architekt H. Werle die Zeichnungen geliefert hat. 
Hinten bildet ein von Emanuel Seidl - München in 
Anlehnung an den pompejanischen Stil entworfenes 
Prunkzimmer mit Möbeln von Franz Stuck den Durch- 
gang zur Porzellanabteilung. Daran schliessen sich 
links ein Zimmer eines Kunstfreundes, ein Erkerraum 
und ein Jagdzimmer, zu denen die Münchener Maler 
Riemerschmied, Pankok und Bruno Paul die Entwürfe 
geliefert haben und die in der Hauptsache von den 
Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk aus- 
geführt worden sind. Rechts von dem Prunkzimmer 
befinden sich ebenfalls Münchener Räume nach Ent- 
würfen von Gabriel Seidl und Paul Pfann. Die hinter 
diesen Räumen gelegene, durch Oberlicht erleuchtete 
Verbindungshalle ist neben einigen kleinen anderen 
Räumen der Austeilung der Keramik eingeräumt. 
Der grosse Saal hinter dem Prunkzimmer enthält die 
Erzeugnisse der Berliner und Nymphenburger Por- 
zellanmanufakturen und verschiedener Privatfabriken. 
Auf ihn folgen links die Meissener Porzellanmanufaktur 
und die Kunsttöpfereien Mehlem-Bonn und Villeroy & 
Boch-Mettlaq];i und Dresden, rechts ein Raum mit ver- 
schiedenen keramischen Erzeugnissen und eine Galerie 
mit den Glasfenstern und Bronzefiguren für den Frei- 
burger Rathaus-Neubau u. s. w. 



Wir hatten gesehen, dass die ursprünglichen 
Treppen des Kunstindustrie-Palastes von dem deutschen 
Architekten beseitigt worden waren. An ihre Stelle 
sind geräumige Treppenhäuser von bedeutender 
Wirkung getreten. Zu ihnen gelangt man von den 
abgeschrägten Ecken der Vorhalle aus durch sehr 
reizvolle Durchgänge mit eigentümlichen Mittelsäulen, 
deren gedrungene Schäfte mit Mosaik bekleidet sind 
und deren phantastisch reiche, mächtige Kapitelle 
durch eine Art Spangen mit den Gewölberippen ver- 
bunden werden. Das linke Treppenhaus erinnert an 
eine altdeutsche Diele. Die in drei Absätzen recht- 
winklig emporführende Treppe besitzt ein von Prof. 
Riegelmann-Charlottenburg mit Jagdscenen in Holz- 
schnitzerei reich geschmücktes Geländer. Am ersten 
Absatz ist in einer Nische ein kleiner Wohnraum mit 
Kamin von Max Läuger-Karlsruhe angebracht, dessen 
schöne Fliesen an verschiedenen Stellen der deutschen 
Abteilung die Wände beleben und insbesondere auch 
den unteren Teil des anderen Treppenhauses schmücken. 
Dieses ist zum grössten Teil mit Stuckornamenten 
verziert und macht einen ungemein prächtigen und 
freundlichen Eindruck. Die Treppenflügel führen aus 
einem mit gemalter Tonne überspannten Durchgang 
in ziemlich niedrigen Gewölben empor, vereinigen sich 
in halber Höhe auf einem Podest, um sich dann 
wieder zu teilen und in offenen Galerien aufzusteigen. 
Oben sind diese Galerien von in Holz geschnitzter 
Bogenstellung unterbrochen. Die Halbrundfelder über 
ihnen sind mit Bildern aus deutschen Märchen von Max 
Koch geschmückt. Der Plafond ist mit deutschen Adlern 
und die deutsche Kraft und Arbeit versinnlichenden Moti- 
ven reich geschmückt. Die Galerien jenseits der Treppen- 
häuser ähneln der entsprechenden unten, der Raum zwi- 
schen ihnen wird fast völlig von dem nach Lechterschen 
Entwürfen von Pallenberg-Köln ausgeführten und dem 
dortigen Kunstgewerbemuseum geschenkten Saal mit 
Erker ausgefüllt. An den Langseiten des oberen 
Stockwerks finden wir links zunächst das vom Zeichen- 
bureau der Karlsruher Kunstgewerbeschule unter 
Leitung ihres Direktors H. Götz entworfene Trau- 
zimmer des Rathauses zu Karlsruhe, dann ein modernes 
Herrenzimmer der Münchner Möbelfabrikanten und 
einen Raum mit Musikmöbeln und Teppichen 
von Eckmann, rechts ein Badezimmer von Voltz & 
Wittmer in Strassburg, ein Musikzimmer in Marketerie 
vom Maler Carl Spindler und ein modernes Empfangs- 
zimmer der Darmstädter Künstlerkolonie. Die übrigen 
Räume sind auch hier wieder den Ausstellungen be- 
stimmter Zweige des Kunstgewerbes gewidmet, und 
zwar finden wir drei Zimmer mit Juwelierarbeiten, 
Gold- und Silbersachen, mit Bronzen, Zinnsachen, 
Kunstgläsern u. s. w. und zwei mit Spielwaren, ferner 
je einen kleinen Raum mit Hulbe'schen und Collin- 
schen Lederarbeiten und einen mit Ankersteinbaukasten. 
Man sieht, die reinliche Teilung zwischen Kunstgewerbe 
und Industrie war nicht völlig durchzuführen, nachdem 
die beiden einmal zusammengeworfen worden waren. 
So mussten beispielsweise die durchaus künstlerisch 
ausgeführten Uhren der Münchner Werkstätten neben 
solchen Erzeugnissen der Uhrenindustrie ausgestellt 




Aus dem Inneiiraiim von SCHNEIDER & HANAU, hraiiKiur a. M. Ausgestellt auf der Pariser Weltausstellung iQoo. 




Ecke aus dem Innenraum von SCHNEIDER & HANAU, Frankfurt a. M., ausgestellt auf der Pariser Weltausstellung s. Abb. S. 173. 
Kunstgewerbeblatt. N. F. XI. H. g. 27 



178 



KLEINE MITTEILUNGEN 



werden, deren Wert einzig auf dem mechanischen 
Gebiete liegt, also unter den »Verschiedenen Industrien < 
des Annexes. In diesem Annexe, der gleichfalls von 
Hoffacker erbaut worden ist, kommt für uns haupt- 
sächlich die ziemlich reich ausgeschmückte Kapelle mit 
den Gegenständen der kirchlichen Kunst in Betracht. 
Damit ist, wie aus dem früher Gesagten schon 
hervorgeht, die Beteiligung Deutschlands auf den 
Gebieten des Kunstgewerbes keineswegs erschöpft. 
Vor allem ist natürlich auf die innere Ausschmückung 
des vom Postbauinspektor Radke erbauten deutschen 
Hauses die grösste Sorgfalt verwendet worden. Ganz 
besondere Beachtung verdient hier die grosse Halle 
mit ihrem wirkungsvollen Glasgemälde von Lüthi- 
Frankfurt a. M. und den fein abgestimmten Wand- 
malereien des Malers Gustav Wittig. In jeder Weise 
gelungen erscheint auch die Dekoration des Wein- 
restaurants vom Architekten Möhring. Ein Vorbild 
edelsten Geschmackes ist ferner das Arrangement der 
deutschen Kunstabteilung in dem Grossen Palaste der 
Champs-Elysees. Allerdings scheint es hauptsächlich 
als ein Rahmen für Lenbach's tieftonige Bildnisse 
berechnet zu sein und stimmt weniger gut zu den 
hellen modernen Bildern. Auch hier hat sich Emanuel 
Seidl an die Antike angeschlossen. Den Glanzpunkt 
bildet der ganz mit gelbem Damast ausgeschlagene 
mittlere Saal mit seinem weissen Fries auf schwarzem 
Grunde und den streng stilisierten Eingängen. Von 



Seidl rührt auch das Münchner Spatenbräu mit seiner 
fröhlich-bunten Ausschmückung her. Einen sehr reiz- 
vollen Eindruck macht ferner der deutsche Schiffahrts- 
pavillon des Hamburger Architekten Thielen. An der 
Ausschmückung der im Innern der Industriepaläste 
gelegenen deutschen Abteilungen haben besonders 
die Architekten Hoffacker, Möhring und Radke mit- 
gewirkt. Ausserdem sei auf die Schränke der chemischen 
Industrie von Griesebach, diejenigen der Optik und 
Feinmechanik von Otto Rieth und auf das elegante 
Arrangement der Krefelder Seidenindustrie von Hugo 
Koch hingewiesen. 

Dieser flüchtige Überblick zeigt, wie grosse An- 
strengungen von selten Deutschlands gemacht worden 
sind. Wie nun auch das Ergebnis im einzelnen aus- 
fallen mag — und dass Deutschland auf allen Ge- 
bieten Triumphe feiert, wäre wahrhaftig zuviel ver- 
langt — vergeblich werden sie nicht gewesen sein, 
und Anerkennung werden sie in vollem Masse finden. 
Das Erfreulichste ist, dass sie mit ganz vereinzelten 
Ausnahmen nicht von der Sucht nach leerem Ge- 
pränge, sondern von geläutertem Geschmacke geleitet 
worden sind. Mögen wir auf manchen Gebieten 
auch die anderen Völker noch nicht erreicht haben, 
bei keinem zeigen sich so viele entwicklungsfähige 
Keime, keins übertrifft uns in der Stetigkeit und 
Freudigkeit des Vorwärtsstrebens. 

WALTHER GENSEL. 



KLEINE MITTEILUNGEN 



VEREINE UND SCHULEN 

DRESDEN. Dem Bericht über die Kgl. Säcli- 
sische Kunstgewerbe- Schule und das Kunstge- 
werbe-Museum auf das Schuljahr iSgyjgS und 
i8g8JQQ entnehmen wir folgendes: Die von Jahr zu 
Jahr gestiegenen Anforderungen, welche an die Kunst- 
gewerbeschüler bei dem Eintritt in eine praktische Thätig- 
keit gestellt werden, veranlassten die Direktion, dem Mi- 
nisterium des Innern eine Abänderung des Stunden- 
planes vorzuschlagen. Derselbe sollte wesentlich ver- 
einfacht, alle Nebenfächer als vorbereitender Unter- 
richt in die Unterklassen verlegt und die hierdurch 
gewonnene Zeit von den Schülern zu Arbeiten ihres 
Faches benutzt werden. Ferner sollte die Beschäf- 
tigung einer grösseren Anzahl von Lehrern in einer 
Klasse vermieden, vielmehr der Unterricht atelierartig 
eingerichtet werden mit nur zwei, höchstens drei Lehrern 
in einer Klasse. Dem Lehrer soll hiermit die Mög- 
lichkeit geboten werden, die Eigenarten und Fähig- 
keiten jedes einzelnen Schülers besser kennen zu 
lernen und den Unterricht dementsprechend zu gestalten. 
Das Ministerium genehmigte die Vorschläge und die 
neuen Lehrpläne sind demgemäss seit Ostern 1898 



zur Einführung gelangt. Die Unterklasse wurde ge- 
teilt in eine Abteilung für Architekturzeichner, Mo- 
delleure und Ciseleure und in eine Abteilung für De- 
korationsmaler und Musterzeichner. Letztere Abtei- 
lung ging an die im August 1897 wieder selbständig 
gemachte Vorschule über. Der Stundenplan erfuhr 
i8q8 noch insofern eine Erweiterung, als noch der 
bisher fehlende Unterricht in Stillehre eingeführt 
wurde. Derselbe wird in vier Gruppen erteilt und 
zwar: 1. die antike Periode (Griechen, Römer und 
deren Vorläufer), 2. das Mittelalter (romanisch und 
gotisch), 3. die Renaissance bis zum Barock, 4. die 
Neuzeit (Barock, Rokoko, Louis XVI., Empire, u. s. w.). 
Jede Gruppe wird für sich in wöchentlich zweistün- 
digen Vorträgen behandelt, mit den Vorträgen sind 
Skizzierübungen verbunden, welche den Schülern die 
Eigenarten eines jeden Stiles klar vor Augen führen. 
Zu einer bessSren Ausbildung in figürlichen Dar- 
stellungen sind sowohl der Unterricht im Zeichnen 
nach dem lebenden Modell als auch die Vorträge 
über plastische Anatomie des Menschen vermehrt 
worden. Der in der Abendschule neu eingeführte 
Unterricht im Zeichnen nach dem lebenden Modell 
erfreut sich einer regen Beteiligung besonders aus den 



KLEINE MITTEILUNGEN 



179 



Kreisen der Lithographen, Porzellan- und Dekorations- 
maler. Dem stets empfundenen Mangel an Platz im 
Schulgebäude soll durch einen Neubau abgeholfen 
werden. Zur Beschaffung geeigneter Entwürfe für 
dasselbe ist ein Preisausschreiben an deutsche Archi- 
tekten ergangen. — Im Kunstgewerbe-Museum hat 
die Beschränkung des Raumes die Leitung veranlasst, 
grössere Gegenstände im Vestibül und Treppenflur 
zur Aufstellung zu bringen und die Wandflächen der 
Museumsräume durch eine völlig systematische Aus- 
nutzung zu verwenden. Eine beträchtliche Entlastung 
ist durch die Lehrmittelsammlung eingetreten. In 
ihr wurden die als Unterrichtsmittel geführten Gegen- 
stände mit den Dubletten und den weniger bedeu- 
tenden Stücken des Museums für den Gebrauch von 
Lehrern und Schülern in zwei gesonderten Räumen 
vereinigt. -u- 

K REFELD. Dem XV. Jahresbericht des Museums- 
Vereins für das Jahr i8qq entnehmen wir Fol- 
gendes: Am Schlüsse des Jahres 1898 war aus 
dem Vorstande des Vereins unter dem Namen »Aus- 
schuss für Kunstarbeit« eine Kommission gewählt 
worden, um in weiteren Kreisen das Interesse für die 
aufstrebende Kunstarbeit der Gegenwart zu verbreiten 
und namentlich den Krefelder Kunsthandwerkern frucht- 
bringende Anregungen zuzuführen. Zu diesem Zwecke 
wurde besonders die regelmässige Abhaltung von Vor- 
tragsabenden empfohlen. Es wurde beschlossen, für 
die Mitglieder des Museums- Vereins sechs Vorträge 
im Laufe des Winters abzuhalten, darunter auch so- 
genannte Fachabende mit Vorführung mustergültiger 
Kunstarbeiten aus der neueren Zeit zur Belebung des 
einheimischen Kunsthandwerks, an die sich freie Be- 
sprechungen schliessen sollen. Als Geschenke sind 
zu erwähnen die Porträts des Fürsten Bismarck und 
des Papstes Leo XIII., beide gemalt von Franz von 
Lenbach; ferner ist es den mehrjährigen Bemühungen 
einer Vereinigung von Kunstfreunden aus den Kreisen 
des Museums -Vereins gelungen, eine grössere Anzahl 
klassischer Bildwerke der italienischen Renaissance 
aus der Sammlung Ad. von Beckerath zu erwerben. 
Am Schlüsse des Berichtsjahres zählte der Museums- 
Verein 138g Mitglieder gegen 1369 im Vorjahr, -u- 

AUSSTELLUNGEN 

PARIS. Der Amtliche Katalog der Pariser Welt- 
ausstellung igoo wird 30 Bände umfassen, wäh- 
rend derjenige der Ausstellung von 1889 nur 
ihrer 12 füllte. Die Gesamtzahl der Aussteller wird 
rund 100000 betragen, etwa 37000 mehr als bei der 
letzten Weltausstellung. Als eine Neuerung wird der 
Katalog an der Spitze jeder industriellen Klasse amt- 
liche, auf Grund der Zählung vom Jahre 1896 her- 
gestellte Tabellen enthalten, aus denen die Zahl und 
die Verteilung der leitenden und arbeitenden Kräfte 
Frankreichs in diesen Klassen ersichtlich ist. 

WETTBEWERBE 

RESLAU. Das Schlesische Museum für Kunst- 
gewerbe und Altertümer schreibt folgende drei 
Wettbewerbe aus: 1) Für ein Ex-libris der Bi- 



B 



bliothek des Museums. Das Ex-libris muss die Worte 
»Schlesisches Museum f(ür) Kunstgewerbe u(nd) Alter- 
tümer« enthalten, wobei nur die durch die Klammern 
angedeuteten Abkürzungen statthaft sind, und einen 
genügend grossen leeren Raum für handschriftliche Ein- 
fügung des Namens des Geschenkgebers. Als äusserstes 
Grössenmass ist ein Flächenraum von 135 qcm fest- 
gesetzt. Mehr als drei Farbenplatten resp. Cliches 
sind nicht zulässig. Preis 1 00 Mark. — 2) Für einen 
künstlerischen Bibliotheksband des Museums in Quart- 
format. Es dürfen nur fertige Einbände, nicht Ent- 
würfe eingereicht werden. Auf dem Rücken des 
Buches muss der Name des Verfassers und der Titel 
des Buches stehen. Alles übrige bleibt dem Ermessen 
des Buchbinders überlassen. Der Herstellungspreis, 
der genau anzugeben ist, darf nicht mehr als 30 Mark 
betragen. Zwei Preise im Betrage von 80 und 50 
Mark. Die Museumsdirektion beabsichtigt, nach den 
preisgekrönten Musterbänden bei den Verfertigern eine 
Anzahl von Werken in Arbeit zu geben. — 3) Für 
die Zeichnung eines künstlerischen Standrahmens zu 
dem im Besitze des Museums befindlichen reichge- 
stickten gotischen Kreuze von einem Messgewande 
aus der ehemaligen Rathauskapelle. (Höhe 1,20 m, 
Breite 0,64 m.) Der Rahmen ist bestimmt, vertikal 
frei aufgestellt, nicht an eine Wand gehängt zu werden, 
muss eine massige Tiefe haben, verglast sein und sich 
versperren lassen. Er kann in gotischem oder mo- 
dernem Stile gehalten, darf jedoch nicht so reich 
gedacht sein, dass seine Ausführung in Holz mehr 
als 250 Mark kosten würde. Preis 80 Mark. — Zu 
diesen drei Wettbewerben sind nur schlesische Künstler 
und Kunsthandwerker zugelassen. Die Entwürfe resp. 
Musterbände sind, mit einem Motto versehen, bis 
15. September 1900 bei der Direktion des Schlesischen 
Museums für Kunstgewerbe und Altertümer (Graupen- 
strasse) einzureichen. 

WALDENBURG i. Schi. Preisausschreiben um 
Entwürfe für eine Denkmünze aus Anlass der 
Feier der 300jährigen Benutzung der Heil- 
quelle Oberbrunn in Bad Salzbrunn i. Schi, igoi, 
veranstaltet von der Fürstlich Plessischen Centralver- 
waltung in Schloss Waidenburg i. Schi, unter Künstlern 
aus Deutschland, Österreich-Ungarn und der Schweiz. 
Ausgesetzt sind drei Preise von 600, 500 und 400 M. 
Für die Überlassung des Eigentums des zur Aus- 
führung bestimmten Entwurfes wird eine besondere 
Entschädigung von 500 M. gewährt. Das Preisgericht 
bilden die Herren Bildhauer Professor Chr. Behrens, 
Maler Professor Ed. Kaempffer und Maler Professor 
Max Wislicenus in Breslau. Einzusenden bis zum 
1. Oktober d. J. an die Fürstlich Plessische Central Ver- 
waltung, Dr. Ritter, Schloss Waidenburg i. Schi., welche 
auch die Wettbewerbsunterlagen verabfolgt. -u- 

F RANKFURT a. M. Zu dem Wettbewerb für den 
auf dem Römerhof zu errichtenden Brunnen waren 
30 Entwürfe eingegangen. Prämiiert wurde der 
Entwurf des Bildhauers Josef Kowarzik in Frank- 
furt a. M. und unter der Bedingung, dass der Künstler 
noch ein Modell in grösserem Masstab liefert, zur 

27* 



i8o 



KLEINE MITTEILUNGEN 



Ausführung empfohlen. Den zweiten Preis erhielt 
Architekt Karl Meckel in Freiburg i. Br., den dritten 
Preis Professor Varnesi in Gemeinschaft mit Architekt 
Hallenstein in Frankfurt a. M. -u- 

STUTTOART. Zufolge des vom Verein für de- 
korative Kunst und Kunstgewerbe im Auftrage 
der Firma Alfred Bühler, Ledermöbelfabrik Stutt- 
gart, veranstalteten Preisausschreibens zur Erlangung 
künstlerischer Entwürfe liefen 60 Arbeiten ein. Den 

I. Preis erhielt Schmidt Helmbrechts -München, den 

II. Preis Herzog- Stuttgart, den III. Preis Kraus-Stuttgart. 



BERICHTIGUNG 

Infolge eines bedauerlichen Versehens sind einige 
auf S. 1 1 8 und 1 20 des 6. Heftes des lfd. Jahrgangs 
abgebildete Schmucksachen als von Herrn O. M. Werner 
entworfen bezeichnet worden. Von S. 118 rührt nur 
der Entwurf der Vase (oben), von S. 120 nur die 
Entwürfe der oberen sechs Schmuckstücke von Herrn 
O. M. Werner her, während alle übrigen Stücke nach 
Entwürfen des Herrn Maler Hirzel in Berlin von 
Herrn Juwelier Louis Werner ausgeführt sind. 




In Eisen geschmiedete Gruppe von OEBR. ARMBRÜSTER in Frankfurt a. M. Ausgestellt in der deutschen Kunstgewerbe- Abteilung 
auf der Weltausstellung in Paris 1900. (Spannweite der Adlerflügel ca. 3,60 m.) 



Herausgeber und für die Redaktion verantwortlich: Professor Knrl Hoffacker, Architekt in Charlottenburg- Berlin. 

Druck von Ernst Hedrich Nachf, G. m. b. H., Leipzig. 



Künstgewerbeblatl. N. F. XI H. lo. 28 




Durchgang nacli dem Treppenhaus. Deutsche kunstgcwerbhche Abteilung auf der Weltausstellung in Paris igoo. 
Architekt Professor K. HOFFACKER, Berlin. 




Relief in Stein am Haus des Vereins deutscher Ingenieure ^ausgeführt von Professor O. RIEGELMANN, Charlottenburg. 



VAN DE VELDE UND DIE BERLINER TISCHLEREI 




Initial, gezeiclinet von 
HANS SCHULZE, Berlin. 



NTER den neuen Erscheinungen, welche für die Berliner Tischlerei vor- 
nehmen Stils gutes hoffen lassen, ist die wichtigste die Gründung der 
Gesellschaft van de Velde, welche gerade begonnen hat, ihre praktischen 
Beispiele vor die Augen der Öffentlichkeit hinzustellen. Angesichts dieser 
neuen Bethätigung werden gewiss einzelne fortfahren, den vielunistrittenen 
über alles Mass zu bewundern, viele werden ihn auch jetzt nicht verstehen, 
manche werden ihn nicht lieben, aber keiner wird ihm bestreiten können, 
dass er eine Erscheinung so aus einem Gusse ist, wie sich heute kaum 
eine zweite auf diesem Gebiet finden dürfte — und aus solchen werden 
die Mittelpunkte, von denen starke Impulse ausgehen. 

Man kann von van de Velde's Arbeit für die dekorative Kunst nicht 
sprechen, ohne des Verdienstes der englischen Tischlerei um eine einfache, 
gesunde Konstruktion zu gedenken. Denn von dem englischen Möbel ist 
auf Anregung von Serourier auch van de Velde ausgegangen. Seine frühen 
Schränke waren so gradlinig und rechtwinklig, als nur irgend ein Ashbee 
oder Voysey sie hätte machen können, und diese niedrigen Möbel stehen 
auf den bekannten, dünnen, vierkantigen Beinen und laufen meist auf Rollen. 
Offenbarungen sind da nicht zu finden, ja man will kaum glauben, es mit 
Arbeiten desselben Mannes zu thun zu haben, welcher durch die Dresdener 
Ausstellung von 1897 in ganz anderer Gestalt in weiteren Kreisen Deutsch- 
lands bekannt wurde. 

Während die englische Tischlerei, wo sie gesund blieb, nicht über 

2S' 



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VAN DE VELDE UND DIE BERLINER TISCHLEREI 




Relief in Stein am Haus des Vereins deutsciier Ingenieure; ausgeführt von Professor G. RIEOELMANN, Charlottenburg. 



die ewige Nüchternheit der parallelen Linien hin- 
auskam, lockte ein Geist voll Schwung und Phan- 
tasie van de Velde auf andere Wege. Aber seiner 
Natur lag es gänzlich fern, in die spielerische Un- 
symmetrie zu verfallen, welche die Kehrseite der eng- 
lischen Tischlerei bezeichnet. Mir ist nur ein ein- 
ziges unregelmässig gebautes Möbel von dem bel- 
gischen Künstler bekannt. Es ist ein Schränkchen in 
einem Berliner Privathause, dessen streng rechtwink- 
liger Aufbau in der einen Hälfte um zwei Fächer 
über die andere hinaufragt. Aber solch primitives 
Motiv der Abwechslung erschien ihm bald allzu billig, 
sein Ehrgeiz verschmäht neuerdings so leichte Arbeit. 
Man weiss wie energisch van de Velde das Logische 
als die Quelle der Schönheit bezeichnet hat. Da er 
nicht nur ein produktiver, sondern auch ein polemischer 
Geist ist, so hat er sich hier und da auch schriftlich 
über seine Grundsätze geäussert. Es ist interessant, 
zu untersuchen, wie weit Theorie und Praxis sich bei 
ihm decken. Aus dem Zweck heraus erfindet er die 
Form, und er giebt an, nur darum beständig seine 
Modelle zu ändern, weil ihm noch nie eines seiner 
Werke vollkommen genügt habe. Wenn ihm erst 
einmal ein Stuhl wirklich vollendet gelungen sei, dann 
wolle er weiterhin stets nur denselben wiederholen. 
Ihn schreckt so wenig die sich hierdurch eröffnende 
Perspektive der Gleichförmigkeit, dass er an derselben 
Stelle hinzufügt, es sei sein Ideal, diesem einzigen 



Möbel in möglichst vielen Exemplaren die weiteste 
Verbreitung zu geben, denn höchste Aufgabe der 
Kunst sei es, dem Schönheitsbedürfnis und dem Be- 
hagen der grossen Masse der Menschheit zu dienen. 
Diese Ansicht hängt eng mit der sozialen Anschauung 
zusammen, welche die Menschen im Grunde für gleich- 
artig hält, und welche dieselben Neigungen und das- 
selbe Gefühl bei allen voraussetzt, so dass alle durch 
die gleichen Formen befriedigt werden könnten. Wir 
anderen, die wir an dieser Gleichartigkeit zweifeln, 
und welche auch nicht glauben, dass jemals eine 
solche Verarmung an individuellem Empfinden ein- 
treten wird, dass man ihm mit einer einzigen Form 
beikommen könnte; wir haben nur zu wünschen, dass 
der Künstler sein Ideal niemals erreichen möchte, 
damit er immer fortfahre, neues zu ersinnen. Einst- 
weilen ist er rüstig am Werk, und wer der quellen- 
den Frische seiner Erfindung aufmerksam gefolgt ist, 
der wird sich sagen, dass jene sicherlich festbegrün- 
dete Überzeugung wie bei manchem anderen Künstler 
nicht allzuviel mit seinem wirklichen Schaffen zu thun 
hat. Dass thatsächlich der Reichtum seiner Formen 
nicht allein aus der nackten Notwendigkeit hervorge- 
gangen ist, wird aus näherer Betrachtung mancher 
Einzelheiten hervorgehen. 

Für den ersten Blick ist in allem, was dieser 
Künstler schafft, die Vorliebe für die geschwungene 
Linie am bemerkbarsten. Freilich muss bei einem 



VAN DE VELDE UND DIE BERLINER TISCHLEREI 




Relief in Stein am Hans des Vereins deutscher Ingenieure; ausgeführt von Professor G. RIEGELMANN, Charlotleiiburg. 



bestimmten Möbel, auch bei den erklärten Anhängern 
des rechtwinkligen, die Rücksicht auf Bequemlichkeit 
zur Vermeidung der geraden Linie führen. Das ist 
der Stuhl und seine Lehne. Von hier aus breitet 
sich dann die gebogene Linie über die übrigen Möbel, 
ja bis zu den Umrahmungen der Thür- und Eenster- 
öffnungen, wohl auch auf die Verbindung zwischen 
Zimmerwand und Decke aus. Für van de Velde 
besonders folgt hier ein Schritt aus dem anderen, 
weil er von allen modernen, dekorativen Künstlern 
am entschiedensten danach gestrebt hat, die Raum- 
ausstattung als zusammengehöriges Ganzes zu behan- 
deln. Nirgends erhält man stärker den Eindruck, 
dass kein geschicktes Zusammenfügen verschiedener 
Einzelpläne die Raunidekoration mit dem Gerät so 
harmonisch verband, sondern dass ein klares Bild 
des Ganzen im Geist des Erfinders das Ursprüng- 
liche war, aus dem sich dann die Einzelheiten mit 
Notwendigkeit entwickelten. So geht der gleiche 
Grad von Solidität, von schwungvoller Repräsentation 
oder von schlichter Zierlichkeit je nachdem , auf 
welche dieser Eigenschaften die Bestimmung des 
jedesmaligen Raumes hinweist, durch sämtliche Fak- 
toren der ganzen Einrichtung. Das klingt, so nüch- 
tern ausgesprochen, vollkommen selbstverständlich 
und ist doch etwas so selten Vorkommendes, dass 
sehr energisch auf diesen Punkt hingewiesen werden 
muss. Ja die Zusammengehörigkeit ist so ernsthaft 
gemeint, dass, wo es angeht, möglichst viel von dem 
Gerät ganz eng untereinander zusammengeschlossen 



auch wohl an eine Holztäfelung fest, angelehnt er- 
scheint, eine Erinnerung an Gepflogenheiten des 
gotischen Stiles und das direkte Gegenteil der eng- 
lisch -japanisierenden Mode, welche so gerne mit dem 
Mobiliar im Räume umhervagabundiert. Immer aus 
dem gleichen Bestreben fliesst auch die Neigung, die 
Höhenverhältnisse der Möbel einander zu nähern, um 
dadurch den Eindruck behaglich zu machen und die 
Aufmerksamkeit zu konzentrieren. Wo eine Holz- 
täfelung angebracht ist, da ragen die Thüren und 
Schränke nur gerade so viel über deren oberen Ab- 
schluss hinaus, um durch wiederholte Überschneidungen 
in die wagerechte Linie Abwechslung zu bringen. 
Bei den Schränken und Büchergestellen spricht dabei 
freilich vor allem wieder der Zweck sein Machtwort, 
dem es besser entspricht, wenn die Fächer sich nicht 
zu schwer erreichbarer Höhe türmen. 

Bei so lebhaftem Einheitsstreben nuiss natürlich 
die Linie nächst den Geboten der Zweckmässigkeit 
die Verordnungen der Übereinstimmung befolgen, 
und diese Übereinstimmung kann für einen Geist 
von solchen Grundsätzen nicht im Zufälligen, Äusser- 
lichen liegen. Man wird keine reiche Ausbeute 
haben, wenn man in diesen Ausstattungen auf die 
Jagd nach zusammenfassenden Ornamenten geht, 
welche an anderer Stelle manchmal allein für den 
Eindruck der Zusammengehörigkeit Sorge tragen 
müssen. Hier liegt die Einheitlichkeit im Organischen. 
Und doch regiert keineswegs die Uniform. Weit 
davon entfernt, dass die Kurve mit plumper Aus- 



i86 



VAN DE VELDE UND DIE BERLINER TISCHLEREI 





7 > \„ . ,.A - 



Relief in Stein am Haus des Vereins deutscher Ingenieure; 
ausgeführt von Professor G. RIEOELMANN, Charlottenburg. 



schliesslichkeit überall den Fuss hingesetzt hätte. 
Nur wo der Zweck es befiehlt, oder wo kein Zweck 
berührt wird, füiirt sie ihre Bewegungen aus, während 
unmittelbar daneben die rechtwinklige Tischplatte 
oder die senkrechte Schrankfläche mit ihren gerade 
abschliessenden Linien mit dem vollen Rechte der 
Selbstverständlichkeit auftreten, wo eben nur sie allein 
die Aufgabe befriedigend erfüllen können. Ein gutes 
Beispiel für die vorurteilslose Verbindung der geraden 
und der gekrümmten Flächen und Linien bildet das 
bekannte Herrenzimmer von der Münchener Aus- 
stellung. Hier bestimmte der Schreibtisch, als das 
wichtigste Möbel die Haltung des Zimmers. Darum 
war er in die Mitte gerückt. Indem somit die Rück- 
sicht auf das feste Anlehnen an eine Wandfläche 
fortfiel, welche neben anderen Rücksichten unseren 
Möbeln die vorwiegend rechtwinklige Gestalt auf- 
gedrängt hat, ergab sich die Möglichkeit, die Grund- 
fläche als flache Bogenform zu gestalten. Dadurch 
werden die seitlichen Schrankthüren und Fächer dem 
Schreibenden, der im Augenblick eine Notiz ver- 
gleichen will, bequemer erreichbar, als wenn sie sich 
in gerader Richtung von ihm entfernten. Vor allem 
aber wird die Gestalt des umfangreichen Möbels, auf 



das sich an seinem bevorzugten Standort alle Auf- 
merksamkeit konzentriert, durch die Schwingung ge- 
fällig gemacht. Sie wird doppelt empfunden, da die 
an den Wänden lehnenden Schränke für Mappen und 
Akten nach den strikten Anforderungen ihrer Auf- 
gabe nur von geraden Linien umschrieben sind und 
nur in den Umrahmungen der Glasthürcn duich be- 
scheiden bewegte Einfassungen eine reichere Lebendig- 
keit erhalten, welche die Harmonie mit den Formen 
des Schreibtisches herstellt. 

Dass er kein besonderer Freund der geraden Linie 
sei, bewies van de Velde schon längst durch die 
Behandlung der Thür. Manchmal vermeidet er sogar 
den senkrechten Abschluss nach den Seiten hin und 
ersetzt ihn durch Teile von Kreislinien. Das kann 
natürlich nur geschehen, wo der lichte Raum der 
Maueröffnung weit genug ist, um eine teilweise Ver- 
engung zu ertragen. Für den Privatwohnraum, wo 
das nicht zutrifft, wird die Thür seitlich geradlinig 
begrenzt und der Rahmen nach oben von vorsichtig 
bewegten Schwingungen gekrönt. Bei dieser herr- 
schenden Tendenz konnte es auch nicht überraschen, 
dass es van de Velde war, der einen Bilderrahmen 
aus bewegten Linien statt aus der rechteckigen Leiste 
formte, eine Neuerung, welche manche von uns bereits 
erwartet und vorhergesagt hatten, während bisher alles, 
was von der Schablone abwich, eine Anlehnung an 
die Fonrien des mittelalterlichen Altarrahmens oder 
an die des Rokoko darstellte. 

Schon aus dem bisher Gesagten geht hervor, dass 
es nicht nur eine einzige Form zu sein braucht, die 
der Zweck vorschreibt. Die Thüre und das Fenster 
würden z. B. ihre Aufgaben ebenso gut erfüllen, wenn 
sie von den banalsten geraden Linien abgeschlossen 
wären, als wenn Phantasie dabei verschönernd mit- 
wirkte, und so giebt es noch weitere Beweise, dass 
die vorhin erwähnten Theorien zu eng gefasst sind, 
um auch nur das eigene Schaffen dessen, der sie 
formulierte, erschöpfend zu bezeichnen, geschweige, 
dass sie für alles Schaffell überhaupt massgebend 
wären. Van de Velde selbst giebt z. B. an, dass er 
bei einem Mänteliialter zuerst daran denke, in welcher 
Höhe er die Haken zum Aufhängen anbringen wolle. 
Danach berechne er dann die Breite der Standfläche 
des Möbels und verbinde diese mit dem oberen Ende 
durch seitliche Streben, welche sowohl der Festigkeit 
zu dienen, wie auch das Hinausbauschen der aufge- 
hängten Kleider nach den Seiten zu verhindern hätten. 
Beiden Zwecken würden aber auch einfach schräg 
gestellte, geradlinige Holzstützen genügen, und wenn 
man wollte, könnte man diese Lösung als die logischste 
bezeichnen, weil sie den Zweck vollkommen und mit 
dem geringsten Kraftaufwand erreichte. Wenn trotz- 
dem auch in diesem Falle die energische Schwingung 
bevorzugt ist, welche durch ihre Gefälligkeit die Auf- 
merksamkeit von dem Zweckdienlichen abzieht, so ist 
das ein erneuter Beweis, dass es um Schönheit an 
sich zu thun war, und solcher schönen Linien für 
diese Stelle würden sich noch mehrere finden lassen, 
welche alle die Aufgabe gleich gut erfüllen könnten. 
Thatsächlich sind hier die Bewegungsmöglichkeiten 




Ansicht der Galerie des einen Treppenhauses in der deutschen kunstgewerblichen Ahleilung auf der Pariser Weltausstellung looo. 

Architekt Professor K. HOFFACKER, Berlin. 



VAN DE VELDE UND DIE BERLINER TISCHLEREI 



189 




Pfeiler von der dekorativen Frontarcliitektur des Liclitliofes der 

deutschen kunstgewerblichen Abteilung auf der Weltausstellung 

in Paris 1900. Architekt Professor K. HOFFACKER, Berlin. 

Kunstgewerbeblatt. N. F. XI. H. 10. 



für die Phantasie durchaus nicht eng begrenzt, und 
van de Velde's Praxis beweist, dass er Veränderungen 
findet und auch bewusst danach strebt, ohne dass 
darum die erste weniger logisch und zweckdienlich 
wäre als die folgenden Lösungen. 

Wenn es demnach auch nicht nur eine zweck- 
mässige und darum nur eine schöne Form giebt, 
so liegt doch die Bedeutung dieses Künstlers un- 
zweifelhaft, wie er auch selbst richtig empfindet, gerade 
für unsere Zeit darin , dass er im Gegensatz zu 
manchen deutschen Künstler-Handwerkern die Schön- 
heit nie ausserhalb des Zweckmässigen sucht. Darum 
kann sein Beispiel für uns wichtig werden, und es 
ist freudig zu begrüssen , dass seit Begründung der 
Gesellschaft in Berlin, die seinen Namen trägt, seine 
Arbeiten häufiger bei uns erscheinen werden. Das 
erste Werk dieser Gesellschaft in der Reichshauptstadt 
ist die Ladeneinrichtung der Continental - Havanna- 
Compagnie in der Mohren Strasse, welche vom ersten 
bis zum letzten Stück den Plänen des Belgiers ent- 
stammt. Diese Räume, welche stets dem grossen 
Verkehr offen stehen, werden wirksamer als das, was 
sich bisher in Ausstellungen begrenzten Gesellschafts- 
klassen zeigte, dazu beitragen, die Augen der grossen 
Masse an die zweckmässige Schönheit zu gewöhnen. 
Viele werden dort einsehen lernen, dass die Ge- 
fälligkeit eines Geräts nicht in dem äusserlich an- 
gehefteten Schmuck liegt. Denn wenn es immer zu 
den charakteristischen Eigenschaften dieses Künstlers 
gehörte, dass er mit ganz wenigen Ornamenten aus- 
kam, und dass diese sich nur als bescheidene Er- 
weiterungen der notwendigen Biegungen seiner 
Konstruktionsformen darstellten, so ist in diesem 
Räume, der mit seinen rings die Wände umstellenden 
Repositorien von der Menge der Waren reichlich 
ausgefüllt ist, absichtlich jedes schmückende Ornament 
vermieden. Nur an dem obersten Teil der Wände 
füllt ein schablonierter Fries die leere Fläche und 
Thür und Fenster zeigen in ihren Kunstverglasungen 
farbige Ornamente. Es giebt einen Unterschied der 
Gesetze für die Gestaltung eines dem nüchternen 
Geschäft dienenden Raumes einerseits und anderer- 
seits einer Halle, welche dem heiter festlichen Aufbau 
von Kunstwerken dienen soll. In dem Laden der 
Mohrenstrasse rings bescheidene Zurückhaltung in der 
Linienführung und knappe Behandlung des Materials, 
das sich jeder entbehrlichen Biegung enthält. In der 
Verkaufshalle des Kunstsalons Keller & Reiner da- 
gegen , wo reichlicher Platz vorhanden ist, und 
die Aufstellung vielfacher Ziergegenstände zum Ver- 
weilen und beschaulichen Geniessen einladet, findet 
sich eine vornehm repräsentierende Fülle der Formen, 
die, über das Notwendige hinausgehend, Auge und 
Phantasie beschäftigen und sich doch streng logischen 
Gesetzen unterordnen. 

Merkwürdigerweise hat gerade die Sachlichkeit 
und Zurückhaltung van de Velde's sogar in der 
Fachpresse Äusserungen des Widerspruchs erfahren. 
Man vermisst an ihm die Phanfasie, giebt zu, dass 
seine »ungeheure Vernünftigkeit und überwältigende 
Logik« dem Norddeutschen zwar imponieren müsse, 

29 



IQO 



VAN DE VELDE UND DIE BERLINER TISCHLEREI 



dem Süd- und Südwestdeutschen aber »befremdend, 
wo nicht herausfordernd und ärgerlich« sei. Dort 
zu Lande sei das Schmuckbedürfnis ein grösseres. 
Gleichzeitig wird dann an derselben Stelle sogar ge- 
klagt, dass wir in den Ausstellungen jetzt »Arme- 
Leute-Einrichtungen für reiche Leuten zu sehen be- 
kämen. Die modernen, deutschen Möbel seien zu 
kostspielig, wenn sie so einfach gemacht würden. 
Das nennt man nun allerdings einen Protzengeschmack, 
welcher verlangt, dass der Kaufpreis deutlich aus dem 
Gegenstand hervorschreie. Ausserdem scheint mir, 
wie ich schon einmal an dieser Stelle angeführt habe, 
dass Zimmereinrichtungen, wie Bruno Paul, Bernhard 
Pankok und selbst von Berlepsch sie in München und 
Dresden gezeigt haben, eher logische Einfachheit als 
reichliche Schmuckzuthaten vermissen lassen. Wenn man 
sie auffordert, »reichere« Formen zu erfinden, so klingt 
das, als wenn man Leuten, die noch nicht einmal 
Brot haben, anrät, sich nach Kuchen umzusehen. 
Wir haben kaum angefangen, uns darauf zu besinnen, 
dass wir Geräte für moderne Zwecke gebrauchen. 
Auch Süddeutschland hat keineswegs auf eine fester 
begründete Basis hinzudeuten. Gerade wollen sich 
die ersten Keime für entwicklungsfähige Formen 
aus manchen auf gut Glück gemachten Versuchen 
herausschälen, und statt ihnen Zeit zu gesunder Ent- 
wicklung zu lassen, sollen sie gleich bei ihrem Auf- 
spriessen dadurch erstickt werden, dass man sie von 
oben her mit Nebensächlichem behängt und verdeckt? 
Warum denn diese Ungeduld, die natürliche Ent- 
wicklung zu beschleunigen. Keine Frage, dass auch 
der Wunsch nach Schmuck seine Berechtigung hat 
und dass auch die moderne Nutzkunst einmal eifrig 
danach streben wird, durch reiche Formen verwöhnten 
Ansprüchen zu genügen. Aber heute ist die Zeit 
noch nicht gekommen. Das Schlimmste, was der 
neuen Bewegung geschehen könnte, wäre, dass ihre 
Vertreter auf Ratschläge wie der angeführte hörten 
und noch mehr, als dies schon hie und da geschieht, 
ihrem Schmuckbedürfnis die Zügel schiessen Hessen. 
Wenn wir einmal einfache, bequeme und gefällige 
Möbel haben werden, wenn die Stuhl- und Tischbeine 
nicht mehr zwischen erschreckender Plumpheit und 
nervös machender Spindeldürre hin und her schwanken 
werden, wenn kein Gerät mehr droht nach vorne 
oder hintenüber zu fallen, wenn nicht mehr in einem 
und demselben Raum widersprechende Konstruktions- 
glieder möglich sein werden — dann ist die Zeit 
gekommen, darüber zu reden, wie nun auch Luxus- 
ansprüche befriedigt werden können. Bis dahin aber 
wird man immer noch berechtigt sein, angesichts des 
reichverzierten Möbels zu bezweifeln, ob sein Urheber 
imstande gewesen wäre, die ungeschmückte Form 
schön und logisch zu gestalten und den Verdacht 
nicht gänzlich zurückweisen können, dass die Zuthat 
nicht sowohl der Zierde, als vielmehr der Bedeckung 
und Verheimlichung organischer Fehler dienen solle. 
In diesem Sinne kann man gewisse Bestrebungen 
der Berliner Tischlerei mit Genugthuung verfolgen. 
Die Kunsthandlung Keller & Reiner hat seit dem 
vergangenen Herbst die ersten Proben der in ihren 



eigenen Werkstätten hergestellten Möbel gezeigt. Nach 
dem Vorbilde von Bing in Paris, dessen art nouveau« 
dem Berliner Salon von Anfang an massgebend war, 
will er sich nun nicht länger begnügen, nur Sammel- 
stelle für die Kunst aus aller Herren Länder zu sein. 
Die Firma will selbst in die Entwicklung eingreifen. 
Man wird die weitere Arbeit abwarten müssen, ehe 
man Entscheidendes darüber sagen kann, was von 
dem Unternehmen zu erwarten ist. Die bis zum Ende 
des Jahres 189g gezeigten Proben gehen nicht über 
ein Verwerten besonders englischer Anregungen hinaus. 
Aber das muss betont werden, dass diese Möbel sich 
vorteilhaft von dem unterscheiden, was man bis vor 
kurzem in Berlin unter englischem Stil < verstand. 
Jenes Tothetzen der Unsymmetrie und das Überkleben 
des Möbels mit Bordbrettern und Galerien, welches 
System für die allgemeine Begriffs- und Geschmacks- 
konfusion so bezeichnend war, vermisst man bei den 
Möbeln der Werkstätten Keller & Reiner zu seiner ent- 
schiedenen Genugthuung. Höchstens dass sich hier 
und da die Neigung zeigt, das verständig gebaute 
Möbel mit einem Zuviel an Metallauflagen und far- 
bigen Verglasungen zu »bereichern«. 

Auch die Werkstätten des Hohenzollernkaufhauses 
(Firma Hirschwald & Co.) lassen nach eigenen Ent- 
würfen Zimmereinrichtungen herstellen. Auch hier 
führt hauptsächlich der englische Stil das Regiment, 
und zwar in seiner schlichtesten, gegen jeden Einwand 
gesicherten Form. Ganz vernünftig praktische, aus 
der rechtwinkligen Kastenform heraus entwickelte 
Möbel setzen einen gesunden Sinn bei dem Publikum 
voraus, an das sie sich wenden. Eigentlich Neues 
wird also auch hier nicht angestrebt, dafür aber ein 
Geschmack der Einfachheit verbreitet, welcher eine 
sichere Grundlage für die weitere Entwicklung zu 
werden verspricht. Ausserdem wird in denselben Werk- 
stätten auch nach den Enfwürfen verschiedener deutscher 
und ausländischer Künstler gearbeitet, welche ihrem 
Werk ausser allgemeinen Zeittendenzen auch einen 
persönlichen Stempel aufzudrücken vermögen. Von 
den Deutschen ist besonders Professor Eckmann zu 
nennen. Man kann dort einige der Möbel sehen, die 
er für das Arbeitszimmer des Grossherzogs von 
Hessen entworfen hat. Das Gebiet, auf dem sich 
der Vielseitige hier bewegt, ist für ihn bisher 
noch Neuland, man wird deshalb erst mit der Zeit 
ergiebigere Ernten von ihm erwarten dürfen. Ver- 
glichen mit seinen Tapeten und Teppichen, die mit 
ihren Flachmustern innerhalb der eigentlichen Domäne 
dieses Meisters der stilisierten Pflanzenform liegen, 
zeigen die Möbel noch nicht die gleiche anmutige 
Sicherheit, welche das Gewollte zugleich als das 
Notwendige erscheinen lässt. Aber ein überlegtes 
Zweckbewusstsein spricht sich in der Formenwahl 
aus und besonders in dem Verschwinden jeder 
naturalistischen Form, welche freilich auch dem 
Möbel noch weniger angemessen wäre, als dem Be- 
leuchtungskörper aus Metall, bei dem Eckmann 
manchmal bis hart an die Grenze streifte, welche das 
Gebrauchsgerät vom reinen Ziergegenstand trennt. 
Bei den Möbeln giebt es auch kein Neuheitsbestreben 




Diele, Holzschnitzerei von Professor O. RIEOELMANN, Charlottenburg, Deutsche kunstgewerbliche Abteilung 

auf der Weltausstellung in Paris 1900. 



29* 



VAN DE VELDE UND DIE BERLINER TISCHLEREI 



193 



um jeden Preis, und nur hier und da wird eine 
praktische i<ieine Veranstaltung als eigene Erfindung 
ungezwungen in den Rahmen der Konstruktion ein- 
gefügt: ein Bücherbrett, das am Innern der geöffneten 
Schrankthür herabgelassen und nach dem Gebrauch 
wieder aufgeklappt werden kann, oder ein Lesepult 
innerhalb der Platte eines Tisches für ein Bibliothek- 
zinimer, welches durch eine verstellbare Stütze in 
dem Tischkasten aufgerichtet und ebenso wieder in 
gleiche Ebene mit dem übrigen Teil der Platte zurück- 
gelegt werden kann. Die Holzstärken dieses Tisches, 
der bei Keller & Reiner ausgestellt war, wirkten 
ebenso wie die dazu gehörigen Stühle etwas massiv, 
was freilich dadurch besonders empfindlich wurde, 
dass das Mobiliar mit verschiedenen anderen Möbel- 
proben von abweichendem Charakter mehr bazarmässig 
zusammengestellt war, als dies dem Programm jenes 
Kunstsalons entspricht. Als kleinstes, aber in sich 
vollendetstes Stück will ich eine Fussbank nicht un- 
erwähnt lassen mit ihrem schräg gestellten Kissen, 
das auf einem gefälligen und sehr natürlich ge- 
schwungenen Holzgestell ruhte. 

Aber auch für jene, die gar zu ungeduldig nach 
dem ausschauen, was nach dem einfachen nur aus 
der Konstruktion entwickelten Möbel kommen soll, 
haben die Werkstätten des Hohenzollern -Kaufhauses 
einen Wink zu geben. Dort steht in den Muster- 
zimmern eine Saloneinrichtung, welche nach Plänen 
der französischen Künstlerfirma Plumet-Selmersheim 
in Berlin ausgeführt wurde. Die Franzosen sind 
beide von Hause aus Architekten, während van de 
Velde als Maler begonnen hat. Wer das nicht weiss, 
könnte eher glauben, es verhielte sich umgekehrt. 
Von dem Architekten sollte man erwarten, dass ihm 
die Logik des Zusammenhanges aller Teile über alles 
ginge, während man dem Maler eher zutrauen könnte, 
dass ihn die Reize des Details besonders fesselten. 
Und doch ist es diesmal der letztere, welcher von 
dem Aufbau des Ganzen ausgeht und ihm jede Einzel- 
heit unterordnet, während die Architekten zwar ihre J^ 
Konstruktion gefällig durchführen, aber es zugleich VB 
nicht lassen können, den Blick auf Kleinigkeiten zu 
heften und dadurch Überraschungen zu bereiten. Es 
ist etwas von der Neigung des Rokoko zu tausend 



Kriegslisten, was hier in völlig veränderter Gestalt 
auflebt. Während man bei van de Velde durch einen 
starken Charakter mit einem Schlage besiegt wird, 
sind es bei den Galliern die angenehmen Plänkeleien 
und Vielseitigkeiten, welchen sich unsere Augen ge- 
fangen geben. Aber es sind ganz leise und ohne 
viel Aufhebens vor sich gehende Manöver, die diesen 
Erfolg erringen. Man kommt nicht mit einem Blick 
hinter ihre Schliche. Man muss auch die tastenden 
Finger zu Hilfe nehmen, um ihnen auf die Spur zu 
kommen. Dann fühlt man sich mit Genuss an diesen 
Formen entlang, die nach verborgenem Gesetz all- 
mählich anschwellen und wieder abnehmen, folgt dem 
Dehnen und Ineinanderschmiegen, als sei es ein leben- 
diges Wachsen eines organischen Wesens. Und siehe 
da, hier oder da löst sich auch schon ein Blatt aus 
dem Stamm, schmiegt sich bescheiden an den grossen 
Zug der Bewegung — ein erster verstohlener Realis- 
mus. Dies ist das erste Deckblatt, das aus dem 
Samenkorn hervorquillt, so lange es noch halb im 
nährenden Erdreich verborgen ruht, das noch nichts 
von der reichen Bildung der künftigen Pflanze verrät, 
und welches doch mit voller Sicherheit anzeigt, wie 
sich das Ganze einmal weit und reich entfalten wird, 
mannigfache Schösslinge nach allen Seiten aussendend. 
Mit wie sicherem Takt auch diese Franzosen sich 
davor hüten, diese kommende Entwicklung vorweg 
zu nehmen, so ist natürlich ihr Beispiel sehr leicht 
dem Missverständnis ausgesetzt, als liege in den kleinen 
Zuthaten das Geheimnis ihrer anmutigen Wirkung. 
Das Schmuckdetail, so bescheiden es auch sei, wird 
immer früher bemerkt werden als da? Konstruktions- 
gesetz, und es ist für alle Fälle leichter — nach- 
zumachen. 

Die prinzipiell einfache Tischlerei, zu deren er- 
folgreichsten Vertretern man immer van de Velde 
wird zählen müssen, sammelt das Vermögen an sicherer 
Gediegenheit an, das Grundkapital, dessen Erbschaft 
einmal der Stil antreten wird, von dem man in den 
Arbeiten der Franzosen die ersten Andeutungen er- 
kennt. Besonders für bestimmte Zwecke, nämlich 
überall da, wo es auf heitere Zierlichkeit ankommt, 
wird er sich siegreich neben dem schlicht Zweck- 
dienlichen seinen Platz erobern. A. L. PLEHN. 




Schlussleiste, gezeichnet von Daniel Bück, Berlin. 





n . f i or-Tinn 



'^'^'-^^ssriigc 




KLEINE MITTEILUNGEN 



SCHULEN 

ELBERFELD. Nach dem Bericht der Städtischen 
Handwerker- und Kunstgewerbe seh nie über das 
Schuljahr iSggIrgoo hat sich die Anstalt im 
letzten Jahre erfreulich weiter entwickeU. Die Schüler- 
zahl betrug im letzten Winter Q20 Schüler gegenüber 
711 Schülern im Winterhalbjahr 1898/99. Anfang 
Juli 1899 konnte die Schule die Räume des früheren 
Realgymnasiums in Benutzung nehmen; aber auch 
diese Räume haben sich als völlig unzulänglich er- 
wiesen. Diesen Übelständen wird durch den Neubau, 
der in diesem Frühjahr begonnen werden soll, abge- 
holfen werden. Eingerichtet wurde eine ständige 
Ausstellung von Schülerarbeiten, welche ein anschau- 
liches Bild von den Leistungen der Schule bieten 
soll, ferner folgende neuen Klassen: ein Kursus für 
Elektrotechniker und Installateure, zwei Kurse für 
Musterausnehmen für Bandwirker, ein Parallel-Kursus 
für Mathematik, ein Kursus für Gärtner. Im Berichts- 
jahre nahmen zum erstenmale Damen an dem Unter- 
richt teil. Um Schule und Werkstatt noch mehr zu 
verbinden, wurden in der Schule ausgeführte Zeich- 
nungen durch die Schüler in den Werkstätten ihrer 
Meister unter Aufsicht des Fachlehrers zur Ausführung 
gebracht. Derartige Versuche sind zunächst in der 
Kunstschlosserklasse gemacht worden. Durch Erlass 



des Herrn Ministers für Handel und Gewerbe wurden 
vier Lehrern die Mittel gewährt, um unter Professor 
Meurer's Leitung die im Vorjahre begonnenen Natur- 
studien in Rom fortsetzen zu können. Die Schule 
wird dadurch in die Lage versetzt, den Unterricht von 
Grund aus auf das Naturstudium zu gründen, -u- 

GENF. In einer, der Schweiz und ihrer Beteili- 
gung an der Pariser Weltausstellung gewid- 
meten Sondernummer bringt die Revue illustree 
in Paris Mitteilungen über die Kunstgewerbeschule in 
Genf, aus denen hier das rein Thatsächliche folgt: 
Die Schule nimmt Zöglinge mit dem zurückgelegten 
1 5. Jahre auf. Ihr Unterricht will in die nachstehend 
bezeichneten Industrien einführen und umfasst: Kunst- 
und Stilgeschichte; Bau-, Figuren- und Ornament- 
zeichnen; Modellieren und Komposition von Figuren 
und Ornament; Aktzeichnen; Ciselieren, Goldschmiede- 
arbeit; dekorative Bildhauerei für Bauzwecke; Model- 
lieren in Gips; Holzbildhauerei; Kunstbronze, künst- 
lerische Schlosserarbeit (Schmiedeeisen); Holzschnitt, 
Keramik und dekorative Malerei; Emailmalerei. Der 
Unterricht ist unentgeltlich; das Schuljahr läuft von An- 
fang August bis Ende Juni. — Nebenden in den einzel- 
nen Klassen ausgezeichneten Arbeiten stellt die Genfer 
Kunstgewerbeschule in Paris einen ausschliesslich 
durch ihre Schüler hergestellten Speisesaal aus. -ss- 







1. Brunnenschale vor dem sog. romanischen Haus. 2 und 3. Kaminfries im Hotel Bristol in Beriin, nach Modell von Professor O. RIEOELMANN 
in Alt-Warlhauer Sandstein ausgeführt von Bildhauer O. HARTMANN i. F. Oebr. Zeidler, Hofsteinmetzmeister, Berlin. 



KLEINE MITTEILUNGEN 
IT 



195 




Diele, Holzschnitzerei von Professor O. RIEQELMANN, Charlottenburg. Deutsche kunstgewerblicla ., 

auf der Weltausstellung in Paris igoo. 



HANAU. Nach dem Jahres- Bericht der Kgl. 
Zeichen-Akademie für iSggjigoo betrug die Ge- 
samtzahl der Schüler und Schülerinen 307 
gegen 296 im Vorjahre. Pfingsten 1899 fand eine 
Ausstellung von Klassen- und Wettarbeiten der Schüler 
statt, welche auch von den im Mai in Frankfurt a. M. 
versammelten Deutschen Gewerbeschuimännern besucht 
wurde. An Stipendien wurden verliehen die beiden 
Staatsstipendien zu je 500 M. für ein Jahr und ein 
Stipendium von 250 M. aus der Stiftung der Stadt 
Hanau für Kunst und Wissenschaft. Ferner wurde 
29 Schülern und einer Schülerin der unentgeltliche 
Besuch des Unterrichts gewährt. Auf der Pariser 
Weltausstellung ist die Anstalt durch eine Kollektion 
von Goldschmuck-Gegenständen vertreten, welche in 
den drei Fachwerkstätten im Laufe des letzten Jahres 
hergestellt worden sind. -u- 

WETTBEWERBE 

DRESDEN. Preisausschreiben des Akademischen 
Senats unter sächsischen und in Sachsen leben- 
den Künstlern. Gefordert werden: 1. Gemälde 
für zwei einander gegenüberliegende Wandflächen der 
Schmalseiten des Sitzungssaales im Gewandhause zu 
Bautzen, 2. ein Gemälde für die Stirnwand der Aula 



des kgl. Lehrerseminars zu Annaberg. Die Entwürfe 
sind im Masstab 1:10 bis zum 4. Juli bei der kgl. 
Kunstakademie in Dresden einzuliefern, woher auch 
die näheren Bedingungen zu erhalten sind. -u- 

HAMBURG. Professor Carl Marr in München 
ist auf Grund der zur Konkurrenz eingelieferten 
Entwürfe mit der Ausführung der Deckengemälde 
in dem neu zu errichtenden Schauspielhause beauftragt 
worden. -u- 

KARLSRUHE i. B. Deutsche Glasmalerei -Aus- 
stellung iQOi. In dem im Aprilheft des Kunst- 
gewerbeblattes erschienenen Artikel über die 
Deutsche Glasmalereiausstellung hat sich ein Fehler 
eingeschlichen, indem Seite 139 irrtümlich gesagt ist, 
das Unternehmen besorge auf eigene Kosten auch 
die Rücksendung der Ausstellungsstücke. Nach Ab- 
satz 1 1 der Bestimmungen für die Beschickung hat 
jedoch die Einsendung und Zurücksendung auf Kosten 
und Gefahr der Aussteller zu erfolgen, worauf hiermit 
nachdrücklichst hingewiesen wird. 

NÖRDLINGEN. In dem Wettbewerb um ein 
Brunnendenkmal wurde ein I. Preis nicht ver- 
teilt. Zwei II. Preise erhielten die Herren 
Jakob Bradl und H. Wrba, beide in München. -u- 



ig6 



KLEINE MITTEILUNGEN 




MAINZ. Preisausschreiben für künstlerische Lö- 
sungen im Dienste der Feuerbestattung. Der 
Verband der Feuerbestattungsvereine deutscher 
Sprache erlässt in Gemeinschaft mit den Vereinen für 
Feuerbestattung in Mainz und Wiesbaden vier Preis- 
ausschreiben, welche zunächst die Erlangung von 
Plänen für den Bau eines Crematoriums auf dem 
Friedhofe zu Mainz bezwecken. Zugleich soll aber 
auch ein Versuch gemacht werden für die Beisetzungs- 
stätten der Aschenreste und die Aschenurnen neue 
eigenartige Formen zu ge- 
winnen. Den Künstlern 
soll hierdurch ein neues 
Feld ihrer Thätigkeit er- 
öffnet werden. Die Preis- 
ausschreiben zerfallen in: 

1. Einen Wettbewerb für 
den Neubau eines Crema- 
toriums in Mainz, mit 
3 Preisen von looo Mk., 
600 Mk. und 300 Mk. 

2. Wettbewerb für eine 
Columbariumwand, aus- 
gesetzt sind ein I. Preis 
350 Mk., IL Preis 200 
Mk., IIL Preis 125 Mk. 

3. Wettbewerb für eine 
Einzelbestattungsstätte. Es 
sind ausgesetzt I. Preis 
200 Mk., IL Preis 125 
Mk., IIL Preis 75 Mk. 

4. Wettbewerb für eine 
Aschenurne. Zur Vertei- 
lung kommt ein I. Preis 
100 Mk., IL Preis 75 Mk., 
III. Preis 50 Mk. Die 
Ausstellung der einlaufen- 
den Arbeiten wird in 
Frankfurt a. M. gelegent- 
lich des Verbandstages der 

deutschen Feuerbe- 
stattungsvereine am 6., 7. 
und 8. September, sodann 
in Mainz und Wiesbaden 
erfolgen. Als Preisrichter 

werden fungieren die 
Herren: Dr. Ed. Bracken- 

hoeft, Vorsitzender des Verbandes deutscher Feuer- 
bestattungsvereine in Hamburg, Professor K. Henrici, 
Aachen, Stadtbaunieister Felix Genzmer, Wiesbaden, 
Geh. Oberbaurat Hof mann, Darmstadt, Architekt R. 
Opfermann, Mainz, Architekt W. Prösler, Frankfurt 
a. M., Carl Schmahl, Kaufmann und Stadtverordneter, 
Mainz. Das Programm für die Preisausschreiben ist 
von Herrn Carl Schmahl, Mainz, kostenlos zu be- 
ziehen. Die Einlieferung der Arbeiten hat bis 30. 
August er. zu erfolgen. 

BERLIN. In dem Preisausschreiben des Vereins 
für deutsches Kunstgewerbe um Entwürfe zu 
einem Banner für die Innung ^'Bund der Bau-, 
Maurer- und Zimmermeistert haben erhalten: den 



I. Preis (300 M.) Adolf Eckhardt, je einen Preis von 
100 M. Georges Otto und Albert Klingner, sämtlich 
in Berlin. -u- 



O' 






iPPELN. Zu dem Wettbewerb um Entwürfe für 
einen Monumentalbrunnen waren 72 Arbeiten 
eingegangen. Die in dem Preisausschreiben 
ausgesetzten 10 Preise von je 500 M. wurden folgenden 
Bildhauern zuerkannt: Professor Gustav Eberlein, 
E. Gomanski, Herm. Hosaeus, Georges Morin, Stephan 

Walter, E. Wenck, S. Wer- 
' ~] nekinck, sämtlich in Ber- 

i lin, R. Felderhoff, Fritz 
I Klimsch, Alfred Raum 
I sämtlich in Charlotten- 
I bürg. Zur Gewinnung 
eines für die Ausführung 
zu bestimmenden Ent- 
wurfs hat das Preisgericht 
einen engeren Wettbewerb 
zwischen den Bildhauern 

Felderhoff, Gomanski, 
Klimsch, Wenck u.Werne- 
kinck vorgeschlagen, -u- 




c 



CHEMNITZ. Zudem 
Wettbewerb zur Er- 
langung von Ent- 
würfen für ein König 
Albert- Museum waren 45 
Entwürfe eingegangen. Es 
erhielten einen Preis von 
3000 Mk. die Architekten 
F. Hessemer und J. Schmidt 
in München, einen Preis 
von 2000 Mk. der Archi- 
tekt F. Berger in Stettin 
und Preise von je 1000 
Mk. die Architekten M. 
Lindemann in Dresden 
und H.Behrens in Bremen. 



b 



._!_ 



Darnpf's Relief in Stein am Haus des Vereins deutscher Ingfenieure in 
Berlin, ausgeführt von Professor G. RIEGELMANN, Charlottenburg. 



ST. 
S; 



JOHANN a. d. 
Saar. In dem Wett- 
bewerb für eine male- 
rische Ausschmückung des 
Sitzungssaales in dem Rathause erhielt den I. Preis 
(3000 M.) Maler Wilh. Wrage in Berlin, den IL Preis 
(2000 M.) Maler O. Wichtendahl in Hannover, den 
III. Preis (1000 M.) Maler H. Koberstein in Berlin. 

-u- 

DRESDEN. Zu dem Preisausschreiben der Ci- 
garettenfabrikLaferme um Etiketten fürCigaretten- 
packung gingen 909 Entwürfe ein. Es erhielten 
den I. Preis (1000 M.) Bernsmeier & Perks in Dresden, 
den IL Preis (500 M.) Leissner in Hamburg-Hohen- 
felde, den III. Preis (300 M.) Leuteritz in Dresden, 
den IV. Preis (200 M.) Kozel in Leipzig, den V. Preis 
(100 M.) Gottschlag in Weimar und einen Extrapreis 
(100 M.) Ignaz Taschner in München. -u- 



KLEINE MITTEILUNGEN 



197 



c 



AUSSTELLUNGEN 



»HARLOTTENBURG. In dem Wettbewerb zur 

Erlangung von Entwürfen für die künstlerische 

Ausgestaltung der Charlottenburger Brücke 
waren 52 Entwürfe eingegangen. Es erhielten den 
I. Preis (3000 Mk.) Architekt F. Pützer in Darmstadt, 
zwei H. Preise (je 1500 Mk.) Architekt J. Weiz in die fünfzehn wichtigsten derselben, über welche eine 
Berlin und Regierungsbaliführer K. Winter in Ravens- Rechnungslegung vorhanden ist, insgesamt Gewinne 
bürg (Württemberg). Zum Ankauf wurden drei Ent- von 25000000 Eres, erzielt, denen auf der anderen 
würfe empfohlen. . Seite Fehlbeträge von 125000000 Frcs. gegenüber- 



WIE der Boniteur des Expositions« in einer 
kurzen Mitteilung über die Gewinne und 
Verluste der Weltausstellungen angiebt, haben 



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Einband eines Dresdener Gesangbuchs vom Jahre 1728.^ Braunes Kalbleder, ..Ornament in Goldprägung mittels einzelner 
Stanzen, im Privatbesitz aufgenommen von GEORG BOTTICHER, Leipzig. 



Kunsigewerbeblatt. N. F. XI. H. 10. 



30 



198 



KLEINE MITTEILUNGEN 




Entwurf zu einer Glas-Kanne mit Silber- oder Zinnmontierung 
von Architekt B. MÖHRINO, Berlin. 



stehen. Aus der Reihe dieser Ausstellungen schloss 
die Londoner von 1851 mit einem Überschuss von 
2600000 Pres., dagegen die Pariser von 1855 mit 
einem Fehlbetrage von 22000000 Pres, und die 
Londoner von 1862 mit einem solchen von 250000 Pres. 
Die Pariser Ausstellung von 1867 ergab einen Über- 
schuss von beinahe 3000000 Pres., die Wiener von 
1873 den höchsten bishervorgekommenen Fehlbetrag 
von 50000000 Pres. Die Ausstellung in Philadelphia 
1876 hatte einen bedeutenden Fehlbetrag, die in Paris 
1 878, ungeachtet ihrer Eintrittsgelder von 1 5032 735 Prs., 
einen Fehlbetrag von fast 9000000 Pres. Hiernach 
vergingen nahezu zehn Jahre ohne weitere Ausstellungen. 
Diejenigen von 1887 in Manchester und von 1888 in 
Glasgow ergaben ziemlich gute Überschüsse, die Pariser 
von 1889 ebenfalls einen solchen von 8000000 Frcs., 
dagegen erhielt sie einen Zuschuss von 25000000 Pres. 
Die Ausstellung in Chicago 1893 brachte einen Über- 
schuss von fast 7000000 Pres. Das sind die rohen 
statistischen Ergebnisse, allein es ist klar, dass der 



Fremdenverkehr und der Geldstrom, die eine Welt- 
ausstellung mit sich bringen, den buchmässigen Fehl- 
betrag reichlich ausgleichen. -ss- 

PARIS. Nach dem »Moniteur des Expositions« haben 
in Paris bisher die folgenden Industrie- und Welt- 
ausstellungen stattgefunden: Im Jahre 1798 auf 
dem Marsfelde, 1801 und 1802 im Hofe des Louvre, 
1806 auf der Invaliden-Esplanade, 1819, 1823 und 
1827 im Louvre, 1834 auf dem Concordienplatz, 
1839 und 1844 im Carree Marigny, 1849 auf den 
elysäischen Feldern, 1855 die erste Weltausstellung 
im Industriepalast, 1867 auf dem Marsfelde, 1878 auf 
dem Marsfelde und dem Trocadero, 1889 auf dem 
Marsfelde, bei den Invaliden, auf dem Trocadero und 
dem Quai d'Orsay. Auf der ersten Ausstellung von 
1798 waren 110 Aussteller vertreten, von denen 23 
ausgezeichnet wurden und sie dauerte 13 Tage; die 
Weltausstellung von 1867 zählte 50226 Aussteller 
und war 217 Tage lang geöffnet. — Von den bis- 
herigen Weltausstellungen bedeckte diejenige von 1 855 
eine Fläche von 168000 qm, davon 120000 bebaut; 
1867: 687000 qm, 166000 bebaut; 1878: 750000 qm, 
280000 bebaut; 1889: 960000 qm, 290000 bebaut; 
die diesjährige Weltausstellung nimmt eine Fläche von 
1080000 qm in Anspruch, von denen 460000 bebaut 
sind. Es ergiebt sich hieraus, dass die bebaute Fläche 
im Verhältnis zum gesamten Umfange der Ausstellung 
diesmal bei weitem grösser ist, als in den Jahren 
1878 und 1889. — Von verschiedenen Seiten wird 
behauptet, dass die bebaute Fläche zu gross sei, dass 
Zwischenräume fehlen und dass die Bewegungsfreiheit 
der zu erwartenden zahlreichen Besucher gehemmt sein 
werde. Allerdings musste infolge der Anforderungen der 
Aussteller eine sehr grosse Fläche bebaut werden, doch 
hofft man, dass durch die für die Freiheit der Be- 
wegung getroffenen Einrichtungen in Verbindung mit 
der geschickten Benutzung des freigebliebenen Raumes 
die Besucher nicht darunter leiden, wohl aber das 
Interesse ah der Ausstellung wachsen werde. — (Die 
Stauungen im Verkehr im Innern der Gebäude, welche 
bei nur einigermassen starkem Besuche eintreten und 
eine Besichtigung der Einzelgegenstände kaum zu- 
lassen, beweisen leider, dass der für den Verkehr frei- 
gelassene Raum zu knapp bemessen wurde. D. R.) 

-SS- 
BÜCHERSCHAU 

Otto Wagner: Moderne Architektur. Zweite Auflage. 
Wien, Verlag von Anton Scholl & Co. 
Als der Oberbaurat Otto Wagner vor vier Jahren 
seine individuell gefärbten Betrachtungen über den 
Geist und die Ziele der modernen Baukunst veröffent- 
lichte, hatte er damit nur im Sinne, seinen Schülern 
einen Führer und Leitfaden, sozusagen ein theore- 
tisches Einleitungs-Kapitel für seine praktischen Vor- 
lesungen an die Hand zu geben. Bei der so ein- 
flussreichen Stellung, die Wagner an der k. k. Aka- 
demie der bildenden Künste zu Wien als Professor 
einnimmt, war es begreiflich, dass seine Stimme weit- 



KLEINE MITTEILUNGEN 



199 



hin gehört wurde, Beifall und Widerspruch erweckte. 
Der Grundgedanke seiner Schrift, >dass die Basis der 
heute vorherrschenden Anschauungen über die Bau- 
kunst verschoben werden und die Erkenntnis durch- 
greifen muss, dass der einzige Ausgangspunkt unseres 
künstlerischen Schaffens nur das moderne Leben sein 
kann.« Dieser Grundgedanke ist an sich ja unan- 
fechtbar, aber durch so manche befremdende, dunkle 
und provozierende Wendungen in der weiteren Be- 
weisführung stachelte Wagner nicht nur die Anhänger 
der älteren Richtung, sondern auch manche Für- 
sprecher moderner Anschauung zu Entgegnungen 
an und es entfaltete sich ein etwas wildes Streiten 
und Plänkeln in jenem Zeitpunkt, da die Wiener 
Kunst sich zu einer scharfen Biegung anschickte. 
Auch für akademische Doktorfragen unter den Zunft- 
genossen gab das Wagner'sche Buch reichlichen An- 
lass, so entstand eine etwas hochtrabend theoretische 
Entgegnungsschrift des polemisch veranlagten Wallot- 
Schülers R. Streiter, gegen deren verzwickte Theoreme 
im Grunde noch mehr Einwendungen zu machen 
waren als gegen Wagner's präzis hingehauene Ge- 
danken. Nun aber, da die zweite Auflage seiner 
Schrift erscheint, steht Wagner als Sieger auf dem 
Plan und mit ihm die von ihm verfochtene moderne 
Wiener Kunst, die sich in den letzten drei Jahren 
mit so heissblütigem Temperament der Hegemonie 
in der Donau-Metropole bemächtigt hat. Das kon- 
statiert Wagner mit einem triumphierenden Wohlge- 
fühl. Er sagt: Durch den Vorstoss der Modernen 
hat die Tradition den wahren Wert erhalten und 
ihren Überwert verloren, die Archäologie ist zu einer 
Hilfswissenschaft der Kunst herabgesunken und wird 
es hoffentlich immer bleiben. Nicht alles was mo- 
dern ist, ist schön, wohl aber muss unser Empfinden 
uns dahin weisen, dass wirklich Schönes heute nur 
modern sein kann. Wie gesagt, die Bedeutung der 
Wagner'schen Abhandlung liegt darin, dass sich in 
ihr der Geist der heute massgebenden Kunst getreu- 
lich wiederspiegelt. — x. 

M. Meurer: Die Ursprungsformen des griechischen 
Akanthusornamentes und ihre natüriichen Vorbilder. 
Mit 54. Illustrationen. Berlin, Verlag von G. Reimer. 
In der Reihe der berühmten und grundlegenden 
Untersuchungen Prof. Meurer's über die Entstehung 
einzelner Typen des überlieferten Ornamentes aus 
pflanzlichen Gebilden und anderen Formen der Er- 
scheinungswelt steht die Untersuchung der Ursprungs- 
formen des griechischen Akanthusornamentes an erster 
Stelle. Es ist begreiflich, dass Meurer gerade mit 
diesem Typus begann, der in der Weltgeschichte der 
Kunst eine so glänzende Rolle gespielt hat und immer 
noch spielt. Die eingehende Vergleichung der natür- 
lichen und ornamentalen Formen ist dazu geeignet, 
auf den eminent künstlerischen Gehalt der Natur- 
formen aufmerksam zu machen und darin bietet sich 
ein wesentliches Mittel, das äusseriiche Kopieren der 
überiieferten Formen zu verhüten und das selbständige 
und daher echt künstlerische Studium der Natur an- 
zuregen. Die geniale Untersuchungsmethode Meurer's, 



der auf klassischem Boden das ganze Bereich der 
antiken Monumente wie die wechselnden und stark 
variierenden Erscheinungsformen der Akanthusstaude 
beherrscht, ist zu so schlagenden Ergebnissen gelangt, 
dass die langandauernden Untersuchungen nunmehr 
mit einem Schlage als völlig abgeschlossen zu betrach- 
ten sind. Meurer weist zuerst nach, dass das Akan- 
thusornament sich nicht aus dem üppig gestalteten 
Laubblatt besagter Pflanze, sondern aus den mehr 
rudimentären Stützblättern und weiter aus den Hoch- 
blättern ,des Blütenstandes, aus der knospenartigen 
Blüten-Aehre, also aus dem unscheinbarsten Teil der 
stacheligen Staude entwickelt hat. Dafür sprechen 
die ältesten Denkmäler mit schüchternen Akanthus- 
formen, die Grabstelen aus der Mitte des 5. Jahr- 
hunderts V. Chr. Seit daher datiert das Ornament, 
es ist also bedeutend jünger als die Palmette. Dass 
es sich zuerst als Stelenkrönung findet, kommt wohl 
daher, dass die Pflanze im Totenkultus eine Rolle 




Entwuif zu einer ülas-Kanne mit Silber- oder Zinnmontieruiii^ 
von Architekt B. iMÖHRlNQ, Berlin. 

30' 



200 



KLEINE MITTEILUNGEN 



spielte und in dieser Eigenschaft zu einer Kultur- 
pflanze mit üppigeren Formen wurde, so ist uns 
überliefert, dass der Leichenwagen Alexanders des 
Grossen, mit goldenen Akanthusgehängen geschmückt 
war. Im einzelnen verfolgt Meurer 
die Entwicklung der Akanthus- Ur- 
form an den Bracteen der Stelen, 
an den weissgrundigen attischen 
Lekythen, den Grabkrügen mit 
skizzenhaften Zeichnungen, die den 
Toten mit in die Gruft gegeben 
wurden, dann an den Anthemien- 
bändern, wo der Akanthus in Kelch- 
form als Relief oder Malerei an 
Simen und Friesen erscheint, ferner- 
hin an den Stirnziegeln, wo er als 
Stützblatt der Palmetten dient, und 
endlich als Deckblatt am Schafte 
plastischer oder gemalter Ranken. 
Die naturalistische Ursprungsform 
des Akanthus ist dann im späteren 
Verlauf der Entwicklung zu diffe- 
renzierten Gestaltungen gelangt, die 
zackigen Rand- 
gliederungen 
vermehrten sich 
reichlich und es 
ist klar, dass 
für diese Fort- 
bildung des Or- 
namentes die 
entwickelten 
Blätter am Mit- 
telstengel der 
Pflanze als Mo- 
dell dienten. So 
fand man den 
Übergang zum 
Akanthus am 
korinthischen 
Kapitell, und in 




dieser endgültigen Gestalt erobert sich das Ornament 
die Kulturwelt von Europa. Dieses Kapitell zeugt von 
dem wunderbar feinen Natursinn der Griechen. Aus 
der Art, wie sich die Blätter an den Stengel der Pflanze 
anfügen, lernte der Grieche die Um- 
schliessung des Säulenschaftes durch 
Blattformen. Meurer schliesst mit der 
tiefen Betrachtung, wie die tech- 
nischen Kunstformen aus einfachen 
Formenelementen allezeit hervorge- 
hen und wie sie sich in der fort- 
schreitenden Gestaltung und Ver- 
vollkommnung den wechselnden 
Daseinsbedingungen wunderbar an- 
passen. Auch dafür giebt uns die 
Natur, wie sie uns Darwin aufzu- 
fassen gelehrt hat, ein unübertreff- 
liches Vorbild. — x. 

VERMISCHTES 

IE kunstgewerbliche Anstalt 
von Wilhelm Schell in Offen- 
burg ist erfolgreich bemüht, 

den Formen- 
schatz ihrer Er- 
zeugnisse den 
modernen De- 
korationsprinzi- 
pien anzupas- 
sen. Die Tafel, 
die dem heuti- 
gen Hefte in 

leuchtendem 

Farbendrucke 
beiliegt, giebt 

eine anschau- 
liche und 
erfreuliche Pro- 
be von dem 
Streben des In- 
stituts. 



Beleuchtungskörper für elektrisches Licht, entworfen und ausgeführt von FERD. PAUL KRÜGER, 

Kunstsciimiedewerkstatt, Berlin. 



Herausgeber und für die Redaktion verantwortlich: Professor Karl Hoffacker, Architekt in Charlottenburg- Berlin. 

Druck von Ernst Hedrich Nachf., G. m. b. H., Leipzig. 




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Kopfleiste, gezeichnet von H. MEYER-Cassel, Stnrnberg. 



DIE DEUTSCHE SMYRNATEPPICH- INDUSTRIE 



IN der Neuzeit, wo das Interesse an dem Empor- 
blühen der verschiedenartigsten Verzierungsweisen 
auf allen erdenklichen Gebieten des Kunstgewerbes 
so ungewöhnlich gross ist, dürfte es nicht ohne 
Nutzen und Interesse sein, der Geschichte der deut- 
schen Smyrnateppich- Industrie einige Aufmerksamkeit 
zu widmen. Sie ist nach verschiedenen Richtungen 
hin der Beachtung wert, da sie einesteils zeigt, welche 
vielseitigen Bedingungen für das Gedeihen einer Tech- 
nik erfüllt werden müssen und weil sie andererseits 
beweist, dass es immer noch bestimmte Grenzmarken 
giebt, welche das Nebeneinanderbestehen von Hand- 
arbeit und Maschinenarbeit anscheinend auf lange 
Zeit hinaus sichern. 

Bekanntlich ist die Industrie des Teppichknüpfens 
mit Unterstützung der Regierung in Deutschland ein- 
geführt worden. Durch Vermittelung der Gesandt- 
schaften gestattete die türkische Regierung einem tüch- 
tigen schlesischen Weber, das Knüpfen des unlöslichen 
morgenländischen Teppichknotens zu erlernen. Dieser 
Weber wurde dann vor reichlich fünfzig Jahren der 
Lehrmeister vieler Schlesierinnen und Spreewäldlerin- 
nen, die allmählich einen Grundstamm von geschickten 
Knüpferinnen stellten. Es war keine geringe Aufgabe, 
alle die Arbeiterinnen heranzuziehen, die gegenwärtig 
in den verschiedensten Gegenden des deutschen Reiches, 
in Spremberg, Kottbus, Hannover- Linden, Ansbach, 
Würzen, Elberfeld u. s. w. thätig sind. Die unschein- 
bare Arbeit des Knüpfens ist nämlich keineswegs so 
einfach, wie es auf den ersten Blick erscheint. Ab- 
gesehen davon, dass weitaus nicht alle, die als Lehr- 
linge eintreten, die unentbehrliche Fingerfertigkeit und 

Kunstgewerbeblatt. N. F. XI. H. n. 



Fingerfestigkeit erlangen, ist ein ganz erheblicher 
Aufwand an Intelligenz erforderlich. Die Arbeite- 
rinnen sitzen in langen Reihen auf einer Lade vor 
dem Webstuhl. Auf letzteren ist die Kette aus kräf- 
tigem Hanf- oder Leinenfaden aufgezogen. Jede 
Arbeiterin hat ein patroniertes Muster vor sich. Sie 
knüpft danach ihre bestimmte Zahl von Fäden in die 
Kette hinein. Selbstverständlich ist sie für das rich- 
tige Aufeinandertreffen der Übergänge verantwortlich. 
Ferner giebt es Ecken und Musterfiguren von rechts 
nach links umzusetzen; auch werden häufig die Vor- 
lagen in andere Farbenstellungen übertragen. So 
wird der Blick für Abstufungen und Schattierungen 
geschärft und der Farbensinn in einer Weise geschult, 
die nicht ohne Einfluss auf die Geschmacksbethätigung 
der Arbeiterinnen in ihrer häuslichen Umgebung 
bleiben kann. Dass die Thätigkeit am Teppichweb- 
stuhl eine verhältnismässig gesunde ist, macht das 
Aufblühen dieser Industrie besonders erfreulich. Da 
besondere Maschinen zum Zerschneiden der Woll- 
fäden in die erforderliche Länge vorhanden sind, 
atmen die Arbeiterinnen nur wenig Wollstaub ein. 
Aller vorhandene Staub wird überdies so bald und 
so weit wie möglich beseitigt. 

Das Schiffchen, welches den derben wollenen 
Einschlagfaden zwischen dem Aufzug hin und her 
führt, ist von einfachster Beschaffenheit; in der That 
stellt es nur ein schlichtes Holzbrettchen mit Gabel- 
enden dar. Der Einschlagfaden wird von den Ar- 
beiterinnen mit einem schaufeiförmigen Kamm fest- 
geschlagen, dessen Metallzinken in den Kettenfaden 
hineingreifen. Zur Hersteilung des Einschlagfadens 

31 



202 



DIE DEUTSCHE SMYRNATEPPICH- INDUSTRIE 



'^. 



dienen diejenigen Teile der Wolle, die 
vom Wolf, von dem Käinmer und Sel- 
factor zur Anfertigung des scliarfge- 
drehten, aus vielen feinen Einzelfäden 
bestehenden Knüpffadens nicht nach- 
giebig genug befunden werden. Die 
Erfahrung hat die deutschen Teppich- 
fabrikanten gelehrt, dass man am besten 
thut, den Faden an Ort und Stelle zu- 
zubereiten und ihn in einer eigenen 
Färberei ganz nach Bedarf zu färben. 
Alle neuesten Vervollkommnungen des 
Färbesystems werden in den Dienst der 
deutschen Teppichweberei gestellt. Seit- 
dem die Anilinfarben ihren Weg in das 
Morgenland gefunden haben, ist es be- 
kanntlich um die Farbenechtheit der 
orientalischen Teppiche nicht sonderlich 
gut bestellt. Um so mehr Veranlassung 
liegt vor, bei der Herstellung der deut- 
schen Teppiche das Beste zu benutzen, 
dessen man habhaft werden kann. In 
der Anwendung der Gärungsmethode, 
die beim Indigo längst üblich war, hat 
man ein Mittel gefunden, die Farben 
wesentlich dauerhafter zu machen als 
bisher. Ihre Leuchtkraft wird durch 
Oxydation, d. h. durch Einwirkung der 
Luft hervorgerufen. Eben diese Einwir- 
kung der Luft ist es freilich auch, die 
mit der Zeit wieder wegnimmt, was sie 
gab. Immerhin ist der Vorgang, im 
Vergleich zu dem, was mit den eigent- 
lichen Anilinfarben zu geschehen pflegt, 
um sehr vieles verlangsamt. Wichtiger 
noch ist es, dass die durch das neuere 
Verfahren gewonnenen Farben, genau 
wie die alten Pflanzenfarben, gleich- 
massig verblassen, während die Anilin- 
farben sich derart verändern, dass alle 
Farbenharmonie aufgelöst wird. Der 



eigentliche Glanz der Farben tritt erst 
hervor, nachdem der fertiggeknüpftc 
Teppich von der Scherwalze bearbeitet 
wurde. Diese Walze ist nach der Ana- 
logie der Rasenscheren hergestellt und 
giebt jene sammetweiche Ebenheit des 
Schnittes, die auf den Teppichliebhaber 
eine besondere Anziehungskraft ausübt. 
Nachdem der Teppich geschoren ist, 
vermag man erst endgültig darüber zu 
entscheiden, ob die Arbeit wirklich ge- 
lang. Hat es sich nämlich während des 
Knüpfens herausgestellt, dass von einer 
Farbe oder Schattierung nicht genug 
Wolle vorhanden war, so muss nach- 
gefärbt werden. Es ist aber nahezu un- 
möglich , genau denselben Ton im 
Durchschnitt der Wolle zu liefern, 
wenn auch die Aussenseiten beider 
Fäden gar nicht voneinander zu unter- 
scheiden sind. Kapitalkräftige Fabrikan- 
ten lassen daher immer mehr Wolle 
färben, als sie voraussichtlich brauchen 
werden. Selbstverständlich entsteht da- 
durch ein beträchtlicher Verlust an 
Material. 

Der Besitz einer eigenen Färberei 
ist auch deshalb für den Teppichfabri- 
kanten unentbehrlich, weil sehr häufig 
Dekorateure oder Hausbesitzer die An- 
fertigung von Teppichen in ganz be- 
stimmten Farbentönen verlangen. Eben- 
so werden bestimmte Grössen Verhält- 
nisse vorgeschrieben und auch über 
den »Stil« der Ornamentation werden 
bestimmte Anweisungen gegeben. Die 
Möglichkeit, Teppiche in jeder belie- 
bigen Grösse (bis zu 11X13 m) herzu- 
stellen, wird dem Knüpfteppich immer 
einen bestimmten Vorsprung vor den 
Maschinenteppichen sichern. Man kann 



Zierleiste von A. BRUNNER, Bad Aibling. 



DIE DEUTSCHE SMYRNATEPPICH- INDUSTRIE 



203 



Teppiche so knüpfen, dass sie sich genau den Rundungen 
und den verschieden gestalteten Winkein der Treppen- 
absätze anpassen; es können Ausschnitte vorgesehen 
werden, bei denen die Aufstellung der Möbel berück- 
sichtigt wird u. dgl. m. Für alle diese besonderen 
Fälle eigene Maschinen zu bauen, ist durchaus un- 
möglich. Wer also für einen ganz bestimmten Fall 
einen ganz besonderen Teppich braucht, wird immer 
einen Knüpfteppich wählen. Einen solchen im Orient 
in Auftrag zu geben, ist immer ein schwieriges Unter- 
nehmen. Es bestand also ein wirkliches Bedürfnis 
für die Einführung der Knüpfteppich -Industrie in 
Deutschland. Dieses wirkliche Bedürfnis ist dann 
auch der Hauptgrund, weshalb in derselben Zeit, wo 
die Handweberei und hundert andere Industriezweige 
gänzlich dem Maschinenbetrieb Raum geben mussten, 
der handgeknüpfte Tep- 
pich sich ein breites Ab- 
satzgebiet erobern konnte. 
Das Gesetz des wirklichen 
Bedürfnisses wird stets der 
Faktor bleiben, der das 
Verhältnis der Handarbeit 
zur Maschinenarbeit regelt 
und man wird gut thun, 
diesem Gesetze die gebüh- 
rende Aufmerksamkeit zu 
widmen, wo immer es sich 
darum handelt, die Lage 
des Handwerkes und der 
Handarbeit zu heben. Be- 
merkenswert ist auch das 
feine Verständnis und die 
Umsicht, mit der in dieser 
Industrie jeder Hebel be- 
nutzt wird, welchen die 
Fortschritte der modernen 
Technik und Chemie bie- 
ten, um den Erfolg der 
Handarbeit zu sichern 
der Menschenhand und 
dem Menschengeiste nur 
gerade dasjenige Arbeits- 
quantum zuzumuten, das 
unbedingt erforderlich ist 
und sie durch Maschinen- 
arbeit zu unterstützen, wo 
immer es angeht. Ge- 
rade in dieser Hinsicht 
sind die auf dem Gebiete 
des Knüpfteppichs gesam- 
melten Erfahrungen un- 
gemein lehrreich für ver- 
schiedene Zweige der 
Luxusindustrie, die neuer- 
dings die Berücksichti- 
gung unserer dekorativen 
Künstler gefunden haben. 
Je feinsinniger der Ent- 
wurf, desto dringender die 
Notwendigkeit höchst voll- 




Silberne Bowle, Kaiserpreis für 
Entworfen und ausgeführt 



endeter, in liebevoller Hingabe an die Sache durch- 
geführter technischer Ausarbeitung des Entwurfes. In 
dieser Hinsicht bleibt dem aufmerksamen Beobachter 
in unserer neueren kunstgewerblichen Entwicklung 
noch sehr vieles zu wünschen übrig. 

In der Ausstattung der zahlreichen neueren Kunst- 
salons in Berlin gelangen durchweg Perserteppiche, 
oft auch neu -englische und wohl gar recht minder- 
wertige deutsche Nachahmungen neu-englischer Sachen 
zur Verwendung. Dann und wann sieht man einen 
Eckmann oder Lenimen letztere natürlich niemals 
so, dass sie von den Fussspuren der Besucher leiden 
könnten. Mit Persern und sonstigen 'Orientalischen<', 
die eine Zeit lang im Gebrauch waren, wird bekannt- 
lich immer noch ein ganz schwunghafter Handel ge- 
trieben. Ihre dunkle Farbe lässt nicht leicht erkennen, 

wieviel sie schon benutzt 
wurden. An den sogenann- 
ten englischen Sachen, de- 
ren riesengrosse helle Blät- 
ter sehr bald recht un- 
freundliche Spuren des 
Vergänglichen aufweisen, 
wird schwerlich ein Käu- 
fer zum zweitenmal Ge- 
fallen finden. Die Folge 
davon ist die, dass die 
grosse Masse des deut- 
schen Publikums den sehr 
minderwertigen Mustern 
treu bleibt, die in Schleu- 
derbazaren und Teppich- 
lagern' anzutreffen sind. 
In absehbarer Zeit wird 
man auch leider auf die- 
sem Gebiete schwerlich 
Wandel schaffen. Man 
wird vermutlich weder 
durch Klagen, noch durch 
Belehrung eine wesentliche 
Besserung erreichen. Für 
diejenigen aber, die den 
Fortschritt des Dekora- 
tionswesens aus Selbst- 
erhaltungstrieb oder aus 
Liebe zur Sache zu fördern 
bemüht sind, dürfte es sich 
lohnen, mit dem Ge- 
schmack des Publikums 
einen Augenblick als mit 
einem gegebenen Faktor, 
mit einem Gewordenen zu 
rechnen. Die eingehende 
Untersuchung der Ur- 
sachen und der Eigenart 
des Vorhandenen, des Ge- 
wordenen, ist ja ein Haupt- 
merkmal des Geistes der 
Gegenwart. Man braucht 
nur einen Teppich von 
Tournay oder Brüssel an- 



Hannover, Gr. Armee-Jagdrennen, 
von O. ROHLOFF, Berlin. 



204 



DIE DEUTSCHE SMYRNATEPPICH- INDUSTRIE 




tenwmwWM 



MimM.J , . '^ 



Cntwurf zu einer Kanne, von R. OREANS, Karlsruhe. 



zusehen, der etwa aus den fünfziger Jahren unseres 
Jahrhunderts stammt, um zu begreifen, wie die 
grosse Unsicherheit des Geschmacks gerade auf dem 
Gebiete des Teppichs zu stände i<am. Brüllende Lö- 
wen, plastisch abschattierte Blumenkränze, schwellende 
Rokoko-Ornamente und andere mehr sind auf diesen 
Teppichen keine Seltenheiten. Seitdem hat man nun 
wohl die Teppichfabrikanten und auch einen Teil 
des Publikums darüber belehrt, dass ein Teppich- 
muster nicht erhaben erscheinen darf. Immerhin sind 
die Teppiche aus der eben erwähnten Zeit von solcher 
Dauerhaftigkeit, dass sie wenigstens in Grossmutter- 
stübchen noch nicht aufgehört haben, ihren Einfluss 
auszuüben auf die empfänglichen Gemüter der 

Kinder, deren schönste Erinnerungen meistens mit 
so einem Grossmutterstübchen verwachsen sind. 

Natürlich wird die glückliche Braut, die bei der 
Beschaffung des Hausrates für ihr eigenes Heim alles 
Neueste wählt, in Bezug auf einen Teppich nur in 
den seltensten Fällen ausgeprägtes Stilgefühl besitzen. 
Ihre Mutter hat vor sechs oder sieben Jahren, als die 
Familie eine grössere Wohnung bezog, eine Rokoko- 
Einrichtung für den Salon angeschafft. Dazu kaufte 
sie pflichtschuldigst einen Rokokoteppich, denn auch 
die Stuckornamente der Zimmerdecke waren ja im 



Rokokostil gehalten; Putten oder Nixen aus Stuck 
trieben da oben in den Medaillons zwischen den 
gebrochenen Muschelformen ihr Unwesen, oder, wenn 
der Hausbesitzer weniger hochherrschaftlich ist, lächelt 
eine Landschaft mit winterlich rutenförmigen Bäumen 
oder sonst eine logische Unmöglichkeit von oben 
herab« aus den Eckfiguren der Deckenornamente. 
Wenn nun die Mutter glaubte, ihr Zimmer »stilvoll <' 
eingerichtet zu haben, indem sie zu der Rokokodecke 
und Rokokotapete einen Rokokoteppich fertigen Hess, 
so darf man sich nicht darüber wundern, dass die 
Tochter zu den »englischen' Möbeln, dem englischen 
Wandfries und der englischen Tapete einen »eng- 
lischen« Teppich wählt. Natürlich reichen die Mittel 
nicht für einen besonders guten. Wäre das der Fall, 
so könnte man sich kaum darüber freuen, denn es 
würde nur bedeuten, dass ein schlechtes Muster auf 
viele Jahre hinaus einen ungünstigen Einfluss auf das 
Schönheitsgefühl der Bewohner ausübt. - 

Sehr häufig wird übrigens die angehende junge 
Hausfrau des deutschen Mittelstandes den grossblumigen 
modern englischen Teppich unpraktisch finden, weil 
er sehr bald fleckig wird. Nun kommen natürlich die 
orientalischen Teppiche in Frage. In sehr wohlhaben- 
den Häusern lässt man wohl einen Teppich direkt 
aus Konstantinopel oder Smyrna kommen. Gewöhn- 
lich aber wird eines jener wenig lobenswerten deutschen 
Erzeugnisse genommen, die in harten, höchst unsym- 
pathischen braunroten, grünlichen und gräulichen Far- 
ben gehalten sind, welche als Ausfluss des ersten An- 
stosses zur Benutzung des Renaissancestils in der 
modernen deutschen Mittelstandswohnung hängen 
geblieben sind. Diese farblosen, teils künstlich ver- 
schossenen, teils unreinen Farben stehen noch heute 
der Verbreitung einer munteren Farbenfreudigkeit im 
deutschen Hause hindernd im Wege. Allein, wer einige 
im wirklichen Leben wurzelnde Bekanntschaft mit den 
breiten Schichten des deutschen Mittelstandes besitzt, 
wird vollauf verstehen, dass man weder durch die Ein- 
führung orientalischer Teppiche, noch auch durch Be- 
vorzugung solcher im »Jugendstil« in eben diesen 
Kreisen eine Geschmacksverbesserung erzielen wird. 
Die solide Hausfrau aus der Masse des kauffähigen 
Publikums sperrt sich schlankweg gegen die Be- 
nutzung eines Teppichs im Jugendstil. Ihr gesundes 
Gefühl sagt ihr, dass diese Dinge auf das Empfindungs- 
leben einer schöngeistigen Gesellschaftsschicht gestimmt 
sind, deren Nerven reizbedürftig oder auch wider- 
standsfähig genug sind, um sich in einer Wohnung 
wohl zu fühlen, deren Einrichtung jede Beziehung 
zum traditionellen Arbeits- und Familienleben der Masse 
des deutschen Volkes abgebrochen hat. Diese modernen 
Einrichtungen im Spielzeugstil taugen für Leute, die 
alle fünf Jahre ihre Wohnung frisch einrichten können. 
Ein Dekorateur, dem daran liegt, sich seine Mittel- 
standskundschaft zu erhalten, wird nur seinen reichen 
Kundinnen den Ankauf von Sachen im Jugendstil 
empfehlen. Seine Erfahrung auf diesem Gebiete reicht 
schon jetzt hin, um zu bestätigen, dass selbst die 
besten Sachen von Walter Grane oder H. Christ 
ausserordentlich schnell Überdruss erwecken. Eben 




Treppenaufgang im »Deutschen Haus* auf der Weltausstellung in Paris 1900. 
Architekt: Bauinspektor J. RADKE, Berlin. 



208 



DIE DEUTSCHE SMYRNATEPPICH-INDUSTRIE 




Diele auf der deutschen kunstgewerblichen Abteilung der Weltausstellung in Paris 1900. (s. S. 189 des lfd. Jahrg.) 
Schnitzerei von Professor O. RIEOELMANN, Charlottenburg. 



deshalb können sie nur in den Wohnungen der Hoch- 
begüterten Verwendung finden. 

Eigentümlich ist die Abneigung der deutschen 
Mittelstandsfrau gegen orientalische Teppiche. Nur 
sehr selten wird man sie dahin bringen, einen sol- 
chen aus vollem Herzen zu bewundern. Allenfalls 
haben einige erwachsene Töchter in modernen Roma- 
nen etwas über Kelims, Djidjims und ähnliche fremd- 
klingende Dinge gelesen. Infolgedessen gelingt es 
von Zeit zu Zeit einem verschlagenen Bazarinhaber, 
seine Ware, deren Muster von europäischen Zeichnern 
beeinflusst, deren Wolle in Anilin gebadet ist, an den 
Mann zu bringen. Fragt man aber die Käuferin auf 
Ehre und Gewissen, ob und weshalb ihr der Teppich 
gefällt, so wird sich herausstellen, dass er ihr gar 
nicht gefällt, sondern, dass sie nur blindlings einer 
Modevorschrift gefolgt ist. Lässt man das gesunde 
Gefühl der deutschen Frau zur Geltung kommen, so 
wird sie an dem orientalischen Teppich zweierlei aus- 
zusetzen haben. Einmal passen seine Massverhältnisse 
nicht in deutsche Wohnräume und zu deutschen Möbel- 
formen und dann ist die zum Teil gekünstelt naive 
unregelmässige Zeichnung dieser Teppiche nur sehr 
schwer mit den Ornamentformen unserer Möbel, 
Möbelbezüge, Fenster- und Thürbehänge u. dgl. m. 
in Einklang zu bringen. 

Selbstverständlich brauchen diese beiden Einwände 
keinem echten Künstler oder künstlerisch empfinden- 
den Dilettanten die Freude an einem schönen morgen- 
ländischen Teppich zu verderben. Allein wir alle 



wissen, dass schon vor zehn Jahren amerikanische 
Händler die allergrösste Mühe hatten, noch Teppiche 
aufzutreiben, die wirklich Kunstwerke im Sinne der 
alten überlieferten Teppichkunst zu heissen verdienen. 
Schon damals haben diese Händler die mühseligsten 
Reisen nicht gescheut, um da und dort in einsamen 
Wüstenorten einen alten Muselmann gegen schweres 
Geld zur Hergabe seines Gebetsteppichs zu bewegen, 
von dem ein solcher feiner Kenner dann wohl unter 
Thränen Abschied nahm. Einen solchen Teppich aber 
wird die deutsche Durchschnittsfrau wohl nur ganz 
selten oder nie erlangen. Wenn sie ihn hat, wird 
sie kaum verstehen, ihn zu benutzen, denn Kunst- 
werke haben bekanntlich die Eigentümlichkeit, dass 
ein Künstler dazu gehört, sie zur richtigen Geltung 
zu bringen. Die Art, wie in manchen dilettantisch 
»stilvollen« Wohnungen mittelmässige morgenländische 
Erzeugnisse verwendet werden, trägt gerade nicht zur 
Förderung des nationalen Kunstsinnes bei. 

Man hat nicht selten das Vorhandensein natio- 
nalen Kunstempfindens in der Gegenwart ganz und 
gar in Abrede gestellt. Es fragt sich aber doch, ob 
nicht das, was die grossen Massen von heute an 
Kunstsinn und dekorativem Geschmack besitzen, viel- 
fach verkannt wird, ob nicht vor allen Dingen in den 
Kreisen derer, die den Geschmack pflegen und ent- 
wickeln wollen, etwas von der Ungeduld der Kinder 
herrscht, die Knospen ihrer schützenden Hülle berauben, 
um die Blüten schneller zur Entfaltung zu bringen. 
Die Masse der deutschen Frauen fordert — nicht 



DIE DEUTSCHE SMYRNATEPPICH- INDUSTRIE 



209 




in wohlgesetzten 
Worten , sondern 
durch einen ge- 
wissen Eigensinn 
bei der Auswahl 
— eine bestimmte 
innere Verwandt- 
schaft der Mass- 
verhältnisse aller 

Gegenstände in 
ein und demselben 
Raum. Sie fordert 
ferner, dass die einzelnen 
Ornamente, die zur Ver- 
wendung kommen, auf glei- 
cher Höhe der zeichneri- 
schen Technik stehen. Der 
Sinn für die Reize des 
Naiven und Unbeholfenen 
in morgenländischen Tep- 
pichen geht ihr ab. Sie 
empfindet dies Naive wie 
etwas Unfertiges, Ordnungs- 
widriges in der Kultur Zu- 
rückgebliebenes. Schon darum lehnt sie sich gegen den 
morgenländischen Teppich auf. Ferner leuchtet es ihr 
nicht ein, weshalb man einen langen schmalen Teppich in 
ein quadratisches Zimmer hineinlegen soll. Sie wird 
allenfalls zugeben, dass ein sehr grosser Künstler dies 
schwierige Problem so lösen kann, dass eine ästhetische 
Wirkung erzielt wird. Aller Wahrscheinlichkeit nach 
wird aber der Künstler den Teppich so legen, dass 
er täglich Anlass zu irgend einem Unglücksfall giebt. 
Überdies hat Vittore Carpaccio, dieser phänomenale 
Meister der schönen Abmessungen, in dem einzigen 
Briefe, der uns von ihm erhalten ist, ausgesprochen, 
dass man durchaus nicht alle Massverhältnisse will- 
kürlich bezwingen kann. Das Gefühl der deutschen 
Frau ist also in diesem Punkte ganz richtig. Sie 
empfindet z. B., dass der Rhythmus einer recht eng- 
lischen Tapete nicht auf den Rhythmus des deutschen 
Fenster- und Thürformates gestimmt ist. Aussprechen 
wird sie das selten, aber da, wo man ihr freie Hand 
lässt, wird sie unwillkürlich nach einer Tapete von 
Josef Rösl greifen, so gut ihr auch die 
englischen Muster gefallen mögen. 

Auch in Bezug auf die Farbenstellung 
hat die deutsche Frau ihr eigenes Em- 
pfinden — immer vorausgesetzt, dass sie 
sich nicht blindlings von der Autorität der 
Mode ins Schlepptau nehmen lässt. Und 
selbst diese Mode wird trotz aller schwan- 
kenden äusseren Einflüsse von einem inneren 
Gesetze der Fortentwicklung beherrscht, 
das sich unbewusst immer wieder Geltung 
verschafft. Wäre das nicht so, so hätte 
niemals eine Knüpfteppich - Industrie in 
Deutschland heimisch werden können. Es 
ist sehr viel darüber theoretisiert worden, 
welche Farbentöne sich für Teppiche am 
besten eignen. Immer wieder haben sich 

Kunstgewerbeblatt. N. F. XI. H. 11. 




feinsinnige Schön- 
heitslehrer für den 
morgenländischcn 
Teppich entschie- 
den. Der brutale 
Instinkt des deut- 
schen Volksge- 
schmacks hat sich 
ebenso oft aber 

wieder dagegen 
aufgelehnt. Der 
Deutsche verlangt, 
dass sich eine Farbe der 
anderen in Anlehnung an 
den Geist der Zeichnung 
unterordne — er fordert 
Subordination, Schattierung 
und Harmonie. Das Mor- 
genland arbeitet — wie 
schon G. Semper nach- 
wies — mit Kontrastwir- 
kung durch Nebenein- 
anderstellung von Farben 
gleicher Intensität, gleichen 
Gewichtes. 

Diese letzte Forderung des deutschen Volksge- 
schmackes ist es auch, die uns schliesslich zu gesunden 
Anfängen einer im vollsten Sinne des Wortes deutschen 
Teppich-Industrie verholfen hat. Die Ironie des Schick- 
sals will freilich, dass der Hauptmarkt für diese Er- 
zeugnisse noch im Auslande gesucht werden muss. 
Da besonders die Vereinigten deutschen Smyrna- 
teppich - Fabriken den Sonderansprüchen der ver- 
schiedensten Länder Rechnung tragen müssen, so 
ist natürlich der Charakter der Zeichnung schwan- 
kend und die speziell deutsche Musterproduktion ge- 
ring. Gerade das aber, was an eigentlich deutschen 
Mustern vorhanden ist, vereint so sehr die Eigenschaf- 





Ffillungen vom Treppengeländer der Diele 

auf der deutschen kunstgewerblichen 

Abteilung der Welt.iusstellung in Paris 1900. 

Holzschnitzerei von 

Professor O. RIEQELMANN, Charlottenburg. 

(s S. 189 des lfd. Jahrg.) 



32 



210 



DIE DEUTSCHE SMYRNATEPPICH- INDUSTRIE 





Holzschnitzerei aus der Diele auf der deutschen kunstgewerbhchen Abteilung der Weltausstclhing in Paris iqoo. 
Von Professor O. RIEOELMANN, Charlottenburg. 



ten absoluter Ruhe, gänzlich liegender Zeichnung und 
wohlthuender farbiger Wärme, dass es sich zweifellos 
die Herzen der deutschen Frauen erobern wird. Es wäre 
dringend zu wünschen, dass sich befähigte Zeichner ein- 
gehend mit den Eigentümlichkeiten gerade dieser Tep- 
piche beschäftigten und die zweifellos vorhandenen 
Ansätze zu einem künstlerischen Teppichstil fördern 
möchten. Mit einem diktatorischen Eingreifen, das völli- 



gen Bruch mit dem sorgfältig Herangezogenen, dem Ge- 
wordenen, bedingt, würde man nur Vernichtung des 
bisher Erreichten erzielen. Nur inniges Vertrautsein 
mit allen technischen Existenzbedingungen und mit 
den erworbenen künstlerischen Qualitäten des deutschen 
Teppichs kann zur Erreichung des begehrenswerten 
Zieles führen, ihn im deutschen Heim heimisch zu 
machen. L HAGEN. 




Der obere Teil des Paneels in der Diele auf der deutschen kunstgewerblichen Abteilung 
der Weltausstellung in Paris 1900. Von Professor O. RIEOELMANN, Charlottenburg. 




iaal liir die Saniiiiliing Friedrich's des Grossen im DcutscI'.en Hnus auf der Wcltai:ssteliiii;g in Paiis 1500. 
Architekt: Bauinspel<tor J. RADKE, Berlin. 



32* 




Lünettcni)ild im Treppenhaus des > Deutschen Hauses < auf der Weltausstellung in Paris 1900. 
Gemalt von GUSTAV WITTIG, Charlottenburg. 



KLEINE MITTEILUNGEN 



VEREINE UND SCHULEN 

BASEL. Dem Jahresbericht des Gewerbe- Museums 
für das Jahr i8gg entnehmen wir folgendes: 
In erster Linie wurden die Amtsordnungen für 
den Direktor und den Konservator neu aufgestellt und 
vom Erziehungsrate genehmigt. Mit Herrn Dr. Stehlin 
wurde namens der historischen Gesellschaft ein Ab- 
kommen getroffen, wonach der Konservator eine Reihe 
von Aufnahmen älterer Baseler Bauten aus dem 
15. Jahrhundert für die Festschrift von 1901 bear- 
beitet. Namens einer Anzahl kleinerer Schreinermeister, 
die beabsichtigen, sich an der Ausstellung von 1901 
zu beteiligen, war der Wunsch geäussert worden, das 
Museum möchte ihnen durch eine Kollektivausstellung, 
ähnlich wie s. Zt. in Zürich, hierzu behilflich sein. 
Demzufolge beschloss die Kommission eine Kollektiv- 
ausstellung zu veranstalten und allen Teilnehmern die 
hierfür nötig werdenden Zeichnungen unentgeltlich 
zu liefern. Von Sonderausstellungen verdient be- 
sonderer Erwähnung die »Jugend «-Ausstellung, in der 
die Originale der bedeutenderen Illustrationen und die 
Titelblätter dieser Zeitschrift vorgeführt wurden, eine 
Sammlung schöner Teppiche aus der Kunstwebeschule 
zu Scherrebeck und Hoizschnittdarstellungen des 



Züricher'schen Xylographen -Verbands. Der Besuch 
der Bibliothek weist eine Zunahme gegen das Vor- 
jahr auf, ebenso erfuhr die Zahl der im Auskunfts- 
bureau ausgeführten Aufträge eine geringe Zunahme. 
Die vorjährige Publikation über das Zscheckenbürlin- 
Zimmer hatte zur Folge, dass einige der dortigen 
modernen Möbel seither durch zeitgemässe im Stil 
des Raumes ersetzt wurden und weitere diesen folgen 
sollen. Die Entwürfe hierzu sind dem Museum über- 
tragen worden. Mustersammlung und Bibliothek 
haben sich auch im Berichtsjahre ansehnlicher Be- 
reicherung zu erfreuen gehabt. Hervorzuheben ist 
besonders die Rehfuss-Sammlung, eine reiche Samm- 
lung von Goldschmiedemodellen aus der Werkstatt 
der beiden Silberschmiede Rehfuss Vater und Sohn 
in Bern. Weitaus die grösste Bereicherung erfuhr 
jedoch die Holzabteilung durch den Ankauf von Mo- 
dellen und Probestücken aus der Werkstatt des Holz- 
bildhauers Burgi. -u- 

BREMEN. Dem Bericht des Gewerbemuseums für 
das Geschäftsjahr iSgg entnehmen wir folgen- 
des: die im Winterhalbjahr des vorhergegangenen 
Jahres durch den ersten Assistenten begonnenen öffent- 
lichen und unentgeltlichen Vorlesungen wurden in 



214 



KLEINE MITTEILUNGEN 



■»■■'»»i-^".«ir-'m-'-«*yi«>,'''«/'.w'~wr"->»' >»"'>c»''>i»--i- Ww- "• •' 







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Ueslickte Decke von hraii SCHMID 1 - l'hCH f, Konstanz. 



gleicher Weise fortgesetzt. Aus der Mustersammlung 
für Kunstgewerbe wurde eine Reihe von Gegenständen, 
welche s. Z. von der historischen Gesellschaft des 
Künstlervereins der Anstalt überwiesen, aber wegen 
geringer kunstgewerblicher Eigenschaft nicht ausge- 
stellt, sondern als Depot betrachtet wurden, teilweise 
aber doch für Bremen geschichtliche Bedeutung be- 
sitzen, an die kunsthistorische Kommission abgegeben. 
In gleicher Weise sind gerahmte farbige Wappenfenster 
an die Verwaltung des Rathauses abgeliefert. Der ge- 
samte Zuwachs betrug 136 Nummern, welche sich 
auf die Gruppen Holz und verwandte Arbeiten, Me- 
tallarbeiten, Textil-, Leder- und Papierarbeiten, Stein-, 
Glas-, und Keramarbeiten verteilen. Die im ursprüng- 
lichen Programm für die Permanente Ausstellung vor- 
gesehene Einzelausstellung kunstgewerblicher Arbeiten 
beginnt sich mehr zu geschlossenen Kollektivausstel- 
lungen zu verdichten, gegen welche hervorragende 
Bremische Einzelerzeugnisse zurücktreten. Durch Lage 
und Grösse des Erdgeschosses sehr begünstigt, fanden 
im Berichtsjahre zehn Sonderausstellungen statt. In 
der Vorbildersammlung ist die Wahrnehmung gemacht 
worden, dass von den Besuchern mit Vorliebe ge- 
bundene Vorhilderwerke benutzt werden, während die 
Benutzimg der in Mappen systematisch geordneten 
Einzelblätter entschieden nachgelassen hat. Das mit 
der Vorbildersammlungin Verbindung stehendeZeichen- 
bureau erledigte 73 Aufträge mit 86 Zeichnungen. 

-u- 



C ASSEL. Nach dem Jahresbericht der Qewerb- 
lichcii Zeichen- und Knnstgewerbeschule für 
das Scliuljahr iSggligoo betrug die Zahl der 
Abend- und Sonntagsschüler: 303 im Sommer- und 
458 im Winterhalbjahr, die der Tagesschüler: 120 im 
Sommer- und 184 im Winterhalbjahr. Auf Grund 
von Zeugnissen über hervorragende Leistungen in der 
Schule wurden neun Schüler zur erleichterten Prüfung 
für Einjährig-Freiwillige zugelassen. Vom 6. bis 13. 
August fand, nach mehrjähriger, durch Umbauten im 
Anstaltsgebäude verursachter Pause, eine Ausstellung 
von Schülerarbeiten statt. Nachdem in den letzten 
Jahren durch Ergänzungs- und Umbauten die räum- 
lichen Verhältnisse der Anstalt sich wesentlich ge- 
bessert haben, ist auch die sichere Aussicht vorhanden, 
dass noch im Laufe des Sommers 1900 die Frage der 
festen Anstellung der vollbeschäftigten Lehrer der 
Anstalt zu einem gewissen Abschluss kommen wird. 

-u- 

BRÜNN. Wie wir dem 25. Jahresbericht des 
Mährischen Gewerbe -Museums für das Jahr iSgg 
entnehmen, blieben die sämtlichen Abteilungen 
auf der Bahn der bisherigen erfolgreichen Entwicke- 
lung nicht nur nicht zurück, sondern weisen sowohl 
dort, wo es sich um eine thätige Beeinflussung des 
modernen Gewerbes handelt, wie im kunstgewerblichen 
Atelier und in der technischen Abteilung, als auch 
in den Sammlungen erfreuliche Fortschritte und eine 



KLEINE MITTEILUNGEN 



215 



bedeutende Vermehrung auf. Für die höheren Klassen 
der Staatsgewerbe- und Textilschulen, der Mittel- und 
Handelsschulen wurden Führungen veranstaltet, ebenso 
fanden offizielle Führungen durch den Direktor statt, 
welche sich eines guten Besuches erfreuten. In den 
Sammlungen gelangten zwei vollkommen eingerichtete 
mährische Bauernstuben, eine deutsche und eine sla- 
vische, zur Aufstellung, und zwar im Anschluss an die 
Sammlung der mährischen Keramik als deren wün- 
schenswerteste Ergänzung. Zur Neuordnung gelangte 
unter gleichzeitiger Ausscheidung älterer minderwer- 
tiger Erwerbun- 
gen die Abteilung 
der Schmiedear- 
beiten. Einem im- 
mer lebhafter ge- 
äusserten Wun- 
sche entspre- 
chend, wurde im 
Oktober ein Zei- 
chen-, Mal- und 
Modellierkursus 
eingerichtet , zu 
welchem überaus 
zahlreiche An- 
meldungen ein- 
liefen. Im Be- 
richtsjahre fanden 
elf Sonderausstel- 
lungenstatt, unter 
denen besonders 
zu nennen sind: 
Moderne kunst- 
gewerbliche Er- 
zeugnisse aus 

Österreich, 
Deutschland, 
England, Hol- 
land, Frankreich, 
Amerika, eine 

Historische 
Trachtenausstel- 
lung und eine 
Historische Mö- 
belausstellung. 
Besonders rege 
gestaltete sich im 
Berichtsjahre die 

Veranstaltung 
von Wanderaus- 
stellungen in der Provinz. Sie umfassten ausschliess- 
lich moderne Arbeiten des Kunstgewerbes und waren 
mit einem Vortrage des Direktors über »Paris und seine 
nächste Weltausstellung' verbunden. Die Abteilung 
zur technischen Förderung des Kleingewerbes am Mu- 
seum beendete mit dem Jahre 1899 ihre bei der Grün- 
dung als Probezeit angesetzte fünfjährige Thätigkeit. 
Diese Institution findet von Jahr zu Jahr eine immer 
wachsende Inanspruchnahme, so dass der Weiterbe- 
stand der Aktion als unbedingtes Bedürfnis und auch 
als gesichert erscheint. -u- 



M' 




Stickerei von Frau SCHMIDT -PECHT, Konstanz 



lÜNCHEN. Nach dem Bericht über die Oeneralver- 
samm/iiiig des Bayrisclien Kunstgewerbcvereins 
am 27. März 1900 zählte der Verein 1801 Mit- 
glieder. In der Ausstellungshalle konnte im Jahre 
1899 ein um fast 10 "/o höheres Ergebnis als im 
Vorjahre festgestellt werden. Die Beschickung der 
Halle blieb nach Stückzahl und Wert etwas hinter 
dem Vorjahre zurück; der höhere Umsatz, einer der 
höchsten bisher in der Halle erreichten, ist daher 
hauptsächlich auf die rührige Thätigkeit der Hallen- 
leitung zurückzuführen. Der Umsatz betrug 180016,85 

Mark gegen 

165 151,68M. im 

Vorjahre. Aus der 

Beteiligung an 
der Glaspalast- 
ausstellung hat 
sich für den Ver- 
ein trotz der Zu- 
schüsse seitens 
des Staates und 
des Ausstellungs- 
unternehmens 
(Künstlergenos- 
senschaft) ein 
Fehlbetrag von 
4000 M. ergeben, 
und es gelang 
auch nicht, bei 
der Künstlerge- 
nossenschaft den 
Antrag auf Dek- 
kung des Fehlbe- 
trages aus den 
Ausstellungs- 
erübrigungen 
durchzubringen. 
Bedauerlicher- 
weise hat eine 
starke Gegenströ- 
mung eines Tei- 
les der Kunstge- 
nossenschaftsmit- 
glieder eine Be- 
teiligung des 
Vereins an der 
Ausstellung im 
Glaspalast un- 
möglichgemacht. 
Für Projektie- 
rungsarbeiten zur Jubiläums-Ausstellung hatte der Aus- 
schuss einen Kredit von 2000 M. eröffnet und nach 
dessen Verbrauch sich eine Erhöhung des Kredits auf 
5000 Mark von der Generalversammlung bewilligen 
lassen. -u- 



P' 



IFORZHEIM. Nach dem Bericht über die Gross- 
herzogliche Kßnstgewerbeschule für das Schul- 
jahr iSggjigoo betrug die Schülerzahl 269, 
gegen 235 im Vorjahre. Vom 14. bis 17. April 1899 
fand eine Ausstellung von Schülerarbeiten statt, welche 



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C 




KLEINE MITTEILUNGEN 



217 



sich eines lebhaften Besuches von 
Seiten der Einwohner, wie auch 
von auswärts zu erfreuen hatte. 
Eine ständige Ausstellung von 
Schülerarbeiten ist in einem be- 
sonderen Saale eingerichtet und 
gewährt im grossen und ganzen 
einen Überblick über die Organi- 
sation des Unterrichts. Neu auf- 
genommen wurde in den Lehr- 
plan der Unterricht im Email- 
malen und Emaillieren mit prak- 
tischen Übungen. Mit Rücksicht 
auf den Besuch der Weltausstel- 
lung Paris 1900 durch die Leh- 
rer der Anstalt sind die Studien- 
reisen im Berichtsjahre unterblie- 





Naturstudie (Distel), von Maler A. ECKHARDT, Hamburg. 
Kunstgewerbeblait. N. F. XI. H. 11. 



ben. Drei Schüler haben sich auf Grund 
ihrer Leistungen in der Schule und in 
ihrem Berufsgeschäft um die Berechtigung 
zum einjährigen Militärdienst beworben 
und haben dieselbe erhalten. Die Samm- 
lungen sind auch im Berichtsjahre erwei- 
tert worden durch Ankäufe von Vorlage- 
werken und Modellen, letztere bestehend 
in Gipsabgüssen allgemeiner ornamentaler 
und figuraler Darstellungen, in kunstge- 
werblichen Modellen in Metall, in Schmuckgegen- 
ständen und Naturgebilden. -u- 

WETTBEWERBE 

BREMEN. Preisausschreiben für Entwürfe zu 
einem künstlerisch eigenartigen und zweck- 
mässigen Tafelbesteck in Silber, ausgeschrie- 
ben von der Firma M. H. Wilkens & Söhne in 
Bremen und Hamburg. Ausgesetzt sind drei Preise 
zu 500, 300 und 200 M. Einzusenden bis zum 
1. November 1900. Nähere Bedingungen durch 
den Direktor der Kunsthalle Dr. G. Pauli, -u- 

DÜSSELDORF. Zu dem durch den Central- 
Gewerbe- Verein ausgeschriebenen Wettbe- 
werb zur Erlangung von künstlerischen Ent- 
würfen zu einem Plakat für die Rheinisch -west- 
phälische Industrie- und Gewerbe-Ausstellung in 
Düsseldorf 1902 waren gegen 900 Entwürfe einge- 
gangen. Es erhielten den I. und II. Preis (1200 
und 800 M.) Martin Wiegand-München, den 

III. Preis (600 M.) Ida Störer- München und den 

IV. Preis (300 M.) Hans-Looschen-Berlin. -u- 

AMBURG. Zu dem Wettbewerb um Entwürfe 
zu einem Deckengemälde des deutschen 
Schauspielhauses waren 45 Entwürfe ein- 
gegangen. Professor Karl Marr in München wurde 
mit der Ausführung betraut. Ausserdem erhielten 
Preise: Johannes Leonhard-München, Georg Drah 
und Hugo Löffler- Wien. Zum Ankauf wurden 

empfohlen die Entwürfe 

den und Adolf Closs- 
Stuttgart. -u- 

R ADEBEUL. Wett- 
bewerb um Ent- 
h H würfe für Wand- 
malereien im Rathause 
zu Radebeul, ausgeschrie- 
ben von der Herrmann- 
Stiftung für alle sächsi- 
schen und in Sachsen 
lebenden selbständigen 
Künstler. Der 1. Preis 
(3500 M.) besteht in der 
Ausführung, der II. Preis 
beträgt 500 M., der III. 
Preis 300 M. Stoff und 

33 



2t8 



KLEINE MITTEILUNGEN 




Romanisches Haus, Baurat SCHWECHTEN, Berlin. 

Pfeiler-Aulsatz in Rackwit/cr Sandstein ausgeführt 

von Bildhauer P. HARTMANN, in Firma: 

GEBR. ZEIDLER, Hofsleinmetzmeister. 



Anordnung sind freigestellt, nur sind reine allegorisctie 
Darstellungen nicht erwünscht. Einzusenden bis zum 
1. Oktober d. J. Näheies durch den Kastellan der 
Dresdener Kunstgenossenschaft (Dresden, Schöner- 
gasse 4). -u- 

AUSSTELLUNGEN 

BERLIN. Prof. Max Seliger hat in seinem Atelier 
im Kunstgewerbemuseum zwei von der deut- 
schen Glasniosaikgesellschaft Puhl & Wagner 
ausgeführte grössere Mosaikbilder ausgestellt, die einer 
Besichtigung empfohlen seien. Der Künstler hat die 
Kartons gleichfalls ausgestellt, so dass sich ersehen 
lässt, wie weit die musivische Ausführung seinen 
Ideen gerecht geworden ist. Das eine Bild stellt die 
Besiegung des Bösen durch das Gute dar. Die Fülle 
fein zusammengestimmter Farbentöne in den Figuren 
und Rüstungen verbindet sich harmonisch mit dem 
tiefen Blau des Himmelsgrundes, aus dem die Sterne 
funkeln und der Blitzstrahl zuckt. Gross und kühn 
giebt sich die Komposition, entsprechend dem Gegen- 
stande, den sie darstellt. Das zweite Mosaikbild stellt 
Christus am Kreuz dar — eine Figur voll tragischer 
Grösse und heiligen Schmerzes. Auch hier ist die 
Farbenstimmung eine musterhafte. Während in der 
Figur des Gekreuzigten die Farbe nur ernste Klänge 
anstimmt, schlägt sie in der Gruppe der reich ge- 
wappneten Kriegsknechte volltönende Accorde an. 
Nächst dem Künstler verdient die Werkstatt, in der 
die musivische Arbeit ausgeführt wurde, Anerkennung. 
Mit hoher Feinheit ist sie den Intentionen ihres Auf- 
traggebers gerecht geworden. Was in den Kartons 
an Tönen .gegeben ist, findet sich auch im Mosaik 
getreulich wiedergegeben. Dabei ist die Wirkung 



auf das Grosse und Monumentale stets im Auge be- 
halten, sowie die musivische Flachheit nach Gebühr 
angestrebt worden. Mit einem gewissen Stolz nimmt 
man wahr, zu welcher Höhe der Leistungen in 
einigen Jahrzehnten unser deutsches Glasmosaik empor- 
gestiegen ist, und wie wir nicht mehr nötig haben, 
unseren Tribut auf diesem Gebiete Venedig zu ent- 
richten, wo bekanntlich einst Salviati die alte Technik 
wieder ins Leben gerufen hatte. Erwähnt mag noch sein, 
dass die beiden Mosaikbilder für die neue romanische 
Garnisonkirche in Dresden bestimmt und von dem 
sächsischen Kriegsminister Frhr. von Planitz gestiftet 
sind. Erbauer der Kirche sind die Architekten von 
Lossow und Viehweger. 

GÖTE- 
BORG 
Eine ■ 
Schwedische 
Buchgewer- 
be- Ausstel- 
/««^findetin 
Verbindung 
mit der Jah- 
resversamm- 
lung des A!l- 
gemeinen 
Schwedi- 
schen Buch- 
druckerei- 
Vereins und 
zugleich als 
Huldigungs- 
feier für Jo- 
hann Guten- 
berg's 500- 
jährigen Ge- 
burtstag in 
der Zeit vom 
15. Juli bis 
1 . September 
d. J. in Go- 
tenburg statt. 
Die Ausstel- 
lung wird in 
grossen Zü- 
gen eine 
übersicht- 
liche Darstel- 
lung von der 
Entwicklung 
des Buchge- 
werbes, von 
der Erfin- 
dung der 
Buchdruk- 
kerkunst an 
bis zu ihrem 
gegenwärti- 

, , ' Sandsteinfigur, ausgeführt von Bildhauer 

punkte, p. HARTiWANN, Berlin. 




KLEINE MITTEILUNGEN 



2IQ 




Romanisches Haus, Baurat SCHWECHTEN, Berlin. 

Pfeiler-Aufsatz in Rackwitzer Sandstein ausgefülirt 

von Bildliauer P. HARTMANN, in Firma; 

OEBR. ZEIDLER, Hofsteinmetzmeister. 



geben. Die Ausstellung wird umfassen: i. Drucke von 
der ältesten Zeit bis zur Gegenwart, 2. Bucheinbände, 
3. a) Originalzeichnungen für Buchillustration, sowie 
Kompositionen für Buchschmuck, b) Oiaphische Künste, 
c) Cliche-Erzeugnisse. -u- 

VERMISCHTES 

PARIS. Das Modell der Ausstellungs-Qedenk- 
Medaille ist von Roty in folgender Anordnung 
entworfen worden. Das endende Jahrhundert 
ist auf derselben durch eine Frauengestalt dargestellt, 
die die Fackel des Fortschritts hoch emporhält. Ein 
junger geflügelter Genius eilt herbei, um die Fackel 
zu erfassen. In einem 'Sonnenstrahle, der die Zweige 
einer Eiche umstrahlt, auf die sich das alternde Jahr- 
hundert erschöpft stützt, liest man die beiden Jahres- 
zahlen: ,,1801 — 1900". Die Rückseite der recht- 
eckigen, 50 mm hohen Medaille zeigt einen mit 
Rosen durchflochtenen Lorbeerzweig über den Worten : 
»Exposition universelle internationale de 1900. Paris , 
ferner eine Perspektive der Avenue Alexander III, von 
den Champs-Elysees aus genommen. -u- 

ZU UNSERN BILDERN 

Die Gebäude der fremden Staaten auf der Welt- 
ausstellung in Paris sind alle an der Seine am 
Quai d'Orsay, zwischen Pont des Invalides und 
Pont de i'Alma errichtet worden und weisen, dicht 
aneinander gereiht, eine ganze Musterkarte der ver- 
schiedensten Baustile und der Bauformen der ver- 
schiedenen Länder auf. Der Baumeister des deutschen 
Hauses, Post- Bauinspektor J. Radke, hatte für die 
äussere Gestaltung des Hauses, das von einem über 
60 m hohen Turme überragt wird, sich an gotische 



und Frührenaissanceformen angelehnt; war aber durch 
die Zweckbestimmung des Hauses, das im Innern 
eine Reihe von Ausstellungsgegenständen aufnehmen 
musste, genötigt, da und dort diese mittelalterlichen 
Bauformen Grössenverhältnissen anzupassen, die wir 
an alten Bauwerken natürlich nicht zu sehen gewohnt 
sind. Die vier Fassaden des Hauses wurden von 
Maler Böhland, Berlin, mit vielfarbigen, ornamentalen 
Malereien geschmückt. Auch das Innere, insbesondere 
das grosse, monumental gehaltene Treppenhaus erhielt 
farbigen Schmuck. Die Malereien der Decke des 
Treppenhauses, wie das Lünettenbild der Abschluss- 
wand des ersten Stockwerkes wurden von Maler 
Wittig-Charlottenburg (s. Abb. S. 207 und S. 213) in 
vorzüglicher 
Weise aus- 
geführt und 

zeichnen 
sich insbe- 
sondere 
durch ihre 
feine Farben- 
Stimmung 
aus. Die 
Frontwand 
des Treppen- 
hauses er- 
hielt ein far- 
biges Glas- 
fenster von 
Maler Lüthi 
in Frankfurt 
a. M., wäh- 
rend die aus 
den Abbild. 
S. 205 und 
S. 207 er- 
sichtlichen 
Wandbilder 
von Prof. 
Gussmann, 
Dresden, ge- 
maltwurden. 
Die doppel- 
arniige Trep- 
pe ist in hel- 
lem Unteis- 
berger Mar- 
mor von der 
Aktiengestll 
Schaft für 
Marmor - In- 
dustrie »Kie- 
fer« in Kie- 
fersfeldeaus- 
geführt, die 
Füllungen 
desTreppen- 
geländers 
wie die Kan- 

Holahoi- oiif Sandsteinfigur, ausgeführt von Bildhauer 

ueidoer aui p, hartmann, Berlin. 

33' 




220 



KLEINE MITTEILUNGEN 



den Zwischenpodesten sind von Schulz und Holde- 
fleiss, Berlin, in Aluminiumbronze geschmiedet wor- 
den. Auf den Anläufen der Treppe stehen je zwei 
aus dem Reichstagsgebäude herrührende, nach Pro- 
fessor Vogel's Modellen von de Kock in Berlin in Holz 
geschnitzte Figuren. Die Treppe führt zu den nach 
der Seine zu im ersten Stockwerk gelegenen vier 
Ausstellungsräumen, in welchen die aus der Kunst- 
sammlung Friedrich 's des Grossen herrührenden 
Kunstwerke französischen Ursprungs, Gemälde, Mar- 
morbüsten und Bronzemöbel ihre Aufstellung gefun- 
den haben. Wir bringen in diesem Hefte ein Bild 
des grossen Mittelsaales, aus dem zu ersehen ist, dass 
der Baumeister versucht hat, die Ausstattung des Rau- 
mes dem Inhalte entsprechend zu gestalten. Die in 
den Ornamenten versilberte Stuckdecke ist Motiven 
eines Saales aus dem Potsdamer Stadtschlosse nach- 
gebildet, für die Wände wurde nach einem ahen, im 
königlichen Schlosse schon verwendeten Muster eine 
gelbe Seidendamastbespannung eigens hergestellt. Die 
Glaslüster lieferte die Aktien-Gesellschaft für Fabrika- 
tion von Bronzewaren, vorm. J. C. Spinn & Sohn, Berlin. 
Ferner geben wir 
in diesem Hefte 
noch einige Ein- 
zelheiten der Holz- 
schnitzereien der 
Diele, welche wir 
schon im vorigen 
Hefte in der Ge- 
samtansicht brach- 
ten, und welche in 






der deutschen kunstgewerblichen Abteilung auf der 
Weltausstellung in Paris zur Ausstellung gelangte. 
Da die diesmalige Pariser Ausstellung aus Platzmangel 
in allen Gebäuden Galerien anordnete, so war auch 
zur Verbindung mit dem Erdgeschoss die Anlage 
grösserer Treppen nötig. In der deutschen Abteilung 
hat Professor Hoffacker unter Verzicht auf die ge- 
plante französische Treppe zwei grosse architektonisch 
reich ausgestattete Treppenhäuser geschaffen. Das eine 
dieser Treppenhäuser erhielt, soweit die Dimensionen 
bei einer Stockwerkhöhe von 7 m dies zuliessen, den 
Charakter einer altdeutschen Diele. Die Decke wie 
das Treppengeländer wurden von Professor Riegel- 
mann, Charlottenburg, nach dessen Entwürfen reich 
in Holz geschnitzt, ebenso erhielt das Geschoss zu 
ebener Erde Paneel und Sitzmöbel in Kiefern- resp. 
Eichenholz. Professor Riegelmann wollte die »deutsche 
Jagdo in den einzelnen Füllungen des Geländers, wie 
den Schmuckmotiven der Treppe zur Darstellung 
bringen. Die Abbildungen dieses wie des vorigen 
Heftes geben einigermassen ein Bild der Arbeiten Riegel- 
mann's. Als besondere Leistung muss hervorgehoben 
^^^^ werden, dass es 
'•* .> .{^9BHi Riegelmann gelun- 
gen ist, bei der infol- 
ge besonderer Um- 
stände so knappen 
Zeit von 2V2 Mona- 
ten Entwurf und 
Ausführung der 
ganzen Holz- 
schnitzarbeiten 
herzustellen. 









•^lii% 




Figuren vom Treppenhause der Diele 

auf der deu(sclien kunstgewerblichen Abteilung der Weltausstellung in Paris iQoo. 

Holzschnitzerei von Professor O. RIEGELMANN, Charlottenburg. 

(s. S. 189 des lfd. Jahrg.) 



Herausgeber und für die Redaktion verantwortlich: Professor Karl Hoffacker, Architekt in Charlottenburg- Berlin. 

Druck von Ernst Hedrich Nachf., G. tn. b. H., Leipzig. 



Kunstgewerbeblatt. N. F. XI. H. 12. 




Hauptfront der deutschen kunstgewerblichen Abteilung auf der Weltausstellung in Paris 1900. 
Architekt: Professor KARL HOFFACKER, Charlottenburg. 




Kopfleiste, gezeichnei von HELENE VARGES, Berlin. 



DAS KUNSTGEWERBE 
AUF DER PARISER WELTAUSSTELLUNG 



II. 



DIE deutsche Abteilung, deren imponierender und 
harmonischer Aufbau in der Juni -Nummer 
beschrieben worden ist, befindet sich, von der 
Seine aus gerechnet, fast am Ende des rechten Palastes 
der Invaliden-Esplanade. Den noch übrigen Raum hin- 
ter ihr haben sich Russland und Belgien geteilt und zwar 
so, dass Russland die Galerien und die Hälfte des 
Platzes zu ebener Erde, also etwa zwei Drittel des 
Ganzen einnimmt. Ein monumentales Thor schliesst 
seine Ausstellung gegen die belgische ab. Links vom 
Mittelgang enthält ein hoher Glasschrank einige der 
wertvollsten Erzeugnisse der verschiedenen kaiserlichen 
Manufakturen zu Petersburg. Mehr ein Kuriosum ist 
die in Marmor und Edelsteinen ausgeführte Karte von 
Frankreich, ein Geschenk des Zaren an die Republik. 
Andere wertvolle Gegenstände der kaiserlichen Fabri- 
ken in edlem Material finden wir im Pavillon der 
kaiserlichen Domänen im sibirischen Palaste des Tro- 
cadero. Schmucksachen und Gefässe in Jaspis, Ne- 
phrit u. s. w. hat ferner Faberge ausgestellt. Einen 
grossen Raum nehmen die bekannten Email- und 
Filigranarbeiten im byzantinischen Geschmacke ein; 
die Firma Owtschinnikoff, von der auch zwei Riesen- 
altäre herrühren, hat allein mehrere Schränke voll 
ihrer Erzeugnisse ausgestellt. In einer Ecke machen 
uns Photographien und Erklärungen die Herstellung 
des riesigen schmiedeeisernen Gartenthores für den 
kaiseriichen Winterpalast anschaulich, das unter den 
Skulpturen der Champs-Elysees seine Aufstellung ge- 
funden hat. Ausserdem enthält die Ausstellung Bron- 
zen, Moskauer Porzellan und solches von der finn- 
ländischen Fabrik Arabia in Helsingfors, Krystall- 
waren und sehr eigentümliches Bauernsteinzeug von 
dem Künstler Golowin, unter anderem einen hölzer- 



nen Waschtisch mit eingelegtem Mosaik und origi- 
nellem Geschirr und eine Bowle in Form einer Henne. 
Golowin gehört zu einer Gesellschaft russischer Kunst- 
freunde und Künstler, die die weitverbreitete bäuerliche 
Hausindustrie zu heben suchen, indem sie unter An- 
lehnung an die besten Erzeugnisse früherer Zeiten 
den Bauern Zeichnungen und Material für Möbel, 
Stickereien, Thonwaren, Damaszierungen u. s. w. liefern. 
Eine reiche Sammlung dieses bäuerlichen Kunstge- 
werbes findet man in dem an den sibirischen Palast 
angebauten sogenannten 'Russischen Dorfe«, dessen 
Architekt Korowin sich hauptsächlich Häuser und 
Kirchen des Gouvernements Archangel zum Muster 
genommen hat. Die oberen Galerien der russischen 
Abteilung in den Invaliden werden zum grossen Teil 
von Arbeiten der Kunstgewerbeschule des Barons 
Stieglitz zu Petersburg eingenommen. Hingewiesen 
sei ferner auf die Stickereien und Handwebereien der 
Moskauer Firma Tschokoloff, unter denen sich man- 
ches Eigenartige befindet. 

Die Ausstellung Belgiens, das in der Entwicklung 
des modernen Kunstgewerbes eine so wichtige Rolle 
gespielt hat, bringt eine grosse Enttäuschung. Die 
meisten grossen Firmen sind überhaupt nicht vertreten 
und an ihrer Stelle macht sich billige Jahrmarktware 
breit. Gut und reichhaltig haben eigentlich nur die 
Fayencefabrik von Boch, die fast alle Arten der mo- 
dernen Kunsttöpferei hervorbringt, und der Juwelier 
Hoosemans in Brüssel ausgestellt. Von letzterem 
seien ausser dem grossen Tafelaufsatz ein paar Leuchter 
hervorgehoben, bei denen nackte weibliche Figuren 
in Elfenbein sich mit dem matten Silber reizend ver- 
binden. Wenn wir ausserdem den grossen dreiteiligen, 
nach einem Karton von Oeets hergestellten Wand- 

34* 



224 



DAS KUNSTGEWERBE AUF DER PARISER WELTAUSSTELLUNG 




Bninnennische in der deutschen kunstgewerblichen Abteilung auf der Weltausstellung 
in Paris igoo. Entworfen von Prof. O. OUSSMANN, Dresden. 



feppicli der Mechelner Manufaktur Braquenie, den 
monumentalen Kamin aus Sarrancolin-Marmor der 
Firma Evrard Leonce in Brüssel und die Möbel von 
Rosel nennen, so ist die Summe des Beachtenswerten 
wohl erschöpft. In dem Annexbau befindet sich noch 
ein hübsches vlämisches Speisezimmer nach Entwürfen 
des Brüsseler Architekten van Massenhove. 

Nördlich der deutschen und zur Hälfte in sie 
hineingebaut liegt die Abteilung der Vereinigten 
Staaten. Es ist eigentümlich, dass die Amerikaner 
bei der äusserlichen Ausschmückung und Abgrenzung 
ihrer sämtlichen Sektionen sich das klassischste Motiv 
von allen ausgesucht haben, von goldenen Lorbeer- 
guirlanden umwundene weisse korinthische Säulen, 
deren Gebälk in gewissen Abständen mit dem Sternen- 
banner geziert ist. Ihre kunstgewerbliche Abteilung 
besteht aus einem mit Glasmalereien geschmückten 
Centralbau, um den sich offene Säulengalerien grup- 



pieren. Die Haupteingänge tragen den 
amerikanischen Adler, ihre Bogenfelder 
sind mit nicht sehr bedeutenden allegori- 
schen Malereien geschmückt. Der sehens- 
werteste Raum ist derjenige der Kunst- 
töpfereien. Er enthält die Erzeugnisse von 
zwei Fabriken, von denen die eine zum 
allerersten Male in Europa auftritt und die 
andere zwar schon i88g eine goldene 
Medaille errungen hat, seitdem aber in 
jeder Weise fortgeschritten ist. Die Grueby- 
Fayencen sind in der Mehrzahl ganz 
schlichte mattgrüne Vasen mit grossen 
Blattornamenten, deren ganz feines Cra- 
quele an die Maserung wirklicher Blätter 
erinnert, die Rookwood-Töpfereien dagegen 
sind unterglasierte Fayencen, bei denen 
der Dekor ~ meist ziemlich einfache 
Blumen leicht erhaben ist. Bevorzugte 
die Fabrik früher dunkle Farben, z. B. 
Verbindungen von tiefem Rot und Grün 
oder von Gelb und Schwarz, so sind ihre 
neuesten Vasen meist in ganz lichten, 
zarten rosa, grünen oder violetten Tönen 
gehalten, die zum Teil an die Porzellane 
von Roerstrand erinnern. Seltener ange- 
wendete Spezialitäten sind ihre auf galva- 
nischem Wege erzeugten Metallverzie- 
rungen und ihr an japanische Lackarbeiten 
erinnernder Goldschimmer. Dem Pottery- 
room gegenüber liegt ein Raum mit Er- 
zeugnissen von Louis Tiffany. Neben 
den bekannten prächtigen Gläsern und 
Glasmalereien sind mehrere'grosse Lam- 
pen mit trefflich patinierten Bronzefüssen, 
ein grosser Glasmosaik-Fries und die ganz 
neuen Bronzegefässe mit Emaildekor zu 
beachten. Nächstdem treten besonders die 
Ausstellungen der Juweliere Gorham & Cil. 
und Tiffany & 0'"=. hervor, beide aus New 
York. Landsberg -Chicago hat ein paar 
gute Schmucksachen ausgestellt. Von Mö- 
beln haben die Amerikaner fast ausschliess- 
lich Schreibtische, Schulbänke, Aktenschränke und Bil- 
lards gesandt, bei denen die rein praktische Seite allein 
ausschlaggebend ist. Ein kleines Schlafzimmer mit 
eingelegten Emails macht eine Ausnahme. 

Auch die Engländer haben nicht so grosse An- 
strengungen gemacht, wie man es wünschen möchte. 
Als Gesamtheit entbehrt ihre Ausstellung jeglichen 
Schmuckes. Am zahlreichsten ist ihre Beteiligung, 
zumal wenn man die Einrichtung des englischen 
Repräsentationshauses hinzurechnet, bei den Möbeln. 
Aber auch hier fehlen einige der grössten Häuser, 
wie Maple. Waring & Gillow stehen an erster Stelle. 
Sie haben drei Zimmer des englischen Hauses aus- 
gestattet und hier auf den Invaliden in einem mitten 
in der Halle stehenden, aber nach allen Seiten ab- 
geschlossenen Viereck fast eine ganze Wohnungsein- 
richtung zur Schau gestellt: ein Schlafzimmer aus 
Atlasholz im Sheraton-Stile mit feinster Intarsia, ein 




Zimmerbrunnen auf der Weltausstellung in Paris 1900 (s. auch Abbild. S. 227). 
Entwurf: Professor OTTO RIETH, Berlin; Modell: Bildhauer ADOLF AMBERO; ausgeführt von P. BRUCKMANN &3SÖHNE, Heilbronn. 



DAS KUNSTGEWERBE AUF DER PARISER WELTAUSSTELLUNG 



227 



munteres Badezimmer, ein mehr originelles als allen 
praktischen Anforderungen genügendes modernes 
Kinderzimmer, einen trefflich gearbeiteten Speisesaal in 
einem Übergangsstil von der jakobianischen zur elisa- 
bethanischen Renaissance, eine komfortable Yacht- 
kabine und einen echt englischen Landhaus-Drawing- 
room. Hinter Waring und in dem hier anstossenden 
Seitenflügel des Palastes finden wir Möbel von John- 
son & Appleyards, zwei behagliche Schlafzimmer von 
Heal & Son und Möbel in Citronenholz von J. S. Henry, 
Waring gegenüber gute Möbel von Howard und da- 
hinter Büffets, Bücherschränke u. s. w. von den Bath 
Cabinet Makers. Im englischen Hause erregen haupt- 
sächlich die Schlaf- und Ankleidezimmer von Johnson 
& Appleyards und der Bromsgrove Guild Aufmerk- 
samkeit. Ausserdem verdienen hier, um dies gleich 
vorwegzunehmen, besonders die von Morris nach 
Kartons des verstorbenen Bume-Jones ausgeführten 
fünf Wandteppiche mit Darstellungen aus der Artus- 
Sage, die prächtigen Vorhänge und Bettdecken der 
königlichen Stickereischule, die von Elkington her- 
gestellten Reproduktionen der überaus reichen silbernen 
Möbel und Geräte aus Knole und Windsor und die 
allerdings fast ausschliesslich retrospektive Ausstellung 
der königlichen Porzellan - Manufaktur zu Worcester 
Beachtung. Neben Waring und Howard haben, um 
zur Invaliden - Esplanade zurückzukehren, die Gold- 
smiths and Silversmiths Company und die Juweliere 
Mappin Brothers in Sheffield besondere Räume. Das 
Hauptstück der ersteren ist ein aus neun Stücken 
bestehender silberner Tafelaufsatz 
mit Nereiden. Ferner befinden sich 
hier die Ausstellungen einiger kera- 
mischer Fabriken, so besonders 
von Doulton & Co. und von Elton 
(Clevedon). Die auf den Galerien 
und in dem oben erwähnten Seiten- 
flügel ausgestellten Gegenstände 
sind zum grössten Teil rein in- 
dustrieller Natur. Doch finden wir 
in dem letzteren noch gute Tep- 
piche, Tapeten und bedruckte Stoffe 
und den reizenden kleinen Pavillon 
der Benson'schen Kupfergeschirre 
und Beleuchtungsgegenstände. Ben- 
son's Apparate für die elektrische 
Beleuchtung sind nicht hier, son- 
dern im Elektrizitäts- Palaste zu 
suchen. 

Die nun folgende italienische 
Abteilung macht einen ziemlich 
trostlosen Eindruck. Auch sie um- 
fasst nur einen Teil des Kunst- 
gewerbes, da die ganze, äusserst 
umfangreiche Keramik- Ausstellung 
und die Glaswaren in dem grossen 
italienischen Palast am Quai d'Or- 
say untergebracht worden sind. 
Der Geschmack steht hier auf 
einer bedenklich tiefen Stufe. Bei 
den Möbeln werden die allerver- 



schnörkeltsten und allergewundensten Vorbilder früherer 
Epochen kopiert oder durch noch barockere neue Erfin- 
dungen übertrumpft; die Marmorhändler lassen sich von 
den Künstlern die allerfadesten und allersüsslichsten Mo- 
delle liefern und machen mit ihnen leider glänzende 
Geschäfte; die Keramiker leisten technisch zum Teil 
Vortreffliches, wo sie alte Vasen und Teller kopieren, 
und tappen fast überall völlig unsicher herum, wenn 
sie Neues bringen wollen. Wie wenig Geschmack 
auch die besseren Firmen besitzen, beweist das Bei- 
spiel des berühmten Glasfabrikanten Salviati, der in 
die helle gotische Halle des Palastes ganz massive 
dunkle Renaissanceschränke für seine Ausstellung ge- 
setzt hat. Am schlimmsten steht es auf der Galerie 
des Invaliden-Palastes, wo die ganz billigen venezia- 
nischen Schmucksachen feilgehalten werden. Man 
glaubt hier wirklich in einem Bazar und nicht auf 
einer Weltausstellung zu sein, bei der alle Völker 
doch besondere Ehre einlegen wollen. Im einzelnen 
wird der gewissenhafte Beobachter natürlich manches 
Gute entdecken, vorausgesetzt, dass er nicht vorher 
den Mut verliert. So 
sei auf die unter dem 

Einflüsse Tiffany's 
entstandenen und zum 
Teil nicht übel ge- 
lungenen neuen Glä- 
ser von Salviati, auf 

die Schmucksachen 
und die Nachbildung 




Mittelpartie auf der Galerie der deutschen kunstgewerblichen Abteilung. 
Weltausstellung in Paris 1900. 



228 



DASfKUNSTGEWERBE AUF DER PARISER WELTAUSSTELLUNO 




Aus dem «Zimmer eines Kunstfreundes in der deutschen kunstgewerblichen Abteilung auf der Pariser Weitausstellung igoo. 
Entworfen von Maler RICHARD RIEiHERSCHMID, ausgeführt von den Vereinigten Werkstätten, München. 



des für die Kronprinzessin gearbeiteten Silbergeschirrs 
des Juweliers Giacinto Melillo aus Neapel und auf die 
Fayencen von Ruggieri-Pesaro und Cantagalli-Florenz 
hingewiesen, bei denen neben vielem Geschmacklosen 
doch manches Beachtenswerte zu finden ist. 

Die dänische Abteilung bietet nach der italie- 
nischen eine wahre Erholung. Sie ist nicht sehr reich, 
aber aufs sorgfältigste ausgewählt. Fast jedes Stück 
verdient Beachtung. Je eine aus Hartstuck errichtete, 
mit gedrungenen vergoldeten Ornamenten sparsam ge- 
schmückte weisse Mauer mit hohem Thor grenzt 
sie nach beiden Seiten ab. Im Mittelpunkt stehen 
die prächtigen Ausstellungen der Kopenhagener 
Königlichen Porzellanmanufaktur und der Manufaktur 
von Bing & Gröndahl. Mortensen und Liisberg haben 
bei den ersteren wohl die schönsten Stücke gezeichnet, 
ferner finden wir prächtige grosse Vasen mit sehr 
stimmungsvollen Gemälden von Rode («Die Dämme- 
rung-). Auch Tierfiguren sind sehr beliebt. Die 



Krystallglasuren scheinen etwas abzunehmen, wahr- 
scheinlich weil sie von den andeien Manufakturen 
so häufig nachgeahmt worden sind. Dagegen hat 
man in neuester Zeit, wohl zunächst nur ver- 
suchsweise, begonnen, Vasen in grauen und braunen 
Tönen herzustellen. Auch Bing & Gröndahl haben 
vortreffliche Tiere ausgestellt; famose Stücke sind die 
Eule, das Rhinozeros und vor allem die Möve von 
Dalli -Jensen. Die Plastik spielt im allgemeinen hier 
eine viel grössere Rolle als drüben. Willumsen's 
Einfluss ist überall bemerkbar, besonders in der grossen 
Vase »Das Wachstum < von Fräulein Plockross. Über- 
haupt ist die Nebeneinanderstellung der beiden Fabriken 
sehr interessant und lehrreich. Hier die Betonung 
der weissen Masse, bei Kopenhagen fast alles farbig; 
hier die tiefen Emailfarben, dort ganz zarte Töne. 
Originalwerke von Willumsen finden wir in der 
Kollektivausstellung von Gegenständen, die hauptsäch- 
lich dem Kopenhagener Kunstgewerbe-Museum an- 



DAS KUNSTGEWERBE AUF DER PARISER WELTAUSSTELLUNG 



229 



gehören. Kunsttöpfereien haben Hansen -Jacobsen, 
Petersen, Frau Ipsen und insbesondere Kaehler aus- 
gestellt, der bei seinen lachs- oder hummerfarbigen 
oxydierten Gefässen nach sehr eigenartigen Formen 
strebt und ebenfalls gern Tierleiber verwendet. Sehr 
schön ist sein Fries mit den über das Meer fliegenden 
Vögeln. Der Königlichen Porzellanmanufaktur gegen- 
über befindet sich die Ausstellung des bekannten 
Goldschmiedes Michelsen. Besonders in die Augen 
fällt hier der grosse, aus mehreren Stücken beste- 
hende silberne Tafelaufsatz, ein Ehrengeschenk für 
den König, der nach Zeichnungen von Krog von 
Hannleff und Brandstrup modelliert worden ist. Zu be- 
achten sind ferner die silbernen Becher und Schalen nach 
Zeichnungen von Bindesböll und Slott-MöUer und die 
von Henriksen mit geschmackvollem Gold- und Silber- 
dekor versehenen Porzellanvasen. Unter den Zeichnern 
von Bucheinbänden steht wieder Bindesböll an erster 
Stelle; ausser ihm haben Skovgaard und Jerndorf treff- 
liche Arbeiten geliefert. Endlich seien die Arbeiten in 
geschnittenem Leder von Cathrine Hassa- 
ger erwähnt. An Möbeln enthält die Ab- 
teilung nur eine Garnitur in Rosenholz 
mit eingelegten bunten Blumen und 
einige Möbel nach Zeichnungen des 
Malers Rohde. Um zu sehen, was in 
Dänemark auf diesem Gebiete geleistet 
wird, muss man in das kleine dänische 
Haus gehen. Die Einrichtung ist zwar 
sehr einfach und hat den Kunsthand- 
werkern nur in wenigen Fällen Ge- 
legenheit zum Glänzen gegeben, ist aber 
dafür ausgezeichnet zusammengestimmt, 
anheimelnd und wohnlich. Der Verfasser 
von »Palastfenster und Flügelthür« würde 
an ihr seine Freude haben. 

Auf der Galerie schliesst sich nörd- 
lich an Deutschland Schweden an. Sein 
Architekt hat die Abteilung durch Quer- 
wände in sechs Räume geteilt und diese 
Wände ebenso wie die hintere Mauer 
mit Dachfirstmotiven von schwedischen 
Bauernhäusern geschmückt. Darunter 
läuft ein Fries von Kiefern hin, die die 
drei Kronen des Wappens tragen. Das 
Ganze macht in seinen graugrünen Tö- 
nen einen ungemein freundlichen Ein- 
druck. Den ersten Raum nimmt die 
Stockholmer Porzellan- und Fayencen- 
Fabrik Gustafsberg ein. Neu sind bei 
ihr die nach Zeichnungen des Künstlers 
Vennerberg mit einfachen Blattmotiven 
grün auf hellgrün oder blau auf hell- 
blau bemalten Fayencen. Dann folgt die 
Krystallglasfabrik von Kosta, die neuer- 
dings Galle'sche Farben und Muster in 
etwas vergröbernder Weise aber nicht 
ohne Glück nachahmt. Auch die be- 
rühmte Porzellanfabrik von Rörstrand, 
deren reiche Ausstellung den zweiten 
Raum füllt, bringt vieles Neue. Grossen 

Kunstgewerbeblatt. N. F. XI. H. 12. 



Erfolg haben die 1 897 zuerst ausgestellten, von Alf Wal- 
lander entworfenen Vasen mit ganz lichtem Blumendekor 
— Iris, Alpenveilchen, Mohn u. s. w. auf schwarzem 
Grunde. Noch jüngeren Datums scheinen die Stücke 
mit gelbem Dekor auf grünem Grunde zu sein. 
Aber auch die älteren Erzeugnisse der Firma finden 
viele neue Freunde. Im dritten Raum finden wir 
die Sammelausstellung damaszierter Eisenarbeiten der 
Fabriken von Eskilstuna in Södermanland und die 
Ausstellungen der Stockholmer Goldschmiede. Ganz 
besondere Aufmerksamkeit verdienen die nächsten 
Räume, in die sich die Aktiengesellschaft für Kunst- 
gewerbe S. Giöbel und die »Handarbeitsfreunde« 
(Handarbetets Vänner) geteilt haben. Beide stellen 
hauptsächlich Handwebereien und Handstickereien 
aus, Gobelins, Fussteppiche, gestickte Decken, National- 
trachten u. s. w., die alle in mehr oder minder freier 
Anlehnung an die neu belebte uralte Bauernindustrie 
von namhaften Künstlern entworfen sind. Den Go- 
belins liegen Kartons von Alf Wallander und Karl 




Erker eines Zimmers auf der deutschen I;::ns:ge\veihliclicii Abteilung der Pariser 

Weltausstellung 1900. Entworfen von Maler BERNHARD PANKOK, München, 

ausgeführt von den Vereinigten Werkstätten für Kunst itn flandwerk, O. m. b. H., München« 

35 



230 



DAS KUNSTGEWERBE AUF DER PARISER WELTAUSSTELLUNG 




Ecke eines Jagdzimmers in der deutschen kunstgewerblichen Abteilung auf der Weltausstellung in Paris 1900. 

Entworfen von Maler BRUNO PAUL, 
ausgeführt von den Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk, O. m. b. H. lV\ünchen. 



Larsson zu Grunde. Ersterer zeichnet rein dekorativ, 
letzterer erstrebt, besonders in dem trefflichen »Krebs- 
fang« mehr bildähnliche Wirkungen. Giöbel stellt 
ausserdem einige Stühle und Bauernschnitzereien aus. 
Den Beschluss der schwedischen Abteilung machen 
Möbel, unter denen ein gewaltiger reichgeschnitzter 
und im Innern mit prächtigstem Intarsia geschmückter 
Maliagonischrank von Boberg Aufsehen erregt. 

Die durch keinerlei architekturale Gliederung aus- 
gezeichnete spanische Abteilung ist sehr ärmlich. 
Sie enthält hauptsächlich Damaszierungen und In- 
krustationen von Gold in Stahl, zum Teil auch in 
Silber in allen erdenklichen Stilarten, pompejanisch, 
persisch, maurisch, Renaissance, ohne einen Ansatz zu 
Neuem und Eigenartigem; ferner einige Rokoko- und 
maurische Möbel. 

Dagegen macht sich Norwegen schon von weitem 
vorteilhaft bemerkbar. Der Architekt Fin Hörn hat 
aus holzgeschnitzten Motiven von romanischen Kir- 
chenportalen eine ungemein reizvolle Einfassung in 
rotbrauner Tönung geschaffen. In drei Zweigen 
zeichnet sich das nordische Kunstgewerbe noch immer 
aus, in der Handweberei und Stickerei, in der Gold- 
schmiedekunst und in der Holzschnitzerei. Wir ge- 
langen zunächst zu einem Räume mit Möbeln von 
Borgerson, unter denen einige trefflich gelungene 
Nachbildungen alter Bauernsessel in romanischem 
Stil besonders auffallen. Nebenan befindet sich die 
Ausstellung der vom Staate unterstützten nordischen 
#Hausfleissvereinigung« in Christiania, deren Be- 



strebungen denen der schwedischen Handarbeitsfreunde 
ähneln, aber sich auf viel mehr Industriezweige er- 
strecken. An erster Stelle stehen auch hier gewebte 
Wandteppiche und Fussteppiche, Tischdeken, Vor- 
hänge, Kissen und Sofabezüge, zum Teil nach alten 
bäurischen Mustern, zum Teil nach Zeichnungen 
von Gerhard Muntlie, Holmboe, Fräulein Aubert und 
anderen; dann Stickereien und Hardanger-Spitzen, 
zum Teil von ausserordentlicher Schönheit. Einen 
grossen Raum nehmen auch die Holzschnitzereien 
ein, Stühle und Fussbänke, allerlei Etuis, Bierkrüge 
und Trinkhörner, Messer, Salatbestecke u. s. w. Echt 
norwegisch sind die mit grellen Blumenmustern bemal- 
ten Kindermöbel, Schüsseln und Kannen. Weitere ähn- 
liche Arbeiten befinden sich in einem Nebenzimmer. Auf 
der nun folgenden Galerie ist die Wand mit Teppichen 
behängt, die zum grössten Teil in der erst 1897 ge- 
gründeten nordischen »Billedvaeveri« zu Christiania 
hergestellt sind. Zwei Künstler treten hier in den 
Vordergrund, die Leiterin der Anstalt Frida Hansen 
und Gerhard Munthe. Frida Hansen ist zarter, lieb- 
licher, gewinnt rascher, wirkt aber auf die Dauer 
leicht ein wenig flau. Besser als ihre grossen Gobelins 
»Der Tanz der Salome« und »Die klugen und thö- 
richten Jungfrauen« sind die Vorhänge mit einfachen 
grossen Blumenmustern, insbesondere die transpa- 
renten. Dagegen wirken die Munthe'schen Teppiche, 
insbesondere der grosse »Einzug König Sigurd's in 
Konstantinopel« um so grossartiger, je öfter man sie 
sieht. Es sind meines Erachtens weitaus die hervor- 



DAS KUNSTGEWERBE AUF DER PARISER WELTAUSSTELLUNG 



231 



ragendsten Versuche einer wirklich neuen Teppich- 
kunst. Vor den Teppichen befindet sich eine reiche 
Ausstellung von Werken des in Deutschland ge- 
borenen und in Paris lebenden Kunsttöpfers St. Lerche, 
der bei seinen zum Teil an Paiissy anknüpfenden 
Fayencen und Steinzeug viel metallische Verzierungen 
anwendet und auch mehrere selbständige Arbeiten in 
Bronze und Zinn ausgeführt hat. Unter den Gold- 



sich Österreich und Ungarn an, die demnächst in 
einem besonderen Artikel behandelL werden sollen. 
Geht man oben durch die österreichische Abteilung 
hindurch auf die andere Seite des Palastes hinüber, 
so gelangt man zur Ausstellung Hollands. Die De- 
koration ist einfach und freundlich, Geländer in leicht 
geschwungenen Linien aus hellem Holz, hier und da 
mit mattgrünen Sammetstoffen bespannt. Mindestens 




Raum auf der deutschen kunstgewerblichen Abteilung der Pariser Weltausstellung 1900. 
Möbel im Besitz Sr. Maj. des deutschen Kaisers. 



schmieden ragt Tostrup - Christiania weit über die 
anderen hinaus, dessen aus translucidem Email in 
feinstem Cloisonne ausgeführte Vasen, Schalen und 
Schmuckkästchen sich den Arbeiten des bekannten 
Franzosen Thesmar würdig an die Seite stellen. 
Ausserdem sei auf die seit einigen Jahren rühmlichst 
bekannten Lederarbeiten der Frau Thaulow hin- 
gewiesen. 

Unten an Dänemark, oben an Norwegen schliessen 



die Hälfte der gesamten Ausstellung wird von den 
Fayencen in Anspruch genommen. Am meisten tritt 
die Delfter Fabrik Thooft & Labouchere hervor. 
Man ist hier bekanntlich in den letzten Jahren zu 
den von den alten Delfter Fabriken angewendeten 
Malereien auf Zinnemail zurückgekehrt, giebt aber 
jetzt den blauen Dekor immer mehr zu Gunsten 
eines polychromen auf. Besonders beliebt sind stark 
impressionistische Malereien in Zusammenstellungen 

35* 



232 



DAS KUNSTGEWERBE AUF DER PARISER WELTAUSSTELLUNG 




Raum in der deutschen kunstgewerblichen Abteilung auf der Pariser Weltausstellung looo. 

Entworfen von Professor PAUL PFAUN, 

Schreinerarbeiten ausgeführt von WENZEL TILL, München. 



von grauen, braunen, grünen, und gelben Tönen. 
Unter den Künstlern stehen Le Comte und Senf 
obenan. Der amüsanteste und originellste aber ist 
Bodart, der auch ein paar reizende Tintenfässer ent- 
worfen hat. Neu sind die Jakoba-Fayencen, bei 
denen der Dekor vor dem ersten Brande eingraviert 
und nach diesem mit Email- und Scharffeuerfarben 
bedeckt wird; sie finden hauptsächlich bei grossen 
Vasen, Jardinieren, Kacheln und Mosaikgemälden Ver- 
wendung. Endlich stellt die Fabrik ganz neuerdings 
Wanddekorationen in Steinzeug her, bei denen die 
einzelnen Stücke nicht quadratisch sind, sondern sich 
in der Form der Zeichnung anschmiegen. Hinter 
Delft finden wir die Fabrik Rozenburg, die für die 
Weltausstellung eine grosse Überraschung vorbereitet 
hat. Ihr Direktor Kok hat nämlich im vorigen Jahre 
nicht nur eine neue Porzellanmasse erfunden, in der 
sich Gefässe von einer an die chinesische »coquille 
d'oeuf« erinnernden Leichtigkeit und Transparenz her- 



stellen lassen, sondern für diese neuen 
Gefässe auch neue Formen und neue 
Ornamente entworfen. Grosse Blu- 
men, besonders Disteln, Schmetter- 
linge, ausländische Vögel, Pfauen, 
Drachen herrschen vor, oft ist der 
Dekor aber auch völlig frei. Immer 
ist er mit der grössten Leichtigkeit 
und ganz impressionistisch aufgetra- 
gen. Unter den Farben spielen Schwarz, 
Rubinrot, Lila (mauve) neben Grün 
und Gelb eine grosse Rolle, also 
Farben, die noch nie auf Porzellan 
zur Verwendung gekommen sind. Die 
gegenüber ausgestellten Rozenburger 
Fayencen sind gut bekannt. Die üb- 
rigen Fabriken haben geringere Be- 
deutung. Neben der Keramik ist ein 
echtes Hindelooper Zimmer mit sei- 
nen bunten Möbeln aufgebaut worden. 
Ausserdem sei auf das nach Zeich- 
nungen des Architekten Berlage van 
Hillen-Amsterdam ausgeführte Speise- 
zimmer, auf die Schmiedearbeiten von 
Braat in Delft, die Kirchenfenster 
von Schonten, die Batik-Stoffe aus 
dem Haag und die Möbel von 
Tekstra hingewiesen. Von den Silber- 
schmieden hat Begeer-Amsterdam ein 
sehr anmutiges Kaffeeservice ausge- 
stellt. Über die anschliessende portu- 
giesische Abteilung auch nur ein Wort 
zu verlieren, wäre schade. 

Hinter der österreichischen und 
unter der holländischen befindet sich 
die reichhaltige japanische Sektion. 
Sie bietet insofern eine Enttäuschung, 
als sie kaum irgend etwas Neues und 
Überraschendes bringt. Allein wenn 
man im Grand Palais der Ausstellung 
gesehen hat, zu welch unpersönlicher 
und langweiliger Nachahmung euro- 
päischer Kunstweisen die »modernen« japanischen Be- 
strebungen auf dem Gebiete der Malerei geführt haben, 
kann man dies nicht bedauern. Ebenso ist es im Inter- 
esse des europäischen Gewerbes nur freudig zu be- 
grüssen, dass die Japaner ihre Preise ganz gehörig in 
die Höhe geschraubt haben. Von »blosser Marktware« 
aber zu reden ist durchaus ungerecht, da die Technik 
auf vielen Gebieten immer noch auf einer von den 
Europäern noch längst nicht erreichten Höhe steht 
und inbesondere eine ganze Reihe Prachtstücke im 
Werte von Zehntausenden von Mark ausgestellt sind, 
macht sich die billige und schlechte 
wie nicht geleugnet werden soll, auch 
ist, bei ihnen lange nicht in der Weise 
in Italien, Spanien, Belgien, Ungarn 
in ein oder zwei Räumen der deutschen 
bei denen der für ein Machtwort geeignete 
Augenblick leider verpasst worden war. Das äussere 
Arrangement ist höchst dürftig, schmucklose braune 



Jedenfalls 
Ware, die, 
vorhanden 
breit wie 
und selbst 
Abteilung, 



DAS KUNSTGEWERBE AUF DER PARISER WELTAUSSTELLUNG 



233 



Glasschränke stehen in langen Reihen 
nebeneinander. Gute Arbeiten sind 
insbesondere bei den Bronzen und 
Lackarbeiten , dann aber auch bei 
den Elfenbeinschnitzereien zu fin- 
den; in der sehr reichhaltigen ke- 
ramischen Abteilung werden sie 
von den Erzeugnissen zweifelhaften 
Wertes etwas erdrückt. Märchen- 
haft schön sind einige der auf 
dem Marsfelde ausgestellten japani- 
schen Stickereien. Die Teppiche fal- 
len hauptsächlich durch ihre Billig- 
keit auf. 

In der Schweizer Abteilung, die 
den Beschluss macht, überwiegen 
gänzlich die Gewerbszweige, die 
in der deutschen, als kein wesentliches 
künstlerisches Interesse bietend, in den 
Annexbau verbannt worden sind. An 
erster Stelle stehen natürlich die 
Uhren, für die in dem Hauptraum 
ein mächtiger Holzbau in der Form 
einer durchbrochenen Kuppel errichtet 
worden ist Das Bestreben, die Ge- 
häuse der Taschenuhren künstlerisch 
zu gestalten, macht sich fast überall 
bemerkbar, hat aber nur ganz selten 
zu einem befriedigenden Ergebnis 
geführt. Ebenso findet man unter 
den Filigranarbeiten, Inkrustationen, 
Schmucksachen und Emailmalereien 
kaum etwas Beachtenswertes. Gut 
sind ein paar Glasmalereien und die 
Medaillen von Hans Frei in Basel, 
ganz belanglos dagegen die Kera- 
mik und die Holzschnitzereien. Hier 
ist der Ausdruck »Marktware am 
Platze. Wenigstens erwähnt seien 
die von den Brienzer Holzschnitzerei- 
schülern und den Genfer Tapezierlehrlingen herge- Teil dieses Palastes nimmt die französische keramische 
stellten Zimmer. Den hier anschliessenden nördlichsten Abteilung ein. WALTHER GENSEL. 




Raum in der deutschen kunstgewerblichen Abteilung auf der Pariser Weltausstellung 1900. 

Entworfen von Professor PAUL PFAUN, 

Schreinerarbeiten ausgeführt von WENZEL TILL, München. 




Druckverzicrung, gezeichnet von ELLY HIRSCH, Berlin. 




Aus dem einen Treppenhaus de^ deutschen kunstgewerblichen Abteilung auf der Weltausstellung in Paris 1900. 
Architekt: Professor KARL HOFFACKER, Charlottenburg. 




Ansicht der Galerie des einen Treppenhauses in der deutschen kunstgewerblichen Abteilung auf der Pariser Weltausstellung iqoo. 
Architekt: Professor KARL HOFFACKER, Charlottenburg. (s. auch Abb. Heft lo, S. 187.) 




BÜCHERSCHAU 

Sammelwerke. Eine ganze Reihe von litterari- 
schen Unternehmungen ist gegenwärtig darauf gegrün- 
det, das weitschichtige Gut des Wissens und der For- 
schung auf allen Gebieten der Kunst, des Kunstgewerbes 
und der Wissenschaft in knappen und leichtfasslichen 
Darstellungen zu popularisieren, für den Hausgebrauch 
oder für die autodidaktischen Neigungen des Laien 
und kleinen Mannes zurechtzulegen. Derartige instruk- 
tive Büchlein sind gewiss nicht gering anzuschlagen 
für die idealen Zwecke der Volksbildung und die 
Erfahrung lehrt, dass die im Rahmen grösserer Sam- 
melwerke gruppierten populären Veröffentlichungen 
auch mit bestem Erfolg konsumiert werden. Den 
kunstgewerbschen Kreis tangieren etwa folgende Werke: 
In der Reihe von J. J. Weber's illustrierten Kate- 
chismen hat der stark illustrierte 'Katechismus der 
Kunstgeschichte« von Bruno Bucher bereits die fünfte 
Auflage erlebt, was sowohl für die Gangbarkeit des 
Weber'schen Unternehmens als auch für die Brauch- 
barkeit des präzis und klar gehaltenen Büchleins 
spricht. Ähnliche Zwecke verfolgt die Sammlung 
Göschen. Hier wäre eine illustrierte 'Stilkundc des 
bekannten Badener Architekten und Gewerbschul- 
direktors Karl Otto Hartmann hervorzuheben. Von 
der altegyptischen Kunst bis zur sprunghaften Renais- 
sance unserer Tage hat der Verfasser in seiner Eigen- 
schaft als gewerblicher Pädagoge die springenden Punkte 
aus dem Formenschatz der Weltkunst für die Zwecke 
des Unterrichts und der Selbstbelehrung sehr geschickt 
zur Darstellung gebracht, namentlich scharf erfasst sind 
die Wandlungen, welche die Renaissance auf ihrem 
weiteren Etappenwege vom Barock bis zum Empire 
durchlaufen hat. Eine wertvolle Beigabe dieses Taschen- 
buches sind die ausserordentlich klaren Illustrationen. 
Fernerhin wäre aufmerksam zu machen auf eine Samm- 
lung wissenschaftlich gemeinverständlicher Darstel- 
lungen »Aus Natur und Geisteswelt« aus dem Verlage 
von B. G. Teubner. Das 8. Bändchen der Reihe ist 
eine »Deutsche Baukunst im Mittelalter« des Kieler 
Kunsthistorikers Prof. Dr. Adelbert Matthaei. Von 

Kunstgewerbeblatt. N. F. XL H, 12. 



schwerem wissenschaftlichen Ernst getragen, geht die 
anschauliche Darstellung auf Grund der neuesten 
Forschungen bis an die Wurzeln des Kunstschaffens, 
aus der Tradition und aus dem Geist der Zeit heraus 
werden die grossen Stilfolgen des Mittelalters erfasst 
und an prägnanten Beispielen klar gelegt. Das Niveau 
des Buches ist ein so hohes, dass es die Hörer 
kunstgeschichtlicher Vorlesungen mit Erfolg in Ge- 
brauch nehmen dürften. Mehr als ein Formenschatz 
für Kunstgewerbler kennzeichnet sich das von Hubert 
Jofy herausgegebene Sammelwerk von »Meisterwerken 
der Baukunst und des Kunstgewerbes' aller Länder 
und Zeiten aus dem Vertag von K. F. Koehler in Leip- 
zig. In trefflichen Autotypien bietet die erste Lieferung 
eine Blumenlese der hervorragendsten Werke italieni- 
scher Kunst; bleibt das Weitere auf derselben Höhe, 
so ist gewiss ein schätzenswertes Hülfsmittel für das 
Kunststudium davon zu erwarten. Und endlich präsen- 
tiert auch der Verlag von Siegfried Cronbach in Berlin 
eine Serie populärer Darstellungen, für welche Paul 
Bornstein als Herausgeber zeichnet. Der Sammeltitel 
»Am Ende des Jahrhunderts« fasst in sich eine Rück- 
schau auf hundert Jahre geistiger Entwicklung. Ein we- 
sentliches Glied dieser dem endenden Jahrhundert ge- 
widmeten Reihe ist ein Buch des Münchners Karl 
Rosner, welches »Die dekorative Kunst im neunzehnten 
Jahrhundert' dem Leser im Fluge vorführt, den Zu- 
sammenhang von Kunstschaffen und Zeitgeist zu er- 
fassen versucht, mit langen Namensreihen schaffender 
Künstler und regsamer Kunstförderer paradiert und in 
der Hauptsache sich begeistert für die modernen Phasen 
des Kunstgewerbes ausspricht. Ein eigentlich hoher 
wissenschaftlicher Standpunkt ist in dem Buch noch 
nicht gewonnen, weiss doch niemand, wohin die neue, 
hie und da noch chaotisch wogende und dilettanten- 
haft gehandhabte Richtung führen wird, heutige Tages- 
grössen werden in zehn Jahren verschollen sein. Zu 
betonen ist, dass der Verfasser auf dem Münchener 
Gebiet gut orientiert ist, dagegen hat er dem nord- 
deutschen und Berliner Kunstgewerbe nichts weniger 
als auf den Grund geschaut. 



?6 



238 



KLEINE MITTEILUNGEN 




Japanische Färbeschablonen. Hundert Muster 
kleineren Formates. In Originalgrösse herausge- 
geben und mit einer Einleitung versehen von Artur 
Seemann. Leipzig und Berlin, Verlag von E. A. 
Seemann. Preis in Mappe 20 Mark. 
Die Kunst Japans birgt reiche Schätze; das zeigt 
sich nirgends deutlicher, als in den Flachmustern des 
japanischen Volkes. Hier offenbart sich ein ausge- 
prägt feiner Raumsinn, und zwar ebenso für Sym- 
metrie wie für das Ebenmass, das Gleichgewicht der 
Dekorationselemente mit dem Grunde. Die symmetri- 
sche Anordnung linearer, pflanzlicher und tierischer 
Gebilde ist dem Japaner ein Leichtes; auch versteht 
er virtuos zu stilisieren und das Naturprodukt immer 
weiter umzubilden, so dass durch diese Manier, wenn 
sie bis zur äussersten Konsequenz getrieben wird, 
die Urform des Vorbildes in Linien- oder Punkt- 
gewirre aufgelöst werden kann, die kaum noch das 
zu Grunde liegende Motiv erkennen lässt. Diese 
Überbildungen sind als Auswüchse bizarrer dekora- 
tiver Laune nicht selten angewandt, und etwa anzu- 
sehen wie zeichnerische Begriffswitze. Im allgemeinen 
sind in den guten Erzeugnissen die natürlichen Ge- 
bilde in ihrer struktiven Erscheinung ausserordentlich 
treu wiedergegeben, und ihre geschickte Verwendung 
zur Belebung von Flächen (Stoffe) zeigt den Japaner 
als Meister des Gleichgewichtsgefühls. Scheinbar 
regellos ausgestreut, sind diese Motive so in den 
Raum gezeichnet, dass keine schwachen Stellen im 
fortlaufenden Muster erscheinen. Hier können alle 
Tapeten- und Teppichzeichner lernen: nicht durch 
Kopieren und Übertragen, sondern durch oft wieder- 
holte Betrachtung, durch Abwägen mit dem Auge. 

Die japanischen Papierschablonen, welche dazu 
dienen, Stoffe mit einem gefärbten Grund zu versehen, 
bieten eine unübersehbare Menge des wertvollsten 
Materials — nicht zum Nachzeichnen und Pausen, 
sondern zur Schulung des Auges, als Anregung, nicht 
als Krücke oder Eselsbrücke. Die Muster sind bald 
symmetrisch auf einem Netz sich schneidender und 
zwar häufiger schiefwinklig als rechtwinklig kreuzender 
Linien entwickelt, bald freihändig in das gegebene 
Quadrat oder Rechteck komponiert. — Der Schnitt 
des Musters in dem zähen Papier erfolgt teils mit 
Messern, teils mit Punzen. Bei denjenigen Mustern, 
die ohne ein besonderes Hilfsmittel wegen ihrer Weit- 



räumigkeit nicht halten würden, wendet der Japaner 
ein sinnreiches Verfahren an. Er legt zwei Papier- 
blätter zusammen, schneidet alsdann das Muster mit 
dem Messer aus und klebt zwischen die beiden aus- 
geschnittenen Musterblätter ein Netz von Seidenfäden. 
Schon die grosse Zähigkeit des japanischen Papiers 
gestattet dem Schablonenschneider weitgehende Frei- 
heiten; die Applikation des Seidennetzes') gestattet 
ihm, seine dekorativen Erfindungen fast ohne Rücksicht 
auf den Zusammenhalt der Schablone zu entwerfen. 
Die Zahl der Papierschablonen ist Legion. Im 
Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe befinden 
sich mehrere Tausend, in Aarau über zehntausend. 
Wer eine solche Sammlung auch nur durchblättert, 
staunt über den Reichtum der Motive, die Freiheit 



1) Von den V<^rkäiifern werden die Seidenfäden, ver- 
mutlicli um die Schablone interessanter und appetitlicher 
zu machen, für Menschenhaare ausgegeben. 




Buchverzierungen, gezeichnet von ED. LIESEN, Berlin. 



KLEINE MITTEILUNGEN 



239 




der Erfindung, die charakteristische Zeichnung, die 
ausgeschnitten noch ihren Reiz bewahrt hat, und wer 
sich in den Geschmack des japanischen Stils gefunden 
hat, muss sich sagen, dass die Japaner ein Volk von 
Künstlern sind, deren Flächenmuster, z. B. mit un- 
serm Tapetendekor verglichen, weit über den abend- 
ländischen Erzeugnissen stehen. Überall gewahrt man 
in diesen Kunstproben, dass Naturstudiuni, das liebe- 
volle Versenken in die Gestalten der Flora und Fauna, 
das A und O allen Künstlertums ist. Durch die 
unendliche Liebe und Sorgfalt, mit der der Japaner 
den Naturformen nachspürt und sie ins Handgelenk 
zu bekommen? sucht, wird die gesamte japanische 
Kunst ein Abglanz, ein treuer Spiegel der Natur selbst. 
Von ihr gilt denn auch das Goethe'sche Wort: 

»Und es ist das ewig Eine, 

Das sich vielfach offenbart: 

Klein das Grosse, gross das Kleine, 

Alles nach der eignen Art. 

Immer wechselnd, fest sich haltend. 

Nah und fern und fern und nah. 

Sich gestaltend, umgestaltend. 

Zum Erstaunen bin ich da.< 
So ist denn die Verbreitung dieser wohlfeilen 
Mappe in allen kunstgewerblichen Ateliers zu wün- 
schen. Dann und wann ein Blick in ihren graziösen 
Inhalt vermag der versiegenden Erfindungsgabe neue 
Kraft zu geben. 

WETTBEWERBE 

BERLIN. Preisausschreiben um Entwürfe für ein 
Plakat zur Internationalen Ausstellung für Feuer- 
schutz- und Feuerrettungswesen in Berlin igoi. 
Ausgesetzt sind drei Preise von 1000, 500 und 250 
Mark. Einzusenden zum 15. Oktober 1900. Dem 
Preisgericht gehören an von ausübenden Künstlern: 
Geh. Regierungsrat Ende, Professor Dettmann, Professor 
E. Doepler d. J. und Maler Jüttner. -u- 

B ERLIN. Preisausschreiben um Entwürfe für einen 
modernen Zeitungskopf für die y> Deutsche Tischler- 
zeitung«. Die Entwürfe müssen in Strichtechnik 
mit schwarzer Tusche ausgeführt werden und 320 mm 
breit und 163 mm hoch sein. Ausgesetzt sind zwei 
Preise zu 150 und 50 Mark. Einzusenden bis zum 



15. Oktober 1900 an F. A. Günther, Zeitungsverlag, 
Berlin, Lützowstr. 6. Dem Preisgericht gehören an 
die Herren Professor E. Doepler und Direktor Dr. 
P. Jessen, beide in Berlin. -u- 

CHARLOTTENBURG. Wettbewerb zur Erlangung 
von Skizzen für ein auf dem Luisenplatz zu 
errichtendes Kaiser Friedrich- Denkmal, aus- 
geschrieben vom Magistrat zu Charlottenburg für 
deutsche Künstler. Ausgesetzt sind drei Preise von 
4000, 2500, 1500 Mark. Dem Preisgericht gehören 
an Ober-Baudirektor Hinckeldeyn, Geh. Regierungsrat 
Prof. Ende und Prof. Herter in Berlin, Prof. Maison 
in München, Stadtbaurat Bratring und Stadtverordneter 
Reg.-Baumeister a. D. Reimarus in Charlottenburg. 
Einzusenden zum 15. November d. J. Nähere Be- 
dingungen zu erhalten vom Magistrat in Charlotten- 
burg, -u- 




Buchvcrzierungen, gezeichnet von ED. LIESEN, Berlin. 

36* 



240 



zu UNSERN BILDERN 



ZU UNSERN BILDERN 

Zu berichtigen ist zunächst, dass die auf Seite 164 
und 1 65, Heft 9 des lfd. Jahrganges abgebildeten zwei 
Tischlampen von Ernst Riegel, nicht A. Riegl, in Mün- 
chen, entworfen sind, wie irrtümlicherweise gedruckt 
wurde. Ferner sei ergänzend bemerkt, dass die auf 
S. 218 und 219 des letzten Heftes abgebildeten Sand- 
steinfiguren für das Verwaltungsgebäude der Stadt 
Berlin am Mühlendamm bestimmt waren. Dieselben 
wurden nach alten Sandsteinfiguren im Märkischen 
Museum ergänzt und in Rackwitzer Sandstein ausge- 
führt. — Der auf S. 225 abgebildete Brunnen von 
P. Bruckmann & Söhne, Heilbronn, soll eine Allegorie 
auf die deutsche Musik darstellen. In der Mitte des 
dreiteiligen Aufbaues, der gegen drei Meter hoch ist, 
steht die Figur der deutschen Musik, auf die Harfe 
gelehnt, in der Linken einen Lorbeerzweig haltend. 
Im reich ornamentierten Saum des Gewandes sind 
die Namen deutscher Komponisten mit dem Orna- 
ment verwoben. Zwei Putten unterhalb des Sockels 
der Hauptfigur halten an jeder der drei Seiten die 
Reliefs der drei Meister Mozart, Beethoven, Wagner. 
Die grossen, wasserspeienden Masken, wie die weib- 
lichen, am Fuss angebrachten Figuren sollen den 
Charakter der Musik je eines der drei Meister zum 
Ausdruck bringen. 

Die drei von Adlern überschatteten Elfenbein- 
masken tragen als Kapitale drei sitzende allego- 
rische Figuren: Inspiration, Komposition und Direk- 
tion. In den Medaillons zwischen diesen Figuren 



ist die Streichmusik, Blasmusik und Schlagmusik dar- 
gestellt. 

Auf dem Hauptgesims ruht eine Kuppel aus 
Strahlen, über welcher ein Tanzreigen, als Verkör- 
perung der heiteren Musik, eine Art Tambour bildet. 
Letzterer wird noch von einem kronenartigen Ab- 
schluss überragt, und die oberste Endigung bildet 
ein auf einer Elfenbeinkugel stehender Genius. 

Das Wasserbecken ist aus Marmor, die drei 
Streben und alle architektonischen Teile sind aus 
Bronze, aller ornamentale und figürliche Schmuck ist 
Silber (es wurden 250 Kilo Silber verwendet). Um eine 
einheitliche Wirkung zu erzielen, wurde das Silber teils 
vergoldet, teils grau oder grünlich oxidiert. Zu dem 
Ganzen hat, wie schon erwähnt, Professor Otto Rieth 
in Berlin den Entwurf, Bildhauer Amberg die Mo- 
delle geliefert. 

Zu der Abbildung des einen Treppenhauses der 
deutschen kunstgewerblichen Abteilung (Abb. S. 234 
und S. 235) sei noch bemerkt, dass sämtliche Modelle 
für die ornamentalen Stuckteile nach Hoffacker's Ent- 
würfen von der Bildhauerwerkstätte von R. Schirmer 
in Berlin herrühren, gleichwie in dem in den früheren 
Heften abgebildeten unteren Treppenhause, zu dem 
Riegelmann die Holzschnitzereien der Decke und 
Treppe lieferte. Das Lünettenbild hat Professor Max 
Koch gemalt, das Bogengitter im Eingang Miksits in 
Berlin geschmiedet; die dreiteilige Bogenstellung der 
Galerie ist nach Hoffacker's Zeichnungen von Prof. 
Riegelmann geschnitzt; die Bronzegusskrone für elek- 
trisches Licht lieferte Paul Stotz in Stuttgart. 




Schlussstück, gezeichnet von Maler W. WINKLER, Idstein ijTaun. 



Herausgeber und für die Redaktion verantwortlich: Professor Karl Hoffacker, Architekt in Charlottenburg- Berlin. 

Druck von Ernst Hedrich Nachf., Q. m. b. H., Leipzig. 



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