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Full text of "Lehrbuch der Botanik; für höhere Lehranstalten und die Hand des Lehrers, sowie für alle Freunde der Natur. Unter besonderer Berücksichtigung biologischer Verhältnisse bearb. von Otto Schmeil"

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Ichmeils Naturwissenschaftliches UnterrichtswerE" 



Lehrbuch der Botanik 

für höhere Lehranstalten und ä\z Hand des 
Lehrers, sowie für alle Freunde der Natur 



Unter besonderer Berücksichtigung biologischer Verhältnisse 

bearbeitet von 

Professor Dr» Otto Schmeil 



Mit 40 farbigen Tafeln und zahlreichen Textbildern 



Achtundzwanzigste Auflage 



af^:^^ 



Fram the Library 

of 

R« B.ThoiDson 

1911 
Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig 



v 



Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. 




Graphisches Institut Julias Klinkhartlt, Leipzig. 



Vorwort zur fünfundzwauzigsten Auflage. 

Erst wenige Monate sind vergangen, seitdem mein Lehrbuch der Zoologie 
in fünfundzwanzigster Auflage herausgegeben werden konnte, und heute schon 
ist es dem weit Jüngern Lehrbuche der Botanik vergönnt, das gleiche Jubi- 
läum zu begehen. Während jenes etwa zehn Jahre brauchte, um sich den 
„Silberkranz" zu erringen, vermochte dieses, da ihm beim Eintritt in das Leben 
seine zoologischen Geschwister bereits den Weg gebahnt hatten, in wenig mehr 
als sieben Jahren dasselbe Ziel zu erreichen. 

Die Aufnahme, die es im Frühjahre 1903 fand, war eine so freundliche 
wie sie nur einem langersehnten Gaste zuteil wird. Da es allem Anscheine 
nach hielt, was es versprach, nahm es in den Schulen aller Arten, und zwar 
weit über die Grenzen des engern Vaterlandes hinaus, fast mühelos bald den 
gleichen Platz ein, dem sich vor ihm die „Zoologie" erobert hatte, und so 
ist es geblieben bis zum heutigen Tage. 

Wem bekannt ist, wie der botanische Unterricht vor Erscheinen dieser 
Arbeit in der Mehrzahl unsrer Schulen beschaffen war; wer gesehen hat, mit 
welcher Freude die Lehrer aller Schularten nach dem neu erschienenen Buche 
griffen, und wer verfolgt hat, mit welcher Schnelhgkeit und geradezu elemen- 
taren Gewalt fast überall ein Wandel zum Bessern eingetreten ist — eine 
Erscheinung, wie sie in der Entwicklung keines andern Unterrichtsfaches bisher 
beobachtet wurde — : der kennt auch die ebenso kurze, wie inhaltreiche Lebens- 
geschichte des vorliegenden Werkes. Da sich diese Vorgänge nun erst innerhalb 
der letzten Jahre und zwar in vollster Öffentlichkeit abgespielt haben, brauche 
ich mich an dieser Stelle auch nicht darüber zu äußern, welchen Anteil das 
Buch mitsamt den andern Gliedern meines „Naturwissenschaftlichen 
Unterrichtswerkes" an der so kräftig fortschreitenden Reform des 
biologischen Unterrichtes gehabt hat. Übrigens wurde dies in dem Vor- 
worte zur 25. Auflage des Lehrbuches der Zoologie bereits kurz berührt, und 
zudem redet die Verbreitung meiner Arbeiten*) ja eine so deutliche Sprache, 
daß sie jeder vernehmen kann, der nur . . . den guten Willen dazu hat. 



*) Gegenwärtig liegen, abgesehen von den Ausgaben für österreichische Schulen 
mit deutscher Unterrichtssprache, die von den Herren Schulrat Prof. Scholz, Prof. 
Schweitzer und Direktor Zoder bearbeitet worden sind, Übersetzungen vor in bulga- 
rischer, dänischer, englischer, finnischer, lettisclier, italienischer, niederländischer, pol- 
nischer, russischer, schwedischer, serbischer und tschechischer Sprache. Auch in Blinden- 
schrift wurden einige Teile übertragen (Wien, Buchhandlung des Israel. Blindeninstituts)^ 



IV Vorwort. 

Es ist also nur nötig, die Veränderungen kurz zu kennzeichnen, durch die 
sich die Jubiläumsausgabe charakterisiert. 

Der wichtigste Schritt, den das Buch vorwärts getan hat, erfolgte auf dem 
Oebiete des ihm zugrunde gelegten Systems. Obgleich meine Absicht, die 
Einfülming in diesen verhältnismäßig schwierigen und spröden Stoff so einfach 
wie möglich zu gestalten, fast allgemeine Anerkennung fand, mehrten sich doch 
in neurer Zeit die Stimmen, die eine dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft 
mehr entsprechende Anordnung forderten. Wiederholte ernstliche Erwägungen 
mit befreundeten Schulmännern haben mich nun bestimmt, dem Buche auch 
nach dieser Richtung hin ein durchaus modernes Gepräge zu geben. Schwierig 
war aber die Entscheidung darüber, welchem Systematiker ich folgen sollte, 
ohne der Arbeit den Charakter eines Schulbuches zu nehmen. Nach langem 
Suchen glaube ich in der neusten Auflage des bekannten und weitverbreiteten, 
für Universitäten bestimmten Lehrbuches von Strasburger*) die für meine 
Zwecke beste Lösung der Frage gefunden zu haben: Das in diesem Werke be- 
nutzte System, das dort als „das von Alexander Braun aufgestellte, von 
Eichler, Engler, Wettstein u. a. weiter ausgebildete natürliche" bezeichnet 
wird, erschien mir so geeignet, daß ich es bezüglich der Phanerogamen bis auf 
einige geringfügige Umstellungen übernehmen konnte. Wenn ich mich hinsicht- 
lich der Kryptogamen jenem oder einem andern modernen Systeme nicht in 
allen Stücken auszuschließen vermochte (was bisher auch in keinem andern für 
Schul/Avecke bestimmten Buche Jemals versucht worden ist), so wird dies Jeder, 
der die Schule auch nur einigermaßen kennt, ohne weiteres verstellen. Ich 
bin daher hier bei der alten, einfachen und übersichtlichen Einteilung verblieben. 
Mehrfachen Wünschen entsprechend haben Jedoch die Kapitel über die Algen 
und Pilze wichtige Erweiterungen erfahren. Um den gleichzeitigen Gebrauch 
verschiedener Auflagen im Unterrichte trotz dieser Veränderungen nicht zu 
behindern, sind die einzelnen Abschnitte möglichst unverändert gelassen, so daß 
es sich in den meisten Fällen nur darum handeln wird, eine andre Seite 
des Buches aufzuschlagen. 

Dieses Beibehalten des Textes ist aber selbstverständlich nur so weit erfolgt, 
als sachliche Gründe nicht im Wege standen. Wie sorgfältig alle Teile aber- 
mals revidiert worden sind, dürfte schon eine flüchtige Durchsicht des Buches 
zeigen. Hierbei habe ich mich auch diesmal wieder der Unterstützung zahlreicher 
befreundeter Herren zu erfreuen gehabt, von denen ich hier nur meinen alten, bewähr- 
ten Mitarbeiter J. Fitschen-Altona, sowie die Herren Lehrer E, Gramberg- 
Königsberg, Gymnasiallehrer G, Lehmann- Berlin und Professor Dr. G. Meyer- 
Görlitz nennen kann, und denen ich wie allen andern auch an dieser Stelle 
nochmals herzhchen Dank für die uneigennützige Hilfe ausspreche. Abgesehen 
von den vielen Verbesserungen, Einfügungen, Streichungen u, dgl. möchte ich 
nur darauf hinweisen, daß die paläontologischen Mitteilungen, wie 
dies bereits im Lehrbuche der Zoologie geschehen ist, wesentlich erweitert 



*) Strasburger, Jost, Scheiick u, Karsten, Lehrbuch der Botanik für Hoch- 
schulen. Zehnte umgearbeitete Aufl. Jena 1910. 



Vorwort. V 

worden sind. Daß diese Stoffe hier aber bei weitem nicht so stark hervor- 
treten als in jenem Werke, liegt — wie allgemein bekannt — in sachlichen 
Verhältnissen begründet. 

Eine besondere Sorgfalt habe ich weiter darauf verwendet, die mehrfach 
beanstandete teleologische Ausdrucks weise zu beseitigen, der ich mich 
des öftern bedient hatte. Wie schon im Vorworte zur ersten Auflage des 
Lehrbuches der Zoologie ausgesprochen wurde, ist dies jedoch nur im Inter- 
esse einer einfachen und anschaulichen Darstellung, nicht also etwa deshalb 
geschehen, um einer bestimmten Forschungsrichtung Ausdruck zu geben; denn 
es wäre geradezu vermessen, wenn ein Schulbuch in rein wissenschaftlichen 
Angelegenheiten, die zudem vielfach noch völlig ungeklärt sind, Partei ergreifen 
wollte. Um kurz den Punkt zu berühren, der hier besonders in Betracht kommt, 
sei bemerkt, daß ein solches Buch die für ein denkendes Erfassen der Natur so 
überaus wichtigen Zusammenhänge zwischen Bau und Funktion der Organismen 
oder ihrer einzelnen Organe sorgfältig aufzudecken hat, daß es aber die 
Frage nach deren Entstehung um so weniger erörtern kann, als die 
Ansichten darüber 'selbst unter den Fachgelehrten weit auseinander gehen, und 
wir in den meisten Fällen kaum den ersten Schritt zu einer wirklichen Erkennt- 
nis getan haben. 

Dem Wunsche, die Kulturgewächse unsrer aufblühenden Kolonien 
mehr als bisher zu berücksichtigen, habe ich gleichfalls gern Folge geleistet. 
Vor einem „Zuviel" in dieser Hinsicht möchte ich aber warnen; denn wir 
haben es hier ja durchweg mit Objekten zu tun, die der direkten Beobachtung 
des Schülers zumeist nicht zugänglich sind. Ohne unmittelbare Berührung mit 
der Natur, ohne sorgfältiges Anschauen und sachgemäßes Experimentieren kann 
es aber — darüber sind sich alle Sachverständigen bereits seit Baco und 
Comenius einig — einen naturwissenschaftlichen Unterricht von erziehlichem 
Werte nicht geben.*) 

Ferner bin ich dem Ersuchen, die im Texte enthaltenen Fragen, Auf- 
gaben u. dgl. zu streichen, in weitgehender Weise entgegen gekommen. Es 
ist wohl kaum nötig zu bemerken, daß diese Einfügungen seinerzeit nur vor- 
genommen wurden, um bei der Benutzung des Buches auf diesen oder jenen 



*) Obgleich ich bereits meine Stellung zu den praktischen Schülerübungen 
im Vorworte zur 25. Auflage des Lehrbuches der Zoologie kurz dargelegt habe, 
möchte ich die Gelegenheit nicht versäumen, hier noch einmal mit Nachdruck darauf 
hinzuweisen. Wer — um ein Wort Pestalozzis zu gebrauchen — „die Anschauung 
als das absolute Fundament aller Erkemitnis" ansieht, wird auch ohne weiteres zu- 
geben, daß die naturwissenschaftliche Belehrung stets von .einem bestimmten, der 
direkten Beobachtung zugänglichen Falle, von einem überzeugenden Versuche oder dgl. 
auszugehen und soweit als möglich die Selbsttätigkeit des Schülers heranzuziehen hat, 
weim sie klare Anschauungen erzeugen soll. Diesem pädagogischen Fundamental- 
gesetze entsprechend zeigt auch das vorliegende Buch fast das Gepräge eines Prak- 
tikums. Sache des mit dem Gegenstande vertrauten Lehrers muß es selbstverständ- 
lich sein, die hier gegebenen Darlegungen in selbsttätige Arbeit des Schülers 
überzuführen. Mehr, als zu solchen Versuchen anzuspornen, vermag allerdings kern 
Buch zu leisten, und — wenn es ein Praktikum im üblichen Sinne wäre. 



VI Vonvoit. 

wichtigen Punkt besonders hinzuweisen. Da mir jedoch von befreundeter Seite 
wiederholt mitgeteilt worden ist, daß diese Einschaltungen von Unterrichtenden 
vielfach als eine Beeinträchtigung ihrer durchaus notwendigen Selbständig- 
keit aufgefaßt würden, habe ich eine Korrektur gern eintreten lassen. 

Als ein weiterer wesentlicher Fortschritt der vorliegenden Auflage dürften die 
kurzen etymologischen Erklärungen der botanischen Namen und Fach- 
ausdrücke anzusehen sein. Schon solange das Buch existiert, ist von vielen 
Seiten auf die Notwendigkeit einer solchen Ergänzung hingewiesen worden, 
und ich habe stets auch anerkannt, daß hier — besonders Aveil das Werk vor- 
wiegend vom Lehrer gebraucht wird ■ — ein gewisses Bedürfnis vorliegt. Da 
ich aber ebenso sicher wußte, wie groß für einen Nichtfachmann gerade auf 
diesem Gebiete die Gefahr des Irrens ist, mußte ich jene Wünsche leider bis 
jetzt unberücksichtigt lassen. Erst durch die freundliche Unterstützung eines 
vortrefflichen Alt-Philologen, des Herrn Dr. L am er- Leipzig, dem ich zu großem 
Danke verpflichtet bin, war es möglich, diese wichtige Ergänzung zu schaffen. 
Allgemeine Zustimmung dürfte es finden, daß diese Erklärungen so kurz wie 
möglich gehalten sind, daß von der Verwendung griechischer Schriftzeichen 
Abstand genommen und in allen Fällen — ■ wie dies bisher bereits im Texte 
der Fall war — die genaue Betonung kenntlich gemacht ist. Bei Wieder- 
holung eines Wortes in der Fußnote dagegen wurde die Akzentuierung, weil 
entbehrlich, nicht abermals angegeben, wohl aber bei dessen Anfülirung in der 
Ursprache, bei seiner Auflösung in die einzelnen Bestandteile oder dgl. 

Einen beträchthchen Fortschritt hat das Buch endlich auch bezüglich der 
Illustrierung erfahren. Es konnten nicht nur mehrere ältere Zeichnungen durch 
bessere ersetzt, sondern auch viele gleichwertige neue eingefügt werden. Unter 
den letztern dürften in der Zeit der „Naturschutz-Bewegung" die Abbildungen 
unsrer wichtigsten Waldbäume, von denen Fichte, Tanne u. a. auch textlich stärker 
berücksichtigt sind, in erster Linie willkommen sein. Die bisher auf besondre 
schwarze Tafeln gedruckten, seitengroßen oder zu ganzen Seiten vereinigten 
Abbildungen wurden dem Texte eingefügt, da die Qualität des verwendeten 
Papiers eine fast gleich gute Wiedergabe wie Kunstdruckpapier gewährleistete. 

Gleich den Habitusbildern des Lehrbuches der Zoologie (vgl. Vorwort 
zur 25. Aufl.) sind auch die der vorliegenden Arbeit durchweg Kunstwerke 
und daher wohl geeignet, der künstlerischen Bildung der Jugend zu 
dienen, deren hohe erziehliche Bedeutung gegenwärtig erfreulicherweise immer 
mehr anerkannt wird. Selbst in den einfachen und einfachsten Zeichnungen 
wird man daher nichts Dilettantenhaftes finden, das sich namentlich in der 
naturwissenschaftlichen Schulbuchliteratur oft mit großer Wichtigtuerei breit zu 
machen sucht. 

Wie man bei nährem Zusehen weiter leicht erkennen wird , sind die 
Abbildungen und Tafeln ferner nicht ein bloßer Schmuck, sondern ein inte- 
grierender Bestandteil des Buches selbst. Wort und Bild suchen sich 
gegenseitig zu unterstützen und zu ergänzen. Daher war für mich auch jene 
ebenso bequeme, wie alltägliche Praxis ausgeschlossen, den ausführenden 
Künstlern die Arbeit allein zu überlassen, oder gar bereits vorhandene Abbil- 



Vorwort VII 

düngen aufzunehmen, die zu dem Texte bekanntlich oft so vortrefflich passen 
daß dieser nach ihnen . . . besonders eingerichtet werden muß! Durch die 
Verwendung ausschließlich eigner Abbildungen , an deren Herstellung ich 
vielfach bis zu den unscheinbarsten Details herab beteiligt gewesen bin, war 
es aber auch nur möglich, dem Buche das durchaus notwendige einheitliche 
Gepräge zu geben, das es besitzt. Auch bezüglich der verhältnismäßig wenigen 
Abbildungen, die andern Werken entnommen wurden, prüfte ich in allen Fällen, 
ob sie sich auch mit Vorteil in das Ganze einordnen ließen. 

Damit das Buch durch die textlichen Einfügungen und die zahlreichen 
neuen Illustrationen nicht etwa unhandlich werde, ist ihm ein etwas größeres 
Format gegeben worden. Auch durch angemessene Verkleinerung mehrerer 
Abbildungen, unter der die Deutlichkeit der Darstellung aber wohl in keinem 
Falle gelitten haben dürfte, ist versucht worden, diesem Übelstande erfolg- 
reich zu begegnen. 

Hiermit wären etwa die Punkte kurz berührt, durch die sich die „Jubiläums- 
auflage" von ihren vierundzwanzig Vorgängerinnen unterscheidet. Ich kann 
das Werk daher nunmehr entlassen zu einem neuen Fluge durch die Lande, die 
jetzt wieder einmal das Brautkleid des Frühlings anlegen. Wirke und schaffe 
weiter, du liebes Buch, bei Jungen und Alten! Leite sie alle, die sich dir 
vertrauen, hin zu der erhabenen Natur, von der du nur ein schwaches 
Abbild geben kannst! Das sei mein Reisesegen! 

Heidelberg, im Frühjahre 1910. 

Der Verfasser. 



VIII 



Vorwort. 



Aus dem Vorworte zur achten Auflage. 

... So sehr ich den veralteten, rein „beschreibend-systematischen" Unter- 
richt verurteile, so energisch muß ich mich jedoch gegen den Vorwurf wenden, 
der von gewisser Seite immer wieder erhoben wird, daß nämlich in meinen 
Arbeiten Systematik und Morphologie vernachlässigt wären. Wie 
grundlos diese Behauptung ist, habe ich bereits früher mehrfach nachgewiesen 
und u. a. auch in dem Vorworte zur 1. Auflage dieses Buches kurz dargelegt. 
Da ich aber annehmen muß, daß meine Beweise von jenen Herren nicht als 
gelungen angesehen werden, will ich hier auf einige Tatsachen verweisen, 
die sich durch noch so viele Worte nicht aus der W^elt schaffen lassen. 

Indem ich mich nur auf das vorliegende Buch beschränke, sei bez. der 
Systematik bemerkt, daß es genau wie jene „musterhaften" Arbeiten 
systematisch angelegt ist. Es begnügt sich aber wie diese Bücher nicht 
etwa damit, die im Unterrichte zu erarbeitenden systematischen Begriffe als 
etwas längst Feststehendes einfach mitzuteilen, sondern — wie dies eigent- 
lich gar nicht anders sein kann! — planmäßig zu entwickeln. Man ver- 
gleiche z. B., wie die Begriffe Phanerogamen und Kryptogamen, Zell- und Ge- 
fäßpflanzen, Monokotylen und Dikotylen, Angiospermen und Gymnospermen usav. 
eingeführt sind. Was der Lehrer von diesem reichen systematischen Stoffe 
im Unterrichte berücksichtigen will, ist — genau wneder wie in jenen Büchern — 
selbstverständlich seinem Ermessen überlassen. 

Ebenso haltlos ist der Vorwurf bez. der Morphologie: Es steht nämUch 
unumstößlich fest, daß die in dem Buche ausführlich betrachteten Objekte, um 
die es sich hierbei nur handeln kann, in einer Weise, genau „beschrieben" 
sind wie in keinem andern Buche, das gleichem Zwecke dient. Man 
sehe sich z. B. die Darstellung der . vegetativen Verhältnisse der Seerose, des 
Roggens, der Kiefer, des Weinstockes und jeder beliebigen andern Pflanze an, 
oder man lese nach, was über die Blüte des Veilchens, der Erbse, der Taub- 
nessel, der Sonnenblume, der Haselnuß, der Weide oder irgend eines andern 
eingebend behandelten Objekts gesagt ist! In diesen Beispielen — ich 
könnte deren leicht hundert anführen — finden sich ohne jeden Zweifel 
alle die morphologischen Einzelheiten, die in den hochgepriesenen, 
„alten, guten" Büchern in trockenster Aneinanderreihung die sogenannten Be- 
schreibiingen bilden. 

Wer die erwähnte Behauptung auch nach diesen absolut sichern Be- 
weisen wiederholt, der kennt meine Arbeit entweder nicht, oder — verschließt 
sich einer bessern Einsicht. . . . 



Vorwort. JX 



Aus dem Vorworte zur ersten Auflage. 

Die Arbeit, die ich hiermit der Schule und ihren Lelirern übergebe, ist 
ein Seitenstück zu meinem „Lehrbuche der Zoologie". Bei der Abfassung 
beider Bücher sind daher auch die gleichen Erwägungen maßgebend gewesen. 
Da ich nun meine Ansichten über die notwendige Um- und Ausgestaltung des 
naturgeschichtlichen Unterrichts in einer Broschüre*) ausführlich entwickelt 
habe, kann ich hier von einer erneuten Darlegung absehen. Ich vermag dies 
um so eher, als die Schulen aller Gattungen sich immer mehr einem Unter- 
richte zuwenden, wie er durch den gegenwärtigen Stand der Natur- 
wissenschaften und der Pädagogik gefordert wird, einem Unterrichte, 
der dem Schüler ein seiner Fassungskraft entsprechendes Verständnis der 
Natur zu eröffnen vermag, der ferner den Natursinn der Jugend kräftig 
und nachhaltig zu beeinflussen imstande ist, und der sich endlich an Bildungs- 
wert getrost mit jedem andern Unterrichtszweige messen kann. 

Da sich meine Arbeit nun in den Dienst eines solchen Unterrichts stellen 
möchte, mußte ich, wie in dem „Lehrbuche der Zoologie" (und seinen ge- 
kürzten Ausgaben) mit der veralteten Weise trocknen Beschreibens, die für 
Schüler wie Lehrer eine gleich große Qual ist, brechen und den morpholo- 
gischen Stoffen durch Hinzufügung physiologischer Momente einen 
erhöhten Wert verleihen. Ich mußte, um dies ganz kurz auszudrücken, 
die Pflanzen wie die Tiere als lebende Wesen darzustellen versuchen. 
Da die Lebenstätigkeiten der Pflanzen aber weit weniger augenfällig sind als 
die der Tiere — ein Umstand, der im botanischen Unterrichte außerordentlich 
zur Geltung kommt — , so war dies auch z. T. ein sehr schwieriges Unternehmen. 

Auch in dem allgemeinen Teile habe ich, um ein möglichst greifbares 
Bild „vom Bau und Leben der Pflanze" zu schaffen, Morphologie und Physio- 
logie aufs engste zu verschmelzen versucht. Allerdings setzt diese Art der 
Darstellung auch einen größern Raum voraus, als diesem Stoffe in Schulbüchern 
gewöhnlich eingeräumt zu werden pflegt. Daß ich zu diesem Bilde auch den 
reichen morphologischen und biologischen Stoff zusammenfassend verwendet 
habe, der in den Einzelbetrachtungen gewonnen worden ist, dürfte allseitige 
Zustimmung finden. 

Im allgemeinen, wie im speziellen Teile des Buches hoffe ich von neuem 
dargetan zu haben, daß die gebührende Betonung des Lebens auch ohne 
Vernachlässigung der Morphologie möglich ist. Besonders die Einzel- 
betrachtungen enthalten so genaue „Beschreibungen" der Pflanzen, wie sie in 
Werken rein beschreibenden Inhalts nur selten zu finden sind. Die „biolo- 
gische Betrachtungsweise" zwingt Lehrer und Schüler geradezu, wie ich hier 



*) Über die Reformbestrebungen auf dem Gebiete des naturgeschichtlichen Unter- 
richts. 8. Aufl. Verlag von Quelle & Meyer, Leipzig. 



X Vorwort 

wiederholt betone, erst sorgfältig das Tatsächliche festzustellen, bevor an die 
Frage nach seiner Bedeutung herangetreten werden kann. Werden über der 
Erklärung der Tatsachen diese selbst vernachlässigt, dann artet 
der Unterricht wie in allen andern Fächern (z. B. in Geographie oder 
Geschichte) allerdings in leeres Geschwätz aus. Dann werden die Bahnen 
sichern Wissens verlassen, und eine hohle Phantasterei, eine Sucht, alles er- 
klären zu wollen, macht sich breit. Gerade bei der Beurteilung biologischer Ver- 
hältnisse aber ist in der Schule die größte Vorsicht geboten. Ist eine Erklärung 
nicht über jeden Zweifel erhaben, so ist sie ausdrücklich als das zu bezeich- 
nen, was sie ist: als eine Vermutung oder dgl. Mehrere neuere Forschungs- 
ergebnisse habe ich aus diesem Grunde gänzlich unberücksichtigt gelassen, 
was man mir wohl kaum zum Vorwurfe machen dürfte. 

Die Systematik, die früher einen der Hauptangelpunkte des botanischen 
Unterrichtes bildete, hoffe ich auf das "ihr gebührende Maß beschränkt zu 
haben. Daß sie keineswegs vernachlässigt ist, gelit schon aus der syste- 
matischen Anordnung des Stoffes, sowie daraus heivor, daß ich bei jeder sich 
irgendwie nur bietenden Gelegenheit das Charakteristische der größern Ab- 
teilungen herausgestellt und die natürliche Einteilung der Pflanzen planmäßig 
aus ihrem Bau abgeleitet habe (s. besonders den allgemeinen Teil!). . . . 

Neben den trocknen, geistlosen Beschreibungen und einem Übermaße von 
Systematik war es die Terminologie, die früher den Unterricht vielfach gänz- 
lich beherrschte und dem Schüler die Natur oft geradezu verleidete. . . . 

Durch die Beschränkung der Terminologie a^if das Notwendigste hoffe ich 
auch hier gangbare Bahnen betreten zu haben. . . . 

Und somit entlasse ich denn das Buch mit den Segenswünschen, mit 
denen nur ein Vater sein eigen Kind in die Welt senden kann! Möge es 
Gutes stiften in Schule und Familie! Möge es dem Lehrer die Arbeit leicht 
machen, der Jugend Sinn und Herz für das Verständnis und die Schönheit der 
Natur zu öffnen, und möge es alle, die Kleinen und die Großen, hinführen zu 
dem ewig frischen Quell der Natur, aus dem es selbst geschöpft ist! 

M., den 20. März 1903. 



System und Inhaltsverzeichnis. 

I. Abteilung. Blüten- oder Samenpfl. (Phanerogamae). 

Seite 

Pfl., die deutlich sichtbare Blüten besitzen und sich durch Samen fortpflanzen 1 

I. Klasse. Bedecktsamige Pfl. (Angiospermae). 

Pfl., deren Samenknospen in einem Fruchtknoten eingeschlossen sind ... 1 

1. Unterklasse. Zweikeimblättrige Pß. oder Blattkeimer (Dicotyleae). 

Keimling mit 2 Keimbl. ; Laubbl. mit fiederig oder fingerig angeordneten 

Hauptnerven; Blütenteile meist in der 5- oder 4-Zahl vorhanden .... 1 

1. Reihe. Getrenntblumenblättrige Pfl. (Choripetalae). 

Pfl. in der Regel mit doppelter Blütenhülle (mit Kelch- und Blumenblättern). 

Blätter der Blumenkrone nicht miteinander verwachsen ] 

1. Familie. Birkengew. (Betuläceäe) 1 

2. „ Becherfrüchtl. (Cupuüferae) 10 

3. „ Walnußgew. (luglandaceae) 17 

4. „ Weidengew. (Salicaceae) .18 

5. „ Nesselgew. (Urticaceae) 22 

6. „ Hanfgew. (Cannabinaceae) 24 

7. u. 8. „ Maulbeer- u. Ulmengew. (Moraceae u. Ulmaceae) 26 

9. „ iVIistelgew. (Loranthaceae) 29 

10. u. 1 1. „ Pfeffer- u. Platanengew. (Piperaceae u. Platanaceae) .... 32 

12. „ Wolfsmilchgew, (Euphorbiaceae). I. A. : Buchsbaum .... 33 

13. „ Nelkengew. (CaryophyUaceae) 37 

14. „ Kaktusgew. (Cactaceae) 43 

15. „ Knöterichgew. (Polygonaceae) 45 

16. „ Gänsefußgew. (Chenopodiaceae) 46 

17. „ Hahnenfußgew. (Ranunculaceae). I.A.: Tulpenbaum u. Magnolie 48 

18. „ Sauerdorngew. (Berberideae). 1. A. : Mahonie . 59 

19. „ Seerosen (Nymphaeaceae). I. A. : Hornblatt 61 

20. „ Lorbeergew. (Lauraceae). I. A. : Muskatnußbaum 66 

21. „ Sonnentaugew. (Droseraceae). I. A. : Kannensträucher ... 68 

22. „ Osterluzeigew. (Aristolochiaceae). I. A. : Pfeifenkraut, Haselwurz 70 

23. „ Kreuzblütl. (Cruciferae) 72 

24. „ Mohngew. (Papaveraceae) 81 

25. u. 26. „ Erdrauch- u. Resedagew. (Fumariaceae u. Resedaceae) ... 85 

27. „ Veilchengew. (Violaceae) 86 

28. „ Hartheugew. (Guttüerae). I. A.: chines. Teestrauch .... 90 

29. „ Lindengew. (Tiliaceae) 92 

30. „ Malvengew. (Malvaceae). L A.: Kakaobaum 95 

31. „ Reiherschnabelgew. (Geraniaceae) .... 100 



XII System und Inhaltsverzeichnis. 

Seite 

32. Familie. Sauerkleegew. (Oxalidaeeae). 1. A. : Springkraut, Garten-Bal- 

samine u. Kapuzinerkresse 103 

33. „ Leingew. (Linaceae) 104 

34. „ Orangengew. (Rutaceae). I. A. : Mahagonibaum, Cedrelabaum, 

Götterbaum u. Kreuzblume . . 107 

35. „ Roßkastaniengew. (Hippocastanaceae). I. A. : rote Kastanie . 108 

36. „ Ahorngew. (Aceraceae). I. A. : Pfaffenhütlein, Stechpalme, 

Essigbaum . . 114 

37. „ Weinrebengew. (Vitaceae). L A.: Faulbaum 117 

38. „ Dickblattgew. (Crassulaceae) 123 

39. „ Steinbrechgew. (Saxifragaceae) 126 

40. „ Rosenartige Gew. (Rosaceae) 129 

41. „ Schmetterlingsblütl. (Papilionaceae). I. A. : Johannisbrotbaum, 

Sinnpflanzen, Akazien 143 

42. „ Seidelbastgew. (Th}Tnelaeaceae) 160 

43. u. 44, „ Nachtkerzen- u. Weiderichgew. (Onagraceae u. Lj'thraceae) . 161 

45. ,, Myrtengew. (Myrtaceae). I. A. : Tausendblatt, Tannenwedel, 

Granatbaum, ]\Iangrovebäume 163 

46. „ Doldengew. (Umbelliferae) 166 

47. „ Efeugew. (Araliaceae). I. A. : Hartriegelgew. (Comaceae) . . 171 

2. Reihe. Verwachsenblumenblättrige Pfl. (Sympetalae). 

Pfl. mit doppelter Blütenhülle, bei denen die Blumenbl. miteinander ver- 
wachsen sind 174 

48. Familie. Heidekrautgew. (Ericaceae). I. A. : Wintergrün, Fichtenspargel 174 

49. „ Schlüsselblumengew. (Primulaceae). I. A. : Guttaperchabaum . 182 

50. „ Grasnelkengew. (Plumbaginaceae) 187 

51. i>. 52. „ Ölbaum- u. Enziangew. (Oleaceae u. Gentianaceae). I. A.: 

Immergrün, Oleander, Brechnußbaum 188 

53. „ Windengew. (Convolvulaceae) 192 

54. „ Rauhblättr. Gew. (Borraginaceae) 196 

55. „ Lippenblütl. (Labiatae). I. A.: Eisenkraut 201 

56. , Rachenblütl. (Scrophulariaceae). I.A.: Sommenvurz, Bärenklau 208 

57. „ ^^'asse^schlauchgewächse (Lentibulariaceae) 216 

58. „ Nachtschattengew. (Solanaceae) 216 

59. „ Wegerichgew. (Plantaginaceae) 227 

60. „ Labkrautgew. (Rubiaceae) 228 

61. „ Geißblattgew. (Caprifoliaceae) 231 

62. u. 63. , Baldrian- u. Kardengew. (Valerianaceae u. Dipsaceae) . . . 233 

64. „ Glockenblumengew. (Campanulaceae) 235 

65. „ Kürbisgew. (Cucurbitaceae) 238 

66. „ Korbblütler (Compositae) 243 

2. Unterklasse. Einkeimblättrige Pfl. oder Spitzkeimer (Monocotyleae). 

Keimling mit nur einem Keimbl.; Laubbl. in der Regel mit parallel ver- 
laufenden Hauptnerven; Blütenteile meist in der 3-Zahl vorhanden ... 261 

< 

67. Familie. Gräser (Gramineae) 261 

68. „ Riedgräser (Cyperaceae) 286 

69.— 71. , Froschlöffel-, Froschbiß- u. Laichkrautgew. (Alismaceae, Hydro- 

charidaceae u. Potamogetonaceae) 287 

72. „ Arongew. (Araceae) 289 



System und Inlialtsverzeichnis. XIII 

Seite 

73. Familie. Palmen (Palmae) 292 

74. u. 75. „ Rohrkolben- u. Wasserlinsengew. (Typhaceae u. Lemnaceae) . 297 

76. „ Liliengew. (Liliaceae) 298 

77. „ Binsengew. (luncaceae) 313 

78. , Narzissengew. (Amaryllidaceae). I. A.: Ananas 313 

79. „ Schwertliliengew. (Iridaceae) 319 

80. „ Bananengew. (Musaceae) 323 

81. „ Knabenkrautgew. (Orchidaceae) 324 

Geologisches Vorkommen der bedecktsamigen Pflanzen . . . 331 

n. Klasse. Nacktsamige Pfl. (Gymnospermae). 

Pfl., deren Samenknospen nicht in einem Fruchtknoten eingeschlossen sind, 

sondern sich auf dem offenen Fruchtblatte finden 332 

1. Familie. Kieferngew. (Pinaceae) 332 

2. „ Eibengew. (Taxaceae) 349 

I. A. : Palmfarne, Ginkgo, Welwitschie 349 

Geologisches Vorkommen nacktsamiger Pflanzen 350 



n. Al)teiliing. Blütenlose oder Sporenpfl. (Kryptogamae). 

Pfl., die keine Blüten besitzen, und deren Vermehrung (vorwiegend) durch 

Sporen erfolgt 351 

1. Gruppe. Farnartigre Pfl. oder Gefäß-Sporeupfl. (Pteridophyta). 

Pfl., die in Stengel, Blätter und Wurzeln gegliedert sind und Gefäßbündel 

enthalten 351 

1. Klasse. Farne (Filicinae) 351 

JS. Klasse. Schachtelhalme (Equisetinae) 360 

3. Klasse. Bärlappgew. (Lycopodinae) 364 

Geologisches Vorkommen der farnartigen Pflanzen 365 

n. Gruppe. Moose (Bryophyta). 

Pfl., die in Stengel und Blätter gegliedert sind oder ein laubartiges Gebilde 

darstellen, denen echte Wurzeln und Gefäßbündel fehlen 366 

1. Klasse. Laubmoose (Musci) 366 

2. Klasse. Lebermoose (Hepaticae) 375 

m. Gruppe. Lagerpfl. (Thallophyta). 

Pfl., die nicht in Stengel und Blätter gegliedeit sind, also ein sog. Lager 
darstellen 376 

1. Kreis. Algen (Algae). 

Lagerpfl., die meist im Wasser leben und Blattgrün enthalten 376 

i. Klasse. Jochalgen (Conjugatae) 376 

2. Klasse. Kieselalgen (Diatomaceae) 380 

5. Klasse. Grünalgen ( Chlor ophgceae) 382 

4.U. 5. Klasse. Braun- u. Botalgen (Phaeophyceae ii. Bhodophyceae) 384 

6. Klasse. Spaltalgen (Cyanophyceae) 386 

I. A.: Armleuchtergew. {Characeae) 387 



XIV System und Inhaltsverzeichnis. 

2. Kreis. Pilze (Fungi). Seit» 

Lagerpfl. ohne Blattgrün; Schmarotzer oder Fäulnisbewohner . . . 388 

1. Klasse. Fadenpilze (Eumycetes) 388 

1. Unterkl. Ständerpilze (Basidiomycetes 388 

2. , Schlauchpilze (Ascomycetes) 396 

3, u. 4. , Rostpüze (Uredinaceae) u. Brandpilze (Ustilaginaceae) . . . 401 

5. „ Algenpilze (Phycomycetes) 403 

2. Klasse. Spaltpilze (Schizomycetes) 406 

3. Klasse. Scfdeimpilze (Myxomycetes) 413 

3. Kreis. Flechten (Lichenes). 

Lagerpfl., die aus FadenpUzen u. Algen bestehen 415 



Tom Bau und Leben der Pflanze (Morphologie und Physiologie). 

1. Abschnitt. 

Vom Bau und Leben der Zelle 419 

A. Vom Wesen u. von der Bedeutung der Zelle 419 

B. Der Zellinhalt: 1. Das Protoplasma und seine Teile 420 

2. Der Zellsaft und die in ihm gelösten Stoffe .... 424 

C. Die Zellhaiit 426 

D. Der „Zellstaat" 429 

2. Abschnitt. 
Vom Bau und Leben der einzelnen Pflanzenteile. 

Die Grundglieder der Pflanzen 431 

1. Vom Bau u. Leben des Blattes. 

1. Blattarten u. Blattstellung 432 

2. Das Blatt als Werkzeug der Aneignung oder Assimilation der Nährstoffe . 438 

A. Die Aneignung oder Assimilation der Nährstoffe 438 

B. Nur grüne Pflanzen u. Pflanzenteile assimilieren 442 

C. Die Assimilation erfolgt nur im Lichte 443 

D. Die Assimilation u. der feinere Bau des Laubblattes 446 

E. Welche organischen Körper werden bei der Assimilation gebildet? . . 452 

F. Die Wanderung, Verwendung u. Aufspeicherung der gebildeten Stoffe . 454 

3. Das Blatt als Werkzeug der Atmung und die Atmung der Pflanzen im 

allgemeinen 456 

4. Das Blatt als Werkzeug der Verdunstung des Wassers (oder der Transpi- 

ration) 459 

n. Vom Bau und Leben der Wurzel. 

A. Die Aufgaben u. Hauptformen der Wurzel 466 

B. Die Aufgaben u. der feinere Bau der Wurzel 468 

C. Wie das Wachstum der Wurzel von der Schwerkraft beeinflußt wird . . 473 

D. Die Befestigung der keimenden Samen am Boden u. der Wurzelzug . . 475 

in. Vom Bau u. Leben des Stammes. 

A. Aufgabe, Wachstum u. Formen des Stammes 476 

B. Die Richtung der Stämme u. Zweige 479 

C. Der Bau des Stanmaes in seinen Grundzügen 482 

D. Die Gefäßbündel 484 



System luid Inhaltsverzeichnis. XV 

Seite 

E. Leitungsbahnen im Stamme 489 

F. Bekleidung der Stämme 492 

G. Festigkeit der Stämme 495 

IV. Vom Bau u. Leben der Blüte. 

A. Die Fortpflanzung u. die Blüte 498 

B. Die Teile der Blüte 499 

C. Die Blütenstände 504 

D. Die Bestäubung der Blüte ..... 505 

E. Die Befruchtung der Blüte 509 

V. Vom Bau u. Leben der Frucht u. des Samens 511 



Anhang. 

1. über Pflanzensysteme 516 

2. Über die geographische Verbreitung der Pflanzen 519 



Verzeichnis der Tafeln. 



Seite 

1. Haselnußstrauch (Corylus avellana) 4 

2. Sal- oder Palmweide (Salix caprea) 20 

8. Hopfen (Humulus lupulus) 2-1 

4. Sonnen- Wolfsmilch (Euphorbia helioscopia) 34 

5. Scharbockskraut (Ficaria verna) 48 

6. Busch- Windröschen (Anemone nemorosa) 52 

7. ^^'eiße Seerose (Nymphaea alba) 62 

8. Rundblättriger Sonnentau (Drosera rotundifolial und Fettkraut (Pinguicula 

vulgaris) 68 

9. Osterluzei (Aristolochia clematitis) 70 

10. Klatschmohn (Papaver rhoeas) . . . ' 82 

n. Wohlriechendes Veilchen (Viola odorata) 88 

12. Winterlinde (Tilia ulmifolia) 92 

1.3. Reiherschnabel (Erodium cicutarium) 100 

14. Lein- oder Flachs (Linum usitatissimum) 104 

15. Roßkastanie (Aesculus hippocastanum) 108 

16. Scharfer ^Mauerpfeffer (Sedum acre) 124 

17. Birnbaum (Pirus communis) 128 

18. ]\Iöhre oder Mohrrübe (Daucus carota) 166 

19. Heidekraut (Calluna ^^llgaris) 176 

20. Duftende Schlüsseiblame (Primula officinalis) 184 

21. Hopfenseide (Cuscuta europaea) 194 

22. Schwarzwurz (Symphytum officinale) 196 

23. Weiße Taubnessel (Lamium album) 200 

24. Leinkraut oder Frauenflaclis iLinaria vulgaris) 208 

25. Echte Königskerze (Verbascum thapsus) 210 

26. Kartoffel (Solanum tuberosum) 220 

27. IMittlerer Wegerich (Plantago media) 226 

28. Wald-Geißblatt (Lonicera periclymenum) 230 

29. Rundblättrige Glockenblume (Campanula rotundifola) 234 

30. Tulpe (Tulipa) 300 

31. Herbstzeitlose (Colchicum autumnale) 308 

32. Maiblume oder Maiglöckchen (Gonvallaria maialis) 310 

33. Wasser-Schwerthhe (Iris pseudacorus) 320 

34. Breitblättriges Knabenkraut oder breitblättrige Orchis (Orchis latifolia) . . 324 

35. Kiefer (Pinus silvestrLs) 332 

36. Wurmfarn (Aspidium filix mas.) 352 

37. Ackerschachtelhalm (Equisetum arvense) 360 

38. Wald zur Steinkohlenzeit 366 

39. Pilze 388 

40. Pilze 392 



1. Abteilung. Blüten- oder Samenpflanzen (Phanerögamae'). 

Pflanzen, die deutlich sichtbare Blüten besitzen und sich durch Samen fortpflanzen. 

I. Klasse. Bedecktsamige Pflanzen (Angiosp6rmae^). 

Pflanzen, deren Samenknospen in einem Fruchtknoten eingeschlossen sind. 

1. Unterklasse. Zweikeimblättrige Pflanzen oder Blattkeimer 

(Dicotyleae^). 

Keimling mit zwei Keimblättern (s. Bohne). Laubblätter mit fiederig oder fingerig 
angeordneten Hauptnerven. Blütenteile meist in der 5- oder 4-Zahl vorhanden. 

1. Reihe. Gretreiiiitl)lumeiil>lättrige Pflanzen (Choripetalae*). 

Pflanzen in der Regel mit doppelter Blütenhülle (mit Kelch- und Blumenblättern). 

Mehrfach fehlt auch die Blütenhülle oder ist nur in der Einzahl vorhanden. Blätter 

der Blumenkrone nicht miteinander verwachsen. 

1. Familie. Birkeng-ewächse (Betuläceae^). 

Staubblüten in Kätzchen, ohne Blütenhülle, der Kätzchenschuppe angewachsen. 

Stempelblüten in der Regel gleichfalls zu Kätzchen vereinigt. Fruchtknoten mit 

zwei Narben. Frucht eine Nuß. 

Der Haselnußstraucli (Cörylus avelklna'*). Taf. 1. 

A. Der Haselnußstraucli und der Menscli. a) Den Haselnuß- 
strauch treffen wir zwar häufig in Hecken, an Feldwegen, auf Berg- 
hängen und an ähnlichen Orten an; zumeist aber tritt er uns als Unter- 
holz im Lauhwalde entgegen. Bei den alten Germanen war er dem 
Donar geweiht, und auch als das Christentum in den deutschen Gauen 
siegreichen Einzug gehalten hatte, schrieb man ihm noch lange Zeit 
Zauber- und Wunderkräfte zu. Daher schnitt man aus seinen Zweigen 
das „unentbehrliche" Werkzeug der Schatzgräber, die Wünschelrute. Mit 
ihrer Hilfe meinte man unterirdische Schätze heben, Quellen auffinden, 
Hexen und Diebe „bannen" zu können u. dgl. mehr. 

Obgleich heutzutage dieser Aberglaube zumeist wohl verschwunden 
ist, so verknüpfen uns doch noch mancherlei Beziehungen mit dem 

1) phanerös, sichtbar; gämos, Ehe: also mit sichtbaren Fortpüauzungsorganen d. h. mit 
deutlichen Blüten. 2) cmgeion, Gefäß; sperma, Same. 3) di-, zwei; koiyle, Höhlung (Keimblatt!). 
4) chori-, getrennt; petulon, Blatt. 5j von letulu, Birke. 6) corylus, Haselnuß; avellana, aus Avella 
in Süditalien stammend. 

Sohmeil, Lehrbuoh der Botanik. 1 



2 Birkengewächse. 

unscheinbaren Strauche, Wenn im Februar und März die „Hasel wieder 
stäubt", so erfüllt Fiühlingshoffen unsre Brust: 

Mit FJis bedeckt ist noch der See, 
Noch herrscht im Walde Winters Schweigen. 
Sieh, da fällt Goldstaub auf den Schnee 
Von der blühenden Hasel Zweigen. 

Im Herbste schallt der Wald wieder von den Stimmen Haselnüsse 
suchender Kinder und im Winter von dem Axtschlage des Holzhauers; 
denn wie die süßen Nüsse als schmackhaftes Obst gelten, so werden die 
biegsamen und zähen Zweige des Strauches vom Korbmacher und Böttcher 
wohl geschätzt. Beobachten wir die Pflanze ein Jahr ihres Lebens hindurch! 
B. Der Haseliiiißstraucli im Vorfrüliliiige. 1. Staubblüten. An 
den braunen Zweigen des Strauches finden wir bereits seit dem Herbste 
des Vorjahres neben Knospen, wie sie auch andre Holzgewächse besitzen, 
langgestreckte Gebilde, die man bekannthch Kätzchen nennt. Sobald 
die höher steigende Sonne die Erde etwas mehr erwärmt, und an einigen 
Tagen wieder lindere Lüfte wehen, erwachen die Kätzchen, die bis jetzt 
starr und steif nach [allen Seiten von den Zweigen abstanden, aus dem 
Winterschlafe: Das dünne, stengelartige Gebilde, von dem sie der Länge 
nach durchzogen werden, die Achse, beginnt sich zu strecken; infolge- 
dessen nehmen sie stark an Länge zu, werden weich und biegsam, so 
daß sie bald wie schwankende Troddeln herabhängen. Reißt man ein 
Kätzchen quer durch, so sieht man, wie von der Achse nach allen Seiten 
Blättchen ausstrahlen. Unter jeder dieser Kätzchenschuppen finden 
sich 2 mit ihnen verwachsene, sehr zarte Blättchen und unter diesen 
wieder 8 Staubblätter. (Eigentlich sind nur 4 Staubblätter vorhanden, 
die aber bis zum Grunde geteilt und deren Hälften auseinander gerückt 
sind. Dies erkennt man besonders daraus, daß jeder Staubbeutel nur ein 
Fach besitzt, während sie sonst inuner 2 haben.) Da sich Staubblätter 
stets nur in Blüten finden, so haben wir es hier also gleichfalls mit solchen 
zu tun. Es fehlen ihnen freilich Kelch- und Blumenblätter. Auch von 
einem Stempel ist keine Spur zu entdecken. In den Haselnußkätzchen 
haben wir also Blütenstände vor uns, die aus zahlreichen 
„nackten" Staubblüten zusammengesetzt sind. 

2. Stempelblüten. Hier und da sieht man Knospen, die etwas 
mehr angeschwollen sind als die andern, und aus deren Spitzen mehrere 
purpurrote Fädcheu hervorragen. Beseitigt man die Knospenschuppen, 
so findet man neben jungen Laubblättern in der Mitte einige schuppen- 
artige Deckblätter und an deren Grunde je 2 Gebilde, in denen leicht 
ebensoviele Stempel zu erkennen sind. Jeder von ihnen besteht aus 
einem kugeligen Fruchtknoten und 2 jener purpurroten Fädchen, in 
denen wir also die Narben vor uns haben. Umgeben ist der Frucht- 
knoten von einer zerschlissenen Hülle, die aus meist 3 grünen Blätt- 
chen gebildet ist und sich später zu der bekannten, blattartigen Frucht- 
hülle entwickelt. Da nun die Stempel gleich den Staubblättern wichtige 



Biikengewächse. 3 

Blüteuteile sind, stellt jeder von ihnen eine sehr einfach gebaute 
Stenipelblüte dar. 

3. Bestäubung. Beim Haselnußstrauche sind also Staubblätter und 
Stempel auf verschiedene Blüten verteilt. Da diese Blüten auf ein und 
derselben Pflanze stehen oder, bildlich ausgedrückt, ein Haus bewohnen, 
so haben wir es hier mit einer einhäusigen Pflanze zu tun. Bei einer 
solchen kann aber niemals Selbstbestäubung stattfinden. Wir müssen 
uns daher fragen, wer die Übertragung des Blütenstaubes zur Narbe 
besorgt. Insekten können es nicht sein; denn wenn auf einem Kätzchen 
auch wirklich einmal eine Blütenstaub naschende Biene anzutreffen ist: 
das Heer der Insekten liegt zu der Zeit, in der die Pflanze blüht, noch 
in tiefem Winterschlafe! 

Den wirklichen Überträger des Blütenstaubes erkennen wir leicht, 
wenn wir den blühenden Haselnußstrauch an einem sonnigen, aber etwas 
windigen Tage besuchen. Dann sehen wir, \vie der Wind die Äste und 
„reifen" Kätzchen schüttelt, wie aus den Kätzchen kleine Wolken gelben 
Blütenstaubes hervorkommen, wie der Staub verweht wird und sich nach 
einiger Zeit auf den Erdboden, auf Äste, Zweige und andre Gegen- 
stände herabsenkt. Dabei kann es nun nicht ausbleiben, daß auch die 
Narben von einigen Staubkörnern getroffen werden. Der Vermittler 
der Bestäubung ist also — der Wind, und der Haselnußstrauch 
eine „ windblütige" Pflanze oder kurz: ein Windblütler. Wenn 
wir dies im Auge behalten, werden uns leicht zahlreiche Einzelheiten im 
Blütenbau, sowie andre Verhältnisse klar werden. 

a) Dem Haselnußstrauche fehlen die Mittel, durch die bei den In- 
sektenblütlern die Bestäuber angelockt werden, und von denen die leuch- 
tende Blütenfarbe, der Duft und der Honig an erster Stelle zu nennen 
sind. Seine Blüten sind im Gegenteil verhältnismäßig unscheinbar, 
sowie völlig duft- und honiglos. 

b) Kurz vor Beginn des Stäubens streckt sich — wie wir oben 
gesehen haben - — die Kätzchenachse stark in die Länge, so daß die 
Schuppen auseinander rücken und das anfänglich starre Kätzchen 
außerordentlich biegsam wird. Dadurch wird einerseits dem Winde 
der Zutritt zu den Staubbeuteln geschaffen, und andrerseits ist jetzt 
schon ein leichter Windhauch imstande, das wie eine Troddel herab- 
hängende Kätzchen in Schwankungen zu versetzen und den Blütenstaub 
heraus zu schütteln. 

c) Die Kätzchen sind um so leichter zu bewegen, als sie sich stets 
an den Enden kurzer Ästchen finden, die wieder nur von dünnen 
Zweigen abgehen. 

d) Bei stürmischem, kaltem und regnerischem Wetter öffnen 
sich die Staubbeutel nicht. Selbst die Kätzchen, die zum Stäuben 
„fertig" sind, „warten" damit, bis wieder mildere Witterung eintritt. 
Heftige Winde und Regen wären für die Bestäubung auch durchaus un- 
günstig; denn der Blutenstaub würde durch den Sturm nur nach einer 



4 Birkengewächse. 

Seite getragen und durch den Regen aus den Kätzchen gespült, zur Erde 
geführt und verdorben werden. 

e) Sehr vorteilhaft ist es auch für den Haselnußstrauch, daß er zu 
einer Zeit blüht, in der er noch unbelaubt ist; denn der Wind 
kann jetzt völKg unbehindert zu den Kätzchen und den Narben treten. 

f) Rieselt der Blütenstaub bei vollkommener Windstille aus den 
Beuteln hervor, so fällt er nicht zum Erdboden hernieder. Er würde in 
diesem Falle auch nur selten eine Narbe treffen, zumeist also verloren 
gehen. Da die Kätzchen wie Troddeln herabhängen, wird er viel- 
mehr auf der Rückseite der wagerecht stehenden Kätzchen- 
schuppen abgelagert. Hier bleibt er hegen, bis ihn ein Windhauch 
„abholt" und ausstreut. (Der Vorgang läßt sich leicht an Kätzchen 
beobachten, die man vor Beginn des Stäubens in das Zimmer bringt.) 

g) Wie oben erwähnt, gelangt der größte Teil des Blütenstaubes 
nicht an den Ort seiner Bestimmung. Das ist für den Haselnußstrauch 
aber kein sonderlicher Verlust; denn er erzeugt diesen wichtigen Stoff in 
sehr großen Mengen. Je mehr Blütenstaub aber vorhanden ist, desto 
größer ist auch die Möglichkeit, beim Niederfallen eine Narbe zu treffen. 

h) Während die Insektenblütler in der Regel klebrigen Blütenstaub 
besitzen, ist er hier staub artig trocken, so daß er leicht verweht 
werden kann. 

i) Übrigens braucht er auch nur selten weit getragen zu weiden, 
um eine Narbe zu finden; denn der Haselnußstrauch wächst ja meist 
in großen Beständen. 

k) Da die Narben zur Blütezeit aus der Knospe hervortreten, 
sind sie gleichfalls dem Winde frei ausgesetzt. Der Fruchtknoten dagegen 
verbleibt im Schutze der Knospenhülle. Dies ist um so wichtiger, als jetzt 
oft noch recht kalte Tage kommen, und wie schnell ein so überaus zartes 
Gebilde dem Froste erliegt, können wir an den Obstbäumen nur zu olt 
beobachten. Andrerseits erlaubt die geschützte Lage des Fruchtknotens 
dem Haselnußstrauche aber auch, so zeitig im Jahre zu blühen. 

1) Die Narben können um so leichter Blütenstaub auffangen, als sie 
verhältnismäßig groß und dicht mit feinen Härchen besetzt sind, 
also vortreffliche „Staubfänger" darstellen. 

C. Der Haseln lißstra lieh im Frühliii§e und »Sommer. 1. Erst einige 
Wochen, nachdem die Kätzchen verstäubt haben, öffnen sich die schwel- 
lenden Knospen. Der zum Vorschein kommende junge Trieb ist anfangs 
abwärts gerichtet. Seine Blättchen sind in der Mittelrippe gefaltet, dicht 

Taf. 1. 1. Zweige, vor dem Stäuben der Kätzchen. 2. Stäubende Kätzchen. 3. Teil 
des Kätzchens, vergr. Der Blütenstaub hat sich z. T. auf der Rückseite der Kätzchen- 
schuppen abgelagert. 4. Kätzchenschuppe mit „ihren" Staubblättern (Staubblüte). 
5. Knospe mit Stempelblüten. 6. Kätzchenschuppe mit 2 Stempelblüten. 7. Zweig mit 
lierbstlichem Laube und reifen Nüssen. 8. Unreife Nuß, die vom Haselnußbohrer ange- 
bohrt wird. 9. Unreife Nuß mit einer Larve des Käfers. 10. Zweigstück mit den 

Kätzchen des nächsten Jahres. 



Schmeils Naturwissenschaftliches Unterrichtswerk. 




Haselnußstrauch (Corylus avellana). 



Birkengewächse. 5 

mit seidenartigen Haaren bedeckt und stehen im Schutze großer, schuppen- 
artiger Nebenblätter. Je mehr sich die Blätter ausbreiten, desto mehr 
verschwindet die Haardecke. Kurze Zeit, nachdem der Trieb die bleibende 
Stellung eingenommen hat, fallen endlich auch die nutzlos gewordenen 
Nebenblätter ab: alles Erscheinungen, die bei der Betrachtung der Roß- 
kastanie und der Linde genauer beachtet worden sind. 

2. Die ausgebildeten Blätter ändern in der Form vielfach ab (kreis-, 
ei- oder herzförmig). Sie sind mit zerstreuten Haaren bedeckt und am 
Rande mit großen Sägezähnen versehen, die wiederum fein gezähnelt 
sind („doppelt gesägte Blätter"). 

a) Die Blätter sind verhältnismäßig groß und zart. Infolgedessen 
fangen sie zahlreiche Lichtstrahlen auf und können selbst noch von 
schwachem Lichte durchleuchtet werden. Daher vermag der Haselnuß- 
strauch auch mit dem stark gedämpften Lichte fürlieb zu nehmen, wie 
es unter den Bäumen des Waldes herrscht. 

b) An senkrechten Zweigen sind die Blätter in drei Reihen ange- 
ordnet. An wagerechten oder schräg gerichteten Zweigen, die zumeist 
viel weniger belichtet sind, und an denen jene Stellung durchaus un- 
vorteilhaft wäre, drehen sich die Stengelglieder so, daß die Blätter „zwei- 
zeilig" gestellt erscheinen. Sie werden also auch dort des Sonnenlichtes 
genügend teilhaftig. 

D. Der Haseliiußstrauch im Herbste und Winter. 1. Frucht. 
Nach erfolgter Bestäubung beginnt der Fruchtknoten zu schwellen: Die 
Fruchtknotenwand wird zu der harten, holzigen „Schale" und die Samen- 
knospe zum „Kerne" der Haselnuß. Gleichzeitig vergrößert sich auch 
die „zerschlissene Hülle", die den Fruchtknoten umgibt. 

a) Da der Kern aus der Samenknospe hervorgeht, stellt er den Samen 
der Pflanze dar. In der Regel ist nur ein solcher in jeder Nuß vorhanden, der 
die feste Wand dieser „Schließfrucht" bei der Keimung auseinander sprengt. 

b) Der wohlschmeckende Kern, der reich an Stärkemehl und fettem 
öle ist, bildet ein vielbegehrtes Nahrungsmittel für zahlreiche Waldtiere. 
Infolge der festen, holzigen Schale ist er jedoch nur größern Tieren zu- 
gänglich, von denen Eichhörnchen, Haselmäuse und Häher hier zuerst 
genannt sein mögen. Diese Tiere leisten aber der Pflanze einen wich- 
tigen Gegendienst. Wenn sie eine Nuß finden, können sie nämhch den 
Kern vielfach nicht sofort verzehren; denn die feste Schale muß erst ge- 
öffnet werden. Während dieser Arbeit verweilen die Tiere aber nicht 
gern auf dem Erdboden oder in dem Gezweige des Strauches, weil sie 
dort allen Gefahren schutzlos ausgesetzt sind. Sie suchen im Gegenteil 
mit ihrer Beute einen Ort zu erreichen, an dem sie in Ruhe das Mahl 
halten können. Bei dem Verschleppen entfallen den Tieren aber zahl- 
reiche Nüsse, die auf solche Weise über einen weiten Bezirk ausgesät 
werden. Ferner ist es bekannt, daß Eichhörnchen und Haselmäuse 
Wintervorräte aufspeichern, und daß der Häher die Gewohnheit hat, Nüsse 
(sowie Bucheckern und Eicheln) in den Erdboden zu verstecken. Ver- 



ß 



Birkengewächse. 



gessen die Tiere die gesammelten Früchte, vermögen sie die Vorräte nicht 
wieder aufzufinden oder dgl., so helfen sie dadurch gleichfalls den 
Haselnußstrauch weiter zu verbreiten. 

Der Haselnußstrauch muß den unfreiwiUigen Gehilfen allerdings viele 

Opfer bringen. 
Aber tun das 
i;^ die Pflanzen 
mit saftigen, 
wohlschmek- 
4' kenden Früch- 
ten nicht auch? 
Freilich wdrd 

bei diesen 
Früchten der 
Same nicht mit 

vernichtet. 
Wenn wir aber 
bedenken, daß 
die Haselnuß 
(gleich der 
Buche und 
Eiche) eine 
sehr langle- 
bige Pflanze 
ist, die alljähr- 
lich meist eine 
große An- 
zahl von 
Früchten er- 
zeugt, so wird 
uns dieser Ver- 
lust nicht zu 
beträchtlich 
vorkommen! 
Selbst wenn 
sich nur die 
zehn- oder hun- 
derttausendste 
Nuß wieder zu 
einem Strauche 
entwickeln 
würde, hätte diese seltsame Art dej- Verbreitung immer noch — eine Ver- 
mehrung der Pflanze im Gefolge. 

Neben den genannten Tieren ist es besonders das Wildschwein, das 
die Haselnüsse gern verzehrt. Es verschleppt sie aber nicht, kann also 




Birken. 



Birkengewäohse. 



auch nicht als Verbreiter der Pflanze in Betracht kommen. Da es aber 
den Waldboden mit Rüssel und Hauern gleichsam durchpflügt und somit 
sicher auch manche Nuß (Buchecker, Eichel) an einen Ort bringt, an dem 
sie keimen kann, werden wir in ihm nicht ausschließlich einen „Feind" 
des Strauches (der Buche und Eiche) erkennen. 

c) Würden Eichhörnchen, Haselmäuse und Häher die Nüsse bereits 
vor der Reife verzehren, so könnten sie eine Verbreitung der Pflanze 
nicht bewirken. Wie die unreifen fleischigen Früchte sind auch die un- 
reifen Haselnüsse durch schlechten Geschmack dagegen geschützt, vor- 
zeitig verspeist zu werden, nur mit dem Unterschiede, daß dieser Ge- 
schmack nicht den Nüssen selbst, sondern der zerschlitzten Hülle eigen 
ist. Erst bei der Reife löst sich die Nuß aus ihr und fällt zu Boden. 
Der matte Fleck an der Schale ist die Verwachsungsstelle zwischen der 
Nuß und der Hülle. 

d) Findet man in der Schale der Haselnuß ein kreisrundes Loch, so ist auch der 
Kern zerstört. Beides ist das Werk der Larve des Hasel nußbohrers (s. „Lehr- 
buch der Zoologie"). 

2. Laubfall. Zur Zeit der Frachtreife fängt das Laub 
an, sich herbstüch gelb und rot zu färben, und ehe meist 
noch der Oktober zu Ende gegangen ist, steht der Haselnuß- 
strauch kahl da. 

3. Knospen. Das nächste Frühjahr trifft die Pflanze 
aber nicht unvorbereitet an. Bereits im Juli 
begannen in den Blatt winkeln die nächstjähri- 
gen Triebe und die beiderlei Blüten sich zu bil- 
den. Wenn das Laub abgefallen ist, sind auch 
die Vorbereitungen abgeschlossen, d. h. die Knos- 
pen ausgebildet. Während die kurzen jungen 
Triebe und die winzigen Stempelblüten durch 
Knospensc huppen gegen die Unbilden des Winters 
geschützt sind, überwintern die Staubblüten „frei"; 
denn da sie zu großen, fast völlig ausgebildeten Kätz- 
chen gehäuft sind, können sie nicht auch von einer 
Hülle umgeben werden. Sie sind aber trotzdem so 
vollkommen von der Außenwelt abgeschlossen, daß 
sie weder durch eindringendes Wasser, noch durch zu 
starke Verdunstung leiden können. Dies bewirken 
die Kätzchensehuppen, die eng übereinander liegen 
und deren äußere, verdickte Abschnitte so gebogen 
sind, daß sie sich z. T. gegenseitig decken. Durch 
filzige Haare an den äußern Schuppenteilen wird der i 
Verschluß noch wesentlich dichter und fester. 

Da die Staubblüten den Winter in fast ausgebildetem Zustande über- 
dauern, genügen — wie wir oben gesehen haben — im Vorfrühlinge 
schon einige wärmere, sonnige Tage, um sie zum Stäuben zu bringen. 




Birke. 

] . Zweigstück im 

Winter (-/j nat. 

Gr.). 2. Frucht 

(lOmal vergr.). 



g Birkengewäclise. 

(Vgl. hiermit die Blütezeit 'der Erle, sowie die der Becherfrüchtler nnd 
Weidengewächse !) 

Andre Birkengrewächse. 

Die Weißbirke (Betula verrucosa^; s. Abb. S. 6 u. 7), gewöhnlich nur Birke geaaiint,. 
findet sich zumei.?t im Walde z^^ä.schen andern Baumarten eingestreut; in Nordeuropa da- 
gegen bildet sie selbst ausgedehnte Wälder. Die weiße Borke, die den Stamm mittelgroßer 
Bäume bedeckt und sich in papierdünnen Fetzen ablöst, sov^ie die lockere, „duftige" 
Krone machen sie zu einem beliebten Schmuckbaume des Parkes. Bei jungen Bäumen 
stehen die Zweige schräg aufwärts; mit zunehmendem Alter aber bilden sich längere, 




Schwarzerle. 1. Zweig mit Knospen, Stempelkätzchen (Stp.), Staubkätzchen (Stb.) 

und Fnichtständen (Fr.), aus denen soeben die Früchte ausfallen. 2. Beblätterter Zweig 

mit den jungen Kätzchen für das nächste Jahr, 

nitenförmigo Äste, die infolge ihrer Schwere meist hängend werden. Die jungen Blätter 
sind durch einen Harzüberzug gegen zu starke Wasserdampfabgabe geschützt. Dieses 
Harz gibt der Birke zur Friihlingszeit einen angenehmen Duft. Darum bringen wir sie 
auch am lieblichen Pfingstfeste als duftende „Maie" in unser Haus. Während die 
Staubkätzchen wie beim Haselnußstrauche frei überwintern, kommen die weit kleinem 
Stempelkätzchen erst mit den meist rautenförmigen Blättern aus den Knospen hervor. 
Die Früchte, die mit den dreilappigen Kätzchenschuppen abfallen, sind federleichte 

1) betula, Birke; verriwo>ms, warzenreioh. 



Rirkengewächse. 



Gebilde, die jederseits zu einem großen Flügel verbreitert sind und daher vom Winde 
leicht weit verweht werden können. Der kräftige Stamm liefert wertvolles Werk- und 
Brennholz. Aus dem Reisig stellt man Besen her, und den Birkensaft, den man im 
Frühjahre durch das Anbohren des Stammes gewinnt, läßt man hier und da zu Birken- 
wein vergären. 

Die Schwarzerle (Alnus 
glutinösa') liebt feuchten Unter- 
grund, findet sich daher beson- 
ders an den Ufern der Gewässer 
und bildet im „Erlenbruche" oft 
ausgedehnte Bestände. Sie tritt 
als Strauch und Baum auf. Ist 
sie belaubt , so karm man sie 
leicht an den rundlichen, ab- 
gestutzten Blättern, ist sie kahl, 
dagegen an den Knospen er- 
kennen, die wie bei keinem an- 
dern heimischen Baume gestielt 
sind. Da sowohl die Staub-, als 
auch die kleinern Stempelkätz- 
chen frei überwintern, vermag 
die Erle gleicli#dem Haselnuß- 
strauche bereits im Vorfrühling 
zu stäuben. Die Stempelkätzchen 
bilden sich durch Verholzung der 
bleibenden Schuppen zu rund- 
lichen , zapfenartigen Frucht- 
ständen aus. Im Winter oder 
Vorfrühlinge spreizen die Schup- 
pen auseinander, so daß die 
Früchte herausfallen können. 
Obgleich nur wenig geflügelt, 
werden sie doch leicht ein Spiel 
des Windes; denn es sind winzig 
kleine, plattgedrückte Gebilde. — 
Die Orauerle (A. incäna"), die 
häufig in Parkanlagen anzutref- 
fen ist, besitzt im Gegensatz 
zur Schwarzerle u. a. zugespitzte, 
unterseits blaugrüne und kurz- 
haarige Blätter, sowie einen mit 
silbergrauer Rinde bedeckten 
Stamm. 

Die Weiß- oder Hainbuche (Carpinus betulus") ist wie die allbekannte Rotbuche 
ein hoher, glattrindiger Waldbaum. Sie läßt sich von dieser jedoch leicht unterscheiden 
durch den mehr oder weniger seilartig gedrehten Stamm und die ebenso gebildeten 
Äste, durch die elliptischen, zugespitzten und doppelt gesägten Blätter (die sich wie 
die der Buche entfalten), sowie durch die eigentümliche Hülle der Früchte. Diese 
entsteht aus den drei miteinander verwachsenen Blättchen, in deren Schutze die 
Stempelblüte steht. Der blattartige, dreilappige Hauptteil der Hülle stellt einen Flügel 
dar, durch den das an seinem Grunde befindliche Nüßchen oft weithin verweht wird. Das 
weiße Holz (Weißbuche) ist sehr fest (daher auch Hornbaum*) und wird deshalb be- 
sonders von Drechslern und Stellmachern verwendet. 

1) alnus, Erle; glutinosus, klebrig (die jungen Blätter). 2) incanus, ganz grau. 3) carpinus, Hain- 
buche ; betula, Blrk«. 4) Von Hain- oder Hagebuche anoh hahnebüohen, d. h. hagebtiohen abgeleitet. 




Hainbuche. 1. Zweigstück im Winter, mit zer- 
zausten Fruchthüllen. 2. Frucht mit unverletzter 
Fruchthülle. 



10 



Beoherfriioliflcr, 



2. Familie. Becherfrüchtler (Cupuliferae*). 

Staubblüten in Kätzchen, mit Blütenhülle. Stempelblüten einzeln oder zu mehreren in 
einer Becherhülle. Fruchiknoten mit drei Narben. Frucht eine Nuß in der Becherhülle. 

1. Die Eiclie (Quercus^). 

Die Eiche, die in imsern Wäldern in zwei Arten auftritt, steht bei 
uns unter allen" Laubbäumen im höchsten Ansehen. Die häufigere Stiel- 

Vk^ oder Sonimereiehe 

(Qu. pedunculäta^), 
die besonders in den 
Auenwäldern der 
Ebene vorkommt, ist 
an den langgestiel- 
ten Früchten („Stiel- 
eiche " ) u nd den kurz- 
gestielten Blättern 
leicht zu erkennen. 
Während sie sich 
mit jungem Grün 
bekleidet, steht die 
zweite Art, die Stein- 
oder IVintereiclie 
(Qu. sessiliflöra*), 
noch winterlich kahl 
da (daher die Unter- 
scheidung „ Sommer- 
und Wintereiche"). 
Letztere findet sich 
mehr im Gebirge 
(„Steineiche"), er- 
grünt erst etwa 14 
Tage später und hat 
kurze Frucht-, aber 
lange Blattstiele. 

Beide Pflanzen 
wachsen zu riesigen 
Bäumen (Höhe bis 
35 m) heran, die 
durch ein gewaltiges Wurzelwerk im Boden verankert sind. Der von 
rissiger Borke bedeckte Stamm, der nicht selten einen Durchmesser 
von mehreren Metern erreicht, löst sich in eine Anzahl knorriger Äste 
auf, die jeder für sich einen kräftigen Baum abgeben würden. Da die 
Eiche eine lichtliebende Pflanze ist, tragen nur die äußersten Zweige der 

1) cüjrnla, kleiner Becher; fero, ich trage. 2) qnercus, Eiche. 3) pedünnihis, Blütenatiel 
(Stempelblüten !j. 4) sessiliflorus : fiess-üis, sitzend, flos, Blüte (Stempelblüten!). 




If^ff-uii'.ic n^;. 



Eiche im Winter. 



Bechorfrrir'litlcr. 



11 



fr.-^^ ^CÄ-v. 



^m0Mh-mB^^msm^ 




'■^&. 



Eichen im Sommer. 



12 



Becherfrüchtler. 



Krone die schön geformten, tiefeingebiichteten Blätter. Infolgedessen 
dringt auch genügend Licht bis zum Boden herab, so daß sich dort eine 
vielgestaltige Gesellschaft andrer Pflanzen anzusiedeln vermag. Auf den 
Blättern, die sich im Herbste besonders an jungen Bäumen nicht alle von 
den Zweigen lösen, finden sich häufig Galläpfel von sehr verschiedener 

Form. Auch Knospen sind 
vielfach zu Gallen umge- 
wandelt. Die Blüten sind 
wie die der Haselnuß in 
allen Stücken der Bestäu- 
bung durch den Wind an- 
gepaßt. Da ihre winzigen 
Anlagen den Winter in den 
Knospen eingeschlossen 
überdauern, stäubt die 
Eiche auch erst, wenn sich 
das Laub entfaltet. Dies 
ist für die Pflanze aber von 
um so geringerra Nach- 
teile, als sich die Blüten 
sämtlich an der Außen- 
seite der Krone befinden 
und somit dem Winde vor- 
treffüch ausge- 
setzt sind. Die 
Staubblüten, die 
je eine einfache, 
unscheinbare Blütenhülle 
haben, stehen in langen, 
beweglichen Kätzchen. Die 
Stempelblüten finden sich 
entweder einzeln oder zu 
mehreren gehäuft an den 
Enden mehr oder minder 
anger Stiele. Der Frucht- 
knoten ist von einem Ge- 
bilde umgeben, das aus 
zahlreichen sehr kleinen 
Blättern besteht. Aus ihm 
entwickelt sich der Frucht- 
becher (Becherfrüchtler!), 
Stiel- oder Sommereiche. ^j^g sog. Näpfchen, das den 

1. Zweigstück im Winter (^anat Gr.). 2. BKihender ^^^ ^^^ ^^^ g.^j^^l 

Zweig (nat. Gr.). Stb. Staubbluten. Stp. Stempel- • u i i? k + 

bluten. 3. Staubblüten (vergr.). 4. Eine Stempelblüte bezeichneten l^ructlt um- 
(vergr.). 5. Früchte (verkl.). gibt. 




Becherfrüchtler. 



13 



Das Holz der Eiche übertrifft aii Festigkeit, Härte und Dauerhaftig- 



unsrer 
u. dgl. 



keit jedes andre Holz 
Wasserbauten (Brücken 
hoch geschätzt. Die an 
Gerbstoff reiche Rinde 
liefert Gerberlohe. Die 
Früchte dienen in 
waldreichen Gegenden 
Schweinen als gutes 
Mastfutter; geröstet 
und gemahlen geben 
sie den sog. Eichelkaffee 
und mit einem Zusatz 
von Kakao den Eichel- 
kakao. 

Uns ist aber die 
Eiche noch weit mehr 
als ein bloßer Nutz- 
baum. Wegen des 
hohen Alters (bis 2000 
Jahre), das sie erreicht, 
wegen der gewaltigen 
Größe, zu der sie heranwächst, 
wegen des fast unvergänglichen 
Holzes gilt sie uns als das Sinn- 
bild der Kraft und Stärke. Bei 
den Griechen und Römern war sie 
dem Zeus, bei den alten Germanen 
dem Donar geweiht (die heiUge, 
durch Bonifazius gefällte Eiche bei 
Geismar!), und ein Kranz von 
Eichenblättern ist schon seit jenen 
Zeiten das Zeichen des Siegers. 

„Ja, dich nennt man mit Recht 
des Waldes Königin, Eiche, 

Unter den Bäumen ist 
herrlicher keiner als du!" 



Wälder. Daher wüd 
verwendet. Auch als 



es besonders zu 
Möbelholz ist es 




Häufige Gallen der Eiche. L Gallen der 
gem. Eichenblatt- Gallwespe, la. durch- 
schnittene Galle mit der Larve; Ib. ausge- 
bildetes Insekt, von der Seite und von oben 
gesehen; 2. sog. Knopfgallen; 3. eine ver- 
trocknete, von den ausgebildeten Insekten 
bereits verlassene sog. Schwammgalle; 4. eine 
„Eichenrose ", durch den Stich einer Gall- 
wespe aus einer Knospe hervorgegangen. 



Die Korkeiche (Qu. suljer^) ist ein immergrüner Baum der Mittelmeerländer, 
dessen Stamm und stärkere Zweige sich mit einer dicken Korklage überziehen. Diese 
Schicht wird etwa alle 6—10 .Jahre abgeschält, wobei man sich sorglich in. acht 
nehmen muß, die darunter liegende eigentliche Rinde zu verletzen. Die losgelösten 
Platten liefern den Kork des Handels. 



1) suber, Korkeiche. 



14 



Beclierfi'üchtler. 



2. Die Biiclie (Fagus silvätica^). 

So wenig ein andrer Baum unsrer Wälder der Eiche an Macht und 
Stärke gleichkommt, an Schönheit wird sie doch von der Buche oder 
Rotbuche übertroffen. Wir halten sie sogar für den schönsten Baum 
des Laubwaldes und bringen dem Buchenwalde daher die größte Zu- 
neigung entgegen. Die hohen, glatten, silbergrauen Stämme alter Bäume 
gleichen schlanken Säulen, die auf mächtigen Spitzbogen das grüne Laub- 
dach tragen. Wenn 
wir in eine solche 
„Säulenhalle" ein- 
treten , dann durch- 
rieseln uns heilige 
Schauer wie in jenen 





Entfaltung des Buchenlaubes. 
1. Zweigstück im Winter. 2. Knospenschuppen und Nebenblätter, 
die sich stark in die Länge gestreckt haben, bedecken noch die 
Laubblätter. 3. Die Laubblätter treten zwischen den Nebenblättern hervor. 4. Die 
liaubblätter entfalten sich. 5. Vollkommen entfaltetes Blatt. 

himmelan strebenden, gotischen Domen, deren Urbild im Buchenwalde zu 
suchen ist. Besonders erhaben ist diese Stimmung, wenn das frische 
„Buchengrün'' hervorsprießt, und wenn die in das Waldesdunkel ein- 
dringenden Sonnenstrahlen helle Kringel auf Stamm und Boden zeichnen. 
Wie die Blätter der Roßkastanie kommen auch die Buchenblätter 
mit einem Haarkleide bedeckt und zusammengefaltet aus der Knospe her- 
vor. Die Behaarung findet sich allerdings nur am Rande und auf der 
Unterseite des Blattes und zwar dort wieder nur an den Seitenrippen. 
Da aber die grünen Teile zwischen diesen Rippen so gefaltet sind, daß 
das junge Blatt einen kleinen Fächer darstellt, so ist die Unterseite von 

1) fagus, Buche; silvaticufi, im Walde wachsend. 



Beclierfriichtler. 



15 




Buchenwald. 



16 



Becherfrüchtler. 



den langen, parallel gerichteten Seidenhaaren vollkommen überdeckt. Je 
mehr die zweizeihg angeordneten Blätter erstarken, desto mehr verschwin- 
den auch die Falten und die Behaarung; nur am Rande bleibt die glatte, 
eiförmige Blattfläche noch einige Zeit bewimpert. Da die Buche auch 
im Schatten gedeiht, ist selbst das Innere ihrer mächtigen Krone reich 
belaubt, und zwar sind hier — aber auch an andern Stehen — die 
Blätter der enizelnen Zweige zumeist genau in eine Ebene gestellt und 




Buche. 1. Blühender Zweig. Stb. Staub- und Stp. Stempelblüten. 2. Zweig, dessen 
Blätter eine deutliche Mosaik zeigen. 3. Gesclilossener und 4. geöffneter Frucht- 
becher, aus dem 5. eine Frucht herausgefallen ist. 



deutlich mosaikartig angeordnet. Die abgefallenen Blätter sind nahezu 
lederartig. Da die Buche nun zudem trockne Standorte liebt, an denen 
die Verwesung verhältnismäßig langsam erfolgt, so bildet sich unter ihren 
Kronen bald eine sehr dicke Laubdecke, die nur von wenigen schatten- 
liebenden Pflanzen durchbrochen werden kann. Auch Unterholz findet 
sich nur selten; denn infolge der dichten Belaubung herrscht unter den 
Buchenkronen zumeist ein so stark gedämpftes Licht, daß hier Sträucher 
nicht gedeihen können. Das Blühen erfolgt wie bei der Eiche zur Zeit 
der Laubentfaltung. Die Staubkätzchen bilden langgestielte, hängende, 



Becherfrüohtler. Walnußgewächse. 



17 



fast kugelige Blütenbüschel, während die Stenipelblüten aufrecht stehen. 
Je zwei Stempelblüten sind von emer gemeinsamen Hülle umgeben, aus 
der sich der Fruchtbecher entwickelt. Er ist mit Stacheln bedeckt und 
öffnet sich bei der Reife in 4 Klappen, so daß die beiden dreikantigen 
Früchte ins Freie gelangen können. Die als Bucheckern oder Bücheln 
bezeichneten Früchte liefern ein wertvolles Speiseöl. Viel wichtiger ist 
uns aber das harte, 
feste, röthche Holz 

(„Rotbuche") des 
prächtigen Baumes, 
das als Brenn- und 
Nutzholz gleich hoch 
geschätzt wird. 

Die edle Kastanie 
(Castanea vesca^) ent- 
stammt den Ländern um 
das Mittelmeer. Während 
sie in den wärmern 
Teilen von Süd- und West- 
deutschland noch ihre 
Früchte reift und deshalb 
dort sehr häufig ange- 
pflanzt wird, ist sie in 
andern Gebieten unsrer 
Heimat nur als Parkbaum bekannt. Im Alter 
gleicht sie mit ihren starken, sparrigen 
Ästen und der mächtigen Krone ganz einer 
Eiche. Die langen Blätter sind aber lanzett- 
Uch und am Rande zu Stachelzähnen aus- 
gezogen. Die Fruchtbecher, die mit vielen 
empfindüch stechenden Stacheln bedeckt 
sind, enthalten je 1—3 Früchte, die den Samen der Roßkastanie 'sehr ähnlich sind. 
Diese „eßbaren Kastanien" oder Maronen bilden besonders in Südeuropa ein wert- 
volles Nahrungsmittel. 




Edle 
Kastanie. 

Zweig mit 

jungen 

Früchten und 

vertrockneten 

Staubkätz- 
chen (verkl.). 



3. Familie. Walnußgewächse (luglandäceae^). 

Der Walnußbaum (luglans regia '^), der in Westasien und im östlichen Mittelmeer- 
gebiete ^) heimisch ist, wird bei uns besonders seiner Früchte, der Walnüsse, wegen 
angebaut. Der äußere Teil der Fruchtwand bildet die grüne, unangenehm schmeckende 
Hülle (Schutzmittel der unreifen Frucht gegen Vögel!), während der innere Teil die 
holzharte, zweiklappige „Nußschale" darstellt. Die Blüten, die deutlich der Bestäubung 
durch den Wind angepaßt sind, kommen mit den unpaarig gefiederten Blättern gleich- 
zeitig hervor. Da diesen ein scharfer Geruch entströmt, werden sie von blattzerstören- 
den Insekten zumeist verschmäht. Das harte, schön gemaserte Holz wird gleich dem 
einiger amerikanischer Arten zur Herstellung von Möbeln hoch geschätzt. 



1) castanea, Kastanie; vescus, eßbar, wohlschmeckend. 2) mglans von Jövis (Geu. von Jüppiter) 
und glans, Eichel; regius, königlich. 3) in „Welschland"; daher „welsche-" oder „Walnuß". 



Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



lg Weidengewäclise. 

4. Familie. Weideng-ewächse (Salicäceae^). 

Zweihäusige Pflanzen, deren Staub- und Stempelblüten Kätzchen bilden und keine 
Blutenhülle besitzen. Frucht eine zweiklappige Kapsel. Samen mit Haarschopf. 

Die Sal- oder Palmweide (Salix cäprea^). Taf. 2. 

A. Standort mid Name. Gleich zahlreichen andern Weidenarten ist 
die Salweide eine treue Begleiterin der Bäche und Flüsse, umsäumt 
Teiche und Seen, findet sich aber auch in feuchten Gebüschen und Wal- 
dungen, ja kommt selbst noch auf ziemlich trocknem Boden vor. 

Warum die Pflanze als Sal- oder auch als Solweide bezeichnet wird, ist 
nicht sicher bekannt. Wahrscheinlich hängt das Bestimmungswort „Sal" mit dem 
lateinischen Worte sahx, d. h. Weide zusafnmen. Palmweide nennt man sie, weil 
die mit schwellenden Knospen besetzten Zweige in vielen Gegenden als Erinnerungs- 
zeichen an die Palmzweige gelten, die man Ghristus beim Einzüge in .Jerusalem auf 
den Weg gestreut hat. 

B. Stamm und Zweige. Die Salweide tritt uns vorwiegend als 
Strauch entgegen, entwickelt sich aber auch zum Baume, der eine Höhe 
von 9 m erreicht. Die jungen Äste sind braun und behaart; die altern 
dagegen besitzen eine kahle, grünliche oder grau-braune Rinde. Stellen 
wir im Winter oder Frühling, bevor sich die Knospen zu entfalten be- 
ginnen, einige Zweiglein in ein Glas mit Wasser, so treiben sie bald lange, 
vielfach verzweigte Wurzeln und später auch Blätter. Dasselbe beobach- 
ten wir, wenn wir die Zweige in feuchte Erde pflanzen. Durch solche 
Stecklinge wird die Salweide wie die meisten ihrer Familiengenossen 
gewöhnlich auch vermehrt. 

Der kurze und vielfach krumme Stamm liefert gleich den sparrigen 
Zweigen fast nur Brennholz. Die Triebe dagegen, die aus stehen gebliebenen 
Stammteilen hervorsprossen und im Laufe eines Sommers bis 2 m lang 
werden, die sog. Stocklohden, geben infolge ihrer großen Biegsamkeit 
und Zähigkeit ein wertvolles Material für Faßreifen und grobes Korbge- 
flecht (s. andre Weiden). 

C. Knospen. In den Achseln der Blätter bilden sich bereits im 
Spätsommer die Knospen, die von je einer kapuzeiiförmigen, leder- 
artigen, braunen Schuppe schützend eingehüllt sind. Junge Salweiden 
tragen nur kleine, spitze Knospen. Sie enthalten, wie eine Untersuchung 
ergibt, oder wie man im Frühlinge leicht beobachten kann, nur je einen 
jungen, beblätterten Zweig (Laubknospen). Ist die Weide aber älter ge- 
worden, so treten neben diesen Knospen dickere und rundere auf, aus 
denen die Blüten hervorgehen (Blütenknospen). Im März beginnen die 
Knospen zu schwellen; der junge Trieb oder die eingeschlossenen Blüten 
sprengen die Schuppen, die schließlich bedeutungslos werden und abfallen. 

D. Blüten. 1. Die jungen Blütenkätzchen sind in silberweiße Haare 
(Kätzchen!) gehüllt, die die zarten Gebilde gegen zu starke Verdunstung 



1) salia:, Weide; cdpra, Ziege (weü das Laub gern von Ziegen gefressen wird). 



Weidengewächsfi. 



und gegen schnelles Eindringen des Frostes (s. S. U)^), h) vor- 
trefflich schützen. 

2. Die anfangs kleinen Kätzchen strecken sich rasch in 
die Länge, und im März oder April sind sie bereits völlig ent- 
wickelt. Da sie viel weniger ausgebildet überwintern als die 
des Haselnußstrauches, wird uns auch verständlich, daß die 
Weide wesentlich später blüht als jene Pflanze. 

3. An den blühenden Kätzchen macht sich leicht ein be- 
merkenswerter Unterschied geltend: Neben solchen, die allein 
aus Staubblüten zusammengesetzt sind, finden sich andre, die 
nur aus Stempelblüten bestehen. Beide Blüten- oder Kätz- 
chenarten trifft man aber nie auf demselben Strauche oder 
Baume an. Wenn wir den Haselnußstrauch eine einhäusige 
Pflanze nannten, müssen wir die Salweide daher als ein zwei- 
häusiges Gewächs bezeichnen. 

Sind bei einer solchen Pflanze die Exemplare mit Staub- 
blüten von denen mit Stempelblüten weit entfernt, so ist dies 
für die Bestäubung sehr ungünstig. Die Weiden wachsen 
aber in der Regel in größern Beständen. Da diese jedoch 
zumeist nicht aus Pflanzen ein und derselben Art bestehen, so 
kann es kaum ausbleiben, daß der Blütenstaub auf die Narben 
andrer Arten gelangt. Infolge dieser „Kreuzung" entstehen 
unter den Weiden zahlreiche Mischlinge oder Bastarde. 

4. Die Staubkätzchen sind kurze, eiförmige Gebilde, 
die bei völliger Entfaltung prächtig gelb aussehen. Unter jeder 
Kätzchenschuppe findet sich eine Blüte, die nur aus 2 Staub- 
blättern mit sehr laiigen Staubfäden und einer kurzen, stäb- 
chenförmigen Honigdrüse besteht. Die sonst grüne Schuppe ist 
in ihrem äußern Teile schwarzbraun und dicht mit jenem 
Seidenhaar besetzt, das dem jungen Kätzchen das zierliche Aussehen verleiht. 

5. Die Stempelkätzchen sind ganz ähnlich gebaut. Unter jeder 
Schuppe befindet sich außer der Honigdrüse ein Stempel, der aus 
einem flaschenf örmigen , grünen Fruchtknoten und einer gelben Narbe 
zusammengesetzt ist. Da auch die Schuppe grün ist, sind die langgestreck- 
ten Stempelkätzchen viel unscheinbarer als die Staubkätzchen. 

6. Die Bestäubung kann im Gegensatz zu den Blüten des Hasel- 
nußstrauches hier unmöglich der Wind vermitteln; denn wir sehen nie- 
mals, daß er wie bei jener Pflanze Blütenstaubwolken entführt. Die Sal- 
weide ist gleich allen andern Weidenarten vielmehr ein Insektenblütler. 
Dafür sprechen schon die zahlreichen Blütengäste — • besonders sind es Bienen 
und Hummeln — , die sich auf den Kätzchen einstellen. Aus dieser ver- 
schiedenen Bestäubungs weise erklären sich auch die zahlreichen Unter- 
schiede, die sich zwischen den Blüten undBlütenständen beider Pflanzen finden: 

a) Während die Kätzchen des Haselnußstrauches ganz unscheinbar 
sind, haben die der Salweide eine auffallende Färbung. An die 



Zweigstück 

der 
Salweide 
im Winter 

(^/gnat. Gr.). 



20 Weidengewächse. 

Stelle der fehlenden Blütenhülle, die bei Insektenblütlern in der Regel 
die Anlockung der Bestäuber übernimmt, treten die prächtig gelben Staub- 
blätter oder die grünen, mit einer gelben Narbe gekrönten Stempel. Ein 
mit Staubkätzchen bedeckter Baum oder Strauch erregt in dem noch kah- 
len Walde oder im Ufergebüsch schon von weitem die Aufmerksamkeit, 
ein Stempelkätzchen tragender allerdings weniger. Das vorwiegende Grün 
der Stempelkätzchen ist aber in dieser Jahreszeit immerhin schon auffällig. 

b) Während bei den meisten Insektenblütlern Staubblätter und Stem- 
pel von der Blütenhülle meist mehr oder weniger umschlossen oder ver- 
deckt werden, stehen sie hier ihrer Aufgabe gemäß frei da. 

c) Da die Staubblüten große, ansehnliche Kätzchen bilden, und 
da das (im Gegensatz zum Haselnußstrauche!) auch von den Stempel- 
blüten gilt, können sie trotz ihrer Kleinheit die Aufmerksamkeit der In- 
sekten wohl erregen. Dies geschieht übrigens um so mehr, als die Sal- 
weide bereits blüht, bevor sich ihre Blätter entfaltet haben. 

d) Im Gegensatz zu den geruch- und honiglosen Blüten der Hasel- 
nuß besitzen die der Saalweide einen weithin wahrnehmbaren Duft 
und süßen Honig in ziemlich großer Menge. 

e) An schwankenden Kätzchen', wie solcher die Haselnuß bedarf, 
würden die saugenden Insekten nur schlecht einen Halt finden. Die Kätz- 
chen der Salweide dagegen sind von einer wenig biegsamen Achse durch- 
zogen. Sie stellen daher keine pendelnden Quasten oder Troddeln, son- 
dern steife und schräg aufwärts gerichtete Gebilde dar, auf denen 
die Bestäuber leicht festen Fuß fassen können. 

f) Der Blütenstaub ist nicht wie bei der Haselnuß staubförmig 
trocken, sondern klebrig, haftet daher vortrefflich an dem behaarten 
Insektenkörper. 

g) Die Insekten sind viel sicherere Bestäubungsvermittler als der 
ungewisse Wind. Bei der Weide ist daher auch schon durch eine 
weit geringere Menge von Blütenstaub eine erfolgreiche Befruch- 
tung gewährleistet. 

E. Blätter. Die jungen Blätter kommen gleich den Kätzchen ganz 
von weißem Flaum umhüllt aus den Knospen hervor. Beim ausgebilde- 
ten Blatte dagegen, das am Grunde des Blattstieles zwei nicht abfallende 
Nebenblättchen trägt, bleibt die Behaarung nur auf der Unterseite er- 
halten. Die eiförmige, gekerbte Blattfläche erscheint daher oben dunkel- 
grün und unten hellgrau. 

F. Frucht. Der Fruchtknoten bildet sich zu einer Kapsel aus, die 
sich mit 2 Klappen bereits im Mai öffnet. Sie umschließt zahlreiche 
Samen, die rings von Haaren eingehüllt sind. Bei der Reife spreizen die 
Haaje, die am Grunde der Samen entspringen, auseinander. Dadurch 

Taf. 2. 1. Zweige mit jungen Staubkätzchen. 2. Zweig mit jungen Stempelkätzchen. 
3. Bh'ihende Staubkätzchen mit einer Hummel. 4. Blühendes Stempelkätzchen. 5. Staub- 
blüte. 6. Stempelblüte. 7. Frucht, geschlossen. 8. Frucht geöffnet; Samen werden 

verweht. 9. Kleiner Zweig. 



Schmeils Naturwissenschaftliches Untenichtswerk. 




Sal- oöer Palmweiöe (Salix caprea). 



Weideiiffftwächse. 



21 



werden die Samen empor gehoben und in den Bereich des Windes ge- 
bracht, der sie bald weithin verweht. Vermittelst der Härchen werden 
die Samen zugleich auch am Boden befestigt. Gelangen sie nämlich auf 
feuchten Untergrund, dann verkleben die Härchen mit ihm, so daß die 
bald eintretende Keimung sicher erfolgen kann. Die Samen aber, die 
nicht auf diese Weise am „Keimbette" befestigt sind, gehen zugrunde. 



Andre Weideiigewächse. 

Die zahlreichen, schwer voneinander zu unterscheidenden Weiden sind vorwiegend 
Bewohner feuchter Standorte. Da ihre langen, vielfach verzweigten Wurzeln 
den Boden nach allen Richtungen hin durchziehen, eignen sie sich vortrefflich dazu, Ufer 
und Dämme zu befestigen. Eine weitere Bedeutung erlangen sie durch 
ihre außerordentlich zähen und biegsamen Zweige, die — wie 
bereits bei der Salweide angedeutet — zur Herstellung von Faßreifen, 
sowie zu Korb- und Stuhlwaren verwendet werden und ein wichtiges 
Befestigungsmittel für Obstbäume, Weinreben u. dgl. liefern. Den größten 
Wert hat in dieser Hinsicht wohl die Korbweide (S. viminälis^), die an 
Fluß- und Bachufern überall häufig anzutreffen ist und sich durch die 
schmal-lanzettlichen, unterseits glänzend weißhaarigen, fast ganzrandigen 
Blätter zu erkennen gibt. Aber auch die Zweige zahlreicher andrer 
Arten werden zu diesen Zwecken benutzt. Um möglichst glatte, ast- 
lose Ruten zu erhalten, zieht man die Weiden zumeist als Sträucher, 
die man alljährlich oder in längern Zwischenräumen bis zum Boden 
abschneidet, oder als sog. Kopfweiden. Diese eigentümliche Baum- 
form kommt dadurch zustande, daß man die jungen Stämme stutzt 
oder „köpft" und ihnen alle Zweige nimmt. Am abgestutzten Ende 
bildet sich dann eine besenförmige Krone langer Zweige, wie sie der 
Mensch zu erhalten wünscht. Indem die Zweige nach Verlauf einiger 
Jahre immer wieder entfernt werden, schwillt das obere Ende des 
Stammes kopfförmig an, so daß der Baum oft eine seltsame Gestalt 
erhält (vgl. Goethes „Erlkönig" !). In die zahlreichen Wunden, die man 
der Weide auf diese Weise fortgesetzt schlägt, dringen nun Wasser 
und Pilzsporen ein: Es entsteht Fäulnis, durch die sich das Holz in 
eine braune, lockere Masse, die Weiden- oder Baumerde, verwandelt. 
So wird nach und nach fast der ganze Holzkörper zerstört und der 
Baum schließlich hohl. In der Form eines Kopfbaumes tritt uns be- 
sonders die allbekannte Silberweide (S. alba^) entgegen, die länglich- 
lanzettliche, meist ganz kahle, oberseits aber blaugrüne Blätter be- 
sitzt. — Als Sinnbild der Trauer (hängende Zweige!) pflanzen wir gern 
die aus dem Morgenlande stammende Trauerweide (S. babylönica") auf 
die Gräber unsrer Toten. Aber auch in Parkanlagen ist der prächtige 
Baum häufig anzutreffen. 

Im Gegensatz zu den Weiden sind die Pappeln (Pöpulus*) wind- 
blütige Pflanzen mit allen den Eigenschaften, die wir beim Hasel- 
nußstrauche kennen gelernt haben. Die Schwar/-P. (P. nigra'') hat 
fast rechtwinkelig vom Stamme abstehende Äste und daher eine 
mächtige Krone. Der allbekannte Waldbaum wird gern an Wegen, 
Dorfstraßen u. dgl. angepflanzt und ist sehr schnellwüchsig. — Bei der italienischen 
oder Pyramiden- P. (P. pyramidalis*') dagegen bilden Stamm und Zweige sehr spitze 
Winkel. Der hohe, schlanke Baum stammt aus dem Orient. Zu uns ist er über 



Zweigstück 

der 
Schwarz- 
pappel 
im Winter 
("/, nat. Gr.). 



1) vimen, Rute; vimiiialis, zum Flechten geeignet. 2) albus, weiß (wegen der Blätter). 3)baby- 
lonicus, babylonisch. 4) populus, Pappel. 5) niger, schwarz. 6) pyrmnidalis, pyramidenförmig. 



22 



Nesselgewächse. 



Italien gekommen (Name!) und wird gern zur Bildung von Alleen benutzt. — Die 
Silber-P. (P. alba^) ist in feuchten Waklungen Mitteldeutschlands heimisch, hat sich 
aber als beliebter Parkbaum weit über ihr ursprüngliches Gebiet hinaus verbreitet. Die 
schön geformten Blätter sind anfangs beiderseits filzig behaart; später findet sich die 
silberweiße Haardecke aber nur noch an der Unterseite. — Ein häufiger Baum feuchter 
Laubwälder ist die Zitterpappel oder Espe (P. tremula-), die meist rundliche Blätter 
mit kürzern und mit längern Stielen besitzt. Da die langen Stiele seitlich zu- 
sammengedrückt sind, so geraten ihre Blattflächen schon beim geringsten Luftzüge 
ins Schwanken. Dieser Erscheinung verdankt der Baum den Namen, und „das 
Zittern wie Espenlaub" ist sprichwörtlich geworden. Die Blätter mit den kürzern, 
runden Stielen dagegen erzittern im Winde nicht. Am Grunde ihrer Blattflächen 

finden sich aber 2 napfförmige Drüsen, die einen süß- 
lich schmeckenden Stoff ausscheiden. Welche Bedeutung 
diese Drüsen und das Zittern der langgestielten Blätter 
für den Baum haben, darüber sind die Naturforscher 
noch geteilter Ansicht. 

5. Familie. Nesselg-ewächse (Urticäceae^). 

Die große Brennessel (Urtica dioeca'^). 

1. Die Brennessel ist auf wüsten Plätzen 
und Schutthaufen, an Wegen und Hecken überall 
häufig anzutreffen. Wie bei der Taubnessel 
durchziehen zahlreiche unterirdische Stengel 
den Boden, und wie bei dieser Pflanze sind auch 
die oberirdischen Stengel, sowie die Blät- 
ter (Form und Stellung!) gebildet. 

Im Gegensatz zu der schutzlosen Taub- 
nessel ist die Brennessel aber stark bewehrt. 
Alle grünen Teile sind nicht nur wie z. B. bei 
der Schwarzwurz und andern rauhblättrigen 
Pflanzen mit kurzen, stechenden Borsten be- 
setzt, sondern noch mit ganz besondern Waf- 
fen, den sog. Brenn haaren, ausgerüstet. Ein 
solches Haar stellt eine lange Röhre dar, deren 
Brennhaar der großen ^^'^^^ ^"^ ^bern Teile durch eingelagerte Kie- 
Brennessel. L ganzes Brenn- selsaure hart und spröde wie Glas wird. Wah- 
haar; an seinem Fuße eine rend es unten stark angeschwollen und in einen 
Borste B. (lOOmal vergr). Zellbecher eingesenkt ist, besitzt es am obern 
Daneben: oberer Ted des g^^^ ^-^ g^itwärts gerichtetes Köpfchen, unter 
Brennhaares mit (2.) unver- i- ^sr i , d-u u a- • ± r £ ^ 

letztem und (3.) abgebrochenem dem die Wand der Rohre sehr dünn ist. Infolge- 
Köpfrhen (löOmal vergr.). dessen bricht das Köpfchen schon bei der leisesten 

Berührung ab. Da nun die dünne Stelle schräg 
v^erläuft, so entsteht gleichzeitig eine scharfe Spitze, die sehr leicht in 
die Haut eindiingt, wenn die Pflanze von einem Menschen oder einem 
Tiere unsanft berührt wird. Sobald dies geschehen ist, entleert sich der 
giftige Inhalt des Haares in die Wunde, so daß ein brennender Schmerz 




1) albus, weiß. 2) tremulus, zitternd. 3) ti/rtica, Nessel; diotca: di-, zwei xmd oikos, Haus. 



Nesselgevväciise. 



23 



und eine kleine Entzündung entsteht. Weidetiere hüten sich daher wohl, 
die Brennessel mit der empfindlichen Schleimhaut der Nase oder des 
Mundes zu berühren, eine Tatsache, die für die Pflanze selbstverständlich 
nur von Vorteil sein kann. — Die Brennhaare sind also im w"esentlichen 
genau so gebaut wie die Giftzähne der Schlangen oder wie die „Ein- 
stichkanüle", mit deren Hilfe der Arzt dem Kranken eine Flüssigkeit unter 
die Haut spritzt. 

3. Die Brennessel 
ist eine zweihäusige 
Pflanze. Gleich dem 
Haselnußstrauche und 
allen andern Wind- 
blütlern besitzt sie 

völlig unscheinbare 
Blüten, einegroßeMen- 
ge trocknen Blüten- 
staubes , sowie frei- 
stehende, pinselförmige 
Narben. Die zu hän- 
genden Rispen gehäuf- 
ten Staub- und Stem- 
pelblüten sind ferner 
dem Winde frei aus- 
gesetzt, und die Pflanze 
wächst endlich in gro- 
ßen Beständen. Das 
Ausstreuen des Blüten- 
staubes erfolgt aber in 
andrer Weise als bei 
der Haselnuß. Be- 
trachtet man eine 
Staubblüte, bevor sie 
sich öffnet, so sieht 
man, wie die Fäden der 
4 Staubblätter nach 
innen gebogen sind und von den 4 weiß-rötlichen Blättern der einfachen 
Blütenhülle in dieser Lage gehalten werden. Biegt man mit einer Nadel eins 
dieser Blätter nach außen, so schnellt der wie eine Feder gespannte Faden 
zurück, sein Staubbeutel platzt, und eine kleine Wolke von Blütensiaub 
steigt in die Luft. Derselbe Vorgang spielt sich ohne unser Zutun am frühen 
Morgen ab, wenn die Brennessel — wie leicht im Zimmer zu beobachten 
ist — von den ersten Sonnenstrahlen getroffen wird: Bald hier, bald da er- 
folgt mit hörbarem Knall eine kleine „Explosion", und es steigt ein Wölk- 
chen Blütenstaub empor, den der geschäftige Morgenwind nunmehr leicht 
zu den Narben verwehen kann. Die Frucht ist ein einsamiges Nüßchen. 




Große Brennessel. 1. Oberer Teil der Pflanze mit 
stäubenden vStaubblüten (etwas verkl.). 2. Staubblüte; 
das vordere Blatt der Blütenhülle ist entfernt; die Staub- 
blätter sind noch nach innen gebogen. 3. Staubblüte im 
Augenblicke des Stäubens. 4. Drei Stempelblüten. 
(Fig. 2—4 etwa lOmal vergr.) 



24 



Nesselgewächse. Hanfgewäclise. 




Die kleine Brenn- 
nessel (U. urens ^) 
wächst an denselben 
Orten wie die grö- 
ßere Art, tritt aber 
vielfach auch als 
lästiges Unkraut auf 
bebautem Boden auf. 
Sie ist eine einjäh- 
rige und einhäusige 
Pflanze mit eirunden, 
tiefgesägten Blät- 
tern. — Beide Nessel- 
arten haben gleich 
dem Lein sehr lange 
und feste Bastfasern, 
die zu dauerhaftem 
Garne versponnen 
und zu einem lein- 
ten Zeuge, dem Nessel- 
tuche, verwebt werden können. 
Die größere Art hat man in der 
Tat früher auch hierzu verwen- 
det. Jetzt kommen jedoch nur 
ausländische Nesselgewächse da- 
für in Betracht, von denen die 
Ramiepflanze (Boehmeria nivea-) 
besondere Bedeutung erlangt hat. 
Sie wird namentlich in Ostasien 
und auf den Sundainseln ange- 
baut und unterscheidet sich u. a. 
durch das Fehlen der Brennhaare 
von den eigentlichen Nesseln. Der 
Wurzelstock treibt zahlreiche 1—2 m^hohe Stengel,tdie im Jahre zwei- oder dreimal 
geschnitten werden und die wertvolle Ramiefaser liefern. Auch in die deutschen 
Kolonien sucht man die wichtige Pflanze einzuführen. 



wandarl 



Ramiepflanze. 
Oberer Teil mit Blättern 
Blüten. 



6. Familie. Hanfg-ewächse (Cannabinäceae ^). 
Der Hopfen (Hümulus lüpulus*). Taf. 3. 

Der Hopfen umspinnt Zäune und Hecken und verwandelt das Ufer- 
gebüsch, sowie das Unterholz des Waldes nicht selten in ein undurch- 
dringhches Dickicht. Im Frühjahre treibt der Wurzelstock zahlreiche 
Stengel, die außerordentlich lang und dünn und daher genötigt sind, 
sich eine Stütze zu suchen. In der Richtung des Uhrzeigers, also rechts- 



1) urens, brennend. 2) Boehmeria nach dem Botaniker Böhmer, t 1803; niveus, schneeig (Rück- 
seite der Blätter weiß!). 3) von cännabis, Hanf. 4) humulics, Hopfen; lupuluS, Wölfeheu, weil der 
Hopfen andern Pflanzen Schaden bringt wie der Wolf andern Tieren {?). 



Taf. 3. 1 . Pflanze mit Stempel- und 2. mit Staubblüten. 3. Teil des Stengels. 4. Staub- 
blüte. 5. Weiblicher Blütenstand. 6. Zwei Stempelblüten. 7. Fruchtstände; einige 
Früchte werden venveht. 8. Frucht mit ihrem Deckblatte. 9. Frucht ohne Deckblatt- 



Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



Tafel 3. 




H/-//eaiacJ^ 



Hopfen (Humulus lupulus). 



Hanigewächse. 



25 



windend (s. S. 147) umschlingt der Hopfen Stämme und Äste des Strauch- 
werkes, zwischen dem er wächst, und gelangt so bald bis zu sonniger 
Höhe empor. Hierbei wird er wesentlich unterstützt durch amboß- oder 
ankerartige Klimmhaken, die sich mit den scharfen Spitzen in die Rinde 
der Bäume und Sträucher einhaken und in 6 Reihen am Stengel entlang 
ziehen. Am Grunde der herzförmigen oder drei- bis fünflappigen, schön- 
geformten Blätter finden sich je 2 Nebenblätter, die zumeist gänzlich 
miteinander verwachsen sind. An den jungen Trieben sieht man, daß diese 
Blätter Schutzwerkzeuge bilden: sie verdecken die noch zarten Blätter, 
schützen sie also gegen das Vertrocknen, sowie gegen Verletzungen beim 
Vordringen der Zweigspitze. 

Der Hopfen ist wie die Weide eine zweihäusige Pflanze, zeigt aber 
alle Merkmale eines echten Windblütlers. Die unscheinbaren Staub- 
blüten bestehen aus einer einfachen, fünf blättrigen Blütenhülle und 
5 Staubblättern. Da sie zu großen, leicht beweglichen Rispen geordnet 
und beim Blühen dem Erdboden zugekehrt sind, und da die großen Staub- 
beutel an dünnen Fäden herabhängen, vermag schon ein leiser Wind- 
stoß den Blütenstaub in ansehnlichen Wolken heraus zu schütteln. Die 
Stempelblüten smd ganz unscheinbare Gebilde, die zu zapfenartigen 
Blütenständen vereinigt sind und wie die Rispen der Staubblüten an der 
Außenseite des Hopfendickichts stehen. Sie finden sich, von je einem 
Deckblatte halb umhüllt, zu zweien am Grunde eines schuppenartigen 

Blattes. Eine grüne, krugförmige Blütenhülle 
umschließt den Fruchtknoten. Die beiden 
Narben ähneln kleinen Zylinderputzern und 
ragen über die Schuppen hinaus ins Freie. 
Nach erfolgter Bestäubung vergrößern sich 
die Fruchtknoten und die umhüllenden Blatt- 
gebilde, so daß sich der 
Blütenstand zu einem 
gelblichenFruchtzapfen 
umgestaltet. Am Grunde 
der Schuppen und Deck- 
blätter, sowie auf der 
(gleichfalls bleibenden) 
Blütenhülle bemerkt man 
jetzt zahlreiche gelbe Drü- 
sen. Sie enthalten einen 
scharf riechenden und sehr 
Hanf. 1. Zweigstück bitter schmeckenden Stoff , 
mit Staubblüten. 2. ^^^^^ ^^^ ^^ körnerfres- 




Einzelne Staubblüte 
3. Stempelblüte. 



senden Vögel vom Ver- 
zehren der Früchte abge- 
halten werden. In diesem Hopfenbitter liegt aber auch die Bedeutung 
der Pflanze für den Menschen : Es gibt dem Biere die eigentümhche Würze, 



26 



Hanfge wachse. Maulbeergewächse. 



sowie die große Haltbarkeit. Wegen der Verwendung zur Bierbrauerei 
wird der Hopfen in vielen Gegenden angebaut. Bei völliger Reife lösen 
sich die einsamigen Früchte los, bleiben aber mit dem Deckblatte im Zu- 
sammenhange und werden infolgedessen vom Winde leicht weithin verweht. 

Der Hanf (Cännabis sativa^; s. Abb. S. 25) ist seit uralten Zeiten eine wichtige Ge- 
spinstpflanze, deren lange, feste Bastfasern besonders zu Bindfaden und Seilen, sowie zu 
Segeltuch und andern Geweben verarbeitet werden. Die einjährige, zweihäusige Pflanze 
stammt aus Mittelasien, wird mannshoch und hat wie die Roßkastanie gefingerte 
Blätter, die aber aus weit schmälern Einzelblättern zusammengesetzt sind. Den 
grünen Teilen entströmt ein widerlicher Geruch (Schutz gegen Tiere!), der selbst Be- 
täubung hervorrufen kann. Hierauf beruht auch die Verwendung, die die Blätter in 
Indien finden: Sie werden als „Haschisch" wie Opium gegessen oder geraucht, wirken 
außerordentlich berauschend und untergraben bald die Gesundheit dessen, der dieser 
Leidenschaft verfallen ist. Die Hanfsamen dienen bei uns besonders als Futter für 
Stubenvögel, geben aber auch ein fettes öl, das ähnlich wie Rüböl verwendet wird. 



7. u. 8. Familie. Maulbeer- und Ulmeng-ewächse (Moräceae"^ und Ulmäceae^) 

1. Maulbeer- 
gewächse. 
Der schwarze 
Maulbeerbaum 

(Morus nigra"), 
der aus dem 
Mittelmeerge- 
biete stammt, 
findet sich hier 
und da der 
schwarzroten 
Früchte wegen 

angepflanzt. 
Diese „Maul- 
beeren" sind 
wie die ähnlich 
gestalteten 
Himbeeren 
Sammel- 
früchte. Sie 
entstehen da- 
durch, daß die 
unscheinbaren 
Blütenhüllen 
zur Fruchtzeit 
fleischig und 
saftig werden. 
Die ungeteilten oder gelappten Blätter eignen sit'h weniger gut zum Futter für die 
Seidenraupe als die des weißen Maulbeerbaumes (M. alba^), der weiße Beeren trägt., 
in Ostasien seine Heimat hat und gleichfalls eine zweihäusige Pflanze ist. 

Die wohlschmeckenden, süßen Feigen, die zu uns meist getrocknet, 
zusammengepreßt und auf Bastfäden gereiht oder sorgfältig in Schachteln, 

1) cännabis, Hanf; sativus, angebaut. 2) von ulmus, Ulme. 3) morus, Maulbeerbaum; jiiger, 
schwarz. 4) albus, weiß. 




Schwarzer Maulbeerbaum. 1. Zweig mit Staubblüten. 
2. Blütenstand, aus Stempelblüten bestehend. 3. JJ'ruchtstand. 



Maulbeereewächse. 



27 



Körbchen oder dgl. verpackt in den Handel kommen, entstammen dem 
Feig'eubauiue (Picus cärica^). Er ist schon seit den ältesten Zeiten (Bibel, 
Homer!) einer der wichtigsten Obstbäume der Mittelmeerländer, liefert 
aber auch in den nach Süden gelegenen Alpentälern eßbare „Früchte" 
und wird selbst noch in den mildern Teilen Süddeutschlands (z, B. im 
Rhein- und Neckartale) angepflanzt. Der sparrige Baum hat meist fünf- 
lappige, schöngeschnittene Blätter, enthält in allen Teilen einen weißen 
Milchsaft und trägt gewöhnlich das ganze Jahr hindurch unreife oder reife 
„Feigen". Durchschneidet man eine solche, solange sie noch grün ist, 
so sieht man deutlich, daß man es hier nicht mit einer Frucht, sondern 





^f^r^-^ ^t^ 



//i 'i 




Feigenbaum. 1. Zvveigstück mit 2 Feigen (etwas verkl.). 2. Eine Feige (Blüten- 
stand) im Längsschnitte. Der Mündung fliegt eine Feigengallwespe zu. 3. Staubblüte 
aus der Feige des wilden Baumes. 4. Stempelblüte. Die Stiele der benachbarten 
Blüten sind angedeutet. (Etwa 4 mal vergr). 

mit einem Blütenstande zu tun hat: Auf einem fleischigen Blütenboden 
stehen ähnlich wie bei der Sonnenblume zahbeiche kleine Blüten. Der 
Blütenboden ist jedoch nicht flach ausgebreitet wie bei dieser Pflanze, 
sondern so gebogen, daß ein krug- oder urnenartiges Gebilde von der 
Form einer Birne entsteht. Stempel und Staubblätter sind auf ver- 
schiedene Blüten verteilt, und zwar finden sich in den Blütenständen des 
wilden Feigenbaumes, der keine eßbaren Feigen trägt, Stempel- und 
Staubblüten, während der angepflanzte Baum nur Stempelblüten ent- 
wickelt. Als Vermittler der Bestäubung gibt sich ein kleiner Hautflügler, 
die Feigengallwespe, zu erkennen. Obgleich die Pflanze also ein In- 
sektenblütler ist, sind ihre Blüten, der versteckten Lage entsprechend, 
völlig unscheinbar. Die Bestäubung selbst ist ein außerordentlich ver- 
wickelter Vorgang. Es sei hier nur bemerkt, daß die Gallwespe in den 



1) flcus, Feige; caricus, ausKaiieu, einer Laudschaft inKleiuaaien, wo vortieflQ. Feigen wacliseu. 



28 



Maulbeergewächse. 



Feigen des wildwachsenden Stockes ihre Verwandkmg durchläuft und, mit 
Blütenstaub beladen, in die Feigen des angebauten Baumes eindiingt. Ist 
die Bestäubung vollzogen, so werden Blütenboden und Blütenhülle weich 
und saftig, und aus den Fruchtknoten gehen die senfkornähnlichen 
Früchte hervor, die als „Kerne" in dem süßen Fruchtfleische eingelagert 
erscheinen. Durch die jahrtausendelange Pflege ist der Baum aber auch 
imstande, ohne Vermittlung der Wespen wohlausgebildete Feigen hervor- 
zubringen. 

Zahlreiche Verwandte des Feigenbaumes, die zumeist auf die heiße Zone be- 
schränkt sind, haben für den Menschen gleiclifalls eine große Bedeutung. So liefert 
der Gummibaum Ostindiens (F. elästica'), den wir seiner großen, lederartigen Blätter 
wegen gern als Zimmerpflanze pflegen, neben mehreren andern Arten Federharz oder 




Zweig vom B r o t - 
fruchtbaume. 

Blütenstände: Stb. 

mit Staub- und Stp. 

mit Stempelblüten. 
F. zwei Frucht- 
stände, der untere durchschnitten. 




Feldulme. 
1 . Zweigstück 
im Winter 
nat. Gr. 



Kautschuk (s. S. 36). — Durch den Stich der Gummilack-Schildlaus entstehen an den 
Zweigen andrer Feigenbäume, die gleichfalls Indien bewohnen, Saltausflüsse. Aus 
diesen gewinnt man den Schellack, der zur Herstellung von Lacken und Polituren, 
zu Siegellack und vielen gewerblichen Zwecken verwendet wird. — Zu den Maulbeer- 
gewächsen gehören auch die Brotfruchtbäume (Artocärpus-), deren mehlreiche, kopf- 
große Fruchtstände in allen Tropengegenden ein überaus wichtiges Nahrungsmittel 
bilden. Zwei oder drei der riesigen Bäume vermögen einen Menschen das ganze Jahr 
hindurch zu ernähren. 



1) elasticus, biegsam. 2) ärtos, Brot; karpöa, Frucht. 



Ulmengewächse. Mistelgewäehse. 

2. Ulmengewächse, DieFeld- 
nlme oder Rüster (Ulmus cam- 
pestris ^) ist ein stattlicher Baum, der 
sich in Wäldern und Anlagen häufig 
findet und in der äußern Erscheinung 
der Linde in hohem Maße ähnelt. 
Eine bekannte Abart von ihm zeichnet 
sich durch leistenartige Korkbildungen 
der Zweige aus. Die Blätter sind un- 
symmetrisch, von verschiedener Größe 
und bilden an wagerechten Zweigen 
oft die zierlichste Mosaik. Die un- 
scheinbaren, kurzgestielten Zwitter- 
blüten entfalten sich lange vor den 
Blättern und werden durch den Wind 
bestäubt. Die Frucht ist ein Nüß- 
chen, das durch einen breiten Flügel- 
saum flugfähig wird. — Die in 
allen Stücken ähnliche Flatterrüster 
(U. effüsa-) besitzt langgestielte Feldulme. 1. Zweigstück mit'zwei Blütenständen. 
Blüten und Früchte. 2. Einzelne Blüte (vergr.). 3. Fruchtstand. 




9. Familie. Mistelgewächse (Loranthäceae*'). 

Die Mistel (Viscum album*). 

1. Wenn Schwarzpappel und Apfelbaum ihres grünen Blätterschmuckes 
beraubt sind, findet man hier häufig, dort selten in dem Gezweige 
die merkwürdigen, grünen Büsche des Mistelstrauches. Die sonderbare 
Pflanze siedelt sich gleichfalls gern auf der Edeltanne an, nimmt aber 
auch mit andern Laub- und Nadelbäumen fürheb. Die gelbgrünen 
Stengel entspringen direkt aus den Ästen der Bäume und teilen sich, 
da ihre Endknospen zu Blütenknospen werden, wiederholt gabelig. Ob- 
gleich die Stengel sehr brüchig sind, widersteht die Mistel sogar in be- 
laubtem Zustande den Winterstürmen, die ungeschwächt durch das kahle 
Gezweig der Bäume fegen. Die lanzettHchen Blätter sind nämhch am 
Grunde etwas gedreht, so daß ihre einzelnen Teile eine sehr verschiedene 
Richtung haben. Wird ein Blatt vom Winde getroffen, so wird daher 
der Luftstrom gleichsam in eine Menge einzelner, schwacher Ströme zer- 
legt. Da aber nur die senkrecht auftreffenden Ströme eine merkliche 
Wirkung ausüben, d. h. eine Biegung des Blattes verursachen, so geht 
ein großer Teil von der Kraft des Windes an der Pflanze vorüber, ohne 
Schaden angerichtet zu haben. Der Wassermangel ist der zweite Feind, 
mit dem die Mistel während des Winters zu kämpfen hat; denn sie vermag 
das Wasser, das sie gebraucht, nur dem Baume zu entnehmen, auf dem 
sie lebt; dieser kann aber aus dem kalten oder gar gefrorenen Erdboden 
nur wenig Wasser aufsaugen. Da die Blätter Jedoch von lederartiger Be- 

1) ulmus, Ulme; campester, auf dem Felde wachsend. 2) effusus, breit (? breit wachsend). 
3) Nach der hier nicht erwähnten öattung IjOränthus. 4) viscum, Mistel; albus, weiß (Fracht!). 



30 



Mistelgewäclise. 




1. Mistelbüsclie 
auf einem wilden Apfel- 
baume. 2. Ein einzelner 
kleiner Busch; der Ast, 
auf dem er schmarotzt, 
ist gespalten, so daß 

Rindenwurzeln und 
Senker zu sehen sind. 



schaff enheit sind, 
vermag die Mistel 
selbst eine monate- 
laiige Trocknis leicht 

auszuhalten, eine 
Tatsache, auf der 
auch das lange 
„Frischhleiben" ab- 
geschnittenerZweige 
beruht. Die Blü- 
ten der zweihäusi- 
gen Pflanze sind sehr 
unscheinbar. Da sie 
aber angenehm duf- 
ten und Honig ent- 
halten, werden sie 
trotzdem von Insek- 
ten hesueht, und 
zwar um so sicherer, als sie 
sich bereits Mitte März ent- 
falten, wenn die Bäume 
noch unbelaubt sind, und 
wenn in der Natur erst 
wenige Honigquellen fließen. 
2. Gleich dem 
Stach elb eerstr auche, 
der Eheresche oder 
andern Pflanzen mit 
fleischigen Früchten, 
die wir nicht selten 
auf Mauern , Burg- 
ruinen oder an ähn- 
lichen , schwer zu- 
gänglichen Orten an- 
treffen, ist auch der 
Mistelstrauch allein 
durch Vermittelung 
eines Vogels an seinen 
Standort gelangt. Die 
Früchte der Mistel 
sind nämlich erbsen- 
große Beeren, die sich 
infolge der weißen 
Färbung leicht von 
dem Grün der Zweige 



Mistelgewäcliso. 



31 



nnd Blattei- al)heben, und die besonders von der Misteldrossel, aber auch von 
ander]! Drosselarten gein verzehrt werden. Zerdrückt man eine solche 
Beere zwischen den Fingern, so sieht man, daß das Fruchtfleisch außer- 
ordentlich klebrig ist. (Aus den Beeren bereitet man Vogelleim!) Daher 
))leiben die Samen leicht am Schnabel der Vögel haften. Streicht ein 
solches Tier den beschmutzten Schnabel darauf an einem Aste ab, so 
leimt es die Samen gleichsam dort an, wo sie sich zu Jungen 
Pflanzen entwickeln können. Auch durch den Kot der Vögel, der 
sich durch die Beeren in eine klebrige, zu langen Fäden ausziehende 
Masse verwandelt, werden die harten, unverdaulichen Samen auf die 
Baumzweige gebracht. 

Die Keim Wurzel, die stets den Ast zu fin- 
den „weiß", durchbohrt dessen Rinde und ent- 
sendet nach allen Seiten Wurzeln, die in der Rinde 
der „Wirtspflanze" verlaufen. Aus diesen Rinden- 
wurzeln gehen nunmehr andre 

rechtwinkelig abzweigende 
Wurzeln hervor, die als Senker 
bezeichnet werden. Sie wachsen 
gleich der Keimwurzel bis zum 
Holze vor, ohne aber in dieses 
einzudringen. Bildet der Ast 
einen neuen Holzring, so wer- 
den sie von diesem eingeschlos- 
sen, und wiederholt sich der 
Vorgang im Laufe der Jahre, 
dann erscheint es, als ob sich 
die Senker immer tiefer in den 
Holzkörper des Zweiges ein- 
bohrten. Sie halten jedoch nur, 
indem sie an ihrer Ursprungs- 
stelle in die Länge wachsen, 
mit der fortschreitenden „Um- 
wallung" gleichen Schritt. Stirbt 
die Mistel später ab, und ver- 
faulen die Senker, so bleiben ebenso viele enge Kanäle im Holze zurück, 
das daher an Wert wesentlich verliert. 

3. Wie schon bemerkt, ist die Mistel genötigt, dem Baume, in dessen 
Zweigen sie wurzelt, das Wasser zu entnehmen. Mit dem Wasser ent- 
zieht sie ihm aber auch alle die Nährstoffe, die andre Pflanzen aus dem 
Erdboden aufsaugen. Sie ist also ein Schmarotzer wie z.B. die Hopfen- 
seide. Im Gegensatz zu dieser Pflanze besitzt sie jedoch Blattgrün. 
Sie ist daher auch imstande', aus dem aufgenommenen Wasser, den in 
ihm gelösten Salzen und der Kohlensäure der Luft selbst alle die Stoffe 
zu bereiten, derer sie zum Aufbau ihres Körpers bedarf. Ob sie dem 




Mistel. Zweig mit Früchten 
(wenig verlcl. 



32 



Pfpffpr- uikI Platanengewach.se. 




Zweig vom 
Pfefferstrauche. 
Oben 2 Blütenstände, 
unten ein Fruchtstand. Aus den Stengel- 
knoten entspringen Kletterwurzeln (verkl.). 



Baume auch fertige Nahrung ent- 
zieht, ist ungewiß. 

4. Die Fähigkeit der Mistel, hoch 
oben in den Kronen der Bäume zu 
leben und selbst während des Win- 
ters grün zu bleiben, sowie die 
gabelige Verzweigung der Stengel 
und die eigentümliche Form der 
Blätter haben der seltsamen Pflanze 
schon seit undenklichen Zeiten ein 
hohes Ansehen bei dem Menschen 
verliehen. In der Götterlehre der 
alten Völker spielte sie daher eine 
hervorragende Rolle, und die Ger- 
manen hielten sie geradezu für ein 
heiliges Gewächs. Noch heutzutage 
gilt sie in England am Weihnachts- 
tage, dem alten Feste der Winter- 
sonnenwende, für das Sinnbild des 
wieder erwachenden Lebens: sie 
nimmt dort also die Stelle unsres 
immergrünen „Tannenbaumes", der 
Fichte, ein. 




Zwei Fruchtstände der Platane. 
Die vom Winde losgelösten Früchte 
sind durch je eine Haarkrone flug- 
fähig. (Nat Gr.) 



10. u. 11. Familie. Pfeffer- und Platanen- 
g-ewächse (Piperdceae^ und Platanäceae-). 

1. Pfeffergewächse. Der Pfefferstrauch 

(Piper nignim^) liefert uns in dem Pfeffer ein schon 
seit den ältesten Zeiten gebräucliHches, wertvolles 
Gewürz. Die wichtige Pflanze wird gegenwärtig in 
vielen Tropenländern angebaut, ganz besonders in 
Ostindien und auf den Sundainseln, wo auch ihre 
Heimat zu suchen ist. Sie klettert gleich dem Efeu 
mit Hilfe von Wurzeln an Stämmen und Stützen 
empor und wird daher meist wie bei uns der Hopfen 
an Stangen gezogen. Den eiförmigen Blättern gegen- 
über entspringen die ährenartigen Blütenstände. Aus 
den unscheinbaren Blüten entwickeln sich rote Beeren, 
deren Fruchtfleisch je einen hartschaligen Samen 
umschließt. (Weiche ein „Pfefferkorn" in Wasser auf 
und schneide es durch!) Werden die Früchte unreif 
abgepflückt und getrocknet, dann schrumpft das 
Fruchtfleisch zusammen, und man erhält den 
„schwarzen Pfeffer". Läßt man sie dagegen 
vollkommen reif werden und beseitigt das Frucht- 
fleisch, dann liefern sie den „weißen Pfeffer". 



X) piper, Pfeffer; nigei\ schwarz. 2) s. S. 33 Anm. 1. 



Platanen- und Wolfsmilchgewächse. 33 

2. Platanengewächse. Die Platane (Plätanus*), die als Schattenbaum häufig 
angepflanzt wird, gibt sich leicht durch die ahornartigen Blätter, die kugeligen Blüten- 
und Fruchtstände, sowie besonders durch die abblätternde Borke zu erkennen. Bei der 
amerikanischen PL (F. occidentälis^), die in Nordamerika ihre Heimat hat, löst sich 
die Borke in Schuppen, bei der aus dem Orient stammenden morgenländischen PI. 
(P. orientälis '') dagegen in großen Platten ab. 

12. Familie. Wolfsmilchg'ewächse (Euphorbiäceae*). 

Meist Milchsaft enthaltende Pflanzen. Blüten in der Regel einhäusig. Meist sind 
mehrere Staubblüten (die nur aus je einem gestielten Staubblatte bestehen) und eine 
Stempelblüte (die von einem gestielten Stempel dargestellt wird) zu einem blüten- 
ähnlichen Blütenstande vereinigt und von einer gemeinsamen Hülle umgeben. Frucht- 
knoten 3-fächerig; bei der Reife lösen sich die Kapselwände von einer stehenbleiben- 
den Mittelsäule ab. 

Die Sonnen- Wolfsmilch (Euphorbia helioscöpia^). Taf. 4. 

1. Vorkommen und Name. Die einjäiirige Pflanze ist eines der 
gemeinsten und lästigsten Unkräuter in Garten und Feld. Verletzt man 
sie an irgend einem Teile, so dringt aus der Wunde sofort ein weißer 
Saft hervor, der wegen der Ähnhchkeit mit Tiermilch als Milchsaft be- 
zeichnet wird. Da er ätzend und giftig ist, wird die Pflanze Wolfs- 
milch genannt und gleich ihren Verwandten von den Weidetieren sorgsam 
gemieden. Durch einen geringen Gehalt an Federharz oder Kautschuk 
(s. w. u.) ist dieser Saft sehr klebrig und gerinnt schnell. Ähnlich wie 
das gerinnende Blut verschheßt er infolgedessen die Wunde, aus der er 
hervorquillt, und verwehrt Pilzsporen oder andern Schädlingen, in die 
Pflanze einzudringen. Da diese gleich vielen andern Gewächsen den 
Blütenstand der Sonne zuwendet, wird sie — zum Unterschiede von 
andern Arten — als Sonnen -Wolfsmilch bezeichnet. 

2. Aussehen. Der etwa spannenhohe Stengel besitzt nur im 
untern Teile 1 oder 2 Ästchen, die zumeist blütenlos bleiben. Beide, 
Stengel und Äste, tragen einige Blätter, die sich nach dem Grunde zu 
keilförmig verschmälern und am abgerundeten obern Teile fein gezähnt 
smd. An der Spitze des Stengels erheben sich in gleicher Höhe 5 Blüten- 
zweige, zwischen denen sich eine einzelne „Blüte" befindet. Jeder Zweig 
teilt sich in der Weise des Stengels abermals, und diese Teilung kaim 
sich — je nachdem die Pflanze kräftig ist — noch ein oder mehrere Male 
wiederholen. Am Ende der letzten Verzweigungen steht wie zwischen 
den Zweigen je eine „Blüte". Der Blütenstand ist also einer zusammen- 
gesetzten Dolde sehr ähnlich, und wie bei einer solchen finden wir auch 
hier unter jeder Teilung eine Hülle, die aus mehreren Blättern gebildet wird. 

3. „Blüte", a) Betrachten wir jetzt das Gebilde, das wir bisher 
als „Blüte" bezeichnet haben, genauer! Auf dem Boden einer krug- 

1) plätanos, Platane. 2) occidentalis, abendländisch. 3) orientalis, inorgenländisch. 4) euphor- 
sbia, vielleicht von eu, gut und phorM, Weide (in ironischem Sinne!); helioscopia: helios, Sonne und 
kopeo, ich blicke. 

Schineil, Lehrbuch der Botanik. ^ 



34 Wolfsmilchgewächse. 

förmigen Hülle erhebt sich um einen langgestielten Stempel eine An- 
zahl von Staubblättern, die auffallenderweise gleichfalls gestielt sind. Da 
nun obendrein am Grunde der (meisten) Staubblätter noch je ein zer- 
schlitztes Blättchen zu finden ist, so faßt man jedes Staubblatt als Staub- 
blüte und den Stempel als Stempelblüte auf. Die „Blüte" der Wolfs- 
milch ist demnach ein Blütenstand, der aus zahlreichen Staubblüten 
und einer Stempelblüte zusammengesetzt und von einer krugförmigen 
Hülle umgeben ist. Zu dieser Auffassung drängt auch der Vergleich mit 
verwandten Gattungen, bei denen die sonst gleich gebauten Einzelblüten 
je eine einfache Blütenhülle besitzen. 

b) Aus der Hülle wird zuerst der Stempel hervor gestreckt. Er be- 
steht aus einem dreiteihgen Fruchtknoten und 3 Griffeln mit je 2 Narben. 
Nach kurzer Zeit vertrocknen die Narben ; , der Stiel des Stempels streckt 
sich stark in die Länge, und der Fruchtknoten neigt sich nach unten. 
Dadurch wiid für die jetzt erst reifenden Staubblätter Platz ge- 
schaffen. Eins nach dem andern erhebt sich über die Öffnung der Hülle, 
und die getrermten Staubbeutelfächer bieten den Blütenstaub aus. Selbst- 
bestäubung ist demnach ausgeschlossen. 

Die unscheinbar gelbgrüne Färbung der Hülle läßt schon vermuten, 
daß Insekten, die bunte Farben lieben (Schmetterlinge und Bienen), die 
Blütenstände nicht besuchen. Fliegen sind vielmehr besonders die Ver- 
mittler der Bestäubung. Diesen kurzrüsseligen Gästen erreichbar liegt 
der Honig offen zutage. Er wird von 4 rundlichen Honigdrüsen aus- 
geschieden, die den Rand der Hülle krönen. Infolge der Lage dieser 
Drüsen kann es nun wieder nicht ausbleiben, daß die Besucher in 
Jüngern Blüten die Narben, in altern aber die Staubbeutel berühren, 
also beim Besuche mehrerer Blüten Fremdbestäubung herbeiführen müssen. 

4. Frucht. Bringt man bei beginnender Fruchtreife einige Pflanzen 
(in einem Glase mit Wasser) in das Zimmer, so kann man den Vorgang 
der Samenausstreuung leicht beobachten : Von der stehenbleibenden Mittel- 
säule lösen sich die 3 Fächer des Fruchtknotens mit solcher Kraft los, daß 
sie oft mehr als V2 ^ weit fortgeschleudert werden. Dabei reißt die 
Kapselwand in 2 Stücke, so daß der eingeschlossene Same frei wird. Das 
Ausstreuen der Samen kann nun um so ungehinderter vonstatten gehen, 
als sich der Fruchtstiel bereits einige Zeit vorher wieder senkrecht empor 
gerichtet hat. 

Der Same ist ein kleines, schwarzes Körnchen. Da er an seiner 
Oberfläche zahlreiche kleine Vertiefungen zeigt, haftet er fest auf dem 
feuchten Boden, so daß er ungestört zu keimen vermag. 



Taf. 4. 1. Blühende Pflanze. 2. Blütenstand mit hervorragender Narbe. 3. Blüten- 
stand, geöffnet; Fnichtknoten heraus hängend; zwei Staubblätter bieten den Blüten- 
staub aus. 4. Fruchtstand mit abgelösten Frücliten. 5. Frucht a. von außen und b. von 
innen gesehen. G. Frucht, geöffnet und herausfallender Same. 



Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



Tafel 4. 




Sonnen-Wolfsmilch (Euphorbia helioscopia) 



Wolfsmilt'hgewächse. 




Andre Wolfsmilchgewächse. 

An denselben Stellen, an denen 
die Sonnen-Wolfsmilch gedeiht, findet 
sich als gleich lästiges Unkraut die sehr 
ähnliche (Jarten-W, (Eu. peplus^). Durch 
die hallnnondförmigen Drüsen der Hülle 
und die 3 Doldenstrahlen ist sie leicht 
von jener zu unterscheiden. — Auf Sand- 
boden, an Wegrändern u. dgl. wächst 
oft in großen Beständen die Zypres- 
sen-W. (Eu. cyparissias "-), auf der die 
bunten Raupen des schmucken Wolfs- 
milch-Schwärmers leben. Wie zahlreiche 
andre Pflanzen der ödung besitzt sie 
viele fast nadeiförmige Blätter. Im 
Frühjahre findet man nicht selten Pflan- 
zen, die ein völlig verändertes Ausgehen 
haben; sie sind blütenlos, unverzweigt 
und besitzen dicke, rundliche Blätter 
mit bräunlichen Flecken auf der Unter- 
seite. Diese Veränderungen hat ein 
Pilz, der Erbsenrost (s. das.), hervor- 
gebracht, der seine Entwicklung zum 
Teil auf der Zypressen- W. durchläuft. — 
In Norddeutschland wird die Pflanze 
durch die größere Esels -VY. (Eu. esüla'^) 
vertreten, die etwas breitere Blattei 
besitzt. — Auf Schutthaufen und als 
Unlcraut in Gärten findet sich häufig 
das einjährige Schutt-Bingelkraut (Mercuriälis ännua*), 
das keinen Milchsaft enthält. Bei ihm sind Staub- 
und Stempelblüten auf verscliiedene Pflanzen verteilt 
und besitzen je eine einfache Blütenhülle. 

Im Gegensatz zu den meist niedrigen Wolfs- 
milcharten unsrer Breiten beherbergen die heißen 
Länder zahlreiche strauch- und baumartige Formen 
von außerordentlicher Vielgestaltigkeit. Diejenigen 
unter ihnen, die in den Steppen und Wüsten beson- 
ders von Afrika leben und mit der größten Trocknis 
zu kämpfen haben, besitzen völlig das Aussehen der 
ausgeprägtesten Trockenlandpflanzen, der Kaktus- 
gewächse. — Afrika gilt auch als das Vaterland des 
weit verbreiteten Wunderbaumes (Ricinus communis*), 
der seiner prächtigen Blätter wegen bei uns vielfach 
als Zierpflanze gezogen wird. Während er in den 
Tropen überaus schnell zu einem stattlichen Baume emporwächst 
(Wunderbaum!), bildet er in unsrer Heimat nur einen etwa 3 m 
holien Strauch, der mit dem ersten Froste zugrunde geht. Aus 
den Samen preßt man das Ricinusöl, das als wichtiges Abführmittel 
allgemein bekannt ist. — Ein andres Ghed der großen Familie, 
der Maniok- oder Kassavestrauch (Manihot utilissima^), wird 



Baumartige i=if rikanische Wolfsmilch 

(E.renihardti), deren Zweige kaktusähnliches 

Aussehen haben. 




Knollen 

des 
Maniok- 
strau- 
ches. 



1) pevlos, Gewand (?). 2) kijpärissos, Zypresse. 3) esidus, scharf (?). 4) mercuriulis, nach dem 
G-otte Merkur, der die Heilkräfte der Pfl. entdeckt haben soll; annuus, einjährig, b) ricinus, Ricinus 
comvumis, gemein. 6) mamhot brasü. Name; utüissimus, sehr nützlich. 



36 



WoKsmilcligewächse. 



seiner stärkemehlreichen Knollen wegen in allen heißen Ländern als wichtige Nahrungs- 
pflanze angebaut. 

In den Wäldern des tropischen Südamerika finden sich mehrere zu den Wolfs- 
milch-Gewächsen gehörende Bäume, deren Milchsaft weit größere Mengen von Feder- 
harz oder Kautschuk enthalten als die Wolfsmilcharten unsrer Heimat. Unter 
ihnen besitzt der echte Federharzbaum (Hevea brasihensis ^) wegen seines Reich- 
tums an dem wertvollen Stoffe die größte Bedeutung. Er ist im Überschwemmungs- 
gebiete des Amazonenstromes heimisch, wird gegenwärtig aber in zahlreichen andern 
feuchten Tropengegenden gleichfalls augebaut. Auch in den deutschen Kolonien hat 

man mit der Kultur der 
wichtigen Pflanze be- 
gonnen. Der wegen 
seiner Elastizität so hoch 
geschätzte Kautschuk, 
-W) der den Eingeborenen 
bereits vor ihrer Be- 
rührung mit Europäern 
bekannt war, wird in sehr 
verschiedener Weise ge- 
wonnen. Die älteste, 
aber immer noch viel- 
fach angewendete Art 
ist folgende: Man macht 
Einschnitte in den Baumstamm, 
fängt den austretenden Milchsaft 
in Gefäßen auf und bestreicht 
damit Bretter oder Formen aus 
ungebranntem Ton. Werden diese 
Gegenstände sodann über ein 
rauchendes Feuer gehalten, so 
trocknet die Flüssigkeit nicht nur 
sehr schnell, sondern der Kaut- 
schuk gerinnt auch und bleibt als dünne Schicht 
zurück. Durch fortgesetztes Eintauchen und 
Trocknen wird die Lage immer dicker. Schließ- 
lich zerschneidet man die Kautschukmasse, zieht 
die Bretter heraus oder zertrümmert und entfernt 
die wertlosen Tonformen. Auch indem man die 
flüssigen Bestandteile des Milchsaftes verdunsten 
läßt oder durch Kochen verdampft, oder indem 
man ihm Säuren und Salzlösungen zusetzt, wird 
der wertvolle Stoff gewonnen. Lange Zeit diente dieser nur als Radiergummi, zur An- 
fertigung von Gummibällen u. dgl. Seitdem man aber durch Zusatz von Schwefel 
(Vulkanisieren) verstanden hat, ihn auch unter " elastisch zu erhalten und gegen 
hohe Temperaturen widerstandsfähig zu machen, ist seine Verwendung ungemein 
mannigfaltig geworden; man benutzt ihn zur Herstellung von Schläuchen, Gummi- 
schuhen, wasserdichten Überzeugen und hundert andern Sachen. Vermengt man ihn 
bis zur Hälfte seines Gewichts innig mit Schwefel, so erhält er fast die Härte von 
Hörn und Fischbein. Man verwendet diesen „Hartgummi" daher zur Anfertigung von 
Kämmen, Knöpfen und vielen andern Gegenständen. 

Außer zahlreichen Wolfsmilchgewächsen liefern auch Glieder andrer Pflanzen- 
familien Kautschuk. Neben dem bereits früher erwähnten Gummibaume Ostindiens 
und mehreren andern Feigenarten kommen hierfür besonders die kletternden 




Echter 
Federharzbaum 
Blühender Zweig. 



1) hevea, nach dem brasil. Nauien gebildet; iraaüiensis, üi Brasilien wachsend. 



Nelkengewächse. 



37 



Landolphia-Lianen (Landölphia^) und der Kickxia-Bauin (Kickxia elästica^) in Be- 
tracht, die im tropischen Afrika heimisch sind und sich auch in den Urwählern der 
deutschen Kolonien finden. 

Ein entfernter Verwandter der Wolf smilchge wachse ist der in allen Teilen 
giftige Buchsbauin (Buxus sempervirens^), der aus dem Orient stammt. Eine Zwerg- 
form der Pflanze dient zur Einfassung von Gar- j?^/?\{'Tl 
tenbeeten u. dgl. Das außerordentlich harte, gelbe 
Holz wird besonders zur Herstellung von Holz- 
schnitten verwendet. '^ 

13. Familie. Nelkengewächse 

(Caryophyliäceae % 

Blüten: 4 oder 5 freie oder verwachsene Kelch- 
blätter; 4 oder 5 Blumenblätter; Staubblätter in 
2 Kreisen, meist 10. Früchte einfächerig, mit 
meist vielen Samen an einer mittelständigen Säule. 

1. UnterfamiUe. Eigentliche Xelken (Sileneae'^). 
Kelchblätter zu einer Röhre verwachsen. 

Die Steinnelke 

(Diänthus carthusianörum ^). 

Die allbekannte, auch Karthäuser- 
Nelke*) genannte Pflanze findet sich, 
wie schon der Name andeutet, auf steini- 
gem Untergrunde, grasigen Bergabhängen, 
in Straßengräben und an ähnlichen trocknen 
und dem Sonnenbrande voll ausgesetzten 
Stellen. 

A. Die Steinnelke als ödlandpflanze. 
1. Untersucht man den Boden ihres Stand- 
ortes im Sommer, wenn es längere Zeit 
nicht geregnet hat, so wandert man sich, 
daß auf einem nach unsrer Meinung so 
„völlig" ausgetrockneten Grunde noch nicht 
alles Pflanzenleben erloschen ist. Die 
Nelke dringt aber mit ihrer starken Haupt- 
wurzel, in die sich der verzweigte unter- 
irdische Stamm fortsetzt, bis zu den tie- 
fern Erdschichten hinab, die selbst wäh- 
rend der trockensten Jahreszeit etwas Feuchtigkeit besitzen. 
Auf Felsuntergrund freilich, der nur mit einer dünnen Schicht 
Erde überzogen ist, können die Wurzeln nicht tief hinab- 



1) nach. Landolph, dem Kommandauten der Expedition, von der die erste 
Art entdeckt wurde. 2) Kickxia, von einem Eigennamen abgeleitet; elasticus, 
biegsam. 3) buxus, Buchsbaum; semper, ixamer und virens, grünend. 4) karyö- 
phyllon, Gewürznelke. 5) s. S. 40, Anm . 5. 6) dianthus: dios, göttlich und änthos, 
Blume; carthtiSianorum, ^imch den beiden Naturforschem Karthauser, die im 
18. Jahrhundert lebten. 




38 Nelkengewächse. 

steigen. Dort müssen sich die Pflanzen, die darum auch außerordentlich 
dürftig sind, dann mit dem nächtlichen Tau begnügen, der von den 
oberflächlich liegenden Wurzeln aufgesogen wird. Doch die geringe Menge 
von Feuchtigkeit genügt der Nelke, wie der Augenschein lehrt, das 
Leben zu erhalten. 

2. Andrerseits geht die Pflanze mit der geringen Wassermenge, die 
ihr zur Verfügung steht, auch sehr sparsam um. Wir finden bei 
ihr keine großen Blattflächen, wie sie die Schatten- oder Wasser- 
pflanzen besitzen, sondern schmale, grasartige Blätter. Und diese 
Blätter sind — wieder im Gegensatz zu jenen Pflanzen — sehr derb; 
wenn wir einen Strauß Steinnelken selbst stundenlang in der Hand 
tragen, so bringen wir um doch „frisch" mit nach Hause, ein Zeichen, 
daß die Wasserverdunstung durch die Blätter sehr gering ist. — Die 
Blätter stehen sich paarweis gegenüber und sind am Grunde zu einer 
kurzen Röhre verwachsen, die den Stengel umschheßt. Neben sol- 
chen Zweigen, die sich in einen hohen, Blüten tragenden Stengel fort- 
setzen, bildet der unterirdische Stamm (Wurzelstock) stets auch einige 
Äste mit sehr kurzen Gliedern, die erst im nächsten Jahre blühen (d. s. 
bei der Gartennelke die sog. Absenker oder Ableger). 

B. Die Steinnelke als Tagfalterbliime. 1. Wie sie die Falter an- 
lockt. Bvmte Tagfalter und träge Widderchen (Zygsena) besuchen häufig 
die Blüte der Steinnelke. Je nachdem die Pflanzen, die in der Umgebung 
der Nelke wachsen, hoch oder niedrig sind, erreichen die blütentragenden 
Stengel eine sehr verschiedene Höhe, stets jedoch werden sie so hoch, 
daß die Blüten frei stehen und weithin sichtbar werden. Im Gegen- 
satz zu den untern, vom Kelche umschlossenen, weißlichen Teilen sind 
die obern, breiten, am Rande ausgezackten Abschnitte der 5 Blumen- 
blätter leuchtend karminrot. Die Auffälligkeit wird noch dadurch 
erhöht, daß die Blüten in Büscheln beieinander stehen, und daß 
zumeist einige von ihnen gleichzeitig entfaltet sind. 

2. Was sie den Faltern bietet. Wie in der bekannten Curt- 
mannschen Erzählung vom „Storch und Fuchs" der Fuchs bloß von 
flachen Tellern, der Storch aber aus langhalsigen Flaschen 
speisen konnte, so vermögen die kurzrüsseligen Insekten 
(Fliegen, Käfer) den Honig nur aus flachen „Schalen" 
zu lecken, während die langrüsseligen ihn am liebsten 
tiefen Gefäßen entnehmen. Die Schmetterlinge besitzen 
nun aber unter allen Insekten den längsten Rüssel. Sie 
1 ß j saugen daher den Honig bequem aus langen Blumen- 
"stefiii"elke ^^ röhren, wie wir eine solche auch bei der Nelke finden. 
Die Röhre wird hier aus den sehr schmalen untern Ab- 
schnitten (den sog. Nägeln) der Blumenblätter gebildet. Diese Blüten- 
teile sind aber von so großer Zartheit, daß sie sich ohne fremde HiKe 
nicht aufrecht erhalten können. Sie wird ihnen von dem fünfzipfhgen 
Kelche gewährt, dessen Blätter zu einer steifen Röhre verwachsen sind. 




Nelkengewächse. 39 

Die an sich schon enge Blütenröhre wird durch die Staubblätter und 
Stempel noch mehr verengt. Darum kann auch nur ein Schmetterlings- 
rüssel in ihr vordringen. Unnützen Näschern aber ist durch diese Ein- 
richtung der Weg zum Honig von oben versperrt. Auch von unten ver- 
mögen die beißkräftigen Hummeln und Bienen, die bei zahlreichen Blumen 
(bei Taubnessel, Leinkraut u. v. a.) Einbruch verüben, nicht zum Honig 
zu gelangen; denn die Blüten sind am Grunde von festen, leder- 
artigen (braunen) Schuppen umgeben, öffnet man die Röhre, so 
sieht man, daß der Honig von einem Ringe abgesondert wird, zu dem 
die untersten Teile der 10 Staubblätter verwachsen sind. 

3. Wie die Bestäubung erfolgt. Die zu 2 Kreisen geordneten 
Staubblätter und die beiden Narben reifen (wie bei fast allen Gliedern der 
Unterfamilie) in einer bestimmten Reihenfolge: Zuerst strecken die 5 äußern 
Staubblätter die Beutel aus der Blütenröhre, bieten den grünblauen Blüten- 
staub aus und verschrumpfen bald. Ihnen folgen die Staubblätter des Innern 
Kreises, und erst nachdem sie verblüht sind, kommen die Narben hervor. 

Da die Staubbeutel und Narben vor dem Zugange zum Honig stehen, 
müssen sie erstlich von den saugenden Schmetterüngen gestreift werden. 
Und da beide Blütenteile ungleichzeitig reifen, kann es zweitens nicht 
ausbleiben, daß die Tiere beim Fluge von Blume zu Blume Blütenstaub 
von Jüngern Blüten zu den Narben älterer Blüten tragen. Kurz: die 
Besucher müssen unfreiwillig Fremdbestäubung vermitteln. 

C. Frucht und Same der Stehmelke. 1. Der Anzahl der Narben 
entsprechend ist der Fruchtknoten (die Frucht) aus zwei Fruchtblättern 
gebildet. In seine Höhlung ragt eine Verlängerung des Blütenstieles, die 
zahlreiche Samenanlagen trägt. 

Die reife Kapsel öffnet sich an der Spitze mit vier 
Zähnen. Da sie auf einem hohen und elastischen Stiele steht, 
wird sie schon durch einen leichten Windstoß so erschüttert, 
daß die Samen herausgeschleudert und verstreut werden. 

Befeuchtet man Samen von Landpflanzen, so beginnen 
sie bei genügender Wärme meist bald zu keimen; währt die 
Befeuchtung aber zu lange, so gehen sie durch Fäulnis zu- 
grunde. Einer dieser beiden FäUe müßte, so sollte man 
meinen, bei einer nach oben geöffneten Kapsel sehr leicht rP^^H^^*^ 
eintreten. Die Nelke schließt jedoch ihre bereits geöffneten q^^q der 
Kapseln wieder, sobald Regenwetter eintritt: die Zähnchen Steinnelke. 
krümmen sich, weil sehr hygroskopisch, nach innen, und die 
Samen sind dann gegen Befeuchtung vollkommen geschützt. Durch Ein- 
tauchen in Wasser und nachheriges Trocknen kann man das Schließen 
und öffnen der Kapseln beUebig oft wiederholen. 

2. Die Samen sind rings von je einer trocknen Haut umgeben, so 
daß sie flache Scheiben bilden. Sie bieten daher trotz ihrer Kleinheit 
dem Winde eine verhältnismäßig große Angriffsfläche dar und können 
infolgedessen weit verweht werden. 




40 



Nelkengewächse. 



Andre Nelken. 

Schon von alters her ist die vielgestaltige Gartennelke (D. caryoph^llus ^), die 
aus Südeuropa stammt, ein Liebling des Menschen. Der herrliche Duft ihrer Blüten 
erinnert lebhaft an den der Gewürz-Nelken oder Gewürz-Nägelein (so genannt nach 
der Ähnlichkeit mit einem Nagel). Daher erhielt die Pflanze (samt ihren ntächsten 
Verwandten) den Namen „Nägelein", aus dem 
durch Verkürzung das Wort „Nelke" entstanden 
ist. — An ähnlichen örtUchkeiten wie die Stein- 
nelke findet sich die zierliche Heidenelke (D. 
deltoides^). Ihre einzeln stehenden Blüten sind 
aber in ein helleres Rot gekleidet, mit weißen 
Punkten überstreut und oft noch durch einen 
purpurnen Ring verziert. — Unter der Saat 
wächst als schöne Feldblume, aber als lästiges 
Unkraut die Kornrade (Agrostemma githägo**). 
Ihre schwarzen Samen sind schwach giftig. Finden 
sie sich in Menge unter dem Getreide, so machen 
sie daher das Mehl für den menschlichen Genuß un- 
brauchbar. — Einen prächtigen Schmuck feuchter Wiesen 
bilden im Frühlinge die rosafarbenen Blüten der Kuckucks- 
nelke (Coronäria flos cüculi*). Den Artnamen führt die 
Pflanze von dem „Kuckucksspeichel", den man häufig 
an ihren Stengeln findet, der aber nicht vom Kuckuck, 
sondern von der Larve der Schaumzirpe herrührt. Die 
zarten Blüten besitzen zerschlitzte Blumenblätter. Da 
die Blütenröhre verhältnismäßig kurz ist, vermögen 
auch langrüsselige Bienen und Fliegen bis zum Honig 
vorzudringen. — Noch mehr gilt dies von dem be- 
kannten Taubenkropf (Silene vulgaris^), der auf trocknen 
Wiesen, an Wegrändern und dgl. häufig anzutreffen ist. Viel- 
fach suchen Insekten den Blütenhonig dadurch zu erreichen, daß 
sie den netzadrigen Kelch anbeißen. Da dieser aber kropfartig 
aufgeblasen ist (Name!), vermögen auf diesem unrechtmäßigen 
Wege ausnahmsweise nur sehr langrüsselige Hummeln zum Ziele 
zu gelangen. — Das Seifenkraut (Saponäria off icinälis^) dagegen, 
das an Flußufern, zwischen Gebüsch und dgl. wächst, hat eine 
so lange Blütenröhre, daß es nur von den langrüsseligsten 
Schmetterlingen, denSchwärmern, bestäubt werden kann. Die 
Wurzel der Pflanze, die beim Reiben im Wasser wie Seife schäumt 
(Name!), ist durch einen giftigen Bitterstoff gegen Mäuse und 
andre Nager geschützt. 

Eine häufige, sehr interessante Pflanze sonniger Hügel und 
trockner Wälder ist das nickende Leimkraut (Silene nutans^), 
das von Nachtschmetterlingen bestäubt wird. Wenn der Abend 
anbricht, entfaltet es seine Blütensterne, streckt wie die Stein- 
nelke 5 seiner Staubblätter oder die 3 Narben aus der Blütenröhre hervor und 
sendet einen köstlichen Duft aus. Wer bedenkt, daß in der Nacht nur die hellsten 
Blumen sichtbar bleiben, wer ferner jemals Nachtschmetterhnge durch Apfeläther oder 




Kornrade. 

Blüte und Frucht 

(verkl.). 



1) S. S. 37, Anm. 4. 2) delto-eides, di-eieckig, wegen der Zeichnung der Blumenblätter. 
3) agrostemma: agros, Acker und stemma, Kranz (weil zum Kranzflecliten geeignet); gith 
Schwarzkümmel (wegen der Ähnlichkeit der Samen), -ago, Endung. 4) coronarius, zum Kranze 
gehörig; flos, Blume; cucüli, des Kuckucks. 5) silene nach Silenös, dem Begleiter des Weingottes 
Bacchus (?); vulgaris, gemein. S) sapo, Seife; offtvinulis, in der Apotheke verwendet. 7) Silene, 
8. Anm. 5; nutans, nickend. 



Nelkengewächse. 



41 



eine ähnliche stark duftende Flüssigkeit „geködert" hat. und wer endlich weiß, daß 
zahlreiciie dieser Insekten (Schwärmer) beim Saugen des Honigs mit schnellem Flügel- 
schlage vor den Blüten schweben, der wird leicht erkennen, wie wichtig es für 
die Pflanze ist, daß ihre tiefgeteilten Blumenblätter von weißer Färbung sind, daß 
ihren Blüten ein weithin wahrnehmbarer Duft entströmt, und daß sich diese, bevor sie 
sich völlig entfalten, nach der Seite neigen. Sobald es wieder Tag wird, gehen mit 
den Blüten in der Regel merkwürdige Veränderungen vor: sie hören auf zu duften; die 
Blumenblätter schrumpfen zusammen und rollen sich so ein , daß sie die grünliche 
Rvickseite nach außen kehren; kurz, die Blüten erscheinen jetzt wie verwelkt und 
werden in diesem Zustande von keinem Insekt besucht. Erst wenn die Nachtfalter 
wieder erwachen, „erwachen" auch die Blüten wieder. — Gleich den fliegenden Tag- 




Nickendes Leimkraut (etwas verkl.). Blütenstand 1. während des Tages, 
2. während der Nacht. 



insekten wären aber auch die am Stengel emporsteigenden Kerbtiere unnütze Näscher 
des Honigs. Diesen ist jedoch der Zutritt zur Blüte ebenfalls verwehrt, und zwar durch 
ein Mittel, das auch der Mensch anwendet, um emporkriechende Schädlinge von Wald- 
und Obstbäumen abzuhalten. Wie wir zu diesem Zwecke Teer- oder Leimringe um die 
Stämme der Bäume legen, ist der Stengel des Leimkrautes von der Stelle an, an 
der der erste Blütenzweig entspringt, mit einer stark klebenden Masse überzogen 
(Name!). An dieser „Leimrute" kleben die emporkriechenden Insekten fest, so daß sie 
bald zugrunde gehen. Ist das Blühen vorbei, so verschwindet auch der Klebstoff. 

Einen noch weit stärkern Leimüberzug finden wir an den Stengeln der (darum 
so genannten) Pechnelke (Viscäria vulgaris^). Sie wächst an denselben örtlichkeiten 
wie das nickende Leimkraut und ist wegen ihrer zahlreichen purpurroten Blüten 
schon von alters her eine beUebte Gartenzierpflanze, — Eine Nachtfalterblume, die 
(wenn auch meist nicht mit gleicher Deutlichkeit) alle jene Veränderungen zeigt, die 
wir beim Leimkraute beobachtet haben, ist die weißblühende Nachtlichtnelke (Melän- 
dryum album"), die als oft meterhohe Pflanze an Wegrändern u. dgl. wächst. — Ihre 
nächste Verwandte dagegen, die Taglichtnelke (M. rubrum **), ist wie alle rotblühenden 
Nelken eine Tagfalterblume. Sie bewohnt feuchte Gebüsche und Wälder und zählt 
in vielen Gegenden zu den häufigsten Pflanzen. 



1) viscum, Vogelleim; vulgaris, gemein. 2 irwlandrytotn : melas schwarz nnd dry>< Eiclie 
(Bedeutung unbek.); albus, weiß. 3) ruber, rot. 



42 





Zweig der Vogelmiere (verkl.) 




Nelkengewächse. 



2. Unterfaniilie. Mieren (Alsineae '). 

Kelchblätter nicht verwachsen (frei). 

Die Vog-elmiere (Stelläria media ^) ist das 
gemeinste Unkraut unsrer Gärten und Felder. 
Da sich die schwachen, zum Teil niederliegen- 
den Stengel darmartig verschHngen, so daß 
meist große Rasen entstehen, führt sie auch 
die Namen „Hühner- oder Mäusedarm". „Vo- 
gel "-Miere heißt 
sie, weil ihre jun- 
gen Triebe gern 

von Stuben- 
vögeln verzehrt 
werden. Die ein- 
jährige Pflanze 
blüht vom März 
bis zum Spät- 
herbst, oft sogar 
bis in den Winter 
hinein und selbst 

unter dem 
Schnee. Die un- 
scheinbaren Blüten und die 
Früchte sind im wesent- 
lichen wie bei der Steinnelke 
gebaut; der getrenntblättrige 
Kelch aber erlaubt den kleinen, 
weißen, tiefgespaltenen Blu- 
menblättern, sich völlig aus- 
zubreiten. Infolgedessen ist 
der Honig selbst den kurz- 
rüsseligen Insekten zugäng- 
ich. Die rinnenförmigen Stiele 
der kleinen Blätter sind seit- 
lich mit Haaren besetzt. Ähn- 
liche, nur weit längere Haar- 
leisten ziehen sich (in der 
Ein- oder Zweizahl) von einem 
Stengelkuoten zum andern 
herab. Läßt man von oben 
Wasser auf einen Zweig der 
Pflanze tropfen, so sieht man, 
wie sich die Haarleisten voll 
Wasser saugen, und wie das 
Wasser, das nicht mehr fest- 
gehalten werden kann, an 
ihnen wie an Dochten herab- 
fließt. Dasselbe geschieht na- 
türlich auch nach einem Regen ; 
die Blätter werden daher schnell 



1. Sternmiere und 2. Acker-Hornkraut (verkl. 



1) von alsine, Miere, einer hier 
nicht erwähnten Pfl. b) Stella, Stern 
(Form der Blüte) -arius, förmig; 
media, mittel (nämlich groß). 



Kaktusgewächse. 



43 



wieder trocken, so daß die Verdunstung des von den Wurzeln aufgenommenen Wassers 
nur auf sehr kurze Zeit unterbrochen ist. Da nun das aufgesogene Wasser Nahrungs- 
stoffe enthält, ist die schnelle Trockenlegung der Blätter für das Pflänzchen durchaus- 
vorteilhaft. — üie Sternmiere (St. holöstea^) ist eine Bewohnerin lichter Wälder und 
Gebüsche. Sie besitzt weit größere Blüten als die Vogelmiere und einen aufrechten 
Stengel, an dem die Haarleisten fehlen. — Hinsichtlich der Blüten ähnelt die schöne 
Frühlingspflanze im hohen Grade dem allbekannten Acker-Hornkraut (Cerästium 
arvense^), das aber 5 Griffel und seinem Standorte entsprechend (Wegränder und dgl.) 
weit kleinere und derbere Blätter besitzt. — Auf ödestem Sandboden (Blätter fast 
nadeiförmig!) gedeiht der Acker-Spark (Spergula arvensis"), der hier und da auch 
als Futterpflanze angebaut wird. 



14. Familie. Die Kaktusgewächse (Cactäceae*) 

sind bis auf wenige Ausnahmen im warmen Amerika heimisch. Dort bewohnen sie 
die weiten Wüsten und Steppen, in denen nur während weniger Monate des Jahres 
Regen fällt, sonst aber erschreckende Trockenheit herrscht. Da sie jedoch gleich 
dem bei uns heimischen Mauerpfeffer (s. das.) ausgeprägte Fettpflanzen (Succulenten) 
sind, vermögen sie dem Wassermangel, der alle Gewächse gewöhnlicher Form unbe- 
dingt vernichten würde, leicht zu widerstehen. Sie sind sogar, der größern Dürre 
entsprechend, mit der sie zu kämpfen haben, in noch weit höherm Grade als das ge- 
nannte Pflänzchen gegen eine zu starke Verdunstung des aufgenommenen Wassers ge- 
schützt. Betrachten wir daraufhin z. B. die Kaktusformen, die wir in Blumentöpfen 
ziehen, so finden wir wie beim Mauerpfeffer einen schleimigen Saft und verhältnis- 
mäßig wenig Spaltöffnungen, eine sehr dicke, fast wasserdichte Oberhaut 
und nicht selten ein starkes Haarkleid, das die ganze Pflanze umhüllt und dem 
Turban und Burnus der Beduinen ver- 
gleichbar ist. Ähnlich, wie die Mehrzahl 
unsrer Bäume und Sträucher gegen die 
„Trocknis" des Winters dadurch geschützt 
ist, daß sie im Herbst die Teile abwerfen, 
die das meiste Wasser verdunsten, näm- 
lich die Blätter, haben auch die Kaktus- 
gewächse ihre Blätter zumeist verloren. 
Dürre Dornen sind die „Überreste" dieser 
Organe. Als Wasserspeicher dient der 
Stamm, der daher zumeist Kugel-, Säulen- 
oder Zylinderform besitzt (geringe Ober- 
fläche!), oder in scheibenförmige bezw. 
blattartige Teile gegliedert ist und den 
Pflanzen das eigentümliche Aussehen 
verleiht. Dieser Speicher vermag nun 
so viel Wasser zu fassen, daß die Kaktus- 
gewächse weiter grünen, wenn um sie her 
scheinbar alles Pflanzenleben erloschen 
ist. An ihrem Safte suchen nun vielfach 
die Tiere den brennenden Durst zu stillen. 
Die „Quellen der Wüste" sind jedoch 
durch die S t a c h e 1 b 1 ä 1 1 e r vortrefflich ge- 
schützt; denn aus Verletzungen, die sich Fackel distel, blattartiges Stengelglied mit 
die Tiere an diesen nadelspitzen und oft 5 Früchten, die die Größe eines Hühnereies 
noch mit Widerhaken versehenen Gebilden erreichen (verkl.). 




1) holostea: hölus, ganz und osteon, Knochen (Bedeutung unbek.) 2) keras, Hörn; arrensis 
auf dem Acker wachsend. 3) fspergula, nnerkl; arvpnais, s. Anm. 2. 4) von rartus, Kaktns. 




Kaktusgewächse in einer Wüste des nördlichen Mexico. 1. Riesenkaktus. 
2. Fackeldistelu. 3. IVIelonenkaktus. 4. Schlangenkaldus. 



Kaktus- und Knötcrichgevvächso. 



45 



zuziehen, entstehen oft gelährUche Wunden. Da der Stamm mit Blattgrün aus- 
gerüstet ist, vermag er die Arbeit der „verkümmerten" Blätter zu übernehmen. Während 
der Regenzeit entfalten die Pflanzen ihre hen-lichen, trichterförmigen Blüten, denen 
oft ein köstlicher Duft entströmt. 

Der seltsamen, wechselvollen Gestalt und der herrlichen Blüten wegen gehören die 
Kaktusgewächse zu unsern beliebtesten Gewächshaus- und Zimmerpflanzen. Von Wichtig- 
keit für den Menschen sind aber nur wenige Formen. Unter diesen ragen besonders einige 
Arten der Gattung der Fackeldisteln (Opüntia^; s. Abb. S. 43) hervor, die einen aus ovalen, 
flachgedrückten Gliedern zusammengesetzten Stamm haben. Auf ihnen leben die Coche- 
nille-Schildläuse, die getrocknet das wertvolle Karmin liefern. Den Namen tragen die 
Pflanzen von dem Reichtum an Stacheln (Disteln!) und von der Verwendung, den sie 
in frühern Zeiten in Amerika gefunden haben sollen: Es wird nämlich erzählt, daß 
man die Stämme dort getrocknet und mit öl getränkt als Fackeln verwendet habe. 
Die feigenartigen Früchte („Feigendistel") werden gegessen. In Südeuropa und Nord- 
afrika, wohin die Pflanzen eingeführt wurden, dienen sie wie in ihrer Heimat zur 
Cochenille-Zucht oder zur Herstellung von Hecken und Umzäunungen. — Der Riesen- 
Kaktus (Cereus giganteus") hat einen nur wenig verzweigten Stamm, der eine Höhe 
von 20 m erreichen kann. — An Schlangen und Melonen erinnern die Stämme andrer 
Arten (Schlangen- und Melonen-K.), die bei uns gleichfalls häufig gezogen werden. 
Durch wunderbare, stark duftende Blüten, die nur während einer Nacht vollgeöffnet 
sind, zeichnet sich die Königin der Nacht (C. grandiflörus '') aus. 

15. Familie. Knöterichgewächse (Polygonäceae*). 

Eine Pflanze, mit deren Hilfe der Mensch selbst den öden Heideäckern noch einen 
Ertrag abzuringen versteht, ist der Buchweizen oder 
das Heidekorn (Polygonum fagopyrum*). Das zier- 
liche, einjährige Pflänzchen stammt wahrscheinlich 
aus Mittelasien, wird etwa '/2 Qi hoch, hat herzför- 
mige Blätter und kleine Blüten mit einer einfachen, 
fünfblättrigen Blütenhülle. Da die weißen oder röt- 
lichen Blüten aber dicht gehäuft stehen, sehr honig- 
reich sind und einen angenehmen Duft aushauchen, 
so erfreuen sie sich doch eines reichen Insekten- 
besuches. Die kleinen, schwarzbraunen Früchte sind 
dreikantig wie die der Buche und werden wie die 
Körner der Getreidearten verwendet (Buchweizen!) — 
Der Vogel-Knöterich (P. aviculäre'') ist eines unsrer 
gemeinsten Unkräuter, das selbst auf hartgetretenen 
Wegen und zwischen dem Straßenpflaster noch zu 
gedeihen vermag. — Im Gegensatz zu diesem, dem 
Boden aufliegenden Pflänzchen klettert der Winden- 
Knöterich (P. convölvulus^) gleich derW^inde an den 
Stengeln andrer Pflanzen empor. — Über den 
Wasserspiegel hebt oft der Wasser-Knöterich (P. 
amphibium') seine großen, rosafarbenen Blütenähren. 
Er wurzelt im schlammigen Grunde und läßt seine 
langgestielten, kahlen Blätter auf dem Wasser 
schwimmen. Versiegt das Gewässer, so bildet er 
eine Landform mit kurzgestielten, behaarten und Zweig vom Buchweizen mit 
viel schmälern Blättern. Blüten und halbreifen Früchten. 




1) npns, Pflanzensaft, opöHs, saftreiob. 2) cereus, Wachskerze, Kerze; giganteus, riesig. 3) grandi- 
florus: grähdis, groß und ftos, Blume. 4) polygonum: poly viel und gong, Knie oder Knoten (weil 
der Stengel viele Knoten htLt); fagopyruni: fagits, Buche und pyrös, Weizen. 5) rti»/c«Za, Vögelchen 
^Samen werden von Vögeln verzehrt). 6) convolvulus, Winde. 7) amphibium, ämpho, beide und 
Mos, Leben (also doppellebig, im Wasser xrnd auf dem Lande lebend). 



46 



Knöterichgewächse Gänsefußgewächse. 



Im Gegensatz zum Knöterich sind die zahlreichen Ampferarten (Rumex *) wiiid- 
blütige Pflanzen. Es sei hier nur der Sauerampfer (R. acetosa^) genannt, der auf 
Wiesen und Grasplätzen überaus häufig anzutreffen ist und durch den hohen Gehalt 

an klee- oder oxal- 
saurem Kalk gegen 
Schnecken und andre 
Pflanzenfresser vor- 
trefflich geschützt ist. 
Die Blütenhülle wird 
zur Zeit der P'rucht- 
reife zu Flügeln für 
die eingeschlossenen, 
kleinenFrüchte,die da- 
her leicht vom Winde 
verweht werden. — 
Der als Blattpflanze 
für Rasenbeete und 
als Küchengewächs 
angebaute Rhabarber 
(Rheum^j ist aus Mit- 
telasien zu uns ge- 
kommen. Aus den 
fleischigen Wurzeln 
einer andern Art, die 
in Tibet und China 
heimisch ist, wird 
ein als Rhabarber be- 
kanntes Abführmittel 
hergestellt. 




1. 3. 

Sauerampfer. 
Sten "elteil 1. mit Staub- 



2. mit 



Stempelblüten. .S. Frucht. 

16. Familie. Gänsefußg-ewächse (Cheno- 
podiäceae*). 

Die Runkelrübe (Beta vulgaris'^). 

Die Runkelrübe erzeugt im ersten 
Jahre eine dicke, fleischige Wurzel 
und einen Schopf großer Blätter, 
die bei freiem Stande der Pflanze eine 
regelmäßige Rosette bilden. Aus den 
Stoffen, die in der Wurzel aufge- 
speichert sind, baut sich im zweiten 
Jahre ein oft mehr als meterhoher 
Stengel auf, der nach der Spitze 
zu mit immer kleiner werdenden 
Blättern besetzt ist und zahlreiche 
unansehnliche Blüten trägt. Jede 
der duftenden Blüten besteht aus 
einem Stempel, der von einem 



Runkelrübe. Blühender Zweig. Daneben 
eine Blüte, von oben gesehen (6malvergr.). 



1) rumex, Ampfer. 2) ucetum, Essig. 3) rJuum, 
Rhabarber. 4) s. S. 47 Anm. 2. 5) befa, Rübe; vul- 
garis, gemein. 



Gänsefußgewächse. 



47 



fleischigen, Honig absondernden Ringe umgeben wird, fünf Staubblättern 
und einer grünlichen, fünf blättrigen Hülle, die nach dem Verblühen ver- 
härtet und mit der Frucht verwächst. Da immer mehrere Blüten einen 
Knäuel bilden und sich auch die Früchte bei der Reife nicht voneinander 
trennen, gehen aus jedem „Rübenkerne" mehrere junge Pflanzen hervor. 
Die Stammform der Runkelrübe ist ein unscheinbares Gewächs, 
das an den Küsten des Mittelmeeres noch heutzutage wild angetroffen 
wird. Es besitzt eine zwar verdickte, aber holzige Wurzel und lebt nur 
einen Sommer hindurch. Daher blüht auch die zweijährige Kulturform 
manchmal schon im ersten Jahre des Anbaus: sie „schoßt". Durch die 
Pflege, die ihr seit Jahrhunderten zuteil wurde, ist vor allen Dingen die 
Wurzel dicker und fleischiger geworden. Da man stets nur die vortreff- 
lichsten Pflanzen zur Nachzucht auswählte, sind die zahlreichen Spiel- 
arten entstanden, die wir im Garten und auf dem Felde bauen. 

Die Salatrübe, Rotrübe oder Bete liefert in 
ihren roten, rundlichen Wurzeln dem Menschen 
eine wertvolle Speise. Von einer andern Form, 
dem Mang'old oder dem römischen Kohl, dessen 
Wurzeln nicht verdickt sind, verzehrt man die 
zarten Blätter als Gemüse. — Die eigentliche 
Runkelrübe, deren Wurzeln verschiedene Formen 
und Farben zeigen und ein Gewicht von mehr als 
10 kg erreichen können, ist eine wichtige Futter- 
pflanze. Aus einer Sorte der Runkelrübe, der weißen 
schlesischen Rübe, ist die Zuckerrübe hervorge- 
gangen, die wegen ihres Reichtums an Rohrzucker 
in allen fruchtbaren Gegenden der nördlichen ge- 
mäßigten Zone im großen angebaut wird. Der 
Gehalt an Zucker ist der Runkelrübe wie zalil- 
reichen andern Pflanzen von Natur eigen. Durch 
beständige Auswahl der zuckerreichsten Rüben zur 
Fortzucht hat es der Mensch aber verstanden, den 
Zuckergehalt erheblich zu steigern: Als man um 
das Jahr 1850 mit der Veredelung der Pflanze be- 
gann, betrug er etwa 7— 8*'/o, während er jetzt 
durchschnittlich ungefähr doppelt so groß ist; es 
sind jedoch bereits bis 26*^/0 beobachtet worden. 

Dem mittelländischen Pflanzenreiche ent- 
stammt auch der Spinat (Spinäcia oleräcea^), der 
als Gemüsepflanze hoch geschätzt wird. — • Von 
den vielen einheimischen Verwandten der Runkel- 
rübe seien nur die zahlreichen Cränsefuß- (Cheno- 
pödium^) und Melden- Arten (Atriplex^) genannt, 
die besonders auf Schutt und in der Nähe menschlicher Ansiedlungen wachsen und 
vielfach lästige Unkräuter darstellen. — Andre Arten finden sich wieder nur am 
Meeresstrande und an solchen Stellen des Binnenlandes, deren Boden außerordentlich 
reich an Salz ist (an Salzquellen, in Salzsteppen und an ähnlichen Orten). Die 
meisten dieser unscheinbaren Gewächse sind Fettpflanzen (Succulenten) wie der Mauer- 
pfeffer, eine Tatsache, die auch für zahlreiche salzhebende Arten andrer Famihen 




Salzkraut. 



1) Spinacia, unerkl.; oleraceus, krantartig. 2) chen, Gans; pödion, Füßchen (die Blätter einiger 
Arten sollen einem Gänsefnße ähneln). 3) atriplecc, Melde. 



48 Hahneiilußgewächse. 

zutrifft. Viele dieser Salzpflanzen haben nun ohne Zweifel mit großer Trockenheit 
der Luft und des Bodens zu kämpfen, woraus sich ihr sonderbarer Bau leicht erklärt. 
Die Meerstrandpflanzen dagegen wachsen in feuchter Luft und werden nicht selten 
sogar zeitweise überflutet. Trotzdem ist auch für sie ein Schutz gegen zu starke Ver- 
dunstung von größter Wichtigkeit; denn die Pflanzen vermögen aus Salzlösungen nur 
schwer Wasser zu entnehmen. Das bekannteste dieser seltsamen Gewächse, das 
Salzkraut (Salicörnia herbäcea^; s. Abb. S. 47), das an den Küsten der Nord- und 
Ostsee oft weite Strecken überzieht und selten auch im Binnenlaude angetroffen wird, 
hat es sogar wie die Kaktusgewächse (s. das.) bis zum gänzlichen Verluste der 
Blätter gebracht. 

17. Familie. Hahnenfußgewächse (Ranunciüäceae-). 

Blüten mit zahlreichen Staubblättern, mit einfacher oder doppelter Blütenhülle und 
meist zahlreichen Fruchtknoten, die von je einem Fruchtblatte gebildet werden. 

1. Das Seharl)ockskraut (Ficäria verna^). Tai 5. 

A. Blütezeit und Standort. 1. Kaum hat die höhersteigende Sonne 
den Winterschnee gesclimolzen , so sprießt auf nassen Wiesen, besonders 
aber unter dem Gebüsch als erster Frühüugsbote das Scharbockskraut 
hervor. Oft schon im März bildet es saftig grüne Teppiche, die mit 
goldenen Blüten sternen überstreut sind. Im Mai aber ist für die Pflanze 
bereits — der Herbst gekommen: Die Blätter vergilben, vertrocknen und 
sind bald gänzlich verschwunden. Das Scharbockskraut ist also 
eine Pflanze des Vorfrühlings, die unter Gebüsch und im Grase 
gedeiht. 

2. Nach dem Verluste der oberhdischen Teile lebt das Scharbocks- 
kraut in Gestalt kleiner Knollen (s. w. u.) unter der Erde weiter. Den 
Sommer verbringt es allerdings in völliger Ruhe. Wenn aber der Herbst 
anbricht, erwacht es bereits wieder: aus einer Knospe, die mit den Knollen 
in Verbindung steht, entwickelt sich der oberhdische Trieb des nächsten 
Jahres, der aus dem untern Teile seines Stengels zahlreiche Wurzeln in 
die Erde sendet. Durch die Winterkälte wird das Wachstum zwar 
wieder unterbrochen: doch wenn der Boden auftaut, bricht die Pflanze 
sofort aus ihm hervor, ergrünt und blüht bald. Die Vorratsstoffe, die in 
den Knollen aufgespeichert sind, liefern ihr in erster Linie das Bau- 
material, Da das Scharbockskraut also bereits im Herbste aus der Ruhe 
erwacht und die zu seinem Aufbau notwendigen Stoffe nicht erst zu er- 
werbenbraucht, so vermag es auch sehr früh im Jahre zu erscheinen. 
Pflanzen, deren oberirdische Teile nach der Fruchtbildung absterben, 
während die unterirdischen ausdauern, bezeichnet man als Stauden.) 



1) salicörnia : sal, Salz und cörnu, Eorii; herbaceus, grasartig. 2) s. S. 51, Anm. 1. 3) von ficiis, die 
Feige (wegen der Form der Knollen oder der Verwendung der Pflanze); vernus, im FrüMinge blühend. 



Taf. 5. 1. Blühende Pflanze. 2. Pflanze, deren oberirdischer Trieb soeben die Erde 
durchbrochen hat. 3. Blüte, geöffnet. 4. Blüte, geschlossen. 5. Fruchtstand. 6. Brut- 
knollen des vorigen Jahres. Während die eine austreibt, hat die andre außer den 
Blättern bereits zwei Wurzelknollen gebildet. 



Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



Tafel 5. 




Scharbockskraut (Ficaria verna) 



Hahnenfußgewächse. 4.9 

3. Im März und AjDril steht das Gebüsch noch kahl da. Infolge- 
dessen vermögen die Sonnenstrahlen, ohne die keine grüne Pflanze ge- 
deihen kann, bis zum Erdboden und zum Scharbockskraute zu gelangen. 
Im Mai dagegen bilden die Blätter der Büsche ein so dichtes Dach, daß 
kaum noch ein Lichtstrahl den Boden erreicht. Auf der Wiese ergeht es 
dem Pflänzchen dann ganz ähnlich: die benachbarten, vordem niedrigen 
Gräser und Kräuter sind emporgeschossen und rauben ihm das Licht. 
Da das Scharbockskraut aber so früh im Jahre erscheint und seine 
Lebensarbeit zum größten Teil beendigt hat, wenn die geschilderten un- 
günstigen Verhältnisse eintreten, so vermag es diese örtlichkeiten 
wohl zu bewohnen. 

B. Stengel und Blätter. 1. Der Junge Trieb hat die 'Form eines 
Keiles und ist somit auch befähigt, den Boden zu durchbrechen. Ein 
Mantel aus häutigen, farblosen (weil im Dunkeln wachsenden) Hüll- 
blättern schützt die zarten Teile im Innern gegen Verletzungen, die 
beim Durchbohren des Bodens sonst unvermeidlich wären. Hat der 
Trieb die Erdoberfläche erreicht, dann stellen die Hüllblätter ihr Wachs- 
tum ein. Je tiefer die Knollen liegen, desto länger werden daher auch 
diese Blätter. 

2. Das Scharbockskraut wächst auf feuchtem Boden und zu einer 
Zeit, in der die Luft reich an Wasserdampf ist. Schutzmittel gegen eine 
zu starke Verdunstung, wie sie die Pflanzen wasserarmer Standorte und 
die der trocknen Jahreszeit besitzen, finden wir bei ihm daher nicht. 
Stengel und Blätter sind im Gegenteil fleischig und saftreich. 

3. Eine solche Pflanze müßte — so sollte man denken — für zahl- 
reiche Tiere eine begehrte Nahrung bilden. Dem ist Jedoch nicht so. 
Selbst die gefräßigen Schnecken, die mit dem Scharbockskraut oft in 
großer Zahl dieselbe örtlichkeit bewohnen, verschmähen es. Alle seine 
Teile besitzen nämlich einen scharfen, unangenehmen Geschmack, 
der von einem schwach giftigen Stoffe herrührt. Daß dieser es ist, der 
die Pflanze gegen den Angriff der Tiere schützt, lehrt folgender Versuch: 
Frische Blätter werden selbst von hungernden Schnecken unberührt ge- 
lassen und kaum benagt. Legt man den Tieren aber Blätter vor, die 
in Alkohol ausgelaugt, getrocknet, in Wasser ausgewaschen und dann 
wieder aufgeweicht wurden, so werden sie sofort verzehrt. — Früher 
benutzte man die Pflanze als Heilmittel gegen den Skorbut oder Schar- 
bock, d. i. eine Krankheit, die besonders durch andauernden Genuß von 
Pökelfleisch bei langen Seereisen die Schiffer ergreift. Dieser Verwendung 
verdankt sie ihren Namen. „Feig würz" heißt sie, weil sie gegen gewisse 
eiternde Geschwüre, die sog. Feigwarzen, gebraucht wurde. 

4. Wächst das Scharbockskraut mehr einzeln, so macht ihm bis zu 
beendigter Blütezeit meist keine andre Pflanze das Licht streitig. Dann 
erhebt sich sein fleischiger, hohler Stengel vielfach auch nur mit der 
Spitze vom Boden. Tritt es aber • truppweise auf, so richten sich die 
Stengel mehr empor. 

Sc lim eil, Lehrbuch der Botanik. -1 



50 



Hahnenfußgewächse. 




Grundriß einer 
Hahnenfußblüte. 



5. Unter welchen Verhältnissen das Scharbockskraut auch wächst, 
immer sind fast alle seine Blätter dem Lichte ausgesetzt; denn sie be- 
sitzen eine sehr verschiedene Größe. Die großen Blattflächen der untern 
Blätter sind auf langen Stielen stets so weit vom Stengel abgerückt, daß 
die kurzgestielten und kleinen obern Blätter in der Nähe des Stengels 
genügend Platz finden. Die oberseits glänzenden Blattflächen sind herz- 
förmig gestaltet und am Rande meist eingekerbt. Der untere, scheidenartige 
Abschnitt der Blattstiele umgibt schützend die jungen, noch zusammen- 
gefalteten Blättchen und später die in den Blatt- 
achseln sich bildenden Knollen (s. w. u.). 

C. Blüte. Ein meist dreiblättriger Kelch, sowie 8 
oder mehr Blumenblätter umgeben die zahlreichen 
Staubblätter und die gleichfalls zahlreichen Stempel. 
Jeder Stempel besteht aus einem einzigen Fruchtblatte 
(Hahnenfußblüte!). Die einsamige Frucht öffnet sich 
bei der Reife nicht (Schließfrucht); erst durch den her- 
vorbrechenden Keim wird ihre Hülle gesprengt. 
1. Die goldgelben, innen zum größten Teil firnisglänzenden Blumen- 
blätter lassen die Blüte, die sich stets ein Stück über das dunkelgrüne 
Blattwerk erhebt, wie einen leuchtenden Stern („ Sternblümchen ") er- 
scheinen, der die wiedererwachenden Insekten zum Besuche einladet. 
Die Stempel bilden meist den Anflugsplatz, Blütenstaub (zahlreiche Staub- 
blätter!) und Honig die Kost der Gäste. Der Honig findet sich am Grunde 
der Blumenblätter in je einer kleinen Grube, die von einer Schuppe 

schützend bedeckt ist. 

2. Mit Beginn der Dunkelheit schließt sich 
die Blüte: Kelch und Blumenblätter neigen sich 
zusammen und umhüllen die innern Blütenteile. 
Auf diese Weise wird die Blüte gegen zu großen 
Wärmeverlust und das Blüteninnere gegen Be- 
feuchtung durch nächtlichen Tau geschützt. 
Wenn wir bedenken, daß es ohne Wärme 
kein Pflanzenleben gibt, daß die Blüten sehr 
zarte Gebilde sind, daß es nachts jetzt oft noch 
empfindlich kalt ist, und daß der Blütenstaub 
durch Befeuchtung leicht verdirbt: so wird 
uns die Wichtigkeit dieser Einrichtuug wohl 
verständlich. Da die Kelchblätter auf der Rück- 
seite grünlich und die Blumenblätter außen ohne Glanz sind, erscheint 
die Blüte jetzt ganz unauffällig! Das ist aber durchaus kein Nachteil 
für die Pflanze; denn die wärmeliebenden Insekten haben sich in sicherm 
Schlupfwinkel gleichfalls zur Ruhe begeben. Bei unfreundlichem Wetter 
bleiben die Blüten auch tagsüber geschlossen. 

D. Knollen. Die Anzahl der blütenbesuchenden Insekten ist im 
März und April weit geringer als in den wärmern Monaten. Daher 




1. 2. 

Scharbockskraut. 

1. Frucht, senkrecht 

durchschnitten. 

2. Blumenblatt, von innen 

gesehen. S. Honigschuppe. 



Hahiif^iifußgewächsö. 51 

unterbleibt beim Scharbockskraut auch \'ie]fach die Bestäubung. Aber 
auch wenn die Blüten von zahlreichen Insekten besucht werden, setzen 
sie doch nur selten Früchte an: Die Pflanze rettet sich meist — 
wie wir bereits oben gesehen haben — mit Hilfe von Knollen in das 
nächste Jahr hinüber. 

1. In den Achseln der Hüllblätter entstehen schon sehr zeitig zahl- 
reiche Knospen. Während mehrere dieser winzigen Gebilde unverändert 
bleiben, brechen aus den kurzen Stengeln andrer Nebenwürzelchen hervor, 
die stark anschwellen und sich zu schmutzig gelben oder braunen, jungen 
Wurzelknollen umbilden. Da die Knospen von den Knollen an Masse 
bald übertroffen werden, erscheinen sie nur als ein Teil von diesen. Von 
den Knospen, die keine Knollen erzeugen, wird eine am stärksten: sie ist 
es, aus der — wie schon oben bemerkt wurde — der oberirdische Trieb 
des nächsten Jahres hervorgeht. 

Wie bereits erwähnt, baut sich dieser Trieb in erster Linie aus den 
Stoffen auf, die in den Knollen aufgespeichert sind. Zwischen beiden 
muß daher eine Verbindung vorhanden sein. Eine solche liefert der 
unterste Abschnitt des Stengels, der im Gegensatz zu den andern 
oberirdischen Teilen im Mai nicht mit abstirbt. Durch ihn werden die 
Knollen zu einem Büschel vereinigt. Wird durch irgend einen Zufall 
eine Knolle von dem Büschel abgelöst, so entwickelt sich auch ihre 
Knospe weiter. 

In dem Maße, in dem die Knollen die angesammelten Baustoffe ab- 
geben, verschrumpfen sie auch. Die letzten wertlosen Reste gehen 
endlich durch Fäulnis zugrunde. 

2. In derselben Weise wie die Wurzelknollen bilden 
sich auch in den Achseln der Laubblätter Knöllchen, die 
Weizenkörnern entfernt ähnlich sind. Da aus ihnen im 
nächsten Jahre gleichfalls Pflänzchen hervorgehen, wer- 
den sie als Brutknospen oder Brutknollen bezeichnet. 
Nach dem Absterben des Scharbockskrautes findet man 

sie vielfach in großen Mengen am Boden liegen („Himmels- , 5™.^ '^° ® , 

o \ ji ^ Qßs Scharbocks- 

gerste", Sage vom Getreideregen). Werden sie durch krautes. 

Regengüsse verschwemmt, so verbreiten sie die Pflanze k. Knospe, 
oft über einen großen Bezirk. 

Die nächsten Verwandten des Scharbockskrautes 

haben im wesentlichen den gleichen Blüten- und Fruchtbau. Sie besitzen aber 
5 Kelch- und 5 Blumenblätter. In sehr wechselvoller Gestalt und als Bewohnerin 
der verschiedensten örtlichkeiten tritt uns die Gattung Hahnenfuß (Ranünculus ^) ent- 
gegen. Mit Tausenden gelber, leuchtender Blüten überstreut der scharfe Hahnenfuß 
(R. acer-) im Frühjahre unsre Wiesen. Bei Eintritt der Dunkelheit sind die Blüten 
aber wie verschwunden: sie haben sich nicht nur wie die des Scharbockskrautes ge- 
schlossen, sondern sind auch infolge Krümmung ihrer Stiele mehr oder weniger 




1) ranunculus, Hahnenfaß, eigen tl. Fröschchen, weil in der Nähe der Frösche, d. h. des Wassers 
wachsend. 2) acer, scharf, nämlich von Geschmack. 



52 



Hahnenfußgewächse. 



nickend geworden, eine Erscheinung, die auch bei andern Hahnenfußarten zu be- 
obachten ist. Durch einen scharfen, giftigen Stoff ist die Pflanze gleich den meisten 
Hahnenfußgewächsen gegen Tierfraß geschützt. Im Heu dagegen wird sie von den 
Weidetieren verzehrt, weil der Giftstoff durch Trocknen verloren geht. Durch den 
runden (ungefurchten) Blütenstiel unterscheidet sich der scharfe Hahnenfuß leicht 
von den beiden sehr ähnlichen und gleichfalls überall häufigen Arten, dem knollig'eii 
und dem kriechenden Hahnenfuß (R. bulbösus' und repens"), die beide gefurchte 
Blütenstiele besitzen. Wie schon die Namen andeuten, ist erstere Foim an der 
knolligen Anschwellung des Stengelgrundes (Vorratsspeicher!) und letztere an den 
langen Ausläufern leicht zu erkennen. — An Gewässern und auf feuchten Wiesen 
findet sich die giftigste Art, der Gifthahnenfuß (R. scelerätus''), eine bis 1 m hohe, 
stark verzweigte und saftige P'flanze mit vielen kleinen Blüten. — Mehrere Hahnen- 
fußarten sind auch die Stammeltem der als Gartenzierpflanzen bekannten Gold- 
knöpf chen. 

Der Wasserhahuenfuß (Baträchium aquätile^) ist ein bekannter Bewohner unsrer 
stehenden und Inngsam fließenden Gewässer. Durch zahlreiche Wurzeln ist er im 

schlammigen Grunde 
verankert, und den 
Wasserspiegel über- 
streut er oft auf weite 
Strecken hin mit zar- 
ten, weißen Blüten- 
sternen. Seine Stengel, 
die gleich den Blättern 
außerhalb des Was- 
sers kraftlos zusam- 
menfallen , sind -nne 
die Blatt- und Blüten- 
stiele der Seerose von 
Luftkanälen durch- 
zogen, so daß sie vom 
Wasser getragen wer- 
den und sehr lange 

Seitenzweige ent- 
wickeln können. Auf 
der Wasseroberfläche 
breiten sich meist 
zaiie Schwimmblätter 
aus, die alle Eigen- 
schaften der Seerosen- 
blätter besitzen. Durch 
die haarförmig zerteil- 
ten , untergetauchten 
Blätter, die sich bei 
zahlreichen andern 

Wasserpflanzen wiederfinden, unterscheidet sich der Hahnenfuß aber wesentlich von 
der Seerose. Welche Bedeutung diese eigentümliche Blattform hat. ist leicht ein- 

Ij biilbosus, knollig. 2) repens, kriechend. 3) scderatus, verbreclieriscli. 4) bdfrachos,. Frosch; 
also Froschkraut (s. S. 51, Anm. 1); aqtmtilis, zum Wasser gehörig. 

Taf. 6. 1. Blühende Pflanze. 2. Blüte, von hinten gesehen. 3. Fruchtstand. 3 a. Frucht, 
längs durchschnitten. 4. Schlafende Blüte. 5. Unterirdischer Stamm: a. im Herbste 
(des Vorjahres); h. im zeitigen Frühjahre; c. etwas später: der oberirdische Trieb hat 

die Erde durchbrochen. 




Wasser-Hahnenfuß. 



Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



Tafel 6. 



>. /T\. 




Busch-Windröschen (Anemone nemorosa) 



Hahnenfußgewächse. 53 

zusehen, wenn man folgendes beachtet: Schneidet man einen Zweig der Pflanze ab, 
so wächst er weiter, auch wenn er keine Wurzeln besitzt, ein Zeichen, daß die 
Nahrungsaufnahme nicht durch diese stattfindet. Sie erfolgt vielmehr durch die 
zarte Oberhaut der Stengel und Blätter, und zwar um so ausgiebiger, je größer die 
Oberfläche dieser Teile ist. Ferner herrscht im Wasser ein ^gedämpftes Licht, und es 
ist in ihm nur eine geringe Menge von atmosphärischer Luft gelöst, der(;n Sauerstoff 
von der Pflanze eingeatmet wird. Je größer aber die Oberfläche der Pflanze ist, desto 
erfolgreicher kann auf sie das Licht einwirken, und desto lebhafter wird auch die 
Atmung sein. Da nun stark zerteilte Blätter eine größere Oberfläche besitzen als un- 
geteilte von gleicher Blattmasse, so leuchtet die Bedeutung dieser Blattform für unter- 
getauchte Blätter ohne weiteres ein. Endlich wird auch ein solches Blatt durch die 
Bewegungen des Wassers bei weitem nicht so leicht zerrissen, wie ein ungeteiltes. 
Die schwimmenden Blätter dagegen, die mit jeder Welle auf- und niederschwanken, 
bedürfen wie die Seerosenblätter eines derartigen Schutzmittels nicht. — In fließendem 
Wasser nimmt der Wasserhahnenfuß oft ein verändertes Aussehen an: er bildet ge- 
wöhnlich keine Schwimmblätter; die Stengel sind lang und riemenförmig und die Blatt- 
zipfel stark verlängert und fast parallel laufend. Wie diesen Verhältnissen, „weiß" sich 
die Pflanze auch denjenigen des festen Untergrundes anzupassen. Versiegt nämlich das 
Gewässer, in dem sie lebt, so gehen die zarten Blätter meist zugrunde; dafür wachsen 
aber aus den Blatt^vinkeln kurze, kräftige Stengel hervor, denen zwar auch zerteilte, 
jedoch weit dickere und steifere Blätter entsprießen. Eine gleiche Veränderung ist 
auch an solchen Teilen der Pflanze zu beobachten, die über das Wasser ragen oder 
auf das Trockne geraten sind. Diese „Landform" wird von der Winterkälte getötet, 
während die „Wasserform" unter der Eisdecke überwintert. 

3. Das Buschwindröschen (Anemone nemorösa^). Taf. 6. 

1. Standort und Blütezeit. Die Pflanze bewohnt den laubbedeckten 
Boden in Busch und Wald, findet sich aber auch auf Wiesen, die dem 
Walde angrenzen. Sie erscheint wie das Scharbockskraut zeitig im Jahre, 
blüht im April und Mai („Osterblume") und zieht sich, wenn der Sommer 
beginnt, bereits wieder in den Boden zurück. Dadurch wird es ihr 
möghch, an diesen örtlichkeiten, an denen sie später nicht mehr das 
notwendige Sonnenlicht finden würde, zu gedeihen; denn ehe sich über 
ihr das Laubdach völlig geschlossen hat, oder bis sie (auf der Wiese!) 
von benachbarten Pflanzen überwuchert whd, hat sie ihre Lebenstätig- 
keiten der Hauptsache nach abgeschlossen. 

2. Unterirdischer Stamm. Das Pflänzchen kann so früh im Jahre 
erscheinen, weU es wie das Scharbockskraut einem Vorratsspeicher große 
Mengen von Baustoffen entnimmt. Es ist das sein federkieldicker, brauner 
unterirdischer Stamm, der wagerecht im Boden liegt und zahlreiche Wur- 
zeln aussendet. Gräbt man diesen „Wurzelstock" im Herbste aus, so 
sieht man, daß er an einem seiner beiden Enden in den — jetzt aller- 
dings noch sehr kleinen — oberirdischen Trieb übergeht. An der Stelle, 
an der sich dieses Gebilde erhebt, hat sich in der Achsel eines weißen, 
schuppenförmigen Blattes eine Knospe gebildet. Untersucht man den 
Wurzelstock während oder nach der Blütezeit wieder, dann bemerkt 
man, wie diese Knospe durch fortgesetztes Wachstum den Wurzelstock 



1) änemos, Wind; nenu/rottun, hu Haine wachsend. 



54 



Hahnenfußgewächse. 



in seiner bisherigen Richtung über jenen Punkt hinaus verlängert hat: 
er verjüngt sich auf diese Weise beständig in dem Maße, in dem er am 
Hinterende abstirbt. Die Pflanze wandert also langsam weiter und ge- 
langt somit fortgesetzt in einen Boden, dem sie die nährenden Bestand- 
teile noch nicht entnommen hat. Die schuppenförmigen Blätter, die sich 
an dem jungen Abschnitte des Stammes bilden, schützen die allmählich 
vordringende Knospe vor Verletzung. Haben sie ihre Aufgabe erfüllt, 
dann gehen sie zugrunde und hinterlassen am Wurzelstocke Narben. 
Durch Knospen, die sich an einem andern Teile des Stammes bilden, 
entstehen Seitenzweige. Stirbt der Stamm an der Verzweigungsstelle 
ab, so wird der Zweig selbständig. Die Verzweigung ist hier also ein 

Mittel der Ver- 
mehrung, und 
zwar ein außer- 
ordentlich wich- 
tiges , weil die 
Pflanze me das 
Scharbockskraut 
nur seltenFrüchte 
hervorbringt. 
3. Blüte. Die 
zarte Blüte, die fast das Aussehen 
eines Röschens hat und schon beim 
leisesten Winde hin- und herschaukelt 
„Windröschen''), steht am Ende eines 
langen Stieles. Wir finden an ihr, 
sowie an der Frucht die Verhältnisse 
des Scharbockskrautes wieder. Sie 
hat aber eine einfache Blütenhülle, 
die aus sechs weißen, außen oft röt- 
lich angehauchten Blättern besteht. 
Da ihr der Honig fehlt, sind die be- 
suchenden Insekten allein auf den 
Blütenstaub angewiesen. Nachts und 
bei regnerischem Wetter schließt sich 
die Blüte wie die des Scharbocks- 
Leberblume. 1. Blühende Pflanze. Die krautes und neigt sich, indem sich 
entwickelten Blätter sind vorjährige; die ^^j. q^^^i krümmt, abwärts, 
diesjährigen haben noch zusammengelegte . RlätfAr An Hpm Bhitpnsfiple 

Blattflächen. 2. Blüte, längs durchschnitten. ^- -Kia«^!- ^^ Clem l^lutenstieie 

3. Früchte, von der bleibenden, kelchähn- fmden Sich stets drei mehrfach ge- 
liehen Blütenhülle umgeben. (Verld.). teilte, grüne Blätter. Untersucht 

mau die Pflanze im Herbste, so sieht 
man, wie diese noch sehr kleinen und blassen Gebilde die wmzige Blüte 
schützend umhüllen. Man bezeichnet sie daher als Hüllblätter. Das 
einzige, den Hüllblättern sehr ähnliche eigentliche Laubblatt, das im 




Haliiientiißgewä 



55 



mM 






/rZ.-;. 




8^«.''! 



Kuhschelle (wenig verkl.). Die oberirdischen Teile der abge- 
bildeten Pflanze waren 7 cm hoch ; die (hier des Raumes wegen ab- 
geschnittene) Wurzel dagegen maß 48 cm. Daneben: Fruchtstand. 

Herbst in der Anlage gleichfalls schon vorhanden ist, 
entspringt mit einem langen Stiele neben dem Blüten- 
triebe oder an einer Verzweigung des Wurzelstockes, 
oder es fehlt auch gänzlich. 

a) Sind denn aber — so muß man sich fragen — 
die zarten, zerteilten Blattflächen imstande, den Erd- 
boden zu durchdringen, ohne sich dabei stark zu 
verletzen? Sie vermögen eine solche Arbeit nicht zu 
leisten; v^ohl aber ihre widerstandsfähigen Stiele, die, 
solange sie sich im Boden befinden, so gekrümmt sind, 
daß sie nach unten offene Bogen bilden. Bei fortge- 
setztem Wachstum heben sie die Erde empor, bis diese 
schließlich auseinander bricht. 

b) Pflückt man Windröschen zum Strauße, so welken 
sie viel schneller als Pflanzen, die auf dem Felde oder 
gar an öden Stellen wachsen. Diese Erschemung wird 
uns leicht verständhch, wenn wu: bedenken, daß seine 
Blätter verhältnismäßig groß, zart, dünn und gleich 
den Blatt- und Blütenstielen nur schwach behaart 
sind, also auch schnell viel Wasser verdunsten. Da dem 
Windröschen im Boden genügend Wasser zur Verfügung 
steht und die Frühlingsluft reich an Feuchtigkeit ist, 
so fehlen ihm wie dem Scharbockskraut eben auch 

' alle die Mittel, durch die die Pflanzen wasserarmer 
Stellen oder die der trocknen Jahreszeit gegen zu starke 
Verdunstung geschützt sind. 

Die nächsten Verwandten des Windröschens. 

In der Gesellschaft des Buschwindröschens findet sich viel- 
fach das ganz ähnliche g'elbblühende Windröschen (A. ranuncu- 



56 



Hahnenfußgewächse. 



loides^). — Trocknere Laubwälder als beide bewohnt die freundliche LeberMume (Hepätica 
triloba^; s. Abb. S. 54). Sie trägt prächtig blaue Blüten, die abends nickend werden und 
sich schließen. Ihre dreil)lättnge Blütenhülle hat ganz die Stellung und das Aussehen 
eines Kelches. Die stark behaarten, jungen Laubblätter kommen er»t während des 
Blühens hervor. Sie verlieren bald das schützende Haarkleid und werden schließlich 
so lederartig hart, daß sie die trockne Jahreszeit mit Leichtigkeit überstehen, ja sogar 
den Winter überdauern, obgleich dann die Wurzeln dem hartgefrorenen Boden kein Wasser 
entnehmen können. Da sie die Form einer Leber zeigen, wurden sie früher als Heilmittel 
gegen Leberleiden gebraucht (Leberblume!). — Eine Bewohnerin sonniger Hügel und lichter 
Kiefernwälder ist die Kuhschelle (Pulsatilla pratensis **; s Abb. S. 55), die ihres giftigen 
Saftes wegen (Schutzmittel gegen Weidetiere!) in der Medizin verwendet wird. Infolge 

der außerordentlich tiefgehenden Wurzel, 
der seidenartigen Behaarung und der 
Zerteilung der Blattfläclien vermag sie 
der Wasserarmut ihrer Standorte zu 
trotzen. Die hängende, dunkelviolette 
Blüte gleicht einem Glöckchen, worauf 
auch ihr Name hindeutet. (StattKühchen- 
schelle wird die Pflanze aber irrtümlich 

^^ zumeist Küchenschelle genannt!) Da 

%^"Vi^^~ sich die Griffel nach der Blütezeit zu 
langen, federartigen Gebilden ent- 
wickeln, können die Früchte leicht durch 
den Wind verweht werden. — Dieselbe 
Flugausrüstung finden wir bei den 
Früchten der AValdrebe (Glematis vl- 
tälba^). Die Pflanze ist eine der wenigen 
Lianen unsrer heimatlichen Wälder, 
fehlt aber im Norden und Osten Deutsch- 
lands. Als Kletterwerkzeuge dienen ihr 
die Stiele der gefiederten Blätter, die 
sich in Form von Schlingen um die 
Zweige und Äste der Bäume und 
Sträucher legen. Da die Blattstiele, 
soweit sie der Stütze anliegen , sehr 
dick werden und verholzen, haftet die Pflanze sicher an den Gewächsen, die sie 
tragen müssen. Obgleich sie nur kleine, weiße Blüten besitzt, benutzt man sie ihres 
Klettervermögens wegen gern zur Bekleidung von Lauben u. dgl. Die vielfach an- 
gepflanzten großblumigen Waldreben stammen aus Südeuropa. 




Waldreb( 

Zwei Fruch 
stände un( 
eine vergr, 
Frucht. 



3. Die Sumpf dotterbliiDie (Caltha palustris^). 

1. Wie sie gTÜiit. Im Sumpfe, auf feuchten Wiesen, an den Rän- 
dern von Gräben und Bächen, kurz an wasserreichen Örtlichkeiten ist 
die allbekannte Dotterblume anzutreffen. Durch zahlreiche strangartige 
Wurzeln, die von dem kurzen unterirdischen Stamme (Wurzelstocke) 
nach allen Seiten ausstrahlen, ist sie in dem oft sehr weichen Boden 
fest verankert. Während die Pflanzen trockner Standorte ihre Wurzeln 
häufig tief ia die Erde hinabsenken, breiten sie sich bei der Dotter- 

1) von ranuiiculus, s. S. 51, Anra. 1, u. -eides, -ides, ähnlich. 2) hepätica von hepatikös, leber 
artig; triloba: tri-, drei; lobös, Lappen. 3) pulsatilla von pulsäre, schlagen, läuten; pratensis, auf 
der Wiese wachsend. 4) klematis, kleiner Zweig, der rankt; mtalba: vUis, Rebe und albus, weiß. 
5) caltha, unerklärt palustris, im Sumpfe wachsend. 



Hahnenl'ußgewächse. 



5' 



bliime nur in der obersten Bodenschicht aus, wo sie Wasser bereits 
zur Genüge finden. 

Im weitern Gegensatz zu diesen Pflanzen sind alle ihre grünen Teile 
saftstrotzend und fleischig. Einrichtungen, durch die sich die Ge- 
wächse wasserarmer örtlichkeiten gegen zu starke Verdunstung schützen, 




Sumpfdotterblume. 1. Wurzelstock und 
Junge Blätter. 2. Blüten. 3. Fruchtstand; 
einige Früchte sind bereits geöffnet. 4. Ein- 
zelne, geöffnete Frucht. 



würde man bei ihr vergeblich suchen. Die nierenförmigen und meist 
schwach gekerbten Blattflächen werden von sehr verschieden langen 
Stielen getragen; je weiter oben sie an dem hohlen Stengel stehen, 
desto kürzer sind sie gestielt. Die längsten Stiele besitzen die großen 
Blätter, die direkt aus dem Wurzelstocke entspringen. Infolgedessen be- 
schatten die obern Blätter die untern nicht, so daß alle der belebenden 



58 



Hahnenfußgewächse. 



Sonnenstrahlen teilhaftig werden. Die rinnigen Blattstiele sind nach 
dem Stengel zu stark verbreitert und umfassen ihn wie eine Scheide. 
Betrachtet man die Pflanze während ihrer Entwicklung, so sieht man, 
daß die scheidenförmigen Abschnitte der Blattstiele Schutzhüllen für die 
zarten, jungen Teile sind. 

2. Wie sie "blülit. a) Zur Frühlingszeit entfaltet die Dotterblume 
zahlreiche „Hahnenfußblüten", die gleich der Blüte des Windröschens 
eine einfache Blütenhülle besitzen. Infolge der Größe und dottergelben 
Farbe der 5 Blätter (Dotter- oder Butterblume!) leuchten die Blüten weit- 
hin und locken zahlreiche Insekten zur Bestäubung herbei. Der Honig wird 
in je einer Vertiefung zu beiden Seiten der zahlreichen Fruchtknoten ab- 
geschieden. — Die noch grünen Blütenknospen werden in Essig eingelegt 
und als „deutsche Kapern" verspeist^). 

b) Ist die Bestäubung vollzogen, so 
versiegt der Honigquell, und die nutzlos ge- 
wordenen Blumenblätter fallen ab. Die nun- 
mehr sich ausbildenden Früchte enthalten 
gleich denen der nächsten Verwandten 
(s. w. u.) zahlreiche Samen. Bei der Reife 
trocknet die Fruchthülle ein und öffnet sich 
an der Innenseite mit einem Längsriß, so 
daß die Samen verstreut werden können 
(Springfrüchte). Keimten die Samen in der 
Fruchthülle, wie dies bei den bisher be- 
trachteten Hahnenfußgewächsen geschieht, 
so würden die jungen Pflänzchen in einem 
Trupp beisammenstehen und sich gegenseitig 
Licht, Nahrung und Platz streitig machen. 




Keldrittersporn. 1. Blüte mit 
reifen Staubblättern. K. Kelch- 
blätter. B. Die verwachsenen 
Blumenblätter. 3. Blüte mit 
reifer Narbe. 3. Frucht 
Wind hat einige Samen 
geschüttelt. (Nat. Gr 



der 
aus- 



Die nächsten Verw^antlten der Sumpf- 
dotterblume. 
Der Feld-Rittersporn (Delphinium consölida") 
zählt zu den bekanntesten Ackeruukräutern, seine 
azurblaue Blüte aber zu den schönsten Feldblumen. 
Wälirend zur Erntezeit die Sense fast alle größern 
Ackerpflanzen tötet, bleibt der Rittersporn am 
Leben: er treibt aus dem Stumpfe des Stengels von neuem Seitenzweige und blüht 
bis in den Herbst hinein. Vermöge der langen Pfahlwurzel und der wnzigen, zer- 
teilten Blattflächen vermag er diese trockenste Zeit des Jahres leicht zu überstehen. 
Die Blumenblätter sind zu einem kleinen, helmartigen Gebilde (B.) verwachsen, das 
den Blütenstaub gegen Tau und Regen schützt und am Hinterende einen Honigsporn 
trägt. Die Anlockung der Insekten ist in erster Linie dem weit größern Kelche (K.) 
übertragen, der gleichfalls bunt gefärbt ist. Sein oberes Blatt ist in einen langen Sporn 
ausgezogen, der den Honigsporn wie eine Scheide schützend umgibt. Da der Honig tief 



1) Die edaten Xapern sind die Blütenknospen des Kapernstrauches (Cdparis spinösa), 
der in Südeuropa und Nordafrika wäcLst. 2j ddphinion, Delphinspflaiize, weil die Blutenknospe 
einem Delphin ähnlich sein soll; c.onsolidäre. festmachen (zuheilen). 



Sauerdorn- oder Berberitzengewächse. 



59 



geborgen ist, vermögen nur langrüsselige Insekten bis zu ihm vorzudringen. In Jüngern 
Blüten, in denen die Staubblätter den einzigen vorliandenen Stempel noch gänzlich 
umhüllen, stehen die Staubbeutel vor der Öffnung des Spornes. In altern Blüten 
dagegen nimmt die nunmehr reife und freistehende Narbe diese Stelle ein. Es kann 
daher nicht ausbleiben, daß das saugende Insekt Blütenstaub jüngerer Blüten zur 
Narbe älterer trägt, also Fremdbestäubung herbeiführt. Vor allen Dingen ist es die 
Gartenhummel, die der Pflanze diesen Dienst erweist. — Ganz ähnlich erfolgt die 
Bestäubung, und zwar gleichfalls ausschließlich durch Hummeln, bei zwei bekannten 
Gartenpflanzen, der Akelei (Aquilegia vulgaris ^ und dem Sturmhut (Aconitum 
napellus"). Die Akelei, die nach der Form ihrer Blüte fälschlich vielfach als „Glocken- 
blume" bezeichnet 'vvird, kommt 
wild hier und da auch in Wäldern 
vor. Die Heimat des Sturmhutes, 
dessen sehr scharfes Gift in der 
Heilkunde Verwendung findet, 
sind die Alpen, sowie die Gebirge 
Süd- und Mitteldeutschlands. — 
Von dorther stammt auch die 
vielfach in Gärten angepflanzte 
schwarze Nieswurz (Helleborus 
niger*), so genannt, weil ihre 
schwarze Wurzel im gepulverten 
Zustande Niesen erregt. Mitten 
im Winter entfaltet die Pflanze 
ihre prächtigen, schneeweißen Blüten („Schnee- oder Christrose"), in denen sich ein 
Kranz zierlichster, tütenförmiger Honigbehälter (d. s. die umgewandelten Blumen- 
blätter) findet. — Auch die Pflngstroseu (Paeönia*), die in unsern Gärten meist mit 
gefüllten Blüten gezogen werden, sind Hahnenfußgewächse. 

Glieder einer nahestehenden Familie, die bei uns nicht vertreten ist, sind 
der Tulpenbaum (Liriodendron tulipifera^) und die prächtige Mag'nolie (Magnölia grandi- 
flöra^), die beide aus Amerika stammen und in Parkanlagen häufig angetroffen werden. 




1. 2. 

Blüte 1. von der Akelei, 2. vom Sturmhut. 



18. Familie. Sauerdorn- oder Berberitzen-Gewächse (Berberideae '). 
Der Sauerdorn oder die Berberitze (Berberis vulgaris'). 

1. Der Sauerdorn findet sich wild in Hecken und Gebüschen und 
ist einer unsrer beliebtesten Ziersträucher. In der Nähe von Getreide- 
feldern sollte man ihn aber nicht dulden; denn die rostfarbenen Flecke, 
die auf der Unterseite seiner Blätter häufig zu beobachten sind, stellen 
die Sporenlager des sog. Berberitzenrostes dar, eines Pilzes, der mit 
dem außerordentlich gefährlichen Getreideroste (s. das.) in innigem Zu- 
sammenhange steht. Neben den gewöhnlichen eiförmigen, scharfge- 
zähnten Blättern finden sich an den Jüngern Zweigen solche, die in 
drei- bis siebenteilige, scharfe Dornen umgewandelt sind. Sie fallen 



1) aquilegus, Wasser sauimelnd, weil in den Blattwinkeln oft Wasser zm-ückbleibt; vulgaris, 
gemein. 2) aköniton, bei den alten Griechen eine unbekannte Giftpflanze, vielleicht von aJcönai, 
Felsen, weil dort wachsend; napellus, Rübchen, wegen der Form des Wurzelstockes. 3) heUebonis, 
Nieswurz; niyer, schwarz. 4) Nach Paiön, dem Gotte der Heilkunde benannt. 5) liriodendron: 
leiri07i, Lilie und dendron, Baum; tulijrifera: h'diiya, Tuli>e und f'ero, ich trage. 6) magnölia von 
Magnol, franz. Botaniker, f 1745; grandiflora: grandis, groß und flos, Blume. 7) berberis, in der 
Berberei (Nordafrika) heimisch (?) vulgaris, gemein. 



60 



Sauerdorn- oder Berberitzengewächse. 



im Herbste nicht ab und stehen am Grunde der Winterknospen. Wenn 
sich nun im Frühjahre aus den Knospen Zweige entwickehi, so bilden 
die Dornen für sie eine treffliche Schutzwehr gegen Weidetiere, sowie 
gegen Raupen und Schnecken, die, nach dem zarten Laube lüstern, am 
Stengel emporsteigen. 

2. Die eigentümlich duftenden Blüten stehen in Trauben, werden 
also trotz ihrer Kleuiheit auffällig, und zwar um so mehr, als nicht nur 
die sechs Blumenblätter, sondern auch die Kelchblätter an der Innenseite 
gelb gefärbt sind. Die anfänglich aufrecht stehenden Trauben werden 
später hängend, so daß die 
Blüten wagerecht oder schräg 
abwärts gestellt sind. Da zu- 
dem die Staubbeutel von den 
umgebogenen Zipfeln der Blü- 
tenblätter überdeckt werden, 
ist der Blütenstaub gegen Regen 
vollkommen geschützt. Berühi't 
man eins der sechs 

Staubblätter am 
Grunde mit einer 
Nadel oder dgl., so 
schnellt es plötzlich 
nach innen. Das- 
selbe geschieht na- 
türlich auch, wennv 
es an jener Stelle 
von einem Insekt 
berührt wird. Diese 
Berührung erfolgt 
nun entweder zu- 
fällig, oder • — was 
die Regel ist — beim 
Saugen des Honigs; 
denn der süße Saft 

wird von zwei 
orangefarbenen An- 
schwellungen jedes 
Blumenblattes ab- 
geschieden, die unter 

dem reizbaren 
Grunde des Staub- 
blattes hegen. Dabei kann es natürlich nicht ausbleiben, daß das Insekt 
mit Blütenstaub beladen wird. Fliegt das Tier darauf zu andern Blüten, 
dann werden sicher einige Staubkörnchen an der Narbe dieser oder jener 
Blüte abgestreift. 




.Sauerdorn. 1. Zweigstückmit Knospen und Jungen Blättern. 
2. Blühender Zweig. Auf einigen Blättern die Sporenlager des 
Berberitzenrostes. 3. Blüte, nach Entfernung der vordem 
Blütenteile. Ein Staubblatt hat sich infolge eines Reizes der 
Narbe angelegt. 4. Früchte. 



Seerosen. 61 

3. Der Fruchtknoten entwickelt sich zu einer eßbaren Beere, die mit 
ihrem leuchtenden Rot Vögel zum Verzehren des saftigen, säuerlichen 
Fruchtfleisches (Sauerdorn!) einladet. 

Eine nahe Verwandte ist die Mahonie (Malaönia aquifölium*), die wegen ilirer 
immergrünen Blätter und goldgelben Blütentrauben häufig in Parkanlagen zu finden 
ist. Sie stammt aus Nordamerika und ist gleichfalls ein Träger des Berberitzenrostes. 

19. Familie. Seerosen (Nymphaeäceae ^). 
Die weiße Seerose (Nymphsea alba"). Tai 7. 

Der stille Weiher, der schuf umkränzte Teich, der blinkende See, sie 
alle erhalten erst durch die Seerose ihre schönste Zier. Die riesigen Blätter, 
die sich gleich schwimmenden Schilden auf dem Wasserspiegel ausbreiten, 
und die wunderbar zarten Blüten, die gefüllten Rosen ähneln (See-, Teich- 
und Wasserrose), erhöhen mächtig den geheimnisvollen Zauber, den das 
Wasser auf den Menschen ausübt (vgl. Goethes „Fischer"!). Darum ist 
auch die prächtige Pflanze schon seit uralten Zeiten durch Sage und 
Märchen verklärt: Auf den Blättern schaukeln sich im Mondenscheine die 
Elfen und Nymphen (Nymphaea!), und unter ihnen lauert die Nixe, um 
denjenigen zu sich in die Tiefe zu ziehen, der die herrliche Blüte brechen 
will („Nixblume"; die Nixe heißt auch „Wassermuhme", die Pflanze daher 
„Mummel"). 

Während die meisten Pflanzen bald zugrunde gehen, wenn sie längere 
Zeit überflutet werden, spielt sich das Leben der Seerose mit Ausnahme 
des Blühens im Wasser ab: sie ist eine Wasserpflanze. 

1. Ihr Stamm, ein armdickes Gebilde, ist mit vielen Blattnarben 
bedeckt und im schlammigen Grunde eingebettet. Da er durch zahl- 
reiche Wurzeln, die sich tief in den Boden senken, verankert wird, ver- 
mag die Seerose nur Seen und Teiche mit lockerem Untergrunde, im 
Gegensatz zu den nichtwurzeluden Wasserpflanzen, z. B. der Wasserprimel, 
aber auch langsam fließende Gewässer zu bewohnen. Die Wurzeln sind 
jedoch auch Werkzeuge der Nahrungsaufnahme. Daher kann die Seerose 
nur auf schlammigem Untergrunde gedeihen, nicht etwa auch auf einem 
nahrungsarmen Sand- oder Geröllboden. Am Endteile des Stammes er- 
heben sich die langgestielten Blüten und Blätter. 

2. Blätter. Solange sich die wachsenden Blätter unter Wasser be- 
finden, sind ihre jetzt noch sehr zarten Blattflächen so von beiden Seiten 
nach innen gerollt, daß man nur die Unterseite sehen kann. Wären sie 
ausgebreitet, so würden sie sicher in noch weit höherm Grade der Ge- 
fahr ausgesetzt sein, durch Wellen und Strömung zerrissen zu werden, 
als dies Jetzt der Fall ist. Sobald die Blätter die Wasseroberfläche er- 
reicht haben, stellt der Stiel das Wachstum ein, und die großen, am 



1) Mahonia, nach dem amerik. Botaniker Mac Mahon; aquifoUus statt acrifolius von äcer, 
scharf und fölium, Blatt. 2) nympliaea von nymphe, Nymphe; albus, weiß. 



62 Seerosen. 

Grunde tief herzförmigen Blattflächen breiten sich auf dem Wasserspiegel 
aus, in vollem Genüsse von Licht und Luft. Je nach der Tiefe des 
Wassers sind daher die Stiele von sehr verschiedener Länge. Ins Unge- 
messene können sie natürlich nicht wachsen; denn der Pflanze steht ja 
nur eine gewisse Menge von Baustoffen zur Verfügung. Diese Tatsache 
macht es verständlich, daß die Seerose nur in verhältnismäßig flachen 
Gewässern oder in der Uferzone tiefer Gewässer lebt. Hat das Wasser 
seinen höchsten Stand inne, so stehen die Stiele fast senkrecht; sinkt es, 
so rücken die Blattflächen weiter auseinander, und die Stiele bewegen 
sich nach außen (etwa wie Stäbe eines Schirmes, den man mit der Spitze 
auf den Erdboden stellt und öffnet). 

a) Reißt man einen Blattstiel vom Stamme los, so schwimmt er samt 
seiner Blattfläche auf dem Wasser. Dies geschieht infolge zahlreicher großer, 
luftgefüllter Zwischenzellräume, die' auf zarten Querschnitten schon 
mit bloßem Auge deutüch zu sehen sind und wie die Hohlräume eines 

Schwimmgürtels wirken. Der schwimmenden 
Blätter wegen zählt die Seerose zu den 
„Schwimmpflanzen". 

Auf den Querschnitten bemerkt man, falls 
man sie gegen das Licht hält, wie von den 
Zellwänden der Lufträume sternförmige 
Haare ausstrahlen, die mit körnigen Rau- 
higkeiten versehen sind. In diesen Gebilden 
glaubt man ein Schutzmittel der Pflanze be- 
sonders gegen Schnecken zu erkennen; denn 

wenn den gefräßigen Tieren beim Benagen 
Querschnitt aus dem Blattstiele , qj.- i v .•• i- • i. t o -4- 

, -n o •+ ^ der Stiele bestandig lene scharten Spitzen in 

der weilien Seerose mit gro- , j i • 

ßen Lufträumen und sternför- den weichen Körper dringen — und das ist 
migen Haaren (50mal vergr.). unausbleiblich! — , SO werden sie das Zer- 
störungswerk wohl bald aufgeben müssen. 

Andre Naturforscher halten die Haare für Vorrichtungen, die Luft- 
räume „auszusteifen". Da nämlich Stamm und Wurzeln der Seerose 
in schlammigem Boden eingebettet sind, der meist völlig von Sumpfgas 
durchtränkt ist, muß ihnen die Atemluft von den Blättern aus zugeleitet 
werden, und das kann natürlich nur dann geschehen, wenn die Wände 
der Hohlräume nicht zusammenfallen. Ferner bewirken die Haare, daß 
das Wasser, das etwa bei Verletzungen in die Stiele eindringt, die Luft- 
räume nur auf eine ganz kurze Strecke erfüllt. Durch die Sternhaare 
wird also die notwendige Verbindung zwischen Blatt und Wurzel stetig 
aufrecht erhalten. 

b) Da die Last des Blattes vom Wasser getragen wird, erscheint die 
auffallende Größe der Blattfläche, sowie die Schlaffheit und Bieg- 

Taf. 7. 1. Blühende Pflanze. 2. Staubblätter, die allmälilich in Blumenblätter über- 
gehen. 3. Frucht, quer durchschnitten. 4. Same. 




Schmeüs Naturwissenschaftliches Unterrichtswerk. 




Weiße Seerose (Nymphaea alba). 



Seerosen. 63 

samkeit des Stieles, der bei den Luftpflanzen bekanntlich die Blattfläche 
und sein eigenes Gewicht zu tragen hat, wohl verständlich. Andrer- 
seits ist aber auch nur ein solch seilartiger Stiel imstande, den Be- 
wegungen der Blattfläche (Wellen, Wind!) leicht und schnell zu folgen. 
Versiegt das Gewässer, dann sinken freilich die langgestielten Blätter 
in den Schlamm und gehen zugrunde. Die Seerose stirbt aber nicht, falls 
nur der Boden feucht bleibt. Sie treibt andre Blätter, deren kurze, 
kräftige Stiele die kleinern Blattflächen wohl zu tragen vermögen: die 
Seerose wird zur Landform, führt also gleichsam ein amphibisches 
Leben. (Häufiger ist allerdings die Landform der gelben Teichrose zu 
beobachten.) 

c) Schwimmende Blattflächen haben durch die auf- und absteigenden 
Wellen mehr oder -minder heftige Erschütterungen auszuhalten und 
werden von niederfallenden Regentropfen mit voller Kraft getroffen. 
Die starken, lederartigen Blätter der Seerose indessen widerstehen 
diesen Angriffen leicht. 

d) Hält man ein abgeschnittenes Seerosenblatt unter Wasser und 
bläst durch den Stiel kräftig Luft ein, so sieht man, wie diese von der 
Oberseite der Blattfläche in Form glänzender Perlen wieder emporsteigt 
(vgl. Abschn. 2a). Letzteres geschieht durch die Spaltöffnungen. 
Während diese bei den Blättern der Landpflanzen ziuneist an der Unter- 
seite liegen, finden sie sich hier also auf der Oberseite, die allein 
von Luft umspült wird. 

Bei der Seerose ist keines der Mittel vorhanden, die bei zahlreichen 
Landpflanzen eine allzu starke Ausscheidung von Wasserdampf verhindern; 
denn da ihr stets Wasser im Überfluß zur Verfügung steht, kann ihr 
selbst eine sehr reichliche Verdunstung nicht verhängnisvoll werden. 
Eine solche ist für sie im Gegenteil nur vorteilhaft; denn je mehr Wasser 
sie verdunstet, um so mehr muß sie wieder aufnehmen, und um so mehr 
im Wasser gelöste Nahrungsstoffe werden ihr zugeführt. Es wird uns 
daher auch durchaus verständhch, daß das Seerosenblatt mit sehr vielen 
(etwa zehn Millionen!) Spaltöffnungen versehen ist, durch die der Wasser- 
dampf in erster Linie entweicht, und daß es mehrere Einrichtungen 
besitzt, die eine unbehinderte Verdunstung gewährleisten: Die Oberseite 
ist erstlich mit einem Wachsüberzuge versehen, so daß das Wasser von 
ihi' abrollt wie von dem eingefetteten Gefieder der Ente oder Gans. Dies 
geschieht zweitens um so leichter, als die Blättfläche an der Verwachsungs- 
stelle mit dem Stiele meist etwas erhöht ist, und als drittens der Blatt- 
rand wellenartige Krümmungen zeigt, also zahlreiche Rinnen für 
das abfließende Wasser bildet. In dem Violett der Blattunterseite, 
das sich zumeist auch in den Blattstielen findet, hat man sogar ein 
wichtiges Förderungsmittel der Verdunstung erkannt. Wie z. B. unsre 
Kleidung im Sommer zeigt, wird das Licht von dunklen Farbstoffen auf- 
gefangen und in Wärme umgesetzt. Dieser Vorgang spielt sich natür- 
lich auch in den Seerosenblättern ab, wenn deren Flächen durchleuchtet 



64 



Seerosen. 



werden. Eine Erhöhung der Temperatur hat aber stets auch eine stärkere 
Verdunstung im Gefolge. 

3. Überwinterung-. Auch die Weise, in der die Seerose den Winter 
übersteht, hängt mit ihrer Natur als Schwimmpflanze innig zusammen. 
Die auf dem Wasserspiegel sch\\dmmenden Blätter würden durch die 
Winterkälte um so sicherer zerstört werden, als sich ja das Wasser mit 
einer Eisdecke überzieht. Die Blätter sterben daher im Herbste ab. Am 
Grunde der Gewässer dagegen sinkt selbst im kältesten Winter die 
Temperatur nicht bis auf den Nullpunkt, also so tief, daß sie das dort 
herrschende Pflanzenleben vernichtete. Dort können demnach Gewächse 

überwintern, und dort 
vermag auch der Stamm 
der Seerose seinen 
„Winterschlaf" zu hal- 
ten. Die Seerose zählt 
also wie alle Wasser- 
pflanzen (mit Ausnah- 
me einiger Uferbewoh- 
ner) zu. den ausdau- 
ernden Gewächsen. 
4. Die Blüte steht 
am Ende eines langen 
S t i e 1 e s , der alle Eigen- 
schaften der Blattstiele 
besitzt. Solange sich 
die Blüte unter Was- 
ser befindet, bilden die 
4 Kelchblätter für 
das Blüteninnere einen 
festschließenden Man- 
tel; an der geöffneten 
Blüte dagegen stellen 
sie gleichsam kleine, auf 
dem W^asser schwim- 
mende Boote dar. Da 
sie auf der Innenseite 
weiß sind, helfen sie 
mit, die Blüte auffälhg zu machen. Die zahlreichen schneeweißen Blu- 
menblätter werden nach iimen zu beständig kleiner und gehen all- 
mählich in Staubblätter über, ein Zeichen, daß diese Blütenteile um- 
gewandelte Blattgebilde sind. Der Fruchtknoten, der eine strahlig- 
schildförmige Narbe trägt, ist dem des Mohnes sehr ähnlich. Da ihm die 
Blumen- und Staubblätter in einer Spirale angeheftet sind, erklären sich 
die zahlreichen Blattnarben, die an der Außenwand der Frucht zu be- 
obachten sind. 




Amerikanische Seerose. 



Seerosen. 



65 



Wenn die Morgensonne am Himmel steht, öffnen sich die weithin 
leuchtenden, schwach duftenden Blüten. Pliegen und Käfer, die sich aber 
mit Blütenstaub (zahkeiche Staubblätter!) begnügen müssen, kommen zu 
ihnen zum Mahle. Gegen Abend schUeßen sich die Blumen wieder, so 
daß der leicht verderbende Blütenstaub gegen den Tau der Nacht und 
die aus den Gewässern aufsteigenden Nebel wohl geschützt ist. 

5. Friiclit. Nachdem die Blüte bestäubt ist, biegt sich der Blüten- 
stiel so, daß der schwellende Fruchtknoten wieder in das Wasser taucht. 
Der Innenraum der beerenarligen Frucht ist wie bei einer Mohnkapsel 
in mehrere Fächer geteilt. Bei der Reife platzt die verfaulende Frucht- 
wand, so daß die zahlreichen Samen, die von je einer schwammigen, 









Indische Seerose (1.) und Lotosblume (2.). 

schleimigen Hülle umgeben sind, frei werden. Durch diesen Samen- 
mantel werden die an sich schweren Gebilde spezifisch so leicht, daß 
sie schwimmen und mithin durch Strömung, Wind und Wellen oft weit- 
hin verschlagen werden. Ist der „Schwimmgürtel" durch Fäulnis zerstört, 
dann sinken die Samen auf den Grund des Gewässers, um dort vielleicht 
eine neue Pflanze ins Dasein zu rufen. Da der Samenmantel klebrig ist 
und infolgedessen leicht am Körper der Wasser vögel haftet, kann es kaum 
ausbleiben, daß die Samen zu andern Gewässern getragen werden: die 
Seerose gibt sich also auch durch die Verbreitung ihrer Samen als eine 
echte Wasserpflanze zu erkennen. 

Andre Seerosen. 

Gleich der weißen Seerose ist die gelbe Teichrose (Nuphar luteum^) eine bekannte 
Zierde unsrer Gewässer. Sie stimmt — abgesehen von mehreren Einzelheiten im Bau 

1) nuphar, unerkl. ; luteus, gelb. 
Sohmeil, Lehrbach. der Botanik. 5 



66 



Seerosen. Lorbeergewächse. 



der Blüte und der Frucht — mit jener in allen Stücken fast vollkommen überein. — An 
Schönheit werden beide noch von den Seerosen der warmen Gegenden übertroffen. Unter 
diesen ist wieder der amerikanisclien Seerose (Victoria regia ^; s. Abb. S. 64) der Preis 
zuzuerkennen. Sie bewohnt die großen Ströme des warmen Südamerika. Ihre kreis- 
runden Blätter, die mit einem erhöhten Rande versehen sind, halben einen Durch- 
messer bis zu 2 m, und die wohlriechenden, anfangs weißen, später rosafarbenen 
Blüten einen solchen bis zu 40 cm. — Hohe Berühmtheit hat die ägyptische Seerose 
oder die Lotosblume (Nymphsea lotus"; s. Abb. S. 65) erlangt. Wenn der Nil das Land 
überschwemmt- grünt und blüht die herrliche Pflanze bald in allen Gräben und 
Kanälen ; wenn aber das Wasser 
wieder in seine Ufer zurück- 
kehrt, verschwindet auch sie 
wieder. Nur der im Boden ein- 
gebettete Stamm vermag die 
lange Zeit der Trocknis zu über- 
dauern. Gleich dem heiligen 
Strome selbst galt die Lotos- 
blume als ein Sinnbild der 
Fruchtbarkeit und Avar den hohen 
Göttern geweiht. Ihr mehl- 
reicher Stamm und ihre Samen 
wurden besonders früher von 
den Bewohnern des Landes ver- 
zehrt. — Häufiger allerdings 
baute man zu diesem Zwecke 
die indische Seerose (Nelümbo 
nucifera"; s. Ablj. S. 65) an, die heute nocli 
in einem großen Teile Südasiens eine wert- 
volle Nahrungspflanze bildet. Das herrliche, 
von den Indern heilig gehaltene Gewächs 
hebt die trichterförmigen Blätter und roten 
Blüten lioch über den Wasserspiegel empor. 

Anhangsweise sei hier eine Pflanze 
erwähnt, die den Seerosengewächsen sehr 
nahesteht. Es ist dies das Hornblatt (Cerato- 
phj-]lum^), das völlig untergetaucht im Wasser 
lebt und wie der Wasserhahnentiiß schwache 
Stengel und fein zerteilte Blätter besitzt. 
Da sich die einhäusigen Blüten gleichfalls 
im Wasser entfalten, wird auch der Blüten- 
staub durch dieses zu den Narben getragen. 
Dem Hornblatte fehlen dementsprechend auc 
alle die Mittel, die bei Luftpflanzen zum 
Schutze des Blütenstaubes u. dgl. vorhanden 
sind: die Blüten sind höchst einfach gebaute, unscheinbare Körperchen in den Blatt winkeln. 




hender Lor- 
M'zweig mit 
reiten, vorjähri- 
gen Früchten 
verkl. 



20. Familie. Lorbeerg-e wachse (Lauräceae^). 

Der Lorbeerbaum (Lauras nöbihs'^) ist eine Pflanze des ]\Iittelmeergebietes, deren 
beiderseits zugespitzte, etwas gewellte Blätter lederartig derb sind wie die der Orangen- 
gewächse (s. das.). Der Lorbeerkranz gilt schon seit dem Altertume als ein Zeichen 



3) Nach der Königin Viktoria von England benannt; rerfius, 'k'ömghch. 2) Xi/mpJutea. s. S. 61, 
Anm. 2; lotus, unerkl. 3) nelumho, Xame der Pflanze auf Ceylon; niict'feni : nux, Nuß unA fern, 
ich. trage. 4) KusMras, Hoin -and phyllon, Blatt zusammengesetzt. 5) laurus, Lorbeer; ndbilis, edel. 



Ijorl)eerc;ewächse. 



67 



erworbenen Ruhmes, und f^ern legen wir ihn auf die Ruhestätte unsrer Verstorbenen. 
üa sowohl die Blätter, als auch die beerenartigen Früchte ein flüchtiges (')\ von an- 
genehmem Duft enthalten, dienen sie als Gewürz an Speisen. — Ein weit wertvolleres 
Gewürz, den Zimt, liefern uns andre Lorbeergewächse in der Rinde ihrer Stämme 
und Zweige. Unter diesen Pflanzen nimmt wieder der Ceylon-Zimtl)auiu (Cinnämomum 
ceylänicum^) die erste Stelle ein. Er kommt wild jetzt noch auf den Gebirgen Ceylons 
vor, wird aber zum Zwecke der Zimtgewinnung als Strauch in Pflanzungen gezogen. 
Haben die Stämme eine Stärke von etwa 4 cm erreicht, dann schneidet man sie dicht 
über dem Boden ab, entblättert sie nnd löst von ihnen und ihren Ästen die Rinde los. 
Nachdem die äußern, bitter schmeckenden Teile sorgfältig entfernt sind, werden die 




Blühender Zweig vom Zimt 
bäum (verkl.). 



M u s k a t n u ß b a u ni . 

Blühender Zweig mit reifer 

Frucht: F. Fruchtfleisch; 

S. Same; Sm. Samenmantel. 



Rindenstücke getrocknet. Hierbei rollen sie sich zusammen, nehmen eine rotbraune 
Farbe an und kommen als Zimt oder Kaneel in den Handel. — Ein Glied derselben 
Gattung ist der Kampferbaum (C. cämphora-), der sich von China und Japan aus über 
alle wärmern Gebiete verbreitet hat und etwa die Gestalt einer riesigen Schwarzpappel 
zeigt. Alle Teile des Baumes enthalten Kampfer, der als wichtiges Heilmittel, sowie 
zum Vertreiben schädlicher Insekten u. dgl. im Gebrauch ist. 

Einer nahe verwandten Familie gehört der Muskatuußbaum (Myristica fra- 
grans*) an, der auf den Molukken heimisch ist, aber auch auf den Antillen angebaut 
wird. Die walnußgroße Frucht ist eine Beere, deren steinharter Same die besonders 
früher als Gewürz hoch geschätzte Muskatnuß liefert. Umgeben ist dieser von einem 
karminroten, zerschlitzten Gebilde, dem sog. Samenmantel, der als Macis oder Muskat- 
blüte in den Handel kommt und gleichfalls ein wichtiges Gewürz bildet. Das harte 
Fruchtfleisch dagegen, das beide umschließt, dient nur den Eingeborenen als Speise. 



1) cinnämomum, Zimt; ceylunicus von Ceylon. 2) cämphora von dem arabischen Worte kam- 
four. 3) myristica von mijristikös, zum Salben, Parfümieren geeignet; fragrans, starli duftend. 



gg Sonnentaugewächse. 

21. Familie. Sonnentaugewächse (Droseräceae ^). 
Der rundblättrige Sonnentau (Drosera rotundifölia'). Taf. 8. 

1. Ein Bewohner des Moores. Die zierlichen Blattrosetten des 
eigentümlichen Pfläuzchens sind dem feuchten Boden des Moores oder 
den weichen Polstern des Torfmooses (Sphagnum) aufgelagert. Viel- 
fach finden sie sich auch in dem niedrigen Grase, das den schwanken- 
den Grund bedeckt. Im Sommer erheben sich aus der Mitte der Rosette 
einige kaum spannenlange Blütenschäfte. Die weißen, unscheinbaren 
Blüten entfalten sich aber niu" im warmen Sonnenscheine, und zwar je 
nur auf einige Stunden. Die grünen Blätter tragen auf langen Stielen 
kreisrunde, schwach muldenförmig gebogene Blattflächen, die auf der 
Oberseite mit zahheichen roten, haarartigen Wimpern bedeckt sind. 
Diese nehmen vom Rande nach der Mitte zu beständig an Größe ab und 
sind von je einem roten Köpfchen gekrönt. Da die Köpfchen von einer 
farblosen Flüssigkeit umhüllt sind, glänzen und glitzern sie im Sonnen- 
scheine wie der Tau in der Morgenfrühe (Sonnentau!) oder wie der Honig 
in zahheichen Blüten z. B. der Doldenpflanzen. Die Flüssigkeit verdunstet 
aber selbst an warmen Tagen nicht und schmeckt auch nicht süß: sie 
kann also weder Tau, noch Honig sein. Berühren wir sie, so gibt sie 
sich als eine klebrige, fadenziehende Masse zu erkennen, die von den 
Köpfchen ausgeschieden wird. Die Köpfchen sind also Drüsen, die auf 
langen Stielen stehen. Sehr häufig findet man auf den Blättern Panzer 
von Insekten oder Teile davon. Wie sind diese Tierreste dorthin gelangt? 

2. Eine „insektenfressende" Pflanze, a) Wie die Beute ge- 
fangen wird. Durch die rote Färbung der Wimpern und die klebrige, 
wie Honig glänzende Masse der Drüsenköpfchen werden Insekten ange- 
lockt. Gerät zufälhg ein Tierchen auf die Blattfläche, oder läßt sich ein 
solches darauf nieder, um den vermeintlichen Nektar zu trinken, so fühlt 
es sich gefangen und sucht zu entfliehen. Einem kleinen Insekt ist dies 
aber nicht mehr möglich: es wird von den Drüsen, die es berührt, wie 
von Leimruten festgehalten. Die Köpfchen nehmen jetzt eine dunkelrote 
Farbe an und scheiden eine größere Menge Flüssigkeit aus; ihre Stiele 
krümmen sich wie Finger der Mitte der Blattfläche zu; die benachbarten 
Wimpern krümmen sich gleichfalls und drücken ihre Köpfchen auf die 
Beute; dasselbe tun die entfernteren Wimpern: und nicht lange währt 
es, so ist das Insekt wie von hundert und mehr Saugnäpfchen eines 



1) droseros, tauig; rotundifolius, rundblätterig. 



Taf. 8. Rundblättriger Sonnentau: 1. Blühende Pflanze im Torfmoos. 2. Blatt 
von oben und 3. von der Seite gesehen; alle Wimpern sind ausgebreitet. 4. Blatt mit 
gefangener Fliege; die Wimpern der linken Seite haben sich niedergebeugt. 5. Dasselbe 
Blatt; das Tier ist nach der Mitte befördert; alle Wimpern haben sich herab gekrümmt. 
Fettkraut: 6. Blühende Pflanze. 7. Blatt mit aufgerolltem Blattrande und mehreren 

gefangenen Insekten. 



Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



Tafel 8. 




Rundblättriger Sonnentau (Drosera rotundifolia) und 
Fettkraut (Pinguicula vulgaris). 



Sonnentaugewächse. 



69 



Polypen gepackt, zur Mitte des Blattes befördert und in der ausgeschiede- 
nen Flüssigkeit ertränkt (erstickt). 

b) Wie die Beute „verzehrt" wird. Nach ein paar Tagen finden 
wir auf dem Sonnentaublatte, dessen Drüsenwimpern sich unterdes wieder 
aufgerichtet haben, nur noch den Hautpanzer des gefangenen Insekts. 
Wo sind aber die Weichteile des Tieres so schnell hingekommen? Die 
Flüssigkeit, die von den Drüsen ausgeschieden wird, enthält einen Stoff, 
der wie unser Magensaft imstande ist, eiweißhaltige Körper (Fleisch u. dgl.) 
aufzulösen. Durch seine Einwirkung 
wurden in der Mulde des Blattes die 
Weichteile verflüssigt, und indem die 
Drüsen die ausgeschiedene Flüssig- 
keit wieder einsogen, nahm die 
Pflanze die eiweißhaltigen Stoffe des 
Insektenleibes auf. Mit Recht nennt 
man daher den Sonnentau eine „in- 
sektenfressende" Pflanze. — Ge- 
nau wie gegen lebende Tiere ver- 
hält er sich auch gegen andre stick- 
stoffhaltige Körper (Fleischstückchen, 
gekochtes Hühnereiweiß, geronnenes 
Blut u. dgl.). Bringt man dagegen 
Sandkörnchen, Holz, Zucker oder 
andre stickstoffreie Körper auf die 
Blätter, so • stellen sich jene Ver- 
änderungen zwar auch ein, aber in 
einem viel schwächern Grade und 
ohne daß diese Körper irgendwie 
verändert oder gar aufgesogen wür- 
den. . (Wie verhält sich das Blatt, 
wenn man ihm zwei Speisebrocken 
gibt? Inwiefern ist die muldenförmige 
Blattfläche und die Anordnung der 
Blätter zu einer Rosette für die 
Pflanze von Vorteil?) 

Daß die aufgesogenen Tierstoffe 
dem Sonnentau wirklich zur Ernäh- 
rung dienen, haben zahlreiche Versuche bewiesen: die mit tierischer Kost 
„gefütterten" Pflanzen waren stets kräftiger und erzeugten größere Samen 
und Winterknospen als die Pflanzen, denen man eiweißhaltige Stoffe 
vorenthielt. Daher kann der Sonnentau auch mit so dürftig entwickelten 
W^urzeln auskommen. Und wenn wir erfahren, daß der Moorboden sehr 
arm an Stickstoff ist, ohne den sich in den grünen Blättern kein Eiweiß 
bilden kann, so werden wir auch die Wichtigkeit des Insekteufanges für 
die Pflanze als für einen Moorbewohner verstehen. 




Venus-Fliegenfalle. 

Neben der ganzen Pflanze ein Blatt, das 

ein Insekt gefangen hat. 



?ö 



Sonnentaugewächse. Osterluzeigewächse. 




Verwandte. Wie die Sonnentauarten sind auch die andern Glieder der FamiHe 
tierfangende Gewächse. Unter diesen beansprucht die Venus-Fliegrenfalle (Dioncca 
muscipula^; s. Abb. S. 69), die auf den Torfmooren Carolinas wächst, besonderes Interesse. 
Die Biattflächen der Pflanze klappen nämlich, wenn sich ein Insekt auf ihnen nieder- 
läßt und eine der drei großen, beweglich eingelenkten 
Borsten berührt, so schnell der Länge nach zusammen, 
daß das Tier zwischen den beiden Abschnitten festgehalten 
und getötet wird. Hierauf scheiden Drüsen, genau wie beim 
Sonnentau, Verdauungssäfte aus, und die F'flanze saugt 
darauf die nährenden Stoffe ein. 



Einer nahe stehenden Familie gehören die merk- 
würdigen Kannensträucher (Xepenthes-) an, die bei uns 
häufig in Gewächshäusern gezogen werden. Sie be- 
wolmen l)esonders im tropischen Asien sumpfige Urwälder 
und klettern vielfach mit Hilfe von Blattranken an niedrigem 
Gc-iträuch empor. Ihre Blätter sind im ersten Abschnitte 
l)reit und flach, im mittleren strangartig, im Endteile aber 
zu einer kannenförmigen Fangvorrichtung umgewandelt, 
die mit einem geöffneten Deckel versehen ist. Wie die 
Blumen, bedient sich auch die Kanne besonderer Mittel, 
die Insekten anzulocken: während der Deckel und be- 
^oiidei-5 der gewulstete Rand oft mit Honig bedeckt sind, zeigt die 
Buntfäibung des ganzen Gebildes den Tieren an, daß hier eine Nah- 
rung^(iuelle fließt. Der Kannenrand ist aber an der Innenseite ab- 
schü— lg und durch einen Wachsüberzug geglättet. Es kann daher 
nullt au'ibleiben, daß zahlreiche Näscher in die Kanne stürzen, die 
olt bis zur Hälfte mit Flüssigkeit gefüllt ist Da auch die Innenwand 
der Kanne durch eine Wachsschicht gleichsam poliert ist und vom 
Rande oft noch große Zähne nach innen starren, so gibt es für die 
Gefangenen kein Entkommen. Sie ertrinken; ihre Weichteile werden 
von dem ausgeschiedenen Verdauungssafte aufgelöst und von der 
I^flanze aufsesogen. 



Blatt eines 

Kannen- 22. Familie. Osterluzeigrewächse (Aristolocliiäceae"). 

Strauches 
(auf etwa V- nat. I^i^ Osterluzei ( Aristolöchia clematitis^). Taf. 9. 

Die Osterluzei überwintert mit Hilfe eines unterirdi- 
schen Stammes. Da sich dieser weithin verzweigt, ist 
die meterhohe Pflanze in Gärten und Weinbergen oft ein lästiges Un- 
kraut. Sie tritt uns außer an diesen Orten auch an Feldrainen, in 
Hecken und Parkanlagen, ja selbst im Walde entgegen, ist aber wahr- 
scheinlich bei uns nicht heimisch. Ihre herz- oder nierenförmigen, lang- 
gestielten, zarten Blätter, denen wie allen andern grünen Teilen ein 

1) Dionaea, nach der Göttm Dione oder Ajulirodite, Veuus benanut (?j ; muscljntla , Fliegeiilauger. 
2) nepenthes, oline Kummer (im Altertume Zaubermittel). 3) aristolochia aus chistos , sehr gut und 
lochia, Geburt (wegen der Verwendung der Pflanze); clematitis, mit Ranken. 




Taf. 9. 1. Oberer Teil eines blühenden Stengels. 2. Jüngere Blüte; daraus, stärker 

vergr. 3. Giiffcl mit reifen Narben. 4. Ältere Blüte; daraus, gleiclifalls stark vergr. 

5. Griffel mit den reifen Staubblättern, 6. Frucht. 



Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



Tafel 9. 




Osterluzei (Aristolochia clematitis). 



Osterluzeigewächse. 7 1 

widerlicher Geruch entströmt, sind so gestellt, daß sie das Regen- 
wasser nach außen ableiten. 

Die Blüten, die in den Blattachseln entspringen, zeigen einen höchst 
sonderbaren Bau. Die gelbe Blutenhülle stellt eine Röhre dar, die am 
Grunde zu dem sog. Kessel („Kesselfallenblume") erweitert und im obern 
Abschnitte zungenförmig verlängert ist. In den Kessel ragt das obere 
Ende des Fruchtknotens hinein, der wie ein Teil des Blütenstieles er- 
scheint, mit mehreren Narben gekrönt und mit den Staubblättern innig 
verwachsen ist. An der Innenwand des röhrenförmigen Abschnittes finden 
sich zahlreiche lange Haare, die — wie ein Querschnitt zeigt — gleich- 
sam eine Reuse bilden. 

Die eigentümlich gebaute Blüte ist auch nur auf besondere Art 
zu bestäuben. Schlitzt man die Hülle einer Jüngern Blüte auf, so 
findet man im Kessel häufig zahlreiche, kaum 2 mm große Füegen und 
Mücken, die sich auf dem zungenförmigen Abschnitte der Blütenröhre 
(Anflugstelle!) niedergelassen hatten und durch die Röhre eingedrungen 
sind. Hier sind sie nun für einige Tage gefangen; denn die nach innen 
gerichteten Reusenhaare erlauben ihnen wohl einzudringen, aber nicht 
heraus zu kriechen. Kommen die Tiere, mit Blütenstaub beladen, bereits 
aus einer andern (altern) Blüte, so werden sie diesen leicht an den Narben 
abstreifen, die jetzt gerade reifen. Die saftigen Wände des Kessels geben 
den Gefangenen während dieser Zeit genügend Nahrung. Nach etwa zwei 
Tagen verwelken die Narben. Nun erst lassen die Staubbeutel den 
mehligen Staub fallen, von dem die Tierchen oft wie eingepudert erscheinen. 
Gleichzeitig verschrumpfen die Reusenhaare, so daß der Ausgang frei 
wird. Die Insekten kommen nunmehr aus der Blüte hervor, um gewöhn- 
hch bald darauf in einer zweiten Einkehr zu halten. Vor den Eingang 
der erstem, anfangs aufrechten, jetzt aber herabgebogenen Blüte legt sich 
nun der zungenfÖrmige Teil der Blütenhülle. Daher sind die Bestäuber 
genötigt, stets nur diejenigen Blüten zu besuchen, in denen sie der 
Pflanze allein einen Dienst leisten können. 

Obgleich man sicher in den meisten Blüten Insekten findet, setzt die 
Pflanze doch nur selten Früchte an. Es sind dies Kapseln von der 
Form kleiner Birnen, die sehr zahlreiche Samen enthalten. 

Eine nalie verwancUe Pflanze ist das Pfeifeukraiit (A. sipho^), das wir seiner 
großen Blätter wegen gern zur Bekleidung von Lauben verwenden. Der kletternde 
Strauch, dessen Blüten kleinen Tabakspfeifen ähneln, stammt aus Nordamerika. — Auch 
die Haselwurz (Asarum europteum') steht der Osterluzei sehr nahe. Sie findet sich 
am Boden des Laubwaldes (unter Haselnußsträuchern!), hat derbe, nierenlörmige Blätter 
und bräunliche Blüten, die sich im zeitigen Frühiahre entfalten. 



1) sij'hoii. Röhre. 2) ämron, Haselwurz; europiPUfi, eui-opäiseli. 



72 Kreuzblütler. 

23. Familie. Kreuzblütler (Cruciferae^). 

Blüten mit 4 Kelchblättern, 4 kreuzweis gestellten Blumenblättern, 2 kürzern und 
4 längern Staubblättern und einem Fruchtknoten. Dieser besteht aus 2 Frucht- 
blättern, die durch eine häutige Scheidewand verbunden sind. Die Frucht ist eine 

Schote oder ein Schötchen. 

Der Raps (Brassica napus^). 

A. Bedeutung. Zerdrückt man einige Samenkörner des Rapses, die 
als Falter für Stuben vögel allgemein bekannt sind, zwischen Papier, so 
entsteht ein bleibender Fettfleck. Das öl, das diesen Fleck verursacht, 
bezeichnet man (im Gegensatz zu dem flüchtigen öle; s. Rose) daher als 
fettes öl. Dieses sog. „Rüböl" war bis zur Entdeckung des Steinöls das 
wichtigste Mittel zur Beleuchtung der Wohn- und Arbeitsräume, der 
Straßen und dgl. Darum war auch der R^aps (samt dem gleichfalls öl' 
liefernden Rübsen, s. w. u.) für den Menschen bis dahin eine überaus 
wichtige Pflanze. Heutzutage wird das „Rüböl" vorwiegend nur noch 
zum Schmieren von Maschinen, zur Bereitung von Seife und zu andern 
gewerblichen Zwecken venvendet. Es wird in Ölmühlen durch Zer- 
stampfen oder Zerquetschen der Samen gewonnen. Die zurückbleibenden 
festen Bestandteile preßt man zu „Ölkuchen", die als Viehfutter geschätzt 
werden. In einigen Gegenden verspeist man auch die jungen Rapsblätter 
als das erste Gemüse, das der Frühling liefert. 

B. An'bau. Je nachdem der Landmann Winter- oder Sommer- 
raps baut, sät er die Samen im Spätsommer oder im Frühlinge aus. Da 
ohne Wärme ein Wachstum der Pflanzen nicht möglich ist, sind die 
Pflanzen der erstem Form zu einer Winterruhe genötigt. Ihre Stengel- 
glieder bleiben so kurz, daß die Blätter fast in derselben Höhe stehen. 
Wie an der hoch aufstrebenden Rapspflanze zu sehen ist, sind die Blätter 
am Stengel in einer Spirale angeordnet. Daher müssen sie auch an dem 
verkürzten Stengel nach allen Seiten ausstrahlen, also eine Rosette 
bilden. Wenn man bedenkt, daß die ausgebildete Rapspflanze nur ein 
schwaches Gewächs ist, das im Winter durch die auf ihm lastende 
Schneemasse unbedingt zerknickt und vernichtet werden müßte, so w^ird 
man die Bedeutung dieser Erscheinung leicht einsehen. 

C. Stengel. Sobald aber im Frühlinge die höhersteigende Sonne die 
Erde zu neuem Leben erweckt, setzt auch die Rapspflanze das unter- 
brochene Wachstum fort: sie treibt gleich dem Sommerraps, der erst jetzt 
aus Samen hervorgeht, einen Stengel, der eine Höhe von 1,50 m erreicht 
und im obern Teile etwas verzweigt ist. 

D. Blätter. 1. Die Blätter nehmen von unten nach oben allmählich 
an Größe ab. Infolgedessen rauben sie sich gegenseitig nicht das zum 
Leben notwendige Sonnenlicht. Die obern Blätter sind ganzrandig, die 
untern dagegen stark eingebuchtet. Da sich die so entstehenden Blatt- 



1) Znsammeugesetzt ans crii.r, Kreaz und fern, ieli trage. 2) brassim, Kolil; nnjms, Rübe 
(eigentlich Senf?). 



Kreuzblütler. 



73 



teile wie die Blättchen gefiederter Blätter gegenüber stehen, nennt man 
solche Blätter „fiederspaltig". 

2. Von einer Rapspflanze, die man in das Wasser getaucht hat, rollen 
die Wassertropfen ab wie von dem eingefetteten Federkleide der Ente oder 
Gans. Dasselbe ist bei einem Regen zu beobachten. Wischt man aber 
mit dem Finger auf einem Stengel oder Blatte hin und her und taucht 
die Pflanze von neuem ins Wasser, so findet man, daß die Stelle feucht 
geworden ist. Durch das Wischen ist nämlich der blaugrüne Anflug 
entfernt worden, der dem Raps eigen ist und von einer dünnen Wachs- 
schicht herrührt. In ihr haben wir also ein Schutzmittel gegen Be- 
feuchtung vor uns: sie verwehrt 
dem Wasser, die Spaltöffnungen zu 
verstopfen, die sich auf beiden Seiten 
der Blätter und am Stengel finden, 
verhindert also, daß der Luftwechsel 
unterbrochen wird, der durch jene 
Öffnungen vorwiegend erfolgt. — 
Wie genaue Untersuchungen ergeben 
haben, ist der Wachsüberzug zu- 
gleich ein Schutzmittel gegen eine 
zu starke Verdunstung des in den 
Blättern enthaltenen Wassers. 

3. Träufelt man Wasser auf die 
Blätter, so sieht man, wie es zum 
Stengel abfließt und schließlich zur 
Wurzel geleitet wird. Genau das- 
selbe geschieht mit den Regentropfen, 
die auf die Blätter fallen. Die Pflanze „begießt" 
sich also selbst. Diese Arbeit vermögen die 
Blätter vortrefflich zu leisten; denn sie stehen 
am Stengel schräg aufwärts und bilden in 
der Regel flache Rinnen; die obern umfassen 
zudem den Stengel mit herzförmigem Grunde 
etwa zur Hälfte, und bei den untern undeutlich 
gestielten zieht sich die Blattfläche in kleinen 
Lappen beiderseits bis zum Stengel herab. 

E. WurzeL Die Rapspflanze leitet also das 
auf sie fallende Regenwasser nach innen, nach 
der Mitte zu ab (zentripetal). Dort liegen auch 
die feinen Saugwurzeln, die das Wasser auf- 
nehmen. Wir finden also beim Raps kein weit- 
verzweigtes Wurzelgeflecht wie z. B. bei einem 
Baume, sondern eine möhrenförmige Haupt- 
wurzel, von der sich die Seiten w^urzeln nie- 
mals weit entfernen. 




Blüte des Rapses. 1. Blü- 
tenstand. Aus den untern 
Blüten sind bereits Früchte 
hervorgegangen. 2. Blüte, 
von der die Kelch- und Blu- 
menblätter entfernt sind. 
3. Blütengrundriß. 



74 



Kreuzblütler. 



F. Blüte. I.Blütezeit. Das Rapsfeld gleicht im April und Mai (Winter- 
raps) oder im Juli und August (Sommerraps) einem gelben Blütenmeere. 

2. Blütenstand und Blütenbau. Am Hauptstiele entspringen in 
verschiedener Höhe zahlreiche Blütenstiele, die je eine Blüte tragen, eine 
Anordnung, die man bekanntlich als Traube bezeichnet. Da die untern 
Blüten die ältesten sind, öffnen sie sich auch zuerst. 

Jede Blüte besitzt 4 schmale, aufrechte Kelchblätter, die mit 
4 kreuz weis gestellten Blumenblättern abwechseln („Kreuzblüte"). Die 
untern, schmalen Abschnitte der Blumenblätter bilden mit dem Kelche 
eine Röhre; die obern, breiten Abschnitte dagegen sind rechtwinklig ab- 
gebogen. Von den 6 Staubblättern sind 2 (äußerer Kreis) kürzer als 
die 4 andern (innerer Kreis). Der langgestreckte Fruchtknoten ist von 
2 Fruchtblättern gebildet, deren verwachsene Ränder je eine Reihe Samen 
tragen (im ganzen also 4 Reihen) und durch eine häutige Scheidewand 
verbunden sind. Oben trägt der Fruchtknoten die knopfförmige Narbe. 
3. Bestäubung. Außer den leuchtend goldgelben 
Blumenblättern trägt auch der Kelch dazu bei, die 
Insekte^i anzulocken. Solange er die andern Blütenteile 
noch schützend umhüllte, war er unscheinbar grün; jetzt 
aber ist er gelb oder wenigstens gelbgrün. Diese auf- 
fäUige Färbung kommt um so mehr zur Geltung, als die 
an sich verhältnismäßig kleinen Blüten am Ende des 
Stengels und seiner Zweige in großer Anzahl beiein- 
ander stehen. Da ihnen zudem ein weithin wahrnehmbarer 
Duft entströmt, werden sie um so eher bemerkt, und 
da sie reich an Honig sind, ist an warmen, sonnigen 
Tagen das blühende Rapsfeld oft von vielen Tausenden 
von Insekten besucht. Ganz besonders zahlreich stellt 
sich che Honigbiene ein. Der süße Saft wird von vier 
grünen Drüsen am Grunde der Staubblätter in so großen 
Mengen abgeschieden, daß der Raps für den Bienenzüchtei- 
eine der wichtigsten Pflanzen ist. 

Senkt ein Insekt den Rüssel in die Blüte, um Honig 
\ufs )riii"ende ^^^ saugen, SO muß es auch eine Bestäubung herbeiführen; 
Frucht vomRaps. denn vor und in dem Eingange des röhrenförmigen Ab- 
schnittes haben Staubbeutel und Narbe ihren Platz. — Da 
der Honig am Grunde einer „Röhre" geborgen ist, können kurzrüsselige 
Insekten (Käfer, die meisten Fhegen u. a.), die eine Bestäubung nicht 
vermitteln würden, auch nicht zu ihm gelangen. 

G. Frucht. Der Fruchtknoten entwickelt sich zu einer sog. Schote 
von gleichem Bau. Bei der Reife lösen sich die Fruchtblätter wie Klappen 
von unten nach oben ab, so daß die häutige Scheidewand mit den 
Samen auf dem Fruchtstiele stehen bleibt. Die Samen sitzen aber so 
locker auf ihren Stielchen, daß sie schon von einem leisen Winde abge- 
schüttelt werden. Darum schneidet der Landmann den Raps auch vor 




Kreuzblütler. 



75 












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m. 




I^s;. 



Spielarten des Kohls 

als Beispiel für die Abänderung einer Pflanze durch Veredelung. 

1. Kopfkohl. 2. Kohlrabi. 3. Rosenkohl. 4. Blumenkohl. 



76 



Kreuzblütler. 








^?lli>j> 




Spielarten des Kohls 

als Beispiel für die Abändening einer Pflanze durch Veredelung (Fortsetzung 

1. Braunkohl. 2. Welschkohl. 3. Kohlrübe. 



Kreuzblütler. 77 

völliger Reife der Früchte. Das fette öl, das die Samen enthalten, dient 
dem Keimling als Baustoff. 

Die Grattuiig „Kohl" (Brassica^). 

1. Wie heutzutage mußten sich auch in grauer Vorzeit die umher- 
schweifenden Völker mit dem begnügen, was ihnen die Natur zur Nah- 
rung gerade bot. Diese Quelle floß aber sehr verschieden stark, und es 
gab sicher auch Zeiten, in denen sie gänzlich versiegte. Der Mensch 
suchte sich daher von den zufälligen Gaben der Natur unabhängig zu 
machen: er wurde Viehzüchter und baute die Pflanzen an, die ihm Nah- 
rung lieferten. Auf diese Weise sind auch die Kohlarten in die 
Pflege des Menschen gekommen. 

2. Nach und nach lernte der Mensch die Verhältnisse kennen, unter 
denen die Gewächse am besten gedeihen: er pflanzte sie auf den geeig- 
netsten Boden, den er bearbeitete, düngte, von Unkraut rein hielt und 
dgl. mehr. Infolgedessen bekamen seine Kohlpflanzen dickere und saft- 
reichere Wurzeln und Stengel oder zartere und wohlschmeckendere Blätter 
oder ölreichere Samen, kurz: es fand eine allmähliche Veredelung 
der Gewächse statt. 

Je nachdem der Mensch nun Wurzeln, Stengel, Blätter oder Samen 
benutzte, verfuhr er auch bei der Fortzucht seiner Pfleglinge: er suchte 
diejenigen Pflanzen zu vermehren, die ihm die dicksten und saftreichsten 
Wurzeln und Stengel, die zartesten und wohlschmeckendsten Blätter oder 
die ölreichsten Samen lieferten. Aus ihren Nachkommen wählte er immer 
wieder die geeignetsten Pflanzen zur Nachzucht aus: und so sind die 
zahlreichen Spielarten und Sorten des Kohls entstanden, die wir heute 
bauen. An ihrer Veredelung arbeitet der Gärtner planmäßig weiter, und 
fortgesetzt entstehen neue Sorten unter seiner Hand. — Genau auf 
dieselbe Weise ist auch die Veredelung aller andern Kultur- 
pflanzen erfolgt, und durch dieselbe planmäßige und bestän- 
dige Auslese der geeignetsten Pflanzen zur Nachzucht sind 
aus ihnen die vielen Sorten und Spielarten hervorgegangen, 
die wir heute besitzen. 

Die zahlreichen Spielarten des Kohls, die wir im Garten und auf dem Felde an- 
bauen, und die in den einzelnen Gegenden oft recht verschieden benannt werden, 
lassen sich auf vier Stammformen zurückführen: 

a) Der Rapskohl (B. napus') ist wie die beiden folgenden Arten wahrscheinlich 
aus Südeuropa zu uns gekommen und tritt in zwei Formen auf: Die eine, 

den Raps, haben wir oben ausführlich besprochen; die andre ist 

die Kohlrübe, die eine fleischige, eßbare Rübenwurzel besitzt (S. 76, 3). 

b) Der Rübenkohl (B. rapa") ist dem Rapskohl zum Verwechseln ähnlich. Wäh- 
rend aber bei letzterm die geöffneten Blüten von den Blütenknospen überragt werden, 
seine Blätter blaugrün sind und nur die untern einzelne Haare tragen, stehen bei 
ersterem die entfalteten Blüten mit den Blütenknospen in gleicher Höhe oder über- 
ragen diese noch, und seine untern Blätter sind grasgrün und steifhaarig. 



1) s. S. 72, Anm. 2. 2) rapus, rapa, Kübe („Raps"). 



78 



Kreuzblütler. 



Der Rübenkohl tritt uns in drei Formen entgegen: 

als Rübsen (Sommer- und Winterrübsen), der als Ölfrucht gebaut wird; 
als weiße Rübe, die vorwiegend als Viehfutter dient, und 

als Teltower oder märkisches Rü beben, eine Gemüsepflanze, die ihren 
Namen nach der Stadt Teltow in der „Mark" Brandenburg führt. 

c) Den Gemüsekohl (B. oloräcea') bauen wir in besonders zahlreichen Spielarten 
an; die wichtigsten sind: 

der Kopfkohl mit gewölbten, glatten, grünweißen oder roten Blättern (Weiß- 

und Rotkohl), die einen 
festen Kopf bilden und 
besonders zu „Sauerkohl" 
verwendet werden(S. 75,1 ); 
der Welsch- oder 
Wirsingkohl mitblasig- 
faltigen Blättern, die sich 
zu einem lockern Kopfe 
vereinigen (S. 76, 2); 

der Rosenkohl, 
dessen Seitenknospen 
rosenartige Köpfchen bil- 
den (S. 75, 3); 

der Braun- oder 
Grünkohl mit krausen, 
fiederspaltigen Blättern 
(S. 76, 1); 

der Kohlrabi, des- 
sen Stengel über dem 
Boden stark verdickt ist, 
und der im Gegensatz 
zur Kohlrübe daher auch 

Oljerkohlrabi genannt 
wird (S. 75, 2), und 

der Blumenkohl, 
dessen Blütenstiele und 
obere Blätter zu einer 
weißen, fleischigen Masse 
umgebildet und dessen 
Blüten verkümmert sind 
(S. 75, 4). 

d) Der Seufkohl oder 
schwarze Senf (B. nigra-) 
ist ein Glied der heimi- 
schen Flora. Wild kommt 
er hier und da an Fluß- 
ufern vor; häufig aber 
wird er seiner schwarzen Samen wegen angebaut (s. w. u.). Von den andern Kohl- 
arten ist er leicht dadurch zu unterscheiden, daß seine Blätter sämthch gestielt sind, 
während bei jenen dies nur für die untern gilt. 

Andre Kreuzblütler. 

1. Kreuzblütler mit Schoten. 
Eine dem schwarzen Senf sehr ähnliche und gleichfalls vielfach angebaute Pflanze 
ist der weiße Senf (Sinäpis alba"^). Beide enthalten in ihren Samen ein scharfes Öl. 




1. .'\ckersenf n. 2. Hederich mit ie einer Frucht (verkl 



1) oloraceus, geniüseartig. _ 2) m^/er, scLwarz. 3; sincqns, ägypt. Wort, Senf; alhuft, weii3. 



Kreuzblütler 79 

dessen Geruch zu Tränen reizt (Schutzmittel gegen körnerfressende Vögel!). Dieses 
Öles wegen werden die Samen vielfach zu Heil- und Gewürzzwecken benutzt. Die 
sehr scharfen, schwarzen Samen der erstem Art dienen besonders zur Bereitung von 
Senfpflaster und Senfspiritus; die mildern, gelblichweißen der letztern dagegen ver- 
wendet man vorwiegend als Küchengewürz und zur Herstellung von Tafelsenf oder 
Mostrich. — Der nächste Verwandte des weißen Senfs ist der Ackersenf (S. arvensis'), 
ein allbekanntes Unkraut, das oft ganze Felder gelb färbt. Fälschlicherweise wird 
die Pflanze zumeist „Hederich" genannt. — Der Hederich oder Ackerrettich. 
(Raphanistrum lämpsana^) ist dem Ackersenf zwar sehr ähnlich und gleichfalls 
ein lästiges Ackerunkraut, unterscheidet sich von ihm aber leicht durch die hellere 
Blütenfarbe, durch den aufrecht stehenden Kelch und durch die Schote, die perlschnur- 
artig eingeschnürt ist und bei der Reife in so viel GUeder zerfällt, als „Perlen" vor- 
handen sind (xickersenf: Kelch abstehend, ohne „Gliederschote"). — Eine ähnliche 
Schote besitzt der (Jartenrettich (Räphanus sativus*^), der aus China stammt und in 
mehreren Spielarten (Winter- und Sommerrettich, Radieschen) als beliebte Gemüse- 
pflanze angebaut wird. 

Gleichfalls Fremdlinge in unsern Gärten sind Goldlack (Cheiränthus cheiri*), so- 
wie Sommer- und Winterlevkoie (Matthiola ännua und incäna''*). Beide stammen aus 
Südeuropa. Ihre meist gefüllten und sehr mannigfach gefärbten Blüten besitzen 
einen angenehmen Veilchenduft. Darum nannte der Volksmund den Goldlack früher 
auch treffend „Gelbveigelein", und Levkoie heißt in Übersetzung: weißes Veilchen. — 
Ganz ähnlich ist der Duft, der besonders am Abend den lilafarbenen Blüten der 
^achtviole (Hesperis matronälis") entströmt. Die Heimat der bekannten Zierpflanze 
ist Südeuropa, Österreich und das 
südliche Deutschland. 

Einen prächtigen Schmuck nasser 
Wiesen bilden zur Frühjahrszeit die 
Blütentrauben des Wiesenschaum- 
krautes (Cardämine pratensis'). Bei 
Regenwetter und mit Anbruch des pj.^^^ ^.^^^ Wiesenschaumkraut, aus dem 
AbendsaberverschwmdetderSchriiuck: ^^^. ■ pflanzen hervorsprossen. 

die Blutenachsen krummen sich, so 

daß die sich gleichzeitig schließenden, lilafarbenen Blüten nickend werden. Der blüten- 
tragende Stengel erhebt sich aus einer Blattrosette. Alle Blätter sind gefiedert und, 
wie bei zahlreichen andern Pflanzen nasser Stellen, saftstrotzend und meist völlig 
unbehaart. Mit dem Standorte hängt auch die eigentümliche Vermehrungsweise des 
zierlichen Pflänzchens innig zusammen, die man häufig beobachten kann: Berühren 
die grundständigen Blätter das Wasser oder den feuchten Boden, so bilden sich an 
den Ansatzstellen der Fiederblättchen oft Knospen, die sich zu neuen Pflanzen ent- 
wickeln. Die Schaumklümpchen, die man vielfach am Stengel findet, und in denen 
sich die Larve der Schaumzirpe versteckt hält, haben der Pflanze mit zu ihrem Namen 
verholfen. — Die Brunnenkresse (Nastürtium officinäle^) gedeiht an Quellen und in 
Wassergräben. Sie ist in allen ihren Teilen noch saftstrotzender als das Wiesen- 
schaumkraut und gleichfalls völlig kahl und glatt. Da ihre Blätter einen schmack- 
haften Salat liefern, wird die Pflanze hier und da (besonders bei der Blumenstadt 
Erfurt) im großen angebaut. — Wie die Brunnenkresse als Wasserpflanze, so gibt sich 
die Knoblauchsrauke (Alliäria officinälis») durch die großen, zarten Blätter sofort als 
Schattengewächs zu erkennen. Sie gedeiht überall häufig unter Gebüsch und zwischen 
dem Unterholze des Laubwaldes und ist durch einen scharfen Knoblauchsgeruch gegen 

1) arvensis, auf demAcker wachsend. 2i rapJumis, Uettich; lam2)säne, Kraut, uiierkl. 3) räphanus, 
s. Anm. 2; sativus. angebaut. 4) cheiri, arab. Name einer Pfl. mit wohlriechenden Blüten; änthos, 
Blume. 5) Matthiola, nach dem ital. Botaniker Matthiolus tl577; ännuus, einjährig; incänus, ganz 
grau. 6) Msperos, Abend; matronälis, für Frauen passend. 7) kardamine, eigentlich Sclilammkraiat (?); 
pratensis, auf der Wiese wachsend. 8) nastürtium, Kresse; officinalis, in der Apotheke verwendet. 
!)) alliäria von cUliutn, Knoblauch ; officinalis, s. Anm. 8. 




80 



Kreuzblütler. 





iz- 
blütler ver- 
schiedener 
Standorte. 
1. Brunnen- 
kresse; 2. Knob- 
lauchsrauke ; 
B. Schuttkresse; 
4. Hungerblüm- 
chen, (l u. 2 et- 
was verkl.; 
3 u. 4 nat. Gr.) 

Weidetiere geschützt. — Gerade das 
Gegenteil in der Belaubung zeigen die 
zahlreichen Kreuzblütler, die trockne 
Stellen (Schutthaufen, Wegränder und 
dergl.) bewohnen. Sie müssen mit der 
geringen Wassermenge, die ihnen der oft ausge- 
dörrte Boden liefert, sehr sparsam umgehen. Dem- 
entsprechend sind alle ihre Teile zäh und hart; ihr 
Blattwerk ist gering entwickelt, und ein dichtes 
Haarkleid schränkt die Verdunstung nach Möglich- 
keit ein. Als Beispiel für diese unschönen, sparri- 
gen, aber ihrem Standorte vortrefflich angepaßten 
Pflanzen sei hier nur die Besen- oder Schuttkresse 
(Sis^mbrium sophia') genannt, die ein vielfach zerteiltes Laub besitzt. Weitere Bei- 
spiele finden wir unter den Pflanzen, die die andre Gruppe der Kreuzblütler bilden: 



1) sisymbrion, unerkl. ; sophia, Weisheit, weil von den weiaen Wundärzten verwendet (?). 



Kreuzblütler. Mohngewächse. 



81 



2. Kreuzblütler mit Schötchen (d. s. Schoten, die nicht oder nur wenig 

länger sind als breit). 
Da ist zunächst die Graukresse (Berteroa incäna^) zu nennen. Sie ist an allen 
Teilen so dicht mit sternförmigen Haaren bedeckt, daß sie graufilzig erscheint. — Ein 
andres Beispiel ist das niedliche Hnugerblüinchen (Eröphila verna"; s. Abb. S. 80), 
das selbst mit „hungrigstem" Boden fürlieb nimmt. Kaum ist der Schnee geschmolzen, 
so entfaltet es seine winzigen Blüten, reift schnell Früchte und Samen, und wenn der 
trockne Sommer kommt, hat es seine Lebensarbeit bereits abgeschlossen. Seine 
Blätter sind mehr oder weniger dicht mit gegabelten Haaren 
bedeckt und zu einer zierlichen Rosette geordnet. — Ein 
solches „Hungergewächs" ist auch das nach der Form 
seiner Früchte benannte Hirteutäschelkraut (Capsella bursa 
pastoris^), wenn es auf trocknem Boden wächst. Findet 
es sich aber auf feuchtem, fruchtbarem Ackerlande, dann 
schießt es so üppig in das Kraut, daß es kaum wiederzu- 
erkennen ist. — Einen ähnlichen Unterschied im Wachs- 
tume zeigt auch das Heller- oder Pfennigkraut (Thläspi 
arvense"*), das mit dem Hirtentäschelkraut zu unsern be- 
kanntesten und lästigsten Unkräutern zählt und seinen 
Namen gleichfalls nach der Form seiner Früchte trägt. 
Diese bilden infolge breiter Flügelränder flache Scheiben, 
die durch den Wind weithin verweht werden können. 

Zu der Gruppe der „Schötchenfrüchtler" gehören Schotchen 
auch mehrere Nutzpflanzen. Der Meerrettich (Cochleäria 
armoräcia'*) gibt uns in seinem scharfschmeckenden Wurzel- kraut (2). a) geschloissen, 
stocke ein beliebtes Gemüse und Küchengewürz. Er stammt ^) Klappen sich ablösend 
aus Südeuropa, findet sich bei uns aber an Flußufern und (wen. vergr.). 

dgl. häufig verwildert. Richtiger sollte man ihn wohl 

Mähr- d. i. Pferde-Rettich nennen; denn der Volksmund verknüpft gern den Namen 
einer Pflanze, die einer andern ähnlich, aber minderwertiger als diese ist (hier also 
„Rettich"), mit einem Tiernanien. — Als Salatpflanze wird an vielen Orten die Grarten- 
kresse (Lepidium sativuni**) angebaut, deren Samen sehr schnell keimen. — Der 
Leindotter (Gamelina sativa'j liefert ein geschätztes Brenn- und Speiseöl. In Thüringen 
werden aus den getrockneten Stengeln kleine Besen geflochten. 




vom 
täschel- (1) u. 



Hirten- 
Heller- 



24. Familie. Mohng-ewächse (Papaveräceae ^). 

Blüten mit zweiblättrigem, abfallendem Kelche, 4 sich kreuzweis gegenüber stehenden 
Blumenblättern, zahlreichen Staubblättern und einem Fruchtknoten, der aus 2 bis 
vielen Fruchtblättern gebildet ist. Die Frucht ist eine I'Capsel, die mit Löchern auf- 
springt oder die Gestalt einer Schote hat. 

Der Klatschmohn (Papäver rhoeas^). Taf. 10. 

1. Pflanze und Mensch, a) Herrlich leuchten die Blüten des Klatsch- 
mohns zwischen den hohen Halmen des Roggens hervor, und das grüne 
Kleefeld übergießen sie oft wie mit feuerrotem Schein! Die Kinder pflücken 
die prächtigen Blumen gern zum Strauße, machen sich aus den Blüten- 
knospen Puppen zum Spiel und legen die zarten Blütenblätter auf den 

1) Berteroa, nacli dem ital. Botaniker Bertero; incamis, ganz grau. 2) eroj)hila: er, Früliling 
und phile, Freundin; vernus, im Frühling wachsend. 3) capsella, kleine Kapsel; bursa, Börse; 
2)astoris, des Hir ten. 4) ihlaspi, Quetschkraut, weil die Samen gequetscht wie Senf gebraucht wui-den; 
arvensis, auf dem Acker wachsend. 5) cocldearia von cöchlear , Löffel, nach den löffeiförmigen 
Grrundblättern ; artnoracia, imerkl. 6) le2ndion, kleine Schuppe, nach den kleinen Früchten ; sativus, 
angebaut. 7) camelina, unerkl. ; sativus, angebaut. S) papaver, Mohoi, la,t. ; rhoiäs, Mohn, griech. 

Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 6 



82 Mohngewächse. 

durch Daumen und Zeigefinger gebildeten Ring, schlagen darauf und er- 
freuen sich an dem klatschenden iScliall (Klatschmohn, Klatschrose, 
Klatschblume). Auch der Gärtner hat sich der schönen Feldblume an- 
genommen. Seine Kunst schuf gefüllte Blüten von mannigfachster Färbung, 
die eine Zierde unsrer Gärten bilden. 

b) Für den Landmann dagegen ist die Pflanze nichts weiter als ein 
lästiges Unkraut; denn sie nimmt den angebauten Gewächsen Nah- 
rung und Raum weg. Obgleich der Kampf zwischen ihr und dem 
]\lenschen sicher schon solange währt, wie überhaupt Getreidebau ge- 
trieben wird, so vermochte sie der Mensch doch nicht auszurotten; denn 
ihr Leben hält mit dem des Getreides, zwischen dem sie am liebsten 
wächst, gleichen Schritt. Mit dem Getreide sprießt der Mohn im Herbste 
oder Frühjahre aus dem Boden hervor, und mit dem Getreide reifen auch 
seine Samen. Wenn nicht schon vorher, so werden sicher bei der Ge- 
treideernte Tausende von Mohnkörnern über den Acker verstreut, und 
andre Tausende nimmt der Mensch mit in die Scheuer. Die Mehrzahl 
der letztern geht freilich beim Reinigen oder durch den Verbrauch der 
Getreidesamen zugrunde; es bleiben aber immer noch genug übrig, die 
bei der Aussaat wieder auf den Acker zurückgelangen. So muß der 
Mensch das Unkraut selbst erhalten und ausbreiten helfen! 

2. Wurzel, Stengel, Blatt, a) Die jungen Mohnpflanzen, die im 
Herbste aus Samen hervorgehen, bilden, wae die des Winterrapses, vor 
Eintritt des Winters je eine zierhche, dem Boden aufliegende Blatt- 
rosette. Wenn aber im Frühjahre die Saat zu sprießen beginnt, dann 
strecken sie sich auch zum Lichte empor: sie treiben je einen bis 1 m 
hohen Stengel, dessen fiederspaltige , gezähnte Blätter nach oben zu 
immer kleiner werden. Die Mohnpflanzen dagegen, die erst im Frühlinge 
aus Samen entstehen, also keine Winterruhe durchzumachen haben, 
nehmen diese Gestalt sofort an. 

b) Eine kräftige Pfahlwurzel gibt der Pflanze im Boden festen 
Halt. Je nachdem aber der Boden für Wasser durchlässig ist, je nach- 
dem ist auch die Wurzel ausgebildet: Auf durchlässigem Sandboden senkt 
sich die Wurzel fast unverzweigt tief in den Grund; auf undurchlässigem 
Lehmboden dagegen breitet sie sich stark verzweigt in der obersten Erd- 
schicht aus. (Versuch: Fülle Blumentöpfe mit beiden Bodenarten und 
beobachte, wie sich letztere gegen Wasser verhalten!) 

c) Stengel, Blütenstiele und Blätter sind mehr oder weniger dicht 
mit steifen Haaren besetzt. An den jüngsten Blättern findet sich stets 
eine sehr dichte Behaarung, ein Mittel, durch das die zarten Gebilde wie 
z. B. die jungen Blätter der Roßkastanie gegen eine zu starke Wasser- 
abgabe und somit gegen das Vertrocknen geschützt sind. Hier sowohl, 
wie bei den ausgebildeten Pflanzenteilen sind die Haare zweitens aber 

Taf. 10. 1. Blühende Pflanze. 2. Stempel und einige Staubblätter. 3. Frucht, quer 
durchschnitten. 4. Frucht, Samen ausstreuend. 5. Same, vergr. 



Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



Tafel 10. 




Klatsdimohn (Papaver rhoeas). 



Mohngewächse. 



83 



noch ein Schutzmittel gegen Pflanzenfresser, die — wie die Erfahrung 
lehrt — rauhhaarige Gewächse gern meiden. 

d) Ein andres und zwar weit wirksameres Schutzmittel gegen diese 
Zerstörer besitzt der Mohn in dem weißen, giftigen Milchsafte, der 
bei Verletzungen aus der Wunde hervordringt. Er verleiht der Pflanze 
einen bittern Geschmack und einen widerlichen Geruch, durch den sich 
sicher manches Tier zurückschrecken läßt. 

3. Die Blüten stehen am Ende je eines langen Stieles, der die Fort- 
setzung des Stengels bildet oder aus den Blattwinkeln entspringt. 

a) Solange sich die Blüte im Knospenzustande befindet, ist sie 
von 2 kahnförmigen Kelchblättern schützend umhüllt und infolge der 
Krümmung des Stieles abwärts geneigt, öffnet sie sich, so streckt sich 
der Stiel gerade, die nutzlos gewordenen Kelchblätter fallen ab, und die 
Blumenblätter, die in dem engen Räume nur dadurch Platz fanden, daß 
sie wie ein Stück Papier zusammengeknittert waren, breiten sich aus. 

b) Die entfaltete Blüte ist durch die 4 großen, feuerroten, kreuz- 
weis gestellten Blumenblätter, die im Grunde oft noch einen schwarzen 
Fleck mit weißem Rande besitzen (Erhöhung der Auffälhgkeit!), weithin 
sichtbar. Sie bietet den besuchenden Insekten nur Blütenstaub zur Nah- 
rung dar. Da sie aber zahheiche Staubblätter be- 
sitzt, und da diese eine große Menge von Blütenstaub 
erzeugen, so können die Insekten ohne Schaden für 
die Pflanze davon speisen. Der bei dem Mahle ver- 
streute Staub wird von den muschelförmigen Blumen- 
blättern aufgefangen und bis zum Abholen durch andre 
Insekten aufbewahrt, ein Umstand, der die aufrechte 
Stellung, sowie die Schalenform der Blüte als durch- 
aus vorteilhaft für die Pflanze erscheinen läßt. Ver- 
gleicht man die Mohnblüte mit Blüten, die Honig ent- 
halten, z. B. nüt denen des Veilchens, der Erbse u. v. a., so findet man 
sie höchst einfach gebaut; denn sie bedarf ja keiner der vielfachen Ein- 
richtungen, die wir bei jenen Blüten zur Aufbewahrung und zum Schutze 
des Honigs antreffen. 

Die Blumenblätter sind von solcher Zartheit, daß sie schwere Insek- 
ten, die der Blüte einen Besuch abstatten, nicht zu tragen vermögen. 
Als Anflugsplatz dient den Gästen vielmehr ein andrer Blütenteil: der 
Stempel, und zwar dessen . schildförmige Narbe, die dem Fruchtknoten 
aufsitzt. Lassen sich Insekten, die von andern Mohnblüten kommen und 
oft gänzhch mit Blütenstaub eingepudert sind, auf dem Stempel nieder, 
so kann es nicht ausbleiben, daß einige Blütenstaubkörnchen an den 
strahlenförmigen Haarleisten der Narbe abgestrichen werden und Fremd- 
bestäubung verursachen. 

4. Frucht. An einem Querschnitte der Frucht ist leicht zu erkennen, 
daß der Fruchtknoten aus mehreren Blättern besteht, die an ihren Rän- 




Blütengruiidriß vom 
Klatschmohn. 



84 Mohngewächse. 

(lern so miteinander verwachsen sind, daß sie kulissenartig in die Frucht- 
knotenhöhle ragen. Die Höhle wird dadurch in mehrere Kammern ge- 
teilt, die jedoch nicht vollständig voneinander getrennt sind. An den 
kulissenartigen Wänden sitzen die Samen. Sie lösen sich zur Zeit der 
Reife von ihren Stielchen und harren der Ausstreuung. Diese wird da- 
durch ermöglicht, daß sich unter dem gelappten Narbenrande, der jetzt 
etwas in die Höhe gebogen ist, mehrere kleine Löcher gebildet haben, 
die den „Mohnkopf einer Streusandbüchse ähnlich machen. Biegen wir 
einen Fruchtstiel zur Seite und lassen ihn sodann zurückschnellen, so 
sehen wir, wie Samen aus den Öffnungen herausgeschleudert werden. 
Genau dasselbe geschieht bei heftigen Windstößen, und zwar um so leich- 
ter, als die Pflanze auffallend lange Blüten-(Frucht-)stiele besitzt, die 
überdies bei der Reife der Samen fest und elastisch werden. Da sich 
die Öffnungen oben an der aufrecht steheliden Fruchtkapsel befinden, 
können die Samen über einen verhältnismäßig großen Raum verstreut 
werden. Das ist für die Entwicklimg der jungen Pflänzchen nicht ohne 
Bedeutung, die, auf einem engen Räume zusammengedrängt, sich gegen- 
seitig Licht, Nahrung und Luft streitig machen würden. 

5. Same. Andrerseits sind aber auch die Samen für diese Art der 
Ausstreuung geeignet; denn es sind kleine und leichte Gebilde, die daher 
weit fortgeschleudert werden können. Zu Boden gefallen, werden die 
Samen bald vom Regen verschwemmt. Da sie nun an der Oberfläche mit 
zahlreichen Vertiefungen versehen sind, in denen sich Erdteilchen fest- 
setzen, so werden sie gleichsam mit dem Boden fest verkittet und ver- 
mögen ungestört zu keimen. Aber wenn auch Tausende von Samen ver- 
loren gingen : schon eine Pflanze erzeugt deren so viele, daß ihre Nach- 
kommen bald ein ganzes Feld rot färben könnten! 

Andre Mohngew^ächse. 

Der Schlafmohn (P. somniferum'), der in unsern Gärten mit gefüllten und sehr 
mannigfach gefärbten Blüten häufig als Zierpflanze gezogen 'wird, entstammt dem 
Orient. Im großen baut man ihn bei uns nur seiner Samen wegen an, die das wert- 
volle Mohnöl liefern und zu mancherlei Gebäck verwendet werden. In südlichen 
Ländern dagegen, besonders in Vorder-, Süd- und Ostasien, ist er eine der wichtigsten 
Kulturpflanzen; denn er liefert das wertvolle Opium. Um diesen Stoff zu gewinnen, 
ritzt man die halbreifen ]\Iohnköpfe mit feinen Messern an und schabt nach einiger Zeit 
den ausgeflossenen und eingetrockneten Milchsaft ab. Das Opium ist gleich dem 
]\Iorphium, das aus ihm gewonnen wird, ein wichtiges Arzneimittel, das selbst die un- 
erträglichsten Schmerzen stillt und dem Kranken den ersehnten Schlaf bringt. Dieser 
Wirkungen wegen dient es aber im Orient auch als ein Mittel, sich zu berauschen. 
Der Opiumesser oder -rauch er sinkt bald in eine angenehme Betäubung: er glaubt 
sich den Sorgen und Leiden der Zeit entrückt, und süße Träume umgaukeln seinen 
Geist. Dem Erwachen folgt jedoch ein entsetzliches Übelbefinden, das meist durch 
erneuten Opiumgenuß beseitigt wird. Langsam, aber sicher untergräbt der dem Laster 
Verfallene seine Gesundheit, bis er endlich, an Geist und Körper zerrüttet, vorzeitig 
in das Grab sinkt. — An ]\Iauern, sowie unter Hecken und Zäunen findet sich häufig 



1) somnifer, Schlaf bringend. 



Erdrauch- und Resedagewächse. 



85 



das Sehellkraut (Chelidonium maius*), das seines gelben 
Milchsaftes wegen allgemein bekannt ist. Es blüht gelb 
und hat schotenförmige Früchte. Die schwarzen Samen 
besitzen einen kammartigen, weißen, fleischigen An- 
hang, der von Ameisen gern verzehrt wird. Die Tierchen 
verschleppen daher vielfach die Samen und breiten in- 
folgedessen die Pflanze unfreiwillig weiter aus Die 
Blätter sind fiederteilig zerspalten, und zwar trägt die 
Mehrzahl der Abschnitte nahe der Mittelrippe je einen 
Lappen, dem ein Ausschnitt des benachbarten Abschnittes 
genau entspricht, ein interessantes Beispiel dafür, in 
welcher Weise die Pflanzen den ihnen zur Verfügung 
stehenden Raum (Belichtung!) ausnützen. 



25. u. 26. Familie. Erdrauch- und Reseda- ^^ 
g-ewächse (Fumariäceae ^ und Resedäceae ■^), 



1. Erdrauchgewächse. Der Lerchen- 
sporn (CorydaUs cava*) ist eine Frühlingspflanze 
des Laubwaldes und der Gebüsche. Wie zahl- 
reiche andre Gewächse ihrer Standorte erscheint 
sie sehr zeitig im Jahre, um bald darauf wieder 
zu verschwinden. Die Stoffe, aus denen sich die 
oberirdischen Teile aufbauen, werden einem 
Wurzelstocke entnommen, der zur Blütezeit die 
Form einer hohlen Knolle besitzt („Hohl würz"). 
Die mehrfach geteilten Blätter sind wie z. B. 
die des Windröschens (s. das.), das an denselben 
Stellen lebt und zu gleicher Zeit blüht, groß 
und zart, so daß sie sehr leicht welken. Die 
purpurroten oder weißen, zweiseitig-symmetri- 
schen Blüten stehen in großen, auffallenden 
Trauben beieinander und hauchen einen zarten 
Duft aus. Daher fehlt es der Pflanze auch 
nicht an Gästen. Der Honig wird in einem Sporn 
geborgen (Lerchensporn!), zu dem das obere der 
beiden äußern Blumenblätter ausgezogen ist. Die beiden Innern Blätter 
bilden eine kapuzenförmige Schutzhülle für den Blütenstaub, der auf der 
noch unreifen Narbe abgelagert wird. Läßt sich aber ein größeres Insekt 
auf der Blüte nieder, dann klappt die Kapuze nach unten, so daß das 
Tier mit dem Blütenstäube in Berührung kommen muß. Beim Saugen an 
einer altern Blüte whd der Staub an der (später reifenden) Narbe ab- 
gestrichen — und die Bestäubung ist erfolgt. Da jedoch nur langrüsselige 
Insekten bis zum Honig vordringen können, so vermögen auch sie bloß 
diese Arbeit zu verrichten. Die Erdhummel beißt in den Sporn häufig 




Blüte vom Lerchensporn 

1. in der Ruhe. 2. „Kapuze" 

herabgedrückt (vergr.). 



1) chelidönion, Schwalbenkraut, blüht bei Ankunft iind stirbt ab beim Wegzng der Schwalben ; 
maius, größer oder groß. 2) a. S. 86, Anm. 1. 3) s. S. 83, Auin. 3. 4) Icortjdalis, Haubenlerche ; cavus, hohl. 



gß Erdrauch- und Resedagewächse. Veilchengewächse. 

ein Loch, um den süßen Saft durch Einbruch zu gewinnen, und die Honig- 
biene benutzt gern diese Gelegenheit, sich in den Besitz des „unrechten 
Gutes" zu bringen. 

Denselben Blütenbau und infolgedessen auch dieselbe Art der Bestäubung finden 
wir bei einem allbekannten Unkraute unsrer Gärten und Felder, dem Erdrauch (Fumäria 
officinälis^), wieder. Die zierliche, einjährige Pflanze gedeiht auf stärker besonntem 
Boden und besitzt dementsprechend auch weit kleinere und derbere Blattflächen als 
der Lerchensporn. — Auch die aus China zu uns gekommene Zierpflanze, die man 
ihrer schönen Blüten wegen „flammendes Herz" (Dicentra spectäbilis '^j nennt, zeigt im 
wesentlichen dieselbe Blüteneinrichtung. 

2. Reseda- oder Wauge wachse. Ein allbekanntes Ghed dieser Familie ist die 
wohlriechende Reseda (Reseda odoräta^), die zu unsern geschätztesten Gartenpflanzen 
zählt. Das unscheinbare Gewächs stammt aus Nordafrika. Statt einer leuchtenden 
Blumenkrone übernimmt es ein weithin wahrnehmbarer Duft, die Insekten anzulocken. — 
Eine ganz ähnliche, nur größere und kräftigere Pflanze ist der gelbe Wau (R. lutea*), 
der an Wegen und ähnlichen trocknen Orten gedeiht. 

27. Familie. Veilehengre wachse (Violäceae^). 

Blüten zweiseitig-symmetrisch, mit 5 Kelchblättern, 5 Blumenblättern, von denen das 

unterste gespornt ist, und 5 Staubblättern. Frucht eine einfächerige Kapsel; Samen 

in der Mitte der 3 Fruchtblätter. 

Bas wolürieehende Teilchen (Viola odoräta^). Taf. 11. 
A. Das Veilchen, eine Liehliugspflanze des Menschen. Keine 
Blume imsrer Heimat begrüßen wir mit so großer Freude wie das erste 
Veilchen, das wir im jungen Grase des Gartens oder draußen auf dem 
Wiesenplane, an der Hecke oder am Waldesrande finden: erblicken wir 
doch in ihm einen untrügUchen Boten des langersehnten Lenzes. Dichter 
haben das „kleine Blau -Veilchen" daher besungen, und in zahlreichen 
Frühlingsliedern ist es verherrlicht. Obgleich durch die zarte Farbe und 
den köstlichen Duft der Blüte mit hohen Gaben ausgestattet, blüht es 
doch im Verborgenen. Darum gilt es uns auch als ein Sinnbild der De- 
mut und Bescheidenheit. Jener Gaben wegen ist es auch von alters her 
eine der behebtesten Gartenblumen, und fortgesetzt arbeitet man daran, 
immer größere, schönere und duftendere Blüten zu erzielen, die sich je 
nach der Spielart zu jeder gewünschten Jahreszeit entfalten. Der den 
Blüten entzogene Duftstoff wü-d zur Herstellung wohlriechender Wässer, 
Salben, Seifen u. dgl. benutzt. Zumeist verwendet man aber zu diesem 
Zwecke das ganz ähnhch riechende, künsthch hergestellte und daher 
weit billigere Jonon. 

B. Das Teilchen, eine Pflanze des Frühlings. 1. Ginge das Veil- 
chen in jedem Frühjahre aus Samen hervor, so könnte es unmöglich so 
zeitig im Jahre grünen und blühen. Es ist aber eine ausdauernde 
Pflanze, die der Lenz bereits fertig vorfindet. Die Baustoffe für Blätter 
und Blüten sind in dem Stengel aufgespeichert. Er ist zum größten Teile 



1) fümus, Rauch, weil einige Arten scheinbar angeräucherte Blätter haben; offinnalis, in der 
Apotheke verwendet. 2) di-, zwei; kentron, Stachel; spectabilis, ansehnlich. 3) reseda, unerkl. 
odoratus, wohlriechend. 4) luteus, gelb, ö) viola, Veilchen; odoratus, wohlriechend. 



Veilchengewächse. 87 

im Erdboden geborgen und treibt hier zahh-eiche feine Wurzeln. Un- 
richtigerweise wird der unterirdische Stengelabschnitt meist selbst als 
Wurzel, und zwar als die stärkste, angesehen. Da er aber zahlreiche Blatt- 
narben besitzt, früher also mit Blättern besetzt gewesen sein muß, kann er 
keine Wurzel sein; denn eine solche bringt niemals direkt Blätter hervor. 
Der oberirdische Teil des Stengels trägt einen Büschel von Blättern. 

Die vorjährigen Blätter, die sich meist bis zum Frühjahr erhalten, 
sterben jetzt ab, und über ihnen bildet sich ein Büschel neuer. Der 
Stengel wächst also in jedem Frühjahre ein Stück nach oben. Am ent- 
gegengesetzten Ende dagegen verwest er nach und nach. Aber wenn das 
Fortwachsen und Absterben auch noch so langsam erfolgte, müßte sich der 
Stengel nicht doch schheßlich vollständig aus dem Boden hervorschieben, 
so daß er auf ihm zu liegen käme. Dies geschieht jedoch nicht! In 
demselben Maße nämlich, in dem er unten abstirbt, wird er von den 
Wurzeln in den Boden gezogen. 

2. Die hervorsprießenden jungen Blätter sind von beiden Seiten her 
tütenförmig zusammengerollt. Welche Bedeutung dies hat, lehrt 
folgender Versuch: Wir nehmen zwei gleich große Blätter, die jene Zu- 
sammenrollung zeigen, legen beide, nachdem aber das eine ausgebreitet 
und vielleicht durch eine Stricknadel oder dgl. beschwert worden ist, an 
irgend eine Stelle, an der sie von den Sonnenstrahlen getroffen werden. 
Nach einiger Zeit werden wir beobachten, daß das zusammengerollte 
Blatt noch ziemlich „frisch" aussieht, während das andre schon stark ge- 
welkt ist. Die Tütenform ist also- ein Schutzmittel gegen zu starke 
Wasserabgabe. Der Versuch zeigt uns auch, warum ein solches Schutz- 
mittel gerade für das junge Blatt von Wichtigkeit ist: an dem künstlich 
ausgebreiteten Blatte welken und vertrocknen die Teile, die sonst ein- 
gerollt waren, zuerst. Sie sind sehr zart, geben darum am meisten 
Wasser in Darapfform ab und gehen daher auch am ersten zugrunde. 

Nach und nach breitet das junge Blatt seine herzförmige, am 
Rande gekerbte Fläche aus. Je nachdem das Veilchen in kurzem oder 
in langem Grase wächst, je nachdem sind auch die Blattstiele von ver- 
schiedener Länge: stets aber sind sie so lang, daß sie die Blattfläche in 
den vollen Genuß des Sonnenlichtes setzen. Am Grunde jedes Blattstieles 
sitzen 2 kleine, lanzetthche Nebenblätter. 

C. Das Veilchen, eine Pflanze mit melirfacher Vermelirung^. 

1. Ausläufer. Aus den Achseln "der untern Blätter wachsen Zweige 
hervor, die an den Stengelknoten Wurzeln schlagen. Die Zweige bleiben 
aber auf dem Erdboden liegen und treiben im Gegensatz zu dem kurzghed- 
rigen Stengel (kurzghedrig, weil die Stengelknoten, an denen die Blätter 
entspringen, dicht beieinander stehen!) sehr lange Gheder. Infolgedessen 
entfernt sich die Spitze des „Ausläufers" weit von der Mutterpflanze. An 
seinem Ende bildet sich bald ein Blattbüschel, dem im nächsten Jahre 
Blüten folgen: es ist eine neue Pflanze entstanden, die allerdings mit der 
Mutterpfl£|,nze noch lange im Zusammenhange bleiben kann. 




8g Veilchengewächse. 

2. Frühlingsblüten, a) Bau. Wie der Körper des Menschen und 
zahlreicher Tiere kann die Blüte nur durch einen Schnitt in 2 spiegel- 
bildlich gleiche Teile zerlegt werden: sie ist zweiseitig-symmetrisch. 
Ein Stiel, der Je nach der Höhe der umgebenden Pflanzen verschiedene 
Länge besitzt und in der Mitte 2 schuppenförmige Blättchen trägt, hebt 
sie aus dem Grase empor. Die 5 Kelchblätter umschließen anfänglich 
die Innern Blütenteile. Später werden sie von den 
Blumenblättern auseinander gedrängt, von denen 
an der entfalteten Blüte je 2 nach oben und nach 
der Seite gerichtet sind und eins nach unten steht. 
Das untere Blumenblatt verlängert sich in einen Sporn, 
in den die beiden untern der 5 Staubblätter je einen 
langen, grünen Fortsatz senden. Wie man sich durch 
Blütengrundriß vom ^^^ Geschmack leicht überzeugen kann, sondern diese 
Veilchen. Fortsätze Honig ab. Der* süße Saft fließt in den Sporn, 

den man darum treffend auch als „ Safthalter " be- 
zeichnet. Die sehr kurzen Staubblätter umstehen den Fruchtknoten 
und besitzen am Vorderende je ein orangefarbenes Anhängsel. Diese 
Gebilde greifen etwas übereinander und bilden einen kegelförmigen Hohl- 
raum, dessen Spitze von dem fadenförmigen Griffel durchbrochen wird. 
Das Ende des Griffels ist die hakenförmig nach unten gekrümmte Narbe, 
öffnen sich die Staubbeutel, so fällt der trockne, mehlartige Blüten- 
staub in diesen Hohlraum. 

b) Bestäubung. Durch die Farbe der Blumenblätter (violett, 
Blütenmitte weißlich, unteres Blatt mit dunkelblauem Streifen; selten 
ganz weiß) und den weithin wahrnehmbaren Duft werden die Bestäuber 
angelockt. Da der Honig im Sporn geborgen ist, können kurzrüsselige 
Insekten nicht bis zu ihm gelangen. Bienen und Hummeln sind die 
Hauptbestäuber. Sie lassen sich entweder auf dem untern Blumen- 
blatte nieder oder hängen sich an die beiden obern Blätter, wobei sie 
sich an den Härchen der seitlichen Blätter festhalten. 

Wie die Bestäubung erfolgt, läßt sich leicht durch folgenden Ver- 
such feststellen: Man halte eine (junge) Blüte in ihrer natürlichen Stellung 
so hoch, daß man bequem hineinschauen kann, und führe mit der andern 
Hand ein zugespitztes Hölzchen (Insektenrüssel!) in den Sporn. Sobald 
die Narbe, die den Eingang versperrt, getroffen wird, bewegt sich der 
Griffel ein wenig nach oben. Dadurch weichen die orangefarbenen An- 
hängsel der Staubblätter auseinander, d. h. der von ihnen gebildete kegel- 
förmige Hohlraum öffnet sich, so daß etwas Blütenstaub herausfällt. 
Genau dasselbe geschieht, wenn ein Insekt in die Blüte eindringt: ein 

Taf. 11. 1. Blühende Pflanze mit zwei Ausläufern. 2. Fruchttragende Pflanze mit S. 
zwei Sommerblüten. Ameisen verschleppen die ausgestreuten Samen. 3. Längs durch- 
schnittene Blüte, die von einer Honigbiene besucht wird. 4. Eins der beiden untern 
Staubblätter: F. orangefarbenes Anhängsel; B. Staubbeutel; H. honigabsondernde Ver- 
längerung. 5. Same, in nat. Gr. u. vergr. 



Schtneils Naturwissenschaftliches Unterrichtswerk. 




Wohlriechenöes Veilchen (Viola oöorata). 



Veilchengewächse. 89 

Teil des Blütenstaubes fällt dem Tiere auf Rüssel und Kopf. 
Fliegt das Insekt nun zu einer zweiten Blüte, so kann es nicht aus- 
bleiben, daß einige Körnchen davon an der Narbe, die gerade im Wege 
zum Honig steht, abgestrichen werden, daß also Fremdbestäubung eintritt. 
Wie leicht einzusehen, ist diese eigentümliche Art der Bestäubung 
nur dadurch möglich, daß — wie erwähnt — das Veilchen erstlich trock- 
nen, mehlartigen Blütenstaub besitzt (klebriger Blütenstaub, wie er 
bei „insektenblütigen Pflanzen" in der Regel angetroffen wird, könnte 
nicht aus dem Hohlraum hervorrieseln!), und daß zweitens die Blüte 
schräg nach unten geneigt ist (bei einer aufrechtstehenden oder senk- 
recht herabhängenden Veilchenblüte würde der herausfallende Staub das 
saugende Insekt nicht treffen!). Diese Stellung erhält die Blüte — wie 
weiter leicht zu erkennen ist — nun dadurch, daß der Blütenstiel an 
seinem obern Teile eine eigentümliche Krümmung macht. 

3. Sommerblüten. Außer den prächtigen Frühhngsblüten bringt 
das Veilchen später im Jahre noch andre, aber sehr unscheinbare Blüten 
hervor. Ihr Kelch bleibt geschlossen; die Blumenblätter färben sich nicht 
bunt; die Staubblätter und der Stempel aber sind wohl entwickelt, so daß 
regelmäßig Früchte entstehen. Da diesen „Sommerblüten" die auffallende 
Farbe, sowie Duft und Honig fehlen, werden sie auch nicht von Insekten 
besucht. Die Fruchtbildung beruht bei ihnen also auf „Selbstbestäubung", 

4. Frucht, a) Der Fruchtknoten ist aus 3 Fruchtblättern gebildet, 
die an ihren Rändern zahlreiche Samen tragen. Die unreifen Frucht- 
kapseln hängen an gebogenen Stielen, die die oben erwähnte Krümmung 
der Blütenstiele verloren haben, nach unten oder liegen gar auf dem Bo- 
den. Die 3 Klappen (d. s. die verwachsenen Hälften je zweier benach- 
barter Fruchtblätter), durch die sich die reife Frucht öffnet, schrumpfen 
von der Seite her nach und nach zusammen. Infolgedessen geraten die 
Samen zwischen die Klappen und werden durch den Druck, der durch 
das fortschreitende Eintrocknen erzeugt vnrd, fortgeschnellt, ähnlich wie 
Kirschkerne, die wir mit den Fingern „fortschnippen". Da sich die Frucht- 
stiele Jetzt gerade gestreckt und aufgerichtet haben, spielt sich dieser Vor- 
gang völlig unbehindert ab. Wenn man bedenkt, daß das Veilchen sich 
kaum über das Gras erhebt und zudem vielfach an geschützten Orten 
gedeiht, an denen die Samen durch den Wind kaum ausgeschüttelt wer- 
den können, so w^ird man diese Art des Aussäens als durchaus vorteil- 
haft für die Pflanze bezeichnen müssen. 

5. Same. Das „Fortschnellen" der Samen kann nun um so besser 
geschehen, als sie (gleich den „fortzuschnippenden" Kirschkernen) sehr 
glatt sind. Sie besitzen je einen weißen, fleischigen Anhang, der ohne 
Schaden für die Keimung entfernt werden kann. Da dieses Gebilde von 
gewissen Ameisenarten gern verzehrt wird, werden die Samen von den 
Tierchen vielfach in ihre Baue getragen oder sonstwie verschleppt. Da- 
durch gelangen sie aber nicht selten an Orte, an denen sie keimen 
können: gewiß eine sehr eigentümliche Art der Verbreitung! 



90 



Veilchengewächse. Hartheugewächse. 



Andre Veilchen. 

Im schattigen Walde, wie auf ödem Sandboden, auf nassen, wie trocknen Wiesen, 
in der Ebene, wie im Gebirge: überall treten uns Veilchen entgegen, die — weil ge- 
ruchlos — xom Volksmunde gewöhnlich als „wilde Veilchen" bezeichnet werden. Sie 
gehören sehr verschiedenen Arten an, die schwer voneinander zu unterscheiden sind. 
Sehr häufig ist das Hunds-Veilclien (V. canina') mit seinem langghedrigen Stengel 
und den hellblauen, weißgespornten Blüten. — Am bekanntesten jedoch ist das Stief- 
mütterchen (V. tricolor-), das auf Feldern und Triften überall zu finden ist. Neben 
Pflanzen, die große, prächtig blaue oder blau und weiße (gelbe) Blüten besitzen, trifft 
man auch andre mit unscheinl>ar kleinen Blüten an, deren Blumenblätter gelblich weiß 
oder auch blau und gelb erscheinen. Mit dieser Verschiedenheit steht die Art der 
Bestäubung im innigsten Einklänge. Wie bereits aus dem Bau ihrer Griffel hervorgeht, 
sind die großen, auffallenden Blüten nur durch Fremdbestäubung zu befruchten, während 




Stiefmütterchen. 
1. großblumige, 2. kleinblumige Form. 

sich die kleinen, unscheinbaren selbst bestäuben. — Die großblumige Form des Feldstief- 
mütterchens und einige nahe verwandte Arten sind die Stammeltern des Gartenstief- 
mütterchens (Pen.sees). Eine planmäßige Veredelung dieser herrhchen Gartenpflanze 
hat erst zu Anfang des 19. Jahrhunderts begonnen, und welchen Erfolg diese Arbeit 
gehabt hat, davon legen die erstaunliche Größe und die wechselvolle Farbenpracht 
der samtenen Blumen beredtes Zeugnis ab. 

28. Familie. Hartheugewächse (Guttiferae^). 

Das Tüpfel -Hartheu (Hypericum perforätum^) wächst an Wegen und andern 
trocknen Stellen. Die hohe, sparrige Pflanze hat ihrem Standort entsprechend harte, 

1) canina, hundeartig (s. Meerrettich S. 81). 2) tricolor, dreifarbig. 3) gutti oder rjiunmi giittae 
ißt das als wertvolle gelbe Farbe bekannte Gnmmigutt, das von ostindischen Bäumen der Familie 
geliefert wird; fero, ich trage. 4) hypericum: hyp-, unter und em/ce, Heidekraut oder eine ihm ähn- 
liche Pfl. ; perforatus, dnrohbohrt. 



Hartheugewächse. 



91 



saftlose Stengel (Gattungsname!) und kleine Blätter. Zahlreiche helle öldrüsen lassen 
die Blätter, gegen das Licht gehalten, wie durchlöchert erscheinen (Artname!). An 
ihnen sowohl, wie an den 5 Kelch- und Blumenblättern, finden sich viele schwarze 
Punkte und Striche, die beim Zerreiben einen roten Farbstoff liefern. Das ist das 
„Johannisblut", dem man früher wie der ganzen Pflanze, dem „Johanniskraute", be- 
sondere Zauberkräfte zuschrieb. Die gelben Blüten enthalten zalilreiche Staubblätter, 
deren Fäden am Grunde zu 3 Bündeln verwachsen sind. Die dreifächerige Kapsel 
öffnet sich nur bei trocknem Wetter, um sich — ein häufig zu beobachtendes Schutz- 
mittel der Samen — bei feuchtem wieder zu schließen. 

Zu den Hartheugewächsen steht in näherer Verwandtschaft 

der cliinesisclie Teestrauch (Thea sinensis^). 

Von dem Teestrauche können wir uns durch die Betrachtung der 
Kamelie^) (Th. japönica^), die der prächtigen, meist gefüllten Blüten 
wegen zu unsern 
beliebtesten Topf- 
pflanzen zählt, leicht 
eine Vorstellung ver- 
schaffen: er ist wie 
sie eine Pflanze mit 
elliptischen, immer- 
grünen, lederartigen 
Blättern (vgl. mit 
Orange) und weißen, 
rosenähnHchen Blüten. Sich 
selbst überlassen, wächst er zu 
einem stattlichen Baume heran. 
In den Pflanzungen dagegen 
wird er als 1 — 2 m hoher 
Strauch gehalten, so daß ein 
erwachsener Mensch ohne jedes 
Hilfsmittel leicht bis zum Gipfel 
reichen kaun. Die Heimat 
der wichtigen Pflanze ist im 
südhchen China und den an- 
grenzenden Teilen Hinterindiens, woselbst sie von alters her angebaut 
wird, zu suchen. Von hier aus hat sich ihre Kultur auf Japan, das 
ganze Südasien, die Länder am Südabhange des Kaukasus, sowie auf 
andre tropische und subtropische Gebiete ausgedehnt. 

Wenn man von dem Tee, wie er za uns in den Handel kommt, 
etwas im Wasser aufweicht und vorsichtig auseinander breitet, so sieht 
man, daß er aus getrockneten und zusammengerollten Blättern 
besteht. Das Laub, das den Knospen entnommen ist oder das sich soeben 
entfaltet, liefert die wertvollste Ware; denn es ist am reichsten an dem 

1) th'-a, nach dem chines. Namen der Pfl.; sinensis, chinesisch. 2) Nach einem Reisenden Kamell 
oder Camelli benannt. 3) japonicus, japanisch. 




Zweig des 
chinesischen 
Teestrauches. 



92 Hartheugewächse. Lindengewächse. 

flüchtigen öle, das dem Tee den bekannten Wohlgeruch verleiht, und an 
dem Stoffe (Tein), der mit dem öle die belebende Wirkung des Tee- 
aufgusses bedingt. 

Die Verarbeitung der Blätter ist in den einzelnen Ländern sehr 
verschieden. In China, dem wichtigsten Teelande der Welt, verfährt man 
in der Regel in folgender Weise: Man nimmt dem Strauche im Jahre ge- 
wöhnhch dreimal das junge Laub. Die eingesammelten Blätter werden 
zuerst auf Matten oder Gestellen eine Zeitlang ausgebreitet, hierauf 
durch Schütteln und Werfen mit der Luft in Berührung gebracht und 
danach in Haufen aufgestapelt. In diesen Massen tritt bald eine Art 
Gärung ein, so daß die Blätter eine braune, bis fast schwarze Färbung 
annehmen, die den „schwarzen Tee" kennzeichnet. Alsdann werden sie 
zusammengerollt, in stark erhitzten Pfannen geröstet, nochmals geroUt 
und schließlich auf Holzgestellen langsam , getrocknet. Setzt man die ab- 
gepflückten Blätter sofort der Einwirkung heißer Wasserdämpfe aus, und 
trocknet man sie bei größerer Hitze, so bleibt die grüne Färbung mehr 
oder weniger erhalten, und man gewinnt den „grünen Tee". Von diesen 
beiden Teearten unterscheidet man wieder eine große Menge Sorten, deren 
wertvollste nur im Hofhalte des chinesischen Kaiserhauses verwendet und 
darum Kaisertee (Imperial) genannt wird. 

29. Familie. Lindengfewächse (Tiliäceae^). 

Die Sommer- und die Winterlinde (TiHa platyphyllos u. ulmifölia^). Taf. 12. 

A. Die Linde, unser Liel)ling^sl)aum. Während die Linde in Ost- 
europa große Wälder bildet, treffen wir sie bei uns vereinzelt fast nur in 
der Nähe des Menschen an. Sie ist der Lieblingsbaum des deutschen 
Volkes. Der schnelle Wuchs in der Jugend, das ehrwürdige Alter (etwa 
600 Jahre) und die gewaltige Höhe, die sie erreichen kann (30 m und 
mehr), die dichte Krone, das zarte Laub und die vielen Tausende von 
Blüten, die weithin die Luft mit süßem Duft erfüllen, haben ihr diese 
Stellung in unsern Herzen erobert. Deshalb pflanzen wir sie als Schatten- 
spenderin an Straßen, als Schmuckbaum auf freie Plätze und vor das 
Wohnhaus, sowie auf die Gräber unsrer Toten. Deshalb knüpfen sich 
an sie auch so zahlreiche Sagen und Lieder (z. B. von Siegfried; „Am 
Brunnen vor dem Tore"), und deshalb verwenden wir sie (neben der Eiche) 
als Gedenkbaum an große Ereignisse. Unsern Altvordern war sie 
ein heiliger Baum. Unter der ehrwürdigen Dorflinde berieten die 
Alten der Gemeinde, und noch heute versammelt sich unter ihr in vielen 
Gegenden die Jugend zu Lust und Freude. 

1) tilia, Linde; platyi'hyllos : plufys, breit und 2'h!/ilon, Blatt; tdmifolia : ühnus, Ulme und 
fölium, Blatt. 

Taf. 12. 1.— 3. Zweige mit austreibenden Knospen. 4. Blühender Zweig. 5. Blüten- 
stand. 6. Blüte. 7. Fruchtstand. 



Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



Tafel 12. 








Winterlinöe (Tilia ulmifolia). 



Lindengewächse. 



93 



Das weiche Holz des Baumes wird vornehmlich zu Schnitzarbeiten 
benutzt; seine Kohle dient zum Zeichnen und früher besonders zur Be- 
reitung des Schießpulvers. Aus dem Baste stellt man namentlich in Ruß- 
land Decken und andre Flecht werke her. Die Blüten sind für die Bienen 
eine reiche Honigquelle; getrocknet Hefern sie einen schweißtreibenden Tee. 

B. Die beiden einlieimiselien Lindenarten. Die Gattung „Linde" ist bei uns 
durch zwei Arten vertreten: Die Sommerlinde entfaltet ihr Laub bereits anfangs 
Mai (Frühlinde) und hat große Blätter (großblättrige Linde), die unterseits mit kurzen 
Haaren besetzt sind; die andre Art, die Winterlinde, schlägt erst Mitte Mai aus 
(Spätlinde), und ihre beiderseits kahlen Blätter sind viel kleiner als die Jener (klein- 
blättrige Linde). Sonst aber stimmen beide in allen Stücken fast völlig überein. 

C. Von den Blättern der Linde. 1. Wenn im Frühjahre der junge 
Trieb in der Knospe zu wachsen beginnt, drängt er die beiden braunen 
Knospenschuppen auseinander. Statt des Triebes werden jetzt aber 
erst grüne oder röthch 



angehauchte , schup- 

penförmige Blätter 
sichtbar, die sich stark 
in die Länge strecken 
und den umhüllten 
Trieb gegen die Unbil- 
den der Witterung 
schützen. Endlich bie- 
gen auch sie sich aus- 
einander, und die 
jungen Blätter treten 
zwischen ihnen hervor. 
Nunmehr erkennt man 
deutlich (noch deut- 
licher, wenn sich die 
j ungen StengelgHeder 
bereitsgestreckthaben), 
daß je 2 dieser „Schup- 
pen" am Grunde der 
Blattstiele stehen. Wir 
haben es in ihnen also 
mit Nebenblättern 
zu tun. Ihrer Aufgabe 
entsprechend (Schutz- 
mittel!) haben sie hier 
aber die Gestalt von 
Knospenschuppen. Ist 
der junge Trieb ge- 
nügend erstarkt, dann 
fallen die nunmehr 




Linde. 



94 



Lindengewächse. 



überflüssig gewordenen braunen Knospenschlippen und die Nebenblätter 
ab. Die jungen Blätter sind mit langen, seidenartigen Haaren bedeckt, 
senkrecht gestellt und in der Mitte zusammengefaltet, Schutzeinrichtungen, . 
die wir bei der Betrachtung der Roßkastanie näher kennen lernen werden. 

2. Die Blätter stehen abwechselnd links und rechts, zu zwei „Zeilen" 
geordnet, an den Zweigen, so daß die Blattflächen wie an den wage- 
rechten Zweigen der Roßkastanie meist in eine Ebene fallen. Da diese 
Flächen zudem von sehr verschiedener Größe sind und auf ungleich langen 
Stielen stehen, vermögen sich die Blätter leicht so zu stellen, daß sie sich 
gegenseitig nicht das belebende Sonnenlicht rauben. Die beiden „Hälften" 
der herzförmigen und am Rande gekerbten Blattflächen sind ungleich groß, 
die Blätter also unsymmetrisch. 

3. Betrachtet man die Unterseite ausgebildeter Lindenblätter, so entdeckt man 
in den Winkeln der größern Adern eigentümliche Haarbüschel. Die Haare schließen 
mit der Blattfläche je einen Hohlraum ein, der sich nach der Blattspitze zu öffnet 

und — wie man mit Hilfe der Lupe leicht weiter 
feststellen kann — in der Regel von einer grö- 
ßern Zahl kleiner Milben bewohnt Tvird. Tags- 
über verharren die Tierchen meist ruhig in diesen 
Milbenhäuschen oderDomatien^), die sich am 
besten mit Strohhütten einfachster Art ver- 
gleichen lassen. Bei anbrechender Dunkelheit 
aber kommen sie hervor und laufen schnell 
über das Blatt dahin. Sorgfältige Untersuchungen 
machen es wahrscheinlich, daß sie auf diesen 
Gängen allerlei aufgeflogene Pilzsporen und 
andre Unreinlichkeiten verzehren, dem Baume 
für das gewährte Unterkommen also einen wich- 
tigen Gegendienst erweisen. Unter dem Haar- 
dache legen die Milben auch ihre Eier ab, und 
dort entwickeln sich auch die daraus hervor- 
gehenden Jungen. Zur Zeit des Laubfalles biegen 
sich die Haare auseinander, und die Bewohner 
der Häuschen suchen in Rindenspalten und ähn- 
lichen Schlupfwinkeln Schutz gegen die Un- 
bilden des Winters, um im nächsten Frühjahre 
die hervorbrechenden Blätter wieder zu bevölkern. 
Auch die Blätter der Haselnuß, der Erle, der Rüster, der Platane, des Spitzahorns 
und andrer Pflanzen besitzen ähnlich gebaute Milbenhäuschen. 

D. Von den Blüten der Linde. 1. Blütezeit. In den Winter- 
knospen der Linde finden sich keine Blütenanlagen. Diese entwickeln 
sich vielmehr erst an den jungen Trieben, eine Tatsache, die die ver- 
hältnismäßig späte Blütezeit des Baumes zur Genüge erklärt. Die Blüten 
gehen aus den Blattachseln hervor, woselbst sich neben ihnen jetzt be- 
reits die Knospen für das nächste Jahr zu bilden beginnen. 

2. Blüte. Von einem Hauptstiele strahlen bei der Sommerlinde ge- 
wöhnlich 2 oder 3, bei der Winterlinde dagegen 5 — 7 Nebenstiele aus, 
die je eine Blüte tragen. Der Hauptstiel ist zum Teil mit emem band- 




Milbenhäuschen auf dem 
Linden blatte. 1. Blatt von der 
Unterseite. 2. Einzelnes Häuschen 
(vergr.). 3. Milbe, aus dem Häus- 
chen (20 mal vergr.). 



1) dömus, Hans; domätion., Häuschen. 



Lindengewächse. Malvengewächse. 95 

förmigen, pergamentartigen, bleichen „Deckblatte" verwachsen, dessen 
Bedeutung wir später kennen lernen werden. 

Da die Blüten zumeist nach unten hängen und von den Laub- 
blättern oft völlig überdacht werden, sind Honig und Blütenstaub vor- 
trefflich gegen Regen geschützt. Diesem Vorteile steht jedoch der Nach- 
teil gegenüber, daß die Blüten in ihrem „Verstecke" den Blicken der 
Insekten vieKach in hohem Grade entzogen sind. Hierzu kommt noch, 
daß Kelch und Blumenkrone, die au3 je 5 kleinen Blättern bestehen, 
eine ganz unscheinbare gelbliche Färbung zeigen. Durch einen weithin 
wahrnehmbaren Duft werden diese für die Befruchtung ungünstigen 
Verhältnisse jedoch so vollkommen ausgeglichen, daß die blühende Linde 
oft von Tausenden summender Insekten — besonders von Bienen und 
Fliegen — umschwärmt ist. 

Die zahlreichen langen Staubblätter stehen in dichtem Kranze um 
den Stempel. Sie sind sämtlich nach außen gerichtet, überragen die 
kleine Blütenhülle und überdecken den Honig, der in großer Menge von 
den muldenförmigen Kelchblättern abgeschieden wird. Infolgedessen 
müssen sich die Insekten, die auf der hängenden Blüte Fuß fassen wollen, 
an ihnen und dem Stempel festklammern. Da nun die Staubbeutel vor 
der Narbe reifen, kann es kaum ausbleiben, daß Blütenstaub von den 
Jüngern Blüten auf die Narbe der altern übertragen, also Fremdbestäu- 
bung herbeigeführt wird. 

E. Von den Früchten der Linde. Wie ein Querschnitt zeigt, ent- 
hält der Fruchtknoten 5 Fächer mit je 2 Samenanlagen. Von diesen 
10 Anlagen entwickelt sich jedoch gewöhnlich nur eine. Die nußartige 
Frucht (Lindennüßchen) öffnet sich gleich allen einsamigen Früchten bei 
der Reife nicht. 

Im Herbste löst sich der Fruchtstand mit dem flügelartigen Deck- 
blatte vom Zweige und fällt infolge des Widerstandes, den dieses Blatt 
in der Luft findet, langsam zur Erde hernieder. Wird er dabei vom Winde 
erfaßt, so gelangt er oft erst in großer Entfernung vom Baume auf den 
Boden. Das Deckblatt ist also ein Mittel zur Ausbreitung der Samen 
und damit zur Weiterverbreitung der ganzen Pflanze. 

Zu den Lindengewächsen zählt die Jutepflanze (Cörchorus ^) , die in den Bast- 
fasern ihrer bis 4 m hohen Stengel einen vortrefflichen Gespinststoff liefert.. Diese als 
Jute bezeichneten Fasern werden besonders zur Herstellung von Säcken und Stricken 
benutzt. Da die wertvolle Pflanze in ganz Ostindien angebaut wird, nennt man sie 
auch „Indischen Flachs". In den deutschen Kolonien versucht man gleichfalls, sie 
zu kultivieren. 

30. Familie. Malvengewächse (Malväceae ^). 

Die Weg-malve (Malva neglecta^). 

Die Wegmalve findet sich — wie schon der Name andeutet — als 
eine unsrer gemeinsten Pflanzen an Wegen und in der Nähe der mensch- 

1) körchoros, griech.. Name für eine unbekannte Pfl. 2) malva, Malve ; negledus, vernachlässigt. 



96 



Malvengewächse. 



liehen Wohnungen. Vermöge einer sehr tiefgehenden Wurzel kann sie auf 
dem festen und oft sehr dürren Boden wohl gedeihen. Macht ihr keine 
andre Pflanze das Licht streitig, so liegen die schwachen Stengel fast 
völlig dem Untergrunde auf; im andern Falle aber richten sich diese an 
den Enden empor. Die rundlichen, 5 — 7 lappigen Blätter sind gleich den 
Stengeln mehr oder weniger dicht mit sternförmigen Haaren bedeckt (Ver- 
dunstungsschutz!). In den Blattwinkeln stehen stets mehrere langgestielte 
Blüten, die unter dem fünf zipfligen Kelche noch je 3 Nebenblättchen be- 
sitzen. Die 5 
rosafarbenen 
Blumenblät- 
ter sind am 
Grunde mit 
i/ ^ ^ <svlT^ /T^l^^^ß'W" i ^^W .''ii^i^^S den zahlrei- 
chen Staub- 
blättern ver- 
schmolzen, 
deren Fäden 
wieder zu 
einer die Grif- 
fel umschlie- 
ßendenRöhre 
(zu einem 
„Bündel") verwachsen sind. 
Die Frucht reift, vom Kelche 
bedeckt, zurückgebogen im 
Schutze der Blätter und ist 
einem kleinen Käse nicht un- 
ähnlich („Käsepappel"). Sie 
besteht aus einer scheibenför- 
migen Verlängerung des 
Fruchtstieles, die von zahl- 
reichen Fruchtknotenfächern 
umgeben ist. Die einzelnen 
Fächer umschließen je einen Samen und lösen sich bei der Reife ab. 
Sie werden vom Regen verschlämmt und von Menschen oder Tieren mit 
dem aufgeweichten Boden leicht verschleppt, eme Verbreitung, die mit 
dem Vorkommen der Pflanze in völligem Einklänge steht. 

Auf feuchten Wiesen, vornehmhch auf Salzboden, findet sich der Eibisch (Althsea 
officinäUs') als eine mehr denn meterhohe Pflanze, deren grüne Teile mit weißem Filz 
überzogen sind („Sammetpappel"). Blätter und Blüten, besonders aber die Wurzeln sind 
von alters her wegen des Schleimes, den sie beim Kochen liefern, ein wichtiges Heil- 
mittel. Deshalb baut man die stattliche Pflanze auch im großen an. — Gleiche Heil- 
wirkung besitzen auch die Blüten der Stockrose (A. rosea"), die aus dem Morgenlande 
zu uns gekommen und eine bekannte Zierpflanze ist. — Ein Malvengewächs ist auch 

1 {fllthaea vou ältlio, ick heile; ofßcinalis, in der Apotheke gebraucht. 2) roseus, rosig. 




Malvengewächse. 



97 



die Baumwolle (Gossypium^). 

1. Die artenreiche Gattung umfaßt eine Anzahl kraut-, strauch- und 
baumartiger Pflanzen, die in den heißen Gegenden der alten und neuen 
Welt heimisch sind. Die Formen, deren Samenhaare wir als wichtigsten 
Spinnstoff verwenden — kleidet sich doch die Mehrzahl der Menschen in 
baumwollene Gewebe! — haben sich weit über ihr ursprüngliches Gebiet ver- 
breitet und selbst 
ausgedehnte , wär- 
mere Landstriche der 
gemäßigtenZonen er- 
obert (z.B. Südeuropa 
und Nordamerika). 

2. Die Pflanzen 
werden , damit die 
Früchte leicht zu 
erreichen sind, in 
Strauchform 



gezogen, 
haben große, 

drei- bis 
fünflappige 
Blätter und 
(bis auf eine 
weißblühen- 
de Art) gelbe 

Malven- 
blüten. Die 
Frucht ist 
eine Kapsel, 
aus der bei 
der Reife ein 

mächtiger 

Haarschopf hervorquillt. Die Haare, die bei der wildwachsenden Pflanze 
der Verbreitung durch den Wind dienen, haben eine Länge bis zu 5 cm 
und sitzen der Oberfläche der erbsengroßen Samen an. 

3. Verwendung. Sobald sich die Kapseln zu öffnen beginnen, sam- 
melt man sie ein und trennt mit Hilfe von Maschinen die Haare von den 
Samen. Der größte Teil der gewonnenen Haare wird gesponnen und ent- 
weder als Garn verwendet (Strick-, Häkelgarn und dgl.), oder zu Zeugen 
verwebt (Kattun, Barchent, Musselin usw.). Auch zur Herstellung von 
Watte, Schießbaumwolle und andern gewerblichen Erzeugnissen finden 
die wertvollen Haare Verwendung. Aus den Samen, die man nicht zur 
Aussaat benutzt, wird öl gepreßt (Baumwollsaatöl), und die Rückstände 




Zweig der Baumwolle. 
Daneben eine geöffnete Fruchtkapsel, aus der die langen Samenhaare 
hervorquellen, und ein Same mit seinem Haarbesatze. 



1) gossypium, Baumwolle. 
Seh m eil, Lelirbucb der Botaiük. 



Malvenorewächse. 







(CM''//-" 



Affenbrotbaum während der trocknen Jahreszeit. 



dienen noch als nahr- 
haftes Viehfutter. 

Zu den Malvengewächsen 
zählt auch der Affenbrot- 
baum oder Baobab (Adan- 
sonia digitäta'), der in den 
Steppen des heißen Afrika 
heimisch ist. Er bildet im 
Alter eine riesige Krone und 

besitzt dementsprechend 
einen sehr starken Stamm. 
In der trocknen Jahreszeit 
verliert er das Laub und 
dann hängen die bis 40 cm 

langen, spindelförmigen 
Früchte an beweglichen Stie- 
len gespenstisch von den ge- 
waltigen Zweigen herab. Die 
Früchte sind nicht nur für 
die Affen (Name!), sondern 
auch für die Menschen ein 
wichtiges Nahrungsmittel. 

Ein entfernterer Ver- 
wandter der Malven ist 



der Kakaobauiu (Theobröma cacäo'^). 

Der Kakaobaum hat in den Urwäldern des tropischen Amerika seine 
Heimat, wird jetzt aber in allen heißen Ländern angebaut, soweit sich 
hierzu das Klima eignet. Er liebt vor allen Dingen eine große Feuchtig- 
keit der Luft und gedeiht am besten auf dem „tiefgründigen" Boden 
des gerodeten Urwaldes. Da er in hohem Maße des Schattens bedarf, 
pflanzt man mit ihm schnellwachsende „Schattenbäume" an, die mit 
ihren breiten Kronen die junge Pflanze überdachen. Der bis 15 m hohe 
Baum trägt eiförmige, etwas blasige, immergrüne Blätter. Seine Blüten 
konimen in Büscheln „aus dem alten Holze", d, h. aus dem Stamme und 
den starkem Zweigen hervor. Sie entstehen nämlich aus sog. schlafen- 
den Augen, d. h. aus Anlagen, die sich vor Jahren in den Achseln 
jetzt längst abgefallener Blätter bildeten. Diese „Stammbürtigkeit", die 
übrigens ausnahmsweise auch bei unsern Obstbäumen und vielen andern 
Bäumen unsrer Gegenden auftritt, ist für die Pflanze sicher von großem 
Vorteil; denn die schwächern Zweige, an denen bei andern Bäumen die 
Blüten zu sitzen pflegen, wären gar nicht imstande, die schweren Früchte 
zu tragen. Die gurkenähnlichen, bis 20 cm langen Gebilde besitzen 
unter einer derben, gelben oder roten äußern Haut em säuerliches Frucht- 



1) Adansonia, nach dem traiiz. Botaniker Adanson (f 1806) benannt; digitatus, gefingert 
(Form der Blätter !). 2) tJiedbroma: theös, Gott und brÖTna, Speise; cacao, nach einem mexik. Wort«. 



Malvengewächse. 



99 



fleisch und im Inneru die wertvollen, bohnenähnlichen Samen, die in 
5 Reihen angeordnet sind. 

Im frischen Zustande sind diese sog. Kakaobohnen überaus bitter 
und daher für den menschlichen Genuß ungeeignet. Werden sie aber 
vom P^uchtfleische befreit und einige Tage auf Haufen gelegt oder in 
Gruben geschüttet, dann verHeren sie infolge eines Gärungsvorganges 
jene Eigenschaft und nehmen einen angenehmen, milden Geschmack 
an. hl diesem Zustande gelangen sie in die Fabriken, in denen sie 
verarbeitet werden. Nachdem sie geröstet und von den Samenschalen 




Zw eiy (le> K a k ao b a u ni e s mit Bliiten 
und Frficliton Daneben 1. Blüte, 
2. geöffnete Frucht, 3. Same („Ka- 
kaobohne"). 



befreit sind, werden sie zerrieben. Da der entstandene Brei aber völlig 
von Fett durchtränkt ist, muß ihm ein großer Teil davon durch Aus- 
pressen entzogen werden. Die auf diese Weise gewonnene „Kakao- 
butter" ist ein sehr wertvolles Nebenprodukt, das besonders zur Berei- 
tung feiner Seifen, Salben und Pomaden verwendet wird. Der zurück- 
bleibende Preßkuchen wird fein gepulvert und hefert das Kakaopulver, 
wie es in den Handel kommt. Wird die Masse mit Zucker gemischt und 
durch Vanille gewürzt, so erhält man die Schokolade. Gleich Kaffee 
und Tee enthält auch der Kakao einen Stoff, das Teobromin, das auf 
den Menschen eine belebende Wirkung ausübt. Da man aber von den 
fett- und eiweißhaltigen Kakaobohnen nicht bloß einen Aufguß herstellt, 
diese, vielmehr selbst genießt, so ist der Kakao nicht nur ein Genuß-, 
sondern auch ein Nahrungsmittel. 



100 Storchschnabelgewächse. 

31. Familie. Storehsehnabelgewächse (Geraniäceae^). 

Blüten: je 5 freie Kelch- und Blumenblätter; 10 am Grunde verwachsene Staubblätter; 

Fruchtknoten aus 5 verwachsenen Fruchtblättern zusammengesetzt. Die geschnäbelte 

Frucht spaltet sich bei der Reife in 5 „begrnnnte" Teilfrüchte, die sich von der 

stehenbleibenden Verlängerung des Blütenstieles (Mittelsäule) ablösen. 

Der Reilierscliiiabel (Erödium cicutärium^). Taf. 13. 

1. Wie er grünt. Der Reiherschnahel ist auf Äckern, an Wegen 
und Rainen, besonders auf Sandboden häufig anzutreffen. Obgleich die 
obern Bodenschichten dieser örthchkeiten während der Sommermonate 
fast völhg austrocknen, geht die Pflanze doch nicht zugrunde; denn 
sie sendet eine sehr lange Pfahlwurzel bis in die Bodenschichten hinab, 
die stets etwas feucht bleiben. 

Ein weiteres Schutzmittel gegen das Vertrocknen ist die sehr dichte, 
graue Behaarung aller grünen Teile bei denjenigen Exemplaren, die auf 
sehr sonnigem und dürrem Boden stehen. Wachsen die Pflanzen unter 
günstigeren Bedingungen, so sind sie stets viel geringer, oft nur ganz 
wenig behaart. 

Ein drittes Schutzmittel hegt endlich in den zierlich gefiederten 
Blättern. Je nach dem Standorte erscheinen nämhch ihre Fiedern mehr 
oder weniger tief eingeschnitten. An den sonnigsten Stellen sind sie 
sogar bis auf den Grund geteilt, so daß das Blatt eine doppelte Fiederung 
zeigt. Je kleiner die Blatlflächen aber sind, um so weniger Wasser ver- 
dunsten sie unter sonst gleichen Verhältnissen selbst verstau düch auch. 

Im Herbste und Winter bilden die Blätter der veränderlichen Pflanze 
oft außerordentlich regelmäßige, dem Boden aufliegende Rosetten. In- 
folge dieser Lage kann kein Blatt dem andern auch nur einen Licht- 
strahl rauben, und so allein vermag auch die winterhche Schneelast dem 
schwachen Gewächs keinen Schaden zuzufügen. Im Frühjahre setzt die 
Pflanze das Wachstum fort, das durch die Kälte zum Stillstand gebracht 
wurde: sie treibt langghedrige, meist rot angelaufene, beblätterte Stengel. 
Wächst der Reiherschnabel zwischen andern Pflanzen, die ihm das Licht 
streitig machen, dann richten sich die Stengel hoch empor; im andern 
Falle dagegen bleiben sie meist dem Boden angedrückt. 

2. Wie er blüht. Mehrere kurzgestielte Blüten, die bei den einzelnen 
Pflanzen eine sehr verschiedene Größe besitzen, erheben sich am Ende 
eines gemeinsamen Stieles, der aus einer Blattachsel hervorgeht. Wäh- 
rend die kleinen Blüten von Insekten wenig beachtet werden und darum 



1) Nach der Gattung geranium, s. S. 102. 2) erodium von erodiös, Beilier; ciciäarium von 
cicüta, Schierling (Blätter! . 

Taf. 13. 1. Stengel mit Blüten und Früchten, a. Reife Frucht; b. u. c. die Teil- 
früchte lösen sich von der Mittelsäule ab. 2. Blattrosette im Herbste und Winter. 
3. Blüte; zwei Blütenblätter sind entfernt. 4. Teilfrucht: a. Fi-uchtfach, b. kork- 
zieherartiger und c. gerader Abschnitt der Granne. 5 a. — d. Teilfrucht, die sich in die 

Erde bohrt. 



Schmeil, Lehrhnch der Botanik. 



Tafel 13. 




iy.//euia(^ 



Reiherschnabel (Erodium cicutarium). 




Storchschnabelgewäcliae. -^Q^ 

in der Regel auf Selbstbestäubung angewiesen sind, erfreuen sieh die 
andern eines regen lusektenbesuches. Schon wenige Stunden nach dem 
Aufblühen verlieren sie die 5 rosafarbenen, oft dunkler gestreiften oder 
gefleckten und unter sich verschieden großen Blumenblätter, die am 
Grunde je einen Büschel seitlich gerichteter Härchen tragen. Diese Haare 
überdecken die 5 Honigdrüsen am Grunde der Staubblätter und ver- 
wehren somit den Insekten, von unten her zum Honig vorzudringen. Die 
10 am Grunde miteinander verwachsenen Staubblätter sind nur zur 
Hälfte mit Staubbeuteln ausgeiüstet. Sie umschließen 
den Stempel, dessen merkwürdigen Bau uns die reifende 
Frucht deutlich erkennen läßt. Wir sehen, wie der 
Fruchtknoten nach und nach in 5 Teilfrüchte zerfällt, 
die um eine Verlängerung des Fruchtstieles, eine Mittel- 
säule, geordnet sind. Lösen wir die noch unreifen, 
einsamigen Teilfrüchte (eine zweite Samenanlage ge- 
langt nicht zur Entwicklung!) ab, so sehen wir weiter, Blütengrundriß vom 
wie ihre Hüllen (die 5 Fruchtblätter) in je einen langen Reiherschnabel. 
Fortsatz, eine „Granne", ausgezogen sind. Jede Teil- 
frucht besteht also aus 2 deutlich geschiedenen Abschnitten: aus dem 
Fruchtfache mit dem Samen und der Granne. Die 5 Grannen bilden mit 
dem obern Teile der Mittelsäule den Griffel, und üire obersten Abschnitte 
stellen die 5 Narben dar. Nach dem Verblühen wächst der Griffel 
weiter, so daß er samt der Frucht schließlich einem langgeschnä helfen 
Vogelkopfe ähnelt (Reiherschnabel, Storchschnabel!). Auch der fünf blätt- 
rige Kelch vergrößert sich noch nach dem Verblühen und umhüllt 
schützend die sich ausbildende Frucht. 

3. Wie er Früchte trägt, a) Bringt man einen reifen Fruchtstand 
in das geheizte Zimmer, auf den warmen Ofen, oder sorgt man sonstwie 
dafür, daß er schnell austrocknet, so bemerkt man, wie sich erstlich 
die Teilfrüchte von der IVIittelsäule ablösen, wie sich sodann der untere 
Teil der Granne korkzieherartig aufrollt, und wie endlich das ganze Ge- 
bilde ein Stück fortgeschleudert wird. Dasselbe erfolgt natürlich auch 
im Freien bei warmem, trocknem Wetter, ein Vorgang, durch den die 
Pflanze über ein großen Bezirk verbreitet wird. 

b) Befeuchtet man eine Teilfrucht, so streckt sich die Granne: die 
Windungen werden immer weiter und verschwinden schließlich voll- 
ständig. Läßt man die Granne wieder austrocknen, so rollt sie sich 
wieder auf. (Die gegen Feuchtigkeit sehr empfiudüchen, hygroskopischen 
Teilfrüchte werden darum auch zur Herstellung von Feuchtigkeitsmessern 
oder Hygrometern benutzt.) Wiederholt man denselben Versuch in der 
Weise, daß man den rechtwinklig abgebogenen, geraden Endteil der 
Granne festhält, so wird das Fruchtfach in drehende Bewegung versetzt. 
Stellt man nun endlich eine angefeuchtete Teilfrucht mit der Spitze des 
Fruchtfaches in Sand oder lockere Erde und dicht daneben ein Stabchen, 
das den Endteil der Granne hindert, sich beim Strecken des korkzieher- 



102 



Storchschnabelgewächse. 



artigen Abschnittes zu drehen, so muß dasselbe erfolgen: das Fruchtfach 
wird demnach in den Sand oder die Erde gebohrt. Dieser Vorgang 
spielt sich natürüch auch im Freien ab, wenn der Endteil der Granne 
durch Pflanzen oder Unebenheiten des Erdbodens festgehalten wird, und 
wenn Tau- oder Regentropfen die Granne strecken, und der Sonnenschein 
sie wieder trocknet. Man findet daher in der Umgebung der Pflanze 
zur Zeit der Fruchtreife meist auch einige eingebohrte Früchte. Der 
eigentümliche Bau der Frucht und ihre große Empfindüchkeit gegen Be- 
feuchtung sind also zugleich ein Mittel, die Samen in den Erdboden, 
also an den Ort zu bringen, an dem sie zu keimen vermögen. 

Diese Erkenntnis macht uns weiter folgende Einzelheiten im Bau 
der Teilfrucht verständlich: 1) Der gerade Endteil der Granne bewirkt, 
daß die Spitze des Fruchtfaches stets schräg gegen den Erdboden ge- 
richtet ist. 2) Die als Erdbohrer dienende- Spitze des Fruchtfaches 
ist scharf. 3) Das Fruchtfach ist mit kurzen, steifen Haaren be- 
setzt, die wie Widerhaken wirken. Rollt sich nämlich die austrocknende 
Granne auf, so verhindern sie, daß das Fruchtfach wieder aus dem Boden 
gedreht werde. Da nun das Fruchtfach im Freien abwechselnd feucht 
^ (Regen, Tau) und wieder trocken wird, so 

muß es daher mitsamt dem Samen immer 
tiefer in die Erde eindringen. 4) Die kurzen 
und langen Haare an dem korkzieher- 
artigen Grannenteile verhüten ein Ab- 
springen der Regentropfen. 5) Das Frucht- 
fach ist vollkommen geschlossen, so 
daß ein Herausfallen des Samens nicht mög- 
lich ist. Kurz: wir haben es hier mit einem 
wahren Wunderwerke der Natur zu tun! 

Die nächsten Verwandten des interessanten 
Pflänzchens sind die Storchschnabelarten (Gerä- 
nium^), die Wald und Feld, trockne und feuchte 
örtlichkeiten bewohnen. Wie bei ihnen die Samen- 
verbreitung erfolgt, mag uns der AViesen-St. (G. 
pratense") lehren, der mit seinen großen, blauen 
Blumen Wiesen und lichte Gebüsche schmückt. 
Die sich ablösenden Teilfrüchte schnellen an der sich 
bogenförmig krümmenden Granne mit ziemlicher 
Gewalt nach oben, bleiben aber an dem obern 
Grannentnile mit der Mittelsäule verbunden. Da- 
durch werden sie in ihrer Bewegung aufgehalten, 
so daß ein heftiger Ruck entsteht. Da nun die 
Fruchtfächer auf der Innenseite einen großen Spalt 
besitzen, werden die Samen in w^eitem Bogen 
fortgeschleudert, etwa wie ein Stein, den man aus 
der hohlen Hand mit einem kurzen Ruck des Armes 
fortwirft. Die gleiche Art der Ausstreuung finden wir 




Früchte des Wiesenstorch- 
schnahels. Links: noch unreife 
Teilfrüchte. Rechts: drei der reifen 
Teilfrüchte haben sich unten von 
der Mittelsäule abgelöst. Von den 
beiden andern hat die rechte Teil- 
frucht ihren Samen bereits fort- 
geschleudert, während die linke 
dies soeben tut. 



1) von geranos, Kranich. 2; pratensis, auf der Wiese wachsend. 



Sauerkleegewächae. 



103 



bei allen großblumigen Storchschnabelarten. Bei den kleinblumigen Arten dagegen lösen 
sich die Grannen vollständig ab, so daß die Teilfrüchre fortschnellen. Dieser Verbreitungs- 
weise entspricht, daß die Fruchtfächer wie beim Reiherschnabel völlig geschlossen sind, 
wodurch ein Herausfallen der Samen verhindert wird. — Als bekanntestes Beispiel 
dieser Formen sei das Ruprechtskraut (G. robertiänum ^) genannt, das an feuchten, 
schattigen Orten überall vorkommt. Durch den widerlichen Geruch (Schutz gegen Tiere!) 
und die tiefgeteilten, fiederspaltigen Blätter unterscheidet es sich leicht von dem sonst 
sehr ähnlichen Reiherschnabel. — Zahlreiche ausländische, meist aus dem Kaplande 
stammende „Geranien" (Pelargonium -) zählen zu unsern beliebtesten Topfpflanzen, 

32. Familie. Sauerkleegewächse (Oxalidäceae''). 

Der Sauerklee (Öxalis acetosella^). 

Den Sauerklee kennzeichnet die große Zartheit aller Teile schon als 
einen Bewohner schattiger, feuchter Wälder und Gebüsche. Von 
den kleeartigen Blättern und dem Reichtum an giftigem oxalsaurem Kalk 
oder Kleesalz (Schutzmittel gegen Tiere!) hat er seinen Namen erhalten. An 
sonnigen Tagen kann 
man leicht beobachten, 
wie dicht beieinander 
stehende Pflanzen ein 
sehr verschiedenes Aus- 
sehen haben: die be- 
schatteten breiten ihre 
Blätter so aus, daß die 
drei herzförmigen Einzel- 
Blättchen in einer Ebene 
liegen; die von den Son- 
nenstrahlen getroffenen 
dagegen haben die Blätt- 
chen senkrecht nach un- 
ten geschlagen und — 
wiedervorhandeneRaum 
dies bedingt — in der 
MitteUinie etwas einge- 
faltet. In dieser Lage 
werden die Blätter selbst- 
verständlich viel weniger 
besonnt und mithin auch 

viel weniger erwärmt, als wenn sie ausgebreitet wären. Wenn man bedenkt, 
wie überaus zart das Pflänzchen ist, wird man in der Bewegungsfähigkeit 
seiner Blätter leicht eine Einrichtung erkennen, durch die das empfindliche 
Blattgrün gegen zu grelles Licht und das ganze Schattengewächs gegen zu 
starke Verdunstung geschützt ist. Nachts nehmen die Blätter die gleiche 
„Schlafstellang" ein (s. Gemüsebohne). Auch die Blüten, die fünf weiße. 




Sauerklee. [Die Blätter und die Blüte des linken 

Zweiges in Sclilafstellung. Daneben Frucht, die soeben 

einen Samen ausschleudert. 



1) nach dem heil. Robert oder Ruprecht benannt. 
llQg; acetum, Essig, -osella, Wortendung. 



von 2)€largös, Storch. 3) oxalis, San er- 



104 



Sauerkleegewäciiae. Leingewächse. 



rot geäderte Blumenblätter besitzen, schließen sich und werden nickend, 
sobald es Abend mrd. An kalten, unfreundUchen und regnerischen Tagen 
öffnen sie sich gar nicht. Drückt man eine ziemlich reife Frucht ein wenig, 
so werden die Samen mit großer Heftigkeit ausgeschleudert. Dasselbe ge- 
schieht bei vöUiger Reife von selbst: die äußere Schicht der Samenschale 
reißt an der Außenseite auf und rollt bhtzschnell zurück; dadurch ei halten 
die glatten Samen einen so heftigen Stoß, daß sie durch die Spalten in 
weitem Bogen aus der Kapsel herausgeworfen werden. Mit dieser Weise, die 
Samen auszustreuen, hängt auch zusammen, daß sich der gekrümmte 
Fruchtstiel zur Zeit der Fruchtreife emporrichtet. 

Glieder nahestehender Familien. An Waldbächen 
und an andern feuchten Stellen des Waldes gedeiht das 
Spring-kraut oder das Kräutchen Rühr mich nicht an 

(Impätiens noü tängereM. Es ist, seinem Standorte ent- 
sprechend, ein überaus saftreiches, zartes Gewächs, dessen 
hellgrüne Teile von einer bläulichen Wachsschicht über- 
zogen sind. Die gelben, trompetenähnlichen Blüten stehen 
unter den Blättern wie unter einem schützenden Regen- 
dache. Berührt man die schotenähnlichen Früchte, so 
lösen sich die 5 Klappen von der Mittelsäule ab, rollen 
sich spiralig zusammen und schleudern die Samen nach 
allen Seiten. Dasselbe geschieht, wenn der Wind die Pflanze 
schüttelt, oder wenn ein vorbeistreif eudes Tier an die 
Kapseln stößt. — Eine gleiche Samenverbreitung findet 
man bei der Garten-Balsamine (I. balsamina-), die aus Ost- 
asien stammt. — Gespornte Blüten wie das Springkraut 
haben auch die Kapuzinerkressen (Tropaeolum''), die zu 
unsern beliebtesten Zierpflanzen zählen. Ihre Heimat ist 
Peru. Sie besitzen meist schildförmige Blätter. Die Blüten- 
knospen und jungen Früchte werden wie Kapern verwendet. 




Frucht des Spring- 
krautes. 1. geschlossen; 
2. aufspringend. 



33. Familie. Leingewächse (Linäceae*). 
Der Leiu oder Flachs (Linum usitatissimum*). Taf. 14. 

„Auf, kommt in die Felder und blühenden Au'n, 
das liebliche Pflänzchen der Mädchen zu schau'n!" 

A. Die Pflanze seihst. 1. Stengel und Blätter. Einen so präch- 
tigen Anblick das blühende Flachsfeld gewährt, einen so bescheidenen 
Eindruck macht die einzelne Pflanze. Der schwache, aber sehr elastische 
Stengel, der im obern Teile mehrfach verzweigt ist, wird bis zu 1 m 
hoch. Obgleich die Blätter in großer Zahl vorhanden sind, werden sie alle 
des SonnenHchtes teilhaftig; denn sie sind klein und schmal. 

1) impatie7is, imgeduldig; noli, wolle nicht; tangere, aiiiassen, beriiliren. 2) von bäisamon, 
Balsamstaude. 3) von tröpaion, Siegeszeichen (schildförmige Blätter), -olum, VerkleiuermigssUbe. 
4) linum, Lein; usitatissimus, sehr gebraucht. 



Taf. 14. 1. Unterer und oberer Teil der blühenden Pflanze. 2. Blüte nach Entfernung 
von Kelch und Blumenkrone. 3. Schlafende Blüte. 4. Früchte. 5. Quer durch- 
schnittene Frucht (vergr.). 6. Frucht, die Samen ausstreuend (vergr.). 7. Einige Zellen 

einer Flachsfaser (stark vergr.). 



Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



Tafel 14. 




Lein oder Flachs (Linum usitatissimum). 



Leiugowächse. 205 

2. Die Blüten stehen an den Zweigenden oder auf langen Stielen 
und sind aus 5 Kelchblättern, ebensovielen himmelblauen Blumen- und 
Staubblättern und einem Stempel zusammengesetzt. Da auch die am 
Grunde verwachsenen Staubblätter, sowie die 5 Griffel mit den Narben 
prächtig blau gefärbt sind — jedoch nur so weit, als sie von außen 
gesehen werden können — , treten sie mit in den Dienst der Insekten- 
anlockung. Aber wenn sich auch kein Insekt einstellt, bleibt die Pflanze 
doch nicht unfruchtbar: die Blüten, die sich bei den ersten Strahlen 
der Morgensonne öffnen, schüeßen sich bereits am Nachmittage wieder, 
indem die Blumenblätter die zusammengedrehte Haltung einnehmen, die 
sie in der Knospe halten; dabei kommen aber Narben und Staubbeutel 
in innige Berührung, so daß Selbstbestäubung eintritt. An naßkalten 
Tagen und bei Regenwetter öffnen sich die Blüten gar nicht. 

3. a) Die Frucht wird bis zur Reife vom Kelche umhüllt. Sie ist 
eine kugelige Kapsel („Flachsknoten"), die in jedem der 5 Fruchtfächer 
2 Samen enthält. Die Fächer sind aber durch eine unvollständige 
Scheidewand nochmals geteilt, so daß scheinbar 10 einsamige Fächer 
vorhanden sind. Bei der Reife öffnen sich die Kapseln entweder mit 
einem knackenden Geräusch oder sie bleiben geschlossen, so daß die 
Samen durch Ausschlagen gewonnen werden müssen. Ersteres ist bei 
dem kleinern „Klang- oder Springlein", letzteres beim größern „Schließ- 
oder Dreschlein" der Fall. Da wildwachsende Pflanzen ihre Samen aus- 
streuen, ist die zweite Spielart ohne Zweifel eine vom Menschen noch 
mehr veränderte Form als die erste. 

b) Befeuchtet man die glatten, bräunlichen Samen, so wird die 
Oberfläche bald in hohem Grade klebrig. Bei der Aussaat verkittet 
infolgedessen der Same mit dem Boden, so daß das Keimen sicher von- 
statten gehen kann. Des Schleimes wegen benutzt man die Samen auch 
in der Heilkunde (zu Tee und Umschlägen). Besondere Bedeutung er- 
halten sie aber durch den großen Reichtum an dem fetten Leinöl, das 
ausgepreßt zur Herstellung von Ölfarben, Druckerschwärze, Seife u. dgl, 
besonders aber zur Bereitung der Korkteppiche verwendet wird, die als 
Linoleum allgemein bekannt sind. 

B. Der Leiu als Grespinstpflanze. 1. Die Flachsfasern. Zerreißt 
man einen Flachsstengel, so schauen aus den Rißstellen (ähnlich wie 
beim Durchreißen der Blattstiele des Wegerichs) dünne Fäden hervor. 
Betrachtet man einen solchen Faden unter dem Mikroskope, so gibt er 
sich als aus zahkeichen Zellen bestehend zu erkennen. Die Zellen 
sind sehr lang (bis 4 cm), mit den zugespitzten Enden gleichsam inein- 
ander gekeilt und so dickwandig, daß ihr Innenraum nur noch als eine 
dunkle Linie erscheint. Sie bilden daher nicht nur sehr lange, sondern 
auch sehr feste Stränge, die man als Flachsfasern oder — da sie in 
dem (zwischen Rinde und Holz befindhchen) Bast eingelagert sind — als 
Bastfasern bezeichnet. Infolge der Länge und Festigkeit eignen sich die 



106 Leinge wachse. 

Fasern vortrefflich zur Herstellung von Geweben und machen den Lein 
zu einer der wichtigsten Gespinstpflanzen. 

2. 'Die Gewinnung der Flachsfasern geschieht nun von alters 
her in folgender Weise: Sobald die Stengel anfangen gelb zu werden, 
rauft man die Pflanzen aus dem Boden und beseitigt („riffelt") die 
Samenkapseln mit Hilfe eiserner Kämme. Bündelweis legt man die 
Pflanzen sodann in stehendes oder langsam fließendes Wasser, oder 
man breitet sie auf Feldern und Wiesen aus und überläßt sie einige 
Wochen dem Regen und Tau. In den durchfeuchteten Pflanzenteilen 
tritt unter Einwirkung von Spaltpilzen bald eine Gärung ein: die Rinde 
und die weichen Bastteile werden zerstört, so daß sich die Flachsfasern 
leicht abziehen lassen. Nachdem dieser Vorgang, der als das „Rösten" 
des Flachses bezeichnet wird (,, Wasser- und Tauröste"), beendigt ist, 
kommt es noch darauf an, den Holzkörper zu beseitigen. Zu diesem 
Zwecke werden die Stengel zunächst getrocknet („gedörrt") und sodann 
gebrecht, d. h. das mürbe gewordene Holz wird durch besondere Vor- 
richtungen (Flachsbreche) in kleine Stücke zerbrochen. Die somit frei- 
gewordenen Flachsfasern, die aber noch netzförmig miteinandpr verbunden 
sind, werden nunmehr durch Schlagen mit einem schwertförmigen Holze 
(„Schwingen") von den anhängenden Holz- und Rindenteilchen befreit 
und endlich durch die Zähne einer Hechel gezogen. Hierdurch wird das 
Netzwerk in einzelne Stränge zerrissen; die langen Fasern erhalten eine 
gleichmäßige Lage und werden von den kurzen Fasern, dem Werg oder 
der Hede, getrennt. 

3. Die Verwendung der Flachsfasern. Schon seit undenklichen 
Zeiten hat der Mensch verstanden, die Bastfasern des wahrscheinlich aus 
dem Mittelmeergebiete stammenden Leines zu Garn zu spinnen und Lein- 
wand daraus zu verfertigen. Jahrtausende hindurch bediente man sich 
zum Spinnen der Handspindel. Sie mußte dem um das Jahr ]530 er- 
fundenen Spinnrade weichen, das in der Gegenwart wieder von sinnreich 
konstruierten Spinnmaschinen fast vöUig verdrängt worden ist. Wie diese 
Maschinen ein billigeres Garn liefern, als es mit Hilfe des Spinnrades 
möghch ist, so vermag auch der alte Handwebstuhl den Wettbewerb mit 
den mechanischen Webstühlen der Fabriken nicht auszuhalten. Da die 
Leinwand der billigern Baumwolle immer mehr Platz macht, so ist auch 
der Flachsbau stark zurückgegangen, und jetzt schon gibt es weite Be- 
zirke, in denen das schnurrende Spinnrad und das blaue Flachsfeld nur 
noch von Hörensagen bekannt sind. — Von den zahlreichen Leinwand- 
sorten, die man herstellt, seien hier bloß genannt: der Zwillich und der 
Drillich oder Drell, das sind — wie schon die Namen sagen — Zeuge, 
die mit 2 bzw. 3 schräg verlaufenden Fäden gewebt smd; sehr feines 
Leinen nennt man Batist; das stärkste ist das Segeltuch. 

Das minderwertige Werg verwendet man zur Füllung von Polstern, 
sowie- zur Herstellung von Stricken und Packleinwand. Aus unbrauch- 
bar gewordenen Leinengeweben (Lumpen) bereitet man das beste Papier. 



Orangengewächse. 



107 



34. Familie. Orang-engewächse (Rutäceae^). 

Aus den Küstenländern und von den Inseln des Mittelmeeres kommen in jedem 
Jahre riesige Mengen von Zitronen und Orangen zu uns. Die geschätzten Früchte 
entstammen Bäumen, die sich von dem östlichen Asien aus über alle wärmern Erd- 
striche verbreitet haben 
und bei uns gern in Treib- 
häusern (Orangerien) ge- 
halten werden. Die Pflanzen 
besitzen immergrüne Blät- 
ter, die gleich denen des 
Efeus von lederartiger Be- 
schaffenheit sind. Wie der 
Efeu infolge dieser eigen- 
artigen Blätter der „Winter- 
dürre" unsrer Breiten zu 
trotzen vermag, so wider- 
stehen diese Bäume leicht 
der Trockenheit, die im 
Mittelmeergebiete fast die 
ganze warme Jahreszeit 
hindurch ununterbrochen 
anhält. Der milde, regne- 
rische Winter ist für sie 
keine „Trockenzeit". Sie 
können daher im Gegensatz 
zu den meisten Laubbäumen 
der weiter nördlich gelege- 
nen Länder ihre Blätter auch 
während der kältern Monate 
ohne jede Gefahr behalten. 

Die Zitrone ist die 
Frucht des Zitronenbaumes (Citrus medica'), der meist etwa die Grö 
und das Aussehen eines kiemern Pflaumenbaumes besitzt. Das fl 
tige öl der Zitronenschale dient besonders als Gewürz. Eine 
hche Verwendung findet auch das saure Frucht- 
fleisch, dessen durststillender Saft namentlich 
zur Herstellung von Limonade gebraucht wird 
(die Zitrone heißt italienisch „Limone"). Die 
kopfgroßen Früchte enier Spielart geben, mit 
Zucker zubereitet, das Zitronat. — Der Orangen- 
baum (C. auräiitium^) wird besonders in zwei 
Spielarten angebaut. Die eine liefert die Po- 
meranze oder bittere Orange, die andre 
die Apfelsine oder süße Orange. Die Po- 
meranze wird zur Bereitung von Likören und 
zur Gewinnung eines wertvollen Öles benutzt, 
das in der Parfümerie Verwendung findet. Die 
Apfelsine (d. i. Apfel aus China oder Sina, weil 
der Baum von dort nach Europa gekommen ist) 
wird als wohlschmeckendes Obst überall hoch- 
geschätzt. Aus den weißen, stark duftenden 




Blühender Zweig der Orange mit ehier noch nicht völlig ent- 
wickelten vorjährigen Frucht. Daneben eine Blüte in nat. Gr. 




Teil vom 
baumes. 



1) nach einem Gliede der Familie (ruta, Raute) 
benannt. 2)citrus, Zitronenbaum ; medicus, aus Medien 
stammend. 3) aurantium stammt aus dem Indisclien. 



Fruchtstande des Götter- 
Eiiie Frucht hat sich ab- 
gelöst und fälH. da ihre Flügel schwach 
schraubig gedreht sind, wie die Teü- 
frucht des Ahorns in Schraubenwin- 
dungen zum Boden herab. 



108 Orangengewächse. Roßkastaniengewächse. 

Blüten beider Spielarten gewinnt man ein flüchtiges öl, das bei der Herstellung von 
wolilriechenden Wässern eine sehr wichtige Rolle spielt. — In großen Mengen werden 
bei uns auch die kleinern, als Mandarinen bezeichneten Früchte eines andern Baumes 
(C. nobiUs^) eingeführt. 

Glieder nahestehender Familien sind: der Mahag-onibaum (Swietenia-), der das 

bekannte wertvolle Holz liefert und sich in den Urwäldern des heißen Amerika findet, der 
Cedrelabaura (Cedrela") Brasiliens, aus dessen woiilriechendem Holze man die Zigarren- 
kisten herstellt, und der Götterbaum (Ailänthus glandulösa'') aus China und Japan, der 
in unsere Park»; eingewandert ist und doppelt geflügelte Früchte besitzt (s. Abb. S. 107). 
An dieser Stelle wäre auch die ziei'liche Kreuzblume (Polygala vulgaris'^) zu er- 
wähnen, die häufig an trocknen Stellen vorkommt. Statt der kleinen Blumenkrone, 
die als Schutzorgan des Stempels und der Staubblätter dient, suchen die großen, 
blauen, roten oder weißen Kelchblätter, Bestäuber herbei zu locken. 

35. Familie. Roßkastaniengewächse (Hippocastanäceae^). 
Die Roßkastanie (Aesculus hippdcästanum®). Taf. 15. 

A. Die Roßkastanie und der Mensch. Obgleich die Roßkastanie 
erst vor etwa 300 Jahren ihren Einzug in Europa gehalten hat, weiß 
man doch nicht genau, woher sie stammt. Die Gebirge Nord-Griechen- 
lands, in denen man sie in großen Beständen antrifft, können kaum 
ihre Heimat sein; denn dann wäre sie dem kunstsinnigen Volke der 
alten Hellenen sicher nicht unbekannt geblieben. Heutzutage findet man 
den prächtigen Baum, der eine Höhe von mehr als 20 m erreichen kann, 
bei uns fast überall da, wo Menschen wohnen. Wegen des schnellen 
Wachstums, des dichten Schattens der mächtigen Krone und der herrlichen 
Blütensträuße, die wie Weihnachtskerzen in die Frühlingspracht leuchten, 
pflanzt man ihn hier in Alleen oder in Gärten und Aulagen, dort auf 
öffentlichen Plätzen und auf dem stillen Friedhofe an. 

Schneidet man einen Zweig ab, so erkennt man schon, wie weich 
das Holz des Baumes ist. Es kann daher wie das Lindenholz fast nur 
zu Schnitzarbeiten verwendet werden. Die bittern Samen (Kastanien) 
dienen zumeist nur als Winterfutter für die hungernden Hirsche, Rehe 
und Wildschweine. 

B. Die Knospen. 1. Wenn im Herbste die Blätter fallen, stehen 
bereits die Knospen in den Blattwinkeln. öffnet man eine solche, 
so hat man zuerst eine Anzahl schuppenförmiger Blätter zu ent- 
fernen, von denen die äußern pergamentartig hart und braun sind. Das- 
selbe gilt auch von den Innern Blättern, soweit sie sich nicht decken. 
Alle sind durch eine harzige Masse verklebt und halten um so fester zu- 



1) nobilis, edel. 2) nach dem Botaniker Swieten (t 1772) benannt. 3) Aus kedros, Zeder und 
eldte, Tanne gebildet. 4; ailänthus nach dem auf den Moluliken gebräuchlichen Namen ailando; 
glandulosus, mit Drüsen (Blattrand!), h) polygala: polij, viel und gäla, Milch (Pfl. soll als Futter 
viel Milch geben?); vulgaris, gemein. 6) aesculus, eigentl. Wintereiche; hippocastanum : htppos, 
Soß und kästanon, Kastanie. 



Taf. 15 1—4. Knospen und die Entfaltung des Laubes. 5. Blütenstand. 6. Blüte mit 

reifem Griffel. 7. Blüte mit reifen Staubblättern. 8. Blüte, von einer Hummel besucht. 

9. Frucht, ein Stück der Fruchtwand ist herausgeschnitten. 



Schmeils Naturwissenschaftliches Untenichtswerk. 




Roßkastanie (Aesculus hippocastanum) 



Roßkastaniengewächse. 109 

sammen, als sie zum großen Teile mit zottigen Härchen bedeckt sind. 
Durchschneidet man eine Knospe, so sieht man, eine wie starke und feste 
Hülle diese „Knospenschnppen" um den jungen Trieb im Innern der 
Knospe bilden. Die einzelnen Teile des Triebes sind in dem engen Räume 
fest zusammengelegt. Bei einiger Vorsicht (und mit Hilfe einer Nadel!) 
gelingt es aber, sie voneinander zu trennen. Wir haben dann einen 
winzigen Zweig mit Blättern (Laubknospen) oder mit Blättern und Blüten 
(Blütenknospen) v^or uns, der ganz von seidenartigen Haaren umhüllt ist. 
Die Natur hat also den jungen Trieb so fest und sicher „verpackt", wie 
wir dies mit zerbrechlichen Gegenständen tun. 

a) Der junge Trieb ist ein ungemein zartes Gebilde. Da er aber von 
einer festen Hülle umgeben ist, deren Schuppen zudem noch verklebt sind, 
so können ihn die Winterstürme nicht zerzausen, und es vermag 
kein Wasser (Regen, Tau, Reif, Schnee) bis zu ihm vorzudringen oder 
sich gar zwischen seinen Teilen anzusammeln. Gefrierendes Wasser würde 
ihn aber unbedingt zerstören. 

b) Um Rosen- und Weinstöcke gegen das Erfrieren zu schützen, 
bedecken wir sie zumeist mit schlechten Wärmeleitern (Erde. Stroh, Laub 
u. dgl.). Da in einem strengen Winter der Erdboden selbst in unsern 
Breiten ^/g m und noch tiefer fest gefriert, so kühlen sich auch die 
„eingeschlagenen" Pflanzen oft weit unter 0** ab. Trotzdem erfrieren sie 
aber viel seltener als nicht umhüllte Pflanzen. Diese Tatsache hängt un- 
zweifelhaft damit zusammen, daß bei ihnen das Gefrieren und Auftauen 
verhältnismäßig langsam erfolgen. Besonders wichtig erweisen sich solche 
Hüllen aber für das zeitige Frühjahr, weil dann die Bäume und Sträucher 
bereits aus dem „Winter schlafe erwacht" sind, und — wie jeder Weiden- 
zweig erkennen läßt — die Säfte in ihnen emporzusteigen beginnen. 

Wenden wir dies auf die Knospen der Roßkastanie an, so müssen wir 
sagen, daß der in ihnen eingeschlossene junge Trieb bei strenger Kälte 
trotz Schuppenhülle und Haarkleid sicher unter 0" abgekühlt wird, daß diese 
Mittel aber wohl imstande sind, die Temperaturschwankungen in der Knospe 
zu verlangsamen und die schwachen Früh] ahrsf röste abzuhalten. 

c) Welche dritte Bedeutung die Hülle hat, lehrt folgender einfache 
Versuch: Man schneide 2 noch festgeschlossene, gleich große Knospen 
an der Ansatzstelle ab, entferne von der einen sämthche Knospenschup- 
pen und lege beide in ein Zimmer. Ist das Zimmer geheizt, so wird 
man schon nach wenigen Tagen die Knospe ohne Schuppen vollkommen 
vertrocknet, die andre aber noch völhg unverändert finden. Dies ist ein 
deuthcher Beweis dafür, ein wie wichtiges Schutzmittel gegen zu 
starken Verlust des in der Pflanze enthaltenen Wassers die Hülle 
ist. Da die Schuppen verklebt und die Außenschuppen zudem pergament- 
artig sind, ist der Abschluß des jungen Triebes fast luftdicht. Dies ist 
aber um so wichtiger, als die Wurzeln des Baumes während der Winter- 
monate nicht imstande sind, aus dem stark abgekühlten oder gar ge- 
frorenen Boden Wasser aufzusaugen. 



wo Roßkastaniengewächse. 

2. Ende April oder Anfang Mai beginnt die Knospe sich nach 
langer Winterruhe zu öffnen. Schon vorher ist sie stark angeschwollen 
und trieft von Harz, Die Innern, grünen Knospenschuppen haben sich 
mit dem wachsenden Triebe stark in die Länge gestreckt und schützen 
ihn weiter gegen die Unbilden der Witterung. Endlich brechen sie aus- 
einander, und wie der Schmetterling aus der Puppenhülle drängt sich der 
junge Trieb zum Lichte empor. 

Der Umstand, daß jetzt die harzige Masse in großer Menge ab- 
geschieden wird, deutet darauf hin, daß sie nicht nur — wie bisher an- 
genommen — ein Klebtnittel ist. Sie überzieht das Ganze wie ein Firnis, 
schließt den jungen Trieb somit von der Außenwelt ab und schützt ihn 
infolgedessen gegen eine zu starke und zu schnelle Abgabe des Wassers, 
oder kurz: gegen das Vertrocknen. 

Auch wenn sich die Knospe bereits zu öffnen beginnt, sind die stark 
vergrößerten Knospenschnppen noch nicht bedeutungslos. Sie halten den 
Anprall des Windes und die austrocknenden Sonnenstrahlen von dem 
jungen Triebe ab, sind also für das überaus zarte Gebilde Wind- und 
Sonnenschirm zugleich. 

Ist der junge Trieb den Schuppen aber „über den Kopf gewachsen", 
so haben diese keine Bedeutung mehr: sie fallen ab und lassen am 
Grunde des Jahrestriebes eine ringförmige Narbe zurück. 

C. Die Blätter. 1. Das junge Blatt weicht in seinem Aussehen 
von dem völlig entwickelten erheblich ab: es ist — wie bereits erwähnt 
— mit weißen oder gelbüchen Haaren bedeckt; seine Einzelblättchen sind 
in der Mittelrippe zusammengefaltet und treten senkrecht aus der Knospe 
hervor; dann breiten sie sich aus, hängen aber noch eine Zeitlang 
schlaff herab. Endlich nimmt das Blatt die Lage der ausgebildeten 
Blätter ein, und kurze Zeit darauf sind von dem Haarkleide nur noch in 
den Aderwinkeln an der Unterseite Spuren zu finden. 

a) Feuchtet man 2 gleich große Schwämme gleich stark an, um- 
wickelt sodann den einen mit einem Tuche und legt beide endlich an die- 
selbe Stelle in das Freie oder in das Zimmer, so findet man, daß der in 
das Tuch geschlagene weit länger feucht bleibt als der andre. Wie geht 
dies zu? Aus beiden Schwämmen entweicht Wasser in Dampfform, so 
daß beide bald von einer feuchten Luftschicht umgeben sind. Bei dem 
eingehüllten Schwämme wird die feuchte Luftschicht zwischen den Fäden 
des Tuches und den einzelnen Teilen der Fäden gleichsam festgehalten, 
erneuert sich also nur sehr langsam. Bei dem andern Schwämme da- 
gegen entweicht der Wasserdampf ungehindert ins Freie; infolgedessen 
muß die eingesogene Wassermasse auch viel schneller verdunsten als die 
des eingehüllten Schwammes. Genau dasselbe findet auch bei 2 sonst 
gleichen Blättern statt, von denen das eine kahl und das andre mit 
Haaren bedeckt ist. In der Behaarung der jungen, sehr zarten Kaistanien- 
blätter haben wir also ein Schutzmittel gegen zu starke Wasser- 
abgabe vor uns. 



Roßkastaniengewächse. XIX 

b) Die gefalteten jungen Einzelblätter der Roßkastanie bieten ferner 
dem Winde eine viel kleinere Verdunstungsfläche dar, als wenn sie 
ausgebreitet wären. 

c) Die Sonnenstrahlen (S) treffen zur Mittagszeit — also wenn sie 
am kräftigsten wirken — das senkrecht aus der Knospe hervortretende 
(ab) oder später senkrecht nach unten hängende Blatt (ac) unter viel 
spitzerem Winkel als das vollkommen ausgebildete, das zu den einfallen- 
den Sonnenstrahlen schräg gestellt ist (ad). Nun wissen wir aber, daß 
die Sonnenstrahlen einen Körper um so stärker erwärmen, je steiler sie 
auf ihn fallen. So schmilzt z. B, die Mittagssonne 

den Schnee auf dem schrägen Dache, während sie ihn b 
auf dem wagerechten Erdboden unverändert läßt. Ein 
senkrecht gestelltes Blatt kann zur Mittagszeit also 
nicht in dem Grade erwärmt werden wie ein wage- 
recht oder schräg gestelltes; daher wird es auch ^^ 
nicht soviel Wasser verdunsten wie jenes. 

Also: alle drei Einrichtungen laufen in erster Linie 
darauf hinaus, die Wasserdämpf abgäbe des jungen 
Blattes möglichst zu beschränken. Wenn wir beden- 
ken, wie leicht junge Blätter welken, werden wir auch c 
die Bedeutung dieser Schutzeinrichtungen verstehen; 
denn verwelken bedeutet für das Blatt — den Tod! 

d) Daß die Behaarung — wie wir oben erkannt haben — außerdem 
eine zu schnelle Abkühlung der jungen Blätter verhindert, mid daß 
die gefalteten, schlaff herabhängenden Gebilde weit weniger der Gefahr 
ausgesetzt sind, durch die schweren Tropfen eines Platzregens zer- 
stört zu werden, als wenn sie ausgebreitet und wagerecht oder schräg 
abwärts gerichtet wären, ist leicht einzusehen. Je mehr die jungen 
Blätter erstarken, desto mehr verschwinden auch die nunmehr überflüssig 
werdenden Schutzmittel. 

2. Das ausgebildete Blatt. In unsrer Heimat finden wir, abge- 
sehen von dem Walnußbaume, keinen zweiten Baum mit so auffallend 
großen Blättern wie die Roßkastanie. Daher wirft die Krone auch einen 
so tiefen Schatten, daß unter altern Bäumen nicht einmal mehr das ge- 
nügsame Gras gedeiht. 

a) Die mei.st nur am Ende beblätterten Zweige drängen sich nach 
außen, dem Lichte entgegen, so daß eine breite, weitausgreifende 
Krone entsteht. Besäße der Baum eine hohe, pyramidenförmige Krone 
wie etwa die „lichte", locker belaubte, kleinblättrige Birke, dann würden 
die obern Blätter den untern das zum Leben durchaus notwendige Licht 
rauben. 

b) Jedes Blatt ist aus meist 7, am Rande gezähnten Einzelblät- 
tern zusammengesetzt, durch deren Lücken selbst auf tiefer gestellte 
Blätter noch ab und zu Lichtstrahlen fallen. Die Einzelblätter stehen 
am Ende eines langen Stieles wie die Finger an der Hand (gefingertes 



112 



Roßkastaniengewächse. 



Blatt) und sind meist etwas schräg nach unten geneigt. Da alle, ohne 
sich auch nur im mindesten zu decken, rings um das Ende des Blattstieles 
ausgebreitet sind, und sie sich zudem nach dem Grunde zu keil- 
förmig verschmälern, machen sie sich gegenseitig nicht das belebende 
Sonnenücht streitig. 

c) Das gleiche ist auch an den Blättern zu beobachten, wenn man 
sie als Ganzes betrachtet: je 2 stehen sich am Zweige gegenüber; jedes 
Blattpaar bildet mit dem vorhergehenden und nachfolgenden ein Kreuz; 
die einzelnen Blattpaare sind meist auseinander gerückt (lange Stengel- 
glieder), und die Endblätter der Zweige sind stets viel kleiner und viel 
kürzer gestielt als die weiter unten am Zweige stehenden. Infolge dieser 
Verhältnisse werden an senkrechten Zweigen — wie deutlich zu 
sehen ist — sämtliche Blätter belichtet. An wagerechten Zweigen 
ist die Blattstellung natürlich dieselbe. Biegt man aber einen senkrechten 




Zweige der Roßkastanie; 1. senkrechter Zweig, von der Seite gesellen; 
2. wagerechter Zweig, von oben gesehen (verkl.). 

Zweig so weit herab, daß er wagerecht zu liegen kommt, so stellen die 
nach oben gerichteten Blätter die untern in den Schatten, eine Tatsache, 
die für wagerecht gerichtete Zweige durchaus ungünstig wäre. An ihnen 
ist die Stellung jedoch in auffallender Weise „korrigiert": Die Blätter 
legen sich oft genau in eine Ebene; die von der Zweigspitze entfernteren 
Blätter rücken ihre Blattflächen auf sehr langen Stielen aus dem Schat- 
tenbereiche in das Licht, und alle Blätter des Zweiges ordnen sich oft 
überaus regelmäßig so an, daß keins von dem andern beschattet wird. 
Die Blätter schräger Zweige nehmen im Vergleich zu denen senkrecht 
und wagerecht stehender die mannigfachsten Zwischenstellungen ein; 
kurz: überall sehen wir, wie sich die Blätter zum Lichte drängen 
und stets dorthin stellen, wo sie am meisten von den Sonnen- 
strahlen getroffen werden. (Sehr deutlich sind diese Erscheinungen 
an Zweigen zu beobachten, die aus einem Baumstumpfe hervorgehen, an 
sog. „Stockausschlag".) 



Roßkastaniengewächse. 213 

3. Beim herbstlichen Laubfalle lösen sich die Einzelblätter von 
den Stielen und diese von den Zweigen. Die Narben, die die Blattstiele 
an den Zweigen zurücklassen, haben die Form eines Pferdehufes, und 
die Narben der Gefäßbündel, die sich in die Adern der Einzelblätter fort- 
setzen, kann man als die Nägel des kleinen Hufes deuten. (Daher trägt 
der Baum vielleicht den Namen Roßkastanie. Vgl. auch S. 114, E.) 

D. Die Blüte. 1. Blütezeit. Da an dem jungen, in der Knospe 
liegenden Triebe die Blüten bereits ausgebildet sind, so wundert es uns 
nicht, daß die Roßkastanie schon kurz nach dem Entfalten ihrer Blätter 
in voller Blütenpracht dasteht. 

2. Die jungen Blüten verlieren wie die Blätter bald das schützende 
Haarkleid; nur an den Blütenstielen bleiben Überreste davon zurück. 
Auch der fünfzipflige Kelch, der vordem die Blüte ganz umschloß, bei 
ihrem öffnen aber seine Aufgabe erfüllt hat, fällt meist ab. 

3. a) Die entfaltete Blüte macht sich durch die 5 ungleich großen, 
weißen Blumenblätter, die mit einem anfänglich gelben, später roten 
Flecke geziert sind, weithin kenntlich. Diese Auffälligkeit wird noch 
dadurch erhöht, daß die Blüten große, pyramidenförmige Sträuße bilden, 
die stets an der Außenseite der Krone stehen und sich prächtig von dem 
grünen Hintergrunde abheben. 

b) Zwitter- und Staubblüten. Untersucht man die einzelnen 
Blüten eines Blütenstraußes, so findet man, daß nur wenige von ihnen 
neben (meist) 7 Staubblättern einen wohl ausgebildeten Stempel be- 
sitzen (Zwitterblüten). Bei allen andern ist der Stempel verkümmert 
(Staubblüten). Wenn man bedenkt, wie groß und schwer die Früchte 
der Roßkastanie sind, wird man diese Erscheinung leicht verstehen: Würde 
aus jeder Blüte eine Frucht hervorgehen, so müßten die Zweige unter der 
Last brechen. Hiermit hängt auch zusammen, daß sich die fruchtbaren 
Blüten stets nur im untern Teile der Blutenstände finden. 

c) Bestäubung. Die unfruchtbaren Blüten sind aber nicht etwa 
ohne Bedeutang: sie helfen den Blutenstand vergrößern und liefern, da 
sie sich stets zuerst entfalten, Blütenstaub für die Narben der fruchtbaren 
Blüten. Die Narbe ist das zugespitzte Ende des langen Griffels, der 
weit aus der Blüte hervorragt. Die erst später reifenden Staubbeutel 
dieser Blüten sind jetzt noch nach unten geschlagen, werden später aber 
emporgehoben, so daß sie genau die Stelle der Narbe einnehmen. Da 
nun beide — die Narbe und die geöffneten Staubbeutel — weit vor der 
Blütenöffnung stehen, können sie auch nur von größern Insekten beim 
Saugen des Honigs berührt werden. Besonders Hummeln, die die Griffel 
und Staubblätter als bequeme „ Sitzstangen " benutzen (vgl. mit dem An- 
flugbrette am Taubenschlage!), tragen den Blütenstaub an der Unterseite 
ihres Hinterleibes von einer Blüte zur andern und vermitteln somit die 
Bestäubung. Alle die Insekten, die den Honig auf andre Weise zu er- 
langen suchen, sind unnütze Näscher. 

Schmei), Lehrbnch der Botanik. 8 



114 



Uolikastaiiiengc wachse. Ahorngewächse. 



Der Honig wird im obern Teile des Blütengrundes abgeschieden. 
Er ist durch die wagerechte Stellung der Blüte und den Haarbesatz, der 
sich an Blumen- und Staubblättern findet, gegen Regen geschützt. 

E. Die Frucht. Der Fruchtknoten zeigt im Querschnitte 3 Fächer 
mit je 2 Samenanlagen, von denen sich aber nur eine oder zwei zu 
Samen entwickeln. Bei der Reife löst sich die Frucht vom Stiele, die 
grüne, fleischige und mit spitzen Stacheln bedeckte Fruchthülle zer- 
springt in 3 Stücke und die Samen werden frei. Die großen, „kastanien- 
braunen", glänzenden Gebilde besitzen je einen hellen Fleck, d. i. die 
Stelle, an der sie mit der Fruchthülle verwachsen waren. Wegen der 
Ähnlichkeit der Samen mit denen der edlen Kastanie heißt unser Baum 
„Kastanie". „Roßkastanie" nennt man ihn wahrscheinlich, weil seine 
Samen für uns ungenießbar sind (s. auch Meerrettich). 

Eine nahe Verwandte 
•ist die rote Kastanie (A. 
pävia ^), die gleichfalls häu- 
_._r fig als Zierbaum ange- 
pflanzt wird. Sie stammt 
-' aus Nordamerika, hat 

schmutzig-rote Blüten und 
unbestachelte Früchte. 



36. Familie. Ahorn- 
gewächse ( Aceräceae'). 

Der Spitzahorn (Acer 
platanoides % 

Der Spitzahorn kommt 
vereinzelt in den Wal- 
dungen der Ebenen 
und Mittelgebirge unse- 
rer Heimat vor und 
wird seines festen, 
zähen Holzes wegen 
überall hochgeschätzt. 
Besonders gern aber 
pflanzt man ihn als 
Alleebaum an. Den 
Artnamen führt er von 
den schön geformten 
Blättern, deren 5 — 7 
Lappen in feine Spitzen 
ausgezogen sind, und 
die dadurch denen der 




M^^f^::'yc. 



Bergahorn. 



1) pavia, nach, dem Botamker Faw in Leyden bonannt (f Mitte des 17. Jahrh. 
platanoides : plätanos, Platane und -eides, ähnlich oder -artig. 



2) aceVj Ahorn ; 



Ahoragewächse. 



115 



Platane sehr ähnlich werden. Die Blüten sind trotz der unscheinbaren, 
gelbgrünen Färbung doch auffäUig; denn sie öffnen sich vor der Entfal- 
tung des Laubes und stehen in großen, aufrechten Sträußen beieinander. 
An dem Fruchtknoten "^ 

bUden sich nach dem Frucht vom 

Verblühen 2 kleine Er- Teilfrüchtchen voueinan- 
hebungen, die allmäh- der getrennt, aber noch an 



den Stielchen hängend. 



Spitzahorn. 

Frucht des linken Frücht- 
chens geöffnet, um den 
amen zu zeigen. 




lieh zu großen Flügeln 
auswachsen. Bei der 
Reife spaltet sich die 
Frucht in 2 Teile, die in 
dem angeschwollenen 
Innern Abschnitte je 
einen Samen enthalten. 
Fallen die Teilfrüchte 
von dem Baume herab, 
so geraten sie, wie ein Versuch leicht zeigt, gleich Windmühlenflügeln in 
kreisende Bewegung und sinken infolgedessen viel langsamer (etwa vier- 
mal so langsam) zum Erdboden herab als ein gleichgroßer und gleich- 
schwerer ungeflügelter Körper. 
Da sie auf diese Weise lange in 
der Luft schweben, können sie 
um so eher von einem Wind- 
stoße erfaßt und verweht wer- 
den. Infolge der Flugausrüstung 
werden also die verhältnis- 
mäßig schweren Samen des 
Ahorns, die sonst sämtlich unter 
den Baum fallen würden, über 
einen großen Bezirk ausgestreut, 
so daß sich die Keimpflanzen 
weder Raum, noch Licht und 
Nahrung streitig machen. Eine 
solche Aussaat findet aber nur 
statt, wenn die Samen aus grö- 
ßerer Höhe herabfallen. Daher 
ist sie auch nur bei Bäumen zu 
beobachten. Bei näherer Be- 
trachtung findet man auch, daß 
die Flügel ihrer Aufgabe ent- 
sprechend äußerst „zweckmäßig" 
gebaut sind: Sie smd nämhch sehr groß, auffallend leicht und trotz- 
dem überaus fest. Infolgedessen bieten sie dem Winde erstlich eine 
große Angriffsfläche dar, können von ihm zweitens leicht weit verweht 
werden und widerstehen drittens seinen zerstörenden Angriffen. Letzteres 




Blätter der bekanntesten Ahornarten: 
1. Spitzahorn, 2. Bergahorn, 3. Feldahorn (verkl.' 



116 



Ahorngewächse. 



verdanken sie besonders einer verstärkten Randleiste, mit der die 
schraubenförmig! sich drehende Frucht die Luft durchschneidet, eine 
Einrichtung, die sich ähnlich auch beim Vogel-, Insekten- und Wind- 
mühlenflügel wiederfindet. 



Der Berg-ahorn (A. pseudoplätanus^; s. Abb. S. 114) ist, wie schon sein Name 
sagt, ein Gebirgsbaum. Er bildet in den Alpen größere Bestände und ist in Parkanlagen 
überall häufig anzutreffen. Sein weißes, festes Holz wird besonders hoehge-ichätzt. 
Die 5 Lappen der Blätter sind grob gesägt und enden in stumpfe Spitzen. Die stark 
duftenden Blüten stehen in hängenden Trauben und öffnen sich erst nach der Laub- 
entfaltung. — Der Feldahorn (A. campestre") kommt in Feldgehölzen, in Wald und 
Gebüsch als Baum und Strauch vor. Seine ver- 
hältnismäßig kleinen, fünflappigen Blätter sind 
ganzrandig. — In Anlagen ist sehr häufig eine 
Ahornart anzutreffen, die wie die Esche gefiederte, 
zumeist aber weißbunte oder gelbbunte Blätter be- 
sitzt. Dieser als Eschen-Ahorn (Negündo negündo'') 
bezeichnete Zierbaum stammt aus Nordameiika. 

Glieder nahestehender Familien. Ein 
weit verbreiteter Strauch der Gebüsche und Hecken 
ist das Pfaffenhütlein (Evönymus europseus^). Sein 
Name rührt von den rosa,farbenen Fruchtkapseln 
her, die geöffnet einige Ähn- 
lichkeit mit den viereckigen 
Hüten der katholischen Geist- 
lichen haben. Die Auffälhg- 
keit der an sich schon auf- 
fälligen Früchte wird noch dadurch 
erhöht, daß die orangefarbenen Samen, 
an kleinen Fäden hängend, aus den 
Kapseln hervortreten. Die breiige Hülle 
des Siimens, der Samenmantel, ist für 
das Rotkehlchen eine beliebte Speise 
(„Rotkehlcheiil)rot"). Ja, es steht sogar 
fest, daß die Verbreitung der Pflanze 
mit der des Vogels genau fiberein- 
stimmt. — Die Stechpalme (Hex aqui- 
folia*^) ist ein beliebter Zierstrauch 
unsrer Anlagen, der in den Wäldern 
an der westlichen Ostseeküste, sowie 
an der Nordsee und im Rheingebiete 
gegenwärtig noch wild angetroffen wird. Ihren Namen hat die schöne Pflanze da- 
durch erhalten, daß die immergrünen, lederartigen Blätter der untern Zweige in 
stachelige Spitzen ausgezogen sind, und daß man in den Alpenländern die Ä.«te am 
Palmsonntage an Stelle von „Palmenzweigen" verwendet. Die leuchtend roten Beeren 
heben sich von dem dunklen Laube prächtig ah. Eine andre Art der Gattung 
liefert den Paraguaytee oder Mate, der in einem großen Teile von Südamerika 





Pfaffenhütlein, fruchttragender Zweig. 



1) pseudoplaianiis : pseiidü-, täuschend und 2'^ä/anos^ Platane. 2) cmnjtester, auf dem Felde 
■wachsend. 3) Indischer Name. 4) evoni/mus : eil (ev), gut und ömjnuis, benannt (der Name wahr- 
scheinlich wie eujihwbia, S 33, Anm. 4 zu erklären); europivus, europäisch. 5) ilex, die Steineiche, 
eine Pflanze des Mitteimeergebietes mit ähnlichen Blättern ; aquifolius aus acrifolius entstanden : 
äcer, scharf und fölium, das Blatt. 



Weinrebengewächse. 11'^ 

Volksgetränk ist. — In Parkanlagen bilden die Essigbäume (Rhus^), deren Blätter im 
Herbste ein leuchtendes Rot zeigen, einen behebten Schmuck. Der Milchsaft mehrerer 
japanischer Arten dient zur Bereitung des berühmten japanischen Lackes. 

37. Familie. Weinrebeng-ewäehse (Vitäceae^). 

Der Weinstock (Vitis vinifera^). 

1. Heimat und Verbreitung. Die Heimat des Weinstockes glaubt 
man in den Ländern um das Mittelmeer gefunden zu haben. Vollkommen 
wild soll er heutzutage noch in den Wäldern von Westasien vorkommen, 
in denen er als üppig wuchernde Schhngpflanze bis zu den Kronen der 
höchsten Bäume emporsteigt. Auch die Weinstöcke, die man in den 
Uferwäldern der Donau und des Rheines antrifft, sollen wirklich wilde 
Pflanzen sein. Verwildert kommt die Rebe in allen Ländern vor, in 
denen Weinbau getrieben wird. 

Der köstlichen Früchte wegen hat der Mensch den Weinstock schon 
seit uralten Zeiten (Noah) in Pflege genommen und über einen großen 
Teil der Erde verbreitet. Als eine Pflanze wärmerer Gegenden meidet 
er sowohl den kalten Norden, als auch die heiße Zone. Etwa der 
52. Breitengrad bildet in Deutschland die Grenze seines Gedeihens, und 
zwar vermag er bis zum 51. Grad herab meist nur an der Wand der 
Häuser, die von den Sonnenstrahlen stark erwärmt wird, seine Trauben 
zu reifen. Südhch von dieser Linie dagegen, am rebenumkränzten Rhein, 
an der Mosel und Ahr, am Main und Neckar, in Franken und Baden 
und an vielen andern Orten, bewohnt er das freie Feld oder den sonnigen 
Bergeshang. Dort, wo die Sonne kräftiger wirkt, wie in Südtirol, zieht man 
ihn in Form von Laubengängen; in der lombardischen Tiefebene umschlingt 
er den Maulbeerbaum, und noch weiter südlich klettert er an der Ulme 
und Pappel empor. Und wie in Deutschland und dem alten Weinlande 
Italien reift er seine köstlichen Früchte auch in Frankreich, in Spanien 
und Portugal, in der Schweiz, in öaterreich und Ungarn, in Griechen- 
land und auf den Inseln des Mittelmeeres, in Rumänien und dem süd- 
lichen Rußland, in ganz Vorderasien, auf Madeira und im Kaplande, in 
Nordamerika und an vielen andern Orten der Erde. 

Ein so weit verbreitetes Gewächs lebt natürlich unter den ver- 
schiedensten Verhältnissen (Boden, Wärme, Feuchtigkeit, Pflege u. dgl). 
Es tritt daher auch in einer großen Zahl von Spielarten oder Sorten 
auf, die sich besonders durch die Gestalt, Größe und Behaarung der 
Blätter, sowie durch che Form und Färbung der Beeren und die Größe 
der Trauben voneinander unterscheiden. 

2. Wurzel. In den wärmern Ländern fällt während eines großen 
Teiles des Jahres und zwar in der Zeit, in der der Weinstock Blüten 
trägt und Früchte reift, meist kein Regen. Auch in unsern Weinbergen 
sind in den Spätsommer- und ersten Herbstmonaten die oberflächlichen 

1} rhus. Essigbaum. 2) vitis, Weinstook; vinifer, Wein tragend. 



118 



Weinrebengewächse. 



Erdschichten oft in hohem Grade ausgetrocknet. Da aber die Wurzeln 
des Weinstockes weit in den Boden dringen, in Spalten festen Gesteines 
sogar 1 — 2 m tief hinabsteigen, so vermögen sie seibist während dieser 
Zeit genügend Wasser zu beschaffen. 

3. Stamm und Äste (Rr-ben) sind von einer graubraunen Borke 
bedeckt, deren abgestorbene Lagen in bandartigen Streifen abgestoßen 
werden. Wohl kann der Stamm bei hohem Alter baumartige Stärke 
erreichen, 
die Reben 
aber blei- 
ben stets 
verhältnis- 
mäßig schwach. Be- 
sonders gilt dies für 
die jüngsten Reben 
(„Lotten"), die im 
Frühjahre aus braun- 
beschuppten Knospen 
hervorbrechen. Da der 
Jahrestrieb den gan- 
zen Sommer hindurch 
fortwächst, erreicht 
der wildwachsende 

oder verwilderte 
Weinstock auch ver- 
hältnismäßig schnell 
den besonnten Gipfel 
des Baumes, an dem 
er emporklettert. Der 
angebaute Wemstock A 
hat diese Eigenschaft 
beibehalten und bildet 
nicht selten Jahres- 
triebe von 4 und mehr 
Meter Länge. Diese 
Triebe sind aber .so 
schwach , daß sie 
weder die eigene Last, 

noch die der Früchte zu tragen vermögen. Wir geben daher den 
baumartigen Stöcken, die wir an Wänden ziehen, ein Späher, und 
den strauchartigen der Weinberge Stäbe oder dgl., an denen sie Halt 
und Stütze finden. Dem mld wachsenden oder verwilderten Weinstocke 
dagegen läßt niemand eine solche Pflege angedeihen. Er müßte am 
Boden liegen bleiben und würde bald von den benachbarten Pflanzen 
überwuchert und erstickt sein,, wenn er nicht in den Ranken ein Hilfs- 




Blühende Rebe des Wein stock es. 



Weiiirebengewächse. 119 

mittel besäße, sich an andern, stärkern Pflanzen (Bäumen) anzuklammern, 
um auf diese Weise zum Lichte emjwrzudringen. 

4. Die Ranken sind ihrer Aufgabe entsprechend fadenförmige Ge- 
bilde. In der Mitte besitzen sie gewöhnlich Je ein Blättchen, aus dessen 
Achsel ein Seitenzweig hervorsproßt. Daher werden sie von dem Wein- 
gärtner auch als „Gabeln" bezeichnet. Die Verzweigung kann sich aller- 
dings noch einmal, ja sogar mehrfach wiederholen. Die Ranken stehen 
wie die Blätter den Trauben gegenüber und tragen häufig einzelne Beer- 
chen, ein Zeichen, daß wir es in ihnen mit umgewandelten „Achsen" 
von Blütenständen zu tun haben („Stengelranken"). 

a) Betrachtet man ein Weinspaher, so findet man, daß alle Ranken 
sich nach der Wand, also dorthin wenden, wo eine Stütze zu finden ist. 
Dasselbe beobachtet man auch an jedem Stocke im Weinberge. Die 
Ranke ist also im Gegensatz zu den lichtliebenden Blättern ein licht- 
scheues Gebilde. 

b) Die Rankenäste bewegen sich wie die Uhrzeiger langsam, 
aber stetig im Kreise. Je mehr sie in die Länge wachsen, desto größer 
werden die Kreise, und desto größer wird auch die Möghchkeit, eine 
Stütze zu finden. Die Zeit, in der ein solcher Umlauf vollendet wird, 
ist je nach der Temperatur verschieden. Bringen wir der kreisenden 
Ranke ein Holzstäbchen in den Weg, so beobachten wir folgendes: Einige 
Stunden, nachdem die hakenartige Spitze oder eine andre Stelle des 
Astes den Stab berührte, hat ihn die Ranke einmal umwunden. Einige 
Stunden oder auch einen Tag später hat sich der Endteil des Astes weiter 
in sehr engen Windungen um die Stütze gelegt. Dasselbe erfolgt, 
wenn die Ranke einen andern Gegenstand, einen Zweig, einen Blattstiel 
oder dgl. erfaßt. 

Nach Verlauf einiger Tage hat sich der zwischen Stütze und Rebe 
ausgespannte Rankenteil korkzieherartig zusammengezogen. In- 
folgedessen wird die Rebe enger und fester an die Stütze gefesselt, und 
da die korkzieherartigen Ranken federn, vermag der Wind den Weinstock 
kaum von seinen Stützen loszureißen. Dies ist übrigens um so weniger 
möghch, als die anfangs sehr zarten Ranken später nicht nur stärker 
werden, sondern auch verholzen. Dadurch erhalten sie fast die Festig- 
keit von Eisendraht. Die Ranken aber, die keine Stütze ergreifen konn- 
ten, vertrocknen und fallen ab, ein Verlust, der für die Pflanze insofern 
nicht sonderlich ins Gewicht fällt, als an jeder Rebe eine größere An- 
zahl von Ranken gebildet wird. Dem untern Rebenteile fehlen 
die Ranken stets, er vermag sich auch ohne Hilfe dieser „Hände" 
dem Lichte entgegen zu strecken. 

5. Das Blatt ist von prächtiger Form, so daß es in der Kunst 
vielfache Verwendung findet. Durch 2 tiefere und 2 flachere Einschnitte 
ist es in 5 Lappen geteilt, in die je eine Hauptrippe vom Blattgrunde 
aus eintritt. Der Blattrand ist gesägt. 



120 



Weinrebengewächse. 



Obgleich die Blätter verhältnismäßig groß sind, rauben sie sich 
gegenseitig doch nicht das Licht: Sie stehen abwechselnd an der 
Rebe und sind in zwei Zeilen angeordnet. Außerdem nehmen sie 
eine ganz bestimmte Stellung zu den Sonnenstrahlen ein. Dies ist 
deutlich zu sehen, w^enn die Reben angebunden werden. Durch diesen 
Eingriff wird das gesamte Blattwerk in „Unordnung" gebracht, so daß 
der Stock struppig und unschön aussieht. Nach einigen Tagen aber schon 
ist die alte „Ordnung" wieder hergestellt: die Blätter haben sich so ge- 
dreht, daß die Stiele wieder schräg aufwärts gerichtet und die Blatt- 
flächen schräg abwärts geneigt sind. Infolgedessen werden sie von den 
Sonnenstrahlen senkrecht getroffen, also unter einem Winkel, unter dem 
diese ihre größte Wirkung ausüben (s. S 111, c!). 

6. Geize. In den Blattwinkeln bildet sich je eine Knospe, aus der 
noch in demselben Sommer ein Trieb, die sog. Geize, hervorgeht. Da dieser 
Trieb im Herbste zum Teil abstirbt und bei uns fast niemals „reifes" 
Holz entwickelt, das der Wiuterkälte widerstehen könnte, wird er ent- 
fernt („geizen"). Auch sonst ist der Weingärtner das ganze Jahr hin- 
durch aufs eifrigste bestrebt, „jedes BlaU" in den Vollgenuß von Licht 
und Luft zu setzen: er schneidet die unfruchtbaren Zweige ab, bindet 
die blühenden oder fruchttragenden Reben („Lotten") fest und dgl. mehr. 
Am Grunde der Geize entsteht die Winterknospe, aus der im nächsten 
Jahre eine neue Rebe hervorgeht. 

7. Die Blüten sind sehr klein und zu aufrecht stehenden Rispen ver- 
einigt, die in den Weingegenden „Gescheine", sonst aber „Trauben" ge- 
nannt werden. Solange sie sich im Knospenzustande befinden, erhebt sich 
über dem napf förmigen , fünfzipfligen Kelche je eine kleine Kappe oder 
Haube. Sie wird von den verwachsenen Blumenblättern gebildet und 

überdecktschützend die 



5 noch eingebogenen 
Staubblätter und 
den flaschenföimigen 
Stempel, an dessem 
Grunde sich 5 gelbe Ho- 
nigdrüsen vorfinden, 
öffnet sich die 
Blüte, so bleiben die 
Blumenblätter eigen- 
tümlicherweise in ihrem 
obern Teile fest miteinander verbunden. Als Gebilde, die ihre Aufgabe er- 
füllt haben und für die Bestäubung nur hinderlich sein würden, werden 
sie jetzt beseitigt: sie lösen sich an der Ursprungsstelle los, werden als 
flache Hauben von den sich streckenden Staubblättern emporgehoben und 
schließlich abgeworfen. Übrigens wären die kleinen, grünen Blätter auch 
gar nicht imstande, die Aufmerksamkeit der Insekten zu erregen. Die Be- 
stäuber (Käfer, Fliegen und Bienen) werden vielmehr durch einen köstUcheu 




1. 2. 3. 4. 

Blüte des Weinstocks (vergr.), 1. geschlossen, 2. die 
Blumenblätter werden abgeworfen, 3. entfaltet, 
4. Blütengrundriß. 



Weinrebengewächse. ]^21 

Duft angelockt. Vielfach fällt auch der Blütenstaub von selbst auf die 
Narbe derselben Blüte, ja es ist sogar beobachtet worden, daß sich die 
Staubblätter strecken und krümmen und infolgedessen mit Narben be- 
nachbarter Blüten in Berührung kommen. 

8. Die Frucht des Weinstocks ist eine Beere von gelber, grüner, 
roter oder blauer Färbung. Sie ist mit einer abwischbaren Wachsschicht 
wie mit Reif überzogen (Schutz gegen Befeuchtung und damit verbundener 
Fäulnis, sowie gegen Verdunstung der Fruchtsäfte!) und enthält 1 bis 
4 Samen. Durch das Gewicht der Beeren wird der anfängüch aufrechte 
Traubenstiel abwärts gezogen. 

a) Verbreitung, Die Pflanzen — und somit auch der Weinstock — 
erzeugen Samen, damit daraus neue Pflanzen (derselben Art) entstehen. 
Werden die Weintrauben vom Menschen verspeist oder sonstwie ver- 
wendet, so gehen die Samen zugrunde, ohne ihre Aufgabe erfüllt zu 
haben. Anders aber, wenn die Beeren von Staren, Sperlingen, Drosseln 
oder andern Vögeln verzehrt werden: Während das saftige Fruchtfleisch 
verdaut wird, können die Samen infolge der steinharten Hülle von den 
scharfen Verdauungssäften nicht zerstört werden; sie gehen unverletzt 
durch den Körper des Vogels und werden mit dem Kote wieder ausge- 
schieden. Geschieht dies nun an einem Orte, an dem die Samen keimen 
und sich zu neuen Weinstöcken entwickeln können, so ist nicht nur eine 
Vermehrung, sondern auch eine Weiterverbreitung der Pflanze eingetreten. 
Durch Hilfe der Vögel werden die Samen der wildwachsenden Weinstöcke 
allein verbreitet, und die verwilderten verdanken nur ihnen ihre Entstehung. 
(Die angebauten Reben vermehrt man ausschließlich durch Stecklinge.) 

Einer Pflanze aber, die nichts zu bieten vermag, werden die Vögel 
einen solchen Dienst nicht erweisen. Wie die Insekten die Blumen allein 
besuchen, weil sie dort Nahrung finden, so stellen sich die Vögel hier 
auch nur ein, um die süßen, Saftigen und wohlschmeckenden 
Beeren zu verzehren. Und wie die Blumen ihre Bestäuber durch 
(Duft und) leuchtende Farben anlocken, so ladet der Weinstock seine 
Verbreiter durch die Färbung seiner Früchte, die von der des Laubes 
mehr oder weniger absticht, zum süßen Mahle. 

Würden die Beeren von den Vögeln bereits verzehrt werden, ehe die 
Samen reif, d. h. keimfähig sind, so wäre das für den (wildwachsenden) 
Weinstock ein großer Nachteil. Wir sehen daher, daß die Früchte erst 
zur Reifezeit wohlschmeckend werden und „Lockfarben" an- 
nehmen. Vorher sind sie zusammenziehend sauer und somit ungenießbar; 
auch heben sie sich infolge der grünen Färbung von dem Blattwerke nicht ab. 

b) Verwendung der Trauben. Die Trauben preisen wir mit Recht 
als eins der vornehmsten Erzeugnisse der Pflanzenwelt. Frisch genießen 
wir sie als schmackhaftes Obst, getrocknet als Rosinen und Korinthen. 
In letzterer Form kommen sie besonders aus dem weinreichen Griechen- 
land und Kleinasien zu uns. Die Korinthen führen ihren Namen nach der 
Stadt Korinth, in deren Nähe die kernlose Spielart zuerst angebaut wurde. 



122 



Weinrebengewäcliso. 



Ihre Hauptbedeutung erhalten die Trauben Jedoch erst dadurch, daß 
aus ihnen das edelste Getränk, der Wein, gewonnen wird, der — in 
kleinen Mengen genossen — den Gesunden erfreut und den Kranken 
labt, der den „niedergesunkenen Mut emporhebt und den Betrübten er- 
quickt". Unmäßiges Weintrinken ist aber, wie der übermäßige 
Genuß aller andern alkoholischen Getränke, der Gesundheit 
des Menschen in hohem Grade nachteilig und eine Quelle vielen 
Elendes. Für Kinder ist sogar der beste Wein schädlich, selbst 
wenn er in kleinsten Mengen genossen wird. 

Zum Zwecke der Weinbereitung werden die Trauben ausgepreßt. 
Der erhaltene süße Saft (Most) fängt schon nach einigen Stunden an sich 
zu trüben. Unzählige 
mikroskopische Wein- 
hefepüze beginnen näm- 
lich ihre Arbeit. Die 
Keime dieser Pflänz- 
chen ruhen im Boden 
des Weinberges, wer- 
den durch den Wind 
verweht, fallen u. a. 
auch auf die Schalen 
und Stiele der Beeren, 
werden durch Insekten 
von Frucht zu Frucht 
verschleppt und gelangen somit 
beim Auspressen in den Most. 
Dort vermehren sie sich außer- 
ordentlich schnell und bringen 
eine wichtige Änderung hervor, 
die man bekanntlich als Gärung 
bezeichnet. Sie spalten nämlich 
den Traubenzucker in Alkohol 
(der daher auch Weingeist 
heißt!) und Kohlensäure, die 
unter Brausen und Schäumen 
entweicht. Durch diesen Vor- 
gang verwandelt sich der süße Saft allmählich in klaren, alkoholreichen 
Wein. Will man Rotwein bereiten, so läßt man die Schalen blauer und 
roter Beeren eine Zeitlang mitgären. 

9. Die Feinde, die dem edlen Weinstocke Schaden zufügen oder ihn gar zugrunde 
richten, sind außerordentlich zahlreich. Ein Pilz, der Rebenmeltau (s. das.), über- 
zieht wie ein weißer Schimmel BLätter und Früchte, denen er durch eingesenkte 
Fortsätze Nahrung entnimmt. Die Blätter verdorren schließlich, die Beeren zerplatzen 
und verfaulen, und oft schon hat der winzige Sclimarotzer die Wemernte weiter Be- 
zirke gänzhch vernichtet. Man tötet ihn durch wiederholtes Bestreuen mit Schwefel- 




Wilder Wein. 1. Blatt und junge Ranke. 
2. Ältere Ranke, die sich an einer Mauer an- 
geheftet hat. (Nat. Gr.) 



Weinrebengewächse. Dickblattgewächse. 



123 



pulver. Ein ähnlicher Vervvüster ist der sog. falsche Rebenmeltau (s. das.), der 
im Innern der Blätter lebt. Ihm ist nur beizukommen, wenn man seine Sporen ver- 
nichtet, die durch den Wind auf die Blätter getragen werden. Das wirksamste 
Mittel hat man in dem Besprengen der Reben mit einer Auflösung von Kupfervitrol 
und Soda oder Kalk gefunden. — Von den tierischen Feinden seien nur genannt: 
die Wespen, der Traubenwickler (Heu- und Sauerwurm), der Rebenstecher und 
das schlimmste Übel von allen, die Reblaus (s. „Lehrbuch der Zoologie"). 

Ein Verwandter der edlen Rebe ist der sog. wilde Wein (Ampelöpsis quinque- 
fölia*). Er stammt aus Nordamerika und wird zur Bekleidung von Mauern, Lauben 
und dgl. allgemein verwendet. Da seine Ranken wesentUch anders als die des Wein- 
stocks gebaut sind, vermag er selbst an glatten Wänden 
emporzuklettern. Sie sind mehrfach verästelt und an 
den Enden hakig ge- 
krümmt. Kommen sie 
mit der Wand in Be- 
rührung, so spreizen 
die Rankenäste weit 
voneinander, und ihre 
Enden schwellen zu 
kleinen „Haftballen" 
an. die einen klebrigen 
Stoff ausscheiden und 
sich mit den Haftballen 
an den Füßen des 
Laubfrosches verglei- 
chen lassen. Die 
schwarzen, für uns 
ungenießbaren Beeren 
fallen bei der Reife 
um so mehr auf, als 
sich die gefingerten 
Blätter im Herbst in 

leuchtendes Rot 
kleiden. 

Einer nahe ste- 
henden Familiege- 
hört der Faulbaum 
(Frängula alnus^) an, 
der in Gebüschen 
feuchter Standorte 
häufig vorkommt und 

an den erst grünen, dann roten und endlich schwarzen Beeren leicht kenntlich ist. 
Der Genuß der Beeren bewirkt beim Menschen Durchfall, weshalb sie als Abführmittel 
verwendet werden; Drosseln und andre Vögel verspeisen sie aber ohne Schaden. 

38. Familie. Dickblattg-ewächse (Crassuläceae ^). 

Der scharfe 3Iauerpfeffer (Sedum acre*). Taf. 16. 

1. Standort. Das Pflänzlein wächst auf Mauern und an ähnlichen 
dürren , unf ruchtbaren Stellen: in engen Felsspalten, an trocknen Ab- 

1) ampelöpsis: ämpelos, Weinstock und öpsis, das Aussehen; quinqnefolius : quinque, fünf und 
fölium, das Blatt. 2) frängula : frängo, ich zerbreche, -ula, Verkleiaerangssilbe ; alnus, Erle (Form der 
Blätter!). 3) crassus, dick, -ulus, Verkleinerangsailbe, -aceus, -artig. 4) sedum, llaaswurz; acer, scharf. 




Faulbaum. 

Zweig mit Blüten, 

sowie unreifen und 

reifen Früchten. 



"1 24 Dickblattgewächse. 

hängen und auf ödem Sandboden. Es hat in den meisten Fällen also einen 
sehr ungünstigen Standort; denn von den Mauern und Felsen läuft das 
Regen Wasser schnell ab, und in den Sandboden sickert es fast ebenso 
schnell ein. Schon wenn eine kurze Zeit kein Regen fällt und die Sonne 
heiß auf die dürstende Erde herabscheint, brütet über der Pflanze eine 
heiße, trockne Luft, die die Verdunstung stark befördert. Dem Mauer- 
pfeffer steht Wasser aber kaum noch zur Verfügung; denn die geringe 
Erdmenge in den Mauer- und Felsenritzen oder die oberste Schicht des 
Sandbodens ist gänzlich ausgetrocknet. 

2. Wurzeln. Auf lockerm Untergründe könnte sich der Mauer- 
pfeffer wie andre ödlandpflanzen wenigstens noch durch lange Wurzeln 
helfen, die die belebende Feuchtigkeit aus tiefen Bodenschichten herauf 
beförderten. Seine Wurzeln sind jedoch verhältnismäßig kurz und faden- 
förmig. Trotzdem übersteht das zarte Gewächs wochenlange Trocknis mit 
Leichtigkeit. Selbst aus dem Boden genommen, vermag es weiter zu 
grünen und sogar seine Blütenknospen zu entfalten, eine Tatsache, die 
sich an abgeschnittenen Exemplaren im Zimmer leicht beobachten läßt. 
Diese außerordentliche Lebenszähigkeit verdankt der Mauerpfeffer in erster 
Linie den eigentümlich gebauten Blättern. 

3. Blätter, a) Da sie sehr kleine Gebilde sind, verdunsten sie 
auch nur verhältnismäßig wenig Wasser. 

b) Sie liegen dem Stengel meist dicht an und decken sich sogar 
zum Teil gegenseitig. Infolgedessen können sie von der Luft nicht in 
dem Maße umspült werden, als wenn sie weit und frei vom Stengel ab- 
ständen. Je mehr aber ein Gegenstand, z. B. trocknende Wäsche, vom 
Winde bestrichen wird, desto öfter wird die ihn umgebende Luft, die 
durch Verdunstung feucht geworden ist, durch andre ersetzt, die ihm 
gleichfalls Wasser entzieht. 

c) Die Blätter smd dicke, fleischige Körper, die als Wasser- 
speicher dienen: Sobald Regen fällt, nehmen sie durch Vermittelung der 
Wurzeln soviel Wasser als möglich auf, das während der Trockenzeit 
allmähhch verbraucht wird. Sie eignen sich aber nicht nur vortrefflich 
zur Aufnahme großer Wassermengen, sondern sind infolge ihrer eigen- 
tümlichen Form auch ein wichtiges Schutzmittel der Pflanze gegen zu 
schnelle Wasserabgabe. Ein einfacher Versuch wird uns dies leicht ver- 
ständlich machen: Stellt man aus einer knetbaren Masse (Teig, Ton 
oder dgl.) eine kleine, dünne Platte her, die man sodann zu einem festen 
Stabe von gleicher Länge umformt, so sieht man deulhch, daß dieser 
Körper eine weit kleinere Oberfläche hat als vordem die Platte. So hat 
auch ein dünnes, „flächenförmiges" Blatt eine verhältnismäßig größere 
Oberfläche als em dickes, mehr „körperhches". (Denke dir auch em 
dickes Blatt durch Längsschnitte ui eine Anzahl düimer Blätter zerlegt!) 



Taf. 16. L Kleiner Rasen der Pflanze. 2. Ein blühender und ein nichtblühender Trieb. 
3. Geschlossene Frucht. 4. Frucht, die sich bei feuchtem Wetter geöffnet hat. 



Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



Tafel 16. 














•asäJr 



Scharfer Mauerpfeffer (Seöum acre). 



Dickblattgewächse. 125 

Da nun bei sonst gleichem Bau das Blatt um so weniger Wasser ver- 
dunstet, je kleiner seine Oberfläche ist, so wird der Mauerpfeffer durch 
seine Blätter das reichlich aufgenommene Wasser auch nur langsam 
wieder abseben. Pflanzen mit solchen Blättern bezeichnet man als Fett- 
pflanzen, Saftpflanzen oder Succulenten. 

Trotz des Saftreichtums wird der Mauerpfeffer aber von Tieren 
nicht berührt; denn seine grünen Teile besitzen — wie auch sein Name 
andeutet — einen pfefferartig scharfen Geschmack. 

d) Zerschneidet man ein Blatt vorsichtig, so sieht man nicht selten, 
wie sich der Zellsaft in Fäden auszieht. Dies rührt von dem Reichtum 
an Schleim her. Pflanzenschleime geben das Wasser aber niu sehr 
langsam ab. Hiervon kann man sich leicht überzeugen, wenn man einen 
„blattartigen" Kaktus oder das Blatt einer andern größern Fettpflanze, 
z. B. einer Aloe oder Agave, zerbricht. 

e) Auch infolge der verhältnismäßig dicken Oberhaut und der sehr 
geringen Zahl von Spaltöffnungen vermag nur wenig Wasser in 
Dampfform zu entweichen. 

4. Stengel. Vorteilhaft für eine langsame Verdunstung ist auch, daß 
die Stengel sehr niedrig bleiben und der Mauerpfeffer einen dichten 
Rasen bildet; denn ein Gewächs, das sich dem Boden anschmiegt, wird 
bei weitem nicht so stark vom Winde umspült als eine größere Pflanze, 
und die Luftschicht, die sich zwischen den Stengeln und Blättern des 
Rasens findet und durch die Wasserabgabe der Pflanze feucht geworden 
ist, wird infolgedessen nicht so oft erneuert, als dies bei giößern Pflanzen 
der Fall sein würde. 

Die einzelnen (vvurzelschlagenden) Triebe des Mauerpfeffers haben ein 
zweijähriges Leben; im ersten Jahre bleiben sie kurz, sind dicht beblättert 
und tragen keine Blüten; im zweiten dagegen strecken sie sich, so daß 
die Blätter weiter auseinander rücken und blühen. So- 
bald die Samen gereift sind, sterben sie ab. 

5. Blute. Durch die sich streckenden Triebe wer- 
den die Blüten über den Rasen emporgehoben und mit- 
hin den Insekten sichtbar gemacht. Da sich nun viele 
Blüten (Rasen!) zugleich entfalten, werden sie, obgleich 
verhältnismäßig klein, doch weithin bemerkbar. Sie 
bestehen aus je einem fünfteiligen Kelche, 5 goldgelben Mairerpfe/lers^^ 
Blumenblättern, 10 Staubblättern, die zu 2 Kreisen ge- 
ordnet sind, und 5 Stempeln. Die großen Fruchtknoten werden aus je 
einem Fruchtblatte gebildet und endigen in je einer kleinen Narbe. 
Zwischen den Blumenblättern und den Staubblättern des Innern Kreises 
finden sich die winzigen Honigdrüsen. 

6. Frucht. Nach dem Verblühen spreizen die sich vergrößernden 
Fruchtknoten auseinander und bilden einen fünfstrahligen Stern. Bei 
trocknem Wetter bleiben die Fruchtfächer geschlossen. Taucht man eine 
solche Frucht in das Wasser, so öffnet sie sich alsbald. Dasselbe ge- 




126 



Dickblattgewächse. Steinbrechgewächse. 




schiebt beim Regen, durch den auch die kleinen, braunen Samen heraus- 
gespült weiden. Weggeschwemmt, gelangen sie leicht in Spalten des 
Bodens, in Mauerritzen u. dgl. , also an Orte, an denen sie sich zu 
neuen Pflanzen entwickeln können. Hat der Regenguß noch nicht alle 
Samen ausgewaschen, dann schließen sich 
die Fruchlfächer wieder, um — wie gleich- 
falls der Versuch zeigt — sich bei einem 
zweiten oder dritten Regen abeimals zu 
öffnen. An schwer zugängliche Orte, auf 
Dächer, Mauerkronen u. dgl., an denen 
man das Pflänzchen vielfach antrifft, sind 
die Samen durch irgendwelchen Zufall ge- 
tragen. Hieibei spielt der Wind, der die 
leichten Gebilde mit dem Staube auf- 
wirbelt, sicher die Hauptrolle. 

Verwandte. Auf sonnigen Hügeln und 
Felsen, sowie in trocknen Wäldern wächst häufig 
die weit größere Fetthenne (S. maximum'). Sie 
besitzt breite und flache, aber gleichfalls sehr 
fleischige Blätter. Ihre kleinen, grüngelben Blüten 
sind zu grüßen Blütenständen gehäuft. — Auf 
Dächer und Mauern pflanzte man in frühern 
Zeiten gern die Hauswurz (Sempervivum tectö- 
rum'^) an; denn das l'flänzchen galt als 
ein Mittel, allerlei Unglück, besonders 
aber den Blitzstrahl von dem Hause r^^^v 

abzuhalten („Donnerkraut"). Wild 
kommt es auf Alpenfelsen, sowie am 
Rheine und an der Mosel vor. Die 
ungestielten Blätter sind an den 
„Kurztrieben" so dicht und regelmäßig 
gestellt, daß sie zierliche Rosetten 
bilden. Aus den ältesten Rosetten 
erhebt sich je ein „Langtrieb" , der 
zahlreiche rosafarbene Blüten trägt und 
nach der Fruchtreife abstirbt. Die 
Pflanze vermehrt sich auch durch 
Ausläufer, die aus den untern Blatt- 
winkeln der Rosetten hervorkommen 
und wieder Rosetten erzeugen. 




Hauswurz (verkl.). Neben zahlreichen jungen 

Rosetten eine blühende Pflanze, deren Rosette 

bereits abgestorben ist. 



39. Familie. Steinbrechg-ewächse (Saxif ragäceae ^). 

1. Der Stachelbeerstrauch (Ribes grossuläria*) wird seiner wohl- 
schmeckenden Flüchte wegen überall angebaut, kommt aber auch ver- 
wildert (oder wild?) in Wäldern und Gebüschen vor. Im Schutze schar- 
fer Stacheln entfaltet er bereits im Vorfrühlinge die gelappten und ein- 



1) maximus, sehr groß. 2) sempervivus, immer lebend ; tectoricm, der Dächer. 3} s. S. 128, Anm. 2, 
4) ribes, Stachelbeerstrauch; grossua, dick; grnssulus, eine Art kleiner Feigen. 



Steinbrechgewächse. 



127 



gekerbten Blätter. Gleichzeitig kommen auch die unscheinbaren Blüten 
zum Vorscheine. Sie gleichen hängenden Glöckchen (Schutz des Blüten- 
staubes!). Fruchtknoten und Kelch sind mit gestielten, klebrigen Drüsen 
dicht besetzt, die ankriechenden, nach Honig lüsternen Insekten den Zutritt 




Stachelbeerstrauch. 1. Blühender 

Zweig; 2. einzelne (vergr.) Blüte und 

3. Zweig mit Früchten. 

zum Blüteninnern erschweren. Die 5 kleinen, weißen Blumenblätter stehen 
am Rande des glockenförmigen Kelches, dessen zurückgeschlagene 5 Zipfel 
innen meist rötlich angehaucht sind. Da im zeitigen Frühjahre erst we- 
nige Blumen Honig ausbieten, stellen sich zahlreiche Gäste ein. Wollen 
aber die Besucher den süßen Saft im Kelchgrunde lecken, so müssen sie 
die Narbe oder eines der 5 Staubblätter 
streifen. Die grüne, gelbe oder rote 
P'rucht ist eine saftige Beere, die gern 
von Vögeln verzehrt wird. Da die 
hartschaligen Samen diese Tiere ohne 
Schaden wieder verlassen, findet man 
den Stachelbeerstrauch auch häufig 
verwildert auf altem Gemäuer, in der 
Gabelung hohler Bäume und an ähn- 
lichen Orten. 

Mit der Stachelbeere wird meist auch 
die Johanniisbeere (R. rubrum ^) angebaut. Sie 
reift — wie ihre Name sagt — ihre saftigen, 
roten oder weißen Früchte um „.Johannis". — 
Seltener trifft man in Gärten die schwarze 
Johannisbeere (R. nigrum'-) an, deren Blätter 

Fruchttragender Zweig des 




1) ruber, rot. 2) niger, schwarz. 



Johannisbeerstrauches. 



128 



Steinbrechgewächse. 



und schwarze Beeren einen wanzenartigen Geruch haben. — Ein beliebter Zierstrauch 
ist die (nach ihrer Blütenfarbe benannte) gelbe Johannisbeere (R. aüreum^), deren 
Heimat Nordamerika ist. 

2. Auf sonnigen Hügeln. Wiesen u. dgl. wächst häufig der Körner-Steinbrech 
(Saxifraga granuläta"). „Steinbrech" heißt die zierhche Pflanze, weil viele ihrer 
nächsten Verwandten Gebirgsbewohner sind, und man diesen irrtümlicherweise nach- 
sagt, sie hätten sich die Felsenspalten, in denen sie wurzeln, selbst gebrochen. Den 

Artnamen hat sie von den rötlichen Brutzwiebeln, 
die sich in den Winkeln der untersten, zur Blüte- 
zeit meist schon abgestorbenen Blätter entwickeln 
und der Erhaltung und Verbreitung der Art dienen. 
Im untern Teile ist die Pflanze zottig behaart 
und im obern wie die Blüte der Stachelbeere mit 
gestielten, roten Drüsen dicht besetzt. Die Blätter 
sind etwas fleischig und nehmen von unten nach 
oben an Größe ab. Aus den zarten, weißen Blüten 
entwickelt sjich eine Kapselfrucht, die mit einem 
Loche zwischen den bleibenden, hörnerartigen 
Griffeln aufspringt (Verbreitung der Samen durch 
den Wind!). 

3. Im Spätsommer und Herbste erhalten die 
nassen Wiesen durch das Herzblatt (Parnässia 
palustris '^) nicht selten einen letzten Schmuck. 
Auf dem schwanken Stengel, der in der Mitte 
ein herzförmiges (Herzblatt!), saftstrotzendes 
Blatt trägt, erhebt sich ein -wunderbar zarter 
Blütenstern. Innerhalb der weißen Blumenblätter 
stehen 5 grüngelbe Blättchen, die in mehrere langgestielte Drüsen ausgezogen sind 
und dadurch dem Fuße des Laubfrosches ähneln. Die Drüsenköpfchen locken 
durch ihren Glanz Insekten herbei, für die sich an der Innenseite der Blättchen 
etwas Honig vorfindet. Kleine Insekten sind meist unnütze Näscher, größere aber 
durchaus notwendige Vermittler der Bestäubung. Betrachtet man nämlich eine Blüte 
an dem Tage, an dem sie sich öffnet, so sieht man, daß die Beutel der 5 Staubblätter 
auf den noch unentwickelten Narl)en liegen. Am nächsten Tage öffnet sich ein Beutel 
und bietet den Staub aus. Am folgenden Tage biegt sich das Staubblatt zurück, und 
ein zweiter Beutel öffnet sich, und so kommen nach und nach alle Beutel an die 
Reihe. Dann erst reifen die Narben. Da diese nun genau die Stelle einnehmen, an 
der vordem die Beutel standen, muß ein größeres Insekt, das die Blütenmitte als 
Sitzplatz benutzt, Fremdbestäubung herbeiführen. 

4. Der Pfeifenstrauch (Philadelphus coronärius^), so genannt, weil man die 
schlanken Schosse zu Pfeifenrohren verwendet, findet sich häufig in unsern Anlagen. 
Er stammt aus Südeuropa. Der stark duftenden, weißen Blüten wegen nennt man 
ihn auch fälschlich .wilden Jasmin"^). 




K ö r n e r - S t e i n b r e c h . Unterer Sten- 
gelteil mit Brutzwieljeln (vergr.). 



1) aureus, golden. 2j saxifrofia : stirum, der Fels luid frag-, brechen; granulatus -von gränum, 
das Korn (Brutzwiebeln!). 3j I'ariidssin von Parnassös (Gebirge in Mittelgriechenland) ; X'0'l''^''SMs, 
im Sumpfe wachsend. 4) PJüladelj.litts nach Philadelphus, König von Ägypten (f 246 v. Chr.), 
einem Freunde der Botanik; coronarius, zum Kranzbinden geeignet. 5) Per echte Jasmin (Jas- 
minum grandiflörum) ist eine südasiatische Pflanze, die bei uns nicht im Freien wächst. 



Taf. 17. 1. Frucht des wilden Baumes (nat. Gr). 2. Blühender Zweig. 3. Junges 
Blatt, quer durchschnitten. 4. Zweig mit a. einer Blattknospe und b. drei Blüten- 
knospen. 5. Blüte, längs durchschnitten. 6. Frucht, mit der Made des Apfelwicklers. 

7. Apfel Wickler. 



Schmeils Naturwissenschaftliches Unterrichtswerk. 




Birnbaum (Pirus communis). 



Rosenartige Gewächse. ^29 

40. Familie. Rosenartige Gewächse (Rosäceae^). 

Pflanzen mit Nebenblättern. Blütenboden scheibenförmig, stielförmig verlängerte, 
becher- oder krugförmig; auf seinem Rande stehen (meist) 5 Kelch-, 5 Blumen- und 

zahlreiche Staubblätter. 

1. Unterfamilie. Kernobstg'ewächse (Pömeae^). 

Der mehrfächerige Fruchtknoten ist aus 2—5 Fruchtblättern gebildet und mit dem 
Blütenboden verwachsen. Fruchtknoten und Blütenboden bilden bei der Reife zusammen 

eine Scheinfrucht. 

Der Birnbaum (Pirus communis^). Taf. 17. 

1. Vorliommen und Bedeutung-, Der Birnbaum ist eine einheimische 
Pflanze, die wild in Laubwäldern und Feldgehölzen vorkommt. Die klei- 
nen und herben Früchte, die reich an steinigen Einschlüssen sind und 
daher „Holzbirnen" genannt werden, dienten in alten Zeiten dem Men- 
schen zur Nahrung. (Die Einschlüsse bestehen — wovon man sich mit 
Hilfe des Mikroskops leicht überzeugen kann — 
aus sehr dickwandigen Zellen.) Daher ist der 
Baum auch schon außerordenthch früh in mensch- 
liche Pflege übergegangen, und durch Jahrtausende 
lange Zucht ist schheßlich unser „edler" Birn- 
baum mit seinen großen, saftigsüßen und zart- 
fleischigen Früchten entstanden, die zu unserm 
wichtigsten Obste zählen. Wahrscheinlich haben 
bei dieser sog. Veredelung die Reiser andrer, ^ ' ^ 

aus Asien stammender Arten mit eine Rolle ge- Ein „Stein" aus dem Frucht- 
spielt. Darauf deutet u. a. die Tatsache hin, daß *^7'^,^ Z^*"' ^''''^'^ T"" 
A o lu-tj 11^ o^xx ^^^^^ dickwandigen ZeUeii 
aus den bamen selbst der edelsten borte stets bestehend (stark vergr.). 

Bäume hervorgehen, deren Früchte mehr oder 

weniger die Gestalt und den Geschmack der „Holzbirnen" haben. Alle 
unsre zahlreichen Sorten lassen sich nur dadurch erhalten, daß man 
Reiser, d. s. kleine Zweige oder Teile solcher, von ihnen auf Bäume über- 
trägt, die aus Samen gezogen sind (s. allgem. Teil). 

2. Dornen. Solange der wilde Birnbaum Jung ist und einen kleinen 
Strauch bildet, enden die holzigen Zweige in scharfe, stechende Dornen, 
die eine vortreffHche Schutzwehr gegen Weidetiere bilden. Auch wenn 
sich der Strauch höher über den Boden erhebt, sind die Zweige etwa so 
weit, wie die größten Weidetiere, die Rinder, reichen können, stark be- 
domt. Darüber hinaus aber werden die Dornen immer seltener, bis sie 
endlich ganz verschwinden. Ebenso fehlen sie dem Baume, in den der 
Strauch allmählich übergeht: der Stamm ist dm-ch die harte, rissige Rinde 
geschützt, und bis zur Krone vermögen die Weidetiere nicht emporzu- 
reichen. Auch der angebaute Birnbaum ist meist vöUig dornenlos. Der 
Birnbaum verhält sich eben wie der Mensch, der „in der Wildnis die 

1) Von rosa, Rose. 2) Von pomus, Obstbatun. 3) pirus, Birnbaum ; cwnmunis, gemein. 
Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 9 




\^Q Rosenartige Gewächse. 

Waffen nicht aus der Hand gibt, im sichern Schirm der Städte dagegen 
sie ablegt." 

3. Die Knospen werden von schuppenartigen Blättern umhüllt, die 
entweder ganz oder teilweise pergamentartig sind. Neben kurzen, 
spitzen Knospen sind größere, dickere vorhanden, ein Unterschied, der 
besonders im Frühjahre deutlich zu beobachten ist. Aus erstem (Blatt- 
knospen) gehen lange, beblätterte Zweige oder Langtriebe hervor, wäh- 
rend sich aus letztern (Blüten- oder Tragknospen) blätter- und blüten- 
tragende Kurztriebe entwickeln. Da nun dem Obstzüchter daran liegt, 
möghchst viele Früchte zu erhalten, sucht er den Birnbaum durch sach- 
gemäßes „Beschneiden" zu zwangen, Kurztriebe oder — wie er sagt — 
„kmzes oder Fruchtholz" zu bilden. Blütenknospen treten jedoch erst 
auf, wenn der- Baum ein gewisses Alter erreicht hat. 

4. Die Äste (Langtriebe) sind steil aufwärts gerichtet. Infolgedessen 
hat die Krone, die bei alten Bäumen eine beträchtliche Größe erreicht, 
meist die Form einer Pyramide. 

5. Blätter. Das junge Blatt tritt senkrecht zwischen den Knospen- 
schuppen hervor. Es ist nach dem Hauptnerv zu eingerollt, an der Unter- 
seite mit seidenartigen Härchen bedeckt und am Grunde des Stieles mit 
2 fadenförmigen Nebenblättern versehen, alles Erscheinungen, die wir be- 
reits bei Veilchen, Roßkastanie und Linde kennen gelernt haben. Ist das 
Blatt genügend erstarkt, so rollt es sich auf, während Nebenblätter 
und Härchen abfallen. 

a) Das ausgebildete Blatt steht schräg, so daß es von den Sonnen- 
strahlen am besten durchleuchtet werden kann (s. S. 111, c). Diese 
günstige Stellung einzunehmen, wird ihm besonders durch den langen 
Blattstiel ermöglicht, der der eiförmigen, am Rande gesägten Blattfläche 
erlaubt, sich zu heben oder zu senken, zu wenden oder zu drehen, 
ganz wie die Belichtungsverhältnisse es erfordern. 

b) Wenn ein heftiger Wind weht, zeigt sich, daß der Blattstiel 
noch eine zweite wichtige Bedeutung hat. Obgleich der Wind Ziegel 
von den Dächern reißt und andres Unheil anrichtet, spotten die zarten 
Blätter des Bhnbaums (wie die aller andern größern Pflanzen) zumeist 
seinem Toben: Sobald sie von einem Windstoße getroffen werden, stellen 
sie sich vermöge der biegsamen Stiele \\de eine Wetterfahne in die Rich- 
tung des Windes, so daß dieser an ihnen vorüberstreicht, ohne eine 
schädigende Wirkung auszuüben. Ist der Windstoß vorüber, dann kehren 
sie, da der Stiel zugleich elastisch ist, in die m^sprüri gliche Lage zurück. 
Ebenso weichen sie vermöge dieses Stieles dem Anprall schwerer Regen- 
tropfen leicht aus. Trotzdem bedürfen sie einer gewissen Festigkeit, 
um von den beiden feindlichen Kräften nicht zerstört zu werden. Diese 
erlangen sie, wie die Blätter aller andern Landpflanzen, durch das Ge- 
rüst von Adern oder Nerven, von dem die Blattfläche durchzogen wird, 
und das sich mit den Stäben eines aufgespannten Schirmes vergleichen läßt. 



Rosenartige Gewächse. 131 

c) Die oben erwähnte Schrägstellung der Blätter ist für den Baum 
auch n4)ch aus einem andern Grunde vorteilhaft. Werden schräg nach 
außen gerichtete Blätter vom Regen getroffen, so fließt das Wasser 
auch nach außen ab, so daß es auf tiefer stehende Blätter fallen muß. 
Diese leiten es weiter nach außen, und so geht c. fort, bis am Umfange 
der Krone alles Wasser, das den Baum trifft, wie von einem Dache oder 
aufgespannten Schirme zur Erde tropft. (Darum flüchten wir, wenn wir 
im Freien vom Regen überrascht werden, unter einen Baum!) Erst ein 
heftiger oder anhaltender Regen vermag durch die Krone zu dringen 
und die Erde unter ihr zu nässen. Gräbt man nun an der Stelle vor- 
sichtig nach, an der die Traufe niedergeht, so findet man dort stets 
die feinen Saugwurzeln des Baumes. Sie allein aber vermögen Feuch- 
tigkeit aus dem Boden aufzunehmen, während die stärkern Wurzeln 
durch die dicke Rinde daran gehindert sind. Diese Art der Wasserablei- 
tung bezeichnet man im Gegensatz zu der nach innen gerichteten, der 
„zentripetalen", wie sie z. B. beim Raps zu beobachten ist, als „zentri- 
fugale". Wir finden sie bei allen Bäumen wieder, und sie erscheint uns 
überaus zweckentsprechend, wenn wir bedenken, daß diese nur durch ein 
weit ausgebreitetes Wurzelwerk imstande sind, den Augriffen der Winde 
auf die schwere Krone zu widerstehen. (Warum gibt der Gärtner der Laub- 
und Wurzelkrone von Bäumen, die er pflanzen will, gleichen Umfang?) 

6. a) Die Blüten stehen in kleinen Gemeinschaften und erscheinen 
oft in so großer Anzahl, daß der Baum einem riesigen Blütenstrauße 
gleicht. Da sich die Blätter wesentlich langsamer entwickeln, verdecken 
sie nichts von dieser Pracht, und da die Blüten duften und honigreich 
sind, ist der blühende Baum oft von Hunderten naschender Insekten um- 
schwärmt. (Vgl. W. Müllers „Frühlingsmahl": Wer hat die weißen 
Tücher gebreitet über das Land usw.!) Wie notwendig den Blüten 
übrigens der Besuch dieser Gäste ist, beweist folgende Tatsache: In 
AustraHen wollten die Obstbäume trotz aller Mühe der Ansiedler kerne 
Früchte tragen (weil die zur Bestäubung nötigen Insekten fehlten). Da 
wurden von einem deutschen Imker Bienen eingeführt — und in dem- 
selben Jahre zeigten die Bäume jener Gegend reichen 
Fruchtansatz. 

b) Durchschneiden wir eine einzelne Blüte der 
Länge nach, so sehen wir, wie der oberste Teil des 
Blütenstieles, der Blütenboden, an den Seiten empor- 
gewachsen ist, so daß er einen kleinen Becher bildet. 
Der Becherrand trägt 5 kleine Kelchblätter, 5 große, 

weiße Blumenblätter und etwa 20 Staubblätter mit ^^'^^.«"^[''"^'"ß '^«^ 

X oj. 1 1 j 1 Tn^ , , Birnbaumes, 

roten Staubbeuteln. (Man sagt daher auch ungenauer- 
weise, die Staubblätter ständen auf dem Kelchrande.) Aus der Öffnung 
des Bechers ragen 5 Griffel hervor, die zu dem Fruchtknoten im Grunde 
des Bechers führen. An einem Querschiütte (s. Blütengrundriß) ist deutlich 
zu erkennen, daß der fünffächerige Fruchtknoten aus 5 Fruchtblättern 




132 



Rosenartige Gewächse. 



gebildet wird, und daß er mit dem becherförmigen Blütenboden ver- 
schmolzen ist. 

7. Die Fruclit geht aus Fruchtknoten und Blütenboden hervor: Der 
Fruchtknoten wird zu dem „Kernhause", dessen 5 Fächer je 2 braune 
Samen enthalten, und der Blütenboden zu dem Fruchtfleische. Am obern 
Ende der Frucht finden wir daher selbst noch zur Reifezeit den ver- 
trockneten Kelch. Da an der Bildung der Frucht also außer dem Frucht- 
knoten noch ein andrer Blütenteil beteiligt ist, bezeichnet man sie als 
„ Schemfrucht ". 

Sollen sich die Samen (Obstkerne; Kernobst!) zu neuen Pflanzen 
entwickeln, so muß das Fruchtfleisch samt der Hülle der Fruchtfächer 
verfaulen, oder eüi Vogel muß das Fleisch verzehren, das Kernhaus 

öffnen, die Kerne aus- 
streuen oder die mit- 
verzehrten wieder von 
sich geben. Beim 

Durchgange durch 
den Vogeldarm leiden 
die Samen keinen 
Schaden; denn sie 
sind von einer perga- 
mentartigen Schale 
umgeben, die von den 
Verdauungssäften 
nicht angegriffen 
wird. Gleich dem 
Weinstocke erzeugt 
der Birnbaum das 

saftige Frucht- 
fleisch allein seiner 
Verbreiter wegen, die er durch leuchtende Färbung (gelb, an der Außen- 
seite oft noch mit roten „Backen") und angenehmen Duft der Birnen 
anzulocken sucht. Solange die Samen noch unreif sind, schützen — 
wieder wie beim Weinstocke! — saure, zusammenziehende Säfte die un- 
scheinbar grünen Früchte, vorzeitig verspeist zu werden. 

8. Feinde. Der Birnbaum ist gleich seinem nächsten Verwandten, dem Apfel- 
baume, von einem Heere von Feinden bedroht. Der Maikäfer, sowie die Raupen von 
Frostspanner, Baumweißling, Goldafter, Ringelspinner zehren von den Blättern; der 
Apfelblütenstecher vernichtet die Blüten; die Raupe des Weidenbohrers durchwühlt 
den Stamm und die des Apfelwicklers die saftigen Früchte. Von den schädlichen 
Pflanzenläusen sei nur die schädlichste, die Blutlaus, genannt, die in einigen Gegen- 
den an Apfelbäumen fortgesetzt große Verheerungen anrichtet. Pilze bilden auf 
Blättern und Früchten „Rostflecke" und Schorfe; andre erzeugen in Wundstellen 
des Stammes den gefürchteten „Krebs". 




Mispel; Zweig mit Früchten (verkl. 



llosenartisre Gewäclise. 



133 



x^r 



Andre Kernobstgewächse. 

Eine noch weit größere Bedeutung als 
der Birnbaum hat für uns der Apfelbaum 
(P. malus"). Er ist gleichfalls ein einheimi- 
sches Gewächs (Holzäpfel!) und wird in 
vielen Sorten angebaut. Im Gegensatz zum 
Birnbäume hat er eine breite, niedrige 
Krone, und die prächtigen Blüten zeigen außen 
einen roten Anflug. — Die Quitte (Gydönia 
vulgaris^), die aus dem Orient stammt, hat 
gleich der Mispel (Mespilus germanica^), die 
in Mitteldeutschland heimisch ist, große Blüten, 
die bereits einzeln stehend die Aufmerksam- 
keit der Insekten erregen. Die gelben, duften- 
den Quitten sind nur eingemacht und die Mispeln 
erst bei beginnender Fäulnis (wenn sie „teigig" 
werden) genießbar. — Bei Weißdorn (Cratcfe- 
gus oxyacäntha*) und Eberesche oder Vogel- 
beerbaum (Sorbus aucupäria'^) sind die Blüten 
verhältnismäßig am kleinsten. Wir finden sie 
dementsprechend gleich den leuchtend roten 
Früchten auch zu großen, doldenartigen Stän- 
den gehäuft. Der Weiß- oder Hagedorn wird 
gern zur Anlage von Hecken benutzt. Seine 
rotblühende Abart, der Rotdorn, ist in Baum- 
oder Strauchform 
eine bekannte 
Zierpflanze. Die 
Eberesche (d. i. 
After-Esche, 
wegen der 
eschenartigen 
Blätter) steigt in 
den Gebirgen bis 
zur Baumgrenze 

empor. Ihre 
leuchtend roten 
Früchte bilden 
für Drosseln und 
andre Vögel (Vo- 
gelbeeren) eine 
beliebte Speise. 
Sie werden hier und da auch als Winterfutter für Hirsche und Rehe gesammelt. 

2. Unterfamihe. Steinobstgewäclise (Prüneae"). 

Der einfächerige Fruchtknoten ist aus nur einem Fruchtblatte gebildet und nicht mit 

dem Blütenboden verwachsen. Frucht eine Steinfrucht. 

Der Süßkirschbaum (Prunus avium*'). 
1. Heimat und Bedeutung. Gleich Bim- und Apfelbaum hat der 
Süßkirschbaum im mittlem Europa seine Heimat. Er findet sieh hier 

1) malus, Apfelbaum. 2) Cydonia nach Kydonia, einer Stadt auf Kreta, in der besonders gnte 
Quitten gebaut wurden; vidgaris, gemein. 3) mespilus, Mispel; germanicus, -dentsch,. 4) Crataegus: 
krat-, hart und aig-, Eiche (?); oxyacantha: oxijs, spitz und äkantha, Stachel oder Dorn; 5) sorbus, 
Eberesche; aucupariits von aucüpium, Vogelstellerei. C)) prtmus, Pflaumenbaum; arhim, der Vögel. 




Blütenzweig 1. der Quitte und 
2. der Eberesche (etwas verkl. 




134 



Rosenartige Gewächse. 



und da in Waldungen und ist der Stammvater der zahlreichen Spielarten, 
die wir in Gärten, an Straßen und Bergabhängen der veredelten, d. h. 
größern, fleischigem und wohlschmeckendem Früchte wegen anbauen. 

2. Stamm und Krone. Sowohl die wilde, als auch die angebaute 
Pflanze wächst zu einem stattlichen Baume heran. Die kugelige Krone 
wird von einem entsprechend starken Stamme getragen, der mit einer 
glatten, graubraunen Rinde bedeckt ist. Bei Verletzungen lösen sich die 
obern Rindenschichten in ringförmigen, lederartig-biegsamen Streifen ab. 
Häufig entquillt dem Stamme ein klebriger Stoff, das Kirschgummi, 




Süßkirschbaum. 



1. Blühender und 2. fruchttragender Zweig. 3. Blütengrundriß. 4. Blüte, längs durch- 
schnitten. Bb. Blütenboden. K. Kelch (vergr.). 

das in Wasser leicht löslich ist und darum wie das arabische Gummi 
als Klebmittel verwendet werden kann. — Der Ausfluß von Gummi ist 
bei allen Steinobstgewächsen zu beobachten und zumeist wohl als Krank- 
heitserscheinung zu deuten. 

3. Blatt. Die jungen Blätter kommen aus Knospen hervor, die 
von Schuppen umhüllt sind. Zwischen den Schuppen und den Laub- 
blättern, die am Grunde mit 2 später abfallenden, kleinen Nebenblättern 
versehen sind, findet ein vollständiger Übergang statt: ein Zeichen, daß 
wir es in erstem gleichfalls nur mit Blättern zu tun haben. Die Flächen 
der jungen Blätter sind in der Mittelader gefaltet, senkrecht gestellt und 



Rosenai-tige Gewächse. 



135 



mit einem firnisartigen Überzuge versehen: Einrichtungen, in denen wir 
bereits früher (s. Roßkastanie) Schutzmittel der zarten Gebilde erkannt haben. 
Die entwickelten Blätter sind eiförmig und am Rande gesägt. 
Am obern Ende des langen Blattstieles finden sich 2 meist rote Drüsen, 
die eine zuckerhaltige Flüssigkeit ausscheiden. Die Bedeutung dieses 
Stoffes kennt man aber nicht sicher (vgl. mit Zaunwicke!). 

4. Blüte. Die rein weißen Blüten kommen im Gegensatz zu denen der 
Sauerkirsche aus blattlosen Knospen hervor. Sie sind langgestielt, besitzen 
einen angenehmen Duft und sind im wesentlichen wie die des Birnbaumes 
gebaut. Nur bezüghch des flaschenförmigen Fruchtknotens macht sich ein 
größerer Unterschied geltend: er ist aus nur einem Fruchtblatte gebildet imd 
steht vollkommen frei im Grunde des kelchf örmigen Blütenbodens. Nach er- 
folgter Bestäubung löst sich der Blütenboden samt den Blüten- 
teilen, die er trägt, am Grunde ab, so daß der Fruchtknoten 
allein auf dem Blütenstiele zurückbleibt. 

5. Frucht. Die von dem Fruchtblatte gebildete Wand 
des reifenden Fruchtknotens erfährt eine eigentümliche Aus- 
bildung. Sie spaltet sich in 3 deuthch voneinander getrennte 
Schichten: eine äußere, abziehbare Haut von auffallender 
Färbung (gelbUch mit roten Backen, heller oder dunkler rot 
bis fast schwarz), eine saftige, süße, fleischige Mittelschicht 
und eine steinharte Hülle, die den Samen umschheßt. (Stein- 
frucht; Steinobst). Während die äußere Schicht das Ganze 
schützend umgibt und vermöge ihrer lebhaften Farben die 
Vögel anlockt, die die Pflanze verbreiten (besonders sind es 
Drosseln; „Vogelkirsche"!), dient die mittlere diesen Tieren 
zur Nahrung und die innere dem Samen als Schutz gegen 
die scharfen Säfte des Vogeldarmes. In der Regel entwickelt 
sich von den beiden Samenanlagen nur eine. 

Die Vögel, die das süße Fruchtfleisch nur naschen (Sperlinge, Stare 
u. a.) oder wie der Kirschkernbeißer gar die Kerne zertrümmern und der 
Samen berauben, sind Feinde des Baumes. Die Made der Kirschfliege, 
die in dem Fruchtfleische lebt, macht die wohlschmeckenden Früchte für 
den Menschen oft ungenießbar. 




Kirsche, 
längs durch- 
schnitten. 



Andre Steinobstgewächse. 

Die meisten und wichtigsten Steinobstgewächse sind aus Asien zu uns ge- 
kommen. Aus Vorderasien stammen die Sauerkirsche (P. cerasus*), die von LukuUus 
aus Kerasus (daher „Kirsche") zuerst nach Europa gebracht sein soll, und die echte 
Pflaume oder Zwetsche (P. domestica^). — Die Aprikose (P. armeniaca*^) und die 
Pfirsiche (P. persica*) haben in Ostasien oder auch — ■ worauf die Namen hinweisen — 
in Armenien bezw. Persien ihre Heimat. Alle diese Bäume zählen zu unsern wich- 
tigsten Obstarten und werden in zahlreichen Sorten angebaut. — In Süd- und Mittel- 



1) cerasus, Kü-schbanm, s. Text. 
4) persinis, persisch. 



doinesticits, zum Tlause gehörig-. 3) avmeniacus, armenisch. 



J^36 Rosenartige Gewächse. 

europa ist wahirfcheiiilich die Haferpflaume (P. insititia*) heimiscii, die bei uns be- 
sonders in 2 Spielarten gezogen wird: mit gelben, kleinen (Mirabelle-) oder grünen, 
großen Früchten (Reine-claude''). — 'Der Mandelbanm (P. communis^), der nur noch 
in den wärmsten Teilen Deutschlands seine Früchte reift, ist für die Länder um das 
Mittelmeer eine der wichtigsten Pflanzen. Der bei andern Steinobstgewächsen flei- 
schige Teil der Frucht ist bei ihm lederartig und ungenießbar. Die großen, eßbaren 
Samen, die Mandeln, haben entweder einen süßen oder einen bittern Geschmack. 
Letztere sind infolge ihres Gehaltes an blausäurereichem Bittermandelöl giftig. Diese 
Eigenschaft, die auch den Samen der andern Steinobstgewächse in geringem Grade 
innewohnt, geht aber durch Kochen, Rösten und Backen verloren. Bei den „Krach- 
oder Knackmandeln" ist die Steinschale dünn und zerbrechlich. 

An Waldrändern, Rainen und ähnlichen Orten bildet die Schlehe (P. spinösa^) 
oft undurchdringliche Hecken. Wegen der schwarzen Rinde (im Gegensatz zum 
„Weißdorn") und der dornigen Äste führt der sehr zeitig im Frühjahre blühende 
Strauch auch den Namen „Schwarzdorn". Sein zähes Holz benutzt man zur Anfertigung 
von Spazierstöcken. Die schwarzen, herben Früchte können erst nach einem Froste 
verzehrt werden. — In Anlagen findet man häufig die duftende Weichselkirsche ° (P. 
mähaleb '), die in Süddeutschland wild vorkommt rfnd aus deren Schößlingen man be- 
sonders Pfeifenrohre anfertigt, sowie die Trauben- oder Ahlkirsche (P. padus'), deren 
Blüten in großen Trauben stehen. Letztere Pflanze wird hier und da unrechtmäßig 
auch „Faulbaum" (s. das.) genannt. Die schwarzen Früchte beider sind für den 
Menschen nicht genießbar, werden aber von Vögeln gern verzehrt. 

3. Unterfamilie. Rosengewächse (Roseae®). 

Mehrere einfächerige Fruchtknoten, die aus je einem Fruchtblatte gebildet sind und 
frei auf dem (verschieden geformten) Blütenboden stehen. 

Die Rose (Rosa^). 

A. Die Hundsrose (R. canina*"). 
1. llosenhecke. An Waldrändern, in Gebüschen, an Wegen und 
ähnlichen Orten bildet die wilde oder Hunds-Rose (Gegensatz zur „edlen" 
Rose) oft große, undurchdringliche Hecken. Wie kommt eine solche Hecke 
zustande? Die jungen, weichen Schößlinge, die den Wurzeln entsprießen, 
kommen senkrecht aus dem Boden hervor. Bald aber verholzen sie und 
neigen sich in großem Bogen mit der Spitze zur Erde herab. Von der 
obern Seite der Bogen erheben sich im nächsten Jahre kurze, blüten- 
tragende Zweige und sehr lange, aufrechte Triebe, die sich wieder bogen- 
förmig nach unten krümmen und meist an den Enden vertrocknen. Die 
jungen Bogen legen sich auf die alten und treiben wieder senkrechte 
Zweige, die sich abermals herabbiegen. So baut sich die Hecke immer 
höher auf, und so geben sich die sehr langen, aber verhältnismäßig 
schwachen Stämme gegenseitig Halt und Stütze. Auch an Umfang und 
Dichte nimmt die Hecke stetig zu; denn aus dem Boden kommen all- 
jährlich neue Schößlinge hervor, die, weil un verzweigt, sich leicht durch 
das Gewirr der Stämme und Äste hindurch arbeiten können. (Märchen 
von -Dornröschen".) 



1) insititius, eingefügi-, gepfropft, veredelt. 2) Vielleicht ans: mmis, wunderbar und bellus, 
schön. 3) reine (franz.), Königin; Claude, Claudia (soll nach Claudia, der Gemahlin Franz I., so 
genannt sein). 4) ronimunis, gemein. 5) spinosus, dornig. 6) Weichsel vom althochd. wihsela, 
mittelhochd. uihsel. 7) mahaleh, (arabisch), mit biegsamen Zweigen. 8) padxis, unerkl. 9) rosa, 
Rose. iO) caninus, hundeartig. 



Rosenartige Gewächse. 



187 



Sterben die alten Stämme ab, so treten sofort neue an ihre Stelle. 
Die Rosenhecke verjüngt sich auf diese Weise fortgesetzt und kann 
daher eine hohes Alter erreichen. Der älteste bekannte Rosenstrauch 
ist der „tausendjährige Rosenstock" am Dome in Hildesheim, der aber 
nachweishch nur ein Alter von etwa 300 Jahren besitzt. 

2. Stacheln. Die Undurchdringlichkeit der Rosenhecke wird wesent- 
lich durch die Stacheln erhöht, die sich in besonders großer Anzahl an 
den jungen Trieben, aber auch an der Mittelrippe der Blätter und an 




Hecke der Hundsrose im Herbste. Die Blätter ^ind zumeist abgefallen; an den 
Enden der Zweige zahlreiche Hagebutten. 

den Blütenstielen finden. Im Gegensatz zu den Dornen, die kurze, 
stechende Zweige darstellen, sind die Stacheln der Rose Auswüchse der 
Rinde und daher leicht abzubrechen. (Beurteile hiernach das bekannte 
Sprichwort: „Keine Rose ohne Dorn"!) Sie sind scharf stechend, haken- 
förmig herabgebogen und bilden infolgedessen vortreffhche Schutzwaffen: 
sie wehren Weidetiere und andre Pflanzenfresser ab, von den grünen 
Teilen zu naschen, und hindern die gefräßigen Schnecken, zu den saftigen 
Blättern, sowie die Mäuse, zu den wohlschmeckenden Hagebutten empor- 
zusteigen. (Goethes „Heideröslein" !) Altern Stämmen, die durch die 
harte, trockne Rinde genügend geschützt sind, fehlt die Schutzwehr. 

3. Das Blatt ist unpaarig gefiedert: es besteht aus 5 oder 7 ei- 
runden und am Rande scharf gesägten Blättchen. Am Grunde des Blattes 
finden sich 2 Nebenblätter, die mit der Mittelrippe ihrer ganzen Länge 
nach verwachsen sind. Welche Bedeutung diese Gebilde haben, ist an 
wachsenden Zweigen, besonders wenn sie aus den Knospen hervortreten, 
deutlich zu sehen: die Nebenblätter des äußersten, ältesten Blattes um- 



138 



Rosenartige Gewächse. 



fassen wie eine Scheide das nächst jüngere Blatt; zwischen dessen Neben- 
blättern ist wdeder das nächst jüngere Blatt geborgen u. s. f. Auf diese 
Weise sind alle Blätter des jungen Zweiges gleichsam ineinander geschach- 
telt und die innersten, sehr zarten Blätter durch die äußern, schon mehr 
erstarkten geschützt. Die jungen Fiederblätter sind in der Mittelrippe gefaltet 
und wie die Blätter eines Buches eng zusammengelegt, so daß sie der aus- 
trocknenden Luft und den Sonnenstrahlen nur eine kleine Fläche darbieten. 



'TV. < 





Blühender Zweig der Hundsrose. 

An den Zweigen finden sich häufig die wie mit Moos umkleideten 
Rosen- oder Schlafäpfel. Sie sind durch den Stich der Rosengall- 
wespe entstanden und beherbergen in mehreren Höhlen die Larven dieses 
Insektes (s. „Lehrbuch der Zoologie"). 

4. Blüte, a) An den Blüten erkennen wir den Bau der Birnblüte 
mit geringen Abweichungen deutlich wieder. Wir finden einen krug- 
förmigen Blütenboden, der mit einem gelben, fleischigen Ringe abschheßt 
und 5 Kelchblätter, 5 rosafarbene Blumenblätter, sowie viele Staub- 
blätter trägt. Die Kelchblätter weichen hinsichtlich ihrer Form stark 
voneinander ab. Betrachtet man sie an den Knospen, so sieht man, wie 
sie gerade infolge dieser verschiedenen Gestalt die Innern Blütenteile 
völlig umhüllen. Diese Aufgabe wird später von den Blumenblättern 
übernommen, die bis zur Entfaltung der Blüte mit ihren Rändern fest 

übereinander greifen. In 
der Höhlung des Blüten- 
bodens finden sich zahl- 
reiche freie Fruchtkno- 
ten, deren Griffel durch 
die Öffnung des „Kru- 
ges" ins Freie treten 
und dort zu hellgelben 
Rosencäpfel. 1. von außen. 2. im Durchschnitt gesehen. Narben anschwellen. 




Rosenartige Gewächse. 



139 








Jeder Fruchtknoten besteht aus einem Fruchtblatte 
und enthält nur eine Samenanlage. 

b) An den einzelnen kleinen Blütenständen ent- 
falten sich die Blüten stets nacheinander. Vermöge 
ihrer beträchtlicheren Größe können sie auch 
einzeln die Aufmerksamkeit der Insekten sehr 
wohl erregen (vgl. mit andern großblumigen Pflan- 
zen!). Mit der prächtigen Blütenfarbe wirkt der 
kösthche Duft als Anlockungsmittel. 

Die zarten Blumenblätter können großen In- 
sekten nicht als Anflugsplatz dienen. Ein sol- 
cher wird vielmehr von den zahlreichen Narben 
und dem fleischigen Ringe des Blütenbodens ge- 
bildet. Sind die Tiere bereits mit Blütenstaub 
behaftet, so werden sie leicht Fremdbestäubung Blüte und Blütengrundriß 
herbeiführen. der Hundsrose. Die Blüte 

Den Bestäubern gewährt die Rose nur Blüten- ßb. Blütenboden. K.Kelch! 
staub als Gegengabe. Von diesem kostbaren Stoffe (i/„ nat. Gr.) 

vermag die Blüte wohl etwas abzugeben; denn 

sie enthält ja — wie erwähnt — weit mehr Staubblätter als z. B. 
die honigreichen Blüten des Birn- und Kirschbaumes. Der beim Mahle 
verstreute Staub wird wie beim Klatschmohn von den großen, 
muschelförmigen Blumenblättern aufgefangen. 

Wenn irgend möglich, folgt die geöffnete Blüte dem 
Laufe der Sonne. Gegen Abend schließt sie sich. Die 
Blumenblätter neigen sich zusammen und bilden ein schüt- 
zendes Dach für den Blütenstaub, den der nächtliche Tau 
leicht verderben könnte. 

5. Frucht. Wie die Frucht vom Birn- und Kirsch- 
baume wird auch die der Rose durch Vögel verbreitet. 
Dementsprechend färbt sich der schwellende Blütenboden 
scharlachrot (Anlockung der Vögel!) und wird fleischig und 
wohlschmeckend (Nahrung der Verbreiter!). Im Innern des 
fleischigen „Kruges" finden sich die zahlreichen behaarten 
Früchte, die je ein kleines, hartschaliges Nüßchen darstellen 
(Schutz gegen Verdauungssäfte!). Die „Hagebutte" ist also 
eine Scheinfrucht wie die Birne und zugleich eine „Sammel- 
frucht". — Nach Entfernung der steif haarigen Früchte wird die Hage- 
butte auch vom Menschen genossen. 




-^F. 



M-Bb. 



Hagebutte der 
Hundsrose. 

Bb. Blüten- 
boden. 

F. Früchte. 



B. Die edle Rose. 

1. Die edle Rose gilt schon seit dem grauen Altertume als die Kö- 
nigin unter den Blumen. Der zarte Bau, die Farbenpracht und der 
köstliche Duft der Blüten haben ihr diesen Rang erobert. Sie ist das 



]^40 Rosenartige Gewäclise. 

Sinnbild der Jugend („Rosenzeit des Lebens"), der Unschuld und Schön- 
heit. Fast in jedem Garten trifft man sie an, und in zahllosen Liedern 
wurde sie gefeiert. Mit Rosen schmücken wir uns und unser Heim 
bei fröhlichem Feste, und Rosen legen wir unsem Lieben auf den 
stillen Grabhügel. ' 

Im Freien blühen bei uns die Rosen vom Juni bis zum November. 
Während des Winters erhalten wir die herrlichen Blumen aus Treib- 
häusern, besonders aber aus den wärmern Teilen von Italien und aus 
dem Süden von Frankreich. 

2. Die edle Rose tritt uns in einer außerordentlichen Mannig- 
faltigkeit entgegen, führen doch die Verzeichnisse der Gärtner gegen- 
wärtig etwa 4000 Sorten auf, die besonders in Form, Größe und Färbung 
der Blüten — sie erstrahlen vom zarten Weiß und Gelb bis zum dun- 
kelsten Rot — voneinander abweichen. Diesen Reichtum brachte uns 
aber erst das letzte Jahrhundert; denn um das Jahr 1795 waren nur etwa 
30 Sorten bekannt. Von den bloß einmal blühenden Sorten werden gegen- 
wärtig fast nur noch die als Kletter- und Trauerrosen bekannten an- 
gepflanzt; die andern haben den mehrmals blühenden sog. Remontant- 
rosen^), sowie den Teerosen (s. w. u.) weichen müssen. 

Von den ältesten Sorten weiß man zumeist nicht, wie sie entstanden 
sind. Es ist aber sicher, daß die edle Rose viel mehr ein Erzeugnis 
menschlicher Kunst als eine „Schöpfung der Natur" ist. Das beweist 
schon die Tatsache, daß es keine wilde Rosenart gibt, die wie unsre 
edle Rose gefüllte Blüten besitzt. Solche Blüten sind entweder da- 
durch zustande gekommen, daß Staubblätter in Blumenblätter umge- 
wandelt sind, oder daß eine Vermehrung der Blumenblätter über die 
Fünfzahl der wilden Formen hinaus erfolgt ist. Für ersteres sprechen 
die Übergänge, die sich vielfach zwischen Blumen- und Staubblättern 
finden, für letzteres die zahlreichen Sorten, die wohl eine erhöhte Zahl 
von Blumenblättern zeigen, zugleich aber die Staubblätter ausgebildet 
und vollzählig erhalten haben. 

Die Züchtung der verschiedenen Sorten ist einesteils in derselben Weise 
wie die aller andern Kulturpflanzen erfolgt: Man pflanzte wilde Rosen- 
arten (unsre heimatliche Pflanzenwelt weist deren schon eine ganze An- 
zahl auf, die sich aber sehr stark ähneln) in bessern Boden, heß ihnen 
eine sorgsame Pflege angedeihen und wählte stets nur die Pflanzen zur 
Fortzucht aus, bei denen eine Vermehrung der Blumenblätter oder eine 
andre dem Menschen besonders wertvolle Veränderung eingetreten war. 
Andernteils suchte man die Arten untereinander zu „kreuzen": Man 
brachte Blütenstaub einer Art auf die Narbe einer andern, und aus den 
dadurch entstehenden Samen gingen Pflanzen hervor, die die Eigenschaften 
beider „Eltern" zeigten. Mit diesen Mischlingen, Hybriden oder 
Bastarden verfuhr man nun weiter in der zuerst angedeuteten Weise, 



1) remonte (franz.), Ersatz (Blüten werden immer wieder durcli andre ersetzt). 



Rosenartige Gewächse. 141^ 

und noch heutzutage werden bei der Zucht neuer Sorten genau dieselben 
Wege eingeschlagen. 

Eine der ältesten Gartenrosen ist die rotblühende „Zentifolie"*), die aus dem 
Orient zu uns gekommen ist und große, duftende Blüten trägt. Gleich ihrer schönsten 
Spielart, der Moosrose, deren Kelch und Blütenstiel mit blattartigen Drüsenborsten 
wie mit Moos besetzt sind, wird sie bei uns immer seltener. Dasselbe gilt auch von 
der früher allbekannten weißen Rose, die wahrscheinlich aus Südeuropa stammt. 
Eine andre alte Sorte ist die Damascener^)-Rose, die aber in unsern Gärten 
gar nicht mehr zu finden ist. Sie ist vermutlich aus einer zufälUgen Kreuzung 
hervorgegangen, die zwischen der in Mitteldeutschland heimischen Essigrose (R. gällica") 
und der Hundsrose oder einer indisch-nordafrikanischen Art, der Moschusrose (R. 
moschäta'*), stattfand. Vom Jahre 1780 ab, in dem eine uralte Gartenrose Chinas, die 
Bengal-'') oder Monatsrose (R. chinensis^), eingeführt wurde, nahm die Rosenzucht 
einen ungeahnten Aufschwung. Die Mischlinge aus dieser und der Damascener-Rose 
sind nämlich die bereits erwähnten Remontantrosen. Ein weiterer wichtiger 
Schritt erfolgte im Jahre 1825, als die aus China stammende Teerose (R. fragrans') 
nach Europa gelangte und mit zahlreichen Sorten der Bengalrose gekreuzt vmrde: 
es gingen daraus unsre herrlichen Teerosen hervor, die ihren Namen nach dem feinen 
Teegeruch ihrer Blüten führen. Durch weitere Kreuzungen sind zahlreiche andre 
Sorten und Sorten-Gruppen entstanden, und alljährlich werden neue Spielarten auf 
den Markt gebracht. 

Die Vermehrung der Edelrosen erfolgt in sehr verschiedener Weise; doch 
kommt für den Gartenfreund meist nur das Okulieren (s. das.) in Betracht. Das Edel- 
reis oder dessen Knospe („Auge"), durch das die Sorte erhalten werden soll, wird in 
der Regel einem Schößlinge der Hundrose eingepflanzt. 

3. Der Duft sowohl der wilden, als auch der edlen Rosen rührt 
von einem öle her, das sich leicht verflüchtigt und auf Papier keinen 
bleibenden Fettfleck zurückläßt (flüchtiges öl im Gegensatz zu den fetten 
ölen). Dieses „Rosenöl" wird dadurch gewonnen, daß die Blumen- 
blätter gewisser Sorten mit Wasser destilliert werden. Als Hauptbezugs- 
quelle dieses wertvollen Stoffes (1 kg kostet 800 — 900 M.) kommt für 
uns m erster Linie Bulgarien in Betracht; es wird aber auch in 
andern Ländern (Ägypten, Kleinasien usw.) gewonnen imd zur Herstel- 
lung wohMechender Wässer, zum Parfümieren von Seifen, Salben u. dgl. 
benutzt. Seit einigen Jahren werden auch in der Umgebung von Leipzig 
Rosen zum Zwecke der ölgewinnung mit Erfolg angebaut. 

Andre Rosengewächse. 

In sonnigen Wäldern und Gebüschen, an Bergabhängen und ähnlichen Orten 
findet sich die Wald-Erdbeere (Fragäria vesca*) als eine unsrer gemeinsten Pflanzen. 
Aus den Achseln der dreizähligen Blätter entspringen lange Ausläufer, die wie beim 
Veilchen zahlreiche junge Pflanzen ins Dasein rufen. Die weißen Blüten sind nachts 
und bei Regenwetter nickend. Nach erfolgter Bestäubung richten sie sich nicht wieder 
empor, so daß die reifende „Frucht" von dem Kelche, zu dem noch ein fünf blättriger 
„Außenkelch" tritt, wie von einem Dache überdeckt ist. Der Blütenboden vergrößert 



1) d. h. die Hnndertblättrige {cenium, hundert; fölium, Blatt). 2) nach der Stadt Damaskus 
benannt. 3) Essigrose: die Blütenblätter wurden zum Parfümieren von feinem Essig benutzt 
gallica, weil auch in Gallien (Frankreich) wachsend. 4) nach Moschus duftend. 5) nach der in 
dischen Landschaft Bengalen benannt. 6) aus China stammend. 7) fraqrans, duftend. 8) fragiim 
Erdbeere; vescus, eßbar, wohlschmeckend. 



142 



Rosenartige Gewächse. 




1. Erdbeere und 2. Himbeere 
längsdurchschnitten. Bb. Blütenboden. 
Fr. Einzelnes Früchtchen. 



sich jetzt immer mehr, indem seine äußern Teile zugleich fleischig und saftig werden. 
In ihm sind die zahlreichen Früchte, die je ein winziges Nüßchen darstellen, zur 
Hälfte eingesenkt. Die auf diese Weise entstehende „Erdbeere" ist also wie die Hage- 
butte eine Schein- und Sammelfrucht. Die 
^z'**^ _l ^ scharlachroten, duftenden Beeren erscheinen 

"■ " uns \ielfach zwischen dem Laube versteckt; 

nicht so aber den Vögeln (Drosseln u. a.), 
■-^'■- die sich gern am Boden aufhalten und die 
Verbreitung der Pflanze besorgen. — Die 
Bb. Erdbeeren, die wir im Garten bauen, ent- 
stammen zumeist ausländischen Arten. Sie 
zeichnen sich durch besondere Größe aus, 
stehen aber an Duft und Wohlgeschmack 
(„Aroma") meist hinter den Walderdbeeren 
zurück. — An feuchten Waldstellen und be- 
sonders gern auf Waldblößen bildet die 
Himbeere (Rubus idceus*) oft ausgedehnte 
Bestände (Schößlinge!). Die Stämme sind 
dicht mit Stacheln besetzt, tragen erst im 
zweiten Jahre Blüten und sterben nach der 
Fruchtreife ab. Die Blätter sind unterseits 
meist weißfilzig. Da sich die Blüten am ^jungen Holz" bilden, kommen sie auch ver- 
hältnismäßig spät zum Vorschein. Aus jedem der zahlreichen Fruchtknoten, die auf 
dem stielförmig verlängerten Blütenboden stehen, entwickelt sich bei der Reife eine 
kleine Steinfrucht. Die Gesamtheit der Früchtchen bildet die „Himbeere", die also 
eine Sammelfrucht ist. Der wohlschmeckenden, saftigen Früchte wegen zählt die 
Pflanze zu unsern wichtigsten Beerenobstarten. Sie gehört mit der Brombeere (R. 
fruticösus"), die von den Botanikern in zahlreiche, schwer zu unterscheidende Arten 

gespalten ist, zu 
ein und dersel- 
ben Gattung. 

Im Gegen- 
satz zu den bis- 
her besproche- 
nen Rosenge- 
wächsen haben 
die folgenden 
Arten saft- und 

schmacklose 

Früchte und 

werden daher 

auch nicht 

durch Vögel 

verbreitet. Dies 

sehen wir z. B. 

genau wie die 

den zahlreichen 




Gemeine Nelkenwurz. 
1. Blattrosette im Herbste und 
Winter (verld.). 2. Fruchtstand 
nat. Gr.), a— c im Texte er- 
klärt (etwas vergr.) 



deutlich an den Fing-erkräutern (Potentilla''), deren Sammelfrüchte 
der Erdbeere gebaut sind, aber vollkommen trocken bleiben. Von 
Arten seien nur genannt: das gelbblühende Frühlings-F. (P. verna*), das an trocknen 
Stellen wächst und zu unsern ersten Frühlingsblumen zählt, und das Gänse -F. 
(P. anseritia^), das sich häufig in der Nähe menschlicher Ansiedlungen findet (auf Gänse- 
weiden!) und zierlich gefiederte, unterseits silberweiße Blätter, sowie gleichfalls gelbe 
Blüten besitzt. -- Eine unsrer bekanntesten Pflanzen, die gemeine Nelkenwurz 



1) rtibus, Brombeere; idaeus von Ida, Name mehrerer Berge iin Mittelmeergebiete. 2) fruti- 
cösus, buschig. 3) von pötens, nuächtig (d. h. heilkräftig) und -illa, Verkleinerungssilbe. 4) vernus, 
im Frülüinge blühend. 5) anserina von änser, Gans. 




Rosenartige Gewächse. Schmetterlingsblütler. 143 

(Geum urbänum ^), wird wie die Möhre durch vorbeistreifende Tiere verbreitet. Dies ge- 
schieht vermittelst des Griffels, der nach dem Verblühen weiter wächst und schließ- 
lich verholzt. Indem sich sein oberer Teil ablöst (Abb. a, b), gestaltet sich der untere 
zu einem kräftigen Haken um (c). Die Pflanze findet sich unter Gebüsch und besitzt 
charakteristisch geformte Fiederblätter, die im Herbste und Winter vielfach sehr regel- 
mäßige Rosetten bilden. Die nelkenartig riechende Wurzel, nach der die Pflanze 
ihren Namen trägt, wurde vom Volke gegen allerlei Krankheiten angewendet („Heil 
aller Welt"). — Ihre nächste Verwandte, die Bach-Xelkenwurz (G. riväle'^), hat 
nickende Blüten. Die kleinen, gelben Blumenblätter werden von dem großen, ab- 
wärts geschlagenen Kelche zum größten Teil verdeckt. Es ist daher auch nicht zu 
verwundern, daß er gleichfalls bunt (rotbraun) erscheint. Der 
obere Abschnitt des Griffels fällt bei der Fruchtreife nicht ab. 
Er dient, da er mit langen Haaren dicht besetzt ist, der Ver- 
breitung der Samen durch den Wind. — Der gelbblühende 
Odermennig (Agrimönia eupatöria^), der sich häufig an Hecken 
und Wegrändern findet, häkelt seine Früchte gleichfalls Tieren 
an. Hier ist es der Blütenboden, der zahlreiche widerhakige 
Stacheln trägt. — Mehrere Rosengewächse haben sehr kleine 
Blüten. Da letztere aber zu großen Blütenständen gehäuft 
sind, werden sie den Insekten doch auffällig. Das sehen wir Zwei Früchte vom 
z. B. an den prächtigen Blütensträußen der allbekannten Sumpf- Odermennig 

Spierstaude oder des Mädesüß (Ulmäria pentapetala*). Die (etwas vergr.). 

stattliche Pflanze wächst an feuchten Standorten, an denen 

fast allnächtlich starker Tau fällt. Da die Blätter jedoch auf der Unterseite mit einem 
dichten Haarkleide bedeckt sind, vermag das Wasser die sich hier allein befiudhchen 
Spaltöffnungen nicht zu verschließen. — Gleiche Blätter sind auch an mehreren andern 
Pflanzen nasser Stellen zu beobachten, z.B. am Wiesenlinopf (Sanguisörba officinälis-'), 
dessen sehr kleine, rotbraune Blüten, wie auch sein Name andeutet, zu Köpfchen 
vereinigt sind. — Beim Frauenmantel (Alchemilla vulgaris®) werden die unscheinbaren 
Blüten trotz der Häufung (für uns!) wenig auffällig. Am Morgen findet man im Grunde 
der Blätter, die einem ausgebreiteten Frauenmantel nicht unähnlich sind, je eine 
große, glänzende Wasserperle, die aus den zusammengeflossenen Tautröpfchen ent- 
standen ist. Das Pflänzchen wird daher im Volksmunde treffend als Taubecher 
bezeichnet (s. auch allgem. Teil). 

41. Familie. Schmetterlingsblütler (Papilionäceae ^). 

Pflanzen, die „Schmetterlingsblüten" besitzen (s. S. 151) und deren Frucht 

eine „Hülse" ist. 

1. Die GremÜ8el)olme (Phaseolus vulgaris^). 

1. Heimat und Bedeutung-. Die Gemüsebohne hat gleich der Feuer- 
bohne (Ph. multiflörus**), die vielfach als Schlingpflanze an Lauben u. dgl. 
gezogen wird, ihre Heimat im tropischen Amerika. Wie schon ihr Art- 
name andeutet, ist sie eine wertvolle Gemüsepflanze: sowohl die grünen 

3) geum, tinerkl. ; urbanus, städtisch (weil vielfach in der Nähe der menschlichen Ansiedluagen 
wachsend). 2) rivalis, amBache wachsend. 3) agrimönia aus argemöne entstanden, wahrscheinlich weil 
Heilmittel gegen ärgemon, (weißer Fleck auf der Iris oder dem Fingernagel > ; ei<7;fl/or/a nach Mithra- 
dates Eupator, König von Pontes (f G4 v. Chr.;, der sich u. a. mit Botanik beschäftigte. 4) ulmaria : 
illmus, Ulme und -äriiis, -artig (Blattform) ; pentapetalus : pente. fünf undi petalo7i, Blatt. 5) sangui- 
sörba: sänguis, Blut und sörbeo, ich schlürfe (früher als blutstillendes Mittel verwendet); ofßciimlis, 
in der Apotheke verwendet. 6) alchemilla, nach der Lehre der Alchemisten mit besondern Kräften ; 
vulgaris, gemein. 7) von papilio, Schmetterling. 8) phaseolus, Bohne ; vulgaris, gemein. 9) multi- 
florus, vielblütig. 



]^44 Schmetterlingsblütler. 

Früchte, als auch die reifen Samen („Bohnen") dienen uns als nahr- 
hafte Speise. Wie von allen andern wichtigen Nutzpflanzen hat man 
auch von ihr eine große Menge von Sorten gezogen, von denen einige, 
die Zwerg- oder Buschbohnen (Gegensatz: Kletter- oder Stangenbohnen), 
unter der zwingenden Hand des Menschen sogar eine wichtige Eigen- 
schaft der Art, das Emporklettern an Stützen, verloren haben. 

2. Same. Legen wir einige „Bohnen" (oder „Feuerbohnen") etwa 
12 Stunden in das Wasser, so läßt sich von ihnen die verschieden ge- 
färbte, lederartige Haut, die Samenhaut, leicht abziehen. An der Stelle, 
an der sie zumeist etwas eingebuchtet sind, besitzt die Samenhaut einen 
matten Fleck, den sog. Nabel, d. i. die Stelle, an der die Bohnen durch 
je ein Stielchen an der Fruchtwand festsaßen. Nach Entfernung der 
Samenhaut erblicken wir 2 große, halbnierenförmige Körper, die Keim- 
blätter (Kotyledonen; zweikeimblättrige > Pflanzen, Blattkeimer oder 
Dikotylen; s. dag. Roggen!). Beseitigen wir eins dieser Gebilde, 
so erkennen wir deuthch das zukünftige Pflänzchen: Wie sehen 
einen winzigen Stengel, der unten in ein Würzelchen endigt, der in 
der Mitte die großen Keimblätter trägt und oben eine kleine Knospe 
besitzt. Der Same der Bohne ist also die von der Samenhaut 
umschlossene Anlage oder der Keim der jungen Pflanze. Wenn 
wir bedenken, wie zart die einzelnen Keimteile sind, so wird uns die Be- 
deutung der lederartigen Samenhaut als einer Schutzhülle sofort verständ- 
hch. Der zarteste Keimteil, die Knospe, ist wieder zwischen den derbem 
Keimblättern geborgen. 

3. Keimung. Um die weitere Entwicklung des Keimes zum jungen 
Pflänzchen, oder kurz die Keimung zu verfolgen, legen wir abermals 
einige Bohnen in das Wasser. Schon nach einiger Zeit haben sie sich 
so voll Wasser gesogen, daß sie an Umfang und — wie die Wage zeigt — 
auch an Gewicht stark zugenommen haben. Schließlich sprengt der sich 
immer mehr ausdehnende Keim die Samenhaut, und das Würzelchen 
kommt zum Vorscheine. 

Legen wir die Bohnen jetzt in lockere Gartenerde (oder in gut durch- 
feuchtete Sägespäne), so sehen wir, wie die Wurzel abwärts in den Bo- 
den dringt und bald nach allen Seiten Nebenwurzeln ausschickt. Der 
Stengelteil unter den Keimblättern beginnt sodann stark in die Länge 
zu wachsen. Er krümmt sich hakenförmig, durchbricht den Boden und 
zieht — sich immer mehr streckend — schUeßüch die nach unten ge- 
richteten Keimblätter samt der Knospe, die sich unterdes stark vergrößert 
hat, aus der Erde hervor. Die Keimblätter tun sich jetzt auseinander; 
das Stengelstück über ihnen wächst in die Länge und streckt sich ge- 
rade; das erste Blattpaar entfaltet sich; alle oberirdischen Teile ergrünen: 
imd die junge Pflanze steht fertig da. Während der Stengel kräftig 
weiter wächst und Blatt um Blatt treibt, verschrumpfen die Keimblätter 
nach und nach und fallen schließlich vom Stengel ab. (Bei der Feuer- 
bohne, der Erbse und zahlreichen andern zweikeimblättrigen Pflanzen 



Schmetterlingsblütler. 145 

bleiben die Keimblätter unter der Erde.) — Diese Vorgänge geben uns 
mancherlei zu denken: 

a) Legen wir Bohnen (oder irgend welche andre Samen) an einen 
trocknen Ort, so keimen sie niemals. Erst nachdem sie befeuchtet oder in 
feuchte Erde gelegt werden, geschieht dies. Warum versorgt aber die 
Mutterpflanze den KeimKng nicht gleich mit dem 
zum Keimen notwendigen Wasser? Die Antwort auf 
diese Frage gibt uns leicht folgender Versuch: Wir 
legen an einem kalten Wintertage einige trockne und 
einige aufgequollene Bohnen mehrere Stunden ins 
Freie. Bringen wir die Bohnen darauf in Blumentöpfe, 
die wir in das erwärmte Zimmer stellen, so werden 
die trocknen Samen bald, die aufgequollenen aber 
niemals keimen. Letztere sind durch die Kälte zer- 
stört, sie sind erfroren. Ebenso würde es den 
Samen ergehen, wenn sie 
von der Mutterpflanze 
mit Wasser versehen 
wären. — Beide Ver- 
suche zeigen uns auch, 
daß Wasser und Wär- 
me es sind, die die 
im Samen schlafen- 
de Pflanzenanlage er- 
wecken. 

b) Das Würzelchen Keimung der Gemüsebohne. 1? 

kommt zuerst aus der 1—3. Die Hälfte der Samenhaut und ein 

Samenhaut hervor; denn Keimblattsindentfernt. 4. Junge Pflanze. W^^ 
ohneimBodenbefestigt ^t. Stengel; W. Wurzel; K Knospe; 

, .. , 1. Kb. Kemiblatt; N. Nabel; l.L. erstes 

ZU sein, konnte die i.aubblattpaar. 

junge Pflanze die Erde 

nicht durchbrechen. Da nun die Verlängerung des Würzelchens, die 
„Hauptwurzel", nach allen Seiten fast rechtwinklig abgehende Neben- 
wurzeln aussendet, ist die Verankerung um so sicherer: der Wind 
kann wehen, aus welcher Richtung er will, das Pflänzchen hält ihm 
stand. (Denke, die Nebenwurzeln strahlten nur nach einer oder nach 2 
oder 3 Seiten aus, oder sie stiegen senkrecht in den Boden hinab! Vgl. 
mit einem Fahnenmaste, der durch Taue befestigt ist!) 

Die Wurzel hat aber noch eine zweite Aufgabe zu erfüllen, nämhch 
dem Boden im Wasser gelöste Nährstoffe zu entnehmen, die in 
den grünen Blättern weiter verarbeitet werden. Da sich die Wurzel nun 
zuerst entwickelt, kann sie den Blättern, sobald sich diese über den 
Boden erhoben haben und ergrünt sind, auch sofort Nährstoffe zuführen. 
Und da von der Hauptwurzel nach allen Seiten Nebenwurzeln ausstrah- 
len, vermag die Pflanze auch einer weit größern Bodenmenge die 

Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 10 




146 Schmetterlingsblütler. 

für sie notwendigen Stoffe zu entziehen, als wenn die Nebenwurzeln 
mit der Hauptwurzel nach unten wüchsen. 

c) Die Knospe, an der bereits im Samen die ersten Laubblätter deut- 
lich zu erkennen sind, ist ein ungemein zartes Gebilde. Wenn sie — 
ihrer Gipfelstellung entsprechend — beim Durchbrechen der Erde voran- 
gehen würde, müßte sie unbedingt verletzt werden. Diese Arbeit 
wird jedoch von dem weit festern Stengel geleistet, der sich zu diesem 
Behuf e hakenartig krümmt. Hat er aber die Erde gespalten und die 
Keimblätter samt der zwischen ihnen geborgenen Knospe aus dem Boden 
hervor gezogen, so streckt er sich auch sofort gerade. (Welcher Stengel- 
teil krümmt sich beim Keimen der Feuerbohne und der Erbse?) 

d) Alle Teile des Keimes sehen, solange sie von der Samenhaut um- 
hüllt oder von Erde umgeben werden, weiß aus. Die Teile der jungen 
Pflanze dagegen, die sich über den Bod^n erheben, ergrünen. Lassen 
wir aber Bohnen im Finstern keimen (in Blumentöpfen, die wir in einen 
Schrank stellen), so bleiben die oberirdischen Teile blaß. Stellen wir diese 
Pflanzen darauf ins Licht, so ergrünen sie gleichfalls. Das Licht be- 
wirkt also das Ergrünen der Pflanzen. 

e) Die wachsende Pflanze baut sich aus den Stoffen immer weiter 
auf, die in den grünen Blättern bereitet werden. Woher nimmt aber 
der Keimling die zum Wachstum nötigen Stoffe, da er ja noch keine 
solchen Blätter besitzt? Die Antwort auf diese Frage erhalten wir, 
wenn wir die Keimblätter genauer beobachten. Die anfangs festen, 
prallen Gebilde werden immer weicher und schlaffer, bis sie schließlich 
gänzlich verschrumpft vom Stengel abfallen: die wachsenden Teile 
haben sich auf Kosten der in den Keimblättern aufgespeicher- 
ten Stoffe gebildet. Die Mutterj^ilanze gibt nämlich den Samen, da- 
mit sie die „ersten Ausgaben" bestreiten können, Vorratsstoffe mit, die 
bei der Bohne (wie bei allen Schmetterlingsblütlern, den Kreuzblütlern 
u.v.a.) in den Keimblättern eingelagert sind. Läßt man Bohnen in aus- 
geglühtem Sande keimen, und begießt man die jungen Pflanzen nur mit 
destilhertem Wasser, so können sie dem Boden keine Nährstoffe entneh- 
men. Trotzdem wachsen sie aber zu beträchtUcher Höhe empor, ehe 
sie an „Hunger" zugrunde gehen: ein Zeichen, daß in den Keimblättern 
große Mengen von Vorratsstoffen enthalten sind. Lassen wir Samen der 
Erbse, Linse oder eines andern Schmetterlingsblütlers ebenso keimen, so 
beobachten wir dieselbe Erscheinung, die uns auch den großen Nährwert 
der „Hülsenfrüchte" hinreichend erklärt. 

4. StengeL Bei den Zwerg- oder Buschbohnen ist der Stengel 
so niedrig und kräftig, daß er sich selbst, sowie die ihm ansitzenden 
Blätter, Blüten und Früchte zu tragen vermag. Die Kletter- oder Stangen- 
bohnen dagegen besitzen einen so langen und schwachen Stengel, daß 
sie wie der Weinstock genötigt sind, andre Gegenstände als Stützen zu 
benutzen. Dieses Emporsteigen geschieht bei der Bohne aber in ganz 
andrer Weise als bei jener Pflanze. Um es genau verfolgen zu können. 



Schmetterlingsblütler. 



147 



lassen wir Samen in Blumentöpfen keimen und stecken neben jede junge 
Pflanze einen dünnen Stab in den Boden. Anfangs wächst der Stengel 
gerade empor; dann aber neigt sich die Stengelspitze zur Seite und 
beginnt langsam kreisende Bewegungen auszuführen. In etwa 
1^2 — 2 Stunden ist ein Umgang beendet. Der Stengel „sucht" wie die 
Ranke der Weinrebe eine Stütze. Hat er sie gefunden, so whd er an der 
Berührungsstelle festgehalten. Da die Stengelspitze aber weiter kreist, 
so ist die Stütze bald ein- oder mehrfach locker um- 
wunden. Der Richtung der kreisenden Stengelspitze 
entsprechend verlaufen die Windungen fast wage- 
recht und zwar in der entgegengesetzten Richtung, in 
der sich der Uhrzeiger bewegt. Man sagt daher: die 
Bohne ist links windend (vgl. dag. Hopfen). 

Betupft man den Stengel in den wagerechten 
Windungen an beliebiger Stelle mit Tusche oder Tinte 
und merkt deren Höhe an der Stütze gleichfalls durch 
ein Zeichen an, so wird man bald finden, daß das 
Zeichen am Stengel über das am Stabe gerückt ist: 
ein Beweis, daß sich der Stengel in den wagerechten 
Windungen etwas emporgerichtet hat. Er hat näm- 
Uch wie jeder wachsende Stengel das Bestreben, sich 
gerade nach oben zu strecken. Was die Folge dieses 
Streckens ist, soll uns ein andrer Versuch lehren: Wir 
winden einen Faden locker um einen Stab, halten 
das untere Fadenende fest und ziehen das andre 
kräftig nach oben; dann werden die Windungen des 
Fadens steiler, und der Faden legt sich fester um 
den Stab. So werden auch die Windungen des sich 
streckenden Bohnenstengels immer steiler, und die Pflanze schlingt 
sich immer fester um die Stütze. 

Da der Stengel mit kurzen, steifen Haaren besetzt ist, vermag sich 
die Pflanze an der Stütze um so sicherer festzuhalten. Auch daß die 
Blätter des kreisenden Stengelteiles auffallend klein sind, 
diesen also nur sehr wenig beschweren, erleichtert der Bohne das Em- 
porsteigen nicht unwesentlich (vgl. mit andern windenden und mit nicht 
windenden Pflanzen, z. B. mit der Erbse!). 

5. Blätter, a) Die beiden ersten Blätter, die am Stengel der jungen 
Bohnenpflanze entspringen, sind sehr groß und „einfach"; alle folgenden 
dagegen sind aus 3 Blättchen zusammengesetzt (dreizählige Blätter). 
Im Gegensatz zu dem endständigen sind die beiden seitlichen Blätt- 
chen unsymmetrisch, und zwar findet sich die größere „Hälfte" auf 
der dem Endblättchen abgekehrten Seite. Wären die „Hälften" gleich, 
so würden sich die Blättchen (ihre jetzige Größe und Stellung voraus- 
gesetzt) zum Teü decken und somit einander gegenseitig das SonnenUcht 
rauben. 




1. Linkswindender 

Stengel der Bohne 

und 2. (zum Vergleich) 

rechtswindender 
Stengel des Hopfens. 



148 



Schmetterlingsblütler. 



Am Grunde des langen, gemeinsamen Blattstieles und der kurzen 
Stiele der Einzelblättchen finden sich winzige Nebenblatt eben. Wenn 
man sieht, wie in der sehr kleinen Gipfelknospe des Stengels die Nebenblätter 
des ganzen Blattes die zarten, noch zusammengefalteten Blättchen um- 
hüllen, wird man selbst diesen scheinbar wertlosen Gebilden jegliche 
Bedeutung für die Pflanze nicht absprechen können. 

b) Am Tage sind die dreizähligen Blätter, wenn sie nicht direkt von 
den Sonnenstrahlen getroffen werden, also im „zerstreuten" Lichte stehen, 
meist wagerecht ausgebreitet. Bei anbrechender Dunkelheit aber richtet 
sich der gemeinsame Blattstiel empor, so daß der Winkel, den er mit dem 

Stengel bildet, kleiner wird; gleichzeitig 
senken sich auch die 3 Blättchen, bis 
sie fast lotrecht herabhängen. Indem 
A man diese Erscheinung mit dem Schlafe 

^"^ der Menschen und Tiere vergleicht, 
_JX sagt man: die Blätter schlafen, sie 
haben die Nacht- oder Schlafstel- 
lung eingenommen. Am Morgen senkt 
sich der Blattstiel, und die Blättchen 
richten sich wieder empor: das Blatt 
befindet sich jetzt in Tagstellung. Diese 
regelmäßig sich wiederholenden Bewegungen 
erfolgen in dem angeschwollenen Grunde des 
gemeinsamen Blattstieles und in den gleichfalls 
verdickten Stielchen der Einzelblätter, in den 
sog. Gelenken des Blattes. 

Welche Bedeutung hat diese seltsame Er- 
scheinung? Wir wissen, daß die Pflanze dem 
Boden Nährstoffe entnimmt, die, in Wasser 
gelöst, zu den Blättern empor gehoben werden. 
Je mehr Wasser also von den Blättern verdunstet wird, desto 
mehr Nährstoffe müssen auch in die Blätter gelangen und hier 
verarbeitet werden. Jede Hemmung des Stromes ist für die Pflanze 
demnach ein Nachteil. Dieser Fall tritt aber ein, wenn die Blätter 
stark mit Tau bedeckt sind. Nun betauen — wie die Erfahrung lehrt 
— senkrecht gestellte Blätter viel weniger als wagerecht stehende. Bei 
erstem ist demnach am Morgen die Verdunstung nicht in dem 
Grade gehemmt wie bei letztern. 

c) Werden die Pflanzen aber an warmen Tagen direkt von den 
Sonnenstrahlen getroffen, so könnten sie leicht mehr Wasser ver- 
dunsten, als die Wurzeln aufzusaugen vermöchten. Dann drehen sich die 
Blättchen — besonders die beiden seitlichen — meist so, daß ihre 
Flächen senkrecht zu stehen kommen. Infolgedessen werden sie vm\ den 
Sonnenstrahlen unter spitzerm Winkel getroffen und nicht so stark er- 
wärmt, als wenn sie die eigenthche Tagstellung innebehalten hätten. Sie 




Schmetterlingsblütler. 



149 



verdunsten daher Jetzt auch weniger Wasser. Auch gegen zu 
grelles Licht, das das Blattgrün zerstört, sind die Blätter in dieser Lage 
vortrefflich geschützt. 

6. Die Blüte, deren Blumenkrone bei den einzelnen Sorten eine sehr 
verschiedene Färbung zeigt, ist eine SchmetterUngsblüte, die bis auf geringe 
Abweichungen ganz wie die der Erbse gebaut ist (s. das.). Ein Gleiches 
gilt auch von der Frucht. 



2. Die Erl)se (Pisum sativum^). 

1. Die Erbse, eine Nutzpflanze. Die Erbse entstammt den Mittel- 
meerländern und dient dem Menschen schon seit undenklichen Zeiten als 
wichtige Gemüsepflanze. Wir verspeisen ihre reifen und halbreifen Samen; 
von einigen der zahlreichen Sorten wer- 
den hier und da auch die jungen, noch 
weichschaligen Früchte ganz verzehrt. 

2. Die Erbse, eine ranltende 
Pflanze. Der hohe, vielfach verzweigte, 
hohle, schwache und saftige Stengel 
kann sich bei fortschreitendem Wachs- 
tume nicht aufrecht erhalten. Um die 
Blätter dem Lichte und der Luft, so- 
wie die Blüten den Blicken der In- 
sekten darzubieten, bedient sich die 
Pflanze wie der Weinstock der Hilfe 
von Ranken. Diese Gebilde finden 
sich an den Enden der gefiederten 
Blätter und umschlingen benachbarte 
Pflanzen oder Reiser, die wir dem 
schwachen Gewächs als Stütze dar- 
bieten. Da sie an der Mittelrippe des 
Blattes genau wie die Fiederblättchen 
angeordnet sind (mitunter stehen sich 
sogar ein Fiederblättchen und eine 
Ranke gegenüber!), und da sich an 
Stelle des Endblättchens gleichfalls eine 
Ranke findet, so faßt man sie als Fieder- 
blättchen auf, deren Blatt fläche bis auf 
die Mittelrippe geschwunden ist. Im 
Gegensatz zu den „Stengelranken" des Weinstocks sind die Ranken der 
Erbse (wie aller andern Schmetterlingsblütler) also Blattranken. 

Gleichsam als Ersatz für die in Ranken umgewandelten Fiederblätter 
treten sehr große Nebenblätter auf, die den Stengel meist umfassen. 




Erb&e 
blühender und 
fruchttragender 

Zweig. 



1) pisum, Erbse; sativus, angebaut. 



150 



Schmetterlingsblütler. 



Anfangs sind sie senkrecht gestellt und umgeben schützend die jungen 
Blätter, Zweige und Blüten; dann breiten sie sich auseinander, bieten 
ihre ganze Fläche dem Sonnenlichte dar und verrichten die Arbeiten der 
eigenthchen Blätter. (Beachte die Faltung der jungen Blätter und den 
Wachsüberzug aller grünen Teile; vgl. mit Roßkastanie und Raps!) 

3. Die Erbse, ein Stickstoffsammler. Gräbt man eine kräftige 
Erbsenpflanze oder ein andres schmetterlingsblütiges Gewächs (Bohne, 
Lupine u. dgl.) aus dem Boden, so erblickt man an den Wurzeln zahl- 
reiche KnöUchen von sehr verschiedener Größe (bei der Lupine werden 
sie bis haselnußgroß), deren Wesen und Bedeutung 
man erst in jüngerer Zeit erkannt hat: In jedem 
Krümchen Ackererde sind Tausende von Spaltpilzen 
vorhanden. Gewisse Arten dieser winzigen Lebe- 
wesen, die sog. Wurzejbakterien, haben die Gewohn- 
heit, in die feinsten Wurzeln der Schmetterlingsblüt- 
ler einzudringen, der „Wirtspflanze" nährende Stoffe 
zu entziehen und sich stark zu vermehren. Ähnhch 
wie an dem Eichenblatte, in das die 
Eichengallwespe ein Ei gelegt hat, 
infolge des Reizes eine Wucherung, 
eine Galle, entsteht, bilden sich hier 
durch den von den Spaltpilzen verur- 
sachten Reiz jene Ivnöllchen. Die Wur- 
zelspaltpilze entnehmen der „Wirts- 
pflanze" aber nicht sämtliche Stoffe, 
die zum Aufbau ihres Körpers dienen. 
Sie besitzen nämlich die wunderbare 
Kraft, Stickstoff aus der atmosphäri- 
schen Luft des Bodens aufzunehmen 
und in Stickstoffverbindungen (Eiweiß) 
Wurzel der Erbse mit WurzelknöUchen Überzuführen, eine Fähigkeit, die allen 
(nat. Gr.). Daneben: Z. Zelle aus einem andern Pflanzen sonst abgeht. Nach 
WurzelknöUchen, dicht mit SpaltpUzen einiger Zeit sterben die Spaltpilze ab, 
angefüllt (120 mal vergr.) B. Spaltpilze jie Knöllchen verwesen, und die stick- 
bei starker etwa 800 mal. Vergrößerung. , «p, ,.. -r,- i i^ 

^ * stoiihaltigen Verwesungsprodukte wer- 

den von der Pflanze aufgesogen. Unterdes haben sich wieder neue Knöllchen 
gebildet, die abermals zugrunde gehen: so wird den schmetterlings- 
blütigen Pflanzen durch Vermittlung der Spaltpilze fortgesetzt 
Stickstoff der Luft zugeführt. Die Pflanze hat also durch den Spalt- 
pilz, den sie in den Knöllchen beherbergt und zum Teil ernährt, einen 
großen Vorteil. Beide, Pflanze und SpaltpUz, sind nehmend und gebend 
zu gleicher Zeit. Sie haben sich zu gegenseitigem Nutzen vergesell- 
schaftet; sie bUden eine „Pflanzengenossenschaft" und führen ein 
„Genossenschaftsleben" (Symbiose), ähnlich wie wir es zwischen gewissen 
Tieren, sowie zwischen einigen Tier- und Pflanzenformen finden. 





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'fv^- 



Schmetterlingsblütler. ]^5l 

Die Tatsache der Stickstoff auf nähme aus der atmosphärischen Luft 
hat nun für die Landwirtschaft eine ganz außerordentliche Bedeutung: 
Mit jeder Ernte entnimmt der Landmann dem Felde eüie große Menge 
stickstoffhaltiger Verbindungen (besonders in der Form von Eiweiß). Soll 
das Feld im nächsten Jahre wieder eine gute Ernte bringen, so muß er 
dem Acker neue Stickstoffverbindungen zuführen. Dies geschieht bekannt- 
lich durch die Düngung. Baut der Landmann aber schmetterlingsblütige 
Pflanzen an, die er nicht aberntet, sondern unterpflügt, so besorgen 
diese durch Vermittlung der Wurzelbakterien die Düngung des 
Bodens. Als der beste „ Stickstoff sammler" hat sich die Lupine bewährt. 
Da sie eine sehr „genügsame" Pflanze ist, vermag der Landmann mit 
ihrer Hilfe selbst dem sandigsten Acker noch einen Ertrag abzu- 
ringen: er baut sie als Viehfutter an oder pflügt sie als Dünger für „an- 
spruchsvollere" Gewächse (Getreide, Rüben usw.) in den Boden. Finden 
sich in dem Ackerlande keine Wurzelbakterien, so vermögen die Schmet- 
terüngsblütler ihre segensreiche Tätigkeit auch nicht zu entfalten. 

4. Die Erbse, ein Scliinetterliugsblütler. Die zweiseitig -symme- 
trische Blüte hat einige ÄhnMchkeit mit einem Schmetterlinge (Pamihen- 
name!). Der becherförmige Kelch (der Kopf des Schmetterhngs!) ist in 
5 Zipfel ausgezogen, ein Zeichen, daß er durch Verwachsung ebenso vieler 
Blättchen entstanden ist. Die Blumenblätter sind meist sämthch weiß 
und unter sich an Größe und Gestalt sehr verschieden. 
Das obere, aufgerichtete, größte Blatt wird als Fahne 
bezeichnet; die beiden seitlichen Blätter heißen Flügel, 
und die beiden untern sind zu einem kahnförmigen 
Gebilde, dem Schiffchen, verwachsen. Das Schiff- 
chen umschließt schützend (Regen, Tau, Näscher!) den 
Stempel und die Staubblätter. Der langgestreckte 
Fruchtknoten, über dessen Bau uns am besten die 
Frucht belehrt (s. das.), setzt sich in einen langen der^^rb'^ ^ 
Griffel fort. Unter der Narbe am Griffelende findet 
sich ein einseitiger Haarbesatz, den man treffend als Griffelbürste be- 
zeichnet. Von den Fäden der 10 Staubblätter sind 9 miteinander zu 
einer oben offenen Röhre verwachsen, die den Fruchtknoten wie eine 
Scheide umschHeßt. Den Spalt zwischen den Rändern dieser Röhre be- 
deckt der Faden, des zehnten (freien) Staubblattes. Der Honig wird von 
der Innenseite der Staubblätter am Grunde der Röhre abgesondert. 

Der verwickelte Blütenbau der Erbse, von dem wir in folgendem 
noch weitere Einzelheiten kennen lernen werden, wird uns (wie der 
Blütenbau der Schmetterlingsblütler überhaupt) nur verständlich, wenn 
wir die Bestäubung genau verfolgen: 

a) Wie bei allen „Insektenblütlern" werden auch hier die Bestäuber 
durch die bunten Blumenblätter angelockt, und zwar ist es besonders 
die Fahne, die die Blüte auffälHg macht: sie ist groß, breit und senk- 
recht emporgerichtet, dient also gleichsam als „Aushängeschild". — An 




152 



Schmetterlingsblütler. 



Blüten, die sich noch nicht geöffnet haben, umhüllt die Fahne die übrigen TeUe 
gleich einer schützenden Decke, wie dies in der Knospe vom Kelche geschah, 
b) Die Flügel, die das Schiffchen vollkommen überdecken, dienen 
dem saugenden Insekt als „Sitzbrett". Sie haben — von andern Un- 
ebenheiten abgesehen — da, wo sie sich zu verbreitern beginnen, je eine 
tiefe, nach innen gerichtete Ausbuchtung, die genau in eine entsprechende 
Vertiefung des Schiffchens eingreift. Hierdurch werden Flügel und 
Schiffchen fest miteinander verbunden, gleichsam verankert. Drückt man 

mit einem Stäbchen die Flügel etwas 
herab, so wird daher auch das 
Schilf eben nach unten bewegt. Das- 
selbe erfolgt, wenn sich ein kräf- 
tiges Insekt auf den Flügeln nieder- 
läßt, _ den Kopf in den Blütengrund 
drängt und zu saugen beginnt. 

c) Sobald dies aber geschieht, 
tritt aus der Öffnung an der Spitze 
des Schiffchens der Griffel hervor. 
Zuerst berührt die Narbe die Unter- 
seite des Insekts. Bringt das Tier 
vom Besuch einer andern Erbsen- 
blüte an dieser Körperstelle bereits 
Blütenstaub mit, so ist die Be- 
stäubung alsbald vollzogen. Dann 
kommt auch die Griffelbürste mit 
dem Insekt in Berührung. Da nun 
die Bürste mit Blütenstaub bedeckt 
ist, so kann es nicht ausbleiben, 
daß ein Teil von ihm im Haar- 
kleide des Tieres hängen bleibt. 

d) Vor Entfaltung der Blüte 
haben sich nämlich die (jetzt ver- 
schrumpften!) Beutel der Staub- 
blätter bereits geöffnet und ihren 
Staub in den kegelförmigen Hohl- 
raum der Schiffchenspitze entleert, 
so daß Narbe und Griffelbürste damit bedeckt sind. (Daher ist auch 
Selbstbestäubung möghch!) Fhegt das Insekt darnach von dannen, so be- 
wegen sich Flügel und Schiffchen wieder aufwärts, und der Griffel kehrt 
in seine Schutzhülle, das Schiffchen, zurück. Bei jedem folgenden In- 
sektenbesuche fegt er stets von neuem Blütenstaub aus dem Schiffchen 
hervor, bis der Vorrat schheßlich erschöpft ist. 

Die Ablagerung des Blütenstaubes im vordem Abschnitt des Schiff- 
chens tritt um so sicherer ein, als die Staubfäden miteinander verwachsen 
smd, so daß die Staubblätter in ganz bestimmter Lage gehalten werden. 




Blüte der Erbse, in die einzelnen Teile 
zerlegt (2 mal nat.Gr.1. Fa. Fahne. Fl. Flügel. 
Seh. Schiffchen. K. Kelch, von dem der 

vordere Teil entfernt ist. 
Darunter das Schiffchen (stärker vergr.), 
durch Beseitigung der rechten Hälfte ge- 
öffnet. G. Griffel. RSb. die aus den 9 
verwachsenen Staubblättern gebildeteRöhre. 
(Von den Staubblättern sind nur 4 zu sehen.) 
fSb. freies Staubblatt. H. Zugang zum Honig. 



Schmetterlinssblütler. 



153 



e) Da sich der Honig im hintersten Teile der Staubfadenröhre findet, 
darf die Röhre nicht völhg geschlossen sein. Das Insekt würde ja sonst 
nicht zu dem süßen Safte gelangen können! Dieser notwendige Zugang 
zum Honig ist nun dadurch geschaffen, daß ein Staubblatt — wie oben 
bemerkt — nicht mit in den Verband der andern eintritt. Am Grunde 
dieses „freien" Staubblattes findet sich rechts und links je eine Öff- 
nung, die zum Honig führt. (Eine gleiche Einrichtung treffen wir bei 
allen andern honighaltigen Schmetterhngsblüten an. Bei denjenigen Blüten 
aber, die des Honigs entbehren, z. B. beim Besenginster, bei den Gmster- 
arten, bei Lupine und Hauhechel sind stets alle Staubblätter unterein- 
ander verwachsen und die Staubfadenröhre dementsprechend geschlossen.) 

f) Der „hinterste" Winkel der Blüte ist auch der rechte Ort für 
den Honig. Diejenigen Insekten, die sich auf der Blüte nicht nieder- 
lassen (Schwärmer), oder die zu schwach sind (Füegen, Tagfalter, kleme 
Käfer u. a.), das Schiffchen niederzudrücken, wären unnütze Näscher. 
Ihnen ist der Weg zum Honig versperrt. Nur die Bienen vermögen den 
Verschluß der Schmetterlingsblüte zu öffnen und eine Bestäubung zu 
vermitteln. Für diese mit mittellangem Rüssel ausgerüsteten Insekten 
liegt der Honig an jener Stelle aber gerade recht. Kurz, man kann die 
Schmetterlingsblüte betrachten, wie man will: sie ist in allen Stücken 
eine vollendete „Bienenblume". 

Da — wie wir gesehen haben — bei der Erbse Flügel und Schiff- 
chen sehr fest zusammenhalten, kann ihre Blüte auch nur durch kräftige 
Bienen geöffnet werden. Solche Bienenarten gibt es wohl in der Heimat 
der Pflanze, bei uns aber selten. Daher ist die Erbse in nördlicheren 
Gegenden zumeist auf Selbstbestäubung angewiesen, wie durch Um- 
hüllung einiger Blüten mit Gaze leicht festgestellt werden kann. Selbst- 
verständlich ändert dies an dem Wesen der Blüte als einer 
Bienenblume nicht das geringste; denn wir haben es hier ja mit 
einer Pflanze zu tun, die der Mensch zwingt, unter ihr völlig 
fremden Verhältnissen zu leben. 

Manche Bienen suchen den Honig auch auf „unrecht- 
mäßige" Weise durch Anbeißen der Blüte zu erlangen. 

g) SoU eine Bestäubung wirklich herbeigeführt werden, 
so ist nötig, daß die einzelnen Blütenteile ihre Lage zu- 
einander genau innebehalten. Es ist daher von Wichtigkeit, 
daß die 5 Blättchen, aus denen der Kelch besteht, unter- 
einander verwachsen sind. Spaltet man den Kelch vor- 
sichtig an mehreren Stellen, so ist der ganze kunstvolle 
„Mechanismus" zerstört. 

h) Das Insekt vermag den notwendigen Druck auf das 
Schiffchen um so eher auszuüben, als die Blüte wagerecht 
gestellt ist. (Denke, sie wäre senkrecht auf- oder abwärts 
gerichtet! Wie stehen die Erbsenblüten vor dem Blühen? 
wie die Fruchtstiele?) 



Hülse der 
Erbse. 



154 



Schmetterlingsblütler. 



5. Die Erbse, ein Hülsenfrüchtler. Wie man an der reifenden 
Frucht deutUch sehen kann, besteht ihre Hülle aus einem langen Blatte, das 
in der Mittelrippe derartig „geknifft" ist, daß die Ränder zusammenstoßen. 
An den verwachsenen Rändern sitzen in je einer Reihe die Samen, die 
sog. Erbsen. Eine so gebildete Frucht nennt man „Hülse" (in einigen 
Gegenden fälschlich „Schote"; s. Raps). Bei der Reife spaltet sich das 
Fruchtblatt sowohl an der Verwachsungsstelle, wie an der Mittelrippe, so 
daß die Hülse mit 2 Klappen aufspringt. — Die „Maden", die häufig die 
Samen zerstören, sind meist die Raupen des Erbsenwicklers. 



Andre Schmetterlingsblütler. 

Um vielfache Wiederholungen zu vermeiden , seien die Schmetterlingsblütler, 
denen wir noch kurz unsre Aufmerksamkeit schenken wollen, nach der besondern 
Weise, in der bei ihnen die Bestäubung erfolgt, zusammengestellt. 

1. Blüten mit Bürsteneinrichtung (Griffelbürste wie bei Erbse und Bohne). 
Als wichtige Futterkräuter bauen wir die Saatwicke und die Pferde- oder Sau- 
bohne (Vicia sativa und faba') an. Die großen, grünen Früchte der letztern werden hier 

und da wie die der Gemüsebohne auch vom 
Menschen verspeist. Die Blüten beider sind 
infolge greller Farbenzusammenstellungen 
besonders auffällig. — Von den zahlreichen 
wildwachsenden Wickenarten seien nur die 
beiden häufigsten, die Vogel- und die Zaun- 
wicke (V. cräcca und sepium^), genannt. 
Erstere tritt auf Äckern oft als lästiges Un- 
kraut (Ranken!) auf. Ihre prächtig blauen 
Blüten sind zu großen Trauben angeordnet, 
und ihre Samen werden besonders gern von 
der Feldtaube verzehrt. Die Zaunwicke wächst 
auf Wiesen, in Gebüsch und an Hecken. Ihre 
Blütenstände bestehen nur aus wenigen röt- 
lich-violetten Blüten. Betrachtet man die 
Pflanze genauer, so findet man vielfach kaum 
ein Exemplar, das nicht von Ameisen be- 
völkert wäre. Die Tiere stellen, wie man 
sich leicht überzeugen kann, dem süßen Safte 
nach, der von braunen Honigdrüsen auf der 
Unterseite der Nebenblätter oft in großen, 
glänzenden Tropfen abgeschieden wird. Bisher 
fanden wir den Honig stets nur in Blüten 
und erkannten in ihm eine Gegengabe dev 
Pflanze an ihre Bestäuber. Eine Abscheidung 
des süßen Saftes außerhalb der Blüte, wie 
sie auch bei der Saatwicke, der Pferdebohne 
und mehreren andern Wicken zu beobachten 
ist, will wie eine Verschwendung erscheinen, 
eine Annahme, der jedoch ein wichtiges Be- 
denken gegenübersteht: Schon längst sind 
nämlich die Ameisen als eifrige Vertilger 




Linse; Zweig mit Hülsen (verkl.). 
Daneben eine Hülse in nat. Gr. 



1) vicia, Wicke; aativus, augebaut; faOa, Bohne. 
aaepiuiri), der Zäiiue (au den Zäunen wacliseud). 



2} crucca, Vogehvicke; sepium (richtiger 



Schmetterlingsblütler. 



155 



blattfressender Insekten und derer Larven (Raupen u. a.), sowie als große Freunde von 
Süßigkeiten allgemein bekannt. Die Pflanzen, die fleißig von Ameisen besucht werden, 
sind daher vor andern, die diesen Besuch nicht erhalten, im Vorteil ; denn sobald sich auf 
ihnen ein Verwüster ansiedelt, wird er meist alsbald auch eine Beute der bissigen Tiere. Die 
Ameisen dürften daher für die Wicken bis zu einem gewissen Grade eine Art „Schutz- 
garde" bilden, und der Honig wäre dann das Mittel, die streitbaren Helfer anzulocken. 
Eine gleichfalls sehr häufige Pflanze unsrer Wiesen ist die gelbblühende Wiesen- 
Platterbse (Jjäthyrus pratensis ^). — Ihre nächste Verwandte, die rankenlose Frühling's- 
Platterbse (L. vernus"), gibt sich durch die großen, zarten Fiederblätter ohne weiteres 
als Waldpflanze zu erkennen, — Aus den Mittelmeerländern ist die Linse (Lens escu- 
lenta') zu uns gekommen, deren Samen eine nahrungsreiche Speise liefern, und die darum 
vielfach angebaut wird. — Nordamerika ist die Heimat der Robinie (Robinia pseud- 
acäcia '), die fälschlich allgemein „Akazie" genannt wird und wegen der zarten Fiederblätter 
(„Kugelakazien") und der weißen, duftenden Blüten ein allbekannter Zierbaum ge- 
worden ist. Am Grunde der Blattstiele — ein Zeichen, daß wir es hier mit umge- 
wandelten Nebenblättern zu tun haben! — finden sich je zwei scharfe Stacheln, die 
wie eine Schutzwehr unter der Knospe und dem jungen Blatte stehen. Erreicht die 
Pflanze eine gewisse Höhe, so bilden sich keine Stacheln mehr, eine Erscheinung, wie 
sie ähnlich an den Dornen des Birnbaumes zu beobachten ist. Die Fiederblätter 
senken sich nachts herab; in den heißen Mittagsstunden dagegen richten sie sich 
senkrecht empor, während sie in südlichen Ländern meist vom Morgen bis zum Abend 
in dieser Stellung verharren. — Der Blasenstrauch (Colütea arborescens^), gleichfalls 
eine bekannte Parkpflanze, stammt aus Südeuropa. Die blasig aufgetriebene Hülse 
dient als „Flugausrüstung" zur Verbreitung der Ideinen Samen. 

2. Blüten mit einfacher Klappvorrichtung. 

Diese einfachste Weise der Bestäubung wollen wir am Wieseiiklee 
(Trifolium pratense^) kennen lernen: Drücken wir oder ein Insekt das 
Schiffchen nieder, so treten Stempel und Staubblätter hervor; hört der 
Druck auf, dann kehren beide wieder in ihre Schutzhülle zurück. Die 
roten, duftenden Blüten dieser unsrer wichtigsten Futterpflanze sind wie 
bei allen andern Kleearten ver- 
hältnismäßig klein. Da sie 
aber zu „Köpfchen" zusammen- 
gestellt sind, werden sie doch 
weithin sichtbar. Die hintern 
Teüe der Blumenblätter sind 
sowohl unter sich, als auch 
mit den 9 untern Staubfäden 
zu einer etwa 9 mm langen 
Röhre verschmolzen. Daher sind 
die langrüsseligen Hummeln die 
ausschheß liehen Bestäuber der 
Pflanze. Vielfach findet man 
die Blumenröhre von der kurz- 
rüsseligen Erdhummel oder der 




3. *'. 

Wiesenklee. 1. Blüte, geschlossen und von 

einer Honigbiene angebissen. 2. Blüte, geöffnet. 

3. Frucht mit der vertrockneten Blumenkrone. 

4. Blätter in Schlafstellung. 



1) läthyros, bei deu Griechen eine sohotentragende Pflanze; pratensis, auf dor Wiese wachsend. 
2) vemus. im Frühlinge wachsend. 3) lens, Linse ; esculentus, eßbar. 4) Robinia nach Robin benannt, 
einem Gärtner, der die Pfl. um 160O nach Frankreich brachte; pseiidacacia ■ pseud-, lügnerisch, falsch 
u. acäcin. Akazie. 5) rolntea, Linsenbaum; athorescens, zu einem Baume werdend. 6) trifolium : tri-, 
drei u. föliiim, Blatt; pratensis, a. Aum. 1. 



156 



Sclimetterlingsblütler. 



Honigbiene angebissen, die beide also „Einbruch verüben". Da die 
Hülse von der vertrockneten Blumenkrone umhüllt bleibt, bietet sie 
dem Winde eine größere Angriffsfläche dar und kann somit leicht ver- 
weht werden. Die dreizähligen Blätter („Kleeblatt") nehmen wie die 
Bohnenblätter abends Schlaf steUung ein, richten sich dabei aber (wie 
bei allen andern Kleearten, sowie beim Stein-, Schnecken- und Hornklee, 
beim Goldregen, Ginster und zahlreichen andern Schmetterlingsblütlern) 
senkrecht empor. Wie man m dieser Einrichtung ein Förderungsmittel der 
Verdunstung erkannt hat, so auch in den weißen Bändern, die sich über die 
Blattflächen hinwegziehen. Da sich nämlich dunkle Gegenstände schneller 

abkühlen als helle, so werden weiß- 
gefleckte Blätter die Wärme auch 
länger zurückhalten als gleichmäßig 
^. grüne Blätter. Erstere 
werden daher bei Ein- 
tritt der nächtlichen 
Kühle noch längere 
Zeit stark verdunsten. 




eißklee (1) und Esparsette mit Frucht (2). 

Hiermit steht auch im Zusammenhange, daß man bei Kleepflanzen, die 
auf beschattetem oder feuchtem Grunde wachsen, breitere Bandzeich- 
nungen findet als bei solchen auf sonnigem, trocknem Boden. Die Neben- 
blätter sind miteinander verwachsen und können daher die Aufgabe, 
als Schutzhülle der jungen Blätter zu dienen, vortrefflich erfüllen. 

Von den zahlreichen andern Kleearten sei nur noch der Weißklee (T. repens^) 
erwähnt. Da er eine weit kürzere Blütenröhre besitzt als der Wiesenklee, kann sem 
Honigreichtum auch von der Honigbiene ausgebeutet werden. Die kriechende, sehr 
veränderiiche Pflanze hat daher für die Bienenzucht besondere Bedeutung. — Dasselbe 
gilt von der rotblühenden Esparsette (Onöbrychis sativa^), die gleielifalls eine wichtige 

i)repens, kriechend. 2) onohnjrhis : önos, Esel und hrycho, ich knirsche mit den Zähnen, beiße 
(fresse) ; sativus, angebaut. 



Schmetterlingsblütler, 



157 



P^utterpflanze ist. — An Wegen und auf Wiesen findet sich häufig der Steinklee (Meli- 
lotus^), dessen weiße oder gelbe, duftende Blüten in langen Trauben beieinander stehen. — 
Der Goldregen (Cytisus labürnum^) ist wegen seiner prächtigen, goldgelben Blüten- 
trauben ein allgemein beliebter, aber in allen seinen Teilen giftiger Zierstrauch. Die 
anfangs aufrechten Blütenstände werden später hängend. Da die Blütenstiele gleich- 
zeitig aber je eine Drehung um 360" ausführen, werden die Blüten wieder in die 
„richtige Lage" gebracht, so daß die Fahnen nach oben gerichtet sind. Die Blüten 
sind scheinbar honiglos, und freien Honig besitzen sie auch in der Tat nicht. Trotz- 
dem sieht man an ihnen aber Insekten saugen. Die Tiere bohren nämlich das zarte 
Gewebe am Grunde der Fahne an und genießen den erbohrten Saft. 

3. Blüten mit Schnell-Vorrichtung. 
Drückt man in den Blüten des weit verbreiteten Besen- 
ginsters (Sarothämnus scopärius^) die Flügel und das Schiff- 
chen nieder, so schnellen Staubblätter und Stempel, die in 
ihrer Hülle zum Teil wie gespannte Uhrfedern liegen, her- 
vor, und die Beutel streuen den Blütenstaub aus. Dasselbe 
geschieht natürlich auch, wenn eine Hummel oder Biene den 
Verschluß der Blüte öffnet. Hierbei wird das Tier mit Blüten- 
staub förmlich 
überschüttet. 
Flügel U.Schiff- 
chen kehren 
darauf aber 
nicht wieder in 
ihre ursprüng- 
liche Stellung 
zurück. Die 
prächtigen, gel- 
ben Blüten der 
Pflanze sind ho- 
niglos, enthal- 
ten aber — der 
Art der Bestäu- 
bung entspre- 
chend — sehr 
viel und zwar 

mehlartig 
trocknen Blü- 
tenstaub. Da 
der mannshohe 
Strauch wie 

zahlreiche 
andre ödland- 
pflanzen nur 
Luzerne und sehrkleineBlät- 
junge Frucht. 




Blühender Zweig 
vom Besenginster 




ter besitzt, die 
auch nur ge- 
ringe Wassermengen verdunsten, vermag er in sandigen Wäldern, an Wegrändern, 
auf sonnigen Hängen und an ähnlichen Orten wohl zu gedeihen. Dafür treffen wir 
aber in der Rinde der kantigen, rutenförmigen Stengel, die vielfach zur Herstellung 
von Besen benutzt werden, Blattgrün an. Die Hülsen drehen sich im Augenblicke des 
Öffnens schraubig zusammen, so daß die Samen fortgeschleudert werden, eine Erscheinung, 



l) rmli, viel, Honig; Mos, wahrscheinlich ein ägypt. Wort. 2) kytisos (gr.), Goldregen; labur- 
num (lut.), Q-oldregen. 3) sarothämnus : säros, Besen und thämnos, Strauch ; scoparüis, der Anskehrer. 



158 



Schmetterlingsblütler. 




die auch l)ei Platterbse, Hornklee und Lupine zu beobachten ist. — Wie schon die 
Bezeichnung „Ginster" andeutet, ist die soeben kurz betrachtete Pflanze mit den 
Grinsterarten (Genista^) nahe verwandt. Diese zum Teil dornigen Sträucher gedeihen 
an denselben Örtlichkeiten und besitzen gleichfalls sehr kleine Blätter und grüne 

Stengel. — Blüten mit Schnellvorrichtung haben auch 
die zahlreichen kleeartigen Gewächse, die nach den 
Schnecken- oder sichelartig gewundenen Hülsen 
Schneckenklee (Medicago^) genannt werden. Eine 
Art, die aus Asien stammende, blaublühende Luzerne 
(M. sativa^; s. Abb. S. 157), wird als Futterpflanze im 
großen angebaut. 

4. Blüten mit Pumpen-Einrichtung. 
Diese Art der Bestäubung zeigt sehr deuüich 
der Hornklee (Lotus corniculätus*), der allenthalben 
auf Wiesen und Grasplätzen seine gelben, meist röt- 
lich angehauchten Blüten entfaltet. Die Staubbeutel 
entleeren wie die der Erbse bereits in der Knospe 
ihren Inhalt in den vordem Abschnitt des Schiffchens, 
worauf sie verschrumpfen. Fünf Staubfäden dagegen 

wachsen mit der Blüte 
weiter und schwellen 
keulenförmig an. Wird 
nun das Schiffchen nie- 
dergedrückt, so pressen 
sie wie* der Kolben 
einer Pumpe einen Teil 
des Staubes als 

bandartige 
Masse aus der 

Schiffchen- 
spitze hervor. 
Ist dieBiene, die 
der Blüte einen 
Besuch abge- 
stattet hat, an 
der Bauchseite 
mit dem klebri- 
gen Staube be- 
laden, so kehren 
die Blütenteile 
wieder in ihre 
ursprüngliche 
Lage zurück. — 
Ganz ähnlich 
erfolgt die Be- 
stäubung bei 
der Lupine (Lu- 
pinus lüteus^), 

die aus Südeuropa stammt, und deren Bedeutung für die Landwirtschaft bereits 
früher (s. S. 151) gekennzeichnet worden ist; desgleichen bei den Hauhechelarten 
(Onönis«), jenen aUbekannten, zum Teil stark dornigen Pflanzen, die an Wegrändern 

1) genista, Ginster. 2) von Media, Medien, einem Reiche in Asien; -ago, EndsUbe. 3) satiyus, 
angebaut. 4) Mos, s. S. 157, 1; cornimlatus, gehörnt. 5) lupinus, Lnpine; Intens, gelb. 6) von önos, 
Esel {Eselfutter !). 7) mimosa, s. S. 160, Anm. 1; pudicus, scliamhaft. 




Hornklee; blühender Zweig. 

Darüber das Schiffchen: 

1. in Ruhe; 2. herabgedrückt 

(Pfeil!). 



Sinnpflanze (IVIimösa pudica''). 
Zweig 1. vor, 2. nach der Berührung. 
Bei 2. ohne die kugeligen Blüten- 
stände (etwa Ve nat. Gr.). 



Schmetterlingsblütler. 



159 



und ähnlichen Orten 
wachsen. 

Von den zahlrei- 
chen ausländischen 

Schmetterlings- 
blütlern seien kurz 
folgende erwähnt: Das 
Süßholz (Glycyrrhiza 
glabra^) ist ein Strauch 
derMittelmeerländer.der 
aber auch in einigen 
Gegenden von Mittel- 
europa angebaut wird. 
Der eingedickte Saft der 
süßschmeckenden Wur- 
zeln ist als Lakritze 
allgemein bekannt. — 
Die Indigopflanzen (In- 
digo fera") sind Sträu- 
cher und Kräuter der 
Tropen, aus deren Blät- 
tern man den Indigo 
gewinnt. Man bringt die 
abgeschnittenen Pflanzen zu diesem 
Zwecke in ein Bassin, das mit Wasser 
gefüllt ist. Nachdem das Wasser in- 
folge Zersetzung der Pflanzenteile eine 
gelbgrünliche Färbung angenommen 
hat, leitet man es in ein zweites 
Bassin und bringt es durch Räder und 
Schaufeln mit dem Sauerstoff der Luft 
in innige Berührung. Infolgedessen 
geht die gelbgrünUche Färbung bald 
in eine blaue über: es ist der Indigo 
entstanden, der sich, weil im Wasser 
nicht löslich, bald als tiefblauer Schlamm 
absetzt. Dieser für die Zeugfärberei über- 
aus wichtige Farbstoff wird jetzt aber 
so billig künsthch hergestellt, daß der 
Anbau der Indigopflanzen immer mehr 
zurückgeht. In Deutschland wird kaum 
noch natürlicher Indigo eingeführt, da- 
für gehen aber riesige Mengen des bei 
uns fabrizierten Stoffes in alle Welt. 

Glieder nahe stehender Fa- 
milien. In den Ländern um das Mittel- 
meer wächst der Johannisbrotbanm 
(Geratonia sUiqua^), dessen große Hülsen 

1) glycyrrhiza : glykys, süß und rhiza, 
Wurzel; glaher, glatt. 2) indigo, Farbe, die 
aus Indien stammt; fero, ich trage. 3) ke- 
ratonia (griech., keras, Honi) und siliqua 
(lat., eigentl. Hülsenfrucht) bedeuten beide 
„Johannisbrotbaum". 4) dealbatus, mit Weiß 
überzogen (Rückseite der Blätter). 5) von 
glaucus, grau werdend. 




1. Junge Aka- 
zie. Die jüngsten 
Blätter sind ge- 
wöhnliche Fie- 
derblätter; dann 
treten Verbreite- 
rungen der Blatt- 
stiele (Phyllodien) an ihre Stelle. 2. Blühender 
Zweig einer Art mit Fiederblättern (A. dealbä- 
ta*). 3. Blühender Zweig einer Art mit ver- 
breiterten Blattstielen (A. glaucescens-^). 



160 



Schmetterlingsblütler. Seidelbastgewächse. 



bei uns fast nur als Leckerei für Kinder, in der Heimat der Pflanze dagegen als Nahrung für 
Menschen und Vieh dienen. — In Gewächshäusern trifft man oft merkwürdige Pflanzen 
an, die wegen ihrer Empfindlichkeit gegen Berührung den bezeichnenden Namen Sinn- 
pflanzen (Mimösa^; s. Abb. S. 158) erhalten haben. — Steppen, Wüsten und ähnliche 
wasserarme Gebiete der warmen Teile der Erde sind die Heimat der Akazien (Acäcia^; 
s. Abb. S. 159), von denen besonders afrikanische Arten das wertvolle Gummi arabicum 
liefern. Es sind Bäume und Sträucher, die entweder gefiederte 
Blätter besitzen, oder denen die Blattflächen völlig fehlen. In 
letzterm Falle sind die Blattstiele stark verbreitert („Phyllodien") 
und somit geeignet, die Arbeiten der fehlenden Teile zu über- 
nehmen. Bei starker Belichtung und Verdunstung stellen sicli 
die Fiederblättchen wie 
bei unsrer Robinie senk- 
recht , eine Haltung, 
die die harten, verbrei- 
terten Blattstiele mehr 
oder weniger stets ein- 
nehmen. Die Wichtig- 
keit dieser Tatsachen 
können wir leicht er- 
messen, wenn wir be- 
denken, in welch über- 
aus trocknen Gebieten 
die Akazien zumeist 
heimisch sind. Die 
winzigen Blüten sind zu kuge- 
ligen oder kätzchenförmigen 
Blütenständen vereinigt. Die 
Blütenhüllen sind gleichfalls sehr 
klein; dafür aber übernehmen 
die zahlreichen buntgefärbten 
Staubblätter die Aufgabe, die 
Bestäuber anzulocken. Stehen 
die anspruchslosen Bäume oder Sträucher 
in Blüte, so sind sie prachtvolle Er- 
scheinungen. Sie haben daher an der 
Küste des Mittelmeeres eine neue Heimat 
gefunden, von wo aus im Winter große 
Mengen blühender Akazienzweige (fälsch- 
lich meist „Mimosenzweige" genannt) zu 
uns kommen. Am häufigsten werden 
Zweige der auf S. 159 abgebildeten austra- 
lischen Art zum Kaufe angeboten. 




42. Familie. Seidelbastgewächse (Thymelaeäceae^). 

Der Seidelbast oder Kellerhals (Daphne mezereum^) ist ein kleiner Strauch der 
Gebirgswälder, der im zeitigen Frühjahre vor den lanzettlichen Blättern seine un- 
gestielten, rosenroten Blüten entfaltet, so daß sie den Blicken der Insekten frei aus- 
gesetzt sind. Sowohl die roten Früchte, als auch alle andern Teile des Strauches, 
der gern als Gartenzierpflanze verwendet wird, enthalten ein starkes Gift (Schutz- 
mittel gegen Tiere!). 

1) Von mimümai, ich alime nach. 2) acarAa, Akazie. 3) Nach der hier nicht erwähnten Gat- 
tnng Thymelaea. 4) daphne, eigentl. Lorbeer (weil einige Arten lorbeerähnliche Blätter besitzen); 
mezermim, soll aus dem Persischen stammen. 



Nachtkerzen- und Weiderichgewächse. 



161 




reife Frucht, deren Klap- 
pen sich soeben abzulösen beginnen, und 
Frucht, deren Samen verweht werden. 

Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



43. u. 44. Familie. Nachtkerzen- u. 
Weiderichgewächse 

(Onagräceae^ und Ly thräceae ^). 

1. Nachtkerzen-Gewächse. Das 
Wald-Weidenröschen (Epilöbium an- 
gustif ölium ^) findet sich — wie schon 
der Artname sagt — auf Waldblößen 
und an Waldrändern als eine mehr 
denn meterhohe, prächtige Pflanze. 
Von den sehr zahlreichen weidenblatt- 
artig-schmalen Blättern und den herr- 
lichen, purpurroten Blüten ist der 
Gattungsname abgeleitet. Da sich stets 
mehrere Blüten der langen Traube 
zugleich entfalten, und da auch der 
Kelch, der unterständige Fruchtknoten, 
der Blütenstiel und der Stengel, wenig- 
stens so weit, als er mit Blüten be- 
setzt ist, meist lebhaft rot gefärbt 
sind, so wird die Pflanze auf große 
Entfernung hin sichtbar. Die Früchte 
sind ^'^schotenförmige Kapseln. Wenn 
sich ihre 4 Klappen von der Mittel- 
säule ablösen, werden die zahlreichen 
Samen frei. Sie breiten ihre Feder- 
krönchen schnell aus und sind bald 
ein Spiel der Lüfte. Daher braucht 
nur irgendwo ein Stück Wald nieder- 
geschlagen zu werden, so stellt sich 
auch das Weidenröschen sofort ein. 
Wenn aber die jungen Bäume empor- 
schießen und die Pflanze beschatten, 

und wenn in- 
folgedessen die 



1) von önagros, 
(mager, wilder Esel 
(Blatt, äkn. Esels- 
ohren. 2) s. S.162,4. 
3) epüobmm : epi, 
darüber xmd löbion. 
eine kleine Frucht 
(Blüten stehen über 
den Früchten, d. h. 
denimterständigen 
Fruchtknoten); an- 
gustifolium: angü- 
stus, eng und fö- 
lium, Blatt. 

11 



162 



Nachtkerzen- und Weiderichgewächse. 



lichtliebenden Hummeln und Bienen sich immer seltener einstellen, dann 
verkümmern die Blüten. Dafür treibt das Weidenröschen jetzt aber sehr 
lange, ausläuferartige Wurzeln, aus denen neue oberirdische Triebe 
hervorbrechen, ein Mittel, durch das es sich aus dem Schatten an eine 
besonnte Stelle „zu retten sucht". 

Die Ifachtkerze (Oenothera biennis^), die aus Nordamerika stammt, wurde bei 
uns früher als Zierpflanze geschätzt. Sie ist aber längst dem Schutze des Gartens 
entflohen und gegenwärtig besonders auf Sandboden vielfach in solchen Mengen ver- 
wildert anzutreffen, daß sie wie ein einheimisches Gewächs erscheint. Im ersten Jahre 
treibt sie eine Blattrosette, im zweiten dagegen einen hohen Stengel mit zahlreichen 
großen Blüten, um nach erfolgter Fruchtreite abzusterben. Gleich dem nickenden 

Leimkraute ist sie eine Nachtfalterblume. Dement- 
sprechend sind die Blüten auch nur während der 
Nacht geöffnet, seitlich gerichtet und stark duftend; 
die Blumenblätter haben eine helle (blaßgelbe) 
Färbung, und 'der Honig ist im Grunde einer sehr 
langen Röhre geborgen. In den Beständen der 
Nachtkerze treten vielfach Pflanzen auf, die sich 
in der Größe, in der Art der Belaubung, in der 
Form der Blätter und in andern Punkten von der 
Elternpflanze nicht unwesentlich unterscheiden und 
diese Eigentümlichkeiten auch auf ihre Nachkommen 
vererlien. Durch eine solche „sprunghafte Ent- 
wicklung" (Mutation) entstehen Formen, die man — 
wenn man nicht wüßte, aus welchen Pflanzen sie 
hervorgegangen wären — geradezu als andre Arten 
ansprechen würde. — Zu den Nachtkerzengewächsen 
gehört auch die "Wassernuß (Trapa natans"), die in 
Seen und klaren Teichen wächst. Sie liesitzt gleich 
dem Wasserhahnenfuß ungeteilte schwimmende 
Blätter, die jedoch einen aufgeblasenen, alsSchwmm- 
werkzeug dienenden Stiel haben. Den stark zer- 
teilten Wasserblättern jener Pflanze entsprechen 
zwei blattartige, fiederförmig verzweigte Wurzeln, 
die sich gleichfalls im Wasser ausbreiten. Die 
P>üchte der immer mehr verschwindenden, weiß- 
blühenden Pflanze sind mit 4 „Hörnern" (umge- 
wandelte Kelchzipfel) ausgerüstet, durch die sie 
sich im Schlamme, ihrem Keimbette, verankern. 
Die nußartigen Samen sind eßbar. — Auch die 
Fuchsien (Füchsia "), die aus Südamerika stammen und 
wegen ihrer prächtigen Blüten zu unsern beliebtesten 
Topfpflanzen zählen, sind Nachtkerzengewächse. 

Zwischen Weidengebüsch und an andern feuchten 
Stellen ist häufig der Weiderich (Lythrum salicäria") zu finden. An den ungestielten 
Blättern und den zahlreichen roten Blüten, die beide quirlartig um den Stengel gestellt 
sind, ist die mehr als meterhohe Pflanze leicht zu erkennen. Betrachtet man die 
Blüten genauer, so findet man, daß wie bei der Schlüsselblume ein erheblicher Unter- 
schied in der Länge der Stempel und Staubblätter obwaltet. Hier sind jedoch diese 

1) oenothera: oinos, Wein und theräo, ich jage (Blüten sollen nach. Wein riechen?); biennis, 
zweijährig. 2) trapa nach dem franz. la trappe, Falltür (Früchte ähneln einer Fußangel); natans, 
schwimmend. 3) Nach dem Botaniker Fuchs (f 1565). 4) lythrum von lythroP, Besudlung mit 
Mordblut (Blüteniarbe !) ; salimria von salix, Weide. 








Blüten des Weiderichs. (Kelch 
zur Hälfte und Blumenblätter zum 
größten Teile entfernt.) a. lang-, 
b. mittel- und c.kurzgrif füge Form. 
Die Linien verbinden die Narben 
mit denjenigen Staubblättern, 
deren Blütenstaub auf ihnen allein 
volle Fruchtbarkeit bewirkt. 

2. Weiderich-Gewächse. 



Myrtengewächse. 



163 




Organe in 3 Höhen angeordnet. Wie bei der Schh'isselblume ist die Bestäubung auch 
hier nur dann von günstigem Erfolge, wenn BU'itenstaub auf eine Narbe gelangt, die 
mit den betreffenden Staubbeuteln in gleicher Höhe steht. 

45. Familie. Myrteng-ewächse (Myrtäceae^). 

Eine allbekanntes Glied der großen Familie, die 
die tropischen und subtropischen Gegenden des Erd- 
balles bewohnt, ist die „bräutliche" Myrte (Myrtus 
communis^), mit der geschmückt die Jungfrau vor 
den Traualtar tritt. Sie kommt 
als Baum oder Strauch vor und 
trägt wie zahlreiche andre 
Glieder der dortigen Pflanzen- 
welt lederartige , immergrüne 
Blätter (vgl. mit Orange). — 
Der Gewürznelkenbaum (Eu- 
genia caryophylläta'-) liefert uns 
in den getrockneten Blüten- 
knospen die bekannten Gewürz- 
Nelken oder -Nägelein (s. Garten- 
nelke), die wegen ihres Reichtums 
an Nelkenöl als vielverwendetes 
Gewürz dienen. Durchschneidet 
man eine aufgeweichte „Nelke", 
so kann man die einzelnen 
Blütenteile deutlich erkennen. 
Die Heimat des Baumes sind die 
Molukken; jetzt ist er aber über alle Tropen- 
länder verbreitet. — Die erbsengroßen, 
nelkenartig riechenden Früchte des ]N'elken- 
pfefferbaumes Westindiens (Pimenta offi- 
cinälis^) sind getrocknet als Nelkenpfeffer, 
Piment oder Neugewürz (weil erst nach 
der Entdeckung Amerikas bekannt gewor- 
den!) in Gebrauch. — Zu den Myrten- 
gewächsen gehören auch die riesigen (bis 
150 m hohen) Eukalyptusbäume (Eucalyp- 
tus^) Australiens und der benachbarten 
Inseln. Dem außerordentlich trocknen Klima 
ihrer Heimat vermögen sie infolge meh- ^ 
rerer Einrichtungen zu widerstehen, durch 
die auch bei zalilreichen Pflanzen unsrer ^^^ 
Gegenden die Verdunstung wesentlich ein- ^'^ 
geschränkt wird: Sie besitzen lederartig 
steife, sehr schmale oder stielrunde, senk- 
recht gestellte Blätter, die oft noch mit 
einer bläulichen Wachsschicht überzogen 
sind (daher auch „neuholländische Gummi- 
bäume"). Infolge der Form und Stellung 
der Blätter geben die Bäume nur sehr wenig 



Gewürznelkenbaum. 1. Blühender Zweig (verkl.). 
2. Blütenknospe: Bb. Blütenboden. F. Fruchtknoten 

mit Samenanlagen. G. Griffel. Sb. Staubblätter. 
B. Blumenblätter. K. Kelch. (Etwa 5 mal nat. Gr.) 




Zweig vom Nelken'pf efferbaume. 
Daneben Früchte (verkl.). 



X) myrtus, My-vte; communis, gemein. 2) Eugenia nach Prinz Eugen von Savoyen, einem 
eifrigen Förderer der Botanik (f 1736); kanjöphyllon , Gewürznelke (käryon, Nnß und phyllon, 
Blatt). 3) pimentuvi, Farbstoff, Wlü-ze; officinalis, in der Apotheke verwendet. 4 von eu, wohl, 
schön nnd kaJypto, ich bedecke (s. Blumenkrone). 



164 



Myrtengewächse. 



Schatten, so daß man mit gewissem Recht von „schattenlosen" Wäldern Austrahens 
redet. Die Eukalyptuszweige, die im Frühjahre bei uns häufig zum Kauf ausgeboten 
werden und dem sog. blaaen Gunimibaame (Eu. glöbulus*) entstammen, geben uns 
auch Gelegenheit, die merkwürdigen Blüten der seltsamen Pflanze kennen zu lernen: 
Die Blumenblätter sind zu einem grünen, deckelartigen Gebilde verwachsen, das von 
den sich streckenden zahlreichen Staubblättern wie eine Mütze abgeworfen wird. 

Diese Zweige erhalten wir 
aus Südeuropa, wo der 
mächtige Baum vielfach 
angepflanzt worden ist. 
Man glaubte nämlich 
früher, daß der starke 
Duft, der allen seinen 
Teilen entströmt, im- 
stande wäre, das berüch- 
tigte Sumpf fieber (die Ma- 
laria) zu beseitigen, das 
dort in vielen Gegenden 
große Opfer an Gesund- 
heit und Leben der Ein- 
wohner fordert. Diese 
Annahme ist allerdings 
unrichtig; denn die ge- 
fürchtete Krankheit wird 
— wie neuere Unter- 
suchungen ergeben haben 
(s. Lehrb. d. Zoologie) — 
durch die Fiebermücke 
verbreitet. Aber trotzdem 
ist dem stolzen Baume 
eine gewisse Bedeutung 
für die gesundheitlichen 
Verhältnisse jener Länder 
nicht abzusprechen. Pflanzte man nämlich Eukalyptusbäume in Sumpfgegenden an, so 
entzogen sie infolge ihres außerordenthch schnellen Wachstums und ihrer gewaltigen 
Größe dem Boden vielfach so viel Wasser, daß Tümpel und Pfützen versiegten, die 
vordem von den Larven der Fiebermücke bewohnt waren. Damit verschwanden aber 
auch die Mücken selbst, so daß an jenen Orten nicht selten ein merkliches Nachlassen 
der Seuche eintrat. 

Glieder nahe stehender Familien. An flachen Stellen stehender Gewässer 
ist häufig das überaus zarte Tausendblatt (Myriophj'llum -) zu finden, das wie das 
früher erwähnte Hornblatt sehr fein zerteilte, quirlförmig angeordnete Blätter hat. Im 
Gegensatz zu dieser Pflanze hebt es aber seine zierliche Blütenähre über den Wasser- 
spiegel empor und nimmt zur Bestäubung die Hilfe des Windes in Anspruch. — In der 
Gesellschaft der zierUchen Pflanze wächst häufig der Tannenwedel (Hippüris vulgaris"), 
der fast das Aussehen eines Schachtelhalmes hat. Die in den Achseln der ungeteilten 
Blätter stehenden winzigen Blüten besitzen neben einem Griffel nur ein Staubblatt. 

Wegen seines dunkelgrünen Laubes und seiner prächtigen, scharlachroten Blüten 
wird bei uns der Oranatbaum (Pünica granatum^) gern in Kübeln gezogen. Er stammt 
aus dem Orient, wird aber schon seit den Zeiten des alten Israel im IMittelmeergebiete 




Blühender Zweig eines Eukalyptusbaumes. Die beiden 

obersten Blüten befinden sich noch im Knospenzustande; 

die folgende wirft soeben den Deckel ab, und die drei 

untern sind voll entwickt. 

Daneben eine Blütenknospe im Längsschnitte. 



1) gldbulus, Kugel eben (Form der Blüten). 2) myrioi, TinzäMig und phijUon, Blatt. g}hippuris: 
hippos, Pferd und ourä, Schwanz (wegen einer entfernten Ähnlichkeit mit einem Pferdeschwanze) ; 
vulf/aris, gemein. 4) punica vielleicht von puniceus, rot (Farbe der Blüten!); granatus, mit Kör- 
nern (Frucht!). 



Myrtengevvächse. 



165 





1QQ Myrtengewach.se. Doldengewächse. 

seiner Früchte halber angebaut. Die lederartige Wand eines 
solchen „Granatapfels" umschließt zahlreiche Samen, die roten 
Johannisbeeren nicht unähnlich sind. Die äußern Schichten der 
Samenschale stellen nämlich ein fast durchsichtiges, säuerliches 
Fleisch dar, das als erfrischendes Obst geschätzt -«ird. 

Die tropischen Küsten erscheinen oft auf viele Meilen Irin wie 
mit einer grünen Mauer umzäunt. Bei näherem Zusehen ergibt 
sich, daß man es hier mit ausgedehnten Wäldern zu tun hat, die 
sich über dem salzigen oder brackigen Wasser erheben und aus 
Frucht des Granat- Bäumen sehr verschiedener Art bestehen. Vorbedingung für das 
baumes, Auftreten dieser Mangrovebäume (Rhizöphora^u. a.; s. Abb. S. 1G5) 

längsdurchschnitten sind möglichst ruhiges Wasser und ein lockerer, schlam- 
(verkl.). miger Boden, Verhältnisse, die sich besonders in Buchten und 

Flußmündungen finden. Hier sind die merkwürdigen Pflanzen 
vor den zerstörenden Wogen des Meeres geschützt, und hier können ihre Wurzeln ge- 
nüf^end tief in den Grund eindringen. Sie finden jedoch nur dadurch Halt, daß aus 
Stamm und Ästen zahlreiche „Stützwurzeln" hervorgehen, die sich gleichfalls in den 
Boden senken. Bei Ebbe steht daher der MangroVewald wie auf unzähligen Stelzen 
über dem Wasser oder dem schwankenden Sumpfboden, während bei Flut die Kronen 
der Bäume sich scheinbar direkt aus dem Meere erheben. Besondere „Atemwurzeln", 
die wie Schlangen auf dem Schlamme dahinkriechen oder knie- und spargelartig 
daraus hervorragen, führen den im Boden eingesenkten Teilen die nötige Atemluft 
zu. Den eigentümlichen Verhältnissen entsprechend, unter denen die Pflanzen 
leben, wächst der Stengel des Keimpflänzchens bereits zu einem dolchartigen Gebilde 
aus, während die Frucht noch auf dem Baume hängt. Hat der Keimling so eine 
gewisse Größe erreicht (bis über V2 01), dann löst er sich bei Ebbe los und dringt 
infolge seiner Schwere wie ein Pfahl in den lockern Boden ein. 

46. Familie. Doldengewächse (ümbelliferae^). 

Pflanzen mit in der Regel mehrfach zerteilten Blättern. Blüten meist in zusammen- 
gesetzten Dolden. Je 5 Kelch-. Blumen- und Staubblätter. Fruchtknoten unterständig, 
auf der Oberfläche mit einer fleischigen Scheibe. Er ist aus 2 Fruchtblättern gebildet, 
die je einen kurzen Griffel tragen. Bei der Reife trennen sich die beiden Frucht- 
blätter: es entstehen 2 einsamige Teilfrüchtchen. 

Die Möhre oder Mohrrühe (Daucus caröta'^). Tai 18. 

1. Standort und Wurzel, a) Wildwachsend findet sich die Möhre 
auf Wiesen, an Wegrändern und ähnhehen Stellen. Ihre gelbe, „möhren- 
förmige" Wurzel senkt sich tief in die Erde, so daß sie selbst auf 
einem Boden zu leben vermag, der im Sommer stark austrocknet. 
Die Wurzel wildwachsender Pflanzen ist zäh und holzig. Sät man 
jedoch ihre Früchte in gut bearbeitetes Garten- oder Ackerland, so ver- 
Hert sich diese Eigenschaft etwas. Streut man die von diesen Pflanzen 
gewonnenen Früchte wieder aus, und fährt man mit dieser planmäßigen 



1) rhiza, Wurzel und phöros, tragend. 2) nvibella, Somienschirm (Dolde) und fero, ich trage. 
3) daucus, Möhre; carota, Möhre. 

Taf. 18. 1. Blühende Pflanze. 2. Querschnitt der Wurzel einer wilden Pflanze (nat. Gr.). 
3. Dolde in Schlafstellung. 4. Blüte aus dem Innern der Dolde. 5. Randständige Blüte. 
6. Blüte des mittelsten Doldenstrahles (oft nicht vorhanden!). 7. Frucht nach der Teilung. 



Schmeils Naturwissenschaftliches Unterrichtswerk. 







,2 ' 6 

Möhre oöer Mohrrübe (Daucus carota). 



Doldengewächse. 267 

Veredelung fort, so erhält man schon nach wenigen Jahren eine 
fleischige, wohlschmeckende Wurzel, wie sie die angebaute Möhre zeigt, 
die auch als „gelbe Rübe, gelbe Wurzel" oder kurz nur als „Wurzel" 
bezeichnet wird. 

Die Wurzel bildet eine wichtige Nahrung für den Menschen und zahl- 
reiche Haustiere; in einigen Gegenden wird ihr zuckerhaltiger Saft auch 
zu Syrup eingedickt. — Die Spielart mit kurzen, dicken und sehr zarten 
Wurzeln nennt man Karotte. 

b) Pflanzt man im Frühjahre die Wurzel einer angebauten Pflanze, die 
man an einem frostfreien Orte überwintert hat, so treibt sie einen hohen, 
beblätterten und blütentragenden Stengel. Untersucht man sie nach einigen 
Wochen wieder, so erscheint sie wie ausgesogen. Ihr wurden eine Menge 
von Stoffen entnommen, die zum Aufbau der oberirdischen Teile dienten, 
so daß sie wesenthch dünner, holzig und zäh geworden ist. Dasselbe 
ist auch an wildwachsenden Pflanzen zu beobachten. Die Wurzel ist 
demnach ein Nahrungsspeicher: Im ersten Jahre ihres Lebens treibt 
die Möhre nur einen kurzen Stengel mit einer Blattrosette und speichert 
die in den Blättern bereiteten Vorratsstoffe in der sich stark verdicken- 
den Wurzel auf. Im zweiten Jahre setzt sie das Leben fort, das durch 
die Winterkälte unterbrochen wurde und in der Erzeugung von Samen 
(Nachkommen!) seinen Abschluß findet. Darnach stirbt sie samt der aus- 
gesogenen Wurzel ab. Die Möhre ist also eine zweijährige Pflanze. 

2. Stengel und Blätter. Der im zweiten Jahre austreibende Stengel 
erreicht eine Höhe von fast 1 m; er ist gefurcht, mit steifen Haaren be- 
setzt, hohl (s. Roggen) und trägt zahlreiche Blätter, die nach oben hin 
immer kleiner werden. Die untern, großen Blätter sind — ein Merkmal, 
das sich bei den meisten Doldengewächsen wiederfindet — doppelt ge- 
fiedert und die Blättchen meist nochmals tief gespalten. Die Blattstiele 
erweitern sich im untern Teile zu Scheiden, die die zarten, jungen Teile 
umhüllen und somit gegen Verletzung, Wärmeverlust und zu große 
Wasserabgabe schützen. 

3. Blüte, a) Blütenstand. Die Blüten sind sehr klein und würden 
einzeln stehend die Aufmerksamkeit der Insekten wohl kaum erregen. 
Da sie aber große Gemeinschaften bilden, machen sie sich ihnen weithin 
auffällig. Der Stengel und seine Zweige enden je in einer Verdickung, von 
der eine Anzahl Blütenstiele wie die Stäbe eines aufgespannten Scliirmes 
von dem sie tragenden Ringe ausstrahlen. Einen solchen Blütenstand nennt 
man eine Dolde („Doldengewächse oder Schirmblütler"). Jeder Dolden- 
strahl trägt nochmals eine Dolde, die man zum Unterschiede von dem 
Gesamtblütenstande als Döldchen bezeichnet. Die Möhre hat, wie die 
meisten andern Doldenpflanzen, also eine zusammengesetzte Dolde. 

Die AuffäUigkeit des Blütenstandes wird noch dadurch erhöht, daß 
die Blüten am Rande der Dolde und besonders deren äußere Blumenblätter 
stark vergrößert sind. (Einen solchen Blütenstand nennt man „strahlend".) 

Unter der Dolde findet sich eine Anzahl geteilter Blätter, die als 




1 6g Doldengewächse. 

Hülle bezeichnet werden. Unter jedem Döldchen steht ein ähnliches 
Hüllchen. Wenn man sieht, wie die noch unentwickelten Blütenstände 
von diesen Blättern schützend umhüllt werden, wird man erkennen, daß 
diese Bezeichnungen wohl berechtigt sind. 

Dolden, deren Blüten sich noch im Knospenzustande befinden oder 
sich erst kürzlich geöffnet haben, werden gegen Abend durch Krümmung 
ihrer Stiele nickend. Die Blüten sind dann vor zu großem Wärme- 
verlust bewahrt und, wenn bereits geöffnet, gegen Regen geschützt. An 
Dolden mit völlig entwickelten Blüten tritt diese Veränderung nur noch 
in geringem Grade oder schließlich gar nicht mehr ein. 

b) Blüte. Der Fruchtknoten trägt alle andern Blütenteile: 

den Kelch, der nur durch 5 grüne Zahn eben angedeutet ist, die 

5 weißen, vielfach etwas eingefalteten oder geteilten Blumenblätter 

und die 5 Staubblätter. Eine fleischige Scheibe, 

die dem „unterständigen" Fruchtknoten aufgelagert 

ist, sondert eine glänzende Schicht von Honig ab. 

/ ^^^■' I > Über ihr erheben sich die beiden Griffel mit den 

\ J^/IW-^ j Narben. Der offenen Lage des Honigs entsprechend, 

werden die Blüten besonders von kurzrüsseligen Insekten 

besucht. Fhegen, Käfer und gewisse Bienen stellen 

Blütengrundriß sich zahlreich ein. Da nun alle Blüten in einer Ebene 

der Möhre. hegen, vermögen die Tiere leicht von einer zur andern 

zu schreiten. Hierbei müssen sie unbedingt Staubbeutel 

und Narben streifen und somit unfreiwillig Bestäubung vermitteln. 

Der mittelste Doldenstrahl trägt vielfach nur eine Blüte, die 
sich aber durch auffallend große, purpurrote bis fast schwarze Blumen- 
blätter auszeichnet. Welche Bedeutung diese Erscheinung hat, vermochte 
bisher nicht sicher nachgewiesen zu werden. 

6. Frucht, a) Sind die Blüten bestäubt, dann neigen sich die Strahlen 
des Fruchtstandes wie zu einem Vogelneste zusammen. Auf diese 
Weise werden die noch nicht keimfähigen Früchte geschützt, von der 
Mutterpflanze getrennt zu werden. Sobald sie jedoch reif sind und aus- 
gestreut werden müssen, breiten sich die Strahlen wieder aus, wenn 
auch nicht so weit wie während des Blühens. Dies geschieht aber nur 
bei trocknem Wetter; bei feuchtem schheßt sich das „Vogelnest" wieder, 
ein Vorgang, der sich durch Befeuchten des Fruchtstandes und nachheriges 
Trocknen noch oft wiederholen kann. 

b) Der Fruchtknoten wird von 2 Fruchtblättern gebildet, die mit 
den Samen fest verwachsen. Bei der Reife sondern sie sich jedoch von- 
einander (Spaltfrucht), und zwar greift diese Trennung auch auf die Ver- 
längerung des Fruchtstieles, auf den fadenförmigen Fruchtträger über, so 
daß die beiden Teilfrüchtchen an je einem kleinen Stielchen auf- 
gehängt sind. Die Oberfläche der Früchtchen ist mit 5 Reihen kurzer und 
4 Reihen langer Stacheln besetzt, die oft in einfache oder doppelte oder 
gar dreifache Widerhäkeben enden. Infolge dieser Ausrüstung haften die 



Doldengewächse. 



169 




Teilfrüchtchea der 

Möhre, Längsschnitt 

(etwa 10 mal nat. Gr.). 

Vgl. auch den Blüten- 

grandriß. 



Früchtchen wie Kletten leicht in dem Haarkleide 
der Tiere (Hasen, Kaninchen u. a.) und können so 
weithin verbreitet werden. Die keimenden Samen 
werden durch die Stacheln am Boden gleichsam 
verankert. 

Betrachtet man feine Querschnitte der Teil- 
früchtchen bei geringer Vergrößerung, so bemerkt 
man in der Fruchthülle dunkle Stellen, d. s. Kanäl- 
chen, die mit einem flüchtigen öle gefüllt sind. 
Dieses öl findet sich auch in allen andern Teilen 
der Pflanze, der darum beim Zerreiben ein eigen- 
tümlicher, würziger Geruch entströmt. 

Andi'e Doldengewächse. 

Gleich der Möhre liefert die angebaute Pastinake 
(Pastinaca sativa^) in ihren weißen Wurzeln ein geschätztes 
Gemüse. Wild findet sich die meterhohe Pflanze, die nur 
einfach-gefiederte Blätter besitzt, häufig auf Wiesen und an 
Wegen. Die Teilfrüchte bilden flache, große Scheiben, die 
von einem häutigen Saume umgeben sind und daher leicht 
vom Winde verbreitet werden können. Sie sind dement- 
sprechend auch nicht mit Stacheln besetzt. — Aus der 
fleischigen Wurzel des Sellerie (Apium graveolens-) bereitet 
man einen schmackhaften Salat. Wild wächst die Pflanze auf salzhaltigen Wiesen, 
besonders am Ufer von Gräben und Bächen. In Übereinstimmung hiermit besitzt sie 
saftige Blätter und bedarf angebaut einer hinreichenden Bodenfeuchtigkeit zu ihrem 
Gedeihen. Wie der Möhre entströmt auch dem Sellerie ein eigentümlicher Geruch, 
der von einem flüchtigen Öle herrührt und — wde die Erfahrung 
zeigt — zahlreiche Tiere abhält, die Pflanze zu verzehren. Durch 
ein gleiches Mittel sind auch viele andre Doldengewächse ge- 
schützt. Der ölreichtum macht andrerseits aber auch zalilreiche 
Arten für uns zu wichtigen Gewürzpflanzen. Als solche seien 
zuerst Dill (Anethum graveolens') und Fenchel (Foeniculum ca- 
pilläceum^) genannt. Beide entstammen dem Mittelmeergebiete 
und zeichnen sich durch haarförmig feine Blattzipfel und gelb- 
liche Blüten aus. Das Kraut sowohl, wie die Blütendolden und 
reifen Früchte finden besonders beim „Einmachen" von Gurken 
Verwendung. Der Fenchel wird auch zu Heilzwecken benutzt. — 
Dieselbe Heimat haben auch Anis (Pimpinella anisum'^) und 
Koriander (Coriändrum sativum**), deren Samen vornehmlich in der 
Bäckerei verwendet werden. — Anisduft hat auch der Garten- Früchte der Pästi- 
kerbel (Antlii-iscus caerefölium'), der gleiclifaUs aus dem Süden nake. Die rechte 
stammt und als Gewürzpflanze bei uns angebaut wird. — Der Frucht ist gespalten 
Kümmel (Carum carvi^) dagegen scheint in Mitteleuropa heimisch (Verkl.). 

zu sein. Er -vvird zwar seiner gewürzhaften Samen wegen im großen 

angebaut, kommt aber auch häufig wild oder verwildert auf Wiesen vor. Leicht zu 
erkennen ist er daran, daß die fiederteiligen Blättchen an der Hauptrippe des Blattes 

1) pastinaca, Pastinake; sativus, angebaut. 2) apium, Eppich (vielleicht eigentl. eine Wasser- 
pfl.); graveolens: gräve, schwer nnd ölens, riechend. 3) anethum, Dill (duftend?); graveolens, 
B. Anm. 2. 4) foeniculum, Fenchel; capiUaceus, haarähnlich (Blätter!). 5) pimpinella bedeutete bei 
den Alten eine andre, hier nicht erwähnte Pfl., anisum, Anis. 6) koriannon, Koriander (der wie die 
k&ris, Wanze, riecht); sativus, angebaut. 7) anthriskos, eine Kranzblume; caerefolium, Kerbel. 
8) carum, Kümmel; carvi (aus dem Arab.), Kümmel. 




170 



Doldengewächse. 



ein Kreuz bilden. — Die Petersilie (Petroselinum sativum^) ist wieder aus Südeuropa 
eingeführt. — Die wichtige Gewürzpflanze ward leicht mit dem giftigen Grartenschierling 
oder der Hundspetersilie (Aethüsacynäpium") verwechselt, die gern zwischen jener (und 
dem Kerbel) wächst, und deren Genuß sogar den Tod herbeiführen kann. Darum sollte 
man nur die krausblättrige Spielart der Petersilie anbauen, die so augenfällig von dem 
Giftkraute abweicht, daß eine Verwechslung mit ihm nicht gut möglich ist. Sicher zu 
unterscheiden ist die Hundspetersilie von der Petersilie durch den unangenehmen, knob- 
lauchai-tigen Geruch, der beim Zerreiben der Blätter entsteht, durch die glänzenden (daher 
auch „Gleiße") und viel schmalem Blättchen, durch die 2 oder 3 langen und einseitig 
herabhängenden Blätter der Hüllchen, sowie durch die weit dünnern Wurzeln. 
Letztere erklären sich daraus, daß die Hundspetersilie im Gegensatz zur zweijährigen 
Petersilie eine einjährige Pflanze ist, die in den Wurzeln keine Vorräte für das nächste 










1. Petersilie und 2. Hundspetersilie. 



Jahr aufspeichert!. — An Zäunen und Gräben, sowie auf Schutthaufen und Gemüse- 
land findet sich der gefleckte Schierling (Conium maculätum*^). Alle Teile sind für 
den Menschen ein fürchterliches Gift, das aber in der Hand des Arztes zu einer wirk- 
samen Medizin wird. Der Giftbecher, den Sokrates trinken mußte, war wahrscheinlich 
mit dem Safte des Schierlings gefüllt. Zu erkennen ist die Pflanze an den hohlen 
Blattstielen, dem braun gefleckten Stengel, dem mäuseartigen Gerüche und den welligen 
Rippen der Früchte. — Die gefährlichste aller Doldenpflanzen ist der Wasserschier- 
ling (Cicüta virosa*), der an Gräben und ähnlichen feuchten Stellen gedeiht. Der 
giftigste Teil, der quergefächerte, sellerieähnliche Wurzelstock, ist zugleich das sicherste 
Erkennungszeichen der mehr als meterhohen Pflanze. — Durch geringere Giftigkeit ist 
der betäubende Kälberkropf oder Taumelkerbel (Chaerophyllum temulum'^) gegen 



1) pefroselinum : petra, Stein und selinmi, der Eppich; sativus, angebaut. 2) aethusa: aitho, 
ich brenne, aifhiisa, die brennende; eynapium: kijon, Hund und äpium, s. S. 169, Anm. 2. 
3) köneion, Scliierliaig; trmmlatus, gefleckt. 4) cicuta, Schierling; virosus giftig. 5) chaerojihylUivi — 
caerefolium, s. S. 169, Anm. 7; iemulus, Taumeln verursachend. 



Doldengewächse. Efeugewächse. 



171 



Tierfraß geschützt. Die 
kerbelartige Pflanze wächst 
in Gebüschen, Hecken, an 
Mauern u. dgl. und hat sehr 
langgestreckte Früchte. 

Von den zahlreichen 
Gliedern der großen Familie, 
die für den Menschen ge- 
ringe Bedeutung haben, 
seien nur folgende genannt : 
Der Giersch (Aegopödium 
podagräria ') , eine statt- 
liche, bis 1 m hohe Pflanze 
der Hecken und Wiesen, 
ist an den dreizähligen 
Blättern leicht zu erkennen. 
Da sie unterirdische Aus- 
läufer treibt, vermag man 
sie von bebautem Boden nur 
schwer zu entfernen. — 
Die Bärenklau (Heracleum 
sphond^'lium^) ist eine 
unsrer größten Dolden- 
pflanzen (bis 1 Va m hoch). 

Sie wächst auf Wiesen und an lichten Waldstellen und hat einfach gefiederte Blätter 
mit großen, mehrlappigen Blättchen. — An dürren, sandigen Orten und Wegrändern 
findet sich die Feld-Männertreu (Eryngium campestre"), die im östlichen Deutschland 
allerdings nur an wenigen Stellen auftritt. Sie besitzt in den dornigen Blättern eine 
so vortreffliche Schutzwehr gegen Pflanzenfresser, daß sie auf Viehweiden oft die 
Oberhand über die nützlichen Gräser gewinnt. Da die Blüten ungestielt und von 
breiten Hüllblättern umgeben sind, haben die Dolden ganz das Aussehen kleiner Blüten- 
köpfchen. Die Pflanze ist daher einem Korbblütler, und zwar einer Distel viel ähn- 
licher als einem Doldengewächs. 




Längsdurchschnittener 
Blühender Zweig und Frucht des Wurzelstock des 
gefleckten Schierlings. Wasserschierlings. 



47. Familie. Efeugewächse (Araliäceae^). 
Der Efeu (Hedera helix^). 

A. Die Pflanze im Scliatten. 1. Stamm. Abgesehen von sehr 
alten Pflanzen, wie man sie nicht selten an Bargruinen und ähnlichen 
Bauwerken findet, ist der vielfach verzweigte Stamm des Efeus so schwach, 
daß er sich selbst nicht zu tragen vermag. Er Hegt darum im Walde, 
wo man die Pflanze nicht selten wildwachsend antrifft, dem Boden auf. 
Sobald er jedoch einen Baumstamm, eine Felswand oder dergl. erreicht, 
klettert er daran empor, dem Lichte entgegen. 

2. Wurzeln. Hierzu wird er durch zahlreiche kleine Wurzeln be- 
fähigt, die wie die Zweigenden das Licht fliehen und sich daher stets 
dem Stamme oder Felsen zuwenden. Sie schmiegen sich allen Uneben- 

1) aegopödium: aix, Ziege, geu. aigös mid pixlion, Fiißchen (Blätter sollen Ziegenfüßen ähneln); 
podagräria von jmdägra, Fußgicht. 2) Heracleum, von Herakles, der ilire Heilkraft entdeckt haben 
Boll; sphondylium von spJiöndylos, Wirbel (wegen der dicken Stengelknoten?). 3) eryngium von 
eryngdno, ich übergebe mich (Mittel, sich zu erbrechen?); campester, auf dem Felde wachsend. 
4) nach der amerik. und asiat. Gattung Arälia. 5) hedera, Efeu; helia;, gewunden. 



172 



Efeugewächse. 




Teil vom Querschnitt durch ein 
Efeublatt, die verdickte Ober- 
haut 0. zeigend (240 mal vergr.). 



heiten der Unterlage gleich einer wachsartigen Masse an, so daß die 
Pflanze wie mit Tausenden von Fingern festgeheftet wird und ein 
vortreffliches Material zur Bekleidung von Mauern und dgl. abgibt. Da 
diese Klammer- oder Haftwurzeln nicht in die Unterlage eindringen, 
der sie übrigens zumeist auch keine Nahrung entziehen könnten, ist 

der Efeu kein Schmarotzer wie z. B. die 
Flachsseide. Er entnimmt vielmehr wie 
die meisten Pflanzen seine Nahrung dem 
Boden durch weit längere Saugwurzeln. 
Schneidet man eine kletternde Efeupflanze 
dicht über der Erde ab, so geht sie daher 
zugrunde; sie müßte denn auf ihrem Wege 
zum Lichte nährendes Erdreich getroffen 
und in dies^es Saugwnrzeln gesandt haben. 
3. Blätter, a) Kühlt sich der Erd- 
boden stark ab, so stellen die Wurzeln der Pflanzen ihre Tätigkeit (s. 
S. 175) nach und nach ein, und ist dieser hart gefroren, so sind sie gar 
nicht mehr imstande, ihm Wasser zu entziehen. Würden sie jetzt durch 
ihre Blätter noch fortgesetzt Wasserdampf an die Luft abgeben, so müßten 
sie bald vertrocknen. Die meisten Bäume und Sträucher unsrer Gegend 
helfen sich über diese für sie durchaus ungünstige Zeit des Jahres be- 
kanntlich dadurch hinweg, daß sie ihre Blätter einfach abwerfen. 

Der Efeu dagegen ist immergrün. Soll er während der Winter- 
monate nicht den Tod des Verdurstens erleiden, so darf die Abgabe von 

Wasserdampf nur sehr gering sem. 
Dies ist tatsächlich auch der Fall; 
denn seine Blätter sind mit einer 
sehr dicken, für Wasser- 
dampf fast undurch- 
lässigen Oberhaut ver- 
sehen. Diese schützende 
Decke ist so stark, daß 
sie den Blättern eine 
le der artige Beschaf- 
fenheit verleiht. 

Infolge seiner immer- 
grünen Blätter gut uns 
der Efeu als ein Sinn- 
bild der Hoffnung. Mit 
ihm bepflanzen wir 

auch daher gern 
die Grabhügel unsrer 
Toten. 

Efeu: Schattentriebe, dem Waldboden aufliegend, ^) ^^^ Blätter W^ei- 

Blätter bilden eine Mosaik. chen in ihrer Form zum 




Efeugewächse. 



173 



Teil stark voneinander ab. Stets sind sie jedoch fünflappig und von so 
edler Gestalt, daß sie schon seit alten Zeiten in der bildenden Kunst viel- 
fach verwendet werden. Betrachtet man Efeupflanzen, die z. B. am 
Waldboden dahinkriechen, oder solche, deren Zweige mehr einzeln stehend 
an Mauern oder dgl. emporklimmen, so sieht man, daß die Blätter durch- 
aus nicht regellos gestellt sind. Im Gegenteil läßt sich sehr häufig deutlich 
beobachten, wie die Lappen des einen Blattes in die Buchten der benach- 
barten Blätter eingreifen, so daß eine zierliche Blattmosaik herbeigeführt 
wird. Infolge dieser Anordnung raubt einerseits kein Blatt dem andern 
das belebende Sonnenlicht, und andrerseits wird die gesamte, spärlich 
beleuchtete Fläche von der Pflanze auch aufs vollkommenste ausgenutzt. 

c) Eine solche Stellung ist aber nur bei langgestielten Blättern 
möglich. Betrachtet man die Stiele genauer, so sieht man, welche vielfachen 
Drehungen, Wendungen und Streckungen nötig waren, um aus den in 
2 Zeilen angeordneten Blättern ein solch kleines Kunstwerk zu schaffen. 

B. Die Pflanze im Lichte. 1. Sobald der Efeu die Höhe der Mauer 
oder des Felsens erklommen hat, oder wenn seine Äste sich vom Baum- 
stamme oder vom Gemäuer abwenden und nun allseitig vom Lichte um- 
flutet werden, nimmt er ein ganz 
andres Aussehen an: Während die 
jetzt sich bildenden Zweige so 
kräftig sind, daß sie sich ohne 
jede Stütze frei zu halten vermögen 
und daher der Haft- 
wurzeln entbehren, ^-^ 
ordnen sich die Blät- 
ter rings um die Stengel 
und. entwickeln nur 
kurze Stiele. Besonders 
fremdartig werden diese 
„Lichttriebe" aber da- 
durch, daß sie statt 
der charakteristischen 
fünflappigen Blattflä- 
chen solche von deut- 
lich eiförmigem Umriß 
besitzen. 

2. Zweige dieser 
Art sind auch allein 
„blühreif". Die un- 
scheinbaren, grünlichen Blüten sind denen der Doldengewächse sehr 
ähnhch gebaut und auch zu einfachen Dolden geordnet. Sie entfalten 
sich erst in den Monaten August bis November. Da von ihnen ein weit- 
hin wahrnehmbarer, widerlich süßlicher, imangenehmer Duft ausgeht, 
werden sie besonders von Fliegen besucht, die solche Gerüche heben. 




Efeu, der die Höhe einer Wand erklommen und einen 
„Lichttrieb" gebildet hat. Am untern Teile des Sten- 
gels noch zwei gelappte Blätter und Klammerwurzeln. 
Daneben in nat. Gr. eine Blüte und eine Frucht. 



174 



Efeugewächse. Heidekrautgewächse. 



3. Die Früchte sind kleine, schwarze Beeren, deren Samen durch 
Vögel verbreitet werden. Sie reifen während des Winters und sind für 
den Menschen giftig. 

Anhangsweise genannt seien hier einige GHeder einer nahestehenden FamiHe, der 
Hartriegelgewächs.e oder Hornsträucher (Cornäceae*), die — wie ihre Namen 
besagen — sehr hartes Holz besitzen. Die eine Art, die Kornelkirsche (Cornus mas ^), 

ist ein bekannter Strauch 
unsrer Anlagen, kommt je- 
doch auch \\ild in Berg- 
wäldern vor. Die gelben 
Blüten sind zu kleinen Dol- 
den gehäuft, die sehr dicht 
an den Zweigen stehen. Da 
sie sich aber vor den Blät- 
tern entfalten, kommen sie 
trotzdem genügend zur Gel- 
tung. Die eßbaren, kirschen- 
artigen Früchte, die gern von 
Vögeln verzehrt werden, sind 
scharlachrot und leuchten 
infolgedessen vortrefflich aus 
dem Grün des Laubwaldes 
hervor. — Die andre Form, 
der rote Hartriegel (C. san- 
guinea-), ist gleichfalls häu- 
fig in Anlagen, aber auch 
Zweiglein mit entfalteten in Laubwcäldern und Ge- 
und aufbrechenden huschen zu finden. Er blüht 
Blüten. ^^^^ nach dem Ausbruche 

des Laubes. Die kleinen, 
weißen Blüten sind zu weit größern, doldenartigen Blütenständen vereinigt, die sich 
an den Enden der Zweige finden. Im Herbste färbt sich das Laub rot und gelb, so 
daß sich die schwarzen Früchte deutlich von ihm abheben. Wenn der Winter beginnt, 
nehmen auch die Zweige eine lebhafte Rotfärbung an. 




Kornelkirsc he 
(etwa ^U nat. Gr. 



2. Reihe. Verwaclisenblumeiil)Iättrige Pflanzen (Sympetalae ^). 

Pflanzen mit doppelter Blütenhülle (mit Kelch und Biumenkrone), bei denen die 
Blumenblätter (wenigstens am Grunde) miteinander verwachsen sind. 

48. Familie. Heidekrautgewächse (Ericäceae^). 
1. UnterfamiUe. Eigentliche Heidekräuter (Enceae*). 
Das Heidekraut (Callüna vulgaris^). Taf. 19. 
A. Verbreitung. Auf trocknem Sandboden, wie auf schwanken- 
dem Torfmoore, auf sonniger Ebene, wie auf freien Waldstellen, auf 
niedrigem Hügel, wie auf sturmumbrauster Höhe findet sich das an- 
spruchslose Heidekraut. Es ist über ganz Europa und darüber hmaus 

1) cornus, Kornelkirsche; onus, mämilicli (weil die meisten Blüten nur Staubblätter besitzen, 
also inännlicb sind). 2) sanguineus, blutrot. 3) sym-, zusammen; pütalon, Blatt. 4) s. S. 179, Anm. 1. 
5) calhina von kallyno. ich mache schön, fege aus (Verwendung!); vulgaris, gemein. 



Heidekrautgewächse. I75 

verbreitet und bildet stets kleinere oder größere Bestände. In Nord- 
deutschland besonders bedeckt es zahlreiche, oft viele Qaadratmeilen 
große Gebiete, „Heiden" genannt, von denen auch die Pflanze ihren 
Namen erhalten hat. 

Inmitten der Heide liegen die spärlichen Ansiedelungen der Menschen 
wie Oasen in der Wüste. Sie sind von Eichen, Buchen und Obstbäumen 
umstanden und von Äckern und Wiesen umgeben. Außerhalb dieser 
Gebiete ist die Natur aber von Menschen meist völlig unberührt. Ab- 
gesehen von einem größern oder kleinern Kiefernwalde, der vielleicht in 
der Ferne auftaucht, erblickt man, so weit das Auge reicht, fast nichts 
weiter als Heidekraut. Nur hier und da wird das Einerlei unterbrochen 
von Wacholder- und Ginsterbüschen, von Birken- und Weidengestrüpp, 
das sich nur wenig über den Boden erhebt, von stechenden Gräsern, von 
Flechten- und Moospolstern, vom duftenden Thymian, von Preißelbeere 
und Johanniskraut oder von andern „Heidepflanzen". Das „gesellige" 
Heidekraut aber ist stets das „herrschende" Gewächs. 

B. Trockenland pflanze. Füllt man einen Blumentopf mit Sand, 
wie ihn das Heidekraut liebt, so kann man leicht feststellen, daß dieser 
für Wasser überaus durchlässig ist und daher schnell trocknet. Die 
anspruchslose Pflanze kommt aber auch, wie schon erwähnt, auf Torf- 
boden vor, der — wie ein entsprechender Versuch zeigt — sehr viel 
Wasser einsaugt und es sehr lange festhält. Wie ist dieser scheinbare 
Widerspruch zu erklären? 

Kühlt man einen Blumentopf, in dem z. B. eine Zimmerpflanze 
wächst, durch Eis stark ab, so werden die Blätter bald welk, ein 
Zeichen, daß die Wurzel jetzt nicht mehr so viel Wasser aufzunehmen 
vermag, wie die Pflanze verdunstet. Kalter Boden wirkt auf die 
Pflanze also wie trockner Boden ein. Torfgrund ist nun meist sehr 
naß; er gibt daher — wie die Nebel zeigen, die von ihm aufsteigen - — 
auch viel Wasser in Dampfform ab. Wie wir z. B. an unserm Körper 
merken, wenn er mit Schweiß bedeckt ist, wird aber dort, wo Wasser 
verdunstet, viel Wärme verbraucht. So werden durch die Verdunstung 
des Wassers auch dem Torfboden fortgesetzt große Wärmemengen ent- 
zogen: er ist infolgedessen verhältnismäßig kalt. Das Heidekraut, 
das auf ihm wächst, hat daher wie auf trocknem Boden sicher zeit- 
weise mit großem Wassermangel zu kämpfen. 

Außer der Kälte, die für alle Pflanzen feuchter Standorte in 
Betracht kommt, fällt für den Torfboden (ja sogar für jeden Heide- 
boden, der reich an Humus, d. h. an verwesenden Pflanzenstoffen ist) 
noch ein andrer wichtigerer Umstand in die Wagschale. Wie man leicht 
nachweisen kann (blaues Lackmuspapier färbt sich rot; gewöhnlicher 
Garten- oder Waldhumus aber reagiert alkalisch!), ist diese Bodenart 
reich an verschiedenen Säuren, die als „Humussäuren" zusammenge- 
faßt werden. Um festzustellen, wie Säuren auf die Gewächse einwirken, 
braucht man nur Topfpflanzen längere Zeit mit Wasser zu begießen, dem 



176 Heidekrautgewäx;hse. 

ein wenig einer solchen zugesetzt wurde: Die Pflanzen beginnen 
bald zu kränkeln, und an warmen Tagen welken sie sogar, obgleich die 
Erde ganz feucht ist. Durch die Säure wird die Fähigkeit der Wurzeln, 
Wasser aufzunehmen, also gleichfalls stark gehemmt. Dasselbe geschieht 
selbstverständlich auch bei Wurzeln, die sich in saurem Torfboden aus- 
breiten. Das hier wachsende Heidekraut muß daher mit dem auf- 
genommenen Wasser überaus haushälterisch umgehen. Sonst droht ihm 
wie dem Schiffer auf offenem Meere, der sich kein Süßwasser verschaffen 
kann, der Tod durch Verdursten. 

Pflanzen, die unter häufigem und oft lange andauerndem Wasser- 
mangel leiden, bedürfen infolgedessen besonderer Schutzmittel gegen zu 
starke Verdunstung. Solche Einrichtungen sind daher beim Heidekraute 
gleichfalls zu finden: 

1. Alle seine Teile sind auffallend dürr und trocken, geben 
somit an die umgebende Luft auch nur wenig Wasser in Dampfform ab. 

2. Das Heidekraut ist ein Strauch, der — wie bereits oben bemerkt — 
in dichten Beständen auftritt und sich meist nur wenig über den 
Boden erhebt. Infolgedessen wird er auch weit weniger unter den aus- 
trocknenden Winden zu leiden haben, als wenn jede Pflanze einzeln 
stände und sich hoch über die Erde erhöbe. Es kann uns daher auch 
nicht wundernehmen, wenn das Heidekraut auf sturmumtosten Berges- 
rücken oft nur handhoch wird, im Schutze der Kiefernschonung dagegen 
eine Höhe von Va m und mehr erreicht. 

3. Das wichtigste Mittel gegen zu starke Verdunstung ist aber wie beim 
Mauerpfeffer in dem eigentümlichen Bau der Blätter zu erblicken. 

a) Es sind dies sehr kleine Gebilde (s. S. 124, a), die in 4 Längs- 
reihen an den Zweigen sitzen und hinten in 2 Spitzen ausgezogen sind. 
Letzteres ist besonders deutlich an den Blättern zu sehen, aus deren 
Achseln junge Zweige hervorgehen. 

b) Da sie ungestielt und an der den Zweigen zugekehrten (Ober-) 
Seite so gebogen sind, daß sie wie ausgehöhlt 
erscheinen, vermögen sie sich den Zweigen eng 
anzuschmiegen und z. T. gegenseitig zu decken 
(s. S. 124, b). 

c) Stellt man durch ein Blatt dünne Quer- 
schnitte her, so sieht man, wie die Ränder 
nach der Unterseite zu so umgebogen sind, daß 
sie zusammenstoßen. Ein solches „Rollblatt" 
Querschnitt aus dem Blatte ^.^^^^ ^^^ j^uft also nur die Oberseite dar, wird 
des Heidekrautes (250 mal , , i ., • tut j j. 

vergr.). In dem „windstillen daher auch weit wemger A\ asser verdunsten, 
Räume" 2 Spaltöffnungen, als wenn es ausgebreitet wäre. 




Taf. 19. 1. Blühende Zweige. 2. Zweigstück mit 2 Blüten. 3. Blüte, geöffnet. 4. Blüte, 
verblüht. 5. Stempel und zwei Staubblfitter, aus denen Blütenstaub herausfällt. 

G. Frucht, geöffnet. 



Schmeils Naturwissenschaftliches Unterrichtswerk. 




Heiöekraut (Calluna vulgaris). 



Itoidokrauteewärhsp. ;1Y7 

Bei Anwendung mikroskopischer Vergrößerung sieht man weiter, daß 
das Blatt nur auf der Unterseite Spaltöffnungen besitzt, und daß der 
Zugang zu ihnen durch haarartige Gebilde versperrt ist. Die Spalt- 
öffnungen, durch die besonders der Wasserdampf aus der Pflanze ent- 
weicht, münden hier also nicht direkt ins Freie , sondern in einen fast 
geschlossenen „windstillen Raum": eine Einrichtung, durch die die 
Verdunstung gleichfalls stark herabgesetzt wird. 

Wie schon mehrfach erwähnt, steigen die von der Wurzel aufge- 
sogenen Nährstoffe in einem Wasserstrome zu den Blättern empor, wo- 
selbst eme Verdunstung des Wassers erfolgt. Jede Unterbrechung dieses 
Stromes ist für die Pflanze daher von Nachteil. Eine solche würde aber 
eintreten, wenn Tau- oder Regentropfen die Spaltöffnungen verschlössen. 
Da nun bei den Blättern des Heidekrautes die Feuchtigkeit nicht bis zu 
den Spaltöffnungen vordringen kann, so gibt sich das Rollblatt zugleich 
auch als ein Mittel zu erkennen, die Bahn für den Wasserdampf frei 
zu halten. Wenn wir weiter bedenken, daß die Moore regenreiche Ört- 
lichkeiten sind, daß es auf ihnen fast allnächtlich stark taut, und daß 
ihnen selbst an klaren Sommerabenden dichte Nebel entsteigen, so werden 
wir die Bedeutung dieser Einrichtung für die hier wachsenden Heide- 
krautsträucher leicht erkennen. 

d) Für diese Pflanzen ist es auch von großer Wichtigkeit, daß sie 
immergrüne Blätter besitzen: Auf dem kalten Moorboden zieht der 
Frühling später ein als in den umliegenden Feldern und Wäldern. 
Wollte das Heidekraut jetzt erst Blätter treiben, so könnte es in den 
wenigen Monaten, die zwischen diesem Zeitpunkte und dem Herbste 
liegen, unmöglich Blüten bilden und Früchte reifen. Vermöge der immer- 
grünen Blätter dagegen ist es beim Eintritt des Frühlings sofort im- 
stande, die Arbeit aufzunehmen, und selbst während der kältern und 
kalten Jahreszeit vermag es jeden Sonnenblick auszunützen. 

Für das Heidekraut, das auf trocknen Stellen wächst, sind solche 
Blätter gleichfalls von Vorteil. Dort erwärmt sich der Boden im Hoch- 
sommer außerordentlich stark und wird so trocken, daß er zu Staub zer- 
fällt. Da heißt es für das Heidekraut, mit der geringen Wassermenge, 
die es der Erde entnehmen kann, sparsam umzugehen. Je weniger die 
Pflanzen aber — wie oben bemerkt — Wasser aufsaugen, desto weniger 
Nährstoffe nehmen sie auch auf. Dafür dehnen sich aber beim Heide- 
kraut, weil es eben immergrüne Blätter besitzt, die Arbeiten der Nähr- 
stoffaufnahme und -Verarbeitung über einen viel größern Teil des Jahres aus 
als z. B. bei den Bäumen und Sträuchern, die im Herbste das Laub abwerfen. 

4. Da das Heidekraut in hohem Grade gegen zu starke Verdunstung 
geschützt ist, kann es andrerseits im Gegensatz zu den meisten unsrer 
Bäume und Sträucher (s. den Abschn, Herbstlicher Laubfall!) während des 
„trocknen" Winters seine Blätter behalten. Auch die Schneemassen, von 
denen es dann bedeckt wird, vermögen ihm nicht zu schaden; denn die 
Zweige sind so zäh und biegsam, daß sie sich ohne zu brechen 

Schmeil, Lehrbuch der Botanik, 12 



178 



Heidekrautgewachse. 



leicht zu Boden drücken lassen. Nicht der Strauch, sondern die Erde 
trägt daher die Schneelast. 

C. Blüte. 1. Im Spätsommer überziehen sich die Bestände des Heide- 
krautes wie mit einem „rosenroten Schimmer": an jeder altern Pflanze 
sprießen Hunderte von zarten, roten Blüten hervor, so daß das Grün der 
Blätter fast verschwindet. Die 4 kleinen Blumenblätter, die in der 
untern Hälfte miteinander verwachsen sind, werden von den 4 größern 
Kelchblättern fast verdeckt. Dieser Nachteil wird je- 
doch dadurch ausgeglichen, daß der Kelch gleichfalls bunt 
ist. Seine Stelle wird von zwei Blattpaaren eingenommen, 
die sich von den gewöhnlichen Laubblättern durch be- 
trächtlichere Größe und meist auch durch einen Anflug 
von Buntfärbung unterscheiden. 

Aus der Blütenmitte ragt der Griffel mit der Narbe 
hervor. Er ist von den Beuteln der 8 Staubblätter 
umgeben, die zusammen einen kleinen, braunroten Kegel 
bilden und sich an der Spitze mit je 2 Löchern öffnen. 
Jeder Staubbeutel besitzt am Grunde 2 Anhängsel, die 
den Weg zum Honig im Blütengrunde versperren und 
daher von dem saugenden Insekt berührt werden müssen. 
Sobald dies aber geschieht, werden auch die Staubbeutel 
erschüttert, so daß aus ihnen der Blütenstaub wie aus 
einer Streusandbüchse auf das Insekt herabrieselt Stößt 
das mit Blütenstaub beladene Tier beim Besuche einer 
zweiten Blüte an die im Blüteneingange stehende Narbe, 
so hat es Fremdbestäubung vollzogen. Mit dieser Art 
der Bestäubung hängt es innig zusammen, daß das Heide- 
kraut im Gegensatz zu den meisten andern „Insekten- 
blütlern" trocknen Blütenstaub besitzt, und daß die 
Staubfäden eine schwanenhalsartige Krümmung zeigen. 
Infolge dieser Einrichtung werden die Staubfäden näm- 
lich zu federnden Gebilden, so daß die von ihnen getra- 
genen Staubbeutel bereits bei der geringsten Erschütterung 
ins Schwanken geraten. 

Da, wo das Heidekraut große Bestände bildet, ist 
der Honigreichtum seiner Blüten für die Bienenzucht von 
größter Bedeutung. In vielen Gegenden bringen die Imker 
ihre Bienen oft sogar von weither in die blühende Heide. 
2. Obgleich die Blüten verhältnismäßig klein sind, ist das blühende 
Heidekraut doch weithin sichtbar, so daß es sich eines außerordent- 
lich regen Besuches zu erfreuen hat: Jeder Zweig trägt erstlich zahl- 
reiche Blüten, die sämthch nach einer Seite gerichtet sind. (An sehr 
schattigen und nassen Standorten blüht die Heide jedoch spärlich oder 
gar nicht.) Zweitens wächst es — wie oben erwähnt — in mehr oder 
weniger großen Beständen, so daß die blühenden Pflanzen schon auf 



\^ 




Glocken - Heide 
(nat. Gr.). 



Heidekrauteewächsc. 



179 



eine größere Entfernung hin wahrzunehmen sind. Drittens endlich ver- 
Keren seine Blüten — im Gegensatz zu denen der meisten andern 
Pflanzen — nach dem Verblühen nur wenig von ihrer Auf- 
fälligkeit, Ein Besuch dieser Blüten wäre je- 
doch für das Heidekraut nicht allein vollständig 
wertlos, sondern sogar von Nachteil; denn die 
Insekten würden — sozusagen — damit die 
kostbare Zeit nur vertrödeln. Da sich jedoch 
die verblaßten Kelchblätter einwärts krümmen, 
wird der Eingang zum Blüteninnern verschlossen, 
so daß die Insekten genötigt sind, nur den ge- 
öffneten Blüten zu dienen. 

D. Frucht. Im Schutze des Kelches reift auch 
die Frucht. Sie ist eine kleine Kapsel, die zur 
Zeit der Reife mit 4 Klappen (Fruchtblätter!) auf- 
springt und aus der dann der Wind die winzigen 
Samen leicht ausstreut. 

Andre Heidekraiitgewächse. 

Zu den nächsten Verwandten des Heidekrautes 
zählt die zierliche Glocken-Heide (Erica tetralix^), die in 
Norddeutschland auf Torf- und ^Moorboden einen herrlichen 
Schmuck bildet (daher auch Sumpf-H.). Ihre immer- 
grünen Blätter zeigen sich nur an den Rändern zurückgerollt, Alpen-Heide; blühender 
dafür aber sind sie wie alle jungen (diesjährigen) Teile mit Zweig (nat. Gr.) und 
Ausnahme der Blumenkrone dicht mit kurzen einfachen, 
sowie mit langen Haaren bedeckt, die je ein Drüsenköpfchen 
tragen. Am Ende der Stengel stehen wie zier- 
liche Glöckchen die fleischfarbigen Blüten in 
einem Büschel. — In den Alpen und an meh- 
reren Stellen Süd- und Mitteldeutschlands er- 
scheinen als erste Lenzboten die fleischfarbenen 
Blüten der Alpen-Heide (E. cärnea'-), aus denen 
nicht nur die Narben, sondern auch die großen, 
dunkelroten Staubbeutel ins Freie ragen — Die 
zahlreichen Heidearten, die 
bei uns als Topfpflanzen 
gezogen werden, entstam- 
men zumeist dem trocknen 
Kaplande. 

2. Unterfamilie. 
Heidelbeergewächse 

(Vacciniceae''). In hebten» Wäldern bedeckt die Heidelbeere (Vaccinium myrtillus'') 
den Boden oft auf weite Strecken. Ihre kleinen, eiförmigen Blätter, die "sich im 
Herbste von den grünen Zweigen lösen, sind lederartig hart, eine Eigenschaft, die für 
die Pflanze an trocknen Standorten (geringe Verdunstung!) sicher von Vorteil ist. 
Zudem leitet die Heidelbeere — wie folgender einfache Versuch zeigt — fast jeden 




2 Blüten (vergr.). 




1) ereike, erica, Heidekraut!?); tetraUx: tetra-, vier und /ic'Zw'. gewunden (Stellung der Blätter). 
2) carneus, fleischfarben. 3) vaccinium vieUeicbt eine Verstümmelung von hijäkinthos. Hyazinthe; 
myrtillus: mijrtus, Myrte, -illus, Verkleinerungssilbe (Blätter!). 



180 



Heidekrautoewächse. 





Regentropfen, der sie 
trifft, nach der Wurzel 
ab. Taucht man einen 

abgeschnittenen 
Strauch in das Wasser 
und hält ihn sodann 
senkrecht frei hin, so 
wird man bemerken, 
daß — von wenigen 
Tropfen abgesehen — 
das ^'N'asser in einem 
starken Strome am 
Stamme abläuft: Die schräg 
stehenden, rinnigen Blätter lei- 
ten es über den kurzen, ge- 
furchten Blattstiel zu dem 
Zweige, dem sie ansitzen; in 
einer tiefen Rinne, die sich an 
ihm von Blatt zu Blatt zieht, 
fließt es hinab und sammelt 
sich von sämtlichen Zweigen am 
Hauptstamme, der es schließ- 
ich der Wurzel zuführt. Die 
rot angehauchten Blüten, die 
denen des Heidekrautes sehr 
ähnlich gebaut sind, gleichen 
hängenden Glöckchen. Die blau- 
schwarzen Früchte dienen dem 
Menschen als willkommene 
Speise, so daß das Sammeln der 
wohlschmecls:enden Heidel- oder 
Blaubeeren für viele Gegenden 
eine wichtige Erwerbsquelle 
Bestimmt jedoch sind die Früchte für die 
Verbreiter der Pflanze, für Drosseln und andre Wald- 
vögel. — Die Preißelbeere (V. vitis ideea^) teilt 
mit der Heidelbeere Bedeutung und Standort. Viel- 
fach überdeckt sie Jedoch auch unbewaldete Berg- 
rücken. Ferner besitzt sie im Gegensatz zu jener 
Pflanze immergrünes Laub, aus dem die roten Beeren 
prächtig iiervorleuchten. — Letzteres gilt auch für die 
zierliche Moosbeere (V. oxycoccus"), deren schwache 
Stämme besonders zwischen Torfmoos dahinkriechen. 
3. Unterfamilie. Alpenrosengewächse 
(Rhodöreae). Eine herrliche Zier der Alpenberge bilden 
die vielbesungenen Alpenrosen (Rhododendron-'), die 
mit ihren prächtigen Blüten oft weite Flächen mit 
leuchtendem Rot überldeiden. Vermöge der außer- 
ordentlich biegsamen Zweige, die sich dem Boden 
dicht anschmiegen, können die Sträucher den Druck 
der mächtigen Schneemassen, die alljährlich monate- 



Preißelbeere. 
Blühender und frucht- 
tragender Zweig 
(nat. Gr.). 



bildet. 



Rostl)lättrige Alpenrose 
(Rh. ferrugineum''). 



1) vitis, Weinstock: idaea, s. S. 142, Amii. 1 (also: Bebe 
von Ida). 2) oxycoccus: oxys, scliarf, sauer und kökkos, Kern. 

3) zusammengesetzt aus rhödon, Rose und dendron. Baum. 

4) ferruffineus, rostfarbig (wie die Unterseite der Blätter), 



Heidekrautgewächse 



181 



lang auf ihnen lasten, wohl ertragen. Aber auch wäh- 
rend des kurzen Sommers, in dem oft die Früchte nicht 
einmal reifen, werden sie häufig von Neljel und Regen, 
von Tau oder Reif heimgesucht. Doch da die iypen- 
roseu, wie Heidekraut, Preißelbeere u. a., immergrüne 
Blätter besitzen, deren Spaltöffnungen infolge beson- 
derer Einrichtungen gegen Verschluß durch Feuchtigkeit 
geschützt sind, sind sie imstande, selbst unter diesen 
außerordentlich ungünstigen Verhältnissen zu leben. — 
Zahlreiche ausländische Alpenrosen zählen gleich den 
farbenprächtigen Azaleen (Azälea^) zu unsern belieb- 
testen Topf- und Gartenpflanzen. 

Den Heidekräutern sehr nahe steht die kleine 
Familie der Wintergrüngewächse (Piroläceae), 
der hier anhangsweise kurz gedacht werden soll: Im 
Moder des Waldbodens wurzeln die zahlreichen Arten 
des Wintergrüns (Pirola-). Die zierlichen Pflanzen haben 
zarte, nickende Blüten und immergrüne, lederartige 
Blätter. — In ihrer Gesellschaft findet sich zumeist 
auch der Fichtensparg'el oder das Ohnblatt (Monötropa 
hypopitys^). Da das seltsame Gewächs kein Blattgrün 
besitzt, erscheint es in allen Teilen blaß, wachsgelb, so 
daß — wie auch der erstaufgeführte Name andeutet — 
die jungen Triebe hervorbrechenden Spargelsprossen nicht 
unähnlich sind. Infolgedessen vermag es einerseits selbst 
im tiefsten Waldesschatten zu gedeihen, der von allen 
grünen Pflanzen gemieden wird, ist aber andrerseits 
auch genötigt, wie z. B. die Hopfenseide seine Nahrung 
in „fertiger Form" aufzunehmen. Man bemerkt jedoch 
nicht, daß es mit einer andern Pflanze in Verbindung 
stände. Auch der korallenförmige, brüchige Wurzelstock 
sitzt nicht der Wurzel einer andern Pflanze auf. Dagegen 
zeigt das Mikroskop, daß er mit Pilzfäden, die den Wald- 
boden durchwuchern, in innigster Verbindung steht: 
ihnen entzieht der Fichtenspargel alle zum Aufbau 
seines Körpers notwendigen Stoffe. Wir haben es hier 
also mit einer Blütenpflanze zu tun, die auf Pilzen 
schmarotzt. Der saftige Stengel des merkwürdigen Ge- 
wächses, der schuppenförmige, aufrecht stehende Blätter 
trägt, ist zur Blütezeit am obern Ende abwärts ge- 
neigt, so daß die Blüten nach unten gerichtet sind. 
Nach erfolgter Bestäubung aber streckt er sich gerade, 
Avird hart, elastisch und wächst (besonders in dem blüten- 
tragenden Abschnitte) stark in die Länge, Dadurch 
werden die Fruchtkapseln nicht allein senkrecht gestellt, 
sondern auch höher über den Boden gehoben, so daß dem 
Winde leichter Gelegenheit gegeben ist, die staubförmigen 
Samen aus den sich öffnenden Kapseln zu blasen. 




Fichtenspargel. 1. blü- 
hende Pflanze mit Wurzel- 
stock und Jüngern Trieben, 
2. oberirdischer Teil des 
Stengels z. Z. der Fruchtreife. 
Der Wind bläst die Samen 
aus den Kapseln. 



1) von azaUos, trocken, dürr (Standort !i. 2j von J'H'"^- Birnbaum inid -o?rt,.tVerklfeinerungS- 
silbe, nach der Form der Blätter. 3) monofiojia von mnnotropon, für sich allein lebend, Einsiedler 
hi/iwjnhjs : hypö, unter und pitys, Fichte. 



1 82 Schlüsselblumengewächse. 

49. Familie. Schlüsselblumeng-ewächse (Primuläceae). 

Alle Blütenteile 5-zählig. Fruchtknoten 1-fächerig mit mittelständigem Samenträger 
und einfachem Griffel. Frucht eine Kapsel. 

Die (liifteiide Schlüsselblume (Priaiula officinälis ^). Taf. 20. 

A. Eine Friililiiigspflanze. Wenn die Schlüsselblume draußen auf 
der Wiese oder im Walde wieder bhiht, ist der Frühling endüch da. 
Die freundliche Blume ist gleichsam der Schlüssel, der den Himmel des 
Frühlings mit all seiner Herrlichkeit öffnet. Daher wird sie auch treffend 
Schlüsselblume oder Himmelschlüsselchen genannt. „Primel" heißt sie, 
weil sie ein Erstling unter den Blumen ist. 

1. Gleich zahlreichen andern Pflanzen vermag die Schlüsselblume so 
früh im Jahre zu erscheinen; denn sie ist eine ausdauernde Pflanze, die 
während des Vorjahres in dem unterirdischen Stamme oder Wurzel- 
stocke reichlich Baustoffe aufgespeichert hat. Es ist dies ein kurzes, 
dickes, mit zahlreichen Wurzeln und Blattresten besetztes Gebilde, das 
sich in jedem Jahre am obern Teile um ein Stück verlängert und am 
entgegengesetzten Ende allmählich abstirbt. Aus den Vorratsstoffen be- 
streitet die Pflanze die „ersten Ausgaben" zur Bildung der Blüten und 
Blätter. 

2. Blätter. Die jungen Blätter stehen senkrecht, und ihre 
Flächen sind nach der Unterseite zu beiderseits eingerollt, Eigentüm- 
lichkeiten, in denen wir bereits (s. Roßkastanie und Veilchen) Schutz- 
mittel gegen das Vertrocknen kennen gelernt haben. 

Eine gleiche Bedeutung hat auch die Runzelung der Blattfläche. 
Wollen wir Wäsche trocknen, so legen wir sie nicht etwa zusammen- 
geknittert an irgend eineju Ort, sondern hängen sie auf, d. h. wir setzen 
sie vollkommen ausgebreitet den Sonnenstrahlen und der bewegten Luft 
aus; denn ein feuchter Körper verliert um so mehr Wasser durch Ver- 
dunstung, je mehr er von der Sonne erwärmt und von bewegter Luft 
umspült wird. Da ein gerunzeltes Blatt den Sonnenstrahlen und dem 
Winde nun eine geringere Fläche darbietet als ein gleich großes, aber 
vollkommen ausgebreitetes, so wird es unter denselben Verhältnissen 
auch weniger Wasser verdunsten als dieses. 

Größer geworden breiten sich die eiförmigen Blattflächen, die an 
den Blattstielen als Säume herablaufen, immer mehr aus, die Runzelung 
verschwindet, und die Blätter ordnen sich — je nach der Höhe der um- 
gebenden Pflanzen — zu einer mehr oder, weniger deutlichen Rosette. 

B. Von der Blüte. 1. Blütenstand. Aus der Mitte der Blatt- 
rosette erhebt sich ein blattloser Stengel, ein sog. Schaft, der am Ende 
eine Dolde gestielter Blüten trägt. Die Blüten entspringen aus den 
Achseln winziger Blättchen und sind meist seitwärts oder schräg abwärts 
geneigt, so daß Blütenstaub und Honig gegen Regen geschützt sind. 



1) primula, Verldeinerung von prima, die erste ; officinalis, in der Apotheke verwendet. 




Schlüsselblumengewächse. Jgg 

2. Einzelblüte! Der röhrenförmige Kelch endet in 5 Zipfel. In 
der jungen Blütenanlage waren diese 5 Zipfel zuerst vorhanden, später 
wurden sie von einem röhrenförmigen Walle empor gehoben, der sich am 
obern Ende des Blütenstieles, auf dem sog. Blütenboden, bildete, so daß 
der Kelch in seiner jetzigen Form entstand. In derselben Weise hat sich 
auch die dottergelbe Blumenkrone entwickelt. (Solche Gebilde be- 
zeichnet man kurz, aber ungenau als „verwachsenblättrig". „Verwachsen- 
blumenblättrige Pflanzen" !) Sie hat die Form einer 
langen Röhre, die sich oben glockenförmig erweitert 
und in 5 Zipfel gespalten ist. Durch eine kleine, 
bald in der Mitte, bald im obern Teil der Röhre 
liegende Erweiterung ist den 5 Staubblättern, die 
der Innenwand der Röhre zu entspringen scheinen, 
Platz geschaffen. Da die Staubblätter Blattgebilde 
sind, die^ stets aus einem Stengel hervorgehen, so Bliitengmndriß der 
können sie an der Blütenröhre auch nicht ihre Ent- Schlüsselblume, 
stehung haben. Sie bildeten sich — wie dies von 

allen Staubblättern gilt — auch in der Tat auf dem Blütenboden, wurden 
aber von dem wachsenden röhrenförmigen Abschnitte der Blumenkrone 
mit empor gehoben, so daß sie dieser eingefügt erscheinen. Der Stempel 
besteht aus einem kugehgen Fruchtknoten (s. Frucht), an dessen Grunde 
der Honig abgesondert wird, einem mehr oder minder langen Griffel 
und einer knopfförmigen Narbe. 

3. Bestäubung, a) Die Bestäuber werden durch den Duft und die 
leuchtende Farbe der Blüten angelockt. Auf der Innenseite des glocken- 
förmigen Abschnittes der Blumenkrone finden sich 5 orangefarbene Streifen, 
die sich nach dem Eingange der Blütenröhre hinziehen. Ähnliche Zeich- 
nungen finden sich bei zahlreichen andern Blüten. Ob sie aber wirklich 
den Insekten den Weg zum Honig zeigen, wie vielfach angenommen 
wird, und ob sie daher mit Recht als „Honig- oder Saftmale" bezeichnet 
werden, ist eine kaum zu entscheidende Frage. 

b) Da der Honig am Grunde einer langen, engen Blütenröhre 
abgeschieden wird, sind auch nur die langrüsseligen Hummeln und Falter 
imstande, bis zu ihm vorzudringen. 

c) In den Weg, der zum Honig führt, sind die Staubblätter und 
die Narbe gestellt. Sie müssen von den eindringenden Gästen daher 
auch gestreift werden, und zwar beladen sich diese um so sicherer mit 
Blütenstaub, als sich die Staubbeutel nach innen öffnen. 

d) Wie bereits erwähnt, sind in den einzelnen Blüten die Griffel von 
verschiedener Länge und die Staubblätter in verschiedener Höhe der 
Blütenröhre eingefügt. In diesen Verhältnissen herrscht nun nicht etwa 
der Zufall, sondern eine bestimmte Gesetzmäßigkeit: Neben solchen 
Pflanzen, deren sämtliche Blüten lange Griffel besitzen, und bei denen 
sich die Staubblätter in der Mitte der Blumenröhre befinden, tiifft man 
andre, bei denen die Griffel kurz sind, die Staubblätter dagegen am 



J^g4 Schlüsselblumeiigewäclise. 

obern Ende der Blütenröhre stehen. Man unterscheidet daher eine 
langgriffelige und eine kurzgrif feiige Form der Schlüsselblume. 

Um die Folgen dieser „ Verschied engriffligkeit'' (Heterostylie) za er- 
kennen, brauchen wir nur ein Insekt, z. B. eine Hunnuel, auf dem Fluge 
von Blüte zu Blüte etwas genauer zu verfolgen. Saugt die Hummel 
zuerst an einer langgriffeligen Blüte, so muß sie mit dem Kopfe die 
gerade im Eingang zur Blütenröhre stehende Narbe, mit der Mitte des 
Rüssels dagegen die Staubbeutel berühren und sich daselbst mit Blüten- 
staub beladen. Hält die Hummel darauf bei einer kurzg riffeligen Blüte 
Einkehr, so berührt sie hier umgekehrt mit dem Kopfe die Staub- 
blätter, mit der Rüsselmitte dagegen die Narbe. Da sie nun von der 
ersten Pflanze an derselben Rüsselstelle Blütenstaub mitgebracht hat, so 
muß sie eine Bestäubung der zweiten Blüte herbeiführen. Fliegt darauf 
die Hummel, an derem Kopfe Blütenstaub ' haftet, wieder zu einer lang- 
griffeligen Blüte, so muß sie diese gleichfalls bestäuben: kurz, sie 
wird bei fortgesetztem Besuche der Schlüsselblumen den Staub von der 
langgriffeligen Form zur kurzgriffeligen tragen und umgekehrt, so daß 
eine Fremd-(Wechsel-) Bestäubung beider Formen herbeigeführt wird. 

Welche Bedeutung hat nun diese seltsame Einrichtung? Natur- 
forscher haben durch sorgfältige Versuche die Antwort auf diese Frage 
gefunden: Brachten sie Blütenstaub auf die Narbe derselben Blütenform, 
so entwickelten sich nur wenige Samen, aus denen — wenn man sie 
aussäte — schwächliche Pflanzen hervorgingen; ahmten sie aber die 
Tätigkeit der Insekten nach, d. h. brachten sie Staub der langgriff ehgen 
Form auf die Narbe der kuizgriff ehgen oder umgekehrt, so bildeten sich 
zahlreiche Samen, aus denen sich kräftige Pflanzen entwickelten. Die 
Verschiedengriffeligkeit ist also eines jener mannigfaltigen 
Mittel, derer sich die Natur bedient, um die für die Samenbil- 
dung günstige . Fremd-(Wechsel-)Bestäubüng herbeizuführen. 
(Wieso ist bei den Blüten der Schlüsselblume Selbstbestäubung nicht 
völlig ausgeschlossen? Wann kann sie leicht bei der langgriffeligen Form, 
wann bei der kurzgriffeligen eintreten?) 

Daß Fremdbestäubung der von der Natur „gewollte" Vorgang ist, 
geht auch noch aus einer andern interessanten Tatsache hervor: Wie das 
Mikroskop zeigt, sind die Blütenstaubkörner der langgriffeligen Form 
kleiner als die der kurzgriffeligen; umgekehrt aber hat die Narbe der 
erstem Form größere Rauhigkeiten (Narbenhaare) als die der letztern. 
Wenn man einerseits bedenkt, daß die kleinen Staubkörner nur einen 
verhältnismäßig kurzen, die großen dagegen emen langen Keimschlauch 
bis zu den Samenanlagen im Fruchtknoten zu treiben haben (s. den letzten 



Taf. 20. 1. Blühende Pflanze; 2. u. 3. junge Blätter; 4. langgiifflige und 5. kurz- 

grifflige Blüte im Längsschnitt; die punktierten Linien verbinden die Staubblätter und 

Stempel gleicher Höhe. 6. u. 7 dieselben Blüten, geöffnet und von je einer Hummel 

besucht. 8. Frucht, (Querschnitt. 9. Frucht, geöffnet; Kelch z. T. entfernt. 



Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



Tafel 20. 




Duftende Schlüsselblume (Primula officinalis). 



Schlüsselhluineiinowäclise 



18f 




Abschn. des Buches), so wird man es wohl 
verstehen, daß ihnen die Natur auch eine 
verschiedene Menge von Baustoff für diese 
Schläuche gegeben hat. Und wenn man andrer- 
seits erwägt, daß die Narbenrauhigkeiten der 
langgriffeligen Form große, die der kurzgriffe- 
ligen dagegen kleine Staubkörner festzuhalten 
haben, so wird man auch die Bedeutung dieser 
Verschiedenheit leicht einsehen. 

C. Von der Friiclit. Die Frucht (Frucht- 
knoten) ist eine Kapsel, deren Wand aus 
5 Fruchtblättern gebildet ist. Durchschneidet 
man sie senkrecht, so sieht man, daß der 
verlängerte Fruchtstiel in den Hohlraum ragt, 
daselbst kugelig angeschwollen ist und zahl- 
reiche Samen trägt. 

Im Schutze des Kelches, der hart und 
derb wird, reift die Frucht heran. Schließlich 
öffnet sie sich an der Spitze mit 10 Zähnen 

und überläßt es dem Winde, die Samen auszustreuen. Letzteres kann nun 
insofern mit Erfolg geschehen, als die Blüten- (Frucht-)Stiele sich bereits 
nach dem Verblühen senkrecht empor gerichtet haben (was würde ge- 
schehen, wenn sie ihre ursprüngliche Stellung beibehielten?), und gleich 
dem Schafte zu festen, elastischen Gebilden herangereift sind: der Frucht- 
stand ist also eine Schleuder einfachster Art geworden. Die nach oben 
geöffneten Fruchtkapseln schließen sich bei Eintritt feuchter Witterung, 
indem sich die Zähne einwärts krümmen (vgl mit Steinnelke). Die kleinen 
Samen haben eine rauhe Oberfläche und haften daher, wenn sie keimen, 
fest am Erdboden. 



Narben und Blütenstaubkörner 

der Schlüsselblume: 

kg F. von der kurzgriffeligen, 

Ig.F. von der langgriffeligen 

Form. (Narben etwa 20 mal, 

Blütenstaub 300 mal vergr.) 



Andi*e Sclilüsselblunieiigewächse. 

Mit der duftenden Schlüsselblume stimmt die hohe Seh. (P. ek'itior^) in allen 
Stücken überein. Sie ist aber etwas größer als jene und besitzt geruchlose, schwefelgelbe 
Blüten, deren Blumenkronen im obern Abschnitte flach ausgebreitet sind. Von ihr 
stammt die buntblütige Garten-Primel ab. — • Die dickblättrige 
Garten-Aurikel, die in einer noch viel größern Anzahl von Farben- 
spielarten gezogen wird, ist der Abkömmling eines Bastards, der durch 
Kreuzung zweier Alpen-Primeln entstanden ist. — Eine allgemein be- 
kannte Topfpflanze ist die chinesische Primel (P. sinensis'-). — Über 
den Spiegel stehender Gewässer hebt die AVasserfeder (Hottönia 
palustris"') ihre weißen, oft rosenrot angehauchten Blüten empor, die 
zu weithin sichtbaren Trauben gehäuft und wie die erwähnten 
Schlüsselblumen-Arten „verschieden-grifflig" sind. Sie besitzt gleich 
dem Wasser-Hahnenfuß, der unter den gleichen Bedingungen ge- 
deiht, einen schwachen Stengel mit großen Lufträumen und tief- trucht vom 
. Ackergauch- 

1) elatior. hoch. 2) smoms, chinesisch. 3) Hottönia nach Hottou, einem neu, geoiinet 
Botanilvei- des 17. JaKrli. iii Leyden ; palustris, im Sumpfe wachsend. (vergr.). 




186 



Schlüsselblumengewächse. 




Pfennigkraut. 

geteilte Blätter. Sobald die kalte Jahreszeit eintritt, .sinkt das zarte Gewächs in die 
frostfreie Tiefe; versiegt das Wohngewässer, so bildet es eine Landform mit kurzen 
Stengelgliedern und steifern Blättern. — Unter der Saat und auf Brachäckern 
wächst, der Vogelmiere sehr ähnlich („rote Miere"), der Ackerg-auchheil (Anagällis 
arvensis^; s. Abb. S. 185). Seine kleinen, meist ziegelroten Blüten schließen sich nachts 
und werden zugleich nickend. Die Frucht ist eine zieriiche, kugelförmige Kapsel, 

deren obere Hälfte sich bei der Reife 
wie ein Deckel ablöst. — Auf feuchten 
Wiesen, in Straßengräben und an ähn- 
lichen Orten entfaltet das Pfennigkraut 
(Lysimächia nummuläria") seine großen, 
gelben Blüten. Die Blätter stehen sich 
zu je 2 gegenüber, und je 2 aufeinander 
folgende Paare bilden ein Kreuz. Da 
nun der schw^ache Stengel dem Boden 
dicht aufliegt, so müßte stets eines von 
je 4 Blättern abwärts gerichtet sein. Das 
ist jedoch nicht der Fall. Das betreffende 
Stengelglied macht nämlich eine halbe 
Drehung um seine Längsachse, so daß 
auch dieses Blatt emporgehoben wird. 
Übrigens stellen sich auch alle Blatt- 
stiele senkrecht zum liegenden Stengel, 
und die rundlichen Blattflächen (Pfennig- 
kraut!) sind wagerecht gelagert: alles 
Einrichtungen , die eine möglichst voll- 
kommene Ausnützung des belebenden 
Sonnenlichtes herbeiführen. — Der nächste 
Verwandte des Pflänzchens ist der oft 
mehr als meterhohe GilbTTciderich (L. 
vulgaris'^), der an Flußufein, in AVeiden- 
beständen und an andern nassen Stellen 
gedeiht. — Den Wäldern und IMatten 
der Voralpen verleiht das zierliche 




Alpenveilchen (etwa Vs» nat. Gr.). 



1) anagällis vielleicht von : an-,, wieder und 
agällo, ich mache glänzend; arvensi.t. auf dem 
.\cker wachsend. 2) Lyshnachia nach einem 
Griechen Lysimachos genannt; nummularia 
von m'immulus, kleine Münze (Form der Blät- 
ter). 3) vulgaris, gemein. 



Schlüsselblumengewäclise, Grasnelken. 



187 



AlpenTeilchen (Cyclämen europceum^) einen 
prächtigen Schmuck. Aus dem scheiben- 
förmigen Knollenstamme („Erdscheibe") er- 
heben sich schöngeformte, weißgefleckte 
und unterseits rote Blätter (vgl. mit Wiesen- 
klee und Seerose), sowie zahlreiche nickende, 
rote Blüten von zierlichem Bau und lieb- 
lichem Duft. Die bei uns vornehmlich in 
Töpfen gezogenen Alpenveilchen gehören 
besonders einer persischen Art an (C. per- 
sicum'-) oder sind Bastarde der kultivier- 
ten Formen. 

Glieder einer nahe verwandten 
Pflanzenfamilie sind die Tropenbäume, 
die in ihrem Milchsafte die wichtige Gutta- 
percha liefern und im indisch-malayischen 
Gebiete heimisch sind. Unter ihnen nimmt der 
echte Guttaperchabaum (Palaquium gutta ^) die 
erste Stelle ein. In neuerer Zeit ist auch in dem 
deutschen Teile von Neu-Guinea eine Art ent- 
deckt worden, die zu guten Hoffnungen be- 
rechtigt. Die Guttapercha läßt sich wie der 
ihr sehr ähnliche Kautschuk härten und wird 
daher auch fast wie dieser verwendet. Da sie 
ein sehr schlechter Leiter der Elektrizität ist, 
dient sie besonders zur Umhüllung von 
Kabeln u. dgl. 




G u 1 1 a p r c h a h a, um, 
blühender Zweii»;. 



i K.J-f 



50. Familie. Grasnelken (Plumbaginäceae *). 

Die gemeine (Grasnelke (Armeria vulgaris^) ist eine 
allbekannte Pflanze trockner Grasplätze und andrer der- 
artiger Stellen. Gleich der Steinnelke, die mit ihr vielfach 
die gleichen Standorte bewohnt, besitzt sie eine sehr 
tiefgehende Wurzel (besonders in trocknem Sande!) und 
schmale, grasartige Blätter. Die kleinen, rosafarbenen Blüten 
sind zu kugeligen Blütenständen gehäuft, die von je einem 
hohen Schafte über die Umgebung emporgehoben werden. 
Unterhalb der Blütengemeinschaft stehen einige Hüllblätt- 
chen, deren obere Abschnitte die Blüten vor dem Entfalten 
wie ein Kelch schützend umgeben, und deren untere Ab- 
schnitte zu einer häutigen Scheide .verwachsen sind. Unter- 
sucht man einen jungen Blütenschaft, so findet man, daß 
er unter der Scheide noch weich und zart ist, hier also 
fortgesetzt wachsen und somit den Blütenstand empor- 
heben kann: die Scheide gibt sich demnach als ein Schutz- 
gebilde ohne weiteres zu erkennen. Der trichterförmige 
Kelch bleibt an der Frucht sitzen und bildet einen kleinen 
Fallschirm, der dem Winde beim Ausstreuen der Früciite 
eine große Angriffsfläche darbietet. 




i.) ct/clameti von cyclus, Kreis oder Scheibe; europaeus, euro- 
päiscli. 2) persicus, persisch. 3) Palaquium, Herkimit unbekannt, 
gutta, der Tropfen (?). 4) nach der Gattung Plmnbago. 5) armeria, 
Herkunft unbekannt; vulgaris, gemein. 



Fruchtstand der Gras- 
nelke. Der Wind ver- 
weht einige soeben los- 
gelöste Früchte. H. Hüll- 
blättchen, die unten die 
häutige Scheide S. bilden. 
(Nat. Gr.) Rechts unten 
2 Früchte (vergr.). 



188 



Ölbaum- und Enzian,o;e\vächse. 







51. u. 52. Familie. Ölbaum- und Enziangewächse (Oleäceae^ 
und Gentianäceae ""). 

1. Ölbaumgewächse. Der Flieder (Syringa vulgäris=^), hier und 
da fälschlich auch Holunder genannt, wird als Strauch oder Baum in 

Gärten und Anlagen 
überall gern ange- 
pflanzt. Während er 
bei uns genötigt ist, 
imHerbste die großen, 
herzförmigen Blätter 
abzuwerfen, bleibt er 
in seiner Heimat, 
dem warmen, südösthchen Eu- 
ropa, das ganze Jahr hindurch 
belaubt. Die lilafarbenen, röt- 
hchen oder weißen Blüten 
sind an sich zwar klein; da 
sie aber zu großen Sträußen 
gehäuft sind, einen angenehmen 
Duft besitzen und im untern 
Teile der engen Blütenröhre oft 
mehrere Millimeter hoch im 
Honig angefüllt sind, werden sie trotzdem 
fleißig von Insekten besucht. An dem durch 
Saugen klebrig werdenden Rüssel tragen 
die Besucher den Blütenstaub von Blüte 
zu Blüte und führen, da die Beutel der 
2 Staubblätter und die Narbe im Zugange 
zum Honig stehen, Fremdbestäubung herbei. 
Bleibt Insektenbesuch aus, dann fällt der 
Staub auf die unter den Beuteln stehende 
Narbe, wodurch Selbstbestäubung eintritt. 
Die Frucht ist eine Kapsel. Sie öffnet 
sich bei der Reife mit 2 Klappen, so daß 
der Wind die Samen ausstreuen und ver- 
wehen kann. Letzteres geschieht um so 
eher, als die Samen sehr leichte, flach- 
gedrückte Gebilde darstellen, die zudem 
noch von einem Flügelrande umgeben sind. 
Häufiger jedoch als durch Samen pflanzt 
sich der Flieder durch Schößlinge fort, die sich meist in großer Zahl 
aus dem Boden erheben und ein dichtes Gebüsch bilden. 



BlfilieiKle Zweige der Esclie, von 
denen der eine nocli mehrere 
vorjäln-ige Früchte trägt. Die 
Blüten enthalten: 1. nur Staub- 
blätter. 2. Stempel und Staub- 
blätter. 



1^ s. S. 190, 1. 2) s. S. 190, 3. .S) H-i/riilf/'i von fujn'n.r. Röhre, Pfeile ( weil aus dem Holze Pfeifen 
geschnitten sein sollen?,): vidffafis, gemein. 



Oliven- und J]nziangewäch.sc. 



189 



Noch stärker tritt diese Art der Vermehrung beim Ligfuster oder der ßain- 
weide (Ligüstrum vulgäre^) in die Erscheinung, so daß sich die PfUmze vortreff- 
lich zur Anlage „lebender Hecken" eignet. Die weidenartigen Blätter (Rainweide!) 
sind etwas lederartig. Infolgedessen überdauert an jedem Strauche stets eine 
Anzahl v(tn ihnen selbst den kältesten Winter. Aus den weißen Blüten, die 




Ölbaum. 1. Aufrechtstehender, blühender Zweig. 2. Hängender, fruchttragender 
Zweig. 3. Geöffnete Frucht (etwa 1 Vi mal nat. Gr.). 

nach Bau und Häufung denen des Flieders gleichen, entwickeln sich schwarze 
Beeren, die für zahlreiche Vögel in der kalten .Jahreszeit eine willkommene 
vSpeise bilden. 

Die Esche (Fräxinus excelsior") findet sich in Wäldern und Anlagen als ein oft 
über 30 m hoher Baum mit mächtiger Krone. Sie besitzt unpaarig gefiederte Blätter, 
deren Hauptstiel auf der Oberseite eine deutliche Rinne bildet. Nur da, wo die Fieder- 
blätter entspringen, ist die Rinne geöffnet. Hier tritt das von den Fiederblättern auf- 
gefangene Regenwasser in die Rinne, woselbst es von haar- und .«schildförmigen Zell- 
gruppen aufgesogen wird. Die Bestäubung der Pflanze wird wie bei den meisten 
Waldbäumen durch den Wind vermittelt. Dementsprechend besitzt die Esche sehr 
einfach gebaute Blüten, die sich bereits vor der Entfaltung des Laubes öffnen und 



1) ligufdrum, vielleiclit .,iu Ligurien wachsend"; vulgaris, gemein. 2) fnuiiiun, Esche; 
exc.elsiw, erhaben, hoch, 



190 



Ölbaum- und Enziangewächse. 



entweder nur einen Stempel, oder 2 Staubblätter, oder beide Blütenteile zugleich ent- 
halten. Der Wind besorgt auch die Verbreitung der flachen, geflügelten Früchte. 
Eine Spielart der Esche ist die bekannte Trauere sehe, die wir als ein Sinnbild der 
Trauer (hängende Zweige!) gern auf die Ruhestätten der Toten pflanzen. 

Eines der wichtigsten Gewächse der Mittehneerländer ist der öl- oder Oliven- 
baam (Olea europeea^j, der besonders in den Küstengegenden oft weite Strecken be- 
deckt. Er erreicht ein außergewöhnlich hohes Alter und ähnelt mit seinem dann 
hohlen und vielfach durchbrochenen Stamme, den sparrigen Ästen und schmalen 
Blättern einem Weidenbaume im hohen Grade. Wie das Laub der Orange zeigen 
seine immergrünen Blätter lederartige Beschaffenheit. Da sie zudem unterseits dicht 
mit schuppenförmigen Haaren bedeckt sind, vermag der anspruchslose Baum eine 
monatelange Sommerdürre leicht zu ertragen. Gleich der Ölweide (Elaeägnus^), 
die bei uns vielfach als Ziergehölz angepflanzt wird, erscheint der Ölbaum daher 
grau belaubt, so daß den Olivenhainen das belebende Grün unsrer Wälder fehlt. 
Die weißen Blüten sind zu Trauben oder Rispen geordnet und gleichen ganz denen 
des Ligusters. Die schwarzblauen Steinfrüchte, die etwa die Größe der Schlehe 
besitzen, sind in allen Teilen überaus ölreich. * Sie liefern das wertvolle Oliven- 
oder Baumöl. Die bessern Ölsorten, unter denen wieder das Provenceröl hervorragt 
(so genannt, weil besonders in der Provence gewonnen), erhält man durch gelindes 
Pressen der entsteinten Früchte. Sie dienen vornehmhch als Speiseöle. Die geringern 
Sorten, die man durch Auspressen der ganzen Früchte gewinnt, werden zur Herstellung 
von Seifen oder als Brenn- und Schmieröle verwendet. Auch das feste, schön ge- 
maserte und politurfähige Olivenholz wird hoch geschätzt (Spazierstöcke und andre 
Drechslerarbeiten!). Es ist daher nicht zu verwundern, daß der überaus wichtige Baum 

in den Mittelmeerländern bereits seit dem grauen Altertume 
(.Juden, Griechen) in hohem Ansehen steht. Ein aus seinen 
Zweigen geflochtener Kranz war der Lohn des Siegers in 
den Olympisehen Spielen, und noch heute gilt der Ölzweig 
als ein Sinnbild des Friedens (Taube Noahs!). 

2. Enziangewächse. Die zahlreichen Enzianarten 

(Gentiäna''), die zumeist prächtig blaue Röhrenblüten be- 
sitzen, sind vorwiegend Gebirgspflanzen. Besonders für 
die Alpenmatten bilden sie eine herrliche Zier. DieWurzeln 
der Arten , die einen wirksamen Bitterstoff enthalten, 
werden in der Heilkunde und zur Bereitung des Enzian- 
Branntweins verwendet. — Auf sonnigen, sandigen Triften 
und an ähnlichen Orten entfaltet das Tausendg'üldenkraut 
(Erythrtea centaurium*) seine rosafarbenen Blüten, die sich 
abends zum „Schlafe" schließen. Da alle Teile des zier- 
st liehen Gewächses stark bitter schmecken (Schutzmittel gegen 
Pflanzenfresser!), finden sie eine ähnliche Verwendung wie 
die Enzianwurzeln. 

Glieder nahe verwandter Familien. Am Boden 
lichter Wälder kriecht das Immergrün (Vinca minor') da- 
hin. Das blaublühende Pflänzchen, das auch häufig an 
schattigen Stellen der Gärten angepflanzt A\ird, hat wie der Efeu immergrünes, leder- 
artiges Laub. — Gleiche Blätter finden wir, wie bei zahlreiclien andern Gewächsen 
des Mittelmeergebietes, auch beim Oleander (Nerium oleander"). Dieser stattliche 




Frü hlings-Enzi an 
(G., venia"; verkl.). 



1) olea, Ölbaum; europaeus, turopaisch. 2) zusammengesetzt aus eluia, Ölbaum und ägnos 
Lamm, wegen der Ähnlichkeit mit einem Strauche Südeuropas, in dessen bot. Namen dieses Wort 
enthalten ist. 3j Enzian. 4) erythraea von erythros, rot; centaurium: centum, hundert u. aürum, 
Gold. 5) vinca von vincio, ich binde, schlinge; ininor, kleiner. 6) vernus, im Frülilinge blühend. 
7) nerium vom neugriech. nerö, Wasser (dort wachsend!); oleander, unerkl. 



Ölbaum- und Enziangewächse. 



191 




192 



^Yi ndenge wachse . 



Strauch, der wegen seiner prächiigen Blüten und seines ausdauernden Laubes bei uns 
gern in Kübeln gezogen wird, enthält in allen Teilen ein scharfes Gift. — Weit stärker 
allerdings ist das Gift, das aus den Samen des ostindischen ßrechnußhaiimes (Strj'ch- 

nos nux vömica^) gewonnen wird. In größern Gaben 
dient das „Strychnin" zur Vertilgung von Raubtieren, 
Mäusen und andern Schädlingen; in kleinen Mengen 
dagegen ist es ein wichtiges Heilmittel. 

53. Familie. Windeng-ewächseironvolviiläceae-). 
1. Die Ackerwiiide (Convölvulus arvensis'-). 

1. Ein wiiideiidos rnkraiit. a) Die Acker- 
winde findet sicli als lästiges Unkraut überall 
auf Äckern und in Gärten, wächst ebenso gern 
aber auch an "yV^egen, auf Schutthalden und 
an ähnUchen Stellen. 

b) Ihr dünner, weitverzweigter unterirdischer 
Stamm (Wurzelstock) durchzieht den Boden sehr 
tief und sendet in noch tiefere Erdschichten lange 
Wurzeln hinab. Infolgedessen vermag die zarte 
Pflanze selbst auf dürrem Grunde zu leben und ist 
außerordentlich schwer auszurotten. 

c) Aus dem Stamme erheben sich zahlreiche 
Stengel. Da sie sehr lang und schwach sind, können 
sie nicht einmal die eigene Last, geschweige denn die 

^ der Blätter, Blüten und Früchte tragen. Solange die 
Winde von Nachbargewächsen nicht beschattet wird 
(an Wegen und ähnlichen Orten), bleibt der Stengel 
ohne Nachteil für die Pflanze am Boden liegen. 




i) strychnos, eigentl. NacLtscbatteii . vu.r, Xiiß: vrwio, ich er- 
hreche mich (dient als Brechmittel). 2) convölvulus, Winde (convölvo, 
icl) winde und -nlus. Verkleinerungssilbe); arvensis, auf dem Acker 
wachsend. 







iP ^ W l WA , Tili 






"^^^^^^^0^^^'^^^^^^^ 



Ackerwinde. 1. Stengel, der .sich um eine Getreidepflanze 

gewunden hat. Die BJüten. die er trägt, befinden sich in 

Schlafstellung, 'l. Stengel, der dem Boden aufhegt. 



VVindengewächse. ^Qi^ 

Sobald dies aber geschieht, sucht sie genau wie die Bohne durch Umwinden 
fremder Gegenstände zum Lichte emporzudringen. Dann entfaltetsie auf an- 
gebautem Boden ihre ganze Schädhchkeit: sie umstrickt die Nutzpflanzen, 
zieht das Getreide zum Boden herab und hindert die Halme, die sich iufolsc 
eines heftigen Regengusses „gelagert haben, sich wieder aufzurichten. 

d) Bei allseitiger Belichtung sind die pfeilförmigen Blätter gleich- 
mäßig um den windenden Stengel geordnet; bei einseitiger dagegen ist die 
Blattstellung mannigfach gestört. Letzteres ist besonders deutlich an solchen 
Pflanzen zu beobachten, die dem Boden aufhegen. Da sie nur von oben 
beHchtet werden, haben sich die langen Blattstiele alle senkrecht gestellt, 
so daß die Blatiflächen in einer Ebene ausgebreitet sind. Bringt man den 
Stengel aus seiner Lage, so ändern auch die Blätter ihre Stellung. 

2. Von der Blüte und P'rucht. a) Die langen Blütenstiele, die 
den Blattwinkeln entspringen, machen oft merkwürdige Krümmungen, um 
die Blüten aus dem Blattgewirr herauszuheben. Sie tragen deren 1 — 3 
und ebensoviele Paare wmziger „Hochblätter", die weit unter dem kurzen, 
fünf zipfeligen Kelche stehen. Die große, 
trichterförmige Blumenkrone, die im 
Knospenzustande in Falten gelegt und zu- 
sammengedreht ist, lockt durch bunte Fär- 
bung (weiß oder hellrosa, mit 5 dunkleren 
Streifen) und zarten Duft zahlreiche Insekten 
herbei. Den Besuchern ist jedoch der Honig, 
der von einem orangefarbenen Polster unter 
dem Fruchtknoten abgeschieden wud, nicht 
ohne weiteres zugängig. Die Fäden der 
5 Staubblätter sind nämhch am untern 

Teile, da wo sie mit der Blumenkrone ver- j.,-.^^ ^^^^. Ackerwinde (vergr. 
wachsen sind, so stark verbreitert und legen 

sich weiter oben so dicht an den Griffel, daß nur 5 enge Zugänge 
zum Honig vorhanden sind. An den zusammenstoßenden Seitenwänden 
sind sie aber mit kleinen Stacheln besetzt, vor denen die Insekten ihren 
empfindlichen Rüssel wohl in acht nehmen. Wollen die Tiere Honig saugen, 
so sind sie mithin genötigt, den Rüssel durch eine jener Öffnungen zu 
stecken. Dabei muß sich aber wenigstens jedes größere Insekt mit Blüten- 
staub beladen; denn die violetten Staubbeutel öffnen sich nach außen. 
Streift das Tier den anhaftenden Staub beim Verlassen der Blüte an 
einem der beiden großen und weit gespreizten Narbenäste ab, dann er- 
folgt Selbstbestäubung. Geschieht dies erst beim Besuche einer zweiten 
Blüte, so tritt Fremdbestäubung ein. 

Gegen Abend begibt sich die Blüte wie ihre Bestäuber „zur Ruhe": 
sie schließt sich, indem sie wieder die Knospenlage einnimmt, und hört 
auch auf zu duften. Bei Regenwetter öffnet sie sich gar nicht. 

b) Die Frucht ist eine Kapsel, die sich bei der Reife mit 2 Klappen 
öffnet. Der Wind schüttelt die Samen aus. 

Sohmeil, Lehrhncb der Botanik. 13 




194 



Windengewächse. 



Verwandte. Die Zaun winde (C. sepium*) umspinnt besonders an feuchten 
Orten Büsche und Zäune in dichtem Ge'ndrr. Sie ähnelt der Ackerwinde in allen 
Stücken, ist von dieser u. a. aber leicht durch die großen „Hochblätter" zu unterscheiden, 
die unmittelbar unter dem Kelche stehen. Ihr Hauptboptnuber ist der schmucke Win- 
denschwärmer, 
der mit Eintritt 
der Dämmerung 
zu fliegen be- 
ginnt. Wie bei 

allen Falter- 
lilumen (s. Stein- 
nelke) finden wir 
auch bei ihr den 
Honig in einer 
tiefen Röhre ge- 
borgen (Blüte 
wesentlich größer 
als bei der Acker- 
winde), und wie 
bei allen Blüten, 
die durch Nacht- 
schmetterlinge 
l)estäubt werden, 
zeigt ihre Blu- 
raenkrone eine 
Färbung (schnee- 
weiß), die selbst 
im Dunkeln meist 
noch sichtbar ist. In weiterm Gegensatz zur Ackerwinde ist ihre Blüte — falls nicht 
tiefste Finsternis herrscht — auch in der Nacht geöffnet. — Die Winde, die wir gern 
zur Bekleidung von Lauben u. dgl. verv\-enden, und die uns durch ihre prächtige, wechsel- 
volle Blütenfarbe erfreut, ist die Purpurwinde (Ipomoea purpürea"). Sie stammt aus 
Nordamerika. — Ein" Windengewächs ist auch die Batate oder süße Kartoffel 
(I. batätas'^), deren stärkemehlhaltige Wurzelknollen in allen Tropenländern ein mch- 
tiges Nahrungsmittel bilden. 




Batate oder süße Kartottel 



3. Die Hopfen seide (Cuscüta europsea^). Tafel 21. 

Das Dickicht, das vom Hopfen, von Weiden und Brennesseln ge- 
bildet wild, findet man nicht selten wie mit vielen unentwirrbaren, blaß- 
roten Fäden („Seide") umsponnen. Bei näherm Zusehen erkennt man, 
daß diese Fäden Pflanzen st eng el sind, die zahlreiche Knäuel kleiner 
Blüten tragen, aber der Blätter und selbst des Blattgrüns (bis auf 
geringe Spuren) entbehren. Das ist die seltsame Hopfenseide, die im 



1) septum, riclitiger saepium, der Zäune (Genet. plnr.) 2) ipomoea, \'ieUeicht zusammengesetzt 
ans ips, Wurm und hömoios, ähnlich; purpureus, purpurn (Blute!). 3) batatas, Name der Knollen 
auf Haiti. 4) cuscuta, unerkl., europaeus. europäisch. 



Taf. 21. 1. Hopfenseide an einer Brennessel. 2. Blüten. 3. Ein Stück des Stengels, 
der eine Brennessel umschlungen hat. 4. Stengel an einem Hopfenstengel; 10 mal 
vergr. 5. Keimung; a. keimender Same; b und c. ältere Keimpflanzen, die eine Wirts- 
pflanze „suchen" ; d. Keimpflanze, die einen Stengel der Brennessel einmal umschlungen 
hat und am hintern Ende abstirbt. 



Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



Tafel 21. 




Hopfenseiöe (Cuscuta europaea). 



Windengewächse. 195 

Volksmunde treffend auch „Teufelszwirn", genannt wird. Nun ist aber 
das Blattgrün derjenige Körper, in dem unter Einwirkung des Sonnen- 
lichtes aus Wasser, den aus dem Boden entnommenen Salzen und der 
Kohlensäure der Luft alle die Stoffe (Stärke, Zucker, Zellstoff usw.) bereitet 
werden, aus denen sich die Pflanze aufbaut. Da die Hopfenseide — wie 
erwähnt — kein Blattgrün besitzt, ist sie auch nicht imstande, die zum 
Aufbau und Leben nötigen Stoffe selbst herzustellen. Sie ist daher ge- 
nötigt, sie anderswo herzunehmen. Bei genauerem Zusehen finden wir an 
dem fadenförmigen Stengel zahlreiche kleine Anschwellungen, die sich 
dem Stengel der „Wirtspflanze" eng anschmiegen. Aus der Mitte dieser 
Gebilde erhebt sich je eüi kleiner Zapfen, der die Rinde des umschlungenen 
Htengels durchbricht und bis zu seinem Holzkörper vordringt. Mit Hilfe 
dieser Saugwärzchen entzieht die Hopfenseide wie mit ebenso vielen 
Schröpfköpfen den befallenen Pflanzen alle zum Leben und Wachstum 
nötigen Stoffe: sie nährt sich also auf Kosten andrer Wesen; sie ist 
ein Schmarotzer (Parasit). Dieser Lebensweise entsprechend entbehrt 
sie auch der Wurzeln, wie sie andre Pflanzen besitzen, und fügt den 
von ihr heimgesuchten Gewächsen großen Schaden zu. Ja, es ist nichts 
Seltenes, daß sie die Ernte von Hopfen- und Hanffeldern teilweise oder 
ganz vernichtet. Hat der Schmarotzer bis zum Herbste auf Kosten seines 
Wirtes gelebt, dann stirbt er ab. 

Wie aber kommt er im nächsten Jahre wieder auf andre Pflanzen? 
Die Antwort auf diese Frage erhalten wir leicht, wenn wir im Frühjahre 
einige im Herbst gesammelte Samen auf feuchtgehaltene Erde aussäen. 
Schon nach einigen Tagen sehen wir, wie aus der gesprengten, braunen 
Samenhülle der Keimling hervortritt und ein kleines Stück in den Boden 
wächst. (Ihm fehlen die bei allen Pflanzen der Unterklasse sonst vor- 
handenen beiden Keimblätter. Dasselbe gilt auch für die andern Arten 
der Gattung.) Nach wieder ein paar Tagen hat der Keimling bereits die 
Samenhülle abgeworfen und ist zu einem fadenförmigen Körper heran- 
gewachsen, dessen oberes Ende sich wie die windende Stengelspitze der 
Bohne langsam im Kreise bewegt: der Keimling „sucht" eine Wirtspflanze. 
Hat er eine solche gefunden, so ist sie auch alsbald linkswindend um- 
schlungen. Indem sein unterer Teil nunmehr abstirbt, entwickelt sich 
der obere zum Schmarotzer, wie wir ihn kennen gelernt haben. Gelingt 
es dem Keimlinge nicht, eine Wirtspflanze zu ergreifen, dann geht er — 
da er nicht selbst Baustoffe bereiten kann — nach einiger Zeit zugrunde. 
Da dieser Fall sicher nun sehr oft eintritt, wird uns auch die außer- 
ordenthch große Anzahl der Blüten und die noch weit größere Menge 
der Samen verständlich, die die Hopfenseide hervorbringt; denn je größer 
die Anzahl der Samen ist, desto größer ist für die Pflanze auch die 
Möglichkeit, ihre Art zu erhalten (vgl. mit tierischen Schmarotzern, z. B. 
dem Bandwurm!). 



196 Rauhblättrige Gewäclise. 

Die nächsten Verwandten der Hopfenseide sind gleichfalls Schmarotzer. In 
Klee- und Luzeruefeldern richtet die Kleeseide (C. epithymum^) oft großen Schaden 
an, und Flachsfelder werden von der Flachsseide (C. epilinum-) nicht selten gänzlich 
verwüstet. Durch Abbrennen oder Abmähen der befallenen Pflanzen, bevor die 
Schmarotzor noch Samen angesetzt haben, läßt sich dem tTbel allein Einhalt tun 

54. Familie. Rauhblättrige Gewächse (Borraginäceae'). 

Meist rauhhaarige Pflanzen. Kelch, Blumeukrone und Staubblätter fünfzählig. Frucht 
eine in 4 Teilfrüchtchen zerfallende Spaltfrucht. 

Die Schwarzwurz (Symphytum officinäle*). Tafel 22. 

A. Standort und Wurzel. Die Schwarzwurz ist eine stattliche 
Pflanze (bis 90 cm hoch), die auf nassen Wiesen, besonders aber an den 
Ufern von Gräben und Bächen überall häufig anzutreffen ist. Der kurze 
unterirdische Stamm oder Wurzelstock, ' d. i. der mit Blättern und Blatt- 
resten bedeckte obere Teil des meist ungenau als „Wurzel" bezeichneten 
Gebildes, setzt sich in eine tiefgehende, spindelförmige Wurzel fort. Bei 
altern, großen Exemplaren strahlen an der Stelle, an der beide Teile in- 
einander übergehen, meist noch starke Seitenwurzeln aus, die ebenfalls 
ziemlich senkrecht in den Boden hinabsteigen. Gleich den Tauen, die 
einem im Boden steckenden Fahnenmaste sichern Halt geben, tragen 
auch sie wesentlich dazu bei, die Pflanze fest in der Erde zu verankern. 

Die unterirdischen Teile sind — wie schon der Name andeutet — außen 
schwarz und wurden früher für ein Heilmittel bei Knochenbrüchen gehalten. 
Dieser Verwendung verdankt die Pflanze auch den Namen „Beinwurz". 

B. Sten§:el und Blätter. Aus dem unterirdischen Stamme erheben 
sich ein Büschel „grundständiger" Blätter und ein oder mehrere ver- 
zweigte Stengel, die gleichfalls Blätter tragen. 

1. Belichtung. Obgleich die Stengelglieder nach oben hin immer 
kürzer werden, die Blätter also näher beieinander stehen als am untern 
Stengelabschnitte, werden doch sämtliche Blätter des zum Leben not- 
wendigen Sonnenlichtes teilhaftig; denn sie nehmen erstlich von unten 
nach oben an Größe allmählich ab. Ferner sind die meist eiförmigen 
untern Blätter gestielt, während die lanzettlichen obern der Stiele ent- 
behren, also „sitzend" sind. Und endlich stehen alle Blätter in einer 
deutlichen Schraubenlinie, eine Anordnung, die sich leicht nachweisen 
läßt, wenn man um den Stiel eines der untern Stengelblätter einen Faden 
bindet und diesen zum zweiten, dritten Blatte usw. führt. 



1) epithymtim: epi, auf und th0)ion, Thymian, ani dem die Pflanze gleichfalls schmarotzt. 
2)epüinum: epi, auf und linmi, Flachs. 3) nach der Gattung Bwrago, s. S. 200, Anm. 6. 4) stjtn- 
phytum: sym-, zusammen \xndphyo, ich macbe wachsen (weil die Pflanze das Zuheilen von Wunden 
befördern soU); ofßcinalis, in der Apotheke verwendet. 



Taf. 22. 1. Oberer Teil eines blühenden Zweiges. 2. Oberhaut des Stengels mit 
Borsten; 70 mal vergr. 3. Blüte, längs durchschnitten. 4. Blüte, die von einer Erd- 
hummel angebissen wurde, und an der eine Honigbiene saugt. 5. Unreife u. 6. reife, 
längs durchschnittene Frucht. 7. Teilfrucht. 



Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



Tafel 22. 




Schwarzwurz (Symphytum officinalc). 



Rauhblättrige Gewächse. 197 

2. Wasserableituug. Träufelt man aiif die Blätter eines abge- 
schnittenen Stengels Wasser, so fließt es — von wenigen Tropfen ab- 
gesehen — am untern Stengelende in einem starken Strome ab. Die 
Wasserableitung ist also wie beim Raps eine nach innen gerichtete, eine 
„centripetale", und entspricht der Richtung der mit Saugwurzeln besetzten 
Wurzel. Bedingt wird diese Art des Wasserabflusses dadurch, daß erstens 
die Blätter schräg aufwärts gerichtet am Stengel stehen, daß zweitens 
die Blattflächen sowohl, wie die Blattstiele (soweit vorhanden) die Form 
von Rinnen besitzen, und daß drittens die Blattflächen als Säume an 
den Stielen und am Stengel herablaufen, so daß dieser „geflügelt" er- 
scheint. Die Säume verhindern das Wasser, von den Blattstielen abzu- 
springen, und leiten es an dem Stengel hernieder. 

Bei den grundständigen und untern Stengelblättern ist die äußere 
Hälfte der Blattfläche meist abwärts gebogen. Die auf diesen Abschnitt 
fallenden Regentropfen werden daher auch nicht der Wurzel zugeführt. 

3. Behaarung. Alle grünen Teüe sind dicht mit stacheligen Borsten- 
haaren bedeckt, so daß sich die Pflanze sehr rauh anfühlt („Rauhblättrige 
Gewächse"). Diese Gebilde sind mehr oder weniger rückwärts (dem Boden 
zu) gerichtet und — wie eine schwache mikroskopische Vergrößerung 
zeigt — von doppelter Form: neben sehr großen, mehr geraden finden sich 
kleinere von der Gestalt eines Gemshorns. Da die Wände der Borsten reich- 
lich Kieselerde enthalten, sind sie sehr hart und ihre Spitzen stechend. 

Greifen wir die Pflanze unsanft an, so dringen die größern Borsten 
in die Haut unsrer Hände ein. Um wieviel mehr aber würden die Tiere 
ihre zarte und empfindliche Mundschleimhaut verletzen, wenn sie das 
rauhe Gewächs verzehren wollten! Die großen Pflanzenfresser lassen sich 
hierdurch allerdings nicht zurückschrecken; bringt man aber z. B. eine 
Garten- oder Weinbergschnecke auf den Stengel der Schwarzwurz, so be- 
wegt sich diese sehr unbeholfen fort und verläßt den gefahrvollen Boden 
sobald als mögHch. Die langen, scharfen Borsten bohren sich wie Lanzen- 
spitzen in die weiche Kriechsohle des Tieres ein, und die gemshornartigen 
vermögen sicher schmerzhafte Wunden zu reißen! 

Legt man den Schnecken die Pflanze als Futter vor, so wird sie 
nicht angerührt. Schneidet man aber von einem sonst unverletzten Blatte 
ein Stück ab, dann wird es sofort verzehrt, weil man den Tieren da- 
durch einen Angriffspunkt geschaffen hat. Dasselbe ist an Blatt- oder 
Stengelteilen zu beobachten, die vorher in einem Mörser zerrieben wurden: 
ein deutlicher Beweis, daß nur die Borstenhaare es sind, die die Schnecke 
abhalten, an der Pflanze emporzukriechen oder sie zu verzehren. In den 
stechenden Gebilden haben wir also wichtige Schutzwaffen der Schwarz- 
wurz vor uns. 

C. Blüte. 1. Blütenstand. Der Hauptblütenstiel, der die zahh-eichen 
kurzgestielten Blüten trägt, ist anfänglich spiralig eingerollt („Wickel"). 
Daher müssen die Blüten auch alle nach semer Außenseite gerichtet sein. 
In dem Maße aber, in dem sich die Blüten entfalten, rollt sich der Haupt- 




198 Rauh blättrige Gewächse. 

blütenstiel auf. Da immer mir wenige Blüten geöffnet sind, währt das 
Blühen eine lange Zeit. Infolgedessen werden selbst bei ungünstiger 
Witterung sicher einige von Insekten besucht und bestäubt, und die ober- 
irdischen Teile sterben im Herbste nicht ab, ohne daß die Pflanze eine 
Anzahl von Samen (Nachkommen!) gebildet hat. 

2. Einzelblüte, a) Die geöffnete Blüte ist nach unten geneigt, so 
daß der leicht verderbende Blütenstaub gegen Befeuchtung wohl ge- 
schützt ist. Ein kurzer, fünfzipfeliger und rauhhaariger 
Kelch umschließt die glockenförmige Blumenkrone, 
die sich im vordem Abschnitte etwas erweitert. Sie 
endigt in 5 zurückgebogene, kleine Zipfel und ist bald 
gelblich-weiß, bald rosa bis fast violett gefärbt. Die 
bunte Färbung findet sich jedoch nur an der sicht- 
baren Außenseite, und* zwar wieder nur so weit, als 
Blüten o^rundriß der ^^® nicht vom Kelche verdeckt ist. 
Schwarzwurz. b) Von der Unterlage des Fruchtknotens 

wird der Honig abgeschieden. Da der Griffel sehr 
lang ist, ragt die Narbe weit aus dem Eingange der Blütenglocke 
hervor. Sie wird daher von einem anfliegenden Insekt auch zuerst 
berührt (Fremdbestäubung!). Die 5 Staubblätter sind mit der 
Blumenkrone verwachsen. Ihre Beutel sind nach innen geneigt und 
bilden einen Kegel, dessen Spitze von dem Griffel durchbrochen wird. 
Sie öffnen sich bereits in der Knospe, und zwar nach innen, so daß 
ein Teil des Blütenstaubes in die Spitze des Kegels fällt. 

c) Würde ein Insekt den Rüssel zwischen den Staubfäden hindurch 
zum Honig senken, so könnte es sich nicht mit Staub beladen; der Honig 
würde also nutzlos verloren gehen. Durch eine interessante Einrichtung 
wird dies jedoch verhindert: An der Stelle, an der sich die Blumenglocke 
erweitert, springt ihre Wand in Form von 5 Hohlschuppen nach innen 
vor, die sich wie eine Kuppel als ein zweiter Kegel über die Staubbeutel 
legen. (Vgl. die Schuppen mit Handschuhfingern! Ihre Öffnungen sind 
außen an der Blütenröhre als Eindrücke sichtbar.) Da nun die Schuppen- 
wände mit harten, stacheligen Spitzen besetzt sind (streiche an ihnen mit 
einer Nadel entlang!), hüten sich die Insekten wohl, diese gefährlichen 
Gebilde zu berühren, also zwischen den Staubfäden hindurch zum Honig 
vorzudringen. Sie führen den Rüssel vielmehr an der Spitze der Kuppel 
ein. Dabei müssen sie aber die Staubbeutel auseinander drängen, so daß 
ihnen etwas von dem Blütenstäube auf den Kopf fällt. (Ahme die Tätig- 
keit der Insekten mit Hilfe eines spitzen Bleistiftes nach!) Infolge der 
Anwesenheit der Schuppen wird also nur langrüsseligen Insekten (ge- 
wissen Hummeln und Bienen), die der Pflanze einen Gegendienst leisten 
können, der Honig zugänglich. Mit der Art der Bestäubung hängt es 
auch innig zusammen, daß die Schwarzwurz trocknen, mehlartigen Blüten- 
staub und hängende Blüten besitzt. 

d) Sehr häufig findet man die Blumenkrone von der kurzrüsseligen 



liauhblättrige Gewä(^h«e. 



199 



Erdhummel augebissen, die den süßen Saft auf „ungesetzlichem" Wege 
zu erreichen sucht. Die Löcher benutzt auch die Honigbiene gern, um 
zu saugen. 

D. Frucht. 1. Nach einiger Zeit fällt die Blumenkrone ab. Da sich 
nun — wie oben bemerkt — der Hauptblütenstiel weiter aufroUt, so 
hebt er den bleibenden Kelch mit empor. Ist die Blüte aber vorher be- 
stäubt worden, dann wird der Kelch durch Krümmung seines Stielchens 
wieder nickend. Gleichzeitig wächst er kräftig weiter, und seine Zipfel 
legen sich zusammen. Er wird also zu einem Schutzdache für die sich ent- 
wickelnde Frucht. Ist diese gereift, so daß sie sich von der Mutterpflanze 
trennen muß, dann biegen sich auch die Kelchzipfel wieder auseinander. 

2. Der Fruchtknoten ist bereits zur Blütezeit durch tiefe Spalten in 
4 Teile geschieden, aus deren Mitte sich der Griffel erhebt. Indem die 
Teilung immer vollkommener wird, entwickelt sich die Frucht, die also 
eine Spaltfrucht darstellt, zu 4 Teilfrüchtchen. Diese enthalten je 
einen Samen, sind also Schheß fruchte oder Nüßchen. Die glänzend 
schwarzen Gebilde sind am Grunde ausgehöhlt und besitzen daselbst 
einen weißen, fleischigen Anhang. Ob der Anhang wie der am Samen 
des Veilchens von Ameisen verzehrt wird, also der Verbreitung der 
Pflanze dient, ist mit Sicherheit nicht erwiesen. 



Andre rauhblättrige Gewächse. 

Im schattigen Laubwalde erschließt das Lungenkraut (Pulmonäria ofl'icinälis ^) 
als eine der ersten Frühlingspflanzen seine anfänghch roten, später blauen Blüten, die 
gleich denen der Schlüsselblume verschieden lange Griffel besitzen. Wie zahlreiche 
andre Waldpflanzen ist das Lungenkraut ein zartes Gewächs 
mit verhältnismäßig großen Blättern, die, worauf der Name 
hindeutet, früher als ein Heilmittel gegen Lungenkrankheiten 
galten. Sie sind oft weißfleckig, eine Erscheinung, in der 
wir wie beim Wiesenklee ein Förderungsmittel der Ver- 
dunstung vor uns haben. Daher finden sich solche Blätter 
besonders au Pflanzen, die an sehr schattigen und somit 
feuchten Orten wachsen. — Von ähnlicher Zartheit ist das 
Sumpf- Yerg:ißmeinnicht (Myosötis palustris-), das Uferränder 
und andre nasse Stellen bewohnt. Durch die prächtig 
blauen, mit gelbem Stern geschmückten Blüten hat es sich 
schon von alters her die Zuneigung der Menschen erworben, 
die in ihm ein Sinnbild der Treue und Liebe erblicken 
(Name!). Der „Stern", der die Auffälligkeit der „teller- 
förmigen" Blumenkrone erhöht, wird durch Hohlschuppen 
gebildet. Da diese Gebilde den Eingang der kurzen, auf- 
recht stehenden Blütenröhre stark verengen, so verwehren 
sie den Regentropfen, zu Blütenstaub und Honig vorzu- 
dringen und diese wichtigen Stoffe zu verderben. Zugleich 
nötigen sie die saugenden Insekten, Narbe und Staubbeutel zu berühren. — Die 
zahlreichen Vergißmeinnicht- Arten, die an trocknen oder gar sandigen Orten wachsen, 
haben weit kleinere Blätter und sind viel stärker behaart als die Schatten und 




Blüte vom Sumpf- 
Vergißmeinnicht; 
Längsschnitt (vergr.). 



t) in'dnio, Lunge j pulmonarius, der Longe heilsam; officinalis, in der ApotJieke verwendet. 
2) myosotis, eigentL Mänseohr; palustris, im Sumpfe wachsend. 



200 




Frucht der Hunds- 
zunge in 4 Teilfrücht- 
chen zerfallen (etwa 
3 mal vergr.). Daneben 
2 ankerartige Stacheln 
(stärker vergr.). 




Blüten 
vom Boretsch. 

verwendet werden, häufi 
und zeiclmet sich durch 



Rauhblättrige Gewächse. 

Feuchtigkeit liebenden Formen, ein Zeichen, daß bei ihnen 
die Behaarung nicht nur ein Schutzmittel gegen Tierfraß, 
sondern auch gegen zu starke Wasserdampfabgabe ist. — 
Dasselbe gilt auch von andern Trockenlandbewohnern der 
Familie. Von ihnen seien nur Ochsenzunge, Natterkopf und 
Hundszunge genannt, die an Wegen und ähnhchen trocknen 
Orten häufig anzutreffen sind. Es sind ausdauernde oder 
zweijährige, hohe Pflanzen, die dementsprechend auch sehr 
tiefgehende Wurzeln besitzen. Die Ochsenzung-e (Anchi'isa 
officinalis ^) weiß sich den Verhältnissen ihres Standortes 
insofern vortrefflich anzupassen, als sie auf trocknem Sand- 
l)oden schmälere und stärker behaarte Blätter treibt als z. B. 
im feuchten Talgrunde. Die prächtig blauen Blüten besitzen, 
wie die des Vergißmeinnichts, in der Mitte einen aus Hohl- 
schuppen gebildeten, jedoch weißen Stern. — Der allbekannte, 
stachelhaarige Natterkopf (Echium vulgäre'-) hat gleichfalls 
blaue Blüten. Sie entbehren aber der Schuppen und zeigen 
mit dem Kopfe einer Schlange entfernte Ähnlichkeit (Name!). 
Die weit aus der Blütenröhre hervorragenden Staubblätter 
und der Griffel dienen den saugenden Insekten als „Sitz- 
stangen". — Die braunroten Blüten der Hundszunge (Cyno- 
glössum officinale^) sind wieder mit Hohlschuppen aus- 
gerüstet. Während sie nach Honig duften (Insekten!), riechen 
alle grünen Teile ekelhaft nach Mäusen (Schutzmittel gegen 
Tierfraß 1). Im Gegensatz zu den andern hier erwähnten 
Gliedern der Familie, wird die stattliche Pflanze durch vor- 
Ijeistreifende Tiere verbreitet. Ihre großen Teilfrüchtchen 
sind oberseits mit ankerartigen Stacheln dicht besetzt und 
drängen den Kelch so weit auseinander, daß sie bei der 
Reife vollkommen frei dastehen und sich sehr leicht vom 
Blütenboden ablösen. Wie fest diese „Klettfrüchte" haften, 
kann man leicht an den eigenen Kleidern beobachten. — 
Als bekannte Feldunkräuter sind noch zu erwähnen der 
Ackersteinsanie (Litliospermum arvense*) mit kleinen, weißen 
Blüten und steinähnlichen Samen, sowie der Ackerkrumm- 
hals (Anchüsa arvensis-^), dessen blaue Blüten wie die der 
Ochsenzunge gebaut sind, aber eine gebogene Blütenröhre 
besitzen. — Der Boretsch (Borrägo officinäüs^) wird wegen 
der gurkenartig schmeckenden Blätter, die vielfach als Würze 
g in Gärten angebaut. Er stammt aus dem Mittelmeergebiete 
prächtig Ijlaue Blütensterne aus? 



1) anchusa von äiicho, icJi schnüi-e (die Kehle) zu (?); officinali^, in der Apotheke verwendet. 
2) echiiivi von edm, Natter (s. Text); vulgaris, gemein. 3) cynoglossum : Icynös, des Hundes nnd grWssa, 
Zunge; offtcinalis, s. Anm. 1. 4) lithospermum : lithos, Stein und spernia, Same; arvensis, auf dem 
Acker wachsend. 5) s. Anm. 1 u. 4. 6) horago von borä, Fraß oder von barra, steifes Haar und 
•ago, Endsilbe; ofticinalis, s. Anm. 1. 



Taf. 23. 1. Uater- und oberirdische Teile der Pflanze. 2. Blüte, von vorn gesehen. 

3. Blüte, längs durchschnitten. 4. Blüte, von einer Hummel besucht (s. Anm. S. 2rv4). 

5. Teilfrüchtchen, von dem geöffneten Kelche umgeben. 6. Bin Teilfrüchtchen, 



Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



Tafel 23. 




Weiße Taubnessel (Lamium album) 



Lippenblütler. 201 

55. Familie. Lippenblütler (Labicitae'). 

Pflanzen mit vierkantigem Stengel, gegenständigen Blättern und Lippenblüten. Die 
Blüten besitzen (in der Regel) 2 lange und 2 kurze Staubblätter, sowie einen Frucht- 
knoten, der bei der Reife in 4 Teilfrüchtchen zerfällt. 

Die weiße Taubnessel (Lämium älbum^). Taf. 23. 

Die Taubnessel, die sich an Zäunen und Heclcen, an Wegen, Gräben 
und ähnlichen Orten findet, zählt zu unsern bekanntesten Pflanzen. 
Gibt es doch wohl kaum ein Kind, das aus ihren weißen Blüten mit 
den Hummeln und Bienen nicht schon den süßen Honig genascht hätte 
(„weißer Bienensaug"). Man ist auch genötigt, sich die Pflanze ge- 
nauer anzusehen; denn sie gleicht, bevor sie blüht, täuschend der 
Brennessel, vor deren Brennhaaren sich jeder wohl in acht nimmt. Ihr 
fehlen aber diese giftigen Waffen („Taubnessel"), weshalb sie auch 
von den meisten Weidetieren gern verzehrt wird. Der unangenehme 
Geruch, der ihr entströmt, und die kurze, rauhe Behaarung aller 
grünen Teile sind ihr wenigstens gegen diese Zerstörer kein genügendes 
Schutzmittel. 

A. Blätter. 1. Die Ähnüchkeit mit der Brennessel beruht vor allen 
Dingen in der Form und Stellung der Blätter: sie sind gestielt, eiförmig, 
am Rande sägezähnig eingeschnitten, stehen sich paarweise gegenüber, 
und jedes Paar bildet mit dem vorhergehenden oder nachfolgenden Paare 
ein Kreuz. Infolge dieser Anordnung ist einerseits der Stengel gleichmäßig 
belastet, und andrerseits können die Blätter trotz der verhältnismäßig 
großen Breite doch alle von den Sonnenstrahlen getroffen werden. Aus 
den Achseln besonders der untern Blätter gehen vielfach Seitenzweige her- 
vor. — Wie wir w. u. sehen werden, sind die Wurzeln weit im Boden 
verstreut; wir finden an den Blättern dementsprechend auch keine be- 
sondern Einrichtungen, die eine Ableitung des Regenwassers zu den 
Wurzeln bewirken könnten. 

2. Vergleicht man Taubnesseln, die an schattigen und feuchten Stand- 
orten wachsen, mit solchen trockner und sonniger Stellen, so findet 
man, daß jene stets größere und viel zartere Blätter besitzen als diese. Die 
Verschiedenheit in der Belaubung wird uns sofort verständlich, wenn wir 
bedenken, daß erstem wie den Pflanzen des feuchten Waldbodens ge- 
nügend Feuchtigkeit, aber schwaches Licht, letzt ern dagegen wie allen 
„Sonnenpflanzen" wenig Feuchiigkeit, aber un geschwächtes Licht zur 
Verfügung stehen. Daß wirklich die derbern und meist etwas ge- 
runzelten Blätter der letztern weit weniger Feuchiigkeit an die um- 
gebende Luft abgeben als die Blätter der erstem, läßt sich leicht nach- 
weisen. Man braucht nur je eine dieser Pflanzen abzuschneiden, dann 
wird man finden, daß die Schattenpflanze viel früher welk wird als die 
„Sonnenpflaijze". 



1) von labilem, Lippe. 2) larniuni von laviös, Schlund, Höhle (Blutenform); albun, weiß. 



202 Lippenblütler. 

B. Steug'el. 1. a) Der oberirdische Stengel hat nicht nur die 
eigene Last und die der Blätter zu tragen, sondern muß auch gegen den 
Wind, der die Blätter zur Seite weht und ihn daher selbst biegt, wider- 
standsfähig sein: er muß Trag- und Biegungsfestigkeit besitzen. Wird er 
durch einen Windstoß gebogen, so werden die Stengelteile an der Seite, 
die infolge der Biegung konvex wird, stark ausgedehnt, an der entgegen- 
gesetzten (konkaven) Seite dagegen zusammengedrückt. Die zwischen 
den beiden Seiten liegenden Zellen haben unter der Biegung um so weniger 
zu leiden, je mehr sie der Mitte des Stengels genähert sind. Stellt man 
nun durch den Stengel einen sehr dünnen Querschnitt her, so sieht man 
bei schwacher mikroskopischer Vergrößerung, daß die festesten Teile auch 
in der äußersten Stengelschicht liegen: man erblickt dort vier Stränge, 
die aus Zellen mit (besonders in den Ecken) stark verdickten Wänden 
bestehen. Da diese Zellstränge über den Umfang des Stengels etwas her- 
vortreten, so erscheint dieser vierkantig und zwischen den Kanten 
rinnig vertieft. 

b) Wie jeder Baumeister die größte Festigkeit seines Baues mit 
möghchst wenig Material zu erreichen sucht — man braucht nur an den 

Bau von eisernen Brücken zu denken! — , so 
auch die Natur. Sie vermeidet sorgfältig alles 
Entbehrliche oder gar Überflüssige. Nun haben 
wir gesehen, daß bei der Biegung des Stengels 
die im Innern liegenden Teile um so weniger 
auszuhalten haben, je weiter sie von den 
Seiten entfernt sind. Die in der Mitte liegen- 
den werden dabei überhaupt nicht mehr be- 
ansprucht; sie tragen demnach auch nichts 
zur Festigung des Ganzen bei und können 
Querschnitt durch einen ^^y^^j. g^j^. ^^j^j fehlen. Der Stengel ist also 

Steneel der weißen laub- , i,ji • -r\ !• ^ -j. i. \.^ 

nessel, um die Eckpfeiler zu unbeschadet semer Festigkeit hohl, 
zeigen (etwa 40 mal vergr.). c) Wie ein einfacher Versuch zeigt, ist 

eine lange (Glas-)Rölire weit leichter zu zer- 
brechen als eine kurze. Dasselbe gilt natürlich auch von röhrenförmigen 
Stengeln. Für die Taubnessel ist es daher sicher von Vorteil, daß ihr Stengel 
durch Querwände in mehrere kleine Röhren geteilt ist. Diese Querwände 
liegen in den Knoten der Stengel, an denen die Blätter entspringen. 

d) Vielfach — besonders bei hohen Pflanzen — hegt der untere 
Stengelteil dem Boden auf. Dann brechen aus den Knoten dieses Ab- 
schnittes zumeist Wurzeln hervor, die das schwankende Gewächs am 
Boden mit verankern helfen. 

2. Gräbt man eine Taubnessel aus der Erde, so sieht man, daß die 
überirdischen Stengel aus einem Wurzelstocke hervorgehen. Da dieses 
Gebilde nichts andres als ein unterirdischer Stengel ist, so finden 
wir an ihm auch dieselbe Blattstellung und Verzweigung wie am ober- 
irdischen Stengel. 




Lippenblütler. 203 

a) Die Zweige des unterirdischen Stengels erheben sich entweder 
über den Boden (gehen also in oberirdische Stengel über) oder sie kriechen 
wie der Stengel selbst, von dem sie entspringen, wagerecht in die Erde 
dahin, bilden also unterirdische Ausläufer. Stirbt der Mutterstock ab, 
so werden die Ausläufer selbständig. Die Bildung von Ausläufern ist 
also mit einer Vermehrung der Pflanze gleichbedeutend. Da sich nun die 
Ausläufer wieder verzweigen, wird uns das truppweise Auftreten der 
Taubnessel wohl verständlich. 

b) Die Blätter der unterirdischen Stengel sind schuppenförmig und 
wie diese bleiche, weißliche oder gelbliche Gebilde. Sie schützen die 
im Boden vordringenden Enden der Ausläufer und die in ihren Achseln 
sich bildenden Knospen der Seitenzweige gegen Verletzung. Haben sie 
diese Aufgabe erfüllt, dann sind sie für die Pflanze ohne Bedeutung und 
verschrumpfen. 

c) Aus den Knoten, aber auch von andern Stellen der unterirdischen 
Stengel entspringen zahlreiche fadenförmige Wurzeln. 

C. Blüten. 1. Blütenstand. In den Achseln der obern Blätter 
stehen je 3 — 7 Blüten, an deren Grunde sich meist noch einige borsten- 
förmige Blättchen finden. Da die Blüten auch die Stengelseiten, an 
denen keine Blätter entspringen, meist gänzlich verdecken, so sieht es 
aus, als ob sie in einem Quirle rings um den Stengel ständen. 

2. Lippenblüte. Ein glockenförmiger, fünfzipfeliger Kelch um- 
schließt die weiße, zweiseitig-symmetrische Blumenkrone. Ihr unterer 
Teil ist eine knieförmig gebogene Röhre, deren Seitenwände oben zwei 
in je ein Zähnchen ausgezogene Lappen bilden. Die 
Hinterwand der Röhre, deren Öffnung man mit dem 
Maule eines Tieres vergleichen kann, setzt sich in die 
helmartige Oberlippe, die Vorderwand in die herz- 
förmig ausgeschnittene Unterlippe fort („Lippenblüte"; 
Familienname!). Unter der OberUppe finden sich die 
Beutel der 4 Staubblätter, deren Fäden mit der a -a a 
Röhre z. T. verwachsen sind. Zwischen den Staub- Taifbii° ssel ^'^ 
beuteln hat die zweigespaltene Narbe ihren Platz. 

Der Fruchtknoten (s. Frucht) findet sich im Blütengrunde und ist 
z. T. von der gelappten, graugelben Honigdrüse umgeben. 

3. Hummelblume. Da der Honig am Grunde einer langen Röhre 
abgeschieden wird, ist er nur langrüssehgen Insekten erreichbar. Die 
Schmetterlinge jedoch sind, obgleich sie den längsten Rüssel besitzen, 
wieder ausgeschlossen: schon die großen und steifen Flügel hindern sie, 
so weit in die Blüte einzudringen, als zum Saugen notwendig wäre. Es 
bleiben daher nur die großen Hummelarten übrig, die auch leicht als die 
ausschheßlichen Besucher der Taubnesselblüte festzustehen sind. Wenn 
man das Verhältnis, das hier zwischen Tier und Pflanze besteht, näher 
verfolgt, dann wird man auch zahlreiche Einzelheiten im Bau der Blüte 




204 Lippenblütler. 

verstehen und die Blüte selbst als eine vollendete Hummel blume 
erkennen lernen. 

a) Die blaßgelbe Unterlippe bildet infolge ihrer wagerechten Stellung 
das „Anflugs- und Sitzbrett" der Hummel. Grünliche Punkte und Striche, 
die sich auf ihr und im Eingange zur Blütenröhre finden, werden als 
„Honigmale" gedeutet (s. S. 183, 3). 

b) Die beiden Seitenlappen der Blütenröhre sind genau so weit 
voneinander entfernt, daß Kopf und Brust der saugenden Hummel zwischen 
ihnen Platz haben. 

c) Hat die Hummel die zum Saugen notwendige StelluDg ein- 
genommen, so füllt sie mit der Rückenseite gerade die Höhlung der 
Oberlippe aus,^) oder mit andern Worten: die Entfernung zwischen Unter- 
und Oberlippe entspricht genau der Größe der Bestäuber, und die Ober- 
lippe erscheint gleichsam nach dem Hummelrücken „modelliert". An der 
Unterseite der Oberlippe haben nun aber die Blütenteile — nämhch Narbe 
und Staubbeutel — ihren Platz, deren Berührung für die Bestäubung 
notwendig ist, falls der Besuch des Tieres für die Pflanze nicht wertlos 
sein soll. Zugleich ist die Oberlippe auch ein vortreffliches Regendach 
für den leicht verderbenden Blütenstaub. Am Rande ist sie mit wimper- 
artigen Haaren besetzt, so daß — wie ein Versuch zeigt — die auffallen- 
den Regentropfen verhindert werden, auf die Unterseite überzutreten. 

d) Da der Blüteneingang seitwärts gerichtet ist, muß die Hummel 
auch die zur Bestäubung notwendige Stellung einnehmen. 

e) Dringt sie in die Blüte ein, so wird sie, noch ehe die Staubbeutel 
berührt sind, den Ast der Narbe streifen, der senkrecht nach unten ge- 
stellt ist. Bringt das Tier fremden Blütenstaub mit, dann tritt Fremd- 
bestäubung ein, die für die Fruchtbildung in der Regel v^on besonderm 
Vorteil ist. 

f) Da sich die Staubbeutel nach unten öffnen, muß sich die saugende 
Hummel mit Blütenstaub beladen, und da alle vier in einer Ebene 
liegen, werden sie auch sämtlich der Berührung teilhaftig. Der Platz unter 
der Oberlippe ist allerdings sehr beschränkt. Dementsprechend hegen die 
Staubbeutel auch nicht alle in einer Reihe, sondern paarweise hinterem- 
ander: 2 Staubblätter besitzen längere und 2 kürzere Fäden, eine Eigen- 
tümlichkeit, die wir bei fast allen andern Gliedern der Familie wiederfinden. 

g) Wie oben erwähnt, ist der Honig wegen der Länge der Blüten- 
röhre nur langrüsseligen Hummeln zugängig; kurzrüsselige (darunter auch 
die Honigbiene) suchen ihn wie z. B. aus der Blüte der Schwarzwurz 
durch Einbruch zu erlangen. 

h) Nicht weit von ihrem Unterende ist die Blütenröhre plötzlich ver- 
engt und innen mit einem schräg verlaufenden Ringe feiner Haare 



1) Die in Fig. i dargestellte Hummel hat sich soeben auf der Unterlippe niedergelassen und 
ist im Begriff, zum Honig vorzudringen. Erst wenn sie den Kopf noch tiefer in die Blütenröhre 
senkt, füllt sie die Höhlung der Oberlippe aus. Sie hat an der Rückenseite des Hinterleibes von 
einer andern Pflanze Blütenstaub mitgebracht, kann somit Fremdbestäubung vermitteln. 



Lippenblütler. 205 

ausgerüstet. Schneidet man sie dicht über dieser Stelle quer durch, so 
sieht man, daß der Haarring gleichsam eine Reuse darstellt, die den 
untersten, honiggefüllten Teil der Röhre abschließt. Kleine Insekten, die 
in der Röhre hinabgekrochen sind, können den Haarzaun nicht durch- 
dringen: für den Rüssel der kräftigen Hummel dagegen bildet diese „Saft- 
decke" kein Hindernis. 

Kurz: man kann die Taubnesselblüte betrachten, wie man will, sie 
ist in aHen Stücken ihren Bestäubern aufs innigste „angepaßt". 

D. Frucht. Der Fruchtknoten ist genau wie bei der Schwarzwurz 
gebaut und zerfällt bei der Reife gleichfalls in 4 Teilfrüchtchen. Da 
diese von dem fortwachsenden Kelche fest umschlossen werden, platten 
sie sich gegenseitig ab und steigen, wenn sie sich bei der Reife vom 
Blütenboden lockern, in der Kelchröhre gleichsam empor. Dann genügt 
schon ein leiser Wind, sie aus ihrem Behältnis zu schütteln. Es sind 
olivenfarbene Gebilde mit einem weißen, fleischigen Anhange, über dessen 
Bedeutung aber wie bei den Nüßchen der Schwarzwurz keine sichern 
Beobachtungen vorhegen. (Man bekommt die Früchte am leichtesten zu 
Gesicht, wenn man verblühte Pflanzen in ein Glas mit Wasser stellt.) 

Andi'e Lippenblütler. 

Die Gattung Taubnessel (Lämium^) wird bei uns noch tlurcli drei rotblühende 
Arten vertreten. Eine überaus stattliche Pflanze ist die gefleckte T. (L. maculätum^), 
die der weißblühenden Form sehr ähnlich ist. Sie wächst in Laubwäldern und feuch- 
ten Gebüschen und hat dementsprechend große und zarte Blätter, die zudem häufig 
noch wie die des Wiesenklees weiß gefleckt sind. Die beiden andern rotblühenden 
Arten sind w^eit kleiner und kommen auf bebautem Lande als Unkräuter, sowie an 
Wegen und Hecken überall häufig vor. Sie lassen sich leicht dadurch voneinander 
unterscheiden, daß die eine Form, die stengelumfassende T. (L. amplexicaule"), am 
obern Teile stengelumfassende Blätter besitzt, während bei der andern Art, der roten 
T. (L. purpureum ■*), sämthche Blätter gestielt sind. An der stengelumfassenden Taub- 
nessel finden sich häufig unscheinbare Blüten, die sich ähnlich wie die Sommerblüten 
des Veilchens nie öffnen. — Eine prächtige Frühlingspflanze ist die gelbblühende 
Goldnessel (Galeöbdolon luteum-^). Sie be^wohnt dieselben Örtlichkeiten wie die ge- 
fleckte Taubnessel und ist gleichfalls ein überaus zartes Gewächs. Auch ihre Blätter 
sind oft weiß gefleckt. 

Bereits im April entfaltet der überall häufige (xundermann (Glechöma hederäcea") 
seine zarten, blauen Lippenblüten. Nur die blütentragenden Triebe sind kräftig genug, 
sich aufrecht zu stellen; sonst liegt das Pflänzchen dem Boden auf und schlägt aus 
allen Stengelknoten Wurzeln. Diese Lage wäre für ein Gewächs, dessen Blätter wie 
die aller Lippenblütler kreuzweis gestellt sind, aber sehr ungünstig, wenn nicht ein 
Ausgleich einträte: Die langen Blattstiele stellen sich senkrecht nach oben; die 
Blattflächen nehmen eine wagerechte Lage ein, und die Blätter, die der BlattsteUung 
entsprechend nach unten wachsen würden, sind durch eine Drehung der Stengelglieder 
zur Seite gerückt, so daß sie gleichfalls das Licht aufsuchen können. Wie sehr sich 
die Pflanze den Verhältnissen, unter denen sie gedeiht, anzuschmiegen „versteht", ist 
auch aus folgender Tatsache ersichtlich : An schattigen Orten sind die Blätter oft auf- 



1) s. S. 201, 2. 2) niaculahis, gefleckt. 3) mnplexkaule : amplector, ich nmlasse: caiUis, Stengel. 
4) purpureus, purpurn. 5) galeöbdolon : galee, Wiesel niid bdölos, übler Gerucli (Blätter riechen 
zerrieben schlecht); luteiis, gelb. 6) glechoma von glechon, Minze; hederaceiifi. efeunrtig ^Rlattform). 



206 



ji|)[)L'iil)iritler. 



fallend groß und zart, an sonnigen dagegen viel kleiner und derber. — Eine andre 
bekannte Frühlingspflanze unsrer Wiesen und Laubwälder ist der kriechende Günsel 
(iViüga reptans^). Seine leuchtend blauen Blüten besitzen eine so kurze Oberlippe, 
daß Staubblätter und Narbe weit aus der Röhre hervorragen. Da die „Blütenquirle'' 
aber nur durch kurze Stengelglieder voneinander getrennt sind, werden die Blüten von 

den Blättern, in deren Achseki die Blüten des 
darüber befindlichen „Quirles" stehen, zum Teil 
überdeckt, also gegen Regen geschützt. Am untern 
Teile des aufrechten Stengels entstehen lange 
Ausläufer (Artname!), an denen dieselbe „Korrek- 
tur" der Blattstellung wie beim Gundermann zu 
beobachten ist. Am Ende cler Ausläufer, die im 
Herbste absterben, bilden sich Blattrosetten, aus 
denen im nächsten Frühjahre neue Pflanzen her- 
vorgehen. — Später im Jahre entfaltet an den- 
selben Örtlichkeiten die Brunelle (Brunella vulgaris^) 
ihre violetten Blüten. Obgleich sie verhältnismäßig 
klein sind, erscJioinen sie doch ziemlich auffällig; 
denn sie stellen diclit übereinander, und sowohl iiire 
Kelche, als auch die Blätter, aus deren' Achseln die 
Blüten entspringen, zeigen eine bunte (rotbraune) 
Färbung. Die Früchte werden bei der Reife weit 
aus den Kelchen hervorgeschleudert. 

An Wegen, auf Schutt und an ähnlichen 
Orten macht sich häufig die Schwarznesscl (Ballota 
nigra'') breit. Die der weißen Taubnessel sehr 
ähnliche Pflanze hat aber schmutzig-rote Blüten. — 
An denselben Stellen, wie auch als Unkraut unter 
der Saat findet sich der (gemeine) Hohlzahn (Galeopsis tetrahit*). Die Unterlippe der 
roten Blüten besitzt zwei zahnartige Ausstülpungen, durch die die Hummeln genötigt wer- 
den, den Kopf so in die Blütenöffnung einzuführen, daß die Staubbeutel unbedingt be- 
rührt werden müssen. — Über Wald und Heide, über Feld und Sumpf, über Berg und 
Tal sind die zahlreichen Ziestarten (Stachys'') verbreitet. — Die formenreiche Gattung 
der Minzen (Mentha"), die nur sehr „unvollkommene" Lippenblüten besitzt, liebt das 
Wasser; ilire Glieder wachsen daher am Ufer der Bäche und Flüsse, in Sümpfen, auf 
feuchten Äckern u. dgl. Alle Arten haben einen eigentümlichen Geruch, der wie bei 
der Rose von einem flüchtigen öle herrührt. Das öl wird besonders von der Pfeffer- 
minze (M. piperita') gewonnen, die wahrscheinhch aus dem Mittelmeergebiete stammt 
und hier und da, vorwiegend aber in England und Nordamerika, im großen angebaut 
wird. — Sehr reich an flüchtigen Ölen und daher wertvolle Gewürz- oder Arznei- 
pflanzen sind ferner das Bohnen- oder Pfefferkraut (Satureia hortensis*), der Majoran 
(Origanum maioräna»), der Garten-Tliyniian (Thymus vulgaris i") und der Garten-Salbei 
(Sälvia off icinälis "). Die Heimat dieser allgemein bekannten Pflanzen sind die Länder 
um das Mittelmeer. Das \nelfach als Topfgewächs gezogene Basilienkraut (Ocimum 
basilicum^'-) dagegen stammt aus Ostindien. 

Indem wir uns fragen, welche Bedeutung der große Ölreichtum für 
die Pflanzen hat, wollen wir uns wäeder der Heimat und damit den 




Kriechender Günsel. 
Teil des Blütenstandes. 



1. aiuga, unerlsl. ; reptans, kriechend. 2) brunella, aus dem deutschen „braun" gebildet; -ella, 
Verkieinerungssilbe; vulgaris, gemein. 3) ballota, unerkl.; niger, schwarz. 4) galeopsis: galee, 
Wiesel und 62)Sis, Anblick (Blüte soll einem Wieselkopfe ähneln); tetrahit, unerkl. 5) Ähre (Bluten- 
stand!). 6) Minze. 7) piperita von 2nper, Pfeffer. 8) satureia, unerkl.; hortensis, im Garten wach- 
send. 9) origanon: öros, Berg und gänos, Zierde; maiorana, unerkl. 10) thy mos, ThynV\an; vulgaris, 
gemein. U) salvia von sülvus, gesund (Verwendung!); ofßcinalis, in der Apotlicke verwendet. 
12) ocimiim von ökimos, scharf, würzig; basüinim von hasilkös, königlich (warum?;. 



Lippenblütler. 



207 



3.^^/. 



beiden letzten hier erwähnten Grüedern der großen und wichtigen FamiUe 
zuwenden. Beide sind staxk duftende, ausdauernde Pflanzen, die meist 
an kahlen Berglehnen, auf sandigen Triften, kurz, an trocknen Stellen 
im heißesten Sonnenbrande wachsen. Während der rotblühende Feld- 
Thymian (Thymus serpyllum^) durch niediigen, rasenartigen Wuchs und 
winzige Blätter der Trockenheit seines Standortes vortrefflich angepaßt 
ist, vermag der Wiesen-Salbei (Sälvia pratensis") an diesen Stellen zu 
leben, weil er mit Hilfe sehr langer Wurzeln Feuchtigkeit aus tiefern 
Bodenschichten erwerben kann und durch seine stark gerunzelten Blätter 
wesentlich weniger Wasser verdunstet als Pflanzen mit sonst gleichen, 
aber flach ausgebreiteten Blättern. Ähnliche wasserarme Örtlichkeiten 
bewohnen nun in ihrer Heimat die oben erwähnten Gewürz- und Arznei- 
pflanzen (mit Ausnahme der Minzen), eine Tatsache, die für die Beant- 
wortung der aufgeworfenen Frage nicht unwichtig zu sein scheint. Es 
ist nämhch nachgewiesen, daß Luft, die reich an flüchtigen ölen in 
Dampfform ist, weit weniger Wärmestrahlen durchgehen läßt, als reine 
Luft. Da nun die Pflanzen von einer solchen Dufthülle beständig um- 
geben sind, ist es nicht 
unwahrscheinlich , daß 
wir es in dem sich stetig 

verflüchtigenden öle 
gleichfalls mit einem 
Schutzmittel der Ge- 
wächse gegen zu hohe 
Erwärmung und damit 
gegen zu starke Ver- 
dunstung zu tun haben. 
Der Wiesen -Salbei 
verdient auch noch we- 
gen seiner interessanten 

Bestäubungs weise 
Beachtung. Von den 
4 Staubblättern, wie wir 
sie bei den Lippenbiiit- 
lern regelmäßig finden, 
sind bei ihm (wie bei allen 
Salbeiarten und einigen andern Famüiengliedern) nur die beiden vordem 
vorhanden, die zudem eine sehr merkwürdige Ausbildung erfahren haben: 
Bei den meisten Pflanzen ist der Teil des Staubblattes, der die beiden 
Staubbeutelfächer verbindet, sehr kurz. Bei andern, wie bei dem soeben 
erwähnten Feld-Thymian, ist dieses sog. Mittelband schon breiter, und 
beim Salbei endlich übertrifft es den Staubfaden sogar wesenthch an 
Länge. Es hat hier die Form eines langen Bogens und besteht aus 2 un- 




Bestäubung des Wiesen-Salbei. 1. Zwei Blüten, die 
von je einer Hummel besucht werden: a. jüngere Blüte; 
die Staubbeutelfächer berühren den Rücken des Tieres, 
b. ältere Blüte; die anfliegende Hummel streift mit der. 
blütenstaubbehafteten Stelle des Rückens die Narbe. 
2. Ein Staubblatt, von der Seite, 3. beide Staubblätter, 
von vorn gesehen. 4. Staubblatt des Feld-Thymians 
zum Vergleich. F. Staubfaden. M. Mittelband. B. Staub- 
beutelfächer. 



1) thymus, s. S. 206, lO; serpyllum von i^erpo, ich krieche. 2) salvia, s. S. 20ß, 11; pratensis, 
auf der Wiese wachsend. 



208 |jippenl)lütlei. Rachenhlütlor. 

gleich großen Abschnitten. Der längere Teil trägt ein Staubbeutelfach, 
das in der Oberlippe der azurblauen Blüte geborgen ist. Dem kürzern 
Teile dagegen fehlt das Staubbeutelfach. Er bildet vieiraehr eine löffel- 
artige Platte, die mit der des andern Staubblattes den Eingang zur 
Blütenröhre versperrt. Schickt sich eine Hummel an, die sich auf der 
Unterlippe einer jungen Blüte niedergelassen hat, Honig zu saugen, so 
stößt sie — ein Vorgang, der sich mit Hilfe eines Hölzchens leicht nach- 
ahmen läßt — mit dem Kopfe oder Rüssel gegen die Platten. Da aber 
die bogenförmigen Mittelbänder mit den kurzen Staubfäden durch ein 
Gelenk verbunden sind, werden die Platten nach hinten gedrückt. In- 
folgedessen senkt sich der lange Arm des un gleicharmigen Hebels herab, 
so daß die geöffneten Staubbeutelfächer auf den Rücken der Hummel 
schlagen. FHegt das Tier, mit Blütenstaub beladen, nun zu einer altern 
Blüte, in der die Staubblätter zwar schon verstäubt haben, die zwei- 
gespaltene Narbe sich aber gerade in den Eingang zur Blüte gestellt hat, 
so muß es die Narbe gleichfalls mit dem Rücken berühren, also Fremd- 
bestäubung herbeiführen. Diese eigentümliche Art der Bestäubung macht 
uns auch die verhältnismäßig große Entfernung zwischen Unter- und 
Oberlippe, die mehr als Hummelstärke beträgt, sowie die auffallende 
Schmalheit der Oberlippe verständhch. 

Ein Glied einer nahe verwandten Familie ist das Eisenki-aut (Verbena offi- 
cinälis^), das an Wegrändern und ähnlichen Orten gedeiht. Es trägt kleine, blaue 
Blüten und ist, seinem Standorte entsprechend, ein sparriges, rutenfönuiges Gewächs 
mit schmalen, eingeschnittenen Blättern und tiefgehender Wurzel. Im Altertume schrieb 
man der unscheinbaren Pflanze Wunderkraft zu; so sollte - worauf ihr Name hinweist — 
z. B. Eisen durch nichts so gut gehärtet werden können als durch sie. — Die präch- 
tigen Verbenen unsrer Gärten sind Abkömmlinge einer südamerikanischen Art. 

56. Familie. Rachenblütler (Scrophulariäceae ^). 

Pflanzen mit gegen- oder wechselständigen Blättern; Blüte meist eineRachenblüte(s.w.u.); 
meist 2 lange und 2 kurze Staubblätter; Frucht stets eine zweifächerige Kapsel. 

Das Leinkraut oder der Frauenflaclis (Linäria vulgaris^). Taf. 24. 

1. Auf Sandboden und an andern unfruchtbaren Örtlichkeiten ist die 
zierliche Pflanze fast überall häufig anzutreffen. 'Je nachdem sie unter 
größerm oder geringerm Wassermangel zu leiden hat, senkt sie den 
viel verzweigten unterirdischen Stamm (Wurzelstock) samt den Wurzeln, 
die von ihm ausgehen, mehr oder weniger tief in den Boden. Auch in 
den schmalen, mit einer Wachsschicht überzogenen Blättern besitzt sie 



1) verbena, Kraut; officinalis, in der Apotheke verwendet. 2) von scropJmlaria, s. S.210, Anin.2. 
3) linaria von linum, Lein, s. Text; vulgaris, gemein. 



Taf. 24. 1. Stengel mit Blüten. 2. Blüte, von einer Honig saugenden Hummel besucht. 
3. Blüte, längs durchschnitten. 4. Blüte mit angebissenem Sporn. 5. Blüte mit einer 
„Einbruch" verübenden Honigbiene. 6. Frucht, geöffnet. 7. Frucht, bei Regenwetter 

geschlossen. 8. Same. 



Schmeils Naturwissenschaftliches Unterrichtswerk. 




Leinkraut oöer Frauenflachs (Linaria vulgaris). 




Rachenblütler. 209 

ein wichtiges Schutzmittel gegen zu starken Wasserverlust. Da sich 
schmale Blätter gegenseitig nur wenig beschatten, können die aufrechten 
Stengel und deren Zweige auch eine große Anzahl von ihnen tragen. 
Durch diese zahlreichen schmalen und langen Blätter erhält die Pflanze, 
bevor sie blüht, eine große Ähnlichkeit mit dem Lein oder Flachs, eine 
Tatsache, die die oben angegebenen Namen hinreichend erklärt. 

2. Aus den Achseln der obern, kleinen Blätter entspringen die kurz- 
gestielten, zierlichen, gelben Blüten, die zusammen eine weithin sicht- 
bare Traube bilden. Sie sind denen der Taubnessel außerordentlich ähn- 
lich und gleichfalls vollendete Hummelblumen. Der mittlere Abschnitt 
der dreigespaltenen Unterlippe, dessen Orangefarbe als „Saftmal" gedeutet 
wird, ist aber kissenförmig angeschwollen und legt 
sich dicht und fest an die zweispaltige Oberlippe. 
Während kleinere Insekten diesen Verschluß nicht 
öffnen, den Honig also nicht erreichen können, ist 
dies den großen, kräftigen Hummelarten ein leichtes: 
Sie lassen sich auf der Unterlippe nieder und kriechen 
soweit als möglich in den sich öffnenden „Blüten- 
rachen" („Rachenblütler". Die Pflanze heißt sehr be- Blütenm-undriß vom 
zeichnend auch „Feld-Löwenmaul".) Da die Hummeln Leinkraute, 
infolge ihrer Größe hierbei die Blütenröhre vollkommen 

ausfüllen, sind sie auch die gewiesenen Bestäubungsvermittler. Ihnen 
allein ist daher auch der Honig zugänglich. Er wird von der Unterlage 
des Fruchtknotens abgeschieden, fließt aber in einen langen Sporn hinab, 
zu dem der untere Teil der Blütenröhre ausgezogen ist. Wie man leicht 
sehen kann, wenn man eine Blüte gegen das Licht hält, ist der Sporn 
oft bis zur Hälfte mit dem süßen Safte angefüllt. Die vom Honiggenuß 
ausgeschlossenen kurzrüsseligen Hautflügler verüben allerdings sehr 
häufig „Einbruch". 

3. Hinsichtlich der Frucht dagegen unterscheidet sich das Leinkraut 
wesentlich von der Taubnessel: Sie ist eine Kapsel, die sich bei der Reife 
im obern Teile mit 6 unregelmäßigen Zähnen öffnet. Der Wind schüttelt 
dann die zahlreichen Samen aus. Da sie rings von je einem Hautrande 
umgeben sind, können sie weit verweht werden. Bei Eintritt feuchter 
Witterung schließt sich, wie wir dies bereits bei zahlreichen andern 
Pflanzen kennen gelernt haben, die Kapsel wieder. 

Andre Rachenblütler. 

1. An Felsen und auf altem ]\Iauerwerke siedelt sich gern das efeublättrige Lein- 
kraut (L. cymbaläria^) an, das aus Südeuropa eingewandert ist. Das überaus zier- 
liche Pflänzchen hat schwache, kriechende Stengel, fünflappige Blätter \\ae der Efeu 
und violette Blüten, die von langen Stielen in das Licht gerückt werden. Nach dem 
Verblühen aber krümmen sich die Blütenstiele abwärts, so daß die reifenden Kapseln 
der Unterlage zugewendet werden. Infolgedessen gelangen die ausfallenden Samen 



1) cy)nbalaria von cyiiibalum. ein beckeiiartiges Musikinstriinunit (Form iler Blätter?;. 
Schmeil, Lelirbuch der Botanik. 1* 



210 



Raclieiiblütler. 



in Fclsenspalteii und Mauenitzen, also an Orte, au denen der Keimling die zum 
Leben notwendige Erdmenge findet. — Gleichfalls aus Südeuropa ist das Löwen- 
maal (Anthirrhinum majus^) zu uns gekommen, das in fast zahllosen Farben- 
spielarten eine unsrer bekanntesten Zierpflanzen ist. — Kurze Röhrenblüten mit 

kleinen Lippen besitzt die knotig^e 
Braunwurz (Scrophuläria nodosa"), die 
feuchte Stellen liebt und sich in Wäl- 
dern, Gebüschen und an Hecken findet. 
Den Verhältnissen ihrer Standorte ent- 
sprechen die großen und zarten Blätter. 
Die allbekannte Pflanze trägt ihren 
Namen nach dem knotigen Wurzel- 
stocke und nach den braunen Blüten, 
die vorwiegend von Wespen besucht 
und bestäubt werden. 

Der rote Fing-erliut (Digitalis pur- 
püt-ea") bewohnt Gebirgsgegenden. Dort 
schmückt er besonders Waldblößen mit 
seinen prächtigen, einseitswendigen 
Blütentrauben. Die großen, purpurroten 
Blüten stellen hängende Glocken dar. 
Nachdem die Blumenkrone abgefallen 
ist, richten sich die Blütenstiele wieder 
empor, so daß die am obern Teile sich 
öffnenden Früchte aufrecht gestellt 
sind. Infolgedessen fallen die zahlreichen 
kleinen Samen nicht — wie es sonst 
der Fall sein würde — sämtlich in 
nächster Nähe der Pflanze zu Boden, 
sondern können durch Windstöße leicht 
über einen großen Umki'eis verstreut 
werden. Alle Teile des stolzen Ge- 
wächses enthalten ein sehr heftiges 
Gift (Digitalin), das Weidetiere vom 
Verzehren der grünen Teile abhält, uns 
aber als wirksames Heilmittel, vorzüg- 
lich bei Herzkrankheiten, dient. 

2. Zahlreiche andre Glieder 
der formenreichen Familie be- 
sitzen Blüten, die einige Ähn- 
lichkeit mit einem Rade haben: 
Die kurze Blütenröhre (Nabe!) 
breitet sich in einen Saum aus, 
der in 4 oder 5 Abschnitte (Spei- 
chen!) gespalten ist. Blüten dieser 
Art finden wir z. B. bei den 




Lfeublättriges Leinkraut. 



1) antirrhinum: anti, anstatt, ähnlich und rhines, Nase (Frucht soll einem Kopfe mit einer 
N'ase ähneln !) ; maius, größer, groß. 2) scrophuläria von scrcqjhulae, Drüsenanschwellungen, Skrofeln, 
weil dagegen angewendet; nodosiis, mit Knoten. 3) digitalis, Fingerhut; purpureus, purjjurn. 



Taf. 25. ]. Pflanze im Regen. 2. Blütenstand. 3. Blüte. 4. Frucht, geöffnet. 5, Same. 

6. Haarfilz, 50 mal vergr. 



Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



Tafel 25. 




Echte Königskerze (Verbascum thapsus) 



Hachenhlütler. 



211 



Königskerzen (Vorbäscum^), die in zahlreichen Arten zumeist steinige, 
sonnige Orte bewohnen. Eine der am häufigsten vorkommenden Formen 
ist die echte K. (V. thapsus-; Taf. 25), die nicht selten eine Höhe von 
lV-2 m erreicht und gewöhnlich die Gestalt einer regelmäßigen Pyramide 
aufweist (Belichtung!). Die Spitze der Pyramide wird von dem kerzen- 
artigen Blütenstande gebildet, der aus zahlreichen leuchtend gelben 
Blüten zusammengesetzt ist. Da sich die braunen Fruchtkapseln bei 
der Reife im obern Teile öffnen, vermag der Wind, der den hohen, 
elastischen Stengel erschüttert (Schleuder!), die 
vielen kleinen und gefurchten Samen leicht 
über einen weiten Bezirk zu verstreuen. Die 
grünen Teile der stattlichen Pflanze sind so 
dicht mit Haaren bedeckt, daß sie sich wie 
Filz anfühlen („Wollkraut"). Auf der Schleim- 
haut des Mundes verursachen die Haare ein 
lästiges Jucken und Kratzen. Darum hüten 
sich Weidetiere auch, die Pflanze zu berühren. 
Bei mikroskopischer Betrachtung geben sich die 
Haare als Gebilde zu erkennen, die wie Tannen- 
bäumchen verzweigt sind. Sie verhindern daher 
auch in vortrefflicher Weise, eine zu schnelle 
Erneuerung der Luftschicht, von der die Pflanze 
umgeben wird, und damit eine 
zu starke Verdunstung des 
Wassers. Dieser Schutz ist um 
so wichtiger, als die Pflanze 
auf sehr trocknem Boden 
wächst. An den besonders 
schutzbedürftigen, jungen Blät- 
tern und an denen der Rosette, 
die den „trocknen" W^inter (s. 
S. 465) überstehen müssen, ist 
der Haarüberzug so dick, daß 
sie wie aus Filz geschnitten erscheinen. Wie 
außerordentlich wirksam dieser Verdunstungs- 
schutz ist, geht auch daraus hervor, daß die 
Pflanze im Gegensatz zu zahlreichen kleinblätt- 
rigen Gewächsen derselben Standorte geradezu 
auffallend große Blätter besitzt. Beobachtet man 
die Königskerze während eines heftigen Regens, 
so sieht man, wie fast alles Wasser, das auf die 
Blätter fällt, nach der IVIitte der Pflanze zu ab- 
fließt. Dementsprechend senkt sich auch die 





ütentraube 
des roten 
Finger- 
hutes. 



1) verbascum, Königskerze. 2) Vielleicht jiack einer lusel oder eiiieui Flusse namens Thapsus. 



212 



Raclieiililütler. 




kräftige Wurzel fast unverzweigt tief in den Boden. Die Richtung, die 
die Blätter zum Stengel einnehmen, scheint dieser Art der Wasserableitung 
aber nur teilweise zu entsprechen. Zwei Drittel der Blattfläche sind aller- 
dings schräg aufwärts gestellt. Das äußere Drittel aber ist schräg nach 
unten gerichtet, so daß von ihm das Wasser nach außen abgeleitet wird. 
Es tropft aber auf das darunter stehende größere Blatt, und zwar auf 
dessen aufwärts gerichteten Aljschnitt. Daher fließt es gleichfalls dem 

Stengel und damit der Wurzel 
zu, geht also der Pflanze nicht 
verloren. Die untersten Blätter 
können das Wasser selbstver- 
ständlich nicht auf andre Blätter 
ableiten. Auch wenn die Pflanze 
älter und die Blattrichtung viel- 

„,.., ., 1 VI • ri- fach gestört wird, ist dieser Vor- 

Bluten vom bamander-Ehrenprejs. Die • u^ v! j ^.r i, 

Blüte rechts wird soeben durch eine Schweh- g^ng nicht mehr deutlich zu 

fliege bestäubt. (Etwa .3 mal nat. Gr.) beobachten. 

Ebenfall.«^ radförmine Blüten, aber nur mit 2 Staubblättern, besitzen die zahl- 
eichen Arten der Gattung Ehrenpreis (Verönica*). von denen hier nur die verl)reitet- 
sten erwähnt werden können. Auf Wiesen und an ähnlichen 
Orten wächst der Gamauder-E. (V. chamä'dr3's'-), der an den 
zweireihig behaarten vStengeln leicht zu erkennen ist. Träufelt 
man Wasser auf eins der sitzenden Blätter, so sieht man, wie es 
\on den Haarreihen zum Erdboden abgeleitet wird. Die Haare 
saugen das Wasser also ähnlich wie das Löschblatt die Tinte ein. 
Sie sorgen mithin dafür, daß die Blattfläche, wenn, sie von Regen 
oder Tau benetzt ist, bald wieder trocknet, so daß ihre Arbeiten 
nicht lange unterbrochen werden. Die prächtig blauen Blüten sind 
zu Trauben gehäuft, werden daher trotz ihrer Kleinheit weithin 
sichtbar. Besonders zahlreich stellen sich zierliche Schwebfliegen 
ein, die zumeist den untern Zipfel des Blumenkronensaumes als 
Antlugsplatz benutzen. Daliei drücken sie den Griffel herab und 
ergreifen die drehbaren Staubfäden, so daß auch deren Beutel 

mit der Unterseite ihres Körpers in 
Berührung kommen. Da die fjlumen- 
kronen sehr leicht abfallen, hat 
das Volk dem zierlichen Pflänzlein 
den Spottnamen „Männertreu" bei- 
gelegt. — Im Frühjahre findet sich 
besonders unter der Saat der Efcxi-E. 
(V. hederifölia") mit einzeln stehen- 
den, blaßblauen Blüten und efeu- 
ähnlichen Blättern. — Ein Be- 
wohner von Bächen und Gräben 
dagegen ist der Uachbuiig'en-E. 

1) Vielleicht zu Eliren der hl. Vero- 
Tiiea benannt. 2) cliamaedrys : chamai, 
nni (lerErdeunddrys. Eiche (also Pflanze, 
die an der Erde wächst und Blätter wie 
die Eiche besitzt). 3) hederifolia : hklera. 
Efeu und föliiim, Blatt. 





vfci-iii^^-r ^-ä 



Großer Klappertopf. 1. Blühender und 
fruchttragender Stengel. 2. Wurzeln mit Saug- 
wärzchen. 3. Same (verkl.). 



Rachoiililütler. 



213 



3Äi 



(V. heccalu'iiiga'), der seinem Standorte entsprechend dicke, saftstrotzende Blätter 
wie die Sumpf-Üotterhlunie besitzt. 

3. Die folgenden Rachenblütler haben wieder deutlich zweilippige 
Blüten wie das Leinkraut und seine nächsten Verwandten, unterscheiden 
sich von diesen u. a. aber wesentlich dadurch, daß sie 
sämtlich Wuizelschmarotzer sind. Nimmt man z. B. eine 
Pflanze des gTOßeii Klappertopfes (Alectorölophus mäior"-) 
vorsichtig aus dem Boden, so staunt man, wie ein Ge- 
wächs, das bis ^{^ m hoch wird, mit so gering ent- 
wickeltem Wurzelwerke „auskommen" kann. Bei nälierm 
Zusehen findet man aber an den Wurzeln zahlreiche 
2 bis 3 mm große Wärzchen, die den Wurzeln der 
Nachbarpflanzen anliegen und diesen Nahrungsstoffe ent- 
ziehen. Infolgedessen sieht man häufig auf Wiesen, 
auf denen der Klappertopf in großen Trupps auftritt, wie 

die Gräser um ihn absterben. 
Da er aber grüne Blätter 
hat, vermag er einen großen 
Teil der zum Leben und 
Wachstum nötigen Stoffe 
selbst zu bereiten: er ist nur 
ein „Halbschmarotzer". Die 
gelbe Blüte, deren Oberlippe 
zwei blaue Zähnchen besitzt, 
ist von einem blasigen Kelche 
umgeben. Er umhüllt auch 
die Frucht und dient in erster 
Linie als ein Windfang: In- 
dem er nämlich leicht vom 
Winde geschüttelt wird, wer- 
den auch die Kapseln hin und 
her bewegt. Dadurch werden 
aber die Samen, die in den 
Kapseln bei Erschütterungen 
klappern (Name!), heraus ge- 
schleudert und, weil von einer 
Flughaut umgeben, meist 
weithin verweht. 

Mit dem Klappertopfe tiitt auf 
Wiesen und Matten zumeist auch 
der Aug-entrCst (Euphräsia^) in 
großen Mengen auf. Er fügt aber dem Landmanne, der ihn hier und da als „Miich- 
dieb" bezeichnet, gleich den andern Halbschmarotzern sicher nur geringen Schaden 

1) beccabimga wohl atis dem deutschen Worte „Bacbbunge'', das unbekannter Herkunft ist, ent- 
standen. 2) alecforolojiJitis : aUktor, 11-a\u\ und Tnphos. 'Kmnw, iiiaior, großer, groß. Hi Knihsinn, 
wegen der freundlichen Blüten oder weil lleilpllanze. 




Scliuppenwurz. Blüiieude Pflanze 



214 



Uacheiihlütler. 




Sommerwurz, auf der Wur- 
zel der Pferde- oder Saubohne 
schmarotzend (verkl.). 




nnnnnn 



Blatt der Bärenklau und das Kapital einer 
korinthischen Säule mit Acanthusblättern. 



zu. Von der zierhchen. weißblühenden Art, 
dem g'emeinen Au. (B. officinälis^), der früher 
als Heilmittel gegen Augenleiden galt, führt 
die Gattung den Namen. Der größere rote 
Au. (E. odontites") kommt als Unkraut häufig 
auch auf feuchten Äckern vor. — Auf torfigen 
Wiesen wächst in mehreren Arten das Läuse- 
kraut (Pediculäris'') mit zierlich zerteilten 
Blättern und meist roten Rachenblüten. Die 
niedliche Pflanze ist zu dem unschönen 
Namen gekommen, weil man eine Abkochung 
von ihr früher gegen das Ungeziefer der 
Haustiere anwendete. — An lichten Stellen 
der Laubwälder und in Gebüschen findet .sich der 
Hain-AVachtelweizen (Melampyrum nemorösum^). Da 
die Blätter, in deren Achseln die gelben Blüten stehen, 
wie Blumenblätter bunt und zwar prächtig blau gefärbt 
sind, wird die Auffälligkeit der schönen Pflanze wesent- 
lich erhöht. Dem >Viesen-W. (M. pratense''), der auf 
Wakhviesen und an andern etwas feuchten Stellen der 
^^"ä]der häufig vorkommt, fehlt die Doppelfärbung. 
Beide Arten schmarotzen auf den Wurzeln mehrerer 
Bäume und Sträucher; die letztgenannte Form ist von 

ihren Wirten sogar so 
abhängig, daß sie ohne 
diese nicht zur Blüten- 
entwicklung gelangt. Die 
Samen beider Pflanzen 
werden wie die des Veil- 
chens gern von Ameisen 
verschleppt; die weizen- 
kornähnlichen Gebilde 
(Name!) haben nämlich 
einen sackartigen An- 
hang, der mit Teilen der 

Samenschale diesen 
Tieren als willkommene 
Speise dient. 

-t. Im Gegensatz zu 
diesen „Halbschmarot- 
zern" besitzt die Schup- 
penwurz (Lathrä:>a squa- 
märia«; s. Abb. S. 213) 
kein Blattgrün. Daher 
ist sie wie die Hopfen- 
seide genötigt, sich voll- 
kommen von andernPflan- 
zen ernähren zu lassen. 
Sie lebt unterirdisch auf 
den ^^'urzeln zahlreicher 
Bäume und Sträueher, 




1) ofßcmalis, in der Apotheke verwendet. 2) odontites, von odils. Zahn (Gen. odunfos), als 
Mittel gegen Zalmsclimerz verwendet. 3) von 2)ediculus, Laus. 4) melampyrum: melas, schwarz 
uaä. pyrös, Weizen; nemorosus, im Haine wachsend. ,5) pratensis, auf der Wiese wachsend. 6) la- 
thraea von lathraios, verborgen; squamaria von squäma, Schuppe. 



Rachenblütler 



besonders der Erle, Buche 
und Haselnuß, denen sie 
durch Saugwar/en die zum 
Leben und Aufbau nötigen 
Stoffe entzieht. Der knollen- 
förmige Stamm und seine 
Zweige sind dicht mit schup- 
penartigen Blättern (Name!) 
besetzt, die — wie man auf 
einem Durchschnitte sehen 
kann — innen je einen 
Hohlraum besitzen. Da dieser 
Raum mit der Außenwelt in 
Verbindung steht, und da man 
in ihm vielfach Reste sehr 
kleiner Tiere findet, glaubte 
man früher, daß das seltsame 
Gewächs nicht nur ein Schma- 
rotzer, sondern auch eine 
tierfressende Pflanze wie 
z. B. der Sonnentau sei. 
Diese Vermutung hat sich 
jedoch als irrig erwiesen. Im 
Frühjahre erhebt die Schup- 
pen würz die mit rötlichen 
Blättern und einseits wen- 
digen, rachenförmigen Blüten 
dicht besetzten Stengel über 
den Boden. Sind die etwa 
mohnkorngroßen Samen aus 
der sich öffnenden saftigen 
Kapsel herausgefallen, dann 
gehen die oberirdischen Teile 
zugrunde, so daß sich die 
Pflanze gleichsam wieder in 
den Boden zurückzieht. Die 
Samen sind mit einem flei- 
schigen Anhange versehen, 
der von gewissen Ameisen 
mit Vorliebe verzehrt wird. 
Indem die Tierchen die Samen 
verschleppen, wird der inter- 
essante Schmarotzer ähnlich 
wie das Veilchen weiter 
verbreitet. 




Wasserschlauch. 1. Blühende Pflanze, von der nur ein 
Zweig vollständig gezeichnet ist (etwa ^1^ nat. Gr.). 2. Blatt 
mit Blase (2 mal vergr.). 3. u. 4, Blase von außen und 
im Durchschnitte (etwa 10 mal vergr.). In der Blase 
(Fig. 4) ein bereits stark zersetzter Ruderfußkrebs (Cy- 
clops), ein Wasserfloh (Daphnia) und ein Aufgußtierchen. 

Glieder nahestehender Familien. Eine ganz ähnliche Lebensweise wie die 
Schuppenwurz führt die Sommerwurz (Orobänche^), die in vielen schwer zu unter- 
scheidenden Arten auf den Wurzeln der verschiedensten Pflanzen schmarotzt (z. B. 
auf Klee, Hanf, Thymian u. v. a.). Von dem untern, knollenförmigen Teile des unter- 
irdischen Stammes, der mit schuppenförmigen Blättern besetzt ist, gehen zahlreiche 
Wurzeln aus, die mit denen der Nährpflanze in Verbindung stehen. Älit Beginn oder 
während des Sommers (Name !) wächst die Gipfelknospe des Stammes zu einem Stengel 
aus, der sich über den Boden erhebt und eine Anzahl meist bunter Rachenblüten trägt. 

1) Aus örobos. Erbse und äncho, ich erwürge zusauimengesetzt. 



216 Wassersclilauchgewäehse. Nachtschattengewächse. 

Eine andre, den Rachenblütlern nahe stehende Pflanze ist die echte Bärenklau 

(Acänthus^; s. Abb. S. 214), die in Südeuropa heimisch ist, bei uns aber öfter als Zier- 
pflanze angebaut wird. Die tief eingebuchteten, schön geformten Blätter dienen seit 
den Zeiten der alten Griechen besonders in der Bildhauerkunst als vielbenutztes Vorbild. 



57. Familie. Wasserschlauchgewächse (Lentibulariciceae'-). 

Aus dem Wasser der Teiche, Tümpel und Gräben ragen in den Sommermonaten 
nicht selten die prächtigen, gelben „Lippeublüten" des Wasserschlauches (ütriculäria 
\Tilgäris"; s. Abb. S. 215) hervor. Die Pflanze, die sich durch ihren Blütenbau als nahe Ver- 
wandte der Rachenblütler zu erkennen gibt, schwebt ohne Wurzeln frei im Wasser, bewohnt 
daher nur stehende Gewässer und hat wie der Wasserhahnenfuß fein zerteilte Blätter. 
Einzelne Blattzipfel sind aber zu eigentümlichen Blasen oder kurzen Schläuchen um- 
gewandelt, nacli denen die Pflanze den Namen führt. Sie besitzen etwa die Größe von 
Pfefferkörnern und stellen Tierfallen dar. In das Innere jeder Blase führt eine Öffnung 
die durch eine Klappe verschlossen und von zahlreichen kleinen und zwei verzweigten, 
größern Borsten umstellt ist. Da mehrere dieser Borsten Zucker und Schleim ausscheiden, 
werden Wasserinsekten und niedere lüebse (s. Lehrbuch der Zoologie) angelockt. 
Stößt einer der Näscher gegen die Klappe, so öffnet sie sich nach innen. Dringen die 
Tierchen, wie dies vielfach geschieht, in die Blase ein, so können sie diese aber nicht 
wieder verlassen; denn die Klappe schlägt gegen ein Widerlager, öffnet sich also nicht 
nach außen. Nach einigen Tagen verenden die Gefangenen; die Verwesungsstoffe aber 
werden — ähnlich wie beim Sonnentau — von der Pflanze aufgesogen und zum 
Aufbau ihres Körpers verwendet. 

Eine andre „insektenfressende Pflanze" ist das nied- 
liche Fettkraut (Pinguicula vulgaris^; Taf. 8, 6), das hier 
und da auf sumpfigen Wiesen, besonders in Gebirgsgegenden, 
anzutreffen ist. Aus einer dem Boden aufliegenden Rosette, 
die aus hellgrünen, fleischigen Blättern gebildet wird, erheben 
sich auf langen Stielen die zierlichen, violetten „Rachen- 
blüten"'. Die Blätter sind an den Seitenrändern etwas auf- 
Fettkraut. Teil von gebogen und an der Oberfläche mit zahlreichen gestielten 
einem Blatte (im Durch- Drüsen bedeckt, die einen klebrigen Saft ausscheiden. Kleine 
sehn.), auf dem sich eine Insekten, die auf das Blatt geraten und in den Saft ein- 
Ameise gefangen hat. sinken, suchen zu entfliehen. Sobald dies aber geschielit, 
„bekommt das Blatt Leben" : der Blattrand überdeckt das 
Tier und schiebt es nach der Mitte des Blattes; von den Drüsen wird ein Ver- 
dauungssalt ausgeschieden, und bald ist die Beute getötet und verzehrt. 



58. Familie. Nachtschatteng-ewäehse (Solanäceae^). 

Kelch 4- oder 5-spaltig. Blumenkrone röhren- oder trichterförmig, 4- oder ö-zipfelig. 

5 Stauljblätter. Fruchtknoten aus 2 Fruchtblättern gebildet, mit dickem Samenträger 

und zahlreichen Samenknospen. Frucht eine Beere oder Kapsel. 

Die Kartoit'el (Solanum tuber()siim-'). Tafel 26. 

A. Von den Knollen und der Bedeutung der Kartoffel. Die 

Knolleu der Kartoffel zählt man mit den Rüben, Möhren, Zwiebeln usw. 




1) Bärenklau. 2) Zusammengesetzt aus le>is, Linse (Gen. lentis) und iühulu.i. Röhrcheu, 
Schlaucli, wegen der rundliclien Schläuche beim Wasserschlanch. 3) utriadarin von uirkulus, 
kleiner Schlauch; rulgaris. gemein. 4) pinijuinila von pviguis, fett, -ttJa, Verkleinernngssilbe; 
vulgaris, gemein. 5) solnuKm. N'aclitschatteu; tiiherosus, mit Knollen. 



Nachtsfliattengcwächsc. 



217 



zu den „Feldfrüchteii"; oft werden sie sogar als die „Früchte" der Kar- 
toffel selbst bezeichnet. Daß wir es hier aber nicht mit „Früchten" im 
botanischen Sinne zu tun haben, zeigt schon ihre Entstehung; denn sie 
gehen — im Gegensatz zu wirklichen Früchten — ja nicht aus den 
Fruchtknoten der Pflanze hervor. Fragen wir uns daher: 

1. Was ist die Knolle? Eine Antwort auf diese Frage erhalten 
wir, wenn wir verfolgen, wie sich die Knollen bilden. 

a) Im Frühjahre fangen die Knollen, die wir im Keller aufbewahren, 
an zu „keimen", d. h. aus den „Augen" gehen beblätterte Stengel hervor. 
Die Stengel suchen das spärliche Licht auf, das durch das Kellerfenster 
einfällt, und sind, weil im Dunkeln wachsend, blasse und zarte Gebilde. 
Genau so treiben — wie wir uns leicht überzeugen können — die 
„Augen" der Knollen, die wir auf dem Felde (etwa einen Spatenstich 
tief) in die Erde legen, zu Stengeln aus. Nehmen wir eine solche 
Junge Pflanze, nachdem sie einige Blätter entwickelt hat, aus dem Boden, 
so sehen wir, wie an dem 
unterirdischen Stengelteile 
schuppenartige Blätt- 
chen (B.) sitzen, und wie 
aus deren Achseln faden- 
förmige Seitenzweige (A.) 
hervorgehen. Diese „Aus- 
läufer" erheben sich unter 
normalen Verhältnissen nie- 
mals über den Boden. Sie 
tragen gleichfalls schuppen- 
förmige Blättchen und am 
Ende eine Knospe (E.), genau 
wie die oberirdischen Stengel 
und Zweige solche Endknos- 
pen besitzen. Beides sind Zeichen dafür, daß wir es hier wirklich mit 
Stengelteilen und nicht mit Wurzeln zu tun haben; denn letztere 
sind stets unbeblättert. In den Achseln der schuppenförmigen Blätter finden 
sich ferner ebenso wie an oberirdischen Stengeln Seitenknospen, die vielfach 
wieder zu Zweigen (Z.) auswachsen. Und an der Stelle endlich, an der 
die Blätter dem Stengelteile ansitzen (Stengelknoten), brechen Wurzeln 
hervor, wie dies oft gleichfalls an oberirdischen Stengeln, besonders an 
solchen, die man auch als Ausläufer bezeichnet, zu beobachten ist. Die 
schuppenförmigen Blätter sind für die Pflanze bald ohne Bedeutung und 
gehen zugrunde. 

b) An den Ausläufern und ihren Seitenzweigen bemerkt man nun 
am freien Ende je eine kleine Anschwellung (E.). Nimmt man einige Zeit 
darauf eine zweite „gleichalterige" Pflanze aus der Erde, so sieht man, 
wie die Anschwellungen größer geworden sind und sich zu je einer jungen 
Knolle (K.) ausgebildet haben. Mehrfach ensteht die Anschwellung etwas 




SK. 
Bildung der Kartoffel- 
knollen. (Bezeichnungen 
sind im Texte erklärt ) 



2 1 y Nachtschattengewächse. 

entfernt vom Ende des Ausläufers, und nicht selten schwillt auch der 
kurze Stengelteil einer Seitenknospe, ohne zu einem Zweige auszuwachsen, 
zu einer Knolle (SK.) an. Die Kartoffelknolle ist also ein ver- 
kürzter und stark angeschwollener Stengelteil. („Stengelknolle" 
im Gegensatz zur „Wurzelknolle": s. Scharbockskraut.) 

Diese Erkenntnis zeigt uns auch, daß der Landmann wohl tut, die 
jungen Kartoffelpflanzen zu „behäufeln", d. h. Erde um die untern Teile 
der oberirdischen Stengel zu bringen; denn die Zweige, die sich in den 
mit Erde bedeckten Blattachseln bilden, entwickeln sich oft gleichfalls 
zu (unterirdisch bleibenden) Ausläufern, wodurch vielfach eine erhöhte 
Knollenbildung eintritt. (Warum wird der Kartoffelacker „gehackt", d. h. 
mit Hilfe der Hacke gelockert und von Unkraut gereinigt?) 

c) Da die Knollen Stengelteile sind, müssen wir an ihnen auch die 
schuppenförmigen Blätter samt den Knospen in ihren Achseln wieder- 
finden: es sind dies die sog. Augen, die — wohlgeschützt gegen Ver- 
letzung — in je einer Vertiefung der Knolle liegen. Somit wird es uns 
verständlich, wie aus einer Knolle und sogar aus einem Teile einer solchen, 
falls er nur ein „Auge" besitzt, eine neue Pflanze hervorgehen kann. Die 
schuppenförmigen Blätter sind an ganz jungen Knollen noch deutlich 
sichtbar, an altern verschrumpfen sie wie an den sich nicht verdicken- 
den Stengelteilen gleichfalls bald. 

d) Im Herbste gehen die Ausläufer zugrunde, so daß, wenn die 
oberirdischen Teile gänzlich abgestorben sind, die Knollen getreimt von 
der Mutterpflanze im Boden liegen. 

2) Welche Bedeutung hat die Knolle für die Pflanze? §chon 
wenn in einer Frühjahrsnacht das Thermometer auf einige Grad unter 
Null sinkt, sind am nächsten Morgen die grünen Teile der Kartoffeln gänz- 
lich erfroren. Die Pflanze könnte demnach die bedeutend niedrigeren Tem- 
peraturen unsres Winters noch viel weniger ertragen. Sie stirbt im Herbste 
ab, hinterläßt aber (von den Samen abgesehen) zahlreiche Knollen. Wer- 
den diese von dem Menschen vor Kälte bewahrt und im nächsten Früh- 
jahre wieder gepflanzt, so geht aus ihnen je eine neue Pflanze hervor. 
Etwas ganz Ähnliches findet auch bei der wildwachsenden Kartoffel 
statt. Die Knollenbildung ist also eine Veranstaltung der Pflanze, 
die ungünstige Jahreszeit zu überstehen, und zugleich ein Mittel 
der Vermehrung. 

b) Bei der wildwachsenden Kartoffel gehen aus den Knollen im 
nächsten Jahre also zahlreiche junge Pflanzen hervor. Wenn diese auf 
einem Trupp ständen, so würden sie sich gegenseitig Nahrung, Licht 
und Luft streitig machen. Es ist daher von größter Wichtigkeit für die 
Pflanze, daß sich die Knollen (meist) am Ende langer Ausläufer 
bilden. 

c) Weiui man die Bedeutung der Knolle im Auge behält, wird man 
auch leicht ihren Bau verstehen. Nimmt man 2 gleich große Knollen (der- 
selben Sorte) und legt sie, nachdem man die eine davon geschält hat, an 



N;iehtscl)attensj;e\väclise. 



219 



einen warmen Ort, so findet man die geschälte nach einiger Zeit gänzlich 
verschrumpft, während die andre fast unverändert geblieben ist. Die 
erstere hat — wie die Wage zeigt — sehr viel, die andre dagegen nur 
wenig von der Flüssigkeit verloren, von der die Knollen durchtränkt sind. 
Pflanzt man eine solche geschälte, vertrocknete Knolle, die aber alle ihre 
Augen behalten hat, so geht daraus keine neue Pflanze hervor; denn die 
Augen sind mit vertrocknet. Die Knospen (Augen) der Knolle sind 
also durch die Schale gegen das Vertrocknen geschützt. Wenn 
man bedenkt, daß die Knolle bei uns etwa 7 Monate im Jahre außerhalb 
der Erde zubringt, wird man die Wichtigkeit eines solchen Mittels leicht 
ermessen. (Warum bedarf die Pflanze im wilden Zustande gleichfalls 
dieses Schutzmittels?) 

Wie uns das Mikroskop an einem feinen Schnitte zeigt, ist die 
Schale aus mehreren Schichten von Zellen zusammengesetzt, deren Wände 
aus Kork bestehen. Nun kennen 



wir diesen Stoff (Flaschenkorke!) aber 
als ein vortreffliches Mittel, Flüssig- 
keiten, die wir in Flaschen und 
Büchsen aufbewahren, gegen Ver- 
dunstung zu schützen. Die Natur 
hat der Knolle also euie 
Hülle aus einem sehr 
geeigneten Stoffe ge- 
geben. (Da aber die 
Knollen während des 
Winters, auch wenn sie 
noch kerne Stengel ge- 
trieben haben , etwas 
einschrumpfen , so ist 
dies ein Zeichen, daß 
sie trotz der Korkhülle 
einiges Wasser durch 
Verdunstung verlieren 





Mikroskopischer Schnitt aus einer Kar toffelkn olle. 

K. Korkzellen. St. Stärkehaltige Zellen (UO mal vergr.). 

Die würfelförmigen Gebilde sind Eivveißkristalle. Links 

daneben ein Stärkekorn in 500 facher Vergr. 



Auch gegen Verletzungen, sowie gegen das Ein- 
dringen von Pilzsporen und Spaltpilzen ist der blaue, rote oder weiße 
„Korkmantel" der Knolle ein wichtiges Schutzmittel. 

d) Die Stengel, die aus der im Keller aufbewahrten Knolle austreiben, 
können die Stoffe, aus denen sie sich aufbauen, nirgends anders hernehmen 
als aus der Knolle. Dasselbe gilt auch für die Stengel, die aus einer in 
die Erde gelegten Knolle hervorbrechen; denn erst nachdem sie grüne 
Blätter gebildet und Wurzeln geschlagen haben, sind sie imstande, sich 
selbst zu ernähren. Bis dahin sind sie auf die Knolle angewiesen. Mit 
dieser beständigen Abgabe von Baustoffen steht die Tatsache im Ein- 
klänge, daß die „alte" Knolle schließüch wie ausgesogen erscheint. Hat 
sie endlich nichts mehr abzugeben, so ist sie für die junge Pflanze, die 
sich jetzt selbst ernähren kann, wertlos geworden, und ihre Reste gehen 



220 Naclitschattengewäclise. 

durch Fäulnis zugrunde. Welcher Art sind nun die Bau- und Vorrats- 
stoffe, die in der Knolle aufgespeichert liegen? 

Schneidet man eine Knolle durch und betupft die Schnittfläche mit 
einer Jodlösung, so tritt sofort starke Blaufärbung ein, ein Zeichen, daß 
die Knolle sehr reich an Stärke ist. Wenn wir ferner einen sehr dünnen 
Schnitt aus der Knolle durch das Mikroskop betrachten, können wir uns 
leicht davon überzeugen, daß in der Tat fast alle Zellen mit Stärke- 
körnchen gleichsam vollgestopft sind. Und wenn wir endlich einige rohe 
Knollen zerreiben und den Brei wiederholt in Wasser auswaschen, so 
bleibt die Stärke als ein weißes Pulver zurück. Der Stärkegehalt der 
Knollen beträgt durchschnittlich etwa 20 "/o. Nur 2% sind Eiweiß, 
das sich besonders in den Zellen unter der Korkbaut findet; alles übrige 
ist — abgesehen von den Stoffen, die in noch geringerer Menge vorhanden 
sind — Wasser, und zwar etwa 75 "/o- . (Wiege eine geschälte Knolle, 
lege sie auf den warmen Ofen, bis sie gänzlich eingetrocknet ist, und 
bestimme den Gewichtsverlust!) 

3. Welche Bedeutung die Kartoffel für den Menschen hat, 
geht aus den soeben erwähnten Tatsachen ohne weiteres hervor: 

a) Wie bekannt, ist die Stärke ein notwendiger Nährstoff, der uns 
außer von der Kartoffel besonders vom Getreide und von den Hülsen- 
früchten geliefert wird. Da nun die Knollen sehr reich an Stärke sind, 
ist die Kartoffel eine unsrer wichtigsten Nährpflanzen. 

Hiermit ist aber ihre Bedeutung bei weitem noch nicht erschöpft! 
Da wir nämlich mit ihrer Hilfe von einer Ackerfläche erheblich mehr 
Nährstoffe gewinnen, als von einer gleich großen, selbst mit Getreide be- 
stellten Fläche; da sie selbst noch auf magerstem Sandboden und in 
Höhen (Gebirge!) gedeiht, auf denen kein Getreide mehr wächst; da sie 
fast alliährlich eine reiche Ernte liefert; da die eingeernteten Knollen ver- 
hältnismäßig leicht und lange haltbar sind und selbst bei täglichem Genuß 
gleich dem Brote eine Speise bilden, die uns nie zuwider wird: so ist die 
Kartoffel nächst dem Getreide unsre wichtigste Volksnahrungs- 
pflanze. Seit sie auf unsern Feldern gedeiht, hat eine Hungersnot wie 
vordem unser Land nicht wieder heimsuchen kennen. 

b) Wenn wir uns nun weiter vergegenwärtigen, welches fast unersetz- 
liche Futtermittel die Knollen für die Haustiere shid, wie sie zur Her- 
stellung von Stärke (Kartoffelstärke oder Kartoffelmehl) dienen, und wie 
die Stärke zu Stärkezucker und in den Brennereien weiter zu Spiri- 
tus (Alkohol) verarbeitet wird: dann haben wir etwa ein Bild von der 
außerordenthchen Bedeutung der unscheinbaren Pflanze. Darum arbeitet 
man auch unablässig an ihrer Veredelung und ist eifrig bemüht, Sorten 
zu züchten, deren Knollen einen immer höhern Stärkegehalt aufweisen. 

Taf. 26. 1. Unterirdische Teile; das dunkelste Gebilde ist die ,alte" Knolle. 2. Blü- 
hender Zweig. .3. Blüte, senkrecht durchschnitten; Blütenstaub rieselt aus den Staub- 
beuteln. 4. Früchte. 5. Frucht, im Querschnitt. 6 a. Kolorado-Kartot'felkäfer, b. dessen 

Larve und c. dessen Eier. 



Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



Tafel 26. 




Kartoffel (Solanum tuberosum). 



Naclitschattongewäclise. 221 

c) Da aber die Knollen sehr arm an Eiweiß sind und gar kein 
Fett enthalten, können sie uns als einzige Nahrungsquelle nicht dienen; 
denn diese beiden Stoffe sind neben der Stärke (oder einem andern Kohlen- 
hydrat, z. B. dem Zucker) für die Erhaltung unsers Körpers unbedingt 
notwendig. (Näheres hierüber s. „Der Mensch".) Dasselbe gilt auch für 
die Tiere, Da die Stärke besonders fettbildend wirkt, wird uns auch die 
Verwendung der Kartoffel beim Mästen der Haustiere verständlich. 

B. Von den übris^eii Teilen der Kartoifel. 1. Die kantigen Stengel 
tragen große, rauhhaarige, unpaarig gefiederte Blätter. Da zwischen 
den größern Fiederblättchen kleinere eio gefügt sind, bezeichnet man sie 
als „unterbrochen" gefiedert. Durch die Lücken zwischen den Fieder- 
blättchen kann genügend Licht in die Blättermasse einfallen. Nach dem 
Blattgrunde zu werden die größern Fiederblättchen allmählich kleiner, 
so daß sich die Blätter in der Nähe der Stengel, wo Raum und Licht 
nur in beschränktem Maße vorhanden sind, gegenseitig nicht l)ehindern. 

2. Die Blüte besteht aus einem fünfzipfeligen Kelche, einer rad- 
förmigen Blumenkrone, die am Rande in 5 Ecken ausgezogen ist, 
5 Staubblättern, deren große Beutel einen Kegel bilden, und einem 
Stempel, dessen Griffel den Staubbeutelkegel an der Spitze durchbricht. 
Obgleich die Blüte durch das Weiß oder Blaßviolett der Blumenkrone, 
sowie durch das leuchtende Gelb der Staubbeutel 

ziemlich auffällig ist, wird sie doch nur selten von 

Insekten (FUegen) besucht; denn sie besitzt keinen 

Honig und nur wenig Blütenstaul). Bei mehreren 

Spielarten der Pflanze tritt regelmäßig Selbstl)estäubung 

ein: der trockne Staub rieselt aus 2 Löchern an der 

Spitze der Beutel hervor und fällt, da die Blüten 

meist schräg oder gar senkrecht nach unten gerichtet Blüteu'Miindiiß der 

sind, auf die darunter befindliche Narbe. Bei andern Kartoffel. 

Kartoffelsorten findet überhaupt keine Bestäubung 

statt, und bei wieder andern fallen die Blüten sogar ab, l»evor sie sich 

noch geöffnet haben: die Pflanzen sind unter der Hand des Menschen, 

für den die Blüten und Früchte vöUig wertlos sind, entartet. 

3. Stellt man durch die Frucht einen Querschnitt her, so sieht man, 
daß ihre Wand aus 2 Fruchtblättern gebildet ist, die an den Rändern 
miteinander verwachsen sind und sich als eine Scheidewand quer durch 
das Fruchtinnere erstrecken. Die Scheidewand ist an beiden Seiten zu 
halbkugeligen Samenträgern angeschwollen, die dicht mit Samenknospen 
besetzt sind. Zur Zeit der Reife werden Fruchtblätter und Samenträger 
fleischig, so daß die grüne, ungenießbare Frucht eine vielsamige, zwei- 
fächerige Beere darstellt. Auch die Samen haben für uns keine Be- 
deutung. Die aus ihnen hervorgehenden Pflänzchen bringen zwar gleich- 
falls Knollen hervor; doch sie sind so klein, daß diese Art der Vermehrung 
durchaus unwirtschaftlich wäre. 




222 



Nachtschattengewächse. 



4, Alle grünen Teile der Kartoffel enthalten ein Gift (Solanin), so daß 
sie — von einigen wenigen Insekten abgesehen (s, w. u.) — kaum von einem 
Pflanzenfresser berührt werden. Wahrscheinlich merken die Tiere, daß 
sie es hier mit etwas Ungenießbarem zu tun haben, schon an dem eigen- 
tümlichen Geruch, der der Pflanze entströmt. Besonders giftig sind die 
Früchte, die jungen Triebe und diejenigen Knollen, die vom Soimenlichte 
getroffen wurden und wie andre Stengelteile ergrünt sind. 

C. Von der Heimat uucl Verbreitimg der Kartoffel. Schon die 
oben erwähnte Tatsache, daß die gi-ünen Teile der Kartoffel bereits 
durch einen gelinden Frost getötet werden, weist darauf hin, daß die 
überaus wichtige Pflanze ein Kind 
wärmerer Gegenden ist. Erst etwa in 
der Mitte des 16. Jahrhunderts wurde sie 
aus ihrer südamerikanischen Heimat 
durch Spanier nach Europa gebracht 
und anfänglich nur als Zierpflanze 
angebaut. Von Spanien kam sie bald 
nach Italien. Dort nannte man die 
Knollen, weil sie fast wie Trüffeln 
aussahen, „Tartuffoli". Hieraus ist 
unsre Bezeichnung „Kar- 
toffel" entstanden. Langsam 
verbreitete sich das unschein- 
bare Gewächs weiter; seine 
Knollen galten aber geraume 
Zeit hindurch nur für einen Leckei- 
bissen. Erst als im 18. Jahrhundert 
große Teile von Deutschland durch 
Mißernten heimgesucht wurden, denen 
Hungersnot und Teuerung folgten, er- 
kannte man allmählich den Wert der 
Pflanze. Der Anbau wurde jetzt all- 
gemeiner. Vorher aber galt es, in 
einem langen, hartnäckigen Kampfe 
den Widerstand zu brechen, der von selten der Landbevölkerung der Em- 
führung des neuen Gewächses entgegen gesetzt wurde. Es war em 
Kampf, der vielfach nur durch Anwendung von Gewaltmaßregeln ent- 
schieden werden konnte, und in dem sich besonders die beiden Preußen- 
könige Friedrich Wilhelm I. und Friedrich der Große unsterbliche Verdienste 
erworben haben. Heutzutage ist die Kartoffel über den größten Teil der 
Erde in zahlreichen Spielarten verbreitet. Nur m den wärmsten Län- 
dern vermag sie nicht zu gedeihen. 

D. Von den Krankheiten nnd Feinden der Kartoffel. Wie auf allen andern 
Pflanzen schmarotzen auch auf der Kartoffel zahlreiche niedere Pilze, die verschieden- 




Schwarzer Nachtschatten (verkl.). 



Nachtschattengewächse. 



223 



artige Kraukheiteu hervorrufen. Der gefürchtetste unter ihnen ist der l'ü'/ der 
eigentlichen Kartoffelkrankheit (s. das.), der besonders in nassen Jahren auftritt. 
Von den tierischen Feinden seien nur der Engerling und die Er d raupen, die 
an den Knollen nagen, sowie der Kolorado-Kartoffelkäfer genannt (s. Lehrb. 
der Zoologie). Der schmucke Käfer ist in Nordamerika heimisch und nährt sich gleich 
seiner Larve von den Blättern, an die er auch seine Eier ablegt. Das Auftreten 
des überaus gefährlichen Schädlings in Europa war glücklicherweise stets nur von 
kurzer Dauer. 

Andre Nachtschatteiigewäclise. 

1. Nachtschattengewächse mit Beerenfrüchten. 

Wie die Kartoffel enthalten zahlreiche andre Güeder der Familie in allen oder 
vielen ihrer Teile ein scharfes Gift (Schutzmittel gegen Pflanzenfresser!), das auf den 




Tollkirsche. ]. Wagerechter Zweig mit Früchten (von oben gesehen und verkl.). 
2. Blüte und 3. längsdurchschnittene Frucht in nat. Gr. 

Menschen je nach seiner Art und je nach der Menge, in der es genossen wird, sehr 
verschieden einwirkt. Solche Giftgewächse sind die beiden nächsten Verwandten der 
nützlichen Kartoffel, der schwarze und der bittersüße Nachtschatten (S. nigrum u. 
dulcamära^). Ersterer kommt auf Schutt, sowie als lästiges Unkraut in Gärten und auf 
Feldern häufig vor, ist einjährig (schwache Wurzel !) und hat weiße Blüten und schwarze, 
giftige Beeren; letzterer wächst in Gebüschen, besonders an Flußufern, ist eine aus- 
dauernde Kletterpflanze (tiefgehende, holzige Wurzel!), hat meist sehr verschieden- 
gestaltete Blätter, violette Blüten und rote, aber nicht giftige Beeren, die anfangs 

Ij nige}% scliwarz; didcamara: dülcis, süß un<l amünis, bitter. 



224 Nachtschattengewächse. 

bitter und nachher süßHch schmecken (Bittersüß!). — Als das gefährlichste Gewächs, das 
die heimatliche Pflanzenwelt aufzuweisen hat. ist die Tollkirsche (Atropa belladonna'; s. 
Abi). S. 223) zu nennen. Die meterhohe Pflanze wächst in schattigen Bergwäldern und be- 
sitzt dementsprechend große und verhältnismäßig zarte Blätter. Die Blüten bilden 
bräunliche, hängende Glocken. Die Frucht ist eine glänzend schwarze Beere, die in 
dem bleibenden Kelche sitzt. Da sie einer Herzkirsche ähnelt, wird sie besonders von 
Kindern leicht für eine solche gehalten. Sie ist aber mit der Wurzel der giftigste 
Teil der ganzen Pflanze. Ihr Genuß bewirkt Schwindel, Betäubung und oft sogar 
den Tod (Gegenmittel: Brechmittel und starker Kaffee!). Da sich bei Vergifteten 
regelmäßig auch die Pupille stark erweitert, hat das Gift der Pflanze (Atropin) in der 
Augenheilkunde eine überaus wichtige Verwendung gefunden: In allen Fällen, in denen 
es auf eine Erweiterung der Pupille ankommt, wird es den Kranken in das Auge ge- 
träufelt. Früchte von solcher Giftigkeit müßten — sollte man meinen — auch allen 
Tieren schädlich sein. Drosseln und Amseln jedoch verspeisen das süße, saftige 
Fruchtfleisch mit sichtlichem Wohlbehagen und besorgen dadurch unfreiwillig die Aus- 
saat der Samen. Früher benutzte man in Italien die Beeren zum Schminken: daher 
„bella donna", d. h. schöne Frau. > 

Neben diesen Nachtschattengewächsen gibt es aber auch mehrere andre, die 
kaum giftig sind und deren Beeren z. T. sogar vom Menschen genossen werden. Als 
das wichtigste wäre zuerst der Liebesapfel oder die Tomate (Solanum persicum") zu 
nennen. Die Pflanze ist der Kartoffel überaus ähnlich, stammt aus Südamerika und 
wird der prächtig roten Früchte wegen immer mehr angebaut. — Eßbar sind auch 
die Früchte der bei uns heimischen Judenkirsche (Physalis alkekengi^), die zu- 
meist aber nur als Zierpflanze bekannt ist. Zur Zeit der Reife sind die roten, kirschen- 
großen Beeren von dem aufgeblasenen , gleichfalls roten Kelche umhüllt. Da dieser 
der Kopfbedeckung ähnelt, wie sie im Mittelalter die Judenfrauen trugen, hat der 
Volksmund der Pflanze den seltsamen Namen beigelegt. — Die roten, schotenähnlichen 
flüchte der Paprikapflanze oder des spanischen Pfeffers (Cäpsicum*) sind von sehr 
scharfem Geschmack und werden wie die des Pfefferstran ches als Gewürz verwendet. 
Die Pflanze entstammt dem tropischen Amerika und wird u. a. in großer Menge bei 
Cayenne („wo der Pfeffer wächst"), aber auch in Südeuropa und besonders in Ungarn 
angebaut. — Der Teufelszwirn (Lyciiim bärbarum''), der vielfach zur Bildung von 
Hecken (Name!) angepflanzt wird, aber auch oft verwildert vorkommt, hat im Mittel- 
meergebiete seine Heimat. 

2. Nachtschattengewächse mit Kapselfrüchten. 

Nächst der Kartoffel hat keiii Nachtschatten gewächs eine so große 
Bedeutung für den Menschen erlangt wie der Tal)ak (Nicotiäna*'). Von 
seinen zahlreichen Arten werden hei uns besonders zwei angepflanzt: am 
häufigsten der 1 bis 2 m hohe Tirgiiiisclie T. (N. täbacum^), seltener der 
kleinere (Höhe nur bis 1 ra), aber breitblättrigere Bauerii-T. (N. ri'tstica-). 
Beide sind einjährige Pflanzen, die in Amerika ihre Heimat haben. Alle 
grünen Teile sind dicht mit klebrigen Drüsen haaren besetzt (Schutz 
gegen Pflanzenfresser!). Die sehr großen Blätter nehmen nach oben hin 
allmählich an Größe ab, eine Einrichtung, die bekanntlich von großem 
Vorteil für die Belichtung ist. Da sich die Blätter — von den obersten 



1) ütropos, unwandelbar, unerbittlich (vielleicht weil das Gift unabwendbar den Tod bringt?); 
belladonna, s. Text. 2) Solanum s. S. 216, Anm. .5; persicus, persisch. 3) physalis, AVasserblase oder 
Pflanze mit blasenälinlichen Früchten ; alkekengi, arab. (unerkl.). 4) von cäpsa oder Capsula, Kapsel 
(wegen der Prüchte). 5) lycium, Pflanze aus der Landschaft Lykien in Kleinasien; iarbarus, 
fremd. 6) nacli dein Franzosen Nicot, der i. J. 1560 den ersten Tabak In Europa pflanzte. 7) inha- 
rum, Name der Pflanze bei den Indianern. 8) rusticus, Bauer. 



Nachtschattengewächse. 



225 



abgesehen — mit der Spitze zum 
Erdboden herabneigen, so leiten sie 
das Regenwasser, von dem sie ge- 
troffen werden, nach außen ab (zentri- 
fugal). Dementsprechend verlaufen 
auch die Seiten wurzeln, die meist 
am obern Teile der tiefgehenden 
Pfahlwurzel ectspringen, wagerecht 
im Boden und gehen samt ihren Ver- 
zweigungen nicht über den Umkreis 
der Pflanze hinaus. Der Stengel und 
seine Zweige tragen am Ende große 
Sträuße von Röhrenblüten, die beim 
virginischen T. lang und von roter, 
beim Bauern -T. wesentlich kürzer 
und von gelbgrüner Färbung sind. 
Die Frucht ist eine Kapsel, die sich 
im Schutze des Kelches entwickelt, 
in 2 Klappen aufspringt und zahl- 
reiche sehr kleine Samen 
enthält. 

Haben die Pflanzen 
ihre volle Höhe erreicht, 
so werden die Blätter ab- 
gebrochen, auf Schnüre . 
gereiht und unter einem 
Dache zum Trocknen auf- 
gehängt. In der Fabrik 
werden sie wieder an- 
gefeuchtet und zu großen 
Haufen aufgeschichtet, in 
denen sich, durch Spalt- 
pilze veranlaßt, unter Ent- 
wicklung hoher Wärme 
bald eine Gärung einstellt. 
Sind die Haufen einigemal 
umgeschichtet, dann sind 
die Blätter zum Gebrauch 
fertig, so daß sie nunmehr 
als Rauch-, Kau- oder 
Schnupftabak verwen- 
det werden können. 

Als die Spanier zu- 
erst mit den Eingebore- 
nen von Amerika in Be- 

Sc lim eil, Lekrbuch der Botanik 




Virginischer Tabak. Blüten 
Früchte (verkl.). 



und 




Zweig vom 
Bilsenkraute 
und eine auf- 
gesprungene 
Frucht (verkl. 



15 



226 



Nachtscbattengewäclise. 



rührung kamen, war unter diesen die Sitte des Tabakrauchens bereits 
üblich. Es währte nicht lange, so fand sie auch in Europa Eingang. 
Obgleich der Genuß des Tabaks in mehreren Ländern selbst mit den 
schwersten Strafen bedroht wurde, breitete er sich doch unaufhaltsam 
immer weiter aus, und jetzt gibt es. wohl kaum noch ein Land, in dem 
ihm nicht gehuldigt würde. Hand in Hand hiermit ging auch die Ver- 
breitung der Pflanze selbst, deren Anbau heutzutage in fast allen warmen 
und gemäßigten Gegenden des Erdballs ..erfolgt. (Welche Länder Hefern 
den besten Tabak? In welchen Gegenden unsrer Heimat wird besonders 
Tabakbau getrieben?) 

Der Tabak enthält ein Gift, das Nikotin, von dem schon ein einziger 
Tropfen genügt, einen Hund zu töten. Fortgesetzter starker Genuß von 
Tabak — ganz gleich in welcher Form — ruft daher nicht selten Darm- 
und Herz erkrankun gen hervor, ja er 
kann sogar eine gänzliche Zerrüttung 
desKörpersherbeiführen. Für Kinder 
ist der Tabak selbst in kleinen 
Mengen ein gefährliches Gift. 

Auf Schutthaufen und 
anWegen findet sich das 
Bilsenkraut (Hyoscya- 
mus niger^; s.Abb.S.22.5), 
eine allbekannte, sehr 
giftige Pflanze von ekel- 
haftem Geruch mit 
b klebrigen Blättern und 
- ^ schmutziggelben, vio- 

lett geäderten Blüten, 
die alle nach einer 
Seite gerichtet sind. Die vom 
stacbelspitzigen Kelche umhüllte 
Kapsel springt mit einem Deckel 
auf. — An denselben Örtlichkeiten 
wächst auch der gleichfalls sehr 
giftige Stechapfel (Datüra stra- 
mönium"). Er wird bis 1 m hoch 
und ist ein übelriechendes Kraut, 
das sich wiederholt gabelig ver- 
zweigt. Die ausgebuchteten Blätter 
sind von sehr verschiedener Größe 
und bilden meist eine regelmäßige 
Mosaik. Getrocknet und zerrieben werden .sie vielfach als Räuchermittel- zur Linderung 
bei Asthmaleiden benutzt. Die Blüte wird von Nachtfaltern bestäubt. Dementsprechend 




Zweig vom Stechapfel. 
Daneben eine aufgesprun- 
gene Frucht (verkl.). 



*L) hyoscyamus, Bilsenkraut (eig. Schweinsbohne von hys, gen. hyös, Schwein und kyarnos, 
Bohne); niger, schwarz. 2) datura. nach dem Arabischen (unerkl.); stramonium, unerkl. 



Taf. 27. 1. Blühende und fruchttragende Pflanze mit deutlicher Rosette. 2. Jüngere 

und 3. ältere Blüte. 4. Staubblatt mit geöffneten Beuteln. 5. Staubblatt, dessen 

Staubl)eutelfäeher sich bei feuchter Witterung wieder geschlossen haben. 6. Frucht, 

geschlossen. 7. Geöffnete Frucht, aus der soeben zwei Samen herausfallen. 



Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



Tafel 27. 




Mittlerer Wegerich (Plantago meöia). 



Wegerichgewächse. 227 

besitzt sie wie die des Leimkrautes eine lange Bh'itenröhre und weiße Färhung, öffnet 
sich mit beginnender Dunkelheit und haucht besonders während der Nacht einen 
starken Duft aus. Die Fruchtkapseln, die mit 4 Klappen aufspringen, sind außen mit 
vielen spitzen Stacheln besetzt. Sie enthält zahlreiche Samen, die, so giftig sie fvir 
uns sind, von mehreren körnerfressenden Vögeln ohne Schaden verzehrt werden. — 
Als letztes Glied der Familie sei endlich die Petunie (Petünia^) erwähnt, die in zahl- 
reichen Spielarten unsre Gärten schmückt. Ihre Heimat ist Südamerika. 

59. Familie. Weg-erichgewäclise (Plantaginäceae-). 
Der Weg-ericli (Plantägo-). Tafel 27. 

1. Die verbreitetsten Arten. Schon bei einiger Aufmerksamkeit 
erkennt man, daß der Wegerich in mehreren, wohl unterschiedenen Arten 
auftritt, von denen die 3 folgenden überall häufig anzutreffen sind: Der 
Spitzweg'erieh (P. lanceoläta*^) ist leicht an den lanzettlichen Blättern 
zu erkennen; der große und der mittlere W. (P. mäior u. media*) da- 
gegen besitzen viel breitere Blätter. Während diese jedoch bei ersterm 
deutlich gestielt sind, verschmälern sich bei letzterm die Blattflächen 
nur in je einen kurzen, breiten, undeutHchen Blattstiel. 

Alle drei Wegericharten bevi^ohnen Wiesen, Triften und ähnliche 
Orte. Vor allen Dingen sind sie — w^orauf auch der Gattungsname 
hinweist — regelmäßige Begleiter der Wege; ja, sie siedeln sich sogar 
zwischen dem Pflaster wenig betretener Straßen an. 

2. Wurzeln und Blätter. Wie der Löwenzahn, der sich gleich- 
falls an diesen Orten findet, haben sie sehr tiefgehende Wurzeln (dem 
„großen" Wegerich fehlt aber die Pfahlwurzel der beiden andern Arten!), 
sowie Blätter, die oberseits mit Rinnen versehen und an trocknen 
Standorten zu regelmäßigen Rosetten geordnet sind. 
An Stellen dagegen, an denen die Pflanzen mit 
andern um das Licht ringen (auf Wiesen u. dgl.), 
sind auch die ganzrandigen Blätter mehr oder weniger 
aufwärts gerichtet. 

3. Blüte. Auf einem langen Stiele, der aus der 
Achsel eines Blattes entspringt, erhebt sich die „Blüten- 
ähre". Jede Blüte besteht aus einem vierteiligen ti,-. , •„ 

,^ , . o JJlutengrundnß ^om 

Kelche, emer klemen Blumenkrone mit vierteiligem Wegerich. 

Saume, vier Staubblättern und einem Stempel. 

In der Regel ragt der Griffel mit der behaarten, emem Zyhnder- 
putzer ähnlichen Narbe bereits aus der Blüte hervor, wenn die Staub- 
blätter noch zurückgebogen sind. Später strecken sich auch diese heraus. 
Obgleich die Staubbeutel dann vollkommen frei stehen, ist der Blütenstaub 
doch nicht ohne jeden Schutz. Die Fächer der bereits geöffneten Beutel 
schHeßen sich nämhch in taureicheu Nächten und beim Eintritt feuchter 

1) Brasil. Wort; heißt Tabak, da man Petunie und Tabak wegen der Ähnlichkeit der BLätter 
verwechselte. 2) von plänta, Fußsohle (Blätter des großen W. gleichen entfernt dem Abdrucke 
einer Fußsohle). 3) lanceolata von loMceola, kleine Lanze. 4) tnaior, größer, groß; medins, mittel. 




228 



Wegerichgewächse. Labkrautgewächse. 



Witterung (Versuch!). Erschüttert man den Blütenstand bei trocknem 
Wetter, so entweichen aus den Beuteln Wölkchen trocknen Staubes. 
Dasselbe geschieht natürlich auch, wenn der Wind den langen Schaft 
hin und her bewegt, und es kann daher nicht ausbleiben, daß auf diese 
Weise Staub zu den freistehenden Narben gelangt, daß also der Wind die 
Bestäubung v^ermittelt. Andrerseits sieht man aber auch, wie die Blüten 
von Insekten besucht werden, die Blütenstaub verzehren oder „einernten". 
Besonders häufig hat sich der „mittlere Wegerich" eines solchen Besuches 
zu erfreuen. Seinen Blüten entströmt aber auch ein sehr zarter Duft, 
und die violetten Staubblätter machen die unscheinbaren Blüten doch 
weithin bemerkbar. Die beiden andern Arten dagegen haben duftlose 
Blüten und nur gelbliche oder weiße Staubblätter. Der Wegerich stellt 
also einen Übergang von den insektenblütigen zu den wind- 
blütigen Pflanzen dar. '• 

4. Die Frucht ist eine Kapsel, deren oberer Teil sich bei der Reife 
ablöst. Da der Blütenstiel nach dem Verblühen hart und elastisch wird, 
vermag der Wind die kleinen Samen aus ihren Behältern weit herauszu- 
schleudern. Befeuchtet man die Samen, so wird ihre Oberhaut schleimig 

und klebrig. Sie haften daher, 
wenn dies im Freien erfolgt, fest 
an der Unterlage und vermögen in- 
folgedessen unbehindert zu keimen. 



^i 60. Familie. Labkrautg-e wachse 

(Rubiäceae ^). 

Das Klebkraut (GäUum apa- 
rine') ist eine unsrer gemeinsten 
Pflanzen. Es bewohnt vorwiegend 
Hecken und Gebüsche und ist wie 
alle Schattenpflanzen ein über- 
aus zartes Gewächs. Anfänglich 
stehen seine Stengel ohne fremde 
Hilfe aufrecht. Später ist dies den 
schwach bleibenden, mehrfach ver- 
zweigten Gebilden, die eine Länge 
von 2 m erreichen, jedoch nicht 
mehr möglich : Die Pflanze ist dann 
nur dadurch imstande, zum Lichte 
emporzudringen, daß sie sich an 
den Stämmen und Zweigen der 
Sträucher anhäkelt, unter denen sie 
dem Boden entsprießt. Befähigt 




Kleb kraut. Fruchttragender Zweig 
(etwas verkl.). 



1) Nach Ruhia, s. S. 229. 2) galium von gäla, [die^Milcli; s. Text S. 229; aparine. Kleb kraut 
(vielleicht von apairein, ergreifen). 



Lab krau tgewächse. 229 

wird sie hierzu durch rückwärts gerichtete Stacheln, die infolge ihrer 
Kleinheit und großen Zahl das ganze Gewächs — was bereits sein Name 
besagt — klebrig erscheinen lassen. Wenn man sieht, wie leicht und 
fest Zweige des Klebkrautes an unsern Kleidern haften, erkennt man, 
daß diese Anheftungsweise eine sehr sichere ist. Die Stacheln finden 
sich an den 4 Kanten des Stengels, sowie an den Rändern und der 
Mittelrippe der gegenständigen, mit je einem Nebenblattpaare versehenen 
Blätter. Daß wir es hier wirklich mit Nebenblättern zu tun haben, 
die mit den Hauptblättern in Form und Größe vollkommen überein- 
stimmen, geht daraus hervor, daß aus ihren Achseln niemals Zweige 
entspringen. Fehlen dem Klebkraute fremde Gegenstände zum Anhäkeln, 
so halten sich die einzelnen Stengel der in großen Trupps wachsenden 
Pflanze gegenseitig aufrecht: vereinigt werden eben selbst die Schwachen 
mächtig! Entfernt man von einem solchen Trupp einen Stengel nach 
dem andern, so sinken die letzten kraftlos um. Aus den kleinen, weißen 
Blüten entwickeln sich je 2 Teilfrüchtchen, die gleichfalls dicht mit 
w^iderhakigen Stacheln bedeckt sind. Infolgedessen bleiben sie leicht an 
den Haaren vorbeistreifender Tiere hängen und werden auf diese Weise 
oft über große Bezirke verbreitet. 

Von den zahlreichen andern Labkrautarten seien hier nur das gelbblühende 
echte und das weißblühende g-emeine L. (G. verum und moUügo^) genannt. Sie be- 
wohnen trockne, rasige Orte und zeigen dementsprechend auch alle Eigenschaften 
der Trockenlandpflanzen. Labkräuter heißen sie, weil der Saft mehrerer Arten wie 
das Lab des Kälbermagens die Milch schnell zum Gerinnen bringt. Dies gilt besonders 
von der erstgenannten Form (darum „echt!"), die bei den alten Germanen der Freya 
geweiht war, und von der eine später entstandene Sage erzählt, daß sie das Lager 
des Christuskindes gebildet habe. Darum heißt sie auch noch heute in manchen 
Gegenden „Unsrer lieben Frauen Bettstroh" oder ähnlich. — Besonders in Buchen- 
wäldern findet sich als ausgeprägte Schattenpflanze der zierliche Waldmeister 
(Asperula odoräta^). Alle seine Teile enthalten einen scharfriechenden Stoff (Cumarin), 
durch den Weidetiere abgeschreckt werden, der aber auch die Verwendung der duf- 
tenden Pflanze als würzende Zutat zum Weine bedingt („Maitrank"). Die Früchte 
sind „Kletten" wie die des Klebkrautes. — Reibt man die unterirdischen Stengel 
(Wurzelstöcke) der Labkraut- und Waldmeisterarten zwischen den Fingern, so sieht 
man, daß die meisten gelb oder rot färben. In weit höherm Maße ist diese Eigen- 
schaft aber dem Wurzelstocke der Färberröte oder des Krapp (Rübia tinctorum^) 
eigen. Die Pflanze stammt aus dem Mittelmeergebiete und ähnelt vollkommen einem 
Labkraute. Seitdem man versteht, den wertvollen roten Farbstoff, den sie früher 
allein lieferte, billiger künstlich herzustellen, ist ihr Anbau stark zurückgegangen. 

Zu der Familie der Labkräuter gehören auch die Chiua- oder Fieberrinden- 

bäume (Cinchona"*), die auf den südamerikanischen Anden heimisch sind, gegenwärtig 
aber auch in andern Tropengegenden angebaut werden. Aus der Rinde dieser immer- 
grünen Gewächse bereitet man ein wichtiges Fiebermittel, das Chinin. — Eine ganz 
besonders hohe Bedeutung hat für uns ein andres Familienglied erhalten, nämlich: 



1) verus, wahr, echt; mollugo von möllü, weicli. ■;) asperula: äsper, rauh und -ulus, Ver- 
kleinerangssübe ; odoratus, wohlriechend. 3j rubia, Krapp (von ruber, rot); tinctwum, der Färber 
(gen. plar.). 4) Eigentlich Chinchona. Die Gemahlin des spanischen Grafen von Ohinchon, 
Vizekönigs von Peru, wurde 1638 durch Anwendung von Chinarinde vom Wechselfieber geheilt, 
was zur Verbreitung des Heilmittels x-iel beitrxig. 



230 



Labkrautgewächse. 



die Kaffeei>flaiize (Cöffea aräbica^). 

1. Die Kaffeepflanze ist ein kleiner Baum oder ein Strauch, dessen 
gegenständige, immergrüne Blätter etwa die Form und Größe der Lor- 
beerblätter besitzen. In den Blattwinkeln stehen Knäuel weißer, kurz- 
gestielter Röhrenblüten, aus denen die anfangs grünen, dann roten und 
zuletzt violetten Früchte hervorgehen. Sie sind klemen Kirschen ähnlich. 

Das saftige, süße Fruchtfleisch 
umschheßt aber 2 hornartige 
Samen, die als „Kaffeebohnen" 
allgemein bekannt sind, und die 
nach der Ernte vom Frucht- 
fleische getrennt werden. 

2. Das aus den gerösteten 
und gemahlenen Kaffeebohnen 
bereitete duftende Getränk, der 
Kaffee, übt auf uns eine be- 
lebende Wirkung aus: Gehirn und 
Nerven werden erregt, das Gefühl 
der Nüchternheit (Morgenkaffee!), 
des Durstes und des Hungers wird 
beseitigt und der Schlaf ver- 
scheucht. Diese Wirkung ist in 
erster Linie einem Stoffe, dem 
Coffein, zuzuschreiben, der in den 
Bohnen enthalten ist und in den 
Kaffeeaufguß um so vollständiger 
übergeht, je feiner diese gemahlen 
werden. Schon in etwas größerer 
Menge genossen, ist dieser Stoff 
aber ein heftiges Gift. Daher er- 
zeugt sehr starker Kaffee Herz- 
klopfen, Blutandrang nach dem 
Kopfe , Angstgefühl , Muskel- 
zittern und bei fortgesetztem 
Genüsse sogar schwere Nerven- 
leiden. Irgend welche nährenden Bestandteile enthält der Kaffee nicht: 
er ist nur ein Reiz- oder Genußmittel wie der AlkohoL 

In jüngster Zeit hat man gelernt, den Bohnen, ohne daß der Geschmack 
des Aufgusses wesentlich beeinträchtigt wird, das Gift zum größten Teile 




Zweig der Kaff eepf laiize mit Blüten und 
jungen flüchten. Daneben eine reife Frucht, 
von der der obere Teil des Fruchtfleisches abge- 
löst ist. F. Fruchtfleisch. S. Samen. (Etw. verkl.) 



1) coffea aus kä-u-a, dem arab. Namen der Pflanze, entstanden; arabicus, arabisck. 



Taf. 28. 1. Blühender Zweig. Die Blüten (a) sind am ersten Abend geöffnet. An 

einer saugt soeben ein Kiefernschwärmer. 2. Blüte am zweiten Abende. 3. Blüte an 

einem spätem Abende. 4. Fruchtstand. 



Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



Tafel 28. 



x'~" A 




Wald-Geissblatt (Lonicera periciymenum) 



Geißblattgewächse. 231 

zu entziehen. Solchen coffei'nfreien (richtiger Coffein armen) Kaffee sollte 
man mithin nur verwenden. Den Kaffee-Ersatzmitteln (Surrogaten), 
unter denen Zichorie und Gerste am gebräuchlichsten sind, fehlt das 
Coffein gänzlich, so daß der Genuß dieser Stoffe auch nicht die Wirkungen 
des Kaffees im Gefolge hat. 

3. Die Heimat der Kaffeepflanze ist wahrscheinlich der gebirgige, öst- 
liche Teil des heißen Afrika. Sicher ist nur, daß sie zuerst in Süd- 
Arabien angebaut wurde („Mokka "-Kaffee nach der gleichnamigen Hafen- 
stadt) und am Ende des 17. Jahrhunderts auf Java eine neue Heimat fand. 
In der Folgezeit verbreitete sich der Anbau der wichtigen Pflanze 
über fast ganz Ostindien, ging auf Amerika, besonders auf Brasilien über 
und hat jüngst auch in den deutschen Schutzgebieten Eingang gefunden. 
Der Kaffeegenuß ist in Europa erst seit etwa der Mitte des 17. Jahr- 
hunderts bekannt. 

61. Familie. Geißblattg-ewächse (Caprifohäceae^). 

Das Wald-Greißblatt (Lonicera periclymenum''). Tafel 28. 

1. Eine Nachtfalterblume. Laubwald und Gebüsch sind im Hoch- 
sommer oft von dem köstüchen Dufte erfüllt, der den Blüten des Wald- 
Geißblattes entströmt. Stellt man blühende Zweige der Pflanze in das 
Zimmer, so erkeimt man, daß der Duft besonders abends und nachts 
sehr stark ist, am Tage dagegen oft gänzlich verschwindet. Diese Tatsache 
und die lange Röhre der zweihppigen Blüte lassen bereits erkennen, daß 
wir es hier wie beim nickenden Leimkraute mit einer Nachtfalterblume zu 
tun haben. Wie bei jener Pflanze öffnen sich die Blüten ferner erst mit 
Anbrach des Abends, haben eine helle Farbe — sie sind gelbUchweiß und 
außen wie die Knospen oft mit einem rötlichen Anfluge versehen — und 
stellen sich wagerecht, sobald sie zum Empfange der Besucher bereit sind. Am 
ersten Abend stehen die 5 Staubblätter vor dem Blüteneingange, während 
der Griffel mit der Narbe abwärts gebogen ist. Die vor der Blüte schweben- 
den Schwärmer müssen mit der Unterseite also die Staubbeutel berühren. 
Am nächsten Abend ist an der Blüte eine merkliche Veränderung ein- 
getreten: Die Staubblätter sind herabgebogen und die Beutel verschrumpft, 
während der Griffel mit der Narbe nunmehr ihre Stelle eingenommen 
hat. Infolgedessen muß jetzt auch die Narbe von dem saugenden 
Schmetterlinge gestreift werden. Das Tier wird also beim Besuche 
jüngerer und älterer Blüten unbedingt Fremdbestäubung vermitteln. Die 
Blüte zeigt am zweiten Abend auch noch andre Veränderungen: Sie ist 
gedunkelt, und die beiden Lippen haben sich etwas nach hinten aufge- 
rollt. An den folgenden Tagen nehmen diese Erscheinungen immer mehr 

1) Aus cdpra, Ziege, Geiß und fVdium, Blatt zusauimengesetzt. 2) Lonicera nach dem deutsclien 
Botaniker Lonicer (f 1586); periklymenon bezeichnete bei den Griechen eine rankende Pflanze, 
vinlleicht das Geißblatt. 



232 Geißblattgewächse. 

zu, bis die Blamenkrone schließlich abfällt. Wenn man bedenkt, daß 
die Blüte durch diese Veränderungen immer unscheinbarer wird, ist auch 
deren Bedeutung leicht einzusehen : Die anfliegenden Schwärmer werden die 
hellen, auffälligen Blüten zuerst bemerken, sie also auch zuerst besuchen, 
um sich danach erst den weniger auffälligen altern Blüten zuzuwenden. 
Die Tiere werden beim Besuche der Blüten also (in der Regel) wohl die 
Reihenfolge innehalten, in der — wie wir oben gesehen haben — allein 
eine Bestäubung der Pflanze möglich ist. 

2. Eine Schlingpflanze. Das Wald-Geißblatt findet man nicht 
nur seiner duftenden Blüten wegen, sondern weil es sich auch vortreff- 
lich zur Bekleidung von Lauben eignet, vielfach in Gärten angepflanzt. 
Es ist nämlich eine Schlingpflanze, eine Liane, die in ihrer Waldheimat 
mit Hilfe des schwachen, windenden Stammes das Unterholz umschlingt 
und an niedrigen Bäumen bis in die Kronen« emporsteigt. Im Vollgenusse 
des Lichtes breitet sie dort die mit einer bläulichen Wachsschicht über- 
zogenen, elhp tischen Blätter aus. Wie im Sommer die Schwärmer, so 
lockt das Geißblatt im Herbste die Waldvögel herbei: Diese verspeisen 
die roten, saftigen Beeren und säen deren Samen aus. Nach den 
Früchten führt die Pflanze wie ihre nächsten 

Verwandten, von denen zahlreiche meist ausländische Arten in Parkanlagen 
angepflanzt werden, auch den Namen „Heckenkirsche". Eine solche außerdeutsche 
Form ist der bekannte Jeläng'erjelieber (L. caprifölium^), der in Südeuropa heimisch, 
bei uns aber vielfach verwildert ist. Wir lieben ihn besonders an der „Geißblattlaube", die 
er mit dichtem Grün bekleidet und mit dem herrlichen Dufte seiner Blüten erfüllt. Er 
ähnelt dem Wald-Geißblatte, das darum auch „Wald- oder deutscher Jelängerjelieber" 
genannt wird, in allen Stücken. Als bemerkenswerter Unterschied sei nur hervorge- 
hoben, daß bei ihm die obern Blätter am Grunde miteinander verschmolzen sind, 
so daß der Stengel durch sie hindurch gewachsen erscheint. — Die in Laubwäldern 
und Gebüschen häufigste einheimische Art ist die gemeine Heckenkirsche (L. xyl6- 
steum"'^). Sie ist im Gegensatz zu den beiden vorher erwähnten Formen keine Schling- 
pflanze (Stengel verhältnismäßig kräftig!). Da sie weit kürzere Blüten besitzt, wird 
sie vorwiegend von Hummeln bestäubt und ist eine „Tagblume". Die leuchtend roten 
Beeren stehen stets zu zweien dicht beieinander und sind am Grunde verwachsen. — 
Der Holunder (Sambücus nigra ^) war bei den alten Germanen der hohen Göttin Freya 
oder HoUa geweiht, deren Name in dem Worte Holunder (aus Holla und tar, der 
Baum) wahrscheinlich bis heute erhalten ist. Darum findet sich der Holunder auch 
noch jetzt fast ausschUeßlich in der Nähe menschlicher Wohnungen, und viele Sagen, 
Märchen und Volksbräuche, die bis in die heidnische Vorzeit zurückreichen, knüpfen 
sich an ihn. Die Zweige, die jung ein sehr dickes Mark haben, tragen unpaarig ge- 
fiederte Blätter und enden in große Blütenstände, die Trugdolden darstellen. In- 
folge der beträchtlichen Häufung werden die weißen und stark duftenden Blüten trotz 
ihrer Kleinheit weithin auffällig. Dasselbe gilt von den Ideinen, schwarzen Stein- 
früchten, die sich von den roten Fruchtstielen und den grünen Blättern deutlich ab- 
heben und von zahlreichen Vögeln mit Vorliebe verzehrt werden. Diesen Verbreitern 
verdanken die Holundersträucher, die man nicht selten auf Mauern und an andern 
unzugänglichen Orten findet, ihre Entstehung. Während die getrockneten Blüten einen 



1) s. S. 2.'!1, 1. 2) crylosteum : xyloii , Hol/, und osicoii, Knochen (wegen der Ilärte des Holzes). 
samburus, Holunder; 7iiger, schwarz. 



Geißblattgewächse. Baldrian- und Kardengewächse. 



233 



viel gebrauchten schweißtreibenden Tee liefern, werden die saftigen, 
Beeren bezeichneten Früchte mehrfach in der Küche verwendet. — In 
büschen. an Flußufern und ähnlichen Stellen, sowie als Unterholz in 
findet sich der gemeine Schneeball (Vi- 
bürnum öpulus^), der an den drei- bis 
fünflappigen Blättern, an den leuchtend 
roten Früchten und den eigentümlichen 
Blütenständen leicht zu erkennen ist. 
Während die innern Blüten der Trug- 
dolde nämlich klein und unscheinbar 
sind, haben die am Umfange stehenden «^% 
stark vergrößerte Blumenkronen, besitzen ^^^ - ^ .^ 

aber weder Stempel, noch Staubblätter '^ >-~-^ — -^J 
und bringen demnach auch keine Früchte 
hervor. Sie sind aber für die Pflanze i^^^^^-' 

durchaus nicht bedeutungslos, machen 
sie doch die von ihnen eingeschlossenen 
fruchttragenden Blüten für 
die Besucher auffälliger. Den 
kugeligen Blutenständen, die 
wir bei den in Gärten und 
Parkanlagen angepflanzten 
Exemplaren zumeist antref- 
fen, verdankt der Strauch 
seinen Namen. — In Berg- 
wäldern Süd- und Mittel- 
deutschlands ist der wollige 
Schneeball (V. lantäna-) 
heimisch, der gleicMalls 
überall als Zierstrauch an- 
getroffen wird und sich durch 
unterseits filzige Blätter 
charakterisiert. Er ist be- 
sonders dadurch merkwürdig, 
daß seine jungen Blätter und 
Blutenstände, ohne in Knos- 
pen eingeschlossen zu sein, frei überwintern. — Sehr 
häufig ist in Parkanlagen auch die Schneebeere 
(Symphoricärpus racemosus'') angepflanzt, die aus 
Nordamerika stammt. Ihre Früchte bleiben noch lange 
nach dem Laubfalle an den Zweigen hängen und sind 
infolge ihrer weißen Farbe sehr auffäUig (Schneebeere ! 



ungenau als 
feuchten Ge- 
Laubwäldern 




Wolliger 

Schneebal 

Zweige im Winter mit 

'ungen Blättern und 

Blütenständen. 



62. u. 63. Familie. Baldrian- und Karden- 
gewächse (Valerianäceae ^ und Dipsäceae^ 

1. Baldriangewächse. Der echte Baldrian (Valeriana officinalis«) liefert uns 
in seinem Wurzelstocke, dessen Geruch die Katzen lieben (Katzenkraut!), ein wichtiges 
Heilmittel. Die Pflanze, die fast Manneshöhe erreichen kann, wächst in feuchten 



1) viburnum, Schneeball (Pflanze); opulus, wahrscheinl. der Feldahorn (Ähnlichkeit der Blätter). 
2)lantana aus dem Italienischen. .3) sipnjihoricafpus : syin2)Mro, ich trage oder häufe zusammen und 
karpos, Frucht (Fruchte gehäuft!); raremosus, mit Trauben, i) s. Anm. 6. 5) s. S. 234, 4. 6) Vale- 
riana nach einem (unbekannten) Manne namens Valerius; officinalis, in der Apotheke verwendet. 



234 



Baldrian- und Kardoncewächse. 



Wäldern, auf Wiesen und an Flußufern, hat gefiederte Blätter und kleine, rötliche 
Blüten, die aber zu ansehnUchen, doldenartigen Blütenständen gehäuft sind. Die ein- 
samigen Schiießfrüchtchen besitzen Je eine ,, Federkrone ", die der Verbreitung der 
Pflanze dient. — Ein handhohes Gewächs ist das Rapünzchen (Valerianella olitöria^), 
das gern als zeitige Salatpflanze (Feldsalat) augebaut wird. Es entstammt dem mittel- 
ländischen Pflanzengebiete, ist aber bei uns vollständig heimisch geworden. 

2. Die Kardengewächse nähern sich im Blütenbau der großen Famihe der Korb- 
blütler (s. w. u.) in hohem Maße. Wie uns z. B. die Tauben-Skabiose (Scabiösa columbäria'^) 
zeigt, die auf trocknen Wiesen und an ähnlichen Orten vielfach vorkommt, sind die 

kleinen, lilafarbenen oder weißen Blüten zu ansehnhchen, 
„strahlenden" Köpfchen gehäuft, stehen in den Achseln 
von „Spreublättern", werden in ihrer Gesamtheit von einem 
.Hüllkelche" umgeben und besitzen einen Kelch, der die 
Schließfrüchtchen wie ein häutiger Saum krönt und wie 
bei zahlreichen Korbblütlern als Fallschirm in den Dienst 
der Windverbreitung, tritt. — Ganz ähnlich gebaut sind 
die meist bläulichen Köpfchen der Acker-Skabiose (Knaütia 
arvensis"), die auf Feldern, Rainen und trocknen Wiesen 
sehr häufig anzutreffen ist. — Die Eardendistel (Dipsacus 
silvestris^) dagegen, die sich an Waldrändern und unbe- 
bauten Orten findet, hat langgestreckte Blütenköpfe, an 
denen die stachelspitzigen Spreublätter die rötlichen Blüten 
und später die Früchte überragen. Da zudem auch die 
Blätter des Hüllkelches dicht mit Stacheln besetzt sind, 
stellt das Köpfchen zur Zeit der Fruchtreife ein überaus 
stacheliges Gebilde dar. Auch die Mittelrippen der Blätter, 
sowie besonders die Stengel und Zweige sind dicht mit 
Stacheln bewehrt, so daß das fast mannshohe Gewächs 
vielfach von Pflanzenfressern gemieden wird. Indem die 
untern Abschnitte der gegenständigen Blätter miteinander 
verwachsen, entstehen merkwürdige Becken, die durch 
das ablaufende Regenwasser gefüllt werden. Kriechen nun 
Insekten, die dem Honig in den Blüten einen Besuch ab- 
statten wollen, an dem Stengel empor, so fallen sie in 
diese Behälter und müssen ertrinken, und welche Mengen von Insekten hierdurch ums 
Leben kommen, ist erstaunlich! Das Wasser erhält infolgedessen eine jauclieartige 
Beschaffenheit. Ob aber die Pflanze einen Teil dieser „düngenden" Flüssigkeit auf- 
saugt, ist noch nicht sicher festgestellt. — Eine nahe verwandte, aus Südeuropa 
stammende Art, die Weberkarde (D. fullönum"), wurde früher — wie der Name an- 
deutet — in den Webereien zum Rauhen oder Karden des Tuches verwendet. 




Fruchtstand der Karden 
distel (Va nat. Gr.). 



1) valerianella, zusammengesetzt aus Valeriana (s. S. 233, 6) und der Verkleiueruugssilbe -ella; 
olüorius, gemüsearl-ig. 2) scabiösa von smhies, Krätze (diente früher gegen die Krätze); coliimbaria 
von cMümJia, Taube (vielleiclit nach der Blütenfarbe oder weil die Tauben die Samen gern verzehren). 
3j Kiiautia nach dem Botaniker Knaut in Halle (f 17]6); arvensis, auf dem Acker wachaend. 
4) dijisacus von dipsäo, ich dürste (s. Text) ; süvestris, im Walde wachsend. 5) ftillonum ist gen. pliir. 
von fullo, der Walker (besorgt die Appretur des Tuches). 



Taf. 29. 1. Blühende Pflanze mit möhrenförmiger Wurzel. 2. Pflanze mit langen 
Ausläufern. 3. Geöffnete Blütenknospe. 4. Etwas ältere Blüte nach Entfernung der 
Blumenkrone; sie bietet den Blütenstaub aus. 5. Noch ältere Blüte: der Blütenstaub 
ist bis auf einige Reste abgeholt, und die Narben sind entfaltet. G. Früchte, geöffnet. 
7. Früchte, die sich infolge feuchter Witterung wieder geschlossen haben. 



Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



Tafel 29. 




Rundblättrige Glockenblume (Campanula rotundifolia). 



Glockenblumeneewächse. 



235 



64. Familie. Glockenblumeng'ewächse (Cainpanuläceae®). 
Die ruiidblättrige (irlockenblume (Campänula rotundifölia*'). Tafel 29. 

A. Wie sie grünt. Die zierliche, sehr veränderliche Pflanze liebt 
sonnige Standorte: trockne Wiesen, Wegränder, Bergabhänge, lichte 
Waldstellen u. dgl. Gräbt man sie aus dem Boden, so sieht man, daß 
die unterirdischen Teile sehr verschieden ausgebildet sind. Meist trifft 
man auf eine starke, fast möhrenförmige Wurzel, die wie bei zahl- 
reichen andern Trockenlandpflanzen tief in den Boden hinabsteigt. Andern 
Exemplaren dagegen fehlt eine solche Wurzel. Sie bilden zahlreiche 
meist fadenförmige und mehrfach verzweigte unterirdische Ausläufer, 
die durch Nebenwurzeln den obern Bodenschichten das notwendige 
Wasser entziehen. Erheben sich diese langen, bleichen und nur mit 
schuppenförmigen Blättern besetzten Gebilde über die Erde, so werden 
sie zu grünenden Trieben. Lösen sich diese später von der Mutterpflanze 
ab, so stellen sie selbständige Pflanzen dar (Ver- 
mehrung!). An dem kurzen oberirdischen Stamme 
bilden sich kurze und lange Zweige. Die nicht blühen- 
den Kurztriebe tragen langgestielte, rundliche und 
am Rande meist gekerbte Blätter. Ebenso gestaltete 
Blätter finden sich am untern Teile der blütentragenden 
Zweige, die stark in die Länge gestreckt sind. Nach 
oben hin verschmälern sich die Blätter dieser Lang- Blütengrundriß der 
triebe aber immer mehr, bis sie endlich fast Knien 
förmig und ganzrandig werden. 

B. Wie sie l)lülit. 1. Wenn sich die anfangs 
aufrecht stehenden Blüten öffnen, neigen sie sich 
in der Regel durch Krümmung ihrer Stiele herab, 
so daß Blütenstaub und Honig vortrefflich gegen 
Regen geschützt sind. Die meist dunkelblaue 
Blumenkrone bildet ein zierliches Glöckchen, das 
sich in 5 zurückgebogene Zipfel spaltet. Die 
Glockenblume bietet somit die Außenseite ihrer 
Blüten den Blicken der Insekten dar; sie verhält 
sich in dieser Hinsicht also umgekehrt wie die 
meisten andern Pflanzen, eine Tatsache, die auch 
die lebhaftere Färbung dieser Seite vollauf ver- 
ständlich macht. Der Kelch ist im untern Teile 
mit dem Fruchtknoten innig verwachsen, im obern 
dagegen in 5 fadenförmige Zipfel gespalten, die von 
der Blumenkrone nichts verdecken. Der Oberfläche 
des Fruchtknotens ist die ringförmige, gelbe 




Glockenblume. 




1) campänula, Glockclien; rotundifulius : rotündus. rund und 
^'öiium, Blatt. 



Rundblättrige 
Glockenblume. 
1. Stempel mit durch- 
schnitt. Fruchtknoten 
aus einer Blutenknospe. 
Auf der Griffelbürste ist 
noch kein Blütenstaub 
abgelagert. H. Honig- 
drüse. 2. Staubblatt aus 
derselben Blüte. 



236 



Glockenblumengewächse. 



Honigdrüse aufgelagert. Sie umgibt den Griffel und ist von den 
stark verbreiterten untern Abschnitten der 5 Staubblätter wie von 
einem Gewölbe überdacht, so daß nur 5 spaltenförmige Zugänge zum 
Honig vorhanden sind. Da die Spalten zudem durch Härchen, die von 
den Rändern der Staubblätter ausstrahlen, versperrt werden, ist kleinen 
und daher unnützen Blütengästen der Zutritt zum süßen Safte verwehrt. 
Größere Insekten dagegen können die Haarreusen mit Hilfe des Rüssels 
leicht durchdringen und bis zum Honig hinabreichen. 

2. Um zu erkennen, wie diese Gäste die Bestäubung vermitteln, 
muß man die Entwicklung der Blüte genauer verfolgen. 

a) öffnet man eine noch aufrecht stehende 
Blütenknospe, deren Blumenkrone sich blau zu 
färben beginnt, so sieht man, wie der obere 
Teil des Griffels , rings mit Haaren besetzt ist, 
so daß er einem Zylinderputzer ähnelt. Die 
Staubbeutel sind noch mit Blütenstaub gefüllt 
und liegen dem Griffel dicht an. 

b) Bei einer etwas altern, aber 
gleichfalls noch geschlossenen Blüte 
bemerkt man, wie sich die Staub- 
beutel nach innen öffnen und den grün- 
blauen Blütenstaub auf der „Griffel- 
bürste" ablagern. Die entleerten Staub- 
beutel verschrumpfen darauf. Dies 
gilt auch von den Staubfäden bis auf 
ihre stark verbreiterten untern Ab- 
schnitte, die ja — wie erwähnt — 
als „Saftdecke" dienen. Während sich 
der Griffel in die Länge streckt, öffnet 
sich jetzt die nickend gewordene Blüte, 
und der Blütenstaub wird von größern 
Insekten, die zum Honig vordringen, 
leicht abgestreift. 

c) Nach einiger Zeit verschwin- 
den die Haare der Griffelbürste; die 
3 Narbenäste dagegen, die bisher eng 
zusammen lagen, spreizen auseinander, 
so daß jetzt erst eine Bestäubung 
erfolgen kann. Da nun die Narben- 
äste in der Blüte dieselbe Stelle einnehmen wie vorher der abgelagerte 
Blütenstaub, so werden beide, Blütenstaub und Narbe, von den Besuchern 
auch mit demselben Körperteile gestreift. Dabei müssen die Insekten 
Blütenstaub jüngerer Blüten auf die Narben älterer tragen, also Fremd- 
bestäubung vermitteln, die — wie wir schon mehrfach gesehen haben 
— in der Regel von erhöhter Fruchtbarkeit begleitet ist. 




Wiesen-Glockenblume. 

Blüten 1. in Tag- und 2. in Nacht 

Stellung. 3. Geöffnete Frucht. 



Glockenblumengewächse. 



237 



C. Wie sie Früclite trägt. Der Fruchtknoten, von dem sich die 
vertrocknete Blumenkrone meist nicht ablöst, entwickelt sich zu einer 
dreifächerigen Kapsel. Diese hängt wie die Blüte abwärts und öffnet 
sich an ihrem untern Teile derart, daß drei scharf umgrenzte Stücke der 
Fruchtwand wie Klappfenster herabschlagen. Aus diesen Öffnungen 
schüttelt der Wind die kleinen Samen heraus und verstreut sie, da die 
Kapsel auf einem hohen und elastischen Stengel steht, über einen großen 
Umkreis, öffnete sich die Kapsel wie z. B. die von Schlüsselblume und 
Steinnelke an ihrem obern Teile, so würden die Samen sämtlich in un- 
mittelbarer Nähe der Mutterpflanze zu Boden fallen und die Keimpflänz- 
chen sich gegenseitig Licht, Nahrung und Raum streitig machen. Stellt 
sich feuchte Witterung ein, die den Samen verderbHch werden könnte, 
so schUeßen sich die „Fensterchen" wieder. 



Andre Glockenbliimeugewilchse. 

Von den zahlreichen andern Glockenblumen, 
deren blaue Blüten unsre Huren schmücken, sei 
nur die häufigste, die Wiesen-G. (C. pätula^), er- 
wähnt. Ihre rotblauen Blüten stehen im Gegensatz 
zu denen der eingehend betrachteten Art aufrecht, 
werden aber mit Beginn der Dämmerung und beim 
Eintritt feuchter Witterung nickend: So finden 
Blütenstaub und Honig, wenn sie am meisten ge- 
fährdet sind, doch den Schutz, den sie in 
hängenden Blüten stets genießen. Auch die 
Früchte stehen aufrecht. Im Gegensatz zu 
den Arten mit hängenden Früchten bilden 
sich dementsprechend auch hier die „Fenster- 
chen" am obern Teile der Fruchtkapseln, eine 
Erscheinung, die auch bei allen andern For- 
men mit aufrecht stehenden Früchten zu be- 
obachten ist. — Die großblumige, blau oder 
weiß blühende (xarteu-Glockenblume oder 
Marieng'locke (C. medium'-), die häufig als 
Zierpflanze gezogen wird, stammt aus 
Südeuropa. 

Neben den Glockenblumen gehören 
zu der Familie auch einige Pflanzen, 
die man leicht für Korbblütler halten 
könnte; denn ihre kleinen Blüten, die 
erst in großer Anzahl auffällig werden, 
sind wie bei diesen Gewächsen zu an- 
sehnlichen Köpfchen gehäuft. Es seien 
hier genannt: die zierliche, blau blü- 
hende Schaf-Skabiose (lasiönemontäna*), die auf sonnigen und sandigen Stellen wächst, 
sowie die weiß oder violett blühende Teufelskralle (Phyteüma spicätum^), die auf 
Bergwiesen und im Schatten des Waldes gedeiht. 




Teufelskralle. 
Oberer Stengelteil 
mit dem Blüten- 
stande. 



1) patulus, oäenstehend, ausgebreitet (Blütenfoi-m!). 2) medium von medion, einer unbekannten 
Pflanze der alten Griecben. 3) iasione voniasis, Heilung; montanus, auf Bergen wachsend, i] phy- 
teüma wie medium, s. Anm. 2; spicätus von sjnca, Älire. 



238 



Kürbisgewächse. 



65. Familie. Kürbisg-ewächse (Cucurbitäceae^). 
Der Kürl)is (Cucurbita pepo^). 

A. Frucht und Yerweiidung. Den Kürbis baut man in zahlreichen 
Spielarten vorwiegend seiner Früchte wegen an, die von sehr verschie- 
dener, oft riesiger Größe und grün, weiß oder bunt gefärbt sind. Sie 
werden vom Menschen verspeist (Speisekürbisse) oder den Haustieren als 
Futter vorgelegt. Andre Spielarten dagegen pflanzt man nur zur Zierde 
(Zierkürbisse): Man erfreut sich an den oft seltsamen Formen der Früchte 
oder benutzt die kletternde, großblättrige Pflanze zur Bekleidung von 
Lauben u. dgl. 

Stellt man durch die unreife Frucht einen Querschnitt her, so sieht 
man, wie von der ringförmigen Wand meist 3, seltener 4 oder 5 „Zapfen" 
in das Innere vorspringen, und wie in die^e Zapfen am Grunde mehrere 
Reihen von Samen eingebettet sind. An der reifen Frucht ist die Wand 
bis auf die harte Außenschicht („Rinde") von fleischiger Beschaffenheit, 
während sich die Zapfen in eine faserige, klebrige Masse verwandelt 
haben. Welche Bedeutung hat diese eigentümliche Zweiteilung der 
Frucht wand? 

B. Samen und Keimung-. 1. Legen wir einige Samen („Kürbis- 
kerne"), die noch mit Teilchen des klebrigen Fruchtfleisches oder 
mit dessen 
Safte behaf- 
tet sind, auf 

feuchten 
Boden (Blu- 
mentopf), so 

verkleben 
sie bald mit 
der Erde. 

Sorgen wir sodann für die nötige Feuchtigkeit und 
Wärme, so fangen sie an zu keimen: Aus einem kleinen 
Loche am zugespitzten Ende (1) tritt zuerst die Haupt- 
wurzel hervor. Sie senkt sich sofort in den Boden und 
verzweigt sich daselbst sehr bald (2): alles Erscheinungen, wie wir sie 
bereits bei der keimenden Bohne kennen gelernt haben. Nunmehr beginnt 
sich der Stengelteil, der mit der Wurzel ins Freie getreten ist und sich 
gleichfalls nach unten gewendet hat, stark in die Länge zu strecken. Da 
aber die Wurzel im Boden befestigt und die Samenschale mit der Erde 
verklebt ist, entsteht an dem wachsenden Stengel ein kleiner, nach oben 
gerichteter Bogen (3). Infolge fortgesetzten Wachstums wird dieser Bogen 
immer straffer gespannt, bis endlich die Keimblätter aus der Samenschale 
heraus gezogen werden. Bei dieser Arbeit kommt dem Stengel noch ein 
kleiner Wulst zu statten, der sich an ihm bildet. Er drückt die untere 




Keimung des Kürbis. 
Ziffern sind im Texte erklärt 



1) Cucurbita; Kürbis; p''po von pepon, eine Gurkenart bei den Griechen und Römern. 



Kürbisgewächse. 239 

Hälfte der Schale nach unten und verschwindet wieder, sobald die Keim- 
blätter aus ihrer Hülle befreit sind. 

Legen wir neben diese Samen einige andre, von denen wir jede Spur 
des Fruchtfleisches und seines Saftes sorgfältig entfernt haben, so keimen 
diese gleichfalls bald. Da sie aber mit der Erde nicht verkleben, so 
wird dabei die Samenschale wie eine Mütze mit empor gehoben. Die 
Keimblätter vermögen sich aus ihr nicht oder nur schwer zu befreien, 
so daß die junge Pflanze verkümmert oder wohl gar zugrunde geht. 
Diese Tatsache zeigt, wie wichtig es für den Kürbis ist, daß die Samen- 
schalen mit dem Erdboden verkleben, oder anders ausgedrückt, daß sich 
Teile der Fruchtwand, die „Zapfen", bei der Reife in eine 
klebrige Masse verwandeln. 

Legen wir nun drittens auch einige Samen in den Boden, so hält 
die obere Erdschicht die Fruchtschale fest, und die Keimung kann un- 
gestört erfolgen, ganz gleichgültig, ob noch Fruchtfleisch an den Samen 
haftet oder nicht. Dieser Fall wird beim wildwachsenden Kürbis aber 
schwerlich einmal eintreten. Die Samen werden wohl stets auf den Erd- 
boden zu liegen kommen, und dort bedürfen sie, wie wir gesehen haben, 
einer besondern Befestigung an das „Keimbett". 

2. Hierbei kommt den Samen ihre Form wesentlich zu statten: 
Da sie flache, breitgedrückte Gebilde sind, berühren sie den Boden stets 
mit einer Breitseite, bieten ihm also eine große Befestigungs- oder 
Klebfläche dar. 

3. Die Frucht des Kürbis springt, um die Samen zu entlassen und 
zu verstreuen, von selbst nicht auf. Bei den angebauten Pflanzen ist 
hierzu die Hilfe des Menschen, bei wildwachsenden die von Tieren (Wild- 
schweinen, Hü'schen u. a.) nötig. Gleich zahlreichen andern Gewächsen, 
deren Samen durch Tiere verbreitet werden, besitzt daher auch der Kürbis 
ein Anlockungsmittel für seine Verbreiter, es ist die Wandschicht der 
Frucht, die zur Zeit der Reife eine wohlschmeckende, fleischige 
Masse bildet. 

Wenn etwa ein Wildschwein eine Frucht verzehrt, wird es sicher 
auch zahlreiche Samen mit verspeisen. Bei der großen Menge der 
Samen ist dies für die Pflanze jedoch kein besonderer Verlust. Andrer- 
seits werden aber dem Tiere auch öfter einige Kürbiskerne an Maul und 
Füßen kleben bleiben, so daß auf diese Weise die Pflanze über ein 
weites Gebiet verbreitet werden kann. 

4. Hat der Stengel die Keimblätter aus der Samenschale befreit, so 
streckt er sich gerade, und die ergrünenden Keimblätter biegen sich aus- 
einander, so daß sie von den Sonnenstrahlen durchleuchtet und durch- 
wärmt werden können. Mit Eintritt der Dunkelheit dagegen klappen sie 
wieder zusammen: Sie nehmen Nacht- oder Schlafstellung ein, eine 
Erscheinung, deren Bedeutung wir bereits früher (S. 148) kennen gelernt 
haben. Durch die zusammengeneigten Keimblätter wird zugleich die zarte 
Knospe überdeckt und somit gegen zu starken Wärmeverlust geschützt. 



240 Kürbisgewächse. 

Da es nun ohne Wärme kein Wachstum gibt, ist also auch in dieser 
Hinsicht die Schläfst ellung der Keimblätter für die Pflanze von Vorteil. 

5. Ein solcher Schutz ist für die Knospe um so wichtiger, als 
der Kürbis gegen Wärmeverlust außerordentlich empfindlich ist. Schon 
der geringste Frost tötet ihn, und seine Samen keimen erst bei 
einer Wärme von wenigstens 11 — 16" C. Diese Tatsachen zeigen deut- 
lich an, daß die Heimat der Pflanze nicht in unsern Gegenden zu 
suchen ist. Wahrscheinlich ist sie das tropische Amerika. Die Empfind- 
Hchkeit des Kürbis gegen Kälte veranlaßt uns auch, seine Samen (sowie 
die der Gurke) erst dann ins freie Land zu legen, wenn wir keine Nacht- 
fröste mehr zu befürchten haben, also etwa Mitte Mai. 

C. Stengel, Ranken und Blätter. 1. Alle grünen Teile sind mit 
größern oder kleinern Stacheln bedeckt, die — nach ähnlichen Er- 
scheinungen in unsrer Heimat zu schHeßön — bei der wildwachsenden 
Pflanze wahrscheinHch ein Schutzmittel gegen Tiere darstellen. An den 
Blattstielen sind sie besonders stechend. 

2. Der fünfkantige, hohle Stengel ist saftreich und nicht imstande, 
sich empor zu richten oder gar die Last der Blätter und Früchte zu 
tragen. Er liegt entweder dem Boden auf oder klettert mit Hilfe von 
Ranken, die neben den Blättern entspringen, an fremden Gegenständen 
empor. Jede Ranke besteht aus einem Stiele, der am Ende meist sechs 
Äste trägt. Wie selbst an einem abgeschnittenen Zweigstücke, das man 
in ein Gefäß mit Wasser stellt, leicht zu beobachten ist, suchen die 
Rankenäste gleich den Ranken des Weinstockes (s. das.) kreisend eine 
Stütze. Haben sie eine solche gefunden, dann umschhngen sie diese und 
ziehen sich — wobei sie die Richtung vieKach ein oder mehrere Male 
wechseln — korkzieherartig zusammen. 

3. Die sehr großen, herzförmigen Blätter besitzen je nach der Spiel- 
art 5 oder 7 mehr oder weniger tief eingeschnittene Lappen und sind um 
den Stengel in einer Spirale angeordnet (s. S. 196, 1). Da der Kürbis am 
Boden liegt oder an andern Gegenständen emporklettert, ist er auch nur 
von einer Seite belichtet. Dorthin richten sich alle Blätter: indem die 
Blattstiele die mannigfasten Krümmungen ausführen, heben sie die Blatt- 
flächen erstlich von der Unterlage (Erdboden, Stütze) ab und stellen diese 
zweitens abwechselnd rechts und links vom Stengel, so daß sie alle der 
Sonnenstrahlen teilhaftig werden. Da die Blattflächen zudem diejenige 
Richtung zu den Sonnenstrahlen einnehmen, in der sie am besten durch- 
leuchtet werden, ist die Spiralstellung in allen Stücken aufs voll- 
kommenste „korrigiert". 

Große Blätter sind der Gefahr, vom Winde zerrissen zu werden, viel 
stärker ausgesetzt als kleinere. Bei herzförmigen Blättern, wie sie der 
Kürbis besitzt, ist nun wieder der Blattgrund am meisten gefährdet. Da 
jedoch die äußersten großen Seitennerven bis zu ihrer ersten Ver- 
zweigung sehr stark sind und auf dieser Strecke zugleich den Rand 
der Blattfläche bilden, sind die Blätter am Grunde gleichsam gesäumt 



Kürbisgewächse. 



241 



wie ein Tuch oder dgl. und somit gegen das Einreißen vortrefflich 
geschützt. 

D. Blüte uud Bestäubung. 1. Die Blüten erheben sich auf kurzen 
Stielen aus den Blattwinkeln und sind infolge ihrer Größe auch einzeln 
sehr auffällig. Der Kelch ist bis auf 5 Zipföl vollkommen mit dem 
untern Teile der gelben, trichterförmigen und gleichfalls fünfzipfeligen 
Blumenkrone verwachsen, deren Innenseite dicht mit feinen Härchen 
bedeckt ist. Der Grund der Blüte wird von einer gelben, fleischigen 
Masse ausgekleidet, in der wir ■ — wie schon der Geschmack erkennen 
läßt — die Honigdrüse vor uns haben. — Soweit stimmen sämtliche 
Blüten miteinander überein. Hinsichtlich der Befruchtungswerkzeuge 
macht sich aber ein sehr bemerkenswerter Unterschied geltend: 

2. In der Mehrzahl der Blüten finden sich nur Staubblätter. Diese 
„Staubblüten" bringen selbstverständlich auch keine Früchte hervor 
und werden darum im Volksmunde als „taub" bezeichnet. Die Staub- 
beutel sind miteinander zu einer kurzen 'Säule verwachsen, die auf 




Blüten vom Kürbis und ihre Grundrisse. 1. Staub- und 2. Stempelblüte (verkl.). 

3 „Trägern" ruht, so daß sich das ganze Gebilde wie ein Dreifuß übei 
der napf förmigen Honigdrüse erhebt. Wie der Augenschein lehrt, haben 
wir in den „Trägern", zwischen denen nur je eine Lücke zum Honig 
offen bleibt, die Staubfäden vor uns. Da zwei „Träger" den dritten an 
Stärke aber weit übertreffen, so ist dies ein Zeichen, daß sie durch Ver- 
schmelzung je zweier Staubfäden entstanden sind. In der Blüte sind 
also, den übrigen „fünf zähligen" Blütenteilen entsprechend, auch 5 Staub- 
blätter vorhanden. (So sind auch die meist 8 Fruchtfächer durch Ver- 
schmelzung aus 5 hervorgegangen.) 

3. Die andern Blüten besitzen nur je einen Stempel; es sind also 
Stempel- oder Fruchtblüten. Der unterständige Fruchtknoten, dessen 
Bau wir bei der Betrachtung der Frucht bereits kennen gelernt haben, 
ist in einen säulenförmigen Griffel verlängert, der eine große, fünflappige 
Narbe trägt. 



8 oh m eil, Lehrbuch der Botanik. 



16 



242 



Kürbisgewächse. 



4. Der Kürbis ist also wie z. B. der Haseln ußstr auch eine ein- 
häusige Pflanze. Wie bei allen Gewächsen dieser Art ist auch bei ihm 
Selbstbestäubung, die in der Regel eine geringere Fruchtbarkeit im Ge- 
folge hat, völlig ausgeschlossen. Insekten besorgen die Übertragung des 
Blütenstaubes. 

Andre Küi'bisgewächse. 

Eine weit höhere Bedeutung als der Kürbis hat die ihm in allen Stücken ähn- 
liche Gurke (Cucumis sativus^), die aus Ostindien zu uns gekommen ist. Sie besitzt 
aber einfache Ranken und langgestreckte Früchte. — Ostindien ist gleiclifalls die Heimat 
der Zuckermelone (C. nielo"). auch kurz „Melone" genannt. Das gelbliche, würzhafte 




Stengelende mit Ranken. 



Spritz- 
gurke. 
Ein Zweig 
mit Blatt 
und 
Frucht. 
Die Frucht 
hat sich 
vom Stiele 
abgelöst, 
so daß die 
Samen 
daraus 
hervor- 
spritzen. 
(Nat. Gr.) 



Fleisch der kürbisähnlichen Früchte wird als wohlschmeckendes und erfrischendes Obst 
hoch geschätzt. Deshalb ist die Pflanze auch über fast alle warmen und wärmern 
Länder verbreitet worden. Bei uns gedeiht sie nur in Treibhäusern. — Eine ähnliche 
Bedeutung und Verbreitung hat die Wassermelone (Citrüllus vulgaris''). Sie stammt aus 
dem heißen Afrika. Ihre grünen, kürbisgroßen Früchte besitzen ein rötliches und sehr 
saftiges (Name!) Fleisch und schwarze Samen. —Das tropische Asien und Afrika sind 
die Heimat der Luffapflanze (Luffa cylindrica ') , die in neurer Zeit in allen heißen 
Ijändcrn kultiviert wird. Das feste Gei'äßbündelnetz der gurkeuartigen Früchte wird zu 
den bekannten Luffaschwämmen, sowie zu leichten Schuhen u. dgl. verwendet. 

Mit Hilfe einfacher Ranken, die so empfindlich sind, daß sie sich schon nach 
einer kurzen Berührung kri'inunen. klettert die Zaunrübe (Bryöiiia'') an Zäunen und (ic- 

1) cucumis, Gurke; saticiis, angebaut. 2) iiiclu, Nauie eines KUrbisgewaelises bei den Böniei'n. 
\vahisclieiiilicli der Melone. 3) citruUus woli] aus dem ital. Worte citriuölo, Gurke gebildet; riil. 
(juris, gemein. 4) luffa von luff, dem arab. Namen der Gattung; cylindricus, zylindrisch (Form 
der Eracht!). 5) von bryein, wuchern. 



Korbblütler. 243 

büschon empor. Sie besitzt — wie gleichfalls in ihrem Namen ausgedrückt liegt - eine 
rübenförmige, sehr giftige Wurzel und wird durcli Vögel verbreitet, denen die saftige«, 
schwarzen oder roten Beeren zur Nahrung dienen. An dieser Färbung der Früchte 
lassen sich aucii leicht die beiden Alten, die schwarzbeerigc und die rotbeerig-e Z. 
(B. alba u. dioeca^), erkennen. — Eine Pflanze mit sehr merkwürdiger Samen Verbrei- 
tung ist die Spritzgurke (Ecbällium elaterium^), die in den IVlittelmeerländern heimisch 
ist und bei uns der eigentümlichen Früchte wegen ab und zu in den Gärten gezogen 
wird. Die etwa 4cm langen, gurkenähnlichen Gebilde lösen sich bei der Reife von 
den Stielen, und in demselben Augenblick spritzt aus der entstandenen Öffnung der 
schleimige Inhalt samt den Samen in kräftigem Strahle hervor. Infolgedessen fallen 
die Samen mehr oder weniger weit von der Mutterpflanze entfernt zu Boden. Werden 
nun gar Tiere, die durch Anstreifen die Frucht von den Stielen lösen, von dem „Ge- 
schosse" getroffen, so kann die Pflanze infolge dieser Einrichtung über größere Be- 
zirke verbreitet werden. 

66. Familie. Korbblütler (Compösitcie'^). 

Zalilreiche kleine Blüten sind zu einem köpfchenartigen Blütenstande gehäuft und 
werden von einer gemeinsamen Hülle umgeben, so daß das Ganze das Aussehen einer 
einfachen Blume erhält (Blütenkorb). Einzel blute: Kelch wenig ausgebildet oder 
in eine Haarlirone (Pappus) umgewandelt; Blumenkrone entweder röhren- oder zungen- 
förmig; Beutel der 5 Staubblätter zu einer Röhre verwachsen, die den Griffel um- 
schließt; der unterständige Fruchtknoten entwickelt sich zu einer einsamigen Schließ- 
frucht (Achäne). 

1. Die Soiinenbluine oder Soiinenrose (Heliänthus ännuus*). 

A. Bedeutung'. Die Sonnenblume ist eine riesenhafte Sommerpflanze, 
die aus dem heißen Amerika zu uns gekommen ist. Sie ist wegen der 
mächtigen, leuchtenden „Blumen", die sich — wie ihre Namen besagen — 
mit strahlenden Sonnen vergleichen lassen, eine allgemein beliebte Zierde 
der Gärten. In einigen Gegenden, namenthch in Süd-Rußland und den 
Balkanstaaten, wird sie aber auch der Früchte halber angebaut. Man 
schlägt daraus ein wertvolles Öl, das als Speise- und Brennöl, sowie 
zur Bereitung feiner Seifen und in der Ölmalerei verwendet wird. 

B. Stengel. Die Früchte, die man im Frühjahre in die Erde legt, 
entwickeln sich schnell zu kräftigen Pflanzen, die nicht selten eine Höhe 
von 3 m und darüber erreichen. Ihr oft armdicker Stengel ist nur im 
obern Teile verzweigt, wie aUe grünen Teile mit steifen Haaren besetzt und 
bildet eine weite Röhre (s. Roggen), die mit lockerm Marke angefüllt ist. 

C. Blätter. Eine Pflanze von solcher Höhe ist aber den Einwirkungen 
des Windes in hohem Grade ausgesetzt, zumal sie sehr große Blätter 
besitzt. Da die Blattflächen aber von langen, beweglichen Stielen ge- 
tragen werden, können sie dem Anpralle des Windes leicht ausweichen. 
Auch der am meisten gefährdete herzförmige Blattgrund reißt selbst 
bei heftigen Stürmen kaum jemals ein; denn die untersten, sehr starken 
Seitennerven bilden wie beim Kin])is])latte bis zu ihrer ersten Ver- 
zweigung feste „Säume". 

1) albus, weilJ; diueca: di-, zwei luid uikua, Uuus. 2) ecballiuin von ekbällo, ick werfe liuruus; 
elaterioti, Abfülu-mittel. 3) von compositus, zusauiiuengesttzt (Blutenstand!), i) helianlhufi : hchos, 
Sonne und änthos, Blume; annuus, einjälirig. 



244 



Korbblütler. 



Die Blätter sind in einer Schraubenlinie angeordnet (s. S. 196,1). 
Betrachtet man eine noch niedrige Pflanze von oben, so macht es den 
Eindruck, als bildeten sie eine Rosette: so gleichmäßig sind sie um den 
Stengel verteilt. Keins raubt dem andern daher das Licht. Da sich die Blatt- 
spitzen nach unten neigen, werden die Blattflächen von den Sonnenstrahlen 
ziemlich senkrecht getroffen, also unter einem Winkel, unter dem diese 

am wirksamsten sind. 
Die Stellung der Blatt- 
flächen bedingt auch, 
daß der auf sie nieder- 
fallende Regen nach 
außen abgeleitet wird, 
eine Tatsache, mit der 
wieder die Verhältnisse 
der Wurzel im innig- 
sten Einklänge stehen. 
D. Wurzel. Die 
Sonnenblume ist — wie 
bemerkt — eine hohe 
Pflanze mit großen 
Blättern, die infolge- 
dessen dem Winde 
stark ausgesetzt ist. 
Man erwartet daher 
bei ihr eine tiefgehende 
H a u p t w u r z e 1 und 

weit ausgreifende 
Seitenwurzeln, die 
das schwere Gewächs 
sicher im Boden ver- 
ankern. Gräbt man die 
Sonnenblume aber aus, 
so findet man zwar 
eine Hauptwurzel, die senkrecht in den Boden hinabsteigt; die von 
ihr nach allen Seiten ausstrahlenden Seitenwurzeln dagegen sind auf- 
fallend kurz. Dafür sind sie aber in sehr großer Zahl vorhanden und 
verzweigen sich so stark, daß ein dichtes Wurzelgeflecht, ein „Ballen" 
entsteht, aus dem die Erde nur schwer durch Klopfen zu entfernen ist. 
Was den Seitenwurzeln an Länge abgeht, wird eben durch ihre 
Zahl und reiche Verzweigung ersetzt. 

Faßt man die Länge der Seitenwurzeln genau ins Auge, so merkt 
man, daß sich die entferntesten Wurzelspitzen über den Umfang der 
Blattkrone (wenn man bei der Sonnenblume überhaupt von einer solchen 
sprechen kann!) nicht hinaus erstrecken, eine Erscheinung, die wir bei 
den meisten Pflanzen mit „zentrifugaler" Wasserableitung wieder finden. 




Sonn e n 1j 1 u m e. 
Oberer blühender 
Teil der Pflanze. 



Korbblütler. 



245 



HK 






Da die Sonnenblume aber nicht eine dicht geschlossene „Krone" besitzt, 
mrd der ganze im Bereich der Blätter liegende Bezirk durchnäßt. Die 
Saugwurzeln finden sich dementsprechend auch nicht nur im Umkreise 
der Krone, sondern sind über den ganzen Wurzelballen verteilt, 
Die erwähnte Auflösung der Seitenwurzeln in sehr zahlreiche, immer 
feiner werdende Zweige, deren Endteile das Wasser aufsaugen, steht also 
auch mit der Art der Wasserableitung in völligem Einklänge. 

E. Blutenstand. Die kräftigen Stengel und Zweige tragen am Ende 
je eine große „Blume", die sich bei freistehenden Pflanzen gern der Sonne 
zukehrt (daher auch vielleicht „Sonnenblume"). Sie hat oft einen Durch- 
messer von 25 cm und darüber und wird infolge der Schwere bald mehr 
oder weniger nickend. 

1. Durchschneiden wir eine solche Blume der Länge nach, so sehen 
wir, daß auf dem scheibenförmig erweiterten Ende des Stengels, dem 
Blütenboden, sehr viele kleine, ungestielte Blüten sitzen. Wir haben 

es hier also 
nicht mit einer 
einzelnen Blü- 
te, sondern mit 
einer Blüten- 
genossen- 
schaft oder 
einem Blüten- 
stande zu tun, 
den man nach 
seiner Form als 
Köpfchenbe- 
zeichnet. In- 
folge dieser 
Häufung wer- 
den die Blüten 
die Blicke ihrer 

Restäuber, der Insekten, unzweifelhaft viel leichter und sicherer auf sich 
lenken, als wenn sie einzeln ständen. 

Sämthche Blüten sind von mehreren großen, grünen Blättern um- 
geben. Solange sich das Köpfchen im Knospenzustande befindet, werden 
die Blüten von diesen Blättern vollkommen überdeckt, und auch noch 
späterhin lassen die derben Gebilde den zarten Blüten einen wirksamen 
Schutz, besonders gegen ankriechende Tiere (Ameisen, Schnecken u. dgl.) 
angedeihen. Durch diesen sog. Hüllkelch erhält der Blütenstand das 
Aussehen eines mit vielen Blüten gefüllten Körbchens. Darum bezeichnet 
man ein so gebildetes Köpfchen treffend auch als Blütenkörbchen 
(„Korbblütler"). 

2. Die Einzelblüten entspringen in den Achseln kleiner, dreizackiger 
Blätter, die sich besonders bei der Fruchtreife spreuartig trocken anfühlen 





Längsschnitt durch 
en Blütenstand der 
Sonnenljlume. 



1—4. Röhrenblüteii; 1. noch nicht geöffnet; 2, der Blütenstaub ist 
aus der Blütenröhre hervorgeschoben; 3. die Narben spreizen aus- 
einander; 4. verblüht (vgl. die Abb. auf S. 247). Z. Zungenblüten. 
HK. Hüllkelch. Bb. Blütenboden. H. Der mit der Höhlung des 
Stengels in Verbindung stehende Hohlraum im Blütenboden. 




246 Korbblütler. 

und daher Spreublätter genannt werden. Entfernt man die reifen 
Früchte, so erhält der Blütenboden, den man jetzt als Fruchtboden 
bezeichnet, durch die Spreublätter fast das Aussehen einer Bienenwabe. 
Bei den Blüten der äußersten Reihe nehmen Hie innern Blätter des Hüll- 
kelchs die Stelle der Spreublätter ein. 

F. Eiiizelblüte. Zwischen den Einzelblüten macht sich nun wieder 
ein großer Unterschied bemerklich: Die in der Mitte der Blumenscheibe 
stehenden haben eine kleine, gelbbraune, röhrenförmige Blumenkrone, 
während die am Rande des Körbchens befindlichen eine gelbe Blumen- 
krone besitzen, die zu einem langen Bande oder einer Zunge ausgezogen ist. 
Nach der Stellung kann man die Blüten also als Scheiben- und Rand- 
blüten, nach der Form als Röhren- und Zungenblüten unterscheiden. 
1. Röhrenblüte. Der unterständige Fruchtknoten trägt (meist) 
2 Blättchen, in denen wir den Kelch vor uns haben. Wenn wir be- 
denken, daß der Hüllkelch für die Gesamtheit der Blüten die Bedeutung 
eines Kelches besitzt, so wird uns die geringe Aus- 
bildung des wirklichen Kelches leicht verständlich. 
(Bei andern Korbblütlern, z. B. bei der Wucherblume, 
sind vom Kelche noch viel geringere Spuren zu finden, 
während er bei wieder andern Arten zu einer „Haar- 
krone" umgebildet ist; s. S. 251,a). Die Blumenkrone 
Grundriß einer ^^^ ^^^^ ^^^^ Röhre, die im untern Teile eine kugel- 
Röhrenblüte der förmige Erweiterung zeigt und in 5 Zipfel endet. Am 
Sonnenblume. Grunde der Erweiterung sind die Fäden der 5 Staub- 
blätter eingefügt, deren Beutel zu einer den Griffel 
umgebenden Röhre verwachsen sind. Der Griffel endet in eine Narbe, 
deren beide Äste aber erst im letzten Zustande der Blütenentwicklung 
(4) auseinander spreizen. Der Honig wird von einem kleinen Wulst 
am Grunde des Griffels abgeschieden, und zwar in so großer Menge, daß 
oft der ganze untere Teil der Blütenröhre damit angefüllt ist. 

a) Um die Art der Bestäubung kennen zu lernen, müssen wir bereits 
eine Blüte öffnen, wenn sie sich noch im Knospenzustande befindet (1). 
Wir sehen, wie die Staubbeutel noch geschlossen sind, wie der 
Griffel noch nicht bis zu der Staubbeutelröhre empor reicht, und wie die 
beiden Narbenäste noch eng aneinander liegen. Außen sind diese 
samt einem Stück des Griffels mit zahlreichen feinen Haaren besetzt, wo- 
durch das Ganze das Aussehen eines winzigen Zyhnderputzers erhält. 

b) Bei einer etwas altern Blüte finden wir die Beutel nach innen 
geöffnet, so daß die Röhre mit Blütenstaub angefüllt wird. Bei einer 
wieder altern, aber immer noch geschlossenen Blüte (2) ist der wachsende 
Griffel wie ein Kolben in der Staubbeutelröhre vorgedrungen. Infolge- 
dessen schiebt er den Blütenstaub vor sich her und nimmt die etwa 
/Airückbleibenden Körnchen in seinem Haarbesatze mit empor. 

c) Nunmehr öffnet sich die Blumenkrone (3). Der sich immer mehr 
streckende Griffel hebt die schwarzbraune Staubbeutelröhre — die Staub- 



fCorhlilüflcr. 



247 



fäden haben sich gleichzeitig stark verlängert — aus der Blüte heraus 
und drängt zugleich den Blütenstaul) in Form eines gelben Häufchens 
aus der Staubbeutelröhre hervor. Jetzt befindet sich der Staub an 
der Stelle, an der er von Insekten leicht abgestreift werden kann, und 
in welch reichlichem Maße dies geschieht, zeigt die oft ganz gelbe Körper- 
unterseite der saugenden Besucher. 

d) Ist der Blütenstaub abgeholt, dann erst spreizen die Narben- 
äste auseinander, so daß ihre allein „belegungsfähigen" Innenseiten offen 
dahegen (4). Gewöhnlich dauert es auch nicht lange, so bringen die In- 
sekten, die von Blüte zu Blüte schreiten, von Jüngern Blüten Staub herbei. 

e) Das ungleichzeitige Reifen der Staubbeutet und Narben in der- 
selben Blüte hat also meist Fremdbestäubung im Gefolge. Auch wenn 

die Insekten von andern Pflan- (p^/^ N. 

zen oder von andern Blüten - 
körben derselben Pflanze keinen 
Blütenstaub herbeitragen wür- 
den, erfolgt in der Regel doch 




Röhrenblüte der Sonnenblume in ihrer Entwicklung. Die einzelnen Entwicklungs- 
zustände sind im Texte erklärt. Die Blütenröhrc ist der Länge nach halbiert. 
Sp. Spreublatt. P. Fruchtknoten. H. Honigabsondernde Stelle des Griffels. K. Kelch- 
blätter. Sf. Staubfäden. G. Griffel. Sb. Staubbeiitelröhre (geöffnet). N. Narbe. (Vergr.) 

die vorteilhaftere Fremdbestäubung; denn die Blüten eines Köpfchens 
öffnen sich ja nicht alle zu gleicher Zeit. Abgesehen von den ersten und 
letzten Tagen des Blühens findet man in jedem Körbchen Blüten in 
allen Entwicklungszuständen, und zwar erfolgt das Aufblühen 
in einer Spirallinie von außen nach innen. 

f) Tritt aber infolge ausbleibenden Insektenbesuches Fremdbestäubung 
nicht ein, so kann sich die Pflanze auch selbst bestäuben. Die 
Narbenäste rollen sich so weit zurück, daß ihre Oberseiten die ver- 
schrumpften „Fegehaare" berühren, in denen stets noch einige Blüten- 
staubkörnchen hängen gebheben sind. 



248 Korbblütlftr. 

g) Nach erfolgter Bestäubung bleiben die Blütenteile, die auf dem 
schwellenden Fruchtknoten sitzen, eigentümlicherweise noch lange er- 
halten. Die Staubbeutel und der sich verkürzende Griffel ver- 
schwinden aber, ohne zu verschrumpfen, wieder in der Blumenkron- 
röhre (5). öffnet man diese, so sieht man, wie sich die Staubfäden in der 
kugeUgen Erweiterung der Röhre — deren Bedeutung hierdurch klar 
wird — zusammengeknäult und die Staubbeutel infolgedessen herab- 
gezogen haben. Der Zugang zum Blütengrunde ist jetzt also versperrt. 
Die Besucher wenden sich daher „ohne Zeitverlust" sofort den noch un- 
bestäubten Blüten zu, die Honig und Blütenstaub ausbieten. 

Entfernt man die altern, sich nunmehr „strohig" anfühlenden 
Blumenkronen, so werden die reifenden Früchte gewöhnlich bald ein 
Opfer der Singvögel, besonders der Meisen. Infolgedessen krümmt sich 
vielfach der Blütenboden, Randblüten fallen aus und andre Unregelmäßig- 
keiten treten ein, die die vollständige Ausbildung aller Früchte erschweren. 
Durch die haftenbleibenden Blumenkronen werden die Zerstörer aber ab- 
gehalten, den Fruchtständen solchen Schaden zuzufügen. 

2. Zungenblüten, a) Die am Rande des Köpfchens stehenden 
Zungenblüten zeigen im wesentlichen den Bau der Scheibenblüten. Ihre 
sehr kurze Blütenröhre ist jedoch — wie bereits erwähnt — zu einem 
langen Bande ausgezogen, und Staubblätter sowohl, als einen Griffel 
sucht man in ihnen vergeblich. Auch ihre Fruchtknoten entwickeln sich 
nicht zu Früchten. Trotzdem sind sie aber nicht ohne Bedeutung für die 
Pflanze. Indem die bandförmigen Abschnitte ihrer Blumenkronen nach 
außen strahlen, erhöhen sie die Auffälligkeit des Blütenkorbes 
und helfen dadurch die Bestäuber der Röhrenblüten herbei- 
locken. Die Randblüten bezeichnet man daher auch als Strahlenblüten 
und Blütenköpfe dieser Art als „strahlend". In den Blütenständen der 
Sonnenblume (und aller jener andern Korbblütler mit ähnlichen Blüten- 
körben) ist also eine Arbeitsteilung eingetreten: Die Blüten sind in Frucht- 
und Lockblüten geschieden. 

b) Da Rand- und Scheibenblüten außerdem noch von verschiede- 
ner Fä'rbung sind, werden die Blütenstände um so auffäUiger; denn 
Farbengegensätze (Farbenkontraste) erhöhen bekanntlich die Auffälligkeit 
eines Gegenstandes; wir brauchen nur an Plakate, Firmen- 
schilder u. dgl. zu denken. 

c) Wie wir oben gesehen haben, blühen die Scheiben- 
blüten nicht aUe zugleich, sondern nacheinander, und 
zwar jede nur eine verhältnismäßig kurze Zeit. Die 
Fruchtknoten der Randblüten dagegen entfalten sich bereits vor den ersten 
Sonnenblume, und verblühen nach den letzten Scheibenblüten; sie sind 
geöffnet. daher auch imstande, allen Scheibenblüten zu 

J'lJir^'elSe «dienen". 

Samenkrfospe^ Gr. Fruclit. Wie die beidefi Narbenäste andeuten, 

(vergr.). ist die Wand des Fruchtknotens und die daraus hervor- 




Korbblütler. ' 249 

gehende Pruchthülle aus zwei Fruchtblättern gebildet. Vom Grunde er- 
hebt sich em Same, der beim Keimen die schwarzgraue Fruchtwand 
sprengt. Wir haben es hier also mit einer Schließfrucht zu tun. Da nun 
die pergamentartige Fruchtwand mit der Samenhülle nicht verwächst — 
ein Fall, wie er bei allen Korbblütlern zu beobachten ist — bezeichnet 
man die Schließfrucht hier insbesondere als Achäne. Schüttelt der Wind 
die hohen Sonnenblumen, so streut er die glatten Früchte über ein ver- 
hältnismäßig großes Gebiet aus, 

3. Der L<)weiizahn (Taräxacum officinäle^). 

1. Bedeutung". Der Löwenzahn ist so recht eine Pflanze der 
Kinder: Jubelnd pflücken die Kleinen die leuchtend gelben Blütenköpfe 
zum Strauße („Butterblume"), „schmieden" die hohlen Blütenstiele zu 
vergänglichen Kettlein („Kettenblume, Ringelblume") und fragen die zier- 
lichen Fruchtstände („Lichter, Lampen"), wie lange sie wohl noch leben 
(„Pustblume"). 

Die Blätter, die gleich allen andern Teilen einen weißen, klebrigen 
Milchsaft enthalten, werden von den Weide tieren gern verzehrt 
(„Kuhblume"). Den Verlust der Blätter verwindet die Pflanze jedoch 
gewöhnhch sehr bald; denn der kurze, dicke (oft verzweigte) Stamm 
(Wurzelstock) ist im Erdboden geborgen. Er kann daher von den Blatt- 
räubern nicht mit verletzt werden und beginnt meist bald darauf von 
neuem zu treiben. Genau so verhält sich der Löwenzahn der Sichel 
gegenüber: Auf Rasenplätzen ist er — wie der Gärtner sagt — nicht 
„tot zu bekommen" und dort daher ein lästiges Unkraut. Die jungen 
Blätter werden in einigen Gegenden auch als Salat verzehrt. 

2. Standort. Der Löwenzahn ist auf Wiesen und Grasplätzen, an 
Wegen und ähnlichen Stellen überall häufig anzutreffen. Während er 
hier auf sehr trocknem Boden im stärksten Sonnenbrande wächst, be- 
wohnt er dort feuchte, schattige Orte; während er hier nur mit niedrigen 
Gräsern das Gebiet teilt, steht er dort mitten zwischen den hohen Wiesen- 
pflanzen, die ihn fast zu „erdrücken" scheinen. Er gedeiht also unter 
sehr verschiedenen Verhältnissen; allen aber ist er — wie wir sofort sehen 
werden — vortrefflich „angepaßt". 

3. WurzeL Da sich der kurze Stamm in eine lange Pfahlwurzel 
fortsetzt, die bis zu den stets feuchten Bodenschichten hinab steigt, ver- 
mag der Löwenzahn selbst der Wasserarmut festgetretener Wege zu trotzen. 

4. Blätter, a) An diesen Stellen findet man seine Blätter stets zu 
einer Rosette geordnet, die dem Boden dicht aufliegt, ihn beschattet und 
mithin vor zu starker Austrocknung schützt. 

b) Die so geordneten Blätter sind zudem auf der Oberseite mit einer 
deutlichen Rinne versehen. Infolgedessen leiten sie jeden Regentropfen, 

1) taraa--acum : tdraarisi, eine Augenkrankheit oder Beunruhigung and akeo))iai, ich lieUe; 
officinalis, in der Apotheke verwendet. 



250 



Korbblütler. 



von dem sie getroffen werden, der dürstenden Wurzel zu. (Der Richtung 
der Wurzel entsprechend, ist die Wasserleitung also zentripetal.) 

c) Infolge der Rosettenstellung der Blätter verdrängt der Löwen- 
zahn endlich auch die kleinern benachbarten Pflanzen, die ihm 
Bodenfeuchtigkeit wegnehmen würden: Er bedeckt sie mit seinen Blättern, 

raubt ihnen 
also das Licht, 
und — Licht- 
mangel ist 
stets der Tod 
der grünen Ge- 
wächse. Dar- 
um ist er auch 
wie sein treue- 
ster Genosse, 
der Wegerich, 
an Orten mit 
niedrigem 
Pflanzen- 
wuchse viel- 
fach die „herr- 
schende" 
Pflanze. Dieses 
Verhalten des 
Löwenzahns 
gegen andre, 
schwächere 
Gewächse ist 
ein deutliches 
Beispiel von 
dem erbitter- 
ten und un- 
unterbroche- 
nen Kampfe, 
der in der 
scheinbar so 

friedlichen 
WeltderPflan- 
zen herrscht, 
von einem Kampfe, der sich um Nahrung, Licht, Luft und Raum dreht! 

d) Steht der Löwenzahn aber zwischen üppig wachsenden Pflanzen, 
etwa auf einer wohlgepflegten Wiese, so kommt er häufig selbst in die 
Gefahr, überwuchert zu werden. Dann verlassen die Blätter mehr 
oder weniger die zierliche Rosettenstellung: Sie richten sich schräg 
oder gar senkrecht empor, dem belebenden Lichte entgegen. 




Löwenzahn, blühend und fruchttragend (etwas verkl.). 
a. Einzelne Blüte und b. Frucht (vergr.). 



Korbblütler. 251 

e) Hier und an schattigen Stellen befindet sich der Löwenzahn nicht 
im Vollgenusse des Lichtes. Dann besitzt er jedoch zumeist große und 
zarte Blätter, die genügend Sonnenstrahlen auffangen und von dem 
schwachen Lichte auch in ausreichendem Maße durchleuchtet werden. 
Solche zarten Blätter vertrocknen — wie ein Versuch zeigt — allerdings 
viel leichter als die derbern von „Sonnenpflanzen". Da die „Schatten- 
pflanzen" aber zumeist auf feuchtem Boden wachsen, ist dies für sie 
kein Nachteil. 

f) Auch das gesamte Aussehen der Blätter unterliegt starken Ab- 
weichungen. Bei Pflanzen trockner oder mäßig feuchter vStellen ist der 
Blattrand meist in große, rückwärts gerichtete Zähne geteilt, die aber- 
mals fein gesägt sind. Diesem schrotsägeförmigen Blattrande ver- 
dankt die Pflanze auch ihren Namen. An feuchten Standorten dagegen 
sind die Blätter vielfach nur schwach gezähnelt, eine Ersr^heinung, die 
gleichfalls auf eine Vergrößerung der Blattfläche hinausläuft. 

5. Blüte, a) Die Blütenköpfe stehen einzeln am Ende je eines 
blattlosen, hohlen Stieles, eines sog. Schaftes, der je nach der Höhe 
der umgebenden Pflanzen sehr kurz oder auch außerordentlich lang sein 
kann. Im Blütenköpfchen finden sich nur Zungenblüten. Sie ent- 
springen nicht in den Achseln von Spreublättern und unterscheiden sich 
von denen der Sonnenblume besonders dadurch, daß sie wie die Röhren- 
blüten dieser Pflanze wohlausgebildete Staubblätter und einen eben solchen 
Stempel besitzen. Auch die Bestäubung erfolgt genau wie bei der Sonnen- 
blume. Hinsichtlich des Kelches dagegen zeigt sich ein wesentUcher 
Unterschied: Der Fruchtknoten setzt sich oben in ein kurzes Stielchen 
fort, das auf seiner Spitze außer der Blumenkrone einen Haarkranz trägt. 
In ihm haben wir den Kelch vor uns. Er krönt später als Haarkelch 
(Pappus) die reife Frucht und wird daher auch Haar- oder Federkrone 
genannt. 

b) Schon lange bevor sich das Köpfchen öffnet, sind die äußern 
Blätter des Hüllkelches her abgeschlagen ; die innern dagegen stehen 
aufrecht und umhüllen schützend die zarten Blüten. Dabei schließen sie 
so eng aneinander, daß es den Eindruck macht, als seien sie in der 
untern Hälfte miteinander verwachsen. An einem sonnigen Morgen ist end- 
lich für das Köpfchen die Zeit gekommen, sich zu öffnen. Die Blütchen 
spreizen weit auseinander, so daß sie eine große, leuchtend gelbe Fläche 
bilden und die Blätter des Hüllkelches nach außen drängen. Bereits 
lange vor Anbruch des Abends schließen sich die Köpfchen wieder: 
Die Blüten kehren in die Knospenlage zurück, werden wieder vom Hüll- 
kelche umschlossen, und von der frühern Herrlichkeit ist nichts mehr zu 
sehen. Dieser Vorgang wiederholt sich täglich, bis das Blühen ein Ende 
erreicht hat. Bei regnerischem und kaltem Wetter öffnen sich die Köpfchen 
gar nicht! 

c) So wohl ausgebildet die Blüten sind, und so sorgsam die Köpfchen 
durch regelmäßiges öffnen und Schließen jede einzelne gegen die ün- 



252 Korbblütler. 

bilden der Witterung schützen, dennoch scheint — wie in den letzten Jah- 
ren festgestellt wiirde — für den Löwenzahn eine Bestäubung ganz ohne 
Bedeutung zu sein. Schneidet man nämüch von einem noch geschlossenen 
Köpfchen mit einem scharfen Messer den obern Teil so ab, daß die noch 
nicht geöffneten Staubblätter und die noch unbelegten Narben entfernt 
werden, und bindet man um das verstümmelte Köpfchen eine Hülle aus 
feiner Gaze, die jede Bestäubung durch Insekten unmöghch macht, so 
entwickeln sich die Fruchtknoten trotzdem zu wohl ausgebilde- 
ten und keimfähigen Früchten. Wir haben es hier also mit einem 
Falle von Jungfernzeugung oder Parthenogenesis zu tun, wie sie im Tier- 
reiche ziemlich häufig auftritt (s. Lehrbuch der Zoologie) imd auch im 
Pflanzenreiche außer beim Löwenzahn noch bei andern Pflanzen, z. B. bei 
zahlreichen Habichtskräutern, beim Frauenmantel, beim Bingelkraut usw., 
beobachtet worden ist. 

Auch wenn der Löwenzahn bestäubt wird — was bei dem aus- 
giebigen Insektenbesuche wohl die Regel ist — , scheint nur selten 
eine Befruchtung der Samenanlagen zu erfolgen. Wie nämlich 
durch sorgfältige Versuche festgestellt wurde, haben die Blütenstaub- 
körnchen nur ausnahmsweise noch die Fähigkeit, einen Keimschlauch 
zu treiben, was zur Befruchtung bekanntlich notwendig ist. 

6. Frucht, a) Im Schutze des Hüllkelches reifen die Früchte heran. 
Die Blumenkrone ist nach dem Verblühen abgefallen; die stielchenartige 
Verlängerung des Fruchtknotens dagegen hat sich gleich den Haaren der 
Haarkrone stark in die Länge gestreckt. Sind die Früchte reif und somit 
verbreitungsfähig geworden, und scheint die Sonne warm herab, dann 
spreizen die Haare auseinander, während sich die Blätter des Hüllkelches 
gleichzeitig nach unten schlagen: Es haben sich jene bekannten, kugeUgen 
Fruchtstände gebildet, die an Zierlichkeit ihresgleichen suchen. 

b) Jetzt „warten" die Früchte auf einen Windstoß, der sie aus der Nähe 
der Mutterjiflanze hin wegtragen soll. Diesen wichtigen Dienst A^ermag der 
Wind der Pflanze wohl zu leisten; denn die Haar kröne liefert ihm eine große 
Angriffsfläche, so daß er die Frucht leicht vom Fruchtboden ablösen und 
fortführen kann. Zugleich stellt sie aber auch einen winzigen Fallschirm 
dar. Wie ein solcher Schirm der Luft einen großen Widerstand entgegen- 
setzt, so daß der an ihm hängende Luftschiffer nur langsam zur Erde 
herabschwebt, wird auch durch die Haarkrone ein schnelles Fallen der 
Früchte verhindert. Die federleichten Gebilde können aber nur dann 
über ein weites Gebiet verbreitet werden, wenn die „Fallschirme" die 
zum Schweben notwendige Stellung längere Zeit beibehalten. Dies er- 
möglichen die Stielchen, die sich — wie soeben bemerkt — sehr lang ge- 
.streckt haben. Infolgedessen liegt der Schwerpunkt des „Luftschiffes" ver- 
hältnismäßig tief, so daß dieses wie ein „Stehauf" stets senkrecht steht. 

Eine solche Verbreitung ist aber nur bei trocknem Wetter mögUch. 
Dementsprechend schließen sich die Köpfchen auch bei beginnender Dunkel- 
heit vielfach wieder, wenn ihre Früchte vom Winde nicht abgeholt wor- 



Korbblütler. 



253 



den sind: die (hygroskopischen) Federkronen legen sich in der feuchten 
Abendhift zusammen, und alles wird von den Blättern des Hüllkelches 
wieder eingeschlossen. Am nächsten Tage im warmen Sonnenscheine be- 
ginnt dann das Spiel von neuem. Bei feuchter Luft dagegen öffnen sich 
die Fruchtstände überhaupt nicht. 

c) Ist das „Luftschiff" gestrandet, dann löst sich die Haarkrone mit 
dem Stielchen von der Frucht ab. Durch zahlreiche Zähnchen der 
Fruchtschale ist diese bald sicher am Boden verankert, so daß sie un- 
gestört zu keimen vermag. 

Andre Korbblütler. 

Die Korbblütler stellen mit ihren etwa 12000 Arten die größte aller Pflanzen- 
faniilien dar. Sie sind über alle Zonen verbreitet und finden sich bei uns an den ver- 
schiedensten Standorten. Nach der Bildung der Blumenköpfchen lassen sie sich leicht 
in folgende drei Gruppen ordnen: 

1. (xi-uppe. Strahlenblütigfc : Die röhrenförmigen Scheibenblüten werden 
(wie bei der Sonnenblume.) in der Regel von einem Kranze zungenf örmiger 
Rand- oder Strahlenblüten umgeben. 

Mit der Sonnenblume haben zahlreiche andre Korbblütler Einzug in unsre Gärten 
gehalten. Von diesen seien nur die beiden wichtigsten, die Garten -Aster (Aster 
chinensis^) aus China und die Creorgine") (Dählia variäbilis") aus Mexiko genannt. 
Gärtnerische Kunst hat aus ihnen eine unabsehbare Anzahl von Spielarten gezüchtet, 
die hinsichtlich der gesamten Gestalt (z. B. „Zvvergastern"), . 
sowie der Größe, Farbe und Form der Blütenköpfe u. dgl. 
oft beträchtlich voneinander al)weichen. Wie man an den 
wildwachsenden Asterarten unsrer Heimat, sowie an „ein- 
fachen" Georginen sehen kann, hatten die Köpfchen dieser 
Pflanzen wie die der Sonnenblume ursprünglich auch nur 
einen Kranz von Zungenblüten. Gelegentlich zeigten sich 
aber auch einige oder mehrere Röhrenblüten der Scheibe 
zungenförmig umgestaltet. Da dem Menschen solche Blüten- 
köpfe besonders gefielen, suchte er zur Fortzucht stets nur 
die Pflanzen aus, bei denen solche abnormen Blüten- 
bildungen besonders ausgeprägt waren: Auf diese Weise 
sind im Laufe der Zeit die Formen mit „gefüllten Blüten" 
entstanden, die auch an vielen andern Gartenblumen be- 
sonders geschätzt werden. 

Wie sciinell eine solche „Veredelung" erfolgen kann, 
zeigt deutlich eine allbekannte Wiesen pflanze, das freund- 
liche Gänseblümchen oder Maßliebchen (Bellis perennis '). 
Man braucht es nur in gute Gartenerde zu pflanzen, so 
tritt auch alsbald eine Vermehrung der Strahlenblüten ein, 
und es entsteht das bekannte, weiß- oder rotblühende 
Tausendschönchen. Die wildwachsende Pflanze blüht 
fast das ganze Jahr hindurch. Die Köpfchen, die sich auf 
mehr oder weniger langen Stielen über die zierlichen Blatt- 
rosetten erheben, schließen sich abends nicht nur wie die 
des Löwenzahns, sondern werden meist auch nickend. — 



1) aster, Stern; chhiensis, chinesisch. 2) nach Georgi, einem 
Professor in Petersburg benannt. 3) Dahlia nach dem schwedischen 
Botaniker D ah 1 (f 1787) ; variäbilis, veränderlich. 4) hellis von bvlhis, 
schön; perennis, ausdanernd. 




Arnika. 



254 



Korbblütler. 





Früchte voai 
Sumpf-Zwei- 
zahn (etwa 
(5 mal vergr.). 



In der Gesellschaft des Gänseblümchens findet sich viel- 
fach die weiße Wucherblume (Chrysanthemum leucän- 
themum^) mit ganz ähnlichen, nur weit größern Blüten- 
köpfen. Eine in Ostasien heimische nahe Verwandte der 
Wucherblume ist die Stamnmtter der zahlreichen Winter- 
astern (Chrysanthemum-Formen), die in immer größerer 
Blütenpracht von den Gärtnern gezogen werden. Aus 
den Blütenköpfen andrer nahe verwandter Arten bereitet 
man in Persien, sowie in Dalmatien, Montenegro und der 
Herzegowina das bekannte Insektenpulver. — Einen präch- 
tigen Schmuck von Waldwiesen, Triften und grasigen 
Abhängen bilden die großen, orangefarbenen Blütenstände 
der Arnika (Ärnica montäna^; s. Abb. S. 253). Die stark 
gewürzhaft riechenden Wurzeln und Blüten standen 
früher in der Heilkunde in hohem Ansehen (daher aucli 
„Wohlverleih" genannt). — Sehr kleine, 
weiße Blütenköpfe besitzt die Schaf- 
garbe ' (AchiUea millefölium*). Da diese 
aber zu ansehnlichen Trugdolden ge- 
häuft sind, werden sie doch weithin 
sichtbar. Die Pflanze wächst, außer auf 
trocknen Wiesen, besonders an Wegen 
und ähnlichen Stellen. Dementsprechend 
besitzt sie auch wie zahlreiche andre 
Gewächse dieser Örtlichkeiten sehr tief- 
gehende unterirdische TeUe (Wurzelstock 
und Wurzeln), überaus zähe Stengel und 
vielfach geteilte Blattflächen. — Älinliche 
^^>^ ^Verhältnisse finden wir auch beim Rain- 
farn (Tanacetum vulgäre '), der den Namen 
von seinem Lieblingsstandorte, dem Acker- 
raine, und den farnwedelartigen Blättern 
erhalten hat. Die gelben Blütenköpfe 
besitzen keine Strahlenblüten. 

An feuchten Stellen, in Gräben, 
an Teichrändern u. dgl., wächst überall 
häufig der Sumpf-Zweizahn (Bidens tri- 
partitus^). Bei iiim verwandeln sich 
— worauf der Gattungsname hindeutet — 
die 2—4: Kelchblätter in starre Fortsätze der Frucht. Da diese 
Gebilde mit zahlreichen Widerhäkchen besetzt sind, bleiben die 
Früchte („Bettlerläuse") im Felle oder Gefieder vorbeistreifender 
Tiere, sowie in den Kleidern des Menschen leicht hängen und werden 
auf diese Weise oft weit verschleppt. — An Graben rändern, auf 
feuchten Äckern und an ähnlichen Orten entfaltet als eine der 
ersten Frühlingspflanzen der Huflattich (Tussilägo färfara") seine 
gelben Blütenkörbe, die sich mit Beginn des Abends schließen und 
nickend werden. Nach Ijeendeter Blütezeit streckt sich der von schuppi- 
gen Blättern l)esetzte Blütenschaft stark in die Länge, Infolgedessen 



Der Huflattich im zeitigen Frühjahre. 
Wurzelstock mit blühenden Trieben. 
(Etwa 1/., nat. Gr.) 



1) Chrysanthemum: chrysös, golden oml dnthemo7>, Blume; leucantheminn : leukös, weiß iiud 
gleichfalls anthemon. 2) atfiica von aren. Gen. arnös, Lamm; montanus, anf dem Berge wacliseml. 
:i) üchülea \o\\ Achilles, der die Heilkraft i^Ler Pflanze entdeckt haben soll; milUfoliuin : mille, tau- 
send and /olium, Blatt, i) tanacetum nach dem ital. Worte fanaceto, unsterblich (? Blätter im Winter 
grün); vulgaris, gemein. .5) hidens: bi- zwei und clens, Zahn; tripartitus: tri-, drei und pariitus, 
geteilt. 6) tussilägo vielleicht von tiissüi, Iluöten (llusteumittel) ; farfarus, Iluflattich von far, Spelt 
Dinkel oder dem daraus hergestellten Meld mid fero, ich trage (Unterseite der Blätter!). 



Korbblütler. 



255 



wird der 
gehoben, 



Fruchtstaud über die Pflauzeu der Umgebuug, die uiit empor geschossen sind, 
so daß der Wind die mit Haarkronen ausgerüsteten Früchte zu verbreiten ver- 
mag. Erst nachdem dies geschehen ist, wachsen die sehr 
großen, unterseits weißfilzigen Blätter heran. Da sich dei 
Wurzelstock weit im Boden ausbreitet, wird der Huflattich zu 
einem lästigen ünkraute. 

Von den bekanntesten Ackerunkräutern dieser 
Gruppe, die aber auch an trocknen Stellen (an Wegen, 
auf Rainen, auf Schutthaufen u. dgl.) wachsen, wären weiter 
folgende Arten zu nennen: Überall anzutreffen ist die echte 
Kamille (Matricäria chamomilla^), deren Blüten in der Heil- 
kunde mannigfache Verwendung finden. Sie läßt sich durch 
den starken Duft, die herabgeschlagenen Randblüten und den 
kegelförmigen, hohlen Blütenboden leicht von der falschen 
Kamille (M. inodora^) unterscheiden, die geruchlos ist und 
einen halbkugeligen, nicht hohlen Blütenboden besitzt. — 
Zwei andre sehr hcäufige Unkräuter sind das gemeine und 
das Frühlings-Kreuzkraut (Senecio vulgaris u. vernälis'*). 
Die erstere Art ist eine beliebte Nahrung der Stubenvögel 
und hat kleine Blütenköpfe, denen die Strahlenblüten fehlen. 
Die andre Form dagegen trägt große, gelbe, strahlende Köpfe; 
sie ist aus Osteuropa zu uns gekommen und verbreitet sich 
infolge der zahlreichen Früchte, die mit einer wohlausgebil- 
deten Haarkrone versehen sind, außerordentlich schnell immer 
weiter nach Westen. — Etwas Ähnliches gilt von dem ka- 
nadischen Berufskraute (Erigeron canadensis'), das — wie 
der Artname angibt — aus Kanada stammt und sich bei uns 
besonders an unbebauten Stellen oft in großen Beständen findet. 
Viele andre Formen sind ausgeprägte ödlandpflanzen. 
Dies gilt z. B. für die zahlreiclien Beifußarten (Artemisia^), 
von denen der gemeine B. (A. vulgaris«) am häufigsten 
anzutreffen ist. Dem Standorte entsprechend hat die meter- 
hohe, sparrige Pflanze kleine, tief geteilte und auf der 
Unterseite weißfilzige Blätter. Die zalilreichen winzigen Blüten- 
köpfehen sind ganz unscheinbar. Da die Blütchen zudem keinen 
Honig enthalten, werden sie kaum einmal von einem 
Insekt besucht. Sie sind daher auf die Bestäubung 
durch den Wind angewiesen, der den trocknen 
Blütenstaub verweht. Die blühenden Zweige werden 

getrocknet als 
/, y Küchengewurz 
benutzt. — Ein 
feineresGewürz 
liefert der ganz 
ähnliche Estra- 
gon (A. dra- 
cünculus^), der 





¥ 2 
1. Echte und 2. falsche 
Kamille. Blütenköpfchen, längs 
durchschnitten. 



\)-jtxatrimria von mCiter, Mutter (weil gegen Krauk- 

lieiten der Frauen angewendet); chuiaomüla, Kamille. 

'lyßiodorus, gernchlos. 3) senecio von s^nex, Greis (Frucbt- 

HiandiV); vulgaris, gemein; vernalis, imFrlihiahrewacliscnd. 

4) erigeron: er, Friihling und geron, Greis: canadensis, 

Zweig des ge|iii. kanadisch. 5) aiiemisia nach Artemis , der Schutzgöttin 

Beifußes derFrauen, gegen deren Krankheiten die Püauze verwendet 

I i r \ wurde. 6) miffariS, gemein. 7) (Z*-aci()tO(ii«s, lileiner Drache, 

Jiat. UI.). 1^^.^^^ Schlange (Pü. soUte gegen Giftschlangen schützen). 



256 



Korbblütler. 



aus Südrußland stammt. — Der Wermut (A. absinthium ^) dagegen, der an unbebauten 
Orten wächst, bei uns aber wohl nur verwildert ist, enthält einen sehr scharfen Bitterstoff 
(der sprichwörtHch gewordene „Wermuttropfen" !). Die Pflanze findet daher in der Heil- 
kunde, aber auch als Zusatz zu Wein und Branntwein vielfache Verwendung. — Ein 
dichtes, weißes Haarkleid, das Blätter und Stengel überzieht, erlaubt der niedlichen Sand- 
Strohblume (Helichr\-sum arenärium^) selbst auf ödestem Sandboden zu wachsen und 
in der Hitze des Hochsommers zu blühen. Obgleich die Einzelblüten ganz unscheinbar 
sind, werden sie im Gegensatz zu denen des Beifußes nicht vom Winde besläubt. Die 

^ / Anlockung der Insekten erfolgt durch 

,^? . «' die zahlreichen, meist zitronengelben 

Blätter des Hüllkelches, die die kleinen 
jlütenköpfe um so auffälliger machen, 
als diese dicht gehäuft sind. Da der 
Hüllkelch strohartig trocken ist (Name!), 
behalten die abgeschnittenen Köpfchen 
auch nach der Blütezeit ihr Aussehen 
„Immerschön, Immortelle"'*). Deshalb 
verwendet man die zierliche Pflanze auch 
gern zu Kränzen. Dasselbe gilt von 
mehreren ausländischen Strohblumen- 
Arten der Gärten. — Abgesehen von 
zahlreichen andern filzig behaarten Korb- 
l)lütlern unsrer Fluren, sei hier nur noch 
des freundlichen Edelweiß (Gnaphälium 
leontopodium^) gedacht, das jeder rüstige 
Alpen Wanderer zu pflücken bestrebt ist. 
Es findet sich auf Triften und schmalen, 
oft nur handbreiten Felsvorsprüngen meist 
dicht unter der Grenze des ewigen Schnees, 
also an Stellen, die häufig von Winden 
umbraust und von den Strahlen der 
Sommersonne außerordentlich stark er- 
wärmt werden. Obgleich das Pflänzchen 
oft nur in einer „Handvoll" Erde wurzelt, 
die durch Verdunstung bald alles Wasser 
verliert, vermag es hier doch zu gedeihen; 
das dichte, dicke Haarkleid — die „Blüten" 
sind wie aus Filz geschnitten! — ist ein 
wirksames Schutzmittel gegen zu starken 
Wasserverlust, plötzliche Temperaturschwankungen und zu grelles Sonnenlicht. In 
das Tal oder die Ebene verpflanzt, verliert das Edelweiß die weiche, zarte Behaarung, 
der es seinen Namen verdankt, fast gänzlich. Obgleich die kleinen Köpfchen dolden- 
artig gehäuft sind, erlangen sie die notwendige Auffälligkeit (Insekten!) doch erst 
dadurch, daß sie von einem Kranze weißwoUiger Deckblätter sternförmig umgeben 
werden; das Ganze bildet die sogenannte „Blüte" des Edelweiß. 




Edelweiß (etwas verkl.) 



2. Gruppe. Röhrenblütige. Köpfchen bestehen nur aus Röhrenblüten. 

Obgleich die Kornliliuue (Centaurea cyanus^) nur ein gemeines 

Ackerunkraut ist, hat sie doch die größte Zuneigung des Menschen 



]) absinthiu7n, Wermut. 2) helichryson, Name einer efeuartigen Pflanze bei den Orrieehen; 
/teZi-, rankend und chnjsös, Gold (Blütenköpfe!); arenarius, im Sande wachsend. 3) yon i)nmortalis, 
unsterblich. 4) gnaphälium von gnäjiMloti, Wolle; leontoiiodium : leon, Löwe und pödmn, Füßchen. 
(Blütenstand soll die Form eines Löwenfußes haben!). 5) centaurea, Pflanze, deren Heilkräfte ein 
Cent aar entdeckt haben soll; kyarws, blau; Kornblume. 



Korbblütler. 



257 



gefunden; denn gar zu herrlich leuchten ihre prächtig blauen Blütenköpfe 
zwischen den schlanken Halmen des wogenden Kornfeldes hervor. Sie 
darf in keinem „Feldblumenstrauße" fehlen, und wenn die Schnitter die 
goldenen Ähren zum Erntekranze winden, flechten sie auch „blaue 
Cyanen" ^) mit ein. Die freundliche Pflanze bewohnt vorwiegend trockne 
Felder und besitzt dementsprechend nur kleine Blattflächen, die zudem 
mehr oder weniger dicht behaart sind. An den jungen Teilen, die vor 
allen Dingen eines solchen Schutzes bedürfen, tritt die Behaarung stets 
besonders stark auf. Obgleich die Blütenköpfe nur aus Röhrenblüten 
zusammengesetzt sind (1), macht sich zwischen letztern doch derselbe 
Unterschied geltend wie zwischen den Blüten der Sonnenblume. Die 
Randblüten sind nämlich wie bei dieser Pflanze unfruchtbar und gleich- 
falls in den Dienst der 
Insektenanlockung getreten. 
Diese Aufgabe können sie 
insofern vortrefflich erfüllen, ^^i^.j^^^^^i?^ 
als ihre Blütenröhre im End- 
teile stark trichterförmig er- 
weitert und nach außen 
gebogen ist (2). Mit der hier- W ^t^a ^^„ 
durch eingetretenen Ver- — ~^ <Uv|!jfy 
größerung der „Blütenfläche" — ^--- iä^Jf* '^ 
hängt es auch zusammen, ' JSM\ 

daß die Röhren der Seh ei- f; i '•!:.» 

benblüten um so stärker 
gebogen sind, je näher sie 
dem Rande stehen. Führen 
wir in eine junge Scheiben- 
blüte (3) ein zugespitztes 
Hölzchen oder dgl. ein, und berühren wir dabei einen der im Wege 
stehenden Staubfäden, so quillt aus der Staubbeutelröhre alsbald weißer 
Blütenstaub hervor. Infolge der Berührung verkürzen sich nämlich 
die reizbaren Staubfäden sofort, so daß die Staubbeutelröhre herab- 
gezogen und der in ihr lagernde Blütenstaub durch den Griffel hervor- 
gedrängt wird (4). Dasselbe erfolgt natürlich auch, wenn die Staub- 
fäden von einem Insektenrüssel berührt werden. Bis zu diesem Augen- 
blicke liegt der Blütenstaub wohl geschützt in der Staubbeutelröhre (5); 
sobald er aber hervortritt, wird er auch schon von dem saugenden Insekt 
mit der Unterseite abgestreift. Wie bei den andern Korbblütlern 
spreizen die Narben, unter denen ein Kranz von „Fegehaaren" sichtbar 
ist, erst später auseinander (6). Die Früchte tragen eine aus kurzen 
Haaren bestehende Krone, die für die Verbreitung der Pflanze nur 
wenig in Betracht kommt. 




Kornljlume; Blütenl^au und Bestäubiins: s. Text. 



1) s. S. 256, 6. 
S cb m e i 1 , Lehrbuch der Botanik 



17 



258 














1 

Nickende Distel. 1 
Winter (verld.) 




Blattrosette im Herbste und 
2. Frucht (vercr.). 




Korbblütler. 

In ähnlicher Weise erfolgt die Bestäu- 
bung auch bei der rotblühenden Wiesen- 
\i^^ Flockenblume (C. iäcea^). Je nachdem sich 
C die Pflanze auf feuchtern Wiesen 

oder an dürren Berglehnen und 
ähnlichen Orten findet, hat sie 
^ große, breite und ziemlich wage- 
^ recht gestellte, oder schmale, mehr 
aufgerichtete Blätter von fast grauer 
Farbe. — Die Blütenköpfe der Di- 
steln (Carduus^) 
und Kratzdisteln 
(Cirsium ^) ent- 
halten gleichfalls 
nur Röhrenblü- 
ten, die aber nicht 
in Frucht- und 
Lockblüten ge- 
trennt sind. Beide 
nahe verwandte 
Gattungen lassen 
sich leicht durch 
die Haarkrone 
voneinander un- 
terscheiden: bei 
den Disteln sind 
die Haare bor- 
stenförmig, bei 
den Kratzdisteln 
dagegen gefie- 
, dert. Bei allen 
sind sowohl die 
Spitzen derBlatt- 
zipfel , als auch 
die an den Sten- 
geln herablaufen- 
den Blatteile und 
die Blätter des 
Hüllkelches in 
lange, starre Stacheln ausgezogen, durch die sicher 
mancher Pflanzenfresser zurückgeschreckt wird. Von 
den Disteln sei nur die nickende D. (C. nutans*) ge- 
nannt, die auf Triften, an Wegen und ähnlichen Orten 
im Herbst und Winter ihre regelmäßigen Blattrosetten 
ausbreitet. Im Frühjahre streckt sich der Stengel bis 
Meterhohe und trägt zahlreiche große, duftende und 
nickende rote Blütenköpfe. Als die gemeinste Art der 
Kratzdisteln ist die Acker-K. (C. arv^ense^) zu nennen, 
die auf Feldern ein sehr lästiges Unkraut bildet. — 
Distelartige Blütenstände, aber unbestachelte Blätter 
besitzen die Kletten (Lappa"), die an Wegen und auf 




Fniohtkopf der Klette; danel)en 
ein Blatt des Hüllkelches. 



Acker-Kratzdistel. 
Blühender Zweig und Frucht. 



1) iacea, Abstammung rmsicher. 2) Carduus, Distel, von 
cäreo, ich entbehre. 3) cirsium, Pflanze, die gegen die Krank- 
heit kirsös, Erweiterung eines Blutgefäßes, hilft. 4) nutans, 
nickend. 5) arrewsw, auf dem Acker wachsend. 6) lap2}a, Klette. 



Korbblütler. 



259 



wüsten Plätzen wachsen. Da die Blätter des Hüllkelches in je eine hakenförmig 
gebogene Spitze endigen, bleiben die Pruchtstände leicht in dem Haarkleide vorbei- 
streifender Tiere hängen. 

3. Gruppe. Zung-eublütige. Köpfchen bestehen (wie beim Löwenzahn) 
nur aus Zungenblüten. 

Die Glieder dieser Gruppe lassen sich zumeist nur schwer voneinander unter- 
scheiden. Sie haben in der Regel gelbe Blüten und wie zahlreiche Wolfsmilcharten 
in allen Teilen einen weißen Milchsaft. Hinsichtlich des erstgenannten Merkmales 
macht von allen hier erwähnten Pflanzen 
allein die Zichorie (Cichorium intybus'^) 
durch ihre schönen, blauen Blütenköpfe 
eine Ausnahme. Ihrem Standorte, den 
wasserarmen Wegrändern entsprechend 
(„Wegwarte"), besitzt sie wie der Löwen- 
zahn eine tiefgehende Pfahlwurzel, und 
ihre Blätter sind wie bei jener Pflanze je 
nach dem Boden, auf dem sie wächst, 
mehr oder weniger tief eingeschnitten. 
Im zweiten Jahre baut sich aus den 
Vorratsstoffen der fleischigen Wurzel ein 
hoher, sparriger Stengel auf, dessen Blätter 
nach oben immer kleiner werden. Die 
großen Blütenköpfe schließen sich je nach 
Blütezeit und Witterung früher oder später 
am Tage. Schneidet man die Wurzeln in 
Stücke, die man sodann rö.stet und im 
Mörser zerkleinert, so erhält man ein 
braunes Pulver, das als Kaffee -„Ersatz" 
allgemein bekannt ist. Die veredelte 
Pflanze wird daher in manchen Gegenden 
im großen angebaut. — Die nächste Ver- 
wandte der Zichorie, die aus den Mittel- 
meerländern stammende Eudivie (C. en- 
divia'-), wird bei uns als Salatpflanze ver- 
wendet. — Eine weit größere Bedeutung 
kommt als solche aber dem Grarten-Salat 
(Lactüca sativa*^) zu. Er hat gleichfalls im 
Mittelmeergebiete seine Heimat und wird, 
um möglichst viele zarte Blätter zu ge- 
winnen, wie mehrere Kohlarten zumeist 
in „Kopfform" gezogen. — Eine unschein- 
bare, aber überaus merkwürdige Pflanze 
ist der Stachel-Lattich (L. scariola''), der 
an unbebauten Orten vielfach in großen 
Beständen anzutreffen ist. Ist sein Stand- 
ort schattig und feucht, so streckt er die 
stacheligen, schrotsägeförmigen Blätter wie 
andre Pflanzen nach allen Seiten. Steht 
er aber an sehr sonnigen und trocknen 
Stellen, so hat er ein ganz verändertes 




1) Beide "Worte bedeuten Zichorie. 2) en- 
divia vielleicht ans intyhus entstanden (s. An- 
merkung 1). 3) lactuca von lac, läctis, Milck 
(Milchsaft!); sativus, angebaut. 4) scariola, un- 
erkl., wahrscheinlich ein verstümmeltes Wort. 



Stachel -Lattich, der auf trocknem, 

stark besonntem Boden gewachsen ist; 

1. von Süden oder Norden gesehen; 

2. dieselbe Pflanze, von Osten oder Westen 

gesehen. (Kleines Expl., etwa V2 nat. Gr.) 



260 



Korbblütler. 



Aussehen: Die Blätter sind nicht nur alle senkrecht gerichtet, sondern haben sich auch 
so gedreht, daß sie die Breitseiten nach Osten und Westen, die Kanten dagegen nach 
Süden und Norden richten. An dem Lattich kann man daher — die Himmelsgegenden 
ablesen, so daß man ihn mit Recht als eine „Kompaßpflanze" bezeichnet. („An- 
klänge" an diese Blattstellung sind nicht selten auch beim Gartensalat zu beobachten.) 
Welche Bedeutung hat nun diese sonderbare Erscheinung? Die senkrechte Stellung 
der Blätter haben wir bereits öfter als ein Schutzmittel gegen starke Erwärmung und 
hohe Wasserdampfabgabe kennen gelernt. Auch die Richtung der Blätter nach den 
Himmelsgegenden läuft auf dasselbe hinaus: Morgens und abends werden die Blatt- 
flächen von den Sonnenstrahlen senkrecht getroffen; da es zu diesen Zeiten aber ver- 
hältnismäßig kühl ist, werden sie weder stark erwärmt, noch übermäßig zur Ver- 
dunstung angeregt. Am heißen Mittag dagegen wirken die Sonnenstrahlen viel kräftiger: 
Dann aber bieten ihnen die Blätter nur die Schmalseite dar, so daß Erwärmung und 
Verdunstung gleichfalls nur gering sein können. Die eigentümliche Blattstellung ist 
also ein Schutzmittel gegen das Vertrocknen und tritt dementsprechend auch nur 
dann auf, wenn die Pflanze dieser Gefahr ausgesetzt ist, nämlich wenn sie — wie 
oben erwähnt — auf troeknem, schattenlosem Bocten im heißen Sonnenlnande wächst. 
Von den zahlreichen schwer unterscheidbaren Arten der Gattung Habichtskraut 
(Hieräcium^) sei nur das gemeine H. (H. pilosella') kurz berücksichtigt. Das zierliche 
Pflänzchen, das nach allen Seiten lange Ausläufer aussendet (Vermehrung!), ist auf 
Sandboden und trocknen Grasplätzen überall häufig anzutreffen. Aus einer grund- 
ständigen Blattrosette erhebt sich auf langem Stiele das gelbe Blütenköpfchen, das 
sich mit Anbruch des Abends, sowie bei schlechtem Wetter 

' ^ schließt. Wenn es längere Zeit nicht geregnet hat, zeigt die 

Pflanze eine merkwürdige Veränderung: Die Blätter haben 
die mit einem Filzüberzuge versehene Unterseite dem Lichte 
zugewendet, so daß sie jetzt gleichsam wie von einem Sonnen- 
schirme bedeckt und somit gegen zu starke Besonnung, zu 
hohe Erwärmung und tödlichen Wasserdampfverlust geschützt 
.sind. — Eine prächtige Pflanze unsrer Wiesen ist der Wiesen- 
Boclisbart (Tragopögon pratensis''^), der seine großen, leuchten- 
den Blütenköpfe zumeist in den letzten Vormittagsstunden 
bereits wieder scliließt. Die Strahlen der radförmigen Feder- 
krone sind durch Fiederhärchen untereinander verbunden, 
eine Einrichtung, durch die der Luftwiderstand wesentlich 
erhöht wird. Infolgedessen können die verhältnismäßig großen 
und schweren Samen doch weit verbreitet werden. — Eine 
dem Bocksbarte in allen Stücken ähnliche Pflanze ist die 
Schwarzwurzel (Scorzonera hispänica*). Sie ist aus dem Mittelmeergebiete zu uns 
gekommen und wird ihrer schmackhaften Wurzel wegen vielfach als Gemüse an- 
gebaut. — Mit der Erwähnung eines allbekannten Ackerunkrautes, der Aclier- 
Gänsedistel (Sonchus arvensis'^), soll endlich der Anschnitt über die Korbblütler, von 
denen hier nur wenige kurz betrachtet werden konnten, abgeschlossen sein. 



Frucht vom Wiesen- 
Bocksbarte (nat. Gr.). 



1) von hUrax, Habiclit. 2) püosella: j^Hösus, haarig (Blätter!) und -eZZa, Verkleinerungssilbe. 
8) tragojWffon : trägos, Bock und pogmi, Bart (Federkrone soll einem Ziegenbarte ähneln!); 2^'>'ofe7isis, 
anf der Wiese wachsend. 4) scorzQiiera aus dem Italienischen: scörza, Rinde und nero, schwarz; 
hisjMnicufi, spanisch. 5) sotichus, Gänsedistel; arvensis, auf dem Acker wachsend. 



Gläser. 261 



2. Unterklasse. Einkeimblättrige Pflanzen od.Spitzkeimer (Monocotyleaei). 

Keimling mit einem Keimblatte. Laubblätter in der Regel mit parallel verlaufenden, 
un verzweigten Hauptnerven. Blütenteile meist in der 3-Zahl vorhanden. 

67. Familie. Gräser (Gramineae -). 

Stengel (Halm) knotig und meist hohl. Blätter zweizeilig, meist mit je einer gespal- 
tenen Blatt^^cheide und einem Blatthäutchen. Blütenstand eine aus „Ährchen" zu- 
sammengesetzte Ähre oder Rispe. Blüten im Schutze sog. Spelzen; mit meist 3 Staub- 
blättern und einem Fruchtknoten mit meist 2 Narben. Frucht eine sog. Grasfrucht. 

1. Der Ilog-g-eii (Secäle cereäle''). 

A. Die Bedeutung- des Roggens. 1. Von den Getreidearten, die in 
Mittel- und Nordeuropa angebaut werden, hat lieine eine so große 
Wichtigkeit, wie der Roggen. Liefert er doch das Schwarzbrot, das für 
viele Millionen von Menschen einen großen, vielfach sogar den größten 
Teil der täglichen Nahrung bildet. Dieses Brot ist zwar etwas weniger 
nahrhaft als das aus Weizenmehl hergestellte Weißbrot, bleibt aber viel 
länger schmackhaft als jenes und wird uns nie zum Überdrusse. Zudem 
gedeiht der Roggen meist auch da noch, wo kein Weizenbau mehr be- 
trieben werden kann; denn die anspruchslose Pflanze nimmt mit einer 
geringern Sommerwärme fürlieb als der Weizen und bringt auch auf 
weniger gutem Boden noch lohnenden Ertrag. Seiner großen Wichtigkeit 
halber bezeichnet man den Roggen vielfach kurzweg als das Korn, 
ein Name, mit dem jedes Volk seine Hauptbrotfrucht belegt. So ist z. B. 
für die Bewohner Frankreichs der Weizen, für die Südeuropäer neben 
dem Weizen der Mais und für die meisten Völker Asiens der Reis „das 
Korn". Diese hohe Bedeutung erlangen die unscheinbaren Getreidegräser 
bekannthch durch die Frucht. Wie dies möglich ist, wird uns leicht 
die genauere Betrachtung des Roggenkornes zeigen; denn die Früchte 
aller andern Grasarten sind im wesentlichen genau so gebaut. — Um 
den Roggen ganz zu würdigen, muß noch des wertvollen Strohes ge- 
dacht werden, das er uns liefert. Es wird als Streu für das Vieh, als 
Häcksel für die Pferde, sowie wegen seiner Länge zur Herstellung von 
Seilen, Strohmatten u. dgl. verwendet. 

B, Das Roggenkorn ist ein kleines, graugelbes Gebilde mit einer 
Längsfurche und einer wohl umgrenzten Stelle am zugespitzten (untern) 
Ende. Um den innern Bau kennen zu lernen, führen wir durch ein 
etwas aufgequollenes Korn einen Längsschnitt, der genau in der Mitte 
der Furche verläuft. Dann sehen wir, daß es aus 2 deutlich geschiedenen 

1) mönos, ein und kotyle, Höhlung (Keimblatt). 2) von (/rämeii, Gras. ,3) Sec/i'j', richtiger 
secale, Roggen; cereale, von Ceres, der Göttin des Getreidebaues, geschenkt. 



262 



Gräser. 




F.S. 



- K. 




Roggenkorn. 



1. Von außen; 2. im Längsschnitte 
(etwa" 10 mal vergr.); 3. unterer Teil (stärker vergr.). 
K. Keimling; N. Nährgewebe; F.S. die miteinander ver- 
wachsene Frucht- und Samenschale; Öch. Schildchen; 
Kn. Knospe; St. Stengelchen; W. Würzelchen; 
Ws. Wurzelscheide. 



Teilen besteht, die von einer schützenden „Haut" (der miteinander ver- 
wachsenen Frucht- und Samenschale, s. w. u.) umhüllt sind (F. S.). 

1. Nehmen wir eine Lupe zur Hand, so erkennen wir in dem untern 
Abschnitt (K.), der äußerlich jene „wohl umgrenzte Stelle" bildet, leicht 

die Anlage der jungen 
jy^ Pflanze, den Keimling: 

Wir sehen die Knospe 
(Kn.) mit den ersten 
Blättern, ein kurzes 
Stengelstück (St.) und 
ein Würzelchen (W.), das 
von der Wurzel scheide 
(Ws.) umgeben ist. Der 
Stengel steht mit einem 
verhältnismäßig dicken 
Körper (Seh.), der nach 
seiner Form Schildchen 
genannt wird und sich 
an den großen obern 
Abschnitt der Frucht (N.) 
anlegt, in Verbindung. (Am besten ist die Form des Schildchens zu er- 
kennen, wenn man von einem gequollenen Korne den ganzen Keimling mit 
Hilfe einer Nadel ablöst.) Da das Schildchen an der Stelle des Stengels ent- 
springt, an der sich bei den zweikeimblättrigen Pflanzen die Keimblätter fin- 
den, betrachtet man es gleichfalls als ein solches („Einkeimblättrige Pflanzen"). 
2. Stellt man durch den großen obern Abschnitt des Roggenkornes 
(N.) dünne Querschnitte her, so sieht man bei mikroskopischer Vergröße- 
rung, daß unter der umhüllenden „Haut" eine Schicht kürzerer Zellen 

liegt, die mit feinen Körnchen angefüllt 
sind. Der von dieser Schicht umschlossene 
Raum dagegen wird von längern Zellen 
eingenommen, die wesentlich größere Körner 
führen. Bei Zusatz einer Jodlösung färben 
sich die kleinen Körner gelbbraun, die größern 
blau, ein Zeichen, daß wir es in erstem 
mit Eiweiß, in letztern mit Stärke zu 
tun haben. Während das Eiweiß, hier 
„Kleber" genannt, also in den äußersten 
Zellen angehäuft ist, findet sich die Stärke 
in den Zellen, die von der „Kleberschicht" 
umschlossen sind. 

FeinererBau des Roggenkornes Eiweiß und Stärke sind nun die Stoffe, 

(Schnitt bei ISOmahger Vergr.). ^-^ ^^^ Keimpflanze zum Aufbau und zur 
F. Fruchtschale; S.Samenschale; . ^ -ts^-u a -^ v ,• .r-^i^», 

K. Kleberschicht; St. Zellen, mit Nahrung dienen. Wahrend sie bei vielen 
Stärkekörnern angefüllt. Pflanzen, z. B. bei der Bohne, m den Keim- 




Gräser. 



263 



blättern eingelagert sind, finden sie sich hier, von dem Keimlinge voll- 
ständig getrennt, in einem besondern Abschnitte des Samens, den man 
als das Sameneiweiß (Endosperm) oder treffender als das Nähr- 
gewebe (N.) bezeichnet. 

Da nun das Roggenkorn außerordentlich reich an Eiweiß {11^ lo) und 
Stärke (60%) ist, und beide Stoffe unentbehrhche Bestandteile der 
menschlichen Nahrung bilden, so wird uns die Wichtigkeit des Roggens 
als Brotfrucht ohne weiteres verständlich. Der Keimling, die umhül- 
lende „Haut", sowie die darunter lagernde Kleberschicht werden beim 
Mahlen des Getreides dmch die Rauhigkeit der Mühlsteine von den 
Körnern abgerieben. Sie liefern die als Viehfutter verwendete 
Kleie, während das zertrümmerte Nährgewebe ohne die 
Kleberschicht das Mehl gibt. Da die Kleberschicht — wie 
wir gesehen haben — sehr reich an Eiweiß ist, so ist auch 
das Brot, das aus „geschrotenem" Korne hergestellt wird A'ff-Bl 
(Schrotbrot, Kommißbrot, Pumpernickel u. dgl.), weit nahrhafter, 
allerdings auch viel schwerer zu verdauen, als ein aus reinem 
Mehle bereitetes Gebäck. — Wenn auch die Stärke, wie z. B. 
die der Kartoffelknolle, nicht 
fabrikmäßig gewonnen wird, 
so werden die Roggenkörner 
doch gleichfalls zur Herstel- 
lung eines stark alkohol- 
haltigen Getränkes, des Korn- 
branntweines, verwendet. ^^ 

C. Aussaat, Keimung- f^^.^f\§ 
und Bestockung-. 1. Der Reg- J^t^^^lX'^ 
gen wird im Herbst oder ^Jfp^^^fll 
Frühhng gesät (Winter- und 5%^^ -m^^^ 
Sommerroggen). (Beschreibe, 
wie der Landmann den Boden 
für das Saatkorn zubereitet! 
Gib an, welche Bedeutung die 
einzelnen Tätigkeiten haben, 
und wie die Aussaat erfolgt!) 

2. Um die Keimung ge- 
nau verfolgen zu können, 

säen wir Roggenkörner in Blumentöpfe, die mit feuchter Erde an- 
gefüllt sind. Die Körner quellen bald auf, und im warmen Zimmer 
sprengt meist schon am nächsten Tage der schwellende Keim die über- 
deckende Schale. 

a) Wie bei der keimenden Bohne kommt zuerst das Würz eichen 
zum Vorscheine (Fig. 1). Es durchbricht die Wurzelscheide, die anfäng- 
lich mitwächst und das überaus zarte Gebilde gegen Verletzung schützt, 
und bohrt sich in den Boden ein. Gleichzeitig machen sich an dem 




Keimung des Roggenkornes. K. Knospe; Nw. 
Nebenwurzeln; Ws. Wurzelscheide; Hw. Haupt- 
wurzel; Seh. das scheidenförmige Blatt; g.Bl. das 
erste grüne Blatt. 



264 Gräser. 

Stengelchen zwei kleine Anschwellungen bemerklich, die sich gleichfalls zu 
Wurzeln ausbilden (Fig. 2) und anfänglich auch von Wurzelscheiden um- 
hüllt sind. Zum Unterschiede von der sich zuerst entwickelnden Haupt- 
wurzel bezeichnet man diese als Nebeuwurzeln. Bald brechen noch 
weitere Nebenwurzeln aus dem Stengel hervor, und da alle die Haupt- 
wurzel an Größe und Stärke bald erreichen, so entsteht schließlich ein 
Büschel gleichartiger Wurzeln (Fig. 3). 

b) Da die Wurzelscheide mit zahlreichen Härchen besetzt ist, wird 
das Korn sofort bei Beginn der Keimung im Boden verankert. Diese 
Befestigung wird um so sicherer, je tiefer sich die Hauptwurzel in die 
Erde senkt und je mehr Nebeuwurzeln, die gleich der Hauptwurzel mit 
vielen Wurzelhärchen bedeckt sind, sich entwickeln. Fast gleichzeitig 
mit der Streckung des Würzelchens beginnt auch die Knospe stark in 
die Länge zu wachsen. Das Stengelchen dagegen bleibt sehr kurz und 
ist daher nicht imstande, die Erde zu durchbrechen. Diese Arbeit ver- 
richtet vielmehr die Knospe selbst, und dazu ist sie trotz ihrer Zartheit 
wohl befähigt. Ihre Blätter bilden nämlich einen Kegel, dessen Mantel 
von dem scheidenförmigen ersten Blatte gebildet wird. Diese meist röt- 
lich angelaufene Scheide ist verhältnismäßig fest und widerstandsfähig, 
so daß sie mit ihrer harten Spitze den Boden wie ein Keil durchbrechen 
kann. Erst eiu Stück über dem Boden öffnet sich die Scheide, um das 
zweite Blatt (d. i. das erste grüne Blatt) hervortreten zu lassen. 

c) Das ursprünglich harte Roggenkorn wird mit beginnender Keimung 
weich, und sein Nährgewebe verwandelt sich nach und nach in eine 
milchige Masse. Da nun der Inhalt des Nährgewebes dem Keimlinge zur 
Nahrung und zum Aufbau dient, von diesem aber getrennt ist, muß ein 
Vermittler zwischen beiden vorhanden sein. Als solcher gibt sich das 
Schildchen zu erkennen, das — wie wir gesehen haben — mit seiner 
ganzen Fläche dem Nährgewebe anliegt, auf der andern Seite dagegen mit 
dem Keimlinge in Verbindung steht. Je mehr sich der Keimling entwickelt, 
desto mehr leert sich auch der Vorratsspeicher, bis die letzten, für den 
Keimling wertlosen Reste des Kornes schließlich durch Fäulnis zerfallen. 

3. a) Noch bevor sämtliche Vorratsstoffe verbraucht sind, ist die 
Pflanze imstande, sich selbst Nahrung zu erwerben. Sie sendet — wie 
man bei sehr vorsichtigem Nachgraben sehen kann — ihre Wurzeln bis 
m die tiefern, stets feuchten Bodenschichten hinab. Daher vermag der 
Roggen selbst noch auf trocknem Sandboden zu wachsen. 

b) Mit den ersten Wurzeln werden auch die ersten grünen Blätter 
gebildet. Der Sommerroggen „schießt" nun schnell empor, und nicht 
lange währt es, so hat er seine volle Größe erreicht. Der Winterroggen 
dagegen bleibt während der kalten Zeit niedrig. Im andern Falle würde 
die Schneelast, die auf ihm ruht, seine Stengel zerknicken und ihn somit 
vernichten. Sinkt das Thermometer bis etwa zum Nullpunkt, so stellt 
der Roggen das Wachstum ganz ein; denn ohne Wärme gibt es keinen 
Pflanzenwuehs. Bei mildem Wetter dagegen wächst er langsam weiter." 



Gräser. 



265 



Aus dem untersten Stengelknoten sprießen zahlreiche Zweige hervor, die 
oft abermals Zweige treiben. Man sagt: der Roggen bestockt sich. Da 
nun jeder Zweig (Halm) stets in einer Ähre endigt, so ist eine ergiebige 
Bestockung Vorbedingung für eine ertragreiche Ernte, und da sich der 
Winterroggen reicher bestockt als der Sommerroggen, wird er auch vor- 
wiegend angebaut. 

D. Halm und Blatt. 1. Der Stengel des Roggens (wie der aller 
Gräser) wird Halm genannt. Obgleich er bis 2 m hoch und nur wenige 
Millimeter dick wird, vermag er nicht nur das eigene Gewicht, sondern 
auch das der Blätter und der Ähre zu tragen. Wie gegen diese von oben 
wirkende Last ist das schwache Gebilde auch gegen seitlichen Druck 
außerordentlich widerstandsfähig. Biege einen Roggenhalm so stark, daß 
die Ähre den Boden berührt, und du wirst sehen, wie er losgelassen so- 
fort wieder in seine ursprüngliche Lage zurückkehrt! Oder beobachte, 
wenn der Wind über das Kornfeld weht, wie das „Ährenmeer" wogt und 
wallt, und wie die Halme sich neigen und biegen, ohne daß auch nur 
ein einziger geknickt würde! Der Roggenhalm ist also ein Gebilde von 
großer Trag- und Biegungsfestigkeit. 

a) Wie bei der Taubnessel (s. S. 202) hat auch beim Roggen die 
äußerste Schicht des Stengels unter der Biegung am meisten zu leiden. 
Dementsprechend finden sich seine festesten Teile auch dicht unter der 
Oberfläche. Es smd dies • — wie auf dünnen Schnitten bei schwacher 
mikroskopischer Vergrößerung leicht zu erkennen ist — Zellen, die sich 
durch große Widerstandsfähigkeit auszeichnen. Sie haben stark verdickte 
Wände, sind langgestreckt und mit den zugespitzten Enden fest inein- 
ander gefügt. Während diese „Stützzellen" bei der Taubnessel aber 
4 „Pfeiler" bilden, stellen sie hier eine Röhre dar, die durch leisten- 
artige Vorsprünge verstärkt ist. Die Leisten erscheinen auf der 
Oberfläche des grünen Halmes als helle Längsstreifen. 

b) Wie bei der Taubnessel ist auch beim ausgebil- 
deten Stengel des Roggens das Mark, das bei der Biegung 
nichts auszuhalten hat, verschwunden: der Halm ist hohl. 

c) Nur in den Knoten finden sich Querwände, durch 
die der Halm in eine Anzahl kürzerer Röhren geteilt ist, 
so daß er eine größere Widerstandsfähigkeit erhält (s. 
S. 202, c). Und zwar stehen im untern Halmabschnitte, 
der am meisten zu tragen und unter dem Winde am 
stärksten zu leiden hat, die Knoten viel enger beieinander 
als im obern. — Wie auf einem Längsschnitte leicht zu 
sehen ist, gehören die äußerlich sichtbaren Anschwellungen 
an den Knoten nicht nur dem Stengel, sondern in erster 
Linie den Blättern an. 

2. Blätter. Jedes Blatt besteht aus 2 deutlich geschiedenen Ab- 
schnitten, der Blattscheide und der Blattfläche. Da, wo beide zusammen- 
stoßen, erhebt sich ein häutiges Gebilde, das Blatthäutchen. 




Roggenblatt. 
Blattscheide u. 
-fläche nur zum 
Teil gezeichnet. 



266 



Gräser. 



a) Die Blattscheide entspringt an einem Halmknoten und stellt 
eine offene Röhre dar, deren Ränder aber fest übereinander greifen. 
Stellt man durch eine junge Roggenpflanze emen Längsschnitt her, so 
sieht man, daß sämtliche Blattscheiden einen Hohlraum bilden. In ihm 
finden sich der Stengel, die Blätter (soweit sie noch nicht ins Freie ragen) 
und die junge Ähre. Alle diese Gebilde sind aber von außerordentlicher 

Zartheit. Schon ein leiser Wind würde sie durch 
An einand erschlagen der Halme vernichten, und die 
Mittagssonne könnte ihnen leicht so viel Wasser 
entziehen, daß sie vertrockneten, wenn sie 
durch die Blattscheiden, die ihnen in der 
Entwicklung stark „vorauseilen", nicht den 
notwendigen Schutz erhielten. Erst nachdem 
sie gehörig erstarkt sind, wachsen sie nachein- 
ander aus der schützenden Hülle herv^or. (Vgl. 
mit einem Fernrohre oder mit einer auszieh- 
baren Angelrute !) 

Auch später, wenn die Ähre bereits sichtbar 
geworden, das Wachstum aber noch nicht be- 
endigt ist, hat die Blattscheide noch eine große 
Bedeutung für die Pflanze. Entfernt man die 
Scheide, so findet man, daß das sonst vollkom- 
men ausgebildete Halmglied unmittelbar über dem 
Knoten noch zart und weich ist. Hier ist der 
Halm noch in Streckung begriffen und ermangelt 
daher der Festigkeit. Schon ein leichter Wind- 
stoß würde ihn knicken. Von der Scheide um- 
hüllt, trotzt er dagegen, wie wir gesehen haben, 
selbst heftigen Stürmen. Die Blattscheiden, 
die die zarten Wachstumsstellen wie feste 
Röhren umschließen, verleihen also zwei- 
tens dem Halme die nötige Festigkeit. — 
Im Gegensatz zu den meisten andern Pflanzen, 
die nur an der Spitze des Stengels (und der 
Wurzel) fortwachsen, treffen wir beim Roggen wie 
bei allen Gräsern über jedem Knoten eine Wachs- 
tumsstelle an, eine Tatsache, die uns das schnelle 
Emporschießen der Gräser hinreichend erklärt. (So verlängern sich z. B. 
die Halme des Bambusrohres während der Zeit des lebhaftesten Wachs- 
tums in 24 Standen nicht selten um 1 m.) 

Wenn sich die Halme vielleicht "infolge eines heftigen Gewitterregens 
„gelagert" haben, oder wenn sie auf irgend eine Weise umgebrochen 
smd (Versuch!), wächst die über dem Knoten liegende, verdickte Stelle 
der Blattscheide an der Unterseite so stark, daß der Halm daselbst eine 
Knickung erfährt. Dies dauert so lange fort, bis der über dem Knoten 




Junge Roggen pflanze, 
der Länge nach durch- 
•sclinittcn. Im Schutze der 
Blattscheiden Seh. bildet 
sich der Stengel St. mit 
seinen Blättern und dem 
Blütenstande B. aus. 



Gräser. 

befindliche Halmabschnitt wieder senkrecht steht. Nun- 
mehr können die Pflanzen wieder genügend von Licht 
und Luft umspült und die Blüten durch den Wind be- 
stäubt werden. Die Blattscheide beseitigt infolge 
ungleichmäßigen Wachstums also drittens auch 
die mit der Lagerung oder Knickung der Halme 
verknüpften Gefahren. (Sehr häufig ist dieses Auf- 
richten der Halme am Rande der Felder zu sehen, wo 
Pflanzen durch Mutwillen oder dgl. geknickt und um- 
getreten sind.) 

b) Die Blattfläche ist bandartig gestreckt und 
flattert daher wie eine Fahne mit dem Winde. Infolge- 
dessen bietet sie ihm auch nur eine geringe Angriffs- 
fläche dar, ein Umstand, der nicht wenig dazu beiträgt, 
daß die Pflanze selbst einem Sturme zu trotzen ver- 
mag. Mit der bandartigen Form steht auch der pa- 
rallele Verlauf der Blattnerven im innigten Ein- 



267 




z.H. 



v.Sch. 



E.K. 



a.H. 



Längsschnitt durch 
einen Knoten des 
Roggenhalmes. 
klänge, wie er bei den einkeimblättrigen Pflanzen in aH. ausgewachsener, 

z.H. zarter Teil eines 
Halmgliedes; 
H.K. Halmknoten; 
Seh. Blattscheide; 
v.Sch. Verdickte 
Stelle der Blatt- 
scheide über dem 
Halmknoten. 



der Regel zu beobachten ist. 

c) Das Blatthäutchen liegt dem Halme dicht an. 
Es verhindert daher, daß die Regentropfen (Versuch!), 
die von der Blattfläche nach innen abfließen, zwischen 
Halm und Blattscheide gelangen. Im andern Falle 
würden die Pflanzenteile durch die dort enstehende 
Fäulnis dort bald zerstört sein. 

3. Zieht man die Blätter des Roggens (oder andrer Gräser) schnell 
durch die Hand, so schneidet man sich an ihnen leicht empfindlich. 
Dies rührt von der Kieselsäure her, die in großer Menge in den Zell- 
wänden der Oberhaut eingelagert ist. Glüht man Halmteile auf einem 
Platinbleche, so bleibt das glasartige „Kieselskelett" zurück. Es ist der 
Pflanze ein Schutz gegen äußere Verletzungen, hat aber noch eine andre 
Bedeutung, wie folgender einfache Versuch 
lehrt: Man lege Garten- oder Weinberg- 
schnecken Roggenhalme vor, die sich noch 
im Wachstume befinden. Von einigen Halmen 
entferne man aber vorher die Blattscheiden, 
so daß die Tiere zu den jungen Stengelteilen 
gelangen können, die sich im Schutze der 
Blattscheiden entwickeln, und deren Oberhaut 
noch nicht verkieselt ist. Dann wird man an 
den unverletzten Halmen nur geringe, an den 
von den Blattscheiden befreiten dagegen bald 

starke Freßspuren bemerken. Die verkieselten f '^ .^f Roggenhalmes, 

TT.. , , ^ im. IIA der sich durch „Knickung am 

Haute erschweren den Tieren also den An- Knoten wieder aufgerichtet 
griff. Wiederkäuer und Nager vermag der hat, im Durchschnitte. 




268 



Gräser. 



Roggen durch dieses Schutzmittel allerdings nicht abzuhalten; wohl aber 
werden andre Grasarten, z. B. das scharfschneidende Schilf, und in noch 
höherm Grade zahlreiche Riedgräser infolge ihres hohen Kieselgehaltes 
von diesen Tieren verschont. In gewissen Gegenden des heißen Afrika 
ist die Verkieselung der Blätter bei vielen Gräsern sogar so stark, daß 
sie für unsre Haustiere gänzlich ungenießbar wären. 

E. Blüte und Frucht. 1. Ähre. Nachdem immer ehi Halmglied 
nach dem andern aus der Scheide des vorhergehenden Blattes hervor- 
gekommen ist, tritt endlich auch das letzte ins Freie. Es trägt den 

Blütenstand, der im 
gewöhnlichen Leben 
als Ähre bezeich- 
net wird. 

Entfernen wir die 
Blüten, so sehen wir, 
daß der Halmteil, dem 
sie aufsitzen, breit ist 
und zwei Reihen klei- 
ner, treppenförmiger 
Absätze aufweist. Auf 
jedem Absätze dieser Achse 
steht auf einem winzigen Stiele 
^*-^- eine kleine Gruppe von Blü- 
ten, die ein sog. Ährchen 
bilden. Der Blütenstand des 
Roggens ist im botanischen 
Sinne also eine zusammen- 
gesetzte Ähre. 

2. Ährchen. Biegen wir 
die Ähre stark, so läßt sich 
leicht ein Ährchen loslösen. 
Wir sehen dann, daß es aus 
zwei wohlgeschiedenen Teilen 
besteht, in denen wir un- 
schwer ebensoviele, von grü- 
nen, häutigen Blättern oder 
„Spelzen" umhüllte Blüten er- 
kennen. Zwischen beiden Blüten erhebt sich auf einem fadenförmigen 
Stielchen ein größeres oder kleineres Gebilde, das den Überrest einer ver- 
kümmerten, nur ausnahmsweise fruchtbaren Blüte darstellt. 

3. Blüte. Zu äußerst am Ährchen sehen wir jederseits ein kleines, 
kahnförmiges Blatt (K.). Da es zum Ährchen eine ähnliche Stellung ein- 
nimmt wie bei andern Pflanzen der Kelch, wird es als Kelchspelze be- 
zeichnet. Darauf folgt je ein größeres Blatt, die sog. äußere Blüten - 
Spelze (a. B.). Der Mittelnerv dieses Blattes tritt nach außen wie ein 




Ein Ährclien des 
Roggens und sein 

Grundriß. 
1 . u. 2. die beiden 
entwickelten Blüten ; 
3. die verkümnierte Blüte (die Verkümmerung 
ist aber nicht immer so weit vorgeschritten, wie 
hier dargestellt). K. Kelchspelzen; a B. äußere 
Blütenspelzen; i.B. innere Blütenspelzen; St. Stiel 

des Ährchens; S. Schwellkörperchen. 



Gräser. 



269 



Kiel hervor und ist zu eiuer „Grranne" verlängert, die beide mit aufwärts 
stehenden Stacheln besetzt sind. (Daher kann man die Ähre auch nur 
von unten nach oben durch die Hand ziehen.) Vor und nach der Blüte- 
zeit nimmt die äußere Blütenspelze ein zweites, kleineres Blatt, d. i. die 
mit zwei Kielen ausgerüstete innere Blütenspelze (i. B.), fast ganz in 
sich auf. Beide Blätter bilden also gleichsam eine kleine Schachtel, in 
der die zarten Blütenteile den notwendigen Schutz finden. Sie vertreten 
also die fehlende Blütenhülle, eine Tatsache, die ihre Benennung zur 
Genüge rechtfertigt. 

Jede Blüte besteht aus 3 Staubblättern und einem Frucht- 
knoten, der 2 große, federartige Narben trägt. 

4. Bestäubung. Geht man an einem Junimorgen durch die lachende 
Flur, so sieht man nicht selten aus den v^^ogenden Roggenfeldern dampf- 
artige Wolken aufsteigen, die der geschäftige Morgenwind weithin ver- 
v^eht. Der Roggen „stäubt". Er ist also ein Windblütler. 

a) Wie andre Pflanzen, die auf gleiche Weise bestäubt werden, be- 
sitzt er auch ganz unscheinbare, duft- und honiglose Blüten. 

b) Eine solche Bestäubung kann aber nur erfolgen, wenn Staub- 
blätter und Stempel frei dastehen. Die „Schachtel", in der diese Teile 
geborgen sind, muß sich daher öffnen, eine Arbeit, die von zwei kleinen, 
farblosen Gebilden, den sog. Schwell körperchen 
geleistet wird. Sie liegen zwischen dem Fruchtknoten 
und der äußern Blütenspelze, schwellen schnell an und 
drängen infolgedessen die genannte Spelze nach außen. 

c) Während dies geschieht, wachsen die Staub- 
fäden stark in die Länge. Die Staubbeutel werden 
infolgedessen zwischen den Spelzen hervorgeschoben 
und hängen bereits nach Verlauf weniger Minuten an 
langen, dünnen Fäden pendelnd aus der Blüte. Schon 
ein leiser Windhauch vermag daher, sie zu bewegen 
und den Blütenstaub aus ihnen zu schütteln. 

d) Die beiden Staubbeutelfächer öffnen sich 
am obern, jetzt also dem Erdboden zugekehrtem Ab- 
schnitte mit je einem Längsriß. Dabei krümmen sie 
sich so, daß ihre Endteile gleichsam zwei kleine Löffel- 
chen bilden. Infolgedessen wird der Blütenstaub, der 
sich dort ablagert, so lange zurückgehalten, bis er 
von einem Windhauche „abgeholt" wird. Ist dies ge- 
schehen, dann sickert aus dem nicht klaffenden Ab- 
schnitte des Beutels neuer Staub in die „Löffelchen", 
der abermals verweht wird u. s. f. Sind die Staub- 
beutel endlich entleert, so fallen sie, nunmehr wertlos 
geworden, ab. (Die geschilderten Vorgänge sind am 
besten an abgeschnittenen Ähren im Zimmer zu be- 
obachten. BescbJeunigen kann man das Aufblühen 



■i.B. 




BlütedesRoggens; 
nach Entfernung der 
(Kelch- und) äußern 
Bhitenspelze, von 
außen gesehen. i.B. 
innere Blütenspelze ; 
N.Narbe; F.Frucht- 
knoten; S. Schwell- 
körper chen. 



\v 



2 70 Gräser. 

bekanntlich dadurch, daß man eine „blühreife" Ähre 
mit ihrem Halmteile in den Mund nimmt.) 

e) Da der Roggen wie alle andern Windblütler 
trocknen Blütenstaub besitzt, kann dieser leicht 
verweht werden, und da- er in großen Mengen 
erzeugt wird, ist mit Sicherheit zu erwarten, daß 
der Wind auch einige Körnchen an den Ort ihrer 
Bestimmung trägt. 

f) Die Möglichkeit, auf eine der Narben nieder- 
zufallen, ist um so größer, als diese — wie bereits 
erwähnt — während des Stäubens völlig freistehen 
und große, federartige Gebilde, also vortreffliche 
„Staubfänger" darstellen. Zudem ist der Weg vom 
Staubblatt zur Narbe 'in der Regel nicht weit; denn 
der Roggen wächst ja wie die meisten andern 
Windblütler in großen Beständen, die allerdings 
vom Menschen geschaffen sind. 

g) Als für die Bestäubung beachtenswert ist 
''^\Mwiill/l endlich noch zu erwähnen, daß der Halm schon 

durch einen leichten Wind ins Schwanken 
gerät, daß die Ähre den höchsten Punkt des 
Stengels einnimmt, und daß sich die Blüten nur 
an trocknen, sonnigen Tagen öffnen. 

5. Frucht, a) Sobald das Stäuben beendigt ist, 
schrumpfen die Schwellkörperchen zusammen; die 
äußere Blütenspelze legt sich wieder wie ein 
Schachteldeckel über die innere, und im Schutze 
beider reift nun die Frucht heran. Da die Ährchen an der 
Achse in zwei Reihen stehen, und jedes wieder aus zwei 
fruchtbaren Blüten zusammengesetzt ist, sind die rei- 
fen Körner in der Ähre zu vier Längsreihen geordnet. 

b) Jede Frucht enthält nur einen Samen, dessen 
sehr dünne Hülle mit der Fruchtknoten wand ver- 
wächst. Eine so gebildete Frucht findet sich bei 
den meisten Gräsern. Sie wird daher Grasfrucht 
(Karyopse) genannt. 

c) Sind die Körner reif, so lösen sie sich aus den 
Spelzen und fallen, da sie verhältnismäßig schwer 
sind, in unmittelbarer Nähe der Mutterpflanze zu 
Boden. Hierzu läßt es der Landmann natürlich nicht 
kommen. Er mäht den Roggen vorher ab, bringt 
ihn in die Scheune und schlägt auf harter Tenne 

die Körner aus den Ähren. (Beschreibe genauer, wie die Ernte und 
das Dreschen des Getreides erfolgt!) Aus den Körnern, die beim Ein- 
ernten ausgefallen sind, entstehen zwar neue Pflanzen; doch deren Nach- 



Fruchtähre des 
Roggens. 



Gräser. 271 

kommen verschwinden sehr bald wieder, so daß wir trotz des aus- 
gedehnten Roggenbaues nirgends verwilderten Roggen antreffen. Dies ist 
ein deutliches Zeichen dafür, daß wir es in dem wichtigen Gewächse 
mit einem Fremdlinge auf unsern Fluren zu tun haben. Die Stammform 
des Roggens (S. montänum^) hat ihre Heimat vielmehr im Gebiete des 
Mittelmeeres und den angrenzenden Ländern Asiens. 

Fielen beim wildwachsenden Roggen die reifen Körner in unmittel- 
barer Nähe des Halmes zu Boden, so würden die jungen Pflanzen in 
einem Trupp beieinander stehen und sich Licht, Nahrung und Raum 
gegenseitig streitig machen. Dieser Fall tritt auch in der Tat nicht ein: 
Die Ährenachse zerbricht erstüch bei der Reife, so daß die Ähre in 
eine große Zahl kleinerer Teile zerfällt. Die Früchte bleiben ferner von 
den Spelzen umhüllt. Da diese dem Winde eine verhältnismäßig große 
Angriffsfläche darbieten, werden die kleinen Körner infolgedessen leicht 
verweht. Durch die äußere Blütenspelze steht die Frucht aber auch mit 
der Granne im Zusammenhange. Da nun das stachelige Gebilde leicht 
in dem Pelze oder Gefieder vorbeistreifender Tiere hängen bleibt, kann 
das Korn endlich auch weit verschleppt werden. Zugleich dient die Granne 
der keimenden Frucht zur Befestigung an den Erdboden. 

Diese „Aussäungsvorrichtungen" des wildwachsenden Roggens wären 
aber für das Einernten des angebauten Kornes sehr nachteilig. Darum ist 
der Mensch bestrebt gewesen, sie zu beseitigen, und durch viele Jahrhunderte 
lange, planmäßige Auslese ist ihm dies auch gelungen: Die Ähre zerfällt 
nicht mehr in einzelne Teile; das reife Korn bleibt nicht von den Spelzen 
umhüllt, und die Granne ist brüchig und bedeutungslos geworden. Hand 
in Hand mit dieser „Veredelung" ist zugleich eine wesentliche Ver- 
größerung der Körner gegangen, kurz: Es ist eine von der Stammform in 
zahlreichen Stücken abweichende Kulturform entstanden. 

P. Feinde. Von der Aussaat bis zur Ernte ist die überaus wichtige Pflanze von 
einem Heere von Peinden bedrolit: Zahlreiche Unkräuter rauben ihr gleich den andern 
Getreidearten unsrer Pelder Licht, Raum und Nahrung; Schmarotzerpilze, von denen 
besonders der Getreiderost und der Mutterkornpilz genannt sein mögen, siedeln sicli 
auf Stengel, Blatt oder Blüte an; Engerlinge, Drahtwürmer und andre Insektenlarven 
zehren an den Wurzeln; Hirsche, Rehe und Kaninchen „äsen" die junge Saat, und von 
den Pi-üchten nähren sich Getreidelaufkäfer, Hamster und Peldmaus. Selbst in der 
sichern Scheune oder auf dem Kornboden stellen sich oft noch allerlei ungebetene 
Gäste ein, von denen vornehmlich die Mäuse, sowie der weiße und der schwarze Korn- 
wurm großen Schaden anrichten können. 



3. Andre Gretreldearteii, Zuckerrohr und Bambus. 

1. Nächst dem Roggen ist der Weizen (Triticum vulgäre'-^), dessen 
Stammpflanze (T. dicoccoides ^) vor kurzem in Nord-Palästina und S}Tien 



1) montaims, auf dem Gebirge wachsend. 2) M</«(m, Weizen ; ndgaris, gemain. 3) dicocroides: 
(H-, zwei, liökkos, Kern n. -eides, ähnlich. 



272 



Gräser. 




entdeckt wurde, unsre wich- 
tigste Getreideart. Soweit 
es Boden und Klima erlauben, 
wird er in ganz Europa, so- 
dann aber besonders in Nord- 
amerika und Ostindien an- 
gebaut. Er liefert ein sehr 
feines, weißes Mehl, das, wie 
bekannt, vornehmlich zu 
Weißbrot und allerlei feinem 
Backwerk verwendet wird. 
Auch gewinnt man aus den 
Weizenkörnern die Stärke, 
die u. a. zum Stärken der 
Wäsche im Gebrauch ist. 
Von den zahlreichen Spiel- 
arten der wichtigen Bflanze 
treffen wir auf unsern Fel- 
dern am häufigsten den 
unbegrannten Kolben- und 
den begranntenBartweizen 
an. — In Süddeutschland 
und der Schweiz wird hier 
und da eine andre Weizen- 
art, der Spelt, Spelz oder 
Dinkel (T. spelta^) gebaut, 
der mit weniger gutem Boden 
und geringerer Sommer- 
1/ wärme fürlieb nimmt, und 
bei dem die Ährchen in ver- 
hältnismäßig großen Zwi- 
schenräumen an der Achse 
stehen. Wie beim wilden 
Roggen zerbricht die Ähren- 
achse bei der Reife, und die 
Körner bleiben von den 
Spelzen (Name!) umhüllt. Das 
imreife, gedörrte und von 
den Spelzen befreite Spelz- 
korn liefert das „Grünkorn" 
oder den „Grünkern" des 
Handels. 



Fruchtähren des Weizens: 
Bartweizen; 2. Kolbenweizen; 3. Spelt. 



3) spelta, Spelz, wohl ein germa- 
nisches Wort. 



Gräser. 



273 



2. Wie der Roggen 
stellt die Grerste (Hör- 
deum sativum^), deren 
Stammform (H. spon- 
taneum -) im nördlichen 
Afrika und im Orient 
aufgefunden wurde, an 
die Sommerwärme nur 
geringe Ansprüche. Sie 
dringt daher gleichfalls 
weit nach Norden vor. 
Im Gegensatz zu jener 
Pflanze und dem Wei- 
zen stehen bei ihr aber 
auf jedem Absätze der 
Ährenachse 3 einblütige 
Ährchen. Daher sind 
auch die Körner bei 
der Reife in 6 Zeilen 
geordnet. Deutlich aus- 
geprägt ist dies jedoch 
nur bei der sechs- 
zeiligen G. Greifen 
die Seitenzeilen inein- 
ander, so haben wir 
die Verhältnisse , wie 
sie die vierzeilige G. 
zeigt. Bei der zwei- 
zeiligen G. dagegen 
ist nur das mittlere der 
3 Ährchen fruchtbar. 
Diese Spielart besitzt 
daher sehr große, wohl- 
ausgebildete Früchte, 
die besonders bei der 
Bierbrauerei zur Ge- 
winnung des Malzes 

verwendet werden 
(Braugerste!). Ferner 
dienen die Gersten- 
körner, die zumeist von 
den Blütenspelzen um- 
hüllt aus den Ähren 




1) hordeutn, Geiste; sativus, 
angeb. 2) spontaneus, nrsprüngl . 

Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



Fruchtähre der Gerste. 
1. vier- und 2. zweizeih <?e Ger.ste. 



18 



274 



Gräser. 



fallen, zur Herstellung von Graupen und Grieß, und endlich werden sie 

auch als Futter für die Haustiere hoch geschätzt. 

3. Der Hafer (Avena sativa^) unterscheidet sich von den andern 

Getreidearten wesentlich durch den Blütenstand, der eine Rispe darstellt. 

Am obern Teile des Hal- 
mes gehen nämhch von 
den Knoten zahlreiche 
Nebenstengel aus, die sich 
zumeist nochmals ver- 
zweigen und an den Enden 
je ein Ährchen tragen. 
Die von den Spelzen um- 
hüllt bleibenden Körner 

dienen besonders als 
Pferdefutter, werden je- 
doch auch enthülst und 
geschroten (Hafergrütze) 
in Breiform vom Men- 
schen verzehrt. 

4. Das mittlere Asien oder 
Ostindien scheint die Heimat 
derHirse (Panicum miliäceunr) 
zu sein. Ihre Körner sind zwar 
nur Idein; dafür bringt aber 
die große, einseitig überhän- 
gende Rispe deren sehr viele 
hervor. Sie werden bei uns 
besonders als Futter im das 
Hausgeflügel benutzt, finden 
aber auch als Speise für den 
Menschen Verwendung. 

5. Der Mais (Zea mais^) 
ist im tropischen Amerika 
heimisch, wird jetzt aber 
in allen warmen Ländern, 
sowie in den mildern 
Gegenden der gemäßigten 
Zonen angebaut. Die we- 
nigen im Erdboden zur 
Ausbildung gelangenden 
Wurzeln, die die oft mehrere Meter hohe Pflanze allein nicht zu halten 
vermöchten, werden durch seilartige Stützwurzeln vei mehrt, die an den 
untern Knoten des markhaltigen Stengels herv^orbrechen, in den Untergrund 
eindringen und sich daselbst vielfach verzweigen (vgl. mit einem Fahnen- 




Fruchtrispe des Hafers. 



1) avena, Hafer; sativus angebaut. 2) 2^0''nicitm, Hirse; miliacms von milhivi, ebenfalls Hirse. 
3) zea hieß bei den alten Griechen der Spelt; mais ist ein peruanisches Wort. 



Gräser. 



275 



mäste, der durch Taue gehalten wird). 
Im Gegensatz zu unsern einheimischen 
und angebauten Gräsern, die alle 
Zwitterblüten besitzen, ist der Mais 
ein einhäusiges Gewächs. Auf dem 
Gipfel des Stengels erheben sich die 
zu einer großen Rispe geordneten 
Staubblüten, während die Stempel- 
blüten zu dicken Kolben zusammen- 
gedrängt sind. Die Kolben entspringen 
aus den Blatt winkeln und sind von 
zahlreichen Blättern dicht umhüllt, 
die den zarten Blüten und jungen 
Früchten einen wirksamen Schutz 
gewähren. Da aber die Hülle dem 
Blütenstande entsprechend verhältnis- 
mäßig groß ist, und die Narben während 
der Bestäubung dem Winde ausgesetzt 
sein müssen, sind die fadenförmigen 
Griffel von außerordentlicher Länge. 
Sie treten an der Spitze der Hülle 
in Form eines Büschels ins Freie. Die 
großen, meist gelben Früchte werden 
als Futter für die Haustiere hoch ge- 
schätzt, dienen aber geröstet oder ge- 
kocht in südlichen Ländern auch dem 
Menschen zur Speise. Aus dem Mais- 
mehl bereitet der Italiener seine „Po-, 
lenta", einen Brei, der den ärmern 
Volksschichten meist ausschließlich 
zur täglichen Nahrung dient. Bei uns 
kommt das Mehl unter verschiedenen 
Namen in den Handel und wird vor- 
nehmlich zur Herstellung süßer Spei- 
sen verwendet. In Mitteleuropa baut 
man die hohe, saftige Pflanze be- 
sonders als Grünfutter an. 

6. Der Reis (Or5^za sativa^; s. Abb. 
S. 276) nimmt unter allen Getreide- 
arten insofern den ersten Rang ein, als 
sich von seinen Früchten bei weitem 
die meisten Menschen ernähren. Er 
ist ein Rispengras wie der Hafer, 




1) öryza, Reis, ein altindisches Wort; sativus, 
angebaut. 



Mais. 1. Oberer Teil der blühenden 
Pflanze. Stb. Rispe, aus Staubblüten 
bestehend. Stp. Kolben, aus Stempelblüten 
zusammengesetzt. 2. Unterer Stengelteil 
mit zahlreichen Stützwurzeln. (Verkl.). 



276 



Gräser. 



erreicht eine Höhe von 1,50 m und hat sich von Ostindien aus über alle 
heißen und warmen Länder verbreitet. Auch im südUchen Europa wird 
er mit Erfolg angebaut. Da er eine Sumpfpflanze ist, gedeiht er besonders 
in Niederungen, die regelmäßig überschwemmt werden, dadurch aber auch 
vielfach Herde der gefürchteten Sumpffieber bilden. Die zu uns in den 
Handel kommenden Körner sind von den Spelzen befreit und durch ein 
besonderes Mahlverfahren poliert. Wie aus Kartoffelknollen und Weizen- 
körnern bereitet man aus ihnen eine 
vortreffliche Stärke; durch Gärung liefern 
sie ein alkoholisches Getränk, den Arrak. 
Im Anschluß an die Getreidearten 
seien noch 2 Gräser erwähnt, die 
gleichfalls für den Menschen eme hohe 
Bedeutung erlangt haben: das Zucker- 
und das Bambusrohr. 

7. Das Zuckerrohr (Säccharum 
officinärum ^) , dessen Heimat wahr- 
scheinlich in Ostindien zu suchen ist, 
wird in allen Tropenländern angebaut. 
Ein Zuckerrohrfeld gleicht einem gewal- 
tigen Schilf dickichte. Aus dem aus- 
dauernden Wurzelstocke erheben sich 
zahlreiche markhaltige Stengel, die bei 
2 — 5 cm Stärke eine Höhe von 6 m 
erreichen können und je eine end- 
ständige Blütenrispe tragen. Da die 
altern Blätter abfallen und die Blatt- 
scheiden Narben zurücklassen, erschei- 
nen die Stengel am untern Teil deut- 
lich geringelt. Haben die Pflanzen ihre 
volle Größe erreicht, den Blütenstand 
aber noch nicht entwickelt, so beginnt 
die Ernte. Arbeiter schlagen sie mit 
großen Messern dicht über dem Boden 
ab und entfernen die Blätter, sowie die 
wenig Mark enthaltende Spitze. Die so 
zubereiteten Stengel werden zur Fabrik gebracht und kommen zwischen 
schwere, eiserne Walzen, die das zuckerhaltige Mark zerquetschen. Der 
gelbhche Saft, der bis 20% Rohrzucker enthält, fließt m große Gefäße, 
um wie der Saft der Zuckerrübe sodann weiter verarbeitet zu werden. 
Aus den zuckerreichen Rückständen gewinnt man durch Gärung den Rum. 
8. Die Bambusgräser (Bambüseae-; s. Abi). S. 278) sind in zalilreichen Arten über 
die ganze Tropenzone und die ihr angrenzenden Gebiete verbreitet. Es sind große, vielfach 
riesige, ausdauernde Gewcächse, die eine Höhe von 40 n\ erreichen können und oft weite 

1) säccharum von dem persisch-mdischen Worte sdkcliar, Zucker; officinarum, der Apotheken. 
2) von dem portugiesischen, Worte bambos. 




R e i s p f 1 a n z e n mit fast reifen Körnern . 



Gräser. 



277 



Landstriche mit dichtem Walde bedecken. Ihre Verwendung ist in den einzelnen Ländern 
sehr verschieden. Die dicken Hahne gebraucht man zum Bau von Häusern, Hütten 
und Brücken, zur Herstelhing von Wasserleitungen, Flößen usw. Die dünnern Stengel 
werden als Stützen, Stangen und Mastbäume verwendet; man verfertigt aus ilmen 
Möbel, Musikinstrumente und hunderterlei andre Gegenstände. Schenkelstarke Halm- 
glieder dienen als Wassereimer, kleinere als Becher, Flaschen u. dgl. Aus den knotigen, 
zähen Ausläufern stellt 
man die Spazierstöcke her, 
die bei uns vielfach im 
Gebrauch sind; die jungen 
Triebe liefern ein schmack- 
haftes Gemüse; kurz: es 
ist nicht zu viel gesagt., 
wenn man behauptet, daß 
das Bambusrohr für viele 
Völker, besonders in Indien 
und Ostasien, geradezu un- 
entbehrlich ist. 



3. Einheimische 
Gfräser. 

I.Verbreitung der 
Gräser. Wo wir uns 
bei einem Gange durch 
die heimische Natur 
auch hinwenden mö- 
gen, überall begegnen 
wir Gräsern. Sie be- 
decken als Getreide 
einen großen Teil des 
Feldes; sie bilden die 
weiten Wiesen- und 
Weideflächen der Nie- 
derungen und Berg- 
hänge; sie bewohnen 

den schwankenden 
Sumpfboden, wie den 
hartgetretenen Weg- 
rand; sie gedeihen im kühlen Waldesschatten, wie auf sonnverbrannter 
Heide; sie umkränzen in mächtigen Beständen unsre Gewässer und haben 
auf öder Düne mit Sturm, Sonuenbrand und Dürre einen harten Kampf 
zu bestehen. Wie bei uns, ist es auch in allen andern Ländern der 
Erde. Soweit das Auge reicht, erblickt man oft nichts weiter als Gräser. 
Man denke nur an die schier unermeßhchen Steppengebiete, wie sie sich 
in allen Erdteilen finden, an die Pußten Ungarns, an die Pampas und 
Ljanos Südamerikas, an die Prärien Nordamerikas und wie die „Gras- 
wüsten" alle heißen mögen. Kurz: Die Gräser sind diejenigen Ge- 




Zuckerrolir. Im Hintergrunde Halme mit Blütenständen. 
Daneben ein Stück des Halmes, weniger verkl. 



278 



Gräser. 



wachse, die von allen Pflanzenfamilien den größten Teil der 
Erdoberfläche bedecken. 

2. Wiesen und Weiden. Abgesehen von den Getreidefeldern treten 
uns in der heimatlichen Natur die Gräser besonders auf Wiesen mid 

Weiden entgegen. 

a) Während 
die Getreidegräser 
nur ein oder zwei 
Jahre leben, sind 
die Wiesengräser, 
die .ia bleibende 
Bestände bilden, 

ausdauernde 
Pflanzen. 

b) Geht bei den 
ausdauernden 

Gräsern die Be- 
stockung so vor 
sich, wie wir sie 
beim Roggen ken- 
nen gelernt ha- 
ben, so entste- 
hen größere oder 
kleinere „Gras- 
büsche" , die durch 
Zwischenräume 
voneinander ge- 
trennt bleiben. 
Solche „horst- 
bildenden" Grä- 
ser sind also 
nicht imstande, 
eine zusammen- 
hängende Gras- 
fläche zu erzeu- 
gen. Wie sich die 
„ rasenbildenden " 
Wiesengräser bestocken, zeigt uns deutlich die weiter unten erwähnte 
Quecke. Aus den untersten Halmknoten brechen zwar gleichfalls Zweige 
hervor. Sie richten sich jedoch nicht auf, wie dies beim Roggen ge- 
schieht, sondern kriechen weit unter der Erdoberfläche dahin, verzweigen 
sich vielfach und nehmen von allen noch freien Räumen im Boden Besitz. 
Erst an den Knoten dieser Ausläufer bilden sich zahlreiche oberirdische 
Zweige, die entweder nur Blätter, oder Blätter und Blüten tragen. Auf 




Bambus an einem indischen Flusse. 



Gräser. 



279 







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Gräser. 2S\ 

diese Weise entsteht die sog. Grasnarbe, das „tTruadgewebe" des 
Wiesenteppichs, in das alle andern Pflanzen der Wiese gleichsam ein- 
geflochten sind. 

c) Unsre Wiesen werden im Jahre gewöhnüch ein- oder zweimal 
gemäht (Heu- und CTrummeternte), eine Arbeit, die auf den Weiden von 
den pflanzenfressenden Haustieren gewissermaßen direkt besorgt wird. 
Außer den Wiesenpflanzen dürfte es wohl nur noch wenige Gewächse 
geben, die eine solche beständige Verstümmelung zu ertragen vermöchten. 
Kaum abgemäht, sprießt das Gras aber von neuem hervor. Ja, es er- 
hält sich zumeist ganz allein durch fortgesetzte Sprossung; denn bevor 
es noch Samen reifen kann, fällt es gewöhnlich schon der Sense oder 
den Weidetieren wieder zum Opfer. Die große Widerstandsfähigkeit 
gegen Verstümmelung und das hohe Sprossungsvermögen der 
Gräser sind also weitere Vorbedingungen für das Vorhandensein der 
Wiesen und Weiden. 

Wie in unsrer Heimat, liefern aber auch in allen andern Ländern 
die weiten Grasflächen den Haustieren ausschließlich oder vorwiegend 
die Nahrung. Auf den unscheinbaren Gräsern beruhen also in 
erster Linie Ackerbau (Getreidegräser!) und Viehzucht, die beide 
wieder den Anfang und die Grundlage aller menschlichen 
Kultur bilden. 

3. Die wichtigsten und häufigsten Arten. Gehen wir zur Zeit der Gras- 
l)lüte durch Wiese, Feld und Wald, • so staunen wir über die große Mannigfaltigkeit, 
die unter den Gräsern herrscht. Wir können daher hier nur die Formen kurz be- 
trachten, die uns am häufigsten entgegentreten und als Wiesengräser, Unkräuter u. dgl. 
für den Menschen von besonderer Bedeutung sind. Der Übersichtlichkeit wegen wollen 
wir sie wieder in 3 Gruppen ordnen: 

a) Ährengräser (Ährchen sitzend oder kurz gestielt, zusammengesetzte Ähren 
bildend). Als eines der bekanntesten, wildwachsenden Gräser sei zuerst die Quecke 
(Agropyrum repens^) erwähnt, die auf Äckern und Feldern ein überaus lästiges Unkraut 
bildet, aber auch an Wegen und Hecken überall anzutreffen ist. Die Spitzen der Aus- 
läufer sind durch starre, schuppenartige Blätter geschützt, so daß sie selbst Kartoffel- 
knollen, ja sogar starke Baumwurzeln durchbohren können. Die Pflanze vermag mithin 
auch von hartem Boden Besitz zu ergreifen. Die Ährchen stehen an der wellenförmig 
gebogenen Achse ziemlich weit voneinander entfernt und wenden ihr die Breitseite zu. 
— Durch dieses Merkmal ist die Quecke leicht von dem ähnlichen Taumellolch (Lölium 
temulentum-) zu unterscheiden, bei dem die Ährchen der Achse die Schmalseite zu- 
kehren. Die Pflanze findet sich gleichfalls unter dem Getreide. Da sie aber einjährig 
ist (keine x\usläufer!), richtet sie nur wenig Schaden an. Beachtenswert ist sie jedoch 
durch ihre Körner, die beim Menschen Vergiftungserscheinungen hervorrufen können 
(Name!). — Der nächste Verwandte des Lolches ist das englische Raygras (L. perenne ") 
mit sehr ähnlichen, aber zierlichem Ähren. Da es dichte Rasen bildet, ist es ein 
Avertvolles Futtergras, das auch (namentlich in England; Artname!) gern zur Anlegung 
von Grasbeeten verwendet wird. — An Wegen und Mauern findet sich häufig ein Gras, 
da.s der angebauten Gerste sehr ähnlich ist, die Mäusegerste (Hördeum murimim^). 



]) agropyrum: agrös, Acker und 'pijrös, AVeizen; repens, kriechend. 2) lolium, Lolch, eigeiitl. 
Scliwindel erregende Pfl. ; temulentus, berausclit, berauscheud. 3) ^jsre/JH/s, aus<liui(inid. 4) hör- 
ilfiim, (Terste; murinus, mänseartig (mir für Miinse als Nalirnng dienend?). 



282 



Gräser. 



b) Ährenrispeugräser (Ährchen zu mehreren auf verästelten Stielen, eine ähren- 
förmige Rispe bildend. Dies ist meist erst beim Umbiegen des Blütenstandes zu er- 
kennen!). Der Wiesenfuchsschwanz (Alopecürus pratensis^), der den Gattungsnamen 
nach dem kurzen, walzenförmigen Blütenstande trägt, ist eines unsrer wichtigsten 
Wiesengräser. — Dasselbe gilt von dem Wiesenliesch- oder Timotheusgrase (Phleum 
pratense'-). Sein Blütenstand ist dem der vorigen Art fast gleich, aber länger und 
dünner, einem kleinen Zylinderputzer ganz ähnlich. — Das 
ßuchgrras (Anthoxänthum odorätum*^) dagegen bildet nur 
niedrige Rasen. Es verleiht (Name!) dem Heu den würzigen 
Duft des Waldmeisters, der aber wie bei dieser Pflanze den 
Weidetieren zuwider ist. Während des Blühens spreizen die 
Ährchen von der Ährenachse ab, so daß dem Winde ein 
besserer Zutritt zu den Staubbeuteln und Narben geschaffen 
wird. Durch das Einatmen des Blütenstaubes dieser Pflanze, 
aber auch zahlreicher andrer Gräser, entsteht bei dafür 
empfänglichen Leuten das sog. Heufieber. — An den kamm- 
artigen Ährchen ist leicl\t das Kammg-ras (Cynosürus cristä- 
tus^) zu erkennen. — Eine ungemein wichtige Pflanze für 
die Bewohner unsrer Meeresküsten ist der Strandhafer (Am- 
möphila arenaria''), der dem Sande der Dünen Leben verleiht. 
Obgleich der Boden, dem das Gras entsprießt, außerordent- 
lich trocken ist, vermag es ihm doch genügend Nahrung und 
Wasser zu entnehmen; denn es besitzt einen mehrere Meter 
langen, vielfach verzweigten Wurzelstock, der samt den 
zalüreichen Wurzeln den Sand nach allen Richtungen hin 
durchzieht. Hierdurch erhält die lockere Sandmasse einen 
festen Halt, so daß sie selbst dem heftigsten Angriffe der 
Stürme und dem donnernden Anpralle der Wogen zu wider- 
^^iW ''^J*k'^ stehen vermag. Die Dünen werden somit gleichsam zu Boll- 

uWvM 'N^P*^ werken, die die Ansiedelungen und Felder der Menschen 

v/ifsih Iw I schützen, vom Sande bedeckt und von den Fluten vernichtet 

ViMIWi Im i\ yy werden. Darum pflanzt auch der Küstenbewohner die 

wichtige Pflanze vielfach an und behütet sie wie der 
lünnenländer das Getreide des Feldes. — Die gleiche Be- 
deutung hat ein zweites, sehr ähnliches Gras, der Strand- 
rog-gen (Elymus arenärius'^), der auch im Biimenlande an 
sandigen Stellen vorkommt, dessen Blütenstand aber eine 
Ähre bildet. (Name! Er hätte also eigentlich bei den 
Ährengräsern erwähnt werden müssen!) Ist der Boden feucht, 
so breitet sowohl der Strandroggen seine breiten, hellgrünen, 
als auch der Strandhafer seine schmälern, dunkelgrünen 
Blätter flach aus; ist der Sand aber trocken, dann sind 
die Blätter beider Pflanzen zu langen Röhren zusammen- 
gerollt. Durch tiefe Längsfurchen, wie man solche auch an 
den Blättern mehrerer andrer Gräser antrifft, sind sie hierzu 
wohl befähigt. Welche Bedeutung diese Erscheinung hat, 
zeigt uns ein einfacher Versuch: Schneiden wir von beiden Pflanzen je einen Stengel 
ab, so rollen sich dessen Blätter nach kurzer Zeit ein. Dadurch verldeinern sie ihre 
Oberfläche sehr stark, so daß sie nun auch nicht mehr soviel Wasser verdunsten wie 
vordem. Da sich ferner sämtliche Spaltöffnungen auf der Blattunterseite befinden, 




Strand- 
hafer. 



Strand- 
roggen. 



(Kleine Exemplare.) 



1; alopecürus : alöpex, Fuchs luid urä, Schwanz; pratensis, auf der Wiese wachsend. 2; phleum 
von phleos, strotzend; p7-atensiS, s. Anru. 1. 3) unthoxanthujn : änthos, Blume und xantliös, blond, 
gelb; odoratus, wohlriechend. 4) cynosürus : kyon, gen. kynös, Hund nnd wrä, Schwanz; cristatus, 
mit einem Kamme (crista) versehen. 5) ammopjhila: ämmos, Sand und pliile, Freundin; arenarius, 
auf dem Sande wachsend. 6) e!ymos, Hirse, eigentl. Rollpflanze; arenarius, s. Anna. 5. 



Gräser. 



283 




284 



Gräser. 




Gräser. 285 

jetzt also alle in den windstillen Hohlraum der Röhre münden, wird durch diese Ein- 
richtung die Verdunstung um so mehr eingeschränkt. Stellt man die Stengel darauf 
ins Wasser, so daß die Blätter eine solche Ersparnis nicht mehr nötig haben, so 
breiten sie sich nach kurzer Zeit auch wieder vollkommen aus. Die empfindlichen 
jungen Blätter beider Pflanzen besitzen stets Röhrenform. 

c) Rispengräser (Blütenstand wie beim Hafer). Einen wächtigen Bestandteil 
unsrer Wiesen bildet der Wiesenhafer (Arrhenatherum elätius^), der seine „hafer- 
ähnlichen" Rispen oft mehr als meterhoch über den Boden erhebt. Die äußere Blüten- 
spelze der untern Blüte in jedem Älu'chen trägt auf der Außenseite eine lange Granne, 
die wie die Granne des Reiherschnabels knieförmig gebogen und im untern Teile 
korkzieherartig aufgerollt ist. Löst sich das Ährchen bei der Reife los, so wird es wie 
die Teilfrucht jener Pflanze mit Hilfe dieser Einrichtung in den Boden gebohrt. — 
Gleichfalls haferähnlich sind die Trespen (Bromus-); sie besitzen aber dicke, lanzettliche 
Ährchen, deren Kelchspelzen im Gegensatz zum Hafer nicht abspreizen. Mehrere 
Arten, wie die abgebildete taube T. (B. sterilis*^), wachsen an unfruchtbaren Stellen. — 
Durch sehr kleine, meist violett angelaufene Ährchen an haarfeinen Ästen zeichnet 
sich das Straußgras (Agrostis vulgaris^) aus. Es überzieht auf Wiesen und Triften, 
sowie an Acker- und Waldrändern vielfach große Strecken wie mit einem zarten 
Schleier. — Die oft mehr als meterhohe Rasensclimiele (Aira caespitosa-^) hat eine 
ähnliche Rispe. Bei ihr sind die Äste aber zumeist bogenförmig abwärts geneigt. ■ — 
Das Wiesenrispengras (Poa pratensis®) bildet infolge seiner zahlreichen Ausläufer eine 
sehr dichte Grasnarbe. Es ist unser häufigstes Wiesengras, das ein vortreffliches 
Futter liefert. — Aus knäuelartigen Ährchenmassen besteht die einseitige Rispe des 
Knäuelgrases (Däctylis glomeräta'). — Auf trocknen Wiesen findet sich häufig das 
zierliche Zittergras (Briza media ^), dessen große, muschelförmige Spelzen wirksame 
Windfänge für die winzigen Früchte darsteUen. — Das Honiggras (Holcus lanätus*^) 
ist wollig behaart und hat sehr reichblütige, meist rötlich oder violett angelaufene 
Rispen, die wie beim Ruchgrase u. a. während des Blühens stark gespreizt sind. — 
Dieselbe Erscheinung beobachten wir auch an der einseitswendigen Rispe des Wiesen- 
schwingels (Festi'ica elätior^"), der eines unsrer besten Wiesengräser darstellt. 

Teiche und Seen sind oft von einem" weitausgedehnten „Graswalde" umkränzt, 
der von dem Schilfe (Phragmites communis ^^) gebildet wird. Älit Hilfe langer Ausläufer 
dringt das hohe Gras vom Ufer aus bis zu jenen Stellen der Gewässer vor, an denen 
es infolge geringer Tiefe noch zu leben vermag. Weht ein heftiger Wind, so sehen 
die mächtigen Bestände aus, als wären sie gekämmt. Da die Innenflächen der Blatt- 
scheiden und die Oberseite des Halmes glatt sind, dreht nämlich der Wind die Blätter 
und stellt sie wie die Wetterfahne auf dem Dache in die Windrichtung. Infolgedessen 
streicht er an ihnen vorbei, so daß der Halm trotz seiner Größe (bis 3 m) und der 
langen, breiten Blätter selbst vom heftigsten Sturme nicht gelcnickt wird. Zur Zeit 
der Fruchtreife sind die Ährchenstiele mit langen, seidenartigen Haaren bedeckt. Dann 
gleicht der Fruchtstand einem großen Federballen. Lösen sich die Ährchen von der 
INIutterpflanze los, so werden sie ein Spiel der Winde. Daher werden die Früchte leicht 
über einen weiten Bezirk ausgesät. Bis zur Blütezeit ist von den Haaren nur wenig 
zu bemerken; sie würden der Bestäubung auch nur hinderlich sein. Die langen und 
festen abgestorbenen Halme werden zur Bekleidung von Wänden, zum Bedecken der 
Dächer, zur Herstellung von allerlei Flechtwerk u. dgl. vielfach verwendet. — Ein dem 
Schilfe sehr ähnliches Gras, das sich gleichfalls häufig am Wasser findet, ist das 



1) arrhenatherum: ärrhen, männlicli und ather, Granne; elatius, erhabener, groß. 2) Hafer. 
3) s<eri7js, unfruchtbar. 4) agrostis : agrös, Acker und -ostis aus ed-, essen; vulgaris, gemein. 5) aira, 
Unkraut im Weizen; caesidtosa von caesjjes, gen. caespitis, Easen. 6) jwa, Gras, eigentl. saftig, 
strotzend; pratensis, auf der Wiese -wachsend. 7) dactylis,^iige-reiT:iig; glomeratus, zusammengeballt, 
gehäult. 8) hriza, bei den Griechen eine Getreideart; mediiis, mittel. 9) liolcus von hoUcös, das Ziehen, 
Fortschleppen, das sich lang Hinziehende (Wurzelstock?); lanatus, wollig. 10) festwa, Grashalm, 
eigentl. Borste, steif emporstarrend; elatior, erhabener, groß. 11 i^hragmites von phragmös, 
Zaun; communis, gemein. 



286 



Riedgräser, 



Olanzgras (Phahiris arundinäcea^). Eine Spielart von ihm mit weiß-grün gestreiften 
Blättern wird unter dem Namen Bandgras gern als Zierpflanze gezogen. 



68. Familie. Riedgräser 

(Cyperäceae ■). 

Die Riedgräser sind gi-asartige Pflanzen 
(„Schein- oder Halbgräser"), die sich mit den 
echten Gräsern besonders auf sumpfigem, 
moorigem oder sog. saurem Boden („Sauer- 
gräser") an der Bildung der Wiesen beteiligen. 
Da sie aber scharfschneideude Blätter be- 
sitzen, die von den Weidetieren vielfach 
verschmäht werden, so liefern „saure Wiesen" 
nur ein minderwertiges Futter. Zahlreiche 
andre Riedgräser lieben wieder den wasser- 
armen Sandboden. 

Die Merkmale der Riedgräser wollen wir 
an den Seg'g'en (Carex") kennen lernen, einer 
Gattung, deren zahlreiche, schwer unter- 
scheidbare Arten überall anzutreffen sind. 
Wir finden bei ihnen meist einen dreikantigen, 
knotenlosen Stengel, an dem die Blätter in 
3 Zeilen stehen. Die Blattscheiden sind ge- 
schlossen und ohne Blatthäutchen. Die Ähr- 
clien setzen sich entweder aus Staub- oder 
Stempelblüten, oder aus beiden Blütenarten 
zusammen. Die Blüten sind unscheinbare 
Gebilde, die durch Vermittelung des Win- 
des bestäubt werden. Die Stempelblüten, 
"die nur aus einem Fruchtknoten und einem 
Griffel mit 2 oder 3 Narben bestehen, sind 
gleich der Frucht von einem schlauchförmigen 
Blatte schützend umgeben. Zahlreiche Seggen 
treiben Ausläufer und tragen daher auf Sand- 
feldern und Dünen zur Bindung des Flug- 
sandes bei. Dies zeigt z. B. deutlich die 
Sand-S. (C. arenaria •*) , deren Wurzelstock 
meterweit im Boden dahinltriecht. Da er 
nun hierbei eine gerade Linie einhält, so 
stehen die aus den Knoten sich erhebenden 
oberirdischen Triebe so regelmäßig, als wären 
sie vom Menschen in eine Reihe gepflanzt. 




1) phalaris, Gras mit Blutenstand, der wie 
eine p/iä?ora, ein Helmbusch, aussieht; arundina- 
ceus, rohrähnlich. 2) Von cyjjenis, s. S. 287, Anm. 3. 
3) Riedgras. 4) areiiariiis, 'Im Sande wachsend. 



Sandsegge. Von einem Ausläufer erheben 
sich mehrere, zum Teil blühende oberirdische 
Triebe. Daneben eine Stempelblüte: B.Blatt, 
in dessen Achsel die Blüte steht; S. das 
.schlauchförmige Blatt, aus dessen Öffnung die 
beiden Narben N hervortreten. 



Riedgräser. Froschlöffelgewächse. 



287 



Die übrigen Glieder der Familie haben im 
Gegensatz zu den Seggen Blüten, die eines 
Schlauches entbehren und beiderlei Befruchtungs- 
werkzeuge einschließen. Uies lassen z. B. die 
Simsen (Scirpus^) erkennen, die in zahlreichen u- 
Formen auf sumpfigen, torfigen Wiesen, an den ^ 
Ufern der Gewässer und andern feuchten Stellen 
anzutreffen sind. Sie ähneln bis auf den Bau 
der Blüte ganz den Binsen, mit denen sie 
unter gleichen Lebensbedingungen wachsen. — 
Torfwiesen bewohnt auch das zierliche Woll- 
gras (Eriopiiorum-). Nach der Bestäubung ver- 
längert sich die aus seidenartigen Haaren be- 
stehende Blütenhülle, so daß jedes Ährchen 
einen kleinen Wollbüschel darstellt. Zugleich 
strecken sich auch die Ährchenstiele stark in 
die Länge. Daher werden die reifen, winzigen 
Früchte vom Winde leicht losgerissen und ein 
Spiel der Lüfte. — Ein Riedgras ist auch die 
im Altertume so hochberühmte Papierstaude 
(Cyperus papyrus''), die namentlicii in Ägypten 
angebaut wurde und unserm Papiere den Namen 
gegeben hat. Sie ist eine Sumpfpflanze, deren 
1 — 3 m hoher Stengel von einem großen, dolden- 
förmigen Blütensstande gekrönt Wird. Zum Zwecke 
der Papierbereitung sclilitzte man den Stengel 
auf und klebte die einzelnen Häute und Fasern 
in noch feuchtem Zustande aneinander. 

69—71. Familie. Froschlöffel-, 
Froschbiß- und Laichkrautgewächse 

(Alismäceae*), Hydrocharidäceae'^) und 
Potamogetonäceae*^). 

1. Froschlöffelgewächse. Diese kleine 
Familie umfaßt einige Gewächse, die man stets 
irn oder am Wasser antrifft. Von schilfartiger 
Gestalt ist die stolze Schwaneublume (Bütomus 
umbellätus '), die auch Wasserliesch oder 
Blumenbinse genannt wird. Auf hohem 
Schafte trägt sie eine Dolde prächtig rosafarbener 
Blüten, die im Knospenzustande von zahlreichen 
Hüllblättern schützend bedeckt ist. Haben diese 
Blätter ihre x\ufgabe erfüllt, so werden sie 
trockenhäutig. Die Früchte sind durch Luft- 
räume scliwimmfähig, eine Einrichtung, die zu 
dem Standorte der Pflanze in innigster Beziehung 
steht. — Mit der Schwanenblume heben auch 




Fruchtährchen des W o 11 g r a s e s , von 

dem der Wind .soeben einige Früchte 

losgelöst hat (nat. Gr.). 



1) eigentl. Binse. 2) zusammengesetzt aus erioii, 
WoUe und^j/ie»'0, ich trage. 3) ci/perus, CyTpergrsis; JM- 
pyrus aus dem Ägyptischen. 4) s. S. 288, Anm. 1. 5) s. 
S. 288, Anm. 3. 6) s. S. 289, Anm. 1. 7) hutomus: bus, 
Rind und törnos, Sclmitt (Pfl. wird vom Rinde abge- 
schnitten, verzehrt); twM6eiZah<S, doldenartig. 




Papierstaude. 



288 



Froschlöffel-, Froscliliiß- imd Laiclikrautgewäclise. 







der allbekannte Froschlöffel (Alisma pjautägo^) und das schmucke Pfeilkraut (Sagit- 
täria sagittifölia '-) ihre Blätter über den Wasserspiegel empor. Steigt das Wasser 
aber erheblich, so nehmen die sonst löffel- bezw. pfeilförmigen Blätter (Namen!) die 
Form langer Riemen an. Dann vermögen sie der Strönnmg des Wassers zu folgen, 
■während sie sonst leicht zerrissen werden könnten. 

2. Froschbißgewächse. Der Froschbiß (Hydröcharis morsus ranae") schwimmt 
frei im Wasser und kann mithin auch nur in stehenden oder ganz langsam fUeßenden 
Gewässern leben. Während sich seine herzförmigen Blätter — auf den Herzausschnitt 
bezieht sich der Name der zierliclien Pflanze — gleich denen der Seerose auf dem 

Wasserspiegel ausbreiten, ragen die 
zarten, weißen Blüten darüber em- 
por. Da nur selten Fruchtbildung 
eintritt, wäre der Fortbestand des 
freundlichen Gewächses gefährdet, 
wenn es sich nicht auf andre 
Weise vermehrte, nämlich durch 
Ausläufer, die sich wagerecht unter 
der Wasseroberfläche hinzielien und 
am Ende je eine neue Pflanze bilden. 
Wälnend des ^^'inters vermag sich 
aber der Froschbiß in der obersten 
Wasserschicht, die Ja zu Eis er- 
starrt, nicht zu halten. Er „flüchtet" 
wie die Seerose in die frostfreien 
Tiefen : Mit Beginn des Herbstes höi-t 
nämlich die Bildung von Tochter- 
pflanzen auf. Dann lösen sich die 
Endknospen der Ausläufer ab und 
sinken zu Boden. Wenn sich aber 
das Wasser im Frühjahre wieder 
erwärmt, füllen sich gewisse Zell- 
räume dieser „Winterknospen" mit 
Luft. Infolgedessen steigen die zar- 
ten Gebilde, einem Luftballon ver- 
gleichbar, zur Wasseroberfläche em- 
por. Hier öffnen sie sich, fangen 
an zu treiben, und nicht lange 
währt es, so ist der Wasserspiegel 
wieder mit den Blättern der inter- 
essanten Pflanze bedeckt. — l'^in andres Wassergewächs ist die eigentümliche Krebs- 
schere (Stratiötes aloides^), die ihren Namen nach den stacheüg gezähnten, schwert- 
förmigen Blättern trägt. Die großen, aloeartigen Blattrosetten, die Avährend der wär- 
mern Jahreszeit oft die ganze Oberfläche von Teichen und Tümpeln überziehen, sinken, 
um den Winter zu überdauern, im Heiljste auf den Grund der Gewässer. — Unsre 
gemeinste Wasserpflanze, die Wasserpest (Helodea canadensis''), ist erst um die Mitte 
des vorigen .Jahrhunderts aus Nordamerika bei uns eingewandert. Anfänglich ver- 
mehrte sie sich in einem solchen Maße (Name!), daß sie an einigen Stellen sogar der 
Schiffahrt hinderlicli wurde. Diese erstaunliche Vermehrung ist um so merkwürdiger, 
als die Wasserpest in unsern Gewässern niemals Früchte trägt: Die mit Staubblüten 
ausgerüstete Form der zwei häusigen Pflanze fehlt nämlicii bei uns gänzlich. Dafür ist 
aber schon ein kleines Bruchstück des zarten Gewächses imstande, Knospen und 

1) älisma, gi-iechischer Name einer Wasserpfl.; plantarjo,'WfigQri(z\v CBlattform!). 2) sagittarius, 
pfeUartig; sagittifölia: sagitta, l'feil und fölizim, Blatt. 3) hydrorhoris: hf/dor, Wasser und chairo, 
ich freue mich; mörsus, Hiß; ränae, des Frosches. 4) s/ra/iö<es, Soldat (staclielige Blätter!); aloides: 
aloe, Aloe und -eides, ähnlich. 5,i helodea von helos, Sumpf; canadensis, aus Kanada. 




Fi()S(hbiß An dem Ausläuiei recht- lost sich 
soeben euie \V uiterkuu.'!>pe ab. 



Laichkrautgewächse. Arongewächse. 




Seegras (verkl.). B. Blütenstand. 



289 

^^'ur2;ehl zu treiben. 
Gegenwärtig hält 
sich die Vermehrung 
des Eindringlings in 
mäßigen Grenzen, so 
daß von ihm nichts 
mehr zu befürchten 
ist. Wohl aljer trägt 
er, da er die Abfall- 
stoffe der Tiere zum 
Aufbau des eigenen 
Köqjers verwendet, 
gleich allen andern 
Wasserpflanzen we- 
senthch zum Rein- 
halten der Gewäs- 
ser bei. 

3. Laichkraut- 
gew ä c h s e. Die 
Laichkräuter (Pota- 
mogeton') sind wie 

die Froschbiß- 
gewächse unterge- 
tauchte oderschwim- 
mende Wasserpflan- 
zen. Da sie vom 

Wasser getragen 
werden, zeigen Sten- 
gel und Blätter auch 
eine auffallende Zart- 
heit. Die einfachen, 
in Ähren stehenden 
Blüten werden über 
den Wasserspiegel 
empor gehoben und 
mit Hilfe des Windes bestäubt. — In der Strand- 
zone unsrer Meere wächst auf schlammigem oder 
sandigem Boden das Seegras (Zostera-), das ge- 
trocknet als wertvolles Polstermaterial allgemein 
bekannt ist. Das grasähnliche Gewächs hat 
l.mge, riemenförmige Blätter, die leicht mit 
den Wogen hin und her fluten. Es blüht 
wie das Hornblatt unsrer Teiche und Seen 
unter Wasser. 



72. Familie. Arong-ewächse (Aräceae-^). 
Der Aroiistab (Arum maculätum ^). 
1. Der Aronstab ist ein Bewohner sciiattiger, feuciiter Laubwälder. 
Bereits im Vorfrühlinge, also zu einer Zeit, in der die Bcäume noch 

mi J^ volamogeton: potainös, Floß und gnton, Nachbar. 7) aus zoster, Gürtel, Riemen entstanden 
(Blatttorm!). 3) arum von äron, einem Püani^ennamen der alten Griechen (durch den Gleichklang 
venoürt, brachte man den Kolben mit dem grünenden Stabe des Hohenpriesters Aron in Verbindung. 
Man nannte die Pflanze darum ohne Berechtigung „Aronstab"); mac.ulatus, gefleckt. 
Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 19 



290 Arongewächse. 

unbelaubt sind, und die Sonnenstrahlen ungehindert bis zum Boden 
hinabdricgen, sprießt er zum Lichte empor. Hierzu ist er wohl befähigt; 
denn er findet die nötigen Baustoffe in einem knollenartigen unter- 
irdischen Stamme fertig vor. Wenn sich die Laubkronen geschlossen 
haben, beginnt er bald zu vergilben: alles Erscheinungen, wie wir sie 
an andern Pflanzen des zeitigen Frühlings kennen gelernt haben. Die 
pfeilförmigen, meist braungefleckten, langgestielten Blatt flächen sind 
zart und groß, wie solche bei Schattengewächsen häufig angetroffen 
werden. Da sie deutliche Rinnen bilden und schräg nach innen ge- 
neigt sind, fließen die auf sie niederfallenden Regentropfen auch dorthin 
ab. Diese zentripetale Ableitung hat allerdings wohl kaum eine Be- 
deutung; denn die Pflanze wächst ja im feuchten Waldgrunde und 
sendet zudem ihre Saugwurzeln in wagerechter Richtung weit in den 
Boden. An dünnen Querschnitten durch ein Stück der Blätter sieht man 
bei Anwendung des Mikroskops, daß in den Zellen zahlreiche Nadeln 
eingelagert sind. Kaut man ein Stück des Blattes, so dringen diese 
Gebilde, die aus klee- oder oxalsaurem Kalke bestehen, in die Schleim- 
häute des Mundes ein, und man nimmt zuerst einen süßlichen Geschmack, 
dann aber ein äußerst schmerzhaftes Brennen wahr. Daher hüten 
sich die pflanzenfressenden Tiere auch vor der verlockend saftigen Speise, 
oder sie wenden sich nach dem ersten Anbiß mit allen Zeichen des Un- 
behagens davon ab. Besonders wichtig ist der Pflanze dieses Schutz- 
mittel gegen die Schnecken, die den feuchten Waldgrund mit Vorliebe 
bewohnen. 

2. In dem gewöhnlich als „Blüte" bezeichneten Gebilde erkennen 
wir bei näherm Zusehen leicht einen Blütenstand, der seiner Form 
nach als Kolben bezeichnet wird. Er ist zum Teil in einem großen, tüten- 
förmigen und grünlich -weißen Hüllblatte, einer sog. Blütenscheide, 
geborgen, die unten kesselartig erweitert und oben weit geöffnet ist. 
Unter dem meist violett gefärbten, keulenförmigen Abschnitte des 
Kolbens stehen mehrere Reihen starrer Haare, die bis zur Wand der 
hier stark verengten Blütenscheide reichen und gleichsam eine Reuse 
bilden. Der untere Abschnitt des Kolbens ist oben von vielen Staub- 
blättern und unten von zahlreichen Stempeln rings umgeben. 
Da sich diese Gebilde nur in Blüten finden, so haben wir in ihnen 
ebenso viele Staub- bezw. Stempelblüten, in dem Kolben also — wie 
oben bemerkt — einen Blüten stand vor uns. Den winzigen Blüten fehlen 
allerdings wie denen zahlreicher andrer Pflanzen die Blütenhüllen. Sie 
werden jedoch durch die Blütenscheide, die im Knospenzustande voll- 
kommen geschlossen ist, hinreichend ersetzt. 

Da sich die Staubbeutel erst öffnen, wenn die Narben bereits ver- 
schrumpft sind, ist eine Bestäubung der Blüten nur durch fremde Hilfe 
möglich. Wer der Pflanze diesen wichtigen Dienst erweist, erkennen 
wir leicht, wenn wir den untern, kesseiförmigen Teil der Blütenscheide 
aufschlitzen. Dann entweichen daraus zumeist zahlreiche kleine Mücken, 



Arongewächse, 



291 



in .denen wir die Bestäuber vor uns haben. Die Tierchen wurden durch 
die Färbung der Blütenscheide und des obem Kolbenabschnittes, sowie 
durch den starken Geruch angelockt, der uns zwar widerlich erscheint 
(„Ekelblume"), den Mücken dagegen sicher angenehm ist. Sie ließen 
sich auf dem keulenförmigen Kolbenteile nieder und krochen in den 
„Kessel" hinab. Die höhere Wärme, die hier infolge lebhafterer Atmung 
der Pflanze herrscht, wird 
viele von ihnen wohl 
gleichfalls zur Einkehr 
veranlaßt haben. Berühren 
wir den Kolben mit der 
Zunge, so spüren wir die 
ErwärmuDg deutlich, und 
führen wir ein kleines, 
empfindliches Thermo- 
meter in den Kessel ein, 
so sehen wir, daß die 
Temperatur dort wie in 
einem geheizten Zimmer 
um mehrere Grad höher 
ist als außen. (Bei aus- 
ländischen Arten erhöht 
sich die Innentemperatur 
sogar um 10—20*' C.) 

Durch das Vorhan- 
densein der Haarreuse 
werden die in den Kessel 
geschlüpften kleinen Gäste 
für einige Tage zu Ge- 
fangenen gemacht. Sie 
könnten die „ Kesself allen- 
blume" allerdings krie- 
chend verlassen; denn die 
Haarreuse ist selbst für sie 
keine unüberwindliche 

Sperrvorrichtung, wie ihr Hineinkriechen beweist. Da die Mücken aber 
die Gewohnheit haben, dem hellen Ausgange zuzufliegen — ähnlich 
wie die Insekten, die dem brennenden Lichte zustreben oder die an- 
gezündete Lampe umflattern — , bleibt ihnen der Rückweg verschlossen. 
Kamen sie bereits aus einer andern (altern) Blüte, so werden sie den 
mitgebrachten Blütenstaub leicht an den Narben abstreifen, die jetzt gerade 
belegangsfähig sind. Beginnen diese zu schrumpfen, so scheiden sie 
Honigtröpfchen aus, an denen die Mücken begierig saugen. Einige Tage 
später entlassen die Staubbeutel eine so große Menge von mehlartigem 
Blütenstaub, daß die Tierchen wie eingepudert erscheinen und ohne 




Aronstab. 1. Ganze Pflanze. 
2. Blütenstand: H. Haarreuse; Stb. 
Staubblätter; St. Stempel. 3. Frucht- 
stand. 4. Zelle mit (N.) Nadeln aus 
kleesaurem Kalk. 



292 



Aroneewächse. Palmen. 



Schaden für die Pflanze davon speisen können. Jetzt endlich ver- 
schrumpfen die Haare der Reuse, der Ausgang wird frei, und die mit 
Blütenstaub beladenen Gäste verlassen den Kessel, um vielfach sofort 
wieder in eine andre Blütenscheide einzudringen. 

3. Die Früchte sind saftige Beeren, die durch leuchtend scharlach- 
rote Färbung die Waldvögel zum Verspeisen einladen. 

Verwandte: An sumpfigen Stellen und an den Ufern stehender Gewässer 
wächst das Schlang:enkraut (Calla palustris ^), so genannt nach dem Wurzelstocke, der 
wie eine Schlange auf dem Boden dahinkriecht. Der Blütenkolben ist von einer rein 
weißen Blütenscheide umgeben. — Ganz ähnliche „Blüten" hat die prächtige Zimmer- 
pflanze (Zantedeschia aethiopica^), die unter dem Namen „Calla" allgemein bekannt ist 
und in Afrika ihre Heimat hat. — Eine schillähnliche Sumpfpflanze ist der Kalmus 

(Acorus cälamus''). Sein würzhafter 
Wurzelstock wird vielfach als Heil- 
> mittel verwendet. 

73. Familie. Palmen 

(Pahnae*). 

Die Kokospalme 

(Cocos nucifera^). 

1. Die Kokospalme hat sich 
von ihrer Heimat aus, die 
wahrscheinlich im tropischen 
Amerika zu suchen ist, über 
alle heißen Länder des Erd- 
balles verbreitet. Besonders 
am Strande und in der Nähe 
des Meeres finden sich weit- 
ausgedehnte Haine des herr- 
lichen Baumes. Auf einem 
un verzweigten, säulenartigen 
Stamme, der eine Höhe von 
25 m erreicht, wiegt sich eine 
Krone mächtiger Fieder- 
blätter. Da der verhältnis- 
mäßig dünne Stamm fast die 
Biegsamkeit des Roggenhalmes 

1) calla, tmerkl. ; palustris, im Sumpfe 
wachsend. 2) Zantedeschia nach dem 
Physiker und Botaniker Zantedeschi in 
Padua (* 1797); aethiopieus, äthiopisch. 
3) äkoros, Kahnus;: käiamos, Kalmus, 
eigentl. Bohr, Schilf. 4) palmae, d. s. 
Bäume, deren Blätter vielfach wie eine 
pälma, d. h. Hand mit ausgestreckten 
Fingern, aussehen. 5) cocos, unerkl.; 
nuciffra: nux, Nuß und fero, ich trage. 




Kokospalmen. 



Palmen. 



293 



besitzt, und da die bis 4 m langen Blattflächen in zahlreiche Abschnitte 
gespalten sind, die dem Anpralle des Windes leicht ausweichen, so ver- 
mag die schlanke Palme selbst dem stärksten Sturme zu trotzen. Ebenso 
leicht widerstehen die derben, festen Blätter den Regengüssen, die in 
vielen Tropengegenden mit ganz andrer Heftigkeit zur Erde hernieder 
rauschen als in unsern Breiten, und die zartes Laub unbedingt zer- 
fetzen würden. Aus der Achsel eines Blattes entspringt der verzweigte, 
meterlange Blütenstand, der anfänglich von einer mächtigen Blüten- 
scheide schützend umgeben ist. Am Grunde seiner Äste stehen einige 
Stempel-, weiter oben zahlreiche Staubblüten. Beides sind unscheinbare 
Gebilde, die dementsprechend auf die Bestäubung durch den Wind an- 
gewiesen sind. 

2. Die allgemein bekannte Frucht ist eine fast kopfgroße Nuß von 
sehr merkwürdigem Bau. Die Fruchtschale besteht ähnlich wie bei der 
Kirsche aus 3 Schichten: einer dünnen Außen-, einer dicken, faserigen 
Mittel- und einer steinharten Innenschicht. Sprengen wir letztere auf, 
so stoßen wir auf den „Kern" der Nuß, den Samen. Er stellt eine 
fleischige Hohl- 
kugel dar, in f 1. 2. 
deren Wand der 
winzige Keimling 
eingelagert, und 

die mit einer 
milchigen Flüs- 
sigkeit, der 
Kokosmilch, an- 
gefüllt ist. Die 

Hohlkusel ist das Bau der Kokosnuß. 1. Geöffnet, um die steinharte Innenschicht 
lyj.. , , der Fruchtschale mit den Keimlöchern zu zeigen. 2. Der Same 

iNatirgewebe, von ^^^ ^^^ „Steinschicht" St. umgeben (weniger als Fig. 1 verkl.). 
dem die sich ent- n. Nährgewebe. M. „Milch". K. KeimUng. 3. Keimende Frucht, 
wickelnde Keim- 
pflanze zehrt, und die „Milch", die bei längerm Lagern der Nuß gleich- 
falls fest wird, dient demselben Zwecke, 

Die zarte Keimpflanze wäre aber unmöglich imstande, die Frucht- 
schale zu durchbrechen, wenn nicht die über dem Keimlinge liegende 
Stelle der „Steinschicht" verhältnismäßig dünn bliebe. Da die Nuß 
3 Samenanlagen besitzt, von denen sich aber nur eine entwickelt, sind 
auch 3 „Keimlöcher" vorhanden. Das von der Keimpflanze „benutzte'' 
Loch ist aber stets am größten und mit der dünnsten „Verschlußplatte" 
versehen. Die beiden andern Schichten der Schale kann das junge 
Fflänzchen um so leichter durchbohren, als KeimUng und „Keimloch" 
stets am untern Teile der Frucht liegen. Die Keimpflanze dringt daher 
stets an der Ansatzstelle des Fruchtstieles, also dort, wo diese Schichten 
am wenigsten widerstandsfähig sind, ins Freie. 




294 



Palmen. 



3. Die schlanke Kokospalme ist für die Tropenländer sowohl, wie 
für den Welthandel eine der wichtigsten Pflanzen. Der Stamm liefert 
ein wertvolles Bau- und Nutzholz. Die Blätter dienen zum Bedecken der 
Dächer, sowie zur Anfertigung von allerlei Flechtarbeiten. Die Gipfel- 
knospe junger Pflanzen mrd als Gemüse („Palmkohl") verspeist. Durch 
Abschneiden der Blütenstände gewinnt man einen Saft, aus dem durch 
Gärung der berauschende „Palmwein'' entsteht. Die Mittelschicht der 
Fruchtschale liefert den Kokosfaserstoff, der zu Decken, Seilen, Bürsten 

u. dgl. verwendet wird. Aus 
der harten Steinschale wer- 
den in den Tropen Trinkge- 
schirre u. dgl., bei uns be- 
sonders Knöpfe hergestellt. 
Das Nährgewebe ist von 
haselnußartigem Geschmack; 
frisch liefert es eine nahr- 
hafte Speise, getrocknet die 
Kopra, die in ganzen Schiffs- 
ladungen zu uns kommt. 
Durch Auspressen gewinnt 
man aus ihr ein wertvolles 
öl, das zur Herstellung von 
Seifen und Kerzen dient. 
Die Preßrückstände werden 
als Viehfutter hoch ge- 
schätzt. Den flüssigen Teil 
des Nährgewebes, die Ko- 
kosmilch, genießt man in 
allen Tropenländern als er- 
frischendes Getränk. Kurz: 
Es ist kein Teil der Palme, 
der nicht vom Menschen be- 
nutzt würde. 



Andre Palmeu. 

Was für iinsre Heimat der 
Roggen ist, das ist für den weiten 
Wüstengürtel, der sich von den 
Küsten des Atlantischen Ozeans 
quer durch Afrika und über West- 
asien hinweg l)is zum Indus er- 
streckt, die Dattelpalme (Phoenix 
dactylif era ^) : Sie ist die Brot- 
fruchtpflanze dieses gewaltigen 
Ländergebietes. An Gestalt ist sie der Kokospahne sehr ähuhch, hat aber einen etwas 
dickem-, stark mit Blattnarben bedeckten Stamm, der eine Höhe von 30 m erreichen 
— *tt~ 

l)pfwenix, Palme; dactylifera: ddktyloi, Datteln (eig. Finger, s. S.292, Anm.4) nnd/^ro, ich trage. 




Dattelpalmen am Rande der Oase Biskra. 



Palmen. 

kann, und eiiio kleinere Laubkrone. Ihre Wurzeln senkt sie bis 
in die tiefern, wasserführenden Bodenschichten hinab. Infolge- 
dessen vermag sie selbst mitten in der Wüste zu gedeihen, wo nur 
ein Quell den heißen Sand durchdringt, oder wo ihre Wurzeln das 
Grundwasser erreichen können. „Sie taucht", wie der arabische 
Dichter singt, „den Fuß in das Wasser und das Haupt in das 
Feuer des Himmels". Um einen möglichst großen Ertrag zu erzielen, 
duldet man in den Pflanzungen — die Dattelpalme ist eine zwei- 
häusige Pflanze — stets nur wenige Bäume mit Staubblüten. 
Da hierdurch aber die Bestäubung möglichst aller Stempelblüten 
stark erschwert wird, verrichtet der Mensch die eigentlich dem 
Winde zukommende Arbeit schon seit uralten Zeiten selbst. Er 
schneidet die aus Staubblüten bestehenden Kolben ab und steckt 
kleine Zweige davon in die besenartigen Fruchtblütenstände, die 
er sodann mit einem Faden locker zusammen bindet. Da der 
Blütenstaub außerordentüch lange seine befmchtende Eigenschaft 
behält, bildet er in den „Dattelländern" eine wichtige Handelsware. 
Die pflaumenähnUchen Früchte, die Datteln, von denen man 
zahlreiche Sorten unterscheidet, enthalten je einen langgestreckten, 
steinharten Samen. Die Datteln mit dem süßen, saftigen Frucht- 
fleische, die sog. Saftdatteln, die bei uns getrocknet als Obst 
verzehrt werden, haben für die Bewohner jener Wüsten- 
gebiete einen weit geringern Wert als die Sorten, die 
trocknes, stärkemehlreiches Fleisch besitzen. Diese 
„Trockendatteln" lassen sich nämhch jahrelang auf- 
bewahren und werden in allen nur möglichen Formen 
als „tägliches Brot" von Millionen von Menschen verzehrt. 

Wie von der Kokospalme finden neben den Früchten 
auch alle andern Teile des herrhchen Baumes nutz- 
bringende Verwendung: Die Dattelpalme liefert dem 
Wüstenbewohner alles zum Leben Nötige; sie macht 
im Verein mit dem Kamele die Wüste erst bewohnbar. 
Die mächtigen Blätter gelten schon seit dem grauen 
Altertums als ein Zeichen des Sieges und des 
Friedens. Darum legen wir auch gern einen „Palmen- 
zweig" oder „Palmenwedel" auf die Ruhestätte derer, 
die den Sieg über das Erdenleben davongetragen und 
den ewigen Frieden gefunden haben. 

Wenn auch keine andre Palme den beiden kurz 
geschilderten Arten an Bedeutung gleich kommt, so 
sind doch in andern Erd- 
strichen andre dieser stolzen 
Bäume für den Menschen eben- 
falls von unschätzbarem Werte. 
An erster Stelle wäre hier 
die Olpalme (Eiseis guineen- 
sis^) zu nennen, die in den 
feuchtheißen Küsten- und 
Flußgebieten Westafrikas hei- 
misch und besonders für die 
deutschen Kolonien Togo und 
Kamerun von größter Wichtig- 



295 




Fruchtstand der 

Dattelpalme 

(verkl.). 



1) elceis von elaia, Ölbaum; 
ffuineensis, ans Gniuea. 





ölpalme. Daneben ein Fruchtstand (verkJ. 



296 



Palmen. 



keit ist. Sie trägt Fruchtstände, die eine große Anzahl pflaumenähnlicher Früchte 
enthalten. Aus dem orangefarbenen Fruchtfleische wird das „Palmöl" und aus den 
Kernen (d. s. die von der harten Innenschicht der Fruchthülle umschlossenen Samen) 
das feinere „Palmkernöl" bereitet. Beide ölsorten werden wie das Kokosöl ver- 
wendet. — Wie aus den Knollen der Kartoffel und den Körnern des Getreides ge- 
winnt man aus dem weichen Stamminnern zahlreicher Palmen das aufgespeicherte 
Stärkemehl. Wird dieser wertvolle Stoff in Pfannen erhitzt, so verkleistert er teil- 
weise und üefert den Sago des Handels. Die besten Sorten dieses wichtigen Nahrungs- 
mittels geben die echten Sagopalmen (Metröxylon rümphii u. laeve'), die auf den 

Sundainseln und den Molukken heimisch 
sind. — Die Weinpalme (Raphia^) spendet 
H/ ^^w/y den Bewohnern von Afrika und den dazu 

gehörigen Inseln einen beliebten Palmwein. 
■^ Die Oberhaut und Bastschicht der mäch- 

'ffJ^ tigen Fliederblätter werden bei uns als 

Raphia-Bast vorwiegend von Gärtnern ver- 
wende! Man bereitet daraus aber auch 
Matten und andre Flechtwerke. — Die 




Echte Sagopalme. 



Zweig der Rotangpalme. B Blütenstände, 



Elfenbeinpalmen (Phytelephas *) , die im tropischen Amerika heimisch sind, geben uns 
in ihren steinharten Samen, den Steinnüssen, ein wertvolles ^Material zur Herstellung 
von Knöpfen. — Die Piassava-Fasern, die vorwiegend zu Besen verarbeitet werden, 
sind das Fasergeflecht aus den Blattscheiden mehrerer andrer amerikanischer Palmen. -- 
Das spanische Rohr, das bei uns zumeist zu Stöcken, Korbwaren, sowie zum 
Flechten von Stuhlsitzen verwendet wird, ist der dünne Stamm der Rotangpalmen 
(Cälamus*), die besonders in Ostindien, dem tropischen Australien und auf den 



. 1) metröxylon: metra, Baummark und xylon, Holz; rumphii nach Rumpf, einem Statthalter 
in Niederländisch Indien (f 1702); luevis, glatt. 2) von rhaphe, Naht hergeleitet (Frucht hat eine 
nadeUörmige Spitze?). 2) zusammengesetzt ans phy tön, VHanze und elephas, Elefant oder Elfenbein. 
4) von hälamoa, Halm, Rohr abgeleitet. 



Palmen. Rohrkolbengewächse. 



297 



dazwischen liegendenliiseln vorkommen. 
Es sind Klettorpilanzen der Urwälder, 
die sich vielfacli mit Hilfe bestachelter, 
peitschenförmiger Fortsätze der Blatt- 
stiele an den Stämmen und an den 
Kronen der Bäume festhalten. — Die 
einzige Palme, die in Europa ihre 
Heimat hat, ist die Zwerg-palme 
(Chamaerops ') des Mittelmeergebietes. 
»Sie besitzt — wie ihr Name sagt — 
einen strauchartigen Wuchs 
oder einen niedrigen Stamm 
und trägt im Gegensatz zu 
allen andern hier erwähn- 
ten Arten fächerförmige 
Blätter (Fieder- und Fächer- 
palmen!). Neben zahl- 
reichen andern Palmen 
wird sie besonders gern 
als Zimmerpflanze gezogen. 



n.St. 



mi 





Fruchtstand des 

schmalblättrig. 

Rohrkolbens 

(verkl. Abb.). 

Das Ausstreuen der Früchte 
durch den Wind hat soeben 
begonnen. Unterhalb der 
verwehten Früchte eine 
Frucht in etwaSmal. Vergr. 
St. Stengelteil, an dem 

die Staubblüten saßen. 
n.St. nackter Stengelteil. 



Zwergpalme. 

74. u. 75. Familie. Rohrkolben- und Wasser- 
linsengewächse (Typhäceae' und Lemnäceae^). 

1. Rohrkolbengewächse. Der Rohrkollben (Typhä^) 
ist ein Bewohner der Sümpfe und Uferränder. Wie das 
Schilf, das an denselben Stellen anzutreffen ist, besitzt er 
eine besondere Einrichtung gegen die Wirkung des Windes, 
dem er infolge des freien Standortes und hohen Wuchses 
besonders ausgesetzt ist: Seine Blätter sind in 2 bis 3 
Windungen schraubig gedreht. Dadurch wird der an- 
prallende Wind in mehrere kleine Ströme zerlegt und 
büßt — da nur die senkrecht auftreffenden eine größere 
Wirkung ausüben — infolgedessen einen großen Teil seiner 
Kraft ein. Zudem verlängern sich die Windungen der 
„Schraubenblätter" bei jedem Windstoße, so daß abermals 
Kraft verloren geht: Die Pflanze steht daher selbst nach 
dem heftigsten Sturme unverletzt da. Die Blüten sind zu 
2 übereinander stehenden Kolben geordnet, die beim breit- 
blättrigen R. (T. latifölia ''j zusammenstoßen, beim schmal- 
blättrig-en R. (T. angustifölia*) dagegen durch einen nackten 
Stengelteil voneinander getrennt bleiben. Der untere Kolben 



1) zusammengesetzt aus c/lama^, auf der Erde und r/iops, Gesträuch. 
2) typha, eigentlich Rauchpflanze (weil zum Feuern dienlich oder 
wegen der braunen Farbe der Fruchtkolben?). 3) laiifoHus, breit- 
blättrig. 4) angustifolms, -schmalblättrig. 5) lemna, Wasserlinse. 



298 



Wasserlinsengewächse. Liliengewächse. 




Gemeine Wasserlinse 
(Lemna minor ^). Das Pflänz- 
chen rechts mit einer Blüte. 
Daneben eine Blüte, stärker 
vergrößert. 



enthält nur Stempel-, der obere nur Ötaubblüten. 
Beide sind von einfachstem Bau, ein Zeichen, daß 
die Pflanze bei der Bestäubung auf die Hilfe des 
Windes angewiesen ist. Nach dem Ausstreuen 
des Blütenstaubes vertrocknen die Staubblüten 
und fallen ab, so daß nur der Teil des Stengels, 
an dem sie standen, als Fortsatz des Fruchtkolbens 
zurückbleibt. Die Früchte werden, da der Frucht- 
stiel mit langen Haaren besetzt ist, leicht weit 
durch den Wind verweht. 

Einer nahe stehenden Familie gehört der Ig'els- 
kolben (Spargänium*) an, der gleichfalls das Wasser liebt 
und den Namen nach den kugeligen, stacheligen Frucht- 
ständen trägt. Seine schwimmfähigen Früchte werden 
durch das Wasser verbreitet. 

2. Wasserlinsengewächse. Die Wasserlinsen 
(Lemna^) sind winzige, schwimmende Fflänzchen, deren 
blattartiger Stamm in der Regel durch eine oder mehrere 
senkrecht ins Wasser reichende Wurzeln in wagerechter 
Lage gehalten wird. Nur selten erzeugen die Wasser- 
linsen unscheinbare Blütchen. Dafür vermehren sie 
sich aber durch seitlich herv'orwachsende Sprossen, die 
selbständig werden oder mit der Mutterpflanze im Zu- 
sammenhange bleiben. Diese Vermehrung erfolgt oft in 
einem solchen Maße, daß ganze Gewässer in kurzer Zeit 
wie mit einem grünen Teppiche überzogen werden. 



76. Familie. Liliengewächse (Liliäceae^). 

Blütenhülle blumenblattartig und wie die Staubblätter aus 2 dreiblättrigen Ki-eisen 

bestehend. Fruchtknoten oberständig, dreifächerig. — Stauden, deren unterirdische 

Stengel vielfach Zwiebeln oder Knollen darstellen. 



1, Unterfamilie. Eigrentliche Lilien (Lilieae**). 

Die Grartentulpe (Tülipa gesneriäna'^). Taf. 30. 

A. Die Tulpe, eine Zierpflanze. Es gibt wohl kaum einen Blumen- 
garten, in dem nicht auch einige Tulpen zu finden wären! Denn wenn 
der Mensch den Pflanzen auch oft gleichgültig gegenüber steht: ein Beet 
mit Tulpen und Hyazinthen, mit Schneeglöckchen und Krokus oder andern 
Frühüngsge wachsen betrachtet jeder mit Wohlgefallen. 

Die Tulpe ist in den Steppenländern Westasiens heimisch. Zuerst 
nahmen sie die Türken in ihre Gärten auf. Von dort aus gelangte sie 
etwa um die Mitte des 16. Jahrhunderts nach Deutschland, und schon 
nach einigen Jahrzehnten hatte sich die willkommene Frühlingsgabe über 
alle europäischen Länder verbreitet. Ganz besonders widmeten sich die 
blumenliebenden Holländer ihrer Pflege, und bald entstanden zahlreiche 
Spielarten, die während der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts z. T. 



1) eigentl. Windelchen (weil die Blätter zom Wickeln gebraucht wurden?). 2) Ihnna, Wassor- 
ünse; minor, kleiner. 3) von lilium, Lilie. 4) tulipa, Tulpe, aus dem Persischen, eigentl. Turban; 
gesnerüitia, nach Gesner, einem berühmten Botaniker in Züriüh (f 1565). 



Liliengewächse. 



29P 



zu ganz unverhältnismäßig hohen Preisen verkauft wurden. So zahlte 
man z. B. für eine einzige Zwiebel einer besonders seltenen Sorte nicht 
weniger als IHOOO Gulden! 

B. Die Tulpe, ein Zwiebelgewäclis. 1. Wesen der Zwiebel. 
Durchschneiden wir eine „blühreife" Tulpenzwiebel, bevor sie „ausgetrieben" 
ist, der Länge nach, so sehen wir erstlich, daß ihr unterster Abschnitt 
von einem scheibenförmigen Körper gebildet wird. Diese Zwiebelscheibe 
stellt einen kurzen, plattgedrückten Stamm dar, der unten mit einem 
Kranze faseriger Wurzeln besetzt ist. Ferner erkennen vdr, v^e sich 
dieser Stamm in einen Stengel fortsetzt, der einige Laubblätter und 
eine Blüte trägt, und endlich finden wir, daß sich auf der Zwiebelscheibe 
rings um den Stengel noch mehrere Blätter, die sog. Zwiebelschalen, 
erheben. Diese machen die Hauptmasse der 
Zwiebel aus und sind (Querschnitt!) kreisförmig 
geschlossen, so daß sie etwa die Form von 
Hohlkegeln haben. Die äußern braunen Schalen 
sind trocken und brüchig, die Innern weißen 
dagegen saftig und fleischig. Da die Zwiebel 
also vorwiegend aus Blättern besteht, kann sie 
keine Wurzel sein, wofür sie im gewöhnlichen 
Leben meist gehalten wird; derm eine Wurzel 
trägt rnemals Blätter. Sie ist vielmehr eine 
unterirdische Knospe oder ein kurzer, 
unterirdischer Stamm mit besonders ge- 
stalteten Blättern. 

Daß diese Erklärung richtig ist, geht auch 
daraus hervor, daß die Zwiebel gleich der 
oberirdischen Knospe in einer Blattachsel ihre 
Entstehung nimmt. Und zwar bilden sich 
bei der Tulpe die jungen Zwiebeln stets in der 
Achsel einer Zwiebelschale. (Bei andern Lilien- 
gewächsen entstehen Zwiebeln auch in den 
Achseln oberirdischer Blätter; s. Abb. S. 304.) 

Im Gegensatz zu den gewöhnlichen Knospen, 
die mit der Mutterpflanze in der Regel im Zu- 
sammenhange bleiben, führt die Zwiebel ein selbständiges Leben. Sie 
ist daher genötigt, dem Boden Nahrung zu entnehmen, oder anders 
ausgedrückt, Wurzeln zu schlagen. 

2. Bedeutung der Zwiebel. Wie oben bemerkt, hat die Tulpe 
in den Steppenländern Westasiens ihre Heimat. In diesen Gegenden 
folgt jahraus, jahrein auf eine kurze Regenzeit eine 7 — 8 Monate wäh- 
rende Dürre. Dann vertrocknen alle saftigen Gewächse, und der Boden 
wird oft steinhart. Nur die mit besondern Schutzmitteln ausgerüsteten 
Pflanzen oder die, deren Pfahlwurzeln bis zu den tiefern, stets feuchten 
Bodenschichten hinab reichen, vermögen die Trocknis zu überdauern. 




Tulpenzwiebel, längs 
durchschnitten. S. Zwiebel- 
scheibe. St. Stengel. Seh. 
Zwiebelschalen. E. Ersatz- 
zwiebel. B.Zwei Brutzwiebeln. 



300 Liliengewächse. 

Alle andern Gewächse sind entweder einjährige Pflanzen, die mit 
Beginn der Regenzeit aus Samen hervorgehen, schnell Blüten und Früchte 
treiben und mit Eintritt der Dürre absterben, oder „Stauden", die sich 
vor den sengenden Strahlen der Sommersonne gleichsam in den Boden 
flüchten: Ihre oberirdischen Teile sterben ab, während die unterirdischen 
(Wurzelstöoke, Knollen oder Zwiebeln) am Leben bleiben. So zieht sich 
auch die Tulpe mit beginnender Trockenheit in den Boden zurück. Wenn 
endlich nach vielen Wochen wieder heftige Regengüsse auf die sonnen- 
verbrannte Steppe hernieder rauschen, und das belebende Naß den staub- 
trocknen Boden erweicht, dann erwacht mit der Tulpe das ganze Heer 
der Stauden aus dem todähnlichen Schlafe, und schon nach kurzer Zeit 
sind die weiten Gefilde mit Tausenden und aber Tausenden leuchtender 
Blüten bedeckt. Die Zwiebel ist also (gleich dem Wurzelstocke und 
der Knolle) ein Mittel der Pflanzen, 'die ungünstige Jahreszeit 
zu überdauern. Die Zwiebelgewächse sind daher die Gepräge- (Charakter-) 
Pflanzen der Steppe. (Darum werden z. B. in der Bibel auch die „Lilien" 
so häufig erwähnt, die noch heute den Steppen Palästinas zur Regenzeit 
einen wunderbaren Schmuck verleihen.) 

Auch für die in unsre Gärten eingewanderte Tulpe hat die Zwiebel 
die gleiche Bedeutung: Die Trocknis des Sommers, sowie die Kälte des 
Winters würden die Pflanze unbedingt töten, wenn sie sich vor ihnen 
nicht in die schützende Erde zurückzöge. Diese Erkenntnis macht uns 
leicht folgende Tatsachen verständlich: 

a) Wie wir Pflanzen, deren Wurzeln oder unterirdische Stämme nicht 
vertrocknen sollen, in die Erde „einschlagen", so ist auch die Zwiebel im 
Erdboden gegen eine tödlich starke Abgabe von Feuchtigkeit wohl ge- 
schützt. Welch hohen Grad von Trocknis die Zwiebel übrigens zu er- 
tragen vermag, geht daraus hervor, daß wir unsre Blumenzwiebeln mit 
Beginn des Sommers meist aus dem Boden nehmen und bis zum Herbste 
trocken aufbewahren. Wir müssen aber wohl bedenken, daß sich die 
Luft unsrer Breiten hinsichtlich der Trockenheit mit der der Steppen- 
länder nur selten messen kann! 

b) Wenn wir Gegenstände feucht erhalten wollen, hüllen wir sie in 
Papier, trockne Tücher u. dgl. ein. Ähnhche Schutzhüllen gegen das Ver- 



Taf. 36. Hier ist die wohlriechende Tulpe (T. suaveolens^) dargestellt, weil diese 
sich von allen Tulpenarten am leichtesten im Blumentopfe ziehen läßt. Sie ist als 
„Duc-van Thol-Tulpe" allgemein bekannt und stimmt mit der Gartentulpe in allen 

wesentlichen Punkten vollkommen überein. 
1. Zwiebel im Herbste; wie in Fig. 3 — 5 längs durchschnitten mit E, Ersatz- und 
B. Brutzwiebel. 2. Zwiebel, deren oberirdischer Trieb die Erde durchbricht. 3. Blü- 
hende Pflanze. 4. Zwiebel nach dem Verblühen. 5. Zwiebel, nachdem die oberirdischen 
Teile völlig abgestorben sind. 6. Blüte, längs durchschnitten, von einer Honigbiene 
besucht. 7. Fruchtknoten, Querschnitt. 8. Schlafende Blüte. 9. Geöffnete Frucht 

mit ausfallenden Samen. 



1 SiMtveolenn, wohlriechend. 



Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



Tafel 30. 



iX -^ 




B E 



B E 

Tulpe (Tulipa). 



B E 



Liliengewächse. 3Q2 

trocknen bilden auch die trockenhäutigen, äußern Schalen der 
Zwiebel. In dieser aus pergamentartigen, ungenießbaren Blättern ge- 
bildeten „Kapsel" besitzt die Zwiebel zugleich ein wichtiges Schutzmittel 
gegen die Angriffe der im Boden lebenden Tiere, namentlich der ge- 
fräßigen Nager. Gegen diese Feinde ist die Zwiebel auch noch durch 
einen Giftstoff geschützt, der beim Menschen Erbrechen erregt. 

c) Wie wir gesehen haben, reift die Tulpe iu ihrer Heimat bereits 
wenige Monate nach dem Hervorkommen aus der Erde ihre Samen. 
Hierzu ist sie sehr wohl imstande, weil die Zwiebel einen Vorrats- 
speicher darstellt, dem sie so lange Baustoffe entnimmt, bis die über 
dem Erdboden hervorgeschobenen Laubblätter im Sonnenlichte neue 
Stoffe bilden können. Daher fühlt sich die anfangs feste Zwiebel zur 
Zeit der Blüte bereits weich an. Daß hier wirklich ein Stoffverbrauch 
stattfindet, beweist deutlich die bekannte Tatsache, daß aus Tulpen- 
(Küchen-, Hyazinthen- und andern) Zwiebeln, selb&t wenn sie ganz trocken 
liegen, die grünen Blätter hervorbrechen, die sich doch nur auf Kosten 
der Zwiebel bilden können. Ja man ist sogar leicht imstande, Tulpen- 
(Hyazinthen-) Zwiebeln in reinem Wasser bis zum Blühen zu bringen. 

d) Soll die Zwiebel ihre Aufgabe, die Pflanze über die ungünstige 
Jahreszeit „hinüber zu retten", aber wirklich erfüllen, so muß für das 
absterhende Gebilde Ersatz geschaffen werden: In der Achsel der innersten 
Zwiebelschale bildet sich eine Knospe, die schnell an Größe zunimmt 
und zur „ Ersatzzwiebel" für das nächste Jahr wird. 

Hiermit geht nun ein allmählicher Verfall der „alten" Zwiebel 
Hand in Hand: Ihre Schalen werden von der sich immer mehr ver- 
größernden Ersatzzwiebel nach außen gedrängt, und die anfangs prallen, 
saftigen Gebilde werden immer welker und trockner. Hat die Ersatz- 
zwiebel endlich ihre volle Ausbildimg erlangt, dann sind die Schalen der 
alten Zwiebel zu pergamentartigen Häuten verschrumpft, also zur Schutz- 
hülle der jungen Zwiebel geworden. Die Tulpenzwiebel, die wir im 
Herbste pflanzen, ist also nicht dieselbe, die im Frühjahre 
Stengel, Blätter und Blüte getrieben hat, sondern ein Nach- 
komme, eine Knospe dieser. 

öffnet man, nachdem die oberirdischen Teile abgestorben sind, die 
Ersatzzwiebel, so findet man in ihr Stengel, Blätter und Blüte für das 
nächste Jahr bereits deutlich ausgebildet. Sogar die nächstjährige Er- 
satzzwiebel ist als winzige Knospe schon angelegt. Diese Tatsache erklärt 
uns, wie die Tulpe der Anforderung zu genügen vermag, die die heimat- 
liche Steppe an sie stellt — nämhch schnell zu ergrünen und zu blühen — , 
und wie sie eine unsrer ersten Frühlingspflanzen bilden kann. 

e) Außer der Ersatzzwiebel findet man in den Achseln andrer Zwiebel- 
schalen zumeist noch weitere Knospen, die sich gleichfalls nach und 
nach zu Zwiebeln ausbilden. Mit dem Absterben der Zwiebelschalen 
wandern sie nach außen, und wenn die Schalen endlich verwiest sind, 
worden sie frei und geben je einer neuen Pflanze das Dasein. Diese jungen 



302 Liliengewächse. 

Zwiebeln bezeichnet man daher treffend als Brutzwiebeln. Die Zwiebel 
ist für die Tulpe (und die andern Zwiebelgewächse) also nicht nur eine 
Einrichtung, die ungünslige Jahreszeit zu überdauern, sondern auch ein 
Mittel der Vermehrung. 

C. Tom Stengel und Ton den Blättern der Tulpe. 1. Stengel und 
Blätter, die aus der oft tief im Boden liegenden Zwiebel hervorgehen, 
müssen eine dicke und nicht selten sogar feste Erdschicht durch- 
brechen. Diese Arbeit vermögen die zarten Gebilde wohl zu leisten; 
denn die Blätter sind zu einem Kegel zusammengelegt, dessen Spitze 
den Erdboden wie ein Keil durchdringt. Der Mantel des Kegels wird 
von dem derbern, untersten Blatte gebildet, das die zartem, obern 
Blätter, sowie den obern Stengelteil mit der Blüte schützend umhüllt, 
und die Spitze dieses Blattes, die beim Durchbrechen des Bodens voran- 
geht, ist kapuzenförmig und fast siechend hart. 

2. Ist die Erdschicht durchbrochen, so entfalten sich alsbald die 
Blätter, von denen bei blühenden Pflanzen in der Regel 3 vorhanden 
sind. Sie sind ungestielt, umfassen den Stengel scheidenartig und be- 
sitzen parallel verlaufende Hauptnerven. 

a) Die grünen Teile sind vollkommen kahl. Es fehlt ihnen also 
jede Spur einer Behaarung, durch die z. B. zahlreiche Sommer- 
gewächse gegen zu starke Wasserdampfabgabe geschützt sind. Wenn wir 
aber bedenken, daß die Tulpe in der heimatlichen Steppe nur während 
der feuchten Jahreszeit und in unsern Gärten während des Frühjahrs 
grünt, hier wie dort also zu einer Zeit, in der der Boden feucht und 
die Luft stark mit Wasserdampf erfüllt ist, so werden wir diesen schein- 
baren Mangel wohl verstehen. 

b) Die ungestielten Blätter stehen am Stengel schräg aufwärts 
und haben meist die Gestalt deutlicher Rinnen. Die auf sie fallen- 
den Regentropfen (Versuch!) rollen daher nach innen (zentripetal) ab und 
gelangen somit an die Stelle, an der sich die Wurzeln finden. Da Blätter 
und Stengel mit einer abwischbaren Wachsschicht bedeckt sind, läuft 
das Wasser von ihnen schnell ab, ohne die Spaltöffnungen verschließen 
zu können (s. S. 7.3, 2). 

D. Von der Blüte der Tulpe. Die Blütenhülle besteht aus 
6 Blättern von sehr wechselvoller Fäibung. Obwohl diese Blätter zu 
zwei dreiblättrigen Kreisen geordnet sind, lassen sie sich nicht als Kelch 

und Blumenkrone voneinander unterscheiden, wie dies 
bei zahlreichen andern Pflanzen der Fall ist. Man be- 
zeichnet die Blütenhülle daher als „einfach" oder als 
„Perigon". Daß die Blätter des äußern Kreises dem 
Kelche aber vollkommen entsprechen, geht nicht nur 
aus ihrer Stellung, sondern auch daraus hervor, daß sie 
im Knospenzustande die Innern Blätter wie ein Kelch 
Blütenijrundriü umhüllen, und daß sie bis kurz vor dem Aufblühen 
der Tulpe. grün sind, während jene dann schon eine bunte Färbung 




Liliengewächse. 303 

zeigen. Die 6 Staubblätter sind gleichfalls zu 2 Kreisen geordnet. Sie 
umgeben den Stempel, der aus einem dreifächerigen, säulenartigen Frucht- 
knoten und einer in 3 abgerundete Lappen gespalteten Narbe besteht. — 
Indem sich die Staub- und Fruchtblätter zu hlumenblattartigen Gebilden 
umwandeln, entstehen die „gefüllten" Tulpen. 

1. Die Tulpe bringt alljährlich nur eine einzige Blüte hervor. Da 
diese aber von auffallender Größe ist, vermag sie die Aufmerksamkeit 
der Insekten wohl zu erregen. Immerhin wäre es aber höchst unsicher, 
wenn der Fortbestand der Pflanze nur auf dieser einen Blüte beruhte. 
Die Tulpe ist auch darauf allein nicht angewiesen; denn außer durch 
Samen erhält und vermehrt sie sich ja noch — wie wir gesehen haben — 
durch die Ersatzzwiebel und durch die Brutzwiebeln. 

2. Obgleich die Blüte keinen Honig besitzt, wird sie doch von 
zahlreichen Insekten besucht. Die großen Staubbeutel enthalten so viel 
Blütenstaub, daß die Besucher ohne Schaden für die Pflanze davon 
speisen können. Der dabei verstreute Staub wird von den mulden- 
förmig gebogenen Blättern der Blütenhülle aufgefangen und für 
spätere Gäste aufbewahrt. 

3. Im hellen Sonnenscheine breiten sich die Blätter der Blüten- 
hülle zu einem leuchtenden Sterne auseinander, so daß die Blüte für die 
üher sie hinweg fliegenden Insekten noch auffälliger mrd. Mit Ein- 
tritt des Abends aber schließt sie sich wieder. Bei trübem und reg- 
nerischem Wetter öffnet sie sich gar nicht. 

E. Von der Fruelit der Tulpe. Der Fruchtknoten bildet sich zu 
einer Kapsel aus, die in jedem der 3 Fruchtfächer 2 Reihen Samen 
enthält, und die sich bei der Reife mit 3 Klappen öffnet. Da der an- 
fangs saftige und brüchige Stengel jetzt trocken und elastisch geworden 
ist, vermag der Wind die Samen leicht auszuschütteln (Schleuder!), und 
da diese leichte, dünne Scheiben darstellen, können sie zugleich weit 
verweht werden. 

Andre Lilien. 

1. Mit der Gartentulpe hat eine große Anzahl andrer Liliengewächse, die sich 
alle durch herrlichen Blütenschmuck auszeichnen, Eingang in unsre Gärten gefunden. 
Da ist zunächst die wohlriechende, gelbblühende wilde Tulpe (T. silvestris *) zu nennen, 
die aus Südeuropa stammt. Sie hat die Gärten aber vielfach verlassen und sich auf 
Grasplätzen, in Weinbergen und an ähnlichen Orten angesiedelt. — Als eine der 
schönsten Frühlingspflanzen gilt mit der Tulpe die Hyazinthe (Hyacinthus orientalis'-), 
die in zahlreichen farbenprächtigen Spielarten gezogen wird, und deren Stammform in 
Kleinasien, Griechenland und Dalmatien zu finden ist. Sie hat zwar weit kleinere 
Blüten als die stolze Tulpe; dafür sind diese aber von köstlichem Duft und zu ansehn- 
lichen Trauben gehäuft, so daß sie sich den Bestäubern doch weithin kenntlich 
machen. — Bei der niedlichen Bisam-Hyazinthe (Muscäri '') findet gleichfalls eine 
Häufung der kleinen Blüten statt („Weinträubchen"). Hier aber dienen die obern 
Blüten, die weder Stempel, noch Staubblätter entlialten. nur der Insektenanlockung. — 



1) silvestris, im Walde wachsend. 2) hyacinthus, Hyazmthe; orientalis, morgenlärnliscli. .S) au.s 
dem arabischen Namen der PJtl. muschirunii entstanden. 



304 



Liliengewächse. 




L. 



Blütenstand 
der Bisam- 
Hyazinthe. 
L. Lockblüten. 




Feuerlilie. Stück des Stengels 
mit Brutz\vie])eln in den Blatt- 
achseln (verkl.). Die Blätter, in 
deren Achseln sich keine Brut- 
'/wiebeln gebildet hatten, sind 
entfernt. 



Tiefblaue Sterne bilden die Blüten der ebenfalls in unsern Gärten 
häufig angepflanzten Meerzwiebeln (Scilla*), die zumeist aus Süd- 
enropa stammen. — Mittelasien hat uns die stattliche Kaiserkrone 
(Fritilläria imperiälis^) geliefert. Ihre großen, gelbroten Blüten 
stellen hängende Glocken dar, so daß der Blütenstaub und der am 
Grunde der Blütenhüllblätter reichhch abgeschiedene Honig vom 
Regen nicht benetzt werden können. Die Zwiebel ist durch ein 
scharfes Gift gegen Tierfraß geschützt. — Als ein Sinnbild der 
Reinheit und Unschuld gilt schon seit den ältesten Zeiten die weiße 
Lilie (Lilium cändidum*). Sie ist in Südeuropa und Westasien 
heimisch und erfreut uns erst im Hochsonmier durch die Pracht 
ihrer Blüten, mit denen sich nicht einmal „Salomo in aller seiner 
Herrlichkeit" vergleichen konnte. Die blendend weiße Farbe, der 
abends stärker werdende Duft, sowie die Größe und Stellung der 
Blüte lassen darauf schließen, daß wir es hier mit einer Nachtfalter- 
blume zu tun haben. Auch der Mangel einer Anflugstelle für die 
Besucher, sowie die Stellung und schaukelartige Beweghchkeit der 
Staubblätter deuten darauf hin. — Die gleichfalls in unsern Gärten 
häutig zu findende Feuerlilie (L. bulbiferum^) dagegen mit ihren 
gelbroten, duftlosen und aufrecht stehenden Blüten ist eine Tag- 
falterblume. In den Achseln der obern Blätter bilden sich nicht 
selten schwarzbraune Brutzwiebeln, eine Erschei- 
nung, auf die bereits früher hingewiesen wurde. 
Die stattliche Pflanze, die bei uns heimisch ist, 
aber nur sehr selten, auf Gebirgs wiesen angetroffen 
wird, leitet zu unsern wildwachsenden Lilien- 
gewächsen über. • — In Blumentöpfen pflegt man 
außer andern Zwiebelgewächsen gern die echte 
Meerzwiebel (Urginea maritima^), die an den Küsten 
des Mittelländischen Meeres und des Atlantischen 
Ozeans ihre Heimat hat (Name!) und eine braune 
Zwiebel besitzt. Meist bezeichnet man als „Meer- 
zwiebel" aber ein"e ganz andre Topfpflanze mit 
weißlich -grüner Zwiebel. Sie ist eine nahe Ver- 
wandte unsers Milchst erns(Ornithögalum caudätum®) 
und stammt aus Südafrika. 

2. Wenn uns im Garten Tulpen und Hyazin- 
then erfreuen, dann blühen draußen in Feld und 
Wald die Goldsternarten (Gägea'j. Mit Beginn 
des Abends schließen sich ihre Blüten, und bei 
regnerischem Wetter öffnen sie sich gar nicht. 
Dann ist von den goldgelben Blütensternen kaum 
etwas zu bemerken; denn die Blätter der Blüten- 
hülle sind auf der Rückseite grünhch. — Dieselbe 
Erscheinung ist auch an den weißen, zu einer Dolde 
gehäuften Blüten des Milchsterns (Ornithögalum 
unibellätum*) zu beobachten. Da die zierliche Pflanze 
wie die Goldsternarten keinen Stengel bildet, findet 
sie sich auch nur an solchen Orten, an denen sie 



1) Scilla, Meerzwiebel. 2) fritilläria von fritillus, Würfelbecher (bezieht sicli besonders 
auf die w. u. erwähnte Art F. iwieagria); imperialis, kaiserlich. 3) Wium, Liüe; candidus, weiJ3. 
4) hulhiferum: lülliis, Zwiebel und feio, ich trage. 5) urr/iiien, unerkl. ; mariiim.us, am Meere 
wachsend. 6) orniüiogalum: örnis, örnithos, Vogel und gäla, Milch; caud'ttus, geschwänzt (?). 
71 nach Ga(if>, einem engl. Botaniker des 17. Jahxh. 8) orniÜLOgalum, s. Anm . 6; uiiibellatus, doldig 
(Blutenstand). 



Liliengewächse 



305 



trotz ihrer Kleinheit zur Geltung kommt, im niedrigen Grase, an Wegrändern u. dgl., 
und da sie sehr zeitig im Jahre erscheint, ist sie schon verblüht, wenn die 
Nachbargewächse ihr „über den Kopf wachsen". — Letzteres gilt auch von der 




Die wichtigsten Laucharten: 1. Porree. 2. Schnittlauch, 3. Sommerzwiebel, 
4. Knoblauch. 5. Winterzwiebel. 



Schmeil, Lelirhnch der Botanik. 



20 



306 



Liliengewächse. 



Schachblnme (Fritilläria meleägris^). die nasse Wiesen mit ihren schachbrettartig gewürfel- 
ten, hängenden Blütengloclcen schmückt. — Der Türkenbund (Lihum märtagon^) dagegen 
entfaltet seine herrlichen Blüten erst im Juni und Juli. Dafür überragt er aber auch (Höhe 
bis V2 ™) die niedrigen Pflanzen seiner Umgebung. Zu dieser Zeit trifft man an sonnigen 
Stellen längst kein Liliengewächs mehr an. Im Schatten des Laubwaldes jedoch findet 

der Türkenbund, der auch viel derbere Blätter besitzt als 
die Frühüngspflanzen , selbst in den heißen Sommertagen 
noch den notwendigen Schutz. Wie bei der weißen Lilie 
sind Nachtfalter vorwiegend die Bestäuber der wie ein 
Turban (Name!) geformten Blüten. — Der Bärenlauch (Älli- 
um ursinum''), der in feuchten Laubwäldern vorkommt, er- 
hebt sich, weil stengellos, nur wenig über den Boden. Er 
ist wie das Windröschen eine Frühlingspflanze mit großen, 
zarten Blättern. Eine häutige Scheide umgibt schützend die 
zu einer Dolde geordneten weißen Blüten, bevor sie sich 
entfalten, und allen Teilen entströmt ein starker Knob- 
lauchsgeruch (Schutzmittel gegen Tiere!). Beide Merkmale 
teilt der Bärenlauch mit den zalilreichen Gattungsgenossen, 
die wir in Garten und Feld anbauen. 

3. Küchenptlanzen. Von den wichtigen Lauch- 
arten (Ällium''; s. Abb. S. 305) ist an erster Stelle die 
Küchen- oder Sommerzwiehel (A. cepa'') zu nennen, die seit 
den ältesten Zeiten als Würze und als Gemüse verwendet 
wird. Obgleich die langen, fast senkrecht stehenden Blätter 
und der unterhalb der Mitte bauchig angeschwollenen Stengel 
sehr zart sind, vermögen sie doch selbst heftigen Stürmen 
zu widerstehen: Sie stellen nämlich Röhren dar, die wie 
alle Röhren (s. Halm des Roggens) eine verhältnismäßig 
große Biegimgsfestigkeit besitzen. Die Zwiebel geht schon 

bei geringer Kälte zugrunde, 
ein Zeichen, daß die Heimat 
der wertvollen Pflanze im Sü- 
den, wahrscheinlich im Mittel- 
meergebiete, zu suchen ist. — 
Im Gegensatz zur „Sommer- 
zwiebel" vermag die Winter- 
zwiebel (A. fistulösum®). die 
nicht selten gleichfalls zum 

Küchengebrauch angebaut 
wird, selbst den Winter bei 
uns im Freien auszuhalten. 
Ihre Heimat ist aber auch der 
Südosten von Sibirien. Durch 
die über die ganze Mitte bauchig 
erw^eiterten Stengel und Blätter 
ist die Pflanze leicht von jener 
zu unterscheiden. — Röhrenför- 




Blütenstand 
vom Knob- 
lauch. H. Häu- 
tige Scheide. B. 
Blüten. Z. Brut- 
zwiebeln. 




Drachen bäum. Sehr altes Exemplar. 



1) fritilläria, s. S.'304, Aaim. 2; 
mAeagris, Perlliuhn (Farbe der 
Blunienkrone). 2) lilium, Lilie; 
martagoiijunerkl. 3) allmm, Lauch ; 
ursinus von ürsus, Bär (?). 4) s. 
Anm.3. 5)cej5a,Zwiebel. 6)fistulosus, 
mit Röliren (Stengel iind Blätter!). 



Tjilien"ewäclisc. 



807 



mige Blätter besitzt auch der allbekannte Schnittlauch (A. schoenöprasum^), der bei uns 
heimisch ist und ein mehrfaches Abschneiden der Blätter leicht verträgt. — Flache Blätter 
wie der oben erwähnte Bärenlauch hat der stark riechende Knublauch (A. sativum^), 
dessen Stammpflanze wahrscheinlich in Mittelasien heimisch ist. Er bildet in der Dolde 
neben wenigen langgestielten, kleinen Blüten zahlreiche kugelige Brutzwiebeln, die aus- 
gesät sich zu neuen Pflanzen entwickeln. — Mit dem Knoblauch ist wahrscheinlich 
die Perlzwiebel (A. ophioscörodon^) aus derselben Stammpflanze hervorgegangen. — 
Gleichfalls eine Kulturform ist der Porree (A. porrum^), der als Gewürzpflanze hoch 
geschätzt wird und im Mittelmeergebiete seine Heimat hat. 

4. Es sind hier endhch noch einige ausländische Pflanzen zu erwähnen, die 
bei uns im Gewächshause oder im Zimmer häufig gehalten werden. Dahin gehören 




Yucca. 



Aloe. 



vor allen Dingen die Drachenbäume (Draceena^), die in jugendhchem Zustande am Gipfel 
des kahlen Stammes einen Büschel schwertförmiger Blätter tragen und daher meist für 
Palmen angesehen werden. Sie sind in den wärmern Gegenden der alten Welt hei- 
misch und erreichen zumeist ein außerordentlich hohes, Alter. — Sehr ähnliche Pflanzen 
sind die Palmlilien (Yucca"), die aus dem warmen Amerika stammen. — Die öden 
Steppen und Wüsten Afrikas, besonders des Kaplandes, werden von den Aloe-Arten (Aloe ') 

1) schoenoprasus : schoinos, Binse (Blattform!) und präson, Lauch. 2) sativus, angebaut. 
3) ophioscorodon : öphis, Schlange (vielleicht wegen der gekrümmten Stengel) und skörodon, Knob- 
lauch. 4) porriim, Lauch. 5) von dräkon, Schlange (der blutrote Saft des Baumes liefert getrocknet 
das sog. Drachenblut, das besonders zum Färben von Lacken and Polituren verwendet wird). 
6) Einheimischer Name auf S. Domingo. 7) bitter (arabisch). 



308 Liliengewächse. 

bewohnt. Da sie gleich dem Mauerpfeffer und den Kaktusarten ausgeprägte „Fett- 
pflanzen" sind, vermögen sie selbst eine monatelange Trocknis leicht zu überdauern. 
Aus dem bittern Safte der dicken, fleischigen und derben Blätter gewinnt man eine 
iSIedizin. die als Abführmittel gebraucht wird. 



2. Unterfamilie. Herbstzeitlosen (Melanthieae^). 

Die Herlbstzeitlose (Colchicum autumnäle"). Taf. 31. 

1. Standort uud Blütezeit. Wenn der Herbst seinen Einzug in 
das Land hält, und auf den Fluren nur noch hier und da ein verspätetes 
Blümchen anzutreffen ist, erhalten feuchte, fruchtbare Wiesen durch 
die zarten Blüten der Herbstzeitlose einen letzten Schmuck. Die Pflanze 
blüht also — wie auch treffend ihr Name andeutet — im Verhältnis 
zu den meisten andern Gewächsen ganz außer der Zeit. Würde die Zeit- 
lose mit der Mehrzahl der Wiesenpflanzen ihre Blüten im Mai und Juni 
entfalten — wenn „die Wiesen blühen" — , so kämen diese sicher nur 
in den seltensten Fällen zur Geltung; denn sie werden ja nicht von 
hohen Stengeln über die Umgebung emporgehoben. Jetzt aber sind die 
Wiesen bei weitem nicht so dicht mit hohen Gewächsen bestanden wie vor 
dem „ersten Schnitt", oder man hat sie gar bereits zum zweiten Male ge- 
mäht. Abgesehen vom zeitigen Frühjahre (vgl. mitKj-okus) ist für die Pflanze 
also der Herbst die geeignetste Zeit, ihre Blüten zu entfalten. 

2. Knolle und Blüte. Woher nimmt aber die Zeitlose, die schon 
seit Monaten kein grünes Blatt mehr besitzt, die Stoffe zum Aufbau der 
Blüte? Sie liegen in einer Knolle aufgespeichert, die wir beim Nach- 
graben leicht finden. Lösen wir die dunkelbraune Hülle (d. i. die Scheide 
des ersten vorjährigen, jetzt halb verwesten Laubblattes) ab, so sehen 
wir, wie sich die junge Pflanze auf einem kurzen Seitentriebe der Knolle 
erhebt. Sie ist außer von der genannten braunen Hülle noch von einigen 
farblosen, scheidenartigen Blättern schützend umgeben und besteht aus 
einem kurzen Stengel, der oben die Blüte trägt, und an dem wir die 
nächstjährigen Blätter bereits deutlich erkennen. 

Die Blätter der Blütenhülle sind im untern Teile zu einer sehr 
langen Röhre verwachsen, so daß sich die bläulichrote Blüte über dem 
Erdboden entfalten und — je nach Bedarf — mehr oder weniger hoch 
über ihn erheben kann. Diese Röhre stellt gleich den drei ebenfalls langen 
Griffeln die Verbindung zwischen den ober- und unterirdischen Teilen 
her. In allen andern Stücken ist die Blüte ganz ähnlich wie die der 
Tulpe gebaut; auch schließt sie sich nachts und an kalten, regnerischen 
Tagen, an denen sich keine Bestäuber einstellen. Ist die Bestäubung 



1) Nach der südafrikan. Grattang Melänthium. 2) Colchicum, Zeitlose ; eigentl. avis Kolchis 
am Schwarzen Meere stammend; autumnalis, herbstlich. 



Taf. 31. 1. Blühende Pflanze. 2. unterer Teil, längs durchschnitten. 3. Geöffnete 

Blüte. 4. Schlafende Blüte. 5. Blätter und Frucht. 6. Reife Frucht, geöffnet. 

7. Same, nat. Gr. und 8 mal vergr. 



Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



Tafel 31, 




r.//fuS.ir/, 



Herbstzeitlose (Colchicum autumnale). 



Liliengewächso. 309 

vollzogen, so stirbt die Blüte ab. Die zarten Samenknospen aber ruhen, 
vor dem tödlichen Froste geschützt, tief im Schöße der Erde. Die Knollen^ 
liegen nämlich stets so tief im Boden, daß die Winterkälte nicht bis zu 
ihnen vorzudringen vermag, je nach der Gegend also verschieden tief. 

3. Blätter und Früchte. Sollen die Samen der Herbstzeitlose ihre 
Aufgabe erfüllen — nämlich die, die Pflanze weiter zu verbreiten — , so 
müssen sie oberirdisch ausgestreut werden. Im kommenden Frühjahre 
streckt sich darum der bisher sehr kurze Stengel stark in die Länge und 
hebt die Blätter, sowie den schwellenden Fruchtknoten zum Lichte 
empor. Die drei „tulpen artigen" Laubblätter bereiten im Sonnen- 
scheine nunmehr Nahrung für die reifende Frucht und neue Vorrats- 
stoffe, die sich in dem kurz bleibenden Stengelgliede zwischen dem ersten 
und zweiten Laubblatte anhäufen. Infolgedessen schwillt dieser Stengel- 
teil immer mehr an: er wird zu einer neuen „Stengelknolle", die im 
nächsten Herbste Blüten treibt, während die alte vollkommen ausgesogen 
zugrunde geht. 

Die Frucht stellt eine dreifächerige Kapsel dar, die sich bei der 
Reife (Juni) mit 3 Klappen öffnet. Die ausfallenden, braunen Samen 
besitzen einen weißen Anhang, der bei Befeuchtung klebrig wird. In- 
folgedessen haften sie leicht an den Hufen der Weidetiere, so daß die 
Pflanze oft weithin verschleppt wird. Die Samen sind wie alle andern 
Teile der Pflanze sehr giftig. Daher hüten sich die Weidetiere auch, 
die gefährliche Zeitlose zu berühren; nur die Schafe scheinen ungestraft 
von den Blättern naschen zu dürfen. In der Hand des Arztes wird das 
Gift aber zu einem wichtigen Heilmittel. 

3. Unterfamilie. Spargelartig-e Pflanzen (Asparägeae^). 

Die Maiblume oder das Maiglöckelien (Convalläria maiälis^). Taf. 32. 

Wenn sich der Laubwald in junges Grün gekleidet hat, dann ist 
er nicht selten von dem süßen Dufte des Maiblümchens (Name!) erfüllt. 
Das Pflänzchen vermag so früh im Jahre zu erscheinen, da es die Bau- 
stoffe für die oberirdischen Teile einem unterirdischen Stamme ent- 
nimmt. Er kriecht wagerecht im Boden dahin, treibt aus den Achseln 
seiner schuppenförmigen Blätter vielfach lange Zweige und erhebt sich 
an seinem lebensfähigen, fortwachsenden Ende zum oberirdischen 
Triebe. Da dieser anfänghch die Form eines langgestreckten Kegels 
zeigt, und da seine empfindlichen Innern Teile — Laubblätter und Blüten- 
stand — von widerstandsfähigen, scheidenförmigen Hüllblättern um- 
geben sind, vermag er selbst festere Erdschichten leicht zu durchdringen. 
Hat er die Oberfläche erreicht, dann sprengen die beiden (selten drei) 
bisher tütenförmig zusammengerollten Laubblätter die bläulichrote 
Hülle, schieben sich immer weiter daraus hervor und breiten sich schließ- 
lich aus. Die eiförmigen Blattflächen gehen in lange Stiele über, sind 

1) von aspäragus, Spargel. 2 convalläria von convällis Talkessel oder Tal ; Mäius, Mai. 



310 



Liliengewächse. 



mit einem Wachsüberzuge versehen und wie die andrer Schattenpflanzen 
verhältnismäßig groß. Da sie aber ziemlich derb sind, vermag die Mai- 
blume selbst dem trock- 
nen Sommer zu trotzen. 
Aus der Achsel des 
obersten Hüllblattes er- 
hebt sich der lange, ge- 
meinsame Blüten- 
stiel. Er ist oben 
scharf dreikantig, un- 
ten dagegen an der den 
Blattstielen angedrück- 
ten Seite abgerundet. 
Im Endabschnitte trägt 
er eine Anzahl kleiner, 
häutiger Blättchen, 
aus deren Achseln die 
kurzgestielten Blüten 
entspringen. Anfangs 
stehen diese aufrecht 
und sind von jenen 
Blättchen schützend 
umgeben; später aber 
neigen sie sich nach 
unten und stellen zier- 
hche Glöckchen dar. Im 
einzelnen sind sie wie 
die andrer Lihenge- 
wächse gebaut; die 6 
Blätter der schneewei- 
ßen Blütenhülle sind 
aber zu einem glocken- 
förmigen , sechszipfeli- 
gen Gebilde verwach- 
sen, das für Honig und 
Blütenstaub ein schüt- 
zendes Regendach ab- 
gibt. Da die Blüten zu 
einer Traube gehäuft 
und alle nach einer 
Seite gerichtet sind. 




Weißwurz oder Salomonssiegel. 



Taf. 32. 1. Ganze Pflanze, blühend. Neben ihr (a— c) kommen die oberirdischen 

Triebe andrer Pflanzen aus dem Erdboden hervor; sie zeigen verschiedene Grade der 

Entwicklung. 2. Oberirdischer Trieb mit voll entfalteten Blüten. 3. Einzelne Blüte, 

senkrecht durchschnitten. 4. Fruchtstand. 5. Frucht, wagerecht durchschnitten. 



Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



Tafel 32. 




Maiblume ober Maiglöckchen (Convallaria maialis). 



Liliengewächse. 311 

werden sie trotz ihrer geringen Größe doch auffäUig. Vor allen Dingen 
dürfte es aber der köstliche Duft sein, der die Bestäuber zur Einkehr 
veranlaßt. Ihm verdankt die Pflanze in erster Linie auch die Zuneigung 
des Menschen, der sie gern aus dem Waldboden hebt und in seinen 
Garten verpflanzt. 

Im Herbste lockt die Maiblume abermals Tiere herbei, nämlich 
Waldvögel, die die roten, saftigen Beeren verspeisen und die harten 
Samen verbreiten. 

GleicMalls eine Pflanze des schattigen Laubwaldes ist die Weißwurz oder das 
Salomonssiegel (Polygönatum ofl'icinäle '). Das stattliche Gewächs trägt diese Namen 
nach dem großen, weißen Wurzelstocke, an dem beim Absterben des oberirdischen 
Stengels jedesmal eine siegelartige Höhlung zurückbleibt. Aus den Achseln der großen, 
zweizeilig gestellten Blätter gehen die Blüten hervor, die langgestreckte, hängende 
Glöckchen darstellen. — Eine überall häufige Waldpflanze ist auch die Schattenblume 
(Maiänthemum bifölium"), die an den beiden herzförmigen Blättern und der aufrecht 
stehenden Blütentraube am Ende des handhohen Stengels leicht zu erkennen ist. — 
Das Glied, das der Unterfamilie den Namen gegeben hat, ist 

der Spargel (Aspäragus officinälis ^). 

Der Spargel ist eine einheimische Pflanze, die besonders auf 
sandigen Triften und im Ufersande der Flüsse noch gegenwärtig ab 
und zu wild angetroffen wird. Vor allen Dingen tritt uns der Spargel 
aber in Garten und Feld auf wohlgepflegten Beeten entgegen; denn 
schon seit dem Altertume bilden seine jungen Triebe ein hoch ge- 
schätztes Gemüse. Es sind dies zarte, farblose Gebilde (Lichtmangel!), 
deren fortwachsende Spitzen (Keil!) beim Durchbrechen des Erdbodens 
durch schuppenförmige Blättchen gegen Verletzung geschützt sind. Die 
Triebe entwickeln sich an dem ausdauernden, unterirdischen Stamme 
(Wurzelstocke) und werden der Pflanze eine Zeitlang vom Menschen 
genommen. Schneidet man sie zu tief ab, so verletzt man leicht den 
Stamm, und setzt man das „Stechen des Spargels" zu lange fort, so 
vermag der Stamm — da die aufgespeicherten Vorratsstoffe verbraucht 
sind — schließlich keine neuen Triebe mehr zu bilden: das Spargelbeet 
ist dann, wie der Gärtner sagt, „tot gestochen". Ist der Boden hart 
oder gar steinig, so haben die jungen Triebe eine schwere Arbeit zu 
leisten, um zum Lichte emporzudringen. Ihre Zellwände verholzen 
dann vorzeitig. 

Überläßt man die oberirdischen Triebe sich selbst, dann entwickeln 
sie sich zu meterhohen, baumartig verzweigten Stengeln, die vermöge 
ihrer großen Festigkeit und Zähigkeit selbst den heftigsten Winden 
Widerstand leisten. Statt der Laubblätter gewöhnlicher Form findet 
man an den Stengeln und Zweigen unscheinbare, braune Schuppen. Aus 
ihren Achseln entspringen Büschel nadeiförmiger Gebilde, die gewöhnlich 
für die Blätter gehalten werden. Es sind jedoch winzige Zweiglein; 

1) jiolygonatum: poly, viel und gnny, Knie oder Knoten; offtcinalis, in der Apotheke verwendet. 
2) maiauthemum: iläius, Mai und änthemon, Blume; bifölium: bi- zwei n. fölium, Blatt. 3) aspäragus 
Spargel; officinalis, s. Anm. 1. 



312 



Liliengewächse. 



denn aus den Achseln von Blättern gehen niemals wieder Blätter her- 
vor. Wie der Stengel und die größern Zweige sind diese Zweiglein mit 
Blattgrün ausgerüstet. Sie sind demnach auch in der Lage, die Arbeiten 
zu verrichten, die von Blättern gewöhnlicher Form sonst geleistet werden. 
Das Fehlen dieser Organe bedeutet für die Pflanze jedoch nicht nur 
keinen Nachteil, sondern vielmehr einen Vorteil; denn die Zweige und 
Zweiglein sind verhältnismäßig derbe Gebilde, die auch nur wenig 
Wasser verdunsten. Diese Tatsache ist für den Spargel aber von großer 

Wichtigkeit; denn er ist ja — 
wie oben erwähnt — eine 
Pflanze des lockern Sand- 
bodens, die in ursprünglichem 
Zustande sicher alljährlich 
mehrere Monate mit starkem 
Wassermangel zu kämpfen hat. 
Hiermit steht auch im Ein- 
klänge, daß sich der unter- 
irdische Stamm verhältnis- 
mäßig tief unter der Erdober- 
fläche findet, und daß von ihm 
zahlreiche sehr lange Wur- 
zeln ausgehen, die den 
wasserarmen Boden weithm 
durchziehen. 





Spargel. 1. , Unterirdischer Stamm einer jungen Pflanze. Einer seiner Triebe ist 

„gestochen". 2. Blühender Zweig. 3. Blüte mit verkümmertem Stempel und 4. mit 

verkümmerten Staubblättern. 5. Zweigstück mit einer Fmcht. 



Hiiisengewä-ohse. Narzissengcvväclise. 

Aus den Achseln der schuppenförmigen Blätter ent- 
springen auch die grüngelben Blüten, die wie die der 
Maiblume hängende Glöckchen darstellen. Man findet 
in ihnen entweder die Staubblätter, oder den Stempel 
meist gänzUch verkümmert, eine der vielfachen Ein- 
richtungen der Natur, durch die Selbstbestäubung ver- 
hindert wird. Die Früchte sind leuchtend rote Beeren, 
deren Fleisch zahlreichen Vögebi zur Nahrung dient, 
und deren hartschalige Samen durch diese Gäste ver- 
breitet werden. 

77. Familie. Binseng-ewächse (luncäceae^). 

Die Binseugewächse stiiniueii mit den Liliengewächsen liin- 
sichtlich des Blütenbaues bis auf die unscheinbar grünen oder 
braunen Blätter der Blütenhülle fast vollkommen überein. — An 
nassen Stellen findet sich als eine der am häufigsten vorkommen- 
den Formen die Flatter-Binse (luncus effüsus^). Aus dem krie- 
chenden, vielfach verzweigten Stamme erheben sich nmde, knoten- 
lose, bis etwa V2 ni hohe Stengel, aus denen scheinbar seitlich zahl- 
reiche Blüten hervorbrechen. Bei genauerm Zusehen erkennt man 
jedoch, daß der vermeinthche obere Abschnitt des Stengels von 
dem senkrecht aufgerichteten, stielrunden Deckblatte des Blüten- 
standes gebildet wird. Die Blüten stehen also in der Tat am 
Stengelende. Sie werden, wie sclion ihre Unscheinbarkeit an- 
deutet, durch den Wind bestäubt. Außer dem erwähnten Deck- 
blatte und einigen Blattscheiden am Grunde des Stengels ist von 
grünen Blättern nichts zu finden. Diese sonst nur bei Pflanzen 
der trockensten Standorte (z. B. bei den Kaktusgewächsen) zu 
beobachtende Erscheinung wird uns leicht verständhch, wenn wir 
bedenken, daß die Binsen im Hochsommer oft mit der größten 
Trocknis zu kämpfen haben. Dann versiegen vielfach die Gewäs- 
ser, an deren Ufern sie wachsen, und der sclilammige Boden 
trocknet so stark aus, daß er „steinhart" wird und in weiten 
Rissen auseinander klafft. — Ganz wie Gräser erscheinen die 
Hain-Binsen (Lüzula-); durch die „Lilienblüten" sind sie jedoch 
leicht von diesen zu unterscheiden. 



318 




'Ct' 



78. Familie. Narzissengewächse (Amaryllidäceae^). 

Fruchtknoten unterständig; sonst wie die Lihengewächse. 

Das Sclmees^löckclien (Galänthus nivalis*). 

1. Blütezeit. Bevor meist noch die letzten Reste 
des Winterschnees von der wieder erwachenden Erde 
verschwinden, öffnet das liebUche Schneeglöckchen schon 
seine weiße Blüte, die einem zierlichen, hängenden 
Glöckchen gleicht (Name!). Wir begrüßen den Boten 



1) iuncus, Binse; effusus, hreit (weit ausgebreitet!). 2) tmerkl. 3) nach, 
der Gattnng Amaryllis, s. S. 318, Anm. 5. 4) ffnlanthus: r/äla, Milob nnd 
änthos, Blume (Blütenfarbe ! ; nivalis, schneeig. 



Flatter-Binse 
(verkl.) D. Deck- 
blatt. Daneben eine 
Blüte (vergr.). 



314 



Narzisseiigewäohse. 



des ersehnten Frühlings mit lebhafter Freude und räumen ihm daher 
gern ein Plätzchen im Garten ein. 

2. Heimat und Standort. Die Heimat des Schneeglöckchens er- 
streckt sich von den Ländern, die an das Ostbecken des Mittelmeeres 
grenzen, bis in den östlichen Teü von Mitteleuropa. In Deutschland ist 
es außerhalb des Gartens wild wachsend nur selten und in vielen Gegen- 
den gar nicht anzutreffen. Wiesen und Laubwälder sind seine ursprüng- 
lichen Standorte. Auf der Wiese findet das spannhohe Pflänzchen jedoch 
nur so lange das nötige Licht, als Gras und Kräuter noch niedrig sind, 
und im Walde wird es nur dann genügend beUchtet, wenn sich das 
Laubdach noch nicht geschlossen hat. Da es aber sehr früh im Jahre 
erscheint und mit begmnendem Sommer bereits wieder von der Oberfläche 
der Erde verschwunden ist, vermag es an beiden Orten wohl zu gedeihen. 

3. ZwiebeL Das frühzeitige Erscheinen verdankt die freundliche 
Pflanze der Zwiebel, der sie die ersten notwendigen Baustoffe entnimmt. 
Dieser Vorratsspeicher ist jedoch wesentlich anders gebaut als bei der 

Tulpe. Er besteht nämlich aus einer einzigen 
fleischigen „Zvviebelschale" (Seh.) und den gleich- 
falls fleischigen Grundteüen der beiden Laub- 
blätter (L.). Aus der Achsel des zweiten dieser 
Blätter geht der Blütentrieb 
(B) als Seitenzweig hervor. 
Haben diese Teile ihre 
Aufgabe verrichtet, dann 
sterben sie ab, um schließ- 
lich zu verwesen. Unter- 
dessen ist aber die End- 
knospe (E.) des sehr kurzen 
Stammes (St.) weiter ge- 
wachsen und hat die gleich- 
gebaute, für das nächste 
Jahr bestimmte Ersatz- 
zwiebel erzeugt, ein Vor- 
gang, der sich alljährlich 
wiederholen kann. Da sich die junge Zwiebel also gleichsam über der 
alten bildet, müßten die unterirdischen Teüe der Pflanze immer weiter 
zur Erdobei fläche emporsteigen, wenn die Ersatzzwiebel durch Verkürzung 
der Wurzeln nicht immer wieder so tief in den Boden hinabgezogen 
würde, als dies für ihr Gedeihen notwendig ist. 

Neben der Ersatzzwiebel entstehen in den Achseln der Zwiebel- 
schale und des ersten Laubblattes zumeist noch Knospen, aus denen 
sich gleichgebaute Brutzwiebeln entwickeln. 

4. Blätter. Bereits im Herbste treten aus der Zwiebel die beiden 
Laubblätter und — falls wir es mit einer „blühreifen" Pflanze zu tun 
haben — der Blütentrieb hervor. Sie sind von einem häutigen Blatte 




Schema vom Bau des 
Schneeglöckchens. 
Der Stengel ist gestreckt 
gedacht, so daß die ein- 
zelnen Teile \veit ausein- 
ander gerückt sind. 
Buchstaben .sind im Texte 
erklärt. 




Narzissengewächse. 



315 



wie von einer Scheide umgeben und somit gegen Verletzung beim Durch- 
brechen des Bodens wohl geschützt. Ist die Erdoberfläche erreicht, so 
stellt das scheidenförmige Hüllblatt das Wachstum ein und wird 
von den sich streckenden Blättern gesprengt. Die langen, linealen Blätter 
liegen bis zu diesem Zeitpunkte mit ihren Oberseiten eng aneinander. 
Infolgedessen sind sie trotz ihrer Zartheit wohl imstande, sich zum Lichte 
empor zu drängen. Dies vermögen sie um so eher, als die farblosen 

Blattspitzen verhältnismäßig 
hart und fest sind. Die Spitze 
des „Keiles", der den Boden 
spaltet, ist also wie bei der 
Tulpe gleichsam gehärtet. 
Die Blüte dagegen ist nicht 
imstande, diese Arbeit zu 
fördern. Sie liegt wohl ge- 
schützt zwischen den rinnig 
vertieften Blättern, die sie 
weit überragen und ihr somit 
den Weg bahnen. Bei nicht 
blühenden Pflanzen dagegen 
sind die Blätter flach und 
liegen eng aneinander. 

5. Blüte, a) Der von den 
Blättern gebildete Hohlraum ist sehr 
eng, so daß uns die Form des langen 
Blütenstieles (Schaftes) — er ist 
mehr oder weniger seitlich zusammen- 
gedrückt — wohl verständlich wird. 
An seiner Spitze trägt er die einzige, 
anfangs aufrecht stehende Blüte und 
unter ihr einehäutige Blütenscheide, 
von der jene im Knospenzustande 
schützend umhüllt wird. Wie die 
beiden grünen Rippen andeuten, ist 
die Scheide aus zwei Blättchen her- 
vorgegangen, die innig miteinander 
verwachsen sind und mithin ihre 
Aufgabe desto vollkommener erfüllen 
können. Ein solches Schutzmittel ist für die zarte Blüte von um so 
größerer Wichtigkeit, als das Schneeglöckchen ja — wie bereits erwähnt — 
im Vorfrühlinge blüht, also zu einer Zeit, in der täglich Frost, sowie 
kalte Regen- und Schneeschauer zu erwarten sind. Sinkt z. B, das Thermo- 
meter wieder einige Grad unter Null, so liegen die Blätter und Blüten 
des Pflänzchens matt und welk auf dem Boden (s. S. 175). Wie dann 
die von der Scheide noch umhüllten Blüten weit weniger dem Verderben 




Schneeglöckchen. 



316 Narzissengewächse. 

ausgesetzt sind als die von diesem Schutzmittel schon befreiten, ist 
leicht zu beobachten. Die Blüte bleibt auch von der Scheide ]e nach der 
Witterung kürzere oder längere Zeit, beim Eintritt schlechten Wetters 
sogar wochenlang umschlossen. 

b) An einem milden Tage endlich wird die Scheide gesprengt, und in 
schneeiges Weiß gekleidet tritt die Blüte hervor. Indem sich der obere 
Teil des Blütenstieles krümmt, neigt sie sich alsbald nach unten. Sie 
ist im wesentlichen wie die Tulpenblüte gebaut, besitzt aber einen 
unterständigen Fruchtknoten. Die 3 großen äußern Blätter der 
Blütenhülle stehen schräg nach außen; die 3 kleinen Innern dagegen 
sind fast senkrecht gestellt, so daß sie eine kurze Röhre bilden. Außen 
zeigen die letztern je einen grünen', halbmondförmigen Fleck und innen 
mehrere ebenso gefärbte Längsstreifen, zwischen denen der Honig ab- 
geschieden wird. Die großen Beutel der 6 Staubblätter bilden einen 
Kegel, aus dessen Spitze der Griffel mit - der Narbe hervorragt. Sie 
besitzen je eine borsten artige Verlängerung und öffnen sich an der Spitze 
mit 2 Löchern. Berührt man eine dieser Borsten, so rieselt — wenn 
die Blüte ihre natürUche Stellung hat — trockner Blütenstaub aus den 
Löchern hervor. 

c) Werm wir die erwähnten Einzelheiten näher ins Auge fassen, 
werden wir leicht finden, daß zwischen ihnen ein inniger Zusammen- 
hang besteht, der allein eine erfolgreiche Bestäubung ermöglicht. Erstens: 
Das Schneeglöckchen besitzt trocknen, mehlartigen Blütenstaub, wie 
er sich allein für ein solches „Streuwerk" eignet. Zweitens: Der Staub 
fällt nur dann aus den Beuteln, wenn diese erschüttert werden. Eine 
Erschütterung der Staubbeutel ist aber unvermeidlich, sobald ein Insekt 
den Versuch macht, von dem Honig zu naschen. Dieser liegt nämlich 
nicht offen zutage, sondern wird — wie erwähnt — an der Innenwand 
der Röhre abgeschieden, die von den Innern Blättern der Blütenhülle 
gebildet wird. In diese Röhre muß das Insekt ein Stück eindringen, um 
zu dem süßen Safte zu gelangen. Dabei kann es aber nicht ausbleiben, 
daß das Tierchen einige der borstenartigen Fortsätze berührt, die Staub- 
beutel also erschüttert. Drittens: Die Röhre ist verhältnismäßig sehr eng. 
Infolgedessen kann das Insekt nur dann von dem ausfallenden Staube 
getroffen werden, wenn deren Öffnung nach unten gerichtet oder, anders 
ausgedrückt, wenn die Blüte hängend ist. Viertens: Da der Griffel 
aus dem Staubbeutelkegel hervor ragt, wird die Narbe von dem 
eindringenden Insekt auch zuerst berührt. Bringt das Tier nun Blüten- 
staub von einer andern Blüte mit, so tritt Fremdbestäubung ein, die — 
wie wir schon mehrfach gesehen haben — in der Regel eine erhöhte 
Fruchtbarkeit im Gefolge hat. Fünftens: Die Blätter des äußern 
Kreises, die nicht mit an der Bildung der Röhre beteiligt sind, machen 
die Blüte auffälliger. Sie sind bei der geöffneten Blüte nämlich nach außen 
gespreizt. Daher fällt eine solche auch weit mehr ins Auge als eine 
andre, die zwar gleichfalls vollkommen ausgebildet, aber noch geschlossen 



Narzissengewächse. 



317 



ist oder sich wieder geschlossen hat. Kurz: Die unscheinbare Blüte 
ist ein vollendetes „Kunstwerk", wie es menschlicher Scharf- 
sinn kaum auszudenken vermöchte. 

d) Das Schneeglöckchen bringt wie die Tulpe alljährlich nur eine 
einzige Blüte hervor. Da diese aber sehr lange, bei Eintritt schlechten 
Wetters (Insekten verkriechen sich wieder!) sogar wochenlang „frisch" 
bleibt, wird die Möglichkeit, bestäubt zu werden, wesentlich erhöht. Tritt 
trotzdem keine Bestäubung ein, so ist das für die Pflanze noch bei weitem, 
nicht mit einer Vernichtung gleichbedeutend: Das Schneeglöckchen „rettet" 
sich ja — wie erwähnt — mit Hilfe der Zwiebel stets auf das andre Jahr 
hinüber und vermehrt sich außerdem noch durch Brutzwiebeln. 

e) Nickende Blüten schüeßen sich abends oder beim Eintritte un- 
freundlicher Witterung in der Regel nicht. Beim Schneeglöckchen jedoch 
findet man an kühlen Morgen, daß die äußern Blätter der Blütenhülle, 
die gestern weit gespreizt waren, sich wieder nach innen bewegt und den 
Blüteneingang verschlossen haben. Bei 
kaltem Wetter behalten sie diese Stellung 
sogar den ganzen Tag über bei. Wenn 
wir bedenken, daß die Pflanze sehr früh 
im Jahre blüht, und daß Wärmeverlust 
den zarten innern Blütenteilen leicht 
schaden könnte, so wird uns diese Aus- 
nahme von der Regel wohl verständUch. 
Bringt man abgeschnittene Blüten, die 
man in ein Gefäß mit Wasser gestellt 
hat, an einem kühlen Tage aus dem 
warmen Zimmer in das Freie und um- 
gekehrt, so kann man den Vorgang 
leicht verfolgen. 

6. Frucht und Same. Kurz nach- 
dem die Bestäubung erfolgt ist, werden 
die Blütenstiele schlaff, fallen zu Boden 
und verschwinden bald gänzlich. Dann 
liegen die Früchte, oft völlig losgelöst, 
als kleine, glänzende Gebilde auf der 
Erde. Sie stellen je eine Kapsel dar, 
die sich von der Spitze aus mit 3 Klappen 
öffnet. Die Samen besitzen je einen ver- 
hältnismäßig großen, fleischigen Anhang, 
den gewisse Ameisenarten gern verzeh- 
ren. Die Tierchen schleppen die Samen daher in ihre Baue und ver- 
breiten die Pflanze dadurch unfreiwillig weiter. 




Blüte der 
weißen und 
2. gelben 
Narzisse. 



318 



Narzissengewächse. 



Andre Narzissengewächse. 

Wenig später als das Scimeeglöckchen erschließt das Soinmertürchen (Leucoium 
vemum^) seine zierlichen, duftenden Blütenglocken (Name!). Es bewohnt schattige, 
feuchte Laubwälder und Gebüsche und stimmt mit jener Pflanze in fast allen Stücken 
überein (daher auch „großes oder wildes Schneeglöckchen"). — Die Narzissen (Nar- 
cissus-; s. Abb. S. 317) dagegen entfalten ihre prächtigen Blüten erst, wenn der Frühling 
wirklich da ist. Am häufigsten finden sich in unsern Gärten die g'elbe N. (N. pseudonarcis- 

sus**), die hier und da auf Berg\viesen auch wild vorkommt, 
und die 'weiße N. (N. poeticus^), die wahrscheinlich im 
Mittelmeergebiete heimisch ist. Wie bei allen Narzissen 
sind auch bei ihnen die Blätter der Blütenhülle im untern 
Abschnitte zu einer Röhre verwachsen, an deren Mün- 
dung sich eine „Nebenkrone" erhebt. Während bei der 
gelben N. dieses Gebilde sehr groß, die Blütenröhre da- 
gegen kurz ist (Hummelblume!), hat die stark duftende 
Blüte der weißen N. eine kurze mit scharlachrotem 
Rande versehene Nebenkrone, sowie eine sehr lange und 
enge Blütenröhre (Falterblume!). 

Auch mehrere ausländische Glieder der Familie 
werden bei uns geni gepflegt. So sind die prächtig 
blühenden Amarj'ilis^-Arten, die aus dem tropischen 
Südamerika stammen, allgemein bekannte Topfgewächse, 
und nicht selten treten uns, in Kübel gepflanzt, die mäch- 
tigen Blattrosetten der Ag'aA'en (Agave") entgegen. Wie 
schon die dicken, fleischigen, saftigen Blätter erkennen 
lassen, haben wir es in den Agaven mit vollendeten Fett- 
pflanzen (Succulenten) zu tun, wie es 
z. B. der Mauerpfeffer und die Kaktus- 
arten sind. Wir gehen deshalb auch 
nicht fehl, wenn wir die Heimat der 
sonderbaren Gewächse in einem außer- 
ordentlich wasserarmen Gebiete suchen: 
Sie bewohnen die Wüsten des heißen 
Amerika, in denen auch die Kaktus- 
gewächse dem öden Felsboden entsprie- 
ßen. Wenn sie ihre volle Ausbildung 
erlangt haben, schießt aus der Blatt- 
losette schnell einBlütenschaft empor, der 
oft Tausende von Lilienblüten trägt und 
bei gewissen Arten 6, 10 und mehr Meter 
hoch wird. Sind die Früchte gereift, so 
äi-^^^ ' y A*.*" ^"'- ^'■^i /'V^f*^^ stirbt die seltsame Pflanze ab. SchößHnge, 

&^^!^^K^ , i^hr^ ' X_ . A ^ -^^ ^ die alljährhch aus dem unterirdischen 

Stamme hervorbrechen, bedecken dann 

bald den Platz, an dem sie stand. Von 

den wenigen Arten, die für den Menschen 

eine Bedeutung haben, ist besonders die amerikanische A. (A. americäna') zu nennen. 

die in Mexiko heimisch ist. Ihre Blätter, die eine Länge von 3 m erreichen, dienen als 

Speise; getrocknet verwendet man sie zum Decken der Dächer; aus den zähen Bast- 




Amerikanische Agave. 



1) Ipiironim: leu'kö'^, weiß und ton, Veilclien; leucoium auch Levkoie (mit ion oder viola, Veil- 
chen,bezeichnete man früiier auch noch andre Pflanzen als unser Veilchen); verrms, im Frühlinge 
blühend. 2) värl^issos, Narzisse. 3) pseu(lo)iarcisbus: pseudo-, scheinbar und «armsus (scheinbar im 
Verhältnis zur weißen N.). 4) poetims, poetisch. 5) ÄTnaryllis, bei griech. und lat. Schriftstellern 
Name einer schönen Hirtin. 6) von agauös, femin. agaue, hehr. 7) americanus, amerikanisch. 



Narzissengewächse. Schwci-tliliongewärhse. 



319 



fasern bereitet man feste Gespinste und aus dem Safte das Nationalgetränk der Mexi- 
kaner, die Pulque. Wie in zahlreichen andern wärmern Ländern, hat sich die Pflanze 
auch im Mittehneergebiete vollkommen eingebürgert, wo sie wegen der stark I)estachelten 
Blätter gern zur Herstellung undurchdringlicher Zäune angepflanzt wird. — Höhern 
Wert als Gespinstpflanze hat die Sisalag^ave (A. sisaläna'), die den Sisalhanf liefert 
und außer in andern Tropenländern auch in Deutsch-Ostafrika kultiviert wird. 

Ein Glied einer nahe verwandten 
Familie (Bromeliäceae^) ist die Ananas 
(Ananas sativus^), die sich von Mittel- 
amerika aus über alle warmen Länder 
verbreitet hat und bei uns in Treib- 
häusern gezogen wird. Aus einem rosetten- 
artigen Busche langer, starrer Blätter 
erhebt sich der zapfenartige Blütenstand, 
dessen Achse und Deckblätter nach und 
nach fleischig und saftig werden. Auf 
•diese Weise entsteht eine gelbe oder 
orangefarbene Schein- und Sammelfrucht, 
die überall als köstliches Obst geschätzt 
wird. Während der Fruchtbildung wächst 
die Achse durch das einem riesigen Tannen- 
zapfen ähnelnde Gebilde und treibt einen ~-^^^^SrfjBtM.''f^5iiäSiS.^^-" 
Blätterschopf, der, in die Erde gesetzt, 
sich zu einer neuen Pflanze entwickelt. Ananaspflanze mit Fruchtkolben. 




79. Familie. Schwertliliengewächse (Iridäceae*). 

Fruchtknoten unterständig, nur 3 Staubblätter; sonst wie die Liliengewächse. 
Die Wassersehwertlilie (Iris pseudäcoriis^). Taf. 33. 

1. Standort und Blütezeit. Die Ufer der stehenden und fließenden 
Gewässer erhalten im Mai und Juni durch die prächtigen „Lilienblüten" 
der stattlichen Pflanze oft einen herrlichen Schmuck. 

2. Stamm, Steng'el und Blatt, a) Aus dem dicken, fleischigen 
Stamme (Wurzelstocke), der im schlammigen Boden dahin kriecht, ent- 
springen Triebe verschiedener Länge. Während die Kurz triebe nur 
Blätter tragen, heben die Langtriebe, die bis zu einem Meter hoch 
werden, die Blüten über das Pflanzendickicht am Ufer und stellen sie 
den Insekten zur Schau. Da alle grünen Teile mit einem abwischbaren 
Wachsüberzuge versehen sind, fließt das Regenwasser von ihnen sehr 
schnell ab, so daß der durch die Spaltöffnungen stattfindende Luftaus- 
tausch nicht für längere Zeit unterbrochen wird. 

b) Die ungestielten Blätter umfassen mit ihrem Grunde den Stengel. 
Während bei der überwiegenden Mehrzahl der Pflanzen beide Hälften 
der Blattfläche in einer Ebene liegen, sind sie hier aber in der Mittel- 
hnie so gefaltet, daß sie eine tiefe Rinne bilden. Wie Querschnitte 

1) Sisalana, nach dem mexikanischen llafenorte Sisal, der früher der Hanptausfahrort der 
Fasern war. 2) nach Bromel, Botaniker in Gotbenburg (f 1705). 3) ananas, brasilianischer Name; 
sativus, angebaut. 4) Iris, die Göttin des Regenbogens, also vielfarbig wie der B. (Blüten der 
zahlreichen Arten!); pseudaroriis : pseucl- scheinbar und äkoros, Kalmna. 



320 Scliwertliliengewächse. 

zeigen, die man in verschiedener Höhe ausführt, wird die Rinne nach der 
Blattspitze zu immer enger. Schließlich verschmelzen beide Hälften voll- 
kommen miteinander, so daß das Blatt — wie auch der Name der 
Pflanze andeutet — die Form eines Schwertes erhält. 

Betrachtet man einen Kurztrieb, so sieht man, wie sich die Blätter, 
zu zwei Zeilen geordnet, gegenüber stehen, und wie jedes ältere Blatt 
das nächst jüngere z. T. umfaßt. Entfernt man die altern Blätter, so 
kommt man schließlich zu einem Blatte, in dessen Rinne das folgende 
noch gänzlich geborgen ist. Das Blatt umhüllt abermals das nächst 
jüngere usf. Die Blätter sind also gleichsam ineinander geschachtelt: 
die altern dienen den außerordentlich zarten jungem als schützende 
Scheiden. An den Langtrieben sind natürlich dieselben Verhältnisse 
zu beobachten. Bei ihnen entfernen sich jedoch die Blätter durch 
Streckung der Stengelglieder weit voneinander. 

An beiden Arten von Trieben finden sich unterhalb der ältesten 
Blätter einige Hüllblätter, die ihrer Aufgabe entsprechend (Hülle!) nur 
den untern scheidenartigen Teil der Laubblätter darstellen. 

c) Im Gegensatz zu den Blättern der meisten andern Pflanzen sind 
die der Schwertlilie ferner so gestellt, daß ihre Kanten senkrecht 
nach unten und oben gerichtet sind. Blätter dieser Art werden 
von den Sonnenstrahlen unter spitzerm Winkel getroffen als sonst gleiche, 
aber wagerecht oder schräg gestellte. Sie werden daher auch weniger 
erwärmt und verdunsten mithm auch weniger Wasser als jene (s. S. 111, c). 
Da aber die Schwertlilie stets nur an nassen Stellen vorkommt, woselbst 
ihr jederzeit genügend Wasser zur Verfügung steht, so sollte man meinen, 
sie bedürfe eines solchen Schutzmittels nicht. Wenn wir aber einerseits 
bedenken, daß nasser Boden stets kalt ist, und daß kalter Boden auf die 
Pflanzen wie trockner Boden einwirkt (s. S. 175, B), und wenn wir andrer- 
seits beobachten, wie im Hochsommer die Gewässer, an deren Ufern die 
Schwertlilie wächst, oft gänzhch vertrocknen und der Schlammgrund fast 
steinhart wird, dann werden wir wohl andrer Meinung werden. Zudem 
dürfen wir nicht aus dem Auge verlieren, daß uns bei vielen Pflanzen 
zahlreiche Eigentümlichkeiten erst dann verständlich werden, wenn wir 
auch ihre nächsten Verwandten berücksichtigen: Mehrere andre Schwert- 
lilien sind nun ausgeprägte Felsenpflanzen; eine von ihnen vermag sogar 
auf Lehmmauern zu gedeihen, auf denen die meisten andern Gewächse 
sehr bald vertrocknen würden. 

3. Blüte, a) An den Langtrieben gehen aus den Achseln der obern 
Blätter blütentragende Zweige hervor. Wie diese Blätter seinerzeit in 
den Rinnen der nächst altern Schutz fanden, so umhüllen sie selber 
die jungen Blütenknospen. Haben die Knospen die Rinne verlassen, 
dann gewähren ihnen je 2 grüne, scheidenartige Hüllblätter noch weiter 

Taf. 33. 1. Blühende Pflanze. 2. Blüte, die von einer Hummel bestäubt wird. 3. Blüte 

nach Entfernung der äußern Blätter der Blütenhülle (weiteres s. Text!). 4. Frucht, 

quer durchschnitten. 5. Frucht, geöffnet. 6. Samen. 7. Same, durchs clmitten. 



Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



Tafel 33. 



A A 




a. B. 



Wasser-Schwertlilie (Iris pseuöacorus). 




Schwert.liluMiirewächse. tj2l 

Schutz. Ist die Blüte endlich vollkommen ausgebildet, so drängt sie diese 
Blätter auseinander und entfaltet sich. Das überaus zarte Gebilde blüht 
jedoch nur eine sehr, kurze Zeit. Dafür bringt die Schwertlilie aber 
nacheinander eine große Anzahl von Blüten hervor, so daß sicher 
einige davon bestäubt werden und Früchte entwickeln. 

b) Obgleich die Tulpen- und die Schwertlilien-Blüte nach demselben 
Plane gebaut sind, zeigt letztere doch zahlreiche Eigentümlichkeiten 
(s. Fig. 3 der Tafel). So sind erstlich die 6 leuchtend gelben Blätter der 
Blütenhülle im untern Teile zu einer Röhre (R.) verwachsen, die 
dem unterständigen Fruchtknoten (Fr.) aufsitzt. Sodann sind die mit 
einem braunen Flecke (Saftmal!) gezierten Blätter des äußern Kreises 
groß und mit dem breiten Endabschnitte schräg nach außen gebogen, 
während die kleinen Blätter des Innern Kreises (i. B.) aufrecht stehen. 
Ferner ist von den beiden dreiblättrigen Staubblattkreisen der Lilien- 
blüte nur der äußere vorhanden, und endlich teilt sich 
der Griffel in 3 blumenblattartige, zweizipfelige Äste 
(G.). Diese Gebilde helfen die Auffälligkeit der Blüte 
erhöhen und dienen den Staubbeuteln (St.) als schützen- 
des Dach. Auf ihrer Unterseite bemerkt man je ein 
kleines Läppchen, dessen (in der Ruhe angedrückte) 
Oberseite die Narbe (N.) darstellt. Im untern Teile der 
Röhre findet sich der Honig. Zu ihm führen — wie Blütengrundriß 
ein Querschnitt deutlich zeigt — unter jedem Griff elaste '^'''' Schwertlilie. 
2 Kanäle, die für emen dünnen Insektenrüssel gerade weit genug sind. 

c) Will das Insekt Honig saugen, so muß es sich — einen andern 
Weg gibt es nicht! — auf einem der großen Blütenblätter niederlassen 
und so weit als möglich unter den davorstehenden Griffelast zwängen, 
Ist das Tier groß genug, so streift es dabei zunächst das Narbenläppchen, 
biegt es nach unten und belegt es mit fremdem Blütenstäube, falls 
es bei einer andern Blüte bereits Einkehr gehalten hat. ' Dies kann aber 
nur dann geschehen, wenn das Insekt den Blütenstaub auf seinem 
Rücken herbeiträgt, oder anders ausgedrückt, wenn der Staubbeutel eine 
solche Stellung hat, daß ihn das saugende Tier mit dieser Körperstelle 
berührt, was ja, wie wir gesehen haben, auch zutrifft. Nachdem das 
Insekt von dem süßen Safte genossen hat, kriecht es aus dem „Engpaß" 
wieder hervor. Jetzt aber drückt es das Narbenläppchen an den Griffel- 
ast, so daß eine Belegung der Narbe mit dem Staube der eigenen Blüte 
verhmdert wird. Dieser Fall tritt — wie leicht zu beobachten ist — 
jedoch ein, wenn das Insekt sich nach diesem Besuche dem zweiten und 
dritten „Engpaß" derselben Blüte zuwendet. 

Bei genauerm Zusehen wird man finden, daß die Entfernung zwischen 
einem großen Blatte der Blütenhülle und „seinem" Narbenaste bei 
gewissen Blüten größer ist als bei andern. Im erstem Falle entspricht 
diese Entfernung der Höhe (Dicke) einer Hummel, im andern der einer 
Schwebfliege. Diese Tiere sind daher auch nur imstande, die Be- 

Schmeil, Lelirbucli der Botanik. 21 



322 



ScliwertlilienaiewächRe. 



stäubung „ihrer" Blüte zu vollziehen. (Warum sind Schmetterlinge und 
kurzrüsselige Insekten vom Genüsse des Honigs ausgeschlossen?) 

4. Die Frucht stellt, wie ein Querschnitt zeigt, eine dreifächerige 
Kapsel dar, in der die braunen, breitgedrückten Samen gleich Geld- 
stücken in 3 Reihen „übereinander geschich- 
tet" sind. Bei der Reife öffnet sich die 
Frucht mit 3 Klappen, so daß der Wind die 
Samen nunmehr herausschütteln kann (Kap- 
seln stehen auf hohen, elastischen Siielen!). 
Auf einem Durchschnitte sieht man, daß sich 
unter der Samenhülle ein luftgefüllter Hohl- 
raum vorfindet. Infolgedessen sind die Samen 
schwimmfähig, können also durch Wind, Wellen und 
Strömung leicht weit verschlagen werden, eine Tat- 
sache, die für die Verbreitung einer am Wasser wach- 
senden Pflanze von größter Bedeutung ist. 

Andre SchAvertliliengewäehse. 

Gleich der Wasserschweiililie erfreuen uns im Garten 
z.ihlreiche andre Arten der Gattung durch die Pracht ihrer 
Dh'iten. Zur Einfassung von Beeten ward gern die blaublühende 
Zwerg-Sch. (I. pümila*) benutzt, die aus Südosteuropa stammt. 
Da sie in ihrer Heimat dürre Felsen bewohnt, so vermag sie 
selbst mit den geringen Wasser- und Nahrungsmengen fürlieb 
zu nelimen, die ihr Lehmmauem und ähnliche Örtlichkeiten 
bieten. — Eine stattliche Pflanze ist die in Gärten am häufig- 
sten anzutreffende deutsche Seh. (I. germanica"), die sich 
durch große, violette Blüten auszeichnet. Sie findet sich hier 
und da venvildert und ist wahrscheinlich gleichfalls aus dem 
südöstlichen p]uropa zu uns gekommen. — Ein prächtiger 
Frühlingsschmuck wrd unsern Gärten durch die Krokus-Arten 
(Crocus'') verheben, die wild auf Wiesen, Matten und Triften 
wächst. Da sich ihre zarten Blüten gleich denen der Herbst- 
zeitlose direkt über dem Erdboden öffnen, kommen sie hier 
auch nur im Frühjahre oder (wie bei zahlreichen ausländischen 
Alien) im Herbste zur Geltung. Am häufigsten wird der 
Frühliug-s-K. (C. vernus^) gepflegt, der violette, weiße oder in 
diesen Farben gestreifte Blüten besitzt, und auf den Hängen 
der süddeutschen Gebirge und der Alpen vielfach in großer 
Anzahl anzutreffen ist. Der gleichfalls häufig in Gärten zu 
findende gelbblühende Safran -K. (G. sativus'^) entstammt 
dem Mittelmeergebiete. Er wird in mehreren Gegenden an- 
gebaut, um aus seinen großen, getrockneten Narben den Safran herzustellen, der 
vor-ftiegend zum Gelbfärben von Backwaren benutzt Avird. — Eine beliebte Garten- 
pflanze ist auch die Sieg-wurz (Gladiolus''), deren Blüten zu großen, einseitswendigen 
Trauben gehäuft sind. 




F r ü h 1 i n g s - K r o k u s . 



1) iiümüus, Zwerg. 2) //erriiaiiicus, deutsch. 3) vielleiclit ein hebräisches Wort, i) vtrinis, 
im Friihliiige hlühond. 5) .satiru.s, angebaut. G) gladiolus, kleines Schwert (Blätter!). 



Bananengewächse. 



323 



80. Familie. Bananengewächse (Musaceae^). 
Die Banane oder der Pisang (Musa sapientium u. paradisiaca^). 

Wie es bei uns nur selten einen Garten gibt, in dem nicht ein Birn- 
oder Apfelbaum stände, so findet sich in den heißen Ländern die Banane 
überall in unmittelbarer Nähe der menschUchen Wohnungen. Aus einem 
im Boden dahin kriechen den Wurzelstocke erhebt sich ein kurzer, 
knoUiger Stamm, der zahlreiche mächtige Blätter trägt. Die scheiden- 
förmigen Teile der Blattstiele, die 
auch nach dem Absterben der 
Blattflächen erhalten bleiben, 
schließen so eng zusammen, daß 
sie einen bis 10 m hohen „Schein- 
stamm" bilden. Für dieses wenig 
widerstandsfähige Gebilde scheinen 
Blätter, die dem Winde eine große 
Angriffsfläche darbieten, nicht be- 
sonders geeignet zu sein. Die Ba- 
nane wird jedoch trotz der riesigen 
Blätter selbst vom Sturme nicht 
geknickt. Da nämlich der Blatt- 
rand völlig ungestützt ist, und 
die von der Mittelrippe ausgehen- 
den Seitennerven senkrecht auf 
dieser stehen, wird die Blattfläche 
schon durch einen mäßig starken 
Wind in zahheiche Streifen zer- 
rissen. Infolge dieser völhg un- 
schädlichen „Fiederung" verhält 
sich das Blatt jetzt wie ein wirk- 
liches Fiederblatt, dessen einzelne 
Teile dem Anpralle des Windes 
leicht ausweichen. Aus der Spitze 
des Scheinstammes erhebt sich der 
hängende Blütenstand, der bald 
in eine oft zentnerschwere Fruchttraube übergeht. Die gurkenähnlichen 
Früchte besitzen je nach der Spielart, von der sie stammen, ein saftiges, 
süßes oder ein mehlreiches Fruchtfleisch, das Millionen von Menschen 
zur täglichen Nahrung dient. 

Eine andre Bananenart (M. textilis^) liefert in den Gefäßbündeln ihrer Blattstiele den 
festen Manilahanf, der namentlich zu Seilen verarbeitet wird. Die wertvolle Pflanze 
wird in den heißen Teilen von Ostasien, namentlich aber auf den Philippinen kulti%aert. 

1; Musa, aus einem indischen oder arabischen Worte entstanden oder zu Ehren von Antonius 
Musa, dem Leibarzte des Kaisers Augustus benannt; saimntnnn , der Weisen; jmradisiacu!> 
paadiesisch. 2) textilis, gewebt. 




Banane mit Fruchtstand, dahinter 
eine junge Pflanze. 



324 



Bananengewächse. Knabenkrautgewächse oder Orchideen. 

'^ 1^ Ä^ ^^^ Fasern gelangen, wie sclion ihr Name be- 

sagt, besonders von Manila aus in den Handel. 
Auch in die deutschen Kolonien sucht man die 
wichtige Pflanze einzufüiiren. 

Ein Glied einer den Bananen n ah est cOi en- 
den Familie ist der Ingwer (Zingiber olTi- 
cinäle*), der in zahlreichen Tropenländern an- 
gebaut wird. Der Wurzelstock, der dem dei- 
Schwertlihe nicht unähnlich ist, liefert das be- 
kannte gleichnamige Gewürz , das besonders 
zur Herstellung von Likören dient. — Ein 
andres verwandtes Gewächs ist das Blumen- 
rohr (Canna'-). das in den heißen und wärmern 
Teilen von Amerika heimisch ist. Die prächtige 
I^flanze wird ihrer großen, sciiönen Blätter wegen 
bei uns in zahlreichen Arten gern zur Bildung 
von „Blattpflanzen"-Gruppen verwendet. 




Ingwer (veikl.). 



s^«-M^ 81. Familie. Knabenkrautg-ewächse 
oder Orchideen (Orchidäceae"). 



Blüte zweiseitig-symmetrisch. Blutenhülle aus 2 gleichen, dreiblättrigen Kreisen. Meist 

nur ein Staubblatt, das sich mit der Narbe auf einem Fortsatze des unterständigen 

Fruchtknotens, dem sog. Säulchen, befindet. Fruchtknoten meist einfächerig. Frucht 

]<apselartig mit sehr zahlreichen äußerst kleinen Samen. 

Das l>reitl)lättrige Knabenkraut oder die l)reitl)lättrigc Orcliis (Orchis 

latiföUa'l) Taf. 84. 

A. Eine Frühlinti^spflanze feuchter Wiesen. Wenn auf feuchten 
Wiesen das Gras zu sprießen beginnt, kommt auch das Knabenkraut 
zum Lichte hervor. Es vermag so zeitig zu erscheinen, weil ihm wie 
vielen andern Frühlingspflanzen Stoffe zum Aufbau der oberirdischen 
Teile zur Verfügung stehen. Diese Stoffe sind in einer Knolle enthalten. 

1. Die Knolle hat infolge ihrer eigentümlichen Form von jeher die 
Aufmerksamkeit der Menschen auf sich gezogen. Weil sie allerlei Segen 
über den Besitzer bringen sollte, bezeichnete man sie als „Christus-, 
Marien- oder Glückshändchen". Die dunklen Knollen (s. w. u.) dagegen 
galten als „Teufelshände oder Satansfinger". Die Baustoffe sind in 
den Knollen besonders als Stärke (Jodprobe; s. S. 220) und Pflanzen- 

1; zingibtr, Ingwer, uns dem Altindischen stammend; offiriualis, in der Apotlieke verwendet. 
2) Rolir; aus einem Worte der ältesten bekannten Sprache Mesopotamiens entstanden. 3) orchis. 
bei den Griechen eine Tu. mit Knollen; lutifolius, breitblättrig. 

Taf. 34. 1. Blühende Pflanze. Das Hüllblatt, in dessen Achsel sich der nächstjährige 
Trieb bildet, ist wie in Fig. 2 entfernt. 2. Unterirdische Teile zur Zeit der Fruchtreife. 
3. Blüte: St. Staubblatt, T. Täschchen, N. Narbe. 4. Blüte, von einer Hummel besucht. 
An der Stirn des Tieres die Staubkölbchen. .5. Hummel mit Staubkölbchen, die sich 
bereits nach unten geneigt haben. 6. Staubkölbchen. 7. Frucht, aus der der Wind 
Sameu heraus bläst. 8. Same (vero-r.). 



Schmeils Naturwissenschaftliches Unterrichtswerk. 




Breitblättriges Knabenkraut oöer breitblättrige Orchis 
(Orchis latifolia). 



Knabenkrautgewächse oder Orchideen. 325 

schleim aufgespeichert und zwar in so großen Mengen, daß man aus ihnen 
ein nahrhaftes, schleimiges Heilmittel, den Salep, herstellen kann. — Zur 
Gewinnung dieses Stoffes dienen aber zumeist andre und zwar vor- 
wiegend ausländische Arten der Familie. 

Gräbt man die Pflanze im zeitigen Frühjahre aus dem Boden, so 
findet man in der Achsel eines der häutigen Hüllblätter, die den jungen, 
oberirdischen Trieb umgeben, eine Knospe. Sie treibt einige Wurzeln, 
die das Hüllblatt durchbrechen, und von denen meist eine zu einer 
kleinen Knolle von der Form der „alten" anschwillt. Zur Blütezeit hat 
sich das KnöUchen schon merklich vergrößert, während die „alte" Knolle 
braun geworden und etwas verschrumpft ist. Untersucht man die Pflanze 
etwa zur Zeit der Fruchtreife wieder, so ist die junge Knolle zur Größe 
der alten herangewachsen, die jetzt dunkelbraun aussieht und noch mehr 
verschrumpft ist. Gräbt man nun endlich nochmals nach, wenn der 
Herbst ins Land zieht, so ist die alte Knolle abgestoßen und in Ver- 
wesung begriffen. Diese Erscheinungen sind also genau dieselben, wie 
z. B. bei der Kartoffelknolle, nur daß sich beim Knabenkraute die junge 
Knolle aus der Wurzel bildet (Wurzelknolle), und daß dies in unmittel- 
barer Nähe der alten erfolgt. Wir haben hier also — kurz gesagt — 
folgenden Vorgang: Während sich aus den Vorratsstoffen, die in der Knolle 
aufgespeichert sind, die oberirdischen Teile aufbauen, bildet sich an ihr 
eine Ersatzknolle für das nächste Jahr. Als ein für die Pflanze nun- 
mehr wertloses Gebilde geht die alte Knolle schließlich zugrunde. An 
ihre Stelle ist die neue getreten, die prall mit Baustoffen für das kom- 
mende Jahr gefüllt ist. 

2. Stengel und Blätter, a) In dem Maße, in dem sich die Wurzel 
zu der Ersatzknolle ausbildet, vergrößert sich auch die Knospe, aus der 
die Wurzeln hervorbrechen. Anfangs ist sie noch von dem Hüllblatte, 
in dessen Achsel sie entsteht, schützend bedeckt. Mit dem Verwesen 
dieses Blattes wird sie aber frei und stellt jetzt einen kegelförmigen 
Trieb dar, der selbst die Grasnarbe der Wiese leicht zu durchbrechen 
vermag. Als Schutzmittel gegen Verletzungen dient ihm eine Scheide, 
die gleichfalls aus farblosen Hüllblättern gebildet wird. Hat der Trieb die 
Erdoberfläche erreicht, so stellen diese Blätter das Wachstum ein und wer- 
den von den eingeschlossenen Teilen auseinander gedrängt. Sie sind jetzt 
für die Pflanze ohne Bedeutung, sterben ab, werden braun und verwesen, 

b) Zwischen den kegelförmig zusammengeneigten Blättern ist auch 
der Blütenstand mit über den Boden gelangt. Er erhebt sich am Ende 
eines hohlen Stengels, der sich — je nach der Höhe des mit wachsenden 
Grases — stets so hoch streckt, daß die Blüten den Augen der Insekten 
frei ausgesetzt sind. 

c) Die meist schwarzbraun gefleckten Blätter ähneln nach Form und 
Stellung denen der Talpe. Sie sind vollkommen kahl; denn da sie von 
der feuchten Frühlingsluft umflutet werden, und da der nasse Wiesen- 
grund Wasser zur Genüge liefert, können sie z. B. des schützenden Haar- 



326 



Knabenkrautgewach.se oder Orchideen. 



„obern" 




kleides entbehren, das wir bei zahlreichen Sommer- und Trockenland- 
pflanzen finden. 

3. Wurzeln. Die wenigen kurzen, unverzweigten und strangartigen 
Wurzeln genügen, dem feuchten Boden ihres Standortes die nötigen 
Wassermengen zu entnehmen. 

B. Eine Pflanze, die allein durch Insekten bestäubt werden kann. 
1. Bau der Blüte. Die Blüten nehmen den Endteil des Stengels 
ein. Sie entspringen aus der Achsel je eines Deckblattes, das ihnen 
im Knospenzustande als Schutz diente. Der Stiel, auf dem sie sich zu 
erheben scheinen, ist der unterständige Fruchtknoten. Die Blüten- 
hülle, die in ihrer Färbung große Verschiedenheiten (lila bis weißlich) 
aufweist, ist zweiseitig - symmetrisch und bestellt aus 2 dreiblättrigen 
Kreisen. Das große mittlere Blatt des äußern Kreises und die beiden 
Blätter (s. aber Abschn. b) des Innern Kreises neigen sich 
helmförmig zusammen und bilden ein Regendach für 
die Innern Blütenteile. Die beiden andern äußern 
Blätter sind langgestreckt, während das untere, innere 
Blatt eine große, dreiteihge, purpur-gefleckte Unter- 
lippe darstellt und in einen langen Sporn ausgezogen 
ist. Dicht über dem Eingange zum Sporn findet sich 
auf einem kurzen Fortsätze des Fruchtknotens, dem sog. 
Säulchen, die große, glänzende Narbe und darüber das 
einzige (ausgebildete) Staubblatt. Der Faden des Staub- 
blattes ist mit dem Säulchen so innig verschmolzen, daß nur der Staub- 
beutel sichtbar ist. Er besteht aus 2 Fächern, die sich durch Je einen 
Längsspalt öffnen. Im Gegensatz zu den meisten andern Pflanzen, bei 
denen der Blütenstaub ein feinkörniges Pulver bildet, sind hier stets 
mehrere Staubkörnchen miteinander verwachsen. Zahlreiche der auf diese 
Weise entstehenden „Paketchen" sind wieder durch einen Klebstoff zu 
einem kleinen, gestielten Kolben vereinigt, der in einem Klebscheib- 
chen endet. Die Scheiben beider „Staubkölbchen" sind in einer 
kleinen „Tasche" geborgen. 

2. Bestäubung der Blüte. Eine so eigentümlich gebaute Blüte 
wird uns wie in allen andern ähnhchen Fällen nur dann recht verständ- 
lich, wenn wir ihre Bestäubung genau verfolgen. 

a) Die Blüten sind an sich nicht besonders groß. Da aber ihrer 
viele zu einer Ähre gehäuft sind, werden sie den Insekten doch auf- 
fällig. Die Auffälligkeit wird vielfach noch dadurch erhöht, daß auch 
die Deckblätter und der obere Teü des Stengels bunt gefärbt sind. 

b) Die anfUegenden Insekten — vornehmlich sind es Fliegen und 
Hummeln — finden auf der Unterlippe einen bequemen Sitz, öffnet 
man jedoch eine Blüte, solange sie sich noch im Knospenzustande be- 
findet, so sieht man, daß dieses Blatt nach oben gerichtet ist, also 
eine sehr ungünstige Stellung hat, um als Sitzplatz für die Bestäuber 
zu dienen. Es tritt aber eine Korrektur ein: Kurz bevor sich die Blüte 



Blütengrundriß des 
Knabenkrautes. 



Knabenkrautgewächsc oder Orchiduen. 



327 




öffnet, dreht sich iiämUch der als Stiel dienende Fruchtknoten um 
180® und bringt somit die Blüte in die „richtige" Lage. Zahlreiche 
dunkel -purpurrote Flecke und Striche, die alle nach der Öffnung des 
Spornes hinweisen, bilden vielleicht das Saftmal, das dem Blütengaste 
zeigt, wo es für ihn etwas zu naschen gibt. 

c) Sobald das Insekt Platz genommen hat, senkt es den Rüssel in 
den Sporn, der auffallenderweise aber keinen freien Honig enthält. Der 
in der fleischigen Wand dieses Blütenteiles enthaltene süße Saft muß 
von dem Tierchen mit Hilfe der Rüsselspitze erst erbohrt werden. 

d) Unmittelbar über dem Eingange zum Sporn, genau in der Blüten- 
mitte, findet sich aber das Täschchen. Das zarte Häutchen wird daher 
von dem saugenden Blütengaste mit dem 
Kopfe berührt: Es zerreißt, die beiden 
Klebscheiben werden frei und heften 
sich dem Tiere an Stirn oder Augen. Ver- 
läßt das Insekt darauf die Blüte, so zieht 
es die beiden Staubkölbchen aus den 
Staubbeutelfächern hervor, und wie mit 
2 Hörnchen geschmückt fliegt es davon. 
Ahmt man diesen Vorgang vielleicht mit 
Hilfe eines zugespitzten Bleistiftes nach, so 
sieht man, wie sich die anfangs aufrecht 
stehenden Kölbchen sehr bald nach vorn 
neigen. Dasselbe geschieht natürlich auch, 
wenn sie an dem Kopfe eines Insektes kleben. 

e) Läßt sich das Tier auf einer zweiten Blüte nieder, so müssen in- 
folgedessen die Kölbchen gerade die Narbe treffen, die sich ja unter- 
halb des Täschchens befindet: einige Staubkorn-Paketchen bleiben an der 
klebrigen Narbenfläche haften, und — die Bestäubung ist erfolgt. 

C. Eine Pflanze, die durch den Wind verbreitet wird. 1. Durch- 
schneidet man den Fruchtknoten zur Blütezeit, so sieht man, daß er 
— wie im Blütengrundriß dargestellt ist — aus 3 miteinander verwachsenen 
Blättern besteht, die an den Rändern zahkeiche Samenanlagen tragen. 
Indem sich bei der Reife diese „Samenträger" von den übrigen Teilen 
der Fruchtblätter ablösen, öffnet sich die Kapsel mit 6 Klappen. 

2. Da diese Klappen aber oben und unten vereinigt bleiben, können 
die Samen nicht auf einmal heraus- und in unmittelbarer Nähe der Mutter- 
pflanze niederfallen. Wohl aber vermag der Wind durch die Spalten zu 
streichen, die Samen in kleinen Wolken herauszublasen und weithin zu 
verwehen. Beides ist um so leichter möglich, als die Samen staubförmig 
kleine Gebilde sind. Außerdem umschheßt die Samenschale den Keimling 
wie ein weiter Mantel, der dem geschäftigen Winde eine verhältnismäßig 
große Angriffsfläche darbietet. 

3. Ein solches Herausblasen der Samen wäre jedoch bei einer Kapsel, 
die wie der Fruchtknoten schraubenförmig gedreht ist, kaum möghch. Da 



Staubkölbchen auf der Spitze 

eines Bleistiftes. 1. Nach dem 

Hervorziehen; 2. einige Minuten 

darnach. 



328 



Kiiabenkrautifewächse oder Orchideen. 



der Fruchtknoten nach erfolgter Bestäubung aber seine Drehung verhert, 
sich also wieder gerade streckt, kann der Wind der Pflanze sehr wohl 
diesen wichtigen Dienst leisten. 



Andre Knabenkrautgewächse oder Orchideen. 

Die Orchideen gelniren wegen des seltsamen Baues ihrer Blüten sicher zu den 
interessantesten Gliedern der Pflanzenwelt. Viele von ihnen zeichnen sicli zudem noch 
durch Farbenpracht und köstUchen Duft aus. Sie bewohnen die verschiedensten Boden- 
arten und treten hier in geringerer, dort in größerer Anzahl auf. Gegenden mit Kalk- 
boden sind besonders reich daran. 

In der Gesellschaft der eingehend betrachteten Pflanze findet sich das ganz ähn- 
liche g-eflecktc Knabenkraut (0. maculäta^), das durch den massiven Stengel leicht 
\'on jener zu unterscheiden ist. — Auf Triften und trocknen 
Wiesen ist häufig das kleine Salep-K. (0. mono-) anzutreffen, 
das runde Knollen besitzt. — Eine überaus zarte Schattenpflanze 
ist die Kuckucksblume (Piatanthera biföha*^). Die rein -weiße 
Blütenfarlje, der besonders bei Nacht stark hervortretende Nelken- 
duft, sowie der lange, enge Sporn lassen uns in ihr leicht eine 
Nachtfaltert)lume erkennen. — Im Waldesschatten wächst auch 
das Zweiblatt (Listera oväta''), dessen un- 
scheinbar grüne, aber sehr honigreiche 
Blüten besonders durch ScUupfwespen bt- 
-taiibt werden. — Spornlos wie die Blüten 
(h('>cr Pflanze sind auch die der Sumpf- 
»urz-Arten (Epipäctis''), die teils sumpfige 
Wie.-en, teils Wälder, teils den trockensten 
Sandboden bewohnen. — Die schönste 
unsrer Orchideen ist unstreitig der Frauen- 
schuh (Cypripedilum calceolus"), der auf 
Kalkboden im Schatten des Laubwaldes 
gedeiht. Er trägt nur wenige, dafür aber 
um so größere Blüten, deren gelbe Unter- 
üppe — vde der Name andeutet — einen 
zierlichen Schuh bildet. — Eine überaus 
sonderbare Pflanze ist die blasse Nestwurz 
(Neöttia nidus avis'), die im blöder des 
Waldbodens wurzelt, der Laubblätter ent- 
behrt und nur Spuren von Blattgrün be- 
sitzt. Gleich der Hopfenseide ist sie daher 
auch nicht imstande, die für das Leben 
und den Aufbau ihres Körpers nötigen 
Stoffe zu bereiten. Doch stehen weder 
die oberirdischen Teile wie bei dieser, noch 
der eigentümlich nestartige Wurzelstock wie 
z. B. bei der Schuppenwurz mit andern 

1. Knollen des Salep-Knabenkrautes. Pflanzen in Verbindung: Das seltsame, 

2. Blütenstand und einzelne Blüte vom gelbe oder bräunhche Gewächs nährt sich 
Zweiblatt. 3. Blüte der Sumpfwurz. von den Stoffen, die im Boden schattiger 




1) mandahis, gefleckt. 2) morio, Nai-r (Blüte soll einer Narrenkappe älinelu). 3) platanthera: 
platys, hieit und anthera, Staubbeutel; hifolia: hi-, zwei und /öZmw, Blatt. 4) Listera, nach dem 
Botaniker Lister in London (f 1711); ovatus, eiförmig. 5) zusammengesetzt aus epi, darauf und 
pakiöo, ich befestige {?). 6) cypripedilum: Kypris, Bewohnerin von Cypern und iMiloii, Sandale 
lalso Sandale derl\'ypris, d.h. der auf Cypern verihrten Göttin Aphrodite): calceollts, kleiner Schuh. 
7) neottia, A'ogelnest; nifhin, Nest; avis, des Vogels. 



Knabenkrautgevväclisc oder Oruliidi'oii. 



829 




1. 1. 3. 

Einheimische Orchideen: 
1. Ku ckueköbluiue; 2. Frauenschuh; 3. Nestwurz. 



330 



Knabenkrautgewächse oder Orchideen. 




Tiopische Orchidee 
(Cattleya--Art aus Brasilien), als Überpflanze 
auf einem Baumzweige wachsend (verkl.). 




Wälder faulen, es ist also 
kein Schmarotzer (Parasit) 
wie jene, sondern eine 
Verwesungspflanze (Sa- 
prophyt^). 

Wie sich unter dem 
Einflüsse hoher Wärme 
und großer Feuchtigkeit 
die Pflanzenwelt der 
Tropen zu höchster 
Pracht entfaltet, so gilt 
dies für die Orchideen im 
besondern. Die viel- 
gestaltige Pflanzenfamilie 
ist dort durch Tausende 
von Arten vertreten, die 
untereinander in der 
Schönheit ihrer oft höchst 
bizarren Blüten wett- 
eifern. Dies zeigt uns 
schon ein Gang durch 
eines jener Warmhäuser, 
in denen bei uns die 
kostbaren Pflanzen ge- 
pflegt werden. Zahlreiche 
dieser seltsamen Formen 
sind in ihrer Heimat Be- 
wolmer der dichten Ur- 
wälder. Die Kronen der 
Baumriesen hindern die 
Sonnenstrahlen aber viel- 
fach, bis zum Boden zu 
dringen, so daß dort ein 
beständiges Halbdunkel 
herrscht. Trotzdem wer- 
den die Orchideen des 
belebenden Lichtes teil- 
haftig. Sie haben näm- 
lich in ihrer Mehrzahl 
den für sie durchaus un- 
günstigen Waldboden ver- 
lassen und sich auf den 
Stämmen und Zweigen 
der Bäume angesiedelt, 
soweit diese von den 
Sonnenstrahlen getroffen 
werden. Dort breiten 
diese Ü b e r p f 1 an z e n 
(Epiph}'ten ^) ihre Wurzeln 
aus oder lassen sie frei 



Blühender und fruchttragender 
,'^ Zweig der Vanille, der die ver- 
^ trockneten Äste eines Baumes 

alb Stütze benutzt (V2 nat. Gi.). 



1) saprös, verfault und 
jjhytön . PEanze. 2) nach 
einem Engländer Cat^ley 
benannt. 3) ejn, darauf und 
lihytön, Pflanze. 



Geologisches Vorkommen der bcdecktsamigeii Pflanzen. 



331 



herabhängen (Luftwurzeln). Die Nalirungsstoffe, die andre Pflanzen dem Boden ent- 
ziehen, entnehmen sie dem Staube, den der Wind in die Ritzen und Spalten der Rinde 
weht, sowie dem Regen und dem Tau, der auf sie herabfällt. Tritt in der Heimat 
der Pflanzen die trockne Jahreszeit ein, so ist ein solcher Standort aber höchst un- 
gfinstig. Zahlreiche Arten speichern jedoch gleich den Kaktusgewächsen in deni knollig 
angeschwollenen Stamme jeden Wassertropfen auf, 
den sie erlangen können, um während der Zeit der 
Trocknis aus diesem „Brunnen zu schöpfen". 

Eine dieser Urwaldpflanzen ist die Vanille 
(Vanilla planiföUa^), die uns in ihren unreifen, langen 
schotenförmigen Früchten das bekannte köstliche 
Gewürz Hefert. Sie ist im tropischen Amerika hei- 
misch, wird gegenwärtig aber fast in allen heißen 
Ländern angebaut. Auch das Klima unsrer Kolonien 
scheint ihr zuzusagen. Mit Hilfe langer, rankendei 
Luftwurzeln klettert sie zum Lichte empor und hat 
im Gegensatz zu den zahlreichen farbenprächtigen 
Orchideen ihrer Heimat nur unscheinbare, giun- 
gelbe Blüten. 



Geologisches Vorkomitieii der bedeckt- 
sämigen Pflanzen. 

Die bedecktsamigen Pflanzen sind als die höchst- 
stehenden auch die jüngsten Glieder im Reiche der 
Gewächse. Nachdem die Nacktsamer (s. S. 332) ihre 
größte Ausbreitung erreicht hatten, treten sie (in 
der Kreide) auf, und zwar sofort in einem Formen- 
reichtume, der auf eine viel frühere — uns aber un- 
bekannte — Entstehung hinweist. Merkwürdig ist auch, 
daß sowohl ein-. 




Blattabdruck einer Pflanze aus 
der Kreide (Credneria ^), die 
wahrscheinlich der Platane ver- 
wandt war. 



als auch zweikeim- 
blättrige Pflanzen 
gleichzeitig auf dem 
Schauplfitze des Le- 
bens erschienen, so 
daß wir den ver- 
wandtschaftlichen 
Zusammenhang die- 
ser beiden großen 
Gruppen nicht si- 
cher kennen. Wahr- 
scheinlich stellen 
erstere einen selb- 
ständig gewordenen 
Seitenzweig der letz- 
tern dar. 

Während in den 
Gesteinsschichten 
iener ältesten Zeiten 




Blattabdruck einer Fächerp alme der Tertiär zeit. 



nur Blätter angetroffen werden, die etwas Sicheres 
zelneu Formen und Gruppen nicht erkennen lassen 



über die Verwandtschaft der ein- 
, sind aus spätem geologischen 



1) vanilla, nach dem spanischen vaynüla, Scliötchen; planifolia: /dänus, eben, flach und fö- 
lümi, Blatt. 2) Nach Heinr. Credner, Professor in Halle, benannt. 



332 Kiefernge wachse. 

I'eiioden auch Blüten und Früchte erlialten geblieben. So wissen wir z. B., daß Eielien, 
Birken, Erlen, Weiden, Palmen, ]\Iagnolien, Feigen u. a. Gattungen sind, die in weit 
hinter uns liegende Zeiten zurückreichen. 

Überaus wichtig ist auch die Tatsache, daß die ältesten Formen Windblütler 
waren, daß erst verhältnismäßig spät die Insekten in den Dienst der Bestäubung traten, 
und daß die geographische Verbreitung der Pflanzen große Verschiebungen er- 
fahren hat. So wuchsen z. B. während der Tertiärzeit im Nordpolargebiete Brotfrucht- 
bäume, Farne, Magnolien, Lorbeergewächse u. dgl., und die Pflanzenwelt unsrer Heimat 
trug sogar ein völlig tropisches Gepräge. 



2. Klasse. Nacktsamige Pflanzen (Gymnosp^rmae ^). 

Pflanzen, deren Samenknospen nicht in einem Fruchtknoten eingeschlossen sind, 
sondern sich auf dem offenen Fruchtblatte befinden. 

1. Familie. Kieferngewächse (Pinäceae -). 

Holzgewächse, deren Samenblüten mehrere Fruchtblätter besitzen und sich zu 
holzigen oder (selten) fleischigen Zapfen entwickeln. 

1, Die Kiefer (Pinus silvestris ^). Tai 35. 

Kein Baum bedeckt im mittlem und nördlichen Europa so weite 
Flächen wie die Kiefer oder Föhre. Obgleich sie auf allen Bodenarten 
gedeiht, treffen wir sie doch vorwiegend auf Sandboden an. Dort bildet 
sie oft mächtige Wälder, die nach dem treusten Begleiter des anspruchs- 
losen Baumes, dem Heidekraute, vielfach als Heiden bezeichnet werden. 
Ja, sie ist sogar imstande, den ödesten Sand zu beleben. Wollen wir 
die merkwürdige Pflanze recht verstehen, so müssen wir uns bei ihrer 
Betrachtung daher zunächst fragen, wodurch sie befähigt ist, das 
Ödland zu bewohnen. 

A. Wurzel. 1. Nehmen wir eine junge Kiefer und einen andern 
gleichalterigen Baum, die beide auf demselben Grande gewachsen sind, 
aus dem Boden, so werden wir finden, daß die Kiefer alle andern Bäume 
durch ihr großes und stark verzweigtes Wurzelgeflecht übertrifft. 
(Sie hat z. B. 12 mal soviel Wurzelfasern als die Fichte.) Diese Tatsache 
ist schon eine Antwort auf die soeben aufgeworfene Frage: Bäume mit 
gering entwickeltem Wurzel werke finden in dem lockern, sowie wasser- 
und nahrungsarmen Sandboden weder den nötigen Halt gegen die Macht 
der Stürme, noch die zum Leben notwendigen Wasser- und Nahrungs- 
mengen. Die Kiefer dagegen hält sich in dem lockern Grunde wie mit 
Tausenden und Abertausenden von Armen fest. Da sie mit ihrem mäch- 
tigen Wurzelgeflechte eine sehr große Erdmasse durchzieht, vermag sie 
selbst aus ödem Sandboden die nötigen Wasser- und Nahrungsmengen 

1) Zusainmeugesfctüt aus r/yinnös, uackt, uuLedeckt und spenna, Same. 2i piiius, Kiefer oder 
Fichte; süvestris, im Walde wachsend. 



Taf. Üö. 1. Zweig mit Stb. Staubl)lüten, Sab. Samenblüten, Z 1. vorjährigem und Z 2. 

vorvorjälirigem Zapfen. 2. Staubblüte. 3. Samenblütc. 4. Fruchtblatt von unten und 

5. von oben gesehen. 6. Fruchtschuppe mit ..ihren" Samen. 



Schmcil, Lehrbuch der Botanik. 



Tafel 35. 




5 V , 4 

Kiefer (Pinus silvestris). 



Kiofornyewäclise. 



333 



herbei zu schaffen. Sie gedeiht noch an Orten, an denen andre Bäume — 
verdursten und verhungern müßten. 

2. Ziehen sich die Wurzeln eines Baumes, der auf lockerm Sande 
wächst, flach unter der Erdoberfläche dahin (wie z. B. die der Fichte), so 
befindet er sich in steter Gefahr, durch den Sturm entwurzelt zu werden. 
Die Kiefer dagegen trotzt meist dem heftigsten Anpralle. Sie ist nämlich 
durch eine Pfahlwurzel, die sich tief in den Untergrund senkt, und von 
der wieder zahlreiche Neben wurzeln ausstrahlen, sicher im Boden ver- 
ankert. Wegen dieser tiefgehenden Wurzel vermag die Kiefer umgekehrt 
aber auch nur auf „tiefgründigem" Boden zu gedeihen. Auf Felsunter- 
grund kommt sie nur dann fort, wenn sie mit den Wurzeln in Spalten 
und Klüfte eindringen kann. 

3. Die Kiefer ist imstande, selbst die kleinste Menge von Tau und 
Regen, die den dürren Boden tränkt, sich dienstbar zu machen; denn sie 
besitzt ferner zahlreiche oberflächlich verlaufende Wurzeln. Die 
feinsten Verzweigungen dieser Wurzeln „trinken" den Tau und Regen, 
der den Boden feuchtet, und der von der dürftigen Pflanzendecke (Moos- 
polster!) oder von der verwesenden Nadelschicht festgehalten wird. (Be- 
urteile hiernach das Entfernen der abgefallenen Nadeln, der sog. Wald- 
streu!) Bei fortgesetztem Wachstume erheben sich die „Tau wurzeln", 
da sie nach oben weniger Widerstand finden, z. T. oft über die Erde. 

4. Die Pflanzen nehmen das Wasser in der 
Regel durch zahlreiche Wurzelhaare auf, die sich an 
den Enden der feinsten Wurzeläste finden. Der Kie- 
fer fehlen aber gleich den meisten andern Wald- 
bäumen diese Gebilde. Wie sich dagegen bei schwa- 
cher Vergrößerung (bei der Buche meist schon mit 
bloßem Auge) erkennen läßt, sind die Wurzelen- 
den von einem dichten Geflechte zarter Pilz- 
fäden umsponnen. Von diesem Pilzmantel gehen 
zahlreiche Fäden nach außen, durch wuchern den 
Waldboden und entnehmen ihm Wasser samt den Wurzelende der Kiefer 
darin gelösten Nährstoffen. Andrerseits legen sich ^^ Längsschnitte,, von 
j. -r,.. , 1 1- 1 i T iTtr 11 1 r, r'ilziaden umsponnen 
die raden aber so dicht um die Wurzelenden, daß (etwa 200 mal nat. Gr.). 
diese imstande sind, ihnen das aufgenommene Wasser 

zu entziehen und es sich dienstbar zu machen. Schon aus der Länge 
der Fäden geht hervor, daß der Baum den Waldboden auf diese Weise 
weit besser auszunützen vermag, als wenn seine Wurzelenden wie bei 
den meisten andern Pflanzen mit winzig kleinen Wurzelhärchen bedeckt 
wären. Daß dem wirklich so ist, haben zahlreiche Versuche dargetan, 
die von Naturforschern angestellt wurden: Man säte Kiefernsamen teils 
in gewöhnliche, teils in solche Walderde, in der man vorher alle Pilz- 
keime sorgfältig getötet (kurz: die man sterilisiert) hatte. Während sich 
die Samen in der pilzhaltigen Walderde schnell zu kräftigen Pflanzen 
entwickelten, blieben die im pilzfreien Boden erwachsenen stark zurück. 




334 Kieferngewächse. 

Einige der kümmerlichen Pflänzchen begoß man nun nachträglich mit 
Wasser, in das man etwas Walderde gebracht hatte, und das demnach 
zahlreiche Pilzkeime enthielt, und siehe da, diese Kiefern gediehen sofort 
zusehends; die andern Pflänzchen dagegen begannen bereits nach2 Jahren — 
abzusterben. (Versuche, die mit Buchen angestellt wurden, führten zu 
demselben Ergebnis. Im einzelnen sind aber die Beziehungen zwischen 
Pilz und Wurzel noch ziemlich unbekannt.) 

B. Stamm imcl Zweige. 1. Der Stamm und die Zweige der Kiefer 
sind in der Jugend mit einer rötlichen Rinde bekleidet, die sich in papier- 
dünnen Häutchen ablöst. Später werden sie von einer dicken, graubraunen 
Borke bedeckt, die in ansehnlichen Platten abblättert. Da diese Hüllen 
vorwiegend aus Kork bestehen, einem Stoffe, der (Flaschenkorke!) für 
Wasserdampf fast undurchlässig ist, so haben wir es in den Hüllen mit 
einem Schutzmittel des Baumes gegen zu starken Wasserverlust zu tun. 
Ein solcher Schutz ist aber für die Kiefer, die besonders auf Sandboden oft 
mit dem größten Wassermangel zu kämpfen hat, sicher von höchstem Werte. 

2. Stamm und Zweige sind wie fast alle andern Teile des Baumes 
sehr reich an Harz. Schlägt man der Kiefer eine Wunde, oder schneidet 
man nur eine ihrer Nadeln durch, so fließt dieser stark klebrige Stoff 
alsbald hervor und verschließt die Wundstelle. Dadurch wird den Pilz- 
sporen, die Krankheit oder Fäulnis erregen, der Eintritt verwehrt. Das 
bittere, klebrige Harz hält auch zahlreiche Tiere ab, Teile des Baumes 
durch Fraß zu zerstören. Wie jedoch die Pilze zeigen, die Stämme und 
Zweige durchwuchern oder die Nadeln vernichten, und wie besonders das 
Heer der Schädhnge aus der Insektenwelt erkennen läßt, ist dieser Schutz 
kein vollkommener, wie es einen solchen in der Natur ja überhaupt 
nicht geben kann. (Das Harz mehrerer ausgestorbener Nadelhölzer ist in 
dem Bernsteine erhalten geblieben.) 

3. Der Stamm der Kiefer löst sich nicht wie z. B. der der Eiche in 
mehrere große Äste auf. Er verlängert sich im Gegenteü alljährlich um 
ein Stück. Auf diese Weise entsteht jener schlanke „Schaft", der eine 
Höhe von fast 50 m erreichen kann, und der von dem Menschen so hoch 
geschätzt wird. 

4. Am Ende des Stammes bildet sich außerdem alljährlich eine An- 
zahl quirlförmig angeordneter Zweige, so daß der Baum aus so 
vielen „Stockwerken" zusammengesetzt ist, als er Jahre zählt. Diese 
Zweige verlängern und verzweigen sich fortgesetzt in derselben Weise. 
Infolgedessen übertreffen die altern die Jüngern stufenweise an Länge, 
so daß der Baum die Gestalt einer regelmäßigen Pyramide annimmt. 
(Ein Naturforscher nennt die Nadelhölzer treffend ein „mathematisches 
Geschlecht".) 

5. Im Forste stehen die Kiefern so dicht nebeneinander, daß die 
untern Zweige der gleichmäßig emporwachsenden Bäume schon nach 
einigen Jahren in den Schatten gestellt werden. Whd ein Baum aber 
von andern im Wachstume überholt und beschattet, so bleibt er in seiner 



Kieferngewächse. 



335 




..-»^^ÜÄi 



Am Rande eim s Kk f( niu aldes, 



336 Kieferngewächse. 

Entwicklung immer mehr zurück und geht schheßlich ganz ein. Die Kiefer 
ist im Gegensatz zu den Schattenpflanzen, die mit einer geringen Licht- 
menge fürlieb nehmen, ein „Lichtbaum", der nur im vollen Genüsse 
des Sonnenlichtes gedeiht. Wie dem ganzen Baume, ergeht es aber auch 
den beschatteten untern Zweigen: Sie sterben ab und lösen sich vom 
Stamme (der Forstmann sagt: „Die Kiefer reinigt sich"). So entstehen 
die Bäume mit dem hohen, astlosen untern Stammteile und der kleinen, 
pyramidenförmigen Krone, wie sie uns im Walde überall entgegentreten. 
Im spätem Alter nimmt die Krone dieser Bäume eine andre Form 
an. Da der „Zuwachs" am obern Stammende und an Jüngern Zweigen 
geringer ist als an den untern Ästen, so breitet sich die Krone aus und 
wird schließlich schirmförmig. Solche alten, ehrwürdigen Bäume, die 
wie Riesen über den Wald emporragen, haben dann fast die Gestalt 
emer Pinie (s, das.). 

Ist die Kiefer dagegen auf einem freien Standorte erwachsen, so 
sterben die untersten Zweige (wie bei allen Bäumen) infolge Lichtmangels 
zwar gleichfalls ab. Die Krone aber bleibt groß und zeigt lange Zeit die 
ursprüngliche Pyramidenform. Später rundet sie sich jedoch mehr und 
mehr ab, so daß eine derartige Kiefer, aus der Ferne gesehen, oft ganz 
den Eindruck eines Laubbaumes macht. 

6. Anfangs Mai lassen die jungen Zweiglein die Kiefer wie einen 
mit zahlreichen Kerzen geschmückten Weihnachtsbaum erscheinen. Zer- 
bricht man einen solchen „Maitrieb", so erkennt man, wie zart und saft- 
reich er ist. Es gereicht ihm daher außerordentlich zum Vorteil, daß er 
gegen zu starke Wasserabgabe, sowde gegen die Unbilden der Witterung 
vortrefflich geschützt ist: Er steht nicht aUein senkrecht (s. S. 111, c), 
sondern ist auch von einer besondern Hülle umgeben, die die Stelle von 
Knospenschuppen vertritt. Diese Hülle ist aus zahlreichen häutigen, 
rostfarbenen Blättchen gebildet, die am Rande ausgefranst und so 
untereinander verfilzt und verklebt sind, daß sie gleichsam einen Mantel 
darstellen. Streckt sich der Trieb weiter in die Länge, so zerreißt der 
„Mantel", dessen bedeutungslos gewordene Blättchen schließlich einzeln 
oder zu Gruppen vereinigt abfallen. Nach einiger Zeit verlassen die 
jungen Zweige auch ihre „Schutzstellung", um immer mehr die Richtung 
der ausgebildeten anzunehmen. 

Wenn der „Mantel" zerreißt, läßt sich deutlich erkennen, daß jedes 
häutige Blättchen in seiner Achsel ein winziges Gebilde trägt, aus dem 
sich später je ein Nadelpaar entwickelt. Nun kommen aber aus den 
Achseln der Blätter nicht etwa andre Blätter, sondern stets Zweige her- 
vor, ein Zeichen, daß wir es in jenen Gebilden gleichfalls mit Zweigen 
zu tun haben. Im Gegensatz zu dem ganzen „Maitriebe", der sich stark 
in die Länge streckt, bleiben diese Zweiglein allerdings sehr kurz. Es 
sind Kurztriebe, während der größere Zweig, dem sie in großer Zahl 
aufsitzen, einen Langtrieb darstellt. 



Kieferngewächse. 337 

C. Blätter. Viel länger als das Zweigstück des Kurztriebes sind 
seine beiden Blätter, die nach ihrer Form als Nadeln bezeichnet werden. 

1. Jetzt, da der Langtrieb noch im Wachsen begriffen ist, sind die 
Blätter außerordentlich zarte Gebilde. Ihnen kommen daher außer den 
erwähnten Schutzmitteln des Langtriebes die häutigen, silberweißen 
Blättchen, die am Grunde des Kurztriebes entspringen und gleichsam 
einen zweiten Mantel oder eine Scheide bilden, sehr .j. 
zustatten. Wenn sich etwa Ende Mai der Lang- ||| "• -^• 
trieb stark zu strecken beginnt, durchbrechen sie 
diese Hülle und treten ins Freie. Die silberweißen 
Blättchen lösen sich dann zu spinngewebartigen Fäden 
auf und gehen bis auf Reste, die am Grunde der 
Nadeln zurückbleiben, bald verloren. 

2. Stellt man durch ein Nadelpaar, solange es '• 
noch von der Schutzscheide umhüllt ist, einen Quer- 
schnitt her, so sieht man, daß sich dieses in den 
Raum eines Kreises teilen muß. Infolgedessen hat i}'}'f' ^"'f ;'f . '\''' 

J\ 1 G I G r iUr slgIil iii clor 

der Querschnitt jeder Nadel — auch der aus- Achsel eines rostfarbe- 
gebildeten — die Form eines Halbkreises. nenBlättchens(r.B.),das 

3. Die Blätter sind die Teile der Pflanzen, die den Mantel des jungen 
das meiste Wasser verdunsten. Da nun die Kiefer Langtriebes („Maitne- 

p , , 1 T-, j u lA bes") bilden hilft, und 

auf sehr trocknem Boden auszuhalten vermag, wer- .^^ ^^ ^.^^^^ ^^^,^^^^ 
den wir wie bei andern Trockenlandpflanzen auch Mantelum"-eben,deraus 
an ihren Blättern Einrichtungen finden, die auf einen silberweißen Blättchen 
sparsamen Wasserverbrauch hinweisen: Infolge (s-B) besteht. Diese 
der Nadelform hat das Blatt erstlich eine ver- "^jrch '' di? £^'^£ 
hältnismäßig kleine verdunstende Oberfläche. Wie elenden Nadeln (N.) be- 
man ferner bei mikroskopischer Betrachtung dünner reits gesprengt (vergr.). 
Querschnitte sieht, ist die Außenwand der Ober- 
hautzellen stark verdickt. Infolgedessen ist sie für Wasserdampf schwer 
durchdringbar und läßt die Nadel hart und trocken erscheinen. Und 
endlich sind Spaltöffnungen, durch die die Verdunstung des Wassers 
am stärksten erfolgt, nur in sehr geringer Zahl vorhanden. 

4. Die Kiefer verliert alljährlich im September einen größern, und 
im Oktober oder November einen weitern kleinern Teil ihrer Blätter. 
Da die einzelne Nadel aber 2 — 3 Jahre alt wird, erscheint die Kiefer 
immergrün. Sie unterscheidet sich in diesem Punkte also wesenthch 
von denjenigen Laubbäumen unsrer Heimat, die sich in jedem Herbste ihrer 
gesamten Blätter entledigen, um während des Winters nicht zu ver- 
trocknen und unter der Schneelast zusammenzubrechen. Wie 
wir soeben gesehen haben, ist die Kiefernadel aber so vortrefflich gegen 
zu starke Wasserdampfabgabe geschützt, daß die erstere Gefahr für den 
Baum ganz ausgeschlossen ist. 

Auch der zweiten Gefahr ist die Kiefer in weit geringerm Grade 
ausgesetzt als ein Laubbaum, wenn er sein Laub behielte: denn zwischen 

Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 22 



33Ö Kieferngewächse. 

den nadelförmigen Blättern vermögen sich bei weitem nicht so große 
Schneemassen anzuhäufen, als dies in der dichten Blätterkrone z. B. der 
Linde oder der Roßkastanie geschehen würde. Allerdings ist die Schnee- 
last, die die Kiefer zu tragen hat, viel größer als die, die auf einem 
unbelaubten Baume ruht. Ihr vermag die Kiefer jedoch zumeist zu wider- 
stehen; denn ihre Zweige sind — wie hier nachzutragen ist — auffallend 
dick und sehr biegsam. Trotzdem aber hat der Kiefernwald nicht selten 
unter beträchthchem „ Schneebruch " zu leiden. 

Im Herbste verlieren unsre Laubbäume durch den Blattfall eine 
große Menge von Stoffen, die im Frühjahre wieder ersetzt werden müssen. 
Die Kiefer dagegen behält ihre Blätter mehrere Jahre hindurch. Sie 
braucht daher dem Boden auch nicht eine solche Menge von Nähr- 
stoffen zu entziehen als ein Laubbaum mit derselben Blattmasse, 
eine Tatsache, die bei der Nahrungsarmut des Bodens, auf dem die Kiefer 
zumeist wächst, wohl zu beachten ist. Auch insofern befindet sich die 
Kiefer den Laubbäumen gegenüber im Vorteile, als sie im Frühjahre 
sofort die Arbeit beginnen kann, w^ährend jene erst die Blätter, d. h. 
die Werkstätten bilden müssen, in denen neue Baustoffe erzeugt werden. 

Die abgefallenen, harten und harzreichen Nadeln verwesen auf trocknem 
Boden nur sehr langsam und häufen sich infolgedessen nach und nach zu einer dicken 
Schicht an. In den modernden Massen finden Pilze und andre Verwesungspflanzen 
sehr günstige Lebensbedingungen, weshalb der Kiefernwald gewöhnlich einen auffallen- 
den Reichtum an diesen Gewächsen aufweist. Höhern Pflanzen dagegen sagen diese 
Stoffe nicht zu, und da die im Boden vorhandenen meist nur geringen Nahrungsmengen, 
sovne das niedergefallene Regenwasser von der „stärkern" Kiefer zum größten Teil auf- 
genommen werden, so vermögen liier nur wenige grüne Pflanzen zu gedeihen. Vor 
allen Dingen erhalten diese Wälder durch das Fehlen des Unterholzes etwas durchaus 
Einförmiges und Eintöniges. Hierzu tritt ziuneist noch die auffallende Stille, eine Er- 
scheinung, die in erster Linie darauf zurückzuführen ist, daß die Vögel, die sich von 
Samen und Beeren nähren und den Laubwald besonders im Frühjahr mit ihrem Ge- 
sänge erfühen, den trocknen Kiefernwald meiden. Da Wälder dieser Art ohne sichtbares 
Leben sind, machen sie auf uns einen schwermütigen Eindruck. 

Ist der Boden, auf dem sich der Kiefernwald erhebt, aber feucht, und haben die 
Bäume ein gewisses Alter erreicht und damit eine mehr vereinzelte Stellung erlangt, 
dann sind völlig entgegengesetzte Verhältnisse zu beobachten: Die Nadelmassen ver- 
wesen bedeutend schneller, der Boden ist mit grünen Gewächsen, mit Moosen, Famen 
und Blütenpflanzen, besonders auch mit Sträuchern oft auf weite 
Strecken liin bedeckt, und das Vogelleben ist rege wie im Laubwalde. 

D. Blüten. Bei der Kiefer sind Staubblätter und 
Samenanlagen auf verschiedene Blüten desselben Baumes 
verteilt; sie ist also eine einhäusige Pflanze. 

1. Die Staubblüten finden sich in großer Anzahl 
am Grunde der jungen Langtriebe und sehen den Kätz- 
chen gewisser Laubbäume ähnlich. Wie die zweinade- 
ligen Kurztriebe, deren Stelle sie einnehmen, entspringen 
au a^ tei ^^^ ^^^^ ^^^ Achsel je eines häutigen Blattes, das ihnen 
sen, 2. f'eöffnet und mitsamt 3 weitern Blättchen in der Jugend als schützende 
entleert. Hülle dient. An der Blütenachse stehen zahlreiche gelbe 




Kieferngewächse. 339 

Staubblätter, die — wie man bei Lupenvergrößerung sehen kann — auf 
der Unterseite je 2 große Staubbeutelfächer tragen. 

Sind die Fächer entleert, so fallen die Staubblüten ab und lassen 
am Zweige eine kahle (nadellose) Stelle zurück. 

2. Die Samenblüten stehen als kleine, rötliche Zapfen an der Spitze 
der jungen Langtriebe und sind anfänglich von zahlreichen braunen 
Schuppen, die dem Stengel ansitzen, schützend umhüllt. Führen wir 
durch den Zapfen einen Längsschnitt aus, so sehen wir, indem wir uns 
wieder der Lupe bedienen, wie an einer Längsachse zahlreiche fleischige 
Blätter entspringen, die auf der Unterseite je ein häutiges Blättchen tragen. 
Auf der Oberseite sind diese fleischigen Fruchtblätter oder Fruchtschuppen 
mit einem vorspringenden Kiele versehen, neben dem am Grunde der 
Schuppen die beiden Samenknospen oder Samenanlagen zu finden sind. 
Während bei den bisher betrachteten Pflanzen die Samenknospen in einem 
Gehäuse (Fruchtknoten) eingeschlossen sind, das aus einem Fruchtblatte 
oder aus mehreren Fruchtblättern gebildet ist, liegen hier die winzigen 
Gebilde also frei auf dem Fruchtblatte („nacktsamige Pflanzen" oder 
Gymnospermen im Gegensatz zu den „bedecktsamigen Pflanzen" oder 
Angiospermen). 

3. Bestäubung. Weitere Einzelheiten im Bau der Blüten, sowie 
im Leben der Kiefer lernen wir erkennen, wenn wir die Bestäubung 
genau verfolgen. Sie wird durch den Wind vermittelt. 

a) Wie bei allen Pflanzen, denen diese Weise der Bestäubung eigen 
ist, sind die Blüten der Kiefer unauffällige, duft- und honiglose Gebilde. 

b) Da sich die Blüten stets an den jungen Trieben, also an der 
Außenseite der Baumkron'e entwickeln, sind sie dem Winde voll- 
kommen frei ausgesetzt. 

c) Infolge der großen Menge von Blütenstaub, der aus den Staub- 
beuteln hervorquillt, ist die Wahrscheinlichkeit, daß wenigstens emige Körn- 
chen auf die Samenblüten niederfallen, ziemlich groß. Wenn der Wind durch 
die Zweige der blühenden Kiefer streicht, entführt er den Staub in ansehn- 
lichen Wolken, und nach einem Gewitterregen sind die stehenden Wald- 
gewässer, sowie die Pfützen, die sich auf den Wegen gebildet haben, von 
ihm oft wie mit einer gelben Schicht überzogen. 
„Es hat Schwefel geregnet", sagen dann die 
Leute, die sich die Herkunft der gelben Massen 
nicht erklären können. 

d) Schüttelt man einen blühenden Zweig und ,_ , , ^,. , 

n.. , j T->i"y i 1 1 V • -m xx T» • Blutenstaubkorn der kieier 
fangt den Blutenstaub durch em Blatt Papier „.jt den beiden Luftblasen L. 
auf, so sieht man, daß dieser ein trocknes (Etwa 250mal vergr.) 
Pulver darstellt, das von dem Winde leicht ver- 
weht werden kann. Zudem tragen die Staubkörner jederseits eme luft- 
gefüllte Blase, die als Flugwerkzeug dient. Wie lange der Blütenstaub 
durch diese luftballon artigen Gebüde schwebend erhalten werden kann, 





340 ' Kieferngewächse. 

geht daraus hervor, daß man ihn häufig auf stehenden Gewässern findet, 
in deren Umkreis oft auf Meilen hin keine Kiefer anzutreffen ist. 

e) Rieselt der Blütenstaub bei vollkommener Windstille aus den 
Staubbeuteln hervor, so lagert er sich auf der Oberseite des Staub- 
blattes ab; das unmittelbar unter den sich leerenden Beuteln steht. Im 
andern Falle würde der wertvolle Staub zum Boden 
hinab schweben und dabei wohl nur selten eine 
Samenblüte antreffen. 

f) Da die Samenblüten aufrecht stehen und 
ihre Fruchtschuppen zur Blütezeit von der Achse ab- 
spreizen, vermag der trockne Blütenstaub leicht zu 
den Samenanlagen hinab zu rollen. Dies erfolgt 
StauT)blätterd. Kiefer, nun um SO sicherer, als er von den Kielen der Frucht- 
senkrecht durchschmt- g^huppen gleichsam an den Ort seiner Bestimmung 

X6n (vGr£rr 1 Aus cißii x i t-j *^ 

Staubbeutelfäckern rie- geleitet wird. Dort gelangt er zwischen die beiden 

seit Bhitenstaub hervor, Fortsätze, ZU denen die Hülle der Samenanlage aus- 

der auf der Oberseite gezogen ist. Wenn sich diese Fortsätze später ein- 

des darunter stehen- j.Qi}eu^ kommt der Blütenstaub mit der Samenan- 

au a es a t- ^ selbst in innigste Berührung, so daß eine Ver- 
gelagert wird. .° • l, 1 1 T^- 1 

enngung beider vor sich gehen kann. Dieser als 
,, Befruchtung" bezeichnete Vorgang erfolgt bei der Kiefer aber merkwür- 
digerweise erst im nächsten Frühjahre. 

E. Zapfen und Samen. 1. Die zarten Samenanlagen und Blüten- 
staubkörnchen, sowie die sich ausbildenden Samen können den Unbilden 
der Witterung aber unmöglich ausgesetzt sem: Die fortwachsenden 
Fruchtschuppen schließen sich nach .erfolgter Bestäubung, und ihre 
Ränder verkleben durch Harz. 

2. Im ersten Jahre vergrößert sich der Zapfen nur wenig. Er senkt 
sich aber langsam, bis seine Spitze schließlich nach unten gerichtet ist. 
Im zweiten Jahre wächst er um so schneller. Die bisher grünen Frucht- 
schuppen verholzen jetzt und nehmen eine braune Färbung an. Im 
März oder April des dritten Jahres endlich trocknen die Schuppen so 
stark ein, daß sie auseinander spreizen. 

3. Da nun die Zapfen herabhängen, fallen die ausgereiften Samen 
sofort heraus. Die federleichten, mit einem flügeiförmigen Anhange aus- 
gerüsteten Gebilde werden vom Winde ergriffen und wie die Teilfrucht 
des Ahorns oft weithin verweht. Sie keimen mit 5 oder 6 nadeiförmigen 
Keimblättern. Sind sämtliche Samen ausgesät, so fallen auch die Zapfen ab. 

4. Der Zapfen öffnet sich aber nur bei trocknem Wetter, und der 
bereits geöffnete schließt sich wieder, sobald er befeuchtet wird. 
Im andern Falle würden die Samen durch anhaftende Regentropfen stark 
beschwert und damit ungeeignet, durch den Wind verbreitet zu werden. 
Selbst schon entleerte, abgefallene Zapfen haben die Eigenschaft, sich 
bei Befeuchtung zu schließen, noch nicht verloren (Versuche!). 



Kielonigewäi'lise. 34 j 

F. Bedeutung'. Da die Kiefer eine überaus „genügsame" Pflanze 
ist, vermag der Mensch mit ihrer Hilfe selbst dem unfruchtbarsten Sand- 
boden, auf dem keine andre Nutzpflanze mehr gedeiht, noch einen Er- 
trag abzuringen. Ohne sie wären die weiten Ebenen, die von ihr 
mit dichtem Walde bedeckt werden, zum größten Teile öde 
Wüsteneien, in denen kaum ein Mensch leben könnte. Sie 
liefert ein wichtiges Bau-, Werk- und Brennholz. Aus dem gesammelten 
Harze, das durch Einschnitte in die Rinde zum vermehrten Ausfließen 
gebracht wird, gewinnt man durch Destillation das Terpentinöl, das 
besonders zum Auflösen von Harzen (Lacken) verwendet wird. Der Rück- 
stand bei diesem Verfahren ist das Geigenharz oder Kolophonium. 
Siedet man das Harz in Kesseln (trockne Destillation!), so erhält man das 
Pech, das als „Faßpech" aligemein bekannt ist. Sehr harzreiches Holz 
(„Kienholz") gibt beim Verbrennen den Kien ruß, der zur Herstellung von 
Druckerschwärze, Stiefelwichse u. dgl. Verwendung findet. Aus den frisch 
vom Baume gepflückten Nadeln bereitet man die sog. Wald wolle, die 
als gutes Polstermaterial geschätzt wird. Die abgefallenen Nadeln dienen 
als Streu für das Vieh und dann als Dünger für den Acker. Indem 
die Nadelschicht unter den Bäumen verwittert, wird der öde Sandboden 
nach und nach an nährenden Bestandteilen reicher, so daß im Laufe langer 
Zeiträume schließlich fruchtbares Ackerland daraus hervorgeht. Mit 
der Kiefer ist also das Wohl und Wehe zahlreicher Menschen 
aufs innigste verknüpft. Daher sind die vielen Feinde, die den wichtigen 
Baum oft in verheerender Weise heimsuchen, auch Feinde des Menschen. 

G. Feinde. Am geringsten ist noch der Schaden, der der Kiefer von den 
groß er n Waldtieren zugefügt wird. Es sei hier nur auf Hirsch, Reh und Wild- 
schwein, ferner auf Eichhörnchen und andre Nager, sowie auf die Vögel verwiesen, die 
sich von Waldsämereien nähren. Weit gefährlicher sind die zalilreichen niedern 
Pilze, die in allen Teilen des Baumes schmarotzen. Älit ihnen wetteifert ein Heer 
von Insekten, von denen wieder die Raupen von Kiefernspinner, Nonne und Kiefern- 
spanner, sowie der Maikäfer, mehrere Rüsselkäfer, Blattwespen und Borkenkäfer die ver- 
derblichsten sind. Treten diese kleinen, aber gefährlichen Feinde in Massen auf, so 
fallen ihnen selbst ausgedehnte Wälder zum Opfer. Der Mensch ist gegen diese Zer- 
störer vielfach gänzlich machtlos. Desto mehr räumen unter ihnen aber, abgesehen 
von Krankheiten und Witterungseinflüssen, die insektenfressenden Vögel und die 
wichtigen Schlupfwespen auf. Ein Schutz dieser Tiere ist also der beste — 
Waldschutz! 

2. Die Fichte (Picea excelsa^). 

Wie die Kiefer, ist auch die Fichte jedermann bekannt; ist sie 
doch in der Regel der „Christ-, Weihnachts-, oder Tannenbaum", der 
lichtergeschmückt das schönste unsrer Feste verherrlichen hilft. 

1. Da die Fichte keine Pfahlwurzel besitzt, erliegt sie auf lockerm 
Boden leicht den Angriffen der Stürme. Sie meidet daher zumeist die 
Ebene und bildet vorwiegend im Hügel- und Gebirgslande ausgedehnte 

1) j^ecea, PicLte, eigeutl. Pechfölire von inx, Pech und piceus, peclüg; excehus, erhaben, hoch. 



342 



Kiefernsrewächse. 



Wälder. Durch die zahlreichen langen Wurzeln, mit denen sie gern Fels- 
blöcke umklammert und deren Gesamtheit einen tellerförmigen Ballen 
darstellt, vermag sie selbst in einer dünnen Erdschicht sichern Halt zu 
gewinnen und dieser die nötige Nahrung zu entnehmen. 

2. Die Krone bildet bei allseitiger Behchtung eine regelmäßige Pyra- 
mide. Während diese bei freistehenden Exemplaren fast bis zum Erd- 
boden herabreicht, haben die Bäume dichterer Bestände die untern Zweige, 
bis oft weit an den kerzengeraden Stamm hinauf, abgeworfen. 

An der normal entwickelten Krone der erwachsenen Fichte stehen 
die obern Zweige schräg aufwärts, während die mittlem rechtwinklig 

vom Stamme abgehen 
und die untern mehr 
oder weniger tief ab- 
wärts geneigt sind. Da 
sich zudem die Zweig- 
enden in allen Fällen 
schräg nach oben rich- 
ten und die zahl- 
reichen Seitenzweige 
der alten und altern 
Äste vielfach tro ddei- 
förmig herabhängen, 
so werden alle beblät- 
terten Teile der Krone 
des belebenden Son- 
nenlichtes teilhaftig. 
Auch alle die Tau- 
sende von Nadeln 
erhalten davon ihren 
Anteil. Sie sind, wie 
besonders an senk- 
rechten Trieben deut- 
lich zu erkennen ist, 
in engen Spiralen an- 
geordnet. An schrägen 
und wagerechten Zweigen aber wenden sie sich von der Schattenseite 
hinweg, so daß sie vielfach sogar bogenförmig gekrümmt sind. (Diese 
Erscheinungen sind auch an Tanne und Eibe zu beobachten, die eine im 
wesentlichen gleiche Blattstellung haben.) 

Wie schon die Zahl und Stellung der Nadeln andeutet, sind im 
Gegensatz zur Kiefer alle Zweige Langtriebe. Da nun Blätter nie aus den 
Achseln andrer Blätter entspringen, so fehlen den jungen Fichtentrieben 
auch die häutigen Blättchen, aus deren Achseln die nadeltragenden Kurz- 
triebe der Kiefer hervorgehen. Die Fichtentriebe bedürfen aber gleich- 
falls eines Knospenschutzes. Ein solcher ist auch vorhanden: Er 




Fichte. 1. Zweiglein mit 4 jungen Trie- 
ben: a. ist noch vollständig von häutigen 
Blättchen umhüllt; bei b. werden die 
Blättchen als Kappen abgeworfen; bei c. 
ist dies bereits geschehen. 2. Zweig mit 
Stb. Staubblüten, Sab. einer Samenblüte 
und einem zweijährigen Zapfen. 



Kieferncrcwächse. 



343 




Fichten und (in der Mitte) zwei Tannen. 



344 



Kieforngewäclise. 



wird von zahlreichen braunen, hantigen Blättchen gebildet, die sich am 
Grunde des Triebes finden, ihn vollständig umhüllen und später in Form 
einer Kappe abgeworfen werden. 

3. Wie bei Mangel an Licht die untern Zweige absterben und eine abnurnie 
Baumgestalt entsteht, kommen auch durch Verstümmelung, Witterungseinflüsse u. dgl. 
andre abweichende W^uchsformen zustande. So trifft man z.B. auf Viehweiden und 
an Waldrändern nicht selten Bäumchen an, deren breitkegelförmige Kronen sich direkt 
über dem Erdboden erheben und aus sehr vielen kleinen, schwachen Zweigen gebildet 
sind. Schafe oder Ziegen haben die jungen Triebe immer wieder verzehrt; aus den 
Achseln der Nadeln sind kleine Zweige als Ersatz hervorgegangen, und so ist die selt- 
_ _^,_^_ same Form der Verbiß- 

3==^^'" \^-''' _, ,-; flehte entstanden. Erst 
.^^.sgr^^::- — - -.L^-i^ wenn den Näschern der 
Gipfeltrieb nicht mehr 
erreichbar ist, vermag 
dieser sich weiter zu 
entwickeln, so daß über 
der bisherigen Krone 
sich jetzt erst die nor- 
male Fichtenkrone bil- 
det. Eine andre, noch 
eigentümüchere Form 
stellt die sog. Harfen - 
ficht e dar. Sie ent- 
steht, wenn sich ein 
Baum durch irgend 
einen Umstand neigt, 
und wenn sich die 
Äste an der nunmeh- 
rigen Oberseite des 
Stammes wie selbstän- 
dige Bäume entwickeln. 
An der Baumgrenze tritt 
uns die Fichte nur als 
K r ü p p e 1 f o r m entge- 
gen, und wagt sie noch 
höher emporzusteigen, 
so nimmt sie unter dem 
Eüiflusse von Sturm, 
Frost und Schneedruck 
die Gestalt eines wild 
zerrissenen Strauches an, oder sie bildet gar nur ein Netzwerk kriechender Zweige, das 
sich kaum über den Boden erhebt. 

4. Dem Menschen nützt die Fichte in derselben vielfachen Weise wie die Kiefer. 
Eine besondere Bedeutung erhält sie vor dieser (und der Tamie) aber noch dadurch, 
daß sie in erster Linie das Material für das bilhge „Holzpapier" liefert. Da sie 
sehr .schnell wächst und auf einer gewissen Fläche wesentlich mehr Holzmasse er- 
zeugt als die Laubbäume, so breitet sich ihr Anbau immer weiter aus. 

5. Gleich der Kiefer wird der überaus wichtige Baum von einem Heere von 
Feinden heimgesucht, von denen hier nur die Nonne, sowie der Fichtenrüsselkäfer 
und der Buchdrucker genannt sein mögen. Auch der Hirsch fügt durch „Fegen" des 
Geweihes und durch Abreißen großer Rindenstücke („Schälen") den Stämmen oft schwere 
Verletzungen zu. Die kleinen Gallen, die sich vielfach in großer Anzahl an den jungen 
Zweigen finden, sind das Werk der Fichtenlaus. 





Harfenfichte. 



Verbißfiehten. 



Kicfeiiigowä<'li^ 



345 



Nadel der 
Tanne; 

Unterseite 
(2 mal 
vergr.). 



Andre Nadelhölzer. 

1. Unterfaniilic. Ficliteuartige Nadelhölzer. Von den Art(Mi dieser Gruppe 
hat neben Kiefer und Fichte die Tanne (Abiesalba^; Abb. s. S. 343) für uns die größte 
Bedeutung. Sie ist ein ausgeprägter Gebirgsbaum, der wegen seines edlen 
Wuchses und zum Unterschiede von der selu- ähnlichen Fichte allgemein 
als Edeltanne bezeichnet wird. Während er im Jura, in den Vogesen 
und im Schwarzwalde, der nach den dunklen Tannenforsten sogar seinen 
Namen trägt, ganze Wälder bildet, tritt er an andern Orten des südlichen 
und mittlem Deutschlands nur vereinzelt oder truppweise auf und fehlt 
dem nördlichen Teile unsres Vaterlandes fast gänzlich. 

Junge Bäume zeigen eine regelmäßige Pyramidenform; alte dagegen 
besitzen eine Krone von fast walzen- 
förmigem Umfange. Auf den Triften 
der Alpen begegnet man nicht selten 
gewaltigen Exemplaren, denen der Kampf 
mit den Elementen oft ein geradezu 
abenteuerliches Aussehen gegeben hat: 
Blitzschlag oder Schneedruck haben den 
Gipfeltrieb dieser „Wettertannen" längst 
getötet; mehrere mächtige, senkrecht 
emporgerichtete Seitenzweige sind an 
seine Stelle getreten; die Krone ist 
wild zerrissen, und gewaltige, dürre Äste 
starren nach allen Seiten. Von der rot- 
rindigen Fichte, der „Rottanne", unter- 
scheidet sich der prächtige Baum leicht 
durch die glatte, weiße Rinde des säulen- 
förmigen Stammes, sowie durch die bi'ei- 
ten Nadeln, die an den Seitenzweigen 
deutlich zweizeilig gestellt sind und auf 
der Unterseite je 2 weiße Streifen be- 
sitzen (daher auch Silber- oder Weiß- 
tanne genannt). Diese Streifen sind 
mit Wachs ausgefüllte Rinnen, in denen 
sich die Spaltöffnungen finden. Da 
Wachs nicht vom Wasser benetzt wird, 
können infolgedessen die Spaltöffnungen 
von anhaftenden Tau- und Regentropfen 
auch nicht versclilossen werden. Der 
notwendige Gasaustausch erfährt daher 
selbst bei Befeuchtung der Nadeln keine 
Unterbrechung. Im weitem Gegensatz 
zur Fichte hat die Tanne aufrecht 
stehende Zapfen. Würden daher bei 
der Reife wie bei unsern andern „zapfen- 
früchtigen" Nadelbäumen die Frucht- 
schuppen nur auseinander spreizen, so 
könnten die Samen aus ihren Ver- 
stecken nicht herausfallen. Die Weise, 
die geflügelten Gebilde auszustreuen ist 

bei der Tanne dementsprechend auch anders als bei ihren Verwandten : die Schuppen 
lösen sich bei der Reife von der Zapfenachse ab, so daß die Samen leicht ein Spiel 
des Windes werden. 




Wettertanne in den Alpen. 



1) abks, Tanne ; albita, weiß. 



346 



KieferiiOTwächse. 



In den Alpen und in den hohem ]\Iittelgebirgen Deutscldand.s findet sich dort, 
wo kaum noch ein andrer Baum gedeiht, die Berg'kiefer (Pinus montana^), die wie 
die gemeine Kiefer zwei, nicht selten aber auch drei Nadeln an ihren Kurztrieben trägt. 
Sie tritt uns bald als stattlicher Baum, der eine Höhe von 26 m erreichen kann und 
dessen untere beschattete Äste nicht absterben, bald als Strauch von verschiedener 

Form und Größe, am häu- 
figsten aber als nieder- 
liegender, ausgebreiteter 
Busch entgegen, der als 
Zwergkiefer, Legführe.Knie- 
holz, Krummholz oder (in 
den Alpen) als Latsche be- 
zeichnet wird. An Lebens- 
zähigkeit und Anspruchs- 
losigkeit übertrifft sie alle 
unsre Nadelhölzer. Gegen 
Frost ist sie ebenso wenig 
empfindlich, als gegen den 
salzgeschwängerten See- 
wind. Im Hochgebirge 
findet man sie sehr häufig 
an Stellen, an denen die 
Stürme ihre ganze Macht 
entfalten, und am Meere 
vermag sie selbst noch auf 
Sandboden zu wachsen, auf 
dem wegen Wasser- und 
Nahrungsarmut nicht ein- 
mal mehr die bedürfnislose 
gemeine Kiefer gedeiht. Da 
1. ÖTS^^^iOS^SSSi?«;. r" "^iäiä^ÄSJfiB^ '^°^^ . sie mit ihren weit aus- 

greifenden, \äelverzweigten 
Wurzeln den lockern Sand 
festhält, verwendet man sie 
in neuerer Zeit vielfach zur 
Befestigung von Dünen, 
sowie zu Aufforstung 
von Heideflächen. Hierbei 
kommt als überaus wichtig 
in Betracht, daß sie, von 
Insektenlarven (Kiefern- 
l)lattwespen u. a.) kahl ge- 
und 2. Arven fressen, nicht eingeht, son- 
dern schon nach wenigen 
Jahren ihr früheres Aus- 
sehen wieder zeigt. Dem Gebirgsbewohner liefert die Bergkiefer wertvolles Holz; 
an der Baumgrenze gewährt sie jungen Bäumen und Sträuchern einen wirksamen 
Schutz, und da sie in den Runsen den Schnee festhält, verhindert sie vielfach 
die BUdung gefährlicher Lawinen. — An der obern Waldgrenze tritt uns in den 
Alpen vielfach noch eine andre Kiefernart, die Arve oder Zirbelkiefer (P. cembra-) 
entgegen, die an ihren Kurztrieben je fünf Nadeln trägt. Der stolze Baum, der 
an ungeschützten Stellen gleich der Tanne vielfach die Gestalt eines „Wetterbaumes" 




1. Bergkiefer in der Form des Kniehulze.- 
in den Hochalpen. 



1) pi^ius, Kiefer oder Fichte; montanus, auf den Bergen wachsend. 2) cenibra, wohl von dem 
ital. cembro oder cirmolo, Zirbelkiefer. 



Kicrcniwwächse. 



347 




Lärche. 1. Blühender Zweig mit jungen Bhlttern: Stb. Staubblüten; 
Sab. Samenblüte. 2. Zweig mit ausgebildeten Blättern und einem Zapfen. 



anninnnt, gilt 
mit Recht als 
die Königin 
des Hochge- 
birgswaldes. 
Sein gleich- 
mäßiges, zä- 
hes und ge- 
schmeidiges 
Holz wird vor- 
wiegend zu 
Schnitzereien 
und Möbeln 

verwendet. 
Da sich in ihm 
die zahlrei- 
chen braunen 

Aststellen 
wirkungsvoll 
von der gelb- 
lichen Umge- 
bung abhe- 
ben, eignet es sich ganz besonders 
zu Täfelungen. Die schmackhaften 
Samen sind als „Zirbelnüsse" bekannt. 

In unsern Anlagen findet sich 
sehr häufig die Weymouthskiefer 

(P. strobus*). Sie stammt aus Nord- 
amerika und ist an den 5 langen, 
zarten Nadeln in jeder Scheide leicht 
zu erkennen. — Ein sehr charakte- 
ristischer Baum in dem Landschafts- 
bilde des Mittelmeergebietes ist die 
Pinie (P. pinea"; Abb. s. S. 191). 
Sie trägt auf säulenförmigem Stamme 
eine breite, schirmförmige Krone. 

Gleich der Tanne ist die Lärche 
(Larix europeea^) ein Gebirgsbaum, 
der aber nur in den Alpen größere 
Wälder bildet. Wegen des schlanken 
Wuchses und der lockern Benade- 
lung wird er in Parkanlagen überall 
gern angepflanzt. Die Nadeln fin- 
den sich an den Langtrieben einzeln 
und an den Kurztrieben in Büscheln. 
Da sie sehr zarte und weiche Gebilde 
sind und infolgedessen viel mehr 
Wasser durch Verdunstung verlieren 
als z. B. die harten Nadeln der Kiefer, 

so ist die Lärche genötigt, sie im die kleinen Zapfen in den 
Herbste ab zuwerfen, den Wmter also ^^^^^^^^ ^_ nadelartigen 

1) strobus vou ströbos, Wirbel, Kreisel Blatter) u einigenreifen, 
(Form des Zapfens!). 2) 2nnea, Pinie, d.h. vorjalu-lgen Beeren. 
3) larix, Lärche; europaeus, europäisch. (Nat. Gr.) 




Wacholder mit jungen 
Trieben. 1. Zweig mit 
Staubblüten. 2. Zweig 
mit Samenblüten (d. s. 




348 



Kiefeniürewächse. 



unbeblättert wie uiisre Laubl»äume zu üljerdaiiern. — Dieselbe Verteilung der Nadeln 
ist der Zeder des Libanons (Cedrus libani^j eigen, die nicht nur auf dem Libanon, 
sondern auch in Kleinasien und auf C3^pern anzutreffen ist. Dieser immergrüne, hoch- 
berühmte Baum, der ein sehr hohes Alter erreicht, lieferte dereinst Salomo das Holz 

zum Tempelbau. Die mächtigen Zedernwälder, die 
die Abhänge des Libanon früher bedeckten, hat mensch- 
liche Habgier aber fast vernichtet. 

2. Unterfamilie. Zypressenartige Nadel- 
hölzer. Der Wacholder (luniperus communis^; s. 
Abb. S. 347) ist ein immergrüner Strauch oder Baum, 
der selbst mit dem unfruchtbarsten Boden fürliel) 
nimmt. Staub- und Samenblüten finden sich auf ver- 
schiedenen Pflanzen. Die 3 obersten Fruchtblätter 
der Zapfen verwachsen miteinander, werden fleischig 
und bilden bei der Samenreife eine schwarzbraune, 
blaubereifte „Scheinbeere", die besonders von der 
Wacholderdrossel oder dem Krammetsvogel gern ver- 
zehrt wird. Da die Samen von einer steinharten 
Schale umgeben, also durch die Verdauungssäfte nicht 
angegriffen werden, sind die Vögel zugleich die Ver- 
breiter der Pflanze. Die stark aromatisch riechen- 
den Beeren werden in der Heilkunde, als Küchen- 
gewürz und Räuchermittel, sowie zur Bereitung des 
Wacholderbranntweins (Steinhäger, Genevre) venven- 
det. — Die immergrünen Lebensbäume (Thuja**) pflanzen 
wir gern als Bild der Hoffnung auf die Ruhestätten 
der Toten. Ihre prächtigen Pj^ramiden finden sich aber 
auch ebenso häufig in Anlagen. Der aus Nordamerika 
stammende abendländische L. (Th. occidentälis^) ver- 
zweigt sich wiederholt in wagerechter Ebene; der in 
Ostasien heimische morgenländische L. (Th. orien- 
tälis^) dagegen hat senkrecht gestellte Zweige. — Der 
Friedhofsbaum des Mittelmeergebietes ist die dunkle 
Zypresse (Cupressus sempervarens"; Abb. s. S. 191). 
Sie gleicht im Wüchse der italienischen Pappel und 
ist ein Charakterljaum der südlichen Landschaft. — 
Eine zypressenartige Pflanze ist auch der Mammut- 
baum (Sequöia gigantea'), der in seiner Heimat Kali- 
fornien die gewaltige Höhe von 140 m erreicht. Auch 
in unsern Parkanlagen wächst er schnell zu einem 
stattlichen Baume heran. — Dort trifft mau vielfach 
auch die Sumpfzypresse (Taxödium distichum*) an, 
die in den Sümpfen des südlichen Nordamerika aus- 
gedehnte Wälder bildet. Mit Hilfe von Atemwurzeln, die an Gestalt und Größe 
einem Zuckerhute gleichen, entnimmt sie v,i.e die Mangrovebäume der Luft den 
notwendigen Sauerstoff. 




Mammutbäume. 

Im Vordergrunde ein sehr alte 

Exemplar. 



1) cedrus, Zeder; libani, des Libanons. 2) iuniperus, Wacholder; cmnmimis, gemein. 3) thtjia 
von thyo, ich opfere (das wohlriechende Holz wurde zu. Räucheropfern verwendet). 4) occidentalis, 
abendländisch. 5) orimtalis, morgenländiscb. 6) cupressus, Zypresse; sempervirens: sempir, immer 
und virens, grünend. 7) sequoia, kalifornischer Name des Baumes; giganteus, gigantisch, riesig. 
8) taxödium: täxos, Taxus und -eides, ähnlich; distichus zweizeilig (Blattstellung!). 



Eibengewächse. 



349 




2. Familie. Eibeng-ewächse (Taxäceae'). 

Dioso Familie ist lioi uns allcMn diircli die Eibe 
(Taxus baccata^) vertreten, die früher in den Wäl- 
dern unsrer Heimat sehr häufig war, jetzt aller meist 
nur noch in Gärten und Parkanlagen anzutreffen ist. 
Sie ist ein immergrüner Strauch oder ein niedriger 
Baum, der im Gegensatz zu allen an- 
dern Nadelhölzern vollkommen harzlos 
ist. Dafür enthalten aber die zwei- 
zeilig gestellten, breiten Nadeln ein 
scharfes Gift, das sie gegen die Angriffe 
zahlreicher Pflanzenfresser schützt. Die 
Samenblüten, die sich von den Staub- 
l)lüten getrennt auf andern Pflanzen 
finden — die Eibe ist also wie der 
Wacholder zweihäusig — , enthalten 
nur eine einzige Samenanlage, eine 
Tatsache, durch die sich die Famihe 
wesentlich von den Kiefergewächsen 

unterscheidet. Während sich die Sa- Zweig der Eibe mit 2 reifen Samen (nat. Gr. 
menanlage zum Samen ausbildet, ent- Daneben ein junger Zweig mit einer Samenblüte: 
wickelt sich von ihrem Grunde aus S. die Samenknospe; H. ihre Hülle; M. Anlage 
eine Hülle, ein sog. Samenmantel, der des Samenmantels (etwa 20 mal vergr.). 

zur Zeit der Reife fleischig, saftig und 
von leuchtend scharlachroter Färbung 
ist. Er dient wie das Fruchtfleisch 
der Wacholderbeeren als Anlockungs- 
mittel für fruchtfressende Vögel, die die 
Samen veiiireiten. Vornehmlich leisten 
Drosseln der Pflanze diesen Dienst. 

Die andern 
Abteilungen 
der nacktsa- 
migen Pflan- 
zen sind in 
unsrer Heimat 
nicht vei'treten ; 
es sollen daher 
hier auch nur die 
interessantesten 
Glieder erwähnt 
werden. 

Die Palm- 
farne (Cycas- n. 
a.), die vorwie- 
gend in den Tro- 
pen heimisch 
sind, werden bei 

1) taxus, Taxus ; 
baccatus, mit Bee- 
ren. 2) njcaSjUner^l.; 
revoliitus , zui-ück- 
gebogen (Blätter!). 




Palmfarn (Cycas revolüta"^) aus Ostindien. Daneben ein 
Fruchtblatt mit vier reifen Früchten (Vi nat. Gr.). ■ 



350 



Eibengewächse. 




Welwitschie. 



uns vielfach in Gewäclishäusern gezogen. Ihre prächtigen Fiederblätter sind die 
bekannten „ Palmenwedel " oder „Palmenzweige", die wir als ein Zeichen der Trauer 
gern auf den Sarg der Verstorbenen legen. — In Parkanlagen ist häufig der merk- 
würdige Ginkgo (Ginkgo Ijiloba^) anzutreffen, der aus Japan zu uns gekommen ist 
und dort in einem besondern Ansehen steht. Wie die Mehrzahl unsrer Laubbäume 
wirft er im Herbste seine langgestielten, lederartigen Blätter ab, die infolge ihrer Keil- 
form und der strahlig vei'laufenden Nerven überaus sonderbare Gebilde darstellen. — 

Eine noch seltsamere Pflanzengestalt ist die Welwitschie 
(Welwitschia miräbilis-), die in den Wüsten Südwestafrikas 
ilire Heimat hat. Ihr nur wenig aus dem Boden hervor- 
ragender Stamm trägt auf dem Rande seiner abgeplatteten 
Oberfläche die sehr einfach geljauten Blüten und erzeugt 
während des ganzen Lel)ens nur zwei Laubldätter, die aber 
mehrere Meter lang werden und sich schheßlich in riemen- 
artige Streifen auf- 
lösen. 

Geologisches 

Vorkominen der 

nacktsamigen 

Pflanzen. 

Die nacktsamigen 
Pflanzen traten in 
der Geschichte der 
Erde etwa zu der Zeit 
auf, in der sich die 
Steinkohle bildete 





l)(7Z«k5fO, japanisch. 
Name des Baumes; 1 i- 
Zo&MS,zweilappig (Blatt- 
form!). 2) Welivitschia, 

nach, dem Entdecker 

/ ""^jHB^^r /3^f\ ^ ^^^il^S' 1 der Pfl., dem Botaniker 

'^ i^^*^ ff MJ I ""' >C^Ur^^ ^- Wehvitsch (f 1872); 

onirahilis, wunderbar. 
3) Nacli V o 1 1 z , dem 
Verfasser mehrerer 

Abdrücke von Teilen nacktsamiger Pflanzen; 1. eines Nadel- J^^'J;^,,^'^';^^"'^^^^^^^^^ 

holzes (Voltzia^) aus dem Buntsandstein, 2. eines Palmfarn-Blattes gammenges. aus p^crö«, 

(Pterophyllum ') aus dem Kenper. Feder u.2ihyllo)i, Bhitt. 



Farne. 



351 



und erreichten bereits im Mittelalter (Trias und Jura) die größte Ausdehnung, die sie 
jemals besessen haben. In jenen weit hinter uns liegenden Zeiten spielten aber die 
Gruppen, die gegenwärtig fast dem Erlöschen nahe sind und durcli die oben er- 
wähnten Palmfarne und Ginkgobäume vertreten werden, etwa dieselbe Rolle wie 

gegenwärtig die Nadel- 

bäume. * TT 

Eine besondere Bedeu- 
tung erhalten die Nackt- 
samer dadurch, daß sie 
das Hauptmaterial zur 
Bildung der B r a u n k o hl e 
geliefert haben, und zwar 
waren hieran besonders 
Zypressenarten beteihgt. 
Zwei dieser Kohlenbild- 
ner, die oben erwähnte 
Sumpfzypresse und der 
Mammutbaum, sind sogar 
bis auf den heutigen Tag 
"erhalten geblieben. Das 
Harz vorwelthcher Fich- 
ten, der sog. Bernstein- 
bäume, ist der Bernstein, 
der an der Küste der Ost- 
see gefunden wird. 




\ eilvK ^t]t( 



IJ uun^tiimuie in einer Braunkolilengiuhe 
Senftenberg i. d. Lausitz. 



2. Abteilung. Blütenlose- oder Sporenpflanzen (Kryptögamaei). 

Pflanzen, die keine Blüten besitzen und deren Vermehrung (vorwiegend) durch Sporen erfolgt. 

I. Gruppe. Farnartige Pflanzen oder Gefäß -Sporenpflanzen 

(Pteridophyta-). 

Pflanzen, die in Stengel, Blätter und Wurzeln gegliedert sind und Gefäßlnindel enthalten. 

1. Klasse. Farne (Filicinae^^j. 

Stengel einfach oder verzweigt, mit abwechselnd stehenden, meist mehrfach gefiederten 

Blättern. Sporenkapseln 7Aimeist zu Häufchen vereinigt auf der Unterseite der Blätter 

oder in besondern Blattabschnitten eingeschlossen. 

Der Wurmfarn (Aspidium filix mas^). Taf. 36. 

A. Yorkominen, Der Wurmfarn ist in schattigen Wäldern überall 
häufig anzutreffen. Auch an den Ufern der Bäche, die dicht mit Busch- 
werk bestanden sind, an schattigen Abhängen und ähnlichen Orten siedelt 
er sich gern an. Wird der Wald oder das Gebüsch, das ihn beschattet, 
niedergeschlagen, so daß er nunmehr den Sonnenstrahlen direkt ausgesetzt 
ist, dann macht schon mit Beginn des Sommers das liefe Grün der Blätter 
einem krankhaften Gelb Platz, und oft ist bereits nach wenigen Jahren 

1) krypto, ich bedecke und gämos, Ehe, also mit „tmsichtbareu" Fortpflanzungsorganen, ohne 
Blüten. 2) pteris, Farn und phyfön, Pflanze. 3) von filiT, Farn. 4) aspidion, Schildchen (Form 
des Schleiers!); fllix, Farn und man, männlich. 



352 Farne. 

von den zahlreichen Farnstöcken, die vorher den Ort bewohnten, kaum 
noch einer zu finden. 

B. Der Stamm (Wurzelstock), der meist aus der Erde etwas hervor- 
ragt und einen Büschel prächtiger Blätter trägt, ist im Boden schräg 
eingesenkt. Seine Oberfläche ist dicht mit den nicht abfallenden Stiel- 
resten abgestorbener Blätter, sowie mit vielen schwarzbraunen Schuppen 
bedeckt. Hierzu kommen noch zahlreiche faserige Wurzeln, die ihn wie 
mit einem Filze umgeben. Wie deutlich zu erkennen ist, stirbt der 
Stamm am Hinterende allmählich ab, während er am Vorderende all- 
jährlich ein Stück weiter wächst, eine Tatsache, auf die schon die An- 
wesenheit der zahlreichen Blattstielreste hinweist. — Der von den Blatt- 
stielresten befreite Stamm liefert ein wichtiges Mittel gegen den Band- 
wurm, wovon die Pflanze ihren Namen erhalten hat. 

C. Blätter. 1. Die schöngeformten Blätter sind auffallend groß und 
dünn. Infolgedessen können sie trotz des gedämpften Lichtes, das am 
Standorte des Wurmfarns zumeist herrscht, sehr wohl eine genügender 
Anzahl der schwachen Lichtstrahlen auffangen und von diesen durch- 
leuchtet werden. Hierbei kommt der Pflanze ferner vortrefflich zu 
statten, daß die Blätter zusammen meist einen regelmäßigen Trichter 
bilden, wodurch sie alle des belebenden Lichtes teilhaftig werden. Blätter 
dieser Art verdunsten selbstverständlich auch wesentlich mehr Wasser 
als die kleinen, derben und womöglich noch stark behaarten oder in 
andrer Weise geschützten Blätter der Trockenlandpflanzen. An seinen 
Standorten findet der Wurmfarn jedoch stets reichlichen Ersatz für die 
an die Luft abgegebene Wassermenge. Dem Winter vermögen die zarten 
Blätter aber in der Regel nicht zu wdderstehen; oft fallen sie schon dem 
ersten Froste zum Opfer. 

2. Wenn der Wurmfarn auch im Schutze der Bäume und Sträucher 
wächst, sind Blätter von dieser Größe und Zartheit doch in hohem Grade 
der Gefahr ausgesetzt, vom Winde zerrissen zu werden. Da aber die 
Blattflächen aus zahlreichen Abschnitten bestehen, die dem an- 
prallenden Winde leicht ausweichen, und zwischen denen zahlreiche 
Lücken und Durchlässe vorhanden sind, trotzt die Pflanze selbst einem 
heftigen Sturme. Im einzelnen zeigen die Blätter große Verschiedenheit. 
Alle jedoch sind gefiedert; jedes Fiederblättchen ist abermals bis zur Mittel- 
rippe oder bis nahe zu dieser in zahlreiche Abschnitte gespalten, und diese 
„Fiederchen" sind wieder mehr oder weniger tief eingeschnitten. 

Im untern Teile ist die Blattfläche stark verschmälert. Infolge des 
kurzen Stieles würden die Fiederblättchen sich sonst dort decken, also ein- 
ander gegenseitig das Licht streitig machen (vgl. dag. z.B. den Adlerfarn!). 



Taf. 36. 1. Ganze Pflanze. 2. Fiederblättchen mit Frachthäufchen (Schleier ver- 

schnimpft). 3. Fiederchen mit Fruchthäufchen, die noch von Schleiern bedeckt sind. 

4. Junges Farnblatt. 5. Schnitt durch Blatt und Fruchthäufchen. 6. Sporenkapsel, 

geöffnet, von der Seite. 7. Sporcnkapsel, geschlossen, von hinten gesehen. 



Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



Tafel 36. 










Wurmfarn (Aspiöium filix mas). 



Farne. 353 

Von der Mittelrippe des Blattes strahlen zalilreiclie Nerven aus, die sog. Gefäß- 
bündel darstellen (s. S. 483). Sie finden sich wie bei den Blüten- oder Sanienpflan/.en 
(Phanerogainen) bei allen farnartigen Gewächsen, nicht a])er auch bei den Moosen, 
Algen und Pilzen. Durch dieses Merkmal lassen sicli die blütenlosen- oder Sporen- 
pflanzen (Kryptogamen) in zwei natürliche Gruppen zerlegen, die treffend als Gefäß- 
und als Zeilkryptogamen bezeichnet werden. 

3. An dem jungen Blatte ist äußerlich von der Teilung der BJatt- 
fläche nichts zu sehen. Es ist gleich den einzelnen Fiederblättern 
schneckenförmig eingerollt und dicht mit braunen, schuppen- 
förmigen Haargebilden bedeckt. So bietet der überaus zarte Pflan- 
zenteil der austrocknenden Luft nur eine kleine Oberfläche dar, und die 
schuppenartigen „Spreublättchen" wirken wie eine Decke, die wir über 
einen naßzuhaltenden Gegenstand breiten. Sind die jungen Blätter ge- 
nötigt, den Erdboden oder die Laubdecke des Waldes zu durchbrechen, 
so tritt infolge der spiraligen Einrollung auch nur der Stengel oder seine 
Fortsetzung, die feste, dicht mit Schuppen bedeckte Mittelrippe, in Tätig- 
keit, während die sehr leicht zu verletzenden Blattflächen bei dieser 
Arbeit ganz unbeteiligt bleiben. In dem Maße, in dem das Blatt er- 
starkt, rollt es sich auf, und die braunen Schuppen, die nunmehr ohne 
Bedeutung sind, gehen nach und nach verloren. 

D. Fruchthäuf ehen. Wenn sich die Blätter älterer Pflanzen auf- 
rollen, findet man an den meisten von ihnen auf der Unterseite hell- 
grüne, nierenförmige Häutchen, die als Schleier bezeichnet werden. Sie 
treten je nach der Breite der Fiederblättchen und der Fiederchen in ver- 
schiedener Anzahl auf, nehmen später eine bleigraue und schließlich eine 
rotbraune Färbung an. 

Schon mit bloßem Auge erkennen wir, daß jeder Schleier (Name!) 
ein Häufchen brauner Gebilde von der Größe eines Sandkornes bedeckt. 
Betrachten wir einen feinen Schnitt durch das Blatt bei schwacher 
mikroskopischer Vergrößerung, so sehen wir weiter, daß diese Gebilde 
Kapseln darstellen, die mit je einem Stielchen einem feinen Blattaerven 
aufsitzen. Bei stärkerer Vergrößerung erkennen wir, daß die Wand eines 
solchen Gebildes aus einer Schicht platter Zellen besteht, über die sich 
wie die „Raupe" am Feuerwehrhelme ein aus dunklern Zellen gebildeter 
„Ring" erhebt. Diese Zellen haben sehr starke Innen- und Querwände, 
aber sehr zarte Außenwände. Läßt man auf sie Glyzerin einwirken, so 
schwindet das in ihrem Innern befindliche Wasser. Da es aber fest an 
den Zellwänden haftet (Adhäsion), und da die einzelnen Wasserteilchen 
ziemUch innig miteinander verbunden sind (Kohäsion), wird die zarte 
Außenwand nach innen gezogen. Infolgedessen nähern sich die verdickten 
Querwände, so daß der Ring an seinem Außenrande verkürzt wird und 
sich gerade zu strecken sucht. Hat die Spannung einen bestimmten Grad 
erreicht, so reißt die Kapsel an der Seite auf, an der der Ring nicht 
schheßt, und eine Menge kleiner, brauner Körperchen treten ins Freie. 
Dieser Vorgang spielt sich von selbst an den Kapseln ab, wenn im Spät- 
sommer die Zellen stark austrocknen. 

Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 2.3 



354 



Farne. 



Da nun die frei weiden den Körper clien als Sporen bezeichnet wer- 
den, nennt man die Kapseln Sporenkapseln oder Sporangien'), und da 
die Sporen der Vermehrung des Farnkrautes dienen (s. w. u.), heißt die 
von einem Schleier bedeckte Gruppe von Kapseln (ungenau!) ein Frucht- 
häufchen. 

Die Sporen sind also wie die Samen der Blütenpflanzen Vermehrungs- 
körper und daher für das Farnkraut sehr wichtige Gebilde, eine Tat- 
sache, die uns eine Anzahl Erscheinungen verständlich macht: 

1. Die Sporen bilden ein staubfeines Pulver. Daher können sie 
leicht durch den Wind verweht und über einen großen Bezirk ausgestreut 
werden. Legt man ein Farnblatt z. Z. der Sporenreife auf Papier, so 

kann man bequem be- 
obachten, welche große 
Menge von Sporen 
schon ein einziges Blatt 
erzeugt. 

2. Die Aussaat der 
Sporen kann aber nur 
ein „trockner" Wind 
besorgen, der zugleich 
das öffnen der Sporen- 
kapseln bewirkt. Das 
Aufspringen der Kap- 
seln steht also mit der 
Art der Sporenver- 
breitung im innigsten 
Einklänge. 

3. Die Sporen haben 
eine rauhe Oberflä- 
che. Infolgedessen wer- 
den sie wie die rauhen 
Samen der Blütenpflan- 
zen leicht an den Erd- 
boden gefesselt. 

4. Den untern Fiederblättchen, die dem Winde weniger stark 
ausgesetzt sind als die obern, fehlen die Fruchthäufchen zumeist. 

5. Die Sporenkapseln sind außerordentlich zarte Gebilde. Da sie auf 
der Unterseite der Blätter stehen, können sie vom Regen nicht ver- 
dorben werden. Ein weiterer Schutz wird ihnen durch die Schleier 
zuteil, die aber, kurz bevor sich die Kapseln öffnen, völlig verschrumpfen 
und den Wind somit ungehindert zu den Sporen treten lassen. 

E. Vorkeim. 1. Säen wir eine Anzahl Sporen auf durchfeuchtete 
Walderde, die in einen Blumentopf gebracht worden ist, und bedecken 





VmWmW 



Wurmfarn. 1. u. 2. keimende Spore in zwei aufeinander 
folgenden Entwicldungszuständen. S. Spore; K. Keim- 
schlauch; W. das erste Wurzelhaar (etwa 120 mal vergr.). 
3. Vorkeim, Unterseite. An. kuppeiförmige Gebilde, männ- 
liche Organe oder Antheridien. Ar. flaschenförmige Gebilde, 
weibliche Organe oder Archegonien. W. Wiu'zelhaare. 



1) spöros, Sijore, eigentl. Samen, und angeion, Gefäß. 



Farne. 



355 




wir diesen mit einer Glasglocke, so zeigt sich auf der Oberfläche der 
Erde meist schon nach einigen Tagen ein grüner Anflug: Die Sporen sind 
gekeimt, d. h. ihr Inhalt ist in Form emes kurzen Schlauches hervor- 
getreten. Dieser Keimschlauch wächst zunächst zu einem fadenförmigen 
und schheßhch zu einem blattartigen Körper aus, der lebhaft grün ist, 
herzförmige Gestalt und etwa Pfenniggröße hat. Das so entstehende Ge- 
bilde, der Vorkeim (Prothallium ^), ist durch zahlreiche Haare, die am 
zugespitzten Ende entspringen, am Boden befestigt. (Am bequemsten 
erhält man Farn- Vorkeime in Gewächshäusern, in denen Farne gezogen 
werden, Sie finden sich dort häufig auf Blumentöpfen, an feuchten 
Wänden und ähnlichen Stellen.) 

2. Nebenden „ Wurzelhaaren " entstehen 
auf der Unterseite des Vorkeimes noch andre 
Organe, die schon mit der Lupe zu erkennen 
sind, deren feinern Bau uns jedoch erst das 
Mikroskop enthüllt. Zu diesem Zwecke legen 
wir einen Vorkeim (oder besser: sehr dünne 
Schnitte durch einen solchen) in etwas 
Wasser auf eine kleine Glasplatte (Objekt- 
träger). In der Nähe des zugespitzten Endes 
erblicken wir dann kuppeiförmige Ge- 
bilde, die im reifen Zustande zahlreiche 
kugelige Zellen enthalten. Benutzen wir zu 
unsrer Untersuchung einen Vor keim, der 
längere Zeit nicht befeuchtet wurde, so 
sehen wir sehr bald, wie sich 
eines dieser Gebilde am Schei- 
tel öffnet, und wie die kuge- 
ligen Zellen aus ihm hervortre- 
ten. Nach wenigen Sekunden 
verwandeln sich diese Kugeln 
in korkzieherf örmigeKörper, die 
mit Hilfe schwingender Wim- 
pern schnell durch das Wasser 
dahinschwimmen und daher 
als Schwärmer oder Sperma- 
tozoon^ bezeichnet werden. 

3. Unterhalb des herzförmigen Einschnittes finden sich am Vorkeime 
andre Organe, die flaschenförmige Gebilde darstellen. Bei der Reife 
fließt aus der Mündung ihres krummen Halses ein farbloser Schleim her- 
vor. Kommt ein Schwärmer einer noch geschlossenen „Flasche" zu nahe, 
so schwimmt er „gleichgültig" weiter. Ist die „Flasche" aber geöffnet, 
so eilt er der Öffnung schon von einer gewissen Entfernung aus zu, 

1) pro, vor und thallos, Scliößling. 2) sperrna, Same und zöon, Tier, weil man die_ entsprechen- 
den Gebilde des Tierkörpers wegen der Fähigkeit, sich fortzubewegen, für winzige Tiere hielt. 



Ein kuppeiförmiges Gebilde, 
männliches Organ oder Anthe- 
ridium, stark vergr. 1. Geschlos- 
sen; 2. geöffnet; die Schwärmer 
kommen aus der Öffnung hervor 
und nehmen korkzieherartige 
Form an. 




Ein flaschenförmiges Gebilde, weibliches 
Organ oder Archegonium, stark vergr. 1. ge- 
schlossen, 2. geöffnet; E. Eizelle. 



356 



Farne. 




V. 



V. Vorkeim des Wu r m f a r n e s , 

aus dem (F.) eine junge Fani- 

pflanze liervorgeht. 



gerät in den Schleim, bohrt sich langsam bis zum Grunde der „Flasche" 
hinab und verschmilzt dort mit einer Zelle (E.), die schon äußerhch von 
den benachbarten Zellen abweicht. 

4. Derselbe Vorgang spielt sich selbstverständlich auch im Freien 
ab, wenn Tau- oder Regentropfen der Unterseite des Vorkeimes anhaften. 
Aus der mit dem Schwärmer vereinigten Zelle geht nun im Laufe der 

Zeit ein junges Farnkraut hervor, das 
anfänglich mit dem Vorkeime noch in Ver- 
bindung steht, nach dessen Absterben aber 
einer sell)ständige Pflanze darstellt. 

Dieser Vorgang erinnert lebhaft an die 
Befruchtung und Vermehrung der Samen- 
pflanzen: Der Schwärmer ist einem Blüten- 
staubkorne, die im Grunde des flaschenförmi- 
gen Organes liegende Zelle der Samenanlage, 
das kuppeiförmige Gebüde dem Staubblatte 
und das flaschenförmige dem Fruchtblatte 
(Stempel) vergleichbar. Da nun aus der Zelle, 
die der Samenanlage entspricht, eine junge 
Pflanze hervorgeht wie der Vogel aus dem Ei, so bezeichnet man sie als 
Eizelle, und da die Ablage der Eier durch die weiblichen Tiere erfolgt, 
so haben wir in dem flaschenförmigen Gebilde das weibliche Organ 
oder das Archegonium^) des Farnes vor uns. Das die Schwärmer liefernde 
kuppeiförmige Gebilde stellt dementsprechend das männliche Organ oder 
Antheridium") dar. Während bei den Samenpflanzen beiderlei Organe 
(Staubblätter und Fruchtblätter) in Blüten eingeschlossen sind, fehlen den 
Sporenpflanzen die Blüten. Man bezeichnet sie daher zum Unterschiede 
von den „Blütenpflanzen" als „blütenlose Pflanzen". 

5. Der Entwicklungsgang des Farnkrautes von der keimenden Spore 
bis zur Vereinigung von Eizelle und Schwärmer (Befruchtung) zeigt nun 
eine Anzahl von Einzelheiten, die einer nähern Betrachtung bedürfen: 

a) Die Tatsache, daß aus der keimenden Spore keine junge Farn- 
pflanze, sondern ein schlauchförmiger Körper hervorgeht, beweist, daß wir 
in den Sporen nicht Samen vor uns haben, wie solche von den Blüten- 
pflanzen erzeugt werden. Während nämlich jeder Same einen Keimling, 
d. i. die Anlage zu einer neuen Pflanze, enthält und daher aus zahl- 
reichen Zellen besteht, ist die Spore ein einzelliges Gebilde, das 
demnach auch nicht einen mehrzelligen Keimling enthalten kann (Samen- 
und Sporenpflanzen). Auch der Umstand, daß die Sporen nicht in Blüten 
entstehen, also nicht aus Samenanlagen hervorgehen, zeigt, daß sie keine 
Samen, sondern mehr winzigen Ablegern vergleichbar sind, 

b) Als einzelliger Körper enthält die Spore auch nur sehr wenig 
Baustoff für den austreibenden Keimschlauch, Dieses Gebilde ist daher 



]) arcM, Anfang und goni', Naclikoninienscliaft. 2) anlMra, Staubbeutel und -klium, Ver- 
Itleinerungssilbe. 



Famo. 357 

von Anfang an darauf angewiesen, sich die zum Leben und Wachstum, 
nötigen Stoffe selbst zu erwerben. Ein gleiches gilt natürlich auch für 
den Vorkeim, zu dem sich der Keimschlauch entwickelt. Beide senden 
daher Wurzelhaare in den Boden, um ihm Nährstoffe zu entnehmen, 
und sind reich an Blattgrün, durch das die aufgenommenen Rohstoffe 
in Nahrungs- und Baustoffe übergeführt werden. 

c) Hierzu ist aber Sonnenhcht erforderlich. Die Keimung der Sporen 
und die Bildung des Vorkeimes findet daher niemals im Dunkeln statt 
(wie zumeist die Keimung der Samen). — Von dieser für alle Farne gelten- 
den Regel gibt es jedoch Ausnahmen. Man kennt nämlich einige Arten, 
deren Vorkeime unterirdisch leben und des Blattgrüns entbehren. 

d) Keimschlauch und Vorkeim sind außerdem überaus zarte Gebilde, 
die sehr leicht durch Vertrocknen zugrunde gehen. Sie entwickeln sich 
dementsprechend auch nur an feuchten Orten. (Darum müssen wir 
den Blumentopf mit den ausgesäten Sporen in das Licht stellen und ihn, 
um die Luft beständig feucht zu erhalten, mit einer Glasglocke über- 
decken!) Diese Tatsache erklärt uns auch das häufige Vorkommen der 
Farne an feuchten Orten, besonders in feuchten Wäldern, sowie ihr 
gänzhches Fehlen in Wüsten und Steppen. 

e) Die Verbreitung der Farne wird auch noch durch die Art und 
Weise bedingt, in der die Befruchtung erfolgt: Da männliche und weib- 
liche Organe voneinander getrennt sind, muß eine Verbindung zwischen 
ihnen stattfinden. Insekten oder Wind, die bei den Samenpflanzen zu- 
meist eine solche zwischen Staubblatt und Stempel schaffen, kommen 
hier nicht in Betracht. Dagegen ist das Wasser, das als Tau oder 
Regen den Vorkeim netzt, wohl imstande, eine solche „Brücke" zu bilden. 
Da dieses Wasser aber still steht, müssen die „männlichen Zellen" die 
Eizelle aufsuchen, also freibewegliche Körper oder Schwärmer sein. 

f) Infolge des Schleimes, den das flaschenförmige Gebilde, das 
Archegonium, abscheidet, wird es dem Schwärmer, der sich nur in 
Flüssigkeiten bewegen kann, möghch, bis zur Eizelle vorzudringen. 

6. Überblicken wir den Entwicklungsgang des Wurmfarnes (der 
mit dem aller andern Farne übereinstimmt) noch einmal, so finden wir, 
kurz gesagt, folgendes: Aus den Sporen, die auf „ungeschlechthchem Wege" 
wie eine Art Ableger am Farnblatte entstehen, geht ein Vorkeim hervor, 
der auf „geschlechtlichem Wege" (durch Vereinigung von Eizelle und 
Schwärmer) wieder eine sporentragende Farnpflanze erzeugt. Die Ent- 
stehung eines Vorkeimes aus einem andern, oder einer sporentragenden 
Farnpflanze aus einer andern findet nie statt. Das Farnkraut tritt also 
in zwei streng voneinander geschiedenen Formen oder Generationen auf: 
einer ungeschlechtlichen Form, der sporentragenden Farnpflanze, und einer 
geschlechtlichen, dem Vorkeime. Beide Formen wechseln regelmäßig 
miteinander ab, ein Vorgang, der darum als Generationswechsel 
bezeichnet wird. 



358 



Farne. 



1^' 



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y. 



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Andre Farne. 

1. Neben dem Wurmfarne zählt der Tüpfelfarn oder das Engelsüß (Polypödium 
vulgäre') zu unsern bekanntesten Farnkräutern. Die zierliehe, sehr veränderliche Pflanze 

wächst am Fuße alter, mit Moos bewachsener 
Baumstämme, sowie an Felsen und ähnlichen 
Orten. Da sie weit kleinere und derbere Blätter 
besitzt als z. B. der \\'urmfarn, so gibt sie auch 
viel weniger Wasser durch Verdunstung ab als 
dieser. Der Tüpfelfarn kann daher selbst noch an 
sehr trocknen Orten gedeihen (z. B. in Kiefern- 
wäldern), und seine nur einfach gefiederten Blätter 
vermögen sogar den Winter zu überdaueni. Die 
lUiiden Fruchthäufchen sind nicht i^ 

^on einem Schleier bedeckt („Tüpfel- Jf\ 




U 
^^. 





Tüpfelfarn. Ein Blatt auf 
der Unterseite mit Frucht- 
häufchen. Die schnecken- 
förmig zusammengerollten 
Blätter sind 
nächstjährige 




farn"). Der im Boden 
oder unter demMoose 
kriechende Wurzelstock 
ist von süßem Geschmack. 
Er galt früher als Heil- 
mittel, das der Sage nach 
die Engel der leidenden 
Menschheit auf die Erde 
ge])racht haben sollen („Engelsüß"). — Eine ausgeprägte 
Wald- und Schattenpflanze dagegen ist der Streifenfarn 
(Asplenium filix femina^). Er ist dem Wurmfarn sehr ähn- 
lich (daher auch „falscher Wurmfarn" genannt), hat aber 
zartere und kleinere Blätter, sowie streifenförmige Frucht- 
liäufchen, worauf auch sein Name hindeutet. — Ein andres 
Glied der Gattung „Streifenfarn", die zierliche Mauerraute 
(A. ruta muräria''), gibt sich wieder als Trockenlandpflanze 
leicht zu erkennen. Sie hat kleine, meist zwei- 
bis dreifach fiederschnittige Blätter von fast leder- 
artigerBeschaffenheit und nimmt mit der geringen 
Feuchtigkeit fürlieb, die ihr Mauerritzen und Fels- 



Fiederchen vom Blatte 1. des Streifen- 
und 2. dfs Adlerfarnes. 



1) polypödium : pol ij , viel undipödion, Füßchen (weil 
Wurzelstöcke mit vielen Blattresten!); vidgaris , ge- 
mein. 2) asplenium : a-, ohne oder verringernd und 
spien, Milz (Heilmittel!); fllix, Faru; fcniina, Frau, 
weiblich. 3) ruta, Baute: mitrarius yow murus, Mauer. 



Farne 



359 



^^^ 



spalten bieten. — Gegen das niedliche 
Pflänzchen erscheint der Adlerfarn 
(Pteridium aquilinum^) wie ein Riese. Er 
überzieht den Boden lichter Wälder, so- 
wie Berglehnen und ähnliche Orte oft auf 
große Strecken hin mit seinen Blättern, 
die nicht selten eine Länge von mehreren 
Metern erreichen. Der weit im Boden 
dahinkriechende, verzweigte Wiirzelstock 
trägt an jedem Zweige alljährlich nur ein 
dreiteiliges Blatt, das seiner Größe ent- 
sprechend wie das des Wurmfarnes viel- 
fach gespalten ist. Führt man durch den 
untern, schwarzen Teil des Blattstieles 
einen schrägen Querschnitt, so gibt sich 
die Anordnung der Gefäßbündel in einer /< 
Form zu erkennen, die — wie der Name 
besagt — mit einem Doppeladler einige 
Ähnlichkeit hat. Die Sporenkapseln stehen 
jederseits in einer Linie, die dem Rande 
der Fiederblättchen parallel läuft. Sie 
sind außer von einem zarten (Innern) 
Schleier noch von dem umgeschlagenen 
Blattrande bedeckt. 

2. Da, wie wir gesehen haben, das 
Vorhandensein der Farne an die Anwesen- 
heit von Feuchtigkeit gebunden ist, so 
erscheint es uns erklärlich, daß die feuch- 
ten Urwälder der Tropen weit reicher an 
den schönen Pflanzengestalten sind als 
unsre heimischen Waldungen. Wie hier 
der Adlerfarn bedecken sie dort den Boden 
oft wie mit einem grünen Teppiche, oder 
sie siedeln sich mit Orchideen und an- 
dern Gewächsen als Überpflanzen auf 

Stämmen und Zweigen an. Bei zahl- ^-. „ ,.,.,•,.>>•, • , a i. i- 

■ X. T? u 1 4. • 1 ] oi. Baumtarne AJsophuann tropischen Australien, 

reichen Formen erhebt sich der Stamm, \ i / i 

der bei den heimi- 
schen Arten unter- 
irdisch bleibt, wie 
eine Säule hoch 
über den Boden. Da 
diese B a u m f a r n e 
eine Krone großer, 
feinzerteilter Blätter 
tragen , ähneln sie 
den Palmen, mit de- 
nen sie zu den stol- 
zesten Pflanzenge- 
schlechtern zählen. 



S c h w i m 111 - 
blatt 
(nat. Gr.). 
Daneben je 
ein Behälter 
mit wenigen Großsporen-, bezw. 
mit zahlreichen Kleinsporen- 
kapseln (schwach vergr.). 




1) 'pteridium: pteris, 
Farn und -idium, Ver- 
kleinerung ; aquilinus, 
adlerartig. 2) älsos, 
'H&mu.phile, Freundin. 




360 Schachtelhalme, 

3. Von den Ijisher l)etrachteten Landfarnen ist die Gruppe der Wasserfarne scharf 
unterschieden. Sie wird von wenigen kleinen Gewächsen gebildet, die das Wasser oder 
den Sumpf bewohnen und zweierlei Sporen erzeugen. Während die aus den „Kleinsporen" 
hervorgehenden Vorkeime nur männliche Organe (Antheridien) tragen, entstehen aus den 
„Großsporen" Vorkeime mit weiblichen Organen (Archegonien). Die verbreitetste Form 
dieser eigentümlichen Pflänzchen ist das Schwimmblatt (Salvinia nätaas^; s. Abb. 
S. 359), das sich in stehenden und langsam fließenden Gewässern findet. Gleich dem 
Wasserhahnenfuße, mit dem es fast unter genau denselben Verhältnissen lebt, bildet 
es ungeteilte und oberseits unbeuetzbare Schwimmblätter, sowie untergetauchte 
Wasserblätter, die in fadenförmige, behaarte Zipfel gespalten sind und die Stelle der 
fehlenden Wurzeln vei-treten. Am Grunde der Wasserblätter stehen unter den voll- 
kommen geschlossenen Schleiern kugelförmige Behälter, die entweder wenige Groß- 
sporen- oder zahlreiche KJeinsporenkapseln enthalten. 

2. Klasse. Schachtelhalme (Equisetinae-). 

Stengel einfach oder quirlig verzweigt, mit quirlig gestellten, schuppenartigen Blättern, 

die zu Scheiden verwachsen sind. Sporenliapseln auf der Unterseite schildförmiger 

Blätter, die »im Ende des Stengels ährenartig gehäuft sind. 

Der Ackerscliachtelhalni (Equisetum arvense'-). Taf. 37. 

A. Frülijaki'striel)e. Auf Äckern, Grasplätzen und an ähnlichen 
Orten brechen im März und April zarte, blaß-rotbraune Pflanzenstengel, 
die mit je einem ährenartigen Gebilde abschUeßen, aus dem Boden her- 
vor. Es sind die Frühjahrstriebe des Ackerschachtelhalmes. 

1. Der Stengel ist un verzweigt, längsgefurcht und aus mehreren 
Ghedern zusammengesetzt, die nach oben länger und dünner werden. 
Auf Querschnitten zeigt er einen großen, mittlem Hohhaum, der sehr 
regelmäßig von kleinen Kanälen umgeben ist (vgl. mit Roggen!). 

2. Die Blätter entspringen an den massiven Stengelknoten. Sie 
sind auffallend klein, quirlförmig angeordnet und bis auf die schwarzen 
Spitzen miteinander zu je einer Scheide verwachsen, die den Stengel 
rings umgibt. Diese winzigen und zudem nur teilweise schwach grünen 
GebUde scheinen für die Pflanze gänzUch bedeutungslos zu sein. Bei 
näherm Zusehen aber wird man bald eines andern belehrt: 

a) Wie leicht festzustellen ist, durchbrechen die wachsenden Stengel 
den Boden mit ihrer Spitze. Dabei müßte aber die endständige, zarte 
„Ähre" unbedingt beschädigt oder gar zerstört werden, wenn sie nicht 
wie die gleichfalls noch sehr zarten Stengelgheder bei diesem Vorgange 
von den widerstandsfähigen Blättern vollständig umhüllt wäre. 

b) An den untern Enden bleiben die Stengelgheder lange Zeit wachs- 

1) Salvinia von Micheli, dem Begründer der Kryptogamen künde, nach Salmnius, einem Pro- 
fessor in Florenz, benannt; imtaHS, schwimmend. 2) equisetum, Schachtelhalm (eigentlich Pferde- 
schwanz); arvemds, auf dem Acker wachsend. 



Taf. 37. 1. Pflanze mit mehreren verschiec^n entwickelten „Frühjahrstrieben" und mit 

Kjiollen am unterirdischen Stamme. 2. Pflanze mit Ideinem „Sommertriebe". 3. Reife 

Sporenähre. 4. Sporenblatt: a. mit noch geschlossenen und I). mit geöffneten Sporen- 

kapschi. 7). Sporen: a. mit ausgestreckten iiiid li. mit eingerollten l!änd(Mn. 



Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



TafGl 37. 




Ackerschachtelhalm (Equisetum arvense). 



Schaclitelhalme. " 3ßl 

tumsfähig und daher zart und weich. An diesen leicht verletzbaren und 
austrocknenden Stellen sind nun die Stengel von den Blättern wie 
von schützenden Scheiden umgeben. Wir treffen hier also fast 
dieselben Verhältnisse an wie beim Roggen, mit dem der Schachtelhalm 
auch das schnelle Wachstum der Stengel gemein hat. Übt man auf 
einen wachsenden Stengel einen starken Zug aus, so wird er an den 
zarten Stellen selbstverständlich auch zuerst zerreißen. Daher kann man 
die einzelnen Stengelglieder leicht aus ihren Scheiden herausziehen. Beide 
erscheinen wie ineinander geschachtelt, ein Umstand, dem die Pflanze 
den bezeichnenden Namen „Schachtelhalm" verdankt. (Untersuche darauf- 
hin besonders die Sommertriebe und beobachte, wie sich die obern Stengel- 
glieder anders verhalten als die untern, schon erstarkten!) 

3. Die Sporenähre. Über dem obersten Blattquirle, der die Form 
eines gelappten Ringes besitzt, erhebt sich eine kegelförmige Ähre, aus 
der bei der Reife ein blaugrüner Staub hervorkommt. In ihm haben wir 
die Sporen der Pflanze vor uns. Wir sind daher wohl berechtigt, die 
Ähre als „Sporenähre" und die Frühjahrstriebe als sporentragende oder 
„fruchtbare" Triebe zu bezeichnen. 

a) Die Sporenähre besteht aus der Fortsetzung des Stengels, der 
Achse, und zahlreichen Sporenblättern, die wie die Stengelblätter in 
Quirlen angeordnet sind. Jedes Blatt hat die Form eines gestielten 
Schildchens, d. h. es besteht aus einem Stiele, der rechtwinklig von der 
Achse absteht, und einer Platte, die dem Stiele in ihrer Mitte aufsitzt. 
Wie man an der Anlage der Ähre erkeimen karm, stellen diese Blätter 
ursprünglich Höcker der Achse dar, die sich an dem freien Ende nach 
und nach scheibenförmig verbreitern. Sobald diese weiterwachsenden 
Scheiben nun zusammenstoßen, müssen sie sich gegenseitig abplatten: Sie 
nehmen die Form meist sehr regelmäßiger Sechsecke an, wie wir sie an 
den ausgebildeten Sporenblättern erkennen. 

b) An der Innenseite tragen die Platten meist je sechs häutige Säck- 
chen, in denen sich die Sporen bilden. Wir haben in ihnen also die 
Sporenkapseln oder Sporangien vor uns. 

c) Wie uns ein Bück durch das Mikroskop zeigt, besitzt jede Spore 
zwei sich kreuzende Bänder, die in ihrer Mitte mit der Sporenhaut ver- 
wachsen sind und sich am Ende spateiförmig erweitern. Klopfen wir 
die reife Sporenähre über einem Blatte Papier oder dgl. aus, und hauchen 
wir die erhaltene Sporenmasse in kurzen Zwischenpausen leicht an, so 
nehmen wir eine eigentümliche Bewegung in ihr wahr: Nach dem An- 
hauchen bekommt sie das Aussehen feinster Watte, um kurze Zeit 
darauf wieder vollständig in Staub zu zerfallen. Hauchen wir die Sporen 
an, während wir sie unter dem Mikroskop betrachten, so sehen wir, daß 
die (hygroskopischen) Bänder es sind, die diese Bewegung verursachen: 
Sie nehmen etwas von dem Wasserdampf unsres Atems auf, und rollen 
sich infolgedessen schnell eng um die Sporen. Ist die geringe Wasser- 
meuge wieder verdunstet, so strecken sie sich auch wieder aus. 



362 



Schaclitelhalme. 



Welche Bedeutung hat diese eigentümhche Einrichtung? Die staub- 
förmigen Sporen werden, wie z. B. die des Wurmfarnes, durch den 
Wind verbreitet. Zur Zeit der Sporenreife schrumpfen die Sporenblätter 
stark zusammen, so daß der Wind zwischen ihnen hindurch streichen 
kann. Zugleich öffnen sich die Sporenkapsehi nach innen. Infolge des 
Wasserverlustes der Sporenblätter trocknen aber auch die Bänder der 
Sporen aus und strecken sich gerade. Die Sporen nehmen daher jetzt 
weit mehr Platz ein als vordem und drängen sich gewissermaßen 
gegenseitig aus der Öffnung der Sporenkapsel heraus: nunmehr 
können sie also vom Winde erfaßt und verweht werden. (Beobachte an 
abgeschnittenen Stengeln im Zimmer, wie die Sporen aus den Öffnungen 
der Kapseln gleichsam hervorquellen!) 

Eine erfolgreiche Verbreitung der Sporen ist aber nur bei trockner 
Luft möglich. Dann aber strecken sich ihre Bänder aus. Sie bieten 
dem Winde jetzt also eine größere Angriffsfläche dar, so daß 

er sie leicht fortzutragen vermag. 

Haben die Sporen einen günstigen 
Platz gefunden, so beginnen sie wie 
die des Wurmfarnes zu keimen und je 
einen Vor keim zu entwickeln. Dieses 
Gebilde hat beim Schachtelhalme etwa 
die Form eines kleinen Lebermooses, 
trägt aber entweder nur männliche 
(Antheridien), oder nur weibliche Or- 
gane (Archegonien). Eine Befruchtung 
der Eizelle durch einen Schwärmer 
kann also nur dann eintreten, wenn 
sich mehrere männliche und weibliche 
Vorkeime nebeneinander entwickeln. 
Dies ist nun dadurch leicht möglich, 
daß immer einige Sporen, durch 
ihre Bänder ineinander gehakt, 
zusammen durch den Wind verweht 
werden und an derselben Stelle kei- 
men. — Im übrigen erfolgt die Be- 
fruchtung, sowie die Bildung der jungen 
Pflanze aus der befruchteten Eizelle 
in derselben Weise wie bei den Farnen. 
4. Lebensdauer und Erschei- 
nungszeit. Die Frühjahrstriebe sind, 
wie wir gesehen haben, blasse Gebilde, 
die nur ganz geringe Mengen von Blatt- 
grün besitzen. Sie vermögen infolge- 
dessen gleich allen andern Pflanzen 
und Pflanzenteilen, denen das Blatt- 




Vorkeime vom Ackersch achtel halme 
(etwa 60inal vergr.). 1. weiblicher Vor- 
keim ; am Grunde mit (w.O.) drei weib- 
lichen Organen (Archegonien). Das mitt- 
lere ist befruchtet und beginnt, sich zu 
einer neuen Pflanze zu entwickeln. 
2. männlicher Vorkeim; an der Spitze 
mit (m.O.) drei männlichen Organen (An- 
theridien); das linke hat sich geöffnet, 
so daß die Schwärmer entweichen. 
3. ein Schwänner (stark vergr.). 



Schachtelhalme. 



H63 



grün fehlt, auch nicht, die zur Ernährung und zum Wachstum nötigen 
Stoffe seihst zu bereiten. Daher sterben sie ab, sobald sie ihre 
Aufgabe erfüllt, d. h. die Sporen ausgestreut haben. 

Die Verbreitung der Sporen durch den Wind läßt uns auch das Er- 
scheinen der fruchtbaren Triebe im zeitigen Frühjahre als nicht 
unwichtig erkennen. Jetzt sind nämlich die Äcker noch kahl oder die 
angebauten Pflanzen (Getreide, Klee, Raps u. dgl), sowie das Gras auf 
Wiese, Anger und Rain noch niedrig. Später im Jahre dagegen würden 
die Sporenähren, die ja nur auf verhältnismäßig kurzen 
Stengeln stehen, zum größten Teile von den Nachbar- 
pflanzen überragt, dem Einflüsse des Windes also ent- 
zogen werden. 

B. TJnterirdisclier Stamm. Andrerseits ist es den 
fruchtbaren Trieben auch möglich, so zeitig im Jahre zu 
erscheinen ; denn sie besitzen in dem unterirdischen Stamme 
(Wurzelstocke) eine Vorratskammer, in der sie die zum 
Aufbau notwendigen Stoffe fertig vorfinden. Als be- 
sondere Behälter für die aufgespeicherte Nahrung finden 
sich an dem Stamme vielfach noch kleine Knollen, die 
wie die Kartoffelknollen kurze, stark angeschwollene 
Stengelstücke darstellen. Der Stamm ist im wesentlichen 
wie der oberirdische Stengel gebaut. Er ist federkieldick, 
schwarzbraun, vielfach verzweigt, kriecht weit im Boden 
umher und treibt aus den Knoten zahlreiche fase- 
rige Wurzeln. Die miteinander verwachsenen Blätter 
sind aber noch kleiner als die an dem Stengel des 
fruchtbaren Triebes. Sie haben ja auch keine Sporen- 
ähre, sondern nur die fortwachsenden Spitzen des 
verzweigten Stammes gegen Verletzung zu schützen. 
Haben sie diese Aufgabe erfüllt, so sterben sie ab. 

Da der Stamm meist so tief im Boden liegt, 
daß ihn der Pflug nicht erreicht, da er ferner 
nach allen Richtungen Zweige aussendet, durch 
die sich die Pflanze schnell über einen großen 
Bezirk ausbreitet, und da er endlich zahlreiche 
oberirdische Triebe bildet, die den Feldpflanzen 
Nahrung, Raum und Licht wegnehmen: ist 
der Ackerschachtelhalm eines der lästigsten 
Unkräuter. 

C. Sommertriebc. 1. Nachdem der Schachtelhalm 
die fruchtbaren Triebe gebildet hat, sind die im unter- 
irdischen Stamme aufgespeicherten Vorräte fast erschöpft. 
Der „Speicher" muß daher von neuem gefüllt werden. 
Dies geschieht dadurch, daß die Pflanze Triebe hervor- 
bringt, die reich an Blattgrün sind, also unter Mit- 




Wald- 

schachtel- 

halm 



364 



Scliachtelhalme. Bärlappgewäclisc. 



Wirkung des Sonnenlichtes neue Vorratsstoffe zu l)ilden vermögen. Diese 
tannenbaumähnlichen, lebhaft grünen Triebe kommen erst im Mai oder 
Juni zum Vorscheine und dauern den ganzen Sommer über aus. 
Man nennt sie daher Sommertriebe. 

2. Im wesentlichen sind die Sommertriebe mit den „ Frühjahrs- 
trieben " übereinstimmend gebaut. Sie besitzen aber niemals eine 
Sporenähre („unfruchtbare Triebe") und tragen an den Stengelknoten 
Quirle von Ästen. Diese Gebilde durchbrechen den Grund der ver- 
wachsenen Blätter, sind deutlich geghedert, tief gefurcht, meist vierkantig 
und oft nochmals verzweigt. Die Blätter haben wie die des 
unterirdischen Stammes nur das wachsende Stengelende und 
die ganz jungen Zweige zu überdecken. Die 
von ihnen gebildeten Scheiden sind dem- 
entsprechend cLuch viel kleiner als die an 
den fruchtbaren Trieben. 

3. Glüht man einen Stengel oder Zweig 
auf emem Platinbleche, so bleibt ein zar- 
tes „Skelett" von Kiesel- 
säure zurück, die der Ober- 
haut in großen Mengen ein- 
gelagert ist. Infolgedessen 
erscheinen die Sommertriebe 
hart und fest, so daß sie 
wie die kieselhaltigen Stengel 
und Blätter zahlreicher Grä- 
ser und Riedgräser vortreff- 
lich gegen Tierfraß geschützt 
sind. Des Kieselgehaltes we- 
gen wird die Pflanze hier und 
da auch zum Scheuern kup- 
ferner mid zinnerner Gefäße 
benutzt („Scheuerkraut"). 
Verwandte. Gleich dem Ackerscliachtelhalme bildet der Wald-SCh. (E. silväti- 
cuia ' ; Abb. s. S. 363), der wie die meisten Waldpflanzen von zartem Bau ist, frucht- 
bare und unfruchtbare Triebe; erstere ergrünen aber nach der Sporenaussaat und 
treiben grüne Seitenzweige. — Bei andern Arten dagegen steht die Sporenähre an der 
Spitze der grünen Stengel. Dies ist z. B. beim Sumpf-Sch. (E. palüstre^), der auf 
sumpfigen und torfigen Wiesen ein lästiges Unkraut bildet, und beim Schlamm-Scb. 
(E. limösum*') der Fall, der an denselben Orten, sowie in Sümpfen, Gräben und Teichen 
seine oft mehr als meterliohen, wenig- oder unverzweigten Stengel treibt. 




Kolben-Bailapp L)an( ben 2 ^poienblätter i mit 

geschlossener, b. mit geöffneter Sporenkapsel (etwa 

5 mal vergr.). 



3. Klasse. Bärlappgewächse (Lycopödinae^). 

Ein besonders in Nadelwäldern häufiger Vertreter dieser Gruppe blütenloser Pflanzen 
ist der Kolben-Bärlapp oder dasSclilang:eiimoos(Lycopödium clavätum*), ein immergrünes, 

1) süvaticus. iui Walde wachsend. 2) palustris, im Sumpfe wachsend. 3) limosus. im Schlamme 
wachsend. 4) lycojiodium : lykos. Wolf u. pötlion. Füiächen (die dicht beblätterten jungen Zweige liaben 
Älinlicliktit mit eiiiciii TierhiUt;) ; (iariifiis. kuuleuförmig (Si)orenälii'e!). 



Geologisches Vorkoiniiion der fjirnattigeu Pflanzt! 



365 



nioosartiges Pllänzcheii, das mit seinem gabelig sich verzweigenden Stengel weit üher 
dem Boden dahinkriecht (Schlangenmoos !). Die Sporenblätter, die wie bei den Schachtel- 
halmen zu kolbenartjgon Ähren gehäuft sind, tragen an ihrem Grunde je eine große, 
nierenlörmige Sporenkapsel, die sich bei der Keife durch einen Querspalt öffnet. Da 
sich die Sporenähren auf langen Stielen über den Boden erheben, vermag der Wind die 
Sporen leicht auszuschütteln und zu verwehen. Die winzigen Köiper, die die Sporen- 
kapseln in gelben Wolken verlassen, sind das sog. Hexemiiehl, das besonders zum 
Trocknen wunder Körperstellen dient. 

Geologisches Vorkommen der fariiartigen Pflanzen. Taf. 38. 

Die farnartigen Pflanzen reichen bis in die ältesten Perioden der Erdentwicklung 
zurück, in denen pflanzliches und tierisches Leben nachzuweisen ist. Noch lange nach- 
dem die Nadelhölzer und ihre nächsten Verwandten aufgetreten waren (s. S. 331), 
bildeten sie die herrschenden Glieder der damaligen Pflanzenwelt. Diese Stellung 
ging ihnen jedoch 
nach und nach ver- 
loren. Je mehr sich 
nämlich die höher 
organisierten Blüten- 
pflanzen entwickel- 
ten undausl^reiteten, 
um so mehr ver- 
schwanden sie von 
der Oberfläche der 
Erde , und gegen- 
wärtig sind nur noch 
wenige zwerg- 
hafte Reste die- 
ser einst so arten- 
reichen Gruppe 
anzutreffen. 

Eine besondere 
Bedeutung erhalten 
diese untergegan- 
genen Pflanzenge- 
schlechter dadurch, 
daß wir ihnen in 
erster Linie die Ent- 
.stehung der Stein- 
k h 1 e zu verdanken 
haben. Wie in den 
Tropen herrschte in 
jener weit hinter uns 
liegenden Zeit auch 
in unsrer Heimat ein 
feuchtheißes Klima, 
und mächtige Wäl- 
der bedeckten den 
sumpfigen Boden. 
Auf dem Grunde der 
Moore , die riesige 

Ausdehnungen er- Pflanzenrehte aus dei btemkohlenzeit. 1. Abdruck eines Farn- 
reichten, speicherten blattes. 2, Stengelstück eines Kalamiten. 3. .Stammober- 
sich im Laufe langer fläche eines Schuppen- und 4. eines Siegelbaumes. 




366 Laubmoose. 

Zeiträume ungeheure Pflanzenmassen auf: abgefallene Blätter, Zweige, die der Sturm 
abgerissen, Stämme, die das Alter niedergeworfen oder Bäche und Flüsse herbei- 
getragen hatten, bildeten hier eine gewaltige Schicht von Faulschlamm, wie er 
noch heute in unsern Waldsümpfen zu finden ist. Wurden diese faulenden Massen 
später durch Sand oder Ton bedeckt, so entgingen sie, da sie der Einwirkung der Luft 
entzogen waren, einer vollständigen Zersetzung: Ähnlich wie aus dem Holze im Kohlen- 
meiler Holzkohle entsteht, verwandelte sich der weiche Schlamm unter dem Drucke 
darüber lagernder Gebirgsschichten nach und nach in feste Steinkohle. 

An der Bildung dieser Wälder waren alle drei Klassen der farnartigen Pflanzen 
beteiligt: Die eigentlichen Farne traten als Bäume, Sträucher und Stauden auf; andre 
kletterten als Lianen an den größern Pflanzen zum Lichte empor, während wieder 
andre das Wasser bewohnten. Die Schachtelhalme Jener Zeit, die Kalamiten (Cala- 
mites ^ u. a) waren baumartige Gewächse mit quirlförmig angeordneten Zweigen, und die 
Bärlappgewächse, die Höhen von 30 und mehr Metern erreichten, müssen unsern 
Nadelbäumen ziemlich ähnlich gewesen sein. Unter diesen gewaltigen Bärlappen hatten 
die Scliuppenbäume (Lepidodendron ^) und die Siegelbäume (Sigilläria'^) wieder die weiteste 
Verijreitung. Ihre Stämme wurden von siegelartigen Blattnarben bedeckt, die bei erstem 
in Schraubenlinien, bei letztern aber in Längsreihen angeordnet waren. 

2. Gruppe. Moose (Bryophyta*). 

Pflanzen, die in Stengel und Blätter gegliedert sind oder laubartige Gebilde darstellen, 
denen echte Wurzeln fehlen und die niemals Gefäßbündel enthalten. 

1. Klasse. Laubmoose (Musci'). 

Pflanzen, die stets deutlich in Stengel und Blätter gegliedert sind. Die Blätter sind 
in der Regel in einer Schraubenlinie angeordnet, und die Sporenkapsel ist meist mit 

einer Haube bedeckt. 

Das goldene Frauenhaar oder der Widerton (Polytrichum commune*). 

A. Vorkommen und Xamen. Das zierliche Moos überzieht be- 
sonders in feuchten Wäldern, sowie auf Moorboden und an andern 
wasserreichen Stellen oft weite Flächen. Während es hier hohe, schwel- 
lende Polster bildet, tritt es uns an trocknen Stellen nur in Form 
niedriger Rasen entgegen. Einen prächtigen Schmuck erhalten diese 
grünen Moosteppiche, wenn sich über ihnen auf schwankenden Stielen 
die Sporenkapseln erheben. Dann werden uns auch die Namen verständ- 
lich, die das zierliche Pflänzchen trägt. Nach den goldgelben, filzigen 
Hauben, von denen die Kapseln bis zur Reife überdeckt werden, nennt 
man es goldenes Frauenhaar, Haarmoos oder Filzmütze. Früher schrieb 
man dem harmlosen Gewächs geheime Kräfte zu: Es galt als sicheres 
Mittel „wider das Antun" durch böse Geister und Hexen, so daß es 
heutzutage noch hier und da als Widerton bezeichnet wird. 

1) kälamos, Halm, Rohr. 2) lepis, Schuppe und dendron, Baum. 3) von sigülum, Siegel. 
4) hryon, Moos und phytön, Pflanze. 5) miiscus, Moos. G) polytrichum: poly, viel und thrix, gen. 
tricMs, Haar; communis, gemein. 

Taf. 38. 1. Zahlreiche Siegelbäume. An dem Stamme in der Mitte des Bildes ein 

kletternder Farn. 2. Kalamiten. 3. Ein Wasserfaru. 4. Stauden-Farn. 5. Baumfarn. 

6. Zwei sehr alte Schuppenbäume. 



Schmcil, Lehrhücli der Botanik. 



Tafel 38. 




Wald zur Steinkohlenzeit. 



Moose. 



367 



B. Moospflaiizc. 1. Der feste, elastische Stengel erreicht auf 
feuchtem Untergründe eine Höhe von 30 cm. Er sthbt vom untern Ende 
aus allmählich ab, während er oben beständig weiter wächst. Daher ist 
er meist auch nur am obern Teile mit grünen, lebenstätigen Blättern 
besetzt, während sein unterer Abschnitt kahl ist oder braune, 
d. s. abgestorbene Blätter trägt. 

2. Das untere Stengelende ist mit einem braunen Filze be- 
deckt, der, wie das Mikroskop zeigt, aus vielen verzweigten Zell- 
reihen zusammengesetzt ist. Diese Gebilde befestigen das Pflänz- 
chen im Boden und nehmen Wasser mit 
den darin gelösten Nährstoffen auf. Sie 
vertreten also die Stelle der Wurzeln, wie 
sie die höhern Pflanzen besitzen. Darum 
werden sie treffend auch als Wurzelhaare 
bezeichnet. (Wie dem Frauenhaar fehlen 
auch allen andern Moosen echte Wurzeln.) 
In dem Grade, in dem der Stengel von 
unten her abstirbt, entstehen an ihm immer 
weiter nach oben neue Wurzelhaare. 

3. Die Blätter sind in einer Schrauben- 
linie am Stengel angeordnet. Sie haben die 
Form eines langgestreckten, gleichschenk- 
ligen Dreiecks, sind scharf zugespitzt und 
— wie mit der Lupe zu erkennen ist — 
am Rande fein gesägt. Am Grunde ver- 
breitern sie sich zu einem häutigen Ab- 
schnitte, mit dem sie dem Stengel eng an- 
liegen. (Am besten ist dies zu sehen, wenn 
man einen Stengel zerreißt, mit dem obern 
Ende nach unten kehrt und nunmehr die 
Blätter mit Hilfe einer Pinzette abhebt.) 

a) Legen wir ein Blatt unter das Mikro- 
skop, so erkermen wir leicht, daß es nur 
aus Zellen zusammengesetzt ist. Es ent- 
behrt also der Gefäße, wie wir sie bei 
den höhern Pflanzen antreffen. In gleich 
einfacher Weise sind auch alle übrigen Teile 
des Frauenhaares gebaut, desgleichen alle 
andern Moose, sowie die Algen und Pilze. 
Daher werden — wie bereits S. 358 er- 
wähnt ist — diese 3 großen Gruppen der 
blütenlosen Gewächse den Farnen oder Gefäßkryptogamen als Zellkrypto- 
gamen gegenüber gestellt. 

An einem Querschnitte des Blattes erkennen wir allerdings, daß eine 
Art Mittelrippe vorhanden ist. Sie besteht jedoch im Gegensatz zu dem 




Goldenes Frauenhaar (nat. 
Gr.). 1. Pflanze mit „Moosblüte" ; 
2. Pflanze mit endständiger und 

durchwachsener „Moosblüte" ; 

3. Pflanze mit Sporenkapsel. 



368 



Moose. 




Querschnitt vom 
Blatte des golde- 
nen Frauenhaa- 
res. 1. ausgebreitet; 
2. zusammengelegt 
(etwa lOOmal vergr.). 




entsprechenden Gebilde höherer Pflanzen gleichfalls nur aus Zellen. Da 
die Wände dieser Zellen z. T. aber stark verdickt sind, verleiht sie dem 
Blatte jedoch Halt und Stütze. 

b) An diesem Querschnitte sehen wir ferner, daß sich auf der Blatt- 
oberfläche Längsleisten erheben, die aus je einer Zellschicht aufgebaut 
sind. (Im Querschnitte erscheinen die Leisten daher als Zellreihen.) Durch 
diese Gebilde wird die Oberfläche des Blattes wesentUch vergrößert, so 
daß die Pflanze also auch mehr Sonnenstrahlen auffangen und größere 
Wassermengen verdunsten kann, als wenn die Blätter nur je eine ein- 
fache Zellschicht darstellten. Beides ist aber für das Moos von größtem 
Vorteile; denn die verdunstenden Wassermassen machen andern Platz, 

die vom Boden aufsteigen 
und Nährstoffe enthalten, 
und unter dem Einflüsse des 
Sonnenlichtes allein werden 
in den grünen Blättern diese 
Stoffe so umgewandelt, daß 
sie der Pflanze zum Aufbau 
dienen können. 

c) Nimmt man ein Pflänz- 
chen aus dem Boden, so fal- 
ten sich die Blätter oft schon 
nach kurzer Zeit der Länge 
nach zusammen, wodurch ihr Querschnitt eine etwa ü-förmige Gestalt er- 
hält. Jetzt verdunstet die Pflanze daher auch viel weniger Wasser als 
vordem, und zwar ist dieser Verlust um so geringer, als sich die Blätter 
gleichzeitig nach oben dicht an den Stengel legen. (Zusammen- 
gefaltete und aufeinandergelegte Wäsche bleibt viel länger feucht, als 
wenn man jedes einzelne Wäschestück flach ausbreitet.) Diese Schutz- 
stellung nehmen die Blätter, wie leicht zu beobachten ist, bei trockner 
Witterung auch im Freien ein. Eine zu starke Wasserdampfabgabe hat 
für das Frauenhaar wie für jedes andre Gewächs selbstverständlich den 
Tod im Gefolge. Gegen Wasser verlust ist das zarte Moos jedoch so wider- 
standsfähig, daß es sogar während „des trocknen" Winters (s.S. 465) seine 
Blätter behalten kann. Es ist also eine immergrüne Pflanze. 

d) Bietet man einem scheinbar gänzHch vertrockneten Moose wieder 
Wasser dar, so breiten sich seine Blätter auch alsbald wieder aus 
und biegen sich vom Stengel zurück. Stellt man die Pflanze zu 
diesem Zwecke mit dem untern, blattlosen Teile in das Wasser, so geht 
beides viel langsamer von statten, als wenn man den mit grünen Blättern 
besetzten obern Teil in das Wasser legt oder sonstwie befeuchtet. Dies ist 
ein deutliches Zeichen dafür, daß die Aufnahme des Wassers besonders durch 
die Blätter erfolgt. Wie groß die Wassermenge ist, die aufgesogen wer- 
den kann, läßt sich am besten erkennen, wenn man einen stark aus- 
getrockneten Moosrasen anfeuchtet, dessen Gewicht man vor und nach 



Laubmoose. 



der Wasseraufnahme genau feststellt. 
(Am besten benutzt man zu diesem 
Versuche Polster des Weiß- oder des 
Torfmooses.) FreiUch nehmen die Pflan- 
zen nicht alles Wasser auf; das meiste 
wird vielmehr (infolge von Kapillari- 
tät) zwischen den Blättern und Stämm- 
chen festgehalten wie in den Poren 
eines Badeschwammes. 

C. Befruchtung. 1. Männliche 
Organe. Unter den Pflänzchen des 
goldenen Frauenhaares finden sich im 
Mai und Juni stets mehrere, deren 
Stengel am Gipfel etwas verdickt und 
deren Blätter dort stark verbreitert 
und vielfach röthch gefärbt sind. 
Diese körbchenartigen Bildungen wer- 
den im Volksmunde als Moosblüten 
])ezeichnet. Nicht selten wächst 
der Stengel über ihnen mit ge- 
wöhnlichen Blättern weiter, um 
im nächsten Jahre an seiner Spitze 
eine neue „Blüte" zu bilden. 

Durchschneidet man ein 
Körbchen senkrecht, so 'sieht 
man schon mit Hilfe der Lupe 
zwischen kleinen, langgestreckten 
oder spateiförmigen Blättern 
zahlreiche wasserhelle Schläuche, 
in denen wir bei Benutzung des 
Mikroskops leicht die männ- 
lichen Organe oder Antheridien 
erkennen. (Bei völhger Reife ge- 
nügt schon ein leichter seitUcher 
Druck, um sie aus dem Körb- 
chen hervorzupressen.) 

Bringt man einen reifen 
Schlauch in das Wasser, so öffnet 
er sich alsbald an der Spitze. 
Es tritt eine teigige Masse hervor, 
die aus zahlreichen Zellen mit je 
einem Schwärmer (Spermato- 
zoon M besteht. Bald werden 



m. 0. 



369 



^^M 




2. 

Senkrecht 



durch- 



schnitten mit 3 männlichen Organen m.O. 
(etwa 20mal nat. Gr.). 2. Eine.s dieser 
Organe stärker (etwa 100 mal) vergr. 
Aus der geöffneten Spitze treten soeben 
die Schwärmer hervor, die z. T. (rechts) 
schon frei geworden sind. 




1) 8. S. 355, Anm. 2. 
Schmeil, Lehrbuch der Botanik. 



Weibliche Oigane eines Mooses (etwa 
30 mal vergr.). 1. Zwei dieser flaschenförmigen 
Gebilde (w 0.) stehen an der Spitze des längs- 
durchschnittenen Stengels (St.) und sind von 
zahlreichen längsdurchschnittenen Blättern (B.) 
umgeben. Das vordere dieser Organe ist im 
Längsschnitte gezeichnet, um die Eizelle (E.) 
und den mit Sclileim gefüllten langen „Hals der 
Flasche" zu zeigen. 2. Dieselben Teile, einige 
Wochen später: Die Eizelle eines der beiden 
weiblichen Organe wächst zur gestielten Sporen- 
kapsel (Sp.) heran. Der jetzt stabförmige Kör- 
per, der noch nicht in Stiel und Kapsel ge- 
gliedert ist, hat sich in den Stengel der Pflanze 
gebohrt und ist von dem mitwachsenden weib- 
lichen Organe, der „Wand der Flasche" (F.), 
eingeschlossen. Das zweite weibliche Organ 
ist abgestorben. 

24 



370 



Laubmoose. 



diese Grebilde frei und schwimmen mit 2 langen Haaren am zugespitzten 
Vorderende durch das Wasser dahin. 

2. Weibliche Organe. Bei andern Pflänzchen sind zu derselben 
Zeit die obersten Blätter knospenartig zusammengeneigt. In den Achseln 
dieser Blätter finden sich die weiblichen Organe oder Archegonien. Es 
sind wie beim Wurmfarne flaschenförmige Gebilde, die je eine Eizelle 
einschließen. Sie öffnen sich wie bei jener Pflanze an der Spitze und 
entlassen einen Schleim, durch den die Schwärmer eindringen, um mit 
der Eizelle zu verschmelzen. Den Weg zu dieser Zelle finden die Schwärmer 
durch das Wasser, das ja bei jedem Regen den Moosrasen durchtränkt. — 
Das Frauenhaar ist also wie z. B. die Salweide eine zweihäusige Pflanze. 
Eine Befruchtung kann daher nur stattfinden, wenn männüche und weib- 
liche Pflanzen dicht beieinander stehen, oder — anders ausgedrückt — 
wenn sie einen Rasen oder ein Polster bilden. 

D. Sporeiikapsel. Von den befruchteten Eizellen entwickelt sich 
auf jedem Stengel stets nur eine weiter. Aus ihr geht ein lang- 
gestreckter Körper hervor, der sich nach und nach zu der gestielten 
Sporenkapsel (Sporangium) ausbildet, 

1. Der untere Teil des Körpers wird zu dem fast fingerlangen Stiele, 
der unten prächtig rot und oben goldgelb gefärbt ist. Der obere Ab- 
schnitt dagegen schwillt stark an und liefert die Sporen- oder Moos- 
kapsel. Indem sich der Stiel mit seinem untern Ende in das Moos- 
stämmchen einbohrt, bleibt das ganze Gebilde mit der Mutterpflanze im 
engsten Zusammenhange. Anfänglich ist die junge „Moosfrucht" von 
der mitwachsenden „Flasche" umgeben. Schließhch 
zerreißt die Hülle aber: Ihr unterer Teil bleibt als 
die kleine Scheide zurück, die den Stiel unten um- 
gibt und inniger mit der Mutterpflanze verbindet; 
ihr oberer Abschnitt dagegen wird von 
der Kapsel als goldgelber Filz, als 
sog. Haube mit emporgehoben. 

2. Wie ein Längs- und ein Quer- 
schnitt zeigen, ist die vierkantige 
Sporenkapsel von einem Mittelsäul- 
chen durchzogen und mit zahlreichen 
grünen Sporen angefüllt. Ihr oberer 
Teil hebt sich bei der Reife in Form 
eines Deckelchens ab. An dem Rande 
der Kapsel erbhckt man dann (Lupe!) eine große Anzahl feiner Zähn- 
chen, deren Spitzen durch ein IrommelfeUartiges Häutchen miteinander 
verbunden sind. 

3. Entstehimg und Bau der Sporenkapsel machen uns nun zahlreiche 
Verhältnisse der interessanten Pflanze verständhch: 

a) Wie die Eizelle, ist auch der aus ihr hervorgehende Körper an- 




Sporenkapseln des goldenen Frauen- 
haares (etwa 8mal vergr.). 1. Kapsel mit 
Haube. 2. Kapsel ohne Haube ; D. Deckel- 
chen. 3. Deckelchen abgefallen; der 
Wind schüttelt die Sporen heraus. 



Ijauhinooso. 



871 



fänglich überaus zart. Für ihn ist es daher von größtem Vorteile, daß 
er — ähnlich wie die Samenanlage der höhern Pflanzen durch den 
Fruchtknoten — von der mitwachsenden „Flasche" so lange um- 
hüllt wird, bis er den Witterungseinflüssen zu widerstehen vermag. 

b) Die Sporenkapsel ist zwar ein grünes Gebilde. Da sie aber von 
der Filzhaube überdeckt ist, so daß das Sonnenlicht nur geschwächt bis 
zu ihr vorzudringen vermag, ist die „Moosfrucht" auch nicht imstande, 
alle zum Wachstum und Leben erforderlichen Stoffe zu bereiten. Sie 
bleibt daher — wie wir gesehen haben — mit der Mutterpflanze 
im Zusammenhange. 

Diese Verbindung ist jedoch eine ganz andre als z. B. die zwischen 
der Apfelfrucht und dem Apfelbaume. Zieht man nämlich den Stiel vor- 
sichtig aus der Mutterpflanze soweit heraus, daß sein Ende aber noch in 
der Scheide verbleibt, und steckt man ihn darauf wieder fest in das 
Moosstämmchen, so — wächst die „Moosfrucht" weiter! Man betrachtet 
daher die Kapsel mit ihrem Stiele als eine besondere Pflanze, die 
aus dem Moospflänzchen hervorgegangen ist, sich von diesem aber nicht 
trennt und von ihm ernährt wird. 

c) Während der Stiel schon ziemlich frühzeitig erstarkt, bleibt die 
Kapsel noch lange Zeit sehr zart. Ihr ist daher die Haube ein wichtiges 
Schutzmittel, das sich treffend mit einem Strohdache vergleichen läßt. 
Wie nämlich ein solches Dach die Hausbewohner vor zu 

großer Sommerhitze und vor Regen bewahrt, so beschützt 
auch die Filzhülle die wachsende Kapsel vor zu starker 
Erwärmung und damit verbundener übermäßiger Wasser- 
dampfabgabe, sowie vor schädlicher Nässe (Tau, Regen). 
Sind die Sporen gereift, so daß sie ausgestreut werden 
müssen, dann fällt die nunmehr überflüssig gewordene 
Haube ab. 

d) Dasselbe gilt für das Verschlußstück der sich jetzt 
wagerecht stellenden Kapsel, für das Deckelchen. Es 
wird, indem die Kapselwände eintrocknen, abgehoben. 

e) Da die Kapsel oben aber nicht einfach offen ist, 
werden die Sporen nacheinander ausgesät, so daß sich 
die daraus hervorgehenden Vorkeime (s. w. u.) gegenseitig 
nicht Raum, Licht und Nahrung streitig machen. Indem 
sich nämlich die Zähnchen am Kapselrande etwas wa20malvergr.). 
emporrichten, heben sie auch das Häutchen mit in die Darunter nocli 
Höhe: Es entstehen zahlreiche kleine Löcher, durch die 
stets nur wenige Sporen ins Freie gelangen können. Die 
Kapsel hat jetzt also große Ähnlichkeit mit einem Mohn- 
kopfe oder einer Streusandbüchse. 

f) Obgleich sich die reife Kapsel wagerecht gestellt hat, fallen die 
Sporen nicht von selbst heraus. Sie muß erst erschüttert werden. Da 




Obere Fläche der 
Sporenkapsel, 
die Zälmchen des 
Kripselraudes und 
das trommelfell- 
artige Häutchen 
(H.) zeigend (et- 



stärker vergr. 
einige Zähnchen 
und ein Stück des 
Häutchens (H.). 




372 Laubmoose. 

sie sich nun auf einem langen, sehr elastischen Stiele erhebt, ist 
hierzu schon ein sanfter Wind imstande. 

E. Vorkeim. 1. Die Entwicklung der Sporen läßt sich wie bei den 
Farnen durch Aussaat leicht verfolgen. Schon nach wenigen Tagen ist 
aus jeder Spore ein Keimschlauch hervorgegangen, der sich bald zu 
einer Art Vor keim (Protonema^) entwickelt. Dieses Gebilde stellt einen 
langen, mehrfach verästelten Faden dar, hat also große Ähnlichkeit mit 
einer verzweigten Fadenalge (s. das.). Da er wie der Vor- 
keün der Farne selbst die zum Leben und Wachstum nö- 
tigen Stoffe bereitet, findet auch an ihm eine Arbeits- 
teilung statt: Mehrere farblose oder braune Zweige dringen 
als Wurzelhaare in den Boden und übernehmen die Auf- 
gaben der fehlenden Wurzeln; die andern 
Zweige sind grün und verarbeiten im ^ 

Sonnenhchte die aufgenommenen Roh- \ 

Stoffe. (Vorkeime der Moose findet man f^^^^^^^ 
in Gesellschaft fadenförmiger Algen als 

grünen Anflug häufig auf feuchtem Bo- _Z^" 

den, z. B. auf Blumentöpfen.) / 

2. Am obern Teile des Vorkeimes, ~7 

der nunmehr bald zugrunde geht, bil- , ^' ^^^n} ""^/^^^^^^ ^^a% ooses 
° j. . (etwa <^00mal vergr.). S. Spore, aus 

den sich kleme Knospen, die zu je der der Vorkeim henwgegangen ist. 
einem Moospflänzchen auswachsen. K. Knospen. 

Keimen an einem Orte viele Moossporen, 

so erscheinen demnach auch zahlreiche dicht beieinander stehende Moos- 
pflänzchen: Es entsteht ein Rasen oder Polster. — Hiermit sind wir 
zum Ausgangspunkte unsrer Betrachtung zurückgekehrt. 

3. Nunmehr sind wir auch imstande, die Entwicklung der Moose, 
die im wesentlichen genau wie beim Frauenhaare erfolgt, zu überblicken 
und mit der der Farne zu vergleichen. Dabei werden wir leicht folgen- 
des finden: Aus der Spore bildet sich der algen artige Vorkeim, an dem 
die Moospflänzchen hervorknospen. Da diese die männlichen und weib- 
lichen Organe tragen, so bilden sie mit ihrem Vorkeime die geschlecht- 
liche Form oder Generation. 

Aus der Vereinigung von Eizelle und Schwärmer geht die gestielte 
Sporenkapsel hervor, die auf „ungeschlechtlichem Wege" Sporen erzeugt. 
Sie stellt somit die ungeschlechtliche Form oder Generation dar. Da 
nun beide Formen regelmäßig abwechseln, haben wir hier wie bei den 
Farnen einen deutlich ausgeprägten Generationswechsel vor uns. 
Wohl zu beachten ist hierbei aber, daß die Sporenkapsel der Moose ihrer 
Entstehung nach der Farnpflanze entspricht, während andrerseits der 
Vorkeim und die Moospflanze dem Vorkeime der Farne gleich gesetzt 
werden muß. 



1) prötos, erster und nema, G-espiust. 



Laubmoose. 373 

Die Bedeutung und die verbreitetsten Arten der Laubmoose. 

A. Die Bedeutung. Die Laubmoose treten uns in der Natur in größtem Formen- 
reichtume entgegen. Sie sind alle im wesentlichen wie das goldene Frauenhaar gebaut 
und zeigen infolgedessen auch dieselben Lebenstätigkeiten. Daher eröffnet uns das 
Verständnis der einen Pflanze zugleich einen Blick auf die Bedeutung aller. 

1. Wie das Frauenhaar vermögen die meisten Moose so stark auszutrocknen, daß 
sie unter unsern Tritten zerbrechen, und daß wir sie zu Staub zermalmen können. 
Wochenlang verharren sie in diesem Zustande: Sobald sie aber von einem Regen be- 
netzt werden, erwachen die sclüummernden Lebenstätigkeiten von neuem. Daher 
können sich viele von ihnen auch an Felsen und Baumstämmen, auf Ästen, Mauern 
und Dächern, kurz an Orten ansiedeln, an denen sie oft lange Zeit hindurch größter 
Trocknis ausgesetzt sind. (Warum fmden sich Moose [und Flechten] besonders an 
der „Wetterseite" der Baumstämme?) 

Diese örtlichkeiten sind ferner so arm an Nährstoffen, daß größere Pflanzen hier 
„verhungern" müßten. Den winzigen Moosen aber genügt die geringe Erdmenge in 
den Felsenritzen, sowie der herbeigewehte Staub in den Fugen der Dachziegel oder in 
den Rissen der Baumrinde vollkommen. Die größte Menge von Nälu-stoffen entnehmen 
die Pflänzchen allerdings dem Regenwasser, das sich auf seinem Laufe über die Felsen, 
au den Baumstämmen herab oder dgl. damit beladet. 

Durch die Fähigkeit, an wasser- und nährstoff armen örtlichkeiten zu gedeihen, 
erlangen die Moose eine außerordentliche Wichtigkeit im Haushalte der Natur. Indem 
sie nämlich zwischen den Pflänzchen ihrer Polster den herbeigewehten Staub aufsam- 
meln, sowie von unten her beständig absterben und in „Mooserde" zerfallen, vermehren 
sie fortgesetzt die geringe Erdmasse, in der sie wurzeln. Sie sind daher (mit den 
Flechten) die ersten Ansiedler auf Felsen und bereichern selbst den ödesten 
Boden nach und nach an fruchtbaren Bestandteilen. Nach ihnen können 
sich an diesen Orten Pflanzen ansiedeln, die größere Ansprüche an den Boden stellen, 
so daß sich im Laufe der Zeit kahle Felsen mit einer grünen Pflanzendecke überziehen. 

2. Im wasserdurchtränkten Moore dagegen ist ein gänzlicher Zerfall der abgestor- 
benen Teile nicht möglich. Gleich der Rasen- und Erdschicht, die der Kölüer über den 
Meiler deckt, verhindert nämlich das Wasser eine genügende Durchlüftung des Bodens, 
so daß nur eine unvollkommene Zersetzung der Pflanzenteile eintritt. Wie im Meiler 
häufen sich daher im Boden große Mengen von Kolilenstoff an: es entsteht Torf. 
Geht dieser Vorgang Jahrhunderte oder Jahrtausende hindurch vor sich, so bilden sich 
schließlich mächtige Torflager, wie wir sie z. B. in der norddeutschen Tiefebene und 
an mehreren Flüssen Bayerns finden. 

Der Torf dient dem Menschen nun nicht allein als Brennmaterial, sondern aus 
ihm gewinnt man auch ein allerdings meist nur dürftiges Ackerland, Zu diesem Zwecke 
brennt der Moorbauer die oberste Schicht der Torflager ab („Höhenrauch"), oder er 
vermengt die schwarze Torferde mit lockerndem Sande. Ohne den Torf und die ihn 
erzeugenden Moose wären jene Gegenden Sümpfe, die vom Menschen nicht bewohnt, 
z. T. nicht einmal betreten werden könnten. Wenn unter den Torfbildnern auch die 
Torfmoose (s. w. u.) die erste Stelle einnehmen, so trägt doch neben zahlreichen andern 
Pflanzen das zierliche Frauenhaar gleichfalls nicht wenig dazu bei, für den Menschen 
bewohnbares Land zu schaffen. 

3. Wie wir sahen, saugen sich die Moospolster beim Regen wie ein Schwamm 
voll Wasser. Bedenlcen wir, daß der Boden der Wälder oft auf weite Strecken hin 
mit einem gmnen Moosteppiche bedeckt ist, so können wir ungefähr abschätzen, welch 
riesige Wassermenge schon von den Moosen eines einzigen Waldes aufgesogen und 
festgehalten wird. Schlägt man die Wälder nieder, so gehen auch die schattenliebenden 
Waldmoose meist zugrunde. Geschieht dies nun auf einem Gebirge, so stürzen bei 
heftigen Gewitterregen oder beim Schmelzen des Schnees die Wassermengen wie reißende 
Ströme zu Tale und verwüsten nicht selten die fruchtbaren Ebenen, die sich längs 
der Flüsse ausdehnen, mitsamt den Wolinstätten der Menschen. Im Verein mit den 



374 



Laubmoose. 



andern Pflanzen, die den Waldgrund bedecken, schützt das unscheinbare Moos 
also die Bewohner der Täler und Niederungen vor verheerenden Ülier- 
s c h w e m m u n g e n. 

Von waldlosen Bergrücken fließt das Wasser also in kürzester Zeit ab. Dann 
versiegen Bäche und Flüsse, so daß Feld und Mensch unter dem Wassermangel stark 
leiden müssen. Ist das Gebirge aber mit Wald bedeckt, dann gibt das Moos das ein- 
gesogene Wasser nur sehr langsam Avieder ab. Es speist also das ganze Jahr 
hindurch die Quellen und Flüsse und versorgt die Täler und Niederungen 
jahraus, jahrein mit Wasser. 

4. Wie die Bäume den ]\Ioosen, die den Boden des Waldes bekleiden, Schutz ge- 
währen, so leisten umgekehrt auch die unscheinbaren Pflänzchen ihren Beschützern 
einen nicht minder wichtigen Dienst: Sie bewahren den Boden vor zu starker 
Austrocknung, so daß die Baurawurzeln beständig das nötige Wasser finden können, 

und verhindern (besonders an Abhängen) das Weg- 
schwemmen der Erdschicht, in der die Bäume ^vurzeln. 
(Beurteile hiernach das Einsammeln der Moose als Streu 
für das Vieh!) Die gleiche Bedeutung haben die Moose 
auch für die andern Pflanzen des Waldes, deren Wurzeln, 
unterirdischen Stämmen, Knollen oder Zwiebeln sie zu- 
gleich als schützende Winter decke dienen. 

G. Wenn wir endlich bedenken, wie viele niedere 

Tiere (Insekten, Spinnen, Weichtiere usw.) die Moosrasen 

beleben oder in ihnen den AMnterschlaf 

halten, wie die „Mooshälmchen" zaM- 

/'^ ll''Wl^'^^^ C ^^^ / reichen Vögeln zum Nestbau dienen, 

hMi J^^^ \ ^^ii, I wie der Mensch das Moos zum An- 

fertigen von Kränzen, zum Verpacken 
von zerbrechlichen Gegenständen, zum 
Ausfüllen von Kissen und Polstern, zum 
Verstopfen von Lücken und Ritzen, zur 
Streu für das Vieh und zu zalilreichen 
andern Zwecken verwendet: so werden 
wir die große Bedeutung ermessen kön- 
nen, die die unscheinbaren Pflänzchen 
im Naturganzen und für den Men- 
schen haben! 

6. Wenn das Moos allerdings Wiesen 
und Äcker überzieht, dann ist es nichts 
weiter als ein Unkraut, das den an- 
gebauten Pflanzen Liclit, Luft. Nahrung 
und Raum wegnimmt. Auch von der 
Rinde der Obstbäume muß es entfernt 
werden; denn es gewährt den über- 
winternden Schädlingen einen Unter- 
schlupf und hält die Stämme und Zweige 
zvi lange feucht, so daß sie leicht faulen. 

B. Ton den rerbreitetsten Arten seien die wichtigen Torf- oder Sumpfmoose 
(Sphagnum-) zunächst genannt, die in Sümpfen, morastigen Wäldern und an ähnlichen 
feuchten Stellen große, schwammige Polster bilden. Ihr Stengel ist mit peitschenför- 
migen Ästchen besetzt, die am Gipfel schöpf artig gehäuft sind. Wurzelhaare sind nur 
im jugendlichen Zustande vorhanden, ein Zeichen, daß die Aufnahme von "\^'asser und 
Nährstoffen auf anderm Wege erfolgen muß. Die Hauptmasse der Blätter besteht 
nämlich aus großen, inhaltsleeren Zellen, die als Wasserspeicher dienen. Aus gleichen 




T o r f m o s mit D reiseitiges W a 1 d- 

Sporenkapseln m o o s (Hypnum tri- 

(nat. Gr.). quetrum^; uat.Gr,). 



1) hypnon, eiii Moos; triquetrua, (.Ireieckig. 2) von sphägnos. oiii Moos. 



Laubmoose. Lebermoose. 



375 



/(■Hell ist auch tlio Außenscliiclit der Stengel und Zweige zusaniuietigeset/t, so daß sich 
lue Pflanze wie ein Schwamm voll Wasser zu saugen vermag. Da nun die Außenwände 
dieser Hohlräume durchlöchert sind, so erfolgt die Wasserauf'nahme auch mit großer 
Schnelligkeit. Durch diese farblosen Zellen kann das Blattgrün, das sich in andern 
Zellen findet, aber nicht recht zur Geltung kommen; daher hat die Pflanze ein eigen- 
tümlich blaßgrünes Aussehen. — Ahnliche Wasserspeicher und daher auch eine ähn- 
liche Färbung besitzt das Weißmoos (Leucöbryum glaucum^), das an feuchten Wald- 
stellen die bekannten bläulichgrünen oder weißlichen, meist kreisrunden Polster 
bildet. — Der IVIoosteppich , der den Waldgrund oft meilenweit ununterbrochen über- 
zieht, ist aus zahlreichen Arten gewoben, unter denen sich die Astmoose (Hypnum^ 
und andre Gattungen mit sehr vielen, schwer 
unterscheidbaren Formen) durch zierlich verästelte 
Stämme auszeichnen. — In Erdlöchern und Höhlen 
lebt das merkwürdige Leuchtmoos (Schistöstega 
osmundäcea"''), dessen Vorkeim (Protonema) sich 
durch ein smaragdenes Licht zu erkennen gibt. 
Gewisse Zellen des zarten Gebildes stellen näm- 
lich glashelle Kugeln dar, die gleich Brenn- 
gläsern die einfallenden Lichtstrahlen sammeln 

und nach der dem Lichte abgewendeten Seite werfen. Dort befindet sich das Blatt- 
grün, das dadurch dann verhältnismäßig stark beleuchtet wird. Infolge dieser Ein- 
richtung vennag das Moos noch in dem Halbdunkel der Felsenspalten zu gedeihen, 
also bei einer Lichtmenge, die für keine andre grüne Pflanze mehr genügen würde. Da 
nun die gesammelten Stralüen von dem Blattgrün wie von einem Hohlspiegel z. T. 
zurückgeworfen werden, so erstralilt das zarte Pflänzchen in einem milden Lichte, 
das Jeden Beschauer ent?;ückt. 




Vorkeim des Leuchtmooses. 



2. Klasse. Lebermoose (Hepäticae*). 

Pflanzen, die laubartige Gebilde darstellen oder in Stengel und zweizeilig angeordnete 
Blätter gegliedert sind und haubenlose Sporenkapseln besitzen. 

In das Wesen dieser weit kleinern Abteilung der Moose soll uns das Brunnen- 
Lebermoos (^larchäntia polymörpha'') einführen, das an Brunnenrändern, feuchten 




Brunnen-Lebermoos: 1. weibliche, 2. männliche Pflanze; beide mit Brutbechern 
(nat. Gr.). 3. Brutbecher, längs durchschnitten, mit Ablegern (etwa 15 mal vergr.). 

l) leucohryum : leukös, weiß und brijon, Moos; glaiicus, liell, bläulich. 2) s. S. 374, Aum. 1. 
3) schistöstega: schistös, gespalten und s^e^e, Dach; osmundacea, dem Farn Oömi'mröa älmlich. 4) von 
hepar, Leber, weil einige Arten früher als Heilmittel gegen Leberkrankheiten galten. 5) Marchantia, 
nach dein franz. Botaniker Marchant benannt (f 1678); polymorphos, vielgestaltig. 



376 



Lebermoose. Jochalgen. 



Mauern, Gräben, kurz an nassen Orten häufig anzutreffen ist. Früher wurde es fiir 
ein Mittel gegen Leberleiden gehalten, ein Umstand, dem es mit der ganzen Klasse_ den 
Namen verdankt. Es ist ein blattartiges, mehrfach gelapptes Gebilde, das durch zahl- 
reiche Wurzelhaare am Erdboden befestigt ist. Im Juni und Juli entwickelt es eigen- 
tümliche Äste, die etwa das Aussehen kleiner Hutpilze liaben. Bei gewissen Pflänzchen 
gleicht der „Hut" einem flachen Teller mit gekerbtem Rande, bei andern dagegen 

etwa dem Gestell eines aufgespannten Regenschirmes. 
Während sich an der Oberseite der „Teller" die männ- 
lichen Organe (Antheridien) finden, tragen die „Schirm- 
stäbe" an der Unterseite die weiblichen Organe 
(Archegonien). Beide sind wie beim goldenen Frauen- 
haar gebaut. Die Befruchtung erfolgt auch in derselben 
Weise. Die aus den Eizellen sich entwickelnden Sporen - 
kapseln oder Sporangien besitzen aber keine Hauben. 
Außer dieser geschlechtlichen Fortpflanzung findet noch 
eine ungesclüechtliche Vermehrung statt. Auf der Ober- 
seite des blattartigen Hauptteiles erheben sich nämlich 
^^elfach kleine Becher, in deren Grunde -winzige Teile 
der Pflanze abgeschnürt werden. Vom Regen ver- 
schwemmt, wachsen diese Gebilde wie Ableger zu selb- 
ständigen Pflanzen heran. Daher werden die Becher 
auch treffend als Brutbecher bezeichnet. 

Als Beispiel der zahlreichen Arten, deren nieder- 
liegende Stengel zweiseitig angeordnete Blätter tragen, 
sei hier ein zierliches Pflänzchen abgebildet, das auf 
feuchtem Boden, an morschen Baumstämmen und ähn- 
lichen Stellen häufig zu finden ist. Die von einem 
hohen Stiele getragene Sporenkapsel öffnet sich im 
Gegensatz zu der der Laubmoose mit 4 Klappen. Nach der Form des blattartigen 
Gebildes, das den untern Teil des Stieles umgibt, führt das zarte Gewächs den 
Namen Kammkelch (Lophocölea^). 




Kammkelch. 



3. Gruppe. Lagerpflanzen (Thallöphyta^). 

Pflanzen, deren Körper nicht in Stengel und Blätter gegliedert ist, die also ein sog. 

Lager darstellen. 

1. Kreis. Algen (Algae'). 

Lagerpflanzen, die im Wasser oder doch an feuchten Stellen leben und Blattgrün enthalten. 

1. Klasse. Jochalgen (Conjugatae*). 

Einzellige oder einfach fadenförmige, grüne Algen des Süßwassers, tue sich außer durch 
Teilung durch sog. Jochsporen (s. S. 378) vermehren. 

Die Seliraiibeiialge (Spirogyra^j. 

(Zugleich ein Blick auf die -Bedeutung der Algen im allgemeinen.) 
A. Yorkommeu. In flachen Teichen, sowie in Tümpeln und Gräben 
finden wir während der wärmern Jahreszeit häufig schlüpfrige, grüne 
Massen, die wie Watte aus zahlreichen unentwirrbaren Fäden bestehen. 

1) löphos. Schopf und köleös, Scheide. 2) thallös, Schößling und phytm, Pflanze. 3) älga, See- 
taug, eigentl. Schlingpflanze. 4) coniugätiis, verbunden, .'i) speira, spira, Windung, Spirale, gyrös, 
rund (Blattgrünband!). 



Jochalgen. 



377 






Bei Zuhilfenahme des Mikroskops erkennen wir in ihnen leicht Algen, 
die in ihrem Bau größere oder geringere Unterschiede aufweisen, also 
verschiedenen Gattungen und Arten angehören. Da diese Pflanzen im 
Gegensatz zu zahlreichen andern Algen nicht festgewachsen sind, so ver- 
mögen sie wie alle freischwimmenden Gewächse auch nur stehende 
oder langsam fließende Gewässer zu bewohnen. 

B. Bau. Unter diesen Algen ist die zu betrachtende Schraubenalge 
eine der häufigsten. Wir werden sie leicht herausfinden, 
wenn wir ihren Bau genügend beachten, wie ihn neben- 
stehende Abbildung erkennen läßt. 

1. Das Pflänzchen stellt einen überaus zarten Faden 
dar. Eine Luftpflanze von dieser Form müßte kraftlos zu- 
sammenfallen oder dem Erdboden aufhegen. Eine Pflanze 
dagegen, die im Wasser schwebt, von ihm also getragen 
wird, kann diese Gestalt und Zartheit wohl besitzen. (Vgl. 
hiermit auch die auffallende Größe und Zartheit vieler 
Wassertiere, z. B. Wal und Qualle!) 

Im Gegensatz zu allen bisher betrachteten Gewächsen 
sind an dem Pflänzchen also weder Stamm, noch Blätter 
zu erkennen. Einen gleich einfachen Bau besitzen auch 
alle andern Algen, sowie die Pilze und Flechten. Da man 
nun einen solchen ungegliederten Pflanzenkörper als Lager 
oder Thallus bezeichnet, stellt man diese Pflanzen den 
„Stamm-Blatt-Pflanzen" als „Lagerpflanzen" gegenüber. 

2. Der Faden, der von einer schleimigen Hülle um- 
geben ist, besteht aus zahlreichen walzenförmigen Zellen, 
die sich mit Je einem kleinen Zimmer vergleichen lassen. 
(Näheres über die Zelle s. S. 419.) Die „Zimmerwände" sind 
farblos, durchsichtig und mit einer „Tapete" überkleidet, die 
aus einer schleimigen und gleichfalls farblosen Masse, dem 
Urbildungsstoff oder Protoplasma, gebildet wird. In 
dieser „Tapete" hegt bei der abgebildeten Form ein 
schraubenförmig gewundenes Band, das durch einen ein- 
gelagerten Farbstoff, das sog. Blattgrün oder Chlorophyll, 
lebhaft grün erscheint. Dieses Band gibt der ganzen Pflanze 
das grüne Aussehen und läßt den Namen „Schraubenalge" 
vollkommen gerechtfertigt erscheinen. (Bei andern Arten der 
Gattung „Schraubenalge" treten mehrere solcher Bänder 
auf; s. Abb. S. 378.) Durch den Innenraum des „Zimmers", 
der mit einer wässerigen Flüssigkeit angefüllt ist, ziehen 
sich von den „tapezierten Wänden" aus mehrere Fäden. 
Sie kreuzen sich alle in einem Punkte und halten dort ein 
Körperchen, den Zellkern, in der Flüssigkeit schwebend. 

Durch die überaus zarten Wände dringen die Nährstoffe in das 
Innere der ZeUe. Dort werden sie wie bei allen andern grünen Pflanzen 






:TTr 



Schrauben- 
alge: drei 
Zellen eines 
Fadens, von 
denen sich die 
oberste (3) ge- 
teilt hat (stark 
vergr.). 



378 



Joclialgen. 



unter dem Einflüsse des Sonnenlichtes weiter verarbeitet. Die stark be- 
leuchtete Wasseroberfläche ist daher für die Pflanze auch ein sehr geeigneter 
Aufenthaltsort. Wir finden allerdings auch in tiefern Wasserschichten zahl- 
reiche Algen; jedoch ohne Licht kann keine dieser Pflanzen leben. 
C. Yermehruiig'. 1. Die watteartigen Massen, die die Schrauben- 
alge in den Gewässern bildet, vergrößern sich sehr schnell. Wie dies 
erfolgt, zeigt uns wieder das Mikroskop. An dieser oder Jener Zelle be- 
ginnt der Kern, sowie der gesamte Inhalt sich in zwei Teile zu spalten. 
Gleichzeitig entsteht etwa in der Mitte der Längswand der Zelle eine 
ringförmige Verdickung, die sich immer weiter nach innen erstreckt, und 
die schließhch den Zellraum wie eine Querwand durchsetzt. Auf diese 
Weise wird die Zelle in zwei Tochterzellen geteilt, die bald zur 

Grröße der „Mutterzelle" auswachsen. 
Vielfach kommt es nun auch vor, daß 
die Fäden zerreißen, und daß die 
Teilstücke als selbständige Pflänzchen 
weiter leben. 

2. Im Sommer und Herbste trifft 
man vielfach Schraub enalgen an, die ein 
eigentümlich krauses Aussehen haben, 
mid deren Fäden fest aneinander haften. 
Bringen wir Teile dieser Fäden in einen 
größern Wassertropfen, so können wir 
mit Hilfe des Mikroskops folgendes fest- 
stellen: Je 2 Fäden haben sich mehr 
oder weniger parallel nebeneinander ge- 
legt und von ihren gegenüber hegenden 
Zellen aus zapfenartige Fortsätze ge- 
trieben (a), die schüeßhch aufeinander 
gestoßen (b) und verschmolzen sind (c, d 
und e). Auf diese Weise ist eine Brücke 
zwischen je 2 Zellen gebildet, so daß 
die Fäden bei zahlreichen solcher Ver- 
bindungen das Aussehen einer kleinen 
Leiter erhalten. Nachdem sich die In- 
halte beider Zellen infolge von Wasser- 
abgabe stark zusammengezogen haben (c), 
wandert der Inhalt der einen zu dem der 
andern hinüber (d); beide verschmelzen 
alsbald zu einer Spore, die sich ab- 
rundet und mit einer dicken, widerstands- 
fähigen Hülle umgibt (e). Da man die zwischen beiden ZeUen entstehende 
Verbindung auch mit einem Brückenjoch vergleichen kann, bezeichnet 
man eine auf diese Weise entstehende Spore als Jochspore und die 
Algen, die diese Sporenbildung zeigen, als „Jochalgen". 




1. Sporenbildung bei dei Schi auben- 
alge (s. Text). 2. u. 3. Keimende 
Sporen. Im Gegensatz zu der auf 
S. 377 abgebildeten Art ist hier eine 
Form mit zwei Blattgi-ünbändern 
dargestellt. 



Jochalgen. 379 

Indem die Zell wände verwesen, werden die Sporen schließlich frei. 
Sie sinken zu Boden und treiben erst im nächsten Frühjahre einen 
Keimschlauch, der bald zu einem neuen Algenfaden heranwächst. 

Wenn wir bedenken, daß die Schraubenalge nur in seichten Ge- 
wässern lebt, also dort, wo das Wintereis ihre zarten Fäden leicht zer- 
stören könnte, so erscheint uns die Sporenbildung als eine Einrichtung, 
durch die sich die Pflanze über die ungünstige Jahreszeit hin- 
überrettet. Und wenn wir weiter erwägen, wie viel Sporen sich schon 
in je zwei Algenfäden entwickeln, und wie leicht diese winzigen Körper 
vom Wasser fortgespült werden können, so werden wir in der Sporen- 
bildung auch ein Mittel zur Vermehrung und Verbreitung der 
Pflanze erkennen. 

Die Spore entsteht, wie wir soeben gesehen haben, dadurch, daß 
sich die Inhalte zweier Zellen, d. h. zwei vollkommen gleiche „Wesen" 
miteinander vereinigen. Diesen Vorgang, den man in ähnlicher Form 
auch bei niedern Tieren wiederfindet, bezeichnet man als Verschmel- 
zung oder Konjugation. Da er lebhaft an die Befruchtung erinnert, wie 
sie z. B. bei den Farnen und Moosen erfolgt, so haben wir es hier gleich- 
falls mit einem, und zwar dem einfachsten Falle geschlechtlicher 
Fortpflanzung zu tun. Die Zellteilung dagegen ist nur ein Vorgang 
ungeschlechtlicher Vermehrung. 

D. Bedeutung'. 1. Wie wir später sehen werden, dienen den Pflanzen 
sehr einfach zusammengesetzte Stoffe (Salze, Wasser und Kohlensäure) 
zur Nahrung. Die Tiere dagegen können ihren Leib nur aus Pflanzen- 
oder Tierstoffen aufbauen. Sie sind daher in letzter Linie stets auf 
Pflanzenstoffe angewiesen. Dies gilt natürlich auch von den Pflanzen 
und Tieren des Wassers. Da nun die Algen die bei weitem wichtigsten 
Glieder der Wassergewächse darstellen, bilden sie auch die Haupt- 
Nahrungsquelle der Wassertiere. 

Außerdem spenden sie diesen Tieren einen großen Teil der not- 
wendigen Atemluft. Setzen wir z. B. Algen (oder andre untergetauchte 
Wasserpflanzen) in einem Gefäße mit Wasser direktem Sonnenlichte aus, 
so sehen wir von ihnen Gasbläschen emporsteigen. Da in einer auf- 
gefangenen, größern Menge dieses Gases ein glimmender Span mit heller 
Flamme brennt, so können wir in ihm nur Sauerstoff vor uns haben, 
der den Tieren bekanntlich zur Atmung dient. 

2. Andrerseits liefern aber auch die Tiere den Algen (und den an- 
dern untergetauchten Wasserpflanzen) eine große Masse von Nährstoffen. 
Bringt man z. B. Schraubenalgen oder eine andre Algenart in ein Ge- 
fäß mit Wasser, das durch faulende Tierstoffe übelriechend geworden 
(aber nicht zu stark verunreinigt) ist, so wird das Wasser nach und nach 
klarer, und der üble Geruch verschwindet schheßlich vollständig. Hier- 
mit geht eine starke Vermehrung der Algen Hand in Hand: Sie haben 
die sich zersetzenden Tierstoffe in sich aufgenommen und zum Leben und 
Aufbau ihres Leibes verwendet. Bedenkt man nun, welche Mengen von 



380 



Kieselalgen. 



Tierstoffen (Abfallstoffen und Leichen) in einem Grewässer täglich in Ver- 
wesung übergehen, so ist leicht einzusehen, daß ohne die Tätigkeit 

der Algen (und der andern unter- 
getauchten Wasserpflanzen) das Wasser 
bald verpestet sein würde, alles 
tierische Leben in ihm also zu- 
grunde gehen müßte. 

Die Wasserpflanzen und unter ihnen 
in erster Linie wieder die in großen 
Massen auftretenden Algen sind also — 
kurz gesagt — die Grundbedingung 
alles Lebens im Wasser. 




Unter den Jochalgen findet sich eine Gruppe 
einzelliger Arten (Desmidiäceae^), die sich durch 
besondere Zierlichkeit auszeichnen. Diese herr- 
hchen „Kunstformen der Natur" treten in einer 
großen Mannigfaltigkeit der Gestalt in Algen- 
dickichten, besonders aber in Torfsümpfen auf. 

Sie stellen, wie die abgebildeten Formen zeigen, bald ausgezackte Scheiben oder grüne 

Halbmonde, bald regelmäßige Sterne, Ketten, Bänder u. dgl. dar. 



Einzellige .Jochalgen (Desmidiaceae). 
(Etwa 200 mal vergr.) 



2. Klasse. Kieselalgen (Diatomäceae''). 

Kieselalgen bekommt man leicht in größter Menge zu Gesicht, wenn 
man mit Hilfe des Mikroskops den braunen, schleimigen Überzug unter- 
sucht, der sich im Frühjahre in Gräben und Pfützen bildet. Auch Algen- 
fäden oder Schlamm wird man nach ihnen nur selten vergeblich durch- 
mustern. Die winzigen, einzelligen Pflanzen haben die 
Form eines Stabes, einer Sichel, eines Keiles, eines 
Kreises, einer Ellipse oder dgl. Sie schweben entweder 
frei im Wasser, oder gleiten wie ein von geheimnis- 
vollen Kräften getriebenes Schifflein auf fester Unterlage 
langsam dahin, oder sitzen endlich auf ausgeschiedenen 
Gallertstielen andern Körpern auf. Durch einen braunen 
Farbstoff, der das Blattgrün verdeckt, erhalten sie 
ein ledergelbes Aussehen. Die Zellwand besteht aus 
2 Schalen, von denen die eine über die andre wie der 
Deckel über eine Schachtel hinweg greift. Glüht man 
die Pflänzchen auf einem Platinblech, so bleibt ein 
Kieselskelett zurück, das genau die Form der Schalen 
aufweist (Kieselalgen!). Jetzt erkennt man auch erst 
^d^s Sfißwiser^.*" deutlich, wie die zarte Zellwand durch Leisten und 
(Na\icula3). i.Flä- Rippen verstärkt ist, so daß oft eine überaus regelmäßige 

chenansicht; und zierliche Felderung entsteht. 
2. Kantenansicht; " Vergrößert sich der Inhalt der Zelle, so werden die 
3. Querschnitt. 

(Vgr. etwa 450m al.) l) von desmös, Band. 2) von diätxmws, zersolinitten. 3) Schiffchen. 




Kieselalgen. 



381 




Kieselalgen des Süßwassers. 
1 — 4. einzeln lebende Arten. 5 u. (5. 
freilebende Kolonien. 7. eine Kolonie, 
die mit Hilfe eines verzweigten Gal- 
lertstieles einem festen Gegenstande 
aufsitzt. (Vergr. 100 mal.) 



Schalen auseinander gedrängt Indem 
sich der Inhalt so teilt, daß jede 
Hälfte eine Schale erhält, entstehen 
2 Pflänzchen, von denen jede alsbald 
die zweite, fehlende Schale ausscheidet. 
Bleiben die bei fortgesetzter Teilung immer 
neu entstehenden Pflänzchen im Zusam- 
menhange, so bilden sich Kolonien, die 
zierHche Ketten, Bänder, Scheiben u. dgl. 
darstellen. Da nun aber die verkieselteu 
Zellwände nicht wachstumsfähig sind, 
müssen die Pflanzen, die die kleinere 
Schale erhalten, aUmähHch auch immer 
kleiner werden. Dies hat jedoch eine 
Grenze. Ist die Größe nämhch bis auf 
einen gewissen Punkt herab gesunken, 
dann legen sich (in der Regel) 2 Pflänz- 
chen aneinander; ihre Schalen klappen 
auf; der Inhalt beider tritt hervor, vereinigt sich genau wie bei den 
Jochalgen und bildet eine große Spore, aus der dann eine Pflanze von 
der ursprünghchen Größe hervorgeht. 

Die Kieselalgen entfalten ihre Bedeutung als Nährstoffquelle der Tiere 
(s. S. 379, 1) besonders im Meere. Hier bilden — wie wir w. u. noch sehen wer- 
den — die Braun- und Rotalgen zwar weite Bestände. Da sich diese „Tangwiesen" 
und „Tangwälder" aber nur bis zu einer Tiefe von 
etwa 50 m erstrecken, vermögen sie den ungezähl- 
ten Tierscharen der Weltmeere auch bei weitem 
nicht die nötige Menge von Nahrung zu liefern. 
Es muß daher noch eine andre Nahrungsquelle 
vorhanden sein! Streifen wir mit einem sehr 
feinen Gazenetze durch das Meerwasser, und 
betrachten wir den „Fang" mit Hilfe des Mikro- 
skops, so haben wir die gesuchte Quelle: Neben