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Full text of "Franz Kobler Collection 1909-1965"

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Der 



Wiener Kongress v9rhandelt_äner die Rechte der Juden 



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Der V/ioner Kon^oss war die erste Tagung von Staatsmännern, "bei der 
das Schicksal der Juden zum Gegenstande einer zwischenstaatlichen Aus- 
sprache gemacht wurde. Hier sind aber auch zum erstenmal offizielle 
Vortreter der Judensohaft vor einem internationalen Forum erschienen, 
lim die Sache der Juden zu vertreten. Sie kamen freilich als Bittsteller, 
nicht als vom Kongress zugelassene Deputierte und nicht als Wortführer 

der gesamten Judenheit, sondern mit ihren territorial verschiedenen 

Aiiliegen. 

Dennoch geht die Bittschrift, welche die Vertreter der Wiener, 
"böhmischen und mährischen Judengemeinden unmittelbar an den Kaiser Franz 
gerichtet haben, von der allgemeinen Lage der deutschen Judenheit aus, 
Sie ist von demselben Geiste beherrscht, den die acht Jahre vorher von 
Napoleon einberufene Versammliing Jüdischer Notabein und das ihr im Jahre 
1607 nachfolgende grosse Synhedrion an den Tag gelegt hatteni die Gleich- 
berechtigung erscheint als das Geschenk, dessen sich die Judenheit würdig 
zu erweisen oder, wie die Bittschrift darzulegen .trachtet, bereits er- 
wiesen hat, 

( ) österreichische Judengemeinden an Kaiser Franz I. 



AHcr^:;;'.(i:;;>lcr K;.i:-cr und Herr! 

Die Is:-r.cliti:-c!icn Glr.iibv^nr'-.rcnosscn hr.ben Ew. Majestät Er- 
v.T.rlur.rjca Genüge geleistet. Ihre l'ähi^kcit zu r.llcn nützlichca 
Cov.erbr^ri isl durch Tlir.tsachen erwiesen, die zahircichcn Werk- *, 
stülteii ihres Fleißes in mehreren Provinzen der .Monarchie, ihre 
ausgebreiteten Fnbrik-Anlngcn, der Umfang ib^rer auswärtigen 
Hnndcls-Vcrbincb.iDgcn, lassen über den Gebrauch, <^{:.ri sie unter 
liberalen und r;lcich förmigen Gcset/xn von ihren Kräften und 
Kapitalien machen würden, keinen Zweifel übrig; an Diensten, die 
sie dem Staat, in allen Fächern, wo man ihre Mitv/irkuncr verlanL'te. 
oder auch nur gestattete, geleistet, an Opfern aller Art, die sie 
dem allgemeinen Wohl dargebracht, an Vaterlandsliebe und treuer 
Anh.änglichkeit an Ihren geliebten Monarchen, haben sie es, im 
Ycrliältnissc ihrer Anzahl, auch ihres Vermögens ihren christlichen 
M;tbürf:fcrn v.•eni''^<tens gleich rcthan. Das i^rundlose Vorurtheil, daß 
sie zum Militärdienst nicht tauglich wären, haben sie durch die 
That widcrlcf't, dem Ruf ihres Landesherrn überall retreu, haben 
sie in den letzten schweren Kriecrcn auch ihre Personen und ihr 
Leben bereitv.'illicf hin;:c'^cben, und wie andere rute Bürr^er, für 

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che Sicherheit und Ehre des gemeinschaftlichen Vaterlandes, in 
der frohen Erwartung, dass es sie endlich nicht mehr wie Stief- 
kinder behandeln würde, ihr Blut vergossen. Um die lirziehung 
ihrer Jugend zu verbessern, haben sie weder IMühc noch Lasten 
gcspriTt. Dies alles ist Ew. Majestät aus den einstimmigen Berichten 



N.M. Gelter/: Aktenstücke zur Judenfrage am Wiener 
Kongress I8I4/15. Verlag des "Esra", Wien 1920. S. 6/10^15/147 



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tlcr Hof- und Landcs-Slcllcn hi^Jcannt. Wir haben jede Probe Idc- 
st^'.ndcn ; und wenn uns l^culc noch eine dcmrtti;:;endc Sclicidc- 
wr.nd von anderen Str.atsbürfjorn absondert, ?o bt-stclu diese nur in 
veralteten !Meynun(;en, oder blinder und grundloser Furcht vor 
einer dem kleinlichen Privat-Interessc gefährlich scheinenden, für 
ilas Ganze, offenbar wohlthätigen Konkurrenz; in Ew. Mrijc^^tlit 
grosser Seele ist diese Scheidewand k.r.gst darnicdergerissen. Krlaubt 
scy es uns, hier /u bemerken, dass, wenn der moralische Zustand 
die Neigungen und Gewohnheiten und der bürgerliche Wandel 
eines Theiles der jüdischen Nazion noch hin und wieder gegründete 
Bcsorgni:;se, wegen ihrer Tauglich!:eit und Zuverlüssiglceit in diesem 
oder jenem Nahrungszweige oder Wirkungskreise veranlassen könnte* 
die wahre Wurzel solcher Besorgnisse cin/jg und ausschliesslich in 
jenen unglücklichen Schranken selbst zu suchen seyn würde, die 
;iv,-i3chcn den Israeliten und anderen Volksklassen gezogen sind, 

und d.-'.ss diejenigen, welche ihnen vollkommene Gleichheit der 
bürgerlichen Rechte, unter dem eiteln Vorwande, als v;cnn sie 
deren noch nicht v;ürdig wilren, versagen, gerade die Ict/.tc Be- 
dingung, die noch zu erfüllen bleibt, damit der letzte Vorv.'urf und 
der letzte VerdaclU von ihnen weiche, unmOidich zu machen suchen. 
Der Charakter einer durch ungleich.e und absondernde Gcsetr.e 
unterdrückten Volksklasse kann auch bey den glücklichsten An- 
lagen und dem redlichsten Bestreben derselben nur dann in reiner 
wahren Gestalt erscheinen, wenn sie von dem Drucke, worunter 
sie schmachtet, bcfreyt ist. Man versetze uns in die I-age, worin 
wir aller Welt zeigen können, dass wir eines begünstigenden 
Schutzes ebenso würdig sind als andre ; und in kurzer Zeit werden 
alle Einv.'ürfc gegen uns verschwinden; man gewähre uns gleiche 
Gerechtsame und gleiche Verhältnisse; und wir werden sie durch 
gleiche Verdienste zu ehren und zu behaupten wissen. 

Ein beruhigendes Vorgefühl stimmt uns zu der frohen Hoff- 
nung, dass wir endlich von dem Ziel, nach welchem wir solange 
gestrebt haben, nicht mehr weit entfernt sind, und dass in einer 
oder der anderen Form das künftige Schicksal unserer Glaubens- 
genossen, scy CS in allen deutschen Ländern, sey es wenigstens 
Ew. Majestät Erbstaaten auf eine wohltätige und genuglhucnde 
Weise entschieden werden wird. Wenn der hier versammelte 
hohe Koncrress dieser An''elc'::cnheit seine Aufmerks.-imkcit v/idmct, 
so rechnen wir mit Zuversicht darauf, die Verhandlungen und Bc- 
scldüsse desselben durch Ew. Majestät mächtigen Einfluß, und 
Genie edeln menschenfreundlichen Grundsätze, die AUerhöcIut- 
selben jederzeit in Schutz geriommen haben, geleitet, und zu einem 
"lücklichen Ausgange befördert zu sehen. Dies ist unser innic^cr 
Wunsch, theils, weil wir alles Gute, der uns widerfahren soll, Ew. 
.Majestät Huld und Gnade allein schuldig seyn möchten, theils auch 
v/eil nach unsrer Uehcrzeugung kein Souverän von Europa auf dt-n 
Ruhm eine der wesentlichsten Verbesserungen in der bürgerlichen 
Verfassung und Gesetzgebung gestiftet, und eine zahlreiche Mcnsclicn 
Klasse von einem langen und unverdienten Druck befreyt zu haben, 
gerechtere Ansprüche hat, als die welche Ew. Majestät Sich cr- 
v.-erben. Wenn hincrerren die Kürze der Zeit, oder der Dranii der 
Geschäfte oder Hindernisse anderer Art, dem Kongress nicht ge- 
statten sollten, diesen wichtigen Gegenstand in Beraihung zu 
nehmen, so geruhen Ew. Majestät dennoch in der Fülle Ihior 
Eandesväterlichea Huld ein gnädiges Auge auf unsere- Wünsche 



3- 



rcilonclcn UiitcrsuchuriCfr.n sind <:• Cocr.löf.sCii ; ccr ICrfol\T i.v; \c.: 
allen Scitca zu unserem Verteil aU:v;cfrvilcr. ; die Gvji"ccli.;.;!:>::w 
v.n^^rcr Bitte ii;t keinem Zweifel mehr unterwo/fen, u.iCl \::.z /^\:. 
.Majestät zum Besten Ilircr ei;;^encn Uitcrthanon be.scljli. ;.•.•;:;:,-; '.vci^ci, 
ict r.n keine aus\v:irti;;c B:,\;ehcii]^'iit, an kein fre.v.cleo \'\".."i:,''.'.(.:-.is 
cejuncien. Und sollten r.ucii über diesen oder jener. Punlvi noch 
einige nähere Untersuchungen oder Ausmittelun;.;en, die immer 
nur drissclbc bestäuben würden, was alle vorherr^oh.cnde er;,"c:., /, 
nothwendicr befunden werden, wir würden uns r.'lüciilicli prci.^.;:-,, 
wenn nur die erhabene Ycrhei:;sung vom Jahre 1797 endlich in 
rirfüHun-^ r''in':rc, wenn nur (j.Q.r allc^eineinc Grundsatz, der vlio 
Israeliten allen übriiTcn Glaubcns'^cnosscn in Rücksicht auf Zr- 
werbs- Gcwerbs- und iJesit;:-I\.cchie ■■•loicli stellte, von Ew. /.h-'j^. '..'.t 
als Gcöctz prcclan^.iert v.'ärc. Indern v/ir ICv/. J\IajesuLt im r.ai/.i;.. 
unserer Brüder, unsrer Kinder, unsrer Nachkornmenschal"t, bey 
Ihrwr Liebe für alle, die Ihnen an^jehören, bey allen Tu;jeaden, 
die Ihr Volk und die Welt an Ew. I\Iajcstät bewundert, bitten und 
beschwüren, uns jenes trostreiche Wort nicht lün^^cr vorzuent- 
halten, erflelien wir zugleich von Gott, der diese edle Tat niclu 
unbelohnt lassen wird, jede Art von Segen über Ev/. INlajestät 
:;eheili;,'tc Person, und den Staat, der unter Mdchstdcn v;ciscn 
und ;r.ildcn Zepter noch lanc^e Jahre hindurch gedeihen, und blühen 
möge und verharren in tiefster Erfurcht Ew. Majestät AUcruntcr- 



tl:un:c:ste trcu^jchorsamstc unthertanen 



Wien, den 11. Aprii lSi5. 

im Xamen der jüdischen Glaubensgenossen zu Wien 

N. A. Frh. von Arnstein m. p. Bernhard Ritter von Eskcles t,\. p. 
Leopold Edler von Herz m. p. 

im Namen der jüdischen Glaubensgenossen in Böhmen 

I 

Sinion Edler von Lämei m. p. 
im Namen der jüdischen Glaubensr^enosser. in I\Iäliren 

• ■ ■ 

Lazar Auspitz m. p. 



Die vornehmlich durch die Petitionstätigkeit der Jüdischen Deputierten 
in Fluss gebrachton Boratungen über die Judenfrage nahmen vorerst einen 
für die Juden günstigen Verlauf. Die Forderungen der Juden wurden mit 
grosser V/ärme von Preussen "befür\7ortet. Dort war unter dem Staatskanzler 
Hardenberg durch das vom König Friedrich Wilhelm III, am 11. März \^\tl 
erlassone Edikt den Juden eine nahezu vollständige Gleichberechtigung 



An .den Herrn 
Dr. Buchliolz Wohlgeboren. 



2. Schreiben Metternichs an den österreichischen 
Geschäftsträger in Hamburg.'') 

An den Geschäftsträger v. Hoefer 
in Hamburg. 

Wien, den 26'«^" Jänner 1815. f'' 

In dem Augenblick, wo die jüdischen Glaubensgenossen eine 
nach liberalen Grundsätzen berechnete Bestimmung ihrer Ver- 
hältnisse und Rechte von dem hier versammelten Kongreß zu er- 
warten berechtigt sind, hat es mir nicht ^) gleichgültig ]seyn können, 

») Die folgenden Aktenstücke sind Fasz. 15 (Juden in Bremen) entnommen. 

») Dieses Schreiben wird in Carlcbachs Geschichte der Juden in Lübeck, 
S. 67, nur erwähnt, Buchholz war Vertreter der Juden in den Hansestädten 
am Kongreß. Siehe über ihn Carlebach 1. c. S. 63 — 67. 

») Preußischer Gesandter für die Hansestädte — das diesbezügliche 
Schreiben ist abgedruckt in Sulamith V/2, S. 44, und Klüber 1. c. I, S. 77, 
No. XXII. - ^ ^T~~- ■- T 

*) Dieses Schreiben ist auch abgedruckt in Sulamith IV, 1, S. 369. Im Archiv 
liegt das Konzept. [] enthalten die von Mcttcrnich vorgenommenen Korrekturen. 

*) Im Konzept heißt es : >um so weniger-« wurde aber gestrichen. 



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16 



[WwMij, Hj Jiüiii II I ^*i ] Ew. "Wohlgeboren können sich versichert 
halten, daß icl\ den Grundsätzen treu, welche die prcußisdic Verordnung 
vom II. März 1812 in Rücksidit auf die Behandlung der jüdischen 
Einwohner enthält, mit Teilnahme die Anträge unterstützen werde, die 
Sic zur Erlelditcrung des Sdiicksals der jüdisdicn Glaubensgenossen 
in Dcutsdiland an den Kongreß gelangen lassen ''"). Für jetzt h.;be ich 
midi darauf besdiränkcn müssen, be^ den Städten Hamburg, ßrcmcn 
und Lübeck eine Verwendung eintreten zu lassen, und beehre ich mich, 
Ihnen anliegend eine Absdirift meines dicserhalb an den Herrn Grafen 
VI" Grothc ergehenden Sdircibens mitzuteilen. 



gewährt worden, Hardonborg zögerte nicht, sich nach dem Zusammentreten 
des Kongresses auch für die Gleichstellung der Juden cuiGüorhalb Preussensl 
einzusetzen. Insbesondere den Juden in den Hansestädten Hamburg, Bremen 
und Lübeck drohte die Gefahr, dass ihnen die unter der französischen 
Herrschaft zuerkannten Rechte wieder entzogen würden. Die Judenheit 
dieser Städte hatte deshalb einen eigenen Vertreter, den bedeutenden, 
nichtjüdischen Lübecker Anwalt Karl August Buchholz, zur Y/ahrung der 
jüdischen Interessen zum Kon^ess entsendet. Buohholz wandte sich um 
Unters tut ziing: seines Vorhabens an Hardenberg, der dieser Bitte weit- 
gehend entgegenkam. 



( 



) Karl August Fürst von Hardenberg an Ksurl August Buchholz 

4-.^^amiar l8l5^ 



^^:^r^~::lls\:iii^F:r3^Zf^ Ew. Wohlgcborcn können sich vcrsldicrt 
haken, daß \6.\ den Grundsätzen treu, wcldic die prcußisdic Verordnung 
vom II. März 1S12 in Rücksidu auf die Behandlung der jüdlsdicn 
Einwohner enthält, mit Teilnahme die Anträge unterstützen werde, die 
Sie zur Erlciditcrung des Sdiidtsals der jüdisd^n Glaubensgenossen 
in Dcutsd^land an den Kongreß gelangen lassen *). Für jetzt hr/oc idi 
midi darauf bcsdiränkcn müssen, bei den Städten Hamburg, Bremen 
und Lübed^ eine Verwendung eintreten zu lassen, und beehre idi midi, 
Ihnen anliegend eine Absdirlft meines dieserhalb an den Herrn Grafen 
V. Grothc ergehenden Sdircibcns mitzuteilen.. 



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( 



) Karl August Purst von Hardenberg an den Preussischen 
Gesandten für die Hansestädte, Grafen von Grothe 



4» Januar IÖI5 . 




-P5Zi£:ajL4.J[aniii'-— i4;4-j^ ...Die Sdiid<sale der Juden in den übri- 
gen Provinzen urd Städten ^c% nördlid^cn Dcutsdilands können seit- 
dem [seit dem Eoik von 18 12] dem preußisdicn Staat nldit glcldi- 
gültig sein, weil üurcn eine fortdauernde Bedrückung und gehässige 
Aussdilicßung von den Reditcn, auf weldie sie als Mcnsdicn einen An- 
, ( sprudi haben, der ihnen zum Vorwurf gcmaditc Zustand der Immorali- 
/ ""ij tat verlängert und die Absidit unserer Regierung vereitele wird, durdi 

Teilnahme an allen bürgcrlidien Rcducn und Lasten die Spuren eines 
Vorwurfs zu verlösdien, der nur aus einer vcrädulidicn und kneduischen 
Behandlung hervorgegangen ist. Audi hat die Gesdiidite unseres letzten 
Kriec;es wider Frankreidi bereits erwiesen, daß sie des Staates, der sie 
in seinen Sdioß aufgenommen, durdi treue Anhänglidikclt würdig ge- 
worden. Die jungen Männer jüdisdien Glaubens sind die Waftcn- 
Kcfährtcn ihrer diristlidicn Miibürgcr gewesen, und wir^ haben Äudi 
unter ihnen Beispiele wahren Heldenmuts aufzuweisen, sowie die übrigen 
Einwohner, namentlidi audi die Frauen, in Aufopferung jeder Art den 
Christen sidi angcsdilosscn ... 



N.M.Gelber. Aktenstücke ziir Judenfrage am Wiöner ICongress I814/15. 
Wien 1920. S. 16. 



^ 



[Hardenberg crsudic den Gesandten,] die angclcgcntlidistc Ver- 
wendung der prcußisdicn Regierung für die jüdisdien Einwohner in 
Hamburg, Bremen und Lübed eintreten zu lassen und die Mngi .träte 
dieser StÄdte zu vermögen, daß sie mit Aufhebung der zum Naaueil 
der jüdisdicn Einwohner genommenen Maßregel sidi de- Einrichtung 
ansdiJicßcn, die der preußisdic Staat durdi das Edikt vom ii V.Ärz 
1812 ebensosehr den Forderungen der Mensdiliciikcit und den Bedürf- 
nissen der Zeit als einem verständigen Regicrungssystem angemessen 
befunden. 



Wilhelm von Hiimboldt, um jene Zeit preussisoher Bo-tschafter am 
V/iener Hof, war zugleich Preuasens Vertreter heim Kongress. In ihm 
fand die Sache der Juden einen idealen Fürsprecher. In einem an seine 
Frau, Caroline von Humboldt, gerichteten Brief schildert er den Fortgang 
der Verhandlungen, aber auch eine bezeichnende Episode aus dem Treiben 
hinter den Kulissen des Kongresses. Der im Mittelp\inkt des von Humboldt 
beschriebenen Zwischenfalls stehende "alte Mann aus Prag" war aller 
V/ahrscheinlichkeit nach niemand anderer als der mit Goethe befreundete 
Simon von Lämel, der auch zu den Unterzeichnern der oben erwähnten 
Bittschrift zäÜlt. 



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( ) Wilhelm von Humboldt an Caroline von Humboldt 



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WlLQxiy 4. JunYl8l5 



j;^5^>^ou Oviiülanb r;at)c id; für Mc £ln(cv5ci6uunc| t)Ci^ 'Cliaianj- 
l'^pr'jS (raftaf^ bon 9luncnovbcu iu 93riüanfon bciommcn, ücr- 



^^;^ imitlid; eine ^Irt 9varf;c bcö .^xaifcr^ 'i^Itcranbcr bafür, bajj 
icl) nüd; gar nid)t um feine öunft unb feinen pcrfi3nlid;en Q3eifal( bc» 
tummcrc, unb eben nid)t niel)r ruffifd; bin, al^5 ic^ fein \\\\\% 0arum 
ift cu mir faft lieb. 6onft ift eö rcd)( luic mit ^(eij) ix\i^<i)i, mic^ 
ju ärcjern. 0enn a(5 Orben ift bic 6ad;c für mid;. faff unfd;idüd;, 
unb <x\i ©efcr)cnt fnib bic Orben mit "brillanten immer nid;t üic( 
\oert, lueil fefpr üict tleine Ctcinc barin finb. 3d) \üerbe il;n gleid; 
üerfaufen unb nie tragen. 0amif ift'ö abgemad;t. Um feine öunft 
betümmerc icl; mid; übrigen^ nidjt mc^r, nid;t ivenigcr. 933cnn 
\mx je in ©cfd;äffen mifeinaubcr ju tun Ratten, tvirb cv mid; mc^r 
braud)en <x\i ic^ it;n. 

ein fcl;r groJ3C<3 0efd;cn! I;abe id) geftcrn an3öefd;taöcn. 6cit 
bcm 9Infauoj bcu iTongreffeu fud;tcn bic 3uben bcftinnutc bürcjcrlid;c 
9ved}te in <5)eutfd;Ianb ju crl;a(ten. 3d; bin biefer ead;c inuucr 
geneigt gcipcfcn. 3d) iveij} 5U>ar, baj} <S)u anbcnS bcnCft, füjc^ 
Äcr^, aber id) I)abe uicl in Dcrfd}icbencn Seiten barüber nacbgebad)t 
unb bleibe meiner alten 9?^cinung getreu, (f^ ift übcrbiei3 eine 
3ugenbibcc \>^\ mir, bcnn ^itcranber unb id; lüurbcn nodv ^vic \o\t 
5vinber luarcn, für ed;u(5U>er;rc bc^ Subentum^ gehalten. '6d) liejj 
mid> aud; I)icr um fo \m\)x ein, abj, '^<x einmal im ^p>rcujjifd;cn bic 
3ubcn faft alle 9ved;te I;abcn, cö nun für unö bcffer ift, baj} bicfe 
©cfetjgebuug allgemein fei, inbem fonft atlc Oubeu ju uni3 ^in» 



j;V^;^f> 'Vv'.?^'' ^■■;' ^" . 7 ■>■ V:.^':: ?"^'-.^ :;■■.•■■ f* 



Wilhelm und Caroline von Humboldt in ihren Brief en. Uro ■. von Anna 
von Sydov/. IV, Bd. Berlin I9IO. 



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n. kr^i'lC ciuu)cn ^a>oci;on DoinovKc icl), ba)") bic 0)öunci* ^ci 



SL/ 



rMiboiifiim^^ unicbfcn, iinb ba (^V'iUj'an bcr Cpi(;o ffanb, fo uhu' bic 

ilvfacf; (>a(b lUw. ^hmu y:)aniioi>oi|'ct)cn ^bvn•^on^on) cvfu()i* \d) mit 

G-Vnuiilljcif, bajj biofoi* \i\yi\: einen fd;nf(tic[)cii 5\outra(t cjcmacl^t 

i)C[iic\ 9.^iiv t)efcf)a()en inbe^ feine ""^Ind-öi^c, obev ein oKev 9.''u-inn 
anv5 >n-ai), treuen ^^i^ejcn nur Cjons cjut C|c}icl, ba er nicl)! 511 ocn 

neuniobifd;cn 3ubcu c)ct)erf, lani ein pcovniat 511 mir unb cmpfct;( 

mir bic '^Ineieleflcnljeif. 3cf) mad}(c nun einen 'vJlvtitct meiner aber« 

jcui^unj) nacl); in bcn jcfjicjen ivonfevcnjcn u^arb bicö eine 5banpt- 

beOattc, n\d)t bafj eö nicl;t n)icl)ti0erc gäbe, aber rt)cil man über 

biefc ti)icl}(i3crcn faff gar nid)t biyfuticvcn fann, iveit man fc{)on 

iveifj, baf^ man fonff auöcinanbcvrprcncjf, ffa(t ju ücrbinbcn. 9}^ef(cr- 

nid;, Q^^effcnberg, Ä^V!^<^"^^^3 ""^ ^^) i)icltcn bie 6ad)c luic n?ir 

tonnten. Qved^bcrcj^; <3iu-mff abt, Sad;fcn, bic Äanfaffäbtc marcn t>or« 

^ligticl) bagcgcn. Gö fam in jiuci Sitjuntjen öor, 9Dicttcrn{cf) Qah feinet 

(Bitte nad; bic Gad;c faft auf, aber \d) Ipiclt fie, Qah i(;r neue 

*^cnbuncjcn unb mad)it fic bod; unfd)äblic^, fo baj \d) fic nur 

auf bic künftige ^unbcöücrfamndung ücrtt>ieö, aber bie fcr;on er- 

luorbenen 9\ed)fc bcn 3ubcn ert;ielt. (^i mürbe fe(;r üict üon bet 

(3ad)c öcfprcd;en, jcber n?ci{j, bafj \6) nur bcn 'i2lrti(cl gemad;t unb 

burd;i5cfet3t I;atfc. 

Cöeftern fam nun bcr alte 9i)tann luicbcr, banftc niir uncnbtic^ 
unb bot mir 5um ©cfd)cnlf brci Qvincjc, Smaragbcn mit grojjcn 
QBrillanfen befe()t on mit bcm Sufafj, bafj, ivcnn id) fie n\d)t ivoUtc, 
id) über 4000 0utatcn auf feine 5\affc b{i^}.^onicvcn foUte. 3d; fd)(ug 
fic natürlid) cbcnfo mie ^>c^'& (Selb au5, unb ^u f'annft ©ir bie93cr- 
iuunbcrung bcö 9?ianncS gar nicl;t bcn!cn, luic id; ir;m of;nc atlc 
Clffettafion unb Siercrci facjtc, bafj id;, wai id) getan, bloß bcn 
Suben 5unebc getan ()ättc, baj) id; nid;tö bafür nel;menun'irbe, bafj aber, 
lucnn id; je in einen ^all fommcn follte, u>o er mir einen ©cfadcn 
er5cigen fönntc, id; it;n gern anncl)mcn lüürbe. 

3d; I;abc bcn Q3ürfal( nienmnbcm ciU bem 5\an5tcr unb Äavbcn- 
bergen crjäljtt. *v!U(cin id; iDcijj burd; (3entj, baj) eö bod; befannt 
tporben ift unb (j^'i^jicn t'ffctt gcniad;( r;af. <S)er alte Sube und )1(^ 
nid;t oufrieben geben unb l)at nun ^a^ ^rojett, mir ein filbernciJ 

(ccvüicc mad;en ju l:~:r,, um cy mir in einem 3a(;rc ju fd;icfen. 
3d; i)Cihi ©cnt) g^f-^:, Ujj id; aud; in je^n 3al;rcn nid;t^3 nef;mcn 
tinu'bc, imb tue e4 c-::r:§ nii;f. ©cnfj I;at aber fo aar (einen *^egriff 
baoon, bajj eö mc.:".:i: '"ci, fo ctiiniö nid;t 5U ncl;men, bafj er mir 
I;eute lueitläuftig ai:f-::r.::r.^cr^efc(3t I)at, bajj if;m "öciß ein Quitfct unb 
ein unauflijölid;e^j ir. r/.ir fei, ba bie £ad;c tuebcr mu'ed;t nocf) un* 
betitat fei, unb id> cr aud> nid)t (lu^ Oftcntation, um bamit ju 
pva(;(en, ober au^ v3:.'I> um nid;t von einem Subcn (5efd;cn{e ju 
ne(;men, tue. 0av ";;:c er t;?irnid; ganj ernft(;aft nn'O im (Srunbe 
finb biefc 93iarimer. unter bcn -??ccnfd;cn, bie bic (iKfd;äftc mad;en, 
allgemein. 3d; Ijabe ::r; b!:'} gcfa^jt, baj), ivcnn man fid; ber^inge, 
bic man einmal bctricrc, fc uuvm atö id; annä()mc, bic crfte ^c- 
bingung ein reine4 \.-c~uiJtfcin fei. C^d; in mir !cnne nid;(i? fo Un- 
cbleö, in (5efd;äft£r. r.i6t rein unb lauter luic ©o(b ju fein. 

Q3crjeif;, baj) i5 fo lange babei ücnucilt I;abc, aber c» jeigt 
©ir 5ug(eid;, \vk ci:'.c ^inge, voo nid;t alle, I;icr cjetricbcu ujerben. 

Ccbc \x>o^\, n:::r. tcureö, innicj ©cliebtc^. . 



^ Alois Graf von Reohberg (1766-I840), bayerischer Ministdr, 



y 



Gentzt Friedrich von Gentz (I764-I832), Staatsmann und 
Publizist. Zuerst Verfechter der Grundsätze der französi- 
schen Revolution, nach 1810 etwa Umschwung in seinen Ansichten. 
G. wurde ein Feind des Liberalismus. Ursprünglich in preussi- 
sehen Diensten, wurde or später Gehilfe Metternichs. Durch 
di^ Verhandlung der Judenfrage auf dem Wiener Kongress wurde 
G. auch in die jüdische Interessensphäre hineingezogen. 
Vgl, auch S. 



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Indes sollten die Erwartungen Humboldts und der jüdischen Vertreter 
nur zum Teil erfüllt werden. Um die Zeit, als Humboldt seiner Gattin 
über den Erfolg seiner Bemühungen berichtete, hegte die von der Juden- 
g meindo der Stadt Frankfurt a.LI, entsandte, aus dem diplomatisch 
höchst gov;andten Kaufmann Jakob Baruch, dem Vater Ludwig Börnes, und 
dem gelehrten Handelsmann Isaak Jakob Giomprecht bestehende Delegation 
schwere Bedenken, ob es ihr gelingen werde, gegen die Quertreibereien 
der freien Städte- ^die der Frankfurter Gemeinde unter der Franzosenherr- 
schaft eingeräumten Rechte dem Kongress gegenüber zu wahren. 



) Jakob Baruch an den Minister Freiherm von V/es^nberg V~ 



Seiner E:-:zcl;c.:2 dem k. Ic. rlcrrn Minisicr 
rVcyhcrrr. vo»i V/csscnbcr^ hccliäcdcro Untcr- 
tharii:j:5te Bitte vonJacob Baruch vonFrankfurth. 

i:ochv;ohl-cboi-cner Freyherr, Gnädiger Korr :.:iiii5lor ! 

Euere Exzellenz verzeihen mir, dass ich hochdicseibc ml: 
mcmem Schreiben bcl::sli^^% ich bermdc mich seit einirre Tr.^c 
n;cl:i wo..., sonot würde Euere ij.xzellen2 selbstca unterliillni"- 
auizuv.T.rten, c:e Gnade ^^ehabt haben. 

Wie viele Vorstellungen ich im Namen meiner Comitccnten 
der Israelitischen Gemeinde ' zu Erankfurth Sr. Durchlaucht ceni 
rierrn Fürsten von ^letternich und Euer Exzellenz über'--ebcr. 
nabe, ist Mocr.derselben bekannt. Da dem. Verneh.men nach Zr. 
Durc:il. der Herr Fürst und Eure Exzellenz übermor:::cn abreisse/.. 
unci ich nicht eimnahl im Stande bin, meine Ccmittenten zu 
überzeu-en, dass ich ihre Rechte v.-irl:llch bey dem hohen Con jrecs 
r;:ewaiirt habe, so mus ich Euere Exzellenz ^-anz untertli:;ni^- 
biiten, mir darüber eine £;nüd;.;e Erkiürun:^ zu erteilen. 

V«B ■« • ■ •,,•«•« *-■. .,- . — % . 

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• 



Johann Philipp, Freiherr von Wessenberg-Ampringsn (I773-.I858) , 
österreichischer Staatsmann. l80 3 Ministerresident in Frankfurt 
am Main; I808 Gesandter in Berlin; schloss I8I3 das Bündnis mit 
Grossbritannien und nahm am Wiener Kongress teil. 



W^ U.M. Gelber s Akt enst'ioke zui* Judonfra^e am IViener Kom^;rö2s 
IO14/15. Verlag des "l^ara", 'Vien 1920, S.I6. ^> 



Die in dem Brief ausgedrückte Besorgnis war nur allzu begründet. 
Die von Humboldt in seinem Brief erwähnte Entschliessung wurde zv/ar dem 
Kongross vorgelegt, allein durch eine scheinbar geringfügige Aonderung 
in ein zur Entrechtung der Juden geeignetes Instrument verwandelt. 
Y/ährend nämlich der ursprüngliche Wortlaut den Bekennern des jüdischen 
Glaubens die lilrhaltung der ihnen J^ den einzelnen Bundesstaaten bereits 
eingeräumten Rechte zusicherte, wurde in dem zum Beschluss erhobenen 
§16 der Bundesakte dieser Vorbehalt nur zugunsten der von den Bundes- 
staaten eingeräumten Rechte aufgenommen. Dies bot einigen Bundesstaaten 
eine erwünschte Handhabe, die von dem französischen Regime, aber nicht 
von ihnen gewährte Gleichberechtigung zu widerrufen. Der Federstrich, 
mit dem diese verhängnisvolle Aenderiing des Textes vollzogen wurde, 
war zugleich das Zeichen zu den bald nach dem Kongress einsetzenden 
Judenverfolgungen. 



/ 



Caroline von Humboldt v/ar die I'Yeundin der Rahel Levin und der Dorothea 
Hondolssohn, sie war die Gattin Wilhelm von Humboldts, des verständnis- 
vollen Fürsprechers der Juden, Aber sie hasste die Juden als Gesamtheit, 
Zahlreiche Stellen in ihrem Briefwechsel mit Wilhelm von Humboldt 
geben Aufschluss über das Verhältnis der beiden g.rttBg zu Juden und 
Judentum, und sie sind gleichzeitig symptomatisch für die widerspruchsvol- 
len Beziehungen zmsohen Deutschen \ind Juden. 

( ) Caroline von Hxunboldt an Hahel Levin 

Den 20^-ten April /lO/u. 



Idi kann über ihn [KorofT] nichts sagen als: ich licbc iira wie gc- 
^^•iß nie ein Mensch einen Mcnsclicn mehr geh'cbt hat — nur hasc du 
mich zu lange nicht gesehen um. zu wissen was ich dann": meinc'und 
u-ic icli lieben kann. Was bei Gott, rührend ist, ist die Liebe der 
Knidcr vu diesem Menschen, jeder nach seiner Natur und seinem 
Vermögen, aber sie hängen an ihm mit allen Gewalten üuer jungen 
Seelen . . . 



( ) Caroline von Humboldt an Rahel Levin 

JJllen/ Den 7ten Mai in der Nacht.^S/U 

^Hicr, meine Liebe verlasse ich nur zwei Mensciicn die mir 



i « ' 



V 



sehr viel, ein unendliches^ zu verlassen, kosten, Dorothea Sddcgcl, _ ^v^ 

dciin idi fühle midi von ihr gehebt, und KorefT. Idi könnte t^ * Hk4^ 



r^ 



sprcdicn über ihn, besonders wenn du ihn gesehen hättest, sdireiben ^,^ . n^ 

kann Idi nidu. Das ist die wunderbarste Gcwalc^ die. midi ergriffen / /t' ^ 

hat.jii hast mich zu lange nicht gesehn, kennst ihn 
kaum. Man ist gebannt in die Kreise eines mächtigeren, 
gewaltigeren Geistes, mir könnte aufgehn ein unendliches 
SSkJBidc Glük im Anschaun einer solchen Natur aber sie zieht 
mich zu sehr an vm nicht geliebt seyn zu wollen. Das ist 
eine fürchterliche Klippe in dem Schmerzensieben des Her- 
zens. Geschikklichkeit hat mir eigentlich die Natur ver- .^ 
sagt, und ich thue oft weh wenn mir das Herz innerlich ^ 
voB Liebe und Sehnsucht vergeht. ^ 









:^^ 



Ob du Koreff sehn wirst kann ich nicht herausbringen, ^^ 
er will Ende d/is* Monats auch fort, nach Breslau:man kann* t^ 
ihn weniger wie irgend einen Menschen ausfragen, das liegt ^ 
an diesem Geisterhauoh der ihn umweht. Ich habe ihm alles s^ 
gesagt, er ist voll des besten Willens, es giebt überhaupt o^ 
nichts liebenderes, theilnehmenderes, erbarmenderes xi wie 
diesen Menschen. Siehst du ihn s2? las mich deinen Gedanken nah ' 
seyn, las dir von ihm von den beiden Kindern erzählen Adel- 
heiti' und Gabrielie, vielleicht bekomst du es heraus ob ex .^<^^ 



ikL Koreff j David Ferdinand Koreff (1783-I85I), Arzt, Dichter und 
Staat abaamt er, .Arbeiten über den Heilmagnetismus, V/urde I8I6, 
naoh vollzogener Taufe, Professor für Psychiatrie und Physiologie an 
der Berliner Universität« Freund und Leibarzt des Fürsten Harden- 
berg, befreundet mit Humboldt, den Brüdern Schlegel, Rahel Varn- 
hagen, Heine. 1822 legte er \iQgen antisemitischer Angriffe alle 
Aemter nieder und ging naoh Paris, 



Briöf\vechöel H\7isohen Karoline von Humboldt, Rah:l und Varnhagen. 
Hrsg, VTon Albort L- itzraann. V/eimar I896. S. 165; 171- 



;„ 






( ) Wilhelm von Humboldt an Caroline von Humboldt 



» * * 



9?icinc Äaupttctfüvc aujjcr bca *i2Utcn (;icr ift 93ot[iict='^, \i(x% 
tanuft CS)ii ©cnOcu crjäljlcn, er tvivb fid) baran erbauen. 3d; fd;ü|)fe 
au<5 i()in ^cftärtuug meiner üKen unb ältcften 3bccn üOcr bic Subcn. 
•^lud; l)abc id) üon (f(;atilIon auö efnjaö für bic 3ubcn, bie id) inuuer 
bcfdni(;c, <^^i<x\\, 3d; laö ein (£bit( in unfcvn 3citiini]cn, baj) nmn 
jiir <3cldon eiue^ l?eid)nan;iS in gerid;(tid;cn "Jvillen nie einen 
jübifd;cn, fonbern immer einen d)rifdid;cn ^Irjt f;al)en foHfc. ©iefer 
£h;(cvfd)icb I;at mid; inbicjnicrf, id; I;at)c a(fo 5N!ird;eifen, bcm 
Siiffijuiiniffer, 9efd)ricl)en, bod) burd; ein ncueö ©cfcl) foId)c üor- 
urtcili^üoKc (2inrid)lunfj übjufdpajfen, unb I;offc, baj} er mir folgen 
luirb. ^i finb bic tcOten Junten meiner ^ictät ^^o^<i.\\ bie Äerj, 
bic aber fapt aud; d;rip(ic^ cjciiJorbcn ift. ^Heö fäüt uon bcn aUcn 
©Ottern ab. 

( ) Caroline von Humboldt an V/ilhelm von Humboldt 

*Äicr in bcr Sfabt fdju^anlcn bic ©cvüd;tc über 6ad;fcn einen 
^acj fo unb einen fo, boc^ im ^(xw^tw, ötaubc id), rvürbc ein S^rieg 
einen örejjcn Scbrcdcn mad}en, oUcin .foüict id) beurteilen !ann, 
mc^r unter bcr 5\Iaffe bcr 9^iebri(5öcrumtcn, njcnn id) mid; fo auö- 
brüdcn barf, bcr 9;9ud;crnbcn, bcr 3ubcn. ^ö cjibt aud) d)riftlic^c 
Subcn. Clpropoi? oon 3ubcn. QCoI;Iuntcrrid}tctc 93vcnfc^cn bc- 
^j^iwYKiXi, 'iio!^ allcj? ©clb bcö £ünbeö, alle Qvcffourccn in il;ren 
Äänbcn f\nb, unb 'to!^, ujcnn njir Si-*icben bc^iattcn, ^<xi erfte fein 
müffc, bcn Canbmann, bcn 93auer fotPoI;( luic bcn "i^Iblicicn ctn?a* 
5U cr(cicf)tern. . . , 

( ) Wilhelm von Humboldt an Caroline von Humboldt 

„f, Wien, 13. jümrcr'iüi 5 

Was Du mir von den Juden sdircibst, ist mir sclir «luffallcnd ge- 
wesen. Audi hier neulich beim Kanzler [Hardenbcr:;] nm Tisch^ be- 
haupteten einige seiner Räte, das von ihm gegebene Judenedikt habe 
diese schlimmen Folgen hcrvorgcbradit, die vorzüglich in den l;leincn 
Städten verderblich v/ären. Er, der immer sehr liberal ist, stritt da 
gegen. Idi bin ganz seiner Meinung und billige das Edikt. F^s k"!'!-. ,^ 

unniöglidi vernüniüg sein, den alten Untcrsdiied zwischen Juden unil ^ 

Cliri^icn cv. ig bestehen zu lassen und das Vorurteil nodi viu ver- ^ 

mehren. Allein icii mödue nidit, wie er tut, von unterridueten Leuten 
behauptete Tatsadicn wegräsonieren und glaube gewiß, die Er- 
sdieinung, die idi nidit ableugne, riüirt aus anderen Umständen her^ 
wäre CS auch nur, daß man viclleidu versäumt hätte, Dinge zu tu.i, 
die notwendig hätten mit dem Edikt zugicidi gcsdichcn müssen, -fcx 



» f 



•^ Bossueti Jacques Benigne Bossuet (1627-1704), do^^mtiüch-polemisoher 
Schriftsteller, 



^ik 



Judanödikts 'toani^ipation der Jud^n vcm 11. März l8l2. 



Wilhelm und Carolina von Humboldt in ihren Briefen f ilrrjf;. von 
Anna von Sydow, 5 Bde. Bc^rlin 1910« 
Bd. IV, S. 260, 452, 454. 




; 



( ) Caroline von Humboldt an Wilhelm von Humboldt 



«•• Berlin, 4. Februar 1815 

«5;»^ Mit den Juden gehe doch vorsichtig um. Ich finde es nicht 
angemessen, so alle Zustände mit ihnen zu überspringen und sie in 
den Genuß aller bürgerh'chcn Recluc auf einmal zu setzen. Alles, 
was s[d\ natürlidi macht, geht sdirittwcise. Warum sollen denn die 
Juden Salti mortali madien? . . . 



) Caroline von Humboldt an Wilhelm von Humboldt 



. .' . Berhn, 13. November 181 > 

Varnhagcns Ernennung nach Karlsruhe hat midi allerdings 
frappiert. Er macht eine sd\ncllc Karriere. ld\ kann es nicht ap- 
probieren, und obgleicli seine Frau gewiß besser als er ist, so ist sie 
dodi bei einem Posten der Art gewiß ein reelles Hindernis, was man 
in Erwägung hätte ziehen sollen. Die Judcnlibcralität kann ich nidit 
so unbedingt protegieren. Sie madit uns höchst lädicrlidi im Auslande 
und schadet dadurch in viel andern Beziehungen . «« 



( ) Wilhelm von Humboldt an Caroline von Humboldt 



* * •■ 



FrankSiui, 22. MärziSi6 
Mendclssolin \vecliselt sich wolil mit seinem Bruder in Paris 
ab. Es ist Abrahanvr nicht walir? Ich erinnere mich nicht einmal, ob 
er verheiratet ist. Die Frau dessen, der jetzt in Paris ist, ist ar.gc- 
nehm und artig. Idi habe sie in Paris bcsudit, ■wie ich die Jugend- 
bekannten und die Juden nie verlasse. Auch war sie sehr gerührt. 
Alexander geht noch mehr mit ihr und dem Mann um. 



. •• * 



( ) Caroline von Humboldt an Wilhelm von Humboldt 



,, « Berlin, 29. März 1816 

Es ist Abraham Nicndclssohn, der mit seiner I'amilie nadi 
Paris kommt ... Du rüluust Dich, die Juden nie zu verlassen. Es ist 
dcv einzige Fehler, c\cn kh an Dir kenne. Sie sind Dir zu einerlei. 
Allein das F.incrleiscin ist niclii die Natur der Juden. Aiif Individuen 
kann das Lieben oder Nidaüchcn keinen Einfluß haben, aber im 
-anzen stehen sie hier in unridui;;cm Vcrhähniss zur Zeit, zum Cc- 
sd-.chcncn. Man erhebt sie zu allen freien JUir;-;crrcduen, und das 
cin/igi. wozu sie sich derer bedienen, ist das Sdiadiern und Han- 
deln usv.. Sdiiersiedt hat mir ei/ühli, wie ganze Dlsirikic im Jalire 
ib>i>, die Kcidx-n für die .^rnlen n-'t. siJ' h kauUfii, um nidit di:n 
I'cld/.ug :,ii'v -.livadien — sie i;;id jci/.i ■•Jioa ei;. i.Idii unbedeutender 
Teil des Grundeigcniutrs in allen pr.'u(?:vJ:cn Si,^ tcn, Judc-i sind 
Pationatheii-i-n von C!,ri.iea und Jk, •!';J..m Kirdien, was dodi ein 
grü'icrcr Unsinn list als wenn Türken es wären, die doch Christus 
nie!-.: leu''r.en. niir'\'t»!Mmmed einei • .'•''''rep ^'. .:i->Iuie-i nennen. 



* AlDraharat Abraham Mendelssohn (1776-1835), Vater von Felix 

Mendelssohn-Baxholdy. , . 



a.a.O. Bd. IV, S. 462/3; Bd. V, S.122, 209,219/^. 



'i\i> Vcrniö;;cii ciws St.-a^ ist j;röiHiat"iis in !'• m Ilüiulcn, hier 
:;i l'Crlin ist es s<lir auffallend, wie jii/l, wo ein ;.;roßci- I läuscrvcr- 
L.iuf wieder statt fiiidct, unter vieren j^ewiß tirci ' on Juden ad- 
quiriert werden. >X'enn \d\ v/as zu sagen haue, ich ließe sie drei 
Generationen l.i..,; nicht handeln und alle ?.\v anzi- jährigen Jüng- 
linge, ohne irgendeine Ausnahme als die der körperlichen Gebrech- 
lichkeit, wären Soldaten, da wollte ich -.vcttcn, daß In jo Jahren die 
Juden als Juden vertilgt wären. Und d.iß das nidit ein Gewinn für 
die Mcnsclihcit wäre, lasse idi luir nidit lusrcJen, die Juden In ihrer 
Gcsunkcnheit, ihrem Schachergeist, ihreia angeborenen Mangel an 
Mut, der von diese-u Sdiachcrgclst herrührt, sind ein Flecken der 
Menschheit . k*- 



( ) Y/ilhelm von Humboldt an Caroline von Humboldt 



Frankfurt, 9. April 1816 

Deine Tirade über die Juden, teure Seele, ist göttlich; Idi 

habe Lust, sie Steinen mit/utcllen, der ganz Deine Ansiducn teilt, 
aber nodi viel heroisdiere Mittel zur Abhilfe vorschlägt, da er die 
Nordküste Afrikas mit Ihnen bevölkern will. Ihr mögt^ beide wohl 
rcdit haben, aber die Art, wie Du Didi über mich dabei ausdrückst, 

hat midi nodi mehr geirofTcn. Du sagst, daß mir die Juden zu 
einerlei seien, d,\s ist ein Vorwurf, den man wohl weiter als auf die 
Juden bei mir ausdehnen könnte . . . Aber auf die Juden zurüdczu- 
komrnen, so wäre allerdings, ohne das aufzugeben, was Idi Immer für 
gut halte, daß man ihnen bürgerliche Reditc gibt, viel zu tun, was man 
versäumt. Warum zum Beispiel leidet man das Loskaufen? Warum 
sdilägt man nldit Mittel ein, andere Gewerbe unter ihnen zu be- 
fördern? Häuser mögen sie wohl viele besitzen, Güter sehr wenig 
bis jetzt. Itzenplitz neulich hier konnte mir nur einen Fall nennen. 
Der Staat brauditc sich in seinen F'Inanzcn nidit sovacl mit ihnen 
abzugeben, und das Ist ein Hauptverderben. 



• # « 



( ) V/ilhelm von Humboldt an Caroline von Humboldt 

Prankfurt, 30 .April I816 

• • • 

Den Judenhass der Adelheid vergleiche ich gar nicht mit dem Deinen, 
Den kann ich mir vorstellen. Er hat alles, was eigentlich neue 
Christen haben. Ich ergehe mich auch ganz darin, mit dem alten 
Glauben den Kürzeren zu ziehen, man kommt dagegen nicht auf, loh 
liebe aber eigentlich auch nur die Juden en masse, an detail 
gehe ich ihnen sehr aus dem Wege.t^^ 



• • » 



.J, 



/ 



a*a.O. Bd. öi V, S.228. 

. . .■. 

a.a.O. Bd. V, S. 236. 



Judensturm I819 



/ 



Dio don Befreiun^^skrio^en imd dem V/iemer Kongresa fol^jonde 
Poriode der Reaktion bedeutet für die deutschen Juden das Wieder- 
aufflammen von Feindschaft, Ilass und Verfolgung. Von I815 an geht 
es Schlag auf Schlag. Die folgende Briefstelle "bietet ein charakteri- 
stisches liomenthild aus diesem Jahr, ist aber augleich ein Zeugnis der 
Selbsttäuschung, in der auoh Llänner wie Varnhagen befongon v^aren, 

( ) Varnhagen an Rahel 






Berlin, den 3. Juli IÖI5. Montag Abends 
\am 6 Uhr, 



Pt^TMy/^ jr // /. ufJ/Z /^^-^U^i^''^''^^'''^ f^" ^^»^ 9CÜ<>'ii tic Zuteil, „U-'M'cr 

. ü / I ^ /ö/O .:. or..r:.':c \.,.l ...:, •.- • «. • .• .^ • 



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.'.f' 



eine 3>-'it [ci, tic aücii [ifKintlicficu ii^cnivil^icifc 511 cnicncvn? 
Tsuübcr [iiifc mtn nl\'u viele $?ciile t'öfc, tcnn ^utcndafj unfc 
'^Ibilftol'^ fiavfcvii nun im il,Hn-lefif»en ucd) 311 jjutcr Ici't einir.al 
vcdtt auf! ' ' " ^ . 



Die in diesem Brief erwähnte Judenfeindliche Posse "Unser Ver- 
kehr" iaucste aber schliesslich von den Behörden freigegeben werden 
und erzielte auf den Bühnen der meisten grösseren Städte stünnischen 
"Erfolg. In demselben Jahr, in dem Varnhagen die Worte über den ver- 
löschenden Judenhass niederschrieb, erschien auch die Schrift dos 
Historilcers Friedrich Rühs, "Ueber die Ansprüche der Juden auf das 
deutsche Bürgerrecht", ein Anti-Dohm. Der Philosoph J.^lRries 
T/ählte für seine zustimmjnde Besprechung dieser Schrift den deutlichen 
Titel: "Ueber die Gefährdung des Y/ohlstandes und Charakters der Deut- 
schen durch die Juden." Das v/ar keine religiöse Kontroverse mehr wie 
im Lavater-Streit, keine theologische Polemik, sondern unverhüllte 
"Gruppenleidenschaft" - Judenhass. Das V/ort vom Juden als Urheber 
alles Unheils ist nun überall vornehmbar. Der folgende Brief konnzeichnet 
die herrschende Strömung. 



#4f 



Aus dem llachlas3 Varnhai.;en» 3 von 'nrie. Lriofv/eohsel z./iöoli n 
Varnhagen und Rah.:)l. l.P>d. o. lö(). Loipsig: Brockhaus 1875. 

Staajskanzlerj Fürst Hardenberg, 

Graf Brühl! Karl Graf von Brühl (l772-fil837). Kammerharr des Prinzen 
Heinrich von Preusson, später der Konigin-Muttor und der Königin 
Luise, Fon 1315 -I828 Generalintendant dar Schauspiele zu Berlin, 



^^*■K• 



Jakohsohnj Israel Jacobson (1768-1023), Hofagent uiid Finanzrat 
des Herzogs Anton von Braunsohweig, Philanthrop und i-^rzieher, 
Kämpfer für Bildung und Gleiohberüohti^ung der Juden^ Hefoinotter des 
Jüdischen Gottesdienstes. 



^nf*^f 



Stägemanni Friedrich August von Stägemann (1763-I840), preussiseher 
Staatsmann und Dichter, I809 Geh jimer Staatsrat, begleitete Harden- 
berg nach Paris, London und zum Wiener Kongress, \7urde I817 
Mitglied des Staatsrats, 



Ot^^-Jf^t 



Jordans Johann Ludwig von Jordan 



¥r^*^^¥r Unser Vorkehn Poüse in 1 Akt von K,B.A, Sessa, Berlin I814. 

Ausser in Berlin, wurde die Posse, die die Sitten und Gebräuche 
der Juden verhöhnte, in ganz Deutschland unter grossem Beifall 
gespielt. Der Verfasser blieb zunächst unbekannt, Ueberall 
erzliälte man, das Haus Rothschild habe einen Preis auf seine 
Entdeckung gesetzt, 

#****** Friedrich Rühsi Führender Historiker, Seine Schrift erschien I816 

// 
und. war basiert auf einem Artikel, im Februar I815 in der "Zeit- 

e 

ETchrift für die neuste Geschichte** erschienen, in dem der Autor 

'bewies', dass es unmöglich sei, Juden zur Staatsbürgerschaft zu 
erziehen. 



<t^t^**^^-* 



Anti-Dohmi Christian Wilhelm von Dohm(l751-lß20), Preussischer 
Regierungsbeamter und politischer ochriftstellor. Seine Schrift 
'lieber die bürgerliche Verbesserung der Juden in Deutschland" 
(1781), von Moses Mendelssohn veranlasst, diente auch dem Grafen 
Mirabeau als Vorlage zu seinem literarischen ^ilintreten zugunsten 
der l^anzipation der Juden, 



-x-^-^^^^-*^* j.p, FriGSj Jakob Friedrich Fries (1773-1B43). S:^it I804 Professor 

in Jena, Heidelberg und wieder Jena, Die Schrift " Ueber die 



Oefä'irdung des Wohlstandes und Charakters der Deutschen durch 
die Juden" erschien I816. 



2 



{ ) Gneis enau an Blücher 

Rrdmannsdorf, 17. Juli I818 



. . . Dcmjcniscn, was Kw. Durclilaiicl.t in Ihrem geehrten unterm 
10. d. an micli gerlchieti-a Schreiben üIut das Projektmachcn und 
die Juden sagen, pHIchu- ■' '1 - .it vollci,, Herzen bei. Ks ist die Krank- 
heit, ja cmc Wut A-^ /.•': 'rcrs, allci Alte umzuwerfen und eine 
neue Gesetzgebung oin/.ufiihren. Dadurch und durdi die Zeitläufte 
^■ird der Adel zugrunde gerichtet, und an seine Stelle werden Juden 
und Lieferanten treten und künftighin unsere Pairs des Reiclics 
•werden. Dieser Judenunfug empört mein Innerstes, so wie die 
Sdileditigkcit des Zeitalters, wo man nur denjenigen aditet, der Auf- 
wand iiiachen imd große Mahlzeiten geben kann, die man von Ihm 
annimmt, sei er auch übrigens nodi so verworfen . . . 

Im nädistcn Sommer, nadi der Ermordung Kotzcbucs durdi 
den Studenten Sand, bridit der Judcnsiurm los. „Hcp-Hcp! Jude 
vcrrcG^! hallt es durdi die Judengassen von Würz-burg, Heidel- 
berg, iMannheim, Karlsruhe und Frankfurt a. M. PUinderuns. 
Blutvergießen. Juden auf der Flucht, .im Freien kampierend: 
d,c erste blutige und allgemeine Judenverfolgung auf d:utsdiem 
Boden seit dem Mittelalter. Selbst Amsdicl Rothsdiild — der 
um diese Zeit schon mächtige Bankherr - denkt an Auswande- 
rung Sein in Paris ansässiger Bruder James schreibt aus diesem 
^inlaii folgenden Brief: 

( ) James /Rothschild an David Parish "^ 

(Parls, 18. August 1819/ 
. . . Sic werden in den öfTentlldien Blättern gelesen haben, wie 
Sich in Frankfurt In der Nadit vom 10. auf den 11. ds, eine gewisse 
Menge Pöbel auf den Straßen versammelt und der dasigen israeliti- 
schen Gemeinde durdi Ungestüm und Sdirclen Unglück drohcte. — 
Prompte Maßregeln von Seite eines preislichen Senats haben die Un- 
ruhestifter auseinandergetrieben und nach meinen letzten Berichten 
vorläufig wieder die Ordnung hergestellt. Wie unangenehm der- 
gleidicn Auftritte sind, können Sie sidi ebenso leicht vorstellen, als 
diese in dem gegenwärtigen Zeitalter unerwartet sind. Was kann 
/ das Resultat soldicr Unordnungen sein? Wahrlidi nur alle Reichen 
dii >er Nation Dcutsdiland verlassen und ihr Vermögen nach Frank- 
reich und Fjigland bringen zu sehen; idi selbst habe meinem lirudcr 
in Frankfurt angeraten, sein Flaus zu schließen und hierherzukom- 
men. Machen wir einmal den Anfang, so bin Ich überzeugt, folgen , 
alle wohlhabende Leute fort, und ob den Souvcräfnen Deutsddands / ..^^ 
eine Maßregel angenehm sein kann, wcldie sie bei einigem Geldbedarf 
nötigt, sidi nadi Frankreich oder England zu adressieren, ist eine 
neue Frage. 

Wer kauft u. Deutsdiland Staatspapierc? und wer hat ge- ^ 

sudn, den ^rrri zu heben, wenn es nidu unsere Nation ist. Und /V (^(^"ttT^ 
ist nicht durdi dieses Beispiel ein gewisses Vertrauen auf die Staats- 
papiere eingeflößt worden; und haben sidi dadurch nicht auch dirist- 
lidie Häuser aufgemuntert gefunden, einen Teil ihres Geldes in alle 
Gattungen Papiere zu stecken? Der jüdischen Gemeinde versagt x-w^w 
in Deutschland die Erlernung der verschiedenen Fland werke; q.s bl'fb 
ihnen daher wohl nichts anderes übrig, als sich mit Wcdiscl u'-r* 
Fondgeschäften zu befassen^ r^ewöhnllch hat der Mensch das größt: 
Zutrauen auf die Papiere üesjcnigen Landes, in wcldiem er lebt, 
stört man nun die Ruhe der Reldien in Deutschland, so werden sie 
sidi notgedrungen sehen, ihrer Sldierheit wegen auszuwandern, und 
gewiß wcrcien sie sich riidit mehr mit den Fonds eines Landes befassen, 



/.■/-' 



> / 



<> 



//.^ David Parishi ii^eiherr von S.inf tenberg, Sohn oinüs Hambiirr^er I3anl-r.ior3, 

; machte öioh Sbdhstündig, '■'urde sipäter Teilhaber des Wion^r Banlchauses 

Pries & Co., durch dessen Sturz er mit2^ri.;ijen --rurde. Starb durch 

Selbstmord 1Ö26 zu Wien, 



V * 




"Hep-Hop! Jude verreck!" : ^>pottruf gegen dio Judei bsi den antisemi- 
tischen feaeb\sen I819. Bas '''ort ilep int aus den Anfanssbuchstaben 

o' 

von Hiersolyma e_st ^erdita « Jerusaüiaäi ist verloren erklärt worden. 



Sf^n Caecar Conte Corti: D^r Aufc-ti q des Haukes Rothj.ohild 1770 
1830. S. 229/31. Leipzig 1927. 






,n welchem ihrem Lehen durch eine nn.;onscheiMh-die Gefahr oeJ.oht 
wurde. - hs schenu der Zweck der Unruhastiaer in I-Vankfurt .e- 
w«cn zu_ sein Vorlauf., alle Israeh-^en in eine Gasse zusan.men?u- 
setzen; wäre dieses f;eK,n:;en, hätte nicht auch dadurel, ein allgemeines 
M.visacrc entstehen können und würde man sidi ein Gewesen daraus 
gemadit haben, ihre Häuser zu plündern > 



Die Unruhen v/urden unterdrückt. Rothschild blieb in i^ahkfurt. 
Aber aus den Gemütern wollte die Unruhe nicht weichen, v/eni^e wussten 
den Wandel der Dinge richtig zu deuten. Bezeichnend dafür ist der 
folgende Brief. 

( ) Rahel an J^au von R., in Rom 

£ Baden_7 liontag Vormittag, den 6, 
September [\^\^ 



D:u'.r. crfi-I-r )\> i';\\' Ihiciumifcfcc! ein 2;'L>rt, fei mir crfkUiC'C 
^H•f.':•.^^.'r;} nii iy.'.ufi-iu .^•^cnl■il•ttc ,^ii o^l■l•)■fi.•l•:l ! Oiiö feiii;iU 
Vw\; i^i-in :;^iv.r)rcii mii'Ou-Ii.jioiUiir. ^^ll^c•l1f!lll•l)l, ift ^cr crftc 
ir-.uiiic i^'i'iVi' ^lUH>•.lI Ciic u>l•l•^l^l fiif) i'iinni-iMW loii' «üJiS 
^il•|\• j!Cii!i;o.^;|'ir)C ."^::oi*'fi- i-ii:pr>jti': uor iSu-r Senium.). %\) 
cr,;.*-ir;fc niiur.S umC ^ü' ^nf.jcmciiu- J.'idmij .imf; ;^(»llel^ *JiI.'i-ii. 
fllu' S^ajc Y\^:^U Ci-tf 1)1 nit'cß ulI^ lunf; iiicF^i- UMfjr. umö j'c 
Jl;c:^c^ Ouir in SiVirin r>i\f'cn :).Vc^i<jcr iuijcacn Duf Övr ^loi;. 

allcö l'clici jviffcn. — Wotl fil;u^c (fic! C)!;«'^' 'i^»'«-' • ' 

5r. U.»arnl)injcii. ■< 



Der Gelehrte Samuel lleyer TiJhrenberg in V/olfenbüttel, der Leiter der 
dortigen I-'^eischule für jüdische Kinder, dessen Briefwechsel mit dem 
Historiker I.ll. Jost ^' 'und Leopold Zunz 'die deutsch- jüdische Geschichte 
der nächsten Jahrzehnte spiegelt, schrieb etwa ein Jahr später die 
ahnungsvollen Sätze: 



Rahel, I^in Buch deo Andenk.enß für ihre Fr..!Unde. Zr/eitor Theil. 
3. 598/99. l^erlin 1934. 

^ Samuel Meyar ■Riiren"ber^il773 - lö53), i'^rziaher und einer dor HIhrer 

der Reform in Eordv/- stdGUtt:-ohland. . ^ 

^* I.M.Jostj (1793-1860). Historiker. Lehrer am »Philanthropin» in 

Frankfurt. Verfasser der "Güschichfce der Israeliten sjit der Züit 
der Maklcabäer his auf unsere Tage", 9 Bde. I820/28. (f^]rstor Versuch 
einer Gesamtdarstellung,) 

*** Leopold Zunzj (1794-I886). Begründer der Wissenschaft des Judentuios. 

Mitgriinder des Vereins für Cultur und Wist^ensohaft der Juden, I8I9, 
Begründer der ;)üdischon literarges chichtlichen Forschung; Mittler 
zwischen Orthodoxie und Reform. 



f 



( ) Samuel Hey er Ti:hretil)erg an I.K.Jost 

am 6t Okt. 1820. 

• • • 

Bei uns sieht es noch sehr schlecht aus; ja ich möchte sagen, 
wir gehn wieder in die alte Barbarei zurück, und dieses thut 
der ITazion gössen Schaden; V/ir laufen Gefahr vdeder Schutz 
Juden zu v/erden, v/ie das im Hannoverschen schon der Fall 
ist. Doch genug des Aergerlichenl . . . 

"Judensturm", zurückgehen "in die alte Barbarei" - das Zeitalter 
der Aufkläriing schien vorüber. 



jT- Jossen Sohadeni Wahrscheinlich Bezugnahme auf die Hep-Hep Bewegung vom 
August/Septemher 1819 und den antisemitischen "Judenspiegel" von 
Hartwig Hundt (November 1819.) 



Die Geburt der "Wissenschaft des Judentums" 



Am 7. November I819 - im Jahre des IlGp-lIep-Sturmo - traten in 
Berlin drei jun^.-e jüdische Gelehrte zu einer Beratung: zucammen: 
Eduard Gans *> Jurist, künftiger Rech! -.philosoph der Ho^olschen 
Schule, der Historiker Leopold Zunz, von dorn "bald darauf ^osa^t 
vairde, dass sich ihm kein jüdischer Gelehrter in Deut;{chland ver- 
gleichen darf, und der Privat^^el ehrte Moses Moser **, "der Mann 

in Israel, der am schönsten fühlt", wie Heinrich Heine in einem 
Brief ihn charakterisierte. ^Sie legten ihre Grundidee in den Einlei- 
tun£;s\vörten zu den Statuten des zu gründenden Vereins nieder. 
••Das llissverhältnis des ganzen innern Zustandes der Juden zu ihrer 
äusseren Stellung unter den Nationen, seit vielen Jahrhunderten bestehenc 
ahor stärker als je hervortretend in der neuern Zeit, welche durch einen 
allgewaltigen IdeonumschvAing auch unter den Juden überall veränderte 
Bestrebungen hervor rief, die das drückende Gefühl des Widerspruchs 
täglich allgemeiner machen, fordert dringend eine gänzliche Umarbeitung 
der bis jetzt unter den Juden bestandenen eigenthümlichen Bildung und 
Lebensbestimmung, und ein Hinführen derselben auf denjenigen Standpunkt, 
zu v/elchem die übrige europäische V/elt gelangt ist. " ir*^ <J/v<!^^^/-*'*^f '^^i'f^- 
Auf gaben fühlten sich die drei Preunde berufen, Bas geeignete Mittel, 

um ihr Ziel zu erreichen, erblickten sie in der Gründung eines Vereins, 

den sie unter dem Namen •'Verein für Cultur und V/issenschaft der Juden" 

ins Leben riefen. 



Ber Verein sollte ''Alles, was dazu dienen kann, das Reich der Intelli- 
genz zu vergrössern, benutzen, als Errichtung von Schulen, Seminarien, 
Akademien, thätigo Beförderung schriftstellerischer öder anderer öffent- 
licher Arbeiten jeglicher Art; auf der andern Seite soll aber auch durch 
Hinleitung der aufblühenden Generation zu Gewerben, Künsten, Ackerbau 
\ind vassenschaftlichen Ausübungen, und durch Unterdrückung der einseitige 
Neigung zum Handel, sowie durch Umarbeitung des Tons und der geselligen 
Verhältnisse allmählich jede dem Ganzen widerstrebende Eigenthümlichkeit 
bezvAingen werden." y-r^ .> . jZ. 



Es war ein Programm der V/iedergeburt. Nicht der nationalen ^.Vieder- 
geburt, V/ohl nicht ohne Absicht vermieden die RedaJctoren der Satzungen, 
welchen die oben angeführten Stellen entnommen sind, die damals noch 
gebräuchliche Bezeichnung "jüdische Nation". Im Ideal der Emanzipation 
befangen, die nun im Lichte der Hegeischen Philosophie als eine Befä- 
higung zum Aufgehen im ganzen - im ganzen des europäischen Lebens ±2- 
/griffen wurde, erschien ihnen das Judentum nur als ein Element, nicht 
als Mittel- oder Brennpunkt des Geschehens, Dieses Element war, ent- 



^ Eduard Gans: (3 796 - lö39)f 1820 Privatd02^ent an der Univorüitilt 

Bariin, 1Ö25 trat Gans Kum Chrlutontum über, nachdem mehrfache Vor- 
sucha, ohno die Taufe zu einer wii^j ,3 snßchaft liehen ;!xis"t ;nz zu kommen, 
{jeccheitert v/arsn. I828 v/tirde er ordentlicher Prof .■ üor an der Berlinsr 
Univer^^ität. 

*<^ Moses Moser; ( ? - I838). Heine ervnlhnt II. im Nekrolog: des am 15» Juli 
1843 zu Paris verstorbenen LudiTig Markus mit fol{^^;enden i/ort :jn: "Das 
thätigste Mitglied des Vereins, die eig.ntliohs Seele desselben, v;ar 
Li.Mo er, dv^r schon im ju£*andlichün Alter nicht blo'ü die {^^ründlioh 'ten 
iCenntnii-ise bosass, Gondern auch durchglüht v/ar von dem t'"::,'ro rj. en llitleid 
für die l.ienschheit, von der Sehnsucht, d s iscen zu verwirklichen in 
hjilf^amcr That, Br war un^^rraüdlich in philanthropischen Beütrebun;,;';en, 
er v/ar sehr praktisch, und hat in nch.jinlosür Stille '->n allen Li^jbes- 
verkon g-^arb.itet. Bas gro :e Publikum hat von seinem Thunyt und Schaffen 
Nichts erfahren, er focht und blutüte inco^pfiito, sein Harn . ist -.v:nz 
xinbokannt geblieben, und steht nicht eingezoichnot in dem Adre skalender 
der Selbstaufoi^erung, Unsere Zeit ist nicht r^o ärmlich, v.d = man glmbt; 
sie hat erütaunlich viel soloher^imrtyrer horvorgübracht." (il. Heine» s 
Leben und Werke, Von Adolf Strodtoann. Hamburg I884. Bd. 1, S. 328/29.) 



/ 



sprochond dem antinomischon Geist der Il0i.'jel.:]chen Philosophie, welcher 
Gans und loser ebenso ergeben waren vrie einst Herz und llaimon der 
Lehre Kants, ein zvdschen Volk und Nichtvolk schwebendes Geracinschafts- 
vresen, das die Stifter des Vereins - wiederum echt hegelisch - empor- 
heben und zu{^-loich durch Beseitigrun^? des "Verhältnisses der Fremdheit, 
in v;elchem Juden und Judentum zur Aussenwelt standen", übervdnden woll- 
ten. Der Wissenschaft, einer historisch-philologischen und ph^ilosophi- 
sehen Durchdringung des Judentums, trauten sie die Zauberkraft zu, 
dieses V/under zu vollbringen. 

Die drei Freunde gingen mit Klan vor. Die Patriarchen der jüdischen 
Aufklärung, l<^iedländer und Bendavid , schlössen sich an, ebenso 
Jüngere, unter anderen Immanuel Wohlwill , der in Berlin Philologie 
und Philosophie studiert hatte, fähiger Pädagoge und Prediger, der 
Polyhistor Ludwig Markus und der einundzwanzig jährige Student 
und Poet Heinrich Heine. 

Ein Y/issenschaftliches Institut, die von Zunz herausgegebene 
"Zeitschrift für die Wissenschaft des Judentums", Jahresberichte, von 
Gans redigiert, entstanden. Allein die Renaissance, die der"Verein" 
herbeiführen v;ollte, blieb aus. Von der, entweder in Orthodoxie ver- 
harrenden oder teils zu Tempelreform teils zur christlichen Taufe 
noigenden jüdischen Oeffentliclüceit ignoriert, von vielen besser- 
vdi senden Aufgeklärten aus Kochmut oder Verkennung im Stich gelassen 
blieb der "Verein" auf einen QnQon Kreis von l^^eunden beschränkt, 
Vergebens bemühte sich S. 1.1. Ehrenberg , der die Fähigkeiten und den 
Charakter seines begabten Schülers Leopold Zunz richtig einzuschätzen 
vAisste, einen um die jüdische Geschichtsforschung so verdienten llann 
v;ie Isaak llarkus Jost für den" Verein" zu gevdnnen. Der von Jost aus 
diesem Anlass an l'^hrenberg gerichtete Brief gewährt Einblick in die 
in der damaligen Ssdbt deutschen Judenheit vorherrschenden negativen 
Tendenzen, um deren Uebervdndung es dem "Verein" zu tun v/ar. 



* David Friedländer (1750-1834), Freund Moses Wadaam Mendelssohns, 

treibönde Kraft der auf die Modörniöierung des Judenturas {gerichteten 
BQstrtthungen, Vgl. S. 

•H"»t Lazarus Bandavid (l762~l832), Sohrif tst^dler auf math ;irQatisoheTn 

und jjhiloaophisohem Gehiet, Vertreter der Auilclärung auf jüdiaoher 
Seite, trat gegen die Taufbewegung auf. 

*** Immanuel V/ohlwill: l^te::^ (1799 - lo47), 1823 - 1Ö38 Lohrer an 

der Isra3liti^:;oh3n Freischule in Harnhurg, von I838 - IÖ47 leitete 
er die Jacohsonschuls in Seesen. 

*^^¥r Ludwig M^ä^^ (1798 - IÖ43), Ori.ntrlist. 



( ) S.Iv'i.rOhron'bor^j an loaok ^-larkua Jost 



WolfonMttel am 4t Juli l822. 



. Deal Scnwcii;cn über ucn Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden, 

Sa t mir, daß er Deinen Beifall n.e K ^ T-.r h..L Mängel, und ich werde 

mich darüber gehörii;en Orts freimüthig äulSvr^ Dem ungeacnict ist diese 
Stiftun- nicht zu verachten, denn sie kann zu Ccm rcnrcn und nützlich 
werden. Du bist längst Mitglied dieses Verein., und zwar che er noch da 
war, denn wa. er will, war ja längst Dein Streben. Doch wird durch einen 
Verein vieler zu dcnsoilen Zwecken verbundener Mäni.cr, wenn ^^^^^^]^ 
und Einhcir unter ihnen herrscht, n-.ihr ausgericl.tei, uis wie durch die 
Kräfte eines einzelnen. Auch auf die Ii.öividucn eines .olchcn Bundes muiS 
man nicht s.hn, wenn es nur möglich ist, dass das Ganze zum Guten wirke. . 



( ) Isaak Markus Jost an S.M. lilhrenborg 



Berlin den l6ten August 1822. 



Ucbcr den Verein '••'" habe ich absichtlicli ein tiefes Stillschweigen be- 
obachtet. Er ist ein Ausfluss der ausgelassensten Eingebildethcit, des dümm- 
sten Dünkels einiger jungen Leute, welche* sich erhaben genug wähnen, 
eine ganze ihnen unbekannte Nation zu ändern. So wie die Grundlage, so 
ist ihr Wirken. Davon zeugen die prahlerisch lächerlichen Statuten, die 
kindische Tadelsucht gegen alles Bestehende, und die vcrstandlosc Zeit- 
schrift. Was um des Guten willen entsteht tritt bescheiden auf, und junge 
Männer die dazu mitwirken wollen, suchen sich einen ruhigen Weg dahin 
zu bahnen, ohne sich beim ersten Anfang für gross genug zu halten, um die 
grössten Alänner unter den Zeitgenossen mittelst Übersendung ihrer Diplo- 
7iic zu beehren. Zudem ist In unserm Staate solche Prahlerei sehr schlecht 
angebracht; man lässt jeden reden was er will, und handelt danach den 
bestehenden Grundsätzen gemäss. Auch ist dieser Verein bisher von der 
höheren Behörde nicht bestätigt, er cxistirt also als illegal. Ich habe nichts 
gegen eine Vereinigung Jüdischer Gelehrten zur Bildung ilircr irrenden 
Brüder, aber sie selbst müssen zuerst Bildung zeigen. Ihnen fehlt sie leider 
am Meisten. Ihr ganzes Thun ist bis jetzt kostspielig gewesen, ohne ihifür 
Ersatz zu geben, und viel Besseres wäre mit geringem Opfern zu bewirken. 
Darum bleibe ich entfernt von einer Sache zu deren Stiftung ich anfangs 
mit Bcgeistrung beigetragen habe. Ich stehe, Gott sei Dank, In solchen 
Verbimlungen, dass mir manches gute Unternehmen gelingt, das vielleicht 
t!er Mclnungensireit Andrer zerstört haben würde. Es ist besser, wo die 
Summe von Veniunft nicht zu addiren Ist, dass jede kleinere Portion für 
sich arbeite. \n\ Übrigen stehen die Juden jetzt auf dem Culnilnatlonspunk- 
tc der Ve;-le;:enheit. Die W'^issenschaftllchen finden glattcrdlmis keine 
Laulbalin, und nur die Taufe rettet sie für die Menschheit. Befördern wir 
nlelit die Ilandv/erkc, so geht unsre ganze folgende Generation zum 
Chrlsieiuluiine. Und mit Recht, was soll sie an die Religion ihrer Väter 
fesseln? Was uns noch zusammenhält sind blosse Jugcndelndrücke, nichts 
weiter. Unsre Kinder leben in einer andern Welt, sie haben keinen Grund 
ihre ganze Existenz zu opfern, um Juden zu heissen, während sie es Joch 



Leopold and Adelheid Zunz, An acoount in latters IC15 - IÜ65, 
'•Idite/rd wlth an introduotion "by IJahum K. Glatzer. Publications of the 
Leo Baeck Institute of Jev/s from Gc^rmany. ^-^aiit and We;:.t Li"brary, 
London I958. 3. 33. 

a.a.O, S. 33/35« 



(^ 



nicht sind. Wo/u vcxiicn wir uns? Alle unsrc Bcmi-iluingcn" in dieser Illn- 
sidit bleiben fruchtlos. Die hiesigen Proselyieninaeher sind Thoren, dass 
sie durch viel Geld und Lärm einen Zweck zu erreichen suchen, der bereits 
von selbst erreicht werden wird. Der Staat kann keine Juden als lej;Iiini 
anerkennen, wenn diese bei tleni Gruiuls;U/c bleiben, dass sie sich niclit mit 
L.indesklndcrn verhelrathen können. Der Staat besteht nur durch sein Volk, 
und sein Volk nuiss ein Ganzes ausmachen. Warum soll er eine Gesellschaft 
erheben, deren Hauptgrundsatz Ist, dass sie allein die Wahrlielt besitze, und 
daher alle Gemeinschaft mit den Landcsklndern melden müsse? Können 
diese Atenschen ächte Vaterlandsliebe haben? Was kann ihnen Interesse 
für iXcvi Staat einflössen, dessen Führer sie sogar für Irrende halten? So 
wird unsrc Jugend richtig räsonniren, und eine Zwangskirchc gerne ver- 
lassen, um Freiheit, Volksthümllchkclt, Vaterlandsliebe, und Staatsdienst, 
die höchsten Güter des Inlischen Menschen, zu erlangen. — Dahin fülircn 
auch nur unsrc neuen Tempel, dahin die Frühreife unsrcr Verblldung. 
Gesetzt aber auch, unser Streben sei nur die erlittene Verachtung zu tilgen, 
sie In Achtung umzuwandeln; was haben wir gewonnen? Wir sind geachtet, 
aber desto unglücklicher. Früher gab die Religion Ersatz; was soll jetzt die 
Ungeheuern Opfer ersetzen, die der Wissenschaftliche bringt, wenn er um 
des Namens Juden willen geschäftslos und brotlos umherirrt? Das Glau- 
hcw^hckcfintnls Ist ein Popanz, der verschwindet sobald man ihn auslacht. 
— Ich bin nicht ein Freund iler Desertion, aber die Geschichte unsrer Tage 
ni.uht sie all|;enu'in und recht ferii:',t sie. Wir leben nur einni.d unti nur 
weni;;e jalue, wem Isis zu ver.ui;eii, ilass er .seiner iiesiinuiumi', geniüss 
leben will? Von ächten Juden kann «.las Vi'rilienst nicht anerk.unu wenlen. 
Sie haben nicht den Verstand, nicht die Mittel dazu. Auch wird der frei- 
siimige Jude von seinen eigenen Genossen für Irreligiös gehalten, und bleibt 
daher ohne Einlluss auf sie. Warum soll er sich ihnen aufopfern? 

Ich weiss wohl, dass uns die Erkenntnis dieser Wahrheit verdriesslich 
Ist, aber darum verliert sie an ihrer Wahrheit nichts. Wenn die Juden ein 
Volk ausmachten, Grund und Boden besässcn, In die Wagschale der 
Nationen ein Gewicht legten, also Gemeinschaft hätten, durch Vaterlands- 
liebe, Verfassung und Eigenthum, wie zum B. die heutigen Griechen, so 
wäre es etwas anders. Aber so wie die Umstände sind bleiben unsrc Be- 
mühungen um Erhaltung der lligenthümlichkcit fruchtlos, und vielleicht 
sind sie schädlich. Nur das dürfen wir v/ünschen, die durch leidenvollc 
Jahrhunderte entarteten Menschen wiciler zur Menschheit zu führen, ihnen 
einen bessern Lebenswandel zu verschaffen, und Ihrem Geiste eine andre 
Richtung ohne Rücksicht auf den Erfolg, zu geben. Und das wollen wir 
aus allen Kräften zu leisten streben. 

....Gott sei mit Ihnen und den lieben Ihrigen, welche Ich auch im 
Namen aUer Meinigen grüssc. 

Ihr J. M. Jose 



s 



Alloin^dacB solbot dor mit döin "Verein" sympathisierende Ehronber^j 
den eigentlichen Zielen und der zu deren Erreichung von Zunz ange- 
wandten Iviethode kein rechtes Verständnis entgegenbrachte, beweisen 
die von ihm mit Zunz gewechselten Briefe. 

( ) S.M.EhrenbGrg an 2izbz Leopold Zunz 

Wolfenbüttel den 5tEH.liai 1822. 



Für die Zeitschrift habe ich leider noch keine Abonnenten, In 
Braunschw. wohin ich mein ^emplar zur Einsicht geschickt - 
ich habe es noch nicht vdLedor zurück - werde ich höchstens ein 
Tlbcemplsi, absetzen. Zu erinnern habe ich: dass eine Zeitschrift 
von "^rem vorgestreckten Zwecke, mehr populär geschrieben sein 
müsste. In Braunschweig finden sich v/enige Juden, die die Auf- 
Sätze darin vorstehen, Herr Friedländer v/ill mir nun, da ich 
seinen Aufsatz nochmals gelesen, nicht behagen. V/arum? brauch ich 
Dir wohl nicht zu sagen. Doch dieses niir unter uns I , . , , 

( ) S.LI, Ehrenberg an Leopold Ziinz 

V/olfenbüttel d.23t Aug. 22. 



Man würde hier zu Lande vielleicht einem talentvollen Israeliten eine 
Anstellung an den Gymnasien, als Philologen nicht verweigern, jvcnigstens 
sind mir von den Chefs des Consistorium, und Frankcnheims*^*'***' Mutter, 
sogar von dem Minister günstige Zusagen deshalb gcschchn. Es sichct aber 
doch im Ganzen schlecht mit den Juden aus. Auch unser Verein, fürchte 
ich, (so rein und edel auch seine Zwecke sein mögen,) möchte wenig oder 
nichts wirken. Wir bilden junge Leute für die Wissenschaften, und wenn 
sie nun recht gut ausgestattet sind, so wissen sie nicht, wo hinaus mit ihren 
erworbenen Kenntnissen; oder sie lassen sich taufen. Die Zeitschrift ist für 
Cultur und Wissenschaft der Juden, für letztere gut, für crstcrc aber — 
meiner schwachen Ansicht nach — nicht.*'' Der größte Thcil der Juden 
kann sie nicht lesen. Für Juden muß man in einem schlichten ganz unge- 
künstelten Style schreiben und predigen. Ich sage predigen, den auch 
unsere Prediger fallen schon in den Mode-Ton. Machen Aufwand mit 
Worten, die wenn man solche analisirt Seifenblasen werden. So habe ich 
einige Reden von einem Manne gelesen, in welchen ich den. Verfasser der 
sonst ganz anders sprach, nicht wieder erkannte. — Wenn ich jetzt einen 
jungen Neffen bereden kann ein Handwerker zu werden, so thuc Ichs sehr 
gern. Diese Klasse von Leuten können so unglücklich nicht werden, weil 
sie nur geringe Ansprüche machen. Der gebildete und fein fühlende Jude 
aber wird sich, so lange seine Verhältnisse zum Staate so bleiben, wie sie 
gegenwärtig sind, stets unglücklich fühlen. Darum bin ich auch für die 
Zukunft meiner eignen Jun^;en noch nicht ohne Sorgen. Ich spreche hier 



a,a,0« S« 32, 



k 



Priedländer: "Briofo über das Lesen der hailigen Sohrif-bon netst 
einer Uebersützung des 6ten und Tten Kapitels des Micha, als 
Beilago," von David Pi'iodländer, ITr. III der "Zeitschrift", 



a.a.O. S, 37» 
*^* h^ankenheim Moritz Ludwig Franlcönheim (18OI-I869), Aritund - 

nach seinar Taufe - Professor in Breslau. 




* •■ 



Dio von Zunz eingeochla^eno nouo Richtung kommt in der scharf for- 
mulierton Aufgabe der"Zeitschrif-t für dio Wissenschaft des Judentums" 
Xi^if zum Ausdruck: 



) Leopold Zunz an S.M.Ehrenherg 



18. April 1823. 



....Die Zeitschrift Ist allerdings keine Judcnzcltung und auch nicht 
berechnet, d.e Braunschwelger Juden zu bllden.^-Der Bildungsm e h bcn 
-r jcct genug; aber dem Judentum die ihm gcbiihrende^» g und 
Vujdigung zu verschaffen und allmähh-ch alle besseren Kräfte In I ael "u 
wecken und zu vereinigen, dies kann ledlsh'ch durch die 'x^^se sei .^^ 
geschehen, auf deren Höhe die Zeltschrift sich streng halten wird 



TDine vroit ernstere Gefährdung des "Vereins" als die äusseren 
Widerstände bildeten die Zv/oifel an der Realisierbarkeit der ange- 
strebten Erneuerung des Judentums,- von welchen selbst manche der 
besten unter den liitgliedern des "Vereins" erfasst v/urden. 



( ) lloses Lioser an Immanuel Wohlwill 



/ Mai I824J' 



f dn - !c& rr4Tn-»}l.tr-if-24-i- ,^^0 ift rem S^^cntI^nm 5^iid;t5 \ycitcr 
iibrin, alß tcr ^i'::::rj in ciiuf,cn G3cinüt(;crn. Xk 9]iunüc 
äciiaUt in StauV h\ h-r ilnn-fih-iin.-^ mit tcr freien QUmojplsirf, 
unb tcr I'cbentcrte 3ir.n bcr .^icri.\]U;pI;c, V\i flc an fid; lra{it, 



luirb ncd) bav.i jur r.rr.cVicr. ^!annnlnul}=5cntcnj DcrFcI)rt, (Jcra^c 
nio \rcnn ?.iicK? a:;- >nn C3uiitar)>'') gctcrcn luib crjD{jcn \i\ivf, 
nnb cö im Stil fr !r:i: ficI'racM I;ä<lc, tafj er nn bcr ^cipäißcr 
IMleraturjeitiUK^ m::-:I-c;{cn Uwwii (f'ö \\i fein Gifcr frir_ hifi 
Snbciitljum, n\^v ^~\i^ tcn bicfcr Seile fo nennt — nn einem 
au'?>}efippflen OiaV;-; i:;i jcclc|]iicl'cn l\iinfenm unirc nod; mcl;r 
?)nber.tl;iim gu f:::^:cre:1, al-' an ben letenbeii S:cmpclvrebincrn. 
ITa« oiibenthim f\*:: rc:I;U'eubi;T ba auf, Wio bnS 23clf anfängt, 
fein -^eronflin-in rcn ]ld^'al-:' öctte-' l'olf ju verlieren uiib ju 
i^eri-;e[[en. i^cn bz an {;iclt eJ !einc anberc 3icli{jicn, cilö bic 
UGclirelißirn, u-ic (Jl-riflii^' nnb O^IuKimcb peU;icn. 2)er SSercin 
iMt c-5 L'eifnd^t, b:n Kufen lleK'iv;aiu3 in bic Spljare Itii freien 
5i3e\in:[ft|eiii5 jn \'.:\:r., ater er innbc nid;t Derftanben, nod^ ^o'xd 
lvcni{;er nnicrfiüf:.' (jj ivirb iiibcffcn, ivaS inökfoubcrc nct'^'« 
u^cnbivj ift, Quc^ biird^ baö £)r;jan bcr Ginjcincn ouCiic|prcd;cn 



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II.IIeinü»s LelDen und Werk© • Von Adolf Strodtnann. Hanburß; I884. 
1. Ed. S. 326/27. 



Burütah: ITama einer Hauptstrasne in IIam'biir{r. 



uvrbcii. ?)uin inni\ c6 iiiiH nl? eine Snfcnfqiicir, rcfracT^fcn, 
hi!-> bcr ^Ncrcin fuf; auficft. i^lsiö \wx in Snl;il;cit öcuioUt 
I;aVcn, U'clfcn luir aud; iicd; jcM, itiib fciintcn unr luoKcn, luciui- 
\m 5lf(c (getauft lüvirni. Scn Sntjalt bcr SBcIlrclijjfcn anß iniö 
cbcr tcm (Reifte tcr ^ubcn (lucnn ein foI(I;cc lUcc (Spradf)c uub 
Sitte aud; I^inauCßinvic) ju l'c[timmcn — eine jcM;c Gf;imarc 
Uc^ \\>c\)l mc in imfcrin (Sinn. 5)ic jribi](I;e Svef(c;ion ber 
Wrj^musirt Iritt nu5 il;rer 53nT;rI)cit Ijerauf, iinb UMrb Serien» 
o.cift, n[t(}clijd;ec ^ram u. f. lu., \üenn fic [\d} fcitft alß ein 
alKicmcincS, cl'jeniücß ^Vincip gcKubet, ia ftc bodf; ein rein 
jiibicltii^cß ift, baß fit^ Hof; miß bcni iJobcn ber S.>clfßreli{jipn 
c\\\\ ben bcr -iiBcItrcliöion ju i^crfct^cn I;at. Saß 3n'bep93]ittc» 
filMVcbcn i[t bic iiDtI;wcnbißc (5rfd;cimin(^ einer ßciuifien SBeifc 
bicfcr iViucQiinji, mir baif eß nid;t für (itiöaß ßclten, wenn fic^ 
bicfcß für baß i'c(jtc unb ^cd.)\tt ausgeben löiUA 



Vielleicht v/äre dennoch der Zusammenbruch des "Vereins" vermieden 
worden, wäre nicht dessen Wortführer und Präsident Eduard Gans ab- 
trünnig gev;ordon. Im Jahre 1825 Esicac nahm er - in Paris - die Taufe, 
die ihm den "bis dahin verschlossenen V/eg zum Lehrstuhl an der Berliner 
Universität freigab. Bestürzt versuchte Moser den Schritt des freundes 
im Geiste der Hegeischen Dialektik zu deuten, 

( ) Hos es Kos er an Immanuel V/ohlwill 

29. August 1825 



I 



jisää=sR»*Sii2)ic"cycnuinc fiter ©anö iu.id;en miil) wanfonb ütcr 
bic i\iliui:ntl;cit fciiu-j (5-iitjdnuficß, \o balb bic Unifcnu 511 
UH'd.M'clii. ili?iciucl;l er ImccIii nur einem iuäd;tij^cn 3»iic jcinc5 
[3c\i\ci feieren iinube, in \i\nd>'m TiiiH-o fid; natiiilid}a entiiMiu'lii 
fcuutc, alö aus bem IcülMJtci'tcn (5-r>3rciien bcr im Subenll;iimc 
vcrau^3cic(jtcn Subilan-, ein f.lcid; l'tviilVr iGi^cnv^iUc jiCijen bau« 
iclbe, nad;bcm eß ful; ilnii al5 ein Sdnilc?, Iln(}cifti.)c5_ emncicn, 
]o .•\lanblc u\) bcd) a'uß luand^cn veriLMilid;cn ^üulTid/ien hc 
SaiW nci^^ elKMC' [cm. So ualürlid) lüic bicjcr Uclercjanj} (im 
(3c\\ic näiulid), bic b.r.u <icI'ori>ic (ieicnicnic ift nur ein un- 
ircjcntliAcß ^Jlccibcuö) lul^ bei (>)anö i-\cmad;t l;at, ctenfo Uvilütlui? 
finbc iii'tic t5Tilanuticncn ber .v)amlnirv3cr ba{jc(jen. $2aS %i]^' 
i'ciitänbJiiß über bic bciberieitißcn 3iid^lun>iCn luar fdjon urivnüng- 
lid; VLnI;.inbcu, alß fic nedj iujauimen ju laufen i'iljiencn, un^ 
ilt nur ict>t crft jur Oficnbarunci ßcrciniucn, foUMC aui^un 
i.>cr[cl{\ ter 3cit bic '}uilur ber Sad'c, ircldjc an \ii\) nur Gin« 
i)t, il;re teibcrjicnc llUadjt barin fuubc^cten wirb, ba'ä fic K'i^* 
Jliid^tun^cn bcrcinj't kncbcr M\ einen flanj ibcnlijd;cn ^punft w^ 



• .'' 






'/ <-.*'^ / f. 






Leopold Zunz führte das von Gans verlassene V/erk weiter. Ueber die 
enttäuschendon Erfahrungen im "Veroin" tröstete ihn sein Glaube an die 
neue "Wissenschaft des Judentums" - ein von ihm geprägter Begriff - 

hinv/eg. 



Strodtmann: a.a.O. M. 1, S. 320 



i'' 



) Leopold Ziins an Immanuel ohlv/ill 



/_ iSoramer 1Ö24_7 



.^^Taliir [nn icf) gcfoiumcti, an eine ?ub 



eil' 



Oicfcrmaticn nimmciuicl:: jr. ;lauhn;>ci- 8tciii mii[^ nuf Mcfc" 



c 



i^fr V\z ^iJcnivjci:, iyi>',ii id> unb ncci; ein '^>^iar gelberen — fpiift 
u'irbc icf;^ nic-^ n'^I*''i'''t \\b:\\, fo iinl'cfd'ribcn 311 fein. Sllcr 




ivic Ijcut: jcrritfcn, ÜKV/ •••:nb in bic d^riltlid;c 5ictl;rcliijicii, 
ct;nc .C\iU unb ^^rtnc!l\ sr.n^ljcü im alfcn SiinniiO, von C^urcva 
t'ci Seite i]cici;>cl'en, fcv{iV;-.':i:renb, luit fccm trccfcncn IHii.^c nacl) 
tcm.Gtel i:e5 OJiciTuv; cri: einem anbeni l'anßcl^c r;infd}auenb, 
sum 5.r;eil Hät!eiub in ^(.i.ilvpapiereu unb bem'jvcnDerfaticnS' 




C^-Kiennnt^eu gcvjciben fwo. !i:ic;e!5 öeprävic ilu-e-j jänunerliiten 
3uitanbe5 tra^^en benn aiiJ-iTc SfiiK-ntcn. i'>rebi.-;er, ^Ccnültcrial' 
rä{f;c, (^eiiicinbeik-rpniir.r.-n, ^arruifun, Site!, ^uiamuienffinfte, 
0-inrtd'ti:ii;-;cn, eubirriVi;;n:!;, iljre eitei-atiir, if;r i^itd^{;.inbel, 
ü;rc 3ierra]entaticn, uü' xVi GlücE unb \\)i Un.-^hul yCeine 
rsniulution, fein $^:x\ 1:1b fein Sinn! !:(aci? ift ein ^rci ücii 
l!.H'(en, i)JiarE ^\inco im) OvaJ^mrnc? fllllilbttiiififeit^.fmnj, nebft 
C-rccfeu Den i){uft'i.iruii; unb ^\^\\\\\l []Vilu"inbi>]en %M\\\\' 
£);vpa[alioncnJ! — !}ü-i^; bfcicm ö-T'tr'ü^'» il"''ii:^ ^f« Sn^ni» 

if;innü i^eiLiue^cu Sic \i'oT;l feine (^rriärinui, luaium bcr 5jci-cin 
jaiMUil feiner ;5eitid;iiit ein^c)d)lafen, unb fic eben fo lucniß uec» 
luifft lyerben, cily bic 2;enipel, Siiuilcn unb ba5 5l5ün3cr,]lüci. 
iTer in-iein ift nid;t an beu oveeial-'^eieinen geftcrben, lucldjcu 
Heü bic %^\^^ eincy 23enualtnn{j-jfe(;lery Ijätte genannt loeiben 
bfufcn, fcnbern er I;at in ber ili>irtlid;feit nie c;i-ifticrt. %\\\\\ li« 
\z\n\ K'geiftectc ^JlJlcnid;cri l;at\'n fid) öefunben,_unb, \yic yjJefci?, 
auf bic ^■crtpf[an3unw3 biefcu Weifte-j .^iU I;cffen 5ieu)a;-\t. Sao 
irat Säufdjun^. ii^aS allein <x\\\i biefeiu ?Jiabui [3ünbflntl)] 
uniH^r;]än>]lid) auftaudjt, Sa5 ift bic Ü»3if|enfd;aft be-j _S»ben« 
t[}iuny; bcnn fic lebt, aud; Irena S'il;tl;unbeite lauß fid; fein 
^in^er für fie re.]tc. Srf; r^cftelie, bafj, nädjfl bcr Ci'rv-^etnnui in 
i:.5 öerid;t Öcücy, bie ^efd;äfti^]inu3 mit biefcr Ü>if!enid>ift 
mein Sroft unb .l')vilt ift. Stuf \\\\6) felbft feilen jene ^Stürme 
unb G'rfal;run;-;en feinen Ginfhi'V. I;aben, ber mid? mit mir felbec 
in 3^yi'-ir<'Tlt brinf^en fönntc. %^) liabe ö<^tl;an, luaS \^) ju tl;un 
für meine 'Pflid;t 'l;ielt. ii.scil iil; eicfeljn, baf'. id> in ber ÜSüfic 
Vrebißte, ^.lOe \A) au^]el;i:rt ,yi piebiv]en, 1^:6.) nid;t um bcyi %\\* 
l\-iU meiner Sorte uvulcy ju iverben. Sapicnti sat. /^9iad> 
tcni 5i5iyl;eris]en uierben 3ic leid;t fd;lietjcn, \;x\i> id) für feine 
i;ccäufda^olle"sHuflelunc^ bcy in-ieiny ftimmen faun. Ciinc fold^c, 
ircnn fic r.ivl;t auu l'lefjer (viteU'eit cinv^cßcben fein unb an bic 
lsabel be-j tcrftenbcn ^rc!(.!;eö erinnern feil, U'irb tcr ben ^üu^en 
tcr Suben u. f. w. cbenfo ;in*rfaniV--lco U)ic alleö ilMyI;criv]c cor« 
über ael;n. O^tiibty bUibt bcu 5Jiit;^liebcrn, alö treu fid; fclbcr 



in ibren tefdirvinfteu v^aeifen ju Wirten^ unb öott bau Seitcrc 
jU ütvrlaffen.'^ 






Ötrodtmannj a.a.O. Bd. 1.3. 316/17. 



^ 

w 



•vahrena aar '.vonigen Jalira, die der Verein "bestanden hatte, vrar Zjuns 
, , 'b--;ru|'lich 

hau-oxs xCTtT^ s als Prediger an dar .Berliner freuen Synago.^e ti;ti::;, .jeine 

freiraiitigon, vor persönlicher Kritik nicht zurüclr.scheuenden Predigten, 
insbesondere die vom 17. August 1822 über das Thema "Des Gotteshauses 
Verfall", hatten ihm den Unvdllen der Gemeinde zueeso.,:en, deine letzte 
Predigt über "Das Reich Gottes" fand am 31 • August l322 statt. Seine 
Sesi-nation folgte am 13. September. Von 1823 - 1331 v/ar Zunz Redaicteur 
an der Haude-Spenerschen Zeitung in Berlin; von I835 - I84O Prediger 
in Prag und von I84O an ^virkte er als Leiter des jüdischen Lehrer-Seminars 
vdeder in Berlin, 

Zunz' \7issenschaftliche Leistung hat ebenso v/ie seine moralische Grösse 
die Bevainderung seiner Zeitgenossen hervorgerufen. Heinrich Heine sagte 
von ihm, dass er "in einer schwankenden Uebergangsperiode immer die 
un3rochütterlichste Unvrandelbarkeit offenbarte und trotz seinem Scharfsinn, 
seiner Skepsis, seiner Gelehrsamkeit, dennoch treu blieb dem selbstgegebene 
•Torte, der grossmüthigen Grille seiner Seele. Mann der Hede und der That, 
hat er geschafft und gev/irkt, v/o Andere träumten und muthlos hinsanken." 

Als "Mann der Rede und der That" begrüscte Zuna im Jahre I848 die 
Revolution des Volkes von Berlin und \7ien. :]r zweifelte nicht daran, dass 
er ein Zeuge der von ihm seit langem schon erwarteten messianischen Um- 
wälzung - der Geulah (-Erlösung) - sei, die gleichzeitig Deutschland und 
die Judenheit in eine neue, von Jeder Unterdrückung freie iCpoche führen 
werde. Am 22. llärz hielt er anlässlich der Beisetzung der liärzgefallenen 
eine Rede, die später unter dem Titel "Den Hinterbliebenen der Llärzhelden 
Berlin' s: ?^in ."/'ort des Trostes" mit dem Vermerk veröffentlicht vmrde, 
dass der gesamte Verkaufserlös für die Hinterbliebenen der Opfer und die 
VervAindeten bestimmt sei. 

//Um edle Todte trauert Derliu, trauert Deutscliland, um ihre Lieben j 

trauern die Hinterl)liebeiicii. Die iu unseren Strassen einherpingen 
unbeachtet, die in Stiidicrzimmoru dachten und in Werkstätten ar- 
beiteten, die am Schreibtisch rechneten und in Lüden feilboten, wiird«'u 
plützlicli Kri''t;er und wir entdeckten sie cr.st in dem Augenblick, wo 
sie als Sterne verschwandeu. Als sie vcrlierrlioht wurden, da verloren 
wir sie, und seitdem sie unsere Befreier geworden, können wir ihnen 
nicht dünken. Doppelt trauern di«; verlassenen Angehörif^en: wie viel 
sie. an den To'iten verloren,, hat ihr schöner Tod ihnen olVeubnrt, d-'cn 
Bt'ile gleich, das die dunkele Muscliel spaltend die Perle entliüllt. 

Aber wie, haben wir, habet Ihr sie denn vi^loren? Jene, die 
wir für minder berechtigt gehalten, weil wir ihnen die St<'lle im 
Leben anwiesen nach der FAikette der Titel und nach dem Schinunor 
des Goldes, denoji uir gleichgültig begegneten, weil die Sonne der 
Macht sie nicht beschienen, oder denen wir hochrnüthig Ungnade und 
herablassend Gnadt- erzeigt, je nach den eir)gebildeteu Kang.-turen 
der Stände, der Geburt und des Bekenntnisses, — wie haben sie über 
unsere }Iäuptcr ^^ch emporgehoben, von einer ewigen Sonne v/ider- 
strahlend, hoch über Allo hiuans, die im Flitter g.'.borgter Sonnen 
cluhergeben! Gvu^s und tlieuer sind sie uns duruli ihrt.'u 'J'od ge- 
worden, als sie scheidcuil einc.i uncrmcbsliehen lieichthum auf uns 
jvusschütfelf.'n, auf uii"' Alle, die wir arm, sehr arm waren. Unser 
Hauj)t, einem brennenden Himmel gleicli, lieferte keinen fruchtbar<;n 



* HaudQ und Spenersclien Zeitiings erochien 1734-37 als "Potsdamnisoher 
Mero-oriua", 1740-1874 alc "Berlinische Ifeclirioliten". Gegründet i7ua?de 
sie von dem Buohiiändler Ambrosius Haude (I69O-I748), 1772-1826 
leitete sie Karl Philipp Spener. 

Bd. 1. 
5* Strodtinann: a.a.O./s. 31?. 



*^* iiXßipaiäidöinz Gesammi-lto Öohriiten von Dr. Zunz, HTt:i^u vom 
Curatoriuni der "Zunzstif tun,;^;". Berlin I873. 3d. I, i3. 301 f. 



./ 



Iiiif;eii gropshcrzij^cr Gotlankcii, uii'l das Her/ in un?cior l'>iti3t, zu 
Eisen «rowoitlon, ward ödo an nienschliclifr K!ui)ri:MUin':. Eiti'lkoit 
und Walin \v:\rt;n imsiu-e Götzen. Sclicin und liü-^'c \ eririftctcii uiiscr 
Leben, Ocnuss und Habsucht diktirton uiisev lliUidluugon; eine Holle 
sittliclion Elends, in alle Eiiiiichtangen des Lebens ciutVe.ssenil, inaclite 
ring.suni den Luftkreis glüliond, bis endlicli scluvar/e Wolken heran- 
zogen, das Gewitter hfranstürnite im Yolksdonnor und die i-eiuigem!en 
Blitze in die liarrikaden und in die Lüge einschUit^en. Li dieH(Mn 
Wetter sah ich dii* feurigen Wagen und die feurigen Pferde, wekhe 
die für Keeht und für Freiheit gefalleucu (Jotlesniiinncr in den Him- 
mel entführten; it-'h veinulnne die GotteH-.tiinnu^, welche die Namen 
eurer Lieben, ihr Weinende! adelt: Die freie iVeose ist dor Adehi- 

bricf und unsere Iferzen das Denkmal. Ein jeder von uns, ein jeder 
Deutsche ist ein Hinterbliebener, ein Trauernder, und ihr seid keine 
Verlassene mehr. 

Gross aber wird die Ehre ycin. die enren, die nnpcrcii Todtcu 
erzeigt wird. Denn dns Keich der Freiheit wird erstehen: <las auf 
NationalwilhMi gegründete Gesetz, dii« in fn^iwiliigetn Gehorsam be- 
stehende Ordniujg, die Anerkennung des Mensehen Tinbehelligt vom 
Untersehicdc der Sirkteu und der Stünde, die Herrschaft der Liebe 
als Zcugniss der Erkenntinss tJottes. Das wird die Menschheit auf- 
zubauen haben, uiul die Gcfiilh-nen, die dieses Verinächtniss uns 
hinterlassen, werden als «lie Gründer dic.s.s schönen neuen Lebens 
in unvergänglichem Kuhme strahlen. [Ine Grabjtiitte wird das frucht- 
bare Feld, aus welchem ein unverletzliches jvocht, ein Gesetz der 
Freiheit emporwächst; unsere Thränsn werden ein Strom von Liehe, 
dor allen Glaubeushass forttreibend auf soiuea Fluthen das Vaterland 
in stolzer Sicherheit trägt. So lasset uns denn ein Gesetu maclieu 
gleich für Alle, und ein Herz bewahren, warn» für alles Edle. Ent- 
fernen wir jede Einrichtung, die einzelne Schichten der Gesellschaft 
hintenausctzt, die einzelne Klassen drückt und verwundet, bleiben 
wir einig, werden wir wahrhaft: so wird das Vaterland bald Fest- 
kleider anlegen, den Helden, die es feiert zu Ehren; so müsset auch 
ihr, Hinterbii'bcne, getröstet sein, die ihr in uns, in eucrn Brüdern, 
die Eurigcn wiedergefunden. so richtet euch empor, uiul nehmet 
uns heute schon auf, die wir euch nahen mit Liebesworten, mit Kuss 
und Thränel Wir wollen euch Viltcr, Brüder und Söhne sein und für 
euch .sterben, wie eure Lieben für nn? gestorben. Trocknet eure 
Thriincn .in den Flannncn der Liebe, die wir euch bringen, und ver- 
senket eure Trauer unter dem Daukcsjubel der be-freiotcn Völker und 
betet an die göttliche Majestät, welche die Verkünder des Heils unter 
Schauern zu sich entboten hat.-'/ 



b 



/:' 



TCtwa zwei V/ochcn nach diwGGrn "ßreiAms schriolD Zunz an S.Il.^''hrenberg , 
soinon alten Lohrer und lobenGlan,'xen J'reund, 

( ) Leopold Zunz an S.H. filhrenber^ 



/.April 1S4S. 

Ihr liebes Schreiben von Scluischan Purlm^kam bei uns an dem 
Tage 6,<:^'i> großen Begräbnisses an', und seitdem haben König, Regie- 
rung und Landtag den Grundsatz sanktioniert, daß die staatsbürger- 
lichen Rechte von keinem religiösen Glaubensbekenntnisse abhängig 
seien. Trotz ^zn mancherlei Häkeleien mit und gegen Juden, denen 
ich keine Bedeutung beilege, hat unsere Sadic in dem clvilisierten 
Europa entschieden gesiegt, und mit dieser Überzeugung wollen wir 
nächsten Pcssach die Erlösung feiern. HoiTcntlich ist nun alles In 
Ihrem Kausc wohl, da der Frühling da Ist; ein allzulangcs Einsitzen 
tau:;t audi nidits. 

Juden haben hier mitjrekämoft und sind etwa adit jreblleben oder 
an Ihren Wunden gestorben'. Ein Vater (von auswärts) hat zwei 
Söhne verloren. Bei einem am 26. v. M. Beerdij^tcn habe Idi und 
nadiher SadisVRcden am Grabe gehalten, worauf eine dreifadic 
Salve gefeuert wurde. Die große nidit genommene Barrikade, uns 
sdiräg gegenüber, die mit kleinen Kanonen verteidigt worden, ist 
in drei verschiedenen Abbildungen crsdiiencn. . . . 

Also Sic kommen und essen bei uns Mazot [ungesäuertes Brod]; 
vorher stärken Sie sich durd^ beifolgendes „Wort des Trostes"*, 



welches das neueste Werk Ist Ihres Sohnes 



Zunz. 



< V; ; !. r. r . 171, Aiim.2 67 



- Das Bc,^rlibn!s ticr Märzhddcn (1S3 Särge) fand am 22. März-sfätt. 

^ Es g.nb 21 jüJisd.c Verluste; drei sind namcntlidi bekannt (vgl. Adolf Kober, 
Jcv,'s in the Revolution of iS4S in Gcrmany, in Jcwish Social Studics X, 1948, 
S. 14u). 

* Micl^acl Sadis, sei: 1S44 Prediger in Berlin, hat audi beim Begräbnis am 

22. März ein Gebet gesprodicn. 

' Den Hinterbliebenen der Märzhclden Berlins, GS I, S. 301 f. ^«t •.-'^ 

'^ ^ ' / 



•V. 



/ 



///; 



/( 




\ 



SsffcHxxS'xSijLtrETx Leopold Zimz, Judo - Deutscher - •uropä.ör. 

Ein jüdisohis Gel ehrt onsohioksal dos 19. Jahrhund srtB, 
Hrsg-, und ein^^eloitct von Ilahurü i], Glatzer. Schriftenr ilc 
maaenschaftlioher Abhandlun, ;en dos Leo Baeok Institute, 
TüMnr:jen I964. 3.273. 



* Das Begrähniü dor H-lrshaldon (I83 Srlrr^a) fand am 22. I ilrz ctatt. 

^* Rs gab 21 jüdi.johe Vorlu^to; droi t^livl nr.iK)3ntlioh "büiannt. 

(vcl, Adolf iCobor, Jows in the ?öiGVol^^tion of IÖ4Ö in Qonvjmy. 
In Jc;i\7i;3h üooial iJtudiwü X, 194ö, 3. 14').) 

*** iüchaal Sachs, seit I844 ^tTedi^c^or In fi .rlin, hat auch "boim 

Bü^äbxnis am 22. j.iärz oin Gabst (^eaprochv^n. 



// 



/ 



Von nun an vAircle di:3 Politik 3u einem wesentlichen Bestandteil 
von Zijnz Leben, Sein letzter ani '5. Juli I865 gehaltener Vortra-'y 
"'■'evolution" schloss nit den '/orten: 



' Es i:it noch nictlil :;clit/,i^' Jaliro l-cr. da-s ein Mai-n in Knuhiiid 
.iiiflrat und für die JiolVciiip.g d.«)- No2cr.skI;ivcn sprach; er sliind d;v 
nials_ pjicli f.llnlii, er stand vitdlei-dit nocli niolir allein als Luther, als 
er die 95 Glaul-.cn35:;Uze ai» die Doi.dciro!)'; /?i Wittonhcr'-'- atisohlii:,'. 
und hcuttj hat eino -ro.ssc Nation für ihn die Wollen «irgriilon unTl 
gesiegt, llunderltauscndo sind gefallou: nun es sind füi' ^.ücscn Go- 
daidcon Miinnor ;;efalleii, ghichui.; deren in der alten Welt, in Eng- 
land, Ifollaiid, in Griechenland alt.r und r.cuer Zeit, und in Deutsch- 
land fiir Freiheit vuid Keciit gehlut.t haben. 17.^9 steht mit 1773 
\\\A mit \^\Vo in Vcrbindun,^; (he ]'o\v('i,'un^' von 17S0, die rnaji „dio 
Kcvolution" nennt, ist noch nicht v.w Ende. Sic ist wohl inomcntan 
in ihren hefti^^en AnsbrUch.en verstopt't, es sind wie bei einem lecken 
SchilV die Löeiier zui^cer^topft! allein die Ursachen der Kovolution sind 
noch jiirht überall bescltl-t, nnr nach einer Seite hin etwa in Frank- 
. reich, das für (>leichh.eit und >ruiniih-.-;-Freilieit allein den Kampf mit 
dem ganzen übri-en Eurui.a auf;j:enorMr.icn hat. Und Enropa nuisste 
nicht mir weichen, .sondern v,:,.-; noch viel bedeutender ist, die Ideen, 
aus denen die ]>cv.c;runLc von Ur^'.f in Fraidaeich hervorfregaiigen ist, 
die .«ind in die anderen Eäiidt>v ein.i^.-drnngfn, .so^ijar in Kn,L;!uiKl, v.-cl- 
ches ftm freiesten von der Xulhv.-endigkeit .»iolcheV JCiiilliisse cewo.sen, 
in der Gestalt der Ifeforni de.-^ rarhiniMites; in Schweden ist eine 
wirkliche Revolution ::!ewesen-, das deut.-che Keieh ist in Stücke "-e- 
fallen; Spaniim im 1 J'orln-al habm Pvev.dtitioncn gehabt; SüilaüHwika, 
das liei'.ti^'e Italien sind J'rodiikte der französischen iK^vohition, »leren 
Folj^-en auch Al^-i-r. Tuni-, A(;-yptrii und die 'J'ürkei cmpfr.nilen. Die 
ganze lJf;.'ener:ition in l'reu^.;en in dm Jahren ISoS — IMO verdankt 
es den Ideen der Wiederherstellung menschlichen S»'in~ und gleichen 

Kochts ^re^,'enübcr veralteten fuf^titutioncn; liie heuti-re Verfassung von 
Preusseu verkündet in ihren Ilaiiptzüiren dii-selben Grundsätze, die in 
Frankreich von der constituircnden \'ers:unndnng ausgesjirocheu wur- 
den: Deweis' genu;^. dass di>"' .'^aiiften Umwiil/.uuu'en einer, heftigen vor- 
angehen, duHS die^i' wirklichen Uevolutioiien auch siegen, d.as? keine 
Revolution bluss nach den vereinzelten 'i'hatcn zu benrtheilen ist, soa- 
dern nach ihrer weltgeschichtlichen Stellung in der rnenschheitlicheu 
Entv.ickelung. Die Ueucgun.: von 17S'J kann noch nicht l»ecndigt, • 
vielmehr wird noch eine Weltrcvolution in Europa ncithig sein, um 
diese Ideen der Freiludt und des gleichen Rechtes durchzuisetzen, dass 
di< selben bis in die kleinsten Verhältnisse eindringen; es muss das 
AN'ort, «ler Gedanke, flie Schrift, tlie Druckpresse, da«? Vereinsrecht, 
die Glaubensmeinung frei v.-erden. Wemi jnit der Selbstregierung der 
Recht'^sl;:at in dem gcsammfen Europa aufgerichtet .^^cin wird, dünn 
ist ,.die Kevolution" L:ese!>los .on. D.i.s i<t filsdanu zugleich Recht und 
Autorität und der wirkliehe Sieg O^i^x D» luokralie. - 



Abgedruckt in: Gas. Sclirif t m von Dr. Zunz, a.a.O. Bd. I, 
S. 353/54. 







Schon in einem Brief vom 3. Dezember I864 an Philipp r-ihrenherg, den 
mit ihm gleichfalls eng befreundeten Sohn von S.I.l.T'Ihren'berg, hatte 
Zunz über die politische Szene in Deutschland geschrieben. 

( ) Leopold Zunz an Philipp ülhrenberg 

3.Dezei;iber I864 

• • • 

Wenn der Himmel nicht dreinschlägt, vae bei IToa, Pharao, ist 
für die Teutschen nichts zu hoffen: sie werden gerade, wenn sie 
alle durchgebildet sind, mit ihrer Existenz zu Ende sein und fran- 
zösisch deklinieren und russisch inklinieren. 

lieben Zunz sind als llitschöpfer der "Wissenschaft des Judentums" 

drei Gelehrte in die Geschichte eingegangen: /^achman Krochmal , 

** ,:r ^- ^' 

Salono Judah Rapoport und Samuel David Luzzatto. Luzzatto teilte 

mit Zunz die Liebe für die neue Wissenschaft und die Leidenschaft des 

Sammlers jüdischer Altertümer. Aber er betrachtete die Wissenschaft 

dos Judentums \7eder als Selbstzweck noch als Mittel zur Erreichung 

der Emanzipation; sein Llessianismus war unlösbar raon dem Glauben ein 

ein Wiedererstehen des jüdischen Volkes, wodurch er zu einem Vorläufer 

des Zionismus vairde, während Zunz revolutionäre Deutung der 

messianischen Er^vartung ilin zum Vorboten eines demokratischen Europäer- 

tums machte. 

( ) David Luzzatto an Leopold Zunz 



/ 



' [Padua, 13. September 1861.] Im September 185^ bast Du mir • [/ ^ 

einen freundlichen Brief geschrieben, voll Liebe und Sanftmut; darin 
kam folgende Stelle vor: „Deine Worte über die Weisen, die man die 
Priester der rationalistischen Verfälsdiung nennt, . . . werden vielleidu • 
bei den Traditionstreucn Gefallen finden." Diese Worte verbitterten 
meine Seele und waren für mich wie ein stediender Dorn, denn idi 
ersah aus ihnen, daß auch Du an das Prophetentum und an die G°"' 
lidikcit der Thora nidit glaubst. Ich war beileibe nie ein Inquisitor, 
der nadi dem Glauben des andern forsdit, aber wenn jemand kommt 
und mir sage, „die Thora ist nidit vom Himmel gegeben" (wenn er 
dic5 nidit als Wahrheitsudier, sondern als Wahrheitverkünder be- 
hauptet), dann bin irh gezwungen,' midi von ihm loszusagen. Denn idi 
kann nidit b'reund sein einem Manne, der die Söhne meines Volkes ver- 
dirbt und das Gcdcnkbudi ^(t% Namens Israel aus der Welt tilgt, denn 
all mein Sinnen und Traditen Im Laufe von fünfzig Jahren war darauf 
gcridicct, dci\ Gh\uben an die Lehre Mosls.wisscnschafdidi zu begrün- 
den, den Glauben, der unsere Ahnen vor einer Vcrmlsdiung mit den 
Völkern bewahrte. '' 



^ 



a.a.O. S. 437» 

* Nachman Krochmai; (1785-1840), jüdischer Gelehrter, Historiker 
und Kritiker. 

** Salomo Judah Hapoport;(l790-l867) , Rabhinar und Gelehrter. Wandte 
als erster die hlstorisoh-kritisohe Methode auf das tamudisoh- 
rabhinisohe Schrifttum an. I84O -I867 Oberrahhiner in Prag, 

^** Samuel David Luzzattor (18OO-I665), Mchter und hahnhreohender 

jüdischer Gelehrter. Professor am Collegium rahhinicum in Padua. 
Die Wied er enid eckung der klassischen hehräisohen Poosie des Mittel« 
alters ist zum grossen Teil sein Werk. Als seine eigentliche 
Lebensaufgabe sah er die 15rforsohung der hebräischen Sprache und 
die ii^rklärung der Bibel an. 


Franz Kobl er: Jüdische Geschichte in Briefen aus O^t und 'Vst, 

Das Zeitalter der '"raanaipation. Wien 1938, S. 130/32. 



^^ 



Und idi sah sdion einmal in der „Anr',sburgcr All{];circlncn Zeitung" 
(im Nckiülo^; über Ludwig Markus), daß man über Dldi staunt, daß 
Du Jude geblieben bist, und man nannte es eine Grille — aber idi 
behaupte, daß Millionen von Juden unmöglicli bloß kraft einer Grille 
Juden bleiben können, sondern nur infolge eines festen Glaubens an den 

göttlluicn Ursprung der Thora. Und zwischen einem, der dic-n Glau- 
ben sdi\väd)t und bewirkt, daß sidi ein Mann oder eine I-rau, eine 
Familie oder ein Stamm der Gemeinde Gottes entfremdet, zwisdicn 
einem soldien und I Liman ist nur ein quantitativer Unterschied, denn 
die Taufe und Vcrsdimolzung sind ein und dasselbe in meinen Augen . . . 
Und ist über die Kinder Israels verhängt, daß sie aufhören sollen, ein 
Volk zu sein, dann ist viel eher vorzuziehen, daß sie wie Helden und 
Meilige getötet werden, als daß sie sidi völlig mit den Weltvölkcrn 
vcrmisdicn, mit der Behauptung: unsere Ahnen haben uns nur Falsdi- 
hclt vererbt, und unnütz habK:n sie ihr Leben dem Tode im Laufe von 
zwei Jahrtausenden geweiht ... 

Darum ähneln die oben angeführten "Worte Deines Briefes in 
meinen Augen jenen Briefen, die Haman gesdiricbcn hat, um alle Juden 
zu verfolgen und zu verniditen. Aber wenn Du wegen cin::r Grille 
Deine Kraft und Dein Vermögen vergeudest, um Lldit über al ".jüdische 
synagogale Poesie zu verbreiten, kannst Du dodi nicht behaupten, daß 
alle diese Dicliter nur an die Tradition glaubende Irrsinnige waren, 
deren Herz deni Unsitm ergeben war, daß die Wahrheit aber nidit mit 
ihnen ist, sondern mit jenen, die behaupten, daß die zukünftige Er- 
lösung — die „Fusion" ist. 

Aus diesem Grunde vermied idi es seither, Dir über alle diese Dinge 
zu sdirciben, denn id; wollte Dich nidit verletzen, indem idi mein 
ganzes Herz ausschütte. Denn geachtet und gesdiätzt von mir bist Du 
wegen Deiner wunderbaren Weisiieit und Deiner Tugenden; Dir jedodi 
schreiben und unter meiner Zunge die Erbitterung verbergen, mir 
Scl)ändlidies und Empörendes über die Trundsätze meines Glaubens 
anhören und sduveigen wollte ich nidit u- 1 konnte idi nid\t. 

Als jedoch Jahre und Tage vergingen und idi alt zv werden be- 
gann, und da ich nidu weiß, wann der Tag meines Sterbens kommt, 
cntsdiließc idi midi, Dir alle meine verborgenen Gedanken zu ent- 
hüllen. Und nadidem idi Dir alles, was in meinem Herzen ist, eröffnet 
habe, erkläre idi Dir, daß Deine "Weisheit und Dein Fleiß in der heiligen 
Arbeit in meinen Augen so wertvoll sind wie in jenen Tagen und daß 
idi immer gern bereit bin, Dir zu dienen nadi Maßgabe meiner Kräfte, 
um die Thora zu erheben, denn die Stimmen der Pajtanim [synagogale 
Diditer] rufen mir aus der Erde zu: „Du einfältiger Frommer, dieser 
Mann Jonitow [Vorname von Zunz] ist eine einzig dastehende Gestalt 
in seiner Epodie. Bis ins hohe Alter hält er fest an seiner Wahrheit und 
ist unablässig bemüht, zu unserer Ehre großes Lidit über unser "Werk 
zu verbreiten. Du aber verweigerst ihm geringe Hilfe, und vielleidit 
kannst Du ihm helfen in seinen Forsdiungcn durdi die Büdier, die Dir 
Gott zugeführt hat! Und hätte dieser Jomtow seine Weisheit zum 
Bösen benützt und sein Wissen als Bell gebraudit, um die Pflanzungen 
des Glaubens zu verniditen, würden wir dies nidit sagen; aber dieser 
Mann berührt in seinen Werken die Dinge des Glaubens gar nicht, und 
nur in seinen Briefen an Dich war er gc/.wungen, um nidit zu heudieln, 
Dir mitzuteilen, daß sein Glaube nidit so ist wie der Deine, seiner 
Werke Zweck und deren Ergebnis jedodi ist, den Knoten des Bundes 
Israels zu festi^.en, die Iler/cn der Kinder den Eltern zuzuführen iMid 
den Mciisdieii di.ics GescMcducs die Vorzüge früherer Geschlechter, den 
erhabenen \/cit ihrer Wclslieit und Taten mitzuteilen, damit sie sich 
ilirer Sünden schämen und ihre Stammutter nicht gcringsdiätzen. Und 
eir.'.Mi Mann, der all dies vollbradit hat, trägst Du Unbill und Zorn 
nadi.> Hüte Dich!" 

Idi vernahm den Ruf der Pajtanim, ihre Strafpredigt drang bis in 
die Tiefen meiner Seele, darum beeilte ich midi, bekennend und midi 
al'I;chre:ui von meiner Sünde, zu Dir zu kommen, und als Sühne 
meiner Sdiuld bringe ich ein Geschenk mit: es besteht aus einem Ver- 
zcidinls der Pijutlm für Chag ha Mazzoth.^, das auf einem mit Bildern 
und Gold verzierten Pergament am Ende der Hagada ^.gCsdiricbcn ist, 
die sidi unter den Büdicrn unseres Freundes, des gottseligen Josef 
Alnunzi, befindet ... [Folgt das Verzeidinis.] " .. . - 



* Synagogale Gödichte sum Possaohf aßt. 
^^ RrzälilunK vom Auszug aus Aagypten, 



M0£dechaijfa nuel goah ruft H .. j^^ 



en na ch Amerika 






Um dieselbe Zeit als Leopold Zunz die ".Vir^aonschaft des Judentums" 
"begründete, unternahm ein anderer Vertreter der doiktschen Judenheit 
jenseits des Atlantischen Ozeans, Mordechai Manuel lloah, den Versuch, 
die politische l^istenz des jüdischen Volkes wiederzubeleben. 

IToah v/ar ein Sohn des aus Mannheim stammenden Manuel Noah und stammte 
auch mütterlicherseits von einem deutsch- jüdischen Einv/anderer ab, 
dem im Jahre 1736 in der Ilähe von Aachen geborenen Jonas Phillips. 
Allerdings floss auch das Blut portugiesischer Marranen durch die 
Adern des jungen IToah, denn seine Mutter war ein Kind des Jonas Phillips 
und einer Tochter des der Inquisition entronnenen David Liachado. Da 
Koah im Alter von sechs Jahren seine Mutter verlor und sein Vater, nach- 
dem er am Unabhängigkeitskrieg teilgenommen, hatte, spurlos verschv/and, 
übernahm Grossvater Phillips, ebenfalls ein Mitkämpfer der Revolution, 
die l^siehung des im ^Äio" 1785^ gebOröi^ri' Knaben, Zu dem geistigen Erbe 
der heranwachsenden Mordechai Manuel IToah gehörten infolgedessen nicht 
nur die Erinnerungen an die Leiden der von der Inquisition verfolgten 
heimlichen Juden und an die grossen Erlebnisse der amerilcanischen 
Freiheitskämpfer, sondern auch der vom Vater \ind Grossvater bewahrte 
Zusammenhang mit der deutschen Judenheit, 

Ein persönliches, traumatisches Erlebnis beschleunigte und beein- 

bis dahin^ als Jou^^nalist^und mit dramatischen Versuchen hervorgetreten^ 
flusste entscheidend diesen Prozess. Mit 2o Jahren wurae iToan/als 

amerikanischer Konsul nach Tunis entsandt, sah sich am Anfang einer 

diplomatischen Laufbahn. Diese Hoffnung wurde zunichte gemacht, als 

IToah vom Präsidenten James Monroe mit einem Schreiben vom 25. April 

1815 von seinem Posten mit der Begründung zurückberufen wurde, es sei 

zur Zeit seiner Ernennung nicht bekannt gewesen, dass die Religion, 

zu der IToah sich bekenne, ein Hindernis für die Ausübung seines Berufes 

bilden könnte. Dieser V/iderruf und die von Noah Q^gQn die Verletzung 

des Grundsatzes der Religionsfreiheit unternommene, schliesslich von 

Erfolg begleitete Kampagne gaben den Anstoss zu IToahs intensiver 

BefasGung mit dem jüdischen Schicksal, In einem bei der Einv/eihung 

der Synagoge Shearith Israel in ITev/ York am 17. April I8I8 gehaltenen 

Vortrag (Discourse), entwickelte er seine durch die in Afrika und Buropa 

gemachten Erfahrun,r;en bestätigten Ideen, die in der erstaunlichen 

Behauptung gipfelten, dass die Juden, deren Anzahl grösser sei als je 



Mordeohai Manuel IToah (l7B5-lÖ5l)j ainerikani.3Cher Politiker und 
SohriftstellGr, 



1^ 



in ihrer frühoren Geschieht g, sich Syriens, das damals Palästina in- 
'f^fih einschloss, benächti^^cn und v/ieder ihren Ran^ unter den "Re^jierun^en 
der Krde einnehmen wirden. Dieser früh-zionistischen, vielleicht 
durch die Proklamation Napoleons an die jüdische Nation und durch die 
Einberufunfj des Pariser Sanliedrina "booinflussten Vorhersage folgte 
im nächsten Jahre eine unmittelbare politische Alction. 

1819 erliess Noah einen Aufruf an die Juden der V/elt, in dem er sie 
aufforderte, im Rahmen der Vel'einigten Staaten von Amerika einen eigenen 
jüdischen Staat ins Leben zu rufen. Der ursprün^^lich in hebräischer 
und englischer Sprache ab^efass'te Aufruf erschien mit einer Vorbemerkung 
des Heraus^^obers in der Zeitung "Koblenzer Anzeiger" Nr, 27, vom 
2. Juli lßl9: 

( ) Llordechai llanuel Noah an die Judenheit / / ^ . 



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Datum und Inhalt dieses Aufrufs lassen keinen Z\7aifol daran, dass 
der unmittelbar voran{;o(7anceno JIop-Hep-Sturm in Noah den ^>ntschlu3s zur 
Abfassun,^ und Veröffentlichung dieses Schriftstücks aus^^olöst hat. 
Die durch die beunruhi,^enden Vorkommnisse herbeigeführte Drin^lichlceit 
bov/og i^osi: dazu, den ursprünglichen zionistischen Plan durch ein 
territoriales Projekt zu ersetzon, Iloah hat nach dem Ausbruch der Govralt- 
täti^keiten die richtige R)l{jeruni^ gezogen, dass das jüdische Volk 
auch in dem neuen aufgeklärten Zeitalter von Vernichtung bedroht war 
und dass es nur durch Schaffung eines eigenen Staates sowohl der Auf- 
lösung durch Assimilation wie dem physischen Untergang durch Gewalt 
entgehen konnte. 

Hur eine einzige Antv;ort auf diesen Aufruf aus Amerika von einem 
nachkommen deutscher Juden an seine Brüder ist bekannt. Sie kam von 
dem kurz vorher gegründeten "Verein für ßultur und V/issenschaft der 
JudenisDcs" und war in ihrer Art ebenso bedeutsam v/ie der Aufruf selbst. 



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Obvrahl die Termine lo^^io dos Briefes wesentlich von der des Aufrufes 
abweicht - es ist v/cder von einer jüdischen Nationalität noch von einer 
Staats^ründun^ die Rede und die Juden werden durchwe^ijs als blosse 
"Glaubensgenossen" bezeichnet - so bezeugt er ein über die geistige 
Sphäre hinausgehendes Interesse an der T^rhaltung, der V/ohlfalitt und 
"Erneuerung der Judenheit, Die Möglichkeit einer Massenauswanderung 
nach den Vereinigten Staaten wird von den Unterzeichnern des Briefes 
sehr ernst genommen. 

Ob Noah diesen Brief beantv/ortet hat, ist nicht bekannt. Die grosse 
Bedeutung, die er dem Schreiben beilegte, erhellt jedoch aus der Tat- 
sache, dass er für dessen Veröffentlichung in der angesehenen New Yorker 
Tageszeitung "Commercial Advortiser" Sorge trug. Eingeführt durch einen 
Leitartikel, erschien das Schreiben am 16, Oktober 1822, Noah hat an- 
scheinend den Einfluss des Vereins auf die deutsche Judenheit wesentlich 
überschätzt und irrtümlicherweise aus dem Brief herausgelesen, dass die 
deutschen Juden geneigt seien, seinem Rufe I^blge zu leisten. Der Brief 
und vielleicht auch andere Stimmen haben jedenfalls Noah in seiner 
Absicht, einen unabhängigen jüdischen Staat in Amerika ins Leben zu 
rufen, v/es entlich bestärkt. Auch dass er inzväschen zum Sheriff von 
New York ernannt v;orden Y;ar, hat zweifellos sein SelbstbevAisstsein 
gehoben. Vor allem aber war es ihm geglückt," seinen nicht- jüdischen 
Freund Samuel Legget zum Atikauf eines Territoriums von 2500 acres auf 
der Insel Grand Island im Staate New York zu veranlassen, in dem eine 
xCeimzolle des Icünftigen jüdischen Staates geschaffen v^ardon sollte. 

Im Jahre I825 ging Noah an die Ver\'n.rklichung seines utopischen 
Planes, Er erliess ein neues Manifest an die Judenheit, diesmal in der 
Form einer Staats gründenden Proklamation. 

( ) Llordechai Immanuel Noah an die Juden 



Da CS (1cm Allmäcbtificn {rcfallcn hat. seinem Auscrwähltcn 
Volke die Nahe der Zeit zu offenbaren, in welcher 7.ur Er- 
liillun- der dem llnuse Jakob frcjrebencn Vcrhciüun?cn und 
zur Belohnung: ihrer frommen Stanclhaftipkeit und siefjcudcn 
'i"reue, sie von allen vier landen des Erdenrundes sich sammeiu 
und ihren Ran^- und Charakter unter den Regierungen der 
Erde einnehmen sollen und da der F r i e d c, w e 1 c h c r 
jetzt unter den zivilisierten Nationen 
herrscht, die Fortschritte der Wissenschaft 
in der panzen Welt, und der herrschende allfjcmciue Geist der 
I-reiheit und der Duldsamkeit zugleich mit andern dem Lichte 
und der Freiheit frünsti^en Verunderunijen ganz besonders 
die Nähe jener Zeil be/eichncn, da Friede auf Erden und 



H.i;i,G6ll)er: Zur Vor,^eschiclite des Zionismus. Wion 1927. 3. 241/46. 



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Wohlwollen den Sit>^' wolilliiti^^ und cinfliilircich Ix-hauptcn 
und das alte Voll; Gottes, das erste, weiches seine Einheit und 
Allmacht Iclirle, in sein Erhtheil wieder einf:esctzt und das 
Hecht eines sell)ständi;;eu, unahluinizijreu Volkes geniefien soll, 
so habe ich, M. M. X o a h, Biirfrer der Vereinigten 
S t a a t e n Amerikas, vormals Konsul dieser 
Staaten in Tunis. II i p li S h e r i f f in N e w - Y o r k, 
J u s l i z r a t und durch Gottes Gnade Lenker und 
Richter in Israel, folgenden Aufruf erlassen: 
Ich erkläre (.Wn Juden der ganzen Welt, dafi ihnen ein Zu- 
fluchtsort bereitet tiiul somit eröffnet wird, wo sie jenes Frie- 
dens, Trostes und Glückes genießen können, welche ihnen 
durch die Unduldsamkeit und die Irrtümer früherer Jahr-, 
hunderte versagt waren; ein Zufluchtsort in einem freien und 
niüchtigen Lande, wo ihrer Person, ihrem Eigentume und ihren 

religiösen Gebräuchen die größte Sicherheit zugesagt wird; ein 
Zufluchtsort in einem Lande, das bcmerkcnswcrth ist wegen 
seiner großen Hilfsquellen, Reichtums des Bodens, Gesundheit 
des Klimas; wo Gcwcrbefleifi Aufmunterung findet, Erziehung 
befördert und Treue belohnt wird; ein Land voll Milch und 
Honig, wo Israel in Frieden wohnen kann unter seinem Wein- 
stock und Feigenbaum, und wo unser Volk sich vertraut 
machen kann mit der Regierungswissenschaft und den Ein- 
sichten der Wissenschaft und der Zivilisation, so dafi sie be- 
fähigt werden zu jenem großen und endlichen Wiedereintritt 
in ihr altes Erbteil, weichen die Zeit kräftig verkündet. 

Der nachgewiesene Zufluchtsort liegt in dem Staate New- 
York, dem größten im amerikanischen Bande, welcher 4 3.2 14 
Q u a d r a t- M ei 1 e n enthält, 55 Grafschaften faßt und 
6sr Poststiidtc mit 1.500.000 Einwohner in sich begreift, 
6.000.000 .Acker Land. Fortschritte in Ackerbau und Manufak- 
turen, Handel und Verkehr, an 500.000.000 Dollars Eigentum, 
150.000 Mann Miliz, eine Konstitution gegründet auf Gleichheit 
der Rechte, keine Test-Eide und keine Religionsunterschiede an- 
erkennend. 17.000 freie Schulen und Gymnasien, worin 400.000 
Kinder jeder Religion gebildet werden: Das ist der große und 
fortschreitende Staat, dahin die Wanderung der Juden gelenkt 
wird. 

Der gewünschte Ort in dem Staate New-York, dahin ich 
mein liebes Volk aus der ganzen Welt (so wie auch Leute aus 
anderen Religionen) einlade, ist Grand Island genannt, 
wo ich die Grundlage zu einer Stadt, genannt A r a r a t, zu 
legen gesonnen bin. 

Grand Island am Niagaraflufi wird vom Oniario im 
Norden, vom Eric im Süden begrenzt, wenige Meilen 
(englische) von jedem dieser beiden Ilandelsseen. Die 
Insel hat 12 Meilen Länge und 5 — 7 Meilen Breite, enthält 
17.000 Acres Land. Der Eric ist 270 Meilen laug und grenzt 
an New-York, Pennsylvanicn und Ohio, westlich an unsere 
Freunde und Nachbarn, die britischen L'ntertanen in Ober- 
Kanaila. Dieser -herrliche See wird durch schiffbare Flüsse mit 
St. Clair, Michigan und Superior verbunden, ein Seegestade 
von 3000 Meilen umarmend; und durch kurze Kanäle können 
diese grüßen Wasserbecken verbumien werden mit den 
Flü'isen Illinois und Mississippi, und einen ausgebreiteten 
inneren Handel nach New-Orleans und dem Meerbusen von 
Mexiko erleichtern. Der Ontario im Norden ist 190 Meilen lang 
und ergießt sich durch den Loreuz-lTuß, welcher durch Nieder- 
Kanada fließend, den Handel von Quebek und Montreal nach 
dem Atlantischen Ozean abführt. Auf die.se Weise rechts und 



^. 



links durch iiuspcdolinle Ilandclsqucllon der proficn Seen und 
der Ströme l)cfc.sli\d, innerhalb vier Meilen von den er- 
habenen Füllen des N i a p a r a, welche die p r ö I] t e 
^^ a s s e r k r a f t zu F a 1) r i k s w e r k e n darbietet — 
freradc jre-cnübcr der Miindunj; des 'M) Meilen Janpen proilcn 
Kanals fiir die inländische Schiffalirt. dem Ihid.souflussc in der 
Statlt New- York — im Besitz des Pelzhandeis, nach Ober- 
Kanada fiir den Westen, und der profien Länder pepcn die 
Fclsenpebirjrc und das stille Meer, auch des Handels nach den 
\\eststaaten Amerikas, kann Grand Island als von allen 
Handels-, Manufaktur- und Aprrikultur-Vorleilcn umgeben, an- 
jresehen werden und dürfte mutmaf?lich mit der Zeit der {;röl]tc 
Handelsplatz der neuen und besseren Welt werden. Für 
w-iirdijrc und fleifüsrc Menschen hat dieses Land allen An- 
ziehunp:srciz: der Kapitalist wird imstande sein sein Vermögen 
mit sicherem Gewinn anzulecken, und der Kaufmann kann nicht 
fehlen die Belohnung seiner Unternehmungen in einer großen 
und wachsenden Republik zu. ernten; aber für die fleifligen 
Handwerker. Manufakturisten und Landwirte enthält es die 
prüHten und bedeutendsten Vorteile. 

Seit Jahrliundertcn des Rechtes und des Besitztumes be- 
raubt, wird unser Volk hier mit besonderer Freude erfahren, 
dafi sie hier ihr Land bestellen, die Krnte schneiden und un- 
bestreitbar ei-cne Herden erziehen können, und werden in 
vollem ungestörten GenuH ihrer religiösen Rechte und bürger- 
lichen Freiheit, in Friede und Wohlstand ihre Stimme zu Dem 
erheben können, welcher ihre Väter in der Wüste erhalten 
und im Triumph aus Aegypteu geführt, welcher uns die 
sichere Erfüllung seiner Orakel zugesagt; welcher uns als sein 
Volk verkündete und stets uns vorgegangen ist, in einer Wolke 
bei Tage und einer Feuersäule bei Nacht. 

In seinem Namen belebe, erneue und steile 
ich wieder her die jüdische Nation, unter der 
Gunst und unter demSchutze der Konstitution 
und des Gesetzes der Vereinigten Staaten von 
Amerika, alle unsere Rechte und Privilegien, 
Namen. Rang und Macht unter den Nationen 
der Erde bestätigend, wie sie stattfanden und 
anerkannt N\urden zur Zeit der Richter in 
Israel. Und ich lege es hiermit allen unseren 
frommen Rabbinern, Vorsitzern und Syna- 
;rogen Vorstehern, Schulmännern und Brüdern 
in aller Welt ans Herz, diese Proklamation 
herum zuwenden und öffentlich beglaubt und 
wirksam zu machen. 

Es ist mein Wille, dafJ eine Zählung der Juden 
in der Wel taufgenommen ^v erde, und die Listen 
der Personen, ihres Alters und ihrer Be- 
schäftigung in den Archiven der Synagogen 
eingetragen Averden, >\o Gottesdienst gehalten 
wird, mit besonder Bemerkung derer, welche 
sich in nützlichen Künsten, ^\'issenschaft oder 
Kenntnis ausgezeichnet haben. 

Diejenigen unseres Volkes, welche wxgcn hohen Alters, 
Liebe zur Heimat oder aus irgendeinem Grunde vorziehen, in 
den verschiedenen Ländern zu verweilen, wo sie wohnen, und 
welche von den üffeullichcn Behörden gut behandelt werden, 
mögen es tun, . und sollen den Regierungen, welche ihnen 
Schulz verleihen, treu sein. Aber es wird erwartet, dafi sie die 
Auswanderung der Jüngeren und Unternehmenderen fördern 
und sich bemühen, solche nach unserem Lande zu senden, die 
unsere Kraft und unseren Charakter erhöhen durch Fleiß, 
Ehrbarkeit und Vaterlandsliebe. 

Die Juden, welche in militärischen Würden der ver- 
seil icdencn Herrscher Europas stehen, sind angewiesen, ihren 
Rang und Orden zu behalten und sich tapfer und treu zu be- 
nehmen. 

Jch befehle, dafi eine strenge Neutralität bei 
dem Kriege zwischen Türken und Griechen be- 
hauptet werde, die sich auch aus Rücksichten für die 
Sicherheit der zahlreichen Juden unter der drückenden Herr- 
schaft der Pforte empfiehlt. 



f- 



Die jährlichen Al)^Ml)cn, Mekiic von unseren frommen 
Briuicru u;icli der ]ieili{:cu Stuilt Jerusalem geliefert werden, 
>\eiclier Golt uns bald wieder zufüliren mö-c, sollen mit un- 
ahlässi.irer Frei/ichifrkeit fortfrei iefert werden: unsere Scmina- 
rien für Wis^^enschaft und Institute der Mildtiiti:.'keit s(dlen 
iiheruli vermehrt werden, damit Weisheit und Tufrend im aus- 
erwaiihcn Volke immer mächtiger seien. Ich schaffe für 
immer Polygamie unter den Juden a h, w eiche 
c) li n e r e 1 i p i ü s e n V o r 1) e h n 1 I noch in Afrika ti n d 
Asien h c r r s c ii t. Ich verbiete Heiraten und Kidduschin. be- 
vor beide Teile ein anjreme-sene«^. Alter erreicht hai)en und die 
Sj^rache des Landes, Mclclie sie lernten,, lesen und schreiben 
können, was ihren Kindern den Sepen der Bildunf? und die 
Kinsicht der Wissenschaft zusicliern wird. 

Gebete sollen stets in hebräischer Sprache be- 
halt e n w e r d e n, aber es wird emjjfohlen. daß Gelejrenheits- 
reden im Sinne des jüdischen Glaubens, und die MoruUehren 
im allgemeinen in der Landessprache grefreben werden, mit 

solchen Reformen, die dem alten Glauben anfrcmesscn, dem 
Gottesdicns; mehr Weihe pebcu. Die Karaiten und Samari- 
laner, wie aucli die schwar/cn Juden von Indien und Afrika 
und die von Cochinchina und die Sekte an der Küste von 
Malabar sind /u Gleichheit der Rechte und relijriöscn Privi- 
leprien berufen, so wie alle, die an dem großen Bund teil- 
nehmen und mosaischen Gesetzen jrehorchen oder ihnen "N'er- 
ehrunj zollen. 

Die Indianer des amerikanischen Festlandes in ihrem zu- 
pesiandcnen LrspruuL', in Goticsdicnst, Dialekt und Sprache, 
C)j)fern, Lhen, Lhescheidun^rcn, Begräbnissen, Fasten, Reini- 
;:unj:cn, Strafen, Zufluchtsörtern, Stammeintcilun^en, Hohe- 
pnesicrn, Kriejren, Sichren, alier Wahrscheinlichkeit nach Ab- 
kömmlinge jener verlorenen Stamme Israels, 
welche vom König Assyriens weggeführt worden, sollen durch 
geci^rncie MaHregcln ihres Ursprunges bewußt, gesittet, ge- 
mildert und endlich mit ihren Brüdern, dem auscrwählten 
^ ulke, Acreint werden. 

Ein Kopfgeld vou5 Seh ekel Silber oder ein spani- 
scher Thaler jahrlich soll von den Juden in der Welt erhoben 
werden, zu sammeln von dem Schatzmeister der verschiedenen 
Kongregationen, um die Kosten der Reorganisation 
derRcgierung. dicUnterstützungderEmigran- 
tcn, den Ankauf von landwirtschaftlichen 
Werkzeugen, die Besorgung unmittelbarer Be- 
dürfnisse, die Erhaltung ihrer Familie beider 
ersten Niederlassung zu bestreiten, wozu auch 
die frei%villigen Beitrage, welche zur Förde- 
rung dieser löblichen, mit der Wiederherstel- 
lung des \'olkes und dem Ruhm der jüdischen 
Xation verbundenen Zwecke geleistet werden, 
verwendet werden sollen. 

Alle vier Jahre »oll ein neuer Richter durch das Pariser 
Konsistorium gewählt werden, zu welciicr Zeit auch von jeder 
Kongregation Stellvertreter ernannt werden sollen. 

Als Beauftragte nenne ich hier den sehr gelehrten und 
frommen i^ 

A b r. de C o 1 o g n a, Ritter der eisernen Krone, Groß- 
rabbiner und Präsident des Konsistoriums in Paris. 

R. Andrade*^ in Bordeaux, Benj. Gradis, daselbst 

Die groüen Rabbinen der Deutscheu und Portugiesen in 
London, \ i- i- \ -, >, , 

Her sc hei ^ und Meldoki*«^ 

Arou Xunez Cordoza in Gibraltar, 

Abraham Busnac in Livoruo, 



• I 



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A"br. do Cologna: {1163 - 1332), Rabbiner der Gem.-inde L.antua; 
P ar lam j n t srni t A'l i ^' d . 



** Andrade: Abranam A. ( ? - I836), Rabbinur aus üaint Esprit, 

zähltö zu den cilctivstan lütgliedern des T'rpolaoniüchen 
öanhedrin. 

^•^* Her;achel: Galomon II. (1762 - IÖ42), Oberrabbinrr dor accWie- 

nasiochon Juden in Rnß'land, 

^*^* Meldola: David M. (1797-1Ö53), bodeutender Talmudir-t, Oberrabbinyi 
von London, llitbeßTündöP der "JeYd.sh Chroniclü", 



r^ 



Prof. Gans'") und Dr. Zunz"*^) in Berlin. 

Dr. Leo Wolff'"*) in llambiirp, 
tim diese Proklamation in l'mlauf zu hrinjrcn. zutrlcich mit drr 
AoUmncht die nötigen Apcnten in den \ erschiedenen Welt- 
teilen zu ernennen, Auswanderunpscresellschaftcn einzurichten, 
damit djc Juden konzentriert und bcfähipt werden, als ein pc- 
sondortcr Körper zu handeln, in jedem Reiche oder Staate 
diejenigen Vorpcsetzlcn habend, die ich auf ihre Empfehlunpj 
anordnen werde. Diese Bevollmächtigten sollen sofort Instruk- 
tionen erhalten. Eine ausführlichere und allgemeinere Ansicht 
des Planes, der Gründe und Absichten wird in dem Send- 
schreiben an die Nation frefieben werden. Das Pariser Kon- 
sistorium wird hiermit ermüchtipt, drei dis- 
krete Personen von anerkannter Fähigkeit 
nach den Vereinigten Staaten zu senden, um 
dies Land zu besuchen und der Nation Bericht 
zu erstatten über den gepenw artigen Zustand 
des Landes und was es v e r s [) r i c ii t. 

Ich bestimme den 1. Adnr 86 (7. Februar 1826) zur an- 
gemessenen Feier, als einen Tag der Danksagung gegen den 
Gott Israels für die mannigfachen Segnungen und den sicht- 
baren Schutz, weichen er beschlossen hat seinem Volke an- 
gecieihcn zu lassen, und damit bei dieser Gelegenheit unsere 
Gcbcie um die Fortdauer seiner gütilichen Gnade die Er- 
füllung seiner Verheillungen und dem Hause Israel gegebenen 
Versicherungen auszusprechen. 

Ich empfehle Frieden und Eintracht unter uns, Liebe und 
Wohlwolien gegen alle, Duldsamkeit und Freigebigkeit gegen 
unsere Brüder aller Ileligionen. weiche durch die milden und 
gerechleu Gesetze unserer ileligion empfohlen wird, Ehre und 
Treue in der Erfüllung aller unsrer Verbindlichkeiten, zugleich 
Mäfiigkeit, Sparsamkeit und Fleiß in unseren Sitten. 

kh bitte, in euren Gebeten i)edacht zu werden, und schließ- 
lich und ernstlich befehle ich euch: Halte das Gebot des Herrn 
(ieinc^ Gottes, in seinen Wegen zu wandeln, seine Gebote und 
Gesetze und Rechte uml Zeugnisse zu halten, wie geschrieben 
sieht im Gesetze Moses, damit dir glücke, was du tuest und 
woliiu du dich wciulest. 

Gegeben zu Buffalo im Staate New -York, am 
2. T i s c h r i 5 3 S 5 (5. September I b 2 5) im 50. Jahre der 




/ 



ff A.., / ■ 



amerikanischen Unabhängigkeit. 



gez. A. B. Seixas, zeit Secr. 



(Ins Deutsche übersetzt von M. Jost in der „Neueren Ge- 
schichte der Juden 1815— iW5". Bd. IL S, 228—234.) 



Noch "bevor dieses I.lanifest in "Ruropa eintraf, hatte Hoah die 
Gri3^dung seines Staates in aller Form vollzogen. Am I5, September 
1825 - zehn Ta£;o nach Versendung des Manif ests - vAirde die Judenstadt 
Ararat foiorlich oin,f:Gv;oiht. Die Stadt Buffalo war der Schauplatz der 
rolir:iö3on Zoromonio, dio raangols einer Synagoge in der bischöflichen • 
Kirche St. Paul stattfand. Noahs I'^eund, Reverend Searle, leitete den 
Gottesdienst, amerikanische Trupp enahteilungon hielten Wache und lösten 



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den tChrensalut von 24 Kanonenschüssen. Inmitten einer grossen I.lenschen- 
monee bewerte sich ein prächti,-er Zu^: unter den Klängen des Marsches 
aus "Judas llaJdcabäus " in die Kirche. Uoah, im rotseidenen Richterornat 
über den schwarzen Kleidern, eine Goldkette um den Hals, schritt voran. 
Als er die Kirche betrat, begann die Or^el das ffalleluja zu spielen. 
Auf dem Kom.auniontisch la^ der Grundstein dos neuen Staates mit folgender 
hebräischer und englischer Inschrift: 



Höre Israel, der Ewige, unser Gott, 

'der Ewige ist einzig. 

Ararat. 

Eine Zufluchtsstätte für die Juden. 

Gegründet von M. M. Noah, Tisdiri $^U^ September 1825, 

im So, Jahr der amerikanisdien Unabhängigkeit. 



n / 



, ,1 



Auf dem Grundstein standen Silberbecher mit Wein, Korn und Oel. 
ITach dem Gottesdienst, bei dem Psalmen und Stellen aus den Propheten 
in hebräischer Sprache gelesen \vurden, hielt Noah eine Ansprache, in der 
er die Wiederherstellung der jüdischen Souveränität verkündete. 

Der Eindruck, den Noahs Manifest in ^)uropa hervorrief, Scg?itY«T:i:tl7rtg 
xtirfii?i:nTv::L:Yv:T:?tn'httYT?:'bT:TiYt)'haTi?;trtgYyihgxx stand in scharfem Gegensatz zu 
dem glanzvollen Gründungsfest: die alte Welt hatte für Noahs Plan 
nur ein überlegenes Achselzucken. Gerade unter den liännern, die iloah 
zu seinen Beauftragten ernannt hatte, fand er seine schärfsten Wider- 
sacher. Der Pariser Rabbiner Abraham de Colo^^a liess im "Journal des 
Debats" ein offenes Schreiben erscheinen, in dem jeder Versuch, die Judenj 
nach Palästina zu bringen - vras nach dorn Wortlaut der Proklamation das 
letzte Ziel der Gründung von "Ararat" bilden sollte - als eine Lästerung 
der göttlichen Liajestät erklärt und lloah zum Schluss rüorksichtsvoll 
als Schwärmer bezeichnet vAirde. Noch schärfer urteilten Salomon Her- 
scholl und Abraham Andrade über ihren Auftraggeber: in ihren Augen 
war IToah ein Gotteslästerer und Scharlatan, Völlige Ablehnung erfuhr 
IJoah auch bei den V/ienor Aufgeklärten. Der Rodakteur ihres hebräischen 
Organs " Bildoire Haittim", Juda Jeitoles, erklärte es für sinnlos, 
die Juden zur Auswanderung aus den glücklichen Ländern. vora.blassen zu 
\7ollon, in v/olchen sie sich der kaiserlichen Gunst erfreuten, in 



I. 



"Biklcure Haibtim"! "l^rr/tlince der Zeiton", er^ohian l820 
1C31. 



/ 



1 



demselben Sinne überhäuften die Berliner und Wiener Tai-^jocblätter den 
selbstherrlichen Staatsgründor mit Hohn und Spott. "V/ir haben Anstand 
genommen," höhnte die "V/ienor Alljemeine Zeitung" vom 1. November I825, 
"diese Proklamation mitzuteilen, aus I^Xircht die Börse in Alania zu ver- 
setzen, MQnn sie sich plötzlich mit dem Verluste so vieler Liänner und 
Kapitalien bedroht sähe." 

V/ährend das Verhalten der offiziellen Vortreter der aufgeklärten 
Judenheit zu Noahs Ausv^anderungspro jekt durch deren grundsätzliche 
i'linstellung bedin/^t erscheint, befand sich die ebenfalls n0,';jative 
Stellun^xnahme der Gründer des allerdings seit I824 nicht mehr bestehender 
"Vereines" nicht nur im V/iderspruch zu der vom "Verein" einst verfolgten 
Richtung, sondern vor allem zu der im Brief vom 1, Januar 1822 ausge- 
drückten Sympathie mit Noahs Absichten. Dieser \7iderspruch war jedoch 
nur die unvermeidliche Folge der Wandlung, die sich in den seit Nieder- 
schrift jenes Briefes verstrichenen drei Jahren in den beiden führenden 
Geistern des "Vereins" vollzogen hatte. 

Im Jahre I825 v/ar in Eduard Gans längst der "ßntschluss goreift, in 
die Kirche oinzutroton.^, und seine T^rnennung zum Beauftragt en dos 
"Richters in Israel" hat ihn nicht daran gohindort, den l-lntschluss am 
12. Dezember I825 in Paris auszuführen. Immanuel V/ohlwill hat in einem 
Brief auf die Paradoxie der Ernennung dos getauften Gans mit einer 
trotz der Noah gezollten Anerkennung sarkastischen ITebenbemerkung ange- 
spielt, 

( ) Immanuel V/ohlv/ill an Leopold Zunz 

21. Dezember I825 



Kordechai Noah hat das Wort der Erlösung an schlafsüchtige 
Papierseelen ergehen lassen und durch Ernennung eines lieshummad 
zum Uessias gezeigt, dass er \7enigstens vom "Geist der Prophezeiung' 
entblösst ist. 



L.a.-'iger, "Aus L. Zunz« ITaohla;:ö." Zjitioolirift für die Göcliichte 
dor Juden in Deut.-cjiland, V (1892), 265. 

Meshummad: Apostat, Täufling, 



/f 






Das V/ort von don "schlafüfi.chti,o;en Seolcn" traf zwar nicht auf den 
Adressaten dieses Briefes zu, aber auch Zunz war von iPL^endeiner Aktion 
•'.zeit entfernt, die nun {gebotene Gele^-enheit zur Verpflanzung^ eines 
Teiles der europäischen Judenhoit nach Amerika auszunützen. Im übrigen 
hatte die all^jemoine Erregun^j, die dem Judonsturm gefolgt war, nach 
dor Einstellung der Feindseligkeiten einer Beruhigung der Gemüter Platz 
gemacht: man begann vaoder, auf die Emanzipation zu hoffen und sogar 
den Kampf für sie aufzunehmen. Zunz hatte im Dezember 1823 eine Stellung 
als :fTrr:iT:n;gT:^T;TTii-i:^T Redakteusr der Haude-Spenerschen Zeitung angetreten. 
Seine I^rnennung zu einem Beauftragten de» "Richters Noah" vermochte ihm 
unter diesen Umständen nur ein ironisches Lächeln zu entlocken, ^in an 
den mit ilim Qn^ befreundeten Y/ieÄer Prediger Lilannheimer gerichteter 
Brief enthält sein Verdikt über IToahs Staatsgründung. 

( ) Leopold Zunz an Isaak IToah Mannheimer 

27. Januar 1Ö26. 

Heine f^nonnung zum Ararat-Kommissarius hat mir Porti gekostet. 
IToah meint, er brauche nur zu rufen; ich aber sage, er vard väe 
cein Altvater Noah ganz allein auf Ararat bleiben. 



Auch Heinrich Keine gab das phantastische Unternehmen lloahs nur 
Anlass zur Erheiterung, "Designierter Richter über Israel T" sprach er 
Zunz in einem Briefe an und iii einem anderen dienen Noah und Gans 
gleichzeitig als Zielscheibe seines Spottes. 

( ) Heinrich Heine an Lioses Lloser 

£21. April 1826_7 

... 

Ich träumte auch, Gans und lüordechai Noah kamen in Straiau 

zusammen, und Gans war, o V/underl stumm wie ein Fisch. 



Dennoch fehlte es nicht an Nachdenlclichen, die Noahs Plan ernst 
nahmen. Zu ihnen gehörte Zunz« väterlicher Freund Ehrenberg, 



Vgl. Anmerkung zu S. 



^^ Mannhoimor: (1793 - IÖ65) 



Briefwechsel llannheimGr - Zunz. Otü;:,,, von Brarm-Ro.üünmann, 
Monats;^ chrift 191?. S. 295. 

/für Gesohichte und 'VisGünGchait des ^udentumc./ 



lUlIeine^s LelDon und 'Verk-^ Von Adolf ötrod-tmann. Bd. 1. S. 409. 



( ) SJ-ul-Ihrenbor^ an Leopold Zunz 

V/olfenbüttol d 25 Nov. I825. 
Lio"ber Freiind! 

Ohne Doino Antwori; auf mein Schreiben an Dich länger abzuwarten, 
schreibe ich Dir heute, auf Ansuchen unserer i'^reunde, die mich 
gebeten von Dir zu erfahren, was Du von der Aufforderung des Hrn 
Noa in Heuyork, hieltest, und ob Du glaubst, dass diese so viel 
Interesse bei den Juden des alten Continents erregen würde, um 
eine Deputation nach Amerika zu senden? - ich glaube, dass dieses 
vor Allem geschehen müsse, damit man sich von der Lage und den 
Umständen in Amarilca erst genau unterrichte.... 

Dein Dich liebender Freund S.Ll.Ehrenberg 

Die Dringlichlveit des Anliegens, das ausdrücklich als das einer 
Gruppe von Freimden bezeichnet \vird, spricht für das lebhafte Interesse, 
das lührenborg und sein Kreis der Proklamation Noahs entgegenbrachten. 
Dass sich diese Gcmoinschaft an Zunz v/andte, beweist ebenfalls de/n 
Ernst, mit der die Frage der Auswanderung in diesen Kreisen behandelt 
v/urdo. Zunz* Antwort ist nicht erhalten; dass er den Brief nicht unbe- 
antvrortet liess, ergibt sich aus seinem eigenhändigen Vermerk auf Khren- 
bergs Schreiben, der jedoch besagt, dass er die Anfrage erst am 17. lAärz 

- nach zweieinhalb I.'ionaten - beantv/ortet hat. ^ , 

r • 
Lazarus Jacob Riesser, der Vater Gabriel Riessers, der gerade um 

jene Zeit den Kampf um die bürgerliche Gleichstellung der deutschen 
Juden aufnahm, sa^ im Gegensatz zu Zunz in Noahs Plan durchaus Möglich- 
keiten für die Zulamft. 



1 ;i'\ J ( ) Lazarus Jacob Riesser an Gabriel Riesser 

• t 

Hamburg, 24. Januar 1826. 
— Was ich zu dem neuen jüdischen Staat in ITord-Amerika sage? 
Llir scheint, dass der Lann nicht die Propheten, sondern den ITassi 
oder Patriarchen sich zum lluster nalma. Wie bekannt hat dieser Fürst 
der Gef an^*>nschaft bis vor achthundert Jahren noch in Israel gewal- 
tet, aus allen V/eltthoilen Contributionen eingezogen, und dagegen, 



Leopold und Adelheid Zunz, An account in letters. IMi-fcsd mth 
an introductiün "by llahum IT.Glataer. London 19 58. "S, 51, 



* Lazarus Jacob Riot-?3er: (1763 - l82ö), Talmudcelohrter, Sohn einQ 
Rabbiners und einiß-e Jahre Sekretär beim jüdischen Gericht in 
Altena. 

^■^ Gabriül Riesner s (I8O6-I863), Vorkämpfer der '"^'n^nsipation der 
Judon in Deutschland, 



Riosser's Gesammelte Sohriftan, hrsg', von H.Islor. Bd. I, S,42. 



a 






von allen Staaten anerkannt, war or auch der Fürsprochor aller 
Zerstrouton und doren Stütze in der öffentlichen Ifoth. So klein 
oder so^^ar lächerlich die Sache jetzt ßcheinon ma^, so mö^fjan 
Iloth und Zeit und Zeitumstände unsere Naohlcommon die Sache ^^anz 
anders heurtheilen lassen, und oft ist in der \7eltr:oschichte der 
kleinste Anfang ein Keim, der grosse "Rrfolge liefert, 

Leopold Zunz sollte Recht behalten: Vergehens harrte Hoah der An- 
kömmlinge, die seinen Staat bevölkern sollten. Die Stadt Ararat blieb 
ungehaut. Ihr Grundstein wurde ein Schaustück des historischen lluseumo 
von Buffalo, und IToah kehrte nach dem loirzen Zwischenspiel als Richter 
SU ?:::rgr^ri:yi:>:7r.x 'i'atigkeit zurück. Seine Rolle in der jüdischen Geschichte 
schien ausgespielt. Neunzehn Jahre später jedoch hielt er anlässlich 
der IDreit^^nisse im vorderen Orient vor azi zahlreichen Zuhörern in New 
York zv;ei grosse Reden - am l8, Oktober und 2, Dezember I844 - die in 
Buchform unter dem Titel "Discourse an the Restoration of the Jews" 
erschienen, T']r trat für die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes 
durch Rückkehr nach Israels Heimatland ein, "Aber werden sie denn gehen, 
fragt man sich, wenn der Tag der "Rrlösung kommt?" rief IToah in ^rinnerun^ 
an die grösste T^ttäuschung seines Lebens aus. Und er gab die Antv/ort: 
"Alle werden gehen, die des Unterdrückers Joch fühlen, V/ i r mögen 
ausruhen, wo vrLr glücklich sind, aber jene, zur Erde gebeugt durch die 
Unterdrückung, werden mit Freuden den Zustand des Vasallentums hingeben 
für die Hoffnung auf Freiheit," 



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Der i^anzipation ent^e^en 



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Seit der l^itte des achtzehnten' Jahrhunderts hatte sich die T^anzi- 
patmon nur in einer Schicht dos Volkes und im /^eisti.'^en Bezirk 
ahfTGspiolt; im neunzehnten Jahrhundert dehnte sie sich auf alle Schichten 
und alle Gebiete aus. Die Juden wurden in den wirtnohaf tlichon, sozialen 
und /Toiotit'^on Umv/andlun^^sprozoso ])eutachlando einbezogen und /^ov/annon 
infolge der wichti/^on Tiollo, die ihnen in der Rnt\vicklun,^:.'5Zoit des 
Kapitalismus zu^^ofallon war, insbesondere durch ihre Konzentration in 
den rasch aufblühenden V/irtschaftszontren, einen wesentlichen Kinfluss 
auf den Gang der Gesacnte. 

liitbeteiligt an dem Schicksal des deutschen Volkes, sich zur deutschen 
Nationalität bekennend, "amalgamierten" oder - *ie die erst später 
eingebürgerte Bezeichnung lautete - assimilierten sich die Juden immer 
mehr an ihre Umwelt, Aussero.de/ntliche Leistungen in Wirtschaft, Kunst 
und Wissenschaft brachten ^vifei^/aeutschen Juden Krfolg und Anerkannung. 
Damit wurde für viele von ihnen iuExisizxi'^Qes Judentums in seiner früheren 
Bedeutung in den Hintergrund gedrängt. Die Taufe vAirde zu einer ge- 
bräuchlichen Besiegelung der Abkehr vom Ursprung. Diese Preisgabe der 
Bindung an eine grosse Vergangenheit vollzog sich - und gerade darin 
lag das entscheidende LIerkmal des als "Tauf epidemie" bezeichneten 
Prozesses - nicht nur aus Gründen sozialen und wirtschaftlichen Zwanges, 
den das bekannte Heine-V/ort, der Taufschein sei das "^treebillett zur 
europäischen Kultur", hinlänglich charakterisiert. Bei vielen entsprach 
die Taufe der Ueberzeugung von der Unabv;endbarkeit dieser "nintwicklung. 

Dennoch war es nur eine llinderheit, die den - wie sie annahm - 
endgültig aus dem Judentum hinausführenden V/eg beschritt. ITicht Ver- 
schmelzung mit der Umv^elt durch Taufe, sondern organische Einfügung 
in die deutsche Volksgemeinschaft schwebte dem grösseren Teil der 
deutschen Judenheit als Ideal vor. Darum wurden "^anzipation - 
bürgerliche Gleichstellung - und Reform zu Leitlinien für die jüdischen 
Lienschen, die sich zu diesem Ideal bekannten, Sie v^rollten dem alten 
Bunde die Treue bewahren, aber sie waren auch bereit, alle jene Opfer 
zu bringen, welche ihnen zur Erreichung ihres Ideals unvermeidlich 
erschienen. Diese Opfer waren nicht gering: sie bedeuteten Bruch mit 
dem Judentum als unverrückbarer Lebensordnung, Reduktion der religiösen 



/ 



Uobunsen auf den f oiertäf^lichen GottocdionGt, Vorzieht auf dio hooräi- 
GChe Sprache und auf die mocGianischen Hoffnun^'^en, Vorv/andlunc der t-^eoffei 
"harten Glauhonslehre in ein persönlichoa, kritisch üherprüf hären Bekennt- 
nis. Diene Umgestaltun(^ erschien jedoch der Generation, die sie vollzog, 
vreder als Ahtrünni£:keit, noch als Vercov/altißun^, sondern eher als not- 
wondi^je läuternde Tat. Sie betriff sie, nach einem V/orte Llax Wieners, 
als die l*^eileßim{j der "elementaren prophetischen Kräfte cei'^enüher 
dem Pormalismus und Ritualismus der Relicionsf^esetze", als den not- 
v/endicen Versuch, das ^rhe mit der Gegenwart in '^inklan,^ zu hrin^^en. 

Allein so sehr diese Entwicklung aus den Bedingungen der l^oche hervor- 
wäohst, ist sie andererseits doch wieder ein Glied in dem f;ronsen Zu- 
s:mmenharig der jüdischen Geschichte, von der sie sich zu lösen scheint. 
Denn die Geschichte dos Judentums ist schon von ihren Anfängen an 
eine Geschichte der Synthesen und Lösungen, dos sich verlierens und 
wiederfindens, der Untergänge und Auferstehungen. Die Beziehung zur 
Umwelt, zu fremden Tölkern, ja zur Gesamtheit der Völker, der L'ensch- 
heit, ist für das Judentum nicht nur historisches Schicksal, sondern 
Ausdruck seiner religiösen Haltung, Dem Glauben an die Auser\vähltheit 
Israels entspricht, und ist von ihm nicht zvi trennen, joner an die 
l^inheit des l.lenschen,^eschleohtes, die sich ehenso in den für alle 
Lienschen verbindlichen, im Bunde Gottes mit Noah besiegelten Gesetzen 
wie in den Weissagungen der Propheten von der Herankunft eines 
messianischen Priedensreiches kundgibt. Diese Polarität waltet in 
jüdischem V/ecen, in jüdischer Geschichte, Kanaan und Aegypten, gelobtes 
Land und Zerstreuung, V/anderung und Heimlcehr sind die Urformen, in 
welchen sich das jüdische Geschichtsschicksal vollzieht. Auch die Assimi- 
lation ist als äusserstes Gegenstück strengster Abschliossung eine 
historische Kategoria dieser Art. So oft sich das Judentum ihrem Zauber 
hingibt, v/ähnt es am i^ndo seiner V/anders chaft zu sein, während es nur 
die ihm eingeborene Aufgabe erfüllt und nach neuer Form für sein unzer- 
störbares Wesen strebt. Dieses Gesetz sollte sich in der ^'Vianzipations- 
epoche ebenso bewähren väo einst in den Zeiten des Hellonismus und 
dos werdenden Christentums, 

Henri ITathansen hat in seinem Buche über Georg Brandes das schöne 
V/ort uon dem "überströmenden Eros der Ttoanzipationszeit" geprägt. Es 



• 



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* Tax \neYiQT i (1882 - 1950), RabMner in D"s eldorf,Sto-btin, 

Berlin (1909-1939); Dozont am He;(^brew Union Collc^-e Gincinnati 
von 1939 - 1941, 

** ll3nrl ITathanaen: (l868 - 1944), dilniüoher üchrif-tst eller und 

Draraatikar, Beging Selbstmord auf der Flucht vor don llational- 
sozialiston, 

*^^ Georß- Brandes? ■Mathan£5enß "Jude odor ^^uropäor. Portrn.t von 
Gröorg Brandes" eruchien 1931. 



; 



Y;ar in V/ahrheit eine mächtir:e V/eile von llingaibe, dio aus dem inneren 
Bereich des Judontuma der ouropäiGchen Umwelt, und keiner go stark v/ie 
der deutschen, entfrocenschlur^. Sie hielt allen StÖG:>en und Proben stand, 
denen das Judentum im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts immer von neuem 
auscesetzt v/ar. Schon vor Ablauf der ersten Jahrhunderthälfte v/ar dieser 
Prozess so weit gediehen, dass der führende Geist der italienischen 
Juden, der hervorragende Dichter und Gelehrte David Luzzatto^, in einem 
an den Historiker Isaak Llarkus Jost, einen entschiedenen Verfechter 
der jüdischen Reform, gerichteten hebräischen Brief die jüdischen 
Gelehrten Deutschlands mit folgenden V/orten apostrophierte. 



( 



) David Luzzatto an Isaak llarkus Jost 



24. Januar I840 



Und wann endlich Ihr jüdlsdicn Gelehrten Dcutsdilands, wird 
Euch der Herr die Augen öfTncn? Wie lange nodi wollt Ihr nicht 
einsehen, wie verkehrt Ihr handelt, indem Ihr der Menge nadilaufct, 
den Nationalstolz erlösdicn und die Spradic unserer VättT der Ver- 
gessenheit anheimfallen lasset? So lange Ihr Eure Brüder in dem 
Wahne werdet beharren lassen, daß das Ideal der Vollkommenheit 
nidus anderes ist als Assimilation an ihre Nadibarn und das An- 
sehen, das man bei ihnen gewinnt; so lange Ihr nidit Selbstbewußt- 
sein genug werdet erlangt haben, um voll Eifer für Gott, für die 
\^'ahrheit und für die jüdische lirüdcrlidikeit das Volk /u lehren, 
daß das hödistc Gut nidu etwas Siciitbares ist, sondern das, was 
tief im Herzen empfunden wird, daß das Glüc^\ unserer Nation nidit 

von der Emanzipation abhängt, sondern von unserer Liebe zuein- 
ander, von unserem Zusammenschluß in einen brüdcrlidicn Verband, 
und daß dieses Zusammengehörigkeitsgefühl infolge der Emanzipation 
allmählich sduvindct: wird sida notwendig an Eudi der Aussprudi 
des Propheten Maloadii erfüllen: „Und idi madic Eudi vcräditlidi 
und gering in den Augen des Volkes, in dem Maße, als Ihr meine 
Wege nidu hütet und das Gesetz parteiisdi handhabt." 






Und doch sollten eben aus der Mitte der deutschen Judenheit der 
Prophet der jüdischen Renaissance mui sowie der Ver\\drklicher des 
Zionsgedanl-cens hervorgehen: i^oses Hess und Theodor Herzl, Beide hatten 
schon ein Lehen fernab vom jüdischen Bereich hinter sich, als sie 
den V/eg zum Judentum zurückfanden. Und beide verbanden ihr Streben 
nach "Rrlösung des jüdischen Volkes mit Ideen und Bewegungen, die 
v/iederum aus der ^ge selbstsüchtigen Nationalstolzes hinausführten. 
Erst aus der deutschon Judenheit erwuchs die Kraft, die dem im Osten 
schon mächtig gevADrdenen Drang nach nationaler Regeneration eine 



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I 



Da-vld Lii^aattos (I800 - I865) 



^■^ Moses Heiis: ijl8l2 - I875), v^:!. Abi^chnitt Moses He: rs, S, 



*^-^ Theodor Herzli (l86('J - I504), Beß-ründer und bis zu seinem Tod 

Präsident der Zionisticohon l7elbor{_^anication. In soiner .Broschürs 
"Der Judanstaat" (I896) entwarf er ainen Plan zur Lö.<junfy der 
Judönfragö ö.uf nationaler Crrundlag^e, 



/ 



klare Richtunc vorlioh. Von hior erfÄns zum oratonmal in dor zwei- 
taucondjährif^on Diaopora der Ruf, die Stimmen des jüdicchon im Chore 
der übri^:en Völker vernehmlich zu machon. 



Auf die Generation, die durch ihre Hotahlen hei den Re{;ierungen 
und am V/ioner ICon^reGS um die Gleichstellunc {jöv/orben hatte, folgte 
eine neue, deren Söhne Bahnbrecher einer auf die Ideen der Freiheit 
und Gleichheit gegründeten Rechtsordnung und Mihrer der sozialen 
Revolution "".vurden. Aber auch die zu Beginn des neunzehnten Jahrhun- 
derts geborenen Wortführer der deutschen Judenheit betrachteten die 

« 

von ihnon angestrebte TiJmanzipation nur als eine Auswirkung der politi- 
schen Befreiung des ganzen deutschen Volkes, als dessen Teil sie die 
Juden ansahen, nicht als einen diesen gewährten Sondervorteil. 

Johnnn Jacoby, Arzt und Politiker, in Königsberg I805 geboren, 
steht neb an dem nur ein Jahr jüngeren Gabriel Riesser im Vordergrunde 
der Genchehnisse, die die politische Geschichte der deutschen Juden 
in den der Ti^nanzipation vorangehenden Jahrzehnton bestimmten, t^s ist 
zv/ar von Jacoby gesagt worden, dass sich seine politische V/illcns- 
bildung an dor Praßte der Judcnomanzipation geformt hat, in Wirklich- 
keit aber v/ar der universalistische Freiheitsdrang in Johann Jacoby 
so mächtig gev^'orden, dass die von ihm erhobenen politischsn Ansprüche 
der Juden von den Forderungen, die er namens des deutschen Volkes 
vertrat, nicht zu trennen sind. Aus zwei von Jacoby an nicht- jüdische 
I^'rcunde - einen unbekannten Adressaten und den liberalen Ritter,^ts- 
besitzer Alexander Küntzel - gerichteten Briefen geht dies deutlich 
hervor. 

( ) Johann Jaco])y an Jacob /wf [^^^'■"^'^' ^-^' v-^vi--«^ uui^e,Lc^\--Tl 

Königsberg, 10. Juli 1832. 

• • * 

i.ittcn unter frohen christlichen Genossen fühlte ich mich oft 
plötzlich durch ein dunkles Gefühl beklemmt, das meine Brust 
gewaltsam einengend, den haum - - 



Johann Jaool)y: (1805 - IÖ77), entschiedener Bemokra-tj I848 
Mitglied daa Yorparlanants und ainer der li^lirer des linken 
Flügels in der preu.-'sischan National versammlun/j, I849 Mitgliöd 
dor Pr^-'.nkiAi.rter ÜJationalversaxiridung' und der Zv/eiten ICanmer 
(j^usr.erste Linke), später Gegner Bismarcks, ab I872 ilitglied 
d r xSozialdemokratischen Partei, 



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Gobriel Rieasors v^l. Anm. zu S. 



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1 



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Gustav llayerj Liberales Judentum im Vormärz, In: Der Jude, 'Uno 
Monatsschrift. 1, J^j, I916/17. S. 670ff, 



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aufdämmernden Frohsinn erstickte; bein*. besten Willen konnte ich nicht wicr'r - 
zu Heiterkeit kommen, sondern saQ <* ". -:■.: in mich gekehrt im Kreise derer, ^l:^ 
von jedem Ai;;\volm fein ^'t''. i."it cf.'v:*. :•: }'erz!ichkeit einrjider hingaben. D ■ •, 
nnhoi""'''''' " r •''.' V •• •''■ ,•'•' '. ': '' -r ■:'.■.■ w..-^ ninß'c \\\'.c\\ il." a f,e.:v.-;:. 
ci:>>":>.i ';' •> ' '•» " ■''■ ;:<' : /' ■. ■■': ■■.■'. ' :.\ i'röhliclu.ii .il)clo''. n, .:.i ; 

d.ios nr.f mich und .''v.lrre einen höc'.V:: s* :-:r.-:e:i Einfluß ausüben. — - Oft h.-'b.-» J-'- 
über U::rc''.r '• 1 ''olg^n (ii.'rcr l^-i:>-- .:.:^ r. -. :hgedacht, und gefunden, -- 
ähnliches i,c.'. ili jedem gc''ildetcn u' ■- .- j.-itn'.-.raden Juden br'gegiK^t, .s.«',)!.! ...- 
«-•ich über seine imnatürliche Stellung zi: ?'.:v.-elt aufrichtige Rochenschai't ,,1!)'. 
Der Gedanke: Du bist ein Judel 15: eben der Quälgeist, der jede v/Ap.rc 
Freude lähmt, jedes sorglose Sichger.enlassen gewaltsam niedordrüo'itl 
Durch die Sta:;tsgoseizc von äußeren Ehren 'jnd so vielen Rechten ausgeschlo •>•:•., 
in der lueinung seiner christlichen M.'.rü.-^tr niedriger gestellt, dies wenigsieiu 
ütcls (und w.jr kann es ihm verdenken?) ar^-v:.-:.-;nd, — ■ fühlt der Jude sich durcli 
frcrulc Überhebung gcdcmütigt, und :«: sj ; zu sehr geneigt, in joder unschul- 
di:'r-i Außerunq; eine Krankun-^j zu be:ür:b :■:.■. ".'.'ie kann er sich harmlos oder walir 
zei^on, da er jeden Au;;enblick än;^s-'.i:i~. =.-: i::h aufpassen muß, um nur ja nicht 
als Jude (im Sinne der Christen geno;r.:r.:r.) iit ihm — • als Einzelnem — • gcv/orden.? 
Achtung aufs Spiel zu setzen? Und ist <zz üibit unter Christen, die sich von d-M.i 
mit der l\Iuttcrmilch cinj;esogenen Vor-::;.*, freigemacht, sich nicht besser 'diiiik-ii 
rls der beste Jude, doch knnn er sich c?.- '.'. I:rauens nicht erwehren: eben weil er 
Gespenster glaubt, sieht er sie. — Je rr.ehr er so durch sein scheinbar-unwahres 
Bcneh.men auf die Liebe der anders gliubsnien I.ritmenschen Verzicht leisten mj3 
— denn nur das Herz gewinnt ein Herz, nur Vertrauen erzeugt Vertravien — •, desto 
eifriger strebt er v/onigsteas die Ach tun- därselben sich zu erkämpfen und fest- 
zuhalten. Aus dieser Quelle lassen sich die ir.äisten Eigentümlichkeiten und FcIiIt 
h.crleitcn, die man nicht olme Rech: ^emtir.rr. und gebildeten Juden zum Vorwurf 
macht. r.Iit aller Geistesanstrengung reagier: er — nur freilich oft zur Unzeit — , 
um seiner gekränkten Menschenwürde nichts zu vergeben, um sich und andern 
nicht etwa niedriger zu erscheinen. Erbi::erung über wirkliche oder vermeintliche 
Zurücksetzung — Furcht vor dem Schein zu großer Demut läßt ihn in das andre 
Extrem verfallen, in Egoismus, Hochniu: und Selbstüberschätzung. Zugleich abjr 
(um nicht bloß bei den Schattenseiten zu verweilen) — ■ wird durch solche von Jugend 
auf geübte Opposition, gleichsam durch die stete Antreibung, der Geist schärfer, 
lebhafter und mehr entwickelt: ein Verzug, der leider 1 mit zu großen Opfern er- 
kauft v/ird. Denn als Resultat des Ganzen steht einmal fest, daß der gebildete Jude 
zwar die Achtung seiner christlichen Umgebung genießt, aber nie ihre Liebe er- 
v/erben kann. 

Schon als Jüngling empfand ich Q.tT^ heftigsten Unwillen über die scluniÜ'dicli'i 
Erniedrigung, in welcher v/ir Juden leben. Dies peinigende Gefühl verleidete m:f 
die Freude des geselligen Lebens, für die ich jedoch in den Träumen einer besseren 
Zukunft reiche Entschädigung fand. Je älter ich aber wurde, desto v/cniger konnten 
mir die schönen Träume genügen: ich fühlte eine Leere im Innern, welche auszu- 
füllen ich mich innig nach Gelegenheit zu Taten sehnte. Sollte das Leben nicht in 
ctv/as andern! bestehen, als in dem blo2en Vi'echsel von Essen und Verdauen, ^on 
Anstrengung und Vergnügen; sollte vrissenschaftliches Streben und gegenseitiger 
Auslausch von' Liebe und Freundschaft schon das höchste Ziel desselben sein? Icii 












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5 ahnte einen des Kati^«»" ; v " .Kj^t-cn »^.r-i-;. 'V- '* • ''rr\ ... ,, ,• ■/ .-.i. .< i.ai';.- 

:t ■ /er tr«nit, ;•' .jr ! ' ■ ^!;^ i'\ich '"'♦•. rri7t t '•'• n i. •' ■'■■■ ,. .-, -'i;- : -'m -'i' iiillon. 

.', :i T 'n "'' u' • ' '• ' ii.ls ''r/t' V.I ''•'il'f, i^i. '■'■■ ' . r ■: •: •*! " '; ' .* ir"' /.'i»ii 'l'-i| "■.-•|ö;»-. 
! . ■' ■■■':'i ■^■- ■ n • ■,' • ^r ,.. ,■!• -, , ... . ;'. ■..;i^, i,i. .■•■ • ' • :' -rlirj 

l .1' '"'■« ■ ! .uJi • ' ' \, ii)il .1 . I .1; / i ^. <.•..;■'• "'jr : .' ■ ■ • -.-/rn 

! (li'in <.ci5tigoii Wohle der i\iciisciilu-u seine Kraflo vviduicMi, d^to ist u<.i- oiliabcne 

I ,■ >ck üiiscrcs D-i'-^cins. V/ie bcen;{;t es ;^')':r die '.'" hm, v/enn wii vr^ • 'ücscn liolicn 

t i' iJo.ion iuv-,cior tdecn auf die v.-rfl.';chle ' /:; ':•' "il^it den IJlirk v.(;r[;.n, v.«.;ui 

^ ..ir in dieser unsere Kröfle so «jhmaächtif?:, n.ib. "n Si indnuiikt so 1 i-sclirankt, nnrl 

i vor allem den Weg durch ein leidiges Vorurteil \ins üho'-all versperrt sehen. /vllJn 

; Iiicr ist es eben, wo wir H-ind anlogen müssen: können wir nicht nach dem Höchsten 

streben, so v/oücn wir wenigstens die Hindernisse wegzuräumen suchen, sei es für 
uns o-'oi M-st z\un Besten unserer späten Nachkommen. Durch Rede und Tat gegen 
Unto'<l''"'k"ng anzukämpfen, ist uns eine heilige Pflicht, damit endlich der bc- 
J.,in".:< 'rv ./crie Zustand einer lange verachteten und zum Teil dadurch verächtlich 
g. V .'jidon-^'i 'Classc verbessert, uiid (\ci'^ einzige Mittel hierzu — bürgerliche Gleich- 
st'.lkMg — errungen werde. Die Scheidr'v/and muß fallen, die ein krasses Vorurteil 
aufgerührt und zur Schande unseres Jahrhunderts unterhält. Wer — Jude oder 
Christ — einen Stein herausreißt und dadurch zu ihrer Zertrümmerung beiträgt, 
hat ein vordienstliches Werk getan. 

Dcse Überzeugung wie der Entschluß, für diese zu handeln, hatte sich sclion 
früii bei mir festgestellt. Ich wurde zuerst durch den Schmerz dahin geleitet, den 
auf der Universität die kränkende Ausschließung der Juden von der *) wohl in mir / '* . 
erreg' c. Als Fuchs mußte ich meinen Ingrimm verbeißen und schv/cigen. Kanta ,^/* --^-Q// < 
aber war die Zeit der Unmündigkeit vorüber, so trieb mich der innere Unmut, a'.lcs ' ^ 

zur Vernichtung des ungerechten Kominentgesetzes aufzubieten. Freilich waren ' 

dies nur Stürme in einem Glas Wasser, zugleich aber — ein Spiegel der Zukunft, 
die unser harrte. Welche Freude, als endlich unsern vereinten Kräften das Zer- 
störungsv/erk gelang, alles wähnten wir erreicht und abgetan. Doch nur zu bald 
folgte die Enttäuschung: v;ir traten ins Leben und wurden gewahr, daß es nur 
'Knabengefechte gegen Distelköpfe gewesen, daß statt des aufgehobenen hundert 
ähnliche Gesetze uns Hohn sprachen, daß gegen diese neuen Beschränkungen v/ir 
uns nicht einmal auflehnen dürfen^-rtlit bürgerlicher Unfähigkeit geschlagen, sehen 
v.'ir uns von allen Ehrenstellen, Staatsämtern, selbst von Lehrstühlen a''sgcschlc?-^en; 
nicht einmal Offizier, Torschreiber, Feldmesser, Apotheker, Kalkulator, Brieflrä ;;or, 
Sekretär kann der Jude v.'crden. Überall v/ird er in der Entv/icl:lung seiner 
Fähigkeiten gehemmt, in dem ungestörten Genuß der Menschen- und Bürger- 
• leclite gekränkt, und überdies noch — als natürliche Folge hievon — der allgemeinen 
Veraehtung preisgegeben. Und dennoch — wahrlich! es ist kaum glaublich — gibt es 
Juden, die noch nicht einmal zur Einsicht vier ihnen zugefügten Unbill, ;:uni Ge- 
fühl ihrer Schmach und zur Sehnsucht nach Freiheit gelangt sind. Die meisten haben 
durch die gewoluite Kettenlast eine so hartschwicligc Haut bekommen, daß sie ditw 
Druck Vv'cder empfinden noch los zu werden streben .... Unter meinen Bekannten 



•) Hier v/ar in dem mir vorHcgcndcn Bricfkonecpt ein Wort unleserlich. Aber der 

Sinn ist klar: Jacoby errcichto gegen heftigen Widerstand der Korps die Abicbaflurig der 

Einrichtung, daß bei den Studcntenbällcn kein Jude an der Spitze stehen durfte. 

He(t 10. 47 



"V, 



sind nur wenige, denen ich mich anvertraut, — ist nur einer, der i]iit mir den bitteren 
Schmerz unserer demütigen Lage lebhaft fühlt, und dieser eine ist ein — Christ 
(Hobrecht) .... Icji für mein Teil habe mit meinem Scliicksal abgerechnet und bin 
über meine Wünsche und Ansprüche im klaren. Die Lrl)cnsrichtung, die icli unter 
andern Verhältnii;?cn genommen, ist mir nun einmal verrückt imd verpfuscht: 
ein Opfer des krassen Vorurteils, liabe ich dem Kampf gegen dasselbe mein Leben 
gev/eiht, und halte jeden Augenblick desselben für verloren, in dem ich nichts da- 
für tun kann. 

Nach reiflicher Prüfung bin ich zur Überzeugung meiner guten Sache gelangt: 
ich iinbe lange über die verschiedenen Religionen nachgedacht und finde in dem 
von Ralbinersatzungcn gereinigten Judentum noch immer mehr Genüge für meinen 
Geist als im dermaligen Christentum. Denn ersteres steht der — nach meiner Idee 
— höchsten menschcnv/ürdigsten Religion, dem reinen Deismus um vieles näher. 
In dies<^ni Glauben werden in Zukunft vielleicht alle Menschen sich vereinigen, 
v.'cnngleich, solange Auffassungsvermögen und Kulturstufe bei den einzelnen Men- 
Sthen verschieden bleiben, auch immer verschieden höhere oder beschränktere 
Vorstellungen vom höchsten Wcsci'i und unserm Verhältnisse zu demselben fort- 
bcsteh.en v/erden. Bis zum Allgemeinwerden dieses Deismus aber scheint es mir 
eben Bestimmung des Judaismus zu sein, dem überhand nehmenden Gefühlsschv/indcl 
des Christentums auf alle mögliche Weise entgegen zu arbeiten. Und vieles ist in 
dieser Hinsicht schon gefördert. Wie nahe stehen in ihren Ansichten Rationalisten, 
Thom.asch.ristcn, Unitarier usw. dem vorurteilsfreien, vernünftigen Judentum; wie 
v.'ürdcn sie sich noch lun vieles näher stehen, wenn dem Streben der Juden nach 
Verbcrserung und zeitgemäßen Reformen nicht vom Staat so viele Hindernisse in 
den \W.x riclort würden! Ich erinnere nur an das Verbot, deutsche Prcdifftcn in der 
Synagoge zu halten, an die gev/altsame Schließung der Jacobsonschcn Schule*); — • 
und auch dem Tempelvercin von Hamburg steht ein ähnliches Schicksal bevor. 
Nur durch Verstopfung der Quelle kann allen diesen Übelständen abgeholfen, und 
eine bessere Zukunft herbeigeführt v/erden, und so werden wir wieder darauf zurück- 
gcleitet, daß vor allem Verbesserung der bürgerlichen Stellung der Juden, völlige 
Emanzipation zu erringen nottut. Wir kennen demnach Krankheit, Ursache und 
Heilmittel; nur wie man zu letzterem gelange, ist noch die Frage .... Vor allem 
sckicint es mir nötig, sich in der Lage der Sache zu orientieren, zuerst sich selbst 
und dann andere über den sittlichen, intellektuellen und bürgerlichen Zustand der 
Juden (im allgemeinen wie in den einzelnen Staaten) genau zu unterrichten. Daß 
so viele Juden aus Mangel an Interesse hierin völlig unwissend sind, lehrt leider! 
die tä.;l:che Erfahrung. Ist solchen Leuten in ihrer Haut nur v/ohl, so lar;sen sie 
sich die schimpfHche Stellung der Glaubensgenossen wenig zu Herzen gehen: und 
v.'cnn sie ja dabei etv/as empfinden, ist es höchstens die Trauer einer Stunde, nicht 
der durchs Leben gehende Schmerz, der allein zum tätigen Widerstand anreizt. 
Der Kaufmann kümmert sich wenig um die Zurücksetzung und Ausschließung von 
Ehrenstcüen, Staats- und Lehrämtern, denn er strebt nach allen diesen nicht; laßt 
man ihn doch ungestört seinen Handel treiben und im völligen Genuß seiner Ehe« 
rechte, essen, trinken und sich fortpflanzen; damit ist er zufrieden und läßt sich 



*) Der von Israel Jacobson und dem Banldcr Herz Beer in Berlin errichtete Prlvat- 
tcmpcl mußte auf königlichen Befehl 1823 geschlossen werden. 



i:i -.einer knlloa Selbstsucht iiichls davon träumen, daß mich er in seinen c'.^Wcn 
K.chton r;okränkt wird. \Vt.r von Jiirond auf im Gofan^-nis leiste, fü/.:: .'.::"' d'.Q 
.r-.ckende, hruiilhcklcmmcndü Luft dt;-,:;cl1'. n; - eine freiere Almosphüre .-:: . -jn, 
,; • r.Hick ' '-»nril cv a v.xni ■, ii n s';rU d.> '-xh ^v.hn n, iin\ Ci schiU/:: - ,: : '■ '. .'::y\, 
•.!■'.• Jn.^' icklicho iUViß [..-u .'lis dein S^li'.'' fc tm'.!., ' i, ''--n 5:<:!- ••.•'.• .•.-. '"' ~t 
i:;rcs Ehrgefühls in Ansprucli nehmen, sie mit der Na:.e duf ihre K-i:.:-. s::: n, 
. '. sie zur T:^insicht uiul zu.ii Goi'ilil ihrer Sol.iinch zu bringen. Wohl ;- .■:- Gc- 
.iu i';. ebenso schwiriij; als (rruri-; v/onn der i:o:.scrc aber nur iiicht vor. •-■.:. :::•.:•: :-i'i 
..rn Celincjcn verzweifelt, 'fMidcrn jeder auf seinem Slp.ndpunkt gev/iic::/.- -.t'-: cias 
:.:^{ilichc tut und diese Ani^olcgcnheit zur Hauptsorrje seines Lebens ::: ::'.:*:, so 
wird das Gute vielfach gefenlcrt, und — friih oder ^pät — für unsere S-.che alles 
gewonnen werden. — Ebenso i^t es ferner erforderlich, auch die ein .:! -.tri Christen 
über diesen Gegenstand zu b<'lchren, da vielen derselben die Kennmis des ur.s zu- 
gefügten Unrechts ganz abzugehen scheint; möge es uns zumal gelingen, denjenigen 
die Augen zu öffnen, die ihrer künftigen Stellung nach einst für uns v/irken \<6:\r.(in. 
Unter Juden und Chrisicn müssen wir uns Genossen zu dem bevorsteher.icn Kr-r^pf 
werben, die Gleichgesinnten — nah oder fern — auskundschaften, und ur.i mit 
'ihnen in dauernde Verbindung setzen. — Ist's lunlich, so suche man ei^ne Vereine 
zu dem Ende zu stiften, oder v/enigstcns die schon bestehenden dahin zu b-is'i:r.:r.t.n, 
ilaß sie ebenfalls auf die Verbesserung des bürgerlichen Zustands der Juden i*-.r Au^-.n- 
tncrk richten. Wer ferner Fähigkeit und innern Trieb verspürt, sc/.reibe gt^^n 
das Vorurteil und gegen die Advokaten verjalirten Unsinns, es ist dies freilic'.-. schon 
oft geschehen, und alle vernünftigen Gründe erschöpft, ohne etwas zu fruchten, 
ich verspreche mir daher nicht viel davon; doch dürfte immerhin, v/enn CcS Sr.n'cn- 
l:orn fruchtbaren Boden findet, es bei dem einzelnen uxis gute Erucl.t r^i^tr., und 
ist der Versuch daher nicht ganz zu unterlassen. Der Zufall tut für Faule 
nichts, deshalb heißt's: arbeite und dann hoffei Wo der Staat nicht c:2 H^lndc 
bindet, denke man zugleich an eine zeltgemäße Reform, an die geistige V.*i:-dcr- 
geburt unserer Ecclesia pressa und an Erhebung der niederen Klasse cer Juden. 
Man suche hier wenigstens vorzubereiten; gelingen kann das Werk erst nach er- 
folgter Emanzipation. Wir sehen namentlich an dem Beispiel Hollands, caJj mit 
der V/iedcrertcilung aller bürgerlichen Rechte das übrige sich von it'.*~it findet. 
Um endlich aber diese Gleichstellung zu errir-.gcn, benutzen wir vor all:-:r. cie rnlch- 
ti^e Gärung unserer Zeit! Überall erblicken wir zwei sich feindlich g-j j-rr.übcr- 
stehendc Parteien: auf der einen Seite die Herrscher und Aristokraten rr.i: i'r.rer 
Neigung zur Willkür und dem starren Festhalten an alten, vernunltwi irij^n For- 
men; auf der anderen die Völker mit ihrem neuerwachlcn Kraftgcfü'-.I ur.l der 
lebendigen Sehnsucht nach freicrem Aufschv/ung. Wir müssen uns rr.r. vc'.'.ij^cr 
Hingabe einer Partei anschließen, wenn wir unsere Wünsche erfüllen und eis em- 
pörende Joch abschütteln v/ollen. Von den Fürsten haben wir nichr-5 21 ;:v.r.:t-:n: 
vrrniöchtcn sie auch sich vom Vorurteil freizumachen, könnten sie sie!: 5,u:;-. ir dfe 
schmerzliche Lage des Gchuldlos zurückgesetzten und verfolgten Juden '.■-.-in- 
denkcn, das Unglück, das auf so vielen Tausenden ihrer Untertanen !'.*:, -.rdc 
sie höchstens zu ?.Iitleidon rühren; aufheben aber v/erden sie es nicht. I; -. .-* '.-int 
jede geistige Freiheit verderblich, also auch die der Religionsmeinun^i-r.. G.: - an- 
ders verhält es sich mit der Voikspartei. „Vernichtung jedem Vorurteil, Kr::-^ ;• ."■.r 
unnützen Freiheitsbeschränkung" heißt hier die Losung. Unter c:::^5 H'-.r-'-.r 



47* 



f 



müssen wir uns reihen, um zugleich Vorurteile und Beschränkungen, die uns drücken, 
zu vertilgen. Hier seien wir mit Wort und Tat zu streiten bereit, wo — abgesehen 
von der Judenfrage — uns auch so schon Herz und Verstand hinzieht 1 Noch is^ 
CS bei uns nicht r.u offenem Kampfe gf kommen, und unsere Kräfte sind leidoi! 
schwach. — Immerhin! v/ir Ivönncn doch im slillon unsere Mitbürger für die liberale 
Partei zu gewinnen und auf vielfache Weise die gute Sache zu fördern streben. Von 
unsem Erfolgen laß uns einander in Zukunft aufrichtig Rechenschaft ablegcnl In 
froher Gewißheit des Sieges wollen wir mit Aufopferung aller anderen Interessen 
für Konstitution, Preßfreiheit und wahre Volksvertretung kämpfen: diese allgc- 
meinen Wohltaten bringen sicher in ihrem Gefolge auch unsere Emanzipation l In 
Nordamerika, Frankreich, Holland und auch neuerdings in Belgien und Hessen- 
Kassel ist unsern Glaubensgenossen vom Volke ihr Recht geworden; bald hoffent- 
lieh wird nun auch in England, Hannover und andern Ländern ihrer billigen Forde- 
rungen Gehör gegeben. Mut und StandhaftigkeitI So wirds auch bei uns gehen. 
Es reifen unsere stillen Hoffnungen allmählich zur Wirklichkeit 



) Johann Jacoby an Alexander Küntzel 



Königsberg, 12. Mai 1837. 

.... ,, Wären wir Juden, schreibst Du, so würdest Du mehr und lieber Zeit für 
uns haben usw.'* Darauf erwidere ich nur: nenne mir einen Juden, der meinem 
Herzen näher steht als Du oder Hobrechtl ich weiß keinen. Daß die vielen Be- 
rührungspunkte, die uns seit einer Reihe von Jahren innig aneinander knüpfen, 
noch um einen vermehrt würden, wenn Ihr Juden \yärt, ist natürlich; Ihr würdet 
dann gleich lebhaft, v/ie ich, den Schmerz einer Lage empfinden, deren bittere Krän- 
kungen Euch jetzt glücklicherweise unbekannt sind und ewig unbekannt bleiben 
mögen. — Daß ich ferner den großartigen Kampf für die Volksfreiheit nur als Mittel 
für Emanzipation der Juden benutzen will, das ich engherzig genug denke, um 
,,v/ie O'connell nur für die Freiheit zu fechten, damit Irland Gerechtigkeit erlange": 
ist ein Vorv/urf, der ungerecht ist und durch öftere Wiederholung um nichts ge- 
rechter wird. Auch von O'connell glaube ich dies nicht; aber bei ihm wäre es 
möglich; ihm könnte es vielleicht nur um Irlands Wohl zu tun sein, und die all- 
gemeine Freiheit nur ein Mittel, das er allenfalls mit einem andern vertauschen 
würde, wenn ein anderes besser und schneller zu seinem Ziele führte. Irlands Frei- 
heit wäre denkbar, auch ohne die Freiheit der übrigen Völker; ganz anders aber 
verhält es sich mit den Juden. V/ie ich selbst Jude und Deutscher zugleich bin, 
so kann in mir der Jude nicht frei v/erden ohne den Deutschen und der Deutsche 
nicht ohne den Juden; v/ie ich mich selbst nicht trennen kann, ebcnsov/cnig vermag 
ich in mir die Freiheit des einen von der des andern zu trennen. Dein Vergleich 
ist nicht ganz richtig gestellt. V/äre es nicht ungerecht, zu behaupten, O'connell 
habe nur um seiner katholischen Glaubensbrüder v/illen für Irlands Freiheit ge- 
stritten ? Und ist Deine Anklage, daß mir nur der Juden v/cgen die Volksfroiheit 
am Herzen liege, minder ungerecht? Was ist es denn eigentlich, wonach ich strebe? 
V/as anders, als freie Entv/ickclung und unbeschränkter Gebrauch aller körperlichen 
und geistigen Kräfte? Und hältst Du mich für einen so engherzigen Fgoisten, daß 
ich dieses höchste Gut nur für mich wünsche, oder für meine Familie, oder für die 
mir zunächst Stehenden? Nein, wahrhaftig, und würde auch nur Einem meiner 
Mitbürger dieses Recht vorenthalten, ich v/ürdc darüber gleich lebhaften Unwillen 



s. ••:..■■ ^'■- 



.^•. 



•#■'"■ 

V 



a.a.O. ;f /,. ^ ^^/1^/p^/^^ 



/9 



nhlcn, als Geschähe m,r selber solche Zurücl:=c.zung. Ich verachte j.:,. elerdo 
. r.m erc. .leu scl^r Vo Usvcrtroter, die nur für sich Gcvcrhcfrcihcit voUen und 

:,:h darüber streuen, ob auch ein Jude Seifensieder und I.ichtzicher v.-erd.n dürfe 
..:rJ coch solle .ch selbst in ilucn Fehler verfallen? Habe ich ,les;-..Ub, -.veil h 
:.clber k«n Pole bm, nunder warm für sie Partei uenonunen. oder hak. ich es etwa 
,u,r der Juden wegen getan? Du müßtest mich gar nicht keinen. Küntr,!, oder Du 
Lannst es nnt d.esem Vorwurf nicht ernst meinen. Wir schmachten alle insresanU 
,n e.nem großen Getangn.sse; Ihr dürft darin fessellos un.hergehen, während schv.er. 
Ketten m.ch und memo Glaubensgenossen an dem Boden festhalten, .r.d - v as' 
uns am me.sten kra-ikt, v.elc von Euch spotten noch über unser Unglück und freuen 
s,ch, daß es noch <^gero Sklaven gibt als sie. Ich gestehe Dir ein, es wäre mir eb 
meme Fesseln zu brechen und gleich Euch wenigstens in dem Gefängnisse mich 
bewegen zu können M.t solcher Gleichstellung wäre aber im.ner noch wenig ge- 
wonnen ; ob das Gefängnis weiter oder enger, die Fesseln schwerer oder eichter. 
.st nur em germger Unterschied für den, der nicht etwa „ach der Beeu-mrchkeU 
son ern nach Freiheit sich sehnt. Diese Freiheit aber kann nicht dem i nzeln rl 
zu te>l werden; nur vv.r alle zusammen erlangen sie, oder keiner von uns: denn 
c.n und derselbe Femd und aus gleicher Ursache hält uns gefangen, und nur allein 

ch d f K ^."' f" Gefängnisses kann uns zum Ziel führen. Je ;chwe.-er gerade 
u,ch d,e Ketten drucken, desto inniger muß ich die Freiheit für alle wünschen. 
Der Tag des Kampfes rückt immer näher, darum laß uns einig sein und stark .... 



Bald nach ITiederaohrift des Briefes vom 10. Juli 1832 hat Jacoty 
seine erste, 1833 erschienene politische Schrift "Ueher das Ver- 
hältnis der Juden zum Staate" verfasst, eine Polemik gegen den 

» 
Ohorregiervmgsrat Streckfuss, der in seiner Schrift über das Ver- 
hältnis der Juden zu den christlichen Staaten dafür eintrat, die 
Juden nur sohrittv/eise der ^Jmanzipation zuzuführen. Jacohys spätere 
politische V/irksamlceit ist jedoch detp Kampf für die Freiheit des 
deutschen Volkes gewidmet. Der deutsche Liberalismus hat in ihm einen 
leidenschaftlichen, unerschrockenen Vorkämpfer gefunden. Seine I84I 
erschienene Schrift "Vier Fragen, heantvrartet von einem Ostpreusson" 

« 
* 

hat den Anstoss zu dem {^rossen proussischen Verfassun^skampf ,^ef;;e"bon, 
der schlieGslich in den liärztagon des Jahres lö4o seinen flöhepunl-ct 
erreichte, Otto V/i^a-nd , Jacob jb Verleger, hat diesen in einem Brief 
vom 3. llärz I84I als "unseres gosanitan Vaterlandes treues ton Berater" 

"bezeichnet. Als r.itglied einer zu Friadrich V/ilhelm IV, entsandten 

der Berliner TTationalversammlunfj ,^ 
Delegation/rief Jacohy am 2. IJovember 1ü4o dem König die berühmt 

gev/ordenen V/orte zu: "Das ist das Unglück der Könige, dass sie 
die V/ahrheit nicht hören v/ollon." Als Mitglied der Berliner Hational- 
versammlung, in der Franlcfurter Paulskircho, im Stuttgarter Rumpf- 
parlament - überall stand Jacoby in der vordersten Reihe, Gefängnis- 



l 



''*. . . 



StreckfuGss Carl Strockfuso, O-borresiorunßBrat in Berlin. 
Seine Schrift erschien lö33 in Hallo. 



;-if ■ 



strafe fol^jte auf Goiän^TiioG träfe, aber die Popularität und Ver- 
Glirung, die ihm seine Haltung eintrUjf^, raa^j daran ermessen werden, 
dass Ludväg Uhland den ihm im Jahre 1853 vom Köni^ verliehenen 
Orden Pour le merite vielen der gerichtlichen Verfolgung Jacobys ^ 
ausschlug."**^ 

Noch gegen Ende seines Lehens hat Jacohy seine eigene i^'^eiheit 
im Interesse der Freiheit eines anderen Volkes aufs Spiel gesetzt, 
als er QQ^en die Annektierung Elsass-Lothringens auftrat. Und als 
er schliesslich den V/eg zum Sozialismus fand und diese V/endung durch 
den Eintritt in die sozialdemokratische Partei besiegelte, war dies 
nur Ausdruck seines ausgeprägten Sinnes für soziale Gerechtigkeit. 

Im Gegensatz zu seinem gleichgesinnten Altersgenossen Johann 
Jacoby, hat Gabriel Riesser, I806 in Hamburg geboren, den Kampf um 
die l-^anzipation der deutschen Juden zu seiner Lebensaufgabe gemacht. 
Riesser vrar mütterlicherseits der "Enkel des Raphael Cohen, des aus 
Litauen nach Deutschland geflüchteten Rabbi von Altena, der gegen die 
deutsche Bibelübersetzung llendelssohns den Bannfluch geschleudert 
hatte. Aber sein Vater, Lazarus Jacob Riesser, der Vorsteher der 
jüdischen Gemeinde Hamburg, ebenfalls Sohn eines angesehenen deutschen 
Rabbiners, ging den V/eg lloses Mendelssohns, den Y/eg der Verbindung 
jüdischen V/esens mit der deutschen Kultur, "Sr las mit dem Sohn die 
Bibel im hebräischen Urtext, aber er erzog und bestimmte ihn für einen 
v/eltlichen akademischen Beruf, So war Gabriel Riesser schon durch 
Herkunft und Bildxing zum Schöpfer jenes Typus berufen, der bis in 
das erste Drittel des zv/anzigsten Jalixhunderts das Bild der deutschen 
Judenheit beherrschen sollte, des "deutschen Staatsbürgers jüdischen 
Glaubens". 

Gabriel Riesser nahm den Kampf um die Zulassung der Juden zu 
öffentlichen Aemtern auf, dem ein Llann vd.e Eduard Gans durch die 
Taufe ausgewichen v;ar, und gab der von innerem Zerfall bedrohten 
deutschen Judenheit einen neuen Impuls. Um dieselbe Zeit, da Friedrich 
Julius Stahl , "der dem Ghetto entlaufene Talmud jünger", wie ihn 
Richard Schay treffend genannt hat, die Theorie des christlichen 
Staates entwarf, forderte Riesser für die Juden Gleichberechtigung: 
nicht als Geschenlc, sondern im Namen der Freiheit und des Volkes. 
Des deutschen, nicht des jüdischen Volkes. Mutig setzte er zwar das 



* Verfol^jun/r Jacobysi Berthold Auorbaoh sehr ibt darülvjr in 

sin :Tn Brief von 9» Mira l877 ^'^ Jcüvol) Auerbach: "Ich vioj^ bei 
XJh.land, als er eben den. Orden Pour lo merite abfjQlohnt hatte, 
und da sag'te er mir - xk und ich sehe noch, wie «eine Lippe 
Zritt« rt - I *Icli kann keinen Ordon annehmen vdn einem Kirsten, 
der müinen Freund Jacoby auf dio Anlclaf^^ebani: sotzto, so dass 
er i'.um Tode vorui'teilt vurde /^Jaooby raupst nur eine 
Freiheitsstrafe abbüs,'^on_7> während er doch nur dasselbe 
getan hatte, was ich auch getan habe," 

^* Friedrich Julius ;.>tahl3 (l802 - I06I), eif^.ntlich Julius Joolson, 

IÖI9 getauft. Profoßsor für Heohtcphiloßophie, ;St'!ats- und 
Kirchonracht, ^sit I84O in Berlin, Geboren als orthodo:'.:or 
Jude, VvTirde er zum Theoretiker des orthodox,,; Protestantismus 
und einer Staatslehre auf christlicher Grundla-ö, I848 vairde 
er in die ßrste Kammer in Preuru^en gewählt; Mitglied des 
Preuss, Herrenhauses, Haupt. 7erk: PliilOGOphie des Rtichts» 

*^^ Richard Sohay: 



vorpönte V/ort "Der Jude" auf das Titelblatt seiner Zeiti^chrift , 
aber nicht um dadurch die Minhoit dos jiidiGchen Volkes über "Zeit- 
und Raumfernen" zu betonen, Tüne andere T^inheit schwobte ihm vor, 
"Wir sind entweder Deutsche oder vd.r sind haimatlos." Der Satz 
erschien ihm von axiomatischer Klarheit. Ihn vorfocht er mit tausend 
Argumenten. Aus ihm leitete er seinen Wahlspruch ab: 

Einen Vater in den Höhen, eine Mutter haben v/irj » 

Gott^ ihn^ aller Wesen Vater, Deutschland^^ unsre Iiutter hier. 

Seit Moses Hendelssohns Bibelübersetzung? hatte es im Leben der 
deutschen Juden kein Ereignis gegeben, das an I^blgenschv/ere mit diesem 
Bekenntnis und seiner Verfochtung verglichen werden könnte, f^rst als 
ein anderer/der deutschsprachigen Judenheit es±s±ssm3lii±kx. hervorgegan- 
göner, Theodor Herzl, anstelle des Riesserschen Wahlspruchs den 
Satz '"Wir sind ein Volk •- ein Volk" aufstellte, nahm die jüdische 
Politik eine neue Richtung. Liit Recht ist Herzl von Riessers 
Biograph Fritz Friedländer als dessen Gegenspieler bezeichnet 
v;orden. 

Trotz glänzender Studienerfolge wurde Riesser in seiner Hsimatstadt 
Hamburg als Jude nicht zur Ausübung des Anwaltsberufes zugelassen. 
Die Taufe yVernunftehe mit der Kirche", ja selbst die Lögliciilceit unter 
fremdem Hamen als An-.yalt tätig zu sein, lehnte er ab. Vergeblich 
bewarb er sich un eine Privatdozentur in Heidelberg und Jena und durch 
einen ausführlich begründeten Antrag um die Zulassung zur Rechtsan- 
v/altschaft in Hamburg. Abweisung auf Abweisung folgte. Da warf er sich 
selbst - fünfundsvra,nzig Jahre alt - zum Anv/alt auf. I83I erschien seine 
erste Streitschrift "Ueber die Stellung der Bekenner des mosaischen 
Glaubens in Deutschland. An die Deutschen aller Konf escionen. " Die 
Schrift ist Bekonntnis, Kampfansage und Programm: Bekenntnis zur 
jüdischen Religion, Auflehnung gegen den "Jesuitismus der Aufklärung", 
der den Glauben vde das Gewand wechselt, Aufruf zu Kampf und Zusammcn- 
schluss. Die Schrift schlaust ein. Begeistert schreibt der zwanzig- 
jährige Kandidat der Philosophie und orientalischen Sprachen an der 
Universität Bonn, Abraham Geiger, an seinen Studienkollegen den 
jungen Oldenburger Rabbiner Samson Raphael Hirsch.^ ^ 



# 



f 









* Di.9 Ze.ltc;chrii-t " Der Jude*^*:fraohi8n von 1832 - 183/i . <^^^t- 

^■^ Kobto der VertQidi/i,'Uii;j.t;sohrift Hi.^,.:.'ers G'eti'sn den Kirchün- 

rat Paulus, "Vgl. S, •• '• 

*^* i-^ita Fricdländers Das Le^ben Galirisl ßiö3:jer3. I926. 



*'«"->^- Abrahara Gei/^er: (lölO - 1874)> jüdischer Theolo^';o und 

Vertreter der relii^^iösen Reformbov/e^ng. Rabbiner in Broü 
lau, Fi\inlc:rurt und IÖ70 in Berlin, Dort vAirde er I872 
Dozent für die V/iö;3onsohaf t des Judüntum,-, 



¥c-\'<¥:A¥^ Samßon Raphael Hir.^ichj (I808 - lö8ö), eret eng befreundet 

mit Geif::er, ^Turde er später üein ent. chiudon .r G %;jner. 



!\ 



( ) Abraham Gcicor an ;^amson Raphael Ilircch 



Bonn, 0. April 1831. 

Da» Schriftchen von Riesscr [obou S. 1 ^^ ] haben Sie wahrschein- 
lich gelesen, wo nicht, so eilen Sie ja es zu lesen, denn es ist eine 
kräftige Erweckung für den immer mehr sinkenden Gemeinsinn. Wahr- 
scheinlich auf seine Ermunterung haben (wie mir ein Treund aus 
Frankfurt schreibt) „die Juden in Frankfurt, Karlsruhe, der Pfalz 
und noch anderswo Vereine gebildet und sich kein geringeres Ziel 
gesetzt, als die völlige Emancipation der Juden in Deutschland 
zu erringen." Schnell nun war die Nachricht unter den hiesigen 
Juden verbreitet und Eskeles hat sich nach Frankfurt gewandt, 
um genauere Kunde davon einzuziehen und, wenn sich die Sache 
bei tätigt, was nicht zu bezweifeln ist, werden sich die hiesigen 
anschliessen. Auch sind die Badenschen Juden schon beim Gross- 
herzoge mit der Biite um völlige Gleichstellung eingekommen. — 
Sie, ein Hort Israels und gewiss nicht der Letzte, der den Judea 
endliche Befreiung von den drückenden Fesseln wünscht, die ja bloss 
allein die geistige Entwicklung fördern und zum wahrhaft geistigen 
Leben führen kann, werden Sie nicht auch sich der Sache annehmen, 
wenigstens auch das Anschliessen Ihrer Gemeinde bewirken, damit 
endlich der siitenverderbende Wucher ausgetilgt werde, dass endlich 
wahre Bildung eindringe und jenes elende, seichte Wesen, das sowohl 
durch Gleichgültigkeit gegen alles Höhere bei einem blossen Handels- 
Yülk, als auch durch Mangel an Gelegenheit zu gediegener Ausbildung 
eitsteht, aufhöre und Israel sich seiner würdigen Bestimmung nahem 
kjnne? Ihre Gemeinden haben gewiss geringe ilühe mit Erlangung 
ihrer vollen Rechte, da der Grossherzog sowohl einen sehr liberalen 
Sinn, als auch sehr viele Milde gegen die Juden beweist. Möchten 
doch die Juden des ganzen Deutschlands endlich ihrer schmählichen 
Knechtschaft durch Beniühungeu jeder Art ein Endo machen, und 
■ wahrlich sie können es in der jetzigen freisinnicren, sich kräftig ent- 
wickelnden und voranschreiteuuen Zeit! Hallen Sie diese Angflcgen- 
bcit nicht für weltlich und Ihrem Stande nicht angemessen, denn 
hingt nicht geistige und körperliche Freiheit aufs Genaueste zu- 
sammen und hat uns nicht die Geschichte in ihrer Hinweisung auf 
die Blüthe der* Juden in Spanien und auf die mittelalterliche 
Finsterniss derselben in Deutschland hinlänglich belehrt? Wenn Sie 
ßun ein Scherflein dazu beitragen können, welch ein Lohn wartet 
Ihrer! — 



■":'■>;; •»'^.'••■'•.■'^ 



.'',T ■.»• 



1, 






A'braham Gei^>*er»s Nach{;jülansene Schriften. Ilr^; ?;• von Lud\7i,fv Gei^_;er, 
Berlin 1075-1378'. Bd. » V. -.48. 



% 



% 



..^ .'j.it ^. 



/ 



"])iG jüdiöche Nation.'ilabr3ondcrun,'7 n-rch UrL;pr\mr:, I'blf-^cn und 
BeGsorungsmittol" hierio oino ochrift den an^cecjehonen Kirchenratco 
llGinrich Eberhard Paulua, in dor dieser, c:^G^t^ HioGoer polemisierend, 
die Juden als abß-ösondorte ITation erklärte, so lan^je sie das Zoromonial- 
gesotz , das seinem V/esen nach ein nationales Gesetz sei, bofol^^ten. 
Nur durch die Taufe könnten sie sich von ihm lossa.^en, bis dahin müssten; 
sie als {geduldete S('hutzbür,^er, nicht als vollv/erti^e Staatsbür/^er an- 
gesehen und behandelt werden. Dieser Ah^iff traf RieGser schv/orer als 
die Ablehnung seiner Stellengesuche. Innerhalb von sechs Tat-^on vorfasste 
er seine i*]ntge£piun,2: "Verteidi{;ung der bürgerlichen Gleichstellung der 
Juden gegen die "^inv/ürfe des Herrn Dr. H,"G, G.Paulus. Den gesetzgebenden 
Versammlun'Ton Deutschlands gewidmet von Gabriel Riosser, Doktor der 
Rechte." Durch diese Schrift vor allem v/urde das politische Programm 
der deutschen Judenheit für die folgende ^oche festgelegt. Die 
Schrift schloss mit den Sätzen: "V/ir vrallen dem deutschen Vaterland 
angehören, v/ir v/erden ihm allerorten angehören. Es kann und darf und 
mag von uns allen fordern, was es von seinen Bürgern zu fordern berech- 
tigt ist; vd.llig v/erden wir ihm alles opfern - nur Glauben und Treue, 
V/ahrheit und Ehre nicht; denn Deutschlands Helden und Deutschlands Weise 
haben uns nicht gelehrt, dass man durch solche Opfer ein Deutscher vdrd. 

1832 erschien das erste Heft der Zeitschrift "Der Jude» Periodische 
Blätter für Religion und Gev/issensfreiheit", mit der Riesser sich eine 

Plattform für den Kampf um die Gleichstellung der Juden schuf. 
Sogleich vAirdo das aufsehenerregende Heft überall diskutiert, "Die ffuden 
bedürfen der körnigen Nahrung, bei dem vielen Jtroh, das ihnen gereicht 
wird" - so lautote das Urteil von Leopold Zunz. I.Ii.Jost hingegen, dor 
für sein in doinsolbcn Jahre erschienenes V/erk den Titel "Allgemeine 
Geschichte des Israelitischen Volkes" gevrählt hatte, nahm trotz der 
Riecser gezollten Anerkennung an dem Titel "Der Jude" Anstoss. Rück- 
haltlos begrüsste jedoch Johann Jacoby die Zeitschrift. 

( . ) Johann Jacoby an Gabriel Riesser 

Königsberg, 29. September 1832 

Wertester Herr Doktor 1 
Gleiche Gefühle und übereinstimmende Denkungsart haben die 
Menschen von jeher enger verknüpft als persönliche Bekanntschaft 
und sonstige Wechselverhältnisse es vermochten. Ohne alle Förmlich- 
keit und fern von der kleinlichen Scheu vor möglicher Mißdeutung 
spreche ich daher zu Ihnen, zwar ungekannt zum Ungekannten, 
aber gleichgesinnt zum Gleichgesinnten. Es ist das rege Interesse an 
einer von Ihnen so schön verteidigten Sache, welches mich drängt, 
Ihnen einige Worte dankbarer Anerkennung zukommen zu lassen. 



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Paulus.« (1761 - 1851), Haupt dec prototitan'tißohan 
Hationalismus; Profe^üor in Jena, v/ürsiburiO:, seit loll in 
Heidol"berp!. 



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Zoreraonialgosetz: Seit M, M0ndel.3..ioliiiö "Jorusalem", 17^3» 
beGonders in der Auflcläruiii^s- und R8formbe-.7et^nf^ an/;;ewendete 
B zeiclmuni'j der für das Judöntum oharalcteriütisölien reli- 
giösen Sitten und Bräuche, 'wde z.B. kultische 3ymbol<j, 
Speiaevorsohriften, Sabbatgesetze li.a.m. 

Zit, nach Hahum Tl.Glatzor "Leopold Zunz, Jude-Dyut;3 0her- 
Buropäer". Tübingen I964. S, I64. 



% 



Ries.'8r*s Gesammelte ochriften, hrsß-. von ivi.lsler. 
.Prankfurt I867/68. Bd, 1. S. i^-^f^^. 



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.vS.;.;:-^: 



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Als Jude geboren und aus ernster Überzeugung an der Lehre 
HK-incr Religion festhaltend, hatte ich schon früher mit mannigfachen 
grsollschaftlichen und bürgerlichen Mißverhältnissen zu kämpfen; 
durch ein empörendes Vorurteil Andersglaubendcr sah ich mein Strc- 
U-n oftmals gehemmt, meine schönsten Hoffnungen zerstört und mich 
überall in den Ansprüchen, die jeder an das Leben zu machen berech- 
tigt ist, gekränkt und beeinträchtigt. Trauer über verfehlte Lcbens- 
nchtung und manche herbe Erfahrung ließen mich bald den Blick 
von meinen individuellen Verhältnissen auf das Allgemeine richten 
und mit tiefem Unwillen die erniedrigende Stellung meiner Glaubens- 
V nosscn überhaupt gewahr werden. Seitdem dies Bewußtsein in 
iv.rincm Innern erwuchs, seitdem der Schmerz, unverdient zurück- 
g >itzt, durch das Gefühl der Ohnmacht zum Unraute gesteigert, 
fn:cli überall verfolgt, ward mir der Genuß jeder Freude getrübt und 
^iic heftigste Sehnsucht nach einer besseren Zukunft erregt. Doch 
^*ozu Ihnen, der Gleiches empfindet und sicher auch Gleiches im 
LAlx:n erfahren, das Peinüche meines Zustandes schildern? — Sie ken- 
nen den herzzerreißenden Schmerz ebensogut imd vermögen ihn 
htsscr als ich in freimütiger, kräftiger Sprache auszudrücken. Die 
ersten Blätter Ihrer Zeitschrift waren mir hierin ein deutlicher Beweis. 
Mit verständnisinniger Freude habe ich Ihre mutige Protesta- 
tjon gegen vielhundertjährige Unbilden gelesen; ein würdiger Ver- 
treter der Wahrheit, haben Sie gezeigt, daß nur durch Verachtung 
tnscr Volk verächtlich geworden, daß alle Fehler der Juden notwendige 
*"^'gc des Fluches sind, mit dem nur eine himmelschreiende Unge- 
■" 'itigkcit sie belegen konnte; daß allein Aufhebung der Ursachen 
■•■i* \\irkung aufzuheben, einzig und allein die bürgerliche Gleich- 
^••'lung, Selbstgefühl und Menschenwürde der verhöhnten Menge 
* ^..crzugcben imstande sei. Wenn Sie durch das edle Unternehmen 
'^ Anspruch auf den Dank jedes Menschenfreundes erworben, so 
-• CS mir innig wohl, Ihnen hier für meinen Teil die Dankbarkeit 

bezeigen zu können, welche meine Glaubensgenossen insgesamt Ihnen 
schulden. Von Herzen wünsche ich Ihrem Streben GeUngenl — Mö- 
gen Sic sich durch keinerlei Hindernisse von Ihrem Vorhaben abschrek- 
ken und vor allem durch die geringe Teilnahme der Juden selbst 
nicht etwa irren lassen. Leider gibt es noch viele unter uns, deren 
Haut durch langjährigen Druck so hartschwielig geworden, daß sie 
die Kettcnlast nicht einmal zu fühlen, geschweige darauf zu reagieren 
imstande sind. Wenn nur ihr materielles Wohlsein nicht gefährdet, 
wenn sie nur im vollen Genuß ihrer ....... (unleserlich) 

bleiben, so läßt der Kaltstnn sie nicht davon träumen, daß sie in 
ihren edelsten Menschenrechten gekränkt werden; ihre eigene und 
der Glaubensgenossen unwürdige Stellung, die Verachtung, die Staat 
und Bürger an den Namen Juden knüpfen,' alles dies geht solchen 
Leuten wenig zu Herzen, und wenn sie je etwas dabei empfinden, 
so ist's höchstens die vorüberfliegende Trauer einer Minute, nicht 
der durchs Leben gehende Schmerz, der alles zu tätigem Wider- 
stände anreizen könnte. Nicht zürnen darf man diesen Juden; denn 
nicht des Sklaven Schuld ist's, wenn er Sklavensinn hat, aber not 
tut's, aus dem Schlummer träger Duldung sie aufzurütteln, den 
schwachen Überrest ihres Ehrgefühls in Anspruch zu nehmen und 
sie endlich zur Einsicht und zum Gefühl ihrer Schmach zu bringen. 
Mögen Sie, werter Herr Doktor, in den folgenden Blättern Ihrer 
Zeitschrift auch diese schwierige Aufgabe lösen, wenigstens durch 
ernste Mahnung anf eine künftige Lösung hinwirken. Mit der Kraft, 
die Ihnen vor so vielen andern verliehen, ist Ihnen auch zugleich 
Pflicht und Beruf dazu auferlegt. 

Wenn erst wieder Ehr - und Freiheitsgefühl im Volke angefacht, 
dann können Sic in froher Gewißheit des Sieges den Kampf gegen 
die Unterdrücker führen. Unser Messias ist die fortschreitende Zeit, 
die immer mächtiger an den Fesseln alt-cr Vorurteile rüttelt, auch 
zu unserm Besten muß über kurz oder lang die Stimme der Wahr- 
heit und des Rechtes durchdringen. Die heißesten Wünsche aller 
besten und edlen Juden begleiten Ihr Vorhaben. Mut und Ausdauer 1 
Dann ist der Erfolg nicht zweifelhaft. Gebe Gott, daß doch bald 
das Ziel erreicht werde, möge es uns beiden beschieden sein, den 
Sieg der Wahrheit noch mitzufeiern. 

I^Iit diesem Wunsche und in wahrer Hochachtung scheidet von 
Ilinen Ihr Glaubens- und Leidensgenosse 

Dr. J, Jacoby. 




JPIti^ Jahre \4x>Sa^s^ ißt"DerJude" ercchioncn. Aber vdo ctark und nach- 
haltig seine Y/irlcunf; auf die Juden und die nicht- jüdiccho Oeffcntlich- 
koit auch v;ar, daa Ziel, für das die Zeitschrift v/arb, "blieb unerreicht . 
Riesser rausste die T^rgebnislosi^jkeit seiner Bei^jühunf'^en C50,^ar in ceiner 
encoron ÜGimat yrtT^^taTTPf erfahren: nach wie vor ver'.7ei,f^erte Hajnbur^ den 
dort wohnhaften Juden das Bürgerrecht, Dies und der Ausbruch von Juden- 
krawallen veranlassten Riesser schliesslich I836 mit seiner Familie 
die Vaterstadt zu verlassen und sich in Bockenheim (Hessen) niederzu- 
lassen, 

( ) Gabriel Riesser an TDlse und Sophie Hoffmeister 



^ e- c 



Frankfurt^ 27. Januar 1836.- 

*--- Der Entschluß ist nldit aus einem Gefühle aufgeregter 
Bitterkeit, sondern aus der Überzeugung von dem, was unter den // ,./ , 

gegebenen Umständen zu tun recht und zweckmäßig sei, hervor- /^,^c Myf — ^^'^""^-^^ , 
gegangen. Ich glaubte im Augenblick gerade dieses Bdsplcl geben zu 
müssen, ohne daß die schjnutzigcn Vorfälle in Hamburg auf mein 
Gemüt einen besonderen Eindruck gemacht hätten. Ich für meine 
Person war nie gesonnen, für immer in Hamburg zu bleiben; nur 
die Rüdvsidit auf mdne Mutter und Geschwister, die sich seit fünf 
Jahren wieder an mich gewöhnt haben, fesselte mich dort; es war 
mir daher in mancher Rücksicht willkommen, meine Fan"ülie zu der 
Veränderung des Wohnorts zu bestimmen. Freilich verlasse idi in 
Hamburg manche herzlich geliebte Freunde, aber id\ bin seit lange 
daran gewöhnt, Freunde durch die Entfernung nidii zu verlieren; ^ 

ich hofTc Hamburg in Zukunft so oft und so gern, wie früher Heidel- 
berg, als Gast zu besuchen. Auch verlasse idi Hamburg mit der Be- 
ruhigung, daß sich in der letzten Zeit audi in Betreff der Juden, 
unter den gebildeten Ständen wenigstens, eine etwas honettere 
Stimmung, eine Art von Reaktion gegen die neuesten Erbärmlich- ' ^- 
kciten, gezeigt hat. Wegen meiner Gemütsstimmung, meine teure 
Sophie, seien Sic unbesorgt; ich hofTe Sie bald zu überzeugen, daß 
meine alte Heiterkeit mid: nicht verlassen hat, daß die herzliche , ^ ■ 
Liebe, die ich bei edlen Menschen von jeder Konfession gefunden . ^ 
habe, auf mein Gemüt, -die Ungerechtigkeiten, die mich empören, 
nur auf meine Gesinnung und meinen Willen, wenigstens für die 
Dauer nur auf diese wirken . . * — 



Aber auch Hessen verweigerte Riesser das Bürgerrecht, '^iner seiner 
besten Freundinnen, der Gattin des Hamburger Senators Haller, vertraute 
er deshalb seine Auswanderungspläne an. 




Kliso und. Sophia Ho,ffmG'iü-bor:«5'roundinnon aus der HeidelTDart-i^^r 
Studant .^nz .it. 



..» 




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( ) Gabriel Eiessor an' Prau Haller 



Bookonhoimj^ den Iß.Iiärz I836 






Ihre uii^ünöti^;;© Ahnung Ton moin^n Kaaaöler AUGoiohtün t^ile 
ich längst, und zwar ungefähr aus donselbvDn ar^iden. Jetzt 
sind dieselbün zudem h^raitü duroh den "Erfolg /die Ahlohnung 
seines Haturalisationsgeguches^ bestätigt,.. 

Unter diesen Umständen bcsdiäftigt midi der Gedanke an meine 
Zukunft fortwälucnd viel, ja mehr als mir Heb ist. Die Aussicht, 
iA Deutschland zu verlassen, ist mir noch immer eine sdimerzlichc, und 

CS wird mir in jedem Fall viel Mühe kosten, mich daran zu ge- 
wöhnen .^, 



M < f 



( ) Gabridl Riessor an Frau Haller 

Bockenheim d .n 27.riärz 103^ 



•^""S » /< 



».. Könnte Idi es dahin bringen, ordentlich englisch zu schreiben 
oder in englisdicr Spradie Vorträge zu halten, so könnte ich einmal — t 

den Versuch madicn, irgend einen Teil der Reditswisscnschaft an der ' "■'- 
Londoner Universität zu lehren, deren Einriditungen wenigstens . / 

einem soldien Versuch kein Hindernis in den Weg stellen. Dabei ^t^U \^/.({//' 

muß jedodi der doppelte Umstand in Betracht gezogen werden, daß 
mein Talent für fremde Sprachen nidu eben groß und d.iß unter 
allen W^isscnsdiaflcn die des Rcdus, die am meisten an der Sdiollc 
klebende, am sduvcrstcn auf fremden nodcii zu verpflanzende ist. 
Wenn ich Mathematiker, Physiker, Orientalist wäre — mit einem 
Worte, wenn ich w.is Reelles gelernt hätte, so würde es viel besser 
mit mir darin stehen. Aber so gibt es nur ein Ding in der Welt, das 
ich einigermaßen verstehe, nämlich deutsch zu schreiben, und damit 
ist außerhalb Deutschland ja nichts anzufangen. Und doch bin idi 
CS so herzlich müde, mich an den künstlichen Hindernissen, die idi 
In Deutschland auf allen meinen Wegen antreffe, vergeblich abzu- 
mühen, daß mich ordentlich verlangt, einmal bis zum Kampfe mit 
natürlichen Schwierigkeiten, wenn diese auch a.m Ende meine Kräflc 
übersteigen sollten, durchzudringen... 



( ) Gabriel Riesa er an Prau Hai 1er 

l^rmk^ffiffT Fürth d.6.llai I838. 

Idi bin hier, an dem Wohnorte meiner ältesten Schwester . . . 
Mein Aufenthalt hier in der Gegend vairde ein sehr angcneh- 
) "^ mer sein, wenn micii nidit die Spuren der ärgsten politischen Re- 

aktion, denen maji in Bayern auf allen Wegen begegnet, manch- ^ 
mal aufs tiefste verstimmten. Leider lastet dieselbe am härtesten auf 
den wehrlosen Juden, denen die kurze Herrschaft dc$ Liberalismus 
in Bayern nicht die kleinste Frucht, sondern nur Blüten einer bitter , ^ - 
gctäusditcn Hoffnung gebracht, Ihnen dagegen den bittersten Haß 
I der Reaktionäre zugezogen hat, so daß sie mit einem selbst in frühe- "l- 

ren schlimmeren Zeiten unerhörten systematischen Übelwollen bc- 

■ handelt werden. Mancher der Edelsten hat sich der Gedanke der 

■j Auswanderung nach Amerika bemächtigt, den schon einige hundert 

Judcnfamillcn In den letzten Jahren ausgeführt haben. Ich könnte 

i mich diesem Gedanken mit Enthusiasmus ansdilleßen, wenn m?r 



a.a.O. S.27Ö. 



HYff'^'^T"'^^'^^ 







Farbigen und durch alle die Gräucl, die sich an diese Übel geknüpft 

Haben, In den Icutcn Jahren sehr wäre verleidet worden. Was hilft / r, 

es, wenn die Lust der Menschen am Unredit, am Unterdrücken, am . / ' ^ 

Zurücksetzen anderer dort einen anderen aber fürwahr keinen bcssc- Z-' /^ 

ren Weg, als In Europa, genommen hat! ~ Hier mviß man sich da- I 

mit trösten, daß bei allem Sdillmmen die Elemente des Besseren 

sidnbar vorhanden sind, so daß es nur eines Augenblicks glücklicher 
Gestaltung bcd.Trrf, um das Bessere ini Leben zu rufen ... 

Im Jahre I84O kehrt g Rio '.cor nach Ilan^burc: zurück, um die frei^e- 
wordene Stelle dos Sokrotäro der jüdischen Gemeinde, aber auch die 
eines Notare anzutreten. Der Tod des unter der I'^anzoDenhorrnchaft 
ernannton jüdischen Notars Bresaelau Jjatte ihm nun die l'^rlan^'::un^ des 
Notariats crraöi'::licht. L.anches, v/as er an^^cstrebt hatte, sah er 
endlich verv/irklicht oder der Vervdrklichun^^ nahe. 



( 



) Gabriel Rio.'.;;jor an l'Yau Ilallor 



-7-.;" "^ Karlsbad,^ 8. August 1847 

» . . Seitdem Ich Absdiicd von Ihnen genommen, Ist der Preußi- 
sche Landtag zu Ende gegangen, und auch das Judengesetz de- 
battiert worden. Die Majorität der Ständckuric hat dem in sie ge- 
setzten Vertrauen entsprodicn, und hat, wenn auch mit sdiwacher 
Stimmenmehrheit, in allen wlditlgen Punkten — mit allcmigcr 
Ausnahme der ständlsdicn Redite, wo die Regierung (infolge eines 
Zufalles, \^eil einige Freunde der Sadic krank waren, mit der Mehr- 
heit einer Stimme siegte — Bcsdilüssc im Sinne voller Rcdatsgleich- 
hcit gefaßt. Ich sehe darin einen großen moralischen Sieg, zumal 
wenn man erwägt, mit wcldicr Mcftigkclt die Regierung ihre intole- 
ranten Anslditcn vcrfoditcn und kein Mittel gescheut hat dafür 
Stimmen zu gewinnen, über die sie In nldit unbcträchtlldicr Anzahl 
unbedingt verfügte. Politisch gewonnen ist frcilldi sehr wenig, und 
das soeben publizierte Gesetz, wenn gleich viel besser als der den 
Ständen vorgelegte Entwurf, ist eher ein Ausgangspunkt als ein Ende 
des Kampfes. Das Weitere hängt jetzt davon ab, ob überhaupt das 
Verfassungs^/cscn in Preußen Boden und Macht und Leben gewinnt. 
Die Voraussetzung eines edleren, freieren, bewußteren Volkslebens, 
an die idi vor bald siebzehn J.ahren die Behandlung jener Frage zu 
knüpfen mich bemühte, ist im Grunde erst jetzt einigermaßen vor- 
handen; die "Waffen für den Kampf sind bi* jetzt geschn\iedct, die 
Chance i}lc% Erfolges erst jetzt gegeben. Wie glücklich wäre Idi, wenn 
Idi literarisch Irgendwie auf die Entwicklung des öffentlichen Lebens 
In Preußen einwirken und in diesem Zusammenhange das Gut der 
Gewissensfreiheit mit könnte erringen helfen! Doch „mir rosten In 
der Halle Sdilld und Helm" — \Vort und Gedanke. Ich hoffe, es 
soll nldit allzulange mehr so bleiben, ich fühle mich wenigstens 
geistig jung genug, um nodi neue B.ihncn der Tädgkelt als An- 
tänger zu vorsudicn, sobald idi der dringendsten Sorgen für das 
äußere Loben überhoben sein werde .. ^ 






^uhu^f:^^. 



^^A 



:, . A/^r 



•// 






Der llärz I848 "brachte die V/ende von Riecsers Leben, '^r vairde zur 
Teilnabme an dem nach Pranlcfurt a.ll, einberufenen Vorparlament aufge- 
fordert. Von diesem Ta^e an gilt sein Wirken der all£jemeinen Sache. 
Tür schreibt seinem Bruder: 



a.a.O. S, 404« 



// 



» i 1 



( ) Gabriol Rior;.':er an 11, Rior.coT 



* f £> 



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Hamburg, 19. März 1848 . 
Innig geliebte Gcsdiwistcr! 
«»«Idi habe eben eine Versammlung bei mir gehabt zu (km 
Zweck/ der Gründung einer Zeitung, bei der ich midi Jcbhaft bcrci- (, 

ligen werde. Da in unserer /jüdischcgr Gemeinde einzelne kluge Leute //-c-^ 
geäußert haben, ich könnte viellcidu durch meine Beteiligung an 
der politisdicn Bewegung die Gemeinde kompromittieren, auch sich 
dabei auf eine behauptete Äußerung eines Bürgermeisters berufen 
haben, so habe ich (obgleich diese Ansicht gewiß nicht die der Mehr- 
heit der Gemeinde, auch nicht der meiner Kollegen ist) meine De- 
mission als yorsteheryd««-4üdJKhcn Gemeinde gegeben. Idi habe es 
dem ^ollcgium bereits angezeigt, muß aber noch an den Senat 
suppli^icrc^; es fragt sich nun, ob er mich entlassen wird. Es sdicint 
allerdings, als wenn einige sdilechte Kerle aus den höheren Ständen 
einen Augenblid den Wunsch hatten, einen Pöbcl-Spekiakcl gegen 
die Juden zu organisi/rcn, und es war sehr viel 4'ie Rede davon, 
aber es ist den Leuten wohl die Gefahr zu Mute geführt worden, 
die in diesem Augenblick jeder StraßcnskandaJ hat, und so schützt 
der große Ernst der Zeit glüdvlich vor solchen Gemeinheiten. An dem 
Gerede, die Juden hätten die liberale Bewegung angeregt, hat es 
auch hier, wie in Frankfurt, nicht gefehlt; man ladit aber darüber, 
wenn auch natürlich einzelne Juden in der Angst Großes leisten../ 












/:^'^/^ 



* ^ •' 



( ) Gabriel Riesser an li^au Hall 



er 



4v Vc 
* ■• <* Frankfurt^ i.T^ovembcr 1848^ 

/... , "Was mich selbst anlangt, so befinde ich mich geistig und 
körperlich wohl, und idi würde diese Zeit in mancher Hinsicht für 
die glüdilichste meines Lebens halten, wenn ich über die Zukunft des 
Vaterlandes, über das Gelingen des Werkes, an dem hier so mühsam 
gebaut wird, beruhigt sein kön-ntc. Daß gegen solche Erwägungen 
jedes Gefühl pcrsönlidicr Befriedigung in den weitesten Hintergrund 
zurücktrin, werden Sic mir leicht glauben. Aber abgesehen davon, 
^■arum sollte idi es Ihrer liebevollen Teilnahme, meine teure Freun- 
din, verhehlen, daß meine Stellung und Tätigkeit in der NaticnaJ- 
^'crsammlung, meine anfangs, wie Sic wissen, äußerst bescheidenen "i 
Ansprüche und Erwartungen bei weitem übertrifft, und daß ich alle 
Ursache habe, midi derselben zu freuen? Ein Grund mehr für die 
Freude liegt für mich in dem Umstände, daß — nadidcm ich mir 

durch eine stille, Tätigkeit der Partei-Beratungen das Wohlwollen ^"^16^ 
mancher wackeren Männer erworben hatte — eine größere Popu- 
larität in der Versammlung mir zuerst durch mein offenes Auftreten 
für die so Lange vergebens verteidigte Sache der Juden zu Teil 
ward . . . Bald darauf wurde ich bei den durdi die Versammlung vor- 
genommenen Ergänzungswalilen — ohne einen weiteren, ersicht- 
lichen Anlaß — in den Verfassungsausschuß und einige Wodicn 
später zum zweiten ^üzeB^xäsidentcn gewählt.*,^ 

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a.a.O. S. 550/51. 



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,a.O. S. 5 6/67. 



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An 21, rärz 1849 hielt Rionncr coinc 'bGriUirate Kainorrodo, dio 

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"Uom Historiker des Grcton doutr.chon Parlamente;, V/ichinann , als di e 
beote oratpriGche Leistung dor PaulckirchG "besoichnot vAirdo. In dem- 
r.elbon Jahre war er I.Iit^^lied der Deputation, dio unter führun,^ des 
Präsidenten dor National versammlun^j, Martin 'Eduard Simcon - des 
1823 getauften Sohnes jüdischer Altern - zum Köni/^ von Preuasen ent- 
sandt Y/urdo, um ihm die Kaiserkrone anzubieten. Aber den IlöhepunJct 
in Riessers Leben bildete die Berufung? zum höchsten Gericht seiner 
Heimatstadt Hamburg, die ihm einst die Zulassung zur Rechtsamvaltschaft 
versagt hatte, 

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( ) Gabriel Riesser an Caroline und Henriette Blumenfeld 



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y/y Hamburg^ 27. Oktober 1860 

Meine besten, teuren Freundinnen! 

Wie innig haben midi Eure liebevollen Glückwünsdie erfreut, 
und wie danke idi Eudi für dieselben aus dem Grunde des Herzens! 
Was meine Freude über einen für midi so überaus günstigen und 
ehrenvollen und vor nodi gar nidit langer Zeit von mir und anderen ,. 7 
für unmöglidi gehaltenen Erfolg bis zum wahren Jubel steigert, äst 
eben die warme Teilnahme, dir mir von so vielen Seiten bezeugt ^ 

wird, und die eben sowoKl dem hcrzlidiea persönlidien Wohlwollen '^^\^/c f 



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wie der Überzeugung cntspri^C, daß die große Sadie der Religions- 
freiheit durdi diesen Vorgang gefördert werde .^,v 



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18, 3, 1848-30 ♦ 3« 1849 
■ V/ichnianr),: Wilhelm W. (l820- I888 ) ,/Mitglied der Nationalversammlung 
, Kamraergeriohtsassessor . Ar-f^rrcy- -;fr.. ■'/)/:ajt^^//i(ir/^^t0H.i ^>^^^ 

Carolino und lionriette Blum^nfolds Töchter der verstorbenen 
Freunde Risa ers, des l^hepaaro Jacoh und Julio Maas in Hamburg. 



^•^- 0. S. (p(^X. 



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Als Jacoby und Riorjcer ihre politiGclio Täti,':koit "bocannon, bofcind 

> 

sich Ludva{; Börne in Paris. ''Ir hatte dio fransöGi.oche Hauptstadt oft 
hecucht, abor nun v/ar er von der Julirovolution des Jahres I830 
dorthin ffozoGcn worden. Paris v/urde fortan sein ständiger V/ohnsitz, 
^ine t^leiche Umwälzung, wie sie sioh in Franls;roich eroignot hatte, in 
Deutschland herbeizuführen, erschien ihm als politisches Ideal und 
auf dessen Verwirklichung hinzuwirken als seine Sendung, 

"Die Herzen muss man rühren, die unbeweglichen durchbohren. Das 
V/ort muss ein Schwert sein; mit Dolchen, mit Spott, Ilass, Vorachtung 
muss man die Tyrannei verfolgen, ihr nicht mit schweren Gründen nach- 
hinken. Das verstehen aber unsere deutschen liberalen Schriftsteller 
nicht, und noch heute so wenig, als vor dem Juli." (Ludwig Börne, 
Briefe aus Paris. li^inunddreissigster Brief. 1, Februar I83I) 

Das v/ar Börnes Programm und zugleich seine Lossage von einer Politik, 
die durch friedliche Ilittel die itoanzipation zu erreichen versuchte. 
Wie Jacoby erwartete er von einer Befreiung Deutschlands auch die 
Befreiung der Juden, aber der einzige V/eg zur J'reihoit führte für 
ihn über die Revolution. 

Zum Unterschied von Jacoby und Riesser war Börne getauft. Im Jahre 
1818 war er, zweiundzv/anzig Jahre alt, in die evangelische Kirche ein- 
getreten und hatte seinen Namen in Ludväg Börne geändert. Seine Zuge- 
hörigkeit zum deutschen Volk sollte dadurch besiegelt werden. Aber die 
Ereignisse und persönliche;^ Angriffe zv/angen ihn schon ein Jahr nach 
der Taufe, im Zuge der Judenverfolgung, in der Broschüre "I^Xir die 
Juden" das V/ort zu ergreifen. "Der "geist der erschlagenen llutter", 
wie er das Judentum in dieser Schrift genannt hatte, zog ihn in der 
Folge immer wieder in seinen Bann, besonders zu der Zeit, .als er aus 

seinem französischen T'bcil die berühmt gewordenen "Pariser Briefe" 

* V y 
schrieb, die aus dem Briefwechsel mit seiner Freundin Jea>ifriette Wohl 

entstanden sind. ■ '' 






7r^K-'-"-Y 



Ygl. auch dßs Kapitr^a Henriette Herz, 



M: ^ "Pur die Juden" : erschion in der von Börne herausgGß:e'bei-.en 

IxilSohrift " ZQitsoh.7in(-en" I819. 



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*^* Jeanette V/ohl: (I783 - lö6l), Jean..tte 3trauss--ohl. Börne 

lernte sie I817 kennen und war "bis zu seinem Tode en^r bef reimet 
mit ihr. 



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( ) Jean;iette Wohl an Ludwig Börne 

28. Januar I83I. 
• • • «•• 

Gestern habe ich die Heiratsgeschichte aus den... über den 
frankfurter Senat gelesen, und gestern war auch gerade der Tag, 
wo der skandalöse Schutz kam. Der hohe Senat hat wieder viele 
Gunstbezeugungen in seiner Huld erwiesen. In unserm Hause die 
Mademoiselle Flörsheim ist schon ein und (ein) halb Jahr Braut, 
d(ie) hat die gnädige l^lrlaubnis nicht bekommen. Mehrere andere, 
die nur drei und sechs Monate verlobt sind, haben sie bekommen. 
Dann erzählte uns auch der jüdische Schneidermeister Kaiser, dass 
eine neue Verordnung gekommen, nach welcher christliche Gesellen, 
welche bei jüdischen Meister(n) arbeiten, wenn sie erkranken, 
nicht wie andere, sondern nur ge^on Bezahlung im Heiligen 
Geist-Spital aufgenommen werden, , . 

Ich höre, der Doktor Riesser ...habe eine gute Broschüre geschrieben 
über die Verhältnisse der Juden, und was sie jetzt tun müssten. 
Ich habe sie noch nicht gelesen. Ich glaube, dass hier ein kleine(s) 
Komitee, das ich Ihnen als Klub ankündigte, zusammengetreten 
ist, (um) über dieses und jenes zu beraten. - — 



( 



) Ludwig Börne an Jeanette Wohl 



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— %{\o o'^^ra^l in j'^vaultjrt i):.it roicbcr chic;! 
ciiUcu Sine; ochal^t, k'.n Vcucu^viil^ ijat fiilj luicbcv 

ciiuu^l nu;DVc::>' o— '--^ iwinmcvi wvA) \)\ox6\\v\i, 
[dv.c !^ui;e [■:: Cy.r },n bctviilu. ^iur|i: oben, R\w\c 
unten, uüc bei- toUc iCxnub ba^^ ^)iab jdjvjiiii^it — cv^ 
fiiib Mc Ciialcn bcvj 3,vioit. ?tlnT i[t i\^ \\\&X fuvdit-- 
Imv ladjcrliav hc^h bio lücbi-iciüc unb iiciuciufic allci* 
>?cibcnfdja[(c;! \o iiicl'c iHcl)n(ic(i!cit bat nüt bcr cr= 
iHilicnftc;: iiü'o rb(:Vj";cr>; bic (^■ininunfucljt mit bcr 
>.'icl)C? !2^a Yool)\, i>}ott fjat ba\> X^üit i^crflucljt uub 
bavitm l)at cv cc5 rcid) ciciuacljt. ^^Ikr uou bcii ctc(^ 
?]a|tcii (xicütjicnti'ii mit bcn iiibiicfjcn 5^'i^'i^t')^^^"^^^^'^* 
iii[|Cii itiib jiibi|cljci: y")aubtucili?iic[cllcii cr^ublcii '^ic 
iitii i[\d]i^. lucbr. ;v:(j und nicfjb^ bauou l)i3vcit, icl) 
iL)it( iiicijK^ banilt ,Vi! tfjitn f)abcii. SÖ3cuu icfj tumpfcii 
l'otl, [ci rvj mit Vöwcw luib Xincrn, akr Dor Sh-i)tcu 
Ijabc icO cincii ',Hbfrljcii, bcv micl) tciljmt. GiS Iji([t 
auch nicijt^. i'iau inui? bcu (Sumpf auorottcu, bann 
ftivlit ba>> 2^d){au!ntoi3iidjt rou folbft \VC[]. lluicvc 
Svaiiffurtcv .spcivcn, [iubc id), Ijabcu (\a]\i rcctjt. Sic 



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■4 . 



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. . ' Briofe der J'rau Jeantto-^trauss-lVolil an Börne. Mnß'eleitet 
und erläutert von '^>, Fiantael. Berlin 1907« B. 197/98. 

* Schutz: In F-ranlcfurt war naoh dem Wisner Xon^'^cess neben anderen 

^•liiQn 
Besohrärikun,S'en uch dio ROt,^'lemontiörun£i' der jüdisolien/ oing'oführt 

worden, die erst 1834 wieder auff^eholDon vTurds, 

^* Gabria Riessert S.S. H ,_ • / 

Gesammelte Schriften von Ludvd£; Borne. Achter Band. S.24w<^.^. W 
Hofftnann & Campe l86?. 



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• 



• 



beulen, (^;ott i[l^ocO uim ciinnal Im I)od}[tcu ^)Onie, 
o(i luiv ifui ein ^^icdjcii incl)V, ein -*iIM(*d)CM nteuiiV'u 
in\v-vn, bv\{< (aiin i-idn^:' ncridjliinnieni. !t^cu ;\iib':n 
in AvaiiUiut \\[ i^t nn: ii^ciiiaitcii ^u I;ci[eii; irciiit 
jic Uai]ci! lui bcii oyv\]':\\ »Ijcrven hi' .l^uiibe^>ncv[auim-' 
luiui, über bei bcii Uciiieii hu 'Senate, lücijs ic(j, umvj 
\\uv,\ iljiUT. f.ip.t — c.^ ii"l ([[i^ UHivc ui) flCöciniHiitifi., 
^^A'ijci'.tliclj tuivb ;n(^,:i jic lureul) alnuciicn, uiitce uicr 

^::;ic:: aber v:v:h v.ic.n b:\\ riplomaici:, beu "l/iiJ-;^^. 
iintci' b:'ii 3it^t^' ^:^"!e!i: „Vielien Vci-tc, jei^^ ifi q- 
:\\ujt bie3:it'!i; o;:'? 2'i^c!;c ^i; vi'i)n':;. 3;i 7\-!|ci) 
taub ii^i r1)!icb'ev^ ai::^ lii <>::vci]i: '■;>•;, bav ^ol! 'S: 
c:A^:sx'rl, >':: <y<l^:\V'\]\r. 7:v\\]v:\:,^ o''\:y ('■.■'. fo 
h?.::, '■v:v.\\ n;r c:i/;') >;:! ;^Tci:;ci!e!r bC'i;u[i!]{e:;, bic- 
(e:< iK^f: i^''l;]C;i i;;:itc, [iii bie albieuieliie ^KiiV -iib 
[iir ciivli ]:Ufl." llnb itiuev jübiKlier vibc( niirb b^'? 
[dir q;i' i^^'i'Ki-'i,^''', i'ii^ beifliilii"; mit bei! Vl;;p,ni bli:;- 
},cl]\, iiiib oeini y^criwitcriidicii beiii ii;biM::i: :|.'bije( 
i'or bev ;j[);ive ,:ii!i-i;jni: facti euri) vmt :X^!iji:i, il)u 
feib binnr.i iinb iuiiicv[ffjainl! . . . >inMi ciifiii iii=- 
b;''fl!e!'. (ionüi'j ui'b beficn '3^rljvci('eveicii eriinrt: ic(j 
lüdjio. '.i\^ jiub eben X:cul]i()e, unc bic ^Jlnbcni aitd). 
de fiiib in einen! unfolicicn ilVc!!)nc Veüu.-v'!'. 3l)ve 
cOvUiKcit vi'biel fic \n ()»ni;ibc. ':^;c nieiiun ini- 
ii:ev Moci), cc niinc bcvanf a:t, :)iccbr V- ^}til'en , 511 
3cIi>M!, batl man c^'^^ l-at. ^el.-t fin-civcn [ie |iiv bie 
Arca;eit w^c ein ^Ibio^at f;ir ciücu ';i>e[! •. ^'Ilci lante 
Cv l;;:r ncc^ i:nf ivvii-b: c\\, alc< liuivc feil ci'icni 
Tjal'x:: O^i'^'!)''-^''-- •'^■■•'^ ^l->^^' t^n'C'Hvi'ljev'J'i ircrbrn, 
nM> r:^n ii!i /vrci^nr, yitr vJr^nidieücu!,!:, f:;r ^Mir- 
(icrrccl;lc bcr o'-^-- 1^'m-1- '^'i"'. .Ta\; at(cv 'ii;eiH 
bee 2\]-:a]\v. fo c;''t al^^ bei '^ik^: yM.. c^cirail 
Vi.''ie ^uciljcit f:nnul ar.3 bcm .s>cr3en. Trc ^Miibcr, 
b:r uu3 n.ifcu il'Wi nimnir, täinr';' [ir'i niiM, er \v-:'\'\, 

ira^f er tljut.- ?iitl;t r.n ot]\ ^-^vftanb, 'in bii(< S'\x-, 
\\\\\^ iniin )[•!) uvnben, nn bai< bcv 6'erinev luic an 
CGv bfv^'^leic!;;^:ii:''-;rn. ^ie ."i^^cv^cr rii-f; iirr viih- 
rcn, b^: i!i'b:!v:,!icVu buviV'Ob'cn. Ta^ :,vevt rni!"; 
c;;; :?di:i!evr ^'':' \ mii Toicoen, mit Guci, .^^aF, 
^•:rucbi!!'u; 'nu;^ mc; bie Tijvnnnci bfvfül ]cn, ibr 
ridit i:i;l ffhr:rea %i5;;bcu ^ladiljintcn. T;n-? Dcr^ 
[le[j:ii nbcr unicre bcntfdjcn libcraten 2d;nftft:t(cv 
ir.d)t, iinb roclj b,e;ilc fo mcnig, aU üor bcn: '^nW. 



•■v-i^'^r:^ .<«. j 



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\ P-^I'"^ 



) Ludvrig Borna an Jeanette Wohl 
Vier und siebzigster Brief 



Paris, Dienstag, den 7.Febiniar l832, 



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• ''^l:\\\ 5vo^üucincn^cr oi'Citnb in bcr rciitüljcn 
a!t;^c!iv::i!C!: ,^V-iti-^i] [•'^•; -^'i^n ii-i3r,c nicht i^cv^CMcn, 
':}^\: 1(1} wii: ,\::>c 0:;;. \o'<:\' ta^ fpvirfjt cv nic'il 
nlv \i.^ov{uur! :\^ic bic ^[;ib:n: auo; nein, cv ;]:bc:!ii 

'vir [ant: mii :-\\'djt iinivc idj r.^n.ni bic fTiMUfrljou 
lib'ilcrt, bic incip. ii^oii [o iicbvi'ufl in;b ocütjaitbct; 
lud): v-:r t'^'ü, bio V'cl'i' 'm^': miü :;:vbici:bci. ^a?«W¥> 
vi^'' ij"; iii;c'\i!; ;C^5ui!ba-I Tnuj';i:b::i;Uc Ij.U-c ic;> 
Cv ri|a[;i'Ci!,. unb bo..) lUciM ci< ii-.iu crii] iicü. '^L^^io 
C^'iicii ipcijcu ;niv ii;:.r, i^af; ivl; rii: :,>:ibe [ci; bic 
■Jlnbivu n:v^jiijcu luiv Cv; ber Tiiitc loln i'r.'.!) n^'L" 
biir;';i-; alicr ^lUc ti;i;Cii bai.in. 3^i^ ;i:ib uüc iv^ 
l'ui!;!i in bic[>;in niai\i!Cl,':ii ^ubciitvclfc, :c< ;a:in Kciiici* 
l)l;uiu^. Olucl) u\n[] iih Vi\1j.' y};M, luoljcv brr bjfo 
3tiuC:v loriiiii. '"Die nnitcn ^cut[c!jai! o-* uii- 
ta'j::.! 6hfii;c[fi^ wo-j:'*'!!:, iV'bv'idt i.'i)!i bcii ficbc:: 
•si^i ':^ii>cvic!i bei I]üi:cn; ^lAnbc, cvi^iflilcrt cc. W'x 
liüi'faiifcv- (yc[i;(}(, \5on ^0}c:![il,c:i iw fpicai-n, bic 
rod) licjir a'i^ fic [clbTl, biv liu oiciicv iyo;;i;:H. .^Ci.:: 
.;^!!ö;i; ^ii [ein, ivuüct [ic fcafilr, baj^ iio i;i^I;l ciiünal 
^o^i'iittjc finb. 'i^idii, baj; ici) cii: Gs*^^ O-'-^"'^'-/ i^^^^ 
%:A ^niii; iii: cvbitlcrt i^c-i-n i^i: .r^;!::;a}::: . bav !;-;t 

Vivt bcv ^oüi-c ,;u .i^c::i:Kv;; , U'::;;i i:h bic ijioKc 
C^h-.abc, bic mir Gn^.tt cv^.oi'^t, riirl) su.jlcid) du 4^ClU^ 
}u;:v iMtb ein 3 übe lycvbmi ^ii l'.v[c!!, :ult fri)ni;bc:i! 
il'iiHTi'n O^v-^üc — vjcac'i cin.co ^uoitcv, bor. i.h 
!iuiu;:v ucvadilct, ^dc^cu '^dbcn, bic ich liiiii^rt ycv- 
fii;)'-:'ri. \\i\\\, im !v:iü ^:lv< ut;vc"bicnlc -.^Hiid ;ii 
[':!i;i*;cit, ;':;",fcifl; ein TcmMjcr iinb ä:i o^'^c <ii 
j:iii , iiadi alioi Tußci-bct bcv ^ciuicbcn jtvcbcu :u 
lüin-cn, r:;b boci) [cii'cr i!;vcv '^^\)kx 311 li}ci(cn. 3'^, 
li^cit i:[) :ifw^ >i:!ici:i;L n^'^'^i'^i, bannn liebe icfi bic 
(vvci!;cit inc'jv :iü \y]X. ^a, lueif iilj bic 3c[aucvei 
t'ictcv'.it, bav'.ru: u:r!'(cl)C iif) bic ?s'veif)'.*it licffcv nt»? 
3l)V. C\a, uicil ici) l'eiuciu il-.Ucvduibc <]c(idvcii, '^•xxxww 
vjii!'fd)c irlj ein 'i'atcrlaiib Ijciilcv ok^ 3^}^'^ i'"^ ^ueif 
iiieiü (v^(i;;vi:ovt iiidjt qvi)!^ev !^nv, nl^lJ bic 3u^^"' 
niVif:, )ii!b I}i;iter b.'iit ucv!d;lof[cui'n üüovc baö ^lnv<- 
laiib [iii iiiid) bci>\iin, oeiiiio' n'-ii* i^i'al; bic v^tabt 
jucfjt ii'.c!)v -,11111 -Vatcvlaiibc, iiicl)t incljv ein \?ai!b- 
liebiet, liidjt inelju circ ^}.'Vüuii!^^ ; ituv baß fjaii,^c ^voNc 
i'atcvUtnb nciüii]! liuv, [0 uunl [eine '2.pvncl)c veid)t. 
llnb I;aOc idj bic ifuidil, irfj butbctc nldjt, baf; Vonb 
iicbict \m\ :i'aubi]cliict, baf; bcul)djcu (2'Uuinn uoii 
bciitid}cm ■3tamm and; m:v eine üK-.jfc tvcuiitc, jitd t 
bvcitcv (iK^ meine ^aiib; luib fiitttc id) W OJ^llllr. ' 



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.a.O. Zehnt ar Band PS'^?^^^?^^^^^'^^^^ S. 241/44. 




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2^ 



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icfi biilbcic r.iiM, bf.f; nur ein ciii^iqc« ^c:It|^•Il■^:< 

miv l;cvi!kric!i:,{l(c. Uiib w^M irf) cinniaf auüjdu'rt^ 
i'in >{vx^ DO!i ^i:v.Tcvi: ^n fcii;, iviü ii!; r-uct) uu()i 
uiuc;ev bci iii'cciit ::;!:v i^i'vftcr bicibon; (]aii3 frei 
5v<i{( ich iucrbCK. f)!'!) IiO'V riiv bcv ^^^\\^ mww: 
7vrcil)c;l 1:011 Cn'nnbc air ;]>:üaut; inad)t e\' luio ich 
iiüb li^iV'i^nt '^i^ü! iiicijt. ba'; .,^a;^) ciüc^ bairüKiacn 
'i^taatvßcliauboc: nüt neuen '^^x<^;^^x. 311 bfdoii. ^clj 
bUic (Till!), uev^cljlci iiiiu niciucii ^ubeii ii^c^t. Savct 
"U-r i!i!v iuic ]io, baüi! iiui';:^ ^'i'" i^cffcr: uiiiiY;^ :lr;:r 
■:;ur [0 i-iclc al:^ 3';^" Ki-. ba:i:; iriivc: [tc lv',iv aiv 
.Mi:. 3i-t' [^ib cvi-ipii] ^Otii;io;'c:; A^omicvo, u'ih ^i'Mct 
;i!;r pi: bivi^in ii: bcr <l^:(r; cicbc^ ii;!ö bveij^in ^J^-U 
lic>ne!t ^v;;bn:, lüic^ ^äc "^Vcft ^iv^'^^ i'iiSjt hclioii il;iu':i. 
of)r Ijai^t bcii oub^i' b^e V;.if( CfCncinnKii ; nbcr bav< 
!i:i :;: iiov I^aiilü;;; bciual):!. oI;v Ii.^Ot iljiic:; bac« 
2a[- b^c^ .Marfcv in iljv y)cv^ ocftvci:!; aber bao hat 
il)r y^er: fitKli cvliaficii. .Aij^' b-''^ [ie ben i^ai^cii 
lanacii Siütev in einen tiefen 'fcell.T ueiperrt nnb 
bav ^::l!erioiI) mit ^Jiift uevpp^l; o(i:r afir, [fei 
belli r>:oMe lUcciv[;ei(t, feib !)alu i'r['-ov:n. '^enii 
b:r (vriibiinc^ loiiunt, ivoacn ^inr [ilien, ii\v friiljcr 
Ovi'int, b:r ^nbe ober ber (i.jviu. -■■ 



• 



i0' i' ■ .^ ■■■■ ■' 



) Ludwig Börne an Jeanette Wohl 
Hundert und zweiter Brief 

■räc Aje'ftc :iv;i Stieijev ir>üqeu '■2k niir [cljiucu. 
33:av irf) friibcr ucu ifiiii ciciefen, beutet auf ein 
t'or,iii}Iic''jCv Ta:cnt ; aber ir.it [einen: 3'-'ii^**ii'^^'!^ ^t 
C'3 eilt fjroi^or :Otip:vitüi:b. :ö;er 'iir bic ^ubeii 
UMricn )v':[l, ber bnvf f;e iti.ljt i;Ctircu; bav lljun ja 
eben bereu '^ciih, \\i iljrcm 'i3erbcrbeH. Sac> niiOt 
ein eii^uev^ ^Pitviiat für bie Guben? ;V)re ?vreunbc 
bvancbcn cv uicM, icnn fie bcbürfcu feiner 3ufprafl)e; 
if/ve ÜJcnner r.ef.meu ov5 i^ar nicbt in bic .5^n^. Um 
if}iten 3u helfen, irnfj ina:i ibvc 'Saific mii bem 
i^iecfjtc i:nb b:n ?(n[pri'ufien bcr aUgcmeincu Breiijeit 
iu in'rbinbiini] brinficn. 3Jiau mufj nur immer 
fietoyenlLic!), mkTii\v;{ct yon ibncu [precben, bnmit 
ber unoencigtc Vefer oc3iui!uaen tucrbe, [i:f; bamit 
511 be[cljaftiiien, Jneil cC^ auf feinem iTceoc (icgt. GcT) 
meine nitcb, co nuirc auf biefc Seife (cicfjter, bic 
Otibcn ,^u Dcrlfjeibii]:;!, Z^cucwi bcr teinc bfinbc Siebe 
[iir fic i}at. 3* 'M'^ t'ft v.v.b \mn\i für fic gc- 
[prodjcn; biUte icfj fic aber ifoürt, ludre mir bic 
C)crccljti(]teit gar ju faucr nc^^'i^v^cu. (5ö fcljcint, 
üiiejjer mücljtc bie i^talionaütiit ber 3'ii^c:i cciualjrt 
feljcu. Slber bie '■^cationalitat bcr ^uhcw ift auf 
eine fe[ji3nc ii\\\> bencibenv^iücrtlje 5{rt 3U Öhniubc qc* 
Oangcn; [tc ift jur UniüerfaUtat ncit^orben. 3)ic 



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a.a.O. Zwölf tor Banl. S. 37/39. 



Journale: Riessers Zeitschrift "Der Judo", 



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bicicr jr[)i3;:c ^'ro:;icUoviiiia, bcv aiiC b:v ;v^vf!ioc:t 

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lw.U. 5;i;ü bi; ;ib?(l.:i:ic [iiib [lart, irci[ [ic ld:i 
5i\^torfr:i:b fc:'iic:!. Tci::ü^c! o'-^^iV-'l--' J^v^^ ^^^-^ 
vaca, Cancbvvklilcr bcv ^'i^c^t, !aiu cndj nidu Uiiitv'*^ 
iljoviclit uon ciivcn .>ocrvKl;crn },\n\\ \\\\\)\\]v^\\\^c\\ Vc>' 
ivioüöniiiv ciUif;^:!.in:;i. ^:u man ci::vo ^i^crcinl' 
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CiV»;»' qcivc::nt I'aii::*. ^i^av j"c di il:ai:v!ai!bvt'cuc 
^jtVv-jon, i\t bic dicifc e:vcv ioovbcrbcit-b. ^;vfii?'t 
[ic, lucrict ^liTiuii üiib ^ccvtcv iinb ::v]'!;!:oci;: 
'lijvivic liii;:'iu. iir.b l'0::ci bcu i'obcii mit .beut 
T:vi;:"!:^!c:':-3^r,nitlc c:uc:< ^'I'«:!^. Xauw l'x[i\(\t 'cv: 
?,;ciV't. i*iv :^::it'i;;;: t^üt :'iovbc:i, i!;r rra>-:;fc!i 
b\:; Ciibcr, it:ib ba!':! i[t überall iro vi:; ^?i:-:ir^ 
Ol!"::!;;! :::::• Ü^alr''i.;b, ;i:'b triebe cuvc ^'Ki^^ioii. 



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Die ersten jüdischon RochtsvTiGsenschaftlQr von europäischer 
Bedeutung gingen aus dem deutschen Judentum hervor. Aber nur durch 
die Annahme der Taufe gelang es beispielsweise den Juriston Joseph 
von Sonnenfels, Friedrich Julius Stahl und Eduard Gans den ihrer 
Begabung und Leistung entsprechenden Wirkungskreis zu finden. 

Der im Jahre I829 geborene Levin Groldsohmidt, Handelsrechtler, 
Gründer (IÖ58) der "Zeitschrift für das gesamte Handelsrecht", lehnte 
es ab, sich einen Lehrstuhl durch den Preis der Taufe zu "erkaufen". 
Er nahm den Kampf auf sich, als Jude zur Professur an einer deutschen 
juristischen Fakultät zugelassen zu werden. Dieser Kampf entv/ickelte 
sich zu einer wahren Odyssee durch die Universitäten Deutschlands. 

( ) Levin Goldschmidt an seine Eltern 

\^^\y:^i^.MlJ)Mia'\i%^r^. . .T>\q. Umwälzung ist zu groß, zu un- -^^ 

erwartet, ah daß sie in/volleiiiL'Umfangc schon jetzt begriffen werden Y7/t -/Y^Ux.' ' 
könnte, ja selbst von denen nidn, die Augenzeugen und handelnde 
Personen bei den Ereignissen der letzten acht Tage gewesen sind . . . 
Eine neue Ära hat begonnen — leider, daß Kartätsdicnschüssc sie er- 
öffnen mußten. Morgen findet die große LeicJienfeieflidikcit statt und 
Versöhnung zwisdien allen Ständen ... Ich hätte nidit Tauscndc dafür 
genommen, in den Tagen der letzten "Woche nicht zugegen gewesen 
zu sein und mitgehandelt zu haben. 

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( .. ) Lövin Goldöohmidt an u^ino "^.Itern -' 

Kiove, den 25« Soptimbor l84ß. 

}j^ Diese Zeil' n treffen >^oh hoff entlieh zum höh .n fieu- 

jahrsfeotei mö{?et Ihr es gesund und froh vorleben und auf 
oinig3 Stunden wonigstena die une rings umhrausenden stür- 
me vergessen. Vieles, um das wir noch im vorit^-en Jahr© 
flöhten, ist erreicht. - Auch der Jude kann jetzt ncich 
seiner Nei^rung, nach seinan Talenten den Weg einschlagen, 
den or helieht; auch er braucht cein Glück nicht m^hr mit 
Ahöchv/önm^ seines Glaubens zu arkrjufön, - 



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Joseph von Sonnenfelss (1732 - I817), Schriftotellor und 

Staats^viciL^enschaftler, Trat zum Christentum über und i^rurde 

1763 Profe-iisor an der Univernität V/ien, v^ar z'./eiraal deren 

Rektor. Gah die V/cohenschrift "D.r Ilann ohne Vorurteil" 

heraus (1765/67,1769,1775). Hatte Anteil an der Ahfa^.sung des 

"Toleranzediktes" \inter Josef II, 

I-riodrich Julius Stahl: v^.^ S. "^ 



** * Eduard Gans: Vßl, S.; L'^-^^^^-f-'U^'^ f-U^'i-y^ 



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**->t* Levin Goldschmidt: (I829 - 1897), aeit I875 Professor an der 

Berliner Iniversität; I875 - I877 nationalähoralsr Reichs ta^-s- 
Ah eordnetor für Leipzig. 



Levin Goldschraidt, TiJin Lehenshild in Briefen. B&rlin I898. 

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{ ) Levin Goldschrnidt an ooine Schwooter Fanny 



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-tÖÄfloig,. ij- M*ft-i-8t4^.} ...Seit dem i. März arbeite Idi bei 
dem hiesigen Kommerz- und Admir.illtHtskollcglum, um in^ meinem . 

Llebllngsfachc, dem Handelsrechte, midi einigermaßen zu orientieren, /f,- v^ 
Sollte ich, wie immer wahrscheinlicher wird, die thcoretisdic Laufbahn 
cinsdilagen, so würden gerade diese Arbeiten für midi äußerst ersprieß- 
lich werden . . . Nur eine Besorgnis mödite idi widerlegen: Idi bin 
stets entschlossen gewesen, mich nicht taufen zu lassen — ich habe in 
diesem Entsdilussc zu keiner Zeit gewankt. Welche Gründe mich dazu 
bestimmen, ist glcidigültig -- es sind mancherlei, deren nähere Aus- 
einandersetzung zu weit führen würde. Daß die materielle Unabhän- 
glgkclt sich mit diesem Entsdilussc nidit durdiführcn läßt, weiß idi /■ c 

sehr wohl/-4och will idi versuchen, mit meinen Kräften zu madicn, ^f "^/h^ 
was tunlicn ist . . . 






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) Levin Goldschmidt an seinen Vater 



Heidelberg, den 12. Juli I854. 






-^Heidelberg, -i-».-^ti4i-L8^4T]- ...Gestern und heute besuchte ich 
die Professoren Mittermaier, Robert ;^ Mohl und den Privatdozenten / •^'J^^ 
Brinkmann. Über die pTrcußischcn Verhältnisse äußerten sich jillc in^ /* 
den stärksten Ausdrüdten. 

In Baden ist den Juden die Advokatur unvcrschränkt — zum 
Richteramt sind sie bisher nldit zugelassen worden . . . Günstiger sollen 
die Verhältnisse in Württemberg sein. Der Zulassung an der Univer- 
sität (auch zu Professuren) und zur Advokatur stehen keine Hinder- 
nisse entgegen ... In Hamburg können Juden das Staatsbürgerrcdit, 
eine Bedingung zur Advokatur, nicht erlangen, doch fungieren sie als 
Winkeladvokaten und am Handelsgericht, nachdem sie zuvor Mitglied 
einer jüdischen Gemeinde geworden sind . . . 

Mein weiterer Plan ist nun folgender/^ Morgen früh reise ich nach 
Stuttgart und Tübingen. Bieten sich auch dort keine Aussichten, so 
ziehe ich Erkundigungen in Zürich ein. Alsdann reise ich nach Mün- 
chen. Von Mündien gehe ich vermutlich nach "Wien. Dann nach Sachsen, 
Göttingen, Hamburg und Bremen . . . 



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( ) Levin Goldsohmidt an seinen Vater 

München, den 20. Juli I854, 



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, fMündien, -20. Juli 1854.] ...In Württemberg werden Juden zu 
allen juristisdien Stellungen unbedingt zugelassen, d. h. verfassungs- 
mäßig, indessen nach der Praxis bisher zu Advokaturen und Profes- 
suren: Riditcrstellen haben sie bisher nicht bekleidet. An der Univer- 
sität zu Tübingen ist gegenwärtig ein Privatdozent meines Faches, der 
den Titel Professor erhalten hat; ein anderer: Mayer, war ordentlicher 
Professor der Rechte, als er sadi, angeblich aus Überzeugung (er war 
ehemals Rabbiner, ein sdiarfslnniger Kopf), taufen ließ... 

In München haben meine gesdiäftlichen Angelegenheiten den cr- 






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.a.O. ±fi S. 114. 



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.a.O, S. 116 f. 



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• a.O. S. 118 ff. 



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warteten Erfolg (d. h. keinen Erfolg) gehabt. Der Verweser des Ju- 
stizministcrii sagte mir, daß Juden zu Riditerstellcn niciu zugelassen 
würden, zu Advokaturstcllcn nur in einigen größeren Städten... 

Der Kultusminister, Herr v. Zwchl, entgegnete mir auf meine 
Trage, ob ich als Preuße auf einer ^^rischen Universität zugelassen 
werden würde, damit: Ja, unzweifelhaft, ich solle midi nur hab«itieren. 
Ich fragte darauf weiter, ob nidu ein Moment Bedenken erregen 
könnte: „Ich bin Jude." Der Minister stutzte und äußerte: „Da kann 
idi Ihnen frcilidj^ keine Hoffnung madicn." Ich entgegnete: „Ich werde 
natürlidi n;Ut j^'^nonisdies Redit dorren." Der Minister: „Ja, frei- 
lidi, aber das ist bei uns Grundsatz." Darauf ^agi^ idi: „Das steht 
also fest?" Der Minister: „Jawohl!" Darauf empfahl idi midi... 



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) Levin Goldschmidt an seinen Vater 

Wienm,den 29. Juli I854 



[Wien, 29. Juli i8j4.] ...Mein Wiener Aufenthalt war für midi 
gcnußreldi. Professor Stubenrauch, einer der ersten Juristen öster- 
rcidis, ein ungemein zuvorkommender und angenehmer Mann, jfcilte 
mir die Bedingungen für die Habilitation an der Wiener Universität 
mit; weder er noch seine Kollegen würden darauf, daß Idi Ausländer 
oder Jude sei, das geringste Gcwidit legen... Er glaube wohl, daß 
Idi zugelassen werde, ob idi aber später eine Professur erhalten würde, 
sei sehr zweifelhaft. Es sdilene, als ob man den Juden, ebenso^ wie 
in Preußen, alle ihre gesetzlidien Freiheiten entziehen wolle, übrigens 
riet er mir. mich an den Ministerialrat Tomaschck zu wenden ... 



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) Levin Goldschmidt an seinen Vater 

Naumhurg, den 3. August I854. 




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■{NaumW« ; , 3 . Augu »t 1854.]- ...In Tcplitz fand ich den Mini- 
nistcrlalra^Tomasdick aus Wien. Er war sehr freundlich, meinte, daß /. c^ 
meiner Habilitation in Wien oder Prag, falls ich nur die gewöhn- 
lidicn Bedingungen erfülle, i^idits im Wege stehen würde. Daß meine / /i 
Konfession Hindernisse bereiten würde, glaube er nicht: es sei gegen- ^ ^ 
wärtlg ein Jude, Wessely, aufscrordeiulidier Professor der juristischen 
Fakultät zu Prag — , und schreibe derselbe clrf größeres wissenschaft- 
liches Werk, so sei dessen Beförderung zum ordentlichen Professor 
wahrsdieinlidi. Garantl/ren könne er freilicii hierfür nicht, zumal /^ ^^ 
der Minister ihm noch unsldieren Besdield gegeben habe ... , ,. 

Hofrat* Albredit in Leipzig empfing midi mit ungezwungener /^t/Cfy 
Herzlldikcit. Er hält dafür, ^^.^ mir gestattet werden würde, mich 
in Leipzig zu habiliti^en, an eine Professur in Leipzig selbst sei /<A> 
kaum zu denken, da die Universität sehr orthodox sei. Mit vieler 
Mühe und Protektion sei es vor ciiiem Jahre einem £ädisisdien Juden 
gelungen, Advokat zu werden. 

Gestern sprach ich in Halle Professor Witte, der mir erzählte, 
^\Qi et in einem Promcmorium, welches er dem Ministerium zugunsten 
der Promotion von Juden zu Doctores Juris eingereicht, besonders er- 
wähnt habe, daß es für die Wissensdiaft ein entsdiicdener Verlust sein 



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würde, wenn Leute wie Idi von der akademischen Karri((re entfernt 
cehaltcn würden ... 



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a.a.O. S. 125 ff. 



a.a.O. 3.' 128/29. 



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Levin Gjjldschmidt an sainen Vater 



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Göttinnen, r^. A.ugus'^ I854. 



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Was meine Zulassung anlangt, 



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so würd.« die Universität ^ hagte mir Geheimrat Midiclsen, der P.^^'<{ ^'^^ f/^^M- 
Dekan der juristischen Fakultät/ y^ wohl unzweifelhaft dafür sein; ' 



bcdcnklidier steht es mit den Regierungen. £/• meinte, der Fall sei 
eigentlich nodh nie vorgekommen; in den sadisisdien Herzogtümern 
seien fast gar keine Juden (was natürlich mit dieser Frage gar nidits 
zu tun hat), es sei ihm unbekannt, wie die Professoren sidi entschei- 
den würden; er selbst könne nicht für sich garantieren, da durdi die 
Diskussion seine Ansichten vielleidit geändert würden . . . 

Sehr angenehme Tage habe ich hier in Göttingen verlebt. Profes- 
sor Baum empfing mich sehr freundlidi. Ich besuchte die bedeutend- 
sten Professoren meiner Fakultät und erfuhr von diesen, daß meiner 
Zulassung kein Bedenken entgegenstehe: ein Universitätsprofessor, 
der Mathematiker [M. E.] Stern, ist Jude . . . 

Darin steht die Universität einzig da — sie ist vollkommen un- 
abhängig. Der ehrwürdige Senior der Juristenfakultät, Gch.-Rat 
Ribbentropp, sagte mir mit "Wärme: „Nun, ich möchte doch sehen, 
wer in unsere Universitätsangelegenheiten dreinzureden wagt. Ich bin )> 
kein Anhänger der Emanzipation der Juden — wenigstens würde ich 
sie nicht völlig emanzipiert haben (aus ziemlich komischen Gründen) 
—r aber jetzt, da sie einmal verfassungsmäßig gleichgestellt sind, muß 
daran festgehalten werden." 









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( ) Levin Ctoldsohmidt an seinen Vater 

Oöttingön, den S.Außust I854, 
Am Naohmittag langte ich in Jena an tmd besuchte sofort den 
DelSan der juristioch^n Fakultäti Geh, Justizrath Micholr^ön, 
den Profesii/or Leist, den Universitätskurator Staatsrath See- 
< f beck... Was meine Zulassung angeht, so v/ürde die Universität 
Ij2^ ^whl unzweifelhaft dafür sein; bedenklicher steht es mit den 

Regierun^^en. Jena ist nämlich eine von etw?^ 6 kleinen deut- 
schen Staaten gemeinschaftlich unterhaltene Landesuniversität. 
Der Kurator, der mir mit ausnehmender Freundlichkeit, aber, 
wie ich vermuthe, mit wenig Aufrichtigküit, entgegenkam - und 
dem ich nicht allau sehr traue, rieth mir eigentlich gaife 
und gar ab. TDr meinte, der Fall sei noch nie vorgokommonj in 
den sächsiochen Her250g1|ffinem seien fast gar keine Juden (was natürlich 
mit dieser Frage gamichts zu thun hat), es sei ihm unbekannt, 
\7ie die Professoren sich entscheiden wiirdeni er selbst könne 
nicht für sich garantiren, da durch die Diskussion seine An- 
sichten vielleicht geändert lirden... 

Sehr angenehme Tage habe ich hier in Göttingen vorlebt. Pro- 
fessor Baum empfing mich s jhr freundlich. Ich besuchte die 
bedeutendsten Professoren meiner I^akultät und erfuhr von die- 
sen, dass meiner Zulassung kein Bedenken entgegenstehe! ein 
tlniversitätsproferrsor, der Mathematiker Stern, ist Jude... 
Darin steht die Universität einzig da - sie ist volllcomraen 
unabhängig. Der ehrwürdige Sonior der Juristonfakultät, Geh. 
Rath Ribbentropp, sagte mir mit V/ärmes **Wun, ich möchte doch 
sehen, wer uns in imsere Universitätsangel egenheit drein zu 
reden -wagt. Ich bin kein Anhänger der ^'^anoipation der Juden 
- wenigstens würde ich sie nicht völlig emancipirt haben 
(aus zittmlich komischen Gn'lnden) — aber jf)tzt, da sie einmal 
verfaijsungsmässig gleichgestellt sind, raiiss daran festgehal- 
ten worden." ~ 






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a.a.O. S. 129 ff. 



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( ) Levln Goldschmidt an söinen Vator 

HöidellDerg, den 24« Januar I855, 
Bis jetzt hat sich Alles ^t gemacht. Am SonntatS; hosucht© 
y t loh Ivlittermaior, Mo hl und v. Van,^örow, die drei bedeutend- 

y fr^ sten lüitglleder der jiiristisohen Fakultät. Sie kamen mir 



sämmtlioh mit grosrier Freundlichkeit entgegen, und äuGiaer-- 
ten, dass ihrersaits Alles geschehen werde, meine Habilita- 
tion zu äfordern, - auch von dem BadiGChen Mnisterium er- 
\7arteten sie keinen V/iderspruoh. 



• • • 



( ) Levin Goldschmidt an seinen Vator 

Heidelberg, den 19 . Februar I855. 



• • • 



Rs geht mit der Habilitation schnell vorwärts. M-^ine 
Schrift ißt von der Fakultät gebilligt und wird bereits 
gedruckt. 



. • • 



( ) Levin Goldschmidt an soine Oesohvdster in Braunsb^rg 

Heidelberg, den I5. Mai I855. 



• • • 



Als guter Patriot (ein dankbarer Sohn des undankbaren 
Vaterlandes) halte ich einen Vortrag über Pretik^sische 
Eöchtsgeschichte — ein Thema, welches selbst auf Preussi- 
schen Universitäten nioht behandelt wird. Darin zeigt sich 
wieder, wie unpraktisch ^vir Deutnchen sind. PreuGsen hat 
seit 60 Jahren seine eigenthümliche imd reiche Gesetzgebung 

- aber nichts wird mehr vemachläosigt als gerade dieses 
Studium des vaterländi sehen Rechtes. 



• • • 



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( ) Levin Gtoldeohmidt an soinen Vater 

Heidelberg, den 24« Januar I855. 
BIb jötsst hat sich Alles gut gemacht. Am Sonntag bosuchto 
jy * loh Llittermaior, Mohl tmd v. Van^erow, die drei bedeutend- 

//r5 ^tQTi Mitglieder der juristischen Fakultät, Sie kamen mir 

säramtlioh mit f^rosser Froundlichkeit ent^^egen, und äusüer- 
ten, dass ihrerseits Alles geschehen werde, meine Habilita- 
tion zu rordern, - auch von dem Badiochen Ministerium er- 
warteten sie keinen Widerspruch, 



• • • 



( ) Levin Golds chmi dt an seinen Vater 

Heidelberg, den 19, Februar I855, 



• • • 



Rs geht mit der Habilitation sohnell vorwärts« Meine 
Schrift ist von der Fakultät gebilligt und wird bereit: 
gedruckt. 



. • • 



( ) Levin Golds ohmidt an seine Geschv/istor in Braunsb^jrg 

Heidelberg, den 15 . Hai I855. 



• • • 



Als guter Patriot (ein dankbarer Sohn des undankbaren 
Vaterlsuides) halte ich einen Vortrag über Preuic^sische 
Eöchtsgesohichte - ein Thema, welches selbst atif Preussi- 
schen Universitäten nicht behandelt wird. Darin zeigt sich 
wieder, wie unpraktißch mr Deutnchen sind. Preuasen hat 
seit 60 Jahren seine eigenthiamliohe und reiche Gesetzgebung 
— aber nichts wird mehr vemachlä.isigt als gerade dieses 
Studium des vaterländischen Rechtes. 



• • • 



9 



a.a.O. S. 137- 



a.a.O. S. 144 f. 



a.a.O. S. 150 ff. 



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^ ^7^ GOLDSCHMIDT AN OTTO STOBBE /^:,/,/^^^ ,/,^^ ^ >u . ^ M^'^. 

4HmWkTs,^-Jirm' iS^ö.]' ...Da Sic an mir und meinen Er- ^' 
Icbmsscn einigen Anteil nehmen, so wird es Sic wohl interessij^i^n.Z ^ ^ A^ 
öali ich Ende vergangener Wodic zum außcrordcnilidicn Professor )^f , 

ernannt worden bin. Sic wissen, daß mir viel daran gelegen war, ^ ^■ 

^umal meine Konfession einem etwaigen Rufe, selbst wenn ich soldicn 
bcansprudicn könnte, fast unüberstciglidic Sdiwierigkcitcn entgegen- 
stellen wurde. Der neueste JLrIaii acs ivuiiusuuniiici» uuv» v.,v T...- 
stcllungsfähigkcit der Juden im Sdiulfadi hat meine Hoffnungen für 
Preußen ohnehin verniditct. So aber bin idi sehr zufrieden, sehne 
midi audi gar nidit von dem paradicsisdicn Heidelberg weg und hoffe, 
die Ruhe^ zu größeren und frudnbarcn wisscnsdiaftlidicn Arbc'^en, 
wclAc mir im letzten Jahre gefehlt hat, wiederzugewinnen... 



In demselben Jahr IÖ60 ist auch der Vorkämpfer der Emanzipation 
in Deutschland, Gabriel Riesoer, zum höchsten Gericht seiner Heimat- 
stadt Hamhurg als Richter "berufen worden. 



In der österreichischen Monarchie hatte Kaiser Franz Josef II. 
schon im Jahre 17Ö2 durch das Toleranzpatent die Juden Wiens, Öster- 
reichs, • Böhmens und Mährens von dem schAversten auf ihnen lastenden 
Druck entehrender Sondergesetze befreit, ihnen eine Reihe wirtschaft- 
licher Freiheiten eingeräumt, den Zugang zu den Hochschulen eröffnet 
und die Errichtung eigener Schulen ermöglicht. Allein, abgesehen von 
zahlreichen aufrechterhaltenen Ausnahmegesetzen und der auf Germani- 
sierung und "Glaubens Vereinigung" gerichteten Tendenz des Patents, 
wurden die Juden während der nächsten Jahrzehnte unter Franz I, von 
neuem beschränkenden Vorschriften untervrarfen. 

Erst die Revolution des Jahres I84Ö brachte eine radikale, wenn 
auch nur kurzfristige V/endung. Damals wurde auch Wolfgang V/essely, 
geboren in Trebitsch, Mähren, 1802, ein Gelehrter von universalem 
Wissen, als Religionslehrer tätig, zur Dozentur an der juristischen 
Fakultät der Prager Universität siugelassen. Wessely war somit der 
erste jüdische Jurist , der das Lehramt an einer deutschen Universität 
bekleidet hat. Ueber dieses historische Ereignis iind über andere 
Berufungen, deren er teilhaftig wurde, hat sich Wessely in einem 
Brief an den mit ihm befreundeten, in Ungarn ansässigen jüdischen 
Gelehrten Leopold Low geäussert. 



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a.a.O, S. 234 




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Wolfgang Wesselyj (I8OI - I870). 



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( ) Wolfgang V/ossely an Leopold Low 



[Prag, 23. Januar 1862.] ...Ein Fall, dessen sich ein Zcitungs- 
skriblcr bcmäditlgt und in öffcntlidicn Blättern ganz entstellt und un- 
riditig mitgeteilt hat und der in dieser Entstellung gewiß audi zu Ihrer 
Kenntnis gelangt ist, liegt jetzt zur Entsdicidung vor, nämlidi der, 
ob idi, obsdion Professor Ordinarius, als Jude, als Promotor fungieren 
darf . . . Pcrsönlidi interessiert midi eigentlich die ganze Sache wenig. 
Idi genieße sonst alle Rcditc und Begünstigungen eines Ordinarius; 
ja, das Promovieren ist mehr ein Onus als ein Commodum. Aber es 
handelt sich um ein freisinniges Prinzip, und es scheint, daß mich die 
Vorsehung dazu als Mittel auserkoren hat, um in der Emanzipations- 
frage der Juden dem liberalen Prinzip zum Siege zu verhelfen. Ich war 
der erste Jude, der das Amt eines geridnlichen Translators in hebraicis 
bekleidete, der zu der Beratung der Gerichtsorganisation in Böhmen 
im Jahre 184S zugezogen wurde, dem die Geridnspraxis beim Kriminal- 
gericht gestattet, der zur Richteramtsprüfung zugelassen wurde und 
solche bestanden hat, der an einer österreidiischen Universität eine 
Dozentur, später eine außerordentliche und endlich eine ordentliche 
Professur an einer juridischen F.akultät erhielt. 

Fast schäme ich mi<^, von mir soviel gesprochen zu haben, aber 
wenn ich einem treuen, bewährten Freunde schreibe, so tut sich mein 
Herz weit auf... 



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fr-y / . 



Wessely Brief gibt keinen Aufschluss über den reaktionären Umschwung, 
der sich in der Zwischenzeit zugetragen hatte. Nur allmählich sind 
infolge des neuerlichen Rückfalls in den Absolutismus die von der jungen 
jüdischen Generation an die Märztage I848 geknüpften Hoffnungen in 
Erfüllung gegangen, Noch im Jahre 1Ö53 hat der unermüdliche Kämpfer 
für die Emanzipation der Juden, Josef Y/ertheimer, als das Verbot des 
Grundorwerbs durch Juden wieder eingeführt wurde, am Schluss seiner 
Schrift "Die Stellung der Juden in Oesterreich" die von neuem drohende 
Gefahr einer Einschränkung ihrer Rechte mit den V/orten gekennzeichnet: 
"Degradation heisst die schv;erste Strafe, die beim Zivil wie beim 
Militär nur die schwersten Verbrechen trifft. Und Degradation ist es, 
die hier 800.000 pflichtgetreue Oesterreicher treffen vairde, die kein 
Verschulden auf sich geladen haben,.." Neben V/ertheimer und dem 
Wiener Prediger Adolf Jellinek hat in den fünfziger Jahren auch der 
V/ienor Rechtsanwalt Heinrich Jacques einen an Riessers Kampagne erinnern- 
den Kampf um die Gleichberechtigung der Juden geführt. Aber wenn auch 
die gesetzliche Regelung noch bevorstand, so war die tatsächliche Lage 



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Leopold Low, Ges. Schriften, hri^g. von Rmanuel Low, 
5. Bd. (Briofe), SsQgodin I9OO. 



Joßef Wertheimer: (I8OO - I887), Pädago^je und Sckriftt^tellür, 
gründete die eroten ICindorßiärten in Oestorroich sowie einige 
jüdische Schulen, Wurde geadelt und erhiolt das ■ 'lirenMlrger- 
reoht von Wien« Hrsg. des Jahrbuchs für Israelitan (1054^18*^4). 



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Adolph Jellinek: (l820 - I893), I845-IÖ56 Rahbiner in Löipai^^, 
dann in Wien. 



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der Judön im Beraioh dos deutsohon SpraohgobietGs gegen die Mitte dor 
öechzicer Jahro kaum wesentlich von dem "bald darauf Sanktion! orten Zu- 
stand versohioden. Anschaulich boriohtot darüber der Privatß-Ql ehrte 
Raphael Kirchheim. 

( ) Raphael Kirchheira an Leopold Low 

Prankfurt a,M., 17. Dezember I865. 

)^So_vioLJ^Tt)en \vir auch hier erfahren, dass die Juden |Ui-4^ Freiheit durch 
den Sieg der Demokratie und nicht durch die J^Xirsten erlangen. Vor drei 
Jahrzehnt n waren die ^hen noch beschränkt; kein Jude durfte mehr 
als ein Ilaus eigentümlich besitzen! vom aktiven und pa ßiven Wahlrecht 
v/aren sie ausgeachloi^een, und jetzt können sie sof^ar die höcliste 
Staatsx'^/ürde bekloiden« Im Jahre I8OO machte noch ein Dr. mod. bokannt, 
daiT^s in seiner Badeanstalt zwei Zimmer für die hiesige Juden^'-ohaft 
bestimmt seien und kein Christ in ein Judenbad und kein Jude in ein 
Christenbad eingela sen wjrdej auch das Weir,szeug sei für beide Teile 
gesondert gezoiohn t; und j-tzt gibt es keinen Vergnügungsort, keine 
öffentliche und. geochlossene Oesollschaft, \vo die Religion eine Schei- 
dewand macht, keine wisnenschaft liehe, gem. innütr.igo Anstalt und köine 
merkantiılif3 tische Administration, vfo die Juden nicht mit ihren gei- 
stigen und materiellen Kräften für das GeneinvA>hl mitarbeiten. Das fri 

^ohi Aufblühen des Handels und die allseitige Wohlhabenheit in unserer 

Stadt haben alle früheren Clegner unserer ■iaanzipation zusohanden ge- 
macht, und sie machen notgedrungen das Geständnis, dass die Stadt 
das an den Juden begangene Unrecht eui sich selbst gebücüt habe. Mit 
diesen v/onigen V/orten haben ^e die gegenv/ärtige Stellung der Juden 
im staatlichen und sozialen Leben unserer Preistadt, und Sie werden 
es ganz natürlich finden, dass für uns die Mes.'iias frage ent^johieden 
ist, und früher oder später wird diese Frage in allen zivilisierten 
Staaten auf diese Weise gelöst v/c^rden. 



• • • 



Zwei Jahre später hebt östcrreldi in der Verfassung von, 
1S67 und nach weiteren zwei Jahren der Norddeutsche Bund in 
dem von Wilhelm I. und Bismarck untcrzeidineten Gesetz vom 
3. Juli 18^9 alle aus der Vcrsdiicdenheit des religiösen Bekennt- 
nisses — nur dieses gilt als Untcrsdicidungsmerkmal der Juden — 
hergeleiteten Bcsdiränkungen der bürgerlidicn und staatsbürger- 
lidien Rechte auf. Die optimistisdie Zuversidu, mit weldicr diese 
Ereignisse von <ier deutsdicn Judenheit begrüßt wurden, kann 
nidit besser illustriert werden als durch jenen Brief, den Berthold 
Auerbadi unter dem Eindruck der Nadiricht, daß die Judeneman- 
zipation im ungarisdicn Reidistag einstimmig angenommen wurde, 
am 28. Dezember 1867 an Jakob Auerbach geriduet hat und 
der in die beziehungsrcidien Worte ausklingt: „Ich bin oft so 
reizbar feinhörig, daß es midi berührt, wenn ein Blatt in meiner 



Kirchheiras (I804 - I889), uroprünglioh Vertoidiger der 
Orthodoxie, ent\vi ekelte er sich unter dem I^influss von 
Abraham Geiger zu yinem radikalen Anliänger der Reform. 



Leopold Low, a.a.O. 



• 



t 



II. Der neufi Fni tus 



# 



■^ 



/ 



Die innere Wandlun,^, die aich coit Anbruch der Aufklärun£;cGpochG 
in der deutschen Judenheit vollzog, wurde sichtbar an der Umf^eGtaltun^ 

•X- 

des jüdischen Gottesdienstes. Israel Jacobson , L^ecklenburc-ochv/erinscher 

Geheimer Jj'inanzrat, v/urde z^jm i&ponenten dieser Reform, Im Jahre lolO 

vrurde in Seesen, im V/estfälischon Köni,^:roich Joromes, untor dem Geläute 

der Kirchenf^locken und ßoteili^pjini'^ d.ör staatlichen Behörden der erste 

"Sempel" des neuen Kultus ein,';e\7eiht. Zum erstenmal wurden von der 

versammelten Gemeinde Gebete in deutscher Sprache gesprochen, zum 

erstenmal ertönten Orgel und deutscher Chorsesang in einem jüdischen 

Gotteshaus, Berlin ist nach dem Sturz Napoleons die nächste Etappe 

der Kultusreform. Dort richtete Jacobson vorerst in in seinem, später 

c 
im Hause des Bankiers J^ob Beer, des Vaters von Giacoma Leyerbeor, 

den neuen Gottesdienst ein. Zunz predigte hier, und l^iedrich Schleier- 
macher erschien unter den Zuhörern, 

Aber die Neuerer stiessen auf zv^eifachen Widerstand: die jüdische 
Orthodoyie und ihr extremer V/iderpart, die im Jahre l822 in Berlin 
entstandene "Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter den 
Juden", erblickten in dem reformierten Tempel eine Gefahr für ihre 
'Bestrebungen und erreichten, dass die Schliessung des Tempels durch 
eine Kabinettsorder verfügt vairde. Ein Brief des Aufklärers Josef^^^ 
Uuhr an seinen Onlcel Jesaja Tugendhold, den Vater des Sekretärs der 
V/arschauer jüdischen Gemeinde, schildert dieses Ereignis, 



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^Ai*iim ) Joseph Muhr an Jesaja Tugendbold .if^v". .'l. 

• ./•' - Berlin, 2?. April 1823^^1; , 

^. ; loh bin der nicht mehr, der ioh n^oh tot einiger Zeit war, Weim^- 

^ - t « *K-» -.1.,- .(».•■^^Ä,-«.'. ...1 Itt\ \ ' t 

ich mich fruier für^das Wolil'meiitier Brv|4Qr^ der Söhne iß raels, 
gemo auf^reopfert habe und tätig tmr, sq ist seit kurzem aller Mut 
und jede Kraft von mir gewichen und ioh liabe die !<lrfahrung gemacht, 
wenn Gott nicht das Haus baut, so war die Mühe der !*'rbauer vergebens. 
Seit 8 Jahren wurde hier ein Gottosdienst üins'eriohtet, der Ihnen 
v/o hl vom Hörensagen bökannt gevrorden ist. Nach Ö jährigem Böütand 
unter Kampf und Qualen ist er gediehen und wahre Gott jsfiiroht, wahrer 
Glaube bereits bei zartem Fördern im Herz der Jugend g#wäp|Belt. 

•T 

Plötzlich ist durch die Gesallsohaft, welche sich vereint hat, die 
Glaubensgenoösen zum Uebergang zum Christentum 55u bewegen, gewirkt 
worden, dass wir den Gottesdienst in der Art, vfi& wir ihn eingerichtet, 



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Israel Jacobson: (1768 - 1828). 



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Joseph Huhn lang jähr it';?er Vorsteher der jüdischen Gemeinde 

in Berlin und Mifbegründer der Berliner jüdischen Reform2:emeinde, 



/ 



B.Weinryh: 2ur Geschichte der Aufklärxin,:; bei den Juden, Monats- 
schrift fiir Geschichte und Wissenschaft des Judenturnß. 1935^2- 
3. 150/51. 



/ 



■1, 



? 

oesoieron müssen. NatHrlich wirkten diejenigen, die Glaub önSi'jenOosen, 

i., j.j^die von diae©» Gqtteödiönst irrigarweise ©in Nachteil für die Religion 

■"•i "bofüTchtoton, ihreraeite mit, um daa 4li^e zu störon, Gott möi«re ihnen 

.■ ' r ' ' ,•• 
'■* ,,,i^^Q 3ündQ vergjabQnt Dein© ^^W^törer \jM VervAister v/erden aus Dir 

Wenn einmal in später Zeit die Akten über diüsen Gegenstand bekannt 
tyerden sollten, so v/ird man erstaunen und es nicht glaub on wollen. 









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■Rrst in Hamburg fasste die Reform nach harten Kämpfen Wurzel. Dort 
entstand I8I8 der nouo Tempel und I819 das neue deutsche Gebetbuch. 
Es ist Israel Jacobson gewidmet: 

Ist CS uns j'.clun[;cn, dieses Gebcihuch und den damit vcrhundcncn 
Gouesdieasi in Ihrem Gelsie zu i;eMAhen, so mö-en Sie es als Ihr Werk 
hcUMchten, [•)cwi\ einer Pllnn/e, nvo/u Sie in v/ciier I-'ernc di;n S.vmcn 
aus-;osireui;^inui v/cini es Ihnen die Trendc gewahrt, die ein r,clnn[;cncs 
Werk mit sidi fülnt, so mö-c Ihnen der All-üii-c die noch größere ge- 
wahren, dieses gouselige Weil; sidi immer mehr und mehr in Israel 
verbreiten zu sclicn . . . ^ 

Im Jahre 1820 v-xirde in Leipzig für die Zeit der Lesse ein Gottes- 
> 

dienst nach Hamburger Llust.er eingerichtet. Ein Bericht des österm/chi- 
schen Generalkonsuls in Leipzig, Adam Müller, an den Fürsten lietternich 
hierüber ist erhalten. 

( ) Adam Müller an den Fürsten lietternich 

9. Februar 1826 



Der reformierte israelitische Kultus 
besteht zu Leipzig nur während der Oster- und Miciuelimesse, wo ihm 
jedesmal für die Dauer der Messe von der hiesigen Universität ein 
lokal eingeräumt wird, das nach der Messe v/iedcr zu akademisclien 
Vorlesungen dient. Außer zwei oder drei eleganteren jüdischen Fa- 
milien des hiesigen Ortes nimmt die Leipziger Judcnheit an der Re- 
form keinen Anteil. Zwei jüdische Kaufleutc aus Hamburg und Altona, 
weld-.c um die Zeit der Messe anwesend sind, haben die Entreprisc ge- 
macht, die Ge.sang!iüv-]icr der I Ia:-ah-;ger Gcii'.rindc cin;;cfühit u;id d:n 
jedesmaligen Prediger versJ rieben .. . 



Xr I>i'. Caosar Seli^^anni GaEchichte dar jüdischen Refornbev/egnang 

von Mendelssohn bis zur Gügenwart, ii^ankfurt/li.. 1922, Ö.öß. 




J 



Abor mochten auch die i'ünlicirnischon Gereon don neuen GotteüdiGnst 

Zurückhaltung; üben, oo (3ntfalteto -or sich dennoch durch die Toilnahrao 

der LeGseheoucher und die Litv^drlainc hervorra^';ender jun^^er Prodii^^er 

derart, dass er weit über Geinon unmittelbaren räumlichen \/irkun,^ckreis 

hinaus für die T-hitväcklun;; der Reform eine un.'coahnte Bedoutun,:^ gewann. 

Denn der improvisierte Leipziger Gottesdienst war es, der eines der 

^rössten und nachhaltigsten i^-irei^^nisse, die sich in der Geschichte der 

Reform zutru^^en, entscheidend beeinflusste: die Gründung des Wioner 

Stadttempels, 

grosse 
Nachdem im Jahre I690 die Wiener Gemeinde durch die/Vertreibung 

zorstört vrarden vra,r, hatte das Häuflein der "tolerierten" Juden und 

ge 

ihres Anhanges die Grundlagen für ein neues Gemeinwesen/schaffen, Zu 
Beginn der zwanziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts gingen die 
tatkräftigen Lenker der wiedererstandenen Gemeinde daran, ein würdiges 
Gotteshaus zu erbauen und dessen Ritus nach der Art des Leipziger 
Gottesdienstes zu gestalten, den sie bei ihren llessebesuchen kennen- 
gelernt hatten. Der dem Kreise der Leipziger Prediger angehörende, aus 
Kopenhagen stammende Kanzelredner Isaak lloah Uannheimer, dessen mächtige 
Seredsamkeit den Repräsentanten der V/iener Judenschaft, llichael Lazar 
Biedermann, beeindruckt hatte, vAirde berufen, "um die innere ""Einrichtung 
und Verbesserung nach dem Geiste der Religion und den Bedürfnissen der 
Zeit zu treffen, sie zu leiten und mit dem rechten Lebensgeist zu 
beseelen." Die V/ahl konnte nicht glücklicher sein: l.annheimer schuf 
in der V/iener Gemeinde eine vorbildliche Pflegestätte der gemässigten 
Reform-, den naöh seinam Schöpfer auch "Mannheim er-Ritus" genannten 
"Wiener- Tempel-Ritus", der durch die organische Verbindung überlieferter 
und zeitgebundener I^brm wesentlich dazu beitrug, die von zahlreichen 
Gegensätzen erfüllte, auGserordentlich differenzierte Wiener Judonschaft 
vor inneren Erschütterungen zu bev;ahren, 

IÖ26 fand die Einweihung des neuen, von Josef Kornhäusl im %ipirestil 
erbauten Stadttempels statt. So fruchtbar I.iannheiraers hier aufgenommene 
Wirksamlceit \7urde, er selber empfand das Erreichte nicht als Erfüllung 
seiner Ideale. 



IsaaJc l'oah Mannheimeri (1793 - 1365). V::l. dazu S. [ 



' 1"' 



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f '- ( ) Isaak IToah Lannhoimer an Loopold Zunz 

31. Oktober lb26 



Hein V/irlnin^Gkreia ist hier der nicht, den ich früher als 
meinen höheren Beruf mir dachte, 
• • • 

V/iedergehurt eines zerfallenen, aufgelösten Volkes, V/ioderher- 
stellung dos reinon Gottesdienstes, der I^Jinheit und V/ürde unserer 
unv/issenden, verwahrlosten Glaubensgenossen, das v/aron v/ohl so 
die Ideen und Träume, die uns beschäftigton, an die denlce ich" nicht 
mehr, v/eil ich nicht mehr daran denlcen darf, so ich nur irgend 
sonst was Gutes 1 eis ton v/ill^ Ich füge mich in den Idoenlcreis 
meiner Umgebung und tue, \ms mein Beruf von mir fordert. Das 
wissenschaftliche Streben ist auch beendigt, da mir meine Geschäfte 
weder Zeit noch Ruhe lassen. Ich gebe Stunden in der Schule und 
predige - das ist alles,-' 

Die von Zunz erst drei Jahre später geschriebeno, durch den Bruder 
Heinrich Heines überbrachte Antwort ist im gleichen Ton gehalten. 

( ) Leopold Zunz an Isaak IToah luannheimer 

13. März 1Ö29 

• • • 

Mit meinen reformatorischen Träumen ist es zu Ende; eine 
Institution nach der anderen ist in Staub gesunken, wie ein 
Tüchtiger nach dem anderen unter die Nicht Juden.. • 
Doch ist es vielleicht im Süden anders, und der Tau des 
Geistes, auf diesen empfänglichen Boden fallend, weckt viel- 
leicht noch schlummernde Kräfte.., 



* * r 



Am 20, April 1Ö29 vorsammelten sich im Gotteshaus die Vorsteher 
und alle Gem.=indemitglieder, wo ihnen der Aktuar Josef Veith die 
"Statuten für das Bethaus der Israeliten in V/ien" vorlas, die dann 
von allen als bindend unterfertigt vTurden. 

Ueber das vollbrachte V/ork und den geregelten Gottesdienst berichtet 
Mannheimer seinem Nachfolger im Kopenhagener Rabbinat, 



Der BriefWLiO'dsel zwisohon Isa/ik Moa Hannheimor und Leopold Zunz, 
Hrsg-, von M, Brann iind LI, Roseminann. Monatsschrift für ttm 
Gefschichte und IVisr:' enr? chaft des Judentums, 191? • S. 298. 



a.a.O. S. 302. 



% 




^ 



) Isacüc Noah Mannhoimer an Abraham V/olff 

V/ion, 22. Juli 1829^ 

/ 
<♦... .- 

[Vicn, 22. Juli' 1829.] ... Den Gottesdienst in seiner Rcinlicit '-^'^^ A^-^'/U^i^'/,^ 
herstellen, die Mitglieder der Gemeinde, Volk, Fr.iucn und Jii^,end, für /^-^^ 
denselben /u gewinnen, ist der eine Zweck, .luf iScw wir) hinwirken. l''^i'^^ r 
Dazu dient uns als Mittel: 

1. Die N'crcmlatlnnv.; der l.iiiir'Aic*. Wir beten olinc ni',in 'o'.r.r Ab- 
nnderunr; von „Herr der Weh" bis „Alenu" [Sclili)ßgeb.nJ, aber sar;ou 
keine Pijutin; (synar,oc;aIe GeviiJue]/, auf>.'r Neujahr nadi eiiKr beson- 
deren Auswallt U!ul die KKv;eIieder am 9. Ab [Ta;; der TcmpclAersiö- ///^'j<f^ (--'<'■<: ^C. 
rung], ebenfalls in einer v;edran.;icn Auswahl... ^ ,/- . .. y j\^\i,i//^') 

2. Auf iüie 1-orm ^a, Goircsdionsies~nHi Ordnung, pünktliche Q^- f' ^ /-'"'^^ ' - - 7^ 
n.'iuif;keit und l'eicrliclikeit bei allen l'unluioiicn wird strcui'.c f.esehen. 

Der Gesang ist sehr erhebend, der Chor besteht aus zwölf Knaben. 
Der Vorbetcr nuif> woriwörilidi vorbeten und, wo er singt, sich an l--^ 
bestimmte Melodien halten, größere und feierlichere Stellen werden / <^-' l(C 
drei- oder vierstimmig gesungen, (\x er außer dem Chor noch zwei Ge- 
liilfen Jiat. Unsere Konijx)s!tioncn sind größtenteils Mcisiersiückc des 
Kirdiengesanges, wenn idi auch in lliicksicht des Stils nicht ganz zu- 
frieden bin. Ich wünsclic mehr Choraliiesan", weniizer fi'urierten Gc- 



sang . . . 



3. Die Verbindung des Gottesdienstes mit dem häuslichen i eben 
ist eine unserer cifrii-sten ]>estrebunL'cn. jede reicrlichkcit im häusliciicn 
Leben wird nadi vorgeschriebenen l'ormen abrrb.alten. Idi betiachtc 
die sogenaniite Seclsorr.e als den heilii-Men Beruf, halte sie noch' holier 
In Ehreni-als das Lehramt und die Predl.":!. Von der Geburt bis zur 
Grabstätte soll die Religion den Menschen ermahnend und beruhigend 
begleiten . . . 

4. Die Predigt bei allen festlichen Gelegenheiten als das lebendige 
Wort Gottes, aber lebendig muß es srin, lieber seltener, wo nur kräftig. 

. . . Deutsche Gesänge haben wir noch nidu ciiv-eführt, ^\•ohl aber 
deutsche Gebete bei allen feierlidien Gclc-enhcitci und vor und nach 
der Pretiigt, aber 'lur für den Prediger, nicht als Gebet der Gemeinde, 
auch dahin strebe ich. Die cigentlidie 'J'elila [Gebet] kann dabei immer 
hebräisch bleiben als Xulius. Ks ist aucJi dabei nidu viel gewonnen, l- 
wcnn liicrin eine Abänderung geschieht, und für die volksiümlichc 
Seite des Judentums viellcidit viel vei^oren . . . " ,^ //]. 






U 



Auch aus Mannheimers Brief an Zunz läest sich seine wenn auch 
nicht uneingeschränkte Genugtuung über das "bisher vollbrachte Werk 
erkennen. 

( ) Isaak Noah Mannheimer an Leopold Zunz 

Franzenshad hei Eger, 11. Sept. 1Ö29, 



Zu den 3000 fl. c. m. 2 aüerliebste Buben — eine gute Frau, 
schöne Wohnung — eine liebe Gemeinde, die mir Gott segne 
— zu dem allen das BewuStseyn, daß ich nach Kräften dsA 
Meine thue und nach Pflicht und Gewissen verfahre — meine 
Arbeit gelingt und gedeiht — (wie Samenkörner im Moorgrimd 
und Sandebnen) und glauben Sic -- ich wäre bei allem dem 
zufrieden — so recht froh und freudig — ? nein — und wieder 



Ziml interessante Briefe Iviannhdimers , Lonatüschrjft für Goschiohte 
und V/i3Benschaft des Judentums, I87I. S. 276ff , 



Der Briefwechsel zwischen Isak Noa Maoinheimer und Leopold Zunz, 
MGWJ 1871. S. 305. 



- 1917 




% 



nein — und warum nicht — ? wie pcsagl — weil — n^rD 
noch immer nicht kommen will —. Ich habe Rcforschl — 
Vpr: Nr T,3 — c-^rzz T,w2 - ich brinpe es nicht her 
aus! und nun frage ich — was will unscrcms? Lesen Sic den 
§ Ihres eignen Schreibens: „ein Institut nach dem andern ist in 
Staub gesunken wie ein Tüchtiger nach dem andern unter die 
C\";y" — Und wenn nach jahrelanger Mühe und Aufopferung 
meiner schönsten Lebensfreuden nach ewigen Sorgen und 
Säubern — der Rumpf wird ohnehin alt, und muß jährlich ins 
Bad, um ausgewaschen zu werden — wenn dann — auch von 
hier aus — eine solche Stimme Ihnen entgegentreten sollte — 
und das geschieht gewiß ~ «in Institut nach dem andern etc. 
etc. — ich höre die Stimme aus der Ferne herbeikommen — 
über wüstcsLand dahcrschreitend ('riya::! bv yt'pü Cnrrn ^y i^lD 
und in Wüsten und Einöden hineinschreiend — und es wird 
dann nicht einmal ein Herz mehr klopfen — und kein Geist 
sich entsetzen ob solcher Kunde — sondern sie werden die 
Köpfe zusammenstecken und werden sagen — was thut mer 
damit! Mctalliques loo 1/2 — Bankactien 11 70 usw. — Soll 
ich im Prophetenton fortfahren — auch dieser Götze, den sie 
anbeten, wie Ihre r'ZX den {'CS'ir^ v'ipr haben angebetet -^ 
wird niederstürzen und zusammensinken in Schutt und Trümmcj[, 
— und sie werden auch den kleinsten Segen Gones, — den 
sie aus Mißverstand für den größeren hielten, und aus Un- 
geschicklichkeit in den großem nicht umzusetxen wußten — 
als er noch im Curse war, sich aus den H&nden schwindea 



») IIL. 3,8. ») Daniel xx.ji. 

MoBAtitcfarift, 61. jahxxaag. 21 



^ 



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sehen — und was ist dann — Gottes Volk? — kein Geld — 1 

und keinen Gott? II und — kein Volk — ein Messer ohne 1 

Stiel und ohne Klinge — 



Wie sehr sich LIannheimer dennoch der Bedeutung des gottesdienst- 
lichen Neuordnung hewusst v/ar, "beweist, dass er sie in unmittelbare 
Beziehung zu einem der wesentlichen Ereignisse der jüdischen Geschichte 
"brachte: zur Gesetzgebung Esras, 

( ) Isaak Noah Mannheimer an Abraham V/olff 

f 



[.Wien, 4. Ju!ii 1830.] ....Die Rc])i;Io!i ui^d Moral gcv/Inncn beide 

an Rnum und Tiefe in der Gciiiciiidc, und es können die blindesten 

Zclütcn und die .lufgcklärlestcn rreidenk'cr nlclu .iblcu?,ncn, dp.ß dcni 

JudenUnii in lilesir'.n" Gemeinde eine kräftige Siiii/c lier.inj^cwaciiscn 

ist. Mein innii;stcr Wunsch und mein kräftigstes Wir];cn gclit jetzt da 

liin, das Gewonnene zu erlmlten, und icli leiste p.crn Veiziclvi. auf jcd 
t: •. J A J_i ^ A..^ -n-:..«:«. ,-. :j. ...' .k. i7 




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Dr. ll.Roaenrnann 



, J.K.Mannh.imor, söin LeT^sn und V/irkan. Wien 



und Berlin 1922. 



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D.is clir/lc;c, was ich nocli d.i/.u um niöduc, Hslicr aber so [;3nz 
.iiif ciV,ciic I Lind nidn ^cwa^ji liabc, wäre der dciitsclic Gesang,, be- 
sonders der jiin[;oren Gcncralion wc^,cn, da mir die Gemeinde bei unse- 
rem Gouesdienst 7.u untrilij; ist und selbst zu Nveiii^; beschäfti^;t. Idi 
habe midi jeciodi schon länj;sl überzeugt, daß mit dem einseiligen l'-in- 
j;elien in die neue Zeit nldus gewonnen ist, die Jugend versdmiälit das - ■ 7^^r 
Neue, so CS ilu" radi wenigen Jahren ist alt gcwordcn^wic ehedem das 
Alte. Mine Krstarkung muß da sein, und zwar eine Hrstarlamg des 
Glaubens. 

Auf eine Orgel würde ich nie rechnen, und wenn auch alle äußeren 
Emwcndungcn dagegen aufhören möchten, ich gestehe, es ist der Orgel- 
ten der christlldicn Kirche einmal zu sehr zur Eigcnlümlidikcit ge- 
worden wie der Glockenklang, al? daß der Jude nicht daran einen An- 
stoß nehmen würde, ofl'enher/.ig, in den fünf Jaliren, da ich ucf Orgel /^ 
bin cntwölint worden, würde es meinem eigenen Gefühle nich; mehr 
recht zusagen . . . 



Dieser neue jüdische Gottesdienst in der Seitenstettengasse \7urde 
zu einem Anziehungspunkt auch für die nicht jüdischen Kreise Y/iens, 
Dies war nehen llannheimer dem jungen, "bald zu Berühmtheit gelangenden 
Kantor Salomon Sulzer zuzuschreiben, dessen Wirksamkeit jene des 
grossen Kanzelredners harmonisch ergänzte. Zu den Verehrern Sulzers 
gehörte neben dem Dichter und Erzbischof Ladislaus v, Pyrker auch 
Franz Schubert, der ihm nach einem Priitagabendgottesdienst schrieb. 



( ) Franz Schubert an Salomon Sulzer 



Verehrter Meister! Die Yerhcrrlidiuiig Ihres Gottcsciicnstes, der 
Ausdruck begei.stcrter Andadit h.'t midi bis ins Innerste crsdüittert. 
Nodi nie habe idi ahnüdicn Sdimclz gefunden v.ie in Ihrem Me/^a 
voce, so demütig leise und dodi so klar vernehmlich. 

Ihr Franz Schu'hcrt 



"Am nächsten Sonntag" - so berichtet Sulzers Sohn Rudolf - 
"erschien Franz Schubert in der Seitenstettengasse und spielte Sulzer 
sein neuestes, unter dem Eindruck des Freitaggottesdienstes entstan- 
denes Lied vor - es war die »Allmacht* • Sulzer sang die Komposition 
sofort vom Blatt, und so entstand eine innige Freundschaft, welche 
bis zu dem zu früh erfolgten Tode des Meisters währte." Rine der 
schönsten Früchte dieser Freundschaft vra.r Franz Schuberts Vertonung 
des 92. Psalms, Der Name Schuberts wurde dadurch zur gross ten Zierde 
der von Sulzer herausgegebenen "Schir Zion". 



'1'- 






üaloinon Sulzer: (l804 - lö9l)> Reor/^anisator des 3ynaeogen^oßan^;s, 
Oberkantor in 'Vien. 



Eudolf Sulzer: Franz Schubert und Salomon Sulzer, Beuas Wiener 
Journal, 9. März 1933. 





^ 



Selbst in Hamburg, v/o die Rofonabowe^n,^ am frühesten zu sichtbaren, 
dauernden Erfol^jen geführt hatte, empfand man Mannheimers V/erk als 
eine wesentliche Leistung. Hiervon zeugt ein Brief, den der Prediger 
des Hamburger Reformtempels, Gotthold Salomon an Mannheimer richtete. 

( ) Gotthold Salomon an Isaak Noah Mannheimer 

Hamburg, am I.Juni 1Ö30 



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1lebli(f,flcii .V")offmmrtcn, bie mit ber neuen %iU\v lu mlrerlmid^tnr'dfl&Brt 
niiri) tif, b.ifj b\i mirf) für bif Moljv-r inth^ißjii^v-^rHttTanriiiUbc^rui^i^^ 
in bcr ,\ol,ie bmrt) C'l'ir£jiuIil^uf^t''Tnr5'1IJn inlfc^atiii^fii lorrbiii, 

lüie GiiJilkd-4H4rTTrnT?nnJ^1procf)en ^.ibeii. Uub »um iur »iWuiitmortuiiij 

9Hie ^^r (5rf)rci&cn {ibcr[)aupl, fo f;abctt mii^ bie 9?ii(fjrid[)ten über 
ble bortine (iimi(i)tuiij in bcr Gj)UiVV^fl< ft'^'V^ bffonöcrö unb aiiffl nii« ' 
flcnfbnifie iibcrrnf^ljt. Xa^ baö (Müttii3[)aufl <\\ua' bei iinpüjniintcfu'n 
CicbAulie f(i, U\i \d)9U\ 'ä\\in[l'u\}ti\ '4tlottern; baf; Gic ade il XA\\t 
Vrcbi.icit; cibaiifn, lu't^riftcrn, ^tnivi|'ti-n n)ulite ii^ a\ul), ba{} bcr bortiit 
idmtüc ein waljrcr Q^dic\\i („Srh/.") jiir bic mafifalJh1;cn Ofjrai ha Süit-nec 
fei, blieb mir aurf) iiicfjt unbcfaiuit. Viber bay tcc Weift beiJ ^>errn b. i. 
bcr CMeift fcljtcr Jyiiimmif,fcit ami) bdö Vtbea, ^a3 ^iniö« uiib ,i;amilicn« 
leben biird;bvin(\e, biif; ber ü'raiiiiiinr nile bic Söie^e unb t<.\i (^^rub burc^ 
baö lebeiitij^c *l\Joit ber ^{elii^iün flfiüeil)ft unb i;leiil;)inn oeifKiit loirb — 
nein, biU'üa nnifjie id) nidjlfl; uub bafi in bei- bciti^jen GonrtQoje beulf (f)e 
(Mebeto neuirtjlet nnb beutf^c li^ariilc eiiiftefüf)ii lüctben, bcibc ui) ni^l^t 
lieüljnt, lüie nu'iibc id) fünft ein fo ineifmiitbijeö in ber (^efdiic^tc Ici 
Iflr. Shihud cppifieinadjenbfd (Srei(|ni'j in bcr ^Jlorrebe jn uteineu ^fft' 
l'iebiiit.n unbenil)it (jclaffcn l)aben! D, bay iJ) l^l^ven «Iricf nicf)t uin 
fiai^ie lil^onate fiui;er ((Clj^bl ijahcl lü^cin £(ben unb meine S^onebe 
l;iuen un %\ii:>U bebeutenb (jeijcnncn, (Sie (juier, bofer JUJann! — 1>a 
obu' bic 'Diujc nun fo flehen, fo \i^bc\\ (bie atn )ueui,\ften UifaJ)e Ober 
r^f)ic (iitefluuii ju flaiien. UUie? Gic ftef^en oereinjelt? ^viben Gie 
ja eine fji;i|>((Ue QKiiuiube! 5^'önuen &ie ja jcbem feiubUcIien 'IWln^ipc 
mit )l)lc\i eiitnefluen ,,liiu'aronii luyJH'küncnu uelecli", mäljaiib mir 
f^ium iiber ein rsraiinciu einer (ikn;eiube bißpunieren fünncn. Clt) fJA< 
fauiir; beim in biefein »"vro^vucule ift fenic üinbeit; {^rei()eit flenu.i, aber 
feine Cilciitljeit; riu ^Jcil lafit bic ^iuber foiifirmieren, ein imbeer SJeil 
ift bni]c(jen; Sivauunfjcn uon nnlerer -reite fnifcn feiten oor; bau 'Jiiiihefeft 
bet neuiicboreiien iliuiben ift (^erabc niit)t fel;i- nnjic^etib; blieben nm C-hnbe 
»uurbeu nüd; {\^t niit^l ,]e[)alien; in ber 'i^iuftion felbft fi^^ bie 'iliifidjltn 
iH'iidiiicen unb uon eiuoiibcr iibineidjeiib, ttee eine '-^luvflelier ift j.ir bnS 
5ilüri»iiiiofd)i eilen, ber anöerc meint, mir uiiiren frfion ja meit nnaneieit, 
t'fi füuute unö feine (iU*meinbe n>i(f), biunni fuiuben unv mleiii ba. 5el)en 
tiie, l'iebfieel biiS nenne id) oereinjelt fielhu, bar» lU'nne id] ein ;|eifiüi^elt 
S'Jeif. Vliur bn3 ^Ininc ift nuiliilid) felir bebeutitib uuii feiieu'ireiti). „'•llUr 
miiien loeniiifieuo in lorö bie fu^^e;l^e iliv.tje"V C^i'tt oebarme fit) bf8 
Giedt'.i unb ber ^SieiKi'! ^l'Jeiner l'lnjnljt nad) ift ber Sie,), bev ',V)nen 
Leuntftclit, jueit flröf.a- unb wmfaii|iveii();e, benn fobalt) baCJ'^rinjip bet 
Sti'fornt bjrt anerfiinnt fein rairb — uab ber Öeifl loiib U>jI)1 bic 
tvonn firf) erfd;aflcn uub cijiuini^en! — ja nnib ^brc ?i)noßOi)e 'Jloriit 
i;;eiben jür mo liiere ilöuirtrcicf)C. 'i lb cr mi rV — vtrif irni fotreinutnunfeu . 
ihiil lueldjer Woi.uinöe foUcn roir uulJ oeiftöntincn? .äJJ.in läfit fid) mit 
xuvS, aii Jleprfifentiuitcn einer mobernen i\irrf)e", In Rar f,:inc Unter« 
I;a.ib(;mf,cn ein, jo n•ieüd>-^il5"tT^ilTA'abinet jebe5miil ftanbfjafi meirterte 
mit yJiipjJjuav-i5«m'nlerl)onbeIn, bu ea benfeloen nie M iVaifer anerfannt 
i\f (fU i , — läJ t 'i t X > > > ptu ^^H^u-fj>getV4uig-uuf^c-üiiü<t-najud^euJ( — Xu lidnrr 



■ j 

■ I 

■ 1 



Briefe Gotthold Salomons an Isalc IToa Mannheimer, Von Habbinör 
Dr. M. Rosenmann, Wien. Jahrbuch für jüdische Geschichte und 
Literatur. Berlin 1919« 3» T^« 



• 



t 



^^F 



Diooe Voraussaco Salomona bowahrheitoto sich. Die von l-lannheimer 
geschaffene Syna^o^o vmrde bald zu einem in ganz Oeatorreich befolgten 
Vorbild. In Pra^ und Pest entstanden 'schon in den dreissiger Jahren 
Synagogen nach dem Wiener Küster, die durch die Persönlichkeiten ihrer 
Prediger - Michael Sachs und Lob Schwab""- tiefen Einfluss auf die 
Judenschaft gev/annen und selbst wiederum als Muster für die neu- 
errichteten Tempel in kleinen Gemeinden dienten. 

Von dieser durch die Macht eines zentralen Vorbildes charakteri- 
sierten organischen Entvdcklung, die der neue Kultus in den österrei- 
chischen Ländern aufv/ies, hob sich das Bild der Kämpfe ab, die in 
Deutschland um die Reform der Liturgie ausgetragen werden mussten. 
Zum zweitenmal wurde Hamburg der Schaupltz eines erbitterten "Tempel- 
streites". Der berühmte "Chacham" Isaak Bemays stand in diesem 
Konflikt, der im wesentlichen den Inhalt des neuaufgelegten reformierten 
Gebetbuches zum Gegenstand hatte, den Vertretern der Reform Gabriel 
Riesser und Gotthold Salomon gegenüber. Aber der Kampf blieb nicht auf 
den Bereich Hamburgs beschränkt. 

( ) Isaak Noah Mannheimer an Leopold Low 

27. Dezember I84I 



Don Streit über das ncwo Gc- 
hcibiich in H.i:n!y.i:-^; /wischen 'J'cni;ie!^;en-.ri:Hle und Bcriinys wert!-.; 
Sic ,111s den Zciiun.;cii kennen. Ich bin von crscercr um eir. G'>!t.Khicn 
an-c^.in-cn worden und habe dem Herrn ])crnays bedeutet, drAl er und 
5cines,;!eic!ien, die r,leidi.;iilil:; und siumpfsinm"^; c«; m;tanf,esehen h.-ib-.-n, 
v.-ic T.iuscnde und wieder Tausendc dem Gotteshause slcn cn'.v.o'cn, 
am wcni:;sicn das Recht hätten, denen i^-.'.cnüber, die zuerst der Auf- 
löv.m- im lleili-;tum Hinhalt r,etan imd der Gcs'-.'t/- und Ge.^i!'mup.c;s- 
losi[;he:t eine Schranke j;cxoi>mi, die Gkuibenshclden nir.chen zu wollen. 
Ohne das Gelteibwch in seinen Details /u rechtfertl'ien, stcllie ich im all- 
gemeinen die Grundsäf/c auf: daß die lunführung der deutschen 
Spraclic In den Gottesdienst cil.uibt sei; die Abstellung der Pljutim 
und Sclidvoth [Klai^elieder] jeder Ger.ieinde zustelle; daß sieii da; sclb.-.t 
auf viele Stücke Im Geb.nbud) bc/iehc, selbst auf soldic, die bereits im 
Talmud als Ausdruck der religiösen Gesinnung; ihrer Verfasser vor- 
kommen; daß nur das Schema [Höre, Israel!] und die Berachoth 
[Scr.cnssprüchc] und die 'rcfilla [Gebet] der Integrierende, unerläßliche 
Teil des Gottesdienstes seien. ,*^ 




• 



* Michael Saohsi (I808 - I864), von I836 - I844 Preclif^er in 
Prag, dann in Berlin. 

*^ Lob SohTvab: (1794 - 1857), 183^ Prüdiger in Budapesijt, Als 

Teilnehmer an der ungarischen Revolution I848 vmrde SchY/ab 
drei Monate im öofängnis inhafti^jrt, 

*^* löaak Bernayst (1792 - I849), seit 1821 Oberrahbinor in 
Hambur^j. 



Leopold Low: Gesammalte Schriften, 5« Bd. o. 100 f. 



So stiess Bernays auf einen fast einmütigen Viiderstand, und der 
zweite Hamburger Tempelotreit endete mit dem Siege der seit dem ersten 
mächtig erstarkten Reformpartei. Aber die Kämpfe um Inhalt und Sprache 
der Gohete fanden dadurch kein T^de, Um dies ging es auch der Mehrheit 
der drei Rabbinervers ammlungcn, die auf Anregung Ludv/ig Philippsons,"^ 
des Gründers der "Allgemeinen Zeitung des Judentums", in den vierziger 
Jahren in Braunschweig (1844), Frankfurt am T.lain (1845) und Breslau 
(1846) zusammentraten. Als auf der bedeutendsten dieser Tagungen, der 
Frankfurter Rabbinerversammlung, die Grundfrage der hebräischen 
Gebetspraohe aufgeworfen wurde, schieden sich an diesem Punkt die 
Geister. Bezeichnend bleibt die Haltung des Dresdener Oberrabbiners 
Zacharias Frankel, des Gründers der "Monatsschrift für Geschichte und 
Wissenschaft des Judentums", der nach der Debatte über die Frage, 
ob die Beibehaltung der hebräischen Sprache im Gebete notwendig oder 
nur ratsam sei, noch vor der diese Notwendigkeit verneinenden 
Abstimmung die Versammltmg verliess, 

( ) Zacharias Frankel an den Präsidenten der Frankfurter 
Rabbinerversammlung 

18, Juli 1845 
• • • 



"iv \\ m Vu'r^axM^^\ : tic 2?iaitn iiät tcr ?)f a b b i 11 c r v c r ia n\ nu 
lun^ ^ufdMc^ tafür, ta'j taö bcbr. Oicbct nur raibfam fei, 
tie ViurV,abc tcx .^Kabbinrr, cö allmjil;(iv^ i^ai^ jii cnrfi'iiifn. — 
^H^n einem foId>eii 513efd;IiijTf ivcid;c id} nidn nur nad> einer 
^Jßerfdiierenbeit t)cr 5Iniutf, fcn^erll nnd) rer Sl^erfaMerenbeit 
t'cr iieIl^cIM ab. X^iefer (ikift, ber io viele UMd)ai]e (Sic* 
meine iinbead)tei lafu, t>cx tviö, iraö in jctc (Scn\cincn O^e^ 
\vid)t Ulli Sivah iMt, ta^ .^^iftorifd)C, rcrträncjt, ifi in mei^ 
nen »^iijqcn iud)t ber ^er GilMltuii.], fonrern ter ber ^niiö* 
riing öee vc^fttiv-hiftorifd^cn ^u^fiuhnnii?, tai? id^ bir ^*er^ 
fammluHij laut al^ tao mciiiijje crflärte. Xiefcr (i^cift mup 

nun jiu]Ieid) ben ferneren 53efd)(üffcn tcr 33erfauiiulun9 jc'Dc 
Öfiltii^fcit in ben 'CUu^en 3«*nc^f ber fid) auf bem pofttis :I;i< 
ftorifd^en Sranbpunftc brnnbet, e:it;iebcu, ba, wie id) eben» 
falii> ber '^crfainmlunfj bcmcrflid} mad)te, cö niit)t allein auf 
b'ad ciimnubgrben, fonbern auf baö 'üJJotir» ber 'JJbftinimuncj 
anfomme, um nur njer fd^on voriger mit fid} abv]cfd}(cffcu uuD 
bled eine formelle i^eüäti;]un;] \udH, tzun in einer aü.je* 
meinen l^IbTtimmuni^ dnc fclieinlMre SBeruhi^nnc] finben. — 
iHui? riefen O^rnnben fel)e id} niid: vevanlafu, nid)t nur qe^jen 
c\>i:\cn 'i^efd^lufi laut ju proieftircn, fonbern ju^l^^'id) ju 
erfK'iren, raf; mein >3tanbvwnft ein qaiii anberer .al\> ber ber 
2ifii.uunilunv3 fei unt) id) in ihrer IVitte nidjt cip unb ictimmc 
luben fann. 






'.'■ T. • 



♦ Ludmß' Philippsohn: (löll - I889), Rahbiner und vi..lseitiiQ;ür 

SchriftßtellGr; IVortführer für die Rechte d^r Juden, f j3-t±Q±Q 
die Reohtsstallung der Juden in Preusüsn und ver^-zandte sich 
für die Juden in Spanien, Rutiüland und der Türkei, 

** Zacharias I^Yanliel: (I8OI - l875)> sait I836 Oherrahbinar 

• in Dresden; I854 Direktor der. Jüdioch-theolo.-^i ;chen Seminars 
In Breslau. 

*'^^ ^hrrTtCTksd±H Präsident: Rabbiner Leopold Stain: (I0IO-I882). 




Protokolle und Aktenstücke der zweiten Rabbinürversammlun^j, 
J^'rankfurt am liain, vom 15ten bis zum 28 tön Juli 1Ö45» 
Frankfurt am Main 1845. 3. 08/89. 




// 



Allein trotz der Schärfe doc Goconsatzea zvdochen Frankol und der 
Hehrheit der in Frankfurt vornaramelton Rabbiner müssen denson grund- 
sätzliche Gegner ausserhalb der Rabbinervorsaramlung gesucht werden. 
Noch vor ihrem Zusammentritt hatte sich in Berlin die "GenosGenschaft 
für Reform im Judentum" gebildet, deren Jbrderungen von Prankeis 
positiv-historisohem Judentum noch viel weiter entfernt waren als 
die Kompromissen zustrebenden Beschlüsse der Rabbinerversamralung, 
Das Haupt dieser Reformer war der geistvolle Redner Sigmund Stern. 
Von ihm und seinen Freunden Bernstein und Simon rührt der am 2. April 
1845 veröffentlichte "Aufruf an die deutschen Glaubensbrüder" her, 
der mit Rocht als die Verfassungsurkunde der Berliner Reformgemeinde 
bezeichnet vairde. 

( ) Aufruf der Reformgenossenschaft an die deutschen 
Glaubensbrüder 



f[Bcr]in, 2. April iS.;/.]- Unsere iniicrc Rcli-Ion, der Glrailv: 
unseres } ler/cns, ist iiiJu nu'hr im lilnkl.ini; mit' tlcr äußeren GciiAl- 
tun- des Judentums. Wir wo\\:n positive Rcli-ion, wir wollen Juclcp.- 

luni. Wir halten fest an dem Geist der Ilelli-en Sdirift, die wir :ih -^^^ ....;■<,/ /'-.W;^'' 
ein Zeugnis der -üitlicl-.en OlVenkirun- anerkennen, Wir halten ^"^ ' /y^x^y/.',,'. ,.-,;,' ,.^<^,./- 
.m allein, was /u einer wahrhaften, im Geiste unserer Rcli-ion wur- ^^-^^ ^ ^^ . 
zelndcn Gottesvcrelirunf, gehört. Wir li.ilten fest an der Übcr/cugung, 
daß die Gottcslchro ^c^ Judentums die ewig wahre sei, und an der 
Verheißung, d:S^ diese Gottcsleh.re dereinst /um Eigentum der ?,My/cn 
AIcnsc.Mieit werden wird. Aher wir wollen die Heilige Schrift auffassen ... 

nach ihrem göttlichen Geiste, niclit nach ihrem IJuciistaheni Wir können 
niclu mehr beten mit wahrhaftem Munde i;;i> ein irdisches Mcssiasreich, 
das uns aus dem Vaterland:, dem wir mit allen l."..:nden der l.iehc an- 
hängen, wie aus einer I"remdc heimführen soll in unserer ^h-vHter .^ /^,/^; y, ■//■"r.r< *V<"'/ 
7 k^^/^ /^r.^Vf >/^/-^'tc^.//^, <i[Icimatland. Wir können nicht mehr/ einen Kodex als unveränderliches 
^i/cUfi /i ^ ^V^^. /C^/X-Gcset/budi anerkennen, der die Aufgabe C.c^ Judeniums b-.iehen laßt 

/.^'^'^^ ,/ // ^/ ./ in unnachsid;tigcm l'csthahen an l'ormen, die einer längst vergangenen ,-,^,^, ..-..,. „^ 
' ' l'y^^' ■■'^'''•^V,^./, ' ^ '-'■ ^^j^^j |-j;j. i,,„..,cr\ntsJiwundenen Zeil ihren Ursprung verdar.ken. Durch- 
' '^''^ drungcn von dem jieiligen Inhalt unserer lleligion, können vir sie ;n 

der angeerhten l'orm nicht crh.alten, gcschv.-eige auf unsere Nadikoin- 
. mcn vererben/ und so — zwischen die Gräl^cr unserci- Väier uiul die -" ^ l -^.f 
Wiegen unserer Kinder gestellt. — durch/ittcrt uns der Posaunei^-uf 
der Zeit, als die Letzten eines großen i'.rbcs in der veralteten b'orm 
auch die Ersten 7.u sein, vvekhc mit uncrsduitvcrlichem Mut, mit inniger 
Verbrüderung durch Won und Tat <^z\\ Grundstein des neuen Baues 
Ic'cn für uns und die Gcsehlediter, die nadi uns konnr.cn.. ^ 



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Simon Dubnow. Die neueste GöGohiohte des jüdischen Volkes. Berlin 1929, 
Bd. IX . S. 108/09. 



Eine noch schärfere Sprache gebraucht das Programm, das im 
Revo lutions jähr IÖ4Ö in der alten Gemeinde Worms, in der einst der 
grösste Talmuddeuter Raschi gewirkt hatte, von jüdischen Reform- 
freunden verfas st wurde. 

ff 

( ) Programm der Reformfreunde in der jüdischen Gemeinde 

zu Worms 



[Worms, 23. Juni 1S48.] ... Wir müssen Walu-hcit und WürcU- 
im Gottesdienst-, Übcrcinstimnuinj', /v/isdKn Glauhcn und Leben ci 
streben, leere Formen entfernen, dem Geiste des Judentums neue In- 
stitutionen sdi.ifTcn. Wir dürfen nicln mehr mit dem Munde um die 
Rückkehr nadi Palästina b:icn, während unser Her/- docli mit den 
stärksten Banden an das deutsche V.itcrland gekettet ist, wahrend das 

Gcscnick drsv. 1' i mit dem unseren un.-uf löslich vcibundci'»» was uns 
lieb ur»d trutr, N\>n ihm uniscidosscn ist. Wir dürfen nicln um die Zcr- 
s'rTunj; <! i Tempels in Sack und Asdic trauern, \vKhrend wir län^.;st 
ein .mdcr^s, uns so teuer i-;cu-ordcncs Vaterland bcsit7cn. "Vi'ir können 
alljährlich der Zjrstörunr; des Tempels gedenken, aber wozu eine 
'i'rau.r hcut!!;ln, die län^;st nicht mehr Im Mer/cn hafu:, und Klage- 
lieder um c'iWC r,csdi:duliche Tatsache ertönen lassen, in ilcr wir die 
liebevolle 1 laiul Gottes preisen? Wir dürfen unsere Kleinen in der 
Kclij;ion3sJu!lt' nicht mehr mit einer Masse von Saf/.uni;cn behcll!v;en 
lassvn, die der lebendi;;e Geist des Judentums als toten liallast üb.-r 
Bord wirft, nicl'.i niehr in einer toten Spradic beten, während "V7ort 
uid Klar.'.' iin'ercr deutschen Miittcrsoraclie uns ebenso vcrständlidi 
als lieblich ur.d darum allein j;eeir,nct sind, uns zu unserem Sdiöpfer 
zu erheben. Es mufi endlich dieser Widerspruch gelöst, diese Todsünde 
der Uinvaluhcl: aus unserer Mitte verbannt werden. Dem ccJitcn Geiste 
unseres Glaubens muß ein neuer Tempel auf der alten Grundfeste er- 
baut v/crden, in v.-elrhcni Vcri_;nngcnheit und Zukunft sidi versöhnen, 
aus wclcheni wieder ein ]ii.;i.i dücli frisdier und freier Lebenshauch für 
unsere strebsame Jugend ausgeht . . . 



Im Geiste dieser Aufrufe entstand die Berliner Ref orm^jeineinde , 
in deren schon I846 errichtetes Gotteshaus als erster Prodiger 
der konsequenteste Theoretiker der Reform, Samuel Holdheim, einzog. 
Durch die von ihm - in Fortführung der vom Grossen Sanhedrin gefassten 
Beschlüsse - "bejahte und neugegründete Unterscheidung zvd.schen den 
unabänderlichen religiösen Geboten und den durch den Verlust der 
nationalen Selbständigkeit aufgehobenen politischen Oecetzen wurde 
die Loslösung der Reformgomeinde vom historischen Judentum wissen- 
schaftlich genehmigt und besiegelt. Der bis auf vereinzelte hebräische 
Sätze deutsche Gottesdienst dieser Gemeinde, dem die llänner ohne' 



Raschis (IO4O - II05), L. Zunz Veröffentlichte eine Raschi- 
Bio,::;raphis in d3r ZüitGchrift das Oulturv-iraina 1823, 



ProßTamiTij Programm der Höforrafr^unt in clor jüdischen G.5m.inde 
V/orms, als Flw_jl)latt üvilhütändif^ er;.:'ohi8nen. 



• 



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/l 



KopflDedeckung "beiwohnten, dorn der Schofar und sogar der Sabbat durch 
"Rinführung des Sonntagsgottesdienstes entzo£;en vmrden, "blieb indes 
auch innerhalb der deutschen Reform eine icoliertei Erscheinung, 



III, Der Geist der Reform 



Die "Reformbo\ve^n,s verlieh nicht nur dorn nEUEnxKultus ein neues 
Gepräge, sie v/urde auch für die jüdische Lehre zu einem revolutionie- 
renden Element. Die Preis^'^ahe der jüdischen Recht so rdnuni^: zu^naten 
der Landesgesetze, die Durchsetzung des ererbten Glaubens mit den 
Ideen eines aufgeklärten Humanismus - diese Umwälzungen stellten den 
Grundgehalt des Judentums als geistige Macht infrage. Um die Klärung 
oder Ueberwindung dieser Problematik ging es in den Kämpfen der 
Reformer und Orthodoxen, aber auch der Sekten und Parteien innerhalb 
der Reformbewegung. 

Abraham Geiger'fiel die historische Rolle zu, der Kristallisations- 
punkt und das Symbol der Reformbov/egung zu werden, Mit dreiundzv/anzig 
Jahren, von der Universität Bonn, wo er mit einer Dissertation über 
die li^age "Y/as hat Mohammed vom Judentum aufgenommen?" den Doktorgrad, 
erworben hatte, als Rabbiner nach Wiesbaden berufen, trat Geiger an 
die Spitze der Reformfreunde. Schon im Jahre 1Ö35 erschien das erste 
Heft der von ihm gegründeten "Y/issenschaftliohen Zeitschrift für jüdi- 
sche Theologie", die allen Richtungen offen sein, alles wissenschaftlich 
Vorgetragene aufnehmen sollte, "ohne sich darum zu bekümmern, welches 

Resultat sich aus den einzelnen Aufsätzen herausstellt." Die 
hervorragendsten Vertreter der Y/issenschaft des Judentums, Leopold 
Zunz, S.J.Rapoport xind S.D. Luzzatto wurden Geigers Mitarbeiter. 

In dem Briefwechsel Geigers mit seinen Freunden - insbesondere 
mit Josef Derenbourg, dem später in Frankreich ansässigen Orientalisten, 
so\7ie mit Moritz Abraham Stern, dem Mathematiker und ersten ungetaufton 
Universitätsprofessor Deutschlands - spiegelt sich der Geist der Reform, 
die Geiger vertrat, 

( ) Abraham Geiger an Josef Derenbourg 

,, . ^ Frankfurt, den 2, August I832. 

[Frankfun^i. Auf,ust 1S32.] ...Ich war verflossene Wodic mit 
meiner Mutter sp.i/.icun und ließ niir da von ihr erzählen, wie in 
jener guten alten Zcii, als die Juden hübsch uodi in ihre Gasse cin- 
gcpfcrdu waren, das Lohen, die Sitten und Gebräuche waren, und ich 
fand nidu nur durdi ihre salbun[;sreidie Er/ahlung, wie glücklich sie 

und i'irc Gh':i.h':-o>:n;i;cn sivh darin füliltcn und mit v/elchcm Schmerze 
sie, selbst bei vollem Bcvcußibcin, daß das Aufgel-.obcnc und Ab.;clvOm- 
inone keinen rclirjöscn Gruiul habe, sidi an das nun Vermißte erinnere, 
sondern auch, v.-ic wirklidi ih\s damalige Leben der Juden ein gcscldos- 
sencs, ein in sich ein:j;cs Ganzes war^ umi wie durcli die Wegnahme 
mehrerer GHciicr und/Sdiranken eine für sie lierzzerreißcndc Dis- 
sonanz, entstand, so /faß sie sich an jedes kleine noch gerettete Brett 
fest anklatr.mcrn . / 



{//.u-^'zL /4: ^"ti^'^uciUic^ /^<:^ j 



% 



A-braham G.dseri (I8IO - I874). 



*^ Derünbour^! ursprüa^lich DemlDur^ (18II - l895)» Seit 

IÖ39 in Pariß, 1877 Profei-aor der f^Ioolo des HauteB !*rt:.udefj, 

*->'* M.A.Stern: (I807 - I894) 



^^ Abraham Güigers Briefe an J. Deranboiirg (l333 - 184^.-). 

ETQQm von Lud^vig: Gei^^ör. All^. Zeitung: deß Judenthums, 
Jg. 60, Berlin I896. Nr. 6. S. 66. 



$ 



z 



( ) Abraham Geiger an Josef Deronbourg 



r>N 



V/iesbaden, den 30. September I83; 



• • • 



Ich glaube nun, dass das Judenthum jetzt in einem solchen 
krampfhaften Zustande sich befindet, so vrie es allen eine 
lange Zeit abgeschlossenen \ind dem Einflüsse des allgemeinen 
Portschrittes unzugänglichen einzelnen Gemeinschaften geht, 
besonders, wenn man noch dazu nimmt, dass die kirchliche 
Judenges ellsohaft ein durchaus aus fremden Landen mitgebrachtes 
fremdartiges Religionssystem überall zu bewahren gesucht hat. - 

• • • 

/Mr^^x aj uHlt, -4^' }, \ \ l 1 n ^ hn^lH 'lM/^ Cb nun Me ^J^itiir bf3 
.''t',ii\rn '"vibruKiniiiS lüiiflid) jo iu\\[\\\ \t\, eine a^cDoliitiün in ov» 
iinflfii, UU5 ifl eine JYvnac, bie id) cbcnjo auf '-i^oiturtal, Spanien nnb 
jliilif >i.iu)fnben niüii;le ; luo nid)l annm fle|unbf, nnd}()aUli\envntt 
UüiljiL.hiii ift, um bie idjnievjlidje Cpevntiüu ficflvcid) bcüclien \\\ 
foiuien, 'ti([ rtfljl bei ^övi)ev jn (^linubf, nnb jcine einzelnen ^totje 
tcljrcu boitljin, luni luü |ic flnionunon fiiib, nnb lueibeii ^n oubcrn 
.(^ovpcni Dcnucnbct. 'iDnö i^^iibenlljnm. \txmx, dlo bif ^.lidiaioii ber 
VJiinovilat, ninf; jdjün einen lufit lin)tifiern OJeljoa in i'id) dabcn, ba 
Die. Jüfini and) bloö lelifliöie Vlbjiljiici'una immev if)ren teioiibevn 
OjviMib l;nb.'n nni[;, ber iniit bor ^JJkiotilnt ab^ujuenben, bio bocö 
übcrnfl aU bic 9lorni nienjdjlid)a- iiü(if)rl)cit bdrnd^tet luirb, uerniilnnt. 
*KU)rcub oljo 3. 5i. ber (\l;ri[t [id) lüeiter flur ni(t)t llbev feinen 
O'ldiiDcn jn fra(ien l)at, roäljvcnb er, niöae. fcnic ilfeliflion nod) jo 
jvijlrd;t lein, uon il}r ßonj nnbcviiljrl bleiben fann, ba er a(5 Ulfenjd) 
bi''f>3 2ta(itci lebet nnb in biefeni Staute anfftlliö fnft nlle ^K'uidjcn 
C:l]»[teii [inb, fo \\\\\\\ bcm Snbeii immer ^übiidjeS ementfjumlict) 
uu-nii bn ja nur bio l'iebc i\\\\\ :,Vibentf)nni iljii nbljnllen fann, uutcr 
tci- MVi'iiQc iw [ein, cv nnift feinen (Minnben, al5 enie Uebov^ennuurt. 
bcihi :.>-i^rüuben, eben lueil er uon ber ^J)^'ljrf)eit abuieid)l ; Ü)ut er bic3 
iiif' t wwli l\\\\\ er' es nid;l. fo bcf)nnpiei er, eä [tei)e a(5 ein frinitfjiifler 
lauer jt iinljercr 'i\<'\U\\ Da, belicir.'lu|Iüfnnftblo5 üevjöaerl luerbe. — 

' ?ie Slcllniirtunn. bie ber^^nbi-, fobnlb ernnj Me'^nben, bie fid) 
•i>t!l M.Mlj fel)r \([\\\\i evijalteu lucibi-n, luiden null, einncl)uicn laini. 

nb UMvUid) einninunt, ift eine .vucifadje. (^nliucbcr er mill nun 

ben ber ^Keuolulionnr fein, luiH biejon lliiiftnr,\ be-> mit ber jcijiaen 

^fit UnbevtriirtlidKU i)erbciiii()ren, ober ei mill ber l)eiIenbelI^'nfd)on= 

rei'ub fiui, fefte, (\enieflene (^hnnbliiaeii leiten, Mi 53efle()enbc biejen 

al)C nnb niU)er ^n bvniiien, Teulnnaen, bie baranf I)iii,\niüeifen 

ijeincu. üinindjen, ond) n)ol)l bic il3löBen nunnfjefi iBefte()eiiben wai)- 

»)fnen, b, d; n)irb er iidj freuen luenn ibui ber (^rfte^ÄU .^ilfe 
toüMiit. Tic (Slcllnnn bey (Giften ni ben jiibifdien Okmeinben iniiunt 
oei '^<oifK()or, bcä .»^meitin^bec OJeifilidK ein. So lüie aber ein jeber 

'''»^PiiiMi'iidr üuevfl fdjen nnifj, ob er ond) bie Ä^räfte juni lim: 

'V 11 !,;ii, uiiü .v.iK.i' ob bic ÜJiiilel entmeber bnrd) bie bereinirtlc 

""".na bei} örüf;ten jOeiiS über bnrd) bie ^Iii|\f)eit feiner Huter^ 

I) i.i KU (vnüiieno fiub, fo mic er ferner fef)r Uured)t Ijiil, )i)enn 

nlifi ^'aiii dtljcit ober böfenyiiillon 'iDerieniöen !laat, bie feinen Vdu 

' ditni tuiiirafi' fi"^i fc'^ fic-eben burd) bie befteljenbcn 3^erl)ü(tuiile. 

•■ .<)>n ;umii|i [ie nun einmal ^a Icbui QeiuÖljnt finb, i()m nid)t uad;> 



a.a.O. Nr. 9« S. Ißj^l^^ 



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'iiiJ'.ni \m\t\\'. fo iimn mi) i)\a I lüo bnö W\\[\d)t uiilcviioiiuiicn 
"c>ß«'ii iiiib jimiv mit fo iiH'iiirtfi .maiifiiin] »uie iiiöi\lid;, b.i ble 
i.^"!if tiiflo Midjt Ucibifiieii. CTer (^WiiilidK aber I)(U liiiiiioifoit lUiö 
o-'^i '4Mi.ti(iiiüriöimi3 iiim llniVfvfiU»^Miiii4 h-v D)«ciiiii}ciiveliaii.u Oiu» 

i'' fi' aba- fl.'ftiiiii niif jenen; feine iii>irlfiini(iit ift bie (HeüiMiimirt 

unb bei' .Qrci3, in beni er lebt, er niuf? bn^ev nn biiG Sil'[fc()ci;b> 
inimev nntnüpfc" uiolleii, icbocf) bicfeä, \M fö nun cinnuU biuil)in;v 
i;ii1)tirt obci- iJ;;ibIiii), fi-rnratifliiii) ii. j. lu. ift, mit ^lillf.UiKMivn 
üba'iieOen, .vitDiileii, lucuii eu tiuin, b. \). U'ciiu et ni.ijl iiirlh-u 
niiifi. fein ^^ilr.iiifii üu Dcilietcii, fte^cn folilic j4jabliil;en !,\atl)i!i. .v 
m Ofclbe üieljcii. M) l)i\ht nlfo iiiemato olü meinen 'S\\>cd, hf-. 
tvOiljU't, iuni ',VibeiitI)iuii ^n füfjvtii, oiulj nid)t bie ;^ubciun (Mini! u 
SU niodieii, ob^leiil) 'J)!!, niiliivlul) in nnjevev (Meanib, mcilcr niJi.i 
i'orT^iriiedft (\\i fold)e, foubem fie \n\]\ allaenieinen \V)?ciifdjentl)nnie 
I)iii,\nfiif)i-eii nnb b.v^ :,^nbcnt()unl immev üon bcifeu *Jlnfii1)tcnJ^ji 
biudibvinrten, um <-"' ^«i>ii il^i^'f^' 0<'l)^'" »^'c f* tV'Ot. ober id) uicm 
biiuii, biiH iil) luforberl I)iil)C bic ,Snt. bii (SJotl ein^iii uub fiin Vuimc 
einjirt f^'in mirb. '^^d) blinke niif Teilten uiib JiU'rtninben bei [iit; 
jelbfl. nnf .Qiailiflnnii bo3 liBilleu*^ nnb Ülevbnnmnirt ie\\lid)en Viubi 
finiia, biunit bie V>oiib(nn\] beni (^iebud)len enljluw'ge, unf Ciin^elieu 
in fid) fellt[t, in ba5 :,'\niicic be<j eii^iien .Vvr^icnS, \m fidj einem 
ITseben jener bolle (3dMilj nnb jene tiefe '^K-bentniifl be5 ^Dienid)enleben5 
cracl)en ipirb, bcnniK l)ieqn biiy '.Vibenlliiun, \]([}i uon i()ni iui3 .\nv 
beal>)u1)tiflten IHertcl. iiiit)t ober lum einem di nmtjr an^fnoninienen 
Snlie ^n einem jiibiidien hU'brandic, beficn .v>eiliiibnltnn^\ id) emlifcljlc. 
id) rtf()e uon i()Mi inifr, uu'il id) \\\ ^Viben )in-fd)e nnb '^nbeii \i\ 
yLiieiifd)en nindien unll, nid)l ober, U)eil id) in il)ni bie Ijodjjte iJlU'i5lieil 
i)eii'f;re nnb 'JJ{enjd)cn ^n 3nben nuiiljeii null. (^-5 \\\d)[, fouiel \d) 
midj uod) nn^ niteii ^^eilen eriiineie, einen tontrabittinijcben mib 
einen (oiitrüren (MertenfiH», 'I^n t)ii[t t>ei ^ildjtjnben biejeii, id) iei:eii 
im 3inn, molil luillenb. bon ti h\\ iljiii nidjl tonnnt, niid) für oie 
jei'.ifle SMlbnnfl-jflnfe nid)t lommen fotl, ober ' \\\ il)ni l)in(eilenb. 
Süenn \üir nljo üoni etimbpnnfte bei 0)ei|ilid)en inis in ben mr 
ämuenbenben Mitteln niii^t fel)r iierjd)ieben fein fofiten, fo uuidjt boii) 
bie i[^irnnbibee eine loefentliitie '^tcr)d)iebeiit)eit in bet ^kNiulumd bcr- 
feltJen, foiuie ber uon m\\i\\ ßebotenen .^^iljo. 



Im Jahre I838 wurdo Goifjer als Rabbiner nach Breslau "berufen. 
Hier trat jodoch dem kühnen Neuerer die durch den Rabbiner Tiktin 
und dessen Anhang vertretene Orthodoxie entgegen. Der von diesen 
Kreisen gegen Geigers Anstellung geleistete Widerstand, der fast 
zu einer Spaltung der Gemeinde geführt hätte, verzögerte den Amts- 
antritt Geigers bis zum Jahre I64O. 



* Tiktint ( - 1843), Vorkämpfer des orthodoxen Judontums und 
schärfster Gegner Geigers, lö24 O'berrabbiner von Breelau. 



1/ 



( 



) Abraham Gei/^er an Josef Derenbourg 





Breslau, 22. November I84O . 
^ '^ 2Ba§ i[t bn§ (Svbt^eil bcr 

53lcubeI§foI)uid)en ^eviobe für bn§ Subent^iim ? pr ben (Sinüclueu 
I)öd)[t Dortreftüd) in i()ren Solflen, I)Qt fie baS ®anje erjd^üttert, 
ol)ne il)m ein 5^eiie§, (Sejii!ibe§ 311 geben. 5Ö3Q3 i[t bQ§ 9lejultat 
ber 2:enipe(in[titiitionen ? ©ute unb fd)Ie(3^tc ^rebigten, don benen 
jene bie ©injelnen erbauen, aud^ biclc§üleben Don unb über 3uben= 
t^nm ücranloffen, ober bennod^ \\^ gctt)iffermo&en ein aQeS, e§ Dcr= 
fd)öncrnb, onflammern, ol)ne bie religiöie Öejammtanjci^auunQ unb 
bie bariiu§ ^erfliefeenbc religiöfe ^raj:i§ al§ fanftionirt um* 
3uge[toIten. 3)ic gebilbete ^JJenjdj^cit niufe unb meiß fid) iw \)t\\m, [ie föirb 
scn>iul warion. ^"^ ^^"^^ öel>ären, [ic ^Qt bie i?ra[t bajn, n)är)renb tüir ba[tcl)en 
vcrscMcJcncj. Sc muffen unb tüorten. 2)a§ frei(id) ift bann mieber ba§ Sröftenbe, 
f'jc.scsjlvnfjc j)c bojj üon ücrfdöiebcnen ©eiten nu§ für jene neue epodje fleiuiitt 
im>^i\inv\rc derben müfete, biefeS buntlc 53ett)uf]tfein ^ölt aud) bie Snben 
><nUL.-.os, du fr j^,^^,„j„g„^ bQJj fie uidöt für ein onbere§ 5öeftebenbc§, fonbern 
•^c,c-^ für ein 2öerbcnbe§ unb 3ulünftige§, bn§ freilid^ nid)t bloö 

fie ciflcin angebt, gu mirten Ijaben. ^ufer^-^ei^-gt^fd^ttfr ju 

(yährend Geiger in der Folgezeit im Kampfe mit der Orthodoxie 
die Porderxing eines offenen Schismas vertritt, setzt er auf der 
anderen Seite dem ungehemmten Radikalismus seines JVexindes M.A, 
Stern und des von diesem ins Leben gerufenen Frankfurter Reform- 
vereins entschiedenen Widerstand entgegen. 



( 



} Abraham Geiger an Leopold Zunz 



Breslau, 4- März IÖ4I. 



üebrigcns bin ich im Augenllick-e •weit weniger gestimmt, Geschichte 
zu schreiben, als Geschichte zu machen. Was vermag uns hei unserer 
inneren Zerfahrenheit zu retten? Ich weiss nichts Anderes als ein 
Schisma. Wie vermögen wir durch die langen Jahriiundertc der 
Weltgeschichte noch icrner den schmutzigen Schweif, der angehängt 
ist, mitzuschleppen? Alle Kraft reibt sich auf in lauter Lappalien, 
ohne dass etwas Gescheidtes herauskommt und herauskommen kann, 
und nun, wie lange noch? Die ganze Masse wird nun und nimmer 
herangebildet, die wird nur durch ein weltumwälzendes Ereigniss 
zerstört, was sie aber nicht wird, wenn die bildenden Elemente ihr 
imaer frisches Leben einzuhauchen suchen, diese aber gehen zu 



> 



• 



• 



Abp/Sara Göigsps Sriefe an Dorenbourg, 
a.a.O. S. 283. 



Abraham (jQ±p;eT* s Nachgelassene Schriften, Hrsg« von 
Lud\\dg Geiger. V. Bd. Berlin I878. 3. I55/56. 






Orundc, weil immer um Lachorlicho. ^ircfcilscht und niohtg Gcdiorron., 
erzielt werden k.nn. E. ist ein hoher Verlust für die kränze Jst^ 
Entwickelunc: des .luhrhundeil., dass die frischen und freien iüdischl 
üraac sich nicht frei entfalten und den Höhei>nnk't dor Wissenschaft 
mitbestimmen kOnnen; daran hat aber weniger der Staat Schuld - 
denn zu jüdischen Stellun.frcn müssen sie nur durch den -anzen 
Zustand des Juden: hums gelangen und in ihnen den Wissenschaft, 
liehen Boden behaupten können -, als eben die Lage der Juden 
die sich noihwenaig trennen müssen, damit der eine Theil mit der 
Zeit, wie es auch dem Katholicismus uothwen.iig widerfahren muss 
ganz und gar zernagt und aufgelöst wird, der andere aber, selbst ij 
einer Kleinheit, mit an wissenschaftlicher Herrschaft Theil n^'hme 
wie es das beneidcuswcrthe Loos des Protestantismus ist und sicher-' 
lieh noch in hüherem Grade das des biblischen Judenthums sein 
müsste. — Solche Risse haben immer die Weltgeschichte befreit 
denn während sie die reale Einheit eines Theiles aufheben, be'-rüuden 
sie eine ideale Einigung der Welt. Und ich habe die feste^üeber- 
Zeugung, dass es dahin kommen muss und möchte auch daran mit 
wirksam sein können! Das macht mich etwas schlaff für die Zu- 
stände, wie sie jetzt sind. 



) Moritz Abraham Stern an Gabriel Riesser 



Frankfurta.M. , ^. De,2renib9r 1042 

1. Januar 1043. 



Wenn ich frage, was mich verpflichtet, für das Judentum und 
dessen Verbesserung zu v/irken, so muss ich mir sagen, dass 
dies keineswegs in einer religiösen Sinnes Verwandtschaft mit 
der grossen Monge seiner Bekenner liegt, da ich sicher und seit 
langer Zeit ebenso entfernt von ihm bin wie vom Christentum. 
Ich kann nicht einmal, wie ]>u undy^ndere, sagen, dass ich durch 
den Glauben an einen reinen Monotheismus mit demselben zusammen- 
hänge. 

• • • 

Es ist meine Pflicht, die Interessen der Juden zu wahren; das 

ist mir Grundsatz, Die Interessen spalten sich in zv;ei grosse 

c 
Half ton, deren eine das Politischo, die Eman^ipations frage, 

umfasst, während die andere sich auf das Sittliche, die Reform, 
bezieht. Die Emanzipationsfrage hat sich, der Natur der Verhält- 
nisse nach, zuerst vorgedrängt, sie ist, soweit sie dem Gebiete 
des Gedankens angehört, vollkonmien erledigt. 



Zoitsohrift für die Goschichte dor Juden in Deutschland. Hrsg. 
Ludwig Geiger. Bd. II. 1888. S. 67 ff. 



des Christen- 
thums, das dem 

Gewissen eineni-- 
so weiten Spie '* 

räum las st und 
zii dem die In- 
differenz 
christlicher 




r vard in ''Irfällung 
_ gehon üo sicher wie" 
der Kampf um .[''reiheit 
und Recht in ''luropa 
zu einem gliücklichen 
'Jnde gebracht werden 
wird. 



..csundc l.uft gcistP-cr I-nsch;:, wic sie seit Spinoz.i in i, 




thums ein= ,l„ • „ , . 
und in dem f^e-^'"'* verschrumpft . ^^ 

räumigeren des f ' ^ 

Chris tenthuns 



i er "bis jetzt durch 
ien geistigen und siti 
liehen /arth, den der 
'Dmancipationskampf 
hatte, ein lebhaftes 
Interesse am Judenthun 
nahm, nun, nachdem auf 
dem Gebiete des Gedan- 
kens für diese IPxage 
nichts mehr zu tun 
ist, in einer nicht 
geringeren Verzweif- 
lung, 



te^e^de^^JudeniHcIbcndcn Haufen ;u"vc;.-^;: ^ c;;:;drun; ""^'"^'^''^^^"' ^^^^^ 



»scrc Sduild vcrdumpft 



zu der sich alle übri 
gen Gründe nur wie 
die körperliche 
Hülle verhalten. 



aussteigt, ohne nur zu merken, dass m an seinen Ort veränd ert ha,' 



( 



) Abraham Geiger an Moritz Abraham Stern 



Breslau, 25. August I843, 



Mit Freude und zugleich mit Betrübniss hat mich Dein aus- 
führUches Schreiben erfüllt; ich erkenne iu Dir den rüstigen, an dem 
ideellen Fortschritte eifripat tiiciinehnienden Freund, ich werde eine 
Anzahl Männer gewahr, die gerne zur Läuterung des Juden thums 
mitwirken wollen, und doch sehe ich viel Unklares und Unwürdic^es 
sich mit einmischen. Was Dich betrifft, so packt Dich das Jung- 
hegelthum und Du folgst ihm, und l)ein Streben nach Ileform des 
Judenthums äussert sich in einem , Verein der Freien." Da trennen 
wir uns nun entschieden. Ich bekenne es offen, ich verabscheue 
dieses Junghegelthum mit seinem .Subjektadünkel, ich verabscheue 
jenes gemeine Ankämpfen gegen uile Dcmuth iu der Menschenbrust, 
gegen jedes Bewusstsein eigener Beschränktheit, gegen jede Ahnung 
eines Hohen, obgleich ich manche Leistung desselben, wie sie zu- 
weilen in den Deutschen Jahrbüchern innerhalb des menschlichen 
Gebietes hervortrat, mit Freude begrüssie. Ich bekenne ferner offen, 
dass ich nicht dem Pantheismus huldige, dass ich einen ücberschuss 
über die Immanenz statuire, dass ich ein Unbegreiriiches über uns 
anerkenne, dass ich dem Gefühle, das sich zum Abhängigkeits- 
bewusstsein steigert, sein Kecht einräume und nicht verkümmert 
wissen will, dass ich die Leugnung der Keligion als einen Irrthum, 
als einen gefährlichen Irrthum verwerfe. — Meine ileform des Juden- 
thums basirt daher auf anderen Grundlagen, und so sehr ich auch 
gegen Eure drei, meinetwegen auch gegen Eure fünf Artikel, nichts 
habe, sü sind theils unsere Fundamente andere, theils ist daher der 



Abraham Geiger' s NaohgelasDane Sol^lfton. a.a.O. 3. 16?/ 68. 



Ausdruck, den Ihr gewählt uiid den ich wählen würde, ein sehr ver- 
schiedener. Ich sage: 1) das JudcnUium ist die ursprüngliche Aeusso- 
rung des reinen religiösen Bewusstseins, wir halten an ihm, als be* 
rufen, dasselbe in den verschiedenen Zeiten darzustellen und es über 
seine Bekeiiuer hinaus auszubreiten, lest, wissen uns mit ihm einig. 
2) Das Judenthum, als berufen, in alle Zeiten einzugehen, musste 
auch in die verschiedenen Standpunkte der Zeiten eingehen, seine 
Aeusscrungen den verschiedenen anderen Auffassungsweisen anmessen, 
diese müssen von seinem Geiste getrennt werden; namentlich hat das 
lange Mittelalter es incrustirt, und wenn wir auch aus dieser Id- 
cru.-,tation gleichfalls die tiefliegenden Pulsschläge des Geistes zu 
erkennen uns augelcgcn sein lassen mögen, sie haben doch diese 
Hüllen, wie sie im Thalmud und in den Kahbinen hervortreten, für 
uns keine normative Bedeutung. Wir sind vielmehr ver])fiichtct, das 
Judenthum als wahrhaft religiöse Macht in unsere Zeit einzuführen 
und die Aeusscrungen uns anzupassen. 3) Das Judenthum, als be- 
rufen, 'Wcltreiigion zu werden, aber hervortretend innerhalb eines 
Volkes, das es g^anz durchdrang, muss von allen volksthümlichen 
Elementen, die es nothweudig in seine Aeusscrungen aufnahm, ge- 
sondert werden; wir halten namentlich das Judenthum nicht ab- 
hängijr von dem Glauben, dass seine Bekenner einst wieder eine 
politische Einheit bilden werden, wir bekennen vielmehr, dass wir 
dem Lande, in dem wir leben, innigst als unserem Vaterlande an- 
gehören. — Dies ungefähr ist meine Fassung, die eine Position hat, 
ohne dass sie beschränkte, zugleich aber die entschiedenste Ne- 
gation. ~ ' Du w a rst nun g r ^tn mich üiemlith >uisic tltig in Deiaefr 



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Geifer zweifelte nicht an dem Sieg seiner Sache, wie der folgende 
Brief an den Prediger Uax Lilienthal, eine Antwort auf eine Berufung 
nach Riga, zeigt. 

( ) Abraham Geiger an Max Lilienthal 



I 1842 oder 1843. 



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ilit dem tief empfundenem Danke für das hoho Wohlwollen, ] 

dessen mich Se. Excellenz der I^Iinister der Volksaulklärung zu wür- | 

digcn die Gnade gehabt, verbindet sich bei mir das schmerzliche \ 

Gefühl, mich dieses Wohlwollens nicht durch die That würdi^' er- - 1 

weisen zu können. Wie schön ist die Aussicht, in einer geehrten .] 

Sicilung, als Diener eines Staates, dessen Herrscher wie höchste ..■! 

Beamte mit so liochhcrzigen Gesinnungen auch gegen meine Glaubens- • j 

•brüdor erfüllt sind, für Zwecke wirken zu können, die mein ganzes i 

Streben erfüllen und denen ich gerne mein Leben widme! Wie be- J 

trübend ist es aber, einer solchen freundlichen Aussicht den Rücken ' 1 

' wenden zu müssen! Und ich muss es. Es wäre undankbar von "I 

*" mir, sollte ich Ihnen nicht ganz unverhohlen meine Gründe angeben, '] 

mit der freundlichen Bitte, Se. Excellenz zu ersuchen, in denselben 
gewogenst eine genügende Entschuldigung für das Ablehnen eines so 
grossmüthigen Anerhieleus finden zu wollen. 



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,a.O. S. 164/66. 



Von der in diesem Briefe angedeuteten Berufung' nach Riga oder 
Petersl)urg ist mir nichts bekannt; iah Verdanke eine Abschrift 
dieses Briefes dem Freunde meines Vaters, Herrn H. Joachimsohn 
in Breslau. £'Ludvn.g Qeiß-er^ 





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Sie wissen es, gechrtestcr Herr, dass der Mittolpunkt der fort- 
schrcitcndeu Bestrebun-en der Juden in dem letzten halben Jalir- 
üunderte und drüber Deutschland war und ist. Es war, seitdem ich 
nur zu denken begonnen ~ und ich habe frühe schon mit möglicher 
•iviarheit und Entschiedenheit über diese Gegenstäude zu denken Vor- 
anlassung gehabt -, mein innigster Wunsch - ein Wunsch, der sa 
enge mit meinem Leben verknüpft ist, dass meine Kraft sich brechen 
^nd meine Freude schwinden würde, wenn ich ihnjc aufgäbe — , am 
■echten Sitze dieser Bestrebungen, soweit meine Kräfte nur Tcrmögen, 
Anthcil zu nehmen. Ich habe mich mit Ernst dazu vorbereitet, ich 
habe manches Bedenken, das weltliche Rücksichten angeregt, nieder- 
geschlagen, mancher Widerwärtigkeit mich ausgesetzt; aber ich habe 
festgehalten an dem unerschütterlichen Vorsatze, ein möglichst wirk- 
sames Organ des Fortschritts unter meinen Brüdern zu sein. Dem 
Herrn sei Preis und Dank, er hat meine Bemühungen überreich 
gesegnet. Niciit dass ich mir schmeichelte, es seien durch mich 
bedeutende Erfolge für das Heil der Juden errungen worden, allein 
ich wurde als zu denen gehörig betrachtet, die in den Vorderreihen 
stehen, wenn es gilt, wahre Relidon von Aberglauben zu scheiden, 
das Judcnthnm von Schlacken zu reinigen; zu denen, die mit leben- 
digem Sinne begabt sind für Wis-^enschaft und deren Vermählung mit 
Leben und Glauben. 3Icin Name ist zu grösserem Ansehen gelangt, 
-als meine schwachen Leistungen verdienen, und ich darf holten, dass 
fernere schriftstellerische Versuche weitere Förderung bringen werden; 
jLuch meine äusseren Verhältnisse haben sieb, Gottlob, erfreulich ge- 
staltet, und meine Stellung ist eine einflussreiche. Noch ist aber 
Vieles 'zu leisten, selbst im Vaterlande, das der Brennpunkt des Fort- 
schritts ist, und ich sollte da ohne Priichtverlctzung aus ihm mich 
■entfernen dürfen, um einem anderen Lande meine Kräfte zu weihen, 
xvo erst die Nachwirkungen unserer Fortschritte fühlbar werden sollen? 
Sollte ich nicht lieber, wie bisher, .ein Schweif des Löwen" bleiben? 
Könnt^e ich die freudige Gewohnheit, auf der ganzen Reihe der be- 
reits geschehenen Entwickelung fortzuarbeiten, aufgeben, um nun von 
vorn zu beginnen? Und wie undankbar wäre ich gegen die Brüder 
im Vaterlande, die mich mit so vielen Beweisen ihrer Liebe und 
Anhänglichkeit beglückt haben; wie undankbar gegen die hiesige 
Gemeinde, die viel gekämpft und gerunjren, bis ich der Ihrige werden 
konnte, und die seitdem niicli in der iierzlichsten Weise fesselt! Und 
darf ich es gestehen? Ich liebe Deutschland, trotzdem dass mich, 
den Juden, dessen Staatseinrichtungen Verstössen; tragt die Liebe 
nach einem Grunde? Ich fühle mich mit seiner Wissenschaft^ seinem 
ganzen geistigen Ernst« verwebt, und wer wird den Nerv seines 
Daseins ungestraft durchschneiden? So rauss ich denn bleiben in 
Deutschland, das mir wie unseren Brüdern für die Bemühungen, 
immer mehr in sein Staat^leben einzugehen, dasselbe vornehm ver-' 
schlicsst, muss kämpfen nach zwei Seiten hin, gegen die Zurück» 

gebliebenen unter den Juden und gegen die alles Jüdische ignorircndc» 
bevorzucrtcn Glaubensparteien, und muss mit sehnsüchtiger HofTnung- 
abwarten, dass uns das als verdientes Kecht werde, was undorswo 
ychon als freiwillige Gnade gespendet wird. Aber um die freudige 
L^cberzeugung bin ich doch reicher geworden, dass in einem Lande, 
wo so viele meiner Glaubensbrüder wohnen, der ernste Wille der 
hoben Behörden vorhanden ist, diesen die Wohlthaten der Bildung 
und wahren Menschen werihs angedeihcn zu lassen, und dieser Wille- 
ist mir sichere Bürgschaft für den glücklichen Erfolg. 



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Der politische Optimismus, der aus diesem Briefe spricht, sollte 
im Verlaufe der nächsten Jahrzehnte noch auf manche Probe gestellt 
werden. Aber vor allem musste Geiger bald einsehen, dass er die 
Kräfte des alten Judentums unterschätzt hatte, wie aus seiner Aus- 
einandersetzung mit Leopold Zunz, dem Vater der V/issenschaft des 
Judentums, hervorgeht. 

( ) Abraham Geiger an Leopold Zunz 

• Breslau, I9. März I845. 









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Während ich auf Nachrichten von Ihnen mit rechter Begierde 
^rartc, luich darüber wundere, dass Sic mir nicht einmal den Empfang 
des vierten Hüftcs meiner Zeitschrift anzeigen, wächst meine Ver- 
wunderung; noch mehr, wenn ich von mehreren Seiten eriahre, dass Sie 
Ihr Befremden über mein Slillschweig-en gegen Sie äussern. Es muss 
hier ein Misaverständniss obwalten, das ich nicht crrathen kann, das 
ich aber jedenfalls durch Brechen eines weitern Stillschweigens meiner- 
seits zu beseitigen versuchen will. Vieles ist seit der Zeit, dass wir 
\ins ge;:enseitig Nichts mitthciltcn, vorgegangen. Manches, das in die 
Ooüonilichkeit gedrungen. Manches, das blossen Privatmittheilungen 
angehört, und wie gut wäre es, wenn wieder einmal der mündliche 
Austausch der Gedanken einen genügenden Aufschluss geben konnte. 
^lan steht da aus ziemlicher Ferne einander beobachtend und schüttelt 
die Kopfe und wundert sich und — entfremdet sich auch zum 1 heile. 

•während sicher ein offenes Gespräch die rechte Aufklarung gäbe; 
Ich bin überzeugt, wenn auch kein Wörtchen davon zu mir gedrun- 
gen ist, dass Sie manchmal die Stirne über mich gerunzelt haben» 
weiss ich auch nicht worüber, und ich will es nicht leugnen, dass 
ich auch manchmal ganz verdutzt dastand, als ich das Eine und das 
Andere von Ihnen erfuhr. Dieselbe zutrauliche Offenheit von Ihnen 
•erwartend, und in der Voraussetzung, dass das freimüthige Wort 
Ihnen angenehmer ist als das versteckte, will ich auch ganz unum- 
wunden aussprechen, was mich befremdet hat, nicht als wollte ich 
tadeln — weiss ich ja, dass bei Ihnen das Wort und die That aus 
•einer gediegenen Gesinnung entspringt — aber um Aufklärung, um 
^in freundlich belehrendes Wort über Ihre Gründe bittend. Zuerst 
kam jener Aufsatz im Wiener Kalender^), die Fruchtbarkeit des Te- 
fillinlegens erbaulich entwickelnd; ich habe Ihnen, wenn ich nicht 
irre, schon früher meine Verwunderung über diesen Aufsatz ausgedrückt. 
Dass eine jede Ceromouie eine tiefore Bedeutung aufnehmen kann, 
dass sie von einer solchen nicht ganz leer ist, ist ohne Zweifel: aber 
sollte diese, die auf eine falsche Erklärung von Bibelstellen sich 
stützend rein . im Am>.letunwescn ihre Anknüpfungspunkte hat, 
unserer ganzen Anschauungsweise, dem gebildeten und ästhetischen 
Sinne ganz fremd ist, wirklich fruchtbar werden können? Das Todto 
bleibt todt, der Geist, der ehedem darin war, wirkt in anderer Weise 
und unter anderen Formen fort; aber es selbst wieder wecken wollen 
ist ein vergebliches Bemühen und würde, wenn es Erfolg hätte, nur 
traurige geisttödtende und entsittlichende Folgen haben. — Darauf 
folgte das Gutachten über die Beschneidung [Ges. Sehr, ü, 191 — 203]. 



a.a.O. s. 180/84. 




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ich war mit dem Ecformverein nicht einverstanden; er war m scmcm 
Streben nicht klar, in seinen Acussorungcn nicht redlich genug, und 
statt auf besonnenem Wege für die Gosamrathcit nicht in so raschen 
Sprüngen zu wirken, griff er mit der Beschneidung Dasjenige an, 
was immer noch als Grundnerv des Judenthums betrachtet wurde, 
dessen er aber nicht Wort haben wollte, sonst jedoch die Dinge 
müssig angaffend. Allein mit solcher iJntschiedenhcit Xür die Be- 
schneidung Partei zu nehmen, weil sie stets in so grossem Ansehen 
stand und noch stehet, ich muss gestehen, das vermag ich nicht. 
Sie verbleibt ein barbarisch blutiger Akt, der den Vater mit Angst 
erfüllt, die Wöchnerin in krankhafte Spannung versetzt, und das 

Opferbewusstsein, das sonst dem Akte eine Weihe gab, ist doch nun 
einmal bei uns geschwunden, wie es denn, als ein rohes auch keine 
Befestigung verdient. Mag immerhin das religiöse Gefühl mit allea 
Fasern sich ehedem daran angeklammert haben, jetzt hat sie zu ihren 
Stützen bloss Gewohnheit und Furcht, denen wir doch keine Tempel 
errichten wollen. Und die Stellung, die Sie überhaupt den Reformen 
gegenüber einnehmen! Sicher wird in der Praiis bloss allmählich 
das Abgelebte auch entfernt werden können, die Fieform hat auch 
nicht genug gcthan, wenn sie bloss wegräumt und nicht vielmehr 
den hohem, ihatkräftigcu , der Idee sich hingebenden Sinn anregt; 
aber wahrlich, sie irrt und wirkt nur nachtheilig, wenn sie mit 
morschen Bauti-ümmern das Gebäude herstellen wiU, wenn Becrriffe. 

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die aus der all^rcmcincn Auffassung der Zeit gewichen sind, weil sie 
in frühem jüdischen ßewusstsein lebendig waren, noch jetzt ihre- 
Geltung behalten und neue Früchte hervorbringen sollen. Und die 
Literatur, welche die Prinzipien erwägt, den Geist wecken und vor- 
bereiten will für das erwachende Leben, sie wird auch immer For- 
derungen stellen, welche der möglichen Verwirklichung in der Gegen- 
wart vorauseilen, soll sie nicht eine Dienerin des Bestehenden sein; 
warum also die Bitterkeit gegen das scharf einschüeidcnde Wort, 
das doch in unseren kranken Verhältnissen so höchst Dothwendijr ist, 
warum nicht lieber den Mutli des Mannes achten, der den Verdäch- 
tigungen und Kränkungen sich aussetzt, um der Wahrheit — min- 
destens wie er sie auffasst — die Ehre zu geben? Ich bekenne es 
Ihnen, ich liebe Holdheim innig, wenn ich auch nicht jede seiner 
Behauptungen unterschreiben, nicht jedes Verfahren für zeitgemäss 
halten kann; ich liebe ihn, weil ich in jedem Worte den Eifer einer 
rediichen üeberzeugung, der höhern sittlichen Anschauung erkenne. 
Und Sie mit Ihrer Geistesfrische sollten sich mit einem Male gegen 
das wogende Geistesleben abstumpfen, Sie sollten in der Vergangen- 
heit nicht ledidich die Geschichte des Geistes, sondern auch die 
Xorm für unsere geistige Thätigkeit erkennen? Es war dies eine 
Erscheinung, die mich tief schmerzte; ich beklagte den Verlust eines 
Mannes für das immer kräftiger sich regende Streben, eines Mannes 
wie Zunz, ich beklagte die Möglichkeit, dass auch der frischeste 
Geist zu einer gewissen Zeit sich abschiiesse, mir bangte, offen ge- 
standen, vor mir selbst. Und nun kamen noch PrivatnachrichtcD 
hinzu, Sic hätten mit einem Male streng koschere Wirthschaft ein- 
gei'ührt tmd was daran hängt. Ich ehre Eücksichtea, die man in»' 



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Leben ru beobachten bat, und würde, wenn Sie dies etwa in Ihrer 
Sicllung al3 Seminardircctor, unter den Vcrbültaisscn, wie sie nun 
einmal sind, für angemessen erachteten, nichts Bcfrcmdiichcs darin 
finden; aber es wurde hinzugefügt, Sie hielten dies prinzipiell. 
Dicht wegen Ihrer Stellung uothwendig, man müsse einziehen, sich 
an das Bestehende anklammern und dgl. Da kann ich mich nun 
freilich nicht wieder hineinfinden. Gerade jene Speisegesetze sind so 
etwas durchaus Geistloses, dabei das gesellige Leben so sehr becin- 
trichligend, und wahrlich die innige Menschenverbrüderung geht 
doch nun einmal über die Auffrischung eines separatistischen, sehr 
gebleichten und sehr zweifelhaften religiösen Gefühles, — dass ich 
Allem mehr Werth beilegen könnte als diesem von der Mikrologio 
bis zum AVahnwiize ausgebildeten Zweige der rabbinischen gesetzlichen 
Praxis. Da stehe ich nun, mich selbst fragend: kann wirklich Zunz 
dadurch zu nützen glauben, kann er meinen, dass auf diesem Wege 
ein gesundes, Geist und Gesinnung weckendes, Thateu förderndes 
Juden ih um, das dann auch natürlich ein wahrhaftes Menschthum in 
sich schliesse, erzielt werde? Aber ich frage und frage, und soviel 
ich mir Ansichten nach verschiedenen liichtungcn hin zu entwickela 
suche, ich tinde keine genügende Antwort. 

Goiilobl es ist vom Herzen I Es hat mich gedrückt und gequält, 
bis ich Ihach selbst gesagt habe, was mich ängstigt. "Wenn Sie 
noch die Gefühle gegen mich hegen, die Sie mir in Berlin gezeigt 
und die auch in Ihren Briefen angedeutet waren, so werde ich eine 
Antwort von Ihnen erhalten. — Uebrigens höre ich, dass wir uns 
büld eines Werkes von Ihnen erfreuen werden; ich werde ruhig mit 
dem Publikum warten und weiss, dass wir jedenfalls etwas Gediegenes 
erhallen werden. Eine andere Nachricht, die ich zuerst durch ein 
Privatschrciben erhielt und die durch die I). A. Z. besiütigt wird, 
t'.Tichtet, dass Sie in Verbindung mit B ubo und Mu hr im Auftrage des 
Ministers Eichhorn oder gar unter Vorsitz dos GK. Brüggemann 
einen Entwurf über Cuitusangelegenijeiten auszuarbeiten haben [oben 
S. 180]. Die Sache ist an sich crireuiich, nur müssen andere Gemeinden 
des Staates es sicher bedauern, wenn sie ganz übergangen werden. 
Gefallen lassen wird mau sich freilich heutigen Tages Nichts, und die 
Bitte, uns keine Fesseln anlegen zu wollen, die wir unter keinen 
UnistäLden dulden werden, ist gewiss eine gerechte. Üb Sie die 
Biscretion nicht überschreiten, wenn Sie mir etwas Näheres üijcr die 
Angelegenheit mittheilen, kann ich freilich nicht sagen; dass Sie aber 

bei meinem Interesse daran mir durch irgend welche Mittheilun? 
einen grossen Dienst erweisen würden, brauche ich kaum zu sacen. 
Und nun genug für heute! Weiss ich ja nicht, ob dieses Schrei- 
ben eine Antwort erhält oder — ad acta gelegt wird. Ihrer Frau 
Gemahlin wellen Sie mich bestens empfehlen, sie bleibt doch meine 
Freundin, wenn sie auch streng darauf :?ieht, dass das milchige 
Messer nicht das fleischige Tischtuch berührt und selbst wenn sie 
dio Haube bis zur Nase rückte. Wir sind übrigens milchig und 
fleischig. Gottlob, gesund, uns schmeckt das koschere Mittag- und 
Abendessen, und kurz wir bcünden uns wohl als gebenschte jiddische 
Kinder. So soll es ganz Jisrocl crgehn und bifrat Machas 'im ischtau 
ha-zcnuoh, omen! ^) 



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( ) Leopold Zunz an Abraham Geiger 



Berlin, 4. Mai 1845. 

Aus Ihrem Schreiben vom 19. März d. J. habe ich mit Vorpiüfrcn crscben, 
dass Sic mich nicht vcnressen haben, aber dass Sie es bedauern, dass ich stehen 
pcblicbcn, riickwirts (rcj^anpcn u. s. w. Nun, wenn Sie mich nur nicht in Verdacht 
haben, icli hätte mich für einij^e hundert Thaler verkauft, wie jrewissc Frankfurter 
sa?en oder drucken — da ich Nichts lese, so weiss ich es nicht ccnau — so bin 
ich pctröstet. P^ür das Ungiück des Stillstandes kann ich Nichts iind werde ich 
mich sehr freuen, wenn Andere mit ihren AnfrrifTen auf das Judenthum und auf 
Alles, was mir von je her thcucr war ~ meine Schriften seit 1817 sind die un- 
widerleglichen Zeupren -- der Menschheit und den Juden wirklich etwas, um das 
es sich lohnt, eninpcn. Eine Rabbiner-Ilierarchie verabscheue ich, eine Reform 
mit milchdinpcn Paragraphen verachte ich, einen AnprüT auf das wehrlose Juden- 
thum aus cmem antirclijriösen Standpunkt überlasse ich Denen, die sich darin 
pefalien. Die Norm für das Rcliplüsc kann nur das Religiöse, das Gemeinpühi^o 
und in Icbeudiper Ucberiicfcrunq; Hochgehaltene sein: aber dem höher gebildeten 
Geiste (Maimonidcs, Abcu Ksra, Mendelssohn) ist es pcgeben, auf dieser Grundlag« 
zu bauen. Uns müssen wir reforraircn, nicht die lielipion: Bestehende Missbriuche, 
nach Aussen wie im Innern, Laben wir anzupreifen, nicht ein ererbtes Ileilipthum. 
l>as Geschrei pcpcn Thalmud ist bereits die Siellunp des Apostaten. 

Sie sehen, ich stimme weder mit lioldheim, noch mit den beiden Stern i 
vielleicht auch nicht mit Ihnen. Ueber das pan;.e oder zerbrochene Israel hatten 
wir schon vor C Jahren mündlich pcstrit;en; dass die Zeitrichtunpen diese DivcrgcM 
schärfer pczeichnct und in den Vorderprund gestellt — dafür können weder Sie 
noch ich. Man bedaure mich, aber wer mich verdächiipt, ist selber ein Lump. 

In diesen mir fast mit Gewalt abpcdninpenen Erklärunpen, die allerdinps »uf 
dem Papier kurz aber schneidend werden, liopt mit ein Grund meines StiUscbweipcn». 

Aber nun sei pcnu;» von diesen Dingen pcsprochcn und verbandclL Mich 
liebet die Wissenschaft immer mehr an, je mehr um mich her Thorheiten pemacht 
werden, Narrheiten, die uns cmiedripcn und Nichts einbrincen. Schreiben Sie mir 
lieber von Dingen, über die wir uns in früherer Zeit unterhalten. 

In '2 Tapei'i ist eine Sonncnfinsterniss , 2 Tape nachher Generalversammlung 
der Reformer hiersclbsi und 2 Tapc darauf wird wohl iu der Synairopc gcpen sie 
poprcdipt werden — was ich, sub rosa bemerkt, nicht thun würde, wcni::stens 
milder. Uebricens danke ich für Ihren offenen Tadel, und ich bin an Aufrichtigkeit 
nichts schuldig geblieben. 

Grüssen Sie mir Ihre werthe Frau: die meinige empfiehlt sich Ihnen bcidcr- 
scitic, und nun ist genug geeifert, und os schliesst mit alter Freundschaft der 
Ihrige. , _^.^- 



.'üji^if T.d.-uT'i.i--.- -■■■; 






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a.a.O. S. 184/85. 




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In ßoinem wlasenschaftlichon Hauptwerk "ürcchrift und Uobor- 
setzungen der Bibel in ihrer Abhängigkeit von der inneren Entwicklung 
dos Judentums", Breslau I857, versuchte Geiger, die aus seiner Zeit 
geboren© Idee der T^Intwioklung mit dem Geist des Judentums in Einklang 
zu "bringen. Das Buch ist Geigers Glaubensbekenntnis, das er in dem 
Brief an M.A.Stern auf die knappste 5\)rmel gebracht hat. 

( ) Abraham Geiger an Moritz Abraham Stern 

Breslau, 9 »August 18 5Ö. 



'^4^'-- ^'' t"-. 9- -An^^^^f^i-fvjJLj .. ])ii hndcst am Sdiiussc meiner 

Vo;-.> ' [/iir „Ursc]irlft"]y({cn Deismus (oder Theismus) s[;\rk .iusj;c- | 
spro.licn, gl.-ubsi, i\li sei ' \vo!il erst I^ist geworden, und meinst, es 
trenne uns n.ich dieser/lvielnung eine breite Kluft. Dafs ich je nlclitj 
Dei5t^^,cv.-05cn, wiißtc/'ich niclit. Icli eliro in dem Mensclijn den sclh- 
Mändi-cn Geist, der/mir hocli erhaben ist über allem Produkt und Ex- 
trakt dorMaicric/i;u-l des feinsten Ncrvengeädcis, dieser hohe,,mir Ehr-/ / // 
fiirclu cin^ö^^c^y^e M^'ii^chcngeist ist mir aber dodi in seiner Bc^reir/.t- '^'' 
hcit sov.olil A'i. audi in seiner Ahnung des Uncadlidien Tnirgc für 
seine Ab]i:-:i;^j^,I';!;cit von dem Gesamtgeiste, ^qw icJi mir, wenn ich an| 
ihm C^<\\ Qc-i',: erkennen soll, niclu der Vorzü^^ ^c^ Geistes, der Sclb- 
ständi-Uft d.-. \Villens, der sp.mnkräfiigen 'jfatigkcit entkleiden darf./ 
So w.>/, so bin idi Theist, finde in dieser Überzeugung nicht etwa ein 
Kul^kisscn, dessen ich niclit bedarf, sondern die Ergänzung, dcn| 
Sddußstein meiner ganzen Ansdiauung . ^jj 




a.a.O. S. 



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27/28. 



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IV, Alter und neuer Glaube 



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Das siegreiche Vordringen der Aufklärung und des Reforragedankens 
"bedeutete keinesweg den Untergang des alten Judentums. V/o hl ging das 
von Geiger in seinem Brief an Derenbourg vom 2, 8. 1832 hervor gehobene 
"ein in sich einiges Ganzes" allenthalben in einem anders beschaffenen, 
räumlich grösseren Zusammenhang auf, wohl versank derart, was vom 
"jüdischen Mittelalter" im Bereich der deutschen Kultur noch übrig- 
geblieben war, immer mehr im Strom der modernen Zeit, aber die Kraft 
des jüdischen Glaubens war nicht gebrochen. 

Nicht bloss einzelne, auch ganze Gemeinden und deren Führer leisteten 
dem um sich greifenden Zeitgeist Widerstand, Eines der lehrreichsten 
Beispiele hierfür bildet die nach der Y/iener Judenvertreibung ent- 
standene jüdische Gemeinde in Eisenstadt, "wo unter dem Schutz einer 
dauernd bewahrten Autonomie sich ein jüdisches Eigenleben in seltener 
Ursprünglichkeit zii erhalten vermochte. Es spricht noch heute zu uns 
aus unzähligen, von Bernhard Wachs tein^ mit vorbildlicher Sorgfalt 
gesichteten und ans Licht gebrachten Urkunden. Die folgende Probe 
beleuchtet die selbst im Revo lutions jähr I84Ö dem Reformgeist 
trotzende Haltung der Gemeindeältesten von Eisenstadt vind den benach- 
barten Geme±den. 

( ) Die Gerne inde»3tte&tem der fünf Gemeinden des Oedenburger 
Komitats an Philipp Bettelheim und Samuel Brill 



jlyi, WW Nach Preßbiirg! 

DcbciiDiirfl, 26. 3uiiil8l8. 
SBoIjIflcbiircnc §crrcn 
IM». liottclheim = J>.'im. IJrilll 

Sil bcr iiutcim Ijcutiijcii aIII;icr nctroffciicii Si|)imn bcr 
5 i[r. Conmiiitäten bicje» Dcbcnbiirgcr Conütats, bic bic (ir» 
ucnninuj Don Deputat ioiicn 511: bcUorftcljeiibcii S3cr[nmnt(itiifi 
in ^c[tl; 51ml l]kk Ijut, Juurbc ciiiiiiiitljin bcr 22uu[c() nu5i]c^ 
jpro(I}oii, nii (5hci: iÖ3ü()Incbüreii bic bcüotiuifrfjc iüitte 511 [tcKcit, 
ba[j 8le \uvS biir(I;3^)fcc lücrtl)cii ^^cr[ou iubic)cc^Jliii]clc!]onfji'it 
ücrtrctcn, rcsp<H',t. bei bic(or ilkratl;iniß für mvi baä iiBoit füOtcii 
möflcii, uiib ^)l)T oitcciaiiiitcc ilMcbcr[iiiu uiib ^^illJQljiintcit 
Inüt mi iiiil;t 5iuci[L'Iit, bnf{ bicfc Mission ^{)ncn milüintümmcu 
jci). Vlllciii übfllcic!) luic Hon 3[)icc Sicligiöfität übcr^cuot fiiib, 
fo Fjcifjt c§ uiiö bic[cc luicljtigcr SQJümciit bciinocij 511: ^or[i(()t 
(uub lomit Qiicl) ii^cr^ciljiuu] uctfpridjt), 8ic [oI;c ju bittcir,,' 
Ijaiiptjiuijlicf) onf .(Sr()nltiuig uii(crcr l;ciliöcii Kcligiou Qfjc 
^(lujiMimorl Qccicljtct äu \)ahc\\, (0 \)a\i Ucform ja md)i im nc» 
tinnflcii ftattfiiibc ; [oubcrn luit cdünrtcit uou SÜ^cr ©laubciiß» 






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Wach£3t3in! (1868 - 19}o), Hißtoriker und 3il.)liograpli, 
Direk-cor dor Biüliotiaak d^r iHraelitiüch.n Kultuü^yemeinde 
in Wien, 

|fc*4E«WÄiMM Urkundön und Alctcn zur GeachichtG der Juden in 
"Risonstadt und den Siebe ngeciGindon. Bearbüitjt von .Dr. Bern- 
hard v;achstein. Wien 192Ä (Bd. l), I926 (Bd. Il) , '8.1, TT. S^^^/2i, 



W^ÄlgVv b4^.I1. \j^.V^83/Ö'4 :- 



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fülle, bafj Sic bei jcbcH Uürfüiiinicubcii C^cflcnftanb, (o aii| 
'-ivcrU'ijuun bcr iKcIifliou mir im uiiiibc(tcii »uürreu föuiito, .mit 
^liiibiclung.nner Energie cutflcncutrclcii niib iiacT) ftcäftcn nb« 
I)altcu Uiorbcu. %^ iüir 3ljiu'u aber nml) junleid) ba^ |c0mcicf)cl- 
I;aite öeftänbuiö madjcu müden, bnji iuic iou[t reinen tncfjtincru 
routitlcrnbcn lUiann ^u bic(cr Mission Icnncn nid Gucc 2üüI;(* 
(geboren, bic Vlbtcnbnnfl bcr Dcputiition jcbodj ((ljlcunifl[t flc* 
f(l)cljcn lolf, lü [liil)cn ioir nn§ nnj 3l)rcu betrauten ratriotismus 
iinb jinb babei audj (o 5ubrin(]li(lj, bic auöocfcrlifltc ^öoümadjt 
511 bic(cm ^«l^orljttbcu 3l)ncu aulieflcnb (ofllcid; ju übermitteln. 
9iJi)nc bcr ipimmcl bie|c ^J3ül)n jnm aUöcmcincn (^lücf 
iinlorc'r Station Ici'tcit, bn[) bic ftn öcrijanbclubcu Dbicltc bcn 
öcmünjdjtcn S^^Cf^ cclanQcn möflcn. 



Eisenstadt, Pressburg trnd andere alte Gemeinden am östlichen 
Rande des deutschen Sprachgebietes "beherbeugten auch die Bollwerke 
der von der Reform heftig befehdeten überlief erungs treuen Talmud- 
deutung, die rabbinischen Akademien (Jeschiboth), deren Ruf noch 
immer lernbegierige Hörer aus nah und fern anzog. Hier lehrten die 
grossen Rabbinen, die zu Beginn der Aufklärungsepoche aus der deut- 
schen Judenheit hervorgegangen waren. Hoch wirkte um die Zeit, als 
Gotthold Salomon im Hamburger Reformtempel die neuerungs freudige 
Jugend \im sich sammelte und den jungen Heinrich Heine unter seinen 
Zuhörern sah, in Posen das Haupt der Orthodoxie, der I76I in Sisen- 
Stadt geborene Rabbi Akiba Eger, dessen weithin anerkannte Autorität 
ihm die Bezeichnung "Papst der Juden" eingetragen hatte. 

Sein Zeitgenosse v/ar der in Prankfurt am Main 1763 geborene Rabbi 
Moses Sofer, der im Jahre l803 in Pressburg seine bald berühmte 
Jeschiwa gründete. Sofers Glaubensfestigkeit und die jede Neuerung 
mit äusserster Strenge ablehnende Haltung gehen klar aus seinem 
Testament vom 24. November I836 hervor. 



) Aus Moses Sofers Testament 

« Im Namen Gottes. Donnerstag, 29. Ki.slew 5597. 

Da der Mensch nicht weiß, wann seine letzte Stunde sclüägt, 
ist es stets die Zeit, für Gott zu handeln. Verbreitet die Tora, 
um das Haus unseres Gottes aufzurichten aus seinen Trümmern. 



. --/ni ■■-. 



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Gotthold Salomons (17Ö4 - I062), ß.it I818 Prudiü'er der 
nsuber;ründeton G.nioinclc in ila'/iburg. 



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Akiba Egar: (I76I - 183?), iler Junger:-. 



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Saloraoy Schreiber: Der dreifache Faden, 

I. Teil? Rabbi Moses üofer. S. 143/46. Sephür-Verlag 

Basel 1952. 



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) 



Ihr, meine Söhne und Töchter, Schwiegcrfiöhnc und Enkel, 
und deren Kinder : Höret auf mich und ihr werdet leben. 
Neiget euer Herz nicht zum Schlechten, zu handeln wie die 
Männer der Sünde, die Neuerer, die sich von Gott und seiner 
Lohre entfernt haben. Wohnet nicht in ihrer Nähe und meidet 
ihre Gebellschaft. Studiert nicht in den Büchern des Rabbi 
Moses Dessau (Mendelssohn). Dann werden eure Füße nicht 
straucheln immerdar. Erforscht die Bibel mit dem Raschi- 
kommentar und den Pentateuch mit dem Kommentar des 
Nachmanides. Und al?o lernt mit euren Kindern, denn Nach- 
manides ist eine Hauptstütze des wahren Glaubens und durch 
ihn werdet ihr klug wie die Weisen, die da hießen Kalkal, 
Darda und Hcman. Wenn ihr, was Gott verhüten möge, in 
Versuchung dos Hungers, des Durstes und der Armut geraten 
solltet, dann seid standhaft in der Versuchung und wendet euch 
nicht Götzen zu. Die Töchter mögen Bücher in der Landes- 
sprache lesen, die mit den Traditionen unserer Weisen, ihr 
Andenken zum Segen, übereinstimmen, aber keine solchen, 
die diese Voraussetzung nicht erfüllen. Theater soll euer Fuß 
nicht betreten; fern, fern sei dies von euch, ich auferlege 
euch ein ausdrückÜches Verbot. Dafür wird euch vergönnt 
sein, zu schauen Gottes HerrUchkeit und die Freude beim 
Aufbau des Tempelheiligtums, der bald stattfinden möge, 
in unseren Tagen, Amen. 

Und so Gott euer Hörn erhöhen und euch seine Gnade 
zuwenden wird, wie ich erhoffe, erhebt nicht euer Haupt in 
Stolz und Anmaßung gegen irgendwelchen anständigen 
Menschen, fem sei es von euch ! Seid euch bewußt, daß wir 



14?^ 




h^/f^ f. r5~A ^Af,H- 



Söhne Abrahams, Isaks und Jakobs sind, Schüler unseres 
Lehrers Moses, Friede sei mit ihm, Knechte des Königs David. 
Unser Vater sagte: t Bin ja nur Staub und Asche»; unser 
Lehrer sagte : « Wer sind schon wir ? »; unser König sagte : 
« Ein Wurm bin ich, kein Mann. » Und der König, dessen wir 
harren, wird als armer Mann in Erscheinung treten, auf einem 
Esel reitend; was berechtigte also zu Stolz und Ucbermut ? 

Stärkt euch, wappnet euch, mit Eifer versenkt euch in die 
Lehre dc5 e"wigen Gottes. Erweitert, verbreitert die Basis der 
Tora in der Ocficntiichkeit. Auch wenn ihr wenig zu bieten 
habt, stellt das wenige, das euch Gott gegeben, in den Dienst 
des Gesamtwohls, mit Anspannung aller Kräfte und mit 
Einfalt des Herzens, sodaß der Heilige, gelobt sei er, eure 
reine Absicht anerkennt. Ohne rscbengcdankcn dienet der 
Ehre Seines großen Namens, gepriesen und erhoben sei Er; 
kein Schmeichler kann vor üim bestehen. 

Hütet euch davor, euch bezüglich eurer Namen (Sehern), 
eurer Sprache (Laschon), und eurer Kleidung (Malbusch) an die 
nichtjüdische Umwelt zu assimiHeren. Als Merksatz hiefür 
diene euch der Bibel vers : « Wajawoh Jakow ScnALEM », « Und 
Jakob kam ganz, unverändert ». (Die Anfangsbuchstaben von 
ScHem, Laschon und Malbusch ergeben Schalem). 



Macht euch kvinc Sorben. >vciiii ich ruch krin Vcrniöficn 
liiiitrrhiPse, denn dor Vater der Vkaiscn erbarmt sich der W aisen, 
nimmt sich ihrer mehr an als Vater und iAIuller und wird euch 
nicht verlassen. Es fehlt Gott nicht an Macht, mit viel oder 
mit weni^ zu helfen. 

Gottes Lehre diene euch nicht als Spaten, damit zu praben, 
als Mittel zu irgend einem Zweck, und panz besonders hütet 
euch davor, von Ort zu Ort zu ziehen und für Geld Predigten 
zu halten oder zu sprechen : « Nehmt mich als Rabbiner an ! » 
Vielmehr bei Namen soll man dich rufen, an deinen Platz 
dich setzen und das dir Gebührende dir geben. Saget nicht : 
Die Zeiten haben sich geändert; denn wir haben einen alten 
^^ater, gelobt sei Er, der sich nicht verändert hat und eich 
nicht verändern wird. 

Er, Beständiger 

Immerfort 

Vermag euch zu sein 



Schirmender Hort 
Segenspender 
Von Hohem Ort. 

Moses Safer von Frankfurt am Main 

Langes Leben in Gottesfurcht cuchy meine mir so teuren 
^litgUedcr der berühmten Gemeinde Prcssburg^ der prächtigen, 
der mächtigen. Gott schenke euch Segen aus dem Born seines 
Segens. Ihr seid mir seit dem Monat Tischri des Jahres 5566 
(1805) mit Rat und Tat beigestanden bei der Ausbildung 
lausender und abcrtau«ender Schüler, die die Lehre in aller 
Herren Länder getragen. Gott sei Dank dafür. Unsere Gelehrten, 
große und kleine, sind Früchte der Lehre, reine. Ihr habt die 
Jeschiwa in Weisheit und Einsicht nach bestem Können geför- 
dert, so den « Dienst am HciHgtum » "willig auf eure Schultern 
ladend, vor allem die Verpflegung und Versorgung der Tal- 
mudjünger. Euren Kindern habt Ihr gehörigen Unterricht 
angedeihen lassen, und die Erfolge bUeben nicht aus. Und 
sieh', ihr steht heute in der vordersten Reihe der berühmten 
Gemeinden. Niemals mögen die Kräfte der Zerstörimg zu euch 
Zugang finden. Dringend, dringend empfehle ich euch, den 
Rabbinat^sitz nicht mehr als zwei Jahre verwaist zu lassen, 
^md nur ein Gelehrter möge ihn besetzen, dessen Gesinnung sich 
bewährt hat und der seit frühester Jugend in der Lehre Mose.-»* 
(der schrifiHchen) und Raw Aschi's (der mündlichen) durchaus 
bewandert i?t. der ferner nicht mit dem Freidenkertum lieb- 
äugelt noch in der Sprache der Völker seine Predigten abhält. 
Ein solcher würde sich auch nicht lange halten können, wie 
ein Schatten würde er verschwinden. Die Predigten sollen so 
sein, wie ihr sie bei mir gehört : Aufgebaut auf den Erzählungen 
unserer Wci-en. Er soll ferner die Vornehmen nicht bevorzugen 
und keine Bestechung annehmen, weder Bestechung in Form 
von Ehrenbezeugungen noch Bestechung in Form von Schmei- 
chclredcn: sondern bescheiden und demütig sei er, und die 
Tora trage er ins Volk. Die Institution der Talmud-Tora- 
Kasse und die Lehrplanordnung soll nicht tangiert und nicht 
verändert werden. Wer da schädigen will, der wird selbst 
Schaden leiden, wer aber stärkt, "wird stark und angeschen 
werden. Auch die Gebets- und SjTiagogenordnung — wie sie 
war, so soll sie sein und bleiben fürderhin; fern sei es von 



Pronsburg, 1Ö45. 

CrerOohte sind ini UralauJi", daco Sie sich entüchlossen haben, 

künftij'Thin in der ungaricohcn Spracho s'.u predigen, obv>;ohl 

diese Gerücht emaoher es gut VTissen, da?33 Ihnen koin liencoh 

glaubün YTird tmd da^c sie nur darauf abzielen, Ihr Ani^ehen 

au schädit^en, Aln ich davon hörte. \7ar ich gans erstaunt 

und habs lebhaft dagegen prot.jütiort, dacs man £cegan einen 

öo fiomraen Lia^n, de^tien ganzus Streben darauf gerichtet ist, 

die Relirrion zu erhalten, den Verdacht äuasert, da3B er ^ ^ i 

gerade jützt das Gegenteil tut. Sollte man Sie jedoch von iHj / 

irgendeiner Seite dazu gezwungen haben, hoffe ich, daoö sich ''>' '^ ^A.' 

noch ii'onug Laut.- finden wf^rdcn, um di^^sen -Einbruch seitens 

der Regierung r^bzuwehren. r' — ' 




• • • 



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jedem Mcnschrn, etwas an der liauart der Synagoge oder 
am Gcbctprllual abändern zu wollen. Vver etwas ändert, möge 
verändert werden zum Scklechten; kein Unglüek aber treffe 
die Gerechten. Und Du Gott, erhöhe das Hörn Deines Volkes 
in seiner Gesamtheit, und der Gemeinde Preßburg im beson- 
deren, gewähre Reichtum. Güter, Ehre, Länge des Lebens in 
Furcht vor Gott, bis der Erlöser Schiloh kommt. Amen. 

Meine Töchter und Schwiegertöchter ! Hütet euch, in eurer 
Kleidung der jeweils herrschenden Mode nachzugeben, sofern 
diese unsittlich ist. Fem sei solches von den Nachkommen 
meines Hauses. Erst recht verbiete ich euch ausdrückhch, 
Haarperücken zu tragen. Gott wird euch Gefallen und Gunst 
fmden lassen. Erziehet eure Nachkommen, Kinder und Kindes- 
kinder im Geist der Tora, yde der Ewige unser Gott uns 

befohlen für alle Generationen. 

Moses, der Obige 



Rabbi Moses So fers Sohn, Rabbi Abraham Samuel Benjamin Sofer, 
Oberrabbiner von Pressburg, war ein gewissenhafter Vollstrecker 
dieses letzten Willens. 

( ) Rabbi Abraham Samuel Benjamin Sofer an Rabbi Pessaoh 
Prankel 



So sehen v/ir die Vertreter der alten Ordnung in steter Abwehr gegen 
die bis in die entlegensten Winkel des deutschen Siedlungsgebietes 
vordringende Reform. 

Jedoch gab es auch Stimmen, die das Bedürfnis nach einer Synthese 
der alt jüdischen Gläubigkeit mit dem aufgeklärten weltlichen Geist 
vertraten. Längst waren innerhalb der vom Strom der deutschen Kultur 
erfassten Judenheit Kräfte am Werk, die nicht nur die Werte des über- 
lieferten Judentums gegen die Umv/elt zu verteidigen, sondern dem in 
Schrift und Tradition vorwurzelten Glauben den neuen Geist einzu- 
schmolzen versuchten. Samson Raphael Hirsch, Rabbiner von Oldenburg, 



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erhol) 1836 in seinen unter dem Poeudon.ym Ben Uaiel veröffentlichten 
"Neunzehn Briefe über ^aö Judentbii" die Forderung? nach einer 
"Erhöhung der Zeit zur Thauroh" anstelle der "Nivellierun^ der Thauroh 
nach der Zeit" und wurde mit einem Schlafe zum Wortführer der sich der 
Herrschaft des Rationalismus widersetzenden Neo-Orthodoxie. Die Ideale 
der Emanzipation wurden hier in einer von den Aufklärern nie geahnten 
Weise gedeutet, wie folgende Stellen aus dem sechzehnten und siebzehnten 
Briefe Ben Usiels ^ B^jan^in zeigen. 

( ) Bon Usiel (S.R. Hirsch) an Benjamin 



Secl)3eljnter ©rief. 

Sic fracjcit luicf; um mclue 2Iuilc4;fcu uBci* Mc gcacje, 
t):c ici^t \o ütolfacl) bk öomutci* Iv'iucöt/ ul3cr „Gmau^ipa^ 
tioii"; ob tri) iiu Q)cl\ic taS SiiöciUinut? \ic fui* m'oQÜd), 
fuc il3fiic;;t t)a[;iii sii lu'c^cn, fui* iuuufcr;cuöi\)Ci*t iTe ddjtc, — 
%\d) bciM iicacjciüoniiciKu i^ccjriffc bc^ ^iibcwtiimß \ii\b 
6ic, liclKi* 53oi;ja:uiiT, ii'cc bauw Qcmxbcn, G^ \inb 
3?)ücn 3«'^*-'iKl öcfoiuukni, oh baß Qtzchcn bciiuid) cdid) 
bcwi Q)c\f:c bciS ^iibcninnvS ßcinail fei, b<i aS einer ^iiu 
hiirc^cnmc^ dn awbCLCß nwb ^oßicic^iii^ üom ^i{\):ocU 
(jcfiviüc i;aJ)cfvh;io; ob rouufcrjcui^rocrt, bei U\d)t biml) bic 
$rol;e iHiriUU;ci:uui) 3"lTi"OcIi5 Gic}ciurimUci)^ci( üoinuifc^t 
rocriJci: tbixwtc. ^d) ac()fc 3r;i'c 6^mpcl ui;i) feile ^i)iicix 
meine il\\\\d}t s. m. mit. — - „Oh im Q)cifli baS ^iibcntnnvS'^, 
— Slli^ 3'fÜ'«>^J ^ic ÖJ-'öß»-' $ü3ani)cvfcf;v;ft buvd) gelten nwb 
Golfer antut, iwri) ii)m bn:d) ^ixnülöi)ii ciU ^^\\id)t üeiv 
imbct: 

*) „^auct S^hn\ct xmb U\^\ct cucf; :üc^cl•; piKautcf öAiv 
,/iCn iu\b c^cwic^ci 'd)xc^':\ui)t; lu'f^mct ^rauci; uut) icujjct 
„66f>i:c iini) S6cvfcr, unb iicl)mct für eure ööi)ne ^yraiiei; 
„Ulli) cure£M;(er cjelJef ODMuiicrn, t>u|j i"ie (jcbAren ööDue 
„mb Söcf;fer, u:;i> ben;;c()rc{ cnd) öor(, uut) mindert 
„cuci) vdu)t. lUib |7rel)ef für öaiJ SBof;I öcr Sfaöf, 
,,baf;ia icf; cnd) oertricbcii, nwb hitct für \ic innx 
„S^czviif beim in i()rcm Steile wirö cucf; i'^eil/' — 

3encjJ 3i*5^J'''^l't'>i3»-'ii uuö S3efcr;rAnfeu iu bcix Söal)i:eu 
t)ei^ i!e5e:ij5 ölfo uicr;t iuefeiUltcI)e S3ei)in3un(j DejS diolüjj; 
■üicimeljr ^flia^t, foüicl nur immer m6ölicf;, \id) bcnx ^taat^ 
-awinhii^Qctn, bct unjJ auföcuommeu; btß Qiaatc^ "^wcdc 
-^u fbzbcnx x mb ba^ eigene SBof;I nid;t öciwnnf-Don bc^ 



Sarason Raphel llirschj (I808 - I888), IÖ5I Rabbiner der Ortho- 
doxien "IsraölitiK>ohb^n Reli^lonögöSöllschaft" in ?ranlcfurt/M, 



Ben XJsiöl ( S.H.Hirß oh ): Hounsehn Briefe über Jucl nthum. Berlin 
1919. 3. 93/97. . 





.?- 



an ^tc (cUwUw i|t ja ciml), i\'iu i:>k\\ic \^cß ^wtciUum^ 
mI^ofc5a^cf, niö^ncr); boiiu joncj^ frur;a-c, fdbjtoiu^i()c 
eitiofoiiK'K-n i^^ar ja iV.icf; nlcr)( $18ofcu unb niir;f 3iuoif 
\^r !3oUefumIicr)fcit SÜTfOcli^, mau ja aucT; mvc ^rutcl 
jur JofuKcj fciiicj^ öci|ti<3cii 53ci'ntU 9^ic luar £anb iinb 
a^ciVu fein (iini(3iinöör>aiu\ foniVm Mc öomdufaine 5aif^ 
ijabc iVr Ziyinvöt); bmun ja aucf; eine Ginf;olf nccf;, 
iivT.u aucf; fcnt uom i?aiibc, — nnb t)anim nocf; ^1nf)cif, 
tucnn aitci; iiDorall in ^cc SculTi'cuuncj auöoburöci-f; 
(ucunc mau bk\c (^m\)c\t, t)chv, c>» mit) ^ij, nicf;t i^oiufcf; 
„vBoIf'', mm\ mau i^ou Mcfcm ^cutfrOcu ÖBoKc tat! CDJcvf^ 
mal öomoiufamcu ^obcn^ iü(l)t ju (ccuucn ocnnaj)); 
h\^ fic 6oft einmal aucf; aujjcflicf; aljj 5}üir auf clnent 
53o^cn iknvinijjcu unt) Mc ^etjuc iVi* SOauröf; tuicbcc aljJ 
^H'injii) ctncj^ eta^Mcß ba(ld)ci\ mi'bc, jum ^)l\i{lct m\b 
jur DfKnrnu'uuö ©offcj^ nnb tcd 93?cufq)cn6cvuf<l — 
eine Sufuuff, bic, ald 3icl bcö (3oU-S Qcftcdt, ücrf;clpcu 1(1, 
at^ci* ja n\d)t (dftcj t)on uusS öofon^cif lücröcu ^alf, nur ci*^ 
Tjon't; unt) ^u bor luic crjo^on roci*t)cu, t)a0 juic bann \m 
Wide hc\\c\: „SifKOoI" barJTcacu m6()cu aliJ ba^J cfjTcmal; 
eine Sufunff, t)ic ja §aut) in S^anb <id)t mit (fcr;eIJun3 
bei: ^((Imeufcf;f;eit juc Stnücrk'ubcrunj) unfcc öoff, bcm 
C'Urcinon! (fkn Mcfor rein 3oii]i(jcu S^ifur bcv ^oU^f 
n'imlic^feif ^l\\i'o(:hS f;aU>er ijl eo^ öarum aucf; u^cra« jun; 
iuntcen Cf!;rc:;(u0 an euiutcn faf;ij); nur öarin j7cf; Diel^ 
lein^f fcf;eibenö, baj}, ivaf)rent> anbere etwa bk ©ufer, Me 
bcr Gfaa(»5^ivca- fici;er(, Q3efif} unt) öeuujj in t\:elfe(?er 55e^ 
bcufuncj, <[{ß bci^ $6cr;i7e acr;fen mocfjfen, c^ fie fel6ec 
jTefiJ nur al^ mtkl ^ur Gifüiruna baS 8}:enfcf;cn]3erufjS 
rH'(racf)fen fönne. ~ Unt) teufen Sic ficf; einmal b<i^ mb 
foIcf;e^ unter Golfern fieiiüof;nenben, fein 3t)eal erjTrc^ 
l5enben Siffrocl^! Sebcr 5MU"Oc.tefof;n j)cacf;fefor, n;ei(^ 
i-oirienber ^^eifpieIi5prie{Tor t)er öcrecf;ti()feit unt) 2teDc; — 

nicf;t 2nTf'^':J^""^ — i^^^ i!)i^^ oerbofen — al^er reinetJ 
?D?enfcf;enaim unter bcn 5^^6lfern i^erbreitent)! 2BeId;ec 
S^cM jum 5^»^^K?)J^J^f ^»-^J^ ?^?veufcf;f;eif55er^ief;uncj, itjelcf;c 
5?eucf;le. unt) 6tal> in bc^S 0!)^iüelalter^ nacfjficjen Zucken, 
lüenn SiiT'^«^^^^ 6unbc nnb bor Sollet 21>af;n bicfeiJ Q3ilt> 
te^ öolüß i;:cf;f jurücfi5et)r(^n3t; ii^cnn in ^Tattc einer nur 
öcmalt unt) ^efif} nnb ©cnujj eriTreknben unt) uercjot^ 
fernt)cn, nicr;t feUcn t^on SSaf;n umbunfeUen 0}ienfcl;f;eit 
ftill nnb offen ^^iOnfcJen c^cUht ijciiUn, b\c in 33efif} nnb 
(3cnn^ nur ^)V\ttc{ faf;en, Öerecf;ti}}ieit nnb £ie5c c^cqüx 
alle vll'elf ju üben, t)eren öeill, i^on ber 5ef;re 5Ä?af;rf)cit 
unb ®eidf;eit erfuttf, nur menfcyUcT; öcrabe, ijei"nünfft()»i 
5fnfic5fen'öcf;cöt nnb in lebenbiöom £a(fi)m5oI für ficf; 
unb anbete tcreiiMßt f;atlel — - 9(ber e^ fcf;ein(, bafj ei'{^ 
burcf; bie r;erbe Geite bei5 6o(u{3 Siiu'oct ^u biefcr mil^ 
bereu erjojjen tuerbeu foH. — ^^cnn er|"t öolüj] fo auf^ 
c)ofa|3t nnb Eingenommen, \m c^ foll, tucnn in £eiben 
Gott unb 2:f;aur6f; als5 alfeinißc ilfufjjaBc bc^ 2chcnß ße^ 
fat3f, unb m^^cvc ^nlk nur ali^ ?»}^iffel (ic\d)^ii}t, nnb aucf; 
im Clenb (Boit ßebienf; — bann — toic oom 6taubpuuff 
ber vöofier immer — Dom 6taubpunft bcß ^nbcntnm^ 
bann Dielfeicf;t reif für bie nocf; örof^erc ^rüfuujjoTcyuIe 
bes5 Gfuci^ unb ber ^Tdlbc in ber 3cr|!reuuncj. — 5Saf;ec 
rtiirf) fi*!!!«» Svrarti». ^k miß aeböfcn ^rivcrbuna ber äußeren 



^■'■>^/-.4>.^ 



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^^floöc {c'mcß 6cijTot5 ir;m l^crfm^mcl*^ freie Gnffalfunjj 
foincjJ cMcu (if}araffcrj5 bcfcr;ranft, nwb jiic 6cI5|Un-r;al; 
t\\n(i mancfjc feiner 3nbiiMt)nen auf ^ecjc r)in(jejmnu^ 
(icn, Mc fivilicf; oom 0cl(Tc ^eö SubcnüimiJ crfullfc 
•??^Aiu]cr aiuf; in folc^cc S^ot nie t^efrefeu \)\tUn, nnb bk 
if;teu 33cnif f ief i^ectcfien, an ivelcf;cc f^oOen ^3rufun(j nbec 
ir;rc 6c5)iuacr;e öcfc(;eifei:( ijl. — Scf; fe^nc bk Gmanji; 
V^tion, — roenu icf; fer;c, mic if;r r;eutic)cn Zac^cß fein 
öciftt()ed ^rinjip, j^enn aucf; nnr ein iuaf;n(}e6orenci5, 
cnfi}Ci)enftef;f, fonbevn nur Den ' CD?enfcr;en crniet)ri()enl)C 
S3efiX^fncr;t nnb felDilfucf^ficjc Gnö^erjiofeif; ~ nnb wie 
T/ier S(cf;(unj) bci^ 9ie(r;(i^, bc6 03?cnfcr;eni:ecr;f(!; ?D^^nfrf; 
untec 0);^eufcr;en in fein, unb bic Qtnftcr;f, ba^ ©oKe^ bie 
Gebe fei, nnb iuec nur bcn Stempel a\ß fein ^inb fri\9e, 
fceubii) mn allen aU Q3rubci: öt^Kr;fe( werben foK, — 
tuie biefei^ Siec^if nnb biefe 6e)7nnun(j cf;nc ©ewalt, Mog 
burcl) bic .^L-nft ir;rer inneren $ll>ar;rf;eit, ba^ Opfer bec 
uiebrißen ©eI6ff^ nnb ^c[\l}\n<l)t forbert; — nnb 5et)rnJ3e 
freubig, wo biefeiS Opfer 3e5racf}f wirb, dß eine ^D^or^en^ 
rote wieber erwacfienben 03ienfcr;aim55 in bcr ^1^n\d)i)c\t, 
— eine 53orftnfe jur Clnerfennunc) Q)Ottc^ ciU bc^ dU 
einigen 5perun nnb 23aferj5, aller ^\Mifcr;cn alj5 bcß ^ilU 
einen 5vinber unb fomit 5:n'iber, nnb ber Grbe alS allen 
öemcinfam non (3ott i)erllir;enen 55obend ^ur Söcrwal^ 
UinQ navf; &oncß OBiKen. Ü(6er — für 3 ffroöl -- fecjne 
icf; (le nnr, w^cnn Dor altem in STfJ^'^*?.^ ö^e'cf;je!ft3 ber 
waf;re (3cl(t orwacr;( ijü, ber, nnaM;.\ni)i() üon (Smanji^ 
pation ober Dycr;femau^'pafion, auf (2rre'cv)nni) bc^ ^\\f 
roclbernfes^ f;;nav5ette(, <in\ unf:re ©elbiloereblung, ben 
öeift an^ bem Si^^^-'i^^iun in b:e Gemüter ju pflanzen, 
auf baji er ein ^chcn in foIcv>em öe"(Te gebare; — icf; 
fegne [le nur, wenn SMl'^'^'rJ ^i^ Gmanppation nicl)t aliJ . 
(Snbc [clncß 53crufj5, fonbcrn aU eine neue 6eife feiner 
SInfcjabe, <\{iS eine neue ?rufnn0,nnb cilß eine üiel fcjwerere, , 






"-A 



1 



<\IS bie be^J Srnaej5, cntijcj^ennimmi; — aber ia) trauerte, 
— wenn fo wenig 3»lTi''^(^ l'^cT; felkr Begriffe, fo wenig 
feinen Oeift n:er;r r;a(te, ba^ cß Cfntanypation a\ß (5nbc 
bcß 6clü(j begrüßte, ali5 r;6ct;fte55 Jiet fcine^S gcfci;icr;tli(l)en 
5.Vrnfi5; <ihS £eben5?ermacr;Iii-f;ung nnb at!l2Ä>eg jn gr6l3erer 
^>eilfiC55^ unb öennffeiSfuIIe nnr fic i^crgotternb jcigte, 
bci^ cß bcn Geift feiner 5:r;aurö5 nic^t begriffen unb au^ 
beni Gotuß nid;t:5 gelernt; — aber ici; trauerte wehmütig, 
\'ocnn '^\\\\:o(:l foweit fid; iv^cfennen follte, (imanjipation, 
i)on ungercd;tem £)ruae bef:eiten Ütaunt für ^c{ii}cßf 
xn\b Genufi'eö|"treben nic5>t ^u teuer erlauft in I)aben 
glauben foUte bnrd; wiUfürlict^ei^ 53efc5nciben ber £r;aurü^, 
bnvc5 wil(furlicr;e55 ?Jfufgeben nnferer £cbcniSfeete.— 3»^^'^ 
muffen wir werben, im wahren 6inne ^nbcn, üon ber 
Zl)antb^ Geift burc^brnngen, fie dU OncIIe bc^ ZcUni 
aufnehmen; — bann wirb aucf; ber Geift bcß ^nbcnf 
tnmß (fmaniipatiou freubig begruben aU eine nun 
größere S$af;n int (SrfüUung if^rer ^uforberung/ ■— juc 
ajerwirtlicjnng ir;re<^ ücben^bilbcj^. 



T" 



/ 



Stcl)3cl}uter Söricf. 

Sic r;aBcu 9iccf;e. ,^ic <iC[ni^c ^'c^c bot Gnuinjipaftoit, 
i\U hki imfor i\uijorci5 Öcfd/id imuVW kl•u^;l:c^^, hcf 
xn^)n im S'ubonfum mir ein niUci'öcoL'bucfCjJ Sufcrcffc. — 
Äic 53oIfci* i\)Cl:^cu fi'uf; o^cl• fpvU ficf; curfcf^cibcn ühct b-k ■ 
^^'^W jiüifcr;cu Stecht x\\\b Uiti'ccf;f, jmiR^cn ^33?oufcr;nc(;fcit 
unb Uamcnfc<)n(r;foif, — uut) bad crfle (fn\)acr;c» t^ciS S5c^ 
lünjjti'ciui^ cincj5 cMci'cu, I)6r>H*cn ^cntfjj dö „ftnl&ßu" 
unb „öciucjjcu", bie cvjlc ü'CuiJcrunö IcI)cuMi)crcc 2(n^ 
cifcumiuö Q)Ottcß <ihS rtKciniöcn ipci'i'u unt) SJafcttJ, unt> 

bei" (ii'bc als5 i-^ou 3f;nT aUcn ?D;cnfcf;c« (jciuaf^ufcn r;ciIi()C!t 
S3obcnsJ ^itc (fiufolfiiuj) if;i*cö CDiCufiT;cnkrufiJ — wirb 
ubci'ad feinen 5(u'JbnicJ pnbcii in Gmanjipation oKcc 
llu(cl•^n'IC*(c^, — aucf; in Gmanjipafiou bct ^nbci], 
C'lbcc luic bad au(jci'C ©cfcijic! uku'f;aiipf, ijc (ic mcf;c ciii 
©c^c^cncj^; uub iuof;( niCijou mir kifrrt(jcn bajit^ ahct 
<i\\ xiwb für ficf; macr;£ ftc uniJ nicr;( öiojicr, n\d)t Heiner. 
Gin an bereit S'^I ift «"»^ t^oröeftrecff, beffcu GL'rcicf;an(j 
(janj in unfereu 5'^anbcn: bai^ ber 53eceblnu() unferer felbf^^ 
— baß ber SJ3eri*oir:licl)un3 betl 3*ibenrumi5 burcf; 3«bcu. 
£)ie'J fur;i't UU55 ju ber grage, bic (Sic mit „DJcfonu" Bc^f 
ieicr;ncn. 

CÖciüifj, mein ST^enjamin, ii^ir (tnb nocf; lon^c \\\d)f, mß 
mir fein feilen; iinb i^er(3(eicf;eu Sie b(\^ Scknöbilb, bn^ 
nnsl bic Xf^inri-f; jnm 23envirf(icr;en auflTellf, ancf; nnc 
cinmol nacf; ben büiren Uniriffcu, bic ia) 3f;ncn einmal 
in 53i'iefeu öoicicrntet, mit unfeivm iuiul(ic(;eu 2chcn im 
einzelnen nnb ^anjen; Sic finbeii bie ci):o^cn Scr;ri(fc, 
bie mir nocf; jn f:in f;aBen, bcn 3l6fcanb, bcn hiß jni: i^ofpc 
ju crHimmen uni$ nca) tv^'oorftefjf. llnb bar;er — Sieform ! 
i'^tnaucjearDeiiet mit allen unfei'eu 5\raften, mit 2(uf^ 
öcbot aKes^ Gnteu nnb Gbcin, f/tuanöearBeitet jn biefer 
5?6f;c! — Sieform! — <J(6er i()r ^icl fanu i\U\)tß anbetet^ 
fein, ahS 53ert\)irllic(inn() bcß ^i'bcnfumi^ bui-cl) ^wbcn in 
unferer Seit; 2?ei'tuii'Üic5nnij jeneiJ cm;\c\i '^bcalß In bcn 
m\b mit bcw oou ber ^c'it öe|TeUfen ^erf;äUuiffen; Cir^ 
iicf^ung, (ii'f;e6un(5 ber Jeit jnr Z'()m\):ö^)1 — nicf;t abec 
S^äüellicrung ber 5:f;anr6f; nacf; ber Seit, Slbtraönncj bed 
G3iü;"eIiS ^u bei* glacy[;eit unfere;^ MKwß, — SBir '^nbcix 
I^ebürfen ber Oieform bni-cr;i5 miebererfanntc, öcijlijj cr^ 
fafife, mit aller Saffraft t>enoirnicr;fe S'nbenfnm; — ühct 
jened ewi^c, üon Gott alle 3»-'i^'» fm* aUc Seit nnjJ anf; 
(jöftedfc 2>orl\lb Ivbarf ntcyt ber Sieform bnrd; uufere 
^ekndernuU-f;(iif;nn() cijirebenben S6f;ne btt Seit. SiJ 



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foK mu? Jtt fiel) r;iuaufoi-jicr;cn — uni) lüic? — luic foIUcu 

<i:cf)cu (Die ^cu 6f^;a^cu ^cc Seif. UufcmUnii^ uub 
^'ifsfouiUnijS i5C(J 3'»^*^J^^»in«^; i^aki ciu Den (iw^cix aurf; 
in unforc §ut(cn clu^rlnöon^co' 6(ivbcn uacf; Öcnuf^, nlj5 
^c^ £obcuj^ SicU •— UnfoinUnij5! 'l^o ifc jofjt ^cl• Siibc, 
^0L• ficf; fclbcc fcnnf, fcnn( Snf^aU uni) 33ci5cnatn() feinet 
Gofcl;ic!iJ, — 3nr;alf uni) 35ciVufun3 fcincjJ Q5ci'ufi5? 
$00 finb Mc 66r;nc 3i(Ti'oc(j5, in bcmx S3rujT t)ic Zone bct 
©oiyi^j^f^vicfc unö ^Cl5 ^i'opf;cfcnwor(cj5 t6nc(cn, mxb tcucn 
ÖcifiS crlcncT^fct iOi\rc — icf; fcf^wci^c Dom @ci(^ — aucf; 

nui* ul^cc bcn Unifauij if;i*CL* SifÜ'''''?j^'pnif^t? — ^'^^^^ ^^J|5^ 
iountnij5 düi* altem! %<iß b<[\>oix feinem S'fudevu nacl; 
^efannt lüirD, foic iDcni(} voii't) cj5 erfannf, nacf; feinem 
S'nnei'n? ^o\x cinei* (Seife t)ie ci'jtcf;enben (fbaüßpflicfpfen 
(jofannf -- xmb off d-S öei|l(cfei5 opus opcratum Begriffen, 
oi)cc fnj^ ald 3hnu(effenfram juc ^(5roef;i:uncj i>t;D[tfcr;ec 
l'Uvi c^a• ium ChtfKut niiji'iifc^et: helfen! 53on anderer 
6cifc $flicl)fen bct Gerecf;fij3feit nnb Zichi a(;^ eine 9lU^l•if 
ne5cn ^em Jn^^'n^inne, ntcf;f im S^^^^^^fume liejjeni)! 
llnb nun b'w unecfannfen, nur <\U ^}'enfcr;enqualei*ci hcf 
öi'iffencn ^viifouberunücn bcS '^nbcwfnmß im i^ampfe 
mif ^(nfoi'bentnöen flnnlicr;cc H{1 bc$ ^^Ja^ens^ unJ> bec 
Svtelv\ mif 5(nforbevuui)cn bei* öemacf;licr;(eif uni) ^^M(i)f 
lUi)k\t, — roie foKen fie uicr;f erlieöen in tiefem i^ampfe, 
ba Mefe nur bnucf; öeijt ul3eiMuo.oen wcxtcix (onnen, mxb 
t>oi* — nicr;f ba \\il 5(n Mcfem ^'nneni fer;U c^, am 53e^ 
öviff bi^S '^ntcntwuvS nacf; (i)cfa;ict wwb £cf;i*e — wnb baiv. 
ani5 an Üiebe «u .ifuion, — bcwi adoiniaen Gejienj)ci\)icf;f 
jVjKu Oiei^e i^on innen unb anfson; — \u\b Gemaf;rnni) 
b'.efeiJ Ijnneni bafjei* unfoi* 3'^'^ '•'i^'^ »i'^'*'' aUeinijKi^ i'^'il. 
^\'i\\Ioivf;eu 6ic bamif bk ivfonnievcniVn ^Vii'i'^'^^i'i'O»''»^ 
bct Seit! — Siicnen 6ie feinem! ^M)tc\x Sic aUe! — 



• • • 



Der überwältigende Eindruck, den diese neue Bibeldeutung in der jüdi- 
schen Welt hervorrief, kann an der Sprache des Briefes ermessen werden, 
den der neunzehnjährige Heinrich Graetz, der künftige Verfasser der 
"Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis^Äu/'Oegenwart" 
(1653/75) an den Autor der "Neunzehn Briefe", seinen späteren Lehrer, 
gerichtet hat. 



* 



Heinrich Graetzs (1817 - IÖ9I), HiGtoriköP, Verfasser dar 
elfbändigen "Geschichte der Juden von den ält.^aten Zeiten 
bis auf die GRgrmwart" (I853 - 1'375) 



• 




( ) Heinrich Graetz an Samson Raphael Hirsoh 



16. Dezember I836. 



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, I 



Ew. H. W. ahnen es wohl nicht, daß ihre göttliche Epistel auf 
Hundert Meilen ein Herz gefesselt, das wie von manischer Kraft an- 
jrczogen, unwiderstehlich zu dem Verfasser derselben hirtflattert. Wenn 
diese y.t'i r.T.za, dieses vom Schmutze falscher Ansichten vereinigte 
Judenthum der erstaunten Welt ein wunderbares, nie gesehenes Aleieor 
scheinen, so sind sie mir, ieurigcm, nach Wahrheit strebendem Jüngling 
ein helles Sonnenlicht, das mir die Dunkelheit erleuchtet, und mir den 
Abgrund zeigt, in den er unwiederbringlich gestürzt wäre. Ew. H. W., 
der Sie die Motive des zeitigen Strebens unsrer Glaubensbrüder und 
die Ursachen des grellen Abstands der Denkart unsres Saeculums von 
dem der Vergangenheit so sonnenklar dargethan, werden den Kampf, 
der in einem Herzen zwischen der geerbten und durch eine schiefe und 
schillernde Talmudhermcncutik gebildeten Religions- und Weltansicht, 
und einer von profanen heidnischen, sogar antijüdischen Autoren 
her\'orge hohen und jener schnurstraks zuwiderlautenden Zeitgeistes- 
ansicht rege wird, erklärlich finden. Ein solcher dauernder und ver- 
wundender Kampf hätte bei mir bald der Irreligiosität das Übergewicht 
gegeben; schon schwebte ich an dem höllischen Rande, ach, unwieder- 
ruiiich verloren — da erschienen Ew. H. W. Briefe, wonach ich sogleich 
hastig griff, jede Zeile, mir ein reuender Engel, gierig verschlang, und 
welche das Eis des starren schrecklichen Skcpticiämii? von meinem 
Herzen schmelzte, und meine Gefühle und Gesinnungen in rein und 
acht jüdische verwandelte. Nein, der todte Buchstabe vermag nicht die 
Entzückung auszudrücken, die eine solche höchst wunderbare, von der 
allgütigen Vorsehung gesandte schnelle Rettung aus dem Labyrinth des 
Geistes und des Herzens hervorzubringen im Stande ist. — Schon die 
Anklage schien mir aus dem Herzen geschnhten, und die allmählich 
sich entwickelnden himmlischen Ideen gössen mit jed-jr Pagina lin- 
derndes Öl in die vom heftigen Kampfe noch blutenden Herzenswunden. 
Ich erwanete nun nichts mehr, als daß die kultivierte Welt, Juden und 
NichtJuden, nach Lesung und Erfahrung dieser Schrift und Anerkennung 
ihres Menschenberufes und Daseinszweckes diese himmlischen Ideen, 
an und in das Herz mit Enthusiasmus gedrückt, sich um die Fahne 
der Thauro versammeln, einen V'ereinigungskreis um Ew. Hochwürden, 
als den Meister, bildend, und alle Leidenschaften, Wahnbegriffe und 
Irrthümer vergessend, so die Allverbrüderung beginnen werde. Wie 
erstaunte ich nun, als ich später las, wie viel noch die bleiche Mißgunst 
und der gelbe Neid über Personen, die noch dazu Repräsentanten 
des judenthums zu seyn vorgeben, vermögen, daß sie die heiligste 
Sache des Lebens und der Wahrheit so schnöde behandeln, einzig aus 



^^ ■ A^, 



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M. Brann: Aus H. Graetzens Lehr - und lYander jähren, 
Monatsschrift für Geschichto und va^^ nschaft des 
Judenturas. L9l8. S. 258/59. 



% 




/l 



dem Grunde, weil sie sonst ihre als Irrtlium erkannte Denkart dadurch 
-aufgeben müßten! Nein! Ew. H. W. haben recht, unser Jahrhundert 
ist für solche hohe Ideen noch nicht reif. Die Geschichte Allrichterin, 
der diese Momente nicht verborgen bleiben werden, wird sie als eine 
wohltliätig wärmende Morgensonne, die auf die Aurora hundertjähriger 
Kultur gefolgt, bcgrüCcn, und die Nachwelt wird einsehen, wie mit 
Unrecht einige Reformatoren aus Unkenntnis unjüdischc Pflanzen in 
den Garten des Herren einsetzten und den ***w' beschneiden wollten, 
da doch ein Gärtner sich vorgefunden, der die verdorrt scheinenden 
Aeste mit Geist befeuchtete uhd ihnen frisches, erquickendes Grün und 
neue Blüthen entlockte, die nur auf eine erforderliche \X'^ärme hoffen, 
um die schönsten, saftigsten und Icbenvollsten Früchte zu tragen. 0, 
welche traurige Niedrigkeit der Zeit, wo die Wahrheit in ihrem strah- 
lendsten Lichte verkannt wird ! Ew. H. W. mögen mich nur nicht für 
arrogant halten, daß ich vorgäbe, ich hätte die ganze Tiefe der Ideen 
crfaCl; ich gestehe vielmehr ein, daß noch viele Stellen, die meinen 
blöden Vcrstar.desaugen dunkel scheinen, welches mich um so mehr 
betrübt, da niemand auljcr Ew. H. \X'. vermögend ist, mir wahres Judcn- 
thum und wahre Talmud-Exegese zu lehren. Ach, darf ich die Kühnheit 
aussprechen? Wenn es mir vc:gönnt wäre, in Ew. H. W. lichtvoller 
Nähe unsre heilige Thauro, wie Ew. H. W. sie uns reichen, die das 
Lob Dawids im igten Psalm verdient, aber nicht eine Kleinigkcitsgrübclei 
und Disputationsfiiucrware ist, zu erlernen, damit ich wahrer Jude von 
der Thanro Geist durchdrungen werden könne. Wie würde ich dann 
jauchzen, mit der reu geborenen Tiintiro frohloken, und mit Freuden 
die V^orschrift unsrer erinucliten Weisen') 2"::* ^rsr, ni*::! TD. 
rrv TS -Tr.r: rrrr ,— ^r::! erfüllen! Soll denn Ew. H. W. glück- 
, iicher Ercund Benjamin allein das F^ccht haben, Weisheit und Erleuchtung 

aus der unversiegbaren Quölle Ew. H. W. zu schöpfen? Und jedem 
andern soll sie unzugänglich scynl Nein, Ev/. H. W., der Esro unsres 
Geistes-Golus, sind berufen, jedem Lehrbegierigen ihre Geistesfülle 
theilhaflig werden zu lassen, um an diesem Stabe das hochaufgesteckie 
Ziel des Daseyns besser hinankiimmen und den Talmud als Lebens« 
vorschriit, nicht al? Futter bringende Wissenschaft, studieren zu können. 
Ja, ich bin es gewiß, der gruUe Mann und der ächteste Jude unsrer 
Generntion wird sich eines nach Wahrheit dürstenden Jünglings erbarmen 
und mir auch einen Strahl Ihrer Erleuchtung vergönnen. In Demuth 
erwarte ich also, daß Ew. H. W. mich einer günstigen Antwort würdigen 
werden, den Verleumdern zum Trotz, die hämisch ausrufen: »was hilft 
das Wort, die That muß lehren»! ^^ndH\;lij^re«ißA&edaaiK.a«fxlciL-^ 

1) Aboth VI. 4- 

Diesem Brief folgte eine Einladung Hirschs an Graetz, der sich 
bald darauf nach Oldenburg begab, in das Haus Hirschs aufgenommen 
mirde und dort als dessen Schüler bis I840 verblieb. In der 
Zwischenzeit erschien - 18^ - Hirschs neues Buch "Choreb oder y< 
Versuche über Jissroels Pflichten in der Zerstreuung", das vaeder 
grosses Aufsehen hervorrief und Hirsch viele neue Anhänger zuführte. 
Andererseits hat seine später vertretene Pordenmg nach Trennung 
der Gemeinde, die sich um ihn geschart hatte, von der bestehenden 
Jüdischen Gemeinschaft ihm viele Gesinnungsfreunde, darunter auch 



Heinrich Graetz, entfremdet. Dennoch hat Hirsch seinen Plan verwirk- 
licht. Das Austrittsgesetz vom 28. Juli I870 ermöglichte es ihm, die ^ 
im Geiste der "Trennungsorthodoxie in Prankfurt a.M, gegründete 
"Israelitische Religionsgesellschaft" und gleichartige in Berlin, 
Königsberg, Köln und anderen Städten entstandene Gemeinschaften von 
der ührigen Judenheit loszulösen. Die von Hirsch ins Lehen gerufene 
Richtung hat sich auch in der Folgezeit erhalten und weiter entfaltet, 
wenngleich sie eine Minderheit gehliehen ist. 

Religiöse Prohleme bildeten auch den Inhalt der zwischen Michael 
Sachs \md Moritz' Veit gewechselten Briefe. Michael Sachs, gehören 
1808 in Glogau, gewann frühzeitig Bedeutung als sprachgewaltiger 
Prediger und lürneuerer des hebräischen Schrifttums. Nachdem er zehn 
Jahre in Prag als Prediger gewirkt hatte, wurde er im Jahre 1847^ 
als Rabbinatsassessor und Prediger nach Berlin berufen. Er bekämpfte 
dort aufs schärfste den Führer der radikalen Reformer, Samuel Holdheim, 
und bewirkte durch die Ueberzeugungskraft seiner Predigten, dass 
Holdheims Reformgemeinde auf einen verhältnismässig kleinen Kreis 
beschränkt blieb. Zu seinen wichtigsten wissenschaftlichen Leistungen 
gehört das V/erk "Die religiöse Poesie der Juden in Spanien", 1845» 
15r war Mitarbeiter an der von Zunz unternommenen Uebersetzung der 
Bibel und verfasste Gebetbücher, die sich durch ihre sprachliche 
Schönheit auszeichneten. Der mit ihm eng befreundete Moritz Veit 
war von 1^39 - I849 Aeltester (Vorsteher) der Berliner jüdischen 
Gemeinde und später Mitglied der Nationalversammlung und des 

preussischen Abgeordnetenhausesi/'^'7<v' 

Sowohl Sachs wie Veit vereinen in ihrer Persönlichkeit deutschen 
Humanismus mit jüdischer, in der Ueber lieferung verwurzelter Religio- 
sität. 

( ) Moritz Veit an Michael Sachs 

23. Febr. - 6. März I840. 



Ilüt bom ^Iniüna- ^Utonit.'in habe id> .'ino 1 "j":üuMao Unter- 
l\'^llU{"^ diii idncm f opha schabt : .'in Zlumn roni ticfücn i3lt.f , 
ron vuu'r IPafbcit ini6 ^llik'^o, ^io nur ^^o roifo ^\vu.U lobcnf.- 
Kmacu Iuui>^oufon5 K'in f.mn, nur uvir ^uuviU-n, alf- ob id^^6cn 
alt/n bvwol borto — aber bei alloiu ^em foin ^llininor, tVin Uumn 
^cr vTbaf, fon^om eino (.^clcbrton Tiatur von xbcciUv rd}önhc\\, fo 
i^cal, ^af? fio buvd^ bw ^cvxdmuuy mit bor irirHid^tVit (idi ic'mb- 
UWcs ba-übrt, Aläd>(ani {voh\inft fiiblt unb fio orft nad> foinon U\\' 




Aus ■ rittsgosatz: Durch dioses Ges tz mxTcle ein Austritt aus 
der Synago.-ri'ön,gemsind0 olm« Austritt aus dem Judentum ermög- 
licht, allerdings mu:öte eina nirklärung ab^^egebon ~,V8rden, 
dacG dor Austritt "auß reli^^iösen Bedenken" 8rxol:;;e, Die 
Aus L^etr.'! tonen konnten sich nun zu neum selbständigen 
Synaß-o /jengemeinden zuöa,rQm-3n3ohliö;3sen, Ss oind nui* xünf 
Auötrittögemeinden - Berlin, Franlcfurt a J.I, , Köln, Wi.^shaden, 
Könir^sberg - gegn'lndet v/orden, S3it dem neuen allg.preu;;^. 
AustrittB^^]:e3etz vom 30. XI. 1920 C5ind auch disse EinGchrän- 
kun{:?3n aufgehoben« 



lliohael Sachs und lloritz Veit. Eriet^vechsel hrsa'« von 
Ludvdg Geiger. Pranlifurt / II, I897, S. 30/3?. 



/.- 



Zliiiii 



li.ttoM .-^;lno^olt hal\Mi iiK\iMo, l>opor n* n.-i> mit ibr niiLifU. 
''!^"-' ^'^y.! -'*^'^"^'"^^»^'» .>^» iliin habvMi, iiiii c^io f K-lIiiiu;, Mc or ud> 
{;ü'bt, für__irabr 511 IwiUn. £r bat IwiiiitninV roin Ju^c^tbl^u: 
nn altor sLa[mll^ift, bcn cv alf. 'Kiiabo iiiina i\Tobi-t».\ irar ü'in 
"iobror, tiuiii mitj^to ibm in :!llIoin, um;? er üüto, Kod>t Cscbcn, nur 
nid;>t in ^cl• Ialnanu^'n^lln{s. 

^ ^r will luiiulii) liorrihilc dictu niU boni €nbc anfauAcn, 
Mo "u!^on follon nd> über ^io beut ^n ^i.iao wsülti.-so (OriuiMa^sC 
^of. Jll^v•Mlbl^n5. orflärcn, boror ^or ftaat fidi um ihre rcli^sicfJn 
^lnadv,VsOul)citou bofünimorl; unb Mofo ^rfliirun^ will er "nid>t 
einmal burd) 3crufuna cinor im €6ict rom \\. lUäv^ \S\2 



rcrlVrowivMion 5yno6o bovboifübrcn, fie foll rioimcbr aus bem 
jnnern 5cr O^emcinbc borror^-sebon. irio cjej'aat, ironn id^ nidn 
ic'uun ^baraftcr im (öroneii imb o3an5on beurtbeilto, (0 uniröo id> 
eine toldn' ^'riumutbuiK; für ^\clonie, bem l)obno Ser ^"{rombon äbnlid) 
baiton, bio ron bon (nofauaonon forborn: finaot uns oin tio6 von 
b^'W iLioboru ^lSiouf•! 

irir; bio iv\Y untor bom Pruof bor luibinotforbro rom jabro 
\S2.') fdnnad^ton, naoi) bor bio l^olijoi barauf cid'>t:\\ foll, bajj 
in allon aotto=-bionf:lid\Mi PorridMunaon baf- alto liorfonunon 
frrona aufrodjt orbalton irorboii foll, unr follon oino froio vSr» 
fläruna übor bio O^ruublaaon bof- ^suboiiibumS' abaobon ! 3" 
früboron ^?^oiton bat man unf« aoaoi]5olt unb rortriobon, Ijout^utaao 
mad^t man uumö/äid\' ^Inforborunaon ^m uiif-, mij;t uns- mit 
frombon ^]iaa]5ftabon, oin aäfiiao? proh'ufiof-bott, in ba? man unf- 
oinfpatmon irill. ^1od> obo man uiir- an5ufanaon erlaubt, follon unr 
am >£nbo fein! 

IPo ift jomalf oino ^voaoiioration oinof' i?ofonntniifei- burdi 
iboorotifd>o I'^ora;if-foranK;;u boarünbot uvM-bon unb nid;>t riol« 
mobr burd> bio f:illo Zllad^t bor bofforon o"^eifier, bor fidi taufenb 
jnbiribuon \n feinen IPorf^euaon irablt unb am Cnbo s.md^ bic 
^•joinbo bor IPabrboil ^u feinen aen-'oibton Pionorn orböbt. ZÜs ob 
man roin f taat i\"rluH.;to, baj) er of übernobmen follo, baf- juben- 
ibum 5U reformiren 1 IT-.ir bio iSinberniffo freier Sjitunvf hin/» foll 
er fortid^affen, juir bio öTräaer unb ^£oiIor biefer »^utundhina, bio 
Kabbinen, probiaer, tebror, I^orftanbo al? foldio anerfonnon unb 
bureii biofe ^Inerfonnuna mit bem allo;onu'inon CDro>anifmu» 60» 
rtjjtei rorfnüpfon. 

ilbor oben biofe I^orfnü^nun^s ifl or, bio er fürditet, er 
unll feinen rerbünbelen feiuu'ii, er mill im Torauf- UMffen, uvbin 
all biofe ftrömunaen rubren n\'rben, um mit rollor fid)orbeit 
ein neuer Sloiuont in fid> aufiiebmon .su fönnen. ja, bu lieber 
inott! Peine ."Sufunft forbern fie eulbüllt ^u feben, ber»or fie ba? 
notbmenbiae, unerlä))hv-lie I^erf ber tneaennvirt rollbrinaon. Paf- 
finb ;"ure ^lufroben unb um fo lael\'rlid\*r, alf- man nid^t ,^uaobon 
irill, ba(; man jonof- aefürdMeto o'^ift fd>on lün^sfl irn teibo l^at unb 
nod> immer nidit baran fro;'irt ifi: bio f trauf; iSonaftonberaifdK'n 
Ixräiiun'o rubren aen-if; nid;»! baron ber. luir bio aofet}hdio ^In« 
ortennuna feblt, oino f ad^e b;r ,\orm für bon f laat, oino Kobens- 
fraao für baf- jubonibnm, baf. alr „prirataefellfdiaft", nno or ron 
unfern (^ofoiion anaofoben uürb, nid^t ojoboibon fann. 

ronft fao;to bor Zlünifler fehr riel (y)utof- ; bio ^äd^TÜdifoit 
bor l^oorfdv-n Xompelf , bio riülonfarton^ilbaabe boi'm lieben IVTraott, 
bat or trorfiidi bar^joftellt; ia, ohne fie 5U billiaen, orfiärto or jene 
berüvd^tiato NTarinelf-orbre alf- auf einem rornünfti.jcn, jenen iTbor« 
beiton abironbiaon jnftinft bof. "Königs» l)cri>oryOv>anyon. IDonn 
nur nidit ba» Kinb mit bcm Babc pcrfdjüttct iporbon wäre! ferner 



/ / 



Ij 



(\'fIac;to er fid> über b^w lUc\\\c,cl an trifKJiMmfilidicr ^^chaiiMiiiu; 
^o^ ju5oJitl)unii., luiiiu'ntlidi .Sof- 5o{smati)d\'ii ^boilf.," iroriii id) ibin 
mir idniwd) \v\^cr\yi\dy,^n fonnto, \Na id>'loi6or wMo Csi\>);\cn Ivräftc 

partoi ül\'rLiiu-n Uhc. 

l\od^ eine .^ll^cro übcv ^lu-iifdu-u .iohvMkSo ,\or^a•lIlK; irir6 ein 
Mo ju\mi hior 511 *Lan6o ^soiiuidu, iibor c^ic 'id> roräoitcni mit 
rirodfii|; ^iiKimnu-ii ^sotomiiuMi bin. Z'uw eben c\nc,däuicnc neue 
Vcnun-^idiL^n c^cyn (noi.;n' iiik^ ^io rorlniiiMmu;oii üI\t ^a^ ^Toinim 
^^'=- rorfäiiaa-f. vsalvu ihm ^11 .s^r ^v-lviupliiiü; ^liil.if;, ^io imu-ro 
niu'ini.'sfät l\-i ^oll jiuSoii l\c\w ferne beiieie V^eiivebunc^ aiiffonniuMi. 
v£iiu' .SiUiridVUtiK; i\'rlan{-sOii fio ohne o"^:!!!!-!!!:.; I jd'> iielWe ihm 
^oll inneren J^iviei\^e[U bev f laatf.roli^sioii \\\\ 'obSeid^ bev licnic, 
bev cbevite is.mbei-b\)d\^\ unb allo Zliaditiaoii unb ^u\;icror eiuf ü'e 
vei-eibet )eijn unb im (n.Vsoiifal} 6af. in iinoiiMid) ridÖ o■^onK'ilI^o^ 
.v'rriiKiK' jju^oiitlium unb lief} ihn bie o'^oiüof-nuid^t l\'iiniiiborii, ^io 
boi ^i;K•r ."^oriVlittoriin^s oiuo joldu* ^Sinboit or.v"iUu"ii fomito; ja ev 
mu])\e am >£iu^o ,^u{;oK'bvMi, iSaf; Sor "SirioHMlt iiii-nuilr im Po.-siua, 
loii.'^v'rn in ^;r rvluuoiVii *\'bi'iif.v.M\'^»iuiK-; bv\;riiiu'^d unb b,\bev weil 
Iv'id'tor .uir.;u.;U'id'on |\'i. €r l>at moiiUMi ^'jromiutl), ^oll id> Mr- bw 
n\nlKb)U' tobv'ii; f hu; b oit immor nu-br tViiiuii [evne, ibi .;nl 
iiiJK-sonomuu'n nnb mir .>'iu*rii oiiu'ii l'viei poll ,\rv'iinMd)iift 
.\o"d>rii'boii." 



( ) Michael Sachs an Moritz Veit 



17. März 1840 



jbro 2hI^icll5 bat nnd> iinoiiMidi itUoroffirt, unb ivai- ric 
bomorfon, iü fo^ ivabr, )o buvd->du^ auf. 6om :ruirfc .^;r rad^c 
acfd'ö^'ft, ^an rtid>tr bin5Uv3ofüat l^or^on t:nn. V)dlUn r\e aber 
aud> ^v'm Zlnnifrcr 5U (.Oute, " u\ir unforo KabHiuT, Prv^iacr, 
Kefcrmatoreu, ^^^j'^Ii^. iCutbor?, vTalriiif — bei aller fritifdieu 
unb auatomifd>*rt Oefdnd:iid;fcit reracffcu o^er uidn aelernt — ober 

nid^t iviiien uv^llen, ^ai; ^ie Ivben^iae i^eipeaun^, ba? 5uefeu5e, 
puInre^l^e tebeu, fid> nidn in J^ormeln, nid>t ^urd> üarre ilb« 
ftraftioiieii, ludn ^urd^ boble ^beoreme bannen, beraufbcfdnrören 
o^er abtö^ten iai"(e. fie uvllen 6urdi d\'inifd\0(na!yK ^ie i^efranb« 
tbeile ^e^. 0raanifmuf erfenr.en, unb meinen, ^urd^ iiefe ■>£rfenntni^ 
^ar• €eben ery-uaen, nadifd-iaffen 5U fönnen. 

ITabrbaftia ! lieber alle ^ie ^\;tua^Co^iee^ mit ibren illinurien 
obferriren — alf- auf eine ^\^rmel fd^^rcrcn, uv mir im Zluöseublide 6e:? 
^lu5lVreei\'nf ^af• l^lut erüarrle, alf- f^rradi' id^ eine €üae auf, alf u^iber- 
leale mein Ieben^iaes• oraaniid\'r (nefübl ^en nüdUernen, rem trcdenen 
^en"Ian^e 5u(an;mei;aeleim:e]i >£a]ion I U'^arum üellen fie fidp nidit 
mit ibren Ixraften un^ ^Sinfidnen in- lutdins ros'? irie eben ^ie 
perfonen unb rdd'>en iinb, wie fie ^iefeIben rorfinben? ^Uadien 
fie'f ^od^ alle, alf- märe ror ibnen aarnivi^lf- 5aaeirefen ! 

>£rn neulid; faat' id^ in ^er pre^iat : I)af dan^,e liefen un^ treiben 
im beuliaen jfrael aebe von ben\ falle (T^iob) auf-: „irirfinö von 
d:\tevn unb uMffen nidMl" Pie cnef^d^id^te flubiren fie alf ein jfolirte:^, 
Tutoren unb r^üdv'rhtel eruiren fie mit öerfelben ^en.;ftlid;t-eit tpie 
u\'ilan^ ^ie ^Irifdnmafrerbälrniffe ron boborbecholov. I)af nennen fie 
minutiös, aberunnial ibre Ilr.h-oloaie ift bie redete! (5i:bt es ein 
3u^c^dbum — un^ ieij bitte mir auf, baf? man ef. iiidit in schema 
jisracl, — irie mir einmal >er T^au^nmann Inire; faate, 6em id^'f aern 
binaeben lie)) — rerMinne unb bieien '-Srtraet alf- Sie ^Sffen,^ be5eui^ne, 
bie feit jabrtaufenben in lebenbiaer, h-dftiaer relbftiiviniiat-eit fidj 
_^u einer <£i:tera:ur, bie immens unb rielfeitie; ift, une nur iraenb 
eine — unb 5U einer eonfeauenten tebensanfid^t fid> beraufaearbeitet 
— fo tretet in bie f ;?uren ein, bie ibr febet unb bilbet es mit feinen 
Kräften u\'iter fort! aebet ben erlabmten C^eiftern fdnrune^, ben 



,•;.,■ -.".TTTT^ 



a.a.O. S. 34 / 37. 



• 





mattvMi Uniu'ji lüwn, .\'n orLibnu'iuS.-ii 'iimccn flärtV, Iculci c\mi 
rd>oo^ cV-r t.-bro auf, föi\\'rt Ta-boraonof. aii'^ tutt, ^iobct .Non 
.vaanbuiu cV-r iriiK'nfdvift, :IV.USuik; biiioin imb fo ' bcm o3aiKoM 
neue rärto 511! 

Pjr fü^^onl\^■;i|tor altor KabbiiuT uül>t mit. vwr uidM^ 
— ^lo pbiMlvoIo{;io ron ^Sa- ^rfiarrinu^ iiub Va-h'^dwuns.} 
aud> iiidit !^ P.if hahd für cud\ b.r^u icib ibr ja eben, icbcn 11116 
(5ent unb ,\'nid\' in ^io CoMofiaMt 511 briiu^on'! ftatt 511 bdcben — 
frttifirt ibr, ftatt 511 hdicn unb ui boilön, or.säblt 'ibr uns eine 
^cuyxd^U bcv Ix'ranfb.'it! cSjo nuif; cVt :ir5t fonncn, aber nid^t 5cr 
Patient, irie 6er irie6er aefunöet, alaiiH cv's citd) acrn auf':j 
IPcrt, 6a|; er früber falfdi beban6.it iror6en un6 6äf; ibr 6ie 
:iref^hilare un6 rv4';^ofralef fei6: ^Nbr niad^t e? cud^ jum (nefd^äfte, 
bier un6 6ort eine uniu6e f teile aiif3ii6ecfen — n^ariim 5eiat' ibr 
nidit anf 6ic aefun6en ? — ibr fudu-t 6ic ränräd^en bera'ii> — 
nmrinn nidn lieber 6ie l\raft un6 6ie ',^'ülle 6er Porban6enen räfte? 
jdi rermiffe an Zud^ :\e6Iid^feit 11116 €iebe, £iebc, f^inaebun^j, 
Uacbfidn -- blin6 bin idi mabrbaftivj aud? nii^t! — aber es ift 
eine {;ute Sady, 6ic in fii? ftarf w^enu^ ift/ um foldic 2(ftcr^ebiI6e 

511 übertrin6en un6 auf-5ii)diei6en. ISabt ibr für 6af jntereffe, für 
6a& ibr ftebet, feine tiebc — fo laffet csl cf irir6 fidi fdion fclber 
belfen, un6 aeuM)) ir>ir6 6ie iiatürlidie IV'ilfraft 6es 0raani5mus fo 
riel :bun, alf 6ie friefniütterlid\' rfl'-'{»e eine:? abaünftiaen ilr^tef, 
6e:n ef^ nidit uni 6en patienten, fon6ern uui feine vLbeorie un6 6en 
lladurei? ibrer Kidniafeit 511 ibun ift ! — 

03eben Sie ^Idit, liebfter Peit ! ob jemair ein Propbetenmort jet^t in 
einem an6ereni rinne eitirt u''ir6, alf- inn iraen6 einen i3elea für eine 
Liebliii^vf-nieiuuiKj ab5uaeben! rie irer6en alf JSeuaen für öaslIeaatiDe, 
Peftruftire berbeiaebolt — 6en aeiraltiaen Zcn ibrer leben6iaen 6liit, 
ibrer aläubiaen, feften, eifernen ,^^ll^erjld)t, 6en erfennt man äfibetifd> 
irobl an. — £oirtb, i7er6er, vStd^born baben'f. aetban, alfo 6ürfen 
irir'f- nadnbun — aber 6iefen fvininiuöi 6er cneaemiiart aeben, 6ic 
in ihrer ^llattber^iafeit ibn uiabrbafti{> braudien faiin — nein! 
Das iü mvftifd> ! Iraf- 6ie Iv-rren für einen Pünfel baben ! IPenn 
fie nidn für 6as. reine IPaffer 6er ^luf- 06er ^Ibfläruna foraen — 
märe länaft aanj j- ^'^^»•'^ "' ^'finfternii; ! - „Pürfen unr ]e6ernc 
fdnibe am Jörn Kippur traaen ?" tebeiirfraae 6ef- j"^'"'"^^?^"^-/ 
erörtert in einer lanaen pre6iat am rerfobnunaf-taae! 

„^lieine an6ädniaen .'Subörerl iei}t ifi 6a? Jvibr 1S4.1). IPir 
muffen rernünftia fein un6 irollen l^üraer fein! Pa 6ürfen irir 
6urdi nid)tf. auffallen ! rebet, (.nott irill ein reines- l^er5, einen 
baurVad:enen rerfian6 1 'Zv tebrt fidj nid;t 6aran, ob .Sure ^üije 
mit ^il5 06er i£e6er befeinibet iin6, riebnebr 6aran, 6a{; fie naeii 



feiner fün6e aeben! vSua-e Tviter u\iren 6umm ! fei6 flüaer 
un6 erleud^let un6 Riebet foaleid> rtiefel an! fonft fei6 jbr 
0rtho6ore, ^"{anatifer, IV^eri-beiliae, ^ormaldubiae! Pann fei6J^sbr 
^llvfrifer, ,'jinf:erlinae, — 6ar- reine "Mi6euibum 6a£- lautet: (Tbue 
Ked)t in:6 fd\'ue rueman6 ! Pann braudn jbr f'einen Terfobnunaf" 
taa! Pann irir6 6er cneift 6er s£vleud>tuna um un? un6 in unf. 
fein ! tlllfo möa' e? aefd\-beii ! ^imen ! ^Imen I 2lmen !" 

jft e? ein IPuii6er, ireiin 6em afd\u-auen llibilifimis einer« 
feitf. 6er tolle i^irfd) mit feiner pbilofopbie 6ef fdnildian ^Irud^, 
mit feinen ■-ri6auf; un6 ^ni5n^au{; in feiner pbilofovbie 6e5 ^afdilidi« 
madn'iis entaeaeneilt? un6 bcvv ZlTen6eI be(; — ebenfallr ein Ter* 
treter 6er reinen Penfaläubiafeit liraf bätte irobl iV'ael 5U 6em 
fauberen ITorte aefaat? tiefer fd^önen liateaorie 6er neuefteu 
iü6ifd\"n Keliaionf-pbilofopbie?) — breitet in feinem „jfraeliten" 
6ie „aefuii6en Zlnfidnen", aeläuterte oeariffe auf, 5U Hun un6 
,'Vrommen 6er 6ummen 3^'^^'"' 5" 6enen id;> 5. 3. auwl^ a,eböre. 
I\'rr i}ef; fennt ^irar irabrfd\'inlid> faum 6ie i?ibel, nod} nv-niaer 
c6eift un6 jnnalt 6er ireiteren litterarifdv'u »SntUMvfeluna. 3"^^M5 — 
er unrft vrai^iifd^! — (D 6a=- ift eine faubere IPirtbfdKift! IPabr« 
bafiij;! 6ev ^Innifter bat ^u'd^t! — Pie »"r^eloten nennen 6ief.: IPefen 
(Öottef; id^ nenne es: aeiftlof-, 6umni, närrifd\ unnül} ! 

Podi u>05U 3^?"^'^^ 6ies- ? ^]iün6lid) muffen mir bas erörtern! 
jd? fürd^le, 6a{> id> j^?"*"'" unreritän6lidi bin! jt^^} ^^^'^^ ^^^^^ 



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vli\'il\*nf-, iric ct- l'if-h.n- c^c\ib\ werben, b.if- wcd} ein c,\\i Zhc'xl 
VoUc[u\'id\'V rafto, ^urd^ pjr. ^\l•iv^lan^cl•f• f :ii6fdy4-cibon ^'J^^^^'^if«^'!? 
oiiiöiv'fübrt, in fidi träat. v£r ift i^odj halt n\iuv nid^ii als : Kcli^ion! 
nun ja, man braudn fio wohl — tbcilr als ^luttcl 5ur i^äubiaunoi 
^os pcbcls, 5um ■l{c^cl• ^cl• Pimmu-n ini6 öaim, — in aciriffon 
ta^-sv'u ^os £cl\'us. Per Ol•^v'ntlid1c !lUonfdi hat (ic fir uu5 forttJi 
an ndil I>cr Ivluac ivci]}, was Mo c>^rcv"fo acfdilaacn! Zlbcr 6as 
Tc^If — 6as Toff — für ^as niüffon irir fein. 

iras tbut ^as Tol^f T ZUU ^aac, faat ein an6eror: jwij bin ein 
Ivluaer un^ nimmt mit ^iheil an bcn IvTathunaen. Pas Parterre ftcüt 
fid) auf ^ie l^ühie ! lOo fin6 ^ie f diaiifpieler ? IVo 6as puMifiim ? 
^»{ür iren lrir^ aef^ielt ? — Öeniia 5aron ! IPcnn fie nud? nur rcdit 
^erftdn^en ! cneift uu^ toben, ein böboros. iboollcs Zllomont überall 
5u orfennon, ^as 5rfannto aus5uf;:rcdien, bas j"^^'"^^?""^ ^" feiner 
Zluid^t un^ l^ür^o als eine ^Inleiiuna ^u biefor heberen ^^affuno; 
^es *£obens ^arsuftelIen — feine jnfiitutionon als tlusbruot' feiner 
J^eon, feine cnefd^d^to in ihrer bolohronben, erhobonben ^llavl^t, bic 
riimmen feiner o'^oiiosmdnner in ihrer tiofaefdicv'ften, tief ere;roifen6on 
"Ixraft, feine ■il^o^eutuna für ^io cneaenu"'art, bio bor (5ej;enaMrt für 
uns — 5um l^ounifitfein 5U brinaen, bas fud)' id^, fo ireit Wott 
helfen umII in mir felber un^ in bon i?üd)ern unb ^d^atycn bcr 
IPeisheit meiiios r*e^Ifes — bor ZHatiher^iafeit unb 0hnmadit, bcr 
l\newdnfdiafl unter bem l^anne eines uiaterieUen aobau»enlofen iTreibens 
bon l^orolbruf 5U anbror höherer ^Irboit, jur Huliuii^ oMcrer luäftc 
entaeaenfdiallen '^u laffen — bas ift mein i3oruf, un6 idi hoffe 5U 
(.^^ctt, aaiij umfonfi fiohe idi nid^t ba\ — 



V/ährend die Rolle, die Hichael Sachs als einer der grossen Gegner 
der Reformbewegung gespielt hat, bekannt ist, geriet der ebenfalls der 
konservativen Richtung angehörende Rabbiner der oberschlesischen 
Stadt Beuthen, Israel Deutsch, in unverdiente Vergessenheit, In 
dieser starken, gläubigen Natur sind die besten Elemente des tradi- 
tionellen Judentums mit unvoreingenommener Weltoff enheit vereinigt , 
TCr war ein geistig überlegener Mensch, in dem richterliche Strenge 

und verzeihender Humor sich harmonisch ergänzten. Dass er Abraham 

öffentlich 
Geiger wegen dessen Angriffs auf die Orthodoxie/_entgegentrat, 

bleibt eine üJpisode in seinem äusserlich ruhigen Leben. Eine Reihe 

von vortrauten Briefen an seinen Freund, den Kaufmann und Lehrer 

Abraham Muhr in Pless, den "oberschlesischen Judenkönig", wie er 

Yfegen seines tatkräftigen Eintretens für die Emanzipation genannt 

v/urde, gibt ein Bild dieses Charakters und zugleich Aufschluss über 

seine Haltung, der Muhr positiv gegenüberstand. 

Die von den Brüdern des Briefs ehr eibers, Abraham und David Deutsch, 

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herausgegebenen Briefe stammen aus den Jahron 1Ö37 "bis 184^. Obwohl 
die Briefe Abraham Muhrs nicht erhalten sind, bieten die Erv/iderungen 



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4. 




53 

Israel D -utsch (I8OO -• l83f^) . 



** ■ Abraham Muhr« (178I - IÖ4)) . 

*"* Briefes Proben au£3 dorn literarischen HaohlaBse des Hörrn 
Israel .Deutsch hr«{^, von Abraham und Dairid Deutach. 
. Gl6ivdtz 1855. 



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Deutschs Einblick in die von Muhr vertretenen Anschauungen 

( ) Israel Deutsch an Abraham Muhr 

Beuthen, am ll.Tischri 5598, 
(10 .Oktober 1837). 
• • • 

Ich habe nur ein Heft der G-schen Zeitschrift gelesen, und 
weiss genug, Bequemlichkeit, ungebundene PYeiheit, Neuerungs- 
sucht und der alberne Drang alles nachzuäffen, sind die Motive 
ihres Treibens, und nun wird Alles aufgeboten, das Heilige 
lächerlich zu machen. Hier sieht man Unglauben mit Fanatismus, 
der Waffe des Aberglaubens; mit der i'ackel der Aufklärung 
will man das ergrauet e ehrwürdige Gebäude der Religion in 
Asche legen, und auf dessen Schutthaufen ein modernes Judenthum 
aufführen, ein Judenthum, das eigentlich nichts anders als ein 
schlecht korrigirtes Christenthum, ohne Christus und Apostel, 
ist. 






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) Israel Deutsch an Abraham Muhr 



6c5r cucrlfjtT /icuiiö! 

(l\\Y.\q ivivk: c? ;v,'r ir.c.^I:^, tcr 53canlirortun{j O^^-cä unfan^t u:',^ In« 
V:Itr:id;::i Sdn-cibcuJ eine 3Ju:;i:c tcr ?3ii:[;c ju iritmcn. ^d) I>al'c jene: 
2r:;rc;l\-u iüd;t, ivic 3ic i.\-iuuitl;ctcn, iiad; '^ro TO ['"! tcrurtlicilt, 'jicU 
n*.:!jr I;^^: ic'o cu ivol ai::DcroaIu-t. 0}u"öc c5 ium Scircifc ticr.cn, ta^ ?Jicn« 
f6:u, K^cnji fic QUtc uu^ cMc t:ltfi(Mcn ll'cilcn, i;nmcr K-frcuiitct fein ft^nncn, 
füren aud^ il;vc ^Infid;tcn wci) \o abircid}cut> unb i>:r[J ictcn. 

SDir fuib, iric id; rjaii'cc tvivin ciniv^, taij tao S»i^cnlln:in t^anirtcr liege, 
tcr .^*r;Iic t:trn-ic uub '.rfr.iid^cn ivir cifvig taltigc Sicilcninvj. ?}iciuc5 Cnadn 
tcu* iraltct I;icr nur Sd^ivVt'C i!u^ Qroi^v.niv.ncj cb; mcn torf bei[>cv nur fiär« 
Icutc 0?;ittcl ünivcn^cn, tic ?cI\'Uvi\ciftcr cvmuntcvn, unt tic !3cncn;n3 unrb 
r.id;t ciivblcitcn. Wintere HnöCv^cn U'ollcn ^ircl'o: nnb 53rontjd;atfn ül'craU 
jval'vnclMr.cn, glnnK-n, ade äiijjcrcn GUictmafjcn niüiTcn cImk aUc 2d;cnun3 
cS;;criOnr.r.cn u^cvt'cu, v.m nur tao .^crj ju retten. ?iter unvt) taö fd;UHid;e, 
rvaufc .^crj nidt bei tcn geföhrüdcn Cv^cratiencn inUevIicijen? — 

2c.6 ^utrntlnr.u i;1 cnl'.reter unmitlclbore, Qi'ttlid^c CftcuKirung/ rbet 
i\\ c5 nidt. Cmh (ev-tevn J^rdlc k^I,nU qv ber 03iübc ^ar nicM, taccn jn rc^en, 
•l:r.^ lU'.r tlun'icl;t fann id/ö nennen, ircnn oc'i'iii''^ tvVo c\crinö'le jeitlia}c CMücf 
fiv.er 'Vidi.jicn ci'ir^'U u^clu,'c fid; aly öottlid; auoo.ibt, rhic c5 ju fein. ITviö 
(i«3cnt'itd^ moralifd^ C3ute (;al>cn fc jicnilid; alle Oieltsiicnen {;enKin; c6 MciM 
fi6 brdHT teiuabc cjicids cb tic eine nKl;r lhuvaf;vbe{ten ju glanben gebietet, 
c^{i tic anterc, ivenn lhr.ro.bvI}cit tic alKieuieine i23vi|lö aller ifl, unb am (5"ntc 
$etcr trd; fo ^nel «■\Kuibt, alo il)ni \\\x Sal.u-heit ju l;alten belicM. 3l1 «^'cr 
fca5 ^iii'fii^l^^'i" Cfienbanniö, fo i|l ci ycrnehmlid) ta^» CSernioniellc, ireld;c«3 
im C^cfcCiC allentOalben rcrl}evrfujtnt i|l; bay !r^cöinatiid)c i:nb 0}icranfd;c — 



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a.a.O. 


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28. 



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a.a. 0. S. 32/35. 

G-i3olien Zöi-bschrifts "IViss.nscliaft liehe Zeit:.ohrift für 

ri 

^jüdische ThoolOt^^ij (l835 - I838). rirs;'^^ A'brahxam QigoT, 



9 



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iw fehl. 3i"l alH'v taö CSTcnuMiirllc (^öKIiific CiKnt'OiVun'; , [o l'ctavf Co feiner 
5ru'nn!r.it;^jnV.\i-c, v.nb fialt aller 'JlV(Viincn(c ill c-3 iicmiil, u^cuii unv UMifcn, C5 
i';i Icr ^\?illc tc- ^IH'.rciicn. Csutcnlbum ol>nc Ccrmonifll i|l bal^cv ein llntinoi, 
ein jrrtumvtcö (Meu^r.l^, u\Mdu'C' niebt iMiüiu^t, nid)t fd)mü(fct. 

Sic S^cc, Csntnilhnn unb C^cvnuMiifll ju Ivcnncn, u\iv ül>crrninvt tcm 
nCKUicbntcn 2vil;rlu:nt cvt yrrl^cKilten. Unler allen Seelen, tic eo unter Suben 
OC{icl\^n, i]! mir niri;t l'cfannt, taf; jene of'cc je aufiviand;t, inctmel;r i)! tiefe 
?3ianmc rein d,n-i|llid), ee» i|l tic Celu-c teii ^anlu^S ^cr jcbcd; er]! einen .... 
jur eütnK (vcuii^cn lafjt, um vcn; Ccvmcuicil entlctiat ,ui fein, 

S»u^ \c[^t fo alfejcmcin oclaufiii ocunn-bcnc, (uHlnridui^je'^'oovt ,,jci(^]cniä|V' 
unll mir aufba? Gcvmcnici(c ö^'r "id;l kniffen. S)ic 3cit ilcbt nid;t fiill, Imt 
von euuej Kt ^^crantcrune^en I;cvooveic(n'ad)t. S^on ?]iiofd;c Imü^ ?)uilcad;c aber 
dl ein 3c''^'«^l^"^;''Hlt ocu mein' rJo taufcnb SaM'cn, eine 3cit lu'd^rt Ocirc^^t, U-. 
tiUtnn^jo-- i'.u^ v\ntanejnir;i^cU fi:v ta-' Sut'cnlljum. 2)ao jütifd^c ÜJcid^ Init 
turd^ taö C^il eine totale Unnräljung erlitten, Mediation bangt lu^m vcvfif.i'cn 
Ginfliiffc cX\ ^r^cnn Sfitumiläntc je auf reli^iöfcö i*ct'en Ginfiiif} I;abcn ti'U: 
\\c:\, nr.:[;tc eo \\d) tamal5 am auv^cnfdicinlirfjpeu aupevn, aber ivir finten leine 
(2vur 'oou irejcnb einer jcitjjcmäjicn Dieform; n^ol fmben unv Inngcöcn, bap 

o?;aieariu fagt: Ti") :^-)nn ir.iX r.^i t:;wX n^r H'^/O n-)*in nir 

S^'i/ ^iViU CcrcmonicU, alö öoltlid^c Cjienbavung, übcrr;aupt jeitcjcniä{j 
fiCnanut n^ercen, fo tüvftc c5 Qerabc jc(^t in feiner 3cit [ein. ^Ibjjefckn vuni 
nllen *')rtr^ün V^r*^, bic Scbcr nun uad; 23cquemlid;{cit, ^(nfid^t unb vc= 
lioiiöicm (i)efüM untcViUlcgcn fud;t, MeiM mcincö Gvad;tcu3 aufniicmadjt, bap 
baö CScrnionicK übcvlnnr^^t ein uationalcy 33inbunejomitteI aller fübifebcn 031au: 
bcuv.^'^^n^'^ ^J^^^f'^ Y''^) ^ibßcbcn foU; \\U\)i minber bcabild^tie^t e?, ein Slrcu: 
nuuiji-niittcl, in religio fcr .^inftd^t, \)on anbern Ölaubcnvjjcncfjen ju fein, 
^cniebr nun ber Subc fid; {nncrlid> jum Diid^ujubcn bingciCßcn füMt, jcmebr 
er von bcjuiclbcn ^Id^tung, fSoMu^oUcn unb büre^erlidjc ÖIcidMlcKung ocnicjjt, 
jemck ift er in öcfabr, feine ^uaicnalität ju rcriäunnen, unb mit anbern Q^öU 
fern fvurloi' jufammcnsufcbmeljcn; unb ba i|"l ^<\ö CcrcmonicK, alö auijerlid^eü 
?Ibjci6iU unb ir^arnunvjfinittc! bei {cbem 3d;rittc, cjerabc C[\\ Tvt unb 8teUc, 
ba if: eö eben, wo eS feine ciejcntlid^c ,<;iraft, feineu u\ibrcn ?^tut>cn bcfuuben 
muf;. Sie Siid;tiejlcit ber in^bauptuuej evbellct jur Öcnücjc auo eben bem bart- 
nauio.cm ^i^ibeiftreben eje^jen ba3 (SevmcnicK, baö \\d) je(?t fo altejemein fnnb^ 
Qibt. ODian benuibct |lrf}, jebco äu[;erlid;c Scid^u^U; baö ben ^itbcn bescidniet, 
ju \>evbunncn; bau CScvmonieU i'i aber eicrabc taruni ba, um ben oubcn viu[;er: 
lid) Fennllier) ju maeben. 

Zu) babc bicrniit mein Giiaubcnvbcfcnntnif; frei unb offen aboelce^t, obnc 
iebo6 über benienivvn ba5 ^Inatbciv.a auviufpved}en, ber firi; für anberß über; 
jeuf^t I;ält, in fofcrn er uiebt anmafienb c^tmuy \]i, feine UcberjeueiunQ Qluberu 
aufbringen ju roollcn. Unter ben obiraltenben Umfiänben, iro alle v^liref^en^ 
mad;t, aIleö^vircf^cnrcd;t unter ben^ubcn aufijcl;ört, u>o man baber nid;t mebr 






•) 2}?>ircc:6i 3, 23, 

••) X\c tcw tiMifcf'cn ©cbotci; nutcrijclcj^tcn ?(l'fid)lcn. 
— ) ^cr. Q, 1. 



5. 2). 



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hc\r.\, ur>^ iriv K=n:u-n xwhu:^ \(\c[(\\: -jVn^X Cw^D '^'X "li'r* u-cun man 
nur o.r.J^ unö unicivC« ^^i?cf,cö i\c!;cn Iäf;t. 

^)U\\ U\m\ miu; ci:u^u CI'Kiirantcn einen ^tocI:nin^tt\vcn \\.UUm, meinet^ 
U'Cjjcn! man muf} j-M-t mit tcm ^vin^l^clcn [ai]cn: '"j'Z'Zoh 'm: Ti u.[. u». 
O.iiuj} man ild/c' torf» knljuta^ic ßefaKcn lapcn, fobnlb man ^Inftanb nimmt, 
einen f,cf;Mirtai Spaicn 511 cjicn, füv einen .C-)cncI;Icr nnt> yinivifacr jn gelten. 

•Jlbev maln-lid; 16 Inn [0 fin|ler niebt, nnuifcl^c rem .<3evscn \o mand;c ^I'er» 
l\'nenr.U3cn; nur tac« y^.ciUc^Q will id) r^cfc^cnt nnifen; nnt» fürunihr, n^cun fiel) 
nur tic mcitlid;: ^T^cifA wuH cinmiid;t, [0 nnvt» fid; al(mal;li{; £:vtnun(j mib 
Vetren cntnncfcln. S;>:d bc6 in ^^eutl^en ba^^ .C-)amanHon*cn I'cinabc ganj nnb 
ßar mtfi]cb5vt, wwt'^ man vcr t^vcifjig Salven für öcttipö cjel^alteu Kitte. 

Sicht man aber ba:- 3;veiben nnb Jckn ber jübifd^n Oiefcrm^o^i^t'^iner, 
fo [olltc man ö^^^n^^n (mit ten ^UuMlcIn jn refcen) „ba? .^-^inimelrcid,^ fei nid;t 
niel;r fern." CSC» fcMt n^citcr nid;tC», alu bajj man Crgel unb (fbcvaloicfang, 
'prebi^t nnb öel'ct in bcr ?anbci>i>vad;c ein[üf;vc, ba n^vb Oieligiöfität nnc 
C3ray K'roennadifcn, 2:uOiCnb nnb lln[d;nlb n^crben bcn ü^ven ['eflcigen, bic 
Vafier at'er aü: '.\Tp;:::unen unb fiicl,icn. ii?ontc 03ott, fic [vn-äd;en n^al;r! — 
:0;d) {icfiel^c gern ein, b:.t) bico UIUco feinen Taigen Killen fann; al^er baö Q3ckt 
ift ja, mcnn mir nid>t bic 'Jvabition f;övcn, nidit einmal ein pofitirco öefe^, 
unb im 3nbcn:I';;m ßar nicbt mefentlid; Ocßrünbet; mic foll nnb fann nun 
tiefe? alle au6bnu1lid> »^cl'otcnc nnb ocr^otenc ÖefcfiC cntl'el;rlid) madicn? 

21'cnn nnr Co aber finrcit o;el>va6t haben mcrben, bem öcttci-bienftc feine 
f^'eilic nnb ^Vbeutun^ bnrcf) Trc^el, ^hcx n. f. m. ju ^cben, aU'bann n^erben 
nnr crjl bavfcniojc haben, nwo jcbc rfnifilid^c S'Lnfcjcmcinbc fihon ^i^hvhnns 
bertc hat. Sinn nn^Ken nnr bic (5vfal;nnu"j jn ?iathc jichcn, n^eld;en 
anc,enfälli>3en, nu^I^'Ithäti^ien (finfaifi bcr öere.vitc nnb öcnvnhetc CJcttCo^ 
bicnfi hei nnfcven chr:illid;en ^^rnbern heriun-hvini^t nnb hcriH^r3ehrad;t hat. 
((f'i' verficht \\d}, baf; nnr lum ber ?)iaffc bic Oiebc fein fann, ^Inc^nahmen nnb 
ernten feine Tiegel k^I^cw). On^ht nid;t ber 53ancr, vow Crvgelflang nnb (fhor^ 
c\i\u\\ci^ c\ani crhant, fehv antäd;ti{\ in bie (2d)enfc, fvUift nnb prügelt ftd; I)alb 
tcbt; geht nid;t in-ben '^täbten r>cn ber 5'iivd;c ber fSüfüing 3nm (Spicltifd^c, 
ber ^ll-olIüOiac inö ^i?intelhauu. 



•; il'iir;]|du'.iJ, ^H'v.^r>nvrvniri'!eit, J'C.^icbt fiel) öuf bcn tr.Iür.ibifrf'c:; ("v:i:;bfa^} 7^ 
ir.T!} HT H*-"!'' 'rX'lw** 0!vacIiti)ii>eOM\iiil«eih''.-\ciiP|fcii U'crfcii diiicv für bcö '.Vii. 
bcva (■^'\ici,v;ii\ntvo!i!:igo:i v>civ.:mnn-{IitO gcm.Tffit; jotcif) liuv, Jvcnn c6 in feiner SOJac^t 
«icfi.'ii'.tr.i, Mo llcl'cvtrct!;:ig ju lünbcrn. 0. ^2 rieb. 27, 2. 



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— 35 — 

Hub alle bicjciiüKn, bic tariKis^liiT; Alöiüij uub (ilaa( Ictvürjcn, t>cfi!c!;cn fic 
nicM bai» Ci^ctlcc-KiiuV luu'cii |lc nid;t (5.(;ov, Slx(\(l iint' 'J.M-cbiv^f, VzUw \\q uidn in 
tcr ?au^Ci'|>RcI;c? — Hut tao fmilcvc ?3ii(tclaltcr unb Mc IcvücMißtcu Cscfuitcn 
I;altcii fic n;rf;t öcvctvltcu C^ottcöticnfl? Tico kirci|l [attfam, caf! C^bor uub 
K^Ttaujcl niif't tic unjcHIvircu ??iiltcl fmb, bic ^aftcr Quc^suvotlcn. ^iI\t anbcr-- 
feite- irarcji bic 3i»bcn ju jcbcr 3fit — lulcuu^l)! chnt c^cxcc^iUcw (^^ottcrticnft 
— :\icf;t ircuii^cr fittlidj iinb vcllgiöo, aU il;vc ri;viillid}cn ^^rübcr. Sr^cr ihicn 
tic3 fivcitiü mad;cu umU, v^cvlcumbct fic. iTic S3orunu-|c, bic mau ihtcn mit 
ciuiv3cm ?iccl;tc mad;t, fd;Io3cn inö faiifmäuni[d;c J^ad), unb fijit) golc\cu ibrci- 
ln'iriicrlid;cu 8tcllimö; at>cr ?3ia^iöfclt, Äcufdjijcit, 51Bcl;ltI;ati9{cit uub brc^l. 
I>ibc» fic frül;ci' mehr aly jc^U, uub mcl)r alw nllc Dicfi>vml;clbcn ucucrcr 3cit 
^cohid;tct. — 

Scbcd^ unc gofagt, ifl c3 ju u^ünfd)cu, ba(j bcr öottcobicufl ö^vcoclt, uub 
mit Qcliörijjcr 3cicvlid)fci"t I'Cjjaucjcu u^cvbc, fei cö nuu nuf ircld^c ?lrt cd n^ellc; 
c5 u^iib QCiini} UH>I)I(I;ä(i5j unrfcn, nur muij baö Öcbct nid;t tÜIIcC^ fciu; co 
fviuu uur U'ic jcbcS pofitii^c ?icIi(jiouf'ijcfc(} bcad;tct u^rbcn. 

iTcm CScbcr Imticu fic Uurcd;t ßctbau, iubcm id) uuu beim 5'iadiid)Iaf\cn 
öcu\abr unirbc, bat) jener Sa^ «'"'^j N7I1 TmDX '1 l^b*ir\r[ by 9iir,uid)t 
im (5cbcr auf^jcuemmcu ift, ivorübcr fid; freilid) 'jITO ISD HDriD /^D 
unmbcrt. Ucbviöcuö uu^Iicu unr c5 ju Qwk fd)rcibcn; bcuu co un'rb uid)t [cblcn 
ou nubern StcKcii, )\>o fic mit mcbr dliil)t ficf; auf^^allcu fönnen. 

X")abcu fic fd;cn, ober u^crtcu fic balb, ju önuilcu bcr iübi[d>-tbeclcüifd;cu 
^afnltät i.v.nmcb.rr') ^tT; med^tc cicvn, um'c bcr Sfh'-itc bei '"Ji^IO ßcrabc 
bic Icfteu i)() ober 100 ^balcr ciiifdüifcn, cu fdiciut mir aber, irf; bin fd;ou iu 
alt, um jcuc 3cit abuMVten ju tcuncu. 

Saffcu Sic mid; nid;t fc* lauQC auf ^Intirort u^artcu, aU id> öcuMvtct babc, 
^u antanirtcu. Sd> bin jetU vjauj allein, unn'bc öcunfj lauijc Stauben baben, 
ciu Sd;rci&en ihmi ^bncu wix'b bic auQcncbmftc Uuterbaltuucj fein 

$I;rem 3ic I;od;fd;al;cnbcu grcuub? 

. 3. Seutfd;. 
Sdylilcn 3ic mir t^d) ^cföllii^il bcu ju^citcu Z\)cH vcu (Siccro'ö 



?L 



<c. 



0)fiid;tcn. yicCaw (^k uad; 2)rc;'b£u öefdjricbcu? 



S. C. 



•) n^!} ?fnfan;]MMi(f>fiabcii filv 'l'"^n r<'2, cntli.^ftcnfc C^tpffcn j« bcin C'")VJ 
tcm Duü'l'iücr Oocl ^ivlco, Oi.it'Hiicv 511 ilvi^fan,. IcHc im 17. O^i^vBiinbcrf. 

**) 2;ic S'-'f""!] ^•>** oiibcnHuinu^ Vr«^jcftivtc banuilö tSamiuluiijjcii inx C'vvic^tim^ 
einer iiltijd)«tl;ccloßiü^oii Jafnltät. 

•*•) Sic cvicvbalid)c 3.11)1 jum Ocbct. S. 2). 

' ' 5' 



/ 



^ '^ i. ( ) Israel Deutsch an Abraham Mühr 






Beuthen, am 9. Sohehat 5599» 
(24- Januar I839), 



• • • 



— 50 — 

au ^H■'v^iu^c^u^;^ ; aber um'c 3ic rcrf>t wahx UmcvUn, i|l eine talt'jc 5h\lircvt 
Mc lc\ic. <Sc und id) tcnu awd) uiu;! läiu^cr mit bcr ^Intircrt ji'gcrn, n^icivcl 
bei Csl'vcm i\lüu:ii-lu*n Öci^a6tr.i'~c ivcjüjjcr ju kfürducu \\c\)t, tajj Sieben Sm 

S^-t}Jan.3C mit tcn "Sn-Un eine 5 im fever ©cifcu au: H'^li N:*in ^C 
Tp""!*!'^ NIT^^rpi X.-.':;n ^nD.*^. SSiv Imku uuö tcö 5Iu!-brucf3 
''TXT:;* yZ')D- \<l}on ^ rft K-kicnt, uub am C^nt^c crft [cI)C idj'uud) »er? 
aulaf]!, bicfni '^I;:'>;:ruct tctinivcn lu niüncn, ta id) uad; meiner ^Infirf;! ganj 
elnM'5 andere'' tinunitev i\-vr:cl;c, ul-5 tacjenige, ba-o Sic tamit beicicbnet ju 
fiubcn iM;cinc:i. l^i}ir [üuti;-;c:i :v.'.:'.Iid; du^ jn'cifacl\'u Ur[ad>cn, entircbcr auiJ 
Sit^'.väu^c unt l\itc;i[v"^;»Tfr, b. K ivir glauben unb crfcnnen, tei faltcm iölute, 
ta-j Süni:I>i[tc einer iV";'']cn .^'^r.ritlung, ütcn fic atcr bod} auo CSiijcnnu^, 
S3crc\nüo,cn i:. ivc;!., ober aber unr fünbiscu mit falter, nilnger Uel^erlccjung 
ouv Un;J:.uI':ii, OUcidn'initiv-if.i: f^cr {lar C[\\v Ji^erad^hmg cinci^ OK'fet^Cy, wir 
lehnen \u\v vVeid;fam mntlnril!:.'; ßccjcn C3e[e^ unb GJe|et>f,eI'er auf. Crilcrer 
ilVein wN-lH ic^tever (in :*':;*£} iric VtH faoen: **jmnDn iVvX Z'^CD. 
^ie TieknlH-riimnur.)«^ ^N"'!'* [:\[ entu^cbcr be^cidMien, baf; rou einem /XT^** 
(aI[o ein ^**^"£:n ^X"Tw") ci;:v br.fj »oou einer V{u|lclmnn{\ oci\cn ein jübi: 
\i\)iis (^\!it> bie Oiebe i|1. C^in TX"»*:;' ;*':nD vi aifo uid;t iH-.n ^i'.bentlnmi 
nuvvjeiV.;Ionen, fcnbern ein ^X"'!**' bcr fi^ bic nniibunlhViC Uel\'rtrelnn»'i eine5 
cber uiebrer )ribi!cl;er Cu'fet'c jn 3uv.tlbcn fomnieu Jäiit. Si?cr nid;t mcl^r jum 
Subentlnuu C[i\}hi, tann u>oI ein r*^**iD al^er fein 'rNlw* [ein; am u^enijfien 
aber i]! tiefer ^lu-obnuf mit bem cineu iTet^ero ju ibentifieiren. Semit lutfc 
id; nun 0I;ven5I>crunnf »•\vör;:cnt!>ei(i- jnnutv3cnMefcu ; aber fem fei Cu ycn mir, 
je jn bendn'ln, am meniiVlrn aber möd^tc id;, in i^ertranli6er, freuub[d^nftlid;cr 
?3iittbcihnui, anbevc O.^efinnnnojcn au:fpved>en, al-^ bicjeuiöen, bie id; UMvKid; 
kcic, felbjl u\''nn mid; prenacr 2abel treffen müfitc. 

Hub fo mnf5 id; frei nnb C":n beleiuieu, bafj id^ X-)ervn 03 — , ,^reijeuarf) 
unb Couf.T— jn\\r für fel;r öclebrtc, ßebilbetc nnb öefdudtc ^^."'läuuer balte, furj 
für ?nico, u\"i? Sic iu;mer uvUen, nur für Feine — S^i^f"- o'''^) r^'^c I;icr 
uidU von ber 'i\-vfönlid;fcit bicfcr ?}ivinucr, tcnH"\Tn-c! Ci- ifi Ieti>3iid> eine unffeu: 
[dHT[tIidH'0}Jciuuni-^, bafj nämlid* bicicnijjcn, u^cldjc fid; UMVlIid; juben Qkunbs 
iä^xw biv'iir D.1Januev bcfcnnen, unb bavnad; luinbeln, nid;t unc 3i»^»^" cjlanbcn, 
uidU wie Si'ben leben. 

Unb :rcnn ee- fencu O^Iännern freifiebeu \c\l, i:-"l nZ'Ü' VKr\l'\ri \int> 
alle Ti^wTT'M 'üZn yorcber unter ibvcm vIniofopb;!d>cu0.iiifrc!fi^^>bfeOiei.nic 
pafilven yi Ir.ffen, unb nad; il3vlicbeu ju muilevn; fo nn'rb C;" \m^ and) unU- 

'*).^;e:na3<;.,2. SD. S). 



V/.. . • 'fl;..!',rT>: >,^ 



;.<T" 



'^•- ..■■;• 



a.a.O. 3. 50 f, 



f 



^ 



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u- 



— 51 — 

ucmmcu McH>cn, cl^cn jene .[^cnniHH- bcm Wilvcffcp unfcrcr 23ctrodilitn(^cu 
(ein ^^H(ofcv^iIcf^cy O.^ifroiici^ Kit uufcr (5iucT iiidU, aber in1i\T(!;liini^en irirb 
nuiu uuö brncnllid> nidit al>|>ve(I;cu) vnnlci tefilivcu ju Kiifen, ir.ib iiad; imfcrcr 
fdiUM^cn (5"ir.!ui;t ein Urtkil nu'?äufpvccT;cn. 

S^iii; jene .^•)crven bic Sratiticn leugnen, fa^cn [\c unumuntubcn, nbcr niic^ 
mit il;rcm Q)Iaul\'n an tic G5öttlid;feit fccr miD ficfjt cö cilnu-mlid) au?. SBic 
fönntcn fie, Jrenu ci» il;ncn bnmit Cvnfi irarc, bic irid^tiöpcn rill'D» *Il*n 
rf'r.'O *Ij'n") ror»n:: onf Cyrunb at^efc^macttcr ,f)iHH^tc[en, bcren \h\\)C[\U 
l\ufcit i^ncn feit]! cinlcud)tcnb fein nuifj, ciiiföd;pbcn UMffen ircllen, imb 
fcld; ein vefovmirtcy SiJ^ci^thim, nlö bn6 allcinfeliömadjenbc, ber 3uben(^cit 
öleid;fam aufbranden? 2I?aIn-lid>, baju {jcWrt ein fel}r lueiteö Okuuncn. 

Ücutc, bic \\d} crfred;en, bic TiD /nn ^OIDn „c?:ecntrifd;c Slluficn i^crs 
In-eitenbc Äöpfc" J« fdnm;^fcn; ?cutc, bic in bcn SJBcrfen unfcrcr Äon>vljäcn, 
alö 'jX-i;;» [::x ^pihl ^22'D1 nur äöVptifd^c ginflcrni^ ju crMicfcn tox-. 
flehen; cnblid; Ücntc, bic fid) nid;t cntMoben, (Stellen ouö bcni Salmub ju rcr? 
fäl!d;cn, unb ju 'oerbvekn , uni bcn Tiid;tv3elelu'tcn irre ju leiten; »renn fcld>c 
Cxnitc nprf) auf Scfu^iuncj iinb n;ilbc5 Urtkil 5ln[prud; l;attcn! — SRcin, n.>ahr= 
lid; U'.n eine foKf e ^cleran^ ^cncibc idj D^ucmanben. 

Sd> un'infd^tc, <3ic Kitten ba» neucpc SerW^en bc5 DIbenburQer dUHU 
ncri«, W'titclt: "Tr^D: ^b)r<Dl cbcr „0}ii:II;eiIunoen ciwv ^cn 23ricffn bcd 
$3en nficl" v3clefcn, «Sic u\u-cn bann öcirifj ron ber 21>al>rkit biefcr '{vacta I^in= 
lauijliu) fil'crseußt. 5a biefc ?cutc, bic bay Siit^f'^tl'i''»! ju rcrfcd;tcn fid; rüf;r 
mcn, fmb in ber !2:.I>at bic Indien ^cir.bc beö nml;ren Subcntinnn?. Sclj.lefc 

Hibriijcn^^ 'H 'TH r^2rL\n 'hnO :.'D cii'D") u^ic foiojt; CH n':;V:; 



nnx p^-£D -T'rx »'H [o rmn [\n^:; "tü^i^n nnirü cnpizn 
-iDiD nT nn 'V:i*r ^£30 ncx n":;o odx ::x cns: n2»n Vtd^* 
\L**r;:cni t^d '/^p*:; mir. Nu-ii »n^oniDD ")=jirn pi »niira 
r.vicn IT TiVaD r^7nn wX-i-.-;':; -oixni ^z:)r,'2) pi-;i* [va r.*-;v.o 
ji::: rr u:*d nr.\*i x\-!':; ;£:";*x 'it nnir. n^-^D n^^i o-ins» 
!''•>* :n-!\--n "s^c Vtn n'r7*:;o "inx -d cn.-.nrii uni*i:n unb 

finbc benuuid^ mein Uvtl;cil nid;t 5U Kirt. 

$6 K'I'C eiuft in einer :rcra[dMli bic Steife bcr C'jH n^O"lX*, \vc man 
ba? r.1^'*:;"! bev^ :*'i"l (bcr bcd; bicfclbc Ts^^w ivic bcr D-H tlnit) nid)t anf.- 
finbicj mad'en fann, baljin erörtert. Sir fönncn nänilid) !?lUe'3 unbScbco juni 
tVöcnftanbc nnferer Untcriud;un{i madien, jcN-n Sn^ifel auöfpredu'n unb bar- 
über 5?cIeT^nin3 iv'rlauöcn; nur bürfcn unr r:'. I anmaficnb unS au bem .C^eilis 
öe;i yer{;reifcn, ircil cö unö un'oernünftiv^i fel^ciut; brirfeii bal;er nid;t ahirtbeilcn, 



•) 5H\ ?:5r.'.r'.-.iu t'cn ^Uu üK' Cfui, rc('ic int 12. oaf;vi;'unbtvt niib n\n- r.'tf; UxiU^mt 



t. 



50 — 



Ion, irrnn er i^cn feinem ^n'thtm ul^cricuöt un'ivbc, iinb iviü^tc er uid>t, ivie 
^cfnllcr-o 6^c\)\i ^?iror, alle Sc^^H^mcn kn^crrufcn, um tcr UclHTjcugmig 
cnK3Cv3cn ju treten? iTii^viitalioncn ircrtcu alfo usilniid; nid;t jur Jl'crriänH« 
c;i:u3 fül^rcu. Co betraf uiv1; tu Ckriiu3crev, cU l\c (Erneuerung i?on TiX*!** 
rrori jr'-l II^'l^'C u^cnn t-ic Ticclr{j:n üKn-jcuat iverteu [eilten. 

v^ic ircvfcu tcm vl:cn Uficl UnreMid;fcit i>cr, fliautcn in tcm *i\U i^cn 
(*Cn rn*I*2 einen 23clcv3 ju finten, ta^ man im 3ictlifaIIc ba§ ©cfeftums 
c^d:cn fann. 2^icfer G^ofi^f'*'^"^ jctcd; if! tereit§ ocn tcn C*p")wD rielffilig 
erörtert uferten; (id} tonnte eine Qnnjc ODiensc Citatc nctiren, u^cnn id) f)pjien 
türftc, taf) 3ie tic ^^iül;c nid;t [d>cuen un'ir^cn, [cld;c na6ju[d;Iacjen) aber gc« 
(c;;t ^a^ ]*cn rn'Z'2 irirtUd; al? Ilmv3cl^unv3 (HDX'n) ju bctrad^ten u>ärf, 
[p bcuHiil Mefer ^nll n^cnicjftenci nid;tv ; tenn tcr tolmutifd^c Gruntfa^ — 
m\'^ ivir br.rfijcn uuo ja auf talmuti[d,^cm 2?ot*eu — /V-!jI3 STt^H'^XlD» 
')":D NDT;*D f^ijt tentlid;, t^i3 ta'^ &c'n nur einen 5Ifi tcr ^villcn^erlläs 
vr.ns, fein TCil tcfifen ju n^cUen, ancrtnet; tic nnrllid^e 5Se3[d;Qnunä turc^ 
33crfauf ift alfo nur rablnnifdjc SInrrbnung; (j^ü")"!) tiefe ^Incrtnun^ nur 
unvb unh3an.3cn, nnr^ aber tic ^Incrtncr fclb|l t^pu i^crn bereiu im Dletl^faUe 
nac:;scGcbcn. fpitx (ijlt alfo tic DJegel: "j nCX CHI IIOX CH. 

Sa chcw yün ^TJ1Z'> umc unjäMicjc antere tAlmutifd^c SJ^lf'^rretaticneu 
l'C'.reil'cn Hnlönglid;*, tflf; fcrd;c n^rllid^c llebcrliefcruncjcn, unt nid;t n^iUfü^rs 
lid'C, fi\3cnanntc G■manei^'lti^ncn te"' G3cif!c^ fmt. (5ö uv;re [cnft tic ungcs 
Täu!v.lc":e Snccnfc^iucnj, tajj fic einerfeit^, ^jirtO'Z^ri piw*X"in ZT^ 'j^? 
(iu[ T'i-O rctiicircn, alfo tem Q3ud;fial\'n ^uunter, Crlcid;tcrung unt Jjreil^cit 
ju bcju^cdcn (dienen, u'ät^vcnt fic antercrcfcitö [p iMcIc er[d>n*crcntc unt bc* 

fd;r:;n!cntc ^jroipr-i z'^D (nio yüH m'io") r.jVin 'Pixin n^^x 

CIjNO rCDn riy •*)-:* ^ yiZr^Z u. tr^l.) nnmtnctcn. (5in ipId;e-5 5?er* 
fah-en ftunte man nur Unilnnicjen jumuttn^n, umö aber jitcr ^i?aI;rKnt?freunb 
v^e:i tcu "iV- /r/H V-ZH ni6t tcban^ten UM'rt. 

3f;rc ^Inaire in tcr 0uimcn5nn3clcv3cnl;cit^) ])cii, \vk tic mcifien 05e3cn: 
p.änte ihre l'id;t: unt 3d>iltcnfcitc. (r-^ ifi I'ctrfi^cnt, ju [el;cn, unc 5»tenlM§ 
n-i.tcr nr.jfcimt, ur.t \\6) Inntcjibt; co ift at'cr unetcr er[rculid>, in eincni (Stallte 
ju leiten, n^p ein C^Jtc, tcr 53clH'rtc gcöcmUer, tic 5JBal;r(H'it fp runt unt un* 



») ^Vfatf'im 4, 2. 

-j „5x^0.^ tic ?ii-.lHncji fliijjrcibKct, löiKtcn fic Ivictct tcfciti^jcn." 

^) 2. 5?. 11^?. 12, 15. 

^) i!?cvt\-ii;]:in;]J3c[c'^'C iiiib ?Iii(Mbnnnj)rn. 

■•) C.^ c\.\i'.:\cn u;n tic tanialiiic 3c»t f'» *3l.Mtf;]cIf^<, \vc{d;cS teil Guten vcit'ct, fi(^ 
nicr:;üiiji>c i'Jr.ntcn Iciyiifijcn. 

2). :J). 



." ■ , ■ ; — 57 — 

ccflraft fageu tarf. t'Iuf tic ?[nlu>prt te5 53ifd^pf?, tic fic mir mitjutrcilcn 
i'crfprpd;cn, iM'n id} fcbr Qcfpannt.- 

ÖPit er[\iltc Sic; id) Inn nad; SBcarüpnnö tcr STn-ißcn 3(^r 
-. • .■ '* . _ Sic I^pd;[d;at^cntcr ; ■ 

■•■••••■•• ■ •'. ' 3. T(\xi\d). 



, 5?cut^cn,fim20. JamufWOO. (2. Suli 1839). 



f 



• . ' 5cOr lucilljcr J*rcimb! 

S)ic crpcn Seilen Sl^rc? öccl^ricn ?ct^ten mu^ uub unll id; mit StillfcfMvcis 
Qcn iibergefcn, uncivcl c§ D'Jptf; tl>ätc, ir^cnt eine neue -^^uitcric ju bf|prcd;cn, 
ta tic lM'vI>cri3cn, oesenfcitiijen klagen ju nid)tö [übrcn. Sic „Allagen eineS 
Suten, ireld;c ju unfercr 3cit Inut gcu^prtcn, jint aucb gar nid^t geeignet, H^ 
fiUr 9uid^af!mung ju enrcdcn. Uebcr^^aupt fd>cinen unr, u\a? eri^cnrä^mtc Äla« 
gen tctrint, gar nid;t i'crfc^victcnartigcr 0)icinuug ju [ein. 2Bir fmt 5Seitc gc: 
rcd;t, mcil UM'r Seite ricricid;t Hnred;t Traben. Z^), für meine "pcrfen, HH 
Sbren .Allagen unt Jjpvtcrungcn grf|jtcnthcil5 Gcrc6tigfc:t ivitcrfal^rcn lajicn; 
idj n\irc sufricten, ircnn man tcn meinigen in el\m tem O^Iatjc GvcIht geben 
u^rlltc. Sn meiner ganzen 53iMiPtrHf pntcn Sic feinen [Vi: '"C"-^* v.nt aui^ 
ypm *::j: 'ulpT — einem CvImIücTc rrn meinem 2?aicr [. !}I. — \\\\\\^t i^ 
aufu*r tem r.VIw'O nur mand;mal, w^nwx xi) ta:u gcftimmt V\n, taS [d;cnc 
*).r.T*l*X ^ZIZ, ypm fZ C"). ,,(3'i iil nid't genug, U'cnn man für fein cigc: 
ncu .$5eil S'prgc trägt, man muij, man feil, jumal alo Scdfcrger, tal;in unrs 
fen, tat) tic ?)cii3lnäu6c teim 2?plfc allgemein nl'gcid;a|]t n\'rten. ' ITiffeJ 
unt Glcid^ci^ ivertcn Sic mir UMln-fd>cinIid) rermcrfen. 5U'cr id? Fann meine 
llebericugung nid;t aufgebfu, taji tic 0:i?arime, ter man ic;-t iMiItigt, tafj man 
nämlid» rrriicH, tcn ilnelen ju hird^Kiuen, onfialt i!;n l\I;u:v.m ju löfen, tic 
rermerfiidM'ic \^. OicImuch Sic tem gemeinen ?3iannc feinen jVi: n***:; unb 
all tai' Un:ri[cntlid;e, meran er K"^ngt, unt mi: nid;tcn KiK'n Sic ilm rcligiefcr 
gcmad;t; Sic irertcu nur tac^ Aint mit tem ^^atc aU'->id;üttcn. Gicnc O.^li^r 
UaxuU, rtcr rielmcl^r fcue Ucbcvlatungen, tic unr nun alä fd-ätlic^ erfcnnen, 
fmt nid;t ren K-ute unt geilcrn, fmt nid;t nnc tic ^ilsc, in einer Tiaci>t ent^ 
panten. Sic fmt eine turdi Sal-rljuntertc nllmälig unt langfam ange[ci;-tc 



•; Tiefet M{>r;or tem ??. m. K ??. jiißcj.f'vifK-nc C-^iVuH Ic.]! tic rcufic fuiiif tem 
??. 3c!.'::ta ."^'.rcivt, ci:-.::ii tcr nn-5jc;ciii:':ic;;*!c:!, f)M:ii';Vc:t :"'i.UIi::cr tc> 12. o.^.^l^Kn, 
tcri*, u:c::f er d^ 2\&ut n:;t H^ciirfir tc^ t>cluv;;:cn ^mt'C? ,/i::vti" uf.: lcn;!':];t \% 
I-ct. (3. tic icIifjiLfc 'l'rcp.f tcr Ontcri in 2'v5"icii Vrn Dr. il'?. 3wri';'!, S. ?r>C'> ?t:ijn.) 



s 



Die inzvnLschon orschionenon "ITounzehn Briefe" Bon Usiols ^,S.K. 

Hirsch) finden "bei dem reifen goistesvorv/andten Israel Deutsch eine 

bei weitem weniger begeisterte Aufnahme auf bei dem Jüngling Graetz. 

( ) Israel Deutsch an Abraham Muhr 

Beuthen, am l.Ijar 5599. 
(15. April 1839). 

• • • 

Ben Usiel ist eine Erscheinung der Zeit, er setzt Extreme 
Extremen entgegen, Sie wissen wol, ohne dass ich*s sage, dass 
ich, als Orthodox, mich mehr zu Ben Usiel, als zu seinen Gegnern, 
hinneige; indessen hätte ich doch Manches an ihm zu tadeln; 
besonders halte ich es für unklug, dass er in die Schranken der 
Zeitung des Judenthums getreten. 



( ) Israel Deutsch an Abraham Muhr 

Beuthen, am 20.Tamus 5599« 
(2. Juli 1839). 

• • . 

Aber ich kann meine Ueberzeugung nicht aufgeben, dass die Maxime, 

der man jetzt huldigt, dass man nämlich vorzieht, den Knoten zu 

durchhauen, anstatt ihn behutsam zu lösen, die verwerflichste 

ist. 



C 



©a5 fa^cn Sic 3. ö. ta^u, ircim ein (Shxiii tic ^'dtcn qI3 cmancipa« 
tipnJur.fälng crtlart, ircil fic buvd) tcn Ölaukn an 'jn^wOn T^XO uicmalj 
cinkimifd; ircitcn, i:nb t^ic 23üv3crpf.id;tcn crKfilid} erfüllen fönntcn; ein fogcs 
Hur.nlcr ll^crlhcitiijcr teö Suteulhnr.? r.ber cntc^eonct, tajj tein ücruüuftiscr 
unb ßclnfbeter Su^e uur,nui;r cnif;Iiif^ an n'"':;wM rx'D bcnft; jener SSunfc^ 
unb 6(aiitc Ictc mir nocf' i» t^» Klopfen finilcrer Crll^^cbcfcn fort. 

S,I>ir ivcllen i^on ter ■Xi?cinunciö\>crfd;ict>cnr>eit bco u-''D"l unb *')hl^2 
C"'p^* S^«»i cilM'cbcn, n'cllen nid;t untcrfud;cn, c1) jener 03IauI\'n nicl;r ober 
v:c\\uyx jum Sl^cfcn be'5 0nbcntlntin6 c^chi^xt; <i^cr i|l cf» bcnu iraf^r, ba^ bct 
Glaube an rrL'^2n TN^D im5 rcvbinbcvt, bic ll^urgerpfadUen ju erfüllen? 
Gcu-i^ nidit! — 2?^.!^;tc iwan a\\o bic Önmbfät^c ireöreugncn, um jener lügen: 
raflen !23enanrluni} cnfvV\Kn:utrctrn? — 

Xcx trcilcnbc unb cvl>ebcnbc Ojlaube an n'Z'Cn r.^'2 iff e5 aUx, ber 
in tcn fd>'Pcren, ycviur.u3uir;-cacn Seiten tcu :i:rucre5 unb ber 23arl'arci, t^a^ 
Subcnthum crbaltcn; er allein i]! e?, ber uuiercn 33in-far)ren 3al;rfnu;bcrtc lfm-- 
turd; bcn ???iul; unb bic sixait «jcrlief;, C3ut unb 53Ir.t ju cpfcrn, ber Jnranuens 
vcvM) ju treten, unb bic I^cili^c ^ilclic^iow a\\^ bem 3dMfiln-ud}c ju retten; jener 
tcfclißcnbc OJIautc allein rirmod;fc, \\\M u>al)rlid; aUc ^MnIcfopI;ic unb alle 
incbcrnc Sdu^n>jci|lcvci uinuucr i^ermügcn irerbeu. Sicfen Olauben nun, bem 
ivir fo^ielc-^ i^crbanfcn, ber 3;a(n-I;unbcrtc laufl unfer panier, unfcr2:aliümann 



•■•) yiiaijr.cnibci? i'd'At bcn liicffiai'ijrniikii ju bfu Gfciit'cni^ariircfn, jrri'O im Hefa* 
x\m tcfii-citct bicP, unb hdU il;n nur für einen fccunbärcn nndf)iicjcu Glauben;- [aü« (53cr- 
gtcic^c okn 3. 47 %\n\. 1). 2). ©. 



CO — 



Gl 



Ä 



3ur imaMt-liif cn 53cbiiu3inu3 öcnmcf^C)/ »"t» einen Srommcn nennen trir 1DH 
iiid;t (JinfuMcr. iirn'uu ivir ciud) tic i^ejcid;iiuno ::*TnD pntcn; [o tinU 
ticy mir f.^3cn, bvitj fic vcm {;cnu-incn ^)U\\\k ficf» fcuteni, unt ifl jener ^lu5= 
tnicf nur ein G^e^jenfa^ reu iHNil DA*. 

Sd; f>itc üOcr tiefeo 2l;ema in meinen ITerafcfu^t pft Qefprcd;cn, iinb unter 
entcrem einen ?)^itraid^ fcnnv^t: ''JT^T) '2 / D '*:v.}D ^13* »VnD D'^nip. 
2jIzr.'J:;npD .17:737 r.':;i1p '':s\ .r-)cilicj!cit ip atlerbinaö bcr 5luf« 
[dnintn^ jum .^immel, tav Streben, (yolt ähilid; ju iverben; al^er uid;t barin 
fcKcn unb founeu unr Öott nadjalnnen, bajj unr iiu3 ren ber Seit iinb allem 
Srbifcf;cn öäujUd; Icvrci^en — *:V3D AZ^ — eine folcl^c .<i)eiliv3feit i|l nur 
!crvcTlc[cu Sc[cu in holderen Spl;ärcn befd;ieben; — TV/Vt^l ^r^'^jY^p 
Cir-'I/TipD — beni 5)?U'nfd;en gcnücjt e?, fein irbiid;eo ?eten nad; öC(t(id;er 
SScrfw-Jjrifl ju öcnie[)cn, unb tic ööttlid;en Öel^cle mit finblid;er Sieh ju erfüKen. 
yVA no wH \-0n3':; r,X1 iNir. VnXT V2X \L*\X 5>aburcl; nur ^ci^ 
liaen irir unfcren 51BanbeI. 

5d; öfaul^tc ferner, bic ^(nbcufung biefey G5runbfaOc>5 /T'TI "IDXOD ju 

fluten: ^).' -Vinn jD NCr.7 poi'ü V)y::r\ \ü niv cn^:; d'^x' 

ITav ^cilivjc Cvfer ivurbc juuir t^om QottIid;en 3e»cr rcricl^rt, aber aud) irbi-- 
fd;ey üi'"»:^ turftc nid;t feHen; ein Ic!nreid;eü 23ilb, to.^ ^^immIifd;eo unb 2r= 
bifcl^cy gepaart bay 0ctt ö^^f^'^l^iöc ^n'^'c M^- »^i^^t? i'^^ mcnid;Iidien .^erjcn, 
bem 3ctf(id;en Elitär, auf ircld;cm I;eiliv3C (i)(ut ftcty Icbern fcU, mu^ tic irbifdjc 
^•lar.unc nicmal3 ßanj erU"fd;en. Unb fcmit bfirftcn inclleid;t AVi auc^ 
tiefe ?}Uinun{j au?3efvrcd;eu I>al'cn, u^enn fie unter anbcreni fagen: '2E'D» 

•:nn^ vn n7 ::^:::i t-i nn: ^rx c::npnD 'n 'i^h ^r^A) bemiMn>er 



u.». 



'I' 



C5efav3ten pel;cn tic Reiben I,ner inni /'TH angegebenen ^Infidtteu epenbar in 
SDibcrfprud;; benn irenn il^ \\\\\}x, i!r"i:i Z'üZ'A [ü IIV ^wN*:; D:>X 
(o ift bic IJpöfagung fom Srbifd;en nid;t rerbienftlid;, unb baber aud; bie Cf)Cs 
lofigteit füubbaft. 5labab unb ^llnf;u babcn bemnad; burd; bie eine' ober bic 
anbcrc .r-^anblung-Mvcifc Unrcd)t begangen. 

£ad;en Sic mid> nid;t cu', id; u^ciö ivol, «Sie lieben bergleidjen %\\^\i- 
guuQcn nid;t unb belegen fcld^e nur aU^ubart mit einem l;od;|1 unglimpilidjen 



') Gcina 1, 1. 3. i»iaiin. Tiifd;itc Ihtxa, ?lOctiit Oam .^alfipnriui ?l6. 1. §. 2, 
•) 5K?citrici r. 21. 

^ 3.33.2.1?. 10,3. ' ' • . ' 

*)GrutiuC3, 1. 

••') CtcntafcU'n, bcd) tic onbcrc ??;ciiiuitg i::i X» 1 fintet pd) bafcltf ui(f)t; alfcirt 
•'.,' fintc fic im Onltnt ju edicinini 021. 5). 3>. 



Flamen. ^Ibcr id; babc fd>cn rft erflärt, ber STarfd'an, neun er \\'.i:\ ein T^arr 
ip, gibt nicmaly feine Gicgcfc für baare ??irm;c, unb bcbicnt p.vf^ ibrcr nur, um 
eine Sbec nid^t gauj nadt binficllen ju m'rTcn. 

^lutrrcrten Sic nur balb, unb rcd;t »oicl. Z^i.) bin \K^^i {-anj allein, meine 
%xm mu^tc in'ö <3ab reifen; unb fo lebe id;, nnc ein inaufncr, ganj cinfam, 
unb bcbarf meT;r aly je angenebme Untcrerbaltung. Gctt crbc^ltc 3ic! ■ 
•. :: • IT-er 3i;tigc 

• •..:.. .\ . .3. S'cutfc^. 



53eut^en, em gcfttage tc<5 ec^alja im Oa^'rc irnCX hv 'I!X "^'^J = (C-'-OO) 

. ; (11. ecptcmbct 1SÖ5). 

• • •" '• ' '" '" ' 8cOr lucilöcr cfrcunö! 

©aö 2?atum fd;cn irirb obnen fagen, bay ic^'i febr befd;ä[tigt bin, unb 
tc^> null id; nid;t Icingcr jögcrn, Sbr irertbcv, iüngfiey 3u;rc;bcn ju bcantrrcr» 
tcu. 3^> ii'C''iJ bie i?^iu<3C!Un;b£n mit ntd;ty angcncbmcrem au'jufüUen, cl3 
burd; Unterbaltung mit ^hnen. 3d; merbc natürlid; furj fein muffen, tra5 
S^nen aber gerabc nid;t unlieb fein bürftc. 

3brc crfien Seilen micbcrbplen Allagen über ba3 2?e!fagen'!iicrtbc in un« 
(crem leiber rernad^läfügtcn (5uUu3. !ll>{c Sic irii'cn, tbcile id; im f3cfcr>tlid^ca 
obren Unmulb unb tu rielcr .^^infid^t m6.) ^brc Sünfd;c; bemnvV.■f^ aber bleibe 
id) bei m.ciner ^tn|ld;t, jcben gcn\iltfamcn Eingriff eutfd;icben jurüc! jii u\if:a. 
tüuf 3bre Sr^^OC jctcd;, cb U"ir bic (ümrilligung jebey llnmiffenben abtvartcn 
feilen, crUMcberc id;: n^ir muffen bie Ginunlligung 5}erienigen abiravtcn, bie bei 
ber ?}i äffe für fromm unb facf^verjlänbig gelten. 5(^> \^W gelten; beun c3 
bleibt fid; gleid;, ob bem rnivflid; alfo ijl, ober nicf't. iTic ^)\^\\\i. ifi ei:; nnllcn: 
Icfer .Jlör^'cr, ber nur mit frcmLcn klugen fiebt, mit frcn;ben Tbrc:: bJrt, unb 
nur nad^belet, loaö ibm ihmi J'enienigen rorgefagt unrb, ircld;en er 53crtraucn 
fd;cnft. Soll nun eine 'Dici:en'nv3 cingefübrt ir erben, ebne bic 53illigung IT er: 
jenigen, ircld^c ba-S Urtbcil ber ?}.\a!fc lenfcn; fo h^irb bicfc ?icucrung, unb \\\\xt 
fic nod; fo gut, bie O.^aifc ni6i erbeben, nid;t erbauen; fic unrb rielmebr nur 
tic (Fcnecffion jur llebertretung barin erblicfen, unb Feine S6ranfcn fcnncn. 

Unb bann, offenbcrjig gefagt, ijl c3 benn ben £^rtbobc.rcn ju ycrargcn, 
U'cnn fic ber ?ieform cCA^^'vi fmb? Sagen Sic, Juertbcr i^rcunb, brvf) felbp, 
tiiic:n.tnb barf fcrbern, für anbcreS ju gelten, aly für b.v5, um? er riVräfcutirt. 
Sl'er aber faib jene X-)elDen, u^cl^c bic Cultuvreform rcpräfentircn? — 

Q^dy^x Sic bort jenen bcd'gelcbrten .pcrrn Soctor, unc er am Sabbat^ 
com ??afu'tifd^c auf tic ^Tanjel eilt, ba^^ o^Uiii Öefic^'t \\.\f^ fircngcu Siegeln ber 



— C4 



63 — 






nMc^cri1cK-"n? Mcfcr nur irirb ^a\\m unb alle rcliöii^fc Q5ihoU, bic auf Gnth^s 
nmvj mancher C:cr.üiTc S^cjus ^n^cn, jum 5ül?rcr in bcn .^imnicl iroHcn, ^in« 
ÖCv^fu eivjcnr.v.t^ u:ib .<^a^|ucI^t ju I\'id;nügcn [ud^cn. Gin anbcrcr i|Vi>pn kd' 
tur u^cnißcr jur .f:\*.I^|i'att Gcnciöt, I;at jcbcd; mck .^aug ^ur Scqucmlidpfcit. 
einem fcld\-n irirb C5 leidster, jcbcn unrcMid>cn 05cirinn ju cnlfogcn: er fann 
\\fi) al'cr bc? ur.crlciul-tcn finnlid;cn ©cnunc-5 nid;t cnvahrcn. Sicfcrnnrb nun 
in iBcfrcn bc? ?}]cin uub 5}cin fircng rcligiöö I>antclni qHc^ Slnfccrc aber für 
unrcrlMnblicf', für albern au^jugcbcn fud;cn. 5)icG5cfcnid;^Qft irirb natürlich mit 
Cct^tcrcm iufricbcn fein fcnncn. 5Bcnn'irir aber bic inbiinbucUc SKcIiaiöfitat 
53cibcr unteriud;cn, fo femmt Mzi auf cin8 ficrauö — ein 2:aufd>bQnbcI. 3c» 
bcr tQu[d;t \\i) bTlS ^iebfic ein. eic n^cllcn ein Scrbct bcö *)i:''^ fennen, 
ircld;c5 unlcrfai;! bic r.("i::nn rnZ'^' als 2aHcQU roizn r.On aufjus 
bänäcn: aI5 hälfen fic bie? 33crl>rt ki Ginrid^lung bc§ :D'nO ju ^lep U* 
rücfIld^liöcn nuilen; aber mcincS iSiffcng irirb im 1)1^* [PlVv^ ba8 5Iuf()än* 
^cn ber rO"Ij"iri r."l'J.*y als 3;ablcau nirgcnbS cnraf^nt. Gliraß bcm ganj 
5UbnIiAc5 aber pr.bet \\6) •*)NOn nynD Q r^'^yo 'S* '^D u^'H miS* 
eo geringiügig bcr öcgcnPanb au(f> ip, fo ßlaubte icf) boc^ bicfc Scricfjtigung 
bcr 2?cbrbcit fd;u!bi3 ju fein. .-•••■ .••/. •- : ./• 

. Sn S^rcn ^Icu-icrungcn über tcn OJIaubcn an einen n**^^' bcr ba fem* 
mcnfrll, fagcn 3ic unter anbcrcm: „ivicn^rl id) einräumen fann, bafj cuc^ \i)on 
ireld^c für bic Seit ba n^aren, 5D^cfce, (3p fr ate?, D^uma." 5^icic3ufam= 
men'tclhin^cn fann ie^ nicf>t billigen. iTfirftc man auef» 5ebcn, bcr auf ba8. 
.<:eil beö C^^^cr.'d'.ru »rrMlb^ligen (Einfluß gc(iabt, ba5 'Präbifat U'Z'>2 beilegen, 
unb — ) w*"ii;7 Tr::^b 'n "CX nr„ aia 23eleg anfübrcn; fo barf man 
bi<d; ben bimmchvcitcn UnlcrfdMcb jiriid>cn einer mittelbaren ober immittclba* 
rcn Senbung, r.rif^cn bcr ^lue-fübrung auf natüvlid>em ober übcrnatürli(f)cm 
:r-cgc nid;t überfcbcn; unb ircnn wix bic Beübung rOiofio nid^t mit 3rf;iircr8 
?:;:acn betra(^^ten — ma5 ein gläubiger Cuibc nidit fann, nid;t barf — fo fann 
unb barf aueh ???cic5 nid;l mit Scfralco unb Ttunui in eine unb biefclbc din- 
biif gcbradjt irerbcn. Gin n'Z'ü, unc 5^nna unb :3cfratc3 fönntcn auc^ 
05—, iireuunad; unb Gcnfrrtcn fein n^oncn, ba aud; fic bic Suten ücu ber 
eclai'crci bej Cermrniah^^ienpcS ju befreien ocrgcben. Scf) ermartc aber 
feinen anbern rr'Jld aI5 einen bem ?}U-^fe5 äbniidjen, einen unmittcbaren ,(55c« 



') „ed'::I5\:n cri:cfV' tcr tcUnnic ftiiliiaf.CTcbcf \>on ??. ZcM •'^»•rC/ borür^mtcm 
5J:Hincr bc6 IG. O^Jlrrunbcrti«. ... 



**) JocrfnfKr :::::5 f-.-ri vcr[d:Ticbcii finbcn, ::' J fir.bct fiifi nidifü, binacgcn H'D; ""b 
cw'b ta i[{ irc-.i:- c;:f p, .M ju iMnrailcn n(ö auf CH'^^N* ?:0 im "^ p'D. ^cr« 



fanbten, mit übermcnf(l>Iicbfr 2?cgeiflerung au^gcpaltct, bcr feine Scnbuuß burc^ 
3cid;cn unb SBunbcr bcusM; niefit cln>a, ireil id; nnmbcrfüd,\ti9 bin, nein 
unigcfebrt, iveil c? baS SJunbcr aller ilBunber n^ärc, in unfern 2:agen ebne 
SBmiber ctiraß au5jurie^ten. • • ■ 

?iuma unb ScfratcS ^mttcn einen auf^ nni^crnunft cntf^n-ungencn Unglaus 
bcn ober falfd;cn ©lauben ju bcfäm^fcn; fjc burftcn nur bcr S[}enr.:n[t (Eingang 
»crfcf^QÜcn, um il;rc6 Siege? getrip ju fein. 3n unfern 3:agcn bingegen, tro 
man bcr Vernunft entgegentreten mu^, fmb anberc -^Sancn nT^big, irclc^c bie 
S?crnunft bcfd;ämen unb in i^rc ©d;ianfcn jurücfa^cifcn. 

3d; erfiärc hmiy* yr]'VDD x^:*) cnn-xo cn\. cn-inx ^ai 

cbcnfo unc n^ü (nnc /"Tn oft genug erllärcn) S.'Oabrbcit unb tRcIigicn rer» 
breitet, mit bem Untcrfdjicbc, DrTII^X n^ar an fein bcftimmtc? -Srlf gcn?icfen, 
er mar C^l^ [IDH DX, er f^at aber feine Cebre ni d)t biircf) 3fid?cn uub ©unbet 
bcfräfligt, er u^ar bieg ^^^nlofcp^; il'VÜ bingegeu hat u^cl 3cid;cu unb SSunbec 
(jeübt, feine ?el;rc über aüc 3Ji^ci[cI bcwübrt, mar aber auf ein gcjri|]eß 2?pI* 
tcfd;ränft. H^wD aber mirb beibeS rcrbinben, er urirb bie 2?abrbclt aflgcmcin 
verbreiten, in bicfer v^infid;t H^wDO X'I/'j er mirb feine 5c^)rc burel) nbcmatür« 
lidjc 23unber eoibcnt mad;cn, ba^cr DUI^XO ü)l\ 

- ^^xc 23cmcrfunQ, bap mcbl^abcnbc ?eufc feiten unb ungern an TiXO 
n^wCn bcnlcn, i|l nur ju mabr, aber nid;t neu. Selben bic Diabbincn fagen 
in a^iibrafd; T>21 r\y^\ ]1Y H 'HirO PXl'O X7 u*1:D r^ZZ''' XM 

nri'n xt n:o r,XÄO iVx ncx ^'ph p wi üZ'Z "cn: nn 

5d; mup ncd; mancbc fünfte 2bre5 occbrten (2d;rcibeno vorläujig aud 
Scitmangel unberübrt laffcn, benfc febod;, fo Öott n>il(, riellcid^^t in S^^funft 
fcld;c 3U bcfprcc^^cn. ^\t SSünfcf>ung nDV^D r\ÜT>n unb in Grn^artung 
balbigcr ^Intirort, ber S^rigc ... . . ' 

. . . • . • 3- 5:cutfc^. 



i^cutl^en, cn 5. f.iticir üCCO. (12 ^nctciubcr 1S39). 



Scfjr lucrlOcr J'rcimö! 



"*V»». 



U-V»"» f^iTi^n 



^ciVx \\n, maß .XV:':; feinem ec^nllcr r.Tl.T n Ichtc: 71X1 P^^^U 
••jxViTn ob XV21 X»27V^X."n. ?:Qan mujj ben C3enujj, bcr fid; bar-- 
bietet, nid;t bavum i^erfdneben, n^eil man hiy.i, bicfen Genujj in 3»''^^''^ft I'^IK^ 
imb bauernber ju gcnicfjen. SIDir leben, tra5 bau S^ü'id:« betrifTt, nur in bcr 



•) 0:I!"t2iiOcf.3S8. 
••; err.lin LA, 1. . 



25. ©. 
9 




leugne, r.nb cl•tl"^tc, fontcrn, ta{) er co bnnl> ^^Mi'jiüimcj unb flctc Grinncrung 
ön C3ott lucik uub Iiciligc. 5>vUiuii lun ji'bcm Ojcnuffc irocnb ein rclioiJ= 
[c? CK-t'ct. ^r^r c\cniei;cu aU ^yZ'irC r.:j'7?20" .jIcirfM'-m Knlicjc ^IcR. 

*)•):: xp r.in: [r.rrü iit xp *d d^ihd. s^ic dMu]h^n iii bae^ ^inbcmit. 

tcl jirifd;cn 3cclc imb ÄCvpcr, ein i^crüln-uufiopimü, wo .^immcl unb Crbc 
ficl> fvcuublicf^ lH'f,cöucn. iTaniin iil civA^ at^3cic(;icbcnf?.\ilcilf rieben, CS'belp|l9« 
feit u. bn-J. (ivicu^cl bic (Sbriilcn bicS rou frükreu jübifcl^cn Scttcu cntlel;nt 
ju baten iibcinrn) bcm unikcn 2»t>enthnn [rcmb. noni HHD bcjcicf;ucn 
unr üK^ bic cr|1c unb uncl)tiijilc ^jHU'O» ©ic Gl;c unvb bcm .^-)o'[?cnpricflcr 



zur.unerlässliciien Bedingung getnaoht , und einen Frommen 
nennen wir Gefährten nicht Einsiedler. 



• • • 






( ) Israel Deutsch an Ahraham Muhr 



Beuthen, am 5. Kislew 56OO. 
(12. November 1839 )• 



• • • 



Od; l)cih bicfcu HCSJO ganj na6 ibrcr S[Dci|c, aber bcd)mit einer ctn^aS 
tcränbcrkn Scnbir.iij 311 cvfiärcu gciud^t. ITcr Subc ficM nämlid; ju Öott 
in an\'ifad;cr ScjicMinij. Grtlcuo aI8 öcfd^öpf juni SduH^K^. ^n bicfcr 
^infic^U thdU er mit a\im vernünftigen 03cfd;öi.M'cn bicfclbcn '^^f.idUcn, biejcnlijcn 
nc;n:Ii(f), ircld^c bic 23crnunitrcli5icn öcinctet, unb ireld;c gröürenlbcilu in ben 
•••jr.ll'O yy:: bc^^incn fmb. 3Jl^citcnöaU^23cIfinm.<3crrfd,^cr(^'^::: Ci') 
nid;t uncman iinö ccricnmbct, einen 9iationaI{jctt ju babcn, fonbcrn, fo tt>ic 
c« bcr 53orfct^unij ßcfäUt, v^irr'fc^;«^ "'«^ mcruIifd^c Oabcn unojlcic^ ju ccrt^eilcn, 
fo ßcncl e3 ibr aud>, ein rcrilc^enc» .^äuflcin au3 bem Staube ju jiel;cn, unb 
c5 Jur (rriief)unä bcr ^ciUz \o lanjc cIj 2:r5v3cr bcr SSakl;cit ju u>äF?Icn, bis 
bic iH'r^ciycnc3cit!fmmt, *'")):') n")1"lD nS^i; D'0>» bx "JSHX TX. ^n 



•) Sal<«itl) 118, 2. • ' 

••) TAic in tcir.cm Zl^cxU Gltarim nimmt nämHcf) brci C?faubcnfartilcl an 1. TiX^l'O 

•n, 2>:fcin e.^:!cvs. 2. c*D':;n ?o rn^n, ü'^ttia^c cncnbcnina. 3. u;:u*^ ^2V, 

5?c:::'r.ur.3 ur.b 5?c;lrafiir.>j. (S.'oirarim L SlH^^nitt 4). 

•••) Sie 7r.::4nbiici;«cn Ocbctc, (5an(|. 6G 1. . • ; • • ' 

9* 



') ocrcmct Ol, ^— o.j, rcrjjicicve U'iCijiua 2i, 1. 



2). 2). 
8- 



// 



— GS — 

bicfcr S3cjicTnin3 lum l\it tiefe? S3Mf t^efonbcrc ^picf;{cn, n^irf^c fluf Mefc Ola^ 
ticiuilität InnUKifcn, iiub fic erhalten; ba^cr awi) bic!2:l>ova bic mcificn Öebctc 
auf Uni'O rx*l** jurficifarirt. Db")> n ^"nn erinnert unö ot3 Öefd^af^ 
fenc an r.VTI*:; TOÄO, InnßCßeu q13 Untcrtl^ancn an •)rtV;.'D'r m'D. 
23eibc jufammcn mad^cu tcn Subccjriff bcr o^njcn 2:bpra. Sic Grfatjrung 
Ici^rt icbpcl> jur G^cnügc, ba^ nur feiten bicfc bcibeu Jbeilc ju gleief;cr 3cit 



^ 9cl5öri3 Qicidi öcivürbi^t irorben. 53alb fmb r^V/ZZ' ocrbcrrfcljcnb unb 

' • TtVr Dw ycnuid^Iäffigt, balb umgefc^rt; (Sir ^abcn öelcöcnkit ßel^abt, in 

i bicfcr Scjic^^unQ einen SSenbcpun!t ju erleben) aber nur bic StuviUung bcibcr 

': ■ 2;I^eiIc fann un5 ölücflicf) machen, tpm t>börifd;en unb mptalifd^cn Ucbcl crlofen, 

"ipi r>)riya -n h^T:)' jnoro ^'^otx; nämiicf? \:;nn = r.v^2'^ 
; , uWjn unb cni'o r.x'i** = r.vro*:; u. f. w. ' 

,3ic fvivjcn ferner bei bcr S^amenJanjcIcgcnBcit in ^arcnt^cfc: „nncber 
öni(I;t einer iniij'^crfianbcnen Stelle: ")UDZ' l^yl? nVu h^'". ^d) mu^.bier 
um 53clc[^runjj bitten. Cficnr;crji3 gcfianbcn, ic^ öerilc^>c bic etellc nidjt an-- 
bcrJ, al5[nid;fiäMirf>;bcnnbcrg)]ibrafc^ffl(jtI?icrbci: ]'r>nj p;'D*r^ piNl 

....;• •'. " .pp /D p;*D\^n pINI 

• S» nciiercr3cit Mbcn^ubcn unb!TZid;t{ubcn t>iel ocn^lmalgamircn Qcfpro! ' 
d»cn; qKt id) baltc mid> fcfi übcrjcup,t, ba|} eine bcr mi)t uiuindjtigflcn ^bfidjs 
ten bcr Z'i^oxa and) bic i\\, cl'cu ta^ ^Imalfjamircn ju Dcrl^inbcrn. 23ir fönncn 
cilü ^^^Unfcfun, ül3 StaatS: unb SBcItbürgcr unä nähern unb lieben, üI5 
Sdf aber muffen unb feilen luir fo lange ciufjerlic^ getrennt bleiben, bio e3 bcr 
SScrfcInrnj^ Ocfällt, alle C3Ia«bcnßbiffcrenjen inncrlid; unb Qujjerlid; aufiul;cben. 
SlTnircn bic Sfvaclitcn in COliiVaiin mit ben Urcinmcbncrn jufanimengc: 
fduncljeu; fo u\\rc bic ?ll>fid^t Gcttcö, jene ju u^iHD TC'TCO ju ergeben, 
' . yercitclt n^crbcn. Sic Csfv>.icHtcu batten bcTanntlid) ju jener 3cit feine Gers 
mcniaIcJcfct^c; SpcrfdMebcuI,Hit in CUauben3mcinun9cn über ijl ju fd^n^ac^ 
tao ^Jlmalgaraivcn ^u ycvbiubcrn. -yiamc, Sprad^c unb 23crfdnrä(jcrung u^arcn 
bic ciny.'\cn ?3iittcl, \\>i\d)i fic uni>er:nifd>t evimitcn fonntcn. Sicu fmb nun 

bic un"n.i vni L:r::h) cd*:; i:*:; nt:; oVx:: piin*:; un2i '} 

riV")i*2. 5i}ir I^abcn hcul^utanc D^^ittel genug, bic ^Rationalität ju erhalten, 
aber eben barum fmbct man ^luriofj an bem GermcnicII, »eil man fcben äu^er» 
lid;en Untcvfd;icb, bi5 auf bic CJIaubcu'JavtifcI 5?crnid;tct iviffcn irill. 

Gin Ouimc iil ba» Unn>efcntlid;pc, ein 91id;t3, bap u^ci^ id) ii>cl; einen 
aunaUcnben O^micn, bcr unu.^ränfungcn ober 5^ccfereien sujicbt, tcrmeibcn, ifl 
nid}t5 Ucbcica. SBcnn man aber f^att SofcpI>/ Sc^^ann, f^att Sfaaf, Gbuarb u. 
bgl. bcifjcn mill; fo nnll man uid;t qI5 Su^c crfanut fein; unb bieS i\i, meines 



♦•) aViiilra rabia 5, 32. 5). 3). 



I 









? 



c^ 



p 



— CO — 

Cracf^fcn? mcUcic^t flrcjcr aI5 Sucf^cr unt ^Betrug, bcnn cö i|l Scrlcumbuna 
rc5 CJIautcnfi, c3 i|l niedere {^ciflhclt, man r;at bc-n Q3?iitr; nidjt ju fcacn- i* 
bin cm Subc. IT^cr 53crunbc jcbod;. bic unö gramen aufbrinscn iria fcUcn 
u>ir mit D^cd)t unö cntöcöniilcllcn, bcnn jene bcabfid^tist ni(f;t bic (5rl)al(una 
uuicrcr Tcatirnalitat, fcnbcrn fielet barin eine Surücffctjung, bic tuir nid;t rcr- 
bicncu. 2Bcnn c8 unö Q&cr frcijlc^t, SHamcn ju tt.är;rcn, n^arum foUtcn »it 
tcibnifcf»c biblifd;cn ücr^ic^cn?*) — .,.,.. 



• • • 



( ) Israel Deutsch an Abraham Muhr 



Beuthen, am 16, Sohehat 5^00 . 
(21. Januar I840). 



.' N 



(5«o \\xC^ ^N^'ncn übviijcnö meine Clnfid^tcn in 23ctrcft bcr GuKuorcfcrnt 
I;iuläu{;lid> tcfannt. Senn alcr mand;c bcn Örunb \\\x ERotInrcnbicjfcil einet 
Dvcfovm barin fud;cn, baniit nid;t bicjcnigcn, mcld;c fc^icn bcm 3nbcnt(nim ents 
frcmtct fmb, bcinrcKicn ganj entfa^cn, [0 mö(f)tc id; in 23crfud}ung fommcn, 
anö ct>cn bicfcm fönmbc, für \z%\ feine Okfcrm ju unm[d;cn. S^crjcnicjc, bcr 
fid; iH'^n bcn Öruubfa^cn feiner iKcIic^ion Icofacjcn fann, weil if;m bic äußere 
Sern; nid^t anivnd;t; einen foId>cn verlieren ij! n^ahrlid; ÖeuMnn. 2)ic 3u- 
bcnl;cit nuifj fid) ron Sd;Iacfcn reinicjcn, fcU \:^x> ^ubcntlnnn rein unb lauter 
I;e^opr{^c^cn. 53cten ijl u>a^vlid> nrd; nid;t Oklißicn, r'OTO 1:TX TDD 
•j")j;") n")in. S)ao Snbcnllnun tccjnüöt fid; nid;t mit leeren 'pl;iIofcpl5emcn, 
mit fciHni gcbved^fcltcn, n^cIjHlinQcnben ÖIaubcnol>efenntniifen; eß perlangt ein 
tKitliäfJiiJC?, poctiid^cö Ccben, bafj alle .^banbluncjcn burd;brin(jt, Öei|l unb 
v^u"r;\*r iunißil rcrbinbcnb, Öeiil c[)nc 5^vm unb OJiateric i]! ilMU fo fremb, 
als öciülid^e Sc^rnr il;m juiuiber ift. Sa8 3nbentl,nim i]! cin^nilitut, baä 
fivenfjC Crbeni'rccjeln yerfd^rcibt ; u>cr fid; biefen nid?t untcrmcrfcn mag, m5gc 
fcin-^-^cil immerijin anberoii^o fud^en; im^n^cnt^mm mirb er eß nimmer finbcn. 
iTic 3tarfc unferer Ccnfefficn beruljet nid»t auf ber Quantität il^rer öclcnncr, 
fontci-n auf ber Qualität beS 23ercnntniije6 Z''y:i''JT\ ^2D D2D"ID N7» 
•7''''1 p'^*n fdjeibc fid; inimcrl;in, u^ov fid> fd;cibcn fcU, \i^% UebngMeiDcnbc 
irirb nur um fo compacter ircrbcn.. 



• • • 



( ) Israel Deu-tsch an Abraham Muhr 



Beuthen, am 12.Kislew 56OI 
(7. Dezember I840). 



fcükri 3«tc Ijattc 8<«'J «»t'vcn nrnaVli" ein« (djJncn CtI;rco, cmcn fltu= 
„cn 2ul.t, eine« fromme» Seh,, eine,, «»'*'^'' 7" ^;?»;"/- *,9';. "',';; 
Cr t.e.lte feinen eiaenen Jitel, unb füljltc fid) b»t-ei flUullid,. ai.i.ä .bm 
Pcn irbifd-en (Sfitem .«j.if) i.nb SeMct-funa cnläosen, fanb tr rei(I;i(Ij evfcjl 
i,n.(Sinirad, in feinem ©tauten, in bem cr^-bcnben Scivujlfein, für fernen 
«MÜl-cn SU leibai. G5 aelüPete it,m nid.t uad, «11^ CSlircn, »ürten unb 
ascranuaungen, »on benen et ouSaefdjlofien u-ar. Se^t ip eS anberS; ben 
.fvmmtl Ihm bcr 5ube u^eaaeu-orfen, uub bic Crbc will mm, iljm oud, f^rc. .3 
ncidicn in bcr 2ueU-.l> fiftt er «id,t, unb bic Sauben im iaufmann.fdjen ©arten 
finbif-m Krfdjlrnen/eiue OSorenu mag er «id.t, «nb jum Saron nnU man 
Im aud, uid;t mad;cn, ölaubcn (-at er ui(t-t, unb man aDt .^n um beä ©te 



fr>-9~^ 



•) Tic "i'pvtc bc5 JJ^cvf.-.ffcviS fuib al(crbi!i;i5 I'oIjor.^ijjciuMrortT), jcbod,» jnr Steuer 
tcv ilis.ilnlicu t.uf nirf'i Vvnlcfnricjicn »vcvbcn, taß \6cn jitr ^c'xi bcr ü)ii|(^ina c& tci außer« 
Vi'.-.fn:'.;iu'Cii Guben üHidi \\\\x, fiA uirf^tjüt-Udiic 9JnnKn leijufcßcn. 0. (5^itlin 11.2. 

c' -:'."! roc wZ f.TriVJ'y:; th' D':; h^yv' nn- cc< ifi tie? ein muirocu 

filu-i* ,v-<i''''!'. iübcui cc< iiuf bic ^\i(ari;»al» inffnirt, uiib ^M fuT^ev mel^r CHUMcf't nl? l'fcßc 
.»^ii'-'i'S eiiu'Oiil.ie bct? Inliinibi^ \\(C[C\\ bicUcbliri»(oil ifl mir Jtii(»( bcfouut. ^»u'^jltd^cr» 
jva': t::v!!C c;:i UntcvfiVicb fein äUMJibeu ii^'iU'ijnufl ni(Miitbifrf)er !)i\v.iieu ^on \>cx\\ I)crcin, 
lII•,^ \y'du-:v in'vuuifii'uii^ bcä jübi|(1(|cn9^'lmc^lS mit cinciii uici^liilbifrf'ct!, Jcornuf allein 
f;Jj bcr 2}JibvafiJ) ju bcjicOcw fc^cint. 2>. S. 




^^ ^ 



( ) Israel Deutsch an Al)raham Mulir 



Beuthen, am 16, Sohebat ^^PC^-, 
(21. Januar 1840^1 



• • • 



(So fnit Sl'ncn ütvißcnd meine ^Infic^^n'm 23clvcff bcr Gultufrcfcrin 
Innläuvjüd) l'cfannt. -Bonn cilcx niniK^bcu förunb ^ur Dlotljircnbiofcit einet 
Dicfovm bciriu [ud;cn, bamit nid;t bicjcnigcn, wclcfjc [d)c>u bcm 3ut»cntl>um cnts 
frcmbct fmb, bcmfcltcn ganä cntfncjcn, fo möd;tc id; in -Scrfudjima lommcn, 
aiio eben bicfem Cjrunbc, für jc^t feine D^cfcrm ju ivün[d;en. derjenige, ber 
fid; i^cu bcii^Orimbfä^cn feiner JKeliijipn loofacicn fnnn, weil if)m bic äupcre 
Scrm.im^'t anfprid;t; einen foId)cu i>cdicrcn ijl n^al;rlid; Ö5ciinnn. 2)ic 3us 
^fc^nt^it mufj fid) ron 8d;KicIcn rcinicjcn, fcU ba3 Su^nitlnim rein unb lauter 
' I;eri>cvc\cku. 53ctcn ifi wahxlld) ncd; nid;t Dkligion, ::)Ü'VÜ IjTX TDD 
•j'':;') min. Saß 3u^c»tlHim teönOöt fid; nid;t mit leeren yf)ilcfcpl;cmcu, 
mit fd;ön gcbrcd; feiten, u^ol)Iflin3cnbcn GilaubenC^bcfenntniffen; c8 oerlangt ein 

unb 



•) l'vcb. 28. 9. 
••) 5. 53. Tl. 7, 7. 
••) %^l 50, 5. (S. auc^ ©an^. 110, 2. 



SD. a>. 



UMVD mir um 10 ccmpocrcr rccrccn. 




jmb, 
baS 
i?9C 
Den. 
ncr, 

iinbe 



• • • 



( ) Israel Deutsch an Abraham Muhr 



• • • 



Beuthen, am 12.Kislew 56OI 
(7. Dezember IÖ40). 



/<wUli>i«^«WviM«*1)'-'nfi <^ä 'f «Ilf'Wiigä jcjt eint Pjlimmc 3"t. Der 

'frütuvc Sute l!o.ttc mn »"tcvcn mn='71i'' eine« !d,Cnm CSiI.vo(j, omcn Bru= 

ncn eulat, einen (tommcn ZcU, einen Ämtern jnm Gitmn u. tal- ""^r- 

Gr kttc feinen eijenen 5ltel, unb füIjUe f.d, baki jlndlid,. SiiOä .^m 

oon irtiid-cn ©Olern .5.13 «nb S3er(.d;tunä entje-äen, fant er reid; id, ev[eM 

im .fiinimel, in feinem ©lauten, in tem crljel'cnKn Seunt.jtiein, fut feinen 

CManl-en ju leiten. CS sdüücte il)m nid;t nod; «Ken G!>ven, Sürben nnb 

Scronüesunaen, i'on bcnen et auJoefd^Ioüen mar. ScDt iff.cä e.nter5; ten 

.fiimmel t>at ter Snte me9äemorien, nnc tie erbe unll man ilnn aud- flve. .3 

r,ad.en in ber 2udal. f.pt er nidit, «nb bie Sanben im tauimann.idjen ©arten 

finbiJ-n, .evidjl.ffen/einc »benenn mafl er nidjt, m.b 5»m fflaron »tt man 

t,„ a,d, «id,t mad;en, ölanben I;at er «id-t, «nb man I,a„t .l;n «m beä ölau= 



>^ 



{\]\^ UMlIcn. So foll er Cl•|^H^ t^l^cn, \vo ?.\Milh I;cvncl;mcn, um tic UniMUcn ^ ^ 

Sic at>cr allcö 3?ofc [eine c\ulc ecite hai, c^laxihc id; aucf), tai; cten bcr: 

c;Icicl>cn 3inücni>ci[un(\cu dniilUdKrfeit? bcu Csn^ni nuö feinem Jvauiiic UKdcit 

• ivcitcn. ar^enn er umfouil flcHvcM I>at, bai'> Csut'cnHnim jn rerncf^len, [o irirb 

iOm uicl;(ß fitvig Mcil'cn, alij cf» uücter ju [cfHH'^cn. 25cv Subc u^irt immer, 

fo IciW^c er firf; 3»tc nennt, fo iveniß er m\6) cm feiner D^clicjion glanM unb 
^alt, fo iMcl er aud; (5I;viftli(fKö luid^ifit, fo brei|1 er fid> ju ben 31idUiutcn 
bränot, ober fo lH'fd;cibcn er fid> nnbevn mag, bennod; al8 ^ute surücföefe^t 
bleiben. Stellen fid; brd) nod; I;cntc bic i^crfdncbcnen d;ri|ilid;cn (Jcnfcificntn 
feinbfelig ciuanbcr gegenüber, ivicu^ol fic fid; gcgenfeitig nid;t ba^jcnigc rcru^crs 
fcn, irnö fic alö 23onranb beß Siittcnt^affeö i>crfd;ü^en, unb nur bnö CJIcicI^ge- 
iridjt bcr materiellen Ä^raftc, u>eld>cö ein breifjigjä^^riacr Äricg I,^erl)cigcfül;rt, 
ücrljütet bic Unterbvücfung bcr einen ober bcr andern (Sonfcfficn; beraube ^in: 
gegen fann bcr 53ii[J3unfl unbbcrSntolIcvans, bcnuifinctmitUcbermad;!, nid^t§Ql5 
Öcbulb cntgegcnfctjen. IDcrSubc, bcr bat;er nid;t fd;u^ad; genug i|1, feinen Olaus 
bcn gani ju perlciigncu, mufj {larf genug fein, um mit Sfirbc cntbcbren ju* 
Ji^nnen. Sßafl man il}m mit Unred;t »orrcntl^ält, er mu^ nid;t barnod; fcufjcn; 
ilolj auf feinen ©laubeu muf) er fid) über bad iilcinlid;c crl;cbcn, unb cö mit 
OJIcid;gültigfcit, u^enn aud; nid;t mit isevad»tung, betrad,^tcn. &)\'c i>erbicncn 
ift nnrllid^ (31)re, gcel;vt fein i|l 3^\i(\\l, gar oft unel;vlid;. :£)er .V)alb)ubc fd^iron» 
nnc baö OieI;r, u^urjclt nirgcnbi', unb UMVb am Gnbc, a>ic bic Slebcrmauö in 
bcr Jabcl, nirgenb? alß ebenbürtig anerfannt. 23oI möd^tc id; gern Xiai 6nbc 
bcr jetzigen Sirrcn'im 3i»^c"tbumc erfd^aucn, ju erleben f)onc id; fic nid)t 
•)nrti* xb") 1:N"1X' unb (niltc id; jene 3cit nid;t für bic cvnn"infd;tc|lc. ßjcbe 
Gjctt, H^ bic Scnbnng fanft unb pl;nc Sturm I;crbci3efüf;rt werbe! 

5d; merfc, ba{j id; finftcv unb I;in^od^onberiid) U'crbe; idj iriU bafter nur 
fc^^Iicpcn mit jenen fd;önen Sorten : ;-).C\xr IH 3*rC *0 O^O C^X'^H V^"' 

n: nox' 7XT;:;* /i* cir:;i .. 



Die Verbreitung des Reformgedankens hatte inzwischen auch in dem von 
vornherein der Reform zugeneigten und sie fördernden Abraham Muhr die 
noch vorhandenen konservativen Neigungen immer mehr verdrängt. Deutsch 
reagiert darauf mit einer klaren Definition seiner Auffassung. 

( ) Israel Deutsch an Abraham Muhr 

t 

Beuthen, am 6. Adar 5604. 
(25. Februar I644). 



• • • 



Sic Crtcbofic ^cii, tro& bcr Scrfnöd^erung, SSerflcinenmg unb fcnpigcn" 
Snucctiscn, mit a^clcbcn man fic überKnift, bennod; burd; Sal;rtaufcnbe bcn 
^urn bcu^ubcntbumä gcfunb nw'o fräftig crbaltcn, u\ibrcnb bic 9icoIogic burc^ 
einen Scitraum oon faum j'.rci S/Cjcnnicn i[;rc« Sirfcnö fd;cn bicfcn ^crn ju 
rcrnid;tcn bror;ct, u^a-S bcr .<tümpf Sf^f'^ ^i^ Oicfcrmfreunbc (nnlanglicJ) bcfun<- 
bet. 23enn aber im Q3erfauf ter 3^H, mand^co Jjrcmbartigc in bic DrlI;obc?ie 
fid; cinjufd;Ieidien, unb Öeltimg ju s^erfdiancn geirufjt; fo bebarf c5 bccU^cgcn 
feines Stürmenß, fcincö gcnuiltfummen, 2II(e5 erfd;ütternbcn fcureipenS. 2)ic 
öllmalig fortid;rcitcnbc Silbimg, bic mit bcrScit allgemein burd;bringen mup, 
nnrb fd;on o[mc Ocraufd) jencu J^rcmbavligc aupöfen; cÖ n)irb fpuricö ocrs 
fd;nnnbeu unb nicfjtö jum öegral^cn übrig bleiben. iDic „^(utonomic"') ^abc 
id) nodj nid;t gelefcn ; bod; fcnnc i6 ihre 2;cnbenj au9 bcn jübifd;cn Sournalcn. 



:> 



^u"irjlicf> Um mir äufolli^j ein 23Ialt tcc* l'cniivKli^cr „Sivaclilcu"^) ju Öcfidjte, 
b(\3 tiefe !?lutoncmic bcf^^ricfit. ^i^Oic fuf; tiefe [rommc .<bnut freuet, top man 
mm eine 5lnleitimfl l)al^c, ciKcn ScfMiuiy mit nllcu 9voP, bor feit O^^pfifl Seiten 
bcm Suteutlnimc onKebt, mit ßiiter D?ianier tueöjiifcgen. Gö \\t tiefem guten 
03iannc turrf; cru\ibntc ^lutonomic iric 8d;u^H>en i^on ben Jlugen gefallen. 
5clU fieM er cö riar, bafj ter Si^eg, tcn er H3 je^t auö Ieibli(f;cn Dlüclfic^tcn 
t^crfclgt, üud; am bcquempcii imt ful^crilcu jum .^immcl ful;re. 



(Sntlicf) meinen Sic, man n^erbc öcn ben Diatbincrn forbern, burd) Se« 
le^rung baS Solf immer mel^r jur Gmnnjipatipucrcifc fjeranjubilbcn, unb ba«' 
burc^ mirb ein Gonpift cnt|}el;en u. f. n*. So \c\)x man gcn^cf^nt \\i, bicfe 
Sprad;c t?cn ^«benfeinbcn ju \?crnel;mcn, fo fonbcrbar Hingt Sic im 5}?unbe. 
ciucS Sufecn. Slcifc jur Gmancipation! ! 2)ie »crmiffe \d) ganj unb gat 
nidbt. Sinb ia bic Sieger in ben amcrifanifdjcn ^lantagcn, in ben 5(ugcn je« 
bcft cbicn t)}kufd)cufrcunbc§ reif jur Gmancipation, unb bic 3ubcn mSrcn c8 
nic^^t? — Sft bcd; bic d;riillid)c^leb?, bic. man in ben JRinnpcincn, bcmSSic^e 
glei(^, liegen fiet;t, or;nc 2ruSnaT;mc cmaneipirt; unb bcr ^\it>c xoäxc nid;t reif? 
3:äufc^en \mx unö bod; nid;t! Unfcrc CJcgncr, bic eine fc&Ienbc JReifc oorfd)ü&cn, 
feuncn fid^rlid; !einc ariberc JHeifc, alö — bic üaufc. 3u bicfer über tt?crbcn 
bic prt!>pbo;:cn J)kbt)inev unter feiner SÖebingung ben 3Bcg baf)ncn. 2I(^, tt>as 
rum muö bcr Glaube, bcr nur Siebe unb (5inlrad;t fliften folltc, ju allen Seiten 
5}eranlaj|ung ju .^afj unb S^vicfpalt geben? — 5lbcr Sic ^abcn ganj icd^t: 
moö nid;t fd;aten fann, ba3 Fann aud; nid;t nü^en. SBoö wäre QJIaubcn auc^, 
wenn ba5 ©cgiaubtc nid;t anber3 benibar märe 

')U2 id'p* D'pni: 'n 'Zii Dniy» 

Z& ^of^c, Sic merben bicö Sd;reiben in eben bcm Sinne lefcn, ttic ic^ 
baö Z\)x\^t gclcfcn, nämlid; aI8 einen (Srgu^ frcunbf(^aftlid;cr Sichtung . . 

. S^^cö ergebenen 
. ■• . 3. 2>cutf(^. 



y^ 



Ende I846, laiapp vor dem in das folgende Jahr fallenden Tode Muhrs 
Deutsch starb im Jahre 1Ö53 - bricht der Briefwechsel ah. 



( ) Israel Deutsch an Abraham Muhr 



Beuthen, am 29, ICislew 56O7. 
(18. Dezember IÖ46). 



Gin ©cctor Seit in 5?crlin I?at ben Cinfall, er fcnnc nid;t beim „C^ott 
3frael5 .fd)ui5rcn, n^eil bieö einen „5^aticnüIgotl" corauGfcfpC. 2Jian »irft 
jivar burd) bicfe ^cTjau^lung einen Stein auf bic ganjc Subenl;eit, n^eldje feit 
^ül>rl)unbcrlcn beim ©Ptte 5ivael6 fdjiyßrt; allein man mill ben SSonrurf bcö 
^artifuIarißmuS, ben bic jjeinbc bcr Gmancipaticn ücrfd^üecn, mit G'clat ju« 
rücfn>eifen. CDt^gen alfo bic ^ütrcvtcrn im Grabe mit Sdu'mpf unb Sclnnac^ 
bebcdt merben, trenn nur iI,Te Inimanifircntcn, fccmc;^plitiicf>en Gnfel ein 5Icmts 
d;cn erlangen, unb fei c5 — baS cineö ?tad;tn^äd;ter5. — 5Iber c8 fei barum, 
^err Seit wci^, wai er unll; jetenfaHö n^ar ter ^Hotcf^ cvigincll. 5lbcr balb 
nnrb ein .^irfd;bcrgcr 5»^c iuficivt, bcr fid; iiiclleid)t fein Cebenlang n>cber um 
einen Tcaticnal; ncd; um einen Univ'crfalf;crrgctt gefümmcrt, auc^ er proteftirt, 
unb verliert er beSbalb aud) feine Sd)uIbfovberung, \o ^at er bod; bafür ben 
Grfafj, \>Ci^ in ben Scitungen baoon gefpvüd;en mirb. SSic gcfagt, id; für mci« 






« • 

t 



11 



2) 3ed)ci. 37, 8. \ ••" ' :'' . . '. . . ' ,' • 

») 2k ^lutoncmic tru Dr. 3. .C^cttieim. ■ 

*) ©er öiraclit bei 19. 34vl)unK'il?, S>^m^'^\^ vcbia»vt tcn Dr. .^«ü i« CcnöPfcIb. 



2). 2>. 



!! 




CSnMid) meinen Sic, man n^crbc ücn bcn JKabbincrn forbcrn, burdj Se« 
Ic^rung baS Solf immer mcf^r jur Gmanjipalionfrcifc ^cranjubilbcn, unb ba« 
burc^ mirb ein Gcnpift cnl|lcl;cn u. f. tt». 6p fc^r man öCJi>c()nt \\i, bicfe 
Spracf;c »cn 3"tenfcinbcn ju t?crneT;mcn, fo [onbcrbar Hingt Sic im 5}?unbe 
cinc3 Sufecn. IKcifc ^ur Gmancipation! ! 2)ic »crmifje icf; ganj unb gar 
ni(ibt. Siub ja bic Olcgcr in bcn amerifani[d)cn ^lantagcn, in bcn klugen je« 
bcö cbicn t>3Jcn[d;cnfrcunbc3 reif jur Gmancipation, unb bic Subcn trSrcn 
nid;t? — Sil ^cd) tic rf;rift(id)c^IcbS, bic. man in bcn SJ^innpeincn, bcmSÖj 
^ki6), ließen [Kl)t, c\)\k 5rii?nar)mc cmancipirt; unb bcr ^wtc wm ni6frcif? 
2;äu[d;en unr nn3 bod} iüd;t! Unferc Ocgner, bic eine fc^Ienbc JReifc ojy^d)ü^cn, 
fenncn fidKrlid) feine anbere Dicife, qIö — bic Saufe. 3u biefer Aber »erben 
bic orll^obc;:cn J)^\bl)incr unter feiner SöcbinQung bcn SScg bahnen. 5Ic^, tras 
rum mu^ ber ©laute, bcr nur ?ictc unb Cintrad;t (iiften \dUj/, ju allen Seiten 
SGcranlanun^ ju .^ajj unb 3^^nc[palt geben? — 5Ibcr Sir fjaben ganj rcc^t: 
n?a5 nid;t fd;abcn fann, ba3 fann aud; nid;t nützen. 23^6 wäre CJIauIjcn üuc^, 
ipenn baS GJeglaubtc nidjt anbcr3 bcnlKir tuSrc / 

*-p2 )zh' üyr^ 'n *dii' ün^:;» 

SA ^offc, Sic werben biefl Scf;rciDcn in c^en bem Sinne lefcn, tbic iäf 
baß ^\)ü^i oclcfcn, nämlid) alö einen (5rv3up frcunbfc^aftlid;cr Sichtung . 

3^rcö ergebenen- • . 
. • .- . .. • / . 3- JDcutfi!^. 



Ende IÖ46, knapp vor dem in das folgende Jahr fall enden Tode Lluhrs 
Deutsch starh im Jahre I8 5 3 - "bricht der Briefwechsel ah. 




Israel Deutsch an Abraham Muhr 



Beuthen, am 29. Kislew 5607. 
(18. Dezemher I846). 



^in Soctor Seit in 23erl;n ^at bcn GinfaH, er ft^nne nid;t beim „©ptt 
SMS fdjmören, meil bic8 einen „SRaticnalgott" Dorau^fcte. dTian »irft 
l\/a: burd) bicfc ^cl;auptung einen Stein ouf bic ganje Subcnl;cit, roclc^^c [cit 
)ah^unbcrtcn beim (yplle S|vael5 fd;iv5rt; allein man irill bcn Sßornnjrf bcö 
^arlifuIariÖmuS, bcn bic J^einbc bcr Cmancipaticn oorfc^n'itsen, mit Gclüt iu» 
riurmeifcn. a)iagcn alfo bic ^Ktrorbevn im örabc mit Sdnmvf unb Sd;mac^ 
bcbcdt n^erben, mcnn nur i[TC Inimanifircnbcn, fcümcpcliti[d;en (Jnfcl ein Slcmts 
d;cn erlangen, unb fei Co — baS cincö 5riad)fmäd;tcr?. — 5Ibcr cß fei barum, 
^crr Seit meiij, n>a5 er u^iü; jcbenfallö n^ar bcr ^xok\i crigincH. 5lbcr talb 
unrb ein .<])iv[d^bcrgcr Subc inficirt, bcr fid; iv,cUcid;t fein Ccbcnlang n^cber um 
einen Tiational-- ncd; um einen Uniücrfal^crrgott gefümmcrt, auc^ er proteftirt, 
unb öcrlicrt er bcöl^alb aiid; feine Sdmlbfovberung, fü ^at er bod; bafür bcn 
©rfalj, ba[) in bcn 3eitungen baoon gcfprod;en lüirb. SDic gcfflgt, id) für mci» 



\y 






ncu.3:r;cil Inn ju ircnig rcij^ar, unb fnfic c3 bar;cr - üicHcidjt mit unrcQ;t — 
ron bcr läd^crlidu^n 6ci(c auf, unb trenn id; oucfi Q}?anrf;c5 an bcr normirtcn 
Oorm bcö Subcnclbcc ju ml^lüaigcn pnbc, fo ^alte iä} bicö nicf)t für rrirf;ti3 
ßcnufl, um bcßbalb ju prctcjKrcn. • 



Jagcö fcaroufi 

^c u>clt iror mein ScT^rcibcn {jcbjcljcn, alfl id) Reut 5I;r GccIjrtcS, cnl* 
taltcnb bic ?l^[d;rift Sl^rcC' ^^rctcilcS cr(ncH; Sie ücrlanflcn außbrücHid; meine 
cufrid^tiiic Meinung, b. \\, tric eic IiinjufcC^cn, tabelnb. Sc^ freue mid?, oon 
3lMicn fp gut Qcfannt ju [ein, inbcm fic i>cn mir eine tabcinbc OTcinunß aI8 
tic cufvid'ticjc roraiiöfctcn. Sic fe!)cn, grcunb, icf; bin 3f;rcm ©un[d)C iuoors 
ßcrcmmcn. •)n::\X »:X1 IXnp» DTO n*ni. Sd; mup Sl^cn jcbod) mit 
eben bcr ^lufri^ti^rcit, aly cö mein Sabel trar, ocrfidjcrn, bap id; Sic burc^j 
au5 ni6t [äMg baltc, au8 anbcrn D3iolipcn al3 üu8 innerer Uebcrjcugung iu 

pvelcftircn. 2Ber ba SdMr.erj [üMt, bcr f[v>(jt, mavum aber ^tfagen vcrQnlajfcn, 
irenn Sdjmcr^ nid^t Sffül;lt ivirb'? — Sic füHcn fid) ücrlett unb protcfiircn 
barum; bic G5cmcinben bingecjen, bie fciu23cbür[nin jum^rotcflc füllen, n^arum 
fic üu[|la6flu? — ^aö u\irc meines (5rad;tcno, ?.^?obcfud;t. , ; 

■ßaß bcn ^^rctcft i'elb|l betrint, fo billige id; bcn Ic|j(cn, ücrircrfc Ijingcgen 
fccn erilen X'i)Q\l bcffclben. 2)er „GJctt Siraclö" ijl fcineSircgS ein SRatienaU 
ßott, fcnberu ber Qöott, btr burc^ 2fracl ber sanjcn cioilifirten Seit !unb« 
geircrbcn, bai-}eni{jc bcd^flc 33cfen, bas einig einjigc, Dor^erfcI;cnbc, unförper» 
lid;c u. f. »., unc bie Ccbrc SfracU i^n Dorpellt. Gö [diliept alle beibnifc^cn 
öcgrinc rcn ÖPtt, bic Srcifaltigfcit unb baö Jjatum auß. 2)cr „SlUmacf^tige, 
Sinnüffcnbe" fagt bei n^citem baS nid;t, ivaß „QJctt 3[rQcI»" [^gt. SBarum 
ülfo ba5[euigc jurücfn?eifcn, ti^aS un8 jur f;öd;pcn Q^xt gereicht. 



fyK '^i%H fß-nr4d KoZLe^ CouecrxoM ^jjZ ^B 



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Im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts v/urde . durch eine Reihe von 
welthistorischen Geschehnissen der vordere Orient in Aufruhr versetzt 
und die Stätten, von denen die Geschichto der Juden ihren Ausgang 
genommen hat, in die Sphäre der europäischen Politik einbezogen. In 
die Zeit zwischen I83I und 1839 fällt der Kampf, den der vom Sultan 
Llahnud II, abgefallene Pascha von Aegypten Kehemed Ali goQQn die 
Türkei ausfocht und der mit der Unterv/erfung SyrienSj-einschliesslich 
des damals dazugehörigen Palästinas, unter die Herrschaft Aegyptens 
endete. Als jedoch Hol|ned Ali durch eine neue erfolgreiche Offensive 
die Hohe Pforte seihst bedrohte, griffen die verbündeten Mächte H]ngland, 
est erreich und Preussen zugunsten der gefährdeten Türkei durch eine 
bev/affnete Aktion ein. Im Oktober I84O setzte ein englisches Geschwader 
nach Einnahme von Akk;;^ eine englisch-österreichisch-rtürkische Truppen- 
macht an Land, die unter dem Oberbefehl des deutschen Generals August 
von Jochmus Palästina zurückeroberte und im Februar IÖ4I in Damaskus 
im Triumph einzog« 

Die durch diese Ereignisse hervorgerufene "orientalische Präge" 
eröffnete völlig unerwartete Perspektiven für Palästina. Unter den 
staatspolitischen Plänen, die man für das plötzlich zu internationaler 
Bedeutung gelangte, verwahrloste Land zu entwerfen begann, tauchte 
mitten im Zeitalter der fortschreitenden Emanzipation die lilöglichkeit 
einer Rückkehr der Juden in ihre alte Heimat als ein ernstlich zu er- 
wägendes weltpolitisches Problem auf. Insbesondere in England nahm die 
Bev/egung für die "Restoration of the Jews", deren Anfänge bis in das 
sechzehnte Jahrhundert zurückreichen, einen realistischen, auf unmittel- 
bare Verwdrklichung gerichteten Charakter an. Ihr führender Geist war 
der tiefreligiöse Philanthrop Lord/^snley/fSpa^Eer~Siebenter Earl of 
Shaftesbury, dem das Verdienst zukommt, alS' erster die Idee einer völker- 
rechtlich gesicherten Heimstätte der Juden auf palästinensischem Boden 
durch eine an Lord Palmerston, den damaligen britischen Aussenminister, 
gerichtete Denkschrift aus der Sphäre der Utopie in jene der Politik 
verlegt zu haben. Fast gleichzeitig ging von Oberst Charles Henry- 
Churchill, der dem Stabe des Generals von Jochmus zugeteilt war, eine 
andere weitblickende Initiative aus. In der richtigen Erkenntnis, dass 
der erste Anstoss zu einer Wiedergeburt des Landes Israel von der 



* Mehemed Ali;: (1769-1849). 

•^-^^ Augast von Jochmuc:(l8o8-l88l), Ohsf des Generals t.r.l);^ der 

tfirkisoh-.nglisoh-österroicMßchon Streitkräfte ßV3£:9n Svri ;n, 



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; 



Judonhcit ausgehen müsse, untornahm Churchill, mehr alc fünfzig Jahre 
vor dorn Auftreten Theodor Herzls, in einer in Damaskus (gehaltenen Rede 
und in Briefen an Sir Kosos Montofiore, das Haupt der britischen 
Judonschaft, den Versuch, die Juden der Welt zu einer ,fremeinsamon Aktion 
zu hestimmen, deren Endziel die Wiederbelebung des jüdischen Gemein- 
\Yesens im Lande Israel sein sollte. 

In dieselbe Zeit fiel die unter dem Namen Damaskus -Affäre bekannt 
gowordeno Justiztragödie, die ebenfalls die Judenfrage in den Mittel- 
punkt des Öffentlichen Interesses rückte. Am 5, Februar I840 war in 
Damaskus der Kapuzinermönch Thomas de Sardegna samt seinem Diener 
spurlos verschv/unden. Obwohl der Verdacht nahelag, das 3 beide einer 
Rache von Llohammedanern zum Opfer gefallen seien, entstand das Gerücht, 
die Juden hätten den 'S's^ki^ und seinen Hausgenossen getötet, um deren 
Blut zur Bereitung von llazzoth für das bevorstehende Pessachf est zu 
ver\7endon. Der französische Konsul Ratti*i:enton, der diplomatische 
Vertreter jener Macht, deren Gunst sich Mehemed Ali erfreute, führte 
gemeinsam mit dem türkischen Gouverneur Scherif Pascha die Untersuchung 
gogen die verhafteten Juden, unter denen sich die angesehensten Mit- 
gV'ii.der der Gemeinde befanden, und schreckte nicht vor der Anwendung 
grausamster Foltermethoden zurück, deren (c^ualen zwei der Opfer erlagen. 

Die Berichte über diese Schrecken versetzten die Alte und die Neue 
V/elt in Aufruhr, li'icht bloss die breite Oeff entlichlceit, auch die 
Parlamente und Staatskanzleien bemächtigten sich des Falles. Es kam 
sogar zu einem gemeinsamen diplomatischen Schritt von England, ester- 
reich, Preussen und Russland, deren Vertreter an Kehemed Ali eine ITote 
mit der Aufforderung richteten, er möge, "erleuchtet von dem Geiste, der 
klar erkannt habe, dass der seit Jahrhunderten gegen die Juden geäusserte 
Verdacht, llenschenopf er darzubringen, ^ eine haltlose Verleumdung sei," 
eine der europäischen Art der Rechtspflege -entsprechende Revision des 
QQgQTi die Juden anhängig gemachten Prozesses anordnen. 

Das Ereignis erschütterte die gesamte Jüdische Diaspora und führte 
allgemein zu dem Wunsch nach Selbsthilfe. Eine von der Deputierten- 
kammer der englischen Juden nach London einberufene Konferenz beschloss 
im Juni IÖ40 die liJntsendung oiner Deputation an den Hof l.:ehemed Alis, 
um die Sache der verfolgten Juden von Damaslcus zu verfechten. Im Juli 
1840 trat die Deputation, der ausser lloses Montefior'o'und seinem gelehr- 
ton Sekrotär Dr. Louis ^ij^nt^' Loewe, der schon um diese Zeit berühmte 
französische Advokat Adolphe Cremieuz und der aus Deutschland stammende 



* Sir Moöes MonijQfiore; (17^>4-Iö83) , die repräßentativt^te Pernön- 
liclilr.öi-b in der jüd. Politik des 19» Jahrhundert.^:!, li^lhrondes 
Mitf'3:liecl der sefardisohen Gemeinde in London, "vvo seine F?amilie 
sich in der Mitte des 16. Jahrhiinderts niedergelassen hatte. 
Setzte sich fi'xr die verfolgt an Juden in aller Welt oin und xiTurde 
ein Vorkämpfer jüdisohor Interefüsen. 

** Louia Loewe; (180 9-1888), Orientalist| unternahm nach der Reise 

nach Damaskus weitere Reisen nach Russland (I846 und I872), naoh 
Marokko (l863) und Rumänien (l867). Gab die Tagehücher von Sir 
Moses Montefiore heraus« Diaries of Sir M. and Lady Montefiore, 
1890 . ^ 



^t^* 



Adolphe Cr^mieux:( 1796-1860), frai^Jsisoher Minist ^r und Politikc^r, 
Setzte sich fflr die volle Oleichherechtigung der Juden ein. 



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. / ( - 



Oriontalist Salomon llunk an^^ohörten, die Roice nach Aogypten an. 
Nach mohrfachen Audienzen hei llehomod Ali gelang es den Delegierten 
schliesslich, ihn zur Freilassung der gefangenen Juden zu bestimmen. 
Llontefiore hegah sich sodann in Begleitung von Dr. Loev;e noch .nach 
Konstantinopel und ervnlrkte bei dem jungen Sultan Abdul ^^asoip-iä./ die 
Vorkündung eines foierliohon Manifestes (Hatti/ Sherif) zum Sohutzo der 
im Osmanischen Reich lebenden Juden, 

Diese Geschehnisse bilden den Hintergrund für das erste Aufflammen 
dos zionistischen Gedankens innerhalb der europäischen Judenheit im 
neunzehnten Jahrhundert. In rascher Folge kam es an verschiedenen 
Punkten des Kontinents zu Kundgebungen eines wieder erwachten jüdischen 
ITationalbe\msstseins, Bereits im Jahre 1Ö34 hatte Rabbi Yehuda Alkalay 
von Semlin seine in diesem Geiste verfasste Schrift "Schema Israel" 
veröffentlicht; im Kriegs jähre I84O begab er sich sogar persönlich nach 
London, um eine jüdische Kolonisierung des Landes Israel in die V/ege 
zu leiten, in demselben Jahre, in dem Scimuel David Luzzatto in Padua , 
seinen Brief an die jüdischen Gelehrten in Deutschland schrieb. Mkt^ 
^'ünTer den Juden des deutschen Sprachgebietes - in Deutschland und 
esterreich - ^j^jS^ der Gedanlce einer nationalen Wiedergeburt um jene 
Zeit mehrfachen und beredt on Ausdruck gefunden./ 

lloritz Steinschneider, der in späteren Jahren neben Leopold Zunz B-^^uc 
z^Ö"c.#^to;^;?5M^'^^Ö CAü^li^iu der Wissenschaft des Judentums 'g/>^^<^L<^fi ^ war, 
ZLOixSzü;: als er, zv;anzig Jahre alt, in Prag studierte, der Mittelpunkt 
und Organisator einer auf "die Wiederherstellung der jüdischen Unab- 
hängigkeit" gerichteten Studentenbewegung. Sie nahm ihren Ausgang von 
Prag, vra im Jahre I836 ein dieses Ziel anstrebender Verein gegründet . 
vAirde, Im Jahre I84I folgte eine analoge Gründung in Berlin. Die !2:'4tU'^ 
/i^ccv dieser frühzioniö tischen Studentenverbindung - wohl der ersten 
dieser Art - stammten zumeist aus Bähmen iind Deutschland, Die Kenntnis 
ihrer ITaraen verdanken v/ir den Geheimakten der österreichischen und 
proussischsn Polizei, da die Tätigkeit der beiden Vereine den Verdacht 
staatsgeiälirdender Umtriebe erweckte. Der aus Böhmen stammende Ado^4^— 
Benisch war neben Steinschneider das tätigste LIitglied des Prager 
Vereins und, väe Steinschneider, im jüdischen Schrifttum sehr bewandert. 



S 



Salomon Munk.'(l80 3-1867), ü'berBetzte die Petition an den Sultan 
ins Türkisolie. Da Judon in Preunsen ktin Stautoamt 1)f;kl?;iden 
durften, wanderte Muiik nach Frankrüioh aiis, Zunäohst Hauslehrer 
"boi Alphoiise und Guntave de EotlLschild, Äiatalo^ibierte er I838 
die hel)r, , arain., sp?, imd sra'b, Handschrift n der Pariser 
Hational'bi'bi'bliothek. I865 i/urde er l^aohfolgor Eenans als 
Professor für Fe"bräiöch am College de Pranoo« 



** 



Yehuda Alkalay; (1788 - I878), Vorkämpfer der Zions Idee, Ueher- 
siedelte nach Palästina und 'bemühte sioh um die Vereinigung der 
aschkenasischen und sefardisohen Gemeinden. 



^^^ 



Moritz Steinschnoiderf (1816-1907)1 Orientalist und Bihliograph. 
1852 - 1860 erschien sein Katalog der hebr, Bücher der Oxforder 
Bibliothek (Catalogue Libror. Hebraeoorum in Bibliotheoa Bod- 
leiana), der seinen v;-i ss ans ohaft liehen Ruhm begründete. üJr 
gründete und leitete die Zeitschrift "Hamaskir, Hebr. Bibliogra- 
phie" (1858-1882). 



**** Abraham Benißoh;(l8ll-l878). 



Um das Jahr I83Ö gin^ er zum I.iodizinatudium nach Y^ien, aber auch um 
einon Vorein nach dem ?td.qqt TiuGter zu gründen. Ihm schloss sich der 
ehenfalls in V/ien Medizin studierende, aus Mähren stammende V/ilholm 
esterreicher an. Aus der Zusammenarbeit der beiden Freunde ging 
ein Projekt zur Gründung einer jüdischen Kolonie im Lande Israel hervor. 
Als sich im Jahre I84O Adolphe Cremieux auf der Rückreise von Aegypten 
in Wien aufhielt, verschafften sich die beiden Studenten Zutritt zu 
dem berühmten Mann und überreichten ihm das Manuskript ihres Projektes. 
Cremieuz fertigte die unbekannten jungen Leute nicht als phantastische 
Schwärmer ab, sondern würdigte sie einer ernsten Antwort, 

( ) Adolphe Cremieux an Abraham Benisch und Wilhelm 
esterreicher 

Metz, IÖ40 



fi'nii/iisisclien Israi^Iitcii, die in Frankreich ein so 
teures Vaterland besitzen, i'iililen weniger als die 
iii)i-ipeii auf dein ganz(Mi Erdenrund verbreiteten 
Israeliten die Notwendigkeit einer solchen Kolonie 
in Paliistina. AIxm- es kann kein Zweifel bestehen, 
dal! unsere Wünsche und Sympathien denen unserer 
iiiiid(;r fülj^en werden, die zu einem so erhabenen und 
niiizlichen Zwecke, den sie verschlacken, sich in das 
Land beg'eben werden, wo unsere Ahnen so niiiehtig 
waren, und versuchen werden ein unserer Epoche 
würdiges A\'^erk zum Wohle der Zivilisation zu 
s( liaffen. Die ganze Welt hat jetzt ihre Augen gegen 
den Orient gericiitet. Webber Art die Losung der 
.S( hwi(U'igkeiten auch sein wird, die sieh aus der 
Politik in Aegypten und Syrien ergeben, so ist doch 
evident, daß \on nun an der Orient auch für die Ge- 
schichie selbst des Westens schwerwiegend sein 
wii'd. Sie Wahlen den geeigneten Moment, um Ihre 
Ideen zu propagieren. Aber vor allem wüiüle es not- 
wendig sein, dal! diese von den Ministerien der 
Ilauj^tstaaten genehmigt Averden, denn man benötigt 
für Ihre zukünftige Kolonien eines wirksamen und 
vor allem europäischen Schutzes (protection). 



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.M. Gelber s Zur Vorgeschichte des Zioniaraus, Wien 1927. 3. 204. 



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Diesem Brief war oin Empfehlungsschreiben an Montefiore "beigelegt. 
BeniGch begab sich jedoch erst im Jahre I84I nach London, wo er dauern- 
den Wohnsitz nahm und das bis zum heutigen Tage bestehende führende 
englisch- jüdische Organ "Tho Jewish Chronicle" gründete. 

Die im März I840 in Berlin- erschienene, mit den Buchstaben "C.L.K." 

NGu-Judaea^ / 

gözeiohnütö Oohrifl) 7Sit\vurr aum V/iedöraufbau eines selbotändigon 

jüdischen Staates " hatte einen gänzlich anderen Charakter als die von 
Steinschneider und Benisch angestrebte nationale Richtung. Auf eigen- 
artige Weise ^vurde darin dio später mit dem Schlagwort "Territorialis- 
mus" gekennzeichnete Bestrebung mit der ebenfalls erst später (von 
Achad Haam) entv/^ickelten Idee eines im Lande Israel zu schaffenden 
geistigen jüdischen Zentrums verbunden. Der anonyme Verfasser der 
Broechüro trat für die Wiedervereinigung des jüdischen Volkes in einem 
schv/ach besiedelten Gebiete Amerikas ein. Dort sollte eine "aristokra- 
tische Republik" geschaffen v/erden, stark genug, um von dem Oberherm 
Sirriens die Stadt Jerusalem mit einem dazugehörigen Weichbild zu er- 
werben und die heilige Stadt vdedererstehen zu lassen als einen Wall- 
fahrtsort für die Judonheit wie ihn die Christenheit in Rom und die 
Mohammedaner in Mekka besitzen. 

Der mit "D.V.H." gezeichnete Aufruf eines uhbekannten Autors aus 
Konstanz, in der Zeitschrift "Orient" a^ 27. Juni I04O veröffent- 
licht, kommt dem, was sich gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts 
als politischer Zionismus entvackelte, am nächsten. Die einzige zeit- 
genössische Parallele zu den darin entwickelten Gedanken ist in den 
offenbar völlig unabhängig konzipierten Kundgebungen des Colonel Charles 
Henry Churchill zu finden. 



( 



) Aus dem Aufruf des Anonymus (D,H.V, ) 

Constanz am Rhein, 11. Juni 1$40 



Die Araber, durch Mchemcd Alis gewaltigen Scepter geleitet, 
haben vor unseren Augen dem sinkenden Throne Osraans den 
letzten Stoß versetzt, keine Macht der Erde wird dessed 
völligen Einsturz verhindern. Schon lodert die Flamme der 
Zwietracht im Herzen des Reiches, in Adrianopel und Smyrna 
stehen sich Christen und Türken kampfgerüstet gegenüber. 
Will Israel allein die Hände in den Schoß 
legenPl Die Ereignisse im Orient sind der Finger des Herrn, 
dort eröffnet sich uns eine Wirksamkeit, dort wird sich unser 
Schicksal entscheiden! Oder wozu anders hätten wir mitten 
unter den nordischen sprach- und stammfremden Völkern so 
manches Jahrhundert hindurch bis auf den heutigen Tag 
unsere heimatlichen Sitten und Gebräuche, unsere Strafe und 
Religion so unverzagt gegen alle Stürme gewahrt, als um durch 



* Aoh.-:id Haamj (1856-1927)5 "Ei:a r aus dem ?olk©", Pö.;uclonym für Usoher 

Ginz"berg, Hebr. Sohriftstellor, L^ohöpfer des ;^eis-fci-Gn Zionismus. 



Der Orient, V/ochensohrift, Loipaig IB4O-I85I. 



N 



.M. Gelber« Vorgeschichte des Zionismus. S. 263/66, 



/ 



eine ärmliche Emnnzipation nnpclockt, in ein Nichts aufzu- 
gehen? Aus Erbarmen oder habsüchtiger Spekulation wirft 

man uns nach unendlichen Petitioniren einige auf allen Seiten 

beschnittenen Vergünstigungen zu. Wer ist*s am Ende, dessen 

Gnade wir solch magere Gaben zu verdanken haben, dem 

Volke, das nie anders als mit höhnischem Auge uns als Nach- 
barn duldet? 

Beim Volke und seinen Wortführern ,sind 

w i rheutenochebenso angefeindet, alsirgend 

einmal. Sehet in die Staaten, wo das demokratishe Element 

Ucbergcwicht bat, Haß und Verachtung, aber kein Wohlwollen- 
Ais Fremdlinge werden wir geduldet, nirgends gesucht, 

nirgends geliebt. Die Verschiedenheit des semitisch-südlichen 

Urstammes von den blonden Abkömmlingen des Nordens ist 

zu unvertilgbar in Körper und Seele gezeichnet, als daß je 

eine Ausgleichung möglich wäre. Wir sind keine Deutschen, 

keine Slaven, auch nicht Welsche oder Griechen, wir sind die 

Kinder Israels, Stammverwandte der Araber, welche ihre 

ruhmbedeckten Waffen vom Kaukasus bis an die Säulen des 

Herkules getragen. 

Das Gastrecht bei fremden Völkern in Anspruch zu nehmen, 

zwang uns unsägliches Unglück, aber nicht ewig sollten wir 

unter ihre Füße getreten, des heiligen Namens — Vaterland — 

entbehren. 

Wir hätten ein Vaterland, das Erbe unserer Väter schöner, 

fruchtbarer, dem Verkehr wohlgelcgener als manche der ge- 

priescnsten Striche des Erdbodens umgeben vojL Schluchten- I^^IA'^^ 
reichen Taurus, den liebliclien Gestaden des Euphrats, den 
Hochstädten Arabiens und des felsigen Sinai, zieht sich unser 
Stammland längs des Mittelländischen Meeres hin, begrenzt 
von den turmhohen Zedern des Libanon, dem hundert kleine 
Flüsse und Bäche entquellen. Fruchtbarkeit über die schattigen 
Talgründe, Wohlhabenheit über die genügsamen Bewohner ver- 
breitend. Ein herrliches Land! im tiefsten Busen des Meeres, 
das drei Welttheile verbindet.vüber das schon die Phönizier 
unsere Brüder ihre zahlreichen Flotten bis an die Gestaden 
Albions und die reichen Küsten der Lithauer sandten; nahe 
dem Roten, sowohl als dem persischen Meere, den ewigen 
Bahnen des Weltverkehrs auf dem We^e von Persien, Indien, 
an das kaspische und Schwarze Meer,x das Zentral- 
handelslandzwischenOrientundOkzident 

'"Jedes Land hat seine Eigentümlichkeit, jedes Volk seine ihm / 

iunewoIitieDde Natur. Syrien und die es umgebenden weiten 
Flüchen, einem geregelten Ackerbau ungünstig, sind ein Land 
des Durchzuges, der Vermittlung, der Handelskarawanen. Kein 
Volk der Erde hat seinem Berufe vom ersten Entstehen an so 
treu gelebt, als wir, .wir sind ein Ilandclsvolk, geboren für das 
Land, wo wenig Nahrung nötig, diese dem nüchternen Be- 
wohner fast freiwillig von der Natur geliefert wird, nicht aber 
für die schwerschaff igen Fluren des rauhen Nordens. 

In keinem Lande der Erde sind unsere Brüder so zahlreich 
als in Syrien, in keinem leben sie als geschlossene Massen so ^ • 
unabhängig von den Umwohnern, in keinem bewahren sie so ' 
treu den Glauben an die Verheißungen der Väter, als an den 
schönen Ufern des Orontes. In Damaskus allein wohnen an 
60.000. 

Der Araber hat seine Sprache und sein Stammland be- 
hauptet, am Nil in den W^üsten bis zum Sinai und jenseits 
des Jordans weidet er seine Herden. Auf den Hochebenen 
Klcinasiens hat sich der Turkomane ein zweites Vaterland er- 
fochten, das Stammland der Osmanen, aber Syrien mit Palä- 
stina sind ledig. Seit Jahrhunderten das Schlachtfeld zwischen 
den Söhnen des Altai und der arabischen Wüste, den zur See 
hcrauswogenden Abendländern und dem halbnomadischen 
Perser, hat noch keines sich darin festzusetzen und seine Natio- f . . 
nalität aufrecht zu erhalten gewußt. Es gibt kein Volk, das den 
Namen ,3yrer" in Anspruch nehmen könnte. Ein chaotisches ^ 
Gemisch aller Stämme und Zungen, Ueberbleibsel der Wande- 
rungen aus Nord und Süd, stören sich im Besifz des herrlichen 
Landes, worin unsere Väter so manches Jahrhundert den 
Becher der Freude und des Jammers geleert, wo jede Scholle 



-f 



mit tlcm Blute unserer Helden getränkt ist, wo ihre Leiber 
unter den Trümmern von Jerusalem begraben liegen. 

Die Maclit unserer Feinde ist dabin, längst scbon bat der 
Würgengel der Zwietracbt ilire gewaltigen Scharen nieder- 
gemäht und immer noch regst du dich nicht, Volk Jebovahs? 

Was steht im Wege? Nichts als unsere eigene Untätigkeit 
Kein Pharao wird unsere Wallfahrt hindern, keine Legionen 

uns dcsn Purehgnng sperren, Haben doch einst die Chrisie» 
mitten durch feindliche kriegsgeübte Völker den Weg über 
die Dardanellen sich zu bahnen gewuflt, warum nicht wir, die 
%■ wir nirgends Feinde haben? Glaubt ihr, Mebemed Ali, oder 
^, der Sultan in Stambul werde sich nicht überzeugen lassen, 
' daß es für ihn vortheilhafter wäre, der Schutzherr eines fried-, 
liehen und reichen Volkes zu sein, als mit unendlichem Ver- 
luste an Menschen und Geld die ewig wiederkehrenden gegen- 
seitig angchetzlcn Aufstände der Türken und Araber zu be- 
kämpfen, von denen doch weder die einen noch die anderen 
das Land in blühendem Zustand zu setzen vermögen. 



^ '■ 



y 



\ Aufierordentliche Anstrengungen bedarf es nicht, um Syrien ,-j 

wenigstens unter egyptischer Herrschaft in Besitz zu nehmen- ^ , 

Haben doch die Serben und Griechen Unterstützung gefunden, 
warum nicht auch wir, die Freunde aller Moparchen Europas? 
Um Afrika zu zivilisieren, vergeudet Frankreich Blut und 
Geld! Indien blüht unter englischem Szepter, die Horden der y 
Mongolen lernen den Ackerbau unter Rußlands gewaltiger 
Hand, wird sich keine Regierung finden, um Syrien 
der Alles verheerenden Anarchie zu entwin- 
den, um dort eine Hochschule der Humanität 
und Bildung für das Morgenland zu errichten. 

Unserer Lehrjahre waren lange in allen Ländern vom Nord- 
bis zum Südpol. Kein Gewerbe, keine Kunst ist, die wir nicht 
geübt, keine Wissenschaft, in der wir nicht glänzende Vor- 
bilder aufzuweisen hätten. Wo findet ihr bessere Verkünder 
der Civilisation für die wilden Stämme des Orients? 

Volk Jehovahs, erhebe dich aus deinem tausendjährigen 
Schlummer! Schaare dich um Führer, hast du ernstlich den 
Willen, so wird ein Moses nicht fehlen. Nie verjähren 
die Rechte der Völker; nehme Besitz vom Lande deiner 
Väter, erbaue zum dritten Male den Tempel auf Zion, präch- 
tiger als je zuvor! Vertraue auf den Herrn, der dich Jahr- 
tausende unversehrt durch das Tal des Jammers geführt, er 
wird dich auch in deinem letzten Kampfe nicht verlassen. 



Di OS er Aufruf 1)1161) nicht ohne Widerhall. Viele junge Juden trugen 
ihn vd.e ein Amulett ständig hei sich. Englische und amerikanische 
Blätter brachten den V/ortlaut in Uehersetzung. Innerhalb des deutschen 
Sprachgebietes schenkt© ihm der schweizer protestantische Theologe 

■X- 

Samuel E. Preiswerk, der sich schon früher für die Wiedererrichtung 
eines jüdischen Staates in Palästina ein/^esetzt hatte, besondere 
Aufmerksamkeit, Preisv/erk druckte den Aufruf als "ein merkwürdiges 
Zeichen der Zeit" in seiner Zeitschrift "Morgenland" ab und trat mit 
groGsor V/ärme dafür ein, dass die Juden ihren Anspruch auf das Land 
ihrer Väter geltend machen und die Kolonisation Palästinas in Angriff 
nehmen sollten. 



Preiswerk: (1799 - lö7l), Pfarrerssohn, stiidi-rta i. .Basel, TubJn^^Dn, 
^rlan^:? :n. 1834 Prof. ir> GeYil*/; I843 Pfarrer uiid Privatdogont in 
Basel. HGraus3:eber «lor Monats 13 clrrirt "Das lIor^.inland" 1838 - 43, 



f" 



. *- *-»^ UV.'* — V 

r(ioti!j6^?«^iiÄt)6i^al^l^r/ ßie £p?03se Wohrheit der deutGchen Juden/Von den 



^Ü!ftC*^C4. 



"bo^öisterten Worten des unbekannten Autors keine Notiz, Auch die 
jüdischen Führer übergini^en den Aufruf mit Schweigen oder vervrarfon 
die darin vertretenen Idee, Seihst "Der Orient", dessen Gründer und 
Herausgeher Dr. Julius Fürst dem von Steinschneider gegründeten Verein 
nahestand, enthielt sich vorerst jeder Stellungnahme zu dem von ihm 
veröffentlichten Aufruf und brachte sogar e^^ne ablehnende Antwort aus 
dem Leserkreis. Uhrst im Jahre I84I kam "Der Orient" im Zusammenhang mit 
der von Charles Henry Churchill in Damaskus gehaltenen Rede und anderen 
öffentlichen Kundgebungen der Anhänger der "Restoration of the Jews" - 
Bo'.vegung auf den Aufruf aus Kon^r^z zurück und bezeichnete ihn be- 
vAindernd als den Ausdruck eines namenlosen Gefühls, das "in jedem echten 
und rechten Juden schlummerte". Allein "Der Orient" v/ar keineswegs der 
Sprecher der jüdischen Allgemeinheit, deren Repräsentanten sich zu dem 
Plan einer Besiäelung Palästinas nicht anders verhielten als fünfzehn 
Jahre früher zur Gründung der Stadt "Ararat". Ein schärferer Gegensatz 
zu den Absichten eines Churchill oder des Anonymus von Konstanz als 
die Kritik, die Ludvn.g Philippscn, eine führende Persönlichkeit der 
RGforrabo'.vogun-:, der Einborufor der Rabbinorvorsammlungcn, in der von 
ihm horauQgogebonon, violgolosonon "Allgomoinen Zeitung dos Judontumo" 
an diüoon Plänen übto, ist kaum vorstellbar: eindringlich v/arnto 
Philippson die jüdische Jugend vor der Idee, in dem verlassenen Winkel 
Syriens eine Kolonie heimatloser Juden zu schaffen, die zwischen dW^a^J- 
Lloslems und/Aegyptern keinerlei Aussicht auf eine Zukunft hätten. 
Er erklärte es als Pflicht der Juden, der Gegenwart Rechnung zu tragen, 
die es ihnen zur Aufgabe mache, "tätige Bürger im Staat zu werden und 
an der Llenschheit teilzunehmen," < 

Längst v/ar diese Pflicht dem deutschen Juden zur zweiten Natur 
\ ,. gev7orden. Immer mehr v^urde die ^ogenwart zu dem Element, in dem er 
-• , lebte, die Zulcunft zum Traum, dem er nachhing, und die messianische 
Hoffnung der Väter au ein^^r Chimäre, Aus der Fülle der Urkunden, die 
diesen Tatbestand bezeugen, seien hier Stellen aus zwei Briefen 
Abraham Geigers zitiert, die er anlässlich der Damaskus-Affäre schrieb. 



« 



Julius MrB-b: (1805-1873), Orientalist, Lexilcograph und Biblio« 
ßTaph, 1864 als erster J\ide in 'Lc.±j>7Ag zum Profennor für Oricnta- 
lisolie Sprachen ernannt. 



Lud^TTiff PhilippBon: (1811-1889), KablDiner und SohriftntrJ-lor. 
Gründer und Herausgeber der Allgameinan Zeitung des Juden tiims (I837. 
1922), MitTsegründer dar Hoohoohi^lo für die WiGsensohaft des Juden- 
tums, 



9 



( ) 



Abrabam Geifer an Joaof D6ron;^l)ourg 



Brerilau, 3. Aii^-uat I84O. 



/ ' ^ 



ömmtnert. ^iimt luiub imbere tt)iifeiifd)nftlicl)e C^ntberfiiiuicii iiind)cii^. 

oii[ feiner üieife, unb bic§ luivb bereu iuid)tici[tcu (5ri]cbniB leiii. 

SDenii im ©anäen jd^eiiit mir biefelbe eine ftnii] jiuedloie, fuft 

l)arlelinön)ei[e. Söf] [ran3öfl[d)e nnb englifd^c Suben iljrcn jiibifdjcn 

©inn in ber 9lrt beiueifen, i[t mir nid}t outiaHenb, aber \m{)\ bon 

ein Snbe, ber nuf bem Stiinbpuntt ed)t bcntjd) = iübijdjer 53i(bnna 

[tcl)t, if)neu [id) nn|d)lie[jt. ^d) tonn mid) nninlid) nod) immer 

nid)t mit bem (Gebauten befreunben, M>^ foId)e 3:()aten onS rid)tiQer 

©rtemitnife ber iünl)rcn ^nteceffen ber S»iben()eil nnb be§ Suben^ 

ll}nm» enüprin(\cn, üielmeljr in jenem rein Irnbitioneüeii, Ijalb 

nationalen, l)alb bloa (^eiubOntcn 3nfammen()nnge beiirnnbet [inb, 

in jenem ganj abstraften (iJebnnten, „ein ^ube i\\ jein", oi^ne 

meitere ^nrd)brinflnng üon bem Snl)alle beffelben. 5)ie öffentlidK 

ÜJ^einnng in ben gebilbeteii l'änbern, luo ^nben ii)o()nen, luiub udii 

joldjen an§ bem Ciienle ober bem Cccibente uorcicbvadjten 5ln: 

tdiQeii gar ni^t ober än|?er[t luciiig af[i]irt, nnb mit einic^f^n 

3eitmig5artifeln ift bie 6ad)e abgemad}!, ol)nc ban ^<\^ ^eben eine 

<&pnr baüon bema()rto. So i[t benn bie Sad)c nmioiuenigev eine 

allgemein jiibifd)e ^ilngelegenbeit, oly gerabe bie ü^üller, mcldje bie 

Ceitnng ber SlBeItaiigelcgen()eit in .^änben l)aben, andj bievfiir \im 

%^\\ angeben, joiuic benn allgemein iübijd) l^IoS bcv.^ genannt 

mcrbeii tanit, ma§ nnter ben ^nben üovgcI)t, ii)cld)c bie t)i3()cve 

6Dl)äre ber 3>iben an§niad)en, alfo luiebernm bie ^ubcn nnter ben 

gebilbelen Sööltevn, namentlid) '4}eii()d)lanb?, beiieii bann fpötev bie 

i':ljt nod) niigebilbeten nad;eifern nnb fid) anjd)lieBeii lueibeii, 

mal)renb ba§, luaS nnter beii ^nben nniiüilifirter l'anbcv uorgeOt, 

ein üerfd)tüinbenbe» ÜJionicnt i[t, felb[t menn e« bort üon allgemeiner 

53ebenlnng märe. ?lber nnd) ba§ i[t e§ nid)t einmal, ey i[t tcine 

aflgemeinc zarali, luie ber mittelalteilidje Siini nnb \Hn§bind luar, 

ea ifl eine einzelne ^Billtiiiljanbliing, bie anf bie Siellniig ber 

3inben in 9(egi)ptcn feinen GinfluB übte, bie geniorbeten Snben 

mecft aber 5leiner mel)r auf. (53 i[t eine Jdjöne ipanblnng ber 

.^nmanitiü, [id) anc^ einzelner ©ebriidter an.\nne^mcn, aber eine 

jiibi)d)e ^frage i[t c» nicbt, unb mad)t man [ie i\\ einer jold)en, fo 

uerriidt man ben 6tanbpnntt nnb üeriuirrt ben fiel) l)eranbi(benben 

©inn ter Suben. %q^\ ber franiö)ifd)e 5^onfnI Ütatli ^Jienton ein 

SumD ift, leibet feinen 3^uei[e(, nnb e^ be[tätigt [id) l)ier bIo§ 

mieber bie (5r[al)rnng, baB bie enrDpüi}d)en l^ebanliner [d)Ied)ter 

[inb al§ bie eigentli^en Orientalen, luie benw bie mei[ten blo§ 

iuiBerlid) iTnItiüivten im Umgänge mit gän^Iid) Unfnitiüivteu [id) 

al§ meit niebriger [te[)enb bemei[en. ®ic ^J^oralitöt öeä 5lonjeiI= 

prä[ibenten ttjifl ic^ tua^rlid) nic^t bertl)eibigcn, obgleich c» evf(ävlid) 

i[i, nnter ben gegeniuiirtigen Um[tänben in ber ^erfon be§ ^fonjulä 

ben [ranjö[i[d)en 6infln[j nidjt fompromittiren an moflen. hinein 

iüa§ niifjt \^\\^ gan^e Sperren bagegen ? gür ben Orient ift fein 

anbereS ^n\, al§ luenn bie bortigen 9?eid)e iierfci^eflt nnb 3ei[plitlcrt 

merben, nnb für bie Snben fein anbere», al» menn |ie nid)t blo3 

al§ 2;nbibibnen, [onbern al5 (Senofjen bc§ Subent^umS auf bie 

§()I)e ber iTnItnr [id) erf)eben, alfo ba§ 3ubent()nm geiftigeä Sit^iw 

onnimmt. 2B«^=lt)irtt jn- bem -einen ober onberen jener jübüdie 



^/p 



( ) Abraham Oeigör an Josef Dörenbourg 



Breslau, 22, Bovember 1840, 



• « • 



Auf die Damascus -Angelegenheit noch einmal ausführlich 
zurückzukommen, ist niinmehr ohne Wert, 



• • • 



Mir ist wichtiger, wenn die Juden in Preussen Apothoicer oder 
Juristen werden können, als die Rettung sämtlicher Juden in 
Asien und Afrika, an der ich als Mensch Anteil nehme. Du magst 
darüber anders denken, mir aber glaube, dass dies meine redliche 
UeberzüUgung ist und mit kleiner ganzen geistigen Anschauung der 
Dinge aufs innigste verwachsen ist. 



a.a.O. S. S84« 



'-/ IC ?^i du 




i/CC 



■ \ 




Mit /^rutora Hocht hat Hu^xd Biobor aus den Aeusserungen Heines 
über Juden und Judentum eine "confessio Judaica" zusammengestellt. 
Mit Stolz, ja mit Trotz bekannte Heine sich zum Judentum, wie jener 
Sohn des Rabbi Israel von Sara^jossa, der Namen und Würde seines Vaters 
dem Judenhass der ihn liebenden "SennoraV A'b?ru§nfp'iä°&iä^^®^^* Gleioh- 



zeitig überschüttete er die Lauen wi,e die Streber^aHii sich selbst mit 

längst vergessner 



Hohn und Spott und hob Themen/ jüdischer Ueberlieferung ans Licht, 

der deutschen 
Daneben aEbött galt seine Liebe der deutschen Sprache und,/ Lands chaft , '• 
nicht minder aber 
/Hellas und T^ropa, Er war, wie Friedrich Nietzsche es ausdrückte: 

"einer der letzten Grossen, mit denen Deutschland Buropa beschenkt 

hat." 

Im Dezember 1821 erschien mit der Jahreszahl 1822 der erste Gedicht— 

band des damals zweiundzwanzig jährigen Dichters: Traumbilder, Lieder, 

Sonette, Romanzen; darin: "Die Grenadiere", der "Belsazer", das Sonett 

"An meine Mutter". Die Llaurersche Buchhandlung hatte dem Dichter als 

Honorar 40 Freiexemplare zugesichert. Ein Exemplar ging nach Weimar 

mit folgendem Brief; 

( ) Heinrich Heine an Johann V/olfgang von Goethe 

Ich hfillc hundert Gründe, Ew. Exccllcnz meine Gcdichle zu schik- 
kcn. Ich will nur einen erwähnen: Ich liebe Sie. Ich glaube, das 
ist ein hinreichender Grund. — Meine Poclereycn, ich weiß es, 
haben noch wenig Werlh; nur hier und da war manches zu fin- 
den, woraus man sehen könnte, was ich mahl zu geben im stände 
bin. Ich war lange nicht mit mir einig über das Wesen der Poesie. 
Die Leute sagten mir: frage Schlegel. Der sagte mir: lese Goethe. 
Das habe ich ehrlich gelhan, und wenn mahl etwas Rechts aus 
mir wird, so weiß ich, wem ich es verdanke. 
Ich küsse die heilige Hand, die mii-'und dem ganzen deutschen 
Volke den Weg zum Himmelreich gezeigt hat, und bin 

Ew. Exccllenz 

cehorsamster und ergebener 

^ II. Heine. 

lr-20r-Deer-l-&21-.- Cand Juris. 



Der Brief blieb unbeantwortet. 



•K")t 



**"X- 



Alle hi-r ziti3rt3n Hoine - Briefe üind der folf<:enden Ausgabe 
._ entnoriTiien: iioinricli Heine Bri:-.fe, 'ilrste Gas am t aus gab o nach den 
Handschriften. Korauö^3^8ben,HHÄ eingeleitet und erläutert von 
Friedrich Hirth. 6 Bde. Kupferborg I95O-I951 (liainz). 
Die Anmerkungen von F.H, v/urden danlcbar übürnoramen. 

Hu,^ Bieberj (1883-1950), Literarhiü torikor. "Heinrich Hcjino. 
Gespräche, Briefe, Tagebüchar, Berichte seiner Zeit£ronosLien. " I925 

"Sennora"? Tieinrioh Heime, Bio Hei kelir, Donna Clara. 

Vgl. Brief ¥r. Sb Heinrich Heine an Moses Moser, ITovjraber 1823. 

i 

TCmpfanÄ der "Gedichte" in Goethes Bücher-Vo^rmehrunö'jjliste, Februar 
1822 eingetragen. Vgl. Tagebücher Bd. 8, S. 31?. 



Ich, Sennora, Tilii'r Geliebter 
Bin der Sohn des i^elbolobton, 
Grossen, schriftgelehrten Rabbi 
Israel von Saragossa. 



2 



Am 4. Au^uGt 1Ö22 ^vurde Heinrich Heine auf Vorschlag von Eduard 
Gans in den "Veroin für/tultur und Y/issenoohaft des Judentums" aufge- 
nommen. Er wohnte den Vereinssitzungen seit dem 29, September 1822 
regelmässig bei, war Protokollführer und Berichterstatter und plante 
für die Zeitschrift einen Beitrag ü"ber den "grossen Judenschmerz", 
Heino hat den Plan nicht verv/irklioht, aber was dieses von Börne 
geprägte V/ort für ihn bedeutete, geht aus den um jene Zeit und in den 
nächsten drei Jahren geschriebenen Briefen hervor, welche die inneren 
Kärapi'e spiegeln, die der ersten folgenschweren Zäsur in Heines Leben - 
seiner Taufe - vorangingen. Zumal die an die Freunde Immanuel Wohlwill 
und Moses Moser, die tätigsten Mitglieder des "Culturver eins" gerichteten 
Briefe bezeugen die quälenden Zweifel Heines an sich und dem Judentum, 

( ) Heinrich Heine an Immanuel V/o hl will 

Berlin^d. I.April 1823. 



fe4u.'- H (Ii. ' i*"Li( 'l )cs göl-U^t^ Ich mag iluf'a'uch gul leiduu und es schmerzt • y*~ /"/^m-, /"j^ Zu^^j 
iiiicli billcrlich wenn icli sehe wie dieser Iierrliclic Mensch so sehr ^ / 

vcrkainil wird wegen seines schrolTen, absloßenden Äußern. Ich 
erwarte viel von seinen näclislens erscheinenden Predigten; frey- 
lich keine Erbauung und sanflnuiliiige Seelenpfhislcr; aber etwas 
viel besseres, eine Aufregung der Kraft. Eben an letzterer fehlt es 
in Israel. Hinige Ilühneraugcnojicraleurs (Friedländer &. Co.) ha- 
ben den KörjKT des Juden th ums von seinem fatalen II au tgeschwür 
durch Aderlaß zu heilen gesucht, und durch ihre Ungeschicklich- 
keit und spinnewebige Vcrnunflbandagen muß Israel verbluten. 
Möge bald die Verblendung aufih")rcn daß das Herrlichste in der 
Ühnniacht, in der Entäußerung aller Kraft, in der einseitigen Ne- 
gazion, im idealischen Auerbachlhum bestehe. Wir haben nicht / 

mehr die Kraft einen Bart zu tragen, zu fasten, zu hassen und aus ' ' 

Haß zu dulden; das ist das Motiv unserer Reformazion. Die Einen, 
die durch Coniödianten ihre Biklung und Aufklärung empfangen, 
wollen dem Judentluun neue Dekorazionen und Coulissen gebcn^ 
und der Souffleur soll ein weisses Beffchen statt eines Bartes tra- 
gen; sie wollen das Welünccr in ein niedliches Bassin von Papicr- 
machec gießen, uncl wollen dem Herkules auf der Casseler Wil- 
helnishühodas braune Jäckchen des kleinen Marcus anziehen. An- 
dere wollen ein evangelisches (Ju'istenthümchen unter jüdischer 
Firma, und machen sich ein 'Falles aus der Wolle des Lanun Gol- , , 
Ics, und machen sich ehi Wams aus den Federn der heiligen — 
Geist staube und Unterhosen aus christlicher Liebe, und sie falliren 
und die Xriehkomnienschaft schreibt sich: Gott, Christus Ä Co. Zu 
allem Glücke w^ird sich dieses Haus nicht lange hallen, seine Trat- 
ten auf die Philosophie konnnen mit Protest zurück, und es macht 
Bardcroll in luiropa, wenn sich auch seine von Missionarien in 
Afrika und Asien gestifteten Connnissionshäuser einige Jahrhun- 
dertc länger hallen.. JDie:ier-cndliehe-Stnrir-dc.s-Ghr//67t';?//j«/ns7- 



.1.. ' , 



Eduard aana;(l796-.l839), Rochto^roleiirter, Mi 1)13 eirund er (IOI9) 
des Veroine für Öultur und Y/lß^iynschaft des Judünthuma, Nach dorn 
üü"bertritt zum Ghriütdntum 1Ö28 Profeööor an der Berliner Univer- 
sität, 



•>«■•><■ 



Imüianual V/ohlv/illV^'urBprüii^^lich Joal Wolf \i799-1ü4T) ; 1823-1838 
Lehror an der Ißraelitiaohtin Freiuchule in HamlDurg, leitete "bis zu 
sGinc^m Tode die I805 von Israel O'aoo"baon eröffnete Simultansohule 
in Suesün. 



*** Moses lloser: (179^— IÖ3Ö), Fraund Heines, der ihn "oinen Epilo^j zu 

ÜTathan den Weiüen" nannte. MitT3<ijgründer den Vereins für Cultur und 
Wiss nsohaft des Judenthuras, 



^nf^if Tallesi jüdischer Oehotraantel. 



-? 



Vcrzoilin,ir.,licsc lülln-kdl; Hioli 1,.U der Schi:,.. ,los .•u,f..oliobc- 
nen h.U\Au j-clroircn. A„cl, i.s. alles nich. s'o o ■ , " «cn ott 

J" i.igcn iMid mn- Jiulcnniauschol nrichn,;,.,, ku lassen und ni 
nslcn elc. Ich hab „iclU mahl die Krafl.cxlenllieh llaxzc" '. on 
c . wohne neml ch jel/.l I,ey einen, Juden (Mosern „nd cä, '"-' 

Auch las Shcheln auf Fi-iedläiKle^fsftn-chl so schlin.n gen.eint 
.ch habe noch unlängsl den schönslen Boudding bey il„n gesessen 
und er wohnl ,nir ganz vis-ä-vis, „n<I er sieht jeta an, Fcns er ,.nd 
schncdel sich eine Feder, und schreibt gleich an !• lise\S; dW 
Rocke und auf seinen, Gcsichlc ist schon zu lesen: „edelgebo/ene 
S'si r:- -"' ""'^ " ---'ehlich, Wie der Professor 



( ) Heinrich Hoine an Moria Embden ^ ^ '^ ^ 

Berlin, d.3.May[823. 



Lieber lunbdcn! 

Ihren Brief vom 28. Apr. habe ich richtig erhallen und beeile mich, 
Ihren Wunsch, meine Tragödien zu sehen, in Erfüllung zu brin- 
gen, indem ich Ihnen bcykommonclcs ExfemplarJ als ein Zeichen 
meiner Achtung verehre. Möge das Büchlein bc}^ Ihnen eine gute 
Aufnahme finden und die clhische Grundlage desselben nicht von 
Ihnen verkannt werden. Sic lesen in diesem Buche, wie Menschen 
unlergehn und Geschlechter, und wie dennoch dieser Untergang 
von einer höheren Xothwendigkcit bedingt und von der Vorsehung 
zu großen Zwecken beabsichtigt wird. Der ächte Dichter giebt nicht 
die Geschichte seiner eigenen Zeit, sondern aller Zeiten, und darum 
ist ein achtes Gedicht auch immer der Spiegel jeder Gegenwarth. 
Was Sie über die Juden sagen, ist meine Ansicht ebcnfals. Ich bin 
ebcnfals Indifferentist und meine Anhängliclikeit an das Judcn- 
wescn hat seine Wurzel bloß m einer tiefen Antipathie gegen das 
Chrislenlhum. Ja, ich, der Verächlcr aller positiven Religionen, 
werde viellciclit einst zum krassesten Rabinismus übergehen, eben 
weil ich diesen als ein probates Gegengift betrachte. 
Dieser Tage reise icli nach Lüneburg, bin aber in diesem Augen- 
blick sehr malade, und schreibe diese Zeilen unter den furchtbar- 
sten Schmerzen., 

Ich grüße Sic herzhch 

II. Heine. 
-Bt^rlin, d^. May 1823.- 



/ 



% 



« 



^ Aufi^:olio]3enon /Edikts l8l2 wax den Judon "blirgorlioiia Cilaichatellun^ 

zuß'^^sagt werden j am 18, Au^at 1023 \7urde d?.a Geleits; tfäilv7.5ise 
■'.d-ödor aufi3:6.hoT")9n, "Darj EGclrh sur TTel) er nähme von akad ^^1:^3 oben und 
JScIiiilämterii "iinirde dsn JiJdon v:ieder entzogjen, 

■*■* Gohlcs: jüdisches Wort fiir YerTDannung« 

*-^^ David 5^iedländer:(/,i-5^- ^^-V). Anspitlun^ aiif eine Stelle in 

Hsirtes Aufsatz "UG"ber Polon". 

Friedläii&r voröffontlichto eine Broschüre von zwanzig Seiten 
(Berlin l8?0)s "Beitra{^ sirr Gonchichto der irerfol{^TJin^'' der Juden 

im 19 Jahrhundert durch Schriftsteller, Ein Send?? ehr eiben 

an die Frau Kammerherrin von der Recke, geh, Grä: in v, Medem, " 
Darin führt er Klage, dass ein Professor Voit^t in noiner Biogra- 
JühiG dos 1807 in Königr:herg geatorhenen Professors Kraus erzählt, 
" dass seihst geschätzte iind gehildeto Juden, wie David ^Yiedländer 
in Berlin, ihm/rasxunausstohlich imren" (von Friedländer 3,13 
durch fetten Druck hervorgehoben!). Das Buch erschien I819 in 

Königsberg, der Verfasser Johannas Voigt war Historiker an der 

Universität Königsberg. 

•jt-jt-x-H- Horitz Embdeni Heines Scl](ager, Mann seiner Schr/ester Charlotte, 



( ) Heinrich Hoine an Moses Moser 

Lüneburg. d.l8.Juny 1823, 



iH^i+ei-H-pui Iwjvfe iiHmGP-HM>lir und n-ielu% Sehr drängt es micli, in 
einem Aufsatz für die Zcilschrifl den großen Jiidenschnicrz (wie 
iiin Börne Tiennl) auszusprechen, und es soll auch geschehen, so- 
hald mein Kopf es leidet. Es ist sehr unartig von unserem Ilcrr- 
goll, daß er mich jetzt mit diesen Schmerzen plagt; ja, es ist sogar 
uni^olilisch von dem alten Herrn, da er weiß, daß ich so viel für 
ihn lliun möclite. Oder ist der alte Freiherr von Sinai und Allein- 
herrscher Judäas ebenfalls aufgeklärt worden und hat seine Na- 
zionalilät al)^nelegt und gieht seine Ansprüche und seine Anhänger 
auf, zum Besten einiger vagen, kosmopolitischen Ideen? Ich fürch- 
te, der alle Herr hat den Kopf verloren, und mit Jlecht mag ihm 
Ic pelit juif d'Amslerdam ins Ohr sagen; entrc nous, Monsieur, 
vous n'cxislez pas. Und wir? wir cxistircn? Um des .Ilunmcls wil- 
len sag nicht noch einmahl, daß ich bloß eine Idee sey fleh ärgere 
mich loll darüher. Menieliialben könnt Ihr alle zu Ideen werden; 
nur laßt mich ungeschoren. Weil Du und der alle Friedländcr und 
Gans zu Ideen geworden seyd, wollt liir mich jetzt auch verführen 
und zu einer Idee machen. Rubo loh ich, den habt Ihr nicht dazu 
bekonnnen können. Der Lehmann möchte gern Idee werden und 
kann nicht. Was geht mich der kleine Markus an mit seinem dc- 
monslriren. daß ich eine Idee sey, seine ^hlgd weiß es besser. Die 
Doktorinn Zunz hat mir mit Ihränenden (Ju<laism) Augen geklagt, 
daß man iliren Mann ebenfalls zur Idee machen wollte, und daß 
sie dadurcli all .seine Kraft und Saft verlöre, Jost haue sich deß- 

halb vom Verein zurückgezogen und Auerbach sey mahl dadurch 
krank geworden. Ich verbitte mir auch alle übrigen Anzüglich- 
keiten, daß Du noch nicht wei-t. vvelchc Idee ich sey; welches 
so viel heißt, als sey ich eine sonderbare Idee; und sonderbar ist 
l\isch. 
Genug des aberwitzigen Gewäsches, [-»-««t^ea-^'agwk-rcise-ieli 



(Heinrich Heine an Moses Moser 

Lüneburg d 2?. Septemb.l823. 



- Mich, mich 
muß man erhillern! Just zu einer Zeit, wo ich mich ruhig hinge- 
stellt hal)e die Wogen des Judenhasses gegen mich anbranden zu 
lassen. Wahrlich, es sind nicht die Kleys und Auerbachs d.c man 
haßt im lieben Deutschland. Von allen Seilcnempfinde ich dlc^\ ir- 
kun^^en dieses Hasses, der doch kaum empor-ekeimt ist. Freunde, 
mit denen ich den größten Thcil meines Lebens verbracht, wenden 
sich von mir. Bewunderer werden Verächter, die ich am meisten 
liebe, hassen mich am meisten, alle suchen zu schaden Du fragst 
in Deinen Briefen so oft, ob Rousseau geschrieben; ich finde diese 
Fra-c sehr überflüssig. Ganz andere Freunde haben mir abgesagt 
und\'idersagt. Von der großen lieben Rotte, die mich pcr.sonlich 

nicht kennt, will ich garnicht sprechen.- 
UnlcrdesscnsindmcineFamilien-andFinanzumständedicschlech- 

testcn. Du nennst mein Verfahren gegen meinen Ohcmi Mangel an 



i-,1^'^ , THJ'-i • -c.-:" 7-Tif^. .- . MI'»fLiiT7 1 ■■IJ^TI»T 



* Dor ßTOßBe Judonsohraorzs Börne präg1;e diesen Ausdi^ok in T?einer 
/ BesproohuneT von Cumbarlanda Sohaiispial "i>;ir Jude". (Börnüa 

g-03. KSchriften, hrsg. von Alfred Klaar, Bd 2, S.27Ö), 

^^ Le petit juif d« Amsterdams Spinoza. 

*->t* Ideös Ueber die Bedeutung dieses aus Hegels ohön Gedankengängen 

stammenden Begriffes für Heine vgl. TD.A. Bouoke, "Heine im Dienste 
der Idee" in Buphorion, Bd. 16, 3.116-131 mnd S 434-460 (1909). 

visaak Markus Jost (1793-1860 ) machte den ersten Versuch einer 
umfassenden "Geschichte der Israeliten" (Berlin I82O-I829, in 
9 Bänden)-. 



• 



**** 



M^^^VMBVHSMiBiaHiaHHHPIMa 



<; 



KlUj'jhcil. Du lluist mir Uiircchl, ich weiß niclit, wnii-ii ich just 
gegen meinen Olicini jene Würde niciil hchaiii^len soll, die ich <^c- 
gcn alle andre Mcnsclien zeige. Du wciLU, icii hin kein delikater, 
zartfühlender Jüngling, der rolh wird,'\venn er Geld horgen muß 
inul stottert, wenn er von dem hosten Freunde Hülfe verlangt. Ich 
glaul)e, Dir hrauchc ich das nicht zu hcschwören. Du hast es seihst 
crlehl, daß ich in solchen Fällen ein dickhäutiges Gefühl liahc, 

aher ich habe doch die F^gcnheit, von meinem Oheim, der zwar 

viele Millionen besitzt, aher niclit gern einen Groschen mißt, durch / 3 
keine freundschaftliche undgönnerschaftlichcVcrwendungen Geld l 
zu crpresscn.^^s war mir schon fatal genug, das mir zugesagte Geld 
für das Jahr 1821 zu vindicireij, und ich bin ärgerlich, über diese 
Geschichte weiter zu schreiben. Ich danke Dir für Deine frcund- 
scliaftlichc Bemühung in dieser Sachejcli bin mit meinem Oheim 
übereingekommen: daß ich nur 100 Louisd'or zum Studiren von 
Januar 1S2I bis 1S25 von ihm nelime, weil ich darauf gerechnet 
habe, und daß er übrigens sicher scyn könne, von meiner Seite 
nie in Geldsachen belästigt zu werden. Für solche Genügsamkeit 
bin ich auch dadurch belohnt worden, daß mein Oheim mich in 
Hamburg, wo ich viele Tage auf seinem Landhause verbrachte, 
sehr ehrte und sehr auszeichnete und gcnädig ansah. Und am Ende 
bin ich doch der Mann,der nicht anders zu handeln vermag, und 
den keine Geldrücksicht bewehren sollte, etwas von seiner Innern 
Würde zu veräußern. Du siebst mich daher, trotz meiner Kopf- / 

leiden, in fortgesetztem Studium meiner Juristerey, die mir in der 
I-'olgc Brod schaffen soll. Wie Du denken kannst, — kommt hier 
die Taufe zur Sprache. Keiner von meiner Familie ist dagegen, 
außer ich. Und dieser ich ist sehr eigensinniger Natur. Aus mei- 
ner Dcnkungsart kannst Du es Dir wohl abstrahiren, daß mir die 
Taufe ein gleichgültiger Akt ist, daß ich ilin auch symbolisch nicht 
wichtig acute, und daß er in qIqu Verhältnissen und auf der Weise, 
wie er bcy mir vollzogen werden würde, auch für Andere keine 
Bedeutung hätte, b^ür mich hätte er vielleicht die Bedeutung, daß 
ich mich der Verfechtung der Rechte meiner unglücklichen Stam- 
mesgenossen mehr weihen würde. Aber dennoch halle ich es unter 
meiner Würde und meine Ehre befleckend, wenn ich, um ein Amt 
in Preußen anzunehmen, mich taufen ließe. Im lieben Preußen!!! 
Ich weiß wirklich nicht, wie ich mich in meiner schlechten Lage 
helfen soll. Ich werde noch aus Aerger katholisch und hänge mich 

auf. Doch auch dieses fatale Thema breche ich ab, und da ich Dich 
in einigen Monathen persönlich spreche, Nvill ich die Besprechung 
desselben bisdaliin verschieben. Wir leben in einer traurigen Zeit, 
Schurken werden zu den Besten, und die Bebten müssen Schur- 
ken werden. Ich verstehe sehr gut die Worte des Psahnislen: Herr 
Gott, gicb mir mein täglich Brod, daß ich Deinen Namen nicht . 
lästrc! — Ich denke, Neujahr nach Göltingcn zu reisen und dor( ' 
ein Jahr zu bleiben, ich muß mein jus mit mehr Fleiß als jeder 
Andere sludircn, da ich — wie ich voraussehe — nirgends ange- 
stellt werde und mich aufs Advociren legen muß. Ehe ich nach 
Göttingen reise, denke ich. Dich in Berlin auf einen Tag zu be- 
suchen. Du kannst kaimi glauben, wie sehr ich mich darauf freue! 
Es liegt so Vieles, so Schlinunes auf meiner Brusll 



/T' 



) Heinrich Hoine an Moses Mosor 



Lüneburg d Donnerstag, Nov0mb,lö23, 



Ich erwarte sein KrbreclU. in der uir gcscnicKicn iiomanzc niulil 
Du, in der fünften Strophe, den /.weilen Vers verändern, ncmlicli 
„Wie er san;:j die Liebeswortc" mußt Du setzen. Es cicbt ein Ab- 
raham von Saragossa; aber Israel fand ich bezeichnender. Das 
Ganze der Romanze ist eine Scenc aus meinem eignen Leben, bloß 
der Thicrgartcn wurde in den Garten des Alkaden verwandelt, 
Baronesse in Senora, und ich selber in einen heil. Gcor^n oder 
gar Apoll! Es isl bloß das erste Stück einer Trilogie, wovon das 
zweite den Ilelilcn von seinem eigenen Kinde, das iiin nicht kennt, 
verspottet zeigt, und das dritte zeigt dieses Kind als erwachsenen 
Dominikaner, der seine jüdischen Bruder zu Tode foltern läßt. 
Der Refrain dieser beiden Stücke korrcspondirt mit dem Refrain 
des ersten Stücks; — aber es kann noch lange dauern, che ich 
sie schreibe. Auf jeden Fall werde ich diese Romanze in meiner 
•nächsten Gcdichtcsammlung aufnehmen. Aber ich habe sehr wich- 
tige Gründe zu wünschen, daß sie früher in keine christliche Hände 
gcrathc; ich empfcle Dir daher bcy etwaigen Mittheilungen der- 
selben alle mögliche Behutsamkeit. — 



( ) Heinrich Heine an Rudolf Christiani ^'^"^^ 

Verfluchtes Nest^-^Göttingen, d.T.Merz 1824. 



Sic sagen in Ihrem Briefe, daß es mir so scliwcr werde, mich des 
dculsclicn Wesens ganz zu entäußern. Obige Worte möchten 
Sie noch darin bestärken, daß dieses ein absichtliches Bestreben 
bey mir scy. Sie irren sicli dennoch. Ich weiß, daß ich eine der 
deutschesten Bestien bin, ich weiß nur zu gut, daß mir das Deut- 
sche das isl, was dem Fisclie das Wasser ist, daß ich aus diesem 
Lcbcnselcment nicht heraus kann, und daß ich — um das Fisch- 
glcichniß bcyzubcliallcn — zum Stockfisch vertrocknen muß, wenn 
ich — um (las wässriqe Glciclmiß bevzubchalten — aus dem Was- 
scr des I)oul/sc/i7lhümliciicn herausspringe. Ich liebe sogar im 
Grunde das deutsche mein' als alles auf der Welt, ich habe meine 
Lust lind Freude dran, und meine Brust ist ein Archiv deutschen 
Gefülils, wie meine zwey Bücher ein Arcliiv deutschen Gesanges 
sind. Mein erstes Buch ist au öl i in seiner Außerlich/'/;c/yt ganz 
dculscli, damals war die Liebe zum Deutschen noch nicht in mir 
getrübt; mem 2les Buch ist nur innerlich deutsch; doch fremd- 
artiger ist seine Äußerlichkeit. Daß aus Unnmlh gegen das deut- 
sclie meine ^hlse sich ihr deutsches Kleid etwas fremdartig zu- 
schnitt, ist wahrscheinlich. Zu diesem Unmuth haben triftige 
Gründe, Ljerecliter Fnmii, Anlaß gegeben. Und dann die Donqui- 
xoterie der Kerle! Ich selie, ich bin selbst in den Fehler verfallen, 
CiQW ich gerügt, und bin in's aschgraue Raisoniren gerathen und 
sollte doch lieber kurz zusammenfassen, was ich zu sagen habe. 



Eomanzes das Gedioiii; ^^Doima Clara", das ajf llcinöa olgimza 
:*i.:'?lQ^Gn und auf d.is Romanao -/on I)on Gayforoa und Donna Clara 
In Fouq.uG3 "Dor Zau"b erring'» (Bd. 1, 2. Aufl., IHimbsi^g- I816, 
i^,162ff.) surückzufüliron i'5i;. 



#4(- 



A'brahaTü Yon Saragoasas A'brah.am "ben Samuöl Abulafia aus Saragoö- 
sa (1240-1292), kattT^aliBtisohei* Sohwärnier. 



^)f* 



■Jt^^^t 



Das zweite und dritte Stück der Trilocle wurde niemals ge- 
sohrie"ben, 

Rudolf Christiani;^ verheilratet mit einer Couai>ie Heines, 
Charlotte. Froimdsohaft mit Heine Tais zu dessen UeberGiedliing 
naoh Paris. 



*^^f** 



Mein erstes Buchs Gedichte 1822, 



^f-)f***)t iflein 2tes Buch: Tragödien, 1823. 






? 



Heinrich Heino arülosos Mosor 



Lieber Moser! 



Gültingon 0125' Juny 1821. 



IIculc morgend fälll mirs ein, daß icli von Dir keinen Brief zu cr- 
Nvarlen habe, bis ich Dir Deinen Brief vom 31. May wirklich be- 
antwortet habe, da Du bey Deiner großen Vielseitigkeit auch na- 
türlicher \Vcisc ein Pluhslcr bist. Das ist nun ärgcrlicli, im Grunde 
wird CS mir sauer, Dir iicute zu sclirciben, weil ich Dir nichts bo- 
slimniles mitzuthcilcn habe und dennoch sich so manches von 
meinem Herzen in unbestimmten Tönen losreißen möchte. Aber 
hole der Teufel die Unbestimmtheit, wenn er nicht die Unbe- 
stimmtheit vicllciclit selbst ist. Ich lebe hier im alten Gleise, d.h. 
ich-liabc S Tage in der Woche meine Kopfschmerzen, stehe des 
Morgens nm V^ö auf und überlege, was ich zuerst anfangen soll, 
jinlerdessen kommt langsam die 9te Stunde herangeschlichen, wo 
icli mit meiner Mappe nach dem göttlichen Meisternde — ja der 
Kerl ist göttlich, er ist idealisch in seiner Ilölzernheit, er ist der 
vollkommenste Gegensatz von allem Poetischen und eben dadurch 
wird er wieder zur poetischen Figur, ja wenn die Materie die er 
vorträgt ganz besonders trocken und ledern ist, so kommt er or- 
dentlich in Begeisterung. In der That, ich bin mit Meisler voll- 
kommen zufrieden, und werde die Pandekten mit seiner und Got- 
tes Hilfe ios kriegen. Außerdem treibe ich viel Chronikenstudium 
und ganz besonders vicj hisloria judaica. Letztere wegen Berüh- 
rung mit dem Rabbi, und vielleicht auch wegen inneren Bedürf- 
nisses. Ganz eigene Gefühle bewegen mich wenn ich jene traurige 
Analen durchblättre; eine Fülle der Belehrung und des Schmer- 
zes. Der Geist der jüdischen Geschichte offenbart sich mir immer 
mehr und mehr, und diese geistige Rüstung wird mir gewiß in der 
Folge sehr zu statten kommen. An meinem Rabbi habe ich erst 
Va geschrieben, meine Schmerzen haben mich auf schlimme Weise 
daran unterbrochen, und Gott weiß ob ich ihn bald und gut voll- 
ende. Bei dieser Gelegenheit merkte ich auch daß mir das Talent 
des b'rzählens ganz fehlt; vielleicht thue ich mir auch Unrecht es 
ist bloß die Si)rödigkeit des Stoffes. Die Paschafcyer^ i'nir ge- 
lungen, ich bin Dir für die Millheilung der AgodiTT^auK sc;huUiig 
bitte Dich noeli außerdem mirdasGahloaeh .\hinga^uutcrie Kleine 

'^ V V-^ \/' AT"' V^ 

Lebende Maasse be Rabbi Leser -- wnrlnch übersetzt zukommen 

V VV »^ V ^ '^ 
zu lassen. Auch die Psalmstelle im Xachtgebete: „Zehntausend 

Gewaffnele stehn vor Salomons Belle" mir wörtlich übersetzt zu 

schicken. Vielleicht gebe ich dem Rabbi einige Druckbogen Illu- 

strälions auf englische Weise als Zugabe, und zwar orig/'/^yalcr 

Ideenextrakt über Juden und ihre Geschichte. — 



Meiötajps Meistere? Kollwi'^ Wßev die Pandekten "bc.£;arin um 9 Uhr, 



*^f 



HaToTDij Keines "üa'b'bi von Baoharaoh" ist (aia J}^:i^aont) im 
liv-rTjüt IC40, in Ld, 4 d-as "üalons" Vöröff .»ntliclvi}. 



^f^^f 



Fai3chafey3r:(vgl. Elster Ld, 4, S. 453 IT.) 



■)f*-M-^ 



Agodes vulgär für IIafc<;;i:;ada, das GüTjefbucIi für den ijoder-Zibend, 
die Tor/^ecclirioliGne I^'eier des Pefvßachfefjtes, 




^•H-*-Jf* 



Caholach Manga: sine Stwlle «aus der Haggada. 



»^•)f^f*-)f 



Die kleine Lo^^endo: elDenfalls ein A"b^^ohnitt aus der Ha^^ada, 
der von Ra"b"bi "^liosor handelt. 



^*^^f*^* 



Die Psalms teile im ITaohtge"betai die in das Jüdisohe ITaohtgebet 
eingegangene Stelle heisst nichti "Zölmtausend zur Rechten, 
zehntaus;md ziir Linken, den König zu schützen vor näohtliohem 
Grauen" - wie Heine im "Rahhi" aohrieb, und auch nichtt "Zehn- 
tausend Oev;affnete -^tehn v^r Salomons Bette", sondern nach 
Luthers Uehersetzung: "Siehe, um da- Bett Salomons her stehen 
sechzig Starke aus den Starken, Israel« • Sie ha^-ten alle 
Schwerter und sind geschickt, zu streiten, ßin jeglicher hat 
sein Schwert an r;einer Hüfte um des Schreck ö^\7illen in der 
ITacht," Sie stammt nicht aus den Psalmen, sondern aus dem 
Hohelied 3, 6-7. (Vgl. noch Heines Gedicht "Salomo" im 
"Romanzero",) 



>-> 



u 



Im Herbst 1824 unternahm Heine von Göttingen eino Fuoswanderun^ 
durch den Harz und durch deutsche Städte. In Weimar angelangt, schrieb 
er seinen zweiten Brief an Goethe, 

( ) Heinrich Heine an Johann Wolf gang von Goethe 

Weimar, den l.Ootobor 1624. 

Ew. Exzellenz 
bitte :di, mir d.is Glück zu gcwölircn, einige Minuten vor Ihnen 
zu stehen. Ich will -;,ir nldu bcsdiwerlich fallen, will nur Ihre Hand 
küssen ujid wieder fortgehen. Idi heiße H. Heine, bin Rhcinl.indcr, 
verweile seit kurzem in Göitinp,on und lebte vorher cinij^c Jahre in 
Berlin, wo idi mit mehreren Ihrer alten Bekannten und Verehrer 
(dem sei. Wolf, Vaniha;;c;i &c.) umging und Sic tKglidi mehr 
Heben lernte. Idi bin audi ein Poet und war so frcij Urnen vor dreiy, 
Jahren meine „Gedidue" und vor anderthalb Jal/ren meine „Tra- 
gödien" nebst einem lyrisdicn Intermezzo (RatclilT und Almansor) r\ 
zuzusenden. Außerdem bin ich audi krank, madite dcijialb audi ^ /• 
vor drei; "Wodien eine Gcsuiidheitsrcise nadi dem H.irze, und auf 
dem. Brodccn ergriff midi das Verlangen, zur Verehrung Go^cs 
nadi Weimar zu pilgern. Im wahren Sinne des Wortes bin Idi nun 
hergepilgert, njimlich zu Fuße und in verwitterten Kleidern, und 
erwarte die Gewährung meiner Bitte, und verharre 

mit Begeisterung und Ergebenheit 'H. Heine. 

X 

Die Audienz wurde gewährt. Goethes Tagebuch enthält über sie 

<X 

folgende Eintragung: "Heine von Göttingen. " Nach einem mündlichen 
Bericht Heines schlug die friedliche Unterredung plötzlich in einen 
gereizten Ton um, als Heine auf Goethes I^age, womit er sich jetzt 
beschäftige, die Antwort gab: "Mit einem Faust". "Haben Sie weiter 
keine Geschäfte in Weimar?", soll darauf Goethe erwidert haben. Die 
Audienz war zuende.^ ^ 

Im gleichen Llonat schreibt Heine an seinen Freund Moser über die 
Arbeit am "Rabbi" und berichtet von seiner Reise ohne den Besuch bei 
Goethe zu er^vähnen. 

( ) Heinrich Heine an Lloses Moser 

Göttingen d 25.0ctober 1824. 



Bhilwcnig habe ich diesen .Sommer gesellrieben. Ein paar Bogen 
an den Memoiren. Verse gar keine. Am Rabbi wenig, so daß kaum 
V:} davon geschriel)en ist. F.r wird aber sehr groß, wolil ein dicker 
Band, und mit unsäglicher Liebe trage ich das ganze Werk in der 
Brust. Ist CS ja docli ganz aus der Liehe hervorgehend, nicht aus 
eitel Ruhmgicr. Im Gegen! heil, wenn ich der Stimme der äußern 
Klugheil Gehör geben wollte, so würde ich es gar nicht schrei- 
ben. Ich sehe voraus, wie viel ich dadurch verschütte und Fcind- 
sccliaes herbevrufe. Aber eben auch, weil es aus der Liebe hervor- 
geht, wird es ein unsterbliches Buch werden, eine ewige Lampe 



— r- !■ •. ■ ■• — -T- 



* CJoothe orapflng Hoine am 2. Oktober l824, 

"Heine von Göttinnen"! 
^* /Sophi.-n-Aus{3'alDG,III. A"bth. Bd. 9, 3,277, 326. 



*^*^ V^l. Ma-^^imilan Hoines i^rinnr.runi^r^n (r..l22 f.) 



# 



1 



im Dome Gollcs, kein vcri)rnßlciulcs Tlioalcrliclil. Icli liaDc viel 
Gcschriol)cncs in diesem liiiche wieder ausjtelöschl, jclzt erst ist 
CS mir gelungen, das Ganze zu fassen, \\w\ ich billc nur Golt, mir 
gesunde Stunden zu gel)cn, es ruliig nicderzusclirciben. Läcliele 
niclit über dieses Gackern vor dem lüverlei^en. Läclde auch nicht 
über mein langes Brüten; so ein ge\vöhnlichesGänscey (ich meine 
nicht Dr. Gans) ist schneller ausgebrütet als das Taubenev des 
heiligen Geistes. Du hast vergessen, mir paar Notizen mitzuthei- 
Icn, die ich in meinem Letzten Brief zum Behuf des Rabbi ver- 
langte. Dem Dr. Zunz lasse ich für seine Millbeilung über die spa- 
nischen Juden" tauscndmalil danken. Obschon sie höchst dürftig 
ist, so hat Zunz mir doch mit einem einzigen scharfsinnigen Wink 
mehr genutzt als einige vergeblich durchstöberte Quarlbändc, und 
er wird unbewußt auf den Rabbi influcnzirt haben. 
Da Zunz kein Formelmensch ist, so kann ich einen besondera 
Brief sparen, indem icli Dir miltheilc, was Du ihm sagen sollst. 
Dieses besieht noch darin, 1. daß ich ihn liebe, 2. daß ich ihn 
schätze, 3. daß ich wünsche, er halte die Güle, mir anzuweisen, 
wo ich gute Notizen finde ül)er die Familie der Abarbancls (auch 
Abravanels genannt). — Im BasnagchaDeich wenig gefunden. Die 
schmerzliche Leclüre des Basnage ward Mille des vorigen Mo- 
nalhs endlieli voliendol. Was icli specioll suciUe, habe ich eigent- 
lich nicht darinn gefunden, aber viel Neues enldecklc ich, uiul viel 

neue Ideen und Gefühle wurden dadurch in mir aufgeregt. Das 
Ganze des Buches ist großartig, und einen Tlicil des Eindrucks, 
den es auf mich gemacht, habe ich den 11. Scptbr. in folgender 
Rcflckzion angedeutet: 

(An EdomI) 

Ein Jahrtausend sclion und länger, 
Dulden wir uns brüderlich, 
Du, du duldest, daß ich athme, 
Daß du ra.sest, dulde Ich. 

Manchmal nur, in dunkeln Zeiten, 
Ward dir wunderlich zu Mulh, 
Und die liebcfronmien Tätzchcn 
Färbtest du mit meinem Blutl 

Jetzt wird unsrc Freundschaft fester, [größer: durch- 
Und noch täglich nimmt sie zu; gestrichen] 

Denn ich selbst begann zu rasen. 
Und ich werde fast wie Du. 

Aber, wie ein Wort das andre giebt, so gicbt auch ein Vers den an- 
dern, und ich will Dir paar unbedeulcndcrc Verse millheilen, die 
ich gestern Abend machte, als ich über die Wcendcrslraße Iroz 
Regen und Weller spatzieren ging und an Dich dachte, und an die 
Freude, wenn ich Dir mahl den Rabbi zuschicken kann, und ich 
dichlcle schon die Verse, die ich auf den weißen Umschlag des 
Exemplars als Vorwort für Dich schreiben würde, — und da ich 
keine Geheimnisse für Dich habe, so will ich Dir schon hier jene 
Verse milllieilcn: 

Brich aus in lauten Klagen, 
Du düstres Martyrerlied, 
Das icli so lang getragen 
Im flammenslillen Gcmülhl 

Es dringt in alle Olircn, 
Und durch die Ohren ins Ilcrz; 
Ich habe gcwallig beschworen 
Den tausendjälirigen Schmerz. 




* Mltteilun,'? von Sunz übor die spaniachen Juden i ivobl dan im 

Aiaktionsikotalog XGI von Karl Frn^jt Honrioi in Berlin (25, 
Au£fiist 1924) an{?t."botene, mit "Z" unter zoichnetG, undatierte Blati 
der.'nen yerT)lfi"b uri"bekarmt int, Eb c^nthielt " iJai'iikpnf t von Zunz 
an Feine ü"bor die vorns'hüL^tcn Sohulcr dor spani3ohün J"i;iden In 
Spanien iind jronsti^e llitt^^ilun-<^sn iTizze,-n--ohaf'tl±uht>T Hichtiing 
7,xiv Vcr^r/endun.^ im "Ralnbi von .Baoharaoh"," 

r sehen von Spanien. 

** A'bar'banels : das Haupt der Familie ■v^'ar Isaak ben Jt^huda A'bar'banel, 

. ( 1437-1508 ) , Günstling 'AMnl^^^-^gaiittlflliSlMleri/-^*^"^^ 
1492 ver,fje'blioh veröucht hatto, die 7ertrGi"bung der Juc'sn aus 
Spanien zn verhindern, verlies s er das Land und lehte fortan in 
Italien seinen "bihelexegjetißchen Studien. 

Basna^e 
•^^-^ Basnage: Jacques TJiairiiiBjgie de Boauval (1653-1725) "«^ar reformierter 

a 

Fötor in Rouen, als der V/iderruf des -dikts von Nantes ihn 

zur Flucht nach Holland veranlasste. Heine erhat wohl T-lle 
von Basnaj^es Werk "Histoire des Juifs depuis J^sus-Christ 
jusqu'S, präsent" (Rotterdam 170 7» 5 Bände; 2,verm-hrto Auflagje, 
Haag 1716, 15 Bände), das er später, für den "Hahhi von 
Bacharaoh" duroharheitete und I840 hei der abschliessenden 
Beschäftigung mit dem "Rahhi" i,7ieder durchblätterte , 

^*** Mom: eigentlich Beiname ''Jcaus (Genesis 36, l), später für die 
Juden Verkörperung aller Judenfeinde. 



Es weinen die firoßt'n und Kleinen, 
Sogar die kallen llerr'n, 
Die Frauen ujid Blumen weinen, 
Es weinen am Iliiunicl die Stern'! 

Und alle die Thränen fließen 
Nach Süden, im stillen Verein, 
Sie fließen und ergießen 
Sich air in den Jordan hinein. 

Ich brauche Dich nicht drauf aufmerksam zu machen, daß die 
Verse, welche ich jetzt schreibe, wenig werth sind und bloß zu 
meinem eignen Vergnügen gemacht werden. Aber bedenke auch 
meine Lage, ich komme den ganzen Tag niclü vom Forum und 
höre von nichts sprechen als von Stillicidium, Testamenten, Em- 
phytheusis^u; s. w. Und wenn ich mahl in einer Freystunde hin- 
überscliiffe nach Thessalien, um mich auf dem Parnaß zu crgchn, 
so treffe ich nur Juden, die dort (siehe Basnagc) Gemüse bauen, 
und ich spreche mit ihnen von den Schmerzen Israels. — Und 
dennoch hoffe ich, noch viel gute Verse zu liefern! Im Geiste däm- 
mern mir viele scliöne Gedichte, unter andern — ein Faust. Ich 
habe schon an dem Carlon gearbeitet. — Aber, um Gottes willcnl 
Ich vergesse Dir zu erzählen, daß ich vor 6 Wochen eine große 
Reise machte, erst vor M Tagen zurückkam imd folglich 4 Wo- 
chen unlerwcgens war. Sic war mir sehr heilsam, und ich fühle 
micli durch diese Reise sehr gestärkt. Ich habe zu Fuß und mei- 
stens allein den ganzen Harz durchwandert, über schöne Berge, 
durch schöne Wälder und Thäler bin ich gekommen und habe 
wieder mahl frey geathmct. Ueber Eislcbcn, Halle, Jena, Weimar, 
Ehrfurl, Gollia, Eisenach und Kassel bin ich wieder zurückge- 
reist, ebenfalls immer zu Fuß. Icii habe viel Herrliches und Lie- 
bes erlebt, und wenn nicht die Jurisprudenz gespenstisch mit mir 
gewandert wäre, so halle icli wohl die Well sehr schön gefunden. 

Ich war in Weimar; es giebt dort auch guten Gänsebraten. Auch 
war ich in Halle, Jena, Ehrfurt, Gotha, Eisenach und in Cassel. 
Große Touren, immer zu Fuß, und bloß mit meinem schlechten 
braunen abgeschabten Ucberrock. Das Bier in Weimar ist wirk- 
lich gut, mündlich mehr darüber. Ich hoffe. Dich wohl nächstes 
Frühjahr wieder zu sehen und zu umarmen und zu necken und 

vergnügt, zu seyn. r» • r- ^ 

Dem Freund h. Heine. 



A. 3 La. X8.5 le.te Hein^ aas P.o.otion.«a.en a.. Bald .a.au., 
a. 25. .un. des.ol.on .ahxe., Tand in HeiU.enatad. bei GötUn.en 
3e.ne Wo statt, die ,edoo. nio.ts an de. Zwiespalt seils Lt 
änderte. Volle. I.onio aC.ie. e. an Moses Mose. " 




* Stillioidiuni; tr-iiifelndo Feuchtii'-^k ji-fc, Daohtrauf?:;. '.Die röraiaohen 

RechtBkommentatoren 'hohandeln dn.'^ehGnd dio SteiküiäiCfL I'iCc.ß'e der 
Schäden, die duixch herri'brierjp3lnd8B Wasser auf i'luron .;-n£:,'er:Loiitet 
werden können« 

*^ •'Jmphytsusisi lansfristigür Pachtvertre.;^^ 

^** Fausti iibev Heines Plan, einen "Faust" zu 3chr9i"ben vgl, 

Al'bert Grottsohalk, "Heinrich Heine, Der X)oktcr Faust., T^in© 
Bihlio^aphie", Berlin 1934? 3.11-13« 




/ 



( ) Heinrich Heine an Moses Moser 

Verdammtes HamlDurg d 14. Dez.l825. 



■wo ans \vo»tM4i-, — Wir si)roclicn hier viel von dir, und Wohlwill 
lual kürzlicli nciuißcrl: daßdu, wenn dicli ein Freund l)eslicll ihm 
doch Deine Freundschaft bewahren und bloß sagen würdest: er 
hal nun mahl diesen Fehler, u[nd] man muß dns wegen seiner 
bessern Eigenschaften überselien. — Der dicke Monasverchrcr^ 
weiß scliDsl nicht wie treffend er dich bezeichnet hat, dich und 
jene Geisteshöhe, zu der man sich mit Kopf und Herz hinaufge- 
schwungen haben muß um jener Toleranz fällig zu seyn. Ich hab 
CS wohl zu einer ähnlichen Toleranz gebracht, nicht weil ich von ' 
oben hinab, sondern von unten hinauf sehe. — 
Icli weiß nicht, was ich sagen soll, Cohn versichert mich Gans 
predige das Christentum, und suche die Kinder Israel zu bekeh- 
ren. Thul er dieses aus Ueberzeugung so ist er ein Narr; Ihut er 
es aus Cilcisnerey so ist er ein Lump. Icli werde zwar nicht auf- 
hören Gans zu lieben, dennoch geslclic ich, weit lieber wärs mir 
gewesen wenn ich, statt o))iger Nachricht, erfahren hätte Gans 
habe silberne Löffel gestolcn. 

Daß du, lieber Moser, wie Gans denken sollst kann ich nicht glau- 
ben obschon es Colin versichert ufndj es sogar von dir selber wis- 
sen will, — Fs war mir sehr leid wenn mein eignes Gctauftseyn 
dir in einem günstigen Lichte erscheinen könnte. Ich versichere 
dich, wenn die Gesetze das Stellten silberner Löffel erlaubt hätten, 
so würde ich mich nicht getauft haben. — Mündlich mehr hier- 
von. 

Vorigen Sonnabend war ich im Tempel, und habe die Freude ge- 
habt eigenohrig anzuliören wie DrSalomonvg'c'g^i die getaufte Ju- 
den loszog, xifndj besonders stichelte „wie sie von der bloßen Hoff- 
nung eine Stelle (ijisissima verba) zu bekommen, sich verlocken 
lassen dem Glauben ihrer Väter untreu zu werden." 
Ich versichere dir, die Predigt war gut ufndj ich beabsichtige den 

Mann diese Tage zu besuchen. — Cohn zeigt sich groß gegen rr^j^.^ v 
Ich esse bcy ihm am Schabbes, er sammelt glühende Kuc.rol auf 
mein Haupt, und mit Zerknirschung esse ich dieses heilige Na- 
zionalgcriciit, das für die Erhaltung de,s Judenlhums mehr gewirkt 
hat als alle drey Hefte der Zcitschrifl^^mäe^cn es hat auch grö- 
ßern Absatz gehabt. 



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Monasverehrers iVohlr/ills Spi-^JKname, Vo:r?anlaßsung dazu v/ar ein 
Sata in lY's Aufsata "U3bür den Bogriff einer fisa jn3 chaft des 
tTudanthunjs" (^oitrjohT-ifi; für d. T'/in^:!cnr.oh. d, Tnd nthunn,lBP3) 

^ Eduard Gans (1796-I839), Hecht n^jelekrteT», aans» JJ?T)ertrltt f^Tim 
Christentum (1825) ^Ttu'de von Hoina in inein(=m "Den'.Tort'^n au:f 
Ludv/ig Markus" (1844 und I854) -joharf vorurtailt. 

^^r7~Gotthold Salomon (1784-I862), seit I8I6 Predi^^or der ntmlaG-. 
grfjjideten Gemeinde in Hamhurf?, 

Wortspiel: Ku'r^t^rel (Ktv;q1)> eine für den Sahhat 3uh8ri3it9t3 
Mehlspeise, hal'bku^'^elförmig. Die Kugel gilt als Cl-^rmbol und 
ÜlrinnGrung an das von den Juden T^ährend der Wüston^Tandoruni^ ge- 
gessene, vom Himmel gefallen© r.iisne Kanna, das am Pr-^itag ?\uoh 
für den Sahhat oingesaramelt mirdo. 

Von der Zeitschrift für die Wissenschaft de?? Judenthums, hrsg. 
von dem Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden (Redo^tour 
Dr, Zunz) erschien der aus dr«i Heften hostehenda erste tmd 
einzige Band 1823 in Berlin. 



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1 1 



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( ) Heinrich Heine an Moses Moser 

Ham"burg d. 9. Januar I826. 
• • • 

A"bor was machst Du, guter, theurer Moser? Ist es Dir, bey 
Deiner Vielseitigkeit, noch immer loioht, mich zu lieben? 
Ich denke hier an Dich weit öfter als in Göttingen, v^eil ich 
hier isolirter lebe. Ich freu mich auf die Zurückkunft von 

t 

Cohn. Er erzeigt mir viel Liebes, hat mir be^ meinem Oheim 
viel Gnade bereitet, v/olches xim so verdienstlicher ist, da 
letzterer mit lauter Menschen umgeben ist, die mir feindseelig 
sind. Ich bin jetzt boy Christ und Judo verhasst. Ich bereue 
sehr, dass ich mich getauft habj ich seh noch gar nicht ein, 
dass es mir seitdem besser gegangen sey, im Gegentheil, ich 
habe seitdem nichts als Unglück. - Doch still hiervon. Du bist 
zu sehr aufgeklärt, um nicht hierüber zu lächeln. 



• • • 



( ) Heinrich Heine an Leopold Zunz 

Hamburg, im hcilfigcnj Maymond lS2ß. 

An Dr. Ziinz, dcsigiiirtcr Richter über Israel, Vizepräsident des 
Vereins für Cullur xifndj Wfisscnsclioflj der Juden, Präsident 
des wisscnschfafllichcn] Instituts, Redakteur der Zeilschr/'z/Vy 
für Cfiilliir] ufndj \Y[lssenschaflJ der 3[ii(Icn], Mitglied der Ak- 
kerbau-Commission, Bil)lioLiiekar — 

Hey letzterem Titel werde ich stellen bleiben, indem ich Ihne.n 
anbcy ein ExfcmphrJ meines neuesten Buches lur die Vereins- 
bibliothek üherschicke, mit der Bitte, im Fall letztere schon nach 
Arraralh^^^rsctzl ist, das besagte ExfcmplarJ an die Frau Dok- 
torinn Zunz, zum Verbraucli in der Küche, gefälligst zu ühergchen. 
Der größte Theil dieses Buches ist Quelle und ist daher nicht 
entbehrlich für die Geschichte unserer Juden. Ich aber bin mit 
■ der allen Liebe u/'/irf; Freundschaft 

Ihr Freund 

H. Heine, 

Dr. jur. iifndj Mitglied des Vereins 

für Cultur und Wfisscnscliaftj 

der Juden 

im ISlcn J^ihvhfundcrl.J 

P. S. Im 2tcn Theil der Reisci)ilder erscheint der Rabbi, und zwar 
sehr beschnitten — doch sollen in demselben Theilc noch viele 
Curiosa cnliialten scyn. 




l 



2 



/i825 nahm Heine die Taufe an, in der Hoffnun^^, dacjs dies ihm 
eine Kjtaateanetelltini:^ erraö^i'liohen \mrclo. 

Heisebildsr, 1. Teil, 



-jt^e^f 



Araratt so sollte der Zentralpunkt dos von Mordechai Manuel 
Noah i>ropa^iertön araeriicinisohen Judens-taats heimsen, Vg'l. Brief 
Nr. 







\ ) • Heinrich Heino an Mooea I/ioaer 



Nordcrncy, ^128. JiilvnS26. 

Lieber Moser! 

An meinem langen Slillschwcigcn haben die Göllcr Schuld. Ihnen 
schüllc ich jetzt Alles in die Schuhe. Es ist das Bequemste. 
Oft, zehntausend off würde der Chinese sagen, denk ich an Dich, 
und es soll auch nicht.langdancrn, bis ich Dich wiedersehe von An- 
gesicht ziK\ngcsicht. Ich will diesen Winter, wenigstens zum Theil, 
in Bcrlin^ubringcn. Meine Gedanken hierüber sind noch nicht be- 
stimmt geordnet. Es ist aber ganz bestimmt, daß es mich sehnlichst 
drängt, dem deutschen Vaterland Valet zu sagen. Minder die Lust 
des Wanderns als die Qual persönlicher Verhältnisse (z. B. der 
nie abzuwaschende Jude) treibt mich von hinnen. 
-M it-metner-Gesund hei t bessert es sich, obschonnicht ganz, doch 
allmählig, und ich vermag jetzt l)estimmter auf die Beyhülfe"rnei- 
ner Physis zu rechnen. — Jetzt schwimme icMvicdcr auf der 
Nordsee. Das Salzwasscrclcment sagt mir 2ü7 es wird mir wohl 
und leicht zu >hith, wenn mein. Kahn von den Wellen wie ein 
Ball hin und her geworfcn-wlrd, das Ersaufen ist mir ein trösten- 
der Gedanke, der einzige Trost, den mir der grausame Priester 
von Ileliopolis gelassen hat — indem er dem Wasser keine Bal- 
isen unlcr-^elc^t. .. 



o 



'\Vic tief begründet ist doch der Mythos des ewigen Juden I Im 
stillen \Valdlhal erzälijt die Muller ihren Kindern das schaurige 
^h"lhrchen, die Kleinen drücken sich ängstlicher an den Herd, 
draußen ist Nacht — das Posthorn tönt — Schacherjuden fahren 
nach Leipzig zur Messe. — Wir, die wir die Helden des Mährchens 
sind, wir wissen es selbst nicht. Den weißen Bart, dessen Saum 
die Zeit wieder verjüngend geschwärzt hat, kann kein Barbier ab- 
rasiren. 

Dein Vereinsbild „der riesige Christus mit der Dornenkrone, der 
durch die Jahrtausende schreitet", kommt mir oft ins Gedächlniß. 
Du bist milder und besser als ich, darum sind auch Deine Bilder 
schöner, sanfter und versöhnender. 

Mein Christus auf dem Wassci, XII tcs Seebild, hat viel Unmuth 
gegen mich erweckt. So wie denn überhaupt mtinc Reisehilder 
mir hinlängliche Fcindschaflen neroitel. Ich bin entzückt, daß Dir 
das Buch gefallen. Wohlwill sagl nur. Du würdest eine Hccension 
drüber schreiben. Das ist sehr edel von Dir, sehr nobel u. s. w. 
Aber Scherz bey 5oilc, es war mir bcy meiner fatalen Stellung 
sehr nützlich, daß das Buch einige günstige öffentliche Urlheile 
gewonnen. Was Du für das Buch tiuinkannst,dasthue. Auch meine 
financiellen Verhältnisse haben sich durch das Buch verbessert. 
Der zweyte Theil soll Ende d[ic]s,[c.]s Jahres gedruckt werden. 
Ks soll viel Verwundcrliclies enlhallen, z. B. den Rabbi. „Und 
Dich hat niemals xf^lhcnd heschülzt die GöUin der Klugheit, Pal- 
las Allicncl" Du luusl Bechl und hast immer Ilcchl, 
DiHtt^i--tvniMlet'^i^>s^-e-ineitK^r-Finn«KlepuncH-)u^ Txr f 

scyn, weil Dir an meinem Wohl und Wehe mehr liegt als an dem / / A, 
Bilddessclben. Solche Gesiimung verlang' ich. Ich freu' mich drauf, / $(^i 
Dich wiederzusehen. "~~~"^ ' / 



^ /iCeine kam er^it /mfp.iv^ I829 3i?.ch Borlin, 

"^^ Chri£'.t,uri auf dem Warinörs d.uD GodicTit "Fr'io'-T^n", ö.o.^^ den arr-Jton 
Zyklus dQ3? "lTordsoe"-.Godi(;b.te im I, Teil der "I^eisebilder" 
"besohliesst. 



•x-x-^ 



Feind;:; ohaften: ^^Qg^n der satirif:->oh3n Ausfall o auf Göttin^^en und 
Göt-fcln^Qr Persönlichl^eiten., Das Buch ^mTdo in Göttiii^en duroli die 
Polizei verboten« ^ 




^^^* AudTÄat» Heine« 3chGn "Nords3o"-Gt-?dich-b 'Toaeidon". 



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^.i^ 



Im Jahre der Julirovolutionjf aaste Heine, von der Zonour immer 
heftiger verfol£;t,xdön TiIn'tachluGs, nach Frankreich zu gehen. Es v;ar 
eine i^intscaeidung über sein weiteres Lehen; er ahnte, er v/ucste es. 

Am 1. Mai I831 fuhr Heine bei Strassburg über den Rhein. Zv/ei Tage 
später traf er in Paris ein, das von nun an sein dauernder Y/ohnort 
v/erden sollte, Nur zwei kurze Reisen nach Deutschland haben sein 
französisches Exil unterbrochen. 

Einer der ersten Briefe, die Heine in Paris empfing, stammte von 
seinem J^eunde, dem Bruder des Komponisten Meyerbeer, Michael Beer , 
dem Dichter des "Paria". ^, / ;. , 

( ) Michael Beer an Heinrich Heine 



München, 10. Juni 1831 

f^.* Jemand, dem der Himmel vor der Geburt, wie Sie einmal 
sehr richtig sagten, die drei größten Mißgcsdiickc aufbürdete, nchm- 
lich ein Jude, ein Deutscher und ein Diditer zu sein, der findet in 
seinem Leben ohnedies axistößigc Steine genug. Könnte idi mir im 
Meer eine dieser Plagen wenigstens abwasdicn. Vana spes! Kein 
jMcer tauft/radijkal, daß uns nidit der alte verhaßte Adam kleben 
bliebe, der unseren lieben dcutsdicn Landslcuten so antipathisdi ist, 
und so undeutsdi unsere Gesinnungen sind, so dcutsdi werden unsere 
Empfindungen ewig bleiben, und was die Poesie betrifft, so fürduc 
idi, hat mir der Himmel ^radc genug gegeben, um nicht ohne sie 
leben zu können, und nicht so vicly .um etwas dadurdi zu erringen, 
das midi zu mehr stempelte ais einen gezäkmten jüdischen Bären, 
der in der Spradie, die für ihn dichtet und denke, Tragödien 
brummt • . . . 




/^ 



/^ 



; ,. 



Füiifundzwanzig Jahre verbrachte Heine in Paris. Seine Briefe an 
Freunde und Verwandte geben ein anschauliches Bild seines dortigen 
Lebens. 

) Heinrich Heine an/Varnhagen von Ense 

Paris, d. 27/Juny I83I. 



Lieben Freunde! 



■■^ 



La forcc des choses! Die Macht die Din^fc! Ich habe wahrhafllf,' 
nicht die Dinge auf die Spitze f^^cstelU, sondern die Dinge liabeu 
mich auf die Spitze gestellt, auf die Spitze der Welt, auf Panj> - 
ja, gestern ^to^gen stand ich sogar auf die Spitze (lic':er Spitze, 
auf (las Pantheon. „Aux grniuls hoiumcs la palrie rcconnoissantcl" 

So, glaube ich, lautet wieder die gokinc LicchnTt. ~ welcher 

Hohn! Die kleinen Menschen errichten solche Tempel für die 
großen Menschen, nach ihrenrfq^le — man sollte solche Inschriften 
lieber auf Vcrys Iteslauration setzen, und die großen Männer hcy 
Lebzeit gut füttern, statt sie nach ihrem Ilungerlodc oder son- 
stigem Qmiltode zu verehren. Aber Very ist das Pantheon der 
lebenden kleinen Menschen und da sitzen sie und essen und Irin- 
ken und erfinden ironische Inschriften. 



* Michael Beer (I8OO - 1833), Dichter und Dramatik or; sein 
l^inaLcter "Dor Paria", dem Heino sehr schätzte, \7urde 1823 
in Berlin aufgeführt, Vig'l, Year Book Xll/.puhlioations of 
the Leo Baeok Institute, 1967« ö. 149/60. Lothar Kahnj 
Michael Beer. 

Alls. Zeitung des Judenthums. Ji^. 69. 1905« ö. 357» 

** Very* s Restaurationt zur Zeit der Restauration und dos Bür- 

gerkönigtums hökanntesto Pariser Gaststätte. Bestand "bis 
Mitte des 19« Jahrhunderts« 



^> 



Der nnnc Laf(Jiil;üiie lial in Clialcaii Thicrry, seiner Valcrsladt, 
eine Marniorsfmle, die ■i(),(X)Ofr. {^ekoslel. Ich lächle hcrzUch, als 
ich sie im Vorbryr.ihron sah. Der arme Schelm verlangte hcy 
I.ch/A'ilen ein Stück Hrod, luul nach clemTodcf^icbt mau ihm für 
fr l(),()()l) Marmor. .fean.)ac(iues Rousseau und ähidiche Menschen 
die in ilu-em Lehen kaum ein Dachstübchen erlangen konnten, 
denen dedi/iert man jel/A ganze Straßen. - Ich will Ihnen heule 
nur l'nsinn schreiben; denn schriebe ich Ihnen etwas Sinniges 
\m(l <ler Hriel" kfune in unrechte dumme Hände, könnte er Sic 
k()iui)r()miHieren. Ich will Ihnen überhaupt deßhalb idcht mehr 
selu'eihcn; liaben Sie mir muhl was zu sagen, so lassen Sic mir's 
wissen unl er Madam Valentins oder Maiu-iceSchlesingersAddressc. 
Oder sehreihen Sie mir per Addressc des: Dr. Donndorff, a rilotcl 
<rih)llande, rue juhivc des hons enfanls a Paris. Ja, diese letztere, 
ist uieine llaui^laddressc und die sicherste, wenn mansonslkeinc 
köiugl//c7i7 Vvcul}>lischcJ Postamtsindiskrezion zu fürchten lud. 
Ich bin umgeben von Preußischen Spionen; obgleich ich mich 
den i)()lilischen Intriguen fernhalte, fürchten sie mich docli am 
nu>islen. l'reylich, da man mir den Krieg macht, so wissen sie, 
daß ich losschlage, und zwar nach besten Kräften. 
Ach, vor sechs Monatheu sah ich alles voraus und hätte mich gern 
in die Poesie zurückgezogen und anderen Leuten das Schlächter- 
handwerk überlassen — aber es ging nicht, la forcc des choscs, 
wir werden auf die Spitze getrieben! 

In Prancfort, wo ich acht Tage nuch aufhielt und mehrere Con- 
gregazionisleivsprach, entdeckte ich die Quellen mancher eigner 
Uebel, tlie nur unerklärlich waren. Ich habe zuletzt in Hamburg 
ein unercpiickliches Leben geführt, ich fühlte mich nicht sicher, 
•luul da mir eine Reise nach Paris schon längst im Gcmülhc 
dännuerle, so war ich leicht beredet als mir eine große Hand gar 
licsorglich winkle. Indessen: Fliehen wäre leicht, wenn num 
niclit das Valerland an den Schuhsolen mit sich schleppte! Ich 

parodirc Danion mit Schmerzen. Es ist schmerzlich, im Luxem- 
burg spaziren zu gehen und überall ein Stück Hamburg oder 
ein Stück Preußen oder Bayern an den Schuhsolen mit sich 
herumzuschleppen. 

Ich bleibe wahrscheinlich noch -1 Wochen hierj dann geh ich 
nach Boulogne ins Bad, und dann hierher zurück — auf wie lang? 
Es kann mir hier nicht schlechter gehn, wie in der Ileimath, wo 
ich nichts als Kampf und Nolh habe, wo ich nicht sicher schla- 
fen kann, wo man mir alle Lebensquellcn vergiftet. Hier freylich 
ertrinke ich im Strudel der Begebenheiten, der Tageswellen, der 
brausenden Revoluzion; — obendrein besiehe ich jetzt ganz aus 
Phosphor, und während ich in einem wilden Menschenmeero 
ertrinke, — verbrenne ich auch durch meine eigne Natur. — 
Leben Sic und VrfauJ v. YfarnliagenJ recht lieb und wohl, ver- 
gessen Sie mich nicht. Trübe Ahnungen beklemmen mich. 

H.Heine 



) Heinrich. Heine an JViedricli Herckol 

Dieppe, den 24. August 1Ö32. 



Theuror Freund und Gönner! 

0!);;leich an einer lahmen und an einer schwnclienlland leidend, 
beUoiuiuc ich doch plölzlieh den Drang, Dir /Jii^scln*eibcn. Längst 
halle ich dazu Lust, zumal seit Dr. Chrisliam der Mirabcau der 
l.üueburgcr Heide geworden ist. Das ist ein Spaß, womit mir der 



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Die preussische Ro^'ieruji/r besaac? in Paris oinQ Ana.>hl von 




Beriolit^rstatbörn, di3 ilir ü'ber die politisohe Liigu aowie ü"bar 
LelDen und Trei"ben der Deutrjohon in Paris Auakiinft erteil ten« 
Congregassionistöni deutaohe Republikaner, 
Fr*4drioh Merokel|Jmit Heine seit 1826 (Hamburg) bsfreundot. 



»*** 



Dr. Chris tianij vgl. Anmerkung zu Brief Nr. 






liebe Golt beweisen wollle, daß er ciii noch {größerer Ironiker ist 
als ich. — Da ich Dich I^einie, liebsler Freund, so weiß ieli vor- 
aus, daß Du ganz beslimnil Dir einbildest, ich selireihc Dir, weil 
ich die Absieht hege, cinii^e ßüclier herauszuf^el)eii (Piapperloltc^ 
wird es Dir wohl gesa^^l haben), und weil ich alsdann wünschte, 
daß Du dabey Deine kritischen Augen in Bewe^^ini,',' setzest. 
Indessen, soviel ich weiß, ist die Ilauplabsicht dieser Zeilen, 
Dich zu bitten, mir mahl zu schreiben, wie es in Deiüsehlaiid 
aussieht, mir immer zu schreiben, was dort vor;,feht, so faktisch 
als möglich, und haui)lsächlich politische Verhältnisse betref- 
fend. Du thusl zugleich ein patriotisches Werk, indem ich Ihäliger 
bin als Du weißt und oft im Dunkeln tappen nniß. Haben wäh- 
rend dem letzten Jahre die Blätter, die ich hier in Frankreich gar 
nicht sehe, etwas enthalten, was mich besonders ehrennlhrig be- 
trifft, so lulle ich es mir zu nolifiziren; in der Vorrede zu dem 
ersten Werk, welches erscheint, will ich dergleichen berühren. — 
Ich bin im lk\griff, wieder nach Paris zu reisen, wo ich mein 
II;uipt(iuartier behalte, mid wo ich Deine Briefe erwarte. — Ich 
erlebe viele große Dinge in Paris, sehe die Weltgeschichte mit 
eigene;! Augen an, verkehre amicalement mit ihren größten Hel- 
den und werde einst, wenn ich am Leben bleibe, ein großer Hi- 
storiker. Im Schreiben von belletristischer Art habe ich in (\^v 
letzten Zeit wenig Glück gehabt. Der Strudel war zu groß, worin 
ich schwannn, als daß ich poetisch frey arbeilen konnte, liin Ro- 
man ist mir mißglückt; doch werde ich wohl in einer Sammlung, 
welche ich diesen Winter besorge, und worin ich auch den „Rabbi'* 
hineinsehmeiße, einige Romanstückc geben. — Ich habe wenig 
Gedichte genuicht, und doch nuiß ich sie bc}' einem besonderen 
Abdruck des „Neuen Frühlings" hinzufügen, damit dieser etwas 
buehlich erscheine. — Ich bin übrigens fleißiger als sonst, und 
zwar aus dem einfachen Grunde, weil ich in Paris sechsmal so 
viel Geld brauche als in Deutschland. — Und nun leb wohl, schn'il) 
bald, wie es Dir geht, und schreib viel und scy nicht eigensinnig. — 
Wenn ich Dir wenig schreibe, so ist die Ursache keine andre, als 
daß ich Dir viel zu sagen hätte. — Je suis, 

Monsieur Tami, 

Votrc devou6 

II. Ilcinc. 



( ) Heinrich Heine an Fr^^^rich kerckel 



[Frühjahr JSSS.J 
...Tch werde in jenem Journale [„Europc lUlcrairc-J alles McVr. 
iHie Ihun, um den I-ranzosen das geistige Leben der DeutsehcMi 
bekannt zu machen; dieses ist meine jetzige Lebensaufgabe, und 
u-h habevielleiehl diepazilike Mission, die Völker einander iiäher 
XU bringen. Das aber fürchten die Aristokraten nm nieislen; mit 
< er /erslorung der naiionalen Vorurtheile, mit dem Vernichlcii 
c er palriol.schen I-ngsinnigkeit schwindet ihr bestes Ilülfsmillel 
<ler bn erdrncknng. Ich bin daher der inkarnierte Kosniopolilis- 
inus, lehwe.f.^ daß dieses am Ende die allgemeine Gesinnuncr wird 
jn I'.uropa, und ich bin daher überzeugt, daß ich mehr Zukunft 
habe, als unsere deulschen Volksthümler, diese sterblichen Mea- 
sehen, die mu- der .Vergangenheit angehören ... 



/ 



'^Heines Schwester Charlotte. 



** Anspielung aiif den freundschaftlichen Verkehr Heines mit Thiers, 



//- 



^u 



( ) Heinrich Iloine an Heinrich Laube 

Boulogno sur Mer,den 23. November lö 

Licbslcr Laube! 

Ihr Brief, den ich zu bcaiilworlcu eile, liat mir eine pcinHchc 
Slimnuina verursacht. Ich ersah daraus die UneniuickHclikcit 
dürliL^er Zustände uud Ihre ch;nQn befuuisli'jcndeii Wirrnisse. 
Seil clNva 31/2 Müiialli, wo icli von Paris ciilfeVnl, habe ich kciii 

deulschcs Journal zu Gesicht bekommen und außer einigen An- 
deutungen im Briefe meines Verlegers vor 4 Wochen habe ich 
von dem litlcrarisclicn Greul, der losgebrochen ist, nichts erfah- 
ren. — Ich beschwöre Sie bey allem was Sic lieben, in dem Kriege 
den das junge Deutschland jetzt frdu't, wo nicht Parthey zu fas- 
sen, doch wenigstens eine sehr schützende Neutralität zu be- 
haupten, auch mit keinem Worte diese Jugend anzutasten. Ma- 
chen Sie eine genaue Scheidung zwischen politischen und religi- 
ösen Fragen. In den politischen Fragen können Sic so viel Con- 
ccssioncn machen, als Sie nur immer wollen, denn die politischen 
Slaalsformcn und Regierungen sind nur Mittel; Monarchie oder 
Republik, demokratische oder Aristokratische Inslituzionensind 
gleichgültige Dinge, solange der Kampf um erste Lebensprin- 
zipien, mn die Idee des Lebens selbst, noch nicht entschieden ist. 
Erst später kommt die Frage, durch welche Mittel diese Idee im 
Leben realisirt werden kann, ol) durch Monarchie oder Republik 
oder durch Aristokrazie, oder gar durch Absolutismus ... für 
welchen letzteren ich gar keine große Abneigung habe. Durch 
solche Trennunij der h^ra^e kann man auch die Bcdcnklichkciten 
iler Censur bcschwichliiion: denn Diskussion über das rcliuiösc 
Prinzip und Moral kann nicht verweigert werden, ohne die ganze 
protestantische Denkfrcyhcit und Bcurlheilungsfreyheit zu 
annuliren; hier bekönnut man die Zustünnuuig der IMiilisler... 
Sic verstehen mich. Ich sage das religiöse Prinzip und Moral, ob- 
gleich beides Speck und Schweinefleisch ist, eins und dasselbe. 
Die Moral ist nur eine in die Sitten übergegangene Religion (Sitt- 
lichkeit). Ist aber die Religion der.Vergangenhcit verfault, so wird 
auch die Moral stinkisch. Wir wollen eine gesunde Religion, da- 
mit die Sitten wieder gesunden, damit sie besser basirt werden als 
• jetzt, wosic mir Unglauben und abgestandene Ileucheley zur Ba- 
sis haben. 

Vielleicht ohne diese Andeutungen werden Sie begriffen haben, 
warum ich mich inuner in der protestantischen Befugniß ver- 
schanzt, so wie Sie auch leicht die pöbelhafte List der Gegner be- 
griffen, die mich gern in die Synagoge verwiesen, mich (\cn gebo- 
renen Antagonisten des jüdiscli ■ ''onietanisch-krisllichcn Deis- 
mus. Mit v.-elchem MillcUlcn^oh'Z^^ Sq Würmer herabsehe, da- 
von haben Sic keinen Begri!'". Wör -des Losungswort der Zukunft 
kennt, j^gen den vermögen /i/^ //s^-/'l^(^der Gegenwart sehr wc- 
ni/^. Ich weiss, wer ich bin. Jüngsthin hat einer 

meiner saint-simonistischen Freunde in "ßgypten 

ein V/ort gesagt welches mich lachen machte aber 

doch solir ernsthaften Sinn hatte, er sagte, ich sey 

der erste Kirchenvater der Deutschen. 






* Heinrich Laul3e*(l806-l884), Schriftsteller imd Publizist. Zeit- 
weilig Wortführer des Jiingön Deutschland. 1849-^7 Direktor des 
Burgtheaters in Wien. Heine widmete ihm den "Rahhi -von Baoharaoh". 

^* Brief Lauhes aus Uaumhurg vom 3. ITovemhei? 1835 > worin er in Heine 

drang, naoh Deutschland zurückzukehren. 

»*^^ Worte Prosper Enfantins (1796-I864) in einem Brief an Heine vom 
11. Oktoher l835» in dem er sich für Uehersendung von H*s "De 
l*Allemagne", das ihm gewidmet war, "bedankte. Abgedruckt in 
Oeuvres de Saint-Simon et d« üJnf antin, Bd. 10, S. 108-136, 



p 



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( ) Heinrich Heine an die Hohe Bundesversammlung ^ 



Paris, Cite Bergbre Nr, 3, den 
28. Januar I836. 

Mil liefer Bclrübiiiß erfüllt mich der Beschluß, den Sic in Ihrer 
31. Silzuiig von 183r) gefaßt haben. Ich gestehe Ihnen, meine 
Herren, zu dieser Bclrübniß gesellt sich auch die höchste Ver- 
wunderung. Sic haben mich angeklagt, gerichtet und verurthcilt, 
ohne daß Sic mich weder mündlich noch schriftlich vernommen, 
ohne daß jemand mit meiner Verlheidigung beauftragt worden, 
ohne daß irgend eine Ladung an mich ergangen. So handelte nicht 
in fdmlichen I\"dlen das heilige römische Reich, an dessen Stelle 
der deutsche Bund getreten ist; Doktor Marlin Luther, glorrei- 
chen Andenkens, durfte, versehen mit freyem Geleite, vor dem 
I»eichslagc erscheinen, und sich frey und öffentlich gegen alle 
Anklagen vcrlheidigen. Fern ist von mir die Anmaßujig, mich 
dem hochlheuren Mamic zu vergleichen, der uns die Denk- 
freyhcit in religiösen Dingen erkämpft hat; aber der Schüler be- 
ruft sich gern auf das Bcyspicl des Meisters. ^Venn Sie, meino 
Herren, mir nicht frcyes Geleit bewilligen wollen, mich vor Ihnen 
in Person zu vcrtheidigen,so bewilligen Sie mir wenigstens frcyes 
Wort in der deulschen Druckwelt und nehmen Sic das Interdikt 
zurück, welches Sie gegen alles, was ich schreibe, verhängt lia- 
.bcn. Diese Worte sind keine Proleslazion, sondern nur eine Bitte. 
Wenn ich mich gegen etwas verwahre, so ist es allenfalls gegen 
die Meinung des Publikums, welches mein erzwungenes Still- 
schweigen für ein Lingcsländnis strafwürdiger Tendenzen oder 
gar für ein Verleugnen meiner Schriften ansehen köimle. Sobald 
mir das freyc Wort vergönnt ist, hoffe ich bündigst zu erweisen, 
daß meine Schriften nicht aus irreligiöser und inimoralischer' 
Laune, sondern aus einer wahrhaft religiösen und moralischen 
Synthese hervorgegangen sind, einer Synthese, welcher nicht bloß 
eine neue literarische Schule, benamset d: s junge Deutsch- 
land, sondern unsere gefeyerlslen Schriftsleller, sowohl Dichtex 
als Philosophen, seit langer Zeit gehuldigt haben. Wie aber auch, 
meine Herren, Ihre I'^nlscheidung über meine Bitte ausfalle, so 
seyen Sic doch überzeugt, daß ich immer den Gesetzen meines 
Vaterlandes gehorchen werde. Der Zufall, daß ich mich außer 
<lem Bereich Ihrer Macht befinde, wird mich nie verleiten, die 
Sjn'ache des IhuleVs zu führen; ich ehre in Ihnen die höchsten 
Autoritäten einer geliebten Ileimath. Die ])crsöidiche Sicherheil, 

die mir dor Aufenthalt im Auslände ^ov/ährt, erlaubt 
mir .o-lücklichorwoir;o, olino Bosor^i^vor Llifdoutun^, Ihnen, 
meine Herren, in ^oziomondor Unterthänigkeit die Ver- 
sicherung meiner tiefsten Ehrfurcht darzubringen. 



Heinrich Heine, 
beider Rechte Doktor, 



Erstdruck (franz.) in Journal des D^TDats politiquös et litt^- 
raires, 30. Januar 1836. Am 10. Februar I836 wurde diose Eingabe 
in Hr. 41 der Allgemeinen Zeitung in einem Bericht aus Prankfurt 
a.M. veröffentlicht. 



** ^ Verbot von Heines Schriften. 



) Heinrich Heine an Au^st Lcwald 

Aix den 5. Nov. I836. 



Es ist in den Sternen {geschrieben, daß ich diesen Winlcr in Paris 
zubringen soll; welches mir sehr verdrießlich, da ich cijiigcZcit 
an der Gelbsucht lill, und meine Gesundheit ein milderes Clima 
rnlhsam UKicht. Auch auf der Seine war ich unhlngst in Gefahr 
zu ersaufen; das Dampfschiff sehlu.<f nemlich nach einer Seile, 
die Damen auf dem Verdeck schrieen wie wahnsinnig, ich bc- 
ruhi<;lcsie aber, indem ich riefiNc craignez rien,Mesdamcs,nous 
sonmies tous sous hi proleclion de h\ loi! — Aber wie dürfte ich 
ersaufen, che ich Antwort vom Bundestag habe auf meine Bitt- 
schrift? Schon die bloße Höflichkeit verhingt jetzt, daß ich am 
Leben bleibe. 

Liebster b'reuiul, ich war sehr krank^ ganz gegen meine Gewohn- 
heil j^ar nicht imaiiinär krank, sondern reell. Deßhalb konnte ich 
mein IbiuMi gi'gebi'ues Versprechen nicht erfCdlen. Konunen Sic 
in der ('arneval/eil nach Paris, und ich werde Ihnen alles münd- 
lich erklären. In II Tagen bis 3 Wochen bin ich wieder dort. Ich 
sehe und höre niehls von Deutschland, imd man könnte mich 
dort lodlschlagen un<l ich erführe es nicht. — Seit 3 MonaUicn 
habe ich kein Wort deutsch gesprochen. 



( ) Heinrich Heine an Moses Moser 

Avignon, den 8. Uovember I836, 
Lieber Moser 1 

Wird Dich der Brief, den Du heute von mir empfängst, erfreuen, 
obgleich die Veranlassung nichts weniger als erfreulich? Wirst 
Du verstehen, daß dieser Brief der höchste Beweis ist, den ich 
Dirvon der Zuversicht meiner Freundschaft gebeji konnte? Wirst 
Du ihn sogar als ein Zeugniß von großer Sinnesart betraclücn? 
Ich glaub es, inid deßhalb schreib ich Dir, zwar betrül)ten Ge- 
rn ülhcs aber ohne Widerstreben, ja sogar mit der wehmülhigen 
I'reiide, daß ich doch endlich wieder einmal dazu konnne. Dir 
v/irklich einen r>rlof zu sclu-eiben, und houle meine hohe Gc- 
bictheriim, die Götlinn der Trägheit, mich nicht daran vcrliindcru 

darf. Gedacht freylich habe ich oft gciuig an Dich, und als ich un- 
längst in Paris todlkrank darnieder lag und in schlafloser Fio- 
bcrnacht alle meine Freunde nuisterte, denen ich wohl die Fxe- 
cuziou eines letzten W'illens mit Sicherheit anvertrauen dürfte: 
da fand ich, daß ich deren keine zwey auf dieser I''rdc besitze^ 
und nur auf Dich, vielleicht etwa auch auf meinen Bruder Max, 
glaubte ich, rechnen zu dürfen. Und deßhalb wende iclrmich 
auch heute an Dich, und <Ier Freund, dem ich Jahrelang nichtge- 
schrieben habe, erhält heute einen Brief von mir, worinn ich Geld 
von ihm verlange. Ich befinde mich nemlich, durch ein höchst 
tragisches Ereigniß, in einer Geldnolh, von welcher Du keinen 
l>Cffriff hast, während ich entfernt von den wenigen Ressourzen 
bin, welche mir, nach den schändlichen Beraubungen, welche 
Privati)ersonen und P»egirungen an mich verübt, noch übrig ge- 
blieben sind. Ich liebe Dich zu sehr, als daß ich Dich durch eine 
Schilderung dessen, was mir jetzt begegnet, betrüben möchte; 
auch darf ich es nicht für den Fall, daß Du nicht im Stande wä- 
rest, mein Ansuchen zu erfüllen und Du alsdann einen verdop- 
pelten Kummer empfinden würdest. Du kannst mir durch ein 



Joh. Karl Au^st Lew£tld;(l792-l87l), erst Schauspieler, •^'on 1849-62 
Regisseur des Hoftheaters in Stuttgart, spät r in München. Iloin© 
•war in Ham'burg eng hofröundet mit ihm« 



Darkim von -100 ThakM*n in (lii\s(Mn Aii;,'cnblk'k, in der schincrz- 
liclislon Passionszeil meines kel)ens, einen wichtigen Dienst lei- 
sten. Das ist alles, was ich Dir heule sai^cii will. Kannst Du diese 
Sununc missen, so schick sie mir in einer Anweisung' auf Paris 
uihI addressirc den Brief: Henri Heine, (lile Bergerc Nr. 1 i\ Pa- 
ris; er wird mir alsdann nachgeschickt. Was jedoch meine Sol- 
vahililül betrifft, so muß ich Dir zu gleicher Zeit sagen, meine Ge- 
schäfte stehen in diesem Augenblick so schlecht, daß nur ein 
Thor oder ein Freund mir jetzt Geld leih.cn würde. Mit meinem 
Oheim, dem Millionär, habe ich mich umlängst aufs biltersta 
übcrworfen; ich konnte seine SchntKÜgkeit nicht länger ertragen. 
^knnc französischen Freunde haben mich durch ihren liebens- 
würdigen Leichtsinn in großen Geklschadcn gebracht. Andre ha- 
ben mich cxploilirt. In Deutschland darf ich nichts drucken las- 
sen als zahme Gedichte und unschuldige Mährchen, und doch 
habe ich ganz andre Dinge im Pulte liegen; daß man ohne .' .1- 
klar'c und Urlhcil so zu sar'cn meine Feder konfiszirt hat, h,l: •i 
Ver!LL/.ung der unbcstrcilbarslcn lugenllunnsrcchtc, des !'• ••,- 
v'\.r\':ji\ Figenlhums, eine plumpe Beraubung. Aber es i '. ''■ . ; 
' :;n nur gelungen, mich financiel zu ruinircn. 

Icli weiß niclit, Iheurer Moser, ob ich Dir noch so viel werlh bin 
wie ehemals; ich weiß juu*, daß ich seitdem von meinem inneren 
Werthe niclits verloren habe. Wäre dieses der Fall, so befände 
ich mich heute niclit in schmerzlicher Geldnolh, wenigsten.s 
würde icl\ zu ganz anderen Leuten, als zu Dir, meine Zuflucht 
nehmen. Glaube nichts, was man von mir sagt, \u'theilc innner 
nach meinen Handlungen. Keiner Notiz, die nicht mit meinem 
Namen unterschrieben ist, darfst Du Glauben schenken. k;h werde 
angc^feindet und verläumdel zugleich von Ghristen und Juden; 
letzlere sind gegen mich erbost, daß ich nicht das Schwert ziehe 
für ihre ]-jnajizi])azi()ji in Baden, Nassau oder sonstigen Kräh- 
winkelstaatcn. der Kurzsichligkeit! Nur vor den ThorcnRoms 
kann man Carlhago vcrtheidigen! Hast auch Du mich mißver- 
standen? 

Ich schrei])C Dir diese Zeilen aus Avignon, der ehemaligen Re- 
sidenz der Päbslc und der Muse Pctrarchas; ich liebe diesen eben 
so wenig wie jene; ich hasse die christliche Lüge in der Poesie 
eben so sehr wie im Leben. 



.<^ 



Leb wohl und hilf 



Deinem Freunde 



li. Heine. 



* 



Idi werde angefeindet und verleumdet zugleldi von Christen und Ju- 
den: Heine wurde tatsHclilich von Christen und Juden angefeindet; be- 
sonders sind unter den jüdisdien Gegnern hervorzuheben Börne, der 
Heine in der Pariser Zeitung Le Rcformateur am 3Z. und 31. Mai 1835 
angriff, Bcrthold Auerbach in einer Broschüre „Das- Judentum und die 
neueste Literatur", Stuttgart 1S36, und J. Weil in einer Broschüre „Das 
junge Deutschland und die Juden", Frankfurt a. M. 1S36; etwas später 
sind Ludwig Philippson und Gabriel Ricsscr mit scharfen Angriffen auf 
Heine hervorgetreten. Auerbach lehnte Heine ab mit dem Satze: Jeder 
sinnlidien Unnatur widerstreiten Philosophie ebenso wie Politik, das 
häusliche wie das öffentliche Leben, das Judentum niAt minder als das 
Christentum. Auerbach veraditete die Sdiutzjuden der Mcndclssohnzeit 
ebenso wie die Trutzjuden vom Sdilagc Börnes und Heines und ver- 
langte, daß Juden deutsche Vollbürgcr würden. Auf der anderen Seite 
wurde er als Jude leidenschaftlich angegriffen, besonders von dem Berliner 
Theologen Hengstenberg in seiner „Evangelisdicn Kirdicn-Zcitung", 1835 
(Sp. 497—512, 657—662, 665—678, 729—734, 737—742, 745—750), 
und von Wolfgang Menzel im Literatur-Blatt vom 4. Januar 1836, Nr. 2, 
S. 7, abgesehen von zahlreichen anderen Angriffen kleinerer Geister in 
Zcitsdiriftcn und Brosdiüren. 



II 



( ) Heinrich Heino an Maximilian Heine ^ 



Havre de Grace,den 29, August 183' 



• • • 



Wie es mir im Alter gehen wird? Ehrlich gesagt, ich v/age 
nicht daran zu denken! Ich werde wahrscheinlich die Zahl 
jener edelsten und grössten Männer Deutschlands vermehren, 
die mit gebrochenem Herzen und zerrissenem Rock ins Grah 
steigen. In Düsseldorf wird mir dann wohl ein Monument gesetzt 
werden. - 



( ) Heinrich Heine an Karl Gutzkow "^ ^ ^ 



Granville ( in der Basse KormandiG) 

d 23. August 1838. 



Ich habe, wcrLhcsler Freund, Ihnen für Ihren Brief vom 6. dieses 
meinen aufrichligslen Dank zu sagen. Ich habe gleich nach Emp- 
fang desselben an Campe geschrieben ;Hjd ihn ersucht, den zwcy- 
ten Band des Buchs der Lieder, nemiich den Nachtrag, noch 
nicht in die Presse zu geben. Ich werde ihn erst späterhin er- 
scheinen lassen, wenn ich ihn nochmals gesichtet und mi{ einer 
zweckmäßigen Zugabe ausgestattet habe. Sie mögen gewiß recht 
haben, daß einige Gedichte darin, ,v(^ Gegnern benutzt werden 
können"; diese [Ilijpokritcn]^ "sindf aber so heuchlerisch wie 
feige. Soviel ich weiß, ist aber unter den anstößigen Gedichten 
kein einziges, das noch nicht im ersten Tlicile des Salons ge- 
druckt wäre; die neue Zugabc ist, wie ich mich zu erinnern 
glau])c, ganz harmloser XaUir. Ich glaube überhaupt, bey späte- 
rer Ilcrausanbc, kein cinziLics dieser Gedichte verwerfen zu müs- 
seil, und ich werde sie mit gulcm Gewissen drucken, wie ich auch 
den Salirikon des Pclron und die römischen Elegien des Goethe 
drucken würde, wenn ich diese Meisterwerke geschrieben hätte. 
Wie letztere sind such meine angefochtenen Gediclile kein Füller 
für die rohe Menge. Sie sind in dieser Beziehung auf dem Holz- 
wege. Nur vornehme Geister, denen die künstlerische Behand- 
lung eines frevelhaften oder allzu natürlichen Stoffes ein geist- 
reiches Vergnügen gewährt, können an jenen Gedichten Ge- 
fallen finden. Ein eigentliches Urlheil können nur wenige Deut- 
sche über diese Gedichte ausspreclicn, da ihnen derStoff selbst, die 
abnormen Amonrcn in einem Welltollhaus, wie Paris ist, unbe- 
kannt sind. Nicht die Moralbcdürfnisse irgend eines verheurathc- 
ten Bürgers in einem Winkel Deutschlands, sondern die Autono- 
mie der Kunst kommt hier in Frage. Mein W^ahlspruch bleibt: 
Kunst ist der Zweck der Kunst, wie Liebe der Zweck der Liebe, 
und ;:ar das Leben selbst der Zweck des Lebens ist. 



» ^1T^' ■, '?*TB~' 



Bruder von Helnrioh Heine. 



Monument« 



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»•M-^# 



<Hf*** 



Karl Outzkow;(l8ll-l878), Schriftsteller und Pul3li25ist, führen- 
der Vertreter des Jungen Deutschland, 

/Gutzkow nimmt Bezug auf Bd. 2 des "Buch der Lieder", dessen 
Druck von der Zensur in Darmstadt verweigert worden war, Gutz- 
kow warnte Hoine, er nrllsse das Buch aufgehen, solche frivolen 
Sedichte dürfe man den Deutschen nicht zumuten, Heines Antwort 
enthält das liter, ästhetisch ungemein bedeutungsvolle Bekennt- 
nis HeineBi Kunst ist der Zweck der Kunst, Der ThSophile Qautier 

zugeschriehene Grundsatz l'Art pour l'art geht auf Heine 
zurück. Zu Gutzkows Stellung zu Heine vgl, K.Gutzkow "Beiträge 
ztir Geschichte der neuesten Literatur", Bd. 1, Stuttgart I839. 
S, 74-94. 



^„ 



'i^A^'^Mu ' 



Durchgestrichen, 




Wus Sic mir in Betreff dos jüngoron Nacliwuchscs unserer Lilc- 
rnlur sclireibcn, ist sclir iiilcrcssanl. Indessen ich fürclUc nicht 
die Kritik dieser Leute. Sind sie inlellit^enl, so wissen sie, daß 
ich ilirc beste Stütze bin und sie niicli als den iiirigen em])orrrdi- 
nieu müssen, in ihrem Ankanii)f gegen die Alten. Sind sie nicht 
intelligent — dann sind Sie gewiß nicht gefährlicli! Ich bin übri- 
gens gar nicht so sorglos, wie Sic glauben — Ich suche meinen 
Geist für die Zukunft zu befnichten, unlängst las ich den ganzen 
Shakspear, und jeJzl, hier am Meere, lese ich die Bibel — was die 
öffentliche Meinung über meine früheren Schriften betrifft, so ist 
diese sclir abhängig von einem Lauf nnd Umschwung der Dinge, 
wobei ich serbst wenig selbstthätig seyn kann. Ehrlich gestanden, 
die großen Interessen des europäischen Lebens intcrcssiren mich 

noch immer weit mehr als meine Bücher que Dicu les 

prenne en sa sainlc et digne gardel 



) Heinrich Heine an Heinrich Laube 

/^9. September l840._7 



Liebster Laube! 

Mein Brief ist gestern nicht abgegangen und ich eile das Wich- 
tigste hinzuzufügen. Leider ist mein Kopf ganz betäubt und ich 
kann kaum schreiben. Gestern Abend erfuhr ich durd^ das Jour- 
nal des Debats ganz zufällig den Tod von Immermann\ fcü habe 
die ganze Nacht durcligcwcint. Welch ein Unglück. Sie wissen 
welche Bedeutung Immermann für mich hatte, dieser alte WaT- 
fenbrudcr, mit welchem ich zu gleicher Zeit in der Literatur auf- 
getreten, gleichsam Arm in Arm! Welch einen großen Dichter 
haben wir Dcutsch'cn verloren ohne ilm jemals recht gekannt zu 
haben! Wir, ich meine Deutschland, die alte Rabenmutterl Und 
nicht bloß ein großer Dichter war l[mmerinann], sondern auch 

brav und ehrlich, und dcßhalb liebte ich ihn. Ich liege ganz dar- 
nieder vor Kummer. Vor etwa zwölf Tagen stand ich des Abends 
auf einem einsamen Felsen am Meere und sah den schönsten 
Sonnenuntergang und dachte an Immcrmann 1 Sonderbar! 



Ihr Freund 
H.Heine. 



( ) Heinrich Heine an Hans Christian Andersen ' '^ 



Ein Ladicn iind Srngcn! Es blitzen und gaukeln 
Die Sonnen Uditcr. Die Wellen sd^aukcln 
Den lustigen K.ahn. Idi s.iß d.arlnr>- 
Mit lieben Freunden und lcid\tcm Sinn. 

Der Kahn zcrbradi in eitel Trümmer, 

Die Freunde waren sc!ilcd\tc Sdiwin\mcr, 

Sie gingen unter im VaterLind; ■ , 

Midi warf der Sturm an dc^ SelnctS'trand. L'T^ ^^ 



c 



'i^ 



♦ ^^^arl Immermann (1796-I840), Dichter, Begründer eines The at erver eins 
in Düsseldorf, leitete das Theater von l835-3^^« 



«« 



Diesos G3dioht ist unter dorn Titel "Lebdus fahrt" ab^^edruckt bei 
Bistor, Bd, 1, S. 308 und als Brief Nr. I738 in der Hirth-johen 
Heine Briefausgabe. 



l) 



ld\ hab' ein neues SdiilT bestiegen, 

Mit neuen Genossen; es wogen -und wiegen 

Die fremden Fluthcn midi hin und her — ^- 

Wic fern die Heim.i/^ mein Herz wie sdiwer! jH. L ( 

Und das Ist wieder ein Singen und Ladien — 
Es pcitsdu der Wind, die Planken kradicn — 
Am Himmel crlisdit der letzte Stcrji — 
. Mein Herz wie sdiwcrl Die Hciaiaj/ wie fern! / tC 

Diese Verse, die idi hier in das Album meines lieben Frounxlcs ^^ 

Andersen sdircibc, Jiabc id\ den ^^MifiS^^y zu Paris gcdiditet. L tfU^ /^ 

Hcinridi Heine. ^ 17 



( ) Heinrich Heine an Karl August Varnhagen von Ense ^ 

Paris den 3 Januar I846, 



Bi'nL 'ht fTrg-nQc4i~für-nnch-zu~t]iut>Avär^. Mein Freund, HerrLas- 
sallc, der Ihnen diesen (diesen) Brief bringt, ist ein junger Mann 
von den ausgezcichnclslcn Gcistc5gaben: mit der gründlichsten 
Gelehrsamkeit, mit dem weitesten Wissen, mit dem größten 
Scharfsinn, der mir je vorgekommen; mit der reichsten Begabniß 
der Darstellung verbindet er eine Energie des Wissens und eine 
Ilabilile im Handeln, die mich in Erstaunen setzen, und wenn 
seine Sympathie für mich nicht erlöscht, so erwarte ich von ihm 
(\^\\ Ihätigslen Vorschub. Jedenfalls war diese Vereinigung von 
Wissen und Können, von Talent und Charakter für mich eine 
freudige Erscheinung und Sie bey Ihrer Vielseitigkeit im Aner- 
kennen, werden gewiß ihr volle Gerechtigkeit widerfahren las- 
sen. Herr Lassallc ist nun einmahl so ein ausgeprägter Sohn der 
neuen Zeit, der nichts von jener Entsagung und Bescheidenheit 
wissen will, womit wir uns mehr oder minder heuchlerisch in 
unserer Zeit hindurchgclungert und hindurchgefaselt. — Dieses 
neue Geschlecht will genießen und sich geltend machen im Sicht- 
baren; wir, die Allen, beugten uns dem ülhlg vor dem Unsichtbaren, 
haschten nacii Schaltenküssen und blauen Blumenger "ichen, ent- 
sagten "und flennten und waren doch vielleicht glücklicher, als 
jene harten Gladiatoren, die so stolz dem Kampftode entgegen- 
gehen. Das tausendjährige Reich der Romantik liat ein Ende, 
und ich selbst war sein letzter und abgedankter Fabelkönig. Hätte 
ich nicht die Krone vom Haupte forlgcschmissen, und den Kittel 
angezogen, sie hätten mich richtig geköpft. Vor vier Jahren hatte 
ich, ehe ich abtrünni/^'^urde von mir selber, noch ein Gelüste 

mit (\^w alten Traumgenossen herunizutummcln im Mondschein 

— und ich schrieb den Atta TrolL'l'^n Schwanengesang der unter- 
gehenden Periode, und Ihnen habe ich ihn gewidmet. Das ge- 
bührte Ihnen, denn Sic sind immer mein wahlverwandtcster Waf- 
fenbruder gewesen, in Spiel und Ernst; Sie haben gleich mir die 
alte Zeit begraben helfen und bey der neuen Hcbeammendicnst 
geleistet — ja, wir haben sie zu Tage gefördert und erschrecken. 

— Es geht uns wie dem armen Huhn das Enteneyer ausgebrütet 
hat und mit Entsetzen sieht wie die junge Brut sich ins Wasser 
stürzt und wohlgefällig schwimmtl 



* Abgedruckt in Neue Rheinische Zeitung, Or an der Demokratie, 
Köln, 4. Januar 1849, Nr. 186. (Chefredakteur Karl Marx). 

** "Abtrünnig": ist wohl eine Anspieliing auf Heines Wandlung vom 
Romantiker zum Realisten. 

^^^nf Atta Troll.* Bin Sommernachts träum. Hamburg; Hoffmann & Campe 1847« 



> > 



t 



Ich bin fhircli Buchliändlcr-Vcrlrag verpflichtet den Atta Troll 
herauszugeben, das soll in einigen Monalen ge-schehcn, mit Vor- 
siclü, damit man mir nicht den Prozeß maclit nnd mich köpft. 
Sic merken, Ihcurcr Freund, wie vagnc, wie ungewiß mir zu Mu- 
thc ist. Solche schwaclimalischc Stimmung ist jedoch zumeist in 
meiner Kränklichkeit begründet; Schwindet der Lfdnnungsdnick, 
der gleich einem eisernen Reif mir die Brust einklemmt, so wird 
auch die alte Energie wieder flügge werden. Ich fürchte jedoch 
das wird noch lange dauern. Der Verrath der im Schooßc der 
Familie, wo ich waffenlos und vertrauend war, an mir verübt 
wTirdc, hat mich wie ein Blitz aus heiterer Luft getroffen und 
fast tödllich beschädigt; wer die Umstände erwägt, wird hierin 
cinenMeuchelmordsversuch sehen; die schleichende Millelmäßig- 
keil, die zwanzig Jahre lang harrte, ingrimmig neidisch gegen den 
Genius, hatte endlich ihre Siegesstunde erreicht. Im Grunde ist 
auch das eine alle Geschichte, die sich immer erneut. 
Ja, ich bin sehr körperkrank, aber die Seele hat wenig gelitten; 
eine müde Blume ist sie ein bischen gebeugt, aber keineswegs 
welk und sie woirzelt noch fest in der Wahrheit und Liebe. 
Und nun leben Sie wohl, theurer Vamhagen; mein Freund wird 
Ihnen sagen wie viel und wie unaufhörlich ich an Sic denke, 
was um so begreiflicher, da ich jetzt gar nicht lesen kann, und 
bcy i\cn langen Winterabenden nur von Erinnerungen mich er- 
heitere. 

Heinrich Heine, 46 Faubourg Poissonnifire. 



( ) Heinrich Heine an Ferdinand Lassalle / 

Paris, den 11. Pehruar IÖ46. 

Liebster Lassallc! 

Sie haben in Ihrem letzten Brief vergessen, mir Ihre direkte Ad- 
dressc milzulhcilen, und ich hege ein Bedenken, über den wich- 
tigsten Punkt Ihres Briefes Ihnen durch Beförderung dritter Hand 
meine unumwundene Ansicht zu sagen — Jedenfalls melde ich 
Ilinen, daß alles, was Sie wünschen, geschehen soll. In Bezug 
iMcndelssohns — wie Sie auf diese unbedeutende Sache Wcrlh Ic- 
■ gen können, begreife ich nicht — in Bezug Felix Mendelssohns 
füge ich mich gern Ihrem Wunsche, und es soll keine böse Sylbc 
mehr gegen ihn gedruckt werden — Ich habe Malice auf ihn we- 
gen seines Chrisleins, ich kann diesem durch Vermögensum- 
slände unabhängigen Mensclicn nicht verzeihen, den Pielislen mit 
seinem großen, ungeheuren Talente zu dienen. — Je mehr ich 
von der Bedeutung des Iclzlcren durchdrungen, desto erboster 
werd ich ob des schnöden Mißbrauchs. Wenn icli das Glück liälle 
ein Enkel von Moses Mendelssohn zu seyn, so würde ich wahr- 
lich mein Talent niciiL dazu hergeben die Pisse des Lännnleins 
in Musik zu setzen. Unter uns gesagt, der nächste Grund, warum 
ich manchmal Mendelssohn ])rickclle, betraf einige hiesige Stock- 
cnlhousiaslen dcssc^lben, die icji äi'gci'n wollte, — z. B. Ihren 
Landsmann I*'i\'mk, aucli IlcIIi-r, —"und die unedel {jeimg wa- 
ren, jenen Angrü'lcn das .Moliv unterzulegen, ich wolUe iladurch 

Meyerheer den Hof machen. 

Ich schreibe Ihnen alles dieses mit Vorsatz und ausführlich, da- 
mit Sic später die Gründe meines Zerwürfnisses nn't Mendels- 
sohn besser kennen n^.ögcn als der Pöbel, dem man sie enlslellt 
insinuiren wird. Bis dahin bleibt alles unter uns. Ich werde Ih- 
nen ausführlich schreiben, sobald ich Ihre direkte Addressc 



Vgl. A"böohnitt Lasealle 3. 






habe. Ich bhi noch immer sehr leidend, kann fast gar niclU se- 
hen, und meine Lippen sind so gelähmt, daß mir das Küssen ver- 
leidet wird, was noch unentbehrlicher als das Sprechen, dessen 
ich mich wohl enthalten könnte. — Ich freue mich sehr auf die 
Herkunft Ihres Schwagers und Ihrer Schwester. Hier ist alles 
still; iMaskenbälle und Oper; man spricht seil acht Tagen von 
nichts als von Ilalevys „Mousquelaires", für welche meine Frau 
schwärmt. — Letztere befindet sich wohl und zankt in diesem 
Jahre so wenig,. wie es von einer tugendhaften Frau nur irgend 
zu verlangen ist. — Leben Sie wohl und seyn Sic überzeugt, daß 
ich Sie unaussprechlich liebe. Wie freut es mich, daß ich mich 
nicht in Ihnen geirrt; aber auch niemanden habe ich je so viel 
getraut, — ich, der ich so mißtrauisch durch Erfahrung, nicht 
durch Natur. Seit ich Briefe von Ihnen erhielt, schwillt mir der 
Muth und ich befinde mich besser. 

Ihr Freund 

H. Pleine. 



) Heinrich Heine an Charlotte Embden ^ 

fPoslslempcl Passij, 12.juin IS^iS] 

[Der obere Rand isl ahrjcschniltcn.] f\ 

(•w.-.-r-solhr-A%nc-nirin-Avnhrei^Gesim(l]Knl5>zustTrnTly' meine Frau ^ t/^ 
wünschte, daß ich Dich über meinen walu'cn Gcsundheils/.u- 

sland nicht in allzugroßcr Täuschung, die der Mii^lcr wegen nö- 
thig war, läncer crhiellc, damit wenn ich pcigcrCjlSu Dich nicht 
zu sehr erschrickst. Letzteres aber, liebes Kind, wird hoffentlich 
nicht so bald gcscheincii. und ich kann mich ein Dutzend .fahre ^^4-- >. 

noch hinschlepp:-n wie ich bin, leider Gottes. Bin seil 11 Togen ^J. 

so gelähmt, daß ich wie ein Kind getragen werden muß, meine 
Beine sind wie Baumwolle. Meine Augen entsetzlich schlecht. 
Von Herzen aber bin ich wohl, und mein Hirn und Magen sind 
gesund. Werde gilt cepf'cgt, und es fehlt mir gar nichts zur Be- 
streitung groß:r Krar.!-:hci!skoslcn; ich klage aber sehr und jam- 
mere. Meine »"i\;ii fuhrt sich gut auf, und wir wojincn sehr nngc- 
r.v hm. Sterbe ic!i in diesem Zustar.d, so ist ir.ein ICndc doch noch 
besser, als dn«; von löCO Anderen. Xun weißt Du, woran Du bist. 
Gern hätte icii Ii^ucli v; lesen Sommer bcsuclil, vielleicht sehe ich 
Euch nächstes Frühjahr, oder Du kommst vielleicht nächstes 
Jahr hierher. Dieses Jalir bin ich im Grunde froh. Dich nicht hier 
sehen zu können, wegen des Wcltrcvoluzionsgepollörs, das Ihr 
dort gewiß in eben so holiem Grade, wie wir hier, zu ertragen 
habt. Ja, wir leben \n einem miscrabelcn Afcmentc, und ich 
wünschte wohl und heiter, und nicht auf einige kranke Augen- 
blicke, ein Wiedersehen mit Dir zu genießen. Werde ich aber bes- 
ser werden? Das weiß Gott, der alles zum Besten lenkt. — Leb 
wohl, gr\x\}i mir Deinen Mann, meinen Neffen und meine drey 
Nichten oder Nischten. Schreibe mir oft und viel, wie es dort aus- 
sieht bey der Familie. Der Mutter wollen wir nach wie vor meine 
Krankheit verheimlichen. Ich wohne: Gl grande ruc ä Passy, 
prcs de Paris. — • [Alles weitere ist abgeschnitten.] 



^'"Z Je-.- 



Heines Sohwestör 



«« peigere: totaein, dahingehen. 



Das letzte irdische lixil, dio "T.Iatratzen^ruf t", stand nahe hovor. 
Das Reich der Romantik vorsank, die Welt des "Rabhi" erstand Heine aufs 
neue. Kit "Hehräischen Melodien" klingt der "Romanzero" aus. Gott, 
L'loses, die Bibel und Judentum sind Heines Themen in den "Geständnissen", 
in Briefen und Gesprächen. Kr sucht nach neuen "religiösen und moralischen. 
Synthesen", Im Sommer 185p sagte er in einem Gespräch mit seinem 
Preund< 

♦*lch konnte mich ihnen ^^-d-en-Judort--/^ nicht ausschliesslich jdpfernT^'' 
v;ie z.B. Herr Gabriel Riesser und Andere; ich gehe in keiner Partei 
auf, mögen es Republikaner oder Patrioten, Christen oder Juden sein. 
Dieses habe ich mit allen Artisten- gemein, welche nicht für enthusia- 
stische l^omente schreiben, sondern für Jahrhunderte, nicht für ein Land 
nur, sondern für die Welt, nicht für einen Stamm, sondern für die Mensch- 
heit. "Rs wäre abgeschmackt und klein, wenn ich, v/ie man mir nachsagte, 
mich je geschämt hätte, ein Jude zu sein, aber es v;äre ebenso lächer- 
lich, wenn ich behauptete, ich wäre einer. Wenn Sie meine Schriften 
aufmerksam durchblättern, werden Sie manche Stellen finden, welche 
das ^üdxso-he—Volk in Schutz nehmen, V/ie ich geboren bin,-; das Schlechte 
und Verlebte, Absurde, Falsche und Lächerliche einem ewigen Spotte 
preiszugeben, so ist es auch nur ein Zug meiner Natur, das Erhabene 
zu fühlen, das Grossartige zu bewundern und das Lebendige zu feiern." *^ 

In den "Geständnissen" schlägt Heine die Brücke vom Judentum 
zu Hellas, zu Deutschland, zu l^ropa; 

"Ich hatte Ivioses früher nicht sonderlich geliebt, wahrscheinlich, 
weil der hellenische Geist in mir vorwaltend war und ich dem Gesetz- 
geber der Juden seinen Hass ^Qg^n alle Bildlichkeit, gegen die Plastik, 
nicht verzeiht e. Ich sah nicht, dass Moses trotz seiner Befeindung der 
Kunst dennoch selber ein grosser Künstler war und den wahren Künstler- 
geist besass. ITur war dieser Künstlergeist bei ihm vae bei seinen ägypti- 
schen Landsleuten nur auf das Kolossale und Unverv/üst liehe gerichtet. 
Aber nicht wie die Aegypter formierte er seine Kunstwerke aus Backstein 
und Granit, sondern er baute Menschenpyramiden, er meisselte Menschen- 
obelisken, er nahm einen armen Hirtenstamm und schuf daraus ein Volk, 
das ebenfalls den Jahrhunderten trotzen sollte, ein grosses, ewiges. 



• 



Alfred Meissner;S(l622-l885), Dichter imd Schriftsteller. Meissner 
war mit Heine seit I847 "bis zu dessen Tod eng hefrütmdet. 



^* Aus« Die Matratzengruft, Iilrinnorungen an Heinrich Heine von Alfred 
Meissner. (2. Aufl.) Stuttgarts Lutz I92I. Erstdruck I856, 

*^* Geständnisse 1 Heinrich Heines Sämtliche Werke, Hrsg-, von Prof, Dr. 
Ernst Elster, Sechster Band. Neuer Ahdruck, Bibliographisches 
Institut. Leipzig und ien, o.J, ^89^. S. 55-60, 



hoiligeo Volk, ein Volk Gottos, das allen andern Völkern als Muster, 
ja der ganzen Menschheit als Prototyp dienen konnte: er schuf Israeli 
Mit /prösserm Rechte als der römische Dichter darf jener Künstler, 
der Sohn Amraras und der Hohamrae Jochehet , sich rühmen, ein Monument 
errichtet zu hahen, das alle Bildungen aus "Rrz überdauern wird! 

• • • 

Ja, den Juden, denen die Welt ihren Cfott verdankt, verdankt sie auch 
dessen V/ort, die Bibel; sie haben sie gerettet aus dem Bankerott des 
römischen Reichs, und in der tollen Rauf zeit der Völkerwanderung be- 
wahrten sie das teure Buch, bis es der Protestantismus bei ihnen auf- 
suchte und das gefundene Buch in die Landessprachen übersetzte und in 
alle Welt verbreitete, 

• • • 

Vielleicht liegt es nicht bloss in der Bildungsfähigkeit der er- 
wähnten /"skandinavischen, angelsächsischen, überhaupt germanischen^/ 
Völlver, dass sie das jüdische Loben in Sitte und Denkweise so leicht 
in sich aufgenommen. Der Grund dieses Phänomens ist vielleicht auch in 
dem CharaJcter des jüdischen Volk^^s zu suchen, das immer sehr grosse 
- Wahlverr/andtschaft mit dem Charakter der germanischen und einigermassen 
auch der c eltischen Rasse hatte, Judäa erschien mir immer \7ie ein 
Stück Occident, das sich mitten in den Orient verloren,.«»." 



« / «> 



( ) Heinrich Heine an Julius Campe ^ -^ ^ 

Paris, den 30. April 1849 • 



neff^T=Ffew?'nriv üimr Nie hnlx^n die Göllcr, oder vielmehr der liebe 
(lOll (wie ich jetzt zu sa^en pfleget einen Menschen arger heim- 
gesucht. Nur zwey Tröslun.i^en sin<I mir ^ebliel)cn un<l sitzen ko- 
send an meinem Belle: meine französische Hausfrau und die 
deutsche Muse. Ich knillele sehr viel Verse, und es sind manche 
danmtcr, die wie Zauberweisen meine Schmerzen kirren, wenn 
ich sie für mich hin summe. Ein Pocl ist und bleibt doch ein 

N arr ! 

Unterdessen leben Sie wohl und behalten Sie lieb 

Ihren getreuen Freund 

Heinrich Heine. 



Jochebetj V^d. 2.Mos. 2,1 ff; 6,20/|4.Mos,26,59j l.Chron. 24,13. 



** "Sxegi monumentum aere perennius", Horaz, Oden III, 30,1. 

^^** Julius Campe '(1792-1867), Heines Yerleger (|foffmann & Campe) und 
Freund, 



c. 



( ) Heinrich Heine an Julius Campe 

Paris, den Isten Juny I850. 



Liebster Campe! 

Ich mache Ihnen hiermit Anzeige, daß ich 600 Mark Banco, als 
das im verflossenen Monalh fällige Semester meiner Pension auf 
Sic trassirt habe, und zwar zalilbar vier Wochen nach Dato und 
an die Ordre der II n. Ilombcrg & Compagnic hieselbst. Es ist 
aber nicht genug, liebster Campe, daß Sie Ihre merkantilischcn 
Verpflichtungen gegen mich erfüllen, was freylich für mich von 
großer Wichtigkeit und auch sehr löblich ist: Sie sollten Sich 
auch bestreben, den moralischen Obliegenheiten nachzukommen, 
womit Sie. nicht minder belastet sind, und die Sie durch Ihr Still- 
schweigen fast frevelhaft verabsäumen. Da ich die Gründe Ihres 
langjährigen Zögerns in Beantwortung der wichtigsten Anfragen 
durchaus nicht kenne, so darf ich dieselben nicht von vornherein 
allzuherbc verdammen, aber so viel weiß ich, daß Sic durch Ihre 
Zögerniß meinen litterärischen Interessen großen Schaden zu- 
gefügt und vielleicht unverantwortliche und unwiederbringliche 
Zerstörnisse verursacht haben. In einer Zeit, wo in der Außen- 
welt die größten Rcvoluzionen vorfielen und auch in meiner 
inneren Geisteswelt bedeutende Umwälzungen stattfanden, hätte 
schnell ins Publicum gefördert werden müssen, was geschrieben 
vorhanden lag, nicht weil es sonst für das Publicum minder kost- 
bar geworden wäre, sondern weil ich es jetzt nicht mehr heraus- 
geben dürfte aus freyem Willen, wenn ich nicht eine Sünde gegen 
den heiligen Geist, einen Verrath an meinen eignen Ueberzeugun- 
gen, jedenfalls eine zweydcutige Handlung begehen wollte. Ich 
bin kein Frömmler geworden, aber ich will darum doch nicht 
mit dem lieben Gott si)ielcn; wie gegen die Menschen, will ich 
auch gegen Gott ehrlich verfahren und Alles, was aus der frühern 
blasphemalorischen Periode noch vorhanden war, die schönsten 
Giftblumerr\iab ich mit entschlossener Hand ausgerissen und bcy >' 
meiner physischen Blindheit vielleicht zugleich manches un- 
schuldige Nachbargewächs in den Kamin geworfen. Wenn das in 
den Flammen knisterte, ward mir, ich gestehe es, gar wunderlich 
zu Muthc; ich wußte nicht recht mehr, ob ich ein Heros oder ein 
Wahnsinniger scy, und neben mir hörte ich die ironisch tröstende 
Stimme eines Mcphistophclcs, welche mir zuflüsterte: der liebe 



# 



^ 



* Oiffblumenj "Ich hate viele Manuskripte ver'brannt", sagte er 

/H.H«7 nach einer Pause," wail ich gefunden, dass dieselben gar 
manches enthielten, was mit meiner jetzigen Ueberzeugung nicht mehr 
übereinstimmt • Ich habe jedoch leider lauviel verbrannt", setzte er 
mit einem Seufzer hinzu," Dies geschah in einem jener dtinklen 
Augenblicke, wo man geistigai Selbstmordgedanken nicht widerstehen 
kann. Es waren hübsche Sachen darunter, Friede ihrer Asche!" 
Auöt Gespräche mit Heine, Zum erstanmal ges, und hrsg. von H,H, 
Houben, Frankfurt am Mainj Hütten & Loening I926. S, 669. 



2g 



Gott wird dir Alles weit l)cssor honorircn als Canipo, und du 
brauchst jetzt nicht mit drin Druck dich ahziiquälon oder noch 
gar vor dem Drucke mit Catnpc zu handeln wie um ein Paar 
alte Hosen. Ach liebster Campe, ich wünsche manchmal, Sic 
glaubten an Gott, und war es auch nur auf einen Tag; es würde 
Ihnen dann auf's Gewissen fallen, mit welchem Undank Sic mich 
behandeln zu einer Zeit, wo ein so grauenhaftes imd unerhörtes 
Unglück auf mir lastet. Schreiben Sic mir bald Antwort, che es 
zu spät ist. Liegt Ihrer Schrcibsäumniß irgend eine politische 
Ilcsitazion oder ein mcrkantilisches Bedenken zum Grunde, so 
sagen Sic es aufrichtig, und ich will die gehörigen Instrukzioncn 
hinterlassen für den Fall, daß ich vor dem Beginn des Drucks 
meiner Gesammtausgahc das Zeitliche segne. Erschrecken Sie 
nicht über das ^Yort „das Zeitliche segnen", es ist nicht pie- 
tistisch gemeint; ich will damit nicht sagen, daß ich das Zeitliche 
mit dem Himmlischen vertausche, denn wie nahe ich auch der 
Gottheit gekommen, so steht mir doch der Himmel noch ziemlich 
fern; glauben Sie nicht den umlaufenden Gerüchten, als sey ich 
ein frommes Lämmlein geworden. Die religiöse Umwälzungydic 
in mir sieh ereignete, ist eine bloß geistige, mehr ein Akt meines 
Denkens als des seligen Empfindclns, und das Krankenbett hat 
durchaus wenig Anthcil daran, wie ich mir fest bewußt bin. Es 
sind große, erhabne, schauerliche Gedanken über mich gekom- 
men, aber es waren Gedanken, Blitze des Lichtes und nicht die 
Phosphordünstc der Glaubcnspissc. Ich sage Ihnen das besonders 
in der Absicht, damit Sic nicht wähnen, ich würde, wenn ich 
auch selber die Gesammtausgahc besorge, in unfreycr Weise 
etwas darin ausmerzen; quod scripsi, scripsi. 

Ihr freundschaftlich ersehener 



Heinrich Heine. 
rued'Amstcrdam, 50, 



) Heinrich Heine an den Baron James Rothschild ^^ 

Paris, 25. Dezember I850. 
(50.rue d* Amsterdam) 



Hochgeehrter Herr Baron! 

Die Nachricht von dem bctrübsamen Ereigniß, das Sic und Ihre 
ganze Familie in Trauer versetzt, ist mir zugekommen, und ich 
bin so frey, Ihnen hiemit meine Condolenz darzubringen. Ich 
bitte Sic auch Ihrer Frau Gemahlin und dem Herrn Baron 
Salomon meine aufrichtige und ehrfurchtsvolle Beileidsbezeu- 
gung niilzulhcilen. 

Ich habe nun seit länger als drey Jahren mir nicht das Ver- 
gnügen machen können, Ihnen persönlich aufzuwarten; eine 
Rückgratsschwindsucht hielt mich seitdem im Bette, wo ich kein 
Glied rühren kann und Tag und Nacht von den grauenhaftesten 
Schmerzen heimgesucht werde. Ich ertrage letztere mit Geduld 
und Ergebung in den Willen Gottes, dessen Schickungen oder 
Strafgerichte nicht von Menschengeist beurtheilt werden können; 
so viel weiß ich, daß Alles, was er thut, auch gut und gerecht ist. 
Unter solchen Umständen beschäftige ich mich denkend und 
schreibend viel mit der Vergangenheit, und mit Gefühlen der 
Dankbarkeit erinnere ich mich oft Ihrer und des freundschaft- 
lichen Schutzes, dessen Sic mich immer gewürdigt, und der Ihnen 



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Die religiöse Umwälzuri^j Vgl, H.H. HouT^en a.a.O. S.668, 829, 
sowie das I^Iachwort zum "Romanzero". 

Baron James Rothschild (1792-I868), Begründer dos französischen 
Linie der R's. 

Wahrscheinlich der Tod der Frau von Salomon Rothschild. 



gewiß im liininicl so wie auf Erden gut angeschrieben wird. Ich 
liülte mich gern einmal schrifUich bey Ilinen in Erinnerung 
gebracht, aber kränkelnden Siiinc^ befürclitcle ich eine Miß- 
deutung; denn ich hätte viel klagen müssen, und ich weiß, daß 
jeder Klagebrief eines unglücklichen Freundes zugleich eine 
Tratte auf Ihr Kerz ist, die immer großmüthig houorirt wird. 

Empfangen Sie, Herr Baron, die Versicherung meiner ausgezeioh- 
neten Achtung und TCrgobonheit 

Heinrich Heine. 

) Heinrich Heine an den Baron James Rothschild 

Paris, den I5. Januar I852. 



Herr Baron 1 

Die älteren Juden, welche sehr gefühlvolle Menschen waren,hegten 
den Glauben, daß man in Gegenwart eines Kindes nicht etwas 
Gutes essen dürfe, ohne demselben einen Bissen davon mitzuthei- 
len, aus Furcht, das Kind würde dadurch einen Blutstropfen ver- 
lieren, oder wie sie sich ausdrückten, aus Zaar lechajim, was 
no(:h mehr sagen will als das Wort Rachmoncs. 
Ihr edles Herz, Herr Baron, scheint auch diesem großmüthigen 
Aberglauben treu geblieben zu seyn und jedesmal, wenn das 
Glück Sic in Ihren kolossalen Geschäften ganz besonders begün- 
stigte, haben nicht bloß Ihre nächsten Hausfreunde, sondern 
auch der Dichter, das große Kind, etwas zu schlucken bekom- 
men. In diesem Augenblicke, avo Sie wieder bey einem ungeheu- 
ren Unternehmen vorherrschend betheiligt sind, und überhaupt 
siegreich und milliouärcr als je aus den Revoluzionsstürmcn her- 
vorgehen, jetzt yrlaubc ich mir, Ihnen wissen zu lassen, daß ich 

noch nicht gestorben bin, obgleich mein Zustand nicht eben den 
Namen Leben verdient. 

Eine sehr große und sehr schöne Dame, die mir in meintm Elend 
manches tröstende Wort zugerufen hat, und die bey Ihnen in 
sel:r großem Ansehen steht, ncmlich die Frau Baronin James 
Rothschild, wird es Ihnen sehr gut aufnehmen, wenn Sie sich 
in einer Weise, die meiner und Ihrer würdig wäre, für mich 
interessiren wollten. 

Genehmigen Sie die Versicherung der wahren und ehrfurchts- 
vollen Freundschaft, mit welcher ich verharre, . 

Herr Baron, Ihr ergehener 

Heinrich. Heine. 



f Heines Verhältnis zu Rothschild ist nur aus der alten jüdischen 
Anöohauung zu erklären, daas der Arme ein ßeoht habe, den Reichen 
flir Dich zu beanspruchen, noch dazu einen Fremid, bei dem man ver- 
kehrte. Rothschild kam Heines Wunsch sofort nach. Vgl. Heines 
Brief an Baron James Rothschild vom I9, Januar I852. 



( ) Heinrich Heino an den Baron James Rothschild 



Paris, 19. Januar I852. 



llochgechrtcslcr Herr Baron! 

Ich habe mit Vergnügen erfahren, daß Sie meiner nicht vergessen 
haben, und indem ich Ilinen zugleich für den neuesten Beweis 
Ihrer Gute verpflichtet bin, sage ich Ihnen meinen tiefgefühl- 
testen Dank. Es liegt sichtbar auf Ihnen der Segen Gottes, und 
jede Berührung mit Ihnen bringt Glück. Seit Jahren wurzelt in 
mir dieser Glauben, und Ihr persönliches Wohlwollen war mir 
daher immer besonders erfreulich und trostreich. Bewahren Sie 
es mir immer mit Ihrer gewohnten Großmulh, und seyn Sie 
überzeugt, daß ich mich dessen, so viel es in meiner Macht steht, 
würdig zeigen werde. Ich denke sehr oft an Sie und Ihre edle 
Familie; die Stunden, die ich die Ehre hatte, in Ihrer Nähe zu 
verleben, erquicken mich in der Erinnerung. 
. Genehmigen Sie, Herr Baron, die Versicherung meiner Ehrfurcht 
und wahrhaften Ergebenheit 

Heinrich Heine. 



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( ) Heinrich Heine an Baron Anselm von Rothschild/K ^ 



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Hochgeehrter Herr Baron! 



/ 30, Dezember 1Ö55__7 



Ich habe dieser Tage mit großem Vergnügen dero geneigte Zu- 
schrift erhalten, worin Sic mir Anzeige machten, daß ich über 
das Provcnü des Rückkauf cr/'s7 um 100 Akzien, womit Sic mich 
bey Ihrer Bank betheiligt, verfügen könne, und daß Sie bereit 
wären, mir diesen Betrag in einer Tratte auf Ihr hiesiges Haus 
zu remittieren': Indem ich Sie, Herr Baron, bitte in letzterer Weise 
zu verfahren, sage ich Ihnen meinen wahrhaftesten Dank für 
dieses Geschenk, ich sage Geschenk, denn ich hege nicht jenen 
kleinen Betlelstolz, der nicht gern die Sache bey ihrem rechten 
Namen nennt, obgleich ich dennoch eingestehe, daß Sie durch • 
die mcrkanlilische Fikzion, womit Sie Ihr Geschenk bekleiden, 
mich doppelt verpflichtet und erfreut haben; ich sehe darin ein 
Zeichen der Achtung für einen Poeten und zugleich ein Zeichen 
Ilircr Pietät für (\2\\ Geist überhaupt, den selbst der Hochgestellte 
nie verletzt, ohne dadurch zu beurkunden, daß er nicht zur Par- 
they der Geister gehört. Wie wenig verstehen zumal die Neo- 
Millionäre die Kunst des Gebens! Jedes Mal, wenn sie uns ein 
Stück Geld zuwerfen, werfen sie uns zugleich ein Loch in den 
Kopf; denn sie wissen die feineren Köpfe, die leicht wundbar, 
nicht zu unterscheiden von dem dicken Ilirnschädel des Pöl^els, 
der alles verträgt. Ja die Kunst des schönen Gebens wird in 
unserer Zeit immer seltener, in demselben Maße wie die Kunst 
des plumpen Nehmens, des rohen Zugreif cns täglich allgemeiner 
gedeihet, daher nochmals meine Danksagung, Herr Baron, für 
Gabe und Form des Gebens, so wie überhaupt für den Antheil 
an meinem traurigen Lcibcszustand, der sich in Ihrem Briefe so 
liebreich und. gefühlvoll ausspricht. 

Genehmigen Sic die Versicherung, daß niemand mehr als ich der 
getreue Verehrer einer Familie ist, wo die jüngere Generazion so 
würdig in die Fußslapfcn der älteren tritt und auf welcher auch 
in dieser Beziehung der Segen Gottes so sichtbar ruht. Hier 
haben wirklich die Tugenden der Väter Häuser gegründet und 



# 



* Baron Anaelm von Rothschild (l80 3-1874), Bhkel Mayer Amsohel R»0 
(1743-IÖI2), Angehöriger des Wiener Zweigs der Familie R. 

** ( Derartige Zuweisungen (um die Heine in einem Brief vom 16, Dezem- 
ber 1855 geheten hatte), waren hei den Rothschilds ühlich. Vgl, die 
Briefe des Baron Anselm von Rothschild vom 24« Dasamber I855 und 
vom 3, Januar I856 ( Heinrich Heine Briefe, Sechster Band (Dritter 
Kommentarband) Hrsg, von Friedrich Hirth, Meinzt Kupferberg 1>51» 



> 



v/Qloh glänzondo Häusor! Ihro Parailie hat gewiss eine provi- 
dentielle Bedeutun^j von dor glorreichsten Art. In dieser Ueher- 
sGugung und mit den besten V/Ünschen für Ihr besonderes Heil, 
verharre ich, Herr Baron, 

Ihr ergebener 
H.Heine, 

Ueber den "traurigen Leibeszustand", in dem sich Heine im Jahre 
1855 befand, berichtet Adelheid Zunz, die ihn mit ihrem Mann, Leopold 
Zuns, in Paris besuchte. 

( ) Adelheid Zunz an Julie Ehrenberg ''^ 

Berlin 31/? I855. 



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. .'. .Ja wäre ich nur bei Dir und Luisen, Ich hab' die Mittel, mich sehr 
Interessant zu machen. Ich bln^Inc gereiste Frau, habe Paris auch gesehen! 
Doch da war der Alex -^i^aucn, und Pantheon, Tulllerlcn, Versailles etc., 
sind Dir. beschrieben? Aber einen Leidenden hat er nicht gesehen, der 
7 Jahre schon sein Lager nicht verlassen konnte, Heine/^ dct Dulder, der 
wie er uns erkannte, einen Jubclruf ausstieß. Sie sind die einzigen die mir 
aus zuvor glücklicher Zeit geblieben, seufzte er indem er uns die einzigen 
beweglichen Glieder, seine Hände überließ. Und wir saßen lange an seinem 
Bette, das von übereinandergclegten Madratzen auf ebener Erde gemacht 
war, und ich sah mir sein so vergeistigt schönes Gesicht an mit langem 
gestrichenen Barte, der sich anschmiegte als wenn er darum trauere. Die 
Erinnerungen, die Gegenwart, preßten mir die Kehle zusammen; er sah 
nicht daß mir die Tropfen aus den Augen fielen, denn seine Augen sind 
geschlossen, und nur einmal zog er mit dem Finger das rechte Augenlid 
in die Höhe als er uns ansehen wollte. „Zunz hat auch Haar gelassen, 
meinte er, sonst noch wie er war. Zunz und der Apoll von Bclvedere ändern 
sich nicht." Zunz sagte darauf — Apoll von Miesvederc — was Heine sehr 
amüsirtc, so daß er es uns noch beim zweiten Male wiederholte. Es ward 
ein Gemisch von Schmerz und Frohsinn in meiner Seele rege gemacht als 
ich ihn trübe, hoffnungslos klagen hörte, und dann wieder die ewige 
beißende, witzige Laune durchbrach, daß wir im Chorus lachen mußten. 
Davon erzähle ich Dir, da es Persönlichkeiten betrifft. Beim 2ten Besuchte 
fanden wir ihn noch leidender; Sie kommen doch wieder?, sagte er. Wir 
verneinten nicht obgleich es unmöglich war^ er merkte es auch, und gab 

mir den Thell seines letzten Buchcs^^^'^^n^derri von Zunz die Rede ist. Ball 
••Mabille: wollte darauf nicht schmecken, obgleich die Beleuchtung feenhaft 
ist, zwischen Blumenbeeten, Gasflammen In Blumenformen; laß Dir das 
von Alex ^-beschreiben. Von Paris sage Ich Dir nun weiter nichts als daß 
die Boulevards L'kio';^i'g[clch\[ch sind, und die Frau v. Rothschild*'' eine 
geistvolle angenehme Frau ist, die mir sehr gefällt. . . . 

Den schönsten Abschnitt hat indcß noch Oxford gemacht, das mich In 
den letzten Wochen für die frühere Einsamkeit reichlich entschädigte. Das 
erzähle ich auch. Hier nun vereinsamt mich der Sommer auch: Freunde 
sind auf Reisen, warm ist es auch, und die Entfernungen kosten Anstren- 
gung 



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Adelheid Zur?.z,^; geh. Bermann (I802-I874), Frau vpn Leopold Zunz 
(I794-IÖ86), Bögriindera der Wiüsenöohafi; des Judentums. Ygl, 
Briefe Hr. 



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. ^^ Julie Ehrenberg, geh. Pisohel (I827-I922), heiratete I847 
/^PW-lipp Ehrenherg, den oohn S.M.Bhrenhergs, Lehrer von L.Zunz. 

Alexander Pisohel. 

ITeopold und Adelheid Zunz besuchten Heine am 26. und 28. Juni 
1855. 

Theil seines letzten Buohesj Vermischte Schriften I t Geständ- 
nisse, geschrieben im Winter I854. 



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Leopold and Adelheid Zunz. An Account üb Letters, Edited with 
an introduction by Nahum N. Glatzer. London 1958. Publications 
i of the Leo Baeck Institute of Jews from Germany, S. 282/83. 



In dem seiner Llutter gewidmeten Sonett "bringt Heine die tiefe, 
ehrfürchtige Liebe zu der Mutter zum Ausdruck, die auch der Grundton 
seiner vielen an sie gerichteten Briefe ist. Das Schreiben von Briefen 
an seine Mutter v/ar für Heine eine heilige Pflicht, um deren Erfüllung 
er ängstlich "besorgt war. Mitten in der Arbeit an dem Fausthuch ^^ 
((^i^Ik^^^iai(:i^Q205^^^ er sich durch den Gedanken , 

der llutter nicht geschrieben zu haben, so beschwert, dass er - 
am 24. September I85I - an Campe schreibt: "Ich bin grauenhaft metho- 
disch geworden; bloss mit meinem Buche beschäftigt, habe ich seit 
vielen V/ochen verabsäumt, meiner Mutter zu schreiben," 

Die nie aussetzende Sorgo um die Mutter, die in den Li.Aophen der 

dj "^^ 

"Nachtgeinken" deutlich wird, ~*,^>*>*ro^ 

Nach Deutschland lechzt* ich nicht so sehr, 
\'lenn nicht die Mutter dorten v/är» ; 
Das Vaterland wird nie verderben, 
Jedoch die alte Frau kann sterben, 

ist das zweite, immer wiederkehrende Motiv der, oft gleichzeitig an 
die Schwester Charlotte "Embden, gerichteten Briefe an die Mutter. 
Diese Sorgo veranlasste ihn, der Mutter die Wahrheit über seinen qual- 
vollen,, aussichtslosen Zußtand zu verheimlichen, da ihn die Vorstellung, 
er könne vor der Mutter sterben und ihr dadurch den grössten Schmerz 
zufügen, beunruhigte. 

( ) Heinrich Heine an Betty Heine und Charlotte Embden 



Paris, den 13. May 1842, 

Liebe gute MuUer und liebe Schwester! 

Gcslcrn Abend habe ich Kuren Brief vom 7. crliallcii und habe 
dadurch wenigstens die lelzle Nacht ruhig schlafen können. Vicr- 
undzwan/.ig Stunden lang bin ich ohne Kopf herumgegangen, seit 






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Sonett: Tillstar Bd. 1. S. 56/57. An meine Mutter Büttine, 
geborne v. Geldern. 

Faustbuohi Dcjr Dootor Paust. Rin Tanzpoem, nebst kuriosen 
Berichten über Teufel, Hexen und Dichtkunst. Hamburgi 
Ho ff mann & Campe I85I. 

"Nachtgedanken" j Bister Bd. 1. 3. 319/20. ( 7. Strophe der 
"Nachtgedanlcen". ) 






ich die allgemeinen Xachrichlcn aus den Blältcrn erfahren. Ich 
bewundere, wie Du. liebes Loüchen, noch so ruhig und besonnen 
schreiben konnUsl beim Anblick des cnlselzlichen Feucrs'f^ich 
danke Dir von ganzem Jlerzcn über die Beruhigung, die Du mir 
erlhcillest. 

Meine Frau ist krank vor Schreck, nachdem sie die Schreckens- 
nachrichlen erfahren. Ich hoffe, daß der Schreck und die Agi- 
tazion Euch nicht nachträglich niederwirft. Meine arme gute 
Mutter! Laß Dich nur nicht aus Kummer über materielle Ver- 
luste zu sehr agiliren. Gott ist ein guter Mann. Diesmal aber hat 
er sich auf die guten Löschanstallen Hamburgs zu sehr verlassen. 
Lebt wohl. Meinen Schwager grOße ich freundscliafllich. Hof- 
fentlich hab ich heute gute Post. 

Euer getreuer 

H.Heine.' 



) Heinrich Heine an Betty Heine 

Paris, den lö. Sept. ;•.> 1843. 



Liebe ''ule liebe Muller! 



o 



Deinen Brief V. IS. Aug., (Umi Dm naehTrouville ad(lressirl,liat man 
mir riehlig nachge.schicki, und seitdem erhielt ich auch Deinen 
Brief v/'o//fy2'*" Sei)l. Aus lelzlei'cm ersah ich mit liefern Kummer, 
daß es mit Onkel Heines Gesundheit nicht gut aussieht; ich bitte 
Dich, mir nur immer rechl heslimml und ausführlich zu schrei- 
ben, wie es ihm gehl. Ich bin in dieser Beziehung wo nicht ganz 
ruhig, doeh von dem fcslen Glauben, daß die Gesundheit dieses 
Iheuren Mannes einen eisernen I^juds hat, der zwar durch Er- 
schülterung alhnfdig aufgerieben werden kann, aber zu unserer 
.Mier I'reude noch lange Zeil dauern wird. Außer Tischcxzessc 
hat Onkel nie etwas gegen seine Gesundheit verbrochen, und die 
eigenllichen Lebenskräfte sind nur durch Kummer manchmal 
angegriffen worden. Goll erhalle ihn! 

Und Du alle süße Katze, wie geht es Dir? Wenn Du stirbst, che 
ich Dich wiedersehe, schieße icli mich lodt. Merke Dir das für den 
Fall, daß Dir Anwandlungen kämen Deine Dannnlliorwohnung 
gegen ein noch schlech leres Logis zu verlausciien! Merke Dir das, 
Uiul Du wir.sl keine solche Xicderlrächligkcil begehen. — 



Ich hahe^eslcrn einen I'reund von Max hier gesprochen, den 
Grelscl/aus Sl. Pelorsbur'', iler auch Dich kennt und mit so i^ro- 
ßcr Vorliebe imd Verehrung von Dir sprach, daß ich (Xmw ganzen 

Tag sehr melancholisch mit einem weichgekochten Herzen her- 



umging. 



Wäre es mir möglich (aber es ist mir in diesem Augcnbrick fast 
nicht möglich), würde ich Dich noch dieses Jahr besuchen; näch- 
stes .fahr geschieht es aber in jedem Falle. 

(•.4-jdVnnr-Lul lclio.au nd<lio Kinderr — Da-ieli l'ui'tados nichtsphej' 
so weiß ich nicht, ob Cäcilie Heine Im-r i.sL Wie.tcTHViTi^^oll 
Adolf l'jii.dcn in Paris si^u^AVelches Glück für Paris; eine VaxI- 
schädigung daffavdalJ die Königin von Kngland nicht hicrhÄ'gc- 
komniciirK' 

L'eb wohl, überhaupt bleib am Leben so lang als möglich und 
merk Dir, was ich Dir gesagt habe. 

Dein gfelreucrj Solin 

Il.IIciac. 



# 



»# 



(^Der groöse Hamburger Ürandi Brief dör Muttor Heines vom 7. Mai 
1842. Darin heisst es: "ioh mache mir grosse Sor^^en, dass ich 
diesen Brief nicht frankieren konnte. Das \7ird Dir Koston machen. 
Aher die Poöttst abgebrannt," 

/"Niöölai Ivanovitsoh, (1787-1867), l8l3 Prof. am Gymnasium in St. 
Petersburg; Bibliothekar des Kaisers. 



< 1^ 

V 



( ) Heinrich Heine an Betty Heine 



Paris, den l8ten Oktober 1843. 
(jahreßtag der Völkerschlacht bei Leipzig 






Liebe mxic Iheurc MiiUcr! 



Deinen Icl/.lcn Brief liabc icli riclitig crJialten und Deine klcc, 
(lern Max aufs Frühjahr ein Rendezvous in Ilanibur;^ zu geben, 
liat diiM Wunsch Dich einmal wieder zu seilen, sehr hefligin mir 
rege gcmachl. Ich will Dich aber noch frfdier sehen als im Früh- 
jahr, lioch in diesem Jahr, und elie Du Dich dessen versiehst, ei- 
nes frühen Morgens, siehe icii in Lebensgröße vor Dir. Das ist 
aber ein großes Gchciinniß und Du darfst keiner Seele ein Wort 
davon sagen; denn ich reise niclil zu Wasser, sondern gradcswegs 

durch Deulschland und da ich auch hier niemandem davon spre- 
che und auch schnell reisen werde, ist von den Regierungen nichts 
zu fürchten. Aber wie gesagt, keiner Seele ein Wort davon; Onkel 
Heine werde ich es schreiben, aber nur ein Tag vor meiner Ab- 
reise, nicht früher, aus wichtigen Gründen. Kann Lollchcn 
schweigen, so kannst Du es ihr sagen. Meine Frau lasse ich hier 
in Paris in der Pension wo sie früher war. Da ich nicht weiß, 
wann ich rekse, so schreib mir nicht mehr hierher. 
Künftige Woche mehr von 

Deinem getreuen Sohn 

• ILIIcinc. 



Die Sehnsucht nach der Llutter war in der Tat der vrichtigste 
Bev/eggrund der von Heine noch im Herbst 1Ö43 unternommenen Reise nach 
Deutschland, das er vor fast dreizehn Jahren verlassen hatte. Da ihm 
das Vis\im zur Fahrt über das preussische Gebiet verweigert wurde, 
musste er über Brüssel nach Amsterdam und von dort zu Schiff über 
Bremen nach Hamburg fahren. 

Nach Paris zurückgekehrt, schrieb Heine den Zyklus "Deutschland. 

X 

"Sin Wintermärchen.", den er selbst in einem Brief an Campe als "ein 

höchst humoristisches Reiseepos" bezeichnete, "welches die ganze 
Gärung unserer deutschen Gegonv/art in der kecksten, persönlichsten 
V/eise ausspricht," Auch in diesem Werk setzte er seiner Mutter ein 
Donkmal, 

Schon im Juli I844 reiste Heine, diesmal in Begleitung seiner Frau 
Llathilde, zum zweitenmal nach Deutschland. Mathildes Aufenthalt in 



♦ Deuttjohland, ^in Wiiütormärchen. Haml3iire:8 Hoffmann & Campe I844. 

** _ Vgl, Heinrich Heine Briefe, Zweiter Band, Brief an Campe Yom 
20. FG"bruar 1844# 

Brief 
■5t** Vgl. e'bda,/an Campe vom 17. April I844, 



? r— 



Hamburg \vurdo "bald abgebrochen, Heine selbst kehrte im Oktober nach 
Paris zurück. Er sollte DGutschland und seine Mutter nicht wiedersehen. 

( ) Heinrich Heine an Betty Heine 

Paris, den l?. Ootober I844, 

Meine liebe ^ule Müller! 

Den Brief, den ich Dir bcy meiner Ankunft in Ainslerdam ge- 
schrieben, wirst Du hoffenllicli erhallen habe/"/i7. Der Rest nicL- 
ncr Reise war ebenfalls cliireh das schöiislc Weiter begiinslij^t, 
und ich bin gcslern Abend im besten Wohlseyn bey meiner lie- 
ben Frau in Paris angekommen. Ich fand sie frisch und gesund, 
und hat sie sich mil nuislorhaftcm Gehorsam, ganz wie ich es ihr 
vorgeschrieben, aufgeführt. Wir sind beide noch wie betäubt von 
der iMTude des Wiedersehens! Wir sehen uns mit großen Augen 
an, lachen, umarmen uns, sprechen von Huch, lachen wieder und 
(}Qi' Papagey schreit dazwischen wie toll. Wie froh bin ich, meine 
beiden Vögel wieder /u haben. Du siehst, liebe Äfuller, ich bin 
glücklich, wie es nur ein Mensch scyn kaim, da niclits auf der 
Welt vollkommen ist; mir fehlt jetzt nur ein gesunder Kopf und 
die Nfdie meiner gulen Müller und meines gulen Lollchens. In 
einigen Tagen werde ich Ruch noch mehr cnlbchrcn, jetzt cr- 
fülirmich noch zu sehr das I'rcudc^jeyfühl der Rückkehr. 



( ) Heinrich Heine an Betty Heine 

Paris, den 19 . August 1Ö49 



Liebes fiutes Mütterchen! 



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Aus den Zeitungen ersehe ich mil Schrecken, wie wüst es wieder 
bcy Euch aussieht, und wie meine Freunde, die Preußen, in 
Hamburg wirthschaflen. War ich jetzt dort, sie würden mich 
gewiß bcy dieser Gelegenheit chappen. Bey uns ist alles still, 
auch in meiner Haushaltung. Meine Frau befindet sich Gottlob 
wieder wohl und sucht mir meine traurige Existenz so viel als 
möglich zu crheilern. Sie ist ein gutes Kind, und wenn Sic mir 
Kummer macht, so ist es nicht ihre Schuld, sondern die ihrer 
Kranicheit. Gott erhalle sie, sowie Euch alle; die liebe Schwester 
und die Kinder herzlich zu grüßen und zu küssen. — Du liebe 
Mutter warst immer eine brave gottesfürchtige Frau, von wahr- 
haftiger Frömmigkeit, und auch um Deinetwillen wird der liebe 
Gott uns immer bcyslehen. 

Dein getreuer Sohn 

H. Heine. 



y/ 



( ) Heinrich Heine an Betty Heine und Charlotte Embdon 



Paris, den I5. Juny I850. 



Liebste Miillcr, — 

Dein h'cbcr Brief nc])sl Zusclirifl von LoUchcn und Annchen habe 
ich richtig crbaUen, und ich würde Euch bereits fridicr geschrie- 
ben haben, wenn nicht die Schwierigkeit, die ich in meinem vori- 
gen Briefe gemeldet, bcy meiner deutschen Correspondcnz statt- 
fände. Außerdem ist nichts vorgefallen, und was meine Krankheil 
betrifft, so verstimmt es mich sehr, wenn ich Dir, liebe Mutter, 
mein altes Klagelied mit den alten betrübten Variazionen vor- 
singen soll; ich wiederhole Dir nur: das Schlimmste bcy dieser 
Krankheit ist, daß man dabey nur entsetzlich leidet, aber nicht 
so sclmell stirbt; Du kannst Dich darauf verlassen, daß ich Dir 
jede größere Verschlimmerung nicht verschweigen würde. Wenn 
ich Dir nicht schreibe, so brauclist Du Dir gar keine anderen 
Gedanken zu machen, als daf.\ es mir entweder an einer ver- 
trauten Feder fehlt, oder daß ich mir nicht durch traurige Mil- 
theilungcn meine schon hinlcänglich betrübte Slinnnung noch 
mehr verdüstern will. Ich denke aber beständig an Dich, dessen 
scy überzeugt. In Wahrheit gesagt: ich möchte Dich gern über- 
leben, \im Dir den Kummer der Nachricht meines Abschcidens 
zu" ersparen, und das ist vielleicht noch das IIaui)tintercsse, das 
ich an dem Leben nehme. Wenn ich Dich einmal nicht mehr 
habe, so werde ich dem Tode mit weit leichterem Herzen ent- 
gegensterben. Lottchcn hat seine Kinder und seinen Mann, und 
was meine Frau betrifft, so hat sie ein zu glückliches Naturell, 
als daß sie mich nicht am Ende entbehren könnte. — Siehst Du, 
wie recht ich habe, nicht oft zu schreiben; nur melancholische 
Lcichenbitterbriefe. Ich bin ein selir spaßloser trauriger Narr 
geworden. Ich danke Dir, liebe Schwester, daß Du im Betreff der 
13üchcr meinen hingeworfenen Wunsch beachtet hast ♦ 



Heiner lieben Nichte Anna lasse ich für ihren Brief 
herzlich danken; ich vrCirde mich unendlich freuen, sie mahl 
vd.eder2usehen, da mir alle Leute so viel hübsches und 
liebliches von ihr sagen. Wenn sie wie ihre Kutter und 
ihre Grossmutter ;vird, so mag sich der Mann gratuliren, 
der sie mahl "aufsackt, besonders wenn sie auch das 
S h.^xC^f t e von Beiden haben wird. 

Euer liebend getreuer 

Heinrich Heig e ^ 



( ) Heinrich Heine an Betty Heine 



Paris, 3.Decbr. IÖ53. 



Liebe gute Mutlcri 



Ich bin mit dem vcrwünsclilcn russischen Calcnder nicht sehr 
vertraut und weiß nicht, ob der Staatsralh Gimmcl Kissclcfräicse 
Woche oder die nächste Woche bey Dir seine Aufwartung ma- 
chen wird. Heute sclireibc ich Dir, um Dir zu Deinem Geburts- 
lage zu graluliren, und ich denke wieder mit Lachen an Paulchens 
Gratulazion mit dem Blumentopf im vorigen Jahre. Der Himmel, 
liebe Mutter, möge Dir recht viel Freuden schenken, und Dich 
"wie bis jetzt frisch und gesund erhalten. — Die Kälte ist schon 
hier eingetreten, und ich denke mit Schrecken daran, wie Dir 
dieser Winter in Deinem kleinen Taubenschlag zusetzen kann. 
Könnte ich nur zu Dir, um jede Lücke, wo ein Windzug möglich 
ist, zu verstopfen. Wir sprechen beständig von Dir, und meine 
Frau sagt, es scy ihr, als ob sie Dich erst gestern verlassen habe; 
mir aber ist zu Sinne, als ob ich beständig bey Dir wäre. Was 
meine Gesundlicit betrifft, so geht es mir wie gewöhnlich, und 
ich weiß wahrhaftig nicht, was ich dieser Antwort des Canonicus 
Karthümmclchen bcyzufügcn hätte. Ich leide noch immer an 
Winden und in Folge derselben an Krämpfen, die aber nicht, 
wie bey meinem seeligen Vater, den Magen afflcircn. Ich hoffe, 
daß Ihr alle in Heiterkeit und Finlraclit lebt. Ich bin sehr ruhig, 
lasse 5 eine grade Zalil scyn. Es ist mir nichts geglückt in dieser 
Welt, aber es hülle mir doch noch schlimmer gehen können. So 
trösten sich haibgcprügclle Hunde. 

Ich hoffe, Dir noch in diesem Jahre zu schreiben, und da Du 
weißt, daß ich nicht immer einen deutschen Sccretär zur Hand 
habe, so wirst Du mir gern verzeihen, wenn die Jahrcsgralulazion 
nicht zur rcchlen Zeit eintrifft. 

Hier ist alles ruhig, und ganz Paris ist mit Bauen beschäftigt. Al- 
les wird umgerissen und neu gebaut, und man weiß kaum mehr, 
wo die alten Pißwinkel zu finden sind. Ich bin mit meiner Frau 
sehr zufrieden, und sie ist die treueslc Seele, die man sieh denken 
kann. Freylich am Ende glaube ich, giebt es nur eine einzige Per- 
son, auf die der Mensch sich ganz verlassen kann, das ist nemlich 
die Mutter. Hier ist man ganz sicher — wer hieran zweifelt, für 
den wäre nichts rathsamer, als daß er diese Welt sobald als mög- 
lich verließe. 

Und nun lebe wohl, liebe Mutter! mein gutes LoUchen und seine 
Kinder grüße ich recht herzlich und umarme Euch alle mit 
innigster Liebe. 

Dein getreuer Sohn 

Harry. 



.V-2t' 



♦ Staatsra-fch Ktma Oimmel Kisseleff s Spitzname für Heines Bruder 
Max. Gimrael = dritter BuohstaTDQ des he'br, Alphabets, Kisseleff» 
Kisler » dritter Monat des hebr. Kalenders, (Vielleicht eine kh^ 
spielung darauf, dass Maz der dritte Sohn war?) 

** Pauloheni der Sohn von Marie IiJmhden, aus ihrer ersten liJho mit 
Honore de Voss. 



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Heino ntarb am 17. Februar IÖ56, Rinige Stunden vor seinem Tode, 
erzählt Alfred Meissner , stürzte ein Bekannter in sein Zimmer, um 
ihn noch zu sehen. Gleich nach seinem Eintreten richtete er an Heine 
die Frage, vde er mit Gtott stehe. "Seien Sie ruhig! Dieu me pardonnera, 
c'est son metier", soll Heine lächelnd geantwortet haben. 

Ein Bericht der Krankenpflegerin, Catharine BouJLois, ist wahrschein- 
lich authentischer als jene weit verbreitete Anekdote. Danach hat Heine 
noch am Llittwoch, den 13. Februar, volle sechs Stunden gearbeitet. Auf 
die Mahnung der Pflegerin, sich zu schonen, er\'/iderte er, noch vier 
Tage arbeiten zu müssen, dann wäre sein Werk vollbracht. Er machte sich 
VorTnirfe, seiner Mutter nicht gescl:^rieben zu habent "lo^ werde nirok't^' ' ^ 
T^^^^Xa{3t$.Äd^'-4^Q'i^i^T^ schreiben. •' "Mes war seine letzte 

verständliche Aeusserung, 

Eine Visitenkarte an Alexander von Humboldt - "Dem grossen Alexandres 
die letzten Grüsse des Werbenden Heine ." /wohl Januar lÖ56_y - , 
zwei Briefe an den französischen Verleger Michel Levy betreffend die 
Korrekturen der französischen Uebersetzung der "Reisebilder", einige 
sprühende Dillets douces an die "Mouche", Heines letzte Liebe, und 
drei an die Mutter gerichtete Briefe, von denen einer verloren gegangen 
ist, sind Heines letzte schriftlichen Aeusserungen. 

( ) Heinrich Heine an Betty Heine 

Paris den 30. Dec. I855. 

Liebste, gute Mutter! 

Das neue Jahr ist vor der Thürc und wenn das alte Jalir sich 
nicht bald fortmacht, so würde ich es herausschmeißen; es ist 
eins der miserabelsten Jahre gewesen. Ich hoffe daß das neue 
Jahr besser seyn wird und gralulirc Dir zu seiner Eröffnung. Möge 
Dir der Himmel viele freudige und glückliche Tage schenken. Ich 
umarme Dich herzlich. 'McinfcmJ liebsten Lottchen und seinen 
Kindern gratulire ich ebenfalls und ich umarme sie in Gedanken. 
Hier ist alles still und keine Maus regt sich. Meine Frau befindet 
sich wohl und hat mir die zärllichslen Küsse für meine liebe 
Mutter aufgetragen. Mit meiner Gesundheit geht es wie gewöhn- 
lich; ich hoffe immer auf Besserung und die Jahre vergehen. 
Meine Augen gingen etwas leidlicher, aber ich gcrathe wieder in 
die Nothwendigkeit sie sehr schonen zu müssen. Und nun lebe 
wohl, meine innigst geliehlc Mutter, und sey überzeugt daß ich 
unaufhörlich, Tag und Nacht, an Dich denke. Noch die vorige 
Nacht habe ich von Dir sehr lehiiaft geträumt, und ich sah Dich 
ganz wie Du in den frühesten Zeiten ausgesehen, und ich hätte 
vor Kummer weinen können, als ich an die Gegenwart dachte. 
Du bist meine gute, liebe Mutter und da wir beide unser ganzes 



* Ausi H. Heine' s Leben und Werke von Adolf Strodtmann. Dritte 

Aufl. 2. Band. S.412. Hoffmann & üampe 1884, 

** Ausj Gespräche mit Heine. Zum erstenmal ges, und hxQg, von H.H. 
Houben. Frankfurt am Mains Hütten & Loening 1926, S. 9ß5/86. 



• 



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Leben hindurch immer brav und rcdhch geliandcil linbcn, so lia- 
bcn wir niclil zu fürchten, daß wir in einer anderen Welt wieder 
von einander gelrennt lel)cn müßten. Es Ihut mir unendlicli weh, 
daß ich Dir meinen Neujahrswunsch nicht mündlicli abstaltcji 
kann und ich beneide meine vSchwester und die Kinder, welclic 
das Glück haben ilirc vortreffliche Großmutter mündlich zu 
küsscu. 

Dein getreuer Sohn 

Harry Heine. 



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Fk/^NE: KtfBLee Cßuecrio^i 



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Titos es Hess 




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Der am 21. Januar 1812 in Bonn geborene Moces Hess war kein 
Orthodoxer und kein Reformierter, kein Theologe und kein Vorkämpfer der 
jüdischen Emanzipation. Er, der sich von seinem Vater getrennt und 
sich mit einer Christin verbunden hatte, wurde ein Kämpfer für die 
Unterdrückten, der "Kommunistenrabbi", wie er von Arnold Rüge 
spöttisch genannt wurde, der "Vater des Sozialismus", der die "Philosophi 
der Tat" verkündete, die "europäische Triarchie", den Zusammenschluss 

der drei Grossmächte Prankreich, England und Deutschland zu einem ver- 

i ■ ' 

l einigten Staate von IHuropa und eine Weltreligion forderte, 

i 

I ■" Schon im Alter von neunzehn Jahren war sich Moses Hess über die 

Richtlinien seines Lebens im Klaren, 



( ) Moses Hess an M, Levy 



/"ohne Ortj7 im April I83I. 



— Saciui-alsoy. Du fragst: „ob ich recht fromm bin?" Wenn das eifrigste 
Bestreben ein gottgefälliges Leben zu führen, Frömmigkeit genannt 
zu werden verdient, so kann Dir mein Gewissen diese Frage bejahen, 
obschon es mir zuruft, wenn Du Deinen Zweck erreichen willst, 
musst Du stärker wie bisheran, und immer stärker und stärker 
darnach streben. 

Die Frage: was ist ein gottgefälliges Leben? kann in meinen Augen 
keine zweifelhafte sein, weil ich aber befürchten muss, dass es für 
Dich dermoch nicht deutlich genug ist, so muss ich mich entschlies- 
sen, eine in Ewigkeit existierende Wahrheit, gleichsam wie von neuem 
erst auf die Welt kommen zu lassen; gottgefällig lebt man, wenn man 
sein Leben zum Vorbilde sich nimmt ~ sein Leben ist, wie es uns 
sein Werk — das Weltall! — verkündet, ewige höchste Liebe, ewige 
höchste Gerechtigkeit — Ji^res Leben, so Weit als unsre Kräfte nur 
reichen, nachahmen — heiss?- göttlich leben. Nur das freie, sinnlich- 
vemünfti^^e Geschöpf, der Menschl das Ebenbild Gottes, hat diesen 

Beruf, er hat Seele und Körper, das Prinzip des Höchsten und 
Niedrigsten, er hat Wahl, Erkenntnis, Freiheit! daher kann er sich 
erniedrigen unter das Tier, und erhöhen über den Engel! 

Wenn Du • aber unter fromm nur den frommen Juden verstehst, 
so kann ich "Dir Deine Frage nicht unbedingt bejahen; wohl bin ich 
ein echter frommer Jude, aber nur insofern als ich ein frommer 
Mensch bin; wo jener in Widerspruch mit diesem kommt, da bin ich 
Mensch auf Kosten des Juden, und obschon ich den Glauben habe 
(und vielleicht mit mehr Festigkeit und Echtkeit als die, die ihre 
Festigkeit daran, dadurch darzutun glauben, dass sie ihn noch über 
seiner Zeit fest Jialten) an der unbedingten Göttlichkeit unsrer Gebote 
im Lande unsrer Väter, als wir noch eine Nation und ein Land 
bildeten, so glaube ich doch auch, gerade wegen der Echtheit 
meines Glaubens, dass sie diese unbedingte Göttlichkeit verloren, 



/, 



3üüt 



Alle hier zitiartsn Briefe von und an Moses Hess sind dem folgenden 
Band entnommen: Moejos Heos • Briefwviohßel. Hrs^:. von Mmond Silbyrner« 
Un-ter Mit Irkung von '^'ernor Bluraenbörß". Mouton & Co - 1959 - 'S-Graven= 
hage. Auch dia Anmarkuncen zu den Briefen 'VTurden - sum Teil et'7as 
gekürzt - dankbar übernommen. 



Arnold Rüget (l802 - I880), gründet© l837 mit ^':ohterm;..yer die 
Hallesohen Jahrbücher für Kunst und Wi;.;s.3nL:chaft als kritischos 
Kampfblatt der Jun{i'hegölian9r, Publizist und pMlosophischer 
Schriftsteller, 



** i'Jin Jugendfreund von Mosas Hess, Näheres nicht bekannt. 



> 



uachdem wir aufgehört, eine Nation zu bilden, Bewohner mannig- 
faltiger Länder und Brüder mannigfaltiger Nationen geworden sind; 
ja, ich behaupte, dass ebenso schändlich und läcJierlich es zu der 
Zeit, als wir ein Land bildeten, gehandelt gewesen sein würde, unsre 
Gebote zu übertreten und fremden Göttern zu huldigen, ebenso 
schändlich und lächerlich es gehandelt ist, die Gesetze des Landes, 
in dem wir wohnen, gewissenlos zu übertreten und die veralteten 
Gesetze eines längst zerfallnen Staates mit abgöttiscJier Verehrung 
anzubeten; so lassen wir uns doch verständigen! was ist's denn, das 
von der hohem Abstammung, von der Göttlichkeit unsrer alten Ge- 
setze zeugt? — Dass ihnen die ewigen Wahrheiten zu Grunde liegen, 
weislich modizifiert nach Zeit und Ort; wenn wir sie also auch aus " 
Dankbarkeit in einem ehrwürdigen Andenken erhalten wollen, wie 
können wir das besser als indem wir, ihre Quelle nicht aus den Augen 
verlierend, sie mit Zeit und Umständen stets in Einklang zu bringen 
suchenl Das tun wir nicht; wir beten die alte Eiche an, um die 
Wurzel sind wir unbekümmert — ha! die Wurzel hat längst der Wurm 
zerfressen, der Baum trägt keine Früchte mehr, er steht nur noch da 
aus alter Gewohnheit, bald, bald wird er ganz zusammenstürzen; — 
so geht's, wenn man die Lebensquelle vernachlässigt, und sich an 
der toten Masse hält; o! auch ich bin ein Verehrer unserer alten 
Religion, aber gerade deswegen möchte ich sie um alles in der Welt 
gepflegt wissen! 

Deine übrigen Fragen werde ich jetzt der Reihe nach beantworten. 
Ich habe zwei Brüderi^'und zwei Schwesterchen/^ ^on diesen ist das 
ältere bei der Grossmutter zu Bonn, meine übrigen Geschwister hier. 
Mein Bruder Sussmann, den Du erwähnest, hilft, so wie ich, da wir 
anders keine Handlungsgehilfen haben, dem Vater im Geschäfte, 

das in Kolonialwaren besteht, mein Bruder wird sich auch wahr- 
scheinlich dem Geschäfte widmen, ich weiss noch nicht; das Geschäft 
Hess mir übrigens Müsse genug, mich mit dem Nötigsten und Nütz- 
lichsten für's Leben bekannt zu machen. Nachdem ich, ich weiss 
nicht mehr wieviel gelesen und erfahren habe, gab's eine ungeheure 
Revolution in meinem Innern, sie mochte wohl zusammen genommen 
zwei Jahre gewütet haben, ich litt viel in dieser Zeit, auf vielfältige 
Weise konnte ich ihr Opfer werden, der Kampf war hartnäckig, 
immer neue Gefahren, immer neue Ressourcen, endlich siegte . . . 
die Freiheit, die natürliche, die wahre! Es ist nunmehr schon lange 
her; seit der Zeit genoss ich, Gott sei Dank! einen ungestörten Frieden 
— doch war ich nicht müssig, und nachdem ich mich vor inneren und 
äusseren Feinden gesichert hatte, strebte ich, und strebe noch dar- 
nach (denn hier lässt sich kein Ziel setzen) meinem Innern die für 
es möglichst hohe Stufe von Vollkommenheit zu geben — doch hier 
muss ich enden, denn ich weiss selbst noch nicht wie viel, oder 
besser wie wenig Stufen ich zurückgelegt habe, viel weniger dass 
ich diejenigen nur übersehn sollte können, die noch vor mir Jiegen. 
Mit Ehrfurcht lehrte ich nennen, die Namen eines Rambamr* einbs 
Rousseau, und mancher Deutschen. Jetzt lese ich nicht viel, aber 
mannigfaltig, und mit Wahl. 

Freunde habe ich wenig, weniger Bekannte (oder auch . . . Freunde, 
wie man zu sagen pflegt). Hier habe ich einen, nebst meinem 
Bruder, auswärts zwei, einen davon kennst Du nicht, war einige 
Jahre hier, mit dem andern meine ich meinen lieben Zuntz, letzterer 
besitzt mein ganzes Vertrauen, mit bpirlen stehe ich in Briefwechsel; 



# 



# 



V Lazarus Hess (I814-I89O), der spätere Mitbegründer der Darmstädter 
Bank, L.Hess & Söhne, und Samuel (Sussmann) Hess (I817-I88I). 

/Gudula (Julia) Hess (I82O-I898), verheiratet mit Dr. Mayer Bendix, 
und Karoline Hess (I825-I897), verheiratet mit Adolf de Jonge. 

*** Maimonides (1135-1204). Der Name ist im Original hebräisch 

geschrieben. , . 

(B.S.) 



¥:^ 






Viele Freunde, unter ihnen die ^^össten Geister, die aus der 
deutschen Judenheit hervorgingen, sollten sich bald um ihn scharen. Der 
gleichaltrige Berthold Auerbach war einer der ersten. Die Briefe, 
die Hess seit Beginn der dreissiger Jahre durch drei Jahrzehnte mit 
dem durch seinen Spinoza Roman früh bekannt gewordenen Dichter wechselte, 
spiegeln alle Phasen des von Hess zurückgelegten Weges, 

( ) Moses Hess an Berthold Auerbach 

Köln, den 25. Juli 1839. 

, , . 

Du würdest mir einen Beweis Deiner Freundschaft geben, wenn 
Du mir ein Exemplar Deines neuen Werkes schicktest. Gerne will 
ich Dir, wenn Du nicht schon eins besitzest und es wünschst, auch 
von meiner Heiligen Geschichte der Menschheit ein Exemplar 
zusenden, wie es denn überhaupt nicht mehr als schicklich ist, 
dass wir auf diese V/eise unsre Werke austauschen. Mit Gottes Hilfe 
wird das noch öfter in unserem Leben geschehen können. 

Dein Freund 
Hess. 

( ) Moses Hess an Berthold Auerbach 

Köln, den 10, November 1839. 

• • • 

Dein Fleiss, lieber Auerbach, ist lobensv/ert; kaum ein Werk voll- 
endet, und schon wieder zv/ei begonnen. Mir gefällt besonders, wie 
Du richtig erraten, Dein Plan, Spinozas sämtliche Werke deutsch 
herauszugeben. Gern will ich, was ich kann, zum Gelingen des- 
selben beitragen. 

Vielleicht könntest Du manches, was ich hie und da über das Ver- 
hältnis Spinozas zu älterer und neuer Philosophie noch handschrift- 
lieh besitze, für eine Einleitung benutzen, YJenn Du eine 
solche Deiner deutschen Ausgabe vorausschicken wolltest (und das 
v;är ja gar nicht übel), will ich gern, was ich habe, ausarbeiten 
und Dir überlassen. Du musst mir aber erst darüber schreiben, bevor 
ich mich an diese Arbeit mache. 



«« 



^^^ 



Berthold AuerTaach (l8l2-l882), "besuchte eine Talmudschule und 
studierte hierauf Theologie, Jurisprudenz! und Philosophie j 
1837 "veröffentlichte er seinen erstsn Roman"3pinoza" und I84I 
die Uehersetzung vT>n "Spinozsas sämtlichen Werken" mit einer 
Lehensheschreihung (5 Bde.), Wann er die Bekanntschaft von 
Hess machte, läsöt sich nicht genau feststollen. Aus einer 
Mntragune]: vom 24« Pohruar I835 in Heßs« Tagehuoh .f^eht hervor, 
dass sie schon damals in Briefwechsel standen. 

( Gemeint ist wohl Auerbachs zweiter ßomanj Dichter und Kaufmann, 

/^"h einem Jünger Spinozas (Stuttgart, Hallberg» sehe Verlags- 
buchhandlung 1837» ) 



**)t* 



Die Auerbaohsohe Uebersetzung erschien zwei Jahre später; 
B,v, Spinozas sämmtliche V/erke. Aus dem Lateinischen mit dem 
Leben Spinozas (Stuttgart, I841) 5 Bde. (2. Ausgabe I87I, 
2 Bde.). 



**^f^nf 



In Hess* Naohlass befindet sich, ausser einigen Notizen zu 
diesem Thema, ein 79 Seiten starkes Manuskript aus dieser 
Zeit« "Zur Ethik. Aus freiindschaftliohen Briefen vom Verfasser 
der Heiligen Geschichte der Menschheit. Zum Verständnis der 
Lehre \inseres Meisters /Spinoz^, oder Einleitung in das 
Studium seiner Tüthik. ** 



f 



/ 7- I -^ ( ) Moses Hess an Berthold Auerbach 



r 

^oststempel:Köln,15.März(l840)_J7' 

• *• • 

Von mir habe ich Dir zu melden, dass ich ein grösseres V/erk 
/Die europäische Triarchi^e/ in Arbeit habe, welches so Gott will 
noch in diesem Jahre erscheinen soll. Es behandelt mein soziales 
Thema, das nun in England, wie Du aus den Zeitungen erfahren 
haben wirst, an der Tagesordnung ist, so dass vorauszusehn steht, 
was ich schon in meiner heiligen Geschichte angedeutet habe, 
dass unser Jahrhundert eine Revolution vorbereitet, die noch um- 
fassender, tiefgreifender imd folgenreicher sein wird, als die, 
welche das vorige zutage gefördert hatte. England scheint der 
Boden zu sein, wo die soziale Revolution zum Ausbruch kommen 
värd, wie Frankreich der Boden war, auf dem sie vermittelt, und 
Deutschland Jener, wo der Grund dazu gelegt worden. Ich werde 
daher ein Thema behandeln, das dreierlei umfasst: Religion, Sitten 
und Gesetze, Soviel von mir, 
... 
Dies war das Jahr der Damaskus-Affäre. Allein obwohl dieses Ereignis 
ihm zum erstenmal seine Zugehörigkeit zum jüdischen Volk zum Bewusst- 
sein brachte, väe er später in "Rom und Jerusalem" bekannte, befassen 
sich Hess* Briefe ,4irfir/d^ie%e^/"ui^d/a:ij6\1:^(jhsten^^J^^ nur mit Gegen- 
ständen, die jenseits des jüdischen Bereiches liegen, 

( ) Moses Hess an Berthold Auerbach 

Köln, den 11, Dezember I84O, 
Soeben erhalte ich von Otto V/igand einen sehr höflichen (auch 
frankiertien) Brief des Inhalts: er wolle mein Werk in Verlag nehmen, 
es "sehr schön" ausstatten und eine Auflage von 750 Exemplaren 
machen; seien 4OO Exemplaria abgesetzt, so bezahle er mir 2 Louisdor 
pro Druckbogen Honorar, und werde die erste Auflage von 750 
Exemp ^laren/ verkauft, so sei ich Herr meines Werkes, so dass 
er erst mit mir unterhandeln müsse, wenn eine 2, Auflage nötig 
werden sollte. 



* Otto Wigand in Leipzig war einer der bekanntesten radikalen Verleger, 
insbesondere vor I848, Im Jahre I84I Ji^TSXSK erschien in seinem 
Verlage "Die europäische Triarchie", 






Otto V/igand drang auf um.^ehende Antwort, gab mir auch den Rat, 
vorläufig meinen Namen nicht zu nennen. "Die Neugierde kauft, liest, 
spricht Vermutungen aus, iind endlich treten Sie hervor." Ich 
werde ihm sogleich schreiben, dass ich mit seinem Vorschlag einver- 
standen i±H, jedoch müsse er das Buch so splendid drucken, dass 
es 20 Bogen gebe. In sehr kurzem wird nun die "Europäische 
Triarchie" erscheinen. 



-^f 



( ) Moses Hess an Berthold Auerbach 

Bonn, den 10. März I84I. 
.* * * 

Nun hab« ich mit meiner gedruckten Schrift abgeschlossen und denke 
und arbeite daran, eine bessere Schrift, eine "Philosophie der Tat" 
zu schreiben, wozu ich die deutsche Philos^ophie, namentlich Fichte 
und Hegel, erst nochmal gründlich studiere. 



Noch im Jahre I84I wurde in Köln durch die dort ins Leben gerufene 
Rheinische Zeitungsgesellschaft die "Rheinische Zeitung" gegründet, 
deren Redaktion Moses Hess übernahm. Im gleichen Jahr machte er auch die 
Bekanntschaft des jungen Karl März, dessen geistige Bedeutung er sofort 
erkannte. 

( ) Moses Hess an Berthold Auerbach 

Köln, den 2. September IÖ4I, 



1 )u \vii\st Dich freuen, hier einen Mann kennenzulernen, der jetzt 
.iwcli vn \inscrn Freunden gehört, obgleich QXJn Bonn lebt, wo er 
L.iKI (io/icron wird. Sollte Dir Braunfcls^cnon ctAvas von ihm gesagt 
)..'.l)rn, so ist hierauf nicht das mindeste Gewicht zu legen, da B[raun- 
:''. Is] üher Männer und Bestrebungen, wie der vorliegende Fall bietet, 
:.')c\\ weniger Urteil, als ein Kind hat, so sehr liegen diese Dinge 
uhcr dessen Horizont. 

Ms isi dies eine Erscheinung, die auf mich, obgleich ich gerade in 
>!»';ri';t'll)en Felde mich bewege, einen imposanten Eindruck machte; 
kui/., Du kannst l^ich darauf gefasst machen, den grösstcn, vielleicht 
den cluzi'^cn jetzt lebenden cigcnllichen Philosophen kennen zu 
Irrnt-n, der nächstens, wo er öffentlich auftreten wird (in Schriften 



Das Werk erschien tatsächlich anonym. 



^^ 



Bücher von über 20 Bogen unterlagen damals nicht der strengen 
Zensur , 



*^t^f 



"Philosophie der That** erschien in: Mnundzwanzig Bogen aus der 
Schweiz. Ej;^* von Georg Iior\7Ggh. Erster ^und einzig erschienene^ 
Teil (Zürich und Winterthur, Verlag des Literarischen 
Comptoirs, 1843), S. 309-331. 



# 



•)f^^« 



Ludwig Braunfels ;(l8lO-l885), Journalist, Uehersctzer und 
Dicht er I jüdischer Ahstamraimg, trat zum Christentum üher, 
1834-1838 Redakteuer der Kohlen^ Rhein- und Moselzeitung; 
seit 1840 Rechtsanwalt in Frankfurt am Main. 



# 



^, 



sowohl als auf dem Kalhcdcr) die Augen Dcutsclilands auf sicli 
/i('Iu>n wird. Er gclit, sowolil seiner Tendenz, als seiner pliilo- 
sopliischeu Ceisteshildung naeh, nicht nur über S/raJA^AVsondern auch 
iiher lu-iicrlxichnÜrAua, und letzlrcs will viel heissenl Köinilc ich in 
Bonn sein, wenn er Logik liest, ich würde sein fleissigster Zuhörer 
sein. Einen solchen Maini habe ich mir immer als Lehrer in der 
rinlosophic gewünscht. Jetzt fühle ich erst, welch' ein Stümper ich 
ii\ der eigentlichen rhilosophic bin. Aber Geduld! Ich werde jetzt 
auch noch etwas lernenl 

Dr. Mar,\, so heisst mein Abgott, ist noch ein ganz junger Mann 
(etwa 24 Jahre höchstens all), der der mittelalterlichen Religion und 
Politik den letzten Stoss versetzen wird; er verbindet mit dem tiefsten 
philosophischen Ernst den schneidendsten Witz; denke Dir Rousseau, 
Voltaire, Ilolbach, Lessing, Heine und Hegel in einer Person vor« 
einigt, ich sage vereinigt, nicht zusammengeschmissen — so hast Du 
Dr. Marx. 

Dein 
Hess. 



f 



> 



David Fri^rioli Strauss (18O8 «- I874), dessen "Le"ben Jssu", 
kritisch "bearböitet, 1835-36 erschien. 



*^ Ludwig Peuerbach: (1804-1872), Philosoph^ übiie entüchoidenden 

Binfluss auf Marx und Tilngels aus. 



* Auerbach hat mehrere anonyme Artikel für die "Rheinische Zeitung" 
(RhZ) geschrieben, die bisher noch nicht erfasst wurden. Das äusserst 
unvollständige Archiv der RhZ im Historischen Archiv der Stadt Köln 
unterrichtet nicht darüber. Mit den beiden (anonymen) Korrespondenzen 
Auerbachs dürften gemeint sein: "Vom Main, den 28. Februar" im Bei- 
blatt zur Nr, 65 der RhZ vom 6, März l842| ^"Vom Main, Schluss. Siehe 
Beibl, zu Nr, 65 d.Ztg." im Beiblatt zu Hr, 67 der RhZ vom B.März 
1842, Es ist nicht ausgeschlossen, dass Hess auch die anonyme, "Aus 
dem Badischen, I5. Mai" betitelte Korrespondenz meinte, welche in der 
Nr. 136/137 der RhZ vom 17. Mai I842 erschien. 



Z- 



Auerbach wurde Mitarbeiter der "Rheinischen Zeitung", war aber der 
Redaktion nicht radikal genug, v/as zu einer gewissen Entfremdung der . 
Freunde führte, 

( ) Moses Hess an Berthold Auerbach 

Köln, den 2?. Mai I842. 



Du hast mich mit Deinem letzten grossem oder eigentlichen Briefe 
(die andern waren nur Billcts) so sehr abgeschreckt, dass ich Dir zu 
schreiben stets Anstand nahm. Wie kannst Du doch über mich böse 
oder auch nur darüber immiUir; sein, wenn ich Dir schreibe, was ich, 
beiläufig gesagt, wiederholen muss, dass Du nicht in den radikalen 
Geist unsrer Zeitung genug eingehst, sondern für die Rheinische 
Zeitung schreibst, wie Du vielleicht noch aus guter alter Zeit her 
gewohnt warst, etwa für die Oberdeutsche oder Mainzer ehemals 
zu schreiben? Ich begreife Dich nicht, entweder Du liest unser Blatt 
nicht — und das ist freilich bei einem Mitarbeiter schlimm — oder 
Du billigst die entschiedene Tendenz des Blattes nicht — was natür- 
Hch bei einem Mitarbeiter noch schlimmer ist. 

Du sagst. Du habest Dich nicht aufgedrungen; gewiss nicht, und 
wenn ich Dir hätte sagen wollen, dass wir hier Deine Mitarbeiter- 
schaft an der Zeitung nicht haben wollen, so hätte ich kernen Vorwurf 
über Deine Artikel gemacht, so hätte ich nicht den Wunsch aus- 
gedrückt, Du möchtest mehr auf den Geist unsrer Zeitung eingehen, 
sondern ich hätte es den Herren Geranten überlassen oder auch es 
selbst übernommen. Dir kurz zu sagen, dass wir keine Artikel mehr 
in dieser Art haben wollen. Aber ich wünschte und wünsche noch 
immer Deine Mitarbeiterschaft, deshalb möchte ich, dass Du Ange- 
messenes liefertest. 

Ich habe bei jeder Korrespondenz fast, die von Dir kommt, Vor- 
würfe von Seiten Jungs etc. zu hören. Nurzvvei Korrespondenzen 
haben mir Freude gemacht, die über Baden;^die andern. Du musst 

es selbst gestehen, riechen alle nach dem modernen Deutschtum, d.h. 
nach Baumwolle und Zollverein; wir wollen keine Konzessionen 
machen, und wenn wir nicht in unsrer Weise schreiben können, so 
schreiben wir lieber gar nicht; wir richten uns nicht nach der Zensur, 
dafür bekommen wir freilich vieles gestrichen, aber was wir drucken, 
erinnert dagegen auch nicht an Deutschland, wie es ist und — 
heuchelt. 

Pfui über dieses Deutschland! Die Zensur hat es ganz demorali- 
siert, das fühle ich jetzt so lebhaft, wie nie, wo ich das deutsche 
Zeitungswesen kenne und das pohtisch-soziale Leben andrer Na- 
tionen mit dem deutschen zu vergleichen Gelegenheit habe. Es ist 
kein gesundes GHed mehr im ganzen deutschen Vaterlande, alles ist 
verfault, entnervt, entartet — ich meine in bezug auf politisch-soziales 
Leben — und wenn es nicht noch ein bisschen Privattugend und dann 
eine deutsche Philosophie gäbe, so wäre Deutschland für immer 
verloren. Aus dem Familienleben und der Philosophie heraus muss 
Deutschlands Zukunft erwachsen. Bildung, echte, praktische, poHti- 
sche Bildung tut uns vor allen Dingen not. Keine Schmeicheleien 
dürfen Deutschland mehr gesagt werden, sonst bekommt es sicher 
noch vor lauter Süssigkeiten, die es verschlucken muss, die Honigruhr. 
Bittre Arznei ä la Börne kann es allein noch retten. 







<Le gute Snf d»f K-^'™- f " ''■" ^""^^ ^""<=" ''" 'J°^'' '«'bst 
o gute Wirkung der bittren Arznei. Am Ende wird man dorh 

'm!"T' ^"'T r '''=^'"" ""' ''«■^ Vaterlande g^einThat ^e 
„Negabven oder die „Positiven" - und wer die Uberte her sind 

std Ä ''••,°''^'; f ^P°'°S^'^" - -^ wer die Gett cbtea 
i^ben Vaterhnd'L'" '°'""' '"'l' '"" ^*' ^"^I =™ '''^eln finden L 
n.nlTf J ^"''•.'' ■"' ""^^ "'=^' «i« Fünkchen Gemeinsinn^ 

Gonu^ für jetzt! V/as Deine Korrespondenzen "betrifft, 
so wollen die Geranten nicht mehr eine Ausnahme bei 
Dir machen und per 

Brief lionoricrcn, sondern per Spalte, diese nämlich zu 2% Tnlcr, 
damit wir das, was wir niclU für unsrc 2Scitung angemessen halten, 
niclit zu bczalilen ])raurli(Mi. In einigen Tagen — Ende dieses Monats 
— werde ich Dein bisheriges Honorar bekommen und die Uhr, wenn 
sie noch zu haben ist, kaufen und Dir scliicken. 

Ich hoffe, dass das Zeitungsverhältnis auf unser frciuidscliaftlichcs 
Verhältnis keinen störenden Eindnick machen wird. Du hast meine 
Freundschaft in so hohem Grade erworben, dass es mich uncndlidi 
sclimcrzcn müsstc, wenn eine etwaige Divergenz in unserer Bcurtci« 
lung alh^cmcincr VcrJuiltnissc auf Deine Neigung zu mir, also auf 
unser jrcundschajtUchcs Verhältnis influicrcn sollte. Belehre midi 
einös Bessern, wenn Du Lust hast. Aber warum schmollen? 

In einem Artikel, der in die Sonntagszeitung kommt, (von Köln 
datiert, am Anfang der Zeitimg) habe ich meinem Unmutc über 
Deutschland freien Lauf gelassen.'*^ "^ 

Schreibe mir bald und sei mir nicht bös. 

Dein 
IIess. 
I'Iefm-" D r. Bc rthokl A ^ierbaoh- 
Wnhlrr^hni'fMa — 



♦ Bezieht sich auf die zu jener Zeit in ganz Deutschland gesammelten 
Geldspenden für den Kölner Dombau und für die Opfer des Hamburger 
Brandes, 



^f^f 



» 



RJieinisohe Zeitung , No.l49, Sonntag den 29. Mai I842. /"Die reaktionärer 
Tendenzenjy 



? 



^ ' '"' ( ) Moses Hess an Berthold Auerbach 



..ßogiäfiU Köln, den 27. Juli 1512 

Lieber Aucrbachl 

Mein Zögern mit AntAvortcn hatte seinen Grund in der famnsi.. 
Halsband- wollte sagen Uhrgeschichte, die, furcht' ich, ciiv' 
Revolution zwischen Dir und mir erzeugen wird, wenn Du andd. 
so hartnäckig, wie bisher. Dein historisches Recht in Anspn:cli 
nehmen willst. Aber ich appclHere an Deine Veniunft und hoffr 
dass sich alles noch auf dem gütlichen Wege der Reform ausglcicl/ :. 
lassen wird. Du bestehst durchaus darauf, Deine Uhr in natu; 
zurückhaben zu wollen; ich hätte, sagst Du, zu rechter Zeit d.-.f : 
sorgen sollen, dass sie nicht aus dem Leihhaus verkauft wür-: 
Gewiss, ich hal^e gc\ch\t, aber was hilft das alles? Ich ]\ahc gcfd.' ' 
Soll ich mich aus Verzweiflung darüber umbringen? Nein, sagst 1) 
aber Du muszt mir die Uhr schaffen, d.h. Du vedangst von i.. : 

nichts Geringeres, als dass icli hexen soll. Werde nicht ungeduldig, 
„kalt Blut," sagt Andre. Ilörcl Die alte Uhr ]<.(inn ich Dir nicht mehr 
schaffen — was helfen da alle Explikationen — es ist nicht mehr 
möglich. Aber ich will Dir dafür eine goldene Zylinderuhr schicken, 
womit Dein Freund gewiss zufriedengestellt sein wird, zumal da Du 
ja irgendeine Ausrede erdichten kannst, weshalb Du die alte nicht 
mehr hast, z.B. sie kann zerbrochen oder gestohlen worden oder sonst 
was sein. Ich hoffe, für 30 Taler eine solche Uhr zu bekommen; 
jedenfalls werde ich Dir jedoch, da ich selbst an dem Abhanden- 
kommen der alten Uhr schuld bin, noch 10 Taler schicken, was dann 
imsre Rechnung ausgleichen soll. Dränge mich aber nicht, denn ich 
muss mich erst darauf einrichten, dass ich so viel Geld erübrige; ich 
liahe in diesem Augenblicke noch nicht gen\ig. Du kannst aber jcsi 
darauf rechnen, dass ich sorgen werde. Dir das Versprochene, wenn 
Du damit einverstanden bist, so bald als möglich zu schicken. Dein 
Honorar habe ich damals, als Du mir es schriebst, in Empfang ge- 
nommen — es waren, glaub' ich, z\völf Taler — aber durch die ver- 
dammte Uhr behielt ich's vorläufig zurück, und jetzt will ich's, wie 
gesagt, wie angegeben machen. Sei mir deshalb nicht böse, ich bin 
in diesen Dingen allerdings zu nachlässig oder liederlich, man muss 
mir keine solchen Aufträge geben, doch ich will ja meinen Fehler 
wieder gut machen, ich will alles tun, was Du verlangst, wenn Du 
nur keine reine Unmöglichkeit verlangst; ich bitte Dich, sei mir 
wegen dieser Geschichte nicht böse, ich habe mir schon selbst bittre 
Vor\vürfe deshalb gemacht. 

V/as unsre Zeitung und Deine Mitarbeiterschaft betrifft, so kann 
ich Dir natürlich keinen andern Rat geben, als dass Du Dich dem 
Geiste derselben anschlicssen musst, wenn Du ihr Deine Kräfte 
widmen willst; Du könntest alsdann auch grössere Abhandlungen 
über die gegenwärtigen Zeilkämpfc sclireiben, wo es sieh dann zeigen 
wird, ob Du besser, als die übrigen Mitarbeiter, Popularität mit 
Entschiedenheit und Tiefe verbinden kannst. Die Zeitimg, die einmal 
il.rc Tendenz hat und sich (auch äusserlich) dabei wohl befindet 
(sie hat in ganz Deutsehland in jetzigem Quartal hcdciifcnd an 
Abonnenten zugenommen) kann sieh natürlich wegen der ab\veichen- 
den Ansicht einzelner Mitarbeiter nicht selbst untreu werden. Was 
den Geist der Zeitung aber betrifft, so kann ich Dich wiederum nur 
auf sie selbst verweisen; Du musst sie lesen. Wir vertreten allerdings 
eine ganz neue, und zwar eine sehr radikale Richtung; schlimm 
genug, wenn sie so schmählich, wie die Hambachiadeitdes nicht 
philosophischen Radikalismus enden sollte; aber Furcht kann uns 



\ 



# 



* /Anspielung auf das demokratische Hambacher Fest vom 27. Mai 1832. 



/€> 



nicht bestimmen, unsre Üherzcuguns 7\\ ändern oder zu transigiercn 
„Wer nicht wagt, der nicht winntl" Vieles, unsii.i;lic]i vieles ^ haben 
wir schon gewonnen; unsre Zeitung hat in ganz Deutscliland einen 
Umschwung hervorgebracht, des darf sie sich j;iihmcn. Besieh Dir nur 
einmal, was wir für Juden gewirkt habend- und wir haben das 
schöne Bcwusstsein, alles aus einem Prinzip heraus zu er- und zu 
bekämpfen; es kann uns niemand Inkonsequenz oder besondere Vor- 
liebe für dieses oder jenes vorwerfen - sonst hätte man dieses gewiss 
schon in bezug auf unscrn Kampf für die Juden getan; aber es wagt's 
keiner, weil unser Prinzip zu sehr überall und für jeden erkennbar 
durchleuchtet. 

Ich muss schliessen, weil mein Bogen zu Ende geht. Nächstens 
mehr, lebe wohl und schreibe bald Antwort. 



WeW^cbtJTün 
Itofft-BrrS üilliolJ Aumba ck- 



Dcin 
Hess. 



Die "Rheinische Zeitung"hat seit Mai I84I mehrmals MJeei die Juden- 
frage behandelt. Vgl, darüber Hansen, Rheinische B^efe und Aktei:i , 
I. S,357) und insbesondere Hermann König, Die J'Rheinis^phe Zeit;Hig" 
von 184^1843 in >hrer Eig^ellung zur Jgulturpolitik des preii^sischen 
Staates (Münster, 192?), S. 79-83. 



// 



( ) Moses Hess an Berthold Auerbach 

/Köln?7 den 19 . Juni 1Ö43. 

Mein lieber Alterl 

Das war recht brav von Dir, dass Du den Anfang gemacht hast; denn 
ich wusste gar nicht recht, ob Du noch etwas von mir wissen woll- 
test. Unsere geistigen Bestrebungen, im Grunde ähnlich, weichen 
doch in der Erscheinung mehr und mehr auseinander. Seitdem die 
Rheinische Zeitung aufgehört hat, also schon in Paris, habe ich mich 
ausschliesslich der philosophischen Entwicklung des Kommunismus 

gewidmet, schon mehreres darüber herausgegeben^ und habe die 
Freude, zu selucn, dass meine Bestrebungen nicht fruchtlos sind. Der 
Junghcgelianismus ist schon teilweise gewonnen. Ein Mitarbeiter der 
deutschen Jahrbücher, ein Freund Ruges, gibt jetzt ein Sendschreiben 
. an mich heraus, worin die kommunistische Frage besprochen und 
ihr Verliältnis zur Philosophie und zu den Junghegeliancm entwickelt 
wird.^ßer Verfasser ist natürlich selbst schon gewonnen. Ein anderer 
von den Ilcgcrschen ist jetzt in England und schreibt ein grosses 
Werk über diese Angelegenheit'^ "Mit diesem stehe ich in enger Ver- 
bindung. Im vorigen Jahre nämlich, als ich im Begriffe war, nach 
Paris TM reisen, kam er von Berlin durch Köln; wir sprachen über die 
Zeitfragen und er, ein Anno I Revolutionär, schied von mir als aller- 
eifrigster Kommunist. So richte ich Verwüstungen an; ich hab* die 
Politik ganz an den Nagel gehangen und schreibe nur für meinen 
ursprünglichen (wie Du weisst), ersten und letzten Zweck. Der Geld- 
aristokratie habe ich den Untergang prophezeit, und ich will das 
Wenige dazu beitragen, dass meine Prophezeiung in Erfüllung geht. 
Nebenbei kriegt natürlich unsere verkindschte Regierung auch einige 
Waluhciten, und zwar, wie sie es verdient, im verächtlichsten, ver- 
höhnendstcn Tone gesagt. Meine letzten Sachen kommen, wie schon 
früher einiges von mir, im Literarischen Comptoi/^in ^rich heraus. 
In wenigen Wochen werden sie erscheinen, und ich werde ganz 
wahrscheinlich, bevor sie versendet werden, nach Paris zurückreisen, 
da ich sonst zu riskieren habe» dass ... „ • 



) Moses Hess an Karl Marx 



Köln, den 1?. Januar 1845' 



Lieber Marxi 



Wenn ich nicht indirekt durch Engels und andere bisweüen etwas 
von Ihnen hörte, wüsste ich gar nicht, was Sie treiben und wie Sie 
leben. Sie schrieben neulich an Engels, dass die Kritische Kritik in 
diesen Tagen erscheinen werde; •"' bis jetzt haben wir sie noch nicht; ^ 
ich freue mich darauf und bin sehr neugierig zu sehen, wie Sie den 
Hohepriester in 20 Bogen langsam zu Tode gemartert haben. 

Als Engels mü: Ihren Brief zeigte, hatte ich gerade eine Beurteilung 
Stimers zu Ende gebracht et j'avais la satisfaction de voir, dass Sie 
den Einzigen ^'ganz von demselben Gesichtspunkte aus ansehen. Er 
hat das Ideal der bürgerlichen Gesellschaft im Kopfe und bildet sich 
ein, mit seinem idealistischen „Unsinn" den Staat zu verachten, wie 
B. Bauer, ^ der das Ideal des Staates im Kopfe hat, sich einbildet, 
mit diesem „Unsinn" die bürgerliche Gesellschaft zu vemicbten. Ich 



h' 




'U'f%C<'^, 



[ Ein vollständiges Verzeichnis der "bisher "böka:antGn Jugend- 
arhöiten von He,gs findet sich in der HG33-Bi"blio{n:*aphie von 
Edmund Silberner (.Leiden, Brill, 195Ö)« 



*# 



Der hier erwähnte I^eiind Ruges liess sich nioht identifizieren. 
Im Hess-Archiv lied^ i>der ein ähnliches Sendschreihen nioht 
vor. ^ 



^■»^t 



Friedrich Tüngels, 



*-jtif^(- 






Ini "Schweizerischer Republikaner" und "13inundz\vanziaBogen aus 
der Schweiz", 



•K-**** 



Marx befand sich damals in Paris, 



•»Hf*f**<f 



***HHHHf 



Engels und Mfit Die heilige Familie oder Kritik der kritischen 
Kritik. Gegen Brtino Bau r und Konsorten (P*r:ankfurt a.M. , 
Literarische Anstalt, erschienen Ende Februar 1Ö45)» 

Max St^Jaer^ (Pseudonym von Johann Kaspar Schmidt, I806-I856) t 
Der ülinzige und sein Eigenl&a (Leipzig, 1845)» 



****^t^f** Bruno Bauer/ (I80 9-1882), Philosoph und Theologe, Joinghe^elia- 
ner und radikaler Bibelkritiker, ]Jb?eund des jungen Marx, 



/ 



komme in meiner Arbeit nebenbei auch auf Feuerbachs Philosophie 
der Zukunft zu sprechen, die ich als Philosophie der Gegenwart 
(einer Gegenwart aber, die in Deutschland noch als Zukunft er- 
scheint) betrachte, und womit ich den Prozess der Religion und 
Philosophie für abgeschlossen erkläre. Das Ganze führt den Titel: 
Die letzten Philosophen.'^- 

Ich habe Ihnen die . angenehme Nachricht mitzuteilen, dass wk 
eine Vierteljahrsschrift ^'bekommen, deren erster Band erscheinen 
wird, sobald Material für 20 Bogen da sem wird. Püttmann>- reiste 
deshalb nach Darmstadt und hat mit Leske einen sehr günstigen 
Vertrag abgeschlossen, der den besten Beweis dafür abgibt, wie sehr 
die sozialistischen Sachen in Deutschland jetzt gelesen werden. Es 
- versteht sich, dass die Quartalsschrift rein sozialistisch wird und kein 
so dummer Mischmasch wie das Püttmannsche Jahrbuch/ Püttmann- 



# « •■ 



Die politische "Entfremdung zwischen Hess und Auerhaoh hatte stetig 
zugenommen. 

( ) Moses Hess an Berthold Auerhach 

/Elherfeld (?), wohl Februar 1845^ 



Mein Heber Auerbachl 

Die Lebensstürme, um ein verbrauchtes Bild zu gebrauchen, haben 
uns nach entgegengesetzten Seiten hin geworfen. Du wirst Dich ohne 
Zweifel mit meiner Richtung ebensowenig befreunden können, wie 
ich mit der Deinigen. Sonderbari Du hast mich einst wegen dieser 
meiner Richtung, die ich vom ersten Augenblick an eingeschlagen 
habe, so hebgewonnen, und jetzt gehörst Du zu meinen Antago- 
nisten — nicht dem Herzen, aber dem Geiste und Wirken nach; ich 
hab' es daher auch bis jetzt vermieden. Dir zu schreiben, \yir hättep 
uns nur gegenseitig Verdruss gemacht. Das Gegenwärtige^ scHicke 
ich Dir auch nicht in der Hoffnung, dass Du mich unterstützen wirst 
— weiss ich doch, dass Du gerade zu denen gehörst, die das arme, 
enterbte, entmenschte Volk zu idealisieren suchen — sondern ich 
möchte Dir diesen neuen Abschnitt meines Lebens und Wirkens an- 
zeigen, weil ich weiss, dass Du trotz alledem und alledem noch immer 
ein persönliches Interesse daran nimmst. O, wenn wir zusammen 
geblieben wären, dann hättest Du nicht in dieser Clique der Honeks 
und Andres zum sentimentalen Ästhetiker des Schwarzwaldes und 
Podex der Salonliteratur werden sollen! Du hättest Dich nicht aus 
dem Elende des Lebens in Deine Vorhaut zurückziehen dürfen, um 
mit Deiner eignen Gemütlichkeit zu kokettieren, derweil die Men- 
schen vertieren, verelenden und verhungeml Du wärest mit mu: in 
die Hütten der Unglücklichen eingedrungen und hättest die furcht- 
baren Geheimnisse der depra vierten Menschheit entdeckt und viel- 
leicht besser als Sue,*'^der französische Bourgeois, sie dargestellt, und 
so mitgearbeitet an der Erlösung der Menschheit, während Du 
jetzt, wie Honek, eine andere Art von Märchen für Winterabende 
schreibst zur Vertreibung der argen Langeweile der Müssiggänger, 
welche zur Abwechselung auch einmal die unteren Schichten gern 
besuchen, wenn die Cicerones nur die Wege schön mit Blumen und 
Tünche schmücken, damit ihnen nicht unbehaglich wirdi 
Wenn Du noch meinem Rate folgen könntest, so würde ich Dir 



■"\ 



*^f 



M.Hesst Die letzt on Philosophen (Danrstadt, Carl W.Loske, 
lÖ45)f IV. 28 S. 

Rheinische Jahrhüoher zur gesellschaftlichen Reform. Hrsg. unter 
Mitwirkung mehrerer von H. Püttmann (Darmstadt und Belle-vue 
"bei Konstanz, Leske, 1845-1846), 2 Bde. 



*<t* 



*^t^t» 



Hermann Püttmann (I8II-I894), rheinischer Dichter und Jour- 
nalist, Sozialist, Herausgeher der Rheinischen Jahrhücher und 
des Deutschen Bürgarhuches für I845 (Darmstadt, Leske 1845)5 
emigrierte nach Australien« 

("Das ist der aUsX"l31herfeld, im Fehruar l845"datierte Prospekt 
des von Hess redigierten"Gesellsohaftsspiegelsy auf dessen 
leeren Seiten (S,3-4) der ohi'^e Brief geschrieben ist. 



•if**^<-# 



Eugene Suez (1804-1857)1 französischer Romanschriftsteller, 
Verfasser der "Myst^res de Paris" ( 1842-43) und des "Juif 
errant" (1844-45). 



# 



/y 



meine Ansichten weiter auseinandersetzen; ich würde Dir den bal- 
digen Untergang Deiner Lcsewclt schildern und motivieren, und alles 
anwenden, Dich aus dieser Bahn herauszureissen, in der kein Heil 
ist, weder für Dich noch für andere. Aber was vermag ein toter 
Buchstabe auf dem Papierel Drum genug für jetzt. Wenn Du mich 
aber noch ein bisschen heb hast, dann schreibe mir bald (unter 
Kuvert an meinen Verleger/Vwirds am sichersten ankommen). 

Lebe wohll 
Dein Hess. 

Keine seiner Schriften, keine seiner politischen Aktionen offenbart 
den revolutionären Geist, von dem Hess um jene Zeit erfüllt war, seine 
Kompromisslosigkeit in der Ablehnung der bürgerlichen Moral so deutlich 
wie seine Beziehung zu Sibylle Pesch, einem armen katholischen Mädchen. 
Erst nach dem Tode seines orthodoxen Vaters im Dezember I85I hat Hess 
sie geheiratet. Sie war jedoch schon lange vorher seine Lebensgefährtin 
geworden, 

( ) Moses Hess an» Sibylle Pesch "^ '^ 

Elberfeld, den 28. Juli I845. 



Mein Herz und mein Lebenl 

Viel Freude und viel Kummer machte mir Dein Brief. Dein schöner 
Traum, Deine innige Liebe, %vie macht die mich so glücklichl Und 
Du zweifelst noch, ob Du mich glücklich machen kannsti Habe ich 
Dir wirklich Ursache zu diesem Zweifel gegeben? Habe ich Dir nicht 
oft genug gesagt, dass ich Dich gerade noch tausendmal mehr liebe 
um Deines unverschuldeten Unglücks willen; Du Engel. Wahrlich, 
wenn ich nicht alle solche Gedanken an vergangene Zeiten für töricht 
hielt, so würde ich mehr Ursache haben, mir über meine Vergangen- 
heit Vorwürfe zu machen, als Du Dir. .Du meinst, ich könnte ja eine 
schöne unschuldige Frau haben. Nein, mein Kind, ich glaube nicht, 
dass ich eine wahrhaft unschuldigere Frau bekommen kann, als ich 
habe. Ich suche die Unschuld im Herzen, nicht im, Unterleibl'^ hu 
bist mür aber auch körperlich schön genug; ^' kürzlich hebe Dich 
inwendig und auswendig, alles, was an Dir ist, liebe ich, so, wie Du 
bist, liebe ich Dich, und ich möchte nicht, dass Du anders wärest. 
Darum spreche mü- nichts mehr von der Vergangenheit. Deine Ver- 
gangenheit hat mir gerade gezeigt und zeigt es mir täglich, welcher 
Engel Du bist. Und ich sage Dir, lieber mag ich mich mit Dir in den 
Abgrund stürzen, als das bequemste Leben führen ohne Dich. Du 
weisst, dass ich kein Freund von Redensarten bin, aber was ich hier 
sage, ist wahrer, als was andere mit tausend Schwüren bekräftigen. 
Sieh, dass Du mich und meine Liebe imd Treue noch ünmer nicht 
kennst, macht mich traurig. Dass ich Dir solche Versicherungen noch 



•X-^i- 



^ /Julius Bädekcr in Elberfold, in deDson Vorlag der "GGSollcchaftG- 
spiegel" erschien. 

Ueber das Leben von Sibylle Pesch, Ilecs» Lebensgefährtin, ict v;onig 
bekannt. Den Dokumenten in deutschen, schweizerischon und französischei 
Archiven ist folgendes zu entnehmen: Sibylle Posch, Tochter von 
Joseph Pesch und Ilelono Triersoheid, wurde am 10. Dezember 1820 in 
Schmidtheira, einem Dorfe im Kreis Schieiden, Regierungsbezirk Aachen, 
geboren. Sie war Christin, und Moses Hess fürchtete, dass ihn sein 
jüdiGch-orthodoxer Vater enterben würde, falls er sie zu dessen Leb- 
zeiten heiratete. Der Vater starb am I9, Dezember I85I, Einige Monate 
später heiratete Hess Sibylle Pesch. Aus vermögensrechtlichen Gründen 
musste der Ehevertrag in Köln unterzeichnet werden. Aber Hess, der 
steckbrieflich verfolgt wurde und sich in Lüttich aufhielt, konnte 
nicht persönlich in Köln erscheinen. Deshalb wurde der am 21. T.Tai 
1852 in Köln abgeschlossene Ehevertrag von Hermann Levie, Kommissionär 
zu Köln, dem Bevollmächtigten seines Freundes Hess, und von Sibylle 
Pesch unterzeichnet. Sibylle Hess überlebte ihren Mann um etwa drei 
Jahrzehnte und starb am 8, November 1903 in Paris, 

*^* Dass Sibylle Hess ihrem Lebensgefährten nicht immer treu war, scheint 
ausd: den Briefen Engels' an Marx (I9.Ö.I846, I4.I.I848) hervorzugehen. 
In der Familie Hess v/ar man der Meinung, Moses Hess habe die Bekannt- 
schaft seiner Frau in einem Kölner Freudenhause gemacht, und in dem 
Kölner _/^Polizei-_7 V/ochenbericht vom 23. Juni I854 wird Sibylle Hess 
ohne jede Erläuterung als "eine frühere Winkelhure" bezeichnet. V/ie- 
vreit die Meinung der Familie Hess und die Angabe des Polizeiberichtes 
richtii«^ sind, lässt sich selbst nach diesen Zeugnissen kaum beurtei- 
len, (Der Wochenbericht vom 23. Juni I854 ii3i ehem. Preuss. Geh. 
Staatsarchiv, heute Landeshauptarchiv Brandenburg in Potsdam, Iferlin C, 
Polizoipräsidum, Tit. 94, Geheime Präsidialregistratur, Lit.H, 
Nr. 283.) 
^^^¥r jj^ seinen Erinnerungen an die nach der deutschen Revolution in Genf 

verbrachten Jahre hatte Friedrich A. Sorge (iTeue Zeit , Bd. XVII /l89^, 
S.317) Sibylle Hess als "eine Junge, lebenslustige, viel begehrte" 
und "hübsche Frau" bezeichnet. 



geben muss^ als ob wir erst anfingen, Bekanntschaft miteinander zu 
machenlJ;Du bist mir ja längst an mein Ilcrz gcwachscril 

Ich habe immer nur eine Leidenscliaft gehabt, nämlich Glück und 
Freude zu verbreiten, so viel ich kann. Aber überall werde ich, mehr 
oder weniger, zurückgestossen von den Wesen, die ich liebend um- 
fassen möchte. Nur in Deiner Umarmung kann ich meine Leiden- 
schaft befriedigen. Nur bei Dir kann ich ganz und immer lieben, nur 
mit Dir kann ich leben, wie ich's wünsche. Du bist für mich die Welt 
die unglückliche Welt, die ich glücklich machen will. Aber obgleich 
ich weder die Hoffnung noch das Wirken für dieses Ziel aufgebe, so 
wird doch die Welt auch ohne mich ihr glückliches Ziel erreichen, 
Du aber nicht ohne mich und ich darum auch nicht ohne Dich. 

Gestern schrieb mir ein bis jetzt mir ganz unbekannter Mann aus 
Duisburg, vermutlich ein Kaufmann, aber es ist jedenfalls ein men- 
schenfreundlichcr, edler Mann?VE^ schrieb mir, dass er alles von mir 
gelesen habe, und dass er jetzt ganz und gar meine Ansichten teile. 
Er schickte mir auch ein Blatt, welches in seinem Orte herauskommt, 
und worin er den Gesellschaftsspiegel empfohlen hat. Um Dir eine 
Freude zu machen, schicke ich Dir dasselbe, denn es wird Dich 
gewiss freuen, dass ich überall bekannte und unbekannte warme 
rreunde habe. 

Der Mann hat ganz recht, dass er sagt, die Wunden der Gegenwart ■ 
brennen an meinem Herzen; es ist leider zu wahrl Doch, Du mein 
hebes Weib, Du träufelst Balsam in die Wunden meines Herzens, Du 
bist mein Arzt und meine Arznei zugleich. 

Aber sei auch stark, meine Männin! Wenn uns auch sonst das 
Leben alles rauben sollte, so haben wir doch den unendlichen Schatz 
der Liebe in unscm Herzen. . 

Ich kann mich heute gar nicht vom Schreiben trennen, welches 
Dich hoffentlich recht munter antreffen wird. Du hast ja jetzt eine 
freudige Arbeit, wenn Du Dir emen Brauthut machst; jawohl, mein 
Herz, mach dir ein recht schönes Hütchen und denke dabei an die 
unendliche Liebe Deines 

Mannes. 



) Moses Hess an Karl Marx 

Köln, den 28. Juli I846. 



•> ^ ^ 



Mit Deinen Ansichten über die kommunistische Schriftstellerei, die 
Du neuerdings Daniels nlittöiltest, bin ich vollkommen einverstanden. 
So notwendig im Anfange ein Anknüpfen der kommunistischen Be- 
strebungen an die deutsche Ideologie war, so notwendig ist jetzt die 
Begründung auf geschichtliche und ökonomische Voraussetzungen, 
sonst wird man weder mit den „Sozialisten," noch mit den Gegnern 
aller Farben fertig. Ich habe mich auch jetzt ausschliesslich auf 
ökonomische Lektüre geworfen und sehe mit Spannung dem Erschei- 
nen Deines Werkes^ehtg^eiv das ich mit grossem Eifer studieren 
werde. 

Wenn Engels von Ostende zurück ist, wünschte ich von ihm zu 
hören, wann er nach Paris abzureisen gedenkt, und ob er meine Frau 
dahin ohne Pass mitnclimcn kann und will. Solange sie dort ist, stelle 
ich sie unter Deinen Schulz und hoffe, dass Deine Frau ihre bisherige 
Freundlichkeit ihr erhalten und ihr so einigen Trost gewähren wird. 
Ma pauvre fcmmc est bcaucoup plus malheureuse qu'ellc parait ctrc. 
Son noble coeur souffre sous le double fardeau dune Separation plus 
ou moins prolongce et dune malheureuse Situation socialer^-^^icfn^ 



'(.'^1 au /liCu ! 



^n^ 



/ 



^^^Am 27. März I844 berichte-te der Regierungsprääident von Köln 
an den Minister des Iimem Grafen von Arnim in Berlin u.a., 
daas Hess "mit einer hier /in Kölry eingemieteten Person aus 
Aachen /Sibylle Peüc3i_y , einer Strickerin, welche von ihm 
unterhalten wird, in vertraulichen Verhältnissen lehe, welche 
auch bereits mit ihm eine Zeitlang in Paris gewesvsn sein soll." 
(ßhem. Preuss. Geh, Staatsarohiv, jetzt Deutsches Zentral archiv, 
Abt. Ivlerseburg, Rep, 77, VI, Polit. verd. Pers., Lit.H, 
Hr. 130.) 

{^ '?jB handelt sich wohl um Otto Weinhagon, einen Kaufmann aus 
Düsseldorf. In einem Briefe von Gustav Lewy an Lassalle vom 
25. Juli 1863 wird Weinhagen als " ein entschiedener Sozialist 
in unserem ^as sali eanisoheny Sinne" bezeichnet, der seiner- 
zeit in DüsEreldorf den Volksklub mitbegründete imd 1863 die 
Tätigkeit des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins lebhaft 
gefördert hat (Lassalle, Nachgelassene Briefe, V. 205)« 



**-jt 



^f^f^f^^ 



Roland Daniels: (I8I9-55), Arzt in Köln, Mitglied des Kommu- 
nistenbundes, intimer Freund von Man und "ngels. 

Anspielung atif Marxens geplantes zweibändiges Werk "Kritik 
der Politik und Nationalökonomie", das etwa gegen I3nd© I846 
bei Leske erscheinen sollte. 



A 



Jedoch trotz der von Hess in seinem Briefe betonten grundsätzlichen 
UobereinGt immune mit Marx bestand zwischen seiner ethisch orientierten 
"Philosophie der Tat" und dem dialektischen Materialismus, .der von 
Marx und lüngels immer schärfer formuliert wurde, ein tiefer Gegensatz, 
den sie zum Anlass nahmen, ihn im "Kommunistischen Manifest" als "wahre: 
Sozialisten zu verspotten und beiseite zu schieben. Diese Zurücksetzung 
und die An^iffe, insbesondere von Seiten TCngels, haben Hess tief 
ge;troffen. Fünfzehn Jahre später hat Hess in "Rom und Jerusalem" sich 
hierzu geäussert: "Meine eigenen Gesinnungsgenossen haben mir die 
deutschen Bestrebungen verleidet und im voraus das Exil erträglich 
gemacht." 

Franlcreich und die Schweiz wurden die Lädder seines Exils in der 
Zeit der Revolution von I848 und der anschliessenden politischen Ver- 
folgungen. In den Gründorn des revolutionären "Deutschen Verein/$s" 
fand er in Paris geistesverwandte Mitkämpfer. Gemeinsam mit ihnen 
protestierte er öffentlich ^egen die Insinuation, dass die deutschen 
Demokraten Elsass und Lothringen wieder erobern wollten. 

( ) Erklärung des "Deutschen Vereines" in Paris 

_^Paris, Erschienen am 12, September 1Ö48.__7 



Die Demokraten Deutschlands haben bereits in Adressen an das 
deutsche und das polnische Volk ihre Übereinstimmung mit den 

Grundsätzen der Freiheit und Nationalunabhängigkeit kundgegeben, 
welche die französische Republik proklamiert hat und wonach sie zu 
handeln entschlossen ist. — Die perfiden Insinuationen eines legitimi- 
stischen Blattes';* w^clchcs einen für immer erloschenen Nationalhass 
wieder anfachen möchte, sind uns ein erwünschter Anlass, in diesem 
wichtigen Augenblicke, wo sich vielleicht auf den Schlachtfeldern 
der Lombardei das Schicksal der europäischen Demokratie ent- 
scheiden wird, unsere Sympatliien für die französischen Demokraten 
noch einmal öffentlich und feierlich auszusprechen. 

Die jetzigen Demokraten Deutschlands sind keinesweges mit jenen 
deutschtümclnden Demagogen einer vergangenen Zeit zu verwech- 
seln, welche gegenwärtig grösstenteils Renegaten der Freiheit und 
Feinde aller echten deutschen Demokraten geworden sind. Die 
jetzigen Demokraten Deutschlands sind Arbeiter und Freunde der 
Arbeiter, Brüder der Demokraten aller Länder. Sie wissen, dass nur 
durch die Befreiung Italiens und Polens vom loche des deutschen 



# 



Abdruck in "Die Republik", Heidelberg, 12. September I848, 
** ,/lm ^örsai;6re" vom 30. August I848 hiess es, dass die deutschen 

Demokraten Elsaasund Lothringen wiedererobern wollten und eine Art 
"deutscher Marseillaise (von Arndt) sängen. 



' i^ 



und russischen Despotismus die deutsche, die europäische Demo- 
kratie sichergestellt werden kann vor den Angriffen der Reaktion und 
dem Einbrüche nordischer Barbaren. Sie wissen, dass der Bruder- 
gruss und das Losungswort aller Demokraten der Ruf ist: „Es lebe 
die französische Republik!" 
Im Namen des deutschen Vereins: 

SarenziiR, Arbeiter. Hess, Publizist. Rechaud, 
Arbeiter. EwEimECK, Arzt. Maurer, Professor. 
Reinincer, Arbeiter. Sciiadelitz, Journalist. 



Eine freundGchaftliche Beziehung und ein intensiver Briefwechsel 
entwickelte sich in den folgenden Jahren zwischen Hess und dem russi- 
schen Schriftsteller Alexander Herzen, der im Jahre 1847 Russland ver- 
lassen hatte und sach zuerst in der Schweiz und später in England auf- 
hielt. Herzens anonym im Jahre I85O erschienene Schrift "Vom anderen 
Ufer" rief in Hess starken Y/iderhall aber auch Widerspruch hervor, 

■)f 

~T \ / y ' ' ( ) Moses Hess an Alexander Herzen 

■"■ ' • 

/ Ohne Ort, etwa Februar l850._/ 

An den Verfasser des russischen Manuskriptes 
„Vom anderen Ufcr'.ij^ J/^ 

[1.] 

Es hat mich freudig überrascht, als icli bei Herwegh Ihre Schrift 
fand; ich liahc dieses Werk nicht nur gelesen, sondern studiert. Wie- 
viel gäbe ich jetzt darum, in Ihrer Nähe sein zu können! Wenn es 
meine Lage gcslallete, ich würde zu Ihnen hinreisen, um von einem 
■ Standpunkte aus, der auch für das geschichtliche Leben kein Dies- 
seits und Jenseits anerkennt, eine Unterhaltung fortzusetzen, die Sic 
mit so vielem Geiste „vom andern Ufer" aus zu zeichnen wussten. 

Sie haben einen sehr hohen Slanilpunkt genommen bei Ihrer Be- 
urteilung der Akteure, welche mitten im geschichtlichen Leben, in 
der Bewegung, in der Revolution stehen. Sie vergleichen sich mit den 
römischen Philosophen, die in den ersten Jahrhunderten des Christen- 
tums lebten. Lieber Freund, Sie stehen zu hoch. Das geschichdiche 
Leben, wie alles Leben, darf weder von einem hohen noch niedern — 
das Leben darf von keinem andern Standpunkte, als von seinem 
Mittelpunkte aus angesehen werden. Was über und unter ihm steht, 
ist ihm äusscrlich. — Der Mittelpunkt alles Lebens aber ist seine 
eigene Ükonomie, sein eigentümlicher Lebenserwerb. Zur Beurteilung 
des sozialen Lebens kenne ich darum kein andres Kriterium, als die 
soziale Ükononiie. In der Gesellschaft, wie überall, ist die Erwcrbs- 
wcisc der Mittelpunkt, um welchen sich die ganze Lebensweise, im 
geschichtlichen Leben bewusster Wesen also auch die ganze An- 
schauungsweise dreht. Wer in diesem Mittelpunkte steht, wie das 
arbeitende Volk, oder sich geistig in denselben vertieft, wie seine 
Apostel, begreift nicht nur philosophisch seine Zeit, ist auch lebendig 
von ihr ergriffen. Das ist Religion, wenn Sic wollen; gleichviel, es ist 
jedenfalls das Lebensvolle, und Sie wissen es ja: der Lebende hat 



* Dieser Brief ist, mit unwesentlichen Varianten, als Entwurf und 
als Reinkonzept im Hess-Nachlass vorhanden. Abdruck nach dem 
Reinkonzept, 
** Aus dem russischen Manuskript (Hamhurg, Hoffmann & Campe, I850, 

191 S.) 



(• 



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f 



recht. - Darum hatte auch dor Christ rocht /gegenüber dem römischen 
und Robespierre f^ej^jonübor dem deutschen Philosophen, Ihrem 
Liebling Cloots. 

Als Apostel des neuen Evangeliums, müssen wir uns verwandter 
fühlen mit den Aposteln als Philosophen aller Zeiten. Glauben wir 
auch nicht mehr an den christlichen und Robespierre'schen Gott, so 
ist doch unser ganzes Leben und Streben weit mehr ein apostolisches 
als philosophisches. Sie legen überhaupt zuviel Gewicht auf den 
ideologischen Ausdruck des geschichüichen Lebens und Strebens. 
Das Drängen und Ringen der Männer, in deren Adern die Geschichte 
pulsiert, ist nicht in einem theistischen oder atheistischen Kredo er- 
schöpft. Wenn die Apostel des Volkes früherhin die Bedürfnisse ihrer 
Zeit nicht sowohl richtiger verstanden, als vielmehr richtiger ahnten \ 

— richtiger, meine ich, als die Philosophen, welche über, d.h. ausser 
der Zeitbewegung standen und sich mit ein „wenig Sonnenschein" 
und schöner „Aussicht" begnügten — so war ihr Bewusstsein nicht ■^ 

deshalb getrübter, weil sie im Mittelpunkte der lebendigen Be- 
wegung standen, sondern deshalb, weil das Leben selbst noch trüb, 
noch nicht entwickelt war. „Es irrt der Mensch, solang' er strebt", 
d.h. solang* er in der Entwicklung begriffen. Der unentwickelte 
Organismus ist vorherrschend antagonistisch, trüb und widerspruchs- 
voll; erst der entwickelte ist vorherrschend harmonisch, klar und 
einig. Die bisherige Geschichte der Menschheit war aber nur'' die 
Entwicklungsgeschichte der Gesellschaft. Wie im Naturleben das • 
antagonistische Tier dem harmonischen Menschen, so ging im gesell- 
schafdichen Leben das soziale Tierreich der harmonischen Gesell- 
schaft voraus. Heute steht die Gesellschaft auf dem Punkte, wo die 
Natur stand, als sie im Begriffe war, den menschlichen Organismus 
zu schaffen. Kein Wunder, dass wir heute klarer sehen, als die 
Apostel früherer Zeiten. Die heutigen Apostel können sogar klarer 
als die heutigen Philosophen das Leben durchschauen und doch ganz 
ebenso wie die Apostel aller Zeiten von den Philosophen sich unter- 
scheiden. 

Ihre Vorliebe für Goethe erinnert an den Gegensatz von „Hel- 
lenen" und „Nazarenem", den Heine ausgesprochen, aber missver- 
standen hat, weil er selbst die eine Seite des Gegensatzes repräsen- 
tiert, also selbst noch in demselben befangen und verwickelt ist. Sie 
wissen, was für einen Sturm Heine gegen sich heraufbeschworen 
hatte durch sein Buch über Ludwig Börne. Die bornierten Fanatiker 
des politischen Liberalismus fühlten sich tödlich verletzt und stürz- 
ten wie angeschossene Eber auf den Jäger — und während das Wild 
still verblutete, richtete der Jäger sein Geschoss wieder mit bekannter 
Meisterschaft gegen gefährlicheres Wild, gegen Löwen und Hyänen, 
gegen die Könige und Pfaffen der sozialen Tierwelt. 

' Seitdem ich weiss, was ich will, habe auch ich eine grössere Vor- 
liebe für Goethe und Heine, als für Schiller und Börne; aber weil ich 
nicht nur weiss, was ich will, sondern auch will, was ich weiss, bin 
ich mehr Apostel als Philosoph. Sie merken schon, warum ich, statt 
„Nazarener" und „Hellenen", Apostel und Philosophen einander 
gegenüberstelle. Der letztre Gegensatz ist umfassender, als der 
erstre; er hat auch nichts Schielendes — die eine Seite wirft keüi 



* Jean-Baptiste Cloots:- (1755-1794) »gewöhnlich Anacharsis Cloots genannt, 
französischer Revolutionär preussischer Abstammung, nannte sich 
"orateur du genre humain", 1792 in den Konvent gewählt, später von 
RobespisBre in die Anklage gegen die Hebertisten verwickelt und 
hingerichtet. 



1^ 



falsches, schlechtes Licht auf die andre. Heine wäre minder unge- 
recht gegen Börne gewesen und selbst in einem bessern Lichte er- 
schienen, wenn er als Philosoph oder „Hellene", wie er sein will, 
sein Verhältnis zu den wahren und falschen Aposteln unsrer Zeit 
so objektiv geschildert hätte, wie es ihm als Nacheiferer Goethes 
geziemt. Aber Pleine ist weder so ganz „Hellene", noch so wenig 
„Nazarcner", wie er sich einbildet. 

Das objektive Erkennen charakterisiert den Philosophen, mag er 
dabei Poet und Politiker, oder reiner Denker sein. Als echter Philo- 
soph wird er überall seine objektive Erkenntnis, Klarheit und Heiter- 
keit von keinem subjektiven Willensdrang trüben lassen, wird seine 
olympische Majestät nirgendwo von antagonistischer Leidenschaft 
gestört und fanatisiert werden. — Solange aber die Gesellschaft noch 
antagonistisch ist, kann der einzelne dieses harmonische Wesen sich 
nur künstlich und privatim aneignen durch eine abstrakte Erhaben- 
licit über das „gemeine" Wesen, dem er doch in der Wirklichkeit 
mit Leib und Seele verbunden ist. Die allseitige Erkenntnis, die 
objektive Ruhe, Klarheit und Heiterkeit nach allen Richtungen hin, 
diese Harmonie ist in unsrer antagonistischen Gesellschaft unmöglich. 
Das harmonische Wesen ist in der Wirklichkeit nur ein abstraktes, 
einseitiges Wesen. Die kontemplative Natur der Deutschen, sowie 
der nordöstlichen Völker überhaupt, eignet sich zu dieser abstrakten, 
einseitigen Richtung, die mehr Geist als Temperament voraussetzt. 
Leute dieser Richtung pflücken vom Lebensbaum nur die Geistes- 
blüte und bilden sich ein, den Entstehungsprozess der Fnicht 
erforscht zu haben, wenn sie die Staubfäden ihrer Blume gezählt. 
Sie vertiefen sich lieber in das Fertige, als Unfertige, lieber in das 
harmonische Pflanzenreich, als antagonistische Tierreich, lieber in 
die abgeschlossene natürliche, als in die sich fortentwickelnde 
soziale Tierwelt, überhaupt lieber in die Natur, als Geschichte -- 
und hier wiederum lieber in die orientalische als okzidentalische, 

die ihnen nur „Greuel" und „Wahnsinn" zu sein scheint. In der 
orientalischen Welt verweilen sie lieber bei den Chinesen und In- 
dem, als bei den Hebräern und Mohammedanern — in der okziden- 
talischen endlich lieber bei den antiken „Hellenen", als modernen 
„Nazarenem". — In die Geschichte tragen sie ilire Anschauung der 
fertigen Natur hinein, betrachten jene wie diese als einen Kreislauf, 
und sträuben sich dagegen, dass jene erst dann ein abgeschlossener 
Kreislauf wird, wenn sie aufliört, Geschichte im bisherigen Sinne zu 
sein; sie möchten jedem Lebensalter den Vollgenuss andichten, den 
nur das Mannesalter hat, und bilden sich ein, Männer zu sein, 
wälirend sie nur bevorzugte und verwöhnte Kinder sind. 

Der Philosoph kann den Tod der alten Gesellschaft voraussehen, 
ihn aber nicht wünschen und herbeiführen helfen, weil der Tod 
dieser Gesellschaft auch sein eigener Tod ist, weil er nur in der 
Gegenwart, nicht auch zugleich in der Vergangenheit und Zukunft 
lebt, weil für ihn die Vergangenheit nur ein Abgestorbenes, die Zukunft 
nur eine Utopie ist, weil er mehr die „geistige Errungenschaft" als 
die reale revolutionäre Bewegung liebt, weil er „die Wahrheit", ein 
abstrakt „geistiges" Gut, privatim errungen zu haben glaubt, also ein 
geistiges Privateigentum hat. — Nur diejenigen gehen dem Tode 
unsrer Gesellschaft freudig entgegen, die nichts mehr in ihr zu ver- 
lieren haben, weder ein geistiges, noch ein materielles Privateigen- 
tum, die sich in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens so 
sehr vertieft haben, die von der geschichtlichen Bewegung so sehr 
ergriffen sind, dass sio. ganz in ilir aufgehen. Das ist nicht der Seelen- 
zustand der Philosophen, sondern der Apostel unsrer Zeit, wie aller 
'Zeiten, z.B. der eines August Willich oder Barbes,^die gleich den 



# 



^ Armand Barb^s (1809 - I870), französischer Politiker und Revolutionär, 
1834 und 1836 im Gefängnis; l839 zum Tode verurteilt und zu lebens- 
längliohem Gefängnis begnadigt; I848 durch die Revolution in Freiheit 
gesetzt und als Deputierter gewählt; I849 nochmals zu lebensläng- 
lichem Gefängnis verurteilt; I854 begnadigt; bald danach verliess er 
Frankreich und lebte in Belgien und Holland, 



f9 



ersten Christen das Märtyrertum als Feuerprobe ihres Glaubens fast 
aufsuchen. — Das ist Schwärmerei, wenn Sie wollen, ja, aber eine 
historisch berechtigte, durchs Leben motivierte Schwärmerei. Auch 
Ihr Cloots war ein Schwärmer, aber seine Schwärmerei war eine 
abstrakte, wie die unsrer heutigen deutschen „Anarchisten" noch 
immer ist — und ich gestehe es Ihnen aufrichtig: wäre ich Robes- 
pierre und käme mir ein solcher philosophischer „Anarchist** in die 
Quere, auch ich würde ihn unschädlich machen und den Fluch der 
Philosophen auf mich laden. 

Als Philosoph, nehmen Sie kein Gesetz, wenigstens kein erkenn- 
bares, in der Geschichte der Gesellschaft an. 

Die reale Geschichte ist dem Philosophen ein mit sieben Siegeln ver- 
schlossenes Buch. Für ihn birgt sie eine unendliche Zalil von Möglich- 
keiten in ihrem Schosse. Die philosophische Kritik konnte es mit Hilfe 
der Naturwissenschaften zur Negation der Mystik in Religion und 
Philosophie bringen; die reale Geschichte jedoch blieb ihr ein ver- 
schlossenes, ein dunkles, mystisches Gebiet. Die Philosophie, obgleich 
selbst nur ein Produkt des Soziallebens, ist zu vornehm, um sich in 
die Tiefe dieses Lebens, in seine von Erdkot umgebene Wurzel zu ver- 
senken. Wer vom Lebensbaum nur die Geistesblüte pflückt, sieht selbst 
in der realen GcscliiclUc höchstens eine Geschichte der Ideologie. Wer 
dagegen in der Ideologie und deren Qeschichle selbst nur den Aus- 
druck des Soziallcbens erblickt, dem verwandelt sich sogar die 
mystische Religion und Philosophie in offenbare Geschichte. 

Der menschliche Wille kami das Gesetz der Geschichte so wenig, 
als das Naturgesetz überhaupt ändern, aber er kann in die Geschichte 
wie in die Natur eingreifen, sofern er nach den Gesetzen derselben 
handelt. Ihnen erscheint dagegen jedes Eingreifen in die Geschichte 
als ein willkürliches, und wenn Sie dem Zufalle und dem Genie 
einzelner Heroen einen grossen Einfluss auf die Geschicke der Völker 
zuschreiben, so sprechen Sie damit nur aus, dass Sie in der Ge- 
schichte kein Gesetz, im Leben der Gesellschaft keine gesetzmässige 
Entwicklung anerkennen. Wie wollten Sie auch sonst Ihren philo- 
sophischen Freiheitsbegriff retten — die Freiheit des „Geistes** und 
„Willens*'? — Sie geben zu, dass die Menschheit keine Ausnahme in 
der Natur sei; aber Sie wollen damit nur beweisen, dass auch die 
Menschheit äussern Einwirkungen unterworfen sei, dass etwa ein 
„Enkescher Komet an unsem Planeten stossen [. . .] oder eine gas- 
artige Ausdunstung der Erde auf ein halbes Stündchen das animah- 
sche Leben unmöglich machen"^tkann. Solche äussern Einwirkungen 
sind allerdings unberechenbar. Aber ebendeshalb, weil es nur zufäl- 
lige, äussere Einwirkungen oder Ausnahmen sind, negieren sie nicht, 
bestätigen sie nur die Regel, das innere, immanente Entwicklungs- 
gesetz. Sie leugnen nicht, Sie bestätigen nur, dass das Kind in der 
Regel zum Manne heranwächst, wenn Sie sagen, dass der Mensch 
schon als Kind, bevor er ganz ausgewachsen ist, den Hals brechen 
kann. — Aber, sagen Sie, das Kind lebt nicht nur, um Mann zu 
. werden; es lebt auch als Kind: „Das Leben ist auf jedem Punkte 
seines Daseins Zweck und Mittel zugleich.** Sie sprechen damit aus, 
dass im Leben Zweck und Mittel nicht zu trennen seien, und mit 
demselben Ausspruche trennen Sie Zweck und Mittel im Leben, 
dem Sie auf einem beliebigen „Punkte seines Daseins* den Lebens- 



* "Vom anderen Uferf S.32 



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C'^ i 



faden abschnoiden! Im Leben ist das Kind ebensov/eni^ vorn Manne, 
als der Mann vom Kinde zu trennen - diese Trennun^^ ist der Tod, 

Vom Leben getrennt, tot ist auch der philosophische Freiheits- 
be^^riff, Sie erläutern den u.s.w. , der wirklich existiert. Die 
Philosophen polemisieren ge,^en den Dualismus, V/ird aber der Dualis- 
mus dadurch aufgehoben, dass man sich im "Geiste" darüber erhebt, 
ihn "aufhebt"? Ist dieses "Aufheben" nicht selbst der Ausdruck 
eines Dualismus? Ist beim einzelnen Menschen die "geistige" Macht 
nicht die Kehrseite und "5rgä;inzung seiner realen Ohnmacht, wie in 
der Gesellschaft die aristokratische Herrschaft die Kehrseite der 
plebejischen Knechtschaft? - Besser scheint's mir, den Dualismus 
anzuerkennen und im realen Leben zu bekämpfen, als ihn in der 
Einbildung "aufzuheben". 

Bei Ihnen kommt, ausser dem philosophischen, noch ein andres 
Element hinzu, wodurch Ihre geschichtliche Anschauungsweise von 
der meinigen notwendig abweichen muss. Sie gehören nicht nur zu 
jenen nordöstlichen Völkern, die, wie gesagt, vermöge ihres kontem- 
plativen Naturells sich mehr zur philosophischen Richtung eignen, 
Sic gehören ausserdem einer Völkerfamilie an, welche der geschicht- 
lichen Bewegung yci Europa fremd geblieben ist — Sie sind Russe. 
Ein „Fremder", meinen Sic zwar, könne die „Familienangelegenheiten" 
besser beurteilen, als ein Mitglied der Familie. Der Fremde ist ein 
„unparteiischer Beobachter"; das ist wahr. Es fragt sich nur, ob die - 

„Unparteilichkeit" auch in der Geschichte berechtigt ist, ob es hier ) 

einen „hohem" Standpunkt, als den der Partei geben kann. Ich habe 
Ihnen meine Ansicht hierüber im Eingange dieses Briefes mitgeteilt. , 

Indem Sie sich unsem „Familienangelegenheiten" gegenüber als 
Fremder betrachten, bestätigen Sie nur, dass Ihr höherer Standpunkt 
ein äusserlicher [ist]; denn das Fremde ist das Äusserliche. -— Das 
Fremde ist jedoch nicht nur das Äusserliche, es kann auch das Gegne- 
rische, Feindliche sein — und fasse ich Ihren Standpunkt etwas näher 
ins Auge, so erscheint er mir nicht einmal so ganz unparteiisch. Als 
Philosoph stehen Sie nicht im Mittelpunkte der geschichtlichen 
Bewegung, sondern etwas drüber; als Russe stehen Sie der euro- 
päischen Geschichte sogar etwas feindselig gegenüber. Als Philosoph 
wollen Sie nicht in die Zukunft übergreifen, lieben Sie es nicht, zu 
prophezeien; als Russe prophezeien Sie, dass die slawische Völker- ^ 

familie die europäische beerben werde, weil diese letztre zu alters- 
schwach sei, um sich aus sich selbst heraus regenerieren zu können. 
Als Philosoph birgt die Zukunft fiir Sie eine unendliche Zahl von 
Möglichkeiten, als Russe birgt sie Ihnen nur die eine Möglichkeit 
einer slawischen Invasion in ihrem Schosse. — Auch ich liebe das 
Prophezeien nicht; es führt zu einer fatalistischen Weltanschauung,, 
welche den Wn.en, a,o Tatkraft lähmt. Möglich, dass die heutige 
Z.vJ.sat.on w,e d,e alte emcr Invasion andrer „Barbaren", als ihrer 
eignen, unterhegen ^v>rd. möglich aber auch, dass unsre Proletarier 
ie Barbaren smd. we che ihr den Tod. den Untergang und - die 
Auferstehung bnngen Ich kämpfe jedenfalls für und ™t unseVn 
eigenen Barbaren, wed es mir keineswegs deichgatig ist. ob »nsre 



Zukunft einem progrcssistischcn, oder reaktionären Sozialismus ange- 
hört. Aber warum, können Sic fragen, glaube ich, dass eine slawische 
Invasion uns nur einen reaktionären Sozialismus bringen würde? — 
Ich habe mich hierüber schon vor zehn Jahren ausgesprochen,"tv'Crade 
was die nordöstlichen Völkerschaften. so sehr eignete, das Christentum 
zur Weltherrschaft zu bringen, macht sie heute unfähig, eine neue 
Welt zu schaffen. Was Sie über die russische Kommune mitteilen, 
bestätigt nur meine Ansicht vom kontemplativen, ungeschichtlichen, 
stabilen Charakter dieser Völker. Ich gebe zu, dass die Slawen ein 
modernes Byzanz, ein westliches China, aber nicht, dass sie eine 
sozialdemokratische Republik aus unsrem Europa machen können, 
wenn nicht Europa sich selbst befreit. — Wenigstens will ich das 
meinige dazu beitragen, ein so schweres Unglück von unsrem Welt- 
teü abzuwenden. Ich schreibe nicht zum Zeitvertreib, auch nicht zur 
Befriedigung eines ehrgeizigen Gelüstes. — Da Sie ein Liebhaber der 
Physiologie, besonders der Phrenologie zu sein scheinen, so will ich's 
Ihnen nicht verhehlen, dass nach der Meinung eines gelehrten Phre- 
nologen in meinem Schädel der Oppositions- und Kampfsinn weit 
mehr hervorragt als der Sinn für Ehr- und Ruhmliebe. Sie sehen, 
mein Gehirn hat sich etwas „schief entwickelt.** Que voulez-vous? 
Was kann ich dafür, dass mir ein europäischer Konvent mehr zusagt 
als eine nissische Kommune? Ich habe nun einmal einen „Konvents- 
kopf. -.Ich gebe zu, dass es kein freies Europa, ohne ein freies 
Russlandi aber ich glaube, dass es auch kein freies Russland, kein ^ 

freies Slawentum, ohne ein freies Europa geben kann.^arum wollen / 

Sie die europäische Freiheit von der slawischen Herrschaft abhängig ^ 

machen? Entweder die Freiheit, die Sie meinen, ist nicht die solida- 
rische sozialdemokratische Freiheit, oder die Interessen der Europäer 
und Slawen sind heute wie die Interessen aller Völker eng mitein- , 

ander verbunden. Wenn die Slawen heute dahin streben, sich als eine 
gleichartige Rasse zu einen und von äusserer und innerer Unter- 
jochung zu befreien, so teilen sie in dieser Beziehung nur die Bestre- 
bungen der Deutschen, Italiener und Ungarn sowie aller derjenigen 
Volksstämme, die es noch nicht zur nationalen Unabhängigkeit der 
Franzosen und Engländer gebracht haben. Die neuesten Vorgänge 
aber haben doch, sollt' ich meinen, hinlänglich bewiesen, Nvie frucht- 
los auch diese nationalen Bestrebungen sind, solange die Reaktion 
nicht auf allen Punkten und in jeder Beziehung geschlagen und 
überwunden ist. Der vollständige Sieg der sozialen Revolution wird 
nicht das Werk eines Tages, aber auch nicht das einer Nation oder 
Stammesgenossenschaft sein. j Ich glaube, dass Russland und die 
Slawen so wenig als England und die Nordamerikaner der Revolution 
fremd bleiben, wenn sie zur vollständigen Entfesselung kommt. Wird 
sie in ihrem alles zerstörenden und alles neuschaffenden Laufe ge- 
hemmt, dann allerdings, aber auch nur dann, [wird] der alte Antago- 
nismus der Interessen, die alte Trennung der Rassen und Klassen, 
• das alte divido et impera, und verderblicher als je zuvor, wieder 
zum Vorschein kommen. Sieg der Reaktion und Trennung der 
Völkerinteressen ist für mich ebenso identisch, wie Sieg der Revolu- 
tion und Völkerverbrüderung. 

Kein Apostel des Volkes wird mit dem Gedanken eines Rassen- 
kampfes sympathisieren können. Ich wenigstens kann mich mit der 
Idee einer slawischen Invasion nicht befreunden. Dieser Tod der 
europäischen Zivilisation birgt keinen Lebenskeün, keine Aufer- 
stehung in sichl — Aber ich hoffe, dass die Geschichte, die „sich nicht 
wiederholt", uns mit einer solchen zweiten, unverbesserten Auflage 
der Völkerwanderung verschonen wird. 



* Europäische Triarohie, Leipzig bei Otto Wigand, 



Schon in dem Briefwochsel mit Alexander Ilorzen wird das erhöhte 
Interesse ^^Iffa^ff^^eiJ, v/elches Hess der IBedeutun^j des nationalen Elements 
in der Geschichte, besonders in der damaligen Periode, entgegenbrachte. 
Dieses Interesse wurde im Laufe der nächsten Jahre in hohem Masse durch- 
die immer mächtiger werdende italienische Risor^imento-Bewegung ange- 
facht. Die Befreiung Italiens von der als Inbegriff der Reaktion betrach- 
teten Herrschaft Oesterreichs, im Zusammenwirken mit dem sich für dieses 
Ziel immer deutlicher einsetzenden Prankreich, erschien Hess als ein 
für die Befreiung und Regenerierung Europas wesentliches Ereignis. 
Obwohl er die soziale Frage nicht aus dem Auge verlor, erhielt seine 
Geschichtsphilosophie eine neue Färbung durch die Einsicht in die Dynamik 
der nationalen Bewegung, wie sie sich um Jene Zeit im Rom Cavours und 
Victor Bmanuels II. darstellte. 

ff 

( ) Moses Hess an Berthold Auerbach 

Paris, den 30. April I856, 
33, rue de 1' Est, 



/ 



Mein lieber Auerbachl 

Viele, lange Jahre sind verflossen, seitdem Du von mir etwas gehört 
hast. Gewiss bin ich in Deinem Andenken, wie in dem meiner meisten 
ehemaligen deutschen Freunde, verschollen. Es ist unmöglich, Dir 
einen Begriff davon zu geben, was ich seit vierzehn Jahren innerlich 
und äusserlich erlebte. Nur so viel kann ich Dir sagen, dass die 
leidenschaftlichen Stünne meines Gemütes, welches jene unsrer Zeit 
vorenir funden zu haben scheint, sich jetzt gelegt, und einer Bewe- 
gung Platz gemacht haben, die Deiner poetischen, und daher jeden- 
falls harmonischem Geistesrichtung vielleicht wieder zusagen wird. /' 
Nach dem coup d'etat, Ende 1851, zog ich mich aus der Schweiz, 

wo ich seit der verfehlten badischen Revolution mit andern deutschen / 

Flüchtlingen von einem Kanton zum andern getrieben wurde, nach V 

Belgien zurück, um mich einem ganz neuen Studium zu ergeben, in ^ 

welchem allein ich noch eine Rettung für die Fortschrittsbestrebun- 
gen unsrer Zeit sah. Ich gab mich aus einem blinden Drange dem 
Studium der Naturwissenschaften hin, ohne auch nur eine leise 
Ahnung von der grossen Bewegung zu haben, die sich seitdem auf <. 

diesem Gebiete in Deutschland kundgab. 

Trotz der Zurückgezogenheit, in welcher ich in Belgien lebte, 
wurde ich aus diesem Lande, auf Betreiben Preussens, verwiesen; 
ich fand ein Asyl in Frankreich, wo ich seit 1853 meine Studien fort- 
setzte. Im verflossenen Jahre wurde ich hier aufgefordert, an einer 
französischen Revue mitzuarbeiten, und ich l<?gte in dieser Zeitschrift 
die ersten Früchte meiner Studien nieder.-^" Sie fanden viel mehr 
Anklang, als ich erwarten durfte. Man sprach in anerken nende r Weise 
davon, und meine Artikel wurden besonders abgedruckt?^ Eine Probe 
von beiden sende ich Dir gleichzeitig mit gegenwärtigem unter 
Kreuzband. 



* W^ki^/fQfSii6YQ4S^n^T^Qr(":^ß^Y^^^^ Hess-'bis April I856 n^<^ 

einen Aufsatz ("De la vie cosmique, organique et sociale") und drei 
kurze Artikel in der "Revue philosophi^ue et religieuse" veröffent- 
licht. r 

(**(_^ Dem Herausgeber von Moses Hess: Briefwechsel, Edmund Silberner, 

ist nur ein einziger Sonderabdruck aus der "ßeirue philosophique' 
et religieuse" bekannt, nämlich der des "Essai", -^ 




> 



/ 



/ 



Ermutigt durch die günstige Aufnahme meiner Arbeiten in Frank- 
reich, fing ich seitdem an, ein deutsches Werk in, gleichem Sinne zu 
schreiben; es ist in diesem Augenbhck druckfertig.""' Unpraktisch, wie 
Du mich kennst, habe ich im Drange der Arbeit ganz daran ver- 
gessen, dass ich seit Jahren keine Verbindungen mehr mit Deutsch- 
land habe; ich hätte längst mit deutschen naturvvissenschafdichen 
Zeitschriften anknüpfen sollen. Aber ich meinte, ich müsste erst in 
dieser mir bisher fremden Welt das Bürgerrecht durch meine Arbeit 
er\verben. Nun habe ich in Deutschland, das mir in jeder Beziehung 
verschlossen ist, keinen Freund, der die Herausgabe meüies Werkes 
vernilttchi könnte. 

Als ich's zum ersten Male wagte, mich auf die hohe See geistiger 
Bewegung zu begeben, hast Du mir so liebevoll beigestanden, dass 
ich auch jetzt, wo ich einen neuen Anlauf nehme, mich wieder an 
Dich vertrauensvoll um Rat wende. Es ist schwer, Dir in wenigen 
Worten meine jetzige Geistesrichtung zu schildern. Das einzige und 
beste Mittel wäre, Dir mein Manuskript selbst zu schicken. Aber 
weiss ich, ob Du Dich damit befassen willst? — Weiss ich, ob Du 
überhaupt noch, wie ich, Dich unsrer alten Freundschaft in Liebe 
erinnerst? Eine wehmütige Stimmung bemächtigt sich meiner, wenn 

ich daran denk«;, dass in dieser ganzen langen Reihe von Jahren, die 
seit uiisrcr Trcniiwiig vcrilosscn sind, k<M'n Mensch mich so verstanden 
und so mit mir eiiiplundcn wie Du. Warum wurden wir im Sturme 
der Zeithewegi ug so weit auseinander gerissen — warum? Weil ich 
zu fanatisch war — die ganze Schuld fällt auf michl Jetzt, wo ich 
ruhiger geworcicn bin, sehe ich's ein. 

Ich weiss nie it, ob Du noch derselbe bist, wie friiher, oh Du nicht 
während der Le.wcgung, so gut wie ich," wenn auch nach d<'r ent- 
gegengesetzten Richtung hin, exklusiv geworden. Ohne Zvveiiel wird 
Dein poetisches Gemül Dich vor solcher Einseitigkeit gesehiil/l 
haben. Was mich betrifft, so begreife ich jetzt sehr wohl, dass man 
in den Ansichten über die Mittel und Wege, die zum humanen Zii'ie 
führen, divergieren kann, ohne dass deshalb ein persönliches rVeund- 
schaftsverhältnis, welchgs auf den Einklang von individuellen C^c- 
fühlen gegründet ist, getrübt zu werden braucht. Die Empfincluni^i it 
der Liebe und Achtung, die ich einst für Dich hatte, erwach» n 
wieder in ihrer ganzen Ursprünglichkeit in meiner Bnist, weil die 
Stürme, die mi'jh aufgeregt, sich wieder gelegt haben, umi weil ieii 

stillschweigend voraussetze, dass auch Du noch derselbe bist. Hebe 

letztern Punkt lialje ich freilich nicht eher Gewissheit, bis ich wiedir 
in Verbindung mit Dir stehen werde. Lass mich darüber meht lani^e 
in Zweifel, zö;.;ere nicht mit Deiner Antwort! Du hast ein Rcelif 
darauf, mit mir zu zürnen, aber keins, mich durch Entziehung Deiner 
Freundschaft z i kränken. 

' Ich schicke Dir einstweilen auch noch keine Broschüre, imd leue 
nur ein Läppchen aus dem Atlienaeum fran^ais't^ '^ei, worin von 
meiner Arbeit j^;esprochen wird. Adieu, alter Schwabl Wie möcht' ich 
Dich doch so gern wieder in "meiner Nähe habenl 



^ 



Dein treuer 
He^s. 



* Solch ein druckfertiges Manuskript liegt im Nachlass nicht vor, 
** "L*Athenaeum fran9ais, revue imi verseile de la litterature, de la 
science et des beaux-arts," Paris, 



^9 



Als. im Frühjahr I859 dor Aucbruch der Feindseli^jkeiten zwiGchen 
latlien und esterreich unmittel'bar bevorstand, entwickolte Hess in 
Briefen an seinen Freund Friedrich Hermann Semmig seine Theorie , 
der Sieg Italiens über esterreich werde±x eine republikanische Umge- 
staltung Europas herbeiführen, 

( ) Moses Hess an Friedrich Hermann Semmig 

Paris, den 27. April I859, 

33, rue de l»Est. 
Lieber Semmig! 

Es war für mich, wie für Ewerbeck, eine wahre Herzenserquickung, 
aus Deinem Briefe zu sehen, dass Du zu den, leider noch wenigen 
deutschen Demokraten gehörst, welche die Sachen ganz einfach auf- 
fassen, wie sie sind. Der österreichische Schwindel wird übrigens 
auch vom deutschen Michel bald durchschaut werden. Louis Simon 
von Trier, den ich zuweilen sehe, sowie einige andere deutsche 
Demokraten in Paris, beurteilen die Dinge wie Du, Ewerbeck und 
ich, und schreiben wie wir nach altem Stile ihre Ansichten. Es ist 
ausgemacht. Bonaparte verhindct sich mit der Revolution, und zwar 
mit Bewiisstsein und Willen. Ob (uis Furcht vor den italienischen 
Handgranaten — denn seit Orsinr^'S der Umschwung bei Bonaparte 
eingetreten — oder aus ehrgeizigen Plänen oder aus besseren 
Gründen, das ist gleichgültig. Genug, er ist heute der Testaments- 
exekutor der verstorbenen Republik. 
' So fassen auch die Franzosen die heutige Politik auf. Daher die 

Zustimmung der revolutionären Arbeiter der Vorstädt^e und der 
echten Demokraten, z.B. Fauvety, dessen Broschüre* wir Dir hiermit 
schicken, sowie die Opposition der Bourgeoisie, der Pfaffen und der 
royal istischen Parteien,, .die übrigens nicht mehr mucksen, seitdem 
der Krieg entschieden?^ Bönaparte tritt heute nicht mehr als Retter 
der Monarchie und Neffe des Onkels, sondern als Diktator der Revo- 
lution — morgen vielleicht schon als Volkstribun auf. Ewerbeck und 
ich haben uns davon durch einen Schritt überzeugt, der vorderhand 
noch geheim bleiben muss./ 

Wie dem auch sei, die Bewegung, die j'etzt beginnt, und gegen 
welche 1S4S ein Kinderspiel war, wird iliren eigenen Weg gehen, 
nicht den ihr vorgeschriebenen. Die französischen Truppen sind be- 
reits in Italien, das ganze italienische Volk wird sich erheben, die 
Österreicher werden aus Italien geschmissen werden, und dann adieu 
alle monarchischen Grundlagen in Europa und adieu diplomatisches 
Gleichgewicht. Der Schwerpunkt des alten Europa, und mit ihm 
jener der konservativen Geister wird sich verrücken, und nur die- 
jenigen werden \vährend dieses neuen Tanzes auf den Beinen bleiben 
und ihren Kopf nicht verlieren, die wie wir auf der „breitesten demo- 
kratischen Basis" stehen geblieben. 

Halte Dich davon überzeugt, lieber Alter, dass unsere Zeit wieder 
herannaht, vielleicht noch ehe ein Jahr vergeht. Warum hast Du die 
Osterfcrien nicht benutzt, um nach Paris zu kommen? Wir leben 
hier wieder neu auf; ich selbst habe mich wieder auf die Politik 
geworfen -SJt^Vp^b^ nach rechts und links, [seit ungefähr einem Mo- 
nate, ]^^nd Tiaoe soviel ich konnte — freilich nur wenig — dazu 
beigetragen, dass der europäische Tanz losgeht. Das nähere werde 
ich Dir später einmal mündlich mitteilen. 



)^ Friedrich Ilrnnann Sommig, (1820-1897), deutscher Schriftsteller, sluclicrto 
Theologie und Philosophie in Leipzig; Milarheiter der „Tricrschen ZeitimR" und 
der ,, Rheinischen Jahrhüchcr zur ^escllschafllichcn Reform" (vgl. Bd. I, 1845, 
S. 173-174, wo er Hess' bedeutende Rolle in der Entwicklung des deutschen 
Sozialismus hcrvorpehohen hat); Teilnehmer nm Dresdener Aufstand (Mai 1849); 
18(9-1870 EniiKrant in Frankreich, wo er in Lc Puy, Chamh6ry und Orlc^ans nls 
Lrhrcr der deutschen Sprache an den dortigen Ly7cen wirkte; 1870 kehrte er 
nach Deutschland /.urück. Hess hatte er auf der Fhicht aus Deutschland, in 
StrasshurR 1849, persönlich kennengelernt. Semraig war mit Ange Gu6pin und 
Jules Michclct befreundet. 
*— Der Brief lient i n /wi - i Fu.vshhkl ' h vui, Ni. Q21 und Ni. QQfl. Wegen Acinti 

^ h^i . iiihisdiL 'i t W xTt o fi worden ■ l H»i d <» -F af;f. ur vffl> n - ßodniek fe 

^>fc-Fclice Orsini (1819-1858), italienischer Patriot und Verschwörer, unternahm 
am 14. Januar 1858 ein Attentat auf das französische Königspaar und wurde zwei 
Monate später hingerichtet. 



M/ 



nL yf<X^Charles Fauvcty, Du Principe de nationalitö. Vltalie. Paris, E. Dentu, 1859. 
^ 31 S. 8°. 
>^ vj^'^ ^ ^^^ österreichisch-italienische Krieg begann, nachdem Piemont Österreichs 
■^ Ultimatum vom 23. April 1859 abgelehnt hatte. Frankreich kämpfte auf der Seite 

der Italicner. , 

;»." V^ l .- Bii Lf-Nrr-a^9r- 
^ 1^ V.;^ .**'" Im Original gestrichen. Hess war Pariser Korrespondent der Augsburger „AU- 
^ ' gemeinen Zeitung" von Ende Februar 1859 bis Juni 1860. Später schrieb er auch 
für das bonapartistische Organ L'Espcrance, das seit Ende Oktober 1859 in Genf 
erschien. 
»^ THJiiiL Jusuf I. (lQQ0 - 191O r 



.•'> 



Es war Zeit, dass einmal wieder ein Funken in die Welt hinein- 
geworfen wurde, dass die Selilafmüt/.cn wieder zu SchiessbaumwoUc 
verarbeitet, dass die Standreclitler selbst gestandrechtet werden und 
der Blutjunge '^Seinen Lohn empfangt. Wie nach 1848 die Revolution 
schrittweise von der Reaktion beseitigt wurde, so wird seit einigen 
Jahren die letztere wieder von der ersteren ebenso allmählich — bis 

jetzt fast unmerklich — gleichsam schichtenwcisc abgetragen. Zuerst 
Nvurde ihr die Spitze, das vennckeltc Russland, abgekipjit, durch dea 
Krimkrieg, an dem Nickel^vör Verdruss und zurückgetretenem Gift 
gestorben. Jetzt kommt die Reihe (an den Blutjungen und an den 
Heiligen Vater) an den Heiligen Römischen Kaiser und Heiligen 
Vater. Dann geht es mit Riesenschritten und leichter Mülie vorwärts. 
Es ist eine viel solidere Arbeit als die „vormärzliche", um mich 
deutscher Terminologie zu bedienen. Aber sieh' da. Alles geht wieder 
von Frankreich ausl Das ärgert unsere neidischen deutschen Patrioten. 
Wer hat ihnen verwehrt, es den Franzosen zuvprzutun? Haben sie 
doch in Prcussen ihren liberalen Regentent^^j^DtTden sich doch ein, 
mehr Freiheit als die Franzosen zu haben. Aber sie lassen sich lieber 
von Österreich aus für das Heilige Römische Reich deutscher Nation, 
als von der Revolution für die moderne Welt begeistern. 

Wenn die Prcussen heute mit Österreich gehen, statt auf dessen 
Trümmern sich selbst zu einem modernen Deutschland zu erheben, 
so sind sie wert, zwischen Russland und Frankreich erdrückt zu wer- 
den! Denn gegen Österreich ist Russland heute bedeutend im Fort- 
schritt, wie Frankreich gegen Preussen trotz Regentschaft auf der 
einen und Empire auf der andern Seite. Russland und Frankreich 
haben an Preussen diesen Antrag gestellt, wenn auch noch nicht 
öffentlich und offiziell, ein einiges Deutschland zu gründen. Aber 
wie der blödsinnige Friedrich Wilhelm IV. schon 1848 die Kaiser- 
krone, so schlägt der steife Regent wahrscheinlich heute wieder — 
aus Pietät vor dem Blödsinn — den Antrag aus, und geht mit den 
Heiligen Allianz-Verträgen unter. 

Die Deutschen müssen, wie Du sagst, und zwar sage ich's ohne 
Scherz, dazu gezwungen werden, gleich den Italienern eine freie, 
nationale Konfederation zu bilden. Sie stehen in politischer Beziehung 
weit hinter den Moldauwalachen! Mögen sie denn mit ihrem Gottes- 
gnädigen — mit Gott für König und Vaterland — • zum Teufel gehen. 
Ich werde mich, wie Ewerbeck, am Ende hier naturalisieren lassen,i'^;fc /^ :)f^ 
um auch nominell nicht mehr in Gemeinschaft mit dieser mittelalter- 
lichen Brutalität leben zu müssen. Diese Esel sprechen von französi- 
scher Eroberungspolitik, und stecken selbst, und sie allein noch, 
bis über die Ohren in der mittelalterlichen Eroberungspolitik! In 
Italien bilden sie sich em, ein Volk auf die Dauer heute beherrschen 
zu können, das nichts von ihnen wissen will. Ihr gu^es Recht auf 
Schleswig-Holstein, gut, weil die Holsteiner eben selbst mit, Deutsch- 
land vereinigt sein wollen — denn auf den Willen der Völker kommt 
es jetzt allein noch an — verscherzen sie [sich] nicht nur, weil sie die 
Italiener beherrschen wollen, sondern auch, weil sie offen die Präten- 
tion aussprechen, Dänemark erobern zu wollen. 

Die Skandinavier werden sich vereinigen und mit Frankreich und 
Russland gehen; und wir wollen sehen, wann Italien, die Südslawen 
der Türkei und Österreichs, die Ungarn u.s.w. auf der einen, sowie 
die Skandinavier, Holländer und Belgier auf der andern Seite mit 
Frankreich und Russland gegen die deutsche Eroberungspolitik 
kämpfen werden, was dann die Millionen „deutsche Schwerter", auf 
die man pocht, ausrichten werden! Dazu wird es am Ende doch 
kommen, Du wüst es sehen. Ich habe eine wahre Berserkerwut gegen 
diese Schreihälse, die die WVit auffressen wollen und am Ende doch 
nur Knödel fressen können. ' / 

Du solltest sehen, wie hier alles lacht und singt und üi den Tod 
hinein tanzt, weil es wieder gilt, für die Freiheit zu sterben. Aber 
genug für heute! Wenn Du mir schreiben wirst, werde ich Du: noch 
mehr sagen. * - — 



cu^ii 



=k^ 

*^* 

*^^^ 



Franz^ösef I. (l830-19l6). 
Nikolaus I. (1796-1855). 



Wilhelm I. war I858-I86I Prinzregent von Preussen. 
Hess "behielt stets die preussisohe Staatsangehörigkeit, 



^/ 



( ) MosGS Hess an Friedrich Hormann Semmig 



Paris, don 3. Mai / l859_7. 



Nachdem der Hcih'ge Römische Kaiser das „Schvverf gezogen, um 
sein „Eigentum" und die „Ordnung in Europa" zu verteidigen, hat 
auch der unheilige und unsern Deutschen so unheimliche und unge- 
mütliche Pariser ein entschiedenes Wort gesprochen. Man vergleiche 

doch das österreichische Manifest mit dem französischen.'^ Das „An 
meine Völker" übcrschricbcne zeigt schon durch seine Überschrift 
seinen mittelalterlichen, asiatischen Charakter an. Wie modern klingt 
dagegen das: „An das französische Volk!" 

Ein deutscher Börsenjude, der natürlich österreichische Sympathien 
hat, und in dessen Gegenwart ich den biblisch-asiatisch-schwülstig- 
gottesgnädigcn Stil des östen-eichischen Manifestes verhölinte, glaubte 
mich zu ärgern, indem er von dem französischen sagte: So spreche 
man zu den „Faubourgcrn". Das ist ganz in der Ordnung. 

Wenn aber andre Deutsche, die keine Börsenjuden sind, wenn 
sogar deutsche Demokraten gegen den Kevolutionskrieg für das 
reaktionäre österreichische oder „deutsche Schwert" Partei ergreifen, 
so bedarf dies einer Erklärung; ich will sie Dir zu geben versuchen. 
Es gibt zwei Gründe für diese Erscheinung: einen geschichtlichen 
und einen anthropologischen. Ich muss den letztem vorherschicken, 
weil er selbst dem erstem, geschichtlichen Grunde zur Basis dient. 
Die Deutschen sind noch, wie die Juden, eine relativ unvermischte 
Rasse, wenigstens den Franzosen gegenüber. Wie den Juden, selbst 
den aufgeklärtesten, noch das Altertum im Blute steckt, so den Deut- 
schen, selbst den revolutionärsten, noch das Mittelalter. Die moderne 
Welt hat ihre anthropologische Grundlage m der Kreuzung der Ras- 
sen, welche mit der Völkerwanderung begonnen hatte. Die modern- 
sten, revolutionärsten Völker oder vielmehr Gesellschaften, die fran- 
zösische und nordamerikanische, sind die am meisten gekreuzten 
oder auch, wenn Du willst, gekreuzigten, die Erlösten und die 
Erlöser. 

Du lachst vielleicht über die Erlösungsfähigkcit der heutigen Fran- 
zosen. Aber Du kennst ja das Sprichwort: Wer zuletzt lacht, lacht am 
besten. Der Deutsche hat keinen modernen Patriotismus, wie der 
Schweizer, Franzose und Engländer; sein Patriotismus ist ein reak- 
tionärer Rassenfanatismus. Er vergisst, dass die anthropologische 
Mission der Germanen als Rassenregeneratoren vorüber, dass jetzt 
vielmehr an die unvermischt gebliebenen Germanen in Deutschland 
die Reihe gekommen ist, durch diejenigen regeneriert zu werden, die 
sie vor Zeiten verjüngt hatten. Die christlich-gennanische Barbarei 
und il»: uchclci wird so lange dauern,' bis die Eroberungsgelüste, die 
den Deutschen noch vom. Mittelalter her im Blute stecken, die aber 
heute ein Anachronismus geworden sind, jene ohnmächtigen, geilen 
Gelüste auf den Besitz von bereits zivilisierten Völkern, eine Koalition 
der modernen Welt gegen sie selbst heraufbeschworen haben wird, 

eine Koalition, an deren Spitze Frankreich für die romanische, Nord- 
amerika für die germanische, und Russland für die slawische Zivilisa- 
tion stehen werden. 

Noch einen Augenblick ist es für Deutschland Zeit, auf friedlichem 
Wege sich der Bewegung der modernen Völker anzuschliesscn, welche 
sich friedlich und frei nebeneinander konstituieren wollen. Wenn 
Deutschland, statt sich zum Schergen Österreichs zu machen, sich 
um Preusscn reiht und diesen modernen Staat, statt ilm von seiner 
Bahn abzulenken, in der Richtung unterstützt, die ihm von der Ge- 
schichte angewiesen ist — wenn unsre Demokraten, die noch immer 
Russland verdächtigen,' weil es einst reaktionär vernickelt war, sich 



\ 



* Im Original die Uebersohrif t: "Briefe aus Frankreich von einigen 
dort lebenden deijJBchen Demokraten, H /ess/ an S lemmlßj ", was 
darauf schliessen lässt, dass sie beabsichtigten, ihre Korrespondenz 
zu veröffentlichen, Semmig hat am I5. Mai I859 <ien Empfang des 
Brisfes bestätigt, 
"^^ Das österreichische Manifest erschien in der "Wiener Zeitung" vom 
29. April 1859» das französische vom 3. Mai I859 erschien in deut- 
scher Uebersetzung u,a, in der Augsburger "Allgemeinen Zeitung" vom 
4, Mai 1859. 






heute mit den Befreiern Italiens, mit Russland und Frankreicli ver- 
bünden und Preussen unterstützen, in diese Allianz einzutreten — 
dann würde Preussen an die Stelle Österreichs und seiner deutschen 
Satelliten treten, Deutschland eine grosse moderne Macht werden, 
und es würde keinem europäischen Volke einfallen, seine industrielle 
und politische Entwicklung hemmen zu wollen. 

Aber ich fürchte, dass der kurzsichtige Fanatismus des Germanen- 
tums die Oberhand behält, dass man an die barbarische Gewalt des 
„deutschen Schwertes" appelliert, und selbst in die Grube fällt, die 
man den angeblich eroberungssüchtigen Nachbarn graben möchte. 



Die durch die Erei^piisse in Italien veranlasste Auseinandersetzung 
mit der Nationalitätenfrage bildet die Grundlage, auf der Hess seine 
Schrift "Rom und Jerusalem" aufbaute, Hess hat dies sowohl im Titel 

durch die Gegenüberstellung von Rom und Jerusalem als auch durch den 

s 

Untertitel ♦♦' Die letzte NationalitätEsfrage" mit grösster Deutlichkeit 

zum Ausdruck gebracht. Dennoch ist die Wandlung, die sich in ihm vollzog, 
nicht weniger durch Vorgänge bedingt gewesen, die sich unmittelbar auf 
das Judentum bezogen. 

Iless seihst hat neben der Erschütterung durch die Damaskus -Affäre ein 
ganz persönliches Erlebnis als ausschlaggebenda für seinen Entschluss,. 
sich für die nationale V/iedergeburt seines Volkes einzusetzen, genannt. 
Als 1860 die Prau von Hess' Bruder Samuel starb, nahm sich deren Schv/ester, 
Josephine Hirsch, der beiden kleinen Kinder an und heiratete später 
Samuel Hess. Moses Hess war von dem Verhalten der Josephine Hirsch sehr 
beeindruckt und widmete ihr ein Exemplar von "Rom und Jerusalem" 
mit den V/orten: "Liebe Schv/ägerin! Gev/ähren Sie diesen Briefen, die durch 
Ihre Geiuhle inspiriert wurden und an Ihr Verständnis gerichtet sind, 
einen Platz in Ihrer üi^t'tdrYgt^-::^^ Bücherei." 

"Rom und Jerusalem" ist ebensosehr ein persönliches Bekenntnis wie 
ein politisches Manifest, das Hess' Weg vom Sozialismus zum Judentum und 
zum Zionismus bezeugt. Die Schrift .besteht aus einem Vorwort, zv/ölf Briefen 
an eine ungenannte Freundin, einem sechs Abschnitte umfassenden Epilog 
und zehn Noten. Es folgen hier Auszüge aus den Briefen, 



# 



'^^hu ^'^^"('^^ 2if.^x i^d/&f.^^" i 



^♦•/Das Buch wurde in Breslau unter Hess' persönlicher Aufsicht gedruckt 
und erschien Mitte Juni 1862 bei Eduard Wengler, einem Buchhändler in 
Leipzig, Obwohl es unter der Firma des letzteren veröffentlicht wurde, 
war er de facto nicht der Verleger des Werkes, sondern nahm es nur in 
Kommission, 
■>^* "Vgl, Edmund Silberner: Moses Hess, Geschichte seines Lebens. Leiden 
1966. S.402 f. 
*^^ Vgl. Edmund Silberner a.a.O. S. 392 ff. 



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i-^lV^/d/i^C Ersto>i liüEef: 



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cJa |Tch' id) unttcr luicf) einer jiuünji9iäf;viivu C^;ntfrcmbun9 
in hn- 03(ittc mcinco isoHcö unb nc(;mc 5lntl;ci( an [einen Srcm 
b:n: imb ^iMucvfcficn, an [einen Gvinnevungeu nnb .^o[|nnnöen; 
au [einen öci)li{icn i'länuM'cn im cioenen .^au[c unb mit bcn 
(5ul(miH^!fcvn , in bcvcii Wm cä lebt, mit mclel;cn c3 ober, 
tvctj cn^f^ iivcitanicnbjätu-iöcu BuftinunenlcbcuS unb (atvcbcnd, 
nid;t cviiauifd? \)evn>ad;[en fann. 

(5iu Gicbanlc, ben id; für immer in ber 23vujl crpicft 
\\\ I;abcn ölanMc, (lel;t nnebcr lebenbijj oor mir: 5)cr öebanfc 
an n\einc Tiationalität, nnjevirennlid) Ihmu GvMSnl meiner öater, 
bem bcilij'^cn i'anbc unb ber euM^cn Stabt, bcr Öebuvtoilaltc 
bc6 WlaubcnS Mi bic jottlidc Ginl)cit bco l'cbenö unb au bie 
iulünfticje 23crln-ribcrun{j aller 53kn[d;cn. 

Seit Svibven [d}on \wi^\c bicfcr lebenbicj öecjvabenc in bcr 
v\'v[ddo[(encn 5.U-u|l unb iHn"(anf\tc einen ^(ußn^cg. 5)ed; mir 
[ct;Ile bic Sdnininc^fraft juni Ueberganflc auu einer bcm Subeus 
ibum [d;ciubar [o fern liej^onbcn V>Cihn, unc bic mcinigc mar, 
ni jener nenen, bic mir in nebelhafter i^cvnc unb nur in alls 
••^f meinen Umviffen VHn-id;meMc. 



Cn' 



^sil Co 3i:'-ll/ bvifj mit jctcv neuen O^id^tnng, bic mid; in 
ihven 3^u^ciiici«? ilchi , ein unj^lfhllid^eö u^eiblid^cß 2Be[cn auf 
meinem ^^el'env'.re{ic evfdieint unb mir bcn 0)^utl; unb bie Äraff 
v3icbt, unbefan'utc i^almen ju burdnininbcrn? 

C vAi falfd« fmb S^icjcnicjcn bcridjtet, meldte ben öius 
fiuij ber 3v^iii^"'i ^'Uf bic Gntmirfelunö bc§ Subenibumö unb bcr 
5uben i\evinij anid;lnöcu! — .^'^ci^t e5 bcd; v^on bcn fejjtcrcn: 
£cv 3ittenvcinbcit ibrcr J^raucn hatten fic i(;re cvpc Cvlöfnng 
ju iKvbantcn, unb mcvben fie and; iljvc leOtc Grlcfung ju Der« 
banfen babcn. -J J^- ^-^ 

(iift ba id^ ^ic in 3bvem Sdnnerjc [ab, Cffnetc fid; meine 
SBiuft, nnb Icid;t beb \\d) ber Saröbcrfel ihmi meinem cuts 
fdilummcvtcn i'cltnjebanfcn , alo id; bic CucKc entbedte, qu8 
nH'Id;cr ^hx (glaube an bic (S'uncjfcit bou Öcipco cntfprunöcn. 

SThio in mir ben Gntfd^hij) jnr Dvcifc bvad;tc, für bic na« 
ticnale SiMcbcvvjcbuvt meinet 51>oUcy aufintvctcn, ip ^\)x unenbs 
Iii;cr Scclcnfduncrj über ben 2?evhi[} einer tbcurcn .r)inojefd;icbenen. 
Solcbcr ?iebe, bic glcid; ber 93iuttcvlicbc auo bcm 23Iutc Pammt, 
unb bcd; [o veiu unc ber ©ei)! G5oltc3 ift, einer [o nnbcßvcnjteu 
J>ami(ienlicbc i]! nur ein jübifdieö .<berj fällig. Unb bie[c ^icbc 
ift ber natürlid^c 23ovn jener intellcnualcn ^Mebc Öotteu, meld;e 
nad; Spincja baö S;>M)\ic i|l, moju c3 bcr 0)ei|l übcrl;aupt 
bringen fann. ^(U'? bcr umicvllcj^barcn £-neUc ber iübifd;cn 
^amilicnlicbe ftamnicu bic (SrI5[er beS 0)icnfd;en3efd)(ed;t3. 

„ITnrd; T'ui}" [ajit in feiner Sclbftoffenbarunc; bcr flütind;e 
Oieniu^ ber iüti[d;cn i^amiHc, „mcrbcn alle Familien bcr (Srbc 
ßc[eiPKt." 

3cbcr oiibc bat ben (^to[i ,^n einem 9)iC||laö, jebc Sübln 
bat bcn JU einer mal er d()]<n-osa in fid;. 






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-.;> 



-^ 5 Zitiert nach der Erstausgabe! Rom und Jerusalem, die letzte 

• Nationalitätsfrage. Von M, Hess. Leipzig: Eduard Wengler 1862. ^, //^?, 

■^ ^ Im Talmud sowohl , wie im Midrasch, wird die iiJrlösung des jü- 
dischen Volkes der Keuschheit der jüdischen Prauenk und der Treue 
zugeschrieben, die keiner Verleugnung der Nationalität fähig. 

[ M.H.] 



^9 



/»US dem Vierten }3ricf : 



• • • 



Auch die ^ohildeten dcut.'^chen Juden haben ihre ^iten 
Gründe, r,ich von Jüdischen Nationalitätnbeßtrebun^en mit 
"V/iderv;illen- abzuwenden. - Moin/liVber7aJ^rJ^re^^ 

^'(ucvl^u1^ ift cl\'n fo ciUruilct \\\\x mi(I>, umc m\\\ nltcr 
^:3cvK\>n-, \\\\\\\ aiub aui> einer ßauj aubevu Uvfad;c, alö bcc 
„rein incaia;Iicl;cu Tiatiir." Gr iuarf;t mir hixU SJonüfirfc über 
meine il^caicl^uu-icn, unt» ruft [djücplid; nuö: „2Ber ^t 5)i(^ 
Ulm .Vn-wn unt> 9{id;ter über un5 cinflcfcut." ^ir 3)cr beutfrfjc 
C>ui:e ifi meijcn tcö •ilju \?ou allen Seiten umQcbenbcn Subcus 
I>aiic^' ftctö c^cnci(^t, alleS Subifdjc i^cn ud; abjuflreifeu unb feine 
0^vc jn i>cvlcnf,^icn. kleine DJeform bei^ iribifc^>cn ÄnltuÖ i|l 
. tcm ijclnlbeten bcnlfcf)en 3nbcn vatifal ßenng. ecUf bic Saufe 
crloi"! if;n nicl)t oon bem 5npbvu(f bc5 bcnlfd)cn 3*ubcnl;affc8. ■", / 

ITie £^cut|(f;cn haffen u>cniojcr bic Oiclio,ion bcr Subcn, aI8 il;re 
O^ice, u^cuiijcr il;rcn eigcntl;ümlid;cn (Glauben, alö il;rc eigens- 
tlnnnlid;en D'Jafen. — SBcbcr SU'form, uod; 2:aufc, irebcr 23iU 
biniß, nod> Cmancipation cvfd;Iicpt ben beutfd;cn Si'bcn ooHj 
IKinbic; bic ^"»fortcn be5 focialcn i'cbcn3. 8ic fud;cn bal;cr 
ifirc ^Ibftammuncj ju ücvicußnen. — O)iolefd;o(t erjäf;!! in 
.feinem „^Mv.v^iolefjiid^cn SH^jcnbud)" (p. 257) üon bem . 
2c*I;nc cinciJ ö^'^^'^"f^<^" 3"bcn, ben mau 93U'»r<icn5 uid;t 
i^cm S;m;\3cI »rcöbrinficn fonntc, u^cil er unablafilö bcmüljt 
n^ar, mit bem stamme fein fraufcö .r-)aar in fd;Iid;teiJ ju 
»cvuMubcIn. — ^(ber fo lucnig bic „vabifalc" Deform, vid^lig 
fo (genannt, ivcil fic bic 5[yt an bic Sr^urjcl bc3 ^ubcn-- 
tlnim?, c^w feinen nationalen Ck'fd;td;tC>fuItuC IcijtC; fo loenig, 
fagc ids tiefe Oteform il;veu ^\\Ki\ evveid;tC; fo U'eniij auc^ 
cneidjt '^c^^ Streben bcr 3»tcn nad; 51?cvlcnvinunvj if;rer ?lb: 
pammunü fein ^\d. Sic jübifd;cn Duifen u>erben «id;t refors 
n;irt, nnb bao fdy.oarjc, traufe iübifd;c .<baar ivirb burd; feine 
3:ai!fc in blonbcö, bnrd; feinen .r^mm in fd;Iid;te5 rcDoantelt. 
ü^ie jübiid;c 3iaec i)! eine nvfvnn\{ilid;e, bic \\k\) trolj Uimalifd;er 
(Sinf.rin'c in i(;rer Ontc^vitat revrobncirt. 2er iribifd;c SypnJ 
ift fuh im Vau;e bcr o^'l>vlM«»bevle peto i^Ieid» yeMieben. 



Aus den Fünften Brief: 



• o • 



'i'or iU'<^»>j^'.^ 3*^bvcn, aliJ oon J'amaofuci anä eine abfurbc 
!jintia:]C öc^ni oitbcn ^u uiiö C*^nvov\icvn (nTüber ßclraejcn, unb 
ein cbr.i fo bittevcC' iric jv'i'cdwi'cvtißfco SdMuei'.^Aei'ribl in aiien 

jüiifdu'n .Ocvjen Xi^i^ univbc \^h ber jiobbcit unb ?cid>ts";(äubiaj 
feit bc5 afuitiidieu unb curopaifd^cn yöbelu, ber (;cutc unc feit 
jivcitaufenb Sabveu icbec ^I^cvleumbuncj ein anuniitcy £)br Teilet, 
fobalb fic öcflcn S^ben ijerid^tet ijl; bamalw, alö eß mir mitten 
in meinen fociaIiilifd;cu 23cilrcbnn5cn jum evpen -^^lalc miebcr 
red;t fd;mcViIid; inä öcbäcl^tniü junufe^cvnfen u^uvbc, "^ii^ id) 
einem unglücflid^en, rcvicumbcten, ihmi aller Seit i^evlaffenen, 
in allen 2änbevn jevprcutcn, aber nid;t öfi^^^btetcn 23olfc angcs 
l;örc, bamalö fd;on l)attc id), obi\leid) id; bem Snt'cntl^nm bereite 
fern flanb, meinen iübifd)-vatriotifdjen öefül;len 5hißbru(f Qcben 






2±xM]ax 

C 2. Mos. 11,14. - Auerbach machte mir dahei die Freude, den 
Bibelvers in der Originalspraohe zu schreiben. Auerbach 
leugnet nicht die Berechtigung meiner jüdischen Sympathien 
als persönliche Stimmung, die auch ihm in neuerer Zeit 
nicht fremd geblieben. Nur möchte er dieselben nicht 

öffentlich ausgesprochen wissen, ^aa sei "brandstifterisch", 
meint er. 

/Moses Hess_y 



p^ 



»vollen in einem erf;nievjcnof{f;rei, ber jebod; H\^ uncbcv in bcr 
iivutl cvpicft u>prtcn i|l turd; beu ^xo^mx ei)\mn, bcn ba5 
euvcpäifd^c ^volctaviat in mir cviüerftc. 

^(uberc Golfer \)<iU\\ nur T*^vlei|1reitiijfcilcn; bic 2)cul[d;cn 
fi^uncn fid; nud; bann nid;t oertraflen, u^enu fic ju einer uub 
bcrfclbcn ^Partei öcI)ovcn. ?3Jcinc eignen Ckfinnunö^nnuMKn 
(;akn mir bic beutidjen 53eilrelninßen i>cvlcibet nub im 5]in-aii8 
h\t Gfil crti-aöUd} Qcmadjt, \)aii cr|l einiflc Safere [pv'xtcr, in 
iiolöc beß 8iciiCo bcr SUaftion, au8 einem frciiindiaen in ein 
un[rciu>illiQc3 rcvuninbcU ircvben foUtc. — ed;i>u furjc 3cit 
nad; ber Scln-navvcoohiticn ßing id; nad; ^ranfreid;. -i^icr lernte 
id) baß 33o(f näf^er fonnen, u\'ld;eö in unfcrm Sa^jvlMinbcrt bcc 
SlUnfampfer aller [ocialcn iüeilrchm^en iil. 51Benn biefcö 58olf 
firf; (;eulc ber eifcrnen Tiftatur bcß i\aii'cvtf>umß untcninrft, \o 
öcfd;icl;t cß bod; nur fo lan^c, alö bcr itaiicr feinem xmlw- 
tionaven Urün-ungc nid;t nur in' $ii>orlen treu Meibt. !Daö 
v^aiievtl;nm i]! i>cvIorcn rcn bem VlnacnMicfc an, u>o bie bi^na* 
|iifd;en Sntcrcfien mit ben iöc|lrchinflen be3 franjCfifdjcn JüolfcJ 
in Gonpict öerat(;cn u^erben. 

OKid; bem Stv\atC>ilreid; iog id; mid; ycn bcr ']>olitif jurücf 
uub unbmcte mid; aui:'id;licülid; ben O^ituruMiKnfdMftcn. — 
CT cm-n\ltc ivS^u n ötf vjcli a ^ttr^^^^lT1H^^j:l.-3^n^-V'teV^lt^L^ 



* 0- 



Aus dem Sechsten Brief: 



• • o 



— S3iö ie(jt aber, lietc ^^rcunbin, ijl 
im cccibcntalcu 3»bentf)um, nur n^oHen uuß feine Säufdjuuö 
barübcr nu-:d;cn, baJ bürrc -öolj einer cI>er[Iäd}ndKU ^lufflärung 
ncd; üKn-iricc;cnb. 2)ic meijlen beutfdjcn 3u^f« fdjämcn fid; 
\Ki} ibrcr Oieli^ion unb ?lDilammung, fctvilb fic mit bcr curos 
;.v.i[d;eu iBilbung in 53crüfjrung Qefommcn fmb. S)ic 2)cut[cl;en 
I;abcn unß fo lange unb fo gnlnblid; bemonPrirt, tci^ unfrc 
^Tuitionalität ein .^iubernip für unfrc „iunevlidjc" (Smanjipation 
fei, bajj nnr am Önbc felb|l baran glaubten unb allcß aufboten, 
unö burd; ^Verleugnung unfver ?[lMlammung bcö Monbeu öcrs 
mancntlnimö un'ivbig ju jCigcn. Zcd) abgcfel;cn oon bcn oor« 
trcfflicf^cn Oicd;ncnmciilern, bic i[;r 3"bcntl)um für eine Staatßs 
ficllc r^crbanbcltcn, hatten alle unfrc jübifdjcn öcrmanomancn 
ful; fd;mal;lid) ocrvedmet. Gß balf ?}ki>crl>ccr uidjiß, bap er 
c6 pciß ängfilid; ücrmieb, einen iübifd;cn ©tojf alß Cper ju 
bcbanbeln; er entging bavum bem bcntfdjcn 3»bcnl)a^ nidjt. 
2)ic gute ^(ugoburgcr 5Ulgcmeinc eruHiI;nt feiten feinen O'iamen, 
olmc in ^\"iranll)cfc beizufügen: CSigcntlid; 3*uob ?3]ei}cr 5?ippmann 
23ccr! — ?lud) bem beutfd;cn "Patrioten ^öruc bicntc cß ju 
!nid;tß, ba[} er feinen ^Familiennamen 23arud; umtaufen licp. 
(5r g'cftebt e6 fdbft: „3o oft meine öegncr nm Sporne fd;citeru", 
fagt er irgcubn^o in feinen 3du-iften, ,;\vcvfcu fic i(;ren '^lotl)- 
anfer 53arud) auß." ~ 3d; fclbp t;abc eß nid;t nur bei Weg-- 
nevn, fontem bei meinen eigenen öcfinnungi^gcnoffcn evfal)ven, 
ba(j fic in icbem pevfiMtlid^cn Streite von biefer .Oc^Moaifc ÖC: 
braud; mad;tcn, bic in S^'eutiddaub feiten ibrc *ii'irruug i^crfcMt. 
!3vb l)i\hc mir oovgenommen, ihnen bic bc^iuemc "ii^anc nod) 
bc.racmcr ju mad;:n, inbem U\^ fcvtan meinen alKeftamentavifdjcu 
%y:.\i:\\ O^h^feß aboptiren UH'vbe, unb bobauvc nur, bat) wi) 
niibt ^s^\\\ bcific. 



\ 



>^^ 



n 



Ana dem Siebenten Brief: 



• • o 



^)U\\ cnvcifi übvi.^cuö bcr Dicform eine uni^cvbicntc Q\)u, 
ircnu man fic alö freie öcipcörii^ituno im r;iM;em Sinne bc* 
scid;nct. 3u uccjatiücr 33ciicf;ung mag W vationaIipifd;c SXxHif 
immerhin alö freie 9^id;lung Oejeicimet jrerten, ta V\c SIcgaliou 
tcö ^(bcjcletteu ber erfle Bd^xln jur Freiheit i|}. ®ie pcfitioc ' 
Tucitunt aber ijl autoncmiitI;e Cnnricriung, unb bic vntionaliilifclje 
Dicfcrm, u^ercl;c baö SBefen beß Swbent()uma, feine S^^lionalitat 
rcrleußuet; fann nicf)t fcfjöpferifcf;, basier amf; nicl)t frei im l;ö* . 
bern einnc fein. ^Baß fic für bie ncgatiuc Mritif beß ^Ibflc 
fiorbcucn gcleiilet \)at, i|l jnbem bluhrcnig. 5)aü 93?ei|le babeii 
irir in biefer !öejicr;unfl, umc 8ic ricfjtig bemerken, ben Ser* 
^ältniiTcn einer rcDchilionaren Seit ju oevbanfcn, für u>erd;c bie 
na(l>iü^ernben DUitionaIi]len; bie \ui) r;oii;trabcnb Dkformatorcu 
nennen, im S»tcnt(;um, unc im (S(;rii1en{[;um, \\\d)t mwnUmU 
lief; ßcmadjt u^erben ti^nncn. — 2)ic fluö ber J)Icüorutiün r;cr: 
Dorseöanßenc moternc C)efel(ic()aft i|l eine vegcnerirte, •u>cM;c ficf; 
Qutonomifi-f) öcilaltet; fic reformirt unb [lirft md)t m yuten 
^crum, fcnbcrn fic f(l;an't 9Ieue3. 3eber ^(fjöpfnna aber ließt 
(3t\mi in OJrunbe; oni '•iMjli »rirb nicf;t3 öc|rf;flncn. — 3}eu 
Sufünftiücn foyalon Sd^^pinn^en liegt baö national ;I)umanltäre. 
©cfen ber jübiid;cn (yefrfn'djtC'religion aU Mm ju örunbe. ' 
eo [angc bie 'oubcn bicfc^J Bcfen ber Sleujeit, \v(UUi> oon ^rnfang 
an i(}r eißneö Srscfcn n\ir, i>crfannten, nntrben fic unfreinM'ffig m\ 
ber Stri^nnnuj ber mobernen Wcfibiri^le nnt forlgeriijcn. Gß 
bcburfie baju feiner raliiMialifiifibcn Otcfmin, UM'e bieienigen Vaiu 

ber am bcnrlidiilen geigen, in me(cI,Kn, mie bei nnß am .3fi^cin 
unb in Jranfveirf;, bie mobernc Stn^mung am gtärfjlcn, bie 
religii^t':ralipnali|n[ii;e Dkform aber faj^ gar nid;t jum.2)ur^f 
bruc^ gcfommen ifl. .<bier unirbc baß ^t>:c[{ unfrer SUformato» 
ren, ber religiöfc 3»^iiicrf»n5muß/ el;nc ^Reformatoren erreid;t. 
£ic Drtl;obojric felbfl nnirbc übrigenß im ganjen mobcrncn 
Gnropa oI;nc alle 3Rcform in bie (Strömung mit I;inein geriffcn; 
benn ber bei 2iOcitcm gröjjte unb undjtigfle 3:^ei( beS DkbbiniS« • 
muß, (eine ^urißbiction, ging in ber moberneu Strömung unter, 
cl;nc ba{3 ein orlI;oborer ober roman{iid;cr .^al^n barnad; frä{;te. 
2*ie Tieform W uid;tß n^citer gcll;an, atß blc an \\d) bobcnicfe 
Negation 3um ^"irinjip evI;oben ober, umc gcfagt, beu Unglauben 
(ouilatirt. — 03^lu !önntc \{)X bicfcn 9iul;m laffcn, u^enn fie 
fid;'uid;t babei bie 53?ienc gegeben I;ättc, aud) ein ^Vfitiocß ia 
])ctto iU babcn, u^cun fic nid;t, bie d;rirtlid;en JHcformatoren 
einer frül;ern 3cit uad;ancnb, bt: 23ibe(, im öegenfatjc junt 
2:atmub, alß pofitioc Olcrm für baß regeuerirtc 3ubcutf;um auf« 
gcficKt, unb burd) biefen 5lnad)ronißmuß, ber obenbrcin ein ^la* 
giat frembcr öciilcßbeftrebungen ift, mit iveld;en baßSutcnt^um 
nid;lu anzufangen m\% fid; lädjerlid; gcmad;t r;attc. — ^t^^ 



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AuG don Neunten Brief: 



• 9 • 



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unfrc ö^njc I;culiQc I;umaiiitävc !i?ct^cu5anfif;ammö I;crooröcivad;fcn. 
G5 iil ni(f;t3 in bcr (I)vip(i(f;cn eiücnlcr;rc, ni(f;(3 in bcr frf;o. 
lartiiM;cn ^n;i(o[ovlnc bcö ?3iittclaltcrö'), ni(f;t8 in bcr mcbcrncn 
^M;ilantf;ropic unb, u^cnu irf; bic fct^tc fO^anifcjlatlou bcß Subcn« 
li)um?, bcu e^MuciiSmu?, I;injuncl;inc, aud; nid;tö in bcr mos 
bcrncn ^n;iIo|cp[;ic, »vao iüd;t im 3iibcntf;um unirjcac. ITaff 
iübi|d;c S3oIf ijl tnS jur fraiijöfifdjcn Olcüplution boö cinjigc 
53oIf bcr iöclt ocirc[cn, ivc(d;cu juülcid) einen nationalen unb 
(nimanitärcn Cultu« r;al(c. 5)urd; baö 3ubcntl;um i(l bic ©e-- 
[d;id;tc tcr D3^fn|d;I>cit eine I;ciliöc Öcfdjid;rc öcirovbcn, id; meine 
ein cinl)cit(id;cv; ovjjaniidjcr (Sntuncflunöin^ri^jcij, bcr, mit bcr' 
Samilicniictc kQinncnb, nid;t c^er i^cKenbet i|l, Hfl bic ganjc 
??kni'd)I;cit eine einji(jc ^mük fein nnvb, beren öliebcr ebenfo 
folibarifd) buvd; ben \)c\{uy\\ C^}i\\^, ben fd;CH^fcnid;en C3eniuÖ bec 
(ycfd;id;le, 'ocrhtnbcn [ein U'evbcn, uüc bic üev|vl;icbcnfn Drgane 
eineö lelH'nbiöcu ^'örpcro ci? mHul]i einer etenfo (^eiliöcn, fd;ös 
;>icviid;eu ?ialuvfra[t pnb. — So lan^jc nod; fein anbrew 23olf, 
alil bav ifibifd^e, tiefen national: himanitüren öcfd;id;tccultufl 
fjatlc, UHuen bic Snbcn allein ba? 53olf öotteC». 3cit ber 
(\v0j3en Sie'oclution , u^eld;c i>ou 3ri»>^fi"f'i1) auC-oing, ^)üUn loir 
im fvaniöilfd;en 5I>olfe, fonnc in benjcnifleu S3ölfern, bic fid; bcr 
frau^öfifd^en D^^tion anfd>licf;en, eblc Hli-^afcn linb treue SunbcJ^ 
iiciicfion {\c\ronncn. ■4W^-4'ei>Hd;Ht7ftv^Tir-^7iic biciefOWcr 
üKT-t-i c lüiitelaliat iif^ :)ieanion u\'rbcirbT(r^"mTTvnTrtiTtOl^jlrc&w; 






*-» 



» «^ 



.■\ Aus den Zehnten Brief: 



• • • 



i\3ir Siii'cn I;abcn feit bcm 
^fan^c bcr Q3cfd;id;tc ben (yiaut^eu an bic meffiauifdjc 23elts 
e^^cd;c ftcto mit un5 I;critm (jctvaöen. Gr ij! in unfevm ©c« 
fd;id;tocul{u' turd; bic 3abba tl;fcier au6{5efprod;en. 3n bcr 
SaM\itl;icier if: bcr G3ebanfc revti^vpei-t, ber unS ftetö befcclte, 
bcröcbanfe, baij bic3uf»nft uno ebenfo Qeunji einen (ycfd;id;t8s 
faHnitl) tn-in>3cn u\Tbc, unc bic Sl?evQanöcnl;eit un3 ben 9Za« 
turfaMsill^ c^d'wAjt, ^4 bic Öcfdud^te, unc bic 5Ratur, il;rc 
(^■\\\i)C tcr I;armoni|d;en 23ollenbunij \)([hc\\ irerbc. 5)ic biMifd;c 
ed;ö;n;inu3-:{jc!d;id;tc \\\ nnr u\\3en bCu £aH^atl;5 öCöcben u>orbcn. 
Sic faot uiiö: alc» bic 3d>"piu»ö ber natüvlidjeu ^i^elt mit fener 
be5 l;öd;r:cn cr3a:u!d;cn $i>5cfenj ber (Svbc, mit bcm 0}icnfd;en, 
Dollcnbc't ivar, nub bcr 8d;opfcr feinen D^^turfaMuitl; feierte, ba 
cvil fiuQcn tic a-JcvitaüC bcr öefd;id;tc an, ba evil U'üann bic 
3d;öpfur,üC-Ac'.:ii;tc tcr fojialen ^l^clt, ircld;c il;rcn eabbatl; 
uavi> bcr ^^>:;:::::u:'.3 bcr ßau'jcn u\it3Cid;id;t!id;cn '.Hvbcit, in 
bcr mc|fiar.i'*dcn C?cItcpod;c feiern nnvb. — y)kx l)c\U\\ ^k 
tic IhM;c i\:: ■.*.:■.•.'.'. 3 tcr mqaiid;cn O.U'ncfnJ, in UHld;cr bornirtc 



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75 



/Inmcrfiung. 

*) S)^un! ^Ckt bcn Sinilu^ ^(ciccbrond auf bic ©(^olafliftc Uxtxii 
in feinen Melanies de philosophic juivc et arabe (5)arl4 1859. p. 
291—301) nac^äfjiücfcn. Set Mckor Chnjim (fons vitac) beJ ©alo» 
mon h. Secuta 3bn.©'eMrol (^Ivicebron) »iirbt um ble 5Kitte b(« 12. 
3a^t^unbirtJ con 2)omiiuruC Q5unbi|ali^l mit .£)filfc clnefl getauften Su» 
ben, Sodann ^[?cnbeat^, tntf Saccinif(^e überfc^^t, uub fpicite oon ba an 
in ben ^treltlgfcilcn jjvifd)cn beu S^omiptn unb ©cotlflen eine nldjt 
unbcbcuteube J^otle. Sclb|] öiorbano ©runo ^at noc^ bcn fons vitao 
bcfl jCbifc^en ^^ilofop^cu 5Ivicebrcn ju JHal^e flfjoßen. — Sei SBeitcm 
einflupreit^cr aber, aU Stoicebron, ber 9ieupIatoniftr, war auf bie fc^ola» 
fti\S)t 5)^ifofop^ie Slabbi 2J?ofciJ b. aJ?aimon(2)Uimombeö), beffen Morc, 
tote Dr. 2J?. 3ocl, 9e|;rcr dm SrcMaucr ©eminnr, jum S^cil fc^on 
na(^(jtiriefen ^al, jum Z^cil no6) auflfü^rli<^cr. nac^juujeifen oerfpcic^t, 
5IIberlu3 IKagnuö unb S^omaJ »on 5lquino rei^Iic^ aui^gcbeutet ^abcn. 

— ^laä) 3ocI erprccft ^6) bet Ginflup ber Sülaimunifc^cu ^^ilofop^ie 
Ut auf ßcibni^, ber, »ie gouc^er be Garcil !ürili(^ au^ na^ge» 
tolefeu ^al, ein Peiniger Cefer unb Scrc^rer beö More Nclmchim »ar. 

— „€clbp in Äanl'd SRcIißionflp^iloiop^ie", faßt Dr. 3ocI, „wirb und 
biöaeilen ber ©cifl bei 2J?aimonit'ed eiUgeäenwe^cn." (IQgi. granfef» 
SRonatfc^rift für ®cf(^i(^tc unb SBiffenft^aft befl Subent^umd, Sa^rgang 
1860, p.-' 205-217. Q^xii^, ©efc^ic^te ber 3uben, JBb. 6. p. 31—49 
unb p. 377.) „.'•..• .'.. . . 



• 0^ 



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Supcrnaturiiliilcu D^^tuvuniicnfifuift jlubivcu. — Sic eic fc^en, 
ücrc[n-tc gicunbln, gibt unö fd;pn bav 6obKUl>3cfflj bic Öwißs 
I;clt üou bcm in fccr 5^itur unb G5cf(f)i(f)tc ivaltcnbcn, cinmüs 
tl;iöcu ujib cUMQcn C3ottcß3c[cUc. — 3Rur S)cncn, Jrclif;c bic 
CncnlMruiu3CJi bcö rcli^jü^fcn GJcnicö bcr Subcii ju(I)t bciveifcn, 
cr[ii;cint bic ö'-'lit)ii1)tlül)c GnluMcfluuu bcr 9}?cnf(f;I;cit al3 ein 
öcfculofcr, uubcpimmtcr, uncnbli(l;cr „5ovtfd;ri(t", im (yccjcufaUc 
ium Ü^aluvlcbcn, UH'Ki}c5, iucil cd feine Gntnucr(nnaoöci({;icI;tc 
i>oIIcnbct I;at, al3 al^örfiNof[cncr ^trciölauf cr|d;cint, bcfjcn ©e^ 
fcljc bcrcd)cnl\u fmb. Sic I^cgrcifcn, bnjj bicfc fcfjcinbare 2)ijfc-. 
vcnj suMf(I;cn bcn öcfc|jcn bcr D^^tur unb jenen bcr CJcfd^icI^tc 
nur baS 9ic[ii(tat einer fubjcftjücn ^lunaffuna i|l, u>eld;c fi(^ 
nirf;t jum ö^'^^pf»/ ö^^t^lif^^ni S\>cltv3cfe(;'c cvf;e^en fnnn. — ©p 
\rcnig in ber %\)^\ bic 3vcir^cit beö fcf)i"pffvifrf;cn 2Befenö bet 
C3c[(IücI;tc öcfcl^Iefc ilUKfür, cteiifo ircnicj ijl bcr Sovt|X'ritt bc3« 
feiten ein uuenbU(l;er, 



' / 



' I ^ ; 



V 



Aua dem Zv/ölften Br.ief: 



• • • 



2)ic 3ubcn r;al)cn, tvot^ mifjocvilanbcuer ^riiflKIvunfl unb 
Cvtf;öbyie, \\\ Hcl bon se-ns, um fid; vcliijiöfcn Sifjunirmercien 
aniufiMicücU; bic feinen Jöotcn in ber Wcßcniravt I;abcn. ?H>cr 
öcrabc bicfcr rca(iftiid;c Sinn, bcn unfcre 3?ace in fo \)^\)i\\\ 
Ojrabe kfitjt, unvb unfre ^ikiibcr, bic nocf; ein jfibif(l;ci^ .^erj 
I;aOcn, ijlcifl;üicl i>l> aufoetläit o^cr oitbcbor, lif;liciilii0 für na: 
tionale 53cilvel)nuöcu jicivinncn, bic fuf; nur auf bem i>va(tifif;cn 
<5otcn bcv iOivUiii;loit luMvcöcn. 



> ' '■ (^ i." 



; 



5^ic Ginnnn-fc bcv aufcjenävton 3"^f» flCG^» ^»"^ SBicbcr* 
I;crilcl(unij bci3 jübifdjcu 5){eirf>^ baben i[;vcu (c|jtcn GJvunb nid)t 
in jener öciileß: unb .r)cvionötnIbunQ, u^f(d;c nie üor ben €d}n>ies 
vigfcitcn cinco övofjcn SOevfCü \\\\\\<X bebt, nie im 53c>vaufl bic 
Cpfcr bercd;net, bic jur S^urd^iühuni^ beffelben evl;cifd)t n^erben 
flennten, fonbcvn in einer movalifd;en unb inteKefluencn 53ürnirt: 
I;cit, ivcld;e uufäl;icj ip, fid; auf einen I;oI;en I;umancu Stanb-- 
punft \\\ erl;cbcn, iH>n ivcld)em auö ei|l bic öanjc cyrcpe bc3 
Uncjlücfü, bem abcjcf)oIfen u^crbcn foK, fo umc bic 9)^ittel jur 
beftnitiiH'n 5lbl;ülfe, übcvfd;aut u^crbcn f^nnen. -• 2)ic jübifc^c 
OUIiflion iil ivivflid; feit ju^eitviufenb S^iI^veU; n>ic fd;ün .^cinc 
unb mit ibm alle Qcbilbctcn. jriDi|d;cn BcitG^^'^MK" ri(I)tiü öcfül^lt 
Ijabcn, mcl;r ncd» ein Unoliuf, a(3 eine aicli^ion öf^^'^N» 
Tiur fann man bicfcm Un^jiruf nid;t, mic fuf; bic OJebilbcten 
eiuveben nuVttcn , tuvd; ^(ufflävung ober burd; laufen ent^ 
flicl)en. 3eber5ubc i]!, er ma*'^ c3 uh^^Hcu otcr nid;t, folibarifv^ 
mit feiner ßanscn D'Jaticn üevbunben, unb ev)! ivann \:q^^ jiibifd;c 
$13oIf i^on ber Jaft befreit fein iinrb, bic cS 3al;vtaufcnbc mit 
I,un-oiid;cm CpfcvmutI; auf feinem acbcuQtcn D^acfen fletravßen 
\)s\{, UMvb fic and; oon ben Sd;uUevn jener ^[ufüellavteu öcnom« 
men fein, bic pet^ nur eine ücvfduinnbenb Heine 03^inberja^l • 

bilben u^evbcn. — Sir ^IKc I;aben bad c^jr:? *t.:M: b'i;''n'Tid £" -^^''M-< .i^mniifirn'dKj^ 
ium CSnbc \\\ traQcn. : ., "■' 




Xk jiUii(f)c S3olfi^ma[|c u>irb firf; an bcr flvcpcn öc[rf)i(()tli((;cn 
i^circcjung bcr motcrucn Wcnfd;I;cit cv|T bann ktl;ciliöcn, mm 
fic ein iütii(I;cö Jöatcvlanb reiben »uirb. ©o laußc aber bic 
93?a|Tc t)cr Ritten in il^rcr 5ai^^ua^>mcpcUunö ücrr;avvt, »vcrbcn 
aud) bic vclatiü u^cnicjcu Subcn, bie \)cvöcbcnö allcö aufbieten, 
um bicfcr fal[d;cn etellunQ bc3 ifjMfc(;en SSolfcö inbiüibucÜ ju 
cntilicr;cn, u^cit [dimerjlid^cr üon bcvfclben Ux\[\)xl fein, ald bie 
03iaiie, bic fid; nur un(j(ficflid;; aber nid;t cnlcl;rt ffi^It. — 
iral;er fann fid; bcr 3iibc, öIcid;Diel ob orll;obo; cbcr nid;t, 
bcr ^lufflabc nidjt eut3icl;en, für bic (5rr;cbun9 bcö Öefammt» 
iubenll;um3 mitjuun'rfen. — Scber Sube, fclb(l bcr (jctauftf, 
fjaftet foliliavifd; für bic SBiebcrflcbuvt Söracld. 

S^cötcift man etil lic uncnblid; traöifd;c t>M\t, )ueld;c ba« 
ifibifd;c Solf biö I;cutc in bcr Wcfd;i(^'ec fpiclt, bann crfcnnt 
man aud; baö einji^c Müd jur bcjuntiocn 5lbr;u(fc unfvc* 
GIcnbö. Siicfcö OJIittel i|l I;culc nidjt \o nnauöjfil^vbar, 'jüic eö 
auf bcn cvficn iJdcf evfd;cinen maß. G3 liecjt fiMroI;l in bcn 
(2i,MupalI;iccu bc5 fvanjoil[d;cu 53oIfc3, mic im 3'ntcvcffc ber fran* 
ji^fifdicn-^politif, baji ^ranfrcid; fein (£iii^funß(?n>evf aud; auf bic 
jruifd^c 91alion anobcl;nc, uod/cem feine f»ei3rcid;eu .^eevc bic 
mobcvnen SlebiuKitncsar ww tcx .poI;e bcxcih ijcilüvit I;aben, auf 
U'cld^er fic übcvmüllnae 5)efretc unb WU'iU (\e3en bic untcvbvfufr 
tcn Q]ölfer cvlaffcn l'onutcn. — (S'ö mn[) ^ranfi'cid; baran fioöcn, 
bic Stvafjc nad; o»bieu unb Cilnna von i^^Ilern befolgt ju fcl)cn, 
bic ibm biy in bcn iob fofocn, um bic v3c[dMd;tlid>e ?luh>U>c ju" 
cvfüKcn, bic il;m feit feiner {jvofjcn 3(eüohilion jUi^efaKcn i|l. 
'ßcld;cy 53olf aber eii^nctc \\d) incbv b»iju, al3 baö jübifd^e, 'OkW 

üom Söcöinnc bcr Öcfc^Md;tc an iu bcrfclbcn 3)iif(lou benimmt 
U'ar? — 

- 3m OJecjenfatjc jur Crtf;obo;:ic, 
ircld;c nid;t ycn aupeu jcrpört U'cvben fann, oI;ne bcn Cmbroo 
bcr iübifdjcn SRatimalitüt, bcr unter il;r fd;(ummcrt, ju öcfal;rs 
bcn, fann bcr I;avlc ^Xiuicr, bcr nod; bic .^crjcn unfrcr mobcr= 
neu CSuItuviubeu umgibt, nur buvd; einen öcuMlti(jcn Sto^ \>on 
aufjcn jcrtnunmevt ivcrbcn, bcn bic 2BcU"jerI;a(lninc üielleid;t • 
fd}ou in naf;cr 3ii^">M't auü^uübcn berufen fmb. — 5)a3 
üon bcn Stürmen bcr Okochition fd;ün fo oft bcfd;äbiatc unb 
immer uncbcr rc(]auvirtc a(tc Öcn;|lc ber curopaifd^en ÖcfeUfdjaft 
frad;t unl) fcuf^t an aKcn Gcfcn unb Guben; cö I;ä(t feinen 
8turm mer;r auß. — ^cnc 3UM|d;eu bcr Dicüoluticu unb dUaU 
lion ilcbenbcn ?3^itlchvefen, u^e(d;c baju bcilimmt finb, bic mo» 
bcrnc öcfcllfcljaft 9vc{} ju jic^^cn unb, uad;bcm fic crilavft ip, 
\>\.^\\ \\)X, unc bic Sforpionmuttcr \>en ibrcn SiniQcn, iicrfdjiuns 
Qcn iu UH^rbcn — jene Timmen bcö ^ortfdjrittiJ, iücld;c 
bcm ed;i^vf^^r {<^M 5üeiM;cit, ?)^'i[ii{junö unb gparfamfcit ^^rc» 
bi^cn, bamit er fid} in feineu £d;iHM'ii»i><^" "^^1)' übcrpürjc -— 
jene 3;vaöcr bcr GiiÜur, jene Oictter bcr (i3cfel(fdnM*t »»^ ^^^' 
UHiIlcr bcr Gpavfaifcn: bic Spcfuianton in 'politif, in Oveliüion, 
in *p(;iK^forHe unb in $3nbupvie, fic überleben bcn letzten vcturm 
nid;t. — %H bcn übviocu Timmen bci> 'öcvtlif^vitti locibcn aud; 






^^t 



unfrc ifiMfrficu D^cfovmatovcu ilu" c^^I;cmcvcö 2)a[cln bc[(I)lic^cn. — 
SnQCc\cn irivb iiacl» fccv lc;:«tcu Ma(a(lropI;e, bereu .<3erannal;cn 
fid; tiird) iiiUiüöIldic 3cirf;cn tfv 3nt anfünbigt, mit bcn anbern 
öefd;ic{;türölfcru nud; bad jiibifdjc 23cl{ [eine 9?cd)lc luicbcr in 
5(nfprud; ncljmen bürfcn. . ■^- 

©cbnirc i'cr Jaflc bcr Urjeit — ^ .... 

Gnoäßct Mc %^\)\t bcr SD^tnfdicngcfddct^tct — ; 

üBcfr^igc Seinen 33atcr, er Jrirb cö ©ir foflen, . • 

rciiic 5Utcn, [Ic wcrben'ö IDIr bcfunbcn: 

5114 bcr .£)?d)flc bcn S351fcrn i[;r Grbl^ciJ juwicf, 

5lld er bif 3J?cn[d)cnIinDcr fonbertf, ^ , . ' 

Oronctc er bic ©rcnjcn bcr Stämme 

9iQ(^ bcr 3al;I bcr Ainber Sörael». 

SSie nnd) bcr tetjtcn Äataflrcpl;c bcß oroönifdjcn Ccben«, 
ölö bic cjc[d;id;tlid;cn JHaccn jur SBcIt famcn, mit i^ncii olcid)« 
jcitia flud; bic etammc il;rc StcKuna »nb DU^Uc fluöcimefcn 
bcfamcn, fo unrb nad; bcr letzten Äataflrop^e bcd foiiaUn 
l?cbcn3; nad;bcm bcr ÖJcifl bcr öcid;id)tlidjcn- Sßölfcr jur IRcife 
öclanat ifr, unfcr SSolf ivicbcr i^IcidjiCitia mit bcn anbcm ®cs 
[d;id;töoölfcru feinen ^Ia|j in bor aBcItßc[d;id;te einnehmen. 



^' 



t 



5. Moses 32. ?• 



J / 



Noch während der TTiederschrif t von "Rom und Jerusalem" sandte Hess 
die fertig2:est9llten Teile an seine engsten l^ounde. Mit Ungeduld 

erwartete er deren Reaktion, die fast ausnahmslos negativ war. Am 

schmerzlichsten traf ihn die Antwort seines alten Freundes Auerbach, 



) Berthold Auerbach an Moses Hess 



Berlin, den 8. Ajvril I86I. 



Ihr seid doch wunderliche Heilige, ihr Weltreformatoren, ihr gebt 
die Stadien der Entwicklungen eurer Persönlichkeit und der momen- 
tanen Betrachtnahme sehr leicht für Entwicklungsstufen des Zeit- 
und Weltlebens aus. Von einem grossen Dichter wie Goethe kann man 
das gelten lassen, er selber ist seine Welt im vollen Austragen seiner 
Subjektivität - aber die gegebene Welt nach Stimmungswandlungen 
modeln wollen, das geht über die Grenzen des an sich berechtigten 
subjektiven Gedankens. 

Das, lieber Hess, ist der Eindruck Deines -mir zugeschickten Manu- 
skriptes^nachdem ich es bis zur Hälfte durchgelesen. 

Du bist nach vielfachen weiten Weltfahrten wesentlich stimmungs- 
haft zu einem eignen Begriff des nationalen Judentums zurückgekehrt. 
Gut, das ist subjektiv und nach Deiner Besonderheit eigentümlich 
berechtigt, ja an sich psychologisch-poetisch wahr - das Normgültige 
für andere, für den Wcitlauf überhaupt aber fehlt. 

Ich sehe davon ab, dass Deine Betrachtnahmen und Beweisführun- 
gen eben jetzt sehr missgriffen werden müssen, und dass ich in keiner 
Weise zu deren Förderung beitragen könnte und möchte — mein 
Hauptargument ist, dass Du in subjektiver Anmutung eines Heim- 
gekehrten etwas Ungezeitigtes zutage fördern willst. 

„In der kurzen Zeit, während deren ich mich wieder mit dem 
Judentum befasse**, heisst es im 6. Briefe Deines Manuskripts — und 
Du willst doch wahrhaft brandstiftcrisch (ich finde kein anderes 
Wort) in ein Gebiet eingreifen, wo andere Jahrzehnte, ja ihr ganzes 
Leben alle ihre Kraft 2:um Aufbau, zur Anordnung etc. aufgewandt > > 
haben *? „Wer hat Dich gesetzt zum Meister und Richter über uns?"K, ^ ^ 
Wenn das auch ein in ägyptische Sklaverei Versunkener sagt, es gilt 
doch hier. 

Und dass Du grade mich zur Vermittlung angehsti Ich bin ja, ich 
bekenne es gern (obgleich Du das lächerlich oder schimpflich finden 
magst) ein germanischer Jude, ein Deutscher, so gut als es glaub' ich 
einen gibt, wenigstens möchte ich es mit dem ganzen Einsätze meiner 
Lebenskraft betätigen. -- Es ist nicht umsonst, dass man von Vater- 
land und Muttersprache spricht. Es gibt eine Heimat des Geistes 
durch die Sprache und das ganze geschichtliche Seelenleben, die die 
innigst angebome ist. 

Ich kann Dir nicht weiter ausführlich schreiben, aber ich möchte 
Dich beschwören, die Herausgabe dieser Schrift, die nach meiner 
Überzeugung, im besten Falle nur ein Kuriosum sein wird, ganz oder 
wenigstens noch geraume Zeit zurückzuhalten. Es täte mir auch für 
Dich persönlich wehe, wenn Dein Wiederauftreten in der Heimat ein 
verkehrtes und unheilbringendes wäre, denn ich bin Dein alter Freund 

Berthoud Auerbach. 



^* 



m 



ITaoh einer Abschrift von Hess» Hand. Die Abschrift bildet den 

ersten Teil des Briefes, den Hess am 25. ITovember 1862 an Auerbach 

Edmund Silberner,., 
richtete. Der Herausgeber des Hessischen Briefwechsels, fand diesen 

Brief Imter den ^feRff^o ^n e t e i^ Bri -f»ff»ii Auerbachs im Schiller-National- 
museum in Marbach, 

Vgl. fia^öit diesenvSatz: "Rdm imd Jerusalem", 4. Brief. S. I4 u. 21. / 
^^^ 2, Mos. II, 14 (in Zunz« Uebersetzung) , Auerbach schrieb den Bibel- ■ 
vers hebräisch, / 

/ -^ i 

/ / > 



Die VerGtändnißloGi^keit, die aus diesen Zeilen sprach, wirkte auf 
Hess so deprimierend, dass er erst nach eineinhalb Jahren antwortete. 

( ) Moses Hess an Berthold Auerbach 

Köln, den 25. November 1862, 



Auf Deinen durch Herrn HelKvitz mir bekannt gewordenen Wunsch 
schicke ich Dir hier wörtliche Kopie des Briefes,-^ der auf mich den 
Eindruck machte, den etwa eine kalte Dusche auf einen glühenden 
Körper hervorbringt - er zog mir das ganze Herz zusammen. Ich 
suchte mir indessen bald dieses Verwerfen einer halb gelesenen Schrift, 
die mit meinem Herzblute geschrieben war, durch Deine subjektiven 
Entwicklungen zu erklären und trug Dir nicht die allerlciseste Ran- 
küne deshalb nach, glaubte Dich auch gewiss nicht zu verletzen, wenn 
ich Deine Entrüstung über eine ßermanenfeindliche Schrift und die 
Ursachen, aus welchen ich sie mir erklärte, in der später doch zum 
Drucke bearbeiteten Schrift aussprach,^"s^chon deshalb nicht, weil ein 
öffentlicher Charakter, wie Du es durch Deine nachhaltige Wirk- 
samkeit in Deutschland bist, über jede Empfindlichkeit gegen öffent- 
liche Urteile selbst dann erhaben oder wenigstens gestählt sein muss, 
wenn das Urteil nicht ganz zutrifft. Hältst Du es indessen der Mühe 
wert, gegen dieses Urteil meines in Deinen Kreisen so wenig be- 
kannten Schriftchens zu protestieren, so leistest Du mir damit mehr 
einen Freundschaftsdienst, als Du mich dadurch kränkst. Nur eines 
würde mich schmerzen; wenn unsre Meinungsverschiedenheit über 
Germanien und Judäa eine Störung der uneigennützigen, tiefgemüt* 
liehen Freundschaft hervorbrächte, die wir so lange zueinander ge- 
hegt haben, und die ich Dir stets zu bewahren wissen werde. 

Deine l[iebe] Frau wird Dir gesagt haben, dass ich Dich in Berlin 
besuchen wollte und nicht zu Hause traf. Grüsse sie mir freundlichst 
und verzeihe, wenn Du auch meinst, dass er gegen Dich gesündigt 
hat. Deinem 

.'•'. alten Freunde 
^': . • " . Hess. 



Auch die Antwort seines Verlegers Otto Wigand traf Hess tief. 



) Otto Wigand an Moses Hess 

Leipzig, den 2. Mai l86l. 



Ich habe Ihr Manuskript f nur bis zur Hälfte gelesen, dann war es 
mir nicht möglich, weiter zu lesen. Ich will nicht geltend machen, 
dass Ihre Schrift weder einen materiellen noch sozialistischen oder 

politischen Erfolg haben wird, sondern nur sagen: ich will Ihre 
Behauptungen oder Anschauungen nicht mit meiner Füma vertreten. 
Die ganze Schrift ist meiner rein menschlichen Natur zuwider;j-^hr ^ 

' V. ergebenster 

Otto Wigand. 



^ Vgl, Anmerkung zum vorhergehenden Brief, 
*^ "Rom und Jerusalem»', 4. Brief, S, 13 f., 21, 
*^^ Bei Otto Wigand erschien I84I "Die europäische Triarchie" von Hess, 
***^ Hess, der diesen Satz in "Rom und Jerusalem" (4. Brief, S. 12-13) 

zitiert, setzt an Stelle des Wortes "Schrift": Tendenz. / /<^V<:.-/- -^'^^H 



«• 



# 



Hess erkannte zwar die symptomatische Bedeutung der Urteile Auer- 
bachs uiid Wi^ands, Hess sich jedoch nicht entmuti{^en. l'Une Abschrift 
des Manuskripts t'Ting an den Leipzj,£jer Rabbiner Abraham Mayer Gold- 
schmidt, ein führendes Mit^'^lied des "Instituts zur Förderung der israe- 
litischen Literatur", einer Publikationsgesellschaft in Leipzig, die 
1855-73 Dutzende von Y/erken aus den Gebieten jüdischer Geschichte und 
Literatur herausgab. Von ihm erhielt Hess eine positive Antwort. 

( ) Abraham Mayer Goldschmidt an Moses Hess 

Leipzig, den 13. Oktober I86I. 

Hochgeehrtester Herr! 

Länger als billig habe ich Sie auf eine Antwort warten lassen; indes 
glaube ich, den Vorwurf der Nachlässigkeit von Ihnen nicht fürchten 
zu dürfen. Sie wissen, welches Interesse Ihre SchriftX gleich im 
Anfange bei mir erregte; in ihrer gegenwärtigen Gestalt ist das Inte- 
resse nur um so grösser, da die Form eine mildere, ohne dass Sie Ihren 
Überzeugungen etwas vergeben haben. Sie wissen, dass ich häufig-'' 
in der Lage bin, Manuskripte zu lesen, oft ist dies eine wahrhafte 
Qual: das Lesen Ihres Manuskripts hat mir einen Genuss gewährt, 
wie ich eines ähnlichen mich kaum zu erinnern weiss. Sie werden 
diese meine Erklärung für kein Kompliment betrachten, da ich Ihnen 
nicht verhehle, dass ich nicht in allem Ihre Ansichten teile; gleich- 
wohl halte ich die Schrift im ganzen für so bedeutend, dass ich die 
Veröffentlichung derselben von ganzem Herzen wünsche. Diesen 
Wunsch teilt auch Dr. Graetz,^^ dem nicht bloss der Inhalt Ihrer 
Schrift im allgemeinen, sondern wörtlich mitgeteilt wurde, und der 
sich ebenso lebhaft als ich für die Veröffentlichung derselben inte- 
ressiert. 

Wahrscheinlich hat Ihnen Dr. Graetz, dem ich Ihre Adresse auf- 
gegeben, vcp Breslau aus geschrieben: er sucht in Breslau einen Ver- 
leger, wie ich einen hier suche: auch unser Herr Kohnert"^Lst im 
Bunde der Dritte, und wollen wir sehen, ob es uns gelingen werde. 
C. B. Lorck,*'dem ich das Manuskript neuerdings angeboten, hat mir 
einige Aussicht eröffnet, wünscht aber vorher die Messe beendigt. 

So stehen die Sachen geschäftlich. /vVas den Inhalt Ihrer Arbeit 
betrifft, so verspreche ich mü- von der VeröffenÜichung derselben, 
wenn auch nicht gerade unmittelbaren Erfolg, so doch gewiss einen 
grossen Emdruck. Sie haben manchen tiefen Blick in das Wesen des 
Judentums getan, um den Sie so mancher Theologe von Fach be- 
neiden dürfte. Was Sie gleich im ersten Briefe über die Bedeutung 
der Familie gesprochen, ist grossartig und wahr, und ist der in dem 
kleinsten Kreise, der Famihe, liegende Keim des Universahsmus, 
meines W^issens, noch von niemandem in der Weise betont wie von 
Ihnen. Vielleicht hegt diesem meinem Beifall ein kleiner Egoismus 
zugrunde, da auch ich die Textstellen „und eswerden sich segnen 
mit du- aUe Geschlechter des Erdbodens"^ in gleicÄer Weise auffasse; 
ebenso bedeutend finde ich das, was Sie über den Glauben an die 
, Unsterbhchkeit der Nation gesprochen, und kann diese Ihre Ansicht 
in Jesaja 26.19 eine bedeutende Stütze finden. Das „Lass aufleben . - 

deine Toten, meine Leichen erstehenl Erwachet und jubelt, die ilir 
ruliet im Staube"'*' jener Stelle"^ bezieht sich auf die Nation, welche 
trotz des scheinbaren Todes ihre Hoffnung nicht aufgebe: denn die 
Nation sei unsterblich! 






^(^^**^ 



Der jüdische Historiker Heinrich Graetz (I817-I891). 
Moritz Kohner (I818-I877), Vorsteher der jüdischen Gemeinde in 
Leipzig. 
Im Verlag Carl B. Lorck, Leipzig, erschienen die Schriften des 
Instituts zur Förderung der israelitischen Literatur, 
Der Bihelvers (l. Mos. XII, 3) ist von Hess in der Originalsprache 
angeführt und hier in Zunz' Uehersetzung wiedergegeben; vgl. 
"Rom und Jerusalem" (I.Brief, S.2). 

Hebräisch im Text; Zunz' Uehersetzung, Vgl, "Rom und Jerusalem", 
(3. Brief, S.8). 






Noch eines erlaube ich mir hier zu bemerken. Die von mir zitierte 
Stelle beweist neben dem Glauben an die Unsterblichkeit der Nation 
auch den Glauben an die individuelle Fortdauer, erstercs tritt freilich 
in den Vordergrund, wird also besonders betont, dieses als bekannt 
vorausgesetzt, sonst könnte der Prophet das Bild überhaupt nicht 
gebrauchen, wie ja jede Metaplier eine genaue Bekanntschaft mit 
dem voraussetzt, dem die Metapher entlehnt ist. 

Ich weiss nicht, ob es mir gelungen ist, mich recht klar auszu- 
drücken und verständlich zu machen; woran ich nicht zweifle, ist,^ 
dass Sie wenigstens daraus erkennen, wie selir ich Ihre Arbeit schätze, 
und wie sehr ich mich freuen würde, sie veröffentlicht zu sehen. 



^ *' y 



Zuletzt noch die Bitte, die Verzögerung meiner Antwort zu ent- 
schuldigen und bald mit einigen Worten zu erfreuen 

Ihren 
Sie aufrichtig verehrenden 
Db. A. M. Goldschmidt. 



Hess setzte sich auch mit Leopold Low, dem weithin als Herausgeber 
der Zeitschrift "Ben Chananja j V/ochenhlatt für jüdische Theologie", 
Szegedin, Ungarn, bekannten Rabbiner, wegen der Herausgabe von "Rom und 
Jerusalem" in Verbindung. 



( ) Kos es Hess an Leopold Low 



/Bonn, zY/ischen Ende Pebruar und Anfang Mai 

1862^ 



Erst heute kann ich Ihrem Wunsche nachkommen, da ich mir erst 
ein Manuskript von Leipzig kommen lassen musste. Die Polizei 
dürfte kaum von österreichischem Standpunkte aus an meinen politi- 
schen Ideen etwas auszusetzen haben, obgleich ich im allgemeinen 
mich für die Wiedergeburt der Nationalitäten, also auch der ungari- 
schen, italienischen etc. ausspreche, mehr aber gegen Preussen und 
Deutschland, als gegen Österreich auftrete. Das Stärkstej_^ dieser 
Beziehung enthält der Brief von meinem „Verleger'';^en ich deshalb 
hier, nebst der Vorrede, beilege, aus welcher letzteren Sie die Tendenz 
meiner Schrift vollkommen ersehen können. Ich habe nichts dagegen, 
dass Sie einiges aus meiner Schrift im Ben-Chananja vorläufig ver- 
öffentlichen, jedoch erst dann, wenn ein Verleger gefunden ist und 
der Druck des Buches beginnen kann. Meinen philosophisch-natur- 
wissenschafdichen Standpunkt können Sie ausführlich entwickelt 
finden in der von Prof. Dr. Michelet in Berlin (Sekretär der dortigen 
Philosophischen Gesellschaft, deren Mitglied ich bin) redigierten 
Zeitschrift „Der Gedanke". 

Wenn ich gegen die sogenannten „radikalen** jüdischen Reform- 
bestrebungen polemisiere, so geschieht es nicht deshalb, weil sie mir 
zu radikal, sondern weil sie zu wenig radikal sind, — weil sie den 
schöpferischen Geist des Judentums nicht in der Naturanlage des 
jüdischen Volkes, in seiner Nationalität, sondern in der allgemeinen 
„Vernunft**, d.h. im reflektierenden, rationalistischen, Begriffe ab- 
strahierenden Geiste suchen, der nichts weniger als schöpferisch ist, 
weshalb der Rationalist auch immer einem flachen Deismus huldigt, 
der keiner Religion zugrunde liegt und nie etwas im sozialen Leben 
geschaffen hat — 






Leopold LÖY/:(1811-1875), Ra^obinor und Schriftstellor. 

Ben Chananja, Wochenblatt für judißohe Theologie^ erschien I858-I867. 

Otto Wigand an Moses Hess, Briöf Hr« 






Übrigens sind die wärmsten Freunde, welche sich am lebhaftesten 
fiir die Herausgabe meiner Schrift interessieren, weit entfernt, in allen 
Punkten mit mir vollkommen übereinzustimmen. Das ist auch sehr 
begreiflich; denn ich habe einen ganz eigentümlichen Standpunkt, 
der noch nirgends, am wenigsten im modernen Judentum zur Dar- 
stellung gekommen ist. Sie werden das sehen, wenn ich Ihnen das 
ganze Manuskript zusenden werde. Das soll geschehen, sobald Sie 
einen Verleger gefunden haben. Die ökonomische Basis der Unter- 
handlung mit einem solchen wäre, für die erste Auflage, p[elr Druck- 
bogen, ein bestimmtes Honorar, dessen Höhe zu bestimmen ich Ihnen 
ganz überlassen kann, und welches bei Ablieferung des Manuskriptes 

zu bezahlen wäre. , , , ^„^ 

Mit Hochachtung verharret 

Ihr ergebenster 

Hess. 



Das Buch erschien schliesslich in Leipzig im Verlag des jüdischen 
Buchhändlers Eduard V/en^ler im Sommer 1862. In einer sehr ausführlichen, 
in vier I*\)rtsetzungen in dem Wochenblatt für jüdische Theologie "Ben 
Chananja" erschienenen Besprechung nahm Leopold Low zu"Roin und Jerusalem" 
Stellung, Seine Kritik war massvoll und von Respekt gegenüber dem Autor 
getragen, gipfelte jedoch in einer entschiedenen Ablehnung der Hess' sehen 
Ideen vom Standpunkt des traditionellen Judentums aus, Low war loyal 
genug, Hess Gelegenheit zu einer umfangreichen "Entgegnung zu bieten, 
die als offener Brief unter dem Titel "Mein Messiasglaube" in "Ben 
Chananja" erschien, 

( ) Moses Hess an die Redaktion der Zeitschrift "Ben Chananja" 

^Erschienen 22, August - 5« September iMi 

1862_J" 
Geehrter Herr Redakteur! 

Sie erlauben mir, in Ihrer geschätzten Zeitschrift selbst die 
Gedanken niederzulegen, welche Ihre eingehende und scharfe 
Kritik meiner jüdischen Bestrebiingen bei mir provozieren könnte. 
Eine so hohe 



* "Ben Chan^a" vom 27.6., 11.7., l8.7., und 25. 7. 1862. 
** "Ben Chananja",xsBii Bd.V (I862), Nr. 34, 22.A.ugust; Nr. 35, 29. August; 
ITr, 36, 5« September. 



■ ' r 



Unparteilichkeit findet sich nur bei jüdischen Gelehrten, deren Geistes- 
kämpfe im Interesse der Wahrheit geführt werden. Solche geistige 
Kämpfe sind nicht fruchtlos, wie so manche andere theologische 
Streitigkeiten: 

„Jeder Streit, der um des Himmels willen geführt wird, hat blei- 
benden Erfolg"^ etc. 

Ich akzeptiere Ihr grossmütiges Anerbieten. 

Mein Mcssiasglaubc wäre also historisch weniger gerechtfertigt als 
der phantastische des Mittelalters, den Sie den orthodoxen nennen 
und mit welchem Sic den meinigen aus dem Felde schlagen. Zwar 
geben Sie zu, dass das mcssianischc Reich auch nach orthodoxen 
Grundsätzen einen schwachen Anfang haben könne;' ,wic ja auch in 
der Tat alle grossen Dinge, alle wichtigen Ereignisse, nicht nur auf 
dem Gebiete der Kultur, sondern auch auf dem der Natur, mit einem 
solchen Anfange beginnen: ganze Organismenreihen, wie ganze soziale 
Reiche beginnen mit einem unscheinbaren Keime. Der äussern Er- 
scheinung, von deren Grossartigkeit die Welt in Erstaunen gesetzt 
wird, geht immer eine verborgene, stille, innere geistige Arbeit vor- 
her. Insofern stünden meine Bestrebungen mit der orthodoxen An- 
schauung des geistigen Vorläufers, mit dem welthistorischen Gesetze 
vorläufiger Entwicklung und dem Naturgesetze anfänglicher, un- 
scheinbarer Keime in Übereinstimmung. — Aber in betreff der vollen 
VerwirklicJiimg unserer messianischen Hoffnungen befände ich mich 
doch, wie Sie meinen, im Widerspruch mit der Orthodoxie und dem 
Weltgesetze, welche diese Verwirklichung von einer eminenten Per- 
sönlichkeit abhängig machen. 

Ich könnte mich schon mit Ihrem Zugeständnis des Anfangs 
begnügen. Die eminenten Persönlichkeiten bleiben nie aus, wo der 
Keim des Patriotismus und das Streben nach Wiedergeburt einmal 
in einem Volke Wurzel gcfasst haben. Die Nationen, welche sich 

, erheben, produzieren diese Persönlichkeiten: dieselben waren niemals 
die Schöpfer, sondern die Produkte einer gewissen Bewegung — und 
die Geschichte hat bewiesen, dass es auch solche jüdische Persönlich- 
keiten geben kann. — Indessen, Sic stellen meinen Messiasglaul)cn 
dem orthodoxen, und meine Bestrebungen den echt jüdischen prin- 
zipiell gegenüber. Die letztem charakterisieren Sie durch Bibclvcrsc, 

• welche alles der allmächtigen „Hand" überlassen, - die nicht „ver- 
kürzet" sei. Sie charakterisieren damit zugleich den theologischen 
Standpunkt, auf den Sie sich selbst schliesslich stellen, um melnrn 
historischen als angeblich philosophischen zu verwerfen. Siehalte.-j das 

„Wort Gottes" gegen „Menschensatzungen" aufrecht... Sie wollen 
mich wohl bekehren? 

Wären Sie nicht als Talmudist und jüdischer Forscher bekannt, 
ich würde Sie für einen jener modernen jüdischen „Geistlichen" 
halten, die sich vortrefflich zu einem chrisüichen Theologen qualifi- 
zieren, und die man nur darüber beklagen kann, dass sie ihre Kar- 
riere verfehlten. Bei solchen Geistlichen, die nicht unpunktiert 
hebräisch lesen können und mit der Bibel einen Götzendienst und — 
eine Industrie treiben, fände ich Ihre Argumente ganz in der Ordnung. 
Sie aber wissen besser als ich, dass unsere Autoritäten, welche das 
Judentum geschaffen, konserviert und fortgebildet haben, mit den 
Werken ihres eigenen Geistes keinen Götzendienst treiben koimten. 
Sie können unmöglich die kritiklose Orthodoxie einer spätem Zeit, 
gegen welche ich mich allerdings im Gegensatze weiss und bekenne, 
mit dem biblisch-talmudischen Judentum verwechseln, mit dessen 
keineswegs phantastischem Messiasglauben ich mich in vollster Über- 
einstimmung befinde. — Sie wissen, dass die grössten jüdischen Auto- 
ritäten des Altertums und Mittelalters die nationale Wiedergeburt 
auf natürlichem Wege erwarteten. — • Cyrus wird schon von den 
Propheten des babylonischen Exüs „der JMessias" genannt, obgleich 
er nicht aus dem Hause David stammte, und Bar Kochba wurde von 



* Pirkej-Awot /Sprüche der Väter/, V,19 (deutsohe Uebersetzung von 
Lazarus Goldschmidt), Im Tezt hebräisch. 





unserm grösstcn Mischnalehrer, von Rabbi Akiba, als Messias pro- 
klamiert, obgleich er nicht aus den Wolken hcrabgefahren kam. — 
Sie wissen auch, wie und wann der phantastische Mcssiasglaube 
entstanden ist. Als unsre letzten Aufstände gegen die römische Herr- 
schaft im Blute unserer heldenmütigen Väter erstickt waren, als bei 
fortgesetzter Empörung gegen die Unterdrücker dem Judentume 
gänzliche Vernichtung drohte, da erklärten unsere Autoritäten — zu- 
erst, wenn ich nicht irre, ein Ben Chananja, R. Jehoschua'A mit dem 
damals beliebten Anschluss an einen Bibelvers — dass die Erlösung 
durch keine menschliche Hilfe herbeigeführt werden dürfe, sondern 
dem Himmel allein überlassen bleiben müsse.*'^ur in den schlimm- 
sten Zeiten unseres Exils suchte und fand man in einem phantasti- 
schen Messiasglauben, der damals seine volle Berechtigung hatte, 
Trost und Ploffnung inmitten einer trosüosen und verzweiflungs- 
vollen Gegenwart. Heute dagegen würde der alte Ben Chananja in 
meinen nationalen Bestrebungen schwerlich etwas Antijüdisches oder 
Heterodoxes finden und es seinen modernen Namensvetter fühlen 
lassen, was der jüdische Messiasglaube, was jüdischer Patriotismus ist. 
Von diesem Patriotismus hatte ich gesagt, er sei ein naturwahres 
Gefühl, das weder demonstriert zu werden brauche, noch wegdemon- 
striert werden könne. Ihn zu charak-terisieren, nicht zu demonstrieren, 
versuchte ich durch Schilderung einiger Züge aus dem jüdischen 
Leben, welche seine Physiognomie kennzeichnen sollten. Sie, Herr 
Redakteur, ziehen dagegen vor, ihn zu demonstrieren. Sie sij^d in 
Ihrem Rechte. Aber Sie smd auch unparteüsch genug, mir zu erlau- 
ben, Ihnen zu antworten. 



Vielleicht werden wir uns gegenseitig besser verstehen und dulden, 
wenn wir uns die Verschiedenheit unserer Gesichtspunkte nicht ver- 
hehlen. — Ihnen ist der Geist des Judentums, sein schöpferischer 
Genius, sein Gott und Gesetzgeber, ein jenseitiger. Hiermit wül ich 
nicht sagen, dass Ihr philosophischer Standpunkt, den ich nicht kenne, 
und den Sie ja selbst von Ihrem theologischen unterscheiden, ein 
super-naturalistischer — ich meine nur, dass für Sie, wie für die ganze 
nichtjüdische Menschheit, das schöpferische Wesen des Judentums, 
welches meiner Ansicht nach vom jüdischen Patriotismus unzertrenn- 
lich ist, ein jenseitiges geworden sei, weil Sie heute kein jüdischer 
Patriot mehr, sondern ein ungarischer geworden sind. Das Judentum 
hat für Sie nur noch die historische Bedeutung einer durch dasselbe 
den weltgeschichtlichen Völkern gewordenen, von diesen passiv 
empfangenen „Offenbarung", also die Bedeutung eines Bekennt- 
nisses, incht die einer stets aktiven Sclhstoffenharung. — Für mich 
dagegen ist der Geist des Judentums der Geist der Juden; der jüdi- 
sche Gott ist der Gott unserer Väter, unser unveräusserliches Erbteil, 
an dem wir nicht bloss zehren, das wir zu weiteren Schöpfungen 
verwenden wollen. Sie wollen mich nicht zu jener modernen Religion, 
noch zum Patriotismus des ubi bene ibi .patria bekehren. Sie haben 
in meiner Schrift finden können, dass und warum ich jene moderne 
Reformreligion für den Widerschein eines sozialen Auflösungsprozes- 
ses halte, dass und warum ich von der Wiedergeburt der Völker 
auch die Wiedergeburt einer lebendigen Religion erwarte, die jedes 
Volk zu einem Volke Gottes gemacht.'— Auch die Ungarn mögen, 
ich wünsche es ihnen von Herzen, ihre Wiedergeburt erringen, und 
ich halte es für ebenso verdienstlich, aus den jüdischen, katholischen 
und protestantischen Ungarn ungarische Ungarn, als aus den unga- 
rischen, polnischen, deutschen und andern Juden jüdische Juden zu 
machen. Nur die Halbheit der modernen Fortschrittler ist mir zu- 
wider, welche ohne alle Autorität reformieren, und mit den Trümmern 
eines längst zerstörten Gebäudes den neuen Gesellschaftsbau auf- 
richten wollen. Bei den Juden, wie bei allen nach Regeneration stre- 
benden Völkern handelt es sich um kein Reformflickwerk, sondern 
um eine Neugestaltung des ganzen sozialen Lebens. 



* Jehosohua ^en Chananja, meist nur RalDbi Jehoshua /Josua/ genannt, 
jüdischer Schriftgelehrter in Palästina im 1. und zu Anfang des 
2, Jahrhunderts. 
*^ Vgl, darüber "Der Babylonische Talmud',' hrsg. und übersetzt von Lazarus 
Goldschmidt, Bd. VII (Berlin und Wien, 1925), S. 422-428; Synhedrin, 
Pbl. 97b-98a. 



</■ 



Worin aber, fragen Sie, wird diese Neugestaltung bestehen? „Von 
welchen Prinzipien wird sie geleitet werden? Welche Verfassung 
wird ihr als Ideal vorschweben? Darauf weiss der Herr Verf. natürlich 
nicht zu antworten". 

Sollte es wirklich Ihrem Scharfsinn entgangen sein, dass mein ganzes 
Buch eine Beantwortung dieser Frage ist? — Aus welchem anderen 
Grunde habe ich mich an das jüdische Volk gewendet, als weil ich 
die Überzeugung gewonnen habe, die ich auch überall zu begründen 
suchte, dass gerade dieses Volk berufen ist, die zukünftigen Institu- 
tionen, den „Gescliichtssabbat", den es zuerst verkündet hat, auch 
zuerst zu verwirklichen? 

Religion, Philosophie imd Politik lassen mich kalt, wenn sie die 
• Lage der arbeitenden Klassen nicht durch Institutionen verbessern 
helfen, welche jedem Kastengeiste, jeder Klassenherrschaft ein Ende 
machen. Das Judentum kennt aber keinen Kastengeist und keine 
Klassenherrschaft. Der Geist des Judentums ist ein sozialdemokrati- 
scher von Haus aus. Der Geist des Judentums, ich wiederhole es, ist 
der Geist der Juden. Die Wurzel seiner vergangenen, gegenwärtigen 
und zukünftigen Schöpfungen liegt nicht im Himmel, sondern im 
Geiste und- Herzen unseres Volkes. Solange dieses Volk einen ge- 
meinsamen Boden hatte, auf dem es seinen Geist frei entwickeln 
konnte, verwirklichte es ihn in Institutionen und einer Literatur, 
welche für die Gesamtmenschheit die Bürgschaft ihrer Vollendung 
enthält. Seit dem Untergange des jüdischen Staates konnte es nur 
das Geschaffene durch Observanzen heilig halten, welche einen rein 
konservativen Charakter haben. Es liegt kein Widerspruch darin, 
wenn ich den Geist der alten jüdischen Institutionen als Basis der 
zukünftigen betrachte, ihn darum durch Observanzen konserviert 
wissen will, welche sich nur an die alten Institutionen anschliessen 
können, und dennoch glaube, dass gerade dieser Geist, wenn er sich 
wieder auf dem Boden der Väter frei entwickeln kann, die Macht 
haben wird, neue Gesetze nach. dem Bedürfnisse der Zeit und des 
Volkes zu schaffen. Die konservativen Observanzen des Judentums 
haben nur für uns Juden eine Bedeutung, nämlich die, unsere Natio- 
nalität für künftige Schöpfungen zu konservieren. Diese dagegen 
werden, wie die alten, als freie Geistesproduktionen wieder einen 
• direkten Einfluss auf die gesamte Menschheit haben, und ich glaube, 
wir dürfen uns für die zukünftigen Schöpfungen unseres Volkes min- 
destens in gleichem Masse interessieren, wie jedes andre nach Wieder- 
■ geburt ringende Volk für die seinigen. 

Ihre theoretischen Emwürfe, die doch meine ganze Weltanschauung, 
mit welcher mein jüdischer Patriotismus steht und fällt, unberührt 
hessen, wären somit beseitigt; ich hätte nur noch den einzigen prak- 
tischen Emwand zu beleuchten, den Sie gegen die Möglichkeit emer 
nationalen Wiedergeburt unseres Volkes erheben. Allein ich fürchte, 
Sie \ind Ihre Leser durch längere Erörterungen zu ermüden. Ich 
werde mich daher kurz fassen. 



/ 



Es handelt sich um die Sprache einer jüdischen Nation. Sie geben 
zu, dass die hebräische Sprache in unserer Zeit wieder kultiviert wird, 
wenn Sie auch das Aufblühen der neuhebräischen Literatur von der 
Mendelssohnschen Schule her datieren. Dass im westlichen Europa, 
von dem ich überhaupt, wie Sie wissen, kein Kontingent für den 
neuen Staat erwarte. Neuorthodoxe sich der deutschen imd fran- 
zösischen Sprache bedienen, ändert nichts an der Tatsache, dass man 
sich im ÖStliehen Europa 2Ur Verständigung mit den dprt SQ zahlreich 
lebenden Juden hebräisch geschriebener Leitungen und 2!6iischnite;ü 
bedient. Aber, wenden Sie eüa, im Leben sprechen die jüdischen 
Volksmassen drei verschiedene Idiome, jüdisch-deutsch, spaniolisch 
und arabisch. „Und diese Elemente", rufen Sie aus, „sollten sich zu 
einer Nationalsprache vereinigen können? Der Herr Verf. wird hier- 
auf schwerlich anders, als mit einem entschiedenen ,Nein' antworten; 
damit hat er aber das, was er die nationale Wiedergeburt Israels 
nennt, für ein eitles Phantasiebild erklärtl" 

Und Sic, wenn man Sie fragte, ob in Ungarn, wo mehr als drei 
grundverschiedene Sprachelcmente herrschen, diese Elemente sich 
zu einer Nationalsprache vereinigen können, würden Sie auch hierauf 
mit einem entschiedenen „Nein" antworten und damit allen ungari- 
schen Patriotismus für ein eiües Phantasiebild erklären? 

/jeruhigen Sie sich; die Sprachverschiedenheit hat noch keine — 
tuioser beim babylonischen Turmbau — Gesellschaft verhindert, sich 
zu organisieren, weder sonst, noch jetzt, weder in den romanischen, 
noch in den arabischen und germanischen Ländern, weder in Frank- 
reich, noch in England, weder in Belgien, noch in der Schweiz; sie 
wird auch in Ungarn und in Judäa kein Plindernis sein. — Jede neue 
Gesellschaft verschmilzt entweder die vorhandenen Sprachen, wie 
dies im Mittelalter der Fall war, zu einer neuen; oder sie kultiviert 
neben den verschiedenen Volkssprachen eine gemeinsame, offizielle, 
literarische Sprache, wie es gegenwärtig zu geschehen pflegt; oder 
endUch es bildet sich neben der Landessprache eine Weltsprache, wie 
sie uns bei dem täglich lebhafter werdenden Weltverkehr wahrschein- 
lich die Zukunft bringen wird. Wir haben jedenfalls -keine babyloni- 
sche Sprachenverwirrung mehr zu befürchten. Der fortschreitende 
Prozess des Geistes ist, wie jener des sozialen Lebens, kein Schci- 

dungsprozess mehr, sondern ein Streben nach Einheit und Univer- 
salität, nicht nach einer verflachenden, sondern nach einer lebendigen, 
organischen, welche das Individuelle und Nationale, als das eigent- 
lici Schöpferische, in sich birgt und heilig hält 



'•^ 



V/rlhrond die Aurjeinande.roü tzun^ mit Leopold Löv/, trotz der {^rund- 
Gätxlichon Moinuni'-^svorcschiodcnhoit, in einom Goioto ßG.^oncoitit^Qr 
Achtun^^ stattfand, ochouten die Vertreter der Uororm in ihrem Peldzu^ 
SQSen Hess auch nicht vor persönlichen Angriffen zurück. Abraham Geiger, 
noch immer der führende Geist der Reform, gehörte zu Hess' schärfsten 
Gegnern. Er, der vor zweiundzwanzig Jahren mitten in der Damaskus- 
Affäre die Gleichberechtigung der Juden in Preussen als wichtiger erklärt 
hatte als "die Rettung sämtlicher Juden in Asien und Afrika", konnte für 
die Verkündung einerd das ganze jüdische Volk umfassenden Renaissance 
nur Spott und Hohn aufbringen. Er bezeichnete Hess, den Revolutionär 
und "Kommunistenrabbi", als Reaktionär. 

Auch in liberalen Kreisen jenseits der Reformbewegung stiess die in 
"Rom und Jerusalem" entv/i ekelte Lehre von einer Wiedergeburt der jüdischei 
Nation auf entschiedenen V/iderstand, Hess* Antwort erschien in den 
"Archives israelites" im Jahre l864(in französischer Sprache): "Lettres 
sur la mission d' Israel dans l'histoire de l'humanite", 

Hess v/ar Ende 1863 nach Paris übersiedelt und wollte die französischen 
Juden mit seinen Ideen bekanntmachen, nachdem eine Uebersetzimg von 
"Rom und Jerusalem" ins französische nicht zustandegekommen war. 

Angesichts der tiefen ]i)nttäuschun£j, die Hess durch die Verständnis- 
losigkeit der aufgeklärten Juden und Nichtjuden erlitt, fand er Trost 
in der Zustimmung aus dem damals im V/erden begriffenen Lager der ersten 
Zionsfreunde, Kurz vor dem Erscheinen von "Rom und Jerusalem" hatte die 
von dem hervorragenden Rabbiner von Thorn, Hirsch Kalischer, nach seinem 
Amtssitz einberufene Konferenz stattgefunden. Diese und die bald darauf 
erschienene hebräische Schrift Kalischers "Drischat^ Zion" (Sehnsucht nacl 
Zion) fanden im Kreise der Altgläubigen grossen V/iderhall. Als dann im 
nächsten Jahr "Rom und Jerusalem" erschien, hörten die gläubigen Rabbiner 
aus den Worten des revolutionären Denkers die verv/andte Stimme einer von 
innerlicher Religiosität getragenen Zionsliebe heraus. So ergab sich die 
merkv/ürdige Situation, dass Hess, der Spinozist und Schüler Hegels, von 
den Vertretern des aufgeklärten Judentums befehdet und von den Anhängern 
des Offenbarungsglaubens als Freund und Bundesgenosse begrüsst wurde, 

"Rom und Jerusalem" führte auch zu einer Verbindung und bald zu einer 
Freundschaft zwischen Hess und dem allgemeine Anerkennung geniessenden 
Historiker Heinrich Graetz. 



^^ 



^^■)t^e 



•inf^t* 



(Theodor Zlooisti, Berlin I905. j 



Abraham Göiger^^, "Alise Romantik, noue Rüolction", Jüdiöoho 
Zöi-bfichrift für yifiös©nücliaft und Leben, l.Jg., 1862, S. 252. 

Archives israölites, 25. Bd., 1,1.- 1.6,l864, Deutsche U Ver- 
setzung in :Mosos Hess, Jüdische Schriften. Hrs,^. und eingel. yrorA 
Hirsch Kalischer r( 1795-1074), Rabbiner und Talmudgelehrter, 
einer der ersten Vorkämpfer der Palästinabewegung. 

Heinrich Graetz (I817-I891). 



f/ 



Wenn auch Graetz nicht die von IIgss aus dessen Auffassunt^ des Judentums 
£i020Conen politischen Schluscfol^erun^rGn teilte, stimmten die beiden 
doch weitgehend in ihren Ansichten ühor das Wesen der jüdischen Geschichte 
üheroin. Kino eh^^ere Arbeitsgemeinschaft entwickelte sich I865 in Paris, 
als eine jüdische literarische Gesellschaft £;e/i:ründet wurde, der auch 
Graets "beitrat. Eines der ersten Unternehmen dieser Gesellschaft war 
die französische Ausgabe des die Rhitstehung des Judentums und des Christen- 
tums behandelnden Bandes^er jüdischen Geschichte von Heinrich Graetz. 
Die französische Bearbeitung des Bandes wurde Hess übertragen. 



( ) Heinrich Graetz an Moses Hess 

Breslau, nach Jom Kippur 
/i.e. den 20. September/ I866. 

Gestern am Versöhnungstage^^habe ich die erste Korrektur erhalten, 
und das hat mein Fasten erleichtert. Ich sage Ihnen meinen Dank, 

wie sehr Sie mich verschönert habenl Es ist mein Gedankengang, und 
doch wieder nicht. Sie haben eine vortreffliche Arbeit geliefert, die 
ich am besten würdigen kann. Ich freue mich darüber, dass Sie meine 
historische und, wenn Sie wollen, geschichtsphilosophische Grund- 
anschauung so sehr teilen, dass Sie sie eigentlich als Ihr Geistes- 
cigcntum wiedergeben. Sie haben recht, es ist keine Ȇbersetzung. 
Sie sehen also, dass ich Ihr Verdienst vollkommen anerkenne. Wenn 
ich nur hin und wieder eine Ausstellung zu machen habe, so will ich 
Sic damit nur auf etwas aufmerksam machen und es Ihnen überlassen, 
ob Sie es ändern oder lassen wollen. Sie haben mein Elaborat vielfach 
gekürzt und haben Recht daran getam Nur hin und wieder scheint 
mir die Grundidee dadurch zu leiden. Da ich mit Ihnen den Dekalog 
als erste Manifestation des israelitischen Volksgeistes halte, von einem 
Heros geoffenbart und seinem Inhalte nach, wie nur etwas göttlich 
sein kann, mit einem Worte, da der Dekalog der erste Keim des 
Judentums ist, so durfte die Explikation des Neuen, das es der Welt 
gebracht hat, nicht fehlen; deswegen habe ich die grosse Bedeutung 
desselben weitläufig umschrieben. Meinen Sie nicht, dass die Kürzung 
hier nicht am Orte ist? Ebenso haben Sie nur kurz die Bedeutung 
der Leviten als anijim und ewjonim^, als anawim* sanft und arm 
berührt. 



* * 



Das Buch erschien I867 in Paris unter dem Titel "Sinai et Golgotha 
ou les Origines ±Ex^t]sixs±ibiii±sin.e du Judaisme et du Christianisme, suivi 
d'un examen critiquo des evangiles anoiens et modernesVpar H. Graetz, 
traduit et mis en ordre par Maurice Hess. Paris, Michel Levy fr^res, 

1867, 420 S. 



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Im Original he^bräicch. 



7 Heinrich Graetz / t Gasohiohto der Judon von den ältastan Zeiten 
"biß auf die Gegem^a^t (1Ö53-75), H Bde. 




*■; 



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Probleme des Judontums beGchäftigtn Hcgg auch in den restlichen 
Jahren seines Lehens. Danehen widmete er sich v/eiterhin sozialen Fragen 
und griff auch unmittelbar in die Politik ein. Als 1863 Ferdinand Lassalle 
die deutsche sozialistische Arbeiterbewegung ins Leben rief, wurde Hess 



seiner. . . 
einer lis^: eifrigsten Anhänger und Mitkä^ipfer iiiaxsaüzsix. Um dieselbe Zeit, 

als ihn die ersten Zionsfreunde als Bahnbrecher der jüdischen Renaissance- 
Bewegung begrüssten, wurde Hess offiziell zum Bevollmächtigten des von 
Lassalle geschaffenen "Allgemeinen deutschen Arbeitervereins" für den 
Kölner Kreis ernannt. Ein Jahr nach Erscheinen von "Rom und Jerusalem", 
1863, veröffentlichte Hess die Broschüre "Rechte der Arbeit", die auf 
einem in Köln und Düsseldorf gehaltenen Vortrag basierte, nach deren 
Empfang Lassalle an Hess schrieb. 

( ) Ferdinand Lassalle an Moses Hess 

Ostende, den 27. August /TSöj/. 

Lieber Hcssl 
Mit wahrhaftem und grossem Vergnügen habe ich Ihre treffliche 

Schrift die „Hechte der Arbeit" gelesen und kann nicht umhin, Ihnen 
mein besonderes Kompliment für dieselbe zu machen. Es ist mir 
jode Zeile darin aus der Seele geschrieben, und die Prägnanz des 
Ausdrucks und der Darstellung macht die Lektüre zu einem Genuss. 
D^s gleiche Lob verdienen die Grenzen, die Sic gewahrt haben. Sie 
Nvii.scn, wie es mit dieser Bewegung gegangen, wie sie entstanden ist. 
Sie ist nicht eine theoretische, nicht von einem theoretischen Werke 
ausgegangene, sondern sie ist eben eine praktische Agitation. Hütte 
icii ein theoretisches ökonomisches Werk geschrieben — ich wäre 
natürlich ganz anders zu Werk gegangen, wäre viel weiter gegangen. 
Ich war gerade im Begriff, ein solches zu beginnen, als die Möglich- 
keit und Gelegenheit zu der praktischen Agitation von Leipzig aus 
an mich gebracht wurde. Fast zauderte ich einen Augenblick, diese 
Gelegenheit zu benützen im Hinblick auf das für mich persönlich 
lockendere Ziel eines systematischen ökonomischen Werks, für 
welches mir — das sah ich sofort klar — durch die praktische Agitation 
fürs erste alle Zeit entzogen würde. Dann aber sagte ich mir; was ist 
nicht alles schon geschrieben und bewiesen und dennoch von der 
Welt fast vergessen worden! Natürlich nur für die Gegenwart. Durch 
ein tlicoretisches, systematisches Werk wird wieder nur ein Fort- 
schritt der Wissenschaft, eine Befnichtimg der Geister in 30—50 Jahren 
crzicltl Hier dagegen bot sich die Gelegenheit einer grossen, prak- 
tischen, auf die gesamte Nation eindringenden Agitation. Es handelt 
sicii dämm, während die deutschen Möpse ü la Schulze-Dclitzsch 
— darum war auch ihr Erstaunen so gross — jeden sozialen Gedanken 
längst ausgestorben und begraben glaubten — den Sozialismus plötz- 
lich wie durch einen Zaubcrschlag als politische Partei auftreten zu 
lassen: Eine theoretische Bewegung und eine praktische unterscheiden 
sich aber nach meiner Ansicht in folgender Weise. Bei einem theore- 
tischen Werk handelt es sich darum, alle Konsequenzen des Prin- 
zips, wo möglich auch schon die allerletzte, zu ziehen. Je mehr ein 






Rooh-tQ der Arbeit. Von IL II -as, ]?Vankfurt a.M, In Komraission l)ei 
Reinhold Baist, l863# 30 S. Iias Voir.7ort trägt das Datum« Köln, den 
15. Juli 1863, 



n 



Buch dieser Anforderung; cntspriclit, desto besser ist es. Bei einer 
piviktisclien A'gitalion dagegen handelt es sich iimgekelirt dämm, 
sich mit aller Kraft auf die niichdc Konsequenz des Prinzips, auf den 
ersten möglichen praktischen ScJiritt zu stürzen, aber auf einen 
solcJien, in welchem das ganze und volle Prinzip bereits enthalten 
ist, und unter entschiedenster Betonung und voller theoretischer 
Ilcraushcbung dieses Prinzips. Hierdurch wird dann einerseits den 
Massen etwas Bestimmtes und Greifbares geboten, andrerseits viele 
Menschen von unsystematischer „Billigkeit" und halber Einsicht 
dafür gewonnen, jedenfalls etwas sofort und praktisch Mögliches als 
Zielpunkt hingestellt, gerade dadurch bei den Gegnern eine viel 
grössere Wut und liass erweckt, als wenn man schon viel weiter- 
gehende Konsequenzen als Forderung aufstellt, die im Augenblick 
noch gar keine praktische Gefahr in sich schlössen, durch diese Wut 
gerade der rechte Boden für eine alle Köpfe umfassende Agitation 
— und somit doch auch für ein allgemeines Nachdenken — geschaffen, 
endlich, indem bereits das ganze Prinzip auch in diesem ersten und 
nächsten Schritt enthalten ist und sein muss, ein Sehritt getan, der 
sich notwendig auch zu allen weiteren Konsequenzen entwickeln 
muss, diese in sich schliesst und damit auch für das avancierteste 
theoretische Interesse der sympathische Boden geschaffen. 

Gerade dadurch, dass ich nach diesem Rezept zu Werke ging, 
glaube ich den grossen Erfolg herbeigefülirt zu haben, den unsere 
Bewegung schon hinter sich hat. Denn wie es auch mit unserer 
Anzahl stehe und weiter stehen möge — ein solcher Erfolg ist nicht 
zu leugnen. Er besteht aber schon in der Aufregung ohnegleichen, 
die ganz Deutschland ergriffen hat. Ohne den Verdiensten von Marx 
und der N[euen] Rhein[ischcn] Z[eitung] zu nahe zu treten, glaube 
ich doch sagen zu können, dass jetzt zum erstenmal eine soziale 
Partei in Deutschland besteht, die eine politische Bedeutung hat und 
eine Masse repräsentiert. 

Es war mir Bedürfnis, lieber Freund, mich einmal mit Ihnen hier- 
über auszusprechen, da Sie einen Moment lang gewisse Aussetzungen 
über Nichtweitgenuggcgangcnscin gemacht haben sollen. 

Noch will ich mit besonderem Vergnügen hervorheben, dass auch 
Ihre Anschauungen über Frankreich ganz mit den meinigen über- 
einstimmen. 

Es ist ein dringendes Interesse für unseren gesamten Verein, dass 
die Broschüre^^so stark als möglich verbreitet werde. Ich schreibe 
morgen darüber an Vahlteich. Ilaben Sie die Güte, sofort an „Georg 
liersvegh in Zürich" (diese Adresse reicht aus) 3 Exemplare unter 
Kreuzband zu senden. Auch wenn Sie mir noch 2 zukommen lassen 
wollten, würden Sie mich zu Dank verpflichten. Sind nach Breslau 
und Berlin an unsere Bevollmächtigten Exemplare geschickt? 

Ich komme zwischen dem 20. und 30. September nach Köln. Näher 
werden Sie den Tag meiner Ankunft durph Lewy erfahren (er ist • 
jetzt noch nicht bestimmt). Diesen Brief ziehe ich vor, Ihnen durch 
Lewy zugchen zu lassen, da ich Ihre genaue Adresse nicht zur Hand 
habe. Teilen Sie mir dieselbe doch mit. 

^ Mit herzlichem Händedruck Ihr 

F. Lassalle. 



-^^ 



'SL über Hess' Rechte der Arbeit schrieb Lassallc an Vablteicb: „j'.s ist fierntle sehr 
eut und nüti«, dass nicht innuer alles von mir allein gesagt werde, t/.c /^ftec-tm« 
nimmt sonst vor Schafsköpfen die Gestalt ciucr blossen l'erson an. \ cvhtvilcn Sic 
die Broschüre tüchtigst." B. Becker. Geschichte der Arbeitcragitationl' UmaUes 
(Braunscluveig. 1875), S. 62. Vgl. Rjasanoff in Grünborgs „Arcluv 111, IJU. 



Am 27. Au,',^st 1870 veröffentlichte iiCdii^^dbiXiLiis^-^ "Der Volksstaaff' 
Leipzig, die letzte politische Botschaft von Moses Hess an die deutschen 
Arbeiter; sie war nach der ersten französischen Niederlage des deutsch- 
französischen Krieges verfasst, 

( ) Moses Hess an den "Volksstaat" 

/"Paris, den 21. August l870.__7 



[„Einer unsrer hervorragendsten Parteigenossen, dessen Namen wir 
aber aus Rücksicht auf seine persönliche Sicherheit noch verschwei- 
gen müssen, schreibt uns aus Paris, d.d. 21. August: ]-^'i' ^ 

Liebe Freunde! Icli will Euch kurz meine Ansichten über ilrti 

gegenwärtigen Stand der Dinge mitteilen; denn Ihr habt durch Enre 
mutige Haltung bewiesen, dass Ihr das einzige deutsche Organ sciii, 
welches unbeirrt von deutschem Chauvinismus den Übcrzeuguni^cu 
treu geblieben, die uns stets beseelt haben. 

Mit den ersten Siegen der Deutschpreussen zu Anfang d. M. hat 
der Krieg auf deutscher Seite seinen Beruf erfüllt; die Fäulnis des 
Empire ist seitdem für ganz Frankreich, ohne Unterschied der Par- 
teien und Klassen, zutage getreten. Die „vierte Dynastie" hat seit- 
dem aufgehört zu existieren. Die Macht ist faktisch (\i.'\\ Händen der 
Dezemberbande entrissen und dem Lande zurückgegeben. Da es ohne 
Bürgerkrieg geschah, so ist wenigstens in einer Beziehung der tenl- 
lische Plan des Feindes der modernen Gesellschaft vereitelt. — l'N 
bedarf also zum Sturze des Empire keines ferneren Sieges der Feinde 

Frankreichs mehr; es bedarf aber des Sieges des französischen Volkes 
über , um zur universellen sozialen Republik zu gelangen. 



Wie dem auch sei, ich werde nie glauben können, dass das grösste 
Ereignis der Weltgeschichte, die französische Revolution, vergebens 
stattgefunden hat, und dass nach der neuen Völkerwanderung, wie 

nach der alten, die Geschichte der Zivilisation auf den Trümmern 
der bestehenden wieder von vom anfangen muss. Vielmehr ist nach 
meiner Überzeugung dieser Krieg der letzte, der Anfang des Endes 
aller bisherigen Rassen- und Klassenherrschaft. Der Traum einer 
germanischen Rassenherrschaft hat keine solidere Grundlage als 
jener einer slawischen. Vielleicht müssen erst diese beiden Herrscher- 
gelüste des Pangcimanismus und Panslawismus gegen -einander an- 
. prallen; vielleicht dauert der letzte Krieg länger, als man es hoffen 
und wünschen muss; vielleicht kostet er noch viele, viele Ströme 
Blutes, Leichenhaufen und Pestilenz; aber er kann meiner Ansicht 
nach nur die Herrschaft der sozialen Freiheit und Gerechtigkeit her- 
beiführen. 

Dieses mein Testament; denn ich habe vor, mich selbst am Kriege 
zu beteiligen, sobald hier die Republik proklamiert sein wird. 

Euer — 



* Der "Volksstaat" war das von Liebknecht in Leipzig herausgegebene 
Organ der Sozialdemokratischen Arheiterpartei. 

^^^ Aus dem "Volksstaat", Nr. 69, Der nicht gezeichnete Brief ist in dem 
anonymen Eedaktionsartikel "Politische Uebersicht" mit Auslassungen 
abgedruckt. Der Inhalt deutet auf Hess» Autorschaft. 

^^/ Einleitungssatz der Redaktion des "Volksstaat". 



* 



• 






Moses Hess starb in Paris am 6. April IÖ75. Seine Leicho wurde nach 
Köln überführt, um seinom Wunsche entsprechend im l^lrbbegräbnis seiner } 
Eltern in Deut 2 am Rhein beigesetzt zu werden. Bei der Trauerfeier in 
der Pariser Wohnung sprachen einige Freunde - Franzosen und Deutsche. 

« 

Als letzter sprach Paul Kersten : " Lebe wohl, Freund! Was du gewollt, wii 
worden es verwirklichen. Deine Schriften, dein Handeln sichern dir ein ; 
evdgGS Gedächtnis, Du Sohn und Kommentator der Revolution, kein Schwert 
legen v/ir dir auf den Sarg; nein! nur die Blximen der Natur, aus welcher ; 
du geschöpft und uns getränkt, an welche allein du geglaubt hast, und der ' 
wir jetzt zurückgeben, v/as von dir sterblich ist. Du hast dich unsterb- 
lich gemacht in Tausenden von Herzen; auferstehen wirst du, sooft ein 
hilfoouchondor Prolotarier zu deinen Ideen flüchtet, denen du durch Wort 
und Tat Tiobon vorliohon hant! P/loritz IIosol dein Andenken soll uns heilig 
sein! Die Sozialdemokratie wird dich ewig als den Ihrigen roklamieron, •• ^^ 

Als sichtbares Zeichen ihrer Verehrung Hessen die Kölner Sozialdemo- 
kraten (vor dem Jahre 1903) auf den Grabstein noch die Worte einmeisseln: 
"Vater der deutschen Sozialdemokratie". ' 

( ) Heinrich Graetz an Sibylle Hess 

Breslau, den 5. Mai I875. 
Verehrte Frau! 

Mit Wehmut und Schmerzgefühl bat mich die Todesnachricht von 
meinem lieben, geist- und charaktervollen Freunde, Ihrem Gatten, 
erfüllt. Ein Freund hatte mir schon früher die beti-übende Botschaft 
zugchen lassen, ich konnte es aber kaum glauben, bis mir Ihr Schrei- 
ben leider die Bestätigung gebracht hat. Gewiss haben Sie recht, dass 
Deutschland nur wenige solche Männer von Geist und edlem Streben 
hat, und dass er verkannt woirde. Die Grabreden seiner Freunde 
waren mir aus dem Herzen gesprochen. Ich kannte ihn seit 16 Jahren, 
und ein enges Freundschaftsband hat uns seit unserer ersten Be- v^ 

kanntschaft verknüpft. Von dem umfassenden Werke, das er für den 
Druck vorbereitet h.^t, schrieb er mir öfter. Es sollte den Titel führen: 
Dt/Tiamischc^Sioffichre und aus 3 Teilen bestehen. Ob er diesen 
Titel beibehalten hat, vermag ich nicht ,jinzugeben. Ich habe sofort 
durch einen Freund bei Geib"*^ 'ah 'Hamburg Erkundigungen ein- 
gezogen und erst heute die Antwort erhalten. Darum hat sich mein 
Schreiben an Sie verzögert. 

Die Antwort lautet wörtlich: 

„dass er bis heut noch keinen Verleger gefunden habe, jedoch in 
Verbindung stehe, und zwar derart, dass, wie er glaubt, im Juni 
schon etwas erscheinen wird." 

Mein Freund verspricht mir, im Juni wieder nachzufragen. Das ist 
alles, verehrte Frau, was ich Ihnen darüber mitteilen kann. Ich stehe 
selbstverständlich Ihnen stets zu Diensten und erinnere mich auch 
mit Vergnügen Ihrer Bekanntschaft. Möglich, dass ich im Laufe dieses 
Sommers nach Paris komme. Werden Sie in Paris bleiben? Sollten Sie 
Ihren Aufenthalt verändern, so bitte ich, mir Nachricht davon zu 
geben. . . . ■ 

*^ .• Hochachtungsvoll __. 



* 



* Paul Kersten^*Bildhau;6er. Aktives Mitglied des Allgemeinen Deutschen 
' Arbeitervereins. Wurde steckbrieflich verfolgt. 
^* ITekrclog auf Hess in "Der Volksstaat", 28.4. l875. Dieser anonyme 
Nekrolog stammt von Kersten (vgl, K.Hirsch, Der arme Conrad, I876, 

S.71). 
*^* Im Original: Dynamis tische. 
**^* /In einem Briefe Sibylle Hess» an Johann Philipp Becker vom 24. Mai 
1875 heisst es: "Diesen ersten Band /des Manuskript es "Dynamis che 
Stofflehrejy hatte nun schon mein Mann hei seinen Lebzeiten in den 
Verlag des Herrn Geib in Hamburg gegeben, von welchem ich nun leider 
vor einigen Tagen die Nachricht erhielt, dass er den ersten Band, 
weil der zweite fehle, nicht in Druck bringen wolle. Dies war ein 
harter Schlag für michf'für mich, die ich keinen andern Zweck mit 
meinem Leben verbinde, als den Willen meines Mannes zu ehren, und 
zur Durchführung zu bringen," (Der unveröffentlichte Brief befindet 
sich im Internationalen Institut für Sozialgeschichte,) Im Jahre 
1877 gelang es Sibylle Hess, den ersten Band der "Dynamischen Stoff- 
lehre" auf eigene Kosten zu veröffentlichen. 



( ^ ) Sibylle Hggs an Karl Marx 



Paris, don 20. Oktober I877, 
29, Rue de Vau^irard. 



Bester Herr Marxl 



Ich bin so frei, Ihnen hicnnit mit grosser Freude ein Exemplar der 
Dtjnarnischcn Stofflohre des ersten Bandes, die letzte Arbeit meines 

verstorbenen Mannes, zuzuschicken; möge es freundliche Anerken- 
nung bei Ihnen finden. Sollte das Werk Ihren Beifall haben, so bitte 
ich Sie, es in meinem Interesse zu verbreiten, wofür ich Ihnen zum 
innigsten Dank verpflichtet blciber^ würde. 

Wenn Sie das „Nachwort" lesen'?*i^so werden Sic finden, dass ich das 
Buch ohne alles Vermögen mit unsäglicher Mühe und grosser Sorge 
dennoch herausceceben habe. ^ . . , 



'Ich bin überzeugt, Sie, lieber Marx und Engels, ehren den alten 
Kommunisten, Eucni Freund, der Euch voran aus dem Leben ge- 
schieden ist. 

Es bleibt mir nur der eine Wunsch übrig, dass diese seine letzte 
Arbeit zur Aufklärung der Unwissenden beitragen möge; denn am 
Ende gibt es doch kaum eine Wissenschaft, die mehr geeignet dazu 
ist, als gerade die astronomische Naturwissenschaft, um alle religiösen 
Phantasien der Menschen auszurotten. 

Mit inniger Liebe und Verehrung für Sie, Ihre liebe Frau und 
Tochter sowie für unsem verehrungsvollen Freund Engels, grüsse ich 
Sie in hoffnungsvoller Erwartung ganz ergebenst. 

Sibylle Hess. 



( ) Karl Marx an Sibylle Hess 



London, den 25. Oktober I877, 
41, Mai-tland Park Road, N.W. 



Geehrte Frau Hess! 

Ich spreche Ihnen meine tiefe Dankbarkeit aus sowohl in meinem als 

auch in Engels* Namen für die übersandten zwei Exemplare „Dyna- 
mische Stofflehre". 

Wir sind beide der Meinung, dass dieses Werk unseres verstor- 
benen Freundes einen sehr grossen tvissciiscliaftJichen Wert hat und 
unserer Partei Ehre macht. Daher, ganz unabhängig von unserem 
persönlichen Verhältnis zu einem langjährigen Bundesgenossen, 
halten wir es für unsere Pflicht, die Bedeutung seines Werkes darzu- 
legen und nach Möglichkeit an seiner Verbreitung mitzuwirken. 

Bestehen auch Manuskripte der beiden Teile, die Hess im Vorwort 
versprach? 

Seien Sie nicht beleidigt, wenn ich die Kosten der beiden Exem- 
plare beilege; aber es handelt sich doch nicht um ihre persönlichen 
Ausgaben, sondern um die des Unternehmens. 

Ihr ergebener 
Karl Marx. 

Über das Buch werde .ich nach Petersburg und New York schreiben. 



h 



• 



* Das "Nachwort" zur "Dynamischen Stofflehre" lautet; Die Veröffent- 
lichung des vorliegenden Buches hatte ich, gleich nach dem Tode 
jttes Verfassers, seinen Freunden und Gesinnungsgenossen angezeigt. 
Diesem Versprechen nachzukommen, war ich genrungen, dasselbe seihst 
zu verlegen. Die mir unbekannten Schwierigkeiten, mannigfaltiger 
und materieller Art, welche ich zu "bekämpfen hatte, mögen dieser 
Verspätung als Entschuldigung dienen, Sih,Hess, 

** (^Aus dem Russischen, Marx/Engels, "Sotschineni ja", Bd. XXVI. S,486f. 



I 



( ) Heinrich Graetz an Sibylle Hess 



Breslau, den 26. Novem'ber I877, 



Hochgeehrte Fraul 



Ihren Brief nebst Exemplar der Schrift: die Dynamische Stoff lehre 
ist mir zugekommen, und ich sage Ihnen meinen Dank für die Ein- 
sendung, sowie für die Opfer, die sie der Veröffentlichung der Schrift 
gebracht haben. Es liegt darin eine rührende Pietät. Ich habe nur 
deswegen mit der Beantwortung gezögert, weil ich Ihnen zugleich 
die Besprechung zugehen lassen )yollte, die ich im Dezemberheft 
meiner Zeitschrift abdrucken lassoY?r Wese wird aber erst in einigen 
Tagen zur Versendung kommen. Weil Sie aber besorgt wegen der 
Ankunft des Exemplars sind, so will ich die Vollendung des Heftes 
nicht abwarten, sondern Sie darüber beruhigen. Ich werde mir er- 
lauben, Ihnen die Rezension s]päter zugehen zu lassen. Es war für 
mich eine besondere Befriedigung, dem Andenken meines verewigten 
Freundes, mit dem ich in vielen Punkten harmoniert habe, wieder 
ein Blatt \ndmen zu können. .* 

Mit der Versicherung meiner Wertschätzung, 

Ihr ergebener 
Prof. Graetz. 



fünfuj 
Fast /zwanzig Jahre später hat Theodor Herzl, lan/je nach der Nieder- 

Schrift seines V/erkes "Der Judenstaat", in "Rom und Jerusalem']^ die 

vollkommene Bekräftigung seiner eigenen Gedanken gefunden. Am 2, Mai 

1901 notierte Herzl in seinem Tagebuch: "Die I9. Stunden dieser Hin- 

und Herfahrt /^nach Bad Aussee und zurück__/ verkürzte mir Hess'mit seinem 

"Rom und Jerusalem", das ich I898 in Jerusalem zum ersten Mal zu lesen 

"begonnen, aber im Drang und Hast dieser Jahre nie hatte ordentlich zu 

lilnde lesen können. Nun war ich von ihm entzückt und erhoben. Welch ein 

hoher, edler Geist! Alles, was wir versuchten, steht schon "bei ihm. 

Lästig nur das Hegelianische seiner Terminologie. Herrlich das Spino- 

zistisch-Jüdische und nationale. Seit Spinoza hat das Judentum keinen 

gröcseren Geist hervorgebracht als diesen vergessenen, verblassten 

Moses Hess! " 



* 



* Die "Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" 
"brachte in Bd. XXVI, Nr. 12, Dezemher ijTT, 3,565-571, eine 
anonyme Rezension der "Dynamischen Stoff lehre". 
** Erschienen I896. 
^^^ Theodor Herzl: Tagebücher, Berlin 1923, II, S.599. 



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Wälirond llosos Hess auf dem Gipfel seines Wirkens zur Rilcldcohr in:. 
Judentum fand, Qinß der um dreizehn Jahre jüngere Ferdinand Lassall ■;. 
den um£jekehrten V/eg: in früher Jugend von leidonschaf tlichem Ilational- 
gefühl für das jüdische Volk erfasst, v/andelte er sich unter dem 'i. .- 
fluss der Hegeischen Philosophie. Sein Interesse an jüdischen Prohlemon 
liess nach und er widmete sich ganz der Sache der deutschen Arbeiter- 
schaft, dem Sozialismus, 

Unter dem 2. Februar 1840 hatte der vierzehnjährige in sein^ C:a;;Gbuch 
geschrieben: 




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7 



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^ ^ llntcriücc)^ imteuOiclt icf; luicf; mit ^ä). Cr mjitcjidj 
e{uJir.üci(iLMijü:b_itniuito jH;_^M'^^ Mmcn. 2(1.5 er ahc\: 
f^^fV.bat; id) ijau^ anborcr mhimuywav. fo fattclte er midj' 
um. ^k fpracfjou..üio(. von ccolcuRiaubcrimö, miQkMc^ 
imb beul Subcntfiuni, ,u,b er luuubeite ficf;, bafj id) niid; fo 
be.S jübiid;eii GJ[aubcii.5 annehme. Xc, Q\ci\ miwainman 
nidf^lreife*) effoii nnh_bod)Mn öiitcr ^ube fe-u föuute. "' ' 
S« leiste ifjni hic^}^ uub in bor ^(mt, id; (^ianhc, icT; 
,bui einer., b^. Oefteu ^ubeii, bie e^ cjicOt, o()ue anf ha^^ 
Gereniouialocfot} 31^ ad;teit. 3d; töiuUe luie jener .^ube iii 
%lhm._,,Maljndn 2cbcn luajen, bie 3nben an^ ifjrer 
]e^tGeii brüdenoeii Sacje 5» reiben, ^d; luiirbe felOft ha^S 
^ä)aüot nid)t fcfjeuen, tonnte id) fie luieber 5U einem öe= 
ad;teten SSolt'e niadjen. C, luenn id; meinen tinbiid;on 



Träumen nachhänge, so ist es immer meine 

kindische Lieblingsidee, an der Spitze der 

Juden, mit den V/affen in der Hand, sie selbständig zu macr.ün.'' 
V/enige Jahre später greift er in die Kämpfe um die jüdische Reform 
ein, die in seiner Vaterstadt Breslau besonders heftigen GharaJcter ange- 
nommen hatten. lEm llittelpunlct dieser Kämpfe, der "Breslauer Habbinats- 
v/'irren", stand Abraham Geiger, der gegen den Y/iderstand der ortnour-ion 
Kreise im Jahre 1839 nach Breslau berufen worden war. Hoch radikalere 
Bestrebungen als Geiger vertrat der von Theodor Creizenach 1843 ins ,ebe 

gerufene Reformverein, dessen Thesen lauteten: „i. Wir erkennen in der 

mosaisdicn Religion die Mögliclikcit einer unbeschränkten For:- 
bilduns:. 2. Die . . . mit dem Namen Talmud bezeiJinctc Sam;/. 
lung . . . hat für uns weder In dogmatisclicr noch in praktlsciic/ 
Hinsicht irgend eine Autorität. 3. Ein Messlas, der die Israeliten 
nach dem Lande Palästina zurückführe, wird von uns wcd.r 
erwartet nocli erwünsdit; wir kennen kein Vaterland als d:;>- 
jenige, dem wir .durdi Geburt oder bürgcrlldics Verhältnis an- 
gehören." 



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vi 





Perdinamd Lassalles Tagebuch. Hrsg. von Paul Lindau. Broolau 
y 1891. S. 85; 160/61. '; T • : ' ' 








** ^V Abraham Oeigeri '(iai0<^l874), soit I838 zweiter Rabbiner in 

Breslau, \mr einer der Führer der lixberalen Bev/egung innerhalb 
■^ ., des Judentums. 
<nnt ; Creizonachs (I818 . I877), d^ Dicht -r und Li Lerarhiatorikdr, erster 
Herausgeber des Briefwechsels GoAthcs mit Marianne von Willemer. 
1843 einer der Hauptbegründer der jüdischen Reformbwegung, trat 9X 
er später, 1854» selbst zum Christentum über. 



Zu diGson Themen und dem cio "boß-leitendon HundGchroiben nimmt LaL^aallo 
in dem spontan g03chrie"benon Brief Stellung, 

~r I 1 >.. ■• ( ) Lassalle an Theodor Creizenach 



▲ AtAUW I 



[1843.] 



Verehrter Herr Doktor! 



Mit nicht geringer Freude habe ich aus den Zeitungen vcniommcn, 
daß [iu] Frankfurt a. M. von Ihnen ein Verein ins lieben gerufen worden 
sei, welcher es zum Zweck hat, die Fessehi einer verrosteten Orthodoxie 
zu sprenge:; und die Autonomie des menschhchcn Geistes in seine 
innerhalb des Judentums nun länger als anderthalb Jahrtausende unter- 
drückten, aber unveräußerlichen ewigen Rechte wieder einzusetzen. 
Kiücm solchen Vereine, dessen unbestreitbares und unmittelbarstes 
Resultates sein muß, das Judentum mit der Zeitbildung zu vcrmittehi, 
sich nicht anzuschließen, hieße ein Indiflerentisnms für die menschheit- 
lichen Interessen, der an Irreligiosität grenzt, Sünde. Ich trete hiermit 
Ihrem Verein bei und ersuche Sic demnächst um Mitteilung der Bedin- 
gungen des Beitritts sowie um die Übersendung der von Ihnen und 

r -^ ^ 

den Herren Dr. Steru/^ und Rießjr.^^ciscliieiKueu Sclirifl."'n, um mic'n 
au.s diesen ausführlicher über die /u/,iunde liegenden Prinzipien zu 
imtcrrichten. — 

xsicht unerfreuhch, gUmbe ich. v.-ir<l es Ihnen sein, zu hcjrcn, daß 
Sie sich aus Breslau mit Gewißlieit die größte Teilnahme versprechen 
können. Daß unter den Juden Breslaus hinsicluh'ch religioier An- 
gelegenheiten eine gewisse I\A.gsainkeit herr.-:eht, vrerden Sie aus den 
hiesigen Rabbinatswirreni^ hinlänglich ersehen haben. Ich selbst hal>o 
CS mir hier angelegen sein lassen, Interesse für die jetzt unter so gün- 
stigen Ausoizicn ins I^ben tretende Idee zu erwecken, und es freut 
mich, Ihnen mitleilen zu können, daß Männer aus den angesehensten 
jüdischen Familien, ja Männer sogar, die durch eine Reihe von Jaliren 
Obervorsteher der hiesi^.cn Gemeinde gewesen sind, sofort bereit sin^I, 
diesem Verein beizutrelv n, sobald sie nur etwas Näheres über dessen 
Organisation werden vernommen l;:i}.)en. 

Auch in betreff unseres Rabbiners Herrn Dr. Geiger *)■ können wir 
Erwartungen hegen, und nicht geringe. / 

Khc ich aber meinen Brief schließe, erlauben Sie mir noch Q.\\\<i. Frage: 

Sie fassen den Mosaisnius als die höchste Al)strakLion der Urzeit, 
also als eine historische Substanz, die, wie jede geschiclitliche Idee, 
vermöge ihrer Natur genötigt ist, [sich] einer absoluten Kntwicklung 
und Fortbildung zu unterwerfen. AU' das letzte Stadium der Knt- 
■vvicklung, welches der Mosaistnus als solcher erreicht hat, dürfte das 
rabbinisch-talmudisclie Judentum zu nennen sein. Der Talmud alx;r, 
obgleich wir ihn theoretisch als eine organische \Veiterl)ildung des 
Mosaisnms fassen müssen, ist bereits mit den Anschauungen und 
Theoremen der Gegenwart in Widerspruch geraten; er bleibt bestehen. 
/Vis geschichtliche Sulistanz, für die Praxis aber muß er negiert werden. 
Bei dieser Negation des Talnuid tritt nun meines Krachtens ein 
Dilemma von nicht geringer Erheblichkeit ein. Sie nennen sich die 
jüdischen Protestanten. lis ist nun die Frage, inwieweit diese Analogie 
mit dem Protestantismus durchgeführt werden soll. Wollen Sic mit 



^■■tMTiMpjpuaL Ferdinand LassallOy naohgelassene Briefe \ind 
Schriften , hrsg. von Gustav Mayer« 6 Bde« 1921/25. Bd. 1, 

') Thcoa^r cft-i/Jitifh (iSi8— 15^77). ilor Dichter ^tf(l' LilcrarliicitoiiluT 
erster Ilcransjjohcr des IJtiefwccltscls Goethes mit ^Inj^iuic von \Villctiier^^,>«43 
einer der II.'\i4)tbof;rün(ler (Jet jüdischen Rcforinjxrwcßung, trat er späl^f, 1R5.J, 
selbst zum Christoutum -iiljcr. 






1) Morit7. Abraham Stern '-(iSo; — iSq-O, seit 1S29 Privatdozont, seit 1S4S 
aviJItrordentliclicr, seit 1S59 ordentlicher Professor der Mathematik an der Uni- 
vcrsitTit Göttinnen. Vater des Historikers Ah"rcd Stern. 

V") Ga^riel RießM^:<i3o6 — 1S63). der bekannte liljcr.nlc Politiker und Vorkämpfer 
für die GleichsteUung seiner Glaubensgenossen. 

^,>)' ZNviv.iieu d.T orthodoxen Richtuiu^ der P.reslauer Ju.lenschaft, die sieb u:u 
den Rabbiner Tiktin scharte, und einer liberalen, die Gei-er lülirte, \var es zu 
n'.ehijäb.ri;.>-n hcfti-eu Kämpfen s^-'^iomnieu. die in judischen Kreisen viel Staub 
aufi^owirbelt hatten. ^ ^ ^ ^^ 

♦) Abrdham Gcii;cr (iS 10— 1S7.;). seit IS3S zweiter Rabbuicr in BrcsUivwarcia^ 
d^ Führer der liberalen Bcwcg^iog innerhalb des Judentums, •jftJ.IUukituuti 8. ij^ 



*> 



5 



koiu^oqucntcr Anah\^io das Ju-lcntutn atif den aUbiblisclicn Muönismus 
zurückführen? Auch der ProLeitaiitisinus hatte das r.estrcl>cn, auf dar, 
UrchrlsLeutum zurückzugehen, aber aucli er konnte dies Ziel, das er 
sicli gesteckt (die uiigoschichthche Idee), so wenig rcahsiercn wie es 
heute der ReHgion gehngen würde, den altbil>hschcn Mosaisinus ins 
Leben zurück/Aireah'siercn, die überfliegende Transzendenz einer über- 
wundenen Phase des Geistes nicht mehr in seine Gegcnwjart hiiiein- 
bildeii. Vichnehr entfernt er sich unbewußt trotz alles Strebens nach 
jenem Ziel, trotz seiner Glaubens- und Gemütsinnerlichkeit auf der 
cificn Seite ebenso weit von ihm, als es auf der andern Seite der Katholi- 
zismus mit seiner Werkheiligkeit, seiner starren Äußerlichkeit und 
seiner Kauonisierung der weltlichen Künste getan! Daher konunt es, 
daß der Bcgrill des Protestantismus mit dem der apostolischen Zeit 
tms nieht identisch ist, sondern daß der Protestantisnms mit seiiiciu 
Ideale des Urchristentums und seinen Zugeständnissen an die schlechte 
Wirklichkeit, seinem Kotstaat und seiner Ehe etc. unbewußt zu einer 
ganz neuen Stufe des Geistes geworden ist, sich einen ganz neuen In- 
halt hcrausgestaltet hat.*> ^ 

Wir nun, denen die Ivntv/icklungen in der christlichen Welt zur 
Bclehnmg gedient haben, wir müssen bewußt zu Werke gehen, wir 
müssen uns hüten vor dem Unternehmen, Rückgang zu gebieten dem 
dialektischen I'luß der Geschichte und aus seinem Bette eine längst 
verschlungene und zum Petrefakt gewordene Masse herauszuholen, um 
sie zum I'undanient unserer lebensvollen Gegenwart zu machen. Es 
kann in der Geschichte auch nicht davon die Rede sein acta agere. 
Die Geschichte gleicht darin dem menschlichen Organismus. Sic kaim, 
hie eine bereits verdaute Substanz zum zweiten ^lal in ihren zersctzen- 
<len Pro/.cß aufnehmen, weil sie schon in dem ersten alle Säfte und Nah- 1 

rungsstoffe aus ihr gezogen. Und ganz abgesehen von der Unmöglich- ; 

keit und Unrealisierbarkeit eines solchen ungeschichtlichcn Schrittes, • 

die uns das Ik-ispiel des Protestantisnms selbst bekundet, befinden wir ; 

uns heute in einer wesentlich andern I/age. Der Protestantismus mußte, j 

um die Welt aus den alhn[ächtigen] Banden des Katholizismus zu be- ! 

freien, sein Ideal rückwärts suchen. (Und indem er dies zu tun glaubte, ' 

wurde er zum selbständigen Träger einer epochemachenden Idee. Wir j 

dürfen weder rückwärts blicken, noch bezeichnen wir einen wesentlich \ 

neuen, erst durch uns gewordenen Standpunkt des Geistes.) Wir haben 
das nicht mehr nötig, ja wir dürfen das nicht mehr. Wir finden ^)' viel- 



mehr unser Ideal vor uns. Ihis ist von gnnz andern Händen bereits 
<lie J.rela gesti-ckt v/orden, nach deren Ivrreicluuig wir mit so langsamen 
und so schnellen Schritten, als es tunlich ist, streben müssen. 1517 
war der Protestantismus ein weltbewegender Fortschritt, 1843 würde 
ein jüdischer Protestantisnms im strikten Sinn ein vollendeter Rück- 
schritt sein. Er würde den Schein auf uns v/erfen, als wären wir ohne 
Sinn und Verstand an den großen geschiehllichen Phänomenen und Eut- 
wicklun''eu <ler christlichen Welt vorüber.'egangen, als wollte man uns 
absperren \\'n den lunflüssen und den I<<:hren, die uns die Historie seit \ 

dem sechzehnten Jahrhundert gegeben hat. Der Protestantismus hat l. 

sich zum Rationalisnms und dieser zur modernen Philoso])hievnngebjldct. 
Das Judentum mit dieser letztern zu vermitteln, dürfte wühl, wenn 
ich nicht irre, als der Kern Ilirer Bestrebungen anzunehmen sein. 
Allerdings aber dürfte vorderhand noch freie ungehinderte Parrhcsic 
innerhalb des Judentums nicht anzuraten sein. Unsere heutigen Juden 
und sogar die gebildeten sind noch zu wenig geläutert durch das kritische 
I''euer, um das sogleich gutwillig aufzugeben, was sie bisher für ihr 
Teuerstes und Eigenstes zu halten gev.'ohnt waren. Isichtsdestowenigcr, 
glaube ich, müssen wir ims hüten, einen positiven Glaubcnsinhalt auf- 



l 



etc. j 






^'Vou ..Vidmclir" at\. ist der Absatz in dem Konzept, das viele Kin- 
fiij;iinj:eii enthält, aber auch viele dadurch notwendig werdende StrcJchnu(;cu 
vor/^nelnnon untcrläLU, durchijestrichen. 

y^Voii „mehr" bis „fmdeii" ist im Konzept durchgestrichen. 



f 



zustellen, der deswegen, weil er jene Theorie noch nicht erreiche, in 
kurzer Zeit mit der Zähigkeit des r>eslehen(len sich ihr ebenso starr 
gegenüber stellte als das talniudischc Judentiitn den neuen reforniato- 
rischen Bestrebungen. Das Dilennna, das ich bezeichnet, ist also ein 
doppeltes und kurzweg das: Der Talmud ist zu negieren, an die Re- 
staurierung des ^rosaismus kann nicht gedacht. werden, was werden 
Sic also als positiven Glaubcnsinhalt aufstellen? Kin solch positiver 
Glaubensinhalt dürfte aber wohl unumgänglich nötig werden. Ferner: 
mit dem wahren Vollgchalt unseres Wissens und i:)enkens frei 
herauszutreten, ist noch nicht möglich. Zugleich muß aber darauf 
gesehen werden, nicht zu weit zurückzubleiben hinter den Errungen- 
schaften der deutschen Wissenschaft und besonders darauf, daß nkht 
der Glaubensinhalt, der jetzt zu konstituieren, wenn er herausgetreten 
aus der Form seiner Flüssigkeit und sich zur historischen Gestallt ver- 
festigt hat, seinerseits sich in den Gegensatz werfe zu der über ihn 
hmausgegangenen Theorie und seinerseits eine starre Schranke bilde, 
die eist unter den wiederholtcu Streichen der Theorie gestürzt werden' 
müsse, um Fortgang möglich zu machen. — 



• c • 



Ein Jahr später zieht Lassalle die Folgerung aus seiner im Geiste 
Hegels vorgenommenen Analyse des Judentums. Der Bruch mit der jr<iL-chen 

V/elt vard offenbar. In einem langen Brief an die Lutter vom 30. Juli 
1844 "begründet Lacsalle seine Abneigung QQQ&n den oberflächlichen 
, gesellschaftliche i Verkehr, der ihn veranlasst habe, Srholung in der 
Pflege der - Heitlcunst zu "suchen. Die dialektische Liethode brilliant 
handhabend, untersucht ■ er aus diesem äusseren Anlass das \]^:2,ön der 
grossen antiken Kulturen, insbesondere auch der "V/elt des hebräischen 
Volkes". Die jüdische Religion ist für Lassalle die Religion der harten =» 
Knechtschaft vor dem abstrakten Geiste, die Religion des Unglücks. Daruni 
sei auch die Geschichte des jüdischen Volkes eine Geschichte des Unglüc-:3, 
das sich in biilen und Knechtschaft realisiere. Kein Volk sei von so 
namenlosen Leiden verfolgt v/orden v/ie das jüdische: aus dem einzigen 
Grunde, v/eil es die geistige Stufe, die die V/elt in dem jüdischen Volke . 
übervdnden müsste, die Stufe der Zerrissenheit, der Knechtcchaft, des 
Unglücks ist. Dieser hässliche Geschiohtsverlauf stelle für den Denker 
allerdings -^vieder eine Schönheit dar, im jüdischen Volk habe sich der 
Geist zum erstenmal gegenüber der Natur und aller Kreatürlichkeit, die 
den älteren Religionen eigentümlich sei, als das Höhere erfasst. Dieser 
Geist sei jedoch bloss die kalte ^]]inseitigkeit der Abstraktion, noch 
nicht die totale Fülle des Geistes. Darum sei dieser Riss ohne Versöhnux-.. ;, 



V •• 



A/ 



* 



K :.' 



Ferdinand Lassalle. Nachgelassene Briefe und Schriften, %. von 
Gustav Mayer. Erster Band. Stuttgart 1921. Deutsche Verlags- 
Anstalt, s. 106-114. , ■ ■ ' . ■ 



•n 



$ 



die ihm erst im Chriatontum worclo, wo dor Goiat als dor totale orfasst 
wird - im Prinzip dor Liobe, 

Diese GodanlcGn hat Lassalle in einom noch umfon^jreichoren, am 6, 
Soptemhor I844 an seinen Vater gerichteten Brief fort^Gspoiinen. Das 
Christontum erscheint hier als die Reli^Tion, welche die Berochti^^ung 
aller Persönlichl<:eit verkündet, freilich nur in der religiösen Sphäre. 
liun müsse dieses Prinzip in dör diesseitigen V/elt. in der gesellschaf t- 
lichün Sphäre durchgesetzt werden, 

Hegel v^ar Lassalles philosophischer Lehrmeister, Aher mit einer seinem 
eigenen Wesen entstammenden Leidenschaft strebte Lassalle einem jen- 
seits der Sphäre des Denkens liegenden Ziele zu: der Umsetzung dor 
philosophisch erfassten Idee in die Realität, Durch seine dialektische 
Speloilation v/ar er zu der "i^insicht gelangt, dass das Zeitalter der 
Industrie zu einer völligen Selbstentäusserung des Menschen durch das 
Geld geführt habe. Dieser \7elt, in der die sozialen Gegensätze einen 
solchen Grad erreicht haben, dass sie "einer organisierten Räuberbande 
gleiche", sagte Lassalle den Kampf an, 

^r wartete nicht auf die grosse, im Zuge der welthistorischen Vor- 
gänge herannahende Chance, Im llikrokosmus seines eigenen Lebens stürzte 
er sich in den Kampf q^z^'^ ^i® feindlichen Mächte brutaler Unter— 
drnckung, ^ . z^- 

M^iii^Tr^.W^^^/i^^''^^ -^ ^S'"^"^© ®^ i^ Breslau,. zv/iA UC; u.<^/[_ 

Berlin Philosophie/;;'studiert. In den letzten l-.Ionaten des Jahwes iSAJo)^ 
reiste er nach Paris, um dort seine Heraklitstudien fortzusetzen. Die 
Freundschaft mit Heine war die schönste Frucht dieses ersten Pariser 
Aufenthaltes, SELHXEiiii dem er auch die Französierung seines Fartiilien- 
namens Lassal in ^&^ /^ix^'a^^tp Lassalle vornahm, llit Heines begeistertem, 
ihm alle Türen öffnenden Iilmpfehlungs schreiben an Varnhagen versehen, 
kehrte er Litte I846 nach Berlin zurück. In kürzester Zeit fand er 
Zutritt zu einem gesellschaftlichen Kreis, der die Spitzen der Univer- 
sität und die geistigen Elemente des Hofes einschloss, darunter ins- 
bssondere Alexander von Humboldt, in dem er bald einen ihn hoch ein- 
schätzenden Gönner fand. In Berlin bege^piete er auch der um ^ranzig 
Jahre älteren Gräfin Sophie von Hatzfeldt, die mit siebzehn Jahren 
■Rdmund von Hatzf eld-Wildenbu^rg, einen dor reichsten Magnaten am 
Niederrhein geheiratet hatte. Trotz ihrer Schönheit und hohen geistigen 



^ Vom 3. Januar 184^. 



i i/i/./^^^.-f./^-'- ^-^^^ 




/ 



Gabon vAirde sie von ihrem Mann f^ehasst, misshandelt und verfol^f^t. Dor 
Graf liess sie ohne alle Suhsistonzmittel, entzog ihr die Kinder. 

Lassalle beschloss, die Sache der Gräfin Hatzfeld zu seiner eigenen 
zu machen. In einem fünfzehn Jahre später geschriehonen Brief ^ 
hat er diesen Au^enhlick f estg:ehalten, / /(" 



( ' ) Lifcssallo an Sophie Sontzoff 






( . 



ijf << /•• 



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Ganj iiif^UIÜi ivrir icli ru^^^c^cn, nlö tcr Graf ja ^(nfan«,-; 
ISiGfii-f^ r.ciicr Untoten oi^'^cn feine gaiu [cf^ultig n:ad)te. 
3 in Sinter 1S15 Kitte niau eine neue ^\'r[clMiun}} 
V-rifciicn ifvncn 3uf^lni:ccctn•ndf^t, iric immer aber i^on 
feiner ceitc nur aii{ler;irr\ ^n; \!Ipri( 1816 fctitcn (ic 
ivicccr 5u[unr.ncnronnncn. llinfuitl Ik^i 511 tun, [c!;iricS 
tcr Gviif I'urj rcrhev an ten ^;iniciten Z-Qhx tcr Gräfin, 
'i.\:i:!, ten [ie anbetete iint ter \\c ;'riilicr; ticSte, büs< 
cin:i3c f\int, tvi:> tcr 6vcf iJ^r nicfit (^attc entreißen" et er 
c!:ircntij3 mnif cn lonncn — ■ tcr Örnf, fa^c id), jcf;ricb 
ini-jjcDcim tiefem iMcvtcf'njwU^riacn ZqUk, toj; er ii;n 
cnicr^cn n^ürte, ircim er tcr S^i^uttcr nicT^-t Ocinüiü;cnrcifc 
cnt'*;ie!}e. ^Jaul bro.c^ic tiefen "iT'vief [einer S^^iiiltcr; id) 
triif fic t'on ^rnnen unt .^vunnr.cr nieterv'ict'cußt on uut 
crfurr ncicn unt nvK(> ifMc go.ntc C^cfcricf^tc. 

Xi-nnen v^ic, Ci>^^f-'ie, l'.-:'^ \\\h}{ einen rid'ni^en ^.^eßriff 
iTn tcra (fiatruct UMC^cn. tcn tiefe CkfcMcMc in mir, 
c'v.Kwx cifiii^cn Diccoln:-!:::.'-;, f'errcrricf, öii> id) fic an:. 
CLl;ert (mite, cfö n;ir ^!c Or^^fin tic unumfic^Iiri^cn 
Ccircifc tcr Zcif.iG'^cn in tcr v^vrrrefpentcnj^ mit i!)rcn 
^\''r}rnnttcn unt nntcrc;: '«^cpicrcn <}e;3cl:en Bütte? 

'^6) fo^ "^ox mir, in tcr 'Tv^rfcn eines cintcinen in: 
tiiMtucIIcn Setenr-, tic >l?c::crperunij cller cmpcrentcn 
H:-.3crccf>l:rJcitcn tcr i^cvvilietcn Seit, tic -^eriorpcrung 
r.ifcr ^r-'int-vviiivfc tcr i'?vO,r:{, tcr dn^irolt unt tc6 2^cid}s 
lunie, jevicfMct c\^cc[,c,\ tcn ^E'dV.rncTH'n, ollen Ilrurf 
imfover foiicfcn Crtnung. 

178 »^ 






/■ 



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.,» ' ' 



» Vgl. Anm. zu Brief Nr. vom Septemter OMoDer 1860 . 



Stefan Orossmann« Ferdinand Lassalle, Bariin 1919« S.178/8I. 



• 




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^ub bin '."»f-n jcncv ein ^'.cviuticniir üii& tcv cchiilc 
?u4'crpicrrc p^cjvcfcn, tcr in feiner Acnftituticn (cf^ricb: 
„ci.^3;alc rmtcitn'icriinv] if» er, ivcnn c^iici) nur ein cin^ißcs 
o'nti'jituum r.nlcvtvudt irirt." ^Ä) füF» tcn vcKcn 
C2>,ci:-nui[«, tic i^'.njc S'-'^'üvCii ^^^ nrifirfmlifcf^^n ^clt, 
rocIc!;c ticfcj cllc ^^cfcn ih'cn Vertiefen unfc angc^ 
faulten 5.^orurtcifcn cv'fcrlc. OaKf^tcni ict) tiefe ganjc 
0)cfc;-icf\lc lInte:•fnd^t fmltc, erlanntc ict> htM, ir-ß tcr 
irar>re Urfprung unb tic Urfnci;c tcß Unv;lKac> ter Gvifin 
nnv in teni ^Itel ifv;ev (Zcclc liij;!, tic \d\) nie vor tc 



m 



tnvunnifi.i;cn Gicift if-'rcD i?innncö cvnietriv-]cn unt unter? 
ircrfcn ctcv feineu uniruvti^cn SiUinen Fatie fdv;ncic'.;cln 
ircUen, tic nie tic dhuntf^^.rc tc? cdu'ncn, Scf^rcn 
unt CrfMbcnen Kitte v^erlcunncn jrcUen. %6) fciB, top 
tiefe 3^^ii fiü''' iraBrent einer Oleif^c i^en jumnjis ^^l^T^cn 
im Unrjucic oer^ch-t (Hitrc, nicl;t c^glcicf^, fcntcrn ircil 
fic i^rotjcr unt cMer ivnr nlö fill'c?, ri\i& iff> biä tö.^in 
iin^ctrcffen flotte. 

3rf) fu\:nuc nun) für tic ?;^enfc(^f>cit! 

llnt iiUe tiefe ^cfNvcden unt Untcrtrudunaen flcgcn 
ein '.vcl^rlofcc !l!}cib ! o*? fcJn^nuc nn'cf» meiner Ovation ! — 

C:^ ifi irj:fr, e? fcMt meiner O"lalion — \i) fprecfte 
nii.;i vcn tcni nietern Q3cIiC/ tiefen bot ricl Cteinmt — , 
ec^ n^irij^elt tcr teulffpcn ^Irificlratic unt ^cur.iccific 
jcte cpuv i"^on ?MttcvIi.^Ieir. ccnfi iisne fo etjr.T? nicf>t 
r.ic.Viic?» Qcivcfen! 

^^l^^ ferste mir fclwü r.lfc: r?'i-uc nieu;nnt f^v^en fonnen, 
tii^ tu alicj tics fennf: unt trcptcni tiefe 3'^" ^i'l'is 
erm'ircjcn Ic^t, ebne if^r ju jjilfc ;u fc:nmen. Senn 
tu ta5 tuft, när nrelcf^eni ?]cv1;:c irurtcf: tu enteren 
if'Tcn- (Tvjci^Tnuö unt ibre 'Jci^bcii v?;:vcrfen fonncn. 

« 

%:.) irsr ein iur:cr ^r^cnfd) t:cn i\-^v,\v.^ Sn^n-cn. %^ 
bulle' eben tic U:i':c;fitat i^cvlüffcn, tro icf; ^^^bilcfcpf;ic 
ftuticvtc. %q rc-.f.uiit) nici;»tö ücnS'uvicprutcnä. 5ilic^tö 
biett n:ic!) t-.:vucl 

' :i:cr Gräfin, ^v^r.;c nicbt mel;v vruflte, ivai fic Um 
feilte, unt fiic/en ircHtc, um ficf; ^caen tic i^cni C'iafcn 
vcn neuem öcrlor.lcC^cj^nfibir.c irvc: ^\ii;tcö i\\ fc!;urcn, 
fo^tc 'A)\ eic xS^.iy. \c\)x vjut, tu^ 2ic, trenn Sic tcn ' 
^^u-ctcjj beijinncn, i^cn ^bren C3crr:iintten im Z\\<^)i> 
Selaj'fcn ircvt cn, fic rocrtcn ficf; o^cc,v^ Sic ivcntcn, 
tric man Sinnen t:.i? immer scfr.ßt bot; cbcr eic iinffcn 
ct-cnfi'Gut, tau, eic i'cn tcr Seite nicbtj> ol^ Iccrc Sorte 
5u cubcffcn b^^^cn. Qcim eic cilfo fcf: cntfc^Icffcn fint, 
cnt:vctcr \\\ fic:c:; ctev :u ftcrbcn, fo trül \(^) S!;rc 
^[n£;e:c^cnbc:t in tiefe junijc, ober fiovlc XMnb nel;mcn, 
unb ic!) tcbr:eve %^)\\z\\, für Sic ju impfen biä 
jum 2^otc. 

eic r-:.:!c Q:-cri:u;:cn in i^r öuteö Siccbt, in i^rc unt 
meine ilrc.fie. eic n4^m meinen ^^cifcMo^ mit »ollcm 
iper^cn on. 



Hub ici), cir. r.:".".3cr, nuicPiIcicr ^uibc, crf^ct) ir.icf; 
ßcc^cn tic fi!ic:':'L.r.f:cn ^i/u'cMc — ico cllcin Qco^cn tic 
5]an^c Gell, cc:!cr. tic blecht tcs:^ OlniKa-i; unb tcr j}an5cu 
^^fvif.cf'.r.lic, rcrc:: tic ^acuH c'vAct unkiivcr.:lcn 2^cic(^s 
luni!?, (jc^cn ti: C^c^icvun^ luib (303011 tic Q^camtcn 
oifcr ^;vt, irclcfc ficli? tic natürlichen ^^cvluntclcn üon 
Sum^ unb Cacicf'liini [inb, öCQcn nllc nur nuöticncn 
53cviirtci!c. 

Unb jcf;t, ^cpt'i:, Begann ein ücnipf, (0 «^rcdlic^, 
ta5 lanc Sc^^'^ n'nc ^V^[cr;rci^unö 5« tiefern vermag; 
ein itainpf, tcr meine crpc Si'öcnfc» vcr[ci;hin3cn Dot, 






ein ncun;\'I;ri3cr v^..v.r.pf, vcll bcr (;;rflu[amf.cn £eibcn 
fiir tic Gräfin unb für ini:!;; ein v^anij>f, ter jctcn ^ccj 
nrit ur.bcnlbarcn Gcfr.^rcn ycrtnmbcn irnr, ein un« 
int^^iicrcr v^ampf, in bcni id) c&cr nicf;t ein ciniißcö 
?':ial auc:) nur iini ci:;:n dvritt jnrucrccrjicjcn Hn, 
ii:;b tcn id) entließ cU cic^cr, nut einem ijollcn ^riumf.I;c 
I'ccntct t^chcl S::\\tc noc^, \co;i ^akc vss") bicfcin 
(icßrcicT'cn Cnbc, lann id) cö [clbft foum Iccrcifen, lüic 
c^ nuvjirp ßeii^cfcn if:, tuj ia; ganj ßllein geßcn cti[jc 
cilfcr tiefer »crcinlcn ^lhü)tc pnb^'ulten unb ben Sieg 
cru^.nipfcn fcnntc. . 



^* 



Die6)4»tSriMtfye»taMfQLjig04ßr4fü;^fz4^y^iP7J'ahre geschrieben. 
- ^^V / ; 

Ygl, hierzu Ferdinand Lassalles Nachgalassene Briefe und Schriften, 
Bd. I, Nr. 78ff. Lassalle hatte im Frühling I846 sich "bemüht, durch 
Bestechung üJinhlick in die Korrespondenz des Grafen von Nostitz, 
des Schwagers der Gräfin Hatzfeldt,zu gewinnen. Die Sache kam vors 
Universitätsgericht. Da Nostitz Generaladjutant des Königs war, so 
wurde anfangs von der Polizei angenommen, dass er sich wichtiger 
Staatsgeheimnisse zu bemächtigen beabsichtigt habe. 

, _ . Ber Schatullenpro zess in Köln. Eine getreue Darstellung der 
Assis enverhandlung zu Köln am 24. November I846 über den Kammer- 
gerichtsassessor Felix Alexander Oppenhaim aus Berlin, Düsseldorf - 
1846, Stahlsche Buchhandlung. 




In SGinom Kampf für das Recht dor Gräfin Hatzfoldt standen Laasalle 



■X- 



zwei Jui^^andfreunde zur Seite: Arnold liondelasolin und Aljxonder 
Oppenheim . Die "beiden ü'bqrnahmGn die {gefährliche I.lisnion, ±r der Rhein- 
provinz juridische Beweise für die verschv/enderische Lehens weise des 
Grafen zusammenzubringen, um c^gen ihn den Prozess auf T^hescheidun£^ 
und Beschla^Tiahme wegen Verschwendung heginnen zu können. In Ausführung 
dieses i"^eld zugsplanes entv;endete^^ Oppenheim am 26, August I846 
der r.aitresse des Grafen, Baronin Meye^dorf , in einem Hotel eine 

■ 

Kassette, in der er vd-chtige Beweisstücke vermutete, insbesondere eine 
zueTunsten der Baronin ausgestellte Schenkungsurkunde, durch welche die 
Rxistenz des einzi^ren dor Gräfin verbliebenen Sohnes Paul gefährdet 
vAirde, Die katastrophalen I^blgen dieser Tat stellten sich unverzüglich 
ein; Oppenheim wurde verhaftet, während Mendelssolm, der die Kassette 
verborgen hatte, ins Ausland flüchten konnte. Oppenheim v/urde zv/ar 
von den Assisen in Würdigung des Umstandes, dass er sich durch die f'^t- 
wendung der Kassette nicht bereichern v/ollte, freigesprochen, aber die 
aufsehenerregende Af faire v;ar damit keineswegs beendet. 

Heben den drei Haupt angeklagten wurde Lassalles Vater am stärksten 
, in llitleidenschaft gezogen, Rr fürchtete für die Karriere seines Sohnos, 
vorstand seine Beweggründe nicht, half ihm aber immer vdeder finanziell. 

( ) Heyman/ Lassal an Lassalle 

Breslau, d. 13. Oktober /l8746. 



^r«iesseii-vcrd-icnc-ich~<lergJeicüen i^enicrkungca-iiichyTDu weißt nur 
zu gut, mein vielgeliebter Sohn, daß ich Dich sehr lieb habe, daß ich 
zu allen Zeiten viel mehr für Dich verwendet, als es je meinen Ver- 
hältnissen angemessen war und es mit Bereitwilligkeit und gerne ge- 
geben, allein das Unmögliche kann man nicht möglich machen. Ich 
übersende Dir anliegend abermals 500 Rt., sage fünfhundert Taler, 
es ist alles, was ich zusammenbringen konnte, und daß es mir schwer 
geworden, magst Du schon aus der Verzögerung ersehen, daß ich trotz. 
Deines Verlangens umgehender Antwort Dich vier Tage lang warten 
ließ, ohne antworten zu können. Sei ülxirzeugt, geliebter Sohn, daß, 
wenn ich es imstande wäre, so würde ich Deinem Wunsche entgegen- 
gekommen sein. Allein ich sage mit Luther: Gott helfe uns beide.:, 
ich kann nicht weiter! — 

Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, daß sich Deine Angelegen- 
heiten bald auf eine solche Weise gestalten, daß Du nicht solchem 
drückenden Kummer ausgesetzt sein mögest, obschon ich, ehrlich ge- 
standen, für das Gelingen der Prozeßangclc'gcnheit keine sonderliche 



* &i i$ "Im Jahre I846 hatte ich in Berlin zwei sehr intime Freunde, 

"beide sehr hohen und reichen Familien Berlins angahörig. 
Mner von ihnen, Oppenheim, war Richter an einem Ohergerioht 
in Berlin, was bei iins ein hohes Amt ist. Er war der Sohn 
yhmf eines der reichsten Bankiers Deutschlands, Sein Vater 
hesass fünf "bis sechs Millionen Taler. Dar andere, Mendelssohn, 
war Arzt und gehörte einer nicht minder vornehmen und angese- 
henen Pamlie an. Beide ^.varen älter als ich. Aber ich hatte zu 
allen Zeitan die Gabe, dass die Menschen anf meine Stimme hörten. 

Ich setzte ihnen die Geschichte dieser Frau auseinander und 
-- — fragte sie, ob sie auf Tod und Leban mir helfen wollten, sie 
zu schützen, und ob sie, wenn es sein müsste, vjohl auch ihre 
eigene Rjcistenz zu opfern bereit sein v/ürden. Sie soh\7oren s 
mir zu," 

AU^i Fejjdinand Lassalle von Stefan Grossraann, Berlin 1919« 
S.I8I,) 



Gustav Mayer a.a.O. Bd. 1, S. 277/78. 




^ 



Hoffnung hege, keineswegs [in] solcher kurzen Zeit, als Du den Aus- 
gang zu hoffen gezwungen bist. Ein solcher Trozeß kann sich noch' 
viele Jahre verzögern, und wenn die Gräfin in der Zwischenzeit nicht 
ihre gewöhnliche Apanage bekommt, wo willst Du die laufenden Aus- 
gaben decken? Ich möchte mit dem frommen Psalmistcn ausrufen: 
„Wenn ich meine Augen der Zukunft zuwende und frage, woher soll 
iilfe mir kommen? Die Hilfe ist von dem Herrn, der Himmel und 
Erde geschaffen." — 



» ^ f 



Aiifan^^ des Jahi-es 1847 kehrte Lassalle aus Paris zurück, Schon am 
26, r.ärz v/urde er wegen Verdachtes, private Papiere Alexander Oppenheims 
widerrechtlich vernichtet zu haben, verhaftet. Es war die erste Haft 
von vielen. Der Vater empfand sie als furchtbaren Schlag, In einem an 
ihn und die Gräfin aus dem Gefängnis gerichteten Brief versuchte Lassalle, 
^Qin Vater zu zu trösten und zu beruhigen, 

( ) Lassalle an Heyman Lassal und die Gräfin Hatzfeldt 

/"ll. April \HlJ 



Ja, heut ist der ii. April, mein Geburtstag! Ich will mir daher 
auch einen Feiertag draus machen, ich lege Arbeiten und Bücher fort 
und schicke mich nn. einen Brief zu schreiben, uiclit über trockene 
Geschäfte, sondern einen heiteren Brief voll zwvckloscr rhmdeivim. 
Gewiß denkt man heute sehr sorgenden Her/cns an mich und stclll 
sich wunder wie groß mein Unglück und meine Trauer vor, daß ich 
meinen Geburtstag im Kerker!^ zubringen müsse. Wie kann ich alle 
die traurigen Gedanken, die man sich grade jetzt in dieser sell)en 
Stunde, in der ich schreibe, um mich macht, besser widerlegen, als 
indem ich den Beweis führe, daß ich zur selben Stunde in höchst ange- 
nehmer Laune, humoristisch gestimmt beschäftigt war, einen heitern 
Brief zu sehreiben. Zwar weiß ich noch nicht genau, an wen ich ei(;cnt- 
lich diesen Brief adressieren werde, an die verelirte Frau Grüfin oder 
an meinen heben, lieben Vater. Indes es bleibt sich ziemlich gleich. 
Denn obgleich es kein Geschäftsbrief ist, könnte mir doch noch irgend 
etwas darauf Bezügliches einfallen und somit eine Lesung von seilen 
der Frau Gräfin erheischen. Auch haben Sie nu'r, gnädige verehrte Frau, 
erst letzten Dienstag den Enveis gegeben, daß Sic auch an meiner 
bloßen Person bei weitem mehr Anteil nehmen, als ich Recht und 
Verdienst habe zu beanspruchen. Ihnen hierfür meinen Dank sagend, 

bitte ich Sie, dieses bunte Durcheinander von Geschwätz, wenn Sie 
CS gelesen, meinem Vater zustellen zu wollen. 

.Wogegen ich zunächst meine Bemühungen richten möchte, wäre, 
die übertriebenen Vorstellungen von dem großen und exzeptionellen 
Unglück, das mich betroffen haben soll, von der- Traurigkeit meiner 
Lage etc. zu bekämpfen.^^«^ ^HkT , dei mich i i äligrk^iint.'^w dß, ddß Ich' ^ 



•• ^ 



■^r •--rir''Y?, 



Gustav Mayer a.a.O. Bd. 1, S. 313/17« 



Lassalle sass vom 26. März bis 4. Mai I847 in Untersuchungshaft, 
!ilr wurde freigesprochen. 



C ^-^-J 



• 



% 



f 



UllClU OöLcraiehlscueü hiriii Saß; oder da Damen ihre Geschichts- 
kenntiiis gewölmlicb aus historischen Romaneu schöpfen, an den L»uc 
de Beaufort. ICukel Henri IV, der neun Jahre in der I3astille saß. Die 
Namen der Dichter. Gelehrten. Staatsmänner, die in neuerer Zeit saßen, 
würden Bücher füllen. Von allen aber, die je saßen, hat keiner mit 
so günstigen Aussichten gesessen, so schnell wieder freizukommen 
wie ich. 

Vor allem aber muß ich eine Äußerung meines lieben Vaters hier 
inkriminieren, die derselbe neulich tat, weil sie eine total unkritische Auf- 
fassung venät. Er sagte mir das letztemal, als er mich besuchte: „Ach, 
muß ich Dich hier in einer Kriminaluntersuchung wiederfinden, 
während ich glaubte. Dich auf dem Kathederitf wiederzufmden?!" 
Er macht also offenbar aus einer Kriminalhaft und dem Katheder 
Gegensätze, was aber total falsch ist; vielmehr ist heutzutage das 
Katlicder als der direkte, grade Weg, die eigentliche Vorhalle zum 
Kriminalgcfiingnis zu betrachten. Soll ich das cr\veisen ? Nun, das ergibt 
sich von selbst aus den Namen aller der Gelehrten und Schriftsteller, 
die bereits Fcstungsarrcst, selbst Festungsstrafc auf ihrer Katheder- 
karriere gefunden, andere befinden sich eben in Kriminaluntersuchung 
gleichfalls wegen Schriften unerlaubten Inhalts. Andere sind eben der 
Majestätsbeieid igmig angeklagt. Gestern las ich in, der Zeitung, daß 
eben Steckbrief gegen Stadtgerichtsrat Siraon-^-ffn Breslau seiner 
Kritik des Patents vom 3. Februar wegen erlassen sei, ein sonst höchst 
respektabler Mann. Wie kann mein Vater Katheder und Kriminal- 
gefängnis in Gegensatz bringen? Das streitet wider alle Erfahrung. 
Und wenn mich nicht die besondere Verwicklung der Umstände auf 
vorübergehende Zeit (denn seiner Zeit dürfte ich dahin zurückkehren) 
von meiner Kathederkarriere abgezogen hätte, so wäre es sehr mög- 
lich immerhin, daß mich heute mein Papa ebenfalls in einem Kriminal- 
gefängnissc fände, aber in einer Kathedersache, was jedenfalls weit 
bedenklicher und unangenehmer wäre. Und kommt Zeit, konnnt 
Rat. Proudhon wurde wegen seines Buches ,,Qu'est-cc que la pro- 
pri6t6?" vor die Assisen zu Bcsan^on gestellt. Ehe die Sitzung 
bcgami, kam ein Courier aus Paris, das öflcntliclic Ministerium solle, 
wenii Proudhon von der Jury für schuldig befunden würde, den schwer- 
sten Strafantrag stellen. Hätte die Jur>' Proudhon für schuldig 

befunden, so hätte er zwölf Jahre Galeere bekommen!! Zwölf Jahre 
Galeere dafür, daß er sich des Schlafes beraubt, um ein großes und 
gedankenvolles Buch zu schreiben, welches durchaus nicht einmal 
aufregend geschrieben ist, welches bloß streng kritisch und wissen- 
schaftlich das Eigentum behandelt! Zwölf Jahre GaleereJ Dagegen 
sind ja unsre Strafen in Preußen noch ein Kinderspiel. 



*- ^ 4^ 



.' 1 



• 



• 



U. Haie."', 



Lassalles ursprüngliche Absicht war, sich in Berlin an der Universi- 
tät zu habilitieren. Noch auf eine Anfrage des Ministers des Innern 
vom 2, Juni I847 berichtet der Berliner Polizeipräsident von Putt- 
kammer: "Lassal, welcher übrigens nicht doctor promotus ist, sondern 
seiner Angabe nach nur die Lizenz ¥u Vorlesungen bei der hiesigen 
Universität jedoch vergeblich nachgesucht hat," 



^^ Heinrich Simon (1805--I866), der liberale Politiker, hatte eben seine 
bekannte Broschüre "Annehmen oder Ablehnen" erscheinen lassen. 



/€' 



'^ 



Am 4. I.ai v/urde Lassalle freigesprochen und aus der Unterauchun,;'"^- 
haft entlassen. Durch diesen und Oppenheims l<^eispruch ermutigt, kehrte 
Arnold Iiondolssohn im Juni 1847 nach Deutschland zurück.^ r']r vmrde in 
Köln verhaftet und zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt, l^ohl gelang es 
den Bemühungen der Familie und der lA'Jrsprache Humboldts, eine Milderung 
der Strafe zu ervdrken, so dass Mendelssohn im Mai I849 aus der Haft 
entlassen vAirde; die Herabsetzung der Strafe war jedoch an die Bedin^rung 
geknüpft, dass er Deutschland auf immer zu verlassen habe. l'Jr trat in \ 
d^:in Dienst der ungarischen Revolutionsarmee und ging später mit anderen 
ungarischen Flüchtlingen in die Türkei, Im Jahre I854 nahm er am Orient- 
krieg gQQQXi Russland als Arzt eines türkischen Regiments teil und fand 
in der ITähe des Ararat den Tod. 

Da man Lassalle nicht zu unrecht als Anstifter der Kassetten-Ang .legen- 
heit betrachtete, \\airde (^Qg^n ihn ein Kriminalpro z es s anhängig gemacht, 
worin er als der intellektuelle Urheber des Kassettendiebstahls angeklagt 
VAirde, Lassalle begrücste den Prozess als die Gelegenheit, vor aller V/elt 
den Streit z;7ischen der Gräfin und ihrem Kann kundzutun und dadurch den 
Grafen moralisch zu vernichten. 

Sieben Tage dauerte der Prozess vor dem Assis eng jrichtshof zu Köln, 
Lassalle hielt eine sechsstüdnige - später im Druck erschienene -n 
Verteidigungsrede und wurde an 11, August I848 freigesprochen. Es war 
der erste grosse, der entscheidende -^Sieg seines Lebens, Er hatte mit 
einem Schlage den Ruf eines unvergleichlichen Redners und eines Liannes 
von grenzenloser Energie erworben. Als er mit der Gräfin in Düsseldorf 
ankam, wurden beide von der Bevölkerung begeistert empfangen. Die I.lenge 
spannte ihnen die Pferde aus und zog ihren V/agen durch die Strassen, 
Lassalle deutete das lüotiv für diese enthusiastische Kundgebung folgen- 
dormassen: das Volk habe begriffen, dass dieser Prozens im tieferen Sinne 
durch die darin zutage getretene Auflehnung QQg^n die Unterdrückung 
ein politischer war. 

Dennoch hatte LassaHa noch viele Kämpfe zu bestehen, bevor er nach 
weiteren sieben Jahren sein Ziel, die Gräfin von der Despotie ihres 
Mannes zu befreien und ihr Vermögen für sie und ihren Sohn Paul zu 







"Meine Verteidigungsrede mder die Anklage /Ä«^' Verleitung zum 
Kassettendiebstahl gehalten am 11, August I848 vor dem königlichen 
Assisenhofe zu Köln und den Geschvrorenen von F. Lassalle^" 
Köln 1848, Verlag von Wilhelm Oeven. 






C G.M._7 



4 



% 



// 



r/tten, erreicht hatte. 

Dieser i^rfol^:, den er seihst als den "Triumph seinoo Leh,-nG" hezeich- 
nete, hcdeutete für Lassalle weit mehr als eintn ^^cev/onnene» Rechtsstreit. 
T^r fassto die Affaire der Gräfin Hatzfeldt als ein Vorspiel der Revolu- 
tion auf. llit unheirrharer Konsequenz wandte er die Kate^oriGn der 
Heroischen Geschichtsphilosophie auf seine persönlichen, v/ährend der 
Kampa^Tie gemachten ^Erfahrungen an und unternahm in einem an die Gräfin 
gerichteten, dem Umfang und Inhalt nach eine philosophische lionographie 
darstellenden Brief, den Versuch, den Kampf. ^Qg^n den Grafen Hatzfeldt 
in eine v/eltgeschichtliche Perspektive zu rücken. 

( ) Lassalle an Sophie von Hatzfeldt 

/" Undatiert. J 



Die freie Persönlichkeit kämpft für die allgemeine Anerkennimg und 
Geltung ihrer innem Wahrheit, ihres Prinzips. Das zur aUgemcinen 
Anerkennung und äußern Geltung gelangte Prinzip ist das — Recht. 
Sie kämpft also um ihr Recht und auf dem Rechtsweg. Das Recht 
ist aber zugleich der ver^\^rklichte Ausdruck der alten Gesellschaft 
und ihres Prinzipes. Das Gesetz steht daher allüberall der neuen Wahr- 
heit entgegen, und ebenso sind die Rechtsprecher die Vertreter und 
Wächter der alten Wirklichkeit in der Gesellschaft. Es ist also in dem 
Kampfe der freien Persönlichkeit der absolute Widerspruch vorhanden, 
daß sie die alte Welt bei der alten Welt selbst verklagt. Sic kann 
also bei der alten Wirklichkeit, welche dem Gesetze der Sclbsterhaltung 
folgt, unmöglich gegen sie selber Recht erlangen. Das Be\\-ußtsein oder 
auch der Instinkt dieses Widerspruchs, nicht bei dem Alten gegen das 
Alte selbst Recht finden zu können, treibt ^daher mit absoluter Not- 
wendigkeit die männlichen Vorkämpfer für die freie Persönlichkeit, 
welche als Männer das Element der Tat an sich tragen und als Revo- 
lutionäre die Rücksichtslosigkeit des Handelns besitzen, dazu, durch 
ihre eigene Kraft sich Recht erlangen und nehmen zu wollen, d. h. zur 
Selbsthilfe, zur Gewalttat. Von hier aus empfängt der Kasscttcn- 
coupH seine Notwendigkeit; der Kassettencoup allerdings als dieser 
einzelne Akt war zufällig und hätte unterbleiben können, aber dann 
wäre an seine Stelle eine andere Gewalttat getreten. Was notwendig 
war, war, daß es zur Gewalttat kommen mußte. Jener Widerspruch 
mußte von vorneherein dazu hintreiben. Und darum mußte ich mich 
von Anfang an in einer Reihe von Gewalttätigkeiten bewegen. Die 
Nostitzsche Affäre^^rder Meyendorff-Brief, der Kassettencoup, die Zer- 
reißung der Papiere durch Oppcnheim^jTQie Zerreißung derselben 
durch mich usw. bieten eine Serie von Gewalttätigkeiten dar, die durch- 
aus nicht zufällig sind. Das Bewußtsein, das zu bekämpfende Prinzip, 
das man zum Feinde hatte, zugleich zum Richter zu haben, nuißtc mit 
Notwendigkeit zum gewaltsamen Versuch treiben, sein Recht aus sich 
selbst erlangen und schöpfen zu wollen. 

Indem sich aber die freien Subjekte zur Gewalttat erhoben, haben 
sie damit aufgezeigt, welches die eigentliche innere Grundlage ihres 
Kampfes ist, Sie haben in ihrer Verachtung der allgemeinen Wirklich- 
keit und ihrer Gesetze gezeigt, daß sie den absoluten Gegensatz derselben, 
das Prinzip der freien Persönlichkeit, zur Geltung bringen wollen , j-^-^ 

• / 



/^ 



haben damit dargelegt, in prinzipiellem Gegensatz zu allem gegen- 
wärtig Geltendem zu stehen. Deswegen erheben sich nun die Wächter 
des Geltenden, die zu seiner Aufrcchterhaltung bestallten Ämter mit er- 
bitterter Wut gegen die freien Subjekte und schleppen sie immer und 
immer wieder vor die Gerichtsstüttc, um erklären zu lassen, daß sie sich 
am Wirklichen vergangen haben. Sie zählen Gewalttat nach Gewalttat 
auf und sind ihres J^rfolges sicher. Da aber der Richter aus den frei be- 
weglichen und nur auf ihr Gewissen vereideten Gliedern der bürgcr- 
licl:en Gesellschaft ist, und da das neue Prinzip allüberall bereits inner- 
lich die Grundlagen der alten Wirklichkeit unterminiert und die Ge- 
v/issen also, welche die innerliche Gnmdlagc des Bestehenden sind, 
infiziert hat — rufen die freien Subjekte mit erfolgreichem Trotz die Ge- 
walt und das höhere Recht ihres innern Prinzips gegen die faulenFormen 
des Geltenden an; sie vcrwandehi, da der Geschworene nur auf sein 
Gewissen vereidet ist, die Tatfrage in eine Gewissensfrage, und der 
in seinem Gewissen geteilte Geschworene kann sie nicht verurteilen, und 
sie gehen, durch die um sich greifende Macht ihres Prinzipcs beschützt, 
frei und als Sieger aus dem Kampfe. 

Zugleich aber haben die Subjekte, indem sie durch die Gewalttat ihr 
allem' Bestehenden entgegengesetztes Prinzip frei darlegten, die weib- 
liche Individualität und die Sache derselben, für die sie kämpfen, die 
notwendig mit ihrem Prinizp identisch »ist, als den absoluten Gegen- 
satz der sozialen Grundgesetze zu erkennen gegeben. Sie haben dadurch 
den Gegensatz der Wirklichkeit gegen die kämpfende Sache der weib- 
lichen Individualität geschärft. Freilich konnte man sich über die Be- 
deutung der Gewalttat noch täuschen und sie als zufällige und ver- 
einzelte hinnehmen, so daß die Sache der freien Persönlichkeit selbst 
noch, immer dem jungem und also 'beweglicheren Teile des Richter- 
standes vSympathien erwecken konnte. Obgleich die tiefer blickenden 
alten Rieliter des Kassationsgerichts uns schon damals entgegen 
v.'aren. 

Als aber bald darauf die allgemeine Gewalttat ausbricht — die 
Revolution von 1848 — , als der Gedanke- der freien Persönlichkeit auch 
seine äußere politische und ökonomische Verwirklichung erorbera will 
imd den Kampf dafür auf Tod und Leben der alten Gesellschaft an- 
"kündigt, da mußte der prinzipielle Gedankenzusammenhang der all- 
gemeinen Empörung mit der individuellen, die Identität zwischen der 
Realisation der freien Persönlichkeit im Gebiet der staatlichen Geltung 
und des materiellen Bedürfnisses und andererseits im Gebiet'des ethischen 
Verhaltens der Geschlechter zueinander auch den Borniertesten klar 
werden, imd die Wirklichkeit wurde implakabel gegen Sie imd mußte 
€s werden. Das Proletariat in Köb ergriff im Instinkte dieses Zu- 
sammenhangs in meinem Assisenprozcß ^^ in Köln enthusiastisch für 
mich, die Richter schonungslos für Hatzfeldt und gegen Sie Partei. 



fc- ff 



■ Da haben Sie eine begriffliche Darstellung Ihrer Geschichte. Er- 
kennen Sie die innere Notwendigkeit derselben an. Erkennen Sie an, 
auf welchen Zeitgeistes Schultern Sie stehen, wer Ihre Vorläufer und 
Vorbereiter waren, und stärken Sie sich an der unausbleiblichen Not- 
wendigkeit, mit welcher Ihr Prinzip dem Siege und die Wirklichkeit, 
mit der Sie kämpften, dem Untergange zueilt. 



// 



Als sich Lassalle nach Boondi,r;un{^ dor IIatzfeld-A.f faire auf eine 
Orientreifje "bCif^al), erfuhr er in Konstantinopel die volle Wahrheit 
über das Schicksal seines treuesten Freundes und '.Vaff onbruders 
Arnold Hendelssohn. Hun erst vAirde er sich der Grö.vso des Preises 
bevmsst, den er für seinen Sio^ hatte zahlen müssen. 

In die Zeit des Kampfes für die Gräfin Hatzfeldt fällt auch das 
erste Auftreten des Politikers Lassalle, Als die Revolution im Jahre 
1848 ausbrach, stürzte er sich kopfüber in das Geschehen. NAch einer 
am 22. Ilovomber I84Ö in Neuss gehaltenen leidenschaftlichen Rdde VAirde 
er verhaftet und angeklagt, die Bürger zur Bev/affnung gegen die könig- 
liche Gev/alt aufgereizt zu haben. Noch vor der für den 5. I'-^i 1849 

anberaumten Verhandlung veröffentliche Lassalle seine berühmt gev/ordene 

..» . •, ,.**> ein forensisches Meisterwerk. , , „ ^^ , . , 
"Assis enrede" Aus der Haft schrieb ^/^ 

an die besorgte llutter, 

( ) Lassalle an Rosalie Lassal 

2, 



/^ Düsseldorf £aö. Gefängnis, 25. 

&8> 



• • # 



freue nücf; auf fcic ^^'o^ctur luic ein ©Ott. ©ic 
tcr fcvnr^iiitrcffcntc %^oUo unll icf; meine Sanjcn 
iDcrfcn, unb icf; !;at>c im lun-aiiö -I^ittcib mit fccm 
^trmficiv ^cr fcic nojjlicr^c ^(ufcjabc l)ühcn iinrb, fciefc 
[pajjr>aftc imb \?crbvecr;cri[cr;c %if(aQc mir öeQcnubcr 
51; \3Ci'icibi(jen. ' - 

©icpoIitifcAcn^ßcvIJiUtniffciucrfccn iiiol;l3tcicr;fQnöktb 
311 einer cntfff;cifccnfccn Sofung gelangen mii[fcn. QnU 
irefccr fc^u't !i)cut[a;Ionb ivivflicf; uncbcr unt) für immer 
in fcic %\it)t fccr alten 3iip^^"^c imud — iinb fcnnn i[l 
ciUc 2I!nffcnfinafi eine ßü^e, nllc ^r;ilü[ep^ic ein btogcö 
(Spiel fcci; GciftcjJ, «[^Cvjet ein fcem 2irrcnr;Qiiö cnttoufcncr 
O^ürr, unb cö (jiSt Feinen ©efcanfcn in bcm JufaK bcr 
©cfcfpic^tc — , ofcer fcic S^eooTution )uirb IJalb einen neuen 
unb ent[cr;eibenbcn S^riumpf; feiern. 



^ 



t 



« 



Vgl.faTa.O. ~Bd. I^, 'Einführung S. 29 ff. 



** Anleine Assisenrede, gehalten vor den Geschworenen zu Düsseldorf 

am 3', Mai 1849 gegen die Anklage, die Bürger zur Betraf fnung gegen 
die Königliche Gewalt aufgereizt zu haben, Düsseldorf /^1Ö49_7* 



itefan GrosGmanni a.a.O. S. 50/52. 



/^ 



Ccfitcrcö r;at unj^Tcicf; incr;r mi)x\i^)c\nlU{)Ult <J3c-' 
rcit^J fancjcn nucf; tic efoiucn nii, ficf; fccni J^unbc bcr 
rciH>riilicn,Jvon S3LMfcr nnfcfilicOcn 311 ivoUcn. 

Süö iinrb ein ^racficu öcljcn! 2)icfcn grufjün}) (IcOt 

(^iiropo^in gciicr imb S^^^lmcn. 5Bcr boö nicf^t [icf;!, 

ift ein ^or. Oiuibc Gott bann unfrcr prcufifcOcn üBirt« 

iK>^ftI Surcf; bic Obyciubcrcrciflniffc finb jc^Jt iiucf; bcm 

;2)umniflcn bic 5fii(}cn flcoffnct, bic 9]oücni6cvmfot* 

^ flun^cn finb bcr (jrojjtc S^ol)n nuf SRccr;t imb GJcfclj Qc« 

' lucfcn, unb bic 2cr;rc mivb Feine Dcriorcnc fein. 

, ^(h fufl'c 3)id) unb bcn ^Jicr^cIicStcn ^üpa taufcnbmol 

unb fcr;c mit Un^cbulb einlegen Seilen cntcjeöcn. Cuer 

^uc^ licOcnber • 

S. finffalle 



Lassalle vairde zvrar, v/ie er vorausgesehen hatte, freigesprochen, 
aher in den nächsten "beiden Jahren war er kaum ein Vierteljahr auf 
freien Fugs, da er iraraer wieder revolutionärer Umtriebe für schuldig 

"befunden vAirde, 

Die zväschen dem erfolgreichen Ahschluss der Hatzfeldt-Affaire 
,und Lassalles Wiedereintritt in das politi3C)e Leben liegenden Jahre 

ur/lö54 - l862j^ vra,ren eine Periode fruchtbarer wissenschaftlicher 
Arbeit, Lassalle veröffentlichte 18 5Ö das zv/eibändige Werk "Die Philo- 
sophie Herakleitos' des Dunklen von f^hesos", 1059 d.as historische 
Trauerspiel "Frans von Sickingen" und I86O "Das System der erv/orbcnon 
Hechte, eine Versöhnung des positiven Rechts und der Rechtsphilosophie". 
Durch diese in rascher Folge erschienenen, drei verschiedenen Sphären 
angehörenden Werke hatte Lassallo sich eine hervorragende Stellung in 
der gelehrten und literarischen Welt erobert. 



( 



) Lassalle an llarx 



Berlin, 17 . Dezember /lö57/. 
Potsdamer Strasse ITr. 131. 



Infolge eines von mir meinem Verleger gegebenen Auftrages wirst Du 
durch den Buchhändler David Nutt ein Exemplar meines Heraklit 
von mir zugeschickt erhalten. Nicht, damit Du es lesest, sondern nur 
als Zeichen meiner fortdauernden Liebe und Hochachtung. Das Buch 
ist seit der zweiten Hälfte November erschienen und hat das Glück 
gehabt, hier in der gelehrten Welt die merkwürdigste Sensation zu 
erregen! Ich habe die fabelhaftesten Briefe von Bpeckh, IJi^mboldt, 
Ivcpsius und vielen anderen bekommen. \)*'^Boeckh, Lcpsius. Tohannes 



«# 



*** 



Gustav Mayerj a.a.O. Bd.Bi S. 108/10# 

Vgl. a.a.O. Bd. Ilt A\igust Böckh an Lassalle vom 9. XI. 1857 J 
Alexander von Humboldt an Lassalle vom November 1857; Richard Lepsius 
an Lassalle vom 15« XI. I857. 

^August Böokh (1785-1867), Altphilologe. 

/ICarrSichard Lepsius (I8IO-I884), Aegyptologe und Linguist-, Professor 
in Berlin. 




A 



Sclnilzc kamen zu mir gestürzt (infolge eines komischen Zusammen- 
treffens fand sich Boeckh grade zusammen mit dem roten BeckeP^lJef 
mir cm, der eben durchreiste) und Philologen wie Ilcgcliancr gehen liier 
wie der Ausrufer des Königs Ahasverus vor Klardocliai vor mir her und 
schreien: „Das ist der Manu, der den Heraklit geschrieben hat." ^Hum- 
boldt hat mich genötigt, zu ihm zu kommen und kolportiert meinen 
Ruhm, und nachdem es durch alles dies einmal Mode geworden ist. 

mich auf das unverschämt jste zu lobhudeln, üb^^rtreiht 
joder um die V/ette! Ich lasse mir das alles ruhi^ i^ofallon und 
lebe das Gute mit ebenso unTerührtem Gemüte danieder, v/ie früher 
das Schlechte, Der reelle Gev/inn bei der Sache ist, dass ich 
infolge des grossen Goschreis unter den Spitzen der gelehrten 
Welt von der Polizei keine T^bcmission von hier zu "befürchten 
habe, v/as mir sehr zur echt kömmt. 



u/^. Bei allen Erfolgen als Politiker, Autor und Hedner erkannte Lassalle 
doch klar die Sch\vierigkeiten, die ihm aus Abstammung, politischer 
Gefährdung und seinem Charal<:ter er\7uchsen. In einem Brief an die 
Russin Sophie Sontzoff , ^^^jj^-i^einen Heiratsantrag aw^^^ß^', gibt er 
ein schonungsloses Solbstportrait, aus dem hier einige Auszüge 
folgen. 



) Lassalle an Sophie Sontzoff 

Septembor I86O 



\, >Öov nllcw S^in^civ Sopfnc, i(^ vciflicf; ju ütjcr« 
Icj]cn, tog icf; ein ?}uinn V^w, tcr feine öoiijc d'^iflcnj 
ciiici' Tcilißcn (2nci)c, tcr C(ur;c tcö >ÖoIfsJ HsS in ir;rc 
uu(;cv[icn ^onfcqiicn^cn ßciinbuKt r;nt. Sicfc (Saci)e 
ift bcftinunt, nccf; ia iinfcvcni 3<^!}»^0""i^crt ju trium? 
pr^icvcn, aber (ic unvb ifn'C 5(nr;ani)cv nöcf; cft fcf;iiKrcn 
•ilictcrloßen unb Ocfnt;n-cn ouc[e^cu. %\\ fc{c[cni Kampfe 
icnntc ic'; in [cr;vcd(icl;c Ü^ogcu ronuncn, bic Feine %\Y' 
\)h\<^K\f,<:\\ 'i^w mir abiucntcn fiinn. ?!}icia Q3orniü3cn, 
meine 5i'<^i(;^cit, mein fiekn felOft Tonnen fortnjiir^vcnb 
öcfafu-bet fein. 9licl;tö i[l tei mir ficr;er! ^nbem ©ie 
micf; Ocivatcn, bauen Sie 30vc Griftenj, %\)i .<?auö ouf" 
tcr .<;6^c einesS 53uifanö! 5Serben 6ie bcn SiJiut r;a6cn, 
im gaKc bc^> ??ci]3nnc}cnö nUcö ju tvncjcn: Sßcrbcinnung, 
öefvincjni!?, Suiin, 5hT.uit unb fcIOft \^cx{ Slob? Unb 
lunö necf; fcfplimmer, \jiencicf;t ein 2c6cn üoHcr Snt« 
tcOvimßen? , , ,* 



/:^_**.J 1077 erschien im lTovöm"berhef1; der PeteraVur^er Zeitschrift 

"Soiropäisoher Bote" das Tagebuch der Prau S.S. - später erst erfuhr 
man ihren vollen Namen Sonja Sontzoff - , das eine sehr interessante 
Hipisode aus Ferdinand Lassalles LeTaen behandelte. Sonja Sontzoff 
hatte ihren kranken Vater im Jahre I86O auf einer Reise in die 
deutschen Bäder begleitet. In Aachen begegnete ihr im Hotel Grand 
Monarque Lassalle, "ein junger Mann, etwas über Mittelgröase, er 
hielt sich gerade. Seine ganze Figur drückte etv/as Stolz, man könnte 
sogar sagen Hochmut aus, wenn nicht auf seinem schönen, bemerkenswert 
klugen und blassen Gesicht die Züge eines in Gedanken konzentrierten 
Menschen zu lesen gewesen wären." Auf einem Tanzabend lernten sie sich 
kennen und - Lassalle verliess Vater und Tochter nicht mehr. Sie 
trafen sich allabendlich bis z\ar Abreise. Nun folgte ein von Lassalle 
stürmisch geführter Briefwechsel. 

^Ferdinand Lassalle von Stefan Orossmann 
^^Ai^/d€'__^ Berlin 1919. S. \mJ 

*♦ /Johannes Sohulze (1786-1809) > Pädagoge, vortr. Rat im preuss. 
Kultusministerium. 

/^ ''/ucL^ ^ 

** ^^Hermann Heinrich Becker (I82O-I885), Politiker und Publizist; wogen 
seiner Tätigkeit I848/49 der "rote Becker" g .nannt, MdR (Fort- 
schrittspartei) . 




\^ 



Stefan Grossraanni a.a.O. S. 153/90- 



I ■ 



« < « 



2. Illl^r tvcvtcn eic (lucf; bcn jwcitcn 6cr;tn3, bcii 
it(? ^f'ncn 311 cvtcitcn r>öbc, ubcva>inbcn? ecpMc, Ic^ 
bin — ein Subc. ???cin a^ntci' unb meine ?0?uUcr finb 
3ut?cn, unt> »renn iif) niicl) innevlicf) cbcnftMvenig ^ubc 
bin \^\<i Z\i, [ci^av netf) ircnijjcr, ivcnn cö miöti^) »ll/ 
[0 habe icf; niicI; fcod) nccf; ni((>t \>i^\\ meiner Okli^ion 
loe;]c[o3t, lueil icf) niicI) feine onbcvc nnncr;nien iuoKte. 
jid; fann \rcl>t t^cv[icr;crn, bnß icf; nicf;t nicOv %<t^t bin, 
aber c^>nc Sujjc fnnn icf) oucf> nicf)t i>crficf)cvn, (i'fmft 
ijeivovtcn jn [ein. 

S3ci unö nincf>t cö nicf^tö nielfu* ou(^, ^jutc 5U fein; fccnn 

bei unö in 2)cutfcMant, in Br^infveicf;, in (rnglanb ijl 

tieö nur eine Ö^cli^jicn, feine OktionoIitiU. ?D?an ift 

bei unß 2intc, Jvic ninn ^^rctcftant ober Ävitf;ülif 

ifr. ^ c\ unö bcfcntcr^^ u^cnn nuin einen 9iuf üon_ 

Öcift unb %^\z\\\ ^<x\, \x>\z icfv unrb ninn ollcn Qlcicf), 

mit? cö gibt nicf^tö/ fcciö icf; nicfu erveicf;cn fonnte, \vcnn 

id) cinnnlficjen un'irbc, mit tcv cyifticrcnfccn ^^ccjicrung 

311 pafticren. 

•^(bcr tiiö ip nifcö ßnnj antcvö bei 3(J"C'i i» 9ui[jfanb. 
viie fclbft faxten mir, tag tno ^'ubcntuni fcort eine 
OlalicimfitiU, niif;t eine SU'Iijjion ifl. (Tö i(l ivaf;r, Sic 
lieben meinen grennb .<pcinc, cb[cf>on er quc^ ein 3nt>c 
umr; aber eö ift tccf) ein 3vo(jer Untevfcf;ieb jaMfcficn 
pectifcricr 53eref)i'un3 \\\\^ einer (J(;c in ber unrf(id)cn 
'iiJelt. ^(>rc ÜJvintöIcutc Jvcrten (3ic Juecjen -fcer .^^cirot 
mit einem ^nbcn DcrncMcn! ^ic, ^fbfonnnlin^ uon 
i^urften, einen ???enlc^en (reimten, iDcI(f)cr — cö ift »uiibr 
— ivcnn fcic ^(bftamnuing ein 9U'cf)t juni (Stoljc ^^^z, 
ftcl3cr fein f5nntc tric ibr alfc, "^«i er i'on einem vUoIfe 
übftammt, ivclcftcö dfter ift nlö alle ^^^^P^^" ^'"^ 

(Ibcticutc, tic nur etliche ^'H^'-'C'untcvtc cvijlicren; üom 
crftcn jiiMfifntorifd)en v3oIfc, ive(cf;cö in fccr @efcl)icl;tc 
»niftritt, unb üon bcn atten ,5l6ni(jcn (2i;rienö. 

C^ö ift iiMbr, ic^ konnte 3i'(jnen boö Opfer bringen, 
CfOi'ift 311 lucvbcn, obßfcicf; nacf; unfercn ©efe(jcn feine 
9bliucnbii]fcit tii3u Dcr^muben, unb '^\z (rOc 5Unfcl)cu 
C5i;riflen unb %\\\:<:\\ (jcftattct ift. Unb Jucnn cö eine 
unumvjilnßlicbc 53cbini]unij iinkc, icf; xmt'^z cö \)icllcicf;t 
tun. 5(bcr cö. un'ivtc mir fd;\ycr fallen, Sopf)ic. ^ri) 
»rid cö 2i'I)ncn fa^jcn, ircöf;alb. 3fl) ^\i^<^ tic ^utcn 
burcl^^auö n{cl)t, ja im üUjjcuicincn i'^crnbi'cfKue icf> fie. 
3ff; fcOe in ibncn nur fcic fcl)r entorteten, C6f;nc einer 
v]vc[]cn, ober fangft cntfcr^anmtcncn ^IJcr53iinj3cnf;cit. 
I^icfc .^cutc babcn ival;renb ter in fccr (Sifaocrci ih'v* 
bvacl}!cn 2ial;'numbcric oucl; fcic (lij]cn[if)aft fccr Cffaocn 
außcnonuncn; \\\\^ fcci^f^nVlb bin itf; i(jncn dugcvft un; 
j^uufn'g ^ofinnt. ^i\) f;abc oucf; cjar feine 5}crbinbun3 
mit ifjncn. Unter meinen ^^rcunbcn unb in bcr Gc* 
fcHfchaft, tic micf) r;icr umgibt, ift fafl nicl)t ein cin^ij^cr 
jufcc. Cö finb alfo fcincrtci 91u(t\id)tcn, bic mir bicfcn 
^Sccr;fct ctaniö pcinlicf; nuKf;cn tüürbcn. 






%{kx, Copr;io, icf; tnu ein ??^lnn bct ^olitif, iinb, lun« 
nocf; lucDr fn^jcn wiH, icl) bin taö ipaupt einer ^^ortei. 
Unb tic '^Virtci, luckf^c fcic mcinijje ifl, nmjj ein fccm 
Onintfül^^c fcftfjaltcn, nie einem 53oriivtciI (icf; 511 beugen, 
ba fcieiS nur ^«^^ilD^it (ein im'ivte, unb nie fcarf (ic einen 
^(ft bcr .^icucr;clci tcßcben. 2Bic (oU Icf; eö otfo mit bem 
(lSiift(icf;cn Gduiben miur;cn, UH^nn, iroö jcbei'mnnn 
ivcijj unb id) K\\\ii) nie \?cv(?cl^^lcn u^cvbo, icf; eOoi;[oiuenij} 
iHMi bor t^)viftIil(^cn une lH^^ ber iubijcf^en lf)JcIi})ion im 
•Ver^^^on liMijc I 'liU'ivbe cö nicl)t bcn ^»Hnfifjein r>>l>en, bnfi 

{(f^ u:r. uiifjorcr ^UMtcifc umKcii einem !üovuvlci(e nncf;s 
}3cbe? »Vicvin licjjt ein u&ci'i3vo(ici' 9Iij50vi(?nunJ, ein 'Sl\f 
3cri'onun5, bei- in meiner ^ci'f6nticf;rcit Oecjrunbet ifi, 
bcnn meine ^\ivtci iruibc meiner ^oufc nicr;t bcn Qe* 
viujjficn 5l>ibcvflünb entßCijcnfcfjcn, ic^ fann if;n burcf; 
'ßcmii] (jenncf^lißc 0iunbc~evF(ih-en, um fo mer;v, bo bie. 
^^fiufe in foIcr;cn g»Uten otö eine reine govmatihU an« 
f;c[cl^cn ivivb; unb bo icf; ni(r;t bic Dbtiucnbi^Feit 
5Uj]ct>c, 'c^ci icf; Qucf; nicf;! im entfcrntcPcn gcfonnen tnn, 
ir^cjibcineö -BoruvteiliJ \)oX{kx 3l}rcr SicOc 3U entfogcn, 
fo n?crbc icl) K>k\kui)t. biefeö Dpfer bringen, ircnn cö 
unumgi^nglicf; fein foKte/unb micf; tnufen laffen. 

S^i^ö I^cigt, \(l) ircrbc ci tun, lucim S^^r 23ater ober oO^c 
??iutter obfolul barauf befreiten, icf; ircibc ci ober fcineö* 
fallö tun, ivenn nur (Sic eö ii5unfcl)ej> foKtcn. 2)?cinc 
grau bavf burc^auö Feine 53orurtci(c baben. 

3. Gcr;en n)ir ic^>t ju meiner (jcfctltcr;aftlicr;en (StcKung 
über. S^^nßcn anr mit ber guten Seite ein. Sdjon feit 
einigen 5^^!)vcn evfi-euc icf; micf; in ber ©etcr;itcmuelt 
cincsJ fci;^r großen 9uifet5, ivclcl;er fotta\U;rcnb \x>\6)% 
^idc iV^ruDmtrjcitcn, bic air l^oben, $umboIbt unb S36(F^ ; 
Ijiibcn micf; mit bcm O^amcn ir;rcö greunteö beehrt. 
bldw 3uif airb ficf; nod) uiel unb immer mer;r \jcvgr6jjern, 
foircf;! burd) bie 9iücI)ivnvFung fcf;on ertcr;icnencr alij burd) 
nocf; 3u ucroffcntlicDcnbc 5Irbeiten. 

3n ber cigcntticljen 2BcIt ifl meine Stellung 
fofgcnbe. 3m ötigemelnen *jcrl>alten ficf; nur jvenige 
bei uwi in ^iCujjcn gicicbgultig mir gegenüber, ^oj^ 
unfci-e gnn^c öcfcUuf^ift teilt fid) in be3ug öuf mid) 
in s»rci Parteien. 2)ic eine — ju \i^cTci)er bic gonjc 
Slviftofratic unb ber größte ^eil bev 23ourgeoitic gcr;6rt, 

Of^ufig [ogvu ^cifoncn mit einem tcicr;tcn 5(nflug üon 
ßibcvnlißmuö — furcr;tet unb \)alt mic^. 2)ic Qubcrc 
^nrtei, 3u mei(l;cr ber übrige Zd\ ber S3curgcoi[ic unb 
baö 53elt gel)6vt, öcl;tct, liebt micl), i^crc^vt mic!) fogor 
nicjt feiten, gur bicfc bin icf; ein D?iann üon größtem 
©cnic unb üon einem fofl ubcrmcnfc^Iic^crt (3r;arürter, 
♦jon bem fic bic größten ^nten ertunrtcn. Scnc, bic 
gcinbc, eni\u'tcn Juof;! aucf; große Säten üon mir. 5Ibct 
eben besSljalb, ivcil fic miu; mcl^r furd)ten olij irgenb' 
jcmanb aiibeviJ, r;o[fcn fic micf; fo unbefcr;rcibticf;, baß idj) 
%\\c\\ Feinen ridjtigen 23cgriff üon bicfcm affcö ocv« 
fcf;tingcnbcn ijaß geben Fonn. ..>.. _ 






llach Giner unter PunJct 4 und 5 folf^enden ''rörtorun^ der voro^us- 
Gichtlichon Gestaltun.^; doc ^^eGcllGchaftlichon Lobona, dasc iancalle 
und Sophie führen '7'lrden, und LaGsalles fino-nziellor La,n:e, r'Qiit er 
zum 6. und letzten Punkt , "zu dem Triumph seines Lebens" über: 
dem Kampf für die Gräfin Ilatzfeld, den er von dem ersten Ta^^. seiner 
Bekanntschaft mit der Gräfin bis zum letzten Stadium mit crör;:3ter 
Ausführliclitceit beschreibt. 



Gö )unv im ^JuQu\i ISoi, öB t)ic[cr .«T.impf (icßrcid) 
beeiltet univbc. 

iDrei ^al)xc [potcr, in S3cvlin im ^^i^ycc 1S57, sivnn^ 
iu; biiref; bic ^ero[fcntIicr;un() meineö „.^pcroHeitoij" 
itn[erc örojjen Q)ckhxtcn, fcic jpumtoltt unb tie öocfl), 
micf; mit offenen 5Irnicn ali i(ji-c!?vjlcicr;cn nuf^nncf^mcn. 

^m 2ar;rc 1S.3S fc^niel) Ut) tic^vacjctic unb 1S59 bic 
S3reicf)iirc, bic icf; SOncn (jc^cOcn t)Qhc, ■ •:;' 

S^in S^tOi'c ISGO miKl)tc icf; — o (ujjc unb nn3cncr;mc 
C-rinnei-uncj — in ^la(i)cn bic 23cFannticr;nft üon ©opDic 
Cfbvinn IV no. 



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i']rst nach ihrer Rückkelir nach Russland lehnte Sophie Sontzoff 
Las sali es Heirats antrag ab. ' 

])ie Stunde für Lassalles V/iode rauf nähme des politischen Kampfes 
kam, als nach Auflösun^n; des preussischen Abi^^eordnetenhauses im i.:ärz 
1862 ITeuv/ahlen aus^Teschrieben vAirden. In zwei im April lö62 geschriebenen 
Vortr/iä^-en - "Uebor Verfassun^^swesen" und "Ueber den besonderen Zusammen- 
hang; der ^e^^emrärtigen Geschichtsperiode mit der Idee des Arbeiter- 
standes" - rief Lassalle die Arbeiter zu einer selbständi/:iOn Politik 
auf. In diesen {glänzenden Analysen der politischen La2:e, insbesondere 
in dem zweiton als "Arbeit erpro^ramm" berühmt gewordenen Vortrag, 
entwickelte Lassalle die Staatsidee des Arbeiterstandes, die im Ge,^en- 
satz zur liberalen Staatsidee nicht den Schutz der persönlichen Frei- 
heit des it^inzelnen und seines Eigentums, sondern die l'lnt Wicklung des 
Llenschengeschlechtes durch die Solidarität der Interessen zum Gegenstande 
habe. Die "Hachtwcchteridee" des Staates durch die derart umschriebene 



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sittliche Idee des Staates zu verdrängen, erklärte Lassalle als Aufgabe 
des Arbeitorstandes. Das L'Iittcl zu deren Erfüllung erblickte er im 
alicemeinen direkten V/ahlrecht. 

Von Lassalles "Arbeiterprogramm" datiert die Geschichte der neuen 
deutschen Arbeiterbewegung. Er wurde zwar auf Grund dieses Vortrags 
wegen Gefährdung des öffentlichen Friedens angeklagt und am 16. Januar 
1863 SU vier Ilonaten Gefängnis verurteilt, die von der höheren Instanz 
in eine massige Geldstrafe uragev/andelt wurden, aber seine/diesem 
ProsoGs gehaltene, unter dem Titel "Die V/issenschaft xrnd die Arbeiter" 
veröffentlichte Verteidigungsrede "wurde zu einem neuen v/irkungsvollen 
Instrument der von ihm nunmehr immer intensiver betriebenen Agitation. 
Seine Popularität unter der Arbeiterschaft stieg so rasch, dass er 
noch vor Ende des Jahres 1862 von den einflussreichsten llitgliedern 
des Leipziger "Zentralkomitees zur Berufung eines Allgemeinen Deutschen 
Arbeitertages" aufgefordert wurde, sich an die Spitze der Arbeiter- 
bewegung zu stellen. 

( ) Otto Dammer, Friedrich Wilhelm Fritzsche und Julius 
Vahlteich an Lassalle 

Leipzig, 4. Dezember 1862. 
Sehr geeinter' Herr LÖ^ 

i 

In vollkommener Anerkennung dessen, was Sie durch Ihre Bro- 
schüre: „über den besonderen Zusammenhang der gegenwärtigen Ge- 

schiclitsperiodc mit der Idee des Arbeiterstandes" für den Arbeiterstana 
getan haben und in festem Vertrauen, daß Sie auch in der Zukunft in 
diesem Sinne tätig sein werden, legen wir Ihnen die folgenden Zeilen vor. •* 

Die Arbeiterbewegung, welche mit unwiderstehlicher Gewalt sich > 

geltend gemacht hat, welche durch Fehlg^ffe beeinträchtigt, durch keine 
Macht aber unterdrückt werden kann, bedarf, wenn sie zu bedeutenden 
und befriedigenden Ergebnissen führen soll, der umsichtigsten und kräi- 
tigstcn Leitung; sie bedarf der höchsten Intelligenz und eines durchaus 
mächtigen Geistes, in dem sich alles konzentriert und von dem alles 
ausgeht. 

Wir drei unterzeichnete Freunde haben uns als ^litglieder des Ko- 
mitees^), eingehend mit dieser Angelegenheit beschäftigt und wir finden 
in Deutschland nur Einen Jifann, den wir an der Spitze einer so be- 
deutenden Bewegung sehen möchten, wir finden nur Einen Mann, den 
wir so schwieriger Aufgabe fähig halten, nur Einen Mann, dem wir so 
vollkommenes Vertrauen schenken, daß wir ihm als Führer der gaiizen 
Bewegung uns imterordnen möchten, und dieser Eine Mann sind Sie*. 

Sie haben durch Ihre Broschüre ein Recht sich erworben auf den 
Platz, den wir Sie einnehmen zu sehen wünschen, Sie haben durch Ihre 
Broschüre aber auch die Pflicht übernommen, nun vollkommen und treu 
zum Arbeiterstande zu halten, und wir bitten und fordern von Ihnen, 
daß Sie dieser Pfiicht nachkommen.^' ^ ^ 



Gustav May ;ri a.a.O. Bd. 5, S. 59/^1« 

Dr. Otto Dammer, Chemiker (I839-I9I6)/ Friedrich Wilhelm Fritsohe, 
Zig:arrenarlDeiter (I825 - I905); Julius Vahlteioh, Schuhmacher, (1839- 
1915). Pritsohe und Vahlte^ich wurden später sozialdemokratische 
Reichs tagsabgeordnete. V^lt a.a.O. Bd.V. 'Inführung S. 24. 



c^wcU/4M( (^^^tu^ : 



/ 



** Lassalle erklärte sich "im allgemeinen hereit, die Forderung zu 
erjE^llen und die Führung der Arbeit erhewegung" in seine Hände zu 
nehmen. 

/■0.M.J 




• Die Dissertationsschrift erschien I858. 




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Selbstverständlich sind diese Zeilen durchaus privater Natur und 
lediglich der Ausdruck unserer Gesinnung gegen Sie. Wir können nichts, 
als Sie bitten, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen und die Lei- 
tung derselben in die Hand zu nehmen. Das aber dürfen und müssen 
wir hinzufügen, daß so wie wir, wohl der größte Teil von denen denkt, 
welche Ihre Broschüre gelesen haben. So wie aber die Vorlesung der- 
selben hier zu stürmischer Begeisterung hinriß, so wird sie auch die Ar- 
beiter in ganz Deutschland ergreifen, und alle werden in Ihnen den 
Führer mit Freude und Vertrauen anerkennen. 



LaGsalle v;ar eben im Begriff, ein grundlegendes national ökonomisches 
V/erk zu vorfassen, eine vd-ssenschaftliche Untersuchung von der Art, 
wie jenes V/erk, das um dieselbe Zeit von Marx und lüngels vorbereitet 
vAirde. Eine gleichzeitige Betätigung als politischer Piilirer v/ar mit 
einer solchen Arbeit unvereinbar. Lassalle entschied sich für die 
Tat. In einem ausführlichen Brief vom 13. Dezember 1862 teilte er 
den Vertretern des Leipzi,gor Komitees mit, dass er bereit sei, ihrem 
Rufe zu folgen. Der Aufstieg des Arbeiterführers Lassalle begann. 

Am 11, Februar 1863 richtete das Leipzi-rer Zentralkomitee an Eassalle 
ein Ersuchen, seine Ansichten über die Arbeiterbewegung und ganz beson- 
ders über den Wert der von dem Volkswirtschaftler Schulze-Delitzsch 
ins Leben gerufenen Genosc-nschaf ten auszusprechen. In 14 Tagen verfasste 
Lassalle sein "Offenes Antwortschreiben", das neben seinem "Arbeiter- 
programm" das Fundament der deutschen Arbeiterbewegung gevrarden ist. 



) Lassalle an Gustav Lewy 



Berlin, den 9. Liärz 1863. 



•> ^ / 



Ich stehe jetzt an dem „Vorabend", wie die beliebte Zeitungsphrase 
lautet, „eines sehr wichtigen Ereignisses". Ich meine mein Antwort- 
schreiben an die Uipziger Arbeiter, welches bereits im Druck ist. Kor- 
rektur erwarte ich heute oder morgen, und noch im Laufe dieser Woche 
wird es erscheinen. Von den Arbeitern direkt und offen angefragt 'ist 
es raeme Pßicht gewesen, direkt und offen mit der Sprache HeVau^zu- 
gehen. Die Schwierigkeiten waren immens. Bei den Arbeitern kann nicht 
einmal die Kenntnis dessen vorausgesetzt werden, was man heute unter 
Nationalökonomie versteht. Noch weniger kann ich in einer kurzen 
Broschüre von zweieinhalb Bogen mein nationalökonomisches Werk 
schreiben. Offenbar war die ganze Arbeit rein unnütz, wenn es nicht 
gelang, die Arbeiter von innen heraus zum Verständnis ihrer ökono- 
mischen I.age zu bringen und sie gegen aUe Ugen, Illusionen und Täu- 
schungen zu befestigeij, mit denen man ihnen kommen kann. Dabei 



OuEtav Lewy, Kaufmann, /Öustar Le^ & Cle.J in Düsseldorf. 
Kassierer tmd einer der tätigst n Agitatoren des Allgemeinen Deut, 
sehen Arbeitervereins. 



Oußtav Mayer» a.a.O. Bd. 5, S. 108/12. 







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mußte es für alle Welt durchaus leicht verständlich sein. Ich hielt selbst, 
als ich mich hinsetzte, die Schwierigkeiten dieser Aufgabe noch für un- 
übenvindlich, habe sie aber in einer mich selbst überraschenden Weise 
gelöst. Das Ganze liest sich mit solcher Leichtigkeit, daß es dem Arbeiter 
sofort sein maß, als wüßte er das Jahre lang und daß niemand es ihm • 
mehr rauben oder mit Trugschlüssen und Sophismen beseitigen kann. 
Die Wirkungen können erstaunliche sein. Da die Schrift ohnehin in eine 
bereits bestehende praktische Bewegung fällt, so müßte sie wirken un- 
gefähr wie die Thesen 1517 an der Wittenberger Schloßkirche. Und 
so muß sie wirken, wenn unser Arbeiterstand nicht noch 
sehr träge und faul ist! Dies ist die eine Seite der Medaille. Nun 
kommt die andere: Ich las dieses ^lanifest im Manuskript zweien 
meiner Freunde vor. Der eine (Bucher)^erklärte mir, daß er mir tags 
darauf seinen Rat geben werde. Tags darauf erklärte er mir, daß 
er mir feierlich jeden Rat venveigere, ob ich zur VerölTentlichung 
des Manifestes schreiten solle, ob nicht. Näher gedrängt, ließ er 
mir hinreichend deutlich durchblicken, daß er allerdings sehr für die 
Publikation sei, daß er mir aber nicht dazu raten wolle, weil er 
sich scheue, dadurcli irjjcndcincn Teil der Verantwortlichkeit vor mir 
atif sich zu nehmen wegen des wütenden Hasses und der .scheuß- 
lichen Veruiiijünipfungen, mit welchem mich die Bourgeoisie verfolgen 
werde. ^ )(' 

Der andere (Ztcglcr)^^ freilich ein politischer Revolutionär (sonst 
Bourgeois vom Sdicitel bis zur Zehe), war, während ich ihm das Manifest 
vorlas, ganz damit einverstanden, daß ich es loslasse. Am Abend aber 
schrieb er mir einen drei Bogen langen Brief;-) ich sei, wenn ich das ver- 
öiTcntliche, ein toter Mann: ich hätte mich auf immer ruiniert; es 
seien liorreurs; die Fortschrittspartei würde himmelhoch jubeln, daß 
ich mich selbst gestürzt und unmöglich gemacht hätte; ich würde einen 
Haß gegen mich erregen, in dem ich unterginge usw. 

Ich antwortete auf dies alles nur mit dem alten Luther: „Hier stehe 
ich, ich kann nicht anders; Gott helfe mir, Amen!" — Und wenn ich 
gleich augenblicklich moralisch tot wäre und selbst physisch in sieben- 
undsiebzig Stücke zerrissen werden sollte, ich hätte dennoch nicht 
anders gekonnt! — Eine Arbeiteragitation ist da; es ist nötig ihr das 
theoretische Verständnis und das praktische Losungswort 
zu geben — und wenn es dreiunddreißigmal den Kopf kostete. 

So wenig aber Schwanken in mir ist und war über das, was ich zu 
tun liatte, so wenig übersehe ich die möglichen Folgen. Die Bourgeoisie 
ist sich, wie jeder herrschende Stand, sehr klar über ihre Interessen, 
vollkommen klar, und wird mich gerade um so wütender hassen, je 
praktischer und je leichter ausführbar das Losungswort imd je klarer 
das theoretische Verständnis ist, das ich den Arbeitern gegeben habe. 

Der Arbeiterstand im allgemeinen ist aber vielleicht 
noch nicht reif zur Klarheit, und ist dies der Fall, so bin ich 
allerdings ein toter Mann und die Fortschrittspartei kann jubeln, daß 
ich mich gestürzt. Aber auch das soll mich dann nicht kränken! Ich 
ziehe mich dann :a die reine Wissenschaft zurück und habe dann den 
entscheidenden Beweis erlangt, daß vorläufig die Zeit nur noch für 
Humbug reif ist. Dann kann ich der PoHtik mit gutem Gewissen den 
Rücken kehren und lebe still als toter Mann bei den Toten. Aufgehen 
wird der Same schon, den ich durch dieses Manifest ge- 
streut; gleichviel wann. 

Ich stehe also, wie gesagt, an einem sowohl objektiv als subjektiv für 
mich sehr verhängnisvollen Ereignis. .J 






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*^ Buchen Lothar Bucher (I817 - I892). Kam I848 in die preuasisohe 
Nationalversammlung, flüchtete wegen des Steuervor.7 iigerungs- 
, besohluases I85O nach London, vjo er his 1859 als Journalist 
lebte« 

** Ziegleri Franz Ziagler (l803 - I876), I848 in der preusGischen 
Nationalversammlung, v/egen deren Steuervor\7eigerungsl3ef3Chlusses 
abgeji-etzt und zu Festungshaft verurteilt, seit I865 im Abgeordne- 
tenhaus, seit 1867 im Reich±stag (Fortschrittler). 





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Das Urkomische ist, daß ich so gar nichts iu meinem Manifest gesagt 
habe, was nicht —im guten Sinne — streng konservativ ist. Es wäre die 
konservativste, durchaus legale und friedliche Weise, die Arbeiter zu 
erlösen! Aber freilich kann das Manifest dennoch nur im entschieden 
revolutionären Siane wirken. Denn die herrschenden Klassen 
wollen eben die Erlösung der Arbeit nicht. Sie. wollen nicht 
nut, daß man ihren bestehenden Besitz respektiert — dies tut mein 
Manifest durchaus — sie wollen die Fortdauer ihrer Privilegien, das 
Fortspielcn der jetzigen Erwerbsraonopole auch für die Zukunft. Und 
gerade je mehr ein Vorschlag auf Erlösung der Arbeit ihren vorhandenen 
Besitz respektiert und je legitimer und praktischer er dadurch ist, — für 
um so gefährlicher betrachten sie ihn mit Recht, um so wütender sind 
sie! Gegen das Interesse hilft kein Disputieren! 

Und so kann es denn ganz gut kommen, daß Sie in vierzehn Tagen 
schon einem toten I^Iann schreiben! Einstweilen ist es unsere Pflicht, 
alles aufzubieten, daß das lilanifest zu einem zündenden Funken im 
Herzen der Arbeiter werde. Hierzu ist das Hauptmittel die massenhafteste 
Verbreitung desselben, und hierzu müssen diesmal die unerhörtesten, 
die riesigsten und wahnsinnigsten Anstrengungen gemacht werden. 



Mit' dem Erfolg der Schrift steht und fällt nun auch die Frage nach 
dem Arbeiterverein, dessen Plan ich in der Schrift entrollt habe. Das 
Manifest soll ihn zustande bringen! Ein solcher Verein, wie ich ihn 
daselbst geschildert, i ooo ooo Arbeiter in Deutschland umfassend mit 
150 000 Talern jährlichen Agitationsmitteln, und energisch geleitet — 
das wäre eine Machtl ' . 

Wir werden sehen! 



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Durch das 'Offene Ant^7ortschreiben" völlig für Lassalle gewonnen, 
^ahm das Leipziger Zentralkomitee sein Programm an. Der Name Lassalle 
v/urde zum Symbol der neuen Art.it erb ev/egung, aber zugleich zur Ziel- 
scheihe der heftigsten Angriffe von Seiten der bürgerlichen Parteien. 



( ) Lassalle an Georg Herv/egh 



Berlin, Sonnabend;,- 4. April 1863. 



• :"• ■ . •■••■' . ';■ • Sicbcr .f cnueg^ ! ^ • • " ' "^ 
"•••-'Steine i8rö]d)üre ipcrbcix Sic ermatten ^abcu! 

•■■■• IDlit 1350 Stimmen gegen 2 Ijaben bic fieipoiger ^r» 
Beitcr in einer großen fficrfammlung in Sotgc bet ^fofd^üvc 

; befd)loifcn: ■ • ' . 

• ■ , "'^ • ■ „bcn 5^ongrc5 mit feinem Programm anf5ut)cbcn, 

.■ bie ^ilbung.beö bovt uon miv Düvgc)d)(agcnen 
\' • . ■ .2)eut[d;cn ^illtlgemciucn 'ilrbeltei-Dcreinä ju be» 

"{.•.;■■■■'.■• • fdjlie^en, ein (Somite ju bie[em 3roe^ 3U er* 
•' ■• - , nennen." . »• 

: ■ SDie govt[d}rittter unb 3Rid)t5— at§-5rei(}änbtcr jmb 

■ imitf)cnb unb geben täg(id), au§ attcn ^reitfeiten Jener 

■ auf mid). Ggall _' ..•. -.s. f. ^-..^.^x^^} •,■■.. '•.•.•• ^ ••;•••■■• 



* Georg Hemyegh (I817-I875), Lyriker. Am "badisohen Aufstand von I848 
beteiligt. 



FerdiiBnand Lassalle» s Briefe an Oeor^ Herwegh. Nebst Briefen 
der Gräfin Sophie Hatzfeldt an Frau Emma Horwegh« Hrsg. von 
Maroel Herwegb. Zürich I896. S, 57/59« 




2^ 



. 5(6cr über bcu Maid) alkv Stabte Devfiii}cnb, \)aUn jlc 
Bcfdjloffcu, jcljt überall ']Jromiuciamcuto'g her Arbeiter* 
bilbuuö-Sucreinc uub uon ^(rbeiteroerfammdingen gecjcu mid) 
5U Dcrantaffcn. 

' ^ic crftc Grndrung ift in Gfjcrtnilj gegen bie ^cipjigcv ■ 
^ ^o[dj(üffc erfofgt. -• , 

"?hid)ftcu5 fofgt eine in ^"»Jiaiii.v "äni tcn iL», hat 3rf}u(',o / 
l)icr feine 5Ueatuven jiifanunenbevufen, um geilen iniy be= 

' l'djtieilen 511 laffcn, unb bei bcnen fteljt bie ^ad)^ nocl) [0, 
baj^ gar nidjt^ bai^egen 511 uerfudjen ift. f' ,■, 

•• '^{nberevfeitö finb mir baburd; gcnot^igt, ^pvonunciamcuto 
: gegen ^^^rominciomento 5U feljeu unb fo oiet 5{r6eitcrüer= 
oerfammfungen af^ möglid) ben 53efd)lu5 füffen ju laffcu: 
". ba^ fie bcn i8efd}(üffen ber Scip^iger STvbeiter 
" ■" beitreten. • ;. .'. .-.• 

_ • i^d) f)abe nad; beni 9^()eiu gcfd)ricben, wo, rocnn aud) 
••*■ nid)t Üöin, aber ^üffclbovf, Solingen, Qfevlol)ii, (Slberfelb 
;• :. auf meinen Üiuf jenen 53efd}luJ3 faffen luerben. :','.:■'■'-. 
;•''■'■'':' 23on Hamburg Dcrfpvidjt man ba§ ©lcid)e. ' ' ' 
;. ^; ,3c^t l)anbelt c-§ fid) — unb barinu bitte id) Sie burcl) 
. '.•' biefen ^ricf — /bk beutfd)cn 5lrbeitcrüereine in ber <3d)n3cij 
• • ba^u 5u beiucgen, bafj fie ben 2eip5iger 'öefdjlüffeu beitreten. 
; ..••..3c^ bitte 3ie, gel;eu 8ic fclbft in 3^^*^^ i" ^le SIrOcitcr* 
':.. oereine, Ijatten ©ie eine Siebe unb fe^en Sie c5 burd). 
"■••." I S^ rcdjnc barauf. ' 

, ■. . ■ 5}rofdjuren h. 1 Sgr. fönnen Sie, refp. bie Slrbeiter 
::--'.üon 331. & 3- bcfommcn. föm $öud)l)anbel 5 Sgr.!) 
;■•.••...•, . ■ ©benfü fdjreibeu Sie überall nad) Sübbeutfd)Ianb in. 

..; bicfeni Sinne, roo Sie nur (Binflug l)aben! 
.'•.■*./ 3bd) einmal: id) hittt, f orbcre unb rcdjne borauf^- 
ba^ Sie in ben 3ürid;er 'ilrbeiteroerein gcljen. Sein ^ro* 
; nunctamento lüürbe fel)r imponiren! J . • ' •.:■;.■ 

;":;; ;/ §ie öuelfr ^ic 0l)rbeain! • " '■ ' ■■ . " :. ']■.: 

;.'.•••. ^d) bin tobt cor Sdjreiben! Slntmort! '. . ''-.^.^ 
|- ' ..'■ •• •. ; •■•':-.'■•" 3in* g. :Oaffaac. 



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( ) Georg Herwogh an Lacsallo 



/ Zürich_7 11. April /"l863_7. 



Mein teurer Freund! Wenn ich mich viel und intensiv mit einem 
Menschen beschäftige, so zwinge ich denselben mir zu schreiben. Und 

niit wem hätte ich mich in den letzten Monaten und Wochen mehr be- 
schäftigen können als mit Ihnen und Ihren geistigen Waflentaten, die in 
dem kleinen Kreise, wo ich längst Propaganda für Sie gemacht habe, der 
tägliche, ja stündhche Gegenstand der Diskussion geworden sind? So 
kam mir denn Ihr Brieß>]r nicht unerwartet. Die Vorboten des Sturms 
gegen Sie waren schon seit Wochen in mein Haus geüogen. Jetzt ist eine 
Erhebung des Fortschritts- und Nationalvereinsphilisteriums in massa 
erfolgt und sind alle Schleusen der Gemeinheit gegen Sie losgelassen. 

' Macte puer! Die Kammerhelden, deren Redevergnügen Sie so un- 
sanft gestört haben, schnauben in allen ihren „Organen" Rache über 
„den falschen Propheten" („Süddeutsche Zeitung"). Doch man ist schon 
mit anderen Kerls fertig geworden als mit einem Schulze-Delitzsch, bei 
dem Ihr Tritt in den Hintern, wie ich aus seiner erbärmhchen Pauke 
gegen Sie ersehen, bereits bedeutend auf das Zerebralsystera einge- 
wirkt hat. j^4^ 

Item, ,, liebstes Werkzeug der Reaktion" j>) Sie haben den Kampf auf 
das einzig richtige Terrain, auf den wahrcn„Knoten"-Punkt zurückge- 
führt und der philanthropischen Kastration des Proletariats durch die 
wohlgesinnten Bourgeois ein Ende gemacht. — Das Fortschrittsgesindel 
in Berhn war für mich von Anfang an nur eine anticaille, die ich schon 
vor zwanzig bis dreißig Jahren als badischen Liberalismus kennen ge- 
lernt habe, und ich habe immer bedauert, daß einzelne unserer Freunde 
nach so vielen Erfahrungen in ,, staatsmännischer" Weisheit sich aber- 
mals mit diesen „Ehrenmännern" einlassen konnten, die es noch nie imd 
nirgends zu einer erträglichen Aktion gebracht haben und in denen keine - 
Spur der bourgeoisen Energie von 1789 oder auch nur von 1830 anzu- 
treffen ist. '' 

Ich atme förmlich auf, von dieser chronischen Fortschrittskrankheit 
erlöst zu sein! Die Krisis ist da, imd Ihr Verdienst ist's, daß sie da ist. 
Die Delirien, die dabei vorkommen, auch auf Seite der Arbeiter, sind 
nur naturgemäß und haben für mich nichts Überraschendes. 

Was nun speziell den Arbeiterbüdungsverein von Zürich betrifft, so 
muß ich Ihnen aufs Entschiedenste sagen, daß ich in demselben keinen 
Boden für Ihre „katihnarischen" Bestrebungen finde, ebensowenig für 
die „Rede", auf die Sie „rechnen", diesmal ohne den Wirt.*] x)6t Zürcher 
Arbeiterbüdungsverein war von jeher in den Händen der schnödsten 

liberalen Tröpfe, der engherzigsten Köpfe, der Herren G. Fei 
Kompagnie, denen ich nur Hohn und Verachtung zu beweisen Gelegen- 
heit hatte. Was Ihre Schriften hier nicht tun, das wird meiner Inter- 
vention noch weniger gehngen. — In den französischen Kantonen mag's 
etv/as besser darum stehen, doch werden die Feinde von Marx — also 
auch die Ihrigen — daselbst gehörig wühlen. — Die für Sie günstigen 
•Abstimmungen in Deutschland könnten von einigem Einfluß werden. 



vi^ und 



I 



^ 



■- -» 



Gustav Mayer: a.a.O. 5« Bd. S. 133/35. 

* Vom 4. Aprils ygj-YxBixgjgg ^ 

^^ Der Fortbilduriigsverein für Arbeiter zu Chömnitz und der 

Arb ei terbildungs verein in Nürnberg schwammen in Schulze-Delitzschi 
Fahrwasser, Der erstere hatte am 30, l'iärz in einer Resolution 
vor Lassalles "voraussichtlich unfruchtbarer Agitation gewarnt", 
der letztere hatte Schul zeXHXIXtXM zu der H]rklärung bestimmt, 
dass Lassalle "ein gedungenes \7erkzeug der Realction" sei. 

^*^ ^ Lassalle hatte Herwegh ersucht, die deutschen Arbeitervereine 
in der Schweiz für die Leipziger Beschlüsse zu gewinnen und zu 
dem Zweck in Zürich persönlich aufzutreten, 

Z""g.m. J 

^Cic '. ..^ 
**** ("Öeorg Pein (l803 - I869), der bekannte radikale Burschenschaft- 
ler und Republikaner, bekämpfte vom individualistischen »Stand- 
punkt aus -^assalles Gedanken und übte im Juli auf einer Landes- 
Konferenz in Zürich in diesem Sinne einen entscheidenden i^in- 
fluss auf die Arbeitervereine aus, 

/~G.K,_7 



>- <■: 



V-/'' 



Am meisten hat man - und habe auch ich - zu kämpfen für eine 
ncht:ge Auffassung Ihrer „Staatshilfe", die Sie möglichst bald zum 

tJcwf H r". ,^^.^°"^^^^" l^an^pMcts machen müssen. Ebenso 
tauchen die Beschuldigungen des Demagogentums gegen Sie auf bei 
Gelegenheit des allgemeinen Stimmrechts, weü dieses nun einmal zum 
instrumentum regm für Bonaparte^ geworden ist. Also ebenfalls ein 
Gegenstand aparter Erörterung. _ über das Maß menschlicher Ge- 
memheit geht die Insinuation hinaus. Sie wollen den Regiemngen Ge- 
legenheit geben, die Arbeitervereine aufzulösen I! ; 

Daß ich mit Ihnen bin und treu aushalte, brauche ich Ihnen nicht 
2u sagen. Verlangen Sie von mir, was irgend möghch ist. Der Mangel 
eines Journals ist s. was sich jetzt am stärksten für mis fühlbar macht; 
man mdJ am Ende doch an die Errichtmig einer außerdeutschen Presse 
für Deutschland denken. Anders läßt sich nicht mehr kämpfen -1 

Ist s wahr, daß Sie nach Syrien gehen wollen im Herbst? '-^ 

^ H. 



) Lassalle an Sophie von Hatzfeldt 

/"Berlin, 13. April 1863 .J7 



Arcinc ganze vScclc atmet auf, zu wissen, daß Sie wieder im BcgrifY 
sind ZLiiückzukchrcii. Sic glauben niclit. wie ich Sie vermißt habe! wie 
ungeduldig ich mich auf Ihre Ankunft freue ! Ich werde auch stärker 
und kräftiger sein, wenn Sic wieder da sind! 

Ich habe keine Minute Zeit zum Schreiben. 

Nicht mehr die Berliner, die gesamte deutsche Presse Ein Wut- 
schrei gegen mich! Der Schlachtendonncr tobt wirklich um mich herum. 
Es ist ein Gebrüll von Gemeinheit und Dummheit, von dem ich nie eine 
Ahnung gehabt hätte. 

'\^ .Bloß als schwache Trüben sciulo ich Ihnen zwei oder drei Artikel 
heut nach Genua poste restantc. Die ,, Tribüne" hat entdeckt, daß 
ich wegen der vier Monate Gefängnis meinen Frieden mit der Regierung 
habe machen wollen. Den Vorstand — wohlgcnierkt nur den Vor- 
stand — des Ar])eitcrvereins Nürnberg hat Schul;:e zu der Erklärung 
bestimmt, daß ich ,,cin gedungenes Werkzeug der Reaktion" sei und 
daß ich in meiner Broschüre erklärt hätte, ..Bildung sei für den Arbeiter 
nicht notwendig, ia zweckwidrig". 

IMuardMeyeii^m der,, Reform" erklärt täglich, ich sei da angelangt, 
wo Bruno Bauer !?}jfej; ^ -^ 

Die verschiedensten Zeitungen enthalten zh Leitartikel Offene 
Sendschreiben gegen mich usw. Ein Moritz Müllct-*)^ Tiorzheim. den 
Rüstow wohl kennt, hat gleichfalls eins erlassen, das ich noch gar nicht 
gelesen. ^ 

jAllcs das nur schwache Beispiele des allgemeinen Geheuls. /^ 



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% 



p)urch die Praktiken Napoleons III. war das allj^^emeine Stimmrecht 
damals "bei der europäischen Demokratie/m liisskreait (i^ökommen. 

Gustav Mayer: a.a.O. X 4. Bd. S. 343/44. 



^^* Muard T-Iieyen'^t, der einstif^e Junghegelianer und spätere politische 
Flüchtling, redigierte jetzt die Berliner "Reform". Lassalle 
hatte sich mit ihm überv/orfen. ' 

*^* Bruno Bauer/ (I809 - 1882), der einstige Kihrer der radikalen 
Jujighegelianer, stand jetzt im konservativen Lager, 



Cg.v.J 



^¥:¥c^ Moritz Müller!|)iS^ Bijouterie! abrikant. Vgl. Bebel, Aus meinem 
Leben, Bd. I, S.II5. 



i G.M.JT" 



<1» , 



Aber anchc'UK'ils bat sichclcrArbcik'istaiKl auf nk'iiK'Slinnneci hoben. 

Jncinei v;i()ßciiAib(.'itci\'C'isannnlungzuIIaniburg*fsiiuldiccloili^',cn 
Arbeiter fast einstimmig den I,cip/iger Bcscliliisscn bciin^tictcn. 

Am II. Apiil haben sowohl in IHisseMorf v-ie in vSoIingcn die 
dort x.nsannnenberufeneii Arbeitcrversannnlungen einstimmig die- 
selben Beschlüsse gefaßt und mir ihren Dank votiert. Andere Städte ^ 
Winden folgen. 
AQestern war hier Arbeiterversammlung von Schulzes Kreaturen. 
Ich war nicht dort. Aber eine Anzahl gebildeter Männer, drei bis vier, 
hatte sich mir zAir Verfügung gestellt, dort für mich zu pauken. Ks kam 
noch nicht dazu. Die Versammlung beschloß zuvor, von meiner Bro- 
schüre Kenntnis zu nehmen. Sic schickte mir ihren Kolporteur. Ich habe j 
nach zweitausend Exemplaren telegraphiert. Wir wollen sehen, wie es " ;" 
wird. 

Von Rüstow habe ich in meinem letzten Brief verlangt, er müsse | 

vSüddeutschland bereisen, wo er so populär ist, und in jeder Stadt die- [ 

selben Beschlüsse fassen lassen. jidr Jr- l 

Ebenso solle er dem Leipziger Komitee (Adresse Dr. 0. Dammer,^ i 

Ivcipzig, Hospitalstr. 12) schreiben, um sie für ihre Beschlüsse zu bc- | 

glückwünschcn. I 

Herwegh schreibt mir einen enthusiastischen Brief, lehnt aber die ; 

Hinwirkung auf deji Züricher Arbeiter v-.icin, die ich von ihm verlangt, 
:als unmöglich ab.'^'J^ i^-^ 

Die ForlschritUpartei zittert. Sie sieht ein, daß ein Schlag gefallen 
st, der sie vernichten muß. 

Ich bin toderkältet, todheisc r und muß am 10. in Leipzig sprechen. 
\\\as Süll ich machen ? Ich schicke eben Frcrichs Rezept in die Apotheke. 

\ Adieu r , 

V -"^ Ihr. r.L. 



Die Jj^Gundschaft zwischen Las s alle und dem Dichter Herwegh führte 
unter anderem zu der "^ntstehiing des Bundesliedes des Allgemeinen Deut- 
schen Arbeitervereins: 

Bet' und arbeit«! ruft die V/elt. 
Bete kurzl denn Zoit ist Gold. 
Lassalle drängte nicht nur Herwegh , "ein "begeistertes und begei- 
storndes"Gedicht zu verfassen, sondern es gelang ihm auch, seinen 
Freund Hans von Bülov/ dazu zu veranlassen, dieses Gedicht zu vertonen, 

( ) Lassalle an Georg Herv;egh 

Berlin, 14. April 1863, 

■ - • ' i^icbcv .jpcviuciil) ! -. - ... 

. 3ici^ in .pamfnivi], Xüi'fcfborf, ootiiujcn, iificiatl faft " 
ciufiiiumii], uiib ciocj uad; I]cftiijcm Kampfe auf bcnr]3co^ 
uiii^ia^.Oanbiüci-fcvtacj in 5Iö(n, luo bie S-ort[djnttfcv in ,. 
()ellen .paufcii cvfdjiciien luarcn. ... '•'•'• 

3ie fönuen aifo iiid;t bi ^iJfvbcitcvüeräu 3u3üricl; iuirf»:u. 
;• ©ut! ^a 8tc aber fd)veiOen, 2:f)cui-eiv ba(j Sie fid) mir 
■v.unbebingt jur ^i^pofition ftedcu tu'^tfom, ro(u^ moöfid) i)f^ 



• 



• 






^* Der Chemiker Dr. Otto Dammer v/ar anfangs die Seele des Leipziger 
Zentralkomitees. Lassalles Briefe an ihn veröfföntlichte 1912 
Hermann Onoken im Arohiv für ßesohiohte des Sozialismus und der 
Arheiterhewegtmg, Bd. II, 

^t** V6Cl. S. 

**** Hans von Bülow?(l830-l894), Pianist und Dirigent, verheiratet mit 
Cosima, der Tochter Liszts und späteren Frau Richard Wagners. 



Ferdinand Lassalle» s Briefe an Georg Her.vegh. S. öl/B^-^- 



I-' 



fü fodcn Sic ()icr eine ^Odifijabc crljaltcn^ bic S^j^en fel}r 

niötTilid) ift: ^d) bitte fcljuellftcibj um ein ba^ciftoiteü uni) 

- bcgcifternbe^ ©ebid)t auf ba^ ^(uftreten bc§ 'XvOeiterftaube^ 

in 2eip5ii3 2C. 
'■ 3d)irfcn Sic ba^felbc fofovt an Dr. Ctto ^ammcv, 
."*^iPM9/ ^ofpitatftvagc 12 (bcm SSovfiljcubeu be3 ficipsigci* 
Gomite^j). • • 

'3)ev[c(be (äjit eä fofovt in fo uiet taufcub Gi;cmp(avcu 

■ 'bruden üitb üntei' aUcn '^rSeltörrt üctBtcttcn. ^ic^itiaE 

rcdjue id) luol}! nidjt o^uc ben SÖirtl;! (Sin fo(d;eä öc* 

■ bidjt üou 30«^^. 11^^^ ^iß 'Siß c^ ä" mad)cn roiffcn^ wirb 
famo» roivfcn. ' , ■ . .:-" 

...... . . '..- ,..:'. ' ö^t 5. Saffatt«- 

• ; .• • . * 3d) t)a6e ju oicl ju fcf)rcibcn. 

■»••'■ • 

y '. .■; '?• • .■ ■ S3erici'()ung für bie Stürjcl 



) Lassalle an Georg Herwegh 

■ Ostende, 31. August 1863. 



^icbcv .pcnucijl) I 

:i^n bei" jiueiten .'paffte 3eptcniOcv bin id) am i)i^eiu ■ 
unb luevbe luic ber l)cüc Jeufet über bie SlcxU bcvfaficu. 

3iic 5>orbercituucjen, bie, luie «liv bic "Jöriefe bov 'ik'» 
ootlmadjti^tcu melben, gcmadjt lucrben, fiub lüirflid) gvüp* 
arti^ unb cä fdjcint, 'öa^ ^JDiaffcn uub 2}^affcu 3ufammen* 
(aufeii rocvbeu. ^ie 5Crbcitcr be^ "©uppevtljalä jittevii 
fd)ou üor Grrecjung, n)ic man mir fd)i"eibt."§ 

^d) werbe in ^üffctborf, ^öin, Solingen, Cfberfctb^ 
,53armen fpredjcn, üietleid)t and) in ^ortnmnb. ©ctäncjc 
cä un5, Grlaubui^ 5U SSerfammtuiujcn sub divo **) $u er* 
{)arten, fo föuute id) e3 mit hxci 5)erfammrunijcn abfotoiren, 
ftatt mit fed;§.. . " 

• ^d) mü babei bie neuen iötamagen ber Söttfdjritticr, 
'^(bgeorbuetentacj :c., griinblid) bebcnfen. 

(S§ fällt mir nun ein — unb be^[)aI6 fdjreibe id) — 
bag bie» bic paffcnbfte öelegeuljcit roäre, 3^)^' 0ebid)t*^ 
ju lanciren. Qd; mürbe e5 'öcn 9}]affen aU ein öcfdjcnf 
Don ^\)nQVi mitbringen, aU ein ^(ngcbinbc für 'ö^n 25crein, 
rcoju Sie mid; bei meiner ^urd)vcifc burd; Qilüd) bc* 
auftragt f)ättcn. ^ieä ift bic üort()ei(^aftefte SSeife. (Sin* 
mat I}at c» eine gorm. 3^^<^it^*"^ "^i^*^ «^ baburd) fofort 
in ber maffenl)afteftcn SBcifc befannt. 2)ntten§ roürbe 



•,i •■ 



a.a.O. S. 77/78. 



v: ■>»■ 



^p 



c5, ba iclj C'5 in jobcv T^cvfnmmfuHl] fclbft uovtcfcu luüvbc, 

baburd) (]ut Dovcjetvaiicii, uhv5 W\ einem C)obtc(;t uou 

• ^4BicI)tii3feit ift. ^^toiiipofitiou uub 2)vurf iin'ivbc bann fpätcu 

■ fommcn. Qd; njüvbe bic)c, foiuic bic ilvciuung bcä Siebet 

$um SSerciu^aeb, mitbem jcbc Siljung bc5 5rvt)citer^33erein§ 

. • 5U eröffnen fei, foiüic cnblid) bcn ^anf bor SSoIf-Sportci an 

Sie übevaU oon jcbcr SScrfammtung „bcfvctivcn" taffcn. 

. C3)ic Einträge baju roerbc id; meift burd; 3Inbcve ftcüen 

:.;-:. laffcn.) • • ■ ■ •. , "; ' '• 

■ (Einejö feievlidjc ©elegcnlicit roic bicfc grogcn r^cinifc^en 
.'' ' SJerfamnilungen finbcn n)ir foüalb nid)t. 

■ •.;; 3)ann aber muß \iCi^ (^zhx^i bi§ 5um 13. September 

. • ^ier in meinen ^änbcn fein. S)cnn am 13. oertaffc id) ' 
;' Oftcnbe. . . .. -V- ,:•..•• ... .■..-... .;, .' 

:, v . ^ . :: Slbreffe : .5. Saffade, Oftenbe. ,!;" :! :.. >. ^ 

:'• . ;V r: :. .::;;:/,,: A ;;,;.; f ©anj S^r * ' g. fiaffattc. 



> •/,'■:■. »•.■'.'•».• * 



) Lassalle an Georg Herwegh 

Berlin, 5. NovemT^er I863. 



•iJBenu id) nid;t fü tobt i3cf)el3t luäre üon %itatiönen^ 
j 'Angriffen, l^cptifen, iöefdjiuerbcn, Eingaben, |)au§fud)ungen^. 

"ipro^cffen — (Sic rocrbcu über 2([Ie» näd)ften» umftänblic^e 
^ 2Jlitt[}ei(ung er^jaltcn; in ben 3citungen nur bürftiged 

2)iateriat — , fo ()ättc \d) 3^"en fdjon lange für 3^v n)af)r- 

t)Qft. Dortrefflidjc» G)cbidjt^cbanft. Sie übertreiben 

bic^mal bic "iöcfd;cibcn(}cit. 

(£-5 bat nciilid) ('3Jioutag) im 'Jlrbcitev-'i'evoin '^^w law- 
tcften Gntl;ufiai.inu» Ijcruüvgcrufcu unb auf meine 2(uf* 
füvbcvung I)at fid) bie gan^e ^Ncrfanindung jum 3'-'icO^^^ 
bc» 2^anfcv für '^^w ^id^tcr crI)obai. § Vide einftiueiten 
bic GrEtärung ber iBier5cf)uniünner in bcr 5lrcu53eitung 
Dom 3. ■i}^üüember. ' ■ . .. , .. - ,. / 

';JÜir fü()reu l)icr mit ben 5o^'il*'^)^'it^^crn einen 5^ampf 
bi^ auf's 33kfiev, fd)on jctjt mora(ifd) unb üicUcid^t balb 
aud) p^i)fifd) bi§ auf'^3 SJ'ieffcr. 5[ber in biefem mic in 
jenem bin id) fcft cntfdjloffen 5U ficgen. 

Q{)r ©cbid)t finbct fiel) bereits im S)rud. S)er Salj 
ift fertig; bcn 2)rud luevbc id) üiellcid)t, fattä \^) bic 5"\;om* 
pofition^ balb f)abcn fann, nod) fo lange äurüdbatten.' 

Ucberbürbet unb übcrmübet — tl ift bcr britte Sag, 
lüo id) nur fünf Stunbcn gefd)rafen — ganj '^^x 



>: 



'^. 






^ . / ^ ^ . C 




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BundesÜGd dos All/^emGinon Deutschen Arboito 

HemvG^h 



rveroins von Geor,';^ 



You mc iiiaiiy, tlicy nrt> few. 
(i;iir(t finb sielt, iljici' r>"6 nxiiigt.) 

iU't' IMlb OVfH'it'l nift Mo 'Ji'ctt. 
ÜH'tc [uv.^l beim ;V'it ift Wclb. 
\?(u bic 2l)üvc V^Kljt bic 5(0tl) — 
^ikte luv.^: Hcxm ßcit ift ^iU'üt. 

Hub '^w nctcvft unb Tu iöft, 
Uiib Tu nictcfi uiib Tu \\ä{)\\, 
Unb Tu r)äiniucvi'f uub Tu ipiuiift — 
Snc]', ü 5l^u(f, univ Tu gcuMunft! 

•ii^vfft nui 'iii*c[iftuf)( Tni"! uub 5iarfjt, 
3ff)üiift im liv,^' uub MuIjIcuKOnffjt, 
rviillft bco llcbcvfluffcv MOVU, 
ü:üllft Cv f)iHf) mit 5'A'i;: uub ilovu — 

Torf) um ift Tciu 'i'Jiot liovcit? 
Toil) um ift Tciu Jvi'icvid'ib? 
Torf) um ift Tciu mavuicr .v>cvb? 
Torf) mo ift Tciu idjarfoy £rlju>cvt? 

'Mci ift Tciu 'iicvt: ü ipvicf), 
\J(nc'^ nluT ^iarf)t«5 fiiv Tief)! 
Uub tum '?(llcm uuv oKciu, 
Tic Tu ffljmicbft, bic Mette Tciu? 

.Qcttc, bic bcu l'ciO umftvirtt, 
Tic beut Weift bic rvlnjicl taictt, 
Tic nm Tviifl bcv .Miubcö fcf)ou 
iUivit — u ^iHUt, bivj ift Tciu i/üfju. 



"iviir? ."sOv f)oIit ou'y 3ouucuIicfjt, 
3rI)öOc fiub c-5 iüi* bcu 'i*Jiff)t; 
'ii'ov ^"sOv UH'bt, cci ift bcr T^hxd) 
Jyüi" CiurI) fclbft — iu"ö turnte luffj. 

.Vnt'ö fiiv (iuri) uub tciu (^k'uuiff); 
iiMVj 30^* flcibct uub iK-filjUfjt, 
Tritt ouf (iuil) IH>11 Ucbcviiuitr). 

'.ViCuiifjcuDicucu, bic OJatuv, 
(*t)iUi fic (find bcu .vouii^ uuv? 
*3cl)t bic Tvoliucu uui U'uii) fjcv! 
."önlu ys{)X fciucu 3ti"irl)cl uu'T^v? 

Wiiuu bcr "^Ir'ocit oufncunufjt! 
Hub crtcuuc Tciuc ll'(nrf)t! 
".'IKc ^)i.ibcr flc[)cu ftill, 
"üiH'uu Tciu ftinrcr \Vrui C'5 mid. 

Tciucv Triiuiicr 3if)tiar cvOInfjt, 
'^.H'uu Tu, iiiübc Tciucv i.'oft, 
^"su bic Ciifc Ic[)uft bcu '].'f[un, 
'ii'cuu Tu vufft: If-'j ift floiun! 

"iU'crljt bivö TiHHH'Iiorf) cut.\mci! 
"iUcifit bic iVDtl) bcr 3tlaucrci: 
•iU-ci^t bic .3[Uiucrci bcv Oiiul)! 
"^n-ot ift ,"\-rciI)cit, ?srcif)cit 'iU-ot! 



/ 



/ 






( ) Lassalle an Hans von Bülow 



Freitag /"^ö. November 1863_7. 



Anbei das Gedicht von Henvegh.^ Aber indem ich es Ihnen schicke, 
muß ich auf das Ernsthafteste und Nachdrücklichste wieder- 
holen, was ich Ihnen schon neulich gesagt habe. Es ist ein bloßer Zufall, 
daß Sie mir zuerst, noch ehe Sie von dem Gedichte wußten, die Kom- 
position anboten. 

Es ist ein Zufall, sage ich, denn ich hatte schon vorher daran ge- 
dacht, wenn das Gedicht käme, zu versuchen, mich mit Ihrem Genie 
zu bcwaflncn. 

Aber ich hätte Ihnen dann die Bitte sofort mit der strikten Be- 
dingung vorgetragen — die ich Ihnen neulich mitteilte — , daß Sie mir 
strenge Anonymität zusagen. Und ebenso muß ich jetzt auf die 
Erfüllung dieser Bedingung halten. 

Ich weiß, daß dieselbe eine Selbstüberwindung für Sic darstellt. Ihre 
Schöpfung wird eine Schöpfung von Genie sein, hinreißend bis zum 
Fanatisnms, siegreich bis zur Vernichtung — und wer kann sagen, ob 
nicht noch diese Öymne eine Geschichte bekömmt, wie die Marseillaise? 
Es ist hart, solche Schöpfungen wie Bastarte in die Welt zu schicken. 
Aber was ist für Sie eine Selbstverleugnung mehr? 

Sie dürfen mir diese Bitte nicht abschlagen und zwar aus Rücksicht 
auf mich. Es wäre ein harter Vorwurf für mich, wenn ich duldete, daß 
sich meine Freunde für mich ruinieren — und das würde die unaus- 
bleibliche Folge sein. Ich würde mich dadurch mitruinieren. Das 
werden Sie begreifen. 



Herweghs Gedicht erschien bald darauf in Zürich^Verlag von Th.L. 
Lissner, mit der Komposition von Hans von Bülow unter dem Pseudonym" 
W. Solinger, vermutlich im Anklang an den Namen der rheinischen 
Industriestadt, wo die Arbeit erb ev^e^ung bis dahin die meisten Anhän^jer 
^(^'^KiX^XiQn hatte. 



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Gustav Mayen a.a.O. 5. Bd. S. 222/24. 



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Lascallos Beziehung zu Bismarck ist von Froundon und .I''eindcn vielfach 
missdeutet worden. Auf den ersten Blick v/ar oine InteroGsonß'em'jinschaft 
sv/icchen dem späteren Rrbauer des Deutschen Reiches und dem Schöpfer 
der deutschen Arbeiterbewegung unwahrscheinlich. I'an hat von liberaler 
Seite Bismarcks Liebäugeln mit der Sozialdemokratie für deren mächtiif^en 
Aufstieg verantwortlich ,^emacht und seine Besprechun^-en mit Lassalle 
als den Anfang einer fehlgeschlagenen Politik verurteilt. Noch schlimmer 
erging es Lassalle. Er wurde nicht nur von Marx und Tegels achs Verräter 
des Sozialismus gebrandmarkt, sondern sogar verdächtigt, dass seine 
Beweggründe für den Kontalct mit Bismarck neben einem masslosen lührgeiz 
das Streb n nach Schutz vor Verfolgung gewesen seien, Hermann Oncken 
hat in seiner klassischen Biographie , ebenso wie Gustav I.'.ayer, der 
Herausgeber des Lassalleschen Nachlasses, die llotive der beiden Partner 
in das Licht sachlich-kritischer Geschichtsforschung gerückt. Danach 
entsprach es auf beiden Seiten echter staatsmännischer Voraussicht, wenn 
Bismarck in seinem Streben, das Königtum durch grosszügige, zugunsten 
der Arbeiterschaft unternommene llassnahraen zu stüzen, und Lassalle in 
aeinem Drang nach Durchsetzung des allgemeinen Wahlrechts eine gegen- 
seitige Annäherung suchten, Ueberdies bestand unzweifelhaft zwischen 
beiden eine persönliche Anziehung. Lassalle mag im Sinne Hegelscher 
Dialektik im Ringen mit seinem V/iderpart das Mittel zur Verv/irklichung 
seiner politisch-sozialen Idee erblickt haben, 

( ) Bismarck an Lassalle 

Berlin, 11, Llai 63, 



Euer Wohlgcborcn bcnnchriditige id) ergcbcnst, daS es mit 
RUd<5idit ouf die über die Vcrhöllnisse der arbeitenden Klassen 
sdnvcbcnden Dcralunacn in der Absidil liegt, die guiadiilidien 
Äußerungen unabhängiger Männer, die sich mit dieser Frage 
beschäftigt haben, zu hörenJfJ^ 

Aus diesem Grunde würde es mir crwünsdit^ s^n, wenn 
Euer Wohlgcborcn mir Ihre Ansichten über dcn*l CTca anstand 
mitteilen wollten. - v. bismarck. 



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Hermann Onoken: Lassalle, Eine politische Biographie« WA Stutt- 
gart 1923. S, 401« 

Bismarok \md Lassalle von Gutav Mayer, Ihr Brief \/ochsel 
und ihre Gespräche, Berlin I928. S, 59. 



***" In dem von überref^ierungsrat Zitelraann angefertigten ''tnt^vurf hiesa 
es ursprünglich: "über die zu einer pralctischen Inan^^riff nähme 
dieser A.ngelegenheit geeiß-neten Mittel und Wege mitteilen woüten. " 
Bismarok strich den ganzen 6chluss des ^tvAirfe von "mir" ab und 
ersetzte ihn durch den Satz: "mich behufs einer Besprechung mit 
Ihrem Besuch beehren wollten." Doch diesen Satz strich er durch, 
stellte in dem Entwurf die 'Vorte "mir Ihre /Ansichten über" wieder 
her, vrabei er das in dem '^twurf stehende /ort "'Insicht" in 
"Ansichten" veränderte, und gab dem Brief den oben stehenden 
Abschluss, Die Ausfertigung ist von Zitelmanns Hand mit Bismarcks 
Unterschrift. 









Die von Lassallo an Bismarck zv/ischen Hai 1Ö63 und P-3bruar I864 
f^erichto-fcon zwölf Briefe bohandoln entweder zentrale politiccho und 
Gosiale Fra/^en oder Uobercriffe, die sich öffentliche Or^ano r.^ßQn 
Lacsalle zuGchulden kommen liescen. Aus jedem dieser Schreiben spricht 
ibia^evAisstsein, der Vortreter einer neuen, die Geschichte von nun an 
mitformenden Tiacht im Staate zu sein. 



( ) Lassalle an Bismarck 



Berlin, 8. Juni 63 
Bellevuestr, 13. 



Ew. Exccilcnz 
sende idi hierbei ergcbcnst als eine, wenn auch nur sdierzhaftc 
^orisebung unserer neulichen Unterredung die Verfassung 

meines Reichs.^ um die Sic midi vielleicht beneiden dürften! 
Aber es wird Ihnen üus diesem Miniaturgcmälde dcutlidi die 
Überzeugung hervorgehen, wie wahr es ist, dü6 sidi der Arbcitcr- 
stond instinklmotig zur Diktatur geneigt fühlt, wenn er erst mit 
Redit überzeugt sein kann, dafj dieselbe in seinem Interesse qus- 
Qcübt wird, und wie sehr er doher, wie idi Ihnen schon neulidi 
sagte, geneigt sein würde, trojj oller republikonisdicn Gesin- 
nungen — oder viclnichi>gerüde auf Grund derselben — in der 
Krone den natürlidieiFjh-äger der sozialen Diktatur, im Gegcnsafe 
zu dem Egoismus der bürgerlidicn Gesellschaft, zu sehen, wenn 
die Krone ihrerseits sidi iemals zu dem — freilich sehr unwahr- 
sdicinlidien — Schritt entsdilieüen könnte, eine wahrhaft 
revolutionäre und nationale Ridiiung cinzusdilagen und sidi 
ous'eincm Könighim der bevorrediteten Stünde in ein soziales 
und revolutionäres Volkskönigium umzuwandeln) 

Der Zwcd< des Gegenwärtigen ist anzufragen, ob Ew. 
Exccilcnz Zeit gefunden haben. Sich der Durchlesung der Ihnen 
übersandicn Rede: „Die indirekte Steuer und die Loge der 
orbcitenden Klassen" zu unterziehen. 

Die Ansiditsdifferenz, weldie mirEw, Excellenz neulidi über 
die Wirkung der indirekten Steucrf^W^?fif die Lage der ärmeren 
Volksklasscn ausdrüd\icn, wollte idi der Ausführlidikeit wegen, 
v/cldic gerade bei diesem Gegenstände zu einer gründlicheren 
Behandlung erfordcrlidi ist, nidit mündlidi zu widerlegen sudien. 
Idi zog vor, midi hierin auf die überzeugende Wirkung dieser 
Abhandlung zu verlassen. Haben Sie von derselben Kenntnis 
genommen, so werden Sic entweder bereits meiner Ansidit sein, 
oder ober es wird nunmehr leidit möglidi sein, auf Grund 
dieser faktischen Unterlage eine Übereinstimmung der Ansidit 
herbcizuführen.l3(3" V y- V 




Bismarok und Las sali e. S.59/62. 

^ Jem Brief lag das Statut des Allgemeinen Deutschen Arbeiter- 

vereips "böi. 
** ^a:n -tiem-üri^^älkonzept, das ebenfalls vorhanden ist, stand 

;ursprünglioh "erblichen". 
^^f^f^Vün ".Wirkimg»; \ri.s "Steuern" ist mit Blaustift unterstrichen. 
■)f^*^ 7oh"eine'^trebereinstimmunfT" bis "herbeizuführen" ist mit Blaustift 

unterstrichen. 




-: > 



Damit wäre etwas überaus Wescntlidics gewonnen! Sic 
wurden dann mit mir überzeugt sein, eine wie crhcblidie Ver- 
besserung in der Lage der ärmeren Klassen sdion eine Abolition 
von zunüdist 8-10 Millionen indirekter Steuern herbeiführen 
würde. 

überdies brauditcn dieselben nidit einmal durdi die 
direkten Steuern — so vorteilhaft dies immerhin nodi wäre — 
flusneglid\cn zu werden, sondern könnten sdion durdi die 
nculidi von mir ongedeutcten Ma&regein, obwolil diese ja selbst 
nur cxemplifikatorisdic Proben eines gröljercn und zusammen- 
hängenden finsembles von Ma&regeln waren, überreidilich erseht 
werden. 

Die Überzeugung Ew. Exeeilenz in dieser Hinsidit fest- 
zustellen, halte id» für so wesenilidi und von so fruditbaren 
Folgen nndi allen Seiten hin, daß ich, zumal \d\ Mitte des 
Monats auf drei Monate verreise, bereit bin, midi zu einer 
zweiten Unterredung bei Ew. Exeeilenz einzufinden, falls Sic 
mir den Tag bestimmen.*|*fC 

Wenn ich Icbthin Ew. Exeeilenz die Ansicht ousspradi, daß 
eine zweite Unterredung unter den gegenwärtigen Umständen 
nublos bleiben mü[)le, so bin. ich icbt um so mehr hierzu erbötig, 
ols die Ic'iiten Ma!iregcln,*Qi'chc inzwisdien getroffen worden, 
sehr verhängnisvoller Natur in ihren, wenn oud; freilich nidit 
unmittelbaren Folgen sind. Diese Mabregcln liegen nadi meiner 
Ansicht genau eben so wenig im Interesse der Monarchie, wie 
im Interesse der Fortsduiltspartei, sondern wenn irgendwem, 
so dienen sie lediglidi und allein, wie id» offen konstatieren 
mufj, der snc/icllen Partei, der idi selbst angehöre, der revo- 
lutionärcnT Portci! 

Um so selbstloser und aufriditiger ist es von mir, wenn id» 
Ew. Exeeilenz sage: Ist es wirklidi Ihr^ Absidit, wie Ew. Excel- 
lenz äuijcrlcn, die Krone cinesTTafKs zu jener Umkehr, zur 
Proklamicrung des allgemeinen Wahlredits und zur Alliancc 
mit dem Volke zu bewegen, so kann ein Fortsdircilen auf 
dieser Dohn nur dazu dienen, Ihnen die Erreidiung Ihrer eigenen 
Absichten unmöglich und jede Alliance zwisdicn Krone und 
Volk sdiledilhin unausführbar zu machenl Es wird eine Miß- 
stimmung erzeugt, die zulcbt selbst beim, oufriditigsteh Willen 
der Krone jede Alliance mit dem Volke aussdilie&t. 

Frcilidi würde gerade das zu einem endlichen Siege der 
von mir vertretenen Ideen führen, ober nidit mehr auf jenem 
friedlichen und für die gesomtc Gesellschaft wohltäiigcn Weg,., 
den mir Ew. Exeeilenz neulidi in Aussicht stellten. '< 



T" "^ . ,J • 




* "Sie mir den Tag" ist mit Blaustift ijnterstrichen. Die letzten drei 
Zeilen sind ausserdem am Rand von Bismarck sellDst mit Schwarzstift 
angestrichen und er selbst hat/'oen Rand geschrieben: "ja". 

^^ Die Presseordonnanz vom 1, Juni, die die Verwaltungsbehörden berech- 
tigte, Zeitungen nach zweimaliger Ver-^rnung zu unterdrücken, ferner 
das Verbot an die Stadtverordnetenversammlungen vom 6. Juni, politi- 
sche Beratungen zu pflegen. 

^^* Dies Wort ist blau unterstrichen. 

¥rM-M:^ Von hier bis "so kann" sind die ganzen Zeilen blau unterstrichen. 

f G.m.J 




Ein Feind, ober ein offener und ehrlicher Feind des be- 
slchcnden Sysiems fühle idi midi, da Ew. Excellcnz einmol 
meine Ansidilen zu hören gcwünsdit hoben, in meiner Loyolitiit 
genötigt, dies offen ous/nsprcdien und bin bereit zu miind- 
lidicr, näherer Begründung. 

Sdilie&lich dic^'Demerkung, daß über die Totsodic unserer 
nculidien Unterredung sidi irgend etwas irgend woher cbruitirt 
zu hoben sdieint. So wenig meine Handlungen die \o\\q^^ ^ 
Offentlidikeit z\x sjdi^en hoben, so kann dodi gerade durdi 
eine hQlbc*l'*Oircrttlidikcit ein cnistellendcr*) Sdicin erregt 
werden, und idi erlaube , mir daher Ew. Excellenz hiervon in 
Kenntnis zu sehen.*), f' '^ '^'^ 



Mit vorzüglidisier Hodiaditung 

Ew. Excellenz 



ergebenster 



F. Lassalle. 






Die von Lassalle unternommenen Anstren^^un^en, Bismarck zur Einfülirung 
des allgemeinen und direkten V/ahlrechts zu bestimmen, spiegeln die 
unmittelbar vor Aus"bi*uch des preussisch-dänischen Krieges geschriebenen 
Briefe. 



( 



) Lassalle an Bismarck 



Berlin, 9 -Januar IÖ64. 
Potsdamer^r, 13. 



•Exccllcnzl 

Gerüdite von einer unmiflcibor bevorstehenden Auflösung 
des Abgeordnetenhauses und glcidizcitiger Oclroyicrung des 
allgemeinen und direkten Wohlrcdits zirkulieren. 

Sollten diese Gcrüdile irgend begründet sein, so würde 
idi dringend wünsdicn müssen, Ew. Excellenz iedcnfolls 
vor Publikation des Wohlgesebcs und selbst vor Feststellung 
seines Textes zu spredicn. Sehr wesentlidie Gründe be- 
stimmen midi dazu und würde idi dann Ew. Excellenz bitten, 
im gedoditen Falle mich von der Ihnen zur Unterredung bc- 
<iucmstcn Stunde benaduiditigen zu wollen. 

Mit ausgczcidineter liodiaditung 

Ew. Excellenz 

ergebenster 

F. LqssqIIc. 



':■' ■ ' 




Von hier bis "scheint" mit Blaustift unterstrichen. 



^* Von Lassalle unterstrichen. 
^^^ Von Lassalle unterstrichen. 

■)t-x-)f^ Im Originalkonzept lautete die Schluss Wendung ursprünglich; 
"um "besondere Diskretion für diesen Brii=5f zu bitten". 



fdM.J 



Bismarok und Lassalle« S» 80« 






( ) 



Lassallo an Bismarck 



Berlin, Mittwoch, 13. Januar I864. 
Potsdamer Str. 13 u 



Exccllcnzl 

Vor allem klage id\ midi an, Qcsicrn vergessen zu haben. 
Ihnen nod» einmal ans Merz zu legen, doB die Wählbarkcil 
sdilcdilcrdimjs allen Deiilsdicn erteilt werden muß. F.in 
immenses Moclitmillcl, die wirklidic „moralisdic" Erobe- 
rung Dcutsdilandsl 

Was die Wahltcdinik . betrifft, so tiabe idi noch gestern 
Nad)t die gcsammtc französisdic Gcscbgebungsgesdiiditc 
nndigelcscn und da allerdings wenig Zwed<mäBiges gefunden. 
Aber idi habe audi nadigcdadit und bin nunmehr aller- 
dings wohl in der Lage, Ew. Exccllcnz die gewiinsdilcn Zauber- 
rczcplc zur Verhütung der Wahlcnthaltung wie der Stimmen- 
zerbröd<clung vorlegen zu können. An der d u r di g r c i f c n - 
den Wirkung derselben wäre nidit im geringsten zu zwcifclnl 

Idi erwarte dcmnadi die Fixierung eines Abends seitens 
Ew. Excellcnz. Ich biitc aber dringend, den Abend so zu 
wälilen, da& wir nidit gestört werden. Idi habe viel über 
die Wahltedmik und nodi mehr über anderes mit Ew. Exccllcnz 
zu reden und eine ungestörte und crsdiöpfcndc ßesprechung 
ist bei dem drangenden Cliaraklcr der Situation wirklidi un- 
umgänglidics Bedürfnis. 

Der Dcslimmung Ew. Exccllcnz entgegensehend mit ous- 
flczcichnctstcr Hochaditung 

Ew. Exccllcnz 

ergebenster 

F. Lassallc 



( ) Lassalle an Bismarck * 



Sonnabend A^bend, ^16. Januar 1864.^ 
Potsdamer Str. 13. 



Exccllcnzl 
Idi würde nidit drängen, aber die äu&ern Ereignisse 
drängen gewaltig, und somit bilic ich, mein Drängen zu cnt- 
sdiuldigcn. \d\ sdiricb Ihnen bereits Mittwoch, da& ich die 

gcwünsditcn „Zauberrezepte" — Zuubcrrczeplc von der durch- 
greifendsten Wirkung — gefunden habe. Unsere nädistc Unter- 
redung wird, wie ich glaube, cndlidi von enisdicidcndcn 
DesdUüsscn gefolgt sein und da, wie ich ebenso glaube, diese 
cntsdicidendcn Entsdilüssc unmöglich länger zu versdiieben 
sind, so werde idi mir erlauben, morgen (Sonntag) Abend 
. 8K Uhr bei Ihnen vorzusprcdien. Sollten Ew. Exccllcnz zu 
dieser Zeit verhindert sein, so biitc idi mir eine andere mög- 
lichst nahe Zeit bestimmen zu wollen. 

Mit üusgczcidinetcr Hodiachtung 
Ew. Exccllcnz 

ergebenster 

F. Lns^^ll^ 



^ 



BiBinarok xtpäi Las 3 alle« S« öl' — 

Nach dem vom Original erfolgten Abdruola im Bismarok-JahrlDUch, 

Bd. IV. 1897. S. 166. 




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11 



Dia.em Brief waren corcfUltiG auseeartoitetG, 25 Punlcto umfaöaonde 

Punk-tationen" büigeles-t. 

In oinom noch im Januar odor Anfang Fsl^ruar I864 sesohrieT^onen 
Briof unternahm Lascalle.im Anachluss an eine unmittelbar vorhergegangene 
Aussprache mit Biomarck, den letzten Versuch, sein Ziel zu erreichen. 



( ) Lassalle an Bismarck 



^ohne Datuiii_y 
/"Berlin, I^nde Januar 1Ö64 
oder Anfang Pe'bruary 



Exccllcnzl 

Die heutige Unterredung, die \d\ wirklich, weil ich Sic zu 
beschäftigt sah, nidit forlschcn wollte, nötigt mich, auf die Gc- 
fohr hin phontastisdi zu crsciicincn, nochmals zu einer aus der 
Tiefe meiner Seele ertönenden Warnung, auf die Sic den Wert 
legen werden, die sie Ihnen zu verdienen sdicincn wird. Sic 
müssen') das allgemeine und direkte Wahlrecht vor dem 
Krieg geben, denn sie können es weder wahrend des- 
selben nodi nad\ demselben geben. Nidit während des- 
selben, denn dann würde es, wie Sic selbst sahen, nur als ein 
Zeidien der Schwäche crsdieinen, und man würde es statt Ihnen 
zu danken nur in eine Position gegen Sie verwandeln. 

Nidit nach dem Kriege, und von den hundert Gründen 
hierfür will idi nur einen einzigen anführen. Warum können 
Sic im f^ricden alles was Sie wollen? Worum gestand ich 
Ihnen sdion im vorigen Mai zu, daS, solange kein auswärtiger 
Konflikt eintrete, unser Land sidi selbst den ärgsten Absolutis- 
mus ruhig gefallen lassen werde? Warum sagte idi Ihnen, da& 
er mit dem ersten Krieq zusammenbrcrhf*.n ^wrrH/^7 

Im Frieden waltet dns Interesse des Privatlebens 
durchaus vor und bringt die Volksstimmung zum Indifferentis- 
mus, mödilcn die Zustände sein wie sie wollen. 

Die ganz cntgegengesebte Stimmung tritt mit iedcm 
Krieg von einiger Dauer und einigen Umrissen ein. Eine ganz 
anders aufgeregte Atmosphäre erzeugt sidi, und das Pathos 
'des öf fcntlidicn Lebens wird jebt ebenso herrschend wic> 
im Frieden das des Privatlebens. 

' Diese öffentlidie Stimmung des Volkes, die dann eintritt, 
darf durchaus nicht verwed\5clt werden mit der „öffentlichen 
Meinung" der Zeitungen. 

Mir crsdieint es mehr als gewagt, diese Stimmung 
eintreten lassen zu wollen solange Sic zum Lande Ihre gegen- 
wärtige negative Stellung einnehmen. Sic werden nadi dem 
Kriege das Wahlrcdit n i di t mehr geben können, denn sdion 
während des Krieges werden, wenn er zu einem Krieg 
von einiger Dauer und einigen Umrissen wird — und es ist 
niemand gegeben dies zu verhüten — Emeutcn und Insurrek- 
tionen Qusbrcdicn. Angenommen und zugegeben selbst, Sie 
besiegen diese mit mililärisdicr Gewalt — so 'ist, sowie von 
neuern Bürgcrblul geflossen ist, die gonzc Entwicklung der 
Dinge geändert und die von Ihnen gewollte zur Unmöglidi- 
kcit geworden. Von beiden Seiten. Von Seiten des 
Königs, der dann entweder in Ihrer Person die Ursache 
des geflossenen bluies sähe und Sie fallen ließe, oder aber, 
wenn dies nidit eintrilt, nidit mehr zu bewegen wäre, sidi dem 
allgeniciiicn V/ahlredil anzuvertrauen. Von Seiten des Vol- 
kes in noch höherem Grade. Denn ist erst von neuem 
ßürgcrblut geflossen, so ist durch das Volksoefühl jede 
Verbindung mit Ihrer Regierung und mit dem Königtum über- 
haupt zur UnmÖglidikeit geworden und die Gcsdüditc wird 
ihren viclleidü nidit gar raschen aber verhängnisvollen Verlauf 
nehmen'» 



Bismarck und Lassalle. S. 87/88. 



Was hier gesperrt ist, hat Lassalle unterstrichen. 



Lä..yf/j 



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.*' w': 



Diese Insurrcklioncn, ich wiederhole es, werden kom- 

Tr'nnr""-^"''n^^'"* ^" ^ ^ ^ '''^&^"' ^<^nn ^vir einen KHeg 
von nur cimacr Dauer und nur einigen Umrissen bckonin cn 

^^ värbetietK ^^^^"^''^^'^^ ^^''^''^ QeQcn'die RÄn^S 

Lcuf^nehmen ' ""und' d ^'"" "^ren düstern vorher besfimmfen 
viellcidit^d?ni;;i. fi, • ♦'''"''°^. Phanfosmo. dessen id. midi 
V ciicidit sduldig fühle, ist. gewünsdit und vcrsudii zu haben 
diesen trauriocn Verlauf abzuwenden ' 

hier vähi'rn"" '1' "'"^'^ '^•^^"' ^^"^ ^^- Excellenz werden das 
ll'clen sehen ' '" """"'' ""^'' *''"''''" Befriedigung cin- 

Wan bestem s e i n li a u s , c h e man in den Krieg zieht 

red.i vor^'n"'"'!.^"^^"" ^^^ °"^^"^^'"« ""^ direk/ Wahl- 
recht vor dem Kriege octroyicren oder nie mehr I Auf 
d^sc Vers.dierung glaube idi die' ganze Ehre meines gcsdiid^t- 
hd^en Dhd<es. auf den id. bisher einigermaßen slolz zu stn 
Grund hatte, sehen zu dürfen. 
Dixi et salvavi onimam mcam. 

Mit vorzüglicher Hochachtung 
Ew. Exccllenz 

crflcbensler 



F. LqssüIIc. 



Allein nicht auf dem politischen, sondern auf dem sozialen Gebiet 
hat Bicmarck auf seine V/eise den von Lassalle c^ev^iesonon Kurs ein^e- 
schlai^en, indem, er den entlassenen V/ehern eines schlesichen Kreises 
'täti2:e Hilfe leistete, eine Kommission zur Untersuchung der dortigen 
V/eberzustände einsetzte und sogar den König veranlasste, einen ansehn- 
lichen Betrag aus seinen Privatmitteln zur Begründung einer Produktiv- 
genossenschaft herzugehen. Hit Recht hat Lassalle diese Alitionen ; 

auf eine Uehernahme der von ihm propagierten Ideen zurückgeführt. f 

t. 
t 

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( ) Lassalle an Sophie von Hatzfeldt i 

— i 

Leipzig, Ivlitt^voch /^ll. Hai l864_/# f 

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Gute Gräfin! ' 

1 

Ich empfange soeben Ihren Brief. Die darin milgctciltcn Nach- ' [ 

richten sind jedenfalls vortrefflich. 

Was B[isniarcks] cigcntliclic Absicht ist, ist un«>cluvcr zu durch- 
schauen. Im wcscntrichcn ist sie jedenfalls diese: Er hat, wie ich Ihnen ! 
voriges Jahr bereits sagte, von Anfang an den Wunsch gehabt, womög- 
lich das sozialeEIcmcntdcr Arbeiterbewegung durchzuführen, nioins ' 
das politische. Da ich nicht bereit war, hierauf einz.ugchcn, versucht er es j 
jetzt mit den Arboitorn direkt. Wäre diese Trennung möglich, könnte 

er sein Projekt durchführen — so wäre .'•.ein Profit dalx;i ganz klar. Kr \ 

hätte die Macht dann ganz allein und brauchte mit niemand abzu- i 

rechnen, nicht mit Volk, Kammer, noch Bewegung. Aber aus tausend i 

i 

Gründen istdiesschlicßlichganzunmöglich.HristderMannnochnicht, * 

mit dem Teufel Kirschen zu essen !^Kr wirtschaftet jetzt, willentlich ! 

oder nicht, als mein Bevollmächtigter für Schlesien. Je mehr er • 

in diesem Kamine herumpurrt, desto mehr zieht er mir die Bewegung .j 
groß. ' _ . 



i.\ ,i;»r"!i', 



Ferdinand Lassalle, Naohgelasene Briefe und Schriften. Hrsg. 
von Gustav Mayer. 4.Bd. S^. 353/54. 



* Rieses "bisher Bloss durch mündliche Tradition überlieferte V/ort 
Bismarcks erhält durch den vorliegenden Brief historische Authen- 
tizität. 



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■ :: :f:; t'i-," ^'™ 'z <'"™-^^-' -" »'•^'' '< ^-."S i < s 

A o . ^°T ='"' "'''■' '"^ Organisation der l>ro,l, k v 
Asso^, a t, on n besorgen. Vorscl.Uigc überdas Detail der Einriebt" ,,,!:: ? 

Hii ;:;k;p a;:!:';;^i:s''^"- ^<'" '""^ ^-'^'^'■^. -" "^^ Arbeit; d. 

lelrer«'arte Pauls «rief. Sind vorher dort K,.tsehlii..«e zu fassen 

undTk^nf V"" TT "'■'■ r ■"""'"' "■""- ««'-kon blt 
unci alles keimt. Sa!;cn Sie das auch an Willnis 

Eme liitte: Halb heiser abgereist, bin ieh hier durch zweistündige 
Kode ganz Ire.ser geworden. Bitte, gehen Sie -oder sehreiben Sic - 
gkneh an Lrenchs, er soll Ihnen das Rezept geben, das mir so g ä getan 
und ehrcken S.c nr.r es sofort au Lcwy „ach Düsseldorf, wo ich .„' rgea 
^ Ganz Ihr 

F. Ivassalle. 



Die von Lassalle gebrauchte Wendung "mit dem Teufel Kirschen essen" 
war ein ^^cho eines seiner Gespräche mit Bismarck, Dieser hatte - väe 
bald verlautete - auf Lassalles Bemerkung, dass eine Allianz der 
' Arbeiterpartei mit der konservativen Partei nach kurzer Zeit in die 
Brüche gehen mirde, mit den V/orten reagiert: "Ach, Sie meinen, es 
kommt darauf an, wer von uns der Mann ist, der mit dem Teufel Kirschen 
essen kann, ITous verrons." * * 

Vierzehn Jahre nach Lassalles Tod hat Bismarck als AntvADrt auf die 
Angriffe Bebeis in seiner Reichs tagsrede vom 17. September I87Ö seine 
Beziehung zu Lassalle ausführlich dargelegt. 



•- I -v u ■• 



mdjr^cCTmdjt \dpimOf-%cxnad}L ^ ^d) l)ahc ifjn gefeiten unb 
Don bcm 5(u(jcnblic! an, tüo \d) mit ifjm eine ©tunbc gejprod^en, 
I)abc id) cö md)t Bereut, ^d) T^abc ifjit nid;t in jebcr SBod^c 
brei* biS toicnnal sejcljcn, fonbern im GJansen brctmal, meinet» 
I;albcn öiermol, id) njeijj c3 nidjt. Un(erc öcsiel^ung tonnte gor " 
nidjt bie S^ahir einer politifdjen ißer^anblung l^abcn. SBqS ^^ttc 
mir fioffaÜc bieten unb geben tonnen? Gr I;attc nidjtS ^intcr 
fidj. Sn ollen politii'djeu ^^errjanblungen ift baö do ut des eine 
Qad)c, bie im ^intergrunbe fielet, aud) mcnn man auftonbSljQlbcr 
cinfttücilen nidjt baüon \pnd)t. SSenn man \id) ober (ogcn mug: 
lüQö lonnft bu anner STeufel geben? (5r Ijatte nid^tS, iraS er 
mir aU Stiniftcr t)ättc geben tonnen. SSaS er I)atte, njar f^tioa^, 
tüQö mid^ qI§ ^riüatmaun aufjerorbentlid) anjog: er luar einer 
bcr geiftreidjfteit unb liebcnStuürbigften 9J2cnfd;cn, mit bcnen id) 
je Dcrfel;rt I)abc, ein WHann, bcr ct)rgci5ig in großem ©tile toar, • 
burd)QuS nid;t SRc^ublifoner, er Ijattc eine jcl)r ausgeprägte 
nationale unb monard^ifd^c ©efinuung ; feine Sbec, ber er juftrcbte, 



I ^loU ;' 



/_ Florian Paul, der Führer der Weberdeputation. Briefe von ihm an 
Lassalle und an die Gräfin befinden sich im Nachlass, 



C^A.J 



^ ^ Aus: Herraann Oncken, Lassalle, inline politische Biographie. 
Stuttgart 1923. 4. Aufl. Ü. 40I , 




3Uöqcf;rcubci-t, fic mit .^")or;n in ü), iüd)t^. ^auKhsmckn. unb 
u^nvbc |ic aiincr Staub Qc'm \),hcu. feinen 9?amen ju mig. 
Mauf^cn. Snifaüc mx ein cnerQiicr^cr unb fel^r nciliu-djcc 2)?enfcfi 
jnit bcm 511 fprccfjcn fer^r Ul)mid) luar; nr.jac UntencbunQoi 
r;nl)cn ©tunbcn Tang gebancrt, unb icf; l)ah cö immer bcbauert 
jreim fic kenbct lüorcn. ^^abei ift au^ unrirfjtig, bog icfi mit 
UiiaHc Quöcmonbcrgefornmen i6n \oü in bie(er Slrt öon ^jcrfön- 
Iicfjcn Sc5icr)im3cn, tion öesieljungen pcrfönlic^cn ^Dl)lmUm 
h^ic e§ fidf; 3iüi)d;en unö gcbilbet Ijattc, inbem er offenbar bai 
anQencr^men Ginbrucf Ijattc, boß idj in if)m einen 2)?ann öon 
©cift fcljc, mit bem 311 berfcfiren anQcnef^m luar, unb er feiner- 
fcitö bcn anocner;men ©nbnicf r;atte, i^a^ iä) ein intelligenter unb 
bcrcitiüilligcr $örer mv. 53on a^crrjanbrungcn rtar fdjon beS^aI6 
ntdjt bic TiQbQ, tüQÜ idf; in unfcren Unterrcbungen irenig ju SBorlc 
Jam; er trug bic 5loftcn bcr llntcrf;artun9 a^cin, aber er trua 
fic m angcncrjmcr unb licbcn^iüürbiGcr 23ei)e, unb Scbcr ber ibn 
rannte, luirb mir in bcr edjirbcnmo rcrf;t geben. Gr t^ar ni*t 
bcr 93?ann, mit bcm bcftimmtc 5I6mQcf;ungcn Ü6cr i>a& do ut des 
flbgcjdjloiicn njcrbcn fonntcn, at)cr idj bcboucre, baJ3 feine politifc^c 
etcirung unb bic mcinigc mir nid;t gcftattctcn. mit if)m biel ju 
bcrfcr^rcn, aber id; n)ürbc mid; gcfi'cut r)a6cn, einen äfmlic^cn SKorat 
toon bicfcr Begabung unb gciftrcid;en 3?atur alg ©utSnadjbam ju 
f)abcn. SScnn er burd; feinen (SJeift unb feine Sebeutung mic§ 
önsog, fo iit eö ja, obgcfeljcn boDon, meine ^Sflid^t alö 5minifter 
mid; über hk Gremente,mit bencu id; cS ju tljun ^abc^u belehren-.' ' 



Dio Beziehun<[j zu Bisnarck war einer der ^össton porcönlichen Erfolge 
LaGcallGo, aber seine Hoffnun^j, die ^Jinführun^; des allgetnoinon V/ahl- 
rochts zu erreichen, erfüllte sich nicht. Auch andere Enttiiucchun£;on 
hliehen ihm nicht erspart. Die I.litgliederzahl des Arhoitervoreins 
stand in keinem Verhältnis zu dem Jubel, mit dem Lassalles Reden von 
den Arbeitern auf {genommen v^urdon. Das grosse Ansehen, das er sich als 
Schriftsteller und Redner erworben hatte, schützte ihn, trotz der Gunst 
Bismarcks, nicht vor strafrechtlichen Verfolgungen. Es gelang ihm zwar, 
dio Umwandlung der \jQßQn des "Arbeiterprogramms" über ihn verhängten 
Gefängnisstrafe von vier Monaten in eine Geldstrafe zu erv/irken, aber 



* Aus: Adolph Kohut: Ferdinand Lassalle, sein Leben und Wirken, 
Leipzig 1889. S. I48/149. 



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wiedorholto JBcschlatTnahmo ceinor Schriften und Verhaftungen hliehon 
nicht aus. Das Zer\mrfnis mit Karl liarx, das, trotz Geraeinsamlceit der 
Ziele, durch die Vorüchiedenhcit der philosophischen Grundhaltung; 
und Auffassung ühor den einzuschlagenden V/ec: hervorgerufen v/orden v/ar, 
e^^vies sich als unheilbar. Auch innerhalb der Arbeit erb ev/efrun^«? stioss 

Lassalle auf V/iderspruch und selbst auf Widerstände, die sich gegen 

. dikt?'torischQ , . 
Goino/i'uhrung und die Annäherung, an. Bismarck richteten. Ungeachtet 

aller Rückschläge brachte dieses/^^to die Krönung von Lassalles 
politis'jhom Lebensv/erk, die Schaffung der sozialdemokratischen Arbeiter- 
partei und die Veröffentlichung seines groindlegendon volkswirtschaft- 
lichen V/erkes, "Herr Bastiat-Schulze von Delitzsch, der ökonomische 
Julian, oder Kapital und Arbeit" (Berlin I864). Diese Kritik des 
I'.ianchestertuns und die vd.sscnschaft liehe Begründung seines Sozialismus 
war, wie schon der Titel ausdinickt, ein bis zur Persiflage gesteigerter 
Angriff auf den führenden liberalen Vollcsvartschaftler. Theoretisch 
stützte sich Lassalle, v/ie er selbst bekannte, auf die Schrift von 
Karl l.arx "Zur Kritik der politischen Ökonomie. Dennoch ging Lassalie 
in seinom Buch auch eigene V/ege. Philosophisch an Fichte, volksvd.rt- 
schaftlich neben Harx auch an David Ricardo und den hervorragenden 
deutschen Volksvdrtschaftler Karl Rodbertus anknüpfend, fasste er 
erstmalig alle sozialistischen Ideen zusammen. 

Zu Lassallos Kitkflmi^fern in dieser Zeit gehörte neben Rodbertus und 
dorn ochwoizor Rüstov; auch I/.oses IIoss, der, obv/ohl in seinem Ver- 
hältnis zum Judentum La^sallos Gegenpol, ihm politisch am nächsten stand, 
und der sich nachdrücklich für Lassalle als Agitator und Autor einsetzte. 

V/ilhelm Rüstov/, eidgenössischer Ö±£dcz±2r Oberst, Kilitärcchrift- 
steller und Revolutionär, v/ar ein langjähriger Freund Lassalles und der 
Gräfin von Hatzfeldt. Obv/ohl auch diese Freundschaft durch politische 
r.einungsvorschiedenhoiten auf die Probe gestellt wurde, enthält gerade 
ein Brief Lassalles an Rüstov/ sein Credo. 



# 



• 



b . y^d'viX/y / 



KM^i^'tm 



Johann Karl Rodbertus (l805-l875)f Politiker und Fationalökonomj 
1848 Mitglied der preuss. ISTational-Versairimlung, 

** rWilhelm Rüstow (I82I-I878), ehern, preuss. Offizier. 



■V 



) Lasoalle an V/ilhelm Rüctov/ 



/"undatiert, Berlin, Anfan,[? TAai l863.J^ 



Wahrhaftig sehr wenig am Ort ist, wenn Du mir vorhältst, wie 
Du seit 184S ausgedauert hast, als hätte ich das nicht auch getan. An 
meiner Ausdauer zu zweifeln, ist überhaupt naiv. Ich habe für die 
Prozesse der Gräfin zehn Jahre ausgedauert, und werde wohl für die 
allgemeine Sache nicht weniger Zähigkeit haben. Habe das übrigens 
schon in praeterito, denke ich, sattsam gezeigt. 

Lächerlich aber ist, wenn Du — und auch Herwegh. dem Du wahr- 
scheinlich davon gesagt - annehmen, ich könnte mich in vierzehn Tagen 
zurückziehen, die Politik aufgeben usw.. weil ich etwas davon geschne- 
bonl Begreift Ihr so wenig, daß es für leidenschaftliche Naturen emc 
Notwendigkeit ist. sich auch leidenschaftlich zu beklagen? Zurückziehen 
von der Politik! Du mein Gott! Das ist es ja, daß man mit dem Luder 
ebensowenig leben als von ihm lassen kann! Es ist zum Totlachen, wie 
Ihr solche Wutäußemngcn au serieux nehmen wollt; es ist. als wollte 
man einen Fluch ä la lettre nehmen! Fehlte noch, daß Ihr 'es in die Zei- 
tungen bringt durch Weiterquatschen ! 

Nein, solange eine Möglichkeit existiert, die Kohlen zur Flamme 
aufzublasen, solange werde ich blasen und wenn ich die Schwindsucht 
bekäme. (Wird mir doch schon fraglich, ob ich die drei Sommermonate, 
<iie ich so brauche für Alpen und Seebad wie einer sein Auge, denn meine 
Nerven hängen vor Überarbeit zerrissen um mich herum wie alte Fetzen, 
nicht lieber zu Agitationsreisen als zu emer kurzen Ruhe verwenden soll.) 



Worauf ich allein sehe, ist der Arbeiterstand. Ich habe die tiefe 
Überzeugung, daß sich mit der deutschen Bourgeoisie gar nichts 
machen läßt. Ist der Arbeiterstand noch so weit zurück, daß man ihn 
in seiner ungeheuren Majorität unter dem Fortschrittsbanner fest- 
halten und gegen meine Bewegung votieren machen kann, ist er noch 
so unreif und schon so entmannt — ja dann ist's für ein Dezennium 
mindestens zu früh. Dann läßt sich nichts machen. Darauf allein sehe 
ich. Ich will nur eine r^Iinorität, das ist natürlich. Alles, was in der Welt 
passiert ist, ist mit Minoritäten gemacht. Aber es muß eine anständige 
Minorität sein. Mit hundert Arbeitern, wie Herwegh sagt, nein — damit 
ist eine politische Partei nicht zu machen. Eine Sekte für spätere 
Zeiten ließe sich damit gründen. Keine Partei. Dann habe ich Unrecht 
gehabt; dann bin ich zu früh gekommen, dann, wenn mein Arbeiterverein 
binnen Jahresfrist nicht zehntausend Arbeiter hat, dann allerdings werde 
ich mir überlegen, ob ich nicht ganz auf die Politik verzichte, da alle 
Aufopferung dann nutzlos wäre. 



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Ferdinand Lassalle, Naohgelassone »Binrtft Briafa und Schriften, 5, 
Bd. S. 169/73. 



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9/ 



Diu um diesel"be Zoit mit Rodbortua goführte Korrespondenz ü"ber 
die Fassung der Statuten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins 
gibt l,assalle Gelo^enhoit, seine Stellung zur Nationalitätenfrage 
zu präzisieren, 

( ) Lassalle an Karl Rodbertus 

Berlin, 8, Mai 1863. 



Nein, Natioiialilälspiinziplcr bin icli nicht. Ich habe meine Ansicht 
darüber selir. deuthcli seinerzeit in meiner Broschüre über den itah'eni- 
schcn Krieg-r^ ausgesprochen, die icli Ihnen beiliegend sende. Sie finden 
darin ausdrücklich entwickelt, daß icli das Recht der Nationalität nur 
den g r o ß c n K u 1 1 u r n a t i o n e n — und denen werden Sic es ebensowenig 
bestreiten — vindiziere, nicht den Rassen, deren Recht vielmehr nur 
darin besteht, von jenen assimiliert und entwickelt zu werden. 

So weit also sind wir ganz d'accord. lune einzige Differenz scheint 
mir vielleicht zwischen uns zu bestehen. 

Sind Sie wirklich au fond Töderativstaatler? Ich bin entschiedener 
Gegner des Föderativstaates für Deutschland, eutschiedeuer Anhänger 
des unitarisclien Staates. — 

Das soll mich nicht abhalten, das Wort ,, Deutsche Bundesstaaten" 
statt „Länder" in die Statuten aufzunehmen. 



Drei Ilonate später hat Lassalle in einem an lioses Hess gerichteten 
Brief die Bev/eggrilnde, das V/esen und die Bedeutung seiner politischen 
Leistung, insbesondere auch im Verhältnis zu Karl Marx, zusanmengefasst, 

( ) Lassalle an Moses Hess 

Ostende, den 27, August /TSöß/. 



. Lieber Hess! 
Mit wahrhaftem und grossem Vergnügen habe ich Ihre treffliche 

Schrift die „Rechte der Arbeit" gelesen und kann nicht umhin, Ihnen 
mein besonderes Kompliment für dieselbe zu machen. Es ist mir 
jede Zeile darin aus der Seele geschrieben, und die Prägnanz des 
Ausdrucks und der Darstellung macht die Lektüre zu einem Genuss. 
Das gleiche Lob verdienen die Grenzen, die Sic gewählt haben. Sic 
wissen, wie es mit dieser Bewegung gegangen, wie sie entstanden ist. 
Sic ist nicht eine theoretische, nicht von einem theoretischen Werke 
ausgegangene, sondern sie ist eben eine praktische Agitation. Hätte 
ich ein theoretisches ökonomisches Werk geschrieben — ich wäre 
natürlich ganz anders zu Werk gegangen, wäre viel weiter gegangen. 



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a.a.O. 6.Bdt S« 338. 

Der italisnisohe Krieg iind die AufgalDe Preussens, Berlin I859. 

^ -> , ■ ■ M. 

*^^ Rechte der ArlDeit. Von 2fizxBX Hess. In Kommission "bei Reinhold 

Baist, 1863. Das Vorwort trägt das Datum: Köln, den 15« Juli 1863. 



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vxxtSt. Moses Hess Brief\70chsel. Hrsg. von Edmund Silberner, 
1959 s-'Gravenhatjo. S. 434/36. _. I_-.--'^ ^ 



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Ich war gciadc im Begriff, ein solches zu beginnen, als die Möglich- 
keit und Gelegenheit zu der praktischen Agitation von Leipzig aus 
an mich gebracht wurde. Fast zauderte ich einen Augenblick, diese 
Gelegenheit zu benutzen im Hinblick auf das für mich persönlich 
lockendere Ziel eines systematischen ökonomischen Werks, für 
welches mir — das sah ich sofort klar — durclr.dic praktische Agitation 
fürs erste alle Zeit entzogen würde. Dann aber sagte ich mir; was ist 
nicht alles schon geschrieben und bewiesen und dennoch von der 
Welt fast vergessen wordenl Natürlich nur für die Gegenwart. Durch 
ein theoretisches, systematisches Werk wird wieder nur ein Fort- 
schritt der Wissenschaft, eine Bcfnachtung der Geister in 30—50 Jahren 
crzieltl liier dagegen bot sich die Gelegenheit einer grossen, prak- 
tischen, auf die gesamte Nation eindringenden Agitation. Es handelt 
sich darum, während die deutschen Möpse a la Schulze-Delitzsch 
— darum war auch ihr Erstaunen so gross — jeden sozialen Gedanken 
längst ausgestorben und hcgrabcn glaubten — den Sozialismus plötz- 
lich wie durch einen Zaubcrschlag als politische Partei auftreten zu 
lassen: Eine theoretische Bewegung und eine praktische unterscheiden 
sich aber nach meiner Ansicht in folgender Weise. Bei einem theore- 
tischen Werk handelt es sich darum, alle Konsequenzen des Prin- 
zips, wo möglich auch schon die allerletzte, zu ziehen. Je mehr ein 
Buch dieser Anforderung entspricht, desto besser ist es. Bei einer 
praktischen Agitation dagegen handelt es sich umgekehrt darum, 
sich mit aller Kraft auf die nächste Konsequenz des Prinzips, auf den 
ersten möglichen praktischen Schritt zu stürzen, aber auf einen 
solchen, in welchem das ganze und volle Prinzip bereits enthalten 
ist, und unter entschiedenster Betonung und voller theoretischer 
Ilcraushebung dieses Prinzips. Hierdurch wird dann einerseits den 
Massen etwas Bestimmtes und Greifbares geboten, andrerseits viele 
Menschen von unsystematischer „Billigkeit" und halber Einsicht 
dafür gewonnen, jedenfalls etwas sofort und praktisch Mögliches als 
Zielpunkt hingestellt, gerade dadurch bei den Gegnern eine viel 
grössere Wut und Ilass envcckt, als wenn man schon viel weiter- 



gehende Konsequenzen als Forderung aufstellt, die im Augenblick 
noch gar keine praktische Gefahr in sich schlössen, durch diese Wut 
gerade der rechte Boden für eine alle Köpfe umfassende Agitation 
— und somit doch auch für ein allgemeines Nachdenken — geschaffen, 
endlich, indem bereits das ganze Prinzip auch in diesem ersten und 
nächsten Schritt enthalten ist und sein muss, ein Schritt getan, der 
sieh nob^vendig auch zu allen weiteren Konsequenzen entwickeln 
muss, diese in sich schliesst und damit auch für das avancierteste 
theoretische Interesse der sympathische Boden geschaffen. 

Gerade dadurch, dass ich nach diesem Rezept zu Werke ging, 
glaube ich den grossen Erfolg herbeigeführt zu haben, den unsere 
Bewegung schon hinter sich hat Denn wie es auch mit unserer 
Anzahl stehe und weiter stehen möge — ein solcher Erfolg ist nicht 
zu leugnen. Er besteht aber schon in der Aufregung ohnegleichen, 
die ganz Deutschland ergriffen hat. Ohne den Verdiensten von Marx 
und der N[euen] Rhcin[ischen] Z[eitung] zu nahe zu treten, glaube 
ich doch sagen zu kömien, dass jetzt zum erstenmal eine soziale 
Partei in Deutschland besteht, die eine politische Bedeutung hat und 
eine }>lasse repräsentiert. 



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Am £^l0ichen Ta,^c cchrie"b Lassallo an Hans von Bülow über die 
■bevorstehenden Aufgaben. 

( ) Lassalle an Hans von Bülov/ 

Ostende, den 27. August 1863, abends 



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Ende September werde ich zwar nicht Glück, aber doch Aufregung 
haben. Am 20.' September gehe ich nach Düsseldorf ab. Ich will in Düssel- 
dorf. Solingen. Elberfeld, Barmen, Köln Volksversammlungen halten 

und mich da in schonungsloser Weise über die verschiedenen Scheuß- 
lichkeiten der letzten Monate auslassentJjfFreilich denke ich nicht daran, 
dies Thema zu erschöpfen — da müßt' ich sieben Jahre sprechen — bloß 
ganz kurz berühren will ich es, aber ungefähr so wie ein glühendes Eisen 
einen menschlichen Körper. Man schreibt mir vom Rhein, der Zulauf 
werde außerordentlich sein. Gut! Ich werde sehen, was ich machen kann. 
Wenn ich nur einen Teil der Wut loslassen könnte, die ich in meiner 
Seele habe, so fangen nicht nur die Menschen, sondern auch die Gebäude 
Flammen. 



An 12, Oktober 1863 fand vor dem Berliner Kammergericht die Ver- 
handlung über Lassalles Appellation gegen das Urteil statt, mit dem 
er YfBQen "Aufreizung der besitzlosen Klassen zum Hass und zur Ver- 
achtung der Besitzenden" zu vier Llonaten Gefängnis verurteilt worden 
v;ar. Lassalle verteidigte sich mit einer unter dem Titel "Die indirekte 
Steuer und die Lage der arbeitenden Klasse" veröffentlichten Hede mit 
dem ülrfolg, dass die Gefängnisstrafe in eine Geldstrafe umgewandelt 
vAirde. Triumphierend berichtet Lassalle am Tage der Urteilsverkündigung 
der Gräfin. 

( ) Lassalle an Sophie von Hatzfeldt 

/"Berlin, 19. Oktober 1863.J7 

Liebe Gräfin! 

Iväscii Sic Zeitungen, so würden Sic aus denen ersehen haben, daß 
am 12. das Urlcil nicht gesprochen, sondern auf heul (19.) ausgesetzt 
worden ist. Soeben trifit die Nachricht ein: 

Verurteilung zwar aufrecht gehalten, aber die Strafe auf 100 Taler 
Geldstrafe herabgesetzt. 

Sie also werden lachen! Ich aber mit höchster ICraft Kassation ein- 
legen, am Kassationshof persönlich auftreten und einen furclitbaren 
Lärm schlagen. Ich muß durchdringen. 



Ferdinand Lasaallo, Nachgelassene Briefe und Schriften. 5. Bd. 
S. 221. 



Lassalle hielt am 20 , , 27. und 28, September in Barmen, Solingen 
und Düsseldorf die Hede: "Die Feste, die Presse und der Pranlcfurter 
Abgeordnetentag, Drei Symptome des off antlichen Geistes," 

a.a.O. 4. Bd. S. 347 




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Wegen neuer andcnvcitigcr Verfolgungen ängstigen Sic sich doch 
gar nicht! Kein Mensch denkt mehr dran, mich verfolgen 7\\ wollen! 
Sic hätten, um dies zu begreifen, neulich in der Sitzimg des Katmncr- 
gcrichts 7Aigcgen sein sollen! Da hätten Sie gesehen, wie ich den Leuten 
das Prozessieren mit nu'r bereits verleidet habe. Es war ein namen- 
loser Triumph. Holthofl>i^war vor Verwunderung ganz'starr. Ich 
sagte die furchtbarsten Dinge. Kein Mensch, der mich unterbrach. 

]cl\ ])i.»k!ani;iMU; die llrvoli.'tion ! Kein Staatsanwalt und kein Präsident, 
der itucli nur gehustet lullte! Ich habe den l/cutcn ge/.cigt, was eine 
, .freie Verteidigung" ist, und dsa durch den Skandal in erster Instanz 
und daf. Bewußtsein des Kanmiergerichts, mich doch nicht einsch.üchtern 
zu können und mir durch Abschncidcji der Rede nur Kassationsgründe 
zu geben, so siegreich durchgesetzt, daß zum Staunen aller Juristen die 
Leute sich ohne zu mucken zum voraus in alles ergeben hatten. Münd- 
lich darüber näheres. Es war merkwürdig. Eben deswegen wollen sie 
auch nicht wieder mit mir anbinden. Sic haben gesehen, daß es ein un- 
dankbar Geschäft! 

Ich bin wieder der einzige gewesen, der Recht behalten hat gegen 
alle seine timiden Freunde. — * 



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Ich bin übrigens — und das ist eigentlich auch der wahre Grund, 
weshalb ich Ihnen neulich schrieb und heute schreibe — schon seit drei 

Wochen der bcstlaunigstc Bursche in der Welt! Weiß nicht, wic's ^ 

konnnt, aber ich schnaufe ordcntlicli Ivrfolg in allen Nüstern ! Es 1 

ist ^\\\Q Siegesgewißheit und Gutlaunigkeit über nn'ch gekommen, gegen | 

die alle frühere Sicherheit nur ein Kinderspiel war. ' ' 

Ich kam hier an mit der Erklärung : in spätestens drei Monaten habe | 

ich Berlin, und lachte meinen Bekannten ins Gesicht, die nn'r ins Ge- l 

sieht lachten! : 

Und in der Tat ! Beim Tag meiner Ankunft waren wir zehn Mitglieder r 

hier. Vorgestern schon 25 Mitglieder, und gestern habe ich das Born- < 

bardenient sy. ;• matisch begonnen.- : \ ine „ Ansprache ">^^ie ich Ihnen '; 

heut si'>ii geschickt, wird seit gestern aus-gegebi:«.: l'nseie Mit- ; 

glieder ;:ndero Kolporteurs haben wir nicht genonnn.on - Inulon ' | 

danu't in die l-abrikarbiiterviertel. Grof^;^ Aufregung. Die ,, Ansprache" * 
wird wahnsinm'ge.s Aufsehen machen und, wenn ich nicht sehr irre, 

große Wirkung haben. Täuscht nn'ch nicht alles, so haben wir inner- • I 

halb vier Wochen hier 300—500 eingeschriebene Mitglieder, mid dann 1 

ist alles gewonnen. Die Berliner Arbeiter fangen an, sich zu nn'r zu cnt- I 

wickeln. Wer hat recht gehabt? Wer? Wer hat gegen allen täuschenden ; 

Schein, gegen alles auswendige Ansehn der Dinge immer den Mut bc- • 
halten und gesagt: ich weide Berlin haben wie den Rhein? 

Etsch! Etsch! Etsch! 

Haben wir erst fünfhundert, so haben wir auch dreitausend Mit- 
glieder hier. 



Aurel Holthoff, Lassalles Anwalt. 




^^ "An die Arbeiter Berlins. Eine Ansprache im Namen der Arbeiter 

des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins" erschien im Kommissions- 
verlag bei Reinhold Schlingmann, Berlin. - Lassalles sangTiinische 
■flrv/artung erfüllte sich bekanntlich nicht, "^Irst lange nach seinem 
Tode konnte der Allgemeine Deutsche Verein in Berlin ^virklich 
Boden gewinnen. 




V/eni.o;e llonato später muü^to Lascalle sich vor dorn Staatr.r.erichtshof 
in CTnem Hochverratspro z 03 s verteidigen. 

( ) Lassalle an seine Schwester I'^iederike I<^iedland 

Berlin, 13. März I864 



öcj'cvn \i\n Q\-oic ^aUnik: ^?cin ipocf;ücn-öf£?pro3cg 
fnnb *oor bcni et.:atiii3ericr;tör;of \iatt, CsJ (jincj r;Qrt r;cr. 
2)cr C^Ncviliatc^anirnlt platicrtc in «Werfen unb beou* 
tiv.ßic Meg tic ilfcini'ßfcit üou bvci 5ar;ven 3ucf;ts 
r;au5?, far.f ^n^Mc ©tcHuiicj unter «PotiViauffic^t unb 
fMüitcvt ':i:r.rcr ©crtftrafc. T)k 61/311113 boucvtc öoa 
30; i: Ul;r (M'i [ccr)^' Ur;u. ^cf; probierte üi'cr etunbcn, 
l';'-'*-'-"''"^" •• ''■"' ^^'^' 5[But cincsJ I[ji;i-Fanifcr;cn ^i^niögs 
ti;3crsl J)i-ci-- biö mcvirior iPiivbc id) buvcT; ein jraOrci 

^•.' _ •... ■. •;. ; \.'.c\ " " :' ! .•■'iffv^hvCiitcu ?''. fr 
i:iiiov;rLv;H^'i. 'j'bor ich l\'i:!t:ii]tc '.ncinc ioii^cn fo gut 
: '.■ Vw.is ö.> ;..;\j'..:' [i., .^;ir t*:? 'il^^oit ,i^v.. 

••';.c, \:'\:ic i^:^^ fpvcQcn frJ ivic bcv "i^^j:^ in tcr ^'uft. 
-'i'.iv :••;;' '"^'.'L^vt nl^ViiK^ncilrcr. iiMurcn \\c iiic;:, \i\\[ 
0: . ■■;'. iLurcr .<^r.J!C;ions!-3i::;:c ^]^u\[cri v!\iC. vre liclcn 
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i';r.\-.'v fvci;,.";p.eci\-^:i. (fr lict i;nr, fcr?noI( fovt^nfo^vcn 
u:it :T.ij} in C'id'^orGcit ;^:; biin^^cn. Cc;i[clbcn 9iat 
Oiil' J-'ir »^\^It;;cff, tcr v]lc{:;;ful[i.i nici;t Con öcrincjftcn 
CÜuiibcn iin clwc ^i-cifprcc^^univ] nicfn" ^^atre. Xicuiclbcn 
?u-:t, oiif r.ni(> i-infturiucnb, nlle meine Jreunbc. Sif«) 
iibVr I;icl: CC' nicinor nicM rourti^i, bcn 9u*iacn ju 
iciucn. o^v^ ('J>-''t ^^^'«^ i-^''C tcr 3<-'''^' int icuivni, otöfcicf) 
i:n 2'^'^'^ ^cr 'ocr;:r[:ifun.\ meine fofovtiije 23erf;Hifi 
li'.r.ii r4CU"if; r:iU- ur.b iu^ fclbft ein meine Si"»^ilpi'c^()unij 
iiicrr m':;}r ;]!aiibU\ io ^vef; »rar tic Cioiilcrun^ qcs 
ircfiM!. 

gc.irron bat, innnfr ^I'u IMr tcnfcn. 



^'2^/^(J?ff, 






Ferdinand Lassalle von Stefan ürossmann, Berlin 1919» ö. 67/69. 



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'.:•: u\u 'ca^ üicvtcjiuil in meinem Cebcii, t.^il 






^:..'cliu; Uiwcn (ic uiib inn-funtctcn meine — grei« 

r.; Oiuicft tic greubc mcina gvcunbc fernen fctkif 
t;',-M tcr Örafin unb 23ucr;crö, bcr bcinof; ^obolb 
[. \^^ : Unb bno Gicficf;! beö DkijlantiJQntrQltsJ, ber quo« 
f.::* i.ic riiic v^al^c, bic Clfii] öctamfen! S?r ^H\i[ibcnt 
lu-.ii jofjt fcf)!- Iiobcnc>Rnu-bijj auf niicr; 311, ücvfii-^crtc mir 
|Vi;io '^\'iriinbcvin;j3 fuv meine otinime, feine !Jci(nal;mc 
cafür, boil iin l:ic[c!6e fo fcCu* nnöeftrenc^t, ba er tod) 
(lui bell ^(iieu irijfe, bajj icf; ein v<;aliffeibcn (>o6e, unb 
Ocl^mpuie je^-i, mre im O'nteieife bevfcIOcn fo oft ouf 
iOiu^i^unvj* vje'cvunijon ^u f;abenl 

Cü(j o.'^'i'^'^V ^'i' if^ anif(i6 bic crpc gveifprccf^ung, fcic 
vor bem et.-(,it':jcncru!<i;*of erfolgt i^ 

5^u bi\t bic evftc, bei* icl) 9kcr;ricf;t boüon 3c6e, njol;( 
fiuci; bic ein^irjc, mit ^uönar;mc ^mcicr ^^i^cn, bic id) 
wod) (jcftcvn bei* flcIieOten ?}?iittcr \d)xkh. 



Die Anstren,^ung des politischen Kampfes und die Aufreizungen der 
Prozesse hatten Lassalle physisch und psychisch erschöpft, Rr "be^ah 



I 



sich ■''Inde Juli I864 nach Ri^-Kaltbad zur Erholung, wo er üherraschend [ 

Helene von Dönniges vaedersah- ^^^ -^A J'^A/^u. /(^J Ut /^^Vt^ Ay^C^'C^-^ 

( ) Lassalle an Sophie von Hatzfeldt 

/~Rigi, 27. Juli 1864._7 



V()i;;r f'-rn r-i;;/.- i«li \)A\\\ 5.t'lic\in]:cl-..lv.u V.'rtu-; ■ - (Ins hier 
iiocli ol;.. ]^■(^<\ Uiiteiljivchiiug 'J\u; Tüi Ta^:; /■■ !:V.cdaucrt lial.;c-i.sl ]i-:U. 
ist: CS fiii IjiCclien bcsr-cr - - in meinem Zimmer und schreibe — ich jnuP> 
hiev 1< -idcr wieder Tag für Ta^; von morgens bis nachts ununt.crbrochen 
schreibcu — als ein Bauernbuisch hercinkönunt und mir sagt, an der 
Terrasse hielte cijie Dame, die mich zu sprechen wünsche. Ich war ganz 



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• 



/(1846 - 1911), Tochter des Historikers Wilhelm von Dönniges (I814 - 

1872), Helene von Dönniges heiratete Herrn von Racowitza, der im 

hatte , 
Duell Lassalle tödlich ver^mndet:i^r~"STB schrieb "Meine Beziehungen 

zu Lassalle" (11. Aufl. I883 ) und "Von andern und mir, lürinnerun^en 
aller Art" (7. Aufl. I918). 



Ferdinand Lasaalle, IJaohg^lassene Ü«lBgifl.Mü Briefe und 
Schrift enr 4. Bd. S. 368 



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vcrolüflt. Wer konnte dies sein? Ich riet — ja icli wußte gar niciiiaiul. 
auf (Ion ich raten sollte ! Ich nehme also Hut und Stuck und eile hinunter! 
na hält hoch zu Roß luiteiner Ivugläudcrin und einer Amerikanerin und 
einvni l-ranzo5en —wer? Helene, der Goldfuchs! Sic hatte von UoltholT 
brieflich erfahren, daß ich auf Rigi-Kaltbad bin. und hatte sofort mit 
Freundin^K-u eine Rigipartic organisiert, um mich auf Kaltbad ab- 
zultolen>"]^Natürlich stürmte ich sofort mit auf den Kulm hinauf, wo wir 
alle übernachteten. Unglücklichcrvvcisc ist das Kind der Kngl'ändcrin 
(bei Bern lebend) vom Scharlach Rekonvaleszent und die Mutter war 
nicht zu bewegen — trotz des fürchterlichsten Unwetters — atich nur 
eincivTag länger zu bleiben. Die arme ITclcnc —ich hatte die Engländerin 
töten können — , krank und brustleidcnd. mußte im furchtbarsten Nebel 
und Regen (und wir alle) am andern Tag früh zehn Uhr wieder hinunter. 
In Kaltbad trennten wir uns! 

Kiiic Höf]ic]\l:eit ist aber doch der andern vx rt, und so habe ich 
ITelc-ncu versprüclk-n, zwischen dem 15. und 25. August jedenfalls in 
Genf 7A\ sein. Hs ist auch schoi' arrangiert, wie Sie sie kennen lernen 
sollen . Denn a\if ein paar Tage können Sic doch mit mir nach der Stadt, 
Genf geilen, wenn wir auch stationär in Vcvey z. B. sind. Helene, der 
Teufel, wird schon etwas anzufangen wissen, um uns dahin zu folgen. 

(Übrigens darf von dieser ganzen Episode kein Mensch außer Ihnen 
ctAvas wissen. Die andern sind auch vereidet.' 



Da ich hierein Leben führe, nicht wie ein Hund, sondern wie drei 
llunde, so habe ich heut nachträglich an Helene geschviebeu und tele- 
graphiert, mit mir (sie ist bei Born, bei der Freundin, der Ivngliinderin) 
eine Reise irgendwohin auf eiiu'gc Tage ganz inkognito zu machen. Ich 
setze CS vielleicht durch. In diesem I'alle gebe ich meinen ]n'esi;.;en 
Aufenthal'i, der nu'ch in diesem Wetter und ohne jede Gesellschaft zu 
Tode langweilt, auf, und reise sofort nach Bern zu ihr. Dami würde ich 
Ihnen telegraphieren, wohin Sic Ihre Briefe richten sollen. Bis dahin 
schreiben Sic nur also innuer hierher. 

Aber auch in diesem Falle käme ich inuncr an dem Tag, wo Sie in 
Euzern eintreffen, dorthin. 

In der Zwischenzeit hängeich mich vielleicht vor Langeweile auf oder 
mache ~ schrecklich! — ganz allein eine Gebirgsreise. 

Adieu für heut. Es wird schön, gibt zum erstenmal Sonnenuntergang. 
Ich muß heraus. ' 

Ihr 

V. Iv. 



Schon am nächsten Tag empfing "Lassalle don folfjenden Brief: 



* limine kurze zusammenfassende Darstellung des Romans, bei dem 
Lassalle sein ]^de fand, "bei H. Oncken, Lassalle, S. 284 ff. 
Dort auch Lit er aturang^ab an. 





9^ 



( . ) Helene von Dönni^es an Lassalle 



V/a-bern"^/^. Zm\'lj\'^(^^J 






Z'^W \S^ firfüa^icu, Vr\^'^ 3-1 ^«-"i«^" fi*'»^ Sr^rc lieben - 

p.üjn, ::c i.: i:.i :?:o..;cht ^\\\i\\, ciH icl) fcic Z(^<\\\' 

biuuc ubcvlcovi-t, otCi sii (n^cn, hmc loni] unb (cf)ircr 

nur tcr ^n'i] ':on X\u(teab nncfi "li^nccjgiiJ ßciuovfccn ip? 

?)\nn, eic UMii'cn bcitciJ, J'^^ilfc"/ tnß icf; niicf; fcr;r lUcr 

S^r fuvscö Cvii'.ncvn fvciitc, tajj mir bd^ Xpcvj r;6f;cv 

ficpfto, oti iti) ^Inc joitc eovßc für tnicT; unb meine 

Gciuutrf'cit Io:<; v.nb eic roi(]cn, tag icf; ücva-6r;nt amr 

rcn tcni fo [cFo:i -•ivmT ,.Kßtcn liDcß — flcftcvn oOcnbö 

"liub r^cutc fnirv [o vovrcL>f«nt, taf; id) micf; unfern in 

meine e::;[e.:r:cit fmb. Tü'j i'.:) S^vcni Sun[c^e nic(U 

nocrr^;::i::en '.-^üt^, t^j :^u:; ;:AtüvIicI) bnvc^n, baß icfy, 

v'v ^=0 u'c'-: "^vamb, fv;(^^, . i'^cKloi ;iMC ein ^unb 

Hn. üll'cr tieömal, gfcunb eatan, lüivb 3!)"cn ba« 

\'/^, '^^'^p o(}i'c bimcni]'cr)c 'Ji.'i(^c cnb^-' ; tcl'in .vrn'ut 
»;üt, tv-.[j t'c r.utiu' lUii i^^rem C'.i/'af c;u\uft, unb ci-.i 
^Vi>pfen SCn-o\? [nlani[t^cn ^^!utc? in if-vc ^fbcrn QcxoWt 
'\\:, \[: o^rafi iinb Slufi ^uni C-'bcn o'^b.r.b. '-!iU< U') Z'i: 
üciiiejj, ir.ib 3U1U Ic^^oi; ^hk Sl}'^ Rippen r/.eiiic $anb • 
CevuDvteii, ba facjtc icf; mir, baj], ci;c icf;» ©acßjjiö ücr» 

Iß(fc, mein Cnlfcf^Uig furo ßcbcn ö^^f^JJ^ [<^^^ [°^^* ^^ 
bicn, c'cst fait! 

Unb nun iiMffen (Sic Quct) mit fj'C'rcm fcf;5ncn, ^crr* 
Ti6cn Öeiftc unb SOrcr fo ^rc^.irlifjcn, mir [o lieben 
(I'itclfcit, rjic mein G'ntfcMu|5 loutct: ^cf; ii>ill unb 
r: c r b 3 D r ^B ci b f c in ! - Sic faßten mir cjeftern cbonbö : 
,Co.j]cn Zk nur ein v>evnitr.ftiyej^, fcll'frur.tri^co 3^^ — 
ot jo mc cliargo du rcstc/ Q)ut, mein ^(i ift ta — 
chnrjvz voiis ilonc du rcsto; nur macl;c icl) mir ein 
^\hu' o^c.ni '^k'inc ^^»"bi;;^Vimnon, et los voiJä. ^d) mill, 
benfen 6ic, tai ^inb faßt, ici) iintl — icf; n)iÜ alfo, büg 
iuir (\{k'> *ocv[ucKm], roaö in uufevcn v^rv^ftcn fielet, unb 
in ST)ren v^vi^ftcn, mein fil^^ner, fatanifc!;cr greunb, 
ftcl)t ja fo ur>i3c!;eucr oicl — um auf eine anfivinbi(}c, 
'jevnuufiivje Seife ^u unfercm ^k\c tu geinncjen; b. ^. 
olfo, Zk Tcmmen 3u un<^, wir i?crfucr;cn bie Gltcrn 

cbenfo für Zk ein3uner;n;en alö unb fo i^rc Gin* 

itjidißunj] ju befommcnl So nicr;t, finb unb bleiben 
fic unerbittlicf;, oucf; mcnn n?ir öIIcö getan r;abcn, tt)ü(5 
rüir tun konnten — eh bion alors lant pis! <So bleibt 
nocf; immer %i;ptcn. Dieö meine eine iSebingung. 
11 •.•;b r;icr bic jiDeitc; ^il) und unb irunfd)c, bag bann 
bic jjan^c Cac^c fo rofcf; alö m6}3Iic(^ (^cf)t Tcnn icl) 
r.''!!!] ivüpl bcn Oirl'el unb bcn i]lco,a\ 'con '■ ■\tQ h\\h 
au^^iultcn, or\nc fci)r iüjiif ^u lucvtcn — dccx v.cd)jokk 



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Ferdinand Lassalle von Stefan Groöamann. S# 232/34. 






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— i.'^ xk\ 1... \, "'"j t!: ^i^i'.tc ^!?c(t uuö bcfpiiif)t umI) 
if'vo ":.\\-inu:-..; [v^^t über eine ^InödcßciiOcit, tic (ic 
iiicM^ oi^]icI:t, uub »lief) (ncrturcf; cinci: Si^^cnßc "Svenen 
oiiefc!;:, tic cbcnfcgut ocnnici'cn inerten Finnen. Cin« 
null tic CuCi^o :n iinfcrcr ^nfnetcnficit bccntet, n:6gcii 
(ic tvv.m i!;>vc ???.';!:[cr unb ^'Iii^cn onfrciOcn, fo grcg [ic 
ivellcn, tc.ww Piibc iff^ 6ic, 3<^'^i"^"^/ ^^^ ©cr;ug unb 
Cli'iljc — Ol je no rnc nioquo pns mal du rcsto dn 
jno::fi>«.*— ;u'i^ ^-'cif?/ t^^f; tic.<)ini:crni[[c, tic »viv ju über* 
f:.:i;::-. ; .u^en, [cf^r, j;: vtc[c!uvef; [int, ober ti^fnr Tnibcn 
iviv .•.;;•[; ein ßvcfc;- r'icf, i::it vcic einen vicfcngrcjjcn 
C".;*, -er !v.it Gc-ucj .^Vilfc lic gcl[cn ju Scinb unb 
(5tou^ t,rrn:fllnicn \rirt — ' [o tof? [ctb(l mein [cf)n3flcr;cr 

yU^'-t.Yii,:i irc;.)::.bK-.[«-''i i'er:nco. ?."'iir MciOt üon allem 
to.j fiviroiile CtiVi — i:!; rxs:^ mit fairer i])anb ein 
treue j S'^v:\ ;. ";.-.c ciri '•"•/', fcaö nur mit lUiiOrev 2icbc er^ 
{leben if:, i6rcn, icf\ nur^ n-.it fi>i[[cni Cßciönuiö einen 
(cfor.cn 5:ij]cuiriCi:ni •oernicMen, bcr öcnvirFIicf;!, bad 
Ö'.ncf, te.ä 2cben^>]Jua einc(5 ctfen 5i}icn(cf;cn machen' 
(ollrc. — CJ'aiibcn Cic nnr, t^iö ivivt fliir furcf;tbQr [c^iDcr, 
ober i6 UM'il je^^r, ;:nt fo irill icf) fccnn um S^^rctiuillcn 
<i\x6) (cMc-ft ivertcn. ^ " ' ' r. <>, 



IlGlenes Brief erreichte Lacsalle während der Niederschrift eines 
, Briox^'ca an die Gräfin. 

( ) Lassalle an Sophie von Hatzfeldt 

Rigi, 26. Juli /18647'.' 

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Ach, köm.tc ich n.ich zurückziehen ! - So weit hatte ich geschrieben " 
als ,ch en,cn Br,cf von Helene erhalte, einen höchst ernstl'flvn Ihtn 

Die vSacho wird ernst, selir ernst, iwul dns große Ocwiclil d. M :cii-ni.- 
fällt mir wieder etwas auf die J^ru.-'t ! Jnzwischcn — ein;:]..! kann' i^' 
nicht mein- zurück, und dann wÜCi. icl. auch walirluiftiv: nicht. wäruV' 
ich zurück sollte ! ICs ist ein scliones WVih, und ihrer IndinVir.alität ii'ach 
das einzige Weib, das sich für mich paßt und eignet! Das einzi^o, ilas 
Sicsell.st für geeignet fmden würden. Also en avant, über den Rubikon' 
JCr führt zum Glücke! Auch für Sie. gute Gräfin, mindestens ebenso wiJ 
für nu'ch! 

Bei alledem ist es in dieser ohnehin so komplizierten I.aj'.e eine 
inunensc Komplikation mehr! Bin wahrhaftig wieder neugierig, wie 
ich dies alles zu gutem Ende führen werde, gerade so wie ich, als ich 
Ihre Prozesse führte, oft diese ganz unpersönliche, objektive Neugier 
, hatte — als läse ich^einen Roman — wie ich wohl mich und Sic aus 
dieser Lage noch retten würde! ' 



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Ferdinand Las sali e, H'aohgölasßene Briefe und Schriften, 4.M. 
S. 369ff. ,' 





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Nun. die alte Kraft ist noch da, das alte Glück- auch noch, ich werde 

. alles 7.11111 ^Glänzendsten Ziele führen. Aber daß ich v^ic nicht bei mir 

habe, um mit Ihnen zu si)rechen und zu raten in dieser complication 

grave. das. muß ich gestehen, stört mich sehr! — Nun. brauchen Sie 

ganz ruhig Ihre Kur aus. 

Das nächste ist. daß ich wahrscheinlich schon morgen früh nach 
Bern resp. Wabern abreise, wo Helene auf der Villa ihrer Freundin ist. 
Sie erhalten in diesem Falle noch telcgraphischc Depesche von mir, 
Ihre Briefe poste restante nach Bern zu adressieren.^ Sollte ich vSic 
absolut nötig haben, nun ja, dann rechne ich auf Ihre I-reundschaft und 
telegraphiere Ihnen, daß Sie nach Genf kommen. Aber ich denke, dies 
jedenfalls bis 15. August verschieben zu können ! 

Nun adieu, altes Herz ! Die Brandung faßt mich ! Ist inir's zum Heil ? 
Reißt's mich nach oben? wie den Schillerschen Taucher? faut voir! 

Ihr 

treuer 

• . IM.. 

< 

Absolutes Stillschweigen über alles hier Gesagte gegen jedermann 
; ganz notwendig. 



Der V/idorstand von Helenes Familie gegen die von Lassalle angestreifte 
VerbindunT erväes' sich als unüberwindlich. Die von Helene vor{?eschla;?:ene 
f^emGinsame Flucht lehnte Lassalle ab, da er immer noch glaubte, Herrn 
von Dönni-;:es gevännen oder die Heirat erzwingen zu können. Unter den 
Gründen für die Zurückweisung der Person Lassalles spielte neben der 
Kassettenaffaire der Gräfin Hatzfeldt \ind seinem politischen Ruf die 
jüdische Abstammung durchaus eine Rolle, Lassalle erklärte sich 
schliesslich bereit, sich taufen zu lassen, da er an die- bis zum Verrat 
an ihm gehende V/illenssch\7äche des Llädchens nicht glauben v/oll te, 

( ) Lassalle an Helene von Dönniges 

München, I9. August jl864J 






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§ckncl 

5)?ciiic imK-fcf^vciMii^cn Quoten fcf;ifbcrc id) 'S^ii: ein 
Qntcrnvnf. .^"^icr nur foiM'cI: 

1. ?:icn ;;.u Siif; c^cu\u\(()t, 2>u bijH nioiorenn. ^T\d)t 
r.ur nocf^ öcr.fcr Q)C\ci^, aud) nad) tni;cviftr;cm mit eins 
jint^ronn^u) S^il^rcn. Oiacr; ©cnfcr G)cfc§ fannjl 2>u 
jcbcu ^f;:j]cnHiu tot? S^cint> ^cineö -Bntcvö üevlnffcn, 
cißüc xi'cruuit^i r.crMiu-ii (S^iAd ufro.), 'cic tvci rnl'vs 
rcspcclncux i/acPcn u;".b nau) tvci ?.^ionotcn t'Cn 'ic-.n 
c:f::n iv.i r..iu; [?ciiMtcn. Su'iftoiiv ^IiuGcrnn, tic Öciijv; 
^cl;crfcciv fcic cKc tcnncfpric^tigt [iub, rocrfccn Xid) 
u\'ru-fi.^ Mofcv tvci 5}ionntc fcl^'uf^^^n. ÜSvicjciiö ß(t:{ et? 
einen lliryr.cu ^I^^CQ. %\ tcmfclbon ^ci^c, roo 2)u ':«vo 
v<;>niö ^oi:ic<? ?3otcrö üerlaj'jejl, hxiwQt X>[d) SRufloip (icI^Kr 
md} S'tniicu, mid) r;{ntetc(]VüpI}ierenb. ^w fünf Zechen 
finb roiv buvcf; tcn crpen tcflen ^vicflcr bort fat^olifc^ 
getauft unb (jetrout. 



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Ferdinand Lassalle von Stefan Grossmann, S, 245. 



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In^'.vd.schen erreicht o ihn die end,^iltii_n;e Absaf^e Helene von Dönniges. 



) Helene von Dönni^es an Lassalle 



|Genf, August 10641 



/ •C'\i^\\ 1;!) 'u\\{\) '::\\ ;, .j'^i'i .'^ t-:cn im'' lü t;c[;^cr 
■ '• .0 i:! er tlc VHMi '.r.ir •.üitciTO-r.-.üciicn <.\.)\'\\W vM^xt 
:vir r/>ci:K*ni ijcrti^hcn 2}vi'ul:r,w!n S'^cvtw %y\\\^ ':x\\ 
l-.:CL'ii>i!jn finjl^cforirit iinbtcj[c;; ."Cicbc iii;^ 'T-or3cir'un5 
'.v;'ttrvTc;r>pnncn Kil^c, nacf^tcin icf^ tnt>oii .■:::(:) %\yi^\\\ 

r,.. ; kW r.iK% Oc\?cr irh i:c[fcn nb)!io^ncntcn S3vi'cf crr;{clt — 
cii.uvc vS) oOncn frciivÜIijj iinb niiö s^oIIc^ Ubcrjcucjur.g, 
L>:; vc;i einer ^cvl^ii-.tuncj 3ii>ififcn unsJ nie tic Stete 
f;i:. f.r..;:, tag icf; \v'\C.) von ljljr.cn in Jctcr 53e3ic(nin3 
I' v.;.: ;:;.^ fcf: e:U['.i)lo[feri Hii, meinem ocrlobten 
•i' ■ \'r..vw .:ivi;^c ^U\t un^ ^rcnc 311 jri^nicn. 

Si<.V\\i ücn 25ücnniijcö 






Zutiefst vervAindet und in seinem Stolz gekrähkt provoziert Lassalle 
- ein grundsätzlicher Gegner des Zv;eikampfs - durch seinen Brief an Herrn 
von Dönniges das für ihn verhängnisvolle Duell. 

( ) Lassalle an Wilhelm von Dönniges 

Genf, 26. August /lö64y 



Dlnd)bcni icf; fcuvd) fcen 23cvicr;t bcö Dbcvft Siuilom 
\\\^\.^ tcö Dr. ipacnle v^cnionuncii r;ütc,fcQJ53r;rc2:ocl)tcr 
^clcnc eine ücvroorfcnc Sirnc ijl unb cö folgcrjeifc 
ntci^t Ii^n^cr meine 2lb(icf)t fein fann, micr; turcT; eine 
.^\ii\n nijt l(^r 511 cnfcr;vcn, ^hi6c icf; feinen ©runb me^r, 
Uo goi-bciun^ bcr eatii-fiiftion für fcic v^crfrf;iebcncn 
ii-.i: iHMi ^yr.ci: v.ntcrfiiOrcncn X\'L>ni;ien ur.b 23crcibi»' 
CünL^cn !5np,cr 311 i^cvl(;)ic[>cu unb fpv^c.c eio bof^cr 
<iiif, nn't bcn beiden greunbcn, bic ':^:)v.va '^\v,<: er* 
■;.u;inj u^cr^v?n^c^, bie cvfovbor(!cl)cn a3cr.ibtebiin3cu 
■i\-[fcn. 

g. i^offaUe 



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a.a.O. S. 250. 






a.a.O. S. 253. 



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Wilhelm Rüotow, dor mit dorn Grafen Bothlen alc LaGsallcü Sekundant 
fun.^ierte, untornahra noch verzweifelte Versuche, den Konflikt ,^tlich 
bGizule{:en. Sie blieben orA'obnislos. An Stelle des Horrn von Dönni^es, 
der Genf verliess, stellte sich der junge Janlco von Kpov/itza zum Kampf. 

Das Pistolenduell fand am frühen üiorgen dos 28. August in Carouge, 
einer Vorstadt von Genf, statt. Racovd.tza feuerte als erster. Dor 
tödlich getroffene Lassalle antwortete nach einer Sekunde, .tte.fa Jedoch 
nicht. Der Tod trat am 31, August I864, morgens sieben Uhr ein. 
Lassalle hatt^ein Alter von 39 Jahren und 5 Monaten erreicht. 

Hoch am gleichen Tage zirkulierte in Genf das folgende Plugblatt. 



CU01JCUX de Grjuve! 
Kt'imblioains! 

A la fli'ur <\o l'a.^<^' <^t dans 
la forco de son ('iU'r;;io, an 
jniliou <lo SOS tri^'antosquos tra- 
vaux, l'infatiyablo travaillmir 
pour lo büiiliour tlo riiuinanitc 
Fcrdinaiuf LassallCj 

resjioir (U* son pays et du parti 
social d<'inof ratiqu«», dont il 
i'tait lo cliof, (»st d('c('d(' co nia- 
tin «lans la ville dt« J.-J. Knus- 
scau, d'uiio lUDrt violontc. 11 
<•^t toinbo victiino de la j)lus 
buniblc traJMson, do l'intripcuo 
la i>bis infäiin* (ju'on alt Jamals 
OSO ourdir rontro im Iionime 
iVun <*arjiOtt'i«* h K'''"'d «M si 
vlcvo. 

Citoyons de Gcneve, ropu- 
blicains de toutos los nations 
qui avez tvouvö ici un asilo, 
r*'nnis^t'z-voii8 avoc nous ati- 
tour du coroiu'il du grand oi- 
toyon alloiiiaml, jiour rendrc 
los dorniors honnours k 8cs . 
<lei)ouillcs inortolli's. 

Lui-inrmo a eto tuo, inais 
scs grands iravaux intidloc- 
tuols uous rostcnt,' et soii noin 
vivra dans Ics ]»a;,'<'s do Tliii.- 
toiro «'t «bins b's oci'urs tooou- 
iiaissaiils, t;iiit »m'il y niira dos 
ii'|iiililii';iiiis sur lit tcnc. 

1 ,^•^ ruiii'railb-h iilUnlll lit'll 

Voinlifiü 'J Si'i>tciiibro, i'i l 
licui.'.' »laus l;i K'J'aiiilc sallo 
<lu THMTLH rNlQL'E. 

G'nK'Ve, Ic ;n Aoüt 1SG4. 

Lo Comito 
des l^'lnlblicains Allemands. 



il^ürncr uon Oicnf! 
Slcpit&lirancr! 

^n bcv ^Uütr;c feiner .sh'oft, 
inmitten feine«? n^'OH^i't'OC" '^^^' 
fcnö für bnc; ©of)l bcr SJIcnftf)» 
Ijeit, öcrftrtrb Ijcut frü^ 7 ll^v 

S-cvbinnnb Soff alle, 

t)cv 3toI;, Tentfflifnnb^, bie.t">off' 
\\mic\ bc\s 'initerlnnbev- unb bcr 
beittfrfjcn Olepublirancv, cincö 
nnjintiivlifficn lobcv^ bnc. Cpjcr 
ber fff;nmrilirf)[ten ^nf^'ifli'C, bic 
jciunli* oun Devruovfcncn '■^cx» 
foncn mit einem cbcln, ßrojicn 
5.lu"inn rtcfi)iclt rumbc. " • 



^^ftrcier Don C5enf, Dicpubli-^ 
lancv aller Stationen, bic f)icr 
eine 3v*-'ifi litte gcfunbcn, Dcr- 
cinißt CSurfj mit unS an bcm 
Snvcic beci gvüfjtc-u bcutfdjcn 
!Öürgcr§. ' •" 



Ter ÜMil\ Ijnt jene flol.^c ßicf)C 
gefällt, aber il)rc "Surjelu finb 
nidit eiftorlien, fo lange e5 9ic- 
publilancr onf (Erben gibt. 



Tic VdiDi'uieievIidifoit fmbet 
liatt : rva-iton bi'H -• September, 

Snalc be'> 'IVinplo l'nitiuo. 
Wenf, bcn 31. '?(nguft isr>4. 

!lay Gomitc 
ber beutfrfjen Üiepablifnncr. 



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Maroel Herv/egh: Ferdinand Lassalle's Briefe an Georg Horv/egh. 
Zürich 1896. S. 105. 



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Zu der Totonfeior Iva Teniplo Uniquo stollton eich viorl-ausond Llemiclien 
ein. '^eriGO fanden Tot enf Giern in j.''rankfur-t, a.!:. , Hambur^^, Lüsneldorf, 
Barrnon, FClberfold und in andoren doutschon Städten statt. Die Gräfin 
licGS die Leiche einbalsamieren und "beabaichtij.'^te, den Toten überall 
dort sur ochau au stellen, wo er gewirkt und eine ^^rösLiere Zahl von 
Anhän^^ern hatte. Diese Demonstration v/urde jedoch von den Behörden 
verboten. Lassalle vrardo am 14. September IÖ64 in Breslau auf dem jüdi- 
schen j^iedhof beigesetzt. Das noch im gleichen Jahr errichtete Grabmal * 
trägt die von Lassalles Lehrer Äu^^st Bo©Dkh verfasste Inschrift: 

liier ruht was sterblich war 

von i''erdinand Lassalle, 

den Denker und Kämpfer. 
Loses Hess hat in einer unmittelbar nach Lassalles Tod verfassten 
biographischen Skizze von ihm gesagt: " Kein Leben ist überhaupt 
geeigneter, den Stoff zu einer hochtragischen Handlung zu liefern, als 
das Leben Lassallcs. ^ür war ein Heros von der l'\issohle bis zum 
Scheitel, "^r hatte dabei, vrie dies bei einen modernen Geisteshelden 
nicht anders möglich ist, das volle Bev/usstsein seiner eingeborenen ^'O'-y^ 
heroischen ITatur. " ^ 

Auf denselben Ton sind die V7orte gestimmt, die Karl llarx in seinem 
an die Gräfin von Hatzfoldt gerichteten Kondolenzbrief gebraucht hat. 

( ) l'arx an Gräfin Sophie von Hatzfeldt 

Sept*:P;c.or 
12. f^Ytg^m: I864. 

llodena Villa, Llaitland Park. 

Haverstock^Jiill, London. 
Leine liebe l<Yau Gräfin! 

Sie begreifen, vrle mich die ganz unvorbereitete Nachricht von 
Lassalles Tod überrascht, bestürzt und erschüttert hat. Er war 
einer der Menschen, auf die ich viel hielt, Rs ist mir um so 
fataler, dass wir in der letzten Zeit nicht mehr in Zusammenhang, 
Der Grund Y/-ar weder allein sein Schweigen- denn 
er begann damit, nicht ich - noch /mehr 2_einej' als jährige Krankheit, 
von der ich erst seit ein paar Tagon frei. "i3s kommen Gründe hinzu, 
die ich Ihnen mündlich mitteilen könnte, nicht schriftlich. Seien 



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SiG üborzGUGt, daco niemand tioforn Schmorz übsr LaGsalles 
l.'ü^gerafftcoin empfinden kann. Und vor allem fühle ich für Sie, 
Ich v/QisG, was Ihnen der Vere\vi£;te war, was üoin Vorlust für 
Sie ist. Freuen Sie sich üher eines, Wr ist jung (^ostorhen, im 
Tri/rnph, als Achilles, 



Die Probenummer des Sohwei-tzersohen "Sooialdemokrat" vom 15 . 
Dezember I864 "brachte einen Nekrolog auf Lassalle, über dem als 
Motto stand; "Gr starb jung - im Triumph - als Achilles," '^'Üne 
Anmerkung besagte, dass die Aeusserung einem Briefe von Marx an 
die Gräfin entstammte. 





fi^ ':f\1i^ ffihH'i i<€huetCoj^aL-r:i:c?H 



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•\.VaT IUI bicKm Cnc atl;;iurc 3tüiui\a miD a!ii;;n:c Mo ('"ifü";'." ^cr 
ÜlV'Üorinu:!;; un^ hiit. ahnlld] iinc AJüpcniifu-;-, öii-5 3oinu'i;ii)Koi!i ^l:•? 
Tcnfciiv iV'[Mvi :ln^ tiofüi]t, ^af; xHlic-j cimitibcr I}alt uiib trä;;!, llUU'■il'•"i.^ 
nni aü|■:L1!Jc;!^. feine Afvciic liciiciiö, un^ nidjtv faiiu iilnvroii, au-:-liroiiu-n, 
]\d) cMoiQM. ^Ouiij .Uant Mc (frfcniuiuf.tlicürie ticjor iHi-:-(^Ctuüii\'t. tüdta 
aU'SfjCbilbct haben, bic (]imic neue 3iH'l{iicr[annnii, lomcit |ic TrricDo :iii5 
■<;avnuniic if.bt, ift lln^ blcibr i^ie Cffcubaruuij 5pinü>a*. 

1l(iA)\i u ur;v. 

orf) fct)rcibc bir nod) finit in bcr 'JJüc()t. icl) fann nid)l fd)laicn. unb 
tro^ bc:- Diel (erlebten l)abc id) fnnm 53crIani]on bar:uid). 

0*1) qinn Don 2pino')ü-j Ichtcr vioimftäftc m^\ i\ad) iciiieni Öitabc in 
bcr Oiic::!'je Kcit. fic lOiu ücrfd)Ioiicn, mit) nuut u>ciü ja iv.uf) nnr ^it 
Vinnuiicv icincc- l\"il)i;rabco, fcer 'i^ibon ifl ücdircttort, unb (•:• ii't iWii) nidil 
nötbii^. icin Oiobcin \u finbcn. 



( ) Berthold Auerbach an Jakiob Auerbach 

Amsterdam, 7. September I878. 



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"Im ^\\\)n\\o<< im .>\u^ \wMi id) uüd) .uicl vi i';rcd)cu :uit ^mi uiclcu 
Vl^nncxn. bic Vll-diieb ^i iich::icu ,,croii:n.cu ^vuccu. lii^ir fuhren biorDec 
unb loarcn Jo bciictu;. b.;^ OKburr^Niuo 3yinovi^ )U kVn unC beu 
^ccitAA ^Ifcuö iu ^cr po:t.uvcüfd)c:i 3;iuJ:;a.;c, bai; loic uiuer- ^:un.Kr^ 
ucr,v)Hei!. Tic portUiiic)ifd)c 3«.ni.v>v^' i't >»bcr nidjt bic oltc Mi <:pi. 
nü^a«:« 3c'>t'^''- . 

on Der 35;^.l:^v•■l>* tuar e-5 tuicbcr \o nie i:n ÖiWi], nur bav 0>c-- 
bcinDc .\roi;cr. Üi^ir •.V':';^«:^ '^^i^ Tort, nnb ;cr.i ra:iun vjir in ein C^eioirre •.uir- 
CkL;rnK wu 0:Cc::id;c:i>^r;!ypcn hiueiJi. ba:; in^ri ^^l.iubcn :nnf;:c, mcn M 
an •'.;l-;:' I«^; ^:'v in bc: :^;:;:i"-r;::;;^ .;;;: b^n ^:od:l'crc; v;rkui. t.i^ 
ii'i:;;;::;. ;u ■• ::::•: i't ^cr ;>^^.;:^^•^'::^M: biira-:;taar>a , biiv !:e;!^i;c 
Cbit, rTiKt;c. Okl'jdc üU-KU'cr.b, \\\\) no.d; bein \nnuini^ bev 3.U>b..u!). unb 
iürifL •;^:::.:;-.^vV. ^^i^^,.ii ..aC A<;u^cr. ;-;niK!;di .in^iiv^^^ücn. ocriunhr^ 

;>or::; .i::.:;::::, :v:c ?i: ^i-c:: i.v 'r.:-- in itjrcm ^vtaLcirvl^oiiJiiÜtfcin au' 
^cu 3::^^\i vc::c:x:\. i>^) :\'::: :•« ;-'^! i^^;^ anbcr^- in äicincni 3yin;>vi 
i^cMiii^en. Itnb o;nc ini: ^Ibi-cn cic:^\v^ic (':bittcn::i;; 3:'ino;ac ^e^^cn 
ioKt:c ökni>'fcnid!.:ft ;''; mir n-.'.u ncn er'uirlid), nnb b;c 'JlbfwVibenr.u^ bor 
i>coi:bc:en :^ubcn i-i ::;:o innere "IJotliioenbiarca. ^i^ir nnircn jrol). a"v 
bickni (Hetriebc beraiiv^i.r.v.-.^nen. 



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1 

1 • 



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) Berthold Auerbach an Jakob- Aucroach 

Amsterdam, 10. Septemhor I878, 



t^a-J ift mcljc, uufäi^(id) mehr lUy \d) je a[)ucu foimtc, lun-:- ii{) Qcftcm 
jat}, ober ciöcutlid) mitlcblc, üoc inciiicu 'ihujcn. in meiner 3eclc ba-j i^auic 
<?cbcn eine«!' CM^lirI)unbcrt-: nntcr bcn üon kr fpnuiidjcn onquiiitiou befreiten 
o«beu. ^ic ftül.jcn. neiftiij [trammeii ^Jiiinncr, bic lüuubcrbavc '^xciw. a\\\\\^ 
fdiauen xok eine nuic{}tii]e ^ü^^f^i"' i^i«-' eine ^Jhitter ber ^Juitfaliäor, }ic 
blicficn niid) <\\\. 3pinü,)a ]\u^t jclbcr, feie 2)inßc bc-jreifcn. bcifU ullo 
3!''^r'.n'-j.:n niu'» Vibirrunaeii \v.\\i aue (l>cUHi(lianfeitcu rcr;ci!v::t. ^icic 
Uliiinner. öic Vliicj opycacn in bcr oaiia;i^cul){it unb bic n;;.:; ^l!l "^.■il'^- 
roubiief)crn am 'Iar,c cii-bcitctcu unb in bcr "iluuf)t nm^ljten ^lun v)cilc itirer 
^lolinion \\\\^ bcrcn "Iliitbefenncr, bic fonnten e-j nirf)t öclajien tjiniulicn 
laijon, baij ein OJuinn bnnt pl)i(üiüpf)i!ü)e Uiitcriucinnuien alle il)re .\)iii-- 
f^cbuni^en aU 3.>crijenbuni>*n nn ein '4^>I]üntom barftellte, jie nnif;ten beii 
.(iehcr ücrfoli^cn, 

^d) habe bie bciben '^Matter in ber v)anb i-;ei)abt. bie ^nfaunncnt^'» 
flcbt finb, xwxli anr bcr einen 3citc [tel)t in povtuijiejiiriier 3praifK ber 
iücidnnfi be-j iiibiüfjon Okmcinbcrdt^i mit ben lln(er|\-(}riiten, bnü biefc 
53U:t:er anf eiDii3 oerflebt i'cin füllen. Sic entbnltcu '^im ^^aun^nb uni^r« 
fd)einlid) aiid) '^Cii %i'c\i\\)m\ ijeQcn Spinoza, od) üeB bic 3onne ^inbnrd)» 
fdjcinen, man fonnrc Cfiniije-- nnterfdjcibcn/ namentlid) einige Untcrfd)riften, 
ä{)n:id) bcni "'^^rclto^oll. loeiter nia)t-5. 



*■ ^ 



"Ter .Wüfter fdilof; ii:ir bie 3niuii;0i;c aui. an ber „lieiiii^^en 
l'abe" i'': an «iTner bcr MLnv'üulen ei;i IKaier. ber tv::^ benrlid) bnc- "i^l^ 
eine-:- '^Mipiiiieien Inir. ba-:- fid) \yc\\ fclbft b»-"-ivnvid)nit:. ler -Uüfter I',.u nur 
j :> iiH':ui;;e5 in {einem '-l^erfdiluf;: ein "iinifefiberfen für bi: 'i'ricfrer»'Jiad}fom:neii. 

': üon xHbraliuMi nnb 3ara t>olicn bv' -v^ercira' Qcfpenbet, in fdiöiier (getriebener 

^ilrbcit, bonn fd)öuc öct^i'"'^'"^'^'-' 3d)alen, bic an ben jafirv^'jcn ;e \\x bvei 
■■' Pün ben ilNürfteljern nn:I)criTietraijcn luerbcn (in bic eir.c luirb für bic '^Irnieit, 
! in bie anberc für 'V^ilüftina, in bie britte für iübifd)c (^efan^jeite ijefamnielt). 
j Od) mar 'i^mw bei bem .Unftcr in feiner .SiD^jnnnij, bie boUünbifd) fdnber« 
j lid) ift. (fnblid) lüar ber 3c!retdr bcr Öemcinbe in fein 'Bureau ijefoininen. 
j "" %]xd) ein 5.Hn'ftcl)er lotir ba. nnb al-:- id) üon bcr '^cbcnuing Spinoja-:? 
1 Z^. fprad), fiv^jtc bcr Üeinc 'liiaitn mit fcnriijen braunen XHui^en in ^eftiijcni 
1 ^^ -lonc: „(fr mar d\\ ircinb ber o»beu." 3d; fann fc:m ani^'feficncn 'l^ianne. 
] bcr feine bcftcn ^aije-i-finnbcn für 0)cmeinbeani3e[e^:n!)eitcn t}ini]ibt, joolil 
j nad]fü()lcu, t^<\ii er nidi: bnnian i^e^en ben 3«:r''fi^rcT fein fa:in. vfublid) 
1 • brncfite idi ben 3efrctar ba'>n. bal> er mir kVM '^ivx \Hrd);u \\od ^roHc, \\\ 
1 3^-nn:ieC!:r it'jbnni'cne iri^liMüivM ^Kii-eÜivadiie. u;;i - ■ '• ■" ' •- •''^ 



hK/^l kk«* Vte**4^J ^^ 4*^1 



\ morin <.\v.-: l^iwx nocii^en oi'd)rlrnnbcr: im uorrni'jefifa;;?: i'iauuftrii't Die 

i C;c[d)id)te ber Oicmcinbc ijefdivicbcn ift. Xa-j '4:'i^^*'i2"bnd) :oar mir na» 

I lürlid) öa* Siditiiific, uiib bavlu ift bai ücrucbtc '^'latt, ba-: anberc aber 






* -^egGTi seiner ketzerischen Ansichten mirde Spinoza I656 Ton dor jüdi- 
schen Gemeinde in Ansterdain mit dorn Bann "belagt. 









4 



»|t nod) üid mcrfiüiirMiicr. ,Vl, id)Iano auf, luav i-Jic Ui) ' einen uorrrcff. 
liriKU A{upfcr)tid,. ein ^iMlt> aUcnanc ücn ^^d^nüt i-oUcn., iil,or ^ic 
<jIiruo iKfrciiiioltcni >:aaic, auf ^cm 3cficitcl fiht ein fdiiuarjcv AjüDpciKU 
C;)0|ii,t unb -vamnui bic cinc>^ mu,„„c.j, öcr eben bcn v^arnifdj au.-.ar,-,ion ' 
cnic mm riltcrlirfjc (sJcftalt mit 3dmurrbart un^ 3;nf,(.art, roic Guitau 
Mp\). Uiib blefcni ^JJannc Hat llMctor -sSuaü in feinem O^cama: e>roin« 
n)c« bie :Koac ae.^eben, bic ber lUoDr DJ.llIeu .<;ai?an in S.^illcr.^ Tttc^H-.) 
^"^- - ''"'^. ^''' ^^löei aubercr ^Jänner Hub _b«/.id, irei« )ic leibcc uicfjt mehr. 

^ ' ^ 

, Jcr Sefretür la.j mir immer meitcr uub immer mefir, unb mib er 
ouerit bic .^ofumenle mir lu bie .s>uib, «uic ein >4.Uicfier eine 3iciiquie mi 
cuicm ..cccr al^ .Wunfhoerf bctrarf,ten läüt, fo mürbe er aün.äf.licf, bnrrf, 
unc ,Lf)e.rnaIjme immer tDÜrmer. ^cf, üer«aB Vu"3cr unb ^im^ nni 
I^bu 10 flan^ unter ben t)clbenl;aftcn ^iärti,reru, buB e^ füfl brei l]l,r 
. imirbe, efje icf, mertfain. unb brauBen [ül^Ite icT, micf, uor ir,unger unb ^Muf- 
rxouttil 10 tmimclnb unb matt, ^,n icf, glaubte, irf; füme nirfjt Leiter, unb 
^ro,rf,fen_gt6t e§ I,icr nirf,t. C, mic armjelig erfdjieu id) mir ^al J^^a« 
• abcu b,eie;^?anner erbulbet unb mürben -nirfjt mnbe! ©a^ ift bie antifi 
i^aterlanbvIieOe gegen bic aietigion^riebc «nb i^ren Cpfermutf, ^ ll„b biefc 
; l^^p^dto em vclb.ni!Hi,u in bor 3ri!!e nnb ^i^r^orgeulKlt. „„b >, „(„rl.. 
bem ^^apferu fem 3icgc..einv.g. fein l'orbeer. fein UiuDm unter laneu i'unb- 
gonon,u ober gar 'iVare - ftiil, gMnjlo., nur ber 3arf,e rungc^eben. nJr 
btn, 0>otte ni ber <=eele roigenb. ^uf, mnn nmf, einmal fanon. i,f, r,obe 
^jn PortngieiucfKn ;^uben nidjt ba-i uolle 3Jerf,t in meinem .ipino^a ,n.u> 
balKMi lanen, rrcilirf,. i.i, l;atte banml« nod, nirfjt bie .Uraft bajn unb and) 
md^t bie reine (vu.fidjr. e:i ftcdte yi uiet ^Infdärungvtricb in mir. 3on|t 
i . • Dütje id, <:mo]a einen mirfl:d)en gfaubenvüoüen <}rumn, am mie ^Ple- 

1 nunc ben o-nael. ber il,m intellertnelt ebenbürtig, menu and^ nid)t c'on« 

: . gcmal nut gle.djer .^raft unb gteid,em ©cioidjt cntgegeul,alten münen. 

, unb e. mure aud) baj *pö^ere, bic ^>^irofopf,ic nid;t afkin 3ieger merben 



1 '^ ' • . 

.3 

Obwohl "keines der späteren Werke Auerbachs - weder "Das Landhaus am 
Rhein", noch das als Nationalepos gedachte "Waldfried" - aie l^Ieisterschaft 
der "Dorfgeschichten" erreichte und auch deren Erfolg und Volkstümlich- 
keit hinter dem Roman "Auf der Höhe" zurückbliehen, nahm sein Ruhm 
stetig zu und seine Werke wurden in viele fremde Sprachen übersetzt, 

■ 

^jy ( /-.(b2? ( ) Peter Rosegger an Berthold Auerbach 

Graz (Steiermark), den 3.Januarlß7 



ScKr verehrter Herr! Für diese Weihnachts- 
tage habe ld\ mir -^icJcr die Festfreude gemacht, den Roman „Auf der 
Höhe" zu lesen. Ich habe viel aus diesem Bud:? gelernt und lerne noch . ^ 

immer. Idi glaube, ich habe es Ihnen schon ^sagt, wie sehr ich Ihnen '^AM.iUitf 

' danke, daß Sie die ^chwarzwälder Geschichten^, das yBarfuß^Je"^ ^^ 

^dclweiß'^ ,<Joscf im Schnee*** und besonders dieses herrlidhe BuA 

^j^uf der Höhe*" gesdiriebca haben. 



4 



r 



* Manasse ben Israel» (l604-'l657)> EaTDMner, Gelehrter uiid Politikor. 

War 1622-39 Ra'b'biner der Sjnngnge "Hewe sohalom" in ilmsterdam und 
"be^Tn'indete 1627 eine h^bräisoliQ Druckerei. Spislte eine "bc-djutende 
Rolle "bei der Wiederansiedlung der Juden in ^In^land unter Oliver 
Cromwell. 

** ^aldfrfed. 3d. 1-3, StuttgartjJ.G, Cotta 1874. 

*** RoseggePt s. Anm. zu S, ^c 



(. 



A 



4 



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G 



Schon vor einem Jahre ist in mir ein "Wunsdi wad; c;cwor(Jcn, den 
ich wieder nicdergckämpfc habe, weil ich die Erfüllung desselben nidic 
absah. Oa der Wunsch in mir aber immer herrischer auftritt, so denke 
ich heute: „Viellcidnt doch!" und spreche ihn in Gottes Nimen aus. 
Ich redigiere einen Volkskalender: „Das neue Jahr", dessen ersten Jahr- 
gang ich Ihnen gleichzeitig vorlege. Dieser erste Jahrgang ist cigentlldi 
recht unbedeutend, aber er ist sehr freundlich aufgenonuncn worden, 
und ich habe eine Freude an dem Kalender. 

Nun würde aber diese Frciidc an dem Büchlein zehnmal größer 
i4/ in mir wie In den Lesern, wenn — l/nd jetzt löst sich der lang- 
gehegte Wunsch in die herzliche Bitte auf: Tun Sie mir das Gute, ge- 
ehrter Herr, und geben Sic mir einen, wenn auch kleinen Aufsatz von 
Ihnen für den. nädastcn Jahrgang... 



) Berthold Auerbach an-Jako"b Auerbach 

Berlin, 3. März 1874. 



V ... Oicftctu hiUic ii1) eine i^iofic JTVciibc. "^^iiuivuv Cunfoi t)cfiid)te 

niii"!), r.nt» Inüö nad) olli\«::nciiicn litciaiijrfjcu uu^ iubiuibiicllcii '^Oiuiiriitiiiicii 
Killte er, ^af; er ir.ciucu :lii^:i'.iiu in-;« lliii^ariiM)!.' übajcUou luüllc. Cy-j jiui) 
alle meine SvuVh i»--' lliuvuifi'fjc überfcfit, iinb er üuaif) imu ^cr i^vofu'U 
2i>ir{ur»i]. Me iie lUid) imf il)u i^clnüit. 



) Berthold Auerbach an Jakob Auerbach 

Berlin, ll.ilärz 1874. 



,«^,11111 VUicub'iiuj l;iUl) "Kernt ui-.u ui] jiir 3oiire kiin .Kioiuiriiijcu 
ctlllKUl^eu. iyi »uar i\ro'*;c (MeieÜiiOiii!. ci:i Jöarfcninitiioo jpielte uu^ Jr^ui 
^NOiuiiim itiii(^ lle^llultcru^ iiljon ii:el);eic Vieber. Tor icliuitu^e ^Yiiut lüar 
volI)e^•ivi)on^ In bcr C^leidltMiajt; ^elIll jo \iciiilid) V.lc-: . lUiJv '^H'iliii u:t 
tiamlMitcii (^H'U'l)vteu in;b Avüiiftloni l;iit. mar ^a. ,\vl) ;ir.t''; Mc \\\aA) Ku;cit. 
biif; ii miil) iiuitjrlmil bci^liulte, luie öcv ulte ^,\"Dpolb :)iinife iiiii- Uu}U^ ^a•*^ 
er U;>!i je iiu'iiie 3.v.l)cii rr.it i;rof;ci- «"vvcii.^c lefe. "Jii^ (k'iiie \'Jiamul)eii 
er ifl io IreiniMi^f). mnt) [idiiei \u ici:i iilv ivlj - lii.-U meine oanr. Uwuy 
fei*. VU^ ^^'^ 'J.Uolcvn VuIicuLhuIiC •^vll^ll;•:*"ult^ boiii '^^ieaei 'V'Oiluitr.u'ior 
^H;u>i'll'/^cr jelU ^cll Si:\{k): inii» Die iviiifeviit Ull^ ^l^: iv;\Mi;i'.inv.'ii;'.'uir 
in.jlt, luUte i.ti i^iite \'lu!;u.u1)C. Xer Uvoiipriii) kH\uii!;:o i;i:il) ;;:it fewi 
*ii«'.ute: .xHi. lieber \Huerlnuli, lüie ift*-: in! ?eiitii1)e:i '^ivU^ '" ^v1) loi'.nte 
il)in jiU\eu: ^^i) l)iil'e i)ie '.Hiitiyort ?M)OU ^turfeu la[[eii, ev iü i^r!e^e; ^el♦.Il 
mein uer.e-5 'i^wd) l)ei!;t ^Il^al^irie^.'• ^)C sc ä:^ /^ * ^ <./( / 

><) uil)l:e muV g^ni-, (ie{)obeu. lU-:- \A) mit Jöeli»l)Ol'.;, OJu>u;i:iie:i, 
4^inKr'Xitl>oi-:;''Ke'.)uui;tir iu einer WriHUK ftüiiö; ev ift Düil) lua-:- oerrlielK-:-, 



J 



imalio Joachim gs'b, Schnoe^ireiss: (1839-1899) , yorh. mit dem 
Geigenvirtuosen Joseph J., dar ssit 1868 Direktor der naugQ. 
gründeten Hoohschulo für Miisik in Berlin T7ar. 



#« 



Andreas Achen"baclii(l8l5-1910)| Lands chaftsnali^r. 



**» 



Ludwig Knaua;(l829-1910), Maler, Soiiülsr von 3ohado^r, 



«««« 



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»«««# 



Heinrich von Angeli:;(l840-1925), Genre- und Porträtmaler, 
1877 Erofessur für Porträtmalerai an dor Wionor Al:adani9, 
Porträtmaler der VJisner Aristokratie, "besonders ator der Höfe 
in Wien, Berlin, London und St. Petersburg, 

Hermann von Helmholtz '(I82I-I894), iTaturforschsr, J3it I87I 
Professor der Physik in Berlin» 



««««•K« 



Theodor Mommsen, (1817-1903)1 Historiker. Ah IS58 Professor der 
alten Geschichte in Berlin. Hauptwerk» Römische Geschichte, 



«««•»(«»■»f 



Heinrich Wilhelm Dover (I80 3-1679). 1345-1374 Professor der 
Physik in Berlin, I848 Leiter der meteorologischen Aoteilung 
des Statistischen Büros. 



»■if****^t* i5tnil Du Bois-Reymond: (1818-1896), Physiologe. I858 Prof. der 

Physiologie in Berlin. I867 ständig.3r Sekretär der- Akdemie der 
Wis 3 ens chaf t en . 






( ) Eerthold Auerbach an JaJvob Auerbach 



Berlin, 22. November 1873, 



G 



Zd) l)abo öir woA) \\\d)t crv"il)lt, ^^lI'*, Der itcicriiuiifnMjc i'itliioi- :ho-- 
']i(\)\cx^MCx )i\\r i!;0 molirtnal-:« -- ciiuiuil aii.Ii v.j ^iivi): rlU^ li'-iivcro 
2tull^cll üä mir lüur. (rr t;at I)ier (>>c^i^l)! ••■' .:;l:.'; i ■ ; ; •• ::. •:;.:!i^ 
portrciflid) niib in '}\i;l)riiui^ lutö \.vitcrrcit criiiciuiiD. b: ;\;: i\\- ;i;a 
liroücr .<\ra[i nii-; ^cIn \.Mrici!iiiiU\cn yi lUUcr lilcrüiiiv'ocr iliaiii\.'cii ctni'üf 

i]«.\irbv:;tct. {^r knm ^ai 'X'oll-jkbiii iiuiiii uiic» Urintjt i'jtiii^ neue 3ciK'n 
i" "Iiiiic mi^ bcfo::K'rv f.i::u er ülv (»liriüi^cL'oroiicr iUid) bic rcIitjiiiK 
Cppoiiujii ^ir; bcuuicu. Au öicfcii boibtti CcücrrnJiorii , :Ko|ctv>T \tnö 
^'lrMC^(]ruücr: iu\-fr ein f.iitcr jiiitural'--::!!!-;. Der aber jrci;id) iii^ljt ^ur dinft» 
IcriidK'ii OK'iMltiiiiii !)orinirc!.l;t, uu^ i:i :Kofei]j',er ii't eiiiv>aiul) auv nctici. 
mO Ni-} in ii'.iD Hc:bt ^i^3 c^)t ^^nUfvtbÜJiilidK. 2io \Hrt. luic ^Kaiciji^T mir 
ervd:,'Itc. '.uüv ihm r:tei:te "i\;d;or bei |ci:;er ^Hufioedum^ ^u:u f;üf)ereu £cbeit 
lle:üln■^eu fcioii, u;r udj;i'!::e:ib. unb er !)at mir oft urib oft Oetteiierr 
bau er bu^ ^«lul; „juo" u:tb bnv „'i^iufüfiefe" ijefuijt Iwbe. loic ein fatljoi 
li)6cr O)oii'jlliiia icin 'i'rcüicr. 



( ) Peter Roseg^er an Berthold Auerbach 



Graz, 25. ITovember I878. 






. . . Endlich bin ich hcimsekebrt, und 
jetzt erst fühle ich, wie erschöpfe! Das viele Geieicrtwerden bin ich 
hak nichr ge-wohnc . /? ■ Sch ö n wa r die R cise^^rettrch? /aber das Schönste 
auf meiner ganzen Reise war der Abend in Ihrem Hause . . . Ich habe 
CS gefühlt, was Sie mir gaben — ^ und ich fühle es noch, und ich über- 
denke es nun. 

Aufrichcg, verehrter Herr, ich bin das erstemal mir Angst zu Ihnen 
gegangen, ich fürchtete, der Mensch würde dem Dichter, den ich ver- 
ehre und im tiefsten Herzen Liebe, nicht gleichJiommen, und es würde 
eine Dissonanz entstehen in meinem GemüyC Darum war ich so Lnnig 
erfreut, als ich sah: der Mensch ist hier der Dichter .-^, es ist Einheit! 
"Weltumfassend und weltliebend! Das ist Auerbach! "Wie heller Sonnen- 
schein ist CS mir In die Seele gezogen. Selbst die „Fehler", „Schwächen", 
welche die "Welt, die mäkelnde, als solche bezeichnet, ich fand, daß es 
Vorzüge sind. Ich habe vorher das Kind und den "Weisen nie in einer 
Person gesehen. "Wie sehne ich mich, so gottbegnadet, so glücküÄ zu 
sein wie Sie! ^ y>C^^'>0^ 

Heute las ich: „"Wie der Großvater die Großmutter nahm". "Wie 
das gn^t und mild, wie das schön ist! Es ist ganz gewiß: wenn die heutige 
Welt mehr solih.c_DiAtungen zu lesen bekäme, sie ginge bessere "We^e. 
"Wenn Sie, geehrter Herr, wüßten, wie glüd\lich, wie dankbar mich ein 



— wciin a-s. 



garten 



!, 



■"■vürde! 



cir.cs — S:ü;:..iu*M von Ihnen für dun ,,?ic;ni- 
macncii -vurüei Ich glaube, Sic täten es . *-.-<, 
* Aber dieses Sc.rdben ha: doch nicht den Hauptzweck, Sie zu 
bitten; es hat dc:\ Z-xzd-i, Ihnen zu d.ink!.n, vo>t Herzen zu d.ii-.kor. 
für alles, was Sic mir in meinem Leben getan haben, als ich noch auf 
der Alpe ein Hlrte war — , als "ich mit meinem jungen Weibe im Walde 
saß und wir in Ihren Büchern, 'lasen; Sie haben Anteil an meinem 
Hcrzensleben, so wie Sie Anteil an dem Leben des ganzen deutschen 
Volkes haben. Und ich danke Ihnen für die Stunden, die Sic mir in 
Berlin schenkten; Sic gaben mir damit mehr, als Sie vielleicht ahnten . ^ 



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chischer Diohtar und 






LiJdirifir AnaQngruber;(l839--l6Ö9), Dramatiker und erzählendsp 

Wß^ff'-A.*^' 

SoksTarzwälder Borf^escbdohtan« 



Cotta 1856. 

ssinutter nalua* Eine thelnländiaobo 
lionatahefte Bd. 45f 1Ö78/79. 3. 50-59. 




^■■■..' 



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( ) Borthold Auerbach an Jakob Auerbach 

Den 26. Februar. /iQl^/ 



\Hl)c> t>"':cr:t '.HL'Cii:. rjieöcr uuf fcciii \;^üfball, Mccriuil itu-2ii}lLi'!e. i'uii 
b — l IU)V. l'uv.i i;:;u^)t wa-i ?uid). oKt cc- ift büd) uuii) fiijöiu 'Jlly ul) 
bic Irci'iio litiUTUTViiiu;, [uü \d) ^luoi iM^iiMic yioiiljvta.vi-iibi^corbiictc. oi^) 
fotiutc i;;i 2cc.[ boii XHlViOin-buctcu ina'.uvc '|n'rfünlid)fcit '^cii^Mi. Xiuiii bicf; 
C-: balb, bcr Adiiicr 'ji?.:'.;: nt.|u, er i'i l^'ci-. od) mar in Uutcjcin Oioipriiil) 
rait bc:;i *i.ni".:\i::i \^;'>I'-:!;!Liiie»i\i!'.;iCnl>ui'.i'. mit bcm id) uor 3triif)biirii luiu. 
(.fr !m: ^.^j ('kl:x< v.i 'i'iii'.'liV.un;. ini.'i 'iL'ilbKi)uK öurilnv'bradjt, iibcr iia» 
:i:vi::::.fi :•:: o^;^:liv:'::v; :v;r^ o:mic itvc;:;;c jÖvUiDIiiUuki.^ i;: ^wlicti uid)t* 
Ua:;o::. ^u':;i ;;\;; ivi; :)ic; :;i;; ^:;i A;:!;ti;lcvu ull^ iiuii rief miii) '^riii^ 
(^CiKM^'Sf. Ti: rjc'.'';r, Cum '\}:ln\ ^^kow] fclbor i'iditcr t[t, nuö mir 
jrr.v'i'*;! MlHT ^!': 'i-'^"^'-i''':;'»'i''f:'r <.:v. Trtuiui ba-5 JÖi^inttmtoronc auf iüciiiv]C 
>^'.rf. ■.;:!: V-i i<-':<';-'- I>-' ^'h-i.üiM': lu'-.i ■öiTanili.- ^Cl• liui t:i;r uorftvUcii 
lic'; (jiird) biit i\';' >\a:Hiu) iiujrc mir. bof; er in 'ooiiolulu, »yo eine vui» 
i;oioi;cne bo;i:K-i;o i>0UM:ie fei, idvm in feinem lö. Cm^Ii^' JH»-"'!!».' 3cl)riften 
ijcicicn iMbo, nnc» er ^ei;\ie ful) ieiir boiuanbert. Tic .Uaiferiu U\m auf 
midi ]\i \i\0 i.'.ate u. \n.. ile freue !hl>. ivie fleir.ii; :A\ fei. "Tie iiaiierin 
eriiiUi bie 'iWii.-'.iron r^er 'Ji^irtliin mit mnuberlnu-er ^Uu•i^a:lCV. M) fi^l) Ü»; 
i^i'.ter im '.vei'jcn 3»)ol miebor. \w He bic« l)iill» Ci^in«j iui-:-l)iUTte. bumit 



.1 Die i-.inrjcn ^2cuie langen tiMiuen. 



Der persönliche Erfolg, der Auerbach in den letzten Lebensjahren 
. beschieden -.var, wurde durch die erneut ansteigende Judenfeindschaft 
überschattet. Er empfand diese Angriffe als ein ihm unmittelbar angetanes 



i Unrecht. 



; Vr ') V ) Berthold Auerbach an Jakob Auerbach 

Berlin/ 22a I9. Llärz IÖ80 

'. • • • 

0-^ iü 5um i^crsiivifc;n. ;^n Den fjuiülcn mdt ein Modjmiul) nub 
^ '^iM.enmac oc.>cn bie ^nbcn, bcr nur ,inf ÖJclcacnljcit Hortet; nm ui r,. 



uMeu ^ o!t bo.-j nicf)t eine %xt ^;^nqui]ition ? llnb mau ',ä[)k nacf; ob b-'c 
beuluf)cn Csubcu nicfjt bic büröerli.t)en -iiUi^cnbcn I^abcn, fo .>>nt al« bic 
(5Dn){acborcncn. iva,. fj, ,,, ^,^,1,,,^ „,^ ^^ ^^^^.^^^ ..^ ^.^^^ .^^^^^^^^ ^^^^^^ 

( ) Berthold Auerbach an Jakob Auerbach 

Den 21. März. /iSao/, 

od; iiMr öcficrn •fj>'jJb in bcr ain^adibcntic bei bcr T^orlcr.ir.Q bc-j 
^;'rofei!t^''V (?r;d) adimibt^iu-: ^trnnburi] über Ailp^^|ioci.;j 'liJefiiav.' 3di;nibt 
ilt eine ivifdjc im^bcrnc >irafi, nnb feine li^orkf nun ]dcitc H)::' a\i :rc?fiid,eu 
<:d]nlcr 3aicrcri:, bcr ^k i'iteratursiefdjiditc md)t ldoi5 pI)iIoUv.]iid) ober and) 
:rie^ C^)crm:iu.i at.ftrnct hnvifd), fonbern nornebmlid; and) ä]ii}cü\ci) nnb im- 
!n-:.f;en C^nüur^nfinnmetil/iinac fafji. #*. 



• ■>! 



Hermann Ftlrat zu Hohenloho-Langenburg, Graf von Gleiohtm 
(1832-1913). Mitglied des EeichAtags 1871-79. 



** 



Friedrioli Wilhelm Georg T5ms1i, Prinz zu Preussen (I826-I902), 
Sohn des Prinzen Friedrich« Hatte künstlerische ITeigun^en und 
sohriöTa historische Dramen, 



«»#j 







Brich Schmidt (1853-1913). 1877 Professor für deutsche Sprache 
;md Literatur In Strasshurg, I886 in Berlin. Entdecker des 
♦^rfauat" (Direktor des Ctoothe-Arohiva in Weimar I885-86). 
Hauptwerk! Lessin^^ Geschichte seines Lehens und seiner 
Schriften (1884-92), 2 Bde. 

Wilhelm Soherer (184I-I886), Germanist, Se4t I877 Prof. in 
Berlin. 



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od) i]inn inib [uliv bann mit Zdjim- inib fjnitc iiiciitc .]rc.>> j^rciibo 
nn »einem univmfieiiiiieu öierteiif.unn" .\fncii Mc oiibcnfiehc, :;.ic fr ja mui, 
nt e:neni IreffliduMi \Miiffii!;c visU. itf.itiiriirf) )>ra(f)cii mir mid) lum bcr 
iMuMieu iwn 0?u>mm)env. Tic .;]eitinhjeii fniOen nur man.ieümfJcn 'ikricht 
r.-^v.KM. im ')::: •:r.:i ivi ^a• ;;j;:cier in >(r Vi!.jbcmie flart l>a:^nte. 



Kl.:-: fin;V^:::;vc^^ ?ci. od) ,Mn l^e-icria. 'C>\rM i \n lejcn, benn Womniien 
>:.";. .:.;u^\;.; lüif 2::i!'di:i-^!r.:. 3di'Mi Tniic in'vlicr Ijutlc er Üjin out einen 
oc::cl f.ijd-.riclicn : o^'^- I'in a:> olmcn ine nf-innbca. 

3d)c;cr ift ein ':ij:rinnii;er unb ed)t freier Wenjdi. (S\ ervilillc mir 
iV.:di, baf; er f.rf) mit cir.cm Unuijaijridcu Ttr^'nnbe \iKi\(n ber ÜCnberfarf^erei 
nef,cn bie Cj»bcn en.'-,.Tcit I;i:be. 0= j tlint un^I)I. bnf; bieje 2acf)c borf) anel) 
iHv.i Cfr)riihicl)iircne:r nit bcm unirmcn X^aÜjo^i erfafjt mirb unb nirf)t mir 
feiger immer bnfiir rlnjiitrclen r)abcn. 



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( ) Berthold Auerbach an Jakob Auerbach 



Berlin, 31. Mai 1880. 



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vV'V- l'a ^or (iJoctljcjcicv muf; imin ]u{) bodj luieber bor (MiKurU-. 
bcnniifj bcc hicü.jcu OMibcii criniieni. ^^ie JCu!;cl, bie .H>crj unb (y^iunb 
OiiuiiS u. \H.. bic mvi-n'-h bie Die .Kofie i^-bcuiuiii; oioctl'ie.J 'jueift eifann^ 
teil unb bic Üi\'lrfieilaii,] öc-:^ Xid):eri ;nüiHn^icteu. Unb bo.fj in i^ioot'v«. 
eine uou Jranffurt ntirijclnai^iic ^iinöcrfudjcrci iieijoti bic ouben nie la«} ijC« 
worben. L^r [laub bcn liicnjdicn natur[jr|ii)enb jci>'nü5er mit ber nötlji.jcn 
aequitiu animi, 'Hiw ouben aber nidjt, nnb fo oft er anrfj 3pinüjii er» 
toal^ntc, niemals beutet er auf tai ^\[ii<n \m, U'al)ronb er tcd) fonft iiern 
bei iüirtefiu^ u. "}[. bie *:j?cfonberf)eit mi (Geburt unb eebcniftellunij in 
bie C^^,aratteri!Iir eiubo^ie^t. Xec homo über ift c5en tod) nnt ein pl)ilü« 
|üpi)iii{;c^ obcal. " ' . 



( ) Berthold Auerbach an Jakob Auerbach 



Berlin, 11. November 1880. 



od) fjubc bie-svinjc '^Jadit 'nnni ein: 3lunbc {lefdjlafcn. Xo-^ i'>eftrii3C 
\M'v:irMail ber '?intioj:al«3citnnn cnilialt ben Icrt bc» 'iHMition'^iifi i^ii« 
v.w.u-i iieficn b'c o'-'b-en. '2)a«2 olia muffen u>ir n od) erleben ! o^) fdl) c» 
I."'::'.::iv.i. i.fi i'.-.I'c -.iie'.irtnd) fiCiiMnii inib j^emaljnl. ^d) \vMhi, cdi ic^ im 
oiv.tuar :;icr!"er ^nnidfelivte, eine f,r;''';c ^-i'erfamnilnn!^ reranfioltcu, ju meld)cr 

burd) A\M;:cn unb bnrdi i\'rfr;;;id;c Vluüovbernuj^ bic ar.iic'e'.'.enfaU W'uinner 
a;i-r ber ÜiMJiopV.u'.ft, vui«3 ber ii3iiri]erfd)aft nnb fou'cit e-j ßinti auv bcm 
'i^Ciimlenif;u:n. eini^claben '.rerr-on folltcn, um bic neu nu fi;;e".iiorfenc ü^•,cä^v.l^lc 
o'.tbcnfraiic <.v.:] cinnuil cner.y.fd) at^jutliun. tei'or ba-:- llcl-d u-ciicr iviv'; '.:r.^ 
bevair bicfe OlnfmicijClunt^cn in bie nicbercn .^ircife, in bic '^^ieviiiUicii !tinnl^= 
ivdufellen, rou ino fic fd)iuer meliv I)crnniy.if)oIen fnib. od) murbc •.'■eil-? 
auvi^eladit, tlieil-:- ali 3d)iräriner unb 'l^rjantafl anöefetjcn. Tie (i-i;;en jiU'^:cn 
mir, bac- jiclit Imlb micbcr roriii'cr; bic '^(nbercn entrje(]ncicn. non nnieren 
:)\cu)ten tonneu fic xint' r.idi:-;- neirmcn; bic Xriltcn Iicl)au;^tcien mit i^nftig-- 
fcit, bicic r,a\i]c 3i\d)t münc mit ^i>iu nnb 3pint bciianbelt iverben, jebc 
nnbcie 'Ii-iiffc fei ju c\ni nnb nniüirtfam jnglcid}. ^\d) hnlic cnblid} barrn 
iibodtv'fcn, beun id) haiK ja :u^d) "^(nbcrcc» ju i()un; nOcr mitten in meine 
'^Irbeiton Inncin, mimentlid) in bie für bic i'olfi-luinV^' i\^\ii:c ei mic ein 
(^kiiH-nft : bn fud}[t bu nun ctl){!ri)c C)cbnnfen in bie 'Xiiaiien I)inoinv.iln-ingen, 
ba iKan t^n \\m\ mit uller {vmftgfeit einzelne *^>f[an-,cn, unb ein <^)eii;i;lcv» 



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Heinrich von Treitsohk8^(l834-l89ö), Historiker. Seit 1874 Prof. 
in Berlin. I866-89 Herausgeber der Preusaisolien Jahrbücher. 1871« 
88 als Nationalliberaler im Heiohstag. Teröff entlichte in den P.J. 
eine Reihe judenfeindlicher Aufsetze, die I88O gesajnmolt unter dem 
Titel j ^Bin Wori über unser Judenthum erschienen. Theodor Momrasen 
veröffentlichte eine Gegenaohrifti Auch ein Wort über unser Juden- 
thum, 1880. ; 






•#. ; ^•in gana Deutschland mirden Unterschriften für eine von dem Leip- 
■ '2^ Professor Friedrich Zöllner und Nietzsches Sch^rager Bernhard S 
Förster ausgehende Antisemiten-Petition gesammelt, in der gefordert 
wurde, was auch StScker und Uaudh gefordert hatteni lilins chränkung 
Oder Verhinderung der jährlichen Einwanderung, A\is Schliessung der 
Juden von allen Obrigkeitlichen Stellungen, und manches mehr,* 

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koßi Der Berliner Antisemitüüsmusstreit. Hrsg. Ton Walter Boehlich. ^ 
Sammlung Insel. Insel-Verlag Frankfurt/M» 1965. 









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^■i;üi:o V'i ^'ür'i'.iit u;l^ in ^cl• 'Jih-;u|1ii[>c in iMiidcii iinb im ^iMcrfcilci- in 
'i?iii:ul)cu ^l^:• tilic-< mit }^\\[^(\ iiini^cnommcujnii-b. ^Jimi-:: ifl ba \\\ t[)uu ? 
M'iiifir.i uiir in naicvcui VlUcv mn!)iiri(i unb [litlbalbcnb vjjcficii, mic ba-3 
lliilicil iüiincr i]ivi:cr iv-tib uub rju-j Mc >{inbcr in bcn 3d)iilcii Icibcn lum 
Vchvcni unb Oiii!u{)üiovu? Cv^} fcIic in blc friibfJc ^itfinijt rjinciu. 

(V-: ifi ÖLMfnmui, baf; eine :)IciT)c nngckljc.icr CMirifl.^clun'cncr, bic nod) 
iiviifcn univ OJ^cniMjcuüjnm ifi, (]Ct>'n bicjc "i^^ctition nnb bic c^(\\\\z oiiüunic 
iiniti-cicn ;i'ci-bcu. ^^Uht biiv iü \\\ fpüt. C^i ift ja in bcr ii.H>lt fo, bic ^:ilu» 
füllte bclnütcu bic 'l"'Jcni\fjcn iu bcr (Erinncvuun, bic '^nrlfjoibiQunn, bic 
■ÜlsbcrlCijuni], bic '^Ibflännui Icfcn fic faiim ober ncrncifcn fic Inilb iricbcr, 
\\\\^ \\ bic V(nnai]c immer fi-fuu-fcr unb piiinantcr ift nl:- bic *i'cvli)cibißunn, 
\\cAKi fic tuid) mci)r in bcr O'rinnenincj. 

'^;}ic ci:ic C^)c:oiitci-l':irciuui^ c;n';.rmbc idi'«:, bic clcflrifcfje, briidcnbo 
3r.:'.*.!:::r.,i V.-.J fiu) r,:\'t\\, iiub mau atijmct ficil 

Tic *;;•"::;.>' ^iming bcr 3tab;iicrovbncicniKn-iiim;:iliir.i3, in bcr bic 

\..,'\,. ,T . nrr .''''.T 'r;.iirriT '^C, .'....; ...» »■••iwa, ü..»- v.u» ^ttiul V in Ut iliiiiiti«. il 

'l^r'.-f'di'j. \':.\ i/v:n f^ni i";:lv«n, ::'.;b '.:;;;; U\\'>i bic luoi'ic (^"liiiiiiuKj oor 
••c'":üi '.Mi'iiV"!! *??ur.'.ncr. bic ron ^;'rr{c:::-.Cu ::ab ?.'^'>;n!:;fcii iiniKv.-'.it nnb 

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3kir.'c i'cr o5;^cu v\ uitin ilirc cir,cuc 3acfic, fonbcru jiinfcicf) bic bcr {vrci« 
I-.ci: nnb -runidiliu-rcit, nnb iua«3 unr laui^c nnb ir.r.r.cr unnifdncii nnb 
imr.ir Iiofftcn, "^c^Vi nid): i'jir Jii^'^'u ll''^-' ^u uicl)vcu Ijabcn, foubcrn boT; 
O'firiftcn bic t^'^in^^ti^^»^ iicl;mcn, ba^ ift i-!C)ii;cI)cn nnb iu bcr Dcficn lii^ciie. 
OJuiu U\\\\\ nun uiicbcr rnJiir, nrliciten unb ircitcr leben, man UH'ifj, nuiu 
IcM unter trcncu ii.'olf6."'ieu offen nnb arbeitet für fic. 

'^cr crfic O'iitninii \\\ bicicr (yrllävnnii ift uom 3iablfd)n(rtJ4l) 53ci= 
Iran: i\nfaf;:, bic (fin.'eitnniv bic fo uolltiineub nnb ßcuialtiß ift, ftammt 
an-:« bcr fvcbcr i'^iommfcns, vjic oud) ber '^w^W}, biv'j bic vHi^itaiion ßcrtcu 
bic oi'bon ein lireubrnd) ifl unb ciu (ylu-enbvuif). ^iinut ifi '^lüe':« c,efai;t, 
nnb id) f.r.iu bir uidjt fviijcn, irie y:o\) id) bei bem (^cnviijcn milbeu 'ül'ctier 
b:n 3;\riicri;unf, mauste n;ib wnt bic incleu in\v'ip^''''i»^'^''' O'Ijriftcn nnb 
C^nT.n. f:;:I Iiiciien r.nbjnan fid) i'^cijenfeiiiij Cniiu uiünfujtc. (f-j fi^.nu fein. 
b.r"; fidi bic alte Okidiidjie i\m! iMlcam 'iiiebe:!;i>it; er univbc licvnfcn. uuj 
\\\/\\'.[-:\\, unb ?.v,\'\\: fc.inen. Tic "^Ii^iiaiion t^Ciieu bic ^\nbcu fann ein 
Z:^y.\\ üin. X.: • .;;!>:inc i^ober.fa'n if: ani^jcrülivt nnb lüirb nun ou-^ic 
uu^rfcu. C\d) s^in rjicbcr lief froT) unb id) n;cinc, oeber muf; ei a\i cii; 
Oiliiit c:n'jT;nben, buv ilnn vnilicil j^cuiorbeu. 



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( ) Eerthold Auerbach an Jakob Auerbach 



Berlin, 20, Ilovember l8£0. 






oiij [ii'C l-icr in iucii;cr ^indc, unilircub im Car.Maiv bic Tcbiillc 
ü^H^- Mc o'a^ou Gcfüljvt linrb. y<) umr ^eitern \Hlicnb bei '^n'^ -Qnpr^cr 
i''t ciiicv bcr r;ouii;,cu ^'vivificu unter bcn 'Iciuicubcu, bic id) Icnnc, bic in 
cinc;:i ('»'i.v/.fi-ct.iMailc i'.idu far^cu luüvbcu: ba \\i bcv o'i^! '-l'- i'^'^' ''.'i" ^^^'-* 
[ailtc, bcnali;-,;o er, biin ''Intciifaücr, mit bcncu mau i]aii^ r.oi,o [Uiub, iiuil) 
!cid)t lici 3:vcit :c. Tutu)nuv.i idjimpfcu. >?iHH' inciut, baf; bcr ^]iiimmcl 
iV'ilon bic onbcn iu bvci ^}?u'^natcii iHirbci mx^i ncriiciTcu jci. o^) illnulic baö 
■ i'.idn, b.iv bicuut fm-t, unb ii ift j.MU luicbcr i'o lucit, b.^i; mau faft ^cbcm 
biv.ilbar jciu mw'w, bcr v.i cvli-.r.icu ;Vibr, b.in cv fein '-l^iinivüicil iic^cu ;\nbcn 
Iiabc. Olli: id) -^vuiKi iai;tc, ban ein «In-ift ba-:- i>'i\cuiinirlif,c (iicub uirfU i'o 
omvii'.ibc, ;;i:c ciu '.ir.miiiclbar buV\v.i bctriMfcncr onbc, Iicüvitt er '^(li. er 
cm;n;i;ibct o.ud) iu Siljmcr:^ uub l^lücvicit bic 5?cvvoI)uuc\. bic ba über bav 
bc:;tjd)c iniif i-icro'.umcu iü. 



) Berthold Auerbach an Jakob Auerbach 



Berlin, 23. November 1380 . 



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U'cvi^cbcjM' (gelebt \\\\^ ncavbcitct! Ta^3 i[t bcv *^crmnlmcnbc C^iubrutf. 
bcu icf) lum bicjcr ^mcitiiiiincu Tcbattc im 'i)(bncoibnctcnI)au|e I)nbe. lliii» 
lyenii irf) mir auc() U)icbcr fai^c, cy i[t ine(Icirf)t uidjt gauj )o avi^ )o bleibt 
borf) bic ciiticUlid)c I()atind)C, bnf} folc()c 3iDl)[)cit, foldic i'criogcufjcit uub 
lo(cf;ci' ^>(\.\\ upc() lUDi^licf) i[t. \\\\^ "i^KX )o(I mau lüiebcr Xac] ww'ii "^inrfjt 
baranf iiuncu. ciu 'KciucS uub 3cf)öue'3 ju f,cftaltcji uub uiit nnn^cr 3eelc 
bei ber 'Olrbeit [ciu, \\\\b ?lb|(f)cu, (^i-fcl erfüllt bic (3eele. Ißic übcnuiubet. 
wie tit^t mau jic? OJiau mufj bic «djaubc bcy i^atcrlnubcy mittrat^cn 
uub auv()arrcn. 

{^i iiub iiKcibiuivi auc() uiafirl)ait ()evvlid)C, rciuc uub tariere ^Jicitjcficu 
nufnclrcteu, uub mit ^ycu'uubcruuii uub '^auf crfüKt il)r trcuciJ '^luvljarreu. 
*^lber Iinftct bic uicbrinc *?lutrciyiui^ uirf)t uicit mcl)r iu ber 'i)JJai[e ? 

od) luar (^cfleru ^iüd) uodj im 'Jlbgcorbuctcutmufe, erft !)Jnd)mitta(V3, 
bic Siluiut] bnucrtc bcreity Dou 11 lU)r nu uub jdjlüf; cr[t neneu G llbr. 
od) (aui iu bic bereite Ijodii^rabiii crbihte "5ltmoipT)ärc ber CMcmütfjer. {^-j 
luiir ciu '^liniifnuibf iu erbittertem 3ül)nefuirjrf)en. Uub lua^J T)Lirtc mnu immer 
uiicbcr ? iJcu '^bri'cu»(5ouricr. oiub beim luir cixxiizxw jcit ^3iojciS DDicnbelv« 
iot)u uid)t nud) ba ? . , 

l"i>ic luittc id) mid) OfÜ'ciit' ^''Ü "lui öic 53olf'jbüd)cr fertig fiub, 
burd) bic id) uuindicu gutcu Okbaufeu iu bic 3ecleu ber ^^litmenfrfjen 
flöücu fauu. \\\\ii nuu? 2.l^aä ift ba^ gcQCuüber bct nroficu Secfcuucnuüftuun ? 
od) iröftc mid) frcilid) aud) bamit, bafj \\(^6) D3^ouatcu baa luicbcr juoeljeilt 
[ciu löirb, aber ba5 Sücmufjtjciu, maä uodj iu bcutfd)cu D3Icufd)cu Qcliertl 
Jüirb \\\\b lua-j uubcrfel)euä erplübircu tauu, bo^ ift uutitgbar. 



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* Friedrich Z.Kapp (I824-I884), Jurisi;, Historiker, Politiker. Ala 

48er naoli Amerika ausge-^rnndert, wo er iXbQX zwanzig Jahre laTstü, 
Hach seiner Rücskkehr nach Deutschland I87O lebte er in Berlin, 
wurde Stadtverordneter und Heiohstagsmitglied. 

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♦« Deutsche illustrirte Yolksbüohor. Bd. 1-3« Karlsruhe: Bielefeld l880, 
Neue Ausgabe« Bdoh, 1-10 • :^da« l8dl« 






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) Berthold Auerbach an Jakoh Auerbach 

Berlin, Z\. Juli I80I. 



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•'^;:cr ^ic ou?c:i. 3ic i't l'rau uhl- l',ru^, 

0.1) reilc i:ii>r.v:;; lU'U o^ct ab, iai bin cimac Gcft.irtt. al^ci vav 
3.1.::cvA.:iiinl:c ^i'ci^)! :::.lil a- ?ov 3ccic. ii^ollcu jcl)cn. cb Öic holicrc 



( ) Berthold Auerbach an Jakob Auerbach 

St. Moritz, 6. Au^st I88I. 
Ich hatte eine schlimme, schlaflose, schmerzvolle und 
aufgeregte Nacht, und jetzt cun Morgen bin ich doch vdeder 
frischauf. 

Ich bin entschieden und bin froh, niemand zu fragen zu 
haben: ich schreibe eine Ant'vvort an Döllinger auf seine 
aicademische Rede. Es ist v/ie eine höhere '^\;.^o.ng^ dass ich 
bis jetzt v/arten musste; jetzt trete ich heraus und jetzt 
sage ich, ^u^r^n auch nur kurz, -was mir auf der Seele liegt, 
und ich kann es im Prohgefühle, dass ich Recht "und Pflicht 
dazu habe. 

( ) Berthold Auerbach an Jakoh Auerbach 

St. Moritz, 12. August I88I. 
V/em soll ich' s denn sagen, ^i^nn nicht dir? Hoch selten im 
Leben hatte ich eine wohligere Empfindung als heute, da ich 
meinen Brief an Döllinger in der Allgemeinen Zeitung las. 
Es mag LIanches darin fehlen und da und dort ein Ausdruck 
undeckend sein etc.. Bas TZohlgefühl, dass es mir gegeben 
ist, einem edlen Manne zu danken, und dass ich in die weite 
Welt hinaus sprechen darf und gehört v/erde, ist erhebend. 



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Ignaz von DSllirxger (1799-1Ö90), kabholisoher Theologe, aöii: 1826 
Professur in llünchen, gehörte 1848-49 deni Frankfurter Parlament an. 
Trat 1881 in seiner Redei Die Ju^sn in Suropa (gedr. I924) für 
Emanzipation der Juden ein. 



## 



Aiiaen Stiftsprol>3t Dr. Ignaz von Döllinger, Präsidönten der 

5qpi bayer« Alcademie d. Wiasansoh. in München. Allgemaine Zeitung - 

Beilag« 11. Atigust I88I, ITr. 223, 3. 3267-68. 






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c. 



Die Voröff cntlichun^'^ dieGec DarücbriofoG war eine der lotzton 
Freuden im Leben Auorbachs. Er kränlcolte und suchte Ende des Jahres 
aui" einer Reise nach Cannes die verlorenen Kräfte v;iederzu;p;ev/innen. 

( ) Berthold Auerbach an Jakob Auerbach 

Cannes, 20. Januar 1Ö82, 



ici- lin'icj hiui iicficvii uii()t ioü, l.cbcu oaloli, mcil ul) Vlllc-: vcu:^a\\ 
^:l^ lii^ioii lief;, wn einer i'iiüoii^lcit kjalfcu, ^llI; id) tüciiilc, Ui) fiele iiuv' 
ciiiviubcr. oi() fhilK', um ]ii)Uifoii ^u loitiicu, .^luciiiuil Cpiiim iicijiiioii muffen. 
Il:t^ jcl;.t i;iiii\e iil} c[a\: !iivf)t i;ie!)r. oor OJJitti)i\ yi finden, bnf; mir'.;. Ocffer 
iieljt, roeil ii!) uiu)t unnf;, uüc mir luni) roivb. "S^av ift eine r^tirte O-vifleu'v 
,u() meine of:, ba«? .Wlinia Ijiei Juiire mir .yi ntilb unb crfiljlaffeiib (uiiu 
fjobeu luMIfianbiiKn oiiui, (^cfteru IS Wmb im Si-fjnlten) ; id) bin ciu .Uiub 
iv.nlieivH .Uliiniiv. 'i^ciiniuT) ()aüe id) U'iebci- alle .'öi.iffnnuß inib Ijalle bic 
^nucifidit fefi. b^if; id) luiebev fo uie( WcfunMjoit iicunune, um arOcileu .ii; 
föniien. ^^lifo bonfc mid) iuuuer nlv fiifdjiuif flreluMib, uhmui c.wd) oft mo» 
uier.lau i^ebrod)cu. 



Es v/ar dies der letzte Brief in einem Briefv/echsel, der sich über 
mehr als fünfzig Jahro erstreckte und nicht nur die Lebensgeschichte 
Berthold Auerbachs sondern auch ein Bild seiner Zeit enthält. Auerbach 
starb am 8. Februar 1882 in Cannes und -wurde seinem Wunsche entsprechend 
in Xordstetten bei dem Grabe seiner Eltern bestattet, 

( ) Ludvrig Anzengruber an Anton Bettelheim 

Penzing, den 30. Juli I885. 
• • • 

Zum Schluss vom Schlüsse Ihres Schreibens vom Kulturjuden 
Auerbach. Ich halte den Alten für das, für was er gehalten 
werden v/ollte, für einen Deutschen.; und finde sein Geschick, das 
seine Laufbahn in dem antisemitischen letzten Restel unseres 
Jahrhunderts enden liess, geradezu tragisch; der Liann fühlt 
sich einen Deutschen, zählt sich zu den Schriftstellern, die 
im deutschen Schrifttum etv/as geleistet, genoss auch die An- 
erkennung nach beiden Richtungen hin, decennienlang, plötzlich 
vor seinem ^jnä,e bekommt er zu hören, dass er eigentlich denn 
doch gar nichts anderes sei, als ein deutschschreibender - 
Jude, ein Fremder, 



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A 



# Ludwig A2izön^ru"bQr (1Ö39-18Ö9), Wisner Dramatikar und iDohrift st aller, 

♦# Anton Bettelheim (I85I-I930), Sohrid^tellelr, Begründer der Biogra- 
.^„„phlensammlungt Oeisteshelden (seit I89O), für die GiL,üT3er Anzen- 
gruber schriel), HeratisgolDer von Anzengruberst Oesammalta V/erko und 
Briefei Verfasser Toni Berthold Auerbach. Der Mann, sein Werk, sein 
ITaohlass« 1907« 



/• 



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( ) Beuthold Auerbach an Jakob Auerbach 

Berlin, I.Januar I876. 

* • • 

Räthcelhaft ist mir der neuerwachte furor teutonicuG fragen die 

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Juden. Ich möchte die Grundiass finden. Besteht sie vielleicht 

darin, dass das Selbstgefühl der Deutschen jetzt erv/acht ist? 

Aber der Judenhass war ja auch in Zeiten der Unterdrückung und 

besonders stark in den lö Jahren der Reaction von 1812-30. 

\'Io steckt es also? 

( ) Berthold Auerbach an Jakob Auerbach 

Den 23. April ./TSTJ/ 

od) \)\.\[k ciiii' *)u\'oiiiuvt über einen neuen ^idiier iinijcüuujen. i]uu:l"* 
über ni.l)t, baf; id) biciclbc üüilenbe imb üeri3[fentUd;e. Ter !)]iiinn ticifu 
.Uourab i}crö. Du'uer (ein SiiUöcijer) unb I)at einen uortrclfliiljen Oiontan Qe» 
fitrieben: „Ö^eor»; ocnarüi)".'^ ^l^ '' , . 

Taneben laut miu) ber ^Jtcrijec über Tin^jelftebt. nod) niitt [a. (ri 
ift jiim Üuifenbrjeröen, lua» für eine oi'b«-'"l)'>'t'<-' nod) in bcn Xcurutcu ftccft. 
?iim füllt 1:iuijelftebt, bic ^iihcn bältcn nldjts Ci)ri!."!\'v, \V";!;: iiub iyeüv 

■IC '^ y* 

^JJIcnbel4fü(;n jcieu 'Hu=ua()tnen, unb i^Jorih Hartman:: •:'..' \'l. Hiicincn i: .:i 
nid)t enüatjueni'ioenl). "^ai Uufi)Hlid)|te abef ift, \\\', '^ini^ciucbt i>j;i fUi» 
fa^t, er ^iitte c^ ipoiter i^cbiiidit, lucnn er ein o'ibe luäre, nnb biiö nuit 
ber, bcr fclfaer ivir.i:;^. i)a\> hk C^rfi^Ujc fcine^ Ceben-f» nuirdienfiaft feien. 

Tiiü ivl) V'-'>!^'"''''d) iu'.i'.clHebt mit biefer .^Junbiiebuni] ucvliv;;, v.iwh 
id) eben iienMuncijcu. ^isr IhUtcn in ber (}crne immer i^iU ]\i c;iuinc>cr 
qet)altcn. nnb in lariij;» l)aben nur Ü'ood)en liunj in frünbii^cm- tauiiein 
^^orfe^r gefti'.nben. od) ll":r^■; oinfvid) il)m •^.y: nid)t niet;.i- fd)ceiben, ein 
C^cUU \oärc ba in fciiu-r '^O.-'i-: um Crt. __ 



Im Sommer I878 trat Auerbach eine. Reise nach Holland an, um die 
Stätten zu besuchen, die mit Spinozas Leben und V/erk verbunden sind. 

( ) Berthold Auerbach an Jakob Auerbach 



Scheveningen, 22, August I87 



XI±T fuhren nach dem Haag. 



Ich besuchte Dr. Setz, den Sekretär des Comites für das 
Spinoza-Denkmal, 



Dr. Betz hatte mir gesagt, dass es eins der drei Häuser gegenüber 
von der Dubletstrasse ist, wo Spinoza starb. 






■* Jörg Jenataoh. Sine Bündnorg8sob.ioh"be, 

** Franz Freiherr von Dingelstedt; (I8I4-I88I), Dichter und Dramaturg, 

1851 Intendant des Hof- tmd llationaltheatars in Llünchonj I857 
Generalintendant der Hofbühne in V/einar, von I872 ^is su seinem 
Tode Direktor des Wiener Hofbiirgtheaters. I859-65 Präsident der 
Sohiller«-^tiftimg, Mitbegründer der Deutschen Shakaspearo-Gesell— 
sohaft« 

**^ Moritz HartTiiann'^(l821 - 1872), Vielseitiger österr. i:Johrift- 

ßteller. Musste wegen seiner revolutionären Gesinnung Oosterreich 
(^ verlassen. War Delegierter im Frankfurter Parlament, liusste auch 

Deutschland verlassen und ging als Korrespondent dor Zölnischen 
Zeitung naoh Paris. Später Hitarheiter der ITeusn i^eien Presse, 
Wien. 



(■: 



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( ) 



Bnrthold Auorbach an Jakob Auerbach 



Berlin, I.Januar I876. 
• • • 
RäthGolhaft ist mir der neuorwachte furor teutonicuc; ^e.^^en die 

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Juden. Ich möchte die GrundiaEJsi finden. Besteht sie vielleicht 
darin, dass das Selbstgefühl der Deutschen jetzt erwacht ist? 
Aber der Judenhass war ja auch in Zeiten der Unterdrückung^ und 
besonders stark in den I8 Jahren der Reaction von 1812-30, 
Wo steckt es also? 

( ) Berthold Auerbach an Jalcob Auerbach 

Den 23. April ./l87j7 

od) l)abc ciiu" 'Kou-timvi üLior einen noiicii TiiOtcr atu3C}aiu-;cii, iiuiii'j.* 
über n'ui)t, ^a^; iJ) bicielbe u^)IIe^^e unb üecüüetitlidje. Ter '3Juum tieu'u 
.Uonrab^erö. 'JJieuer (ein Sdiipeijer) unb l)at einen uortrciflidjen '^lOtiuiu (je» 
)d)riel>en : „ÖH'ori] vicniUid)".'^ -^^^ ' 

l^ciiKiKn läHt niid) bei 'Jievijer ii'oev Tini^elftebt iiod) nirfit ia. ('^•j 
ifi ^iiin Siaienbiuevbeu, \\)ai [ür eine oubenlieUe nod) in ben i^eutfdjeu [tedt. 
'^yiun [iii^t Tini^elftebt, bic ol!^>•'^ biitten nid)!-:« Vi)iiiMu'<-, vcine unb ivcüv 

Jf^ .JL«. -^ 

'JJ^'ubel-ifül;!! jcten "^lu^Uiüjuteii, nitb M'iiorin .\)ai'tnuuiii 'U Jl. ivlieineu il .11 
nid)t ermaljucnviueril). Tau UnfiiKlid)rte o&ef ift. 'i'iiy, TiiiiicinoM bow jali 
)ai;t, er t;iitre er uu'iter l^'bl•lUl)t, lueun er ein o'ibe iiuire, nub ba-j uuit 
ber, ber fclber i;-'!m;;.^. öiu", bie (frroh^* feineC' ÜJebenc« nuirdienfiait jeii'a. 

Tau iil) ;e:i.';i:al) TmiV.'ii'teöt mit biefer .^hmbi'jebnni^ iicvlio;o, '.;u;>*; 
iif) eben ueiidiinetjcii. 'Jisi Inuien in ber ^cxnc immer c\\\i ]\i eiiuuu'^er 
(letjalten, itnb in Iara-;p liaben nur 'i'3od)en lam^ in |'täi;bii\ein ti\uaein 
^^H'rfeljr i^eftanben. M) v.'oti- ciuKid) il)ni -p: i!;d)t tnebr fdjreiben, ein 
(ycUit wäre Da in Iciitif '-l'i.-'i.; um Ort. 



Im Sommer I878 trat Auerbach eine. Reise nach Holland an, um die 
Stätten zu besuchen, die mit Spinozas Leben und V/erk verbunden sind. 



( 



) Berthold Auerbach an Jalcob Auerbach 



Schevenin^en, 22, August 187^ 



Wir fuhren nach dem Haag. 



Ich besuchte Dr. Betz, den Sekretär des Comites für das 
Spinoza-Denkmal, 



Dr. Boti; hatte mir gesagt, dass es eins der drei Häuser /regenüber 
von der Dubletstrasse ist, wo Spinoza starb. 



Jörg Jenataoh. lüino Bündnorffesohiohte. 



*^t 



Rranz Freiherr von l)in,ii^ölstedt (1814-I88I), Dichter und Dramaturg. 
1851 Intendant des Hof- und National theaters in Müncliüns 1Ö57 
Generalintendant der Hofbühne in Weimar, von 1871^ "biß 7,u ceinem 
Tode Direktor des Wiener Hofhur^i'thoaters. I859-65 PräBident der 
Schiller-Stiftung', Mifbe^pnlnder der Deutschen Shakespeare-Gesell- 
schaft« 



*^t* 



Moritz Hartraann (l621 - I872). Vielseitiger österr. dchrift- 
stüller. Musütb wegen öeinar rövolutionären Gesirmung Oesterreioh 
verlassen. War Delegierter im Frankfurter Parlament, iius^te auch 
Deutschland verlassen und ging als Korrespondent der Kölnischen 
Zeitung nach Paris. Später Hitarheiter der Heuen I^^eien Presse, 
Wien. 



"i»^*nnxatiim i 



iv,an!ba abcu, btc a.n,« neue ^Vn^Ilucrfaflunn, [omcit jic ^Vricbo ..„5 
■^uiuiuMwc nibt. ut u„^ Mcibr bie Cffcnbaru.ia Spino^i.. 

orf) )ri)rcifac bir nod) Unit in bcr ^Jladn, icl; Umn nirf,t fcf^laicn, nnb 
trol> bc^. Diel (vricbtcu I)abc ii^ faitm '^Sixlanc^m banuuf,. 

od) niJii^ mi 2p[no]aa Ichter .^vnmitdftc lucn ȟrf, feinem (.siinfac in 
bcr ')iieu!i;c .Werf, fjc unu üeriM)Ioi|cn, inib nuiii UHÜfi ja .imf) nur bic 
hiv.niiui louicv l>ci!)i;rabco, ber ihhcn ift üed.rottort. uiib c«? ift axvi) lüffii 



) Berthold Auerbach an Sakob Auerbach 



Amsterdam, T.September I87Ö. 



\'li;! 'i^a'.jiilio'v im ^\vm\ iMtU" 'u\) nod) .uicl -,11 i;uoil)cit mit bcii uitleit 
OJiamtcru, bic ^HlMV.ii^-b \u nehmen i^foiiimcu uuircii. 'iiWi- fulncii Ineriiet 
uub uniren fi^ iH'sUevi;;. ba-i (^k'burtvKjU'j 3yi^ov^J >h k^K» uuD beii 
|trcita;\ Vll'cuö iu r^or portiuvcüfJ)oii 3;)iuii.\o.>', ^ai\ m: uiiKr-: Ä)inu;cr-3 
iH-r«;,a!;cii. Tic portUi^ioiiiMio 3'.nt>r>HV' iü »i^cr iiiii^t bic ölte tiu-3 3pi« 

ITatitm it'v inuIiciiiclKiiDcM.I 
on iVr 3muV.Vi;c uuu t-3 uucber fo lyic im \)aiU]. nur bac- Ö>e^ 
bäiibc iK^^Ücr. Üi'ir •c\\n:c,\ L\i:i kki. iinb ;Ovl faüicn luir in ein (Hciüirie nno 
(Mdürnic uon 03ic:;ül;oniii'.tl^Pva iiincin, b-r"; man iV.iutbon ;nuf;:c, iiiiiu fei 
i;;i i';!!'-::' i.'; .V': tu bor Tv:;:r:i:r;:;; ; cw': t-.n ^loui^eri^ voi^ut. Tii-' 
!r;;;:;:; ;i. > :::■: :'• Ter ^N.di' r'-J::;:.!: buraicinau^'.i . ba^ frciidjU 
Cbii, rriiilic. ö)el';.'.!e iv.i-^rii'cr.b. v.:*.] luul) i'^cm '}lnüiuii bc«J 3iibbiUl). unb 
;ii:;!"... c.iU'-^.l^i. l'ui^ÜJ^;l i.iu"' Av;;u\'f. iiriiiV.id) tin\nii1nv.;cn. oonuiilir^ 
!i-f: .,.!•; ;;'u c:'.i v::!;;!'''.. • -.[-c;, iiiin ii!) miiü üuna: •'Öiitte iil) biefe 

i^o:;:; >!.;.:;:;::, U'ie Die ^i;bc:' !.> ('::•• i:i il)rem Jvrdl:eitvbe:uiintKin ui:» 
?."j 3i^'.'"ie t'oi.\\>:'., \A) In-.::: i:j ;u-'.:) i;u;i^ anber-:- i;t nieiueni 3inui\v\ 
^^•^".)il^er^. l(:ib oir.e ;;:it Vll>i.:;cii i]c;!;iti1Me ('»rbittei-Kiu; 3inac>^av i]ei]eii 
iolil;c o')euoifen)\iM't i'"; mir ii;;-.i neu er'liuli.l), unb bie \'lbfivibciunii bev 
i^'bilberen ^rucii vi c.v.: ir.iieic ilaUbnH-nbiiifcii. '^inr unucn jrol). auo 
bic'i'ni ÖH'triebo t)civ.:;v\:,'> i.Miieti. 



( ) Borthold Auerbach an Jakolr Auerbach 



AmGterdam, 10. Geptemhor I878, 



^av ift mcl;i-, uniäijlirf) luclir di id) je aljucii fDiuite, lun^: ui) ocftcni 
fal), ober cii]outlid) mitlcblc, uor uiciitcii \HiU]cu. in meiner 3ecle ba-3 (\an\i 
l'ebou ciuc>f< oal)rl)uubcrti uutor bcii noii ber fpauiidjeii ?Mti]uiiitioii befveiton 
Cwibeii. ^ic [toljeii, neiftii^ ftvaiiimcii ^liiinner, bie lüiinbevbaic iyvnu, a\\\n- 
idwiKW wk eine nuirfjtit^e ^yürftiii, mic eine 'DJJuttcr bei iJ.tiutfalHiei-, )ie 
Mulieii niidj au. 3plno,^a ']ac\t jclber, bic ^^iiißc beijreifeu, licifit olle 
3tariiij,j,-u jim^ 'Jihirnniac:: inib afle Öcumttiamfeitcit rcrv:i!)cn. Ticjc 
'JJur.'i'.icu. öic Vlilc-;- opicvicii ii; bcv ociiia'.U]üil)cit iiiib bic luu:'} bcii "l'L^to^ 
foubüuitr.i iViU 'laf,c arbeiteten uiib in ber %i({)t umd)(eu ^uni v)eile it)ver 
^loliijiou iiub bcven 'OJiitbefeuucr, bie fonnteu ci nidü i^elafien l)iniiet)eii 
latjeu. biif} ein ^JJuiuii bnrd) pl)ilo)iipt)iliije llutevfnd)uuc\cu alle il)i'e \)in-- 
'.^'buiu^eu nl-3 5i>eri]eubuui^eii nn ein '^^(wntoni barfIcKte, fie uuifiten ben 
.<ve[;eu ueufoU^cn. 

orf) \)aU bie beibeu 'iMiitter in ber vinnb i]el)abt, bie ^u)iininieniie» 
flebt i'iub, unb auf ber einen Seite i'tel)t in portuijiejiidier 3praii)e ber^ 
5i3eid)Iuf; tci iübi[djen C)5emeiuberat{)-i mit ben Unterjdjriften, bafi biefe 
'i^li:t:er auf eiuii] uerdebt fein füllen. 3ic eutl)alteu ben '^ann^nb uuil^r^ 
fdjeiulid) axid) ba^ 'i\'rfal)reu ijei^^i Spinoza, ort) liefi bie 3onnc l^inburd;» 
fdjeiuen, v.um fonure C^inii^'-« untcrfd)eiben, namentlirf) cinii^ Unterfdiriften, 
äl)nlid) bcm "i^^rotofülU meitcr nid)t«:«. 

"Ter Aiüüer id)lon mir bie 3i)nai;i.t.;c auf, an ber „lieiiti^cn 
Vabe" in ou eCuer ber ■'öül'^iaulen ein MWiicr. ber c,:.n\ bentlid) ba-:- 'iMlD 
eine-:- '^Mipoijeien l}at. bac- fid) von fcUift l)erau-:-fd)nit:. 2er Aiüfler I;.u nur 
il^enii^ev in jeiueni '^^-ridjlnf; : ein '.liniid)bei-fen für bic *i>rie'*ter''Jiadifaminen. 
von 'ilbraliam unb 3ara l>ol)en bt: •'öereira' j^efpenbet, in fdioner iv-triebener 
'Jlrbeit, bann fcfjöne getriebene 3d)aten, bie im 'itcn Jraftu'a^en je ^n brei 
pün "ben il>ür[tef)ern nml)eri;ietrai]en merben (in bie eine luirb für bie *^lrnien, 
in bic anbere für '^'aläftina, in bie britte für jübifv-fje C^jefani]ene i]efamtnelti. 
^i) tinir bann bei bem Aiiifter in feiner .ilniljunnii, bie liüIKinbifd) fäuber« 
lid) ift. C^nblid) lüar ber 3e'retär ber Ciemeiube in fein i^nreau ijefamuien. 
%ud) ein 'innftel^er lüar 'im, nnt^ cila \d) üüu ber '-J3ebeninnii Spiuüja-:- 
fprad), fai;^le ber fleine '■)}ia\i]i mit fenrii^m braunen XHui^en in fjeftiijeni 
ioue: „(ir mar ein Jreinb ber ouben." o^^) ^'i^'^ b::n aiif^efelienen ^Jianne, 
ber feine Ijefteu lai^e-i-ftunben für Ö)enieinbeanQelei;:nI)eiten hiui^ibt, moljl 
nad)füb!cn, baf; er nidit !)unuin i^iien ben 3>-*r'*f^^ff^ K'ii f'^'-'i- C^nblid) 
brndite id> \><:n 3efretdr ba^n. t)^\iy er mir aui? bem "Olrrijiü '^mei ;^rone, in 
^^--ein^iei'^r pet'nni>cnc ^oü^niivii i'vii.ciiuaduc, u;;i uod; ein :::::ej '^dd;, 
UHnin üii-t: bem lun'ii^en oi'l)rli'nnberl im iiürtntne'ifd;en 'l'tanuftript Die 
Gefü'jidjte ber 0)cmeiube ijefdjriebcn ift. Xa-: ^4-''i-''''""'i^iibud) tuar mir na» 
lüriia) oav iisdilitvic, unb barin ift ba-j nerflebte *^*latt. ba-j anbere ab:r 






Wegen seiner ketzerischen Amiichtcn vrurde Spinoza I656 von der jüdi- 
üohen 'Gemeinde in Amsterdam mit dem Bann "bele^jt. 



I 



■--w T, ■^r.m" 



!.•. 



ilt nod) uioi l^ol■:lm■tv^is]Cl•. ;n.1) iMila.;-: mif, lüiiv '-.-Ih' u!) ' ciiicit lunUTii« 
iii'icu >iUpKnUv!i, ein ^^^i!0 ^iJÜMiajic bcii ^Niiacl-^. iiiit uoUciii, üIut ^:.• 
3liruc i^cfföiijcltoiii Muavc, lUif ^^ll 3il)citcl )iu: c::i iiimuu-joc' Auiiunijcit, 
0)ciid)t uiib .Nöalliiiti^ bio eine-: liuitmco, bor clicii bcn "öavuitd) auo'j':v-'^-V''t'- 
eine uial)il}iiit nttcr[id)c ÖJci'talt mit 3d)uurrbact llu^ 3pitUHut, luic (.^)Uihut 
'ilbolpl). Ulli) biciciii 'DJJainic Init 'iMCtor •"öniio in »einem Xiama: O'roni' 
lucll bio :KoÜc (^\.;olien, bie bei MUolir litulleu Maiun in 3d)iller>: jyievco 
l)iU. \Hucf) bie i^ilber aubever IKüuncr fnib ba/ id) iraf; jie leibci* nid)t melir. 

f ^ ^ 

Ter 3cfretär Uiv mir immer meiter unb immcu me()r, unb c\(\h cv 

^leift bie 'Xüfuinciite mir \n bie vianb, luie ein "iV'^'i^-'P*-'»-' »^i'^*-' -luiiqnie luMi 

einem Au't.;er c[[i AvMin[tiuerf betäubten liif;t, fo Juurbe er al(iiuU)lid) buvd) 

meine I()eilual)me immer luiirmcr. ^d] uerivif; JÖunciei unb ^}ciibii]feit unb 

lebte ']o c[ii\\\ unter bcu ljclbcnl)aften 'iJÜirtorern, baf; e-j faft brei lllir 

lunrbe, e^e id) lüei^fam. uub braufjeu füljlte id) micl) lun* .\)nni^er unb 'i{\i']= 

rciv.im;, fo tdumelnb nn'i^ matt, baf; id) (-^täubte, id) füine nic()t lueiter, unb 

Xroidjfcn lybt ev l)ier uid)t. C, lüie urmjelii] crid)ien id) mir 'üal iinv:« 

(labeu biefe *l^uiiiner erbulbet unb würben 'md)[ miibe I 3i.nv3 ift bie untife 

'■iHiterlaiibc-liebe ijeiKU bie OicüivouC'licbe unb il)ren Cpiermntt)^ Unb biefe 

!'ei''.;*t'.' oiü '''^•Mbeü'.b'.'.ii'. in bor StiHo inib ''•J»erbi'*r'''OUi'C'.t, uitb b'.i ipinne 

bem IiHüeru feiu 3iee;evCin>us;, tciu l'mbeei, fein 'Jiuhm unter feinen l'aub-;-» 

iKUoffeu über iwr 'i^cute - Hill, i^Iau^lü-:», nur ber 3ad)e liin;U\ieben, nur 

bem (^»otte in ber 3eele fOlaelI^. ^>d) mnf; uinf) einmiil iation, i\f) habe 

ben i'ortui-iieiijd)en o»!^»-'ti "id)t ba-j uolle OJed)! in meinem •Spino^n a\u\C' 

bcilieu Iiiüen, jreilid), id) l)at!e biimal«:« nod) nid)t bie .svvail biiyi unb c\\ui) 

nidit bie veinc (viniicl)t. ev.< ftcuie \n lue! "Olnitlärnn.ic-trieb in mir. 3oni'l 

liiitte id) 3pino\a einen mirlltd;eu iiIauben-Huillen lluinn. etiua luie ^))U' 

nafie beu ovi'i^>-'t» ber ibm intcüe'tncll ebenbürtii^, menti and) nid)t eou= 

ijeuial, mit c\leidjer .Svraft unb t^leidiem Öjeiüie{)t enti]ei^ml)alten münen, 

\m\> e-j wäre üuii) ba-j v)ö[)ere, bie ''^U)i(o)op[)ie nid)t aüein Siecjer luerben 

\\i U\'mi. fouberu jebe "'))lad)l bel)auptet \\d) in iljrem iMi^er unb an] U)rem 

.W'iuupiijcbiete. 

^ ^ " . 
OV.ohl kexna5der späteren V.'erke Auerbachs - weder "Das Landhaus am 
Ehoin", noch das als Hationalepos gedachte "V/aldfried" --^ie Zeisterscha 
der "Dorfgeschichten" erreichte und auch deren Rrfolg und Volkstümlich- 
keit hinter dem Boman "Auf der Höhe" .urückblieben, nahm sein Ruhm 
otetir .u und seine V/erke vmrden in viele fremde Sprachen übersetzt. 



^^/f 



( ) Peter Rosegger an Berthold Auerbach 



Graz (Steiermark), den 3. Januar I 



ScKr verehrter Herr! Für diese Wei'nr.achts- 

, , . , • ,..; . 1 .r A'm- Festfreude -emacht, den Roman „Auf der 

Sit ' t tr Ici; r^ v'r/::rd;«cm ^^ S=>c-.c und kn. no* 

■\ TAXubc ii habe es Ihnen schonf^-sagt, w,e sehr .di Ihnen 

■7T dtß Sie dc^d-.warzwäldcr GesAioHten-, i^l^^-f^&'- 

S;-efß< ^Joscf im Sd,ne=- und besonders d.ses herrUchc BuA 

^uf der Höh£*" geschrieben haben. 



y^^^uiu^ 



r 



Uana^Bo ben Israel ; (I604-I657), Rabbiner, Geleh-tor und Politikor. 
War 1622-39 3?iabb:Lner der ^,ypjxgc^(^e "Newe schalem" in /kmstcrdam und 
be/;rundete 162? uine hebräische Druckerei. Spisltc eine bedeutende 
Hollo bei der Wiederanöicdlun^' dor Juden in t^lngland unter Oliver 
GroTiiwsll, 



; 



** 



Waldfrbd. 3d. 1-3, Stuttgart« J.Gf, Cotta I874. 



*** RosQi?ygeri s. Anm. 



zu S, ^^ 



3/) 



Schon vor einem Jahre ist; in mir ein "Wunsdi \\\\d\ geworden, den 
ich wieder niedergekämpft habe, weil ich die Erfüllung desselben nidu 
absah. I>a der "Wunsch in mir aber immer hcrrisdier auftritt, so denke 
Ich heute: „Vlcllcidit doch!" und spreche ihn in Gottes Namen ;ius. 
Ich redigiere einen Volkskalender: „Das neue Jahr", dessen ersten Jahr- 
gang Ich Ihnen gleidizcitig vorlege. Dieser erste Jahrgang Ist eigentlich 
recht unbedeutend, aber er ist sehr frcundlldi aufgenommen worden, 
und idi habe eine Freude an dem Kalender. 

Nun würde aber diese Frciidc an dem Büdilcin zehnmal größer 
^ in mir wie in den Lesern, wenn — Und jetzt löst sldx der lang- 
gehegte Wunsch In die herzlidic Bitte auf: Tun Sie mir das Gute, ge- 
ehrter Herr, und geben Sic mir einen, wenn auch kleinen Aufsatz von 
Ihnen für den nädisten Jahrgang... 



) Berthold Auerbach an-Jako'b Auerbach 



Berlin, 3. März 1874. 



niul 



. . . Ok'ücvu hiittc id) ciuc i^ioKc ,"YlCU^c. IWuivui: ^oitiii l)C|'iid)lc 
r.iil) balft luul) iilK^iiiciucii litcvaiijdjcii uub iiiMuibiicIlcn '^H'iu'nlViiiii^'ii 
incwi er, ^an cv iiiciucu :)ioiiuui in-;- lliu]ariji^)0 iibcvjcl;cu luollo. O"« jiu^ 
alle meine Zy\d)(\i liiv Hiuvuifrfjc iiboiictu / uiib er mad] w\i ^cl• Ojiofjou 
3i>ir!iir.i^. ^ie iie iimi) tuij il)ii (\ibibt. 



( ) Borthold Auerbach an Jakob Auerbach 

Berlin, 11. März 1874. 



;\\\m \HlK-iib~iuij iMlli 'Keim U'ai id) 'lUr 3oiire beim .Uio:uinir,eii 
cinl^ehl^cu. (>■: unu iirov.c (^lcic!liil)*Mt, ein soarKiiniitiio-} ipiclie \u\^ Irraii 
^M>iui)iin^i.u!ii l)ev■mlH•l•u^ u\)o\\ ii:el)ieie Vicber. Ter iV.nuiU'^c J^uhi luar 
lKnl)ea•i^V•l''^ i" ^v•l• l^n-iclliiliaft ; ^elilt Jl> ^icmiill) \Hl!cv, m-} 'ikwin ^.\\\ 
juimtioitcu C'H'lc'.jvtcii imb >vün[:ient I.hiI, ui.u- '^a. ^\u) iir.n; Mr iV.ei^l) jai^eu, 
baf; e-j \\\\d) mUxhaU bei\liulie, u>ie ^el• nlte l\•LnHU^ :)umfe luii" uuitc. ^l^^; 
er iuk; je üuliic 3n.{)cu mit iUhmVi' Aicii^e icie. iMv (leine ^iJuiuiulieu 
ci ift io }l•ouu^:i;■!), ni\\) (iciiiei '^ iciii i^\'^ui^ lii.M mciiio Ö'.mr, hin.\e 

\niu>,eru '.^ Ipc^ 'm ^cll -^vaüa- n\\\> Die ijiujciiii lm^ ^.lv Aia'iuninv'iroa^u 
uuiit. tiatio i.1) i^utc \Huiiu,ul)C. ticv i{von;u-iH^ beiiiuf.to nul) lüil ^ein 
Üinute: ,.:mi. licl'ci- \HuevlMd). u>ie iifv im ^elltlM)ell ^^ivUC ?" ^.1) lov.wu 
11)111 i.io.cii: ..:sd) h\[yi l)ie \Hntrjovl iM)Oii ^l•lu(eJl lnfieii. Cv ilt ,■^^e^e; ^eull 
mein neuev 'i^ud) licint ^alH\l^irie^." *^x -t'/^/ . ^ ^ -^ ^y< /T 

:sd) !u!)l!o iiiid) i>Hi\ ivl)Ol>cu, olv id) mit x>'IiiiI)liIU, OJuMi'.i:i)eti, 
i'oue!xul>oiv':Kei)mo:itt'''iii einer t^JnuH'C ftaiiö; ev ift öod» Juac- \?crilidKv, 
mit ioMieii .•^eiti^eiu^.ijoii VHniöuüd) y>\. leiten. 



Amalio Joachim geh. Sokneeweise: (1839-I899) , verh. mit dera 
Geig-nvirtuoBen Joseph J., dor soit I86Ö Direktor der neuge- 
erkundeten Hochfjchule für Musik in Berlin war. 



** 



Andreas Achenhach" (I615-I9IO), Landsohaf tsnalUr. 



¥r*^ 



Ludmg Knaus; (1829-1910), Maler, öohüler von Sohadow. 



***^f 



} 



Heinrich von Angeli (184O-I925), Genre- und Porträtmaler, 
1877 Brofessur für Portratmal erei an der Wionor Alcadomie. 
Porträtmaler der \l'i3nsr Ärit:.toiwrci,tio, heöonders aber der Höfe 
in Wien, Berlin, London und St. Peterßhurg. 



^f**^f* 



Hermann von HGlmholtz (I82I-I894), Naturforsohcir, ijoit I87I 
Professor der Physik in Berlin, 



■)f^**^f* 



Theodor llommsen ( 1817-1 90 3) f Historiker. Ah IÖ58 Profeosor der 
alten Geschichte in Berlin, Hauptwerk» Römische Geschichte. 



^t#****# 



Heinrich Wilhelm Dove (I80 3-1679). 1845-1S74 Professor der 
Physik in Berlin, I848 Leiter der meteorolOv^jisohen Ahteilung 
des Statistischen Büros. 



^^^^-»*-)t^^e i5niil Du Bois-Rüi^ond (I8I8-I896), Physiologe. I858 Prof. der 

Physiologi'5 in Borlin. I867 ständiger Sekretär der AMemie der 
Wiü s ens chaf t en . 



»*»"<n»m»» i* i'Jt'Ti»» ■ • 



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( ) Berthold AuGrbo.ch an JaJcob Auerbach 



Berlin, 22. November I878. 



Z<^) l)al)0 bir iiod) iiidjt ci^(il)!t, baf: ^or i'tficniuiirnM)o ,i^uli:a- :)vi>= 
jcotvn'Miicr uuir l!:l^ iiioliniial-j - einmal nu.d ;ii ^iiM:; un^ ü^^Iücro 
2tull^cll l)ci mir mnv. (ü l)at Ijicr C>cbi..l)! •" .::i:-') ; i;. :■• d. t,;i^ 
iHirtrciilid) uiib in 'Kutiruu;^ uiib Mcitcrfcit cuu^"iH':ii'- ^"> 1'-- l'^''' uti! 
(UiM";cv .^xroft nu-j bcm \)irtciijiiiu\cn yi iiutcr liicnuiidior Ibvüii\!cii ciiu'oi« 

licarkiiot. (n- fcmii i\iv ^-i^ollolcboii iiiliiii nur» ücui,]! ivm^ neue 3citni 
i_i5 "TniK, UIt^ l)ct>!iNT-j rinn er al>3 l>l)riiti;cl>oreiicr niul) bic reliiiiofc 
CppoiitioiifUir; bclouoti. Au tiivieii (vibcii CeftcrrciLfieni, ^Kofecv^-r 'ltn^ 
VHr,en(]rubcr, Ueitr ein f.iiter '.KiUnrnlivinii-;, öcr aber [reilid) nid)t ^nr (unü- 
lcri)d)oii 0)v)M;nnt;i horvinreldit, lm^ in iKofeiii^er ift ein >>and) auv o»:bci, 
nl'^ Kiv in umD bleibt ^iv cd)t ^innfvtljitnilidje. Tic \Hrt. luic ^KoKöilcr mii 
ervaljlro. wai ihm meine i\:d;er bei feiner Vlufjüeitinii^ \\\m Ijöfjeren ?eben 
iietiun^-n feien, mv iu-^^i^,:i\\h. \in\) er l}at mir oft inib oft betl;euert, 
^i\i\ er bur 'i^ul; „oüo" un:^ bnv ,/i^iufii fiele" l]efu|;^l^^be. loic ein fütl)oi 
liidjer oKnfllidier fein 'i<reuier. 



( ) Peter üosegger an Berthold Auerbach 



Graz, 25. November I878. 



. . . Endlich bin ich heimgekehrt, und 
jetzt erst fühle ich, wie erschöpft! Das viele Gefeiertwerden bin ich 
halt nicht gewohnt . A-Stj iön wa r di e R cise'~ffcitidi/ /aber das Schönste 
auf meiner ganzen Reise war der Abend in Ihrem Hause — Ich habe 
CS gefühlt, was Sie mir gaben — ^ und ich fühle es noch, und ich über- 
denke CS nun. 

Aufrichtig, verehrter Herr, ich bin das erstemal mit Angst zu Ihnen 
gegangen, ich fürditetc, der Mensch würde dem Dichter, den ich ver- 
ehre und im tiefsten Herzen liebe, nicht gleichkommen, und es würde 
eine Dissonanz entstehen in meinem Gemüt;/ Darum war ich so innig 
erfreut, als idi sah: der Mensch ist hier der Dichter .-^, es ist Einheit! 
"Weltumfassend und weltliebend! Das ist Auerbach! Wie heller Sonnen- 
schein ist CS mir in die Seele gezogen. Selbst die „Fehler", „Schwächen", 
welche die "Welt, die mäkelnde, als solche bezeichnet, ich fand, daß es 
Vorzüge sind. Ich habe vorher das Kind und den Weisen nie in jcuner 
Person gesehen. Wie sehne ich mich, so gottbegnadet, so glücklich zu 
sein wie Sie! ^-.^^ V>C*<^^ 

Heute las ich: „Wie der Großvater die Großmutter nahm". Wie 
das gut und mild, wie das schön ist! Es ist ganz gewiß: wenn die heutige 
Welt mehr soIchc-Dichtungen zu lesen bekäme, sie ginge bessere Wege. 
Wenn Sie, geehrter Herr, wüßten, wie glücklich, wie dankbar mich ein 
— wci'.n ü\uh r:-' •. 'r !.lc:r.cs — S:'.;/..fu-n von Ihnen für den „Mciüi- 
garten" machen vcUrde! Ich glaube, S:c täten es . »>»^ 

" Aber dieses S^lwcibon hat doch nicht den Hauptzweck, Sie 7u 
bitten; es hat den Z\vcc!<, Ihnen zu danken, \'0]/i Herzen zu d.;n.;c:. 
für alles, was Sie mir in meinem Leben getan haben, als ich noch auf 
der Alpe ein Hlrte war — , als idi mit meinem jungen Weibe im Walde 
saß und v.ir in Ihren Büd^.crn lasen; Sic haben Anteil an meinem 
Herzcnslcben, so wie Sie Anteil an dem Leben des ganzen deutsdien 
Volkes haben. Und ich danke Ihnen für die Stunden, die Sic mir in 
Berlin schenkten; Sic gaben mir damit mehr, als Sic vicllciAt ahnten . ^ 



^/ 



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7^.. 



/7e // 



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M 



Pe-ter Rotie^ger; (1843-191^') j öß-fcerreic5hiijc}iur Mditar und 
►Sc3h:r.rx*tntcllGr. 



^'••j«- 



Ludwig An.'3on^ulDerr(l839-l669), ])ramatil:er mid orzählender 
Schriftsteller?. 



■X-vt-Jt 



Ivio der Hairies '^ine der Soh^mrzwälder Dorf,<?e!3cMchten. 
Th.1,2. Mannheim« Bassermann I843, 



*t^V7^:Jf 



Barfüsaele, ütuttfi'art u, Au^fTbur^s J.C^.Cotta IÖ56, 



***^^«- 



Wie der örossvatt-ir die Cironsrautter nahm, ßine pheinländiaob© 
Gesohiohte, Westormanns Monatshefte Bd. 45, I87Ö/79. ii. 50-59. 



( ) Berthold Auerbach an Jal^.ob Auerbach 



Den 26. Februar, ß.^12/ 



\Hlü> i>M':or:i \HL'Cii:' vjU-^or auj t-cm v>i)fl)iilL tiic^mal tiir3diloiie, uoii 
b--l llbv. ".'.Kau \\\M\\\ r.uiv ^\\\A), lU'cr Cv ifl bod) und) id)ön. \Hl'3 ^id) 
bio iU'i'Vc hii:.v.if;,i;K;, ti\ii id) \UH'i iMDÜdio yicid)vta.v:aluv-orbiictc. od) 
[ouiitc iui 3.^11 Jon \H'j;V\^'^:^~t^'J'^ i:i'-^ii^-'^' ^in-riünlidircit '^cuicn. 2ami l)ioi; 
CO bal^, ^cv ACaiior Iji::::ii nidil. er in ^icr. ^d) luar in lani^cm (Scivrüd) 
mit boni t>ii;:\oa \>y.-::;loSv:-l''.i;iri'-'i^'^'''':-* "»'^ ^'•'"' ^^^' ^'^"'" ^f'^'^''>^'''^'i^ '"^^^■• 
In- \\\: ^.^• l^)ci:;; >>: ^^Ha'.'lidutu i:u:^ ^^L>ilbid)iiU Mtrd)a':brad)t, ober lUP 
:im::;;. r-v ^^;^ ;•:;'>•"-'.• '-'^v- - '^^ '•'^•'■^'^ v^a^M)l1lnl:u> i:: ^taluii uid)t^ 
u\'-,.- '^u'".; '.i\".. ivi) vic: .;i:> !:-.;i >;'.i.!:!lciu ull^ iiu;i i'icj mid) X'x\\\\ 
iCl^rfd^.' ?;• "iu.:-'-:, c>.in ^l^vim ^^icov.^ iclbcr :rid)icv ift, imö mir 
• ^'m- i-i.H-r ^M: -iv^ •'"•"•". ^ •-':'• -t •"! Tr^nui M-? \viumna.Mvnc auj luouii^o 
- Icv v^ici.iiMc \>:\\ Öiuinüi.'bci- iidi tiür oorftclloii 






.(..ii-.i. 



li.'^- (M'tvi) ^:: i>c;' CN^UMUt iuatc miv, DuK or ii: vM>tiolulu, loo cuic au» 
.KVi>cuo ^c;^tid:c i^^ioitic foi. fd)OU iu icincm lö. ^ahro meine 3cl)viTtou 
;;c'cieu iMbc, unc^ cv ^ci^ic jid, ichv ■vimmbcrt. Tic Aiaücau (am _aui 
mi^i ^u u;0 i.^;:c u. Vi., iic irouc jid^ imc flcii;i.; id) ici. •:i:ic «anonu 
cvfrUt b'o ^l^flidun; ^c;• '^.^iviDiu mii -.ulK^Ol•lnu■Cl• \Hu--baucv. od) tal) )ic 
JVv-i^ iiu ivcÜKii 3. Ml unc^c^, n-o 'ic l>i^ D^U' ('^iu^ miol)avrtc. ^ümlt 
Die i'.iUiKU i'cuic tiv.uou :;mu'.cu. 



Der persönliche Erfolg, der Auerbach in den letzten Lebensjahren 
, beschieden war, v/urde durch die erneut ansteigende Judenfeindschaft 
üh erschattet. Er empfand diese Angriffe als ein ihm unmittelbar angetanes 
Unrecht, 



( 



) Berthold Auerbach an Jakob Auerbach 



Berlin}' Sex 19. März 1880 



C"-: i[i \\\m 'THn\\inci|clu. o-i ^cu o'^''-"''-'!'''^» Ü^-'dt ein •N)od)iinitI) iiub 
'^iMbcni'iKc (iCi^cn bic oJibcu, bcr nur (\\\] ÖH'fCiKnl'jcit luartct, um 511 laa, 
\\\ liKWWKw. ni;b unv:- ]oll bcm; b.n-:, bufj ^ic ;3nbcn fufj tjut dcmdljrcn 
iollcii < 5fl bi^^ "id}t eine '^Irt ^oi''Tniiilipn ? llnb iimu jiifjfc mid), ob bic 
bculfiOcu onbcii iiidjt bic tn'irßcrlidjcii ^U(;,c;ibcn IjiiOcn, [0 tyiit nie« bic 
(.^lirii'lijCkn-cucn. 2Cmv:- [io oou i}cljlcrii nn jid) I)abcn, ift eine inlernc ivrnrjC. 



) Berthold Auerbach an Jakob Auerbach 

Den 21. März. /ißSo/ 



Csilj iiMr iienciu '^lluMib In bcr 3int]ii(abcmic bei bor T»r>rle!iiiu] bc«:« 
%n-ojei!in'v O'riri) 3rf);iiibt ^iu-3 ^^Irnnbnri] über .Qlopfiod«:' 'Iiiejmi-?.' 3u):nibl 
iü ciüc ivi''r{)c mL^benic simi, nnb jeinc iHn-lcfnui] "^ciijte il}n a\i Ircjfiiifjen 

V* ^^ V^ j^ 

3d]iilcv 3if)crci':", bcr Die l'iicralnvneid}id)tc nid'it bloü ;iI)ilolO(]ijd) ober aiiri) 
iiMC ÖHUiiinni- abfiract lotvifd), foiibern inn'ueljmlid) iinrf; ii[ll)eliid; unb im 
\',xo\)<\\ (nilr.ir5u[;im:iicnl;iinije \cM. »*. 



^- 



Hermar)n. Fixrut zu Holienloho-I.an^önbur^, (Jraf von 03. eich in 
(1S32-I913). Mit^-lied des Hoichäta^s I87I-79, 



^^M- 



Friedrich \Vilhelm Georg 'Irnst, Prinz zu Preucsen (1826-I902), 
Sohn dea Prinzen Pi'iodrioh. Hatte künstlerische lei^^uing'en und 
öohrieh hi&türiBoho Dramen, 



¥r^ii 



i 



¥e^'ik¥: 



I^rich Schmidt (1853-1913). I877 Professor für deutctohe Sprache 
und Literatur in Strasß"bur£:, 1ÖÖ6 in Berlin, i'Jntdeoker des 
"Urfauflt'» (Direktor dea Goetha-Arohivß in Weimar I885-86). 
Hauptwerki Lessing, Geschichte seines Lebens und seiner 
Schriften (18Ö4-92), 2 Bde. 

Wilhelm Scherer (164I-IÖÖ6), Germanist, Seit I877 Prof. in 
Berlin, 



i 



Cm1) .;,ini] nnb [nliv baüii i;ii[ -E.licrcr imb ihVAc uiciiic (irofic Tvicubo 
iiu jciiicm linu-iii()civiicu Oicivulmupi iicnoii Mc rMibciifichc, i;iio er jn niul) 
in einem Ivcülirfioii \Hufja!;r ^M;!!. ^Jnitiiilid) fviiifficii luir niid) ihmi ^^r 
jiJiönoii ilHit O-^ioiuinicHv. Tic .;]citr.ii!]cii haben iiiiv maiuicüuiiicn 'ikriiht 

f.:'i\u:M, unc T:. ;\:i ivi ^vM p^cflicicv in ^.r Vllubcnuc ffurl lulo:i:c. 
>.v; vv !vi>;ivi,^ - . ^\'; ^i: ^:;!;:;:;: ^niliil bci\;;:- in bic >\voiic bcr ^NJjon^ 
ci:;,v^:::;^^i: :■ ;. o'Ii A'iii bc-^iaii], Mc % . ^u Kjou, beim ^^iiomniicn 

••:vur.- : vv.;t .":;•; \;-,:c^i ;■■•:. c^'^ow iiiftiMH'vlicr l;ntic er iljm iiuf einen 

l i;,q.!; rieben : o>- l'i;> iv,> Minen ivvc (^lumbcu. 
3.|)eicr ii't ein ♦:iniinuii',iv i;nb cd)l jicicv 03icniMi. f.^'i' evviliHc mir 
iv.'.cd. biTH er ]icf) nü! ei-.'.ciu Kini^i;il)ri(]cn (ti'einibe uiei>Mi bor ^Oiberj