Sehmeil,
Lehrbuch der Botanik
Stuttgart xmd Ldpzig
Verlag vim Erwin Nägele.
®t?p 8. Ä. HUI ffitbrary
Norttj (Carolina &tat* ImoerHttij
S350
1903
THIS BOOK IS DUE ON THE DATE
INDICATED BELOW AND IS SUB-
JECT TO AN OVERDUE FINE AS
POSTED AT THE CIRCULATION
DESK.
Lehrbuch der Botanik
für
höhere Lehranstalten und die Hand des Lehrers.
Von biologischen Gesichtspunkten aus bearbeitet
von
Dr. Otto Schmeil.
Mit 38 farbigen Tafeln und zahlreichen Textbildern von
Kunstmaler W. Heubach-München.
3. unveränderte Auflage
(16 — 20000).
Stuttgart und Leipzig.
Verlag von Erwin Nägele.
1903.
Alle Rechte, insbesondere das der
Übersetzung vorbehalten.
Druck von A. Bonz' Erben in Stuttgart.
Vorbemerkung zur zweiten Auflage,
Dank der außerordentlich freundlichen Aufnahme waren die beiden ersten
Hefte des Buches bereits vergriffen, bevor noch der Schluß teil her ausge-
geben werden konnte. Daß ich bei dieser Sachlage keine Veranlassung hatte,
umfassende Änderungen vorzunehmen, liegt auf der Hand. Von Kleinigkeiten
abgesehen, ist die zweite Auflage daher ein unveränderter Abdruck der
ersten. Der Schlußteil ist in beiden Auflagen sogar ein Abzug von den-
selben Platten.
.Magdeburg, den 20. März 1903.
Der Verfasser.
Vorwort zur ersten Auflage,
Die Arbeit, die ich hiermit der Schule und ihren Lehrern übergebe, ist
ein Seitenstück zu meinem „Lehrbuch der Zoologie". Bei der Abfassung beider
Bücher sind daher auch die gleichen Erwägungen maßgebend gewesen. Da ich
nun meine Ansichten über die notwendige Um- und Ausgestaltung des natur-
geschichtlichen Unterrichts in einer Broschüre* ausführlich entwickelt habe,
kann ich hier von einer erneuten Darlegung absehen. Ich vermag dies umso
eher, als die Schulen aller Gattungen sich immer mehr einem Unterrichte zu-
wenden, wie er durch den gegenwärtigen Stand der Naturwissen-
schaften und der Pädagogik gefordert wird, einem Unterrichte, der
dem Schüler ein seiner Fassungskraft entsprechendes Verständnis der Natur
zu eröffnen vermag, der ferner den Natursinn der Jugend kräftig
und nachhaltig zu beeinflussen imstande ist, und der sich endlich
an Bildungswert getrost mit jedem anderen Unterrichtszweige
messen kann.
Da sich meine Arbeit nun in den Dienst eines solchen Unterrichts stellen
möchte, mußte ich wie in dem „Lehrbuche der Zoologie" (und seinen gekürzten
Ausgaben) mit der veralteten Weise trockenen Beschreibens, die für Schüler
wie Lehrer eine gleich große Qual ist, brechen und den morphologischen
Stoffen durch Hinzufügung physiologischer Momente einen
erhöhten Wert verleihen. Ich mußte, um dies ganz kurz auszudrücken,
* Über die Refornibestrebungen auf dem Gebiete des natnrgescMchtlichen Unter-
richts. 4. Aufl. Stuttgart. Verl. von E. Nägele.
IV Vorwort.
die Pflanzen wie die Tiere als lebende Wesen darzustellen
versuchen.* Da die Lebenstätigkeiten der Pflanzen aber weit weniger
augenfällig sind als die der Tiere — ein Umstand, der im botanischen Unter-
richte außerordentlich zur Geltung kommt — so war dies auch z. T. ein sehr
schwieriges Unternehmen.
Auch in dem allgemeinen Teile habe ich, um ein möglichst greifbares
Bild „vom Bau und Leben der Pflanze" zu schaffen, Morphologie und
Physiologie aufs engste zu verschmelzenversucht. Allerdings
setzt diese Art der Darstellung auch einen größeren Raum voraus, als diesem
Stoffe in Schulbüchern gewöhnlich eingeräumt zu werden pflegt. Daß ich zu
diesem „Bilde" auch den reichen morphologischen und biologischen Stoff zu-
sammenfassend verwendet habe, der in den Einzelbetrachtungen gewonnen
worden ist, dürfte allgemeine Zustimmung finden.
Im allgemeinen, wie im speziellen Teile des Buches hoffe ich von neuem
dargetan zu haben , daß die gebührende Betonung des Lebens auch
ohne Vernachlässigung der Morphologie möglich ist. Be-
sonders die Einzelbetrachtungen enthalten so genaue „Beschreibungen" der
Pflanzen, wie sie in Werken rein beschreibenden Inhalts nur selten zu finden
sind. Die „biologische Betrachtungsweise" zwingt Lehrer und Schüler gerade-
zu, wie ich hier wiederholt betone, erst sorgfältig das Tatsächliche festzu-
stellen, bevor an die Frage nach seiner Bedeutung herangetreten werden kann.
Werden über der Erklärung der Tatsachen diese selbst
vernachlässigt, dann artet der Unterricht wie in allen
anderen F ä c h er n (z. B. in Geographie oder Geschichte) allerdings in
ein leeres Geschwätz aus. Dann werden die Bahnen sicheren Wissens
verlassen, und eine hohle Phantasterei, eine Sucht, alles erklären zu wollen,
macht sich breit. Gerade bei der Beurteilung biologischer Verhältnisse ist in
der Schule die größte Vorsicht geboten. Ist eine Erklärung nicht über jeden
Zweifel erhaben, so ist sie ausdrücklich als das zu bezeichnen, was sie ist: als
eine Vermutung oder dgl. Mehrere neuere Forschungsergebnisse habe ich aus
diesem Grunde gänzlich unberücksichtigt gelassen, was man mir wohl kaum
zum Vorwurfe machen dürfte.
Die Systematik, die früher einen der Hanptangelpunkte des botani-
schen Unterrichts bildete, hoffe ich auf das ihr gebührende Maß beschränkt zu
haben. Daß sie keineswegs vernachlässigt ist, geht schon aus der systematischen
Anordnung des Stoffes, sowie daraus hervor, daß ich bei jeder sich irgendwie
nur bietenden Gelegenheit das Charakteristische der größeren Abteilungen heraus-
gestellt und die natürliche Einteilung der Pflanzen planmäßig aus ihrem Bau
abgeleitet habe (s. besonders den allgemeinen Teil!). Allerdings auf „Vollständig-
* Meine im Jahr 1896 erschienene, aber längst vergriffene, kleine Arbeit : ; .Pflan-
zen der Heimat, biologisch betrachtet* dürfte der erste Versuch gewesen sein, unsere
bekanntesten Pflanzen in dieser Weise ,.der Schule und dem Hause" vorzuführen.
Vorwort. V
keit" habe ich weder hier, noch in einem anderen Stoffgebiete irgend welchen
Wert gelegt: denn der Schüler soll durch den Unterricht ja nicht zu einein
wandelnden Lexikon gemacht, sondern gründlich und allseitig gebildet
werden. Auch sonst hat sich das System im Interesse möglichster Verein-
fachung mancherlei Eingriffe gefallen lassen müssen, wie dies für ein
Schulbuch ja nicht anders sein kann. Im übrigen ist es dem
Lehrer gänzlich unbenommen, wie viel er seinen Schülern von dem System
bieten will.
Neben den trockenen, geistlosen Beschreibungen und einem Übermaße
von Systematik war es die Terminologie, die früher den Unterricht viel-
fach gänzlich beherrschte und dem Schüler die Natur oft geradezu verleidete.
Durch zahlreiche neuere Schulbücher, die sich auch in anderer Hinsicht wesent-
liche Verdienste um die Fortbildung der Methode erworben haben, ist es aller-
dings besser geworden ; aber immer noch trifft man in vielen von ihnen „Be-
schreibungen" , die sich in der Tat nur als eine — Anhäufung botanischer
Kunstausdrücke darstellen. Durch die Beschränkung der Terminologie auf das
Notwendigste hoffe ich auch hier gangbare Bahnen betreten zu haben. Im all-
gemeinen Teile ist der aus diesem Gebiete früher erarbeitete Stoff gleichfalls
zusammengestellt worden. An mehreren Stellen hat auch eine Erweiterung des
Stoffes, sowie eine schärfere Fassung der Begriffe stattgefunden; denn der
Schüler, für den dieser Abschnitt des Buches bestimmt ist, muß unbedingt auch
imstande sein, ein leichtes Bestimmungswerk* mit Vorteil zu gebrauchen. Be-
tonen möchte ich bei dieser Gelegenheit, daß den Bestimmungsübungen,
die nicht selten als etwas sehr Überflüssiges betrachtet werden, nicht nur ein
ziemlich hoher formalbildender Wert zukommt, sondern daß eine gewisse Arten-
kenntnis ohne Zweifel auch die Grundbedingung für eine erfolgreiche Beschäfti-
gung mit der Pflanzenwelt ist.
Wie in dem „Lehrbuche der Zoologie" bin ich auch hier bezüglich der
Abbildungen** eigene Wege gegangen. Bei näherem Zusehen wird man leicht
finden, daß die Bilder weit mehr sind als ein Mittel, das Buch ansehnlicher
zu machen, sondern daß sie einen integrierenden Bestandteil des Buches
selbst bilden. Es gibt unter den vielen Bildern allerdings mehrere, durch die
der Schüler den Naturgegenstand einfach kennen lernen soll — in dieser Hinsicht
dürften besonders die Abbildungen der schwierig zu bestimmenden Gräser dem
* Da es außerordentlich wünschenswert ist, daß das dem Unterrichte zugrunde
liegende „Lehrbuch" mit der vom Schüler gebrauchten „Flora" hinsichtlich des Systems
und der Nomenklatur übereinstimmt, so bin ich in Gemeinschaft mit einem hervorragen-
den Kenner unserer Pflanzenwelt, meinem Freunde J. Fitschen-Altona, z. '/.. damit be-
schäftigt, ein solches Büchlein herauszugeben. Es soll das Bestimmen der Pflanzen in
einfachster und 1 eich te st e r Weise ermöglichen und in einigen Monaten erscheinen.
** Einige Abbildungen, die für das 1. und 2. Heft bestimmt waren, konnten leider
erst nach der Herausgabe beider Hefte fertiggestellt werden. Sie wurden daher dem
allgemeinen Teile beigefügt, was ich freundlichst zu beachten bitte.
VI Vorwort.
Lehrer nicht unwillkommen sein! — , in der Mehrzahl der Fälle bringen sie aber
bestimmte, im Texte berührte Erscheinungen zur Darstellung. So habe ich
z. B. durch die dem Bliebe beigegebenen Tafeln versucht, die in Worten aus-
gedrückte Schilderung der betreffenden Objekte gleichsam in eindringlicher
„Bilderschrift" zu wiederholen; ich bin — um dies ganz kurz auszudrücken —
aufs eifrigste bestrebt gewesen, die Abbildungen in halt reich zu ge-
stalten und sie mit dem Texte in engste Verbindung zu bringen.
Daher darf ich wobl mit Zuversicht annehmen, über dem Verdachte er-
haben zu sein, als wollte ich mich an dem kindlichen Wettstreite beteiligen,
der mit großer Heftigkeit zwischen den Verlegern und Verfassern der ver-
schiedenen naturgeschichtlichen Leitfäden entbrannt ist, und der darin besteht,
ihren Büchern durch möglichst viele Bilder und in jüngster Zeit noch durch
,,bunte" Tafeln einen erhöhten Wert zu verleihen. Diese schmückenden Bei-
gaben können wohl das Auge des Unkundigen bestechen, irgendwelchen metho-
dischen Wert kann man ihnen aber wegen der auffallenden Inhaltlosigkeit mit
dem besten Willen nicht zuerkennen.
Bilder der Art, wie ich sie meinem Buche gegeben habe, sind — von
einigen wenigen, die aus anderen Werken erworben oder nach solchen gezeichnet
worden sind — selbstverständlich nur Originale, deren untrügliche Vorbilder
nicht in den „Autoren", sondern in der Natur selbst gesucht wurden. Die
Herstellung solcher Abbildungen ist allerdings nicht nur viel mühsamer und
zeitraubender als die bekannte „erbliche" Übernahme von einem Buche in das
andere — man braucht oft nur ein neues Buch aufzuschlagen, um darin lauter
alte Bekannte zu ünden! — sondern stellt auch an die Opferwilligkeit des.
Verlegers ganz andere Anforderungen.
Endlich sind die Bilder — wie ich zu meiner großen Freude sagen kann —
von einem wirklichen Künstler entworfen. Sie dürften daher wohl auch
imstande sein, das künstlerische Empfinden der Schüler anregen zu helfen.
Und somit entlasse ich denn das Buch mit den Segenswünschen, mit denen
nur ein Vater sein eigen Kind in die Welt senden kann ! Möge es Gutes stiften
in Schule und Familie! Möge es dem Lehrer die Arbeit leicht machen, der Jugend
Sinn und Herz für das Verständnis und die Schönheit der Natur zu öffnen,
und möge es alle, die Kleinen und die Großen, hinführen zu dem ewig frischen
Quelle der Natur, aus dem es selbst geschöpft ist!
Magdeburg, den 20. März 1903.
Der Verfasser.
Inhaltsverzeichnis,
zugleich
eine Übersieht über das dem Buche zugrunde liegende System.
Seite
I. Hauptabt. Blüten- (Hier Samenpfl. (Phanerogamae).
PH., die deutlich sichtbare Blüten besitzen uml sich durch »Samen fortpflanzen 1
I. Gruppe. Bedecktsam. Pft. (Angiospermae).
PH., deren Samenknospen in einem Fruchtknoten eingeschlossen sind .... 1
J. Klasse. Zweikeimbl. Pfl. oder Blattkeimer (Dicotyleae).
Keimling mit 2 Keimbl. ; Laubbl. mit fiederig oder fingerig angeordneten
Hauptnerven ; Blütenteile meist in der 5- oder 4-Zahl vorhanden ... 1
1. l'nterkl. Getrenntblumenhl. Pfl. (Choripetalae).
PH. in der Regel mit doppelter Blutenhülle (Kelch und Blumenblätter
Blumenblätter nicht miteinander verwachsen 1
1. Familie. Hahnenfußgew. (Ranunculaceae) 1
2. .. Sauerdorngew. (Berberideae) 11
3. .. Seerosen (Nymphaeaceae) 12
4. .. Kreuzbl. (Cruciferae) 16
5. .. Molingew. (Papaveraceae) 23
G. — S. .. Erdrauchgew. (Fumariaceae), Resedagew. (Resedaceae) und
Hartheugew. (Hypericaceae). I.A.: chines. Teestrauch 27
9. ,. Veilchengew. (Violaceae) 2!)
10. . Sonnentaugew. (Droseraeeae) und einige andere ..insekten-
fressende" Pfl 33
11. Nelkengew. (Caryophyllaeeae) 36
12. Roßkastaniengew. (Sapindaceae) • . 41
13. „ Ahorngew. (Aceraceae) 48
14. „ Orangengew. (Rataceae) 49
15. .. Lindengew. (Tiliaceae) u. nächste Verwandte 50
16. .. Malvengew. (Malvaceae). I. A. : Kakaobaum 52
17. „ Storchschnabelgew. (Geraniaceae) 54
18. ,. Sauerkleegew. (Oxalidaceae) 57
19. „ Leingew. (Linaeeae) 58
20. .. Weinrebengew. (Vitaceae) 60
21. ,. Wolfsmilchgew. (Euphorbiaceae) 66
22. ,. Doldengew. (Umbelliferae) 69
23. „ Efeugew. (Araliaceae) 75
24. .. Dickblattgew. (Crassulaceae) 78
25. .. Kaktusgew. (Gactaceae) 80
26. .. Steinbrechgew. (Saxifragaceae) 81
27. — 29. „ Nachtkerzengew. (Onagraceae), Weiderichgew. (Lythra-
ceae) u. Myrtengew. (Myrtaceae). I.A.: Mapgrovebäume 83
VIII Inhalt.
Seite
30. Familie. Rosenartige Gew. (Bosaceae) 85
31. . Schmetterlingsblütl. (Papilionaceae) u. nächste Verwandte 99
2. Unterkl. Verwachsenblnmenbl. Pfl. (Sympetalae).
Pfl. mit doppelter Blutenhülle, bei denen die Blumenbl. miteinander
verwachsen sind 113
32. Familie. Heidekraotgew. (Ericaceae) 113
33. „ Schlüsselblumenge u. (Primulaceae) 120
34. ., Grasnelkengew. (Plnmbaginaceae) 124
35. n. 36. Ölbaumgew. (Oleaceae) , Enziangew. (Gentianaceae) und
nächste Verwandte 124
37. „ Windengew. (Convolvnlaceae) 127
38. - Rauhblättr. Gew. (Asperifoliaceae) 13o
39. _ Nachtschattengew. (Solanaceae) 135
40. .. Lippenbl. (Labiatae) u. nächste Verwandte 146
41. . Rachenbl. (Serophulariaceae) u. nächste Verwandte . . 153
42. .. Wegerichgew. (Plantaginaceae) 159
43. .. Glockenblnmengew. (Campanulaceae) 160
44. „ Kürbisgew. (Cucurbitaceae) . . 162
45. .. Labkrautgew. (Rubiaceae) 168
46. „ Geißblattgew. (Caprifoliaceae) 171
47. n. 48. . Baldriangew. (Valerianaeeae) u. Kardengew. (Dipsaceae) 173
49. _ Korbblütler (Compositae) 174
3. Unterkl. Blumenblattlose Pfl. (Apetalae)
Pfl. mit einfacher oder fehlender Blütenhülle 190
50. Familie. Becherfrüchtl. (Cupuliferae) 190
51. n. 52. „ Birkengew. (Betulaceae) u. Walnußgew. (Juglandaceae) . 198
53. „ Weidengew. (Salicaceae) 199
54. _ Nesselgew. (Urticaceae) 205
55. .. Hanfgew. (Cannabinaceae) 207
56. u. 57. _ Maulbeergew. (Moraceae), Ulmengew. (Ulmaceae) u. nächste
Verwandte 208
58. „ Mistelgew. (Loranthaceae) 210
59. _ Osterluzeigew. (Aristolochiaceae) 212
60. u 61. „ Seidelhastgew. iThymclaeaccae). Lorbeerii'ew. (Lauraceae).
I. A.: Muskatnußbaum 213
62. „ Knöterichgew. (Polygonaceae). I.A.: Pfefferstrauch . . 214
63. „ Gänsefußgew. (Chcnopodiaceae) 216
2. Klasse. Einkeimbl. I'/l. oder Spitzkeimer (MonocotyUae).
Keimling mit nur einem Keimbl. ; Lanbbl. in der Regel mit parallel ver-
laufenden Hanptnerven ; Blütenteile meist in der 3-Zahl vorhanden . . 218
64. Familie. Liliengew. (Liliaceae) 218
<>5. „ Binsengew. (Jnncaceae) 229
66. _ Narzissengew. (Amaryllidaceae) a. nächste Verwandte . 230
67. . Schwertliliengew. (Iridaceae) 235
68. „ Palmen (Palmae). I.A.: Banane u. nächste Verwandte 238
69. „ Arongew. (Aracea;) 244
Inhalt. IX
Seite
70. u. 71. Familie. Rohrkolbengew. (Typhaceae), Laichkrantgew. i Najadaceae) 246
72. „ Gräser (Gramineae) 248
73. „ Riedgräser (Cyperaceae) 271
74. „ Knabenkrautgew. (Orchidaceae) 272
75. u. 76. , Froschlöffelgewächse (Alismaeeae) u. Froschbißgewächse
(Hydrocharidaceae) 278-
IL Gruppe. Nacktsamige Pfl. (Gymnospermae).
Pfl., deren Samenknospen nicht in einem Fruchtknoten eingeschlossen sind.
sondern sich auf dem offenen Frnchtblatte linden 280
77. Familie. Nadelhölzer (Coniferae). I.A.: Palmfarne 28<>
2. Haiiptabt. Blütenlose- oder Sporenpfl. (Kryptogamae).
Pfl., die keine Blüten besitzen, u. .leren Vermehrung (vorwieg.) durch Sporen erfolgt 294
1. Gruppe. Farnart. PH. oder Gefäß-Sporenpfl. (Pteridophyta).
Pfl., die in Stengel, Blätter u. Wurzeln gegliedert sind u. Gefäßbündel enthalten 294
1. Klasse. Farne (Filicinae) 294
2. Klasse. Schachtelhalme (Equhetinac) 304
3. Klasse. Bärlappgew. (Lycopodinae) 309-
II. Gruppe. Moose (Bryophyta).
Pfl., die in Stengel und Blätter gegliedert sind oder ein laubartiges Gebilde
darstellen, denen echte Wurzeln und Gefäßbündel fehlen 30!>
1. Klasse. Laubmoose (Musci) 309
2. Klasse. Lebermoose (Hepaticae) .... • 320
III. Gruppe. Lagerpfl. (Thallophyta).
Pfl., die nicht in Stengel und Blätter gegliedert sind, also ein sog. Lager
darstellen 321
1. Kreis. Algen (Algae).
Lagerpfl., die meist im Wasser leben und Blattgrün enthalten 321
1. Klasse. Grünalgen ( Chlor ophgeeae) 321
2. u. 3. Klasse. Braunalgen (Phaeophyceae) u. Rotalgen (Rhodophgceac) . . 326
4. Klasse. Kieselalgen (Diatomaceae) 328
2. Kreis. Pilze (Fungi).
Lagerpfl. ohne Blattgrün; Schmarotzer oder Fäulnisbewohner 330
1. Klasse. Fadenpilze (Hyphomycetes) 330
1. Unterkl. Ständerpilze (Basidiomycetes) 330
2. .. Schlauchpilze (Ascomycetes) 338
3. n. 4. ., Rostpilze (Uredinaceae) u. Brandpilze (Ustilaginaceae) . . 34 J
5. „ Algenpilze (Phycomycetes) 345
2. Klasse. Spaltpilze (Schizomycetes) 346
3. Klasse. Schltimpilze (Myxomycetes) 352"
3. Kreis. Flechten (Lichenes).
Lagerpfl., die aus Fadenpilzen u. Algen bestehen 353-
X Inhalt.
Vom Bau und Leben der Pflanze (Morphologie und Physiologie).
1. Abschnitt. Seite
Vom Bau und Leben der Zelle 357
A. Vom Wesen u. von der Bedeutung der Zelle 357
B. Das Protoplasma u. seine Teile 359
C. Die Zellhaut 363
D. Der ..Zellstaat- 366
2. Alischnitt.
Vom Bau und Lehen der einzelnen Pflanzenteile.
Die Grundformen der Pflanzen 367
I. Vom Bau u. Leben des Blattes 368
1. Blattarten u. Blattstellung 368
2. Das Blatt als "Werkzeug der Aneignung oder Assimilation der Nährstoffe 371
A. Die Aneignung oder Assimilation der Nährstoft'e 371
B. Nur grüne Pflanzen u. Pflanzenteile assimilieren 376
C. Die Assimilation erfolgt nur im Lichte 377
D. Die Assimilation u. der feinere Bau des Laubblattes 379
E. Welche organischen Körper werden bei der Assimilation gebildet? . . 385
F. Die Wanderung, Verwendung u. Aufspeicherung der gebildeten Stoffe 387
3. Das Blatt als Werkzeug der Atmung u. d. Atmung der Pflanzen i. allgemeinen 390
4. Das Blatt als Werkzeug der Verdunstung des Wassers (od. der Transpiration) 393
II. Vom Bau u. Leben der Wurzel.
A. Die Aufgaben u. Hauptformen der Wurzel „ 400
B. Die Aufgaben u. der feinere Bau der Wurzel 401
III. Vom Bau u. Leben des Stammes.
A. Aufgabe, Wachstum u. Formen des Stammes 408
B. Die Richtung der Stämme u. Zweige 411
C. Der Bau des Stammes in seinen Grundzügen 414
D. Die Gefäßbündel 417
E. Leitungsbahnen im Stamme 422
F. Bekleidung der Stämme 425
G. Festigkeit der Stämme 427
IV. Vom Bau u. Leben der Blüte.
A. Die Fortpflanzung u. die Blüte 429
B. Die Teile der Blüte 431
C. Die Blütenstände 436
. D. Die Bestäubung der Blüte 438
E. Die Befruchtung der Blüte 444
V. Vom Banu. Leben der Frucht u. des Samens â– . 445
Anhang.
1. Über Pflanzensj-steine • • • • 454
2. Über die geographische Verbreitung der Pfl 457
Schmeil, Lehrbuch der Botanik
Tafel 1.
Scharbockskraut (Ficaria venia).
1. Hauptabteilung. Blüten- oder Samenpflanzen
(Phanerögamae).
Pflanzen, die deutlich sichtbare Blüten besitzen und sich durch Samen fortpflanzen.
I. Gruppe. Bedecktsamige Pflanzen (Angiospermae).
Pflanzen, deren Samenknospen in einen Fruchtknoten eingeschlossen sind.
1. Klasse. Zweikeimblättrige Pflanzen oder Blattkeimer
(Dicotyleae).
Keimling mit zwei Keimblättern (s. Bohne). Laubblätter mit fiederig oder fingerig an-
geordneten Hauptnerven. Blütenteile meist in der 5- oder 4-Zahl vorhanden.
1. Unterklasse. Getrenntblumenblättrige Pflanzen (Choripetalae).
Pflanzen in der Regel mit doppelter Blütenhülle (mit Kelch und Blumenblättern).
Blumenblätter sind nicht miteinander verwachsen.
1. Familie. Hahnenfußg-ewächse (Rammculäceae).
Blüten mit zahlreichen Staubblättern, mit einfacher oder doppelter Blütenhülle und meist
zahlreichen Fruchtknoten, die von je einem Fruchtblatte gebildet werden (s. Abb. S. 10).
1. Das Scharbockskraut (Ficäria verna). Taf. 1.*)
A. Blütezeit und Standort. 1. Kaum hat die höhersteigende Sonne den
Wintersclmee geschmolzen, so sprießt auf nassen Wiesen, besonders aber unter
dem Gebüsch, als erster Frühlingsbote das Scharbockskraut hervor. Oft schon
im März bildet es saftig grüne Teppiche. Im Mai aber ist für die Pflanze be-
reits — der Herbst gekommen: Die Blätter vergilben, vertrocknen und sind
bald gänzlich verschwunden. Das Scharbockskraut ist also eine Pflanze
des Vorfrühlings, die unter Gebüsch und im Grase gedeiht.
2. Die jungen Pflanzen kommen (zu allermeist) aus kleinen Knollen
(s. Absch. C.) hervor, die den Winter überdauert haben. Genau wie die junge
Kartoffelpflanze (s. das.) baut sich auch das junge Scharbockskraut vor allen Dingen
aus den Vorratsstoffen auf, die in der Knolle aufgespeichert sind. Es braucht
*) Die im Text eingeklammerten Ziffern beziehen sich hier und in allen folgenden
Betrachtungen auf die Figuren der beigefügten Tafel.
Sclimeil. Lehrbuch der Botanik. 1
2 Taf. 1. 1. Fam. Hahnenfußgewächse.
sich also nicht erst Baustoffe zu erwerben, sondern findet solche fertig vor. Da
zudem die Knöllchen bereits im Herbst anfangen zu „treiben", so vermag das
Scharbockskraut eben so früh im Jahre zu erscheinen. (Vgl. mit
anderen Frühlingspflanzen und solchen Pflanzen, die erst im Friihlinge aus
Samen hervorgehen !)
3. Im März und April steht das Gebüsch noch kahl da. Die Sonnen-
strahlen, ohne die keine grüne Pflanze gedeihen kann, vermögen also bis zum
Erdboden und zum Scharbockskraute zu gelangen. Im Mai dagegen bilden die
Blätter der Büsche ein so dichtes Dach, daß kaum noch ein Lichtstrahl den
Boden erreicht. Auf der Wiese ergeht es dem Pflänzchen ganz ähnlich: die
benachbarten, vordem niederen Gräser und Kräuter sind emporgeschossen und
rauben ihm das Licht. Darum muß das Scharbockskraut so zeitig im
Jahre erscheinen und so zeitig auch seine Lebensarbeit beendigt
haben. (Vgl. mit anderen zeitigen Frühlingspflanzen! Beachte, wie an der-
selben Örtlichkeit dichtbeschattete Pflanzen des Scharbockskrautes früher ver-
gilben als freistellende!)
B. Stengel und Blüten. 1. Der junge Sproß (6. u. 7.), der bereits im
Herbst aus den Knollen hervorgeht, hat die Form eines Keils und ist somit wohl
befähigt, den Boden zu durchbrechen. Da er einen Mantel aus häutigen farb-
losen (weil im Dunkeln wachsenden) Hüllblättern besitzt, so sind die zarten
Teile im Innern gegen Verletzungen, die beim Durchbohren der Erde ja
unvermeidlich wären, wohl geschützt. Hat der Sproß die Erdoberfläche erreicht,
dann stellen die Hüllblättchen ihr "Wachstum ein (1 u. 8). Je tiefer die Knollen
liegen, desto länger sind daher auch die Hüllblätter. (Stelle entsprechende
Versuche an!)
2. Neben dem Scharbockskraut wächst bis zu beendeter Blütezeit keine
andere Pflanze, die ihm das Licht streitig machen könnte. Der fleischige, hohle
Stengel erhebt sich daher vielfach nur an der Spitze vom Boden. Trotzdem
sind aber alle
3. Blätter dem Lichte ausgesetzt; denn sie besitzen sehr verschiedene
Größe.
a) Die unteren, langen Blattstiele rücken ihre großen Blattflächen
weit vom Stengel ab, so daß die kurzgestielten und kleinen oberen Blätter in
der Nähe des Stengels genügenden Platz finden. Der untere, scheidenartige Ab-
schnitt der Blattstiele umgibt schützend die jungen, noch zusammengefalteten
Blättchen (öffne auch einen jungen, keilförmigen Sproß!) und später die in den
Blattwinkeln sich bildenden Knollen (s. Absch. C. 2 b).
b) Die herzförmigen und meist gekerbten Blatt flächen sind fleischig
und gänzlich unbehaart. Schutzmittel gegen eine zu starke Verdunstung finden
wir bei ihnen ebensowenig wie z. B. bei den Blättern des Windröschens (s. S. 7, c);
denn der Boden, dem das Scharbockskraut entsprießt, ist im Frühjahre stets
feucht. Zudem findet sich die Pflanze immer truppweis: sie beschattet den
Boden und schützt ihn infolgedessen vor Austrocknung.
Scharbockskraut. .'!
c) Die saftigen Blätter müßten — so sollte man meinen — für Tiere
eine vortreffliche Nahrung bilden. Dem ist jedoch nicht so. Selbst die ge-
fräßigen Schnecken, die mit dem Scharbockskraute oft in großer Zahl dieselbe
Örtlichkeit bewohnen, verschmähen sie. Die Blätter sowohl, wie alle übrigen
Teile der Pflanzen sind nämlich durch einen scharfen (schwach giftigen) Stoff
geschützt (kaue ein Stück der Pflanze!), wie folgender Versuch lehrt: Legt
man hungernden Schnecken frische Blätter vor und solche, die in Alkohol aus-
gelaugt, getrocknet und dann wieder in Wasser ausgewaschen und aufgeweicht
wurden, so findet man, daß die Tiere letztere verzehren, erstere aber gänzlich
anberührt lassen oder doch nur wenig benagen. — Früher wurden die Blätter
als Heilmittel gegen den Skorbut oder Scharbock benutzt, d. i. eine Krankheit,
die besonders durch andauernden Genuß von Pökelfleisch bei langen Seereisen
die Schiffer ergreift (Name!). „Feigwurz" heißt die Pflanze, weil sie als Heil-
mittel gegen Feigwarzen diente, das sind eiternde Geschwüre bei gewissen,
schlimmen Erkrankungen.
C. Blüte und Knollen. 1. Blüte (2.) Ein meist dreiblätteriger Kelch,
sowie 8 oder mehr Blumenblätter umgeben die zahlreichen Staubblätter und die
gleichfalls zahlreichen Stempel. Jeder Stempel besteht
(s. Frucht des Bittersporns S. 10!) aus einem einzigen
Fruchtblatte (Hahnenfnßblüte). Die einsamige Frucht
(5 a u. b) öffnet sich bei der Keife nicht (Schließfrucht) ;
erst durch den hervorbrechenden Keim wird ihre Hülle
gesprengt.
a) Die goldgelben, außen zum größten Teil firnis-
glänzenden Blumenblätter (3.) lassen die Blüte, die sich
stets ein Stück über das dunkelgrüne Blattwerk erhebt Grundriß (Dia-
(warum?), wie einen leuchtenden Stern („Sternblümchen'-) gramm) einer Hahnen-
erscheinen, der die wiedererwachten Insekten zum fujjblüte.*)
Besuch einladet. Die Stempel bilden meist den Anflugs-
platz, Blütenstaub (zahlreiche Staubblätter!) und Honig die Kost der Gäste. Der
Honig findet sich am Grunde der Blumenblätter in je einer kleinen Grube, die
von einer Schuppe bedeckt ist (Bedeutung der Schuppe?).
b) Mit Beginn der Dunkelheit schließt sich die Blüte (4): Kelch und
Blumenblätter neigen sich zusammen und überdecken die inneren Blütenteile wie
ein Dach. Auf diese Weise wird die Blüte gegen zu großen Wärmeverlust und
das Bliiteninnere gegen Befeuchtung durch nächtlichen Tau geschützt. Wenn
*) Für das Verständnis der Blütengrundrisse sei folgendes bemerkt: Der Blüten-
grundritö besteht — wie z. B. in dem Diagramm der Rapsblüte (S. 18) deutlich zu sehen —
in der Regel aus 5 konzentrischen Kreisen. Auf dem 1. Kreise liegen die Kelchblätter
(schraffiert), auf dem 2. die Blumenblätter (schwarz), auf dem 3. und 4. die Staub-
blätter (an der Form kenntlich) und auf dem 5. der Fruchtknoten mit den Samenanlagen.
(In der EahnenfuIJblüte sind die Staubblätter in einer Spirale angeordnet und mehrere
Fruchtknoten vorhanden.)
4 1. Farn. Hahnenfußgewäehse.
wir bedenken, daß es ohne Wärme kein Pflanzenleben gibt (Beweis!), daß die
Blüten sehr zarte Gebilde sind, daß es nachts jetzt oft noch empfindlich kalt
ist, und daß der Blütenstaub durch Befeuchtung- leicht verdirbt: so wird uns
die Wichtigkeit dieser Einrichtung wohl verständlich. Da die Kelchblätter auf
der Rückseite grünlich und die Blumenblätter daselbst ohne Glanz sind, erscheint
die Blüte jetzt ganz unauffällig! Und das ist durchaus kein Nachteil für dir
Pflanze; denn die wärmeliebenden Insekten haben sich in sicherem Schlupfwinkel
gleichfalls zur Ruhe begeben. Bei unfreundlichem Wetter bleiben die Blüten
auch tagsüber geschlossen.
2. Knollen. Die Anzahl der blütenbesuchenden Insekten ist im März
und April weit geringer als in den wärmeren Monaten. Daher unterbleibt beim
Scharbockskraut auch vielfach die Bestäubung. Aber auch wenn die Blüten von
zahlreichen Insekten besucht werden, setzen sie doch nur selten Früchte an: Die
Pflanze rettet sich meist — wie wir bereits oben gesehen haben — mit
Hilfe von Knollen in das nächste Jahr hinüber.
a) Die keulenförmigen Wurzelknollen sind verdickte Wurzelfasern, die
zumeist in einem Büschelchen vereinigt bleuten. Wie aus der „alten" Kartoffel
(s. das.) baut sich aus den Vorratsstoffen, die in den Wurzelknollen aufgespeichert
sind, die junge Pflanze auf. Infolgedessen schrumpfen die „alten" Knollen immer
mehr zusammen, bis sie endlich gänzlich verschwinden. Unterdes aber haben die
Blätter neuen Baustoff bereitet. Er wandert nach abwärts und wird in neuen
Wurzelkuollcn aufgesammelt, die sich am unteren Ende des Stengels bilden.
b) Die Vorratsstoffe lagert die Pflanze noch an einer anderen Stelle ab:
In den Blattwinkeln entstehen schmutziggelbe Knospen, die gleichfalls die Form
von Knollen haben und Weizenkörnern entfernt ähnlich sind (1). Da aus ihnen im
nächsten Jahre auch Pflänzchen hervorgehen, werden sie als Brutknospen
oder Brutknollen bezeichnet. Nach dem Absterben der Pflanze findet man
sie oft in großen Mengen am Boden liegen („Himmelsgerste", Sage vom Ge-
treideregen). Durch Regengüsse werden sie oft weithin verschwemmt, dienen
daher auch der Verbreitung der Pflanze.
Die nächsten Verwandten des Scharbockskrautes
haben im wesentlichen den gleichen Blüten- und Fruchtbau. Sie besitzen aber 5 Kelch-
nnd Blumenblätter. In sehr wechselvoller Gestalt und als Bewohnerin der verschiedensten
Ortlichkeiten tritt uns die Gattung Hahnenfug (Ranünculus) entgegen. Mit Tausenden
gelber, leuchtender Blüten überstreut der scharfe Hahnenfug (R. acer) im Frühjahre
unsere Wiesen. Bei Eintritt der Dunkelheit sind die Blüten aber wie verschwunden :
sie haben sich nicht nur wie die des Scharbockskrautes geschlossen, sondern sind auch
infolge der Krümmung ihrer Stiele mehr oder weniger nickend geworden. (Beachte dar-
aufhin auch die anderen Hahnenfußarten!) Durch einen scharfen, giftigen Stoff (Name!) ist
die Pflanze gleich den meisten anderen Hahnenfußgewächsen gegen Tierfraß geschützt.
Im Heu dagegen wird sie von den Weidetieren verzehrt, weil der Giftstoff durch Trock-
nen verloren geht. Durch den runden (ungefurchten, Blütenstiel unterscheidet sich der
scharfe Hahnenfuß leicht von den beiden sehr ähnlichen und gleichfalls überall häufigen
Scharbockskraut und seine nächsten Verwandten.
Arten, dem knolligen und dem kriechenden Hahnenfug (lt. bulbösus und repens), die
beide gefurchte Blütenstiele besitzen. Wie schon die Namen andeuten, ist erster»
an der knolligen Anschwellung des Stengelgrundes (Vorratsspeicher!) und letztere an
den langen Ausläufern leicht zu erkennen. — An Gewässern and auf feuchten Wiesen
findet sieh die giftigste Art, der Gifthalnienfnfj (R. scelerätus), eine bis 1 m hohe,
stark verzweigte und saftige Pflanze mi1 vielen kleinen Blüten. — Mehrere Hahnenfuß-
arten sind auch die Stammeltern der als Gartenzierpflanze bekannten „Goldknöpfchcn".
Der Wasser-Hahnenfuß (Baträehium aquätile) ist ein bekannter Bewohner unserer
stehenden und langsam fließenden Gewässer. Durch zahlreiche Wurzeln ist er im schlam-
migen Grunde verankert, und den Wasserspiegel überstreut er oft auf weite Strecken
hin mit zarten, weißen Blütensternen. Seine Stengel, die gleich den Blättern außerhalb
--^-
wk
Wasser-Hahnenfnß L dessen „Landform" ( l j 2 nat, Gr.).
des Wassers kraftlos zusammenfallen, sind wie die Blattstiele der Seerose (vgl. beide
Pflanzen auch nach anderen Punkten!) von Luftkanälen durchzogen, so daß sie vom
Wasser getragen werden (darum können sie auch so lange Seitenzweige treiben!), und
auf der Wasseroberfläche breitet er meist zarte Schwimmblätter aus, die alle Eigenschaften
der Seerosenblätter besitzen. Durch die haarförmig zerteilten, untergetauchten Blätter,
die sich bei zahlreichen anderen Wasserpflanzen wiederfinden (Beweis!), unterscheidet
sich der Hahnenfuß aber wesentlich von der Seerose. Welche Bedeutung diese eigen-
tümliche Blattform hat, ist leicht einzusehen, wenn man folgendes beachtet: Schneidet
man einen Zweig der Pflanze ab, so wächst er weiter, auch wenn er keine Wurzeln be-
sitzt, ein Zeichen, daß die Nahrungsaufnahme nicht durch die Wurzeln stattfindet.
Sie erfolgt vielmehr durch die zarte Oberhaut der Stengel und Blätter und wird um so
erfolgreicher sein, je größer die Oberfläche dieser Teile ist. Ferner: im Wasser herrscht
ein gedämpftes Licht, und in ihm ist nur eine geringe Menge von atmosphärischer
Luft gelöst, deren Sauerstoff von der Pflanze eingeatmet wird. Je größer aber die
6 Taf. 2. 1. Farn. Hahnenfoßgewächse.
Oberfläche der Pflanze ist, desto erfolgreicher kann auf sie das Licht wirken, und desto
lebhafter wird auch die Atmung; sein. Da nun stark zerteilte Blätter eine größere Ober-
fläche besitzen als ungeteilte von gleicher Blattmasse (schneide ein scheibenförmiges Stück
einer Kartoffelknolle in Streifen und beachte, wie sich die Oberfläche vergrößert!), so leuchtet
die Bedeutung dieser Blattform für untergetauchte Blätter ohne weiteres ein. Endlich
wird auch ein solches Blatt durch die Bewegungen des Wassers bei weitem nicht so
Leicht zerrissen, wie ein ungeteiltes. Die schwimmenden Blätter dagegen, die mit jeder
Welle auf und niedersteigen, bedürfen wie die Seurosenblätter eines solches Schutzmittels
nicht. — In fließendem Wasser nimmt die Pflanze oft ein verändertes Aussehen an:
sie bildet gewöhnlich keine Schwimmblätter; die Stengel sind lang und riemenförmig
und die Blattzipfel stark verlängert und fast parallel laufend. (Erkläre diese „An-
passungserseheinungen'' !) — Versiegt das Gewässer, so stirbt der Wasser- Hahnenfuß
nicht: Die zarten Blätter gehen freilich zu Grunde; aus den Blattwinkeln aber wachsen
kurze, kräftige Stengel hervor, an denen zwar auch zerteilte, jedoch weit dickere und
steifere Blätter hervorsprossen. Eine gleiche Veränderung ist auch an solchen Teilen
der Pflanze zu beobachten, die über das Wasser ragen oder auf das Trockene geraten.
Diese „Landforrn" wird von der Winterkälte getötet, während die „Wasserform" über-
wintert (s. Seerose).
2. Das Busch -Windröschen (Anemone nemorosa). Taf. 2.
1. Standort und Blütezeit. Die Pflanze bewohnt den laubbedeckten
Boden in Busch (Name!) und Wald. Sie blüht daher wie das Scharbocks-
kraut zeitig- im Jahre (April und Mai — „Osterblume") und stirbt mit Eintritt
des Sommers ab. Da sie aber das dichteste Gebüsch, also den tiefsten Waldes-
schatten meidet, so kann sie auch etwas später als jene Pflanze erscheinen und
auch später wieder vom Schauplatze abtreten; denn an ihren Standorten dringen
die Lichtstrahlen auch später im Jahre noch bis zum Boden hinab. Das früh-
zeitige Erscheinen wird wie bei dem Scharbockskraut durch das Vorhandensein
eines Vorratsspeichers bedingt. Es ist dies
2. der unterirdische Stamm, der Wurzelstock, der von der Laubdecke
wohl geschützt den Winter überdauerte. Er ist federkieldick, von brauner Farbe
und liegt wagerecht im Boden, in den er zahlreiche Wurzeln sendet. Gräbt man
ihn im Herbst aus, so findet man an einem seiner beiden Enden bereits den
jungen Trieb, an dem alle oberirdischen Teile schon zu erkennen sind (s. w. u.),
eine Tatsache, die das frühzeitige Erscheinen der Pflanze noch mehr erklärlich
macht. An der Stelle, an der sich der Trieb erhebt, findet sich außerdem eine von
weißen Blättchen umgebene Endknospe. Untersucht man den Wurzelstock zu oder
— noch besser — ■nach der Blütezeit wieder, dann sieht man, wie diese Knospe
durch fortgesetztes Wachstum den Wurzelstock über jenen Punkt hinaus verlängert
hat (genau, wie dies an wachsenden oberirdischen Stämmen geschieht): der Wurzel-
stock verjüngt sich beständig in dem Maße, in dem er am Hinterende abstirbt. Die
Pflanze wandert also langsam weiter und gelangt somit fortgesetzt in einen Boden,
dem sie die nährenden Bestandteile noch nicht entzogen hat. Die weißen Hüll-
blättchen schützen die im Boden allmählich vordringende Knospe vor Verletzungen.
Schmal, Lehrbuch der Botanik.
Tafel 2.
Busch -Windröschen (Anemone nemorosa).
Busch -Windröschen. 7
Haben sie ihre Aufgabe erfüllt, dann sterben sie ab, Narben am Wurzolstorke
zurücklassend. Durch seitliche Knospen entstehen am Wurzelstocke Zweige (genau
wie an den oberirdischen Stämmen). Stirbt der Wurzelstock an der Verzwei-
gungsstelle ab, so wird der Zweig selbständig. Die Verzweigung ist hier also
ein Mittel der Vermehrung, und zwar ein außerordentlich wichtiges, weil
die Pflanze wie das Scharbockskraut nur selten Früchte hervorbringt.
3. Die zarte Blüte, die fast das Aussehen eines Röschens hat, und schon
beim leisesten Winde hin und herschaukelt („Windröschen"), stellt am Ende
eines langen Stieles. Wir finden an ihr, sowie an der Frucht (3.) die Verhält-
nisse des Scharbockskrautes wieder (Beweis!). Sie hat aber eine einfache Bluten-
hülle, die aus sechs weißen und außen oft rötlich angehauchten (1. und 2.)
Blättern besteht. Da ihr der Honig fehlt, sind die besuchenden Insekten allein
auf den Blütenstaub angewiesen (zahlreiche Staubblätter! vgl. auch mit Klatsch-
mohn!) Nachts und bei regnerischem Wetter schließt sich die Blüte wie die
des Scharbockskrautes. Durch Krümmung des Blütenstiels neigt sie sich aber
seitwärts. — An dem Blütenstiele ünden sich stets drei mehrfach geteilte, grüne
4. Blätter. Untersucht man die Pflanze im Herbst, so sieht man, wie
diese noch sehr kleinen und blassen Gebilde die winzige Blüte schützend um-
hüllen. Man bezeichnet sie daher als Hüllblätter. Das einzige, den Hüll-
blättern sehr ähnliche eigentliche Blatt entspringt mit einem langen Stiele
neben dem Blütenstiele oder an einer Verzweigung des W T urzelstockes oder fehlt
auch gänzlich. Es ist im Herbste gleichfalls schon in der Anlage vorhanden.
a) Sind denn aber — so muß man sich fragen — die zarten , zerteilten
Blattflächen und die noch zarteren Blüten imstande, den Erdboden zu durch-
brechen, ohne sich dabei stark zu verletzen? Sie wären es sicher nicht, wenn
ihnen hierbei nicht eine Einrichtung zu Hilfe käme, die wir beim Bohnen-
keimling wiederfinden : Die Stiele krümmen sich stark nach oben, so daß sie
gleichsam Erdbrecher darstellen. Bei fortgesetztem Wachstum heben sie infolge-
dessen die Erde empor, so daß dieselbe schließlich auseinanderbricht.
b) Zum Windröschen können — zumal wenn die Bäume belaubt sind —
Lichtstrahlen nur in beschränktem Maße gelangen. Je größer aber die Blätter
sind, desto mehr Lichtstrahlen vermögen sie aufzufangen, und je dünner sie
sind, desto besser können sie durchleuchtet werden. Das Windröschen besitzt
darum verhältnismäßig große und dünne Blätter.
c) Pflückt man Windröschen zum Strauße, so welken sie viel schneller
als Pflanzen, die auf dem Felde oder gar an öden Stellen wachsen. Wie er-
klärt sich diese Erscheinung? Da der Boden des Laubwaldes stets reich an
Feuchtigkeit ist, braucht das Windröschen mit dem Wasser nicht haushälterisch
umzugehen. Es bedarf daher auch aller der Ausrüstungen nicht, die zahlreiche
andere Pflanzen besitzen , um die Verdunstung einzuschränken : es seien nur
genannt die Behaarung, die starke Oberhaut und die Kleinheit der Blattflächen
(s. z. B. Königskerze und Mauerpfeffer). Das Windröschen besitzt daher nicht
nur. wie erwähnt, verhältnismäßig große Blätter, sondern diese
Fam. Halmen fußgewächse.
1
Kuhsehelle (wenig verkl.). Die oberirdischen
Teile der abgebildeten Pflanze waren 7 cm boch;
die (bier des Raumes wegen abgescbnittene)Wurzel
dagegen maß 48 cm. Daneben: Frucbtstand.
sind auch wie
alle anderen
Teile derPflanze
nur sehr ge-
ring behaart
und außer-
ordentlich
z a r t, (Ganz
ähnliche Blätter
haben darum
auch Lerchen-
sporn, Einbeere,
Frühlingsplatt-
erbse und zahl-
reiche andere
Waldpflanzen.)
Die nächsten Verwandten des Windröschens.
In der Gesellschaft des Busch-Windröschens findet sich viel-
fach das ganz ähnliche gelbblühende Windröschen (A. ranuncu-
loides). — Trockenere Laubwälder als beide bewohnt die freundliche
Leberblume (Hepätica triloba). Die Hüllblätter der prächtig blauen
Blüten haben ganz die Stellung und das Aussehen eines wirk-
lichen Kelches. (Beweis ! Beachte, wie die Blumenblätter mit den
Staubblättern wachsen und wie sich die Blüte abends schließt und
nickend wird ! Bedeutung dieser Erscheinungen ?) Während des
Blüliens kommen auch die eingerollten und stark behaarten jungen
Blätter zum Vorschein (Bedeutung dieser Eigenschaften ?). Da die
Blätter erst im nächsten Frühjahre absterben, sind sie lederartig
wie bei dem Epheu (s. das). Früher wurden sie, weil sie die Form
einer Leber haben, als Heilmittel gegen Leberleiden benutzt (Name!).
— Eine Bewohnerin sonniger Hügel und lichter Kiefernwälder ist
die Kuhschelle (Pulsatilla pratensis), die ihres giftigen Saftes wegen
(Schutzmittel gegen Weidetiere I) in der Medizin verwendet wird.
Infolge der außerordentlich tiefgehenden Wurzel, der seidenartigen
Behaarung und der Zerteilung der Blattflächen vermag sie der
Wasserarmut ihrer Standorte zu trotzen. Die hängende, dunkelviolette
Blüte gleicht einem Glöckchen (Name ! — Aus Kühchenschelle ist
Küchenschelle geworden !). ' Die Früchte besitzen je einen langen,
federigen Anhang (der verlängerte Griffel) und können infolge-
dessen durch den Wind leicht verweht werden. — Dieselbe Flug-
ausrüstung finden wir bei den Früchten der Waldrebe (Clematis
vitälba). Die Pflanze ist eine der wenigen Lianen unserer heimat-
lichen Wälder (fehlt aber im Norden und Osten Deutschlands). Als
Kletterwerkzeug dienen die Stiele der gefiederten Blätter. Sie werden
Nächste Verwandte des "Windröschens. Sumpfdotterblume. 9
wie Ranken um andere Gegenstände geschlungen, und verholzen und verdicken an
der betreffenden Stelle (vgl. mit Weinstock!). Des Klettervermögens wegen benutzt
man die Pflanze, obgleich sie nur kleine, weiße Blüten besitzt, gern zur Bekleidung
von Lauben und dergl. Die vielfach angepflanzten großblumigen Waldreben sind süd-
europäische Arten.
Ü. Die Sumpfdotterblume (Caltha palustris).
A. Wie sie grünt. Im Sumpfe (Name!), auf feuchten Wiesen, an den
Rändern von Gräben und Bächen, kurz an wasserreichen Ortlichkeiten ist die
allbekannte Dotterblume anzutreffen. Diese Stellen fliehen die meisten Pflanzen.
Man wird daher bei der Dotterblume sicher zahlreiche Einrichtungen finden,
die dem Leben im Sumpfe entsprechen.
1. Da ihr Wasser stets im Überfluß zur Verfügung steht, braucht sie
wie Pflanzen trockener Standorte (z. B. Kuhschelle) die Wurzeln nicht tief in
die Erde zu senken. Die Wurzeln breiten sich daher nur in der obersten Boden-
schicht aus. Um in dem oft sehr weichen Grunde aber Halt zu gewinnen, muß
die Pflanze stark verankert sein. Daher strahlen von dem kurzen, unterirdischen
Stamme (Wurzelstocke) auch zahlreiche, strangartige Wurzeln nach allen
Seiten aus.
2. Im Gegensatz zu vielen „dürren" Pflanzen trockener Standorte (s. aber
Mauerpfeffer) sind bei der Dotterblume ferner alle grünen Teile saftstrotzend,
fleischig. Und von den zahlreichen Mitteln, durch die sich diese Pflanzen
gegen eine zu starke Ausdünstung des eingesogenen Wassers schützen , finden
wir hier (wie beim Windröschen; s. S. 7, c) nichts. So ist die Dotterblume
z. B. an allen ihren Teilen völlig unbehaart und im Besitz
3. sehr großer Blätter. Die nierenförmigen und meist schwach ge-
kerbten Blattflächen werden (wie beim Scharbockskraute) von sehr verschieden
langen Stielen getragen; je weiter oben sie an dem hohlen Stengel stehen, desto
kürzer sind sie gestielt. Die längsten Stiele besitzen die großen Blätter, die
direkt aus dem Wurzelstocke entspringen. Infolge dieser Einrichtung beschatten
die oberen Blätter die unteren nicht, so daß alle der belebenden Sonnenstrahlen
teilhaftig werden. Die rinnigen Blattstiele sind nach dem Stengel zu stark ver-
breitert und umfassen ihn wie eine Scheide. Betrachtet man die Pflanze in
ihrer Entwicklung, so sieht man, daß die scheidenförmigen Abschnitte der Blatt-
stiele Schutzhüllen für die zarten, jungen Teile sind. (Vgl. nach den angegebenen
Punkten die anderen dir bekannten Pflanzen feuchter Stellen und des Sumpfes ! )
B. Wie sie blüht. 1. Zur Frühlingszeit entfalten sich an der Pflanze
zahlreiche „Hahnenfußblüte n", die gleich der des Windröschens eine einfache
Blutenhülle besitzen. Infolge der Größe und dottergelben Farbe der 5 Blätter
(Name! Daher auch Butterblume!) leuchten die Blüten weithin und locken
zahlreiche Insekten zur Bestäubung herbei. Der Honig wird in je einer Ver-
tiefung zu beiden Seiten der zahlreichen Fruchknoten abgeschieden.
2. Solange sich die Blüte im Knospe nzustan de befand, Stempel und
Staubblätter also noch nicht völlig entwickelt waren, solange konnten auch die
10
1. Fam. Hahnenfußgewächse. 2. Fatn. Sauerdorngewächse.
Insekten der Pflanze jenen wichtigen Dienst nicht erweisen. Darum war bis
dahin in der Blüte kein Honig zu rinden, und die Blütenhülle, welche die zarten,
inneren Organe noch schützend umgab, war unscheinbar grün gefärbt. — Die ge-
schlossenen Blütenknospen werden in Essig eingelegt und als „deutsche Kapern"
verspeist. (Die „echten" Kapern sind die Blütenknospen des Kapernstrauchs
[Cäpparis spinösa], der in Südeuropa und Nordafrika gedeiht.)
3. Ist die Bestäubung vollzogen, so versiegt der Honigquell und die nutz-
los gewordenen Blumenblätter fallen ab. Die nunmehr sich ausbildenden Früchte
besitzen gleich denen der nächsten Verwandten (s. w. u.) zahlreiche Samen.
Würden die Samen sämtlich in der Fruchthülle zu keimen beginnen, wie dies
bei den bisher betrachteten Halmenfnßarten geschieht, so würden die jungen
Pflänzchen auf einem Trupp zusammenstehen und sich gegenseitig Licht, Nah-
rung und Platz streitig machen. Die Früchte können daher nicht Schließ-
früchte sein wie die jener Arten: sie müssen sich öffnen, so daß die Samen
verstreut werden können (Springfrüchte). Das Öffnen geschieht beim Austrocknen
der Fruchthülle durch einen Längsriß.
Die nächsten Verwandten der Sumpfdotterblume.
Der Feld-Rittersporn (Delphinium consülida) zählt zu den bekanntesten Acker-
unkräutern, seine azurblaue Blüte aber zu den schönsten Feldblumen. Während zur
Erntezeit die Sense alle größeren Ackerpflanzen tötet, bleibt der Rittersporn am Leben:
er treibt aus dem Stumpfe des Stengels von
neuem Seitenzweige und blüht bis in den
Herbst hinein. Vermöge der langen Pfahl-
wurzel und der winzigen, verteilten Blatt-
flächen vermag er diese trockenste Zeit des
Jahres leicht zu überstehen (vgl. mit an-
deren Trockenlandpfianzen). Die Blumen-
blätter (B.) sind zu einem kleinen, helm-
artigen Gebilde verwachsen, das den Blüten-
staub gegen Tau und Regen schützt und am
Hinterende einen Honigsporn (Name!) trägt.
Die Anlockung der Insekten ist in erster Linie
dem weit größeren Kelche (K.) übertragen,
der daher gleichfalls gefärbt ist. Sein oberes
Blatt ist in einen langen Sporn ausgezogen,
der den Honigsporn wie eine Scheide schützend
umgiebt. Da der Honig tief geborgen ist, so
vermögen nur langrüsselige Insekten his zu
ihm vorzudringen. In jüngeren Blüten, in
denen die Staubblätter den einzig vorhandenen
Stempel noch gänzlich umhüllen, stehen die
Staubbeutel vor der Öffnung des Sporns. In
älteren Blüten dagegen nimmt die nunmehr
reife und freistehende Narbe diese Stelle ein.
Es kann daher nicht ausbleiben , daß das
>
>
Feld-Rittersporn: 1. Blüte mit reifen
Staubblättern. K. Kelchblätter. B. Die
verwachsenen Blumenblätter. 2. Blüte mit
reifer Narbe. Fr. Frucht ; der "Wind hat
einige Samen ausgeschüttelt, (nat. Gr.).
Sumpfdotterblume und seine nächsten Verwandten. Sauerdorn.
II
saugende Insekt Blütenstaub jüngerer Blüten zur Narbe älterer trägt, also Fremdbestäubung
herbeiführt. Vor allen Dingen ist es die Gartenhummel, die der Pflanze diesen Dienst
erweist. — Ganz ähnlich erfolgt die Bestäubung, und zwar gleichfalls ausschließlich durch
Hammeln, bei zwei bekannten Gartenpflanzen, der Akelei (Auuilegia vulgaris) und dem
Sturmhat (Aconitum napellas). Die Akelei oder „falsche Glockenblume" (warum?) kommt
wild hier und da auch in Wäldern vor. Die Heimat des Sturmhuts, dessen sehr scharfes
Gift in der Heilkunde Verwendung findet, sind die Alpen, sowie die Gebirge Süd- und
Mitteldeutschlands. — Von dorther stammt auch die vielfach in Gärten angepflanzte
schwarze Nieswurz (Helleboras niger), so genannt, weil ihre schwarze Wurzel im
gepulverten Zustande Niesen erregt. Mitten im Winter entfaltet die Pflanze ihre präch-
tigen, schneeweißen Blüten („Schnee- oder Christrose"), in denen sich ein Kranz zier-
lichster, tütenförmiger Honigbehälter (d. s. die umgewandelten Blumenblätter) findet.
(Reschreibe die interessanten Blüten der letztgenannten Pflanzen näher und verfolge
ihre Bestäubung!) — Auch die in unsern Gärten meist mit gefüllten Blüten gezogenen
Pfingstrosen (Paeönia) sind Hahnenfußgewächse (Name!).
Als weitläufige Verwandte der betrachteten Pflanzen wären der Tulpen-
baum (Liriodendron tulipifera) und die prächtige Magnolie (Magnölia grandiflöra) zu
nennen, die beide aus Amerika stammen und bei uns in Parks gepflegt werden.
2. Familie. Sauerdorn- oder Berberitzen-Gewächse (Berberid
eae
Der Sauerdorn oder die Berberitze (Berberis vulgaris).
1. Der Sauerdorn findet sich wild in Hecken und Gebüschen und ist
einer unserer beliebtesten Ziersträucher. In der Nähe von Getreidefeldern sollte
man ihn aber nicht dulden. Auf der Unterseite der
2. Blätter kommen näm-
lich häufig rostfarbene Flecke
vor, die Sporenlager des Ber-
beritzenrostes, dessen Ge-
fährlichkeit wir bei der Be-
trachtung des Getreiderostes
noch kennen lernen werden.
Neben den gewöhnlichen, scharf-
gezähnten Blättern finden sich
an den jüngeren Zweigen noch
Blätter, die in drei- bis sieben-
teilige, scharfe Stacheln um-
gewandelt sind. (Sache Über-
gänge zwischen beiden!) Sie
fallen im Herbste nicht ab und
stehen am Grunde der "Winter-
knospen. Wenn sich nun im
Frühjahre aus den Knospen
Zweige entwickeln, so bilden
Sauerdorn.
Links: Zweigstück mit
Knospe und jungen Blättern.
(nat. Gr.)
Rechts: Blüte (nach Ent-
fernung der vorderen Blüten-
teile). Das zum rechten (halben)
Blumenblatte gehörige Staub-
blatt hat sich infolge eines
Reizes der Narbe angelegt. II.
Honigdrüsen. (4 mal nat. Gr.)
12 Taf. 3. 2. Fam. Sauerdorngewftchse. 3. Fam. Soerosen.
die Dornen für sie eine vortreffliche Schlitzwehr gegen Weidetiere, sowie gegen
Raupen und Schnecken, welch letztere, nach dem zarten Lauhe lüstern, am
Stengel emporsteigen.
3. Die eigentümlich duftenden Blüten stehen in Trauben, werden also
trotz ihrer Kleinheit auffällig, und dies umsomehr, als nicht nur die sechs
Blütenblätter, sondern auch die Kelchblätter an der Innenseite gelb gefärbt sind.
Die anfänglich aufrecht stehenden Trauben werden später hängend, so daß die
Blüten wagerecht oder schräg abwärts zu stehen kommen. Da zudem die Staub-
beutel von den umgebogenen Zipfeln der Blütenblätter überdeckt werden, so ist
der Blütenstaub gegen Regen vollkommen geschützt. Die Weise, in der die
Blüten bestäubt werden, ist höchst wunderbar. Berührt man mit einem spitzen
Hölzchen den Grund eines Staubblattes, so sieht man, wie es plötzlich nach
innen schnellt. Genau dasselbe erfolgt natürlich, wenn das Staubblatt an jener
Stelle von einem Insekt berührt wird. Diese Berührung erfolgt nun zufällig,
oder — was die Regel ist — beim Saugen des Honigs; denn der süße Saft
wird von zwei orangefarbenen Anschwellungen jedes Blütenblattes abgeschieden,
die unter dem reizbaren Grunde des Staubblattes liegen. Dabei kann es natür-
lich nicht ausbleiben, daß das Insekt mit Blütenstaub beladen wird. Fliegt das
Tier darauf zu anderen Blüten, dann werden sicher einige Staubkörnchen an
der Narbe dieser oder jener Blüte abgestreift.
4. Der Fruchtknoten entwickelt sich zu einer eßbaren Beere, die mit
leuchtendem Rot Vögel zum Verzehren des saftigen, säuerlichen Fruchtfleisches
(Sauerdorn!) einladet (s. Weinstock).
Eine nahe Verwandte ist die Mahonie (Mahonia aquiföliuni), die wegen
ihrer immergrünen Blätter und goldgelben Blütentrauben häufig in Parkanlagen zu finden
ist. Sie stammt aus Nordamerika und ist gleichfalls ein Träger des Berberitzenrostes.
3. Familie. Seerosen (Nymphaeäceae).
Die weiße Seerose (Nympti&a alba). Taf. 3.
Der stille Weiher, der schilfumkränzte Teich, der blinkende See, alle
erhalten erst durch die Seerose ihre schönste Zier. Die riesigen Blätter, die
sich gleich schwimmenden Schilden auf dem Wasserspiegel ausbreiten, und die
wunderbar zarten Blüten, die gefüllten Rosen ähneln (See-, Teich- und Wasserrose),
erhöhen mächtig den geheimnisvollen Zauber, den das Wasser auf den Menschen
ausübt (vgl. Goethes „Fischer"!). Darum ist auch die prächtige Pflanze schon
seit uralten Zeiten durch Sage und Märchen verklärt : Auf den Blättern schaukeln
sich im Mondenscheine die Elfen und Nymphen (Nymphaea!), und unter ihnen
lauert die Nixe, um denjenigen zu sich in die Tiefe zu ziehen, der die herr-
liche Blüte brechen will („Nixblume" — Die Nixe heißt auch „Wassermuhme",
die Pflanze daher „Hummel").
Während die meisten Pflanzen (Beispiele!) bald zu Grunde gehen, wenn
sie längere Zeit überflutet werden, spielt sich das Leben der Seerose (mit Aus-
nahme des Blühens!) im Wasser ab: sie ist eine Wasserpflanze.
Schmeil, Lehrbuch der Botanik.
Tafel 3.
Weiße Seerose (Nymphaea alba).
Sauerdorn. Mahonie. Weiße Seerose. 13
1. Ihr Stamm ist ein armdickes Gebilde, das mit vielen Blattnarben be-
deckt und im schlammigen Grunde der Gewässer eingebettet ist. Da er durch
zahlreiche Wurzeln, die sich tief in den Boden senken, verankert wird, vermag
die Pflanze nur Gewässer mit lockerem Untergrunde und im Gegensatz zu den
nichtwurzelnden Wasserpflanzen (z. B. der Wasserprimel) auch langsam fließende
Gewässer zu bewohnen. Da die Wurzeln aber auch Werkzeuge der Nahrungs-
aufnahme sind, kann die Seerose nur auf schlammigem Untergrunde gedeihen,
nicht etwa auch auf nahrungsarmem Sand- oder Geröllboden. Am Ende des
Stammes erheben sich die Stiele der Blüten und
2. Blätter. So lange sich die wachsenden Blätter unter Wasser beflnden,
sind ihre jetzt noch sehr zarten Blattflächen so von beiden Seiten nach innen
gerollt, daß man die Unterseite sehen kann. Wären sie ausgebreitet, so würden
sie sicher in noch weit höherem Grade der Gefahr ausgesetzt sein, durch Wellen
und Strömung zerrissen zu werden, als sie es jetzt schon sind. Sobald die
Blätter die Wasseroberfläche erreicht haben, stellt der Stiel das Wachstum ein,
und die großen, am Grunde tief herzförmigen Blattflächen breiten sieh auf dem
Wasserspiegel aus, in vollem Genüsse von Licht und Luft. Je nach der Tiefe
des Wassers sind daher die Stiele von sehr verschiedener Länge. Ins Ungemessene
können sie natürlich nicht wachsen; denn der Pflanze steht ja nur eine gewisse
Menge von Baustoffen zur Verfügung. Diese Tatsache macht es verständlich,
daß die Seerose nur in verhältnismäßig flachen Gewässern oder in der Uferzone
tiefer Gewässer lebt. Hat das Wasser seinen höchsten Stand inne, so stehen
die Stiele fast senkrecht; sinkt es, so rücken die Blattflächen weiter auseinander,
und die Stiele bewegen sich nach außen (etwa wie Stäbe eines Schirmes, den
man mit der Spitze auf den Erdboden stellt
und öffnet).
a) Reißt man einen Blattstiel vom Stamme
los, so schwimmt er samt seiner Blattfläche
auf dem Wasser. Dies ist eine Folge zahl-
reicher, großer, luftgefüllter Zwischen-
zellräume, die auf zarten Querschnitten
schon mit bloßem Auge deutlich zu sehen
sind. (Vgl. mit einem Schwimmgürtel!) Der
schwimmenden Blätter wegen zählt die Seerose
zu den „Schwimmpflanzen".
Auf den Querschnitten bemerkt mau, falls ,„ .... „. „ „ ,
_ . , , , , ' Querschnitt aus dem Blattstiele
mau sie gegen das Licht hält, wie von den . .„ « .. R
° ö der weißen Seerose mit groben
Zellwänden der Lufträume sternförmige Lufträumen und sternförmigen Haa-
Haare ausstrahlen, die mit körnigen Rauheiten ren ( etwa 5 o ma i nat. Gr.)
versehen sind. In diesen Gebilden glaubt man
ein Schutzmittel der Pflanze besonders gegen Schnecken zu erkennen; denn wenn
den gefräßigen Tieren beim Benagen der Stiele beständig jene scharfen Spitzen
14 3. Farn. Seerosen.
iu den weichen Körper dringen — und das ist unausbleiblich! — so werden
sie das Zerstörungswerk wohl bald aufgeben müssen.
b) Da das Blatt in (Stiel) oder auf dem Wasser (Blattfläche) schwimmt,
also von ihm getragen wird, so wird uns die auffallende Schlaffheit und Bieg-
samkeit des Stieles (der bei den Lnftpflanzen bekanntlich die Blattfläche und
sein eigenes Gewicht zu tragen hat) wohl verständlich. Und solch ein seil-
artiger Stiel ist andererseits durchaus notwendig; denn er ist allein imstande,
den Bewegungen der Blattfläche (Wellen, Wind!) leicht und schnell zu folgen.
(Was würde im anderen Falle geschehen?)
Versiegt das Gewässer, dann sinken freilich die langgestielten Blätter in
den Schlamm und gehen bald zu Grunde. Die Seerose stirbt aber nicht, falls
nur der Boden feucht bleibt. Sie treibt kleinere Blätter, deren (kurze) kräftige
Stiele die (kleinere) Blattfläche wohl zu tragen vermögen; man sagt: sie wird
zur Landform. (Häutiger als die Landform der weißen Seerose ist die der
gelben Teichrose zu beobachten. Warum kann man diese Pflanzen als „amphi-
bische" Gewächse bezeichnen?)
c) Schwimmende Blattflächen haben durch die auf- und absteigenden Wellen
mehr oder minder heftige Erschütterungen auszuhalten, und niederfallende Begen-
tropfen treffen sie mit voller Kraft. (Durch welche Mittel geht bei den Luft-
pflanzen ein Teil der Kraft des W x indes und der Regentropfen verloren ? Vgl. z. B.
Birnbaum.) Zarte Blätter würden daher bald von den Wellen zerrissen und von
größeren Regentropfen durchlöchert sein: Die starke, lederartige Be-
schaffenheit der Blätter erscheint uns daher als ein wichtiges Schutzmittel
gegen jene Kräfte.
d) Hält man ein abgeschnittenes Seerosenblatt unter Wasser und bläst
durch den Stiel kräftig Luft ein, so sieht man, wie sie von der Oberseite der
Blattfläche in Form glänzender Perlen wieder emporsteigt (vgl. Absch. 2 a). Im
Gegensatz zu den Blättern der Landpflanzen, bei denen die Spaltöffnungen zumeist
an der Unterseite liegen, finden sich die S p a 1 1 ö f f n u n g e n hier also an der
Oberseite, die ja allein von Luft umspült wird. — Da der Seerose Wasser im
Überfluß zur Verfügung steht, so finden wir bei ihr auch keines der Mittel,
die bei zahlreichen Landpflanzen eine allzu starke Ausscheidung von Wasserdampf
verhindern ('s. z. B. S. 7, 4 c). Im Gegenteil, je mehr Wasser durch die Blätter
verdampft, desto besser ist es für die Pflanze; denn desto mehr Nahrungs-
stoffe werden ja mit dem Wasser durch die Wurzeln eingesaugt. Daher be-
sitzt das Seerosenblatt nicht nur eine sehr große Menge von Spaltöffnungen
(etwa zehn Millionen), sondern auch mehrere Einrichtungen, die ein Verstopfen
dieser Öffnungen durch Wasser verhindern:
c) Die Oberseite ist mit einem Wachsüberzuge versehen. Ein Versuch
zeigt, daß Wasser von ihr abrollt wie von dem eingefetteten Gefieder der Ente
oder Gans. Und dies geschieht um so leichter, als
f) die Blattfläche an der Verwachsungsstelle mit dem Stiele meist etwas
erhöht ist, und als
Weiße Seerose. 15
g) der Blattrand wellenartige Krümmungen zeigt, also zahlreiche
Rinnen für das abfließende Wasser bildet.
h) Im Gegensatz zu der grünen Oberseite ist die Unterseite des Blattes
meist violett gefärbt. Das Licht, welches die Blattmasse durchleuchtet,
würde, wenn der violette Farbstoff fehlte, durch das Blatt hindurch nutzlos in
das Wasser fallen. Durch ihn aber wird es wie von jedem dunklen Farbstoffe
aufgefangen und — wie wir aus Erfahrung wissen — in Wärme umgesetzt (so
sind z. B. dunkle Kleider im Sommer wärmer als helle). Eine Erhöhung der
Temperatur hat aber stets auch eine Erhöhung der Verdunstung im Gefolge.
Die violette Färbung, die sich zumeist auch an dem Blattstiele findet, gibt sich
demnach als ein Förderungsmittel der Wasserdampfausscheidung zu erkennen.
o. Überwinterung. Auch die Weise, in der die Seerose den Winter
übersteht, hängt mit ihrer Natur als Schwimmpflanze innig zusammen. Die auf
dem Wasserspiegel schwimmenden Blätter würden durch die Winterkälte umso
sicherer zerstört werden, als sich ja das Wasser mit einer Eisdecke überzieht.
Die Blätter sterben daher im Herbste ab. Am Grunde der Gewässer dagegen
sinkt selbst im kältesten Winter die Temperatur nicht bis auf den Nullpunkt,
also so tief, daß sie das dort herrschende Pflanzenleben vernichtete. Dort
können demnach Gewächse überwintern, und dort vermag auch der Stamm der
Seerose seinen „Winterschlaf" zu halten. Die Seerose zählt daher wie alle
Wasserpflanzen (mit Ausnahme einiger Uferbewohner) zu den ausdauernden
Gewächsen.
4. Die Blüte steht am Ende eines langen S ti eis, der alle Eigenschaften
der Blattstiele besitzt (wieso? warum nötig?). So lange sich die Blüte unter
Wasser befindet, bilden die 4 Kelchblätter für das Blüteninnere einen fest-
schließenden Mantel; an der geöffneten Blüte dagegen stellen sie gleichsam
kleine, auf dem Wasser schwimmende Boote dar (Bedeutung?). Da sie innen
weiß gefärbt sind, helfen sie die Augenfälligkeit der Blüte (Insekten !) erhöhen.
Die zahlreichen, schneeweißen Blumenblätter werden nach innen zu beständig
kleiner (Bedeutung?) und gehen allmählich in Staubblätter über (2), ein Zeichen,
daß auch diese Blütenteile nichts weiter wie (umgewandelte) Blätter sind. Der
Fruchtknoten, der oben die strahlig-schildförmige Narbe trägt, ist einer
Mohnkapsel sehr ähnlich. Seiner Außenwand sind die Blumen- und Staubblätter
in einer Spirale angeheftet (Fruchtwand daher mit zahlreichen Blattnarben).
Wenn die Morgensoune goldig am Himmel steht, öffnen sich die weithin
leuchtenden, schwach duftenden Blüten. Fliegen und Käfer, die sich aber mit
Blütenstaub (zahlreiche Staubblätter!) begnügen müssen, kommen bei ihnen zum
Mahle. Gegen Abend schließen sich die Blumen wieder, so daß der leicht ver-
derbende Blütenstaub gegen den Tau der Nacht und die aus den Gewässern
aufsteigenden Nebel wohl geschützt ist.
5. Die Frucht reift im Schutze des Wassers. Sie ist ein beerenartiges
Gebilde, das im Innern mehrere Fächer mit zahlreichen Samen enthält. Jeder
Same ist von einer weißen, schleimigen Hülle, einem Samenmantel, umgeben (4).
16 3. Farn. Seerosen, 4. Farn. Kreuzblütler.
Platzt die Frucht bei der Reife, so werden die Samen frei. Da sich aber unter
ihrem Mantel je eine große Luftblase bildet, so steigen sie zur Oberfläche empor,
schwimmen dort umher und werden von der Strömung oder von Wind und
Wellen oft weithin verschlagen. Entweicht die Luft, so sinken die Samen zu
Boden und können an einer anderen Stelle des Wohngewässers eine neue Pflanze
ins Dasein rufen. Da die Hülle klebrig ist, so kann es ferner auch nicht aus-
bleiben, daß die Samen am Schnabel oder Gefieder der Wasservögel haften und
zu anderen Gewässern getragen werden : die Seerose gibt sich also auch durch
die Verbreitung ihrer Samen als eine echte Wasserpflanze zu erkennen.
Andere Seerosen.
Gleich der weißen Seerose ist die gelbe Teichrose (Nuphar luteum) eine bekannte
Zierde unserer Gewässer. Sie stimmt mit ihrer weiß-blumigen Schwester in Bau und
Lebensweise fast vollkommen überein ; nur in der Bildung von Blüte und Frucht (be-
schreibe beide!) zeigen sich einige Abweichungen. — An Schönheit werden beide noch
von den Seerosen der warmen Gegenden übertroffen. Unter diesen ist wieder der ameri-
kanischen Seerose (Victoria regia) der Preis zuzuerkennen. Sie bewohnt die großsn
Ströme des warmen Südamerika. Ihre kreisrunden Blätter, die mit einem erhöhten Rande
versehen sind, haben einen Durchmesser bis zu 2 m, und die wohlriechenden, anfangs
weißen, später rosafarbenen Blüten einen solchen bis zu 40 cm. — Hohe Berühmtheit
hat die ägyptische Seerose oder die Lotosblume (Nymphsea lotus) erlangt. Wenn
der Nil das Land überschwemmt, so grünt und blüht die herrliche Pflanze bald in allen
Gräben und Kanälen ; wenn aber das Wasser wieder in seine Ufer zurückkehrt, so ver-
schwindet auch sie wieder. Nur der im Boden eingebettete Stamm vermag die lange
Zeit der Trocknis zu überdauern. Gleich dem heiligen Strome selbst galt die Lotos-
blume als ein Sinnbild der Fruchtbarkeit und war den hohen Göttern geweiht. Ihr
mehlreicher Stamm und ihre Samen wurden besonders früher von den Bewohnern des
Landes verzehrt. — Häufiger allerdings bautem an zu diesem Zwecke die indische See-
rose (Nelümbo nucifera) an, die heut noch einem großen Teile Südasiens eine wertvolle
Nahrungspflanze ist. Die trichterförmigen Blätter und roten Blüten hebt die herrliche,
von den Indern heilig gehaltene Pflanze über den Wasserspiegel empor.
4. Familie. Kreuzblütler (Cruciferae).
Blüten mit 4 Kelchblättern , 4 kreuzweis gestellten Blumenblättern , 2 kürzeren und
4 längeren Staubblättern und einem Fruchtknoten, der aus 2 durch eine häutige Scheide-
wand verbundenen Fruchtblättern besteht; Frucht eine Schote oder ein Schötchen.
Der Raps (Brassica napus).
A. Bedeutung. Zerdrückt man einige Samenkörner des Rapses, die als
Futter für Stubenvögel allgemein bekannt sind, zwischen Papier, so entsteht ein
bleibender Fettfleck. Das Öl, das diesen Fleck verursacht, bezeichnet man (im
Gegensatz zu dem flüchtigen Öle; s. Rose) daher als fettes Öl. Dieses
sog. „Rüböl" war bis zur Entdeckung des Steinöls das wichtigste Mittel zur
Beleuchtung der Wohn- und Arbeitsräume, der Straßen und dgl. Darum war
Andere Seerosen. Raps. 17
auch der Raps (samt dem gleichfalls Öl liefernden Rübsen; s. S. 20) für den
Menschen bis dahin eine überaus wichtige Pflanze. Heutzutage wird das
„Rüböl" vorwiegend nur noch zum Schmieren von Maschinen, zur Bereitung von
Seife und zu anderen gewerblichen Zwecken verwendet. Es wird in Ölmühlen
durch Zerstampfen oder Zerquetschen der Samen gewonnen. Die zurückbleiben-
den festen Bestandteile preßt man zu „Ölkuchen", die als Viehfutter geschätzt
werden. — In einigen Gegenden verspeist man auch die jungen Rapsblätter als
das erste Gemüse, das der Frühling liefert.
B. Anbau. Je nachdem der Landmann Winter- oder Sommerraps
baut, sät er die Samen im Spätsommer oder Frühling aus. Da ohne Wärme
ein Wachstum der Pflanzen nicht möglich ist (Beweis!), so sind die Pflanzen
der ersteren Form zu einer Winterruhe genötigt. Ihre Stengelglieder bleiben
so kurz, daß die Blätter fast in derselben Höhe stehen. Da nun an der hoch
aufstrebenden Rapspflanze die Blätter am Stengel in einer Spirale angeordnet
sind, so müssen sie auch an dem verkürzten Stengel nach allen Seiten aus-
strahlen, also eine Rosette bilden. (Denke dir den Stengel von oben nach
unten in sich zusammengedrückt!) Wenn man bedenkt, daß die ausgebildete Raps-
pflanze nur ein schwaches Gewächs ist, das im Winter durch die auf ihm lastende
Schneemasse unbedingt zerknickt und vernichtet werden müßte, so wird man
die Bedeutung dieser Erscheinung leicht einsehen. (Bestimme, welche Unkräuter
die zierlichen Rosetten bilden, die du im Herbst oder Winter auf dem Felde
findest !) Sobald aber im Frühlinge die höhersteigende Sonne die Erde zu neuem
Leben erweckt, setzt auch die Rapspflanze das unterbrochene Wachstum fort:
sie treibt gleich dem Sommerraps, der jetzt erst aus Samen hervorgeht, einen
C. Stengel, der eine Höhe von 1,50 m erreicht und im oberen Teile et-
was verzweigt ist. Seine
D. 1. Blätter nehmen von unten nach oben beständig an Größe ab.
Infolgedessen rauben sie sich gegenseitig nicht das zum Leben notwendige Son-
nenlicht. Die oberen Blätter sind ganzrandig, die unteren dagegen stark ein-
gebuchtet. (Da sich die Ausschnitte wie die Blättchen der Fiederblätter gegen-
überstehen, nennt man solche Blätter „fiederspaltig".)
2. Taucht man eine Rapspflanze in das Wasser, so bleibt sie auffallender
Weise vollkommen trocken. Die Wassertropfen rollen von ihr ab wie von dem
eingefetteten Federkleide der Ente oder Gans. Dasselbe ist bei einem Regen
zu beobachten. Wischt man aber mit dem Finger auf einem Blatte oder Stengel
einigemale hin und her und taucht die Pflanze von neuem ins Wasser, so findet
man, daß die abgewischte Stelle feucht geworden ist. Durch das Wischen ist
nämlich der blaugrüne Anflug entfernt worden, der dem Raps eigen ist und
von einer dünnen Wachsschicht herrührt. Der Wachsüberzug ist also ein
Schutzmittel gegen Befeuchtung: er verwehrt dem Wasser, die Spaltöffnungen
zu verstopfen, die sich auf beiden Seiten der Blätter und am Stengel finden,
und mithin den Luftwechsel aufzuheben (s. das.), der durch diese Öffnungen
vermittelt wird. — Wie genaue Untersuchungen ergeben haben, ist der Wachs-
Schmeil, Lehrbuch der Botanik. o
IS
4. Farn. Kreuzblütler.
Überzug zugleich ein Schutzmittel gegen zu starke Verdunstung des in den Blättern
enthaltenen Wassers.
3. Träufelt man Wasser auf die Blätter, so sieht man, wie es zum Stengel
abfließt und schließlich zur Wurzel geleitet wird. Genau dasselbe geschieht
mit den Regentropfen, die auf die Blätter fallen. Die Pflanze „begießt"
sich also selbst. Diese Arbeit vermögen die Blätter vortrefflich zu leisten;
denn sie
a) stehen am Stengel schräg aufwärts und
b) bilden (zumeist) flache) Rinnen;
c) die oberen umfassen den Stengel mit herzförmigem Grunde etwa
zur Hälfte, und
d) bei den unteren Blättern zieht sich die Blattfläche in kleinen Lappen
beiderseits bis zum Stengel herab (sie sind undeutlich gestielt).
E. Wurzel. Die Rapspflanze leitet also das auf sie fallende Regenwasser
nach innen (zentripetal), nach der Mitte zu ab. Dort müssen darum auch die
feinen Saugwurzeln liegen, durch welche die Pflanze
das Wasser aufnimmt. Wir finden daher beim Raps
kein weitverzweigtes Wurzelgeflecht wie z. B. bei ei-
nem Baume, sondern eine möhrenförmige Haupt-
wurzel, von der sich die Nebenwurzeln niemals weit
entfernen. (Vgl. dag. Birnbaum!)
F. Blüte. 1. Blütezeit. Das Rapsfeld gleicht
im April und Mai (Winterraps) oder im Juli und Au-
gust (Sommerraps) einem gelben Blütenmeere.
2. Blüten bau. Mit den 4 schmalen, aufrecht-
stehenden Kelchblättern wechseln die 4 sich kreuz-
weis gegenüberstehenden Blumenblätter ab (Name
der Familie!). Die unteren, schmalen Abschnitte der
Blumenblätter bilden mit dem Kelche eine Röhre:
die oberen, breiten Abschnitte sind rechtwinklig ab-
gebogen. Von den 6 Staubblättern sind 2 (äuße-
rer Kreis) kürzer als die 4 anderen (innerer Kreis).
Der langgestreckte Fruchtknoten ist von 2 Frucht-
blättern gebildet, deren verwachsene Ränder je eine
Reihe Samen tragen (im ganzen also 4 Reiheu) und
durch eine häutige Scheidewand verbunden sind. Oben
trägt der Fruchtknoten die knopfförmige Narbe.
3. Bestäubung. An warmen, sonnigen Tagen
ist das blühende Rapsfeld von vielen Tausenden von Insekten besucht. Ganz
besonders zahlreich stellt sich die Honigbiene ein. Den hochwillkommenen Gästen
macht sich die Blüte weithin bemerklich:
a) Die Blumenblätter sind von leuchtend goldgelber Farbe.
b) Solange der Kelch die anderen Blütenteile noch schützend umhüllte,
Blüte und Blütengrund-
riß vom Raps. Von der
Blüte sind ein Kelchblatt und
zwei Blumenblätter entfernt
(etwa 3 mal nat. Gr.).
Raps. Gattung Kohl. |ü
war er unscheinbar grün; jetzt aber ist er gelb oder wenigstens gelbgrün ge-
färbt. Er tritt also mit in den Dienst der Insektenanlockung.
c) Die einzelnen Blüten sind verhältnismäßig klein. Da sie aber am
Ende des Stengels und seiner Zweige zahlreich beieinander stehen, sind sie
doch weithin sichtbar. — Sie stehen auf gleichlangen Stielen, die am Haupt-
blütenstiele oder der Achse des Blütenstandes in verschiedener Höhe entspringen.
Die unteren, weil älteren Blüten öffnen sich zuerst, die oberen zuletzt. Einen
solchen Blütenstand bezeichnet man als Traube.
d) Die Blüten machen sich den (kurzsichtigen) Insekten um so bemerk-
barer, als sie einen weithin vernehmbaren Duft aushauchen.
e) Außer Blütenstaub bieten sie den Gästen Honig zum Mahle, der
von 4 grünen Drüsen am Grunde der Staubblätter abgeschieden wird. Senkt
aber ein Insekt den Rüssel in die Blütenröhre, um den süßen Saft zu trinken,
so muß es auch eine Bestäubung der Pflanze herbeiführen; denn vor und in
dem Eingange der Röhre haben ja Staubbeutel und Narbe ihren Platz. — Da der
Honig am Grunde einer Röhre geborgen ist, können kurzrüsselige Insekten
(Käfer, die meisten Fliegen u. a.), die eine Bestäubung nicht vermitteln würden,
auch nicht zu ihm gelangen. (Des Honigreichtums wegen ist der Raps für den
Bienenzüchter eine der wichtigsten Pflanzen.)
G. Frucht. 1. Der Fruchtknoten entwickelt sich zu einer sogen. Schote,
deren Bau wir bereits kennen gelernt haben (s. Absch. F. 2). Bei der Reife
lösen sich die Fruchtblätter wie Klappen von unten nach oben ab, so daß die
häutige Scheidewand mit den Samen auf dem Fruchtstiele stehen bleibt. Die
Samen sitzen aber so locker auf ihren Stielchen, daß sie schon von einem leisen
Winde abgeschüttelt werden. Darum schneidet der Landmann den Raps auch
vor völliger Reife der Früchte. Das fette Öl, das die Samen enthalten (s. Absch. A),
dient dem Keimling als Baustoff.
Die Gattung „Kohl" (Brassica).
1. Wie heutzutage mußten sich auch in grauer Vorzeit die umherschwei-
fenden Völker mit dem begnügen, was ihnen die Natur zur Nahrung gerade
bot. Genau wie heute floß diese Quelle aber sehr verschieden stark, und es
gab sicher auch Zeiten, in denen sie gänzlich versiegte. Der Mensch suchte
sich daher von den zufälligen Gaben der Natur unabhängig zu machen : er wurde
Viehzüchter und baute die Pflanzen an, die ihm Nahrung lieferten. Auf diese
Weise sind auch die Kohlarten in die Pflege des Menschen gekommen.
2. Nach und nach lernte der Mensch die Verhältnisse kennen, unter denen
die Pflanzen am besten gedeihen : er pflanzte sie auf den geeignetsten Boden,
den er zu bearbeiten, zu düngen, von Unkraut reinzuhalten lernte imd dgl.
mehr. Infolgedessen erhielten seine Kohlpflanzen dickere und saftreichere Wur-
zeln und Stengel oder zartere und wohlschmeckendere Blätter oder ölreichere
Samen, kurz: es fand eine allmähliche Veredlung der Pflanzen statt.
3. Je nachdem der Mensch nun Wurzel, Stengel, Blätter oder Samen be-
20 4. Farn. Kreuzblütler.
nutzte, je nachdem verfuhr er auch bei der Fortzucht seiner Pfleglinge: er
suchte diejenigen Pflanzen zu vermehren, die ihm die dicksten und saftreichsten
Wurzeln und Stengel, die zartesten und wohlschmeckendsten Blätter oder die
ölreichsten Samen lieferten. Aus deren Nachkommen wählte er immer wieder
die geeignetsten Pflanzen zur Nachzucht aus: und so sind die zahlreichen Spiel-
arten und Sorten des Kohls entstanden, die wir heute bauen. Immerfort noch
arbeitet der Gärtner planmäßig an ihrer Veredlung, und immer neue Sorten ent-
stehen unter seiner kunstgeübten Hand. — Genau auf dieselbe Weise ist
auch die Veredlung aller anderen Kulturpflanzen erfolgt, und durch
dieselbe planmäßige und beständige Auslese der geeignetsten Pflan-
zen zur Nachzucht sind die vielen Sorten und Spielarten ent-
standen, die wir heu te besitzen.
4. Die zahlreichen Spielarten des Kohls (beschreibe sie näher!), die wir im Garten
und auf dem Felde bauen, und die in den einzelnen Gegenden oft recht verschieden be-
nannt werden, lassen sich auf 4 Stammformen zurückführen:
a) Der Rapskohl (B. napus) ist wie die beiden folgenden Arten wahrscheinlich
aus Südeuropa zu uns gekommen und tritt in 2 Formen auf: Die eine Form,
den Raps, haben wir oben ausführlich besprochen; die andere Form ist
die Kohlrübe, die eine fleischige, eßbare Rübenwurzel besitzt. — Dem Raps-
kohl zum Verwechseln ähnlich ist
b) der Rübenkohl (B. rapa). (Bei ihm stehen die entfalteten Blüten mit den
Blütenknospen in gleicher Höhe oder überragen dieselben noch ; seine unteren Blätter sind
grasgrün und steifhaarig. Beim Rapskohl dagegen werden die geöffneten Blüten von den
Blütenknospen überragt; alle Blätter sind blaugrün, und nur die unteren besitzen ein-
zelne Haare.)
Er tritt uns in 3 Formen entgegen :
als Rübsen (Sommer- und Winterrübsen) der als Ölfrucht gebaut wird ;
als weiße Rübe, die als Viehfutter dient, und
als Teltower- oder märkisches Rübchen, eine Gemüsepflanze, die ihren
Namen nach der in der „Mark" Brandenburg gelegenen Stadt Teltow hat.
c) Den Gemüsekohl (B. oleräcea) bauen wir in besonders zahlreichen Spielarten;
die wichtigsten sind :
Der Kopfkohl mit gewölbten, glatten, grünweißen oder roten Blättern (Grün-
und Rotkohl), die einen festen Kopf bilden;
der "Welsch- oder Wirsingkohl mit blasigen Blättern, die sich zu einem
lockeren Kopfe vereinigen ;
der Rosenkohl, dessen Seitenknospen rosenartige Köpfchen bilden;
der Braunkohl mit krausen, fiederspaltigen Blättern;
der Kohlrabi, dessen Stengel über dem Boden stark verdickt ist, und
der Blumenkohl, dessen Blütenstiele und obere Blätter zu einer weißen,
fleischigen Masse umgebildet und dessen Blüten verkümmert sind.
d) Der Senfkohl oder schwarze Senf (B. nigra) ist ein Glied der heimischen
Flora. Wild kommt er hie und da an Flußufern vor; häufiger aber wird er seiner
Samen wegen angebaut (s. weißer Senf). Von den anderen Kohlarten ist er leicht da-
durch zu unterscheiden, daß seine Blätter sämtlich gestielt sind, während bei jenen dies
nur für die unteren Blätter gilt.
Gattung Kohl. Andere Kreuzblütler.
21
Andere Kreuzblütler
A. Kreuzblütler mit Schoten (s. S. 19, G).
Eine dem schwarzen Senf sehr ähnliche und gleichfalls vielfach angebaute Pflanze
ist der weiße Senf (Sinäpis alba). Beide enthalten in ihren Samen ein scharfes Öl,
dessen Geruch zu Tränen reizt (Schutzmittel gegen körnerfressende Vögel). Dieses
Öles wegen werden die Samen vielfach zu Heil- und Gewürzzwecken benutzt. Die sehr
scharfen, schwarzen Samen der ersteren Art (Name!) dienen besonders zur Bereitung
von Senfpflaster und Senfspiritus, die milderen, gelblich weißen der letzteren Art (Name!)
vorwiegend als Küchengewürz und zur Herstellung von Tafelsenf
oder Mostrich. — Der nächste Verwandte des weißen Senfs ist der
Ackersenf (S. arvensis), das allbekannte Unkraut, das oft ganze
Felder gelb färbt. Fälschlicherweise wird die Pflanze zumeist
„Hederich" genannt. — Der Hederich oder
Ackerrettich (Raphanistrum lämpsana)
ist dem Ackersenf zwar sehr ähnlich und
gleichfalls ein lästiges Ackerunkraut,
unterscheidet sich von ihm aber leicht
durch die hellere Blütenfarbe, durch den
der Blumenkronenröhre anliegenden Kelch
und die Schote, die perlschnurartig ein-
geschnürt ist und bei der Reife in soviel
Glieder zerfällt, als „Perlen" vorhanden
sind (Ackersenf: Kelch abstehend, ohne
„Gliederschote"). — Eine ähnliche Schote
besitzt der Garten-Rettich (Räphanus
sativus), der aus China stammt und in
mehreren Spielarten (Winter- und Sommer-
rettich, Radieschen) als beliebte Gemüse-
pflanze gebaut wird.
Gleichfalls Fremdlinge in unsern
Gärten sind Goldlack (Cheiränthus cheiri),
sowie Sommer- und Winterlevkoje
(Matthiola ännua und incäna). Beide stam-
men aus Südeuropa.Ihre meist gefüllten und
sehr mannigfach gefärbten Blüten hauchen
einen angenehmen Veilchenduft aus. Darum nannte der Volksmund den Goldlack früher
auch treffend „Gelbveigelein", und Levkoje heißt in Übersetzung: weißes Veilchen. —
Ganz ähnlich ist der Duft, der besonders am Abend (Name!) den lilafarbenen Blüten
der Nachtviole (Hesperis matronälis) entströmt. Die Heimat der bekannten Zierpflanze
ist Südeuropa, Österreich und das südliche Deutschland.
Einen prächtigen Schmuck nasser Wiesen bilden zur Frühjahrszeit die Blüten-
trauben des Wiesen-Schaumkrauts (Cardämine pratensis). Bei Regenwetter und mit
Anbruch des Abends aber verschwindet der Schmuck : die Blütenachsen krümmen sich,
so daß die sich gleichzeitig schließenden, lilafarbenen Blüten nickend werden (Schutz
gegen Nässe und Kälte). Ans einer Rosette gefiederter Blätter erhebt sich der Stengel,
dessen Blätter und Fiederblättchen nach oben hin immer kleiner werden (Bedeutung für
die Belichtung?). Alle Blätter sind wie die der Sumpfdotterblume (s. das.), die gleich-
Blatt vom Wiesen-
Schaumkraut, aus dem
drei junge Pflanzen her-
vorsprossen,
(nat. Gr.)
Frucht vom
Hederich, in
einzelne Glie-
der zerfallend,
(nat, Gr.)
22
4. Fam. Kreuzblütler. 5. Farn. Mohngewächs
falls nur auf feuchtem Boden gedeiht, saftstrotzend und völlig unbehaart. Mit dem Stand-
orte hängt auch die eigentümliche Vermehrungsweise des zierlichen Pflänzchens innig
zusammen, die man häutig beobachten kann: kommen die grundständigen Blätter auf
"Wasser oder feuchtem Boden zu liegen, so bilden sich an den Ansatzstellen der Fieder-
blättchen bald Knospen, die sich zu neuen Pflanzen entwickeln (Versuch!). Die Schaum-
klümpchen, die man vielfach am Stengel findet, und in denen sich die Larve der Schaum-
zirpe versteckt halt (s. Lehrbuch d. Zoologie!), haben der Pflanze mit zu ihrem Namen
verholfen ! — Die Brunnenkresse (Nastürtium
ofticinäle) gedeiht in Quellen und Wassergräben.
Sie ist daher in allen ihren Teilen noch saft-
strotzender als das Wiesen -Schaumkraut und
gleichfalls völlig kahl und glatt. Da ihre Blätter
einen schmackhaften Salat liefern , wird die
Pflanze hier und da (besonders bei der Blumen-
stadt Erfurt) im Großen angebaut. — Wie die
Brunnenkresse als Wasserpflanze, so gibt sich
die Knoblauchsrauke (Alliäria ofticinälis) durch
die großen, zarten Blätter sofort als Schatten-
pflanze zu erkennen (s. S. 7 c). Sie gedeiht
überall häufig unter Gebüsch und unter dem
Unterholze des Laubwalds und ist durch einen
scharfen Knoblauchsgeruch (Name!) gegen Weide-
tiere geschützt. — Gerade das Gegenteil in der
Belaubung zeigen die zahlreichen Kreuzblütler,
die trockene Stellen (Schutthaufen, Wegränder,
Mauern und dergl.) bewohnen. Sie müssen, um
nicht zu verdorren, mit der geringen Wassermenge,
die ihnen der oft ausgedörrte Boden liefert, sehr
sparsam umgehen. Darum finden wir bei ihnen
zumeist ein gering entwickeltes Blattwerk und
oft noch eine starke Behaarung. Als Beispiel für
diese unschönen, sparrigen, aber ihrem Standorte
vortrefflich angepaßten Pflanzen sei hier nur
die Besen- oder Schuttkresse (Sisymbrium
söphia) genannt, die ein vielfach zerteiltes Laub
besitzt. Weitere Beispiele finden wir unter den
B. Kreuzblütlern mit Schötchen (d. s.
Schoten, die nicht oder wenig länger als breit sind).
Da ist zunächst die Graukresse (Berteroa incäna). Sie ist an allen Teilen so
dicht mit sternförmigen Haaren bedeckt, daß sie graufilzig erscheint. — Ein anderes
Beispiel ist das niedliche Hungerblümchen (Eröphila venia), das selbst mit „hungrigstem 1 '
Boden fürlieb nimmt. Kaum ist der Schnee geschmolzen, so entfaltet es seine winzigen
Blüten, reift schnell Früchte und Samen, und wenn der Sommer kommt, der es infolge
seiner Trocknis vernichten würde, hat es seine Lebensarbeit bereits abgeschlossen. Seine
Blätter sind mehr oder weniger dicht mit gegabelten Haaren bedeckt und zu einer zier-
lichen Rosette geordnet. — Ein solches „Hungergewächs" ist auch das Hirtentäschel-
kraut (Capsella bursa pastöris — Name!), wenn es auf trockenem Boden wächst. Findet
Hungerblümchen (1.) und Knob-
lauchsrauke (2.) (nat. Gr.).
Schmeil, Lehrbuch der Botanik.
Tafel 4.
Klatschmohn (Papaver rhoeas).
Andere Kreuzblütler. Klatschmohn.
â– 2:;
es sich aber auf feuchtem, frachtbarem Ackerlande, so ist es
üppig ist es „in das Kraut geschossen". — Einen ähnlichen
zeigt auch das Heller- oder Pfennigkraut (Thläspi arven.se),
kraut zu unsern bekanntesten und lästigsten Unkräutern zählt.
Seine Früchte (Name!) bilden infolge breiter Flügelränder
flache Scheiben, die durch den Wind weithin verweht werden
können (Verbreitung der Art).
Zu der Gruppe der „Schötchenfrüchtler" gehören auch
mehrere Nutzpflanzen: Der Meerrettich (Cochleäria armoräcia)
liefert uns in seinem scharfschmeckenden Wurzelstocke ein
beliebtes Gemüse und Küchengewürz. Er stammt aus Süd-
europa, findet sich bei uns aber an Flußufern und dgl. häufig
verwildert. Richtiger sollte man ihn wohl Mähr- d.i. Pferde-
Rettich nennen; denn der Volksmund verknüpfte gern den
Namen einer Pflanze, die einer andern ähnlich, aber minder-
wertiger als diese ist (hier also „Rettich"), mit einem Tier-
namen (Beispiel!). — Als Salatpflanze wird an vielen Orten
die Gartenkresse (Lepidium sativum) angebaut, deren Samen
sehr schnell keimen. — Der Leindotter (Camelina sativa)
liefert ein geschätztes Brenn- und Speiseöl. In Thüringen
flechtet man aus den getrockneten Stengeln kleine Besen.
kaum wiederzuerkennen, so
Unterschied im AVachstum
das mit dem Hirtentäschel-
Schötchen vom Heller-
kraut. 1. geschlossen.
2. Klappen sich ablösend,
(wenig vergr.)
5. Familie. Mohng-ewächse (Papaveräceae).
Blüten mit 2-blättrigem, abfallendem Kelche, 4 kreuzweis gegenüberstehenden Blumen-
blättern, zahlreichen Staubblättern, einem Fruchtknoten, der aus 2 bis vielen Frucht-
blättern gebildet ist und zu einer mit Löchern aufspringenden Kapsel oder zu einer
Schote auswächst.
Der Klatschmohn (Papäver rhceas). Tat'. 4.
1. Pflanze und Mensch, a) Herrlich leuchten die Blüten des Klatsch-
nu i zwischen den hohen Halmen des Roggens hervor, und das grüne Klee-
feld abergießen sie oft wie mit feuerrotem Schein! Die Kinder pflücken die
prächtigen Blumen gern zum Strauße, machen sich aus den Blütenknospen
Puppen zum Spiel und legen die zarten Blütenblätter auf den durch Daumen
und Zeigefinger gebildeten Ring, schlagen darauf und erfreuen sich an dem
klatschenden Schall (Klatschmohn, Klatschrose, Klatschblume). — Auch der
Gärtner hat sich der schönen Feldblume angenommen. Seine Kunst schuf ge-
füllte Blumen von mannigfachster Färbung, die eine bekannte Zierde unserer
Gärten bilden.
b) Für den Landmann dagegen ist die Pflanze nichts weiter als ein lästiges
Unkraut; denn sie nimmt ja den angebauten Gewächsen Nahrung, Licht und
Platz weg. Obgleich der Kampf zwischen ihr und dem Menschen sicher schon
so lange währt, so lange überhaupt Getreidebau getrieben wird: so vermochte
sie der Mensch doch noch nicht auszurotten; denn ihr Leben hält mit dem des
24 Taf. 4. 5. Farn. Mohngewächse.
Getreides, zwischen dem sie wächst, gleichen Schritt. Mit dem Getreide sprießt
der Mohn im Herbst oder Frühjahr aus dem Boden hervor, und mit dem Keifen
des Getreides reifen auch seine Samen. Wenn nicht schon vorher, so werden
sicher bei der Getreideernte Tausende von Mohnkörnern über den Acker ver-
streut, und andere Tausende nimmt der Mensch mit in die Scheuer. Die Mehr-
zahl der letzteren geht freilich beim Reinigen oder Verbrauch der Getreidesamen
zu Grunde; es bleiben aber immer noch genug übrig, die bei der Aussaat wieder
auf den Acker zurückgelangen. So muß der Mensch das Unkraut selbst erhalten
und ausbreiten helfen! (Von welchen anderen Unkräutern gilt dasselbe?)
2. Wurzel, Stengel, Blatt, a) Die jungen Molinpflanzen, die im Herbst
aus Samen hervorgehen, bilden vor Eintritt des Winters je eine zierliche, dem
Boden aufliegende Blattrosette, deren Bedeutung wir beim Raps (s. S. 17)
bereits erkannt haben. Wenn aber im Frühjahre die Saat zu sprießen beginnt,
dann strecken sie sich auch zum Lichte empor (warum notwendig?;: sie treiben
je einen bis 1 m hohen Stengel, dessen fiederspaltige, gezähnte Blätter nach
oben zu immer kleiner werden (s. S. 17, D 1). Die Mohnpflanzen dagegen, die
erst im Frühlinge aus Samen entstehen, also keine Winterruhe durchzumachen
haben, sprießen sofort empor.
b) Eine kräftige Pfahlwurzel gibt der Pflanze im Boden festen Halt.
Je nachdem aber der Boden für Wasser durchlässig ist, je nachdem ist auch
die Wurzel ausgebildet: Auf durchlässigem Sandboden senkt sich die W T urzel
fast unverzweigt tief in den Grund; auf undurchlässigem Lehmboden dagegen
breitet sie sich stark verzweigt in der obersten Erdschicht aus. (Versuch: Fülle
Blumentöpfe mit beiden Bodenarten und beobachte, wie sich letztere gegen
Wasser verhalten !)
c) Stengel, Blütenstiele und Blätter sind mehr oder weniger dicht mit
stacheligen Haaren besetzt. An den jüngsten Blättern findet sich stets eine
sehr dichte Behaarung, ein Mittel, durch das die zarten Gebilde wie die jungen
Blätter der Roßkastanie (s. das.) gegen eine zu starke Wasserabgabe und so-
mit gegen das Vertrocknen geschützt sind. (Beachte auch, wie die jungen
Blätter zusammengefaltet sind und vergleiche deshalb gleichfalls die Roßkastanie!)
Hier sowohl, wie bei den ausgebildeten Pflanzenteileu, sind die Haare zweitens
aber noch ein Schutzmittel gegen Pflanzenfresser, die — wie die Erfahrung
lehrt — rauhhaarige Gewächse gern meiden (s. Schwarzwurz). Ein anderes
und zwar weit wirksameres Schutzmittel gegen diese Zerstörer besitzt die
Pflanze in
d) dem weißen, giftigen Milchsäfte (s. Schlafmohn), der bei Verletzungen
aus der Wundstelle hervordringt. Er verleiht der Pflanze einen bitteren Ge-
schmack und einen widerlichen Geruch, durch den sich sicher manches Tier
zurückschrecken läßt.
3. Die Blüten stehen am Ende je eines langen Stieles, der die Fortsetzung
des Stengels bildet oder aus den Blattwinkeln entspringt. So lange sich die
Blüte im
Klatschmohn.
25
Blütengrundrig vom
Klatschmohn.
a) Knospenzustaiide befindet, ist sie von 2 kahnartigen Kelchblättern
schützend umhüllt und infolge der Krümmung des Stieles abwärts geneigt (1.).
Öffnet sie sich, so streckt sich der Stiel, die nutzlos gewordenen Kelchblätter fallen
ab, und die Blumenblätter, die in dem engen Räume nur dadurch Platz fanden,
daß sie wie ein Stück Papier zusammengeknittert waren, breiten sich aus.
b) Die entfaltete Blüte ist durch die 4 großen, feuerroten, kreuzweis
gestellten Blumenblätter, die im Grunde oft noch einen schwarzen Fleck mit
weißem Rande besitzen (Erhöhung der Auffälligkeit!), weithin sichtbar. Sie
bietet den besuchenden Insekten nur Blütenstaub zur Nahrung dar. Darum be-
sitzt sie auch so zahlreiche Staubblätter, und diese erzeugen eine so große
Menge von Blütenstaub, daß die Insekten ohne Schaden
für die Pflanze davon speisen könnnen. Der bei dem
Mahle verstreute Staub wird von den muschelförmigen
Blumenblättern aufgefangen und bis zum Abholen durch
andere Insekten aufbewahrt, ein Umstand, der die auf-
rechte Stellung, sowie die Schalenform der Blüte als
sehr zweckmäßig erscheinen läßt. Vergleicht man die
Molinblüten mit Blüten, die Honig enthalten (z. B. mit
denen des Veilchens, der Erbse u. v. a.), so findet man
sie höchst einfach gebaut; denn sie bedarf ja keiner der
vielfachen Einrichtungen, die wir bei jenen Blüten zur
Aufbewahrung und zum Schutze des Honigs antreffen.
(Nenne andere Pflanzen mit honiglosen Blüten ähnlicher Form!)
Die Blumenblätter sind von solcher Zartheit, daß sie schwere Insekten,
die sich auf die Blüte niederlassen, nicht zu tragen vermögen. Als Anflugsplatz
dient den Besuchern daher ein anderer Blütenteil : der Stempel, und zwar
dessen schildförmige Narbe, die dem Fruchtknoten aufsitzt (2.). Lassen sich nun
Insekten, die von anderen Mohnblüten kommen und oft gänzlich mit Blütenstaub
eingepudert sind, auf dem Stempel nieder, so kann es nicht ausbleiben, daß
einige Blütenstaubkörnchen an den strahlenförmigen Haarleisten der Narbe haften
bleiben und Fremdbestäubung verursachen. An einem Querschnitte der
4. a) Frucht (3.) ist leicht zu erkennen, daß der Fruchtknoten aus mehreren
Blättern besteht, die an ihren Rändern so mit einander verwachsen sind, daß
sie kulissenartig in die Fruchtknotenhöhle ragen. Die Höhle wird dadurch in
mehrere Kammern geteilt, die jedoch unvollkommen voneinander getrennt sind.
An den kulissenartigen Wänden sitzen die Samen. Sie lösen sich zur Zeit der
Reife von ihren Stielchen und harren der Ausstreuung. Um diese zu ermög-
lichen, haben sich unter dem gelappten Narbenrande, der sich etwas in die Höhe
gebogen hat, unterdes mehrere kleine Löcher gebildet, so daß der „Mohnkopf"
einer Streusandbüchse ähnlich geworden ist (3. u. 4.). Biegen wir jetzt einen Frucht-
stiel nach der Seite und lassen ihn zurückschnellen, so sehen wir, wie Samen aus
den Öft'nungen herausgeschleudert werden (4.). Genau dasselbe geschieht bei heftigen
Windstößen. Jetzt verstehen wir auch, warum die Pflanze so auffallend lange
26
5.-8. Farn. Mohn-, Erdrauch-, Reseda- und Hartheugewächse.
Blüten-(Frucht-)stiele besitzt, und warum diese bei der Eeife der Samen so
elastisch werden. Und da alle Samen über einen möglichst großen Raum ver-
streut werden müssen, falls sich die jungen Pflanzen gegenseitig nicht Licht,
Nahrung und Platz wegnehmen solleu, so wird uns auch klar, warum sich die
Offnungen gerade oben an der aufrechtstehenden Fruchtkapsel bilden. Anderer-
seits sind aber auch die
b) Samen (5.) für diese Art der Ausstreuung geeignet; denn es sind kleine
und leichte Gebilde, die daher weit fortgeschleudert werden können. Zu Boden
gefallen, werden die Samen bald vom Regen verschwemmt. Da sie nun an der
Oberfläche zahlreiche Vertiefungen besitzen, in denen sich Erdteilchen festsetzen,
so verkitten sie gleichsam mit dem Boden und vermögen ungestört zu keimen.
Und wenn auch Tausende von Samen verloren gingen: schon eine Pflanze er-
zeugt deren soviele, daß ihre Nachkommen bald ein ganzes Feld rot färben
könnten !
Andere Mohngewächse.
Der Schlafmohn (P. somniferum), der in unsern Gärten mit gefüllten und sehr
mannigfach gefärbten Blüten häuüg als Zierpflanze gezogen wird, enstammt dem Orient.
Im großen baut man ihn bei uns nur seiner Samen
wegen, die das wertvolle Mohnöl liefern und !zu
mancherlei Gebäck verwendet werden. In süd-
lichen Ländern dagegen, besonders in Vorder-, Süd-
und Ostasien, ist er eine der wichtigsten Kultur-
pflanzen , denn er liefert das wertvolle Opium.
Um diesen kostbaren Stoff zu gewinnen, ritzt man
die halbreifen Molinköpfe mit feinen Messern und
schabt nach einiger Zeit den ausgeflossenen und
eingetrockneten Milchsaft ab. Das Opium ist gleich
dem Morphium, das aus ihm gewonnen wird, ein
wichtiges Arzneimittel, das selbst die unerträg-
lichsten Schmerzen stillt und dem Kranken den
ersehnten Schlaf bringt. Dieser "Wirkungen wegen
dient es aber auch im Orient als ein Mittel, sich
zu berauschen. Der Opiumesser oder -raucher sinkt
bald in eine angenehme Betäubung : er glaubt sich
den Sorgen und Leiden der Zeit entrückt, und süße
Träume umgaukeln seinen Geist. Dem Erwachen
folgt jedoch ein unerträgliches Übelbefinden, das
meist durch erneuten Opiumgenuß beseitigt wird.
Langsam aber sicher untergräbt der dem Laster
Verfallene seine Gesundheit, bis er endlich, an
Geist und Körper zerrüttet, vorzeitig in das Grab
sinkt.
An Mauern, sowie unter Hecken und Zäunen, findet sich häufig das Sehellkraut
(Chelidonium majus), das seines gelben Milchsaftes wegen allgemein bekannt ist. Es
blüht gelb und hat schotenförmige Früchte. Die schwarzen Samen besitzen einen kamm-
artigen, weißen, fleischigen Anhang. Dieses Gebilde wird von Ameisen gern verzehrt,
Blatt vom Sehellkraut
(*/i nat. Gr.).
Andere Mohnge wachse. Lerchensporn. Erdrauch. Fl. Herz. Reseda. Wau,
27
welche die Samen daher oft weit verschleppen und somit die Pflanze verbreiten. (Vgl.
mit Veilchen.) Beachte, wie die mittleren Abschnitte der fiederteiligen Blätter nahe der
Mittelrippe einen Lappen tragen, an der entgegengesetzten Seite dagegen einen Ausschnitt
besitzen und erkläre diese Erscheinung!
6., 7. und 8. Familie. Erdrauch-, Reseda- und Hartheug-ewäehse
(Fumariäceae, Resedäceae und Hypericäceae).
1. Erdrauchge wachse. Der Lerchensporn (Corydalis cava) ist wie
das Windröschen (s. das.) eine Pflanze des Laubwaldes. Kein Wunder darum,
daß sich zwischen beiden zahlreiche Übereinstimmungen finden: Der Lerchen-
sporn blüht wie das Windröschen im zeitigen Frühjahr; er überwintert mit
Hilfe eines Wurzelstocks, der freilich die Form
einer Knolle besitzt und zur Blütezeit hohl ist
(„Hohlwurz"), und besitzt gleichfalls große, mehr-
fach geteilte, dünne und leicht welkende Blätter.
Die purpurroten oder weißen, seitlich symme-
trischen Blüten dagegen sind viel kleiner als die
des Windröschens. Da sie aber in einer großen
Traube beieinander stehen und einen zarten Duft
aushauchen, werden sie den Insekten wohl bemerk-
lich. Der Honig wird in einem Sporne geborgen
(Name !), der von dem oberen der beiden äußeren
Blumenblätter gebildet wird. Die beiden inneren
Blätter bilden eine kapuzenförmige Schutzhülle
für den Blütenstaub, der auf der noch unreifen
Narbe abgelagert wird. Läßt sich aber auf der
Blüte ein Insekt (Biene) nieder, dann klappt die
Kapuze nach unten, so daß das Tier mit dem
Blütenstäube in Berührung kommen muß. Beim Saugen an einer älteren Blüte
wird der Staub an der (später reifenden) Narbe abgestrichen — und die Be-
stäubung ist erfolgt.
. Denselben Blütenbau und infolgedessen auch dieselbe Art der Bestäubung (Be-
weis!) finden wir bei einem allbekannten Unkraute unserer Gärten und Felder, dem
Erdrauch (Fumäria offieinälis), wieder. Da die zierliche, einjährige Pflanze aber auf
stärker besonntem Boden gedeiht, so besitzt sie auch weit kleinere und derbere Blatt-
flächen als der Lerchensporn. — Auch die aus China zu uns gekommene Zierpflanze,
die man ihrer schönen Blüten wegen „flammendes Herz" (Dicentra speetäbilis) nennt,
zeigt im wesentlichen dieselbe Blüteneinrichtung (Beweis !).
2. Ein allbekanntes Glied der Reseda- oder Waugewächse ist die wohl-
riechende Reseda (Reseda odoräta), die zu unseren geschätztesten Gartenpflanzen zählt.
Das anscheinbare Gewächs stammt aus Nordafrika. Statt einer leuchtenden Blumenkrone
übernimmt es weithin wahrnehmbarer Duft, die Insekten anzulocken. — Eine ganz ähn-
liche, nur größere und kräftigere Pflanze ist der gelbe Wau (R. lutea), der an Wegen
und ähnlichen trockenen Orten gedeiht.
Blüte vom Lerchensporn
1. in der Ruhe. 2. „Kapuze"
herabgedrückt, (l'/omal
nat. Gr.)
28 8. Fani. Hartheugewächse. 9. Farn. Veilchengewächse.
3. Hartheugewächse. Das Tüpfel-Hartheu (Hypericum perforätum) wächst
an Wegen und anderen trockenen Stellen. Die hohe, sparrige Pflanze hat ihrem Stand-
orte entsprechend (Beweis!) trockene Stengel und kleine Blätter (Gattungsname!). Zahl-
reiche helle Öldrüsen lassen die Blätter, gegen das Licht gehalten, wie durchlöchert er-
scheinen (Artname!). An den Blättern sowohl, wie an den 5 Kelch- und Blumenblättern,
finden sich viele schwarze Punkte und Striche, die beim Zerreiben einen roten Farbstoff
liefern. Das ist das „ Johannisblut", dem man früher wie der ganzen Pflanze, dem
„Johanniskraute", besondere Zauberkräfte zuschrieb. Die gelben Blüten enthalten zahl-
reiche Staubblätter, deren Fäden am Grunde zu 3 Bündeln verwachsen sind. Die drei-
fächerige Kapsel verhält sich gegen Trockenheit und Feuchtigkeit wie die Frucht der
Stein-Nelke (Versuch !). — Zu den Hartheugewächsen steht in näherer Verwandtschaft
Der chinesische Teestrauch (Thea sinensis).
Von dem Teestrauche können wir uns durch die Betrachtung der Kamelie
(Th. oder Camellia japönica), die der prächtigen (gefüllten) Blüten wegen zu
unsern beliebtesten Topfpflanzen zählt , leicht eine Vorstellung verschaffen : er
ist wie sie eine Pflanze mit elliptischen, immergrünen, lederartigen Blättern
(vgl. mit Orange) und weißen, rosenähnlichen Blüten. In seiner Heimat,
dem südlichen Asien, wächst er zu einem stattlichen Baume empor. In den
Ländern dagegen, in denen er angebaut wird, in China, Japan, dem ganzen
südlichen Asien und auf den vorgelagerten Inseln, sowie am Südabhange des
Kaukasus, wird er nur als kaum 1 — 2 m hoher Strauch gehalten.
Wenn man von dem Tee, wie er zu uns in den Handel kommt, etwas
im "Wasser aufweicht und vorsichtig auseinander breitet, so sieht man, daß er
aus getrockneten und zusammengerollten Blättern besteht. Das Laub,
das den Knospen entnommen ist oder sich soeben entfaltet, liefert die wertvollste
Ware; denn es ist am reichsten an dem flüchtigen Öle (s. Rose), das dem Tee
den bekannten Wohlgeruch verleiht, und an dem Stoffe (The'in) , der mit dem
Öle die belebende Wirkung des Teeaufgusses bedingt.
Die Verarbeitung der Blätter ist in den einzelnen Ländern sehr ver-
schieden. In China, dem wichtigsten Teelande der Welt, verfährt man in der
Regel in folgender Weise: Man nimmt dem Strauche im Jahre gewöhnlich drei-
mal das junge Laub. Die eingesammelten Blätter werden an der Luft getrocknet
und erhalten dadurch eine braune, fast schwarze Färbung (schwarzer Tee).
Alsdann werden sie in Pfannen über einem Feuer geröstet, zwischen den flachen
Händen gerollt, nochmals geröstet und schließlich langsam getrocknet. Setzt
man die eingeernteten Blätter der Einwirkung heißer Wasserdämpfe aus, so
bleibt die grüne Färbung mehr oder weniger erhalten, und man gewinnt so den
„grünen Tee". Von diesen beiden Teearten unterscheidet man wieder eine
große Menge Sorten, deren wertvollste nur im Hofhalte des chinesischen Kaiser-
hauses verwendet und darum Kaisertee (Imperial) genannt wird.
SchmeiL Lehrbuch der Botanik.
Tafel 5.
Wohlriechendes Veilchen (Viola odorata).
Hartheu. Teestrauch. Wohlriechendes Veilchen. 29
9. Familie. Veileheng-ewäehse (Violäceae).
Blüten seitlich symmetrisch, mit 5 Kelchhlättern, 5 Blumenblättern, von denen das
unterste gespornt ist, und 5 Staubblättern. Frucht eine einfächerige Kapsel ; Samen in
der Mitte der 3 Fruchtblätter.
Das wohlriechende Veilchen (Viola odoräta). Taf. 5.
A. Das Veilchen, eine Lieblingspflanze des Menschen. Keine Blume
unserer Heimat begrüßen wir mit so großer Freude wie das erste Veilchen,
das wir im jungen Grase des Gartens oder draußen auf dem Wiesenplane, an
der Hecke oder am Waldesrande finden: erblicken wir doch in ihm einen un-
trüglichen Boten des langersehnten Lenzes. Dichter haben das „kleine Blau-
Veilchen" darum besungen, und in zahlreichen Frühlingsliedern ist es verherr-
licht (Beispiele!). Obgleich durch die zarte Farbe und den köstlichen Duft der
Blüte mit hohen Gaben ausgestattet, blüht es doch still im Verborgenen. Darum
gilt es uns auch als ein Sinnbild der Demut und Bescheidenheit. Jener Gaben
A gen ist es auch seit altersher eine der beliebtesten Gartenblumen, und fort-
gesetzt arbeitet man daran (s. S. 19), immer größere, schönere und duftendere
Blüten zu erzielen, die sich je nach der Spielart zu jeder gewünschten Jahres-
zeit entfalten. Der köstliche Duft der Blüte wird auch zur Herstellung wohl-
riechender Wässer, Salben, Seifen u. dgl. benutzt.
B. Das Veilchen, eine Pflanze des Frühlings. 1. Ginge das Veilchen
in jedem Frühjahr aus Samen hervor, so könnte es unmöglich so zeitig im Jahre
grünen und blühen. Es ist aber eine ausdauernde Pflanze, die der Lenz
bereits fertig vorfindet.
2. Die Baustoffe für Blätter und Blüten sind in dem Stengel auf-
gespeichert. Er ist zum größten Teil im Erdboden verborgen und treibt hier
zahlreiche feine Wurzeln. Unrichtigerweise wird er meist selbst als Wurzel,
und zwar als die stärkste, angesehen. Da er aber zahlreiche Blattnarben be-
sitzt, früher also mit Blättern besetzt gewesen sein muß, kann er keine Wurzel
sein ; denn eine solche trägt niemals Blätter. Der kleinere Teil des Stengels ragt
aus dem Boden hervor und trägt an seinem Ende einen Büschel von Blättern.
Die vorjährigen Blätter, die sich meist bis zum Frühjahre erhalten, sterben
jetzt ab, und über ihnen bildet sich ein Büschel neuer. Der Stengel wächst
also in jedem Frühjahre ein Stück nach oben. Am entgegengesetzten Ende
dagegen stirbt er beständig ab (genau wie wir dies am unterirdischen Stamme
des Windröschens gesehen haben). Und wenn das Fortwachsen und Absterben
noch so langsam erfolgte, so müßte sich der Stengel doch wohl schließlich aus
dem Boden hervorschieben, so daß er auf ihm zu liegen käme? Dies geschieht
jedoch nicht! In demselben Maße nämlich, wie er unten abstirbt, wird er
von den Wurzeln in den Boden gezogen.
3. Blätter, a) Die hervorsprießenden jungen Blätter sind von beiden
Seiten her tütenförmig zusammengerollt (1.). Welche Bedeutung dies hat,
30 Taf. 5. 9. Fam. Veilchengewächsc.
wird uns folgender Versuch lehren. Wir nehmen 2 gleich große Blätter, die
jene Zusammenrollung zeigen, legen beide, nachdem aber das eine ausgebreitet
und vielleicht durch eine Stricknadel oder dgl. beschwert worden ist, an irgend
eine Stelle, so daß sie von den Sonnenstrahlen getroffen werden. Nach einiger
Zeit werden wir beobachten, daß das zusammengerollte Blatt noch ziemlich
„frisch" aussieht, während das andere schon stark verwelkt ist. Wie durch
einen anderen einfachen Versuch festzustellen ist (lege beblätterte Zweige irgend
eines Strauches oder Baumes unter eine Glasglocke und beobachte, wie die
Glaswand beschlägt, während die Pflanzenteile verwelken!), beruht das Ver-
welken auf zu starker Abgabe des in den Blättern enthaltenen Wassers. Die
Tütenform des jungen Blattes ist also ein Schutzmittel gegen zu starke
\V a s s e r a b g a b e.
Der erste Versuch zeigt uns auch, warum gerade das junge Blatt eines
solchen Schutzmittels bedarf: an dem künstlich ausgebreiteten Blatte welken und
vertrocknen die Teile, die sonst eingerollt waren, zuerst. Sie sind sehr zart,
geben darum am meisten Wasser in Dampfform ab, gehen daher auch am ersten
zu Grunde und — bedürfen deshalb eines besonderen Schutzmittels.
b) Nach und nach breitet das junge Blatt seine herzförmige, gekerbte
Fläche aus. Je nachdem das Veilchen in kurzem oder langem Grase wächst,
je nachdem sind auch die Blattstiele von verschiedener Länge: stets aber
sind sie so lang, um die Blattfläche in den vollen Genuß des Sonnenlichtes zu
setzen (Bedeutung?). Am Grunde jedes Blattstieles sitzen 2 kleine, lanzettliche
Nebenblätter.
C. Das Veilchen, eine Pflanze mit mehrfacher Vermehrung. 1. Aus-
läufer. Aus den Winkeln der unteren Blätter wachsen Zweige hervor, die
an den Stengelknoten Wurzeln schlagen. Die Zweige bleiben aber auf dem
Erdboden liegen und treiben im Gegensatze zu dem kurzgliedrigen Stengel (kurz-
gliedrig; denn die Blätter, die ja stets an Stengelknoten entspringen, stehen
dicht beieinander!) sehr lange Glieder (Kurz- und Langtriebe). Infolgedessen
entfernt sich die Spitze des „Ausläufers" weit von der Mutterpflanze. Am
Ende desselben bildet sich bald ein Blattbüschel, aus dem im nächsten Jahre
Blüten hervorbrechen: es ist eine neue Pflanze entstanden, die allerdings mit
der Mutterpflanze noch lange im Zusammenhang bleiben kann (1.)
2. Frühlingsblüte. So prächtig die Blüte des Veilchens ist, so wunder-
bar ist auch ihr
a) Bau. Wie der Körper des Menschen und zahlreicher Tiere (Bei-
spiele !) kann die Blüte nur durch einen Schnitt (führe ihn !) in 2 spiegel-
bildlich gleiche Teile zerlegt werden: sie ist seitlich symmetrisch. Ein
langer Stiel, der in der Mitte 2 schuppenartige Blättchen trägt, hebt sie aus
dem Grase empor. (Bedeutung? Beachte hier wie bei den Blattstielen die ver-
schiedene Länge!) Die 5 Kelchblätter umschließen anfänglich die inneren
Blütenteile gänzlich (Bedeutung?). Später werden sie von den violetten (selten
weißen) Blumenblättern auseinandergedrängt, von denen an der entfalteten
Wohlriechendes Veilchen. 31
Blüte je 2 nach oben und nach der Seite gerichtet sind und eins nach unten
steht, Das untere Blumenblatt verlängert sich in einen Sporn (3.), in den die
beiden unteren der 5 Staubblätter (4.) je einen langen, grünen Fortsatz I II.)
senden. Wie man sich durch den Geschmack leicht überzeugen kann, sondern
diese Fortsätze Honig ab. Der süße Saft fließt in den Sporn, den man darum
treffend auch als „Safthalter" bezeichnet. Die sehr
kurzen Staubblätter umstehen den Fruchtknoten und
besitzen am Vorderrande je einen orangefarbenen Fort-
satz (4. F.). Die Fortsätze greifen etwas übereinander
und bilden einen kegelförmigen Hohlraum, dessen Spitze
von dem fadenförmigen Griffel durchbrochen wird. Das
Ende des Griffels ist die hakenförmig nach unten ge-
krümmte Narbe. Öffnen sich die Staubbeutel (4 B.), so
fällt der trockene, mehlartige Blütenstaub in diesen Bliitengrundrig vom
Hohlraum. — Nicht weniger wunderbar als der Bau, Veilchen.
ist auch die
b) Bestäubung der Blüte (3.). Durch die Färbung der Blumenblätter (vio-
lett, Blütenmitte weißlich, unteres Blatt mit dunkelblauem Streifen; selten ganz
weiß) und den weithin wahrnehmbaren Duft werden die Bestäuber angelockt.
Da der Honig im Sporn verborgen ist, können kurzrüsselige Insekten nicht bis
zu ihm gelangen. Bienen und Hummeln sind die Hauptbestäuber. Sie lassen
sich entweder auf dem unteren Blumenblatte nieder oder hängen sich an die
beiden oberen Blätter, wobei sie sich an den Härchen der seitlichen Blätter
festhalten.
Wie die Bestäubung erfolgt, läßt sich leicht durch folgenden Versuch
feststellen: Man halte eine (junge) Blüte in ihrer natürlichen Stellung so hoch,
daß man bequem hineinschauen kann, und führe mit der andern Hand ein zu-
gespitztes Hölzchen (Insektenrüssel!) in den Sporn. Sobald nun die Narbe, die
den Eingang versperrt, vom Hölzchen getroffen wird, bewegt sich der Griffel
ein wenig nach oben. Dadurch weichen die orangefarbenen Fortsätze der Staub-
blätter auseinander, d. h. der von ihnen gebildete kegelförmige Hohlraum öffnet
sich, so daß etwas von dem mehlartigen Blütenstäube herausfallen muß. Ge-
nau dasselbe erfolgt, wenn ein Insektenrüssel in die Blüte eindringt: ein Teil
des Blütenstaubes fällt dem Tiere auf Eüssel und Kopf. Fliegt das
Insekt nun zu einer zweiten Blüte, so kann es nicht ausbleiben, daß einige Körnchen
davon an der Narbe, die gerade im Wege zum Honig steht, abgestrichen werden,
daß also Fremdbestäubung erfolgt. Jetzt wird uns auch verständlich, warum
das Veilchen trockenen Blütenstaub besitzt, während wir bei „insektenblütigen
Pflanzen" der Regel nach klebrigen Staub (warum?) antreffen, weshalb die Blüte
nicht aufrecht stehen oder senkrecht nach unten hängen darf (wohin würde der
Blütenstaub fallen?), sondern schräg nach unten geneigt sein muß, warum also
— mit anderen Worten ausgedrückt — der Blütenstiel an seinem oberen Ende
die eigentümliche Krümmung macht.
32 9. Fam. Veilchengewächse. 10. Farn. Sonnentaugewächse.
3. Sommerblüten. Außer den prächtigen Frühlingsblüten bringt das
Veilchen später im Jahre noch andere, aber sehr unscheinbare Blüten hervor (2 S.).
Ihr Kelch bleibt geschlossen; die Blumenblätter färben sich nicht bunt; die
Staubblätter und der Stempel aber sind wohl entwickelt, so daß regelmäßig
Früchte entstehen. Da die Bestäubung dieser „Sommerblüten" ohne Hilfe der
Insekten erfolgt (Selbstbestäubung), so fehlen ihnen selbstverständlich auch die
Anlockungsmittel der Frühlingsblüten: die bunte Färbung, der Duft und der Honig.
4. Frucht, a) Der Fruchtknoten ist aus 3 Fruchtblättern gebildet,
die an ihren Rändern zahlreiche Samen tragen. Die unreifen Fruchtkapseln
hängen an gekrümmten Stielen nach unten oder liegen gar auf dem Boden.
Sobald sie aber reif sind, richten sich die Stiele empor. Die 3 Klappen
(d. s. die verwachsenen Hälften je zweier benachbarter Fruchtblätter), durch die
sich die Frucht öffnet, schrumpfen von der Seite her nach und nach zusammen.
Infolgedessen geraten die Samen zwischen die Klappen und werden durch den
Druck, der durch das fortgesetzte Eintrocknen erzeugt wird, fortgeschnellt, ähn-
lich wie Kirschkerne, die wir mit den Fingern „fortschnippen". Darum müssen
sich auch die Fruchtstiele bei der Reife der Samen aufwärts bewegen. Und
wenn man bedenkt, daß das Veilchen an geschützten Orten wächst, an denen ein
Aussäen der Samen durch den Wind (wie z. B. bei der Steinnelke) kaum mög-
lich ist, wird man leicht erkennen, daß diese Verbreitungsweise außerordentlich
zweckentsprechend ist. Gleich wie sich aber nur glatte Körperchen „fort-
schnippen" lassen (Kirschkerne sind feucht!), sind auch
b) die Samen außerordentlich glatte Gebilde. Sie besitzen je einen
weißen, fleischigen Anhang, der ohne Schaden für die Keimung entfernt werden
kann. Man hat nun beobachtet, daß gewisse Ameisenarten den Anhang gern
verzehren und deshalb die Samen in ihre Baue tragen oder verschleppen. Und
das ist für die Pflanze ein Vorteil; denn viele Samen gelangen auf diese Weise
an einen Ort, an dein sie keimen können: gewiß eine noch eigentümlichere Art
der Verbreitung!
Andere Veilchen.
Im schattigen Walde, wie auf ödem Sandboden, auf nassen, wie trockenen Wiesen,
in der Ebene, wie im Gebirge : überall treten uns Veilchen entgegen, die — weil ge-
ruchlos — der Volksmund gewöhnlich als „wilde Veilchen" bezeichnet. Sie gehören
sehr verschiedenen Arten an, die schwer voneinander zu unterscheiden sind. Am häu-
figsten ist das Hunds-Veilchen (V. canina) mit seinem langgliedrigen Stengel und den
hellblauen, weißgespornten Blüten. — Am bekanntesten jedoch ist das Stiefmütterchen
(V. tricolor), das auf Feldern und Triften überall zu finden ist. (Wie ist es der Sage
nach zu seinem Namen gekommen ?) Unter den Stiefmütterchen macht sich aber ein be-
merkenswerter Unterschied geltend : die einen besitzen große, prächtig blau oder blau und
weiß (gelb) gefärbte Blüten ; die anderen dagegen haben kleine, unscheinbare, meist gelb-
lichweiße oder auch blaue und gelbe Blumenblätter. Mit dieser Verschiedenheit steht
die Art der Bestäubung in innigstem Einklang! Die großen, auffallenden Blüten
sind nur durch Fremdbestäubung zu befruchten; die kleinen, unscheinbaren dagegen be-
stäuben sich selbst! Untersuche den Bau ihrer Griffel und führe dies näher aus! — Die
Andere Veilchen. Rundblättriger Sonnentau.
33
großblumige Form des Feldstiefmütterchens und einige verwandte Arten sind die Stamm-
eltern der Gartenstiefmütterchen (Pensees). Eine planmäßige Veredlung (s. S. 19)
dieser herrlichen Gartenpflanze hat erst zu Anfang des 19. Jahrhundorts begonnen, und
welchen Erfolg diese Arbeit gehabt hat, davon legen die erstaunliche Größe und wechsel-
volle Farbenpracht der samtenen Blumen beredtes Zeugnis ab.
10. Familie. Sonnentaugewächse (Droseräceae).
Der rundblättrige Sonnentau (Drosera rotundifölia)
und einige andere ^insektenfressende Pflanzen".
Die zierlichen Blattrosetten des
dem feuchten Boden des Moores oder
1. Ein Bewohner des Moores.
eigentümlichen Pflänzchens finden sich
den weichen Polstern des Torfmooses
(Sphagnum) aufgelagert, oder auch in dem
niedrigen Grase, das den schwankenden
Grund bedeckt. Zur Sommerzeit erheben
sich aus der Mitte der Rosette einige
kaum spannenlange Blüten schaffe. Die
weißen, unscheinbaren Blüten entfalten
sich aber nur im warmen Sonnenschein
und zwar je nur auf einige Stunden. Die
grünen Blätter tragen auf langen Stie-
len kreisrunde, etwas ausgehöhlte Blatt-
flächen, die an der Oberseite mit zahl-
reichen roten Haaren bedeckt sind. Die
Haare nehmen vom Rande nach der
Mitte zu beständig an Größe ab und
sind von je einem roten Köpfchen ge-
krönt. (Vgl. die Blätter mit Löffelchen,
die Haare mit Stecknadeln und die
Blattflächen mit Nadelkissen!) Da die
Köpfchen von einer farblosen Flüssig-
keit umhüllt sind, glänzen und glitzern
sie im Sonnenscheine wie der Tau in
der Morgenfrühe (Name!) oder wie der Honig in zahlreichen Blüten (z. B.
der Doldenpflanzen). Die Flüssigkeit verdunstet aber selbst an warmen Tagen
nicht und schmeckt auch nicht süß: sie kann also weder Tau, noch Honig
sein. Berühren wie sie, so gibt sie sich als eine klebrige, fadenziehende Masse
zu erkennen, die von den Köpfchen ausgeschieden wird. Die Köpfchen sind
also Drüsen, die auf langen Stielen stehen. — Sehr häufig findet man auf
den Blättern Panzer von Insekten oder Teile davon. Wie sind diese Körper
dorthin gelangt?
Schm eil, Lehrbuch der Botanik. 3
Blatt vom Sonnentau
5 mal nat. Gr.).
34
10. Fam. Sonnentaugewächse.
2. Eine „insektenfressende" Pflanze, a) Wie die Beute gefangen
wird. Durch die rote Färbung der Haare und die klebrige, wie Honigsaft
glänzende Masse der Drüsenköpfchen werden Insekten angelockt. Sobald sich
aber ein Tierchen niederläßt, den vermeintlichen Nektar zu trinken, fühlt es
sich gefangen und sucht zu entfliehen. Einem kleinen Insekt ist dies aber
nicht mehr möglich: es wird von den Drüsen, die es berührt, wie von Leim-
ruten festgehalten. Die Köpfchen nehmen jetzt eine dunkelrote Farbe an und
scheiden eine größere Menge Flüssigkeit aus; ihre Stiele krümmen sich wie
Finger der Mitte der Blattfläche zu; die be-
nachbarten Haare krümmen sich gleichfalls und
drücken ihre Köpfchen auf die Beute; dasselbe
tun die entfernteren Haare: und nicht lange
währt es (bestimme die Zeit bei deinen Ver-
suchen !), so ist das Insekt wie von hundert und
mehr Saugnäpfen eines Polypen gepackt, zur Mitte
des Blattes befördert und in der ausgeschiedenen
Flüssigkeit ertränkt (erstickt).
b) Wie die Beute „verzehrt" wird.
Nach ein paar Tagen finden wir auf dem Sonnen-
taublatte, dessen Drüsenhaare sich unterdes wie-
der aufgerichtet haben, nur noch den Hautpanzer
des gefangenen Insekts. W T o sind aber die W T eich-
teile des Tieres so schnell hingekommen? Die
Flüssigkeit, die nach dem Fange des Insekts von
den Drüsen ausgeschieden wurde, enthält einen
Stoff, der wie unser Magensaft imstande ist, ei-
weißhaltige Körper (Fleisch und dgl.) aufzulösen.
Durch seine Einwirkung wurden in der Höhlung
der Blätter die Weichteile verflüssigt, und indem
die ausgeschiedene Flüssigkeit von den Drüsen wieder zurückgesogen wurde,
wurden auch die eiweißhaltigen Stoffe des Insektenleibes mit aufgenommen.
Mit Becht nennt man daher den Sonnentau eine „insektenfressend e"
Pflanze. — Genau wie gegen lebende Tiere verhält sich die Pflanze auch
gegen andere stickstoffhaltige Körper (Fleischstückchen, gekochtes Hühner-
eiweiß, geronnenes Blut und dgl.). Bringt man dagegen stickstoffreie Körper
(Sandkörnchen, Holz, Zucker und dgl.) auf die Blätter, so stellen sich jene
Veränderungen zwar auch ein, aber in einem viel schwächeren Grade und ohne
daß diese Körper irgendwie verändert oder gar aufgesogen würden. (Stelle
entsprechende Versuche an! Wie verhält sich das Blatt, wenn man ihm zwei
Speisebrocken gibt? Inwiefern sind die ausgehöhlte Blattfläche und die An-
ordnung der Blätter zu einer Rosette für die Pflanze von Vorteil?)
Dienen dem Sonnentau die aufgesogenen Tierstoffe aber auch wirklich zur
Ernährung? Daß dies der Fall ist, haben zahlreiche Versuche bewiesen: die
Blatt vom Sonnentau: Die
gestielten Drüsen haben sich
z. T. über einem Stückchen
Fleisch nach innen gebogen.
(etwa 5 mal nat. Gr.)
Rundblättriger Sonnentau und andere „insektenfressende" Pflanzen. 35
mit tierischer Kost „gefütterten" Pflanzen waren stets kräftiger und erzeugten
größere Samen und Winterknospen als die Pflanzen, denen man eiweißhaltige
Stoffe vorenthielt. (Stelle solche Versuche an !) Wir können hiernach auch ver-
stehen, wie die Pflanze mit so dürftig entwickelten Wurzeln auskommt. Und
wenn wir erfahren, daß der Moorboden sehr arm an Stickstoff ist, ohne den
sich in den grünen Blättern kein Eiweiß bilden kann, so werden wir auch
die Wichtigkeit des Insektenfanges für die Pflanze als für einen Moor-
bewohner verstehen.
3. Andere „insektenfressende" Pflanzen. Auf sumpfigen Wiesen und in
der Gesellschaft des Sonnentaus findet sich häufig das niedliche Fettkraut (Pingaicula
vulgaris). Wie die violette Blüte deutlich zeigt, ist das Pflänzchen gleich dem w. u.
erwähnten Wasserschlauch den Lippenblütlern nahe verwandt. Da beide aber Tierfänger
sind, sollen sie trotzdem hier kurz betrachtet werden. Die hellgrünen, fleischigen Blätter
des Fettkrautes (Name!) bilden eine dem Boden aufliegende Rosette. Sie sind an den
Seitenrändern etwas aufgebogen und an der Oberfläche mit zahlreichen Drüsen bedeckt,
die einen klebrigen Saft ausscheiden. Kleine Insekten, die auf das Blatt geraten und
in den Saft einsinken, suchen zu entfliehen. Sobald sie aber den Blattrand berühren,
„bekommt das Blatt Leben": der Blattrand überdeckt das Tier und schiebt es nach der
Mitte des Blattes, von den Drüsen wird ein Verdauungssaft ausgeschieden, und bald ist
die Beute getötet und verzehrt.
Aus dem Wasser der Teiche, Tümpel und Gräben ragen in den Sommermonaten
nicht selten die prächtigen, gelben Lippenblüten des Wasserschlanchs (Utriculäria
vulgaris) hervor. Die Pflanze schwebt ohne Wurzeln frei im Wasser, bewohnt daher nur
stehende Gewässer (warum?) und besitzt wie der Wasserhahnenfuß (s. das.) fein zer-
teilte Blätter. Einzelne Blattzipfel sind aber zu eigentümlichen Blasen oder kurzen
Schläuchen (Name!) umgewandelt, die etwa die Größe von Pfefferkörnern besitzen und
Tierfallen darstellen. In das Innere jeder Blase führt eine Öffnung, die von mehreren
kleinen und 2 verzweigten, größeren Borsten umstellt und durch eine Klappe verschlossen
ist. Schon durch den Anstoß eines Wasserinsekts, eines Ruder-, Blattfuß- oder Muschel-
krebschens öffnet sich die Klappe nach innen. Die Tierchen dringen auch zahlreich in
die Blase ein, sind aber alsbald gefangen ; denn die Klappe öffnet sich nicht nach außen.
Nach einigen Tagen verenden sie ; die Verwesungsstoffe aber werden von der Pflanze
aufgesogen und zum Aufbau ihres Körpers verwendet.
In wärmeren Ländern gibt es eine Reihe von Pflanzen, die den Tierfang mit
Hilfe sehr verschieden gestalteter Fallgruben betreiben. Unter diesen sind wieder die
bei uns häufig in Gewächshäusern gezogenen Kannensträucher (Nepenthes) am seltsamsten.
Sie gedeihen auf dem Sumpfboden der Urwälder oder klettern auch in dem niedrigen
Buschwerk empor. Ihre Blattstiele sind im ersten Abschnitt blattartig verbreitert, im
mittleren strangartig, im Endteile aber zu der kannenförmigen Fangvorrichtung um-
gewandelt, deren Deckel durch die kleine Blattfläche gebildet wird. Wie die Blumen, so
bedient sich auch die Kanne besonderer Mittel, die Insekten anzulocken : der Deckel
und besonders der gewulstete Rand sind oft mit Honig bedeckt, und die Buntfärbung des
ganzen Gebildes zeigt den Tieren an, daß hier eine Nahrungsquelle fließt. Der Kannen-
rand ist aber an der Innenseite abschüssig und durch einen Wachsüberzug geglättet.
Es kann daher nicht ausbleiben, daß zahlreiche Näseher in die Kanne stürzen, die oft
bis zur Hälfte mit Flüssigkeit gefüllt ist. Da die Innenwand der Kanne durch einen
36
11. Fam. Nelkengewächse.
"Wacksüberzng gleichsam poliert ist und vom Rande oft noch große Zähne nach innen
starren, so giebt es für die Gefangenen kein Entkommen. Sie ertrinken; ihre "Weichteile
werden von dem ausgeschiedenenVerdauungs-
safte aufgelöst und von der Pflanze aufge-
ll. Familie. Nelkengewäehse
(Caryophyllaceae).
Blüten: 4 oder 5 freie oder verwachsene
Kelchblätter; 4 oder 5 Blumenblätter; Staub-
blätter in 2 Kreisen, meist 10 ; Früchte ein-
fächerig; mit meist vielen Samen an einer
mittelständigen Säule.
1. Unterfamilie. Eigentliche Nelken
(Sileneae).
Kelchblätter zu einer Röhre verwachsen.
Die Stein-Nelke (Diänthus
carthusianörum).
Die allbekannte*, auch Karthäuser**-
Nelke genannte Pflanze findet sich,
wie schon der Name andeutet auf stei-
nigem Untergrunde, grasigen Bergab-
hängen, in Straßengräben und an ähn-
lichen trockenen und dem Sonnenbrande
voll ausgesetzten Stellen. Sie ist also
A. eine Odlanrtpflanze. 1) Unter-
sucht man den Boden ihres Standorts
im Sommer, wenn es längere Zeit nicht
geregnet hat, so wundert man sich,
dali auf einem (nach unserer Meinung)
so „völlig" ausgetrockneten Grunde noch
nicht alles Pflanzenleben erloschen ist;
die Nelke dringt aber mit ihrer starken
Hauptwurzel, in die sich der verzweigte unter-
irdische Stamm (s. Absch. 2) fortsetzt, bis zu den
tieferen Erdschichten hinab, die selbst während der
trockensten Jahreszeit etwas Feuchtigkeit besitzen.
Auf Felsuntergrund freilich, der nur mit einer dünnen
Schicht Erde überzogen ist, können die "Wurzeln
* An den wenigen Orten, an denen sie fehlt, kann
die Heidenelke (s. w. u.) an ihre Stelle treten.
** Nach den beiden Naturforschern Karthauser, die
im 18. Jahrhundert lebten.
Stein-Nelke. 37
nicht tief hinabsteigen. Dort müssen sich die Pflanzen, die darum auch außer-
ordentlich dürftig sind, dann mit dem nächtlichen Tau begnügen, der von den
oberflächlich liegenden Wurzeln aufgesogen wird. Und die geringe Menge von
Feuchtigkeit genügt der Pflanze, wie der Augenschein lehrt, das Leben zu
erhalten.
2) Andererseits werden wir aber nicht fehl gehen, wenn wir annehmen,
daß die Pflanze an allen Orten mit der geringen Wassermenge, die ihr zur
Verfügung steht, sehr sparsam umgehen wird. Wir finden bei ihr keine großen
Blattflächen, wie sie die Schatten- oder Wasserpflanzen (s. Windröschen und
Sumpf-Dotterblume) besitzen, sondern schmale, grasartige Blätter. Und
diese Blätter sind — wieder im Gegensatz zu jenen Pflanzen — sehr derb;
selbst wenn wir einen Strauß Stein-Nelken stundenlang in der Hand tragen,
so bringen wir ihn doch „frisch" mit nach Hause, ein Zeichen, wie gering die
Wasserverdunstung durch die Blätter sein muß. — Die Blätter stehen sich
paarweis gegenüber und sind am Grunde zu einer kurzen Röhre verwachsen,
die den Stengel umschließt (vgl. mit Roggen). Neben solchen Zweigen, die
sich in einem hohen, Blüten tragenden Stengel fortsetzen, bildet der unterirdische
Stamm (Wurzelstock) stets auch einige Äste mit sehr kurzen Gliedern, die erst
im nächsen Jahre blühen (d. s. bei der Gartennelke die sog. Absenker oder
Ableger).
B. Eine Tagfalterblume. Bunte Tagfalter und träge Widderchen
(Zygsena) besuchen häufig die Blüte der Steinnelke. (Bestimme die beobachteten
Schmetterlingsarten !)
1. Wie sie die Falter anlockt, a) Die blütentragenden Stengel
erheben sich — wie wir schon gesehen haben — hoch über die niederen Pflanzen
der Umgebung. (Beachte an verschiedenen Örtlichkeiten, wie die Länge der
Stengel stets zu der Höhe der umgebenden Pflanzen im Verhältnis steht \)
b) Die oberen, breiten und am Rande ausgezackten Abschnitte der 5 Blum en-
blätter sind von leuchtend karminroter Färbung. (Wie sind die unteren
schmalen Abschnitte gefärbt?)
c) Die Blüten stehen in Büscheln beisammen, und zwar sind fast
stets einige zugleich entfaltet, so daß die Auffälligkeit erhöht wird.
2. Was sie den Faltern bietet, a) Die 10 Staubblätter sind an ihrem
untersten Teile zu einem Ringe verwachsen, der in reichem Maße Honig ab-
sondert.
b) Wie in der bekannten Curtmannschen Er-
zählung vom „Storch und Fuchs" der Fuchs allein von
flachen Tellern, der Storch aber aus langhalsigen Fla-
schen speisen konnte, so vermögen die kurzrüsseligen In-
sekten (Fliegen, Käfer) den Honig nur aus flachen
Schalen (Beispiele !) zu lecken , während die langrüsse-
ligen ihn am liebsten aus tiefen Gefäßen entnehmen. Riste <>• u irifl 1--
Die Schmetterlinge besitzen nun aber unter allen In- Stein-Nelke
38 11. Farn. Nelkengewächse.
sekten den längsten Rüssel. Sie saugen daher den Honig bequem aus langen
Blumenrohren, wie wir eine solche auch bei der Nelke finden. Die Röhre
wird hier aus den sehr schmalen unteren Abschnitten (den sog. Nägeln) der
Blumenblätter gebildet. Diese Blütenteile sind aber (schlitze den Kelch auf!)
von so großer Zartheit, daß sie sich ohne fremde Hilfe nicht aufrecht erhalten
können. Sie wird ihnen von dem fünfzipfligen Kelche gewährt, dessen Blätter
zu einer steifen Röhre verwachsen sind. Die an sich schon enge Blütenröhre
wird durch die Staubblätter und Stempel noch mehr verengt. Darum kann nur
ein Schmetterlingsrüssel in ihr vordringen. Unnützen Näschern aber ist durch
diese Einrichtung der Weg zum Honig von oben versperrt.
c) Und von unten vermögen die beißkräftigen Hummeln und Bienen, die
bei zahlreichen Blumen (bei Taubnessel, Leinkraut u. v. a.) Einbruch verüben,
nicht zum Honig vorzudringen; denn die Blüten sind am Grunde von festen,
lederartigen (braunen) Schuppen umgeben.
3. Wie die Bestäubung erfolgt, a) Die 10, zu 2 Kreisen geordneten
Staubblätter und die beiden Narben reifen (wie bei fast allen Gliedern der
Unterfamilie) in einer bestimmten Reihenfolge: Zuerst strecken die 5 äußeren
Staubblätter die Beutel aus der Blütenröhre hervor, bieten den grünblauen Blüten-
staub aus und verschrumpfen bald. Ihnen folgen die Staubblätter des inneren
Kreises, und erst nachdem sie verblüht sind, kommen die Narben hervor.
b) Da die Staubbeutel und Narben vor dem Zugange zum Honig stehen,
müssen sie erstlich von den saugenden Schmetterlingen gestreift werden. Und
da beide Blütenteile ungleichzeitig reifen, kann es zweitens nicht ausbleiben,
daß die Tiere beim Flug von Blume zu Blume Blütenstaub von jüngeren Blüten
zu den Narben älterer Blüten tragen. Kurz: die Besucher müssen unfrei-
willig Fremdbestäubung vermitteln. (Warum ist Selbstbestäubung völlig
ausgeschlossen?)
C. Frucht und Same. 1. a) Der Anzahl der Narben entsprechend, ist
der Fruchtknoten (die Frucht) aus 2 Fruchtblättern gebildet. In seine Höh-
lung ragt eine Verlängerung des Blütenstiels, die zahlreiche Samenanlagen trägt.
b) Da sich die reife Kapsel an der Spitze mit 4 Zähnen öffnet, so können
die Samen allein nicht ausfallen. Die Pflanze bedarf hierzu wie der Klatsch-
mohn der Hilfe des Windes. Dieser Ausstreuungsweise entsprechend finden wir
(s. a. B. 1. a.) bei der Nelke auch einen hohen und elastischen Stengel, der
leicht vom Winde erschüttert werden kann.
c) Legt man Samen von Landpflanzen (Versuch !) längere Zeit ins Wasser,
so gehen sie durch Fäulnis zu Grunde. Daher erscheint es für die Nelke doch
sehr unvorteilhaft zu sein, daß ihre Fruchtkapseln nach oben geöffnet sind!
Denn es kann doch wohl nicht ausbleiben, daß die Samen bei jedem Regen
vollkommen durchnäßt werden? Das ist jedoch nicht der Fall. Betrachtet
man nämlich Kapseln, die gestern bereits geöffnet waren, nach Eintritt eines
Regenwetters, so findet man sie sämtlich wieder geschlossen: ihre Zähnchen
haben sich (weil sehr hygroskopisch) wieder nach innen gekrümmt, so daß dem
Stein-Nelke. Andere Nelken. 39
Wasser der Eintritt in das Fruchtinnere verwehrt wird. (Durch Eintauchen der
Kapseln in Wasser und nachheriges Trocknen kann man den Vorgang im Zimmer
beliebig oft wiederholen. — Beobachte daraufhin auch andere Nelken!)
2. Da die kleinen Samen rings von je einer trockenen Haut umgeben
sind, so bilden sie flache Scheiben. Sie bieten dem Winde somit eine große
Angriffsfläche dar und können infolgedessen weit verweht werden.
Andere Nelken.
Schon von alters her ist die vielgestaltige Gartennelke (D. caryophyllus), die
aus Südeuropa stammt, ein Liebling des Mensehen. Wegen des herrlichen Duftes ihrer
Blüten, der lebhaft an den der Gewürz-Nelken oder Gewürz-Nägelein (so genannt nach
der Ähnlichkeit mit einem Nagel) erinnert, erhielt die Pflanze (samt ihren nächsten Ver-
wandten) den Namen „Nägelein", aus dem durch Verkürzung das "Wort „Nelke" ent-
standen ist. — An ähnlichen Örtlichkeiten wie die Steinnelke findet sich die zierliche
Heidenelke (D. deltoides). Ihre einzeln stehenden Blüten sind aber in ein helleres Rot
gekleidet, mit weißen Punkten überstreut und oft noch durch einen purpurnen Ring
verziert. — Unter der Saat findet sich als schöne Feldblume, aber auch als lästiges
Unkraut die Kornrade (Agrostenima githägo). Ihre schwarzen Samen sind schwach giftig.
Finden sie sich daher in Menge unter dem Getreide, so machen sie das Mehl für den
menschlichen Genuß unbrauchbar. — Ein prächtiger Schmuck feuchter Wiesen sind
im Frühlinge die rosafarbenen Blüten der Kuckucksnelke (Coronäria flos cüculi). Den
Artnamen führt die Pflanze von dem „Kuckucksspeichel", den man häufig an ihren
Stengeln findet, der aber nicht vom Kuckuck, sondern von der Larve der Schaumzirpe
herrührt (s. S. 22). Die zarten Blüten besitzen zerschlitzte Blumenblätter. Da die Blütenröhre
verhältnismäßig kurz ist, vermögen auch langrüsselige Bienen und Fliegen bis zum
Honig vorzudringen. — Noch mehr gilt dies von dem bekannten Taubenkropt' (Silene
vulgaris), der auf trockenen Wiesen, an Wegrändern und dgl. häufig anzutreffen ist. Da
sein netzadriger Kelch kropfartig (Name!) aufgeblasen ist, können nur ausnahmsweise
sehr langrüsselige Hummeln durch Einbruch bis zum Honig vordringen. — Das Seifen-
kraut (Saponäria officinälis) dagegen, das an Flußufern, zwischen Gebüsch und dgl.
wächst, hat eine so lange Blütenröhre, daß es nur von den langrüsseligsten Schmetter-
lingen, den Schwärmern, bestäubt werden kann. Die Wurzel der Pflanze, die beim Reiben
im Wasser wie Seife schäumt (Name !), ist durch einen giftigen Bitterstoff gegen Mäuse
und andere Nager geschützt.
Eine häufige, aber sehr interessante Pflanze sonniger Hügel und trockener Wälder
ist das nickende Leimkraut (Silene nutans). Wenn der Abend anbricht, macht es
sich zum Empfang seiner Bestäuber, der Nachtschmetterlinge, bereit: es entfaltet die weißen
Blütensterne, streckt wie die Steinnelke 5 seiner Staubblätter oder die 3 Narben aus
der Blütenröhre hervor und sendet einen köstlichen Duft aus. Da in der Nacht alle
Blumen bis auf die hellsten den Blicken entschwinden (beobachte dies!), so wird uns die
weiße Farbe der tiefgeteilten Blumenblätter wohl verständlich. Wer ferner jemials
Nachtschmetterlinge „geködert" hat (bestreiche in einer Sommernacht Baumstämme am
Waldesrande mit etwas Apfeläther oder einer ähnlichen stark duftenden Flüssigkeit und
beobachte den Anflug der Nachtinsekten!), der kennt auch die Bedeutung des weithin
wahrnehmbaren Duftes. Und wer endlich weiß, daß zahlreiche Schmetterlinge (Schwärmer)
beim Saugen des Honigs nur mit schnellem Flügelschlage vor der Blüte schweben,
der versteht auch, warum sich die anfänglich aufrechtstehenden Blüten beim Entfalten
40 11. Fam. Nelkengewächse. 12. Farn. Roßkastaniengewächse.
nach der Seite richten (Artname!). — Sobald es Tag wird, gehen mit den Blüten in
der Regel merkwürdige Yercänderungen vor: sie hören auf zu duften; die Blumen-
blätter schrumpfen zusammen und rollen sich so ein, daß sie die grünliche Rückseite
nach außen kehren; kurz, die Blüten erscheinen jetzt wie verwelkt und werden in diesem
Zustande von keinem Insekt besucht. Erst wenn die Nachtfalter wieder erwachen, „er-
wachen" auch die Blüten wieder. — Gleich den fliegenden Taginsekten verwehrt die
Pflanze auch den am Stengel emporkriechenden Kerbtieren den Zutritt zur Honigquelle.
Und zwar bedient sie sich hierzu eines Mittels, das auch der Mensch anwendet, um seine
"Wald- und Obstbäume gegen ankriechende Schädlinge zu schützen, der Teer- oder Leim,
ringe. Von der Stelle an, an welcher der erste Blutenzweig entspringt, ist nämlich der
Stengel mit einer stark klebenden Masse überzogen (daher: Leimkraut!). An
dieser „Leimrute" kleben die emporkriechenden Insekten fest, so daß sie bald zu Grunde
gehen. Ist das Blühen vorbei, so verschwindet auch der nunmehr überflüssige Klebstoif.
Einen noch weit stärkeren Leimüberzug finden wir an den Stengeln der (darum
so genannten) Pechnelke (Viscäria vulgaris). Sie wächst an denselben Örtlichkeiten
wie das nickende Leimkraut und ist wegen ihrer zahlreichen, purpurroten Blüten schon
von alters her eine beliebte Gartenzierpflanze. — Eine Nachtfalterblume, die (wenn auch
meist nicht mit gleicher Deutlichkeit) alle jene Veränderungen zeigt, die wir beim Leim-
kraut gesehen haben, ist die weißblühende Nachtlichtnelke (Meländryum album), die
als oft meterhohe Pflanze an Wegrändern und dgl. wächst. — Ihre nächste Verwandte
dagegen, die Tagliehtnelke (M. rubrum), ist wie alle rotblühenden Nelken (warum?)
eine Tagfalterblume. Sie bewohnt feuchte Gebüsche und Wälder und zählt gleichfalls
zu unsern gemeinsten Pflanzen.
2. Unterfamilie. Mieren (Alsineae).
Kelchblätter nicht verwachsen (frei).
Die Vogelmiere (Stelläria media)
ist das gemeinste Unkraut unserer Gärten und Felder. Da sich die schwachen
und darum zum Teil niederliegenden Stengel darmartig verschlingen, so daß
meist große Rasen entstehen, führt sie auch die Namen „Hühner- oder Mäuse-
darm". „Vogel"-Miere heißt sie, weil ihre jungen Triebe gern von Stuben-
vögeln verzehrt werden. Im März entfaltet die einjährige Pflanze bereits ihre
unscheinbaren Blüten, und im Spätherbst, ja selbst unter dem Schnee findet
man sie oft immer noch blühend. Die Blüten und Früchte sind im wesent-
lichen wie bei der Steinnelke gebaut (Beweis!); der getrenntblättrige Kelch
aber erlaubt den kleinen, weißen, tiefgespaltenen Blumenblättern, sich aus-
zubreiten. Infolgedessen ist der Honig selbst den kurzrüsseligsten Insekten zu-
gänglich. Die rinnenförmigen Stiele der kleinen Blätter sind seitlich mit Haaren
besetzt. Ähnliche, nur weit längere Haar leisten ziehen sich (in der Ein- oder
Zweizahl) von einem Stengelknoten zum andern herab. Läßt man von oben
Wasser auf einen Zweig der Pflanze tropfen, so sieht man, wie sich die Haar-
leisten voll Wasser saugen, und wie das Wasser, das nicht mehr festgehalten
werden kann, an ihnen wie an Dochten herab und zur Wurzel fließt. Ein Teil
des Wassers wird auch von den Haaren selbst aufgesogen; kurz, wir haben es
hier mit einem jener mannigfachen Mittel zu thun, durch das die Pflanze den
Schmeil, Lehrbuch der Botanik.
Tafel ö.
Roßkastanie (Aesculus hippocastanum).
Mieren. Roßkastanie. 41
Regen und Tau, der sie benetzt, auf das sorgfältigste verwendet. Diese Ein-
richtung macht uns auch das Vorkommen der Pflanze an ganz trockenen Orten
verständlich.
Ihre nächste Verwandte, die Sternmiere (St. holöstea), besitzt nicht allein
weit größere Blüten, sondern als Bewohnerin lichter Wälder und Gebüsche auch viel
größere Blätter (Bedeutung ?). — Hinsichtlich der Blüten ähnelt die schöne Frühlings-
pflanze im hohen Grade dem allbekannten Acker-Hornkraut (Cerästium arvense), das
aber 5 Griffel und seinem Standorte entsprechend (Wegränder und dgl.) weit kleinere
Blätter besitzt. — Auf ödestem Sandboden (Blätter fast nadeiförmig!) gedeiht der Acker-
Spark (Spergula arvensis), der hier und da auch als Futterpflanze angebaut wird.
12. Familie. Roßkastanieng-ewächse (Sapindäceae).
Die Roßkastanie (Aesculus kippoeästanum). Taf. 6.
A. Die Roßkastanie und der Mensch, Obgleich die Roßkastanie erst
vor etwa 300 Jahren ihren Einzug in Europa gehalten hat, weiß man doch
nicht genau, woher sie stammt. Die Gebirge Nord-Griechenlands, in denen man
sie in großen Beständen antrifft, können kaum ihre Heimat sein; denn dann
wäre sie dem kunstsinnigen Volke der alten Hellenen sicher nicht unbekannt ge-
blieben. Heutzutage findet man den prächtigen Baum, der eine Höhe von mehr
als 20 m erreichen kann, bei uns fast überall da, wo Menschen wohnen. Wegen
des schnellen Wachstums, des dichten Schattens der mächtigen Krone und der
herrlichen Blütensträuße, die wie Weilmachtskerzen in die Frühlingspracht
leuchten, pflanzt man ihn hier in Alleen, dort in Gärten und Anlagen, hier auf
öffentlichen Plätzen und dort auf den stillen Friedhof.
Da sein Holz sehr weich ist (schneide einen Zweig ab !), kann es wie das
Lindenholz fast nur zu Schnitzarbeiten verwendet werden, und die bitteren Samen
(Kastanien) dienen zumeist nur als Winterfutter für die hungernden Hirsche,
Rehe und Wildschweine.
R. Die Knospen. 1. Wenn im Herbste die Blätter fallen, stehen bereits die
Knospen da (1.). Sie müssen sich also (beobachte dies!) schon während des Sommers
und zwar in den Blattwinkeln gebildet haben. Öffnet man eine Knospe, so hat man
zuerst eine Anzahl schuppen förmig er Blätter zu entfernen, von denen die
äußeren pergamentartig hart und braun sind. Dasselbe gilt auch von den inneren
Blättern, soweit sie sich nicht decken. Alle sind durch eine harzige Masse ver-
klebt und halten umso fester zusammen, als sie zum großen Teil mit zottigen
Härchen bedeckt sind. (Bestimme die Verteilung der Haare genauer!) Durch-
schneidet man eine Knospe, so sieht man mit Verwunderung, eine wie starke
und feste Hülle diese „Knospenschuppen" um den jungen Trieb im Innern der
Knospe bilden. Die einzelnen Teile des Triebes sind in dem engen Räume fest
zusammengelegt. Bei einiger Vorsicht (und mit Hilfe einer Nadel!) gelingt es
aber, sie voneinander zu trennen. Wir sehen dann einen winzigen Zweig mit
Blättern (Laubknospen) oder mit Blättern und Blüten (Blutenknospen) vor
uns, dessen einzelne Teile von seidenartigen Haaren umhüllt sind. Die Natur
42 Taf. C. 12. Fam. Roßkastaniengewächse.
hat also den jungen Trieb so fest und sicher verpackt, wie wir es mit zer-
brechlichen Gegenständen thun. (Führe den Vergleich näher aus!) Welche
Bedeutung hat nun dieses sorgfältige „Verpacken"?
a) Der junge Trieb ist ein ungemein zartes Gebilde. Da er aber von einer
festen Hülle umgeben ist, deren Schuppen zudem noch verklebt sind, so können
ihn die Winterstürme nicht zerzausen, und es vermag kein Wasser
(Regen, Tau, Reif, Schnee) bis zu ihm vorzudringen oder sich gar zwischen
seinen Teilen anzusammeln. Gefrierendes Wasser würde den zarten Trieb aber
unbedingt zerstören.
b) Um Rosen- und Weinstöcke oder andere Pflanzen gegen das Er-
frieren zu schützen, biegen wir sie zum Erdboden herab und bedecken sie mit
schlechten Wärmeleitern (Erde, Stroh, Laub u. dgl.), oder wir tun nur das
letztere. Da in einem strengen Winter der Erdboden selbst in unsern Breiten
l /a m tief oder noch tiefer fest gefriert, so kühlen sich auch die „eingeschlagenen"
Pflanzen oft weit unter ° ab. Trotzdem erfrieren sie aber — wie die Er-
fahrung lehrt — weit seltener als nicht umhüllte Pflanzen. Den weniger
strengen und anhaltenden Frösten des zeitigen Frühjahrs dagegen vermögen die
Hüllen zu trotzen, und das ist umso wichtiger, als zu dieser Zeit der Saft be-
reits in die Bäume gestiegen (wie man an jedem Weidenzweige sehen kann)
und infolgedessen die Gefahr des Erfrierens besonders groß ist. — Wenden
wir dies auf die Knospen der Roßkastanie an, so müssen wir sagen, daß der
in ihnen eingeschlossene junge Trieb bei strenger Kälte trotz Schuppenhülle und
Haarkleid sicher unter o abgekühlt wird, daß diese Mittel aber wohl imstande
sind, die schwachen Frühjahrsfröste abzuhalten. Und dieser Schutz ist von umso
größerer Bedeutung, weil zu dieser Zeit das Erfrieren des saftreichen, aus dem
„Winterschlafe erwachten" Triebes leicht möglich wäre.
c) Welche dritte Bedeutung endlich noch die Hülle hat, lehrt folgender
einfache Versuch: Man schneide 2 noch festgeschlossene, gleich große Knospen
an der Ansatzstelle ab, entferne von der einen sämtliche Knospenschuppen und
lege beide in ein Zimmer. Ist das Zimmer geheizt, so wird man schon nach wenigen
Tagen die Knospe ohne Schuppen vollkommen vertrocknet, die andere aber noch
ganz „frisch" finden. Dies ist ein deutlicher Beweis dafür, ein wie wichtiges
Schutzmittel gegen das Vertrocknen (Wasserabgabe) die Hülle ist. Da die
Schuppen verklebt und die Außenschuppen zudem pergamentartig sind, so ist
der Abschluß des jungen Triebes fast luftdicht. Und dies ist durchaus nötig;
denn während der Wintermonate vermögen die Wurzeln des Baumes aus dem
stark abgekühlten oder sogar gefrorenen Boden kein Wasser aufzusaugen
(s. Kirschbaum).
2. Ende April oder Anfang Mai — im Süden früher, im Norden später
(warum?) — beginnt die Knospe nach langer Winterruhe sich zu öffnen.
Schon vorher ist sie stark angeschwollen und trieft von Harz. Die inneren,
grünen Knospenschuppen haben sich mit dem wachsenden Triebe, um ihn weiter
gegen die Unbilden der Witterung schützen zu können, stark in die Länge ge-
Roßkastanie. 43
streckt; endlich brechen sie auseinander, und wie der Schmetterling aus der
Puppenhülle drängt sich der junge Trieb zum Lichte empor (2).
a) Der Umstand, daß jetzt die harzige Masse in großer Menge abge-
schieden wird, deutet darauf hin, daß sie nicht nur — wie bisher angenommen —
ein Klebmittel ist. Sie überzieht das Ganze wie ein Firnis, schließt den jungen
Trieb somit von der Außenwelt ab und schützt ihn infolgedessen gegen eine
zu starke und zu schnelle Abgabe des Wassers oder kurz: gegen Vertrocknen.
b) Auch wenn sich die Knospe bereits zu öffnen beginnt, sind die stark
vergrößerten Knospenschuppen noch nicht bedeutungslos. Sie halten von dem
jungen Triebe den Anprall des Windes und die austrocknenden Sonnenstrahlen
ab; sie sind also für das überaus zarte Gebilde Wind- und Sonnenschirm
zugleich.
Ist der junge Trieb den Schuppen aber „über den Kopf gewachsen", so
haben sie keine Bedeutung mehr: sie fallen ab und lassen am Grunde des
Jahrestriebes eine ringförmige Narbe zurück.
C. Die Blätter. 1. Das junge Blatt weicht von dem völlig entwickelten
seinem Aussehen nach erheblich ab : es ist — wie bereits erwähnt — mit weißen
oder gelblichen Haaren bedeckt ; seine Einzelblättchen (s. Absch. C 2, b) sind in
der Mittelrippe zusammengefaltet und treten senkrecht aus der Knospe her-
vor (3.); dann breiten sie sich aus, hängen aber noch eine Zeitlang senkrecht
nach unten (4.). Endlich nimmt das Blatt die Lage der ausgebildeten Blätter
ein, und kurze Zeit darauf sind von dem Haarkleide nur noch in den Ader-
winkeln an der Unterseite Spuren zu finden. Welche Bedeutung diese Erschei-
nungen haben, ist leicht einzusehen :
a) Feuchtet man 2 gleichgroße Schwämme gleichstark an, umwickelt so-
dann einen mit einem Tuche und legt beide endlich an dieselbe Stelle in das
Freie oder das Zimmer, so findet man, daß der in das Tuch geschlagene weit
länger feucht bleibt als der andere. Wie geht dies zu? Aus beiden Schwäm-
men entweicht Wasser in Dampfform, so daß beide bald von einer feuchten
Luftschicht umgeben sind. Bei dem eingehüllten Schwämme wird die feuchte
Luftschicht zwischen den Fäden des Tuches und den einzelnen Teilen der Fäden
gleichsam festgehalten, erneuert sich also nur sehr langsam. Bei dem anderen
Schwämme dagegen entweicht der Wasserdampf ungehindert ins Freie ; infolge^
dessen muß die eingesogene Wassermasse auch viel schneller verdunsten als die
des eingehüllten Schwammes. Genau dasselbe findet auch bei 2 (sonst gleichen)
Blättern statt, von denen das eine kahl und das andere von einem Haarkleide
umgeben ist. In der Behaarung der jungen Kastanienblätter haben wir also
ein Schutzmittel gegen zu starke Wasser abgäbe vor uns.
b) Wie die tütenförmig zusammengerollten Veilchenblätter (s. das.) bieten
auch die gefalteten jungen Einzelblätter der Koßkastanie dem Winde eine
viel kleinere Verdunstungsfläche dar, als wenn sie ausgebreitet wären.
c) Die Sonnenstrahlen (S) treffen zur Mittagszeit — also wenn sie am
kräftigsten wirken — das senkrecht aus der Knospe tretende (a b) oder Bpätei
44 12. Farn. Roßkastanie.
senkrecht nach unten hängende Blatt (a c) unter viel spitzerem Winkel als
das vollkommen ausgebildete Blatt, das zu den einfallenden Sonnenstrahlen
schräg gestellt ist (a d). Nun wissen wir aber, daß die Sonnenstrahlen einen
Körper umso stärker erwärmen, je „senkrechter"
sie ihn treffen. (So schmilzt z. B. der Schnee auf
dem schrägen Dache in der Mittagssonne, wäh-
rend dieselben Sonnenstrahlen den Schnee auf
dem wagerechten Erdboden nicht zu schmelzen
vermögen.) Ein senkrecht gestelltes Blatt kann
zur Mittagszeit also nicht in dem Grade erwärmt
werden wie ein wagerecht oder schräg gestelltes,
folglich auch nicht soviel Wasser verdun-
sten als jenes. (Pflanzenteile welken in einem
kühleren Zimmer oder im Schatten langsamer als
in einem wärmeren Zimmer oder im Sonnenscheine.
— Von wieviel Strahlen werden die beiden senk-
recht gestellten Blätter [a b und a c] und das schräg
gestellte Blatt [ad] getroffen?)
Also : alle drei Einrichtungen laufen darauf hinaus, die Wasserdampfabgabe
des jungen Blattes möglichst zu beschränken. Wenn wir bedenken, wie leicht
junge Blätter welken, werden wir auch die Bedeutung dieser Schutzeinrichtungen
verstehen; denn verwelken bedeutet für das Blatt — den Tod! Je mehr
die jungen Blätter erstarken, desto mehr sehen wir dann auch die nunmehr über-
flüssig werdenden Schutzmittel verschwinden.
2. Das ausgebildete Blatt, In unserer Heimat finden wir, abgesehen
von dem Walnußbaum, neben der Roßkastanie keinen zweiten Baum mit so
auffallend großen Blättern. Daher wirft die Krone auch einen so tiefen
Schatten, daß unter älteren Bäumen nicht einmal mehr das genügsame Gras
gedeiht (vgl. dag. z. B. den grasbewachsenen Obstgarten!).
a) Ein Baum mit solchen Blättern kann keine hohe, pyramidenförmige
Krone bilden etwa wie die „lichte", locker belaubte, kleinblättrige Birke ; denn
die oberen Blätter würden ja dann den unteren das zum Leben durchaus not-
wendige Licht rauben (Beweis!). Die meist nur am Ende beblätterten Zweige
„drängen" sich im Gegenteil nach außen, so daß eine breite, weit aus-
greifende Krone entsteht.
b) Jedes Blatt ist aus meist 7, am Kande gezähnten Einzelblättern
zusammengesetzt, durch deren Lücken selbst auf tiefer gestellte Blätter noch ab
und zu Lichtstrahlen fallen. Die Einzelblätter stehen am Ende eines langen
Stiels wie die Finger an der Hand (gefingertes Blatt) ; sie sind meist etwas
schräg nach unten geneigt und stets so geordnet, daß keins das andere ver-
deckt. Darum sind sie auch nach dem Grunde zu keilförmig verschmälert.
c) Auch die Blätter als Ganzes betrachtet, nehmen sich trotz ihrer
Größe gegenseitig nich da Licht weg ; je 2 stehen sich am Zweige gegenüber ;
Roßkastanie.
IT.
jedes Blattpaar bildet mit dem vorhergehenden und nachfolgenden ein Kreuz;
die einzelnen Blattpaare sind meist weit auseinandergerückt (lange Stengelglieder),
und die Endblätter der Zweige sind stets viel kleiner und viel kürzer gestielt als die
weiter unten am Zweige stehenden, großen und Langgestielten Blätter. Infolge
dieser Anordnung werden an s e n k r e c h t e n Z w e i g e n — wie man leicht beobachten
kann — sämtliche Blätter belichtet. An wagerechten Zweigen (s. Abb. S. 46)
Senkrechter Zweig der Roßkastanie, von der Seite gesehen (verkl.).
ist die Blattstellung natürlich genau dieselbe. Biegt man aber einen senkrechten
Zweig soweit herab, daß er wagerecht zu liegen kommt, so stellen die nach oben
gerichteten Blätter die unteren in den Schatten. Eine solch ungünstige Blatt=
Stellung bedarf hier darum gleichsam einer Korrektur, die in der Tat auch ein-
tritt: Die Blätter legen sich oft vollkommen in die Ebene, in die man sich den
Zweig gelegt denken kann; die von der Zweigspitze entfernteren Blatter rücken
ihre Blattflächen auf sehr langen Stielen aus dem Schattenbereiche in das Licht,
und alle Blätter des Zweiges ordnen sich oft überaus regelmäßig so an, daß
46 12- Fam. Roßkastaniengewächse.
keins von dem anderen beschattet wird. Die Blätter schräggestellter
Zweige nehmen zwischen denen an senkrechten und wagerechten Ästen die
mannigfachsten Zwischenstellungen ein; kurz: überall sehen wir, wie sich die
Blätter zum Lichte drängen und stets dorthin stellen, wo sie
am meisten von den belebenden Sonnenstrahlen getroffen werden.
(Sehr deutlich und leicht sind diese Erscheinungen an Zweigen zu beobachten,
die aus einem Baumstumpfe hervorgehen, an sog. „Stockausschlag''. — Beobachte
daraufhin auch Ahorn, Schneebeere und andere Pflanzen!)
Waagerechter Zweig der Roßkastanie, von oben gesehen (verkl.).
3. Beim herbstlichen Laubfalle (s. Kirschbaum) lösen sich die Einzel-
blätter von den Stielen und diese von den Zweigen. Die Narben, welche die
Blätter an den Zweigen zurücklassen, haben die Form eines Pferdehufes. Und
die Narben der Gefäßbündel (s. das.), die sich in die Adern der Einzelblätter
fortsetzen, kann man als die Nägel des kleinen Hufes deuten. (Daher vielleicht
Roßkastanie! Vgl. auch Absch. E. 3.)
D. Die Blüte. 1. Blütezeit. Da an dem jungen, in der Knospe liegen-
den Triebe die Blüten bereits ausgebildet sind, so wundert es uns gar nicht,
daß die Roßkastanie kurz nach dem Entfalten ihrer Blätter bereits in voller
Blütenpracht dasteht. (Vgl. dag. Linde.)
2. Die jungen Blüten verlieren wie die Blätter bald das schützende
Roßkastanie. 47
Haarkleid. Nur an den Blütenstielen bleiben Überreste davon zurück. Auch
der fünfzipflige Kelch, der anfänglich die Blüte ganz umschloß, bei ihrem
Öffnen aber seine Aufgabe (welche?) erfüllt hat, fallt meist ab.
3. a) Die entfaltete Blüte (6. u. 7.) macht sich durch die 5 ungleich
großen, weißen Blumenblätter, die mit einem anfänglich gelben, später roten
Fleck geziert sind, weithin kenntlich (Anlockung der Insekten). Und dies ge-
schieht umso mehr, als die Blüten große, pyramidenförmige Sträuße bilden (5.).
die stets an der Außenseite der Krone stehen und sich prächtig von dem grünen
Hintergrunde abheben.
b) Zwitter- und Staubblüten. Untersucht man die einzelnen Blüten
eines Blütenstraußes, so findet man, daß nur wenige von ihnen neben (meist)
7 Staubblättern einen wohl ausgebildeten Stempel besitzen (Zwitterblüten)
Bei allen anderen Blüten ist der Stempel verkümmert (Staubblüten). Wenn man
bedenkt, wie groß und schwer die Früchte der Roßkastanie sind, wird man
diese Erscheinung leicht verstehen: würde jede Blüte eine Frucht liefern, so
müßten die Zweige unter der Last brechen. Darum finden sich die fruchtbaren
Blüten auch nur im unteren Teile der Blütenstände. Die unfruchtbaren Blüten
sind aber nicht etwa ohne Bedeutung: sie helfen den Blütenstand vergrößern
(s. Absch. 3 a) und liefern, da sie sich stets zuerst entfalten, Blütenstaub für die
c) (Bestäubung) zuerst reifenden Narben der fruchtbaren Blüten. Die
Narbe ist das zugespitzte Ende des langen Griffels, der weit aus der Blüte
hervorragt. Die später reifenden Staubbeutel sind jetzt (6.) noch nach unten ge-
schlagen, lieben sich aber später bis zur Höhe der Narbe empor (7). Da die Narbe
und die geöffneten Staubbeutel weit von der Blütenöffnung abstehen, so können
sie auch nur von größeren Insekten beim Saugen des Honigs berührt werden.
Hummeln, welche Griffel und Staubblätter als. bequeme „Sitzstange" benutzen
(vgl. mit dem Anflugbrett am Taubenschlag!), vermitteln daher besonders die
Bestäubung (8j. Da nun — wie erwähnt — Narbe und Staubbeutel nacheinander
reifen, so müssen die Hummeln auch den Blütenstaub (an der Unterseite des
Hinterleibs) von einer Blüte zur andern tragen (Fremdbestäubung). — Alle
kleinen Insekten sind unnütze Näscher. Der Honig wird im oberen Teile des
Blütengrundes abgeschieden. Er ist durch die wagerechte Stellung der Blüte
und durch Haarbesatz, der sich an Blumen- und Staubblättern findet, gegen
Regen geschützt.
E. Die Frucht. 1. Der Fruchtknoten zeigt im Querschnitt 3 Fächer
mit je 2 Samenanlagen, von welchen sich aber nur 1 — 2 zu Samen entwickeln.
2. Die Fruchthülle (9.) ist mit spitzen Stacheln bedeckt. Diese Gebilde
stellen — nach ähnlichen Erscheinungen der heimatlichen Pflanzenwelt zu
schließen (Beispiele!) — in der (unbekannten) Heimat des Baumes sicher Schutz-
mittel der unreifen Frucht gegen Tiere dar. Bei der Reife löst sich die Frucht
vom Stiele, die Hülle zerspringt in 3 Stücke, und
3. die großen, dunkelbraunen und glänzenden Samen werden frei. Der
helle Fleck kennzeichnet die Stelle an, an welcher die Samen mit der Fruchthülle
IS
13. Fam. Ahorngewächse. 14. Farn. Orangengewächse.
verwachsen waren. Wegen der Ähnlichkeit der Samen mit denen der edlen
Kastanie heißt unser Baum „Kastanie"; „Roßkastanie" nennt man ihn wahr-
scheinlich, weil seine Samen für uns ungenießbar sind (s. auch Meerrettich).
Eine nahe Verwandte ist die rote Kastanie (Pavia rubra), die gleichfalls
häufig als Zierbaum angepflanzt wird. Sie stammt aus Nordamerika, hat schmutzig-rote
Blüten und unbestacholte Früchte.
13. Familie. Ahorngrewächse (Aceräceae).
Der Spitz-Ahorn (Acer platanoides)
kommt vereinzelt in den Waldungen der Ebenen und Mittelgebirge vor und
ist seines festen, zähen Holzes wegen, besonders aber als Alleebanm überall hoch
geschätzt. Den Artnamen führt er von den schön geformten Blättern, deren
5 — 7 Lappen in
feine Spitzen aus-
gezogen, und die
denen der Platane
sehr ähnlich sind.
(Beobachte das Auf-
brechen der großen,
klebrigen Knospen,
die Entfaltung der
Blätter und ihre
Stellung an senk-
rechten und wage-
rechten Zweigen !
Vgl. mit Roßka-
stanie!) Die Blü-
ten (beschreibe sie!) sind trotz der unscheinbaren, gelbgrünen Färbung doch
auffällig; denn sie öffnen sich vor der Entfaltung des Laubes und stehen
in großen, aufrechten Sträußen beieinander. An dem Fruchtknoten bilden
sich nach dem Verblühen 2 kleine Erhebungen, die allmählich zu großen
Flügeln aus wachsen. Bei der Reife zerfällt die Frucht (ähnlich wie die der
Möhre; s. das.) in 2 Teile, die in dem inneren, angeschwollenen Abschnitte je
einen Samen enthalten. Fallen die Teilfrüchte von dem Baume herab (laß einige
aus größerer Höhe fallen!), so geraten sie gleich Windmühlenflügeln in kreisende
Bewegung und sinken infolgedessen viel langsamer (etwa 4mal so langsam) zum
Erdboden herab, als ein gleichgroßer und gleichschwerer ungeflügelter Körper.
Sie erhalten sich also infolge der Flugausrüstung lange in der Luft schwebend.
Werden sie nun dabei von einem Winde ergriffen, so werden sie weit verweht.
Infolge dieser Einrichtung vermag der Ahorn also seine verhältnismäßig
schweren Samen, die sonst sämtlich unter den Baum fallen würden, über einen
großen Bezirk auszustreuen. (Warum ist das für die Pflanze von Vorteil?
Warum besitzen nur Bäume solche Früchte?) Bei näherer Betrachtung findet
Frucht vom Spitz - Ahorn. Teilfrüchtchen von einander ge-
trennt, aber noch an den Stielchen hängend. Fruchtfach des
linken Früchtchens geöffnet, um den Samen S zu zeigen.
Spitz-, Berg- und Feld-Ahorn. Kreuzblume. Zitronen-, Orangen-, Mahagonibaum. 49
man auch, daß die Flügel ihrer Aufgabe entsprechend äußerst „zweckmäßig"
gebaut sind: sie sind sehr groß, bieten der Luft also eine große Angriffsfläche
dar, auffallend leicht, können folglich vom Winde getragen werden (vgl. mit
Flugtieren !) , und trotzdem sehr fest, so daß sie dem Angriffe des "Windes wider-
stehen können. Letzteres wird besonders durch eine verstärkte Randleiste er-
reicht, mit der die schraubenförmig sich drehende Frucht die Luft durchschneidet
(vgl. mit Vogel-, Insekten- und Windmühlenflügel !).
Der Berg- Ahorn (A. pseudoplätanus) ist, wie schon sein Name sagt, ein Gebirgs-
baum. Er bildet in den Alpen größere Bestände, ist aber in Parkanlagen überall häufig
anzutreffen. Sein weißes, festes Holz wird besonders hoch geschätzt. Die 5 Lappen der
Blätter sind grob gesägt und enden in stumpfe Spitzen. Die stark duftenden Blüten
stehen in hängenden Trauben und öffnen sich erst nach der Baubentfaltung. — Der
Feld- Ahorn (A. campestre) kommt in Feldgehölzen (Name !), in Wald und Gebüsch als
Strauch und Baum vor. Seine verhältnismäßig kleinen, 4-lappigen Blätter sind ganzrandig.
Eine entfernte Verwandte ist die zierliche, blau, rot oder weiß blühende
Kreuzblume (Polygala vulgaris), die häufig an trockenen Stellen gedeiht. (Wie ist sie
der Örtlichkeit „angepaßt" ?) Da die kleine Blumenkrone als Schutzmittel des Stempels
und der Staubblätter dient , haben zwei große , buntgefärbte Kelchblätter die Aufgabe
übernommen, Insekten anzulocken.
14. Familie. Orang-enge wachse (Rutäceae).
Aus den Küstenländern und von den Inseln des Mittelmeers kommen in jedem
Jahre riesige Mengen von Zitronen und Orangen zu uns. Die geschätzten Früchte ent-
stammen niedrigen Bäumen oder Sträuchern, die sich von dem östlichen Asien aus
über alle wärmeren Erdstriche verbreitet haben. Die Pflanzen besitzen immergrüne
Blätter, die wie die des Epheus von lederartiger Beschaffenheit sind. Gleich wie der
Epheu (s. das.), vermöge dieser eigenartigen Blätter der „Winterdürre" unserer Breiten
zu trotzen vermag, so vermögen diese Pflanzen die Trocknis auszuhalten, die im
Mittelmeergebiete fast die ganze warme Jahreszeit hindurch ununterbrochen anhält. —
Die Zitrone (beschreibe sie !) ist die Frucht des meist strauchig gehaltenen Zitronen-
baums (Citrus medica). Das flüchtige Öl (s. Rose) der Schale dient besonders als
Gewürz. Die gleiche Verwendung findet auch das saure Fruchtfleisch, dessen durststillender
Saft namentlich zur Herstellung von Limonade gebraucht wird (die Zitrone heißt italie-
nisch „Limone"). Die kopfgroßen Früchte einer Spielart geben, mit Zucker zubereitet,
das Zitronat (Verwendung?). — Der Orangenbaum (C. auräntium) wird besonders in
zwei Spielarten angebaut. Die eine liefert die Pomeranze oder bittere Orange, die andere
die Apfelsine oder süße Orange. Die Pomeranze wird besonders zur Herstellung von
Likören und eines wertvollen Öls benutzt, das in der Parfümerie verwendet wird. Die
Apfelsine (d. i. Apfel aus China oder Sina, weil von dort der Baum nach Europa ge-
kommen ist) wird als wohlschmeckendes Obst überall hoch geschätzt (beschreibe die
Frucht!). Aus den weißen, stark duftenden Blüten beider Spielarten gewinnt man in
großen Mengen ein wertvolles Öl, das gleichfalls in der Parfümerie Verwendung findet.
Orangen- und Zitronenbäume werden bei uns vielfach in Treibhäusern (Orangerien) ge-
halten.
Von den entfernteren Verwandten der Orangengewächse seien nur folgende
genannt : Der Mahagonibaum (Swiotenia), der das bekannte wertvolle Holz liefert und
Schmeil, Lehrbuch der Botanik. ^
50 Tat'. 7. 14. Fam. Orangengewächse. 15. Fam. Lindengewächse.
sich in den Urwäldern des heißen Amerika findet ; der Cedrelabaum (Cedrela) Brasiliens,
aus dessen wohlriechendem Holze man die Cigarrenkisten herstellt; der Götterbaum
(Aihinthus glandulosa) aus China und Japan, der in unsere Parks eingewandert ist,
sowie die Essigbäuiue (Rhus), die in mehreren Arten gleichfalls häulig in Anlagen zu
finden sind.
15. Familie. Lindeng-ewächse (Tiliäceae).
Die Sommer- und Winterlinde (Tilia platyphyllos und ulmifölia). Taf. 7.
A. Die Linde, unser Lieblingsbaum. Während die Linde in Osteuropa
große Wälder bildet, treffen wir sie bei uns fast nur in der Nähe des Menschen.
Sie ist der Lieblingsbaum des deutschen Volkes. Der schnelle Wuchs in
der Jugend, das ehrwürdige Alter und die gewaltige Höhe, die sie erreichen kann
(1000 Jahre; 30 m und mehr), die dichte Krone, das zarte Laub und die vielen
Tausende von Blüten, die weithin die Luft mit süßem Duft erfüllen, haben ihr
diese Stellung in unsern Herzen erobert. Deshalb pflanzen wir sie als Schatten-
spenderin an Straßen, als Schmuckbaum auf freie Plätze und vor das Wohnhaus,
sowie auf die Gräber unserer Toten. Deshalb knüpfen sich an sie auch so zahl-
reiche Sagen und Lieder (z. B. Siegfried — „Am Brunnen vor dem Tore"),
und deshalb pflanzen wir sie (neben der Eiche) als Gedenkbaum an große
Ereignisse (Beispiele!). Unsern Altvordern war die Linde ein heiliger Baum.
Unter der ehrwürdigen Dorflinde berieten die Alten der Gemeinde, und noch
heute versammelt sich unter ihr in vielen Gegenden die Jugend zu Lust und
Freude.
Das weiche H o 1 z des Baumes wird vornehmlich zu Schnitzarbeiten verwendet;
seine Kohle dient zum Zeichnen und früher besonders zur Bereitung des Schieß-
pulvers. Aus dem Bast (s. Lein) bereitet man, namentlich in Rußland, Decken
und andere Flechtwerke. Die Blüten sind für die Bienen eine reiche Honig-
quelle; getrocknet liefern sie einen schweißtreibenden Tee.
B. Die beiden einheimischen Lindenarten. Die Gattung „Linde" ist
bei uns durch 2 Arten vertreten: Die Sommerlinde entfaltet ihr Laub bereits
anfangs Mai (Frühlinde) und hat unterseits kurzbehaarte, große Blätter (groß-
blättrige Linde); die andere Art, die Winterlinde, schlägt erst Mitte Mai aus
(Spätlinde), und ihre beiderseits kahlen Blätter sind viel kleiner als die der
anderen Form (kleinblättrige Linde). Sonst aber stimmen beide in allen Stücken
fast völlig überein.
C. Aon den Blättern der Linde. 1. Wenn im Frühjahre der junge
Trieb in der Knospe zu wachsen beginnt, drängt er die beiden braunen
Knospenschuppen auseinander (1.). (Beachte ihre verschiedene Größe und dem-
entsprechend ihre Stellung zu einander!) Statt des Triebes werden jetzt aber
erst grüne oder rötlich angehauchte, schuppenförmige Blätter sichtbar, die sich
stark in die Länge strecken und den umhüllten Trieb gegen die Unbilden der
Witterung schützen (2.). Endlich tun auch sie sich auseinander, und die jungen
Blätter treten zwischen ihnen hervor (3.). Nunmehr erkennt man deutlich
Schmeil. Lehrbuch der Botanik
Tafel 7.
Winterlinde (Tilia ulmifolia)
Cedrela-, Götter- und Essigbaum. Sommer- und Winterlinde. 51
(noch deutlicher, wenn sich die jungen Stengelglieder bereits gestreckl haben),
daß je 2 dieser „Schuppen" am Grunde der Blattstiele stehen. Wir haben es
in ihnen also nicht mit Knospenschuppen zu tun, die den Trieb von außen
umhüllen, sondern mit Nebenblättern, wie wir solche bei zahlreichen anderen
Pflanzen (Beispiele!) linden. Ihrer Aufgabe entsprechend (Schutzmitteil) haben
sie hier aber die Gestalt von Knospenschuppen. Ist der junge Trieb genügend
erstarkt, dann fallen die Knospenschuppen und Nebenblätter, weil nunmehr über-
flüssig geworden, ab. Die jungen Blätter sind mit langen, seidenartigen
Haaren bedeckt, senkrecht gestellt und in der Mitte zusammengefaltet: wir
treffen hier also fast alle die Schutzeinrichtungen wieder, die wir bei den Knospen
und jungen Blättern der Roßkastanie (s. das.) kennen und verstehen gelernt
haben. (Offne auch eine Knospe im Winter und beachte, wie zwischen den
großen Nebenblättern die winzigen Laubblätter, die fast wie kleine Haarbüschel
aussehen, „verpackt" sind!)
2. Die Blätter stehen abwechselnd links und rechts, zu zwei „Zeilen"
geordnet, an den Zweigen, so daß die Blattflächen wie an den wagerechten
Zweigen der Roßkastanie (s. S. 45) in eine Ebene fallen (4.). Bei dieser
Anordnung wäre es aber sehr leicht möglich, daß sich die Blätter gegenseitig
teilweise bedeckten und somit des Sonnenlichts beraubten. Dies geschieht jedoch
nicht: die herzförmigen Blattflächen sind nicht nur wie bei jenem Baume un-
gleich groß und ungleich lang gestielt, sondern ihre „Hälften" sind auch von
ungleicher Größe. Die Blätter sind also unsymmetrisch. Wenn man sich
das fehlende Stück ergänzt denkt, dann erst würde jener Fall eintreten. Die
Natur würde dann aber etwas Unnützes oder Überflüssiges gebildet haben.
D. Von den Blüten der Linde. 1. Blütezeit. In den Winterknospen
der Linde werden wir trotz eifrigsten Suchens keine Blütenanlage linden. Die
Blüten bilden sich nämlich erst an dem jungen Triebe, der aus der Knospe
hervorgeht, und zwar sprießen sie aus den Blattwinkeln neben den Knospen
hervor, die den nächstjährigen Trieb enthalten und sich jetzt bereits bilden.
Diese Tatsache erklärt uns die verhältnismäßig späte Blütezeit der Linde zur
Genüge. (Wann blühen Sommer- und Winterlinde in deiner Heimat?)
2. Hlüte. a) Von einem Hauptstiele strahlen bei der Sommerlinde ge-
wöhnlich 2 oder 3, bei der Winterlinde dagegen 5 — 7 Nebenstiele aus, die je
eine Ülüte tragen (5.). Der Hauptstiel ist zum Teil mit einem bandförmigen, perga-
mentartigen, bleichen „Deckblatte" verwachsen, dessen Bedeutung wir später
(s. Absch. E) kenneu lernen werden.
b) Da die Blüten zumeist nach unten hängen und von den Laubblättern oft
völlig überdacht werden (4.), sind sie (Honig, Blütenstaub!) vortrefflich gegen
Regen geschützt. Diesem Vorteil steht jedoch der Nachteil gegenüber, daß
die I Hüten in ihrem „Verstecke" den Blicken der Insekten entzogen sind. Sie
besitzen daher auch keine prächtige Blütenfarbe, die ja doch nicht zur Geltung
kommen könnte. Kelch und Blumenkrone, die aus je 5 kleinen, gelblichen
Blättern bestehen, sind im Gregenteil ganz unscheinbar. Da aber die I Hüten
52 15. Fam. Lindengewächse. 16. Farn. Malvengewachse.
einen weithin wahrnehmbaren Duft aushauchen, wird dieser Nachteil völlig wieder
ausgeglichen.
c) Die zahlreichen, langen Staubblätter stehen in dichtem Kranze um
den Stempel. Sie sind sämtlich nach außen gerichtet, überragen die kleine
Blütenhülle und überdecken den Honig, der in großer Menge von den mulden-
förmigen Kelcbblättern abgeschieden wird. Infolgedessen müssen sich die zahl-
reichen Insekten (Bienen und Fliegen), die auf der hängenden Blüte Fuß fassen
wollen, an ihnen und dem Stempel festklammern. Da nun die Staubbeutel vor
der Narbe reifen, kann es kaum ausbleiben, daß Blütenstaub von den jüngeren
Blüten auf die Narbe der älteren übertragen, also Fremdbestäubung herbei-
geführt wird.
E. Von den Früchten der Linde (6.). Der Fruchtknoten (stelle einen
Querschnitt her!) enthält 5 Fächer mit je 2 Samenanlagen. Von diesen 10 An-
lagen entwickelt sich jedoch gewöhnlich nur eine; die übrigen verkümmern.
Die nußartige Frucht (Lindennüßchen) braucht sich bei der Reife daher
nicht zu öffnen (s. S. 10, 3). Die lederartige Fruchthülle wird durch Verwesen
zerstört.
Im Herbste löst sich der Fruchtstand mit dem flügelartigen Hüllblatte
vom Zweige und fällt wie die Ahornfrucht (s. das.) langsam herab. Wird er
dabei vom Winde erfaßt, so gelangt er oft erst in großer Entfernung vom
Baume zum Erdboden. Das Hüllblatt ist also gleich dem Flügel der Ahorn-
frucht ein Mittel zur Ausbreitung der Samen und damit zur Weiterverbreitung
der ganzen Pflanze.
16. Familie. Malvengewächse (Malväceae).
Die Weg-Malve (Malva neglecta)
findet sich — wie schon der Name andeutet — als eine unserer gemeinsten
Pflanzen an Wegen und in der Nähe der menschlichen Wohnungen. Vermöge
einer sehr tiefgehenden Wurzel kann sie auf dem festen, dürren Boden wohl
gedeihen. Macht ihr keine andere Pflanze das Licht streitig, so liegen die
schwachen Stengel fast völlig dem Untergründe auf; im anderen Falle aber
sind sie genötigt, sich emporzurichten. Die rundlichen 5 — 71appigen Blätter
sind gleich den Stengeln mehr oder weniger dicht mit sternförmigen Haaren
bedeckt (Verdunstungsschutz!). In den Blattwinkeln stehen stets mehrere lang-
gestielte Blüten, die unter dem fünfzipfligen Kelch noch je 3 Nebenblättchen
besitzen. Die 5 rosafarbenen Blumenblätter sind am Grunde mit den zahl-
reichen Staubblättern verschmolzen, deren Fäden wieder zu einer die Griffel
umschließenden Röhre (zu einem „Bündel") verwachsen sind. (Beweise, daß
die Bestäubung in derselben Weise wie beim Rittersporn erfolgt!) Die Frucht
reift, vom Kelche bedeckt, zurückgebogen im Schutze der Blätter und ist einem
kleinen Käse nicht unähnlich („Käsepappel"). Sie besteht aus einer mittel-
ständigen Scheibe (einer Verlängerung des Fruchtstiels), die von zahlreichen
Sommer- und Winterlinde. Weg-Malve. Baumwolle. Affenbrotbaum. 53
Fruciitknotenfächern umgeben ist. Die einzelnen Fächer umschließen je einen
Samen und lösen sich bei der Eeife ab. Sie werden vom Regen verschlämmt
und von Menschen oder Tieren mit dem aufgeweichten Boden leicht verschleppt.
Diese Tatsache erklärt uns auch das Vorkommen der Pflanze (s. oben).
Auf feuchten Wiesen, besonders auf Salzboden, findet sich der Eibisch (Altha-a
officinalis) als eine mehr denn meterhohe Pflanze, deren grüne Teile mit weißem Filz
überzogen sind („Sammetpappel"). Blätter, Blüten, besonders aber die Wurzeln sind
von alters her wegen des Schleimes, den sie beim Kochen liefern, ein wichtiges Heil-
mittel. Deshalb baut man die stattliche Pflanze auch im großen an. — Gleiche Heil-
wirkung besitzen auch die Blüten der Stockrose (A. rösea), die aus dem Morgenlande
zu uns gekommen und eine bekannte Zierpflanze ist. — Ein Malvengewächs ist auch
Die Baumwolle (Gossypium).
1. Die artenreiche Gattung umfaßt eine Anzahl kraut-, Strauch- und baum-
artiger Pflanzen, die in den heißen Gegenden der alten und neuen Well
heimisch sind. Die Formen, deren Samenhaare wir als wichtigsten Spinnstoff
verwenden — kleidet sich doch die Mehrzahl der Menschen in baumwollene
Gewebe! — haben sich weit über ihr ursprüngliches Gebiet verbreitet und
selbst einen großen Teil der wärmeren gemäßigten Zonen erobert (z. B. Süd-
europa und Nordamerika).
2. Die Pflanzen werden in Strauchform gezogen (warum nicht als Bäume V),
haben große, 3 — ölappige Blätter und (bis auf eine weißblühende Art) gelbe
Malvenblüten. Die Frucht ist eine Kapsel, aus der bei der Reife ein
mächtiger Haarschopf hervorquillt. Die Haare haben eine Länge bis zu 5 cm,
sitzen an der Oberfläche der erbsengroßen Samen und dienen der Verbreitung
der Pflanze durch den Wind (vgl. mit Löwenzahn, Weide u. a.).
3. Verwendung. Sobald sich die Kapseln zu öffnen beginnen, werden
sie eingesammelt, und sofort trennt man mit Hilfe von Maschinen die Haare
von den Samen. Der größte Teil der gewonnenen Haare wird gesponnen und
entweder als Garn verwendet (Strick-, Häkelgarn und dgl.) oder zu Zeugen
verwebt (Kattun, Barchent, Musselin u. s. w.). Auch zur Herstellung von Watte,
Schießbaumwolle und anderen gewerblichen Erzeugnissen finden die wertvollen
Haare Verwendung. Aus den Samen, die man nicht zur Aussaat benutzt, wird
Öl gepreßt (Baumwollsaatöl), und die Rückstände dienen noch als nahrhaftes
Viehfutter.
Zu den Malvengewächsen zählt auch der Affenbrotbaum oder Baobab (Adan-
sönia digitäta), der in den Steppen des heißen Afrika heimisch ist. Er bildet im Alter
eine riesige Krone und dementsprechend einen sehr starken Stamm. In der trockenen
Jahreszeit verliert er das Laub (vgl. mit Kirschbaum, Absch. 3 c), und dann hängen die
bis 40 cm langen, spindelförmigen Früchte gespenstig von den gewaltigen Zweigen herab.
Die Früchte sind nicht nur für die Affen (Name!), sondern auch für die Menschen ein
wichtiges Nahrungsmittel. — Ein entfernterer Verwandter der Malven ist
54
Taf. 8 17. Fam. Storchschnabelgewächse.
Der Kakaobauni iTheobröma cacäo).
Der Kakaobaum hat in den Urwäldern des tropischen Amerika seine
Heimat, wird jetzt aber in fast allen heißen Ländern angebaut. Seine gurken-
ähnlichen, bis 20 cm langen Früchte enthalten in einem säuerlichen Frucht-
fleische zahlreiche, sehr bittere Samen, die sog. Kakaobohnen. Die ein-
geernteten Früchte legt man auf Haufen oder schüttet sie in Gruben und läßt
sie hier einige Tage liegen. Dadurch erhalten die
Bohnen, die sodann von dem Fruchtfleische getrennt
werden, einen angenehmeren, milderen Geschmack, so
daß sie nunmehr zur Herstellung von Schokolade
tauglich sind. Zu diesem Zwecke werden sie geröstet,
von den Schalen befreit, zerrieben und mit Hilfe hy-
draulischer Pressen entölt. Der zurückbleibende „Press-
kuchen" wird gepulvert und liefert das Kakaopulver;
mit Zucker vermischt und gewürzt (durch Vanille oder
andere Stoffe) gibt er die Schokolade. Wie Kaffee
und Tee enthält auch der Kakao einen Stoff (Theo-
b romin), der auf den Menschen eine belebende
Wirkung ausübt. Da man aber vom Kakao nicht
nur einen Aufguß trinkt, sondern ihn als Ganzes
genießt, so ist er zugleich ein Nahrungsmittel.
Frucht des Kakao-
bauines, geöffnet, um die
Samen,, die „ Kakaobohnen",
zu zeigen ('/ 3 nat. Gr.).
17. Familie. Storehsehnabelg'ewächse
(Geraniäceae).
Blüten : je 5 freie Kelch- und Blumenblätter ; 10 am
Grunde verwachsene Staubblätter; Fruchtknoten aus 5
verwachsenen Fruchtblättern zusammengesetzt; die ge-
schnäbelte Frucht spaltet sich bei der Reife in 5 „be-
grannte" Teilfrüchte, die sich von der stehenbleibenden Verlängerung des Blütenstieles
(Mittelsäule) lösen.
Der Reiherschnabel (Erödium cicutärium). Taf. 8.
1. Standort. Der Reiherschnabel ist auf Äckern, an Wegen und Rainen,
besonders auf Sandboden, häufig anzutreffen.
2. Wurzel. Obgleich die oberen Bodenschichten dieser Örtlichkeiten
während der Sommermonate fast völlig austrocknen, geht die Pflanze doch nicht
zu Grunde; denn sie sendet eine sehr lange Pfahlwurzel bis in die Boden-
schichten hinab, die stets etwas feucht bleiben. Ein weiteres Schutzmittel
gegen das Vertrocknen ist die sehr dichte, graue
3. Behaarung aller grünen Teile bei denjenigen Pflanzen, die auf sehr
sonnigem und dürrem Boden stehen (s. S. 43, C a). Wachsen die Pflanzen unter
günstigeren Bedingungen, so sind sie stets viel geringer, oft nur ganz wenig
Schmeil. Lehrbuch der Botanik.
Tafel
Reiherschnabel (Erodium cicutarium).
Kakaobaum. Reiherschnabel. 55
behaart. Einen ähnlichen unterschied finden wir meist auch bezüglich der
zierlich gefiederten
4. Blätter, deren Fiedern wieder mehr oder weniger tief eingeschnitten
sind. In den kleinen Blattflächen, die natürlich weniger Wasser verdunsten als
sonst gleiche, aber größere, besitzt der Reiherschnabel — an welchen Orten er
auch wachsen mag — ein drittes Schutzmittel, l'nd dieses Mittel muß umso
wirksamer sein, je kleiner die Blattflächen sind. Die kleinsten Flächen finden wir
nun abermals bei den Pflanzen der sonnigsten Stellen: die Fiederblätter sind
bis auf den Grund geteilt, so daß jedes abermals gefiedert ist. (Vgl. bezüglich
dieser Punkte andere Pflanzen trockener Standorte!)
Im Herbste und Winter bilden die Blätter des veränderlichen Pflänzchens
oft außerordentlich regelmäßige, dem Boden aufliegende Rosetten (2). In-
folge dieser Lage kann kein Blatt dem andern auch nur einen Lichtstrahl rauben,
und so allein vermag die winterliche Schneelast dem schwachen Gewächse keinen
Schaden zuzufügen (Beweis! s. S. 17, B; s. auch Löwenzahn!). Im Frühjahr
setzt die Pflanze das Leben fort, das durch die Kälte zum Stillstand gebracht
wurde : sie treibt langgliedrige, meist rot angelaufene, beblätterte
5. Stengel (1.) Wächst der Reiherschnabel zwischen anderen Pflanzen, die
ihm das Licht streitig machen, dann richten sich die Stengel hoch empor; im
anderen Falle dagegen bleiben sie meist dem Boden angedrückt. Über Stengel
und Blätter ragen, dem Insektenvolke sichtbar (Bedeutung?), die
6. Blüten empor. Neben Pflanzen mit kleinen Blüten findet man solche,
die weit größere Blüten tragen. Während erstere von Insekten wenig beachtet
werden und darum in der Regel auf Selbstbestäubung angewiesen sind, erfreuen
sich die anderen eines regen Insektenbesuchs. (Untersuche die Blüten auf Fremd-
und Selbstbestäubung genauer! Vgl. auch mit Stiefmütterchen!) Mehrere der
kurz gestielten Blüten (3) stehen auf einem langen, ge-
nieinsamen Stiele. Schon wenige Stunden nach dem Auf-
blühen verlieren sie die 5 rosafarbenen, oft dunkler ge-
streiften oder gefleckten und verschieden großen Blu-
menblätter, die am Grunde je einen Büschel seitlich
gerichteter Härchen tragen. Diese Haare überdecken die
5 Honigdrüsen am Grunde der Staubblätter und ver-
wehren somit den Insekten , von unten her zum Honig
vorzudringen (Bedeutung ?). Die 10 am Grunde mitein- Blütengrundril vom
ander verwachsenen Staubblätter sind nur zur Hälfte
mit Staubbeuteln ausgerüstet. Sie umschließen den
Stempel, dessen merkwürdigen Bau uns die reifende Frucht (1 a — c) deutlich
erkennen läßt. Wir sehen, wie der Fruchtknoten nach und nach in 5 Teilfrüchte
zerfällt , die um eine Verlängerung des Fruchtstiels , eine Mittelsäule, geordnet
sind. Lösen wir die noch unreifen, einsamigen Teilfrüchte (eine £. Samenanlage
gelangt nicht zur Entwicklung!) ab, so sehen wir weiter, wie ihre Hüllen (die
5 Fruchtblätter) in je einen langen Fortsatz, eine „Granne", ausgezogen sind.
56 17. Fam. Storchschnabelgewächse. 18. Fam. Sauerkleegewächse.
Jede Teilfrucht besteht also aus 2 deutlich geschiedenen Abschnitten: aus dem
Fruchtfache mit dem Samen (4 a) und der Granne (4 b und c). Die 5 Grannen
bilden mit dem oberen Teile der Mittelsäule den Griffel, und ihre obersten Ab-
schnitte stellen die 5 Narben dar. Nach dem Verblühen wächst der Griffel
weiter, so daß er samt der Frucht schließlich einem langgeschnäbelten Vogel-
kopfe ähnelt (Reiherschnabel — Storchschnabel). Auch der 5-blättrige Kelch
vergrößert sich noch nach dem Verblühen und umhüllt schützend die sich aus-
bildende
7. Frucht, a) Bringt man einen reifen Fruchtstand (vgl. die Stellung
von Blüte und Frucht!) in das geheizte Zimmer, auf den warmen Ofen, oder
sorgt man sonstwie dafür, daß er schnell austrocknet, so beobachtet man, wie
sich die Teilfrüchte von der Mittelsäule ablösen (1 b), wie sich der untere Teil
der Granne korkzieherartig aufrollt (1 c und 4), und wie das ganze Gebilde ein
Stück fortgeschleudert wird. Dasselbe erfolgt natürlich auch im Freien, bei
warmem, trockenem Wetter. In dem eigentümlichen Bau der Frucht erkennen
wir erstens also ein Mittel zur Verbreitung der Samen.
b) Befeuchtet man eine Teilfrucht, so streckt sich die Granne: die Win-
dungen werden immer weiter und verschwinden schließlich vollständig. Läßt
man die Granne wieder austrocknen, so rollt sie sich wieder auf. (Die gegen
Feuchtigkeit sehr empfindlichen [hygroskopischen] Teilfrüchte werden darum
auch zur Herstellung von Feuchtigkeitsmessern oder Hygrometern benutzt.)
Wiederholt man denselben Versuch in der Weise, daß man den rechtwinklig
abgebogenen, geraden Endteil der Granne festhält, so wird das Fruchtfach in
drehende Bewegung versetzt. Stellt man nun endlich eine angefeuchtete Teil-
frucht mit der Spitze des Fruchtfaches in Sand oder lockere Erde und dicht da-
neben ein Stäbchen, das den Endteil der Granne hindert, sich beim Strecken
des korkzieherartigen Abschnittes zu drehen, so muß dasselbe erfolgen, d. h. das
Fruchtfach in den Sand oder die Erde gebohrt werden. Dasselbe erfolgt natür-
lich auch im Freien, wenn der Endteil der Granne durch Pflanzen oder Uneben-
heiten des Erdbodens festgehalten wird (stelle einen entsprechenden Versuch an !),
und wenn Tau- oder Regentropfen die Granne strecken, und der Sonnenschein sie
wieder trocknet (5 a — d). Man findet daher in der Umgebung der Pflanze zur
Zeit der Fruchtreife meist auch einige eingebohrte Früchte. Der eigentümliche
Bau der Frucht und ihre große Empfindlichkeit gegen Befeuchtung sind also
zweitens ein Mittel , die Samen in den Erdboden, also an den Ort zu
bringen, an dem sie zu keimen vermögen.
Diese Erkenntnis macht uns weitere Einzelheiten im Bau der Teilfrucht
verständlich: 1) der gerade End teil der Granne bewirkt, daß die Spitze des
Fruchtfaches stets schräg gegen den Erdboden gerichtet ist (5 a). 2) Die als Erd-
bohrer dienende Spitze des Fruchtfaches ist scharf (4 a). 3) Das Frucht-
fach ist mit kurzen, steifen Haaren besetzt, die wie Widerhaken wirken.
Rollt sich nämlich die austrocknende Granne auf, so verhindern sie, daß das Fruch-
fach wieder aus dem Boden gedreht werde. Durch abwechselnde Befeuchtung
Reiherschnabel und seine nächsten Verwandten. Sauerklee. 57
und Austrocknung muß das Fruchtfach (Same) also immer tiefer in die Erde
eindringen (5 b— d). 4) Die kurzen und langen Haare an dem korkzieher-
artigen Grannenteile (4 und 5) verhindern ein Abspringen der Regentropfen.
5) Das Fruchtfach ist vollkommen geschlossen, so daß ein Herausfallen
des Samens verhindert wird (vgl. dag. Wiesen-Storchschnabel). Kurz : wir haben
es hier mit einem wahren Wunderwerke der Natur zu tun!
Die nächsten Verwandten des interessanten Pflänzchens sind die Storch-
SChnabelarten (Geränium), die Wald und Feld, trockene und feuchte Örtlichkeiten be-
wohnen. Wie bei ihnen die Samenverbreitung erfolgt, mag uns der Wiesen-Storchschnabel
(G. pratense) lehren, der mit seinen großen, blauen Blumen Wiesen und lichte Gebüsche
schmückt. (Durch welche Einrichtung wird Selbstbestäubung verhindert? Beachte den
klebrigen Stengel! Vgl. mit Leimkraut!) Die sich ablösenden Teilfrüchte schnellen
an der sich bogenförmig krümmenden Granne mit ziemlicher Gewalt nach oben, bleiben
aber an dem oberen Grannenteile mit der Mittelsäule verbunden. Dadurch werden sie
in ihrer Bewegung aufgehalten, so daß ein heftiger Ruck entsteht. Da nun die Frucht-
fächer auf der Innenseite einen großen Spalt besitzen, so werden die Samen in weitem
Bogen fortgeschleudert, etwa wie ein Stein, den man aus der hohlen Hand mit einem
kurzen Ruck des Annes fortwirft. Dieselbe Verbreitung finden wir bei allen groß-
blumigen Storchschnabelarten. Bei den kleinblumigen Arten dagegen lösen sich die Grannen
vollständig ab, so daß die Teilfrüchte fortschnellen. Um das Herausfallen der Samen zu
verhindern, sind bei ihnen die Fruchtfächer wie beim Reiherschnabel völlig geschlossen. —
Als bekanntestes Beispiel dieser Formen sei das Ruprechtskraut (G. robertiänum) ge-
nannt, das an feuchten, schattigen Orten überall vorkommt. Durch den widerlichen Geruch
(Schutz gegen Tiere!) und die tiefgeteilten, fiederspaltigen Blätter unterscheidet es sich
leicht von dem sonst sehr ähnlichen Reiherschnabel. — Zahlreiche ausländische, meist
aus dem Kaplande stammende „Geranien" (Pelargönium) zählen zu unsern beliebtesten
Topfpflanzen.
18. Familie. Sauerkleege wachse (Oxalidäceae).
Den Sauerklee (Öxalis acetosella)
kennzeichnet die große Zartheit aller Teile schon als einen Bewohner
schattiger, feuchter Wälder und Gebüsche (s. S. 7, c). Von den kleeartigen
Blättern und dem Reichtum an sauerschmeckendem, giftigem Kleesalz (Schutz-
mittel gegen Tiere !) hat er seinen Namen. An sonnigen Tagen kann man leicht
beobachten, wie dicht beieinanderstehende Pflanzen ein sehr verschiedenes Aus-
sehen haben: die beschatteten breiten ihre Blätter so aus, daß die drei herz-
förmigen Einzel-Blättchen in einer Ebene liegen; die von den warmen Sonnen-
strahlen getroffenen dagegen haben die Blättchen senkrecht nach unten ge-
schlagen und falten sie dabei (des Platzes wegen!) in der Mittellinie etwas ein.
Die Blätter dieser Pflanzen werden infolgedessen weniger besonnt und mithin
auch weniger erwärmt, daher werden sie auch weniger Wasser verdunsten,
als wenn sie ausgebreitet wären (s. S. 43, C c). (Vgl. auch die jungen Blätter
nach Stellung und Faltung mit denen der Roßkastanie!) Nachts nehmen die
Blätter die gleiche „Schlafstellung" ein (s. Gemüsebohne). Auch die weißen,
58 Taf. 9. 18. Farn. Sauerkleegewächse. 19. Faru. Leingewächse.
rot geäderten Blüten (beschreibe sie!) schließen sich und werden nickend, so-
bald es Abend wird. Bei Eintritt eines Regenwetters tun sie dasselbe, und
bei kaltem, unfreundlichem Wetter öffnen sie sich gar nicht (s. S. 3, b). Drückt
man eine ziemlich reife Frucht ein wenig, so werden die Samen mit großer
Heftigkeit ausgeschleudert, Dasselbe geschieht bei völliger Reife von selbst:
die äußere Schicht der Samenschale reißt an der Außenseite auf und rollt
blitzschnell zurück : dadurch erhalten die glatten Samen einen so heftigen Stoß,
daß sie durch die Spalten der Kapsel ins Freie geschleudert werden. Diese
Ausstreuungsweise der Samen macht uns auch verständlich, warum sich der ge-
krümmte Fruchtstiel zur Zeit der Fruchtreife emporrichtet.
Eine nahverwandte Pflanze ist das Springkraut oder das Kräutchen
„Rühr mich nicht an" (Impätiens noli tängere), das an Waldbächen und anderen
feuchten Waldstellen gedeiht. Es ist, seinem Standorte entsprechend (s. S. 7, c), ein
überaus saftreiches, zartes Gewächs, dessen hellgrüne Teile von einer bläulichen Wachs-
schicht überzogen sind (s. S. 17, 2). Die gelben, trompetenähnlichen Blüten stehen unter
den Blättern wie unter einem schützenden Regendache. Berührt man die schotenähn-
lichen Früchte, so lösen sich die 5 Klappen von der Mittelsäule ab, rollen sich spiralig
zusammen und schleudern die Samen nach allen Seiten. Dasselbe geschieht, wenn der
Wind die Pflanzen schüttelt, oder wenn ein vorbeistreifendes Tier die Kapseln berührt
(Namen!). — Eine gleiche Samen Verbreitung findet man bei der Garten-Balsaniine
(J. balsamina), die aus Ostasien stammt. — Gespornte Blüten besitzen auch die Kapu-
zinerkressen (Tropteolum), die zu unseren beliebtesten Zierpflanzen zählen. Ihre Heimat
ist Peru. Sie besitzen meist schildförmige Blätter. Die Blütenknospen und jungen Früchte
werden wie Kapern verwendet (s. S. 10).
19. Familie. Leing-ewächse (Linäceae).
Der Lein oder Flachs (Linum usitatissimum). Taf. 9.
A. Die Pflanze selbst.
„Auf, kommt in die Felder und blühenden Au'n,
Das liebliche Pflänzchen der Mädchen zu schau'n!"
Einen so prächtigen Anblick das blühende Flachsfeld gewährt, einen so
bescheidenen Eindruck macht die einzelne Pflanze (1.). Der schwache, aber
sehr elastische
1. Stengel, der im oberen Teile mehrfach verzweigt ist, wird bis zu
1 m hoch.
2. Die Blätter sind klein und schmal. Infolgedessen beschatten sie sich
gegenseitig bei weitem nicht so stark wie große Blätter und sind daher in ver-
hältnismäßig großer Anzahl vorhanden. (Vgl. mit anderen klein- und groß-
blättrigen Pflanzen!)
3. Die Blüten stehen an den Zweigenden oder auf langen Stielen und
sind aus 5 Kelchblättern, ebensovielen himmelblauen Blumen- und Staubblättern
und einem Stempel zusammengesetzt. Da auch die am Grunde verwachsenen
Staubblätter und die 5 Griffel (2.) mit den Narben prächtig blau gefärbt sind —
Schmeil. Lehrbuch der Botanik.
Tafel 9.
Lein oder Flachs (Linum usitatissimum).
Lein oder Flachs. 59
aber nur soweit, als sie von außen gesehen werden können — so treten sie
mit in den Dienst der Insektenanlockung. Selbst wenn sich kein Insekt ein-
stellt, bleibt die Pflanze doch nicht unfruchtbar: die Blüten, die sich bei den
ersten Strahlen der Morgensonne öffnen, schließen sich bereits am Nachmittage
wieder, indem die Blumenblätter die zusammengedrehte Haltung wie in der Knospe
einnehmen (3.); dadurch kommen aber Narben und Staubbeutel in innige Beruh- â–
rang, so daß Selbstbestäubung eintritt. An naßkalten Tagen und bei Regen-
wetter öffnen sich die Blüten gar nicht (s. S. 3, b).
4. a) Die Frucht (4.) ist bis zur Reife schützend vom Kelche umhüllt. Sie
ist eine kugelige Kapsel („Flachsknoten"), die in jedem der 5 Fruchtfächer 2
Samen enthält (5.). Die Fächer sind aber durch eine unvollständige Scheidewand
nochmals geteilt, so daß scheinbar 10 einsamige Fächer vorhanden sind. Bei
der Reife öffnen (6.) sich die Kapseln entweder mit einem knackenden Geräusch
oder sie bleiben geschlossen, so daß die Samen durch Ausschlagen gewonnen
werden müssen. Ersteres ist bei dem kleineren „Klang- oder Springlein", letzteres
beim größeren „Schließ- oder Dreschlein" der Fall. Da wildwachsende Pflanzen
ihre Samen verstreuen müssen (warum?), ist die zweite Spielart ohne Zweifel
eine vom Menschen noch mehr veränderte Form als die erste.
b) Befeuchtet man die glatten, bräunlichen Samen (6.), so wird die Ober-
fläche bald im hohen Grade klebrig. Bei der Aussaat verkittet infolgedessen
der Same mit dem Boden, so daß das Keimen sicher von statten gehen kann
(vgl. mit Kürbis). Des Schleimes wegen benutzt man die Samen auch in der
Heilkunde (zu Tee und Umschlägen). Besondere Bedeutung erhalten sie aber
durch den großen Reichtum an dem fetten Leinöl, das ausgepreßt zur Her-
stellung von Ölfarben, Druckerschwärze, Seife und dgl. mehr verwendet wird.
B. Der Lein als (iespinstpflanze. 1. Die Flachsfasern. Zerreißt
man einen Flachsstengel, so schauen aus den Rißstellen (ähnlich wie beim
Durchreißen der Blattstiele des Wegerichs) dünne Fäden hervor. Betrachtet
man einen solchen Faden unter dem Mikroskope, so giebt er sich als aus zahl-
reichen Zellen bestehend zu erkennen (7.). Die Zellen sind sehr lang (bis 4 cm),
mit den zugespitzten Enden gleichsam ineinander gekeilt und so dickwandig,
daß ihr Innenraum nur noch als eine dunkle Linie erscheint. Sie bilden daher
nicht nur sehr lange, sondern auch sehr feste Stränge, die man als Flachs-
fasern oder — da sie in dem (zwischen Rinde und Holz befindlichen) Bast
eingelagert sind — Bastfasern bezeichnet. Infolge der Länge und Festigkeit
eignen sich die Fasern vortrefflich zur Herstellung von Geweben und machen
den Lein zu einer der wichtigsten Gespinstpflanzen. Soll die Pflanze diesem
Zwecke dienen, so müssen die Flachsfasern von den umgebenden Geweben selbst-
verständlich befreit werden.
2. Die Gewinnung der Flachsfasern geschieht nun von alters her
in folgender Weise: Sobald die Stengel anfangen gelb zu werden, rauft man
die Pflanzen aus dem Boden und beseitigt („riffelt") die Samenkapseln mit Hilfe
eiserner Kämme. Bündelweis legt mau die Pflanzen sodann in stehendes oder
60 19. Fam. Leingewächse. 20. Farn. Weinrebengewächse.
langsam fließendes Wasser, oder man breitet sie auf Feldern und Wiesen aus
und überläßt sie einige Wochen dem Regen und Tau. In den durchfeuchteten
I'tlanzenteilen tritt (unter Einwirkung von Spaltpilzen; s. das.) bald eine Gärung
ein : die Rinde und die weichen Bastteile werden zerstört, so daß sich die Flachs-
fasern leicht abziehen lassen. Nachdem dieser Vorgang, der als das „Rösten"
. des Flachses bezeichnet wird („Wasser- und Tauröste"), beendigt ist, kommt es
noch darauf an, den Holzkörper zu beseitigen. Zu diesem Zwecke werden die
Stengel zunächst getrocknet („gedörrt") und sodann gebrecht, d. h. das
mürbe gewordene Holz wird durch besondere Vorrichtungen (Flachsbreche) in
kleine Stücke zerbrochen. Die somit freigewordenen Flachsfasern, die aber noch
miteinander netzförmig verbunden sind, werden nunmehr durch Schlagen mit
einem schwertförmigen Holze („Schwingen") von den anhängenden Holz-
und Rindeteilchen befreit und endlich durch die Zähne einer Hechel gezogen.
Hierdurch wird das Netzwerk in einzelne Stränge zerrissen; die langen Fasern
erhalten eine gleichmäßige Lage und werden von den kurzen Fasern, dem
Werg oder der Hede, getrennt.
3. Die Verwendung von Flachsfasern. Schon seit undenklichen
Zeiten hat der Mensch verstanden, die Bastfasern des wahrscheinlich aus dem
Mittelmeergebiete stammenden Leins (und seiner nächsten Verwandten) zu Garn
zu spinnen und Leinwand daraus zu verfertigen. Jahrtausende hindurch be-
diente man sich zum Spinnen der Handspindel. Sie mußte dem um das Jahr
1530 erfundenen Spinnrade weichen, das in der Gegenwart wieder von sinnreich
konstruierten Spinnmaschinen fast völlig verdrängt worden ist. Wie diese
Maschinen ein billigeres Garn liefern, als dies mit Hilfe des Spinnrads möglich
ist, so vermag auch der alte Handwebstuhl nicht mehr gegen die mechanischen
Webstühle der Fabriken den Wettbewerb aufzunehmen. Da die Leinwand im-
mer mehr von der billigeren Baumwolle verdrängt wird, so ist auch der Flachs-
bau stark zurückgegangen, und jetzt schon giebt es weite Bezirke, in denen
das schnurrende Spinnrad und das blaue Flachsfeld nur noch von Hörensagen
bekannt sind. — Von den zahlreichen Leinwandsorten, die man herstellt, seien
nur genannt: der Zwillich und der Drillich oder Drell, das sind — wie schon
der Name sagt — Zeuge, die mit 2 bezw. 3 schräg verlaufenden Fäden gewebt
sind; sehr feines Leinen nennt man Batist; das stärkste ist das Segeltuch.
Das minderwertige Werg verwendet man zur Füllung von Polstern, so-
wie zur Herstellung von Stricken und Packleinwand. Aus unbrauchbar ge-
wordenen Leinengeweben (Lumpen) bereitet man bekanntlich das Papier.
20. Familie. Weinrebeng-ewächse (Vitäceae).
Der Weinstock (Vitis vinifera).
1. Heimat und Verbreitung. Die Heimat des Weinstockes glaubt man
in den Ländern um das Mittelmeer gefunden zu haben. Vollkommen wild soll
er heutzutage noch in den Wäldern von Westasien vorkommen, in denen er als
Lein oder Flachs. Weinstock. 61
üppig wuchernde Schlingpflanze bis zu den Kronen der höchsten Bäume empor-
steigt. Auch die Weinstöcke, die man in den Uferwäldern der Donau und des
Rheins antrifft, sollen wirklich wilde Pflanzen sein. Verwildert kommt die Rebe
in allen Ländern vor, in denen Weinbau getrieben wird.
Der köstlichen Früchte wegen hat der Mensch den Weinstock schon seit
uralten Zeiten (Noah) in Pflege genommen und über einen großen Teil der
Erde verbreitet. Als eine Pflanze wärmerer Gegenden meidet er sowohl den
kalten Norden, als auch die heiße Zone. Etwa der 52. Breitengrad bildet in
Deutschland die Grenze seines Gedeihens, und zwar vermag er bis zum 51. Grad
herab meist nur an der Wand der Häuser, die von den Sonnenstrahlen stark
erwärmt wird, seine Trauben zu reifen. Südlich von dieser Linie dagegen, am
rebenumkränzten Rhein, an der Mosel und Ahr, am Main und Neckar, in Franken
und Baden und an vielen anderen Orten, bewohnt er das freie Feld oder den
sonnigen Bergeshang. Dort, wo die Sonne kräftiger wirkt, wie in Südtirol,
zieht man ihn in Laubengängen ; in der lombardischen Tiefebene umschlingt er
den Maulbeerbaum, und noch weiter südlich klettert er an Ulme und Pappel
empor. Und wie in Deutschland und dem alten Weinlande Italien, reift er seine
köstlichen Früchte auch (gib die Gegenden näher an !) in Frankreich, in Spanien
und Portugal, in der Schweiz, in Österreich und Ungarn, in Griechenland und
auf den Inseln des Mittelmeeres, in Rumänien und dem südlichen Rußland, in
ganz Vorderasien, auf Madeira und im Kaplande, in Nordamerika und an vielen
anderen Orten der Erde.
Ein so weit verbreitetes Gewächs lebt natürlich unter den verschiedensten
Verhältnissen (Boden, Wärme, Feuchtigkeit, Pflege und dgl.). Er tritt daher
auch in einer großen Zahl von Spielarten oder Sorten auf, die sich be-
sonders durch die Form, Größe und Behaarung der Blätter, sowie durch die
Form und Färbung der Beeren und die Größe der Trauben voneinander unter-
scheiden.
2. Wurzel. In den wärmeren Ländern fällt während eines großen Teiles
des Jahres und zwar in der Zeit, in der der AVeinstock Blüten trägt und Früchte
reift, meist kein Regen. Auch in unsern Weinbergen sind in den Spätsommer-
und ersten Herbstmonaten die oberflächlichen Erdschichten oft im hohen Grade
ausgetrocknet. Da aber die Wurzeln des Weinstockes tief in den Boden dringen,
so vermögen sie selbst während dieser Zeit genügend Wasser zu beschaffen.
3. Stamm uud Äste (Reben) sind von einer graubraunen Borke bedeckt,
deren abgestorbene Lagen in bandartigen Streifen abgestoßen werden. Wohl
kann der Stamm bei hohem Alter baumartige Stärke erreichen, die Reben aber
bleiben stets verhältnismäßig schwach. Besonders gilt dies für die jüngsten
Reben („Lotten"), die im Frühjahre aus braunbeschuppten Knospen hervor-
brechen (vgl. mit Roßkastanie!). Da es nun für den wildwachsenden oder
verwilderten AVeinstock ein A T orteil ist, möglichst bald den besonnten Gipfel des
Baumes zu erreichen, an dem er emporklettert, so wächst der Jahrestrieb den
ganzen Sommer hindurch fort (vgl. dag. mit Roßkastanie, Linde und andern
62 20. Farn. Weinrebengewäcbse.
Bäumen !). Der angebaute Weinstock hat diese Eigenschaft beibehalten und bildet
nicht selten Jahrestriebe von 4 und mehr Meter Länge. Diese Triebe sind aber
so schwach, daß sie weder die eigene Last, noch die der Früchte zu tragen
vermögen. Wir geben daher den baumartigen Stöcken, die wir an W T änden
ziehen, ein Spalier, und den strauchartigen der Weinberge Stäbe, an denen sie
Halt und Stütze finden. Außerdem ist der Weingärtner das ganze Jahr hin-
durch aufs eifrigste bemüht, jeden Weinstock in den Vollgenuß von Licht und
Luft zu setzen, die zu gutem Gedeihen nötig sind : er schneidet zu dem Zwecke
die überflüssigen Eeben ab, bindet die fruchttragenden fest und dgl. mehr.
Dem wildwachsenden oder verwilderten Weinstocke dagegen läßt niemand eine
solche Pflege angedeihen. Er müßte am Boden liegen bleiben und würde bald
von den benachbarten Pflanzen überwuchert und erstickt sein, wenn er nicht
in den
4. Ranken ein Hilfsmittel besäße, sich an anderen, stärkeren Pflanzen
(Bäumen) anzuklammern und zum Lichte emporzudringen. Die Eanken sind
fadenförmige Gebilde, die den Blättern gegenüberstehen. In der Mitte besitzen
sie ein Blättchen, aus dessen Achsel ein kleiner Ast hervorsproßt, so daß sie
wie gegabelt erscheinen. Da die Trauben gleichfalls den Blättern gegenüber-
stehen und dieselbe Gliederung wie die Ranken zeigen, so ist dies ein Zeichen,
daß wir es in den Ranken mit umgewandelten Blütenstielen zu tun haben
( „ S tengelranken " ).
a) Betrachtet man ein Weinspalier, so findet man, daß alle Ranken sich
nach der Wand, also dorthin wenden, wo eine Stütze zu finden ist. Dasselbe
beobachtet man auch an jedem Stocke im W T einberge. Ihrer Aufgabe entsprechend
ist also die Ranke im Gegensatz zu den lichtliebenden Blättern ein licht-
scheues Gebilde.
b) Die Rankenäste bewegen sich wie der Uhrzeiger langsam,
aber stetig im Kreise. Je mehr sie in die Länge wachsen, desto größer
werden die Kreise, und desto größer wird auch die Möglichkeit, eine Stütze zu
finden. Die Zeit, in der ein solcher Umlauf vollendet wird, ist je nach der
Temperatur verschieden. (Wie lange brauchte der von dir beobachtete Ranken-
ast dazu?)
c) Bringen wir der kreisenden Ranke ein Holzstäbchen in den Weg, so
beobachten wir folgendes: Einige Stunden, nachdem die hakenartige Spitze oder
eine andere Stelle des Astes den Stab berührt hat, hat ihn die Ranke in einer
Schlinge umwunden. Einige Stunden, oder auch einen Tag später (stelle
die Zeit bei deinem Versuche genauer fest!) hat sich der Endteil des Astes in
weiteren, sehr engen Windungen um die Stütze gelegt. Dasselbe er-
folgt, wenn die Ranke einen anderen Gegenstand, einen Zweig, einen Blattstiel
oder dgl. erfaßt.
d) Nach Verlauf einiger Tage hat sich der zwischen Stütze und Pflanze
ausgespannte Rankenteil korkzieherartig zusammengezogen.
Infolgedessen wird die Pflanze enger und fester an die Stützen gefesselt, und
Weinstock. 63
da die korkzieherartigen Ranken federn, so vermag der Wind den Weinstock
bei weitem nicht so leicht von seinen Stützen loszureißen als im anderen Falle.
Dies ist umso weniger möglich, als die
e) anfangs sehr zarten Rauken nicht nur stärker werden, sondern auch
verholzen. Dadurch erhalten sie fast die Festigkeit von Eisendraht. Die
Ranken aber, die keine Stütze ergreifen konnten, vertrocknen und fallen ab.
Dies ist für die Pflanze kein sonderlicher Verlust; denn
f) an jeder Rebe werden eine größere Anzahl von Ranken ge-
bildet. Dem unteren Rebenteile aber fehlen die Ranken; denn er
vermag sich ja ohne Hilfe dieser „Hände" dem Lichte entgegen zu strecken.
5. a) Das Blatt ist von prächtiger Form, so daß es in der Kunst viel-
fache Verwendung findet (Beispiele!). Durch 2 tiefere und 2 flachere Einschnitte
ist es in 5 Lappen geteilt, in die je eine Hauptrippe vom Blattgrunde aus ein-
tritt. Der Blattrand ist gesägt. (Welche Eigenschaften des jungen Blattes der
Roßkastanie finden wir am Weinblatt wieder?)
b) Obgleich die Blätter verhältnismäßig groß sind, rauben sie sich doch
nicht gegenseitig das Licht: Sie stehen abwechselnd an der Rebe und sind
in 2 Zeilen angeordnet. Außerdem nehmen sie
c) eine ganz bestimmte Stellung zu den Sonnenstrahlen ein. Dies
ist deutlich zu sehen, wenn die Reben angebunden werden. Durch diesen Ein-
griff wird das gesamte Blattwerk in „Unordnung" gebracht, so daß der Stock
struppig und unschön aussieht. Nach einigen Tagen aber schon ist die alte
„Ordnung" wieder hergestellt: Die Blätter haben sich so gedreht, daß die Stiele
wieder schräg aufwärts gerichtet und die Blattflächen schräg abwärts geneigt
sind. Infolgedessen werden sie von den Sonnenstrahlen senkrecht getroffen, also
unter einem Winkel, unter dem die Strahlen ihre größte Wirkung ausüben
(Beweis!). — In den Blattwinkeln bildet sich je eine Knospe, aus der noch in
demselben Sommer ein Trieb, die sogenannte
<i. Geize, hervorgeht. Da dieser Trieb im Herbst zum Teil abstirbt und
bei uns fast niemals „reifes" Holz entwickelt, das der Winterkälte widerstehen
könnte, so entfernt ihn der Gärtner („geizen"), um für die anderen Reben
(„Lotten") Platz zu schaffen. Am Grunde der Geize entsteht die Winterknospe,
aus der im nächsten Jahre eine neue Rebe hervorgeht.
7. Die Blüten sind sehr klein und zu aufrecht stehenden Rispen (im ge-
wöhnlichen Leben „Trauben", in den Weingegenden „Gescheine" genannt) ver-
einigt. So lange sie sich im Knospenzustande befinden, erhebt sich über dem
iiapf förmigen, fiinfzipfligen Kelche je eine kleine Kappe oder Haube. Sie
wird von den verwachsenen Blumenblättern gebildet und überdeckt
schützend die 5 noch eingebogenen Staubblätter und den flaschenförmigen
Stempel, an dessen Grunde sich 5 gelbe Honigdrüsen vorfinden.
Während sich bei den allermeisten Pflanzen die Blumenblätter beim Aufblühen
auseinander tun, um den Zugang zum Blütengrunde freizugeben, bleiben sie
hier an dem oberen Teile fest miteinander verbunden. Dadurch würde aber die
64
20. Farn. Weinrebengewächse.
2. 3.
Blüte des Weinstocks (vergr.) 1. geschlossen,
2 Die Blumenblätter werden abgeworfen, 3. ent-
faltet.
Bestäubung- erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht werden! Als Gebilde,
die ihre Aufgabe erfüllt haben, lösen sich die Blumenblätter daher beim Auf-
blühen an der Ursprungsstelle los und werden als flache Hauben von den sich
streckenden Staubblättern em-
porgehoben und schließlich ab-
geworfen. Da die Blumenblätter
grün gefärbt sind und mithin
die Aufmerksamkeit der Insek-
ten nicht erregen können, so ist
es auch aus diesem Grunde kein
Verlust für die Pflanze, daß
sie abfallen. Wie bei der gleich-
falls unscheinbaren Lindenblüte
besorgt ein köstlicher Duft die
Anlockung der Bestäuber (Käfer,
Fliegen und Bienen). Vielfach
fällt auch der Blütenstaub auf die Narbe derselben Blüte, und es ist selbst be-
obachtet worden, daß sich die Staubblätter strecken und krümmen und infolge-
dessen mit Narben benachbarter Blüten in Berührung kommen.
8. Die Frucht des Weinstocks ist eine Beere von gelber, grüner, roter oder
blauer Färbung. Sie ist mit einem abwischbaren Wachsüberzuge wie mit einem
Reif versehen (Schutz gegen Befeuchtung und damit verbundener Fäulnis, sowie
gegen Verdunstung der Fruchtsäfte; (Beweis!) und enthält 1 — 4 Samen. Durch das
Gewicht der Beeren wird der anfänglich aufrechte Traubenstiel abwärts gezogen,
a) Verbreitung. Die Pflanzen — und somit auch der Weinstock —
erzeugen Samen, damit daraus neue Pflanzen (derselben Art) entstehen. Werden
die Weintrauben vom Menschen verspeist oder sonstwie verwendet, so gehen die
Samen zu Grunde, ohne ihre Aufgabe erfüllt zu haben. Anders aber, wenn die
Beeren von Staren, Sperlingen, Drosseln oder anderen Vögeln verzehrt werden :
während das saftige Fruchtfleisch verdaut wird, können die Samen infolge der
steinharten Hülle von den scharfen Verdaungssäften nicht zerstört werden; sie
gehen unverletzt durch den Körper des Vogels und werden mit dem Kote wieder
ausgeschieden. Geschieht dies nun an einem Orte, an dem die Samen keimen und
sich zu neuen Weinstöcken entwickeln können, so ist nicht nur eine Vermehrung,
sondern auch eine Weiterverbreitung der Pflanze eingetreten. Durch Hilfe
der Vögel werden die Samen der wildwachsenden Weinstöcke allein ver-
breitet, und die verwilderten sind nur durch Vögel ausgesät. (Warum sind
aber die Wespen, die gleichfalls den Beeren eifrig nachstellen, unnütze Näscher?
— Die angebauten Reben vermehrt man ausschließlich durch Stecklinge.)
Einer Pflanze aber, die nichts zu bieten vermag, werden die Vögel einen
solchen Dienst nicht erweisen. Wie die Insekten die Blumen nur besuchen, weil
sie hier Nahrung finden, so besuchen auch die Vögel den Weinstock allein, um
die süßen, saftigen und wohlschmeckenden Beeren zu verzehren.
Weinstock. 65
Und wie die Blumen ihre Bestäuber durch (Duft und) leuchtende Farben anlocken, so
lockt der Weinstock seine Verbreiter dadurch zum süßen Mahle, daß seine Früchte
eine Färbung' besitzen, die von der des Laubes mehr oder weniger absticht
Würden die Vögel die Beeren bereits verzehren, ehe die Samen reif, d. h.
keimfähig wären, so würde das für den (wildwachsenden) Weinstock ein großer
Nachteil sein (warum?). Wir sehen daher, daß die Früchte erst zur Reife-
zeit wohlschmeckend werden und „Lockfarben" annehmen. Vor-
dem sind sie zusammenziehend sauer, ungenießbar und heben sich der grünen
Färbung wegen von dem Blattwerke nicht ab. (Vgl. in diesen Punkten andere
Pflanzen mit fleischigen Früchten, sowie die Pflanzen, die sich zur »Samen-
verbreitung nicht der Hilfe der Vögel bedienen!)
b) Verwendung der Trauben. Die Trauben preisen wir mit Recht
als das vornehmste Erzeugnis der Pflanzenwelt. Frisch genießen wir sie als
schmackhaftes Obst, getrocknet als Rosinen und Korinthen. In dieser
Form kommen sie besonders aus dem weinreichen Griechenland und Kleinasien.
Die Korinthen haben ihren Namen nach der Stadt Korinth, in deren Nähe die
kernlose Spielart zuerst gebaut wurde. — Ihre Hauptbedeutung erhalten die
Trauben jedoch erst dadurch, daß aus ihnen das edelste Getränk, der Wein,
gewonnen wird, der — in kleinen Mengen genossen — den Gesunden erfreut
und den Kranken labt, der den „niedergesunkenen Mut emporhebt und den Be-
trübten erquickt". Unmäßiges Weintrinken ist aber wie der übermäßige Genuß
aller anderen alkoholischen Getränke der Gesundheit des Menschen in hohem
Grade nachteilig und eine Quelle vielen Elendes (führe dies näher aus!). Für
Kinder ist sogar der beste Wein schädlich, selbst wenn er in
kleinsten Mengen genossen wird.
Zum Zwecke der Weinbereitung werden die Trauben ausgepreßt.
Der hierdurch erhaltene süße Saft (Most) beginnt schon nach einigen Stunden
sich zu trüben. Unzählige mikroskopische Weinliefepilze (s. Bierhefe) beginnen
nämlich ihre Arbeit. Die Keime dieser Pfiänzchen ruhen im Boden des Wein-
berges, werden durch den Wind verweht, fallen u. a. auch auf die Schalen und
Stiele der Beeren, werden durch Insekten von Frucht zu Frucht verschleppt und
gelangen somit beim Auspressen in den Most. Dort vermehren sie sich außer-
ordentlich schnell und bringen eine wichtige Änderung hervor, die man bekannt-
lich als Gärung bezeichnet. Sie zerspalten nämlich den Traubenzucker in Alkohol
(Weingeist!) und Kohlensäure, die unter Brausen und Schäumen entweicht.
Durch diesen Vorgang verwandelt sich der süße Saft allmählich in klaren, alko-
holreichen Wein. Will man Rotwein bereiten, so läßt man die Schalen blauer
und roter Beeren eine Zeitlang mitgären. (Warum ist die übliche Bezeichnung
„Weißwein" ungenau?)
9. Die Feinde, die dem edlen Weinstocke Schaden zufügen oder ihn gar
vernichten, sind außerordentlich zahlreich. Ein Pilz, der Rebenmehltau
(Oidinm tückeri), überzieht wie ein weißer Schimmel Blätter und Früchte, denen
er durch eingesenkte Fortsätze Nahrung entzieht. Die Blätter verdorren schließ-
Schmeil, Lehrbuch der üotanik. 5
66 Taf. 10. 20. Farn. Weinrebengewächse. 22. Fam. "Wolfsmilchgewächse.
lieh, die Beeren zerplatzen und verfaulen, und oft schon hat der winzige Schma-
rotzer die Weinernte weiter Bezirke gänzlich vernichtet. Man tötet ihn durch
Bestreuen mit Schwefelpulver. Ein ähnlicher Verwüster ist der sog. falsche
Rebenmehltau (Peronospora viticola), der im Innern der Blätter lebt. Gegen
ihn ist nur aufzukommen, wenn man seine Sporen vernichtet, die durch den Wind
auf die Blätter getragen werden. Das wirksamste Mittel hat man in dem Be-
sprengen der Reben mit einer Lösung von Kupfervitriol gefunden. — Von den
tierischen Feinden seien nur genannt der Traubenwickler (Heu- und Sauerwurm)
und das schlimmste Übel von allen: die Reblaus (s. „Lehrbuch der Zoologie").
Ein naher Verwandter der edlen Rebe ist der sog. wilde Wein (Ampelöpsis
quinquefölia). Er stammt aus Nordamerika und wird zur Bekleidung von Mauern, Lauben
und dgl. allgemein verwendet. Da er selbst an glatten Wänden emporklettern kann,
müssen seine Ranken wesentlich anders als die des Weinstocks gebaut sein. Sie sind
mehrfach verästelt und an den Enden hakig gekrümmt. Kommen sie mit der Wand in
Berührung, so spreizen die Rankenäste weit voneinander, und ihre Enden schwellen zu
kleinen „Haftballen" an, die einen klebrigen Stoff ausscheiden (vgl. mit dem Laub-
frosch!). Die schwarzen, für uns ungenießbaren Beeren fallen bei der Reife umso mehr
auf, als sich die „gefingerten" Blätter im Herbst in ein leuchtendes Rot kleiden.
Entferntere Verwandte. Ein weit verbreiteter Strauch der Gebüsche und
Hecken ist das Pfaffenhütlein (Evönymus europseus). Der Name rührt von den rosa-
farbenen Fruchtkapseln her, die geöffnet einige Ähnlichkeit mit den viereckigen Hüten
der katholischen Geistlichen haben. Die Auffälligkeit der an sich schon auffälligen
Früchte (Färbung!) wird noch dadurch erhöht, daß die orangefarbenen Samen, an kleinen
Fäden hängend, aus den Kapseln hervortreten. Die breiige Hülle des Samens, der
Samenmantel, ist für das Rotkehlchen eine beliebte Speise („Rotkehlchenbrot"). Ja, es
steht sogar fest, daß die Verbreitung der Pflanze mit der des Vogels genau überein-
stimmt. — In Gebüschen feuchter Stellen findet sich häufig der Faulbaum (Frängula
alnus), an den erst grünen, dann roten und endlich schwarzen Beeren leicht kenntlich.
Der Genuß der Beeren bewirkt beim Menschen Durchfall (daher als Abführmittel ver-
wendet) ; Drosseln und andere Vögel verspeisen sie aber ohne Schaden. — Die Stech-
palme (Hex aquifölia) ist ein beliebter Zierstrauch der Anlagen, der in den Wäldern an der
Ost- und Nordseeküste und im Rheingebiete wild wächst. Die immergrünen, lederartigen
Blätter (s. Efeu) sind in stachelige Spitzen ausgezogen. Da sie in den Alpenländern am
Palmsonntage statt wirklicher Palmen benutzt werden, ist der Name „Stechpalme" voll-
kommen gerechtfertigt. Die leuchtend roten Beeren heben sich im Herbst von dem dunklen
Laube prächtig ab (vgl. mit „wildem Wein"). Eine andere Art der Gattung liefert den
Paraguay-Tee oder Mate, der in einem großen Teile von Südamerika Volksgetränk ist.
21. Familie. Wolfsmilchgewächse (Eupliorbiäceae.)
Meist Milchsaft enthaltende Pflanzen. Blüten in der Regel einhäusig. Meist mehrere
Staubblüten (die nur aus je einem gestielten Staubblatte bestehen) und eine Stempel-
blüte (die von einem gestielten Stempel dargestellt wird) zu einem blütenähnlichen
Blütenstande vereinigt und von einer gemeinsamen Hülle umgeben. Fruchtknoten ü-fächerig;
bei der Reife lösen sich die Kapselwände von einer stehen bleibenden Mittelsäule ab.
Die Sonnen-Wolfsmilch (Euphorbia helioscopia). Taf. 10.
1. Vorkommen. Die einjährige Pflanze ist eines der gemeinsten und
lästigsten Unkräuter in Garten und Feld. Verletzt man sie an irgend einem
Schmeil, Lehrbuch der Botanik.
Tafel 10.
Sonnen -Wolfsmilch (Euphorbia helioscopia).
Verwandte des Weinstocks. Sonnen -Wolfsmilch. 67
Teile, so dringt aus der Wunde sofort ein weißer Saft hervor, der wegen der
Ähnlichkeit mit Tiermilch als
2. Milchsaft bezeichnet wird. Er ist aber ätzend und giftig. Daher
wird die Pflanze „Wolfsmilch" genannl und gleich ihren Verwandten von den
Weidetieren sorgsam gemieden. Da der Milchsaft etwas Federharz oder Kaut-
schuk (s. w. u.) enthält, so ist er sehr klebrig und gerinnt schnell. Infolge-
dessen verschließt er die Wunde, aus der er hervorquillt, und verwehrt den
Fäulnis erregenden Spaltpilzen (s. das.), in das Innere der Pflanze zu dringen.
(Vgl. mit dem Blute, das aus der Wunde fließt und gerinnt.) i
3. Aussehen. Der etwa spannenhohe Stengel besitzt nur im unteren
Teile 1 oder 2 Ästchen, die zumeist blütenlos bleiben (1). Beide, Stengel und
Äste, tragen einige Blätter, die sich nach dem Grunde zu keilartig ver-
schmälern und am abgerundeten oberen Teile fein gezähnt sind. An der Spitze
des Stengels erheben sich in gleicher Höhe 5 Blütenzweige, zwischen denen
sich eine einzelne „Blüte" befindet. Jeder Zweig teilt sich in der Weise des
Stengels abermals, und diese Teilung kann sich — je nachdem die Pflanze kräftig
ist — noch ein oder mehrere Male wiederholen. Am Ende der feinsten Verzweigungen
steht wie zwischen den Zweigen je eine „Blüte". Der Blütenstand ist also einer
zusammengesetzten Dolde (s. Möhre) sehr ähnlich (wodurch unterscheidet er sich
aber von ihr?), und wie dort finden wir auch hier unter jeder Teilung eine Hülle,
die aus mehreren Blättern (gib die Anzahl genau an!) gebildet wird. — Da
die Pflanze gleich vielen anderen Gewächsen den Blütenstand der Sonne zu-
wendet, führt* sie den Namen Sonnen-Wolfsmilch.
4. a) „Blüte". Betrachten wir jetzt das Gebilde, das wir bisher als
„Blüte" bezeichnet haben, genauer! Auf dem Boden einer becherförmigen Hülle
(3) erhebt sich um einen langgestielten Stempel eine Anzahl von Staubblättern,
die auffallenderweise gleichfalls gestielt sind. Da nun obendrein am Grunde der
(meisten) Staubblätter noch je ein zerschlitztes Blättchen zu finden ist, so faßt man
jedes Staubblatt als Staubblüte und den Stempel als Stempelblüte auf. Die „Blüte"
der Wolfsmilch ist demnach ein Blütenstand, der aus zahlreichen
Staubblüten und einer Stempelblüte zusammengesetzt und von einer
krugförmigen Hülle umgeben ist. (Zu dieser Auffassung drängt auch der Ver-
gleich mit verwandten Gattungen, bei denen die sonst gleich gebauten Einzelblüten je
eine einfache Blütenhülle besitzen. Untersuche z. B. die Blüten des Bingelkrauts!)
b) Aus der Hülle wird zuerst der Stempel hervorgestreckt (2.). Er be-
steht aus einem dreiteiligen Fruchtknoten und 3 Griffeln mit je 2 Narben. Nach
kurzer Zeit vertrocknen die Narben; der Stiel des Stempels streckt sich stark
in die Länge, und der Fruchtknoten neigt sich nach unten. 1 »adnrch wird für die jetzt
reifenden Staublätter Platz geschaffen (3.). Eins nach dem anderen erhebt sich
über die Öffnung der Hülle, und die getrennten Stanbbentelfächer bieten den
Blütenstaub aus. Selbstbestäubung ist demnach ausgeschlossen (führe dies näher aus!).
Die unscheinbar gelbgrüne Färbung der Hülle lälit Bchon vermuten, daß
Insekten, die bunte Farben lieben (Schmetterlinge und Bienen), die Blüten-
68 21. Farn. "Wolfsmilchgewächse. 22. Farn. Doldengewächse.
stände meiden. Fliegen sind daher besonders die Vermittler der Bestäubung:.
Den kurzrüsseligen Gästen erreichbar liegt der Honig offen zu Tage. Er wird
von 4 rundlichen Honigdrüsen ausgeschieden, die den Rand der Hülle krönen.
Infolge der Lage dieser Drüsen kann es nun wieder nicht ausbleiben, daß die
Besucher in jüngeren Blüten die Narben oder in älteren Blüten die Staubbeutel
berühren, also beim Besuch mehrerer Blüten Fremdbestäubung herbeiführen müssen.
5. Frucht. Bei beginnender Fruchtreife streckt sich der Stiel der Stempel-
blüte wieder senkrecht (s. die älteste Blüte in Abb. 1). Bringt man zu dieser
Zeit einige Pflanzen (in einem Glase mit Wasser) in das Zimmer, so kann man
den Vorgang der Samenausstreuung leicht beobachten : Von der stehenbleibenden
Mittelsäule (4.) lösen sich die 3 Fächer des Fruchtknotens mit solcher Kraft los,
daß sie oft mehr als V* m weit fortgeschleudert werden (5; a von außen,
b von innen dargestellt). Dabei reißt die Kapselwand in 2 Stücke, so daß der
eingeschlossene Same frei wird (6.). Soll das Ausstreuen der Samen aber un-
behindert von statten gehen, so muß die Frucht völlig frei stehen, der Stiel
also die oben erwähnte Bewegung ausführen.
Der Same ist ein kleines, schwarzes Körnchen, dessen Oberfläche zahl-
reiche Vertiefungen zeigt (s. S. 26, b).
Andere Wolfsmilchgewächse.
An denselben Stellen, an denen die Sonnen-Wolfsmilch gedeiht, findet sich als gleich
lästiges Unkraut die sehr ähnliche Garten- W. (Eu. peplns). Durch die halbmondförmigen
Drüsen der Hülle und die 3 Doldenstrahlen ist sie aber leicht von jener zu unterscheiden.
— Auf Sandboden , an "Wegrändern und dgl. wächst oft in großen Beständen die
Cypressen-W. (Eu. cyparissias), auf der die bunten Raupen des schmucken Wolfsmilch-
Schwärmers leben. Wie zahlreiche andere Pflanzen der Ödung (vgl. mit Steinnelke,
Heidekraut, Kiefer u. a.) besitzt sie viele, fast nadeiförmige Blätter (Name!). Im
Frühjahre findet man nicht selten Pflanzen, die ein völlig verändertes Aussehen haben :
sie sind blütenlos, unverzweigt und besitzen dicke, rundliche Blätter mit bräunlichen
Flecken auf der Unterseite. Diese Veränderungen hat ein Pilz, der Erbsenrost (s. das.),
hervorgebracht , der seine Entwicklung zum Teil auf der Cypressen-"W. durchmacht. —
In Norddeutschland wird die Pflanze durch die größere Esels-W. (Eu. esula) vertreten,
die etwas breitere Blätter besitzt. — Auf Schutthaufen und als Unkraut in Gärten
findet sich häufig das einjährige Schutt-Bingelkraut (Mercuriälis ännua), das keinen
Milchsaft enthält. Bei ihm sind Staub- und Stempelblüten auf verschiedene Pflanzen
verteilt und besitzen — wie bereits erwähnt — je eine einfache Blütenhülle.
Im Gegensatz zu den meist niedrigen Arten unserer Breiten beherbergen die heißen
Länder zahlreiche strauch- und baumartige Formen von außerordentlicher Vielgestaltig-
keit. Diejenigen unter ihnen, die in den Steppen und "Wüsten besonders von Afrika leben
und mit der größten Trocknis zu kämpfen haben, besitzen völlig das Aussehen der
ausgeprägtesten Trockenlandpflanzen, der Kaktusgewächse (s. das.). — Afrika gilt auch
als das Vaterland des weit verbreiteten Wunderbauines (Ricinus communis), der
seiner prächtigen Blätter wegen vielfach als einjährige Zierpflanze gezogen wird. Bei
uns bleibt er strauchartig, während er in den Tropen schnell zu einem stattlichen Baume
emporwächst („ Wunderbaum" wegen seines schnellen "Wuchses!). Aus den Samen preßt
man das Ricinusöl, das als wichtigstes Abführmittel allgemein bekannt ist. — Ein anderes
Sonnen -Wolfsmilch und andere Wolfsmilehgewächse. Möhre. 69
Glied der großen Familie, der Maniok- oder Cassavcsf nuicli (Manihot utilissima), wird
seiner stärkemehlreichen Knollen wegen in allen heißen Ländern als wichtige Nahrungs-
pflanze angebaut. — In den Wäldern des tropischen Südamerika finden sich mehrere
Wolfsmilch-Bäume, die unter dem Sammelnamen Federharz- oder KautscliukhiimiM-
zusammengefaßt werden , und von welchen der wichtigste (Hevea brasiliensis) nur im
Überschwemmungsgebiete des Amazonenstromes vorkommt. Der Milchsaft dieser Bäume
enthält in großer Menge das bereits erwähnte Federharz oder den Kautschuk, ein Harz,
das wegen seiner großen Elastizität außerordentliche Bedeutung erlangt hat. Der wert-
volle Stoff, der den Eingebornen bereits vor ihrer Berührung mit Europäern bekannt
war, wird in sehr verschiedener Weise gewonnen. Die älteste, aber immer noch vielfach
angewendete Art ist folgende : Man macht Einschnitte in den Baumstamm, fängt den aus-
tretenden Milchsaft in Gefäßen auf und bestreicht damit Bretter oder Formen aus un-
gebranntem Ton. Werden diese Gegenstände sodann über ein rauchendes Feuer gehalten,
so trocknet die Flüssigkeit nicht nur sehr schnell, sondern der Kautschuk gerinnt auch
und bleibt als dünne Schicht zurück. Durch fortgesetztes Eintauchen und Trocknen wird
die Lage immer dicker. Schließlich werden die wertlosen Tongefäße zertrümmert und
entfernt. Letzteres geschieht auch mit den Brettern, die man aus der aufgeschnittenen
Kautschukschicht leicht hervorziehen kann. Lange Zeit diente der Kautschuk nur als
Radiergummi, zur Anfertigung von Gummibällen u. dgl. Seitdem man aber durch Zu-
satz von Schwefel (Vulkanisieren) verstanden hat, ihn auch unter 0° elastisch zu er-
halten und gegen hohe Temperaturen widerstandsfähig zu machen, ist seine Verwendung
ungemein mannigfaltig geworden ; man benutzt ihn zur Herstellung von Schläuchen,
Gummischuhen, wasserdichten Überzügen und hundert anderen Sachen. Vermengt man
ihn bis zur Hälfte seines Gewichts innig mit Schwefel, so erhält er fast die Härte von
Hörn und Fischbein. Man verwendet diesen Hartgummi oder „Ebonit" daher zur An-
fertigung von Kämmen , Knöpfen und vielen anderen Gegenständen. — (Außer , wie
angegeben, von mehreren Wolfsmilcharten wird der Kautschuk auch noch von zahl-
reichen anderen Pflanzen gewonnen. Von diesen seien hier nur die meist kletternden
Landolphia-Sträucher Afrikas und der Gummibaum Ostindiens [Ficus elastica; s. das.]
genannt. — Ein ähnlicher Stoff wie der Kautschuk ist die Guttapercha, die aus
dem Milchsafte mehrerer ostindischer Bäume gewonnen wird. Sie läßt sich gleichfalls
härten und wird daher ganz ähnlich wie Kautschuk verwendet. Vor allen Dingen dient
sie als ein schlechter Leiter der Elektrizität zur Umhüllung von Kabeln u. dgl.)
Ein entfernter Verwandter der Wolfsmilchgewächse ist der in allen Teilen
giftige Buchsbaum (Buxus sempervirens), der aus dem Orient stammt. Eine Zwergform
dient zur Einfassung von Gartenbeeten u. dgl. Sein außerordentlich hartes, gelbes Holz
wird besonders zur Herstellung von Holzschnitten verwendet.
22. Familie. Doldengewächse (Umbelliferae).
Pflanzen mit meist mehrfach zerteilten Blättern. Blüten in der Regel in zusammen-
gesetzten Dolden. Je 5 Kelch-, Blumen- und Staubblätter. Fruchtknoten unterständig,
auf der Oberfläche mit einer fleischigen Scheibe und aus 2 Fruchtblättern gebildet, die
je einen kurzen Griffel tragen. Bei der Reife trennen sich die beiden Fruchtblätter: es
entstehen 2 einsamige Teilfrüchtchen.
Die 3Iühre oder Mohrrübe (Daucus caröta). Taf. 11.
1. Standort. Wildwachsend findet sich die Möhre auf Wiesen, an Weg-
rändern und ähnlichen Stellen. Vermöge der sehr tiefgehenden
70 Taf. 11. 22. Farn. Doldengewächse.
2. a) Wurzel vermag sie die heißen Sommermonate zu überdauern, in denen
die oberen Bodenschichten dieser Örtlichkeiten ineist gänzlich austrocknen. Die
Wurzel (Fig. 6 ist ein Querschnitt der Wurzel) ist holzig, gelb und rübenförmig
(daher „gelbe Rübe, gelbe Wurzel" oder auch nur „Wurzel" genannt). Sät man
Samen (Teilfrüchte) wildwachsender Pflanzen in gutbearbeiteten Garten- oder
Ackerboden, so verliert sich die holzige Beschaffenheit der Wurzel etwas. Streut
man den von diesen Pflanzen gewonnenen Samen wieder aus, und fährt man
mit dieser planmäßigen Veredlung (s. S. 19) fort, so hat man schon nach
wenigen Jahren eine fleischige, wohlschmeckende Wurzel geschaffen, die für den
menschlichen Genuß tauglich ist: Auf diese Weise ist aus der wildwachsenden
Möhre die wichtige Gemüse- und Futterpflanze entstanden, die sie jetzt ist. (In
einigen Gegenden wird der Möhrensaft zu Syrup eingedickt. — Die Spielart mit
kurzen, dicken und sehr zarten Wurzeln nennt man Karotte.)
b. Pflanzt man im Frühjahre eine angebaute Wurzel, die man an einem
frostfreien Orte überwintert hat, so treibt sie einen hohen, beblätterten und
blütentragenden Stengel. Untersucht man sie nach einigen Wochen wieder,
so ist sie wie ausgesogen: sie ist dünner, holzig und zäh geworden. Die
ihr entnommenen Stoffe sind nämlich zum Aufbau der oberirdischen Teile
verwendet worden. Dieselbe Erscheinung ist auch bei den wildwachsenden
Pflanzen zu beobachten. Die Wurzel ist demnach ein Nahrungs-
speicher, und die Möhre eine zweijährige Pflanze: Im 1. Jahre ihres
Lebens treibt sie nur einen kurzen Stengel mit einer Blattrosette und speichert
die in den Blättern bereiteten Vorratsstoffe in der Wurzel auf, die sich
darum verdickt; im 2. Jahre setzt sie das Leben fort, das durch die Winter-
kälte unterbrochen wurde und in der Erzeugung von Samen (Nachkommen!)
seinen Abschluß findet: die Pflanze stirbt samt der ausgesogenen Wurzel ab.
3. Der Stengel wird oft mehr als l /z m hoch; er ist gefurcht, mit steifen
Haaren besetzt und hohl (s. Roggen).
4. Die Blätter sind auffallend groß. Trotzdem werden die unteren
von den oberen nicht in den Schatten gestellt; denn
a) Die Blattflächen sind in viele, kleine Abschnitte geteilt, zwischen
denen das Sonnenlicht einen Weg findet: Die Blätter sind doppelt-gefiedert
und die Blättchen meist nochmals tief gespalten. (Durch welche Mittel wird
bei ungeteilten Blättern eine Besonnung aller Blätter herbeigeführt? Vgl.
Scharbockskraut, Linde, Weinstock und andere Pflanzen!)
b) Die Blattstiele sind im unteren Teile zu Scheiden verbreitert. Wie
sich leicht beobachten läßt, umhüllen diese Gebilde den weiterwachsenden Stengel
mit seinen Blättern und Blütenständen. Sie schützen somit die zarten Teile gegen
Verletzung, Wärmeverlust und zu große Wasserabgabe (vgl. mit Roßkastanie).
5. Die Blüten sind sehr klein. Ständen sie wie die großen Blüten zahl-
reicher anderer Pflanzen (Klatschmohn u. v. a.) einzeln, so würden sie die Auf-
merksamkeit der Insekten wohl kaum erregen können. Da sie aber in großen
a) Blütengemeinschaften beieinander stehen, wird dieser Übelstand
Schmeil. Lehrbuch der Botanik.
Tafel 1 1
W.ftndacJ,,
Möhre oder Mohrrübe (Daucus carota).
Möhre oder Mohrrübe. 7.1
vollkommen ausgeglichen. Der Stengel und seine Zweige enden je in einer
Verdickung, von der eine Anzahl Blütenstiele ausstrahlen. Einen solchen Blüten-
stand nennt man eine Dolde („Doldengewächse" — vgl. mit einem Schirm!
daher auch „Schirniblütler"). Jeder Doldenstrahl trägt nochmals eine Dolde,
die man zum Unterschiede von dem Hauptblütenstande als „Döldchen" be-
zeichnet. Die Möhre hat daher (wie die meisten anderen Doldenpflanzen) eine
zusammengesetzte Dolde.
Die Auffälligkeit des Blütenstandes wird noch dadurch erhöht, daß die
Blüten am Rande der Dolde (4.) und besonders deren äußere Blumen-
blätter stark vergrößert siud. (Solchen Blütenstand nennt man „strahlend".)
Unter der Dolde findet sich eine Anzahl geteilter Blätter, die man als
Hülle bezeichnet. Unter jedem Döldchen steht ein ähnliches „Hüllchen".
Wenn man die noch unentwickelten Blütenstände betrachtet, wie sie von diesen
Blättern schützend umhüllt werden (1 a), so erkennt man, daß diese Bezeich-
nungen wohl berechtigt sind.
Junge Blütendolden werden durch Krümmung der Blütenstiele mit Beginn
der Dunkelheit nickend (2.). Dadurch werden die Blüten gegen Begen ge-
schützt und vor zu großem Wärmeverlust bewahrt (warum ist beides von Wich-
tigkeit?). Nach erfolgter Bestäubung nehmen die Dolden diese Schutzstellung
nicht mehr ein (warum ist dies auch nicht mehr nötig?).
b) Die einzelne Blüte (3. und 4.): Der Kelch ist nur durch 5 Zähn-
chen angedeutet und gleich den 5 weißen, etwas eingefalteten oder geteilten
Blumenblättern dem oberen Rande des Fruchtknotens eingefügt. (Den
Fruchtknoten bezeichnet man daher als „unterständig", d. h. unter den anderen
Blütenteilen stehend. — Wann nennt man ihn wohl oberständig? Beispiele!)
Mit den Blumenblättern wechseln die 5 Staubblätter ab. Der Frucht-
knoten trägt oben eine fleischige Scheibe, die eine
glänzende Lage von Honig absondert. Über die Scheibe
erheben sich die beiden Griffel mit den Narben. Der
offenen Lage des Honigs entsprechend (s.S. 37, B2b) werden
die Blüten besonders von kurzrüsseligen Insekten besuch^
(Fliegen, Käfern und manchen Bienen). Da alle Blüten
in einer Ebene liegen (Dolde!), vermögen die Tiere leicht
von Blüte zu Blüte zu schreiten. Hierbei müssen sie un- Blütengrundri{$
bedingt Staubbeutel und Narben streifen und somit unfrei- der Möhre.
willig Bestäubung vermitteln.
Die mittelste Blüte der Dolde ist oft stark vergrößert und von purpur-
roter Farbe (1.). Welche Bedeutung diese nicht überall auftretende Erscheinung
für die Pflanze hat, vermochten die Naturforscher bisher nicht zu ergründen.
6. Frucht, a) Fruchtstand. Sind die Blüten mit Erfolg ausgeboten
(Bestäubung!), dann neigen sich die Doldenstrahlen wie zu einem Vogelnest e
zusammen. Auf diese Weise werden die noch nicht keimfähigen Samen ge-
schützt, von der Mutterpflanze getrennt zu werden. Die reifen Samen da-
I
72
22. Fam. Doldengewächse.
gegen müssen verbreitet werden (warum?). Zur Zeit der Fruchtreife breiten
sich die Strahlen darum wieder aus, wenn auch nicht so weit wie -während
des Blühens. Dies geschieht jedoch nur bei trockenem Wetter; bei feuchtem
schließt sich das „Vogelnest" wieder. (Durch Befeuchten des Fruchtstandes und
nachheriges Trocknen kann man diesen Vorgang beliebig oft wiederholen.)
b) Die beiden Fruchtblätter verwachsen nach und nach fest mit dem Samen,
den sie umschließen, und trennen sich bei der Reife voneinander (Spaltfrucht).
Die Trennung erstreckt sich auch auf die Verlängerung des Fruchtstiels, den
fadenförmigen Fruchtträger, an dem die beiden „Teilfrüchtchen" gleichsam
aufgehängt sind (5.). Die Oberfläche der Teilfrüchtchen ist mit 5 Reihen kurzer
und 4 Reihen langer Stacheln besetzt, die oft in einfache oder doppelte oder
gar dreifache Widerhäkchen enden. Infolge dieser Aus-
rüstung haften die Früchtchen wie Kletten leicht in
dem Haarkleide der Tiere (Hasen, Kaninchen u. a.)
und können so weithin verbreitet werden (Bedeutung?).
Die keimenden Samen werden durch die Stacheln am
Boden gleichsam verankert (Bedeutung?).
Betrachtet man feine Querschnitte der Teil-
früchtchen bei geringer Vergrößerung, so bemerkt
man in der Fruchthülle dunkle Stellen, d. s. Kanälchen,
die mit einem flüchtigen Öle (s. Rose) gefüllt
sind. Dieses Ol flndet sich auch in allen anderen
Teilen der Pflanze, die darum beim Zerreiben einen
eigentümlichen, würzigen Geruch hat.
Andere Doldengewächse.
Gleich der Möhre liefert die angebaute Pastinake
(Pastinäca sativa) in ihren weißen Wurzeln ein geschätztes
Gemüse. Wild findet sich die meterhohe Pflanze, die nur
einfach-gefiederte Blätter besitzt, häufig auf Wiesen und an
Wegen. Die Teilfrüchte bilden flache, große Scheiben, die
von einem häutigen Saum umgeben sind und daher leicht
vom Winde verbreitet werden können. Sie entbehren daher auch der Stacheln. —
Aus der fleischigen Wurzel des Sellerie (Apium graveolens) bereitet man einen schmack-
haften Salat. Wild wächst die Pflanze auf salzhaltigem, feuchtem Boden und am Meeres-
strande. Sie hat daher (vgl. mit Sumpfdotterblume !) saftige Blätter (Verwendung?),
und die angebaute Pflanze bedarf deshalb zum Gedeihen auch hinreichender Boden-
feuchtigkeit. Der Sellerie besitzt wie die Möhre einen eigentümlichen Geruch, der gleich-
falls von einem flüchtigen Öle herrührt. Diese Erscheinung ist auch an fast allen anderen
Doldengewächsen zu beobachten. Wie die Erfahrung lehrt, ist das Öl bei einigen dieser
Pflanzen ein wirksames Schutzmittel gegen Tierfraß (welche der angeführten Formen
werden z. B. von Weidetieren nicht angerührt?). Andererseits aber werden durch den
Ölreichtum zahlreiche Arten für uns zu wichtigen Gewürzpflanzen. Als solche seien
zuerst Dill (Anethuni graveolens) und Fenchel (Foeniculum capilläceum) genannt. Beide
entstammen dem Mittelmeergebiete und zeichnen sich durch haarförmig feine Blattzipfel
Teilfrüchtchen der Möhre
(etwa 10 mal nat. Gr.) Vgl.
auch den Blütengrundriß.
Möhre- und andere Doldengewächse. 73
und gelbliche Blüten aus. Das Kraut sowohl, wie die Blutendolden und reifen Früchto
finden besonders beim Einmachen von Gurken Verwendung. Der Fenchel wird auch zu
Heilzwecken benutzt. — Dieselbe Heimat haben auch Anis (Pimpinella anisum) und
Coriander (Coriändrtun sativum), deren Samen besonders in der Bäckerei Verwendung
finden. — Anisduft hat auch der Gartenkerbel (Antbriscus cerefölimn), der gleichfalls
aus dem Süden stammt und als Gewürzpflanze bei uns angebaut wird. — Der Kämme!
(Carum carvi) dagegen scheint in Mitteleuropa heimisch zu sein. Er wird zwar seiner
gewürzhaften Samen wegen (Verwendung?) im Großen angebaut, kommt aber auch häufig
wild oder verwildert auf Wiesen vor. Leicht zu erkennen ist er daran, daß die fieder-
teiligen Blättehen an der Hauptrippe des Blattes ein Kreuz bilden. — Die Petersilie
( Petroselinum sativum) ist wieder aus Südeuropa eingeführt. — Diese wichtige Gewürz-
pflanze (Verwendung?) wird leicht mit dem sehr giftigen Gartenschierling oder der
Bundspetersilie (Aethüsa cynäpinm) verweehselt, die gern zwischen jener (und dem
Kerbel) wächst, und deren Genuß sogar den Tod herbeiführen kann (s. Abb. S. 74). Darum
sollte man nur die krausblättrige Spielart der Petersilie anbauen, die mit dem Giftkraut
nicht verwechselt werden kann! Sicher zu unterscheiden ist die Hundspetersilie von
der Petersilie durch den unangenehmen, knoblauchartigen Geruch, der beim Zerreiben
der Blätter entsteht, durch die glänzenden (daher auch „Gleiße") und viel schmaleren
Blättehen, durch die 2 oder 3 langen und einseitig herabhängenden Blätter der Hüllchen,
sowie durch die weit dünneren Wurzeln (einjährige Pflanze, die in den Wurzeln keine
Vorräte für das nächste Jahr aufspeichert!). — An Zäunen und Gräben, sowie auf Schutt-
haufen und Gemüseland befindet sich der gefleckte Schierling (Conium maculätum).
Alle Teile sind für den Menschen ein fürchterliches Gift (Schutzmittel gegen Pflanzen-
fresser!), das aber in der Hand des Arztes zu einer wirksamen Medizin wird. Der
Giftbecher, den Sokrates trinken mußte, war mit dem Safte des Schierlings gefüllt. Zu er-
kennen ist die Pflanze an den hohlen Blattstielen, dem braun gefleckten Stengel (Name!),
dem mäuseartigen Geruch und den welligen Rippen der Früchte. — Die giftigste aller
Doldenpflanzen ist der Wasserschierling (Cicüta virösa), der an Wassergräben und
ähnlichen feuchten Stellen gedeiht. Der giftigste Teil, der quer-gefächerte, sellerie-
ähnliche Wurzelstock, ist zugleich das sicherste Erkennnngsmerkmal der mehr als meter-
hohen Pflanze. — Durch geringere Giftigkeit ist der betäubende Kälberkropf oder
Taumelkerbel (Chaerophyllum temulum) gegen Tierfraß geschützt. Die kerbelartige
Pflanze (Name!) wächst in Gebüschen, Hecken, an Mauern u. dgl. und hat sehr lang-
gestreckte Früchte.
Von den zahlreichen Gliedern der großen Familie, die für den Menschen geringe
Bedeutung haben, seien nur folgende genannt: Der Giersch (Aegopodium podagräria),
eine stattliche Pflanze (Höhe bis 1 m) an Hecken und auf Wiesen, die an den dreizähligen
Blättern leicht zu erkennen ist. Da sie unterirdische Ausläufer treibt (Vermehrung!),
ist sie von bebautem Boden nur schwer zu entfernen. — Die Bärenklau (Heracleum
sphondylium) ist eine unserer größten Doldenpflanzen (bis 1 1 /2 m hoch). Sie wächst auf
Wiesen und an lichten Waldstellen und hat einfach gefiederte Blätter mit großen, mehr-
lappigen Blättchen. — An dürren, sandigen Orten und Wegrändern findet sich häufig
die Feld-Männertreu (Eryngium campestre), die einer Distel viel ähnlicher ist als einer
Doldenpflanze. In den dornigen Blättern besitzt sie eine so vortreffliche Schutz wehr
gegen Pflanzenfresser, daß sie auf Viehweiden oft die Oberhand über die nützlichen
Gräser gewinnt. Da die Blüten ungestielt und von breiten Hüllblättern umgeben sind,
haben die Dolden ganz das Aussehen kleiner Blütenköpfchen.
74
22. Fam. Doldengewächse. 23. Fam. Efeuge wachse.
>-w; . ,.,
Hundspetersilie (1.) und Petersilie (2.). Rechts unten neben letzterer ein Blättchen
der krausblättrigen Spielart.
Efeu.
75
23. Familie. Efeug-ewächse (Araliäceae).
Der Efeu (Hedera helix).
A. Die Pflanze im Schalten. 1. Stamm. Abgesehen von sehr alten
Pflanzen , wie man sie nicht selten an Burgruinen und ähnlichen Bauwerken
findet, ist der vielfach verzweigte Stamm des Efeus so schwach, daß er sich
selbst nicht zu tragen vermag. Er liegt darum auf dem Waldboden, auf dem
man die Pflanze nicht selten wildwachsend antrifft. Sobald er jedoch einen Baum-
staram, eine Felswand oder dgl. erreicht, klettert er daran empor, dem Lichte
entgegen. Hierzu wird er durch zahlreiche, kleine
2. Wurzeln befähigt, die wie die Zweigenden das Licht fliehen und sich
daher stets dem Stamme oder Felsen zuwenden. Sie schmiegen sich allen Un-
ebenheiten der Unterlage gleich einer wachsartigen Masse an, so daß die Pflanze
wie mit tausenden von Fingern festgeheftet wird. (Daher die Verwendung des
Efeus zur Bekleidung von Mauern und dgl.) Da diese Klammer- oder
Luftwurzeln nicht in die Unterlage eindringen, der zumeist auch keine Nah-
rung entzogen werden könnte, (wieso?), so ist der Efeu kein Schmarotzer wie
z. B. die Flachsseide (s. das.). Er entnimmt vielmehr wie die meisten Pflan-
zen seine Nahrung dem Boden durch weit längere Saugwurzeln. Schneidet
man eine kletternde Efeupflanze dicht über der Erde ab, so geht sie daher zu
Grunde; sie müßte denn auf ihrem Wege zum Lichte nährendes Erdreich ge-
troffen und in dasselbe Saugwurzeln gesandt haben.
3. Blätter, a) Im Gegensatz zu den meisten unserer Pflanzen hat der
Efeu immergrüne, „winterharte" Blätter. Wenn man bedenkt, daß er im
Schatten des Waldes gedeiht, so wird man leicht einsehen, daß dies für ihn
von größtem Vorteile ist: so lange die Bäume belaubt sind, dringt nur wenig
Licht zu ihm hinab; dafürkann er aber auch während der kälteren und kalten
Jahreszeit jeden Lichtstrahl ausnützen, der ihn trifft, und dies ist jetzt in be-
sonders reichem Maße möglich, weil die Waldbäume ja entlaubt sind. Daher
kann er seine Früchte sogar während des Winters reifen, und daher meidet er
auch den immergrünen Nadelwald.
b) Wie wir bei der Betrachtung
des Kirschbaums sehen werden, stellen
die Saugwurzeln der Pflanzen bei Eintritt
der Kälte ihre Arbeit ein. Die Efeu-
wurzeln vermögen daher im Winter dem
Boden nur sehr wenig oder — wenn er
gefroren ist — gar kein Wasser zu ent-
nehmen. Soll der Efeu in dieser Zeit
nicht vertrocknen, so müssen seine Blätter
die Abgabe von Wasserdampf möglichst
einschränken. Dies geschieht nun in-
folge der sehr starken Oberhaut, die für Wasserdampf fast undurchlässig
und den Blättern eine le derartige Beschaffenheit verleiht.
Teil vom Querschnitt durch ein Efeu-
blatt, die verdickte Oberhaut 0. zeigend
(240 mal vergr.).
76
23. Fam. Efeugewächse.
c) Die Blattfläche ist fünf läpp ig, und die Lappen stoßen meist unter
scharfen Winkeln zusammen. (Wegen der edlen Form findet das Efeublatt in
der Kunst mannigfache Verwendung ! Beispiele!) Betrachtet man die am Wald-
boden hinkriechenden Pflanzen, so siebt man, -wie die Lappen des einen Blattes
in die Buchten der benachbarten Blätter gestellt sind. Diese Anordnung ist oft
so genau wie bei den Tausenden von Steinchen, die zu einem kunstvollen Mo-
saikbilde zusammengefügt sind. Darum redet man hier treffend von einer
„Blattmosaik". Infolge dieser Anordnung raubt einerseits kein Blatt dem an-
deren das belebende Sonnenlicht, und andererseits wird die gesamte, spärlich be-
^
Efeu: Schattentriebe, dem Waldboden aufliegend; Blätter bilden eine Mosaik.
leuchtete Fläche aufs vollkommenste ausgenützt. (Die Blattmosaik ist oft auch
sehr gut auf Friedhöfen zu beobachten; denn mit immergrünem Efeu, dem
Sinnbilde der Hoffnung, überkleiden wir gern die Grabhügel unserer Toten. —
Beachte auch die Stellung der Blätter an mehr einzeln stehenden Zweigen, die
an Mauern oder dgl. emporklimmen!)
d) Eine solche Stellung ist aber nur bei langgestielten Blättern mög-
lich (wieso?). Betrachtet man die Stiele genauer, so sieht man, welche viel-
fachen Drehungen, Wendungen und Streckungen nötig waren, um aus den in
2 Zeilen angeordneten Blättern ein solch kleines Kunstwerk zu schaffen.
B. Die Pflanze im Lichte. 1. Sobald die Pflanze die Höhe der Mauer
oder des Felsens erklommen hat oder sich vom Baumstamme abwendet und
nun allseitig vom Lichte umflutet wird, nimmt sie ein ganz fremdartiges Aus-
sehen an: Die Zweige sind so kräftig, daß sie sich ohne Stütze zu halten
Efen uinl Beine nächsten Verwandten.
77
vermögen. Sie erzeugen darum auch keine Luftwurzeln. Die Blätter sind
allseitig um den Stengel geordnet, haben kurze Stiele und ganzrandige, eiförmige
Blattflächen. Diese „Lichttriebe" sind es auch, die allein
2. Blüten tragen. Die unscheinbaren Blüten stehen in Dolden, sind
denen der Doldengewächse sehr ähnlich gebaut (Beweis!) und entfalten sich erst
in den Monaten August bis November. Da von ihnen ein weithin wahrnehm-
Efen, der die Höhe einer Wand erklommen und einen „Lichttrieb* gebildet hat. Am
unteren Teile des Stengels noch zwei gelappte Blätter und Klamm er wurzeln. Daneben
in nat. Gr. eine Blüte und eine Frucht.
barer, fast fauliger Geruch ausgeht, stellen sich besonders Fliegen ein, die sich
gern auf Strohdünger und ähnlichen faulenden Stoffen aufhalten. Da wir nun
wissen, daß diese Blumengäste die Bestäuber der Pflanzen sind, erkennen wir
auch, daß es für den Efeu höchst vorteilhaft ist, nur an den Enden der Licht-
triebe Blüten zu tragen; denn von dort aus allein vermag sich der Duft nach
allen Seiten auszubreiten, und dort können die Blüten von den Insekten, die
der Duft anlockt, weit besser gesehen werden, als wenn sie an den
„Schattentrieben" ständen. Letzteres gilt auch für die
3. Früchte, kleine, schwarze Beeren, deren Samen durch Vögel ver-
breitet werden (vgl. mit Weinstock!). Sie reifen, wie bereits erwähnt, während
des Winters und sind für den Menschen giftig.
Nahe verwandt sind die Hartriegelgewächse oder Hornsträucher
(Cornäceae), so nach ihrem außerordentlich harten Holze genannt. Die eine Art, die
Kornelkirsche (Cornus mas), ist ein bekannter Strauch unserer Anlagen, kommt jedoch
auch wild in Bergwäldern vor. Die gelben Blüten sind zu kleinen Dolden gehäuft, die
78 Taf. 21. 24. Fam. Dickblattgewächse.
sehr dicht an den Zweigen stehen. Da sie sich aber vor den Blättern entfalten, kommen
sie trotzdem genügend zur Geltung (Insekten!). Die eßbaren, kirschenartigen Früchte
sind scharlachrot und leuchten infolgedessen vortrefflich aus dem Grün des Laubes
(Vögel!). — Die andere Form, der rote Hartriegel (C. sanguinea), ist gleichfalls häufig
in Anlagen, aber auch in Laubwäldern und Gebüschen zu finden. Sie blüht nach dem
Ausbruche des Laubes. Die kleinen, weißen Blüten sind dementsprechend zu weit
größeren, doldenartigen Blütenständen vereinigt, und diese finden sich an den Enden
der Zweige. Im Herbste färbt sich das Laub rot und gelb, so daß sich die schwarzen
Früchte deutlich von ihm abheben. Während des "Winters sind die Zweige gleichfalls
von lebhaft roter Färbung (Name!).
24. Familie. Dickblattgewäehse (Crassulaceae).
Der scharfe Mauerpfeffer (Sedimi acre). Taf. 12.
1. Standort. Das Pflänzchen wächst auf Mauern (Name!) und ähnlichen
dürren, unfruchtbaren Stellen: in engen Felsspalten, an trockenen Abhängen und
auf ödem Sandboden. Es hat in den meisten Fällen also einen sehr ungünstigen
Standort; denn von den Mauern und Felsen läuft das Regenwasser schnell ab,
und in den Sandboden sickert es fast ebenso schnell ein. Schon wenn eine
kurze Zeit kein Regen fällt und die Sonne heiß auf die dürstende Erde herab-
scheint, brütet über der Pflanze eine heiße, trockene Luft, welche die Ver-
dunstung stark befördert (Beweis!). Dem Mauerpfeffer steht Wasser aber
kaum noch zur Verfügung; denn die geringe Erdmenge, welche die Mauer- und
Felsenritzen ausfüllt, oder die oberste Schicht des Sandbodens ist gänzlich aus-
getrocknet. Auf trockenem Untergrunde könnte sich der Mauerpfeffer wie andere
Ödlandpflanzen (Beispiele!) wenigstens noch durch lange
2. Wurzeln helfen, welche die belebende Feuchtigkeit aus tiefen Boden-
schichten heraufbeförderten. Jedoch solche Wurzeln suchen wir vergeblich. Sie
sind im Gegenteil verhältnismäßig kurz und fadenförmig. Trotzdem übersteht
das zarte Gewächs wochenlange Trocknis mit Leichtigkeit. Selbst aus dem
Boden gerissen vermag es weiter zu grünen, ja sogar Blüten zu treiben. (Be-
obachte dies an Pflanzen, die du in das Zimmer legst! Suche die Pflanze zu
pressen und beobachte ihre Widerstandsfähigkeit!) Diese außerordentliche
Lebenszähigkeit verdankt die Pflanze in erster Linie den eigentümlich gebauten
3. a) Blättern. Da sie sehr kleine Gebilde sind, geben sie auch
weniger Wasser in Dampfform ab, als dies vonseiten großer Blätter geschehen
würde.
b) Sie liegen dem Stengel meist dicht an und decken sich sogar
zum Teil gegenseitig. Infolgedessen können sie von der Luft nicht in dem
Maße bestrichen werden, als wenn sie weit und frei vom Stengel abständen.
Je mehr aber ein Körper, der Wasser durch Verdunstung abgibt (z. B. trock-
nende Wäsche), von der Luft bestrichen wird, desto öfter wird die durch die
Verdunstung feucht gewordene Luftschicht, die den Körper umgibt, erneuert,
desto mehr also die Verdunstung befördert.
Schmeil, Lehrbuch der Botanik.
Tafel 12.
Scharfer Mauerpfeffer (Sedum acre).
Mauerpfeffer. 79
c) Die Blätter sind dicke, fleischige Körper, die als Wasserspeicher
dienen: sobald Regen fällt, nehmen sie (durch Vermittlung der Wurzeln) soviel
als möglich Wasser auf, das während der Trockenzeit allmählich verbraucht
wird. Die Blätter eignen sich aber nicht nur vortrefflich zur Aufnahme
großer Wassermengen, sondern in der eigentümlichen Blattform besitzt die
Pflanze auch ein wichtiges Schutzmittel gegen zu schnelle Wasserabgabe.
Ein einfacher Versuch wird uns dies leicht verständlich machen: Formt
man aus einer knetbaren Masse (Teig, Ton oder dgl.) eine kleine, dünne
Platte, die man sodann zu einem festen Stabe von gleicher Länge umformt, so
sieht man deutlich, daß dieser Körper eine weit geringere Oberfläche hat als
vordem die Platte. So hat auch ein dünnes, „flächenförmiges" Blatt (Beispiele!)
eiue verhältnismäßig größere Oberfläche als ein dickes, mehr „körperliches".
(Denke dir auch ein dickes Blatt durch Längsschnitte in eine Anzahl dünner
Blätter zerlegt!) Da nun bei sonst gleichem Bau das Blatt umso mehr Wasser
verdunstet, je größer seine Oberfläche ist, so werden wir die Richtigkeit
obiger Behauptung wohl bestätigt finden. — Pflanzen mit solchen Blättern be-
zeichnet man als Fettpflanzen, Saftpflanzen oder Succulenten. — Trotz des Saft-
reichtums wird der Mauerpfeffer von Tieren nicht berührt; denn die grünen Teile
besitzen einen pfefferartig scharfen Geschmack (Name!).
d) Zerschneidet man ein Blatt vorsichtig, so sieht man nicht selten, wie
sich der Zellsaft in Fäden auszieht. Dies rührt von dem Reichtum an Schleim
her. Pflanzenschleime geben das Wasser aber nur sehr langsam ab. Hiervon
kann man sich leicht überzeugen, wenn man einen „blattartigen" Kaktus oder
das Blatt einer anderen größeren Fettpflanze, z. B. einer Aloe oder Agave,
zerbricht. — Als weiteres Mittel, die Verdunstung einzuschränken, kommen in
Betracht :
e) die verhältnismäßig dicke Oberhaut (vgl. mit Efeu),
f) die auffallend geringe Zahl der Spaltöffnungen, durch die mit der
austretenden Luft Wasser in Dampfform entweicht, sowie der Umstand, daß die
4. Stengel sehr niedrig bleiben und die Pflanze einen dichten Rasen
bildet; denn eine Pflanze, die sich dem Boden anschmiegt, wird (s. Absch. 2 b)
bei weitem nicht so stark vom Winde umspült als eine höhere Pflanze, und die
Luftschicht, die sich zwischen den Stengeln und Blättern des Rasens findet und
durch die Wasserabgabe der Pflanze feucht geworden ist, wird infolgedessen
nicht so oft erneuert, als dies bei einer höheren Pflanze der Fall sein würde. —
Die einzelnen (wurzelschlagenden) Triebe der Pflanze haben ein zweijähriges
Leben; im ersten Jahre bleiben sie kurz, sind dicht beblättert und tragen keine
Blüten; im zweiten dagegen strecken sie sich, so daß die Blätter weiter aus-
einanderrücken, blühen und sterben ab, sobald die Samen gereift sind. Durch
die sich streckenden Triebe werden die
5. Blüten über den Rasen emporgehoben und mithin den Insekten sicht-
bar gemacht. Da sich nun viele Blüten (Rasen !) zugleich entfalten, so werden
sie, obgleich verhältnismäßig klein , doch weithin sichtbar. Sie bestehen (2)
80 24. Fam. Dickblattgewächse. 25. Fam. Die Fackeldisteln oder Kaktusgewächse.
aus einem 5-teiligen Kelche, 5 goldgelben Blumenblättern, 10 Staubblättern, die
zu 2 Kreisen geordnet sind, und 5 Stempeln. Die großen Fruchtknoten werden
aus je einem Fruchtblatte gebildet (vgl. mit Hahnenfußgewächsen) und en-
digen in je eine kleine Narbe. Zwischen den Blumenblättern und den Staub-
blättern des inneren Kreises finden sich die kleinen Honigdrüsen.
6. Frucht. Nach dem Verblühen spreizen die sich vergrößernden Frucht-
knoten auseinander und bilden einen 5-strahligen Stern (3.). Bei trockenem
Wetter bleiben die Fruchtfächer geschlossen. Bei Regenwetter dagegen (tauche
einige reife Früchte ins Wasser!) öffnen sie sich so weit (4), daß die kleinen,
braunen Samen von den Kegentropfen leicht ausgespült werden können. Auf
diese Weise werden die Samen in Spalten des Bodens, Mauerritzen und dgl.
geschwemmt, also au Orte, an denen sie sich zu neuen Pflanzen entwickeln
können. (Daher auch das Auftreten des Mauerpfeffers an senkrechten Wänden!)
Hat der Regenguß noch nicht alle Samen ausgewaschen, dann schließen sich
die Fruchtfächer wieder, um sich bei einem zweiten oder dritten Regen aber-
mals zu öffnen. (Versuch! Warum wäre die Verbreitung der Samen durch
den Wind für die Pflanze viel unvorteilhafter? Könnte wohl der Wind bei
dem niedrigen Pflänzchen mit den kurzgestielten Früchten diese Arbeit über-
haupt verrichten?)
Verwandte. Auf sonnigen Hügeln und Felsen, sowie in trockenen Wäldern
wächst häufig die weit größere Fetthenne (S. maximum). Sie besitzt breite und flache,
aber gleichfalls sehr fleischige Blätter (Name !), und ihre kleinen, grüngelben Blüten sind
zu großen Blütenständen gehäuft. — Auf Dächern und Mauern findet man vielfach die
Hauswurz (Sempervivum tectörum) angepflanzt ; denn das zarte Pflänzchen galt in alten
Zeiten für ein sicheres Mittel, allerlei Unglück, besonders aber den Blitzstrahl von dem
Hause abzuhalten („Donnerkraut"). Wild kommt es auf Alpenfelsen, sowie am Rhein
und an der Mosel vor. Die ungestielten Blätter sind an den „Furztrieben" so dicht und
regelmäßig gestellt, daß sie zierliche Rosetten bilden. Aus den ältesten Rosetten erhebt
sich je ein „Langtrieb", der zahlreiche, rosafarbene Blüten trägt und nach der Frucht-
reife abstirbt. Die Pflanze vermehrt sich auch durch Ausläufer, die aus den unteren
Blattwinkeln der Rosetten hervorkommen, und an denen sich wieder Rosetten bilden.
25. Familie. Die Fackeldisteln oder Kaktusg-ewächse (Cactäceae)
sind bis auf wenige Ausnahmen im warmen Amerika heimisch. Und zwar bewohnen
sie daselbst die weiten Wüsten und Steppen, in denen nur während weniger Monate des
Jahres Regen fällt. Sie gedeihen also an ganz ähnlichen Orten wie der Mauerpfeffer
und seine Verwandten, und es ist darum vollkommen erklärlich, daß sie gleichfalls
„Fettpflanzen" (Succulenten) sind. Da sie aber mit einer noch weit größeren Dürre zu
kämpfen haben als diese, so müssen sie auch in erhöhtem Grade gegen zu starke Ver-
dunstung des aufgenommenen Wassers geschützt sein. Betrachten wir daraufhin z. B.
die Kaktusformen, die wir in Blumentöpfen ziehen, so finden wir wie beim Mauer-
pfeffer einen schleimigen Saft und verhältnismäßig wenig Spaltöffnungen, eine
stark verdickte, fast wasserdichte Oberhaut und nicht selten ein dichtes Haar-
kleid, das die ganze Pflanze umhüllt (vgl. mit Turban und Burnus der Beduinen!).
Das wichtigste Schutzmittel liegt bei allen aber in dem Verluste der Teile, die das
Mauerpfeffer und Verwandte. Fackeldisteln. Stachelbeerstrauch. 81
meiste Wasser verdunsten, nämlich der Blätter, die zu dürren Dornen umgewandelt
sind. (Vgl. mit den Bäumen, die mit Eintritt der trockenen Jahreszeit ihr Laub ab-
werfen! s. Kirschbaum.) Als Wasserspeicher dient daher der Stamm, der zumeist
Kugel-, Säulen- oder Cylinderform besitzt (geringe Oberfläche !), oder in scheibenförmige,
blattartige Teile (s. u.) gegliedert ist und den Pflanzen das eigentümliche Aussehen verleiht.
Und dieser Speicher vermag so viel Wasser zu fassen, daß die Pflanze lustig weiter
grünt, wenn um sie her alles Leben bereits in Staub zerfallen ist. Die Kaktusgewächse
sind daher auch die „Quellen der Wüste", an denen die lechzenden Tiere den brennenden
Durst zu stillen suchen. Doch die „Quelle" ist durch die „Stachelblätter" wohl
geschützt; denn aus Verletzungen, die sich ein Tier an diesen nadelspitzen und oft noch
mit Widerhaken versehenen Gebilden zuzieht, entstehen oft gefährliche Wunden. Da der
Stamm die Arbeit der „verkümmerten" Blätter übernehmen muß, ist er mit Blattgrün
ausgerüstet. Während der Regenzeit entfalten die Pflanzen ihre herrlichen, trichter-
förmigen Blüten, die oft einen köstlichen Duft aushauchen.
Der seltsamen, wechselvollen Gestalt und der herrlichen Blüten wegen gehören
die Kaktusgewächse zu unsern beliebtesten Gewächshaus- und Topfpflanzen. Von Wichtig-
keit für den Menschen sind aber nur wenige Formen. Dies gilt besonders für einige
Arten der Gattung der Fackeldisteln (Opüntia), die einen aus ovalen, flachgedrückten
Gliedern zusammengesetzten Stamm haben. Auf ihnen leben die Cochenille-Schildläuse,
die getrocknet das wertvolle Karmin liefern. Den Namen tragen die Pflanzen von dem
Reichtum an Stacheln und von der Verwendung, den die getrockneten, mit Öl getränkten
Stämme in früheren Zeiten in Amerika gefunden haben sollen. Die feigenartigen Früchte
(„Feigendistel") werden gegessen. In Südeuropa und Nordafrika, wohin die Pflanzen
eingeführt wurden, dienen sie wie in ihrer Heimat zur Cochenille-Zucht und zur Her-
stellung von Hecken und Umzäunungen. — Der Riesen-Kaktus (Cereus gigänteus) hat
einen nur wenig verzweigten Stamm , der eine Höhe von 20 m erreichen kann. —
Durch wunderbare Blüten, die nur während der Nacht geöffnet sind , zeichnet sich die
Königin der Nacht (C. grandiflörus) aus, und an Schlangen und Melonen erinnern die
Stämme anderer Arten (Schlangen- und Melonen-K.), die bei uns gleichfalls häutig
gezogen werden.
26. Familie. Steinbrechgewächse (Saxifragäceae).
1. Der Stachelbeerstrauch (Ribes grossuläria) wird seiner wohl-
schmeckenden Früchte wegen (Verwendung?) überall angebaut, kommt aber
auch verwildert (oder wild?) in Wäldern und Gebüschen vor. Im Schutze
scharfer Stacheln (Name!) entfaltet er bereits im Vorfrühlinge die gelappten und
eingekerbten Blätter (beobachte, wie dies erfolgt!). Gleichzeitig kommen auch die
unscheinbaren Blüten zum Vorschein. Sie gleichen hängenden Glöckcken
(Schutz des Blütenstaubes!). Fruchtknoten und Kelch sind mit gestielten,
klebrigen Drüsen dicht besetzt, die ankriechenden Insekten (Honignäschern !)
den Zutritt zum Blüteninnern erschweren. Die 5 kleinen, weißen Blumen-
blätter stehen am Rande des glockenförmigen Kelches, dessen zurückgeschlagene
5 Zipfel innen meist rötlich angehaucht sind und daher mit in den Dienst der
Insektenanlockung treten. Da im zeitigen Frühjahre erst wenige Blumen Honig
ausbieten, stellen sich zahlreiche Gäste ein (welche Insektenordnung ist am zahl-
Schmeil, Lehrbuch der Botanik. ß
82 22. — 26. Farn. Steinbrech-, Nachtkerzen- und Weiderichgewächse.
reichsten vertreten?). Wollen aber die Besucher den süßen Saft im Kelch-
grunde lecken, so müssen sie die Narbe oder eines der 5 Staubblätter streifen
(Bestäubung!). Die grüne oder rote Frucht ist eine saftige Beere, die gern
von Vögeln verzehrt wird (s. Weinstock !). Daher findet man den Stachelbeer-
strauch auch häufig verwildert auf altem Gemäuer, in der Gabelung hohler Bäume
und an ähnlichen Orten.
Mit der Stachelbeere wird stets auch die Johannisbeere (R. rubrum) ihrer
saftigen, roten oder weißen Früchte wegen angebaut (warum Johannisbeere?). —
Seltener trifft man in Gärten die schwarze Johannisbeere (R. nigrum), deren Blätter
und Beeren einen wanzenartigen Geruch haben. — Ein beliebter Zierstrauch ist die gelbe
Johannisbeere (R. aureum), deren Heimat Nordamerika ist.
2 Auf sonnigen Hügeln, "Wiesen u. dgl. wächst häufig der Körner-Steinbrech
Saxifraga granuläta). „Steinbrech" heißt die zierliche Pflanze, weil viele ihrer nächsten
Verwandten Gebirgsbewohner sind, und diesen sagt man irrtümlicherweise nach, sie hätten
sich die Felsenspalten, in denen sie wurzeln, selbst gebrochen. Den Artnamen hat sie
von den rötlichen Brutzwiebeln , die sich in den Winkeln der untersten (zur Blütezeit
meist schon abgestorbenen) Blätter entwickeln und der Erhaltung und Verbreitung
der Art dienen (vgl. mit Scharbockskraut). Im unteren Teile ist die Pflanze zottig
behaart und im oberen wie die Blüte der Stachelbeere (s. das.) mit gestielten, roten
Drüsen dicht besetzt. Die Blätter sind etwas fleischig (vgl. mit Mauerpfeffer) und
nehmen von unten nach oben an Größe ab (vgl. mit Raps). Aus den zarten, weißen
Blüten (beschreibe sie!) entwickelt sich eine Kapselfrucht, die mit einem Loche zwischen
den bleibenden , hörnerartigen Griffeln aufspringt (Verbreitung der Samen durch den
Wind!).
3. Im Spätsommer und Herbst (vgl. mit Herbstzeitlose) erhalten die nassen Wiesen
durch das Herzblatt (Parnässia palustris) nicht selten einen letzten Schmuck. Auf
schwanken Stengeln, die in der Mitte je ein herzförmiges, saftstrotzendes Blatt tragen
(Name ! — vgl. mit Sumpfdotterblume) , erheben sich wunderbar zarte Blütensterne.
Innerhalb der weißen Blumenblätter stehen 5 grüngelbe Blättchen, die in mehrere lang-
gestielte Drüsen ausgezogen sind (vgl. mit dem Fuße des Laubfrosches!). Die Drüsen-
köpfchen locken durch ihren Glanz Insekten herbei, für die sich an der Innenseite der
Blättchen etwas Honig vorfindet. Kleine Insekten sind meist unnütze Näscher, größere
aber durchaus notwendige Vermittler der Bestäubung. Betrachtet man eine Blüte genauer
so findet man in der soeben entfalteten, daß die Beutel der 5 Staubblätter auf den
noch unentwickelten Narben liegen. Am nächsten Tage öffnet sich ein Beutel und
bietet den Staub aus. Am folgenden Tage biegt sich das Staubblatt zurück, und ein
zweiter Beutel öffnet sich, und so kommen nach und nach alle Beutel an die Reihe.
Dann erst reifen die Narben. Da diese nun genau an der Stelle stehen, an der vordem
die Beutel standen, so muß ein größeres Insekt, das die Blütenmitte als Sitzplatz benutzt,
Fremdbestäubung herbeiführen.
4. Der Pfeifenstrauch (Philadelphias coronärius), so genannt, weil man die
schlanken Schosse zq Pfeifenrohren verwendet, findet sich häufig in unsern Anlagen.
Er stammt aus Südeuropa. Der stark duftenden weißen Blüten wegen nennt man ihn
auch fälschlich „ wilden Jasmin". (Der echte Jasmin [Jasminum grandiflörum] ist eine
südasiatische Pflanze, die bei uns nicht im Freien wächst.)
Arten der Steinbrech.-, Nachtkerzen- und Weideriebgewächse. SS
27.-29. Familie. Nachtkerzen-, Weiderich- und Myrteng-ewächse
(Oaagräceae, Lythräceae und Myrtäceae).
1. Nachtkerzen-Gewächse. Das Wald-Weidenröschen (Epilöbium
angustifölium) findet sich — wie schon der Artname sagt — auf Waldblößen
und an Waldrändern als eine mehr denn meterhohe prächtige Pflanze. Von den
weidenartig-schmalen und daher zahlreichen Blättern (s. S. 58,2) und den herr-
lichen, purpurroten Blüten ist der Gattungsname abgeleitet. Da stets mehrere
Blüten der langen Traube zugleich entfaltet sind, und da auch der Kelch, der
unterständige Fruchtknoten, der Blütenstiel und der Stengel wenigstens soweit,
als er mit Blüten besetzt ist, meist lebhaft rot gefärbt sind, so wird die Pflanze auf
große Entfernung sichtbar. (Bedeutung? Beschreibe die Blüte und beobachte,
wie an die Stelle der zuerst reifenden Staubblätter die sternförmige Narbe tritt !
Vgl. mit Rittersporn!) Die Früchte sind schotenförmige Kapseln. Sobald sich
ihre 4 Klappen von der Mittelsäule ablösen, werden die zahlreichen Samen frei.
Sie breiten ihre Federkrönchen schnell aus und werden bald ein Spiel der Lüfte.
Daher braucht nur irgendwo ein Stück Wald niedergeschlagen zu sein , so
stellt sich auch das Weidenröschen sofort ein. Wenn aber die jungen Bäume
emporschießen und die Pflanze beschatten, und wenn infolgedessen die licht-
liebenden Hummeln und Bienen sich immer seltener einstellen, dann verkümmern
die Blüten. Dafür treibt das -Weidenröschen jetzt aber weit längere unterirdische
Ausläufer als vordem: ein Mittel, durch das es sich aus dem Schatten an eine
besonnte Stelle „zu retten sucht".
Die Nachtkerze (Oenothera biennis) ist eine unserer bekanntesten Zierpflanzen.
Sie stammt aus Nordamerika, hat sich bei uns aber so vollkommen eingebürgert, daß
man sie nicht selten, besonders auf Sandboden, verwildert antrifft. Im ersten Jahre treibt
sie eine Blattrosette (s. S. 17), im zweiten dagegen einen hohen Stengel mit zahlreichen,
großen Blüten, um nach erfolgter Fruchtreife abzusterben. Gleich dem nickenden Leim-
kraut (s. das.) ist sie eine Nachtfalterblnme (Name!). Dementsprechend sind die Blüten
auch nur während der Nacht geöffnet (wie oft öffnet und schließt sich die einzelne
Blüte?), seitlich gerichtet und stark duftend; die Blumenblätter sind hell (blaßgelb)
gefärbt, nnd der Honig ist im Grunde einer sehr langen Röhre geborgen. — Zu den
Nachtkerzengewächsen gehört auch die Wassernuß (Trapa natans) , die in Seen und
klaren Teichen wächst. Gleich dem Wasserhahnenfuß (s. das.) hat sie stark zerteilte
untergetauchte und große , ungeteilte schwimmende Blätter. Letztere haben einen
langen, aufgeblasenen Stiel, der als Schwimmwerkzeug dient. Die Früchte der immer
mehr verschwindenden, weißblühenden Pflanze sind mit 4 „Hörnern" (umgewandelte
Kelchzipfel) ausgerüstet, durch die sie im Schlamme verankert werden (Bedeutung?).
Die nußartigen Samen sind eßbar. — Auch die Fuchsien (Füchsia), die aus Südamerika
stammen und wegen ihrer prächtigen Blüten zu unsern beliebtesten Topfpflanzen zählen,
sind Nachtkerzengewächse.
2) Weiderich-Gewächse. Zwischen Weidengebüsch (Name!) und an anderen
feuchten Stellen ist häufig der Weiderich (Lythrum salicäria) zu finden. An den
ungestielten Blättern und den zahlreichen roten Blüten, die beide quirlartig um den
Stengel gestellt sind, ist die mehr als meterhohe Pflanze leicht zu erkennen. Betrachtet
84
Fam. Myrtengewächse. 30. Farn. Rosengewächse.
man die Blüten genau, so findet man, daß wie hei der Schlüsselblume ein erheblicher
Unterschied in der Länge der Stempel und Staubblätter obwaltet. Hier sind jedoch
diese Organe in 3 Höhen angeordnet. Und wie bei der Schlüsselblume ist die Bestäubung
auch hier nur von günstigem Erfolg, wenn Blütenstaub auf eine Narbe gelangt, die mit
den betreffenden Staubbeuteln in gleicher Höhe steht.
3. Die Myrten-Gewächse sind Bewohner der warmen und wärmeren Länder.
Ein Glied der großen Gruppe ist in der „bräutlichen " Myrte (Myrtus communis) , mit
der geschmückt die Jungfrau vor den Traualtar tritt, allgemein bekannt. Die Pflanze
ist ein immergrüner Strauch oder Baum der Mittelmeerländer (vgl. mit Orange). —
Hier ist auch die Heimat des Granatbaunis (Pünica granätum), der wegen des dunkel-
grünen Laubes und der prächtigen, scharlachroten Blüten bei uns gleichfalls in Töpfen
gezogen wii'd. Die Früchte (Granatäpfel) waren schon im alten Israel ein beliebtes Obst.
— Der Gewürznelkenbaum (Caryophyllus aromäticus)
liefert uns in den getrockneten Blütenknospen die be-
kannten Gewürz-Nelken oder -Nägelein (s. Gartennelke),
die wegen des Reichtums an Nelkenöl als vielverwen-
detes Gewürz dienen. (Beim Durchschneiden einer auf-
geweichten „Nelke" kann man die einzelnen Blütenteile
erkennen.) Die Heimat des Baumes sind die Molukken;
jetzt ist er über alle Tropenländer verbreitet. — Die
erbsengroßen , nelkenartig riechenden Früchte des
Nelkenpfefferbaums Westindiens (Pimenta officinälis)
sind als Nelkenpfeffer-- Piment oder Neugewürz (weil
erst nach der Entdeckung Amerikas bekannt geworden!)
im Gebrauch. — Zu den Myrtengewächsen gehören
auch die riesigen (bis 1 50 m hoch) Eukalyptusbäume
(Eucalyptus) Australiens und der benachbarten Inseln.
Da sie einem außerordentlich trockenen Klima ausge-
setzt und zudem immergrün sind, treffen wir bei ihnen
zahlreiche Einrichtungen , die wir bei heimischen
Pflanzen als Schutzmittel gegen zu starke Wasser-
abgabe finden; sie besitzen lederartig steife, sehr schmale,
stielrunde oder senkrecht gestellte Blätter (vgl. mit
Efeu, Kiefer und Stachel-Lattich), die oft noch mit
einer bläulichen Wachsschicht überzogen sind (daher auch „neuholländische Gummibäume").
Infolge der Form und Stellung der Blätter geben die Bäume nur sehr wenig Schatten, so daß
man mit gewissem Recht von den „schattenlosen" "Wäldern des trockenen Australiens redet.
Da die Bäume in der trockenen Zeit blühen, so fehlen ihnen auch die mannigfachen Ein-
richtungen (Beispiele!), durch die bei unsern Pflanzen der Blütenstaub gegen Befeuchtung
und damit vor Verderben geschützt ist. Bei ihnen ragen vielmehr die Staubblätter weit
über die winzigen Blumenblätter hinaus. Auf sumpfigem Boden wachsen die seltsamen
Bäume außerordentlich schnell. Darum wird auch eine Art, der blaue Gummibaum
(Eu. glöbulus), in den Sumpf- und Fiebergegenden Südeuropas häufig angepflanzt.
4. Einer anderen verwandten Familie gehören die Mangrovebäunie (Rhizöphora)
an, die mit anderen sehr ähnlich gebauten Bäumen (woher diese Übereinstimmung?) die
durch ihre Fieberluft berüchtigten Mangrovewälder bilden. Diese Wälder erheben sich
über dem salzigen oder brackigen Wasser an tropischen Küsten , die sie oft auf viele
Blütenknospe vom Gewürz-
nelkenbaum. Bb. Blütenboden.
F. Fruchtknoten mit Samen-
anlagen. G. Griffel. Sb. Staub-
blätter. B. Blumenblätter. K.
Kelch, (etwa 5 mal nat. Gr.).
Schmeil, Lehrbuch der Botanik.
Tafel 13.
Birnbaum (Pirus communis'
Myrten-Arten. Mangrovebäume. Birnbaum. 85
Meilen hin wie eine grüne Mauer umzäunen. Vorbedingung für ihr Auftreten sind
ein verhältnismäßig ruhiges Wasser und ein lockerer, schlammiger Boden (warum?).
Daher trifft man sie auch besonders in Buchten und an Flußmündungen an. Auf
dem weichen Untergrunde finden die Bäume aber nur dadurch Halt, daß sie aus dem
Stamme oder auch noch ans den Ästen zahlreiche "Wurzeln in den Boden senken. Bei
der Ebbe erhebt sich darum der Wald, wie auf unzähligen Stelzen stehend, über das
Wasser oder den schwankenden Sumpfboden. Bei der Flut dagegen sind die Stütz-
wurzeln zumeist vom Wasser bedeckt. Als eine weitere Anpassung an das Leben auf
diesem sonderbaren Boden sind die eigentümlichen Früchte zu erwähnen. Während sie
noch am Baume hängen, keimt bereits der Same, den sie einschließen. Er entwickelt
sich zu einem dolchartigen Gebilde, das sich schließlich ablöst und infolge seiner Schwere
wie ein Pfahl in den Boden dringt.
30. Familie. Rosenartige Gewächse (Rosäceae).
Pflanzen mit Nebenblättern. Blütenboden scheibenförmig, stielförmig verlängert, becher-
oder krugförmig; auf seinem Rande stehen (meist) 5 Kelch-, 5 Blumen- und zahlreiche
Staubblätter.
1. Unterfamilie. Kernobstgewächse (Pömeae).
Der mehrfächerige Fruchtknoten ist aus 2 — 5 Fruchtblättern gebildet und mit dem Blüten -
boden verwachsen. Fruchtknoten und Blütenboden bilden bei der Reife zusammen eine
Scheinfrucht.
Der Birnbaum (Pirus communis). Taf. 13.
1. A r orkommen und Bedeutung. Der Birnbaum ist eine einheimische
Pflanze, die wild in Laubwäldern und Feldgehölzen vorkommt. Die kleinen
und herben Früchte (1. zeigt eine Frucht in nat. Gr.), die reich an steinigen Ein-
schlüssen sind und daher „Holzbirnen" genannt wer-
den, dienten in alten Zeiten dem Menschen zur Nah-
rung. (Die Einschlüsse bestehen — wie man sich mit
Hilfe des Mikroskops leicht überzeugen kann — aus
sehr dickwandigen Zellen.) Daher ist der Baum auch
schon außerordentlich früh in menschliche Pflege über-
gegangen, und durch jahrtausendelange Zucht (s. S. 19)
ist schließlich unser „edler" Birnbaum mit seinen
großen, saftig-süßen und zartfleischigen Früchten
entstanden, die zu unserm wichtigsten Obste zählen.
(Gib an, wie die Birnen verwendet werden!) Wahr- Ein „Stein" aus dem
scheinlich haben bei dieser Fruchtfleische der Birne,
2. Veredlung die Reiser anderer, aus Asien aus sehr dickwandigen Zellen
stammender Arten mit eine Rolle gespielt. Darauf bestehend (270 mal vergr.l
deutet u. a. die Tatsache hin, daß aus dem Samen
selbst der edelsten Sorte stets Bäume hervorgehen, deren Früchte mehr oder
weniger die Gestalt und den Geschmack der „Holzbirnen" haben. Alle unsere
zahlreichen Sorten (nenne solche und beschreibe ihre Früchte!) lassen sich nur
86
Taf. 13. 30. Farn. Rosenartige Gewächse.
dadurch erhalten, daß man Reiser von ihnen , d. s. kleine Zweige
oder Teile solcher, auf Bäume überträgt, die aus Samen gezogen sind.
Hierzu bedient man sich zahlreicher Verfahren, von denen nur die
wichtigsten hier kurz erwähnt werden sollen.
a) Haben Wildling und Edelreis nahezu gleiche Stärke (I.),
so bedient sich der Gärtner meist des Kopulierens (kopulieren =
vereinigen, verbinden) : er schneidet Wildling (W.) und Edelreis (E.),
mit einem scharfen Messer glatt und schräg (warum?) durch und
setzt sie so aufeinander, daß die Schnittflächen genau aufeinander
passen. Indem er die Verbindungsstelle fest mit Bast oder dgl.
umwickelt, sucht er das Edelreis in der
Lage zu erhalten, die er ihm gegeben
hat, und indem er die Wundstelle sorg-
fältig mit Baumwachs überstreicht, will er
das Verdunsten des aufsteigenden Saftes
(Vertrocknen des Edelreises!) und das
Eindringen von Pilzsporen verhindern.
Wildling und Edelreis verwachsen dann
bald fest miteinander.
b) Das Pfropfen (unter die Rinde)
wendet der Gärtner an, wenn der Wild-
ling stärker als das Edelreis ist (H.). Zu
diesem Zwecke stutzt (schneidet oder sägt)
er den Wildling (W.) wagerecht, spaltet
und löst die Rinde auf eine kurze Strecke
und fügt das Reis (E.), das er zuvor so
zugeschnitten hat, wie es die Abbildung
zeigt, in den Spalt ein. Sodann
legt er wie beim Kopulieren
einen Verband um die Pfropf-
stelle und bestreicht endlich die
Schnittfläche des Wildlings mit
Baumwachs.
c) Beim Okulieren (HI.)
schneidet man eine Knospe oder
ein „Auge" (daher: Okulieren)
mit einem schildförmigen Stück
Rinde (A.) aus dem Edelreise
(E.), macht am Wildling (W.)
einen T- förmigen Schnitt, hebt
die Rinde etwas empor, schiebt
I. Kopulieren. II. Pfropfen (unter die das „Auge" darunter und ver-
Rinde). III. Okulieren. Die Bezeich- , . , , ■,. „ 7 , , .,
nungen sind im Text erklärt. bindet die Wundstelle sorg-
A.
Birnbaum. 87
fältig. Ist das „Auge" angewachsen, dann schneidet man den Wildling dar-
über ab.
3. Dornen. So lange der wilde Birnbaum jung ist und einen kleinen
Strauch bildet, enden die holzigen Zweige in scharfe, stechende Dornen, die eine
vortreffliche Schutzwehr gegen Weidetiere bilden. Auch wenn sich der Strauch
höher über den Boden erhebt, sind die Zweige etwa so weit, als die größten
Weidetiere, die Rinder, reichen können, stark bedornt. Darüber hinaus aber
werden die Dornen immer seltener, bis sie endlich ganz verschwinden. Ebenso
fehlen sie an dem Baume, in den der Strauch allmählich übergeht: der Stamm
ist durch die harte, rissige Rinde wohl geschützt, und bis zur Krone vermögen
die Weidetiere nicht emporzureichen. Auch der angebaute Birnbaum, der ja
im Schutze des Menschen steht, ist meist völlig dornenlos. Der Birnbaum ver-
hält sich eben wie der Mensch, der „in der Wildnis die Waffen nicht aus der
Hand gibt, im sicheren Schirm der Städte dagegen sie ablegt".
4. Knospen. Im Frühjahre lassen sich an dem Birnbäume deutlich zweier-
lei Knospen erkennen (4.): kurze, spitze, aus denen lange, beblätterte Zweige
(Blattknospen, 4 a.) und größere, dickere, aus denen kurze, blätter- und blüten-
tragende Zweige hervorgehen (Blüten- oder Tragknospen, 4 b.). Wie bei der Roß-
kastanie (s. das.) sind die Knospen von schuppenartigen Blättern umhüllt, die
entweder ganz oder teilweise pergamentartig sind und später abfallen. Blüten-
knospen treten jedoch erst auf, wenn der Baum ein gewisses Alter erreicht hat.
5. Die Äste sind steil aufwärts gerichtet. Infolgedessen hat die Krone,
die bei alten Bäumen einen mächtigen Umfang erreicht, meist die Form einer
Pyramide.
6. Blätter. Das junge Blatt (2. und 3.) tritt senkrecht zwischen den
Knospenschuppen hervor. Es ist nach dem Hauptnerv zu zusammengerollt, an
der Unterseite mit seidenartigen Härchen bedeckt und am Grunde des Stieles
mit 2 fadenförmigen Nebenblättern versehen, alles Erscheinungen, die wir be-
reits früher (s. Veilchen, Roßkastanie und Linde) kennen und verstehen gelernt
haben. Am ausgebildeten Blatte sind Nebenblättchen und Härchen ver-
schwunden: es hat sich aufgerollt und
a) schräg gestellt, so wie es von den Sonnenstrahlen am besten
durchleuchtet werden kann (s. S. 63, c). Diese günstige Stellung einzunehmen
wird ihm besonders durch den langen Blattstiel ermöglicht ; denn er erlaubt der
(eiförmigen, am Rande gesägten) Blattfläche, sich zu heben oder zu senken, zu
wenden oder zu drehen, ganz wie die Belichtungsverhältnisse es erfordern.
b) Wenn ein heftiger Wind weht, zeigt sich, daß der Blattstiel noch
eine zweite, wichtige Bedeutung hat. Obgleich der Wind Ziegel von den Dächern
reißt und anderes Unheil anrichtet, spotten die zarten Blätter des Birnbaums (wie
die aller anderen größeren Pflanzen) zumeist seinem Toben : Sobald sie von einem
Windstoße getroffen werden, stellen sie sich vermöge der biegsamen Stiele wie
eine Wetterfahne in die Richtung des Windes, so daß der Anprall ohne Wir-
kung 1 bleibt. Ist der Windstoß vorüber , so kehren sie , da der Stiel zugleich
88 30. Fam. Rosenartige Gewächse.
elastisch ist, in die ursprüngliche Lage zurück. (Beurteile hiernach die Elastizität
der Stämme und Äste.) Ein ebenso wichtiges Schutzmittel sind die elastischen
Stiele gegen den Anprall schwerer Eegentropfen. (Führe dies näher aus !
Beachte, wie leicht der Sturm Birnen und Äpfel, die auf kurzen und unelastischen
Stielen sitzen, vom Baume wirft! Vgl. dag. die langgestielten Kirschen und
Pflaumen! Warum können niedrige Pflanzen oder solche mit kleinen Blättern
der Blattstiele entbehren? Beispiele!)
Das Blatt weicht also den beiden feindlichen Kräften, dem Winde und
den aufschlagenden Eegentropfen, aus. Trotzdem bedarf es aber einer gewissen
Festigkeit, um von ihnen nicht zerrissen oder durchschlagen zu werden. Diese
erlangt es (wie die Blätter aller anderen Landpflanzen) durch das Gerüst der
Adern oder Nerven, von dem die Blattfläche durchzogen wird. (Beschreibe
den Verlauf der Adern im Blatte des Birnbaums und anderer bekannten Pflan-
zen! Vgl. die Adern mit den Stäben eines aufgespannten Schirms! Gegen
welche Gewalten erweisen sich die erwähnten Schutzmittel als unzureichend!
Beobachte, wie die zarten, jungen Blätter vom Winde zerzaust werden!)
c) Die oben (Absch. a) erwähnte Schrägstellung der Blätter ist für den
Baum auch noch aus einem anderen Grunde vorteilhaft. Werden schräg nach
außen gerichtete Blätter vom Begen getroffen, so fließt das Wasser nach
außen ab, so daß es auf tiefer stehende Blätter fallen muß. Diese leiten
es weiter nach außen, und so geht es fort, bis am Umfange der Krone alles
Wasser, das den Baum trifft, wie von einem Dache oder aufgespannten Schirme
zur Erde tropft. Erst ein heftiger oder anhaltender Regen vermag durch die
Krone zu dringen und die Erde unter ihr zu nässen. (Darum flüchten wir,
wenn wir im Freien vom Begen überrascht werden, unter einen Baum.) Gräbt
man nun an der Stelle vorsichtig nach, an der die Traufe niedergeht, so f i n d e t
man dort stets die feinen Saugwurzeln, die allein imstande sind, Feuch-
tigkeit aus dem Boden aufzunehmen, während die stärkeren Wurzeln durch die
dicke Rinde daran gehindert werden. Diese Art der Wasserableitung bezeichnet
man im Gegensatz zu der nach innen gerichteten, der „centripetalen", wie wir
sie beim Raps kennen gelernt haben, als „centrifugale". Wir finden sie bei
allen Bäumen wieder, und sie erscheint uns um so zweckentsprechender, wenn
wir bedenken, daß nur ein weit ausgebreitetes Wurzelwerk imstande ist, den
Angriffen der Winde auf die schwere Krone zu widerstehen. (Bei was für
Pflanzen ist die Ableitung centripetal? Wo finden sich bei ihnen die Saug-
wurzeln ? Warum bedürfen Wasser- und Sumpfpflanzen dieser Einrichtung nicht ?
Warum gibt der Gärtner der Laub- und Wurzelkrone von Bäumen, die er
pflanzen will, gleichen Umfang?)
7. a) Die Blüten (2.) stehen in kleinen Sträußen an kurzen Zweigen.
(Das „Beschneiden" der Bäume bezweckt, sie zu zwingen, solche „Kurztriebe"
oder — wie der Obstzüchter sagt — „kurzes oder Frucht-Holz" zu bilden.)
Von den Blättern, die gleichzeitig aus den Knospen hervorbrechen, sich aber
viel langsamer entwickeln, werden sie nicht verdeckt. Infolgedessen erscheint
Birnbaum. 89
der blühende Birnbaum wie ein wahres Blütenmeer (vgl. mit anderen Obst-
bäumen!). Da die Blüten zudem duften und honigreich sind (wo findet sich der
Honig?), ist der blühende Baum oft von Hunderten naschender Insekten um-
schwärmt. (Vgl. W. Müllers „Frühlingsmahl" : Wer hat die weißen Tücher ge-
breitet über das Land etc. !) Wie notwendig den Blüten der Besuch dieser Gäste
ist, beweist folgende Tatsache: In Australien wollten die Obstbäume trotz aller
Mühe der Ansiedler keine Früchte tragen (weil die zur Bestäubung nötigen In-
sekten fehlten). Da wurden von einem deutschen Iraker Bienen eingeführt — und
in demselben Jahre zeigten die Obstbäume jener Gegend reichen Fruchtansatz.
b) Durchschneiden wir eine einzelne Blüte der Länge nach (5.), so sehen
wir, wie der oberste Teil des Blütenstiels, der Blütenboden, an den Seiten em-
porgewachsen ist, so daß er einen kleinen Becher bildet. Der Becherrand trägt
5 kleine Kelchblätter, etwas weiter nach innen 5 große,
weiße Blumenblätter und hinter diesen wieder etwa
20 Staubblätter mit roten Staubbeuteln. (Man sagt da-
her auch ungenauer Weise, die [Blumen- und] Staub-
blätter ständen auf dem Kelchrande.) Aus der Öffnung
des Bechers ragen 5 Griffel hervor, die zu dem Frucht-
knoten im Grunde des Bechers führen. An einem
Querschnitte (s. Diagramm) ist deutlich zu erkennen, Bliitengrundriß des
daß der 5-fächerige Fruchtknoten aus 5 Fruchtblättern Birnbaums.
gebildet wird, und daß er mit dem becherförmigen
Blütenboden verschmolzen ist. Aus beiden Teilen, aus Fruchtknoten und Blüten-
boden, geht die
8. a) Frucht hervor: Der Fruchtknoten wird zu dem „Kernhause", dessen
5 Fächer je 2 braune Samen enthalten, und der Blütenboden zu dem Frucht-
fleische. Am oberen Ende der Frucht finden wir daher selbst noch zur Reife-
zeit den vertrockneten Kelch. Da an der Bildung der Frucht also noch ein
anderer Blütenteil als der Fruchtknoten beteiligt ist, bezeichnet man sie als
„Scheinfrucht". (Warum schneidet der Obstzüchter einen Teil der Früchte ab,
wenn der Fruchtansatz zu reich ist?)
b) Verbreitung der Samen. Sollen sich die Samen (Obst kerne — Kern-
obst!) zu einer neuen Pflanze entwickeln, so muß das Fruchtfleisch samt der
pergamentartigen Hülle der Fruchtfächer verfaulen, oder ein Vogel muß das
Fleisch verzehren, das Kernhaus öffnen oder die mitverzehrten Kerne wieder
von sich geben. Und dabei leiden die Kerne durchaus keinen Schaden; denn
sie sind gegen die Verdauungssäfte durch eine pergamentartige Hülle geschützt.
Gleich dem Weinstocke (s. das.) erzeugt der Birnbaum das saftige Frucht-
fleisch allein seiner Verbreiter wegen, die er durch leuchtende Färbung (gelb,
an der Außenseite oft noch mit roten „Backen") und angenehmen Duft der
Früchte anzulocken sucht. So lange die Samen noch unreif sind, schützen —
wieder wie beim Weinstocke! — saure, zusammenziehende Säfte die unschein-
bar grünen Früchte, vorzeitig verspeist zu werden.
90 30. Farn. Rosenartige Gewächse.
9. Feinde. Der Birnbaum ist gleich seinem nächsten Verwandten, dem
Apfelbaume, von einem Heer von Feinden bedroht. Der Maikäfer, sowie die
Raupen von Frostspanner, Baumweißling, Goldafter, Ringelspinner zehren von den
Blättern ; der Apfelblütenstecher vernichtet die Blüten ; der Weidenbohrer durch-
wühlt den Stamm und der Apfelwickler die saftigen Früchte (6. u. 7.). Von den
schädlichen Pflanzenläusen sei nur die schädlichste, die Blutlaus, genannt, die
in einigen Gegenden an Apfelbäumen große Verheerungen angerichtet hat.
(S. „Lehrbuch der Zoologie".) Pilze (s. das.) bilden auf Blättern und Früchten
„Rostflecke" und Schorfe und erzeugen in Wundstellen krebsartige Bildungen.
Andere Kernobstgewächse.
Eine noch weit größere Bedeutung als der Birnbaum hat für uns der Apfelbaum
(P. malus). Beweis! Er ist gleichfalls ein einheimisches Gewächs (Holzäpfel!) und wird
in vielen Sorten angebaut (beschreibe die Früchte der dir bekannten Sorten !). Im Gegen-
satz zum Birnbäume hat er eine breite, niedrige Krone, und die prächtigen Blüten zeigen
außen einen roten Anfing. — Quitte (üydönia vulgaris) und Mispel (Mespilus germanica),
von denen letztere ab und zu auch verwildert in "Wäldern vorkommt , entstammen den
Mittelmeerländern. Sie haben große Blüten, die (s. Rose) darum auch einzelnstehend die
Aufmerksamkeit der Insekten erregen. Die gelben, duftenden Quitten sind nur eingemacht
und die Mispeln nur bei beginnender Fäulnis (wenn sie „teigig" werden) genießbar. —
Bei Weißdorn (Crataegus oxyacäntha) und Eberesche (Sorbus aucupäria) sind die
Blüten verhältnismäßig am kleinsten. Wir finden sie daher gleich den leuchtend roten
Früchten auch zu großen , doldenartigen Ständen gehäuft. Der Weiß- oder Hagedorn
(erkläre die Namen! vgl. mit „Schwarzdorn" !) wird gern zur Anlage von Hecken benutzt.
Seine rotblühende Abart, der Rotdorn, ist in Baum- oder Strauchform eine bekannte
Zierpflanze. Die Eberesche (d. i. After-Esche, wegen der eschenartigen Blätter) oder der
Vogelbeerbaum (warum wohl?) steigt in den Gebirgen bis zur Baumgrenze empor.
2. Unterfamilie. Steinobstgewächse (Prüneae).
Der einfächerige Fruchtknoten ist aus einem Fruchtblatte gebildet und nicht mit dem
Blütenboden verwachsen. Frucht eine Steinfrucht.
Der Süßkirschbaum (Prunus avium).
1. Heimat und Bedeutung. Gleich Birn- und Apfelbaum hat der Süß-
kirschbaum im mittleren Europa seine Heimat. Er findet sich hier und da in
Waldungen und ist der Stammvater der zahlreichen Spielarten, die wir in Gärten,
an Straßen und Bergabhängen der veredelten (d. h. größeren, fleischigeren und
wohlschmeckenderen) Früchte wegen anbauen. (Welche Spielarten sind dir be-
kannt? Wie verwendet man die Früchte?) Sowohl die wilde, als auch die an-
gebaute Pflanze wächst zu einem stattlichen Baume heran. (Stelle Stamm-
umfang und -durchmesser einiger größerer Bäume fest!) Die kugelige Krone
wird von einem entsprechend starken
2. Stamme getragen, der mit einer glatten, graubraunen Rinde bedeckt
ist. Bei Verletzungen lösen sich die oberen Rindenschichten in ringförmigen,
lederartig-biegsamen Streifen ab. Häufig fließt aus dem Stamme ein klebriger
Stoff, das Kirsch gummi, das in Wasser leicht löslich ist und darum
Andere Kernobstgewächse. Süßkirschbaum. 91
wie das arabische Gummi (s. das.) als Klebmittel verwendet werden kann. (Der
Ausfluß von Gummi ist bei allen Steinobstgewächsen zu beobachten und zumeist
wohl als Krankheitserscheinung zu deuten.)
3. Blatt, a) Die jungen Blätter treten (gleich den Blüten, die sich in
blattlosen Knospen entwickeln — vgl. dag. Sauerkirsche!) aus Knospen her-
vor, die von Schuppen umhüllt sind (Schutzmittel; vgl. mit Roßkastanie).
Zwischen den Schuppen und den Laubblättern, die am Grunde mit 2 später ab-
fallenden, kleinen Nebenblättern versehen sind, findet ein vollständiger Übergang
statt: ein Zeichen, daß wir es in ersteren gleichfalls nur mit Blättern zu tun
haben. Die Flächen der jungen Blätter sind in der Mittelader gefaltet, senkrecht
gestellt und mit einem firnisartigen Überzuge versehen : Einrichtungen, in denen
wir bereits früher (s. Roßkastanie) Schutzmittel der zarten Gebilde erkannt haben.
b) Die entwickelten Blätter sind eiförmig und am Rande gesägt. Am
oberen Ende des langen Blattstiels finden sich 2 meist rote Drüsen, die eine
zuckerhaltige Flüssigkeit ausscheiden. (Welche Bedeutung diesen Gebilden zu-
kommt, ist bisher nicht sicher erwiesen; s. dag. Wicke. Wo finden sich die
Drüsen am Blatte des Sauerkirschbaums?)
b) Laubfall. Sobald der Herbst in das Land zieht, verändern sich die
Blätter des Kirschbaumes wesentlich: alle wertvollen Stoffe, die sie enthalten,
werden in den Stamm und die Aste geleitet, um im nächsten Frühjahre zum
Aufbau der jungen Zweige, Blätter und Blüten wieder verwendet zu werden.
Infolge dieses Verlustes erscheinen die Blätter wie ausgetrocknet; sie färben
sich gelb und rot und lösen sich schließlich vom Baume. Die Trennung erfolgt
in einer Korkschicht, von welcher der Blattstiel am Grunde quer durchsetzt
wird. Da diese Schicht sehr leicht reißt, wird das Blatt schon durch einen
leisen Windstoß oder die eigene Schwere zu Fall gebracht. (Dieselben Erschei-
nungen sind an allen unsern Laubbäumen und den meisten Sträuchern — s. aber
Efeu und andere immergrüne Gewächse — zu beobachten. Die Stauden —
Beispiele! — sterben bis auf die unterirdischen Teile ab.)
Durch das Abfallen der Blätter verliert der Baum eine Menge von Stoffen,
die er sich aus dem Boden oder der Luft (Kohlenstoff) erworben hat. Es scheint
daher, als ob der herbstliche Laubfall für ihn von großem Nachteil wäre.
Daß dies jedoch nicht der Fall ist, werden wir einsehen, wenn wir die Ur-
sachen des Laubfalls kennen gelernt haben. Leicht anzustellende Beobach-
tungen sollen uns dabei leiten.
Die Blätter von Goldlackpflanzen, die wir während des Winters im Garten
belassen, werden, sobald Kälte eintritt, welk, runzelig und hängen schlaff herab.
Dasselbe beobachten wir an Goldlackpflanzen, die wir im Zimmer halten, sobald
wir ihnen nicht genügend Wasser zuführen. Tritt wieder milde Witterung ein,
oder begießen wir die dürstenden Zimmerpflanzen, so werden die Blätter auch
wieder straff und richten sich empor. Bohnen- und Tabakpflanzen vertrocknen
s ogar, sobald sich die Luft auf einige Grad über Null abkühlt. (Man sairt
ungenauer Weise — warum? — sie seien ., erfroren".) Nun wissen wir.
92
30. Farn. Eosenartige Gewächse.
daß die Blätter dann welk werden, wenn sie mehr Wasser verdunsten, als die
Wurzeln aufnehmen können (Zimmerpflanzen!). Wasser stand aber den Gold-
lackpflanzen im Freien, sowie den Bohnen und dem Tabak genügend zur Ver-
fügung. Daß sie dennoch welkten, ist ein Zeichen dafür daß ihre Wurzeln doch
nicht soviel Wasser aufnahmen, wie nötig war, um den Verlust zu ersetzen.
Wie unsere Lebenstätigkeiten stocken und schließlich ganz aufhören, sobald
die Blutwärme unter 37 ° C. sinkt ; wie Eidechsen und Lurche bei eintretender
Kälte in Erstarrung verfallen : so stellen nämlich auch die Wurzeln ihre Arbeit
ein, sobald sich der Erdboden stark abkühlt. Das kann bei der einen Pflanze
(Bohne, Tabak) früher, bei der anderen (Goldlack) später geschehen, genau
wie dies bei den verschiedenen Tieren der Fall ist. Entzieht man nun einer
Pflanze längere Zeit das Wasser (Versuch!), so vertrocknet sie schließlich,
d. h. sie geht an Wassermangel zu Grunde. So würde es dem Kirschbaum und
anderen Bäumen auch ergehen, wenn sie nicht im Herbste ihr Laub verlören: die
Blätter würden immerfort Wasser verdunsten; da die Wurzel aber aus dem
Boden, der sich schon im August und September (kurze Tage, lange Nächte!)
stark abzukühlen beginnt, keinen Ersatz schaffen kann, so würden die Pflan-
zen schließlich vertrocknen, absterben. Infolge des herbstlichen Laub-
falls verlieren die Pflanzen zwar, wie oben erwähnt, eine Menge von Stoffen;
aber dieser Verlust ist bei weitem nicht so schlimm,
als wenn sie ihr — Leben verlieren würden! (Vgl.
aber unsere Nadelhölzer; s. Kiefer. — Wie bei uns
die kalte Jahreszeit, ist in sehr trockenen Tropen-
gegenden die heiße Jahreszeit die ungünstige für die
Pflanzen. Dort werfen daher die Bäume das Laub
mit dem beginnenden Sommer ab.)
Selbst wenn die Wurzeln ihre Tätigkeit in
der kalten Jahreszeit nicht einstellen würden, könnten
die Bäume unserer Gegenden mit dem Laube den
Winter nicht überdauern. Schon bei geringem
Schneefall würden die Kronen so stark belastet
werden, daß Zweige und Stamm brechen müßten.
(Vgl. dag. die Kiefer! S. auch S. 17, B.)
4. Blüte. Die rein weißen, langgestielten
Blüten besitzen einen angenehmen Duft und sind wie
die des Birnbaums gebaut (Beweis!). Nur bezüglich
des flaschenförmigen Fruchtknotens macht sich ein
Unterschied geltend: er ist aus nur einem Frucht-
blatte gebildet und steht vollkommen frei im Grunde
des kelcbförmigen Blütenbodens. Nach erfolgter Be-
stäubung (welche Insekten vermitteln sie?) löst sich der Blütenboden samt den
Blütenteilen, die er trägt, am Grunde ab, so daß der Fruchtknoten allein auf dem
Blütenstiele zurückbleibt.
Blüte und Blütengrund-
riß vom Kirschbaum.
Die Blüte ist halb durch-
schnitten. Bb. Blütenboden
K. Kelch (etwa 2mal nat. Gr.)
Süßkirschbaum. Andere Steinobstgewächse. 93
5. Frucht. Die Verbreitung- der Pflanze erfolgt wie die des Weinstockes
und Birnbaumes (s. das.) durch Vögel, besonders durch Drosseln („Vogelkirsche").
Zu diesem Zwecke erfährt die von dem Fruchtblatte gebildete Wand des reifen-
den Fruchtknotens eine eigentümliche Ausbildung. Sie spaltet sich in 3 deutlich
voneinander getrennte Schichten: eine äußere, abziehbare Haut von auffallender
Färbung (gelblich mit roten Backen, heller oder dunkler rot bis fast schwarz),
eine saftige, süße, fleischige Mittelschicht und eine steinharte Hülle, die den
Samen umschließt. (Steinfrucht; Steinobst. — Welche Aufgaben haben die
einzelnen Teile zu erfüllen? Vgl. auch die unreife Frucht mit Weinbeere
und Birne!) In der Regel entwickelt sich von den beiden Samenanlagen nur
eine. (Beachte daraufhin Aprikose und Mandel!)
Die Vögel, die nur das süße Fruchtfleisch naschen (Sperlinge, Stare u. a.)
oder wie der Kirschkernbeißer gar die Kerne zertrümmern und der Samen be-
rauben, sind Feinde des Baumes. Die Made der Kirschfliege, die in dem
Fruchtfleische lebt, macht die wohlschmeckenden Früchte für den Menschen oft
ungenießbar.
Andere Steinobstgewächse.
Die meisten und wichtigsten Steinobstgewächse sind aus Asien zu uns gekommen.
Aus Vorderasien stammen die Sauerkirsche (P. cerasus), die der Sage nach Lukullus
aus Kerasunt (daher „Kirsche") zuerst nach Europa gebracht haben soll, und die
echte Pflaume oder Zwetsche (P. domestica). Die Aprikose (P. armeniaca) und
Pfirsiche (Amygdalus persica) haben in Ostasien oder auch — worauf die Namen hin-
weisen — in Armenien, bezw. Persien ihre Heimat. Alle diese Bäume zählen zu unseren
wichtigsten Obstarten und werden in zahlreichen Sorten gebaut. (Beschreibe die Bäume,
besonders deren Früchte! Verwendung?) — In Süd- und Mitteleuropa ist wahrscheinlich
die Kriechenpfiaume (P. insititia) heimisch , die bei uns besonders in 2 Spielarten
gezogen wird: mit gelben, kleinen (Mirabelle) oder grünen, großen Früchten (Reine-claude).
— Der Mandelbaum (Amygdalus communis) wird bei uns zumeist nur der prächtigen
Blüten wegen als Ziergehölz angepflanzt. Für die Länder um das Mittelmeer dagegen
bilden seine großen, eßbaren Samen, die Mandeln, eins der wichtigsten Erzeugnisse
(Verwendung?). Der bei anderen Steinobstgewächsen fleischige Teil der Frucht ist bei
ihm lederartig und ungenießbar. Die Mandeln sind entweder von süßem oder bitterem
Geschmack. Die bitteren Mandeln sind infolge ihres Gehaltes an blausäurereichem Bitter-
mandelöl giftig. Diese Eigenschaft, die auch den Samen der anderen Steinobstgewächse
in geringem Grade zukommt, geht aber durch Kochen, Rösten und Backen verloren. Bei
den „Krach- oder Knackmandeln" ist die Steinschale dünn und zerbrechlich.
An Waldrändern und trockenen Orten bildet die Schlehe (P. spinösa) oft undurch-
dringliche Hecken. Wegen der schwarzen Rinde (im Gegensatz zum „Weißdorn") und
der dornigen Äste (s. Birnbaum) führt die sehr zeitig im Frühjahr blühende Pflanze auch
den Namen „Schwarzdorn". Ihr zähes Holz benutzt man zur Anfertigung von Spazier-
stöcken. Die schwarzen, herben Früchte werden erst nach einem Froste genießbar. —
In Anlagen findet man häufig die duftende Weichselkirsche (P. mähaleb), aus deren
Schößlingen man besonders Pfeifenrohre anfertigt, und die Traubenkirsche (P. padus),
deren Blüten in großen Trauben stehen. Letztere Pflanze wird hier und da unrechtmäßig
auch „Faulbaum" (s. das.) genannt. Die schwarzen Früchte beider sind für den Menschen
nicht genießbar, werden aber von Vögeln gern verzehrt.
94 30. Farn. Rosenartige Gewächse.
3. Unterfamilie. Rosengewächse (Röseae).
Mehrere einfächerige Fruchtknoten, die aas je einem Fruchtblatte gebildet sind und frei
auf dem Blütenboden stehen.
Die Rose (Rosa).
A. Die Hundsrose (R. canina).
1. Rosenhecke. Au Waldrändern, in Gebüschen, an Wegen und ähn-
lichen Orten findet sich die wilde oder Hunds-Rose (Gegensatz zur „edlen" Rose),
oft große, undurchdringliche Hecken bildend. Wie kommt eine solche Hecke
zustande? Die jungen, weichen Sprosse kommen senkrecht aus dem Boden her-
vor. Bald aber verholzen sie und neigen sich in großem Bogen mit der Spitze
zur Erde herab. Von der oberen Seite der Bogen erheben sich im nächsten
Jahre kurze, blütentragende Zweige und sehr lange, aufrechte Triebe, die sich
wieder bogenförmig herabkrümmen und meist an den Enden vertrocknen. Die
jungen Bogen legen sich auf die alten und treiben wieder senkrechte Zweige, die
sich abermals herabbiegen. So baut sich die Hecke immer höher auf, und so
geben sich die sehr langen, aber verhältnismäßig schwachen Stämme gegenseitig
Halt und Stütze. Auch an Umfang und Dichte nimmt die Hecke stetig zu ; denn
aus dem Boden kommen alljährlich neue Sprosse hervor, die, weil unverzweigt, sich
leicht durch das Gewirr der Stämme und Äste hindurcharbeiten können. (Märchen
von „Dornröschen".) Die Undurchdringlichkeit der Hecke wird wesentlich durch die
2. Stacheln erhöht, die sich in besonders großer Anzahl an den jungen
Trieben, aber auch an der Mittelrippe der Blätter und an den Blütenstielen
finden. Im Gegensatz zu den Dornen, die kurze, stechende Zweige darstellen
(s. Birnbaum), sind die Stacheln Auswüchse der Rinde und daher leicht abzu-
brechen. (Beurteile hiernach das bekannte Sprichwort: „Keine Rose ohne Dorn"!)
Sie sind scharf stechend, hakenförmig herabgebogen und stellen somit vortreff.
liehe Schutzwaffen dar: sie verwehren den Weide tieren und anderen Pflanzen-
fressern von den grünen Teilen zu naschen, sowie den gefräßigen Schnecken zu
den saftigen Blättern und den Mäusen zu den wohlschmeckenden Hagebutten empor-
zukriechen. (Goethes „Heideröschen"!) Älteren Stämmen fehlt die Schutzwehr; sie
sind durch die harte, trockene Rinde genügend geschützt (vgl. mit Birnbaum).
3. Das Blatt ist unpaarig gefiedert, d. h. es besteht aus einer langen
Mittelrippe und 5 — 7 einzelnen Blättchen, von denen sich je 2 und 2 gegenüber
stehen, während das einzelne oder unpaare Blättchen das Ende der Mittelrippe
einnimmt (vgl. mit einer Feder!). Die Fiederblättchen sind eirund und am
Rande scharf gezähnt. Am Grunde des Blattes finden sich 2 Nebenblätter,
die mit der Mittelrippe der ganzen Länge nach verwachsen sind. Welche Be-
deutung diese Gebilde haben, ist an wachsenden Zweigen (besonders wenn sie
aus der Knospe hervortreten) deutlich zu sehen: die Nebenblätter des äußersten,
ältesten Blattes umfassen wie eine Scheide das nächst jüngere Blatt; zwischen
dessen Nebenblättern ist wieder das nächst jüngere Blatt geborgen u. s. f. Auf
diese Weise sind alle Blätter des jungen Zweiges gleichsam ineinander geschachtelt
und die innersten, sehr zarten Blätter durch die äußeren, schon mehr erstarkten
geschützt. Die jungen Fiederblätter sind, wie wir dies bereits bei der Roß-
kastanie (s. das.) kennen und verstehen gelernt haben, in der Mittelrippe gefaltet
und wie die Blätter eines Buches eng zusammengelegt. — An den Zweigspitzen
finden sich häufig die wie mit Moos umkleideten Rosen- oder Schlafäpfel.
Sie sind durch den Stich der Rosengallwespe entstanden und beherbergen in
mehreren Höhlen die Larven des Insekts (s. „Lehrbuch der Zoologie").
4. a) Blüte. An den Blüten erkennen wir den Bau der Birnblüte mit
geringen Abweichungen deutlich wieder
(Vergleich!). Wir finden einen krugförmigen
Blütenboden, der mit einem gelben, fleischigen
Ringe abschließt und 5 Kelchblätter, 5 rosa-
farbene Blumenblätter und sehr zahlreiche
Staubblätter trägt. (Beobachte an der Knospe,
wie die zum Teil fiederspaltigen Kelchblätter,
sowie die Blumenblätter an den Rändern über-
einandergreifen und somit das Blüteninnere
gegen Nässe und andere Schädigungen
schützen!) In der Höhlung des Blütenbodens
finden sich zahlreiche, freie Fruchtknoten,
deren Griffel durch die Öffnung des „Kruges"
ins Freie treten und dort zu hellgelben
Narben anschwellen. Jeder Fruchtknoten
besteht aus einem Fruchtblatte und enthält
eine Samenanlage.
b) Wie beim Birn- und Kirschbaume
stehen auch hier meist mehrere Blüten bei-
einander. Sie entfalten sich aber stets nach-
einander; denn da sie von beträcht-
licher Größe sind, vermögen sie auch
einzeln die Aufmerksamkeit der Insekten zu
erregen. (Vgl. mit anderen großblumigen
Pflanzen!) Mit der prächtigen Blütenfarbe wirkt der köstliche Duft als An-
lockungsmittel (s. S. 97, 3).
Die zarten Blumenblätter können wie die der Klatschmohnblüte (s. S. 25, b)
großen Insekten nicht als Anflugsplatz dienen. Ein solcher wird vielmehr
von den zahlreichen Narben und dem fleischigen Ringe gebildet. (Inwiefern wird
durch diese Einrichtung die Möglichkeit der Fremdbestäubung erhöht?)
Den Bestäubern gewährt die Rose nur Blütenstaub als Gegengabe (welche
Insekten hast du in ihr beobachtet '?). Wir finden daher bei ihr auch viel mehr
Staubblätter als in den honigreichen Blüten des Birn- und Kirschbaums und
wie bei der Mohnblüte große, muschel förmige Blumenblätter, die den
verstreuten Staub auffangen.
Blüte und Blüteiigrundriß der
Hundsrose. Die Blüte ist halb durch-
schnitten. Bb. Blütenboden. K. Kelch.
(Vi nat. Gr.).
96 30. Farn. Rosenartige Gewächse.
"Wenn irgend möglich, folgt die geöffnete Blüte dem Laufe der Sonne.
Gegen Abend schließt sie sich. Die Blumenblätter neigen sich zusammen
und bilden ein schützendes Dach für den Blütenstaub, den der nächtliche Tau
leicht verderben könnte.
5. Frucht. Wie die Frucht vom Birn- und Kirschbaume wird auch die
der Rose durch Vögel verbreitet. Dementsprechend färbt sich der schwellende
Blütenboden scharlachrot (Anlockung der Vögel) und wird fleischig und wohl-
schmeckend (Nahrung der Verbreiter). Im Innern des fleischigen „Kruges" finden
sich die zahlreichen, behaarten Früchte, die je ein kleines, hartschaliges Nüßchen
darstellen (Schutz gegen Verdauungssäfte). Die „Hagebutte" ist also eine
Scheinfrucht wie die Birne und zugleich eine „Sammelfrucht". (Gib weitere
Unterschiede zwischen Birne und Hagebutte an !) — Nach Entfernung der steif-
haarigen Früchte wird die Hagebutte auch vom Menschen genossen.
B. Die edle Rose.
1. Die edle Rose gilt schon seit dem grauen Altertume als die Königin
unter den Blumen. Der zarte Bau, die Farbenpracht und der köstliche Duft
der Blüten haben ihr diesen Rang erobert. Sie gilt daher als das Sinnbild der
Jugend („Rosenzeit des Lebens"), der Unschuld und Schönheit, und in zahllosen
Liedern ist sie gefeiert. Mit Rosen schmücken wir uns und unser Heim bei
fröhlichem Feste, und Rosen legen wir unsern Lieben auf den stillen Grabhügel.
2. In fast unendlicher Mannigfaltigkeit findet sich die Rose in den
Gärten. Von den zahlreichen Sorten — man zählt deren mehr als 6000 —
seien nur die beiden bekanntesten genannt, die rote Gartenrose oder Centifolie
(d. h. die Hundertblättrige) und die allbekannte „weiße Rose". Von den meisten
Sorten kennen wir weder Heimat, noch Herkunft. Nur soviel ist sicher, daß
die edle Rose viel mehr ein Erzeugnis menschlicher Kunst als eine „Schöpfung
der Natur" ist. Das beweist schon die Tatsache, daß es keine wilde Rosen-
art gibt, die wie unsere edle Rose gefüllte Blüten besitzt. Solche Blüten
sind entweder dadurch zustande gekommen, daß Staubblätter in Blumenblätter
umgewandelt sind, oder daß eine Vermehrung der Blumenblätter über die Fünf-
zahl der wilden Formen hinaus erfolgt ist. Für ersteres sprechen die Übergänge,
die sich vielfach zwischen Blumen- und Staubblättern finden, für das zweite,
daß es zahlreiche Sorten gibt, die wohl eine erhöhte Zahl von Blumenblättern
besitzen, zugleich aber die Staubblätter wohl ausgebildet und vollzählig er-
halten haben.
Die Züchtung der zahllosen Sorten ist einesteils in derselben Weise wie
die aller anderen Kulturpflanzen erfolgt (s. S. 19): man pflanzte wilde Rosen-
arten (unsere heimatliche Pflanzenwelt weist deren schon eine ganze Anzahl
auf, die sich aber sehr stark ähneln) in besseren Boden, ließ ihnen eine sorg-
same Pflege angedeihen und wählte stets nur die Pflanzen zur Fortzucht aus,
bei denen eine Vermehrung der Blumenblätter eingetreten war. Anderenteils
suchte man die Arten unter einander zu „kreuzen" : man brachte Blütenstaub
einer Art auf die Narben einer anderen, und aus den dadurch entstehenden Samen
Edle Rose. Ändere Rosengewäehse. 97
gingen Pflanzen hervor, welche die Eigenschaften beider „Eltern" zeigten. Mit
diesen Mischlingen, Hybriden oder Bastarden verfuhr man nun weiter in
der zuerst angedeuteten Weise, und noch heutzutage werden bei der Zucht neuer
Sorten genau dieselben Wege eingeschlagen. Die Vermehrung der edlen
Sorten erfolgt stets durch „Augen", die man wilden Rosenstämmen mit Hilfe
des Okulierens (s. S. 86) einpflanzt.
3. Der Duft sowohl der wilden, als auch der edlen Rosen rührt von einem
Öle her, das sich leicht verflüchtigt und auf Papier keinen bleibenden Fettfleck
zurückläßt (flüchtiges Öl im Gegensatz zu den fetten Ölen; s. S. 16, A.). Dieses
„Rosenöl" wird (durch Destillation mit Wasser) als ein überaus teurer und
wertvoller Stoff besonders in der Türkei und Persien, aber auch in zahlreichen ande-
ren Ländern aus den Blüten bestimmter Sorten gewonnen und zur Herstellung
wohlriechender W^ässer, zum Parfümieren von Seifen, Salben und dgl. benutzt.
Andere Rosengewächse.
In sonnigen Wäldern und Gebüschen, an Bergabhängen und ähnlichen Orten findet
sich die Wald-Erdbeere (Fragäria vesca) als eine unserer gemeinsten Pflanzen. Aus
den Achseln der dreizähligen Blätter (beobachte, wie sie sich entfalten !) entspringen
lange Ausläufer, die wie beim Veilchen zahlreiche junge Pflanzen ins Dasein rufen. Die
weißen Blüten sind nachts und bei Regenwetter nickend (Bedeutung!). Nach erfolgter
Bestäubung richten sie sich nicht wieder empor (warum ist dies auch nicht nötig?), so
daß die reifende „Frucht" von dem Kelche, zu dem noch ein 5-blättriger „Außenkelch"
tritt, wie von einem Dache überdeckt ist. Der stielförmig verlängerte Blütenboden ver-
größert sich jetzt immer mehr, indem er zugleich fleischig und saftig wird. In ihm sind
die zahlreichen Früchte, die je ein winziges Nüßehen darstellen, zur Hälfte eingesenkt.
Das so entstehende Gebilde nennen wir bekanntlich „Erdbeere". In ihr haben wir also
wie in der Hagebutte eine Schein- und Sammelfrucht vor uns.
Die scharlachroten, duftenden Beeren erscheinen für uns viel- / \
fach zwischen dem Laube versteckt ; nicht so aber für die
Vögel (Drosseln u. a.), die sich gern am Waldboden aufhalten J ) -JZ
und die Verbreitung der Pflanze besorgen. (Wie ist die Erd- (Jf v'ish
beere im einzelnen dieser Verbreitung „angepaßt"?) — Die ^: '■' 1
Erdbeeren, die wir im Garten bauen (Verwendung?), ent-
stammen zumeist ausländischen Arten. Sie zeichnen sich durch . ■■fl """ — *J
besondere Größe aus, stehen aber an Duft und Wohlgeschmack ( iSa^
(„Aroma") weit hinter den Walderdbeeren zurück. — An 7 j
feuchten Waldstellen und besonders gern auf Waldblößen bildet "
die Himbeere (Rubus idabus) oft ausgedehnte Bestände (Aus- Schein- und Sammel-
läufer 1). Die Stämme sind dicht mit Stacheln besetzt (vgl. frucht der Erdbeere.
mit Rose), tragen erst im 2. Jahre Blüten und sterben nach Bb der fleischig gewor-
der Fruchtreife ab. (Warum kommen die Blüten später als dene Blütenboden. Fr.
bei der Stachel- und Johannisbeere zum Vorschein ?) Die Blät- Eine Einzelfrucht,
ter sind wie bei der Salweide (s. das.) auf der Unterseite
weißfilzig. Aus jedem der zahlreichen Fruchtknoten, die auf dem stielförmig verlängerten
Blütenboden stehen, bildet sich bei der Reife eine kleine Steinfrucht (s. Kirsche). Die
Gesamtheit der Früchtchen bildet die „Himbeere", die also eine Sammelfrucht ist (warum
nicht auch eine Scheinfrucht?). Der wohlschmeckenden Früchte wegen (Verbreitung
Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 7
98
30. Fani. Rosenartige Gewächse. 31. Farn. Schmetterlingsblütler.
Ij w :
durch Vögel!) zählt die Pflanze zu unseren wichtigsten Beerenobstarten. Sie gehört mit
der Brombeere (R. fruticösus), die von den Botanikern in zahlreiche, schwer zu unter-
scheidende Arten gespalten ist, zu derselben Gattung (weise dies aus dem Bau der
Frucht nach !).
Im Gegensatz zu den besprochenen Pflanzen haben die folgenden Arten saft- und
schinacklose Früchte. Daher werden sie auch nicht durch Vögel verbreitet. Dies
sehen wir z. B. deutlich an den Fingerkräutern (Potentilla), deren Sammelfriichte
genau wie die der Erdbeere gebaut sind, aber vollkommen trocken bleiben. Von
den zahlreichen Arten seien nur genannt : das gelbblühende Frühlings-F. (P. venia"),
das an trockenen Stellen wächst und zu unsern ersten Frühlingsblumen zählt,
und das Gänse -F. (P. anserina), das sich häufig in der Nähe der Menschen
findet (auf Gänseweiden — Name !) und zierlich gefiederte , unterseits silberweiße
Blätter, sowie gleichfalls gelbe Blüten hat. — Eine unserer bekanntesten Pflanzen,
die geineine Nelkenwurz (Geum urbänum), wird wie die Möhre durch vorbeistrei-
fende Tiere verbreitet. Dies geschieht vermittelst des Griffels, der nach dem Ver-
blühen weiter wächst und schließlich ver-
holzt. Indem sich sein oberer Teil ablöst
(a, b), gestaltet sich der untere zu einem
kräftigen Haken um (c). Die Pflanze fin-
det sich unter Gebüsch (große , zarte
Blätter! beachte die Form der Fieder-
blättchen besonders an den herbstlichen
Rosetten!). Die nelkenartig riechende
Wurzel (Name !) wird vom Volke gegen
allerlei Krankheiten angewendet („Heil
aller Welt"). — Ihre nächste Verwandte,
die Bach-Nelkenwurz (G. riväle), hat
nickende Blüten (Bedeutung?). Da sie
einen großen, abwärts geschlagenen Kelch
besitzt, der die gelben Blumenblätter zum
großen Teil verdeckt, so ist auch dieser farbig (rotbraun) entwickelt. Der obere
Abschnitt des Griffels fällt bei der Fruchtreife nicht ab. Er dient vielmehr, da er mit
langen Haaren dicht besetzt ist, der Verbreitung durch den Wind. — Der gelbblühende
Odermennig (Agrirnönia eupatöria), der sich häufig an Hecken und Wegrändern findet,
häkelt seine Früchte gleichfalls Tieren an. Hier ist es der Blütenboden, der zahlreiche,
widerhakige Stacheln trägt. — Mehrere Rosengewächse haben sehr kleine Blüten. Da
letztere aber zu großen Blütenständen gehäuft sind, werden sie den Insekten doch auf-
fällig. Das sehen wir z B an den prächtigen Blütensträußen der allbekannten Sumpf-
Spierstaude oder des Mädesüß (Ulmäria pentapetala). Gleich zahlreichen anderen Ge-
wächsen feuchter Standorte (Beispiele !) hat die stattliche Pflanze Blätter mit weiß-
filziger Unterseite (s. Salweide). — Unterseits helleres Laub hat auch der Wiesenknopf
(Sanguisörba officinälis), der gleichfalls auf nassen Wiesen häufig vorkommt, und dessen
sehr kleine, rotbraune Blüten zu Köpfchen vereinigt sind (Name!). — Beim Frauen-
mantel (Alchemilla vulgaris) werden die unscheinbaren Blüten trotz der Häufung (für
uns!) wenig auffällig. Am Morgen findet man im Grunde der Blätter, die einem ausge-
breitetem Mantel nicht unähnlich sind (Name !), je eine große, glänzende Wasserperle,
die aus den zusammengeflossenen Tautröpfchen entstanden ist („Taubecher").
Fruchtstand und Einzelfrüchte der
meinen Nelkenwurz.
Bezeichnungen sind im Texte erklärt
Andere Rosengewächse. Gemüsebohne. 99
31. Familie. Schmetterlingsblütler (Papilionäa
Pflanzen, die „Schmetterlingsblüten" besitzen (s. S. 105) und deren Frucht eine „Hälse"
ist (s. S. 108).
1. Die Geiniisebohne (Phaseolus vulgaris).
1. Heimat und Bedeutung. Die Geinüsebohne hat gleich der Feuer-
bohne (Ph. multiflörus), die meist als Schlingpflanze an Lauben und dgl. ge-
zogen wird, ihre Heimat im tropischen Amerika. Wie schon ihr Art-Name an-
deutet, ist sie eine wertvolle Gemüsepflanze: sowohl die grünen Früchte, als
auch die reifen Samen („Bohnen") dienen uns als nahrhafte Speise. Wie
von allen anderen wichtigen Nutzpflanzen hat man auch von ihr eine große
Menge von Sorten gezogen (s. S. 19). Einige derselben, die Zwerg- oder Busch-
bohnen (Gegensatz: Kletter- oder Staugenbohnen), haben unter der zwingenden
Hand des Menschen sogar eine wichtige Eigenschaft der Art, das Emporklettern
an Stützen, abgelegt.
2. Same. Legen wir einige „Bohnen" (oder „Feuerbohnen") etwa 12 Stun-
den in das Wasser, so läßt sich die verschieden gefärbte, lederartige Haut, die
Samenhaut, von der die Bohnen rings umgeben sind, leicht abziehen. Ander
Stelle, an der die Bohnen zumeist etwas eingebuchtet sind, besitzt die Samen-
haut einen matten Fleck, den sog. Nabel, d. i. die Stelle, an der die Bohnen
durch je ein Stielchen an der Fruchtwand festsaßen. Nach Entfernung der
Samenhaut erblicken wir 2 große, halbnierenförmige Körper, die Keimblätter
(Kotyledonen — Zweikeimblättrige Pflanzen, Blattkeimer oder Dikotylen; s. dag.
Roggen!). Beseitigen wir eins derselben, so sehen wir deutlich das zukünftige Pflänz-
chen: wir erblicken einen winzigen Stiel, aus dessen unterem Ende, dem Würzel-
chen, die Wurzel der Pflanze hervorgeht, der in der Mitte die beiden großen
Keimblätter und am oberen Ende eine Knospe trägt, an der die ersten Laub-
blätter bereits deutlich zu erkennen sind. Der Same der Bohne ist also
die von der Samenhaut umschlossene Anlage oder der Keim der
jungen Pflanze. Wenn wir bedenken, wie zart die einzelnen Keimteile sind,
so wird uns die Bedeutung der lederartigen Samenhaut als einer Schutzhülle
wohl verständlich. Der zarteste Keimteil, die Knospe, ist wieder zwischen den
derberen Keimblättern geborgen. — Um die weitere Entwicklung des Keims zum
jungen Pflänzchen oder
3. die Keimung- zu verfolgen, legen wir abermals einige Bohnen in das
Wasser. Schon nach einiger Zeit haben sie sich so voll Wasser gesogen, daß
sie an Umfang und Gewicht (Beweis durch W T iegen!) stark zugenommen haben.
Schließlich sprengt der sich immer mehr ausdehnende Keim die Samenhaut, und
das Würzelchen kommt zum Vorschein.
Legen wir die Bohnen jetzt in lockere Gartenerde (oder gut durchfeuchtete
Sägespäne), so sehen wir, wie die Wurzel abwärts in den Boden dringt und bald
nach allen Seiten Nebenwurzeln ausschickt. Der Stengelteil unter den Keim-
blättern beginnt sodann stark in die Länge zu wachsen. Er krümmt sich
100 31. Farn. Schmetterlingsblütler.
hakenförmig, durchbricht den Boden und zieht — sich immer mehr streckend —
schließlich die nach unten gerichteten Keimblätter samt der Knospe, die sich
unterdes stark vergrößert hat, aus der Erde hervor. Die Keimblätter tun
sich jetzt auseinander; das Stengelstück über ihnen wächst in die Länge und
streckt sich gerade; das erste Blattpaar entfaltet sich; alle oberirdischen Teile
ergrünen: und die junge Pflanze steht fertig da. Während der Stengel kräftig
weiter wächst und Blatt um Blatt treibt, verschrumpfen die Keimblätter nach
und nach und fallen schließlich vom Stengel ab. (Bei der Feuerbohne, der
Erbse und zahlreichen anderen zweikeimblättrigen Pflanzen bleiben die Keim-
blätter unter der Erde).
Diese Vorgänge geben uns mancherlei zu denken:
a) Legen wir Bohnen (oder irgend welche andere Samen) an einen trockenen
Ort, so keimen sie niemals. Erst nachdem sie befeuchtet (in feuchte Erde ge-
legt) werden, geschieht dies. Warum versorgt aber die Mutterpflanze den
Keimling nicht gleich mit dem zum Keimen notwendigen Wasser? Die Ant-
wort auf diese Frage gibt uns leicht folgender Versuch: wir legen an einem
kalten Wintertage einige trockene und einige aufgequollene Bohnen mehrere
Stunden ins Freie. Bringen wir die Bohnen darauf in Blumentöpfe, die wir in
das erwärmte Zimmer stellen, so werden die trockenen Samen bald, die aufge-
quollenen aber niemals keimen. Letztere sind durch die Kälte zerstört, sie
sind erfroren. Dasselbe Schicksal hätten selbstverständlich auch
die Samen, wenn sie das Wasser von der Mutterpflanze erhalten
hätten. — Beide Versuche zeigen uns ferner, daß Wasser und Wärme es
sind, welche die im Samen schlafende Pflanzenanlage erwecken.
b) Das Würzelchen kommt zuerst aus der Samenhaut hervor; denn die
junge Pflanze muß bereits im Boden befestigt sein, wenn sie die Erde
durchbricht. Da nun die Verlängerung des Würzelchens, die „Hauptwurzel",
nach allen Seiten fast rechtwinklig abgehende Nebenwurzeln aussendet, so ist
die Verankerung um so sicherer: der Wind kann wehen, aus welcher
Richtung er will, er wirft das Pflänzchen nicht um. (Denke, die Nebenwurzeln
strahlten nur nach einer oder nach 2 oder 3 Seiten aus oder stiegen senkrecht
in den Boden hinab! Vgl. mit einem Fahnenmaste, der durch Taue be-
festigt ist!)
Die Wurzel hat aber noch die zweite Aufgabe, dem Boden im Wasser
gelöste Nährstoffe zu entnehmen, die in den grünen Blättern weiter ver-
arbeitet werden (s. den letzten Absch. des Buches!). Da sich die Wurzel nun
zuerst entwickelt, kann sie den Blättern auch sofort Nährstoffe zuführen, so-
bald sich die Blätter über den Boden erhoben haben und ergraut sind. Und
da von der Hauptwurzel nach allen Seiten Nebenwurzeln ausstrahlen, so ver-
mag die Pflanze auch einer weit größeren Bodenmenge Wasser und
Nährstoffe zu entziehen, als wenn die Neben wurzeln mit der Hauptwurzel
nach unten wüchsen.
c) Die Knospe ist ein ungemein zartes Gebilde. Wenn sie — ihrer Stel-
Gemüsebohne. 101
lung entsprechend und wie später oberirdisch — beim Durchbrechen der Erde
vorangehen würde, müßte sie unbedingt verletzt werden. Diese Arbeit
ist daher dem weit festeren Stengel übertragen, der darum hakenartig gebogen
ist. Hat er aber die Erde gespalten und die Keimblätter samt der zwischen
ihnen geborgenen Knospe aus dem Boden hervorgezogen, so streckt er sich
auch sofort gerade. (Welcher Stengelteil krümmt sich beim Keimen der Feuer-
bohne und Erbse?)
d) Alle Teile des Keimes sind, solange sie von der Samenhaut umhüllt
oder von Erde umgeben werden, vollkommen farblos. Die Teile der jungen
Pflanze dagegen, die sich über den Boden erheben, ergrünen. Lassen wir aber
Bohnen im Finstern keimen (in Blumentöpfen, die wir in einen Schrank stellen),
so bleiben die oberirdischen Teile blaß. Stellen wir diese Pflanzen darauf ins
Licht, so ergrünen sie alsbald. Das Licht bewirkt also das Ergrünen
der Pflanzen. (Andere Beispiele!)
e) Die wachsende Pflanze baut sich aus den Stoffen immer weiter auf,
die in den grünen Blättern bereitet werden (s. den letzten Absch. des Buches !).
Woher nimmt aber der Keim die zum Wachstum nötigen Stoffe, da er ja noch
keine solchen Blätter besitzt? Die Antwort auf diese Frage erhalten wir, wenn
wir die Keimblätter genauer beobachten. Die anfangs festen, prallen Gebilde
werden immer weicher und schlaffer, bis sie schließlich gänzlich verschrumpft
vom Stengel abfallen : die wachsenden Teile haben sich auf Kosten der
in den Keimblättern aufgespeicherten Stoffe gebildet. Die Mutter-
pflanze gibt nämlich den Samen, auf daß sie die „ersten Ausgaben" bestreiten
können, Vorratsstoffe mit, die bei der Bohne (wie bei allen Schmetterlings-
blütlern, den Kreuzblütlern u. a.) in den Keimblättern eingelagert sind. (Bei
zahlreichen anderen Pflanzen sind die Vorratsstoffe vom Keimlinge gesondert,
also nicht in das Keimblatt oder die Keimblätter eingelagert; s. z. B. Roggen.
Man nennt diese Masse „Eiweiß", weil sie der jungen Pflanze zum Aufbau
dient, wie das Eiweiß im Vogelei dem sich bildenden Tiere.) Läßt man Bohnen
in Sägespänen oder besser (warum?) in ausgeglühtem Sande keimen, und be-
gießt man die jungen Pflanzen nur mit destilliertem W'asser, so können sie dem
Boden keine Nährstoffe entnehmen. Trotzdem wachsen sie aber zu beträcht-
licher Höhe empor, ehe sie „an Hunger" zu Grunde gehen: ein Zeichen, daß
in den Keimblättern große Mengen von Vorratsstoffen enthalten sind. Lassen
wir Samen der Erbse, Linse oder eines anderen Schmetterlingsblütlers ebenso
keimen, so sehen wir dasselbe: eine Tatsache, die uns den großen Nährwert
der „Hülsenfrüchte" hinreichend erklärt.
4. Stengel, a) Bei den Zwerg- oder Buschbohnen (s. Absch. 1) ist der Stengel
so niedrig und kräftig, daß er sich selbst, sowie die ihm ansitzenden Blätter, Blüten
und Früchte zu tragen vermag. Die Kletter- und Stangenbohnen dagegen besitzen
einen so langen und schwachen Stengel, daß sie wie der Weinstock (s. S. 61, 3)
genötigt sind, andere Gegenstände als Stützen zu benutzen. Dieses Empor-
steigen geschieht bei der Bohne aber in ganz anderer Weise als bei dieser
102 31. Fam. Schmetterlingsblütler.
Pflanze. Um es genau verfolgen zu können, lassen wir Samen in Blumentöpfen
keimen und stecken neben jede junge Pflanze einen dünnen Stab in den Boden.
Anfangs wächst der Stengel gerade empor ; dann aber neigt sich die Stengel-
spitze zur Seite und beginnt langsam kreisende Bewegungen auszuführen.
In etwa 1V> — 2 Stunden ist ein Umzug beendet. (Bestimme die Zeit an den
Versuchspflanzen bei verschiedener Temperatur!) Der Stengel „sucht" wie die
Ranke der Weinrebe eine Stütze. Hat er sie gefunden, so wird er an der
Berührungsstelle festgehalten. Da die Stengelspitze aber weiter kreist, so ist
die Stütze bald ein- oder mehrfach locker umwunden. Der Richtung der
kreisenden Stengelspitze entsprechend verlaufen die Windungen fast wagerecht
und zwar in der entgegengesetzten Richtung, in der sich der Uhrzeiger bewegt.
Man sagt daher: die Bohne ist links w in den d (vgl. dag. Hopfen).
Betupft man den Stengel in den wagerechten Windungen an beliebiger
Stelle mit Tusche oder Tinte und merkt die Stelle an der Stütze gleichfalls
durch ein Zeichen an, so wird man bald finden, daß das Zeichen am Stengel
über das am Stabe gerückt ist: ein Beweis, daß sich der Stengel in den
wagerechten Windungen etwas emporgerichtet hat. Er hat nämlich wie
jeder wachsende Stengel das Bestreben, sich gerade nach oben zu strecken.
Was die Folge dieses Streckens ist, wird uns ein anderer Versuch lehren: Avil*
winden einen Faden locker um einen Stab, halten das untere Fadenende fest
und ziehen das andere kräftig nach oben ; dann werden die Windungen des
Fadens steiler, und der Faden legt sich fester um den Stab. So werden auch
die Windungen des sich streckenden Bohnenstengels immer steiler, und die
Pflanze schlingt sich immer fester um die Stütze.
b) Als Hilfsmittel beim Festhalten dienen die kurzen, steifen Haare, mit
denen der Stengel dicht besetzt ist (vgl. mit anderen windenden Pflanzen).
c) Erleichtert wird den Pflanzen das Winden um die Stütze dadurch, daß die
Blätter an dem kreisenden Stengelabschnitte auffallend klein sind
ihn also nur unwesentlich beschweren (vgl. mit anderen windenden und mit
nicht windenden Pflanzen, z. B. mit der Erbse!).
5. Blätter, a) Die beiden ersten Blätter, die am Stengel der jungen Bohnen-
pflanze entspringen, sind sehr groß und „einfach" ; alle folgenden dagegen sind
aus 3 Blättchen zusammengesetzt (dreizählige Blätter). Im Gegensatz
zu dem Endblättchen sind die beiden seitlichen ähnlich wie das Lindenblatt (s.
S. 51) unsymmetrisch, und zwar findet sich die größere „Hälfte" auf der
dem Endblättchen abgekehrten Seite. Wären die „Hälften" gleich, so würden
sich die Blättchen (ihre jetzige Größe und Stellung vorausgesetzt) zum Teil
gegenseitig bedecken das wäre aber für die Pflanze durchaus ungünstig, wie
wir bereits bei der Betrachtung des Lindenblattes gesehen haben.
Am Grunde des langen, gemeinsamen Blattstiels und der kurzen Stiele
der Einzelblättchen finden sich winzige Nebenblättchen. Wenn man sieht,
wie in der Gipfelknospe des Stengels die Nebenblätter des ganzen Blattes die
zarten, noch zusammengefalteten Blättchen umhüllen, so wird man selbst diesen
Gemüsebolinc Erbse. 103
scheinbar wertlosen Gebilden jegliche Bedeutung für die Pflanze nicht absprechen
können. (Vgl. mit der Knospe der Roßkastanie. — Bei anderen Schmetterlings-
blütlern, z. B. bei Erbse und Wiesenklee, sind die Nebenblätter viel größer.)
b) Am Tage sind die dreizähligen Blätter, wenn sie nicht direkt von den
Sonnenstrahlen getroffen werden (im „zerstreuten" Lichte stehen), meist wage-
rechl ausgebreitet. Bei anbrechender Dunkelheit aber richtet sich der gemein-
same Blattstiel empor, so daß der Winkel, den er mit dem Stengel bildet, kleiner
wird (stelle dies mit Hilfe des Transporteurs fest!), und die 3 Blättchen senken
sich, so daß sie fast senkrecht herabhängen. Indem man diese Erscheinung mit
dem Schlafe der Menschen und Tiere vergleicht, sagt man: die Blätter schlafen,
Diese Stellung der Blätter bezeichnet man daher als Nacht- oder Schlaf stellung.
Am Morgen senkt sich der Blattstiel, und die Blättchen richten sieh wieder
empor: das Blatt nimmt die Tagstellung ein. Diese regelmäßig sich wieder-
holenden Bewegungen erfolgen in dem angeschwollenen Grunde des gemeinsamen
Blattstiels und in den gleichfalls verdickten Stielchen der Einzelblätter, in den
sogen. Gelenken des Blattes.
Welche Bedeutung hat diese seltsame Erscheinung? Wir wissen, daß die
Pflanze dem Boden Nährstoffe entnimmt, die, in Wasser gelöst, zu den Blättern
emporgehoben werden. Je mehr Wasser also von den Blättern verdunstet wird,
desto mehr Nährstoffe müssen auch in die Blätter gelangen und hier verar-
beitet werden. Jede Hemmung des Stroms ist für die Pflanze demnach ein
Nachteil. Eine solche Hemmung tritt aber ein, wenn die Blätter stark betaut
sind. Nun betauen aber — wie die Erfahrung lehrt — senkrecht gestellte
Blätter viel weniger als wagerecht gestellte. Bei ersteren ist demnach am
Morgen die Verdunstung nicht in dem Grade gehemmt wie bei
letzteren.
c) Werden die Pflanzen aber an warmen Tagen direkt von den Son-
nenstrahlen getroffen, so könnten sie leicht mehr Wasser verdunsten, als
die Wurzeln aufzusaugen vermöchten. (Was wäre die Folge?) Dann drehen
sich die Blättchen — besonders die beiden seitlichen — meist so, daß ihre
Flächen senkrecht zu stehen kommen. Infolgedessen werden sie — wie wir
S. 44 gesellen haben — von den Sonnenstrahlen unter spitzerem Winkel ge-
troffen, nicht so stark erwärmt und demnach auch weniger Wasser durch
Verdunstung verlieren, als wenn sie die eigentliche Tagstellnng innebehalten
hätten.
6. Die Blüte ist bei den einzelnen Sorten von sehr verschiedener Färbung.
Sie ist eine Schmetterlingsblüte, die bis auf geringe Abweichungen (stelle sie
fest!) ganz wie die der Erbse gebaut ist (s. das.). Ein Gleiches gilt auch von
der Frucht.
2. Die Erbse (Pisuni sativum).
1. Die Erbse, eine Nutzpflanze. Die Erbse entstammt den Mittelmeer-
Ländern und dient dem Menschen schon seit undenklichen Zeiten als wichtige
Gemüsepflanze. Wir verspeisen ihre reifen und halbreifen Samen; von einigen
104 31. Farn. Schmetterlingsblütler.
der zahlreichen Sorten werden hier und da auch die noch weichschaligen Früchte
ganz verzehrt.
2. Die Erbse, eine rankende Pflanze, a) Der hohe, vielfach verzweigte,
hohle, schwache und saftige Stengel kann sich bei fortschreitendem Wachs-
tum nicht aufrecht erhalten. Um
b) die Blätter dem Lichte und der Luft, sowie die Blüten den Blicken
der Insekten darzubieten, bedient sich die Pflanze wie der Weinstock (s. das.)
der Hilfe von Banken. Diese Gebilde finden sich an den Enden der gefiederten
Blätter und umschlingen benachbarte Pflanzen oder Reiser, die wir dem schwachen
Gewächs als Stütze darbieten. Da sie an der Mittelrippe des Blattes genau
wie die Fiederblättehen angeordnet sind (mitunter stehen sich sogar ein Fieder-
blättchen und eine Ranke gegenüber!), und da sich an Stelle des Endblättchens
gleichfalls eine Ranke findet, so faßt man sie als Fiederblättchen auf, deren
Blattfläche bis auf die Mittelrippe geschwunden ist. Im Gegensatz zu den
„Stengelranken" des Weinstocks sind die Ranken der Erbse (wie aller anderen
Schmetterlingsblütler) also „Blattranken".
Als Ersatz für die in Ranken umgewandelten Fiederblätter treten sehr
große Nebenblätter auf, die den Stengel meist umfassen. Anfangs sind sie
senkrecht gestellt und umgeben schützend die jungen Blätter, Zweige und Blüten ;
dann tun sie sich auseinander, bieten ihre ganze Fläche dem Sonnenlichte dar
und verrichten die Arbeiten der eigentlichen Blätter. (Beachte die Faltung der
jungen Blätter und den Wachsüberzug aller grünen Teile; vgl. mit Roß-
kastanie und Raps!)
3. Die Erbse, ein Stickstoffsamniler. Zieht man eine kräftige Erbsen-
oder andere schmetterlingsblütige Pflanze (Bohne, Lupine und dgl.) aus dem
Boden, so erblickt man an den Wurzeln zahlreiche Knöllchen sehr verschie-
dener Größe (bei der Lupine werden sie bis haselnußgroß), deren Wesen und Be-
deutung man erst in jüngerer Zeit erkannt hat: In jedem Krümchen Ackererde
sind Tausende von Spaltpilzen (s. das.) vorhanden. Gewisse Formen dieser
winzigen Lebewesen, die sog. Wurzelbakterien, haben die Gewohnheit, in die
feinsten Wurzeln der Schmetterlingsblütler einzudringen, der „Wirtspflanze"
nährende Stoffe zu entziehen und sich stark zu vermehren. Ähnlich wie an
dem Eichblatte, in das die Eichgallwespe ein Ei gelegt hat (s. „Lehrbuch der
Zoologie'-'), infolge des Reizes eine Wucherung, eine Galle, entsteht, so entstehen
hier durch den von den Spaltpilzen verursachten Reiz jene Knöllchen. Die
Wurzelspaltpilze entnehmen der „Wirtspflanze" aber nicht sämtliche Stoffe, die
zum Aufbau ihres Körpers dienen. Sie besitzen nämlich die wunderbare Kraft,
Stickstoff aus der atmosphärischen Luft aufzunehmen und in Stickstoffverbindungen
(Eiweiß) überzuführen, eine Fähigkeit, die allen anderen Pflanzen abgeht. Nach
einiger Zeit sterben die Spaltpilze ab, die Knöllchen verwesen, und die stick-
stoffhaltigen Verwesungsprodukte werden von der Pflanze aufgesogen. Unter-
des haben sich wieder neue Knöllchen gebildet, die abermals zu Grunde gehen :
so wird den schmetterlingsblü tigen Pflanzen durch Vermitt-
Erbse.
105
lung der Spaltpilze fortgesetzt Stickstoff der Luft zugeführt.
Die Pflanze hat also durch deu Spaltpilz, den sie in den Knöllchen beherbergt
und zum Teil ernährt, einen großen Vorteil. Beide, Pflanze und Spaltpilz, sind
nehmend und gebend zu gleicher Zeit.
Sie haben sich zu gegenseitigem Nutzen
vergesellschaftet; sie bilden eine
.. P I la nzengenossenschaft" und
führen ein „Genossenschaftsleben"
(Symbiose), ähnlich wie wir es zwi-
schen gewissen Tieren, sowie zwischen
einigen Tier- und Pflanzenformen fin-
den (s. „Lehrbuch der Zoologie").
Die Tatsache der Stickstoffauf-
nahme aus der atmosphärischen Luft
hat nun für die Landwirtschaft
eine ganz außerordentliche Bedeutung.
Mit jeder Ernte entnimmt der Land-
mann dem Felde eine große Menge
stickstoffhaltiger Verbindungen (beson
ders in der Form von Eiweiß.) Soll
das Feld im nächsten Jahre wieder
eine gute Ernte bringen, so muß er
dem Acker neue Stickstoffverbindungen
zuführen. Dies geschieht bekanntlich
durch Düngung mit tierischen Auswurf-
stoffen und verwesenden Pflanzenteilen.
Baut der Landmann aber schmetter-
lingsblütige Pflanzen, die er nicht ab-
erntet, sondern unterpflügt, so be-
sorgen diese durch Vermitt-
lung der Wurzelbakterien die
Düngung des Bodens. Als der
beste „Stickstoffsammler" hat sich die
Lupine bewährt. Da sie eine sehr „ge-
nügsame" Pflanze ist, vermag der Land-
mann mit ihrer Hilfe selbst dem san-
digsten Acker noch einen Ertrag abzuringen: er baut sie als Viehfutter
oder pflügt sie als Dünger für „anspruchsvollere" Gewächse (Getreide, Rüben
u. s. w.) in den Boden. Finden sich in dem Ackerlande keine Wurzelbakterien,
so vermögen die Hülsenfrüchte hier auch nicht ihre segensreiche Tätigkeit zu
entfalten.
I. Die Erbse, ein Schmetterlingsblütler. Die seitlich symmetrische
Blüte (s. 30, a) hat einige Ähnlichkeit mit einem Schmetterlinge (Familienname 1).
Wurzel der Erbse mit Wurzelknöll-
chen (nat. Gr.). Daneben: Z. Zelle aus
einem Wurzelknöllchen, dicht mit Spalt-
pilzen erfüllt. (120mal vergr.). B. Spalt-
pilze bei starker (etwa 800 maliger) Ver-
größerung.
106
31. Fam. Schmetterlingsblütler.
Der becherförmige Kelch (der Kopf des Schmetterlings!) ist in 5 Zipfel aus-
gezogen, ein Zeichen, daß er durch Verwachsung ebenso vieler Blättchen ent-
standen ist. Die Blumenblätter sind meist sämtlich weiß gefärbt und
unter sich an Größe und Gestalt sehr verschieden. Das obere, aufgerichtete
Blatt wird als Fahne bezeichnet; die beiden seitlichen Blätter heißen Flügel,.
Blüte der Erbse, in die einzelnen
Teile zerlegt (P/2 mal nat. Gr.). Fa.
Fahne. Fl. Flügel. Seh. Schiffchen.
K. Kelch, von dem der vordere Teil
entfernt ist.
JHS6.
Schiffchen der Erbsenblüte, 3 mal nat.
Gr. und durch Beseitigung der rechten
Hälfte geöffnet. Gr. Griffel mit Narbe und
Griffelbürste. RSb. die ans den 9 ver-
wachsenen Staubblättern gebildete Röhre.
(Von den Staubblättern sind nur 4 zu
sehen.) f.Sb. freies Staubblatt. H. Zu-
gang zum Honig.
und die unteren sind zu einem kahnförmigen Gebilde, dem Schiffchen, ver-
wachsen. Das Schiffchen umschließt schützend (Regen, Tau, Näscher!) den
Stempel und die Staubblätter. Der langgestreckte Fruchtknoten, über
dessen Bau uns am besten die Frucht belehrt (s. das.), setzt sich in einen langen
Griffel fort. Unter der Narbe am Griffelende findet sich ein einseitiger
Haarbesatz, den man treffend als Grif felbürste bezeichnet. Staub-
blätter sind 10 vorhanden. Die Fäden von 9 derselben sind miteinander zu
einer oben offenen Bohre verwachsen, die den Frucht-
knoten wie eine Scheide umschließt. Der Spalt zwi-
schen den Rändern der Röhre wird von dem Faden des
10. (freien) Staubblattes bedeckt. Der Honig wird
von der Innenseite der Staubblätter am Grunde der
Röhre abgesondert.
Der verwickelte Blütenban der Erbse, von dem
wir in folgendem noch weitere Einzelheiten kennen lernen
werden, ist (wie der Blütenbau der Schmetterlingsblütler
überhaupt) nur zu verstehen, wenn wir die Be-
stäubung genau verfolgen :
, Insektenblütlern" werden auch hier die Bestäuber durch
die bunten Blumenblätter angelockt. Und zwar ist es besonders die Fahne,
welche die Blüte auffällig macht: sie ist groß, breit und senkrecht empor-
Blütengrundrig der
Erbse.
a) Wie bei allen
Erbse. 107
gerichtet, ein wirkliches „Aushängeschild". — An Blüten, die sich noch nicht
geöffnet haben, umhüllt die Fahne die übrigen Teile wie eine schützende Decke;
sie setzt also die Arbeit fort, die zuerst der Kelch verrichtete.
1)) Die Flügel, die das Schiffchen vollkommen überdecken, dienen dem
saugenden Insekt als „Sitzbrett". Sie besitzen — von anderen Unebenheiten
abgesehen — da, wo sie sich zu verbreitern beginnen, eine tiefe, nach innen
gerichtete Einbuchtung, die genau in eine entsprechende Vertiefung
c) des Schiffchens eingreift. Hierdurch werden Kahne und Schiff-
chen fest miteinander verbunden, gleichsam verankert. Drückt man daher mit
einem Stäbchen die Flügel etwas herab, so wird auch das Schiffchen nach
unten bewegt. Dasselbe geschieht aber auch, wenn sich ein kräftiges Insekt
auf den Flügeln niederläßt, den Kopf in den Blütengrund drängt und zu saugen
beginnt. Sobald aber das Schiffchen herabgedrückt wird, tritt aus der Öffnung
an seiner Spitze
d) der Griffel hervor. Zuerst berührt die Narbe die Unterseite des
Insekts. Bringt das Tier vom Besuch einer anderen Erbsenblüte an jener Kör-
perstelle bereits Blütenstaub mit, so ist die Bestäubung vollzogen. Dann kommt
auch die Griffelbürste mit dem Insekt in Berührung. Da nun die Bürste mit
Blütenstaub bedeckt ist, so kann es nicht ausbleiben, daß ein Teil desselben
im Haarkleide des Tieres hängen bleibt. Vor Entfaltung der Blüte haben sich .
nämlich
e) die Beutel der Staubblätter bereits geöffnet und ihren Staub in
den kegelförmigen Hohlraum der Schiffchenspitze entleert, so daß Narbe und
Griffelbürste damit bedeckt sind. (Daher ist auch Selbstbestäubung möglich ; s.
Absch. g. — Öffnet man Blüten, die sich noch im Knospenzustande befinden, so
findet man die Beutel noch prall mit Staub gefüllt ; in völlig entfalteten Blüten
dagegen sind sie leer und verschrumpft.) Fliegt das Insekt wieder von dannen,
so bewegen sich Flügel und Schiffchen auch wieder aufwärts (warum ?), und der
Griffel kehrt in seine Schutzhülle, das Schiffchen, zimick. Bei jedem folgen-
den Insektenbesuche fegt er stets von neuem Blütenstaub aus dem Schiffchen
hervor, bis der Vorrat schließlich erschöpft ist.
Da die Staubfäden miteinander verwachsen sind , werden die Staub-
blätter in ganz bestimmter Lage gehalten, so daß sämtliche Beutel ihren Inhalt
in den vorderen Abschnitt des Schiffchens entleeren müssen. (Welche Bedeutung
hat das Verwachsensein der Staubblätter bei den 3 anderen Arten der Bestäu-
bung, die wir S. 109 bis 111 noch kennen lernen werden?)
f) Da sich der Honig im hintersten Teile der Staubfadenröhre findet,
darf die Röhre nicht völlig geschlossen sein. Das Insekt würde ja sonst nicht
zu dem süßen Safte gelangen können! Dieser notwendige Zugang zum Honig
ist nun dadurch geschaffen, daß ein Staubblatt — ■wie oben bemerkt — nicht
mit in den Verband der anderen eintritt. Am Grunde dieses „freien- Staub-
blattes finden sich rechts und links je eine Öffnung, die zu dem Honig führt.
(Eine gleiche Einrichtung treffen wir auch bei allen anderen honighaltigen
108 31. Farn. Schmetterlingsblütler.
Schmetterlingsblüten. Bei denjenigen Blüten aber, die des Honigs entbehren
— z. B. beim Besenginster, bei den Ginsterarten, bei Lupine und Hauhechel —
sind stets alle Staubblätter verwachsen; die Staubfadenröhre ist also ge-
schlossen.)
g) Der „hinterste Winkel" der Blüte ist auch der rechte Ort für den
Honig. Diejenigen Insekten, die sich auf der Blüte nicht niederlassen, (Schwär-
mer), oder die zu schwach sind (Fliegen, Tagfalter, kleine Käfer u. a.), das
Schiffchen niederzudrücken, wären unnütze Näscher. Ihnen ist darum der Weg
zum Honig versperrt. Nur die Bienen vermögen den Verschluß der Schmet-
terlingsblüte zu öffaen und eine Bestäubung zu vermitteln. Für diese mit mittel-
langem Rüssel ausgerüsteten Insekten liegt der Honig an jener Stelle aber ge-
rade recht. Kurz, man kann die Schmetterlingsblüte betrachten, wie man will :
sie ist in allen Stücken so recht eine „Bienenblume". — Da bei der Erbse
Flügel und Schiffchen sehr fest zusammenhalten, so kann hier der Verschluß
nur durch kräftige Bienen geöffnet werden. Solche Bienenarten gibt es wohl
in der Heimat der Pflanze; bei uns aber selten. Daher ist die Erbse in nörd-
licheren Gegenden zumeist auf Selbstbestäubung angewiesen. (Leicht nach-
zuweisen, indem man einige Blüten mit Gaze umhüllt und somit den Insekten
den Zutritt verwehrt.) ■— Manche Bienen suchen den Honig auch auf unrecht-
. mäßige Weise durch Anbeißen der Blüte zu erlangen.
h) Soll eine Bestäubung wirklich herbeigeführt werden, so ist nötig, daß
die einzelnen Blütenteile ihre Lage zueinander genau innehalten. (Denke z. B.
die „Verankerung" zwischen Flügel und Schiffchen wäre gelöst!) Es ist daher
von Wichtigkeit, daß die 5 Blättchen, aus denen der Kelch besteht, mit-
einander verwachsen sind. (Spalte den Kelch vorsichtig an mehreren Stellen
und untersuche, ob der Verband der Blumenblätter nicht gelockert ist!)
i) Das Insekt vermag den notwendigen Druck auf das Schiffchen umso
eher auszuüben, als die Blüte wagerecht gestellt ist. (Denke, sie wäre
senkrecht auf- oder abwärts gerichtet! Beobachte daraufhin andere Schmetter-
lingsblütler! Wie stehen die Ei'bsenblüten vor dem Blühen? wie die Fruchtstiele?)
5. Die Erbse, ein Hülsenfrüchtler. Wie man an der reifenden Frucht
(Fruchtknoten!) deutlich sehen kann, besteht sie aus einem langen Blatte, das
in der Mittelrippe derartig „geknifft" ist, daß die Bänder zusammenstoßen.
An den Rändern sitzen in je einer Reihe die Samen, die sogen. Erbsen. Eine
so gebildete Frucht nennt man „Hülse" (in einigen Gegenden ungenau „Schote";
s. Raps). — Bei der Reife spaltet sich das Fruchtblatt sowohl an der Ver-
wachsungsstelle, wie an der Mittelrippe, so daß die Hülse mit 2 Klappen auf-
springt. — Die „Maden", die häufig die Samen zerstören, sind meist die Raupen
des Erbsenwicklers (s. „Lehrbuch der Zoologie").
Andere Schmetterlingsblütler.
Um vielfache Wiederholungen zu vermeiden, seien die Schmetterlingsblütler, denen
wir noch kurz unsere Aufmerksamkeit schenken wollen, nach der besonderen Weise, in
der bei ihnen die Bestäubung erfolgt, zusammengestellt.
Erbse. Andere Schmetterlingsblütler. I u '. »
1. Bluten mit Bürsteneinrichtung (Griffelbürste wie bei Erbse und Bohne).
Als wichtige Futterkräuter bauen wir die Saatwieke und die Pferd«- oder Sau-
bohne ("Vicia sativa und faba) an. Die großen, grünen Hülsen der letzteren werden
hier und da wie die der Gemüsebohne verspeist. Die Blüten beider sind infolge greller
Farbenzusammenstellungen besonders auffällig (Bedeutung?). — Von den zahlreichen wild-
wachsenden Wickenarten seien nur die beiden häutigsten, die Vogel- und Zaunw iok<-
(V. cräcca und sepium), genannt. Erstere tritt auf Äckern oft als lästiges Unkraut
(Ranken!) auf. Ihre prächtig blauen Blüten sind zu großen Trauben angeordnet, und
ihre Samen werden besonders gern von der Feldtauhe verzehrt (Name !). Letztere wächst
auf Wiesen, in Gebüsch und an Hecken (Name!). Ihre Blutenstände bestehen nur aus
wenigen rötlich-violetten Blüten. Betrachtet man die Pflanze genauer, so findet man
vielfach kaum ein Exemplar, das nicht von Ameisen bevölkert wäre. Die Tiere stellen,
wie man sich leicht überzeugen kann, dem süßen Safte nach, der von braunen Honig-
drüsen auf der Rückseite der Nebenblätter oft in großen, glänzenden Tropfen abge-
schieden wird. Bisher fanden wir den Honig stets in der Blüte und erkannten in ihm
eine Gegengabe der Pllanze an ihre Bestäuber. Warum scheidet aber die Zaunwicke
gleich der Saatwicke, der Pferdebohne und mehreren anderen Wicken außerhalb der
Blüte Honig ab? Ist das nicht eine zwecklose Verschwendung? Die Naturforscher, die
sich diese Fragen lange vergeblich vorlegten, glauben jetzt eine Antwort darauf ge-
funden zu haben : die Ameisen sind den Forstleuten als eifrige Vertilger blattfressender
Insekten und deren Larven (Raupen u. a.) längst bekannt. Die Pflanzen, die fleißig
von Ameisen besucht werden, sind daher vor anderen, die nicht besucht werden, im Vor-
teil : sobald sich auf ihnen ein Verwüster ansiedelt, wird er meist alsbald eine Beute der
bissigen Tiere. Die Ameisen sind daher für die Wicken gleichsam eine „Schutzgarde",
und der Honig das Anlockungsmittel derselben. — In der heißen Zone giebt es sehr viele
solcher „Ameisenpflanzen". Einige derselben liefern ihren Beschützern nicht nur
Honig, sondern erzeugen sogar besondere Futterkörperchen und Wohnräume für sie.
Eine gleichfalls sehr häufige Pflanze unserer Wiesen ist die gelbblühende Wiesen-
Platterbse (Läthyrus pratensis). — Ihre nächste Verwandte, die rankenlose Frühlings-
Platterbse (L. vernus), giebt sich durch die breiten, zarten Fiederblätter ohne weiteres
als Waldpflanze zu erkennen (vgl. mit Windröschen). — Aus den Mittelmeerländern
ist die Linse (Lens esenlenta) zu uns gekommen (Verwendung?). — Aus Nordamerika
stammt die Robinie (Robinia pseud-acäcia), die fälschlich allgemein „Akazie" genannt
wird und wegen der zarten Fiederblätter („Kugelakazien") und der weißen, duftenden
Blüten ein allbekannter Zierbaum geworden ist. Am Grunde der Blattstiele — ein
Zeichen, daß wir es hier mit umgewandelten Nebenblättern zu thun haben ! — finden
sich je 2 scharfe Stacheln, die wie eine Schntzwehr die Knospe und das junge Blatt um-
schließen. Erreicht die Pflanze eine gewisse Höhe, so bilden sich keine Stacheln mehr
(vgl. mit den Dornen des Birnbaums). Die Fiederblätter senken sich nachts herab;
in den heißen Mittagsstunden dagegen richten sie sich senkrecht empor, während sie in
südlichen Ländern meist vom Morgen bis zum Abend in dieser Stellung verharren (Be-
deutung? s. Bohne!). — Der Blasenstraucb (Colütea arborescens), gleichfalls eine be-
kannte Parkpflanze, stammt aus Südeuropa. Die blasig aufgetriebene Hülse (Name!)
dient als „Flugausrüstung" zur Verbreitung der kleinen Samen.
2. Blüten mit einfacher Klappvorrichtung.
Diese einfachste Weise der Bestäubung wollen wir am Wiesenklee (Trifolium
patense) kennen lernen (Taf. 14): Drücken wir das Schiffchen nieder (4.), so treten
HO Taf. 14. 31. Farn. Schmetterlingsblütler.
Stempel und Staubblätter hervor; hört der Druck auf, so kehren beide wieder in
ihre Schutzhülle zurück (3.). Die roten, duftenden Blüten dieser unserer wich-
tigsten Futterpflanze sind wie bei allen anderen Kleearten verhältnismäßig klein.
Da sie aber zu „Köpfchen" zusammengestellt sind, werden sie doch weitbin
sichtbar (Bedeutung?). Die hinteren Teile der Blumenblätter sind sowohl unter
sich, als auch mit den 9 unteren Staubfäden zu einer etwa 9 mm langen Röhre
verschmolzen (3. und 4.). Daher sind die laugrüsseligen Hummeln die ausschließ-
lichen Bestäuber der Pflanze. Vielfach findet man die Blumenröhre von der
kurzrüsseligen Erdhummel und der Honigbiene angebissen (3.), die beide also
„Einbruch verüben". Da die Hülse von der vertrockneten Blnmenkrone um-
hüllt bleibt, bietet sie dem Winde eine große Angriffsfläche dar und kann so-
mit leicht verweht werden (5. und 6.). Die dreizähligen Blätter („Kleeblatt")
nehmen wie die Bohnenblätter abends Schlafstellung ein (2.), richten sich dabei aber
(wie bei allen anderen Kleearten, sowie beim Stein-, Schnecken- und Hornklee,
beim Goldregen, Ginster und zahlreichen anderen Schmetterlingsblütlern) senk-
recht empor. Wie man in dieser Einrichtung ein Förderungsmittel der Ver-
dunstung erkannt hat, so auch in den weißen Bändern, die sich über die Blatt-
flächen hinwegziehen (1.). Da sich dunkle Gegenstände schneller abkühlen als
helle (Versuch!), so werden weißgefleckte Blätter die Wärme auch eine längere
Zeit zurückhalten als gleichmäßig grüne Blätter. Erstere werden daher bei
Eintritt der nächtlichen Kühle noch längere Zeit stark verdunsten. Hiermit
steht auch im Zusammenhange, daß man bei Kleepflanzen, die auf beschattetem
oder feuchtem Grunde wachsen, breitere Bandzeichnungen findet als bei solchen
auf sonnigem, trockenem Boden. Die Nebenblätter (2. und 7.) sind mit-
einander verwachsen und können daher die Aufgabe, als Schutzhülle der jungen
Blätter zu dienen, vortrefflich erfüllen.
Von den zahlreichen anderen Kleearten sei nur noch der Weifjklee (T. repens)
erwähnt. Da er eine weit kürzere Blütenröhre besitzt als der Wiesenklee, so kann sein
Honigreichtum auch von der Honigbiene ausgebeutet werden. Die kriechende, sehr ver-
änderliche Pflanze (vgl. mit Reiherschnabel u. a. !) hat daher für die Bienenzucht besondere
Bedeutung. — Dasselbe gilt für die rotblühende Esparsette (Onöbrychis sativa), die
gleichfalls eine wichtige Futterpflanze ist. — An Wegen und auf Wiesen findet sich häufig
der Steinklee (Melilötus), dessen weiße oder gelbe, duftende Blüten in langen Trauben
beieinander stehen. — Der Goldregen (Cytisus labürnum) ist wegen seiner prächtigen,
goldgelben Blütentrauben (Name !) ein allgemein beliebter, aber in allen Teilen giftiger
Zierstrauch. Die anfangs aufrechten Trauben werden später hängend, so daß bei der
Entfaltung der Blüten die Fahne nach unten gerichtet sein würde. Der Blütenstiel
macht daher eine Drehung und bringt die Blüte wieder in die „richtige" Lage (s. S. 108, i).
Die Blüten sind scheinbar honiglos (s. S. 107, f), und freien Honig besitzen sie auch in der
Tat nicht. Trotzdem sieht man an ihnen aber Insekten saugen. Die Tiere bohren
nämlich das zarte Gewebe am Grunde der Fahne an und saugen den erbohrten Saft.
3. Blüten mit Schnell -Vorrichtung.
Drückt man in den Blüten des weit verbreiteten Besenginsters (Sarothämnus
scoparius) die Flügel und das Schiffchen nieder, so schnellen Staubblätter und Stempel,
die in ihrer Hülle zum Teil wie gespannte Uhrfedern liegen, hervor und streuen den
Schmal, Lehrbuch der Botanik.
Tafel 14.
hC/ieuba
Wiesenklee (Trifolium pratense).
Andere Schmetterlingsblütler.
111
Blütenstaub aus. Dasselbe geschieht natürlich auch, wenn eine Hummel oder Biene den
„Verschluß" der Blüte öffnet. Hierbei wird das Tier mit Blütenstaub förmlich über-
schüttet. Flügel und Schiffchen kehren darauf aber nicht wieder in ihre ursprüngliche
Stellung zurück. Die prächtigen, gelben Blüten der Pflanze sind honiglos, dafür aber be-
sitzen sie — der Art der Bestäubung entsprechend — sehr viel und zwar mehlartig
trockenen Blütenstaub. Da der mannshohe Strauch in sandigen Wäldern und an ähn-
lichen Orten gedeiht, besitzt er wie zahlreiche andere Ödlandpflanzen (Beispiele!) nur
kleine Blätter. Als Ersatz dafür treffen wir aber in der Rinde der kantigen, ruten-
förmigen Stengel, die zur Herstellung von Besen (Name!) benutzt werden, Blattgrün an.
Die Hülsen drehen sich im Augenblicke des Öffnens schraubig zusammen, so daß die
Samen fortgeschleudert werden. (Bedeutung? Beobachte auch diese Erscheinung bei
Platterbse, Hornklee und Lupine!) — Wie schon die Bezeichnung „Ginster" andeutet, ist
die Pflanze mit den Ginsterarten (Grenista) nahe verwandt. Die zum Teil dornigen
Sträucher gedeihen an denselben Örtlichkeiten und besitzen daher gleichfalls sehr kleine
Blätter und grüne Stengel. - Gleiche Blüteneinrichtung zeigen auch die zahlreichen
kleeartigen Gewächse, die nach den schneckenartig (oder sichelartig) gewundenen Hülsen
Schneckenklee (Medicägo) genannt werden. Eine Art, die aus Südeuropa stammende,
blaublühende Luzerne (M. sativa), wird als Futterpflanze im großen angebaut.
4. Blüten mit P u m pen-Einrichtun g.
Diese Art der Bestäubung zeigt sehr deutlich der Hornklee (Lotus corniculätus),
der allenthalben auf Wiesen und Grasplätzen seine gelben, meist rötlich angehauchten
Blüten entfaltet. Die Staubbeutel entleeren wie
bei der Erbse bereits in der Knospe ihren In-
halt in den vorderen Abschnitt des Schiffchens,
worauf sie verschrumpfen. Fünf Staubfäden da-
gegen wachsen mit der Blüte weiter und schwel-
len keulenförmig an. Wird nun das Schiffchen
niedergedrückt, so pressen sie wie der Kolben
einer Pumpe einen Teil des Staubes als band-
artige Masse aus der Schitl'chenspitze hervor. Ist
die Biene an der Bauchseite mit dem klebrigen
Staube beladen, so kehren die Blütenteile wieder
in ihre ursprüngliche Lage zurück. — Ganz
ähnlich erfolgt die Bestäubung bei der Lupine
(Lupinus lüteus), die aus Südeuropa stammt, und
deren Bedeutung für die Landwirtschaft bereits
früher kurz gekennzeichnet worden ist; des-
gleichen bei den Hauhechelarten (Onönis), jenen
allbekannten, zum Teil stark dornigen Pflanzen,
die an Wegrändern und ähnlichen Orten wachsen.
Schiffehen ans der Blüte des Horn-
klees. 1. In der Ruhe; 2 herab-
gedrückt. Der von oben wirkende
Druck ist durch einen Pfeil ange-
deutet. Die einzelnen Blütenteile wie
bei der Erbsenblüte.
Von den zahlreichen ausländischen
Schmetterlingsblütlern seien kurz fol-
gende erwähnt: Das Süßholz (Glycyrrhiza glabra) ist ein Strauch der Mittelmeer-
länder, der aber auch in einigen Gegenden von Mitteleuropa angebaut wird. Der ein-
gedickte Saft der süßschmeckenden Wurzeln (Name?) ist als Lakritze allgemein be-
kannt. — Die Indigopflanzen (Indigöfera) sind Sträucher und Kräuter der Tropen, aus
112 31. Farn. Schmetterlingsblütler.
deren Blättern man den Indigo gewinnt. Man bringt die abgeschnittenen Pflanzen za
diesem Zwecke in Bassins, die mit "Wasser gefüllt sind. Nachdem das Wasser eine grün-
liche Färbung angenommen hat, leitet man es in ein zweites Bassin und bringt es durch
Räder und Schaufeln mit dem Sauerstoff der Luft in innige Berührung. Infolgedessen
geht die grünliche Färbung- bald in eine blaue über: es ist der Indigo entstanden, der
sich, weil im Wasser unlöslich, bald als tiefblauer Schlamm absetzt. Dieser für die Zeug-
färberei überaus wichtige Farbstoff wird jetzt auch künstlich hergestellt.
Verwandte der Schmetterlingsblütler: In den Ländern um das Mittelmeer
wächst der Johannisbrotbaum (Ceratönia siliqua), dessen große Hülsen bei uns fast
nur als Leckerei für Kinder, in der Heimat der Pflanze dagegen als Nahrung für Men-
schen und Vieh dienen. — In Gewächshäusern trifft man oft merkwürdige Pflanzen, die
von ihrer Empfindlichkeit gegen Berührung den bezeichnenden Namen Sinnpflanzen
(Mimösa) erhalten haben. — Die Steppengegenden der heißen Zone sind die Heimat der
Akazien (Acäcia), von denen besonders afrikanische Arten das wertvolle Gummi arabi-
cum liefern (Verwendung?). Es sind Bäume und Sträucher, die mit unserer Robinie
(s. das.) große Ähnlichkeit haben. Gleich dieser Pflanze besitzen sie die Fähigkeit, die
Fiederblättchen senkrecht zu stellen, eine Tatsache, deren Wichtigkeit wir ermessen
können, wenn wir an die große Trockenheit ihres Wohngebiets denken. Wir linden bei
ihnen auch wie bei den Eukalyptusarten (s. das.) winzige Blütenhüllen, aber zahlreiche,
freistehende und buntgefärbte Staubblätter.
Schmal, Lehrbuch der Botanik,
Tafel 15.
Heidekraut (Calluna vulgaris).
2. Unterklasse. Verwachsenblumenblättrige Pflanzen (SympStalae).
Pflanzen mit doppelter Blutenhülle (mit Kelch und Blunienkrone), bei denen die Blumen-
blätter (wenigstens am Grunde) miteinander verwachsen sind.
32. Familie. Heidekraut-Gewächse (Ericäceae).
1. Unterfamilie. Eigentliche Heidekräuter (Ericeae).
Das Heidekraut (Callüna vulgaris). Taf. 15.
A. Verbreitung-. Auf trockenem Sandboden, wie auf schwankendem
Torfmoor, auf sonniger Ebene, wie im Schutze des Kiefernwaldes, auf niedrigem
Hügel, wie auf sturmumbrauster Höhe findet sich das anspruchslose Heidekraut.
Es ist über ganz Europa und darüber hinaus verbreitet und bildet stets kleinere
oder größere Bestände. In Norddeutschland besonders bedeckt es zahlreiche,
oft viele Quadratmeilen große Gebiete, „Heiden" genannt, von denen auch die
Pflanze ihren Namen erhalten hat. (Gib die Verbreitung der Heiden genauer
an!) Soweit das Auge reicht, erblickt man dort fast nichts weiter als Heidekraut.
Nur hier und da wird das Einerlei unterbrochen von einer verkrüppelten Kiefer,
von Wacholder- und Ginsterbüschen, von Weidengestrüpp, das sich nur wenig
über den Boden erhebt, von stechenden Gräsern, von Flechten- und Moospolstern,
vom gelbblühenden Mauerpfeffer und duftenden Thymian, von Preiselbeere und
Johanniskraut oder von anderen „Heidepflanzen". Das „gesellige" Heidekraut
aber ist stets das „herrschende" Gewächs. Hieraus ergibt sich auch die
B. Bedeutung, welche die Pflanze für den Menschen hat. Kurz gesagt,
sie macht jene öden, unfruchtbaren Gegenden erst bewohnbar.
Wenn die sengenden Strahlen der Sommersonne die Heide fast ausgedörrt
haben, brennt der Heidebauer den Pflanzenwuchs auf einem Teile seines Besitz-
tums nieder („Höhenrauch!".) In den Boden, der durch die untergepflügte Asche
einige Fruchtbarkeit gewonnen hat, sät er im nächsten Frühjahre dann das
„Heidekorn", den Buchweizen, dessen mehlreiche Samen das Hauptnahrungs-
mittel der Heidebewohner bilden. Die jungen Triebe des Heidekrautes liefern ferner
ein dürftiges Futter für Rinder und Schafe (Heidschnucken der Lüneburger
Heide!), und wenn sich im Spätsommer die Heide mit Millionen honigreicher Blüten
wie mit einem „rosenroten Schimmer" überzieht, dann finden endlich die Bienen
der Bauern einen reichgedeckten Tisch. (Daher in Heidegegenden zumeist starke
Bienenzucht.) Heidekraut streut der Heidebewohner auch dem Vieh in die Ställe
und dann als nährenden Dünger auf den sandigen Acker: mit Heidekraut deckl
er das Dach seiner Hütte, und mit Heidetorf erwärmt er im Winter die ärm-
liche W T ohnung.
Dieser Torf verdankt gleichfalls der unscheinbaren Pflanze seine Ent-
stehung: Zwischen den dünnen, stark verzweigten Wurzeln, die nahe der Erd-
S chm eil, Lehrbuch der Botanik. g
114 Taf. 15. 2. Unterkl. Verwauhsenblumenblätt. Plianz. 32. Farn. Heidekraut-Gewächse.
Oberfläche liegen, sowie zwischen den Stämmen nnd Zweigen, die sich dem
Boden vielfach eng anschmiegen, sammeln sich allerlei Pflanzenreste, so daß bald ein
dichter Filz entsteht. Sterben die Wurzeln und unteren Stengelteile ab, und wächst
die Pflanze auf diesen Resten dann weiter, so wird der „Filz" immer mehr von
der Luft abgeschlossen. Was die Folge dieses Luftabschlusses ist, lehrt ein
einfacher Versuch: Erhitzt man Sägespäne in einer Eetorte, so verkohlen sie
wie das Holz in dem Kohlenmeiler. Durch den Luftabschluß geht nämlich
die Zersetzung der Holzteile (d. i. Verbrennung im chemischen Sinne) nur un-
vollständig vor sich. Es wird infolgedessen Kohlenstoff angehäuft, oder kurz,
es entsteht „Holzkohle". So geht auch die Zersetzung der Pflanzenreste unter
der lebenden Heidekrautdecke nur unvollkommen vor sich: es erfolgt gleichfalls
eine Anhäufung von Kohlenstoff und zwar in der Form von (Heide-) Torf, der eben
wegen seines Reichtums an Kohlenstoff ein wertvolles Brennmaterial liefert.
(Vgl. mit Moostorf; s. Moose.)
C. Troekenlaiidpflanze. So verschieden auch der Boden ist, auf
dem das Heidekraut wächst, eins zeichnet ihn stets aus: die auffallend
große Trockenheit. Wie aber oben erwähnt, gedeiht die Pflanze auch auf
Torfboden, der sich oft wie ein Schwamm voll Wasser saugt. Einen solchen
Boden kann man aber doch unmöglich als trocken bezeichnen wollen, und doch
ist er es — für die Pflanze! Dieser Widerspruch klärt sich leicht auf, wenn
man sich folgendes klar macht: Setzt man z. B. einen feuchten Körperteil —
etwa die schweißbedeckte Stirn — der Luft aus, so kühlt er sich bald stark
ab; denn überall da, wo Wasser verdunstet, wird Wärme verbraucht (andere
Beispiele!). Nasse Erde gibt nun sehr viel Wasser in Dampfform an die Luft
ab; dies zeigen z. B. die Nebel, die von feuchten Wiesen, aus Mooren u. dgl.
emporsteigen. Durch die Verdunstung dieses Wassers wird also dem Boden viel
Wärme entzogen: nasser Boden ist darum kalter Boden. Da wir nun
aus der Betrachtung des Kirschbaums (s. S. 91) wissen, daß kalter Boden
ebenso auf die Pflanzen einwirkt wie trockener Boden, so ist jener
Widerspruch vollkommen gelöst: Wir können daher das Heidekraut mit Recht
für eine Trockenlandpflanze erklären.
Trockenheit des Bodens ist für eine Pflanze aber stets sehr ungünstig
(warum?). Das Heidekraut besitzt daher besondere Einrichtungen, die ihm eine
Existenz unter diesen ungünstigen Umständen erlauben:
1. Alle seine Teile sind auffallend dürr und trocken, geben
daher an die umgebende Luft auch nur wenig Wasser in Dampfform ab. (Die
Sumpfdotterblume und zahlreiche Pflanzen trockener Standorte haben aber
dicke, fleischige Stengel und Blätter, ein Zeichen, daß die Natur mit ver-
schiedenen Mitteln dasselbe erreicht.)
2. Das Heidekraut ist ein Strauch, der — wie bereits oben bemerkt —
in dichten Beständen auftritt und sich
3. meist nur wenig über den Boden erhebt. Infolgedessen wird er —
wie wir dies schon beim Mauerpfeffer gesehen haben — auch weit weniger unter
Seidekraut.
115
den austrocknenden Winden zu leiden haben, als wenn jede Pflanze einzeln
stände und sich hoch über die Erde erhöbe. Es kann uns daher auch nicht
wunder nehmen, wenn das Heidekraut auf stürmischem Bergesrücken oft nur
handhoch wird, im Schutze von Kiefernschonungen dagegen eine Höhe von
l /a m und mehr erreicht.
4. Das wichtigste Mittel gegen zu starke Verdunstung ist aber wie beim
Mauerpfeffer in dem eigentümlichen Bau der Blätter (2.) zu erblicken. Es sind dies
a) sehr kleine Gebilde (s. S. 78, 3 a), die in 4 Längsreihen an den
Zweigen stehen und hinten in 2 Spitzen ausgezogen sind (besonders deutlich an
den Blättern zu sehen, aus deren Achseln junge Zweige
hervorgehen).
b) Da sie ungestielt und an der den Zweigen
zugekehrten (Ober-) Seite so gebogen sind, daß sie wie
ausgehöhlt erscheinen, vermögen sie sich den Zweigen
eng anzuschmiegen und z. T. gegenseitig zu decken
(s. S. 78, 3 b). — An Pflanzen dagegen, die im Schatten
des windstillen Kiefernwaldes wachsen, flndet man meist
weit größere und rechtwinkelig von den Zweigen ab-
stehende Blätter. Da diese Pflanzen wegen der geringen
Besonnung zudem keine Blüten tragen, sehen sie dem
Heidekraut nur noch wenig ähnlich.
c) Stellt man durch ein Blatt dünne Querschnitte
her, so sieht man die Ränder nach der Unterseite zu
so umgebogen, daß sie zusammenstoßen. Ein solches
„Rollblatt" bietet der
Luft nur die Fläche der
Oberseite dar, wird dar-
um auch weit weniger
Wasser verdunsten, als
wennesausgebreitetwäre.
Bei Anwendung mikro-
skopischer Vergrößerung
sieht man weiter, daß das
Blatt nur auf der Unter-
seite Spaltöffnungen be-
sitzt, und daß der Zu-
gang zu ihnen durch haar-
artige Bildungen versperrt ist. Die Spaltöffnungen, durch die besonders der
Wasserdampf aus der Pflanze entweicht, münden hier also nicht direkt ins
Freie, sondern in einen fast geschlossenen, „windstillen Raum": eine Ein-
richtung, durch welche die Verdunstung gleichfalls stark herabgesetzt wird.
Wie schon mehrfach erwähnt, steigen die von der Wurzel aufgesogenen
Nährstoffe in einem Wasserstrome zu den Blättern empor, woselbst eine Ver-
Querschnitt aus dem Blatte
des Heidekrautes (250 mal
vergr.). In dem „windstillen
Räume" 2 Spaltöffnungen
„Schattenform" des
Heidekrautes aus
einem Kiefernhochwalde
(nat. Gr.).
l|(i 32. Fam. Heidekraut-Gewächse.
dunstung des Wassers erfolgt. Jede Unterbrechung dieses Stromes ist für die
Pflanze daher von Nachteil. Eine solche würde aber eintreten, wenn Tau-
oder Regentropfen die Spaltöffnungen verschlössen. Da nun bei den Blättern
des Heidekrautes die Feuchtigkeit nicht bis zu den Spaltöffnungen vordringen
kann, so gibt sich das Rollblatt auch als ein Mittel zu erkennen, die Bahn
für den Wasser dampf frei zu halten. Wenn wir weiter bedenken, daß
die Moore regenreiche Örtlichkeiten sind, daß es auf ihnen fast allnächtlich
stark taut, und daß ihnen selbst an klaren Sommerabenden dichte Nebel ent-
steigen, so werden wir die Bedeutung dieser Einrichtung für die hier wachsen-
den Heidekrautsträucker wohl ermessen. Für diese Pflanzen ist es auch von
großer Wichtigkeit, daß sie
d) immergrüne Blätter besitzen: Auf dem kalten Moorboden zieht der
Frühling später ein als in den umliegenden Feldern und Wäldern. Wollte
das Heidekraut jetzt erst Blätter treiben, so könnte es in den wenigen Monaten,
die zwischen diesem Zeitpunkte und dem Herbste liegen, unmöglich Blüten bilden
und Früchte zur Reife bringen. Vermöge der immergrünen Blätter dagegen
ist es beim Eintritt des Frühlings sofort imstande, die Arbeit aufzunehmen,
und selbst während der kälteren und kalten Jahreszeit vermag es jeden Sonnen-
blick auszunützen.
Für das Heidekraut, das auf trockenen Stellen wächst, sind solche Blätter
gleichfalls von Vorteil. Dort erwärmt sich der Boden im Hochsommer außer-
ordentlich stark und wird so trocken, daß er zu Staub zerfällt. Da heißt es
für das Heidekraut, mit der geringen Wassermenge, die es der Erde entnehmen
kann, sparsam umzugehen. Je weniger aber — wie oben bemerkt — die Pflanzen
Wasser aufsaugen, desto weniger Nährstoff nehmen sie auch auf. Dafür dehnen
sich aber beim Heidekraut, weil es eben immergrüne Blätter besitzt, die Arbeiten
der Nährstoffaufnahme und -Verarbeitung über einen viel größeren Teil des
Jahres aus als z. B. bei den Bäumen und Sträuchern, die im Herbst das Laub
abwerfen.
D. Blüte. 1. Im August verschwindet das Grün der Blätter fast vor dem
zarten Rosenrot der Blüten (2. und 3.). Die 4 kleinen Blumenblätter, die in
der unteren Hälfte miteinander verwachsen sind, werden von den 4 größeren
Kelchblättern fast verdeckt. Das ist für die Pflanze aber ein großer Nach-
teil (warum?), der darum wieder ausgeglichen werden muß. Dies geschieht
dadurch, daß der Kelch gleichfalls bunt gefärbt ist. Die Stelle des Kelches
wird wieder durch 2 Blattpaare ausgefüllt, die sich von den gewöhnlichen Laub-
blättern durch beträchtlichere Größe und meist auch durch eiuen Anflug von
Buntfärbung unterscheiden.
Aus der Blütenmitte ragt der Griffel mit der Narbe hervor (3). Er
ist von den Beuteln der 8 Staubblätter umgeben, die zusammen einen
kleinen , braunroten Kegel bilden und sich an der Spitze mit je 2 Löchern
öffnen. Jeder Staubbeutel besitzt am Grunde 2 Anhängsel, die den Weg zum
Honig im Blütengrunde versperren und daher von dem saugenden Insekt be-
Heidekraut. Glocken-Heide.
117
rührt werden müssen. Sobald dies aber geschieht, werden auch die Staub-
beutel erschüttert, so daß aus ihnen der Blütenstaub wie aus einer Streu-
sandbüchse auf das Insekt herabrieselt (5.). Stößt das mit Blütenstaub beladene
Tier beim Besuche einer zweiten Blüte an die im Blüteneingange stehende
Narbe, so hat es die von der Pflanze „gewünschte" Fremdbestäubung vollzogen.
Mit dieser Art der Bestäubung hängt es innig zusammen, daß das Heidekraut
im Gegensatz zu den meisten anderen „Insektenblütlern" trockenen Blütenstaub
besitzt, und daß die Staubfäden eine schwanenhalsartige Krümmung zeigen.
Infolge dieser Einrichtung werden die Staubfäden nämlich zu federnden Ge-
bilden, so daß die von ihnen getragenen Staubbeutel bereits bei der geringsten
Erschütterung ins Schwanken geraten.
2. Obgleich die Blüten verhältnismäßig klein sind, ist das blühende Heide-
kraut doch weithin sichtbar, so daß es sich eines
außerordentlich regen Besuchs zu erfreuen hat:
a) Jeder Zweig der Pflanze trägt zahlreiche Blüten,
die sämtlich nach einer Seite gerichtet sind.
b) Das Heidekraut wächst — wie oben erwähnt —
in mehr oder weniger großen Beständen, so daß die
blühende Pflanze schon auf eine größere Entfernung hin
sichtbar wird.
c) Die Blüten werden — im Gegensatz zu denen der
meisten anderen Pflanzen — nach dem Verblühen
nicht unscheinbar (1. und 4.). Ein Besuch dieser
Blüten wäre für das Heidekraut aber nicht allein voll-
ständig wertlos, sondern sogar von Nachteil; denn die
Insekten würden — so zu sagen — damit die kostbare
Zeit nur vertrödeln. Durch Einwärtskrümmen der (etwas
verblauten) Kelchblätter wird daher der Eingang zum
Blüteninnern verschlossen, so daß die Insekten genötigt
sind, nur den geöffneten Blüten zu dienen. — Im Schutze
des Kelches reift auch die
E. Frucht. Sie ist eine kleine Kapsel, die zur Zeit
der Keife mit 4 Klappen (Fruchtblätter!) aufspringt, so
daß der Wind die winzigen Samen leicht verstreuen kann (6.).
Andere Heidekraut-Gewächse.
Von den nächsten Verwandten des Heidekrauts sei
nur die Glocken-Heide (Erica tütralix) erwähnt, die auf Torf-
and Moorboden gedeiht (daher auch Sumpf-H.). Ihre immer-
grünen Blätter sind nur an den Rändern zurückgerollt, dafür
aber sind sie wie alle jungen (diesjährigen) Teile mit Ausnahme
der Blumenkrone dicht von kurzen einfachen, sowie von langen
Drüsenhaaren (s. S. 33) bedeckt. Am Ende der Stengel stehen wie
zierliche Glöekchen (Name!) die fleischfarbigen Blüten in einem
Glocken-Heide
fnat. Gr.)
118
32. Familie. Heidekraut-Gewächse.
Büschel. — Die zahlreichen Heidearten, die bei uns als Topfpflanzen gezogen werden,
entstammen zumeist dem trockenen Kaplande.
2. Unterfamilie. Heddelbeergewächse (Vaccinieae). In lichten Wäldern,
aber auch auf Heiden (Name!) und Mooren bedeckt die Heidelbeere (Vaccinium myrtillus)
den Boden oft auf weite Strecken. Gegen die Trockenheit des Standorts ist sie durch die
starke Oberhaut der Blätter, die infolgedessen lederartig hart erscheinen, im Winter aber
abfallen, wohl geschützt (s. S. 75). Zudem leitet die Pflanze — wie folgender einfache
Versuch zeigt — fast jeden Regentropfen, der sie trifft, zur Hauptwurzel herab. Taucht
man einen abgeschnittenen Heidelbeerstrauch in das Wasser und hält ihn sodann senkrecht
frei hin, so wird man bemerken, daß — von wenigen Tropfen abgesehen — das Wasser
in einem starken Strome am Stamme abläuft: Die schräg stehenden, rinnigen Blätter
leiten es über den kurzen, gleichfalls rinnenförmigen Blattstiel zu dem Zweige, dem sie
ansitzen; in einer tiefen Furche, die sich von Blatt zu Blatt zieht, fließt es an diesem
hinab und sammelt sich von sämtlichen Zweigen
am Hauptstamme, der es schließlich der Wurzel
zuführt. Die rot angehauchten Blüten, die denen
des Heidekrauts sehr ähnlich gebaut sind (Beweis!),
gleichen hängenden Glückeken (Schutz des Blüten-
staubes gegen Befeuchtung!). Die blauschwarzen
Früchte („Blaubeeren") dienen dem Menschen als
willkommene Speise, so daß das Sammeln der wohl-
schmeckenden Beeren für viele Gegenden eine wich-
tige Erwerbsquelle bildet. Bestimmt jedoch sind
die Früchte, die sich von dem herbstlich roten Laube
scharf abheben, für die Verbreiter der Pflanze, für
Drosseln und andere Waldvögel (s. S. 64, 8). —
Die Preigelbeere (V. vitis idäa) teilt mit der
Heidelbeere Bedeutung (Beweis!) und Standort. Viel-
fach überdeckt sie jedoch auch Bergrücken. Ferner
besitzt sie im Gegensatz zu jener Pflanze immer-
grünes Laub, aus dem die roten Beeren prächtig hervorleuchten (Bedeutung?). — Letz-
teres gilt auch für die zierliche Moosbeere (V. oxycöccus), deren schwache Stämme
besonders zwischen Torfmoos dahinkriechen.
3. Unterfamilie. Wintergrüngewächse (Piröleae). Im Moder des Wald-
bodens wurzeln die zahlreichen Arten des Wintergrüns (Pirola). Die zierlichen
Pflanzen besitzen zarte, nickende Blüten (verfolge die interessante Bestäubung!) und
immergrüne Blätter (Name), die dementsprechend von lederartiger Beschaffenheit sind. — â–
In der Gesellschaft der Wintergrünarten findet sich zumeist auch der nahe verwandte,
seltsame Fichtenspargel (Monötropa hypöpitys). Da er kein Blattgrün besitzt, erscheint
er in allen Teilen blaß, wachsgelb, so daß die jungen Triebe hervorbrechenden Spargel-
sprossen nicht unähnlich sind (Name!). Infolgedessen vermag er einerseits selbst im
dunkelsten Waldesdickicht zu gedeihen, das von allen grünen Pflanzen gemieden wird, ist
aber andererseits auch genötigt, wie z. B. die Hopfenseide (s. das.) seine Nahrung in
„fertiger Form" aufzunehmen. Gräbt man jedoch nach, so findet man, daß der korallen-
förmige, brüchige Wurzelstock der Wurzel anderer Pflanzen nicht aufsitzt. Dagegen zeigt
das Mikroskop, daß er mit Pilzfäden, die den Waldboden durchwuchern, in innigster
Verbindung steht: ihnen entzieht der Fichtenspargel alle zum Aufbau seines Körpers
Zweig der
Preigelbeere
mit Früchten
(nat. Gr.)
Andere Heidekraut-Gewächse.
119
notwendigen Stoffe. Wir haben es hier also
mit einer Blutenpflanze zu thun, die auf Pilzen
schmarotzt , ein Fall , der in der heimischen
Natur einzig dasteht. Der saftige Stengel des
seltsamen Gewächses, der sehuppenförmige, auf-
rechtstehende Blätter trägt, ist zur Blütezeit
am oberen Ende abwärts geneigt, so daß die
Blüten nach unten gerichtet sind (Bedeutung?)
Da sich die blasse Pflanze von dem dunklen
Waldboden genügend abhebt, so wird uns auch
der Mangel einer leuchtenden Blütenfarlie ver-
ständlich. Nach erfolgter Bestäubung richtet
sich der Stengel empor und streckt sich (be-
sonders in dem blütentragenden Abschnitte) stark
in die Länge. Dadurch werden die Fruchtkapseln
nicht allein senkrecht gestellt (warum nötig?),
sondern auch höher über den Boden gehoben,
so daß dem Winde leichter Gelegenheit ge-
geben ist, die staubförmigen Samen aus den
sich öffnenden Kapseln zu blasen. Diese Aus-
streuungsweise setzt aber einen widerstands-
fähigen Stengel voraus ; daher wird der anfangs
saftige und brüchige Stengel nach der Bestäubung
hart, steif und elastisch.
4. Unterfamilie. Alpenrosengewächse
(Rhodöreae). Eine herrliche Zier der Alpenberge
bilden die vielbesungenen Alpenrosen (Rhododendron),
die mit ihren prächtigen Blüten oft weite Flächen mit
leuchtendem Rot überkleiden. Vermöge der außer-
ordentlich biegsamen Zweige , die sich dem Boden
dicht anschmiegen, können die Sträucher den Druck
der mächtigen Schneemassen, die alljährlich monate-
lang auf ihnen lasten, wohl ertragen. Und da sie
(wie Heidekraut, Preißelbeere u. a.) immergrüne
Blätter besitzen , deren Spaltöffnungen infolge be-
sonderer Einrichtungen gegen Verschluß durch Feuch-
tigkeit geschützt sind, können sie selbst unter den
außerordentlich ungünstigen Verhältnissen leben, die
auf den Alpenbergen herrschen (kurzer Sommer, in
dem die Früchte nicht einmal reifen ; regenreiche Orte;
selbst im Sommer oft in Wolken gehüllt und allnächt-
lich mit Tau oder Reif beschlagen). — Zahlreiche
ausländische Alpenrosen zählen gleich den farben-
prächtigen Azaleen (Azälea) zu unseren beliebtesten
Topfpflanzen.
Fichtenspargel.
1. blühende Pflan-
ze mit Wurzel-
stock und jünge-
ren Trieben.
2. oberirdischer
Teil des Stengels
z. Z. der Frucht-
reife. Der Wind
bläst die Samen
aus den Kapseln.
120 Taf. 16. 33. Familie. Schlüsselblumen-Gewächse.
33. Familie. Schlüsselblumen-Gewächse (Primuläceae).
Alle Blütenteile 5-zählig. Fruchtknoten 1 -fächerig mit mittelständigem Samenträger
und einfachem Griffel. Frucht eine Kapsel.
Die duftende Schlüsselblume (Primula officinalis).*). Taf. 16.
A. Eine Frühlingspflanze. Wenn die Schlüsselblume draußen auf der
Wiese oder im Walde wieder blüht, so ist der Frühling endlich da. Die freund-
liche Blume ist gleichsam der Schlüssel, der den Himmel des Frühlings mit all'
seiner Herrlichkeit öffnet. Daher wird sie auch treffend Schlüsselblume oder
Himmelschlüsselchen genannt. „Primel" heißt sie, weil sie ein Erstling unter
den Blumen ist (primula ist die Verkleinerung von prima, die erste).
Gleich zahlreichen anderen Pflanzen (Beispiele!) vermag die Schlüsselblume
so früh im Jahre zu erscheinen; denn sie ist
1. eine ausdauernde Pflanze, die während des Vorjahres in dem
2. unterirdischen Stamme oder Wurzelstocke (1.) reichlich Baustoffe
aufgespeichert hat. Es ist dies ein kurzes, dickes, mit zahlreichen Wurzeln und
Blattresten besetztes Gebilde, das sich in jedem Jahre am oberen Ende um ein
Stück verlängert und am entgegengesetzten Ende allmählich abstirbt (s. S. 29, 2).
Aus den Vorratsstoffen bestreitet die Pflanze die ersten Ausgaben zur Bildung
der Blüten und
3. Blätter. Die jungen Blätter (2. und 3.) stehen senkrecht, und ihre
Flächen, die an den Blattstielen als Säume herablaufen, sind nach der Unter-
seite zu beiderseits eingerollt: Eigentümlichkeiten, in denen wir bereits
Schutzmittel gegen das Vertrocknen kennen gelernt haben (s. Roßkastanie und
Veilchen).
Eine gleiche Bedeutung hat auch die Runzelung der Blattfläche. W T ollen
wir Wäsche trocknen, so legen wir sie nicht etwa zusammengeknittert an irgend
einen Ort, sondern hängen sie auf, d. h. wir setzen sie vollkommen ausgebreitet
den Sonnenstrahlen und der bewegten Luft aus; denn ein feuchter Körper ver-
liert umso mehr Wasser durch Verdunstung, je mehr er von der Sonne be-
schienen (erwärmt) und von bewegter Luft umspült wird. Da ein gerunzeltes
Blatt den Sonnenstrahlen und dem Winde nun eine geringere Fläche darbietet
als ein gleich großes, aber vollkommen ausgebreitetes, so wird es unter den-
selben Verhältnissen auch weniger Wasser verdunsten als dieses.
Größer geworden breiten sich die eiförmigen Blattfiächen immer mehr
aus, die Runzelung verschwindet und die Blätter ordnen sich — je nach der Höhe
der umgebenden Pflanzen — zu einer mehr oder weniger deutlichen Rosette
(vgl. mit Reiherschnabel, Wegerich und Löwenzahn!).
B. Von der Blüte. 1. Blütenstand. Aus der Mitte der Blattrosette
erhebt sich ein blattloser Stengel (ein sog. Schaft), der am Ende eine Dolde
*) An feuchteren Stellen wächst die ganz ähnliche hohe Schlüsselblume
(*. w. n.), die an Stelle der betrachteten Art treten kann.
Schmcil, Lehrbuch der Botanik.
Tafel 16.
Duftende Schlüsselblume (Primula officinalis).
Duftende Schlüsselblume. 121
(s. s. 71) gestielter Blüten trägt. Die Blüten entspringen aus den Achseln
winziger Blättchen und sind meist seitwärts oder schräg abwärts geneigt, bo
daß Blütenstaub und Honig gegen Regen geschützt sind.
2. Einzelblüte (4. -7.). Der röhrenförmige Kelch endet in 5 Zipfel.
In der jungen Blütenanlage waren diese 5 Zipfel zuerst vorhanden; später wurden
sie von einem röhrenförmigen Walle emporgehoben, der sich am oberen Kode des
Blütenstiels, auf dem sog. lilütenboden, bildete, so daß der Kelch in Beiner jetzigen
Form entstand. In derselben Weise bildete sich auch die dottergelbe Blumen-
krone. (Solche Gebilde bezeichnet man kurz, aber ungenau als „verwachsen-
blättrig". „Verwachsenbluinenblättrige Pflanzen"!) Sie hat die Form einer
Langen Röhre, die sich oben glockenförmig erweitert
und in 5 Zipfel gespalten ist. Durch eine kleine, bald
in der Mitte, bald im oberen Teile der Röhre liegende
Erweiterung ist den 5 Staubblättern, die der Innen-
wand der Röhre zu entspringen scheinen, Platz geschaffen.
I >a wir nun wissen (s. Seerose und edle Rose), daß die
Staubblätter Blattgebilde sind, die stets aus einem Stengel
hervorgehen, so können sie an der Blütenröhre auch
nicht ihre Entstehung haben. Sie bildeten sich — wie Blüfcenffrundrifi der
dies von allen Staubblättern gilt — auch in der Tat Schlüsselblume.
auf dem Blütenboden, wurden aber von dem röhren-
förmigen Abschnitte der Blumenkrone mit emporgetragen,
so daß sie dieser eingefügt erscheinen. Der Stempel besteht aus einem kuge-
ligen Fruchtknoten (s. Absch. C), an dessen Grunde der Honig abgesondert wird,
einem mehr oder minder langen Griffel und einer knopfförmigen Narbe.
3. Bestäubung, a) Die Bestäuber werden durch den Duft und die
leuchtende Färbung der Blüten angelockt. Auf der Innenseite des glocken-
förmigen Abschnittes der Blumenkrone finden sich 5 orangefarbene Streifen, die
sich nach dem Eingange zur Blütenröhre hinziehen. Ähnliche Zeichnungen
finden sich bei zahlreichen anderen Blüten (Beispiele!). Ob sie aber wirklich
den Insekten den Weg zum Honig zeigen, wie vielfach angenommen wird, und
ob sie daher mit Recht als „Honig- oder Saftmale" bezeichnet werden, ist eine
kaum zu entscheidende Frage (warum?).
b) Da der Honig am Grunde einer langen, engen Blütenröhre ab-
geschieden wird, sind auch nur die langrüsseligen Hummeln und Falter im-
stande, bis zu ihm vorzudringen (vgl. mit Stein-Nelke).
c) In den Weg, der zum Honig führt, sind die Staubblätter und die
Narbe gestellt. Sie müssen daher beim Saugen gestreift werden. Die Insekten,
denen der Honig zugängig ist, sind infolgedessen auch die Bestäuber der Pflanze.
Damit sie sich mit Blütenstaub beladen, öffnen sich die Staubbeutel nach innen.
d) Wie bereits oben erwähnt, sind in den einzelnen Blüten die Griffel
von verschiedener Länge und die Staubblätter in verschiedener Höhe der Blüten-
röhre eingefügt. In diesen Verhältnissen herrscht nun nicht etwa der Zufall.
122 33. Familie. Schlüsselblumen- Gewächse.
sondern eine bestimmte Gesetzmäßigkeit: Neben solchen Pflanzen, deren sämt-
liche Blüten lange Griffel besitzen, und bei denen die Staubblätter in der Mitte
der Blumenröhre eingefügt sind (4. und 6.), trifft man andere, bei denen die
Griffel kurz sind, die Staubblätter dagegen am oberen Ende der Blütenröhre
stehen (5. und 7.). Man unterscheidet daher eine langgriffelige und eine
kurzgrif feiige Form der Schlüsselblume.
Um die Folgen dieser „Verschiedengrifflichkeit" (Heterostj'lie)
zu erkennen, brauchen wir nur ein Insekt, z. B. eine Hummel, auf dem Fluge
von Blüte zu Blüte etwas genauer zu verfolgen. Saugt die Hummel zuerst an
einer langgriffeligen Blüte (6.), so muß sie mit dem Kopfe die gerade im Eingang
zur Blütenröhre stehende Narbe, mit der Mitte des Rüssels dagegen die Staub-
beutel berühren und sich daselbst mit Blütenstaub behaften. Hält die Hummel
darauf bei einer kurzgriffeligen Blüte Einkehr (7.), so berührt sie hier umgekehrt
mit dem Kopfe die Staubblätter, mit der Rüsselmitte dagegen die Narbe. Da
sie nun von der ersten Pflanze an derselben Rüsselstelle Blütenstaub mitgebracht
hat, so muß sie eine Bestäubung der 2. Blüte herbeiführen. Fliegt darauf die
Hummel, am Kopfe mit Blütenstaub beladen, wieder zu einer langgriffeligen
Blüte (6.)j so muß sie diese gleichfalls bestäuben: kurz, sie wird bei fortge-
setztem Besuche der Schlüsselblume den Staub von der langgriffeligen Form
zur kurzgriffeligen und umgekehrt tragen und damit eine Fremd- (Wechsel-)
Bestäubung beider Formen herbeiführen (in der Abb. 4. und 5. durch punk-
tierte Linien angedeutet).
Welche Bedeutung hat nun diese seltsame Einrichtung'? Naturforscher
haben durch sorgfältige Versuche die Antwort auf diese Frage gefunden: brachten
sie Blütenstaub auf die Narbe derselben Blütenform (führe dies näher aus!), so
entwickelten sich nur wenige Samen, aus denen (ausgesät) schwächliche Pflanzen
hervorgingen; ahmten sie aber die Tätigkeit der Insekten nach, d. h. brachten
sie Staub der langgriffeligen Form auf die Narbe der kurzgriffeligen und umge-
kehrt, so bildeten sich zahlreiche Samen, aus denen sich kräftige Pflanzen ent-
wickelten. Die Verschiedengrifflichkeit ist also eines jener mannig-
faltigen Mittel (gib andere an!), deren sich die Natur bedient, die
für die Samenbildung günstige Fremd- (Wechsel-) Bestäubung her-
beizuführen. (Warum ist bei den Blüten der Schlüsselblume Selbstbestäubung
nicht völlig ausgeschlossen? Wann kann sie leicht bei der langgriffeligen
Form, wann bei der kurzgriffeligen eintreten?)
Daß Fremd- (Wechsel-) Bestäubung der von der Natur „gewollte" Vor-
gang ist, geht auch noch aus einer anderen interessanten Tatsache hervor:
Wie das Mikroskop zeigt, ist der Blütenstaub der langgriffeligen Form kleiner
als der der kurzgriffeligen; umgekehrt aber hat die Narbe der ersteren Form
größere Rauhigkeiten (Narbenhaare) als die der letzteren. Wenn man einer-
seits bedenkt, daß die kleinen Staubkörner nur einen verhältnismäßig kurzen,
die großen dagegen einen langen Keimschlauch bis zu den Samenanlagen im
Fruchtknoten zu treiben haben (s. den letzten Absch. des Buches), so wird
Duftende and hohe Schlüsselblume. Chinesische Primel. Wasserfeder.
123
man es wohl verstehen, daß ihnen die Natur auch
eine verschiedene Menge von Baustoff' für diese
Schläuche gegeben hat. Und wenn man anderer-
seits erwägt, daß die Narbenrauhigkeiten der
langgriffeligen Form große Staubkörner, die der
kurzgriffeligen dagegen kleine Körner festzuhalten
haben, so wird man auch die Bedeutung dieser
Verschiedenheit leicht einsehen.
C. Von der Frucht. 1. Die Frucht (Frucht-
knoten) ist eine Kapsel (8.), deren Wand aus
5 Fruchtblättern gebildet ist. Durchschneidet man
sie senkrecht (5.), so sieht man, daß der ver-
längerte Fruchtstiel in den Hohlraum ragt, da-
selbst kugelig angeschwollen ist und zahlreiche
Samen trägt.
2. Im Schutze des Kelches, der hart und derb
wird, reift die Frucht heran. Schließlich öffnet
sie sich an der Spitze mit 10 Zähnen und über-
läßt es dem Winde, die Samen auszustreuen (9.).
Damit letzteres mit Erfolg geschehen kann,
haben sich die Blüten- (Frucht-) Stiele bereits nach dem Verblühen senkrecht
emporgerichtet (was würde geschehen, wenn sie ihre ursprüngliche Stellung bei-
behielten?), und sie sowohl, als auch der Schaft sind zu festen, elastischen Ge-
bilden herangereift: der Fruchtstand ist also eine Schleuder einfachster Alt
geworden (vgl. mit Klatschmohn). Die nach oben geöffneten Fruchtkapseln
schließen sich bei Eintritt feuchter Witterung, indem sich die Zähne einwärts
krümmen (vgl. mit Stein -Nelke). Die kleinen Samen haben gleich denen des
Klatschmohns (s. das.) eine rauhe Oberfläche.
Narben und Blütenstaub der
Schlüsselblume: kg. F. von der
kurzgriffeligen, lg. F. von der
langgriffeligen Form. (Narben
etwa 20 mal, Blütenstaub
300 mal vergr.)
Andere Schlüsselbluinen-<j!ewächse.
Mit der duftenden Schlüsselblume stimmt die hohe Seh. (P. elätior) in allen
Stücken überein. Sie wächst jedoch auf feuchterem Grunde, ist etwas größer als jene
und besitzt geruchlose, schwefelgelbe Blüten, deren Blumenkronen im vorderen Abschnitte
nach ausgebreitet sind. Von ihr stammt die buntblütige Garten -Primel ab. —
Die dickblättrige G a r t e n - A u r i k e 1 , die in einer noch viel größeren Anzahl von
Farbenspielarten gezogen wird, ist der Abkömmling eines Bastards (s. S. 97), der durch
Kreuzung zweier Alpen-Primeln entstanden ist. — Eine allgemein bekannte Topfpflanze
ist die chinesische Primel (P. sinensis). — Über den Spiegel stehender Gewässer hebt
die Wasserfeder (Hottönia palustris) ihre weißen, oft rosenrot angehauchten Blüten
empor, die zn weithin sichtbaren Trauben gehäuft und wie die erwähnten Schlüssel-
blumen-Arten „verschieden-grifflig" sind. Da die prächtige Pflanze unter denselben Be-
dingungen wie der Wasser-Hahnenfuß (s. S. 5) wächst, so finden wir bei ihr auch einen
schwachen Stengel mit großen Lufträumen und tiefzerteilte Blätter (Name!). Sobald
die kalte Jahreszeit eintritt, sinkt das zarte Gewächs in die frostfreie Tiefe; versiegt
124 34. Farn. Grasnelken. 35. u. 36. Fam. Ölbaum- und Enziangewächse,
das Wohngewässer, so bildet es eine Landform mit kurzen Stengelgliedern und steiferen
Blättern. — Unter der Saat und auf Brachäckern wächst, der Vogelmiere sehr ähnlich
( r i-ote Miere"), der Ackergauchheil (Anagällis arvensis). Seine kleinen, meist ziegel-
roten Blüten schließen sich nachts und werden zugleich nickend (Bedeutung V). Die
Pracht ist eine zierliche, kugelförmige Kapsel, deren obere Hälfte sich bei der Reife
wie ein Deckel ablöst. — Auf feuchten Wiesen, in Straßengräben und an ähnlichen
Orten entfaltet das Pfennigkraut (Lysimachia nummuläria) seine großen, gelben Blüten.
Die Blätter stehen sich zu je 2 gegenüber, und je 2 aufeinander folgende Paare bilden
ein Kreuz. Da nun der schwache Stengel dem Boden (zumeist) dicht aufliegt, so müßte
stets eines von je 4 Blättern abwärts gerichtet sein. Das ist jedoch nicht der Fall.
Das betreffende Stengelglied macht nämlich eine halbe Drehung um seine Längsachse,
so daß auch dieses Blatt emporgehoben wird. Übrigens stellen sich auch alle Blatt-
stiele senkrecht zum liegenden Stengel, und die rundlichen Blattrlächen (Name!) sind
wagerecht gelagert : alles Einrichtungen, die eine möglichst vollkommene Ausnützung
des belebenden Sonnenlichts ermöglichen. — Der nächste Verwandte des Pflänzchens ist der
oft mehr als meterhohe Gilbweiderich (L. vulgaris), der an Flußufern, in Weidenbe-
ständen (Name!) und an anderen nassen Stellen gedeiht. — Einen prächtigen Schmuck
feuchter Wälder und schattiger Matten der Voralpen bildet das Alpenveilchen (Cyclämen
europ&um), das mit anderen Arten seines Geschlechts eine unserer beliebtesten Topf-
pflanzen geworden ist. Aus dem scheibenförmigen Knollenstamme („Erdscheibe") er-
heben sich schöngeformte, weißgefleckte und unterseits rote Blätter (vgl. mit Wiesenklee
und Seerose), sowie zahlreiche nickende, rote Blüten von zierlichem Bau und lieb-
lichem Duft.
Ein Glied der nahe verwandten
34. Familie der Grasnelken (Plumbaginaceae)
ist die gemeine Grasnelke (Armeria vulgaris), eine allbekannte Pflanze trockener Gras-
plätze und anderer derartiger Orte. Daher finden wir bei ihr wie bei der überaus äbnlichen
Steinnelke (Name!) eine sehr tiefgehende Wurzel (beobachte daraufhin besonders Pflanzen,
die in trockenstem Sande wachsen !) und schmale, grasartige Blätter. Die kleinen, rosa-
farbenen Blüten (beschreibe sie!) sind zu ansehnlichen Köpfen gehäuft, die von je einem
hohen Blütenschafte über die Umgebung emporgehoben werden (Bedeutung?). Unterhalb
des Köpfchens stehen einige Hüllblättchen, deren obere Abschnitte die Blüten vor dem
Entfalten wie ein Kelch schützend umgeben und deren untere Abschnitte zu einer
häutigen Scheide verwachsen sind. Untersucht man einen jungen Blütenschaft, so findet
man, daß er allein unter der Scheide noch weich und zart ist, hier also fortgesetzt
wachsen, und somit den Blütenkopf emporheben kann: die Scheide giebt sich demnach
als ein Schutzgebilde ohne weiteres zu erkennen. Der trichterförmige Kelch bleibt an
der Frucht sitzen und bildet einen kleinen Fallschirm, der die Verbreitung der Pflanze
durch den Wind (hoher, elastischer Schaft !) befördert.
35. und 36. Familie. Ölbaum- und Enziang-ewächse. (Oleaceae
und Gentianäceae.)
1. Ölbaumge wachse. Der Flieder (Syringa vulgaris), hier und da
fälschlich auch Holunder genannt (s. das.), hat sich als überall beliebter
Schmuckbaum vom südöstlichen Europa aus über alle wärmereu und
Andere Schlüsselblumen-Gewächse. Grasnelke. Flieder. Liguster. Esche. Ölbaum. 125
gemäßigten Länder unseres Erdteils verbreitet. Irn warmen Süden stellen die
Saugwurzeln mit Beginn der kälteren Jahreszeit ihre Tätigkeit nicht ein, so
daß der Baum dort das ganze Jahr hindurch seine großen, herzförmigen
Blätter behält (vgl. S. 91). Die lilafarbenen, rötlichen oder weißen Blüten
(beschreibe sie!) sind an sich zwar klein; da sie aber zu großen Sträußen ge-
häuft sind, einen angenehmen Duft aushauchen und im unteren Teile der engen
Bliitenröhre oft mehrere Millimeter hoch mit Honig aD gefüllt sind, werden sie
fleißig von Insekten besucht. An dem durch das Saugen klebrig werdenden
Kassel tragen die Besucher den Blütenstaub von Blüte zu Blüte (Staubbeutel
und Narbe stehen im Zugange zum Honig). Bleibt Insektenbesuch aus, dann
fällt der Staub auf die unter den Beuteln stehende Narbe, so daß Selbst-
bestäubung eintrit. Die Frucht ist eine Kapsel. Sie öffnet sich bei der Reife
mit 2 Klappen, so daß der Wind die Samen ausstreuen und verwehen kann.
Letzteres geschieht umso eher, als die Samen sehr leichte, flachgedrückte Gebilde
darstellen, die zudem noch von einem Flügelrande umgeben sind (vgl. mit
Spitzahorn). Häufiger jedoch als durch Samen pflanzt sich der Baum durch
Schößlinge fort, die sich meist in großer Zahl aus dem Wurzelstocke erheben
und ein dichtes Gebüsch bilden.
Noch stärker tritt diese Art der Vermehrung beim Liguster oder der Kaimveide
(Ligiistrum vulgare) in die Erscheinung, so daß sich die Pflanze vortrefflich zur Anlage
^lebender Hecken" eignet. Die weidenartigen Blätter (Name!) sind etwas lederartig.
Infolgedessen überdauert an jedem Strauche stets eine Anzahl von ihnen selbst den
kältesten Winter (vgl. mit Efeu). Aus den weißen Blüten, die nach Bau und Häutung
denen des Flieders gleichen, entwickeln sich schwarze Beeren, die für zahlreiche Vögel
in der kalten Jahreszeit eine willkommene Speise bilden (vgl. mit Weinheere).
Die Esche (Fräxinus excelsior) findet sich in Wäldern und Anlagen oft als ein
mehr denn 30 m hoher Baum mit mächtiger Krone. Sie besitzt unpaarig gefiederte
Blätter, deren Hauptstiel auf der Oberseite eine deutliche Rinne bildet. Nur da, wo die
Fiederblätter ontspringen, ist die Rinne geöffnet. Hier tritt das von den Fiederblättern
aufgefangene Regenwasser in die Rinne, woselbst es von haar- und schildförmigen Zell-
gruppen aufgesogen wird. Die Bestäubung der Pflanze wird wie bei den meisten Wald-
bäumen durch den AVind vermittelt (s. Haselnuß). Daher blüht die Esche auch vor der
Entfaltung des Laubes und besitzt sehr einfach gebaute Blüten (beschreibe sie!), die
entweder nur einen Stempel oder 2 Staubblätter oder beide Blütenteile zugleich ent-
halten. Der Wind besorgt auch die Verbreitung der flachen, geflügelten Früchte. Eine
Spielart der Esche ist die bekannte Traueresche, die wir als ein Sinnbild der Trauer
(hängende Zweige!) gern auf die Ruhestätten der Toten pflanzen.
Eines der wichtigsten Gewächse der Mittelmeerländer ist der Öl- oder Oliven-
batUD (Olea europiea), der besonders in den Küstengegenden oft weite Strecken bedeckt,
Er erreicht ein außergewöhnlich hohes Alter und ähnelt mit seinem oft hohlen Stamme,
den sparrigen Asten und schmalen Blättern einem Weidenbaume im hohen Grade. Da
er aber alljährlich eine lange Sommerdürre zu überstehen hat, ist sein immergrünes
Laub lederartig (s. Orange) und — ein zweites wichtiges Schutzmittel gegen zu starke
Wasserdampfabgabe — besonders unterseits dicht mit schuppent'örinigen Haaren bedeckt.
Gleich der Ölweide (Eheägnus), die bei uns vielfach als Ziergehölz angepflanzt wird.
126 35. u. 36. Pam, Ölbaum- u. Enzian-Gewäcl
37. Farn. Windengewächse.
erscheint der Ölbaum daher grau belaubt, so daß den Olivenhainen das belebende Grün
unserer Wälder fehlt. Die Blüten gleichen nach Färbung, Bau und Häufung ganz denen
des Ligusters. Die pflau-
menähnlichen Steinfrüch-
te sind in allen Teilen
außerordentlich ölreich.
Sie liefern das wertvolle
Oliven- oder Baumöl. Die
besseren Ölsorten, unter
denen wieder das Pro-
venceröl hervorragt (so
genannt, weil besonders
in der Provence gewon-
nen), erhält man durch
gelindes Pressen der ent-
steinten Früchte. Sie
dienen besonders als
Speiseöle. Die geringe-
ren Sorten, die man
durch Auspressen der
ganzen Früchte gewinnt,
werden zur Herstellung
von Seifen oder als Brenn-
und Schmieröle verwen-
det. Auch das feste,
schön geäderte und poli-
turfähige Olivenholz wird
hoch geschätzt (Spazier-
stöcke und andere
Drechslerarbeiten). Es
ist daher nicht zu ver-
wundern , daß ein so
wichtiger Baum in den
Mittelmeerländern be-
reits seit dem grauen
Altertume (Juden, Grie-
chen) in hohem Ansehen
steht. Ein aus seinen
Zweigen geflochtener
Kranz war der Lohn
des Siegers in den Olym-
Sinnbild des Friedens
Blühender Zweig vom Ölbaume. Daneben eine geöffnete
Frucht (nat. Gr.)
;ilt der Ölzweig als ein
pischen Spielen , und noch heute
(Taube Noahs).
2. Enziangewächse. Die zahlreichen Enzianarten (Gentiäna), die zumeist
prächtig blaue Röhrenblüten besitzen, sind vorwiegend Gebirgspflanzen. Besonders für
die Alpenmatten bilden sie eine herrliche Zier. Die Wurzeln der Arten, die einen
wirksamen Bitterstoff enthalten, werden in der Heilkunde und zur Bereitung des Enzian-
Enzian. Tausendgüldenkraut. Immergrün. Oleander. Brcchnnßhanm. Ackerwinde. 127
Branntweins verwendet. — Auf sonnigen, sandigen Triften und an ähnlichen Orten ent-
faltet das Tausendgüldenkraut (Krythrsea centaurium) seine zierlichen, rosafarbenen
Blüten, die sich abends zum „Schlafe" schließen (Bedeutung?). Da alle Teile der Pflanze
stark bitter schmecken (Schutzmittel gegen Weidetiere), finden sie eine ahnliche Ver-
wendung wie die Enzianwurzeln.
3. Glieder nahe verwandter Familien. Am Boden lichter Wälder
kriecht das Immergrün (Vinca minor) dahin. Das blaublühende Pflänzchen, das auch
häufig an schattigen Stellen der Gärten angepflanzt wird, hat wie der Efeu (s. das.)
immergrünes (Name !), lederartiges Laub. — Gleiche Blätter (s. Orange) hat auch der
Oleander (Neriuni Oleander). Dieser aus Südeuropa stammende, rotblühende Zierstrauch
enthält in allen Teilen ein scharfes Gift. — Weit stärker allerdings ist das Gift, das
aus den Samen des ostindischen Brechnnjbaums (Strychnos nux vömiea) gewonnen
wird. In größeren Gaben dient das „Strychnin" zur Vertilgung von Raubtieren,
Mäusen und anderen Schädlingen, in kleinen Gaben dagegen ist es ein wichtiges Heilmittel.
37. Familie. Windengewächse (Convolvuläceae).
1. Die Ackerwinde (Convülvulus arvensis).
1. Ein windendes Unkraut, a) Die Ackerwinde findet sich als lästiges
Unkraut überall auf Äckern (Name!) und in Gärten, wächst ebenso gern aber
auch an Wegen, auf Schutthalden und an ähnlichen Stellen.
b) Dir dünner, weitverzweigter unterirdischer Stamm (Wurzelstock)
durchzieht den Boden sehr tief und sendet in noch tiefere Erdschichten lange
Wurzeln hinab. Infolgedessen vermag die zarte Pflanze selbst auf dürrem
Grunde zu leben und ist außerordentlich schwer auszurotten.
c) Aus dem Wurzelstocke erheben sich zahlreiche Stengel. Da sie sehr
lang und schwach sind, vermögen sie weder die eigene Last, geschweige denn
die der Blätter, Blüten und Früchte zu tragen. So lange die Winde von
Nachbargewächsen nicht beschattet wird (an Wegen und ähnlichen Orten), bleibt
der Stengel daher ohne Nachteil für die Pflanze am Boden liegen. Sobald dies
aber geschieht, sucht sie genau wie die Bohne (s. S. 101) durch Umwinden (Name!)
fremder Gegenstände zum Lichte emporzudringen. Dann entfaltet sie auf an-
gebautem Boden ihre ganze Schädlichkeit: sie umstrickt die Nutzpflanzen, zieht
das Getreide zum Boden herab und verhindert die Halme, die sich infolge eines
heftigen Regengusses „gelagert" haben, sich wieder aufzurichten. (Diwiefern
bedingt dies eine Schädigung der angebauten Pflanzen?)
d) Bei gleichmäßiger Belichtung sind die pfeilförmigen Blätter auch
gleichmäßig um den windenden Stengel geordnet; bei ungleichmäßiger dagegen
ist die Blattstellung mannigfach gestört. Dasselbe gilt auch für die Blätter
an solchen Stengeln, die wagerecht am Boden liegen. Da sie nur von oben
belichtet werden, haben sich die langen Blattstiele alle senkrecht gestellt, so daß die
Blattflächen in einer Ebene liegen (vgl. S. 44, c). (Bringe den Stengel aus der ein-
genommenen Lage und beobachte, wie auch die Blätter ihre Stellung ändern!)
2. Von der Blüte und der Frucht, a) Die langen Blütenstiele, die aus
12*
Taf.
37. Familie. Windengewächse.
den Blattwinkeln entspringen, machen oft merkwürdige Krümmungen, um die
Blüten aus dem Blattgewirr herauszuheben (Bedeutung?). Sie tragen deren 1—3
und ebensoviele Paare winziger Nebenblättchen, die weit unter dem kurzen,
fünfzipfeligen Kelche stehen (vgl.
dag. Zaunwinde). Die große, trichter-
förmige Blumenkrone, die im
Knospenzustande in Falten gelegt und
zusammengedreht ist,lockt durch bunte
Färbung (gib sie näher an !) und
zarten Duft zahlreiche Insekten her-
bei. Den Besuchern ist jedoch der
Honig, der von einem orangefarbenen
Polster unter dein Fruchtknoten
abgeschieden wird, nicht ohne weiteres
zugängig. Die Fäden der 5 Staub-
blätter sind nämlich am unteren
Teile, da wo sie mit der Blumenkrone
verwachsen sind, so stark verbreitert
und legen sich weiter oben so dicht
an den Griffel, daß nur 5 enge
Zugänge zum Honig vorhanden sind.
An den zusammenstoßenden Seiten-
wäuden sind sie aber mit kleinen Stacheln besetzt, vor denen die Insekten ihren
empfindlichen Rüssel wohl in acht nehmen. Wollen die Tiere Honig saugen, so
müssen sie mithin den Rüssel durch eine jener Öifnungen stecken. Dabei muß
sich aber wenigstens jedes größere Insekt mit Blütenstaub beladen; denn die
violetten Staubbeutel öffnen sich nach außen. Streift das Tier den anhaftenden
Staub beim Verlassen der Blüte an einem der beiden großen und weit ge-
spreizten Narbenäste ab, so muß Selbstbestäubung erfolgen. Geschieht dies
erst beim Besuch einer zweiten Blüte, so tritt Fremdbestäubung ein.
b) Gegen Abend (bestimme die Zeit für deinen Wohnort näher!) begibt
Blüte der Ackerwinde (2
1 vergr.)
wieder die Knospenlage einnimmt, und, da sie jetzt keinen Besuch mehr „wünscht'',
hört sie auch auf zu duften. Bei Regenwetter öffnet sich die Blüte gar nicht
(Bedeutung?).
c) Die Frucht ist eine Kapsel, die sich bei der Reife mit 2 Klappen
öffnet. Der Wind schüttelt die Samen aus.
Verw a nute. Die Zaunwinde (C. sepinni) umspinnt besonders an feuchten
Orten Büsche und Zäune in dichtem Gewirr. Sie ähnelt der Ackerwinde in allen
Stücken, ist von ihr u. a. aber leicht durch die großen Nebenblätter zu unterscheiden,
die unmittelbar unter dem Kelche stehen. Ihr Hauptbestäuber ist der schmucke Winden-
schwärmer. Daher ist wie bei allen Falterblumen (s. Steinnelke) auch bei ihr der Honig
in einer tiefen Blütenröhre geborgen, die Blüte also weit größer als bei jener Art.
Schmal, Lehrbuch der Botanik.
Tafel 17.
Hopfenseide (Cuscuta europaea).
Acker-, Zaun- und Purpurwindo. Batate. Hopfenseide. 121*
Da der Windenschwärmer erst mit Eintritt der Dämmerung zu fliegen beginnt, besitzt
die Blüte wie alle Nachtfalterblumen (vgl. mit Leimkraut) eine Färbung (schneeweiß),
die selbst im Dunkeln auffällig ist, und sie schließt sich auch — von ganz finsteren
Nächten abgesehen — im Gegensatz zu der der Ackerwinde nicht. — Die Winde, die wir
gern zur Bekleidung von Lauben u. dgl. verwenden, und die uns durch prächtige,
wechselvolle Blütenfarbe erfreut, ist die Purpurwinde (C. oder Ipomüsa purp Urea). Sie
stammt aus Nordamerika. — Ein Windengewächs ist auch die Batate oder süße Kar-
toffel (Ipomüea batätas), deren stärkemehlhaltige Wurzelknollen in allen Tropenländern
ein wichtiges Nahrungsmittel bilden.
2. Die Hopfenseide (Cüscuta europäVa). Tafel 17.
Das Dickicht, das vom Hopfen, von Weiden und Brennesseln (1.) gebildet
wird, findet man nicht selten wie mit zahlreichen, unentwirrbaren, blaßroten
Fäden (,,Seide") umsponnen. Bei näherem Zusehen erkennt man, daß diese Fäden
Pflanzenstengel sind, die zahlreiche Knäuel kleiner Blüten (2.) tragen (vgl.
die Blüten mit denen der Winde!), aber der Blätter und selbst des Blatt-
grüns (bis auf geringe Spuren) entbehren. Das ist die seltsame Hopfenseide,
die im Volksmunde treffend auch „Teufelszwirn" genannt wird. Nun ist aber
das Blattgrün derjenige Körper (s. den letzten Absch. des Buches), in dem unter
Einwirkung des Sonnenlichts aus Wasser, den aus dem Boden entnommenen
Salzen und der Kohlensäure der Luft alle die Stoffe (Stärke, Zucker, Zellstoff
u. s. w.) bereitet werden, aus denen sich die Pflanze aufbaut. Da die Hopfen-
seide — wie erwähnt — des Blattgrüns entbehrt, so ist sie auch nicht imstande,
die zum Aufbau und Leben nötigen Stoffe selbst herzustellen. Sie ist daher
genötigt, sie anderswo herzunehmen. Zu dem Zwecke bilden sich an dem
fadenförmigen Stengel zahlreiche kleine Anschwellungen, die sich dem Stengel
der Wirtspflanze eng anschmiegen. (In Fig. 3 einem Brennessel-, in 4 einem
Hopfenstengel; 4 etwa 10 mal vergr.) Aus der Mitte dieser Gebilde erhebt
sich je ein kleiner Zapfen, der die Rinde der Wirtspflanze durchbricht und bis
zum Holzkörper derselben vordringt. Mit Hilfe dieser „Saugwärzchen" entzieht
die Hopfenseide wie mit ebensovielen Schröpfköpfchen den befallenen Pflanzen
alle zum Leben und Wachstum nötigen Stoffe: sie nährt sich also auf Kosten
anderer Wesen; sie ist ein Schmarotzer (Parasit). Dieser Lebensweise ent-
sprechend entbehrt sie auch der Wurzeln, wie sie andere Pflanzen besitzen,
und fügt den befallenen Gewächsen großen Schaden zu. Ja, es ist nichts
Seltenes, daß sie die Ernte von Hopfen- und Hanffeldern ganz oder teilweise
vernichtet. Hat der Schmarotzer bis zum Herbst auf Kosten seines Wirtes ge-
lebt, dann stirbt er ab.
Wie aber kommt er im nächsten Jahre wieder auf andere Pflanzen? Die
Antwort auf diese Frage erhalten wir leicht, wenn wir im Frühjahre einige im
Herbst gesammelte Samen auf feuchtgehaltener Erde aussäen. Schon nach einigen
Tagen sehen wir, wie aus der zersprengten, braunen Samenhülle der faden-
förmige Keimling hervortritt und ein kleines Stück in den Boden wächst
(5 a.). (Der Hopfenseide fehlen also die bei allen Pflanzen der Klasse vorhandenen
Schmeil, Lehrbuch der Botanik. o
130 Taf. IS. 38. Familie. Rauhblättrige Gewächse,
beiden Keimblätter. Dasselbe gilt auch für die anderen Arten der Gattung.)
Nach wieder ein paar Tagen (b. und c.) hat der Keimling bereits die Samenhülle
abgeworfen und sich zu einem fadenförmigen Körper entwickelt, dessen oberes
Ende sich wie die Ranke des Weinstocks (s. das.) langsam im Kreise bewegt:
der Keimling „sucht" eine Wirtspflanze. Hat er sie gefunden (d.), so ist sie
auch alsbald umschlungen. Indem sein unterer Teil nunmehr abstirbt, entwickelt
sich der obere zum Schmarotzer, wie wir ihn kennen gelernt haben. Gelingt
es dem Keimling nicht, eine Wirtspflanze zu ergreifen, dann geht er — da er
nicht selbst Blätter treibt und Baustoffe bereitet — nach einiger Zeit zu Grunde.
Da dieser Fall sicher nun sehr oft eintritt, so wird uns auch die außerordentlich
große Anzahl der Blüten und die noch weit größere Menge der Samen ver-
ständlich, welche die Hopfenseide hervorbringt; denn je größer die Anzahl der
Samen ist, desto größer ist für die Pflanze auch die Möglichkeit, ihre Art zu
erhalten (vgl. mit tierischen Schmarotzern, z. B. dem Bandwurm!).
Die nächsten Verwandten der Hopfenseide sind ihr überaus ähnliche
Schmarotzer. In Klee- und Luzernefeldern richtet die Kleeseide (C. epithymum) oft
großen Schaden an, und Flachsfelder werden von der Flachsseide (C. epilinum) nicht
selten gänzlich verwüstet, Durch Abbrennen oder Abmähen der befallenen Pflanzen,
bevor der Schmarotzer noch Samen angesetzt hat, läßt sich dem Übel
allein Einhalt tun.
38. Familie. Rauhblättrig-e Gewächse (Asperifoliäceae).
Meist rauhhaarige Pflanzen. Kelch, Blumenkrone und Staubblätter 5 -zählig. Frucht eine
in 4 Teilfrüchtchen zerfallende Spaltfrucht.
Die Schwarzwurz (Symphytum ofücinäle). Tafel 18.
A. Standort und Wurzel. Die Schwarzwurz ist auf nassen Wiesen,
sowie an den Ufern der Gräben und Bäche überall häufig anzutreffen.
Da die Pflanze also auf lockerem Boden wächst und zudem nicht selten die
Höhe von 1 m erreicht, so muß sie im Untergrunde sicher „verankert" sein.
Darum setzt sich auch der kurze, unterirdische Stamm oder Wurzelstock
(d. i. der mit Blättern und Blattresten besetzte obere Teil des im gewöhnlichen
Leben ungenau als „Wurzel" bezeichneten Gebildes) in eine tiefgehende, spindel-
förmige Wurzel fort. Bei älteren, großen Pflanzen strahlen an der Stelle, an
der der Stamm in die Wurzel übergeht, meist noch starke Seitenwurzeln aus,
die gleichfalls ziemlich senkrecht in den Boden hinabsteigen (vgl. mit einem
Fahnenmaste, der im Boden steckt und noch durch Taue gehalten wird!). Die
unterirdischen Teile sind außen schwarz gefärbt (Schwarzwurz!) und wurden
früher für ein Heilmittel bei Knochenbrüchen gehalten. Dieser Verwendung
verdankt die Pflanze auch den Namen „Beinwurz".
B. Stengel und Blätter. Aus dem unterirdischen Stamme erheben sich
ein Büschel (grundständiger) Blätter und ein oder mehrere verzweigte Stengel,
die gleichfalls Blätter tragen (1.).
Schmeil, Lehrbuch der Botanik.
Tafel 18.
n
Schwarzwurz (Symphytum officinale).
Klee- um] Flachsseide. Schwarzwurz. 131
I. Belichtung. Obgleich die Stengelglieder nach oben bin immer kürzer
werden, die Blätter also Daher beieinander stehen als am unteren Stengelabschnitte,
werden doch sämtliche Blätter des zum Leben notwendigen Sonnenlichts teil-
haftig; denn
a) sie nehmen von unten nach oben an Größe (Länge, Breite! gib die
Blattform näher an!) allmählich ab.
li) Die grundständigen- und unteren Stengelblätter sind gestielt. Die
oberen Stengelblätter dagegen entbehren der Stiele: sie sind „sitzend'-.
c) Bindet man um den Stiel eines der unteren Stengelblätter einen Faden,
den man zum zweiten, dritten Blatt u. s. w. führt, BO sieht man, dal) die Blätter
in einer Schraubenlinie am Stengel stehen.
•2. Wasser abl ei tnng. Träufelt man auf die Blätter eines abgeschnit-
tenen Stengels Wasser, so fließt es — von wenigen Tropfen abgesehen am
unteren Stengelende in einem starken Strome ab. Die Wasserableitung ist also
wie beim Raps eine nach innen gerichtete, eine „centripetale", und entspricht
der Richtung der mit Saugwurzeln besetzten Wurzel (s. S. 88, c). Bedingt wird
diese Art des Wasserabflusses durch folgende Einrichtungen:
a) Die Blätter stehen am Stengel schräg aufwärts.
b) Sie besitzen gleich den Blattstielen (soweit solche vorhanden sind) die
Form von Rinnen. — Bei den grundständigen und unteren Stengelblättern
ist die äußere Hälfte der Blattfläche meist abwärts gebogen. Die auf diesen
Abschnitt der Blätter fallenden Regentropfen werden daher nicht der Wurzel
zugeführt.
c) Die Blattflächen setzen sich in die Blattstiele fort und laufen wie bei
den sitzenden Blättern in Form zweier Säume an dem Stengel herab, so daß
dieser „geflügelt" erscheint. Die Säume verhindern ein Abspringen der
Wassertropfen und leiten sie am Stengel herab.
3. Behaarung. Alle grünen Teile sind dicht mit stacheligen Borsten-
haaren bedeckt, so daß sich die Pflanze sehr rauh anfühlt („Rauhblättrige Ge-
wächse-'). Wie sich leicht feststellen läßt, sind die Borsten mehr oder weniger
rückwärts dem Boden zu) gerichtet und — wie schwache mikroskopische Ver-
größerung zeigt — von doppelter Form: neben sehr großen, mehr geraden
finden sich kleinere von der Gestalt eines Gemskorns (Fig. 2: Stück aus der
Oberhaut des Stengels bei etwa 70facher Vergr.). Da die Wände aller Borsten
reichlich Kieselerde enthalten, sind sie sehr hart und ihre Spitzen scharf und
stechend.
Hieraus läßt sich schon erkennen, welche Bedeutung die Borsten für die
Pflanze haben: wenn die größeren von ihnen selbst in die Haut unserer Hände
einzudringen vermögen, wie viel mehr müssen sie die zarte und empfindliche Mund-
schleimhaut der Tiere verletzen, die das rauhe Gewächs verzehren wollen!
Unsere größten Pflanzenfresser, Rind und Pferd, lassen sich durch den Borsten-
besatz freilich nicht zurückschrecken ; anders jedoch die gefräßigen Schnecken.
Setzt man eine Garten- oder Weinbergschnecke auf den Stengel der Pflanze, so
132 38. Familie. Raubblättrige Gewäcbse.
dringen die langen, scharfen Borsten, die infolge ihrer Sichtung dem Tiere wie
Lanzenspitzen entgegenstanden, in die weiche „Kriechsohle", und die gemshorn-
artigen mögen nicht unempfindliche Wunden reißen! Das Tier bewegt sich daher
sehr unbeholfen fort, zieht bei jeder Berührung mit einer Borste die Fühler ein
und verläßt den gefahrvollen Boden, sobald sich ihm die Möglichkeit dazu bietet.
Ganz ähnlich verhalten sich die Schnecken, wenn man ihnen die Pflanze als
Futter vorsetzt: sie vermögen dem stacheligen Gewächs nicht recht beizukommen.
Schneidet man aber von einem sonst unverletzten Blatte ein Stück ab, so wird
es sofort verzehrt, weil man den Tieren einen Angriffspunkt geschaffen hat.
Dasselbe ist an Blatt- oder Stengelteilen zu beobachten, die vorher in einem Mörser
zerrieben wurden : ein deutlicher Beweis, daß nur die Borstenhaare es sind,
welche die Schnecke abhalten, an der Pflanze emporzukriechen und sie zu ver-
zehren. In den Borstenhaaren haben wir also wichtige Sc hu tzw äffen der
Pflanze vor uns. (Stelle mit anderen rauhblättrigen Gewächsen dieselben Ver-
suche an!)
C. Blüte und Frucht. 1. Blütenstand (1.). Die zahlreichen kurzge-
stielten Blüten stehen in einer Traube, die anfänglich etwas spiralig eingerollt ist
(„Wickeltraube"). Daher müssen die Blüten auch alle nach einer Seite des
Hauptblütenstiels (nach welcher?) gerichtet sein. In dem Maße, in dem sich
die Blüten entfalten, rollt sich auch die Traube auf. Da immer nur einige
Blüten geöffnet sind, währt das Blühen eine lange Zeit. Infolgedessen werden
selbst bei ungünstigster Witterung sicher einige Blüten von Insekten besucht
und bestäubt, so daß die oberirdischen Teile der Pflanze im Herbste nicht ab-
sterben, ohne eine Anzahl von Samen (Nachkommen !) gebildet zu haben.
2. Einzelblüte (3.). a) Die geöffnete Blüte ist nach unten geneigt, so daß
der leicht verderbende Blütenstaub gegen Befeuchtung wohl geschützt ist. Ein
kurzer, fünfzipfeliger und rauhhaariger Kelch umschließt die glockenförmige
Blumenkrone, die sich im vorderen Abschnitte etwas erweitert, in 5 zurück-
gebogene, kleine Zipfel endigt und bald gelblich-weiß (4.), bald rosa bis fast violett
gefärbt ist. Und zwar findet sich die purpurne Färbung nur an der sichtbaren
Außenseite, soweit sie nicht vom Kelche verdeckt ist
(Bedeutung? vgl. mit Blüten, bei denen die Innenseite der
Blumenkrone sichtbar ist!).
b)Von der Unterlage des Fruchtknotens (s.Absch. 3)
wird der Honig abgeschieden. Da der Griffel sehr
lang ist, ragt die Narbe weit aus dem Eingange der
Blütenglocke hervor. Sie wird daher von einem anfliegen-
„.... -, . 1 den Insekt zuerst berührt (Fremdbestäubung). DieöStaub-
Blutengrundriß der , ' , „ .,_, _
Schwarzwurz. blattet sind mit der Blumenkrone verwachsen (s. S. 121, 2).
Ihre Beutel sind nach innen geneigt und bilden einen
Kegel, dessen Spitze von dem Griffel durchbrochen wird. Sie öffnen sich bereits
in der Knospe, und zwar nach innen, so daß ein Teil des Blütenstaubes in die
Spitze des Kegels fällt.
Schwarzwurz. Lungenkraut. 133
c) Würde ein Insekt den Rüssel zwischen den Staubfäden hindurch zum
Honig senken, so könnte es sich nicht mit Staub beladen ; der Honig würde also
nutzlos verloren gehen. Um dies zu verhindern, ist eine sehr interessante
Einrichtung getroffen : An der Stelle, an der sich die Blumenglocke erweitert,
springt ihre Wand in Form von 5 Hohlschuppen nach innen vor,
die sich wie eine Kuppel als ein zweiter Kegel über die Staubbeutel legen.
(Vgl. die Schuppen mit Handschuhfingern! Die Öffnungen der „Handschuhfinger"
sind außen an der Blütenröhre als Eindrücke sichtbar.) Da nun die Schuppen-
wilnde mit harten, stacheligen Spitzen besetzt sind (streiche an ihnen mit einer
Nadel entlang!), hüten sich die Insekten wohl, diese gefährlichen Gebilde zu
berühren, also zwischen den Staubfäden hindurch zum Honig vorzudringen. Sic
führen den Rüssel vielmehr an der Spitze der Kuppel ein. Dabei müssen sie
aber die Staubbeutel auseinanderdrängen, so daß ihnen etwas von dem Blüten-
stäube auf den Kopf fällt. (Ahme die Tätigkeit der Insekten mit Hilfe eines
spitzen Hölzchens nach!) Infolge der Anwesenheit der Schuppen wird also
nur langrüsseligen Insekten (gewissen Hummeln und Bienen), die den Pflanzen
einen Gegendienst (welchen?) leisten können, der Honig zugänglich. Mit der
Art der Bestäubung hängt es auch innig zusammen (Beweis!), daß die Pflanze
trockenen, mehlartigen Blütenstaub und hängende Blüten besitzt.
d) Sehr häufig findet man die Blumenkrone von der kurzrüsseligen Erd-
hummel angebissen, die- den süßen Saft auf „ungesetzlichem" Wege zu erreichen
sucht. Diese Löcher benutzt auch die Honigbiene, um zu saugen (4.).
3. Frucht, a) Nach einiger Zeit fällt die Blumenkrone ab. Da sich
nun — wie oben bemerkt — der Hauptblütenstiel weiter aufrollt, so wird der
übrig bleibende Kelch mit emporgehoben. Ist die Blüte aber vorher bestäubt
worden, so wird der Kelch durch Krümmung seines Stielchens wieder nickend.
Gleichzeitig wächst er kräftig weiter und seine Zipfel legen sich zusammen, so
daß er zu einem Schutzdache für die sich entwickelnde Frucht wird (5.). Ist
die Frucht gereift, so daß sie sich von der Mutterpflanze trennen muß, so
biegen sich auch die Kelchzipfel wieder auseinander (6. im Durchschnitt gez.).
b) Der Fruchtknoten ist bereits während des Blühens durch tiefe Spalten
in 4 Teile geschieden, aus deren Mitte sich der Griffel erhebt. Indem die Teilung
immer vollkommener wird, entwickelt sich die Frucht, die also eine Spaltfrucht
darstellt, zu 4 Teilfrüchtchen. Diese enthalten je einen Samen, sind also
Schließfrüchte oder Nüßchen (s. S. 10, 3). Die glänzend schwarzen Gebilde
sind am Grunde ausgehöhlt und besitzen daselbst einen weißen, fleischigen
Anhang (7.). Ob der Anhang wie der am Samen des Veilchens (s. das.) von
Ameisen verzehrt wird, also der Verbreitung der Pflanze dient, ist mit Sicher-
heit nicht erwiesen.
Andere rauhblättrige Gewächse.
Im schattigen Laubwalde erschließt das Lungenkraut (Pulmonäria officinälis)
als eine der ersten Frühlingspflanzen seine anfänglich roten, später blauen Blüten, die
gleich denen der Schlüsselblume (s. das.) verschieden lange Griffel besitzen. Wie zahl-
134 Taf. 19. 38. Fam. Rauhblättrige Gewächse. 39. Farn. Nachtschattengewächse.
reiche andere Waldpflanzen (s. S. 7, b. und c.) ist das Lungenkraut ein zartes Gewächs
mit großen Blättern und im Gegensatz zu den Trockenlandpflanzen der Familie (s. w. u.)
nur gering behaart. Die Blätter, die früher für ein Heilmittel gegen Lungenkrankheiten
galten (Name!), sind meist weißfleckig, eine Erscheinung, in der wir bereits beim
Wiesenklee (s. das.) ein Förderungsmittel der Verdunstung kennen gelernt haben. Deshalb
finden sich solche Blätter auch besonders an Pflanzen, die an sehr schattigen und daher
feuchten Orten wachsen. — Von ähnlicher Zartheit ist das Sumpf -Vergißmeinnicht
(Myosötis palustris), das Uferränder und andere nasse Stellen bewohnt. Durch die prächtig-
blauen, mit gelbem Stern geschmückten Blüten hat es sich schon von alters her die
Zuneigung der Menschen erworben, die in ihm ein Sinnbild der Treue und Liebe er-
blicken (Name!). Der „Stern", der die Auffälligkeit der „tellerförmigen" Blumenkrone erhöht
(Bedeutung?), wird durch Hohlschuppen gebildet. Da diese Gebilde den Eingang der
kurzen Blütenröhre stark verengen, so verwehren sie (Blüte nach oben geöffnet!) den
Regentropfen, zu Blütenstaub und Honig vorzudringen und diese wichtigen Stoffe zu
verderben. Zugleich nötigen sie auch die saugenden Insekten, Narbe und Staubbeutel
zu berühren. — Die zahlreichen Vergißmeinnicht -Arten, die an trockenen oder gar
sandigen Orten wachsen, haben weit kleinere Blätter (s. S. 22) und sind viel stärker
behaart, als die Schatten und Feuchtigkeit liebenden Formen, ein Zeichen, daß bei ihnen
die Behaarung nicht nur ein Schutzmittel gegen Tierfraß, sondern auch gegen zu starke
Wasserdampfabgabe ist (s. S. 43, C 1 a). — Dasselbe gilt auch von anderen Trockenland-
bewohnern der Familie. Von ihnen seien nur Ochsenzunge, Natterkopf und Hundszunge
genannt, die an Wegen und ähnlichen trockenen Orten häufig anzutreffen sind. Es sind
ausdauernde oder 2-jährige, hohe Pflanzen, die darum auch sehr tiefgehende Wurzeln be-
sitzen. Die Ochsenzunge (Anchüsa officinälis) weiß sich den Verhältnissen ihres
Standortes insofern innig anzuschmiegen, als sie auf trockenem Sandboden schmälere
und stärker behaarte Blätter treibt als z. B. im feuchten Thalgrunde. Die prächtig
blauen Blüten haben in der Mitte einen aus Hohlschuppen gebildeten, weißen Stern
(Bedeutung?). — Der allbekannte, stachelhaarige Natter-
kopf (Echium vulgäre) hat gleichfalls blaue Blüten. Sie
entbehren aber der Schuppen und haben mit dem Kopfe
einer Schlange entfernte Ähnlichkeit (Name!). Die weit
aus der Blütenröhre hervorragenden Staubgefäße dienen
gleich dem Griffel den saugenden Insekten als „Sitz-
stangen" (Bestäubung?). — Die braunroten Blüten der
Hundszunge (Cynoglössum officinäle) sind wieder mit
Hohlschuppen ausgerüstet. Im Gegensatz zu den honig-
duftenden Blüten riechen die grünen Teile ekelhaft nach
Mäusen (Schutzmittel gegen Tierfraß). Da die großen
Teilfrüchtchen, deren Oberseite mit ankerartigen Stacheln
dicht besetzt ist, vorbeistreifenden Tieren angeheftet werden,
drängt die wachsende Frucht den Kelch auseinander. In-
folgedessen stehen die Teilfrüchtchen schließlich voll-
Frucht der Hundszunge, kommen frei da (wie dag. bei den anderen erwähnten
in 4 Teilfrüchtchen zer- Arten der Familie?). Und wie fest die Früchtchen haften,
fallen (etwa 3 mal vergr.). kann man leicht an den eigenen Kleidern beobachten. ■—
Daneben 2 ankerartige Sta- Als bekannte Feldunkräuter sind noch zu erwähnen der
cheln (stärker vergr.). Ackersteinsaine (Lithosperruum arvense) mit kleinen,
Schineil, Lehrbuch der Botanik.
Tafel 19.
Kartoffel (Solanum tuberosum).
Amlcre rauhblättrige Gewächse. Kartoffel, 135
weißen Blüten und steinähnlichen Samen, sowie der Ackerkrummhala (Anchüsa
arvensis), dessen blaue Blüten wie die der Ochsenzange gebaut sind, aber eine ge-
bogene Blütenröhre besitzen (Namen!). — Der Boretsch (Borägo oflieinälis) wird
wegen der gurkenartig schmeckenden Blätter (Terwendung?) und der prächtigen blauen
Blütensterne vielfach in Gärten angebaut. Er stammt aus dem Mittelmeergebiete.
39. Familie. Nachtschattengewächse (Solanaci-nn.
Kelch 4- oder 5-spaltig. Blumenkrone rühren- oder trichterförmig, 4- oder 5-zipfelig
5 Staubblätter. Fruchtknoten aus 2 Fruchtblättern gebildet, mit dickem Samenträger
und zahlreichen Samenknospen. Frucht eine Beere oder Kapsel.
Die Kartoffel (Solanum tuberosum). Taf. t9.
A. Von eleu Knollen und der Bedeutung' der Kartoffel. Die Knollen
der Kartoffeln zählt man mit den Rüben, Möhren, Zwiebeln u. s. w. zu den
„Feldfrüchten" ; oft werden sie sogar als die „Früchte" der Kartoffel selbst
bezeichnet. Daß wir es hier aber nicht mit „Früchten" im botanischen Sinuc
zu tun haben, zeigt schon ihre Entstehung: sie gehen — im Gegensatz zu
wirklichen Früchten — nicht aus dem Fruchtknoten der Pflanze hervor. Fragen
wir uns daher:
1. Was ist die Knolle? Eine Antwort auf diese Frage erhalten wir.
wenn wir verfolgen, wie sich die Knollen bilden (1.).
a) Im Frühjahre fangen die Knollen, die wir im Keller aufbewahren, an
zu „keimen", d. h. aus den „Augen" gehen beblätterte Stengel hervor. (Warum
ist der Ausdruck „keimen" ungenau?). Die Stengel suchen das spärliche Licht
auf, das durch das Kellerfenster einfällt, und sind, weil im Dunkeln wachsend,
blasse und zarte Gebilde. Genau so gehen — wie wir uns leicht überzeugen
können — auch aus den „Augen" der Knollen, die wir (etwa einen Spatenstich
tief) in die Erde legen, Stengel hervor. Nehmen wir eine solche junge Pflanze,
nachdem sie einige Blätter entwickelt hat, aus dem Boden, so sehen wir, wie
an dem unterirdischen Stengelteile (Abb. S. 136, St) schuppenartige
Blättchen (B) sitzen, und wie aus deren Achseln fadenförmige Seitenzweige (A)
hervorgehen, die sich niemals über den Boden erheben. (Warum sind alle diese
unterirdischen Teile farblos?). Diese „Ausläufer" tragen hier und da gleich-
falls wieder schuppenförmige Blättchen und am Ende eine Knospe (E), ge-
nau wie die oberirdischen Stengel und Zweige solche Endknospen besitzen.
Beides sind Zeichen dafür, daß wir es hier wirklich mit Stengelteilen und
nicht mit Wurzeln zu tun haben; denn diese sind stets unbeblättert. In den
Achseln der schuppenförniigen Blätter finden sich ferner ebenso wie an ober-
irdischen Stengeln Seitenknospen, die zumeist wieder zu Zweigen auswachsen.
Und an der Stelle endlich, an der die Blätter dem Stengelteile ansitzen
(Stengelknoten), brechen Wurzeln hervor, wie dies gleichfalls vielfach an
oberirdischen Stengeln zu beobachten ist (besonders an solchen, die man eben-
falls als Ausläufer bezeichnet; Beispiele!). Die schuppenförniigen Blätter gehen,
weil für die Pflanze wertlos, nieist bald zu (irunde.
136
89. Familie. Nachtschattengewächse.
b) An den Ausläufern und ihren Seitenzweigen bemerkt man nun am
freien Ende je eine kleine Anschwellung (vor E). Nimmt man einige Zeit darauf
eine zweite „gleichalterige" Pflanze aus der Erde,
so sieht man, wie die Anschwellungen größer ge-
worden sind und sich zu je einer jungen Knolle (K)
ausgebildet haben. (Die Anschwellung kann sich
auch etwas entfernt vom Ende des Ausläufers
bilden. Ebenso kann der kurze
Bildung der
Kartoffel-
knollcn.
(Bezeichnungen
sind im Texte
erklärt.)
&
Stengelteil der Seitenknospen, ohne
zu einem Zweige auszu-
wachsen, sich zu einer
Knolle (SK.) verdicken.)
Die Kar-
toffelknol-
le ist also
ein ver-
kürzter
und stark
angeschwollener Stengelteil. („Stengel-
knolle" im Gegensatz zur „Wurzelknolle" ; s. Schar-
bockskraut.) Diese Erkenntnis zeigt uns auch, daß
der Landmann wohl tut, die jungen Kartoffelpflanzen zu „behäufeln", d. h.
Erde um die unteren Teile der oberirdischen Stengel anzuhäufen; denn die
Zweige, die sich in den mit Erde bedeckten Blattachseln bilden, entwickeln
sich gleichfalls zu (unterirdisch bleibenden) Ausläufern, so daß eine erhöhte
Knollenbildung eintreten muß. (Warum werden die Kartoffeln „gehackt", d. h.
warum wird der Boden mit Hilfe der Hacke gelockert und von Unkraut gereinigt?)
c) Die unterirdischen Stengel tragen, wie wir soeben gesehen haben,
Seitenknospen in den Achseln der schuppenförmigen Blätter. Da nun die Knollen
nichts anderes als Stengelteile sind, so müssen wir an ihnen diese Gebilde
wiederfinden : es sind die „Augen" der Knolle, die — wohlgeschützt gegen
Verletzung — in einer Vertiefung der Knolle liegen. Somit wird es uns voll-
kommen verständlich, wie aus einer Knolle und sogar aus einem Teile einer
solchen (was muß ein solcher Teil aber besitzen?) eine neue Pflanze hervor-
gehen kann. Die schuppenförmigen Blättchen sind an ganz jungen Knollen
noch deutlich sichtbar, an älteren verschrumpfen sie wie an den sich nicht
verdickenden Stengelteilen gleichfalls bald.
d) Im Herbst geh endieAusläuferzuGrunde, so daß bei Pflanzen,
deren oberirdische Teile gänzlich abgestorben sind, die Knollen getrennt im
Boden liegen.
2. Welche Bedeutung hat die Knolle für die Pflanze? a) Schon
wenn in einer Frühjahrsnacht das Thermometer auf einige Grad unter Null
sinkt, sind am nächsten Morgen die grünen Teile der Kartoffeln gänzlich er-
Kartoffel.
137
froren. Die viel niedrigeren Temperaturen unseres Winters könnte die Pflanze
demnach noch viel weniger ertragen. Sie stirbt daher im Herbste ab, hinterläßt
aber (von den Samen abgesehen; s. Absch. B, 3) zahlreiche Knollen. Werden
diese von dem Menschen vor Kälte bewahrt — denn durch Kälte werden sie
oft selbst im Keller vernichtet — und im nächsten Frühjahre wieder gepflanzt,
so geht aus ihnen je eine neue Pflanze hervor. Etwas ganz Ähnliches findet
natürlich auch bei der wild wachsenden Kartoffel statt (führe dies näher aus!).
Die Knollenbildung ist also eine Veranstaltung der Pflanze, durch die
sie die ungünstige Jahreszeit übersteh t, und zugleich ein Mittel
der Vermehrung.
b) Bei der wildwachsenden Kartoffel gehen aus den Knollen im nächsten
Jahre also zahlreiche junge Pflanzen hervor. Wenn diese auf einem Trupp
ständen, so würden sie sich gegenseitig Nahrung, Licht und Luft streitig machen.
Es ist daher von größter Wichtigkeit für die Pflanze, daß sich die Knollen
(meist) am Ende langer Ausläufer bilden.
c) Wenn man die Bedeutung der Knolle im Auge behält, wird man auch
leicht ihren Bau verstehen. Nimmt man 2 gleich große Knollen (derselben
Sorte) und legt sie, nachdem man eine davon geschält hat, an einen warmen
Ort, so findet man die geschälte nach einiger Zeit gänzlich verschrumpft,
während die andere fast unverändert geblieben ist. Die erstere hat — wie
die Wage zeigt — sehr viel, die andere dagegen nur wenig von der Flüssig-
keit verloren, von der die Knollen durchtränkt sind. Pflanzt man eine solche
geschälte, vertrocknete Knolle, die aber alle ihre Augen behalten hat, so geht
daraus keine neue Pflanze hervor; denn die Augen sind mit vertrocknet. (Vgl.
mit den Knospen eines abgeschnittenen oberirdischen Zweiges, der längere Zeit
trocken gelegen hat!) Die „Scha-
le" der Knolle ist also ein
Schutzmittel-gegen das Ver-
trocknen. Und wenn man be-
denkt, daß die Knolle bei uns etwa
7 Monate im Jahr
außerhalb der Erde
zubringt, so wird
man die Wichtig-
keit eines solchen
Mittels leicht er-
messen. (Warum
bedarf die Pflanze
im wilden Zustande
gleichfalls dieses
Schutzmittels?)
Wie uns das
Mikroskop an einem
Mikroskopischer Schnitt aus einer Kartoffelknolle.
K. Korkzellen. St. Stärkehaltige Zellen (140 mal vergr.) Die
würfelförmigen Gebilde sind Eiweißkristalle. Links daneben
ein Stärkekorn in 500 facker Vergr.
138 39. Familie. Nachtschattengewächse.
feinen Schnitte zeigt, ist die Schale aus mehreren Schichten von Zellen zu-
sammengesetzt, deren Wände aus Kork bestehen. Nun kennen wir diesen Stoff
(Flaschenkorke!) aber als ein vortreffliches Mittel, Flüssigkeiten, die wir in
Flaschen und Büchsen aufbewahren, gegen Verdunstung zu schützen. Die Natur
hat der Knolle also eine Hülle aus einem sehr geeigneten Stoffe gegeben.
(Da aber die Knollen während des Winters, auch wenn sie noch keine Stengel
getrieben haben, etwas einschrumpfen, so ist dies ein Zeichen, daß sie trotz der
Korkhülle einiges Wasser durch Verdunstung verlieren.) Auch gegen Verletzungen,
sowie gegen das Eindringen von Pilzsporen und Spaltpilzen ist der blaue, rote
oder weiße „Korkmantel" der Knolle ein wichtiges Schutzmittel (vgl. mit der
Schale saftiger Früchte; Beispiele!).
d) Die Stengel, die aus der im Keller keimenden Knolle hervorgehen,
können die Stoffe, aus denen sie sich aufbauen, nirgends anders hernehmen als
aus der Knolle. Dasselbe gilt auch für die Stengel, die aus einer in die Erde
gelegten Knolle hervorbrechen; denn erst nachdem sie grüne Blätter gebildet
und Wurzeln geschlagen haben, sind sie imstande, sich selbst zu ernähren. Bis
dahin sind sie auf die Knolle angewiesen. Mit dieser beständigen Abgabe von
Baustoffen steht im Einklänge, daß die „alte" Knolle schließlich wie aus-
gesogen erscheint. Hat sie endlich nichts mehr abzugeben, so ist sie für die
junge Pflanze, die sich jetzt selbst ernähren kann, wertlos geworden, und
ihre Beste gehen durch Fäulnis zu Grunde (vgl. mit Samen und Keimling!
s. S. 101, e). Welcher Art sind nun die Bau- und Vorratsstoffe, die in
der Knolle aufgespeichert liegen?
Schneidet man eine Knolle durch und betupft die Schnittfläche mit Jod-
lösung, so tritt sofort starke Blaufärbung ein, ein Zeichen, daß die Knolle sehr
reich an Stärke ist (vgl. den letzten Absch. des Buches). W T enn wir ferner
einen sehr dünnen Schnitt aus der Knolle durch das Mikroskop betrachten,
können wir uns leicht davon überzeugen, daß in der Tat fast alle Zellen mit
Stärkekörnchen gleichsam vollgestopft sind (s. Abb. S. 137). Und wenn wir endlich
einige rohe Knollen zerreiben und den Brei wiederholt im Wasser auswaschen, so
bleibt die Stärke als ein weißes Pulver zurück. Der Stärkegehalt der Knollen
beträgt durchschnittlich etwa 20°/o. Nur 2°/o sind Eiweiß (in den Zellen unter
der Korkhaut); alles übrige ist — von den Stoffen abgesehen, die in noch
geringerer Menge vorhanden sind — Wasser (etwa 75°/o). (Wiege eine ge-
schälte Knolle, lege sie auf den warmen Ofen, bis sie gänzlich eingetrocknet
ist, und bestimme den Gewichtsverlust!) — Aus diesen Tatsachen geht nun
ohne weiteres hervor,
3. welche Bedeutung die Kartoffel für den Menschen hat.
a) Wie bekannt, ist die Stärke ein wichtiger Nährstoff, der uns außer von der
Kartoffel besonders vom Getreide und von den Hülsenfrüchten geliefert wird.
Da nun die Knollen sehr reich an Stärke sind, so ist die Kartoffel eine unserer
wichtigsten Nährpflanzen. Damit ist aber ihre Bedeutung bei weitem noch
nicht erschöpft! Da wir nämlich mit ihrer Hilfe von einer Ackerfläche erheblich
Kartoffel. 139
mehr Nährstoffe gewinnen, als von einer gleich großen, selbst mit Getreide
bestellten Fläche; da sie selbst noch auf magerstem Sandboden und in Höhen
(Gebirge!) gedeiht, auf denen kein Getreide mehr wächst; da sie fast alljähr-
lich eine reiche Ernte liefert; da die eingeernteten Knollen verhältnismäßig
leicht und lange haltbar sind und selbst bei täglichem Genuß gleich dem Brote
eine Speise bilden, die uns nie zum Ekel wird: so ist die Kartoffel nächst dem
Getreide unsere wichtigste Volksnahrungspflanze. So lange sie auf
unseren Feldern gedeiht, hat eine Hungersnot wie vordem unser Land nicht
wieder verwüsten können.
Wenn wir uns nun noch vergegenwärtigen, welches wichtige Futtermittel
die Knollen für die Haustiere sind, wie sie zur Herstellung von Stärke (Kartoffel-
stärke oder Kartoffelmehl) dienen, und wie die Stärke zu Stärkezucker und
in den Brennereien weiter zu Spiritus (Alkohol) verarbeitet wird: dann
haben w r ir etwa ein Bild von der außerordentlichen Bedeutung der unschein-
baren Pflanze. Darum arbeitet man auch unablässig an ihrer Veredlung weiter
(s. S. 19), und fort und fort züchtet man Sorten, deren Knollen einen immer
höheren Stärkegehalt aufweisen.
Da aber die Knollen sehr arm an Eiweiß sind und gar kein Fett
enthalten, so können sie uns als einzige Nahrungsquelle nicht dienen; denn
diese beiden Stoffe sind neben der Stärke (oder einem anderen Kohlenhj'drat, z. B.
dem Zucker) für die Erhaltung unseres Körpers unbedingt notwendig (Näheres
hierüber s. „Der Mensch", Absch. über die Verdauung). Dasselbe gilt auch für
die Tiere. Da die Stärke besonders fettbildend wirkt, so wird uns auch die
Verwendung der Kartoffel beim Mästen der Haustiere verständlich.
B. Von den übrigen Teilen der Kartoffel (2.). 1. Stengel und Blätter,
a) Die kantigen Stengel tragen zahlreiche, große, rauhhaarige Blätter, deren
Flächen so tief geteilt sind, daß sie sich an der Mittelrippe nur noch als
schmale Säume entlang ziehen. Wir haben es hier also nicht mit gefiederten,
sondern wie beim Raps mit fiederspaltigen Blättern zu tun. Zwischen den
größeren fiederartigen Abschnitten sind, soweit Platz vorhanden ist (das heißt?),
kleinere eingefügt, so daß der Raum, welcher der Pflanze für die Besonnung
zur Verfügung steht, nach Möglichkeit ausgenützt ist. Andererseits werden die
Lücken zwischen den großen Abschnitten doch nicht so ausgefüllt, daß nicht
noch genug Licht zu den tiefer stehenden Blättern gelangen könnte. Nach dem
Blattgrunde zu werden die größeren Abschnitte allmählich kleiner; denn in der
Nähe der Stengel werden ja Licht und Raum von mehreren Blättern beansprucht.
Sollen sich die (tief geteilten) Blattflächen daselbst nun nicht gegenseitig decken
(Nachteil?), so muß eben eine Verschmälerung eintreten.
b) Stengel und Blätter enthalten ein Gift (Solanin), so daß sie — von
einigen w-enigen Insekten abgesehen (s. Absch. D.) — kaum von einem Pflanzen-
fresser berührt werden. Wahrscheinlich merken die Tiere, daß sie es hier mit
etwas Ungenießbarem zu tun haben, schon an dem eigentümlichen Geruch,
der den grünen Teilen entströmt. In noch größerer Menge findet sich das Gift
140 39. Familie. Nachtschattengewächse.
in deii Früchten, in den „Keimen" und in denjenigen Knollen, die vom Sonnen-
licht getroffen wurden und (wie andere Stengelteile) ergrünt sind. (Wie hat
man sich daher gegen gekeimte und ergrünte Knollen zu verhalten ?)
2. Blüte (3.). Die Blüte besteht aus einem 5-zipfeligen Kelch, einer rad-
förmigen Blumenkroue, deren Rand in 5 Ecken ausgezogen ist, 5 Staub-
blättern, deren große Beutel einen Kegel bilden, und
einem Stempel, dessen Griffel den Staubbeutelkegel
an der Spitze durchbricht. Obgleich die Blüte durch
das Weiß oder Blaß violett der Blumenkrone, sowie
durch das leuchtende Gelb der Staubbeutel ziemlich auf-
fällig ist, wird sie doch nur selten von Insekten
(Fliegen) besucht; denn sie besitzt keinen Honig und
nur wenig Blütenstaub. Bei mehreren Spielarten der
Blütengrundril der Pflanze tritt regelmäßig Selbstbestäubung ein: der Staub
rieselt aus 2 Löchern an der Spitze der Beutel hervor
und fällt, da die Blüten meist schräg oder gar senk-
recht nach unten gerichtet sind, auf die darunter befindliche Narbe. Bei anderen
Kartoffelsorten findet überhaupt keine Bestäubung statt, und bei wieder anderen
fallen die Blüten sogar ab, bevor sie sich noch geöffnet haben: die Pflanzen
sind unter der Hand des Menschen, für den die Blüten und Früchte völlig
wertlos sind, entartet. (Vgl. mit ähnlichen Erscheinungen an Haustieren!)
3. Frucht (4. und 5.). Stellt man durch die Frucht einen Querschnitt her, so
sieht man, daß ihre Wand aus 2 Fruchtblättern gebildet ist, die an den Rändern
miteinander verwachsen sind und sich als eine Scheidewand quer durch das
Fruchtinnere erstrecken. Die Scheidewand ist an beiden Seiten zu halbkugeligen
Samenträgern angeschwollen, die dicht mit Samenknospen besetzt sind. Zur Zeit
der Reife werden Fruchtblätter und Samenträger fleischig, so daß die Frucht
eine vielsamige, 2 fächerige Beere darstellt. Sie ist von grüner Färbung und,
weil giftig (s. Absch. 1 b), ungenießbar. Auch die Samen haben für uns keine
Bedeutung. Die aus ihnen hervorgehenden Pflänzchen bringen zwar gleichfalls
Knollen hervor; doch sie sind so klein, daß diese Art der Vermehrung durch-
aus unwirtschaftlich wäre.
C. Von der Heimat und Verbreitung- der Kartoffel. Schon die oben
erwähnten Tatsachen, daß die grünen Teile der Kartoffel bereits durch einen
gelinden Frost getötet werden, und daß die Knollen selbst im Keller oft er-
frieren, weisen darauf hin, daß die überaus wichtige Pflanze kein Glied der
heimatlichen Natur, sondern ein Kind wärmerer Gegenden ist. Erst etwa in
der Mitte des 16. Jahrhunderts wurde sie aus ihrer südamerikanischen Heimat
durch Spanier nach Europa gebracht und anfänglich nur als Zierpflanze ange-
baut. Von Spanien kam sie bald nach Italien und erhielt hier wegen der
Ähnlichkeit der Knollen mit den Trüffeln den Namen „Tartuffoli", woraus
unsere Bezeichnung „Kartoffel" entstanden ist. Langsam verbreitete sie sich
weiter; ihre Knollen galten aber geraume Zeit hindurch nur für einen Lecker-
Kartoffel. Schwarzer und bittersüßer Nachtschatten. Tollkirsche. 1 1 1
bissen. Erst als im 18. Jahrhundert große Teile von Deutschland durch Miß-
ernten heimgesucht wurden, denen Hungersnot und Teuerung folgten, erkannte
man allmählich den Wert der Pflanze. Ihr Anbau wurde jetzt allgemeiner.
Vorher aber galt es, in einem langen, hartnäckigen Kampfe den Widerstand zu
brechen, der von seiten der Landbevölkerung der Einführung des neuen Ge-
wächses entgegengesetzt wurde. Es war ein Kampf, der vielfach nur durch
Anwendung von Gewaltmitteln entschieden werden konnte, und in dem sich be-
sonders die beiden Preußenkönige Friedrich Wilhelm I. und Friedrich der Große
unsterbliche Verdienste erworben haben. Heutzutage ist die Kartoffel über den
größten Teil der Erde in zahllosen Spielarten verbreitet (nenne die dir
bekannten und beschreibe ihre Knollen!). Nur in den wärmsten Ländern ver-
mag sie nicht zu gedeihen.
I). Von den Krankheiten und Feinden der Kartoffel, Wie auf allen
anderen Pflanzen schmarotzen auch auf der Kartoffel zahlreiche niedere Pilze,
die verschiedenartige Krankheiten hervorrufen. Die gefürchtetste unter ihnen
ist der Pilz der eigentlichen Kartoffelkrankheit (s. das.). Er tritt
besonders in nassen Jahren auf, bewirkt ein Schwarzwerden des Laubes und
durchwnchert die Knollen, so daß sie sich schließlich in eine jauchige oder
bröcklige Masse verwandeln (nasse und trockene Fäule).
Von den tierischen Feinden seien nur der Engerling und die Erd-
raupen, die an den Knollen nagen, sowie der Kolorado -Kartoffelkäfer
genannt (s. Lehrb. d. Zoologie). Der schmucke Käfer (6 a.) ist in Nordamerika
heimisch und nährt sich gleich seiner Larve (6 b.) von den Blättern, an die er
auch seine Eier legt (6 c). Das Auftreten des überaus gefährlichen Schädlings
in Europa war glücklicherweise stets nur von kurzer Dauer.
Andere Nachtschattengewächse.
A.Nachtschattengewächse mit Beeren fr ächten.
Wie die Kartoffel enthalten zahlreiche andere Glieder der Familie in allen oder
vielen ihrer Teile ein scharfes Gift (Schutzmittel gegen Pflanzenfresser), das auf den
Menschen je nach seiner Art und je nach der Menge, in der es genossen wird, sehr ver-
schieden einwirkt. Solche Giftgewächse sind die beiden nächsten Verwandten der
nützlichen Kartoffel, der schwarze und der bittersüße Nachtschatten (Solanum
nigrum und dulcamära). Ersterer kommt auf Schutt, sowie als lästiges Unkraut in Gärten
und Feldern häutig vor, ist einjährig (schwache Wurzel!), hat weiße Blüten und schwarze,
giftige Beeren; letzterer wächst in Gebüschen, besonders an Flußufern, ist eine aus-
dauernde Kletterpflanze (tiefgehende, holzige Wurzel!), hat meist sehr verschiedengestaltete
Blätter, violette Blüten und rote, aber nicht giftige Beeren, die anfangs bitter und nach-
her süßlich schmecken („Bittersüß"). — Als das gefährlichste Gewächs, das die
heimatliche Pflanzenwelt überhaupt besitzt, ist die Tollkirsche (Atropa belladonna) zu
nennen. Die meterhohe Pflanze wächst in schattigen Bergwüldern und besitzt dem-
entsprechend (s. S. 7, b. u. c.) große und verhältnismäßig zarte Blätter. Die Blüten bilden
bräunliche, hängende Glocken (Bedeutung?). Die Frucht ist eine glänzend schwarze
Beere, die aber in dem bleibenden Kelche sitzt. Da sie einer Herzkirsche (Name!)
142
39. Familie. Nachtschattengewächse.
ähnelt, wird sie besonders von Kindern leicht dafür gehalten. Sie ist aber mit der
Wurzel der giftigste Teil der ganzen Pflanze. Ihr Genuß bewirkt Sehwindel, Betäubung
und oft den Tod (Gegenmittel: Brechmittel und
starker Kaffee!). Da sich bei Vergifteten regel-
mäßig auch die Pupille stark erweitert, hat
das Gift der Pflanze (Atropin) in der Augen-
heilkunde eine überaus wichtige Verwendung
gefunden: in allen den Fällen, in denen es auf
eine Erweiterung der Pupille ankommt, wird es
den Kranken in das Auge geträufelt.
Früchte von solcher Giftigkeit — sollte
man meinen — müßten auch den Tieren
schädlich sein. Das ist auch meist der
Fall. Drosseln und Amseln jedoch ver-
speisen sie mit sichtlichemWohlbehagen
und besorgen dadurch unfreiwillig die
Aussaat der Samen
(s. S. 64, 8). Darum
besitzen auch diese
Früchte, so giftig sie
für uns sind, auf-
fällige Färbung, so-
wie süßes, saftiges
Fruchtfleisch. Früher
benutzte man in Ita-
lien die Beeren zum
daher „bella donna",
d. h. schone Frau.
Neben diesen Nachtschatten-
irten gibt es aber auch mehrere
andere, die kaum giftig sind und
deren Beeren z. T. sogar vom Men-
schen genossen werden. Als die wich-
tigste wäre zuerst der Liebesapfel
oder die Tomate (Solanum lyco-
persicum) zu nennen. Die Pflanze
ist der Kartoffel überaus ähnlich,
stammt aus Südamerika und wird
der prächtig roten Früchte wegen (Name! Verwendung?) bei uns immer mehr angebaut. —
Eßbar sind auch die Früchte der bei uns heimischen Judenkirsche (Physalisalkekengi),die
zumeist aber nur als Zierpflanze bekannt ist. Zur Zeit der Reife sind die roten, kirschen-
großen Beeren von dem aufgeblasenen, gleichfalls roten Kelche umhüllt, welcher der
Kopfbedeckung ähnelt, wie sie im Mittelalter die Judenfrauen trugen (Name!). — Die roten,
schotenähnlichen Früchte der Paprikapiianze oder des spanischen Pfeffers, (Capsicum)
sind von sehr scharfem Geschmack und werden wie die Früchte des Pfefferstrauchs
als Gewürz verwendet. Die Pflanze entstammt dem tropischen Amerika und wird u. a.
in großer Menge bei Cayenne („wo der Pfeffer wächst 1 '), aber auch in Südeuropa und
Schminken
Schwarzer Nachtschatten. (Nat. Gr.)
Liebesapfel. Judenkirsche. Span. Pfeffer. Teufelszwirn. Tabak.
143
besonders in Ungarn angebaut. — Der Teufelszwirn (Lycium bärbarum), der vielfach
zur Bildung von Hecken (Name!) angepflanzt ist, aber auch oft verwildert vorkommt, hat
im Mittelmeergebiete seine Heimat.
B. Nachtschattengewächse mit Kapsel fr ächten.
Nächst der Kartoffel hat kein Nachtschattengewächs ••ine so große Be-
deutung für den Menschen erlangt wie der Tabak (Nicotiäna). Von seinen
zahlreichen Arten werden bei uns besonders zwei angepflanzt: am häutigsten der
1—2 in hohe virginische T. (N. täbacnm), seltener der kleinere (Höhe nur bis
1 in), aber breitblättrigere Bauern -T. (N. rüstica). Beide sind einjährige
Pflanzen, die in Amerika ihre Heimat haben. Alle grünen 'Feile sind dicht mit
klebrigen Drü-
senhaaren besetzt
(Schutz gegen
Pflanzenfresser).
Die sehr großen
Blätter nehmen
nach oben hin all-
mählich an Größe
ab, eine Einrich-
tung, die wir als
vorteilhaft für die Belichtung
bereits kennen gelernt haben.
Da sie sich — von den obersten
abgesehen — mit der Spitze zum
Erdboden herabneigen, so leiten
sie das Regenwasser, von dem
sie getroffen werden, nach außen
(centrifngal). Denientsprecheiu
verlaufen auch die Seitenwur-
zeln, die meist am oberen Teile
der tiefgehenden Pfahlwurzel
entspringen, wagerecht im Boden
und gehen samt ihren Ver-
zweigungen nicht über den Um-
kreis der Pflanze hinaus (s.
S. 88, c). Der Stengel und seine Zweige tragen am Ende große Sträuße
von Röhrenblüten, die beim virginischen T. lang und von roter, beim Bauern -T.
wesentlich kürzer und von gelb -grüner Färbung sind. Die Frucht ist eine
Kapsel, die sich im Schutze des Kelches entwickelt, in 2 Klappen aufspringt
und zahlreiche, sehr kleine Samen enthält.
Haben die Pflanzen ihre volle Größe erreicht, so werden die Blätter ab-
gebrochen, auf Schnüre gereiht und unter einem Dache zum Trocknen aufgehängt.
In der Fabrik werden sie wieder angefeuchtet und zu großen Hauten aufge-
schichtet, in denen sich, durch Spaltpilze veranlaßt, unter Entwicklung hoher
Virginischer
Tabak. Blüten and
Früchte. (Nat. Gr.)
144
39. Familie. Nachtschattengewächse.
Wärme (vgl. mit feuchtem Heu!) bald eine Gärung einstellt. Sind die Haufen
einigemal umgeschichtet, dann sind die Blätter zum Gebrauch fertig, so daß
sie nunmehr als Rauch-, Kau- und Schnupftabak verwendet werden können.
Als die Spanier zuerst mit den Eingeborenen von Amerika in Berührung
kamen, war unter diesen die Sitte des Tabakrauchens bereits üblich. Es währte
nicht lange, so fand sie auch in Europa Eingang. Obgleich der Genuß des
Tabaks in mehreren Ländern selbst mit den schwersten Strafen bedroht wurde,
breitete er sich doch unaufhaltsam immer weiter aus, und jetzt gibt es wohl
kaum noch ein Land,
in dem ihm nicht ge-
huldigt würde. Hand
in Hand hiermit ging
auch die Verbreitung
der Pflanze selbst,
deren Anbau heutzu-
tage in fast allen war-
men und gemäßigten
Gegenden des Erdballs
erfolgt. (Welche Län-
der liefern den besten
Tabak? In welchen
deutschen Landschaf-
ten wird besonders
Tabakbau getrieben?)
Der Tabak enthält
ein Gift, das
Nikotin, von
dem schon
ein einziger
Tropfen ge-
nügt, einen
Hund zu tö-
ten. Fortge-
setzter star-
ker Genuß
von Tabak —
ganz gleich
in welcher
Form — ruft
daher nicht
selten Darm- und Herzerkrankungen hervor, ja er kann sogar eine gänzliche
Zerrüttung des Körpers herbeiführen. Für Kinder ist der Tabak selbst
in kleinen Mengen ein gefährliches Gift.
Tabak. Bilsenkraut. Stechapfel. Petunie.
1 l:
Auf Schutthaufen und an Wegen findet sich das Bilsenkraut (Hyoscyamus niger),
eine allbekannte, sehr giftige Pflanze mit klebrigen Blättern und von ekelkaftem Geruch.
Die schmutzig-gelben, violett geäderten Blüten sind alle nach einer Seite gerichtet. Die
vom stachelspitzigen Kelch umhüllte Kapsel springt mit einem Deckel auf. — An den-
selben örtlichkeiten wächst auch der gleichfalls
sehr giftige Stechapfel (Datlira stramönium). Er
wird bis 1 m hoch und ist ein übelriechendes Kraut
mit gabeligen Verzweigungen. Die ausgebuch-
teten Blätter sind von sehr ver-
schiedener Größe und bilden
meist eine regelmäßige Mosaik.
(Vgl. mit Roßkastanie und
Efeu. Die Mosaik ist in der
Abbildung nicht zu
sehen, weil — um
alle Teile sichtbar
zu machen — die
Pflanze von der Seite
gezeichnet ist.) Die
Blüte wird von Nacht-
faltern bestäubt,
besitzt daher, wie
die des Leimkrautes
(s. das.) eine lange
Blütenröhre und
weiße Färbung, öti'-
net sich mit beginnen-
der Dunkelheit und haucht besonders während der Nacht einen starken Duft aus. Die
Fruchtkapseln, die mit 4 Klappen aufspringen, sind außen mit vielen spitzen Stacheln
besetzt (Name!), ein Schutzmittel der zahlreichen Samen, die. so giftig sie für uns
sind, von mehreren körnerfressenden Vögeln ohne Schaden verzehrt werden. — Als
letztes Glied der Familie sei endlich die Petunie (Petiinia) erwähnt, die in zahlreichen
Spielarten unsere Gärten schmückt. Ihre Heimat ist Südamerika.
Zweig vom Stechapfel. (Daneben eine aufgesprungene Frucht.)
(Nat. Gr.)
Solimeil, Lehrbncti clor Botanik.
10
146 Taf. 20. 40. Familie. Lippenblütler.
40. Familie. Lippenblütler (Labiatae).
Pflanzen mit 4-kantigem Stengel, gegenständigen Blattern und Lippenblüten. Die Blüten
besitzen (in der Regel) 2 lange und 2 kurze Staubblätter, sowie einen Fruchtknoten, der
bei der Reife in 4 Teilfrüchtchen zerfällt.
Die weiße Taubnessel (Lamium älbum). Tafel 20.
Die Taubnessel, die sich an Zäunen und Hecken, an Wegen, Gräben und
ähnlichen Orten findet, zählt zu unseren bekanntesten Pflanzen. Gibt es
doch wohl kaum ein Kind, das aus ihren weißen Blüten mit den Hummeln und
Bienen nicht schon den süßen Honig genascht hätte („weißer Bienensaug")!
Und jedermann ist auch genötigt, sich die Pflanze genauer anzusehen; denn sie
gleicht täuschend der Brennessel, vor deren Brennhaaren (s. das.) sich jeder
wohl in acht nimmt. Ihr fehlen aber diese giftigen Waffen („Taubnessel")
und darum wird sie auch von den meisten Weidetieren gern verzehrt. Der
unangenehme Geruch, der ihr entströmt, und die kurze, rauhe Behaarung
aller grünen Teile sind ihr wenigstens gegen diese Zerstörer kein genügendes
Schutzmittel (vgl. mit Schwarzwurz). — Die Ähnlichkeit mit der Brennessel
beruht vor allen Dingen in der Form und Stellung der
A. Blätter: sie sind gestielt, eiförmig, am Rande sägezähnig eingeschnitten,
stehen sich paarweise gegenüber, und jedes Paar bildet mit dem vorhergehenden
oder nachfolgenden Paare ein Kreuz (1.). Infolge dieser Anordnung der Blätter ist
einerseits der Stengel gleichmäßig belastet (Vorteil?), und andererseits können die
Blätter trotz der verhältnismäßig großen Breite doch alle von den Sonnen-
strahlen getroffen werden. Aus den Achseln besonders der unteren Blätter
gehen vielfach Seitenzweige hervor. — Wie wir w. u. sehen werden, sind die
Wurzeln weit im Boden verstreut; wir linden daher an den Blättern auch keine
besonderen Einrichtungen, die eine Ableitung des Regenwassers zu den Wurzeln
bewirken könnten (vgl. dag. z. B. mit Raps, Birnbaum und Schwarzwurz!).
Vergleicht man Taubnesseln, die an schattigen und feuchten Standorten
wachsen, mit solchen trockener und sonniger Stellen, so findet man, daß jene
stets größere und viel zartere Blätter besitzen als diese. Diese Verschieden-
heit in der Belaubung wird uns sofort erklärlich, wenn wir bedenken, daß
ersteren wie den Pflanzen des feuchten Waldbodens (s. S. 7, b. u. c.) genügende
Feuchtigkeit, aber schwaches Licht, letzteren dagegen wie allen „Sonnenpflanzen"
wenig Feuchtigkeit, aber ungeschwächtes Licht zur Verfügung stehen. Daß
wirklich die derberen und meist etwas gerunzelten Blätter der letzteren weit
weniger Feuchtigkeit an die umgebende Luft abgeben als die Blätter der ersteren,
läßt sich leicht nachweisen. Man braucht nur je eine dieser Pflanzen ab-
zuschneiden, dann wird man finden, daß die Schattenpflanze viel früher welk
wird als die „Sonnenpflanze".
B. Stengel. 1 a) Der oberirdische Stengel hat nicht nur die eigene
Last und die der Blätter zu tragen, sondern muß auch gegen den Wind, der
die Blätter zur Seite weht und ihn daher selbst biegt, widerstandsfähig sein:
Schmeil, Lehrbuch der Botanik.
Tafel 20.
Weiße Taubnessel (Lamium album).
Weiße Taubnessel. 147
er muß Trag-- und Biegungsfestigkeit besitzen. Bei einer Biegung werden die
Zellen an der konkaven Seite stark zusammengedrückt, die an der konvexen
dagegen ausgedehnt. Die zwischen den beiden Seiten liegenden Zellen haben
unter der Biegung umso weniger zu leiden, je mehr sie der Mitte des Stengels
genähert sind. Daher müssen die festesten Teile in der äußersten Stengel-
schicht liegen. Stellt man nun durch den Stengel einen sehr dünnen Querschnitt
her, so sieht man b°i schwacher mikroskopischer Vergrößerung, daß dies auch
der Fall ist: man erblickt am Umfange des Stengels 4 Stränge, die aus Zellen
mit (besonders in den Ecken) stark verdickten Wänden bestehen. Da diese
Zellstränge über den Umfang des Stengels etwas hervortreten, so erscheint der
letztere vierkantig und zwischen den Kanten rinnig vertieft.
b) Wie jeder Baumeister mit möglichst wenig Material die größte Festig-
keit seines Bauwerks zu erreichen sucht — man braucht nur an den Bau von
eisernen Brücken zu denken! — , so auch die Natur. Sie vermeidet sorgfältig
alles Entbehrliche oder gar Überflüssige. Nun haben wir gesehen, daß bei der
Biegung des Stengels die im Innern liegenden Teile umso weniger auszuhalten
haben, je weiter sie von den Seiten entfernt sind. Die in der Mitte liegenden
haben überhaupt nichts mehr auszuhalten; sie tragen demnach auch nichts zur
Festigung des Ganzen bei und können daher fehlen. Der Stengel ist also un-
beschadet seiner Festigkeit hohl.
c) Wie ein einfacher Versuch zeigt, ist eine lange (Glas-) Röhre weit
leichter zu zerbrechen als eine kurze. Dasselbe gilt natürlich auch für röhren-
förmige Stengel. Wir sehen daher den Stengel der Taubnessel durch Querwände
in mehrere kleine Röhren geteilt. Diese Querwände liegen in den Knoten der
Stengel, an denen die Blätter entspringen.
d) Vielfach — besonders bei hohen Pflanzen — liegt der untere Stengel-
teil dem Boden auf. Dann brechen aus den Knoten dieses Abschnittes zumeist
Wurzeln hervor, die das schwankende Gewächs am Boden gleichsam verankern.
2. Gräbt man eine Taubnessel aus der Erde, so sieht man, daß die
oberirdischen Stengel aus einem Wurzelstocke hervorgehen. Da dieses Gebilde
nichts anderes als ein unterirdischer Stengel ist, so linden wir an ihm
auch dieselbe Blattstellung und Verzweigung wie am oberirdischen Stengel (7.).
a) Die Zweige des unterirdischen Stengels erheben sich entweder über
den Boden (oberirdische St.) oder kriechen wie der Stengel selbst, von dem sie
entspringen, wagerecht in der Erde dahin, bilden also unterirdische Ausläufer.
Stirbt der Mutterstock ab, so werden die Ausläufer selbständig. Die Bildung
von Ausläufern ist also mit einer Vermehrung der Pflanze gleichbedeutend.
Da sich nun die Ausläufer wieder verzweigen, so wird uns das truppweise
Auftreten der Taubnessel wohl verständlich.
b) Die Blätter der unterirdischen Stengel sind, weil im Dunkeln
wachsend, schuppenförmig und wie alle unterirdischen Teile der Pflanze farblos.
Sie schützen die im Boden vordringenden Enden der Ausläufer und die in ihren
Achseln sich bildenden Knospen der Zweige gegen Verletzung. Haben sie diese
148 40. Familie. Lippenblütler.
Aufgabe erfüllt, dann sind sie für die Pflanze ohne Bedeutung und verschruinpfen.
Darum findet man sie auch nur an den jüngsten Ausläufern.
c) Von den Knoten, aber auch von anderen Stellen der unterirdischen
Stengel entspringen zahlreiche fadenförmige Wurzeln (Bedeutung?).
C. Blüte». 1. Blütenstand (1.). In den Achseln der oberen Blätter stehen
je 3 — 7 Blüten, an deren Grunde sich meist noch einige borstenförmige Blättchen
finden. Da die Blüten auch die Stengelseiten, an denen keine Blätter entspringen,
meist gänzlich verdecken, so sieht es aus, als ob sie in einem „Quirle" rings
um den Stengel ständen.
2. L i p p e n b 1 ü t e (2. — 4.). Ein glockenförmiger, fünfzipfeliger Kelch
umschließt die weiße, seitlich symmetrische Blumen-
krone (s. S. 30, a). Ihr unterer Teil ist eine knie-
förinig gebogene Röhre, deren Seitenwände oben zwei
in je ein Zähnchen ausgezogene Lappen bilden. Die
Hinterwand der Röhre, deren Öffnung man mit dem
Maule eines Tieres vergleichen kann, setzt sich in die
helmartige „Oberlippe", die Vorderwand in die herz-
förmig ausgeschnittene „Unterlippe" fort („Lippen-
Bliitengrundrig der blöte « . Familienname I). Unter der Oberlippe finden sich
Taubnessel. die Beutel der 4 Staubblätter, deren Fäden mit
der Röhre z. T. verwachsen sind. Zwischen den Staub-
beuteln hat die zweigespaltene Narbe ihren Platz. Der Fruchtknoten
(s. Absch. D) findet sich im Blütengrunde und ist z. T. von der gelappten,
helleren Honigdrüse umgeben.
3. Hummelblume. Da sich der Honig am Grunde einer langen Röhre
findet, ist er nur langrüsseligen Insekten erreichbar. Die Schmetterlinge jedoch
sind, obgleich sie den längsten Rüssel besitzen, wieder ausgeschlossen: schon
die großen und steifen Flügel hindern sie, soweit in die Blüte einzudringen,
als zum Saugen notwendig wäre. Es bleiben daher nur die großen Hummel-
arten übrig, die auch leicht als die ausschließlichen Besucher der Taub-
nesselblüte festzustellen sind. Und wenn man das Verhältnis, das hier zwischen
Tier und Pflanze besteht, näher verfolgt, dann wird man auch zahlreiche Einzel-
heiten im Bau der Blüte verstehen und die Blüte selbst als eine vollendete
„Hummelblume" erkennen lernen.
a) Die blaßgelbe Unterlippe bildet die „Anflugstange" und das „Sitz-
brett" der Hummel. Daher ist dieser Blütenteil auch wagerecht gestellt. Grün-
liche Punkte und Striche, die sich auf ihm und im Eingange zur Blütenröhre
finden, werden als „Honigmale" gedeutet (s. S. 121, 3).
b) Die beiden Seitenlappen der Blütenröhre sind genau so weit von-
einander entfernt, daß Kopf und Brust der saugenden Hummel zwischen ihnen
Platz haben.
c) Hat die Hummel die zum Saugen notwendige Stellung eingenommen,
so füllt sie mit der Rückenseite gerade die Höhlung der Oberlippe aus, oder
Weiße Taubnessel. 149
anders ausgedrückt: die Entfernung- zwischen Unter- und Oberlippe entspricht
erstlich genau der Größe der Bestäuber, und zweitens, die Oberlippe ist gleich-
sam nach dem Hummelrücken „modelliert". — Da die saugende Hummel den
Rücken an die Unterseite der Oberlippe drücken muß, so ist diese Stelle
auch der geeignetste Ort für die Narbe und die Staubbeutel; denn diese Blüten-
teile müssen von dem Insekt berührt werden, falls dessen Besuch für die Pflanze
nicht wertlos sein soll.*) — Zugleich ist auch die Oberlippe ein vortreffliches
Regendach für den leicht verderbenden Blütenstaub. Am Rande ist sie mit
wimperartigen Haaren besetzt, eine Einrichtung, durch welche die auffallenden
Regentropfen verhindert werden, auf die Unterseite überzutreten (Versuch!).
d) Soll die Hummel die zur Bestäubung durchaus notwendige Stellung ein-
nehmen, so muß der Blüteneingang seitwärts gerichtet sein.
e) Um die von den Pflanzen „gewünschte" Fremdbestäubung herbeizuführen.
muß das mit fremdem Blütenstaub behaftete Insekt zuerst die Narbe berühren
(führe dies näher aus!). Daher ist hier einer der beiden Narbenäste senkrecht
nach unten gerichtet, so daß er früher als die Staubbeutel vom Hummelrücken
berührt werden muß.
f) Damit sich die saugende Hummel wirklich mit Blütenstaub belade,
öffnen sich erstlich die Staubbeutel nach unten. Alle Beutel „wollen"
aber vom Rücken des Insekts berührt sein: sie liegen daher zweitens in einer
Ebene. Der geeignetste Ort für eine solche Berührung ist nun aber ohne
Zweifel die Mitte der Oberlippe. Um dort jedoch Platz zu finden, können die
Beutel nicht neben-, sondern müssen hintereinander liegen: 2 Staubblätter be-
sitzen längere, 2 kürzere Fäden (eine Eigentümlichkeit der ganzen Familie!).
g) Wie oben erwähnt, ist der Honig wegen der Länge der Blütenröhre
nur langrüsseligen Hummeln zugängig ; kurzrüsselige (darunter auch die Honigbiene)
suchen ihn wie z. B. aus der Blüte der Schwarzwurz durch Einbruch zu erlangen.
h) Nicht weit von ihrem Unterende ist die Blütenröhre plötzlich verengt
und innen (öffne sie!) mit einem schräg verlaufenden Ringe feiner Haare
ausgerüstet. Schneidet man sie dicht über dieser Stelle quer durch, so sieht
man, daß der Haarring gleichsam eine Reuse darstellt, die den untersten, honig-,
gefüllten Teil der Röhre abschließt. Kleine Insekten, die in der Röhre hinab-
gekrochen sind, können den Haarzaun nicht durchdringen: für den Rüssel der
kräftigen Hummel dagegen bildet diese „Saftdecke" kein Hindernis.
Kurz: man kann die Taubnesselblüte betrachten wie man will,
sie ist in allen Stücken ihren Bestäubern aufs innigste „angepaßt".
D. Frucht. Der Fruchtknoten ist genau wie bei der Schwarzwurz (s. das.)
*) Die in Fig. 4 dargestellte Hummel hat sich soeben auf der Unterlippe nieder-
gelassen und ist im Begriff, zum Honig vorzudringen. Erst wenn sie den Kopf noch
tiefer in die Blütenröhre senkt, füllt sie die Höhlung der Oberlippe aus. Sie hat von
einer andern Blüte Blütenstaub mitgebracht (beachte die Rückenseite des Hinterleibs!),
kann hier also Fremdbestäubung vermitteln.
150 40. Familie. Lippenblütler.
gebaut und zerfällt bei der Reife gleichfalls in 4 Teilfrüchtchen (5.). Da sie vom
bleibenden Kelche fest umschlossen werden, platten sie sich gegenseitig ab und
steigen, wenn sie sich bei der Reife vom Blütenboden lockern, in der Kelchröhre
gleichsam empor. Dann genügt schon ein leiser Wind, sie aus ihrem Behältnis
zu schütteln. Es sind olivenfarbene Gebilde (6.) mit einem weißen, fleischigen
Anhange, über dessen Bedeutung aber wie bei den Nüßchen der Schwarzwurz
keine sicheren Beobachtungen vorliegen. (Man bekommt die Früchte am leich-
testen zu Gesicht, wenn man verblühte Pflanzen in ein Glas mit Wasser steckt.)
Andere Lippenblütler.
Die Gattung Taubnessel (Lämium) wird bei uns noch durch 3 rotblühende Arten
vertreten. Eine überaus stattliche Pflanze ist die gefleckte T. (L. maculätum), die der
weißblühenden Form sehr ähnlich ist. Sie wächst in Laubwäldern und feuchten
Gebüschen und hat dementsprechend große und zarte Blätter, die zudem häufig noch
weiß gefleckt sind (Name! vgl. mit Wiesenklee und Lungenkraut). Die beiden anderen
rotblühenden Arten sind weit kleiner und kommen auf bebautem Lande als Unkräuter,
sowie an Wegen und Hecken überall häufig vor. Sie lassen sich leicht dadurch von-
einander unterscheiden, daß die eine Form, die stengelumfassende T. (L. amplexicäüle),
am oberen Teile stengelumfassende Blätter besitzt, während bei der anderen Art, der
roten T. (L. purpureum), sämtliche Blätter gestielt sind. An der stengelumfassenden
Taubnessel finden sich häufig unscheinbare Blüten, die sich ähnlich wie die Sommerblüten
des Veilchens nie öffnen. — Eine prächtige Frühlingspflanze ist die gelbblühende (Name!)
Goldnessel (Galeöbdolon luteum). Da sie dieselben Örtlichkeiten wie die gefleckte
Taubnessel bewohnt, so ist sie gleichfalls ein überaus zartes Gewächs. Auch ihre Blätter
sind oft weiß gefleckt.
Bereits im April entfaltet der überall häufige Gundermann (Glechoma hederäcea)
seine zarten, blauen Lippenblüten. Nur die blütentragenden Triebe sind kräftig genug,
sich senkrecht vom Boden zu erheben; sonst liegt das Pflänzchen, aus allen Knoten
Wurzeln schlagend, der Erde auf. Diese Lage ist aber für ein Gewächs, dessen Blätter
wie bei allen Lippenblütlern kreuzweis gestellt sind, sehr ungünstig. Hier muß ein
Ausgleich geschaffen werden, und das ist auch der Fall : die langen Blattstiele stellen
sich senkrecht naoh oben; die Blattflächen nehmen die wagerechte Lage ein, und die
Blätter, die der Blattstellung entsprechend nach unten wachsen würden, sind durch eine
Drehung der Stengelglieder zur Seite gerückt, so daß sie gleichfalls das Licht aufsuchen
können. Wie sehr sich die Pflanze den Verhältnissen, unter denen sie gedeiht, an-
zuschmiegen „versteht", ist auch aus folgender Tatsache ersichtlich: an schattigen
Orten sind die Blätter (oft auffallend) groß und zart, an sonnigen dagegen viel kleiner
und derber (s. S. 146, 2). — Eine andere bekannte Frühlingspflanze unserer Wiesen und
Laubwälder ist der kriechende Günsel (Ajüga reptans). Seine leuchtend blauen Blüten
besitzen eine so kurze Oberlippe, daß Staubblätter und Narbe weit aus der Röhre
hervorragen. Dafür stehen sie aber so dicht zusammen, daß sie durch die darüber
befindlichen Blätter vor Regen geschützt sind. Am unteren Teile des aufrechten Stengels
brechen lange Ausläufer hervor (Artname!), an denen dieselbe „Korrektur" der Blätter wie
beim Gundermann zu beobachten ist. Am Ende der Ausläufer, die im Herbste absterben,
bilden sich Blattrosetten, aus denen im nächsten Frühjahre neue Pflanzen hervorgehen
(Vermehrung!). — Später im Jahre entfaltet an denselben Örtlichkeiten die Brunelle
Taubnesseln und andere Lippenblütler. 151
(Brunella vulgaris) ihre violetten Blüten. Sie stehen dicht übereinander, werden aber
von den Blättern, aus deren Achseln sie entspringen, nicht verdeckt; denn diese bleiben
nicht nur klein, sondern sind gleich den Kelchen meist sogar bunt (rotbraun) gefärbt
(Bedeutung ?).
An Wegen, auf Schutt und an ähnlichen Orten macht sich häufig die Schwarz-
nessel (Ballöta nigra) breit. Die der weißen Taubnessel sehr ähnliche Pflanze hat aber
schmutzig rote Blüten. — An denselben Stellen, wie auch als Unkraut unter der Saat
findet sich der (gemeine) Hohlzahn (Galeopsis tetrahit). Die Unterlippe der roten
Blüten besitzt 2 zahnartige Ausstülpungen (Name!), durch welche die Hummeln genötigt
werden, den Kopf so in die ßlütenöffnung einzuführen, daß die Staubbeutel unbedingt
berührt werden müssen. — Über Wald und Heide, über Feld und Sumpf, über Berg und
Tal sind die zahlreichen Ziestarten (Stachys) verbreitet. — Die formenreiche Gattung
der Minzen (Mentha) liebt das Wasser (Ufer der Bäche und Flüsse, Sümpfe, feuchte
Äcker u. dgl.). Alle Arten haben einen eigentümlichen Geruch, der wie bei der Rose
von einem flüchtigen Öle herrührt. Das Öl (Verwendung?) wird besonders von der
Pfefferminze gewonnen (M. piperita), die wahrscheinlich aus dem Mittelmeergebiete
stammt und hier und da, vorwiegend aber in England und Nordamerika im Großen an-
gebaut wird. — Sehr reich an flüchtigen Ölen und daher wertvolle Gewürz- oder Arznei-
pflanzen sind ferner das Bohnenkraut (Satureja hortensis), der Majoran (Origanum
majoräna), der Garten-Thymian (Thymus vulgaris) und der Garten-Salbei (Sälvia
offlcinalis). Die Heimat dieser allgemein bekannten Pflanzen sind die Länder um das
Mittelmeer. Das vielfach als Topfgewächs gezogene Basilienkraut (Ocimum basilicnm)
dagegen stammt aus Ostindien.
Indem wir uns fragen, welche Bedeutung der große Ölreichtum für die
Pflanzen selbst hat, wollen wir uns wieder der Heimat und damit den beiden
letzten Gliedern der großen und wichtigen Familie zuwenden : dem Feld-Thymian
oder Feld -Quendel (Thymus serpyllum) und dem Wiesen-Salbei (Sälvia pra-
tensis). Beide sind stark duftende, ausdauernde Pflanzen, die an kahlen Berg-
lehnen, auf sandigen Triften, kurz an trockenen Stellen im heißesten Sonnen-
brande wachsen. Der rotblühende Thymian ist daher auch nur ein niedriges,
rasenbildendes Pflänzchen mit winzigen Blättchen (vgl. mit Heidekraut!), und
der stattliche Salbei besitzt tiefgehende Wurzeln und stark gerunzelte Blätter
(s. S. 120, 3). Gleiche wasserarme Örtlichkeiten bewohnen nun in ihrer Heimat
die oben erwähnten Gewürz- und Arzneipflanzen (mit Ausnahme der Minzen),
eine Tatsache, die für die Beantwortung der aufgeworfenen Frage nicht un-
wichtig zu sein scheint. Es ist nämlich sicher nachgewiesen, daß Luft, die reich
an flüchtigen Ölen in Dampfform ist, weit weniger Wärmestrahlen durchgehen
läßt, als reine Luft. Da nun die Pflanzen von einer solchen Dufthülle beständig
umgeben werden, so ist es nicht unwahrscheinlich, daß wir es in dem sich
stetig verflüchtenden Öle mit einem Schutzmittel der Gewächse gegen zu hohe
Erwärmung und damit gegen zu starke Wasserdampfabgabe zu tun haben.
Der Wiesen-Salbei verdient noch wegen seiner interessanten Bestänbungs-
weise unsere Beachtung. Von den 4 Staubblättern, wie wir sie bei den Lippen-
blütlern regelmäßig finden, sind bei ihm (wie bei allen Salbeiarten und einigen
anderen Familiengliedern) nur die beiden vorderen vorhanden, die zudem eine
152
Taf. 21. 40. Familie. Lippenblütler. 41. Familie, Rachenblütler.
sehr merkwürdige Ausbildung erfahren haben : bei den meisten Pflanzen ist der
Teil des Staubblattes, der die beiden Staubbeutellacher verbindet, sehr kurz.
Bei anderen, wie bei dem soeben erwähnten Feld-Thymian,
ist dieses sog. Mittelband schon breiter, und beim Salbei
endlich übertrifft die eine Hälfte desselben den Staub-
faden sogar an Länge. Die andere Hälfte des Mittel-
bandes dagegen, der zudem das Staubbeutelfach fehlt,
bleibt verhältnismäßig kurz und ist
am Ende zu einer löffelartigen Platte
verbreitert, die mit der Platte des
anderen Staubblattes den Eingang zur
Blütenröhre versperrt. Der lange Ab-
schnitt des Mittelbandes mit seinem
Staubbeutelfache dagegen ist ; n der
Oberlippe der azurblauen Blüte ge-
borgen. Schickt sich nun eine Hummel
an, die sich auf der Unterlippe einer
jungen Blüte niedergelassen hat, Honig
zu saugen, so stößt sie mit dem Kopfe
oder Rüssel gegen die beiden erwähnten
Platten. Da aber die Mittelbänder
mit den Staubfäden gelenkig verbun-
den sind, so werden die Platten durch
das Tier zugleich nach hinten ge-
drückt: infolgedessen senkt sich aber
der lange Arm des ungleicharmigen
Hebels herab, und die geöffneten Staub-
beutelfächer schlagen auf dem Rücken
der Hummel auf. (Ahme die Tätig-
keit des Insekts mit Hilfe eines zu-
gespitzten Bleistifts nach!) Fliegt
das Tier, mit Blütenstaub beladen, nun
zu einer älteren Blüte, in der die
Staubblätter zwar schon verstäubt
haben, die zweigespaltene Narbe sich
aber gerade in den Eingang zur
Blüte gestellt hat, so muß es die
Narbe gleichfalls mit dem Rücken
berühren, also Fremdbestäubung her-
beiführen. Diese eigentümliche Art
der Bestäubung macht uns auch die
verhältnismäßig große Entfernung
zwischen Unter- und Oberlippe (mehr
Bestäubung des Wiesen-Salbei.
1. ZweiBlüten, die von je einerHum-
rael besucht werden: a. jüngere Blüte;
die Staubbeutelfächer berühren den Rücken
des Tieres, b. ältere Blüte; die anfliegende
Hammel streift mit der blütenstaubbehafteten
Stelle des Rückens die Narbe. 2. Ein Staub-
blatt, von der Seite, 3. beide Staub-
blätter, von vorn gesehen. 4. Staub-
blatt des Feld-Thymians zum Vergleich.
F. Staubfaden. M. Mittelband. B. Staub-
beutelfächer.
Schineil, Lehrbuch der Botanik.
Tafel 21.
h'M/tM,
Leinkraut oder Frauenflachs (Linaria vulgaris).
Andere Lippenblütler. Leinkraut. 153
als Hummelgröße!), sowie die auffallende Schmalheit der Oberlippe verständlich
(vgl. mit Taubnessel).
Ein Glied einer nahe verwandten Familie ist das Eisenkraut (Verbena
ofiicinälis), das an Wegrändern und ähnlichen Orten gedeiht. Es trägt kleine, blaue
Blüten und ist, seinem Standorte entsprechend (Beweis!), ein sparriges, rutenförmiges
Gewächs mit schmalen, eingeschnittenen Blättern und tiefgehender Wurzel. Im Altertum
schrieb man der unscheinbaren Pflanze Wunderkraft zu; so sollte z. B. Eisen darch
nichts so gut gehärtet werden können als durch sie (Name!). — Die prächtigen Ver-
benen unserer Gärten sind Abkömmlinge einer südamerikanischen Art. ■— -Eine andere,
mit den Lippenblütlern nahe verwandte Pflanze ist die echte Bärenklane (Acänthus),
die in Südeuropa heimisch ist, bei uns aber öfter als Zierpflanze angebaut wird. Die
tief eingebuchteten, malerischen Blätter finden seit den Zeiten der alten Griechen be-
sonders in der Bildhauerkunst reiche Verwendung.
41. Familie. Rachenblütler (Scrophulariäceae).
Blüten wie bei den Lippenblütlern (s. das.); Frucht aber eine zweifächerige Kapsel.
Das Leinkraut oder der Frauenflachs (Linäria vulgaris). Tafel 21.
Auf Sandboden und an anderen unfruchtbaren Örtlichkeiten ist die zierliche
Pflanze (1.) fast überall häufig anzutreffen. Je nachdem sie unter größerem
oder geringerem Wassermangel zu leiden hat,, senkt sie den vielverzweigten
unterirdischen Stengel (Wurzelstock) samt den Wurzeln, die von ihm
ausgehen, mehr oder weniger tief in den Boden. Auch in den schmalen, mit
einer Wachsschicht überzogenen Blättern (tauche einen Stengel ins Wasser!)
besitzt sie ein wichtiges Schutzmittel gegen zu starken Wasserverlust (vgl. S. 22,
bezw. 17, 2). Da sich schmale Blätter gegenseitig nur wenig beschatten, sind
die aufrechten Stengel auch sehr dicht mit solchen besetzt. Durch diese
zahlreichen, schmalen und langen Blätter erhält die (noch nicht blühende) Pflanze
eine große Ähnlichkeit mit dem Lein oder Flachs, eine Tatsache, welche die
oben angegebenen Namen hinreichend erklärt.
Aus den Achseln der oberen, kleinen (Bedeutung?) Blätter entspringen
die kurz gestielten, zierlichen, gelben Blüten (2. — 5.), die zusammen eine weithin
sichtbare Traube bilden (Bedeutung ?). Sie sind denen der Taubnessel außerordent-
lich ähnlich und gleichfalls vollendete Hummelblumen (beweise beides !). Der
mittlere Abschnitt der dreigespaltenen Unterlippe, dessen Orangefarbe als „Saft-
mal" gedeutet wird, ist aber kissenförmig angeschwollen
und legt sich dicht und fest an die zweispaltige Oberlippe.
Während kleinere Insekten diesen Verschluß nicht zu
öffnen vermögen (Bedeutung?), ist dies den großen,
kräftigen Hummelarten ein leichtes : sie lassen sich auf der
Unterlippe nieder (beachte die Richtung der Zipfel!) und
kriechen soweit als möglich in den sich öffnenden „Blüten-
rachen" (2.). („Rachenblütler". — Die Pflanze heißt sehr Blütengruttdrif}
bezeichnend auch „Feld-Löwenmaul".) Da die Hummeln vom Leinkraut
154 Taf. 22. 41. Familie. Rachenblütler.
infolge ihrer Größe hierbei die Blütenröhre vollkommen ausfüllen, so sind
sie auch die gewiesenen Bestäubungsvermittler (Beweis!). Ihnen ist daher
auch allein der Honig zugänglich. Er wird von der Unterlage des Frucht-
knotens abgeschieden, fließt aber in einen langen Sporn hinab (3.), zu dem
der untere Teil der Blütenröhre ausgezogen, und der oft bis zur Hälfte mit
dem süßen Safte gefüllt ist (halte die Blüten gegen das Licht!). Die vom
Honiggenuß ausgeschlossenen kurzrüsseligen Hautflügler verüben allerdings sehr
häufig Einbruch (4. u. 5.).
Hinsichtlich der Frucht dagegen unterscheidet sich das Leinkraut wesent-
lich von der Taubnessel: sie ist eine Kapsel, die sich bei der Eeife im oberen
Teile mit 6 unregelmäßigen Zähnen öffnet (6). Der Wind schüttelt dann die
zahlreichen Samen aus (8.). Da sie rings von einem Hautrande umgeben sind,
können sie weit verweht werden (Bedeutung?). Bei Eintritt feuchter Witterung
schließt sich, wie wir dies bereits bei zahlreichen anderen Pflanzen kennen
gelernt haben (Beispiele! Bedeutung?), die Kapsel wieder (7.).
Andere Rachenblütler.
1. An Felsen und altem Mauerwerk siedelt sich gern das efeublättrige Lein-
kraut (L. cymbaläria) an, das aus Südeuropa eingewandert ist. Das überaus zierliche
Pflänzchen hat schwache, kriechende Stengel, fünf lappige Blätter wie der Efeu (Name!)
und violette Blüten, die von langen Stielen in das Licht gerückt werden (Bedeutung?).
Nach dem Verblühen aber krümmen sich die Blütenstiele zurück, so daß die reifenden
Kapseln der Unterlage zugewendet werden. Infolgedessen gelangen die ausfallenden
Samen in Felsenspalten und Mauerritzen, also an Orte, an denen der Keimling und
die junge Pflanze die zum Leben notwendige Erdmenge finden. — Gleichfalls aus Süd-
europa ist das Löwenmaul (Antirrhinum majus) zu uns gekommen, das in fast zahl-
losen Farbenspielarten eine unserer bekanntesten Zierpflanzen ist. — Kurze Röhren-
blüten mit kleinen Lippen besitzt die knotige Braun würz (Scrophuläria nodosa), die
ihren Namen nach dem knotigen, dunkelgefärbten Wurzelstocke trägt. Die allbekannte
Pflanze findet sich in feuchten Wäldern und Gebüschen und hat den Standorten ent-
sprechend (s. S. 7, b und c) große und zarte Blätter. Die braunen Blüten werden vor-
wiegend von Wespen besucht und bestäubt.
Der rote Fingerhut (Digitalis purpürea) bewohnt Gebirgsgegenden. Dort schmückt
er besonders Waldblößen mit seinen prächtigen, einseits-wendigen Blütentrauben. Die
großen, purpurroten Blüten stellen hängende Glocken dar (Name, Schutz gegen Regen!).
Nachdem die Blütenkrone abgefallen ist, richten sich die Blütenstiele wieder empor, so
daß die am oberen Teile sich öffnenden Früchte aufrecht gestellt sind. Infolgedessen
fallen die zahlreichen kleinen Samen nicht — wie es sonst der Fall sein würde — sämt-
lich in nächster Nähe der Pflanze zu Boden, sondern können durch Windstöße leicht
über einen großen Umkreis verstreut werden (Bedeutung?). Alle Teile des stolzen Ge-
wächses enthalten ein sehr heftiges Gift (Digitalin), das Weidetiere vom Verzehren der
grünen Teile abhält, uns aber als wirksames Heilmittel , vorzüglich bei Herzkrank-
heiten, dient.
2. Zahlreiche andere Glieder der formenreichen Familie besitzen Blüten,
die einige Ähnlichkeit mit einem Bade haben : die kurze Blütenröhre (Nabe des
Schmeil. Lehrbuch der Botanik.
Tafel 22.
Echte Königskerze (Verbascum thapsus).
Leinkraut und andere Rachenblütler. 155
Rades!) breitet sich in einen Saum aus, der in 4 oder 5 Abschnitte (Speichen
des Rades!) gespalten ist. Blüten dieser Art linden wir z. B. bei den Königs-
kerzen (Verbäscum), die in zahlreichen Arten zumeist steinige, sonnige Orte
bewohnen. Eine der am häutigsten vorkommenden Formen ist die echte K.
(V. thapsus), die nicht selten die Höhe von 1'/-' m erreicht und zumeist die Ge-
stalt einer regelmäßigen Pyramide aufweist (Belichtung! Auf Tafel 22, 1 ist
die Pflanze bei einem heftigen Regen dargestellt). Die Spitze der Pyramide
wird von dem kerzenartigen Blutenstände gebildet (Name!), der aus zahlreichen,
leuchtend gelben Blüten (2. u. 3.) zusammengesetzt ist. Da sich die braunen
Fruchtkapseln bei der Reife im oberen Teile öffnen (4.), so vermag der
Wind, der den hohen, elastischen Stengel erschüttert (Schleuder!), die zahl-
reichen, kleinen und gefurchten Samen (5.) leicht über einen weiten Bezirk
zu verstreuen. Die grünen Teile der stattlichen Pflanze sind so dicht mit
Haaren bedeckt, daß sie sich wie Filz anfühlen (darum auch ., Wollkraut"
genannt). Auf der Schleimhaut des Mundes verursachen die Haare ein lästiges
Jucken und Kratzen. Darum hüten sich Weidetiere auch, die Pflanze zu berühren.
Bei mikroskopischer Betrachtung geben sich die Haare als Gebilde zu erkennen,
die wie Tannenbäumchen verzweigt sind (6. Haarfilz bei 50facher Vergr.). Sie
verhindern daher auch in vortrefflicher Weise eine zu schnelle Erneuerung der
Luftschicht, von der die Pflanze umgeben wird, und damit eine zu starke
Verdunstung des Wassers durch die Blätter (s. S. 43. C a). Dieser Schutz
ist um so wichtiger, als ja die Pflanze auf sehr trockenem Boden wächst. Dar-
um finden wir auch erstlich den Haar Überzug an jungen Teilen besonders ent-
wickelt; daher erscheint ferner die Blattrosette, welche die Königskerze im
ersten Jahre bildet, und die den trockenen Winter zu überstehen hat (s. S. 92),
wie aus Filz geschnitten, und darum kann endlich die Pflanze im Gegensatz zu
zahlreichen kleinblättrigen Gewächsen derselben Standorte (Beispiele!) auch so
große, weil wohlgeschützte Blätter tragen. Die Blätter sind infolge ihrer
Größe andererseits auch wieder imstande, eine verhältnismäßig große Menge
von Regenwasser aufzufangen und der Wurzel zuzuleiten, die sich fast unver-
zweigt tief (Bedeutung!) in den Boden senkt. Der Ableitung des W'assers
nach der Mitte der Pflanze scheint aber die Haltung der Blätter nur teilweise
zu entsprechen. Zwei Drittel jeder Blattfläche sind allerdings zum Stengel
schräg aufwärts gestellt. Das andere Drittel dagegen ist schräg nach unten
gerichtet, so daß das Wasser yon ihm auch nach außen abfließen muß. Trotz-
dem geht es für die Pflanze nicht verloren: wie leicht zu beobachten ist (1.),
tropft es nämlich auf ein darunter stehendes Blatt und zwar stets an eine
Stelle desselben, von der aus es dem Stengel und damit der Wurzel zugeführt
werden muß.
Gleichfalls radförmige Blüten, aber nur mit 2 Staubblättern, besitzen die zahl-
reichen Arten der Gattung Ehrenpreis (Verönica), von denen hier nur die verbreitetsten
erwähnt werden können. Auf Wiesen und an ähnlichen Orten wächst der Gamander- E.
(V. chaniiedrys), der an den zweireihig behaarten Stengeln leicht kenntlich ist. Die
156
41. Familie. Rachenblütler.
prächtig blatten Blüten sind zu Trauben gehäuft, werden daher trotz der Kleinheit
weithin sichtbar. Besonders zahlreich stellen sich zierliche Schwebfliegen ein, die zu-
meist den unteren Zipfel des Blumenkronensaumes als Anflugsplatz benutzen. Dabei
drücken sie
denGriffel her-
ab und ergrei-
fen die dreh-
baren Staub-
fäden, so daß
auch deren
Beutel mit der
Unterseite des
Körpers in Be-
rührung kom-
men (Bedeu-
tung?). Da die
Blumenkronen
sehr leicht ab-
fallen, hat das
Volk dem zier-
Im Frühjahre findet sich
mit einzelnstehenden blaß-
Bliiten vom Gamander -Ehrenpreis. Bei 2 hat sich eine Schweb-
fliege an dem unteren Zipfel des Blumenkronsaums festgeklammert, so
daß die Blüte bestäubt wird. (Etwa 4 mal nat. Gr.)
liehen Pflänzlein den Spottnamen „Männertreu" beigelegt. -
besonders unter der Saat der Efeu-E. (V. hederifölia)
blauen Blüten und efeuähnlichen Blättern — Ein Bewohner von Bächen und Gräben
dagegen ist der Bachbungen-E. (V. beccabünga), der seinem Standorte entsprechend
dicke, saftstrotzende Blätter wie die Sumpf-Dotterblume besitzt (s. das.).
3. Die folgenden Rachenblütler haben wieder deutlich zweilippige Blüten
wie das Leinkraut und seine nächsten Verwandten, unterscheiden sich von diesen
u. a. aber wesentlich dadurch, daß sie sämtlich „Wurzelschmarotzer" sind.
Nimmt man z. B. den großen Klappertopf (Alectorölophus major) vorsichtig
aus dem Boden, so staunt man, wie eine Pflanze, die bis zu 1 h m hoch wird,
mit so gering entwickeltem Wurzelwerk „auskommen" kann. Bei näherem Zu-
sehen findet man aber an den Wurzeln zahlreiche, 2—3 mm große Wärzchen, die
sich an den Wurzeln der Nachbarpflanzen anlegen und diesen Nahrungsstoffe
entziehen (vgl. mit Hopfenseide!). Daher sieht man auch häufig auf Wiesen,
auf denen der Klappertopf in großen Trupps auftritt, wie die Gräser um ihn
absterben. Da er aber grüne Blätter besitzt, vermag er einen großen Teil
der zum Leben und Wachstum nötigen Stoffe selbst zu bereiten : er ist nur ein
„Halbschmarotzer". Die gelbe Blüte, deren Oberlippe zwei blaue Zähnchen
besitzt, ist von einem blasigen Kelche umgeben (verfolge die interessante Be-
stäubung!). Er umhüllt auch die Frucht und dient in erster Linie als ein
Windfang: indem er nämlich leicht vom Winde geschüttelt wird, werden auch
die Kapseln hin und her bewegt. Dadurch werden aber die Samen, die in den
Kapseln bei Erschütterungen klappern (Name!), herausgeschleudert und, weil
von einer Flughaut umgeben, leicht weithin verweht (Bedeutung?).
Mit dem Klappertopf tritt auf den Wiesen und Matten zumeist auch der Augen-
Andere Rachenblütler.
157
fcrosl (Euphrasia) in großen Mengen auf. Er fügt
aber dem Landmann, der ihn hier und da als
„Milchdieb " bezeichnet, gleich den anderen Halb-
schmarotzern sicher nur geringen Schaden zu. Von
der zierlichen, weißblühenden Art, dein gemeinen
Au. (Eu. ofüeinälis), der früher als Heilmittel
gegen Augenleiden galt, führt die Gattung den
Namen. Der größere rote Au. (Eu. odontites)
kommt als Unkraut häufig auch auf feuchten Äckern
vor. — Auf toriigen Wiesen wächst in mehreren
Arten das Läusekraut (Pedicularis) mit zierlich
zerteilten Blättern und nieist roten Rachenblüten.
Die niedliche Pflanze ist zu dem unschönen Namen
gekommen, weil man eine Abkochung von ihr früher
gegen das Ungeziefer der Haustiere anwendete.
— Im Schatten der Wälder findet sich der Hain-
Wachtelweizen (Melampyrum nemorösum). Da
die Blätter, in deren Achseln die gelben Blüten
stehen, wie Blumenblätter bunt und zwar prächtig
Groger Klappertopf. 1. Wurzeln mit Saugwärzchen. 2. Blühender und Früchte
tragender Stengel. 3. Same. (Nat. Gr.).
blau gefärbt sind, wird die zarte Schattenpflanze sehr auffällig (Bedeutung?). — Beim
Wiesen -W. (M. pratense), der ein häufiger Schmuck der Waldwiesen ist, findet sich
diese Doppelfärbung nicht. Die Samen beider Pflanzen werden gern von Ameisen ver-
schleppt; die weizenkornähnlichen Gebilde (Name!) besitzen nämlich einen sackartigen
Anhang, der diesen Tieren als willkommene Speise dient.
158 Taf. 23. 41. Familie. Rachenblütler. 42. Familie. Wegerich-Gewächse.
Eine Sommerwurz auf der Wurzel der Pferde-
oder Saubohne schmarotzend. (Wenig verkl.)
4. Im Gegensatz
■zu diesen „Halb-
schmarotzern" be-
sitzt die Seh uppen-
wurz (Lathrsea
squamäria) kein
Blattgrün. Daher
ist sie wie die Hopfenseide
(s. das.) genötigt, sich voll-
kommen von anderen Pflan-
zen ernähren zu lassen. Sie
lebt unterirdisch auf den
Wurzeln der Laubbäume,
denen sie durch Saugwarzen
die zum Leben und Aufbau
Stoffe entzieht. Der unter-
farblose und fleischige Stamm
ist dicht mit schupp enförniigen Blät-
tern (Name!) besetzt, die — wie man
auf einem Durchschnitt sehen kann
— innen je einen Hohlraum besitzen.
Da dieser Raum mit der Außenwelt
in Verbindung steht, und da man in
ihm Eeste sehr kleiner Tiere findet,
so ist es nicht unwahrscheinlich, daß das seltsame
Gewächs nicht nur ein Schmarotzer, sondern auch
eine tierfressende Pflanze ist (s. Sonnentau !). Im
Frühjahre erhebt die Schuppenwurz die mit röt-
lichen Blättern und einseitswendigen , rachen-
förmigen Blüten dicht besetzten Stengel über den
Boden. Hat der Wind die sehr zahlreichen,
staubförmigen Samen ausgestreut, so stirbt der
oberirdische Stengel ab, und die
Pflanze zieht sich wieder gänzlich in
den Boden zurück. Wenn wir be-
denken, wie geringe Aussicht die
keimenden Samen haben, eine ge-
eignete Wurzel zu treffen, so wird
uns ihre große Anzahl wohl ver-
ständlich. Und wenn wir weiter
bedenken, daß die Samen über
ein umso größeres Gebiet ver-
Schmal, Lehrbuch der Botanik,
Tafel 23.
Mit. lerer Wegerich (Plantago media).
Schlippen- und Sommerwurz. Fettkraut. Wasserschlauch. Wegerich, 159
sie sind, so werden wir auch ihre staubförmige Feinheit als wichtige oder gar
notwendige Eigenschaft erkennen.
Eine in allen Stücken ganz ähnliche Lebensweise führt ein Glied einer nahe
verwandten Familie, die Sommerwurz (Orobänche), die in zahlreichen, schwer
zu unterscheidenden Arten auf den "Wurzeln der verschiedensten Pflanzen schmarotzt
(z. B. auf Klee, Hanf, Gerste u. v. a.). Von dem unteren, knollenförmigen Teile des
unterirdischen Stammes, der mit schuppenformigen Blättern besetzt ist, gehen zahlreiche
Wurzeln aus, die mit denen der Nährpflanze in Verbindung stehen. Mit Beginn oder
während des Sommers (Name!) wächst die Gipfelknospe des Stammes zu einem Stengel
aus, der sich über den Boden erhebt und zahlreiche, meist bunt gefärbte Rachenblüten
trägt. — Gleichfalls nahe Verwandte der Rachenblütler sind das Fettkraut (Pinguicula)
und der Wassersohlauoh (Utriculäria), die bei den „insektenfressenden Pflanzen" be-
reits erwähnt worden sind.
42. Familie. Wegerich-Gewächse (Plantaginäceae).
Der Wegerich (Plantago). Tafel 23.
1. Die verbreitetsten Arten. Schon bei einiger Aufmerksamkeit
merkt man, daß der Wegerich in mehreren, wohl unterschiedenen Arten auf-
tritt, von denen die 3 folgenden überall häufig anzutreffen sind: der Spitz-
wegerich (P. laneeoläta) ist leicht an den lanzettlichen Blättern zu erkennen: der
große und der mittlere W. (P. major und media) dagegen besitzen viel breitere
Blätter, die jedoch wieder voneinander verschieden sind. Während sie bei
ersterein deutlich gestielt sind, verschmälern sich bei letzterem die Blattflächen
nur in je einen kurzen, breiten, undeutlichen Blattstiel. (Erkläre die Artnamen!)
•2. Standort. Diese drei Wegericharten bewohnen Wiesen, Triften und
ähnliche Orte. Vor allen Dingen sind sie regelmäßige Begleiter der Wege (Gat-
tungsname!); ja sie siedeln sich sogar zwischen dem Pflaster wenig betretener
Straßen an. An allen diesen Orten findet sich auch der allbekannte Löwen-
zahn, und es ist daher durchaus nicht zu verwundern, daß zwischen diesen
Pflanzen hinsichtlich der
.'). Wurzeln und Blätter eine so große Übereinstimmung herrscht.
Wie der Löwenzahn (s. das.) haben die Wegericharten sehr t i e f g e h e n d e
Wurzeln (dem „großen Wegerich" fehlt aber die Pfahlwurzel der beiden
anderen Arten!), sowie Blätter, die oberseits mit Rinnen versehen und
an trockenen Standorten zu regelmäßigen Rosetten geordnet sind (1.). An
Stellen dagegen, an denen die Pflanzen mit anderen um das Licht ringen (Wiese),
sind auch die ganzrandigen Blätter mehr oder weniger aufwärts gerichtet.
4. Blüte, a) Auf einem langen Stiele, der aus der Achsel eines Blattes
entspringt, stehen dicht gehäuft zahlreiche Blüten (Ähre). Sie bestehen (2. u. 3.)
aus einem vierteiligen Kelche, einer kleinen Blumenkrone mit vierteiligem
Saume, vier Staubblättern und einem Stempel.
b) In der Regel ragt der Griffel mit der behaarten, einem < ylinderputzer
ähnlichen Narbe bereits aus der Blüte hervor (2.), wenn die Staubblatter noch zu-
160 Taf. 24. 42. Fam. Wegerich-Gewächse. 43. Farn. Glockenblumen-Gewächse.
rückgebogen sind (s. S. 161). Später strecken sich auch diese hervor (3.). Ob-
gleich die Staubbeutel dann vollkommen frei stehen, ist der Blütenstaub doch
nicht ohne jeden Schutz: die bereits geöffneten Beutel (4.) schließen sich
nämlich in taureichen Nächten und beim Eintritt feuchter Witterung wieder
(5.; Versuch!) Erschüttert man den Blütenstand bei trockenem Wetter, so
entweichen aus den Beuteln Wölkchen trockenen Staubes. Dasselbe geschieht
natürlich auch beim Wehen des Windes (langer, beweglicher Stiel!), und es
kann daher nicht ausbleiben, daß auf diesem Wege Staub zu den freistehenden
Narben gelangt, der Wind also die Bestäubung vermittelt. Andererseits sieht man
aber auch, wie die Blüten von Insekten besucht werden, die Blütenstaub ver-
zehren oder „einernten". Besonders häufig hat sich der „mittlere Wegerich"
eines solchen Besuchs zu erfreuen. Seinen Blüten entströmt aber auch ein
sehr zarter Duft, und die violetten Staubblätter machen die unscheinbaren Blüten
doch weithin bemerkbar. Die beiden anderen Arten dagegen haben duftlose Blüten
und nur gelbliche oder weiße Staubblätter. Der Wegerich stellt also
einen Übergang von den insektenblütigen zu den windblütigen
Pflanzen dar, von welch letzeren wir in der Haselnuß (s. das.) einen ausge-
prägten Vertreter kennen lernen werden. (Stelle auch fest, in welchen anderen
Punkten die Wegerichblüte Eigentümlichkeiten dieser beiden Pflanzengruppen
zeigt, und wie sich dies bei den einzelnen Arten entweder zu Gunsten der Wind-
oder der Insektenblütigkeit verschiebt!)
5. Die Frucht (6.) ist eine Kapsel, deren oberer Teil sich bei der Reife
ablöst (7.). Jndem der Wind den Fruchtstand hin- und herbewegt, werden die
kleinen Samen herausgeschleudert. Befeuchtet man die Samen, so wird die
Oberhaut schleimig und klebrig, eine Eigentümlichkeit, deren Bedeutung wir beim
Kürbis noch kennen lernen werden.
43. Familie. Glockenblumen-Gewächse (Campanuläceae).
Die rundblättrige Glockenblume (Cainpänula rotundifolia). Tafel 24.
A. Wie sie grünt. Die zierliche, sehr veränderliche Pflanze (1.) liebt sonnige
Standorte: trockene Wiesen, Wegränder, Bergabhänge, lichte Waldstellen
u. dgl. Sie senkt daher gleich anderen Trockenlandpflanzen (Beispiele!) den
langen unterirdischen Stamm (Wurzelstock) und die von ihm ausgehenden
Wurzeln bis in die tieferen, feuchten Bodenschichten hinab und besitzt ferner
sehr kleine Blätter, die auch nur geringe Mengen von Wasser verdampfen
(vgl. dag. Windröschen und andere Schattenpflanzen). An den „Kurz trieben",
d. i. an den kurzen Zweigen des unterirdischen Stammes, die erst im nächsten
Jahre Blüten tragen, sind die Blätter gestielt, rundlich (Artname!) und am
Rande meist gekerbt. Ebenso sind sie am unteren Teile der blütentragenden
Zweige gestaltet, die — weil sie die Blüten den Bestäubern ja sichtbar machen
müssen — stark in die Länge gestreckt sind. Nach oben hin verschmälern sich
Schm eil, Lehrbuch der Botanik.
Tafel 24.
Rundblättrige Glockenblume (Campanula rotundifoli
Wegerich. Glockenblume. 161
die Blätter dieser „Langtriebe" aber immer mehr, bis sie endlich fast linien-
förmig und ganzrandig werden.
B. Wie sie blüht. 1. Wenn sich die anfangs aufrecht stehenden Blüten
öffnen, neigen sie sich durch Krümmung ihrer Stiele herab, so daß Blütenstaub
und Honig vortrefflich gegen Regen geschützt sind (1. 5. u. 6.). Die meist
himmelblaue Blumenkrone stellt ein zierliches Glöckchen dar (Gattungsname!),
das sich in 5 zurückgebogene Zipfel spaltet. Da es seine Außenseite den Blicken
der Insekten darbietet, ist es auch hier viel lebhafter als an der Innenseite ge-
färbt. (Vgl. dag. die Blüten, bei denen die Innenfläche der Blumenkrone be-
sonders sichtbar ist!) Der Kelch ist im unteren Teile mit dem Fruchtknoten
innig verwachsen, im oberen dagegen in 5 fadenförmige Zipfel gespalten (warum
wären breite Zipfel hier durchaus unvorteilhaft?). Der Oberfläche des Frucht-
knotens ist die scheibenförmige, gelbe Honigdrüse aufgelagert. Sie umgibt
den Griffel und ist von den stark verbreiterten unteren Abschnitten der
5 Staubblätter (3. 5mal vergr.) wie von einem Gewölbe überdacht, so daß
nur 5 spaltenförmige Zugänge zum Honig vorhanden sind. Da die Spalten
zudem durch Härchen, die von den Rändern der Staubblätter ausstrahlen, ver-
sperrt sind, so ist kleinen und daher (Beweis!) unnützen Blütengästen der Zu-
tritt zum süßen Safte verwehrt. Größere Insekten dagegen können die Haar-
reusen mit Hilfe des Rüssels leicht durchdringen und bis zum Honig herabreichen.
Um zu erkennen, wie die von diesen Gästen vermittelte
2. Bestäubung erfolgt, muß man die Entwicklung der Blüte genauer
verfolgen.
a) Öffnet man eine noch aufrechtstehende Blutenknospe, deren Blumen-
krone sich blau zu färben beginnt (2. 3 mal vergr.), so sieht man, wie der obere
Teil des Griffels (4. 5 mal vergr.) rings mit Haaren besetzt ist, so daß er einem
Cylinderputzer ähnelt. Die Staubbeutel sind noch mit Blütenstaub gefüllt und
liegen dem Griffel dicht an.
b) Bei einer etwas älteren, aber gleichfalls noch geschlossenen Blüte be-
merkt man, wie sich die Staubbeutel nach innen öffnen und den grünblauen
Blütenstaub auf der „Griffelbürste" ablagern. Weil nunmehr für die Blüte ohne
Bedeutung, verschrumpfen sie bis auf die stark verbreiterten unteren Abschnitte
(„Saftdecke"!); der Griffel dagegen streckt sich in die Länge. Jetzt öffnet sich
die nickend gewordene Blüte (5. 2 mal vergr.), und der Blütenstaub wird von
größeren Insekten, die zum Honig vordringen, leicht abgestreift.
c) Nach einiger Zeit (6. 2 mal vergr.) vertrocknen die Haare der „Griffel-
bürste"; die 3 Narbenäste dagegen, die bisher eng aneinander lagen, spreizen
auseinander, so daß jetzt erst eine Befruchtung erfolgen kann. Da nun die
Narbenäste in der Blüte dieselbe Stelle einnehmen wie der (abgelagerte) Blüten-
staub, so müssen beide, Blütenstaub und Narben, von den Besuchern auch mit
demselben Körperteile gestreift werden (führe dies näher aus!). Und zwar
müssen die Insekten Blütenstaub jüngerer Blüten auf die Narben älterer tragen,
Schmeil, Lehrbuch der Botanik. ij
162 43. Familie. Glockenblumen-Gewächse. 44. Familie. Kürbis-Gewächse.
also Fremdbestäubung vermitteln, die — wie wir schon mehrfach gesehen
haben — stets von erhöhter Fruchtbarkeit begleitet ist.
C. Wie sie Früchte trägt. Der Fruchtknoten, von dem sich die ver-
trocknete Blumenkrone nicht ablöst, entwickelt sich zu einer dreifächerigen
Kapsel (stelle einen Querschnitt her und beschreibe den Bau!). Da die Frucht
wie die Blüte nach unten hängt (8. u. 9. 5 mal vergr.), so kann sie sich wie
z. B. die Kapseln der Schlüsselblume oder des Leinkrautes unmöglich am oberen
Teile öffnen. Die Samen würden ja sonst alle in unmittelbarer Nähe der
Mutterpflanze auf den Boden fallen, so daß die jungen Pflänzchen gegenseitig
um Licht, Nahrung und Raum kämpfen müßten. Die Kapsel öffnet sich darum
nahe dem Grunde : aus der Fruchtwand lösen sich drei scharf umgrenzte Stücke,
die wie Klappfenster nach unten schlagen (8.). Aus den so entstandenen Öff-
nungen vermag nun der Wind die sehr kleinen Samen herauszuschütteln und
über einen großen Umkreis zu verstreuen. Sobald aber feuchte Witterung ein-
tritt, die den Samen verderblich werden könnte (s. S. 38, C, c), schließen sich die
„Fensterchen" wieder (9.).
Andere Glockenblumen-Gewächse.
Von den zahlreichen anderen Glockenblumen , deren blaue Blüten unsere Fluren
schmücken, sei nur die häufigste, die Wiesen-G. (C. pätula) erwähnt. Ihre rotblauen
Blüten stehen im Gegensatz zu denen der eingehend betrachteten Art aufrecht, werden
aber beim Beginn der Dämmerung und beim Eintritt feuchter Witterung nickend : so finden
Blütenstaub und Honig, wenn sie am meisten gefährdet sind, doch den Schutz, den sie
in hängenden Blüten stets genießen. Auch die Früchte stehen aufrecht. Im Gegensatz
zu den Arten mit hängenden Früchten bilden sich dementsprechend auch hier die
„Fensterchen" am oberen Teile der Fruchtkapseln, eine Erscheinung, die auch bei allen
anderen Formen mit aufrecht stehenden Früchten zu beobachten ist. — Die großblumige,
blau oder weiß blühende Garten - Glockenblume oder Marienglocke (C. medium),
die häufig als Zierpflanze gezogen wird, stammt aus Südeuropa.
Neben den Glockenblumen gehören zu der Familie auch einige Pflanzen, die man
leicht für Korbblütler halten könnte: sie besitzen so kleine Blüten, daß diese erst in
großer Anzahl auffällig werden und daher zu ansehnlichen Köpfchen gehäuft sind. Von
diesen Gewächsen seien genannt die zierliche, blau blühende Schaf-Skabiose (Iasione
montäna), die auf sonnigen und sandigen Stellen wächst, sowie die weiß oder violett
blühende Teufelskralle (Phyteüma spicätum), die im Schatten des "Waldes gedeiht.
(Beweise, daß beide Pflanzen ihrem Standorte vortrefflich „angepaßt" sind, und erkläre
ihre Namen !)
44. Famile. Kürbis-Gewächse (Cucurbitaceae).
Der Kürbis (Cucurbita pepo).
A. Frucht und Verwendung 1 . Den Kürbis baut man in zahlreichen
Spielarten vorwiegend seiner Früchte wegen an, die von sehr verschiedener,
oft riesiger Größe und grün, weiß oder bunt gefärbt sind. Sie werden vom
Menschen verspeist („Speisekürbisse") oder den Haustieren als Futter vorge-
Andere Glockenblumen-Gewächse. Kürbis.
L63
legt. Andere Spielarten dagegen pflanzt man nur zur Zierde („Zierkürbisse"):
man erfreut sich an den oft seltsamen Formen der Früchte (beschreibe und
zeichne solche!) oder benutzt die kletternde, großblättrige Pflanze zur Bekleidung
von Lauben u. dgl.
»Stellt man durch die unreife Frucht einen Querschnitt her, so sieht man,
wie von der ringförmigen Wand meist 3, seltener 4 oder 5 „Zapfen" in das Innere
vorspringen, und wie in diese Zapfen am Grunde mehrere Reihen von Samen
eingebettet sind. An der reifen Frucht ist die Wand bis auf die harte Außen-
schicht („Rinde"; Bedeutung?) von fleischiger Beschaffenheit, während sich die
Zapfen in eine faserige, klebrige Masse verwandelt haben. Welche Bedeutung
diese eigentümliche „Zweiteilung" der Fruchtwände für die Pflanze hat, wird
uns klar, wenn wir
B. Samen und Keimung näher betrachten. 1. a) Legen wir einige
Samen („Kürbiskerne"), die noch mit Teilchen des klebrigen Fruchtfleisches
oder mit dem Safte desselben behaftet sind, auf feuchten Boden (Blumentopf),
so verkleben sie bald mit der Erde. Sorgen wir weiter für die nötige Feuchtig-
keit, so fangen sie an zu keimen: Aus einem kleinen Loche am zugespitzten
Ende (1.) 3.
tritt zuerst
die Haupt-
wurzel her-
vor. Sie senkt
sich sofort in
den Boden
und ver-
zweigt sich
daselbst sehr
bald (2.):
alles Erschei-
nungen, wie wir sie bereits bei der keimenden Bohne kennen
und verstehen gelernt haben. Nunmehr beginnt sich der Stengel-
teil, der mit der Wurzel ins Freie getreten ist und sich gleichfalls nach unten
gewendet hat, stark in die Länge zu strecken. Da aber die Wurzel im Boden
befestigt und die Samenschale mit der Erde verklebt ist, so bildet sich an dem
wachsenden Stengel ein kleiner, nach oben gerichteter Bogen (3.). Infolge fort-
gesetzten Wachstums wird dieser Bogen immer straffer gespannt, bis endlich
die Keimblätter aus der Samenschale herausgezogen werden. Bei dieser Arbeit
kommt dem Stengel noch ein kleiner Wulst zu statten, der sich an ihm bildet.
Er drückt die untere Hälfte der Schale nach unten und verschwindet wieder, so-
bald die Keimblätter aus ihrer Hülle befreit sind.
Legen wir neben diese Samen einige andere aus, von denen wir jede Spur des
Fruchtfleisches und seines Saftes sorgfältig entfernt haben, so keimen diese gleich-
falls bald. Da sie aber mit der Erde nicht verkleben, so wird dabei die Samen-
Keimung des Kürbis. Zittern im Texte erklärt
164 44. Familie. Kürbisgewächse.
schale wie eine Mütze mit emporgehoben. Die Keimblätter vermögen sich daraus
nicht oder nur schwer zu befreien, so daß die junge Pflanze verkümmert oder
wohl gar zu Grunde geht. Diese Tatsache zeigt, wie wichtig es für den Kürbis
ist, daß die Samenschalen mit dem Erdboden verkleben, oder anders ausgedrückt,
daß sich Teile der Fruchtwand, die „Zapfen", bei der Reife in eine
klebrige Masse verwandeln.
Legen wir nun drittens auch einige Samen in den Boden, so hält die
obere Erdschicht die Fruchtschale fest und die Keimung kann ungestört erfolgen,
ganz gleichgültig, ob noch Fruchtfleisch an den Samen haftet oder nicht. Dieser
Fall wird beim wildwachsenden Kürbis aber wohl kaum eintreten. Die Samen
werden wohl stets auf dem Erdboden zu liegen kommen, und dort bedürfen
sie, wie wir gesehen haben, einer besonderen Befestigung an das „Keimbett".
b) Hierbei kommt den Samen die Form wesentlich zu statten: Da sie
flache, breitgedrückte Gebilde sind, müssen sie den Boden stets mit einer Breit-
seite berühren, oder mit anderen Worten, ihm stets eine große Befestigungs-
oder Klebfläche darbieten.
c) Die Frucht des Kürbis springt, um die Samen zu entlassen und zu
verstreuen, von selbst nicht auf. Bei den angebauten Pflanzen ist hierzu die
Hilfe des Menschen, bei wildwachsenden die von Tieren (Wildschweinen, Hirschen
u. a.) nötig. Gleich zahlreichen anderen Gewächsen, deren Samen durch Tiere
verbreitet werden (s. S. 64, 8), besitzt daher auch der Kürbis ein Anlockungs-
mittel für seine Verbreiter: die Wandschicht der Frucht bildet zur Zeit
der Reife eine wohlschmeckende, fleischige Masse.
Wenn etwa ein Wildschwein eine Frucht verzehrt, so wird es sicher auch
zahlreiche Samen mit verspeisen. Bei der großen Menge der Samen ist
dies für die Pflanze aber kein besonderer Verlust. Andererseits werden aber
auch zahlreiche Samen dem Tiere an Maul und Füßen kleben bleiben, so daß
auf diese Weise die Pflanze über ein weites Gebiet verbreitet werden kann.
2. Hat der Stengel die Keimblätter aus der Samenschale befreit, so streckt
er sich gerade, und die ergrünenden Keimblätter biegen sich auseinander, so
daß sie von den Sonnenstrahlen durchleuchtet und durchwärmt werden können
(Bedeutung?). Mit Eintritt der Dunkelheit dagegen klappen sie wieder zusam-
men: sie nehmen Nacht- oder Schlaf Stellung ein, eine Erscheinung, deren
Bedeutung wir bereits früher (S. 103) kennen gelernt haben. Durch die zu-
sammengeneigten Keimblätter wird zugleich die zarte Knospe zugedeckt und
somit gegen zu starken Wärmeverlust geschützt. Da es nun ohne Wärme kein
Wachstum gibt (Beispiel!), so ist also auch in dieser Hinsicht die Schlafstellung
der Keimblätter für die Pflanze von Vorteil. Und ein solcher Schutz ist für die
Knospe um so wichtiger, als
3. der Kürbis gegen Wärmeverlust außerordentlich empfindlich ist.
Schon der geringste Frost tötet ihn, und seine Samen keimen erst bei einer
Wärme von wenigstens 11 — 16° C. Diese Tatsachen zeigen deutlich an,
daß die Heimat der Pflanze nicht in unseren Gegenden zu suchen ist.
Kürbis. 165
Wahrscheinlich ist sie das tropische Amerika. Die Empfindlichkeit des Kürbis
gegen Kälte veranlaßt uns auch, seine Samen (sowie die der Gurke) erst dann
ins freie Land zu legen, wenn wir keine Nachtfröste mehr zu befürchten haben,
also etwa Mitte Mai.
C. 1. Stengel, Ranken und Blätter sind mit größeren oder kleineren
Stacheln bedeckt, die z. B. gleich den Haaren der Schwarzwurz Schutzmittel
der (wildwachsenden) Pflanze gegen Tiere darstellen. An den Blattstielen sind
sie besonders stechend.
2. Der fünfeckige, hohle Stengel ist saftreich und nicht imstande, sich
empor zu richten oder gar die Last der Blätter und Früchte zu tragen. Er
liegt darum entweder dem Boden auf oder klettert mit Hilfe von
3. Ranken, die neben den Blättern entspringen, an fremden Gegenständen
empor. Jede Ranke besteht aus einem gemeinsamen Stiele, der am Ende meist
3—5 Äste trägt. Vergleicht man die Ranke mit den Blättern, so ergibt sich,
daß wir es in ihr wie bei der Erbse (s. das.) mit einem umgewandelten Blatte, mit
einer „Blattranke" zu tun haben: der gemeinsame Stiel entspricht dem Blatt-
stiele, und die Äste stellen die von einem Punkte ausstrahlenden Hauptrippen der
Blattfläche dar. Ja, die Übereinstimmung geht noch weiter: wie nämlich an der
Blattfläche die Mittelrippe die anderen Hauptrippen an Länge und Stärke über-
trifft, so ist auch hier der Ast, der die Verlängerung des Stieles bildet, stets
weit länger und stärker als die anderen Äste. (Beobachte, wie die Rankenäste
gleich den Ranken des Weinstocks kreisen, die Stütze umschlingen und sich
korkzieherartig zusammenziehen! An abgeschnittenen Zweigstücken, die man
in ein Gefäß mit Wasser stellt, läßt sich der Vorgang sehr bequem verfolgen.)
4. a) Die Blätter sind um den Stengel in einer Spirale angeordnet
(s. S. 131, 1 c). Da eine am Boden liegende oder kletternde Pflanze aber nur von
einer Seite belichtet wird, so müssen sämtliche Blätter auch dorthin gerichtet
sein. Zu diesem Zwecke machen die langen, hohlen Blattstiele die mannig-
fachsten Krümmungen: sie heben die Blattflächen erstlich von der Unterlage
(Erdboden, Stütze) ab und stellen sie zweitens abwechselnd rechts und links vom
Stengel, so daß alle von den Sonnenstrahlen getroffen werden können. Und da
die Blattflächen zudem noch eine solche Richtung zu den Sonnenstrahlen ein-
nehmen, in der sie am besten durchleuchtet werden können (wie bei liegenden
und wie bei kletternden Pflanzen?), so ist die ungünstige Spiralstellung in allen
Stücken aufs vollkommenste „korrigiert".
b) Die Blattflächen sind sehr groß, herzförmig und besitzen je nach
der Spielart 5- oder 7 mehr oder weniger tief eingeschnittene Lappen. Wenn
wir bedenken, wie saftreich alle Teile des Kürbis sind, wie groß demnach sein
Bedürfnis nach Wasser ist, werden wir in der Größe der Blätter leicht einen
Vorteil für die Pflanze erkennen: große Blätter beschatten den Boden mehr,
schützen ihn also auch in höherem Maße gegen Austrocknung als gleich viele,
aber kleinere Blätter. (Beachte hierauf vor allen Dingen auch die Gurke!)
c) Große Blätter sind andererseits aber der Gefahr, vom Winde zerrissen
166 44. Familie. Kürbis-Gewächse.
zu werden, viel stärker «ausgesetzt als kleine Blätter. Bei herzförmigen,
großen Blättern ist nun wieder der Blattgrund am meisten gefährdet. Darum
hat diese Stelle auch eine besondere Festigung erfahren: Die beiden äußersten
großen Seiten nerven sind bis zu ihrer ersten Verzweigung nicht nur sehr
stark, sondern bilden auf dieser Strecke auch den Rand der Blattfläche.
(Vgl. mit dem Saum der Tücher und Kleider! Wie sichern wir Knopflöcher
gegen das Einreißen?)
D. Blüte und Bestäubung. 1. Die sehr großen Blüten erheben sich
auf kurzen Stielen einzeln aus den Blattwinkeln (vgl. mit S. 95, b). Der Kelch
ist bis auf 5 Zähne vollkommen mit dem unteren Teile der gelben, trichter-
förmigen und gleichfalls 5 zipfeligen Blumen kröne verwachsen, deren Innen-
seite dicht mit feinen Härchen bedeckt ist. Der Grund der Blüte ist mit einer
gelben, fleischigen Masse ausgekleidet, in der wir — wie schon der Geschmack
lehrt — die Honigdrüse vor uns haben. — Soweit stimmen sämtliche Blüten
miteinander überein. Hinsichtlich der Befruchtungswerkzeuge macht sich aber
ein sehr bemerkenswerter Unterschied geltend:
2. In der Mehrzahl der Blüten finden wir nur Staubblätter. Diese
„Staubblüten" bringen selbstverständlich auch keine Früchte hervor und
werden darum im Volksmunde als „taub" bezeichnet. Die Staubbeutel sind mit-
einander zu einer kurzen Säule verwachsen, die auf 3 „Trägern" ruht, so daß
sich das ganze Gebilde wie ein Dreifuß über der napfförmigen Honigdrüse er-
hebt. Wie der Augenschein lehrt, haben wir in den „Trägern", zwischen denen
nur je eine Lücke zum Honig offen bleibt (Bedeutung?), die Staubfäden vor
uns. Da zwei „Träger" den dritten an Stärke aber weit übertreffen, so ist
dies ein Zeichen, daß wir es in ihnen nicht mit einfachen Staubfäden zu tun
haben, sondern daß sie durch Verschmelzung je zweier entstanden sind. In der
Blüte sind also, den übrigen „fünfzähligen" Blüten teilen entsprechend, auch
5 Staubblätter vorhanden. (So sind auch die meist 3 Fruchtfächer — s. Absch.
A — durch Verschmelzung aus 5 hervorgegangen.)
3. Im Gegensatz zu den Staubblüten, besitzen die anderen Blüten nur
einen wohl ausgebildeten Stempel ; man bezeichnet sie daher als Stempel-
oder Fruchtblüten. Der unterständige Fruchtknoten (s. S. 71, b), dessen
Bau wir in Absch. A bereits kennen gelernt haben, ist in einen säulenförmigen
Griffel verlängert, der eine große, 5-lappige Narbe trägt.
4. a) Beim Kürbis sind also Staubblätter und Stempel auf verschiedene
Blüten verteilt, die sich aber an ein und derselben Pflanze finden oder, bildlich
ausgedrückt, die ein Haus bewohnen („einhäusige" Pflanzen im Gegensatz zu
„zweihäusigen", s. z. B. Weide). Um die Bedeutung dieser Einrichtung zu ver-
stehen, brauchen wir uns bloß daran zu erinnern (s. z. B. 122), daß Selbst-
bestäubung stets geringere Fruchtbarkeit im Gefolge hat als die von den
Pflanzen „herbeigewünschte" Fremdbestäubung: bei einhäusigen Pflanzen ist
aber die minderwertigere Selbstbestäubung völlig ausgeschlossen.
b) Die Überträger des Blütenstaubes sind beim Kürbis stets Insekten.
Kürbis.
167
(Woraus ist dies schon zu schließen? Welche Insekten hast du in den Blüten
beobachtet? Vgl. dag. die gleichfalls „einhäusige" Haselnuß!) Sollen die
Tiere beim Besuch der Blüten aber wirklich Bestäubung vermitteln, so müssen
sie Staubbeutel und Narbe streifen. Und hierzu werden sie von der Pflanze
gleichsam genötigt; die Innenseite der Blumenkrone, auf der ja die Insekten
zum Honig hinab kriechen könnten, ist — wie wir bereits gesehen haben —
dicht mit feinen Haaren besetzt. In dem Haardickicht verstricken sich aber
die Insekten leicht mit den Fußklauen, so daß sie auf diesem Wege nur mit
Staubblüte vom Kürbis (etwas verkl.).
großer Mühe zum Honig vorzudringen vermöchten. Ganz anders aber, wenn
sie die natürlichen ., Anflugsstangen" der Blüten benutzen, die Staubbeutelsäule
oder die große Narbe, von denen glatte Wege (Staubfäden und Griffel sind un-
behaart!) in den Blütengrund zum Büßen Mahle führen.
Andere Kürbisgewächse.
Eine weit höhere Bedeutung als der Kürbis hat die ihm in allen Stücken ähnliche
Gurke (Cucumis sativus), die aus Ostindien zu uns gekommen ist. Sie besitzt aber
einfache Ranken und langgestreckte Früchte (Verwendung?). — Ostindien ist auch die
168
44. Familie. Kürbis-Gewächse. 45. Familie. Labkraut-Gewächse.
Heimat der Zuckermelone (C. melo), auch kurz „Melone" genannt. Das gelbliche,
würzhafte Fleisch der kürbisähnlichen Früchte wird als wohlschmeckendes und er-
frischendes Obst überall hoch geschätzt. Deshalb hat sich die Pflanze auch über fast
alle warmen und wärmeren Länder verbreitet. Bei uns gedeiht sie nur in Treibhäusern.
— Eine ähnliche Bedeutung und Verbreitung hat die Wassermelone (C. citrüllus).
Sie stammt aus dem heißen Afrika. Ihre hochgeschätzten Früchte besitzen ein rötliches
und sehr saftiges (Name!) Fleisch und schwarze Samen. — Das tropische Asien und
Afrika ist auch die Heimat der Luffapflanze (Luffa cylindrica), die in neuerer Zeit
eine große Bedeutung erhalten hat. Das feste Gefäßbündelnetz der gurkenartigen
Früchte wird zu den bekannten Luffaschwämmen, sowie zu leichten Hüten, Schuhen
u. dgl. verarbeitet.
An Zäunen und Gebüschen klettert mit Hilfe einfacher, empfindlicher Ranken
(berühre sie und beobachte, wie schnell sie sich an dieser Stelle krümmen!) die Zaun-
rübe (Bryönia) empor. Sie besitzt eine sehr giftige, rübenförmige Wurzel (Name !)
und wird durch Vögel verbreitet, denen die saftigen, schwarzen oder roten Früchte
zur Nahrung dienen (vgl. S. 64, 8). An der Färbung der Früchte lassen sich auch leicht
die beiden Arten, die schwarzbeerige und die rotbeerige Z. (B. alba und diöica),
erkennen. — Eine Pflanze mit sehr merkwürdiger Samenverbreitung ist die Spritzgurke
(Ecbällium elaterium), die in den Mittelmeerländern
heimisch ist und bei uns der eigentümlichen Früchte
wegen ab und zu in Gärten gezogen wird. Die etwa
4 cm langen gurkenähnlichen Gebilde lösen sich bei
der Reife von den Stielen, und in dem-
selben Augenblicke spritzt aus der ent-
standenen Öffnung der schleimige Inhalt
samt den Samen in kräftigem Strahle
hervor. Infolgedessen werden die Samen
weit über das Gebiet der Mutterpflanze
hinaus verbreitet. Werden nun gar Tiere, die durch
Anstreifen die Frucht von den Stielen lösen, von dem
„Geschosse" getroffen, so kann die Pflanze infolge dieser
Einrichtung sogar über größere Bezirke ausgesät
werden.
45. Familie. Labkraut-Gewächse
(Rubiäceae).
Das Klebkraut (Gälium aparine)
ist eine unserer gemeinsten Pflanzen. Es bewohnt
vorwiegend Hecken und Gebüsche und ist wie alle
Schattenpflanzen (s. S. 7, b und c) ein über-
aus zartes Gewächs. Die bis 2 m hohen Stengel
sind so schwach, dass sie sich allein nicht aufzu-
richten vermögen. Die Pflanze häkelt sich darum
meist an den Stämmen und Zweigen der Sträucher
an, unter denen sie dem Boden entsprießt, und
Spritzgurke. Ein Zweig mit
Blatt und Frucht. Die Frucht
hat sich vom Stiele abgelöst,
so daß die Samen daraus her-
vorspritzen. (Nat. Gr.)
Kürbis-Gewächse. Klebkraut und andere Labkraut-Gewächse. 169
klettert so zum Lichte empor. Befähigt wird sie hierzu durch rückwärts
gerichtete Stacheln, die infolge ihrer Kleinheit und großen Zahl das ganze
Gewächs klebrig erscheinen lassen. (Name ! Beobachte, wie leicht Zweige z. B.
an deinen Kleidern haften!) Die Stacheln finden sich an den 4 Kanten des
Stengels, sowie an den Rändern und der Mittelrippe der quirlförmig gestellten
Blätter. Fehlen dem Klebkraut fremde Gegenstände zum Anhäkeln, so halten
sich die einzelnen Stengel der in großen Trupps wachsenden Pflanze gegen-
seitig: vereinigt werden eben selbst die Schwachen mächtig. (Entferne von
einem solchen Trupp einen Stengel nach dem andern und beobachte, wie die
letzten kraftlos umsinken!) Aus den kleinen weißen Blüten (beschreibe sie!)
entwickeln sich je 2 Teilfrüchtchen, die dicht mit widerhakigen Stacheln
bedeckt sind. Infolgedessen haften sie leicht an den Haaren vorbeistreifender
Tiere und werden auf diese Weise oft über große Bezirke verbreitet (Bedeutung?).
Von den zahlreichen anderen Labkrautarten (Gälium) seien hier nur das gelb-
blühende echte und das weißblühende gemeine L. (G. verum und mollügo) genannt.
Sie bewohnen trockene, rasige Orte und zeigen dementsprechend auch alle Eigenschaften
der Trockenlandpflanzen (Beweis!). „Labkräuter" heißen sie, weil der Saft mehrerer
Arten die Milch wie das Lab des Kälbermagens schnell zum Gerinnen bringt. Dies
gilt besonders von der ersteren Form (darum „echt" !), die bei den alten Germanen der
Freya geweiht war und von der eine später entstandene Sage erzählt, daß sie das
Lager des Christuskindes gebildet habe. Darum heißt sie auch noch heute in gewissen
Gegenden „Unserer lieben Frauen Bettstroh" oder ähnlich. — Besonders in Buchen-
wäldern befindet sich der zierliche Waldmeister (Asperula odoräta), der wie sein „Nach-
bar", das Windröschen, eine in allen Stücken ausgeprägte Schattenpflanze darstellt
(Beweis!). Er enthält in allen Teilen einen scharfriechenden Stoff (Cumarin), durch
den Weidetiere abgeschreckt werden, der aber auch die Verwendung der duftenden
Pflanze als würzende Zutat zum Wein bedingt („Maitrank"). Die Früchte sind „Kletten"
wie die des Klebkrautes. — Reibt man die unterirdischen Stengel (Wurzelstöcke) der
Labkraut- und Waldmeisterarten zwischen den Fingern, so sieht man, daß die meisten
gelb oder rot färben. In weit höherem Maße gilt dies von dem Wurzelstocke der
Färberröte oder des Krapp (Rübia tinctörum). Die Pflanze stammt aus dem Mittel-
meergebiete und ähnelt vollkommen einem Labkraute. Seitdem man versteht, den wert-
vollen, roten Farbstoff, den sie früher allein lieferte, billiger künstlich herzustellen, ist
ihr Anbau aber stark zurückgegangen. — Zu den Labkrautgewächsen gehört auch
eine unserer wichtigsten ausländischen Kulturpflanzen :
Der Kaffee (Coffea aräbica).
1. Die Kaffeepflanze ist ein kleiner Baum oder Strauch, dessen gegen-
ständige, immergrüne Blätter etwa die Form und Größe der Lorbeerblätter
besitzen. In den Blattwinkeln stehen Knäuel weißer, kurzgestielter Röhren-
blüten, aus denen die anfangs grünen, dann roten und zuletzt violetten Früchte
hervorgehen. Sie haben die Form und Größe kleiner Kirschen und sind auch
wie diese gebaut. Das saftige, süße Fruchtfleisch umschließt aber 2 horn-
artige Samen, die als „Kaffeebohnen" allgemein bekannt sind, und die nach
der Ernte vom Fruchtfleisch getrennt werden. (Beweise aus der Färbung und
170 Taf. 25. 45. Familie. Labkraut-Gewächse. 46. Familie. Geißblatt-Gewächse.
dem Bau der Frucht, daß die ursprünglich wilde Pflanze auf die Verbreitung
durch Vögel angewiesen war! Vgl. S. 64, 8a und b.)
2. Das aus den ge-
rösteten und gemahlenen
Kaffeebohnen bereitete
duftende Getränk, der
Kaffee, übt auf uns be-
kanntlich eine belebende
Wirkung aus: Gehirn und
Nerven werden erregt, das
Gefühl der Nüchternheit
und des Hungers wird be-
seitigt und der Schlaf
verscheucht. Diese Wir-
kung ist in erster Linie
einem Stoffe, dem C o f f ein,
zuzuschreiben, der in den
Bohnen enthalten ist und
in den Kaffeeaufguß über-
geht (darum werden die
Bohnen gemahlen!).
Schon in etwas größerer
Menge genossen, ist dieser
Stoff aber ein heftiges
Gift. Daher erzeugt sehr
starker Kaffee Herz-
klopfen, Blutandrang nach
dem Kopfe, Angstgefühl,
Muskelzittern und bei
fortgesetztem Genuß so-
gar schwere Nervenlei-
den. Irgend welche näh-
renden Bestandteile ent-
hält der Kaffee nicht : er
ist nur ein Beiz- oder
Genußmittel wie der
Alkohol.
Den Kaffee-Ersatzmitteln (Surrogaten), unter denen Cichorie und
Gerste am gebräuchlichsten sind, fehlt das Coffein und daher auch die Wirkung,
die der Genuß dieses Stoffes im Gefolge hat.
3. Die Heimat des Kaffeebaums ist wahrscheinlich der gebirgige, östliche
Teil des heißen Afrika. Sicher ist nur, daß er zuerst in Süd-Arabien angebaut
wurde („Mocca" -Kaffee nach der gleichnamigen Hafenstadt) und am Ende des
Zweig vom Kaffeebauin mit Blüten und jungen Früchten.
Daneben eine reife Frucht, von der der obere Teil des
Fruchtfleisches abgelöst ist. F. Fruchtfleisch. S. Samen.
(Nat. Gr.)
Schmeil, Lehrbuch der Botanik.
Tafel 25.
Wald -Geißblatt (Lonicera perielymenum).
Kaffee. Chinabäume. Wald-Geißblatt. 171
17. Jahrhunderts in Java eine neue Heimat fand. In der Folgezeit verbreitete
sich der Anbau der wichtigen Pflanze über fast ganz Ostindien, ging auf Amerika
(besonders Brasilien) über und hat jüngst auch im deutschen Schutzgebiete von
Ostafrika Eingang gefunden. Der Kaffeegenuß ist in Europa erst seit etwa
der Mitte des 17. Jahrhunderts bekannt.
Nahe Verwandte der Kaffeepflanze sind die China- oder Fieberrindenbäume
(Cinchona) der südamerikanischen Anden. Ans den Rinden dieser immergrünen Gew«ächse
bereitet man das wichtigste Fiebermittel, das Chinin.
46. Familie. Geißblatt-Gewächse (Caprifoliäceae).
Das Wald-Geißblatt (Lonicera periclymenum). Tafel 25.
1. Eine Nachtfalter bin nie. Laubwald und Gebüsch sind im Hoch-
sommer oft von dem köstlichen Dufte erfüllt, der den Blüten des Wald-
Geißblattes entströmt. Besonders abends und nachts ist der Duft sehr stark;
am Tage dagegen verschwindet er oft fast gänzlich (stelle einen Strauß in das
Zimmer!). Wenn wir nun noch die lange Röhre der 2 lippigen Blüte (beschreibe
sie näher!) betrachten, bis zu deren Grunde nur die längsten Insektenrüssel
hinabreichen, so steht es für uns außer Zweifel, daß wir es hier wie bei dem
nickenden Leimkraut (s. das.) mit einer Nachtfalterblume zu tun haben. Darum
öffnen sich auch wie bei jener Pflanze die Blüten mit Anbruch des Abends,
darum haben sie eine helle Farbe (gelblich weiß ; außen | warum hier nicht
schädlich?] wie die Knospen oft mit rötlichem Anflug), und darum stellen sie
sich wagerecht, sobald sie zum Empfang der Besucher bereit sind (1. — S. dag.
die Stellung der Knospen!). Am ersten Abend (1 a) stehen die 5 Staubblätter
vor dem Blüteneingange, wäln;end der Griffel mit der Narbe abwärts gebogen ist.
Die vor der Blüte schwebenden Schwärmer (in der Abb. ist es ein Kiefernschwärmer)
müssen mit der Unterseite also die Staubbeutel berühren. Am nächsten Abend
(2) ist an der Blüte eine merkliche Veränderung eingetreten: Die Staubblätter
sind herabgebogen und ihre Beutel verschrumpft, während der Griffel mit der
Narbe nunmehr ihre Stellung einnimmt. Infolgedessen muß jetzt auch die Narbe
von dem saugenden Schmetterling gestreift werden. Das Tier muß also beim
Besuch jüngerer und älterer Blüten unbedingt Fremdbestäubung vermitteln.
Die Blüte zeigt am zweiten Abend (2) auch noch andere Veränderungen: sie ist
gedunkelt, hellgelb geworden, und die beiden Lippen haben sich etwas nach hinten
aufgerollt. An den folgenden Tagen (3) verfärbt und rollt sich die Blumen-
krone immer mehr auf, bis sie schließlich abfallt. Wenn wir bedenken, daß
durch diese Veränderungen die Blüte immer unauffälliger wird (Beweis!), so
werden wir die Bedeutung dieser Erscheinung leicht einsehen: die anfliegenden
Schwärmer werden die hellen, auffälligen jungen Blüten zuerst bemerken. Bie
also auch zuerst besuchen: darnach erst werden sie sich den weniger auffälligen
älteren Blüten zuwenden. Die Tiere werden beim Besuch der Blüten also (in
172 46. Fam. Geißblatt-Gewächse. 47. u. 48 Fam. Baldrian- und Karden-Gewächse.
der Regel) wohl die Reihenfolge innehalten, in der — wie wir oben gesehen
haben — eine Bestäubung der Pflanze nur möglich ist.
2. Eine Schlingpflanze. Das Wald- Geißblatt findet man nicht nur
seiner duftenden Blüten wegen, sondern weil es sich auch vortrefflich zur Be-
kleidung von Lauben eignet, vielfach in Gärten angepflanzt. Es ist nämlich
eine Schlingpflanze, eine Liane, die in ihrer Waldheimat mit Hilfe des schwachen,
windenden Stammes (vgl. mit Bohne) das Unterholz umschlingt und an niedrigen
Bäumen bis in die Kronen emporsteigt. Im Vollgenusse des Lichts breitet sie
dort die mit einer bläulichen Wachsschicht (s. S. 17, 2) überzogenen, elliptischen
Blätter aus. — Wie im Sommer die Schwärmer, so lockt das Geißblatt im
Herbste die Waldvögel herbei: sie sollen die roten, saftigen Beeren (4.) ver-
speisen und deren Samen aussäen (s. S. 64, a). Nach den Früchten führt die
Pflanze wie ihre nächsten
V er wandten, von denen zahlreiche, meist ausländische Arten in Parkanlagen
angepflanzt werden, auch den Namen „Heckenkirsche". Eine solche außerdeutsche
Form ist der bekannte Jelängerjelieber (L. caprifölium), der in Südeuropa heimisch,
bei uns aber vielfach verwildert ist. Wir lieben ihn besonders an der „ Geißblattlaube u ,
die er mit Grün bekleidet und mit dem herrlichen Duft seiner Blüten erfüllt. Er ähnelt
dem Wald-Geißblatt, das darum auch „Wald- oder deutscher Jelängerjelieber" genannt
wird, in allen Stücken. Als bemerkenswerter Unterschied sei nur hervorgehoben, daß
bei ihm die oberen Blätter am Grunde verwachsen sind, so daß der Stengel durch sie
hindurch zu wachsen scheint. — Die in Laubwäldern und Gebüschen häufigste ein-
heimische Art ist die gemeine Heckenkirsche (L. xylösteum). Sie ist im Gegensatz
zu den beiden vorigen Formen keine Schlingpflanze (Stengel verhältnismäßig kräftig!).
Da sie weit kürzere Blüten besitzt, wird sie vorwiegend von Hummeln bestäubt und
ist eine „Tagblume". Die leuchtend roten Beeren stehen stets zu zweien dicht bei-
einander und sind am Grunde verwachsen. — Der Holunder (Sambücus nigra) war bei
den alten Germanen der hohen Göttin Freya oder Holla geweiht, deren Name in dem
Worte Holunder (aus Holla und tar, der „Baum") wahrscheinlich bis heute erhalten
ist. Darum findet sich der Holunder auch noch jetzt fast ausschließlich in der Nähe
menschlicher Wohnungen, und tausend Sagen, Märchen und Volksbräuche, die bis in die
heidnische Vorzeit zurückreichen, knüpfen sich an ihn. Die Zweige, die jung ein sehr
dickes Mark haben (Verwendung?), tragen unpaarig gefiederte Blätter und enden in
großen Blütenständen, die sog. Trugdolden darstellen (erkläre den Namen !). Infolge
der beträchtlichen Häufung werden die weißen und stark duftenden Blüten (Verwendung?)
trotz ihrer Kleinheit weithin auffällig (Bedeutung?). Dasselbe gilt von den schwarzen
Beeren (Verwendung?), die sich von den roten Fruchtstielen und den grünen Blättern
deutlich abheben und von zahlreichen Vögeln mit Vorliebe verzehrt werden. Diesen
Verbreitern verdanken die Holundersträuche, die man nicht selten auf Mauern und an
anderen unzugänglichen Orten findet, ihre Entstehung. — Als Unterholz in Laubwäldern
findet sich nicht selten der Schneeball (Vibürnum öpulus), der an den 3— 5 lappigen
Blättern, an den leuchtend roten Früchten und den eigentlichen Blütenständen leicht
zu erkennen ist. Während die inneren Blüten der „Trugdolde" nämlich klein und un-
scheinbar sind, haben die äußeren stark vergrößerte Blumenkronen, besitzen aber weder
Stempel noch Staubblätter und bringen demnach auch keine Früchte hervor. Sie sind
aber für die Pflanze durchaus nicht bedeutungslos: machen sie doch die von ihnen ein-
Geißblatt-, Baldrian- und Karden-Gewächse.
173
geschlossenen, unscheinbaren, fruchttragenden Blüten für die Besucher auffällig. Die
kugeligen Blütenstände (Name!) des Schneeballs, den wir als Zierstrauch pflegen, be-
stehen nur aus solchen „tauben" Blüten. (Wie kann diese Spielart demnach auch nur
vermehrt werden?) — Sehr häufig ist in Parkanlagen auch die Schneebeere (Sym-
phorieärpus racemösus) angepflanzt, die aus Nordamerika stammt. Ihre Früchte bleiben
noch lange nach dem Laubfall an den Zweigen hängen, und wie deutlich sie sich in-
folge der weißen Färbung (Name !) von dem dunklen Hintergrunde abheben, ist leicht zu
beobachten (Bedeutung?). (Beachte auch die bei der Roßkastanie erörterte, verschiedene
Blattstellung an senkrechten, wagerechten und hängenden Zweigen!)
47. und 48. Familie. Baldrian- und Karden-Gewächse (Valerianäceae
und Dipsäceae).
1. Der echte Baldrian (Valeriana officinälis) liefert uns in seinem Wurzelstocke,
dessen Geruch die Katzen lieben („Katzenkraut"), ein wichtiges Heilmittel. Die
Pflanze, die fast Manneshöhe erreichen kann, wächst in feuchten Wäldern, auf Wiesen und
an Flußufern, hat gefiederte Blätter und kleine, rötliche Blüten, die aber zu ansehn-
lichen, doldenartigen Blütenständen gehäuft sind. Die einsamigen Schließfrüchtchen
besitzen je eine „Federkrone" (s. Löwenzahn), die der Verbreitung der Pflanze dient.
(Stelle aber die Unterschiede fest, die im Blütenbau zwischen Baldrian und Korbblütlern
obwalten!). — Ein handhohes Gewächs ist das Rapünzchen (Valerianella olitöria),
das gern als Salatpflanze („Feldsalat") angebaut wird. Es entstammt dem mittel-
ländischen Pflanzengebiete, ist aber bei uns vollständig heimisch geworden.
2. Die Familie der Kardengewächse nähert sich den Korbblütern in noch höherem
Maße. Wie uns z. B. die Tauben -Skabiose (Scabiösa columbäria) zeigt, die auf
trockenen Wiesen und an ähnlichen Orten vielfach
vorkommt, sind die kleinen, lilafarbenen oder weißen
Blüten zu ansehnlichen, „strahlenden* Köpfchen ge-
häuft; sie stehen in den Achseln von „Spreublättern'' ;
ihre Gesamtheit ist von einem „Hüllkelche" umgeben,
und der Kelch, der die Schließfrüchtchen wie ein
häutiger Saum krönt, tritt wie bei zahlreichen Korb-
blütlern als Fallschirm in den Dienst der Windver-
breitung. (In welchen Punkten unterscheiden sich beide
Familien aber wesentlich voneinander?) — Ganz ähn-
lich gebaut sind die meist roten Köpfchen der Acker-
Skabiose (Knautia arvensis), die auf Feldern, Rainen
und trockenen Wiesen sehr häufig anzutreffen ist
— Die Kardendiestel (Dipsacus silvestris) dagegen, die
sich an Waldrändern und unbebauten Orten findet, hat
langgestreckte Blütenköpfe, an denen die stachel-
spitzigen Spreublätter die rötlichen Blüten und später
die Früchte überragen. Da zudem auch die Blätter
des Hüllkelchs dicht mit Stacheln besetzt sind, so stellt
das Köpfchen zur Zeit der Fruchtreife ein überaus
stacheliges Gebilde dar. Auch die Mittelrippen der Fruchtstand der Karden-
Blätter, sowie besonders die Stengel und Zweige sind distel (' '■> nat. Gr.).
174 49. Familie. Korbblütler.
dicht mit Stacheln bewehrt. (Eine andere, aber noch stärker bestachelte Art wurde
früher zum Aufkratzen oder „Karden" des Tuches benutzt. Name!) Zu diesem Schutz-
mittel (gegen Tierfraß) tritt noch ein anderes und zwar sehr eigentümliches. Indem
die unteren Abschnitte der gegenständigen Blätter miteinander verwachsen, entstehen
Becken, die durch das von den Blättern ablaufende Regenwasser gefüllt werden.
Kriechen nun Insekten, die dem Honig in den Blüten einen Besuch abstatten wollen,
an dem Stengel empor, so fallen sie in diese Becken und müssen ertrinken. Und
welche Mengen von Insekten hierdurch oft ums Leben kommen, ist erstaunlich. Das
Wasser erhält infolgedessen eine jaucheartige Beschaffenheit. Ob aber die Pflanze einen
Teil dieser „düngenden" Flüssigkeit aufsaugt, ist noch nicht sicher festgestellt.
49. Familie. Korbblütler (Compösitae).
Zahlreiche kleine Blüten sind zu einem köpfchenartigen Blütenstande gehäuft
und werden von einer gemeinsamen Hülle umgeben, so daß das Ganze das Aussehen
einer einfachen Blume erhält (Blütenkorb). Einzelblüte: Kelch wenig ausgebildet
oder in eine Haarkrone (Pappus) umgewandelt; Blumenkrone entweder röhren- oder
zungenförmig; Beutel der 5 Staubblätter zu einer Röhre verwachsen, die den Griffel
umschließt; der unterständige Fruchtknoten entwickelt sich zu einer einsamigen
Schließfrucht.
1. Die Sonnenrose oder Sonnenblume (Heliäntlms ännuus).
A. Bedeutung-. Die Sonnenrose oder Sonnenblume ist eine riesenhafte
Sommerpflanze (verfolge sie vom Keimen bis zum Tode!), die aus dem heißen
Amerika zu uns gekommen ist. Sie ist bei uns wegen der mächtigen, leuchtenden
„Blumen", die sich mit strahlenden Sonnen vergleichen lassen (Name! s. auch
Absch. E, 1), eine allgemein beliebte Zierde der Gärten. In einigen Gegenden,
namentlich in Süd-Rußland und den Balkanstaaten, wird sie aber auch der
Samen wegen angebaut. Man schlägt daraus ein wertvolles fettes Öl (s. S. 16, A),
das als Speise- und Brennöl, sowie zur Bereitung feiner Seifen und in der Öl-
malerei verwendet wird.
B. Stengel. Die Samen, die man im Frühjahre in die Erde legt, ent-
wickeln sich schnell zu kräftigen Pflanzen, die nicht selten eine Höhe von 3 m
und darüber erreichen. Ihr oft armdicker Stengel ist nur im oberen Teile
verzweigt, fühlt sich wie alle grünen Teile rauh an und bildet eine weite Röhre
(s. Roggen), die mit lockerem Mark (Verwendung?) angefüllt ist.
C. Blätter. Eine Pflanze von solcher Höhe ist aber den Einwirkungen
des Windes im hohen Grade ausgesetzt, zumal sie sehr große Blätter besitzt.
1. Da die herzförmigen Blattflächen aber von langen, beweglichen Stielen
getragen werden, können sie, wie wir bereits bei der Betrachtung des Birn-
baums gesehen haben, dem Anprall des Windes leicht ausweichen. Bei einem
solchen im Winde flatternden Blatte ist der Blattgrund der Gefahr des Ein-
reißens besonders ausgesetzt, zumal wenn die Blattfläche wie bei der Sonnen-
rose sehr groß und am Grunde tief herzförmig ausgeschnitten ist. Dort
ist das Blatt darum auch besonders gefestigt: wie beim Kürbisblatt bilden
Sonnenrose. 175
die sehr starken Seitennerven bis zu ihrer ersten Verzweigung feste „Säume 1- ,
die selbst heftigen Stürmen widerstehen.
2. Betrachtet man eine (noch niedrige) Pflanze von oben, so macht es den
Eindruck, als bildeten die Blätter eine Rosette: so gleichmäßig sind sie um den
Stengel geordnet. Und zwar ist dies — von den ersten, sich gegenüberstehenden
Blättern abgesehen — in einer Schraubenlinie erfolgt (wiederhole den S. 131 an-
gegebenen Versuch mit dem Faden !). Infolge dieser regelmäßigen Verteiluüg werden
sie wie die Blätter einer wirklichen Rosette trotz ihrer Größe von all den Sonnen-
strahlen getroffen. Da nun die Sonnenstrahlen dann am wirksamsten sind, wenn
sie das Blatt möglichst senkrecht treffen (s. S. 43, c), so verstehen wir auch
3. warum sich das Blatt mit seiner Spitze nach unten neigt. Infolge
dieser Haltung muß aber auch das Regenwasser, das auf die Blätter fällt, nach
außen geleitet werden (Versuch!). Hiermit stehen wieder die Verhältnisse der
D. Wurzel im innigsten Einklänge. 1. Die Sonnenrose ist — wie wir
gesehen haben — eine hohe Pflanze mit großen Blättern, die infolgedessen
dem Winde stark ausgesetzt ist. Man erwartet daher bei ihr eine tiefgehende
Haupt wurzel und weit ausgreifende Seitenwurzeln, die das schwere
Gewächs sicher im Boden verankern. Gräbt man die Sonnenrose aber aus, so
findet man zwar eine Hauptwurzel, die senkrecht in den Boden hinabsteigt;
die von ihr nach allen Seiten ausstrahlenden Seitenwurzeln dagegen sind auf-
fallend kurz. Dafür sind sie aber in sehr großer Zahl vorhanden und verzweigen
sich so stark, daß ein dichtes Wurzelgeflecht, ein „Ballen" entsteht, aus dem
die Erde nur schwer (durch Klopfen!) zu entfernen ist. Was den Seiten-
wurzeln an Länge abgeht, wird eben durch ihre Zahl und reiche
Verzweigung ersetzt.
2. Faßt man die Länge der Seitenwurzeln genau ins Auge, so merkt man,
daß sich die entferntesten Wurzelspitzen über den Umfang der Blattkrone (wenn
man bei der Sonnenrose überhaupt von einer solchen sprechen kann!) nicht
hinaus erstrecken, eine Erscheinung, die wir beim Birnbaum bereits kennen und
verstehen gelernt haben (s. S. 88, c) und bei den meisten Pflanzen mit „centri-
fugaler" Wasserableitung wiederfinden. Da die Sonnenrose aber nicht eine so
dicht geschlossene „Krone" wie z. B. der Birnbaum hat, so tropft das Regen-
wasser auch nicht nur am Umfange derselben zum Erdboden herab. Es wird
im Gegenteil der ganze Bezirk, der unter den Blättern liegt, durchnäßt. Die
Saugwurzeln finden sich daher auch nicht in einer ringförmigen Zone (wie dies
z. B. beim Birnbaum der Fall ist), sondern sind über den ganzen Wurzelballen
verteilt, oder anders ausgedrückt: die oben erwähnte Auflösung der Seiten-
wurzeln in sehr zahlreiche, immer feiner werdende Zweige,
deren En dt eile das Wasser aufsaugen, ist also auch noch aus diesem
zweiten Grunde notwendig.
Wenn die Saugwurzeln wie beim Birnbäume nur in einer ringförmigen
Zone lägen, würden sie übrigens auch gar nicht imstande sein, das notwendige
Wasser aufzunehmen. Man braucht nur zu bedenken, erstens, daß die Sonnen-
176
49. Familie. Korbblütlei
rose eine große Pflanze ist und daher auch viel Wasser gebraucht, zweitens,
daß die Aufnahme der Wassermenge zahlreiche Saugwurzeln voraussetzt, und
drittens, daß diese Wurzeln in einer ringförmigen Zone, die der „Krone" ent-
sprechend nur sehr klein sein würde, unmöglich Platz finden könnten.
E. Blutenstand. 1. Stengel und Zweige tragen am Ende je eine große
„Blume", die sich bei freistehenden Pflanzen gern der Sonne zukehrt (daher
vielleicht „Sonnenblume"). Sie hat oft einen Durchmesser von 25 cm und mehr
(Stamm und Zweige kräftig!) und ist infolge der Schwere bald mehr oder
Wmä
Querschnitt durch
den Blütenstand
der Sonnenrose.
kelch. Bb. Blütenboden.
1. — 4. Röhrenblüten (1. noch
nicht geöffnet; 2. der Blüten-
staub ist ans der Blütenröhre
hervorgeschoben; 3. die Narben spreizen
auseinander; 4. verblüht (vgl. die Abb.
auf S. 178). Z. Zungenblüten. H.K. Hüll-
H. Der mit der Höhlung des Stengels in Verbindung stehende
Hohlraum im Blütenboden.
weniger nickend. Trotz dieser Haltung wird sie aber den Blicken der Insekten
nicht entzogen; denn die Sonnenrose ist eine hohe Pflanze, und die honigsuchen-
den Insekten fliegen meist nur in geringer Höhe über dem Erdboden dahin.
(Welche Mittel wenden niedrige Pflanzen an, um ihre nickenden Blüten sichtbar
zu machen?)
2. Durchschneiden wir eine solche Blume der Länge nach, so sehen wir,
daß auf dem scheibenförmig erweiterten Ende des Stengels, dem Blütenboden,
sehr viele kleine, ungestielte Blüten sitzen. Wir haben es hier also nicht mit
einer einzelnen Blüte, sondern mit einer Blütengenossenschaft oder einem Blüten-
stande zu tun, den man seiner Form nach (wie z. B. beim Wiesenklee und
der Grasnelke) als Köpfchen bezeichnet.
Sämtliche Blüten werden von mehreren großen, grünen Blättern umgeben.
So lange sich das Köpfchen im Knospenzustande befindet, sind die Blüten von
diesen Blättern vollkommen überdeckt, und auch noch späterhin lassen die derben
Gebilde den zarten Blüten einen wirksamen Schutz, besonders gegen ankriechende
Tiere (Ameisen, Schnecken u. dgl.) angedeihen (vgl. auch diejenigen Familien-
glieder, deren Blütenköpfchen sich nachts schließen, z. B. Löwenzahn, Wiesen-
Sonnenrose. 177
bocksbart!). Durch diesen sog. Hüllkelch erhält der Blütenstand das Aussehen
eines mit vielen Blüten gefüllten Körbchens. Darum bezeichnet man ein so
gebildetes Köpfchen treffend auch als Blütenkörbchen („Korbblütler").
3. Die Einzelblüten entspringen in den Achseln kleiner, dreizackiger
Blätter, die sich besonders bei der Fruchtreife spreuartig trocken anfühlen und
daher Spreu blatte r genannt werden. Entfernt man die reifen Früchte, so
erhält der Blütenboden, den man jetzt als Fruchtboden bezeichnet, durch
die Spreublätter fast das Aussehen einer Bienenwabe. (Zahlreichen andern
Korbblütlern, wie z. B. dem Löwenzahn, fehlen diese Blätter.)
4. Wenn man bedenkt, daß die Einzelblüten nur sehr kleine Gebilde sind,
so wird man auch die Bedeutung ihrer Häufung verstehen: ein einzelnes
Blütchen wäre so unscheinbar, daß es unmöglich die Blicke der Insekten auf
sich lenken könnte, ganz anders aber, wenn es sich mit vielen seinesgleichen
vereinigt (vgl. hierzu auch Absch. F., 2).
F. Einzelblüte. Zwischen den Einzelblüten macht sich nun wieder ein
großer Unterschied bemerklich: die in der Mitte der Blumenscheibe stehenden
haben eine kleine, gelbbraune, röhrenförmige Blumenkrone, während die am
Rande des Körbchens befindlichen eine gelbe Blumenkrone besitzen, die zu
einem langen Bande oder einer Zunge ausgezogen ist. Nach der Stellung kann
man die Blüten also als Scheiben- und R a n d b 1 ü t e n , nach der Form als
Röhren- und Zungenblüten unterscheiden.
1. Röhrenblüte (s. Abb. S. 178). Der unterständige (s. S. 71, b) Frucht-
knoten trägt oben (meist) 2 Blättchen, in denen wir den Kelch vor uns haben.
Wenn wir uns daran erinnern, daß der Hüllkelch für die Gesamtheit der Blüten die
Bedeutung eines Kelches besitzt, so wird uns die geringe Ausbildung des wirklichen
Kelches leicht verständlich. (Bei anderen Korbblütlern, z. B. bei der Wucherblume,
sind vom Kelche noch viel geringere Spuren zu finden, während er bei wieder
anderen Arten zu einer „Haarkrone" umgebildet ist; s. S. 182.) Die Blumen-
krone ist eine enge Röhre, die etwas über dem Grunde eine kugelförmige Er-
weiterung zeigt und in 5 Zipfel endet. Am Grunde
der Erweiterung sind die Fäden der 5 Staubblätter
eingefügt, deren Beutel zu einer den Griffel umgebenden
Röhre verwachsen sind. Der Griffel endet in 2 Narben,
die aber erst im letzten Blütenzustande (Fig. 4 der
Abb. auf S. 178) auseinanderspreizen. Der Honig
wird von einem kleinen W T ulst am Grunde des Griffels Blütengrandrig einer
abgeschieden, und zwar in so großer Menge, daß der RöhrenMüte der
untere Teil der Blütenröhre oft damit gefüllt ist. — Sonnenrose.
Um die Art der Bestäubung kennen zu lernen, müssen wir
a) bereits eine Blüte öffnen, wenn sie sich noch im Knospenzustande be-
findet (1). Wir sehen, wie die Staubbeutel noch geschlossen sind, wie
der Griffel noch nicht bis zu der Staubbeutelröhre empor reicht, und wie die
beiden Narben noch eng aneinander liegen. Außen sind die Narbenäste,
Schmeil, Lehrbuch der Botanik. , g
178
49. Familie. Korbblütler.
sowie ein Stück des Griffels selbst mit zahlreichen feinen Haaren besetzt, so
daß der Griffel das Aussehen eines winzigen Cylinderpntzers erhält.
b) Bei einer etwas älteren Blüte finden wir die Beutel nach innen
geöffnet, so daß die Bohre mit Blütenstaub ausgefüllt wird. Bei einer wieder
älteren, aber immer noch geschlossenen Blüte (2) ist der wachsende Griffel wie
ein Kolben in der Staubbeutelröhre vorgedrungen. In-
folgedessen schiebt er den Blütenstaub vor sich her und
nimmt die etwa zurückbleibenden
Körnchen in seinem Haarbesatze mit
empor.
c) Nunmehr öffnet sich die Blumen-
krone (3). Der sich immer mehr
1.
3.
Röhrenblüte der Sonnenrose in ihrer Entwicklung. Die einzelnen Entwicklungs-
zustände sind im Texte erklärt. Die Blütenröhre ist der Länge nach halbiert; von den
Staubblättern sind in Fig. 1 u. 2 nur je 3, in Fig. 3 u. 4 nur je 2 zur Darstellung
gelangt. — Sp. Spreublatt. F. Fruchtknoten. H. Honigabsondernde Stelle des Griffels.
K. Kelchblätter. Sf. Staubfäden. G. Griffel. Sb. Staubbeutelröhre (geöffnet). N. Narbe.
(Etwa 5 mal vergr.)
streckende Griffel hebt die schwarzbraune Staubbeutelröhre — die Staubfäden
haben sich gleichzeitig stark verlängert — aus der Blüte heraus und drängt
zugleich den Blütenstaub in Form eines gelben Häufchens aus der
Staubbeutelröhre hervor. Jetzt befindet sich der Staub an der Stelle,
an der er von Insekten leicht abgestreift werden kann. Und in welch'
Sonnenrose. 17"**
reichlichem Maße dies geschieht, zeigt die oft ganz gelbe Körperimterseite der
saugenden Besucher.
d) Ist der Blütenstaub abgeholt, dann spreizen erst die Narben aus-
einander, so daß ihre allein „belegungsfähige" Innenseite oifen daliegt (4.)
Gewöhnlich dauert es auch nicht lange, so bringen die Insekten, die von Blüte
zu Blüte schreiten, von jüngeren Blüten Staub herbei. Das ungleichzeitige Reifen
der Staubbeutel und Narben in derselben Blüte hat also wie bei der Glocken-
blume (s. das.) meist Fremdbestäubung im Gefolge.
e) Auch wenn die Insekten von anderen Pflanzen oder von anderen
Blütenkörben derselben Pflanze keinen Blütenstaub herbeitragen würden, erfolgt
in der Regel doch die „erwünschte" Fremdbestäubung; denn die Blüten eines
Köpfchens öffnen sich ja nicht alle zu gleicher Zeit. Abgesehen von den ersten
und letzten Tagen des Blühens findet man — wie die Abb. auf S. 176 zeigt —
in jedem Körbchen Blüten in allen Entwicklungszuständen, und zwar
erfolgt das Aufblühen reihenweis von außen nach innen (ebenso
natürlich auch das Verblühen!).
f) Tritt aber infolge ausbleibenden Insektenbesuchs Fremdbestäubung nicht
ein, so „bequemt" sich die Pflanze schließlich zur Selbstbestäubung: die
Narbenäste rollen sich so weit zurück, daß ihre Oberseiten die verschrumpften
„Fegehaare" berühren, in denen stets noch einige Blütenstaubkörnchen hängen
geblieben sind. (Derselbe Vorgang ist auch an der Glockenblume zu beobachten.
Ähnlich erfolgt auch bei zahlreichen anderen Pflanzen Selbstbestäubung, wenn
Fremdbestäubung nicht eintritt.)
2. Zungenblüten, a) Die am Rande des Köpfchens stehenden Znngen-
blüten (s. Abb. S. 176) zeigen im wesentlichen denselben Bau. Ihre sehr kurze
Blütenröhre ist jedoch — wie bereits erwähnt — zu einem langen Bande aus-
gezogen, und Staubblätter sowohl, als einen Griffel sucht man bei ihnen ver-
geblich. Sie sind demnach unfruchtbar (der Fruchtknoten verschrumpft), aber
durchaus nicht ohne Bedeutung für die Pflanze. Indem die bandförmigen Ab-
schnitte der Blumenkrone nach außen strahlen, erhöhen sie die Auffällig-
keit des Blütenkorbes und helfen dadurch die Bestäuber der Röhren-
blüten herbeilocken. Die Randblüten bezeichnet man daher auch als Strahlen-
blüten und Blütenköpfe dieser Art als „strahlend" (vgl. mit Möhre und Schnee-
ball!). In den Blütenständen der Sonnenrose (und aller jener anderen Korb-
blütler mit ähnlichen Blütenkörben) ist also eine „Arbeitsteilung" eingetreten:
die Blüten haben sich in Frucht- und „Lockblüten" geschieden.
b) Da Rand- und Scheibenblüten außerdem noch von verschiedener
Färbung sind, so werden die Blütenstände umso auffälliger; denn Farben-
gegensätze (Farbenkontraste) erhöhen bekanntlich die Auffälligkeit eines Gegen-
standes; wir brauchen nur an Plakate, Firmenschilder u. dgl. zu denken. (Ea
gibt aber auch eine gärtnerische Spielart der Sonnenrose, bei der Rand- und
Scheibenblüten gelb gefärbt sind. — Von zahlreichen anderen Korbblütlern,
z. B. von Astern, Georginen und Gänseblümchen, hat der Mensch Spielarten
180
49. Familie. Korbblütler.
gezüchtet, bei denen die Blumenkronen der ursprünglich röhrenförmigen Scheiben-
blüten zungenförmig geworden sind. Solche Blütenstände bezeichnet man be-
kanntlich als „gefüllte" Blumen.)
e) Wie wir oben gesehen haben, blühen die Scheibenblüten nicht alle zu-
gleich, sondern nacheinander, und zwar jede nur eine verhältnismäßig kurze
Zeit. Da die Randblüten aber allen Scheibenblüten „dienen" müssen, so blühen
sie auch während einer viel längeren Zeit, oder bestimmter ausgedrückt: die
Blütezeit der Randblüten ist gleich der Gesamtblütezeit der
Scheibenblüten.
G. Frucht. Die Fruchthülle — sie ist, wie die
2 Narben andeuten, aus 2 Fruchtblättern gebildet —
F schließt nur einen Samen ein, der sich vom Grunde erhebt.
Die schwarzgraue Frucht öffnet sich daher bei der Reife
c- nicht: sie ist eine Schließfrucht (s. S. 10, 3). Indem der
Wind die hohe Pflanze schüttelt, streut er die glatten
Früchte über ein größeres Gebiet aus. (Bei welchen
anderen Korbblütlern erfolgt die Verbreitung auf dieselbe
Weise? Welche Vögel stellen den Früchten gern nach?)
Fruchtknoten der
Sonnenrose , geöff-
net. F. Fruchthülle.
S.Die gestielteSamen-
anlage (8 mal vergr.).
lein („Kettenblume'
2. Der Löwenzahn (Taräxacum officinäle).
1. Bedeutung. Der Löwenzahn ist so recht die
Pflanze der Kinder: jubelnd pflücken die Kleinen die
leuchtend gelben Blütenköpfe zum Strauß („Butterblume"),
„schmieden" die hohlen Blütenstiele zu vergänglichen Kett-
, „Ringelblume") und fragen die zierlichen Fruchtstände
(„Lichter", „Lampen"), wie lange sie wohl noch leben („Pustblume").
Die Blätter, die gleich allen anderen Teilen einen weißen, klebrigen
Milchsaft enthalten, werden von den Weidetieren gern verzehrt („Kuh-
blume"). Den Verlust der Blätter verwindet die Pflanze jedoch gewöhnlich sehr
bald; denn der kurze, dicke (oft verzweigte) Stamm (Wurzelstock) ist im Erd-
boden geborgen. Er kann daher von den Blatträubern nicht mit verletzt werden
und beginnt meist bald darauf von neuem zu treiben. Genau so verhält
sich der Löwenzahn der Sichel gegenüber: auf Rasenplätzen ist er — wie der
Gärtner sagt — nicht „tot zu bekommen" und dort daher ein lästiges Un-
kraut. Die jüngsten Blätter werden in einigen Gegenden auch als Salat
verzehrt.
2. Standort. Der Löwenzahn ist auf Wiesen und Grasplätzen, sowie
an Wegen und ähnlichen Stellen überall häufig anzutreffen. Während er hier
auf sehr trockenem Boden im stärksten Sonnenbrande wächst, bewohnt er dort
feuchte, schattige Orte; während er hier nur mit niederen Gräsern das Gebiet
teilt, steht er dort mitten zwischen den hohen Wiesenpflanzen, die ihn fast zu
„erdrücken" scheinen. Er gedeiht also unter sehr verschiedenen Verhältnissen ;
allen aber ist er — wie wir sofort sehen werden — vortrefflich „angepaßt".
Sonnenrose. Löwenzahn. 181
3. Wurzel. Da sich der kurze Stamm in eine lange Pfahlwurzel
fortsetzt, die bis zu den stets feuchten Bodenschichten hinab steigt, vermag der
Löwenzahn selbst der Wasserarmut festgetretener Wege zu trotzen. An diesen
Stellen findet man seine
4. a) Blätter stets zu einer Rosette (s. S. 17, 3) geordnet, die dem
Boden dicht aufliegt, ihn beschattet und mithin vor zu starker Aastrocknung schützt.
b) Die so geordneten Blätter sind zudem auf der Oberseite mit einer
oder mehreren deutlichen Rinnen versehen. Infolgedessen leiten sie jeden
Regentropfen, von dem sie getroffen werden, der dürstenden Wurzel zu. (Der
Richtung der Wurzel entsprechend, ist die Wasserableitung also centripetal;
s. S. 88.)
c) Infolge der Rosettenstellung der Blätter verdrängt der Löwenzahn
(wie der Wegerich; s. Taf. 23, auf der diese Erscheinung angedeutet ist) end-
lich auch die kleineren, benachbarten Pflanzen, die ihm ja Bodenfeuchtig-
keit wegnehmen würden: er bedeckt sie mit seinen Blättern, raubt ihnen also
das Licht, und — Lichtmangel ist stets der Tod der grünen Gewächse. Darum
ist er auch wie sein treuster Genosse, der Wegerich, an Orten mit niedrigem
Pfianzenwuchs vielfach die „herrschende" Pflanze. — Dieses Verhalten des
Löwenzahns gegen andere, schwächere Gewächse ist ein deutliches Beispiel von
dem erbitterten und ununterbrochenen Kampfe, der in der scheinbar so fried-
lichen Welt der Pflanzen herrscht, von einem Kampfe, der sich um Nahrung,
Licht, Luft und Raum dreht ! (Verfolge diesen Kampf auch bei anderen Pflanzen
und beobachte, wie stets die stärkere als Siegerin daraus hervorgeht!)
d) Steht der Löwenzahn aber zwischen üppig wachsenden Pflanzen, etwa
auf einer wohlgepflegten Wiese, so kommt er häufig in die Gefahr, überwuchert
zu werden. Dann verlassen die Blätter mehr oder weniger die
zierliche Rosettenstellung: sie richten sich schräg oder gar senkrecht
aufwärts, dem belebenden Lichte entgegen.
e) Da sich der Löwenzahn hier, sowie an wirklich schattigen Stellen
(gib solche an!) nicht im Vollgenusse des Lichts befindet, sind seine Blätter
sehr groß und zart wie die der eigentlichen Schattenpflanzen (s. S. 7, a u. b).
(Stelle die verschiedene Größe der Blätter von „Sonnen- und Schattenpflanzen"
durch Messungen fest, und beobachte, wie verschieden sich diese Blätter gegen
das Vertrocknen verhalten!)
f) Außerdem erhalten hier die Blätter oft ein ganz verändertes Aus-
sehen: während sie bei Pflanzen trockener oder mäßig feuchter Standorte
mehr oder weniger tief wie eine Schrotsäge eingeschnitten sind („Löwenzahn":
Abschnitte meist rückwärts gerichtet, oft nochmals mit kleinen Zähnen), ist hier
der Blattrand oft nur noch schwach gezähnelt, eine Erscheinung, die gleich-
falls auf eine Vergrößerung der Blattfläche hinaus läuft,
5. Blüte, a) Die Blütenköpfe stehen einzeln am Ende je eines blatt-
losen, hohlen Stieles (eines sog. Schaftes), der je nach der Höhe der um-
gebenden Pflanzen sehr kurz, aber auch außerordentlich lang sein kann
182 49. Familie. Korbblütler.
(Beweis! Bedeutung?). Im Blütenköpfchen finden sich nur Zungenblüten.
Sie entspringen nicht in den Achseln von Spreublättern und unterscheiden sich
von denen der Souneorose besonders dadurch, daß sie wie die Röhrenblüten
dieser Pflanze wohl ausgebildete Staubblätter und einen ebensolchen Griffel be-
sitzen. Auch die Bestäubung erfolgt genau wie bei der Sonnenrose. Hinsicht-
lich der Bildung des Kelches dagegen zeigt sich ein wesentlicher Unterschied:
der Fruchtknoten setzt sich oben in ein kurzes Stielchen fort, das auf seiner
Spitze (außer der Blumenkrone) einen Haarkranz trägt, in dem wir den Kelch
vor uns haben. Dieser „Haarkelch" (Pappus) krönt später die reife Frucht
und wird daher auch „Haar- oder Federkrone" genannt.
b) Schon lange bevor sich das Köpfchen öffnet, sind die äußeren Blätter
des Hüllkelchs herabgeschlagen; die inneren dagegen stehen aufrecht und um-
hüllen schützend die zarten Blüten. Dabei schließen sie so eng aneinander,
daß es den Eindruck macht, als seien sie in der unteren Hälfte miteinander
verwachsen. An einem sonnigen Morgen ist endlich für das Köpfchen die Zeit
des Öffnens gekommen. Die Blütchen spreizen weit auseinander, so daß sie
eine große, leuchtend gelbe Fläche bilden (Bedeutung?) und die Blätter des
Hüllkelchs nach außen drängen. Bereits lange vor Anbruch des Abends
schließen sich die Köpfchen wieder : die Blüten kehren in die Knospenlage
zurück, werden wieder vom Hüllkelch umgeben, und von der früheren Herrlich-
keit ist nichts mehr zu sehen (s. S. 3, b). Dieser Vorgang wiederholt sich
täglich, bis das Blühen ein Ende erreicht hat. Bei regnerischem und kaltem
Wetter öffnen sich die Köpfchen gar nicht! (Verfolge, zu welchen Tages-
stunden das Öffnen und Schließen in deiner Heimat während der einzelnen
Monate erfolgt!)
6. Frucht, a) Im Schutze des Hüllkelchs reifen auch die Früchte.
Die Blumenkrone ist nach dem Verblühen abgefallen; die stielchenartige Ver-
längerung des Fruchtknotens dagegen hat sich gleich den Haaren der Haarkrone
stark in die Länge gestreckt. Sind die Früchte reif und somit verbreitungs-
fähig geworden, und scheint die Sonne warm herab, dann spreizen die Haare
auseinander, während sich die Blätter des Hüllkelchs gleichzeitig nach unten
schlagen: es haben sich jene bekannten, kugeligen Fruchtstände gebildet,
die an Zierlichkeit ihresgleichen suchen.
b) Jetzt „warten" die Früchte auf einen Windstoß, der sie über ein
weites Gebiet aussäen soll (Bedeutung? s. S. 10, 3). Diesen wichtigen Dienst
vermag der Wind der Pflanze wohl zu leisten; denn die Haar kröne liefert ihm
einerseits eine große Angriffsfläche, so daß er die Frucht leicht vom Frucht-
boden ablösen kann, und sie stellt andererseits einen winzigen Fallschirm dar.
Wie ein solcher Schirm der Luft einen großen Widerstand entgegensetzt, so
daß der an ihm hängende Luftschiffer nur langsam zur Erde herabschwebt, so
wird auch durch die Haarkrone ein schnelles Fallen der Früchte verhindert.
Sollen die Früchte aber wirklich über ein weites Gebiet verbreitet werden, dann
müssen die Fallschirme auch die zum Schweben notwendige Stellung beibehalten
Löwenzahn und andere Korbblütler. 183
(was würde im anderen Falle geschehen?). Audi dafür Ist gesorgt: da sich
das „Stielchen" sehr lang gestreckt hat, ist der Schwerpunkt des ganzen, feder-
leichten Gebildes verhältnismäßig tief zu liegen gekommen, so daß es wie ein
„Stehauf" stets senkrecht stehen muß. Sind die Früchte vom Winde nicht
abgeholt, dann legen sich die hygroskopischen) Fallschirme in der feuchten
Abendluft wieder zusammen, und die Kelchblätter umgehen sie abermals; denn
der Tau der Nacht würde die Haarkrone so durchfeuchten und beschweren,
daß an eine Verbreitung durch den Wind nicht mehr zu denken wäre. Am
nächsten Tage im warmen Sonnenscheine beginnl das Spiel von neuem. ]->ei
feuchter Luft dagegen öffnen sich die Fruchtstände überhaupt nicht.
c) Ist das „Luftschiff" gestrandet, dann löst sich die Haarkrone mit dem
Stielchen von der Frucht ab, die durch zahlreiche Zähnchen der Frucht-
schale bald sicher im Boden verankert ist (Bedeutung?).
Andere Korbblütler.
Die Korbblütler stellen mit ihren etwa 12 000 Arten die größte aller Pflanzen-
familien dar. Sie sind über alle Zonen verbreitet und finden sieh bei uns an den ver-
schiedensten Standorten. Nach der Bildung der Blütenköpfchen lassen sie sich leicht in
folgende drei Gruppen ordnen:
1. Gruppe. Strahlenblü tige : Die röhrenförmigen Scheiben bluten wer-
den (wie bei der Sonnenrose) in der Regel von einem Kranze zungenförmiger
Rand- oder Strahlenblüten umgeben.
Mit der Sonnenrose haben zahlreiche andere Korbblütler Einzug in unsere Gärten
gehalten. Von diesen seien nur die beiden wichtigsten, die Garten - Aster (Aster
chinensis) aus China und die Georgine (Dählia variäbilis) aus Mexico, genannt. Gärt-
nerische Kunst hat aus ihnen eine unabsehbare Anzahl von Spielarten gezüchtet (s. S. 19),
die hinsichtlich der gesamten Gestalt (z. B. „Zwergastern"), sowie der Größe, Farbe
und Form der Blütenköpfe n. dgl. oft beträchtlich voneinander abweichen. Wie man
an den wildwachsenden Asterarten unserer Heimat, sowie an „ einfachen" Georginen
sehen kann, haben die Köpfchen dieser Pflanzen wie die der Sonnenrose ursprünglich
auch nur einen Kranz von Zungenblüten. Gelegentlich zeigen sich aber auch einige
oder mehrere Röhrenblüten der Scheibe zungenförmig umgestaltet. Da dem Menschen
solche Blütenköpfe besonders gefielen, suchte er zur Fortzucht stets nur die Pflanzen aus.
bei denen solche regelwidrigen (abnormen) Blütenbildungen besonders ausgeprägt waren :
auf diese Weise sind im Laufe der Zeit die Formen mit „gefüllten Blüten" ent-
standen, die heute fast allgemein angepflanzt werden.
Wie schnell eine solche „Veredlung" erfolgen kann, zeigt deutlich eine allbekannte
Wiesenpflanze, das freundliche Gänseblümchen oder Maßliebchen (Bellis perennis).
Man braucht es nur in gute Gartenerde zu pflanzen, so tritt auch alsbald eine Ver-
mehrung der Strahlenblüten ein, und es entsteht das bekannte, weiß- oder rotblühende
Tausendschönchen. Die wildwachsende Pflanze blüht fast das ganze Jahr hindurch.
Die Köpfchen, die sich auf mehr oder weniger langen Stielen über die zierlichen Blattrosetten
erheben, schließen sich abends nicht nnr wie die des Löwenzahns, sondern werden meist
anch nickend. — In der Gesellschaft des Gänseblümchens (Standort!) findet sich vielfach
die weiße Waoherblame (Chrysanthemum leueanthemum) mit ganz ähnlichen, nur weil
größeren Blütenköpfchen (erkläre den Namen!). Eine in Ostasien heimische nahe Verwandte
184
49. Familie. Korbblütler.
der Wucherblume ist die Stammutter der zahlreichen Winterastern (Chrysanthemum-
Formen), die in immer größerer Blütenpracht von den Gärtnern gezogen werden. Aus den
Blütenköpfen anderer nahe verwandter Arten bereitet man in Persien, den Kaukasusländern
und Dalmatien das bekannte Insektenpulver. — Einen prächtigen Schmuck der Gebirgs-
wiesen bilden die großen, gelben Blütenstände des Wohlverleih oder der Arnica
(Arnica montäna). Die stark gewürzhaft riechenden Wurzeln und Blüten (Schutz gegen
Weidetiere!) standen früher in der Heilkunde in hohem Ansehen. — Sehr kleine,
weiße Blütenköpfe besitzt die Schafgarbe (Achillea millefölium). Da sie aber zu
ansehnlichen Trugdolden gehäuft sind, werden sie doch weithin sichtbar. Die Pflanze
wächst außer auf trockenen Wiesen, besonders an Wegen und ähnlichen Stellen. Dem-
entsprechend besitzt sie auch wie zahlreiche andere Gewächse dieser Örtlichkeiten (Be-
weis !) sehr tiefgehende unterirdische Teile (Wurzelstock und Wurzeln), überaus zähe
Stengel und vielfach zerteilte Blattflächen. — Ähnliche Verhältnisse finden wir beim
Rainfarn (Tanacetum vulgäre) wieder, der den Namen von seinem Lieblingsstandorte,
dem Ackerraine, und den farn wedelartigen Blättern hat. Die gelben Blütenköpfe be-
sitzen keine Strahlenblüten.
An feuchten Stellen, in Gräben, an Teichrändern u. dgl., wächst überall häufig
der Sumpf-Zweizahn (Bidens tripartjtus). Bei ihm verwandeln sich die 2 — 4 Kelch-
blätter zu starren Fortsätzen der Frucht (Name!). Da diese Gebilde mit zahlreichen
Widerhäkchen besetzt sind, bleiben die Früchte („Bettlerläuse") im Fell oder Gefieder
vorbeistreifender Tiere oder in den Kleidern des Menschen
hängen und werden auf diese Weise oft weit verschleppt
(Bedeutung?). — An Grabenrändern, auf feuchten Äckern
und an ähnlichen Orten entfaltet als eine der ersten
Frühlingspflanzen der Huflattich (Tussilägo färfara) seine
gelben Blütenkörbe, die sich mit Beginn des Abends
schließen und nickend werden (Bedeutung?). Nach be-
endeter Blütezeit streckt sich der von schuppigen Blät-
tern besetzte Blütenschaft stark in die Länge. Infolge-
dessen wird der Fruchtstand über die Pflanzen der Um-
gebung, die mit emporgeschossen sind, gehoben, so daß der
Wind die mit Haarkronen ausgerüsteten Früchte zu ver-
breiten vermag. Erst nachdem dies geschehen ist, wachsen
die unterseits weißfilzigen Blätter heran (s. Salweide).
Da sie von außerordentlicher Größe sind, würden sie die
Blütenköpfe verdecken, die sich darum eben vor ihnen
entwickeln. Den Baustoff liefern die mächtigen Wurzelstöcke, die sich weit im Boden
ausbreiten. Der willkommene Lenzbote wird dadurch freilich für den Landmann ein
lästiges Unkraut.
Von den bekanntesten Ackerunkräutern dieser Gruppe, die aber auch an
trockenen Stellen (an Wegen, auf Rainen, auf Schutthaufen u. dgl.) wachsen, wären
weiter folgende Arten zu nennen; die echte Kamille (Matricäria chamomilla), deren
Blüten in der Heilkunde mannigfache Verwendung finden. Durch den starken Duft, die
herabgeschlagenen Randblüten und den kegelförmigen, hohlen Blütenboden ist die Pflanze
leicht von der falschen Kamille (M. inodöra) zu unterscheiden, die geruchlos ist und
einen halbkugeligen, nicht hohlen Blütenboden hat. — Zwei andere sehr häufige Un-
kräuter sind das gemeine und das Frühlings-Kreuzkraut (Senecio vulgaris und vernälis).
Früchte vom Sumpf-
Zweizahn (etwa 12 mal
vergr.)
Andere Korbblütler.
Die erstere Art ist eine beliebte Nahrung der
Stubenvögel und hat kleine Blütenkopfe, denen die
Strahlenbliiten fehlen. Die andere Form dagegen
besitzt große, gelbe, strahlende Köpfe ; sie ist aus
Osteuropa zu uns gekommen und verbreitet sich
außerordentlich schnell (zahlreiche Früchte mit
wohlausgebildeter Haarkrone!) immer weiter nach
Westen. — Etwas Ähnliches gilt von dem kana-
dischen Berufskraute (Erigeron canadönsis), das
— wie der Artname angibt — aus Kanada stammt
und sich bei uns besonders an unbebauten Stellen
oft in großen Beständen findet.
Viele andere Formen sind ausgeprägte Ü d -
1 and pflanzen. Als solche wären zuerst die
zahlreichen Beit'ugarten (Artemisia) zu nennen,
von denen der gemeine B. (A. vulgaris) an unbe-
bauten Stellen am häufigsten anzutreffen ist. Dem
Standorte entsprechend (vgl. mit Steinnelke und
Königskerze) hat die meterhohe, sparrige Pflanze
kleine, tiefgeteilte und auf der Unterseite weiß-
filzige Blätter. Die zahlreichen winzigen Blüten-
köpfchen sind ganz unscheinbar. Da die Blütchen
zudem honiglos sind, so werden sie kaum einmal von
einem Insekt besucht. Sie sind daher auf die Be-
stäubung durch den Wind angewiesen, der den trocke-
nen Blütenstaub verweht: daher die große Überein-
stimmung mit anderen windblütigen Pflanzen (s. z B.
Haselnuß) auch in Punkten, die hier unerwähnt
geblieben sind (Beweis!). Die blühenden Zweige
werden vielfach als Küchengewürz benutzt. — Ein
feineres Gewürz liefert der ganz ähnliche Estragon
(A. dracünculus), der aus Südrußland stammt. —
Der Wermut (A. absinthium) dagegen, der an
unbebauten Orten wächst, bei uns aber wohl nur
verwildert ist, enthält einen sehr scharfen Bitterstoff
(der sprichwörtlich gewordene „Wermuttropfen" !).
Die Pflanze findet daher in der Heilkunde, aber
auch als Zusatz zu Wein und Branntwein vielfache
Verwendung. — Ein dichtes, weißes Haarkleid, das
Blätter und Stengel überzieht, erlaubt der niedlichen
Sand-Strohblume (Helichrysum arenarium) selbst
auf ödestem Sandboden zu wachsen und in der Hitze
des Hochsommers zu blühen. Obgleich die Einzel-
blüten ganz unscheinbar sind, werden sie im Gegen-
satz zu denen des Beifuß nicht vom Winde bestäubt.
Die Aufgabe, die Insekten anzulocken, übernimmt
hier der Hüllkelch , dessen zahlreiche Blättchen
meist zitronengelb gefärbt sind. Und die Auffälligkeit
185
Zweig des gem. Beifuß. (Nat. Gr.)
186
Taf. 26. 49. Familie. Korbblütler.
ist umso größer, als die kleinen Köpfchen dicht gehäuft sind. Da der Hüllkelch strohartig
trocken ist (Name!), behalten die abgeschnittenen Köpfchen auch nach der Blütezeit ihr Aus-
sehen („Immerschön" ; „Immortelle", d. h. die Unsterbliche). Deshalb verwendet man die
zierliche Pflanze auch gern zu Kränzen. Dasselbe gilt von mehreren ausländischen
Strohblumen-Arten unserer Gärten. — Abgesehen von zahlreichen anderen filzig-behaarten
Korbblütlern unserer Fluren, sei hier nur noch des herrlichen Edelweig (Gnaphälium
leontopodium) gedacht, das jeder rüstige Alpenwanderer zu pflücken
bestrebt ist. Es findet sich auf Triften und schmalen, oft nur
handbreiten Felsvorsprüngen meist dicht unter der Grenze des ewigen
Schnees, also an Stellen, die häufig von Winden umbraust und von
den Strahlen der Sommersonne außerordentlich
stark erwärmt werden. Obgleich das Pflänzchen
oft nur in einer „Hand voll" Erde wurzelt, die
durch Verdunstung bald alles Wasser verliert,
vermag es hier doch zu gedeihen : das dichte,
dicke Haarkleid — die Blüten sind wie aus
Filz geschnitten ! — ist ihm ein wirksames
Schutzmittel. In das Tal oder die Ebene ver-
pflanzt, verliert das Edelweiß die weiche, zarte
Behaarung (Name!) fast gänzlich (Bedeutung?).
Obgleich die kleinen Köpfchen doldenartig ge-
häuft sind (s. Schafgarbe), er-
langen sie die notwendige Auf-
fälligkeit (Insekten!) doch erst
dadurch, daß sie von einem Kranze
weißwolliger Blätter umgeben wer-
den : das Ganze bildet die sog.
„Blüte" des Edelweiß.
2. Gruppe. Röhrenblütige.
Köpfchen bestehen nur aus
Röhrenblüten.
Obgleich die Kornblume
(Centaurea cyanus — Taf. 26.)
nur ein gemeines Ackerun-
kraut ist, hat sie doch die
größte Zuneigung des Menschen
gefunden; denn gar zu herrlich
leuchten ihre prächtig blauen
Blütenköpfe zwischen den rei-
fenden Halmen des
wogenden Kornfeldes
hervor. Sie darf in ,
keinem „Feldblumen-
strauße" fehlen, und
wenn die Schnitter die
goldenen Ähren zum Edelweiß (etwas verkl.).
<fe
Schmeil. Lehrbuch der Botanik.
Tafel 26.
Kornblume (Centaurea cyanus).
Andere Korbblütler. 187
Erntekränze winden, flechten sie anch „blaue Cyanen" mit ein (cyaneus =
dunkeblau). Da die freundliche Pflanze vorwiegend trockene Felder bewohnt,
besitzt sie auch nur kleine Blattflächen (1.), die mehr oder weniger dicht be-
haart sind: zwei Eigenschaften, in denen wir schon mehrfach Schutzmittel
gegen zu starke Verdunstung des aufgenommenen Wassers kennen gelernt haben
(Beweis!). An den jungen Teilen, die vor allen Dingen eines solchen Schutzes
bedürfen, tritt die Behaarung daher auch stets besonders stark auf. Obgleich
die Blütenköpfe nur aus Röhrenblüten zusammengesetzt sind (2.), macht sich
zwischen letzteren doch derselbe Unterschied geltend wie zwischen den Blüten
der Sonnenrose. Die Randblüten sind nämlich wie bei dieser Pflanze un-
fruchtbar und gleichfalls in den Dienst der Insektenanlockung getreten. Und
diese Aufgabe können sie umso vollkommener erfüllen, als ihre Blütenröhre im
Endteile stark erweitert und nach außen gebogen ist (3). Mit der hierdurch ein-
getretenen Vergrößerung der Blütenfläche hängt es auch zusammen, daß die
Röhren der Scheibenblüten umso mehr gebogen sind, je näher sie dem Rande
stehen. Die Bestäubung, die dem übereinstimmenden Blütenbau entsprechend
genau wie bei den anderen Korbblütlern erfolgt, zeigt eine interessante Be-
sonderheit: Führen wir in eine junge Scheibenblüte (4.) ein zugespitztes Hölzchen
oder dgl. ein, und berühren wir dabei einen der im Wege stehenden Staubfäden, so
quillt aus der Staubbeutelröhre alsbald weißer Blütenstaub hervor. Infolge der
Berührung verkürzen sich nämlich die reizbaren Staubfäden sofort, so daß die
Staubbeutelröhre herabgezogen und der in ihr lagernde Blütenstaub durch den Griffel
hervorgedrängt wird (6.). Dasselbe erfolgt natürlich auch, wenn die Staubfäden von
einem Insektenrüssel berührt werden. Bis zu diesem Augenblicke lag der Blüten-
staub wohl geschützt in der Staubbeutelröhre (5.); sobald er aber hervortritt, wird
er auch schon von dem saugenden Insekt mit der Unterseite abgestreift (vgl. den
saugenden Falter!). Erst später spreizen die Narben auseinander, unter denen ein
Kranz von „Fegeliaaren" sichtbar ist (7.). Die Früchte tragen eine aus kurzen
Haaren bestehende Krone (8.), die für die Verbreitung der Pflanze nur wenig in
Betracht kommt. — In ähnlicher Weise erfolgt die Bestäubung auch bei der nächsten
Verwandten der Kornblume, der rotblühenden Wiesen - Flockenblume
(C. jacea). Je nachdem sich die Pflanze auf feuchteren Wiesen oder an dürren Berg-
lehnen und ähnlichen Orten findet, hat sie große, breite und ziemlich wagerecht
gestellte, oder schmale, mehr aufgerichtete Blätter (vgl. mit Stachel-Lattich) von fast
grauer Farbe (Bedeutung V). — Die Blütenköpfe der Disteln (Carduus) und Kratz-
disteln (Cirsium) enthalten gleichfalls nur Röhrenhlüten, die aber nicht in Frucht- und
Lockblüten getrennt sind. Beide nahe verwandte Gattungen lassen sich leicht durch
die Haarkrone voneinander unterscheiden : bei den Disteln sind die Haare borsten-
fürniig, bei den Kratzdisteln dagegen gefiedert. Bei allen sind sowohl die Spitzen der
Blattzipfel, als auch die an den Stengeln herablaufenden Blattteile und die Blätter des
Hüllkelchs in lange, starre Stacheln ausgezogen, welche die Pflanzen gegen die Angriffe
der Tiere schützen. Von den Disteln sei nur die nickende 1). (('. nutans) genannt,
die auf Triften, an Wegen und ähnlichen Orten im Herbst und Winter ihre regel-
mäßigen Blattrosetten ausbreitet. Im Frühjahre streckt sich der Stengel bis zu Meter-
188 49. Familie. Korbblütler.
höhe empor und trägt zahlreiche große, duftende und nickende Blütenköpfe. Als die
gemeinste Art der Kratzdisteln ist die Acker-K. (C. arvense) zu nennen, die auf Feldern
ein sehr lästiges Unkraut bildet. — Distelartige Blütenköpfe, aber unbestachelte Blätter
besitzen die Kletten (Lappa), die an "Wegen und auf wüsten Plätzen wachsen. Da die
Blätter des Hüllkelchs in je eine hakenförmig gebogene Spitze endigen, bleiben die Blüten-
stände leicht in dem Haarkleide vorbeistreifender Tiere hängen (Verbreitung der Früchte!).
3. Gruppe. Zungenblütige. Köpfchen bestehen (wie beim Löwenzahn
nur aus Zungen bluten.
Die Glieder dieser Gruppe lassen sich zumeist nur schwer voneinander unter-
scheiden. Sie haben in der Regel gelbe Blüten und in allen Teilen einen weißen Milch-
saft (s. Wolfsmilch). Hinsichtlich des erstgenannten Merkmals macht von allen hier er-
wähnten Arten allein die Zichorie (Cichorium intybus) eine Ausnahme. Ihrem Stand-
orte, den wasserarmen Wegrändern entsprechend („Wegwarte"), besitzt sie wie der
Löwenzahn eine tiefgehende Pfahlwurzel, und ihre Blätter sind wie bei jener Pflanze
je nach dem Boden, auf dem sie wächst, mehr oder weniger tief eingeschnitten. Im
zweiten Jahre baut sich aus den Vorratsstoffen der fleischigen Wurzel (vgl. mit Möhre) ein
hoher, sparriger Stengel auf, dessen Blätter nach oben immer kleiner werden. Die
großen, blauen Blütenköpfe schließen sich je nach Blütezeit (Sommer oder Herbst) und
Witterung früher oder später am Tage (wann durchschnittlich in deiner Heimat?).
Da die fleischigen AVurzeln (schneide eine solche in kleine Stücke ; röste und zer-
stoße sie sodann!) einen vielbenutzten Kaffee -„Ersatz" liefern, wird die veredelte
Pflanze in manchen Gegenden im Großen angebaut. — Die nächste Verwandte der Zichorie,
die aus den Mittelmeerländern stammende Endivie (C. endivia), wird bei uns als Salat-
pflanze angebaut. — Sie wird an Bedeutung aber weit von dem Garten-Salat (Lactüca
sativa) übertroffen. Er hat gleichfalls im Mittelmeergebiete seine Heimat und wird wie
mehrere Kohlarten zumeist in „Kopfform" gezogen (Bedeutung?). — Eine unscheinbare,
aber überaus merkwürdige Pflanze ist der Stachel-Lattich (L. scariola), der an un-
bebauten Orten zumeist häufig anzutreffen ist. Ist sein Standort schattig und feucht,
so streckt er die stacheligen, schrotsägeförmigen Blätter wie andere Pflanzen nach allen
Seiten. Steht er aber an sehr sonnigen und trockenen Stellen, so hat er ein ganz ver-
ändertes Aussehen : die Blätter sind nicht nur alle senkrecht gerichtet, sondern haben
sich auch so gedreht, daß sie die Breitseiten nach Osten und Westen, die Kanten da-
gegen nach Süden und Norden richten. An dem Lattich kann man daher — die Himmels-
gegenden ablesen, so daß man ihn mit Recht als eine „Kom p aß pf 1 a n ze" bezeichnet.
(„Anklänge" an diese Blattstellung sind nicht selten auch beim Garten-Salat zu beobachten.)
Welche Bedeutung hat nun diese sonderbare Erscheinung? Die senkrechte Stellung der
Blätter haben wir bereits (s. S. 44) als ein Schutzmittel gegen starke Erwärmung und
hohe Wasserdampfabgabe kennen gelernt. Und die Richtung der Blätter nach den
Himmelsgegenden läuft auf dasselbe hinaus : morgens und abends werden die Blattflächen
von den Sonnenstrahlen senkrecht getroffen; da es zu diesen Zeiten aber verhältnis-
mäßig kühl ist, so werden sie weder stark erwärmt, noch übermäßig zur Verdunstung
angeregt. Am heißen Mittag dagegen wirken die Sonnenstrahlen viel kräftiger: dann
aber bietet ihnen die Pflanze nur die Schmalseite dar, so daß Erwärmung und Ver-
dunstung gleichfalls nur gering sein können. Die eigentümliche Blattstellung ist also
ein Schutzmittel gegen das Vertrocknen und tritt darum auch nur dann auf, wenn die
Pflanze dieser Gefahr ausgesetzt ist, nämlich wenn sie — wie oben erwähnt — auf
trockenem, schattenlosem Boden im heißen Sonnenbrande wächst. (Beachte hiernach
auch die senkrecht an den Stengeln herablaufenden Blattteile der Disteln I)
Andere Korbblütler.
189
Von den zahlreichen, schwer unter-
scheidbaren Arten der Gattung Ha-
bichtskraut (Hieracium) sei nur das
gemeine H. (H. pilosella) kurz be-
rücksichtigt. Das zierliche Pflänzchen,
d.is nach allen Seiten lange Ausläufer
aussendet (Vermehrung!), ist auf Sand-
boden und trockenen Grasplätzen über-
all häufig anzutreffen. Aus einer grund-
ständigen Blattrosette erhebt sich auf
langem Stiele das gelbe Blütenköpfchen,
das sich mit Anbruch des Abends, sowie
bei schlechtem Wetter schließt. Wenn
es längere Zeit nicht geregnet hat, zeigt
die Pflanze eine merkwürdige Verände-
rung: Die Blätter haben die mit einem
Filzüberzuge versehene Unterseite dem
Lichte zugewendet, so daß sie jetzt
gleichsam wie von einem Sonnenschirme
bedeckt und somit gegen zu starke Be-
sonnung, zu hohe Erwärmung und töd-
lichen Wasserdampfverlust geschützt
sind. (Warum hat bei großer Trocken-
heit z. B. die Sand-Strohblume eine
Wendung der Blattflächen nicht nötig?).
— Eine prächtige Pflanze unserer
Wiesen ist der Wiesen - Bocksbart
(Tragöpogon pratensis) , der seine
großen, leuchtenden Blütenköpfe be-
reits in den letzten Vormittagsstunden
wieder schließt. Die Strahlen der rad-
förmigen Federkrone sind durch Fieder-
härchen untereinander verbunden. Auf
diese Weise finden die verhältnismäßig
großen Früchte auch einen größeren
Luftwiderstand als z B. die des Löwen-
zahns (Bedeutung?). — Eine dem Bocks-
bart in allen Stücken ähnliche Pflanze
ist die Schwarzwurzel (Scorzonera
liispäniea). Sie ist aus dem Mittelmeer-
gebiete zu uns gekommen und wird ihrer
schmackhaften Wurzeln wegen vielfach
als Gemüse gebaut. — Mit der Erwähnung
eines allbekannten Ackerunkrautes, der
Acker-Giinsedistel (Sonchus arven-
sis), sollen endlich die Korbblütler, von
denen hier nur wenige kurz betrachtet
werden konnten, abgeschlossen sein.
Stachel-Lattich, der auf trockenem, stark be-
sonntem Boden gewachsen ist. 1. von Süden oder
Norden gesehen; 2. dieselbe Pflanze, von Osten oder
Westen gesehen. (Kleines Expl. in etwa J r j nat.Gr.).
3. Unterklasse, lil innen blattlose Pflanzen (ApetalaeJ.
Pflanzen mit einfacher oder fehlender Blutenhülle.
50. Familie. Beeherfrüehtler (Cupuliferae).
Staubblüten in Kätzchen, ohne oder mit Blütenhülle. Stempelblüten einzeln oder in
geringer Anzahl beisammen (nicht in Kätzchen). Frucht eine Nuß in einer Becherhülle.
(Diese Familie bildet mit den 3 folgenden Familien die Gruppe Kätzchenblütler.)
Der Haselnußstrauch (Cörylus avelläna). Taf. 27.
A. Der Haselnußstrauch und der Mensch. Der Haselnußstrauch war
bei den alten Germanen dem Donar geweiht, und noch lange Zeit, nachdem das
Christentum in den deutschen Gauen siegreichen Einzug gehalten hatte, schrieb
man ihm Zauber- und Wunderkräfte zu. Vor allen Dingen schnitt man aus
seinen Zweigen das „unentbehrliche" Werkzeug der »Schatzgräber, die Wünschel-
rute. Mit ihrer Hilfe meinte man unterirdische Schätze lieben, Quellen auf-
linden, Hexen und Diebe „bannen" zu können u. dgl. mehr.
Obgleich heutzutage dieser Aberglaube zumeist wohl verschwunden ist,
so verknüpfen uns doch noch mancherlei Beziehungen mit dem unscheinbaren
Strauche draußen im Walde: Wenn im Februar und März die „Hasel wieder
stäubt", so erfüllt Frühlingshoffen unsere Brust:
Mit Eis bedeckt ist noch der See,
Noch herrscht im Walde Winters Schweigen,
Sieh, da fällt Goldstaub auf den Schnee
Von der blühenden Hasel Zweigen.
Im Herbste schallt der Wald wieder von den Stimmen Haselnüsse suchender
Kinder und im Winter von dem Axtschlag des Holzhauers ; denn wie die süßen
Nüsse als schmackhaftes Obst gelten, so werden die biegsamen und zähen Zweige
des Strauches vom Korbmacher und Böttcher wohl geschätzt. Verfolgen wir
die Pflanze ein Jahr ihres Lebens hindurch!
B. Der Haselnußstrauch im Yorfrühlinge. 1. Staubblüten. An
den braunen Zweigen des Strauches (1.) finden wir bereits seit dem Herbste des
Vorjahres Knospen, wie sie auch andere Holzgewächse besitzen, und lang-
gestreckte Gebilde, die man bekanntlich „Kätzchen" nennt (warum wohl?
„Kätzchenblütler"). Sobald die höhersteigende Sonne die Erde etwas mehr
erwärmt, und an einigen Tagen wieder lindere Lüfte wehen, erwachen die Kätzchen,
die bis jetzt starr und steif nach allen Seiten von den Zweigen abstanden, aus
dem Winterschlafe: das dünne, stengelartige Gebilde, von dem sie der Länge
nach durchzogen werden, die „Achse", beginnt sich zu strecken; infolgedessen
nehmen sie stark an Länge zu, werden weich und biegsam, so daß sie bald
wie schwankende Troddeln herabhängen (2.). Reißt man ein Kätzchen quer durch,
Schm eil, Lehrbuch der Botanik.
Tafel 27.
W/Y<°u6<*ct),
Haselnußstrauch (Corylus avellana)
Haselnußstrauch. 191
so sieht man, wie von der Achse nach allen Seiten Blättchen ausstrahlen (3.). Auf
der Unterseite jeder dieser .,Kätzchenschuppen" (4.) finden sich noch 2 mit
ihnen verwachsene, sehr zarte Blättchen und unter diesen 8 Staubblätter.
(Richtiger gesagt sind nur 4 Staubblätter vorhanden, die aber bis zum Grunde
geteilt und deren Hälften auseinander gerückt sind. Dies erkennt man daraus,
daß erstlich jeder Staubbeutel nur ein Fach besitzt, während sonst deren stets
'2 vorkommen, und daß zweitens bei nahe verwandten Arten die Teilung noch
deutlich zu sehen ist. Vgl. daraufhin z. B. Weißbuche und Birke!). Da
sich Staubblätter stets nur in Blüten linden, so haben wir es hier also
gleichfalls mit solchen zu tun. Es fehlen ihnen freilich Kelch und Blumen-
blätter. Auch von einem Stempel ist keine Spur zu finden. In den Hasel-
nuß kätzchen haben wir also Blütenstände vor uns, die aus zahl-
reichen, „nackten" Staubblüten zusammengesetzt sind.
2. Stempel bluten. Hier und da sieht man Knospen, die etwas mehr
angeschwollen sind als die anderen, und aus deren Spitzen mehrere purpurrote
Fädchen hervorragen (5.). Beseitigt man die Knospenschuppen, so findet man neben
gewöhnlichen jungen Blättern (s. Absch. C, 1) in der Mitte einige schuppenartige
Blätter und an deren Grunde je 2 Gebilde, in denen wir leicht ebensoviele
Stempel erkennen (6.). Jeder von ihnen besteht aus einem kugeligen Frucht-
knoten, der von einer kleinen, aus 3 grünen Blättchen gebildeten, zerschlis-
senen Hülle umgeben ist und 2 jener purpurroten Fädchen trägt, in denen
wir also die Narben vor uns haben. Am oberen Teile des Fruchtknotens findet
sich ein winziger, gezähnelter Rand, d. i. der ..Überrest" der Blutenhülle.
Jeder Stempel stellt also eine Blüte mit stark verkümmerter
Blütenhülle dar.
3. Bestäubung. Beim Haselnußstrauch sind also Staubblätter und
Stempel in verschiedene Blüten verteilt, die sich wie beim Kürbis (s. das.) auf
derselben Pflanze finden. Wir haben es hier also wie in diesem mit einer sog.
einhäusigen Pflanze zu tun. Da bei einer solchen Selbstbestäubung niemals
stattfinden kann, so müssen wir uns fragen: wer besorgt beim Haselnußstrauche
die Übertragung des Blütenstaubes zur Narbe? Insekten wie beim Kürbis
können es nicht sein; denn wenn an einem sonnigen Tage auch wirklich einmal
eine Blütenstaub naschende Biene auf einem Kätzchen anzutreffen ist: das Heer
der Insekten liegt zu dieser Zeit noch in tiefem Winterschlafe!
Den wirklichen Überträger des Blütenstaubes erkennen wir leicht, wenn
wir den blühenden Haselnußstrauch an einem sonnigen, aber etwas windigen
Tage besuchen. Dann sehen wir, wie der Wind die Aste und „reifen" Kätzchen
schüttelt, wie aus den Kätzchen kleine Wolken gelben Blütenstaubes hervor-
gehen (2. u. 3.), wie der Staub verweht wird und sich nach einiger Zeit auf
den Erdboden, auf Äste, Zweige und andere Gegenstände herabsenkt. Dabei
kann es nun nicht ausbleiben, daß auch die Narben von einigen Staubkörnchen
getroffen werden. Der Vermittler der Bestäubung ist also — der
AVind, und der Haseln u li st ra ach demnach eine „windblfitige" Pf'la uze
192 3. Unterkl. Blumenblattlose Pflanzen. 50. Familie. Becherfrüchtler.
oder kurz: ein Windblütler. — Wenn wir dies im Auge behalten,
werden uns leicht zahlreiche Einzelheiten im Blütenbau, sowie andere Verhält-
nisse klar werden.
a) Da weder die Staub-, noch die Stempelblüten von Insekten besucht
werden, so fehlen der Pflanze auch alle die verschiedenen Mittel, deren sich die
Insektenblütler bedienen, die Bestäuber anzulocken. Von diesen Mitteln wären
besonders zu nennen die leuchtende Blütenfarbe, der Duft und der Honig 1 , der
den Bestäubern als Gegengabe gereicht wird. Die Blüten des Haselnuß-
strauchs sind ganz unscheinbar, duft- und honiglos.
b) Kurz vor Beginn des Stäubens streckt sich — wie wir oben gesehen
haben — die Kätzchenachse stark in die Länge, so daß die Schuppen aus-
einander rücken und das anfänglich starre Kätzchen außerordentlich
biegsam wird. Dadurch wird einerseits dem Winde Zutritt zu den Staubbeuteln
geschaffen, und andererseits ist jetzt schon ein leichter Windhauch imstande,
das wie eine Troddel herabhängende Kätzchen in Schwankungen zu versetzen
und den Blütenstaub herauszuschütteln.
c) Die Kätzchen sind umso leichter zu erschüttern, als sie sich stets an
den Enden kurzer Ästchen finden, die wieder nur von dünnen Zweigen
abgehen.
d) Außerdem stäubt der Haselnußstrauch zu einer Zeit, in der häufig
Winde wehen. Heftige Winde oder gar Stürme sind für die Bestäubung
allerdings ungünstig ; denn sie entführen den Blütenstaub nur nach einer Rich-
tung, verhindern also eine Verbreitung desselben über einen großen Raum
und sind zudem vielfach mit Regen verbunden. Die Regentropfen würden aber
den Blütenstaub, der durch Befeuchtung sehr leicht verdirbt, vernichten oder
doch aus den Kätzchen spülen und zur Erde führen. Daher öffnen sich die
Staubbeutel bei kaltem, regnerischem Wetter nicht. Selbst die Kätzchen, die
zum Stäuben „fertig" sind, „warten" damit, bis wieder mildere Witterung eintritt.
e) Rieselt der Blütenstaub bei vollkommener Windstille aus den Beuteln,
so fällt er nicht etwa zum Erdboden herab. Er würde dann ja nur selten eine
Narbe treffen, in den meisten Fällen also verloren gehen. Da die Kätzchen
hängende Stellung einnehmen, wird er vielmehr auf der Rückseite
der wagerecht stehenden Kätzchenschuppen abgelagert (3.). Hier
bleibt er liegen, bis ihn ein Windhauch „abholt" und ausstreut. (Der Vorgang
läßt sich leicht an Kätzchen beobachten, die man im Zimmer „zum Auf-
blühen" bringt.)
f) Der Haselnußstrauch blüht in einer Zeit, in der er noch unbelaubt
ist. Im anderen Falle würde das Blätterdach dem Winde den Zutritt zu den
Kätzchen verwehren und die Narben verdecken, also den niederfallenden Blüten-
staub von ihnen abhalten.
g) Bei einzeln stehenden Pflanzen ist die Möglichkeit, durch den Blüten-
staub anderer Pflanzen bestäubt zu werden, sehr gering. Der Haselnußstrauch
kommt im Walde aber gewöhnlich in großen Beständen vor.
Haselnußstrauch. 193
h) Wie oben erwähnt, gelangt der größte Teil des Blütenstaubes nicht
an den Ort seiner Bestimmung. Je mehr Staub vorhanden ist, desto größer ist
aber die Möglichkeit, daß er beim Niederfallen eine Narbe trifft. Daher erzeug!
der Haselnußstrauch auch eine viel größere Menge von Blütenstaub als
jede insektenblütige Pflanze.
i) Während bei dieser der Blütenstaub (zumeist) klebrig ist (warum?),
ist er hier staubartig trocken, kann somit leicht verweht werden.
k) Sollen die Narben ein paar Staubkörnchen auffangen, so müssen sie
gleichfalls dem Winde frei ausgesetzt sein. Sie durchbrechen daher zur Blüte-
zeit die Knospenspitze. Der Fruchtknoten dagegen kann ruhig im Schutze
der Knospe verbleiben. Und dies ist umso wichtiger, als die Pflanze ja in dem
unbeständigen Vorfruhlinge mit seinen oft noch recht kalten und regnerischen
Tagen stäubt, oder umgekehrt: die geschützte Lage des Fruchtknotens erlaubt
der Pflanze eine so frühe Blütezeit.
1) Vorteilhaft für die Bestäubung ist es (Beweis!), daß die Narben ver-
hältnismäßig sehr groß und dicht mit winzigen Härchen besetzt sind,
so daß sie rechte „Staubfänger" darstellen. (Untersuche, wie weit sich
alle die angeführten Tatsachen auch bei anderen Windblütlern nachweisen
lassen und suche allgemeine Regeln dafür aufzustellen!)
C. Der Haselnußstrauch im Frühlinge und Sommer. Erst einige
Wochen nach dem Bestäuben der Kätzchen öffnen sich die schwellenden Knospen.
Der zum Vorschein kommende
1. junge Trieb ist anfangs abwärts gerichtet; seine Blättchen sind in
der Mittelrippe gefaltet, dicht mit seidenartigen Haaren bedeckt und stehen wie
die der Linde im Schutze großer, schuppenartiger Nebenblätter. Je mehr sich
die Blätter ausbreiten, desto mehr verschwindet die Haardecke. Kurze Zeit,
nachdem der Trieb die bleibende Stellung eingenommen hat, fallen endlich wie
bei der Linde auch die nutzlos gewordenen Nebenblätter ab : alles Erscheinungen,
deren Bedeutung wir bereits bei der Betrachtung der Roßkastanie verstehen
gelernt haben. Die ausgebildeten
2. Blätter (7.) haben fast Herzform, sind mit zerstreuten Haaren bedeckt
und am Rande mit großen Sägezähnen versehen, die wiederum fein gezähnelt
sind („doppelt gesägte Blätter").
a) Da der Haselnußstrauch mit den wenigen Lichtstrahlen fürlieb nimmt,
die durch die Kronen der Waldbäume ihren Weg linden, so sind seine Blätter
ähnlich wie die der eigentlichen Schattenpflanzen (s. S. 7, b und c) verhältnis-
mäßig zart und groß.
b) Durch die Größe der Blätter wird andererseits auch deren Stellung
am Zweige bedingt: sie stehen abwechselnd und sind so in 3 Reihen geordnet,
daß sie sich gegenseitig nicht beschatten. Eine solche „dreizeilige" Stellung
ist jedoch nur an senkrechten Zweigen zu beobachten. An wagerechten oder
Bchräg gerichteten Zweigen werden die Blätter zumeist viel weniger belichtet.
S chm e il , Lehrbuch der Botanik. jg
li'4 50. Familie. Becherfrüchtler.
Darum drehen sich hier die Stengelglieder so, daß die Blätter wie in
2 „Zeilen" angeordnet erscheinen. (Warum sind die Knospen und Zweige eben-
so angeordnet?)
D. Der Haselnußstrauch im Herbst und Winter. 1. Frucht. Nach
erfolgter Bestäubung beginnt der Fruchtknoten zu schwellen : die Fruchtknoten-
wand wird zu der harten, holzigen „Schale" und die Samenanlage zum „Kerne"
der Haselnuß (9.). Gleichzeitig vergrößert sich auch die „zerschlissene Hülle",
die den Fruchtknoten umgibt (7. u. 8.): sie wird zu dem „Becher", der die
reifende Nuß einhüllt („Becherfrüchtler"). Welche Bedeutung haben nun die
einzelnen Teile der Frucht für den Haselnußstrauch?
a) Da der Kern aus der Samenanlage hervorgeht, so stellt er den
Samen der Pflanze dar. In der Regel enthält die Frucht nur einen Samen.
Sie ist daher eine „Schließfrucht" (s. S. 10, 3), deren feste Wand erst durch
den keimenden Samen gesprengt wird.
b) Der wohlschmeckende Kern ist reich an Stärkemehl und fettem Öle.
Daher bildet er auch ein vielbegehrtes Nahrungsmittel für zahlreiche Waldtiere.
Da er aber von einer festen, holzigen Schale umgeben ist, vermögen ihn nur
größere Tiere zu erlangen, von denen hier nur Eichhörnchen, Haselmäuse und
Häher, sowie das Wildschwein genannt sein mögen. Diese Tiere leisten aber
der Pflanze einen wichtigen Gegendienst. Wieso? Die harte Schale ver-
hindert die Eichhörnchen, Haselmäuse und Häher, die Kerne beim Auffinden
der Früchte sofort zu verzehren; denn zum Öffnen der Nüsse gehört eine gewisse
Zeit. Während dieser Zeit verweilen die Tiere aber nicht gern auf dem Erd-
boden oder in dem Gezweig des Strauches, weil sie dort allen Gefahren schutz-
los ausgesetzt sind. Sie suchen im Gegenteil mit ihrer Beute einen gesicherten
Ort zu erreichen, um dort in Ruhe das Mahl zu halten. Bei diesem Verschleppen
entfallen den Tieren aber zahlreiche Nüsse, die auf diese Weise über einen
weiten Bezirk verbreitet werden können. Ferner ist es bekannt, daß Eich-
hörnchen und Haselmäuse Wintervorräte aufspeichern, und daß der Häher
die Gewohnheit hat, Nüsse (sowie Bucheckern und Eicheln) in den Erdboden zu
verstecken. Ebenso bekannt aber ist es auch, daß diese Tiere sehr häufig die
Vorräte vergessen oder nicht wieder aufzufinden vermögen. In den genannten
Tieren haben wir also die Verbreiter des Strauches vor uns.
Der Haselnußstrauch muß seinen Verbreitern allerdings große Opfer
bringen. Aber tun das die Pflanzen mit saftigen, wohlschmeckenden Früchten
nicht auch (s. S. 64, a)? Freilich wird bei diesen Früchten der Same nicht
mit vernichtet. Wenn wir aber bedenken, daß die Haselnuß (gleich der
Buche und Eiche) eine sehr langlebige Pflanze ist, die alljährlich eine
große Anzahl von Früchten erzeugt, so wird uns dieser Verlust nicht
gar zu beträchtlich vorkommen! Selbst wenn sich nur die zehn- oder hundert-
tausendste Nuß wieder zu einem Strauche entwickeln würde, hätte diese seltsame
Art der Verbreitung noch — eine Vermehrung der Pflanze im Gefolge.
HaselnuListrauch. L95
Neben den genannten Tieren ist es — wie erwähnt — besonders das
Wildschwein, das die Haselnüsse gern verzehrt. Es verschleppt sie aber nicht,
kann also auch nicht als Verbreiter der Pflanze in Betracht kommen. Da es
aber den Waldboden mit Rüssel und Hauern gleichsam durchpflügt und somit
sicher auch manche Nuß (Buchecker, Eichel) an den zum Keimen günstigen < >rt
bringt, so werden wir in ihm nicht einen ausschließlichen Feind des Strauches
(der Buche und Eiche) erkennen.
c) Würden Eichhörnchen, Haselmäuse und Häher die Nüsse bereits vor
der Reife verzehren, so könnten sie eine Verbreitung der Pflanze nicht bewirken.
Wie die unreifen fleischigen Früchte (s. S. 65) sind auch die unreifen Hasel-
nüsse durch schlechten Geschmack geschützt, nur mit dem Unterschiede, daß
dieser Geschmack nicht den Nüssen selbst, sondern dem zerschlitzten Becher
eigen ist, von dem sie umhüllt werden. Erst bei der Reife löst sich die Nuß
aus dem Becher und fällt zu Boden. Der matte Fleck an der Schale ist die Ver-
wachsungsstelle zwischen der Nuß und dem Becher.
d) Findet man in der Schale der Haselnuß ein kreisrundes Loch (7.), so
ist auch stets der Kern zerstört. Beides ist das Werk der Larve des Hasel-
nußbohrers (8. u. 9.; s. „Lehrbuch d. Zoologie").
2. Laubfall. Zur Zeit der Fruchtreife beginnt das Laub, sich herbstlich
gelb und rot zu färben (7.), und ehe meist noch der Oktober zu Ende gegangen
ist, steht der Haselnußstrauch kahl da (vgl. S. 91, c).
* 3. Knospen. Das nächste Frühjahr trifft die Pflanze aber nicht un-
vorbereitet an. Bereits im Juli begannen in den Blattwinkeln sich die nächst-
jährigen Triebe, sowie die beiderlei Blüten zu bilden. Wenn das Laub ab-
gefallen ist, sind auch die Vorbereitungen abgeschlossen, d. h. die Knospen
ausgebildet. Während die kurzen jungen Triebe und die winzigen Stempelblüten
durch Knospenschuppen gegen die Unbilden des Winters geschützt sind,
überwintern die zu Kätzchen gehäuften Staubblüten „frei"; denn infolge der
Größe der Kätzchen ist eine solche winterliche Hülle ausgeschlossen (vgl. hierzu
auch Birke und Erle, sowie Weide und Pappel!). Die Staubblüten entbehren
aber des notwendigen Schutzes gegen eindringendes Wasser und gegen zu starke
Wasserdampfabgabe (s. S. 42, a, b und c) durchaus nicht: die Kätzchenschuppen
liegen nicht allein eng übereinander, sondern ihr äußerer verdickter Abschnitt
ist nach der Spitze des Kätzchens zu so gebogen, daß sie sich z. T. gegenseitig
decken. Außerdem sind die Kätzchenschuppen, besonders an ihren nach außen
gerichteten Abschnitten, filzig behaart, eine Einrichtung, in der wir schon mehr-
fach (Beispiele!) ein wichtiges Schutzmittel gegen das Austrocknen erkannt
haben. — Die Kätzchen können also einer besonderen winterlichen Hülle voll-
kommen entbehren. In Knospenschuppen eingeschlossen wären sie gar nicht
imstande, den Winter in fast ausgebildetem Zustande zu überdauern, oder was
dasselbe sagen will: so zeitig im Jahre zu stäuben, wie wir es am Anfange
der Besprechung gesehen haben. (Vgl. hiermit die Blütezeit der Erle, sowie
die der anderen Becherfrüchtler und der Weidengewächse!)
196 50. Familie. Becherfrüchtler.
Andere Beeherfrüchtler.
1 . Die Eiche (Quercus), die in unsern Wäldern in 2 Arten auftritt, steht
bei uns unter allen Landbäumen am höchsten im Ansehen. Die häufigere Stiel- oder
Sommereiche (Qu. pedunculäta), die besonders in den Auenwäldern der Ebene vor-
kommt, ist an den langgestielten Früchten („Stieleiche") und den kurzgestielten
Blättern leicht zu erkennen. Während sie sich (im Mai) mit jungem Grün bekleidet,
steht die 2. Art, die Stein- oder Wintereiche (Qu. sessiliflöra) noch winterlich
kahl da (daher die Unterscheidung „Sommer- und Wintereiche"). Letztere findet
sich mehr im Gebirge („Steineiche"), ergrünt erst etwa 14 Tage später und hat
kurze Frucht-, aber lange Blattstiele. Beide Pflanzen wachsen zu riesigen Bäumen
(Höhe bis 35 m) heran, die durch ein gewaltiges Wurzel werk im Boden ver-
ankert sind. Der kurze, von rissiger Borke bedeckte Stamm, der nicht selten
einen Durchmesser von mehreren Metern besitzt, löst sich in zahlreiche, knorrige
Äste auf, die jeder für sich einen kräftigen Baum abgeben würden. Da die
Eiche eine lichtliebende Pflanze ist, tragen nur die äußersten Zweige der Krone
die schöngeformten, tiefeingebuchteten Blätter. Daher dringt auch genügend
Licht bis zum Boden herab, so daß sich dort eine vielgestaltige Gesellschaft
niedriger Pflanzen anzusiedeln vermag (nenne die daselbst gefundenen!). Auf
den Blättern, die sich im Herbste besonders an jungen Bäumen nicht alle von den
Zweigen lösen, finden sich häufig Galläpfel sehr verschiedener Form (s. „Lehr-
buch der Zoologie"). Da die Blüten während des Winters in Knospen ein-
geschlossen sind, stäubt die Eiche auch erst, wenn sich das Laub entfaltet
(vgl. dag. Haselnußstrauch und Erle). Dies ist für die Pflanze aber von umso
geringerem Nachteile, als die Blüten sämtlich an der Außenseite der Krone
stehen. Die Staubblüten, die je eine einfache, unscheinbare Blütenhülle besitzen,
stehen in langen, beweglichen Kätzchen. Die Stempelblüten finden sich entweder
einzeln oder zu mehreren gehäuft an den Enden mehr oder minder langer Stiele
(s. oben). Der Fruchtknoten ist von einem Becher umgeben, der aus zahl-
reichen Blättchen gebildet ist und sich zum Näpfchen der Frucht, der Eichel,
entwickelt. (Beschreibe die Blüten näher, und zeige besonders, wie sie zur
Windbestäubung eingerichtet sind! Vergleiche die Bildung und Verbreitung
der Frucht mit der der Haselnuß!).
Das Holz der Eiche übertrifft an Festigkeit, Härte und Dauerhaftigkeit
jedes andere Holz unserer Wälder. Daher wird es besonders zu Wasserbauten
(Brücken u. dgl.) verwendet. Auch als Möbelholz ist es hochgeschätzt. Die
an Gerbstoff reiche Rinde liefert die Gerberlohe. Die Früchte dienen in
waldreichen Gegenden Schweinen als gutes Mastfutter; geröstet und gemahlen
geben sie den sog. Eichelkaffee und mit einem Zusatz von Kakao den Eichelkakao.
Uns ist aber die Eiche noch weit mehr als ein bloßer Nutzbaum.
Wegen des hohen Alters (bis 2000 Jahre), das sie erreicht, wegen der ge-
waltigen Größe, zu der sie heranwächst, wegen des fast unvergänglichen Holzes
ist sie für uns das Sinnbild der Kraft und Stärke. Bei den Griechen und
Eiche und Buche. 197
Römern war sie dem Jupiter, bei den alten Germanen dem Donar geweiht (die
heilige, durch Bonifacius gefällte Eiche bei Geismar!), und ein Kranz von Eichen-
blättern ist schon seit jenen Zeiten das Zeichen des Siegers.
„Ja, dich nennt man mit Recht des Waldes Königin, Kiche,
Unter den Bäumen ist herrlicher keine als du!"
2. So wenig ein anderer Baum unserer Wälder der Eiche an Macht und
Stärke gleichkommt, so sicher wird sie von der Küche oder Rotbuche (Fagus
silvätica) an Schönheit übertroffen. Ja, wir halten die Buche für den schönsten
Baum des Laubwaldes und bringen daher dem Buchenwalde die größte Zuneigung
entgegen. Die hohen, glatten, silbergrauen Stämme alter Bäume gleichen
schlanken Säulen, die auf mächtigen Spitzbogen das grüne Laubdach tragen. Wenn
wir in eine solche „Säulenhalle" eintreten, dann durchrieseln uns heilige Schauer
wie in jenen himmelanstrebenden, gotischen Domen, deren Urbild im Buchen-
walde zu suchen ist. (Vgl. Eichendorffs : Wer hat dich, du schöner Wald etc.
und andere Waldlieder!) Besonders erhaben ist diese Stimmung, wenn das
frische „Buchengrün" hervorsprießt, und wenn die in das Waldesdunkel ein-
dringenden Sonnenstrahlen helle Kringel auf Stamm und Boden zeichnen.
Wie die Blätter der Roßkastanie (s. das.) kommen auch die Buchenblätter
mit einem Haarkleide bedeckt uud zusammengefaltet aus der Knospe hervor.
Die Behaarung tindet sich allerdings nur am Rande und auf der Unterseite des
Blattes und zwar dort wieder nur an den Seitenrippen. Da aber die grünen
Teile zwischen diesen Rippen so gefaltet sind, daß das junge Blatt einen kleinen
Fächer darstellt, so ist die Unterseite von den langen, parallel gerichteten Seiden-
haaren vollkommen überdeckt. Je mehr die zweizeilig angeordneten Blätter
(s. S. 51, 2) erstarken, desto mehr verschwinden auch die Falten und die Behaarung;
nur am Rande bleibt die glatte, eiförmige Blattfläche weiter bewimpert. (In
gleicher Weise entfaltet die Weißbuche ihre Blätter. Beobachte es!) Da die
Buche auch im Innern der Krone sehr reich belaubt ist (vgl. dag. z. B. die
Eiche!) und trockene Standorte liebt, auf denen die abgefallenen Blätter nur
schwer verwesen, so bildet sich im Buchenwalde bald eine sehr dicke Laubdecke,
die nur wenige Pflanzen zu durchbrechen vermögen. (Welche Pflanzen hast du
beobachtet und an welchen Stellen?) Auch Unterholz findet sich nur selten;
denn infolge der dichten Belaubung herrscht zumeist ein so stark gedämpftes
Licht, wie es den Sträuchern nicht zusagt. Das Blühen erfolgt wie bei der
Eiche zur Zeit der Laubentfaltung. Die Staubkätzchen bilden langgestielte,
hängende, fast kugelige Blütenbüschel, während die Stempelblüten aufrecht
stehen. Je 2 Stempelblüten sind von einer Hülle umgeben, aus der sich der
Fiuchtbecher entwickelt. Er ist mit Stacheln bedeckt (Bedeutung?) und öffnet
sich bei der Reife in 4 Klappen, so daß die beiden dreikantigen Früchte ins
Freie gelangen können. (Beschreibe die Blüten und Früchte genauer!) Die als
Bucheckern oder Büchelen bezeichneten Früchte liefern ein wertvolles Speiseöl.
Viel wichtiger ist uns aber das harte, feste, rötliche Holz („Rotbuche") der
Buche, Jus als Brenn- und Nutzholz gleich hoch geschätzt wird.
198 Taf. 28. 51. u. 52. Farn. Birken- u. Walnußgewächse. 53. Farn. Weidengewächse.
3. Die Weig- oder Hainbuche (Carpinus betulus) ist wie die Rotbuche ein
hoher, glattrindiger Waldbaum. Sie ist von dieser jedoch leicht zu unterscheiden durch
den mehr oder weniger seilartig gedrehten Stamm und die ebenso gebildeten Äste, durch
die elliptischen, zugespitzten und doppelt gesägten Blätter, sowie durch die Fruchtbecher,
die blattartige, dreilappige Flügel darstellen (vgl. mit Ahorn!) und am Grunde die
kleinen Nüßchen umschließen. Das weiße Holz („Weißbuche") ist sehr fest („Horn-
baum") und wird deshalb besonders von Drechslern und Stellmachern verwendet.
4. Die Korkeiche (Quercus suber) ist ein immergrüner Baum der Mittelmeer-
länder, dessen Stamm und stärkere Zweige sich mit einer dicken Korkschicht überziehen.
Diese Schicht wird etwa alle 6 — 10 Jahre abgeschält, wobei man sich sorglich in acht
nehmen muß, die darunter liegende eigentliche Rinde zu verletzen (warum?). Die los-
gelösten Platten liefern den Kork des Handels (Verwendung?). — Die edle Kastanie
(Castänea vesca) ist in Südeuropa heimisch, kommt scheinbar wild aber auch in der
Rheingegend vor und wird hier und da in Parkanlagen gepflegt. Der Baum erreicht ein sehr
hohes Alter und dementsprechend oft eine erstaunliche Größe. Er besitzt lange lanzett-
liche Blätter, die am Rande" zu Stacbelzähnen ausgezogen sind, und stachelige Frucht-
becher mit je 1 — 3 Früchten. Diese „eßbaren Kastanien" oder Maronen sind den Samen
der Roßkastanie sehr ähnlich und gelten besonders in der Heimat der Pflanze als ein
wertvolles Nahrungsmittel.
51. und 52. Familie. Birken- und Walnußgewächse (Betuläceae
und Juglandäceae).
1. Birken-Gewächse (Staub- und Stempelblüten in Kätzchen ; Frucht
ein Nüßchen ohne Becherhülle). Die Weißbirke (Betula alba), gewöhnlich
nur Birke genannt, findet sich zumeist im Walde zwischen anderen Baumarten
eingestreut; hier und da bildet sie aber selbst größere Wälder. Die weiße
Borke, die den Stamm mittelgroßer Bäume bedeckt (vgl. dag. junge Zweige
und alte Stämme!) und sich in papierdünnen Fetzen ablöst, sowie die lockere,
„duftige" Krone machen sie zu einem beliebten Schmuckbaume des Parkes.
Bei jungen Bäumen stehen die Zweige schräg aufwärts; mit zunehmendem
Alter aber bilden sich längere, rutenförmige Äste, die infolge ihrer Schwere
meist hängend werden. Die jungen Blätter sind durch einen Harzüberzug
gegen zu starke Wasserdampfabgabe geschützt (s. S. 91, a). Dieses Harz gibt
der Birke zur Frühlingszeit einen angenehmen Duft. Darum bringen wir sie
auch am lieblichen Pfingstfeste als duftende „Maie'' in
unser Haus. Während die Staub kätzchen wie beim
Haselnußstrauche frei überwintern, kommen die weit klei-
neren Stempelkätzchen erst mit den meist rautenförmigen
Blättern aus den Knospen hervor (beschreibe die Blüten
Frucht der Birke näher!). Die Früchte, die mit den dreilappigen Kätzchen-
(Etwa 10 mal vergr.) schuppen abfallen, sind federleichte Gebilde, die jederseits
zu einem großen Flügel verbreitert sind und daher vom
Winde leicht weit verweht werden können (Bedeutung?).
Die Birke liefert uns wertvolles Brenn- und Werkholz. Aus dem Keisig
Weißbuche. Korkeiche. Kastanie. Weißbirke. Erlen. Walnußb. Salweide.
199
stellt man Besen her, und den Birkensaft, den man im Frühjahre durch "das
Anbohren des Stammes gewinnt, läßt man hier und da zu Birkenwein vergären.
Die Schwarzerle (Alnus glutinösa) liebt feuchten Untergrand, findet sich daher
besonders an den Ufern der Gewässer und bildet im „Erlenbruche* oft ausgedehnte
Bestände. Sie tritt als Strauch und Baum auf. Ist sie belaubt, dann bilden die rund-
lichen, abgestutzten Blätter ein leichtes Erkennungszeichen, ist sie kahl, die Knospen,
die wie bei keinem anderen heimischen Baume
gestielt sind. Da sowohl die Staub-, als auch
die kleineren Stempelkätzchen frei überwin-
tern, so stäubt die Erle mit dem Haselnuß-
stranche bereits im Vorfrühlinge. Die Stempel-
kätzchen bilden sich durch Verholzung der
bleibenden Schuppen zu rundlichen, zapfen-
artigen Fruchtständen aus. Im Winter oder
Vorfrühlinge spreizen die Schuppen ausein-
ander, so daß die Früchte herausfallen können.
Obgleich nur wenig geflügelt, werden sie
doch leicht ein Spiel des Windes; denn es
sind winzig kleine, plattgedrückte Gebilde. —
Die Grauerle (A. incäna) ist ein Gebirgs-
baum, der sich u. a. durch die schräg aufrecht
stehenden Zweige und den silbergrauen Stamm
von der Schwarzerle leicht unterscheidet.
2. Die Walnuß-Gewächse unter-
scheiden sich von den übrigen Kätzchenblüt-
lern besonders durch den Bau der Frucht,
die vom Walnußbaume (Juglans regia)
her jedermann bekannt ist: Der äußere
Teil der Fruchtwand bildet die grüne, unan-
genehm schmeckende Hülle (Schutzmittel!),
während der innere Teil die holzharte,
2 klappige „Nußschale" darstellt. Der Wal-
nußbaum, der ein hohes Alter und einen
gewaltigen Umfang erreicht, hat im Mittel-
meergebiete (in „Welschland" — Name!) seine Heimat. Das harte, schön gemaserte Holz
wird gleich dem einiger amerikanischer Arten zur Herstellung von Möbeln hoch geschätzt.
Zweig der Sehwarzerle mit Knospen,
Stempelblüten (Stp.), stäubenden Staub-
blüten (Stb.) und Fruchtständen (Fr.),
aus denen soeben die Früchte ausfallen.
(Nat. Gr.).
53. Familie. Weideng-ewächse (SaHcäceae).
Zweihäusige Pflanzen, deren Staub- und Stempelblüten keine Blütenhülle besitzen und
Kätzchen bilden. Frucht eine zweiklappige Kapsel. Samen mit Haarschopf.
Die Sal- oder Palm weide (Salix cäprea). Taf. 28.
(Zugleich ein Blick auf die übrigen Weidenarten.)
A. Standort. Gleich zahlreichen anderen "Weidenarten ist die Salweide
eine treue Begleiterin der Bäche und Flüsse, umsäumt Teiche und Seen, rindet
200 53. Familie. Weidengewächse.
sich aber auch in feuchten Gebüschen und Waldungen, ja kommt selbst noch
auf ziemlich trockenem Boden vor.
B. Stamm und Zweige. Die Salweide ist ein Strauch oder Baum und
wird gleich anderen Arten vorwiegend durch
1. Stecklinge vermehrt. Schneiden wir im Winter oder Frühlinge,
bevor sich die Knospen zu entfalten beginnen, einige Zweiglein ab und stecken
sie in ein Glas Wasser oder pflanzen sie in einen mit feuchter Erde gefüllten
Blumentopf, so sehen wir, wie aus den im Wasser oder in der Erde befindlichen
Teilen lange, vielfach verzweigte Wurzeln hervorgehen, die nach einigen Wochen
oft das ganze Glas erfüllen oder die Erde nach allen Richtungen durchziehen.
Will man Weiden anpflanzen, so verfährt man ganz ähnlich: man schneidet
Zweige ab und pflanzt sie in feuchte Erde. Verwendet man hierzu größere
Zweige, so gehen daraus oft stattliche Bäume mit mächtigen Kronen hervor.
Da sich die langen Wurzeln nach allen Richtungen im Boden ausbreiten,
und vielfach verzweigen, so eignen sich die Weiden vortrefflich, Ufer und
Dämme zu befestigen. Die größte Bedeutung erhalten sie aber durch
2. die Zweige, die sich infolge sehr großer Biegsamkeit und Zähigkeit
besonders zur Herstellung von Korb- und Stuhlwaren, sowie zu Faßreifen
eignen. Hierzu kann man aber nur glatte, astlose Ruten benutzen. Deshalb
zieht man die Weiden zumeist als Sträucher, die man alljährlich oder in längeren
Zwischenräumen bis zum Boden abschneidet. Die baumartig wachsenden Weiden
mit den krummen, ästigen Zweigen und dem weichen, wenig dauerhaften Holze
dagegen haben für den Menschen nur eine geringe Bedeutung. Sie werden von
dem „Beherrscher der Natur" (beweise, daß seine Herrschaft aber nur eine sehr
beschränkte ist!) zumeist arg verstümmelt und treten uns dann als die sog.
3. Kopfweiden entgegen. Diese eigentümliche Baumform kommt da-
durch zustande, daß man den jungen Baum stutzt oder „köpft" und ihm alle Seiten-
zweige nimmt. Am abgestutzten Ende bildet sich dann eine besenförmige Krone
langer Zweige, wie sie der Mensch zu erhalten wünscht. Indem die Zweige nach
Verlauf einiger Jahre immer wieder von neuem entfernt werden (Verwendung?),
schwillt das obere Ende, der sog. Kopf, unverhältnismäßig an, so daß der Baum
oft eine seltsame Gestalt erhält (vgl. Goethes „Erlkönig"!). In die zahlreichen
Wunden, die man der Weide auf diese Weise fortgesetzt schlägt, dringen nun
aber Wasser und Pilzsporen ein : es entsteht eine Fäulnis, durch die sich das Holz
in eine braune, lockere Masse, die Weiden- oder Baumerde (Verwendung?), ver-
wandelt. So wird nach und nach fast der ganze Holzkörper zerstört und der
Baum schließlich hohl. (Bei welchen Bäumen hast du gleichfalls hohle Stämme
angetroffen? Beobachte, wie die hohlen Kopfweiden und die hohlwerdenden Stämme
großkroniger Bäume dem Sturme nur geringen Widerstand leisten können ! Für
welche Tiere bilden die hohlen Stämme einen willkommenen Schlupfwinkel? Be-
obachte die Gänge des Weidenbohrers und die Löcher, die der Specht gehackt hat!)
C. Knospen (1 — 4). In den Achseln der Blätter bilden sich bereits im
Spätsommer die Knospen, die von je einer kapuzenförmigen, lederartigen, braunen
Schmeil, Lehrbuch der Botanik.
Tafel 28.
Sal- oder Palmweide (Salix eaprea).
Salweide. 201
Schuppe eingehüllt sind (Bedeutung a. S. 11, B). Junge Salweiden tragen nur
kleine, spitze Knospen. Sie enthalten, wie eine Untersuchung ergibt oder wie
man im Frühlinge leicht beobachten kann, nur je einen jungen, beblätterten
Zweig (Laubknospen). Ist die Weide aber älter geworden, so treten neben
diesen Knospen dickere und rundere auf. aus denen die Blüten hervorgehen
(Blütenknospen). Im März beginnen die Knospen zu schwellen; der junge Trieb
(Hier die eingeschlossenen Blüten sprengen die Schuppen, die schließlich, weil
nunmehr ebne Bedeutung, abfallen. Zuerst erscheinen die
I). Hliiten. 1. Die jungen Blutenkätzchen sind in ein silberweißes
Haarkleid eingehüllt (daher „Kätzchen"; Bedeutung s. S. 43, C a; Fig. 1 Zweig-
stiieke mit jungen Staub-, Fig. 2 Zweigstück mit Stempelkätzchen).
Dieser zierlichen Gebilde wegen steht die Salweide in vielen Gegenden in
hohem Ansehen: die mit Kätzchen besetzten Zweige gelten als eine Erinnerung
an die Palmenzweige , die man Christus beim Einzüge in Jerusalem auf den
Weg gestreut hat. Darum nennt man die Pflanze auch „Palmweide". (Das
Bestimmungswort „Sal" in „Salweide" ist aus dem lat. salix = Weide hervor-
gegangen.)
2. Die anfangs kleinen Kätzchen (sie waren ja in Knospen eingeschlossen!)
strecken sich rasch in die Länge, nnd im März oder April blüht die Salweide
bereits, bevor die Blätter sich noch entwickelt haben. Da die Kätzchen also
viel weniger ausgebildet überwintern als die des Haselnußstrauches, so wird
uns auch die spätere Blütezeit der Pflanze vollkommen verständlich.
3. An den blühenden Kätzchen macht sich leicht ein bemerkenswerter
Unterschied geltend: neben solchen, die allein aus Staubblüten zusammen-
gesetzt sind (3.), finden sich andere, die nur aus Stempelblüten bestehen (4.)
Beide Blüten- oder Kätzchenarten trifft man aber nie auf demselben Strauche
oder Baume an. Wenn wir den Haselnußstrauch eine einhäusige Pflanze nannten,
müssen wir die Salweide dalier als ein „zweihäusiges Gewächs" bezeichnen.
(Dasselbe gilt für alle Weidengewächse.)
4. Die Staubkätzchen (3) sind kurze, eiförmige Gebilde, die bei
völliger Entfaltung prächtig gelb aussehen. Unter jeder Kätzchensclmppe findet
sich eine Blüte (5), die nur aus 2 Staubblättern mit sehr langen Staubfäden und
einer kurzen, stäbchenförmigen Honigdrüse besteht (prüfe mit der Zunge!). Die
Schuppe ist in ihrem äußeren Teile schwarzbraun, sonst grün und dicht mit
jenem Seidenhaar besetzt, das dem jungen Kätzchen das zierliche Aussehen verleiht.
5. Die Stempel kätzchen (4) sind ganz ähnlich gebaut. Unter jeder
Schuppe (6) findet sich außer der Honigdrüse ein Stempel, der aus einem bläschen-
förmigen, grünen Fruchtknoten und einer gelben Narbe zusammengesetzt ist.
Da auch die Schuppe von grüner Färbung ist, sind die langgestreckten Stempel-
kätzchen viel unscheinbarer als die Staubkätzchen.
6. Die Bestäubung kann im Gegensatz zu den Blüten des Haselnuß-
strauches hier unmöglich der Wind vermitteln; denn wir sehen niemals, daß
er wie bei jener Pflanze Blütenstaubwolken entführt. Die Salweide ist
202 53. Familie. Weidengewächse.
gleich allen anderen Weidenarten im Gegenteil ein Insektenblütler.
Dafür sprechen schon die zahlreichen Blütengäste — besonders sind es Bienen
und Hummeln — , die sich auf den Kätzchen einstellen. Aus dieser verschiedenen
Bestäubungsweise erklären sich auch die zahlreichen Unterschiede, die sich
zwischen den Blüten und Blütenständen beider Pflanzen finden:
a) Während die Kätzchen des Haselnußstrauches ganz unscheinbar sind,
haben die der Salweide eine auffallende Färbung. An die Stelle der fehlen-
den Blütenhülle, die in der Regel die Anlockung der Bestäuber übernimmt,
treten die prächtig gelben Staubblätter und die grünen mit einer gelben Narbe
gekrönten Stempel. Ein mit Staubkätzchen bedeckter Baum oder Strauch er-
regt in dem noch kahlen Walde oder Ufergebüsch schon von weitem die Auf-
merksamkeit, ein Stempelkätzchen tragender allerdings weniger. Das vorwiegende
Grün der Stempelkätzchen ist aber in dieser Jahreszeit eine immerhin auf-
fällige Färbung.
b) Während bei den meisten Insektenblütlern diese Blütenteile von der
Blütenhülle meist mehr oder weniger umschlossen und verdeckt werden (Bei-
spiele!; gib aber auch Beispiele an, bei denen dies nicht der Fall ist!), und
während sie bei dem windblütigen Haselnußstrauche zum größten Teile ver-
borgen sind, stehen sie hier ihrer Aufgabe gemäß frei da.
c) Die sehr kleinen Einzelblüten können aber nur dann die Aufmerksamkeit
der Insekten erregen, wenn sie in großer Anzahl zusammen stehen. Daher sind hier
im Gegensatz zur Haselnuß auch die Stempelblüten stark gehäuft. Sie
bilden, wie wir schon oben gesehen haben, gleich den Staubblüten große Kätzchen.
d) Da die Salweide blüht, bevor sich die Blätter entfalten, werden
die Kätzchen umso auffälliger.
e) Zudem hat die Salweide, da sie so verhältnismäßig früh im Jahre
blüht, auch nur wenige „Konkurrenten", die ihr die Bestäuber abspenstig
machen könnten.
f) Im Gegensatz zu den geruch- und honiglosen Blüten der Haselnuß
besitzen die der Salweide einen weithin wahrnehmbaren Duft und — wie
wir schon gesehen haben —
g) süßen Honig in ziemlich großer Menge.
h) An schwankenden Kätzchen, wie solcher die Haselnuß bedarf (wieso?),
würden die saugenden Insekten einen schlechten Halt finden. Die Kätzchen der
Salweide dagegen sind von wenig biegsamen Achsen durchzogen. Sie stellen
keine pendelnden Quasten oder Troddeln, sondern steife und schräg aufwärts
gerichtete Gebilde dar, auf denen die Bestäuber leicht festen Fuß fassen
können (vgl. auch S. 192, e!).
i) Der Blütenstaub ist nicht wie bei der Haselnuß staubförmig trocken,
sondern klebrig, zum Haften an dem behaarten Insektenkörper wohl geeignet.
k) Da die Insekten weit sicherere Bestäubungsvermittler sind als der un-
gewisse Wind, so wird der Blütenstaub auch in viel geringerer Menge
erzeugt als bei den Windblütlern.
Salweide. 203
1) Für die zweihäusigen Weiden ist es von besonderer Wichtigkeit, daß
Pflanzen mit Staub- und Stempelblüten möglichst eng beieinander stellen, oder
anders ausgedrückt, daß sie größere Bestände bilden.
m) Da in demselben Bezirke meist mehrere Arten vorkommen, so kann es
auch nicht ausbleiben, daß die Insekten Blütenstaub auf die Narben anderer
Arten tragen. Infolge dieser „Kreuzung'" entstehen zahlreiche „Mischlinge
oder Bastarde" (s. S. 96, 2).
E. Blätter. 1. Die jungen Blätter (3 und 4) kommen gleich den
Kätzchen ganz mit weißem Flaum umhüllt aus den Knospen hervor (Bedeutung?).
2. Beim ausgebildeten Blatte dagegen (9), das am Grunde des Blatt-
stieles 2 nicht abfallende Nebenblatt chen trägt, bleibt die Behaarung nur auf
der Unterseite erhalten. Die eiförmige Blattfläche erscheint daher oben dunkel-
grün und unten hellgrau gefärbt. Die Haardecke hat für die Pflanze nun eine
doppelte Bedeutung:
a) Tauchen wir ein Blatt der Salweide in das Wasser, so erscheint die
Unterseite wie von einem silberglänzenden Überzuge bedeckt; denn das Wasser
vermag die Luft zwischen den Härchen nicht zu verdrängen. (Stelle denselben
Versuch auch mit einer Haarbürste, sowie mit einem Stück Filz oder Samt an!)
Dasselbe geschieht natürlich auch im Freien, wenn die Blätter vom nächtlichen
Tau benetzt werden : das Wasser vermag nicht bis zu der Blattoberfläche vor-
zudringen und die Spaltöffnungen zu verschließen, durch die ein be-
ständiger Luftwechsel stattfindet (s. später!). Durch den Verschluß dieser
Öffnungen würde — um nur eine Seite dieses Gasaustausches zu erwähnen —
das Atmen gänzlich aufgehoben, die Pflanze also schwer geschädigt werden.
Da sich nun die Spaltöffnungen nur auf der Unterseite des Blattes finden, so
ist auch sie allein filzig behaart, und da die Salweide an feuchten Orten wächst,
an denen die Pflanzen fast allnächtlich vom Tau triefen, so bedarf sie eines
solchen Schutzmittels ganz besonders. (Beobachte, wie der Tau sich nicht nur
auf der Oberfläche der Blätter „niederschlägt"! — „Doppelfarbige" Blätter finden
sich auch bei zahlreichen anderen Pflanzen, die mit der Salweide den Standort
teilen, wie beim Huflattich, bei der Himbeere, der Sumpf-Spierstaude u. a. —
Bei vielen anderen Weidenarten ist als Schutzmittel der Spaltöffnungen ein
Wachsüberzug vorhanden; s. S. 17, 2).
b) Als ein häufiges Schutzmittel gegen zu starke Abgabe von
Wasser in Dampfform (s. S. 43, C a) haben wir vielfach die mehr oder weniger
dichte Behaarung der Pflanzenteile kennen gelernt (Beispiele! Gib auch andere
Schutzmittel gegen das Vertrocknen an!). Mit einem solchen haben wir es
auch hier zu tun. Bei Windstille sind die Blätter der Salweide so gerichtet,
daß sie die grüne Oberseite den Sonnenstrahlen zukehren. Wenn man sich
nicht gerade unter den Baum stellt, dann ist von dem Grauweiß der Unter-
seite nichts zu sehen. Sobald aber schon ein leichter Wind einsetzt, ändert
sich dies vollständig: er krümmt die langen Blattstiele und die sehr biegsamen
Zweige so, daß die behaarte Unterseite nach oben und außen gekehrt wird.
204 53- Fam. "Weidengewächse. 54. Fam. Nesselgewächse.
Dann streicht der austrocknende Wind über sie hinweg und ist nicht imstande,
den Blättern soviel Feuchtigkeit zu entziehen, daß sie unter seiner Einwirkung
vertrocknen müßten.
F. Frucht. Der Fruchtknoten bildet sich zu einer Kapsel aus (7),
die sich mit 2 Klappen bereits im Mai öffnet (8). Sie umschließt zahlreiche
Samen, die rings von Haaren eingehüllt sind. Bei der Reife spreizen die Haare,
die am Grunde der Samen entspringen, auseinander. Dadurch werden die Samen
emporgehoben (beobachte dies im Zimmer!) und in den Bereich des Windes ge-
bracht, der sie bald weithin verweht (s. Löwenzahn!). Die Härchen dienen den
Samen aber nicht nur als Verbreitungsmittel, sondern auch zur Befestigung
beim Keimen. Gelangen die Samen nämlich auf feuchten Boden, dann verkleben
die Härchen alsbald mit ihm, so daß die Keimung sicher vonstatten gehen kann
(vgl. mit Lein, Kürbis u. a.). Die Samen aber, die nicht auf diese Weise am
..Keimbett u befestigt sind, gehen zu Grunde.
Andere Weidengewächse.
Unter den zahlreichen Weidenarten der heimatlichen Pflanzenwelt ist wohl die
Korbweide (S. viminalis) die wichtigste. Sie ist eine unserer bekanntesten Uferweiden,
die sowohl zur Befestigung von Wasserbauten dient, als auch ihrer wertvollen Zweige
wegen überall angepflanzt wird. Die linealen Blätter sind unterseits glänzend weiß-
haarig. — Die Trauerweide (S. babylönica), die aus dem Morgenlande stammt, pflanzen
wir als Sinnbild der Trauer (hängende Zweige!) auf die Gräber unserer Toten.
Im Gegensatz zu den Weiden sind die Pappeln (Pöpulus) windblütige Pflanzen
mit allen den Eigenschaften, die wir beim Haselnußstrauche kennen gelernt haben
(Beweis!). Die Schwarz. -P. (P. nigra) hat fast rechtwinklig vom Stamm abstehende
Äste und daher eine mächtige Krone. Der allbekannte Waldbaum, der gern an Wegen,
auf Dorfstraßen u. dgl. angepflanzt wird, ist sehr schnellwüchsig und erreicht einen
mächtigen Umfang. — Bei der italienischen oder Pyraiuiden-P. (P. pyramidalis) da-
gegen bilden Stamm und Zweige sehr spitze Winkel. Der hohe, schlanke Baum stammt
aus dem Oriente. Zu uns ist er über Italien gekommen und wird besonders an Land-
straßen angepflanzt. — Die Silber-P. (P. alba) ist in feuchten Waldungen Mittel-
deutschlands heimisch, hat sich aber als beliebter Parkbaum (warum eignet er sich dazu
besonders ?) weit über ihr ursprüngliches Gebiet hinaus verbreitet. Die schön geformten
Blätter sind anfangs beiderseitig filzig behaart; später findet sich die silberweiße Haar-
decke aber nur an der Unterseite. (Erkläre die Namen der angeführten Pflanzen!). — Ein
häufiger Baum feuchter Laubwälder ist die Zitterpappel oder Espe (P. tremula), die
meist rundliche Blätter mit kürzeren und mit längeren Stielen besitzt. Da die langen
Stiele zugleich seitlich zusammengedrückt sind, so geraten ihre Blattflächen schon beim
geringsten Luftzuge ins Schwanken. Dieser Erscheinung (was erzählt die Sage von
ihrer Entstehung?) verdankt der Baum den Namen, und „das Zittern wie Espenlaub"
ist sprichwörtlich geworden. Die Blätter mit kürzeren, runden Stielen dagegen er-
zittern im Winde nicht. Am Grunde ihrer Blattfläche finden sich aber 2 napfförmige
Drüsen, die einen süßlich schmeckenden Stoff ausscheiden. W r elche Bedeutung diese
Drüsen und das Zittern der langgestielten Blätter für den Baum haben, darüber sind
die Naturforscher noch geteilter Ansicht.
Korbweide. Trauerweide. Pappelarten. Brennessel.
205
54. Familie. Nesselgewächse (Urticäceae).
Die grotte Brennessel (Urtica dioica).
1. Die Brennessel ist anf wüsten Plätzen und Schutthaufen, an Wegen
und Hecken überall häufig anzutreffen. Wie bei der früher besprochenen
Taubnessel (s. das.) durchziehen zahlreiche unterirdische Stengel den
Boden, und wie bei dieser Pflanze sind auch die oberirdischen Stengel,
sowie die Blätter (Form und Stellung!) gebildet.
2. Im Gegensatz zu der schutzlosen Taubnessel ist die Brennessel aber stark
bewehrt. Alle grünen Teile sind nicht nur wie z. B. bei der Schwarzwurz und
anderen rauhblättrigen Pflanzen mit kurzen, stechenden Borsten besetzt,
sondern noch mit ganz besonderen Waffen, den sog. Brennhaaren, ausgerüstet.
Ein solches Haar stellt eine lange Röhre dar, deren Wand im oberen Teile durch
eingelagerte Kieselsäure hart und spröde wie Glas ist. Während es unten stark
(»rolie Brennessel. 1. Brennhaai ■; an seinem Fuße eine Borste B. 2. Oberes Ende
des Brennhaars; 3. dasselbe, aber mit abgebrochenem Köpfchen. 4. Oberer Abschnitt
der Pflanze mit Staubblüten (stäubend). 5. Staubblüte; das vordere Blatt der Bluten-
hülle ist entfernt; die Staubblätter sind noch nach innen gebogen. 6. Staubblüte im
Augenblicke des Stäuhens. 7. Drei Stempelblüten. (Fig. 1.— 3. 100- l.e/.w. 150mal
vergr. Fig. 4. etwas verkl. Fig. 5.-7. etwa 10 mal vergr.)
206 Taf. 29. 54. Familie. Nesselgewächse. 55. Farn. Hanfgewächse.
angeschwollen und in einen Zellbecher eingesenkt ist, besitzt es am oberen Ende
ein seitwärts gerichtetes Köpfchen, unter dem die Wand der Eöhre sehr dünn
ist. Infolgedessen bricht das Köpfchen schon bei der leisesten Berührung ab.
Da nun die dünne Stelle schräg verläuft, so entsteht gleichzeitig eine scharfe
Spitze, aus welcher der giftige Inhalt des Haares hervorquillt. (Vgl. mit dem
Giftzahn der Schlangen und mit der „Einstichkanüle", mit deren Hilfe der Arzt
dem Kranken Medizin unter die Haut spritzt!). Wird das Köpfchen nun von einem
Menschen oder Tiere abgebrochen, so dringt die Spitze leicht in die Haut ein,
der giftige Inhalt gelangt in die Wunde, so daß ein brennendes Gefühl (Name!)
und eine kleine Entzündung der Haut entsteht. Weidetiere hüten sich daher
wohl, die empfindliche Nasen- und Mundschleimhaut mit diesen giftigen Waffen
in Berührung zu bringen (Bedeutung für die Pflanze?). (Welche Schmetterlings-
raupen leben aber auf der Brennessel? — Warum „nesselt" die Pflanze nicht, wenn
man sie fest angreift, oder wenn man von unten nach oben über sie hinwegstreift?)
3. Die Brennessel ist eine zweihäusige Pflanze wie die Salweide. Da
sie aber ein Windblütler wie der Haselnußstrauch ist (s. d.) 7 besitzt sie
ganz unscheinbare Blüten (beschreibe sie näher), eine große Menge trockenen
Blütenstaubes, sowie freistehende, pinselförmige Narben. Die zu hängenden
Rispen gehäuften Staub- und Stempelblüten sind ferner dem Winde frei aus-
gesetzt, und die Pflanze wächst endlich in großen Beständen. Das Ausstreuen
des Blütenstaubes erfolgt aber in anderer Weise als bei der Haselnuß. Be-
trachtet man eine Staubblüte, bevor sie sich öffnet, so sieht man, wie die Fäden
der 4 Staubblätter nach innen gebogen sind und von den 4 weiß-rötlichen
Blättern der einfachen Blütenhülle in dieser Lage gehalten werden. Biegt man
mit einer Nadel eines dieser Blätter nach außen, so schnellt der wie eine Feder
gespannte Faden zurück, sein Staubbeutel platzt, und eine kleine Wolke von
Blütenstaub steigt in die Luft. Derselbe Vorgang spielt sich ohne unser Zutun
am frühen Morgen ab, wenn die Brennessel von den ersten Sonnenstrahlen getroffen
wird: bald hier, bald da erfolgt mit hörbarem Knall eine kleine „Explosion",
und es steigt ein Wölkchen Blütenstaub empor, den der geschäftige Morgenwind
nunmehr leicht zu den Narben verwehen kann. (Sehr bequem läßt sich der
Vorgang im Zimmer beobachten, wenn man die in Wasser stehende Pflanze in
die Morgensonne stellt.) Die Frucht ist ein kleines einsamiges Nüßchen.
Die kleine Brennessel (U. urens) wächst an denselben Orten wie die größere
Art, tritt aber vielfach auch als lästiges Unkraut auf bebautem Boden auf. Sie ist eine
einjährige und einhäusige Pflanze mit eirunden, tief gesägten Blättern. — Beide Nessel-
arten haben gleich dem Lein sehr lange und feste Bastfasern, die zu dauerhaftem Garne
versponnen und zu einem leinwandartigen Zeuge, dem Nesseltuche, verwebt werden
können. Die größere Art hat man in der Tat früher auch verwendet. Jetzt
kommen jedoch nur ausländische Nesselgewächse dafür in Betracht. Besonders gilt dies
von der Raniiepflanze (Boehmeria nivea), die namentlich in Ostasien und auf den
Sundainseln angebaut wird und sich u. a. durch das Fehlen der Brennhaare von den
eigentlichen Nesseln unterscheidet. Der Wurzelstock treibt zahlreiche, 1 — 2 m hohe Stengel,
die im Jahre 2 oder 3 mal geschnitten werden und die wertvolle Ramiefaser liefern.
Schineil, Lehrbuch der Botanik.
Tafel 29.
Hopfen (Humulus lupulus).
Große und kleine Brennessel. Ramiepflanze. Hanf. Hopfen. 207
55. Familie. Hanfg-ewächse (Cannabinädeae).
1. Der Hanf (Cännabis sativa) ist seit uralten Zeiten eine (richtige Gespinst-
pflanze, deren lange, feste Bastfasern besonders zu Bindfaden and Seilen, sowie zu Segel-
tuch und anderen Geweben verarbeitet werden. Die einjährige und zweihäusige Pflanze
(besehreibe die Blüten!) stammt aus Mittelasien. Sie erreicht eine Hohe von 1,5 m und
hat wie die Roßkastanie gefingerte Blätter, die aber aus weit schmäleren Einzelblättern
zusammengesetzt sind. Den grünen Teilen entströmt ein widerlicher Geruch (Schutz
gegen Tiere !), der selbst Betäubung hervorrufen kann. Hierauf beruht auch die Ver-
wendung, welche die Blätter in Indien finden: sie werden als „Haschisch" wie Opium
gegessen oder geraucht, wirken außerordentlich berauschend und untergraben bald die
Gesundheit desjenigen, der dieser Leidenschaft verfallen ist. Die Hanfsamen dienen bei
uns besonders als Futter für Stubenvögel, geben aber auch ein wertvolles fettes Ol, das
ähnlich wie Riiböl verwendet wird.
2. Der Hopfen (Hüniulus lüpulus — Taf. 29) umspinnt Zäune und Hecken
und verwandelt das Ufergebüsch, sowie das Unterholz des Waldes nicht selten
in ein undurchdringliches Dickicht. Im Frühjahre treiben aus dem Wurzel-
stocke zahlreiche Stengel hervor, die außerordentlich lang und dünn und
daher genötigt sind, an Holzpflanzen eine Stütze zu suchen. Rechtswindend
(s. S. 101, 4) umschlingt der Hopfen Stämme und Äste des Strauchwerkes
(1. u. 2.), zwischen dem er wächst, und gelangt so bald bis zu sonniger Höhe
empor. Hierbei wird er wesentlich unterstützt durch amboß- oder ankerartige
„Klimmhaken", die sich mit den scharfen Spitzen in die Rinde der Bäume
und Sträucher einhaken und in 6 Reihen am Stengel entlang ziehen (3.).
Am Grunde der herzförmigen oder 3 — 5 lappigen, schön geformten Blätter,
finden sich je 2 Nebenblätter, die zumeist gänzlich miteinander verwachsen
sind. An den jungen Trieben sieht man, daß die Nebenblätter Schutzwerkzeuge
sind: sie verdecken die noch zarten Blätter, schützen sie also gegen das Ver-
trocknen, sowie gegen Verletzungen beim Vordringen der Zweigspitze.
Der Hopfen ist wie die Weide eine zweihäusige Pflanze, zeigt aber alle
Merkmale eines echten Windblütlers (Beweis!). Die unscheinbaren Staub-
blü t e n bestehen aus einer einfachen, 5 blättrigen Blütenhülle und 5 Staub-
blättern (4.). Da sie zu großen, leicht beweglichen Rispen (2.) geordnet und
beim Blühen dem Erdboden zugekehrt sind, und da die großen Staubbeutel
an dünnen Fäden herabhängen, so vermag schon ein leiser Windstoß den
Blütenstaub in ansehnlichen Wolken heraus zu schütteln. Die Stempel-
blüten sind ganz unscheinbare Gebilde, die, zu zapfenartigen Blütenständen
vereinigt (5.), wie die Rispen an der Außenseite des Hopfendickichts stehen
(1. — Bedeutung?). Sie finden sich von je einem Deckblatte halb umhüllt, zu
zweien am Grunde eines schuppenartigen Blattes (6.). Eine unscheinbare, krug-
förmige Blütenhülle umschließt den Fruchtknoten. Die beiden Narben ähneln
kleinen Cylinderputzern und ragen über die Schuppen hinaus ins Freie (Be-
deutung?). Nach erfolgter Bestäubung vergrößern sich die Fruchtknoten und
die umhüllenden Blattgebilde, so daß sich der Blütenstand zu einem gelblichen
208 56. u. 57. Familie. Manlbeer- und Ulmengewächse.
Fruchtzapfen umgestaltet (7.). Am Grunde der Schuppen und Deckblätter (8.),
sowie auf der (gleichfalls bleibenden) Blütenhülle (9.) bemerkt man jetzt zahl*
reiche gelbe Drüsen. Sie enthalten einen scharf riechenden und sehr bitter
schmeckenden Stoff, durch den die körnerfressenden Vögel vom Verzehren der
Früchte abgehalten werden. In diesem „Hopfenbitter" liegt aber auch die
Bedeutung der Pflanze für den Menschen : er gibt dem Biere die eigentümliche
Würze, sowie die große Haltbarkeit. Dieser Verwendung wegen wird der
Hopfen in vielen Gegenden auch im Großen angebaut. Bei völliger Reife
lösen sich die einsamigen Früchte los (7.), bleiben aber mit dem Deckblatte
im Zusammenhange und werden infolgedessen vom Winde leicht weithin ver-
weht (Bedeutung?).
56. u. 57. Familie. Maulbeer- und Ulmeng-ewäehse (Moräceae und
Ulmäceae).
1. Maulbeergewächse. Der schwarze Maulbeerbaum (Morus nigra), der
aus dem Mittelmeergebiete stammt, rindet sich hier und da der schwarzroten Früchte
wegen angepflanzt. Diese „Maulbeeren" sind wie die ähnlich gestalteten Himbeeren
Sammelfrüchte. Sie entstehen dadurch, daß die unscheinbaren Blütenhüllen zur Frucht-
zeit fleischig und saftig werden. Die ungeteilten oder gelappten Blätter eignen sich
weniger gut zum Futter für die Seidenraupe als die des weißen Maulbeerbaums
(M. alba), der weiße Beeren trägt und in Ostasien seine Heimat hat
Die wohlschmeckenden, süßen Feigen, die zu uns meist getrocknet, zu-
sammengepreßt und auf Bastfäden gereiht in den Handel kommen, entstammen
dem Feigenbaum (Ficus cärica). Er ist schon seit den ältesten Zeiten (Bibel,
Homer !) einer der wichtigsten Obstbäume der Mittelmeerländer, liefert aber auch in
den nach Süden gelegenen Alpentälern eßbare „Früchte" und wird selbst noch
in den milderen Teilen Süddeutschlands (z. B. im Rhein- und Neckartale) an-
gepflanzt. Der sparrige Baum hat meist 5 lappige, schöngeschnittene Blätter,
enthält in allen Teilen einen weißen Milchsaft (s. Wolfsmilch) und trägt das
ganze Jahr hindurch unreife oder reife „Feigen". Durchschneidet man eine
solche, so lange sie noch grün ist, so sieht man deutlich, daß man es hier
mit einem Blütenstande zu tun hat: Auf einem fleischigen Blütenboden
stehen ähnlich wie bei der Sonnenrose zahlreiche, kleine Blüten. Der Blüten-
boden ist jedoch nicht flach ausgebreitet wie bei dieser Pflanze, sondern so
gebogen, daß ein krug- oder urnenförmiges Gebilde entsteht, Stempel und
Staubblätter sind auf verschiedene Blüten verteilt, und zwar finden sich in den
Blütenständen des wilden Feigenbaumes, der keine eßbaren Feigen trägt,
Stempel- und Staubblüten, während der angepflanzte Baum nur Stempelblüten
entwickelt. Soll eine Bestäubung dieser Stempelblüten erfolgen, so muß also
ein Vermittler vorhanden sein. Als solcher gibt sich ein kleiner Hautflügler,
die Fe igengallwespe, zu erkennen. (Die Unansehnlichkeit der Blüten
deutet auf Windbestäubung hin. Warum ist eine solche aber ausgeschlossen?
Warum wären schön gefärbte Blüten ohne Vorteil für die Pflanze ?) Die
Schwarzer und weißer Maulbeerbaum. Feigenbaum. Brotfruchtbäume. Feldulme. 209
Bestäubung selbst ist ein außerordentlich verwickelter Vorgang. Es sei hier
nur bemerkt, daß die Gallwespe in den Feigen des wilden Stockes ihre Ver-
wandlung durchläuft und mit Blütenstaub
beladen in die Feigen des angebauten Baumes
eindringt. Ist die Bestäubung vollzogen,
so werden Blütenboden und Blütenhülle
weich und saftig, und aus den Fruchtknoten
gehen die senfkornähnlichen Früchte her-
vor, die als „Kerne" in dem süßen Frucht-
fleische eingelagert erscheinen. Durch die
jahrtausendlange Pflege ist der
Baum aber auch imstande, ohne
Vermittlung der Wespen wohlaus-
gebildete Feigen hervorzubringen.
(Beweise, daß die Feige eine
Schein- und Sammelfrucht wie die
Erdbeere ist! Inwiefern ist die
Pflanze der Verbreitung durch
Vögel angepaßt?)
Zahlreiche Verwandte des wich-
tigen Baumes , die zumeist auf die
heiße Zone beschränkt sind, haben
für den Menschen gleichfalls eine große
Bedeutung. So liefert der Gummi-
baum Ostindiens (F. elästica) , den
wir seiner großen, lederartigen Blät-
ter wegen gern als Zimmerpflanze
pflegen, neben mehreren anderen Arten
Federharz oder Kautschuk (s. S. 69).
— Durch den Stich der Gunnnilack-
Schildlaus (s. „Lehrb. d. Zool.") entstehen an den Zweigen wieder anderer Feigenbäume,
die gleichfalls Indien bewohnen, Saftausflüsse, aus denen der Schellack gewonnen wird.
Nahe Verwandte der Feigenbäume sind die Brotfruchtbäume (Artocärpus),
deren mehlreiche, kopfgroße Scheinfrüchte in allen Tropengegenden ein überaus wich-
tiges Nahrungsmittel darstellen. Zwei oder drei dieser riesigen Bäume vermögen einen
Menschen das ganze Jahr hindurch zu ernähren.
2. Ulmengewächse. Die Felduline oder Rüster (Ulmus campestris) ist ein
stattlicher Baum, der sich in Wäldern und Anlagen häufig findet und in der äußeren
Erscheinung der Linde in hohem Maße ähnelt. Eine bekannte Abart von ihm zeichnet
sich durch leistenartige Korkbildungen der Zweige aus. Die Blätter sind gleich denen
der Linde unsymmetrisch (s. S. 51), und da sie zudem noch von verschiedener Größe
sind, bilden sie an wagerechten Zweigen oft die zierlichste Mosaik (Bedeutung V). Die
unscheinbaren, kurzgestielten Zwitterblüten (beschreibe sie!) entfalten sich lange vor
den Blättern und werden durch den Wind bestäubt. Die Frucht ist ein Nüßchen, das
Blüten des Feigenbaums. 1. Blütenstand
(Feige) im Längsschnitt. Der Mündung fliegt eine
Feigengallwespe zu. 2. Teil des Blütenbodens
mit einer Staubblüte (aus der Feige des wilden
Baumes) und 3. einer Stcmpelblüte. Die Stiele
der benachbarten Blüten sind angedeutet. (Fig. 1
wenig, Fig. 2 u. 3 etwa 8 mal vergr.)
iclimeil. Lehrbuch der Botanik.
11
210 58. Familie. Mistelgewächse.
durch einen breiten Flügelsaum flugfähig wird (Bedeutung?). — Die in allen Stücken
ähnliche Flatterrüster (U. effüsa) besitzt langgestielte Blüten und Früchte.
Eine verwandte Pflanze ist unser beliebtester Schattenbaum, die Platane
(Plätanus), die sich leicht durch die ahornartigen Blätter, die kugeligen Blüten- und
Fruchtstände, sowie besonders durch die abblätternde Borke zu erkennen gibt. Bei
der amerikanischen PL (PI. occidentälis), die in Nordamerika ihre Heimat hat, löst
sich die Borke in Schuppen, bei der aus dem Orient stammenden morgenländischen PI.
(PI. orientälis) dagegen in großen Platten ab.
Anhangsweise seien hier kurz einige weit verbreitete Wassergewächse
erwähnt. Da sie unter denselben Verhältnissen leben wie der Wasserhahnenfuß (s. das.),
so besitzen sie gleichfalls schwache Stengel und fein zerteilte Blätter. Das einhäusige
Hornblatt (Ceratophyllum) schwebt, ohne Wurzeln zu schlagen, frei im Wasser, über
dessen Spiegel es sich niemals erhebt. Der Blütenstaub muß daher durch das Wasser
zu den Narben getragen werden. Daher fehlen den Blüten auch alle die Mittel, die bei
Luftpflanzen zum Schutze des Blütenstaubes u. dgl. vorhanden sind : sie sind höchst
einfach gebaute, unscheinbare Körperchen in den Blattwinkeln. — Das überaus zarte
im Schlamme wurzelnde Tausendblatt (Myriophyllum) dagegen hebt seine Blütenähre über
das Wasser und nimmt zur Bestäubung die Hilfe des Windes in Anspruch.
58. Familie. Mistelgewäehse (Lorantbäceae).
Die Mistel (Viscum album).
1. Wenn Schwarzpappel und Apfelbaum ihres grünen Blätterschmuckes
beraubt sind, dann findet man hier häufig, dort selten in dem Gezweig die
merkwürdigen, grünen Zweige des Mistelstrauches. Die sonderbare Pflanze siedelt
sich gleichfalls gern auf der Edeltanne an, nimmt aber auch mit anderen Laub- und
Nadelbäumen fürlieb. Die gelbgrünen Stengel entspringen direkt aus den Asten
und teilen sich, da die Endknospen der Zweige zu Blütenknospen werden, wieder-
holt gabelig. Obgleich sehr brüchig, überstehen sie sogar in belaubtem Zustande
die Winterstürme, die durch das kahle Gezweig der Bäume fegen. Die lanzett-
lichen Blätter sind nämlich am Grunde etwas gedreht ('s. Abb. S. 212), so daß
sie vom Winde nie mit voller Kraft getroffen werden können; denn da die einzelnen
Teile des Blattes verschiedene Bichtung einnehmen, wird der Luftstrom gleich-
sam in eine Menge einzelner Ströme zerlegt, von denen nur die senkrecht auf-
treffenden eine merkliche Wirkung ausüben. Der Wassermangel ist der zweite
Feind, mit dem die Mistel während des Winters zu kämpfen hat; denn sie ver-
mag das Wasser, das sie verbraucht, nur dem Baume zu entnehmen, auf dem
sie lebt; dieser kann aber — wie wir früher gesehen haben (s. S. 91, c) — aus
dem kalten oder gar gefrorenen Erdboden nur wenig Wasser aufsaugen. Da
die Blätter jedoch von lederartiger Beschaffenheit sind, so vermag die Mistel
wie der Efeu (s. das.) selbst eine monatelange Trocknis leicht auszuhalten.
(Beobachte, wie lange ein abgeschnittener Zweig selbst im warmen Zimmer
„frisch" bleibt!) Die Blüten der zweihäusigen Pflanze sind sehr unscheinbar.
Da sie aber angenehm duften und Honig enthalten, werden sie trotzdem von
Insekten besucht, und zwar umso eher, als sie sich bereits Mitte März entfalten,
Flatterriister. Platanen. Hornblatt. Taasendlilatt. Mistel.
Sil
wenn die Bäume noch unbelaubt sind, und wenn in der Natur erst Wenige
Honigquellen fließen.
2. Wie aber gelangt die seltsame Pflanze auf den Baum? Gleich dem
Stachelbeerstrauche, der
Eberesche oder anderen
Pflanzen mit fleischigen
Früchten, die wir nicht
selten auf Mauern, Burg-
ruinen oder an ähnlichen
schwer zugänglichen
Orten antreffen, ist auch
der Mistelstrauch allein
durch Vermittelung eines
Vogels hierher gekommen.
Wieso'? Die Früchte
äer Mistel sind erbsen-
große Beeren, die sich
infolge der weißen Fär-
bung leicht von dem Grün
der Zweige und Blätter
abheben ( Bedeutung ?),
und die besonders von
Mistel. Ein Strauch (verkl.) mit einem Teile des gespal-
tenen Zweiges, auf dem er schmarotzt. Rindenwurzeln
und Senker sind zu sehen.
auch von anderen Dn
arten gern verzehrt wer-
den. Da nun das Frucht-
fleisch außerordentlich
klebrig ist, so bleiben
die Samen leicht am Schnabel der Vögel haften. Werden sie verzehrt, so verwandeln
sie den Kot der Tiere in eine klebrige Masse, die sich zu langen Fäden auszieht.
(Zerdrücke eine Beere zwischen den Fingern! Aus den Beeren bereitet man Vogel-
leim.) Streichen die Vögel darauf den Schnabel an einem Aste ab, oder bleibt
ihr Kot auf oder an einem Zweige haften, so sind die harten, unverdaulichen
Samen dadurch nicht allein an die Stelle gelangt, an der sie keimen und
sich zu einer jungen Pflanze entwickeln können, sondern sie sind daselbst auch
gleichsam angeleimt (Bedeutung?). Die Keimwurzel, die stets den Ast zu linden
„weiß", durchbohrt dessen Rinde, dringt bis zum Holze vor und entsendet nach
allen Seiten Wurzeln, die unter der Rinde verlaufen. Aus diesen „Rinden -
wurzeln" gehen nunmehr andere Wurzeln, die sog. Senker hervor, die nach
und nach immer tiefer in den sich verdickenden Holzkörper des Astes eindringen.
3. Wie schon bemerkt, ist die Mistel genötigt, dem Baume, in dessen
Zweigen sie wurzelt, das Wasser zu entnehmen. Mit dem Wasser entzieht sie
ihm aber auch alle die Nahrungsstoffe, die andere Pflanzen aus dem Erdboden
212 Taf. 30. 58. Familie. Mistelgewächse. 59. Familie. Osterluzei-Gewächse.
aufsaugen. Sie ist also ein Schmarotzer. Im Gegensatz zu der Hopfenseide
(s. das.) besitzt sie jedoch Blattgrün. Sie ist daher auch imstande, mit dem
aufgenommenen Wasser, den in
ihm gelösten Salzen und der
Kohlensäure der Luft selbst
alle die Stoffe zu bereiten, deren
sie zum Aufbau ihres Körpers
bedarf. (S. den letzten Absch.
des Buches. — Ob sie dem
Baume auch fertige Nahrung
entzieht oder nicht, ist unbe-
kannt. Vgl. mit Klappertopf!)
4. Die Fähigkeit der Mistel,
hoch oben in den Kronen der
Bäume zu leben und selbst
während des Winters grün zu
bleiben, sowie die gabelige Ver-
zweigung der Stengel und die
eigentümliche Form der Blätter
haben der seltsamen Pflanze
schon seit undenklichen Zeiten
ein hohes Ansehen bei dem
Menschen verliehen. In der
Götterlehre der alten Völker
spielte sie daher eine hervor-
ragende Rolle, und die Germanen
hielten sie geradezu für ein heiliges Gewächs. Noch heutzutage gilt sie in
England am Weihnachtstage, dem alten Feste der Wintersonnenwende, für das
Sinnbild des wieder erwachenden Lebens; sie vertritt dort also unsern immer-
grünen Tannenbaum.
59. Familie. Osterluzei-Gewächse (Aristolochiäceae).
Die Osterluzei (Aristolöchia clematitis). Taf. 30.
Die Osterluzei ist eine fast meterhohe Pflanze, die mit Hilfe eines
weitverzweigten unterirdischen Stammes überwintert. Da sie im Schat-
ten der Bäume und Sträucher wächst, besitzt sie gleich zahlreichen anderen
Schattenpfianzen (s. S. 7) große, zarte und demnach auch leicht verwelkende
Blätter. (Beobachte die Stellung der herzförmigen Blattflächen und die Ab-
leitung des Regenwassers ! Wie sind die jüngsten Blätter geschützt?) Allen
grünen Teilen entströmt ein widerlicher Geruch, in dem wir es wie in
zahlreichen anderen Fällen (Beispiele!) mit einem Schutzmittel gegen Pflanzen-
fresser zu tun haben.
Mistel. Zweig mit Früchten,
(wenig verkl.)
Schmeil, Lehrbuch der Botanik.
Tafel 30.
\
Osterluzei (Aristolochia clematitis).
Mistel. Osterluzei. Pfeifenstrauch. Haselwurz. Seidelbast. 213
Die Blüten, die in den Blattachseln entspringen (1»), zeigen einen höchst
sonderbaren Bau (2.; etwa 3 mal vergr.). Die gelbe Blutenhülle stellt eine
Röhre dar, die am Grunde zu dem sog. Kessel erweitert und im oberen Ab-
schnitte zungenförmig verlängert ist. In den Kessel ragt das obere Ende des
Fruchtknotens, der wie ein Teil des Blütenstiels aussieht, mit mehreren Narben
gekrönt und mit den Staubblättern innig verwachsen ist. Im Innern des
röhrenförmigen Abschnittes rinden sich zahlreiche lange Haare, die gleichsam
eine kleine Reuse bilden (stelle durch diesen Teil einen Querschnitt her!).
Diese eigentümlich gebaute Blüte ist auch nur auf besondere Art zu
bestäuben. Schlitzt man die Hülle einer jüngeren Blüte (2.) auf, so findet
man im Kessel häufig zahlreiche, kaum 2 mm große Fliegen und Mücken, die
sich auf dem zungenförmigen Abschnitte der Blütenröhre (Anflugstelle!) nieder-
gelassen hatten und durch die Röhre eingedrungen sind. Hier sind sie nun für
einige Tage gefangen; denn die nach innen gerichteten Reusenhaare erlauben
ihnen wohl einzudringen, aber nicht herauszukriechen. Kommen die Tiere mit
Blütenstaub beladen bereits aus einer anderen (älteren) Blüte, so werden sie
ihn leicht an den Narben abstreifen, die jetzt gerade reifen (3; die Narben
und geschlossenen Staubbeutel etwa 10 mal vergr.). Die saftigen Wände des
Kessels geben den Gefangenen während dieser Zeit Nahrung zur Genüge.
Nach etwa 2 Tagen (4. u. 5.) verschrumpfen die Narben, die Staubbeutel lassen
den mehligen Staub fallen, so daß die Tierchen oft wie eingepudert erscheinen.
Gleichzeitig schrumpfen die Reusenhaare zusammen, so daß der Ausgang frei
wird. Die Insekten kommen nunmehr aus der Blüte hervor, um gewöhnlich
bald darauf in einer zweiten Einkehr zu halten. Vor den Eingang der anfangs
aufrechten, jetzt aber herabgebogenen Blüten legt sich nun der zungenförmige
Teil der Blütenhülle, so daß die Bestäuber genötigt sind, stets nur diejenigen
Blüten zu besuchen, in denen sie der Pflanze allein einen Dienst leisten können.
Obgleich man sicher in den meisten Blüten Insekten findet, setzt die
Pflanze doch nur selten Früchte an. (Beachte die Erhaltung und Vermehrung
der Art durch den unterirdischen Stamm!) Es sind dies Kapseln von der Form
kleiner Birnen, die sehr zahlreiche Samen enthalten (6.).
Eine nahe verwandte Pflanze ist der Pfeifenstrauch (A. sipho), den wir
seiner mächtigen Blätter wegen gern zur Bekleidung von Lauben verwenden. Der
kletternde Strauch, dessen Blüten kleinen Tabakspfeifen ähneln (Name!), stammt aus
Nordamerika. — Auch die Haselwurz (Asarum europaeum) steht der Osterluzei sehr
nahe. Sie findet sich am Boden des Laubwaldes (unter Haselnulisträuchern !), hat
derbe, nierenförmige Blätter und bräunliche Blüten, die sich im zeitigen Frühjahre
entfalten.
60. u. 61. Familie. Seidelbast- und Lorbeergewächse (Thvmelaecäceae
und Laura ceae).
1. Der Seidelbast oder Kellerhals (Daphne mezereum) ist ein kleiner Strauch
der Gebirgswälder, der bereits im zeitigen Frühjahre blüht. Und zwar entfaltet er seine
ungestielten, rosenroten Blüten vor den lanzettlichen Blattern, die sonst die kleinen
214 60. u. 61. Farn. Seidelbast- und Lorbeergewächse. 62. Farn. Knöterichgewächi
Gebilde den Blicken der Insekten zum größten Teile entziehen würden. Sowohl die
roten Früchte, als auch alle anderen Teile des Strauches, der gern als Gartenzierpflanze
verwendet wird, enthalten ein starkes Gift (Schutzmittel gegen Tiere!).
2. Der Lorbeerbaum (Lauras nöbilis) ist ein Baum des Mittelmeergebietes,
dessen beiderseits zugespitzte, etwas gewellte Blätter lederartig derb sind (s. S. 49).
Der Lorbeerkranz gilt schon seit dem Altertume als ein Zeichen erworbenen Ruhmes,
und gern legen wir ihn auf die Ruhestätte unserer Verstorbenen. Da sowohl die Blätter,
als auch die beerenartigen Früchte ein flüchtiges Öl von angenehmem Dnft enthalten,
dienen sie als Gewürz an Speisen. — Ein weit wertvolleres Gewürz, den Zimt, liefern
uns andere Lorbeergewächse in der Rinde ihrer Stämme und Zweige. Unter diesen
Pflanzen nimmt wieder der Ceylon-Zimtbaum (Cinnämomum ceylänicum) die erste
Stelle ein. Er kommt wild jetzt noch auf den Gebirgen Ceylons vor, wird aber zum
Zwecke der Zimtgewinnung als Strauch in Pflanzungen gezogen. Haben die Stämme
eine Stärke von etwa 4 cm erreicht, dann schneidet man sie dicht über dem Boden ab, ent-
blättert sie und löst von Stamm und Ästen die Rinde los. Nachdem die äußeren, bitter
schmeckenden Teile sorgfältig entfernt sind, werden
die Rindenstücke getrocknet. Hierbei rollen sie sich
zusammen , nehmen eine rotbraune Farbe an und
kommen als Zimt in den Handel.
Einer nahe verwandten Familie gehört der
Muskatnugbaum (Myristica fragrans) an , der auf
den Molukken heimisch ist, aber auch auf den Antillen
angebaut wird. Die walnußgroße Frucht ist eine
Beere , deren steinharter Samenkern die besonders
früher als Gewürz hoch geschätzte Muskatnuß liefert.
Umgeben ist der Same von einem karminroten, zer-
schlitzten Gebilde, dem sog. Samenmantel, der als Macis
oder Muskatblüte (warum ist diese Bezeichnung un-
Frueht d. Muskatnugbaums. richtig ?) in den Handel kommt und gleichfalls ein wert-
F. Fruchtfleisch. S. Same. Sm. volles Gewürz bildet. Die harte Fruchthülle dagegen
Samenmantel. (Nat. Gr.) dient nur den Eingeborenen als Speise.
â– --J
-sr
62. Familie. Knöterichgewächse (Polygonäceae).
Eine Pflanze, mit deren Hilfe der Mensch selbst sandigen Äckern (Heidekorn!)
noch einen Ertrag abzuringen versteht, ist der Buchweizen oder das Heidekorn
(Polygonum fagopyrum). Die zierliche, einjährige Pflanze stammt wahrscheinlich aus
Mittelasien, wird etwa 1 j i m hoch, hat herzförmige Blätter und kleine Blüten mit einer
einfachen, 5 blättrigen Blütenhülle (beschreibe die Pflanze näher!). Da die weißen oder
rötlichen Blüten aber dicht gehäuft stehen, sehr honigreich sind und einen angenehmen
Dnft aushauchen, so erfreuen sie sich doch eines reichen Insektenbesuchs. Die kleinen,
schwarzbraunen Früchte sind dreikantig wie die der Buche und werden wie die
Körner der Getreidearten verwendet (Name!). — Der Vogel -Knöterich (P. aviculäre)
ist eines unserer gemeinsten Unkräuter, das selbst auf hartgetretenen "Wegen und
zwischen dem Straßenpflaster noch zu gedeihen vermag. — Im Gegensatz zu diesem,
dem Boden aufliegenden Pflänzchen klettert der Winden -Knöterich (P. convölvulns)
gleich der Winde an den Stengeln anderer Pflanzen empor. — Über den Wasserspiegel
Lorbeer-, Zimt- u. Muskatnußb. Buckweizen. Knöteriche. Ampfer. Rhabarb. Pfefferstr. 215
hebt oft der Wasser-Knöterich (P. amphibiuni) seine großen, rosafarbenen Blüten-
ähren empor. Er wurzelt im schlammigen Grunde und läßt seine langgestielten, kahlen
Blätter auf dem Wasser schwimmen (vgl. mit Seerose!). Versiegt das Gewässer, so
bildet er gleich dem Wasserhahnenfuß (s. das.) eine Landform mit kurzgestielten, be-
haarten und viel schmaleren Blättern.
Im Gegensatz zum Knöterich sind die zahlreichen Anipfer-
arten (Rumex), die an den verschiedensten Örtlichkeiten oft in
großen Mengen auftreten, windblutige Pflanzen (inwiefern stimmt
hiermit der Blütenbau überein'?).
Es sei hier nur der Sauer-
ampfer (R. acetösa) genannt,
der auf Wiesen und Grasplätzen
überaus häufig anzutreffen ist
und durch hohen Gehalt an
Kleesalz gegen Pflanzenfresser
(besonders Schnecken; Versuch!)
vortrefflich geschützt ist. Die
Blütenhülle wird zur Zeit der
Fruchtreife zu Flügeln für di
eingeschlossenen,
kleinen, dreieckigen
Früchte (Bedeu-
tung?). — Der als
Blattpflanze für Ra-
senbeete und als Ku-
chengewächs (Ver-
wendung?) gebaute
Rhabarber (Rheum)
ist aus Mittelasien
zu uns gekommen.
Aus den fleischigen
Wurzeln einer ande-
ren Art, die in Tibet
und China heimisch
ist , wird ein als
Rhabarber bekann-
tes, wichtiges Abführ-
mittel hergestellt.
Einer nahe ver-
wandten Familie
gehört der Pfeffer-
strauch (Piper
nigrum) an , der
uns in dem Pfeffer
ein schon seit den ältesten Zeiten gebräuchliches, wertvolles Gewürz liefert.
Die wichtige Pflanze wird z. Z. in vielen Tropenländern angebaut, ganz be-
sonders in Ostindien und auf den Sundainseln, woselbst auch ihre Heimat zu
W.H.
-h.cL.NxI-
Zweig vom Pfefferstrauche.
Oben 2 Blütenstände, unten ein
Fruchtstand. Aus den Stenge] -
knoten entspringen Kletterwurzeln.
(Nat, Gr.)
216 63. Familie. Gänsefoßgewächse.
suchen ist. Sie klettert gleich dem Efeu mit Hilfe von Wurzeln an Stämmen
und Stützen empor, und wird daher meist wie bei uns der Hopfen an Stangen
gezogen. Den eiförmigen Blättern gegenüber entspringen die ährenartigen
Blütenstände. Aus den unscheinbaren Blüten entwickeln sich rote Beeren, deren
Fruchtfleisch je einen hartschaligen Samen umschließt. (Vgl. mit der Kirsche!
Weiche ein „Pfefferkorn" in Wasser auf und schneide es durch!) W T erden die
Früchte unreif abgepflückt und getrocknet, dann schrumpft das Fruchtfleisch
zusammen, und man erhält den „schwarzen Pfeffer". Läßt man sie da-
gegen vollkommen reif werden und beseitigt das Fruchtfleisch, dann liefern sie
den „weißen Pfeffer".
63. Familie. Gänsefußgewächse (Chenopodiäceae).
Die Runkelrübe (Beta vulgaris)
bildet ähnlich wie die Möhre (s. das.) im ersten Jahre eine dicke, fleischige Wurzel
und einen Schopf großer Blätter. Aus den in der Wurzel aufgespeicherten
Stoffen baut sich im zweiten Jahre ein oft mehr als meterhoher Stengel auf,
der nach der Spitze zu mit immer kleiner werdenden Blättern besetzt ist
(vgl. mit Raps) und zahlreiche unansehnliche Blüten trägt (beschreibe sie!).
Die Stammform der Runkelrübe ist ein unscheinbares Gewächs, das an
den Küsten des Mittelmeeres noch heutzutage wild angetroffen wird und eine
zwar verdickte, aber holzige Wurzel besitzt. Gelangt die Pflanze in mensch-
liche Pflege, dann wird die Wurzel jedoch bald fleischig. Da man nun viele
Jahrhunderte hindurch stets nur die vortrefflichsten Pflanzen zur Nachzucht
auswählte (s. S. 19), sind die zahlreichen Spielarten entstanden, die wir auf
unseren Feldern bauen.
Die meisten von ihnen sind wichtige Futterpflanzen. Eine rot-
fleischige Form dient auch dem Menschen als Speise (Salat). Alle aber werden
an Bedeutung weit von der Zuckerrübe übertroffen, die wegen des Reich-
tums an Rohrzucker in allen fruchtbaren Gegenden der nördlichen gemäßigten
Zone im Großen angebaut wird. Der Gehalt an Zucker ist der Runkelrübe
wie zahlreichen anderen Pflanzen von Natur eigen. Durch beständige Auswahl
der zuckerreichsten Rüben zur Fortzucht hat es der Mensch aber verstanden,
den Zuckergehalt, der ursprünglich 7- — 8 °/o betrug, so erheblich zu steigern, daß
er heute ungefähr doppelt so groß ist (bis 18 %), und zwar begann diese „Ver-
edlung" der Pflanze erst um das Jahr 1850.
Aus dem mittelländischen Pflanzenreiche entstammt auch der Spinat (Spinäcia
oleracea), der bei uns als Gemüsepflanze hoch geschätzt wird. — Von den vielen bei
uns wildwachsenden Verwandten der Runkelrübe seien nur die zahlreichen Gänse-
fug- (Chenopodium) und Melden -Arten (Atriplex) genannt, die besonders auf Schutt
und in der Nähe des Menschen wachsen und vielfach lästige Unkräuter darstellen.
Andere Arten finden sich wieder nur am Meeresstrande und an solchen Stellen des
Binnenlandes, deren Boden außerordentlich reich an Salz ist (an Salzquellen, in Salz-
steppen und an ähnlichen Orten). Obgleich auch zahlreiche Glieder anderer Pflanzen-
Runkelrübe. Spinat. Melden. Salzkraut. 217
familien zu diesen „Salzpflanzen" zählen, sind dock die allermeisten von ihnen
„Fettpflanzen" wie der Mauerpfeffer. Viele dieser unscheinbaren Gewächse haben nun
ohne Zweifel mit großer Trockenheit der Luft und des Bodens zu kämpfen, so daß der
sonderbare Bau sofort verständlich wird. Die Meerstrandpflanzen dagegen wachsen in
feuchter Luft und werden nicht selten sogar zeitweise überflutet. Trotzdem müssen sie
aber gleich dem Mauerpfeffer gegen zu starke Verdunstung sorgsam geschützt sein;
denn die Pflanzen vermögen aus Salzlösungen nur schwer Wasser zu entnehmen. Das
bekannteste dieser seltsamen Gewächse, das Salzkraut (Salicörnia herbäcea), das an den
Küsten der Nord- und Ostsee, sowie im Binnenlande oft weite Strecken überzieht, hat es
sogar wie die Kaktusgewächse (s. das.) bis zum gänzlichen Verlust der Blätter gebracht.
2. Klasse. Einkeimblättrige Pflanzen oder Spitzkeimer
(Monocotyleae).
Keimling mit nur einem Keimblatt (s. Roggen). Laubblätter in der Regel mit parallel
verlaufenden, unverzweigten Hauptnerven. Blütenteile meist in der 3-Zahl vorhanden.
64. Familie. Liliengewächse (Liliäceae).
Blütenhülle blumenblattartig und wie die Staubblätter aus 2 dreiblättrigen Kreisen
bestehend. Fruchtknoten oberständig, dreifächerig. — Stauden, deren unterirdische
Stengel vielfach Zwiebeln oder Knollen darstellen.
1. Unterfamilie. Eigentliche Lilien (Lilieae).
Die Tulpe (Tülipa gesneriäna).
A. Die Tulpe, eine Zierpflanze. Es gibt wohl kaum einen Blumen-
garten, in dem nicht auch einige Tulpen zu finden wären! Denn wenn der
Mensch den Pflanzen auch oft gleichgültig gegenübersteht: ein Beet mit Tulpen
und Hyazinthen, mit Schneeglöckchen und Crocus oder anderen Frühlings-
gewächsen betrachtet jeder mit Wohlgefallen.
Die Tulpe ist in den Steppenländern Westasiens heimisch. Zuerst
nahmen sie die Türken in ihre Gärten auf. Von dort aus gelangte sie etwa
um die Mitte des 16. Jahrhunderts nach Deutschland, und schon nach einigen
Jahrzehnten hatte sich die willkommene Frühlingsgabe über alle europäischen
Länder verbreitet. Ganz besonders nahmen sich die blumenliebenden Holländer
ihrer Pflege an, und bald entstanden zahlreiche Spielarten (s. S. 19), die
während der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts z. T. zu ganz unverhältnis-
mäßig hohen Preisen verkauft wurden. So zahlte man z. B. für eine einzige
Zwiebel einer besonders seltenen Sorte nicht weniger als 13 000 Gulden!
B. Die Tulpe, ein Zwiebelgewächs. 1. a) Das Wesen der Zwiebel
wird uns leicht klar werden, wenn wir uns an die Knospe der Boßkastanie
erinnern! In diesem Gebilde erkannten wir einen winzigen Zweig, der Blätter
und auch oft Blüten trägt, und der von besonders gestalteten Blättern, den
Knospenschuppen, umhüllt ist. Durchschneiden wir eine Tulpenzwiebel, bevor
sie „ausgetrieben" ist, der Länge nach, so finden wir fast dieselben Verhältnisse
vor. Wir sehen erstlich, daß ihr unterster Abschnitt von einem scheibenförmigen
Körper gebildet ist. Diese „Zwiebelscheibe" stellt einen kurzen, platt-
gedrückten Stamm dar, der unten mit einem Kranze faseriger Wurzeln besetzt ist.
Ferner erkennen wir, wie sich dieser Stamm in einen Stengel verlängert,
der einige Laubblätter und eine Blüte trägt. (Junge Zwiebeln treiben
nur einen kurzen, beblätterten Stengel.) Und endlich finden wir, daß sich auf
der Zwiebelscheibe rings um den Stengel noch mehrere Blätter, die sog.
Tulpe.
219
Zwiebelschalen, erheben. Sie machen die Hauptmasse der Zwiebel aus und
sind (Querschnitt!) kreisförmig geschlossen, so daß sie etwa die Form von
Hohlkegeln haben. Die äußeren Schalen sind
trocken, brüchig und von brauner Färbung, die
inneren dagegen saftig, fleischig und (wie die
meisten im Finstern wachsenden Pflanzenteile ;
Beispiel!) farblos. Da die Zwiebel also vor-
wiegend aus Blättern besteht, kann sie keine
Wurzel darstellen, wofür sie im gewöhnlichen
Leben meist gehalten wird; denn eine
Wurzel trägt niemals Blätter. Sie ist
vielmehr eine unterirdische Knospe
oder ein kurzer, unterirdischer ^ r ' L '
Stamm mit besonders gestalteten
Blättern.
b) Daß diese Deutung richtig ist, geht
auch daraus hervor, daß die Zwiebel gleich 3. —
der Knospe in einer Blattachsel ihre Ent-
stehung nimmt. Und zwar bilden sich
bei der Tulpe die jungen Zwiebeln stets
in der Achsel einer Zwiebelschale. (Bei
anderen Liliengewächsen entstehen Zwiebeln
auch in den Achseln oberirdischer Blätter;
s. Knoblauch und Feuerlilie!)
c) Im Gegensatz zu den gewöhnlichen
Knospen, die mit der Mutterpflanze in der
Regel im Zusammenhange bleiben, führt
die Zwiebel ein selbständiges Leben. Sie
ist daher genötigt, Nahrung aus dem Boden
zu entnehmen, oder anders ausgedrückt,
Wurzeln zu schlagen.
2. Die Bedeutung der Zwiebel. I. Wie oben bemerkt, hat die Tulpe
in den Steppenländern Westasiens ihre Heimat. In diesen Gegenden folgt jahr-
aus, jahrein auf eine kurze Regenzeit eine 7 — 8 Monate währende Dürre. Dann
vertrocknen alle saftigen Gewächse, und der Boden wird oft steinhart. Nur die
mit besonderen Schutzmitteln (nenne solche!) ausgerüsteten Pflanzen oder die-
jenigen, deren Pfahlwurzeln bis zu den tieferen, stets feuchten Bodenschichten
hiuabreichen, vermögen die Trocknis zu überdauern. Alle anderen Gewächse sind
entweder einjährige Pflanzen, die mit Beginn der Regenzeit aus Samen hervor-
gehen, schnell Blüten und Früchte treiben und mit Eintritt der Dürre absterben,
oder „Stauden", die sich vor den sengenden Strahlen der Sommersonne gleich-
sam in den Boden flüchten : ihre oberirdischen Teile sterben ab, während die
unterirdischen (Wurzelstock, Knollen oder Zwiebeln) am Leben bleiben. Sd
Tulpenzwiebel, längs durchschnitten.
S. Zwiebelscheibe. St. Stengel. Seh.
Zwiebelschalen. E. Ersatzzwiebel. B.
2 Bratzwiebeln.
220 2. Kl. Einkeimbl. Pflanzen. 64. Fam. Liliengewächse. 1. Unterf. Eigentl. Lilien.
zieht sich auch die Tulpe mit beginnender Trockenheit in den Boden zurück.
Wenn endlich nach vielen Wochen wieder heftige Kegengüsse auf die sonnen-
verbrannte Steppe herniederrauschen, und das belebende Naß den staubtrockenen
Boden erweicht, dann erwacht mit der Tulpe das ganze Heer der Stauden aus
dem todähnlichen Schlafe, und schon nach kurzer Zeit sind die weiten Gefilde
mit Tausenden und aber Tausenden leuchtender Blüten bedeckt. Die Zwiebel
ist also (gleich dem Wurzelstocke und der Knolle) ein Mittel der Pflanzen,
die ungünstige Jahreszeit zu überdauern. Die Zwiebelgewächse
sind daher die Gepräge- (Charakter-) Pflanzen der Steppe. (Darum
werden z. B. in der Bibel auch die „Lilien" so häufig erwähnt, die noch
heute den Steppen Palästinas zur Eegenzeit einen wunderbaren Schmuck ver-
leihen.)
Auch für die in unsere Gärten eingewanderte Tulpe hat die Zwiebel
die gleiche Bedeutung : der trockene Sommer, sowie der trockene (s. S. 92) und
kalte Winter würden die Pflanze unbedingt töten, wenn sie sich vor ihnen nicht
in die schützende Erde zurückzöge. (Beweise, daß dies auch für die ein-
heimischen Zwiebelgewächse, sowie für alle Liliengewächse gilt, die mit Hilfe
von Wurzelstöcken oder Knollen überwintern!)
Die Aufgabe, welche die Zwiebel zu erfüllen hat, macht uns nun leicht
folgende Tatsachen verständlich:
a) Wir sagten oben, daß sich die Tulpe gleichsam in den Erdboden
flüchtet. Ist denn eine solche Flucht gerade dorthin von Bedeutung? Wie wir
Pflanzen, deren Wurzeln oder unterirdische Stämme nicht vertrocknen sollen,
in die Erde „einschlagen" (Beispiele!), so ist auch die Zwiebel im Erdboden
gegen eine tödlich starke Abgabe von Feuchtigkeit wohl geschützt. Welch
hohen Grad von Trocknis die Zwiebel übrigens zu ertragen vermag, geht daraus
hervor, daß wir unsere Blumenzwiebeln mit Beginn des Sommers meist aus
dem Boden nehmen und bis zum Herbste trocken aufbewahren. Wir müssen
aber wohl bedenken, daß s.ich die Luft unserer Breiten hinsichtlich der Trocken-
heit mit der der Steppenländer nur selten messen kann!
b) Einen weiteren Schutz gegen das Verdorren bilden die trocken-
häutigen, äußeren Zwiebelschalen. (Wir hüllen Gegenstände, die wir
feucht erhalten wollen, in Papier, trockene Tücher u. dgl. ; Beispiele !) In dieser
aus pergamentartigen, ungenießbaren Blättern gebildeten „Kapsel" besitzt die
Zwiebel zugleich ein wichtiges Schutzmittel gegen die Angriffe der im Boden
lebenden Tiere, namentlich der gefräßigen Nager.
c) Gegen diese Feinde ist die Zwiebel auch noch durch einen Giftstoff
geschützt, der Erbrechen erregt.
d) Wie wir gesehen haben, muß die Tulpe in ihrer Heimat bereits wenige
Monate nach dem Hervorkommen aus der Erde die Samen gereift haben. Hierzu
wäre sie aber ohne den Besitz der Zwiebel sicher außer stände. Gleich der
Kartoffelknolle (s. das.) stellt dieses Gebilde nämlich einen Vorratsspeicher
dar, aus dem die Pflanze solange die Baustoffe entnimmt, bis die über dem Erd-
Tulpe. 221
boden hervorgeschobenen Laubblätter im Sonnenlichte neue Stoffe bilden können.
Daher fühlt sich die anfangs feste Zwiebel zur Zeit der Blüte bereits weich
an (vgl. mit der „keimenden" Kartoffelknolle!). Daß hier wirklich ein Stoff-
verbrauch stattfindet, beweist deutlich die bekannte Tatsache (Versuch!), daß
aus Tulpen- (Küchen-, Hyazinthen- und anderen) Zwiebeln, selbst wenn sie ganz
trocken liegen, die grünen Blätter hervorbrechen, die sich doch nur auf Kosten
der Zwiebel bilden können. Ja, man ist sogar leicht imstande, Tulpen- (Hya-
zinthen-) Zwiebeln in reinem Wasser bis zum Blühen zu bringen.
e) Soll die Zwiebel ihre Aufgabe, die Pflanze über die ungünstige .Jahreszeit
„hinüberzuretten", aber wirklich erfüllen, so muß für das absterbende Gebilde
Ersatz geschaffen werden: In der Achsel der innersten Zwiebelschale bildet
sich eine Knospe, die schnell an Größe zunimmt und zur „Ersatzzwiebel"
für das nächste Jahr wird.
Hiermit geht nun ein allmählicher Verfall der „alten" Zwiebel Hand
in Hand: ihre Schalen werden von der sich immer mehr dehnenden Ersatz-
zwiebel nach außen gedrängt und die anfangs prallen, saftigen Gebilde werden
immer welker und trockener. Hat die Ersatzzwiebel endlich ihre volle Aus-
bildung erlangt, dann sind die Schalen der alten Zwiebel zu pergamentartigen
Häuten verschrumpft, also (s. Absch. b) zur Schutzhülle der jungen Zwiebel ge-
worden. Die Zwiebel, die wir im Herbste pflanzen, ist also nicht
dieselbe, die im Frühjahre geblüht hat, sondern ein Nachkomme,
eine Knospe dieser. (S. dag. die Zwiebel des Schneeglöckchens!)
Öffnet man, nachdem die oberirdischen Teile abgestorben sind, die Ersatz-
zwiebel, so findet man in ihr Stengel, Blätter und Blüte für das nächste Jahr
bereits vollkommen ausgebildet. (Ja sogar die Ersatzzwiebel für das nächste
Jahr ist als winzige Knospe bereits angelegt.) Diese Tatsache erklärt uns
nun einerseits, wie die Tulpe der Anforderung zu genügen vermag, die die
heimatliche Steppe an sie stellt — nämlich schnell zu ergrünen und zu blühen —
und wie sie andererseits eine unserer ersten Frühlingspflanzen bilden kann.
(Vgl. mit anderen Liliengewächsen, sowie mit dem Scharbockskraut und anderen
Pflanzen des Frühjahrs.)
IL Löst man die Zwiebelschalen vorsichtig von der Zwiebelscheibe ab, so
findet man außer der Ersatzzwiebel in den Achseln anderer Zwiebelschalen zu-
meist noch weitere Knospen, die sich gleichfalls nach und nach zu Zwiebeln
ausbilden. Mit dem Absterben der Zwiebelschalen wandern sie nach außen,
und wenn die Schalen endlich verwesen, dann werden sie frei und geben je
einer neuen Pflanze das Dasein. Diese jungen Zwiebeln bezeichnet man daher
auch treffend als „Brutzwiebeln". Die Zwiebel ist für die Tulpe (und die
anderen Zwiebelgewächse) also nicht nur eine Einrichtung, die ungünstige Jahres-
zeit zu überdauern, sondern auch ein Mittel der Vermehrung.
C. Vom Stengel und von den Blättern der Tulpe. 1. Stengel und
Blätter, die aus der oft tief im Boden liegenden Zwiebel hervorgehen, müssen
eine dicke und nicht selten sogar feste Erdschicht durchbrechen. Wie
222 64. Familie. Liliengewächse. 1. Unterf. Eigentliche Lilien.
aber vermögen die zarten Blätter und der Stengel, der zudem noch von der
sehr empfindlichen Blüte gekrönt ist, eine solche Arbeit zu leisten?
a) Die Blätter sind zu einem Kegel zusammengelegt, dessen Spitze den
Erdboden wie ein Keil durchbricht. Der Mantel des Kegels wird von dem
derberen, untersten Blatte gebildet, das die zarteren, oberen Blätter, sowie den
oberen Stengelteil mit der Blüte schützend umhüllt.
b) Die Spitze des äußeren Blattes, die beim Durchbrechen des Bodens
vorangeht, ist kapuzenförmig gestaltet und fast stechend hart.
2. Ist die Erdschicht durchbrochen, so entfalten sich alsbald die Blätter,
von denen bei blühenden Pflanzen in der Regel 3 vorhanden sind. (Stelle die
Verhältnisse bei nicht blühenden Pflanzen fest.) Sie sind ungestielt und umfassen
den Stengel scheidenartig. Ihre unverzweigten Nerven laufen dem Rande parallel,
ein Merkmal, durch das die einkeimblättrigen Pflanzen (Monocotylen) meist
schon auf den ersten Blick von den zweikeimblättrigen (Dicotylen) zu unter-
scheiden sind.
a) Stengel und Blätter sind mit einer bläulichen, abwischbaren Wachs-
s chi cht bedeckt, wie wir solche bereits beim Raps fanden (s. S. 17, 2).
b) Die grünen Teile sind ferner vollkommen kahl. Es fehlt ihnen also
jede Spur einer Behaarung, durch die z. B. so zahlreiche Sommergewächse
(Beispiele!) gegen zu starke Wasserdampfabgabe geschützt sind. Wenn wir aber
bedenken, daß die Tulpe in der heimatlichen Steppe nur während der feuchten
Jahreszeit und in unseren Gärten während des Frühjahrs grünt, hier wie dort
also in einer Zeit, in der der Boden feucht und die Luft stark mit Wasser-
dampf erfüllt ist, so werden wir diesen scheinbaren Mangel wohl verstehen.
c) Die Blätter stehen am Stengel schräg aufwärts und haben rinnen-
förmige Gestalt. Die auf sie fallenden Regentropfen (Versuch!) rollen daher
nach der Mitte zu (centripetal) ab und gelangen somit an die Stelle, an der
sich die Wurzeln finden (s. S. 88, c).
D. Ton der Blüte der Tulpe. Die Blütenhülle besteht aus 6 Blättern
von sehr wechselvoller Färbung (gib sie näher an!). Obwohl diese Blätter
zu zwei dreiblätterigen Kreisen geordnet sind, lassen sie sich nicht als Kelch
und Blumenkrone voneinander unterscheiden, wie dies bei zahlreichen anderen
Pflanzen der Fall ist. Man bezeichnet die Blütenhülle daher als „einfach" (oder
als „Perigon"). Daß die Blätter des äußeren Kreises dem
Kelche aber vollkommen entsprechen, geht nicht nur aus
ihrer Stellung, sondern auch daraus hervor, daß sie im
Knospenzustande die inneren Blätter wie ein Kelch um-
hüllen, und daß sie bis kurz vor dem Aufblühen grün
sind, während jene dann schon eine bunte Färbung zeigen.
Die 6 Staubblätter sind gleichfalls zu 2 Kreisen
geordnet. Sie umgeben den Stempel, der aus einem drei-
Bliitengrundriß fächerigen, säulenartigen Fruchtknoten (Querschnitt!) und
der Tulpe. einer in 3 abgerundete Lappen gespaltenen Narbe besteht. —
Tulpe. Andere Lilien. 223
Indem sich die Staub- und Fruchtblätter zu blütenblattartigen Gebilden um-
wandeln, entstehen die „gefüllten" Tulpen.
1. Die Tulpe bringt alljährlich nur eine einzige Blüte hervor. Da
diese aber von auffallender Größe ist, so vermag sie wohl die Aufmerksam-
keit der Insekten zu erregen. Immerhin wäre es aber höchst unsicher, wenn der
Fortbestand der Pflanze nur auf dieser einen Blüte beruhte. In Wirklichkeit
ist sie darauf ja nicht allein angewiesen; denn außer durch Samen erhält und
vermehrt sich die Tulpe ja noch — wie wir gesehen haben — durch die Ersatz-
zwiebel und die Brutzwiebeln.
2. Obgleich die Blüte keinen Honig enthält, wird sie doch von zahlreichen
Insekten besucht. Die große]n Staubbeutel enthalten soviel Staub, daß
die Besucher ohne Schaden für die Pflanze davon speisen können. Der dabei
verstreute Blütenstaub wird von den muldenförmig gebogenen Blättern
der Blutenhülle aufgefangen und für spätere Gäste aufbewahrt (vgl. mit
Klatschmohn und Hundsrose).
3. Im hellen Sonnenscheine breiten sich die Blätter der Blütenhülle zu
einem leuchtenden Stern auseinander, so daß die Blüte für die über sie
hinwegfliegenden Insekten noch auffälliger wird. Mit Eintritt des Abends aber
schließt sie sich wieder. Bei trübem und regnerischem Wetter öffnet sie sich
garnicht (s. S. 3, b).
E. Von der Frucht der Tulpe. Der Fruchtknoten bildet sich zu einer
Kapsel aus, die in jedem der 3 Fruchtfächer 2 Reihen Samen enthält, und
die sich bei der Reife mit 3 Klappen öffnet. Da der anfangs saftige und
brüchige Stengel jetzt trocken und elastisch geworden ist, so vermag der Wind
die Samen leicht auszuschütteln (Schleuder!), und da diese leichte, elastische
Scheiben darstellen, zugleich weit zu verwehen.
Andere Lilien.
1. Mit der Gartentulpe hat eine große Anzahl anderer Liliengewächse, die sich
alle durch herrlichen Blutenschmuck auszeichnen, Eingang in unsere Gärten gefunden.
Da ist zunächst die wohlriechende, gelbblühende wilde Tulpe (T. silvestris) zu nennen,
die aus Südeuropa stammt. Sie hat die Gärten aber vielfach wieder verlassen und
sich auf Grasplätzen, in Weinbergen und an ähnlichen Orten angesiedelt. — Als
schönste Frühlingspflanze gilt neben der Tulpe die Hyazinthe (Hyacinthus orientälisi,
die in zahlreichen farbenprächtigen Spielarten gezogen wird, und deren Stammform in
Kleinasien, Griechenland und Dalmatien zu finden ist. Sie hat zwar weit kleinere
Blüten als die stolze Tulpe; dafür sind diese aber von köstlichem Duft und zu ansehn-
lichen Trauben gehäuft, so daß sie sich den Bestäubern doch weithin kenntlich machen. —
Bei der niedlichen Bisam - Hyazinthe (Muscäri) findet gleichfalls eine Häufung der
kleinen Blüten statt („Weinträubcken"). Hier aber dienen die oberen Blüten, die weder
Stempel noch Staubblätter enthalten, ganz der Insektenanlockung (vgl. mit Schnee-
ball). — Tiefblaue Sterne bilden die Blüten der ebenfalls in unseren Gärten häufig
angepflanzten Meerzwiebeln (Scilla). Eine als Topfpflanze allgemein bekannte Form
dieser Gattung ist die weißblühende echte 31. (S. maritima), die an den Küsten des
224 64. Familie. Liliengewächse. 1. Unterf. Eigentliche Lilien.
Mittelländischen Meeres und Atlantischen Oceans ihre Heimat hat (Name!). — Mittel-
asien hat uns die stattliche Kaiserkrone (Fritilläria imperiälis) geliefert. Ihre großen,
gelbroten Blüten stellen hängende Glocken dar, so daß der Blütenstaub und der am
Grunde der Blütenhüllblätter reichlich abgeschiedene Honig vom Regen nicht erreicht
werden können. Die Zwiebel ist durch ein scharfes Gift gegen Tierfraß geschützt. —
Als ein Sinnbild der Reinheit und Unschuld gilt schon seit den ältesten Zeiten die weiße
Lilie (Lilium cändidum). Sie ist in Südeuropa und Westasien heimisch und erfreut uns
erst im Hochsommer durch die Pracht ihrer Blüten, mit denen sich nicht einmal „Salomo
in aller seiner Herrlichkeit" vergleichen konnte. Die blendend weiße Färbung, der
abends stärker werdende Duft, sowie die Größe und Stellung der Blüte lassen darauf
schließen, daß wir es hier mit einer Nachtfalterblume zu tun haben (vgl. mit Leim-
kraut). Auch der Mangel einer Anflugsstelle für'die Besucher, sowie die Stellung und
schaukelartige Befestigung der Staubblätter (vgl. mit Wald-Geißblatt) deuten darauf
hin. — Die gleichfalls in unseren Gärten häufig zu findende Feuerlilie (L. bulbiferum)
mit ihren gelbroten, duftlosen und aufrecht stehenden Blüten ist eine Tagfalterblume
wie z. B. die Steinnelke. In den Achseln der oberen Blätter bilden sich nicht selten
schwarze Brutzwiebeln , eine Erscheinung, auf die bereits früher hingewiesen wurde.
Die stattliche Pflanze, die bei uns heimisch ist, aber nur sehr selten auf Gebirgswiesen
angetroffen wird, leitet zu unseren wildwachsenden Liliengewächsen über.
2. Wenn uns im Garten Tulpen und Hyazinthen erfreuen, dann blühen draußen in
Feld und Wald die Goldsternarten (Gägea). Mit Beginn des Abends schließen sich
ihre gelben Blüten, und bei regnerischem Wetter öffnen sie sich gar nicht (Bedeutung?).
Dann ist von den leuchtenden Blütensternen (Name!) kaum noch etwas zu bemerken;
denn die Blätter der Blütenhülle sind auf der Rückseite grünlich gefärbt (s. S. 3, b). —
Dieselbe Erscheinung ist auch an den weißen, zu einer Dolde gehäuften Blüten des
Milchsterns (Ornithügalum umbellätum) zu beobachten. Da die zierliche Pflanze wie
die Goldsternarten keinen Stengel bildet, so kann sie auch nur an solchen Orten wachsen,
an denen sie trotz ihrer Kleinheit zur Geltung kommt, im niedrigen Grase, an Weg-
rändern u. dgl. Und will sie von den Nachbarpflanzen nicht überwuchert werden, so
muß sie sehr zeitig im Jahre erscheinen. — Letzteres gilt auch von der Schachblume
(Fritilläria meleägris), die nasse Wiesen mit ihren schachbrettartig gewürfelten, hängenden
Blütenglocken schmückt. — Der Türkenbund (Lilium märtagon) dagegen entfaltet seine
herrlichen Blüten erst im Juni und Juli. Dafür à ¼berragt er aber auch (Höhe bis '/a m)
die niederen Pflanzen seiner Umgebung. Zu dieser Zeit trifft man an sonnigen Stellen
längst kein Liliengewächs mehr. Im Schatten des Laubwaldes dagegen findet der
Türkenbund (Blätter derber als bei den Frühlingspflanzen) selbst in den heißen Sommer-
tagen noch den notwendigen Schutz. Wie bei der weißen Lilie sind Nachtfalter vor-
wiegend die Bestäuber der wie ein Turban geformten Blüten. (In welchen Stücken ist
die Blüte ihren Bestäubern „angepaßt"?) — Der Bärenlauch (Allium ursinum) dagegen,
der häufig in feuchten Laubwäldern anzutreffen ist, sich aber nur wenig über den Boden
erhebt (stengellos!), ist wie das Windröschen eine Frühlingspflanze mit großen, zarten
Blättern. Eine häutige Scheide umgibt schützend die zu einer Dolde geordneten, weißen
Blüten, bevor sie sich entfalten, und allen Teilen entströmt ein starker Knoblauchsgeruch
(Schutzmittel gegen Tiere). Beide Merkmale teilt die Pflanze mit den zahlreichen
Gattungsgenossen, die wir als wichtige
3. Küchengewürze in Garten und Feld anbauen. Von diesen Laucharten
(Ällium) ist an erster Stelle die Küchen- oder Sommerzwiebel (A. cepa) zu nennen,
Andere Lilien.
225
die seit den ältesten Zeiten nicht nur als Würze, sondern auch als Gemüse verwendet
wird. Obgleich die langen, fast senkrecht stellenden und unterhall) der Mitte bauchig an-
geschwollenen Blätter und Stengel sehr zart sind, vermögen sie doch selbst heftigen
Stürmen zu widerstehen: sie stellen Röhren dar, die
wie alle Röhren (s. Halm des Roggens) eine verhältnis-
mäßig große Biegungsfestigkeit besitzen. Die Zwiebi
(verfolge die Keimung des Samens und die Bildung der
Zwiebel!) geht schon bei geringer Kälte zugrunde, ein
Zeichen, daß die Heimat der wichtigen Pflanze im Süden
(wahrscheinlich im Mittelmeergebiete) zu suchen ist. —
Im Gegensatz zur „Sommerzwiebel" (Name!) vermag die
Wintcrzwiebel (A. fistulösum), die nicht selten gleich-
falls zum Küchengebrauch angebaut wird, selbst den Winter
bei uns im Freien auszuhalten. Ihre Heimat ist
aber auch der Südosten von Sibirien. Durch
die über die ganze Mitte bauchig erweiterten
Blätter und Stengel ist die Pflanze leicht von
jener zu unterscheiden. — Röhrenförmige Blätter
besitzt auch der allbekannte Schnittlauch
(A. schoenöprasum) , der bei uns heimisch ist
und ein mehrfaches Abschneiden der Blätter
leicht verträgt (Name! Verwendung?). — Flache
Blätter wie der oben erwähnte Bärenlauch hat
der stark riechende Knoblauch (A. sativum),
dessen Stammpflanze wahrscheinlich in Mittel-
asien heimisch ist. Er entwickelt in der Dolde
neben wenigen, langgestielten, kleinen Blüten
zahlreiche, kugelige Brutzwiebeln, die ausgesät
sich zu neuen Pflanzen entwickeln. — Mit
dem Knoblauch ist wahrscheinlich die Perl-
zwiebel (A. ophioseörodon) aus derselben Stamm-
pflanze hervorgegangen (Verwendung?) — Gleich-
falls eine „Kulturform" ist der Porree (A. porrnm),
der als Gewürzpflanze hoch geschätzt wird (Ver-
wendung?) und im Mittelmeergebiete seine Hei-
mat hat.
4. Es sind hier endlich noch einige ausländische Pflanzen zu erwähnen, die
bei uns im Gewächshause und Zimmer häufig gehalten werden. Dahin gehören vor allen
Dingen die Drachenbäume (Dracama), die am Gipfel des kahlen Stammes einen Büschel
schwertförmiger Blätter tragen und daher meist für Palmen gehalten werden. Sic sind
in den wärmeren Gegenden der alten Welt heimisch und erreichen zumeist ein außer-
ordentlich hohes Alter. — Sehr ähnliche Pflanzen sind die Palmlilien (Yucca), die aus
dem warmen Amerika stammen. — ■Die öden Steppen und Wüsten Afrikas, besonders
des Caplandes, bewohnen die Aloe-Arten (Aloe). Da sie gleich dem Mauerpfeffer und
den Kaktusarten (s. das.) ausgeprägte „Fettpflanzen" sind, vermögen sie monatelangc
Trocknis leicht zu überdauern. Aus dem bitteren Safte der dicken, fleischigen und
derben Blätter gewinnt man eine als Abführmittel viel gebrauchte Medizin.
Seh m eil, Lehrbuch der Botanik.
Blutenstand
vom Knoblauch.
H. Häutige Schei-
de. B. Blüten.
Z. Brut zwiebeln.
IB
22ii Taf. 31 u. 32. 64. Fani. Liliengew. 2. Unterf. Herbstzeitl. 3. Unterf. Spargelart. Pfl.
2. Unterfamilie. Herbstzeitlosen (Colclüceae).
Die Herbstzeitlose (Colchicum autuninäle). Taf. 31.
1. Standort und Blütezeit. Wenn der Herbst seinen Einzug in das
Land hält, und auf den Fluren nur noch hier und da ein verspätetes Blümchen
anzutreffen ist, dann erschließt auf feuchten "Wiesen erst die Herbstzeitlose
ihre bläulichroten, zarten Blüten. Die Pflanze blüht also so ganz außer der
Zeit (Name!). Da nämlich die Blüten nicht von hohen Stielen über den Boden
gehoben werden, sondern direkt aus ihm hervorbrechen, so können sie nur
dann zur Geltung kommen (Bedeutung?), wenn das Gras auf der Wiese
niedrig ist: und das ist außer im zeitigen Frühjahre (vgl. mit Krokus) eben
nur im Herbste der Fall.
2. Knolle und Blüte. Woher nimmt aber die Zeitlose, die schon seit
Monaten kein grünes Blatt mehr besitzt, die Stoffe zum Aufbau der Blüte?
Wie bei der Tulpe in der Zwiebel, so liegen sie hier in einer Knolle (s. Kar-
toffelknolle!) aufgespeichert, die wir beim Nachgraben leicht finden (1.). Löst
man die dunkelbraune Hülle (d. i. die Scheide des ersten vorjährigen, jetzt halb
verwesten Laubblattes) ab, so sieht man, wie sich die junge Pflanze auf einem
kurzen Seitentriebe der Knolle erhebt (2.). Sie ist außer von der genannten
braunen Hülle noch von einigen farblosen, scheidenartigen Blättern schützend
umgeben und besteht aus einem kurzen Stengelteile, der oben die Blüte trägt,
und an dem wir die nächstjährigen Blätter bereits deutlich erkennen.
Da sich die Blüte (1. u. 3.) über dem Erdboden entfalten muß (warum?),
sind die Blätter der Blutenhülle im unteren Teile zu einer sehr langen Bohre
verwachsen. Sie stellt gleich den drei ebenfalls langen Griffeln die Verbindung
zwischen den ober- und unterirdischen Teilen her. In allen anderen Stücken ist
die Blüte ganz ähnlich wie die der Tulpe gebaut (Beweis!); auch schließt sie
sich nachts (4.) und an kalten, regnerischen Tagen (Bedeutung?), an denen sich
ja doch keine Bestäuber einstellen. Sobald die Blütezeit vorüber ist, zieht sich
die Zeitlose gleichsam wieder in den Schoß der Erde zurück ; denn dort sind die
zarten Samenanlagen allein vor dem tödlichen Froste geschützt. Die Knollen
liegen nämlich stets so tief im Boden, daß die Winterkälte nicht bis zu ihnen
vorzudringen vermag (je nach der Gegend daher verschieden tief!).
3. Blätter und Früchte. Sollen die Samen der Herbstzeitlose ihre
Aufgabe erfüllen — nämlich die Pflanze weiter zu verbreiten — , so müssen
sie oberirdisch ausgestreut werden. Im kommenden Frühjahre streckt sich
daher der bisher sehr kurze Stengel stark in die Länge und hebt die Blätter,
sowie den schwellenden Fruchtknoten zum Lichte empor (5.). Die drei „tulpen-
artigen" Laubblätter bereiten im Sonnenscheine nunmehr Nahrung für die
reifende Frucht und neue Vorratsstoffe, die sich in dem kurz bleibenden Stengel-
gliede zwischen dem ersten und zweiten Laubblatte anhäufen. Infolgedessen
schwillt dieser Stengelteil immer mehr an: es bildet sich die neue Knolle,
die im nächsten Herbste Blüten treibt, während die alte vollkommen ausge-
Schmeil, Lehrbuch der Botanik,
Tafel 31.
Herbstzeitlose (Colchicum autumnale).
Schmeil, Lehrbuch der Botanik.
Tafel 32.
Maiblume oder Maiglöckchen (Convallaria majalis).
Herbstzeitlose. Maiblume. . 'J27
sogen zugrunde geht. (Wir hat. es hier also wie bei der Kartoffelknolle
mit einer „Stengelknolle" zu tun.)
Die Frucht stellt eine dreifacherige Kapsel dar. die sich bei der Reife
(Juni) mit 3 Klappen öffnet (6.). Die ausfallenden, braunen Sinnen (7. in nat.
Gr. und s mal verirr.) besitzen einen weißen Anhang, der bei Befeuchtung klebrig
wird. Infolgedessen haften sie an den Hufen der Weidetiere fest, so daß die
Pflanze Leicht weithin verbreitet werden kann. Die Samen sind wie alle .indem
Teile der Pflanze sehr giftig. Daher hüten sich die Weidetiere auch, die ge-
fährliche Zeitlose zu berühren; nur die Schafe scheinen ungestraft von den Blät-
tern naschen zu dürfen. In der Hand des Arztes wird das Gift aber zu einem
wichtigen Heilmittel.
3. Unterfamilie. Spargelartige Pflanzen (Smiläceae).
Die Maiblume oder das Maiglöckchen (Convalläria majalis). Taf. 32.
Wenn sich der Laubwald in junges (irün gekleidet hat, dann ist er
nicht selten von dem süßen Dufte des Maiblümchens (Name!) erfüllt. Bereits
einige Wochen vorher hatte das Pflänzchen den Waldboden durchbrochen, in dem
es mit Hilfe eines unterirdischen Stammes (Wurzelstocks) überwinterte
(Frühlingspflanze!). Dieses Gebilde, das ganz ähnlich wie beim Windröschen ge-
baut ist (Beweis !), sendet außer dem Blütenstande gewöhnlich nur noch 2 Laub-
blätter zum Lichte empor. Einen oberirdischen Stengel, der den Boden spalten
könnte, finden wir also nicht. Daher muß das zarte Gewächs besondere Ein-
richtungen hierfür treffen: Die Laubblätter sind tütenförmig zusammengerollt,
haben den Blutenstand „zwischen sich genommen" und werden von widerstands-
fähigen, bläulichroten Hüllblättern schützend umgeben. Der junge, ober-
irdische Teil stellt somit einen langgestreckten Kegel dar, der selbst festere
Brdschichten leicht zu durchdringen vermag (1 a). Sobald diese Arbeit getan
ist. sprengen die wachsenden Laubblätter die Hülle (1 b.), schieben sich immer
weiier daraus hervor (1 c) und breiten sich schließlich aus. Die eiförmigen
Blattflächen gehen in lange Stiele über, sind mit einem Wachsüberzuge versehen
(s. s. 17, 2) und wie die des gleichfalls im Waldesschatten wachsenden Windrös-
chens verhältnismäßig groß (s. S. 7, b). Da die Blätter aber weit derber sind als
die dieser Pflanze, so vermag die Maiblume selbst dem trockenen Sommer zu trotzen;
erst mit beginnendem Herbste sterben die oberirdischen Teile ab. (Beachte, wie
der Stiel des untersten Laubblattes den des anderen scheidenartig umschließt!
Neben den Laubblättern erhebt sich der lange, gemeinsame Blüten-
stiel (1. u. 2.). Er ist oben scharf dreikantig, unten dagegen an der den Blatt-
stielen angedrückten Seite abgerundet (Bedeutung?). Im Endabschnitte trägt
er eine Anzahl kleiner, häutiger Blättchen, aus deren Achseln die kurzgestielten
Blüten entspringen. Anfangs stehen diese aufrecht und sind von jenen
., 11 üll blättchen" schützend umgeben; später aber neigen sie sich nach uuten
und stellen zierliche Glöckchen dar (Name!). Im Einzelnen (3.) sind sie wie
228 6-1- Farn. Liliengewächse. 3. Unterf. Spargelartige Pflanzen. 65. Farn. Binsengew.
die anderer Liliengewächse gebaut (Beweis!); die 6 Blätter der schneeweißen
Blutenhülle sind aber zu einem glockenförmigen, 6 zipfeligen Gebilde verwachsen,
das für Honig und Blütenstaub ein schützendes Regendach abgibt (Name!). Da die
Blüten zu einer Traube gehäuft und alle nach einer Seite (nach welcher?) ge-
richtet sind, werden sie trotz ihrer geringen Größe doch auffällig. Vor allen
Dingen dürfte es aber der köstliche Duft sein, der die Bestäuber zur Einkehr
veranlaßt. Ihm verdankt die Pflanze in erster Linie auch die Zuneigung des
Menschen, der sie gern aus dem Waldboden hebt und in seinen Garten verpflanzt.
Im Herbste lockt die Maiblume abermals Tiere herbei, nämlich Waldvögel,
die die roten, saftigen Beeren (4.) verspeisen und die harten Samen verbreiten
sollen (s. S. 64, 8).
Gleichfalls eine Pflanze des schattigen Laubwaldes ist die Weißwurz oder das
Salomonssiegel (Polygönatum officinäle). Das stattliche Gewächs trägt diese Namen
nach dem großen, weißen Wurzelstoeke, an
dem beim Absterben des oberirdischen Stengels
jedesmal eine siegelartige Höhlung zurückbleibt.
Aus den Achseln der großen, zweizeilig gestellten
Blätter gehen die Blüten hervor , die langge-
streckte, hängende Glöckchen darstellen. — Eine
überall häufige Waldpflanze ist auch die Schatten-
blume (Majänthemum bifolium) , die an den
beiden herzförmigen Blättern und der aufrecht
stehenden Blütentraube am Ende des handhohen
Stengels leicht zu erkennen ist. — Das Glied,
das der Unterfamilie den Namen gegeben hat, ist
der Spargel (Aspäragus officinälis).
Er ist eine einheimische Pflanze,
die besonders auf sandigen Triften und im
Ufersande der Flüsse noch heutzutage ab
und zu wild angetroffen wird. Vor allen
Dingen tritt sie uns aber in Garten und
Feld auf wohlgepflegten Beeten entgegen;
denn schon seit dem Altertume bilden ihre
jungen Triebe ein hochgeschätztes Ge-
müse. Es sind dies zarte, farblose Gebilde
(Lichtmangel!), deren fortwachsende Spitzen
(Keil!) beim Durchbrechen des Erdbodens
durch schuppenförmige Blättchen gegen Ver-
letzung geschützt sind. Die Triebe bilden
sich an dem überwinternden, unterirdi-
schen Stamme (Wurzelstocke) und werden
der Pflanze eine Zeitlang vom Menschen
genommen. (Warum muß man das „Stechen"
Spargel. Unterirdischer Stamm (Wur-
zelstock) mit jungen Trieben. Der
stärkste Trieb rechts ist „gestochen".
(Verkl.)
"Weißwurz. Schattenblume. Spargel. Flatter-Binse. 229
des Spargels auf einige Wochen beschranken? Wann sticht man „ein Spargelbeet
tot"? Was geschieht, wenn die Triebe zu tief gestochen weiden? Warum sind
die Triebe in festem oder gar steinigem Boden hart und holzig?)
Überläßt man die Triebe sich selbst, dann entwickeln sie sich zu meter-
hohen, baumartig verzweigten Stengeln, die vermöge großer Festigkeit und
Zähigkeit selbst den heftigsten Winden Widerstand leisten können. Statt der
Laubblätter gewöhnlicher Form tindet man an den Stengeln und Zweigen un-
scheinbare braune Schuppen. Aus ihren Achseln entspringen Büschel nadel-
förmiger Gebilde, die gewöhnlich für die Blätter gehalten werden. Da aber
bei allen Pflanzen aus den Blattachseln stets Zweige hervorgehen, so können
wir hier auch nur solche vor uns haben. Wie der Stengel und die größeren
Zweige sind diese Zweiglein mit Blattgrün ausgerüstet. Sie sind demnach
auch in der Lage, die Arbeiten zu verrichten, die die Blätter nicht leisten
können (warum nicht?) Wir haben es hier also mit einer ähnlichen Er-
scheinung zu tun wie bei den Kaktusgewächsen (s. das.), und wie dort
werden wir auch hier in dem Fehlen gewöhnlicher Laubblättcr ein wichtiges
Schutzmittel gegen das Vertrocknen leicht erkennen; denn der Spargel ist ja —
wie oben erwähnt — eine Pflanze des lockeren Sandbodens, die in ursprüng-
lichem Zustande sicher alljährlich mehrere Monate mit starkem Wassermangel
zu kämpfen hat. Hiermit steht auch im Einklänge, daß sich der unterirdische
Stamm verhältnismäßig tief unter der Erdoberfläche findet, und daß von ihm
zahlreiche, sehr lange Wurzeln ausgehen, die den (wasserarmen!) Boden weit-
hin durchziehen.
Aus den Achseln der schuppenförmigen Blätter entspringen auch die
grüngelben Blüten, die wie die der Maiblume hängende Glöckchen darstellen.
Man findet in ihnen entweder die Staubblätter oder den Stempel meist gänzlich
verkümmert, eine der vielfachen Einrichtungen der Natur, durch die Selbst-
bestäubung verhindert wird. Die Früchte sind rote Beeren, die der Ver-
breitung durch Vögel „angepaßt" sind (Beweis!).
65. Familie. Binseng-ewäehse (Juncarea.).
Die Binsengewächse stimmen mit den Liliengewächsen bis auf die unscheinbar
grünen oder braunen Blätter der Blütenhülle fast vollkommen überein (Beweis !). — An
nassen Stellen findet sich als eine der am häufigsten vorkommenden Formen die Flatter-
Binse (Juncus effüsus). Aus dem kriechenden, vielfach verzweigten unterirdischen
Stamme erheben sich runde, knotenlose, bis etwa l /s m hohe Halme, aus denen seitlich
zahlreiche Bluten hervorbrechen. Bei genauerem Zusehen erkennt man jedoch leicht,
daü sich der Blütenstand am Ende des Halmes befindet und die eigentümliche Lage
nur dadurch erhält, daß sein stielrundes Deckblatt senkrecht aufgerichtet ist. Die
Blüten werden, wie schon ihre Unscheinbarkeit andeutet, durch den 'Wind be-
stäubt. Außer dem erwähnten Deckblatte und einigen Blattscheiden am Grunde des
Halmes ist von grünen Blättern nichts zu finden. Diese sonst nur bei Pflanzen der
trockensten Standorte (z. B. bei den Kaktusgewächsen) zu beobachtende Erscheinung
wird uns leicht verständlich, wenn wir bedenken, daß nasser Boden auf die Pflanzen
230 65. Familie. Binsengewächse. 66. Familie. Narzissengewächse.
wie kalter Boden einwirkt (s. S. 114), und daß die Binsen im Hochsommer oft mit der
größten Trocknis za kämpfen haben. Dann versiegen vielfach die Gewässer, an deren
Ufern sie wachsen, und der schlammige Boden trocknet so stark aus, daß er „steinhart"
wird und in weiten Rissen auseinander klafft. — Ganz wie Gräser erscheinen die
Simsen (Lüzula) ; durch die „Lilienblüten" sind sie jedoch leicht von diesen zu unter-
scheiden.
66. Familie. Narzissengewäehse (Amaryllidäceae).
Fruchtknoten unterständig; sonst wie die Liliengewächse.
Das Schneeglöckchen (Galänthus nivalis).
1. Blütezeit. Bevor meist noch die letzten Reste des Winterschnees
von der wieder erwachenden Erde verschwinden, öffnet das liebliche Schnee-
glöckchen schon seine weiße Blüte, die einem zierlichen hängenden Glöckchen
gleicht (Name !). Wir begrüßen den Boten des ersehnten Frühlings mit lebhafter
Freude und räumen ihm daher gern ein Plätzchen im Garten ein.
2. Standort. Im Freien trifft man das Schneeglöckchen nur selten und
in vielen Gegenden gar nicht an. Wiesen und Laubwälder sind seine ur-
sprünglichen Standorte. Auf der Wiese findet das spannhohe Pflänzchen aber
nur so lange das nötige Licht, als Gras und Kräuter noch niedrig sind, und
im Walde, so lange sich das Laubdach noch nicht geschlossen hat. Es ist daher,
wie z. B. das Scharbockskraut, gleichsam gezwungen, so zeitig im Jahre zu er-
scheinen. Darum hat es auch mit beginnendem Sommer seine Lebensarbeit
bereits abgeschlossen : die Samen sind gereift und die oberirdischen Triebe ab-
gestorben. Andererseits ist das Schneeglöckchen auch imstande, so früh zu
erscheinen; denn es besitzt wie die Tulpe (s. das.) in der
3. Zwiebel eine Vorratskammer, aus der es die ersten Ausgaben be-
streitet. Die Zwiebel ist genau wie bei jener Pflanze gebaut (Beweis!), dauert
aber mehrere Jahre aus. Bereits im Herbste tritt aus ihr der oberirdische Sproß
hervor, der aus zwei
4. Blättern und — falls wir es mit einer „blühreifen" Pflanze zu tun
haben — einer Blüte besteht. Er ist von einem farblosen (Lichtmangel!), häu-
tigen Blatte wie von einer Scheide umgeben und somit gegen Verletzung beim
Durchbrechen des Bodens wohl geschützt. Ist die Erdoberfläche erreicht, so
stellt das scheiden förmige Hüllblatt das Wachstum ein, das nunmehr
von den sich weiter streckenden Blättern gesprengt wird. Die langen, linealen
Blätter liegen bis zu diesem Zeitpunkte eng aneinander, so daß ihre Ober-
seiten einander zugekehrt sind. Infolgedessen sind sie trotz ihrer Zartheit wohl
imstande, sich zum Lichte emporzudrängen. Und zwar vermögen sie dies umso
eher, als die farblosen Blattspitzen verhältnismäßig hart und fest sind. Die
Spitze des „Keils", der den Boden spaltet, ist also wie bei der Tulpe gleichsam
gehärtet. Die Blüte dagegen ist nicht imstande, diese Arbeit zu fördern. Sie
liegt wohl geschützt zwischen den Blättern, die sie weit überragen und ihr
Simsen. Schneeglöckchen. 2ol
somit den Weg bahnen. Um ihr daselbst den nötigen Raum zu schaffen, sind
die Blätter rinnig vertieft (Querschnitt!). Bei nicht blühenden Pflanzen da-
gegen sind sie flach und liegen eng aneinander.
5. Blüte, a) Der von den Blättern gebildete Hohlraum ist sehr eng, so
daß uns die Form des langen Blütenstiels (Schaftes) — er ist mehr oder
weniger seitlich zusammengedrückt — wohl verständlich wird. Auf seiner Spitze
trägt er die einzige, anfangs aufrecht stehende Blüte und unter ihr eine häutige
Blütenscheide, von der die junge Blüte schützend umhüllt wird. Wie
die beiden grünen Rippen andeuten, ist die Scheide aus zwei Blättchen hervor-
gegangen, die innig miteinander verwachsen sind und mithin ihre Aufgabe
umso vollkommener erfüllen können. Ein solches Schutzmittel (vgl. mit
Kimspenschuppen) ist für die zarte Blüte von umso größerer Wichtigkeit, als
das Schneeglöckchen ja im Vorfrühlinge blüht, also zu einer Zeit, in der täglich
Frost, sowie kalte Regen- und Schneeschauer zu erwarten sind. Sinkt z. B.
•las Thermometer wieder einige Grad unter Null, so liegen die Blätter und
Blüten des Plläuzchens matt und welk auf dem Boden (s. S. 92). Und wie dann
die von der Scheide noch umhüllten Blüten weit weniger dem Verderben aus-
gesetzt sind als die von diesem Schutzmittel schon befreiten, ist leichl zu
beobachten. Darum bleibt auch die Blüte je nach der Witterung von der Scheide
kürzere oder längere Zeit, beim Eintritt schlechten Wetters sogar wochenlang
umgeben.
b) Au einem milden Tage endlich wird die Scheide gesprengt, und in
schneeiges Weiß gekleidet, tritt die Blüte hervor. Sie neigt sich alsbald zum
Erdboden hinab, ist im wesentlichen wie die Tulpenblüte gebaut (Beweis !), besitzt
aber einen unterständigen Fruchtknoten (s. S. 71, b). Die 'S großen
äußeren Blätter der B 1 ü t e n h ü 1 1 e stehen schräg nach außen; die 3 kleinen
inneren dagegen sind fast senkrecht gestellt, so daß sie eine kleine Röhre bilden.
Außen besitzen die letzteren je einen halbmondförmigen Fleck und innen mehrere
ebenso gefärbte Längsstreifen, zwischen denen der Honig abgeschieden wird. Die
großen Beutel der 6 Staubblätter bilden einen Kegel, aus dessen Spitze der
Griffel mit der Narbe hervorragt. Sie besitzen je eine borstenartige Ver-
längerung und öffnen sich an der Spitze mit 2 Löchern, aus denen bei Berührung
der Borste trockener Blütenstaub herausfällt, (Versuch! Gib der Blüte dabei
aber die natürliche Stellung!)
c) Wenn wir die erwähnten Einzelheiten näher ins Auge fassen, werden
wir leicht finden, daß zwischen ihnen ein inniger Zusammenhang be-
stellt, der allein eine erfolgreiche Bestäubung ermöglicht, Erstens: da die Be-
stäubung mit Hilfe eines „Streuwerks" erfolgt, muß das Schneeglöckchen trocke-
nen, mehlartigen Blütenstaub besitzen. Zweitens: da der Staub nur aus
den Beuteln fällt, wenn diese erschüttert werden, so muß das Insekt gleichsam
gezwungen werden, eine Erschütterung zu bewirken. Dies geschieht auch; der
Honig liegt nämlich nicht offen zu Tage, sondern wird — wie erwähnt — an der
Innenwand der Röhre abgeschieden, die von den inneren Blättern
232 66. Familie. Narzissengewächse.
der Blutenhülle gebildet wird. In diese Röhre muß das Insekt ein
Stück eindringen, um zu dem süßen Saft zu gelangen. Dabei muß es aber
einige der borstenartigen Fortsätze berühren, die Staubbeutel also erschüttern.
Drittens: da die Röhre verhältnismäßig sehr eng ist, kann das Insekt nur dann
von dem ausfallenden Staube getroffen werden, wenn deren Öffnung nach unten
gerichtet ist. Die Blüte muß also, anders ausgedrückt , hängend sein.
(Was würde geschehen, wenn sie schräg oder gar aufrecht stände? Warum
brauchen weite Blüten mit einem Streuwerk diese Stellung nicht zu haben?
Vgl. z. B. mit Klappertopf!). Viertens: da der Griffel aus dem Staub-
beutelkegel hervorragt, muß die Narbe von dem eindringenden Insekt
auch zuerst berührt werden. Bringt das Tier nun Blütenstaub von einer
anderen Blüte mit, so tritt Fremdbestäubung ein, die — wie wir schon mehr-
fach gesehen haben — stets eine erhöhte Fruchtbarkeit im Gefolge hat.
Fünftens: soll die Blüte auffällig werden, so dürfen die Blätter des äuße-
ren Kreises nicht mit an der Bildung der Röhre beteiligt sein. Da sie im
Gegenteil nach außen gespreizt sind, fällt eine geöffnete Blüte weit mehr ins
Auge als eine andere, die zwar vollkommen ausgebildet, aber noch geschlossen
ist oder sich wieder geschlossen hat. Kurz: Die unscheinbare Blüte ist
ein vollendetes „Kunstwerk", wie es menschlicher Scharfsinn kaum
auszudenken vermöchte.
d) Das Schneeglöckchen bringt wie die Tulpe alljährlich nur eine einzige
Blüte hervor. Da sie aber sehr lange, bei Eintritt schlechten Wetters (In-
sekten verkriechen sich wieder!) sogar wochenlang „frisch" bleibt, so ist die
Möglichkeit, bestäubt zu werden, dadurch wesentlich erhöht. Tritt trotzdem
keine Bestäubung ein, so ist das für die Pflanze noch bei weitem nicht mit
einer Vernichtung gleichbedeutend: das Schneeglöckchen „rettet" sich ja mit
Hilfe der Zwiebel stets auf das andere Jahr hinüber und vermehrt sich außer
durch Samen noch durch Brutzwiebeln.
e) Wie wir in zahlreichen Fällen gesehen haben (Beispiele!), schließen
sich nickende Blüten abends oder beim Eintritt unfreundlicher Witterung nicht;
denn bei ihnen sind ja Blütenstaub und Honig wie unter einem Dache gegen
Tau und Regen vortrefflich geschützt. Beim Schneeglöckchen jedoch findet
man an kühlen Morgen, wie die äußeren Blätter der Blütenhülle, die gestern
weit gespreizt waren, sich wieder nach innen bewegt und den Blüten-
eingang verschlossen haben. Bei kaltem Wetter behalten sie diese
Stellung sogar den ganzen Tag über bei. Wenn wir bedenken, daß die Pflanze
sehr früh im Jahre blüht, und daß Wärmeverlust den zarten inneren Blüten-
teilen leicht schaden könnte, so wird uns diese Ausnahme von der Regel wohl
verständlich. (Bringe abgeschnittene Blüten, die du in ein Gefäß mit Wasser
gestellt hast, an einem kühlen Tage aus dem warmen Zimmer in das Freie und
umgekehrt !)
(j. Die Frucht ist eine Kapsel, die sich von der Spitze aus mit 3 Klappen
öffnet. Würde sie wie die Blüte abwärts gerichtet sein, so müßten sämtliche
Schneeglöckchen. Sommcrtürchen. Narzissen.
233
Amerikanische Agave (<
Samen in unmittelbarer Nähe der Matter-
pflanze auf den Erdboden herab fallen,
die daraus hervorgehenden Pflänzchen
sich also gegenseitig Raum, Nahrang
und Liebt streitig machen. Dies maß
daher verhindert werden: der Blüten-
stiel streckt sich nach erfolgter Be-
stäubung wieder gerade, so daß der ge-
schäftige Wind die Samen aus der senk-
recht stehenden Kapsel einzeln heraus-
schleudern und über einen größeren Be-
zirk aussäen kann. Die Samen besitzen
einen kleinen fleischigen Anhang, den
gewisse Ameisenarten gern verzehren.
Die Tierchen schleppen die Samen daher
in ihre Baue und tragen somit ebenfalls zur
Verbreitung der Pflanze bei (vgl. S. 32, b).
Andere Narzissengewächse.
"Wenig später als
das Schneeglöckchen
erschließt das Sominer-
türchen (Leucöiuni ver-
num) seine zierlichen,
duftenden Blütenglok-
ken (Name!). Es be-
wohntschattige, feuchte
Laubwälder und stimmt
mit jener Pflanze in
fast allen Stücken über-
ein (daher auch „großes
oder wildes Schnee-
glöckchen"). - Die
Narzissen (Narcissus)
dagegen entfalten ihre
prächtigen Blüten erst.
wenn der Frühling
wirklich da ist. Am
häufigsten ünden sich
in unseren Gärten die
gelbe X. (X. psendo-
narcissns), die hier und
da auf Bergwiesen auch
wild vorkommt, und die
echte X. < N. poöticna),
234 Taf. 33. GG. Farn. Narzissengewächse. 67. Farn. Schwertliliengewächse.
die wahrscheinlich im Mittelmeergebiete heimisch ist. Wie hei allen Narzissen sind
auch bei ihnen die Blätter der Blütenbülle im unteren Abschnitte zu einer Röhre ver-
wachsen, an deren Mündung sich ein „Saum" erhebt. Während bei der gelben N. dieser
Saum sehr groß, die Blütenröhre dagegen kurz ist (Hummelblume!), hat die weiße, stark
duftende Blüte der echten N. einen kurzen Saum (mit scharlachrotem Rande) und eine
sehr lange und enge Blütenröhre (Falterblume!).
Auch mehrere ausländische Glieder der Familie werden bei uns gern ge-
pflegt. So sind die prächtig blühenden Amaryllis-Arten, die aus dem tropischen Süd-
amerika stammen, allgemein bekannte Topfgewächse, und nicht selten treten uns, in
Kübel gepflanzt, die mächtigen Blattrosetten der Agaven (Agave) entgegen. Wie schon die
S*7
Ananaspflanze mit Fruchtkolben (etwa l /ia nat. Gr.).
dicken, fleischigen, saftigen Blätter erkennen lassen, haben wir es in den Agaven mit voll-
endeten „Fettpflanzen" (Succulenten) zu tun, deren Bau wir beim Mauerpfeffer und den
Kaktusgewächsen kennen und verstehen gelernt haben. Wir gehen deshalb auch nicht fehl,
wenn wir die Heimat der seltsamen Gewächse in einem außerordentlich wasserarmen
Gebiete suchen: Sie bewohnen die unabsehbaren Wüsten des heißen Amerika, in denen
auch die Kaktusgewächse dem öden Felsboden entsprießen. Gleich diesen zeigen auch die
Agaven ein sehr langsames Wachstum. Einige Arten brauchen sogar 100 und mehr Jahre,
bis sie ihre volle Ausbildung erlangt haben. Dann schießt aus der Blattrosette schnell
ein hoher Blütenschaft empor, der Tausende von Lilienblüten trägt und bei gewissen
Arten 6, 10 und mehr Meter hoch wird. Sind die Früchte gereift, dann stirbt die
seltsame Pflanze bis auf den mächtigen unterirdischen Stamm ab, aus dem jetzt junge
Triebe hervorgehen. Von den wenigen Arten, die für den Menschen eine Bedeutung
haben, sei hier nur kurz die sog. amerikanische A. (A. americäna) erwähnt, die in
Mexiko heimisch ist. Ihre Blätter, die eine Länge von 3 m erreichen, dienen daselbst
SchmeiL Lehrbuch der Botanik.
Tafel 33.
a. B.
r J{t>ubuc/i .
Wasser-Schwertlilie (Iris pseudacorus).
Amleic Narzissengewächse. Wasserschwertlilie. 235
als Speise; getrocknet verwendet man sie zum Decken der Dächer; aus den zähen Bast-
fasern bereitet man feste Gespinste und aus dem Safte das Nationalgetränk, die
L'ulque. Wie in zahlreichen anderen wärmeren Ländern, hat sich die Pflanze auch im
liittelmeergehiete vollkommen eingebürgert, woselbst sie wegen der stark bestachelten
Blätter gern zur Herstellung undurchdringlicher Zäune angepflanzt wird.
Ein Glied einer nahe verwandten Familie (Bromeliäceae) ist die Ananas
(Ananas sativus), die sich von Mittelamerika aus über alle warmen Länder verbreitet
hat und bei uns in Treibhäusern gezogen wird. Aus einem rosettenartigen Busche
langer, starrer Blätter erhebt sich der zapfenartige Blütenstand, dessen Achse und
Deckblätter nach und nach fleischig und saftig werden (vgl. mit Erdbeere !). Auf diese
Weise entsteht eine gelbe oder orangefarbene Schein- und Sammelfrucht, die in allen
Tropenländern als köstlichstes Obst geschätzt und bei uns namentlich als Zusatz zum
Wein verwendet wird. Während der Fruchtbildung wächst die Achso durch das einem
riesigen Tannenzapfen ähnliche Gebilde und treibt einen Blätterschopf, der. in die Erde
gesetzt, sich zu einer neuen Pflanze entwickelt.
67. Familie. Sehwertliliengewächse (Iridäceae).
Fruchtknoten unterständig, nur 3 Staubblätter; sonst wie die Liliengewächse.
Die Wassersclnvertlilie (Iris pseudäcorus). Taf. 33.
1. Standort und Blütezeit. Die Ufer der stehenden und fließenden
Gewässer erhalten im Mai und Juni durch die prächtigen „Lilienblüten" (Name!)
der stattlichen Pflanze oft einen gar herrlichen Schmuck.
2. Stamm, Stengel und Blatt, a) Aus dem dicken, fleischigen Stamme
(Wurzelstocke), der im schlammigen Boden dahin kriecht, erheben sich neben
zahlreichen beblätterten „Kurztrieben" einige „Langtriebe" (s. S. 160 A).
Da letztere bis meterhoch werden, sind sie wohl imstande, die Blüten über das
Pflanzendickicht am Ufer zu heben und somit den Insekten zur Schau zu stellen.
b) Die ungestielten Blätter umfassen mit ihrem Grunde den Stengel
ringsum. Während aber bei der überwiegenden Mehrzahl der Pflanzen (Bei-
spiele!) beide Hälften der Blattflächen flach ausgebreitet sind, sind sie hier in
der Mittellinie so gefaltet, daß sie eine tiefe Kinne bilden. Je weiter nach oben
(stelle Querschnitte in verschiedener Höhe her!), desto enger wird die Rinne.
Schließlich verschmelzen beide Hälften vollkommen miteinander, so daß das
Blatt die Form eines Schwertes erhält (Name!).
Betrachtet man einen Kurztrieb, so sieht man, wie sieh die, Blätter,
zu zwei Zeilen geordnet, gegenüberstehen, und wie jedes ältere Blatt das
nächst jüngere z. T. umfaßt. (Warum werden solche Blätter wohl „reitende"
genannt?) Entfernt man die älteren Blätter, so kommt man endlich zu einem
Blatte, in dessen Rinne das folgende noch gänzlich verborgen ist, und das aber-
mals das nächst jüngere umhüllt u. s. f. Die Blätter sind also gleichsam
ineinander geschachtelt, so daß die älteren den außerordentlich zarten jüngeren
als schützende Scheiden dienen.
An den wachsenden Langtrieben sind natürlich dieselben Verhältnisse
236 67. Familie. SchwertLiliengewächse.
zu beobachten. Bei ihnen entfernen sich jedoch die Blätter durch Streckung
der Stengelglieder weit voneinander, so daß eben ein „Langtrieb" entsteht.
An beiden Arten von Trieben finden sich außerhalb der ältesten Blätter
noch einige Hüllblätter, die ihrer Aufgabe entsprechend (Hülle!) nur den
unteren scheidenartigen Teil der Laubblätter darstellen.
c) Im Gegensatz zu den meisten anderen Pflanzen sind die Blätter der
Schwertlilie ferner so gestellt , daß ihre Kanten senkrecht nach unten
und oben gerichtet sind. Sie nehmen also die Stellung ein, die wir bei
jungen Blättern (s. S. 43, c), sowie bei Pflanzen sehr trockener Standorte (vgl.
z. B. Stachellattich) als wichtiges Schutzmittel gegen zu starke Verdunstung
kennen gelernt haben. Da aber die Schwertlilie stets nur an nassen Stellen vor-
kommt, woselbst ihr jeder Zeit genügend Wasser zur Verfügung steht, so bedürfte
s i e — sollte man meinen — eines solchen Schutzmittels nicht. Wenn wir aber
einerseits bedenken, daß nasser Boden stets kalt ist, und daß kalter Boden auf
die Pflanzen wie trockener Boden einwirkt (s. S. 114, C), und wenn wir anderer-
seits beobachten, wie im Hochsommer die Gewässer, an deren Ufer die Schwert-
lilie wächst, oft gänzlich vertrocknen, und der Schlammgrund fast steinhart wird,
dann werden wir wohl anderer Meinung werden. Zudem dürfen wir nicht aus
dem Auge verlieren, daß uns bei den Pflanzen zahlreiche Eigentümlichkeiten
nur dann verständlich werden, wenn wir ihre nächsten Verwandten berück-
sichtigen: mehrere andere Schwertlilien sind nun ausgeprägte Felsenpflanzen,
und eine von ihnen (s. S. 238) vermag sogar auf Lehmmauern zu gedeihen , auf
denen die meisten anderen Gewächse sehr bald vertrocknen würden.
d) Alle grünen Teile sind mit einem abwischbaren Wachsbezuge ver-
sehen, dessen Bedeutung wir bereits S. 17, 2 erkannt haben.
3. Blüte und Frucht, a) Aus den Achseln der oberen Blätter der Lang-
triebe gehen blütentragende Zweige hervor. Wie diese Blätter seiner Zeit
in den Binnen der nächst älteren Schutz fanden, so umhüllen sie selbst
die jungen Blütenknospen.
b) Haben die Knospen die Kinne verlassen, so gewähren ihnen je 2 grüne,
scheidenartige Hüllblätter den notwendigen Schutz.
c) Ist die Blüte endlich vollkommen ausgebildet, so drängt sie die Blätter
auseinander und entfaltet sich. Das überaus zarte Gebilde blüht jedoch nur eine
sehr kurze Zeit (stelle die Blütendauer genauer fest !). Dafür bringt die Schwert-
lilie aber nacheinander eine sehr große Anzahl von Blüten hervor, so daß
sicher einige davon bestäubt werden und Früchte ausbilden (vgl. dag. Schnee-
glöckchen!).
d) Obgleich die Talpen- und Schwertlilien-Blüte nach demselben „Plane"
gebaut sind (Beweis!), zeigt letztere doch zahlreiche Eigentümlichkeiten. So
sind erstlich die 6 leuchtend gelben Blätter der Blütenhülle im unteren Teile zu
einer Köhre (3. B.) verwachsen, die dem unterständigen Fruchtknoten (3. Fr.)
aufsitzt. Sodann sind die mit einem braunen Fleck (Saftmal !) gezierten Blätter
des äußeren Kreises (2. a. B.; in Abb. 3. entfernt) groß und mit dem breiten
WasserBchwertlilie. 237
Endabschnitte schräg nach außen gebogen , während die kleinen Blätter des
inneren Kreises (3. i. B.) aufrecht stehen. Ferner ist von den beiden drei-
blättrigen Staubblattkreisen der Lilienblüte nur der äußere vorhanden, und end-
lich teilt sich der Griffel in 3 blumenblattartige, zweizipfelige Äste (3. G.). Diese
Gebilde helfen die Auffälligkeit der Blüte erhöhen und dienen den Staubbeuteln
(3. St.) als schützendes Dach. Auf ihrer Unterseite bemerkt man je ein kleines
Läppchen, dessen (in der Ruhe angedrückte) Oberseite die Narbe (3. N.) darstellt.
Im unteren Teile der Röhre findet sich der Honig. Zu ihm führen unter
jedem Griffelaste 2 Kanäle, die für einen dünnen Insektenrüssel gerade weit
peinig sind (Querschnitt!).
e) Will das Insekt den Honig erlangen — einen anderen Weg gibt es
nicht ! — so muß es sich auf einem großen Blatte der Blutenhülle nieder-
lassen (Anflugstelle!) und so weit als möglich unter den davorstehenden Griffel-
ast zwängen (2). Ist das Tier groß genug, so streift es dabei zunächst das
Narbenläppchen, biegt es nach unten und belegt es mit fremdem Blüten-
stäube, falls es bei einer anderen Blüte bereits Einkehr gehalten hat. Dies
kann aber nur dann geschehen, wenn das Tier den Blütenstaub auf seinem
Rücken herbeiträgt, oder anders ausgedrückt, wenn der Staubbeutel eine solche
Stellung hat, daß ihn das saugende Tier mit dieser Körperstelle berührt. Und
das ist, wie wir gesehen haben, der Fall! — Nachdem das Tier von dem süßen
Safte genossen hat, kriecht es aus dem „Engpaß" wieder hervor. Jetzt aber
drückt es das Narbenläppchen an den Griffelast, so daß eine Belegung der Narbe
mit dem Staube der eigenen Blüte verhindert wird. Dieser ungünstige Fall
(warum ungünstig?) tritt jedoch ein, wenn das Insekt sich nach diesem Besuche
dem 2. und 3. „Engpaß" derselben Blüte zuwendet (führe dies näher aus!).
Bei genauem Zusehen wird man nun finden, daß die Entfernung zwischen
einem großen Blatte der Blütenhülle und „seinem" Narbenaste bei gewissen
Blüten größer ist als bei anderen. In ersterem Falle entspricht diese Ent-
fernung der Höhe (Dicke) einer Hummel, im anderen der einer Schweb-
fliege. Diese Tiere sind daher auch nur imstande, die Bestäubung „ihrer
Blüte" zu vollziehen. (Führe dies näher aus! Warum sind Schmetterlinge und
kurzrüsselige Insekten vom Genuß des Honigs ausgeschlossen?)
f) Die Frucht stellt, wie ein Querschnitt zeigt (4.), eine dreifächerige
Kapsel dar, in der die braunen, breitgedrückten Samen (G.) gleich Geldstücken
in 3 Reihen „übereinander geschichtet" sind. Bei der Reife öffnet sich die
Frucht mit 3 Klappen (5.), so daß der Wind die Samen nunmehr heraus-
schütteln kann (Kapseln stehen auf hohen, elastischen Stengeln!). Auf einem
Durchschnitt (7.) sieht man, daß sich unter der Samenhülle ein luftgefnllter
Hohlraum vorfindet. Infolgedessen sind die Samen schwimmfähig, können also
durch Wind, Wellen und Strömung leicht weit verschlagen werden, eine Tat-
sache, die für die Verbreitung einer am Wasser wachsenden Pflanze von größter
Bedeutung ist.
238
67. Familie. Schwertlilieneewächse. 68. Familie. Palmen.
Andere Schwertliliengewächse.
Gleich der Wasser-Schwertlilie er-
freuen uns im Garten zahlreiche andere Ar-
ten der Gattung durch die Pracht ihrer
Blüten. Zar Einfassung von Beeten wird
gern die blaublühende Zwerg-Soli. (I. pü-
mila) benutzt , die aus Südost-Europa
stammt. Da sie in ihrer Heimat dürre Fel-
sen bewohnt, so vermag sie selbst mit den
geringen Wasser- und Nahrungsmengen für-
lieb zu nehmen, die ihr die kahlen Lehm-
mauern zu bieten vermögen. — Eine statt-
liche Pflanze ist die in Gärten am häufigsten
anzutreffende deutsche Seh. (I. germanica),
die sich durch große, violette Blüten aus-
zeichnet. Sie findet sich hier und da auch
verwildert und ist wahrscheinlich gleich-
falls aus dem südöstlichen Europa zu uns
gekommen. — Ein prächtiger Frühlings-
schmuck wird unseren Gärten durch die
Krokus-Arten (Crocus) verliehen, die mit
der Herbstzeitlose in zahlreichen Stücken
übereinstimmen (Beweis!). Da sie nun in
ihrer Heimat (in den Alpen und Gebirgen Süd-
deutschlands, sowie besonders im Mittel-
meergebiete) gleichfalls Wiesen und Matten
bewohnen, so sind sie wie jene Pflanze ge-
nötigt, entweder im zeitigen Frühjahre oder
(wie andere ausländische Arten) iimHerbste
ihre zarten Blüten zu entfalten. Aus den
großen, getrockneten Narben des Safran-K.
(C. sativus) bereitet man besonders in den
Mittelmeerländern den Safran, der vor-
wiegend zumFärbenvonBackwaren benutzt
wird. — Beliebte Gartenzierpflanzen sind
auch die zahlreichen Arten der Siegwurz
(Gladiolus), deren Blüten zu großen, ein-
seitswendigen Trauben gehäuft sind.
'-. mm
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Qg:
U -w â–
Kokospalmen, z. T. in. Früchten (etwa ^iso nat. Gr.).
68. Familie. Palmen (Palmae).
Die Kokospalme (Cocos nueifera).
1. Die Kokospalme hat sich von
ihrer Heimat aus, die wahrscheinlich
im tropischen Amerika zu suchen ist,
über alle heißen Länder des Erdballs
Andere Schwertliliengewächse. Kokospalme.
23<i
verbreitet. Besonders am Strande nnd in der Nähe des Meeres finden sich weit-
ausgedehnte Haine des herrlichen Baumes. Auf einem anverzweigten, säulen-
artigen Stamme, der eine Höhe von 25 m erreicht, wiegt sich eine Krone
mächtiger Fiederblätter. Da der verhältnismäßig dünne Stamm fast die
Biegsamkeit des Roggenhalmes besitzt, und da die bis 4 m langen Blattflächen
in zahlreiche Abschnitte gespalten sind, die dem Anprall des Windes leicht aus-
weichen, so vermag die schlanke Palme selbst dem heftigsten Sturme zu trotzen.
Ebenso leicht widerstehen die derben, festen Blätter den Regengüssen, die in
den Tropen mit ganz anderer Heftigkeit zur Erde hernieder rauschen als in unseren
Breiten und zartes Laub zerfetzen würden. (Nenne andere Tropenpflanzen mit
#FX.<
Bau der Kokosnuß. 1 geöffnet, um die steinharte Ennenschicht der Fruchtschale mit
den Keimlöchern zu zeigen. 2 Der Same von der „Steinschicht " St. umgeben (weniger
als Fig. 1 verkl.). N. Nährgewebe. M. „Milch". K. Keimling.
ähnlichem Blattwerk!) Aus der Achsel eines Blattes entspringt der verzweigte,
meterlange Blütenstand, der anfänglich von einer mächtigen Blütenscheide
schützend umgeben ist. Am Grunde seiner Äste stehen einige Stempel-, weiter
oben zahlreiche Staubblüten. Beides sind unscheinbare Gebilde, die dementsprechend
auf die Bestäubung durch den Wind angewiesen sind. (Inwiefern ist die An-
ordnung beider Blütenarten und ihre verschiedene Anzahl für den Baum von
Vorteil ?)
2. Die allgemein bekannte Frucht ist eine fast kopfgroße Nuß von sehr
merkwürdigem Bau (öffne sie!). Die Fruchtschale besteht ähnlich wie bei der
Kirsche aus 3 Schichten: einer dünnen Außen-, einer dicken, faserigen Mittel-
und einer steinharten Innenschicht. Sprengen wir letztere, so stoßen wir auf
den „Kern" der Nuß, den Samen. Er stellt eine fleischige Hohlkugel dar, in
240 68. Familie. Palmen.
deren Wand der winzige Keimling eingelagert , und die mit einer milchigen
Flüssigkeit , der Kokosmilch, angefüllt ist. Die Hohlkugel ist das Nährgewebe,
von dem die sich entwickelnde Keimpflanze zehrt (s. S. 101, e), und die „Milch",
die bei längerem Lagern der Nuß gleichfalls fest wird, dient demselben Zweck.
Die zarte Keimpflanze wäre aber unmöglich imstande, die starke „Stein-
schicht" zu sprengen. Darum bleibt die über dem Keimling befindliche Stelle
der Schicht so dünn, daß ein Durchbruch leicht erfolgen kann. Da die Nuß
3 Samenanlagen besitzt, von denen sich aber nur eine entwickelt, so finden wir
auch 3 „Keimlöcher". Das von der Keimpflanze „benutzte" Loch ist aber stets
am größten und mit der dünnsten „Verschlußplatte" versehen. Die beiden
anderen Schichten der Schale dagegen kann das junge Pflänzchen leicht durch-
bohren: Da der Keimling am oberen Teile der Frucht liegt, muß die Keim-
pflanze die beiden Schichten an der Ansatzstelle des Fruchtstieles durchbrechen,
d. h. dort, wo sie am wenigsten dicht sind.
Als Baustoff dient, dem Keimpflänzchen vorwiegend ein fettes Öl (siehe
S. 16, A), das in dem Nährgewebe aufgespeichert ist, bei Zutritt von Wasser
aber leicht ranzig wird. Um nun ein unzeitiges Eindringen von Wasser zu
verhindern, bedarf der Keimling jener festen Hülle, wie sie die dreiteilige
Fruchtschale liefert. Auch als wichtiges Schutzmittel gegen Feinde, die nach
dem süßen Kern lüstern sind, kommt die mächtige Schutzdecke in Betracht.
Da die faserige Mittelschicht der Schale lufthaltig ist (Schwimmgürtel!),
bleibt die Nuß, die durch irgend einen Zufall in das Meer gelangt ist, sehr lange
schwimmfähig. Infolgedessen wird sie durch Wellen und Meeresströmungen leicht
weit verschlagen und oft erst an ferner Küste wieder an das Land gespült. Auf
diese Weise sollen die einsamen Koralleninseln in den Besitz der stolzen Pflanze
gelangt sein. (Vgl., wie der Golfstrom Treibholz und Samen westindischer
Gewächse an der norwegischen Küste anspült !)
3. Die schlanke Kokospalme ist für die Tropenländer sowohl, wie für den
Welthandel einer der wichtigsten Bäume. Der Stamm liefert ein wert-
volles Bau- und Nutzholz. Die Blätter dienen zum Bedecken der Dächer, sowie
zur Anfertigung von allerlei Flechtarbeiten. Die Gipfelknospe junger Pflanzen wird
als Gemüse („Palmkohl") verspeist. Durch Abschneiden der Blütenstände ge-
winnt man einen Saft, aus dem durch Gärung der berauschende „Palmwein"
entstellt (vgl. mit Birke !). Die Mittelschicht der Fruchtschale liefert den Kokos-
faserstoff, der zu Decken, Seilen, Bürsten u. dgl. verwendet wird. Aus der
harten Steinschale werden in den Tropen Trinkgeschirre u. dgl., bei uns be-
sonders Knöpfe hergestellt. Das Nährgewebe ist von haselnußartigem Geschmack;
frisch liefert es eine nahrhafte Speise, getrocknet die Copra, die in ganzen
Schiffsladungen zu uns kommt. Durch Auspressen gewinnt man aus ihr ein
wertvolles Öl, das zur Herstellung von Seifen und Kerzen dient. Die Preß-
rückstände werden als Viehfutter hoch geschätzt. Der flüssige Teil des Nähr-
gewebes, die Kokosmilch, dient in allen Tropenländern als erfrischendes Ge-
tränk. Kurz : es ist kein Teil der Palme, der nicht vom Menschen benutzt würde.
Kokospalme. Dattelpalme.
241
Andere Palmen.
"Was für unsere Heimat der Roggen ist,
das ist für den weiten Wüstengürtel, der
sich vonden Küsten des AtlantischenOzeans
quer durch Afrika und über Westasien
hinweg bis zum Indus erstreckt, die Dat-
telpalme (Phoenix daetylifera): sie ist
die B ro tfruchtpflanz c diesesgc-
w altigen L ändergebiete 9. An Ge-
stalt ist sie der Kokospalme sehr ähnlich,
hat aber einen etwas dickeren, stark mit
Blattnarben bedeckten S t a m m und eine
kleinere Laubkrone. Ihre "Wurzeln
senkt sie bis in die tieferen, wasserfüh-
renden Bodenschichten hinab. Infolge-
dessen vermag sie selbst mitten in der
Wüste zu gedeihen, wo nur ein (|uell den
heißen Sand durchdringt. „Sie taucht",
wie der arabische Dichter singt, „den Fuß
in das Wasser und das Haupt in das Feuer
des Himmels". Da sie eine zweihäusige
Pflanze ist, findet man in den Dattel-
hainen stets nur wenige Bäume mit Staub-
blüten. Um aber eine Bestäubung möglichst
aller Stempelblüten herbeizuführen, ver-
richtet der Mensch die eigentlich dem
Winde zukommende Arbeit schon seit ur-
alten Zeiten selbst. Er schneidet die aus
Staubblüten bestehenden Kolben ab und
hängt sie in die Fruchtbäume, und zwar
behalten die Blütenstaubkörner außer-
ordentlich lange ihre befruchtende Eigen-
schaft. Die pflaumenähnliche Frucht ent-
hält einen langgestreckten, steinharten
Samen (beobachte dessen Keimung!). Das
süße, wohlschmeckende Fruchtfleisch ist
das Hauptnahrungsmittel für die vielen
Millionen Menschen, die jene Wüstenge-
biete bewohnen. Während dort aber die
Früchte in allen nur möglichen Formen
(frisch oder getrocknet, roh oder gekocht
u. s. w.) verzehrt werden, gelangen sie zu
uns nur in getrocknetem Zustande.
Wie bei der Kokospalme finden
neben den Früchten auch alle anderen
Teile des herrlichen Baumes nutzbrin-
gende Verwendung: die Dattelpalme liefert
Sclimeil, Lehrbuch der Botanik.
Dattelpalmen, z. T. mit Fruchtständen
(etwa l /ioo nat. Gr.).
16
242 68. Familie. Palmen.
dem Wüstenbewohner alles zum Leben Nötige; sie macht im Verein mit dem Kamele
die "Wüste erst bewohnbar. Die mächtigen Blätter („"Wedel") gelten schon seit dem
grauen Altertume als ein Zeichen des Sieges und Friedens. Darum legen wir
auch gern einen „Palmenzweig" auf die Ruhestätte derer, die den Sieg über das
Erdenleben davongetragen und den ewigen Frieden gefunden haben.
"Wenn auch keine andere Palme den beiden kurz geschilderten Arten an Be-
deutung gleich kommt, so sind in anderen Erdstrichen andere dieser stolzen Bäume dem
Menschen doch von größter Wichtigkeit. An erster Stelle wäre hier die ölpalme
(Elans guineensis) zu nennen , die an den feuchtheißen Küsten und Flußläufen West-
afrikas gedeiht. Sie trägt pflaumenähnliche , orangefarbene Früchte , deren Frucht-
fleisch das ,. Palmöl" und deren Kerne (d. s. die von der harten Innenschicht der
Fruchthülle umschlossenen Samen) das feinere „Palmkernöl" liefern. Beide Ölsorten
werden wie das Kokosöl verwendet. — Wie aus den Knollen der Kartoffel und den
Körnern des Getreides gewinnt man aus dem weichen Stamminnern zahlreicher Palmen
das aufgespeicherte Stärkemehl. Wird dieser wertvolle Stoff in Pfannen erhitzt, so
verkleistert er teilweise und liefert den „Sago" des Handels. Die besten Sorten dieses
wichtigen Nahrungsmittels geben die echten Sago-Palmen (Metröxylon rümphii und
laeve), die auf den Sunda-lnseln und den Molukken einheimisch sind. — Die Wein-
palme (Raphia) liefert den Bewohnern von Afrika und den dazu gehörigen Inseln
einen beliebten Palmwein. Die Oberhaut und Bastschicht der mächtigen Fiederblätter
werden bei uns als „Raphia-Bast" namentlich von Gärtnern verwendet. Man bereitet
daraus aber auch Matten und andere Flechtwerke. — Die Elfenbeinpalmen (Pkyt-
elephas), die im tropischen Amerika heimisch sind, geben uns in ihren steinharten Samen,
den Steinnüssen, ein wertvolles Material zur Herstellung von Knöpfen. — Die
Piassava-Fasern, die namentlich zu Besen verarbeitet werden, sind das Faser-
geflecht der Blattscheiden mehrerer anderer amerikanischer Palmen. — Das „s panische
Rohr", das bei uns namentlich zum Flechten der Stühle verwendet wird, ist der dünne
Stamm der Rotangpalmen (Cälamus) , die besonders in Ostindien , dem tropischen
Australien und auf den dazwischen liegenden Inseln vorkommen. Es sind Kletterpflanzen
der Urwälder, die sich vielfach mit Hilfe bestachelter, peitschenförmiger Fortsätze der
Blattstiele an den Stämmen und an den Kronen der Bäume festhalten (vgl. mit Hopfen!).
— Die einzige Palme, die in Europa ihre Heimat hat, ist die Zwergpalme (Cham&rops)
des Mittelmeergebiets. Sie hat im Gegensatz zu allen anderen erwähnten Arten fächer-
förmige Blätter (Fieder- und Fächerpalmen!) und wird neben zahlreichen anderen Palmen
gern als Zimmerpflanze gezogen.
Im Anschluß an die so überaus wichtigen Palmen sei eine andere nicht minder
wichtige Tropenpflanze kurz betrachtet:
Die Banane oder der Pisang (Musa sapientuni und paradisiaca).
Wie es bei uns nur selten einen Garten gibt, in dem nicht ein Birn- oder Apfel-
baum stände, so findet sieb überall in allen beißen Ländern die Banane in unmittel-
barer Nabe der menschlichen Wohnungen. Aus einem im Boden dabinkrieeben-
den Wurzelstocke erhebt sich ein kurzer knolliger Stamm, der zahlreiche,
mächtige Blätter trägt. Die scheidenförmigen Teile der Blattstiele schließen
so eng zusammen, daß sie einen bis 10 m hohen „Scheinstamm" bilden. Für
dieses wenig widerstandsfähige Stammgebilde sind aber so riesige Blätter, wie
Andere Palmen. Banane, Ingwer.
243
sie die Banane besitzt, sicher von Nachteil; denn sie bieten ja dem Winde eine
sehr große Angriffs fläche dar. Soll die Pflanze nicht umknicken, so muß eine
„ Korrektur " ein-
treten : die Blätter
zerreißen so, daß
sie wie gefiedert er-
scheinen. Die Sei-
tenrippen stehen
nämlich rechtwink-
lig zu der starken
Mittelrippe, so daß
schon ein mäßig
starker Wind die
für die Pflanze ganz
unschädliche „Fie-
derung" bewirken
muß. Jetzt aber ver-
hält sich das Blatt
wie ein wirkliches
Fiederblatt, dessen
einzelne Teile dem
Anprall des Windes
leicht ausweichen.
Aus der Spitze des
Stammes erhebt sich
der hängende Blü-
tenstand, der
bald in eine oft zent-
nerschwere Frucht-
traube übergeht.
Die gurkenähn-
lichen Früchte
besitzen je nach der
Spielart, von der
sie stammen, ein
saftiges, süßes oder
mehlreiches Frucht-
fleisch, das Millio-
nen von Menschen
zur täglichen Nahrung dient. — Andere Bananenarten, die vornehmlich auf den
Philippinen gedeihen, liefern in den Gefäßbündeln der Blattstiele den festen
Manilahanf, der namentlich zu Seilen verarbeitet wird.
Den Bananen nahe verwandt ist der Ingwer (Zingiber offieinäle), der in zahl-
IJanane
it Fruchtstand (etwa
eine junge l'fl
nat. Gr.); dahinter
244 69- Familie. Arongewächse.
reichen Tropenländern angebaut wird. Der Wurzelstock, der dem der Schwertlilie
nicht unähnlich ist, liefert ein bekanntes Gewürz, das besonders zur Herstellung von
Likören dient. — Ein anderes verwandtes Gewächs ist das Blumenrohr (Canna), das
in den heißen und wärmeren Teilen von Amerika heimisch ist. Die prächtige Pflanze
wird ihrer großen, schönen Blätter wegen bei uns in zahlreichen Arten gern zur Bil-
dung von r Blattpflanzen"-Gruppen verwendet.
69. Familie. Arongewächse (Aräceae).
Der Aronstah (Arum maculatum).
1. Der Aronstab ist ein Bewohner schattiger, feuchter Laubwälder.
Bereits im Vorfrühli nge, also zu einer Zeit, in der die Bäume noch unbelaubt
sind, und die Sonnenstrahlen ungehindert bis zum Boden hinabdringen, sprießt
er zum Lichte empor. (Beobachte, wie die zusammengerollten Blätter den
Boden durchbrechen !) Hierzu ist er wohl befähigt ; denn er findet ja die
nötigen Baustoffe in einem knollenartigen unterirdischen Stamme fertig
vor. Wenn sich die Laubkronen geschlossen haben, beginnt er bald zu vergilben :
alles Erscheinungen, wie wir sie an dem Scharbockskraute (s. S. 1, A) kennen
und verstehen gelernt haben. Die pfeilförmigen Blatt flächen sind zart und
groß wie bei zahlreichen Standortgenossen der Pflanze (s. S. 7, b u. c) und meist
braun gefleckt wie beim gefleckten Knabenkraut (s. das.). Da sie deutliche
Rinnen darstellen (beobachte die Stellung der hinteren Zipfel !) und schräg nach
innen geneigt sind, so leiten sie alles Wasser an den langen Blattstielen zur
Wurzel hinab. Der Aronstab hat also der Lage seiner Wurzeln entsprechend
eine centripetale Wasserableitung (s. S. 88). Stellt man durch ein Stück der
Blätter dünne Querschnitte her, so sieht man bei Anwendung des Mikroskops,
daß in den Zellen zahlreiche Nadeln eingelagert sind. Kaut man ein Stück
des Blattes, so dringen diese Gebilde, die aus oxalsaurem Kalke (Kleesalz)
bestehen, in die Schleimhäute des Mundes ein, und man wird zuerst einen süß-
lichen Geschmack, dann aber ein äußerst schmerzhaftes Brennen wahr-
nehmen. Daher hüten sich die pflanzenfressenden Tiere auch vor der ver-
lockend saftigen Speise, oder sie wenden sich nach dem ersten Anbiß mit
allen Zeichen des Unbehagens davon ab (stelle entsprechende Versuche an !). Be-
sonders wichtig ist der Pflanze dieses Schutzmittel gegen die Schnecken; denn der
feuchte Waldgrund ist ja ein Lieblingsaufenthalt dieser überaus gefräßigen Tiere.
2. In dem gewöhnlich als „Blüte" bezeichneten Gebilde erkennen wir
bei näherem Zusehen leicht einen Blütenstand, der seiner Form nach als
Kolben zu bezeichnen ist. Er ist von einem großen, dütenförmigen und grün-
lichweißen Hüllblatte, einer sog. Blütenscheide, umgeben, die unten kessel-
artig erweitert und im oberen Teile weit geöffnet ist. Unter dem meist violett
gefärbten, keulenförmigen Abschnitte des Kolbens stehen mehrere Reihen
starrer Haare, die bis zur Wand der hier stark verengten Blütenscheide
reichen. Der untere Abschnitt des Kolbens ist oben von vielen Staubbättern
Aronstab.
245
und unten von zahlreichen Stempeln rings um-
geben. Da sich diese Gebilde nur in Blüten finden,
so haben wir in ihnen also ebenso viele Staub-
oder Steuipelblüten vor uns. Der Kolben bildet
also — wie oben bemerkt — eine Blütengernein-
schaft oder einen Blütenstand. Den winzigen
Blüten fehlt allerdings wie bei zahlreichen anderen
Pflanzen (Beispiele!) die Blutenhülle. Sie wird
jedoch durch die Blutenscheide, die im Knospen-
zustande vollkommen geschlossen ist, hinreichend
ersetzt.
Der Blütenstand des Aronstabs erinnert
uns sowohl in seinem Äußern, als auch in den
Einzelheiten seines Baues stark an die Blüten
der Osterluzei (beweise dies näher!). Wir werden
uns daher auch nicht wundern, daß die Be-
stäubung wie bei dieser Pflanze durch Mücken
vermittelt wird, die eine Zeit lang in der „Kessel-
fallenbluiue" gefangen gehalten werden. Und
zwar ist der Vorgang im wesentlichen derselbe
(verfolge und beschreibe ihn !). Im besonderen muß
jedoch noch folgendes bemerkt werden:
a) Als Mittel, die Bestäuber anzulocken,
dient dem Aronstabe außer der Färbung der
Blutenscheide und des keulenförmigen Kolbenab-
schnittes ein starker Geruch, der uns zwar
widerlich erscheint, den Mücken dagegen sicher
angenehm ist.
b) Die Honigtropfen, die von denver-
trockneten Narben ausgeschieden werden, sowie
ein Teil des reichlich erzeugten mehligen Blüten-
staubes dienen den Mücken zur Nahrung. Außer-
dem ist es
c) die (infolge lebhafter Atmung) erzeugte
Wärme, die die Insekten veranlaßt, in der
„Kesselfalleublume" Unterschlupf zu suchen. Die
Tierchen finden dort gleichsam ein geheiztes Zim-
mer. Wenn wir den Kolben mit der Zunge be-
rühren, so empfinden wir die Wärme, oder führen
wir ein kleines, empfindliches Thermometer in den
,,Kessel u ein, so sehen wir, daß die Temperatur dort um mehrere Grad „höher"
als außen ist, (Bei ausländischen Arten erhöht sich die Innentemperatur sogai
um 10 — 20° C.)
Blutenstand vom Aronstabe.
H. Haarreuse; Stb. Staubblätter;
St. Stempel. Nat. Gr. .
■J\r, 69. Farn. Arongewäclise. 70. u. 71. Farn. Rohrkolben- u. Laichkrautgewächse.
d) Als „Anflugsstange" dient den kleinen Gästen der keulenförmige
Kolbenteil.
e) Die „Haarreuse" erlaubt den Gefangenen wohl, das Gefängnis
kriechend zu verlassen. Da die Tierchen dem hellen Ausgange aber stets zu-
fliegen (vgl. mit den Insekten, die in das brennende Licht fliegen oder
die heiße Lampe umflattern!), so bleibt ihnen der Rückweg so lange ge-
sperrt, bis sie ihre Arbeit getan haben, d. h. : erst nachdem die Staubbeutel
entleert und die Mücken (zum erstenmal oder von neuem) mit Blütenstaub
beladen sind, wird der Ausgang durch Verwelken der Haare frei.
3. Die Früchte sind saftige Beeren, die durch leuchtend scharlachrote
Färbung die Waldvögel zum Verspeisen einladen (vgl. S. 64, 8).
V o r w and t e : An sumpfigen Stellen und an den Ufern stehender Gewässer wächst das
Schlangenkraut (Calla palustris), so genannt nach dem Wnrzelstocke, der wie eine Schlange
über den Boden dahinkriecht. Der
Blütenkolben ist von einer rein
,— g weißen Blütenscheide umgeben. —
-^ Ganz ähnliche „Blüten" hat die
prächtige Zimmerpflanze (Richärdia
. aethiöpica), die unter dem Namen
„Calla" allgemein bekannt ist
und in Afrika ihre Heimat hat. —
Eine schilfähnliche Sumpfpflanze
ist der Kalmus (Acorus cälamus).
Sein gewürzhafter Wurzelstock wird
vielfach als Heilmittel verwendet.
Zu den Arongewächsen zählt
man auch die Wasserlinsen (Lem-
na). Die winzigen Pflänzchen be-
stehen aus einem blattartigen Stam-
me, der durch eine oder mehrere
senkrecht ins Wasser reichende
Wurzeln in wagerechter Lage ge-
„ . m ,. , r . -rs halten wird. Nur selten bringen
Gemeine Wasserlinse (Lemna minor). Das °
Pflänzchen links mit einer Blüte. (Etwa 5 mal d.e Wasserlinsen unscheinbare Blut-
nat. Gr.)
chen hervor. Dafür vermehren sie
sich aber stark durch seitlich her-
vorwachsende Sprossen, die selbständig werden oder mit der Mutterpflanze im Zusammen-
hange bleiben, und zwar geschieht dies oft in einem solchen Maße, daß ganze Gewässer
in kurzer Zeit wie mit einem grünen Teppich überzogen werden.
70. u. 71. Farn. Rohrkolben- und Laiehkrautgewächse (Typhäceae
und Najadäceae).
1. Rohrkolbengewächse. Der Rohrkolben (Typha) ist ein Bewohner
der Sümpfe und Uferränder. Er wächst also dort, wo das Schilf anzutreffen ist. Da-
her besitzt er gleichfalls eine besondere Einrichtung gegen die Wirkung des Windes,
Schlangenkraut
Fruchtstaml des schmal-
blättrigen Rohrkolbens
(etwa '/. nat. Gr.)
Das Ausstreuen der Früchte
(liiivhileiiWinil hat soeben begonnen. Unter-
halb der verwehten Früchte eine Frucht in
etwa5mal. \~ergr. St. Stengelteil, an dem die
Staubblüten saßen; n.S. nackt. Stengelteil.
insen. Rohrkolben. Igelskolben. Laichkräuter. 247
dem er ja infolge des freien Standortes und hohen "Wuchses
besonders ausgesetzt ist: seine Blätter sind in 2 — 3 "Win-
dungen schraubig gedreht. "Werden sie vom Winde getroffen,
so wird der Luftstrom, da die einzelnen Teile des Blattes ja die
verschiedensten Richtungen haben, gleichsam in eine Bienge ein-
zelner Ströme zerlegt, von denen nur die senkrecht auftreffen-
den eine merkliche Wirkung ausüben, nämlich eine Biegung des
Blattes verursachen. Zudem verlängern sich die Schrauben-
Windungen bei jedem Windstoße, so daß Bich das Blatt etwas
streckt: die Pflanze steht daher selbst nach dem heftigsten
Sturme unverletzt da. Die Blüten sind zu 2 übereinander
stehenden Kolben geordnet, die beim breitblättrigen R. (T.
latifölia) zusammenstoßen, beim schmalblättrigen R. (T. an-
gustifölia dagegen durch einen nackten Stengelteil vonein-
ander getrennt sind. Der untere Kolben enthält nur Stempel-,
der obere nur Staubblüten. Beide sind von einfachstem Bau
(Beweis!), ein Zeichen, daß die Pflanze
bei der Bestäubung auf die Hilfe des Win-
des angewiesen ist. Nach dem Ausstreuen
des Blütenstaubes vertrocknen die Staub-
blüten und fallen ab , so daß nur der Teil
des Stengels, an dem sie standen, als Fortsatz
des Fruchtkolbens zurückbleibt. Die Früchte
werden, da der Fruchtstiel mit langen Haaren
besetzt ist, leicht weit durch den Wind ver-
breitet. — Eine das "Wasser liebende Pflanze ist
auch der Igelskolben (Spargäni um), der von den
kugeligen, stacheligen Fruchtständen den
Namen trägt. Seine schwimmfähigen Früchte
werden durch das Wasser verbreitet.
2. Laichkrautgewächse. Die
Laichkräuter (Potamogeton) sind unter-
getauchte oder schwimmende Wasserpflan-
zen. Da sie vom Wasser getragen werden,
sind sie wie der Wasserhahnenfuß überaus
zarte Gewächse. Die einfachen, in Ähren
stehenden Blüten werden über den Wasser-
spiegel emporgehoben und mit Hilfe des
Windes bestäubt. — In der Strandzone
unserer Meere wächst auf schlammigem oder
sandigem Boden das Seegras (Zostera). Das
grasähnliche Gewächs hat lange, riemen-
förmige Blätter, die leicht mit den Wogen
hin- und herfluten, und blüht wie das Horn-
blatt (s. das.) unserer Teiche und Seen unter
Wasser. Getrocknet liefert das Seegras ein
wertvolles Material zum Polstern.
248
'2. Familie. Gräser.
72. Familie. Gräser (Gramineae).
Stengel (Halm) knotig nnd meist hohl. Blätter zweizeilig, meist mit je einer gespaltenen
Blattscheide und einem Blatthäutchen. Blütenstand eine aus „Ährchen" zusammen-
gesetzte Ähre oder Rispe. Blüten im Schutze sog. Spelzen; mit meist 3 Staubblättern
und einem Fruchtknoten mit meist 2 Narben. Frucht eine sog. Grasfrucht.
1. Der Roggen (Seeale cereäle).
A. Der Roggen und seine Bedeutung. 1. Von den Getreidearten, die
in Mittel- nnd Nordeuropa angebaut werden, hat keine eine so große
Wichtigkeit wie der Roggen. Liefert er doch das Schwarzbrot, das für viele
Millionen von Menschen einen großen, vielfach sogar den größten Teil der
täglichen Nahrung bildet. Dieses Brot ist zwar etwas weniger nahrhaft als
-M
-K
Roggenkorn. 1 von außen; 2 im Längsschnitt (etwa 10 mal vergr.) ; 3 unterer Teil
(stärker vergr.). K. Keimling ; N. Nährgewebe ; P.S. die miteinander verwachsene Prncht-
u. Samenschale; Seh. Schildchen; Kn. Knospe; St. Stengelchen; W. Würzelchen;
Ws. Wurzelscheide.
das aus Weizenmehl hergestellte Weißbrot, bleibt aber viel länger schmackhaft
als jenes und wird uns nie zum Überdruß. Zudem gedeiht der Roggen vielfach
auch da, wo kein Weizenbau mehr betrieben werden kann; denn die anspruchs-
lose Pflanze nimmt mit einer geringeren Sommerwärme fürlieb als der Weizen
und bringt auch auf weniger gutem Boden noch lohnenden Ertrag. Seiner
großen Wichtigkeit halber bezeichnet man den Roggen vielfach kurzweg als
„das Korn", ein Name, mit dem jedes Volk seine Hauptbrotfrucht belegt.
So ist z. B. für die Bewohner Frankreichs der Weizen, für die Südeuropäer
neben dem Weizen der Mais und für die meisten Völker Asiens der Reis
„das Korn". Diese hohe Bedeutung erlangen die unscheinbaren Getreidegräser
bekanntlich durch ihre Frucht. Wie dies möglich ist, wird uns leicht die
genauere Betrachtung des Roggenkornes zeigen; denn die Früchte aller an-
deren Grasarten sind im wesentlichen genau so gebaut. — Um den Roggen
ganz zu würdigen, muß vorher noch des wertvollen Strohes gedacht wer-
den, das er uns liefert. Es wird als Streu für das Vieh, als Häcksel für die
Roggen.
24!)
Pferde, sowie wegen seiner Länge zur Herstellung von Seilen, Strohmatten
u. dgl. verwendet.
2. Das Roggenkorn ist ein kleines, graugelbes Gebilde mit einer
Längsfurclie und einer wohl umgrenzten Stelle am zugespitzten (unteren) Ende.
Um den inneren Bau kennen zu lernen, führen wir durch ein etwas auf-
gequollenes Korn einen Längsschnitt, der genau in der Mitte der Furche ver-
läuft. Dann sehen wir, daß es aus 2 deutlich geschiedenen Teilen besteht, die
von einer schützenden „Haut" (der miteinander verwachsenen Frucht- und
Samenschale, s. S. 258, b) umhüllt sind (F.S.).
a) Nehmen wir eine Lupe zur Hand, so erkennen wir leicht, daß der
untere Abschnitt, der äußerlich jene „wohl umgrenzte Stelle" bildet, die
Anlage der jungen Pflanze, den Keimling (K.), darstellt: wir sehen die
Knospe (Kn.) mit den ersten Blättern, ein kur-
zes Stengelstück (St.) und ein W ü r z el c h e n
(W.), das von der Wurzel seh ei de (Ws.)
umgeben ist. Der Stengel steht mit einem ver-
hältnismäßig dicken Körper, der nach seiner
Form Schildchen (Seh.) genannt wird und
sich an den großen oberen Abschnitt der Frucht
anlegt, in Verbindung. (Am besten ist die Form
des Schildchens zu erkennen, wenn man von
einem gequollenen Korne den ganzen Keimling
mit Hilfe einer Nadel ablöst.) Da das Schild-
chen au der Stelle des Stengels entspringt, an
der sich bei den zweikeimblättrigen Pflanzen die
Keimblätter finden (s. S. 99, 2), so betrachtet
man es gleichfalls als ein solches („Einkeim-
blättrige Pflanzen").
b) Stellt man durch den großen oberen
Abschnitt des Roggenkornes zarte Querschnitte
her, so sieht man bei mikroskopischer Vergrößerung, daß unter der umhül-
lenden „Haut" eine Schicht kürzerer Zellen liegt, die mit feinen Körnchen
angefüllt sind. Der von dieser Schicht umschlossene Raum dagegen wird von
längeren Zellen eingenommen, die wesentlich größere Körner führen. Bei
Zusatz einer Jodlösung färben sich die kleinen Körner gelbbraun, die größeren
blau, ein Zeichen, daß wir es in ersteren mit Eiweiß, in letzteren mit
Stärke zu tun haben (s. den letzten Abschn. d. Buches!). Während das Ei-
weiß, hier „Kleber" genannt, also in den äußersten Zellen angehäuft ist, flndet
sich die Stärke in den Zellen, die von der „Kleberschicht" umschlossen sind.
Eiweiß und Stärke sind nun die Stoffe, die der Keimpflanze zum Aufbau
und zur Nahrung dienen. Während diese Stoffe bei der Bohne (s. S. 101, e)
aber in den Keimblättern eingelagert sind, finden sie sich hier, von dem Keim-
linge vollkommen getrennt, in einem besonderen Abschnitte des Samens, den
(Schnitt bei ISO mal. Vergr.).
F. Fruchtschale ; S. Samenschale;
K. Kleberschichl ; St. Zellen, mir
Stärkekörnern aneefülll .
250 72. Familie. Gräser.
man als das Sameneiweiß (Endosperm) oder treffender als das Nährgewebe (N.)
bezeichnet.
Da nun das Roggenkorn außerordentlich reich an Eiweiß (ll°/ ) und Stärke
(60 °/ ) ist, und beide Stoffe unentbehrliche Bestandteile der menschlichen
Nahrung bilden, so wird uns die Wichtigkeit des Roggens als Brotfrucht
ohne weiteres verständlich. Der KeiniliDg, die umhüllende „Haut", sowie die
darunter lagernde Kleberschicht werden beim Mahlen des Getreides durch die
Rauhigkeiten der Mühlsteine von den Körnern abgerieben. Sie liefern die
Kleie (Verwendung?), während das zertrümmerte Nährgewebe ohne die Kleber-
schicht das Mehl gibt. Da die Kleberschicht — wie wir gesehen haben —
sehr reich an Eiweiß ist, so ist auch das Brot, das aus „geschrotenem" Korn
hergestellt wird (Schrotbrot, Kommißbrot, Pumpernickel u. dgl.), weit nahrhafter,
allerdings auch viel schwerer zu verdauen, als ein aus reinem Mehle bereitetes
Gebäck. — Wenn auch die Stärke nicht wie z. B. die der Kartoffelknolle
fabrikmäßig gewonnen wird, so werden die Roggenkörner doch gleichfalls zur
Herstellung eines stark alkoholhaltigen Getränkes, des Kornbranntweins,
verwendet.
B. Aussaat, Keimung und Bestückung. 1. Der Roggen wird im Herbst
oder Frühling gesät (Winter- und Sommerroggen; s. S. 252). (Beschreibe,
wie der Landmann den Boden für das Saatkorn zubereitet! Gib an, welche
Bedeutung die einzelnen Tätigkeiten haben, und wie die Aussaat erfolgt!)
2. Um die Keimung genau verfolgen zu können, säen wir Roggenkörner
in Blumentöpfe, die mit feuchter Erde angefüllt sind. Die Körner quellen bald
auf, und im warmen Zimmer sprengt meist schon am nächsten Tage der
schwellende Keim die überdeckende Schale (s. S. 100, a). Wie bei der Bohne
(s. S. 100, b) kommt zuerst
a) das Würzelchen zum Vorscheine (Fig. 1 auf S. 251). Es durchbricht die
Wurzelscheide, die anfänglich mit wächst und das überaus zarte Gebilde gegen
Verletzung schützt, und bohrt sich in den Boden ein. Gleichzeitig machen sich
an dem Stengelchen 2 kleine Anschwellungen bemerklich, die sich gleichfalls zu
Wurzeln ausbilden (Fig. 2) und anfänglich auch von Wurzelscheiden umhüllt
sind. Zum Unterschiede von der sich zuerst entwickelnden „Hauptwurzel"
bezeichnet man diese als Neben wurzeln. Bald brechen noch weitere Neben-
wurzeln aus dem Stengel hervor, und da alle die Hauptwurzel an Größe und
Stärke bald erreichen, so entsteht schließlich ein Büschel gleichartiger Wurzeln
(Fig. 3).
b) Da die Wurzelscheide mit zahlreichen Härchen besetzt ist, wird das
Korn sofort bei Beginn der Keimung im Boden verankert (s. S. 100, b). Diese
Befestigung wird umso sicherer, je tiefer sich die Hauptwurzel in die Erde
senkt und je mehr Nebenwurzeln, die gleich der Hauptwurzel mit vielen Wurzel-
härchen bedeckt sind, sich entwickeln. Fast gleichzeitig mit der Streckung
des Würzelchens beginnt auch die Knospe stark in die Länge zu wachsen.
Das Stengelchen dagegen bleibt sehr kurz und ist daher auch nicht imstande,
Hüften.
251
M
die Erde zu durchbrechen (s. S. 100, c). Diese Arbeit muß daher die Knospe
selbst verrichten, und dazu ist sie trotz ihrer Zartheit auch wohl befähigt.
Ihre Blätter bilden nämlich einen Kegel, dessen Mantel von dem scheiden-
förmigen ersten Blatte gebildet wird. Diese meist rötlich angelaufene Scheide
ist verhältnismäßig fest und widerstandsfähig, so daß sie mit ihrer harten
Spitze den Boden wie ein Keil durchbrechen kann (vgl. mit Tulpe, Maiblume).
Erst ein Stück über dem Boden öffnet sich die Scheide, um dem zweiten Blatte
den Durchtritt zu gestatten.
c) Das ursprünglich harte Roggenkorn wird mit beginnender Keimung
weich, und sein Nährgewebe verwandelt sich nach und nach in eine milchige
Masse. Da nun der Inhalt des Nährgewebes dem Keimling zur
Nahrung und zum Aufbau dient, von diesem aber getrennt ist,
so muß ein Vermittler zwischen beiden vorhanden sein. Als solcher
gibt sich das Sc bilde hen zu erkennen, das — wie wir ge-
sehen haben — mit seiner ganzen Fläche dem Nährgewebe an-
liegt, auf der anderen Seite dagegen mit dem Keimling in Ver-
bindung steht. Je mehr sich der Keimling entwickelt, desto
mehr leert sich auch der Vorratsspeicher, bis die letzten, für den
Keimling wertlosen Reste des Kornes schließlich durch Fäulnis
zerfallen.
3. a) Noch bevor sämtliche Vorratsstoffe verbraucht sind,
ist die Pflan-
ze imstande,
sich selbst
Nahrung zu
erwerben. Sie
sendet — wie
man bei sehr
vorsichtigem
Nachgraben
sehen kann
— ihre Wur-
zeln bis in
die tieferen,
stets feuch-
ten Boden-
schichten hin-
ab. Daher ver-
mag der Rog-
genselbstauf Keiimillg tles Roggenkorns. (Fig. 1 u. 2 etwa 10 mal, Fig. 3 5mal
dem trocken- vergr .) i„ \r v> , j is , ,i i( . Eauptwurzel noch von der Wurzelscheide
sten Sandbo- umhüllt. ILKnospe; Nw. Nebenwurzeln; Ws. Wurzelscheide ; H. Haupt-
den zuwachsen. würze! ; Seh. das scheidenförmige erste Blatl ; g.Bl. .las erste grüne Blatt.
252 72. Familie. Gräser.
b) Mit den ersten Wurzeln werden auch die ersten grünen Blätter ge-
bildet. Der Sommerroggen „schießt" nun schnell empor, und nicht lange währt
es, so hat er seine volle Größe erreicht. Der Winterroggen dagegen bleibt
während der kalten Zeit niedrig. Im andern Falle würde die Schneelast, die
auf ihm ruht, seine Stengel zerknicken und ihn somit vernichten. Sinkt das
Thermometer bis etwa zum Nullpunkt, so stellt der Roggen das Wachstum
ganz ein ; denn ohne Wärme gibt es keinen Pflanzenwuchs. Bei mildem Wetter
dagegen wächst er langsam weiter: aus den untersten Stengelknoten sprießen
zahlreiche Zweige hervor, die oft abermals Zweige treiben. Man sagt: der
Boggen bestockt sich. Da nun jeder Zweig (Halm) stets in einer Ähre
endigt, so ist eine ergibige Bestückung Vorbedingung einer ertragreichen Ernte.
Und da sich nun der Winterroggen reicher als der Sommerroggen bestockt, so
wird er auch vorwiegend augebaut.
C. Halm und Blatt. 1. Der Stengel des Roggens (wie der aller Gräser)
wird Halm genannt. Obgleich er bis 2 m hoch und nur wenige Millimeter dick
wird, vermag er nicht nur die eigene Last, sondern auch die der Blätter und
der Ähre zu tragen. Und wie gegen diesen von oben wirkenden Druck ist
das schwache Gebilde auch gegen seitlichen Druck außerordentlich widerstands-
fähig. Biege den Roggenhalm so stark, daß die Ähre den Boden berührt, und
du wirst sehen, wie er losgelassen sofort wieder in seine ursprüngliche Lage
zurückkehrt! Oder beobachte, wenn der Wind über das Kornfeld weht, wie das
..Ährenmeer" wogt und wallt, und wie die Halme sich neigen und biegen, ohne
daß auch nur ein einziger geknickt würde ! Der Roggenhalm ist also ein Gebilde
von großer Trag- und Bieguugsfestigkeit.
a) Wie bei der Taubnessel (s. S. 146, 1 a) hat auch beim Roggen die
äußerste Schicht des Stengels unter der Biegung am meisten zu leiden. Dicht
unter der Oberfläche des Halmes finden sich daher — wie auf dünnen Schnitten
bei schwacher mikroskopischer Vergrößerung leicht zu erkennen ist — Zellen,
die sich durch große Widerstandsfähigkeit auszeichnen. Sie haben stark ver-
dickte Wände, sind wie die Bastzellen des Leins (Taf. 9, 7) langgestreckt
und mit den zugespitzten Enden fest ineinander gefügt. Während diese
„Stützzellen" bei der Taubnessel 4 „Pfeiler" bilden, stellen sie hier eine Röhre
dar, die noch durch leistenartige Vorsprünge verstärkt ist.
Die Leisten erscheinen auf der Oberfläche des grünen Halmes als helle Längs-
streifen.
b) Wie bei der Taubnessel (s. S. 147, b) ist auch beim ausgebildeten
Stengel des Roggens das Mark, das bei der Biegung nichts auszuhalten hat,
verschwunden: der Halm ist hohl.
c) Nur in den „Knoten" finden sich Querwände (Längsschnitt!), durch
die der Halm in eine Anzahl kürzerer Röhren geteilt ist, so daß er eine
größere Widerstandsfähigkeit erhält (s. S. 147, c). Und zwar stehen im unteren
Halmabschnitte, der am meisten zu tragen und unter dem Winde am stärksten
zu leiden hat, die Knoten viel enger beieinander als im oberen. — Wie auf einem
Roggen.
253
Längsschnitte deutlich zu sehen ist, gehören die äußerlich sichtbaren Anschwel-
lungen an den Knoten nicht dem Stengel, sondern den
2. Blattern an. Jedes Blatt besteht aus 2 deutlich geschiedenen Ab-
schnitten, der Blattscheide
und der Blattfläche. Da,
wo beide zusammenstoßen,
erhebt sich ein häutiges Ge-
bilde, das Blatthäutchen.
a)DieBlattschei-
de entspringt an einem
Halmknoten und stellt eine
offene Röhre dar, deren
Ränder aber fest über-
einander greifen. Wie je-
der wachsende Halm zeigt,
sind die Blätter schon voll-
ständig entwickelt, wenn
von den darüber befindlichen
Stengelgliedern äußerlich
noch nichts wahrzuneh-
men ist. Stellt man durch
diesen Halm einen Längs-
schnitt her, so sieht man,
wie sich in dem von den
Blattscheiden gebildeten
Hohlräume die jungen
Stengelglieder mit ihren
Blättern und der Ähre
entwickeln. Diese Gebilde
sind aber von außerordent-
licher Zartheit. Schon ein
leiser Wind würde sie durch Aneinanderschlagen
der Halme vernichten, und die Mittagssonne
könnte ihnen leicht so viel "Wasser in Dampf-
form entziehen, daß sie vertrockneten. Durch
die Blattscheiden, die ihnen in der
Entwicklung stark „vorauseilen", er-
halten sie also den notwendigen
Schutz. Erst nachdem sie gehörig erstarkt
sind, wachsen sie nacheinander aus der schützen-
den Hülle hervor. (Gib an, in welcher Weise der Schutz der jungen Teile bei
anderen Pflanzen stattfindet!)
Auch später, wenn die Ähre bereits sichtbar geworden, das Wachstum
Längsschnitt durch
einen Knoten des
Roggenhalms.
â– a.W. ausgewachsener,
z.H. zarter Teil eines
Ealmgliedes.
Hk. Halmknoten.
Seh. Blattscheide.
v.Seli. deren verdick-
te Stelle über dem
Halmknoten.
Junge Roggenpflanze, der Länge
nach durchschnitten. Im Schutze
der Blattscheiden Seh. bildel sich
der Stengel St. mit seinen Blättern
und dem Blütenstande 1">. ans.
W. Wurzeln; H. Blatthäutchen.
254
72. Familie. Gräser.
aber noch nicht beendigt ist, hat die Blattscheide noch eine große Bedeutung
für die Pflanze. Entfernt man die Scheide, so findet man, daß das sonst voll-
kommen ausgebildete Halmglied unmittelbar über dem Knoten noch zart und
weich ist. Hier ist der Halm noch in Streckung begriffen und ermangelt
daher der Festigkeit. Schon ein leichter Windstoß würde ihn knicken (Ver-
such!). Von der Scheide umhüllt dagegen, trotzt er, wie wir gesehen haben,
selbst heftigen Stürmen. Die Blattscheiden, die die zarten Wachs-
turnsstellen wie feste Bohren umschließen, verleihen also
zweitens dem Halme die nötige Festigkeit. — Im Gegensatz zu den
meisten anderen Pflanzen, die nur an der Spitze des Stengels (und der Wurzel)
fortwachsen, treffen wir beim Eoggen wie bei allen Gräsern über jedem Knoten
eine Wachstumsstelle an, eine Tatsache, die uns das schnelle Emporschießen
der Gräser hinreichend erklärt. (So verlängern
sich z. B. die Halme des Bambusrohres während
der Zeit des lebhaftesten Wachstums in 24
Stunden nicht selten um 1 m.)
Welche dritte Aufgabe die Blattscheiden
zu erfüllen haben, ist leicht zu erkennen, wenn
sich die Halme vielleicht infolge eines heftigen
Gewitterregens „gelagert" haben, oder wenn
sie auf irgend eine Weise geknickt worden
sind (Versuch!) Dann wächst die über dem
Knoten liegende, verdickte Stelle der Blatt-
scheide an der Unterseite so stark, daß der
Halm daselbst eine Knickung erfährt, und dies
dauert so lange fort, bis der über dem Knoten
befindliche Halmabschnitt wieder senkrecht
steht. Nunmehr können die Halme wieder ge-
nügend von Licht und Luft umspült und die Pflanzen durch den Wind bestäubt
werden (s. Absch. D). Die Blattscheide beseitigt also infolge ihres
ungleichmäßigen Wachstums die mit der „Lagerung" oder
Knickung der Halme verknüpften Gefahren. (Sehr häufig ist
dieses Aufrichten der Halme am Bande der Felder zu sehen, wo nicht selten
Pflanzen durch Mutwillen oder dgl. geknickt und umgetreten sind.)
b) Die Blattfläche ist bandartig gestreckt und flattert daher wie eine
Fahne mit dem Winde. Infolgedessen bietet sie ihm auch nur eine geringe
Angriffsfläche dar, ein Umstand, der nicht wenig dazu beiträgt, daß die Pflanze
selbst einem Sturme zu trotzen vermag. Mit der bandartigen Form steht
auch im innigsten Einklänge, daß (wie dies für die einkeimblättrigen Pflanzen
als Eegel gilt) die Nerven des Blattes parallel verlaufen.
c) Das Blatthäutchen liegt dem Halme dicht an. Es verhindert da-
her, daß die Begentropfen (Versuch!), die von der Blattfläche nach dem Halme
Im anderen Falle
Teil eines Roggenhalmes , der
sich durch ..Knickung" am Knoten
wieder aufgerichtet hat, im Durch-
schnitt.
Roggen. 255
müßte dort bald Fäulnis entstehen, die sicher auch die Pflanzenteile selbst er-
greifen würde.
3. Es kommt nicht selten vor, daß man sich an den Blättern des Roggens
(und anderer Gräser) schneidet, wenn man sie schnell durch die Hand zieht.
Dies rührt von der Kieselsäure her, die in großer Menge in den Zellwänden
der Oberhaut eingelagert ist. Glüht man Halmteile auf einem Platinbleche, so
bleibt das glasartige „Kieselskelctt" zurück. Es dient der Pflanze wie ein
Panzer als Schutz gegen äußere Verletzungen, hat aber noch eine andere Be-
deutung, wio folgender einfache Versuch lehrt: man lege Garten- oder Wein-
bergsschnecken Roggenhalme vor, die sich noch im Wachstume befinden. Von
einigen Halmen entferne mau aber vorher die Blattscheiden, so daß die Tiere zu
den jungen Stengelteilen gelangen können, die sich im Schutze der Blattscheiden
entwickeln, und deren Oberhaut noch nicht verkieselt ist. Dann wird man an
den unverletzten Halmen nur geringe, an den von den Blattscheiden befreiten
dagegen bald starke Freßspuren bemerken. Die verkieselten Häute erschweren
den Tieren also den Angriff. Die eingelagerte Kieselsäure ist demnach ein
Schutzmittel des Roggens (der Gräser) gegen die Angriffe der Pflanzenfresser.
Freilich Wiederkäuer und Nager werden dadurch nicht abgehalten ; wohl aber
ist dies bei anderen Grasarten der Fall, z. B. bei dem scharfschneidenden Schilfe,
sowie bei zahlreichen Riedgräsern (s. das.). Ja, in gewissen Gegenden des heißen
Afrika ist die Verkieselung der Blätter bei zahlreichen Gräsern so stark, daß
sie für unsere Haustiere gänzlich ungenießbar werden.
D. Blüte und Frucht. 1. Ähre. Nachdem immer ein Halmglied nach
dem anderen aus der Scheide des vorhergehenden Blattes hervorgekommen ist,
tritt endlich auch das letzte ins Freie. Es trägt den Blütenstand, der im ge-
wöhnlichen Leben als Ähre bezeichnet wird.
Entfernen wir die Blüten, so sehen wir, daß der Halm daselbst breit ist
und 2 Reihen kleiner, treppenförmiger Absätze besitzt. Auf jedem Absätze der
„Achse" steht auf einem winzigen Stiele eine kleine Gruppe von Blüten, die
ein sog. „Ährchen" bilden. Der Blütenstand des Roggens ist im botanischen
Sinne also eine zusammengesetzte Ähre.
2. Ährchen. Biegen wir die Ähre stark, so ist es leicht, ein Ährchen
loszulösen. Es besteht aus zwei wohl geschiedenen Teilen (1 u. 2 in der Abb. S. 256),
in denen wir unschwer ebensoviele, von grünen, häutigen Blättern oder „Spelzen"
umhüllte Blüten erkennen. Zwischen beiden Blüten erhebt sich auf einem faden-
förmigen Stielchen ein größeres oder kleineres Gebilde (3), in dem wir den
Überrest einer verkümmerten, stets unfruchtbaren Blüte vor uns haben.
3. Blüte. Zu äußerst am Ährchen sehen wir jederseits ein kleines, kahn-
förmiges Blatt (K.), das etwa die Stelle des fehlenden Kelches einnimmt und
daher als Kelchspelze bezeichnet wird. Darauf folgt je ein größeres Blatt,
die sog. äußere Blütenspelze (a. B.). Der Mittelnerv dieses Blattes tritt
wie ein Kiel hervor und ist zu einer „Granne" verlängert, die beide mit
aufwärts stehenden Stacheln besetzt sind. (Nach welcher Richtung kann man
256
72. Familie. Gräser.
darum die Ähre nur durch die Hand ziehen?) Vor und nach der Blütezeit
nimmt die äußere Blütenspelze ein zweites, kleineres Blatt, d. i. die mit 2 Kielen
ausgerüstete innere Blütenspelze (i. B.), fast ganz in sich auf. Beide
Blätter bilden also gleichsam eine kleine Schachtel, in der die zarten Blüten-
teile den notwendigen Schutz finden. (S. besonders den Grundriß des Ährchens !)
hier dargestellt).
Ein Ahrchen des
Roffgens und sein
Grandriß.
1 u. 2 die beiden entwickelten Blüten ; 3 die
verkümmerte Blüte (die Verkümmerung ist
aber nicht immer so weit fortgeschritten, wie
K. Kelchspelzen ; a.B. äußere Blütenspelzen ; i.B. innere Blütenspelzen ;
St. Stiel des Ährchens ; S. Schwellkörperchen.
Sie vertreten also die fehlende Blütenhülle, eine Tatsache, die ihre Benennung
zur Genüge rechtfertigt.
Jede Blüte besteht aus 3 Staubblättern und einem Fruchtknoten,
der 2 große, federartige Narben trägt.
4. Bestäubung. Geht man an einem sonnigen Junimorgen durch die
lachende Flur, so sieht man nicht selten aus den wogenden Roggen- (Getreide-)
feldern dampfartige Wolken aufsteigen, die der geschäftige Morgenwind weit-
Roggen.
257
,stäubt". Er ist also ein Windblütler wie z. B.
ganz im soll ein
hin verweht. Der Roggen
der Haselnußstrauch.
a) Wie bei jener Pflanze linden wir daher auch hier
bare, dnft- und honiglose Blüten (s. S. 192 a).
b) Wahrend des Stänbeus müssen Staub-
blätter und Stempel frei daliegen (warum V). Die
von den Blütenspelzen gebildete „Schachtel" muß
sich daher öffnen. Dies bewirken zwei kleine,
farblose Gebilde, die sogen. Schwellkörper chen.
Sie liegen zwischen dem Fruchtknoten und der
äußeren Blütenspelze, schwellen (Name!) kurz vor
dem Stäuben schnell an und drängen infolge-
dessen die genannte Spelze nach außen.
c) Während dies geschieht, sind die Staubfäden
stark in die Länge gewachsen, so daß schon nach
einigen Minuten die Staubbeutel zwischen den
Spelzen hervor ins Freie geschoben werden.
(Beide Vorgänge sind am besten an abgeschnittenen
Ähren im Zimmer zu beobachten. Beschleunigt
wird das Aufblühen bekanntlich dadurch, daß man
eine „blühreife" Ähre mit ihrem Halmteile in den
Mund nimmt.)
d) Die Staubbeutel hängen nunmehr an den
langen, dünnen Fäden aus der Blüte. Schon
ein leiser Windhauch vermag daher, sie zu bewegen
und den Blütenstaub aus ihnen zu schütteln.
e) Von großer Wichtigkeit hierbei ist es, daß
die Ähre den höchsten Punkt des Stengels
einnimmt, also dem Winde frei ausgesetzt ist, und
daß der Stengel schon durch einen leichten
Windstoß ins Schwanken versetzt wird.
f) Wie die meisten Windblütler stäubt der
Roggen im windreichen Frühling, und zwar
geschieht dies nur an trockenen, sonnigen Tagen
(vgl. S. 192 d).
g) Die beiden Staubbeutelfächer öffnen sich am
oberen, jetzt dem Erdboden zugekehrten Abschnitte
mit je einem Längsriß. Dabei krümmen sie sich
so, daß ihre Endteile gleichsam zwei kleine Löffelchen bilden. Infolgedessen
wird der Blütenstaub, der sich daselbst ablagert, bei ruhiger Luft so lange
zurückgehalten, bis er von einem Windhauche „abgeholt" wird. (Was
würde im anderen Falle geschehen? vgl. S. 192 e. — Beobachte den Vorgang an
abgeschnittenen Ähren im Zimmer!) Ist dies geschehen, dann sickert aus dem
Blüte des Roggens, von
außen gesehen und nach
Entfernung der (Kelch- u.
äußeren Blütenspelze.
i. B. innere Blütenspelze ;
N. Narbe; F. Fruchtknoten:
s. Schwellkörperchen.
Schmeil, Lehrbuch der Botanik.
258 72 ' Familie. Gräser.
nicht klaffenden Abschnitte des Beutels neuer Staub in die „Löffelchen 1 ', der
abermals verweht wird u. s. f. Sind die Staubbeutel endlich entleert, so fallen
sie, weil wertlos geworden, ab.
h) Wie die meisten anderen "Windblütler wächst der Koggen in großen
Beständen, die allerdings vom Menschen geschaffen sind (s. S. 192, g; vgl.
hieraufhin auch die anderen Gräser !). Er erzeugt ferner
i) eine große Menge trockenen Blütenstaubes (vgl. S. 1!>3,
h und i), und
k) seine Narben stehen endlich zur Zeit des Stäubens frei da. Sie sind
große, federartige Gebilde, also vollendete „Staubfänger" (s. S. 193, ku.l).
5. Frucht, a) Sobald das Stäuben beendigt ist, schrumpfen die Schwell-
körperchen zusammen; die äußere Blütenspelze legt sich wieder wie ein Schachtel-
deckel über die innere, und in ihrem Schutze reift nun die Frucht. Da die
Ährchen an der Achse in zwei Reihen stehen, und jedes wieder zwei frucht-
bare Blüten enthält, so sind die reifen Körner in der Ähre zu vier Längs-
reih e n geordnet.
b) Jede Frucht enthält nur einen Samen, dessen sehr dünne Hülle mit
der Fruchtknotenwand verwächst (s. Abb. S. 249). Eine so gebildete Frucht
findet sich bei den meisten Gräsern. Sie wird daher Grasfrucht (Karyopse)
genannt.
c) Sind die Körner reif, so lösen sie sich aus den Spelzen und fallen,
da sie verhältnismäßig schwer sind, in unmittelbarer Nähe der Mutterpflanze
zu Boden. Hierzu läßt es der Landmann natürlich nicht kommen. Er mäht
den Boggen vorher ab, bringt ihn in die Scheune und schlägt auf harter Tenne
die Körner aus den Ähren. (Beschreibe genauer, wie die Ernte und das Dreschen
des Getreides erfolgt !) Aus den Körnern, die beim Einernten ausgefallen sind,
entstehen zwar neue Pflanzen. Doch deren Nachkommen verschwinden sehr
bald wieder, so daß wir trotz des weit ausgedehnten Roggenbaues nirgends
verwilderten Roggen antreffen, ein Zeichen, daß wir es in dem wichtigen Ge-
wächs (wie in allen anderen unserer Getreidearten) mit einem Fremdling auf
unseren Fluren zu tun haben. Die Stammform des Roggens ist vielmehr im
mittelländischen Pflanzengebiete heimisch.
Würden auch beim wildwachsenden Roggen die reifen Körner in unmittel-
barer Nähe des Halmes zu Boden fallen, so wäre das für die Pflanze sehr nach-
teilig (s. S. 10, 3). Er bedarf daher besonderer Einrichtungen, die eine Ver-
breitung der Früchte ermöglichen. Solche sind auch vorhanden: Die Ähren -
achse zerbricht erstlich bei der Reife, so daß die Ähre in eine große
Zahl kleinerer Teile zerfällt. Die Früchte bleiben ferner von den Spelzen
umhüllt. Dadurch wird dem Winde eine große Angriffsfläche geschaffen, so
daß er die kleinen Körner leicht verwehen kann. Durch die äußere Blüten-
spelze bleibt die Frucht aber auch mit der Granne im Zusammenhange. Da
nun das stachelige Gebilde leicht in dem Pelze oder Gefieder vorbeistreifender
Tiere hängen bleibt, kann das Korn endlich auf diese Weise auch weit ver-
Roggen. Weizen. Spelz. 259
schleppt werden. Zugleich dient die Granne der keimenden Frucht zur Be-
festigung an den Erdboden. (Welche Einrichtungen haben wir bei anderen
Pflanzen kennen gelernt, die eine gleiche Bedeutung haben?)
Diese „Aussäungsvorrichtungen" sind aber für das Einernten des Kornes
sehr nachteilig (wieso?). Darum ist der Mensch bestrebt gewesen, sie zu be-
seitigen, und durch viele Jahrhunderte lange, planmäßige Auslese (s. S. L9)
ist ihm dies auch gelungen: Die Ähre zerfällt nicht mehr in einzelne
Teile; das reife Korn bleibt nicht von den Spelzen umhüllt, und die
Granne ist brüchig und bedeutungslos geworden. Hand in Hand mit
dieser „Veredelung" ist zugleich eine wesentliche Vergrößerung der Körner er-
folgt, kurz: es ist eine von der Stammform in zahlreichen Stücken abweichende
„Kulturform" entstanden. (Beweise, daß die angebauten Gewächse, besonders
die Getreidearten, nicht nur ein Erzeugnis der Kultur sind, sondern auch die
Kultur — im Gefolge haben!)
E. Feinde. Von der Aussat bis zur Ernte ist die überaus wichtige Pflanze
von einem Heer von Feinden umringt: zahlreiche Unkräuter rauben ihr gleich
den anderen Getreidearten unserer Felder Licht, Eaum und Nahrung; Schma-
rotzerpilze, von denen besonders der Getreiderost und der Mutterkornpilz
genannt sein mögen (s. das.), siedeln sich auf Stengel, Blatt und Blüte an;
Engerlinge, Drahtwürmer und andere Insektenlarven zehren an den Wurzeln,
und von den Früchten nähren sich Getreidelaufkäfer, Hamster und Feldmaus.
Selbst in der sicheren Scheune oder auf dem Kornboden stellen sich oft noch
zahlreiche ungebetene Gäste ein, von denen besonders Mäuse, sowie der weiße
und schwarze Kornwurm großen Schaden anrichten können (s. Lehrbuch der
Zoologie.).
2. Andere Getreidearten, Zuckerrohr und Bambus.
1. Nächst dem Boggen ist der Weizen (Triticum vulgäre) unsere wich-
tigste Getreideart. Soweit es Boden und Klima (s. S. 248) nur erlauben,
wird er in ganz Europa, sodann aber besonders in Nordamerika und Ostindien
angebaut. Er liefert ein sehr feines, weißes Mehl, das, wie bekannt, besonders
zu Weißbrot und allerlei feinem Backwerk verwandt wird. Auch gewinnt man
aus den Weizenkörnern die Stärke, die u. a. zum Stärken der Wäsche im Ge-
brauch ist. Von den zahlreichen Spielarten der wichtigen Pflanze treffen wir auf
unsern Feldern am häutigsten den unbegrannten Kolben- und den begrannten
Bart weizen. — In Süddeutschland und der Schweiz wird hier und da eine andere
Weizenart, der Spelt, Spelz oder Dinkel (T. spelta) gebaut, der mit weniger
gutem Boden und geringerer Sommerwärme fürlieb nimmt, und bei dem die
Ährchen in verhältnismäßig großen Zwischenräumen an der Achse stehen. Wie
beim wilden Roggen zerbricht die Ährenachse bei der Reife, und die Körner
bleiben von den Spelzen (Name!) umhüllt. Das unreife, gedörrte und von den
Spelzen befreite Spelzkorn liefert das „Grünkorn-' oder den „Grünkern" des
Handels.
260
72. Familie. Gräser
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Wie der Roggen stellt die Gerste (Hördeum sativum) an die Sommer-
wärine nur geringe Ansprüche. Sie dringt daher gleichfalls weit nach Norden
vor. Im Gegensatz zu jener Pflanze (und dem Weizen) stehen bei ihr aber auf
jedem Absätze der Ährenachse 3 einblütige Ährchen. Daher sind auch die
Körner bei der Reife in 6 Zeilen geordnet. Deutlich ausgeprägt ist dies jedoch
nur bei der sechszeiligen G. Greifen die Seitenzeilen ineinander, so haben
wir die Verhältnisse, wie sie die vierzeilige G. zeigt. Bei der zwei-
zeiligen G. dagegen ist nur das mittlere der 3 Ährchen fruchtbar. Diese
Spielart besitzt daher sehr große, wohlausgebildete Früchte, die besonders bei
der Bierbrauerei zur Gewinnung des Malzes verwendet werden. Ferner dienen
die Gerstenkörner, die zumeist von den Blütenspelzen umhüllt aus den Ähren
fallen, zur Herstellung von Graupen und
Gries, und endlich werden sie auch als
Futter für die Haustiere hochgeschätzt.
Der Hafer (Avena sativa) unter-
scheidet sich von den anderen Getreide-
arten wesentlich durch den Blütenstand,
der eine sog. Rispe darstellt. Am oberen
Teile des Halmes gehen nämlich von den
Knoten zahlreiche Nebenstengel aus, die
sich zumeist nochmals verzweigen und
an den Enden je ein Ährchen tragen.
Die von den Spelzen umhüllt bleibenden
Körner dienen besonders als Pferdefutter,
werden jedoch auch enthülst und ge-
schroten (Hafergrütze) in Breiform vom
Menschen verzehrt.
Während die Heimat der genannten
Getreidearten wie die des Roggens in den
Ländern um das Mittelmeer zu suchen ist,
stammt die Hirse (Pänicum miliäceum)
wahrscheinlich aus dem mittleren Asien. Ihre Körner sind zwar nur klein; dafür bringt
aber die große, einseitig überhängende Rispe deren sehr viele hervor. Sie werden bei
uns besonders als Futter für das Hausgeflügel benutzt, finden aber auch als Speise für
den Menschen Verwendung.
Der Mais (Zea maj^s) ist im tropischen Amerika heimisch, wird jetzt aber
in allen warmen Ländern, sowie in den milderen Gegenden der gemäßigten
Zonen angebaut. Da die wenigen, im Erdboden zur Ausbildung gelangenden
Wurzeln die oft mehrere Meter hohe Pflanze nicht zu halten vermögen, brechen
aus den unteren Knoten des markhaltigen Stengels seilartige Stützwurzeln
hervor, dringen in den Boden ein und verzweigen sich daselbst vielfach
(vgl. mit einem Fahnenmaste, der durch Taue gehalten wird). Im Gegensatz
zu unsern einheimischen und angebauten Gräsern ist der Mais ein einhäusiges
Gewächs (s. S. 166, a). Auf dem Gipfel des Stengels erheben sich die zu
n
Unterer Teil des Maisstengels
zahlreichen Stützwurzeln (verkl
Gerste. Hafer. Hirse. Mais. Reis.
2H1
einer großen Rispe geordne-
ten Staubblüten, während
die Stempelblüten zu dicken
Kolben zusammengedrängt
sind. Die Kolben entsprin-
gen aus den Blattwinkeln
und sind von zahlreichen
Blättern umhüllt, dieden zar-
ten Blüten den nötigen Schutz
gewähren. Da aber die Nar-
ben dem Winde ausgesezt
sein müssen (warum ?) , sind
die fadenförmigen Griffel von
außerordentlicher Länge.
Sie treten an der Spitze der
Hülle in Form eines Büschels
ins Freie. Die großen, meist
gelben Früchte werden als
Futter für die Haustiere hoch
geschätzt, dienen aber gerö-
stet oder gekocht in süd-
lichen Ländern auch dem
Menschen zur Speise. Aus
dem Maismehl bereitet der
Italiener seine „Polenta",
einen Brei, der den ärmeren
Volksschichten zur täg-
lichen Nahrung dient. Bei
uns kommt das Mehl unter
verschiedenen Namen (z. B.
als Mondamin) in den Handel
und wird vornehmlich zur
Herstellung süßer Speisen
verwendet. In Mitteleuropa
werden die Samen vielfach
nicht oder nur ungenügend
reif; hier wird die hohe,
saftige Pflanze daher be-
sonders als Grünfutter an-
gebaut.
Der Reis (Oryza sativa) nimmt unter allen Getreidearten insofern den
ersten Bang ein, als sich von seinen Früchten bei weitem die meisten Menschen
ernähren. Er ist ein Rispengras wie der Hafer, erreicht eine Höhe von 1,50 m
Reispflanzen mit fast reifen Körnern (et\
262
Familie. Gräser.
Zuckerrohr, blühend; (Etwa '/so oat. Gr.
und hat sich von Ostindien und
dem tropischen Afrika aus über
alle heißen und warmen Länder
verbreitet. Auch im südlichen
Europa wird er mit Erfolg an-
gebaut. Da er eine Sumpfpflanze
ist, gedeiht er besonders in Nie-
derungen, die regelmäßig über-
schwemmt, dadurch aber auch
vielfach zu Herden der gefürch-
teten Sumpffieber werden. Die
zu uns in den Handel kommen-
den Körner sind von den Spelzen
befreit und durch ein besonderes
Mahlverfahren poliert. Wie aus
den Kartoffelknollen und Weizen-
körnern bereitet man aus ihnen
eine wertvolle Stärke; durch
Gärung liefern sie ein alkoholi-
sches Getränk, den Arak.
2. Im Anschluß an die
Getreidearten sind noch 2 Gräser
zu erwähnen, die gleichfalls für
den Menschen eine hohe Bedeu-
tung erlangt haben : das Zucker-
und das Bambusrohr. Das
Zuckerrohr (Säccharum offici-
närum), dessen Heimat wahr-
scheinlich in Ostindien zu suchen
ist, wird in allen Tropenländern
angebaut. Ein Zuckerrohrfeld
gleicht einem gewaltigen Schilf-
dickicht. Aus dem ausdauernden
Wurzelstocke erheben sich zahl-
reiche markhaltige Stengel, die
bei 2 — 5 cm Stärke eine Höhe
von 6 m erreichen können und
je eine endständige Blütenrispe
tragen. Da die älteren Blätter
abfallen und die Blattscheiden
Narben zurücklassen, so erschei-
nen die Stengel am unteren
Teile deutlich geringelt. Haben
Zuckerrohr. Bambusgräser. Einheimische Gräser. 263
die Pflanzen ihre volle Größe erreicht, so beginnt die Ernte. Arbeiter schlagen
mit großen Messern die Pflanzen dicht über dem Boden ab und entfernen die
Blätter, sowie die wenig Mark enthaltende Spitze. Die so zubereiteten Stengel
werden zur Fabrik gebracht und kommen zwischen schwere, eiserne Walzen,
die das Mark zerquetschen. Der Zuckersaft, der bis 20°/o Rohrzucker enthält,
fließt in gelblichem Strome in große Gefäße und wird sodann wie der Saft der
Zuckerrübe weiter verarbeitet. Aus den zuckerreichen Rückständen gewinnt
man durch Gärung den Rum.
3. Die Bambusgräser (Bainbüseae) sind in zahlreichen Arten über die ganze
Tropenzone verbreitet. Es sind große, oft riesige, ausdauernde Gewächse, die eine
Höhe von 40 m erreichen können und oft weite Landstriche mit dichtem AValde bedecken.
Ihre Verwendung ist in den einzelnen Ländern sehr verschieden. Die dicken Halme
dienen zum Bau von Häusern, Hütten und Brücken, zur Herstellung von Wasserleitungen.
Flößen u. s. w. Die dünneren Stengel werden als Stützen, Stangen und Mastbäume ver-
wendet; man verfertigt aus ihnen Möbel, Musikinstrumente und hunderterlei andere
Gegenstände. Schenkelstarke Halmglieder dienen als Wassereimer, kleinere als Becher,
Flaschen u. dgl. Aus den knotigen, zähen Ausläufern stellt mau die Spazierstöcke her,
die bei uns vielfach im Gebrauch sind; die jungen Triebe liefern ein schmackhaftes Ge-
müse: kurz: es ist nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß das Bambusrohr für
viele Völker, besonders in Indien und Ostasien, geradezu unentbehrlich ist.
3. Einheimische Gräser.
1. Verbreitung der Gräser. Wo wir uns bei einem Gange durch
die heimische Natur auch hinwenden mögen, überall treten uns Gräser entgegen.
Sie bedecken als Getreide einen großen Teil des Feldes; sie bilden die weiten
Wiesen- und Weideflächen der Niederungen und Berghänge; sie bewohnen den
schwankenden Sumpfboden, wie den hartgetretenen Wegrand; sie gedeihen im
kühlen Waldesschatten, wie auf sonnverbrannter Heide; sie umkränzen in mäch-
tigen Beständen unsere Gewässer und haben auf öder Düne mit Sturm, Sonnen-
brand und Dürre einen harten Kampf zu bestehen. Wie bei uns, so ist es auch
in allen anderen Ländern der Erde. Soweit das Auge reicht, erblickt man oft
fast nichts weiter als Gräser. Man denke nur an die schier unermeßlichen
Steppengebiete, wie sie sich in allen Erdteilen linden, an die Pußten Ungarns,
an die Pampas und Ljanos Südamerikas, an die Prärien Nordamerikas und wie
die „Graswüsten" alle heißen mögen. Kurz: Die Gräser sind diejenigen Ge-
wächse, die von allen Pflanzenfamilien den größten Teil der Erd-
oberfläche bedecken.
2. Wiesen und Weiden. Abgesehen von den Getreidefeldern treten
uns in der heimatlichen Natur die Gräser besonders auf Wiesen und Weiden
in großen Beständen entgegen.
a) Während die Getreidegräser nur ein oder zwei Jahre leben, sind die
Wiesengräser, die ja bleibende Bestände bilden, ausdauernde Pflanzen.
b) Geht bei den ausdauernden Gräsern die Bestückung so vor sich, wie
wir sie beim Roggen kennen gelernt haben, so bilden sich wie dort größere
264 72. Familie. Gräser.
oder kleinere „Grasbüsche", die durch Zwischenräume voneinander getrennt
bleiben. Solche Gräser sind also nicht imstande, eine zusammenhängende Gras-
fläche zu bilden. Wie sich die AViesengräser bestocken, zeigt uns sehr deutlich
die weiter unten erwähnte Quecke. Aus den untersten Halmknoten brechen
zwar gleichfalls Zweige hervor. Sie richten sich jedoch nicht sofort auf,
wie dies beim Roggen geschieht, sondern kriechen weit unter der Erdoberfläche
dahin, verzweigen sich vielfach und nehmen von allen noch freien Räumen im
Boden Besitz. Aus den Knoten dieser „Ausläufer" brechen nun zahlreiche
oberirdische Zweige hervor, die entweder nur Blätter oder Blätter und Blüten
tragen. Auf diese Weise entsteht die sog. Grasnarbe, das „Grundgewebe"
des Wiesenteppichs, in das alle anderen Pflanzen der Wiese
(nenne solche!) gleichsam eingeflochten sind.
c) Unsere Wiesen werden im Jahre gewöhnlich ein- oder zweimal gemäht,
eine Arbeit, die auf den Weiden die Weidetiere gleichsam selbst besorgen (be-
schreibe den Verlauf der Heu- und Grummeternte!). Außer den Wiesenpflanzen
dürfte es wohl nur noch wenige Gewächse geben, die eine solche beständige
Verstümmelung zu ertragen vermöchten. Kaum abgemäht, sprießt das Gras aber
von neuem hervor. Ja, es erhält sich zumeist ganz allein durch fortgesetzte
Sprossung; denn bevor es noch die Samen reifen kann, fällt es zumeist schon
der Sense zum Opfer. Die große Widerstandsfähigkeit gegen Ver-
stümmelungen und das hohe Sprossungsvermögen der Gräser sind also
weitere Vorbedingungen für das Vorhandensein der Wiesen und Weiden. Wie
in unserer Heimat, liefern aber auch in allen anderen Ländern die weiten
Grasflächen den Haustieren ausschließlich oder vorwiegend die Nahrung. Auf
den unscheinbaren Gräsern ruhen also in erster Linie Ackerbau
(Getreidegräser!) und Viehzucht, die beide wieder den Anfang und die
Grundlage aller menschlichen Kultur bilden.
3. Die wichtigsten und häufigsten Arten. Gehen wir zur Zeit der
Grasblüte durch Wiese, Feld und Wald, so staunen wir über die große Mannigfaltigkeit,
die unter den Gräsern herrscht. Wir können daher hier nnr die Formen kurz be-
trachten, die uns am häufigsten entgegen treten und als Wiesengräser, Unkräuter u. dgl.
für den Menschen von Bedeutung sind. Der Übersichtlichkeit wegen wollen wir sie
wieder in 3 Gruppen ordnen :
a) Ährengräser (Ährchen sitzend oder kurz gestielt, eine einfache oder zu-
sammengesetzte Ähre bildend). Als eines der bekanntesten, wildwachsenden Gräser sei
zuerst die Quecke (Agropyrum repens) erwähnt, die auf Äckern und Feldern ein über-
aus lästiges Unkraut bildet, aber auch an Wegen und Hecken überall häufig anzutreffen
ist. Die Spitzen der Ausläufer sind durch starre, schuppenartige Blätter geschützt, so
daß die Pflanze damit selbst Kartoffelknollen, ja sogar starke Baumwurzeln zu durch-
bohren und mithin auch von hartem Boden Besitz zu ergreifen vermag. Die Ährchen stehen
an der wellenförmig gebogenen Achse ziemlich entfernt und wenden ihr die Breitseite
zu. — Durch dieses Merkmal ist die Quecke leicht von dem ziemlich ähnlichen Taumel-
Lolch (Lölium temulentum) zu unterscheiden, bei dem die Ährchen der Achse die
Schmalseite zukehren. Die Pflanze findet sich gleichfalls unter dem Getreide. Da sie
Ährengräser.
265
es c
26G
72. Familie. Gräser.
^ßfe^ö^%?>.^ Kr--- .
Ährenrispengräser.
26^
aber einjährig ist (keine Aasläufer I), richtet sie nur
wenig Schaden an. Beachtenswert ist sie jedoch
durch ihre Körner, die beim Menschen Vergiftungs-
erscheinungen hervorrufen. (Name!) — Der nächste
Verwandte des Lolchs ist das englische Ray^ras
(L. perenne) mit sehr ähnlichen, aber zierlicheren
Ähren. Da es dichte Rasen bildet, ist es ein
wertvolles Futtergras, das auch (namentlich in Eng-
land . Artname!) gern zur Anlegung von Gras-Beeten
verwendet wird. — An Wegen und Mauern findet
sich häufig ein Gras, das der angebauten Gerste sehr
ähnlich ist, die Mäuse-Gerste (Hürdeum murinum).
b) Äh r en r ispengr äs er (Ährchen zu meh-
reren auf verästelten Stielen, eine ährenförmige
Rispe bildend. Dies ist meist erst beim Umbiegen
des Blutenstandes zu erkennen!). Der Wiesen-
Fuchsschwanz (Alopeeurus pratensis) , der den
Gattungsnamen nach dem kurzen, walzenförmigen
Blutenstände trägt, ist eines unserer wichtigsten
Wiesengräser. — Dasselbe gilt von dem Wiesen-
Lieschgrase oder Timotheusgrase (Phleum pra-
tense). Sein Blutenstand ist dem der vorigen Art
fast gleich, aber länger und dünner, einem kleinen
Zylinderputzer ganz ähnlich. — Das Ruchgras
(Anthoxanthum odorätutn) dagegen bildet nur nie-
dere Rasen. Es verleiht (Name!) dem Heu den
würzigen Duft des Waldmeisters, der aber wie
bei dieser Pflanze den Weidetieren zuwider ist-
Während des Blühens spreizen die Ährchen von der
Ährenachse ab, so daß dem Winde ein besserer Zu-
gang zu den Staubbeuteln und Narben geschaffen
ist (Bedeutung? Beobachte daraufhin auch andere
Gräser!) Durch das Einatmen des Blütenstaubes
entsteht bei dafür empfänglichen Leuten das sog.
Heufieber. — An den kammartigen Ährchen ist leicht
das Kammgras (Cynosürns cristätus) zu erkennen.
— Eine ungemein wichtige Pflanze für die Bewohner
unserer Meeresküsten ist der Strandhafer (Am-
möphila arenaria), der dem Sande der Dünen Leben
verleiht. Obgleich der Boden, dem das Gras ent-
sprießt, außerordentlich trocken ist. vermag es ihm
doch genügend Nahrung und Wasser zu entziehen;
denn es besitzt einen mehrere Meter langen,
vielfach verzweigten Wurzelstock , der samt den zahlreichen Wurzeln den Sand
nach allen Richtungen durchzieht. Hierdurch erhält die lockere Sandmasse einen
festen Halt . so daß sie selbst dem heftigsten Angriffe der Stürme und dem don-
nernden Anprall der Wogen zu widerstehen vermag. Die Dünen werden somit
Strandhafer. Strandroggen.
i Kleine Exemplare.
268 72. Familie. Gräser.
gleichsam zu Bollwerken, die die Ansiedelungen nnd Felder der Menschen schützen,
vom Sande bedeckt und von den Fluten vernichtet zu werden. Darum pflanzt auch der
Küstenbewohner die wichtige Pflanze vielfach an und behütet sie wie der Binnenländer
das Getreide des Feldes. — Die gleiche Bedeutung hat ein zweites, sehr ähnliches Gras,
der Strandroggen (Elyinus arenärius), der auch im Binnenlande an sandigen Stellen
vorkommt, dessen Blütenstand aber eine Äbre bildet. (Name! Er hätte also eigentlich
bei den Ährengräsern erwähnt werden müssen!) Ist der Boden feucht, so breitet so-
wohl der Strandroggen seine breiten, hellgrünen, als auch der Strandhafer seine schmaleren,
dunkelgrünen Blätter flach aus; ist der Sand aber trocken, dann sind die Blätter beider
Pflanzen zu langen Röhren zusammengerollt. Durch tiefe Längsfurchen, wie man solche
auch an Blättern mehrerer anderer Gräser antrifft, sind sie hierzu wohl befähigt.
Welche Bedeutung diese Erscheinung hat, zeigt uns ein einfacher Versuch. Schneiden
wir von beiden Pflanzen einige Blätter ab, so rollen sie sich nach kurzer Zeit ein.
Dadurch verkleinern sie ihre Oberfläche sehr stark, so daß sie jetzt auch nicht mehr
soviel Wasser verdunsten wie vordem. Da sich ferner sämtliche Spaltöffnungen auf der
Unterseite befinden, jetzt also alle in den windstillen Hohlraum der Bohre münden,
so wird durch diese Einrichtung die Verdunstung umso mehr eingeschränkt. Steckt
man die Blätter darauf ins Wasser, so daß sie jetzt eine solche Ersparnis nicht mehr
nötig haben, so breiten sie sich nach kurzer Zeit auch wieder vollkommen aus. Diese
Tatsachen erklären uns auch, warum die empfindlichen jungen Blätter beider Pflanzen
stets Röhrenform besitzen.
c) Rispengräser (Blütenstand wie beim Hafer). Einen wichtigen Bestandteil
unserer Wiesen bildet der Wiesenhafer (Arrhenatherum elätius), der seine „hafer-
ähnlichen* Rispen oft mehr als meterhoch über den Boden erhebt. Die äußere Blüten-
spelze der unteren Blüte in jedem Ährchen trägt auf dem Rücken eine lange Granne,
die wie die Granne des Reiherschnabels knieförmig gebogen und im unteren Teile
korkzieherartig aufgerollt ist. Löst sich das Ährchen bei der Reife los, so wird es
wie die Teilfrucht jener Pflanze mit Hilfe dieser Einrichtung in den Boden gebohrt. (Ver-
such !) — Gleichfalls haferähnlich sind die Trespen (Bromus) ; sie besitzen aber dicke,
lanzettliche Ährchen, deren Kelchspelzen im Gegensatz zum Hafer nicht abspreizen.
Mehrere Arten, wie die (S. 265) abgebildete taube T. (B. sterilis), wachsen an unfruchtbaren
Stellen. — Durch sehr kleine, meist violett angelaufene Ährchen an haarfeinen Ästen
zeichnet sich das Stranggras (Agröstis vulgaris) aus. Es überzieht auf Wiesen und
Triften, sowie an Acker- und Waldrändern vielfach große Strecken wie mit einem zarten
Schleier. — Die oft mehr als meterhohe Rasenschraiele (Aira caespitösa) hat eine
ähnliche Rispe. Bei ihr sind die Äste aber zumeist bogenförmig abwärts geneigt. —
Das Wiesenrispengras (Poa pratensis) bildet infolge seiner zahlreichen Ausläufer eine
sehr dichte Grasnarbe. Es ist unser häufigstes Wiesengras, das ein vortreffliches Futter
liefert. — Aus knäuelartigen Ährchenmassen besteht die einseitige Rispe des Knäuel-
grases (Däctylis glomeräta). — Auf trockenen Wiesen findet sich häufig das zierliehe
Zittergras (Briza media), dessen große, muschelförmige Spelzen wirksame Windfänge
für die winzigen Früchte darstellen. — Das Honiggras (Holcus lanatus) ist wollig be-
haart und hat sehr reiehblütige, meist rötlich oder violett angelaufene Rispen, die wie
beim Ruchgras u. a. während des Blühens stark gespreizt sind. — Dieselbe Erscheinung
beobachten wir auch an der einheitswendigen Rispe des Wiesenschwingels (Festuea
elätior), das eines unserer besten Wiesengräser darstellt.
Teiche und Seen sind oft von einem weitausgedehnten , Graswalde" umkränzt,
Äbrenrispengräser. Rispengräser.
269
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270
72. Familie. Gräser. 73. Familie. Riedgräsei
^^
Schilf. Glanzgras. Seggen. Simsen. 271
der von dem Schilfe (Phragmites communis) gebildet wird. Mit Hilfe langer Aus-
läufer dringt das Gras vom Ufer aus bis zu jenen Stellen der Gewässer vor, an denen
es infolge geringer Tiefe noch zu leben vermag. Weht ein heftiger Wind, so er-
scheinen die mächtigen Bestände, als wären sie gekämmt. Da die Innenflächen der
Blattscheiden und die Oberseite des Halmes glatt sind, dreht nämlich der Wind die
Blätter und stellt sie wie die Wetterfahne auf dem Dache in die Windrichtung. In-
folgedessen streift er an ihnen vorbei, so daß der Halm trotz seiner Grüße (bis 3 in)
und der langen, breiton Blätter selbst vom heftigsten Sturme nicht geknickt wird. Zur
Zeit der Fruchtreife sind die Ährchenstiele mit langen, seidenartigen Haaren bedeckt,
so daß der Fruchtstand einem großen Federballen gleicht. Lösen sich die Ährchen
von der Mutterpflanze, so werden sie ein Spiel der Winde. Lnfolgedessen werden die
Früchte leicht über einen weiten Bezirk ausgesät. Bis zur Blütezeit ist von den
Haaren nur wenig zu bemerken; sie würden ja auch der Bestäubung nur hinderlich
sein. Die langen und festen Halme werden zur Bekleidung von Wänden, zum Bedecken
der Dächer, zur Herstellung von allerlei Flechtwerk und dgl. vielfach verwendet. —
Ein dem Schilfe sehr ähnliches Gras, das sich gleichfalls häufig am Wasser findet, ist
das Glanzgras (Phälaris arnndinäcea). Eine Spielart von ihm mit weiß-grün gestreiften
Blättern wird als „Band gras" gern als Zierpflanze gezogen.
73. Familie. Riedgräser (Cyperäceae).
Die Riedgräser sind grasartige Pflanzen („Sehein- oder Halbgräser"), die sich mit
den echten Gräsern besonders auf sumpfigem, moorigem oder sog. sauerem Boden („Sauer-
gräser") an der Bildung der Wiesen beteiligen. Da sie aber scharfschneidende Blätter
besitzen, die von den Weidetieren vielfach verschmäht werden (Schutzmittel der Pflanzen !),
so liefern „saure Wiesen" nur ein schlechtes Futter. Zahlreiche andere Riedgräser lieben
wieder den wasserarmen Sandboden.
Die Merkmale, durch die sich die Riedgräser von den echten Gräsern unter-
scheiden, wollen wir an den Seggen (Carex) kennen lernen, einer Gattung, deren zahl-
reiche, schwer nnterscheidbare Arten überall anzutreffen sind. Wir finden bei ihnen
meist einen dreikantigen, knotenlosen Stengel, an dem die Blätter in 3 Zeilen ange-
ordnet sind. Die Blattscheiden sind geschlossen und ohne Blatthäutchen. Die Ährchen
sind aus Staub- oder Stempelblüten oder aus beiden Blütenarten zusammengesetzt. Die
Blüten sind unscheinbare Gebilde, die dementsprechend durch Vermittlung des Windes
bestäubt werden (weise im einzelnen nach, wie sie hierzu eingerichtet sind!) Die
Stempelblüten, die nur aus einem Fruchtknoten und einem Griffel mit 2 oder 3 Narben
bestehen, sind gleich der Frucht von einem schlauchförmigen Blatte schützend umgeben.
Zahlreiche Seggen treiben Ausläufer und tragen daher auf Sandfeldern und Dünen zur
Bindung des Flugsandes bei. Dies zeigt z. B. deutlich die Sand-S. (C. arenaria), deren
Wurzelstock meterweit im Boden dahinkriecht. Da er nun hierbei eine gerade Linie
einhält, so stehen die aus den Knoten sich erhebenden oberirdischen Triebe so regel-
mäßig, als wären sie vom Menschen in eine Reihe gepflanzt.
Die übrigen Glieder der Familie haben im Gegensatz zu den Seggen Blüten, die
eines „Schlauches" entbehren und beiderlei Befruchtungswerkzeuge einschließen. Dies
zeigen z. B. die Simsen (Scirpus), die in zahlreichen Formen auf sumpfigen, torfigen
Wiesen, an den Ufern der Gewässer und anderen feuchten Stellen anzutreffen sind. Sie
ähneln bis auf den Bau der Blüte ganz den Binsen, mit denen sie unter gleichen Lebens-
272 Taf. 34. 73. Familie. Riedgräser. 74. Familie. Knabenkrautgewächse.
bedingnngen wachsen (Beweis !). — Torfwiesen bewohnt auch das zierliche Wollgras
(Eriöphorum). Nach der Bestäubung (warum erst dann ?) verlängert sich die aus seiden-
artigen Haaren bestehende
Blütenhülle, so daß jedes
A lirchen einen kleinen "Woll-
büschel darstellt. Zugleich
strecken sich auch die Ähr-
chenstiele stark in die Länge.
Daher werden die reifen,
winzigen Früchte vom Winde
leicht losgerissen und wie
ein Federball ein Spiel der
Lüfte (Bedeutung?). — Ein
^ä/ , Riedgras ist auch die im
1 w^ 7 Altertum so hochberühmte
I W -'â– â– "'*' Papierstande (Gyperas pa-
ff lajr pyrus), die namentlich in
Ägypten angebaut wurde
Frnchtährchen d.-s Wollgrases, von dem der Wind und unserem Papiei . de]1
soeben einige Früchte verweht (nat. Gr.). Namen gegeben hat. Es ist
eine Sumpfpflanze , deren
1 — 3 m hoher Halm von einem großen, doldenförmigen Blütenstande gekrönt wird. Zum
Zwecke der Papierbereitung schlitzte man den Halm auf und klebte die einzelnen Häute
und Fasern in noch feuchtem Zustande aneinander.
74. Familie. Knabenkrautg-ewächse oder Orchideen (Orchidäceae.)
Blüte seitlich symmetrisch. Blütenhülle aus 2 gleichen, dreiblättrigen Kreisen. Meist
nur ein Staubblatt, das sich mit der Narbe auf einem Fortsatze des unterständigen
Fruchtknotens, dem sog. Säulchen, befindet. Fruchtknoten meist einfächerig. Frucht
kapselartig mit sehr zahlreichen, äußerst kleinen Samen.
Das gefleckte Knabenkraut oder die FJecken-Orchis (Orchis maculäta).
Taf. 34.
A. Eine Frühlingspflanze feuchter Wiesen. Wenn auf feuchten Wiesen
das Gras zu sprießen beginnt, kommt auch das Knabenkraut zum Lichte hervor.
Es vermag so zeitig zu erscheinen, weil ihm wie dem Scharbockskraute (s. das.)
und anderen Frühlingspflanzen Stoffe zum schnellen Aufbau der oberirdischen
Teile zur Verfügung stehen. Diese Stoffe sind in einer
1. Knolle aufgespeichert, einem Gebilde, das infolge seiner eigentümlichen
Form von jeher die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich gezogen hat. Weil
es allerlei Segen über den Besitzer bringen sollte, bezeichnete man es als
.,Christus-, Marien- oder Glückshändchen." Die dunklen Knollen (s. Absch. b)
dagegen galten als „Teufelshände und Satansfinger".
a) Die Baustoffe sind in den Knollen besonders als Stärke (Jodprobe;
(s. S. 138, d) und Pflanzenschleim aufgespeichert und zwar in so großen Mengen,
Schmeil. Lehrbuch der Botanik.
Tafel 34.
Geflecktes Knabenkraul oder Flecken-Orchis (Orchis maculata).
Wollgras. Papierstande. Geflecktes Knabenkraut. 273
daß man aus ihnen ein nahrhaftes, schleimiges Heilmittel, den Salep, herstellen
kann. (Zur Gewinnung dieses Stoffes dienen aber zumeist andere und zwar vor-
wiegend auslandische Arten der Familie.)
b) Gräbt man die Pflanze im zeitigen Frühjahre aus dem Boden, so findet
man in der Achsel eines der häutigen Hüllblätter, die den jungen, oberirdischen
Trieb umgeben, eine Knospe. Sie treibt einige Wurzeln, die das Hüllblatt
durchbrechen und zu einer kleinen Knolle von der Form der „alten" an-
schwellen. Zur Blütezeit (1) hat sich das Knöllchen schon merklich vergrößert,
während die alte Knolle braun geworden und etwas verschrumpft ist. unter-
sucht man die Pflanze etwa zur Zeit der Fruchtreife wieder (2), so ist die
,,junge" Knolle zur Größe der alten herangewachsen, die jetzt dunkelbraun und
noch mehr verschrumpft ist. Gräbt man nun endlich nochmals nach, wenn der
Herbst ins Land zieht, so ist die „alte" Knolle abgestoßen und in Verwesung
begriffen. Diese Erscheinungen sind also genau dieselben, wie wir sie an der
Kartoffelknolle verstehen gelernt haben, nur daß hier die Bildung der jungen
Knolle in unmittelbarer Nähe der alten erfolgt. Wir haben hier also — kurz
gesagt — folgenden Vorgang: während sich aus den Vorratsstoffen, die in der
Knolle aufgespeichert sind, die oberirdischen Teile aufbauen, bildet sich an ihr
eine „Ersatzknolle" für das nächste Jahr. Als ein für die Pflanze wertloses
Gebilde geht die alte Knolle schließlich zu Grunde. An ihre Stelle ist die neue
getreten, die prall mit Baustoffen für das kommende Jahr gefüllt ist.
2. Stengel und Blätter, a) In dem Maße, in dem sich die Wur-
zeln zu der Ersatzknolle ausbilden, vergrößert sich auch die Knospe, aus
der die Wurzeln hervorbrechen (1 und 2). Anfangs ist sie noch von dem Hüll-
blatte, in dessen Achsel sie entsteht, schützend bedeckt (in Fig. 1 ist dieses Blatt
entfernt, um die Knospe zu zeigen). Mit dein Verwesen der Hüllblätter wird sie
aber frei und stellt jetzt
b) einen kegelförmigen Trieb (2) dar, der selbst die Grasdecke der
Wiese leicht zu durchbrechen vermag (vgl. mit Tulpe und Maiblume !). Als Schutz-
mittel gegen Verletzungen dient ihm eine Scheide
c) farbloser Hüllblätter, die später braun werden und schließlich ver-
wesen (1.). Hat der Trieb die Erdoberfläche erreicht, so stellen die Hüllblätter
das Wachstum ein und werden von den eingeschlossenen Teilen auseinander
gedrängt.
d) Am Ende des massiven Stengels findet sich der Blütenstand, der
bisher von den kegelförmig zusammengeneigten Blättern überdeckt war (vgl.
mit Tulpe). Da die Blüten den Blicken der Insekten ausgesetzt sein müssen,
streckt sich der Stengel so hoch, wie es das mitwachsende Gras erfordert.
(Vgl. dag. Scharbockskraut und Herbstzeitlose, die an demselben Standorte
wachsen !)
e) Die Blätter ähneln nach Form und Stellung ganz denen der Tulpe.
Sie sind auch wie die Tulpenblätter vollkommen kahl; denn da sie von der
feuchten Frühlingsluft umflutet werden, und da der nasse Wiesengrund Wasser
Sc hm eil. Lehrbuch der Botanik. ]8
27/
74. Familie. Knabenkrautgewächse.
zur Genüge liefert, können sie z. B. des schützenden Haarkleides entbehren,
das wir bei zahlreichen Sommer- und Trockenlandpflanzen finden (Beispiel!).
Sie zeichnen sich aber vor den Tulpenblättern meist durch den Besitz
schwarzbrauner Flecken aus (Artname!), eine Erscheinung', die gleichfalls mit dem
feuchten Standorte in Beziehung zu stehen scheint. Da sich nämlich dunkel-
gefärbte Körper stärker erwärmen als helle — wir brauchen nur an unsere
sommerliche Kleidung zu denken, — so wird sich auch ein von der Sonne be-
schienenes, dunkelgeflecktes Blatt stärker erwärmen als ein sonst gleiches, aber
ungeflecktes Blatt. Je höher aber die Temperatur in dem Blatte ist, desto leb-
hafter wird es auch das von der Wurzel aufgesogene Wasser verdunsten. Da
nun mit diesem Wasser beständig Nährstoffe zu den Blüten emporsteigen, so ist
eine starke Verdunstung für diejenigen Pflanzen, denen viel Feuchtigkeit zu
Gebote steht, sicher von Vorteil. — Die Verhältnisse des Standortes machen
uns auch die geringe Ausbildung der
3. Wurzeln verständlich, die am unteren Teile des Stengels entspringen
und die Hüllblätter durchbrechen : die wenigen kurzen, unverzweigten, strang-
artigen Gebilde sind wohl imstande, dem stets feuch-
^s^^^^^ ten Grunde die nötigen Wassermengen zu entnehmen
/wti^K (viil ' ^' <lir Trockenlandpflanzen!).
/ \\ B. Eine Pflanze, die allein durch Insekten
OO 1 1 bestäubt werden kann.
1. Blüte. Die Blüten (1.) nehmen den Endteil
des Stengels ein. Sie entspringen aus der Achsel je
eines Deckblattes, das ihnen im Knospenzustande
Blütengrundriß des als Schutz diente. Der Stiel, auf dem sie sich zu er-
Knabenkrautes. heben scheinen, ist der unterständige Fruchtknoten.
Die Blütenhülle (3.), die in ihren Farben große
Verschiedenheiten (lila bis weißlich) aufweist, ist seitlich-symmetrisch (s. S. 30, a)
und besteht aus 2 dreiblätterigen Kreisen. Das große mittlere Blatt
des äußeren Kreises und die beiden „oberen" Blätter (s. aber Absch. d)
des inneren Kreises neigen sich helmförmig zusammen und bilden ein Regen-
dach für die inneren Blütenteile. Die beiden anderen äußeren Blätter sind
langgestreckt, während das untere, innere Blatt eine große dreiteilige, pur-
pur-gefleckte „Unterlippe" darstellt und in einen langen Sporn ausge-
zogen ist. Dicht über dem Eingange zum Sporn findet sich auf einem kurzen
Fortsatze des Fruchtknotens, dem sog. Säulchen, die große, glänzende
Narbe (N.) und darüber das einzige (ausgebildete) Staubblatt (St.). Der
Faden des Staubblattes ist mit dem Säulchen so innig verschmolzen, daß nur
der Staubbeutel sichtbar ist. Er besteht aus 2 Fächern, die sich durch einen
Längsspalt öffnen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Pflanzen, bei denen
der Blütenstaub ein feinkörniges Pulver bildet, sind hier stets mehrere Staub-
körnchen miteinander verwachsen. Zahlreiche der auf diese Weise entstehenden
„ Paket chen" sind wieder durch einen Klebstoff zu einem kleinen gestielten
Knabenkraut. 275
Kolben (6.) vereinigt, der in einem „Klebscheibchen" endet. Die Scheiben
beider „Staub kölbchen" sind in einer kleinen „Tasche" (T.) geborgen.
2. Bestäubung. Eine so eigentümlich gebaute Blüte wird uns wie in
allen anderen ähnlichen Fällen nur dadurch verständlich, daß wir ihre Bestäu-
bung genau verfolgen.
a) Die Blüten sind an sich klein. Da aber viele zu einer Ähre ge-
häuft sind, werden sie den Insekten wohl auffällig.
b) Die Auffälligkeit wird vielfach noch dadurch erhöht, daß anch die
Deckblätter und der obere Teil des Stengels bunt gefärbt sind (1).
c) i»ie aufliegenden Insekten — vor allen Dingen sind es Fliegen und
Hummeln — finden auf der Unterlippe einen bequemen Sitzplatz (4.). Öffnet
man jedoch eine Blüte, so lange sie sich noch im Knospenzustande befindet, so
sieht man. daß dieses Blatt nach oben gerichtet ist, also eine sehr ungünstige
Lage hat, um als Sitzplatz für die Bestäuber zu dienen. Es muß daher eine
„Korrektur" eintreten :
d) kurz bevor sich die Blüte öffnet, dreht sich der als Stiel
dienende Fruchtknoten um 180° und
bringt somit die Blüte in die „richtige'' Lage.
e) Zahlreiche, dunkel-purpurrote Flecke
und Striche, die alle nach der Öffnung des
Spornes hinweisen, bilden vielleicht das „Saft-
mal", das dem Blütengaste zeigt, wo es für
ihn etwas zu naschen gibt (s. S. 121, 3).
f) Sobald das Insekt Platz genommen 4Üܧf' '"'"'
hat, senkt es den Rüssel in den Sporn, der
auffallenderweise aber keinen freien Honig Staubkölbchen auf der Spitze eines
enthält. Der in der fleischigen Sporenwand Bleistiftes. 1 Nacl dem Eervor-
enthaltene süße Saft muß von dem Tierchen ziehen: 2 einige Minuten darnach.
mit Hilfe der Rüsselspitze erst erbohrt werden.
g) Sobald aber das Insekt die zum Saugen notwendige Stellung einge-
nommen hat, berührt es mit dem Kopfe das „Täschchen", das genau die Blüten-
mitte einnimmt. Das zarte Häutchen zerreißt infolgedessen, die beiden Kleb-
scheiben werden frei und heften sich dem saugenden Insekt an
Stirn oder Augen. Verläßt das Tier darauf die Blüte (4.), so zieht es
die beiden Staubkölbchen aus den Staubbeutelfächern hervor,
und wie mit 2 Hörnchen geschmückt, fliegt es davon. Ahmt man diesen Vor-
gang vielleicht mit Hilfe eines zugespitzten Bleistiftes nach, so sieht man,
h) wie sich die anfangs aufrecht stehenden Kölbchen sehr
bald nach vorn herabneigen. Dasselbe geschieht natürlich auch, wenn
sie an dem Kopfe eines Insekts kleben (5.). Läßt sich das Tier auf einer zweiten
Blüte nieder, so müssen infolgedessen die Kölbchen gerade die N arbe berühren,
die sich -ja unterhalb des „Täschchens" befindet: einige Staubkorn-Paketchen
bleiben an der klebrigen Narbenfläche haften, und — die Bestäubung ist erfolgt.
27ß 74. Familie. Knabenkrautgewächse.
C. Eine Pflanze, die durch den Wind verbreitet wird. 1. Durch-
schneidet man den Fruchtknoten zur Blütezeit (s. Blütengrundriß), so sieht
man, daß er aus 3 miteinander verwachsenen Blättern besteht, die an den
Rändern zahlreiche Samenanlagen tragen. Indem sich bei der Reife diese
„Samenträger'' von den übrigen Teilen der Fruchtblätter ablösen,
2. öffnet sich die Kapsel mit 6 Klappen (7.). Da diese Klappen aber oben
und unten vereinigt bleiben, können die Samen nicht auf einmal herausfallen
(warum wäre das für die Pflanze von Nachteil?). Wohl aber vermag der Wind
durch die Spalten zu streichen,
3. die Samen in kleinen Wolken herauszublasen und weithin zu ver-
wehen. Beides ist umso leichter möglich, als die Samen staubförmig kleine
Gebilde sind. Außerdem umschließt die Samenschale den Keimling wie ein
weiter Mantel (8.). Sie bietet dem geschäftigen Winde also eine große Angriffs-
fläche dar (vgl. mit Löwenzahn).
4. Ein solches Herausblasen der Samen wäre aber bei einer Kapsel, die
wie der Fruchtknoten schraubenförmig gedreht ist, nicht möglich (warum nicht?).
Wir sehen daher, daß der Fruchtknoten nach erfolgter Bestäubung
diese Drehung verliert, sich also wieder gerade streckt (7.).
Andere Knabenkrautgewäclise oder Orchideen.
Die Orchideen gehören wegen des seltsamen Baues der Blüten sicher zu den
interessantesten Gliedern der Pflanzenwelt. Viele von ihnen zeichnen sich zudem noch
durch Farbenpracht und köstlichen Duft aus. Sie bewohnen die verschiedensten Boden-
arten und treten hier in geringerer, dort in größerer Anzahl auf. Gegenden mit Kalk-
boden sind besonders reich daran.
1. In der Gesellschaft der soeben betrachteten Pflanze findet sich das ganz
ähnliche breitblättrige Knabenkraut (0. latifölia), das an dem hohlen Stengel
leicht zu erkennen ist. — Auf Triften und trockenen Wiesen ist häufig das kleine
Salep-K. (0. mörio) anzutreffen, das runde Knollen besitzt. — Eine überaus zarte
Schattenpflanze (s. S. 7, b und c) ist die Kuckucksblume (Piatanthera bifölia). Die
rein-weiße Blütenfarbe, der besonders bei Nacht stark hervortretende Nelkenduft, sowie
der lange, enge Sporn lassen uns in ihr leicht eine Nachtfalterblume erkennen (s. S. 39). —
An denselben Stellen findet sich auch das Zweiblatt (Listera oväta), dessen unscheinbar
grüne, aber sehr honigreiche Blüten besonders durch Schlupfwespen bestäubt werden. —
Spornlos wie diese Pflanze sind auch die Sumpfwurz- Arten (Epipäctis), die teils sumpfige
Wiesen, teils Wälder, teils den trockensten Sandboden bewohnen. — Die schönste unserer
Orchideen ist unstreitig der Frauenschuh (Cypripedium calceolus), der auf Kalk-
boden im Schatten des Laubwaldes gedeiht. Er trägt nur wenige , dafür aber umso
größere Bluten, deren gelbe Unterlippe einen zierlichen „Schuh" bildet. — Eine überaus
sonderbare Form ist die blasse Nestwurz (Neöttia nidus avis), die im Moder des Wald-
bodens wurzelt, der Laubblätter entbehrt und nur Spuren von Blattgrün besitzt. Gleich
der Hopfenseide (s. S. 129) ist sie daher auch nicht imstande, die für das Leben und
den Aufbau ihres Körpers nötigen Stoffe zu bereiten. Gräbt man aber nach, so findet
man, daß der eigentümlich nestartige Wurzelstock (Name !) mit keiner anderen Pflanze
in Verbindung steht: das seltsame, gelbe oder bräunliche Gewächs nährt sich von den
reitl.- u. Salep-Orchis. Kuckucksbl. Zweiblatt. Sumpfw. Frauensch. Nestwurz. 277
Stoffen, die im Boden schattiger Wälder faulen; es ist also kein Schmarotzer (Parasit)
wie die Hopfenseide, sondern ein Fäulnisbewohner (Saprophyt).
2. Wie sich unter dem Einflüsse hoher Wärme und großer Feuchtigkeit die
Pflanzenwelt der Tropen zur höchsten Pracht entfaltet, so gilt dies für die Orchideen
im besonderen. Die vielgestaltige Pflanzenfamilie ist dort durch Tausende von Arten
vertreten, die untereinander in der Schönheit ihrer oft höchst bizarren Blüten wett-
eifern. Dies zeigt uns schon ein Gang durch eines jener Warmhäuser, in denen bei
uns die kostbaren Pflanzen gepflegt werden. Zahlreiche dieser seltsamen Formen sind
Tropische Orchidee.
Überpflanze auf einem
Baumzweige wachsend. (Cattleya-Art aus
Brasilien.) ( l j 2 nat. Gr.)
in ihrer Heimat Bewohner der dichten Urwälder. Die Kronen der Baumriesen hindern
aber vielfach die Sonnenstrahlen, bis zum Boden zu dringen, so daß dort ein beständiges
Halbdunkel herrscht. Die Orchideen sind daher gezwungen, sich einen Standort zu
„suchen", an dem sie des belebenden Sonnenlichtes teilhaftig werden: sie siedeln sich
als „Überpflanzen" (Epiphyten) mit zahlreichen Gliedern anderer Pflanzenfamilien
auf der Rinde der Stämme und Zweige an. Dort breiten sie ihre Wurzeln aus oder
lassen sie frei herabhängen (Luftwurzeln). Sie nähren sich von dem Staube, den der
Wind in die Ritzen und Spalten der Rinde weht, sowie von dem Regen und Tau, der
auf sie herabfällt. Tritt in der Heimat der Pflanzen die trockene Jahreszeit ein,
so ist ein solcher Standort aber höchst ungünstig. Zahlreiche Arten speichern daher
gleich den Kaktusgewächsen (s. das.) in dem knollig angeschwollenen Stamme jeden
278 74. Fam. Knabenkrautgewächse. 75. u. 76. Farn. Froschlöffel- u. Froschbißgew.
Wassertropfen auf, den sie erlangen können, am während der Zeit der Trocknis aus
diesem „Brunnen zu schöpfen".
Eine dieser Urwaldpflanzen ist die Vanille (Vanilla planifölia), die uns in ihren
unreifen, langen, schotenförmigen Früchten das bekannte köstliche Gewürz liefert. Sie
ist im tropischen Amerika heimisch, wird gegenwärtig aber in fast allen heißen Ländern
angebaut. Gleich dem Efea klettert sie mit Hilfe langer Luftwurzeln zum Lichte empor
und hat im Gegensatz zu den zahlreichen, farbenprächtigen Orchideen ihrer Heimat nur
unscheinbare, grüngelbe Blüten.
75. u. 76. Familie. Froschlöffel- und Frosehbißg-ewäehse (Alismäceae
und Hydrocharidäceae).
1. Froschlöffelgewächse. Diese kleine Familie umfaßt einige Gewächse,
die man stets im oder am Wasser antrifft. Von schilfartiger Gestalt ist die stolze
Schwanenblume (Bütomus umbellätus), die auch Wasserliesch oder Blumenbinse
genannt wird. Auf hohem Schafte trägt sie eine Dolde prächtig rosafarbener Blüten
(beschreibe sie!), die im Knospenzustande von zahlreichen Hüllblättern schützend bedeckt
ist. Haben diese Blätter ihre Aufgabe erfüllt, so werden sie trockenhäutig. Die Früchte
sind durch Lufträume schwimmfähig, eine Einrichtung, die zu dem Standorte der
Pflanze in innigster Beziehung steht. — Mit der Schwanenblume heben auch der all-
bekannte Froschlöffel (Alisma plantägo) und das schmucke Pfeilkraut (Sagittäria
sagittifölia) ihre Blätter über den Wasserspiegel empor. Steigt das Wasser aber er-
heblich, so nehmen die sonst löffel- bezw. pfeilförmigen Blätter (Namen !) die Form
langer Riemen an. Dann vermögen sie der Strömung des Wassers zu folgen, während
sie sonst leicht zerrissen werden könnten. — Im Gegensatz zu diesen Sumpfpflanzen
sind die
2. Froschbißgewächse wirkliche Wasserbe wohner. Das zeigt uns z. B. der
zierliche Froschbig (HyJröcharis morsus ranae), der frei im Wasser schwebt und mit-
hin auch nur in stehenden oder ganz langsam fließenden Gewässern zu leben vermag.
Gleich der Seerose breitet er seine schön geformten Blätter, die daher auch in zahl-
reichen Stücken mit denen jener Pflanze übereinstimmen (Beweis!), auf dem Wasser-
spiegel aus. (Auf den Herzausschnitt der Blätter bezieht sich der Name der Pflanze.)
Die weißen, zarten Blüten (beschreibe sie!) dagegen ragen aus dem Wasser hervor. Als Er-
satz für die selten eintretende Fruchtbildung vermehrt sich das zierliche Gewächs sehr
stark durch Ausläufer, die sich wagerecht unter der Wasseroberfläche dahinziehen und
am Ende je eine neue Pflanze bilden. Während des Winters vermag sich aber der
Froschbiß in der obersten Wasserschicht, die ja zu Eis erstarrt, nicht zu halten. Er
muß demnach wie die Seerose in die frostfreien Tiefen „fliehen". Dies geschieht
in folgender Weise : mit Beginn des Herbstes hört die Bildung von Tochterpflanzen auf.
Dann lösen sich die Endknospen der Ausläufer ab und sinken zu Boden. Wenn sich
aber das Wasser im Frühjahr wieder erwärmt, dann füllen sich gewisse Zellräume dieser
„Winterknospen" mit Luft. Infolgedessen steigen die zarten Gebilde wie ein Luftballon em-
por, öffnen sich, und nicht lange währt es, so ist der Wasserspiegel wieder mit den Blättern
der interessanten Pflanze bedeckt. (Beobachte dies im Aquarium ! Untersuche daraufhin
auch Wasserschlauch und Wasserfeder!) — Ein anderes Wassergewächs ist die eigen-
tümliche Krebsschere (Stratiötes aloides), die ihren Namen vo^| den stachelig gezähnten,
schwertförmigen Blättern trägt. Sie überwintert in frostfreier Tiefe mit Hilfe der
Vanille Schwanenbl. Froschlöffel. Pfeilkraut. Froschbiß. Krebssch. Wasserpest. 279
großen, aloeartigen Blattrosetten, die während der wärmeren Jahreszeit oft die ganze
Oberfläche von Teichen und Tümpeln bedecken. — Unsere gemeinste Wasserpflanze, die
Wasserpest (Elödea canadensis), ist erst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts aus
Nordamerika bei uns eingewandert. Anfänglich vermehrte sie sich in einem solchen
Maße (Name!), daß sie an einigen Stellen sogar der Schiffahrt hinderlich wurde. Diese
erstaunliche Vermehrung ist. umso merkwürdiger, als die Wasserpest in unsern Ge-
wässern niemals Früchte trägt : die mit Staubblüten ausgerüstete Form der einhäusigen
Pflanze fehlt nämlich bei uns gänzlich. Dafür ist aber das kleinste Bruchstück des zarten
Gewächses (vgl. mit Wasserhahnenfuß und anderen Wasserpflanzen!) imstande. Knospen
und Wurzeln zu treiben (Versuch!). Jetzt hall sieh die Vermehrung des Kindringlings
in mäßigen Grenzen, so daß von ihm nichts mehr zu befürchten ist. Wohl aber trägt
er, da er die Abfallstoffe der Tiere zum Aufbau des eigenen Körpers verwendet, gleich
allen anderen Wasserpflanzen wesentlich zum Reinhalten der Gewässer bei ('was folgt
daraus für die Besetzung der Aquarien?).
II. Gruppe. Nacktsamige Pflanzen (Gymnospermae).
Pflanzen, deren Samenknospen nicht in einem Fruchtknoten eingeschlossen sind, sondern
sich auf dem offenen Fruchtblatte rinden.
77. Familie. Nadelhölzer (Coniferae).
Verzweigte Holzgewächse mit nadel- oder schuppenförmigen Blättern.
Die Kiefer (Pinus silvestris).
Kein Baum bedeckt im mittleren und nördlichen Europa so weite Flächen
wie die Kiefer oder Föhre. Obgleich sie auf allen Bodenarten gedeiht, treffen
wir sie doch vorwiegend auf Sandboden an. Dort bildet sie oft mächtige
Wälder, die nach dem treusten Begleiter des „anspruchslosen" Baumes, dem
Heidekraute, vielfach als „Heiden" bezeichnet werden. Ja, sie ist sogar im-
stande, den ödesten Sand zu beleben, auf dem kein anderer Baum mehr gedeiht.
Wollen wir die merkwürdige Pflanze daher recht verstehen, so müssen wir uns
bei ihrer Betrachtung zunächst fragen, wodurch sie befähigt ist, das
Ödland zu bewohnen.
A. Wurzel. 1. Nehmen wir eine junge Kiefer und einen anderen gleich-
alterigen Baum, die beide auf demselben Grunde gewachsen sind, aus dem
Boden, so werden wir finden, daß die Kiefer alle anderen Bäume durch ihr
großes und stark verzweigtes W^urzelgeflecht übertrifft. (Sie hat
z. B. 12 mal soviel Wurzelfasern als die Fichte.) Diese Tatsache ist schon
eine Antwort auf die soeben aufgeworfene Frage: Bäume mit gering ent-
wickeltem Wurzelwerk finden in dem lockeren, sowie wasser- und nahrungs-
armen Sandboden weder den nötigen Halt gegen den Anprall der Stürme, noch
die zum Leben notwendigen Wasser- und Nahrungsmengen. Die Kiefer dagegen
hält sich in dem lockeren Grunde wie mit Tausenden und Abertausenden von
Armen fest. Und da sie mit ihrem mächtigen Wurzelgeflecht eine sehr große
Erdmasse durchzieht, vermag sie selbst aus ödem Sandboden die nötigen W T asser-
und Nahrungsmengen herbeizuschaffen. Sie gedeiht noch an Orten, an denen
andere Bäume — verdursten und verhungern müßten.
2. Ziehen sich die Wurzeln eines Baumes, der auf lockerem Sande wächst,
flach unter der Erdoberfläche dahin (wie z. B. die der Fichte), so befindet er sich
in steter Gefahr, durch den Sturm entwurzelt zu werden. Die Kiefer dagegen
trotzt meist dem heftigsten Anprall. Sie ist nämlich durch eine Pfahlwurzel,
die sich tief in den Untergrund senkt, und von der wieder zahlreiche Neben-
wurzeln ausstrahlen, sicher im Boden „verankert". Dieser Wurzel wegen ver-
mag die Kiefer umgekehrt aber auch nur auf „tiefgründigem" Boden zu gedeihen.
Kiefer.
281
Felsuntergrund bewohnt sie nur dann, wenn sie mit den Wurzeln in Spalten
und Klüfte eindringen kann.
3. Die Kiefer ist imstande, selbst die kleinste Menge von Tau und Regen,
die den dürren Boden tränkt, sich dienstbar zu machen; denn sie besitzt zahl-
reiche, oberflächlich verlaufende Wurzeln. Die feinsten Verzweigungen
dieser Wurzeln „trinken" den Tau und Regen, der den Boden feuchtete, und
der von der dürftigen Pflanzendecke (Moospolster!) oder von der verwesenden
Nadelschicht festgehalten wird. (Beurteile hiernach das Entfernen der ab-
gefallenen Nadeln, der sog. „Waldstreu"!) Bei fortgesetztem Wachstum erheben
sich die „Tauwurzeln", da sie nach oben weniger Widerstand finden, z. T. oft
über die Erde.
4. Die Pflanzen nehmen das Wasser in der Regel durch zahlreiche
Wurzelhaare (s. das.) auf, die sich an den Enden der feinsten Wurzeläste
flnden. Der Kiefer fehlen aber (gleich den meisten
anderen Waldbäumen) diese Gebilde. Wie sich dagegen
bei schwacher Vergrößerung (bei der Buche meist schon
mit bloßem Auge) erkennen läßt, sind die Würz el-
enden von einem dichten Geflecht zarter Pilz-
fäden umsponnen (s. Champignon). Von diesem Pilz-
mantel gehen zahlreiche Fäden nach außen, durch-
wuchern den Waldboden und entnehmen ihm Wasser
samt den darin gelösten Nährstoffen. Andererseits
legen sich diese Fäden aber so dicht um die Wurzel-
enden, daß der Baum im stände ist, ihnen das aufge-
nommene Wasser zu entziehen und für sich dienstbar
zu machen. Schon aus der Länge der Fäden geht
Wurzelende d. Kiefer
im Längsschnitt , von
Pilzfäden umsponnen
(etwa 200mal nat. Gr.).
hervor, daß der Baum den Waldboden auf diese Weise
weit besser auszunützen vermag, als wenn seine Wurzel-
enden wie bei den meisten anderen Pflanzen mit winzig kleinen Wurzelhärchen
bedeckt wären. Daß dem wirklich so ist, geht aus sorgfältigen Versuchen
hervor, die von Naturforschern angestellt wurden: man säte Kiefernsamen teils
in gewöhnliche, teils in solche Walderde, in der man vorher alle Pilzkeime
sorgfältig getötet (kurz: die man „sterilisiert") hatte. Während sich die Samen
in der pilzhaltigen Walderde schnell zu kräftigen Pflanzen entwickelten, blieben
die im pilzfreien Boden erwachsenen stark zurück. Einige der kümmerlichen
Pflänzchen goß man nun nachträglich mit Wasser, in das man etwas Walderde
gebracht hatte, und das demnach zahlreiche Pilzkeime enthielt, und siehe da,
die Kiefern gediehen sofort zusehends; die anderen kränkelnden Pflänzchen
dagegen begannen bereits nach 2 Jahren — abzusterben. (Versuche, die an
Buchen angestellt wurden, führten zu demselben Ergebnis. Im einzelnen sind
aber die Beziehungen zwischen Pilz und Wurzel noch ziemlich unbekannt.)
B. I. Stamm und Zweige sind in der Jugend von einer rötlichen Rinde
bekleidet, die sich in papierdünnen Häutchen ablöst. Später werden sie von einer
282 77. Familie. Nadelhölzer.
dicken, graubraunen Borke bedeckt, die in ansehnlichen Platten abblättert. *
Da diese Hüllen — wie wir im letzten Abschnitte des Buches noch ausführlicher
kennen lernen werden — vorwiegend aus Kork bestehen, Kork (Flaschen-
korke!) aber für Wasserdampf fast undurchlässig ist, so haben wir es in den
Hüllen mit einem Schutzmittel des Baumes gegen zu starken Wasserverlust zu
tun. Ein solcher Schutz ist aber für die Kiefer, die besonders auf Sandboden
oft mit dem größten Wassermangel zu kämpfen hat, sicher von höchstem Werte.
2. Stamm und Zweige sind gleich fast allen anderen Teilen des Baumes
sehr reich an Harz. Schlägt man der Kiefer eine Wunde, oder schneidet man
nur eine ihrer Nadeln durch, so fließt dieser stark klebrige Stoff alsbald her-
vor, verschließt die Wundstelle und verwehrt somit den Pilzsporen, die Krank-
heit und Fäulnis erregen, den Eintritt. Außerdem dient er aber auch der
Pflanze als ein Schutzmittel gegen den Angriff zahlreicher Tiere. Wäre die
Kiefer von Harz nicht gleichsam durchtränkt, so würde sie sicher noch weit
mehr unter Insekten zu leiden haben, als dies jetzt schon der Fall ist (s. S. 289).
Ob sie aber diesen vermehrten Angriffen standhalten könnte, ist mehr als
zweifelhaft (vgl. mit Eibe!). (Das Harz mehrerer ausgestorbener Nadelhölzer
ist in dem Bernstein erhalten geblieben.)
3. Der Stamm der Kiefer löst sich nicht wie z. B. der der Eiche in
mehrere große Aste auf. Er verlängert sich im Gegenteil alljährlich um ein
Stück. Auf diese Weise entsteht jener schlanke „Schaft", der eine Höhe
von fast 50 m erreichen kann und von dem Menschen so hoch geschätzt wird.
4. Am Ende des Stammes bildet sich außerdem alljährlich eine Anzahl
nuirlförinig angeordneter Zweige, so daß der Baum aus soviel „Stock-
werken" zusammengesetzt ist, als er Jahre zählt. Diese Zweige verlängern
und verzweigen sich in derselben Weise wie der Stamm. Infolgedessen über-
treffen die älteren die jüngeren stufenweise an Länge, so daß der Baum die
Gestalt einer rege lmäßigen Pyramide annimmt, eine Form, die für die all-
seitige Belichtung von größtem Werte ist (beweise dies näher!). (Ein Natur-
forscher nennt die Nadelhölzer ein „mathematisches Geschlecht". Mit welchem
Rechte tut er dies?)
5. Im Forste stehen die Kiefern so dicht nebeneinander, daß die unteren
Zweige der gleichmäßig emporwachsenden Bäume schon nach einigen Jahren in
den Schatten gestellt werden. Wie man daselbst aber auch leicht beobachten
kann, verkümmert die Kiefer und geht schließlich gänzlich ein, sobald sie von
einem Baume beschattet wird. Sie ist im Gegensatz zu den Schatte npflanzen,
die mit einer geringen Lichtmenge fürlieb nehmen (Beispiel!), ein „Licht-
baum", der nur im vollen Genüsse des Sonnenlichtes gedeiht. Wie dem ganzen
Baume, ergeht es aber auch den beschatteten unteren Zweigen: sie sterben
ab und lösen sich vom Stamme (der Forstmann sagt: „die Kiefer reinigt sich").
So entstehen die Bäume mit dem hohen, astlosen unteren Stammteile und der
kleinen, pyramidenförmigen Krone, wie sie uns im Walde überall entgegentreten.
Im hohen Alter nimmt die Krone dieser Bäume eine andere Form an.
Kiefer.
283
Da der „Zuwachs" am oberen Stammende und an den jüngeren Zweigen geringer
als an den unteren ist, so breitet sich die Krone aus und wird schließlich
schirmförmig. Solche alten, ehrwürdigen Bäume, die wie Riesen über den
Wald emporragen, haben dann fast die Gestalt einer Pinie (s. das.)
Da im dichten Kiefernwalde selbst am teilen Tage ein Halbdunkel herrscht, so
finden sich am Boden auch nur wenig lichtbedürftige Pflanzen (welche hast du ange-
troffen?). Vor allen Dingen fehlt das Unterholz des Laubwaldes, so daß der Kiefern-
bestand etwas Einförmiges und Eintöniges erhält. Mit dem Fehlen der „Waldpflanzen"
und des Unterholzes hängt wieder die große Armut an Tieren
zusammen, besonders an Vögeln, die sich von »Samen und
Beeren nähren und den Laubwald besonders im Frühjahre
mit ihrem Gesänge erfüllen. Daher die große Stille im
Kiefernwalde und der schwermütige Eindruck, den er auf
uns macht. (Welche Vögel sind ständige Bewohner des Kiefern-
waldes ? Wie linden sie dort ihre Nahrung ? Beobachte, wie
sich an lichten Stellen sofort PÜanzenwuchs einstellt !)
Ist die Kiefer dagegen auf einem freien Stande
erwachsen, so sterben die untersten Zweige (wie bei
allen Bäumen) infolge Lichtmangels zwar gleichfalls ab.
Die Krone aber bleibt groß und zeigt lange Zeit die
ursprüngliche Pyramidenform. Später rundet sie sich
aber mehr und mehr ab, so daß die Kiefer, aus der
Ferne gesehen, oft ganz den Eindruck eines Laub-
baumes macht. (Beobachte Kiefern, die am Waldrande
stehen, also einseitig beleuchtet werden!)
6. Anfangs Mai lassen die jungen Zweig lein
(„Maitriebe") die Kiefer wie einen mit zahlreichen
Kerzen geschmückten Weihnachtsbaum erscheinen. Ein
solcher, sich entwickelnder Zweig (zerbrich ihn!) ist
außerordentlich zart und saftreich, und daher auch gegen
zu starke Wasserabgabe, sowie gegen die Unbilden der
Witterung vortrefflich geschützt: er steht nicht allein
wie z. B. die jungen Blätter der Roßkastanie (s. S. 43, c)
senkrecht, sondern ist auch von einer besonderen
Hülle umgeben, die die Stelle von Knospenschuppen
vertritt (s. S. 41, B). Die Hülle ist von zahlreichen,
häutigen, rostfarbenen Blättchen gebildet, die
am Rande ausgefranst und so untereinander verfilzt
und verklebt sind, daß sie gleichsam einen Mantel für das schutzbedürftige
Zweiglein bilden. Streckt sich der Trieb weiter in die Länge, so zerreißt der
„Mantel", bis schließlich die häutigen Blättchen bedeutungslos werden und, ein-
zeln oder zu Gruppen vereinigt, abfallen. Nach einiger Zeit verlassen die
jungen Zw. -ige auch ihre „Schutzstellnng", um immer mein- die Richtung der
ausgebildeten anzunehmen.
jungei
Kiefer.
Kurztrieb der
Er stein in der
Achsel eines rostfarbenen
Blättchens (r.B.), .las den
Mantel des jungen Lang-
i liebes i ..Maitriehes" | bil-
di ii hilft und ist \ on einem
/weiten Mantel umhüllt.
der ans silberweißen Blätt-
ehen 's. B. besteht. Der
Mantel isi an der Spitze
durch die hervorbrechen-
den Nadeln N.) bereits ge
sprengt. Etwa 8 mal
vergr.
284 77. Familie. Nadelhölzer.
Wenn der „Mantel" zerreißt, läßt sich deutlich erkennen, daß jedes
häutige Blättchen in seiner Achsel ein winziges Gebilde trägt, aus dem sich
später je ein Nadelpaar entwickelt. Nun kommen aber (untersuche darauf jede
beliebige Pflanze!) aus den Achseln der Blätter nicht etwa andere Blätter,
sondern stets Zweige hervor, ein Zeichen, daß wir es in jenen Gebilden gleich-
falls mit Zweigen zu tun haben. Im Gegensatze zu dem ganzen „Maitriebe",
der sich stark in die Länge streckt, bleiben diese Zweiglein allerdings sehr
kurz. Es sind „Kurztriebe", während der größere Zweig, dem sie aufsitzen,
einen „Langtrieb" darstellt (s. S. 160, A). — Viel länger als das Zweig-
stück des Kurztriebes sind seine beiden Blätter, die nach ihrer Form als
C. Nadeln bezeichnet werden. 1. Jetzt, da der Langtrieb noch im Wachsen
begriffen ist, sind die Blätter außerordentlich zarte Gebilde. Ihnen kommen
daher außer den erwähnten Schutzmitteln des Langtriebes die häutigen silber-
weißen Blättchen sehr wohl zustatten, die am Grunde des Kurztriebes ent-
springen und gleichsam einen zweiten Mantel bilden. Wenn sich etwa Ende
Mai der Langtrieb stark zu strecken beginnt, durchbrechen die Nadeln ihre
Schutzhülle und treten ins Freie. Die silberweißen Blättchen lösen sich nunmehr
zu spinngewebartigen Fäden auf und gehen bis auf Beste, die am Grunde der
Nadeln zurückbleiben, bald verloren.
2. Stellt man durch ein Nadelpaar, so lange es noch von der Schutz-
scheide umhüllt ist, einen Querschnitt her, so sieht man, daß sich die Nadeln
in den Raum eines Kreises teilen müssen. Infolgedessen hat der Querschnitt
jeder Nadel — auch der ausgebildeten — die Form eines Halbkreises.
3. Die Blätter sind diejenigen Teile der Pflanzen, die das meiste Wasser
verdunsten. Da nun die Kiefer auf sehr trockenem Boden auszuhalten vermag,
so werden wir wie bei anderen Trockenlandpflanzen (Beispiel!) auch an
ihren Blättern Einrichtungen finden, die auf einen sparsamen Wasser-
verbrauch hinweisen :
a) Infolge der Nadelform hat das Blatt eine verhältnismäßig kleine
verdunstende Oberfläche (vgl. S. 78, a).
b) Die Außenwand der Oberhautzellen ist — wie man bei mikroskopischer
Betrachtung dünner Querschnitte sieht — stark verdickt. Infolgedessen ist sie für
Wasserdampf schwer durchdringbar und läßt die Nadel hart und trocken erscheinen.
c) Spaltöffnungen, durch die die Verdunstung des Wassers am
stärksten erfolgt, sind in sehr geringer Zahl vorhanden. Da sie zudem tief in
die Oberhaut eingesenkt sind, befindet sich über ihnen ein windstiller Raum, eine
Einrichtung, die wir bereits bei dem Heidekraut kennen gelernt haben.
4. Die Kiefer verliert alljährlich im September einen größeren, und im
Oktober und November einen kleineren Teil ihrer Blätter. Da die einzelne
Nadel aber 2—3 Jahre alt wird, so erscheint die Kiefer immergrün. Sie
unterscheidet sich in diesem Punkte also wesentlich von den Laubbäumen unserer
Heimat, die sich im Herbste ihrer gesamten Blätter entledigen müssen, um
nicht während des Winters zu vertrocknen und unter der Schnee-
Kiefer.
last zusammen zu brechen (s. S. 91, c). Wie wir soeben gesehen haben,
ist die Kiefernadel aber so vortrefflich gegen zu starke Wasserdampfabgabe
geschützt, daß die erstere Gefahr für den Baum ganz ausgeschlossen ist. Auch
der zweiten Gefahr ist die Kiefer in weit geringerem Grade ausgesetzt als ein
Laubbaum; denn zwischen den nadeiförmigen Blättern vermögen sich bei
weitem nicht so große Schneemassen anzuhäufen als in der dichten Blätter-
krone z. B. der Linde oder der Roßkastanie.
Selbstverständlich ist die Schneelast, die die Kiefer zu tragen hat, aber
viel größer als die, die auf einem unbelaubten Baume ruht. Daher sind auch
— wie hier nachzutragen ist — die Kiefernäste auffallend dick und sehr bieg-
sam. Trotzdem aber hat der Kiefernwald nicht selten unter beträchtlichem
„Schneebruch" zu leiden.
Im Herbst verlieren unsere Laubbäume durch den Blattfall eine große
Menge von Stoffen, die im Frühjahr wieder ersetzt werden müssen. Die Kiefer
dagegen behält ihre Blätter mehrere Jahre hindurch. Sie braucht daher dem
Boden auch nicht eine solche Menge von Nährstoffen zu entziehen
als ein Laubbaum mit derselben Blattmasse, eine Tatsache, die bei der Nahrungs-
armut des Bodens, auf dem die Kiefer zumeist wächst, wohl zu beachten ist.
— Auch insofern befindet sich die Kiefer den Laubbäumen gegenüber im Vor-
teil, als sie im Frühjahre sofort die Arbeit beginnnen kann,
während jene erst die Blätter, d. h. die Werkstätten bilden müssen, in denen
die Verarbeitung der rohen Nährstoffe erfolgt.
Die abgefallenen, harten und harzreichen Nadeln verwesen nur sehr langsam.
Infolgedessen hänfen sie sich nach und nach zu einer dicken Schicht an, aus der nur
wenige Pflanzen Nahrung zu entnehmen vermögen. Dieser Umstand erklärt uns neben
der geringen Belichtung die Pflanzenarmut des Kiefernwaldes hinreichend erklärt. Nach
erfolgter Verwesung liefern die Nadeln
jedoch dieselbe frachtbare Humuserde
wie die Laubblätter. In den modern-
den Nadelmassen finden Pilze, Fichten-
spargel und andere „Yerwesungspflan- ...';/
zen" gunstige Lebensbedingungen; da- .v."
her auch der auffallende Reichtum des ; . •'
Kiefernwaldes an diesen Gewächsen. . r ".'\ ;
D. Blüten. Bei der Kiefer "'-'•
sind Staubblätter und Samenanlagen
auf verschiedene Blüten verteilt;
sie ist also wie z. B. der Haselnuß-
strauch eine einhäusige Pflanze.
1. Die Staubblüten finden
sich in größerer Anzahl am Grunde
der jungen Triebe und sehen den
Kätzchen der Laubbäume ähnlich.
Wie die zweinadeligen Kurztriebe, (Fig. 1 etwa lOmal, Fig. 2 a. 3etwa 12 mal vergr.)
50-
Staubblüte der
Kiefer.
1 Die stäubende Blüte,
am Grunde drei Hüll-
blättchen. 2 Ein ge-
schlossenes u. 3 ein
entleertes St auhldat t
286
Familie. Nadelhölze]
deren Stelle sie einnehmen, entspringen sie ans der Achsel je eines häutigen
Blattes, das ihnen mitsamt 3 weiteren Blättchen in der Jugend als schützende
Hülle dient. An der Blütenachse stehen zahlreiche gelbe Staubblätter, die —
wie man bei Lupenvergrößerung sehen kann — auf der Unterseite je 2 große
Staubbeutelfächer tragen.
2. Die Samenblüten stehen als kleine, rötliche „Zapfen" an der Spitze
der jungen Triebe und sind anfänglich von zahlreichen braunen Schuppen, die
dem Stengel ansitzen, schützend umhüllt. Führen wir durch den Zapfen einen
Längsschnitt, so sehen wir, indem wir uns wieder der Lupe bedienen, wie an
einer Längsachse zahlreiche fleischige
Blätter entspringen, die wieder auf der
Unterseite je ein häutiges Blättchen tragen.
Auf der Oberseite sind die fleischigen
..Fruchtblätter oder Fruchtschuppen" mit
einem vorspringenden Kiele versehen,
neben dem am Grunde der Schuppen die
beiden Samenknospen oder Samenanlagen
zu linden sind. AVährend bei den bis-
her betrachteten Pflanzen die Samen-
knospen in einem Gehäuse (Fruchtkno-
ten) eingeschlossen sind, das aus einem
Fruchtblatte oder aus mehreren Frucht-
blättern gebildet ist, liegen hier die
winzigen Gebilde frei auf dem Frucht-
blatte („nacktsamige Pflanzen" oder
Gymnospermen im Gegensatz zu den
„bedecktsamigen Pflanzen" oder Angios-
permen). — Da der gereifte Frucht-
knoten die Frucht darstellt, so haben wir
es in den gereiften Samenanlagen also
nicht mit Früchten, sondern nur mit
Samen zu tun. Ebensowenig ist auch
der entwickelte Zapfen eine Frucht.
Weitere Einzelheiten über die
beiden Blütenarten lernen wir kennen, wenn wir
3. die Bestäubung verfolgen. Sie wird wie z. B. beim Haselnußstrauche
durch den Wind vermittelt und kann umso sicherer erfolgen, als die Kiefer
wie jene Pflanze zumeist in großen Beständen auftritt (s. S. 192, g).
I. Die Staubblüten sind wie die Blüten aller windblütigen Pflanzen
a) unscheinbare, duft- und honiglose Gebilde (s. S. 192, a).
b) Sie finden sich, wie wir gesehen haben, in größerer Anzahl am Grunde
der jungen Triebe. Sie stehen also an der Außenseite der Baumkrone,
dem Winde vortrefflich ausgesetzt.
Samenblüte der Kiefer.
1 Die ganze Blüte. An dem Stengel, der
sie trägt, unten einige junge Kurztriebe
(Nadelpaare) und darüber mehrere braune
Schuppen. • 2 Fruchtblatt von unten und
3 von oben gesehen. F. Fruchtblatt;
K. dessen Kiel; h.B. das häutige Blätt-
chen auf der Unterseite; S. Samenknospe.
(Fig. 1 etwa 4 mal, Fig. 2 u. 3 etwa 12 mal
vergr. i
28;
Blütenstaubkorn der
Kiefer mit den beiden
Luftblasen L.
(Etwa 200 niiil v,
c) Der Blütenstaub wird in sehr großen Mengen erzeugt (s. S. 193, h).
Der Wind, der durch die Zweige der blühenden Kicke streicht, entfährt ihn
in ansehnlichen Wolken, und nach einem Gewitterregen sind die Waldgewässer,
sowie die Pfützen, die sieh auf den Wegen gebildet haben, davon oft wie mit
einer gelben Schicht überzogen. „Es hat Schwefel geregnet", sagen dann die
Leute, die sich die Herkunft der gelben Massen nicht erklären können.
d) Schüttelt man einen blühenden Zweig und fängt den Blütenstaub durch
ein Blatt Papier auf, so sieht man, daß er ein trockenes Pulver dar-
stellt, das von dem Winde leicht verweht werden kann (s. S. 193, i).
e) Zudem trägt jedes Staubkorn jederseits eine luftgefüllte Blase, die
als Flugwerkzeug dient. Wie lauge der Blütenstaub durch diese luftballon-
artigen Gebilde schwebend erhalten wird, geht daraus
hervor, daß man ihn häufig in stehenden Gewässern
lindet, in deren Umkreise oft auf Meilen hin keine
Kiefer anzutreffen ist.
f) Bei Windstille wird der aus den Staubbeutel-
fächern hervorrieselnde Blütenstaub auf der Ober-
seite der darunter stehenden Staubblätter
abgelagert (s. S. 192, e).
g) Ist aller Blütenstaub verweht, dann vertrock-
nen die Staubblüten, fallen ab und lassen am Zweige
eine kahle (nadellose) Stelle zurück.
II. Die Samenblüten sind wie die Staubblüten
a) duft- und honiglos und trotz ihrer roten
Färbung ganz unauffällig.
b) Sie nehmen die Spitze der jungen Triebe
ein, sind also dem Winde vollkommen frei ausgesetzt.
c) Da die Samenblüten aufrecht stehen, und
d) die Fruchtschuppen sich zur Blütezeit
auseinander tun, vermag der trockene Blüten-
staub leicht zu den Samenanlagen hinabzurollen. Dies
erfolgt nun umso sicherer, als er von
e) den Kielen der Fruchtschuppen gleichsam
dem Orte seiner Bestimmung geleitet wird. Dort ge-
langt er zwischen
f) die Fortsätze, zu denen die Hülle der
Samenanlage ausgezogen ist. AVenn sich diese Furtsätze später einrollen,
kommt der Blütenstaub mit der Samenanlage selbst in innigste Berührung, so
daß eine Vereinigung beider erfolgen kann. Dieser als „Befruchtung" be-
zeichnete Vorgang erfolgt bei der Kiefer aber erst 13 Monate nach der Be-
stäubung.
E. Zapfen und Samen. 1. Die zarten Samenanlagen und Blütenstaub-
körnchen, sowie die sich ausbildenden Samen dürfen den Unbilden der Witterung
Staubblätter d. Kiefer,
senkrechl durchschnitt.
Aus den Staubbeutel-
fächern rieselt Blüten-
staub hervor, der auf
der Oberseite des dar-
unter stehenden Blattes
abgelageri wird,
i Etwa 15 mal vet
288
77. Familie. Nadelhölzer.
aber unmöglich ausgesetzt sein. Die fortwachsenden Fr u entschuppen
schließen sich daher nach erfolgter Bestäubung, und ihre Ränder verkleben
durch Harz.
2. Im 1. Jahre vergrößert sich der Zapfen nur wenig. Er senkt sich
aber langsam, bis seine Spitze schließlich nach unten gerichtet ist. Im
2. Jahre wächst er umso schneller. Die bisher grünen Fruchtschuppen
verholzen jetzt und nehmen eine braune Färbung an. Im März oder April
des 3. Jahres endlich trocknen die Schuppen so stark ein, daß sie ausein-
ander spreizen.
3. Da nun die Zapfen herabhängen, so fallen die ausgereiften Samen
sofort heraus. Die federleichten, mit einem flügeiförmigen Anhange aus-
gerüsteten Gebilde werden vom Winde ergriffen und wie die Teilfrucht des
Ahorns (s. S. 48) oft weithin verweht. Sind sämtliche Samen ausgesät, so
fallen auch die Zapfen herab. (Warum dürfen sie sich nicht vor
dem Ausfallen der Samen vom Baume lösen?)
4. Würden die Samen durch anhaftende Regentropfen
beschwert, so müßte ihre Verbreitung stark beeinträchtigt
werden: Daher öffnet sich der Zapfen auch nur bei trockenem
Wetter, und der bereits geöffnete schließt sich wieder, so-
bald er befeuchtet wird. Selbst schon entleerte, abgefallene
Zapfen haben diese Eigenschaft noch nicht verloren (Versuche!).
5. Die Samen keimen mit 5 oder 6 nadeiförmigen Keim-
blättern.
F. Bedeutung:. Da die Kiefer eine überaus „genügsame"
Pflanze ist, so vermag der Mensch mit ihrer Hilfe selbst
dem unfruchtbarsten Sandboden, auf dem keine andere
N u tzp fl anze mehr gedeiht, noch einenEr trag abzuringen.
Ohne sie wären die weiten Ebenen, die sie mit dich-
tem Walde bedeckt, zum größten Teile öde Wüsten-
eien, in denen oft kaum ein Mensch leben könnte. Sie liefert ein wich-
tiges Bau-, Werk- und Brennholz. Aus dem gesammelten Harze, das
durch Einschnitte in die Rinde zum vermehrten Ausfließen gebracht wird, ge-
winnt man durch Destillation das Terpentinöl, das besonders zum Auflösen
von Harzen (Lacken) verwendet wird. Der Rückstand bei diesem Verfahren
ist das Geigenharz oder Kolophonium. Siedet man das Harz in Kesseln
(trockene Destillation), so erhält man das Pech, das als „Faßpech" allgemein
bekannt ist. Sehr harzreiches Holz („Kienholz") gibt beim Verbrennen den
Kienruß, der zur Herstellung von Druckerschwärza, Stiefelwichse und dgl.
Verwendung findet. Die frisch vom Baum gepflückten Nadeln werden zu sog.
Wald wolle verwendet,die ein gutes Polstermaterial abgibt. Die abgefallenen
Nadeln dienen als Streu für das Vieh und dann als Dünger für den Acker.
Indem die Nadelschicht unter den Bäumen verwittert, wird der öde Sandboden
nach und nach an nährenden Bestandteilen reicher, so daß im Laufe langer Zeit-
Kiefer. Pichte,
2S0
räume schließlich ein fruchtbares Ackerland daraus hervorgeht. Mit der
Kiefer ist also das Wohl und Wehe zahlreicher Menschen aufs
innigste verknüpft. Daher sind die zahlreichen
(i. Feinde, die den wichtigen Baum oft in verheerender Weise heimsuchen,
auch Feinde des Menschen. Am geringsten ist noch der Schaden, der der Kiefer
von den größeren Waldtieren zugefügt wird. Es sei hier nur auf Hirsch,
lieh, Wildschwein, Eichhörnchen und andere Nager, sowie auf die Vögel ver-
wiesen, die sich von Waldsämereien nähren (nenne solche!). Weit gefährlicher
schmarotzen. Mit ihnen wetteifert ein Heer von Insekten? von denen wieder
Kiefernspinner, Nonne, Kiefernspanner und Maikäfer, sowie mehrere Rüssel-
käfer, Blattwespen und Borkenkäfer die verderblichsten sind. Treten diese
kleinen, aber gefährlichen Feinde in Massen auf, so fallen ihnen selbst ausge-
dehnte Wälder zum Opfer. Der Mensch ist gegen diese Zerstörer vielfach gänz-
lich machtlos. Desto mehr räumen unter ihnen aber, abgesehen von Krank-
heiten und Witterungseinttüssen, die insektenfressenden Vögel (nenne solche!)
und die wichtigen Schlupfwespen auf.
der beste —Waldschutz! (Näheres
über die erwähnten Tiere s. „Lehr-
buch der Zoologie".)
Andere Nadelhölzer.
1 . Gruppe. Fichtenartige
Nadelhölzer. Nächst der Kiefer hat
nnter allen Nadelbäumen die Fichte
( Picea excelsa) für uns die größte Bedeu-
tung (Beweis!). .Sie ist der „Christ-,
Weihnachts- oder Tannenbaum", der lich-
tergeschmückt das schönste unserer Feste
verherrlichen hilft. Besonders im Gebirge
bildet sie ausgedehnte Wälder. Mit den
oberflächlich verlaufenden Wurzeln um-
klammert sie gern die Felsblöcke. So
findet sie selbst in einer dünnen Erd-
schicht den nötigen Halt. Da ihr aber
eine Pfahlwurzel fehlt, wird sie besonders
in der Ebene leicht vom Sturm entwurzelt.
Bei freiem Stande reichen die untersten
Zweige bis zum Boden herab, so daß der
stolze Baum eine mächtige Pyramide bil-
det. Im (iegensatz zur Kiefer, mit der die
Fichte in den meisten Punkten völlig über-
einstimmt (Beweis !), sind ihre Zweige sämt-
lich „Langtriebe", die rings von Blättern
(Nadeln) umgeben sind. Da nun Blätter
- c ii raeil, r.clirlnirli der Botanik.
Ein Schutz dieser Tiere ist also
Ein Zweiglein der Fichte mit 4 jungen
Trieben: 1 ist noch vollständig von häutigen
Blättchen umhüllt ; bei 2 werden die Blatt-
eten als Kappen abgeworfen; bei 3 ist dies
bereits geschehen mal. Grl
19
290
77. Familie. Nadelhölzer.
nie aus den Achseln anderer Blätter entspringen, so fehlen den jungen Fichtentrieben auch
die häutigen Blättchen, aus deren Achseln die nadeltragenden Knrztriebe der Kiefer hervor-
gehen. Die Fichtentriebe bedürfen aber gleichfalls eines „Knospenschutzes. * Ein solcher ist
auch vorhanden : er wird von zahlreichen häutigen Blättchen gebildet, die sich am Grunde des
Triebes finden, ihn vollständig umhüllen und später in Form einer Kappe abgeworfen werden.
— Ein ausgesprochener Gebirgsbaum ist die Tanne (Abies pectinäta), die wegen ihres
edlen Wuchses und zum Unterschiede von der sehr ähnlichen Fichte allgemein Edel-
tanne genannt wird. Von der rotrindigen Fichte, der „Rottanne", unterscheidet sie
sich le'cht durch die glatte, weiße Rinde des säulenförmigen Stammes und die zwei-
Zwergkiefer im Hochgebirge.
zeilig gestellten Nadeln, die auf der Unterseite 2 weiße Streifen besitzen (daher auch
..Silber- oder Weißtanne" genannt). Diese Streifen sind mit Wachs ausgefüllte
Rinnen, in denen sich die Spaltöffnungen finden. Da Wachs nicht vom Wasser be-
netzt wird (Versuch!), können infolgedessen die Spaltöffnungen von anhaftenden Regen-
tropfen auch nicht verschlossen werden. Der notwendige Gasaustausch erfährt daher
selbst bei Befeuchtung der Nadeln keine Unterbrechung. Im weiteren Gegensatze
zur Fichte hat die Tanne aufrecht stehende Zapfen. Würden daher bei der Reife
wie bei unsern anderen „zapfenfrüchtigen" Nadelbäumen nur die Fruchtschnppen aus-
einander spreizen, so könnten die Samen aus ihren Verstecken nicht herausfallen. Dies
ist aber unbedingt nötig, da die geflügelten Gebilde ja durch den Wind verbreitet
werden. Die Fruchtschuppen lösen sich daher zur Zeit der Samenreife von der Zapfen-
achse ab.
In den Alpen und den höheren Mittelgebirgen Deutschlands findet sich dort, wo
kaum noch ein anderer Baum gedeiht, die Zwergkiefer (Pinus montäna). Sie bildet
meist niederliegende Büsche und wird daher auch Knieholz, Krummholz, Legföhre oder
(in den Alpen) Latsche genannt. Infolge dieser Gestalt wird sie von den riesigen
Tanne. Zwerg- u. Weymouthskiefer. Pinie. Lärche. Ceder. Wacholder.
291
Schneemassen, die sich während des langen Winters in ihrem Wohngebiete anhäufen, voll-
ständig zugedeckt, und da ihre Zweige außerordentlich biegsam sind, wird sie zugleich
ganz zu Boden gedrückt. Wie ein Rosenstamm, den wir im Herbste „umlegen", wird
sie auf diese Weise den austrocknenden Winterstürmen völlig entzogen (s. S. 42 u. 92).
In unsern Anlagen findet sich sehr häufig die Weymouthskiefer (P. strobus). Sie
stammt aus Nordamerika und ist an den 5 langen, zarten Nadeln leicht zu erkennen.
— ■Ein sehr charakteristischer Baum in dem Landschaftsbilde des Mittelmeergebiets ist
die Pinie (P. pinea). Sie trägt auf säulenförmigem Stamme eine breite, schirm-
förmige Krone.
Gleich der Tanne ist die Lärche (Larix europsea) ein Gebirgsbanm, der aber
nur in den Alpen größere Wälder bildet. Wegen des schlanken Wuchses und der zier-
lichen Benadelung wird er in Parkanlagen überall gern angepflanzt. Die Nadeln finden
sich an den Langtrieben einzeln und an den Kurztrieben in Büscheln. Da sie sehr zarte
und weiche Gebilde sind und infolgedessen viel mehr Wasser durch Verdunstung verlieren
als z. B. die harten Nadeln der Kiefer, so ist die Lärche genötigt, im Herbste ihre sämtlichen
Blätter abzuwerfen und den Winter unbeblättert wie unsere Laubbäume zu überdauern.
— Dieselbe Verteilung der Nadeln ist der Ceder des Libanon (Cedrus libani) eigen,
die nicht nur auf dem Libanon, sondern auch in Kleinasien und auf Cypern anzutreffen
ist. Dieser immergrüne, hoch-
berühmte Baum, der das ehr-
würdige Alter von 3000 Jah-
ren erreicht, lieferte der-
einst Salomo das Holz zum
Tempelbau. Die mächtigen
Wälder, die die Abhänge
des Libanon früher bedeck-
ten, hat menschliche Hab-
gier aber fast vernichtet.
2. Gruppe. Zy-
pressenartige Nadel-
hölzer. Der Wacholder
(Juniperus communis) ist ein
immergrüner Strauch oder
Baum, der selbst mit dem
unfruchtbarsten Boden für-
lieb nimmt. An freien Stel-
len bildet er meist niedrige
Büsche, deren Zweige sich
nicht selten dem Boden eng
anschmiegen. Als Unterholz
im Walde dagegen wächst er
zu schlanken Pyramiden em-
por, die oft mehrere Meter
hoch werden. Während er
nämlich im Walde unter
den austrocknenden Winden
kaum zu leiden hat. sich also
Wacholder mit jungen
Trieben. 1 Zweig mit
Staubblüten. 2 Zweig mit
Samenblüten (d.s. die klei-
nen Zapfen in den A
sein d. nadelartigen Blät
ter) und einigen reifen
d. h. vorjährigen Beeren
(Nat. Gr.)
2!»2
77. Familie. Nadelhölzei
unbeschadet hoch über den Boden erheben kann, ist er auf freien Stellen den Stürmen schutz-
los preisgegeben. Darum drückt er sich dort dem Boden möglichst eng an, so daß er dem
"Winde auch nur eine verhältnismäßig kleine Angriffsfläche darbietet. Staub- und Samen-
blüten finden sich auf verschiedenen Pflanzen. Die 3 obersten Fruchtblätter der Zapfen
verwachsen miteinander, werden fleischig und bilden bei der Samenreife je eine schwarz-
braune, blaubereifte Beere, die besonders von der Wacholderdrossel oder dem Kram-
metsvogel gern verzehrt wird. Da die Samen von einer steinharten Schale umgeben
sind, also durch die Verdauungssäfte nicht angegriffen werden, sind die Verzehrer der
Beeren zugleich die Verbreiter der Pflanze (s. S. 64, a). Die stark aromatisch riechenden
Beeren werden auch in der Heilkunde, sowie als Küchengewürz und Räuchermittel ver-
wendet. — Die immergrü-
nen Lebensbäume (Thuja)
pflanzen wir gern als ein
Bild der Hoffnung auf die
Ruhestätten der Toten. Ihre
prächtigen Pyramiden finden
sich aber auch ebenso häu-
fig in Anlagen. Der aus
Nordamerika stammende
abendländische L. (Th.
occidentälis) verzweigt sich
wiederholt in wagerechter
Ebene ; der in Ostasien hei-
mische morgenländische
^^ M ^^>. ~ mit 2 reifen Samen L. (Th. orientälis) dagegen
hat senkrecht gestellte Zwei-
^ ^ s853§|^&j§==^^" c in junge] Zweig ge. — Der Friedhofsbaum
/- mit einer Samen- des Mittelmeergebiets ist
die dunkle Zypresse (Cu-
pressus sempervirens). Sie
gleicht im Wüchse der ita-
lienischen Pappel und ist
ein Charakterbaum der süd-
lichen Landschaft. — Zypressenartige Pflanzen sind auch die berühmten Mainmut-
bäume Kaliforniens (Sequöia gigantea). Sie erreichen die gewaltige Höhe von mehr
als 100 m.
kfto§p
iL
Zweig der Eibe
mit 2 reifen Sa mm
(nat. Gr.) Daneben
ein junger Zweig
mit einer Samen-
blüte: S. dieSamen-
ihre Hülle; M. Anlage des Samenmantels
(etwa 20mal vergr.
<'
3. Gruppe. Eibenartige Nadelhölzer. Diese Gruppe ist bei uns allein
durch die Eibe (Taxus baccäta) vertreten, die früher in den "Wäldern unserer Heimat
sehr häufig war, jetzt aber meist nur noch in Gärten und Parkanlagen anzutreffen ist. Sie
ist ein immergrüner Strauch oder ein niedriger Baum, der im Gegensatz zu allen anderen
Nadelhölzern vollkommen harzlos ist. Dafür enthalten aber die zweizeilig gestellten,
breiten Nadeln ein scharfes Gift, das sie gegen die Angriffe der zahlreichen Pflanzen-
fresser schützt. Die Samenblüten, die sich von den Staubblüten getrennt auf anderen
Pflanzen finden, enthalten nur eine einzige Samenanlage. Während sie sich zum Samen
ausbildet, entwickelt sich von ihrem Grunde aus eine fleischige Hülle, ein sog. Samen-
mantel, der zur Zeit der Reife fleischig, saftig und von leuchtend scharlachroter Färbung
Lebensbäume. Zypres
Maiiiiiiiitliaiini. Eibe. Palmfi
293
ist. Er dient wie das Frachtfleisch der Wacholderbeeren als Anlockongsmittel für
frachtfressende Vögel, die die Pflanze weiter verbreiten.
Andere Familien der nacktsamigen Pflanzen sind in unsenr Eeimat
nicht vertreten. Erwähnt seien daher hier nur die Palmfarne (Cycas), die vorwiegend
in den Tropen heimisch sind und bei uns vielfach in Gewächshäusern gezogen werden.
Ihre prächtigen Fiederblätter sind die bekannten „ Palmenwedel" oder „Palnienzweige",
die wir als ein Zeichen der Trauer gern auf den Sarg der Verstorbenen legen.
al 111 In in (Cycas revolüta) aus Ostindien. (Etwa -/ioo aat. Gr.)
2. Hauptabteilung. Blütenlose- oder Sporenpflanzen
(Kryptögamae).
Pflanzen, die keine Blüten besitzen und deren Vermehrung (vorwiegend) durch Sporen
erfolgt.
I. Gruppe. Farnartige Pflanzen oder Gefäß-Sporenpflanzen
(Pteridöphyta).
Pflanzen, die in Stengel, Blätter und Wurzeln gegliedert sind und Gefäßbündel enthalten.
1. Klasse. Farne (Filicinae).
Stengel einfach oder verzweigt, mit abwechselnd stehenden, meist mehrfach gefiederten
Blättern. Sporenkapseln zumeist zu Häufchen vereinigt auf der Unterseite der Blätter
oder in besonderen Blattabschnitten eingeschlossen.
Der Wurmfarn (Aspidium filix mas). Taf. 35.
A. Vorkommen. Der Wurmfarn ist in schattigen Wäldern tiberall
häufig anzutreffen. Auch an den Ufern der Bäche, die dicht mit Buschwerk
bestanden sind, an schattigen Abhängen und ähnlichen Orten siedelt er sich
gern an. Wird der Wald oder das Gebüsch, das ihn beschattet, niedergeschlagen,
so daß er nunmehr den Sonnenstrahlen direkt ausgesetzt ist, dann macht schon
mit Beginn des Sommers das tiefe Grün der Blätter einem krankhaften Gelb
Platz, und oft schon nach wenigen Jahren ist von den zahlreichen Farnstöcken,
die vorher den Ort besiedelten, kaum noch einer mehr zu finden. Dem Wurm-
farn ist wie allen Schattengewächsen eine zu starke Beleuchtung eben genau
so nachteilig, wie den Sonnenpflanzen (Beispiel!) das Fehlen der direkten Sonnen-
strahlen. — Im Boden schräg eingesenkt findet sich der
B. Stamm (Wurzelstock), der meist aus der Erde etwas hervorragt und
daselbst einen Büschel prächtiger Blätter trägt (1). Sonst ist er dicht mit den
nicht abfallenden Stielresten abgestorbener Blätter, sowie mit vielen schwär; -
braunen Schuppen bedeckt. Hierzu kommen noch zahlreiche, faserige Wurzeln
die ihn wie mit einem Filze umgeben. Wie deutlich zu erkennen ist, stirbt der
Stamm am Hinterende allmählich ab, während er am Vorderende alljährlich ein
Stück weiter wächst, eine Tatsache, die schon aus der Anwesenheit der zahl-
reichen Blattstielreste zu erkennen ist. (Der von den Blattstielresten be-
freite Stamm liefert ein wichtiges Mittel gegen den Bandwurm. Name!)
Schmeil, Lehrbuch der Botanik.
Tafel 35.
Wurmfarn (Aspidium filix inas).
Tafel 35. Wurmfarn. 295
('. Mütter. 1. Die schöngeforinten Blätter bilden zusammen meist einen
regelmäßigen Trichter, so daß alle des belebenden Sonnenlichts teilhaftig
werden. Diese Anordnung der Blätter wird uns umso vorteilhafter erscheinen,
wenn wir bedenken, daß am Standorte dn Pflanze meist ein stark gedämpftes
Licht herrscht.
2. Da die Blattflächen sehr dünn und zart sind, können sie von dem
schwachen Lichte doch genügend durchleuchtet werden. Derber, fester oder be-
haarter Blätter, die nur wenig Wasser verdunsten, und die wir daher bei zahl-
reichen Trockenlandpflanzen antreffen (Beispiele!), bedarf der Wurmfarn nicht.
Im feuchten AValdboden findet er stets Ersatz für die Wasser mengen, die er
durch Verdunstung an die Luft abgibt. Auch kann er im Gegensatze zu dem
Efeu, der mit ihm den Waldgrund bewohnt, der derben Blätter wohl entbehren ;
denn er überdauert den Winter ja nicht im grünenden Zustande. Schon dem
ersten Froste fallen seine zarten Blätter zum Opfer.
3. Im weiteren Gegensatz zu den meisten Trockenlandpflanzen besitzt der
Wurmfarn große Blattf lachen, die ohne jede Gefahr für ihn beträchtliche
Wassermengen verdunsten können. Solche Blätter sind aber für die Pflanze
nicht nur „zulässig", sondern von größtem Vorteil; denn sie sind infolge ihrer
Größe trotz des schwachen Lichtes, das am Waldgrunde herrscht, imstande,
eine genügende Anzahl von Lichtstrahlen aufzufangen und sich dienstbar zu
machen.
4. Wenn auch der Wurmfarn (zumeist) im Schutze der Bäume wächst, sind
seine großen und zudem sehr zarten Blätter doch im hohen Grade der Gefahr aus-
gesetzt, vom Winde zerrissen zu werden. Dieser Gefahr ist nun dadurch begegnet,
daß die Blattflächen in zahlreiche Abschnitte geteilt sind, die dem
Anpralle des Windes leicht ausweichen, und zwischen denen viele Lücken und
Durchlässe vorhanden sind. Die Blätter sind gefiedert; jedes Fiederblatt (2.)
ist abermals bis nahe oder ganz auf die Mittelrippe in zahlreiche Abschnitte ge-
spalten, und jedes dieser „Fiederchen" (3.) am Rande wieder mehr oder weniger
tief eingeschnitten (beachte die vielfachen Verschiedenheiten, die hier im ein-
zelnen vorkommen!). Da der Blattstiel verhältnismäßig kurz ist, so verschmä-
lert sich die ganze Blattfläche stets nach unten; denn sonst würden sich die
Fiederblätter daselbst ja gegenseitig das Licht streitig machen.
5. An dem jungen Blatte ist äußerlich von der Teilung der Blatt-
fläche nichts zu sehen. Es ist gleich den einzelnen Fiederblättern schnecken-
förmig eingerollt und dicht mit braunen, schuppenförmigen Haar-
gebilden bedeckt (4.). So bietet der überaus zarte Pflanzenteil der aus-
trocknenden Luft nur eine kleine Oberfläche dar, und die Schuppen wirken wie
eine Decke, die wir über einen naßzuhaltenden Gegenstand breiten (vgl. mit
dem jungen Laube der Roßkastanie). Sind die jungen Blätter genötigt, den Erd-
boden oder die Laubschicht des Waldbodens zu durchbrechen, so kommt infolge
der spiraligen Einrollung auch nur der Stengel oder seine Fortsetzung, die feste,
dicht mit Schuppen bedeckte Mittelrippe, hierbei in Betracht, während die Behr
296 1. Klasse. Farne.
leicht zu verletzenden Fiederblätter bei dieser Arbeit ganz unbeteiligt bleiben
In demselben Maße, wie die Fiederblätter erstarken, rollt sich das Blatt auf,
und die braunen Schuppen gehen, weil nunmehr ohne Bedeutung, nach und nach
verloren. — Die Mittelrippe des Blattes zerteilt sich in immer feinere „Nerven",
in denen wir später sog. Gefäßbündel kennen lernen werden. Diese Gebilde
finden sich bei allen farnartigen Pflanzen, nicht aber auch bei den Moosen,
Algen und Pilzen. Daher nennt man diese Pflanzen zum Unterschiede von jenen,
den „Zellkryptogamen", auch „Gefäßkryptogamen".
D. Fruchthäufehen. 1. Bereits während sich die Blätter älterer Pflanzen
aufrollen, findet man an den meisten von ihnen auf der Unterseite hellgrüne,
nierenförmige Häutchen, die als Schleier bezeichnet werden. Sie treten je
nach der Breite der Fiederblätter und der Fiederchen in verschiedener Anzahl
auf, nehmen später eine bleigraue und schließlich eine rotbraune Färbung an (3).
2. Schon mit bloßem Auge erkennen wir, daß jeder Schleier eine große
Anzahl brauner Gebilde von der Größe eines Sandkorns bedeckt. Betrachten
wir einen feinen Schnitt durch das Blatt (5) bei schwacher mikroskopischer
Vergrößerung, so sehen wir weiter, daß wir es in den Gebilden mit Kapseln
zu tun haben, die mit je einem Stielchen einer feinen Blattrippe aufsitzen.
Untersuchen wir endlich einige dieser Kapseln bei stärkerer Vergrößerung
und fügen wir dem Wasser, in das wir sie zu diesem Zwecke gelegt haben,
einen Tropfen Glycerin zu, so sehen wir, wie sie plötzlich aufreißen, und wie
aus ihnen eine Menge kleiner Körperchen, sog. Sporen, hervortreten (6.).
Diese Erscheinung wird uns leicht verständlich, wenn wir uns durch einen ent-
sprechenden Versuch von der wasserentziehenden Eigenschaft des Glycerins
überzeugen (lege z. B. ein Stück einer Kartoffel oder eines Apfels in Glycerin und
beobachte, wie diese Körper stark schrumpfen!), und wenn wir
3. die „Sporenkapseln" (Sporangien) näher betrachten (Ü. und 7.).
Die Wand eines solchen Gebildes besteht aus einer Schicht platter Zellen, "über
die sich wie die „Raupe" am Feuerwehrhelm ein aus dunkleren Zellen gebil-
deter „Ring" erhebt. Diese Zellen haben sehr starke Innen- und Querwände, aber
sehr zarte Außenwände. Entzieht das Glycerin ihnen nun Wasser, so stülpt
sich die zarte Außenwand nach innen, der Ring wird infolgedessen so verkürzt,
daß die Kapsel aufreißt. Dieser Vorgang wiederholt sich während des Spät-
sommers auch im Freien, nur daß hier das Zerreißen durch das Austrocknen der
Kapselwand bewirkt wird.
4. Wie wir im weiteren Verlauf unserer Betrachtung noch sehen werden,
gehen aus den Sporen junge Pflanzen hervor. Daher bezeichnet man jede von
einem Schleier bedeckte Gruppe von Sporenkapseln (ungenau — wieso?) als
Fruchthänfehen.
5. Die Sporen sind also wie die Samen der Blütenpflanzen Vermehrungs-
körper und daher für das Farnkraut sehr wichtige Gebilde, eine Tatsache, die
uns eine Anzahl Erscheinungen und Einrichtungen leicht ver-
ständlich macht:
2!»7
3.
a) Die Sporen bilden ein staubfeines Pulver. Daher können
sie leicht durch den Wind verweht und über einen großen Bezirk ausgestreut
werden (Bedeutung!). (Lege ein Farnblatt z. Z. der Sporenreife auf ein Blatt
Papier und beobachte, welche Mengen von Sporen erzeugt werden!)
b) Eine solche Aussaat kann aber nur ein „trockener'* Wind besorgen
(wieso?), d. h. ein solcher, der zugleich das Öffnen der Sporenkapseln bewirkt,
oder anders ausgedrückt: das Aufspringen der Kapseln steht mit der
Weise der Sporen Verbreitung im innigsten Einklänge.
c) Die Sporen haben eine rauhe Oberfläche. Infolgedessen
werden sie wie die rauhen Samen höherer Pflanzen leicht an den Erdboden
gefesselt (s. S. 26, b).
d) Den unteren Fieder blatten en, die dem Winde weniger stark
ausgesetzt sind als die oberen, fehlen zumeist die Fruchthäufchen.
e) Die Blattoberseite wird allerdings vom Winde am meisten bestrichen.
Ihr fehlen aber die
Fruchthäufchen ; denn
die Sporenkapseln sind
außerordentlich zarte
Gebilde, die gegen Be-
feuchtung geschützt
werden müssen. Diesen
Schutz finden sie auf
der B 1 a 1 1 u n t e r-
seite und
f) durch den
Schleier (Name!),
der sie bis zur Zeit der
Sporenreife bedeckt.
Da die staubförmigen
Gebilde aber vom Win-
de verweht werden
sollen, schrumpft der
Schleier kurz vor der
Aussaat der Sporen
stark zusammen.
E. Vorkeim.
1. Säen wir eine An-
zahl Sporen auf durch-
feuchtete Walderde, die
in einen Blumentopf
gebracht worden ist,
und bedecken wir die-
sen mit einer Glas-
Der Vorkeim des Wurmfarns
und seine Entwicklung.
1. n. 2. Keimende Spore in zwei auf-
einander folgenden Entwicklongszn-
ständen.S. Spore]; K. Keimschlanch;
W. das erste Wurzelhaar (etwa
240 lnal verirr. |. 3. Der aasgebildete Vorkeim,
vnn der Unterseite gesehen. m.O. die^kuppel-
förmigen Gebilde oder die männlichen Organe;
w.O. die flaschenförmigen Gebilde oder die
weiblichen Organe (etwa lOraal verirr. \
298
1. Klasse. Farne.
glocke, so zeigt sich auf der Oberfläche der Erde meist schon nach einigen
Tagen ein grüner Anflug: die Sporen sind gekeimt, d. h. ihr Inhalt
ist in Form eines kurzen Schlauches hervorgetreten. Der „Keimschlauch"
wächst zunächst zu einem fadenförmigen und schließlich zu einem blatt-
artigen Körper aus, der lebhaft grün gefärbt ist, herzförmige Gestalt und
etwa Pfenniggröße hat. Dieser sog. Vorkeim (Prothallium) ist durch zahl-
reiche Haare, die am zugespitzten Ende entspringen, am Boden befestigt. (Am
bequemsten erhält man Farn -Vorkeime in Gewächshäusern, in denen Farne ge-
zogen werden. Sie linden sich dort häufig auf Blumentöpfen, an feuchten
Wänden und ähnlichen Stellen.)
2. Neben den „Wurzelhaaren" entstehen auf der Unterseite des Vorkeims
noch andere Organe, die schon mit der Lupe zu erkennen sind, deren feineren
Bau uns jedoch erst das Mi-
kroskop enthüllt. Zu diesem
Zwecke legen wir einen Vor-
keim (oder besser: sehr dünne
Querschnitte durch einen sol-
chen) in etwas Wasser auf
eine kleine Glasplatte (Ob-
jektträger). In der Nähe
des zugespitzten Endes er-
blicken wir dann kupp ei-
förmige Gebilde, die
im reifen Zustande zahl-
reiche kugelige Zellen ent-
halten. Benutzen wir zu
unserer Untersuchung einen
Vorkeim, der längere Zeit
nicht befeuchtet wurde, so sehen wir sehr bald, wie sich eines dieser Ge-
bilde am Scheitel öffnet, und wie die kugeligen Zellen daraus hervortreten.
Nach wenigen Sekunden verwandeln sich diese Kugeln in korkzieherförmige
Körper, die mit Hilfe schwingender Wimpern wie Aufguß- oder Geißeltier-
chen schnell durch das Wasser dahinschwimmen (s. „Lehrbuch der Zoologie").
Ehe wir das Schicksal dieser „Schwärmer" weiter verfolgen, müssen wir uns
3. den anderen Organen des Vorkeims zuwenden, die sich als flaschen-
förmige Gebilde in der Nähe des herzförmigen Einschnittes linden. Bei
der Reife fließt aus der Mündung ihres krummen Halses ein farbloser Schleim
hervor. Kommt ein Schwärmer einer noch geschlossenen „Flasche" zu nahe,
so schwimmt er „gleichgültig" weiter. Ist die „Flasche" aber geöffnet, so eilt
er der Öffnung schon von einer gewissen Entfernung aus zu, gerät in den
Schleim, bohrt sich langsam bis zum Grunde der „Flasche" hinab und verschmilzt
dort mit einer Zelle, die schon äußerlich von den benachbarten Zellen abweicht.
Derselbe Vorgang spielt sich selbstverständlich auch im Freien ab, wenn Tau- oder
Ein kuppeiförmiges Gebilde oder männliches
Organ, hei stärkerer, (etwa 350maliger) Verg. 1 Ge-
schlossen; 2 geöffnet; die Schwärmer kommen aus der
Öffnung hervor und nehmen korkzieherartige Form an.
Wurmfarn.
29H
Ein flaschenföriniges Gebilde oder weibliches Organ, bei stärkerer
(etwa 250 maliger) Vergr. 1 geschlossen ; 2 geöffnet ; E Eizelle.
Regentropfen der Unterseite des Vorkeimes anhaften. Aus der mit dem
Schwärmer vereinigten Zelle geht nun im Laufe der Zeit ein junges Farn-
kraut hervor, das anfänglich mit dem Vorkeim noch in Verbindung steht,
nach dem
1
Absterben
dieses Ge-
bildes aber
eine selb-
ständige
Pflanze dar-
stellt,
4. Die-
ser Vorgang
erinnert uns
lebhaft an
die Befruch-
tung und
Vermehrung der Samenpflanzen: der Schwärmer ist
einem Blütenstaubkorne, die im Grunde des flaschen-
f orangen Orerans liegende Zelle der Samenanlage,
das kuppeiförmige Gebilde dem Staubblatte und das
flaschenförmige dem Fruchtblatte (Stempel) ver-
gleichbar. Da nun aus der Zelle, die der Samen-
anlage entspricht, eine junge Pflanze hervorgeht
wie der Vogel aus dem Ei, so bezeichnet man sie
als Eizelle, und da die Ablage der Eier durch
die weiblichen Tiere erfolgt, so haben wir in dem
flaschenförmigen Gebilde das weibliche Organ
(oder das Archegonium) des. Farnes vor uns. Das
die Schwärmer liefernde kuppeiförmige Gebilde stellt
dementsprechend das männliche Organ (oder An -
theridium) dar. Während bei den Samenpflanzen
beiderlei Organe (Staubblätter und Fruchtblätter) in
Blüten eingeschlossen sind, fehlen den Sporenpflanzen
die Blüten. Man bezeichnet sie daher zum Unter-
schiede von den „Blütenpflanzen" als„blütenlose
Pflanzen".
5. Der Entwicklungsgang des Farnkrautes von
der keimenden Spore bis zur Vereinigung von Ei-
zelle und Schwärmer (Befruchtung) zeigt nun eine
Anzahl von Einzelheiten, die einer näheren Betrachtung wert sind:
a) Die Tatsache, daß aus der keimenden Spore keine junge Farn-
pflanze, sondern ein schlauchförmiger Körper hervorgeht, zeigt uns, daß wir in den
Vorkeim vom'jWurmfarn :
;ms der befruchteten Eizelle
i>t eine junge Farnpflanze
hervorgegangen i etwa l<> mal
vergr.).
300 1. Klasse. Farne.
Sporen nicht Samen vor uns haben, wie solche von den Blutenpflanzen erzengt
werden. Während nämlich jeder Same einen Keimling 1 , d. i. die Anlage zu einer
neuen Pflanze, enthält (s. S. 99,2) und daher aus zahlreichen Zellen entsteht, ist
die Spore ein einzelliges Gebilde, das demnach auch nicht einen mehr-
zelligen Keimling enthalten kann (Samen- und Sporenpflanzen). Auch der Um-
stand, daß die Sporen nicht in Blüten entstehen, oder anders ausgedrückt, nicht
aus Samenanlagen hervorgehen, zeigt, daß sie keine Samen sind.
b) Als einzelliger Körper enthält die Spore auch nur sehr wenig Baustoff
für den aus ihr hervorgehenden Keimschlauch. Dieses Gebilde ist daher von
Anfang an darauf angewiesen, sich die zum Leben und Wachstum nötigen
Stoffe selbst zu erwerben. Ein gleiches gilt natürlich auch für den Vorkeim,
zu dem sich der Keimschlauch entwickelt. Beide senden daher „Wurzel-
haare" in den Boden, um Nährstoffe daraus zu entnehmen, und sind reich
an Blattgrün, durch das die aufgenommenen Rohstoffe in Nahrungs- und Bau-
stoffe übergeführt werden. Hierzu ist aber (s. den letzten Abschn. d. Buches!)
unbedingt
c) das Sonnenlicht erforderlich. Die Keimung der Farnsporen und
die Bildung der Vorkeime findet daher niemals im Dunkeln statt
(wie zumeist die Keimung der Samen).
d) Keiinschlauch und Vorkeim sind außerdem überaus zarte Gebilde, die
sehr leicht durch Vertrocknen zugrunde gehen. Sie entwickeln sich daher
auch nur an feuchten Orten. (Daher müssen wir den Blumentopf mit den
ausgesäten Sporen in das Licht stellen und, um die Luft beständig feucht zu
erhalten, mit einer Glasglocke überdecken!) Diese Tatsache erklärt uns auch
das häufige Vorkommen der Farne an feuchten Orten, besonders im Grunde
feuchter Wälder, sowie ihr gänzliches Fehlen in W T üsten und Steppen. Die
Verbreitung der Farne wird auch noch durch
e) die Art und Weise bedingt, in der die Befruchtung stattfindet: Da
männliche und weibliche Organe voneinander getrennt sind, so muß eine Ver-
bindung zwischen ihnen stattfinden. Insekten und Wind, die bei den Samen-
pflanzen eine solche zwischen Staubblatt und Stempel schaffen, kommen hier
nicht in Betracht (wieso?). Dagegen ist das Wasser, das als Tau oder Begen
den Vorkeim netzt, wohl imstande, eine solche „Brücke" zu bilden. Da das
Wasser, das dem Vorkeim anhaftet, aber still steht, müssen die „männlichen
Zellen" die Eizelle aufsuchen, oder anders ausgedrückt, es müssen freibewegliche
Körper, also „Schwärmer" sein.
f) Die Schwärmer können sich wie die Aufguß- und Geißeltierchen aber
nur in einer Flüssigkeit bewegen. Daher scheidet das weibliche Organ bei der
Reife einen Schleim aus. So wird zwischen dem äußeren Wasser und der
Eizelle eine Verbindung hergestellt, wie ihrer der Schwärmer zu seiner Fort-
bewegung bedarf.
6. Überblicken wir den Entwicklungsgang des Wurmfarns (der mit dem
aller anderen Farne übereinstimmt), so finden wir, kurz gesagt, folgendes: Aus
Warmfarn. Tüpfeifa
301
den Sporen, die auf „ungeschlechtlichem Wege" wie eine Art Ableger am Farn-
blatte entstehen, geht ein Vorkeim hervor, der auf „geschlechtlichem Wege"
(durch Vereinigung von Eizelle und Schwärmer) wieder eine sporentragende
Farnpflanze erzeugt. Die Ent-
stehung des Vorkeims aus einem
anderen, oder einer sporen-
tragenden Farnpflanze aus einer
anderen findet nie statt. Das
Farnkraut tritt also in
zwei streng von einander
geschiedenen und unter
sich ganz unähnlichen For-
men oder Generationen auf:
einer ungeschlechtlichen Form,
der sporentragenden Farnpflan-
ze, und einer geschlechtlichen,
dem Vorkeime. Beide Formen
wechseln regelmäßig mit-
einander ab, ein Vorgang, der
darum als Generationswech-
sel bezeichnet wird (vgl. die-
selbe Erscheinung bei den Qual-
len; s. Lehrbuch d. Zoologie).
Andere Farne.
1. Neben dem Wurmfarn
zählt der Tüpfelfarn oder das
Engelsüß (Polypödium vulgäre)
zu unseren bekanntesten Farnkräu-
tern. Die zierliche, sehr veränder-
liche Pflanze wächst am Fuße
alter, mit Moos bewachsener Baum-
stämme, sowie an Felsen und ähn-
lichen Orten. Da sie weit kleinere
und derbere Blätter besitzt als z. B.
der Warmfarn, so gibt sie auch
viel weniger Wasser durch Ver-
dnnstung ab als dieser. Sie ge-
deiht daher selbst noch an sehr
trockenen Orten (z. B. in Kiefern-
wäldern), und ihre Blätter ver-
mögen sogar den Winter zu überdauern (s. S. 92). Der geringen Größe ent-
sprechend sind die Blätter nur einfach gefiedert (s. S. 295,4). Die runden Fracht-
hänfehen sind nicht von einem Schleier bedeckt („Tüpfelfarn"). Der im Boden oder anter
dein Moose kriechende Wurzelstock ist von süßem Geschmack. Er galt früher als wichtiges
302
1. Klasse. Farne.
iP*^
Heilmittel, das der
Sage nach die
Engel der leiden-
den Menschheit
auf die Erde ge-
bracht haben sol-
len („Engelsüß").
— Eine ausge-
prägte "Wald- und
Schattenpflanze
dagegen ist der
Streifenfarn
(Asplenium filix
femina). Er ist
dem "Wurmfarn
sehr ähnlich (da-
her auch „fal-
scher Wurm-
farn" genannt),
hat aber zartere
und kleinere Blät-
ter, sowie streifen-
förmige Frucht-
häufchen (Name !)
— Ein anderes
Glied der Gat-
tung „ Streifen-
farn", die zierliche
Mauerraute (A.
ruta muräria), da-
gegen gibt sich
als Trockenpflan-
ze leicht zu er-
kennen. Sie hat
kleine, meist 2 — 3-
fach fiederschnit-
tige Blätter von
fast lederartiger
Beschaffenheit und
nimmt mit der ge-
ringen Feuchtig-
keit fürlieb , die
ihr Mauerritzen
und Felsenspalten
bieten. — Gegen
das niedliche Pflänzchen erscheint der Adlerfarn (Pteridium aquilinum) wie ein Riese.
Er überzieht den Boden lichter Wälder, Berglehnen und ähnliche Orte oft auf weite
Strecken hin mit seinen Blättern, die nicht selten eine Länge von mehreren Metern
Baumfarne (Alsdphila) im tropischen Australien.
Streifenfarn. Mauerraute. A.dlerfarn.
303
Fiederchen vom Blatte
des Adlerfarn mit
Sporenkapseln i mit. Gr.).
erreichen. Der weit im Boden dahinkriechende , verzweigte Wurzelstock trägt an
jedem Zweige alljährlich nur ein dreiteiliges Blatt, das seiner Größe entsprechend wie
das des Wurmfarns vielfach gespulten ist. Führt man durch den unteren, schwarzen Teil
des Blattstiels einen schrägen Querschnitt, so gibt sich die
Anordnung der Gefäßbündel in Form eines Doppeladlers zu
erkennen (Name!). Die Sporenkapseln stehen in einer Linie,
die dem Rande der Fiederblättchen parallel läuft. Sie sind
außer von einem zarten (inneren) Schleier noch von dem um-
geschlagenen Blattrande bedeckt.
2. Da, wie wir gesehen haben, das Vorhandensein der
Farne an die Anwesenheit von Feuchtigkeit gebunden ist, so
erscheint es uns erklärlich, daß die feuchten Urwälder der
Tropen weit reicher an den schönen Pflanzengestalten sind
als die heimischen Wälder. Gleich dem Adlerfarn bedecken
sie dort den Boden oft wie mit einem grünen Teppich oder
siedeln sich mit den Orchideen als Überpflanzen auf
Stämmen und Zweigen an. Bei zahlreichen Formen erhebt
sich der Stengel, der bei den heimischen Arten unterirdisch
bleibt, als säulenartiger Stamm hoch über den Boden. Da diese Baumfarne eine
Krone großer, feinzerteilter Blätter tragen, so ähneln sie den Palmen, mit denen
sie zu den stolzesten Pflanzengeschlechtern zählen.
3. Viel reicher als in der Gegenwart war die Erde an Farnpflanzen in der Zeit,
als sich die Steinkohle bildete. Wie in den Tropen, herrschte damals auch in
unserer Heimat ein feuchtheißes Klima, und mächtige Wälder von baumartigen
Farnen , riesigen Schachtelhalmen und Bärlappen bedeckten den sumpfigen Boden.
Die umsinken-
den Stämme
wurden von
den Flüssen
zusammen ge-
schwemmt,
vom Meere
überflutet und
mit Schlamm
und Sand be-
deckt. Die
von der Luft
somit abge-
schlossenen
Pflanzenreste
verkohlten im
Laufe der-
â– Tahrmillionen
allmählich wie
das Holz im
Kohlenmeiler:
d. h. sie zer-
'^ß^'-fM( z j0k.
Sehwimmblatt (nat. Gr.) Daneben :
die am (! runde der Wasserblätter
sieb findenden kugelförmigen Gebilde
(schwach vergrößert.) Das eine mit wenigen Großsporen-, das ander
mit zahlreichen Kleinsporenkapseln.
304 Taf. 36. 2. Klasse. Schachtelhalme.
setzten sich derart, daß fast nur der Kohlenstoff übrig blieb, der heute als „Steinkohle"
zutage gefördert wird.
4. Von den bisher betrachteten Landfarnen ist die Gruppe der Wasser farne
scharf unterschieden. Sie wird von wenigen kleinen Gewächsen gebildet, die das Wasser
oder den Sumpf bewohnen und zweierlei Sporen bilden. Wahrend die aus den „Klein-
sporen" hervorgehenden Vorkeime nur männliche Organe (Antheridien) tragen,
entstehen aus den „Großsporen" Vorkeime mit weiblichen Organen (Archegonien). Die
verbreitetste Form dieser eigentümlichen Pflänzchen ist das Schwimmblatt (Salvinia
nätans), das sich in stehenden und langsam fließenden Gewässern findet. Da es unter
fast genau denselben Verhältnissen lebt wie der Wasserhahnenfuß (s. das.), so bildet es
wie dieser neben (eiförmigen) Schwimmblättern Wasserblätter, die in fadenförmige, be-
haarte Zipfel gespalten sind und die Stelle der fehlenden Wurzeln vertreten. Am Grunde
der Wasserblätter bilden die vollkommen geschlossenen Schleier kugelförmige Gebilde,
die entweder wenige Großsporen- oder zahlreiche Kleinsporenkapseln enthalten.
2. Klasse. Schachtelhalme (Equisetinae).
Stengel einfach oder quirlig verzweigt, mit quirlig gestellten, schuppenartigen Blättern,
die zu Scheiden verwachsen sind. Sporenkapseln auf der Unterseite schildförmiger
Blätter, die am Ende des Stengels ährenartig gehäuft sind.
Der Ackerschachtelhalin (Equisetum arvense). Taf. 36.
A. Frülijahrstriebe. Auf Ackern (Name!), Grasplätzen und an ähnlichen
Orten brechen im März und April zarte, blaß-rotbraune Gebilde, die mit einer
ährenartigen Bildung abschließen (1), aus dem Boden hervor. Es sind die
Frülijahrstriebe des Ackerschachtelhalms.
1. Der Stengel ist unverzweigt, 'längsgefurcht und aus mehreren
Gliedern zusammengesetzt, die nach oben länger und dünner werden. Auf dem
Querschnitt zeigt er einen großen, mittleren Hohlraum, der sehr regelmäßig
von kleinen Kanälen umgeben ist (vgl. mit Roggen!). An den massiven Stengel-
knoten entspringen
2. die Blätter. Sie sind auffallend klein, quirlförmig angeordnet
und bis auf die schwarzen Spitzen miteinander zu je einer Scheide verwachsen,
die den Stengel rings umgibt. Diese winzigen und zudem nur teilweise schwach
grünen Gebilde scheinen für die Pflanze gänzlich bedeutungslos zu sein. Bei
näherem Zusehen aber wird man bald eines besseren belehrt:
a) Wie leicht festzustellen ist, durchbrechen die wachsenden Stengel den
Boden mit ihrer Spitze (lb). Dabei müßte aber die endständige, zarte „Ähre"
unbedingt verletzt, wenn nicht gar zerstört werden. Wie die gleichfalls noch
sehr zarten Stengelglieder ist nun die Ähre bei dieser Arbeit von den wider-
standsfähigen Blättern vollständig umhüllt (vgl. z. B. mit der Tulpe!).
b) An den unteren Enden bleiben die Stengelglieder lange Zeit wachs-
tumsfähig und daher zart und weich. An diesen leicht verletzlichen und aus-
trocknenden Stellen sind nun die Stengel von den Blättern wie von
Schmeil. Lehrbuch der Botanik.
Tafel 36.
Ackerschachtelhalm (Equisetum arvense).
Schwimmblatt. Lckerschachtelhalm. 305
schützen den Scheiden umgeben. Wir treffen hier also fast dieselben
Verhältnisse wie beim Roggen an (s. S. 254), mit dem der Schachtelhalm auch
das schnelle Wachstum der Stengel gemein hat. Übt man auf einen wachsenden
Stengel einen starken Zug aus, so muß er an diesen zarten Stellen selbst-
verständlich am leichtesten zerreißen. Dabei- kann man die einzelnen Stengel-
glieder leicht aus ihren Scheiden herausziehen, ein Umstand, dem die Pflanze
den bezeichnenden Namen „Schachtelhalm" verdankt. (Untersuche daraufhin be-
sonders die Sommertriebe und beobachte , wie sich die oberen Stengelglieder
anders verhalten als die unteren, schon erstarkten!)
3. Die Sporenähre. Über dem obersten Blattquirle, der die Form eines
gelappten Ringes besitzt, erhebt sich eine kegelförmige Ähre, aus der bei der
Reife ein blaugrüner Staub hervorkommt. In ihm haben wir die Sporen der
Pflanze vor uns (s. Wurmfarn). Wir sind daher wohl berechtigt, die Ähre
als „Sporenähre" und die Frühjahrstriebe als sporentragende oder „fruchtbare"
Triebe zu bezeichnen. Die Sporenähre besteht aus der Fortsetzung des Stengels,
der Achse, und
a) zahlreichen „Sporenblättern", die wie die Stengelblätter in Quirlen
angeordnet sind. Jedes Blatt hat die Form eines gestielten Schildchens (4),
d. h. es bestellt aus einem Stiele, der rechtwinklig von der Achse absteht, und
einer Platte, die dem Stiele in ihrer Mitte aufsitzt. Wie man an der Anlage
der Ähre erkennen kann, stellen diese Blätter ursprünglich Höcker der Achse
dar, die sich an dem freien Ende nach und nach scheibenförmig verbreitern.
Da nun diese Scheiben zusammenstoßen und weiterwachsen, so müssen sie sich
gegenseitig abplatten: sie nehmen die Form meist sehr regelmäßiger Sechsecke
an, wie wir sie an den ausgebildeten Blättern erkennen.
b) An der Innenseite tragen die Platten je meist sechs häutige Säckchen, in
denen sich die Sporen bilden. Wir haben in ihnen also die Sporenkapseln
vor uns (vgl. mit Wurmfarn).
c) Wie uns ein Blick durch das Mikroskop zeigt, besitzt jede Spore
zwei sich kreuzende Bänder, die in ihrer Mitte mit der Sporenhaut verwachsen
sind und sich am Ende spateiförmig erweitern (5 a). Klopfen wir die reife
Sporenähre über einem Blatt Papier oder dgl. aus, und hauchen wir die er-
haltene Sporenmasse in kurzen Zwischenpausen leicht an, so kommt eine eigen-
tümliche Bewegung in sie: nach dem Anhauchen nimmt sie das Aussehen feinster
Watte an, um kurze Zeit darauf wieder vollständig in Staub zu zerfallen. Hauchen
wir die Sporen an, während wir sie unter dem Mikroskop betrachten, so sehen
wir, daß die (hygroskopischen) Bänder es sind, die diese Bewegung verursachen :
sie nehmen etwas von dein Wasserdampf auf, der in der Atemluft enthalten
ist, und rollen sich infolgedessen schnell eng um die Sporen (5b); ist die geringe
Wassermenge wieder verdunstet, so strecken sie sich auch wieder aus (5a).
Welche Bedeutung hat nun diese eigentümliche Einrichtung? Die staub-
förmigen Sporen werden wie z. B. die des Wurmfarns durch den Wind ver-
breitet. Zur Zeit der Sporenreife schrumpfen daher die Sporenblätter stark
Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 20
306
2. Klasse. Schachtelhalme.
zusammen (le und 3), so daß der Wind zwischen ihnen hindurch streichen kaun.
Zugleich öffnen sich die Sporenkapseln nach innen (4 b). Infolge des Wasser-
verlustes der Sporenblätter trocknen aber auch die Bänder der Sporen aus, so daß
sie sich ausstrecken. Die Sporen nehmen infolgedessen jetzt weit mehr Platz ein
als vordem und drängen sich gleichsam gegenseitig aus der Öffnung
.. ,££v der Sporenkapsel heraus, so daß
sie nunmehr vom Winde erfaßt und
verweht werden können. (Beobachte
an abgeschnittenen Stengeln im Zim-
mer, wie die Sporen aus den Öffnungen
der Kapseln gleichsam hervorquellen !)
Eine erfolgreiche Verbreitung
der Sporen ist aber nur bei trockener
Luft möglich (wieso?). Dann aber
strecken sie ihre Bänder aus. Sie
bieten dem Winde dann also
eine große Angriffsfläche dar,
so daß sie leicht verbreitet werden
können.
Haben die Sporen einen gün-
stigen Platz gefunden, so beginnen
sie wie die des Wurmfarns zu keimen
und je einen Vor keim zu ent-
wickeln. Dieses Gebilde hat beim
Schachtelhalm etwa die Form eines
kleinen Lebermooses, trägt aber ent-
weder nur männliche (Antheridien)
oder weibliche Organe (Archegonien).
Eine Befruchtung der Eizelle durch
einen Schwärmer kann also nur dann
eintreten, wenn sich mehrere (männ-
liche und weibliche) Vorkeime neben-
einander entwickeln. Dies ist nun
dadurch leicht möglich, daß mehrere
Sporen, durch ihreBänder inein-
ander gehakt, zusammen durch
den Wind verweht werden und an derselben Stelle keimen. — Im übrigen er-
folgt die Befruchtung, sowie die Bildung der jungen Pflanze aus der befruchteten
Eizelle in derselben Weise wie bei den Farnen. (Führe dies näher aus! Be-
weise, daß auch beim Schachtelhalm ein Generationswechsel vorhanden ist!)
4. Lebensdauer und Erscheinungszeit, a) Die Frühjahrs-
triebe sind, wie wir gesehen haben, blasse Gebilde, die nur ganz geringe
Mengen von Blattgrün besitzen. Sie sind daher gleich allen anderen Pflanzen
Vorkeim vom Ackerschachtelhalm
(etwa 60 mal vergr.). 1. weiblicher Vorkeim ;
am Grunde mit (w. 0.) 3 weiblichen Organen
i Archegonien). Das mittlere ist befruchtet und
beginnt, sich zu einer neuen Pflanze zu ent-
wickeln. 2. männlicher Vorkeim ; an der
Spitze mit (m. 0.) 3 männlichen Organen
(Atheridien) ; das linke hat sich geöffnet, so
daß die Schwärmer entweichen. 3. ein
Schwärmer (stark vergr.).
Ackerschachtelhalm. 307
und Pflanzenteilen, denen das Blattgrün fehlt, auch nicht im stände, die zur
Ernährung und zum Wachstum nötigen Stoffe zu bereiten. Sie sterben
daher ab, sobald sie ihre Aufgabe erfüllt, d. h. die Sporen aus-
gestreut haben. (Beweise, daß sie im anderen Falle für die Pflanze nur
unnütze „Esser" darstellen würden!)
b) Die Verbreitung der Sporen durch den Wind läßt uns auch das Er-
scheinen der fruchtbaren Triebe im zeitigen Frühjahre als nicht
unwichtig erkennen. Jetzt sind nämlich die Äcker noch kahl oder die ange-
bauten Pflanzen (Getreide, Klee, Raps u. dgl.) noch niedrig. Später im Jahre
dagegen würden die .Ackerpflanzen die Sporenähren, die ja nur auf verhältnis-
mäßig kurzen Stengeln stehen, zum größten Teil überragen, also dem Einflüsse
des Windes entziehen. Andererseits ist es den fruchtbaren Trieben auch möglich,
so zeitig im Jahre zu erscheinen ; denn sie besitzen in dem
B. 1. unterirdischen Stumme (Wurzelstocke) eine Vorratskammer,
in der sie die zum Aufbau notwendigen Stoffe fertig vorfinden. Als besondere
Behälter für die aufgespeicherte Nahrung finden sich an dem Stamme viel-
fach noch kleine Knollen (1 a), die wie die Kartoffelknollen kurze, stark
angeschwollene Stengelstücke darstellen. (Beweise, daß die Vorratsstoffe vor-
wiegend aus Stärke bestehen! s. S. 138, d.)
2. Der Stamm ist im wesentlichen wie der oberirdische Stengel gebaut
(Beweis!). Er ist federkieldick, schwarzbraun, vielfach verzweigt, kriecht weit
im Boden umher und treibt aus den Knoten zahlreiche faserige Wurzeln. Die
miteinander verwachsenen Blätter sind aber noch kleiner als die an dem
Stengel des fruchtbaren Triebes. Sie haben ja auch keine Sporenähre, sondern
nur die dünnen, fortwachsenden Spitzen des verzweigten Stammes gegen Ver-
letzung zu schützen. Haben sie diese Aufgabe erfüllt, so sterben sie, weil
nunmehr ohne Bedeutung, bald ab.
Da der Stamm meist so tief im Boden liegt, daß ihn der Pflug nicht
erreicht, da er ferner nach allen Richtungen Zweige aussendet, so daß sich die
Pflanze schnell über einen großen Bezirk ausbreitet, und da er endlich zahlreiche
oberirdische Triebe bildet, die den Feldpflanzen Nahrung, Raum und Licht weg-
nehmen: so ist der Ackerschachtelhalm eins der lästigsten Unkräuter.
C. Sommertriebe. 1. Nachdem der Schachtelhalm die fruchtbaren Triebe
gebildet hat, sind die im unterirdischen Stamme aufgespeicherten Vorräte fast
erschöpft. Der „Speicher" muß daher von neuem gefüllt werden: d. h. die
Pflanze muß Triebe bilden, die reich an Blattgrün sind, also unter Mitwirkung
des Sonnenlichts neue Vorratsstoffe zu bilden vermögen. Diese tannenbaumälin-
lichen, lebhaft grünen Triebe kommen erst im Mai oder Juni zum Vor-
schein und dauern den ganzen Sommer über aus. (2.)
2. Im wesentlichen sind diese „Sommertriebe" mit den „Frühjahrstrieben"
übereinstimmend gebaut. Sie besitzen aber niemals eine Sporenähre
(„unfruchtbare Triebe") und tragen an den Stengelknoten Quirle von Asten.
Diese Gebilde durchbrechen den Grund der verwachsenen Blätter, sind deutlich
308 2. Kl. Schachtelhalme. 3. Kl. Bärlapp-Gewächse. 2. Gr. Moose. 1. Kl. Laubmoose.
gegliedert, tief gefurcht, meist vierkantig und oft nochmals verzweigt. Da die
Blätter wie am unterirdischen Stamme nur das wachsende Stengelende zu
überdecken haben, so sind hier die von ihnen gebildeten Scheiden auch meist
kleiner als an den fruchtbaren Trieben.
3. Glüht man einen Stengel oder Zweig auf einem Platinbleche, so bleibt
Kolben-Bärlapp (etwaj ! /'■/ nat.'Gr.) Daneben 2 Sporenblatter: a mit geschlossener,
b mit geöffneter Sporenkapsel (etwa 5 mal vergr.)
ein zartes „Skelett" von Kieselsäure zurück, die der Oberhaut in großen
Mengen eingelagert ist. Infolgedessen erscheinen die Sommertriebe hart und
fest, so daß sie wie die kieselhaltigen Stengel und Blätter zahlreicher Gräser
und Riedgräser (s. das.) vortrefflich gegen Tierfraß geschützt sind. Des Kiesel-
gehaltes wegen wird die Pflanze auch hier und da zum Scheuern kupferner
und zinnerner Gefäße benutzt („Scheuerkraut").
Wald-, Sumpf-, Schlammschachtelhalm. Kolben-Bärlapp. Schuppen- u. Siegelbäume. 309
Andere Schachtelhalme.
Die wenig Schachtelhalmarten, die wir jetzt noch auf der Erde antreffen, sind
die zwerghaften Reste eines untergegangenen Riesengeschlechtes, das wesentlich zur
Bildung der Steinkohle beitrug (s. S. 303). Gleich dem Ackerschachtelhalme bildet der
Wald-Sch. (lv silväticum), der wie die meisten Waldpflanzen von zartem Bau ist (Be-
deutung?), fruchtbare und unfruchtbare Triebe; erstere ergrünen aber nach der Sporen-
aussaat und treiben grüne Seitenzweige. — Bei anderen Arten dagegen steht die Sporen-
ähre an der Spitze der grünen Stengel. Dies ist z. B. beim Sumpf-Sch. (E. palüstre),
der auf sumpfigen und torfigen Wiesen ein lästiges Unkraut bildet, und beim Schlamm-
Seil. (E. limösum) der Fall, der an denselben Orten, sowie in Sümpfen, Gräben und
Teichen seine oft mehr als meterhohen, wenig- oder unverzweigten Stengel treibt.
3. Klasse. Bärlapp-Gewächse (Lycopödinae).
Ein besonders in Nadelwäldern häufiger Vertreter dieser Gruppe blütenloser
Pflanzen ist der Kolben-Bärlapp oder das Schlangenmoos (Lycopodium clavätum),
ein immergrünes , moosartiges Pfiänzchen , das mit gabelig verzweigtem Stengel weit
über den Boden dahinkriecht (Schlangenmoos). Die Sporenblätter, die wie bei den
Schachtelhalmen zu kolbenartigen Ähren gehäuft sind, tragen an ihrem Grunde je eine
große, nierenförmige Sporenkapsel, die sich bei der Reife durch einen Querspalt öffnet.
Da sich die Sporenähren auf langen Stielen über den Boden erheben, vermag der Wind
die Sporen leicht auszuschütteln und zu verwehen. Die winzigen Körper, die die Sporen-
kapseln als gelbe Wolke verlassen, sind das sog. Hexenmehl, das besonders zum Trocknen
wunder Körperstellen dient. — Wie bereits S. 303 erwähnt, haben zahlreiche baumartige
Bärlappe die Steinkohlenlager mit bilden helfen. Die riesigen, bis 40 m hohen Stämme
waren mit siegelartigen Blattnarben bedeckt, die bei den Sehuppeiibäumen (Lepido-
dendron) in Schraubenlinien, bei den Siegelbäumen (Sigillaria) in Längsreihen an-
geordnet waren.
2. Gruppe. Moose (Bryöphyta).
Pflanzen, die in Stengel und Blätter gegliedert sind oder ein laubartiges Gebilde dar-
stellen (s. Lebermoose), denen echte Wurzeln fehlen und die niemals Gefäßbündel
enthalten.
1. Klasse. Laubmoose (Musci).
Pflanzen, die stets deutlich in Stengel und Blätter gegliedert sind. Die Blätter sind in
der Regel in einer Schraubenlinie angeordnet, und die Sporenkapsel ist meist mit einer
Haube bedeckt.
Das goldene Frauenhaar oder der Widerton (Polytrichum commune).
A. Das Vorkommen. Das zierliche Moos überzieht besonders in feuchten
Wühlern, sowie auf Moorboden und an anderen wasserreichen Stellen oft weite
Flächen. Während es hier hohe, schwellende Polster bildet, tritt es uns an
trockenen Stelleu nur in Form niedriger Rasen entgegen. Einen prächtigen
310
1. Klasse. Laubmoose.
Schmuck erhalten diese grünen Moosteppiche, wenn sich über ihnen auf
schwankenden Stielen die Sporenkapseln (s. S. 314) erheben. Dann werden
uns auch
B. die Namen verständlich, die das zierliche Pflänzchen trägt. Nach
den goldgelben, filzigen Hauben, von denen die Kapseln bis zur Reife überdeckt
werden, nennt man es „goldenes Frauenhaar,
Haarmoos oder Filzmütze". Früher schrieb
man dem harmlosen Gewächs geheime Kräfte
zu: es galt als sicheres Mittel „wider das
Antun" durch böse Geister und Hexen, so
daß es heutzutage noch hier und da als
„Widerton" bezeichnet wird.
C. Die Moospflanze. 1. Der feste,
elastische Stengel erreicht auf feuchtem
Untergrunde eine Höhe von 30 cm. Er
stirbt wie die unterirdischen Stämme des
Windröschens, der Maiblume und anderer
Pflanzen vom unteren Ende her allmählich
ab, während er oben beständig weiter wächst.
Daher ist er meist auch nur am oberen Teile
mit grünen, lebenstätigen Blättern besetzt,
während sein unterer Abschnitt kahl ist
oder braune, d. i. abgestorbene Blätter trägt.
Das untere Stengelende ist
2. mit einem braunen Filze bedeckt,
verzweigten Zellreihen zusammengesetzt ist.
Diese Gebilde befestigen das Pflänzchen im
Boden und nehmen Wasser mit den darin ge-
lösten Nährstoffen auf. Sie vertreten also
die Stelle der Wurzeln, wie sie die höheren
Pflanzen besitzen. Darum werden sie treffend
auch als Wurzelhaare bezeichnet. (Wie
dem Frauenhaar fehlen auch allen anderen
Moosen echte Wurzeln.) In dem Grade, in
dem der Stengel von unten her abstirbt, ent-
stehen an ihm immer weiter nach oben neue
Wurzelhaare.
3. Die Blätter sind in einer Schrau-
benlinie am Stengel angeordnet. Sie haben
die Form eines langgestreckten, gleichschenk-
ligen Dreiecks, sind scharf zugespitzt und
am Rande fein gesägt (Lupe !). Am Grunde
Goldenes Frauenhaar (nat. Gr.).
1. Pflanze mit „Moosblüte" ; 2. Pflanze
mit endständiger und durchwachsener
„Moosblüte 1 ' ; 3. Pflanze mit Sporen-
kapsel.
Goldenes Frauenhaar.
311
Blätter des
goldenen
Frauenhaares.
1 ausgebreitet;
2 zusammengelegt
(etwa 200 mal
vergr.).
verbreitern sie sich
zu einem häutigen
Abschnitte, mit dem
sie dem Stengel eng
anliegen. (Am be-
sten zu sehen, wenn
man einen Stengel
zerreißt, mit dem
oberen Eude nach
unten kehrt und
nunmehr die Blät-
ter mit Hilfe einer
Pinzette abhebt.)
a) Legen wir
ein Blatt unter das
Mikroskop, so erkennen wir leicht, daß es nur aus Zellen zusammengesetzt ist. Es
entbehrt also der Gefäße (s. letzten Abschn. d. Buches), wie wir sie bei den höheren
Pflanzen antreffen. In gleich einfacherWeise sind auch alle übrigen Teile des Frauen-
haares gebaut, desgleichen alle anderen Moose, sowie die Algen und Pilze. Daher
werden diese 3 großen Gruppen der blütenlosen Gewächse den Farnen oder
Gefäßkryptogamen als „Zellkryptogamen" gegenüber gestellt (s. S. 296).
An einem Querschnitte des Blattes erkennen wir allerdings, daß eine Art „Mit-
telrippe" vorhanden ist. Sie besteht jedoch im Gegensatz zu dem entsprechenden
Gebilde höherer Pflanzen gleichfalls nur aus Zellen. Da sie dem Blatte aber Halt
und Stütze verleihen soll, sind die Wände ihrer Zellen auch stark verdickt.
b) An diesem Querschnitte erkennen wir ferner, daß sich im mittleren
Abschnitte der Blattoberfläche Längsleisten erheben, die aus je einer Zell-
schicht aufgebaut sind. (Im Querschnitt erscheinen die Leisten daher als
Zellreihen.) Durch diese Gebilde wird die Oberfläche des Blattes wesentlich ver-
größert, so daß die Pflanze also auch mehr Sonnenstrahlen auffangen und
größere Wassermengen verdunsten kann, als wenn die Blätter nur je eine einfache
Zellschicht darstellten. Beides ist aber für das Moos von größtem Vorteil;
denn die verdunstenden Wassermassen machen anderen Platz, die vom Boden
aufsteigen und Nährstoffe enthalten, und unter dem Einflüsse des Sonnenlichtes
allein werden in den grünen Blättern diese Stoffe so umwandelt, daß sie der
Pflanze zur Nahrung und zum Aufbau dienen können.
c) Nimmt man ein Pflänzchen aus dem Boden, so sieht man oft schon
nach kurzer Zeit, wie sich die Blätter rinnig zusammenlegen: die
312
1. Klasse. Laubmoose.
Seitenteile der Blattflächen schlagen sich nach innen und überdecken die Längs-
leisten, so daß diese jetzt weit weniger Wasser verdunsten als vorher. Und
zwar ist die Abgabe von Wasserdampf umso geringer, als sich die Blätter
gleichzeitig nach oben dicht an den Stengel legen. (Zusammen-
gefaltete und aufeinandergelegte Wäsche bleibt viel länger feucht, als wenn man
jedes einzelne Wäschestück flach ausbreitet. Warum?) Diese Schutzstellmig
nehmen die Blätter, wie leicht zu beobachten ist, bei trockener Witterung auch
im Freien an. Eine zu starke Wasserdampfabgabe hat für das Frauenhaar
wie für jedes andere Ge-
wächs selbstverständlich
o
.
den Tod im Gefolge. Ge-
gen Wasserverlust ist
das zarte Moos jedoch
außerordentlich wider-
standsfähig. Daher kann
es auch in dem trocknen
Winter (s. S. 02) seine
Blätter behalten, oder
anders ausgedrückt, eine
i m mergrüne P f 1 a n-
ze sein.
d) Bietet man einem
scheinbar gänzlich ver-
trockneten Pflänzchen
wieder Wasser dar, so
breiten sich die Blät-
terauchalsbaldwie-
der aus und biegen
sich vom Stengel
zurück. Stellt man
die Pflanze zu diesem
Zwecke mit dem unteren Teile in das Wasser, so geht beides viel langsamer von
statten als wenn man den mit grünen Blättern besetzten oberen Teil in das
Wasser legt oder sonstwie befeuchtet, ein Zeichen, daß die Aufnahme des Wassers
besonders durch die Blätter erfolgt. W T ie groß die Wassermenge ist, die auf-
gesogen wird, läßt sich am besten erkennen, wenn man einen stark ausgetrock-
neten Moosrasen anfeuchtet, dessen Gewicht man zu diesem Zw r ecke vor und nach
der Wasseraufnahme genau feststellt (am besten benutzt man zu diesem Ver-
suche Polster des Weiß- oder des Torfmooses). Freilich wird nicht alles Wasser
von den Pflanzen selbst aufgenommen. Es wird vielmehr (infolge von Kapilla-
rität) zwischen den Blättern und Stämmchen festgehalten wie in den Poren
eines Badeschwammes.
D. Die Befruchtung 1 . 1. Männliche Organe, a) Unter den Pflänz-
,, Moosblüte." 1 senkrecht durchschnitten mit 3 männlichen
Organen m.O. (etwa 40 mal nat. Gr.). Danehen eines dieser Or-
gane stärker (etwa 200 mal) vergr. Aus der geöffneten Spitze
treten soeben die Schwärmer hervor, die z. T. (rechts) schon
frei geworden sind.
Goli
313
chen des goldenen Frauenhaars linden sich im Mai und Juni stets mehrere,
deren Stengel am Gipfel etwas verdickt und deren Blätter daselbst stark
verbreitert und vielfach rötlich gefärbt sind. So entstehen dort körbchenartige
Bildungen, die im Volksmuude als „Moosblüten" bezeichnet werden. Nicht
selten wächst der Stengel mit gewöhnlichen Blättern weiter, um im nächsten
Jahre an seiner Spitze eine neue „Blüte" zu bilden (s. Abb. 2 auf S. 310).
Weibliche Organe eines Mooses (etwa 60 mal vergr.). 1 Zwei dieser flaschen-
förmigen Gebilde (w.O.) stehen an der Spitze des längsdurchschnittenen Stengels (St.)
und sind von zahlreichen Längsdurchschnittenen Blättern (B.) umgeben. Das vordere
dieser Organe ist im Längsschnitt gezeichnet, um die Eizelle (E.) und den mit Schleim
gefüllten langen „Hals der Flasche" zu zeigen. 2 Dieselben Teile, einige Wochen später:
Die Eizelle eines der beiden weihlichen Organe wächst zur gestielten Sporenkapsel (Sp.)
heran. Das jetzt stabförmige Gebilde, das noch nicht in Stiel und Kapsel gegliedert
ist, hat sich in den Stengel der Pflanze gebohrt und ist von dem mitwachsenden weib-
lichen Organe, der „Wand der Flasche" (F.), eingeschlossen. Das 2. weibliche Organ ist
abgestorben.
b) Durchschneidet man ein Körbchen senkrecht, so sieht man schon mit
Hilfe der Lupe zwischen kleinen, langgestreckten oder spateiförmigen Blättern
zahlreiche wasserhelle Schläuche, in denen wir bei Benutzung des Mikroskops
leicht die männlichen r g a n e ( Antheridien) erkennen. (Bei völliger Reife
genügt schon ein leichter seitlicher Druck, um sie aus dem Körbchen hervor-
zupressen.)
c) Bringt man einen reifen Schlauch in das Wasser, so öffnet er sich
314
1. Klasse. Laubmoose.
an der Spitze. Es tritt eine teigige Masse hervor, die aus zahlreichen
Zellen mit je einem Schwärmer besteht (s. Abb. S. 312). Bald werden
diese Gebilde frei und schwimmen mit 2 langen Haaren am zugespitzten
Vorderende durch das Wasser dahin.
2. Bei anderen Pflänzchen sind zu derselben Zeit die obersten Blätter
knospenartig zusammengeneigt. In den Achseln dieser Blätter finden sich die weib-
lichen Organe (Archegonien; Abb. S. 313). Es sind wie beim Wurmfarn flaschen-
förmige Gebilde, die je eine Eizelle einschließen. Sie öffnen sich wie bei
jener Pflanze an der Spitze und entlassen einen Schleim, durch den die
Schwärmer eindringen, um mit der Eizelle verschmelzen zu können. Den Weg zu
dieser Zelle finden die Schwärmer durch das Wasser, das ja bei jedem Eegen
den Moosrasen
durchtränkt. — Das
Frauenhaar ist also
wie z. B. die Sal-
weide eine zwei-
häusige Pflanze.
Eine Befruchtung
kann daher nur
stattfinden , wenn
männliche und weib-
liche Pflanzen dicht
beieinander stehen,
oder — anders aus-
gedrückt — wenn
sie einen Rasen
oder ein Polster
bilden.
3. Von den befruchteten Eizellen entwickelt sich auf jedem Stengel
stets nur eine weiter. Sie wächst zu einem langgestreckten Körper aus, der
sich nach und nach zu
E. der gestielten Sporenkapsel entwickelt, wie wir sie am Gipfel zahl-
reicher Moospflänzchen finden.
1. Der untere Teil des Körpers wird zu dem fast fingerlangen Stiele, der sog.
Borste, die unten prächtig rot und oben goldgelb gefärbt ist. Der obere Abschnitt
dagegen schwillt stark an und bildet sich zu der Sporen- oder Mooskapsel
aus. Indem sich die Borste mit ihrem unteren Ende in das Moosstämmchen einbohrt,
bleibt das ganze Gebilde mit der Mutterpflanze in innigstem Zusammenhange.
2. Anfänglich ist die junge „Moosfrucht" von der mitwachsenden Flasche
umgeben. Schließlich zerreißt diese Hülle aber: ihr unterer Teil bleibt als die
kleine Scheide zurück, die die Borste unten umgibt und inniger mit der
Mutterpflanze verbindet; ihr oberer Abschnitt dagegen wird von der Kapsel
als goldgelber Filz, die sog. Haube, mit emporgehoben.
Sporenkapselndes goldenen Frauenhaars (etw. 15 mal vergr.).
1 Kapsel mit Haube. 2 Kapsel obne Haube. D. Deckelcben.
3 Deckelchen abgefallen ; der Wind scbüttelt die Sporen heraus.
Goldenes Frauenhaar. 315
3. Die vierkantige Sporenkapsel (Längs- und Querschnitt!) ist von
einem Mittelsäulchen durchzogen und von zahlreichen, grünen Sporen
erfüllt. Ihr oberer Teil hebt sich bei der Reife in Form eines Deckelchens
ab. An dem Rande der Kapsel erblickt man dann (Lupe!) eine große Anzahl
feiner Zähnchen, deren Spitzen durch ein trommelfellartiges H ä u t c h e n
miteinander verbunden sind.
4. Entstehung und Lau der Sporenkapsel machen uns nun zahlreiche
Verhältnisse der interessanten Pflanze verständlich:
a) Wie die Eizelle, so ist auch der aus ihr hervorgehende Körper an-
fänglich überaus zart. Für ihn ist es daher von größtem Vorteil, daß er von
der mitwachsenden „Flasche" so lange umhüllt wird, bis er den
Witterungseinflüssen zu widerstehen vermag (vgl. mit dem Schutze, den die
Samenanlagen der höheren Pflanzen im Fruchtknoten finden!).
b) Die Sporenkapsel ist zwar ein grünes Gebilde. Da sie aber von der
Filzhaube überdeckt ist, so daß das Sonnenlicht nur geschwächt bis zu ihr vor-
zudringen vermag, ist die „Moosfrucht" auch bei weitem nicht im stände,
alle zum Wachstum und Leben erforderlichen Stoffe zu bereiten. Sie bleibt
daher — wie wir gesehen haben — mit der Mutterpflanze im Zu-
sammenhange.
Diese Verbindung ist jedoch eine ganz andere als z. B. die zwischen der
Apfelfrucht und dem Apfelbaume. Zieht man nämlich die Borste vorsichtig aus
der Mutterpflanze, so daß ihr Ende aber noch in der Scheide bleibt, und steckt
man sie darauf wieder fest in das Moosstämmchen, so — wächst die „Moos-
frucht" weiter! Man betrachtet daher die Kapsel mit ihrem Stiele als
eine besondere Pflanze, die aus dem Moospflänzchen hervorgegangen
ist, mit ihm aber im Zusammenhange bleibt und von ihm er-
nährt wird.
c) Während die Borste schon ziemlich frühzeitig erstarkt, bleibt die
Kapsel lange Zeit sehr zart. Ihr ist daher die Haube ein wichtiges Schutz-
mittel, das sich treffend mit einem Strohdache vergleichen läßt: Wie nämlich
ein solches Dach die Hausbewohner vor zu großer Wärme und vor Regen be-
wahrt, so beschützt auch die Filzhülle die wachsende Kapsel vor zu starker
Erwärmung und damit verbundener übermäßiger Wasserdampfabgabe (Ver-
trocknen!), sowie vor schädlicher Nässe (Tau, Regen). Sind die Sporen gereift,
so daß sie ausgestreut werden müssen, dann ist die Hülle überflüssig geworden.
Sie fällt daher ab.
d) Dasselbe gilt für das Verschlußstück der sich jetzt wagerecht stellenden
Kapsel, für das Deckelchen. Es wird, indem die Kapselwände ein-
trocknen, abgehoben.
e) Für die Sporen ist es wie für die Samen nun von größter Wichtigkeit,
nacheinander ausgesät zu werden (s. S. 10, 3). Die Kapsel ist daher —
wie wir gesehen haben — oben nicht einfach offen. Indem sich die Zähnchen
316
1. Klasse. Laubmoose.
am Kapselrande etwas emporrichten, heben sie auch das Häutchen mit empor:
es entstehen zahlreiche Löcher, durch die die Sporen allmählich
ausgestreut werden.
Die Kapsel hat jetzt also
große Ähnlichkeit mit ei-
nem Mohnkopfe oder bes-
ser mit einer Streusand-
büchse.
Eine erfolgreiche
Verbreitung der Sporen
durch den Wind kann
aber nur dann erfolgen,
wenn sie trocken sind
(wieso?). Darum krüm-
men sich die sehr hy-
groskopischen Zähn-
chen bei feuchtem
Wetter wieder herab
und ziehen das Häut-
chen mit herunter.
Infolgedessen ver-
schwinden die Öff-
nungen wieder, so daß
jetzt ein Ausstreuen der
Sporen unterbleiben muß. (Durch Befeuch-
tung der Kapseloberfläche leicht zu beob-
achten!)
f) Obgleich die reife Kapsel wagerecht
steht, fallen die Sporen nicht von selbst
heraus. Sie muß erst erschüttert werden.
Da sie sich nun auf einem langen, sehr
elastischen Stiele erhebt, ist hierzu schon
ein sanfter Wind im stände.
F. Der Yorkeim. 1. Die Entwick-
lung der Sporen läßt sich wie bei den Farnen
(s. S. 297, E) durch Aussaat leicht verfolgen.
Schon nach wenigen Tagen ist aus jeder
Spore ein Keimschlauch hervorgegangen,
der sich bald zu dem Vorkeime weiter
entwickelt. Dieses Gebilde stellt einen langen,
mehrfach verästelten Faden dar, hat also große Ähnlichkeit mit einer verzweigten
Fadenalge (s. das.). Da er wie der Vorkeim der Farne sich selbst die zum Leben
und Wachstum nötigen Stoffe bereiten muß, so findet auch an ihm eine Arbeits-
Ä
Obere Fläche der Sporenkapsel, die Zähnchen, des
Kapselrandes und das trommelfellartige Häufchen (H)
zeigend (etwa 30mal vergr.). 1 bei trockenem Wetter,
staubend : 2 bei feuchtem Wetter: die Löcher sind wieder
geschlossen. Darunter noch stärker vergr. einige Zähnchen
und ein Stück des Häntchens (H), gleichfalls bei trockenem
und feuchtem Wetter.
Vorkeim eines Mooses (etwa200mal
vergr.). S. Spore, aus der der Vorkeim
hervorgegangen ist. K. Knospen.
Goldenes Frauenhaar. Bedeutung der Mooae. :;17
teilung statt: mehrere farblose oder braune Zweige dringen als Wurzelhaare
in den Boden und übernehmen die Aufgaben der fehlenden Wurzeln, die anderen
sind grün und verarbeiten im Sonnenlichte die aufgenommenen Rohstoffe. (Vor-
keime der Moose findet man als grünen Anflug häuflg auf feuchtem Boden,
z. B. auf Blumentöpfen.)
2. Am oberen Teile des Yorkeims, der nunmehr bald zugrunde geht, ent-
stehen kleine Knospen, die zu je einem Moospflänzchen auswachsen.
Keimen an einem Orte viele Moossporen, so bilden sich demnach auch zahlreiche,
dicht beieinander stehende Moospflänzchen: es entsteht ein Rasen oder Polster.
— Hiermit sind wir zum Ausgangspunkte unserer Betrachtung zurückgekehrt,
3. Nunmehr sind wir auch im stände, die Entwicklung der Moose, die im
wesentlichen genau wie beim Frauenhaar erfolgt, zu überblicken und mit der der
Farne zu vergleichen (s. S. 300,7). Dabei werden wir leicht folgendes linden:
a) Aus der Spore bildet sich der algenartige Vorkeim, aus dem durch
Knospung die Moospfläuzchen entstehen. Da die Pflänzchen die männlichen
und weiblichen Organe tragen, so bilden sie mit ihrem Vorkeim die ge-
schlechtliche Form oder Generation. — Aus der Vereinigung von Eizelle
und Schwärmer geht
b) die gestielte Sporenkapsel hervor, die auf „ungeschlechtlichem Wege''
Sporen erzeugt. Sie stellt somit die ungeschlechtliche Form oder Gene-
ration dar.
c) Da beide Formen regelmäßig abwechseln, haben wir hier wie bei den
Farnen einen deutlich ausgeprägten Generationswechsel vor uns. (Welche
Unterschiede sind in der Entwicklung der beiden Pflanzengruppen aber vor-
handen? Beweise, daß die Sporenkapsel der Moose ihrer Entstehung nach der
Farnpflanze entspricht, während andererseits der Yorkeim und die Moospflanze
dem Vorkeime der Farne gleich zu setzen ist!)
Die Bedeutung und die verbreitetsten Arten der Laubmoose.
A. Die Bedeutung. Die Laubmoose treten uns in der Natur in größtem
Formenreichtum entgegen. Sie sind alle im wesentlichen wie das goldene Frauenhaar
gebaut und zeigen infolgedessen auch dieselben Lebenstätigkeiten. Daher eröffnet uns
das Verständnis der einen Pflanze zugleich einen Blick auf die Bedeutung aller.
1. Wie das Frauenhaar vermögen die meisten Moose so stark auszutrocknen, daß
sie unter unseren Tritten zerbrechen, und wir sie zu Staub zermalmen können. Wochen-
lang verharren sie in diesem Zustande: sobald sie aber von einem Regen benetzt werden,
erwachen die schlummernden Lebenstätigkeiten von neuem. Daher vermögen sich viele
von ihnen auch an Felsen und Baumstämmen, auf Ästen, Mauern und Dächern, kurz an
Orten anzusiedeln, an denen sie oft lange Zeit hindurch größter Trocknis ausgesetzt
sind. (Warum finden sich Moose [und Flechten] besonders an der „Wetterseite" der
Baumstämme?)
Diese Ortlichkeiten sind ferner so arm an Nährstoffen, daß größere Pflanzen hier
„verhungern" müßten. Den winzigen Moosen aber genügen die geringen Erdmengen in
den Felsenritzen oder der Staub in den Fugen der Dachziegel und in den Rissen der
318 1. Klasse. Laubmoose.
Baumrinde vollkommen. Die größte Menge von Nährstoffen nehmen sie allerdings mit
dem Regenwasser auf, das sich auf seinem Laufe über die Felsen, an den Baumstämmen
herab oder dgl. damit beladet.
Durch die Fähigkeit, an wasser- und nährstoffarmen Örtlichkeiten zu gedeihen,
erlangen die Moose eine außerordentliche Wichtigkeit im Haushalte der Natur. Indem
sie nämlich den zwischen den Pflänzchen ihrer Polster herbeigewehten Staub aufsammeln,
sowie von unten her beständig absterben und in „Mooserde" zerfallen, vermehren sie fort-
gesetzt die geringe Erdmasse, in der sie wurzeln. Sie sind daher (mit den Flechten)
die ersten Ansiedler an Felsen und bereichern selbst den ödesten Boden
nach und nach an fruchtbaren Bestandteilen. Nach ihnen können sich an
diesen Orten Pflanzen ansiedeln, die größere Ansprüche an den Boden stellen, so
daß sich im Laufe der Zeit selbst kahle Felsen mit einer grünen Pflanzendecke über-
ziehen.
2. Im wasserdurchtränkten Moore dagegen ist der gänzliche Zerfall der ab-
gestorbenen Teile nicht möglich. Gleich der Rasen- und Erdschicht, die der Köhler über
den Meiler deckt, verhindert nämlich das Wasser eine genügende Durchlüftung des
Bodens, so daß nur eine unvollkommene Zersetzung der Pflanzenteile eintritt (s. S. 114).
Wie im Meiler häufen sich daher im Boden große Mengen von Kohlenstoff an: es ent-
steht der Torf, der zum Unterschiede vom Heidetorf als „Moostorf" bezeichnet wird.
Geht die Torfbildung Jahrhunderte oder Jahrtausende hindurch vor sich, so entstehen
schließlich mächtige Torflager, wie wir sie z. B. in der norddeutschen Tiefebene und an
mehreren Flüssen Bayerns finden.
Der Torf dient dem Menschen nun nicht allein als Brennmaterial, sondern er
liefert auch ein (allerdings meist nur dürftiges) Ackerland. Zu diesem Zwecke brennt
der Moorbauer die oberste Schicht der Torflager ab („Höhenrauch"), oder er vermengt die
schwarze Torferde mit lockerndem Sande. Ohne den Torf und die ihn erzeugenden
Moose wären jene Gegenden Sümpfe, die vom Menschen nicht bewohnt, z. T. nicht ein-
mal betreten werden könnten. Wenn unter den Torfbildnern auch die Torfmoose
(s. w. u.) die erste Stelle einnehmen, so trägt doch neben zahlreichen anderen Moos-
arten das zierliche Frauenhaar gleichfalls nicht wenig dazu bei, für den Menschen
bewohnbares Land zu schaffen.
3. Wie wir sahen, saugen sich die Moospolster beim Regen wie ein Schwamm voll
Wasser. Bedenken wir nun, daß der Boden der Wälder oft auf weite Strecken hin mit
einem grünen Moosteppich bedeckt ist, so können wir ungefähr abschätzen , welch' rie-
sige Wassermenge schon von den Moosen eines einzigen Waldes aufgesogen und fest-
gehalten wird. Schlägt man die Wälder nieder, so gehen auch die schattenliebenden
Wald-Moose meist zugrunde. Geschieht dies nun auf einem Gebirge, so stürzen bei
heftigem Gewitterregen oder beim Schmelzen des Schnees die Wassermengen wie reißende
Ströme zu Tale und verwüsten nicht selten die fruchtbaren Ebenen, die sich längs
der Flüsse ausdehnen, mitsamt den Wohnstätten der Menschen. Im Verein mit den anderen
Pflanzen, die den Waldgrund bedecken, schützt das unscheinbare Moos also
die Bewohner der Täler und Niederungen vor verheerenden Über-
schwemmungen.
Von waldlosen Bergrücken fließt das Wasser also in kürzester Zeit ab. Dann ver-
siegen Bäche und Flüsse, so daß Feld und Mensch unter dem Wassermangel stark leiden
müssen (führe dies näher aus!). Ist das Gebirge aber mit Wald bedeckt, dann gibt
das Moos das eingesogene Wasser nur sehr langsam wieder ab. Es speist also das
Bedeutung der Moose. Torfmoos.
319
ganze Jahr hindurch die Quellen und Flüsse und versorgt die Täler
und Niederungen jahraus, jahrein mit Wasser.
4. "Wie die Bäume den Moosen, die den Grund des Waldes bekleiden, Schutz ge-
währen, so leisten umgekehrt auch die unscheinbaren Pflänzchen ihren Beschützern einen
nicht minder wichtigen Dienst: sie bewahren den Boden vor zu starker
Austrocknung, so daß die Baum wurzeln beständig das nötige Wasser linden können,
und verhindern (besonders an Abhängen) das Wegschwemmen der Erd-
schicht, in der die Bäume wurzeln. (Beurteile hiernach das Einsammeln der Moose
als Streu für das Vieh !) Die gleiche Bedeutung haben
die Moose auch für die anderen Pflanzen des Waldes,
deren Wurzeln, unterirdischen Stämmen, Knollen oder
Zwiebeln sie zugleich als schützende Winter-
decke dienen (führe dies näher aus!).
5. Wenn wir nan noch bedenken, wie viele
niedere Tiere (Insekten, Spinnen, Weichtiere
u. s. w.) die Moosrasen beleben oder in ihnen den
Winterschlaf halten, wie die „Mooshälmchen" zahl-
reichen Vögeln zum Nestbau dienen, wie der
Mensch das Moos zum Anfertigen von Kränzen,
zum Verpacken von zerbrechlichen Gegenständen,
zum Ausfüllen von Kissen und Polstern, zum Ver-
stopfen von Lücken und Ritzen, zur Streu für das
Vieh und zu zahlreichen anderen Zwecken verwendet:
so werden wir die große Bedeutung ermessen können,
die die unscheinbaren Pflänzchen im Naturganzen und
für den Menschen haben! —
6. Wenn das Moos allerdings Wiesen und Äcker
überzieht, dann ist es nichts weiter als ein Un-
kraut, das den angebauten Pflanzen Licht, Luft,
Nahrung und Raum entzieht. Auch von der Rinde
der Obstbäume muß es entfernt werden; denn es ge-
währt den überwinternden Schädlingen einen Unter-
schlupf und hält die Stämme und Zweige zu lange
feucht, so daß sie leicht faulen.
ß. Von den verbreitetsten Arten seien
die wichtigen Torf- oder Sumpfmoose (Sphag-
num) zunächst genannt, die in Sümpfen, morastigen
Wäldern und an ähnlichen feuchten Stellen große, schwammige Polster bilden. Ihr Stengel
ist mit peitschenförmigen Ästchen besetzt, die am Gipfel schopfartig gehäuft sind. Wurzel-
haare sind nur im jugendlichen Zustande vorhanden, ein Zeichen, daß die Aufnahme von
Wasser und Nährstoffen auf anderem Wege erfolgen muß. Die Hauptmasse der Blätter
besteht nämlich aus großen, inhaltsleeren Zellen, die als Wasserspeicher dienen. Aus
gleichen Zellen ist auch die Außenschicht der Stengel und Zweige zusammengesetzt, so
daß sich die Pflanze wie ein Schwamm voll Wasser zu saugen vermag. Da nun die
Außenwände dieser Hohlräume durchlöchert sind, so erfolgt die Wasseraufnahme auch
mit großer Schnelligkeit. Durch diese farblosen Zellen kann das Blattgrün, das in
anderen Zellen angelagert ist, aber nicht recht zur Geltung kommen; daher hat dio
320 1. Klasse. Laubmoose. 2. Klasse. Lebermoose.
Pflanze ein eigentümlich blaßgrünes Aussehen. — Ähnliche "Wasserspeicher und daher
auch eine ähnliche Färbung besitzt das Weißmoos (Leucöbryum glancum), das an
feuchten Waldstellen die bekannten bläuliebgrünen oder weißlichen (Käme !\ meist kreis-
runden Polster bildet. — Der Moosteppich, der den "Waldgrund oft meilenweit ununter-
brochen überzieht, ist aus zahlreichen Arten gewoben, unter denen sich die Astmoose
(Hypnuru und andere Gattungen mit sehr vielen, schwer unterscheidbaren Formen) durch
zierlich verästelte Stämme auszeichnen (Name!). — In Erdlöchern und Höhlen lebt das
merkwürdige Leuchtmoos (Sehistostega osmundacea), dessen Vorkeim ein mildes, sma-
ragdenes Licht zurückwirft (Käme!). Gewisse Zellen des zarten Gebildes stellen glashelle
Kugeln dar, die gleich Brenngläsern die einfallenden Lichtstrahlen sammeln und nach der
dem Lichte abgewendeten Seite leiten. Dort befindet sich das Blattgrün, das also durch
die gesammelten Strahlen verhältnismäßig stark beleuchtet wird. Infolge dieser Einrichtung
vermag das Moos noch in dem Halbdunkel der Felsenspalten zu gedeihen, also bei einer
Lichtmenge, die für keine andere grüne Pflanze mehr genügt. Da nun die gesammelten
Strahlen von dem Blattgrün wie von einem Hohlspiegel z. T. zurückgeworfen werden,
so erstrahlt das zarte Pflänzchen in einem milden Lichte, das jeden Beschauer entzückt.
(Wir haben es hier also mit einer ähnlichen Erscheinung wie beim Leuchten der Katzen-
augen zu tun; s. Lehrbuch d. Zoologie.)
2. Klasse. Lebermoose (Hepäticae).
Pflanzen, die blattartige Gebilde darstellen oder in Stengel und zweizeilig angeordnete
Blätter gegliedert sind und haubenlose Sporenkapseln besitzen.
In das Wesen dieser weit kleineren Abteilung der Moose soll uns das Brunnen-
Lebermoos (Marchäntia polymörpha) einführen, das an Brunnenrändern, feuchten
Mauern, Gräben, kurz an nassen Orten häufig anzutreffen ist. Früher wurde es für ein
Mittel gegen Leberleiden gehalten, ein Umstand, dem es mit der ganzen Klasse den
Namen verdankt. Es ist ein blattartiges, mehrfach gelapptes Gebilde, das durch zahl-
reiche Wurzelhaare am Erdboden befestigt ist. Im Juni und Juli entwickelt es eigen-
tümliche Äste, die etwa das Aussehen kleiner Hutpilze haben. Bei gewissen Pflänzchen
gleicht der „Hut" einem flachen Teller mit gekerbtem Rand, bei anderen dagegen etwa dem
Brunnen-Lebermoos: 1 weibliche, 2 männliche Pflanze; beide mit Brutbechern
(nat. Gr.).
Weißmoos. Astmoos. Leucktmoos. Leben s. Schraubenalge. :\-j\
Gestell eines aufgespannten Regenschirmes. Während sich an der Überseite der „Teller"
die männlichen Organe (Antheridien) finden, tragen die „Schirmstäbe'' an der
Unterseite die weiblichen Organe (Archegonien). Beide
sind wie beim goldenen Frauenhaar gebaut. Daher erfolgt auch
die Befruchtung in derselben Weise. Die aus den Eizellen sich
entwickelnden Sporen kapseln besitzen aber keine Hauben.
Außer dieser geschlechtlichen Fortpflanzung findet auch noch eine
ungeschlechtliche statt. Auf der Oberseite des blattartigen Eaupt- /Mtmmsjßm^
teils erheben sich nämlich vielfach kleine Becher, in deren Brutbecher des
Grunde winzige Teile der Pflanze abgeschnürt werden. Vom Lebern ses im
Regen verschwemmt, wachsen diese Gebilde wie Ableger zu Längsschnitt mit
selbständigen Pflanzen heran. Daher werden die Becher auch Ablegern (etwa
treffend als „Brutbeck er" bezeichnet. 15 mal vergr.).
3 Gruppe. Lagerpflanzen (Thallöphyta).
Pflanzen, deren Körper nicht in Stengel und Blätter gegliedert ist, die also ein sog.
Lager darstellen.
1. Kreis. Algen (Algae).
Lagerpflanzen, die im Wasser oder doch an feuchten Stellen leben und Blattgrün enthalten.
1. Klasse. Grünalgen (Chlor ophyceae).
Sehr verschieden gestaltete Pflanzengebilde, die außer Blattgrün keine anderen Farb-
stoffe enthalten und daher grün erscheinen.
Die Schraubenalge (Spirogyra).
(Zugleich ein Blick auf die Bedeutung der Algen im allgemeinen.)
A. Vorkommen. Au der Oberfläche von Teichen, Tümpeln und Gräben
finden wir während der wärmereu Jahreszeit häufig schlüpfrige, grüne Massen,
die wie Watte aus zahlreichen, unentwirrbaren Fäden bestehen. Bei Zuhilfe-
nahme des Mikroskops erkennen wir in ihnen leicht Algen, die in ihrem Bau
größere oder geringere Verschiedenheiten aufweisen, also verschiedenen Gattungen
und Arten angehören. Da diese Pflanzen frei im Wasser schweben, so ver-
mögen sie gleich anderen freischwimmenden Gewächsen (Beispiele!) auch um-
stehende oder langsam fließende Gewässer zu bewohnen.
Unter diesen Algen ist die zu betrachtende Schraubenalge eine der
häutigsten. Wir werden sie leicht herausfinden, wenn wir ihren
B. Bau genügend beachten, wie ihn umstehende Abbildung er-
kennen läßt.
1. Das Pflänzchen stellt einen überaus zarten Faden dar. Eine Luft-
pflanze von dieser Form müßte kraftlos zusammenfallen oder dem Erdboden
Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 21
:V22
3. Grnppe. 1. Kreis. 1. Klasse. Grünalgen.
anfliegen. Eine Pflanze dagegen, die im Wasser schwebt, von ihm also ge-
tragen wird, kann diese Gestalt nnd Zartheit wohl besitzen. (Vgl. hiermit
auch die auffallende Größe und Zartheit vieler Wassertiere; s. z. B. Wal und
Qualle im „Lehrb. d. Zoologie".)
Im Gegensatz zu allen bisher betrachteten Gewächsen
sind an dem Pflänzchen also weder Stamm, noch Blätter zu
erkennen. Einen gleich einfachen Bau besitzen auch alle
anderen Algen, sowie die Pilze und Flechten. Da man nun
einen solchen ungegliederten Pflanzenkörper als „Lager"
bezeichnet, stellt man jene Pflanzen den „Stamm-Blatt-Pflanzen"
als „Lagerpflanzen" gegenüber. (Beweise, daß die Leber-
moose den Übergang zwischen beiden großen Gruppen bilden!)
2. a) Der Faden ist aus zahlreichen, walzenförmigen
Zellen zusammengesetzt (s. den letzten Abschn. des
Buches!), die sich mit je einem kleinen Zimmer vergleichen
lassen. Die „Zimmerwände" sind farblos, durchsichtig und
sämtlich mit einer „Tapete" überkleidet, die aus einer schlei-
migen und gleichfalls farblosen Masse gebildet wird. In dieser
„Tapete" liegt bei der abgebildeten Form ein schraubenförmig
gewundenes Band, das durch einen eingelagerten Farbstoff, das
sog. Blattgrün, lebhaft grün erscheint. Dieses Band gibt
der ganzen Pflanze das grüne Aussehen und läßt den Namen
„Schraubenalge" vollkommen gerechtfertigt erscheinen. (Bei
anderen Arten der Gattung „Schraubenalge" treten mehrere
solcher Bänder auf.) Durch den Innenraum des „Zimmers",
der mit einer wässerigen Flüssigkeit angefüllt ist, ziehen sich
von den „tapezierten Wänden" aus mehrere Fäden. Sie kreu-
zen sich alle in einem Punkte und halten dort ein Körper-
chen, den Zellkern, in der Flüssigkeit schwebend.
b) Da die Wände sehr zart sind, so vermag durch
sie Wasser und die in ihm gelösten Nährstoffe leicht in das
Innere der Zellen zu dringen. Daher kann die Pflanze der
Wurzeln (oder der Wurzelhaare, wie sie die Moose be-
sitzen) wohl entbehren.
c) Die aufgenommenen Nährstoffe werden wie bei allen
anderen grünen Pflanzen aber nur unter dem Einflüsse des
Sonnenlichts weiter verarbeitet. Daher ist die stark beleuchtete
Wasseroberfläche für die Pflanze auch ein sehr geeigneter
Aufenthaltsort. Wir finden allerdings auch in tieferen Wasserschichten zahl-
reiche Algen; jedoch ohne Licht kann keine dieser Pflanzen leben.
C. Vermehrung". 1. Die watteartigen Massen, die die Schraubenalge auf
den Gewässern bildet, vergrößern sich sehr schnell. Wie dies erfolgt, zeigt
uns wieder das Mikroskop. An dieser oder jener Zelle beginnt der Kern, sowie
Schraubenalge :
drei Zellen eines
Fadens, von denen
die unterste (3) in
Teilung begriffen
ist (etwa 600 mal
verirr. ).
Schraubenalere.
323
der gesamte Inhalt sich in 2 Teile zn spalten. Gleichzeitig bildet sich etwa
in der Mitte der Längswand der Zelle eine ringförmige Verdickung, die sich
immer weiter nach innen erstreckt, nnd die schließlich den Zellraum wie eine
Querwand durchsetzt. Auf diese Weise wird die Zelle in zwei „Tochter-
zellen" geteilt, die bald zur Größe der „Mutterzelle" auswachsen (s. Abb. S. 322).
Vielfach kommt es nun auch vor, daß die
Fcäden zerreißen, und daß die Teil-
stiicke als selbständige Fäden weiter leben.
2. Im Sommer und Herbst trifft man
vielfach Schraubenalgen an, die ein eigen-
tümlich krauses Aussehen haben, und deren
Fäden fest aneinander haften. Bringen wir
Teile dieser Fäden in einen größeren "Was-
sertropfen, so können wir mit Hilfe des
Miskroskops folgendes feststellen: je 2 Fäden
haben sich mehr oder weniger parallel zu-
einander gelegt und von ihren gegenüber-
liegenden Zellen aus zapfenartige Fortsätze
getrieben (a), die schließlich aufeinander ge-
stoßen (b) und verschmolzen sind (c, d und
e). Auf diese Weise ist eine Brücke zwischen
je 2 Zellen gebildet, so daß die Fäden bei
zahlreichen solcher Verbindungen das Aus-
sehen einer kleinen Leiter erhalten. Nachdem
sich die Inhalte beider Zellen infolge W T asser-
abgabe stark zusammengezogen haben (c),
wandert der Inhalt der einen zu dem der
andern hinüber (d); beide verschmelzen als-
bald zu einer Spore, die sich abrundet und
mit einer dicken, widerstandsfähigen Hülle
umgibt (e). Indem die Zellwände verwesen,
werden die Sporen schließlich frei. Sie sinken
zu Boden und treiben erst im nächsten Früh-
jahre einen Keimschlauch (s. S. 298), der
bald zu einem neuen Algenfaden heranwächst.
Wenn wir bedenken, daß die Schraubenalge in der oberen Wasserschicht
lebt, also dort, wo ihre zarten Fäden durch das Wintereis zerstört werden
müßten, so erscheint uns die Sporenbildung als eine Einrichtung, durch
die sich die Pflanze über die ungünstige Jahreszeit hinüber-
rettet. Und wenn wir weiter bedenken, wie viel Sporen sich schon in je
2 Algenfäden bilden, und wie leicht diese winzigen Körper vom Wasser fort-
gespült werden können, so werden wir in der Sporenbildung auch leicht ein
Mittel zur Vermehrung und Verbreitung der Pflanze erkennen.
Sporenbildun»- bei d. Schrauben-
alge (etwa 600 mal vergr.). (S. Text !)
H24 1- Klasse. Grünalgen.
Die Spore entsteht, wie wir soeben gesehen haben, dadurch, daß sich die
Inhalte zweier Zellen, d. h. 2 vollkommen gleiche „Wesen" miteinander ver-
einigen. Diesen Vorgang, den man auch bei niederen Tieren wiederfindet (s. Pantoffel-
tierchen im „Lehrbuche der Zoologie"), bezeichnet man als Verschmelzung
(Conjugation). Da er lebhaft an die Befruchtung erinnert, wie wir sie z. B.
bei den Farnen und Moosen kennen gelernt haben (Beweis!), so haben wir es
hier gleichfalls mit einem Falle „geschlechtlicher" Vermehrung zu
tun. Die einfache Zellteilung dagegen (s. Absch. 1) ist nur ein Vorgang „un-
geschlechtlicher" Vermehrung.
D. Bedeutung - . 1. Wie wir später sehen werden, dienen den Pflanzen
sehr einfach zusammengesetzte Stoffe (Salze , Wasser und Kohlensäure) zur
Nahrang. Die Tiere dagegen können nur aus Pflanzen- oder Tierstoffen ihren
Leib aufbauen. Sie sind daher in letzter Linie auf Pflanzenstoffe angewiesen.
Dies gilt natürlich auch von den Pflanzen und Tieren des Wassers. Da nun
die Algen die bei weitem wichtigsten Glieder der Wassergewächse darstellen,
so bilden sie auch die wichtigste Nahrungsquelle der Wasser-
tier e.
Außerdem liefern sie diesen Tieren auch einen großen Teil
der notwendigen Atemluft. Setzen wir z.B. Algen (oder andere unter-
getauchte Wasserpflanzen) in einem Gefäße mit Wasser direktem Sonnenlichte
aus, so sehen wir von ihnen Gasbläschen emporsteigen. Dieses Gas ist leicht
als Sauerstoff zu erkennen, der den Tieren bekanntlich zur Atmung dient.
2. Andererseits liefern aber auch die Tiere den Algen (und den anderen
untergetauchten Wasserpflanzen) einen großen Teil der notwendigen Nährstoffe.
Bringt man z. B. Schraubenalgen oder eine andere Algenart in ein Gefäß mit
Wasser, das durch faulende Tierstoffe übelriechend geworden ist, so wird das
Wasser nach und nach klarer, und der üble Geruch verschwindet schließlich
vollkommen. Hiermit geht eine starke Vermehrung der Algen Hand in Hand:
sie haben die sich zersetzenden Tierstoffe in sich aufgenommen und zum Leben
und Aufbau ihres Leibes verwendet. Bedenkt man nun, welche Mengen von
Tierstoffen (Abfallstoffen und Leichen) in einem Gewässer täglich in Verwesung
übergehen, so ist leicht einzusehen, daß ohne die Tätigkeit der
Algen (und der anderen untergetauchten Wasserpflanzen) das Wasser bald
verpestet sein würde, alles tierische Leben also zu Grunde
gehen müßte.
Die Wasserpflanzen und unter ihnen in erster Linie wieder die in großen
Massen auftretenden Algen sind also — kurz gesagt — die Grundbeding-
ung alles Lebens im Wasser. (Welche Erfahrungen macht man mit
Aquarien, die richtig oder unrichtig mit Tieren und Pflanzen besetzt sind?)
Andere Grünalgen.
1. In der Gesellschaft der Schraubenalge finden sich zahlreiche andere Algen-
arten, die längere oder kürzere, einfache oder verzweigte Fäden darstellen, und darum
im Volksmundc als Wasserfäden (Confervoideae) bezeichnet werden. Sie schwimmen
Schraubenalge. Wasserfäden. Veilchenalge.
325
entweder frei an der Oberfläche, oder über-
ziehen Steine, Brückenpfeiler und andere
Gegenstände mit einer grünen Hülle, oder
bilden endlich zarte Schleier, die in dem
Wasser dahinfluten. Bei den festsitzenden
Formen vertritt die unterste, farblose Zelle
die Stelle der Wurzel: sie bildet ein Haft-
werkzeug, durch das der ganze Faden
verankert ist.
Auf ungeschlechtlichem Wege ver-
mehren sich diese Algen außer durch Tei-
lung durch sog. Schwärmsporon: der
Inhalt gewisser oder aller Zellen zerfällt
meist in mehrere Teile, die durch einen Riß
der Zellwand ins Freie treten und mit Hilfe
von Wimpern wie Infusorien durch das
Wasser „ schwärmen". Nach einiger Zeit
kommen diese Körperchen zur Ruhe, setzen
sich auf einem Gegenstande fest und wach-
sen zu je einem neuen Zellfaden aus. Die
geschlechtliche Vermehrung erinnert viel-
fach stark an den entsprechenden Vor-
gang bei Farnen und Moosen, ist im ein-
zelnen aber sehr verschieden.
Eine „Fadenalge" ist auch die
Veilchenalge (Chroölepus iolithus), die
sich als rotbrauner, veilchenduftender Über-
zug auf dem Urgestein der Gebirge findet
(„Veilchenmoos, Veilchenstein"). Sie ist also
im Gegensatz zu der Mehrzahl der Algen, deren
eigentliche Heimat das Wasser ist, ein Land-
bewohner.
2. An der Wetterseite der Bäume, an
feuchten Mauern und ähnlichen Orten findet
sich häufig ein grüner Anflug. Legen wir
ein wenig davon in einem Wassertropfen
unter das Mikroskop, so löst sich die grüne
Masse in eine Menge kugelförmiger Gebilde
auf. Jede Kugel stellt eine Alge dar, die nur
aus einer einzigen Zelle besteht (Pleuro-
cöccns und andere Ga1 tungen). Ähnliche Pflänz-
chen von Kugel-, Zylinder-, Spindel- und an-
derer Form beherbergt in weit größerer
Menge das Wasser. Mehrere von ihnen sind
vielfach durch ausgeschiedene Gallertmassen zu kleinen Kolonien vereinigt.
Von besonderer Zierlichkeit sind gewisse einzellige Formen (Desniidiäceae), die
sich häuttg in dem Algendickicht der Süßgewässer, besonders der Torfsümpfe finden. Sie
Einige Zellen einer.Fadenalge, Schwärm-
sporen bildend: der Inhalt der Zelle 1 ist
noch unverändert, bei 2 und 3 ist er in
Schwärmsporen zerfallen ; in 4 schwärmen die
Sporen soeben aus, während dies in 5 bereits
geschehen ist. (Etwa 500 mal vergr.)
^mr
^p 1
Einzellige Grünalgen (Desmidiaceen).
I Etwa 200 mal vergr.)
326
1. Klasse. ' Grünalgen.
V
3. Klasse
V
Braun- und Rotalgen.
ßlasentang mit Haftsekeiben an
einem Felsen sitzend. S. Schwimm-
blasen; V. Stellen, an denen sich
die Vermehrungsorganr finden.
(Etwa 1 / 3 nat. Gr.)
bilden wie die abge-
bildeten Arten bald
ausgezackte Scheiben
oder grüne Halbmon-
de, bald regelmäßige
Sterne, Ketten, Bän-
der und dgl.
3. Zu den Grün-
algen stellt man auch
die Armleuchter-
algen (Charäceae),
die auf dem Boden
von Landseen oft form-
liche Wiesen bilden,
aber auch in Gräben
und Tümpeln anzu-
treffen sind. Sie sind
wie die Moose durch
Wurzelhaare im Boden befestigt, ver-
zweigen sich armleuchterartig (Name!)
und nehmen aus dem "Wasser oft soviel
Kalksalze auf, daß sie brüchig werden.
Die Vermehrungsorgane finden sich an
den „Zweigen" als eiförmige, grüne
oder als kugelige, rote Körper.
und 3. Klasse.
Braun- u. Rotalgen (Phaeophyceae
und Rhodophyceae).
Unter den Algen oder Tangen des
Meeres treten die Grünalgen, die im Süß-
wasser die Herrschaft führen, stark zurück.
Ihre Stelle nehmen stattlichere Formen ein,
die neben dem Blattgrün noch einen braunen
oder roten Farbstoff in ihren Zellen enthalten.
Daher erscheinen sie bald heller, bald dunkler
braun oder rot gefärbt. Da sie (fast aus-
schließlich) festsitzende Pflanzen sind, so
vermögen sie auch nur einen verhältnis-
mäßig schmalen Küstenstrich zu bewohnen.
In der Eegel reicht dieser Gürtel bis 30 m
klarem Wasser etwa bis 50 m Tiefe hinab; denn
und nur bei ganz reinem
in noch tieferem Wasser ist das Licht so stark gedämpft, daß keine mit Blatt
Armleuchteralgen. Blasentang. Beerentang. Blmtang.
.327
grün ausgestattete Pflanze die einfachen Nährstoffe zu Lebens- und Baustoffen
umzuwandeln vermöchte.
1. Die Braunalgen sind zumeist größere Pflanzen, die vielfach aus-
gedehnte „Tangwiesen" oder — wie die größten Arten — förmliche „Tang-
willder" bilden. Sie bewohnen die flachen Küstengewässer, in denen sie mit
Ebbe und Flut, sowie mit den brandenden Wogen einen harten, beständigen
Kampf zu führen haben. Daher wachsen sie auch nur auf felsigem Untergrunde,
dem sie sich mit kräftigem, wurzelartigem Haftorgane anklammern können, und
besitzen einen zähen, lederartigen Körper. Wühlen heftige Stürme das Meer
tief auf, so werden sie trotzdem nicht selten losgerissen und in großen Massen
an die Küste geworfen. Dann werden sie von den Strandbewohnern als Dünger
auf den Acker gebracht oder verbrannt; denn aus ihrer Asche gewinnt man
das wertvolle Jod, das sie dem Meerwasser entziehen.
Die häufigste Braunalge der Nord- und Ostseeküste ist der Blasentang (Facus
vesienlösus), der eine Länge von 1 m erreicht, mehrfach gabelig geteilt ist und durch
zahlreiche, luftgefüllte Blasen schwimmend erhalten wird (vgl. mit Schwimmgürteln!).
Die Enden der Lappen zeigen vielfach ein gekörneltes Aussehen. Dies rührt von krug-
förmigen Vertiefungen her, in denen sich die Vermehrungsorgane bilden. — An den
Küsten der tropischen Meere findet sich der Beerentang (Sargässum bacciferum), dessen
Schwimmblasen wie gestielte Beeren
aussehen (Name!). Von der Brandung ,
losgerissen treibt er oft in großen Mas- 'j, ." /.
sen an der Oberfläche des Wassers.
Solche Massen führt auch der Golfstrom
von den Küsten des mexikanischen Meer-
busens hinweg in jenen stromlosen
Meeresteil, der sich als „Sargassosee"
zwischen den Azoren und Amerika aus-
dehnt. Dort bedeckt der losgerissene
Beerentang mehrere tausend Quadrat-
meilen. Nirgends jedoch ist die An-
häufung der Tangmassen so stark, daß
sie, wie man früher glaubte, der Schifi'-
t'ahrt hinderlich würde. — Die größte
Alge, wie überhaupt die größte aller
Pflanzen ist der Birntang (Macrocys-
tis pyrifera). Das bis 300 m lange Ge-
wächs findet sich an den außertropi-
schen Küsten der südlichen Erdhälfte
und hält sich durch birnartige Blasen
(N'ame!) schwimmend an der Ober-
fläche des Ozeans.
2. Die Rotalgen erreichen
nie die Größe der Braunalgen, auf
denen sie sich gern ansiedeln. Meist
Perltanj
328
4. Klasse. Kieselalgen.
aber bewohnen sie die tieferen Wasserschichten, die selbst von den heftigsten
Stürmen nur wenig oder gar nicht erregt werden. Daher wird uns auch die
große Zartheit dieser Formen wohl verständlich. Infolge der prächtigen Fär-
bung, die zwischen leuchtendem Scharlach und tiefstem Purpurschwarz schwankt,
und der wechselvollen Gestalt verwandeln sie im Verein mit den farbenprächtigen
Korallentieren die unterseeischen Felsen in lachende Gärten. Bald bilden sie
zwar nur einfache Fäden oder blattartige Flächen; bald aber gleichen sie zier-
lichen Moosrasen, fein verzweigten Bäumchen, zartblättrigen Farnen und dgl.
Kino in der Nordsee lebende Art, der Perltang (Chondrus crispus), wird getrocknet
als Karagaheen- oder „irländisches Moos" als Heilmittel gegen Erkrankung der Ateniwege
benutzt. — Nur wenige, zwerghafte Formen der prächtigen Gewächse finden sich im
Süßwasser, und zwar auffallender Weise besonders an den Steinen schnellrließender
Gebirgsbäche.
4. Klass
Kino Kieselalge tl. Süßwassers
N;i\ iiulai. lFlächenansicht; 2Kan-
tenans. ; 3 Querschn. (Vgr. e1 .91 10m i.
Kieselalgen (Diatomäceae).
Kieselalgen bekommt man leicht in größter
Menge zu Gesicht, wenn man mit Hilfe des
Mikroskops den braunen, schleimigen Überzug
untersucht, der sich im Frühjahre auf Gräben
und Pfützen bildet. Auch Algenfäden oder
Schlamm wird man danach nur selten vergeb-
lich durchmustern. Die winzigen, einzelligen
Pflanzen haben die Form eines Stabes, einer
Sichel, eines Keils, eines Kreises, einer Ellipse
oder dgl. Sie schweben entweder frei im Wasser,
oder gleiten wie ein von geheimnisvollen Kräften
getriebenes Schifflein auf fester Unterlage lang-
sam dahin, oder sitzen endlich auf ausgeschie-
denen Gallertstielen anderen Körpern auf. Durch
einen braunen F a r b s t o f f , der das Blattgrün
verdeckt, erhalten sie ein ledergelbes Aussehen.
Die Zellwand besteht aus 2 Schalen, von
denen die eine über die andere wie der
Deckel über die Schachtel greift. Glüht man die
Ptiänzchen auf einem Glimmerblättchen, so
bleibt ein Ki e sei skelett zurück, das genau
die Form der Schalen aufweist (Kieselalgen!).
Jetzt erkennt man auch erst deutlich, wie
die zarte Zellwand durch Leisten und Rippen
verstärkt ist, so daß oft eine überaus regel-
mäßige und zierliche Felderung entsteht.
Vergrößert sich der Inhalt der Zelle, so
werden die Schalen auseinander gedrängt. In-
Perltang. Kieselalgcn,
329
dem sich der Inhalt so teilt, daß jede Hälfte eine Schale erhält, ent-
stehen 2 Pflänzchen, von denen jede alsbald die zweite, fehlende Schale aus-
scheidet. Bleiben die bei fortgesetzter Teilung' immer neu entstehenden Pflänzchen
im Zusammenhange, so bilden sich Kolonien, die zierliche Ketten, Bänder, Scheiben
u. dgl. darstellen. Da nun aber die verkieselten Zellwände nicht wachstums-
fähig sind, müssen die Pflanzen, die die kleinere Schale erhalten, allmählich auch
immer kleiner werden. Dies hat jedoch eine Grenze. Ist die Größe nämlich
bis auf einen gewissen Punkt herabgesunken, dann legen sich (in der Regel)
2 Pflänzchen aneinander; ihre
Schalen klappen auf; der
Inhalt beider tritt hervor,
vereinigt sich und bildet eine
große Spore, aus der eine
Pflanze von der ursprüng-
lichen Größe hervorgeht.
Die Kieselalgen entfalten
ihre Bedeutung als Nähr-
stoff quelle der Tiere (s.
S. 324) besonders im Meere.
Zwar bilden hier — wie wir
oben schon gesehen haben —
die Braun- und Rotalgen weite
Bestände. Da sich diese „Tang-
wiesen" und „Tangwälder" aber
nur bis zu einer Tiefe von etwa
50 m erstrecken, so vermögen
sie für die ungezählten Tier-
scharen der Weltmeere auch
bei weitem nicht die nötige
Nahrung zu liefern. Es muß
daher noch eine andere Nah-
rungsquelle vorhanden sein !
Streifen wir mit den feinsten Gazenetzen durch das Meerwasser, und untersuchen
wir den „Fang" mit Hilfe des Mikroskops, so haben wir die gesuchte Quelle : neben
zahlreichen kleinen Tieren erblicken wir eine erstaunliche Menge winziger, wunderbar
geformter Kieselalgen. Sie bewohnen (mit anderen einzelligen Algen) die stark durch-
leuchteten oberflächlichen Wasserschichten in ungezählten Myriaden. Während wir
glauben, reines, klares Wasser unter dem Kiel unseres Schiffes .zu haben, fahren wir
also über eine reiche Pflanzenwiese dahin, auf der die kleinsten Tiergeschlechter jahr-
aus, jahrein Nahrung finden. Von diesen Tieren nähren sich wieder die größeren,
ja selbst die Riesen der Schöpfung, und von allen hängen endlich auch die Millionen von
Menschen ab, die als Fischer, Schiffer, Kaufleute u. s. w. auf den Reichtum des Meeres
angewiesen sind. (Führe dies weiter aus und vgl. dabei besonders das, was in dieser
Einsicht im „Lehrbuche der Zoologie" über den Hering, den Kabeljau, den Seehund und
die Wale mitgeteilt ist!)
Hiermit ist aber die Bedeutung der unscheinbaren Pflänzchen noch bei weitem
Kieselalgen des Süßwassers. 1—4 einzeln lebende
Arten. 5 und 6 freilebende Kolonien. 7 eine Kolonie.
die mit Hilfe eines verzweigten Gallertstieles einem
festen Gegenstande aufsitzt. (Vergr. 200 mal.)
330 Tat". 37. 2. Kreis. 1. Klasse. Fadenpilze. 1. Unterklasse. Ständerpilze.
nicht erschöpft: indem nämlich die abgestorbenen Kieselalgen auf den Grund des Meeres
hinabsinken, dienen sie auch den Bewohnern der tieferen und tiefsten Wasserschichten
zur Nahrung. Sie ermöglichen also die Bewohnbarkeit der lichtlosen
und darum pflanzenleeren Meer es tiefen.
Da nun die verkieselten Schalen fast unvergänglich sind, so häufen sie sich auf
dem Boden des Meeres oft zu gewaltigen Massen an. Werden solche Anhäufungen, die sich
aber auch in süßen Gewässern bilden können , im Laufe der Jahrtausende über den
Wasserspiegel emporgehoben, so entstehen Lager von Diatomeenerde, Kiesel-
gur, oder Polier s ch i efe r , die der Mensch zu verschiedenen Zwecken ausbeutet. (Mit
Nitroglyzerin getränkte Diatomeenerde gibt das Dynamit.) Solche Lager finden sich z. B.
in der Lüneburger Heide, sowie bei Franzensbad und Bilin in Böhmen. Auf einer
mächtigen (bis 30 m starken) Schicht von Kieselalgen erheben sich auch einige Teile von
Berlin und Königsberg.
2. Kreis. Pilze (Fungi).
Lagerpflanzen ohne Blattgrün, die daher Schmarotzer oder Fäulnisbewohner sind.
1. Klasse. Fadenpilze (Hyphomycetes).
Pilze, die ein Fadengeflecht besitzen.
1. Unterklasse. Ständerpilze (Basidiomycetes).
Fadengeflecht mehrzellig. Sporen entstehen (gewöhnlich in einer Anzahl von je 4) auf
verschieden geformten Ständern (Basidien).
Der Feld-Champignon (Psalliöta carnpestris). Tal'. 37, 1.
A. Fruchtkörper. l.Der „Champignon" bricht im Sommer und Herbst
auf Wiesen und Feldrainen, an Wegen und ähnlichen Orten aus dem Boden
hervor. Wie ein Längsschnitt zeigt, besitzt er ein festes, weißes „Fleisch" von
anisartigem Geruch, das als schmackhafte Speise überall hoch geschätzt wird.
Für den menschlichen Genuß eignen sich allerdings zumeist nur die juugeu
Pilze; denn die alten sind in der Regel von zahlreichen Mücken- und
Fliegenmaden durchwühlt. (Welchen Tieren dient der Pilz ferner noch zur
Nahrung?) Seiner Schmackhaftigkeit wegen wird der wertvolle Champignon
vielfach auch künstlich gezogen (s. S. 334,3).
2. Vollkommen entwickelt gleicht ein solcher Pilz oder Schwamm einem
Schirme. Ein bis 8 cm hoher Stiel trägt einen flach gewölbten „Hut", der
weiß oder bräunlich gefärbt ist und einen Durchmesser von 15 cm erreichen
kann („Hutpilze"). Auf der Unterseite des Hutes linden sich zahlreiche, radien-
artig und senkrecht gestellte Blättchen (Lamellen;, die anfangs rosa,
später dagegen Schokolade- bis schwarzbraun aussehen, eine
Färbung, die als das sicherste und leichteste Erkennungsmerkmal
des Champignons gilt. Alle Blättchen stoßen an den Hutrand an, aber nur
die längeren erstrecken sich bis zum Stiele, ohne jedoch mit ihm zu verschmelzen.
Schmeil, Lehrbuch der Botanik.
Tafd 37.
1
i«
1. Feld -Champignon (Psalliota campestris).
2. Knollenblätterpilz (Amanita bulbosa).
Feld-Champig i. 331
Durchschneiden wir einen noch ganz jungen Pilz, der wie ein weißes
Knöllchen aus dem Boden hervorbricht und sich in Stiel und Hut zu gliedern
beginnt, der Länge nach, so sehen wir, daß sich die leistenartigen Blättchen
im Innern des Pilzes bilden. Auch wenn der Pilz bald seine endgültige Gestalt
erlangt hat, ist von diesen überaus zarten Gebilden noch nichts zu sehen: eine
Kaut, der "sog. Schleier, der sich zwischen Hutrand und Stiel ausspannt,
7.
A i
4.
,
;
,
j
Entwicklung des Champignons. Der Boden ist von einem Fadengeflechi durchzogen.
1 — 3 und 7 von außen gesehen, 4 — 6 im Längsschnitt. Bei 4 bilden sich die Blättchen
i Lamellen). Bei 5 und 6 ist der Schleier deutlich ausgebildet. Bei 7 löst er sich vom
Hutrände und bleibt als Ring (E.) zurück.
schützt sie vor den Unbilden der Witterung. Erst ganz am Schlüsse der Ent-
wicklung werden die Blättchen sichtbar: Der Schleier reißt an dem Bande des
sich stark ausdehnenden Hutes ab und bleibt als „Bing" am Stiele zurück.
3. Stellen wir durch einige dieser Blättchen sehr dünne Querschnitte her,
so sehen wir mit Hilfe des Mikroskops, daß sie (wie Stiel und Hut) aus zahl-
reichen Fäden zusammengesetzt sind, die aus aneinander gereihten Zellen be-
stehen. Die Endzellen der Fäden sind keulenförmige Gebilde, die sich senkrecht
über die Oberfläche des Blättchens erheben. Mehrere dieser „Keulen" strecken
sich etwas stärker als die anderen und erhalten auf ihrem Scheitel je 2 kleine
332
1. Unterklasse. Ständerpilze.
Ausstülpungen, die an der Spitze kugelig anschwellen. Indem sich diese „Kugeln"
durch je eine Scheidewand von den stielartigen Ausstülpungen abschließen,
entstehen die Sporen. Die keulenförmigen Zellen, auf denen sie sich bilden,
nennt man daher „Sporenständer", während die „unfruchtbar" bleibenden als
..Zwischenzellen" bezeichnet werden. Sie bilden zusammen die sog.
Fruchtschicht, die also beide Seiten der Blätter überzieht. Wenn man
bedenkt, daß die zarten Sporenständer durch die Zwischenzellen gleichsam erst
in einen festen Verband eingereiht werden, der ihnen den notwendigen Halt
gewährt, so wird man auch die Bedeutung dieser scheinbar nutzlosen Gebilde
erkennen. (Da die Sporenständer gleichsam ein Grundgestell, eine Basis der
Feinerer Bau der Blättchen (Lamellen) des Champignons, a, ein Querschnitt
durch ein Blättchen bei etwa 150 maliger Vergr. b. Die Fruchtschicht bei stärkerer
(etwa 800 inaliger) Vergr. , aus größeren Sporenständern und kleineren Zwischenzellen
bestehend. 1 — 4 die verschiedenen Zustände der Sporenentwicklung.
sich entwickelnden Sporen bilden, werden sie wissenschaftlich „Basidien" ge-
nannt. — Ständer- oder Basidienpilze. Im Gegensatz zum Champignon bilden
sich bei den meisten dieser Pilze je 4 Sporen auf jedem Ständer.)
4. Die Sporen sehen anfänglich rosa aus, in reifem Zustande aber sind
sie von Schokolade- bis schwarzbrauner Färbung. Unter günstigen Verhält-
nissen treiben sie je einen Keimschlauch (s. S. 298) und rufen eine neue
Pflanze ins Dasein.
a) Wie uns das Mikroskop zeigt, sind die Sporen sehr kleine Gebilde,
können also vom Winde leicht verweht werden.
b) Der Wind ist aber ein sehr unsicherer Verbreiter der Pflanzen. Viele
Sporen trägt er sicher dorthin, wo sie sich nicht entwickeln können. Da sie
sich aber in sehr großer Anzahl bilden, so ist für einige die Möglichkeit,
an einen geeigneten Ort zu gelangen, sicher vorhanden. — Welche Mengen von
Feld-Champignon. 333
Sporen erzeugt werden, geht daraus hervor, daß die winzigen Körper den
farblosen Blättchen der Hutunterseite die ihnen eigene Färbung verleihen. (Legt
man den Hut eines ausgebildeten Champignons mit der Unterseite auf ein Blatt
Papier, so bilden die ausfallenden Sporen oft schon nach wenigen Stunden eine
,,Zeichnung", die alle Einzelheiten der Hutunterfläche wiederspiegelt,)
c) Die Millionen von Sporen bedürfen zu ihrer Bildung aber auch eines
verhältnismäßig großen Platzes. Hierzu würde die Unterseite des Hutes unmög-
lich ausreichen, wenn sie durch die Blatt che n nicht eine sehr beträchtliche
Vergrößerung erfahren hätte. Diese Tatsache macht uns auch das erwähnte
Auftreten kurzer Blättchen in dem äußeren Hutabschnitte verständlich: der
hier vorhandene größere Kaum wird durch das „Einschieben" dieser Blättchen
erst vollkommen ausgenützt. (Stelle die Größe der Hutunterseite und die der
tatsächlich sporenbildenden Fläche ungefähr durch Rechnung fest! Vgl. hiermit
die Flächenvergrößerungen, wie sie häufig im Tierkörper vorkommen, z. B. im
Bau der Lunge, in der Bildung der Blutkörperchen u. s. w.)
d) Dem Winde muß der Zutritt zu den Sporen offen sein. Wie erwähnt,
löst sich daher der schützende Schleier mit beginnender Sporenreife vom
Hutrande ab.
e) Da der Hut auf einem Stiele über den Erdboden gehoben wird,
können die fallenden oder sich lockernden Sporen vom Winde leicht erfaßt
werden.
f) Eine Aussaat der Sporen ist aber nur bei trockenem Wetter möglich
(wieso?). Die Unterseite des Hutes, der wie ein Regendach wirkt, ist
daher auch als die passendste Bildungsstätte der Sporen zu bezeichnen.
B. Fadengeflecht. Nimmt man einige Champignons mit dem anhaftenden
Erdballen aus dem Boden, so sieht man, daß die Erde von zahlreichen, vielfach
verzweigten, weißen Fäden (Hyphen) wie von Spinngewebe durchzogen ist.
Wäscht man die Erde vorsichtig ab, so sieht man weiter, wie sich die Pilze
als kleine Anschwellungen an den Fäden bilden, und wie selbst der vollkommen
entwickelte Pilz mit einem Faden oder mit einigen Fäden in Verbindung steht.
Die „Champignons" und das Fadengeflecht oder Pilzlager
(Mycelium) stehen also im Zusammenhange; es sind Teile der-
selben Pflanze. Ja noch mehr!
Wie man besonders deutlich an einer künstlichen Champignonanlage sehen
kann, lebt das Fadengeflecht sehr lange im Boden. Hat es eine gewisse Aus-
dehnung erlangt, dann bringt es „Pilze" oft in großer Menge hervor. Sobald diese
Gebilde die Sporen ausgestreut haben, vergehen sie sehr schnell; andere sprossen
hervor, gehen wieder zu Grunde u. s. f.: das Fadengeflecht dagegen, an dem
sich die „Pilze" bildeten, wächst weiter. Es gleicht also etwa einem Obstbäume,
der zahlreiche Früchte trägt, die er bei der Reife abwirft. In dem Faden-
geflechte haben wir also die eigentliche Pflanze, den eigent-
lichen Pilz vor uns, während die Gebilde, die wir bisher dem
Sprachgebrauche entsprechend als „Champignons, Pilze oder
334 1. Unterklasse. Ständerpilze.
Schwämme" bezeichneten, nur die Sporen- oder Fruchtkörper
dieser Pflanze oder dieses Pilzes darstellen. Die Pflanze selbst lebt
unterirdisch. Ihre Fruchtkörper dagegen werden, wie dies die Windverbreitung
der Sporen bedingt, über den Boden gehoben.
1. Unter dem Mikroskope geben sich die Fäden als Reihen von Zellen zu
erkennen. Hier und da haben sich auch mehrere zu dickeren Strängen vereinigt.
Stets aber sind sie so zart, daß sie kraftlos zusammensinken, wenn man sie
dem Boden entnimmt. Im Gegensatz zu den oberirdischen Pflanzen, die sich
selbst zu halten haben, können die unterirdischen Teile des Pilzes eine solche
Zartheit wohl besitzen; denn sie werden ja von der Erde allseitig gestützt
und getragen (vgl. mit Wasserpflanzen und Wassertieren !). — Der Fruchtkörper
besteht, wie bereits angedeutet, aus ebensolchen Fäden. Da sie jedoch be-
sonders an der Oberfläche („Haut") sehr eng aneinander gedrängt sind, sich
vielfach verzweigen und durchflechten, so sind sie trotz ihrer Zartheit im
stände, einen Körper zu bilden, der sich über den Boden zu heben und den
Unbilden der Witterung (Wind, Begen) standzuhalten vermag.
2. Gleich den Wurzeln der höheren Pflanzen durchzieht das Fadengeflecht
den Boden nach allen Richtungen und entnimmt ihm die nährenden Bestand-
teile. Wie wir nun schon mehrfach gesehen haben (und im letzten Abschn.
des Buches noch genauer sehen werden), nehmen die Wurzeln nur Wasser
und Nährsalze auf. Beide steigen in die oberirdischen Teile der Pflanze und
werden dort samt der aus der Luft entnommenen Kohlensäure unter Einwirkung
des Sonnenlichts von dem Blattgrün zu allen den Stoffen weiter verarbeitet,
aus denen sich der Pflanzenkörper aufbaut. Von Blattgrün finden wir
aber in keinem Teile des Pilzes auch nur eine Spur. Der Cham-
pignon ist daher genötigt, diese Stoffe in fertiger Form aufzunehmen. Er ent-
zieht sie dem Boden, in dem er sich mit dem Fadengeflecht ausbreitet, und in dem
pflanzliche und tierische Stoffe faulen : er ist ein Fäulnisbewohner (Sapro-
phyt) oder eine Verwesungspflanze.
In gleicher Weise nähren sich auch die meisten anderen Hutpilze. Wir
treffen sie daher auch besonders an Orten, an denen sich verwesende Stoffe an-
häufen. Dies ist nun ganz besonders im Walde der Fall. Sein Boden ist zumeist
von einer dicken Schicht modernder, d. i. verwesender Stoffe (Laub, Zweige, ab-
gestorbene Teile der Moose u. dgl.) bedeckt, und der ihm oft entsteigende Moder-
duft zeigt zur Genüge, daß hier die Verwesung in vollem Gange ist. Der
Wald ist daher die eigentliche Heimat der Hutpilze. Da die blassen
Gebilde kein Blattgrün besitzen, also auch nicht des Lichtes bedürfen, so treffen
wir sie selbst an den dunkelsten Stellen des Waldes an, also an Örtlichkeiten,
an denen keine grüne Pflanze mehr gedeihen kann. (Welche höheren Pflanzen
sind gleichfalls Verwesungspflanzen?)
3. Wie uns das häutige Auftreten der Champignons in Mistbeeten zeigt,
gedeiht er am liebsten in Boden, der reich an Pferdedünger ist. Will man den
wertvollen Pilz züchten, so bietet man ihm daher solchen Dünger, den man
Feld-Champignon. 335
zuvor in gewisser Weise zubereitet hat, iu Menge dar. In die Kästen, Ver-
schlüge und Gruben, die man mit dem Dünger füllt, bringt man etwas von
dem Fadengeflechte („Champignonbrut"), das bald die ganze Düngermasse durch-
wuchert und die begehrten Fruchtkörper, die „Champignons", hervorbringt. In
der Regel benutzt man zur Zucht des geschätzten Pilzes dunkle Räume, Keller,
Schuppen u. dgl. In Frankreich, wo die Champignonzucht ganz besonders in
Blüte steht, verwendet man dazu besonders Höhlen, Steinbrüche, nicht mehr
„befahrene" Bergwerke und ähnliche Örtlichkeiten.
4. Die tägliche Erfahrung lehrt (stelle entsprechende Versuche an!), daß
die Fäulnis durch Wärme und Feuchtigkeit begünstigt wird. Wenn daher im
Sommer und Herbst nach Regentagen warme AVitterung eintritt, dann ist die
Fäulnis im Boden am lebhaftesten. Dann findet auch der (im Freien wachsende)
Champignon die meiste Nahrung. Sein Fadengeflecht zeigt daher jetzt das leb-
hafteste Wachstum, und jetzt ist für ihn darum auch die Zeit gekommen,
seine Fruchtträger zu bilden, die alsbald „wie Pilze aus der Erde hervor-
schießen". — Dasselbe gilt auch von den Pilzen des Waldes: Spätsommer und
Herbst sind die „Pilz- oder Schwammzeit". — Der Champignonzüchter bietet
seinen Pflanzen jahraus, jahrein die ihnen zusagende Wärme (13—18" C) und
Feuchtigkeit. Er kann daher auch in jeder Jahreszeit „Champignons" ernten.
5. Wie schon erwähnt, gehen die Fruchtkörper des Champignons nach
dem Ausstreuen der Sporen alsbald in Fäulnis über, d. h. sie zerfallen in ein-
fache Stoffe, aus denen die mit Blattgrün ausgerüsteten Pflanzen ihren Körper
aufbauen. Dieser Zerfall geht nun sehr schnell vor sich — schon nach wenigen
Wochen findet man von Fruchtträgern, die im Freien liegen, meist keine Spur
mehr — , viel schneller als bei anderen Pflanzenteilen (Blättern, Zweigen u. s.w.).
Indem der Champignon „halbzersetzte" Tier- und Pflanzenstoffe aufnimmt und
daraus seine schnell vergänglichen Fruchtkörper baut, macht er die in den toten
Pflanzen und Tieren aufgespeicherten Stoffe höheren Pflanzen und damit auch
den Tieren (Pflanzenfressern; Fleischfressern) bald wieder zugänglich, oder anders
ausgedrückt: er beschleunigt den „Kreislauf der Stoffe" in der Natur
(der auf die Tätigkeit der niedrigsten Pilze zurückzuführen ist; s. S. 348). — Eine
gleiche Bedeutung im Naturganzen haben alle anderen Hutpilze (also auch die
giftigen !). Ganz besonders groß ist die der Waldpilze, deren schnell vergäng-
liche Fruchtkörper in pilzreichen Jahren ja in erstaunlichen Massen aus dem
modernden Grunde hervorbrechen. (Vgl. die Pilze nach dieser Hinsicht mit
Andere Ständerpilze.
Ein Gang durch Feld und Flur, besonders aber durch den herbstlichen
Wald zeigt uns, welche erstaunliche Mannigfaltigkeit in der Welt der
Pilze herrscht. Es können hier daher nur die wenigen Formen berücksichtigt
werden, die uns entweder besonders als wohlschmeckende Speise dienen,
336 Taf. 38. 1. Unterklasse. Ständerpilze.
oder deren Genuß dem Menschen schwere Erkrankung-, nicht selten sogar den
Tod bringt. Ein Merkmal, durch das sich die giftigen Pilze von den
eßbaren unterscheiden, gibt es nicht. Man muß sie kennen lernen,
genau wie die Beerenfrüchte unserer Heimat (Tollkirsche, schwarzer Nacht-
schatten — Erdbeere u. a.). Auch ist wohl zu beachten, daß ganz harmlose
Pilze Vergiftungserscheinungen hervorrufen können, sobald sie in Verwesung
übergegangen sind. Darum sollten nur junge Pilze und zwar kurz
nach dem Einsammeln verspeist werden. Selbst das Stehenlassen der
Pilze bis zum nächsten Tage hat oft schon großes Unheil angerichtet!
Je nach dem Orte, an dem sich die sporenbildende Trägerschicht findet,
lassen sich leicht bestimmte Pilzgruppen unterscheiden.
1. Blätterpilze. Die Frachtschicht ü berzi eh t (wie beim Champignon)
senkrecht gestellte „Blätter" der Hutunterseite.
An denselben Orten, an denen der Feld-Champignon auftritt, aber auch in Wäldern
und Gebüschen findet sich sein nächster Verwandter, der weiße Schaf-Ch. (Ps. arvensis)
Er ist gleichfalls eßbar und von jenem durch den hohlen Stiel leicht zu unterscheiden. —
Diesen beiden Pilzen ist der überaus giftige Knollenblätterpilz (Amanita bulbösa),
besonders im Jugendzustande ziemlich ähnlich, (s. Taf. 37, 2). Auf seinen Ge-
nuß sind die meisten Pilzvergiftungen zurückzufahren. An den weißen Blättern
und dem unten knollenförmig angeschwollenen Stiele ist er jedoch
s i che r zu erkennen. Auch fehlt ihm stets der charakteristische Anis-
geruch des Champignons. Wie man an jungen Exemplaren sehen kann, sind Hut
und Stiel von einer gemeinsamen Hülle schützend umgeben. Bei fortgesetztem Wachs-
tum wird die Hülle gesprengt und bleibt auf dem Hute als Fetzen und an dem knolligen
Stiele als häutige Scheide zurück, beides Merkmale, die dem Champignon stets fehlen.
— Beim Fliegenpilz (A. muscäria) bilden die Reste der Hülle weiße Flocken auf dem
scharlachroten Hute. Dieser gleichfalls giftige Pilz erscheint in Wäldern oft in großer
Menge. Früher legte man ihn in Milch, die man zum Töten der Fliegen verwendete. —
Noch giftiger (Name !) ist der Speiteufel (Rüssula emetica), der besonders in Wäldern
wächst. Er ist meist von dunkelbrauner Färbung, besitzt keinen Ring und riecht sehr
widerlich. — An Baumstümpfen bricht der gleichfalls giftige Schwefelkopf (Hypho-
löma fasciculäre) hervor, ein vorwiegend schwefelgelber Pilz (Name !), der ausgebildet
schwarz-grüne Blätter hat. — Neben diesen und einigen noch zu nennenden Giftpilzen
gibt es aber weit mehr durchaus unschädliche Blätterschwämme, die wie der Champignon
z. T. sogar eine vortreffliche Speise für den Menschen bilden. Unter diesen dürfte der
Gelbling, Pfifferling oder Eierpilz (Cantharellns cibärius), der im Kiefernwalde oft in
großen Trupps anzutreffen ist (Taf. 38, 2), wohl wieder der wichtigste sein. Die dotter-
gelbe Färbung und die am Stengel herablaufenden Plätter sind sichere Erkennungs-
zeichen. — Der sehr ähnliche falsche Gelbling (C. aurantiacus), den man für
giftig hält, unterscheidet sich von ihm leicht durch eine deutliche Orangefärbung. —
Hochgeschätzt ist ferner der Reizker (Lactäria deliciösa). Er hat einen meist ziegel-
roten Hut, der mit orangefarbenen oder grünlichen Ringen geziert ist Bei Verletzungen
tropft aus ihm ein rot gelber Milchsaft hervor, während sein sehr giftiger „Doppel-
gänger", der Giftreizker (L. torminösa), verwundet eine weiße Milch absondert. —
Eßbar ist auch der Parasolpilz (Lepiöta procera), so lange er jung ist. Er gleicht
anfangs einem Paukenschlägel, breitet dann aber seinen braungeschuppten Hut wie einen
Schineil, Lehrbuch der Botanik.
Tafel 38.
1. Steinpilz (Boletus edulis).
2. Gelbling, Pfifferling oder Eierpilz (Cantharellus eibarius).
Blätterpilze. Röhrenpilze. Stachelpilze.
33/
A
m£
Schirm („ Schinnpilz ••) aus. Die prächtigen, oft '/» m hohen Gebilde brechen an lichten
Waldstellen und auf Grasplätzen aus dem Boden hervor.
2. Röhrenpilze. Die Fruchtschicht überzieht die Wandungen von
Röhren oder Löchern.
Das Wesen dieser Pilzgruppe können wir leicht am Steinpilze (Boletus edülis;
Tat'. 38, 1) erkennen , der in Laub- und Nadelwäldern vorkommt und einer unserer
wertvollsten Speiseschwämme ist. Auf der Unterseite des Hutes finden wir eine leicht
abtrennbare Schicht zahlreicher Röhren, deren Mündungen als feine Löcher er-
scheinen. Die Röhren sind — wie ein mikroskopischer Schnitt zeigt — mit
der Fruchtschicht ausgekleidet. Der dickfleischige Pilz hat einen knolligen, hellbräun-
lichen und meist netzaderig gezeichneten Stiel und einen heller oder dunkler matt-
braunen Hut. Die anfangs weiße Röhrenschieht wird später gelblich und schließlich
grünlich. — In der Gesellschaft des
Steinpilzes finden sich meist noch
zahlreiche andere Glieder seiner
Gattung. Von diesen Pilzen sind
alle die eßbar, deren Stiel einen
Ring besitzt, und von den ringlosen
Arten wieder diejenigen, die beim
Zerbrechen nicht sofort die Farbe
ändern. — Aus den ungenießbaren
Formen ist der überaus giftige Sa-
tanspilz (B. sätanas) hervorzu-
heben. Er ist dem Steinpilz sehr
ähnlich , hat aber einen gelben,
mit netzartigen, blutroten Flecken
überdeckten Stiel, und eine gleich-
falls blutrote Röhrenschicht. Sein
Fleisch wird beim Durchschneiden
rot und schließlich dunkelblau.
An Baumstämmen finden sich nicht selten die konsolförmigen Fruchtkörper von
Pilzen, deren Fadengeflecht im Holze des Baumes schmarotzt und es nach und nach
zerstört. Da diese Fruchtkörper mehrjährig sind, erscheinen sie als feste, widerstands-
fähige Gebilde. Sie erhalten alljährlich eine Verdickungsschicht mit einem Röhren-
lager, so daß uns ihre eigentümliche Form wohl verständlich wird. Von diesen Pilzen
wird besonders der Feuerschwamm (Polyporus fomentärius) zur Herstellung des leicht
brennbaren Zunders benutzt (Verwendung?). Zu diesem Zwecke wird die weiche Innen-
masse des Fruchtkörpers in Scheiben geschnitten, stark geklopft und mit Salpeterlösung
getränkt. — Ein Röhrenpilz ist auch der berüchtigte Hausschwamm (Merülius läcry-
mans), dessen Fadengeflecht das Holzwerk der Häuser nicht selten gänzlich zerstört und
sehr große, lappenförmige und äußerst giftige Fruchtkörper bildet. Da er wie alle
Pflanzen ohne Wasser nicht leben kann, so darf nur trockenes Holz zum Bauen ver-
wendet und in den Gebäuden eine sorgfältige Lüftung nie verabsäumt werden.
3. Stachelpilze: Die Fruchtschicht überzieht stachelartige Aus-
wüchse.
Dies ist leicht am Habichtschwamm (Hydnum imbrieätum) zu sehen, der
fast in jedem Nadelwalde vorkommt. Die kleinen Stacheln linden sich auf der Unter-
Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 22
Habichtscliwamiu (kleines Exemplar
338
1. Unterklasse. Ständerpilze. 2. "Unterklasse. Schlauchpilze.
seite des schokoladebraunen Hutes, der mit mehreren kreisförmigen Reihen großer
Schuppen bedeckt ist. Die Stacheln laufen noch ein Stück an dem weißgrauen Stiele herab
und stehen so dicht, daß sie der Hutunterseite das Aussehen eines Rehfelles verleihen
(daher auch „Rekpilz"). Auch andere Arten der Gruppe sind eßbar, keine ist giftig.
4. Kenlenpilze : Die Fruchtschicht überkleidet die Oberseite der
keulen- oder k or allenf örmigen F ru c h t k ö r pe r.
Die Pilze dieser Gruppe sind jung sämtlich eßbar. Am meisten wird der gelbe
Ziegenbart, Korallenpilz oder Hahnenkamm (Claväria flava) geschätzt, der in
Laub- und Nadelwäldern anzu-
treffen ist. Seine oft kopfgro-
ßen , gelblichen Fruchtkörper
spalten sich in zahlreiche Äste,
die sich wiederholt in kleinere
Zweige teilen. So entstehen
prachtvolle, korallenartige Ge-
bilde (Namen !) von größter
Zartheit und oft beträchtlichem
Umfange.
5. Bauchpilze : Die
Fruchtschicht überzieht
die Wände von Hohlräu-
men oder Kammern im
Innern der Fruchtkörper.
Stellt man durch einen
jungen Bovist (Bovista), wie
er sich auf Wiesen als weiße
Kugel überall findet, dünne
Schnitte her, so sieht man bei
Anwendung des Mikroskops,
daß der Körper gekammert ist, und daß die Wände der Hohlräume („Bauchpilze")
dicht mit sporenbildenden Ständern besetzt sind. Bei der Reife werden die
Wände aufgelöst. Dann reißt die äußere Hülle an der Spitze auf, so daß der Wind
das braune Sporenpulver verwehen kann. Jung sind die Boviste wie zahlreiche andere
Bauchpilze eßbar. — Giftig ist allein der Kartoffelbovist (Scleroderma vulgäre), der
häufig auf Sandboden vorkommt. Die festen Fruchtkörper haben das Aussehen von
Kartoffelknollen (Name!), sind innen zuletzt aber ganz schwarz und werden betrüge-
rischer Weise daher nicht selten den Trüffeln beigemengt.
Gelber Ziegenbart (kleines Exemplar).
2. Unterklasse. Schlauchpilze (Ascomycetes).
Fadengerlecht mehrzellig. Sporen bilden sich (gewöhnlich in einer Anzahl von 8) im
Innern schlauchartiger Zellen.
1. Während der Frühlingsmonate brechen in Wäldern, auf Wiesen und
in Gärten Frachtkörper von Pilzen aus dem Boden, die wesentlich anders aus-
sehen als die der bisher betrachteten Arten. Es sind die überall hoch ge-
schätzten, schmackhaften Morcheln (Morchella). Auf einem Stiele erhebt sich
— je nach der Art — ein kegelförmiger oder abgerundeter Hut von meist grauer
Keulenpilze, Bauchpilze. Morchel. Lorchel. Trüffel
339
bis brauner Färbung. Die Oberfläche des hohlen und sehr brüchigen Hutes ist
durch netzartige Rippen in zahlreiche Gruben geteilt.
Stellt man durch die Wand des Hutes dünne Querschnitte her, so sieht
man bei Anwendung des Mi-
kroskops, daß die grubigen
Vertiefungen außen mit einer
Fruchtschicht (s. S. 332)
überkleidet sind. Die Sporen
werden hier aber nicht wie
beim Champignon und seinen
Verwandten an der Spitze von
Ständern, sondern im In-
nern langgestreckter,
schlauchartiger Zellen
gebildet. Zwischen den
„Schläuchen", in denen wir
je 8 Sporen zählen, beobach-
ten wir wie beim Champignon
zahlreiche unfruchtbare „Zwi-
schenzellen". Bei der Reife
schwellen diese Gebilde stark
an, so daß sie einen Druck
auf die Schläuche ausüben.
Da sich diese jetzt nun an
der Spitze geöffnet haben, wer-
den die Sporen mit einer ge-
wissen Gewalt heraus geschleudert und somit dem Winde überantwortet,
ihre Verbreitung besorgt.
Als „Morcheln" kommt vielfach ein ganz ähnlich geformter Pilz in den Handel,
die Speise-Lorchel (Helvella). Sie wächst in Nadelwäldern und ist an dem unregel-
mäßig gelappten Hute zu erkennen, der zahlreiche „darmartige" Auftreibungen zeigt.
2. Viel höher noch als die Morcheln werden die Trüffeln (Tuber) geschätzt, die
zu den feinsten Delikatessen und Küchengewürzen zählen. Es sind dies die Fruchf-
Spitz-Morcliel (nat. Gr.) Danehen mehrere Pilz-
fäden mit 3 Schläuchen, die je 8 Sporen enthalten,
und 3 Zwischenzellen 1 300 mal vergr.).
der
Trüffel. 1
4 Sp
Durchschnitt (nat. Gr.). 3 Drei Schläuche, von denen 2
reu enthalten (Vergr. etwa 450 mal).
340
2. Unterklasse. Schlauchpilze.
körper von Pilzen , deren
Fadengeflecht sich im Wald-
boden verbreitet. Sie haben
das Aussehen von Kartoffel-
knollen, sind von einer war-
zigen Hülle umkleidet und
besitzen im Innern zahlreiche
Kammern, deren Wände mit
Sporenschläuchen bedeckt
sind. Da die Trüfl'eln stets
unterirdisch bleiben, kann
die Verbreitung der Sporen
auch nicht durch den Wind
geschehen wie bei den mei-
sten anderen Pilzen ; wüh-
lende Tiere allein vermögen
diese Arbeit zu leisten (Wild-
schwein, Dachs, Mäuse, Re-
genwürmer u. a.). Hiermit
stehen auch folgende Tat-
sachen im innigsten Ein-
klänge: die Trüffeln finden
sich erstlich nur dort, wo
sie den Wühlern leicht zu-
gänglich sind, nämlich nahe
der Erdoberfläche; sie sind
zweitens fleischige , saftige
Gebilde, die von den Tieren
gern verzehrt werden (vgl.
mit den Früchten , deren
Samen durch Vögel ausge-
sät werden!); sie besitzen
drittens einen auffallend
starken Duft (Verwendung !),
wodurch sie den Tieren ihre
Anwesenheit gleichsam an-
zeigen, und ihre Sporen sind
viertens mit stacheligen oder
netzförmigen Erhöhungen be-
deckt, so daß sie ihren Ver-
breitern leicht und sicher
anhaften. Um die begehr-
ten Fruchtkörper zu ent-
decken , bedient sich der
„Trüffeljäger " vorwiegend
der Hilfe abgerichteter
Schweine oder Hunde, die ja bekanntlich mit sehr scharfem Geruch begabt sind.
Die wertvollen Trüffelpilze bewohnen vorwiegend Eichen- und Buchenwälder auch
Mutterkornpilz und seine Entwick-
lung. 1 Roggenähre mit Mutterkorn
(nat. Gr.). 2Pilzfäden, dieSporen abschnüren (Vergr. etwa
HOOmal). 3 Mutterkorn mit Fruchtkörpern (wenig vergr).
4 Längsschnitt durch das Köpfchen eines Fruchtkörpers
mit zahlreichen Haschenförniigen Höhlen (Vergr. 25 mal).
5 Eine solche Höhle mit Sporenschläuchen (Vergr. 120 mal).
6 Ein Sporenschlauch mit 8 Sporen (Vergr. 700 mal).
Trüffel. Btutterkornpilz. Pinselschimmel.
341
unserer Heimat. Die meisten Trüffeln kommen jedoch ans Südfrankreich und Italien
zu uns.
3. In den Ähren verschiedener Gräser, besonders des Roggens, findet mau
nicht selten schwärzliche, große Körper, die bekanntlich als Mutterkorn be-
zeichnet werden. Sie verdanken ihre Entstehung einem Pilze, dem Mutterkorn-
pilze (Cläviceps purpurea), der eine sehr merkwürdige Entwicklung durchläuft.
Geht man im Frühlinge auf das Feld, so findet man sicher Roggenähren, in
denen ein Fruchtknoten süßen Saft ausscheidet. Dieser „Honigtau" wird
wie alle Süßigkeiten von zahlreichen Insekten gern aufgesucht. (Man
braucht oft nur dem Fluge der Honigbiene zu folgen, um eine solche Ähre zu
entdecken!) Wie die mikroskopische Untersuchung leicht zeigt, ist dieser Frucht-
knoten von Pilzfäden durchzogen, die an der Oberfläche zahlreiche kleine
Sporen abschnüren. Indem nun die Insekten den süßen Saft lecken und zu
anderen Ähren fliegen, nehmen sie sicher auch Sporen mit, die dort dieselbe
Erkrankung hervorrufen (vgl. den Honigtau mit den Lockmitteln der Blüten
und Früchte höherer Pflanzen!). Zur Zeit der Roggenreife geht mit dem Auf-
hören der Saftzufuhr dem Schmarotzer aber die Nahrung aus! Fruchtknoten
von anderen Gräsern, in denen er allein leben kann, findet er erst im nächsten
Frühjahre wieder. Wie rettet er sich nun auf diese Zeit hinüber? Bevor
der Roggen zu reifen beginnt, legen sich die Pilzfäden besonders im unteren
Teile des Fruchtknotens eng zusammen und wachsen zu einem fast holzharten
Körper aus: das ist das Mutterkorn, das die Unbilden des Winters leicht
übersteht. Auf oder in dem Ackerboden liegt es unverändert bis zur Zeit der
nächsten Roggenblüte. (Lege es während des Winters in einen Blumentopf mit
Erde, der im Freien aufbewahrt wird!). Dann bekommt es scheinbar neues
Leben: es treibt eine Anzahl langgestielter, rötlicher Frucht körp er von der
Größe eines Stecknadelkopfes, in denen sich in flaschenförmigen Höhlungen
zahlreiche Sporenschläuche bilden. Die aus den Schläuchen hervortretenden
langgestreckten Sporen werden durch den
Wind verweht, und die Erkrankung der Frucht-
knoten zeigt sich alsbald von neuem. Der Land-
mann bringt mit dem Mutterkorn also einen
gefährlichen Feind auf seinen Acker. Da es zu-
dem ein heftiges Gift enthält, das, im Brote
genossen, schon oft schwere Erkrankungen her-
vorgerufen hat, sollte es aus dem eingeernte-
ten Getreide sorgfältig entfernt werden. In der
Hand des erfahrenen Arztes dagegen ist es ein
wichtiges Heilmittel.
4. Brot, eingemachte Früchte, Fleischwaren,
Tinte u. s. w. werden von dem gemeinsten aller Schim- V mrl .,„,- ,,j m , m
melpilze, dem Pinsel- oder Brotsehiininel (Peni- Stück Brot
cillinm ernstäceum), oft wie mit einer dicken, an- w (.Vgl - , et. 120m.
342
2. Unterkl. Schlauchpilze. 3. u. 4. Unterkl. Host- u. Brandpilze.
grünen Decke überzogen. Indem er den Stoffen Sauerstoff zuführt, bedingt er deren
Verwesung, die für sein Wachstum notwendig ist (s. S. 334, 2). Untersucht man ein
wenig von dem Pilze unter dem Mikroskope , so sieht man ein dichtes Fadengeflecht,
aus dem sich zahlreiche senkrechte Fäden erheben. Da sich diese Fäden an der Spitze
wiederholt teilen und an den Enden zahlreiche Sporen abschnüren, erscheint das Ganze
wie ein kleiner Pinsel (Name !). Dio Sporen, die der Pilzmasse die blaugrüne Färbung
verleihen, werden leicht durch den "Wind verweht. Und da es an geeigneten Stoffen
für den Pilz nirgends fehlt, ist er auf der ganzen Erde zu finden. Sehr selten erscheinen
in dem Fadengeflechte winzige, trüffelartige Körperchen mit sporenbildenden Schläuchen,
ein Umstand, der die Einreihung des ungebetenen Gastes in die Gruppe der Schlauchpilze
verständlich macht.
Die Blätter der Getreidearten, Hülsenfrüchtler, Rosen und violer anderer
Pflanzen findet man nicht selten wie mit Schimmel überzogen : es ist das Faden-
geflecht zahlreicher Mehltaupilze (Erysiphe ; Name!). A'on diesen spinnengeweb-
artigen Fäden dringen Fortsätze in das Blattinnere, die der Pflanze Nahrung ent-
ziehen. Infolgedessen erkranken die Blätter, so daß der ganzen Pflanze oft großer
Schaden zugefügt wird. — Einer der gefährlichsten dieser Zerstörer ist der S. 65 be-
reits erwähnte Rebenmehltau (Oidium tückeri) — Auch die als Taschen oder Narren
bezeichneten Mißbildungen der Pflaumen werden durch einen Schlauchpilz verursacht
(Taphrina pruni).
5. Zerteilt man ein Körnchen Preßhefe in Wasser, und untersucht man
darauf einen Tropfen der trüben Flüssigkeit unter dem Mikroskope, so bemerkt
man darin Tausende von farblosen, kuge-
ligen Zellen, von denen jede ein „Pflänz-
chen" der Bierhefe (Saccharomyces cere-
visiae) darstellt. Bringt man etwas Preß-
hefe in eine zuckerhaltige Flüssigkeit, so
tritt alsbald eine starke Vermehrung der
Hefenmasse ein: an den Zellen bilden
sich Ausstülpungen, die zur Größe der
Mutterzellen heranwachsen und sich
schließlich von ihnen trennen. Erfolgt
eine solche Abschnürung nicht, und treiben die Tochterzellen abermals Tochter-
zellen, so entstehen kleine Zellkolonien. Gleichzeitig geht mit der Flüssigkeit
eine starke Veränderung vor sich: ihr entsteigt unter Schäumen und Brausen
Kohlensäure (Nachweis durch Kalkwasser!), und der süße Geschmack verliert
sich immer mehr. Dafür stellt sich aber bald der bekannte Spiritus- oder
Alkoholgeruch ein: die Bierhefe hat den Zucker in Alkohol und Kohlensäure
gespalten, ein Vorgang, der bekanntlich als alkoholische Gärung bezeichnet
wird. Auf dieser Fähigkeit der Bierhefe beruht das Brauen des Bieres, sowie
die Herstellung des Branntweins. Im Großen gezüchtet und möglichst getrock-
net, kommt der Pilz als „Preßhefe" in den Handel, die namentlich beim Backen
des Kuchens Verwendung findet. Alkohol und Kohlensäure, die hierbei gleich-
falls entstehen, treiben die zähen Teigmassen auseinander, so daß ein lockeres,
bekömmliches Gebäck entsteht. (Eine andere Hefenart, die in großer Menge im
Bierhefe. 1 Eine Zelle mit einer Aus-
stülpung. 2 Eine Kolonie von Zellen.
3 Eine Zelle mit 4 Sporen (1 u. 2 etwa
800 mal. 3 etwa lOOOmal vergr.).
Mehltaupilze. Rebenmehltau. Bicrlicfe. Weinhefe, Getreiderost.
343
Sauerteig enthalten ist, veranlaßt „das Gehen" des Schwarzbrotteiges.) Bringt
man eine dünne Schicht Bierhefe auf eine Gipsplatte, die man nur mit reinem
Wasser befeuchtet und mit einer Glasglocke überdeckt, so spaltet sich der
Inhalt jeder Zelle in meist 4 Sporen (Schlauchpilz!), die, durch dicke Wände
geschützt, lange Zeit hindurch Trocknis ertragen und ohne Nahrung weiter
leben können. Die Sporenbildung ist also ein Mittel, durch das sich der Pilz
vor dem Untergange schützt. Im Freien kommt die Bierhefe nicht vor. Sie
ist wie z. B. die meisten Getreidearten eine uralte „Kulturpflanze" von unbe-
kannter Herkunft. Und wie die meisten unserer Nutzpflanzen, bildet auch die
Hefe zahlreiche „Rassen", von denen jede dem Biere gewisse Eigentümlichkeiten
verleiht.
Dasselbe gilt für die Weinhefe (S. ellipsoideus), die aber — wie bereits
S. 65 erwähnt — im Freien vorkommt. Daher gärt der Most von selbst. -
Auch die Hefepilze, die die Gärung des „Fruchtweins" verursachen, gelangen
mit den Früchten in den ausgepreßten Saft.
3.U.4. Unterklasse. Rost- und Brandpilze (Uredinäceae undUstilaginäceae).
Fadengeflecht mehrzellig. Schmarotzer höherer Pflanzen, deren Sporeninassen an der
Wirtspflanze rostartige Stellen bilden oder gewisse Teile der befallenen Pflanzen wie
verbrannt erscheinen lassen.
1. Rostpilze. An den Getreidearten sowohl, wie auf wildwachsenden
Gräsern findet man vom Juni ab nicht selten gelbe, braune oder schwarze
Flecken und Streifen, die wie Rostflecke aussehen (Name!). Die
mikroskopische Betrachtung dünner Querschnitte zeigt uns, daß Blätter
und Stengel dieser Pflanzen von zahlreichen Pilzfäden durchzogen sind,
die hier und da die Oberhaut durchbrechen, ins Freie treten und
daselbst je eine Spore abschnüren. Die Sporenmassen, die dem un-
bewaffneten Auge als jene Rostflecke erscheinen, befinden sich also
, â– â– [â– JU &-â– :â– â–
:; l
Getreiderost. 1 Sommersporen (Vergr. 200 mal). 2 Wintersporen (Vergr.
200mal). '•) Zwei Wintersporen. Die obere Spore beginnt, einen Pilzfaden zu treiben;
an dem vollkommen entwickelten Faden der unteren Spure haben sich 4 Frühjahrs-
sporen gebildet (Vergr. 230 mal). 4 Ein Becherchen von der Unterseite des Berberitzen-
blattes; mehrere Bechersporen haben sielt bereits abgelöst. (Vergr. 70 mal.)
344 3. u. 4. Unterklasse. Rost- n. Brandpilze. S.Unterklasse. Algenpilze.
im Bereiche ihres Verbreiters, des Windes. Da sich der Pilz auf Kosten
seines „Wirtes" ernährt, verkümmern die befallenen Pflanzen oder gehen
wohl gar zn gründe. Die Rostkrankheiten des Getreides werden nun von
verschiedenen Pilzen hervorgerufen, unter denen als Hauptverwüster der (echte)
Getreiderost (Puccinia gräminis) hervorragt. Hat er sich einmal auf einem
Felde eingefunden, so verbreiten seine gelben, roten oder hellbraunen Sporen
die Krankeit schnell weiter. Wenn das Getreide zu reifen beginnt, treten in
den Rostflecken dunkelbraune Sporen auf, die vermöge ihrer dicken Wände
leicht zu überwintern vermögen (vgl. mit dem Mutterkornpilze!). Die zuerst
erzeugten dünnwandigen Sporen, die hierzu nicht im stände sind, bezeichnet
man daher zum Unterschied von diesen „Wintersporen" als „Sommersporen".
Im nächsten Frühjahre treiben die Wintersporen, die immer zu zweien vereinigt
sind, je einen kurzen Pilzfaden, der wieder 4 farblose „Frühjahrssporen"
erzeugt. Gelangen die durch den Wind verwehten winzigen Gebilde auf die
Blätter der Berberitze, so keimen sie. Der Keimschlauch dringt in die Blätter
ein und erzeugt ein Fadengeflecht, an dem auf der Blattunterseite bald kleine,
rotgelbe „Becherchen" entstehen. In ihnen bilden sich am Ende senkrechter
Pilzfäden Reihen von „Bechersporen", die wieder durch den W T ind davon-
getragen werden. Fallen sie auf Getreide ''oder gewisse wildwachsende
Gräser), so rufen sie die Krankheit von neuem hervor. Der Pilz durch-
läuft also einen Generationswechsel (s. S. 301). Da in seiner Entwicklung
die Berberitze eine wichtige Rolle spielt, so darf der Strauch in der Nähe von
Getreidefeldern nicht geduldet werden. Bemerkt mag noch sein, daß auch an
der Oberfläche der Berberitzenblätter kleine „Becher" entstehen, in denen
winzige Sporen von unbekannter Bedeutung gebildet werden.
Auf zahlreichen anderen Pflanzen erzeugen andere Rostpilze ähnliche Er-
krankungen. — Ein sehr gefährlicher Schädling ist z. B. der Birnenrost (Gymnospor-
ängium sabinae) , der auf den Blättern des Birnbaums die „Becher" und auf dem
Sadebaume die anderen Entwicklungszustände bildet. — Der Erbsenrost (Uromyces
pisi) wandert von der Cypressen-Wolfsmilch (s S. 68) auf die Blätter der Erbsen und
anderer Schmetterlingsblütler. — Andere Rostpilze vollenden wieder ihre ganze Ent-
wicklung auf ein und derselben Pflanze.
2. Die Brandpilze sind gleichfalls Schmarotzer höherer Pflanzen, und zwar
vorzugsweise der Gräser. Während das Fadengeflecht die ganze Wirtspflanze durchzieht,
erfolgt die Bildung der Sporen jedoch nur an einer bestimmten Stelle, an der Blüte, dem
Stengel u. s. w. Die Sporen, die durch den Wind verbreitet werden, bilden dunkle Massen,
die die Bezeichnung „Brandpilze" durchaus rechtfertigen. Am häufigsten zu beobachten ist
der Flug- oder Staubbrand (Ustilago-Arten), der die Früchte besonders des Ilafers, der
Gerste und des Weizens zerstört. — Andere Brandpilze verursachen den Schmier-
brand (Tilletia-Arten) : die Getreidekörner scheinen äußerlich unversehrt: innen aber sind
sie mit einem schwarzen, übelriechenden und schmierigen Sporenpulver (Name!) erfüllt.
Rost- u. Brandpilzarten. Kartoffelpilz, F. Rebenmehltau. Wasser- n. Fliegenschimmel. 345
^qqoc:
■■•■." r : .'"
â–
5. Unterklasse. Algenpilze (Phycomycetes).
Fadengeflecht besteht (wie der Körper gewisser Algen; Name!) nur aus einer einzigen,
meist stark verzweigten und oft sehr umfangreichen Zelle.
In diese große Abteilung der Pilze soll uns der Kartoffelpilz (Peronöspora
infestans) einführen, der die gefürchtete Kartoffelfäule hervorruft. Stellt man
z. B. durch ein Blatt einer Kartoffelstaude, die von dieser Krankheit befallen
ist, dünne Schnitte her, so ist mit Hilfe
des Mikroskops leicht zu erkennen, daß
es wie die ganze Pflanze von einem viel-
fach verzweigten, aber einzelligen Faden-
geflechte durchwuchert wird. Einzelne
Äste des Geflechtes brechen wie ein
zarter Schimmel aus den Spaltöffnungen
an der Unterseite der Blätter hervor,
verzweigen sich und schnüren eine An-
zahl Sporen ab, die, vom Winde ver-
weht, schnell die Krankheit über das
ganze Feld verbreiten. Da der Pilz der
Pflanze die Nahrung entzieht, bekommen
die Blätter schwarzbraune Flecke, und
schließlich sterben alle oberirdischen Teile
ab. Infolgedessen bleiben die Knollen
klein, so daß der Ernteertrag meist sehr
gering ist. Oft werden aber auch die
Knollen selbst von der Krankheit erfaßt:
sie erhalten braune Flecke und ver-
wandeln sich schießlich in eine jauchige,
übelriechende oder in eine trockene, bröck-
lige Masse (nasse und trockene Fäule).
Will man sich gegen den gefährlichen
Feind schützen, so hat man vor allen
Dingen zur Aussaat nur vollkommen ge-
sunde Knollen zu nehmen, sowie alle
erkrankten von dem Felde zu entfernen
und sorgfältig zu vernichten.
Ein anderer, gleichfalls sehr gefährlicher Algenpilz ist der sog. falsche Reben-
mehltau (P. vitieola), dessen bereits auf S. 65 gedacht worden ist. — Wirft man ein
totes Insekt in Teich- oder Flußwasser, so bedeckt es sich bald mit den Frachtträgern
des Wasserschimmels (Saprolegnia-Arten). Dieser Pilz siedelt sich vielfach auch auf den
Kiemen der Fische an. so daß die Tiere schließlich zu Grunde gehen. — Der Fliegen-
schimmel (Empüsa muscae) tütet im Herbst große Mengen von Stubenfliegen. Man
findet die Tiere dann an den Wänden und Fenstern kleben und von einem Kranze fortge-
schleuderter Sporen umgeben, durch die die Krankheit schnell weiter verbreitet wird.
Kartoffelpilz: Querschnitt durch ein
von dem Pilze befallenes Kartoffelblatt.
Aus den Spaltöffnungen der Blattunterseite
treten Aste insFreie, an denen sich Sporen
bilden. (Yergr. etwa 200mal.)
346
2. Klasse. Spaltpilze.
2. Klasse. Spaltpilze oder Bakterien (Schizomycetes).
Pilze, die kein Fadengeflecht bilden, sondern nur einzellige, sehr kleine "Wesen sind,
die sich durch Zweiteilung vermehren.
A. Vom Bau der Spaltpilze. 1. Verteilen wir von dem weißen Belag
unserer Zähne ein wenig in einem Wassertropfen, so erblicken wir bei starker
mikroskopischer Vergrößerung zahlreiche farblose Gebilde, die man als Spaltpilze
oder Bakterien bezeichnet. Es sind die kleinsten Lebewesen, die wir
kennen; erreichen doch viele von ihnen noch nicht einmal Viooo mm an Länge.
Ihrer Größe nach verhalten sie sich also etwa zum Menschen wie ein Saatkorn
zu einem der höchsten Alpenberge.
2. Bei sehr starker Vergrößerung erkennt man, daß der Körper der Spalt-
pilze aus je einer einzigen Zelle gebildet ist, die allerdings verschiedene
Formen aufweist. So haben die Spaltpilze des Zahnbelags die Gestalt einer
%V^\^
Spaltpilze. 1 Aus dem Belag der Zahne (Vergr. etwa 750 mal). 2 Mit fadenförmigen,
als Bewegungswerkzeuge dienenden Anhängen (Vergr, etwa 1500 mal }.
Kugel oder eines kürzeren oder längeren Stäbchens. Daneben treten in der
Regel auch solche auf, die mehr oder weniger gekrümmt oder gar korkzieherartig
gewunden sind. Diese Gestalten kehren bei allen Spaltpilzen wieder, so viele man
daraufhin auch untersuchen mag. Die kugeligen Formen bezeichnet man als
Kokken*), die Kurzstäbchen als Bakterien i. e. S.*) und die Lang-
stäbchen als Bazillen**); die gekrümmten und gewundenen führen
nach ihrer besonderen Gestalt wieder verschiedene Namen, die aber, weil im
gewöhnlichen Leben ungebräuchlich, hier unerwähnt bleiben sollen.
3. Die kleineren Spaltpilze unseres Präparats sind in lebhafter Bewegung.
Einige drehen sich um sich selbst, schwimmen dabei gleichzeitig ein Stück vorwärts
und, ohne umzukehren, wieder zurück; andere zeigen ein eigentümliches Wackeln
und Zittern, und die gewundenen schrauben sich hurtig durch das Wasser.
*) Nach einem gleichlautenden griechischen Worte.
**) Bacillum ist die Verkleinerung von baculum, der Stab.
Bau der Spaltpilze. 347
Untersucht man einen Tropfen einer Flüssigkeit, in der tierische oder pflanzliche
Stoffe faulen, so sind Tausende und Abertausende von Spaltpilzen in Bewegung:
oft flimmert infolgedessen das ganze Gesichtsfeld, und das Wasser scheint
lebendig geworden zu sein. Daneben gibt es aber auch zahlreiche Spaltpilze,
die sich kaum oder niemals bewegen. Bei sehr starker Vergrößerung erkennt
man auch die Werkzeuge der Bewegung: es sind mehr oder weniger zahlreiche,
fadenförmige Anhänge der Zellhaut, die wie bei den Infusorien (s. Lehrb. d. Zool.)
regelmäßige Schwingungen oder Drehungen ausführen.
4. Steht den Spaltpilzen genügend Nahrung zur Verfügung, und herrscht
die für sie eine günstige Temperatur (s. S. 350, 1), so vermehren sie sich, in-
dem sie sich teilen. Bleiben die „Teilstücke", von denen also jedes eine
selbständige Pflanze darstellt, im Zusammenhange, so entstehen nicht selten
kleine Ketten oder längere Stäbe (so bestehen
z. B. die Langstäbchen der aus dem Zahnbelag
abgebildeten Formen z. T. aus zahlreichen
Kurzstäbchen, was jedoch nur bei Anwendung
besonderer Mittel zu sehen ist). Die Ver-
mehrung erfolgt nun bei günstigen Bedingungen
(Nahrung; Wärme!) außerordentlich schnell.
Sorgfältige Berechnungen haben z. B. ergeben,
daß ein Spaltpilz, der 0,001 mm lang, breit Spaltpilze, die je eine Spore am-
und hoch ist und sich in jeder Stunde einmal schließen. (Vergr. etwa 1500 mal.)
teilt, in etwa 6 Tagen eine Masse bilden kann,
die den — Erdball an Größe übertreffen würde. Selbstverständlich schließt
schon die ausgehende Nahrung eine solche Vermehrung aus; sie ist aber immer-
hin möglich und für das Verständnis der von den winzigen Lebewesen ver-
ursachten Vorgänge von größter Wichtigkeit (s. w. u.).
5. Verdunstet die Flüssigkeit, in der die Spaltpilze leben, oder geht ihnen
die Nahrung aus, so haben viele die Fähigkeit, einen Dauerzustand zu bilden:
Der Inhalt der Zelle verdichtet sich zumeist und umgibt sich mit einer dicken,
widerstandsfähigen Hülle ; es ist eine Spore entstanden. Nach Zerfall der
Zellwände werden die Sporen frei. Geraten sie nach Monaten oder Jahren
wieder in günstige Lebensbedingungen, so wird die äußere Haut gesprengt, und
je ein lebenskräftiger Spaltpilz tritt daraus hervor. Es gibt aber auch zahl-
reiche Formen, die ohne Sporen zu bilden ein gänzliches Austrocknen vertragen,
also ohne weiteres in einen Dauerzustand übergehen können. Nun sind — wie
erwähnt — die Spaltpilze und demnach auch ihre Sporen außerordentlich kleine
(Jebilde. Sie werden daher in trockenem Zustande vom Winde leicht empor-
gewirbelt und sicher nicht selten auf Tausende von Meilen verweht. Als unsicht-
barer Staub schweben sie überall in der Atmosphäre und kehren mit anderen
Staubteilchen bei ruhiger Luft wieder zur Erde zurück. Die „Keime" der
Spaltpilze finden sich infolgedessen auf jedem Gegenstande, in
jedem Gewässer, kurz: sie sind geradezu „allgegenwärtig".
348 2. Klasse. Spaltpilze.
B. Von der Tätigkeit der Spaltpilze. 1. Die Spaltpilze entbehren wie
alle anderen Pilze des Blattgrüns. Sie sind daher ebenfalls auf „fertige" Nah-
rung angewiesen, die sie gleich dem Champignon zumeist faulenden Tier-
und Pflanzenstoffen entnehmen. Da sich nun ihre Keime fast überall
linden, treffen wir sie auch stets da an, wo Fäulnis stattfindet.
a) Ein einfacher Versuch wird uns jedoch zeigen, daß sie weit mehr sind
als nur Fäulnisbewohner. Wir nehmen 2 Glaskolben mit etwas Wasser, in
das wir irgend einen Tier- oder Pflanzenstoff legen. Während wir den Inhalt
des einen Kolbens unverändert lassen, kochen wir den des zweiten längere Zeit
hindurch, so daß die Spaltpilze oder deren Keime, die sich an dem verwendeten
Stoffe, an den Wänden des Glases oder in dem Wasser befinden, getötet werden;
denn die Spaltpilze vermögen ebensowenig wie jedes andere Lebewesen der
Siedehitze zu widerstehen. Sobald wir das Kochen einstellen, verschließen
wir den Kolben durch einen aus gereinigter Watte gebildeten Pfropf, den
wir - - um etwa anhaftende Spaltpilzkeime zu vernichten — unmittelbar
zuvor über einer Flamme abgesengt haben. Während der Inhalt des ersten
Kolbens bald in Fäulnis übergeht, bleibt der des zweiten unverändert. Sobald
wir von ihm aber den Pfropf nur kurze Zeit abnehmen, so daß Spaltpilze oder
deren Keime aus der Luft hineinfallen können, tritt in ihm gleichfalls Fäulnis
ein. Hieraus geht nun unzweifelhaft hervor, daß die Spaltpilze nicht nur
Bewohner, sondern auch Erreger der Fäulnis sind, oder anders ausgedrückt,
daß es ohne Spaltpilze keine Fäulnis auf der Erde geben würde.
b) Nehmen wir an, letzteres wäre der Fall ! Dann würden ungezählte Millionen
von Tier- und Pflanzenleichen den Erdboden bedecken, und alle Gewässer wären mit
toten Körpern erfüllt. Kein Fleckchen Erde wäre vorhanden, auf dem noch eine
Pflanze wachsen könnte, und mit dem Pflanzenleben wäre das Tier- und Menschen-
leben längst erloschen (warum?). Die Spaltpilze sind es, die den Zerfall der
abgestorbenen Körper bewirken: sie machen also die Baustoff e, die auf
der Erde nur in beschränktem Maße vorhanden sind, für neues
Leben immer wieder frei; sie bewirken den ewigen „Kreislauf
des Stoffes" in der Natur. (Die eigentlichen Fäulnis bewohn er, wie z. B.
der Champignon und viele andere Pilze, können also die S. 335 näher gekenn-
zeichnete Arbeit erst beginnen, wenn die Spaltpilze die Verwesung eingeleitet
haben.)
c) Im Anschluß an diese wichtige Tatsache sei einer Gruppe von Spalt-
pilzen kurz besonders gedacht. Mit jeder Ernte entziehen wir dem Acker eine,
große Menge von Stickstoffverbindungen (meist in Form von Eiweiß). Da die
Pflanzen nun nicht die Fähigkeit besitzen, der Luft Stickstoff zu entnehmen,
so müssen wir ihnen diesen wichtigen Baustoff durch Düngung des Bodens
wieder zuführen. Düngt man aber Pflanzen z. B. mit „frischer" Jauche, so sieht
man, daß sie kränkeln und schließlich wohl gar absterben. Die in dem „frischen"
Dünger enthaltenen Stickstoft'verbindungen müssen nämlich, um von den Pflanzen
verwendet werden zu können, erst in salpetersaure Salze übergeführt werden.
Tätigkeit der Spaltpilze 349
(Darum ist der Chili-Salpeter ein so vorzügliches Düngemittel !) Diese Arbeit
wird (auf einem hier nicht näher zu verfolgenden, umständlichen Wege) von
den Spaltpilzen des Bodens geleistet. Wie auf dem Acker spielt sich dieser
Vorgang nun in der ganzen Natur ab: Spaltpilze führen die Stick-
sto l'fverbindungen, die von den Tieren ausgeschieden werden,
in eine solche Form über, daß sie von den Pflanzen wieder
als Baustoffe verwendet werden können.
d) Von der soeben ausgesprochenen Regel, daß die Pflanzen nicht im stände
sind, ihren Stickstoffbedarf der atmosphärischen Luft zu entnehmen, bilden,
wie wir bereits wissen, gewisse Spaltpilze eine Ausnahme, nämlich die
Wurzelbakterien in den Knöllchen der Schmetterlingsblütler
(s. S. 104). In jüngster Zeit hat man auch noch andere, frei im Erdboden
lebende Spaltpilze (und Schimmelpilze) entdeckt, die diese wunderbare Fähigkeit
besitzen und darum als „Stickstoffbakterien" bezeichnet werden.
2. Gewisse Spaltpilze rufen in ihren Nährstoffen Veränderungen hervor,
die mau nicht als Fäulnis, sondern (wie die Einwirkung der Bierhefe auf
zuckerhaltige Flüssigkeiten ; s. S. 342) als Gärung bezeichnet. Läßt man
z. B. Bier oder Wein bei Zimmerwärme einige Tage offen stehen, so werden
sie sauer: der Alkohol ist in Essig umgewandelt; es ist „Essiggärung" ein-
getreten. Wiederholt man den in S. 348, a geschilderten Versuch — statt
eines faulenden Stoffes muß man natürlich Bier oder W T ein verwenden — , so ist
leicht zu beweisen, daß die Veränderungen in der Flüssigkeit allein durch Spalt-
pilze hervorgerufen werden. — Auf der Tätigkeit anderer Gärungs erreger
beruht z. B. die Schnellessigfabrikation, sowie das Sauerwerden der Milch, der
Gurken, des Sauerkohls, aber auch der eingemachten Früchte und Gemüse. Durch
Gärungsbakterien werden die Bastfasern des Flachses und anderer Gespinst-
pflanzen aus dem festen Zellverbande gelöst. Durch die Einwirkung von Spalt-
pilzen erhalten Tabak, Kakao und chinesischer Thee erst den Duft und Wohl-
geschmack, den wir an ihnen so hoch schätzen, und durch ihre Tätigkeit entsteht
bei der sog. Nachgärung auch „die Blume" des W T eines.
3. Als eine zweite Quelle, an der Pflanzen ohne Blattgrün die ihnen
zusagende Nahrung linden, haben wir schon mehrfach die Körper anderer Lebe-
wesen erkannt (Beispiele!). Es ist daher durchaus nicht zu verwundern, daß
sich auch unter den Spaltpilzen zahlreiche Schmarotzer finden. Sie oder
ihre Sporen dringen in die Körper besonders der Tiere und Menschen ein, ver-
mehren sich daselbst oft außerordentlich schnell, erzeugen heftige Gifte und
rufen infolgedessen Erkrankungen hervor, die vielfach mit dem Tode
endigen. Von diesen Krankheiten seien hier nur die verheerendsten genannt :
die Schwindsucht oder Tuberkulose, der etwa V~ aller Menschen zum Opfer
fallen, der Unterleibstyphus, die Diphtherie, die Lungenentzün-
dung und die Influenza, die gleichfalls alljährlich viele blühende Menschen-
leben vernichten, die Cholera und die Pest, die beide von ihrer ostasiatischen
Heimat aus schon mehrmals als Würgengel über Europa dahingezogen sind, der
350 2. Klasse. Spaltpilze.
Rotlauf der Schweine und die Pest der Kinder, sowie endlich der
Milzbrand, der ganze Herden von Rindern, Schafen, Renntieren und
anderen Pflanzenfressern vernichtet und auch den Menschen nicht verschont.
C. Von unserem Verhalten gegen die Spaltpilze. Je nachdem die
vielgeschäftigen Spaltpilze für uns unentbehrliche Mitarbeiter und Gehilfen oder
Zerstörer und gar wohl Todfeinde sind, je nachdem werden wir uns ihnen gegen-
über auch verhalten. Hierbei müssen wir vor allen Dingen zweierlei im Auge
behalten: erstlich, daß die Vorgänge der Fäulnis, Gärung oder Krankheit umso
schneller und energischer verlaufen, je schneller sich deren Erreger vermehren,
und zweitens, daß die Vermehrung der Spaltpilze umso lebhafter erfolgt, je
günstiger die Bedingungen sind, unter denen sie leben (zeige an Beispielen, daß
sich auch die höheren Pflanzen, sowie die Tiere ähnlich verhalten !).
1. Unsern Mitarbeitern und Gehilfen müssen wir daher die besten
Lebensbedingungen schaffen. Vor allen Dingen werden wir dem Stoffe, den
sie verändern sollen, die geeignetste Zusammensetzung geben,
und ihnen wie allen anderen „Nutzpflanzen" den Grad von Feuch-
tigkeit und Wärme bieten, der für sie gerade günstig ist. So gibt
man z. B. der Flüssigkeit, die man bei der Schnellessigfabrikation verwendet,
den für den Pilz günstigsten Alkoholgehalt; so befeuchtet man den Flachs-
stengel, deren Gespinstfasern man gewinnen will; so stellt man die Gurken,
wenn sie schnell sauer werden sollen, in einen warmen Raum (auf den warmen
Herd) u. s. w. Im allgemeinen sagt den Spaltpilzen eine Wärme von 25 — 35 ° C.
am meisten zu.
2. Unsere Feinde unter den Spaltpilzen dagegen suchen wir von den
Stoffen, die sie leicht zersetzen, sowie von unserem Körper und dem unserer
Haustiere abzuhalten, und wenn sie eingedrungen sind, so schnell wie möglich
zu vernichten.
a) Abgehalten können die fast „allgegenwärtigen" Keime oder Bakterien
nur durch die größte Reinlichkeit werden. Dies gilt besonders für die
Gefäße, die wir bei der Herstellung und Aufbewahrung der Speisen verwenden,
für unsei*e Wohnungen und deren Umgebung (Höfe, Straßen u. s. w.), für unsere
Kleider, Wäsche und Speisegeräte (besonders in Gasthäusern!), sowie auch für
unsern Körper selbst. Vor allen Dingen hüte man sich, mit den Auswurfstoffen
solcher Menschen in nähere Berührung zu kommen, die an einer ansteckenden
Krankheit leiden. Wie diese Stoffe, so müssen die Abfälle des menschlichen
Haushalts, die vortreffliche „Bakterienherde" bilden, vernichtet oder doch aus
der Nähe der Menschen entfernt werden (führe dies näher aus!).
a) Wie der angestellte Versuch (s. S. 348, a) zeigt, gehen die Spaltpilze
durch Siedehitze zu Grunde. Dies gibt uns ein Mittel in die Hand, Stoffe,
die dem Verderben leicht ausgesetzt sind, Fleisch, Früchte, Gemüse, Milch u. a.
doch längere Zeit zu erhalten oder zu „konservieren". Sind in diesen Stoffen,
sowie in den zur Aufbewahrung bestimmten Gefäßen alle Keime getötet, so be-
zeichnet man sie als sterilisiert (sterilis = unfruchtbar).
Verhalten gegen die Spaltpilze. 351
Es gibt allerdings auch eine Anzahl von Spaltpilzen, deren Sporen durch
die Siedehitze nicht getötet werden. Vermutet man sie in einem zu konser-
vierenden Stoffe, dann muß dieser über 100 ° C. erhitzt, oder das Kochen
stundenlang fortgesetzt oder mehreremale wiederholt werden. Sind in dem
letztern Falle die etwa vorhandenen Sporen beim Erkalten gekeimt, so werden
die aus ihnen hervorgegangenen Spaltpilze bei der zweiten oder dritten Erhitzung
sicher zerstört. — Auch zum Töten von Krankheitskeimen in Betten, Klei-
dern u. dgl. werden vielfach hohe Hitzegrade angewendet.
c) Wie alle Pflanzen bedürfen die Spaltpilze zum Leben einer gewissen
Wärme. Kühlt man einen faulenden oder gärenden Stoff stark ab, so wird man
finden, daß die Fäulnis oder Gärung bei einer Wärine von etwa 5° C aufhört.
Bei dieser Temperatur stellen die Spaltpilze also ihre Lebenstätigkeiten ein.
Daher benutzt man besonders für Fleischwaren (Eisschrank!) schon seit langer
Zeit die Kälte als Konservierungsmittel. Das großartigste Beispiel solcher
„Konservierung" sind die Leichen der Mamute, die in dem gefrorenen Boden
Sibiriens bis auf unsere Tage erhalten sind. — Getötet werden jedoch die
Bakterien selbst durch die größte Kälte nicht, die wir erzeugen können.
d) Spaltpilze brauchen ferner wie alle Pflanzen Wasser zu ihrem Bestehen.
Entzieht man daher Stoffen, die man erhalten will, große Wassermengen, so gehen
die in ihnen enthaltenen, oder die ihnen anhaftenden Bakterien zu gründe, und deren
Sporen können sich nicht entwickeln. Trocknen und Dörren sind daher andere
bekannte Konservierungsmittel (Backobst, Stockfisch, getrocknetes Fleisch u. s. \v.).
e) Bringen wir in eine Flüssigkeit, in der irgend ein Stoff fault, eine
stinke Lösung von Kochsalz oder etwas Karbolsäure, so hört die Fäulnis nach
kurzer Zeit auf: Kochsalz und Karbolsäure sind für die Spaltpilze tödliche Gifte.
Während die Bakterien also fäulniserregend oder (nach einem griechischen Worte)
septisch wirken, sind Kochsalz und Karbolsäure, sowie viele andere Stoffe
fäulniswidrige oder antiseptische Mittel.
Mehrerer dieser Mittel bedient sich der Mensch schon seit uralter Zeit,
z. B. des Kochsalzes zum Pökeln, des Essigs oder Zuckers (in starker Lösung)
zum Einkochen der Früchte, des Rauches zum Räuchern der Fleischwaren. Als
er aber in den Spaltpilzen auch die Erreger zahlreicher Krankheiten erkannte,
lernte er zugleich die durch sie bewirkten Ansteckungen, Vergiftungen oder
Infektionen verhüten : er tötete die Keime der Bakterien durch Anwendung von
„Desinfektionsmitteln". So behandelt man z.B. heutzutage die Wunden mit
Karbolsäure, Jodoform und anderen antiseptischen Stoffen, und die Instrumente
der Ärzte, durch die früher die Eitererreger sehr häutig von Wunde zu Wunde
getragen wurden, werden jetzt vor jedem Gebrauch sterilisiert oder einer gründ-
lichen „Desinfektion" unterworfen. (Wie haben wir uns darnach zu Wunden,
Geschwüren u. dgl. an unserem Körper zu verhalten?) — Da bei der Fäulnis
stets auch gesundheitsschädliche, übelriechende Gase entstehen, so bedienen wir
uns der Desinfektionsmittel auch, um Fäulnis und damit verbundene schlechte Ge-
rüche zu verhindern oder zu beseitigen (z. B. in Aborten).
352
2. Klasse. Spaltpilze. 3. Klasse. Schleimpilze.
! Naturforscher setzten Kleider, Betten, Möbel und andere Gegenstände,
in die sie die verschiedensten Krankheitskeiine gebracht hatten, den Sonnen-
strahlen aus, und siehe da, oft schon nach wenigen Stunden ergab sich, daß
die Keime zahlreicher Arten vernichtet waren. Indem Sonnenlichte haben
wir also ein Desinfektionsmittel von ganz besonderer Wirkung vor uns. Daher
sollte man von diesem Mittel recht fleißig Gebrauch machen, und vor allen
Dingen den Sonnenstrahlen soviel als möglich Zutritt zu unsern Wohn- und
Schlaf räumen verschaffen (führe dies näher aus!).
g) Um zu erkennen, ob Spaltpilze oder deren Sporen abgestorben sind, bedient
man sich eines sehr interessanten Verfahrens. Indem man den Spaltpilzen nämlich die
zum Leben nötigen Stoffe gibt, kann man sie wie andere Pflanzen züchten oder
kultivieren. Zu diesem Zwecke setzt man einer Lösung, die diese Nährstoffe ent-
hält, etwas flüssige Gelatine zu, bringt in das Gemisch die zu untersuchenden Bakterien
(oder den Stoff, in dem sie enthalten sind) und schüttet alles in eine sterilisierte Glas-
schale. Sind die Keime lebensfähig, so beginnen
sie sich bald stark zu vermehren : es entstehen
auf der erstarrten „Nährgelatine" Bakterien-
kolonien. Sind sie dagegen abgestorben, dann tre-
ten solche Kolonien selbstverständlich nicht auf.
h) Mit Hilfe dieses Verfahrens ist man
auch in den Stand gesetzt, unter den Spaltpilzen,
die sich — wie erwähnt — vielfach außerordent-
lich ähnlich sind, die Feinde des Menschen
von den harmlosen Arten zu unter-
scheiden. Will man z. B. wissen, ob Trink-
wasser Krankheitserreger enthält oder nicht, so
setzt man etwas von dem "Wasser jener Nähr-
gelatine zu, schüttelt das Gemisch, so daß die
Keime gleichmäßig verteilt werden, und gießt es
wieder in eine Glasschale. Auf der erkalteten
Gelatine entstehen jetzt soviel Kolonien , als
lebenskräftige Keime vorhanden sind. Alle Ko-
lonien sind aber auch voneinander getrennt und
bestehen nur aus je einer einzigen Bakterienart.
Überträgt man nun Teilchen dieser Kolonien in
je ein anderes Glas mit „Nährgelatine", so hat
man die in dem AVasser enthaltenen Bakterienarten streng voneinander geschieden : man
hat „Reinkulturen" von ihnen hergestellt. Da die Spaltpilze in diesen Kulturen
ganz bestimmten "Wuchs haben, so ist man vielfach schon hierdurch imstande, die ein-
zelnen Arten zu erkennen.
Hakterienkolonien aut'Nährgelatine.
Sie sind aus Keimen hervorgegangen,
die in einem (der Nährgelatine zuge-
set zten ) Tropfen unreinen Trinkwassers
enthalten waren ('/j nat. Gr.) (Bern. :
Jedes lulle Pünktchen und Fleckchen
ist eine Kolonie.)
3. Klasse. Schleimpilze (Myxomycetes).
Pilze, die kein Fadengeneckt bilden, eine schleim- oder rahmartige Masse darstellen und
nur z. Z. der Sporenbildung bestimmte Gestalt annehmen.
Im "Walde findet man auf faulenden Pflanzenteilen nicht selten lebhaft gefärbte,
schleimige oder rahmartige Massen; das sind die merkwürdigen Schleimpilze
Verhalt.
Li
iläti
Wandfli
:;:,:
(Name!). Der Wahl, der ja an verwesenden Stollen überreich ist, bietet diesen Fäul-
nis b e w o h n e r n (besitzen kein Blattgrün!) nielit nur die ihnen zusagende Nahrung,
sondern ihrem weichen Körper auch die nötige Feuchtigkeit und den notwendigen
Schutz gegen die austrocknenden Sonnenstrahlen. Bei näherem Zusehen
wird man leicht linden, daß sich die eigentümlichen Wesen kriechend fortbewegen,
wozu sie durch ihren «reichen Leib ja besonders befähigt sind.
Eines dieser seltsamen Geschöpfe, das dein verschütteten gelben Dotter eines
Vogeleis gleicht, treffen wir in der Gerberlohe häufig wieder. „Die Lohe blüht", sagt
dann der Gerber. Darum bezeichnet man diesen Schleimpilz als Lohblüte (Fuligo
värians). Er durchzieht die Loh-
Da
häufen netzartig oft metertief,
die Sporen durch den Wind ver-
breitet werden, kommt er zur Zeit
der Sporenbildung zur Oberfläche
empor. Die oft tellergroße Masse
zieht sich dann stark zusammen
und bildet einen widerstandsfähigen
Fruchtkörper, der sehr viel schwarz-
braune Sporen enthält (1). Bei
Befeuchtung entschlüpft jeder Spore
ein (iebilde. das wie ein Geißeltierchen (s. Lehrbuch der Zoologie) durch einen
schwingenden Faden im Wasser dahinschwimmt (2). Nach einiger Zeit wird die
„Geißel" eingezogen, und das winzige Geschöpf nimmt jetzt die Gestalt eines Wechsel-
tierchens an (s. ebenda), das sich mit Hilfe ausgestreckter Fortsätze kriechend fort-
bewegt und durch Teilung lebhaft vermehrt (3). Indem mehrere solcher „ Wechseltierchen' -
miteinander verschmelzen (4), entsteht wieder eine jener Schleimmassen, von der wir aus-
gingen. Das seltsame Wesen gleicht also (wie alle anderen Schleimpilze) in seiner Entwick-
lung erst einem Geißel-, dann einem Wechseltierchen, kriecht ausgebildet wie letzteres auf
seiner Unterlage dahin, um in der Sporenbildung endlich eine unzweifelhafte Eigen-
schaft der Pflanzen zu zeigen. Die Schleim pilze werden daher auch treffend
als Pilztiere oder Tier pilze bezeichnet: bilden doch diese niedrigsten
aller Pflanzen einen deutlichen Übergang zu dem anderen Reiche der
Lebewesen, zu den Tieren.
1 2 3
Entwicklung eines Schleimpilzes
Vergr. etwa G(!0 mal.
3. Kreis. Flechten (Lichenes).
Lagerpflanzen, die aus „genossenschaftlich" lebenden Fadenpilzen und Algen bestehen.
A. Vom Wesen und von der Vermehrung der Flechten. I. In das
Wesen dieser Naturkörper soll uns die Wand- oder Schüsselflechte (Xanthöria
parietina) einführen, die an Baumstämmen, Bretterwänden (Name!) und Steinen
überall häutig zu finden ist. Sie bildet eine gelbe, laubartige, gelappte Hasse,
die meist mit zahlreichen kleinen, orangefarbenen, schüsselartigen Gebilden be-
deckt ist (Name!). Stellt man durch den Flechtenkörper außerhalb dieser
„Schüsselchen" zarte Querschnitte her, so sieht man bei Anwendung des Mikro-
skops, daß er aus einem Geflecht farbloser Fäden besteht, iu dessen leckerer
Mittelschicht zahlreiche, lebhaft grün gefärbte, kugelige (iebilde eingelagert
S c hmeil. Lehrbuch der Botanik. 23
354
3. Kreis. Flechten,
sind. Die Fäden geben sich leicht als ein Pilzgeflecht und die grünen Kugeln
als einzellige Algen zu erkennen. Die gleiche Zusammensetzung aus
einem Pilze und zahlreichen Algen zeigen sämtliche Flechten.
Wie alle grünen Pflanzen vermögen die
Algen die zum Aufbau ihres Leibes nötigen Stoffe
selbst zu bilden (daher leben sie auch außer-
halb des Flechtenkörpers an Bauinstäm-
Steinen u. dgl.). Der Pilz dagegen
- wie wir S. .'}.'>4,2 gesehen haben —
auf „fertige" Nahrung ange-
wiesen: er entzieht sie den
Algen, die von seinen Fäden
dicht umsponnen werden. Dafür
führt er seinen Nah-
ruiiiislieferanten aber
die rohen Nahrungs-
säfte zu (Wasser und
die darin gelösten
Salze), schützt sie ge-
gen Austrocknung' und
befestigt mit einigen Fäden das ganze „Doppelwesen" auf der Baumrinde oder dgl.
Pilz und Alge haben sich in der Flechte also zu gegenseitigem
Vorteile vereinigt, sie bilden eine „Ernährungsgenossenschaft"
i Symbiose; s. S. 105).
2. a) An den Lappenrändern der Wandflechte entdeckt man mit der Lupe
häutig feine Körnchen, die sich unter dem Mikroskop als je einige von Pilz-
fäden dicht umsponnene Algenzellen zu erkennen geben. Diese staubartig kleinen
Körper werden leicht durch den W T ind verweht und entwickeln sich an einem
geeigneten Orte weiter zu Flechten.
r andHeehte
Sie werden daher treffend als Brut-
körperchen (Soredien) bezeichnet
(vgl. mit den Lebermoosen!).
b) An dünnen Schnitten durch
eins der „Schüsselchen" sehen wir bei
Anwendung des Mikroskops, daß wir
es in diesen Gebilden mit den Frucht-
körpern des Flechtenpilzes (Apo-
thecien) zu tun haben: wir erblicken
genau wie bei den Schlauchpilzen eine
oberflächlich liegende Fruchtschicht,
die aus Sporenschläuchen und zahl-
reichen Zwischenzellen zusammenge-
setzt ist. Die aus den Schläuchen
"1s*
> I.
Bau des Flechtenkörper!
Schicht des Pilzgeflechts
Algen i A | eingelagert. (V<
nneren
sind zahlreiche
gr. etwa 350m.)
Wandflechti
iftflechte. Bartflechti
hm.
Mi
l'.et
hervorgehenden Spuren werden durch den Wind verweht, keimen aber nur, wenn
sie eine Alge treffen, mit der sie zusammen eine neue Flechte bilden können.
Aus dem Bau der Fruchtkörper geht hervor, daß der Pilz der Flechte ein
Schlauchpilz ist. (Man ,..
Wy '
niw/jsgp' i
Bau des „Schüsselchens".
1 Längsschnitt durch e. Schüs-
selchen. F. die Fruchtschichl
(etwa 30mal vergr.). 2 Die
Fruchtschichi b. stärkerer (etwa
600 mal] Vergr. Sp. Sporen-
schlänche. Z. Zwischenzellen.
stellt die Flechten daher
auch zu dieser Pilzgruppe.
Tu den Tropen gibt es je-
doch auch einige Flechten,
au deren Entstehung Stän-
derpilze beteiligt sind.)
B. Von den wich-
tigsten Arten und der
Bedeutung der Flechten.
1. Schon unter den Flech-
ten der heimatlichen Natur
herrscht ein sehr großer
F o r m e n r e i c h t u m .
a) Viele von ihnen,
die Krustenflechten, bilden an Bäumen und Felsen, sowie am Erdboden unschein-
bare, krustenartige Überzüge. Zu ihnen zählen die Schriftflechten (Graphis), deren
schwarze, strichartige Fruchtkörper die Baumrinden wie mit Hieroglyphen bedecken.
b) Einen blattartigen, mehrfach gelappten Körper, wie wir ihn an der Wandtieehte
kennen gelernt haben, besitzen die Laubflechten. Sie bedecken mit Arten aus den
beiden anderen Gruppen die Stämme und stärkeren Zweige der Bäume oft in dicker
Schicht. Von Obstbäumen müssen sie gleich den ansitzenden Moosen (s. S. 319,6) ent-
fernt werden.
c) Die Formen mit aufrechtstehendem oder hängendem, meist mehrfach verzweigtem
Körper bezeichnet man — weil sie oft zierliche Sträuch-
lein bilden — als Strauchflechten. — Von den
Zweigen besonders alter Gebirgsbäume hängen in langen
bartartigen Strähnen die Bartflechten (üsnea) herab.
Die gewimperten Schilde sind die Fruchtkörper. —
Auf trockenen Heideflächen und dem Boden lichter
Gebirgswälder wächst das sog. isländische Moos
(Cetraria isländica). Es hat einen vielteilig gelappten,
aufrecht stehenden Körper, der am Ende der Lappen
die braunen, scheibenförmigen Fruchtkörper bildet.
Früher galt die Pflanze als ein wichtiges Mittel gegen
Lungenleiden; in Island (Name!) dient sie dem Men-
schen vielfach zur Speise. — An trockenen Stellen
finden sich häufig Flechten, die zierliche Becher oder
Trichter bilden. Das sind die ..Fruchtträger- der
Becherflechten (Cladönia), und die braunen oder roten
Knöpfchen darauf (,Korallenlleckten a ) sind die Frucht-
körper. — Zu diesen Flechten zählt auch die Kenn-
tierflechte (C. rangiferina), deren vielfach verzweigte,
Eine Becherflechte. Der dem
Boden aufliegende laubartige
Körper ist die eigentl. Flechte,
Die trichterförmigen Gebilde
sind die Fruchtträger, dieknopf-
förmigen die Fruchtkörper
(nat. Gr. .
356
3. Kreis. Flochten.
bohle „Stämmchen 91 auf trockenem Wald- und Heideboden dichte, dicke Polster bilden. Wäh-
rend die Pflanze bei uns nicht verwendet wird, ist sie in den Polarländern besonders während
des langen Winters die ausschließliche Nahrung des genügsamen Renntiers (Name!). Da
nun von diesem Tiere das Wohl und Wehe des Nordländers fast einzig und allein abhängt
(s. Lehrbuch d. Zoologie), so ist es also das unscheinbare Pflänzchen, das jene Breiten
bewohnbar macht. — An den felsigen Gestaden des südlichen Allantischen Ozeans und
Renntierflechte; ein Stück von einem Polster. Di
körpern (nat. Gr.
.Stämmchen* links
an den Küsten Ostindiens wächst die Lackmiisflechte (Roccella tinetöria), die uns
neben mehreren anderen Flechten in dem Lackmus einen überaus wichtigen blauen und
roten Farbstoff liefert (Verwendung?).
2. Im Haushalte der Natur spielen die Flechten fast dieselbe Rolle wie die
Moose (s. 8. 317). Da sie lange Zeit hindurch die größte Trocknis ertragen können
(Versuch!), vermögen sie sich gleich diesen anspruchslosen Pflanzen an Orten anzu-
siedeln, an denen sie wochenlang von keinem Wassertropfen genetzt werden. A n
Felsen und vielfach auch auf dürrem Sande bilden sie (mit den Moosen)
die ersten Ansiedler.
Gleich jenen treuen Genossen halten sie ferner den herbeigewehten Staub fest,
und indem sie abgestorben zu Erde zerfallen, machen sie im Laufe der Zeit selbst den
härtesten Fels- und den ödesten Sandboden fähig, höhere Pflanzen
zutragen. Da nun von diesen Gewächsen das höhere Tierleben und von beiden wieder
der Mensch abhängt (Beweis!), so sind die Flechten uns gleichfalls ein Beweis dafür
daß — wie wir so oft .-eschen das Kleinste und Unscheinbarste in der Natur oft von
größter Bedeutung ist.
Vom Bau und Leben der Pflanze.
(Morphologie und Physologie.)
1. Abschnitt.
Vom Bau und Leben der Zelle.
A. Vom Wesen und von der Bedeutung- der Zelle.
1. Legt man in einen Wassertropfen, der sich auf einer kleinen Glasplatte
(Objektträger) befindet, einen Algenfaden oder ein Blatt der Wasserpest, wie sie
uns beide jedes Gewässer liefert, oder ein Stück von der Oberhaut eines Blattes,
das man mit Hilfe einer jj x.
Pinzette abgezogen hat
(s. Abb. S. 381), oder
einen dünnen Quer-
schnitt, den man durch
ein Blatt oder irgend
einen anderen Pflanzen -
teil hergestellt hat, so
sieht man mit Hilfe
des Mikroskops, daß
die Pflanze nicht etwa
wie ein Stück Glas oder
Eisen aus einer gleich-
artigen Masse besteht.
Ähnlich einem Hause,
das aus Steinen auf-
gebaut ist, ist sie viel-
mehr aus Körperchen
von ganz bestimmtem
Bau zusammengesetzt.
Da diese Körper viel-
fach wie die Zellen
der Bienenwaben ge-
formt sind, wurden sie bei ihrer Entdeckung (i. J. 1667) „Zellen" genannt,
und so bezeichnet man sie heute noch.
2. Ein Baum oder auch schon ein größerer Pflanzenteil, z. B. ein Blatt,
eine Wurzel u. dgl., sind aus einer sehr großen Anzahl von Zellen aufgebaut.
Querschnitt durch ein Blatt (Klee), um den Aufhau aus
Zellen zu zeigen. (Vergr. etwa 320 mal.) (Die Bezeichnungen
sind bei der Wiederholung der Abi., auf S. 380 erklärt.
Bau und Leben der Zelle.
Zahlreiche Pflanzen ans den großen Gruppen der Algen und Pilze (die Kieselalgen,
Spaltpilze u. dgl. ; s. das.) dagegen bestehen nur aus je einer Zelle. (Dabei-
sind diese Pflanzen zumeist auch sehr klein!). Es gibt also einzellige und
mehrzellige Pflanzen.
3. Im allgemeinen beträgt die G r ö ß e der Zellen nur Bruchteile eines
Millimeters. Bei den Spaltpilzen geht sie sogar nicht selten unter 0,001 mm
herab. Daneben gibt es aber auch Zellen, wie z. B. die der Flachsfasern (s. S. 59, B),
die eine Länge von mehreren Zentimetern erreichen können.
4. Ebenso ist auch die Form der Zellen sehr verschieden. Freilebende
(d. h. einzeln lebende) oder freiwerdende Zellen, wie z. B. die Hefezellen
(s. Abb. S. 342) und die Zellen des Blütenstaubes, haben vielfach die Gestalt
einer Kugel (s. 360,3). Zellen dagegen, di