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liehrbuch der Diathermie
für Ärzte und Studierende
Dr. Franz Nagelschmidt
Zweite, durchgesehene Auflage
Mit 155 Textabbildungen
Berlin
Verlag von Julius Springer
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in
fremde Sprachen, vorbehalten.
Copjfight 1921 by Julius Springer in Berlin.
Vorwort zur ersten Auflage.
Die vielseitige Entwicklung, welche die Technik auf allen Gebieten
des öffentHchen und privaten Lebens in den letzten Jahrzehnten ge-
funden hat, bringt es mit sich, daß sich allmählich das Interesse und
das Verständnis für technische Fortschritte popularisiert. Die Er-
fahrung lehrt, daß nach und nach auch für die Medizin diese Fort-
schritte nutzbar gemacht werden. Ganz besonders befruchtend hat in
dieser Beziehung in den letzten Jahren die beispiellose Entwicklung der
drahtlosen Telegraphie gewirkt, insofern, als das seit langer Zeit sta-
gnierende Gebiet der Elektrotherapie einer eingehenden Umarbeitung
unterzogen wurde. So können wir Lewis Jones^) beistimmen, der
geradezu von einer neuen Ära in der Entwicklung der Elektro-
medizin spricht. Wir sehen neue Bahnen der Entwicklung vor uns,
und es eröffnet sich ein Ausblick in neue Gebiete. Aber unsere ärzt-
Kche Vorbildung ermöghcht uns nicht ohne weiteres das Verständnis
und die Mitarbeit. Wir müssen umlernen. Was wir noch vor 10 Jahren
in der Schule in der Physik von der Elektrizitätslehre lernten, muß
modifiziert werden, und wir müssen uns in neue Vorstellungsreihen
einleben. Der wesentliche Fortschritt, der uns in dem vorhegenden
Buch interessieren soll, geht von der Anwendung der Hochfrequenz-
ströme in der Medizin aus, und er bedeutet nicht mehr und nicht weniger
als die Möglichkeit, Wärme in jeden beliebigen Teil des
Körpers hineinzubringen. Dieses Verfahren der Diathermie
existiert praktisch erst seit ca. 5 Jahren. Indessen können wir
sagen, daß wir auf kaum einem Gebiet der Elektromedizin über so
exakte und experimentell wohlbegründete Kenntnisse verfügen wie
auf diesem Grenzgebiet der Elektro- und Thermotherapie. Die Lite-
ratur, welche die drahtlose Telegraphie und' die Anwendung der Hoch-
frequenzströme in der Heilkunde betrifft, ist bereits so bedeutend
angewachsen, daß es ein dringendes Bedürfnis geworden ist, sie zu
einem Lehrbuch zusammenzufassen.
Lehrbücher der drahtlosen Telegraphie und Telephonie gibt es
bereits, aber sie sind für Nichtphysiker kaum verständlich. Wenn wir
es im folgenden unternehmen, die medizinischen Anwendungen
der.Hochfrequenzströme den Ärzten und Studierenden zugänglich
zu machen, so müssen wir von vornherein davon Abstand nehmen, die
rein physikalischen Grundlagen mathematisch zu entwickeln und aus-
führhch darzulegen. Wir beschränken uns vielmehr darauf, möghchst
allgemeinverständlich darzustellen, welche Energieart uns in den
elektrischen Wellen zur Verfügung steht, und was der Arzt zur sach-
verständigen Anwendung im physiologischen Versuch und in der prak-
tischen Medizin zu wissen benötigt. Wir haben daher die physi-
kalische Schilderung auf das unbedingt nötige Maß be-
1) Berl. Klin. Wochenschrift, Nr. 3, 1913. Jubiläumsartikel.
7Nnf)5
IV Vorwort.
schränkt und einen um so größeren Raum der Physiologie
sowie besonders der klinischen Anwendung und speziellen
Technik gewidmet. Es soll imsere Aufgabe sein, im folgenden eine
für Ärzte und Studierende verständliche Übersicht über den heutigen
Stand der täghch an Umfang imd Bedeutung wachsenden Materie zu
geben. Es dürfte kaum einem Zweifel unterliegen, daß die Hoch-
frequenzströme als ein Heilfaktor von universeller Bedeutung für alle
Zweige der Medizin und als ein un^ntbehrüches Gemeingut der gesamten
Ärztewelt sich erweisen werden, so wie sie für denjenigen, der sich mit
ihnen eingehender beschäftigt hat, es heute schon sind.
Es ist nicht verwunderlich, daß auf einem Gebiet, in dem wir es mit
einer prinzipiell neuartigen Energieform und Methodik zu tim haben,
noch vieles ungeklärt, ja gänzHch imbearbeitet ist. Indessen ist gerade
dieses Gebiet wie kaum ein anderes der experimentellen Prüfung zu-
gänghch, so daß wir bereits über eine nicht unbedeutende Anzahl
exakter Tatsachen und Beobachtungen verfügen. Zu weiterem Aus-
bau dieses Wissenszweiges und zu seinem Studium anzuregen ist mein
Wunsch.
Berlin, August 1913.
Nagelsehmidt
Vorwort zur zweiten Auflage.
In den sieben Jahren, die seit dem Erscheinen der schon lange
vergriffenen 1. Auflage dieses Lehrbuches verflossen sind, ist die Dia-
thermie Gegenstand zahlreicher Forschungen und praktischer Erpro-
bimgen gewesen. Eine sehr ausgedehnte Literatur ist inzwischen er-
schienen und beweist das große Interesse, das die verschiedensten
Zweige der Medizin dieser relativ jungen Methode entgegenbringen.
Dieses Interesse und die große Verbreitung, die die Diathermie in den
letzten Jahren gefunden hat, bestätigt meine im Vorwort zur 1. Auflage
ausgesprochenen Worte, ,,daß die Hochfrequenzströme als ein Heil-
faktor von universeller Bedeutung für alle Zweige der Medizin und als
ein unentbehrliches Gemeingut der gesamten Ärztewelt sich erweisen
werden".
Es haben sich keine wesentHchen Änderungen in der Darstellung
der Materie im Vergleich zxu: 1. Auflage notwendig gemacht. Die
Durchsicht der Literatur hat in allen Fragen, soweit sie bisher nach-
geprüft sind, meine Angaben in der 1. Auflage bestätigt oder erweitert,
so daß ich bisher nichts von dem dort Gesagten zurückzunehmen brauche.
Erhebüch ausführhcher ist das Gebiet der Augendiathermie und neu
hinzugekommen das Kapitel über Kriegsdiathermie.
Möge die 2. Auflage dieses Lehrbuches vielen ein nützlicher Weg-
weiser sein und der Methode der Diathermiebehandlung zum Wohle
der Kranken neue Freunde werben.
Charlottenburg, 1. Oktob3r 1920.
Nagels ehmidt.
Inhaltsyerzeichnis.
, Seite
Vorwort III
Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen VII
Einleitung: Geschichte der Diathermie 1
Erste Abteilung:
Physik und Physiologie der Diathermie.
1. Kapitel: Physik, Erzeugung und Anwendungsweisen der Diathermie . . 7
A. Einige Grundbegriffe aus der Elektrizitätslehre 8
a) Die verschiedenen Stromarten IQ
b) Hertzscher Erreger 12
c) Bestandteile und Begriff eines Schwingungskreises 15
d) Dämpfung 15
e) Speisestrom für Schwingungskreise 18
f) Resonanz und Koppelung 18
B. Apparate 19
a) Hochfrequenzapparate nach Tesla-d*Arsonval (Sanitas) 19
b) Diathermieapparat von Siemens & Halske 24
c) Polyfrequenzapparat 31
d) Röntgenzusatzinstrumentarium 33
e) Apparat von Lorenz 34
f ) Apparat von Reiniger, Gebbert &: Schall 35
g) Andere Typen .36
C. Anwendungsmethoden der Hochfrequenzströme 38
a) Solenoid 38
1. Für Allgemeinbehandlung 39
2. Für Lokalbehandlung ; . . . 40
b) Kondensatorbett 40
1. Apostoli i ^ 40
2. Nagelschmidt 41
3. Schittenhelm 43
c) Kondensatorelektroden 43
d) Douche 43
e) Funken 43
1. Strebel, Keating-Heart 43
2. Diathermiefunken 43
f) Kontaktapphkation 44
1. Handelektroden 44
2. Plattenelektroden 44
3. Wasserelektroden 48
4. Spezialelektroden 50
2. Kapitel: Experimentelle imd physiologische Wirkimgen der Diathermie . 50
A. Reizlosigkeit imd spezifische Warmewirkung 50
a) Theorien 50
b) Wärmewirkung mit Bezug auf die lonentheorie 52
c) Fehlen chemischer Veränderungen 52
B. läntritt in den Körper und Verteilung in ihm 53
a) Fehlender Übergangswiderstand 54
b) Verteilung im Gewebe 54
c) Widerstand der Gewebe 54
C. Spezielle Wärmewirkimg 56
a) Li Lösungen 56
b) Li Körpersäften 57
c) Auf kleinere Tiere 57
YI Inhaltsverzeichnis.
Seite
d) Lokalisierbarkeit der Wärmewirkung in Fleischstücken und Eiweiß-
lösungen 58
e) Steigerung der Erwärmung zur Koagulation imd Karbonisierung . 59
3. Kapitel: Physiologische Wirkungen der therapeutischen Applikationen
der Hochfrequenzströme 65
A. Solenoid 65
B. Kondensatorbett 68
C. Kondensatorelektroden - . 71
D. Douche 72
E. Funkenentladimgen 73
a) Direkt 73
b) Indirekt 74
c) Kaltkaustik 75
F. KontaktappUkationen , 76
a) Bipolare und monopolare Applikationen 76
b) Diathermische Wärme als Primärwirkung 77
1. Art der Erwärmung 77
2. Funktion der Wärmeregulationsvorrichtungen 77
3. Lokale und allgemeine Temperatursteigerung 78
4. Koagulation verschiedener Gewebe 80
c) Sekundäre Wirkungen der Diathermie 80
1. Wirkung auf die normale Zirkulation im ganzen 80
2. Lokale hyperämisierende Wirkung 92
d) Wirkung der Diathermie auf das Nervensystem 93
1. Lokalisation der Wärmeempfindung 93
2. Analgesierende Wirkung 94
3. Zentrale Wärmereizung 94
e) Wirkung der Diathermie auf Drüsen 96
f) Wirkung der Diathermie auf Bakterien und Toxine in vitro und
in vivo 96
Zweite Abteilung:
Klinische Anwendung der Diathermie.
Einleitung: Stellung der Diathermie zur Thermotherapie 98
A. Medizinische Diathermie 99
1. Kapitel: Dosierung der einzelnen AppUkationsarten und all-
gemeine Technik 99
2. Kapitel: Anwendung bei Zirkulationserkrankungen 115
3. Kapitel: Bei Erkrankungen der Lunge imd Pleura 146
4. Kapitel: Bei Erkrankungen anderer innerer Organe 153
5. Kapitel: Bei Gelenk- und Muskelerkrankungen 176
6. Kapitel: Bei Neuralgien, motorischen und trophischen Störungen 186
7. Kapitel: Bei zentralen nervösen Erkrankimgen 200
8. Kapitel: In der Haut-, Ohren-, Augenheilkunde und Kosmetik . 229
B. Chirur^sche Diathermie ^.244
1. Kapitel: Allgemeine Technik ". 244
2. Kapitel: Nachbehandlung von diathermischen Wunden 249
3. Kapitel: Stellung der Diathermie in der Chirurgie (Kranken-
geschichten) 253
4. Kapitel: Vergleich mit Kaustik 274
5. Kapitel: Anwendung bei Lupus, chirurgischer Tuberkulose und
Tumoren 277
C. Anwendung der Diathermie im Kriege 290
Dritte Abteilung:
1. Kapitel: Kontraindikationen 303
2. Kapitel: Kombinationen von Diathermie mit anderen Methoden .... 305
3. Kapitel: Stellung der Diathermie zur Hochfrequenztherapie 308
Grundregeln 310
Literaturverzeichnis 314
Sachregister 323
Verzeichnis der Abbildnngen.
Seite
1. Influenzmaschine 2
lA. Mortonsche Ströme .... 2
IB. Wave Current 2
2. Induktorstromkurve .... 11
3. Sinusoidale Stromkurve . . 11
4. Wechsektromkurve .... 11
5. Hertzscher Erreger .... 13
6. Kondensatorwirkung .... 13
7. Schema der Kondensatorwir-
kung 13
8. Leydener Flasche und Kon-
densator 14
9 a. Stimmgabelkurve 16
9 b. Gredämpfte Kurve 16
10. Entladungskurve der Leyde-
ner Flasche 16
11. Hoch- und Flachspule ... 19
12. Sanit€is d'Arsonvalapparat . 20
13 a. Tesla-Anordnung 20
13 b. D'Arsonval- Anordnung ... 20
14. Oäzillatorische Entladung . 21
15. Dekrement einer Kurve . . 22
16. Sanit€is Hochfrequenzapparat 23
17. Diathermieapparatschaltimg 24
18. Spannungskurve 26
19. Funkenstrecke (System Tele-
funken) 27
20. Spannungsverlauf 27
21. Desgl 28
22. 1 u. 2. Diathermieapparat Sie-
mens 29
a. Fußschalter Siemens .... 30
b. Faßschalter Sanitas .... 30
23. Polyfrequenzapparat .... 31
24. Oszillationskurve und Stoß-
erregimg 32
25. Schaltung für Röntgenbetrieb 33
26. Anschlußapparat (Siemens) . 34
27 a. Diathermieapparat von Rei-
niger, Gebbert & Schall ^ 36
27 b. Mikrotherm von Reiniger,
Gebbert & Schall .... 37
27 c. Diathermieapparat der Medi-
zinisch-Technischen Com-
pany (Berlin) 37
28. Diathermieapparat der Veifa-
Werke 38
29.
30.
31.
32.
33.
34.
35.
36a-g.
h— o.
37.
37 a.
38.
39.
39 a.
40.
41.
42.
43.
44.
45.
46.
47.
48.
49.
50.
51.
52.
53.
54.
55.
56.
57.
58.
59.
60.
61.
62.
S^te
39
40
41
42
43
44
44
45
46
47
48
49
49
55
59
60
Großes Solenoid . . .
Kopfsolenoid
Kondensatorbett (Nagel
Schmidt)
Kondensatorelektroden
Douchenelektrode . . .
Forestsche Nadel . . .
Handelektrode ....
Diverse Elektroden . .
Desgl
Vaginalelektroden von Rei-
niger, Gebbert & Schall 47
Randwirkungsschema .
Stanniolelektrode . . .
Wasserelektroden . . .
Suspensorinmselektrode
Widerstandsschema . .
Schema der Streuung .
Schema der Stromvertei-
lung im Gewebe . . .
KreuzweiseDurchstrahlung 61
Schema der Eiweißkoagu-
lation 62
Schema der Querschnitt-
wirkung 63
Desgl 63
Pulskurven (Tierexperi-
ment) . . .
Desgl. Desgl.
Desgl. Desgl.
Desgl. Desgl.
Desgl. Desgl.
Desgl. Desgl.
Desgl. Desgl.
Desgl. Desgl.
Desgl. Desgl.
Desgl. Wirkung der Kon-
densatorelektroden
Desgl. Desgl.
Desgl. Desgl.
Desgl
Desgl
Desgl. bei Herzdia-
thermie . . .
Desgl
Temperaturregistrierappa-
rat ' 113
82
83
83
83
84
85
85
86
87
89
89
89
90
90
91
91
vin
Verseiolmis der Tabellen.
63.
64.
65.
66.
67.
68.
69—72.
73—77.
78.
79—82.
83—84.
85—87.
88—89.
90.
91a,b.
92.
93, 94.
95.
96.
97—98.
99.
100.
101.
Seite
Hautthermometer . . . 113
Magenthermometer . . . 114
Elektrodenthermometer . 1 14
Qesamtansicht des Tempe-
raturmeß- und -regi-
strier-Instrumentarioms 114
Pulskurve vor Behandlung 122
Pulskurve nach Behand-
lung 122
Pulskurven 127
Desgl 128
Sphygmotonograph ... 134
Pulskurven 136
DesgL 140
Schema der Elektroden-
applikation 178
Desgl 179
Desgl 181
Augenelektrodtn .... 236
Schema des Kreuzfeuers . 246
Kavemom der Nase . . . 254
Deggl 255
Pharynxtuberkulose . . . 256
Oberkieferkarzinom . . . 259
Halsdrüsentuberkulose . . 261
Lupus 263
Fibrom 263
102—103.
104, 105.
106, 107.
108, 109.
110—111.
112—113.
114.
115—116.
117—118.
119—120.
121—122.
123—124.
125—126.
127—128.
129—130.
131—132.
133—134.
135—136.
137—138.
139—142.
143—144.
145—146.
147—148.
149—150.
151—153.
154—155.
Seit«
Kankroid 264
Kavemom 265
Uppenkarzinoiu . . . . 266
Kankroid 266
Kankroid 267
Rhinophym 267
Tubeikulöser AbszeU . 268
Ohikarzinom 268
Zungenkarzinom ... 268
Nasenkankroid .... 269
Kankroid 269
Desgl 270
Sarkom 270
Kankroid 271
DesgL 271
Malignes Papillom . . 272
Angiom 272
Sarkom 273
Darmkarzinom .... 274
Lupus 280, 281
Deggl 282
Detgl 282
Desgl 283
Deggl 283
Desgl 285
Knochen- und Haut-
tuberkulose 286
Verzeichnis der Tabellen.
Tabelle der Gewebswiderstände 56
Dosierungstabelle 104
Blutdrucktabelle 127
Eiweißausscheidungstabelle 155
Deggl. 155
Deggl. 156
Desgl. 158
Geschichte der Diathermie.
Die Hochfrequenzströme sind ein klassisches Beispiel für die
wechselseitige Befruchtung von Wissenschaft und Technik. Die Ar-
beiten des genialen, leider zu früh verstorbenen deutschen Physikers
Hertz^) über Erzeugung elektrischer Wellen haben die Grundlagen
für die wichtigsten modernen Errungenschaften der Elektrizität ge-
schaffen. Auf seinen Arbeiten basiert die gesamte drahtlose Telegraphie,
das TeslaHcht, die Röntgenstrahlen. Er hat die theoretischen Berech-
nungen Maxwells experimentell bewiesen. Es gelang Hertz, elek-
trische Wellen von nur wenigen Metern Länge zu erzielen und damit
die Richtigkeit der elektromagnetischen Theorie von Faradav- Max-
well zu beweisen. J
Ungefähr um dieselbe Zeit erregten die Versuche Teslas, eines zur
Zeit in Amerika lebenden tschechischen Ingenieurs, großes Aufsehen,
welcher mit hochgespannten Wechselströmen hoher Frequenz ver-
blüffende Lichteffekte hervorbrachte imd Klraftübertragungsversuche
anstellte. Er empfahl auch ihre Anwendimg in der Heilkunde, indem
er, richtig vorausahnend, gerade die Wärmewirkung der Hoch-
frequenzströme hierfür berücksichtigte.
Unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Arbeiten dieser beiden
Physiker bemächtigte sich d'Arsonval, der bekannte Pariser Physio-
loge, dieser neuen Errungenschaften. Er ist somit der eigentliche Be-
gründer der bewußten medizinischen Anwendung der Hochfrequenz-
ströme, indem er sie systematisch auf ihre physiologischen imd thera-
peutischen Wirkungen untersuchte und in den wesentlichen Applika-
tionsmethoden der sog. d'Arsonvalisation in die Therapie einführte.
Die weiteren Modifikationen für therapeutische Anwendimgen führten
zur Konstruktion des sog. Oudin sehen Resonators, welcher nichts
als eine Anwendung des damals schon bekannten Teslatransforma-
tors ist, und dieser ist wiederum die Vorstufe für Schwingungskreise
mit Antenne geworden, welche die drahtlose Telegraphie noch heute
als unentbehrliches Hilfsmittel in die Technik übemomnlen hat. An-
dererseits hat nun wieder die drahtlose Telegraphie in der Er-
zeugung elektrischer Wellen grundlegende Fortschritte gemacht, in-
dem sie die stark gedämpften, wenig ausgiebigen oszillatorischen Ent-
ladungen der Hertzschen Funkenstrecke durch intensive Schwin-
^) Geboren 22. 11. 1857; gestorben, 37 Jahre alt, am 1. Januar 1894 in Ham-
burg als Professor der Physik.
Nagelschmidt, Diathermie. 2. Aufl. 1
2 Geaoliioht« der Diathermie.
gungeii besonderer Generatoren ersetzte. Hieraus zog wieder die
Medizin den Nutzen, indem nunmehr die Konstruktion spezieller
Diathermieapparate ermöglicht wurde, mit deren Hilfe gewisse Phäno-
mene und Fr^en der Hochfrequenztherapie erklärt und diese auf
eine exaktest«n Studien zugängliche experimentelle Basis gestellt ward.
Abb. 1. InfluenzmascluDe.
Abb. I A. Mortonsche Ströme. Abb. 1 B. Wave Currente.
Die vorBt«bend dargestellte Influenzmaschine wird unter BiuBcbaltung beider
Kondenaatoreu nach dem Schema A resp. B angewandt. Je nach der Entfernung
der beiden Kugeln (Konduktoren genannt) wecheelt Spannung und Intensität.
Wir dürfen bei diesem allgemeinen llberbhek nicht vergessen, daß
bereits im Jahre 1881, also vor den Arbeiten Hertz' und Teslas und
d'Arsonvals, HochfrequenzstrÖme therapeutisch angewandt wurden,
allerdings ohne daß ihre Natur erkannt war. Morton verwandte die
Holtzsche Elektrisiermaschine zu dem nach ihm als Mortonisa.tion
benannten Verfahren. Er brachte den Patienten (siehe Abb. 1 A) beider-
seits in Kontakt mit den äußeren Belägen der I«idener Flaschen, näherte
die Kugeln der statischen Maschine ao weit, daß beim Betriebe dauernd
Geschichte der Diathermie. 3
Funkenübergang stattfand, und erzeugte so, ohne es zu wissen, richtige
Hochfrequenzströme vermittels der oszillatorischen Entladungen der
Funkenstrecke. Es ist in der Tat diese Anordnung ungefähr einem
Hertz sehen Erreger entsprechend.
Noch heute wird diese Art der Anwendung der statischen Ma-
schinen in Amerika vielfach geübt. Es sind dort riesenhafte Influenz-
maschinen mit 10 — 18 Plattenpaaren, die durch einen starken Elektro-
motor in außerordentHch schnelle Umdrehung versetzt werden (bis 3000
Touren pro Minute), in Gebrauch, die nach der Schaltung Abb. 1 B
angewandt werden. Diese Ströme werden wave-currents genannt.
Indessen handelt es sich hierbei nicht um reine Hochfrequenzströme,
da gleichzeitig immer noch statische Aufladimgen infolge der Polarität
der Maschinenkonstruktion mit eine Rolle spielen.
Die medizinische Bedeutung der Hochfrequenzströme knüpft
sich in erster Linie an den Namen des Franzosen d'Arsonval, der
die Anregtmgen T es las aufnahm und durch seine experimentellen
Arbeiten auf dem Gebiete der Elektro-Physiologie bahnbrechend wurde.
Er begann im Jahre 1878 seine Studien über den Einfluß der Form der
elektrischen Welle auf die Muskelerregbarkeit imd wurde so auch zu
Untersuchungen über die Wirksamkeit verschiedener Frequenzen
elektrischer Stromreize geführt. Er fand bei zunehmender Wechsel-
zahl zimächst eine Erhöhung der Erregbarkeit und von ca. 2500 — 3000
Wechseln pro Sekunde an eine Abnahme. — ÄhnHche Beobachtungen
machte Ward im Jahre 1879, und in den Jahren 1889 — 1890 entwickelte
Nernst mathematisch das Erregungsgesetz und stellte fest, daß
die physiologische Reizschwelle für Wechselströme im Quadrat der
Zunahme der Frequenz abnimmt. Dieses Gesetz ist jedoch nur für
relativ geringe Stromstärken maßgebend. Sobald nämhch die Milli-
amperezahl eine gewisse Höhe erreicht oder bei genügender Strom-
stärke die Einwirkung der Ströme prolongiert wird, so treten an Stelle
der bekannten elektrolytischen Muskelreizungen gewisse physiologische
Wärmereaktionen auf, die je nach dem erzielten Grade der Temperatur-
erhöhung verschiedene Erscheinungen hervorrufen. Sie verdanken ihre
Entstehung der eigentümhchen Durchwärmungsfähigkeit der Hoch-
frequenzströme, die wir in dem vorliegenden Buch als Methode der
Diathermie näher betrachten werden. Bei ganz hohen Frequenzen
scheint übrigens die Nernst sehe Formel noch einiger Modifikationen
zu bedürfen.
Die charakteristischen Eigenschaften der Hochfrequenz-
ströme, scheinbar reizlos durch den Körper hindurchzugehen, waren
bei den ersten Versuchen bereits aufgefallen. Tesla und d'Arsonval
demonstrierten diese Erscheinungen, indem sie in dem Hochfrequenz-
kreis zwei Menschen, die eine Reihe von Glühlampen mit der einen
Hand zwischen sich schalteten, mit der anderen Hand je einen Pol
ergreifen ließen. Hierbei durchfloß der Strom den einen Experimentator,
sodann die Glühlampen und den anderen Experimentator. Bei genügen-
der Intensität kamen die Glühlampen zum weißen Aufleuchten, ohne
daß die Versuchsindividuen eine elektrische Reizung verspürten.
1*
4 Gesohiofate der Diathermie.
Während von Frankreich atiB die von d'Arsonval angegebene
Anwendung der Hochfrequenzströme in Verbindung mit dem Oudi ti-
schen Resonator in der Therapie hauptsächlich in Form der Auto-
konduktion, der Autokondensation, der Effiuvien, der Kon-
densatorwirkungen usw. schnell weltbekannt wurde, allerdings
auch vielfach mit Skeptizismus betrachtet und besonders in Deutoch-
land ihre Wirkungen gern auf Suggestion zurückgeführt wurden, wurde
das Studium der Wärme Wirkungen der Hochfrequenzströme in
Frankreich vollständig vernachlässigt und blieb im Ausland so gut wie
ganz unbekannt.
Es ist dies um so erstaunlicher, als Tesla schon am 23. Dezember
1891 im „Electrical Engineer'' über therapeutische Aussichten der
Anwendung von Hochfrequenzströmen sich verbreitete. Er geht von
einem Versuch aus, in dem er zeigte, daß „ein in der Luft voll-
kommen isolierter Körper durch einfache Verbindung des-
selben mit einer Elektrizitätsquelle von rasch wechseln-
der hoher Spannung erhitzt wurde''. Er hofft, mit Hilfe eines
solchen passend konstruierten Apparates verschiedene Arten von
Krankheiten erfolgreich zu behandeln, und zwar erwartet er den Ein-
tritt der Erwärmung, „mag nun die Person, an der die Operation vor-
genommen wird, im Bett liegen oder im Zimmer Spazierengehen, oder
mag sie in dicken Kleidern stecken oder nackt sein'', und er fahrt fort:
„Ohne für alle Resultate einstehen zu wollen, die natürlich durch Er-
fahrung und Beobachtung festgestellt werden müssen, kann ich doch
mindestens die Tatsache verbürgen, daß durch Anwendung dieses Ver-
fahrens, nämlich daß man den menschlichen Körper dem Bom-
bardement von Wechselströmen von hoher Spannung und
Frequenz, mit denen ich mich lange beschäftigt habe, aus-
setzt, eine Erwärmung stattfindet. Man darf mit Recht er-
warten, daß einige von den neuen Wirkungen völlig verschieden
sein werden von denen, welche man mit den altbekannten und allgemein
angewendeten therapeutischen Methoden erhalten konnte. Ob sie alle
nützlich sein würden oder nicht, bliebe zu zeigen."
Es ist nicht klar ersichtlich, ob Tesla in seinen Mitteilungen den
Gedanken einer vollkommenen Erwärmung des Organismus ausdrücken
wollte, da er unter anderem auch von einer Erwärmung der Haut
spricht.
Im Jahre 1892 imd später erwähnt d'Arsonval wiederholt die
Wärmewirkungen der Hochfrequenzströme. Er berichtet, daß beim
Durchleiten größerer Hochfrequenzstärken keinerlei Nerven- oder
Muskelreizimg auftritt, außer einem unangenehmen Wärmegefühl in
den Armen. Er beobachtet femer bei Experimenten am Kaninchen,
bei denen größere Stromstärken durch die Beine in den Körper hinein-
geleitet wurden, daß diese gangränös wurden imd-sich demarkierten.
Während also aus der Publikation von Tesla nicht ganz klar ersichtlich
ist, ob er eine vollständige Durchwärmtmg des Körpers mit Hoch-
frequenzströmen für möglich hält, ist es zweifellos, daß d'Arsonval
den Begriff der Tiefendurchwärmung nicht erfaßt hatte.
Gescliiohte der Diathermie. 5
Erst im Jahre 1899 erwähnt sodann v. Zeyneck in einer längeren
Arbeit in den „Göttinger Annalen"^) über die Erregbarkeit sensibler
Nervenendigungen durch Wechselströme in wenigen Zeilen am Schluß
dieser Arbeit als Nebenbefimd die Durchwärmung der Fingerspitzen
und deutet theoretisch diese Erscheinung richtig als Jo ul eschen Wärme-
effekt und Tiefendurchwärmung.
Seitdem ist 8 Jahre lang von Wärmewirkung der Hochfrequenz-
ströme nicht mehr die Rede gewesen. Ohne die erwähnten, zum Teil
der Ärzteschaft kaum zugänglichen (Göttinger Annalen, mathema-
tisch-physikalische Abteilung z.B.) Literaturstellen zu kennen,
fielen mir schon bei meinen ersten Versuchen, die ich 1905 mit Hoch-
frequenzströmen an Fröschen anstellte, die intensiven Durchwärmungen
der stromdurchflossenen Teile auf (siehe S. 58), und ich konnte sie auch
bei der Applikation am Menschen unter Verwendung des primären
Solenoids (siehe S. 58), d. h. unter Weglassung des Oudinschen Reso-
nators, beobachten \uid therapeutisch verwerten. Ich habe im Jahre
1907 im September in Dresden auf dem Naturforscherkongreß
Durchwärmungen der Arme und der Brust am Menschen praktisch
demonstriert und zu therapeutischen Zwecken bei Gelenk- imd Zirku-
lationserkrankungen empfohlen*). Wie mir später brieflich von Seiten
Dr. V. Berndts aus Wien mitgeteilt wurde, hat er im Februar des Jahres
1907, also einige Monate vor meinem Dresdner Vortrag, ein versiegeltes
Kuvert bei der Akademie in Wien deponiert, in welchem er die Priorität
der Anwendung der Hochfrequenzströme für sich und seine Mitarbeiter
in Anspruch nimmt.
Chronologisch stellt sich somit die Geschichte der Wärmewirkung
der Hochfrequenzströme folgendermaßen dar:
1891 wird sie von Tesla nach Beobachtungen am Menschen beschrieben
und therapeutisch empfohlen.
1892 und später wird sie mehrfach von d'Arsonval als störender
Nebenbefund erwähnt.
Der besondere Charakter der Diathermie, Tiefendurchwärmimg, wird
vielleicht von Tesla 1891 vermutet, jedenfalls aber von v. Zey-
neck im Jahre 1899 als kurze Nebenbemerkung klar erwähnt.
Im Februar 1907 deponiert Dr. v. Berndt bei der Akademie ein ver-
siegeltes Kuvert, in dem er die Priorität der Entdeckung der
Thermopenetration für sich in Anspruch nimmt.
Ohne Kenntnis der Bemerkungen Zeynecks in den Göttinger An-
nalen und der versiegelten Erklärung v. Berndts bespricht und
demonstriert Nagelschmidt die klinische Anwendung der Hoch-
frequenzwärme am Menschen im September 1907 nach mehr-
jährigen Beobachtungen.
^) Nachrichten v. d. kgl. Gesellsch. d. Wissenschaften zu Göttingen (Mathem.-
physikal. Abteiig.) 1899.
*) Leider hat der Vortrag durch ein Versehen nicht Aufnahme in die Kongreß-
verhandlungen gefunden.
g Gesobiohfe der Diathermie.
Im Februar 1908 publizieren Dr. v. Berndt und Dr. v. Preiß gemein-
schaftlich und im ZuBammenhang mit v. Zeyneck die Methode
der Thermopenetration im wesentlichen aa Erkrankungen der
Gelenke.
In der Zeitschrift für physikalische imd diätetische Therapie im Jahre
1909 erkennen sowohl Dr. v, Berndt wie Dr. Kagelschmidt
in ihren Arbeiten an, daß unabhängig voneinander in
Wien und in Berlin gleichzeitig das Verfahren der Tiefen-
durchwärmung ausgebildet wurde.
Im Gegensatz hierzu bestreitet ein Jahr später v. Zeyneck die Un-
abhängigkeit der Arbeiten Nagelschmidta über die Hoch-
frequenzwärrae sowie dessen praktische Priorität.
Aus alledem ergibt sich, daß Wärmewirkungen der Hochfrequenz-
ströme Teslas schon vor ihrer medizinischen Anwendung und Emp-
fehlung durch d'Arsonval bekannt waren, sowie von diesem und
anderen beobachtet worden sind. Zeyneck gebührt das Verdienst,
die Tiefendurchwärmimgsmöglichkeit mit Hochfrequenzströmen im
Jahre 1899 zuerst theoretisch ausgesprochen zu haben. Xagelschmidt
hat, ohne diese Arbeit zu kennen, klinisch die Diathermie erprobt und
ihre praktische Anwendung als erster auf dem Naturforscherkongreß
in Dresden demonstriert. 6 Monate später erscheint die erste klinische
Arbeit der Mitarbeiter Zeynecka.
Seitdem hat sich das Gebiet der Hochfrequenzströme rtnd speziell
der Diathermie einer schnell zunehmenden erneuten Beachtung er-
freut, nachdem man fast allseitig den Stab über die d'Arsonvalisation
gebrochen hatte. Der Aufschwung datiert seit dem Jahre 1907.
Erste Abteilung.
Physik und Physiologie der Diathermie.
1. Kapitel.
Physik, Erzeugung und Anwendungsweisen der Diathermie.
Die Hochfrequenzströme stellen eine elektrische Energieform
dar, die gewisse Sonderheiten gegenüber den älteren bekannten elek-
trischen Zuständen bietet, aber doch in jeder Hinsicht den Gesetzen
der Elektrizitätslehre unterUegt. Wir sind zwar ebensowenig im-
stande, uns ein deuthches Bild von dem eigentlichen Wesen der Hoch-
frequenzströme zu machen, wie wir überhaupt nicht wissen, was Elek-
trizität ist. Indessen erzeugen wir sie, dosieren sie, transportieren und
übertragen sie und wenden sie nach Willkür an, gerade wie die älteren
Formen der Elektrizität. Wir rufen mit den Hochfrequenzströmen
scheinbar wunderbare Wirkungen hervor, Energieübertragungen über
Tausende von Kilometern, Lichterscheinungen ohne direkte Berührung
usw. Wir können aber zur Definition dieser Energieform uns der gleichen
Grundbegriffe der Elektrizität bedienen wie für jeden anderen elek-
trischen Strom.
Lassen wir einen elektrischen Strom durch eine Flüssigkeit (etwa eine Salz-
lösung) fließen, so bewegen sich die in dieser Flüssigkeit bereits darin vorhandenen
Ionen resp. die beim Stromdurchgang aus den sich spaltenden Molekülen ent-
stehenden positiven und negativen Ionen nach den beiden Polen zu. Die posi-
tiven streben nach der Kathode, die negativen nach der Anode zu und trans-
portieren so die Elektrizität. Jedes Atom vermag je nach seiner Wertigkeit eine
ganz bestimmte Elektrizitätsmenge zu transportieren. Und zwar ist die Ladung
eines zweiwertigen Atoms (Kupfer, Sauerstoff usw.) doppelt so groß, eines drei-
wertigen dreimal so groß usw. wie die eines einwertigen Atoms (z. B. Wasserstoff,
Silber usw.). Es ist demnach auch die Elektrizität ebenso wie die Materie ato-
mistisch angeordnet. Diese elektrischen kleinsten Teile nennt man Elektronen.
Alle elektrischen Vorgänge, die sich innerhalb der Materie, also irgendwelcher
Stoffe, abspielen, volkiehen sich mit Hilfe der Elektronen, aUe Femwirkungen
der Elektrizität entstehen durch die Einwirkungen, die die Elektronen in ruhendem
oder bewegtem Zustand in dem Äther hervorrufen, und die sich mit Lichtgeschwin-
digkeit fortpflanzen. Negativ geladene Elektronen können frei vorkommen, wie
wir sie z. B. in den Kathodenstrahlen zur Verfügung haben. Die positive Elektrizität
kenr/5n wir nur an Atome gebunden, und zwar in Form von Ionen (z. B. die a-Strahlen
des Radiums). Wir stellen uns ein Atom z. Z. als ein kompliziertes Gebilde vor,
das aus einem oder mehreren Kernen mit positiver Ladung besteht, und das von
einem oder vielen negativen Elektronen, die mit Lichtgeschwindigkeit in plane-
tarisohen Bahnen um den Kern herumwirbeln, umgeben ist. Um uns eine Vor-
stellung von den Größenverhältnissen zu machen, die hierbei in Betracht kommen.
g Physik und Physiologie der Diathermie.
stellen wir uns ein Wasserstoff atom so groß vor wie die Erde: Dann hat ein Glektron
vergleichsweise einen Durchmesser von ca. 350 Metern. Der Kern dagegen li&t im
gleichen Verhältnis nur die Größe eines Apfels (9 cm). Bei der elektrischen XMb-
soziation werden Elektronen unter dem Einfluß der elektromotorischen Kräfte
aus dem Atom- resp. Molekularverband gelöst und wandern zum positiven Pol,
während der nunmehr positive Ladung im Überschuß enthaltende Kest mit dem
Kern zum negativen Pol zieht.
Für die gewöhnliche Anschauung können wir jedoch hier von diesen kom-
plizierten Vorstellungen absehen und die Elektrizität so betrachten, als ob sie
ein Fluidum wäre, welches den Baum erfüllt und die Körper gleichförmig durch-
dringt. Im normalen Sättigtmgszustand mit diesem Fluidum erscheint die Materie
unelektrisch. Kiu* wenn durch irgendwelche mechanischen» chemischen oder
sonstigen Hilfsmittel eine vermehrte Ansammlung oder teilweise Entleerung eine«
Körpers von diesem Fluidum stattgefunden hat, äußert sich dieser Zustand de-
Füllungsdifferenz in dem Bestreben, sich wieder zur Gleichgewichtslage auszu-
gleichen, und wir sprechen dann von im elektrischen Zustand bäindlichen Körpern.
Ist die elektrische Energiemenge in einem Körper verdichtet, gewissermaßen
unter Druck, so sprechen wir von einem positiv geladenen, ist sie verdünnt und
gewissermaßen im saugenden Zustand, von der negativen Ladung. Diese Vor-
stellungsart ist jedoch eine rein vergleichsweise und braucht durchaus nicht den
Tatsachen zu entsprechen. Indessen genügt sie für eine gewisse Anschauungs-
möglichkeit zu unseren Zwecken. Man köimte auch den elektrischen Zustand mit
der sehr verwandten Energieform von Wärme und Kälte vergleichen. Wärme und
Kälte sind nicht zwei verschiedene Begriffe, sondern niu* quantitative Unterschiede
einer einzigen Energieform, nämlich der Wärmeschwingung der Moleküle. Wir
nennen einen Körper kalt, wenn er der ihn umgebenden Materie Wärme entzieht,
und warm, wenn er Wärme an sie durch Ausstrahlung oder Leitung abgibt. Wir
könnten daher ebensogut von positiver und negativer Wärme sprechen und sagen,
daß je ein positiv und negativ mit Wärme geladener Körper durch Berührung
diesen differenten Zustand auszugleichen sucht, indem er durch Leitung Wärme
abgibt oder aufnimmt. Wir können den Vergleich weiterspinnen, indem wir zwei
Körper, welche sich nicht direkt berühren, durch einen guten Isolator, z. B. einen
luftleeren Kaum, in ihrer bzw. Wärmeladung beharren lassen oder auch durch
Verbindung mit einem guten Leiter, z. B. Wasser, zum relativ schnellen Ausgleich
der positiven imd negativen Wärmeladung veranlassen können. Auch die draht-
lose Telegraphie, d. h. die elektrischen Wellen, haben ihr Analogen in den Wärme-
strahlen.
Bevor wir nun auf die Physik und die Erzeugung der Hochfrequenz -
ströme näher eingehen, erscheint es nötig, einige Grundbegriffe der
Eiektrizifätsiehre uns kurz ins Gedächtnis zurückzurufen.
Wenn zwei Körper eine verschiedene elektrische Ladung besitzen, imd wir
sie in eine elektrische Beziehung zueinander bringen, so geben wir ihnen die Mög-
lichkeit, diese Ladung auszugleichen. Die Energie und die Art, mit der dieser
Ausgleich stattfindet, hängt von einer Reihe von Faktoren ab. Zunächst spielt die
sog. Potentialdifferenz eine Rolle. Man spricht von elektro-motorischer Kraft,
Potentialdifferenz, Potentialgefälle, elektrischer Spannung, auch schlechtweg von
Potential und mißt diese synonymen Bezeichnungen nach der Volteinheit. Ein Volt
entspricht der elektromotorischen Kraft eines Daniellelementes. Weim man also
z. B. sagt, daß das Berliner Stromnetz 220 Volt Spannung hat, so bedeutet das,
daß die Potentialdifferenz zwischen den beiden Polen an einer beliebigen Stelle
im Stromgebiet Berlins ungefähr der Summe der Spannungsdifferenzen von
220 Daniellelementen entspricht.
Die Elektrizitätsmenge, welche beim Ausgleich von Potentialdifferenzen
zwischen zwei verschieden geladenen Körpern in einer gewissen Zeiteinheit einen
Leiter, z. B. einen die Körper verbindenden Kupferdraht von gegebenem Quer-
schnitt, durchfließt, nennt man ein Coulomb. Man mißt diese Größe, indem man
sie mit der Arbeit vergleicht, die diese Elektrizitätsmenge in gewisser Weise zu
verrichten vermag, z. B. an ihrer elektrolytischen Wirkimg. Die Einheit der
Elektrizitätsmenge, die in einer bestimmten Zeit einen Leiter durchfließt, d. h. ein
Ph3^sik, Erzeugung und Anwendungsweisen der Diathermie. 9
Coulomb, definiert man als diejenige Elektrizitätsmenge, welche in einem elektro-
lytischen Voltameter 1,1 IS mg Silber frei macht bzw. ausscheidet. Hierbei ist es
gleichgültig, ob diese Elektrizitätsmenge die gesamte Arbeit in 24 Stunden oder in
10 Minuten verrichtet. Es muß dann in der kürzeren Zeit ein relativ stärkerer
Strom den Leiter durchfließen, um dieselbe Strommenge zu repräsentieren.
Wir müssen daher auch die Stromstärke, d. h. die Fließgesohwindigkeit,
definieren. Wir nennen diese Stromstärke Ampere und bezeichnen mit ihr die
Elektrizitätsmenge, welche in der Zeiteinheit den Leiter durchfließt. Man definiert
also ein Ampere (= einem Sekundenooulomb) als die Stromstärke, welche
pro Sekunde 1,118 mg Silber elektrolytisch niederzuschlagen vermag.
Wenn wir ein hochstehendes und ein tiefstehendes Gefäß durch ein Bohr
verbinden, das obere Gefäß mit Wasser füllen und den Verschlußhahn öffnen, so
wird ein Ausgleich der Niveaudifferenz stattfinden. Wählen wir z. B. das Ver-
bindungsrohr sehr kurz und messen die Zeit, in der das Wasser in das tiefere Gefäß
hinüberläuft, so werdeii wir beobachten, daß, wenn wir jetzt an Stelle des sehr
kiu'zen Rohres ein 100 mal so langes, aber von gleicher Weite, wählen, der Auslauf
derselben Flüssigkeitsmenge etwas länger dauern wird. Dies kommt von dem
vergrößerten Leitungswiderstand an der längeren Schlauchwand während des
längeren Weges. Elektrisch bedeutet das: Ein I&aht von bestimmter Länge setzt
der Elektrizität einen gewissen Widerstand entgegen, und dieser Widerstand
wächst proportional der Länge.
Verbinden wir nunmehr beide Gefäße nacheinander mit Schläuchen derselben
Länge, aber verschiedener Dicke, so werden wir auch hier Unterschiede in der
Entleerungsgeschwindigkeit sehen. Der dünnere Schlauch bietet dem Wasser
mehr Leitungswiderstand als der dicke. Das Extrem sehen wir an Kapillarröhren,
deren Widerstand die Elüssigkeitsverschiebung völlig aufhebt. Elektrisch bedeutet
das, daß ein dünnerer Draht einen größeren Widerstand besitzt als ein dickerer.
Elektrischer Widerstand eines Leiters ist also proportional seiner Länge und um-
gekehrt proportional seinem Querschnitt.
Dazu kommt noch ein weiterer Punkt. Nehmen wir gleich lange Wasser-
rohre gleichen Querschnitts, von denen das eine inwendig aus poliertem Metall
besteht und das andere aus rauhem Ton, so werden wir auch hier Leitungsdiffe-
renzen beobachten. Ins Elektrische übersetzt, bedeutet das: Leiter aus verschie-
denen Substanzen haben einen spezifischen Widerstand.
Die elektrische Widerstandseinheit nennt man Ohm. Ein Ohm ent-
spricht dem Widerstand einer Quecksilbersäule von 106 cm Länge und 1 qmm
Querschnitt bei 0°.
Praktisch jedoch bedient man sich meistens eines anderen Maßes und nennt
ein Ohm den Widerstand eines geglühten Kupferdrahtes von 50 m Länge und
1 mm Durchmesser.
Eines der wichtigsten Gesetze der Elektrizitätslehre ist das Ohm sehe Gesetz.
Es bringt nämlich die drei definierten Einheiten Ampere, Volt und Ohm in eine
Beziehung zueinander. Die Formel des Ohmschen Gesetzes lautet, wenn wir die
Stromstärke in Ampere mit J, die Potentialdifferenz in Volt mit E und den Wider-
stand in Ohm mit R bezeichnen:
r -^ T^ V, • * 1 A 1 Volt
«/ = -^ . Danach ist 1 Ampere =
IC 1 1/ .
, . TI--.1,. 1 Volt
oder ein Milliampere =
1000 Ü
In der elektrischen Therapie spielt außerdem noch die Stromdichte eine
große Bolle, und wir müssen sie deshalb hier kurz definieren. Legt man eine
Elektrode auf die Haut auf, so kann man verschiedene Stromstärken durch dieselbe
hindurchschicken imd damit eine bestimmte Strommenge pro Quadratzentimeter
Haut applizieren. Man nennt Stromdichte die Zahl der JMülüampere, welche pro
Quadratzentimeter Elektrodenfläche hindurchgehen.
Durchfließt ein elektrischer Strom einen Leiter, so findet er in ihm einen
gewissen Widerstand. Die durch dies^i Widerstand aufgezehrte elektrische Energie
erwärmt den Leiter. Diese Wärme wird Joule sehe Wärme genannt.
10 Physik und Physiologie der Diathermie.
Das Joulescbe Gesetz sagt:
1. Die prodozierte Wärmemenge ist dem Quadrat der Stromstärke propor-
tional (d. b. die doppelte Strommenge erzeugt die vierfache Erwärmung).
2. Die Wärme ist dem Widerstand des Leiters proportional (d. h. der doppelte
Widerstand bedingt die doppelte Erwärmung).
3. Die produzierte Wärmemenge ist der Dauer des Stromflusses proportion&L
4. Der doppelte Weg verdoppelt den Widerstand.
5. Der doppelte Querschnitt bedingt den halben Widerstand.
Wir können nunmehr zur Definition der verschiedenen Stromarten über«
gehen. Der elektrische Strom, der von Elementen oder Gleichstrom maschineo
geliefert wird, fließt stets in der gleichen Richtung und kann graphisch in den
meisten Fällen durch eine Horizontale parallel zur Abszisse dargestellt werden.
Da er stets in der gleichen Richtung fließt, macht er auch elektrolytische Ver-
änderungen gleicher Art, d. h., je stärker und je länger er fließt, desto intensiver
werden diese Veränderungen sein. Auch die Influenzmaschine kann zur Pro-
duktion von Gleichstrom verwandt werden. Wenn man die Kugeln der Funken-
strecke weit auseinander zieht und durch einen Leiter oder den Patienten verbindet,
so fließt während des Betriebes der Lifluenzmaschine der Strom stets in gleicher
Richtung durch den Leiter hindurch.
Der Induktionsapparat oder seine mächtigere Fortbildung, der Ruhm-
korffsche Induktor oder kurzweg Induktor liefern den sogenannten Induk-
tionsstrom, einen Wechselstrom, dessen Entstehung auf folgendem Prinzip
beruht: Befestigt man die beiden Enden eines durchschnittenen Drahtringes an
den beiden Polen einer Gleichstromquelle, und bringt man parallel zu cdesem
Drahtring A einen zweiten geschlossenen Drahtring B in die Nähe des ersten, ohne
daß die beiden Ringe sich berühren, so kann man die Phänomene der Induktion
beobachten. Läßt man aus der Stromquelle Elektrizität durch den ersten Draht-
ring fließen, so entsteht im Moment des Stromeintritts in den ersten Ring, in dem
zweiten Ring ein entgegengesetzt gerichteter Stromstoß. Je näher der zweite Ring
dem ersten ist, relativ um so stärker ist dieser induzierte Stromstoß. Bringen wir
den zweiten Ring nicht parallel, sondern geneigt zum ersten an, so ist die Indiätions -
Wirkung eine schwächere und wird, wenn die Ebenen der beiden Ringe senkrecht
aufeinanderstehen, gleich 0. Dieser Induktionsstrom entsteht jedoch nur in dem
Moment, in dem das Potential in dem ersten Drahtring sich ändert. So lange der
Strom in diesem Ring gleichmäßig weiter fließt, bleibt der zweite Ring stromlos,
unterbricht man nun den Speisestrom des ersten Ringes, so entsteht nunmehr in
dem zweiten wiederum ein Stromstoß, und zwar entgegengesetzt dem ersten. Je
plötzlicher die elektrische Zustandsänderung in dem primären Ring stattfindet,
desto intensiver ist auch der Stromstoß im sekundären Ring. Da nun bei den
gewöhnlichen Induktionsunterbrechem der Schließungsfunke eine weniger schnell
von zum Maximum ablaufende Zustandsänderung hervorruft als der Öffnungs-
funke, so ist der Schließungsinduktionsstromstoß von dem Öffnungsstromstoß ver-
schieden. Ersetzt man den primären Ring durch eine größere Anzahl derartiger
zusammenhängender Ringe, d. h. durch eine Spule, und ebenfalls den sekundären
Ring durch eine solche und nähert man diese Spule unter Zwischenschaltung einer
gut isolierenden Schicht so weit wie möglich, indem man die beiden Spulen z. R
dicht übereinander schiebt, so addiert sich die Induktionswirkung einer jeden
Windung des primären Ringes mit der zunächst folgenden und erzeugt ebenfalls
eine imi so viel stärkere Induktionswirkung in der sekundären Spule. ]£erbei kann
man noch verschiedene Übersetzungsverhältnisse wählen, indem man die Windungs-
zahl der primären und sekundären Spulen sowie die Drahtstärke variiert und z. B.
durch eine relativ geringe Zahl dicker Primärwindungen und eine relativ große Zahl
dünner Sekundärwindungen aus einem niedrig gespannten unterbrochenen Gleich-
strom, der die Primärwindung speist, einen hochgespannten Sekundärinduktions-
Strom erzeugt, welcher ein Wechselstrom ist. Durch geeignete Wickelungsverhält-
nisse (Selbstinduktion) und Einschaltung von Kondensatoren kann man eine
Stromphase, z. B. den Schließungsstrom (für Röntgenzwecke) praktisch fast ganz
unterdrücken, so daß fast reine unterbrochene Stromstöße in einer einzigen
Richtung von größerer Intensität erfolgen. (Siehe nebenstehend die Stromkurve
eines Induktionsapparates (Abb. 2).
Physik, Erzeugung und Anwendungsweisen der Diathermie.
11
Wechselströme können nun auch noch in anderer Weise erzeugt werden,
z. B. durch Dynamomaschinen. Solche Wechselströme haben meistens eine
Binusoidale Form und entsprechen der Kurve (Abb. 3). Ihre positive und negative
Phase ist symmetrisch und verläuft nach einer Sinuskurve.
Primär^strom
^SchLißSSungS'
ffpannung.
Abb. 2. Stromkurve eines Siemensschen Induktors.
Durch gewisse Anordnungen kann man die eine Phase der Sinuskurve unter-
drücken oder umkehren und erhält hierdiu-ch den sog. Gleichrichterstrom-
oder pulsierenden Gleichstrom.
Diese Vorbemerkungen mögen zum Verständnis der verschiedenen üblichen
Stromesarten genügen, und wir gehen nunmehr zur Betrachtung der Wechsel-
ströme über.
Die in der Industrie üblichen Wechselströme, so wie sie im Stromnetz mancher
Städte zur Verfügung stehen, haben meist eine relativ niedrige Periodenzahl. Man
nennt Periode eines Wechselstromes den Teil seines Verlaufes, welcher aus je
einer aufeinanderfolgenden positiven und negativen Phase besteht vom Moment
des Beginns des positiven Teils der
Kurve auf der Abszisse bis zum
i<- — Periode h
Abb. 3. Sinusoidale Stromkurve.
Wiedereintritt der Kiu-ve in den
entsprechenden Punkt von der ne-
gativen Phase aus (siehe Abb. 4).
Die übliche Wechselzahl von
Straßenstromnetzen beträgt 50 Pe-
rioden oder 100 Wechsel. Dieser
Strom wird durch Wechselstrom-
dynamomaschinen erzeugt. Einen
solchen Strom nennt man einen
niederfrequenten Wechsel-
strom. Im Prinzip unterscheidet
sich ein solcher Strom von den sog.
Hochf re quenz strömen, bei denen
wir eine Million und mehr Wech-
sel pro Sekunde haben, in nichts
anderem als Inder Zahl der Wechsel,
und doch sind die spezifischen Wir-
kungen der Hochfrequenzströme
mit niedriger Wechselzahl nicht zu
erreichen. Geradeso wie in der Op-
tik mit Ätherwellen von 760 Millionstel Millimeter Wellenlänge immer nur
der Effekt Rot und niemals Blau erzielt wird, werden wir es begreiflich finden,
daß auch bei den elektrischen Wellen, die sich von den Lichtwellen niu* durch
ihre Frequenz bzw. Wellenlänge unterscheiden, den einzelnen Frequenzen ge-
wisse spezifische Wirkungen innewohnen. Wir können uns diese Unterschiede
vielleicht auch durch einen Vergleich aus der Mechanik näherbringen. Be-
trachten wir eine Milchzentrifuge z. B. und beschicken wir sie mit IkOlch, so
werden wir bei langsamer Drehung der Zentrifuge die Milch zwar in Rotation ver-
setzen, aber keine Trennung der leichteren von den schwereren Stoffen erzielen.
Erst wenn die Tourenzahl der Zentrifuge eine bestimmte Höhe erreicht oder über-
Abb. 4. Wechselstromkurve.
A — B negative Phase. B — G positive Phase.
A — G eine ganze Periode. A — B, B — G je
ein Wechsel.
12 Physik und Physiologie der Diathermie.
schritten hat, treten die Wirkungen der Zentrifugalkraft in die Erscheinung, tmd
wir bekommen eine Separation der 8ahne von der Milch. Ebenso sind elekSrische
wellenförmige Zustandsänderungen, wenn sie zu langsam erfolgen, nicht imstande,
so intensive Äthererschütterungen hervorzurufen, daß z. K eine wellentelegraplusche
Übertragung möglich wäre, sondern es ist eine gewisse Minimalfrequenz von min-
destens einigen Hunderttausend Wechseln pro Sekunde nötig, um drahtlose
Telegraphie zu machen. Man hat versucht, Hochfrequenzschwingungen oder Hoch*
frequenzströme, was identisch ist, dadurch zu erzeugen, daß man Dynamomaschinen
von sehr großer Tourenzahl und mit sehr viel Polwechseln baute. Jahrelang war
es nicht möglich, hierbei zu größeren Wechselzahlen als 20 000 bis 30 000 pro Sekunde
mit genügender Leistung zu gelangen. Erst in den allerletzten Jahren hat Dr. Gold-
Schmidt eine Wechselstrommaschine konstruiert, welche bei 300000 Wechseln
pro Sekunde eine erhebliche Stromstärke produzierte. Ob ein solches Verfahren
noch verbesserungsfähig ist, und ob derartige Maschinen jemals eine größere Ver-
breitung in der Praxis der elektrischen WeUen erlangen werden, lassen wir dahin-
gestellt. Für die Produktion von Hochfrequenzströmen zu medizinischen Zwecken
haben solche Maschinen bisher keine Rolle gespielt, sie werden vermutlich auch
späterhin wegen ihres hohen Preises außer Frage bleiben. Dies ist um so wahrschein-
licher, als wir imstande sind, durch die allereinfachsten Hilfsmittel
wirkliche Hochfrequenz zu erzeugen.
Lassen wir nämlich zwischen zwei Drahtspitzen irgendeinen elek-
trischen Funken übergehen, so stellt dieser elektrische Ausgleichs-
oder Entladungsvorgang keineswegs einen einmahgen Übergang von
Elektrizität dar, sondern wir haben es stets bei Funkenentladungen
jeder Art mit einer sog* oszillatorischen Entladung zu tun. Be-
trachtet man das Bild eines Funkens in einem schnell rotierenden Spiegel
auseinandergezogen, so erkennt man, daß er der Ausgangspunkt eines
mehrmaügen Hin- und Herschwingens elektrischer Energie ist. Um
uns dies klar zu machen, müssen wir wieder auf unser Beispiel aus
der Hydrodynamik zurückgehen. Nehmen wir an Stelle der beiden
verschieden hoch stehenden Wassergefäße zwei kommunizierende Röh-
ren, welche z. B. durch einen Gummischlauch verbunden sind; bringen
wir die Röhren in gleiche Höhe imd füllen wir sie bis zum gleichen
Niveau mit Wasser. Ifeben wir jetzt die eine Röhre hoch imd senken
sie gleich darauf wieder auf ihre ursprüngüche Stellung schnell zurück,
so haben wir durch die Niveauverschiebung die Wassersäule aus dem
Gleichgewicht gebracht, und trotz der sofort eintretenden Ruhelage
der Röhre schwankt der Wasserspiegel in beiden eine Weile hin und her,
bis er seine Ruhelage in beiden in gleicher Höhe wieder einnimmt.
Ebenso fließt in zwei isoüert ausgespannten Drähten, denen wir eine
elektrische Ladung gegeben haben, \uid von denen wir zwei Punkte
einander genügend nähern, beim Übergang des Funkens zwischen diesen
beiden Punkten die zur Zsit in dem Draht befindliche Elektrizitäts-
menge über die Brücke des Funkens mehrmals hin und her, bis ihr
Ausgleich erfolgt ist. Die Kapazität solcher Drähte, d. h. ihr Fassungs-
vermögen für elektrische Energie, ist natürlich ein außerordentlich
geringes, und die elektrischen Schwingungen, die wir in einem solchen
feinen Fünkchen erzeugen, sind minimale und für praktische Zwecke
unverwertbar.
Wir müssen daher diesen einfachsten Hertzschen Erreger (Abb. 5)
verbessern. An jedem Draht bringen wir eine größere Metallkugel an.
Vermöge ihrer Größe und Oberfläche Hind diese Kugeln imstande, eine
Physik, Erzeugung und Anwendungsweisen der Diathermie.
13
TJümJ
Jndukfor
Abb. 5. Hertzscher Erreger.
bzMfiJ
JneAjMor
O
fwikvistrtcht
o
gei^sse Elektrizitätsmenge auf sich aufzuspeichern: Ihr Fassungsver-
naögen (ihre Kapazität) hat eine gewisse Größe. Wir können jetzt
unseren Erreger ein wenig stärker aufladen und erhalten nun ein inten-
siveres Fünkchen (Abb. 6).
Schalten wir nun noch einen oder mehrere Kondensatoren ein,
d. h, vergrößern wir die Aufnahmefähigkeit des Systems erheblich,
so können wir die Leistungen unse-
res Erregers noch mehr steigern.
Wir müssen an dieser Stelle kurz
definieren, was ein Kondensator ist.
Einer der am längsten bekannten
Kondensatoren ist die sog. Lei-
dener Flasche, welche in der Mitte des 18. Jahrhunderts erfunden
wurde. Ein rundes, oben offenes Glas ist außen und innen etwa in
gleicher Höhe mit Stanniol belegt. Durch einen isoHerenden Deckel
reicht ein mit einem Knopf versehener Metallstab bis auf den Boden
und ist mit dem inneren Metallbelag leitend verbunden. Bringen wir
die innere oder die äußere Belegung
einer Leidener Flasche mit einem Pol
einer Elektrizitätsquelle in Verbin-
dung, so nimmt jede der Belegun-
gen eine ihrer Oberfläche entspre-
chende imd für beide gleiche Strom-
menge unter einem bestimmten ai-u/»t%xii jtt ^i>
T»x-fi ^ T ..i> j'-nii i_ Abb. 6. Darstellung der Vergrößerung
Potential auf. Je großer die Flasche ^er Aufnahmefähigkeit eines schwin-
und mithin je größer die Oberflächen genden Systems durch Kondensatoren.
der Metallbeläge sind, um so mehr
Elektrizität können wir in einer solchen Flasche aufspeichern.
Wir können uns die Wirkung eines Kondensators wiederum aus
einem Vergleich der Hydrodjmamik klar machen. Nehmen wir eine
ü-förmige Glasröhre, überall von gleicher Weite (siehe Abb. 7 a), imd
füllen wir sie mit Wasser, so werden wir ein relativ geringes Quantum
Wasser in diesem Rohr unterbringen
können, ehe das Wasser an den Rän-
dern überläuft. Verbinden wir nun
aber beide Schenkel unseres Glas-
rohres mit je einer großen Glasflasche
(Abb. 7 b), so können wir nunmehr
in unser Gefäßsystem ein Vielfaches
des vorigen Wasserquantums hinein-
gießen, ehe es gefüllt ist und überläuft. — Wollen wir noch größere
Elektrizitätsmengen aufspeichern, so können wir mehrere derartige
Flaschen zu einer Batterie vereinigen, indem wir die inneren Beläge
und die äußeren, jede für sich, miteinander leitend verbinden. Die
Form der Leidener Flaschen ist wegen ihrer räumlichen Ausdehnimg
praktisch für viele Zwecke eine ungünstige, und man hat daher Konden-
satoren in anderer Form imd aus anderen Materialien gebaut. Denkt
man sich eine Leidener Flasche ohne Boden, d. h. ein oben und unten
Ob
\^
"^^^
Abb. 7. Schema der Kondensator-
Wirkung.
H Phydk und Physiologie der Diathermie.
offenes Glaerobr, innen und außen bis etwa 5 cm von jedem Rande mit
Stanniol belegt und in der Längsrichtung aufgcgchnitten und aufgerollt,
so hat man den Typus eines Plattenkondensators. Solche Platten
kann man in geringem Abstände voneinander in größerer Anzahl mit-
einander vereinigen und auf relativ kleinem Raum einen bedeutenden
Kondensator herstellen.
Da die Wirkung eines Kondensators auch von
der Natur und der Dicke der isolierenden Schicht,
in dem von uns betrachteten Fall des Glases, ab-
hängig ist und um so wirksamer ist, je dünner diese
Schicht ist, hat man das Glas durch gefirnißtes Pa-
pier oder am besten durch dünne Glimmerplättchen
ersetzt und dadurch in kleinem Baum sehr wirk-
same Kondensatoren erzeugt. (Siehe Abb. 8, Ver-
gleich eines Glimmerkondensators (b) mit eäner Lei-
dener Flasche (a) von gleicher Kapazität.)
Haben wir auf diese Weise die Kapazität unseres
Erregers wesentlich vergrößert, so verfügen wir schon
über Entladungsf unken erheblicher Intensität. Da
wir es bei der Elektrizität nicht mit einem so trägen
Fluidum wie dem Wasser zu tun haben, und die
Entladung eines Kondensators in einem minimalen
Bruchteil einer Sekunde stattfindet, so müssen wir
unserem System dauernd frische Elektrizitätsenergie
zuführen, um einen dauernden Funken überlang, mit-
hin eine dauernde Erzeugung oszillatorischer Entla-
dungen zu erzielen. Um die Konstruktion von Hoch-
frequenzapparaten jedoch zu verstehen, müssen wir
noch einen neuen Begriff in unsere Betrachtungs-
a reihe einführen.
Wir haben vorhin gesehen, daß, wenn man einen
^^^ unterbrochenen Wechselstrom durch eine Spule hin-
durchschickt, Stromstöße in einer anderen, in der
b Nähe befindlichen Spule erzeugt werden. Nun tritt
Abb. 8. Vergleich aber die merkwürdige Erscheinung auf, daß ein
einer Leidener Wechselstrom bereits in der primären Spule einen
Ölimmerkonden- ^^^ oder weniger erhebhchen Widerstand findet,
sator gleicher und zwar kann dieser Widerstand so hoch werden,
Kapazität. zumal bei steigender Wechaelzahl oder bei Vorhan-
densein eines Eisenkerns in einer Spule, daß über-
haupt kein Strom durch die Spule hindurchgeht, während ein Gleich-
strom unverändert hindurch verlaufen würde. Dieses Phänomen hat
seine Ursache in der sog. Selbstinduktion. Geradeso wie die
primäre Spule in einer sekundären Induktion hervorruft, und zwar
den primären Bichtungen entgegengesetzte Ströme, geradeso können
wir auch eine einzelne Spule mit einer größeren Zahl von Win-
düngen als eine Reihe von verschiedenen Spulen von je einer Win-
dung betrachten. Wenn wir diese Betrachtungsweise anwenden, so
Physik, Erzeugung und Anwendungsweisen der Diathermie. 15
verstehen wir, daß jede Windung in dem Moment, wo sie vom Strom
in einer bestimmten Riehtmig durchflössen wird, in den nächstfolgenden
und vorhergehenden Windungen entgegengesetzt gerichtete Ströme
produziert imd so den sie speisenden Strom abschwächt. Diese, Selbst-
induktion genannte Wirkung spielt eine um so größere Rolle, je höher
die Frequenz des primären Wechselstroms ist, imd je zahlreicher und
dünner die Windungen der Spirale sind. Die Selbstinduktion ist um so
geringer, je weniger Windungen eine Spule aufweist, imd ist bei einer
einzigen Drahtwindung sehr klein. Man mißt sie nach der Einheit
Henry. Eine solche Spule, d. h. eine Anzahl weniger, meistens relativ
dicker Windimgen, ist in unserem System oszillierender Entladungen
notwendig, um das Abklingen der oszillatorischen Entladungen durch
den Funken hindurch in bestimmter Weise zu regulieren. Man be-
zeichnet eine solche Spule kurzweg als Selbstinduktion.
Der in der eben beschriebenen Weise vervollkommnete Hertzsche
Erreger, der aus ganz einfachen elektrischen Vorrichtungen besteht,
nämlich aus einer Funkenstrecke, einem Kondensator imd
einigen Drahtwindungen, schließt nun das ganze Geheinmis der
Erfolge der • drahtlosen Telegraphie, der d'Arsonvalschen Ströme imd
der Diathermie in sich. Diese drei höchst einfachen Vorrich-
tungen stellen nämlich, in bestimmter Weise zueinander
in Beziehung gebracht, einen sog. elektrischen Schwing ungs-
kreis dar. Es ist nun keineswegs gleichgültig, wie die Größenverhält-
nisse sowie die Form und Anordnung dieser drei Faktoren gewählt
werden. Vielmehr ist von der Berücksichtigung dieser Umstände die
verschiedenartigste Funktions- imd Leistungsmögüchkeit abhängig. Be-
zeichnen wir die Wechselzahl mit n, die Kapazität mit C, die Selbst-
induktion mit L, so besagt uns eine einfache Formel, unter welchen
Umständen wir die beste und geeignetste Leistung für die verschiedenen
Größen der sie zusammensetzenden Faktoren erhalten werden. Wir
wollen an dieser Stelle auf die weitere Entwicklung der oszillatorischen
Entladungsgesetze imd die Berechnung der Größenverhältnisse der
einzelnen Bestandteile des Schwingungskreises nicht näher eingehen,
sondern werden an Hand der einzelnen Apparate über die Schwingungs-
formen und ihr Ablaufen das nötige anführen.
Nur einen außerordentüch wichtigen Begriff müssen wir an dieser
Stelle besprechen. Es ist der Begriff der Dämpf ung. Wie wir gesehen
haben, besteht ein elektrischer Fimke aus einer Anzahl hin- imd her-
gehender Oszillationen, welche im Moment des Einsetzens des Fimkens
die größte Intensität haben imd mehr oder weniger schnell abnehmen.
Diese Abnahme ist abhängig von dem Grade der Dämpfung. Wir
werden ims auch hier durch einen Vergleich aus der Mechanik am ehe-
sten ein klares Bild machen können. Betrachten wir die Schwingungs-
kurve einer guten Stimmgabel, die wir auf einem Kymographion von
der Stimmgabel schreiben lassen, nachdem wir sie mit einem Hammer
angeschlagen haben. Die Figur (Abb. 9a) zeigt ein Stück einer solchen
Kurve. Vergleichen wir die Anfangs- imd die Endschwingungen dieses
Stücks, so erkennen wir keinerlei Unterschied zwischen den einzelnen
16
Physik and Physiologie der Diathermie.
Schwingungen. Der Abstand der Wellen, die Höhe ihrer Amplitude
und die Form bleiben stets gleich, und nur, wenn wir nach einigen Se-
kunden die Kurve wieder nachmessen, sehen wir, daß die Amplitude
an Höhe nach und nach abnimmt, während die Wellenlänge, d. h. die
Schwingimgszahl, unverändert bleibt. Erregen wir nunmehr die Stinmi-
gabel dauernd gleichmäßig, elektromagnetisch z. B., so bewirken wir
damit, daß die schwingende Energie, die sich infolge der nicht ganz
idealen Elastizität des
Stahls allmählich auf-
zehrt, dauernd wieder
ergänzt wird durch die
Zufuhr der neuen elek-
trischen Energie, und
wir bekommen ein'un-,
verändertes Fortschwin-
a.
b.
ungedämupe Schwingung
stoHt gtdäm/fiB Schmnngunj
Abb. 9a. Stimmgabelkurve (fast ungedämpft).
Abb. 9 b. Starkgedämpfte Kurve.
gen der Stimmgabel mit stets gleicher Amplitude. Wir sagen, daß
die stählerne Stimmgabel an sich bereits sehr elastisch ist und eine
geringe Dämpfung hat, und daß wir durch Erregung dieser Stimm-
gabel mittels eines Elektromagneten gleichmäßige, dauernd unge-
dämpfte Schwingimgen erzeugen. Nehmen wir nunmehr an Stelle
der Stimmgabel aus Stahl eine solche aus Blei, so können wir auch
diese durch einen Schlag zum Schwingen bringen. Zeichnen wir aber
die Kurve auf ein Kymographion auf, so sehen wir, daß nach ganz
wenigen Schwingungen infolge der sehr geringen Elastizität des Bleies
die schwingende Energie aui^ezehrt wird, und werden ungefähr folgen-
des Bild erhalten (Abb. 9b).
Hierbei nehmen die Schwingungen außerordentUch schnell an
Ampütude ab imd erreichen nach wenigen Oszillationen den Wert 0.
Die vorhandenen Oszillationen aber haben gleiche Form und gleiche
Schnelligkeit. Was in der Me-
chanik die Aufzehrung der
schwingenden Energie in obi-
gem Beispiel verursacht, ist
die innere Reibung, der innere
Widerstand der Materie und
der Luftwiderstand. In der
Elektrizitätslehre haben wir
Abb. 10. Entladungskurve einer Leidener ^s nicht mit materiellen, son-
Fl^che. dem mit energetischen Qua-
litäten zu tun. Hierbei fällt
die mechanische Reibung fort. Aber die Aufzehrung der schwingen-
den Energie findet auch hier statt. Das Analagon der inneren Rei-
bung ist in diesem Falle innerer Widerstand, Selbstinduktion, Verlust
an elektrischer Energie durch Transformation in Fmikenwärme,
Sprühverluste der Kondensatoren usw., und so sehen wir den Ent-
ladungsfunken einer Leidener Flasche, oszillographisch dargestellt,
etwa in folgender Kurve repräsentiert (Abb. 10), deren Ähnlichkeit
mit der oben stehenden Kurve offensichtlich ist, nur daß die Maß-
Physik, Erzeugung und Anwendungsweisen der Diathermie. 17
einheiten, welche der Eintragung der Zeitgrößen auf derj Abszisse
zugrunde gelegt werden, für die Periode der mechanischen Schwingungen
unendlich groß (hundertstel Sekunden), für die elektrischen Schwin-
gungen im Vergleich hierzu unendlich klein (10* Schwingungen in der
Sekunde) sind. Noch viel kleiner würden bei Lichtschwingungen,
welche 400 — 700 BiUionen mal in der Sekimde stattfinden, die Ent-
fernungen bei der Abszisse eingezeichnet werden müssen.
Nachdem wir so die einzekien Komponenten eines Schwingungs-
kreises beschrieben haben, wollen wir noch kurz auf den Begriff
der Schwingungsdauer eingehen. Geradeso, wie für die Stimm-
gabel die Länge der Zinken maßgebend für die Tonhöhe, d. h. für die
Wellenlänge, d. h. für die Schwingungsdauer ist, oder wie in der Optik
ein monochromes Licht von bestimmter Farbe stets eine bestimmte
Wellenlänge, d. h. feststehende Schwingimgszahlen hat, und eine andere
Wellenlänge oder Schwingimgszahl einer anderen Farbe entspricht,
so sind auch die elektrischen Schwingungen bezüglich der Wellen-
länge und Schwingungszahl, je nach dem sie produzierenden Appa-
rat (vorausgesetzt, daß er gleichmäßige Schwingungen erzeugt) charak-
terisierbar, imd zwar berechnet sich die Schwingungsdauer eines Schwin-
gungskreises im wesentlichen aus der Kapazität und der Selbstinduktion.
Verändern wir daher entweder die Kapazität (d. h. die Fläche des Kon-
densators oder das Material und die Dicke seines Dielektrikums), oder
die Selbstinduktion (d. h. die Zahl der Drahtwindungen, ihre Dicke
oder ihr Material oder die Art ihrer Isolierung), so verändern wir damit
auch die Wellenlänge, die der Schwingungskreis produziert. Die Be-
rechnung setzt sehr komplizierte mathematische Formeln voraus, kann
aber praktisch durch im Interesse der drahtlosen Telegraphie intensiv
durchgebildete Apparate (Wellenmesser) einfach bestimmt werden. Es
genügt, an dieser Stelle zu erwähnen, daß die 3 Grö>ßen, Kapazität C,
Selbstinduktion L und Periode T sich in folgende Beziehung bringen
lassen :
Diese Formel enthält allerdings noch nicht den inneren Wider-
stand des Schwingungskreises. Wie berechnen hiemach die Frequenz
pro Sekunde, indem wir 1 durch T dividieren. Im feststehenden Ver-
hältnis zur Schwingungszahl steht nun auch die Wellenlänge, die in
der drahtlosen Telegraphie und Telephonie praktisch meistens als
Maß an Stelle der Schwingungsdauer benutzt wird. Da die Geschwindig-
keit des Lichts und des elektrischen Stromes die gleiche ist, so läßt
sich die Wellenlänge ganz einfach dadurch berechnen, daß man 300 000 km
(Portpflanzungsgeschwindigkeit des Lichts in einer Sekunde) durch die
Zahl der Wellen in einer Sekunde dividiert. Es ergibt sich daraus die
Wellenlänge in Metern. In der medizinischen Diathermie verwenden
wir Wellen von ca. 300 bis 1000 Meter Länge.
Wir haben im vorstehenden die Grundbestandteile kennen
gelernt, aus welchen sich ein Schwingungskreis zusammensetzt,
und gesehen, wie die Beziehimgen dieser einzelnen Grundbestandteile
Na gel Schmidt, Diathennie. 2. Aufl. ^
Ig Physik und Physiologie der Diathennie.
zueinander sein müssen, um elektrische Wellen bestimmter Art zu
erzeugen; wir haben dabei vorausgesetzt, daß irgendwie elektrische
Energie in den Schwingungskreis hineingebracht wird. Wir müssen uns
nun auch noch kurz mit den elektrischen Stromquellen be-
schäftigen, welche sich für die Ladung von in Schwingungskreisen be-
findlichen Kondensatoren, d. h. für die Speisung von Schwingung-
kreisen als geeignet erwiesen haben. Das Nähere hierüber werden inrir
bei der Besprechung der einzelnen Apparaturen ausführen. An dieser
Stelle wollen wir nur bemerken, daß Influenzmaschinenströme, Induk-
tions- und Hochspannimgstransformatoren bzw. Wechselströme zur
Speisung von Funkenstreckenapparaten verwandt werden, während
Hochfrequenzapparate, welche an Stelle der Funkenstrecke eine Bogen-
lampe besitzen, mit Gleichstrom gespeist werden.
Bevor wir mm zur Schilderung der einzelnen Apparate über-
gehen, müssen wir noch zwei weitere Begriffe aus der elektrischen
Wellentheorie kurz definieren. Das ist der Begriff der Resonanz
xmd der der Koppelung. Wenn wir zwei gleichgestimmte Stimm-
gabeln dicht nebeneinander aufstellen und die eine Stinmigabel an-
schlagen, so kommt die andere Stimmgabel durch Luftübertragung
der Schwingungen ebenfaUs zum Tönen. Unterbrechen wir nun die
Schwingungen der ersten Stimmgabel unmittelbar nach dem An-
schlagen, z. B. durch Berührung mit der Hand, so tönt trotzdem die
andere Stimmgabel weiter. Ebenso können wir bei dem Klavier durch
Aufheben der Dämpfung und Hineinsingen eines Tones die gleichge-
stimmten Saiten zum Mitschwingen bringen. Ein analoges Phänomen
haben wir in der Wellenelektrizität. Erzeugen wir nämlich in einem
Schwingungskreis elektrische Schwingimgen, so gerät ein in der Nähe
befindlicher Schwingungskreis, der nur aus Selbstinduktion und Kon-
densator besteht, unter gewissen Umständen ebenfalls in Schwingungen.
Der zweite Schwingungskreis darf keine Funkenstrecke enthalten,
denn die Funkenstrecke wirkt als ein sehr intensives Hindernis wegen
des in ihr enthaltenen Luftwiderstandes und gestattet kein Weiter-
schwingen der übertragenen Energie. Es wird aber auch nicht jedes
elektrische Schwingimgssystem auf Resonanz ansprechen, sondern
nur ein resonanzfähiges, d. h. ein solches, dessen Wellenlänge der des
ersten Schwingungskreises imgefähr entspricht. Ist dies der Fall, so
können wir den sekundären Schwingimgskreis dadurch erregen,
daß wir z. B. den ersten in dauernde Schwingung versetzen oder
in dem ersten eine Reihe kurz dauernder Schwingungsgruppen erzeugen,
die durch sog. Stoßwirkung den sekundären Schwingungskreis zum
dauernden Weiterscbwingen bringen. Es ist auch nicht imbedingt not-
wendig, daß der sekundäre Kreis genau abgestimmt ist. Vielmehr
können auch bei mangelnder Abstimmung Schwebungen im sekundären
Kreis entstehen, welche auf der Zusammensetzung der Eigenschwingung
des sekundären Kreise^ und der vom primären Kreis aufgedrückten
Schwingungen beruhen. In d^n meisten Fällen jedoch kommt es auf
eine möglichst gute Übereinstimmimg der Eigenschwingimgen der
beiden Kreise an. • • -
Physik, Erzeugung und Anwendungsweisen der Diathermie.
19
Abb. 11. Ansicht einer
Hoch- und einer Flaoh-
spule.
Die Übertragung der schwingenden Energie vom primären auf den
sekundären Kreis braucht mm keineswegs durch die Luft zu erfolgen,
d. h. durch den Äther, sondern kann auch durch metallische Verbindung
stattfinden. Im ersten Falle sprechen wir von induktiver Koppe-
lung, im zweiten Falle von galvanischer Koppelung. In der
Praxis hat sich ein Verfahren ausgebildet, die Selbstinduktionsdrähte
in dem primären und sekundären Schwin-
gungskreis als sog. Flachspule auszubilden
(siehe Abb. 11) und die Selbstinduktion des
sekundären Schwingungskreises (es kann auch
der Kondensator vollständig fehlen und die
Schwingimgen lediglich in den Drahtwindun-
gen stattfinden) beweglich zur primären anzu-
ordnen, so daß sie entweder parallel neben ihr
zu liegen kommt, oder bis zur völligen Deckung
über sie geschoben werden kann (minimaler Effekt — maximaler
Effekt), oder daß ihre Ebene senkrecht zu der der ersten (minimaler
Effekt) oder parallel zu ihr (maximaler Effekt) gedreht werden kann.
Man spricht dann je nach der Stellung von loser oder fester Koppelung.
Mit den im vorstehenden erwähnten Vorstellungen und Begriffen
ausgerüstet, können wir nunmehr zu einer Besprechung der verschiede-
nen Typen der in der Medizin üblichen Hochfrequenzapparate über-
gehen.
Apparate.
1. Die sog. D*Arsonvalapparate., Als Speisestrom wird fast stets ein
Ruhmkorff , d. h. ein großer, am besten mit Quecksilbeninterbrecher betriebener
Induktionsapparat verwandt, dessen sekundäre Polströme durch gut isolierte
Drähte zumeist an die Funkenstrecke angelegt werden. Der Apparat selbst (siehe
Abb. 12) besteht im wesentlichen aus einem Schwingungskreis nach dem typischen
beistehenden Schema. (Abb. 13.) Die D'Arsonvalapparate besitzen als Charak-
teristika lange Funkenstrecke, kugel- oder pilzförmige Metallstücke, zwischen
denen der Funkenübergang stattfindet, und Glaskondensatoren, Leidener Flaschen
oder in öl eingebettete Glasplattenkondensatoren. Wegen des erheblichen Ge-
räusches der Funkenstrecke ist dieselbe in einen Holzkasten oder Glasbehälter ein-
geschlossen. Trotzdem ist der Lärm, den derartige Apparate beim Betriebe voll-
führen, außerordentlich laut und störend.
Parallel zur Selbstinduktion und zumeist durch einen Draht mit ihr ver-
bunden ist eine sekundäre Spule mit vielen Windungen angeordnet, der sog.
Oudinsche Resonator (Tesla). Die Schwingungen des primären Schwingungs-
kreises werden durch Übertragung von den wenigen dicken Kupferwindungen der
primären Selbstinduktion auf die zahlreichen dünnen Windungen der sekundären
zu einer wesentlich höheren Spannung transformiert. So kommt es, daß diese
Apparate zur Produktion nicht nur hochfrequenter, sondern auch sehr hoch-
gespannter Ströme dienen. Die Spannung des speisenden Induktionsstromes
beträgt im allgemeinen 10 000 — ^20 000 Volt, und diese Spannung steigt bis zu den
Abnahmestellen des sekimdären Hochfrequenzstromes auf 100 000 — 120 000 Volt.
Diese kolossalen Spannungen bedingen gewisse Sprüheffekte, die vni weiterhin
näher betrachten werden.
Wir wollen nunmehr auf die Funktion eines derartigen Apparates
als Erreger von Schwingungen ein wenig näher eingehen. Wir wissen,
daß ein Funkenübergang das auslösende Moment einer Serie von oszilla-
2*
20 Fhyiik und Flijaktlogie der Diatbeimie.
torischen EntUdungen ist.
Bei BO großen Funkenstrek-
ken, wie sie in dem D'Ar-
Bonvalapparst zur Verwen-
dung gelangen, d. h. Fun-
kenstrecben von mehreren
MiUimet^ni bis zu 5 cm
Länge, entspricht die Zahl
der Funken Qbei^änge in
der Funkenstrecke der Zahl
der Offnungen und Schlie-
ßungen in dem den Induk-
tor betreibenden Qneck-
silberanterbrecher, Weh-
neltunt^rbrecher eignen
sich wenig zum Hochfre-
quenzbetrieb.
Eine solche in einem
geschlossenen Behälter an-
geordnete längere Funken-
strecke hat nun gewisse
Nachteile. Infolge des Fun-
kenüberganges tritt eine
sehr intensive Ozonbil-
d u ng und Entstehung von
salpetriger Säure nebst
Wasser aus der Atmo-
sphäre ein. Die Fo^ ist
zunächst, daß der starke
Ozongeruch in wenigen
Sekunden sich im Zimmer
bemerkbar macht und unter
Umständen lästig wird,
auch zu Katarrhen der
Abb. 12. Sanitaa D'Arsonvalapparat. Schleimhaut führen kann.
Die Bildung von salpetriger
Säure greift die Elektroden an. Es treten Oxydationen und Zersetzungen
ein, die Elektrodenoberflache wird höckerig, steigert allmählich den
Widerstand, dazu kommt, daß auf den Wänden des Behälters sich.
Abb. 13 a. ^
' UrsptÜDgliche Anordnung Teelas. Abb. 13b. Anordnung D'Arsonvols.
Schema eines S'ArsoDvalapparatafi.
'^
Physik, Erzeugung und Anwendungsweisen der Diathermie. 21
Wasser und salpetrige Säure als feuchter, ja nasser Überzug nieder-
schlägt, und nach einiger Zeit versagt die Funkenstrecke, denn es wird
der Elektrizität bequemer, sich den feuchten Wänden entlang auszu-
gleichen, als die schlechter und schlechter funktionierende Funken-
strecke zu benutzen. Es muß daher ziemlich häufig eine Reinigung des
Gefäßes und ein Abschmirgeln der Elektrodenflächen stattfinden. Es
ist empfehlenswert, Wasser und salpetrige Säure absorbierende Sub-
stanzen in einem Schälchen im Inneren der Funkenstrecke zu längerer
Funktionserhaltung derselben auf- . ^
zustellen. ^ r ]
Wird statt des Induktors ein
Hochspannungstransforma-
tor benutzt, der ohne Unterbre-
cher an die Wechselstromleitung
einer Zentrale angeschlossen wird,
so wird die Zahl der Funken-
übergänge der doppelten Perioden-
zahl entsprechend, d. h. 100 pro
Sekunde. Auch die Quecksilber-
unterbrecher pflegen eine ähnliche
Funkenzahl zu produzieren. Da
nun in den D'Arsonvalapparaten
des in Rede stehenden Typus die
Dämpfung eine sehr erhebUche ( ~
ist, so entspricht jedem Funken-
übergang nur eine Zahl von 10 Abb. 14. Diagramm des oszillatorischen
bis 30 Oszillationen, deren AmpH- Strom Verlaufs eines D*Arsonvalapparates.
tude von dem Maximum der er- **— ^- Oszillator|che Entladungsperiode
sten bis zum Werte der zehnten 5.^. StromCesLitervail = ca. ViooSek.
bis dreißigsten abfällt. Da diese os- c—d. Dem nächsten Funkenübergang in
zillatorischen Entladungen hoch- <ler Funkenstrecke entsprechende
frequenteWeUen darsteUen, so , Schwingungsgruppe v. ca. VsooooSk.
,^ -^ , ^ 1 1 X • 1 d — 6. Stromloses Intervall usw.
verlauft der gesamte elektnsche
Vorgang, d. h. die gesamte oszillatorische Funkenentladung, in einem
minimalen Bruchteil einer Sekunde. Bei derartigen Apparaten
pflegt die Wellenlänge 300 — 500 m zu betragen, d. h. die Dauer der
einzelnen Wellen entspricht der Zeit einer Millionstel Sekunde, und 20
solche Wellen dauern 1 fünfzigtausendstel Sekunde. Da wir 100 Funken-
übergänge, mithin 100 Wellenzüge oszülatorischer Entladung pro Sekunde
haben, so schwingt elektrische Energie in derartigen Apparaten etwa
499
während des fünfhundertsten Teiles einer Sekunde; hingegen sind -— r
500
stromlos. Das beistehende Diagramm zeigt die relativ außerordentlich
kurze Schwingimgsperiode und die lange Zeit der Ruhepause bis zur
nächsten Schwingimgsgruppe (Abb. 14). Diese Pause ist so lang, daß
wir sie graphisch in einer Wellenlinie darstellen mußten, um sie in ihrer
wirklichen Länge auszeichnen zu können. Während die Ausbeute an
elektrischer Energie in diesen Apparaten wie ersichtlich eine sehr
D
22 Physik und Physiologie der Diathermie.
geringe ist, ist jedoch, wie erwähnt, die Spannung eine sehr hohe, in-
folge der Transformation im Oudin sehen Resonator, mid wir müssen
die ersten Amplituden uns wesentlich höher gezeichnet denken, als sie
der Raumersparnis halber gezeichnet sind. Da aber schon nach relativ
wenigen Schwingimgen diese Amplituden zum Werte absinken, ist der
Abfall von einer Amplitude bis zur nächsten (das sog. Dekrement,
Abb. 15) ein sehr erheblicher, imd die hohe Spannung kommt daher
nur in den ersten 2 — 3 Ampli-
tuden wirküch zur Geltimg,
während trotz des Resonators
die weiteren Schwingungen
schon relativ niedrige Ampli-
tuden aufweisen.
Messen wir die effe ktive
Leistung einesD'Arsonval-
ap parates mittels eines sog.
Abb. 15. Das Dekrement einer stark ge- Hitzdrahtamperemeters,
dämpften Kurve- 5^-^^//^^ so ergibt sich z. B. bei der
Höhe // Hohe /// Einschaltung des menschUchen
Widerstandes eine Strom-
stärke von meist nicht mehr als 20, 30, 80, selten 100 Milliampere,
während die Spannung, zu deren Messimg wir zwar keine praktisch ver-
wendbaren Instrumente besitzen, bei dem unbelastet arbeitenden
Apparat 100 000 — 120 000 Volt beträgt, jedoch bei Zwischenschaltung
des großen Widerstandes des Menschen auf 10 000 — 20 000 Volt herab-
sinkt. Das Herabgehen der Spannung bedeutet aber nicht etwa eine
Transformierung des hochgespannten Wechselstromes in einen
niedriger gespannten mit entsprechend zunehmender Milliampere-
zahl, sondern stellt reine Verluste dar, da es bei Wechselströmen,
besonders bei Hoehfrequenzströmen, die Phasenverschiebung mit
sich bringt, daß Hochspannung und niedrige Amperezahl durchaus
nicht niedriger Spannung und hoher Amperezahl zu entsprechen brauchen,
wie das bei niederfrequenten Transformationen der Fall zu sein pflegt.
Ein D'Arsonvalapparat arbeitet also zweckmäßig, im Falle wir hoch-
gespannte Wechselströme hoher Frequenz (eigentliche Tesla-
ströme) erzeugen und verwenden wollen, d.h. im wesentlichen da,
wo es auf Sprüh- und Strahlwirkungen ankommt. In allen an-
deren Fällen, in denen es auf Leistimg von elektrischer Energie
hinausläuft, arbeitet ein solcher Apparat unökonomisch, da ein großer
Teil der primär aufgewandten Energie für die nutzlose Produktion
hoher Spannung aufgezehrt wird. Daß somit relativ wenig für Strom-
stärkeproduktion übrig bleibt, das geht auch schon aus der Betrachtung
des Stromdiagramms hervor, welches, wie gesagt, minimale Zeiten
elektrischer Arbeitsleistung neben riesigen Intervallen zeigt.
Als es noch keine speziellen Diathermieapparate gab, war es mir
aufgefallen, daß die Wärmewirkungen der Hochfrequenzströme
im Tierexperiment bei Abnahme des Stromes an der sekundären Re-
sonatorspirale viel schwächer ausfielen, als wenn die Stromabnahme
PhjiEdk, Erzeugung nnd ÄnwendungaweiBcn der Diathermie. 23
an der primären Spirale stattfand, daß sie also bei geringerer VoltzaU
größer -waren als bei der Übersetzung auf die hohe Voltzahl der sekun-
dären ^ule. Ich ließ daher von der Firma Sanitas einen D'Arsonval-
apparat konstruieren, der so bemessen war, daß er an den Polklemmen
der primären Spirale bei
günstigster Einstellung die
Abnahme von 800—1000
Milliampere gestattete, eine
Stromstärke, wie sie außer
bei einem Versuehsapparat
D'Ärsonvals in Paris von
mit an keinem Hochfre-
quenzapparat geaehep wur-
de. {Die Abbildung des Ap-
parates, der im übrigen
genau dem Schema des
vorigen entspricht, siehe
beistehend Abb. 16.) Die
größere Eneigie dieses Ap-
parates beruht lediglich
auf der zweckmäßigen Ab-
messung der Größen Ver-
hältnisse der Komponenten
des Schwingungskreises.
Zur Zeit, als ich diesen
Apparat bauen ließ, war in
der drahtlosen Telegraphie
ebenfalls noch das gleiche
S^tem von Apparaten üb-
lich. Es setzte jedoch gerade
in diesem Jahre die Ausbil-
dung neuer Apparattypen
ein, welche heute eine mehr
und mehr führende Rolle
in der drahtlosen Telegra-
phie und Telephonie spie-
len, nämhch infolge der
Einführung der weiter un-
ten zu besprechenden Poul- j^bb. 16.
sonlampe und der Wien- SonitAsHocbfrequenzapparat für bipolare Äpplika-
schen Funkenstrecke als tion mit zweiPaaren von Kondenaatoteij(FIasolien).
Hochfrequenzgeneratoren .
Während, wie gesagt, für Zwecke von sprühenden Entladungen
D'Arsonvalapparate wegen ihrer hohen Spannung mit dem Oudinschen
Resonator gute Itesultate ergaben, war ihre Anwendung für die Zwecke
der Diathermie mit Schwierigkeiten verbunden. Infolge der hohen
Spannung kamen nicht nur Funkenentladungen bei Berührung oder
Annäherung metallischer Körper leicht unfreiwiUig vor, sondern es
24 Physik und Physiologie der Diktheniiie.
bildeten eich auch sehr erhebliche statische Aufladungen der Patienten,
während andererseits die Enet^e ausbeute, au^edrQckt in der Zahl der
Milliampere, eine zu geringe war. Ich habe mich daher bemüht, gemein-
schaftlich mit der Firma Siemens spezielle Diathermieapparate
zu bauen. Das Resultat mehrjähriger Arbeit konnte ich in Gestalt
des ersten im Handel befindlichen Diathermieapparates
auf dem Kongreß in Budapest im September 1908 demon-
strieren. Dieses Modell war jedoch noch verbesserungsfähig und
wurde im nächsten Jahre durch das zur Zeit noch fast unverändert
hergestellte Modell, welches im folgenden näher beschrieben werden
soll, ersetzt.
Das Schema des Apparates zeigt die beistehende Abb. 17.
Wir wollen voraussetzen, daß ein Wechselstrom von 40~-50 Perioden
Abb. 17. Siemensacher Siatheimieapparat nach Nagelaohmidt.
SchaltungBf che ma .
mit einer Spannung von ca. 120 Volt zur Verfügung steht. Dieser
Strom geht zunächst durch einen richtig bemessenen Rheostaten und
durchläuft die primäre Spule eines Hochspannungstransformators, der
diesen niedrig gespannten Wechselstrom auf 2000 Volt transformiert.
Dieser sekundäre Strom muß eine so hohe Spannung aufweisen, um
den Luftwiderstand der Funkenstrecke, welche allerdings nur wenige
Zehntel Millimeter lang ist, zu überwinden. Er tritt sodann in den
Schwingungskreis ein und lädt den Kondensator K auf, welcher sich
über die Selbstinduktion W^ oszillatorisch entlädt, sobald in der Funken-
strecke F die zum Fun kenübe rgang nötige Spannung bei jeder Periode
des Wechselstromes erreicht ist. Die oszillatorischen Entladungen,
durch welche der Kondensatorkreis sich entlädt, sind sehr schnell
und folgen dicht aufeinander. Man kann unter Vernachlässigung der
Dämpfung die Thompsonsche Formel anwenden (1855):
Physik, Erzeugung und Anwendungsweisen der Diathermie. 25
In dieser Formel bezeichnet n die Zahl der Wechsel pro Sekunde, v die
Läclitgeschwindigkeit, c die Kapazität, l die Selbstinduktion und n
die liudolfsche Zahl. Der aus Selbstinduktion, Kondensator und
Funkenstrecke bestehende Schwingungskreis hat- eine durch die folgende
IFormel bestimmte Schwingimgsf orm :
i = ^"'''»niaxSinTrni .
Hierbei bezeichnet t die Zeit, n die Schwingrmgszahl, welche nach der
Formel 1 berechnet wird, c ist die Basis des natürlichen Logarithmen-
systems, d ist der Dämpfungskoeffizient, und i ist die MaximalampHtude
des Stromes.
Die Schwingungskreise odey der Teslatransformator (ein Transfor-
mator ohne Eisen) sind so eingerichtet, daß die Selbstinduktion W l
gleichzeitig als Primärwickelung funktioniert. Infolge der hohen Wechsel-
zahl (von 10^ bis 10*) ist ein Eisenkern überflüssig imd würde sogar
scliädlich sein. Er würde nämlich die Zahl der Wechsel herunterdrücken
und den Wert von W^ auf 10^ erhöhen. Mit dem ersten oben stehenden
Schwingungskreis ist ein zweiter gekoppelt, welcher aus einer Selbst-
induktion W^ nnd einem Kondensator besteht. Der hierin schwingende
Strom fließt durch ein Amperemeter und wird mittels der Anschluß-
klemmen dem Patienten zugeführt. Das Amperemeter ist ein Hitz-
drahtinstrument. Für die sekjmdäre Abnahme des Nutzstromes ist
eine Unterteilung der Windungen der Spirale W^ vorgesehen, um ent-
weder alle Windungen oder die Hafte zu gebrauchen. Man sieht, daß
das Schema dieses Apparates in seinen Hauptbestandteilen auf das ur-
sprüngliche Schema der Hochfrequenzströme (siehe S. 20) sich zurück-
iühren läßt. Das Besondere daran ist zunächst die Art der Funken-
strecke. Die oben erwähnte Wiensche Lösch- oder Stoßfunkenstrecke
erzeugt, wie gesagt, eine große Zahl von Funken und bedingt eine er-
hebliche Produktion schwingender Energie. Wir können an den Klem-
men bei metallischem Kurzschluß mehr als 5 Ampere schwingender
Energie abnehmen.
Wir haben davon abgesehen, noch leistungsfähigere Apparate zu
konstruieren, was technisch ja nicht di6 geringsten Schwierigkeiten
bieten würde. Wir brauchen nur statt der zwei in den vorstehenden
Apparaten verwandten Funkenstrecken drei oder vier Plattenpaare
oder noch mehr anzuwenden unter entsprechender Veränderung der
Leistung des Hochspannungstransformators (2000 Volt), um das Doppelte
und mehr an Stromausbeute zu gewinnen. Indessen ist für medizi-
nische Zwecke selbst für die größten chirurgischen Operationen die
Stromstärke vollkommen ausreichend. Andererseits ist die Möglich-
keit der Entnahme so exzessiver Strommassen (mehr als 5 Ampere)
seitens des praktischen Arztes nicht ungefährlich, imd man könnte
durch ein geringes Versehen die Patienten leicht erheblich verletzen.
Wir wollen nunmehr die Diathermieströme, die dieser Apparat
liefert, ein wenig analysieren. Tragen wir die Zeit als Abszisse und die
Spannung als Ordinate ein! Die Kurve Abb. 18 zeigt die Schwan-
kungen und Spannungsänderungen an der Funkenstrecke: Der nieder-
26 Physik und Physiologie der Diathermie.
frequente Wechselstrom des Transformators (2000 Volt) lädt den Kon-
densator. Aber bevor diese relativ langsame Welle das durch eine pmik-
tierte Linie angedeutete AnschweUen bis zu ihrem Maximum durch-
laufen hat, durchbricht der Funke die Funkenstrecke. Während des
Funkenüberganges wird jedoch die Luftstrecke in der Funkenstrecke
ionisiert und leitend, gerade wie ein metallischer Kurzschluß, und so-
fort sinkt die Spannimg auf ab. Wie oben geschildert, reißt jedoch
der Funken nach wenigen Oszillationen ab, und sobald er erloschen ist,
ist der Widerstand der Funkenstrecke wieder da. Die Spannung steigt,
bis derselbe Vorgang sich wiederholt.
•^_
^"^^^^^^^^
Abb. 18. Spannungskurve an der Funkenstrecke.
Die punktierte Linie zeigt die Kurve des niederfrequenten Stroms, der vom Trans-
formator kommt und den Hochfrequenzkreis speist. Lange bevor diese Kurve
ihr Maximum eireicht, bricht der Funke durch. Infolgedessen sinkt die Spannung
auf und steigt immer wieder bis zu ungefähr dem gleichen Wert an; dieser Vor-
gang findet wiederholt (in der Figur 14 mal) während eines einzigen niederfrequenten
Wechsels statt.
Die große Schwierigkeit Hegt darin, dafür zu sorgen, daß der Funke,
der an sich die Neigung zur Bildung eines Lichtbogens hat, wirküch
prompt erlischt. Denn solange er bestehen bleibt, bleibt die Funken-
strecke leitend, so daß der Strom sich in ihr ausgleicht und den Kon-
densator nicht auflädt. Professor Max Wien hat gezeigt, daß Funken
von wenigen Zehntel Millimetern Länge besonders schnell erlöschen.
Man kann diese Neigimg noch verstärken dadurch, daß man für eine
prompte Kühlung der Funkenstrecke sorgt. Dies geschieht erstens
dadurch, daß man die Funkenstrecke in Form einer größeren Fläche
anordnet. Lifolgedessen treten Funkenübergänge an den verschiedenen
Stellen dieser Fläche auf, so daß bei genügendem Vorhandensein von
Metallmassen in der Funkenstrecke die einzelnen Stellen durch Leitung
sich schnell wieder abkühlen, bis wieder einmal auf ihr ein Funke
entsteht^). Infolge der minimalen, in der Funkenstrecke eingeschlossenen
Luftmenge ist auch der Oxydationsvorgang durch die Funkenbildung
auf den hierfür vorgesehenen versilberten Teilen der Platten ein mini-
maler. Die Platten sind so konstruiert, daß, wenn man sie direkt auf-
einander legen würde, die zur Bildung von Funken vorgesehenen Flächen
sich berühren würden. Durch Einlegen von Glimmerringen von 0,1
bis 0,3 mm Dicke wird die Entfernung der Funkenstrecke festgelegt
und durch Einpressen des oder der Plattenpaare in eine geeignete Fest-
^) Neuerdings erhält die Siemenssche Funkenstrecke eine Vorrichtung zur
Wasserkü hlung.
Physik, Erzeugung und AnweaduDgBwejsen der Diatbermie.
27
Stellvorrichtung unveränderlich fixiert (siehe Abb. 19). Mit derartigen
Funkenstrecken kann man Stromspannungen zur Speisung benutzen,
deren Amplitude viel größer ist als die zum Durchbruch des Funkens
nötige Spannung, und trotzdem braucht man nicht Lichtbogenbildung
zu befürchten. Das Funktionieren der beiden Funkenstreoken mittels
Abb. 19. SiemenBsche Funkenetrecke (Syetem Telefunkcn).
eines relativ kleinen Transformators (2000 Volt) wird durch Parallel-
schaltung einer Widerstandsspule noch besser enni^licht. Während
also mit den D 'Arsen valapparaten bei jeder Phase des speisenden
Wechselstromes nur ein einziger Funke mit einigen daran anschließen-
den Wellenzügen erzeugt werden konnte, weil sich nämlich sonst ein
Lichtbogen gebildet hätte und weitere Funken nicht hätten übergehen
können, kann man jetzt jeden Wechsel von Niederfrequena mit einer
ganzen Reihe von Funkenentladungen überdecken, deren Zahl ledig-
lich von der Ladezahl des Kondensators und der Dämpfungagröße der
Wellenzüge abhängig ist. In den Figuren 20 und 21 habe ich den Span-
Abb. 20. Spannunpverlaui am Kondensator während einer positiven Fhaiee des
primärew Weehselstromea. A Ladeperiode. B Schwingungsperiode.
nungsverlauf am Kondensator dargestellt, d. h. den Veriauf der Hoch-
frequenz wellen. Die Kurve Abb. 20 bezieht sich auf die positive
Phase, die Kurve Abb. 21 auf die negative Phase je eines Wechsels des
Niederfreqnenzstromes. Der erste Teil der Kurve zeigt den Anstieg
von bis zur maximalen Spannung, d. h. bis zur Spannung des Funken-
durchbruchfi an der Funkenstrecke, und entspricht der Ladeperiode
28
Physik und Physiologie der Diathermie.
des Kondensators. Am höchsten Punkt dieser Kurve entsteht der Fun-
ken und ist der Ausgangspunkt von Hochfrequenzschwingungen, welche
sehr stark gedämpft sind. Mit diesen Hochfrequenzwellen hat sich
der Kondensator entladen. Der Funke reißt ab, und es beginnt eine
neue Ladeperiode A, wobei wiederum die Oszillationsperiode B folgt,
und so wiederholt sich das Spiel weiter, so lange, wie die niederfrequenten
WeUen noch genügend Spannung besitzen, um den Funkenübergang zu
erzwingen. Dann tritt eine Pause ein, bis nunmehr die niederfrequente
WeUe nach der negativen Seite genügend Spannung erreicht hat, um
das gleiche, jedoch umgekehrte Spiel (siehe Abb. 21) von Ladeperiode,
Funkenbildung, Funkenabriß, neuer Ladeperiode usw. zu ermöglichen.
Die negative Kurve ist natürlich vollkommen analog der positiven imd
ohne weiteres aus der Figur verständlich. Die Zahl der Funkenüber-
gänge kann mittels des Rheostaten, der sich vor dem Transformator
Abb. 21. Spannungsverlauf am Kondensator während einer negativen
Phase des primären Wechselstromes.
befindet, innerhalb gewisser Grenzen geregelt werden. Wenn man durch
Einschaltung von viel Widerstand den Ladestrom schwächt, so ver-
größert sich die Ladezeit des Kondensators. Wenn man ihn verstärkt,
so verkürat sich diese Zeit, und die Funkenzahl wird eine größere. Die
Übertragung von Hochfrequenzschwingungen vom primären Schwin-
gungskreis auf die sekundäre Spirale, d. h. die Arbeit des Teslatrans-
formators, ändert nichts an. der Form der Schwingungen. Die sekun-
däre Spule liefert dieselben sinusoidalen Wellen von gleicher Frequenz,
die wir aus der Formel (S. 17) für den primären Hochfrequenzstrom
berechnen können. Nur tritt eine gewisse Beeinflussung dann ein,
wenn wir den Grad der Koppelung zwischen primärer und sekundärer
Spule verändern; nämlich wenn wir fester koppeln, so bedeutet dies
eine größere Energieentziehung aus dem Funkenstreckenkreis. Es
ändert sich die Funkenzahl, und wir müssen zum Ausgleich Wider-
stand im primären Netzstromkreis ausschalten.
Abb. 22 zeigt die äußere Gestalt des Apparates, welcher aus einem
kleinen, auf Rollen befindlichen Tischgestell besteht, welches den eigent-
lichen Apparat trägt. In dem Kasten befinden sich die verschiedenen
Spulen, der Hochspannungstransformator und der Kondensator, den
Deckel bildet eine Marmortafel, auf der sich die Funkenstrecken E be-
finden, welche durch eine Haube vor Berührung geschützt sind. Die
1. Älteres Modell.
Fhydk, Erzeugung und Anwendnngsweisen der Diathermie.
primäre Zuleitung zum Konden-
sator resp. zur Funkenstrecke ist
derartig geführt, daß sie durch
diese Haube erat geachJoBBen wird.
Nimmt man die Haube ab, um
die Funkenstrecke zugänglich zu
machen, so ist der Strom unter-
brochen, und man kann die strom-
lose Funkenstrecke ohne Gefahr
berühren. Wäre diese Vorsichts-
maßregel nicht getroffen, und
könnteman die Haube abnehmen,
ohne den Strom zu unterbrechen,
so würde die Gefahr bestehen,
daß man gel^entlich einmal sich
einem elektrischen Schlag von
2000 Volt Spannung aussetzte.
Die Zuleitung P führt den primä-
ren Strom, d. h. den oben ge-
schilderten Wechselstrom, in den
Apparat hinein. Dieser Strom
kann entweder durch den Schal-
ter D, welcher sich auf der Mar-
morplatte befindet, geöffnet und
geschlossen werden, oder bei
offenstehendem Sc halter D durch
einen Fußschalter (Abb. 22a, b).
An der Vorderseite des Kastens
befindet eich der ßheostat, durch
welchen der prin^re Speiseatrom
r^uhert werden kann. Die Pole
0, 1, 2 dienen zur Stromabnahme
für den_ Patienten. steht mit
dem einen Ende der sekundären
Flachapule in Verbindung, 2 mit
dem anderen Ende, während
durch Anschluß an und 1 etwa
die Hälfte der Windungen der
Spule benutzt wird. Verwendet
man diese letztere Schaltung, so
erhält man einen Strom von rela-
tiv niedriger Spannung, nämlich
ungefähr 200 Volt, während wir
zwischen A und C 800 Volt zur
Verfügung haben. Umgekehrt ist
natürUch die Strommenge in
Ampere bei der niedrigen Span-
nung wesentlich höher als bei der
2. Neues Modell.
Abb. 22. Die äußere Ansicht des SiemenB-
Bchen DiathermJeapparates nach Nagel-
30 Pbyäk und Fhynotogie dei Diftthennie.
hohen. In der Mitte der Mannortafel befindet sich noch ein H»Dd-
grifi L, welcher um sein eines Ende drehbar ist, und der durch diese
Drehung gestattet, die Koppelung zwiBchen primärer und sekundärer
Spule zu variieren. Die Variationsmöglichkeit ist eine aehr große und
gestattet eine Variationsbreite
von wenigen Milliampere bis
zum Maximum der Leistung.
Das Amperemeter ist im
sekundären Stromkreis einge-
schaltet und zeigt die dem
Patienten zufließende Strom-
stärke an. Zum Betrieb des
Apparates werden bei 120 Volt
Wechselstrom ca. 2 — 9 Am-
pere benötigt. Die Haupt -
eigenschalten, aul welche ich
bei der Konstruktion des Sie •
mensBchen Apparates Wert
a) von Siemens \^^^ sparen nächst der Er-
zeugung eines möglichst nied-
rig gespannten, faradisations-
freien Hochfrequenzatromes :
1. Ausreichende Maximal-
leistung.
2. Möglichst einfache imd
vollkommene Reguher-
fähigkeit durch Betäti-
gung eines einzigen He-
fa) von Sanitaa ^^' ^^' primäre Eheo-
Abb. 22a u. b. FußBohalt^r. ««** t^l^i^t meistauf einer
mittleren Stellung.
3. Begulierfähigkeit ohne sprunghafte Veränderung der Strom-
stärke.
4. Dauerndes, störungsfreies Funktionieren auch bei intensiver
Inanspruchnahme.
5. Konstante, nicht regulierbare Funkenatrecke ohne Spiritus-
versorgung.
6. Kleinheit, leichte Bewegunga- und Transportmöglichkeit des
Apparates.
7. Geringer primärer Stromverbrauch.
Hat man keinen Wechsebtrom zur Verfügung, so kaiui man auch
Gleichstrom verwenden, muß jedoch diesen Gleichstrom erst durch einen
sog. Einankerumformer in Wechselstrom verwandeln. Lange bevor
der Siemenssche, in Gemeinschaft mit mir konstruierte Diathermie-
apparat fabrikationsmäßig fertig gestellt war, war aus verschiedenen
Gründen eine St^nation in den diesbezüglichen Arbeiten eingetreten.
Ich ging deshalb, da mir daran lag, mißlichst schnell therapeutisch
brauchbare Apparate zur Verfügung zu haben, auf das Ansinnen der
Physik, Eizeugung und AnwendungeweiBen der Diathermie.
31
Polyfrequenzelektrizitätogesellachaft zu Hambui^ ein^), unter meiner
Anleitung einen Diathermie apparat zu konstruieren. Das Besultat
dieser Arbeit ist der kombinierte Polyfrequena ■ Diathermie-
und Röntgenapparat, welcher kurz beBchrieben werden soll (siehe
Abb. 23):
Abb. 23. Äußere Ansicht des Folyfrequenz -Diathermie- und
' Böntgenapparat«s.
Abb. 23 a. Schema des Fol3rfrequenz-I>iathermieapparatea
nach NageUchmidL
') Die PolyfrequenzgeaellBchaft ist nach kurzem Bestände in Liquidation
32
Physik und Physiologie der Diatbennie.
Das Schema des Apparates ist aus der Abb. 23 a ersichtlich. Der Apparat
ist für Spannungen Ton 110» 220 oder 440 Volt Gleichstrom konstruiert. Nach
dem Passieren von Sicherungen 8% wird durch eine Steckdose D ein Strom ent-
nommen, der mittels eines Anlassers dem rotierenden Motoranker Ma zugefCihrt
wird. Aus der Ankerwicklung kann über zwei Schleifringe Wechselstrom ent-
nommen Werden, dessen Wechselzahl in der Sekunde etwa 100 ist. Der Wechsel-
strom wird nun über einen Regulierwiderstand B an einen Strommesser / d»*
primären Wickelung P eines ruhenden Transformators T zugeführt uikI durch
die sekundäre Wickelung S höherer Windungszahlen auf die hohe Spannung vcm
2000 Volt gebracht. Diese Wechselstromspannung wird zur Erzeugung von Hoch-
frequenzschwingungen benutzt. War bereits Wechselstrom im Stra&nnetz vor-
handen, so fällt die rotierende Maschine fort, und der Apparat beginnt bei der
punktierten Linie. Die Wechselstromhochspannung von 2000 Volt dient nun dazu,
einen Kondensator C 1 aufzuladen, dessen Ladung sich alsbald über eine*Spule X 1
und eine eigenartige Punkenstrecke F von 0,2 — 0,3 mm Länge ausgleicht. Es wird
Abb. 24. Stark gedämpfte Oszillationen (a) des Polyfrequenzapparates
mit Darstellung der Stoßerregung im sekundären Kreis (b).
also auch hier ein' Hochfrequenzstrom erzeugt. Nach Angabe der Polyfrequenz-
gesellschaft ist der Wirkungsgrad 75 % der aufgewandten Niederfrequenzenergie
in Form schwingender Energie. Auch in diesem Apparat ist jeder Funkenübergang
der Ausgangspunkt einiger weniger, sehr stark gedämpfter Oszillationen (Abb. 24).
Die Zahl der Funkenentladungen kann durch Regelung der Distanz der Funken-
strecke, d. h. durch Regelung der Funkenlänge und Variation des primären Stromes
zwischen wenigen Hundert bis ca. 50 000 in der Sekunde variiert werden. Da aber
immerhin die Pausen zwischen den einzelnen Oszillationsgruppen ziemlich groß
sind, jedenfalls größer als die Oszillationsperioden selbst, ist an Stelle der einfachen
sekundären Spirale des gewöhnlichen Teslatransformators ein sekundärer aus
Selbstinduktion und Kapazität bestehender Schwingungskreis eingeschaltet
worden. T 1 ist die mehrfach unterteilte Selbstinduktion, C 2 der Kondensator,
/ das Meßinstrument. Dieser Kreis ist so bemessen, daß er mit dem ersten resonanz-
fähig ist. Wenn wir mm in der Abb. 24 die oszillatorischen Wellengruppen a,
die sich an die Funkenübergänge in der Funkenstrecke des Schwingungsfareises /
anschließen, darstellen, so sehen wir den durch die Stoßerregung der Funken-
oszillationen zur Resonanz und zum längeren Weiterschwingen gebrachten sekun-
dären Resonanzschwingungskreis 6, so daß wir es fast mit einem kontinuierlichen
Wellenstrom zu tun haben. Die Unterteilung der sekundären Spirale (Selbst-
induktion) ermöglicht, zwischen den der sekundären Unterteilung entsprechenden
Polklemmen und 1 eine sehr kleine Spannung mit hoher Amperezahl, zwischen
und 2 eine etwas höhere, zwischen und 3 eine noch höhere, zwischen und 4
I
Physik, Erzeugung und Anwendungsweisen der Diathermie.
33
die h.öobste Spannung, welche den größten Widerstand zu überwinden vermag,
aber eine relativ geringere Ausbeute an Milliampere liefert, einzuschalten.
Der Polyfrequenzapparat bietet jedoch den weiteren Vorteil, daß
mau durch einfaches Umschalten, d. h. Drehen einer Kontaktscheibe,
d.eii Apparat sowohl für D'Arsonyalisation (Solenoid, Douche, Funken-
entladungen, Kondensatorbett) wie auch zum Betriebe von Röntgen-
röhren benutzen kann. Die theoretische Begründimg der Möglich-
keit eines Röntgenbetriebes mittels Hochfrequenzströmen war die
folgende :
Jede Vakuumröhre bildet einen Kondensator, dessen Belegungen durch die
Anode und die Kathode sowie die aus freier Elektrizität sich aufl^enden Glas*
wände dargestellt werden. Während die Kathode sich negativ auflädt, wird die
Anode positiv. Um schließungslichtfreies Köntgenlicht zu erhalten, genügt es«
die Kathode der Bohre mit dem Endpunkt der sekundären Spirale in Verbindung
zu bringen. Diese eine Zuleitung genügt, um die Röhre zu betreiben. Infolge*
dessen wird die Röhre im wesentUchen nur von den Kathodenstrahlen durchflössen
und leuchtet wie mit Gleichstrom
betrieben auf. Um eine gute
Röntgenausbeute zu erzielen, ist
in dem Polyfrequenzapparat noch
ein zweites Paar Schwingungs-
kreise eingebaut, die aus Abb. 25
ersichtlich sind. Durch Betäti*
gung des Umschalters wird die
Fuiäenstrecke auf den .neuen
Schwingungskreis umgeleitet.
Diese zur D'Arsonvalisation und
zu Böntgenzwecken dienenden
Schwingungskreise bestehen auch
wieder aus einem primären Kreis,
der aus der gemeinschaftlichen
Funkenstrecke, einem Konden*
sator cm, einer Selbstinduk*
tion I^ besteht. Die sekundäre Abb. 25. Schema der Röntgenstrahlenschaltung
Spulebestehtjedoohhierauseiner des Polyfrequenzdiathennieapparates nach
großen Anzahl Windungen dün* Nagelschmidt,
nen Kupferdrahtes imd ist ca.
75 cm hoch. Die primäre Spule L, ist in Form einiger dicker Drahtwindungen
um das imtere Enae der Spule L^ umgelegt. Dieser zweite Schwingungskreis ist
ein sogenannter offener. Das untere Ihade der Spule L^ wird geerdet, und Anode
der Bohre, Luftschicht und Erde bilden den Kondensator dieses zweiten Sohwin-
ffungskreises. Durch Veränderung der Funkenlänge, d. h. durch Drehen der einen
Platte der Funkenstrecke, läßt sich auch die Hochfrequenzspannung dem Härtegrad
der Röntgenröhre nicht nur in geeigneter jWeise anpassen, sondern dieser Härtegrad
ist sogar in gewissen Grenzen modifizierbar, d. h. ohne das Vakuum der Röhre
zu ändern, ist eine gewisse Regulierungsbreite des Härtegrades möglich.
Vor einigen Jahren hat die Firma Siemens auf meine Veranlassung auch
ein Zusatzinstrumentarium für den Röntgenbetrieb zu dem Siemenssohen
Apparat konstruiert. Die gedrungene imd raumökonomische Konstruktion des
Siemensschen Apparates gestattet nicht mehr die Anbringung einer größeren
Spule sowie des zweiten Schwingungskreispaares auf dem gleichen Tisch. Es
mtrde daJier ein zweiter fahrbarer Tisch klemerer Dimension hergestellt, der das
Böntgeninstrumentarium trägt. Dieses wird mittels zweier Stöpsel in Kontakte
neben der Funkenstrecke des Diathermieapparates auf der Marmortafel gestöpselt
(Abb. 26). Ist dies geschehen, so sind die diathermischen Schwingungskreise
stromlos, imd bei Einschaltung der Funkenstrecke, d. h. des Diathermie-Apparates,
arbeitet nur das Zusatzröntgeninstrumentarium.
Nag eUchmi dt, Diathermie. 2. Aufl. ^
34 niyaik ood Physiologie der Diathermi«.
Die soeben beschriebenen Diathermieapparate sind seit 1908
resp. 1909 im Handel erhältlich. Etwas später erschienen die von der
Firma Lorenz nach Angabe von Dr. v. Berndt konstruierten Hoch-
frequensapparate. Diese benutzen nicht Funkenstrecken mit gerin^m
Abstand, sondern bedienen sich als Erregers der Hochfrequenzschwin-
gungen der Poulsenlampe. Das Phänomen, ungedämpfte elektrische
Schwingungen durch Üchtbogen -Entladung zn erzielen, war schon
Abb. 26. AuachluB des Instrumentariuius für D'ÄreonTalieation und
Böntgenzwecke an den Siemeneechen Diathermieappamt.
Elihu Thompson 1893 bekannt und von Duddell 1901 (singende
Bogenlampe) weiterentwickelt. Poulsen verbesserte die Methode,
indem er die Kühlung des Lichtbogens durch eine Wasserstoffatmo-
sphäre verstärkte, den Lichtlx^en durch Blasen mittels eines Magneten
auseinanderdrängte und daher seine Oberfläche vergrößerte, was eben-
falls erhöhte Kühlung verursachte, und indem er die Elektrode rotierend
konstruierte, so daß Schlackenbildung infolge dauernden Haftens des
Lichtbogens an einer einzigen Stelle vermieden wurde. Wenn man nim
Physik, Erzeugung und Anwendungsweisen der Diathermie. 35
an Stelle der Funkenstrecke eine Bogenlampe in den Schwingungskreis
einschaltet, so erhält man sehr gleichmäßige sinusoidale Schwingungen.
Aber Lichtbogenapparate besitzen große JN^achteile. Zunächst
ist die Energieleistung eine relativ geringe. Soll eine große, schwin-
gende sekundäre Energieabnahme möglich sein, so muß das Lampen-
modell entsprechend umfangreich, schwer und kostspielig werden. Die
Bogenlampenapparate, die mir bekannt sind, zeigen femer sämtlich
die unangenehme Eigenschaft, daß jede plötzliche größere Energie-
entziehung aus dem sekundären Hochfrequenzkreis das Funktionieren
,der Bogenlampe erheblich beeinflußt, ja sie zum plötzlichen Erlöschen
bringen kann. Sobald aber der Lichtbogen erheblich schwankt oder gar
abreißt, setzt plötzlich die Hochfrequenzschwingung aus, und die
Patienten. erleiden nicht unerhebliche, mitunter auch gefährliche Stoße
und Schläge. Da eine Bogenlampe stets ein recht empfindlicher Me-
chanismus ist, der zumal bei Belastungsschwankungen dauernde Nach-
regulierung erfordert, ist es für den nicht elektrotechnisch geschulten
Arzt schwierig, die Einregulierung schnell vorzunehmen, und ich habe
auch Ligenieure minutenlang an der Lampe manipulieren sehen, ehe
sie sie zum gleichmäßigen Funktionieren brachten. Daß derartige Vor-
kommnisse z. B. bei einer Diathermieoperation verhängnisvoll werden
können, auch z. B. bei Nervösen und schwer Herzkranken aufregend
imd schädigend wirken, liegt auf der Hand. Aus diesen Gründen haben
sich die Bogenlampengeneratorapparate, welche ursprünglich, und soviel
ich weiß, auch jetzt noch von Zeyneck und seinen Mitarbeitern be-
nutzt werden, keiner größeren Verbreitung in der Ärztewelt erfreuen
können. Es kommt eben für die praktische Verwendung am Kranken-
bett und in der Sprechstunde ganz wesentlich darauf an, einen stets
funktionsfähigen und bei wechselnder Belastung störungs-
frei arbeitenden Diathermieapparat zur Verfügung zu haben.
Jede Regulierung am primären Schwiilgungskreis bedeutet daher
für die Praxis eine Erschwerung und für den Arzt eine Komplikation..
Die äußere Gestalt des Diathermieapparates der FirmaReinigeTj,
Gebbert & Schall zeigt die umstehende Abb. 27.
Der wesentliche Teil des Apparates ist auch hier die Funkenstrecke, welche,
wie bei dem Siemensschen, aus Kupferplatten besteht. Indessen ist eine Regu-
lierung der Platten zueinander durch eine Regulierechraube vorgesehen. Zur
Erzielung einer relativ hohen Funkenzahl ist bei diesem Apparat von der gleichen
Methode Gebrauch gemacht worden, welche zur Kühlung des Lichtbogens der
Poulsenlampe verwandt wird. Diese Kühlung bezweckt auch hier, die Zahl der
Funken wesentlich zu erhöhen, und zwar angeblich auf 20 000 — 25 000. Dies wird
erreicht dadurch, daß man vor Inbetriebsetzung des Apparates Spiritus in die
Funkenstrecke hineingießt. Es wird hierbei durch die ersten Funkenübergänge und
die damit verbundene Verbrennung des Spiritus eine Wasserstoffatmosphäre er-
zeugt, welche durch ihr gutes Wärmeleitungsvermöjren wesentlich besser kühlt
als Luft. Die Reg'^lurg des Patientfnstromes erfolgt durch Verechieburg der
Stoßkreisspule gegenüber der feststehenden Patientenspule. Zur Aufnahme der
überschießenden Energie bei ger'nger Stromentziehung dient ein Ballastkreis^
der aus einer festeingebauten Spule und zwei Kohlenfadenglühlampen von*
110 Volt 50 NK. besteht. Zwischen den beiden feste' ngebauten Spulen (Patien-
tenkreis und Ballastkre's) bewegt sich die Stoßkre'sspule so, daß in allen Stel-
lungen eine ungefähr gleiche Belastung der Funkenstrecke usw. erfolgt. Eini
3*
36 Physik und PhyBiologie der Diathermie.
Amperemeter gMMttet, den Patienteoatrom «bzuleaeQ. Dieaer vrird «bgenonunen
an are[ »uf der HonuorpUtte angebrachten Klemmen A, B, C, wovon A und ß
für normale Diathermie, A und C für BehanJIung großer Widers t&nde dient.
Koagulation un-l Kaltkauitik sind ebenfalli anter AnachiaB an dieselben Klem-
PacaUel sn dienn Klem-
men li^ea zwei Yerteilerwider-
sUnde, die im Unterteil des
Apparates fest «ngebaat txa-i
mit Zugstangen mr Regelung
ausgerüstet >ind. Unter den
Zugstangen li^n die für jeden
Vertoiler in Frage kommenden
Ansidi InSklemmen.
Der Apparat ist komplett
zum AnsohluB an Weoliael-
gtrom. Bei AnaohloB an Gleidl-
atrom mnB ein Gleiohatrom-
Wechaelstr.'m -Umformer vor-
geschaltet werden.
Dieser neue Apparat ( Abb.
27 b) dient znr Änafähranij;
kleiner Oigandiathenoie. B?
ist apez. gebaut zur Verwen-
dnng dnräi Angen-, Ohien-,
Hals- und Naeen-, sowie Bla-
MDspedaliaten, da er mit ge-
ringen Strömen fein doaier^r
zu arbeiten gestattet. DieAr-
beita#eise des Apparates ent-
epricht derjenigen des lltenno-
flnz. Der Apparat beeitrt edne
genügende jCeistungBfihigkeit
und zeichnet aioh dadureh ate,
daß er infolge dergioBen Vari-
abilität der Spannung des Hoob-
freqaenznutEStromes sowohl f&r
Diathermie als auoli fOr D'Ar>
sonvalisatdon ge^gnet er-
scheint. & hat nurdengroBen
Nachtöl der Begulio'barkeit
der SHmkenatrecke und der
notwendigen Beschickung die-
ser mit i^ohoL Die Regiiliet-
barkeit dxr IHmkenstceoke et-
fonl«t nämlich eine nicht
uneiiieblicbe Obong, um den
Appuat stets auf mSgUchst
gro&tt' Lristunsfihigkeit ■□ er-
halten, und das DOtWEodige
Aufgießen von Spiritas, otäae
Abb, 2Ta. K«t)Mnni«*ppM«t mn den das Funktionieftti dw
RMnig<iT.'.ii''bb«rt & Schall. FuiAeDSti«oke an sehr vU
ungünstige?«« ist, wird kidit
Tvt^P^snu «xmaoh dann meist ein Au«>einaudenteluiwu d» Funkenstrecke und
AttM^mii^oln (Wc tn(cil]»> IiohlbofN>nbilduag entstandenen Schlacken notwendig
wird. iW .^itnafatr. »fk-be mit waaswtstoflfreiw »md lücht reguliwbarer Fnnken-
Miwkc art<e»pn. sind dah*r für JiJrTtli<'he Zwwkr VFvsMitlich beqwnwr and vid
l«*chter ») brdiicnoit. (.Abb. He.)
^yeik, Erzeugung und Anwendungaveisen der Diathnmie. 37
Es werden auch von anderen Finnen, so von Sanitas in Berlin
(Abb. 28), Koch & Sterzel in Dresden und von der Medizinisch-
TechniBchen Company in Berlin kräftige Diathermieapparate gebaut,
während einige sonstige mir bekannte Apparate keine ausreichende
Enei^eentfaltung gestatten.
Abb. 27 b. Mikrotherm von Reiniger, Oebbert & ScbalL
Schwache Diathermieapparate, welche maximal weniger als
1 Amp. bei ca. 200 Volt Klemmenspannung liefern, sind höchstens
für kosmetische Zwecke verwendbar. Wirklich universell brauchbare
Apparate müssen bei Verwendung von Handelektroden am Erwach-
senen 60O—700
Milliampere
durch die Arme
hindurch und bei
Verwendung von
großen Flächen-
elektroden durch
die Brust hin-
durch 2000-3000
Uilliampere an
Hochfrequenz-
enei^e liefern.
Da die verschie-
denen Apparat-
typen im übrigen
auf denselben be-
reits geschilder-
ten Grundprinzi-
pien beruhen, erscheint eine Einzelbesprechimg an dieser Stelle über-
flüssig, und ich verweise bezüglich näherer Einzelheiten auf die Kata-
loge der betreffenden Firmen.
Eine neue Methode zur Eraeugimg von Hochfrequenzströmen wird
neuerdings aus der Röntgentechnik übernommen, nämlich mittels Glüh-
3g Phj'sik uod RijBiologie der Diathermie.
kathodenerregung : Als Funkenstrecken in diesen Apparaten dienen Elek-
tronenröhren {nach demPrinzipderCoolidgeröntgenröhren).S'efunktioni©-
ren absolut konstant bei glei chbleibende rNetzepannung und liefern bei rela-
tiv geringen Spannungen eehr große, vielleicht gefährlich groBe Enei^en .
Nach den Toistehenden Angaben wird es dem aufmerksamen Leaer
nicht schwer fallen , sich ein Urteil über die Leistungsfähigkeit und Qualität
der zurErzeugung vonHoch-
frequenzströmen konstru-
ierten Apparate zn bilden.
Bei der großen Un-
gleichmäßigkeit der L?i-
stung^röBe und der Funk-
tionsart der verschiedenen
Hochfrequenzapparate it<t
es wichtig, stets wieder zu
betonen, daß zur Erzeugung
sicherer Resultate, soweit
die Apparatur in Frage
kommt, das Vorhanden-
sein einer genügenden
Strommenge geeigne-
terForm gewährleistet
seinmuß. Ichhabeschon
1907 (Vortrag im Verein für
innere Medizin) die Ver-
schiedenheit der Resultate
der einzelnen mit Hochfre-
quenz arbeitenden Forscher
zum Teil auf die Verschie-
denheit und die verschie-
dene Leistungsfähigkeit der
Apparaturen, mit denen sie ■
arbeiteten, zurückgeführt,
Abb. 28. M.th™«pj«.t d» Veü.werk.. ™<'^ ■"<•'? ?'f?°''°°L'*
•^ auch wiederholt später,
z. B. von Braun war th, Bergoniö und anderen akzeptiert worden. Ich
mnß daherdringendmeine wiederholt auf gestellte Forderung
betonen, bei der Mitteilung von Resultaten oder Mißerfolgen
der Hochfrequenzbehandlung Art der Apparate, Spannung,
Stromstärke und Applikationsart zu beschreiben, da ohne
diese Daten eine kritische Beurteilung unmöglich ist.
A DwendnufMiten.
Wir wollen nunmehr die physikalischen Grundlagen der
einzelnen Applikationsarten, wie sie in der Medizin üblich sind,
einer kurzen Betrachtung unterwerfen.
Die älteste, aus den Arbeiten Teslas hergeleitete, von D'Arsonval
in die Therapie eingeführte AppUkationsart war die Behandlung im
Solenoid. Der für diese Zwecke konstruierte Apparat besteht aus einer
IPhysik, Erzeugung und Änwendnnga weisen der Diathermie. 39
X)ralLtspirale von ca. 16 — 20 Windui^n eines mehrere Millimeter dicken,
niclit isolierten blanken Kupferdrahtea oder Kupferstreifena, Der Durch-
mesBer cLer Spirale Ut derü^ig bemessen, daß ein erwachsener Mensch
bequeiuL darin stehen, sitzen oder Uegen kann. Für die beiden ereteren
Stellungen des Patienten wird die Achse der Spirale senkrecht ange-
ordnet. Die Spirale wird entweder in einem geeigneten Holzgestell
hochziehbar aufgehängt (Abb. 29) oder der Raumergpamis wegen an
der Decke investiert und zum Herunterlassen eingerichtet. Es gibt
auch Spiralen in Form eines Käfigs, d. h. eines polygonalen Holzralimens,
der mit einem 2 cm breiten Band aus flachem Kupferblech spiralförmig
umwickelt ist. Der Käfig enthält eine
Tür, die in der Länie der Angel sowohl
■wie des Türanschlf^ auf der anderen
Seite ein Durchtrennen der Kupferband-
^ndungen nötig macht. Hier liegt eine
konstruktive Schwierigkeit ; denn bei wie-
derholtem öffnen und Schließen, 'd. h.
nach einigem Gebrauch des Apparates er-
weisen sich die Kontakte, die meistens
federnd hej^estellt werden, als unexakt,
und ein einziger schlecht funktionierender
Kontakt genügt, um die Leistung des Ap-
parates auf ein Minimum herabzusetzen
und die schwingende Energie in niederfre-
quente Entladungen überzuführen, i Man
hat auch ein Bett konstruiert, welches von
einem solchen Solenoid mit horizontaler
Achse umgeben ist und die Behandlung
des Patienten in liegender Stellung ermög-
licht. Auch hier ist die Schwierigkeit der
Konstruktion sicherer Kontakte erhebUch.
Wegen dieser konstruktiven Erschwerung Abb. M. Solenoid in Höh estell.
:_j 11 _ ■ j II j- u zum Hochziehen angeordnet, für
Wird allgemem das aUeidings unbequeme Autokonduktion. (SiemenB k
Herablassen der ziemlich gewichtigen an Halske).
der Decke oder einem Ciestell suspendier-
ten Spirale im Interesse einer besseren Funktion bevorzugt. Man
wendet die Spirale an, indem man ihre beiden Enden an Stelle der
primären Selbstinduktion in den primären Schndngungskreis ein-
schaltet. Dies setzt voraus, daß die Bemessung der Sph^le eine
richtige ist, um eine genügende Ausbeute an schwingender Energie
zii hefem. Da aber meistens der Unterschied in der Dimensionierung
der primären Spule des Schwingungskreises und der Solenoidspirale ein
sehr erheblicher ist, empfiehlt es sich bei der Wahl eines D'Arsonval-
apparates, darauf Rücksicht zu nehmen, daß die Umschaltung auf einen
größeren Kondensator oder auf eine Vei^rößerung des vorhandenen
Kondensators mögUch ist, um genügend reichliche schwingende Energie
zu produzieren. Bei den Diathermieapparaten, bei denen eine relativ
sehr große Ausbeute schwingender Energie eo ipso zur Verfügung steht.
40 Füysik und Phyaiologie der DwUiennie.
genOgt es zumeist, das Solenoid an die zur Stromabnahme für die Pa-
tienten Toi^esehenen Klemmen zu achalten mid einen geeigneten Kon-
densator an ihm anzubringen.
An Stelle des großen Solenoids habe ich von der Firma Foly-
{requenz ein kleines, an einem speziellen Stuhl befestigtes
Solenoid konstruieren lassen, welches die Abb. 30 zeigt. Es dient
dazu, die schwingende Energie, die sich in dem groikn Solenoid auf
einen relativ sehr großen Kubikinhalt
verteilt, auf einen kleinen Raum zu kon-
zentrieren, der die Aufnahme des
Kopfes eines Patienten gestattet.
Man kann auf diese Weise den Kopf der
Behandlung in einem intensiv elektro-
magnetisch oszillierenden Hochfre-
quenzfeld unterwerfen. Ein Solenoid
von noch kleinerem Durchmesser
und etwas länghcher Anordnung dient
zur Aufnahme der Hand und des Armes
oder des Fußes und eines Teils des Beins
und zur Behandlung dieser Körperteile.
Eine zweite, schon seit Beginn
der Hocbfrequenzbehandlung übliche
Applikationamethode ist die auf dem
Kondensatorbett. Das von Apo-
Btoli konstruierte Kondensator-
bett besteht aus einer isolierenden
Matratze, welche auf einem HoIzgeateU
angeordnet ist'). Zwischen ihr und dem
Holzgestell befindet sich eine Metall-
belegung, welche an den einen Pol des
D'Arsonvalapparates angeschlossen
wird. Legt sich der Patient auf diese
Matratze und nimmt eine mit dem an-
Abb. 30. Kopfsoienoid mit Stuhl deren Pol des D'Arsonvalapparates ver-
nach NagelBchmidt (Pol7A«quenz). bundene Metalle lektrode in eine oder
beide Hände, so bildet er gewisser-
maßen mit der Matratze zusammen das Dielektrikum eines Konden-
sators, also gewissermaßen die Glasscheibe einer Leidener Flasche.
Man kann ihn auch, da er als geladener halbwegs guter Leiter zu be-
trachten ist, als eine Belegung eines Kondensators betrachten, von
deren anderer Belegung er dur<3i die isolierende Matratze getrennt ist.
Im Juli 1911 habe ich eine auf einem ganz anderen Prinzip be-
ruhende Modifikation des Kondensatorbettes auf dem Kongreß der
British Medical Society, Birmingham, demonstriert. Das Konden-
satorbett in der oben geschilderten Form (Apostoli) genügte voll-
kommen für den Bedarf, solange nur D'Arsonvalapparate zur Ver-
fflgung stan den. Die Apphkation der einen Elektrode an einer oder
*) Auch in Form eines Sofaankelstuhlee ansgefithrt.
I%ysik, Erzeugung and AnwendungBVfisen der Diathnmie. 41
iDeiden Händen war für diese 8troniart ausreichend; denn die MiUi-
B-mperezalil der üblichen D'Arsonvalapparate war weit unterhalb der
Grenze, welche als die Toleraazgrenze der Hiuidgelenke ' für Hooh-
frequenzströme (siehe unten) anzusehen ist. Durch die Einführung
cler großen Hqchfrequenzenei^fn, welche von guten Diathennie-
a.pparaten geliefert werden, stehen jedoch nunmehr Strommen gen zur
Verfügung, welche die Toleranz der Handgelenke bei weitem über-
schreiten. Während wir ca. 300 — 400 Milliampere für jedes Handgelenk
alB das Maximum längerer Stromzufuhr betrachten, wären wir in der
X<age, mittels des Kondensatorbettes dem Körper viel höhere Strom-
mengen zuzuführen. 300 — 400 Milliampere, auf die ganze TJnterfläohe
des Körpers verteilt, stellen eine minimale Stromdicht« dar. Ich habe
daher das Kondensatorbett dahin modifiziert, daß ich da« Holz-
gestell mit einer Metallunterlage und einer isoherenden Hartgummi-
platte darüber beibehalten habe, dagegen an Stelle der Applikation
mittels metallener Handelektroden gewissermaßen ein zweites um-
gekehrtes Kondensatorbett in Form einer biegsamen Decke
zugefügt habe. Diese Decke besteht aus einer Weichgummiplatte,
weiche von den Füßen bis an den Hals des Patienten reicht und so breit
ist, daß sie ihn vollkommen bedeckt. Abgesehen von einem Rande
von ca. 6 cm ringsherum, ist die dem Patienten al^ewandte Seite der
Hartgummidecke mit einem feinmaschigen Metallnetz aus Messing-
drahtgeflecht überzogen oder mit einem dünnen Aluminiumblech be-
legt, welches an den anderen Pol des D'Areonvalapparates angeschlossen
wird. Wir können nunmehr einem solchen Kondensatorbett beliebig
große Strommengen zuführen und enorme Intensitäten schwingender
Ehiei^e im Vergleich zu früher applizieren (Abb. 31).
42 PhjHk ood Physiologie der Dikthcniue.
Physikaliscli ist hierbei noch zu bemerken, daB die Applikation
einer kleinen Kondenaatorelektrode einen minimalen Übei^ang schwin-
gender Energie in den Patienten gestattet. Wendet man dagegen
u
Abb. 32» — ^g. KondenBfttorelektroden verschiedener Form.
Kondenaatorelektroden von sehr großer Oberfläche an, so
wirken sie geradezu wieKontaktelektroden, und zwar nicht, indem
sie durch Leitung Hochfrequenzenei^e in den Körper hinüberführen;
es handelt sich vielmehr um kapazitive Aufladungen, die der Lade-
Intensität der Kondensatorflächen entsprechen.
iniytäk, Bneagang nnd AnwendnngBweiEen d«r Diatheimie, 43
Baue andere Art des Kondeusatorbettes wurde von Scbitten-
helm, Juni 1911, beschrieben. Er modifizierte es dahin, daß die
untere Belegung mehrfach unterteilt wird, so daß sie nicht im ganzen an
den einen Fol des D'ArsonvalapparateB angeschlossen zu werden braucht,
sondern daß beide Pole an ihren einzehien Teilen in verschiedener Weise
appliziert werden können. £b kann auch dadurch, daß der Patient
die mit dem einen Pol verbundene Elektrode in die Hand nimmt und
die eine oder andere Unterteilung der Hetallunterlage mit dem anderen
Pol verbunden werden kann, eine Konzentration des Kondensator-
stromes auf einzelne Körperteile erzielt werden. Die Wirkung des
Schlttenheimschen Kondensatorbettee wird noch dadurch erhöbt,
daß er an Stelle der dicken Matratze eine relativ dünne Hartgummi-
platte verwenden Ueß. Die Wirkung eines Kondensators ist, wie oben
erwähnt, umso stärker, je dünner das Dielektrikum ist.
Die üblichen kleinen Kondensatorelektroden, welche in der
Medizin verwandt werden, bestehen zumeist aus evakuierten oder mit
Graphit gefüllten Glasröhren sowie aus Hartgummielektroden, welche
im Innern der Hart^mmischalung eine metallische Belegung enthalten.
Solche Elektroden sind in den Abb. 32a. — g z. T. abgebildet.
Abb. 3S. Douchenelektrode mit Spitzen.
Eine weitere wichtige Applikationsart von HocbfrequenzBtrömen
ist die elektriscbe Hochfrequenzdouche. Sie benutzt hochgespannte
Strahl- oder Sprühentladungen, wie sie vom Oudinachen Resonator
oder von den Resonanzspulen der Diathennieapparate gehefert weiden.
Man verwendet entweder auf metallische Körper aufgesetzte Metall-
spitzen (siehe Abb. 33) oder eine aus feinen Drahtfäden bestehende
Pilzelektrode, welche man in die Nähe der Haut der zu bestrahlenden
Körperstelle bringt. Gibt man dem Patienten eine mit dem anderen
Pol verbundene Metallelektrode in die Hand, so wird die Wirkimg
wesentlich verstärkt.
Nähert man die Elektrode dem Körper weiter, so geht an Stelle
der buscheiförmigen Funkenentladungen ein dicker Fur^e über. Es
wird also gewissermaßen noch eine zweite Funkenstrecke eingeschaltet.
Solche Funken wurden zuerst von Strebel angewandt, konnten je-
doch wegen ihrer unbedeutenden Wirksamkeit keine Einführung in die
Praxis finden. Keating - Heart verwandte sie mit einer sehr inten-
siven Fropf^anda zur sog. Fulguration.
Anch mittels der Diathermieapparate lassen sich Funken-
entladungen erzielen. Sie unterscheiden sich von den Funken der
D'Aisonvalapparate dadurch, daß sie zwar viel kürzer sind, da die
44 Physik und Physiologie der Diathermie.
Spannung dieser Apparate eine viel geringere ist, jedoch wesentlich
heißer und mithin wirksamer sind. Indessen ist ihre Anwendungsmög-
lichkeit, wie wir späterhin sehen werden, eine relativ wenig verbreitete.
Die Diathermiefunken wurden unter dem Namen „Kaltkaustik"
mittels der Forestschen Nadel ebenfalls stark proklamiert. Sie stellen
^ nichts weiter als eine der unwichtig-
^^^^ sten Applikationsformen der Hoch-
^^^^ß^^ frequenzströme der Diathermieappa-
^^^^B^^ ra^ ^öx und können keine selb-
^^^S^^ ständige Bedeutung beanspruchen.
^ß^ (Abb. 34).
^^^ Die wichtigste Applika-
g tionsmethode der Hochfrequenz-
M oder der Diathermieströme ist die
j . mittels gut leitender Kontakte.
f ä Es sind hierfür eine Anzahl ver-
4 schiedener Elektroden und Elektro-
A1.1. o^ -El X 1- XT j 1 /o- X denarten konstruiert worden. Die
Abb. 34. Forest sehe Nadeln (Siemens). ..,. . . i j« tt j i t_x j
ältesten smd die Handelektroden
(Abb. 35), d. h. zylindrische, meist hohle MetaUstäbe, die mit einer
Zuleitungsklemme versehen sind, so wie sie für faradische und galva-
nische Ströme verwandt werden. Zweckmäßigerweise werden sie nur
etwas größer konstruiert, damit sie eine größere Kontaktfläche be-
sitzen und auch evtl. eine einzige Elek-
trode Platz für beide Hände bietet.
Die meisten Applikationen werden
jedoch vermittels Plattenelektroden
Abb. 35. Handelektroden vorgenommen. Es gibt solche verschiede-
(Siemens). ^^^ y^^^ ^^ Qj.^ß^ ^^^^ 3g^j j^^
Material kann aus sehr dünnen Bleilamellen,
die sich der Körperform gut anpassen, bestehen; indessen sind solche
Lamellen sehr wenig haltbar und deshalb unpraktisch. Ich habe daher
die Elektroden, welche die Firma Siemens herstellt, aus dickeren bieg-
samen Bleiplatten fertigen lassen, welche auf ihrer Oberfläche eine
dünne Vulkanitplatte tragen. Der Kontakt wird mittels eines ange-
löteten Stückes für kleine Elektroden in der Mitte der Fläche, für die
größeren Flächenelektroden zweckmäßig am Rande, damit der Patient
darauf liegen kann, angeordnet. Für manche Zwecke, wenn man z. B.
mit größerer Kraft Elektroden in weiche Muskelmassen hineindrücken
will, eignen sich die biegsamen Bleielektroden weniger, und man ver-
wendet hierfür besser nicht oder wenig elastische Elektroden aus ver-
nickeltem Messingblech (Abb. 36d), welche entweder direkt oder ver-
mittels eines zwischengeschalteten Holzgriffes 36b, welcher den Druck
mit größerer Kraft ermöglicht, mit der Kontaktschraube des Kabel»
verb^^lden werden. Solche Plattenelektroden können entweder direkt
auf die Körperoberfläche aufgelegt werden oder, was zweckmäßiger
ist, unter Zwischenschaltung einer gut durchfeuchteten mehrfachen
Gaze- oder Watteschicht. Ich benutze ausschließlich in entsprechender
Physik, Eneagtuig nud Aairaiidni^nreiBBii der Diatlieniiie. 4^
o
Abb. 36a— g.
a FUttenelektroden von SiemeuB & HaUke. b Handgriff aus Holz, o Bügel zum
«ttomatüchen Andrücken gröBerer Platten, d Dnelastisohe PUttenel^troden
Teraohiedener Form nnd Größe, e Huidelektrode. f Vaginale oder rectale Elektrode.
gElektrode mit besonderer KonatmktioD des Handgriffs zum funkenlosen Abdehen
während des Stromdurohganges bei unruhigen Patienten.
<ElektToden &—i von Siemens k Haieke nach Nagelsohmidt.)
Pbjnik und Phjäologi« der Diatbwmie.
^r
AbK 36h— o.
h Chimi^^he Elektrode
für hochdtzende Schei-
den- oder Rektnm-TD-
Di(H«n. i Hondgrifi mit
aufgeschraubt« kleioef
Piattenelektrode, kdii-
nirgiBchee Beateck. l
Elektroden f&r Bachen,
Kehlkopf. Käse (Ueg-
aamV m Elektrode für
' den Epiglottkrand. n
Chinii^iBche Bktatil.
lungselektrode für Bprit-
zeade GefäBe mit Eom-
[»«säunBeinrichtiiiig. o
Platlenelektroden von
o Reuiger, Gebb«tt t
SchaU (9 X 9, 9 X 14,
20x 30).
Größe zurechtgenchnittene Gazestücke in ca. 2 bis öfacher Lage, welche
nach dem Gebrauch fortgeworfen werden, una ziehe sie den Schwamm-
elektroden vor, wie sie von manchen Finnen hergestellt werden, welche
zwar eine sehr angenehme und gute Adaptation enn^Hchen, aber
wegen ihrer Kostspieligkeit nicht fortgeworfen werden, sondern von
einem Patienten auf den anderen übertragen werden. Solche Elektroden
sind nicht zu desinfizieren, während die Metallplattenelektroden durch
einfaches Auskochen mit den auszuwechselnden GazezwJschenlagen
absolut aseptisch sein können. Die Verwendung von kleinen Schröt-
säcken in Lederbeuteln ist ebenfalls nicht sehr empfehlenswert, denn
Phynk, Eiseugutig und Anwendung Bweis^n der Diathermie.
47
das Leder ist nicht zu desinfizieren, es schrumpft nach mehrfachem
Durchweichen sehr erheblich eiij und wird sehr schnell miansehnlich.
Außerdem bilden sich gelegenthch,
wenn die Schrotkugeln fettig geworden
oder oxydiert sind, zwischen ihnen kleine
partielle Entladungen, welche Kribbeln
verursachen. Auch die Elektroden, wel-
che aus MesBingdrahtgeflecht besteben
und in Leder- oder Leinwandsäcke ein-
genäht sind, haben sieh auf die Dauer
nicht belehrt. Denn bei längerem Ge-
brauch bricht der Draht an vielen Stel-
len, und auch hier ist das Auftreten
von Fünkohen die Ursache von Störun-
gen und unangenehmen Empfindungen.
Man kann sich auch einfacher dünner
(0,5 — 1 mm) Bleiblechplatten bedienen,
die man sich in gewünschter Größe und
Form zurechtachneidet und mittels einer
metaUischen Klammer oder eines ge-
wöhnlichen Schraubkontaks mit dem
Kabel verbindet. Dies jedoch wie Stan-
niolstreifen sind nur aU behelfsmäßige
Vorrichtungen zu bewerten.
Es ist nicht für alle Applikationen ganz gleichgültig, ob wir nac kte
Metallelektroden verwenden oder feuchte Gaze oder Watte-
zwischenlagen benutzen. Metall ist ein sehr guter Elektrizitäts-
leiter. Am Übergang zur im Vergleich hierzu
schlecht leitenden Haut findet der Strom den
Haut widerstand. Legen wir daher die Metall-
elektrode direkt auf die Haut, so findet der
Stromübergang im wesentlichen da statt, wo
der relativ geringste Widerstand ist. Legen
wir dagegen eine feuchte Gaze- oder Watte-
zwischenlage auf die Haut, so wird die
. Stromleitung dadurch erschwert und
findet ein gleichmäßigerer Stromeintritt auf J
der ganzen Elektrodenfläche statt. Hierdurch
erklären sich auch z. T. die weiter unten zu
schildernden Randwirkungen. Denken
Abb. 36p.' Voginalelektroden vc
Beiniger, Qebbert &, Sohall.
Abb. 37.
wir uns 2 Elektroden in geringer EntfTnung ^*'
voneinander auf den Rücken Abb. 37 z. B. appliziert, und überlegen
wir uns die Widerstands Verhältnisse, die der Strom an verschiedenen
Stellen der Auflagffläche zu überwinden hat; offenbar ist der Weg
1 — 1 a der kürzeste und bietet sehr viel weniger Widerstand als die
Strecke 2 — 2 a und noch viel weniger als 3 — 3 a. Der Strom hat also
von den zugekehrten Rändern der Elektroden aus günstigere Fließ-
bedingungen als von den entfernten Rändern. Da der elektrische
48 Physik und Physiologie der Diathennie.
Strom nun stets den bequemsten, den geringsten Widerstand bietenden
Weg einschlägt, so wird er, da ihm die Leitung innerhalb der Metall-
platte so gut wie gar keinen Widerstand bietet, am zugekehrten Band
(entsprechend den Stellen 1, 1 a) sich zusammendrängen und von da
ins Gewebe treten, während an den entfernteren Stellen der relativ
größere (etwa 3 mal so lange) Hautweg ihm zu viel Widerstand bietet.
Wählen wir den Elektrodenabstand größer, so werden die Widerstands-
unterschiede relativ kleiner, aber stets sind bei größeren Flächenelektroden
die Differenzen der Randwirkungen erkennbar. Anders hegen die Verhält-
nisse bei Applikationen an gegenüberhegenden Seiten eines Ghedes oder
des Rumpfes. Bei paralleler Lage beider Elektrodenflächen sind Diffe-
renzen an den verschiedenen Elektrodenabschnitten bezügUch des Wider-
standes nicht zu berücksichtigen. Bei Neigimg der Elektrodenflächen
zueinander tritt aber die Randwirkimg schon wieder in die Erscheinung.
Das gleiche gilt für die vielfach angewandten, von den Franzosen
eingeführten Stanniolelektroden. Ein breiter Streifen dicker Zinnfolie
wird um die zu behandelnde Extremität herumgelegt und das zu-
führende Kabel evtl. mittels einer flachen Platte, durch ein breites
Gunmiiband oder eine Binde
(aus Mull oder Kambrik) fest-
gewickelt (Abb. 37a). Die
Idee dieser Anwendung ist,
daß hierdurch eine gleich-
mäßige Erwärmung (im
nebenstehend skizziertenFall
L -- — • • j^ -ß des Kniegelenks) erzielt
Abb. 37a. Skizze einer Stanmolelektrode. werden kann. Nach dem Vor-
stehenden aber ist es klar, daß
eine solche Anordnung wegen der Randwirkimg nur zu einer Erwärmung
der Haut ringsherum zwischen den Elektroden führen kann, während
der Strom nur zu einem geringen Teil veranlaßt wird, die tieferen
Schichten zu durchfließen. Die Randwirkung kann auch in die Erscheinung
treten, wenn man zwei biegsame Elektroden z. B. um den Oberarm
(etwa eine vom, die andere hinten) soweit umlegt, daß ihre schmalen
einander zugekehrten Ränder sich stark nähern; dann erhalten wir
auch keine Tiefenwirkung, vielmehr wird sich die Erwärmung haupt-
sächlich in den von den Elektroden freigelassenen Hautbrücken zeigen
und kann dort zu Verbrennungen führen, mithin an einer Stelle, ^,uf
der gar keine Elektrode gelegen hat.
Für manche Zwecke, z. B. wo wegen großer Schmerzhaftigkeit
der Druck einer Metallelektrode nicht vertragen wird, hat sich das
Bedürfnis nach Verwendung von Wasserelektroden heraus-
gestellt. Es ist natürhch, daß bei der vielfachen Verbreitung des Vier-
zellenbades dieses zur Verwendung herausgefordert hat. Es eignet
sich jedoch aus theoretisch leicht darzulegenden Gründen sehr wenig
für die AppUkation von Hochfrequenzströmen. Denn erstens bildet
die große Wassermenge in dem Vierzellenbadbecken einen erhebUchen
Widerstand für den Strom. Zweitens nimmt sie eine erhebüche Energie-
Physik, Erzeugung and Anwendiu^isweisen der Diatbeimie. 49
menge auf, was eich in der Erwärmung dokumentiert. Sodann wirkt
wegen der weiter unten zu schildernden Verteilungsart der Hoch-
frequenzströme die Diathermie im wesentlichen nur von da ab, wo
die Wasserschicht zu Ende ist, während der ganze im Wasser befind-
liche Körperteil von dem Strom so gut wie nicht beeinflußt wird. Ich
habe daher bereits 1908 von der Polyfrequenzgeaellschaft kleine
Becken konstruieren lassen, wie sie aus der Abb. 38 ersichtlich sind.
Abb. 38. Kleine Polyfrcquenz-Waaeerelektroden nach Nagelechmidt.
Sie bestehen aus einem runden Porzellan behälter von 5 cm Tiefe, der,
am Boden wasserdicht eingelassen, einen Metallring nm eine zentrale
Porzellanscheibe . herum enthalt. Die Stromzuleitung geschieht von
außen mittels der Stromklemmen. Es wird so wenig wie möglich
Wasser in das Becken eingefüllt, und zwar so viel, daß die untere
Fläehe des zu behandelnden Gliedes sich gerade genügend im Wasser
Abb. 39. Suapensoriumselektrode (Siemens) na^fa Nagelschmidt.
befindet, wobei ein direktes Aufsetzen auf den Metallring vermieden
wird. Man kann die Fingerspitzen, die geballten Hände, die Fuß-
spitzen oder die Hacken nach Beheben in die Schale hineinsetzen. Man
kann jede an einen Pol des Diathemüeapparates anschhelten oder,
wenn man 4 Schalen zur Verfügung hat, paarweise in jeder gewünschten
Weise die Schaltung vornehmen.
Eine spezielle Form der Wasserelektrode habe ich zur Apphkation
der Diathermie am Penis konstruiert. Sie beruht auf dem gleichen
Prinzip der möglichst geringen Flüssigkeitsmenge bei schonender
Applikationsweise (Abb. 39).
50 Physik und Physiologie der Diathermie.
Die schnellere Erwäxmung der Haut (siehe unten) bei vielen Dia-
thermieapplikationen hat es wünschenswert gemacht, um eine größere
Tiefenwirkung zu erzielen, eine Kühlung der Haut vorzunehmen. Man
kann durch Eintauchen der Watte- oder Gazezwischenlage in kaltes
Wasser diese Kühlung beüebig oft bewerkstelligen. Dies ist jedoch
mit Unbequemlichkeiten verknüpft, und ich habe daher ebenfalls 1907
Kühlelektroden mit Ventilator- oder Wasserstromkühlung konstruiert.
Indessen sind diese komplizierten Einrichtungen entbehrüch.
Es sind femer für eine große Anzahl von Spezialzwecken (Ohren-,
Augenheilkunde, Gynäkologie, Chirurgie, Kosmetik) eine Anzahl
Spezialelektroden konstruiert worden, die wir weiter unten an der
Stelle ihrer klinischen Anwendung näher beschreiben werden. Sie sind
z. T. aus der Abb. 36 ersichtlich.
2. Kapitel.
Experimentelle und physiologische Wirkungen.
Wir gehen nunmehr zur Besprechung der physiologischen
Wirkungen der Hochfrequenzströme über. Es war bereits den ersten
Untersuchem aufgefallen, daß Hochfrequenzströme, am Menschen
angewandt, keinerlei besondere Empfindung hervorriefen. Bei den
bis vor wenigen Jahren in Anwendimg stehenden Hochfrequenzapparaten
sowohl der französischen wie der deutschen Fabriken konnte auch in
der Tat wegen der mangelnden Intensität der Ströme und bei den üb-
lichen Anwendungsmethoden (siehe weiter luiten) von keinem fühl-
baren Efiekt dieser Ströme gesprochen werden. Nur im Tierexperiment
an kleinen Tieren sowie bei physiologischen Experimenten, die d'Ar-
sonval mit besonders kräftigen Laboratoriumsapparaten vornahm,
traten Wärmewirkungen in die Erscheinung, die jedoch als Neben-
befund registriert und als lästige Erscheinung erwähnt wurden. Davon
aber, daß die Hochfrequenzströme im Tier- oder Menschen-
körper notwendig Wärmewirkungen erzeugen müssen, und
daß das wahrscheinlich die wesentliche und einzige Quelle
ihrer Wirksamkeit ist, wußte man bis zur Einführung der
Diathermie nichts.
Es war eine schon lange bekannte Tatsache, daß die Keizwirkung von Wechsel-
strömen auf motorische und sensible Nerven bei Steigerung der Wechselzahlen
abnimmt, und daß sich hierfür eine gewisse Gresetzmäßigkeit herausstellte. Diese
Gesetzmäßigkeit wurde von Nernst mathematisch berechnet und hat bezüglich
d^ Hochfrequenzströme, bei denen ein vollkommenes Verschwinden der Reiz-
wirkung beobachtet wurde, zur Aufstellung von verschiedenen Theorien geführt.
In der Tat ist es ja höchst auffallend, daß, wenn man in irgendeiner Weise, z. B.
durch Ergreifen zweier Handelelektroden, Hochfrequenzströme durch den
menschlichen Körper hindurchschickt, selbst bei erheblicher Stromstärke, keine
Spur eines faradischen oder sonst bei elektrischen Applikationen
auftretenden Gefühls empfunden wird. Anfänglich glaubte man, daß die
Hochfrequenzströme sich nur auf der Oberfläche der Haut ausbreiteten und so
wenig in die Tiefe drängen, daß eine Reizung sensibler oder motorischer Nerven
ausgeschlossen wäre. Diese Ansicht blieb zwar nicht unwidersprochen, und ins-
besondere verteidigte d'Arsonval stets die Durchdringungsfähigkeit der Hoch-
Experimentelle und physiologische Wirkungen. 51
frequenzströme, und er vermutete ganz richtig die Ursache, daß die Schwingungen
zu schnell verliefen, um für imsere nervösen ärgane empfindbar zu sein, gerade so,
wie das Auge auch nur Schwingungen einer gewissen Frequenz zu apperzipieren
vermag. Wir wollen an dieser Stelle auf die Entwicklung der Nern st sehen Formeln
und die quantitativen Verhältnisse bei der Untersuchung der Nervenerregbarkeit
nicht eingehen. Es genügt, zu erwähnen, daß die Keizwirkung eines Wechsel-
stroms bei Zunahme der Frequenz ungefähr proportional der Quadratwurzel aus
der Wechselzahl abnimmt, und zwar ist die Abnahme der Beizfähigkeit bei Zu-
nahme der Frequenz schon bis 30 — 40 000 Wechseln etwa zum Grade der praktischen
Beizlosigkeit gediehen. Ströme von 1 Million Wechseln, wie sie in Hochfrequenz-
apparaten zur Verfügung stehen, sind absolut reizlos. Hierbei ist jedoch
vorausgesetzt, daß die Apparate regelmäßig funktionieren. Bei den
zurzeit in Gebrauch stehenden guten Hochfrequenz- imd Diathermieapparaten
ist mit einem Versagen der Hochfrequenz nur bei groben Defekten zu rechnen.
Anfänglich kam es gelegentlich einmal vor, daß an irgendeiner Stelle des Apparates
ein schlechter Kontakt war, und dieser genügte, um niederfrequente Entladungen
und damit sehr unangenehme Beizerscheinungen auszulösen. Bei älteren Apparaten
mit schlechter Funkenstrecke und sehr starker Dämpfung, bei denen relativ seltene
Funkenübergänge stattfanden, kam es indessen leicht vor, daß trotz der in den
Apparaten tatsächlich produzierten Hochfrequenzströme, nämlich der Wellenzüge,
die sich an die Funkenentladungen anschließen, doch durch unregelmäßiges Funk-
tionieren der Funkenstrecke so unregelmäßige Funkenentladungen stattfanden,
daß die Stromstöße, welche den einzelnen Schwingungsgruppen entsprachen, als
unangenehmes faradisches Gefühl perzipiert wurden. In der vollkommenen Beiz-
losigkeit bei genügender Zahl von Funkenübergängen liegt einer der großen Vorzüge
der Löschfunkenstreckenapparate, da selbst bei sehr schwankender Energieent-
ziehung aus dem sekundären Hochfrequenzkreis die Bückwirkung auf den primären
Schwingimgskreis eine so geringe ist, daß dieser trotzdem die Hochfrequenz-
schwingimgen weiter erzeugt. Im Gegensatz hierzu sind Apparate, welche die
Poulseidampe als Erreger benutzen, wesentlich ungünstiger, weil die Bogenlampe
außerordentlich empfindlich gegen Stromschwankungen und gegen Schwankungen
der Energieabnähme ist und bei derartigen plötzlichen Schwankungen häufig
Niederfrequenzentladungen oder gar Gleichstromwirkungen auftreten, welche
gelegentlich zu gefährlichen Verletzungen führen können. Dies ist der Grund,
weshalb die Poulsenlampe sich auch auf dem Gebiet der drahtlosen Telegraphie
nicht zu behaupten vermochte. Daß die scheinbare Beizlosigkeit der Hoch-
frequenzströme nicht auf ihrer Unfähigkeit beruht, in tiefere Begionen des Körpers,
einzudringen, ist, wie erwähnt, theoretisch und mathematisch begründet und von
d'Arsonval vermutet worden. Der wirkliche praktische Beweishierfür wiu*de
jedoch erst durch die Diathermie ermöglicht, wie wir weiter unten bei der
Frage der Verteilung der Ströme im tierischen Gewebe sehen werden.
Wenn somit die gewöhnliehen Reizwirkungen elektrischer Ströme
auf motorische oder sensible Nerven oder Sinnesorgane bei direkter
Applikation reiner Hochfrequenzströme vermißt werden, so haben wir
andererseits doch eine wesenthche physiologische oder, wenn man will,
physikalische Wirkung dieser Ströme zu verzeichnen, nämlich die
eigentümüche Tiefendurchwärmung, welche die Hochfrequenzströme
hervorbringen, die von mir als Transthermie, von Zeyneck als
Thermopenetration bezeichnet wurde. Später schlug ich aus
ethjrmologischen Gründen den Namen ^,Diathermie^^ vor, welcher von
Zeyneck und den meisten Nacharbeitern der Methode akzep-
tiert wurde. Nur eine Anzahl Fabriken, welche Diathermieapparate
fabrizieren, ziehen es vor, um ihre Apparate von Konkurrenzapparaten
bereits durch den Namen zu unterscheiden, die Bildung „Thermo-
penetration" beizubehalten. Daß derartige Apparate irgend etwas
anderes leisten als Diathermie, soll man nicht annehmen.
52 Physik und Physiologie der Diathermie.
Legen wir uns nun die Frage vor, warum Hoohfrequenzströme so gänzlich
anders wirken als irgendwelche andere bisher bekannte Ströme, so müssen wir,
wenn die mathematischen Deduktionen Nernsts den Nichtmathematiker nicht
genügend befriedigen, einen kleinen Exkurs in die Elektrophysiologie machen.
Nach den neueren Theorien können wir uns einen elektrischen Strom nicht anders
vorstellen als in Gestalt eines sog. Konvektionsstromes. Man unterscheidet in der
Physik Leiter erster und zweiter Klasse. Die ersteren sind Metalle, die zweiten
Lösungen. Der menschliche K(^^r rangiert als ein Konglomerat von äußerst
kleinen, durch semipermeable Membranen voneinander getrennten Mengen von
Salzlösungen (Zellen mit Zellmembranen). Der Durchgang eines elektrischen
Stromes durch eine solche Salzlösung setzt nun die Entstehung wanderungsfähiger
Ionen voraus. Gewisse Atome oder Atomgruppen lösen sich unter dem Einfluß
etwa eines Gleichstromes z. R aus dem Molekülverband aus und wandern, je nach
ihrer positiven oder negativen Ladung, zu dem entgegengesetzten Pol hin. Geht
der Strom mit genügender Litensität und lange genug durch das Körpergewebe
hindurch, so treten diese elektrolytischen Dissoziationen mehr oder weniger sichtbar
in die Erscheinung, und wir nehmen an, daß (auch ohne sichtbare Dissoziationen)
die sensible und motorische Nervenreizung auf Grund von lonenverschiebungen
(resp. Konzentrationsänderungen) erfolgt. Mit zunehmender Frequenz wird diese
lonenverschiebung und lonenwanderung immer geringer. Denn wenn der Strom
in der einen Richtung in das Körpergewebe eingetreten ist und die Ionisierung und
lonenwanderung eingeleitet hat, so wird der entgegengesetzte Impuls beim Wechsel
der Stromesrichtung die entgegengesetzten Bestrebungen haben. Ist die Frequenz
eine geringe, so w^xlen trotzdem polare Verschiedeiüieiten selbst bei ganz sym-
metrischen Stromquellen sich ausbilden, weil vermöge der chemischen ^schaffen-
heit der Ionen imd ihrer sofort einsetzenden Reaktion mit dem Gewebe oder den
chemischen Reaktionsprodukten derselben eine vollkommene oder auch nur teil-
weise Reversibilität dieser Vorgänge nicht notwendig vorhanden ist. Da die
lonenwanderung im Gewebe im Vergleich zur Fortpflanzungsgeschwindigkeit des
elektrischen Stromes eine äußerst langsame ist, so kann man es erklärlich finden,
daß bei zunehmender Schnelligkeit der Wechsel zwar eine Ionisierung, d. h. ein
beginnender Bewegungsimpuls der Ionen stattfinden kann, daß aber, bevor eine
Lösung des Molekularverbandes eingetreten ist, schon der entgegengesetzte elek-
trische Impuls einsetzt und nun die Ionen den entgegengesetzten Weg zu treiben
sucht. Aber bevor sie auch diesem Impuls nachgehen können, ist schon wieder
der Richtungswechsel da, und so kommt es, daß bei einer gewissen Frequenz
elektrol3rtische Zersetzungen und somit Reizwirkungen ausgeschlossen erscheinen,
und daß sich vielmehr die elektrische Energie entsprechend der Frequenz in mole-
kulare Vibrationen umsetzt. Sowohl die Bewegung der Ionen bei stattgefundener
Elektrolyse als auch die Schwingung der Moleküle bei infolge von Hochfrequenz
unterdrückter Elektrolyse setzt sich in Wärme um und findet ihren mathematischen
Ausdruck in der sog. elektrischen Widerstands wärme, welche von Joule berechnet
wurde. Die Widerstandswärme unterliegt für Hochfrequenzströme genau den-
selben Gesetzen wie für niederfrequente oder Gleichströme. Die produzierte Wärme
ist proportional dem Quadrat der Stromstärke und dem Widerstand des Leiters
sowie der Stromdauer.
Es soll damit keineswegs gesagt sein, daß elektrochemische Um-
setzimgen infolge von Hochfrequenzwirkung immöglich sind. Die
banalen elektrolytischen Zersetzungen (Schwarzfärbung von Jodkali-
stärkekleister usw.) sind zwar nicht zu erwarten, aber es ist nicht im-
wahrscheinlich, daß hochmolekulare chemische Umlagerungen unter
dem Einfluß des oszillierenden elektromagnetischen Feldes Zustande-
kommen, in ähnlicher Weise, wie etwa die katalytischen Wirkungen
der noch schneller schwingenden Lichtoszillationen chemische Wir-
kungen produzieren. So werden Hochfrequenzströme schon seit Jahren
(wie ich dies in Paris 1910 bereits schilderte) zum künstlichen Altem
von Wein und Kognak benutzt. Eine zweistündige Behandlung mit
Experimentelle und physiologische Wirkungen. 53
speziell hierfür konstruierten Apparaten soll nach Angabe der betreffen-
den Firma ein Altem um 3 — 4 Jahre in der Qualität bewirken. Vermut-
lieh handelt es sich hierbei um Oxydationsprozesse und Bildung von
Estern. licht wirft auf diese Erscheinungen ein Bericht von Rosen-
thal, der in einem von einer Drahtspirale umgebenen Gefäß bestimmte
Wirkungen chemischer Art bei bestimmten, den Draht durchfließenden
Frequenzen nachwies.
Wenn wir uns nun fragen, warum von Widerstandswärme bei den
älteren elektrischen Applikationen keine Rede ist, so liegt die Er-
klänmg nach dem eben Gesagten darin, daß wir nicht genügende In-
tensitäten von Gleichstrom oder faradischem Strom applizieren können,
um eine merkliche Erwärmimg der bei der Applikation dieser Ströme
üblichen Querschnitte herbeizuführen. Denn lange, bevor eine Strom-
intensität erreicht wird, welche z. B. das Handgelenk zu erwärmen
vermag, sind die elektrolytischen imd Reizwirkungen so stark, daß
eine Steigenmg der Stromintensität ausgeschlossen ist. Erst wenn die
Reizwirkung bei steigender Frequenz so weit abnimmt, daß wir eine
wesentliche Steigenmg der ertragbaren Stromintensität bei der Applika-
tion erzielen können, erst dann können die Erscheinungen der Wider-
standswärme beobachtet werden. Dies ist der Fall bei den Hochfre-
quenzströmen, imd so können wir sie als eine elektrische Energie-
form definieren, bei der elektrolytische Dissoziationen im üb-
lichen Sinne vollkommen fehlen, und deren Toleranz für
den menschlichen Körper lediglich durch die Toleranz für
Joulesche Wärme begrenzt wird. Wir sprechen bei Hochfrequenz-
strömen zwar von elektrischen Wellen, indessen könnten wir ebensogut
sie auch als hochfrequente Wechselströme bezeichnen. Denn von welcher
Wellenlänge an wir von Wechselströmen \md von welcher Frequenz
an wir von elektrischen Wellen sprechen wollen, ist der Willkür des
einzelnen überlassen. Während es uns vollständig geläufig ist, bei
Frequenzen von einer Million pro Sekunde, d.h. bei Wellenlängen
von 300 m, von elektrischen Wellen zu sprechen, sind wir gewöhnt,
bei einer niederen Frequenz uns nicht mehr zu erinnern, daß sie auch
noch als eine Welle bezeichnet werden könnte.
Wir haben es also bei der diathermischen Wärme mit einer reinen
Jouleschen Widerstandswärme zu tun, wie dies zuerst 1899 von
Zeyneck theoretisch erkannt wurde. Das zunächst Überraschende
an dieser Hochfrequenzwärme liegt darin, daß sie eine Tiefendurch-
wärmung des Körpers gestattet, \md daß sie nicht etwa, wie man nach
Analogie der chemischen Wirkung von Gleichströmen vermuten könnte,
nur an der Eingangspforte, nämlich der Applikationsstelle der Elek-
troden auf der Haut, in die Erscheinimg tritt. Da der elektrische Strom,
wenn er einen größeren Widerstand zu überwinden hat, mehr Wärme
erzeugt als in einem Leiter geringeren Widerstands, imd bekanntlich
die Haut für galvanischen imd faradischen Strom einen enorm hohen
Widerstand besitzt, so müßte auch für Hochfrequenzströme die Haupt-
erwärmung in der Haut stattfinden imd die Erwärmung der tieferen
Gewebe verschwindend dagegen sein. Hier liegt nun ein wesentlicher
54 Physik und Phypiologie der Diathermie.
Unterschied zwischen Hochfrequenz- und galvanischen oder nieder-
frequenten Strömen, insofern es für die ersteren einen sog. Übergangs-
widerstand der Haut gar nicht oder nur in sehr geringem Maße gibt.
Die physikahsche Erklärung hierfür ist etwas kompliziert und beruht
im wesenthchen darauf, daß wir bei der Apphkation von Hochfrequenz-
strömen den Körper als eine Art Kondensator betrachten können, bei
dem gewissermaßen durch Induktion die Einführung elektrischer
Energie stattfindet.
Die elektrischen Wellen, w^elche in die Haut und die tiefer gelegenen
Gewebe eindringen, finden nun im Körper nicht die günstigen Leitungs-
bedingungen, die sie innerhalb des Hochfrequenzapparates an den
metallischen Leitern haben, und die ihnen eine Resonanz und ein \m-
gehindertes Weiterschwingen ermöghchen. Vielmehr bietet die Masse
des Körpers (nicht die Grenzlinien der Haut gegen die Elektrode) einen
so großen Widerstand, daß die Elektrizitätsschwingungen in der Körper-
masse gewissermaßen ersticken; Die außerordentlich schnell hin imd
her pendelnde Bewegung wird total gedämpft. Diese Dämpfimg ist
eine so plötzliche imd die Zerstörung der lebendigen Energie eine so
komplette, daß sie auch nicht im geringsten zur Ionisierung der Körper-
moleküle ausreicht. Energie kann aber nirgends verschwinden, ohne in
eine andere Energieform überzugehen. Wenn somit die Hochfrequenz-
energie im Körper momentan absorbiert und keinerlei chemische Energie
frei gemacht wird, so ist die einzige Möglichkeit die der Umwandlung
in Wärme, abgesehen von dem geringen Energieverlust, der als statische
Aufladung in die Erscheinung tritt.
Das Fehlen des Übergangswiderstandes an der Haut bedingt auch
für die Art der Stromverteilimg im Körper gewisse Differenzen bezüglich
der Hochfrequenzströme gegenüber den gleich- und niederfrequenten
Strömen. Während diese sich gewissermaßen an der Haut wie an einem
Wehr unterhalb der Elektrode anstauen und nunmehr, wenn die nötige
Spannung erreicht ist, das Wehr durchbrechen und m das weite Tal des
geringen Widerstand bietenden inneren Körpergewebes hineinfluten,
wobei sie, vom Druck befreit, nach allen Rjchtungen auseinanderströmen,
laden die Hochfrequenzschwingungen die zwischen den Elektroden be-
findhchen Gewebe annähernd gleichmäßig und gleichzeitig auf und be-
finden sich daher im Innern des Körpers ungefähr unter den gleichen
Spannungsverhältnissen wie auf der Haut. Dieser Vergleich soll an-
schaulich zu machen suchen, warum wir bei der Apphkation von gal-
vanischen Strömen, selbst wenn wir die Elektroden relativ nahe bei-
einander anbringen, Stromschleifen weit durch den Körper hin auf-
treten sehen, während für Hochfrequenzströme der richtende Einfluß
der Elektroden, den wir weiter unten kennenlernen werden, die elek-
trischen Kraftlinien zusammenhält und nur minimale Divergenzen
gestattet.
Diese Divergenzen sind im wesenthchen dadurch bedingt, daß auch
für die Hochfrequenzströme die verschiedene Struktur der Gewebe in
geringen Grenzen verschiedene Widerstand Verhältnisse verursacht. Im
allgemeinen verhalten sich die Hochfrequenzströme verschiedenen
Experimentelle und physiologische Wirkungen.
55
Widerständen gegenüber gerade so wie die niederfrequenten. Verbinden
wir z. B. die beiden Pole irgendeiner Stromquelle mit einem sehr feinen
und einem sehr dicken Draht nebeneinander, so geht der größte Teil des
Stromes durch den dicken, wenig Widerstand bietenden Draht, und in-
folgedessen wird sich der dicke Draht Relativ mehr erwärmen als der
dünne. Schalten wir aber den dünnen imd den dickeji Draht hinterein-
ander, so daß der gesamte Strom gezwungen ist, sowohl den einen wie
den anderen zu durchlaufen, so wird der dünne, großen Widerstand
bietende sich sehr stark erwärmen, während der dicke wegen seines
geringeren Widerstandes relativ kühl bleibt. Dieses Verhältnis trifft
selbstverständlich auch für Hochfrequenzströme zu, aber ein anderer
Faktor spielt hierbei keine Rolle, der bei niederfrequenten Strömen
wichtig ist, nämlich die innere Struktur. Schneidet man aus der Glutaeal-
muskulatur ein größeres, gleichmäßig zusammengesetztes würfelförmiges
Stück heraus imd läßt einen Gleichstrom parallel oder quer zumVerlauf
der Muskelfasern hindurchgehen, so zeigt es sich, daß er bei parallelem
Durchtritt einen geringeren Widerstand findet, als wenn er die Muskel-
fasern quer durchsetzen muß. Für Hochfrequenzströme ist das nicht so.
Wenn die Masse, d. h. die Weglänge, in beiden Richtungen die gleiche
ist, so geht bei derselben Spannung dieselbe Stromstärke hindurch.
Folglich ist auch die Erwärmung in beiden Richtungen die gleiche.
Dies ist ein wesentlicher Unterschied imd bedeutet, daß für Hoch-
frequenzströme nicht die innere Struktur des Gewebes, sondern ledig-
lich Querschnitt imd Weglänge für den Widerstand maßgebend sind, so
weit es sich um ein annähernd homogenes Gewebe handelt.
f€cMs
Fig. 39 a.
Stellt in obiger Figur: I ein Organ vom Widerstände a, 11 ein Organ vom doppelten
Widerstände 2a vor, so wird bei der Schaltimg links durch I doppelt so viel Strom
hindurchgehen als durch 11,. mithin I viel stärker durchwärmt werden, trotz seines
nur halb so großen Widerstandes. Dagegen bei der rechts dargestellten Schaltung,
wo I und n nacheinander von dem ganzen Strom durchflössen werden muß, wird
sich II entsprechend seinem größeren Widerstand am stärksten erwärmen, und zwar
um das Doppelte.
Haben wir jedoch Schichten verschiedener Gewebe (Muskeln, Fett,
Knochen), z. B. in einer Extremität vor ims, so ist es keineswegs
gleichgültig, ob wir den Strom in der Quer- oder der Längsrichtung hin-
durchschicken. Hierbei kann es vorkommen, daß das Gewebe, das bei
der Längsdurchstrahlung am stärksten erwärmt wird, bei der Quer-
durchstrahlung am schwächsten erwärmt wird und umgekehrt, wie bei-
stehende Abb. 39 a anschauhch macht. In der Längsrichtung haben
56 Physik und Physiologie der Diathermie.
wir den ersten Fall der beiden Drähte, nämlich die ParaUelschaltiixi^
(notabene nach Durchtritt durch die Haut an der Elektrodenstelle).
Hier sucht sich der Hochfrequenzstrom den bequemsten Weg aus, be-
nutzt also vorwiegend die Blutbahn und das Muskelgewebe imd wird
Haut und Fettgewebe relativ wenig erwärmen. In der Querrichtung
dagegen, wo er sämtliche Gewebe durchqueren muß, mithin die gleicbe
Stromstärke durch alle hindurchgeht, wird sich jedes dieser Gewebe
entsprechend seinem spezifischen Widerstand erwärmen, und die Haut
wird am heißesten werden. Die Untersuchung des spezifischen Wider-
standes der Gewebe hat Differenzen erkennen lassen, und zwar kann
man die verschiedenen den Körper zusammensetzenden Gewebe in
folgende Tabelle einordnen:
Haut stärkste ]
Erwärmung bei Querdurch-
strahlung, d. h. bei Hintereinander-
schaltung.
Klnochen
Muskeln
Fett
Nerven schwächste .
Nerven \ j stärkste
^®*^ \ I Erwärmung bei Längs durch-
Knochen 1 f s^-rahlung, d.h. bei Parallelschaltung.
Haut 1 schwächste j
Wenngleich diese Differenzen theoretisch berücksichtigt werden
müssen, spielen sie doch praktisch keine sehr erhebliche Rolle; denn
es ist ein sehr großer Unterschied, ob wir die Widerstandsuntersuchungen,
wie sie in vorstehender Tabelle ausgeführt worden sind, an ausgeschnitte-
nen Leichenteilen vornehmen, oder ob wir sie an im Körper befindlichen
Geweben bei voller Zirkulation anstellen. Da nämlich die im Serum
suspendierten roten Blutkörperchen bei weitem die beste
Leitfähigkeit haben, spielt die Durchblutung der Gewebe eine die
spezifischen Widerstände zum großen Teil ausgleichende Rolle, so daß
für die praktische Anwendung am lebenden Organismus wir von den
spezifischen Widerstandsunterschieden der Gewebe abstrahieren können.
Nur die Haut spielt hierbei eine besondere Rolle, einerseits wegen ihres
höchsten Widerstandes, und weil wir sie stets passieren müssen, anderer-
seits ist der Einfluß der sie bedeckenden Elektroden (siehe oben Kühl-
elektrode usw.) von Bedeutung; denn gerade die Haut ist dasjenige
Organ, welches wir am leichtesten durch Kontaktkühlimg vor allzu
großer Wärme Wirkung zu schützen vermögen.
Versuchen wir, ims über die Wirkung imd Verteilung der Diather-
miewärme im Körper Klarheit zu verschaffen, so müssen wir diese Wir-
kung zunächst aneinfacherenMedien studieren . Stellen wir unseren
Hochfrequenz- oder Diathermieapparat auf eine bestimmte Leistung,
z. B. 1,5 Amp. für Kontakt Oimd 1 bei metallischem Kurzschluß ein,
und lassen wir den Strom durch eine bestimmte Schicht destillierten
Wassers hindurchgehen; das destillierte Wasser bietet dem Strom
einen sehr hohen Widerstand, mithin ist eine relativ hohe Spannung not-
Experimentelle und physiologische Wirkungen. 57
wendig, um diesen Widerstand zu überwinden, und der Diathermie -
apparat wird bei der obigen Einstellung nur eine geringe Zahl von Milli-
ampere durch das Wasser hindurchdrücken können. Infolgedessen er-
wärmt sich das Wasser sehr wenig, und wir müssen den Strom lange
hindurchgehen lassen, ehe eine erhebHche Erwärmung eingetreten ist.
Fügen wir nunmehr Kochsalz zum Wasser, ohne den Strom zu
unterbrechen, so sehen wir, daß das Amperemeter schnell in die Höhe
geht ; das Thermometer lehrt uns gleichzeitig, daß das Wasser sehr viel
schneller sich erwärmt. Mit steigender Salzkonzentration nimmt der
Widerstand der Lösung ab, und wir bekommen, trotz unveränderter
Einstellung des Apparates, vermehrte Stromzufuhr.
Nehmen wir statt physiologischer Kochsalzlösimg Blutserum, so
ist die Leitfähigkeit eine noch bessere imd die Erwärmung eine noch
schnellere. Noch günstiger für die Stromleitung ist gewaschener Blut-
körperchenbrei nach Abzentrifugieren des Serums.
Es liegt nun der Gedanke nahe, daß, wenn man eine wässerige Auf-
schwemmung von Zellen herstellt, bei Durchleitung des Stromes diese
letzteren infolge ihrer besseren J>itfähigkeit sich stärker erwärmen als
die ximgebende Flüssigkeit. Ich habe daher eine Aufschwemmung von
Wasser flöhen in einem Glasgefäß dem Diathermiestrome ausgesetzt
und unter Kontrolle der Temperatur beobachtet, bei welcher Temperatur
des Wassers ein Aufhören ihrer Bewegungen stattfindet. Dabei hat sich
ergeben, daß es ganz gleichgültig ist, ob man diese Aufschwemmung
im Wasserbade in üblicher Weise erhitzt, oder ob man die Erwärmung
mittels Diathermie vornimmt. Bei dem gleichen Temperaturgrad
(39 ° C) stellen plötzhch fast sämthche Wasserflöhe ihre hin- und her-
schießenden und -strudelnden Bewegungen ein, und nur wenige Exem-
plare überleben die Mehrzahl ihrer Genossen um einige Sekunden. Viel-
leicht findet dieses Experiment seine Erklärung darin, daß die Orga-
nismen an Masse so gering sind, daß selbst eine in ihnen eintretende
Temperaturerhöhung gegenüber dem sie umgebenden schlechter leiten-
den Medium durch die gute Wärmeleitung stets wieder ausgeghchen
wird, so daß erst bei der Erwärmutig des Mediums auf die kritische
Temperatur der Tod erfolgt. Ich habe den gleichen Versuch daher mit
kleinen Fischen wiederholt, bin aber ebenfalls zu negativem Resultat
gelangt. Das Absterben trat jedesmal bei 32 — 35 ° C ein, gleichgültig,
ob die Erwärmung durch die Flamme oder diwch Diathermie vorge-
nommen wurde.
Appliziert man die Hochfrequenzströme direkt an kleineren
Tieren, so kann man bereits ganz lehrreiche Studien über die physiolo-
gische Wirkung machen. Im Jahre 1905 und 1906, bevor ich über die
ersten Diathermieversuchsapparate verfügte, stellte ich meine dies-
bezüglichen Versuche mit einem D'Arsonvalapparat an ; ich entnahm die
Hochfreqiienzströme den beiden Enden des primären Solenoids, ver-
wandte also kleinere Spannungen und relativ größere Stromstärken.
Wenn ich am Frosch die eine Elektrode an ein Fußgelenk, die andere
an dem gleichseitigen Handge}enk applizierte, so zeigte bei geriilgen
Stromstärken der Frosch außer einer kleinen Zuckung beim Einschalten
58 Physik und Ph3rsiologie der Diathermie.
keinerlei Reaktion. Bei längerem Fortsetzen des Experimentes fiel mir
jedoch auf, daß die Haut der den Elektroden entsprechenden Seite an
den Extremitäten trocken wurde, während die übrige Haut glänzend
blieb. Nach kurzer Zeit fing die elektrisierte Seite an, zu dampfen, und
wenn man den Versuch fortsetzte, dörrte die Extremität, besonders an
den dünnsten Stellen, nämlich den Gelenken, aus. Diese Austrocknung
ging immer weiter, so daß schließlich die Gewebe ihre Leitfähigkeit ver-
loren und sich unterhalb der Haut ein Eunkenspiel einstellte. Wenn
das Zimmer, in dem die Versuche vorgenommen wurden, relativ dunkel
war, so leuchtete die Haut in großer Ausdehnung unter den im Inneren
stattfindenden Funkenentladungen auf. Wenn man den Versuch unter-
brach, so fühlten sich die Extremitäten heiß an, waren vollkommen fest
gedörrt, merkwürdigerweise aber war der Frosch sonst gänzHch un-
versehrt. Er bewegte die anderen Extremitäten und bewegte sich auch
fort, so weit die gedörrte Extremität dies gestattete. Diese Versuche
waren es, die mich seinerzeit zum Verständnis der Diathermie führten.
Der zu meiner Verfügung stehende Hochfrequenzapparat war kräftig
genug, um bei maximaler Belastimg am primären Solenoid, wenn man
die beiden Pole mit zwei Metallelektroden verband und sie in die Hand
nahm, eine merkbare Erwärmung der Handgelenke zu erzeugen sowie
bei Applikation kleinerer nmder Metallelektroden am Thorax deutüche
Durchwärmung zu produzieren. Der Unterschied der Wirkung des
kleinen primären Solenoids gegenüber der des Oudinschen Resonators
klärte mich auch darüber auf, daß die unnötig hohe Spannimg der
Resonatorentladungen das Erkennen der Diathermiewirkung wegen der
geringen Energieausbeute verhinderte, während das kleine Solenoid
bei geringerer Spannung genügend große Stromstärken lieferte.
Eine diesem Versuch analoge Wirkung schilderte d'Arsonval bei
meiner Anwesenheit in Paris im Jahre 1910. Er hatte Hochfrequenz-
ströme durch Kaninchen hindurchgehen lassen, indem er ihre Pfoten
in Wasserbehälter, welche als Elektroden dienten, eintauchte. Es ent-
stand später, ohne daß die Tiere während der Apphkation erhebliche
Veränderungen aufwiesen, Gangrän der den Strom zuleitenden Glied-
maßen, und die Tiere starben.
Diese Beobachtungen stimmen überein mit den späteren Unter-
suchungen, welche die Stromverteilung der Hochfrequenzströme im
Grewebe klarstellen sollten. Während wir für galvanische und nieder-
frequente Wechselströme nur schwer ein Kriterium dafür finden können,
welchen Verlauf die Stromlinien im lebenden Organismus nehmen,
weil wir ihren Verlauf nicht sichtbar machen können, bietet die Koagu-
lationsmöghchkeit des Körpergewebes durch die Hochfrequenzströme,
welche eine reine Lokalwirkung darstellt und bei geeigneter Auswahl
der Stelle das Versuchstier im ganzen nicht zu töten braucht, eine ge-
naue Kontrolle der Art des Stromverlaufes. Die Beeinflussung dieses
Stromverlaufs durch die Blutzirkulation werden wir weiter unten be-
sprechen. Unter Ausschluß der Zirkulation läßt sich indessen der Strom-
verlauf nach dem umstehenden Schema, welches ich 1910 in Paris de-
monstriert habe, erkennen (Abb. 41). Wir sehen auf der Abb. A (Seite 60)
60
Physik und Physiologie der Diathermie.
barer Nähe derselben und nur bei sehr langer Applikation vereinigen
sich die beiden Koagulationsflecke ; hierbei dürfen die Ströme nicht zu
stark werden, weil sonst eine Verkohliuig der Elektrodenumgebung statt-
findet, bevor genügende Erwärmung des zwischenliegenden Gewebes
erfolgte.
Kehren wir zu unserem ersten Würfel zurück, legen wir aber die
Elektroden nicht auf dieselbe Fläche und auch nicht auf die entgegen-
gesetzte, sondern auf zwei aneinanderstoßende Flächen, so sehen wir
die Koagulationszone (Abb. 41, C und C^) keilförmig unter den zuge-
wandten Rändern der beiden Elektroden auftreten.
B
D
Abb. 41. Schema der Strom verteilimg im Gewebe, durch Koagulationszonen
(schraffiert) gekennzeichnet.
Die bisher erwähnten Koagulationsschemata entsprechen der
Applikation zweier gleich großer Elektroden. Wenden wir verschieden
großa Elektroden an, so können wir, analog den galvanischen Applika-
tionen, von einer differenten und einer indifferenten Elektrode sprechen,
wobei wir jedoch ledighch die Stromdichte vergleichen und die elektro-
lytischen Veränderungen natürlich ausschalten müssen. Die Koagu-
lationswirkung tritt bei ungleich großen Elektroden zunächst an den
Stellen der größten Stromdichte, d. h. an der kleineren differenten
Elektrode auf; ist die indifferente Elektrode sehr groß, so wird auch
bei seh^ großer Stromstärke an dieser überhaupt keine Koagulations-
wirkung erzielt. Indessen hat diese indifferente Elektrode einen sehr
deutlich richtenden Einfluß auf das Auftreten der Koagulation.
Das Schema zeigt bei Applikation der beiden Elektroden auf den ent-
gegengesetzten Flächen, daß die Koagulationswirkung gewissermaßen
Experimentelle und physiol<^ache Wirkungen. 61
senkrecht in die Tiefe gezogen wird (siehe Abb. 41 D). Bei Applikation
auf der gleichen Seite wird die Koagulation in die Pläche gezogen (siehe
Abb. 41 E und E,). Bei Applikation bei knieförmig zusammenstoßenden
Flächen wird die Koagulation tcüa nach der Fläche, teils in die Tiefe
geleitet (siehe Abb. 41 F und Fj).
Es ist auch eine isolierte Tiefenwirkung nach Analogie der Röntgen-
tiefenbestrahlung erzielbar. Jch habe das 1910 ebenfalls schematisch
gezeigt. Legt man an einem Körperteil mit rundem Querschnitt
(Abb. 42 A), z. B. einem Oberschenkel, zwei gleich große Elektroden an
diametral entgegengesetzten Stellen auf (/, /) und diathermiert eine ge-
wisse Zeit mit einer der Toleranz der Haut entsprechenden Stromstärke,
so erhält man in der Mitte, d. h. ungefähr im Knochen, einen gewissen
Erwärmung^ad. Appliziert man nunmehr an den Stellen //, // die
gleichen Elektroden und dieselbe Strommenge, sodann an den Stellen
II III, 7/f^odernoch an weiteren,
so erhält man bei richtiger An- n
ordnimg eine f aktischeSummation
der einzelnen Tiefe ndurchwär-
mungen an derKreuzungestelle der
den einzelnen Applikationen ent-
sprechenden Durchwärmungs-
zylinder. Hierdurch -kann man
eine Tiefenkoagulation bei in- Abb. 42.
takter Haut erreichen, falls die Ä: Kreuzweise Durchstrahlung nacb-
Zirknlation nicht inzwischen zu ^der zi^ Mung mtensiver Tirfen-
. , „ i_i -, j ■ 1 . T L Wirkung. B; Wirkung der gleichzeitigen
stark warmeableitend wirkt. Ich DurohSrahlui^ von zwei Elektroden -
habe für derartige Zwecke von paaren aus (keine Tiefenwirkung),
der Firma Polyfrequenz 1908
zwei Polklemmpaare an dem Diathermieapparat anbringen lassen,
um gleichzeitig zwei Elektrodenpaare für stärkere Tiefendurch-
wärmung verwenden zu können. Aber in der Praxis hat sich dieses
Verfahren als unzweckmäßig erwiesen; denn der Stromverlauf wird
durch die gleichzeitige Applikation zweier positiver und negativer
Elektroden wie nebenstehend (Abb. 42 B) beeinflußt, so daß eine Tiefen-
wirkung überhaupt nicht eintritt.
Nur wenn man die Apphkation, wie erst beschrieben , n a c h e i n an d e r
auf diametral gegenüberliegenden Stellen vornimmt, erhält man sum-
mierte Tiefenwirkungen. Kne solche Methodik ist aber nur mit Vor-
sicht zu gebrauchen, da wir den Grad der Summation schwer taxieren
können und keine ganz genaue Lokahsierungsmöghchkeit haben, somit
also Schädigungen oder Wirkungen an ungewünschter Stelle nicht ver-
meidbar sind.
Zum Zwecke der alternierenden Behandlung an verschiedenen
Elektrodenpaaren hat Bucky einen Apparat, Altemator, angegeben,
der jedoch entbehrlich ist.
Wir können uns auch noch an einem anderen Objekt über die
Stromverteilung klar werden, welches uns zeigt, daß nicht nur in festen
Geweben, sondern sogar in freien Flüssigkeiten eine vollkommene
62
Physik und Physiologie der Diathermie.
Lokalisierbarkeit der Diathermiewärme möglich ist. Nehmen wir ein
Schälchen, in weiches wir ein Hühnereiweiß gießen, und setzen wir zwei
kleine Elektroden (Ä, B) hinein (siehe Abb. 43). Leiten wir einen relativ
kräftigen Strom hindurch, so sehen wir in wenigen Sekunden einen
Koagulationsstreifen von den einander zugewandten Rändern der Elek-
troden schnell nach dem Zentrum zuschießen und sich dort zu einem
breiten Bande vereinigen, welches dem Durchmesser der Elektrode ent-
spricht (siehe Abb. 45 K). Wiederholen wir denselben Versuch, indem
wir die Elektrode Ä an ihrem Platz belassen, die Elektrode B aber auf
die andere Seite legen (Abb. Bj) ; so tritt nimmehr dieselbe Koagulation
nach der Seite der anderen Elektrode zu ein (Kj). Entfernen wir nunmehr
die Elektroden aus der Flüssigkeit, so sehen wir, daß das koagulierte
Eiweiß keineswegs an den Elektroden haftet, was ein Beweis dafür
ist, daß die Koagulation nicht etwa infolge
einer Erwärmung der Elektroden eingetreten
ist ; sondern die Elektroden bleiben kalt und
erwärmen sich höchstens durch Kontakt
mit der warmen Flüssigkeit, während die
diathermische Wärme eben auf der Strom-
bahn zwischen den beiden Elektroden auf-
tritt. Wenn wir den Versuch dahin modi-
fizieren, daß wir die Elektroden in ein
gleiches Schälchen setzen, aber eine relativ
schwache Stromstärke hindurchleiten, so
sehen wir die merkwürdige Erscheinung
trodenstellung, ABKi: Koagu- auftreten, daß die Koagulation des Eiweißes
lationszone ^ach Versetzung nicht etwa an den Elektroden beginnt, son-
dern daß nach einiger Zeit des Durchleitens
in der Mitte zwischen beiden Elektroden ein
Koagulationshof einsetzt, und daß bei weiterem Hindurchleiten von der
Mitte nach den Elektroden zu das Koagulationsbajud sich vollendet.
Diese scheinbar paradoxe Wirkung, welche eine besondere Tiefen-
wirkung der Diathermiewärme vortäuschen könnte, findet ihre Er-
klärung darin, daß die Erwärmung auf der ganzen Strombahn zwar
ziemlich gleichmäßig stattfindet, daß aber in der Nähe der Elektroden
infolge ihres Metallgehaltes eine Kühlung der Eiweißlösung durch
Konduktion stattfindet, während die Wärmeanhäufung im Zentrum
zwischen den beiden Elektroden in der stark viskosen Flüssigkeit stärker
wird, so daß dort die Koagulation ihren Anfang nimmt und erst nach
und nach zu den Elektroden zu fortschreitet. Nehmen wir in imserer
Eiweißlösung zwei verschieden große Elektroden, so sehen wir auch hier
den Eintritt der Koagulationswirkung in der Richtung zur indifferenten
zu, an der differenten beginnen, außer wenn die difierente Elektrode
sehr klein gewählt wird, z. B. als eine Nadel; dann tritt nämlich die Koa-
gulationswirkung momentan ein und erscheint gleichmäßig um die Spitze
der Nadel herum angeordnet.
Ein weiterer für die Beurteilung der Diathermiewirkung im Ge-
webe wichtiger Versuch ist der folgende:
Abb. 43.
Schema der Eiweißkoagulation.
K: Koagulationszone bei Elek-
der einen Elektrode
nach B^.
von B
Experimentelle und phjBiologiscbe Wirkungen. g3
Nimmt man ein U-fÖrmig gebogenes GlaBrohr von etwa 1 Zoll.
Weite, welches an irgendeiner Stelle, t. B. in dem VerLindungsatück der
beiden Schenkel, eine Verjüngung auf */jZoll Durchmesser besitzt,
füllt dieses Glasrohr mit flüssigem Eiweiß und führt mittels zweier
runder Flächenelektroden, welche in die Schenkel hineinpassen, die
Diathermieströme zu (siehe Abb. 44), so sieht man schon bei einer Strom-
stärke, welche am Niveau der Elektroden kaum eine nennenswerte Er-
wärmung hervorruft, an der verjüngten Stelle bereits Koagulation ein-
treten. Diese Erscheinung beruht darauf, daß an der Verjüngung die
Stromdichte ein Vielfaches derjenigen an den dickeren Schichten be-
trägt, mitbin die Erwännung eine ebenso vielfach stärkere ist. Das
gleiche Phänomen können wir auch an einem Fleischstück zeigen, welches
nach der nebenstehenden Figur ausgeschnitten ist (Abb. 45). Legen wir
Fläcbenelektroden an den breiten Enden des Fleischstückes an, so tritt
auch hier an den Elektroden noch lange keine Koagulation ein, während
die dünne Fleischbrücke in der Mitte zwischen beiden Elektroden längst
Abb. 44. Abb. 45.
Mit Eiweißlöaung gefüll- Qnerschnittawirkung an einem Fleisohstück. Elek-
tes Glasrohr. Darstellung trodenflöche gröBec als der dünnst« Querschnitt,
der Wifaing der Quer-
sohnitteverj üngung.
koaguliert ist. Diese Versuche sind bei Applikationen im Tierversuch
und auch am Menschen sehr instruktiv, da sie die stärkere Erwärmung
z. B. der Handgelenke bei Apphkationen von Handelektroden demon-
strativ erklären.
Man muß sich die vorstehend geschilderten Koagulationsversuche
stets klar vor Augen halten; denn sie geben ims einen Anhalt für die
Stromverteilung im tierischen Gewebe. Selbstverständhch ist
das Prinzip der Verteilung der Diathermie im Gewebe das gleiche,
wir zur Koagulation führende Stromstärken verwenden oder gering»
Es ist lediglich noch die Blutzirkulation in Rechnung zu setzen, wel
eine Abschwächung der Koagulationswirkung wie überaupt einer '.
wärmung in der 'Hefe bedingt.
Bei diathermischer AppUkation setzt sofort ein doppelter Pr«
ein: erstens eine lokale Temperaturerhöhung der Gewebe auf dem strc
durchflossenen Gebiet und zweitens die Beaktionserscheinungen
Organismus dag^en.
Die erste Wirkung ist eine vorwiegend physikalische und von ■
Stromdichte einerseits, den Gewebswiderständen und ihrer Anordni
64 Physik und Physiologie der Diathermie.
andererseits abhängig. Kompliziert werden die Erscheinungen aber
wesentlich durch die Abwehraktionen. Es tritt zunächst eine lokale
arterielle Hyperämie ein, die durch Aufnahme eines Teiles der ein-
dringenden Wärme diesen Teil wegführt, im Körper verteilt und im-
schädlich macht. Femer wirkt die Blut- imd Lymphzirkulation durch
Kontakt wie eine Wasserkühlimg und entführt einen weiteren Teil der
applizierten Wärme. Es bildet sich weiterhin eine regionäre Gefäß-
aktion aus, die im wesentlichen auf dem Antagonismus zwischen Haut-
gefäßgebiet und Splanchnikusgebiet, resp. anderen inneren Kreislauf-
gebieten beruht. Hierdurch erklären sich die scheinbar paradoxen
Resultate, daß Erwärmungen in der Tiefe mit geringeren Stromstärken
eher zu erzielen sind als mit stärkeren; weil eben die Wärmeschutz-
und Regulienmgsvorgänge im Körper bei starkem Hitzegefühl in der
Haut intensiver ausgelöst werden als bei schwachen Strömen (vgl. im
übrigen das auf S. 62 Gesagte).
Hierdurch erklärt sich auch ungezwimgen der häufig zu beobach-
tende Unterschied in der Wirkung der Diathermie gegenüber anderen
Wärmeapplikationen. Bei der Diathermie tritt die Wärme in allen
stromdurchflossenen Molekülen an der Oberfläche sowohl wie in der
Tiefe gleichzeitig auf. Es kann also bei mäßiger Stromstärke eine aus-
gesprochene Tiefenerwärmimg erzielt werden. Bei allen anderen Wärine-
applikationen dagegen wird zunächst die Haut erwärmt, und nur sehr
langsam und wenige Millimeter tief können danmter gelegene Organe
etwas mit erwärmt werden. In größerer Tiefe dagegen tritt die erwähnte
reflektorische Anämie auf und führt dort eher zu einer Herabsetzung
der Temperatur. Wir machen ja von dieser derivierenden Wirkimg von
äußeren Wärmeapplikationen bewußt in der Therapie Gebrauch. Nur
müssen wir uns klar sein, daß wir bei diathermischer Applikation diese
deri vierende Wirkung vermeiden können, und dies auch zumeist wollen.
Daraus geht hervor, daß die Indikationen der Diathermie keineswegs
mit denen der alten Wärmeapplikationen zusammenfallen und ihre
Wirkungen mitunter ganz entgegengesetzte sein können.
Die klinische Wirkung der Diathermie ist häufig abhängig von
individuellen Dispositionen. So spielt die größere oder geringere
Erregbarkeit des vasomotorischen Systems oft eine große Rolle (siehe
S. 63).
Im übrigen sind individuelle Eigenschaften von geringerer Be-
deutung. Die Toleranz ist bei den einzelnen Menschen, besonders
wenn man sie an die Diathermie gewöhnt hat, nicht sehr verschieden.
Nur ganz ausnahmsweise beobachtet man mal einen Fall, der wegen
zu großer Hautsensibilität keine stärkeren Ströme verträgt.
In allen Versuchen diathermischer Applikation wird man das
Auftreten jeder elektrolytischen Wirkimg vollkommen vermissen.
Etwaige Blasenbildung ist nicht etwa auf Dissoziationen und Ent-
stehung von Wasserstoff oder Sauerstoff zurückzuführen, sondern ledig-
lich auf Dampfbildung. .
Treibt man die Diathermieapplikation trotz eingetretener Koagu-
lation weiter, so bildet sich an Stelle des weichen, in der Eiweißlösung
Physiologische Wirkungen der therapeutischen Applikationen. g5
^^eißen, im Fleischgewebe je nach seiner Art grauen oder braunen
ICoagulationsschorfes ein mehr und mehr austrocknender Schorf, welcher
schließlich aufhört, leitfähig für den Strom zu bleiben. Ist dieser Grad
der Trockenheit erreicht, so hören die Hochfrequenzströme auf, hin-
durchzugehen, und es bilden sich Funkei^entladungen. In diesem Augen-
blick haben wir es nicht mehr mit reiner Diathermie zu tun, sondern
dann treten mechanisch destruierende und elektrolytische Effekte auf.
Am Lebenden beobachten wir heftige Muskelkontraktionen und sen-
sible Reizungen elektrischer Art.
Wir gehen an dieser Stelle nicht auf die Dosierungsangaben für
die vorstehenden Experimente ein, da die Frische des Fleischstückes
(Feuchtigkeit), Temperatur desselben vor Beginn, Wahl der Fleisch-
sorte, Fettgehalt, Dimensionen, mehr oder weniger starker Druck bei
Applikation der Elektroden und dadurch bedingte Volumveränderung
und manches andere eine Rolle spielt, so daß exakte Angaben, die für
• jeden Fall richtig sind, sich hierbei nicht geben lassen. Es ist dringend
zu empfehlen, daß ein jeder, der Diathermie therapeutisch zu appli-
zieren wünscht, eingehend und wiederholt diese Versuche reproduziert,
um sich in der Technik und Dosierung zimächst an Fleischstücken,
Flüssigkeiten, dann am Tierexperiment zu üben. Vorstehende Angaben
mögen genügen, die Natur imd Art der Wärmewirkung der Hochfre-
quenzströme zu kennzeichnen.
3. Kapitel.
Physiologische Wirkungen der therapeutischen Applikationen.
Wir gehen nunmehr dazu über, die physiologischen Wirkungen der
verschiedenen Applikationsarten der Hochfrequenzströme und der Dia-
thermie zu besprechen. ^^
Das große Solenoid, welches zur Aufnahme eines ganzen Menschen
bestinmit ist, ist eine Applikationsmethode, bei welcher die Hoch-
frequenzströme nicht in bestimmter Richtung oder an bestimmten
Stellen in den Körper hineingeleitet werden, vielmehr wird der ganze
Innenraum des Solenoids von magnetischen und elektrischen Oszilla-
tionen erfüllt, welche auch den Gesamtorganismus durchdringen. Es
kommt infolgedessen zu einer Unzahl elektrischer Wirbelströme im
Innern des Körpsrs, und wir können vielleicht sagen, daß das Solenoid
diejenige Applikationsart ist, bei der sämtliche Körperzellen der Hoch-
frequenzwirkung imterworfen werden. Es darf aber hieraus nicht etwa
geschlossen werden, daß nun eine gleichmäßige Wirkung auf alle
Körperzellen stattfindet. Vielmehr bedingt es die Neigung der Hoch-
frequenzströme wie überhaupt der Elektrizität, an Orten geringeren
Widerstandes sich anzusammeln bzw. die Bahnen geringeren Wider-
standes zu benutzen, daß trotz der gleichmäßigen Exposition ungleich-
mäßige Wirkungen erzielt werden. Die verschiedenen Füllungszustände
mit Blut (z. B. Kongestionen, Ischämie) bedingen verschieden günstige
Existenzbedingimgen für die Hochfrequenzoszillationen, und so kommt
es, daß klinisch ungleiche Resultate produziert werden (siehe später).
Nagelsohmidt, Diathermie. 2. Aufl. ^
6g Physik und Physiologie der Diathermie.
Die wesentliche Wirkung des Solenoids ist eine sedative und blutdruck-
herabsetzende. Als psychischer Effekt wird häufig eine Tonisierung des
Nervensystems von den Patienten angegeben. Die Solenoidapplikation
ist eine wenig ökonomische Methode insofern, als ein relativ großer
Kubikinhalt mit elektrischen Schwingungen erfüllt wird und nur ein
Teil dieses Inhalts, z. B. ein Viertel, von der Körpermasse des Patienten
beansprucht wird. So kommt es, daß die primäre Wirkimg des Sole-
noids, welche die eben genannten sekimdären erst produziert, gar nicht
nachweisbar ist oder nur durch die kompliziertesten Methoden auf-
gedeckt werden kann. So vermutete d'Arsonval bereits, daß eine
Erhöhung der Verbrennungen bzw. der Körpertemperatur durch die
Behandlung in demselben erzielt wird. Jedoch dachte er nicht an eine
diathermische Erwärmung, sondern an eine Erhöhimg der Körper-
temperatur durch Erhöhung der Oxydation. Er konstruierte ein äußerst
empfindliches Anemometer und wies durch Zählung der Tourenzahl
eine Erhöhung der Wärmeproduktion des in dem eingeschlossenen
Solenoid befindlichen Versuchsindividuums nach Stromdurchgang nach.
Zur Erzielimg therapeutischer Effekte ist es notwendig, daß das
Solenoid gut funktioniert, d. h. daß es in Beziehung zu dem erregen-
den d'Arsonvalapparat oder Diathermieapparat resonanzfähig ist.
Man kann in ihm erzeugte Hochfrequenzströme messen, indem man
zwischen einem Pol des Hochfrequenzapparates und dem Solenoid ein
Hitzdrahtamperemeter anbringt. Ein solches Instrument besteht im
wesentlichen aus einem sehr feinen Draht, der sich beim Hindurch-
fließen eines Gleichstromes, Wechselstromes oder Hochfrequenzstromes,
je nach der Intensität dieser Ströme erhitzt und dadurch ein Maß für
die hindurchgeleitete elektrische Energie abgibt. Man mißt die Hoch-
frequenzströme, indem man an derartigen Meßinstrumenten den Aus-
schlag bestimmt, den sie hervorbringen, imd ihn mit dem Ausschlag
vergleicht, den ein Gleichstrom in bestimmter Milliamperezahl hervor-
bringen würde. Man mißt also eigentlich nicht direkt die hochfrequente
Schwingende Energie, sondern drückt sie nur durch die Milliamperezahl
aus, welche der gleichen Wärmeentwicklung eines Gleichstromes ent-
sprechen würde. Selbstversjbändlich kann ein derartiges Instrument
den hochfrequenten Schwingungen in seinen Ausschlägen nicht folgen,
und schon beim niederfrequenten Wechselstrom sehen wir ebenfalls
eine konstante Zeigerstellung eintreten, weil die Erwärmimg und Ab-
kühlung des Drahtes auch langsamen Wechseln nicht folgen kann. Für
die praktischen Zwecke genügt diese Angabe des Instrumentes voll-
kommen. Denn gerade die diathermischen Wirkungen sind von der
Intensität des applizierten Stromes direkt abhängig, und auf ihre
spezielle Messung und Wirkung, nämlich in Form Joule scher Wärme,
kommt es uns ja speziell an. Diese Messung ist von besonderer Wichtig-
keit, weil das Berichten von irgendwelchen Wirkungen der Hoch-
frequenzströme im Solenoid ohne Angabe der Größe des Innenraumes,
der Belastung des D'Arsonvalapparates und der Leistung desselben,
d. h. ohne genaue Dosierung, keine Beurteilung der Resultate ermög-
licht. Es ist gerade so, als ob in den Publikationen übej die Wirksam-
Physiologische Wirkungen der therapeutischen Applikationen. 67
keit oder Wirkungslosigkeit des Morphiums gestritten würde, ohne daß
Angaben über die verwandte Dosis gemacht werden. Die ganze Dosie-
rungsfrage ist nicht bloß für die hier in Rede stehende Applikations-
iveise, sondern überhaupt für die Anwendimg von Hochfrequenzströmen
von allergrößter Wichtigkeit, und ich habe schon betont, daß die wider-
sprechenden Resultate der verschiedenen Autoren sicherüch zum
großen Teil auf die fehlende Dosierungsmöglichkeit imd die ungleiche
Leistungsfähigkeit der verschiedenen Apparaturen ziulickzuführen ist.
Als später die Diathermie eingeführt wurde und die Intensitäten der
Hochfrequenzströme wesentüch größer wxirden, ergab sich die Not-
li^endigkeit der Dosierung von selbst, und ich mußte bereits 1907 hervor-
heben, daß die Resultate, die d'Arsonval mit seinen sehr kräftigen
Laboratoriumsapparaten erzielte, mit denen, die z. B. deutsche Autoren
(Toby Cohn u. a.) mit Apparaten, die noch nicht den 20. Teil dieser
Leistimgsfähigkeit aufwiesen, beschrieben, gar nicht vergleichbar wären.
Heute, wo wir wissen, daß die Effekte der D'Arsonvalisation im wesent-
lichen, soweit kein Hautreiz in Frage kommt, rein diathermische sind,
ist die Frage einer exakten Dosierung durchaus gelöst, und die ganzen
physiologischen Versuche d'Arsonvals müssen unter diesem Gesichts-
punkt einer neuen Revision unterzogen werden. Wir lassen daher die
Resultate, die er in seinen verschiedenen Publikationen (Comptes rendus
usw.) veröffentlicht hat und die auf Grund ganz unvergleichbarer Resul-
tate anderer Autoren bestritten wurden, als nicht genügend nachgeprüft
der weiteren Untersuchimg offen. Die klinischen Resultate werden
wir in der zweiten Abteilung dieses Lehrbuches einer Besprechimg
unterziehen.
Bringt man einen Menschen in das große Solenoid hinein, so wird er
von elektrischen Oszillationen des Kupferdrahtes umflossen, ohne mit
diesem irgendwie in Kontakt zu sein. Es entsteht im Innern des Sole-
noids ein stark oszillierendes elektromagnetisches Feld, welches einen
im Innern befindlichen Leiter durchdringt und in diesem, wenn es Draht-
windungen sind, hochfrequente Wechselströme induziert oder, wenn
es Elektrolyte sind, z. B. Menschen, unberechenbare Wirbelströme er-
zeugt. Wenn man z. B. einen Kupferring, dessen beide Enden mit einer
kleinen Glühlampe armiert sind, parallel zu den Drahtwindungen im
Innern des Solenoids hält, so leuchtet die Lampe auf. Dreht man ihn
senkrecht zur Windungsebene des Solenoids, so erlischt die Lampe. Daß
das betreffende Individuum im Innern des Solenoids tatsächlich elek-
trisch geladen ist, geht daraus hervor, daß ein Außenstehender, wenn er
die Hand durch die Drahtzwischenräume hindurchsteckt und die Ver-
suchsperson berührt, kleine Funken aus ihr herausziehen kann. Der
unberührte Patient merkt jedoch im Solenoid nicht das geringste von
den elektrischen Vorgängen, da, wie gesagt, die Ausbeute, d. h. die
in ihm zur Wirkung gelangende Stromintensität, so gering ist, daß eine
merkbare Gesamterwärmung nicht auftritt. Polare Aufladungen finden
ebenfalls wegen der Hochfrequenz Wechsel nicht statt, wie das- z. B.
der Fall wäre, wenn man das Solenoid an die Pole einer Influenzmaschine
anschlösse, wobei die aus den Haaren und aus der Hautoberfläche
5*
gg Physik und Physiologie der Diathermie«
herausströmende Elektrizität die Empfindung des elektrischen Windes
produzieren würde. Die Hochfrequenzelektrizität ist wegen ihrer
dauernden schnellen Wechsel eben vollkommen unfühlbar.
Wenn es somit nicht gelingt, in dem großen Solenoid, selbst bei
Verwendung sehr intensiver Stromstärken, nennenswerte Temperatur-
steigerungen oder Erwärmung irgendwelcher Art zu erzeugen, so ist das
bei Verwendung kleiner Solenoide wesentlich anders. Ich habe in Paris
auf dem Kongreß (1910) ein solches kleineres Armsolenoid demonstriert,
welches mit etwa 10 — 12 Ampere im Hitzdrahtinstrument gemessener
schwingender Energie betrieben wurde. Nimmt man eine Kugel aus
locker zusammengedrücktem Stanniol in die Hand und hält sie in
dieses Solenoid hinein, so muß man sie schleimigst wieder herausziehen,
denn es tritt momentan eine so intensive Erwärmimg des Stanniols
durch die Wirbelströme ein, daß es in der es umschließenden Faust
momentan sehr heiß wird imd in wenigen Sekunden schmelzen würde.
Ebenso muß man sich hüten, den Arm mit einem metallischen Armband
oder mit Ringen am Finger hineinzustecken, denn auch hier würde die
Erhitzung in kürzester Zeit unerträglich werden. Daß sich Elektro-
lyte hierbei anders verhalten als metallische Ringe, unterliegt keinem
Zweifel. Indessen wird auch hier eine geringe Erwärmimg bei genügen-
der Intensität und dichter Umschließung durch die Spirale stets nach-
weisbar sein. Ein etwas größeres Solenoid ist in der'^vorstehenden Ab-
bildung 30, S. 40 reproduziert, welches ich seit 1908 zur Behandlung
des Kopfes benutze. Die Wirkungen sind im Anschluß an den Dia-
thermieapparat hierbei wesentlich intensiver, als wenn man den ganzen
Menschen in das große Solenoid hineinsetzt. Es erfüllt eine Reihe weiter
unten zu erwähnender klinischer Indikationen. Nach neueren Unter-
suchungen von Bergonie^) ist bei Anwendung eines großen, mit riesiger
Stromstärke betriebenen Solenoids eine Beeinflussung des Blutdruckes
nicht mit Sicherheit nachzuweisen. 21 Blutdruckmessungen zeigten
keine Veränderung, 10 ergaben eine Blutdrucksteigerung, 4 eine Herab-
setzung. Definitive Schlüsse lassen sich jedoch auch hieraus nicht
ziehen, da, wie wir späterhin sehen werden, der normale Blutdruck
überhaupt wenig beeinflußt wird, während pathologische Schwankungen
desselben viel eher eine Einwirkung zeigen. Die einzige tatsächliche
Wirkung, die mit Sicherheit festgestellt werden kann, ist bei genügen-
der Intensität und günstiger Applikation eine mehr oder weniger deut-
liche Erwärmung. Wir können somit bei dieser Applikations-
art einen zwar geringen, aber unzweifelhaft diathermischen
Effektais einzige nachweisbare primäre Wirkung bezeichnen.
Die zweite künische Anwendungsweise von Hochfrequenzströmen
geschieht auf dem Kondensatorbett, welches von Apostoli bekannt
gemacht wurde. Die Anwendung geschah Bis in die neueste Zeit stets,
indem der Patient einen Stab in eine oder in beide Hände nahm, während
der andere Pol an die unter der Matratze befindliche Platte angelegt
wurde. Hätte man den Laboratoriumsapparat von D'Arsonval für
^) Handbuch der gesamten medizinischen Anwendung der Elektrizität,
V. Boruttau, 1912, S. 885.
Physiologische Wirkungen der therapeutischen Applikationen. 69
klinische Versuche zur Verfügung gehabt, so würde zweifellos schon in
der ersten Zeit der Anwendung die Diathermie entdeckt worden sein.
Denn bei dem mit diesem Apparat verfügbaren Energieaufwand von
Hochfrequenzelektrizität müßte schon nach wenigen Sekunden eine so
intensive Durchwärmung der Handgelenke, also derjenigen Stellen,
Vielehe als dünnster Querschnitt für die Hochfrequenzpassagen aufzu-
fassen sind, aufgetreten sein, daß die Stromwirkung nur wenige Se-
kunden erträghch gewesen wäre. Die Apparate jedoch, die zur Ver-
fügimg standen und heute noch vielfach zur Verfügung stehen, sind
so schwach, daß selbst bei halb8t;ündiger Anwendung nur ganz ge-
legentHch als Nebenbefund eine leichte Erwärmung der Handgelenke
registriert wurde. Allerdings wird hervorgehoben, daß in den Fällen,
in denen diese Erscheinung bemerkt wurde, die klinischen
Resultate besonders günstig gewesen wären. Es geht daraus
klar hervor, daß die Unsicherheit der klinischen Resultate bei der
Anwendimg des Kondensatorbettes in vielen Fällen auf der zu geringen
Leistung der Hochfrequenzapparate beruht.
Die Verwendung der Diathermie zu Hochfrequenzzwecken hat auch
hier Wandel geschaffen ; denn schon bei mäßiger Belastung überschreitet
die Stromstärke, die der Patient auf dem Kondensatorbett erfährt,
die Toleranzgrenze der Handgelenke, wie ich das 1910 in Paris bereits
vorgeführt habe. Ich habe deshalb damals bereits vorgeschlagen, an
Stelle der üblichen Handelektroden große Flächenelektroden zu ver-
wenden und dieselben da zu applizieren, wo man die Stromwirkungen im
wesentlichen zu haben wünscht, d. h. zum Beispiel auf der Brust. Es
tritt hierbei auch bei Verwendung relativ großer Elektroden deutUches
Gefühl der Erwärmimg auf. Es ist dies ein anderer historisch älterer
Weg, die Wirkung des Kondensatorbettes auf gewisse Körperteile zu
konzentrieren, als die von Schittenhelm später angewandte MÄhode
der Unterteilung der unteren Platte. Während die Behandlung im Sole-
noid die gesamte Körpermasse allerdings einer unberechenbaren und
unlenkbaren Hochfrequenzdurchströmung aussetzte, gewissermaßen also
den ganzen Zellkomplex des menschlichen Körpers betrifft, war die
Kondensatorbettmethode ursprünglich auch als eine solche Allgemein-
behandlungsmethode gedacht. Man wußte aber nicht, daß durch Appli-
kation von Handelektroden die Stromverteilung zwar auf der Unter-
seite des Körpers eine einigermaßen gleichmäßige war, während eine
Verdichtung dieser gesamten Strommasse am Schultergürtel, bzw.
weiterhin in den Handgelenken auftrat und so mit diesen Allgemein-
methoden eine fast rein lokale Wirkung erzielt wurde. Auch das Schit-
tenhelmsche Kondensatorbett mit der Unterteilung des unteren Be-
lages ist als eine lokale Applikationsmethode zu betrachten, weil ohne
Applikation des einen Poles an den Händen im wesentlichen die dem
Kondensatorbett aufliegenden Teile, also bei Rückenlage die Rückenhaut
und die ihr anliegenden Organe, der wesentlichen Wirkung unterliegen.
Werden jedoch Handelektroden verwandt, so haben wir trotz der Unter-
teilung auch hier vorzugsweise die Lokalbehandlung des Schulter-
gürtels. Das ist an sich kein Fehler, denn gerade diese Applikations-
70 Physik und Physiologie der Diathermie.
stelle ist für Beeinflussung von Zirkulationsanomalien wichtig. Nur
wenn man allgemeine Beeinflussung der Zirkulation beabsichtigt, wie
das bei den in der Literatur angegebenen Fällen wohl stets gewünscht
war, muß man sich dieser Fehlerquelle bewußt sein.
Wenn aljso das große Solenoid eine schwache Allgemeinapplikation
darstellt, und das Kondensatorbett vermöge seiner dichteren Annähe-
rung an den Patienten als eine wirksamere Allgemeinbehandlungs-
methode gedacht war, so lag der Gedanke nahe, durch Applikation
einer großen, den ganzen Körper überdeckenden Elektrode ^i^se All-
gemeinwirkung tatsächUch herzustellen. Zuerst dachte ich zur Lösung
dieser Frage daran, den entkleideten Menschen in eine große flache
Schale zu legen, welche mit wenig Wasser versehen ist, und vermittels
dieser Wasserelektrode oder dieses flachen Wasserbades die Stromzu-
führung von dem einen Pol zu vermitteln und sodann das Kondensator-
bett gewissenriaßen umgekehrt auf der Oberfläche des Patienten in
Verbindimg mit dem anderen Pol anzuordnen. Die XJnbequemUchkeit
des Entkleidens und die kostspielige Anordnung des Bades indessen
ließen diese Methode als wenig praktisch erscheinen, und so nutzte ich,
wie oben geschildert, die vorzügliche Konduktionswirkung von
Kondensatorelektroden sehr großer Fläche aus und habe in
dieser Versuchsanordnimg bei Anwendimg von genügend gespannten
Diathermieströmen sehr große Strommengen durch den Körper auf
dem Wege der Kondensation hindurchleiten können. Hierbei treten
besonders infolge der ziemhch kompletten Bedeckung des Körpers mit
warmen undurchlässigen Stoffen durch den diathermischen Effekt der
Hochfrequenzströme erhebliche Wärmestauimgen auf, welche die
leichte und schnelle Produktion von elektrischem Fieber ermöglichen.
Betrachten wir die historische Entwicklung des Kondensatorbettes
hiemUch, so können wir in seinen ersten Formen (Apostoli) die Be-
obachtung rudimentärer diathermischer Effekte finden, bei seiner
verstärkten Applikation (Diathermie als Stromquelle, große Platten-
elektroden, Elektrode gegen Platte) bewußte und deutliche Diathermie-
wirkung, bei der Schittenhelm sehen Konstruktion ebenfalls dia-
thermische und bei allen drei bisher genannten Arten relativ lokale
Wirkungen erkennen, unbeschadet der beabsichtigten Allgemein-
applikation. Erst die letzte Anwendung des gewissermaßen doppelten
Kondensatorbettes erfüllt den Zweck der allgemeinen Applika-
tion und verbindet ihn gleichzeitig mit genügender Stromstärke. Es
ist wahrscheinlich, daß die neuen sehr leistungsfähigen Glühkathoden-
diathermieapparate wegen ihrer großen Stromabgabe zum Betriebe
des von mir angegebenen Kondensatorbettes besonders geeignet sind;
während ihre große Stromstärke für die gewöhnlichen Diathermie-
applikationen unnötig und sogar gefährlich ist. Wir ersehen aus
alledem als Quintessenz und primäre Wirkung des Kon-
densatorbettes den diathermischen Effekt.
Wir kommen nunmehr zu eihigen anderen Applikationsarten, die,
wie wir bereits betont haben, eine erhebliche khm'sche Bedeutung be-
sitzen, aber nicht mehr als reine Hochfrequenzwirkungen bezeichnet
Physiologische Wirkungen der therapeutischen Api^ationen. 71
t
;
i
i
werden dürfen. Während das Kondensatorbett infolge des Fehlens von
Sprüheffekten und durch die reinen kapazitiven Aufladungen des
Körpers doch eine reine Hochfrequenzapplikation darstellt, können wir
dieses bei der Verwendung kleiner sog. Kondensat orelekt roden
nicht mehr annehmen. Diese Kondensatorelektroden, gleichgültig,
' welcher Konstruktion, wurden bis vor kurzem stets so angewandt
i — wenigstens habe ich mich durch den Augenschein von dieser fast
i ausschließlichen Anwendungsweise überzeugt — , daß sie zur unipo-
* laren Bestreichung von Körperoberflächen oder zur unipolaren
* Einführung in Anus und Vagina benutzt wurden. Bei allen diesen uni-
I polaren Applikationen kann die Wirkung nur eine rein oberfläch -
' liehe sein. Der Effekt derartiger Applikationen ist nichts als eine Haut-
reizung, bedingt durch die minimalen Sprühentladungen zwischen
Glas- oder Kautschukwand und dem als geerdet anzusehenden Körper.
Vom Übergang einer nennenswerten Hochfrequenzenergie durch Strah-
lung oder kapazitive Aufladung kann hierbei keine Rede sein. Selbst
sehr empfindliche Milliamperemeter zeigen keine nennenswerte Energie-
entziehung des Hochfrequenzapparates an.
Ich habe schon 1907 darauf hingewiesen, daß ziu» Erzielimg kräftiger
Wirkungen und vor allem von Tiefenwirkungen stets die bipolare Appli-
kation notwendig ist, welche nicht nur vermöge des richtenden Ein-
flusises der zweiten Elektrode auf die Stromverteilung bzw. auf die Ein-
dringungsfähigkeit nach der Tiefe zu von Einfluß ist, sondern vor allem
zu einer wesentlich verstärkten Wirkung der Applikation führt. Man
kann sich leicht davon überzeugen, daß bei unipolarer Applikation selbst
maximale Einstellung der Apparatleistung durchaus erträglich ist,
während der Kontakt mit dem zweiten Pol bei leistungsfähigen Appa-
raten sofort Funkenschmerz und das Gefühl unerträglichen Brennens
bei genügender Stromstärke verursacht. Die Natur der Kondensator-
entladung mittels derartiger Elektroden bedingt es, daß im Körper eine
minimale diathermische Wirkung, allerdings nur in den obersten Schich-
ten der Haut, zustande kommt, daß aber daneben das ultraviolette licht,
soweit überhaupt der Lichteffekt dieser Strahlung von Wirkung ist,
femer die reichliche Bildung von Ozon und salpetriger Säure eine
Komponente in die Wirkung hineinbringt, die mit der reinen Hoch-
frequenzapplikation nichts mehr ^u tun hat. Wir haben eben funken-
elektrische, mechanische, thermische, chemische und diathermische
Wirkungen gleichzeitig, von denen die letzteren, wenigstens bei d'Arson-
valapparaten vernachlässigt werden können. Bei diesen spielt nämlich
die hohe Spannung eine Rolle imd bewirkt als Haupteffekt bei großer
Intensität nennenswerte Funken Wirkungen. Bei Applikation mit Dia-
thermieapparaten ist jedoch die Stromstärke bei relativ geringerer
Spannung so groß, daß die wesentlich kürzeren Funkenentladungen
sehr viel heißer sind, so daß die thermische Komponente mehr in den
Vordergrund tritt. Bei einer größeren Belastung des Diathermieappara-
tes und bipolarer AppUkation sehen wir auch den Übergang bis zu 300
und 400 Milliampere und mehr an reiner Diathermieenergie. Wir haben
es also, je nach der Apparatur und je nach der Einstellung der Intensität
72 Physik und Physiologie der Diathermie.
sowie je nach der Methode der Applikation, nni- oder bipolar, mit in-
kommensiu'ablen Wirkungen zu tun. Die Effekte dieser Applikations-
methode sind demnach verschiedenartige, am mildesten bei unipolarer
Applikation, gleichgültig welcher Apparatur. Bei bipolarer Applikation
können die Fimkenreizungen in den Vordergrund treten, tmd wir sehen
daher Auftreten einer Hypästhesie und reflektorischer Wirkimgen in-
folge des Hautreizes. Bei intensiver diathermischer Applikation tritt
deutliche arterielle Hyperämie der Haut, Schweißabsonderung, Hitze-
gefühl vorwiegend in die Erscheinung, und wir beobachten die sedative
Wirkimg bei Juckreiz, Schmerzstillung, sowie derivierenden Effekt.
Stets müssen wir jedoch bedenken, daß bei diesen Applikationen, selbst
wenn sie bipolar sind, eine größere Tiefenwirkimg nicht wahrscheinlich
ist. Indessen kann der Hautreiz zu vorübergehender Blutdrucksteige-
nmg führen.
Eine weitere Steigerung dieser Effekte haben wir bei der Douchen-
entladung. Wie oben auseinandergesetzt, werden die Effluvien durch
Verwendimg sog. Resonatoren erzeugt, und wir müssen auch hier, das
gute Funktionieren vorausgesetzt, die imi- und die bipolare Anwendung
imterscheiden. Was zunächst die Art der vom Hochfrequenzapparat
gelieferten Effluvien betrifft, so müssen wir verlangen, daß sie eine
Entfemimg der Spitzenelektrode von der Körperoberfläche von ca,
10 — 25 cm ermöglichen, und daß sie bei größerer Annäherung nicht
leicht in dickere Funkenentladimg übergehen. Die Bestrahlung muß
als feiner, kühler, von manchen Patienten auch als lauwarm bezeichneter
Hauch empfunden werden, und er darf erst bei Annäherung die Emp-
findung des Prickeins und noch größerer Annäherung des Stechens hervor-
rufen. Um dieses Desiderat zu erfüllen, ist es nötig, daß man mit der
Resonanzpraxis einigermaßen vertraut ist und Funkenstrecken sowie
Belastung durch den Speisestrom und Zahl der Windungen der Selbst-
induktion so zu regulieren versteht, daß eben diese gewünschte Wirkung
herauskommt. Apparate, die schon bei 10 cm Annäherung schmerz-
hafte Funkenentladungen geben, sind für diese Zwecke unbrauchbar.-
Wenden wir die früher allein übliche monopolare Applikation an, so
haben wir auch hier entsprechend der Kondensatorelektrodenwirkung
relativ schwache Effekte. Die Patienten spüren einen leichten Reiz,
und die physiologischen Wirkungen sind mim* male, leicht sedative.
Die Notwendigkeit der bipolaren AppUkation wxirde auch von dieser
Applikationsart von mir 1907 bereits ausdrückhch betont. Dieses war
um so notwendiger, als die, wenigstens in Deutschland, im Handel be-
findlichen Apparate sehr häufig gar keine Anschlußklemmen für eine
bipolare Resonatorapplikation besaßen. Die durch bipolare Applikation
verstärkte Wirkung hat bei größerer Entfernung der Elektrode von
der Haut deuthch analgesierende, sedative Wirkungen. Bei allmäh-
licher Annäherung tritt ein mehr prickelndes Gefühl in den Vordergrund,
und wir sehen nach anfänglicher Kontraktion der Hautmuskulatur
(Arrectores pilorum) eine deutliche Rötung und arterielle Hyperämie
eintreten. Kräftige Entladungen und noch größere Annäherung be-
wirken kräftige Muskelkontraktionen, und zwar nicht nur in den unter
Physiologische Wirktmgen der therapeutischen Applikationen. 73
der strahlenden Elektrode befindlichen Körperpartien, sondern im
^wresentlich.eii auch an den Applikationsstellen der anderen indifferenten
Elektrode. Läßt man diese in einer Hand halten, so sind die Muskel-
kontraktionen in dieser imd im Arm bei größerer Stromstärke fast un-
erträglich., und auch mit beiden Händen gehalten, erweist sich der
eine Pol als lästig. Es ist deshalb zweckmäßiger, die Handelektroden
durch üächenelektroden zu ersetzen, welche genau wie die späterhin
zu beschreibenden Kontaktapplikationen der reinen Diathermie eine
' Verteilung der Stromwirkung auf größere Hautpartien ermöglichen
und dadurch eine relative Reizlosigkeit dieses Pols bewirken. Wir
haben bei dieser Applikation die Möglichkeit, den Hauteffekt der
feinen und gröberen Büschelentladung mit der reizenden Wirkung
leichter ultravioletter und violetter Strahlung (die meist allerdings nur
im Dunkeln deutlich zu erkennen ist) und der deutlicheren Reizwirkung
feinster Eunkenentladimgen zu kombinieren. Hierzu treten bei größerer
Annäherung noch Muskelkontraktionen, welche durch die Kondensator-
entladungen dieser Applikationsmethode gegeben werden. Die dia-
thermischen Effekte dieser Methode sind wegen der großen Dicke des
Dielektrikums (Luft) und der Verwendung der hohen Resonatorspannung
auf Kosten der MUliamperezahl gleich Null.
Die weitere Annäherung der Douchenelektrode führt auch bei gut
sprühenden' Apparaten schließlich zum Übergang von dickeren
Funken. Läßt man einen solchen Funken bei genügender Intensität
auf irgendeine Hautstelle auffallen, so sieht man zunächst einen runden
oder ovalen anämischen Fleck auftreten, der eine deutliche Cutis anserina
zeigt. Die Funkenentladung führt somit zu einer sofortigen Reizung der
glatten Hautmuskulatur, auch einer lokalen Reizimg der Vasokonstrik-
toren. Dieser Zustand bleibt einige Sekunden, bei manchen Individuen
^/g bis 1 Minute bestehen und macht dann einer lokalen Erschlaffung
der Gefäße und Lösung des Muskelspasmus Platz. An Stelle der blassen
Farbe tritt ein mehr oder weniger intensives Erythem. Wiederholt man
die Funkenentladung mit genügender Intensität mehrmals an derselben
Stelle, oder hat man ein Individuum mit besonders lebhaft reagierendem
vasomotorischen System, so kann es auch schon gelegentlich nach einem
einzigen Funken zu weiteren Erscheinungen kommen. Die Vasodilata-
tion kann ein ödem, Blasenbildung, ja sogar die Diapedese von Blut-
körperchen zur Folge haben. Hochgespannte Hochfrequenzfunken der
D'Arsonvalapparate pflegen außerdem noch besonders bei bipolarer
Applikation auch eine Reizung tiefer gelegener Muskelgruppen zu ver-
ursachen, und so sehen wir selbst mächtige Muskeln, wie z. B. die
Glutäalmuskulatur unter dem Einfluß der Funkenschläge Kontrak-
tionen kräftigster Art ausführen, die als durch Kondensatorentladimgen
hervorgerufen anzusehen sind. Diese Funkenentladungen wurden
vielfach bereits von Strebel ziu» Zerstörung oberflächlicher Haut-
gebilde verwandt, z. B. zur Behandlmig von Kankroiden, Lupus usw.
Diese längst bekannte Methode wurde von Keating Heart, mit
dem neuen Namen Fulguration versehen, als Elrebsheilmittel mit
großer Emphase angepriesen und kann nach reichlicher Nachprüfung
74 Physik und Physiologie der Diathermie.
«
im In- und Auslände als solches ohne Einschränkung zurückgewiesen
werden.
Die Wirkung derartiger Funken auf normales oder pathologisches
Gewebe ist eine komplexe. Neben der Reizwirkung der Kondensator-
entladimg auf die Muskulatur ist eine leichte thermische Wirkung, so
wie sie der Hitze des Funkens entspricht, außer der gewissermaßen
explosionsartig zerschmetternden des beim Fimkenübergang statt-
findenden momentanen elektrolytischen Vorgangs zu nennen. Während
reine Hochfrequenzströme beim Durchgang z. B. dmrch eine Jodkali-
stärkelösung keinerlei elektrolytische Wirkimg erkennen lassen, treten
beim Auftreten von Hochfrequenz- oder Fulgurationsfunken minimale
stecknadelspitzengroße Blaufärbungen an der äußersten Oberfläche
auf. Erst eine sehr große Funkenzahl ermöglicht die Entstehimg deut-
licher sichtbarer chemischer Veränderungen. Diese Beobachtung an
einem flüssigen Reagens läßt eine irgendwie nennenswerte Tiefenwirkung
der Fulgurationsfunken im Gewebe unwahrscheinlich erscheinen. Da
nach reichlicher Prüfung im Inlande wie im Auslande die Fulguration
vollkommen verlassen worden ist, erübrigt es sich, an dieser Stelle
näher auf sie einzugehen.
Die Applikation längerer Funkenentladungen, sei es, daß dieselben
im Hochfrequenzinstrumentarium oder in der Influenzmaschine erzeugt
werden, wird nur noch wenig angewandt. Ihre einzige physiologische
Wirksamkeit ist ein intensiver Hautreiz, mit Schmerzgefühl und elek-
trischer Erschütterung verbunden, die zu lebhaften Muskelkontrak-
tionen führt und eine mehr oder weniger lange Zeit anhaltende Hyper-
ämie auf den betroffenen Hautgebieten hinterläßt. Als primäre Wirkung
sieht inan, wenn man z. B. die Funkenentladung auf die sichtbaren
Ohrgefäße eines Kaninchens wirken läßt, eine erhebhche Vasokontrak-
tion eintreten, welche selbst thermischen und medikamentösen Dila-
tationseinwirkungen eine Zeitlang Widerstand leistet.
Es ist eigentümlich, daß die Hochfrequenzfunken relativ weniger
Schmerzgefühl hervorrufen, als die Funken einer Influenzmaschine.
Während man bei der letzteren infolge der polaren Aufladung schon bei
geringer Funkenlänge unangenehme spezifisch elektrische Schläge in
den Armen und im Körper verspürt, tritt bei der Hochfrequenzfunken-
entladung nur in der direkt betroffenen Hautstelle eine relativ geringe
Schmerzempfindung ein. Je nach der Art der betroffenen Partie treten,
wie erwähnt, Muskelkontraktionen auf. Aber die unangenehme Emp-
findung des elektrischen Schlages in den Gelenken fehlt vollständig.
Ich habe bereits im Jahre 1907 in meinem Vortrag (loco citato) auf eine
Methode der Verwendung derartiger Funken hingewiesen, die wir weiter
unten in ihren klinischen Wirkungen betrachten werden. An dieser
Stelle will ich nur die Technik und physiologische Wirkung dieser
Applikation kurz erwähnen. Läßt man die Funken nicht direkt auf die
Haut auffallen, nachdem man den Patienten die andere Elektrode in
die Hand gegeben oder sie sonst mit ihm in Kontakt gebracht hat,
sondern auf ein mit der Haut bereits in Berührung befindliches Metall-
stück, z. B. eine freie Metallelektrode, so fällt der Hautreiz bei gutem
Ph3^iologische Wirkungen der therapeutischen Applikationen. 75
Kontakt zwischen dem Metallstück und der Haut vollständig aus, und
man beobachtet nichts als die der Funkenintensität entsprechende
Muskelkontraktion. Derartige*Applikationen stellen nun nichts anderes
als Kondensatorentladungen dar, welche neuerdings diu'ch die Arbeiten
Zanietowskis und anderer zu großer Bedeutung zu gelangen scheinen.
Zur destruktiven Wirkung auf kleine Tumoren usw. bedient man
sich mit größerem Vorteil der sehr viel heißeren Punkenentladungen,
wie sie alle Diathermieapparate zu leisten vermögen, falls man nicht
die wesentlich günstigere reine Diathermie verwendet.
Diese längst bekannten, heißen, sehr intensiven gewebezertrüm-
memden diathermischen Funkenentladungen wurden in der ersten Zeit
des Bekanntwerdens der Diathermie unter der Bezeichnung „Kalt-
Kaustik" mittels der sog. Forestschen Nadel vielfach zu kleineren
chirurgischen Eingriffen empfohlen. Die Kalt-Kaustik oder die Forest-
sche Nadel bedeutet nichts als ein kleines, spezielles Diathermieinstru-
mentarium, welches für diathermische Zwecke wenig geeignet ist, da-
gegen mit einer relativ hohen Spannung arbeitet und speziell ziu» Pro-
duktion von Funkenentladungen dient. Es ist keine Frage, daß der
Funken der Kaltkaustik sich zum Fulgurationsfunken in bezug auf seine
Intensität verhält wie die eigentliche Diathermie zur d'Arsonvalisation.
Dagegen muß entschieden Widerspruch erhoben werden, die Kalt-
kaustik bzw. Forest sehe Nadel als eine besondere Energieform der
Hochfrequenzströme darzustellen. Vielmehr ist diese Applikationsart
nichts weiter als eine mit jedem Diathermieapparat herstellbare, längst
bekannte und vielleicht die unwichtigste AppUkationsart dieser Ver-
fahren. Sie wird zweifellos das Schicksal der Fulguration teilen, denn
wo es sich um die Zerstörung sowohl großer wie kleiner Tumoren handelt,
leistet, wie wir späterhin sehen werden, die Diathermie ohne Funken-
bildimg viel Besseres, und vor allen Dingen ist die Kontaktkoagulation
mittels der Diathermie viel besser lokalisierbar als jede Funkenent-
ladung, die sich, aus einer gewissen Entfernung (Fulguration mehrere
Zentimeter, Kalt-Kaustik mehrere Millimeter) auf die Haut über-
springend, nicht ohne weiteres den Platz vorschreiben läßt, auf welchen
der Funken niederfällt. Vielmehr ändert sich mit der Austrocknung
der Gewebe, mit der Existenz kleiner, kaum erkennbarer Vorsprünge
mit den Verschiedenheiten der zufälligen Leitungsbedingungen der
Oberfläche die Art des Auftreffens des Funkens regellos, so daß bei
Operationen, die mittels dieser von Anfang an wenig aussieht voll er-
scheinenden Behandlungsmethode vorgenommen werden, der Fimke
um 1 cm neben der gewollten Stelle aufschlug imd weit im gesunden
Gewebe Zerstörungen machte, die nicht beabsichtigt, aber wegen der
Natur des Funkens eben nicht vermeidbar waren. Wir glauben daher
auch, mit diesem Hinweis auf die physiologische Wirkung, nämlich die
Zerstörung von Geweben, uns hier begnügen zu können, und werden
gelegentlich der therapeutischen Anwendung in der Chirurgie noch kurz
darauf zurückkommen.
Wir wenden uns nunmehr der physiologischen Wirkung der wich-
tigsten Applikation der Hochfrequenzströme zu, nämlich
76 Physik nnd Physiologie der Diathermie.
der Kontaktapplikation. Gleichgültig, ob wir diesen Kontakt
durch Metallflächen, wasserdurchtränkte Gewebe, Wasser- oder Bäder-
elektroden oder sonst irgendwie durch einen guten oder schlechteren
Leiter herstellen, stets erreichen und wünschen wir hierbei einen direkten
Übergang der elektrischen schwingenden Energie in den Körper ohne
jede Büschel- oder Funkenentladung. Es kommt also darauf an, das
Auftreten einer Funkenstrecke zwischen Elektrode und Körperober-
fläche zu vermeiden. Jedes Verfahren, welches eine derartige Applika-
tion von Hochfrequenzströmen irgendwelcher Art bewirkt, erzeugt rein
diathermische Wirkungen. Derartige Applikationen müssen, um wirk-
sam zu sein, stets bipolar stattfinden.
Es laßt sich nur ein einziger Fall denken, bei welchem die mono polare
Anwendung zu kräftiger Diathermiewirkung führen kann, und zwar dann, wenn
zufällig bestimmte Bedingungen physikalischer Art in dem sekundären Schwin-
gungslo'eis erfüllt sind. Nämlich nur dann, wenn an der Kontaktstelle der Elektrode
gerade ein Schwingungsbauch der Hochfrequenzwellen vorhanden ist, geht das
jeweilige Maximum der schwingenden Energie in den Körper über, und wir können
eine direkte Umsetzung der schwingenden Energie in diathermische Wärme beob-
achten. Dieser Fall ist aber nicht stets mit'^Sicherheit herbeizuführen, weil durch
die Berührung mit dem Patienten, d.. h. durch die^ Veränderung der Kapazität
des sekundären Schwingungskreises auch die Bildung anderer Formen bzw. Längen
elektrischer Wellen bedingt ist und selbst eine vorhergehende Einstellung eines
solchen Schwingungsbauches amEnde der unbelasteten Spirale das Weiterbestehen
dieser Verhältnisse bei der Belastung durchaus nicht notwendig macht. Nehmen
wir aber einmal an, bei der Belastung mit einer bestimmten Kapazität, nämlich
einem bestimmten Individuum, würde ein Schwingungsbauch am Elektrodenende
sich befinden, und die diathermische Energie würde in den Körper übergehen, so
haben wir es doch hier nicht in der Hand, bei unipolarer Applikation dem Strom
eine bestimmte Richtung zuzuweisen. Vielmehr würde sich die Energie wahr-
scheinlich nach allen Seiten in den Körper hinein erstrecken. Unter der Elektrode
würden die Kraftlinien am konzentriertesten sein, und wir würden somit eine rein
lokale Hautwirkung erhalten. Der Vorteil der bipolaren Diathermie liegt aber
gerade darin, daß wir die Hochfrequenzströme zwingen, im Körper einen bestimmten
Verlauf zu nehmen, und daß wir die Tiefenwirkungen dadurch, daß wir sie auf
eine bestimmte Gewebepartie lokalisieren, herbeiführen.
Betrachten wir nun die physiologischen Wirkimgen, welche die
reine, lokale Diathermie auf den Körper ausübt. Sorgen wir dafür, daß
jeder Funkenübergang, d. h. jede Unterbrechimg der guten Zuleitung
der Hochfrequenzströme zur Haut vermieden wird, so werden bei dia-
thermischen Applikationen keinerlei sensible oder motorische
Reizungen der üblichen bei Elektrisierung auftretenden Art be-
obachtet. Selbst wenn man die großen Strommengen eines Diathermie-
apparates — guten Kontakt natürlich vorausgesetzt^) — oder die hohen
Spannungen eines D'Arsonvalapparates mit 100000 Volt einschaltet,
tritt nicht die geringste Muskelkontraktion, kein Faradisieren, keine
irgendwie geartete Nervenreizung auf, außer dem je nach der Strom-
stärke und der Elektrodengröße einsetzenden Wärmegefühl. Wir können
gleich an dieser Stelle betonen, wie ich das bereits 1910 auf dem Kongreß
^) Die Kontaktschrauben an den Elektroden müssen stets gut angezogen
sein; die Drähte müssen intakt und nicht etwa abgeknickt sein. Jeder Defekt
in der Zuleitung zum Patienten erzeugt Störungen der schwingenden Energie
und macht faradisches Gefühl.
Physiologische Wirkungen der therapeutischen Applikationen. 77
für iPliysiotherapie in Paris getwi habe, daß die einzige nachweis-
bare und primäre Wirkung der Hochfrequenzströme der
d.iath.ermische Effekt ist. Bei den D'Arsonvalströmen kann infolge
des Iiolien Potentials durch Entladungen von der Haut aus die hoch-
potentiale, kapazitive Aufladung des Körpers unter Umständen mini-
male Ausstrahlimgen bedingen, welche jedoch subjektiv nicht wahr-
genommen werden, wenn nicht zufällig die Annäherung eines metalli-
sclien_ Gtegenstandes oder die Berührung durch den Arzt oder eine andere
Person eine richtige Funkenentladung an irgendeiner Stelle produziert.
Bei Diathermieapparaten mit ihrer minimalen Spannimg kommen solche
Möglichkeiten kaum in Frage, außer wenn sehr lange Körperstrecken
vom Hochfrequenzstrom durchflössen werden, z. B. bei der Applikation
von einer Hand zur andern durch die Arme sowie den Thorax hindurch.
Hierbei benötigen wir Spannimgen, welche bei Berühnmg der Haut
in der Nähe der Elektrode, z. B. an den Handgelenken minimale, kaum
hörbar summende Fünkchenentladungen verursachen. Aber diese Er-
scheinungen spielen für das Wesen der Diathermie imd für die physiolo-
gische Wirkung derartiger Applikationen im Vergleich zum diather-
mischen Effekt gar keine Rolle, und können vollkommen vernachlässigt
werden, da ja die Berührungen vermeidbar sind. Berührt man das
Handgelenk des Patienten mit schnell zufassendem Griff, so wird jedes
Funkengefühl unterdrückt, während" bei langsamer Annäherung oder
leisem* Überstreichen Summen und fühlbares Brennen infolge der
Fünkchen auftritt.
Haben wir also die bipolare Applikation in irgendeiner Weise am
Körper vorgenommen, so können wir die elektrische Energie zwischen
den Polen in dem Körper verlaufen lassen. Für die Art der' physiolo-
gischen Wirkungen ist es nun ziemlich indifferent, ob wir Hochfrequenz-
ströme eines D'Arsonvalapparates mit wenig schwingender Energie,
aber großer Amplitude und großen stromlosen Pausen, oder die stark
gedämpften Schwingimgen einer Löschfunkenstrecke oder die ganz im-
gedämpften Schwingungen einer Poulsenlampe verwenden. Es. ist des-
halb gleichgültig, ob wir gedämpfte oder ungedämpfte Schwingungen
an den Körper heranbringen, weil in dem Moment des Eintritts in den
Körper vermöge der intensiven Dämpfung, die er besitzt, auch noch so
ungedämpfte Schwingungen sofort erlöschen imd jegliche schwingende
Energie sich in Widerstandswärme transformiert. Der Körper besitzt
keine Eigenschwingung, noch ist er schwingungsfähig. Da der elek-
trische Strom sich mit der Geschwindigkeit von 300 000 km pro Sekunde
verbreitet, so ist im Moment der Einschaltung sofort der Zwischenraum
der Elektroden im Körper elektrisch erfüllt, und wir haben eine momen-
tane Produktion von Diathermie gleichzeitig in sämtlichen Molekülen
des zwischen den Elektroden befindlichen Körpergewebes. Diese Er-
wärmung braucht nun nicht in allen Punkten eine vollkommen gleich-
mäßige zu sein, da sie ja nach den oben angeführten Darlegungen sich
nicht ganz gleichmäßig im Gewebe verteilt, so daß von den spezifischen
Leitfähigkeits- und Erwärmungsbedingung^n die tatsächlich stattfin-
dende Erwärmung der einzelnen Gewebe abhängig ist. Vergleichen wir
78 Physik und Phjrsiologie der Diathermie.
die einzelnen, die Körpermajsse zusammensetzenden Gewebearten mit-
einander, so finden wir ziemlich konstante Unterschiede, die aus der
auf S. 56 erwähnten Skala zu ersehen sind. Diese Unterschiede sind je-
doch nur theoretisch von so großer Bedeutung. Denn in der Praxis, im
Tierversuch sowohl wie in der Therapie, spielt die Blutdurchströmung
und Plasmadurchströmung eine sehr erhebliche, nivellierende Rolle,
Wir können uns daher für die praktische Applikation merken, daß die
Neigung, sich am meisten zu erwärmen. Haut und Blut hat, und daß
die anderen Gewebe sich etwas weniger leicht diathermieren lassen.
Aber auch der lebende Knochen besitzt noch eine recht gute Leit-
fähigkeit.
Der erste physiologische und primäre Effekt der Diathermie ist,
wie gesagt, die Erwärmung. So können wir lokale Erwärmungen
einzelner Körperabschnitte bewirken. Wir konstatieren, daß
subjektiv diese Erwärmimg nach einiger Zeit wieder verschwindet, je-
doch bei weitem langsamer als eine z. B. durch bloße Wärmekonduktion
stattgefundene Temperaturerhöhimg. Die letztere dringt nur in die
Oberfläche ein und geht ebenso durch Konduktion wieder aus dem
oberflächlich durchwärmten Gewebe heraus, wobei ihre Elimination
durch die Blutzirkulation unterstützt wird. Die diathermische Wärme
erreicht jedoch sämtliche Moleküle des stromdurchflossenen Gewebes.
Sie erwärmt gleichzeitig die Zellmembran, die Protoplasmakömchen,
die Kemsubstanz, die verschiedenen Gewebsschichten ; sie gelangt
überall hin, wo der elektrische Strom hingelangt. Die Abkühlung eines
solchen molekular diathermierten Gewebes geschieht erstens diu'ch die
Blutzirkulation und die Säftezirkulation, welche im Vergleich zur
stattgehabten Erwärmung wie eine kühle Wasserleitung wirkt. Aber
diese Kühlung kann nur da stattfinden, wo der Blutstrom direkt hin-
gelangt. Mithin werden zahlreiche Wärmedepotzentren der Gewebe
durch die Zirkulation entweder gar nicht oder nur wenig gekühlt wer-
den, und die übrigbleibende Wärme muß sich durch Konduktion aus-
gleichen. Da aber die Wärme nicht durch Konduktion hineingebracht
wurde, mithin wesentlich intensiver die Gewebe durchdrang als die
Konduktionswärme, die mittels der üblichen thermischen Applikationen
produziert werden kann, so ist es erklärlich, daß auch zu ihrem Aus-
gleich dTU*ch Konduktion eine wesentlich größere Zeit verstreichen muß,
als wir sonst anzunehmen gewohnt sind. Dazu kommt die weiter unten
zu schildernde arterielle Hyperämie, welche lokal längere Zeit bestehen
bleibt und eine Erhöhung der lokalen Gewebstemperatur, allerdings
höchstens nur bis zur Bluttemperatur, bewirkt. Diese Erwägungen
lassen es verständlich erscheinen, daß, wie wir imten sehen werden, die
Patienten noch viele Stunden nach der Applikation das subjektive er-
höhte Wärmegefühl, z. B. in einem diathermierten Kniegelenk, angeben.
Der Wärmeregulierungsapparat des Körpers ist mm ein
außerordentlich fein reagierender Mechanismus. Das Bestreben der
Warmblüter, ihre Temperatur auf einem bestimmten Grade innerhalb
einer sehr geringen physiologischen Breite zu erhalten, macht sich auch
gegenüber der künstlichen Diathermieerwärmung in hohem Maße gel-
Physiologische Wirkungen der therapeutischen Applikationen. 79
tend. Applizieren wir ohne besondere Kautelen einem Tier oder einem
Menscilen größere Diathermiemengen, führen wir ihm also eine erheb*
liclie Kalorienanzahl in Form reiner, bereits vorgebildeter Energie zu,
so treten sofort die Regnlationsvorrichtimgen in Aktion. Man bemerkt,
iw^enii man z. B. Handelektroden in beide Hände nimmt und den Strom
hindurclileitet, schon nach wenigen Sekunden deutlichen Schweißaus-
bruch. in der Hohlhand. Bei Menschen mit empfindlichem Vasomotoren-
system sieht man nicht selten hierbei sowie auch bei anderen Applika-
tionen der Diathermie, Rötung des Gtesichts mit allgemeinem Schweiß-
ausbruch auftreten. Die Atmung vertieft sich, die Pulszahl steigt, die
arterielle Hyperämie sorgt für eine schnellere Durchströmung und Weg-
führung des für die Blutzirkulation erreichbaren Wärmezuschusses,
kurzum, alle lokalen und zentralen Wärmeregulationsmechanismen
treten mehr oder minder prompt in Aktion, um sich des künstlichen Ein-
griffes zu erwehren. Diese Regulationsvorrichtungen sind mächtig
genug, um meist die therapeutischen Diathermiemengen in ihrer Wir-
kung auf die Gesamttemperatur des Körpers zu paralysieren. Trotz-
dem aber können wir nicht nur lokale Temperatursteigerung von längerer
Dauer, sondern richtiges künstliches Fieber machen (ohne Intoxikation
und ohne Verbrennung von Körperreservesubstanz). Wir müssen uns
aber zur Erreichung dieses^ Zweckes gewisser Vorsichtsmaßregeln be-
dienen. WoUen wir nur lokale Temperatursteigerungen von einiger
Dauer erzielen, so genügt es, die Diathermierung des betreffenden
Körperteils in so intensiver Weise vorzimehmen, daß eine nennens-
werte Temperaturerhöhung (40 — 45 ° C) entsteht. Bedecken wir so-
dann den Körperteil mit einer wärmeundurchlässigen Schicht, so er-
reichen wir hiermit unseren Zweck. Wollen wir die Temperatur-
steigerung des Gesamtorganismus erreichen, so müssen wir auch
die Gesamtwärmeabgabe vermeiden und den ganzen Körper sorgfältig
einhüllen und bedecken. Es ist gar nicht schwierig, hierdurch die
Körpertemperatur um mehrere Grad zu erhöhen, wie ich das in Paris
1910 dargelegt habe. Später hat Schittenhelm an Hunden mittels
der Kondensatorbettmethode ebenfalls Gesamttemperatursteigenmg
erzeugt, und es ist ihm gelimgen, Tiere durch Wärmestauung zu töten.
Aber selbst kleinere lokale Diathermieapplikationen, z. B. die Durch-
wärmung eines Kniegelenks, können allgemeine Temperatursteige-
rungen auslösen. So sehen wir häufig geringe Steigenmg (0,1 — 0,3°) in
der Achselhöhle nach therapeutischen Applikationen an fem gelegenen
Stellen auftreten. Wenden wir relativ kleine Elektroden bei großer
Stromstärke an, d. h. sorgen wir für eine erhebliche Verdichtung der
Stromlinien bei relativ kleinem Querschnitt, so können wir die Er-
wärmung an der Stelle der Elektrode so weit steigern, daß Schädigungen
der Gewebe eintreten (siehe später die chirurgischen Applikationen).
Diese Schädigungen brauchen nun keineswegs die komplette Eiweiß-
koagulation zur Folge zu haben, sondern schon bei relativ niedrigen
Temperaturen, 45 — 52°, treten gewisse biologische Veränderungen
auf, die wir von der Immunitätslehre her kennen imd als Ausfällung
von Globulinen bezeichnen.
gO Physik und Physiologie der Diathermie.
Die weitere Steigerung der Temperatur führt zur weiteren Zer-
störung des Eiweißmoleküls, imd wir haben bei ca, 80° schon eine
Koagulation der meisten Gewebe zu gewärtigen. Die koagulierte Haut
erscheint in zwei Schichten zerlegt. Zunächst tritt fast regelmäßig
eine Ablösung der obersten Epidermisschichten infolge einer sofort
einsetzenden Irritation durch Blasenbildung auf. Nur bei Koagulation
mit sehr großen Stromstärken sieht man ein gleichmäßiges Durch-
koagulieren ohne Blasenbildung der gesamt<3n Hautschichten. Die
Haut nimmt infolge der Koagulation eine sehr zähe, lederartige Be-
schaffenheit an, sie kann meistens nicht mit dem scharfen Löffel oder
gar mit einem stumpfen Instrument entfernt werden, sondern muß
scharf durchtrennt werden, falls man ihre Entfernung wünscht. Auch
das Knochengewebe behält unter dem Einfluß der Diathermie seine
Konsistenz. Die anderen Gewebe dagegen außer Faszien bilden alle
bei diesen Temperaturen weiche Koagulationsmassen, welche mit einem
Tupfer schon entfernt, stets aber leicht mit dem scharfen Löffel ehmi-
niert werden können. Treibt man die Koagulation weiter bis zur gänz-
Hchen Austrocknimg oder zu noch höherer Temperatur, so tritt imter
Dampfbildung imd Kjiistem infolge der freiwerdenden Gasblasen
schließüch eine Karbonisierung der Gtewebe ein, sowohl der Weichteile
wie der Knochen, welche zu einer Braun- und weiterhin zu einer Schwarz-
färbung führt. Solche karbonisierten Gewebe sind nicht mehr leit-
fähig für Hochfrequenzströme. Es bilden sich bei weiterer Applikation
in ihnen partielle Funkenentladungen, und das Aufhören der reinen
Hochfrequenzschwingungsenergie dokumentiert sich in Muskelkontrak-
tionen, d. h. motorischen Reizungen. Hiervon zu unterscheiden sind
bei reiner Diathermie auftretende Muskelkontraktionen, welche durch
Wärmereizung der Muskulatur selbst wie auch durch Wärmereizung
des die Muskeln versorgenden motorischen Nerven oder einzelner seiner
Fasern verursacht werden. Diese primäre Wärmewirkung der Dia-
thermie betrachten wir als den wesentlichen Effekt einer
jeden Hochfrequenztherapie, aus dem heraus sich erst die
anderen sekundären physiologischen Effekte erklären las-
sen, die wir somit als sekundäre Effekte bezeichnen wollen.
Da alle Gewebsmoleküle des Körpers, soweit sie der Diathermie-
wirkung unterworfen werden, sich erwärmen, so beobachten wir se-
kundäre Wirkungen der Diathermie verschiedener Art, je nach dem
vorliegenden Gewebs- oder Zellcharakter. Wir haben oben gesehen,
daß nach Durchquenmg der Haut die Hochfrequenzströme ihre gün-
stigsten Leitimgsbedingungen im Blutgewebe finden, mithin die Blut-
gefäßbahnen zu ihrer Leitung bevorzugen. Wir beginnen daher unsere
Betrachtungen mit dem Einfluß auf die Zirkulation. Die Zirkulations-
funktionen des Organismus setzen bereits rein physiologisch einen außer -
ordentHch komplizierten Mechanismus voraus. Das Zentralorgan, das
Herz, ist in seiner Funktion von einer Anzahl in ihm und außerhalb
seiner belegenen Bedingungen bezüglich seiner Funktionen abhängig.
Nicht alle diese Bedingungen sind einer klaren experimentellen Prüfung
zugänghch, und so können wir auch an dieser Stelle nicht erschöpfend
Physiologische Wirkungen der therapeutischen Applikationen. 81
den physiologischen und experimentellen Ablauf der Diathermie-
wirkimgen darstellen. Wir wollen nur einige wesentliche Momente betrach-
ten, soweit die bisher vorliegenden Beobachtmigen mid Experimente einen
Hinweis auf die Wirksamkeit der Ströme geben. Die Herzmuskulatur
selbst ist nicht mit einem gewöhnlichen Muskel vergleichbar, denn sie
enthält eine Zahl selbständiger nervöser JRegulationsorgane, so daiß
die Diathermierung des Herzens bereits komplexe Wirkungen auf
Muskelfasern und Nervengewebe bedingt. Legt man das Herz eines
Kaninchens oder einer Katze frei und imterwirft es der direkten Dia-
thermierung, so ist die Wirkungslosigkeit selbst relativ starker Strom-
applikationen sehr auffallend. Ich habe 1906 — 1908 diesbezügliche
Versuche angestellt, über die ich zum Teil in der Medizinischen Gesell-
schaft 1910 referiert habe.
Versuch I.
Bringt man das freigelegte Kaninchenherz durch Faradisieren zum Flimmern,
so ist es so weit geschädigt, daß durch irgendeine bisher bekannte Methode seine
normale Funktion nicht mehr hergestellt werden kann, und in kurzer Zeit der
Herztod eintritt. Es gelingt nun nicht bei jedem Tier, das flimmernde Kaninchen-
herz durch die Diathermie wieder zum normalen Schlagen zu bringen. Aber in
einzelnen Fällen, vielleicht dann, wenn die Schädigung keine allzu hochgradige
gewesen ist, habe ich durch direkte Applikation der einen Diathermieelektrode
auf die Vorderfläche des Herzens unter sorgfältiger Vermeidung schädigender
Erwärmung und starken Druckes die normale Kurve in der Carotis wieder er-
zeugen können.
Versuch IL
Appliziert man die Ströme direkt auf ein gesundes Kaninchenherz, so be-
obachtet man,- daß mit dem Moment des EinSchaltens der Hochfrequenzströme
die Pulszahl eine kolossale Beschleunigung erfährt, und zwar bis zum Doppelten
der Norm. Es ist dies um so bemerkenswerter, als selbst intensive toxische Be-
einflussungen eine so kolossale Beschleunigung nicht herbeizuführen pflegen.
Von der größten Wichtigkeit jedoch ist die Beobachtung, daß bei diesem Ver-
fahren nur die Schnelligkeit des Pulses wesentlich beschleunigt wird, ohne
daß die Pulskurve selbst eine bedeutende Veränderung ihres Charakters
eriährt (siehe Abb. 46 a und b). Unterbricht man nun die Diathermiebehandlung,
so kommt das Herz in sehr kurzer Zeit (in wenigen Minuten) zu seinem ursprüng-
lichen Rhythmus zurück, ja sogar eine Verlangsamung gegen den Teil der Kurve
vor der Diathermierung kann man beobachten (Abb. 46c). Es geht hieraus hervor,
daß die kolossale Beschleunigung der Herzaktion infolge der Diathermie nicht
nur nicht zu einer Ermüdung oder gar Erschöpfung des Herzmuskels geführt hat,
wie das bei toxischen (medikamentösen) oder mechanischen Eingriffen die Kegel
ist, sondern daß das Herz kräftiger als vorher arbeitet mit relativ weniger Puls-
schlägen und vergrößerter Amplitude, d. h. also, mit besserem Schlagvolumen
funktioniert. Aus den Kurven der Abb. 46 ist diese Wirkung ersichtlich. Es geht
hieraus wiederum hervor, daß die Diathermie ein Verfahren darstellt, fremde
Energie in Form von Wärme und zum sofortigen Gebrauch disponibel in die Organe
einzuführen und nicht nur dadurch die in den Organen deponierten Reservestoffe
vor Verbrauch oder Erschöpfung zu schützen, sondern absolut in Lebens- oder
Funktionsenergie überzugehen. Die diathermische Energie ersetzt somit die zur
Funktionserhaltung aus der Nahrungsverbrennung zu gewinnenden Kalorien
und somit diese selbst zu einem gewissen Grade.
Es geht femer aus dem Vergleich der drei Kurven hervor, daß die Diather-
mierung den Pulsdruck sofort steigert. Diese Steigerung (Erhebung der Kurve
über die Nullinie) hält während des Stromdurchganges — eine genügende Strom-
stärke vorausgesetzt — an und hört mit der Strompassage wieder auf. Die Ver-
suche sind vielfach wiederholt und unter allen notwendigen Kautelen ausge-
Xagelschmidt, Diathermie. 2. Aufl. 6
82
Physik und Physiologie der Diathermie.
führt; z. B. waren die Elektroden dauernd in gleichmäßigem Kontakt mit dem
Tier, auch während des Teiles a) des Versuchs; die Versuche wurden in Narkose
vorgenommen.
a: vor
b: während
c: nach der Diathermierung. Bei „b" ist die Steigerung des Blutdruckes
(Erhebung über die Nullinie) zu beachten.
Abb. 46. Carotispuls des Kaninchens nach Ereilegung der Herzoberfläche
und Diathermierung.
Um den Einfluß der Diathermie auf Puls, Blutdruck, Atmung
näher zu studieren, habe ich gemeinschaftlich mit Dr. T. A. Maaß
eine Reihe von Versuchen an tief narkotisierten Hunden und Katzen
ausgeführt. Die in den folgenden Abbildungen dargestellten Kurven-
abschnitte zeigen einige typische Wirkungen bei verschiedenen Appli-
kationsmethoden.
Versuch I.
MittelgroÜDr Terrierhund, Urethannarkose. Applikation der Diathermie
mittels einer Bückenelektrode und einer aktiven Elektrode auf dem Stemum über
dem Herzen. Anwendung der Diathermie in therapeutischer, nicht schädigender
Dosis (500 Milliampere bei -f )• I^e Kurve 47 zeigt den Carotispuls und gibt auch
deutlich die Atemwellen zu erkennen. Unter leichter Erwärmung der Haut tritt
(nach etwa 20 Sekunden) eine deutliche, wenn auch geringe Blutdrucksteigerung
ein, welchev während der Applikation konstant bleibt und unmittelbar nach Aus-
setzen des Stromes ( — ) wieder zu sinken beginnt und zur Norm zurückkehrt. Die
Diathermierung des Schädels von Schläfe zu Schläfe bei 600 Milliampere (Kurve 48
bei +) ergibt eine minimale Blutdrucksteigerung in der Carotis, dagegen die
Steigerung bis 900 Milliampere am Schädel (++) einen deutlichen Anstieg des
Blutdruckes, welcher nach Aussetzen ( — ) wieder fällt, jedoch während der nächsten
halben Minute noch etwas höher bleibt als zu Beginn des Versuchs. Die einzelnen
Pulsamplituden sind geringer geworden, die Pulsfrequenz ist ungefähr die gleiche
geblieben.
Aus diesen Versuchen ersieht man, daß relativ kleine (therapeu-
tische) Dosen einen leichten Anstieg des Blutdruckes während der
Dauer der Applikation mit nachträglichem Abfall ungefähr zur Norm
bedingen, daß die einzelnen Pulse sehr gut und normal ausgebildet
sind und eine deutliche Veränderung der Atemwellen nicht eintritt.
I
I
§4 Pfaysih nnd PhjBiologie der Diathermie.
Versuch n
leigt bei Beitlioher ThoraxduTohwärmnng io tberapeutiaoher Dosis, 500 Milli-
ampere (+), bei 6 cm ElektTodeDdoTohmesser eine deutliche Atemvertiefnng.
Kurve 49.
Über den Einfluß großer StrotnBtörken ohne Koagulation der Haut
orientiert der folgende Versuch,
Versuch III.
Mittelgroße Katze, TJrethannarkoHe. Applikation zweier Plattenelektroden
seitUoh am Thorax zwecks Durchwönniuig des Herzens. Hierbei witd auch die
Lunge mit durchwärmt. Von der eröffneten Bauchhöhle aus wird ein Thermometer
in das Mediastinum geschoben. Es wird die relativ groÜe Strom menge tdh
1700 Milliampere (Kurve 50) angewandt, und man sieht deutlich mit dem Ein-
setzen der Diathermiemng (bei -f) eine wesentliche Vertiefung und geringe
Verlangsamung der Atmung. Der Puls wird wenig beschleunigt, und unmittel-
bar nach dem Aussetzen (bei — ) kehrt der Atemtjpus wieder zur Norm zurück.
Dabei ist die Temperatur innerhalb des Mediastinums um 2° gestiegen. Eine
Koagulation der lioraxwand hat nicht stattgefunden.
Man ersieht hieraus, daß die schwächere Applikation des ersten
Versuchs, auf daa Herz lokahsiert (Elektrode auf das Stemum), den
Puls und Blutdruck deutlich beeinflußt, den Ätemtypus jedoch nicht
berührt, während die Querdurch^rännung des Thorax sowohl mit ge-
ringer wie mit großer Stromstärke die Atmung erhebUch verändert,
den Puls jedoch nur der Temperatursteigerung um 2° entsprechend
beschleunigt und den Blutdruck ganz wenig steigert.
Versuch IV.
In der Fortfährung des Versuches III wurden weiterhin exzessive Strom-
stwken bei eeitlioher Durchstrahlung des Thorax angewandt, wobei partielle
f
n)]ni<dogiBcIie Wirkoiigen der UierapeiitiBcheB Ä|qalik&ti<Nten. 87
Kompilation der 'nar^xmad änlrkt. Die Stromatärke betrug 1000 UüHAmpa«.
Kurve 53. Man sieht deutlich eine mehr und mehr xanehiDeiide Atemverluig-
Bamong mit ab und za Tertieft«n Atemzügen [ + ), die schlieBlich zn einer Perioden-
läldnng dee Ätemtvpns, jedoch nicht ED einem eigentlichen Cheyne-Stokes führt.
Diese eigentümliche At«mver]angsamimg, welche mit einem insfärstoriBchen
seafsemrtigcn Geräusch verbunden war, wnrdc mit Eunebmender Starre dee
Thorax (Koagolation der Wand) so »beblich, daß infolge Anssetzena der Bespra-
tion fcönstliche AtmoDg nötig wnnle (äehe Knrve 51). Die TemperBtnTHteigemng
im Mediastinum, welche in 3 Hinuten hierbei erdelt wurde, betrug + 4 Grad.
Versuch V.
Bei weiUier Steigerung der Koagulation wurde der Thorax immer starr»,
so daB hierdurch die Atmung allmählich immer mehr und mehr esschwol wurde,
Hicrbä änkt der BIntdmck allmählich herab und schlieBUch bei AtemstQbtand
in demlich erhcbUch» Weise. Nach Einleitung der künstlichen Resjöration,
steigt der Blutdruck wicd», und es erfolgen einige spontAne Atemifige in groBen
Intervallen. Nach wenigen Müinten tritt unter eibeblicbem Ahsiiiken des Bhit-
druckea der Exitus letalis, vermutlich infolge der Wärmestauung, ein. Kurve 52.
Versuch VI.
Läßt man den Strom von den Hinterestrcmitftten ans eintreten, so el«igt
bei 450 Milliampere (Kurve 53 +) der Blutdruck eotort und fällt kun nach Ads-
wlii II der Diathermiernng ( — ) zur Norm herab. Bei 500 Milliampere tritt keine
deutliche BlutdmcfcHtägerang mehr ein, hingegen bei Applikatdon von 800 Milli-
ampere (bei +]. Nach Stromzufuhr während 2Vi Mmuten steigt der Blut-
drack im Idiufe der nächsten Dreiviertelstunden dauernd weit^ an und beginnt
dann »st allmählich wieder zu «nken. Hierbei war eine ErtiÖhnng dfx Tempe-
ratur in der Bauchhöhle bis zu 1,5 Grad eingetreten.
Versuch VIL
In dem folgenden Tersach wurden die Hinterbdne, welche wiederum die •
Stromzufuhr mittels Wasserelektroden vermittelten, durch Anwendung hoher
StroniiBtärken zur vollkommenen Koagulation gebracht. Ke Ei n s c h aHung des
intennven Diathermiestiomes tJeibt mit einem Ruck den Blutdruck erheUich in
die Höbe. Kurve 54 bei +. Die einzelnen Am^toden werden vwabesgebend
8S Physik und Physiologie der Diathermie.
größer. Der Blutdruck sinkt alhnählich etwas herunter, bleibt aber, nachdem die
Hinterextremitäten vollkommen verkocht waren, höher als normal, mit einigen
Schwankungen in Form von Zacken (zweiter Teil der Kurve 54). Dieser Versuch
zeigt, daß die Ausschaltung zweier ganzer Extremitäten durch diathermische
Koagulation keinerlei wesentliche momentane Schädigung des Gesamtorganismus^
bedeutet.
Versuch Vm.
Die Untersuchung der Wirkung der Kondensatorelektrode auf die äußere
Haut in Narkose zeigt selbst bei Applikation kräftiger Kondeneatorentladungen,
welche zu einer leichten Versengung der Körperhaare führten, weder auf dem
Bauche noch auf der Brust noch am Kopfe eine nennenswerte Beeinflussung des
Blutdruckes. Nur die Applikation des Kondensatorelektrodenreizes auf das frei-
gelegte Herz macht zunächst eine Blutdrucksenkung infolge von Vagusreizung
und Rückkehr des Blutdruckes zur Norm mit geringer nachfolgender Senkung.
Bei der Wiederholung der Applikation jedoch tritt eine stärkere Vagusreizung
und nachfolgend ein leichter Anstieg des Blutdruckes ein, welcher nach einigen
Sekunden zur Norm. herabsinkt. Kurve 55.
Es geht hieraus hervor, daß die beimMenschen eintretendeBlutdrucksteigerung
nach Kondensatorelektrodenapplikationen auf der sensiblen Reizung beruht und
reflektorisch ausgelöst wird, während das tief narkotisierte Tier auf diesen Haut-
reiz nicht reagiert.
Funkenentladungen rufen dagegen auch in Narkose heftige Muskel-
kontraktionen hervor.
Der
Versuch IX
zeigt den Elarotispuls und die diurch Funkenapplikation an der Thoraxwand hervor-
gerufene Blutdrmcksteigerung. Jede Zacke entspricht dem Überschlag eines kleinen
Funkens. Kurve 56.
Versuch X.
In dem folgenden Versuch wurde das Verhalten des Blutdrucks gleichzeitig
mit dem der Blutfüllung der Darmgefäße registriert. Der Strom wurde mittels
Wasserelektroden von den Hinterbeinen aus, welche fast der ganzen Länge nach
in flache Becken eintauchten, zugeführt. Die Pulskurve 57 zeigt deutlich die Atem-
schwankungen, welche von einer größeren Zahl von Pulswellen überdeckt sind.
Nach Einschaltung von 800 Milliampere steigt das Darmplethysmogramm kolossal
an, so daß die Schreibfeder am Buchstaben X heruntergesetzt werden muß (X Y).
Der weitere Anstieg bis Z ist deutlich zu erkennen. Die enorme Volumenzunahme
des Darms, welche im Anschluß an eine, 35 Sekunden dauernde Diathermierung
auftritt, steigert sich nach Unterbrechung des Stromes noch wjLhrend der nächsten
Minute bis Z. Am Schluß der Kurve sind besonders gut ausgebildete Pulse des
Darmplethysmogramms zu erkennen. Der Blutdruck, welcher bei Einschaltung
des Stromes (+) zuerst in zwei Erhebungen in die Höhe schnellt, fällt sofort nach
Ausschaltung { — ) zur Norm herab. Das Darmplethysmogramm zeigt allerdings
diese kolossale Steigerung nicht oder nicht allein infolge der Volumenzunahme des
Darmes, sondern auch infolge der Lufterwärmung in der Kapsel; denn es ist eine
Temperatursteigerung von 0,2 Grad innerhalb der Darmkapsel eingetreten. Immer-
hin ist von einer Verengimg des Splanchnicusgebietes und Verdrängung der Blut-
masse nach der Peripherie nichts zu bemerken, wie solche bei gewöhnlichen Wärme-
applikationen von außen beobachtet werden.
Irf
Versuch XI
wurde der Einfluß der Koagulation der Leber auf den Blutdruck studiert. Es zeigt
sich, daß der Blutdruck nicht im geringsten beeinflußt wird, ebensowenig die
Physiologische Wirkungen der therapeutischen Applikationen.
P
I
90 Physik uod Physiologie der Diathermie.
Atmung. Kni^e 58. Am Schluß des Versuches war ein ganzer Leberlappen
koaguliert, ohne daß irgendeine Wirkung auf Atmung und Zirkulation zu sehen
war. Knrve 59.
Sehr interessant ist die Wirkung der direkten koagulierenden
Diathermie -Applikation auf den Herzmuskel selbst.
Versuch Xn.
Künstliche Atmung. Urethaimarkose. It^;istrierung des Kuotiepulses.
Eröffnung des Thorax und Freilegung des Herzens. Leichte Diathermiening mittels
der bereits mehrere Minuten stromlos aufliegenden Elek^ode ergibt jedesmal eine
plötzliche Senkung des Blutdrucks durch Vagusreizung mit nachfolgendem An-
stieg zur Norm nach Aussetzen des Stromes. Kurve 60. Die Koagulation eines
kleinen Stückes der Wand des linken Ventrikels führt zu einer eehr erheblichen
Senkung des Blutdrucks, jedoch wieder zu vollkommen normalem Anstieg, wobei
bemerkenswert ist, daß sowohl der Rhythmus wie die Form der einzelnen Pulsation
unverändert bleibt, und auch die Atemfrequenz nicht beeinflußt wird. Eb wird
nunmehr ein größeres Stück des linken Ventrikels koaguliert, wobei sich derselbe
Vorgang wiederholt. Auch die Kofkgulation des rechten Ventrikels zeigt dasselbe,
nur Bt«igt danach der Blutdruck sehr schnell wieder zur Norm und darüber hinaus
an und bleibt erhöht. Es wird nunmehr die Vorho^egend koaguliert, wobei
ehenfaUs eine erhebliche Senkung nach unten eintritt. Nach Aussetzen des Stromes
steigt aber auch hier, nachdem etwa ein Drittel der gesamten Herzoberfläche
koaguliert ist, die Kurve wieder deutbch an und zeigt gute und regelmäßige Pul-
sation. Die Registrierung wird noch etwa 15 Minuten weiter fortgesetzt, ohne daß
eine wesentliche Schädigung der Herzaktion zu konstatieren ist. Kurve 61. Nach
Tötung des Hundes zeigt sich, daß die Koagulation die ganze Rerzwand bis zum
Endokard durchsetzt hat, und es ist gewiß bemerkenswert, wie gering der durch
diesen enormen Eingriff hervorgerufene Einfluß auf Blutdruck und Herzrhythmus
gewesen ist.
Die vorstehenden Tierversuche, welche in tiefer Narkose aus-
geführt wurden, stehen im Widerspruch mit plethyamographischeii
Untersuchungen anderer Autoren. So hat Schittenhelm am Arm
des Menschen bei der Diathermierung eine plethysmographische Steige-
rung gefunden und schließt auf eine Kontraktion des Splanchnikus-
gebietes mit Verschiebung der von dort verdrängten Blutmasse bach
der Peripherie. Er sieht darin eine reflektorische Abwehraktioa des
Organismus gegen die Wärmestauung. Eine derartige Differenz ist
zwar auffallend, läßt sich aber ausreichend erklären. Zunächst sind
plethysmographische Versuche am nicht narkotisierten Menschen in
keiner Weise beweisend. Zumindest wäre eine sorgfältige Dressur zu-
vor notwendig gewesen, da die leichteste psychische Beeinflussung, der
geringste thermische Eeiz, eine unwillkürliche Muskelbewegung oder
irgendwie bedingte vasomotorischo Beeinflussung schon erhebliche Aus-
schläge bewirken können. So ist ja der Versuch z. B. bekannt, hei dem
durch Aufspritzen eines feinen kalten Waeserstrahles auf den rechten
u
:2£
il
8
tu
92 Physik und Physiologie der Diathermie.
Arm das Plethysmogramm des linken Armes einen intensiven Ausschlag
gibt. Derartige Versuche sind also nur mit Anwendung der allergrößten
Kautelen beweisend, und ich glaube, daß die in tiefer Narkose vorge-
nommenen Tierversuche von Maaß und mir in dieser Beziehimg ein-
deutig sind. Sie haben regelmäßig ergeben, daß die Diathermierung,
gleichgültig, ob sie von den TJnterextremitäten aus oder am Thorax statt-
fand, stets eine sofortige Reaktion des Splanchnikusgebietes im Sinne
einer Vasodilatation oder Zirkulationsbeschleimigung daselbst hervorrief.
Die in den vorstehenden Versuchen beobachteten Wirkimgen der
Diathermie sind, soweit es sich nicht um Kondensator- oder Fünken-
reizungen handelt, Experimente, welche die Wirkung der reinen Tiefen-
erwärmimg zeigen. Sie sind natürlich nicht ohne weiteres auf die An-
wendimg in der Klinik oder auch am gesunden Menschen übertragbar.
Denn die sensiblen Nebenwirkungen imd die mannigfaltigen psychischen
Einflüsse spielen hierbei komplizierend eine große Rolle. Immerhin aber
geben sie einen Anhalt für die Bewertung der reinen Wärmekomponente.
Ich möchte mm noch einige B^obachtimgen anschließen, welche
ich bezüglich der Wirkimgen der Diathermie auf die lokale Zirkulation
gemacht habe.
Durchschneidet man die Haut z. B. bei Gelegenheit irgendeiner
Operation und stillt die Blutimg durch Kompression, so sieht man,
wenn man nimmehr die Applikation von diathermischer Elektrizität
zu beiden Seiten des Hautschnittes in einiger Entfernung von dem-
selben vornimmt, eine reichliche Blutung sowohl aus den Gefäßen
wie parenchymatös auftreten. Macht man denselben Versuch an der
Leber eines Kaninchens, stillt ebenfalls durch Kompression die Blutung,
nachdem man die Leber geritzt hat, so tritt bei leichter Durch-
wärmung Auch hier eine kräftige parenchymatöse Blutung ein. Legt
man auf eine normale Hautstelle eine diathermische Elektrode und
diathermiert während einiger Sekunden mit genügender Stromstärke,
so sieht man schon während dieser Zeit an den Elektrodenrändem eine
hellrote intensive Hyperämie auftreten, die sich nach Abnahme der
Elektrode nach einer Minute etwa über die ganze diathermierte Fläche
erstreckt. Drückt man die gleiche Elektrode ohne Diathermierung an,
so erhält man auch infolge des Druckes eine leichte Hyperämie, die
aber nach wenigen Sekunden abklingt, während die diathermische
Hyperämie eine Reihe von Minuten bestehen bleibt. Ist die
Hyperämie abgeklungen, und unterscheidet sich die Hautstelle in keiner
Weise von der umgebenden Haut, so kann man sehr oft durch Über-
streichen mit dem Nagel (wie es zur Untersuchung des Dermographis-
mus üblich ist) eine erheblich stärkere Reaktionsfähigkeit der diather-
mierten Stelle gegenüber der umgebenden Haut feststellen, also ein
ähnlicher Effekt wie nach Rnsenbestrahlung. Auch hier hat man nach
Ablauf der Reaktion eine scheinbar normale Hautstelle vor sich, die
aber eine stärkere vasodilatatorische Fähigkeit besitzt als die nicht be-
handelte umgebende Haut.
Von sehr großer Bedeutung für die Beurteilung der diathermischen
Wirkung im Gewebe ist auch der folgende Versuch:
Physiologische Wirkungen der therapeutischen Applikationen. 93
Legt man z. B. am Oberarm eine elastische Binde so fest an, daß
zunächst Biersche Stauimg mit Cyanose entsteht, imd zieht dann die
Binde noch fester an, so daß jede weitere Zirkulation ausgeschlossen ist,
so kann man nüt Regelmäßigkeit folgendes Experiment vornehmen:
Legt man eine Elektrode von 4 cm auf den blau gefärbten Handrücken
und gibt dem Patienteij in die andere Hand etwa 1 Handelektrode, so
sieht man nach einem Stromdurchgang von 300 Milliampere während
etwa V2 Minute, daß die unmittelbar unter der Elektrode belegene
Hautstelle hellrot geworden ist. Nach einer Minute nach Abnahme der
Elektrode ist der Unterschied wieder ausgeglichen und <iie Stelle blau.
Legt man die Elektrode nun wiederum auf und diathermiert wieder,
so tritt wiederum die hellrote Färbung auf, um nach kiu^zer Zeit zu ver-
schwinden. Löst man sodann die Binde imd wartet, bis die Zirkulation
ausgeglichen ist, so sieht man keinerlei Nachwirkung oder Farbendiöerenz .
Dieser Versuch beweist wiederum, daß die Diathermierung die Ein-
führung fremder Energie in das Gewebe imd einen Ersatz der natür-
lichen Gewebsemährung bildet. Die lokale Arterialisierung, welche in
der hellroten Färbung sich dokumentiert, zeugt von einer von der Zir-
kulation unabhängigen Steigerung der Oxydationsfähigkeit des Gewebes.
Die Hauthyperämie tritt bei Menschen mit trägem Vasomotoren-
system nicht immer auf oder nur in geringem Grade; trotzdem kann
eine Tiefenhyperämie eintreten. So beobachtet man häufig im Tier-
experiment bei großen Stromstärken in tief gelegenen Muskelpartien,
Faszien, serösen Häuten das Auftreten von Petechien und Suggilla-
tionen, während die Haut selbst anscheinend intakt ist. Tiefenhyperämie
läßt sich auch anderweitig leicht beobachten. Bei Durchwärmung des
Uterus vom Rektum zur Bauchdecke sieht man arterielle Rotfärbung
des Zervix auftreten; ebenso Erweiterung der Blasengefäße bei Durch-
wärmung der Blase; Rötung der Kehlkopf Schleimhaut bei äußerer
Diathermierung des Kehlkopfs.
Betrachten wir nunmehr die Wirkungen der Diathermie auf das
Nervensystem! Wir haben wiederholt erwähnt, daß sensible und
motorische Reizungen infolge von Hochfrequenzströmen nicht auf-
treten. Dies ist jedoch nur der Fall, wenn die Stromdichte eine so ge-
ringe bleibt, daß eine erhebliche Erwärmimg der Nervensubstanz nicht
stattfindet. Denn gerade wie wir durch thermische Wirkungen der
altbekannten Art die sog. Wärmereize auf den Nerven ausüben können,
so kann auch die diathermische Wärme, wenn sie einen bestimmten
Grad erreicht, den Nerven reizen.
Bezüglich der Empfindung der diathermischen Wärme sind nur
wenige Punkte hervorzuheben. Zunächst entsteht die Frage: Wo
fühlen wir diese Tiefenwärme? Da die Möglichkeit der Tiefendurch-
wärmung für uns ein Novum ist imd unsere gesamte phylogenetische
und individuelle Erfahrung uns gelehrt hat, Wärmeempfindungen
peripher zu lokalisieren, so ist es erklärlich, daß wir auch die diather-
mische Wärme meist in den obersten Hautschichten empfinden. Be-
nutzt man die Handelektroden, so geben manche Patienten an, daß
sie die Empfindung hätten, als ob aus dem Ende der Elektrode heraus
94 Physik und Physiologie der Diathermie.
die Wärme nach dem Arm zu ausströmte. Andere haben das Gefühl,
als ob aus dem Arm heraus nach allen Seiten die Wärme strahlte.
Wieder andere behaupten, daß sie den Puls warm durch den Arm
schlagen fühlten. Setzt man Flächenelektroden zu beiden Seiten des
Knies z. B. auf, so geben die Patienten häufig an, daß sie die Emp-
findung hätten, als wenn die Wärme durch igid durch gehe. Das ist
aber nur dadurch bedingt, daß sie auf diametral entgegengesetzten
Flächen der Extremität in der Haut empfunden wird. Bei Durchwär-
mimgen des Thorax wird auch die Erwärmung der Haut von den Pa-
tienten hervorgehoben. Indessen ist dann meist auch das Gefühl einer
wohltuenden Wärme, die den ganzen Körper durchstrahlt, vorhanden.
Manche Patienten geben nach lokaler Diathermierung an, daß sie
während des ganzen Tages das Gefühl einer wohltuenden Wärme bei-
behalten hätten. Wieder andere beschreiben nur während der Appli-
kation oder unmittelbar danach ein leichtes Wärmegefühl, das aber
nach einigen Minuten abklingt. Danach verspüren sie nichts. Es
scheint nach allem, daß wir nur in der Haut Wärmeempfindung haben
und sie nur dort zu lokalisieren vermögen (siehe Syringomyelie S. 199).
Eine mit dem Wärmegefühl gleichzeitig einsetzende Wirkung auf die
Nervenleitung beobachten wir in Krankheitsfällen. Es ist bekannt,
daß die Wärme in ihren übüchen Anwendungen eine schmerzstiUende
Wirkung ausübt, und so ist es nicht verwunderlich, daß die diather-
mische Wärme, welche eine noch viel wesentlichere Tiefenwirkung
und mithin größere Intensität, zumal in der Tiefe, aufweist, eine aus-
gesprochen schmerzstillende Wirkung entfaltet. Wir können vielleicht
annehmen, daß diese Wirkung auf einer Art inhibitorischer Funktion
beruht. Vielleicht wird der Eigentonus der Nervenfibrillen so erhöht,
daß die Schmerzleitung einen größeren Widerstand findet, vielleicht
spielt auch die elektrische Molekularerschütterung der den Nerven zu-
sammensetzenden Moleküle eine Rolle jfür die Erschwerung der zentri-
petalen Beizleitung. Als weitere Erklärung für die schmerzstillende
Wirkung kann die Hyx)erämie, die wie jede Stauung schmerzlindernd
wirkt, herangezogen werden. Dagegen spricht aber die meist prompte
Wirkung, die in den ersten Sekunden des Stromdurchgangs eintritt, also
bevor eine Hyperämie eingetreten sein kann. Ferner tritt sie oft bei
ganz schwachen Strömen auf, die überhaupt zu keiner erkennbaren
Hyperämie führen, und endlich ist die Schmerzstillung häufig eine defi-
nitive, während die diathermische Hyperämie ja nur eine vorübergehende
sein kann. Indessen wird man in manchen Fällen mit einer kombinierten
Wirkung rechnen müssen.
Lassen wir die Diathermie auf die Nervenzentren und das Zentral-
organ einwirken, so beobachten wir hier die typische Wärmewirkung
auf die Zellen. Es läßt sich im Experiment an einzelligen Wesen so-
wie an anderen Materien (z. B. Hefezellen) nachweisen, daß der Chemis-
mus der Zelle durch Wärme erhöht wird, und zwar sind Erhöhungen
um 25% der normalen Funktionsleistung beobachtet worden. Da man
bisher nicht imstande war, das Gehirn z. B. auf eine höhere Temperatur
als die Blutwärme zu bringen, stehen wir bezügUch der Diathermie und
Physiologische Wirkungen der therapeutisohen Applikationen. 95
der Applikation der diathermischen Wärme am Gehirn vor einem No-
vum. Die Ergebnisse der Gehimdurchwärmung sind deshalb nicht ein-
deutige, weil wir ja nicht nur den direkten diathermischen Effekt auf
die Zelle, sondern auch die diathermische Beeinflussung der kraniellen
und zerebralen Zirkulation in Betracht zu ziehen haben. Ich habe zu-
erst Versuche am verlängerten Mark vorgenommen. Legt man einem
Hund eine Speichelfistel an und durchwärmt das verlängerte Mark
diathermisch, wobei es notwendig ist, mit relativ kleinen Stromstärken
relativ lange Durchwärmungen vorzunehmen (10 Minuten), so be-
obachtet man, wenn eine genügende Temperatursteigerung eingetreten
ist, eine plötzlich einsetzende intensive Sekretion des in dicken schnell
aufeinander folgenden Tropfen aus der Fistel erscheinenden Sekretes
der Parotisdrüse. Man muß natürlich dafür Sorge tragen, daß die
Stromrichtung eine solche ist, daß sie einerseits das Mark durchdringt,
andererseits aber die Parotis nicht direkt miterwärmt. Hierbei be-
obachtet man gleichzeitig die Wirkung der Wärmereizung des Atem-
zentrums. Das Tier fängt an, tief und schnell hachelnde Atemzüge zu
machen, wie sie für die Eeizung dieses Zentrums charakteristisch sind.
Die Möglichkeit einer erheblichen Tiefendurchwärmung des Gehirns
von der Haut aus geht aus folgendem Versuch hervor. Ich habe am
abgeschnittenen Kopf einer Leiche ein Thermometer durch das Foramen
occipitale so eingeführt, daß die Kugel sich im temporalen Durchmesser
etwa in der Schädelmitte befand. Diathermierung mit großen Strom-
stärken von den Schläfen aus bewirkte in 5 Minuten einen Temperatur-
anstieg von 5° im Schädelinnem.
Die Reiz- und Ausschaltungsversuche am bloßgelegten Gehirn sind
noch nicht so weit abgeschlossen, daß an dieser Stelle über sie referiert
werden kann.
Leicht zu kontrollieren ist die Wirkung der Diathermie auf die
Funktion von Drüsenzellen. Allerdings ist auch hierbei die kompli-
zierende Wirkung der Hyperämisierung bei direkter Erwärmung des
Parenchyms mit zu berücksichtigen. Wir haben oben schon erwähnt,
daß die Schweißsekretion lokal und auch reflektorisch allgemein eine
Reizung durch die Diathermie erfährt. Ebenso wie die Schweißdrüsen
reagieren auch andere Drüsen, und so beobachten tdr eine Vermehrung
der Gallensekretion bei Diathermierimg der Leber, die zu einer Ver-
doppelung der normalen Sekretmenge im Tierexperiment führen kann.
Wir sehen bei der Diathermierung der Nieren die Hammenge erheblich
steigen, beobachten aber bei allen diesen Drüsensekretionen, daß es
sich nicht allein um eine Steigerung der Flüssigkeitsmenge handelt,
sondern daß die spezifischen Sekretionsbestandteile ebenfalls in ver-
mehrter Menge ausgeschieden werden. Dies geht aus dem gleich-
bleibenden oder sogar steigenden spezifischen Gewicht trotz vermehrter
Gesamtproduktion hervor. Ebenso können wir die Magendrüsen, die
Pankreasdrüse, die Schilddrüse, die Brustdrüse, Ovarien usw. der Dia-
thermierung unterziehen. Wir können somit von einer direkt stoff-
wechselanregenden Wirkung der Diathermie sprechen. Diese Wirkimg
kommt durch 3 Paktoren zur Geltung. Erstens verlaufen chemische
96 Physik und Physiologie der Bialiiermie.
Reaktionen (besonders Ctacydatipnen) schneller bei höherer Temperatur
als bei niedriger. Wir dürfen auf eine direkte Wirkung auf die chemischen
Funktionen der Zelle, sowie manche chemischen Vorgänge in den Saften
rechnen. Zweitens bedingt die arterielle Hyperämie einen beschleunigten
Stoffwechsel an der Stelle ihres Bestehens, mithin bei allgemeiner
Diathermie eine Steigerung des Gesamtstoffwechsels, und endlich dürfen
wir eine direkte chemische Wirkung im Sinne hochmolekularer Um-
wandlungen (im Sinne J. Bosenthals) nicht von der Hand weisen.
Es ist nicht ausgeschlossen, wenn auch noch nicht bewiesen, daß die
schwingende Energie in Form elektrischer Wellen, etwa nach Analogie
der licht- und Röntgenstrahlen, im Gewebe sich nicht ausschließ-
lich in Wärme, sondern vielleicht auch z. T. in chemische Wirkung
umsetzt.
Es erübiigt noch, auf die Wirkungen der Diathermie auf Bakterien
und Toxine einzugehen.
Schon in den 90er Jahren hat d'Arsonval mit seinen Mitarbeitern
Versuche angestellt, nach denen durch Einwirkung von Hochfrequenz-
strömen auf Bakterienaufschwemmungen gewisse Wirkungen erzielt
sein sollen. So behauptete er, antibakterielle Wirkungen und Abschwä-
chungen von Toxinen gesehen zu haben. Auch im Tierversuch an
Kaninchenohren berichtet er über ähnliche Resultate. Da diese Ver-
suche noch ohne Kenntnis der Diathermiewirkimgen der Hochfrequenz-
ströme ausgeführt wurden, ist auch auf die diathermische Wärme-
produktion hierbei nur insofern Rücksicht genommen worden, als die
offensichtlich eintretende zu starke Erwärmung durch Eintauchen in
ein Wasserbad zum Teil paralysiert wurde. Daß aber diese äußerliche
Kühlung die Tiefenwirkung in Ba^terienkulturen nicht mit Sicherheit
zu beseitigen vermochte, wurde nicht genügend berücksichtigt. Wir
können daher nach unseren heutigen Kenntnissen, was übrigens auch
von französischer Seite zugegeben wird, diese Versuche nicht mehr
als irgendwie beweisend ansehen. Nach unseren eigenen neueren Ver-
suchen mit den Diathermieströmen großer Energie ist es ohne weiteres
verständlich, daß wir vollkommene Sterilisation von Kulturen in vitro
erzielt haben und dieses durch reine Wärmewirkung befriedigend zu
erklären vermögen. In vivo liegen die Verhältnisse wesentlich kompli-
zierter. Indessen sigd auch hier Abschwächungen von Gonokokken
und anderen Kulturen in Gelenken ohne Zerstörung dieser in einer
Reihe von Fällen gelungen (Laqueur).
Zu trennen von diesen direkten Schädigungen der Bakterien durch
die Diathermiewärme sind die sekundären Wirkungen, welche die Dia-
thermie auf infizierte Gewebe auszuüben vermag. Denn hierbei handelt
es sich um eine Stimulierung der antitoxischen bzw. antibakteriellen
Schutzkräfte des Organismus und folglich um höchst komplizierte Wir-
kungen. Ich habe im Jahre 1904 die Wirkung von Kältereizen, d.h.
von Wärmeentziehungen, in Hinsicht auf Erkältungskrankheiten da-
durch erklärt, daß durch plötzliche und intensive Wärmeentziehung
ein erhöhter Verbrauch von Reservematerial zur Deckung des Defizits
vom Körper herangezogen wird, und daß hierzu die im Blute befind-
Physiologische Wirkungen der therapeutisohen Applikationen. 97
liehen Alexine zunächst verwandt werden^). So konnte ich eine Ab-
nahme der hämolytischen Fähigkeit des Blutes sowie auch der anti-
bakteriellen Fähigkeiten des Serums nach Kälteprozeduren nachweisen.
Diese Versuche wurden später von Litthauer bestätigt und durch
Wärmezufuhr Vermehnmgen der Abwehrkräfte des Organismus kon-
statiert (von Laqueur bestätigt). Wenn somit schon durch die ge-
wöhnlichen Wärmeprozeduren Erhöhimg der Widerstandsfähigkeit des
Körpers gegenüber Infektionen experimentell sichergestellt ist, was
auch schon empirisch aus der Bewertung des Fiebers als einer Abwehr-
reaktion nahe lag, so wai;es von vornherein nicht unwahrscheinlich, daß
auch die Diathermie vermöge ihrer besonderen Tiefenwirkung und ihrer
Fähigkeit, intensive Temperatursteigerungen einzelner Körperabschnitte
und des ganzen Körpers zu verursachen, sowie infolge der diathermißchen
Hyperämie und Hyperlymphie sich hierfür wirksam erweisen würde.
Die diesbezüglich von verschiedenen Seiten angestellten Versuche
verliefen auch zum großen Teil in diesem Sinne bejahend, wenngleich
die ungeheure Kompliziertheit dieser vitalen Reaktionen eine ein-
deutige Beurteilung derartiger Versuche sehr erschwert. Immerhin
aber spricht die klinische Erfahrung, wie wir weiter unten sehen werden,
für die Möglichkeit oder besser Wahrscheinlichkeit günstiger Ein-
wirkungen auf Infektionen, wenngleich, wie gesagt, der exakte Beweis
im Experiment schwer zu erbringen ist.
Es ist nach unseren heutigen Erfahrungen bezüglich der Diathermie
der Gedanke nicht von der Hand zu weisen, daß, ebenso wie eine Akti-
vierung des Zellchemismus, auch eine Aktivierung der Toxine und Anti-
toxine in ihrer Avidität, wie auch eine vermehrte Produktion von Anti-
körpern aus dem stimulierten Blute erwartet werden kann. Auch die
Bakterien werden sich ähnlich wie die Zellen verhalten, d.h. sie werden
in ihrer Wachstums- und Teilungsenergie, in ihrem Chemismus akti-
viert werden, falls sie nicht geradezu thermolabil sind. In dieser Be-
ziehung nehmen die Gonokokken eine Sonderstellung ein und rechtfertigen
die spezielle Indikation der Diathermie zur Behandlung gonorrhoischer
Erkrankungen, wie im klinischen Teil mitgeteilt.
Wenngleich wir mit der physiologischen Erforschung der Wir-
kungen der Hochfrequenzströme durch die Einführung der Diathermie
mit einem Schlage auf eine exakte experimentelle Basis gestellt worden
sind, ist es mir bisher noch nicht möglich gewesen, Physiologen für die
Bearbeitung spezieller Fragen zu gewinnen. Wir sind daher auf wenige
exakte Resultate angewiesen, die von den meist klinischen Bearbeitern
der Diathermie in den letzten Jahren zutage gefördert worden sind. Es
ist noch eine große Anzahl wichtiger fundamentaler Fragen zu lösen.
Immerhin aber sehen wir aus dem Vorstehenden, daß die Einführung
der Wärme in jede beliebige Tiefe des Organismus ein physiologisches
Novum schafft, welches eine Reihe vielversprechender Untersuchungen
ermöglicht und bereits jetzt Hinweise für die praktische Anwendung
in der Medi zin gibt.
1) Beiträge z. klin. Medizin. Festschrift für Senator 1904.
Nagelschmi^t, Diathermie. 2. Aufl.
Zweite Abteilung.
Klinische Anwendung der Diathermie.
überblicken wir noch einmal die bisher besprochenen Applikations-
methoden der Hochfrequenzströme in ihrer alten und neuen Form,
so finden wir, daß viele der mit der D'Arsonvalisation nur gelegent-
lich zu beobachtenden Erscheinungen und manches unerklärlich Schei-
nende durch die Diathermie einer sicheren experimentellen Prüfung
zugänglich geworden ist. Wir finden aber gleichzeitig als das Ge-
meinsame in allen Hochfrequenz -Applikationen den dia-
thermischen Wärmeeffekt als einzige primäre und nachweis-
bare Wirkung. Wir finden ihn im großen Solenoid, bei dem Konden-
satorbett, bei den Effluvien, bei der reinen Kontaktapplikation ; kurzum
überall, wo hochfrequente elektrische Energie in den Körper über-
geht, entsteht ein Wärmeeffekt, und zwar der neue, von allen anderen
Wärmeapplikationen sich unterscheidende, diathermische.
Die Verwendung der Wärme in der Medizin ist eine der ältesten
Errungenschaften auf vielen ihrer Gebiete. Warme Bäderapplikationen,
Sonnenbestrahlimgen, waren schon im Altertum beliebte Behandlungs-
methoden. Leider müssen wir eingestehen, daß seit Äskulaps Zeiten
bis in die neueste Zeit ein wesentlicher Fortschritt diesbezüglich nicht
gemacht wurde. Man hat zwar Heißwasserduschen, Dampf duschen,
Römisch-Russische Bäder, elektrische Kompressen, Glühlicht- und
Bogenlichtbäder, lokale Heißluftbestrahlungen in einfacher und ele-
ganter Form erfunden und konstruiert. Aber über die Zuführung von
Wärme durch Applikation fester, flüssiger oder gasförmiger Medien
auf Hallt und Schleimhaut kam man nicht Hinaus. Die einzige Art
innerer Temperaturerhöhung, die wir bisher kannten, war das Fieber.
Aber auch hier ist die Grenze mit der Bluttemperatur gegeben und
stets der Nachteil vorhanden, daß die Temperatursteigerung auf Er-
höhimgen der zellularen Verbrennungen, d.h. auf Forcierung des
Stoffwechsels und auf Verbrauch der Reservekräfte des Organismus
beruht. Daher die schwächende, zehrende, den Organismus schädigende
Wirkung des Fiebers. Auch durch die Methode der Wärmestauung ist
eine Steigerung der Körpertemperatur erzielt worden. Aber auch
hiermit ist fast stets eine erhebUche Schädigimg des Organismus ver-
bunden, da wegen der guten Zirkulations- und Regulationsvorrichtungen
lokale Wärmestauungen nur in geringem Maße erzielbar sind, während
eben die allgemeinen Stauungen stets große Gefahren mit sich bringen.
Dosierung und allgemeine Technik. 99
Erst durch die Einführung der Diathermie ist ein wirklicher Fort-
schritt auf dem uralten Gebiet der Wärmetherapie gezeitigt worden.
Er wurde vorbereitet durch die physiologische und klinische Erforschung
von d' Ar so nvaischen Strömen. Leider aber ist den Untersuchem
die Quintessenz dieser Methode, nämhch der diathermische Effekt,
nur gelegenthch als Nebenbefund aufgestoßen und der Kern dieser
Frage der Aufmerksamkeit bis vor kurzem entgangen.
Es ist erstaunlich, wie schwierig es sich nun in der Praxis heraus-
stellt, eine derartige neue Methode, deren Wirksamkeit und deren
Effekte mit Leichtigkeit ad oculos demonstriert werden können, ein-
zuführen. Wer mit der Diathermie — Verständnis und Interesse vor-
ausgesetzt — arbeitet, kann sich den zum Teil außerordentlich günstigen
Resultaten, die die klinische Beobachtung ergibt, nicht verschließen,
und doch ist die Schwierigkeit ungeheuer, die Mehrzahl der Ärzte
auch nur zu einem Versuch ihrer Beobachtung anzuregen. Es muß
dies wohl damit zusammenhängen, daß der physikalische Effekt der
Tiefendurchwärmung und das Verständnis des komplizierten Hoch-
frequenzinstrumentariums eine physiotherapeutische Vorbildung voraus-
setzt, die wir uns leider in Deutschland an keiner offiziellen Lehrstätte
anzueignen imstande sind. Im Auslande hat die Verbreitung der Dia-
thermie entsprechend den größeren dort herrschenden Interessen für
physikalische Behandlungsmethoden bereits bedeutende Fortschritte
gemacht.
A. Medizinische Diathermie.
1. Kapitel.
Dosierung und allgemeine Technik.
Die Verwendungen der Diathermie in der Heilkunde können wir
nach 2 Hauptgruppen unterscheiden, denen sich einige weniger be-
deutsame Verwendungskreise anschließen. Die erste Hauptgruppe
beschäftigt sich mit der leichten Durchwärmung der Gewebe bis zur
Toleranzgrenze, welche ohne dauernde Schädigung der Funktion er-
tragen wird. Es kommen hierfür die S. 38 ff. beschriebenen Methoden
zur Anwendimg. Wir haben das Instrumentarium für die Autokonduk-
tion, die Autokondensation, die Behandlung mit Kondensatorelektroden,
mit der Dusche, mit Funkenapplikation bereits besprochen, und es
erübrigt, an dieser Stelle auf die Dosierungsfrage einzugehen. Wir
wollen nur allgemein die Dosierungsmöglichkeit der einzelnen Methoden
besprechen, während wir bei den einzelnen Kapiteln der klinischen
Anwendung die spezielle Dosierung berücksichtigen werden.
Die Behandlung im großen Solenoid erfordert keine spezielle
Dosierung bezüglich der Amperezahl; denn die unökonomische An-
ordnung desselben läßt eine möglichst intensive Belastung wünschens-
wert erscheinen. Bei der Anwendung ist noch niemals durch Über-
dosierung eine Schädigung aufgetreten. Ich habe im Gegenteil stets den
Eindruck gehabt, daß diese allgemeine Applikationsmethode die
7*
100 Klinisohe Anwendung der Diathermie.
schwächste in therapeutischer Hinsicht ist, wenngleich sie ein ge-
wisses Indikationsgebiet besitzt. Die Hauptindikationen sind Insomnie,
psychische und nervöse Erregungszusttode, sowie hoher Blutdruck
bei empfindlichen Patienten. Die Dosierung erfolgt vielmehr nach
den Gesichtspunkten der Zeit und Aufeinanderfolge sowie Dauer der
einzelnen Sitzungen. Sie wird von 10—30 Minuten Dauer pro Sitzung
und täglichen oder mit 1 oder 2 Tagen Intervallen stattfindenden
Sitzungen bemessen. Wie erwähnt, ist bei diesen Applikationen eine
Intoleranz bisher nicht beobachtet worden. Auch bezüglich der kleinen
Solenoide für Kopf und Extremitäten gilt das eben Gesagte. Nur muß
man die Vorsichtsmaßregel beobachten, daß Ringe, Metallgürtel und
Armbänder wegen der in ihnen eintretenden starken Erhitzung ent-
fernt werden.
Bezüglich des Kondensatorbettes haben wir es seit Einführung
der Diathermie mit einer wesentlich intensiveren Applikationsmethode
zu tun, und hier sind Schädigimgen möglich. Einerseits müssen wir uns
überlegen, ob bei der allgemeinen Beeinflussung des Körpers durch das
kräftig wirksame Kondensatorbett eine Wärmestauung zu befürchten
ist. So ist es wichtig, die Patienten daraufhin zu untersuchen, ob sie
transpirationsfähig sind ; denn bei Patienten, die schlecht transpirieren,
wird das Kondensatorbett häufig schlecht vertragen. Dagegen ist es
allgemein indiziert, wo es sich um spastische Zustände des peri-
pheren Gefäßsystems'handelt. Aus diesem Grunde ist es zweckmäßig,
zwischen der einen Belegung und dem Apparat ein Hitzdrahtinstrument
einzuschalten und seine Angaben zu berücksichtigen. Applizieren wir
das Kondensatorbett für den ganzen Körper, so kommt es darauf an,
welchen Effekt wir erzielen wollen. Handelt es sich nur um Zirkulations-
beeinflussung, so kommen wir mit relativ kleinen Dosen aus, imd
5— 6 Ampere 10— 20 Minuten lang werden durchweg gut vertragen,
falls der Blutdruck nicht zu niedrig ist. Beabsichtigen wir dagegen,
z. B. bei einer allgemeinen Infektion, künstliches aseptisches Fieber
zu machen, so bezwecken wir eine Wärmestauung und werden die
Dosis und die Dauer der Sitzung imter soi^ältiger Kontrolle des All-
gemeinbefindens, speziell von Bewußtsein und Herz, höher wählen,
10—12 Ampere, die Dauer ^/g Stunde und länger. Hierbei ist es natür-
lich wichtig, die Temperatur genau zu kontrollieren, und es empfiehlt
sich, den Femregistrierapparat anzuwenden (siehe die Abb. 62—66 auf
S. 113, 114).
Es empfiehlt sich, um auch Unregelmäßigkeiten in der Blutver-
teilung infolge des Wärmeeffektes zu entdecken, sowohl die Haut-
temperatur in der Achselhöhle wie die Analtemperatur gleichzeitig
zu registrieren und zu beobachten. Hat man die gewünschte Tempera-
tursteigerung des gesamten Organismus erzielt, sp wird die Sitzung
unterbrochen, während die Temperaturkontrolle weiter geführt werden
kann.
Wird das Kondensatorbett zu lokalen Applikationen ange-
wandt, so ist die Gefahr der Hyperpjn'ese gering, und man kann sich
mit der Dosierung nach dem subjektiven Gefühl des Patienten richten,
J
DosiemDg und allgemeine Technik. 101
falls keine Thermoanästhesie besteht. In solchem Fall muß man durch
zeitweises Ausschalten imd Kontrollieren mit der Hand den Orad der
eingetretenen Erwärmimg feststellen oder auch hier das Femthermo-
meter benutzen.
Bezüglich der Kondensatorelektroden ist eine Dosierung ledig-
lich durch das Gefühl des Patienten zu geben. Da das Milliamperemeter
in den meisten Fällen keinen oder nur einen geringen Ausschlag gibt,
richtet man sich hierbei im allgemeinen nach der Helligkeit der Kon-
densatorentladung und nach dem Geräusch der Fünkchen. Stirn und
Gesicht sind wesentlich empfindlicher als Kopf imd Nacken, die übrigen
Körperteile stehen bezüglich der Empfindlichkeit in der Mitte. Festes
Andrücken und schnelles Hin- und Herbewegen der Elektrode macht
die Applikation angenehmer und erträglicher, während bei Verweilen
sehen nach kurzer Zeit (dner Sekunde z. B.) bei der gleichen Strom-
stärke unerträgliches Brennen auftreten kann. Lockeres Gegenhalten
der Elektrode oder gar leichtes Abziehen von der Haut führt zu inten-
siveren Funkenentladungen, welche wesentlich schmerzhafter sind.
Da die Elektroden selbst, besonders an den Stellen, welche mit dem
Patienten in Kontakt sind, während der Applikation sich stark er-
wärmen, so empfiehlt es sich, daß der Arzt, ohne den Strom zu unter-
brechen, die Elektrode von Zeit zu Zeit in die Hand nimmt und kon-
statiert, ob sie noch nicht zu heiß geworden ist. Ist das der Fall, so
unterbricht man für eine kurze Zeit die Sitzung, kühlt die Elektrode
mit einem bereit gehaltenen feuchten Tuch oder mit dem kalten Luft-
strom eines Fönapparates oder in irgendeiner anderen Weise imd setzt
dann, wenn nötig, die Behandlung fort. Bei thermoanästhetischen
Personen muß diese Prüfimg natürlich häufiger stattfinden. Ebenso tut
man gut, bei Rektal- und Vaginalelektroden, wo die Elektrode nicht hin
und her bewegt wird, sondern auf ihrer Stelle liegen bleibt und höchstens
zur MJEtssage benutzt wird, dabei jedoch in dauerndem Kontakt mit
der Schleimhaut bleibt, die Stromstärke so zu wählen, daß man nur ein
leichtes summendes Geräusch und keine sichtbare Funkenentladung
erkennt. Hierbei kann maii dann die Applikation auf mehrere Minuten
ausdehnen (3—5 oder auch mehr). Im allgemeinen geben die Patienten
es an, wenn die Erwärmung zu stark wird. Zwecks Wahrung der Asepsis
empfiehlt es sich, bei Anwendung in der Vagina oder im Rektum die
stabförmige Glas- oder Hartgummielektrode mit einem der üblichen
Kondomfingerlinge zu überziehen. Im allgemeinen hat man an dem
Auftreten einer Hautrötung bereits wälirend der Applikation einen
Maßstab dafür, daß die genügende Intensität angewandt worden ist.
Bei manchen Patienten tritt aber keine Vasodilatation ein, selbst bei
längerer Applikation, und man beschränkt sich bei diesen auf eine
3— 10 Minuten lange Sitzung, je nach der Toleranz für das Gefühl.
Die zweito Elektrode gibt man zweckmäßig dem Patienten in
die Hand, wobei keine weiteren Vorsichtsmaßregeln wegen der geringen
Stromstärke zu beachten sind. Da eine wesentliche Tiefenwirkung der
Kondensatorelektroden nicht zu erwarten ist, spielt der richtende Ein»
fluß der zweiten Elektrode hierbei keine bedeutende Rolle.
102 Klinische Anwendung der Diathermie.
Auch bei der Duschenapplikation kann man die zweite Elek-
trode in Form eines Stabes mit beiden Händen fassen lassen, allerdings
klagen die Patienten bei starker Applikation, d.h. bei großer An-
näherung der Duschenelektrode, über den gelegentlichen Übergang
dickerer Funkenentladimgen und infolgedessen über heftige Zuckungen
in der Armmuskulatiu*. Es ist deshalb bei empfindlichen Patienten
oder solchen, die eine nur schwache Armmuskulatur haben, empfehlens-
wert, als zweite Elektrode eine größere Plattenelektrode zu verwenden,
auf welche man sich entweder setzen kann, oder die vom Patienten
selbst auf Brust oder Bauch angedrückt wird. Man kann dann selbst
kräftige Büschelentladungen auf dem Rücken stattfinden lassen, ohne
daß unangenehme Muskelkontraktionen unter der zweiten Elektrode
auftreten. Will man die Brust behandeln, so muß man für Applikation
der zweiten Elektrode auf dem Rücken während dieser Zeit Sorge tragen.
Sie wird entweder von einem Assistenten gehalten oder mittels eines
Bandes fixiert, oder der Patient legt sich darauf oder lehnt sich in einem
Lehnstuhl gegen sie an. Nur wenn die Konzentration der Hochfrequenz-
elektrizität in einem einzelnen Körperteil gewünscht wird, stellt man
z. B. den Fuß auf eine Metallplatte oder nimmt einen Handgriff in
die Hand.
Eine Dosierung der Duschenentladung findet lediglich durch Ent-
fernung und Annäherung statt, während es zwecks Erzielung einer
weichen Duschenentladung zweckmäßig ist, den Apparat auf möglichst
hohe Spannung einzustellen. Muß man zu diesem Zweck die Funken-
strecke regulieren, so empfiehlt es sich, die primäre Wicklung des Tesla-
Transformators der jeweiligen Funkenstreckenlänge anzupassen. Denn
sowohl bei kleiner wie bei zu großer Belastung arbeitet die Funken-
strecke schlecht, und nur bei der richtigen findet ein gleichmäßiger
und leistungsfähiger Funkenübergang statt.
Nähert man die Elektrpde dem Körper allmählich, so empfindet
der Patient zunächst den früher erwähnten feinen Hauch, der dann in
ein deutliches Prickeln oder stechendes Gefühl übergeht und zuletzt bei
weiterer Annäherung beim Funkenübergang" Muskelkontraktionen und
einen lebhaften Hautreiz verursacht. Die Patienten erschrecken meist,
wenn man sie nicht vorher auf den möglichen Funkenübergang auf-
merksam macht, geben aber dann auch, wenn sie an den Funkenüber-
gang gewöhnt sind, an, daß ein eigentlicher Schmerz bei seinem Auf-
treten kaum besteht, sondern daß niu* die plötzliche muskuläre Er-
schütterung etwas unangenehm ist. Es gibt aber auch Patienten, die
sich an diese Erschütterung nicht gewöhnen, und die sich dauernd vor
ihr fürchten. Man muß hier von einer Forcienmg absehen und auf diese
Applikation verzichten, die ja überhaupt niu* eine untergeordnete Be-
deutung besitzt.
Viel wichtiger ist die indirekte Funkenapplikation, welche
ich seit langer Zeit übe, und die ich 1907 a. a. 0. beschrieben habe.
Nimmt man irgendein Metallstück in die Hand und nähert es der strah-
lenden Endspitze eines Resonators oder auch einem Diathermiepol, so
sprühen je nach der vorhandenen Spannung mehr oder weniger lange
Doderung und allgemeine Technik. X03
und je nach der vorhandenen Belastung mehr oder weniger dicke
Funkenentladungen auf das Metallstück über. Man kann auf diese
. Weise Spannungen von weit über 100 000 Volt und Stromstärken von
einem Ampere oder mehr plötzlich auf das Metallstück imd von diesem
weiter in den Körper hineinleiten, ohne einen Ruck oder eine Sensation
zu spüren. Nur findet bei großen Stromstärken eine Erwärmung des
Handgelenks statt, oder bei D'Arsonvalapparatcn spürt man bei großer
Stromstärke ein faradisches Gefühl. Verbindet man nun den Patienten
mit einem Pol des Hochfrequenz- oder Diathermieapparates, bringt
eine nicht an einem Draht befindliche, freie Metallelektrode in irgend-
einer Form, Platte, Spitze, Kugel an der gewünschten Körperstelle,
an welcher man Muskelkontraktionen auslösen will, an und läßt nun
'mittels eines am anderen Pol befindlichen Drahtes, der mcht not-
wendig mit einer Metallelektrode in Verbindung stehen muß, Funken
von einigen tausend Volt Spannung auf die freie Metallelektrode auf-
fallen, so treten unter ihr Muskelkontraktionen auf, die man durch
Variation der Spannung und der Stromstärke in ihrer Intensität regu-
lieren kann. Da der Funkenübergang nicht auf die Haut, sondern auf
eine Metallplatte stattfindet, und die übergehende Hochfrequenz-
elektrizität sich durch Kontakt von der Metallplatte in den Körper
ohne nochmalige Unterbrechung als Hochfrequenzelektrizität fortsetzt,
so spürt der Patient nichts vom Funkenschmerz; sondern lediglich die
plötzKche kapazitive Aufladung erzeugt die lokale Muskelkontraktion
der unter der Elektrode befindlichen Muskulatur. Ist die Elektrode
klein, spitzen- oder kugelförmig und die Stromstärke oder vielmehr die
Funkenlänge nicht zu groß, so treten ganz lokale, evtl. fibrilläre Muskel-
kontraktionen auf. Ist die Elektrode von größerer Fläche, so werden
auch größere Muskelpartien bei starker Dosierung zur Kontraktion
gebracht. Bringt man die Elektrode über einem motorischen Nerven
an, so wird das ganze Innervationsgebiet dieses Nerven motorisch
gereizt. Wir haben es bei dieser Applikationsart mit Kondensator-
entladungen zu tun, welche ja jetzt in der Elektromedizin die bereits
1907 von mir vermutete wichtige Rolle zu spielen beginnen. Die Dosie-
rung der Fulguration übergehen wir hier als überlebte Methode,
desgleichen die Kalt-Kaustik als eine ebenfalls nebensächliche
Methode der Hochfrequenzapplikation .
Wir kommen nunmehr zur Dosierung der wichtigsten, nämlich
der eigentlichen Kontaktapplikation. Wenden wir Handelektroden
an, so ist die Toleranz des jeweils dünnsten vom Strom zu durchfließen-
den Körperquerschnittes für die Dosis maßgebend. Im allgemeinen
vertragen Erwachsene, je nach der Dicke ihres Handgelenks, 300 bis
500 Milliampere auf die Dauer von mehreren Minuten. Kräftige und
besonders dicke Handgelenke ertragen auch 600 und 700. Wenn keine
Thermoanästhesie besteht, kann man sich jedoch auf die Angaben der
Patienten verlassen, die bei zu starker Erwärmung sich darüber be-
klagen. Ist einmal die Erwärmimg eine zu starke geworden, so tritt
meistens ein intensiver Schmerz auf. Dieser Schmerz ist der Vorläufer
der partiellen Koagulation und erfordert sofortiges Abstellen des Stro-
104 Klinisohe Anwendung der Diathennie.
mes. Geben die Patienten dagegen nur starke Erwärmung an, so ge-
nügt eine Abschwächung während ^/2Wmite, worauf wieder der nor-
male Strom eine Zeitlang hindurchgeleitet werden kann. Der Arzt
kann außerdem sowohl während des Stromdurchganges als auch bei
Unterbrechung zu diesem Zweck, durch Berührung des Handgelenks
den Grad der Erwärmung kontrollieren und taxieren. Wendet man
eine Durchströmung der unteren Extremitäten an, so ist das Fuß-
gelenk maßgebend. Es erträgt normalerweise 700— 900 Milliampere
und erfordert dieselben Vorsichtsmaßregeln wie das Handgelenk. Bei
Kindern und jugendHchen, zarten Individuen sowie bei Erwachsenen
mit starker Atrophie und entsprechend geringerem Querschnitt müssen
diese Dosen verringert werden. Dem Ellbogengelenk kann man 1 Am-
pere zumuten, dem Ejiiegelenk 2—3. Einzelne Finger und Zehen ver-
tragen 200— 400 Milliampere. Bei allen übrigen Körperteilen kommt
die Querschnittstoleranz wegen der großen Dicke derselben nicht in Be-
tracht; vielmehr haben wir es hier lediglich mit der Toleranz der Haut,
d. h. mit der Strolndichte unter der Elektrodenfläche zu tun. Die von
der Firma Siemens hergestellten Blei- und Blechelektroden, welche
ich fast ausschheßlich verwende, haben folgende Flächen, und diesen
Flächen entspricht die aus der Tabelle ersichtUche Toleranz.
Tabelle.
Elektroden
Stromstärke (Amp.)
Klemmen
Hand— ^and
0,35—0,50
0—2
Fuß— Fuß
0,6 —0,7
0—2
2 cm Durchm.
0,15—0,2
0—1
4 cm Durchm.
0,3 —0,4
0—1
9 cm Durchm.
0,9 —1,0
0—1
4 X 6,5 cm*
0,5 —0,6
0—1
4,5 X 10 cm*
0,6 —0,7
0—1
5 X 12 cm«
0,9 —1,0
0—1
10 X 20 cm*
ca. 2
1
Im allfljemeinen
ist Anschluß der Elektroden an Polklemme 0—1
für niedrige Spannungen, d. h. kurze Weglängen (durch den Thorax,
quer durch Extremitäten, am Kopf), dagegen für große Weglängen
(von Hand zu Hand oder Fuß zu Fuß, oder von Extremitätenende zum
Thorax), Anschluß an Klemme 0—2 geboten.
Bei größeren Körpergewebsquerschnitten, welche der Bestrahlung
imterworfen werden, bei denen also der richtende Einfluß der beiden
Elektroden aufeinander wegen der Entfernung der Elektroden kein so
ganz deutlicher mehr ist, rechnen wir mit einer Divergenz der Kraft-
linien imterhalb der Haut, haben es also, abgesehen von der leichteren
Erwärmbarkeit der Haut gegenüber den anderen Geweben auch noch
mit einer besonderen Belastimg der Haut im Vergleich zu dem Unter-
hautzellgewebe und den tieferen Schichten zu tun. Wünscht man
eine protrahierte Applikation mit möglichst großen Stromstärken, die
relativ schnell die Toleranz der Haut erschöpfen würden, so kann man
sich damit helfen, daß man bei eingetretener unangenehmer Erwärmung
der Haut diese mit einer in kaltes Wasser getauchten Kompresse kühlt.
Dosierung und allgemeine Technik. 105
die Applikation wiederholt, wieder kühlt und so fort. Auf diese Weise
kann man recht lange und recht intensive Applikationen ermöglichen.
Auch Kühlelektroden habe ich S. 50 erwähnt. Indessen sind diese
komplizierten Vorrichtungen überflüssig, da man sich mit dem ein-
fachen Mittel des Auftupfens vollständig begnügen kann. Wollen wir
an einer bestimmten, etwa zentral gelegenen Stelle eine besonders
intensive Tiefenwirkung erzielen, so können wir uns der von der Rönt-
gentiefenbestrahlung her bekannten Methode bedienen, indem wir von
2 diametral entgegengesetzten Stellen aus eine Diathermierung bis zur
Toleranzgrenze der Haut vornehmen, sodann von 2 diametral gegen-
über liegenden, daneben befindlichen Stellen aus und so fort im Bereise
herum, wie es auf S. 61 beschrieben wurde.
Die Größe der Elektrodenfläche ist nun keineswegs allein für die
anzuwendende Stromstärke maßgebend, vielmehr muß man stets auch
der S. 47 beschriebenen Kandwirkung eingedenk sein. Wenn wir z. B.
oberhalb imd imterhalb des Ejiiegelenks eine große Flächenelektrode
um die Extremität herumlegen, wird sich die Hauptwirkung des Stromes
an den einander zugewandten Kanten der Elektroden zeigen, weil in-
folge des richtenden Einflusses der Elektroden aufeinander und der
guten Leitung innerhalb der Elektrode die meisten Stromlinien sich dort
zusammendrängen. Folglich wird man nicht die volle, der Elektroden-
fläche nach der Tabelle zukommende Stromstärcke verwenden dürfen.
Auch wenn wir sonst 2 Plattenelektroden irgendwo so in der Nähe von-
einander anbringen, daß eine Ecke oder eine Kante der anderen wesent-
lich näher gelegen ist als der übrige Teil der Platte, so werden wir stets
an diesen Stellen intensivere Wirkung haben und mit schnellerer Er-
hitzung rechnen müssen als imter den anderen Teilen der Platte. Das
kommt aber nur in Frage, falls die Platten auf wenige Zentimeter
genähert werden. Bei Distanz über 10 cm treten diese Erscheinungen
nicht wesentlich störend auf.
Wie oben erwähnt, gebrauchen wir zur Überwindimg des bei
Längsdurchstrahlung von Extremitäten relativ langen Weges eine
relativ hohe Spannung, imd so verwenden wir, um möglichst große
Stromstärken zu erzielen, hierfür die größte Zahl der einschaltbaren
Windungen der sekundären Spirale, d.h. also, wir benutzen bei dem
Siemensschen Apparat den Kontakt -f 2 . Hierbei steht eine
Klemmenspannung von etwa 800 Volt zur Verfügung, und wir können
bei den meisten Menschen etwa 700 Milliampere durch die Arme hin-
durchschicken. Indessen ist diese Stromstärke nur für kurze Zeit er-
träglich. Vielmehr wird die Handgelenkserwärmung schnell so stark,
daß wir mit der Stromstärke herabgehen müssen. Wenden wir dagegen
Querdurchstrahlung von Extremitäten, sei es der Arme oder der Beine,
an, so genügt die Elektrodenspannung -f 1 , und wir können bei dieser
je nach der Fläche der Elektrode und der Masse des zu durchstrahlenden
Körperteiles relativ große Stromstärken bis zu 2 oder 3 Ampere ver-
wenden. Indessen ist hierfür die Masse deshalb maßgebend, weil bei
kleinen Dimensionen, selbst des Oberschenkels, nicht genügend Fläche
zur Verfügung steht, um sehr große Elektroden ohne zu erhebliche
106 Klinische Anwendung der Diathermie.
Annäherung der Bänder zu applizieren. Es kommt nun, z. B. zur
Behandlung von Ejiiegelenken, nicht selten vor, daß man zunächst
zwei große Flächenelektroden zu beiden Seiten des Kniegelenks anlegt
und dann auch eine Durchstrahlung in der Längsrichtung vornimmt.
Hierbei pflegt es dem Anfänger aufzufallen, daß z. B. bei einem ge-
schwollenen Ejiiegelenk mit relativ großem Durchmesser die seitliche
Durchstrahlung mittels der Pole und 1 mit Leichtigkeit die Strom-
stärke von 1^2 bis 2 Ampere, die für eine längere Applikation die richtige
ist, erzielen läßt. Legt man aber nunmehr die eine Elektrode z. B.
oberhalb des Eiiiegelenks und die andere unterhalb des Kniegelenks
auf die Vorderfläche auf, und zwar so, daß die Distanz der Elektroden
nicht wesentlich größer ist als bei der Querapplikation, so fällt es auf,
daß bei der gleichen Einstellung des Apparates nunmehr sehr viel
weniger Strom hindurchgeht, trotzdem die Weglängen ungefähr die
gleichen sind. Dies kommt nicht etwa daher, daß die innere Struktur
des Ghedes in der Längsrichtung so verschieden von der Querrichtung
wäre, daß die Widerstandsverhältnisse sich wesentUch änderten und
mithin die Stromstärke ebenfalls, sondern diese unterschiede beruhen
im wesentlichen auf dem Widerstände der Haut. Bei der Querdurch-
strahlung sind nur wenige Millimeter, nämHch die Dicke der Haut,
zu überwinden, während bei der Längsdurchstrahlung und der ober-
flächlicheren Verteilung der Hochfrequenzströme (siehe Schema S. 178)
die Haut in ihrer ganzen Fläche als Widerstand auftritt und dadurch
Einstellung des Apparates auf hohe Stromstärke oder sogar die Be-
nutzung der Polklemmen und 2 nötig macht.
Im allgemeinen ist bezügUch der Stromstärke und Dauer der
Sitzungen zu unterscheiden, ob wir eine mehr oberflächliche, lokale
Wirkung oder eine gleichmäßigere Tiefenwirkung beabsichtigen. Er-
innern wir uns des Ei weiß Versuches, so beobachten wir, daß bei An-
wendung relativ großer Stromstärken die Koagulation in unmittelbarer
Nähe der Elektroden begann und sich erst danach nach der Mitte fort-
setzte, wobei beide Koagulationsstreifen zusammenstießen, unter-
sucht man diesen Koagulationsstreifen genauer, so sieht man, daß er
in der Mitte relativ dünn, in der Nähe der Elektroden wesentlich dicker
ist. Läßt man dagegen die Koagulation mit geringer Stromstärke, also
im Laufe längerer Zeit, entstehen, so bekommt man einen ungefähr
gleichzeitigen Eintritt auf der ganzen Verbindungslinie zwischen beiden
Elektroden. Wie an anderer Stelle erwähnt, können wir nun aus der
Art des Koagulationseintrittes Rückschlüsse auf die Diathermiewirkung
überhaupt machen, und so zeigt ims der Versuch, daß wir zur Erzielung
von Oberflächenwirkungen von vornherein relativ starke Ströme
anwenden müssen, wobei unter Umständen Tiefenwirkung vollständig
ausbleibt. Wollen wir dagegen gleichmäßige Tiefenwirkung
haben, so müssen wir relativ schwache Ströme verwenden, aber wesent-
lich längere Durchstrahlungszeiten wählen. Wir werden späterhin bei
den chirurgischen Applikationen die gleiche Beobachtimg verwerten
können. Es wird nun von manchen Autoren empfohlen, von vornherein
bei medizinischen Applikationen mögüchst große Stromstärken anzu-
X08 Klinische Anwendung der Diathermie.
Druck adaptieren läßt. Behandelt man etwa an der Vorderfläche der
Brust, so wird über dem gut ausgebildeten Pectoralis jeder Druck gut
vertragen. Dagegen der obere Band der Elektrode, der häufig auf die
Clavicula zu liegen kommt, die oft von dünner Fettschicht ohne nennens-
werte Muskelzwischenlage bedeckt ist, darf nicht so kräftig angedrückt
werden, weil erstens der Druck schmerzhaft ist und zweitens das Ein-
drücken des Bandes in die Haut zu einem besonders innigen Kontakt
und mithin zu großer Stromdichte daselbst führt, besonders, wenn
sich die Unterlage (Gaze, Watte) vielleicht verschoben hat. So kommt
es, daß die Patienten dort schon über Brennen klagen, während der
größte übrige Teil der Elektrodepfläche noch kaum eine geringe Tem-,
peratursteigerung der Auflagefläche bewirkt hat. Man muß die Elektrode
dann entweder biegen, so daß sie sich der Clavicula anpaßt, oder am
besten so weit nach imten schieben, daß sie diese Gegend nicht bedeckt. Das
gleiche kann bei mageren Individuen auch auf dem Bücken vorkommen.
Am Leib muß man darauf achten, daß sich keine Hautfalten unter
der Elektrode bilden, und besonders erfordert die Nabelgegend gute
Polsterung. Zu dicke Polsterung ist aber auch wieder gefährlich, weil
sich die Gazeschicht selbst durch den Joule sehen Widerstand stark
erwärmen und dann gewöhnliche Verbrennung durch Dampfbildung
erzeugen kann.
Femer ist es wichtig, daß man als Zwischenlage nicht etwa appre-
tierte Gaze, sondern am besten hydrophilen Verbandsmull, nimmt. Es
ist mir z. B. ein Fall bekannt, in dem aus besonderer Vorsicht ein gut
aufsaugender präparierter Papierstoff zur Verwendimg kam. Er schien
vollkommen feucht, war aber offenbar im Inneren noch trocken. Denn
während der Applikation bildete sich im Inneren Wasserdampf , vermut-
lich infolge von feinen Funkenentladimgen, die den Patienten ver-
brühten. Es ist deshalb zweckmäßig, die Zwischenlagen längere Zeit
einzuweichen und appretierte Stoffe erst in warmem Wasser mehrere
Male auszuwaschen.
Besondere Vorsicht muß man auch da anwenden, wo Blutgefäße
dicht unter der Haut liegen, so z. B. in der Inguinalgegend und in der
Ellenbeuge. Die feste Applikation der Elektroden kann die Zirkulation,
zumal in der Vene, unterdrücken, und da Blutkörperchen sich ganz
besonders stark erwärmen, wäre theoretisch eine Koagulation im Ge-
fäß nicht ganz ausgeschlossen. Praktisch ist mir ein solcher Fall zwar
noch nie vorgekommen, aber immerhin bin ich an derartig exponierten
Stellen ganz besonders vorsichtig, z. B. auch bei mageren Individuen
mit dicken oberflächlichen Venen am Arm.
Bei Durchstrahlungen des Bauches hat man zu besonderer Vorsicht
gemahnt, weil nach theoretischen Erwägungen die Wand eines mit Gas
gefüllten Darmabschnittes wegen der Undurchgängigkeit der Gas-
schichten für den Strom durch eine Verdichtung der StromUnien in der
Darmwand gefährdet sein sollte. Mir scheint nun hier die Vorsicht
gänzUch unangebracht; denn bei Verwendung kleiner Elektroden-
flächen ist die der Toleranz der Haut entsprechende Stromstärke so
gering, daß die Dispersion in wenigen Zentimetern Entfernung von der
Dosierung und allgemeine Technik. ^09
Elektrode auf dem relativ großen Weg von einer Bauchwand zur anderen
eine Schädigung der Darmwand unmöglich macht, während bei der
Applikation großer Elektroden eo ipso die Verteilung der Stromlinien
eine bedeutende ist. Aber selbst, wenn das nicht der Fall wäre, würde
mir auch die Darmwand nicht gefährdet erscheinen, weil der Wider-
stand des Gasinhalts eine Ablenkung der Ströme durch benachbarte
DarmschHngen oder durch die Fäkalmassen hindurch bewirken würde.
In der Tat habe ich bei zahlreichen Bauchapphkationen, die ich ohne
Bücksicht auf eine derartige Gefahr vornahm, niemals die geringste
Störung beobachtet. Dazu kommt, daß es bei Bauchapphkationen
zum Zwecke einer intensiveren Tiefenwirkung praktisch ist, die Appli-
kation mit recht großem Druck vorzunehmen, um dadurch den Weg
zwischen beiden Elektroden zu verkürzen und eine größere Konzen-
trierung der ILraftlinien zu ermöglichen. Sobald man aber auf die
zwischen den Elektroden befindlichen Darmabschnitte drückt, entfernt
man ja schon mechanisch die unter der Elektrode liegenden Gasmengen,
so daß auch hierbei keine Gefährdung wahrscheinlich ist.
Ist die Behaanmg der Haut eine sehr starke oder wünscht man an
normalerweise stark behaarten Körperteilen die Elektroden zu appli-
zieren, z. B. am Kopfe, so muß man für eine recht lange dauernde sorg-
fältige Durchfeuchtung der vorher mit Benzin entfetteten Haare sorgen,
ist aber hierbei trotz dieser Vorsichtsmaßregel meist an geringere Strom-
stärken gebunden, weil infolge der isolierenden Wirkung der Haare bei
großer Stromstärke Kribbeln, Stechen und Bronnen auftritt. In wich-
tigen Fällen (z. B. Epilepsie) wird man daher zum Rasieren der Kopfhaut
oder sonstiger behaarter Partien schreiten müssen.
Wendet man Wasserelektroden an, z. B. das Vierzellenbad, so
darf man selbst bei tiefem Eintauchen der Extremitäten nicht auf gleich-
mäßige Stromwirkungen rechnen. Zunächst sind die Querschnittsunter-
schiede der Arme und Beine durch verschiedene Eintauchtiefe nicht
ausgleichbar, und so pflege ich, falls die Zuleitung durch die Extremi-
täten wünschenswert erscheint, den einen Pol mit der Fußwanne für
einen Fuß, den anderen Pol mit einer Handwanne für beide Hände zu
verbinden. Dann kann man 700—800 Milliampere längere Zeit hindurch-
schicken. Genügt diese Stromstärke nicht, so muß man sich helfen,
indem man alle vier Extremitäten in einer oder mehreren Wannen mit
einem Pol verbindet und den anderen Pol in Form einer größeren
Rücken-, Brust- oder Bauchelektrode als Plattenelektrode anlegt.
Dann kann man die Stromstärke erheblich über 1 Ampere
steigern.
Ich erinnere bezüglich des Vierzellenbades an das oben Gesagte,
daß es nämlich unzweckmäßig ist, die üblichen großen Vierzellenbade-
wannen zu verwenden, sondern daß man sich möglichst kleiner, mit
wenig Wasser genügend zu versorgender Gefäße bedienen soll, um keine
unnützen Energieentziehungen zu erleiden. Meistens wird man jedoch
mit mehreren großen Platten, die man entsprechend auf zwei Pole
verteilt, auch von den Extremitäten aus genügende Stromstärken in
den Körper einführen können.
XIO Klinisohe Anwendung der Diathermie.
Ich muß noch kurz über die Verwendung mobiler und stabiler
Elektroden sprechen. Wir sind vom galvanischen und faradischen
Strom her gewöhnt, gelegentlich Elektromassage, Pinselbewegungen,
kurzum bewegliche Elektroden zu verwenden. Derartige Applikationen
haben sich mir für die Diathermie als nicht ungefährlich, bis zu einem
gewissen Grade vermeidbar und daher im allgemeinen als nicht ratsam
erwiesen; da, wie wiederholt betont, möglichst guter Kontakt not-
wendig ist und bei den geringsten Kontaktdefekten infolge der hohen
verwandten Stromstärke leicht Verbrennungen eintreten können, er-
scheint das Verschieben von Elektroden während des Stromdurch-
ganges gänzlich unstatthaft. Nur bei Kondensatorelektroden ist es
ungefährlich, ja sogar notwendig, damit nicht durch das Verweilen an
derselben Stelle die Erwärmung eine zu starke wird, und so verwende
ich die Kondensatorelektroden auch gern zur Massage. Kontaktelek-
troden dagegen verwende ich nach Möglichkeit stabil imd bewege sie
während des Stromdurchganges nur da, wo sich die imter ihr befindUche
Haut mit verschieben läßt, also z. B. am Abdomen oder zur Massage
über Muskelpartien, soweit die Hautverschiebimg es gestattet. Die Be-
wegung ist auch deshalb nicht sehr zweckmäßig, weil sie einer inten-
siven Tiefendurchwärmung infolge der Verschiebung entgegenarbeitet
und stets neue Schichten in der Tiefe den Hochfrequenzströmen aus-
setzt, während die Haut, die sich an sich schon stärker erwärmt, unter
ihr dauernd der Stromwirkung ausgesetzt bleibt. Nur eine manuell oder
mechanisch an der festliegenden Elektrode ausgeübte Vibrationsmassage
hat sich mir zur Behandlung gewisser Affektionen gut bewährt. Auch
die Verwendung kugelförmiger, drehbarer Eollenelektroden und des
Elasto (Sanitas) ist nicht für labile Applikation geeignet, da nur feste
Schraubenkontakte faradisches Gefühl oder feine Fünkchenentladungen
ausschUeßen lassen. Ich vermeide es also im allgemeinen, wenn die
Elektrode einmal gut angelegt ist, sie zu bewegen, solange der Strom
eingeschaltet ist, und sorge dafür, daß sie auch mit gleichmäßigem Druck
festgehalten wird. Wenn sich nämlich die Elektrode durch Verbiegen
oder durch Nachlassen des Druckes oder durch eine Veränderung der
Stellung des Patienten an irgendeiner Stelle lockert, so tritt leicht
Funkenbildung auf, welche zu Schmerzempfindung oder, falls der
Patient anästhetisch ist oder Schmerz nicht beachtet, zur Verbrennung
führt. Derartige oberflächHche Verbrennungen brauchen meist einige
Wochen zur Heilung und hinterlassen eine Narbe. Je größer die Span-
nung ist, mit der der Strom appliziert wird, desto leichter kann solche
Funkenbildung eintreten. Die Patienten haben dafür den charakte-
ristischen Ausdruck, daß es an irgend einer Stelle plötzlich „sticht".
Dieses muß sofort beachtet werden; man muß entweder den Strom
schnell wesentlich abschwächen, am besten ganz abstellen, die stechende
Stelle besser adaptieren und kann dann wieder mit der Diathermierung
beginnen. Da es bei einem größeren Betriebe nicht gut durchführbar
ist, daß der Arzt dauernd jede Sitzung selbst ausführt, hat man Be-
festigungsvorrichtungen verschiedener Art konstruiert, um die Elek-
troden in ihrer Lage zu erhalten .Es ist für eine große Reihe von Applika-
Dosierung und allgemeine Technik. XU
tionen sicherlich möglich, durch Fixieren mittels eines Gurtes oder eines
elastischen Bandes oder durch Auflegen eines Sandsackes die eine oder
beide Elektroden genügend zu fixieren. Da wir aber in der Diathermie
ein außerordentlich aktives Verfahren haben, welches bei geringfügiger
Lockerung oder Verschiebung einer Elektrode zu sehr schnell auftreten-
den Verbrennungen führen kann, so bin ich fast ganz von der Verwen-
dung derartiger Befestigungsvorrichtungen zurückgekommen und appli-
ziere die Elektrode entweder selbst oder lasse sie während der ganzen
Dauer der Applikation durch geschulte Hilfskräfte festhalten oder zu-
mindest in bezug auf ihre Lage dauernd kontrollieren. Ich verwende
nach Möglichkeit gar keine Befestigungsvorrichtungen, da wegen der
zahlreichen geschilderten Schwierigkeiten eine dauernde persönliche
Kontrolle durch den Arzt oder das Personal unumgänglich notwendig
erscheint. Dies ist um so mehr der Fall, wenn sehr kräftige Apparate,
wie etwa die neuen Glühkathodendiathermieapparate, verwandt werden,
mittels welcher mehrere Patienten gleichzeitig behandelt werden sollen.
Ich halte ein solches Verfahren geradezu für unzulässig und habe auch
bei Massenbetrieben (Militär) stets für eine genügende Anzahl von Appa-
raten imd Hilfskräften gesorgt, damit nicht zwei oder mehr Patienten
gleichzeitig am selben- Apparat behandelt zu werden brauchten. In
vielen Fällen wird man eine größere indifferente Flächenelektrode ver-
wenden und kann sich damit helfen, daß man den Patienten sich auf
diese setzen oder legen, gelegentlich auch, wenn die Patienten intelligent
genug oder kräftig genug dazu sind, z. B. auf der Brust oder dem Ober-
schenkel sie halten läßt. Wenn man nun dafür sorgt, daß man die pri-
märe Ein- und Ausschaltimg des Stromes mittels eines Fußkontaktes
ausführt, wie solche von der Firma Siemens oder Sanitas geliefert
werden (siehe Abb. 22a, b), so behält man eine Hand für die Regulie-
rung der Stromstärke frei, während man mit der arideren Hand die eine
Elektrode dirigieren kann. Hat man kein Personal zur Hilfe, so muß
man sich damit begnügen, den Apparat von vornherein auf die voraus-
sichtlich richtige Stromstärke einzustellen, mit dem Fußkontakt die
Ein- imd Ausschaltung zu besorgen, während man mit beiden Händen
je eine Elektrode appliziert. Hierbei muß man Bücksicht darauf nehmen,
daß man zumindest an der einen Elektrode die Berühnmg stromführen-
der Metallteile vermeidet, weil sonst, wenn man beide Elektroden leitend
berühren würde, der Körper des Arztes als Nebenschluß Abzweigungen
der Hochfrequenzströme in sich aufnimmt, sich also der Hochfrequenz-
wirkung aussetzt, andererseits dem Patienten Stromenergie entzieht.
Ebenso muß man vermeiden, wenn man auch nur eine Elektrode leitend
berührt, mit der anderen Hand unbedeckte Körperteile des Patienten
zu halten, weil auch dabei Stromentziehung stattfindet. Macht man es
sich jedoch zur Regel, eine Elektrode, möglichst die indifferente, vom
Patienten oder Gehilfen halten zu lassen oder mechanisch zu fixieren
und die differente selbst zu dirigieren, so ist es zweckmäßig, mittels
der Finger die Erwärmung dieser differenten Elektrode dauernd zu
kontrollieren. Man muß dabei bedenken, daß der Arzt, da er ja nur die
eine Elektrode berührt, nicht die eigentliche Tiefendurchwärmung der
112 KKnudie Anweodiiiig der DUtbermie.
Diadieniiie zu spüren bekommt oder nur in gmngem Maße, jed^ifalls
viel schwäche als der Patient, und durch Befühlen d^ Elektrode im
wesentlicjien die rückwärtige Erwärmung der Elektrode von d^ Haut
des Patienten aus kontrolliert. Wenn also die Elektrode anfangt rtn-
angenehm heiß zu werden, so ist die Haut des Patienten schon um eirwas
stärker erwärmt und Unterbrechung der Applikation oder erhebliche
Abschwächung dringend notwendig zur Vermeidung von Verbrennmig.
Gktnz besonders ist eine solche Vorsicht in den Fällen angebracht, in
denen die Patienten an den zu behandelnden Stellen Thermoanästhesie
aufweisen und man sich doch nicht ganz hierbei auf die Angaben des
Amperemeters unter Zugrundelegung der Dosierungstabelle verlassen
kann. Indessen ist doch die Kenntnis der Dosierungstabelle eine wesent-
liche Unterstützung, weil sie uns bezügUch der jeweiligen Elektroden-
große die zulässige Stromdichte für eine Applikation von einigen l^finuten
ungefähr angibt. Bleiben wir erheblich unter dieser Dosis, so ist eine
Kontrolle, besondere Zufälle abgesehen, nicht nötig, und man kann
selbst längere Applikation von 20—30 Minuten auch bei thermoanästhe-
tischen Patienten vornehmen. Immerhin aber empfiehlt es sich auch
hier, gerade bei längeren Sitzungen von Zeit zu Zeit durch Unterbrechung
des Stromes und Abnehmen der Elektrode sich von dem Grad der statt-
gehabten Erwärmung der Haut zu überzeugen, da ja immerhin durch
die impermeable Bedeckung und den Druck lokale Wärmestauung mög-
lich ist. Dies bietet auch noch den weiteren Vorteil, daß man die Unter-
brechung zur Abkühlung der Haut benutzen kann; erstens wird auto-
matisch Wärme von der Haut ausgestrahlt und durch Konduktion der
Gewebe fortgeleitet, und zweitens können wir durch Betupfen mit
kaltem Wasser und Auflegen einer frisch gekühlten, nassen Kompresse
die Haut abkühlen, während diese Prozeduren auf die Tiefe nicht
wirken. So können wir die stärkere Erwärmung der Haut verhindern
zugunsten einer größeren Tiefenwirkung. Eine derartige intermittie-
rende Behandlung gewährleistet eine größere Tiefenerwärmung. Stets
muß man aber der oben beschriebenen Randwirkung der Elektrode ein-
gedenk sein, um vor unliebsamen Zufällen geschützt zu sein.
Wertvolle Dienste leistet für genaue Messungen der Temperatur-
steigerung im Gewebe insbesondere für wissenschaftliche Untersuchungen
und Dauerregistrierungen der Siemenssche Temperaturmeß- und
Begistrierapparat.
Er besteht aus den aus den Abb. 62—66 ersichtlichen Teilen und
gestattet die momentane Ablesung oder dauernde Registrierung der
Temperatur, auf welche sich das in loco befindliche Widerstands-
thermometer erwärmt. Man mißt allerdings damit nicht die Gewebs-
temperatur in größerer Entfernung von dem eingeführten Instnmient,
sondern nur diejenige des unmittelbar ihm anliegenden Gewebes.
Führt man z. B. das Widerstandsthermometer in den Magen ein, so
kann ein Irrtum dadmrch entstehen, daß die Temperatinr des Magen-
inhaltes und nicht die des Gewebes registriert wird. Indessen gleichen
sich derartige Differenzen bei längerer Applikation aus, so daß man
unter gewissen Kautelen in der Tat auf die Gewebstemperatur mit
Doeiening und allgemeioe Technik. 1X3
großer Walußcheinlichkeit BchlieBen kann. Es werden spezielle Wider-
Btandstbermometer für die Achselhöhle, für das B«ktum, für den Magen,
zum lEünstecheti in Gewebe, z. B. Tumoren, und zum Messen der Haut-
temperatur fabriziert .
Bezüglich weiterer
Details über die Kon-
struktion verweise ich
auf die Kataloge von
Siemens & Halske.
Bei der Steige-
rung der Stiometärke
^ipährend der Sitzung
muß mändesphydka-
lischen Gesetzes ein-
gedenk sein, daß die
produzierte Wärme
nicht proportional
der Stromstärke zu-
nimmt, sondern we-
sentlich schneller. So
kommt es, daß z. B.
bei irgendeiner Appli-
kation 1000 Milli-
ampere gut vertragen
werden, aber bei der
Steigerung auf etwa 1100 plötzlich starkes Hitzegefühl auftritt, eine
^Erscheinung, die Anfängern meist unerklärlich erscheint.
Die Gefahr der Wärmestauung ist bei den üblichen therapeutischen
Applikationen kaum vorliegend. Indessen werden wir häufig, auch bei
lokaler Diathermie, nicht nur Zeichen allgemeiner Temperaturre^^e-
mngsreaktionen, sondern auch gelegentlich wirkhche allgemenie Tem*
lerdings geringer Art,
beobachten können. Die
Dauer der Sitzung
richtet sich im allgemei-
nen nach dem gewünsch-
ten Effekt. Wollen wir
kräftige Tiefenwirkung
haben, so müssen wir in-
folge der Divergenz der
Kraftlinien in größerer
Entfernung der Elektro-
den (schon von 10 cm ab^
protrahiert« Sitzungen, möglichst von verschiedenen Hautst«llen aus.
Diese Divergenz in der Tiefe, oder, physikalisch ausgedrückt,
Streuung der Kraftlinien, spielt aber für die Therapie keine allzu be-
NagelschTnldt, ItUthermle. 2. Aufl.
1 1 4 Kliniacbe ADwendung der Di&thennie.
deutende EoUe. Denn nicht nur die schon früher mit der d'Äreon-
valisation vielfaeh erreichten günstigen therapeutischen Resultat«,
sondern auch die Erfahrungen bei der Diathermie sprechen daftir,
daß zur Erreichung gut«r Er-
folge keineswegs eine ex-
zessive oder überhaupt
nur meßbare Tempera-
tursteigerung in der Tiefe
in einer großen Reihe von
Fällen notwendig ist. Viel-
mehr genügen schon minimale
diathermische Elf f ek te , d ie «ich
eben, wie gesagt, nicht durch
Abb. 64. M.g.Mb.,„„„ete zun, TemperMursteigerung ™ do-
kumentieren brauchen, um
subjektive und objektive Besserungen und funktionelle Veränderungen
der behandelten Gewebe herbeizuführen. Immerhin werden wir danach
trachten, schon im Interesse der Verkürzung der Sitzung, für die Tiefen-
therapie möghchst
bald auf die ge-
wünscht« Strom -
starke zu kommen.
Was nun den Grad
der therapeutisch
zulässigen Durch-
^ -— ~ - • wärmung betrifft,
Abb. 65. Chirurgische Metalleiektrode, als Thermometer i^o haben genaue
»uBgebildet. zur Messung derTemperaturimkoaguherten TemperaturmeBSun-
gen ergeben, daß
bei Gewöhnung und langsamem Einschleichen die Haut selbst 44 und
45° verträgt, ehe eine Verbrennung zweit«n Grades auftritt. Aber viele
Patienten sind wesentlich empfindhcher, so daß man bei ihnen über
42 " nicht hinauskommen
kann. Die Schleimhaut
dagegen, die ja an. sich
etwas höhere Tempera-
tur als die äußere Haut
gewöhnt ist, verträgt 45 "
ganz gut . DieseTempera-
tur dürfte allerdings der
Gren zwertdesZulässigen
Abb. 66. Gesamtansicht des Instruiaeätariums. sein.Immerhinmußman
damit rechnen, daßschon
hierbei auch eine wirkliche, allerdings vorübergehende Zell Schädigung
durch Ausfall thermolabiler Globuhne eintreten kann.
Wir können nunmehr nach dem bisher Gesagten die allgemeine
Technik und Dosierung als bekannt voraussetzen und zur Durch-
sprechung der klinischen Indikationen übergehen.
Anwendung bei Zirkulationserkrankungen. 115
2. Kapitel.
Anwendung bei Zirknlationserkrankungen.
Entsprechend der universellen Bedeutung der Wärme für die
Therapie müßte ich eigentlich die gesamte Pathologie unseren Be-
trachtungen zugrunde legen. Da aber das vorliegende Buch im wesent-
lichen die zurzeit vorhandenen Erfahrungen festzulegen bestimmt
ist, werde ich mich nur auf diejenigen Kapitel beschränken, bei denen
bereits Beobachtungen vorliegen.
Ich beginne mit den Zirkulationserkrankungen. Um eine
wirksame Therapie ausüben zu können, müssen wir vor allem die ver-
schiedenen Erkrankungen des Ziikulationssystems möglichst exakt zu
diagnostizieren suchen und feststellen, an welchem Orte die causa peccans
liegt. Es kann nicht streng genug vor einer schablonenhaften Behandlung
derartiger Erkrankungen gewarnt werden, wie sie auch heute noch viel-
fach von physikalischen Therapeuten ohne Berücksichtigung der spezi-
fischen Wiikungen der Hochfrequenzströme geübt wird.
Aus der Beobachtung der Symptome und der Beurteilung des
gesamten Krankheitsbildes heraus müssen wir unseren Behandlungs-
plan in jedem einzelnen Fall individuell festlegen. Es ist daher nicht
angängig, an dieser Stelle so detaillierte Angaben zu machen, daß
die Behandlung für jeden möglichen Krankheitsfall gegeben werden
kann. Wir müssen uns darauf beschränken, die wesentHchen Gruppen
von Ej*ankheit8bildem zu besprechen und aus den Symptomen die
therapeutischen Indikationen abzuleiten. Hieraus und aus der persön-
lichen Erfahrung, die gerade bei der Diathermiebehandlung unent-
behrUch ist und durch keine noch so detaillierte Beschreibung er-
setzt werden kann, muß der Arzt für jeden einzelnen Fall sich das für
ihn Passende heraussuchen.
Wir werden uns im folgenden mit den zentralen und peripheren
Zirkidationserkrankungen beschäftigen .
Hierzu kommen sekundäre Erscheinungen, Ödeme, Palpi-
tationen, Herzschmerzen, Funktionsstörungen der Körpermuskulatur,
des Gebims und andere. Wie wir oben auseinandergesetzt haben, sind
die Behandlimgsmethoden vermittels Hochfrequenzströmen je nach der
Applikationsweise unterschieden. So können wir allgemeine Be-
handlungsmethoden (Solenoid, Kondensatorbett nach Nagel-
schmidt) solche, welche größere Körperabschnitte betreffen
(Konden satorbett nach Apostoli undSchittenhelm, Vierzellenbad ,
Zweizellenbad) und solche, welche lokal wirken (Kontaktelektroden),
unterscheiden. Andererseits trennen wir die reinen Diathermie-
applikationen, bei denen die diathermische Wärme als einziger
primärer therapeutischer Effekt in Frage kommt, von den kombi-
nierten Methoden, bei denen neben der reinen Diathermie Haut-
reize, Muskelkontraktionen, mechanische und chemische Wirkungen
eine Rolle spielen (Duschenentladungen, Kondensatorelektroden, Fun-
kenentladung).
Ich habe schon 1907 auf die Differenz der verschiedenen Applikations-
niethoden der Hochfrequenzströme, ganz besonders auch auf die Unterschiede-
8*
11g Klinische Anwendung der Diathermie.
der'Apparatur und der Dosierung hingewiesen und muß auch an dieser Stelle
hervonieben, daß für eine sachgemäße Therapie der Zirkulationserkrankungen
ganz besonders eine scharfe Indikationsstellung beztkglich des Charakters der
Erkrankung, wie auch der Form, Dosis, Wiederholung, Dauer der Therapie not-
wendig ist. Daß wir hierbei oft auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen,
z. B. (Ee Unterscheidung rein funktioneller Störungen von beginnenden anatomisch
verursachten, darf uns nicht verhindern, in jedem Falle und besonders in unklaren
Fällen, alle Hilfsmittel der Diagnostik heranzuziehen. So ist vor allem wiederholte
Untersuchung zu verschiedenen Tageszeiten, in verschiedenen Lagen, nach ge-
nügender Riüie, nach Anstrengungen, femer Heranziehung der Böntgendurch-
leuchtung zur Bestimmung der Herzgröße und Funktion, des Elektrokardiogramms
sowie besonders der Sphygmomanometrie und Sph jgmographie sowie des Plethys-
mographs gänzlich unerläßlich. Gelingt es auch nicht in jedem Falle, hierdurch
zu einer völligen Klarheit in der Beurteilung desselben zu gelangen, so schützt
uns doch das Besultat dieser Untersuchungen vor der Begehung grober Fehler.
Die Kompliziertheit des Zusammenwirkens der verschiedenen funktionellen
und mechanischen Faktoren des in innigster Verbindung mit dem Qesamtorganis-
mus stehenden Zirkulationsapparates erschwert schon ungeheuer die Beurteilung
der physiologischen Wirkungen der Hochfrequenztherapie. Hierzu kommt beim
Menschen noch die Bewertung des psychischen Faktors. So wird es erklärlich
erscheinen, daß wir zurzeit noch nicht in der Lage sind, allgemein über eine abge-
schlossene imd für die Mehrzahl der Fälle ausgearbeitete Ladikationsstellung und
Technik der Therapie zu verfügen, und vielleicht werden wir niemals dazu gelangen.
Aber wir sind doch bezüglich der Hochfrequenzströme jetzt schon
viel besser daran als mit den alten physikalischen Methoden. Viel \m-
klarer als in der Hochfrequenztherapie sind die Erfolge imd Mißerfolge
der galvanischen, faradischen Ströme und der Vierzellenbäder, der
Influenzelektrizität. Bei der Hochfrequenztherapie haben wir wenig-
stens die Möglichkeit, im Experiment die Wirkung der reinen Wärme
gewissermaßen losgelöst von allen elektrischen Vorgängen
zu prüfen, während bei allen anderen Formen der Elektrizität thermische,
chemische, mechanische und sensible Momente eine komplizierende
Bolle spielen. Auch bezüglich der Leitungswiderstände und der Ver-
teilungsverhältnisse dieser Energieform liegen recht konkrete Resultate
vor. Wir können somit imseren folgenden klinischen Betrachtungen
eine Reihe experimentell begründeter Faktoren zugrunde legen, die
wir als gesichert betrachten dürfen, \md haben eine Basis, auf der wir
eine nicht unbedeutende Anzahl klinischer Beobachtungen und Resul-
tate genügend fimdamentiert aufbauen können.
Wir werden diese klinischen Studien nicht streng nach anatomisch getrennten
Lokalisaüonen beleuchten, da der funktionelle Zusammenhang, z. B. zwischen
Herzarbeit und Grefäßtonus oder zwischen Gefäßtonus imd Nierenerkrankung, ein
so intimer ist, daß wir bei der Behandlung Yon 2iirkulationskrankheiten stets auch
den Gesamtzustand des Körpers im Auge behalten müssen.
Beginnen wir mit den muskulären Erkrankungen des
Herzens. Die Zufuhr der diathermischen Wärme führt zu einer Sti-
mulation der Zellfunktion und zu einer Erhöhung nicht nur des Chemis-
mus, sondern auch der Wachstumsvorgänge in diesen. Diese erhöhte
Lebensfunktion, die auf erhöhtem Stoffwechsel, d. h. Verbrauch von
Energie beruht, deckt diesen Bedarf nicht in der sonst üblichen Weise
damit, daß zimächst die Verbrennungen von Nahrungs- und Reserve-
materialien erhöht werden und dadurch erst die vermehrte Produktion
von Wärme erzielt wird, sondern die fremde, von außen als elek-
Anwendung bei Zirkulationserkrankungen. 117
trisohe Energie zugeführte, in jedem Molekül des Zellproto-
plasmas entstehende, folglich überall verwendungsbereit
vorhandene Wärmeenergie wird hierfür benutzt. Als zweite
na<}h demselben Ziel strebende Fimktion der Diathermieapplikation
tritt die arterielle lokale Hyperämie in ILraft, welche ebenfalls
die Herzmuskölfasem besser versorgt und zu erhöhter Leistungsfähig-
keit bringt. Hand in Hand mit dieser erhöhten arteriellen Zirkulation
geht die dekongestionierende, durch die Beschleunigung der Zir-
kulation bedingte Wirkung der Hochfrequenzströme, welche die die
Zellen schädigenden Stoffwechselprodukte schneller eliminiert. Alle diese
Faktoren zusammen bewirken das, was als Tonisierung des Herzmuskels,
Beseitigung von Kongestions- und sonstigen Zirkulationsstörungen in
ihm, also klinisch als Beseitigung subjektiver Beschwerden, ILräftigung
der Herzaktion, kurzum Regulierung der Funktion in die Erscheinung
tritt. Dazu kommt noch der ebenfalls tonisierende Effekt der diather-
misch in Nervenzellen und -fasern des Herzmuskels aus Elektrizität
in Wärme umgesetzten Energie. Wir sehen nach Diathermie des Herzens
in Fällen einer beginnenden oder nicht allzuweit fortgeschrittenen
Myodegeneratio Verschwinden von Arhythmien; die einzelnen Ampli-
tuden werden gleichmäßiger, mancherlei irreguläre Zacken des Sphyg-
mogramms verschwinden, und die subjektiven Beschwerden der Pa-
tienten bessern sich. Schwächezustände, Schlaflosigkeit, Gefühl des
Aussetzens des Pulses hören auf. In schwereren Fällen, in denen die
Degeneration des Herzmuskels einen höheren Grad erreicht hat, sehen
wir nicht selten in den ersten Wochen das Ausbleiben eines therapeu-
tischen Erfolges, und erst nach mehrfachem Aussetzen der Behandlung
während einer protrahierten Reihe von Sitzungen tritt ganz allmählich
Besserung ein. Bei schweren Reizleitungsstörungen empfiehlt sich
die direkte Behandlung der Herzbasis; die Anwendung von den Extre-
mitäten aus kann dagegen gelegentlich zu Verschlimmerungen führen.
Sind die Schädigungen der sekundären Insuffizienzerschei-
nungen infolge des pathologischen Prozesses sehr erheblicher Natur,
besteht Düatation nebst Insuffizienz, so haben wir hier wieder ein dank-
bareres Feld für die Behandlung, insofern diese funktionellen Stö-
rungen einer schnelleren Besserung fähig sind als die häufig definitiven
degenerativen Veränderungen der Herzmuskelfasem selbst.
Relative Mitralinsuffizienz. Ein junges Mädchen von 20 Jahren, von
grazilem Körperbau, blasser Gesichtsfarbe, trat mit folgender Anamnese in meine
Behandlung: Ohne vorhergehende schwere Erkrankung oder Erkältung traten
infolge anstrengender Berästätigkeit seit einigen Monaten Beschwerden auf,
welche sich in der letzten Zeit so weit steigerten, daß Patientin ihre Tätigkeit auf-
geben mußte. Sie bekam Schwächeanfälle bei der geringsten Anstrengung und
auch ohne eine solche, heftiges Herzklopfen, welches stundenlang anhielt und sie
fast jede Nacht am Schlafen hinderte. Damit waren Angstgefühle verbunden,
und sie fühlte selbst ein Schwirren in der Herzgegend. Ödeme beider Beine traten
zeitweise auf, schwanden aber nach einigen Stunden horizontaler Lage. Eiweiß
und Zylinder waren nicht vorhanden. Die objektive Untersuchung e rgab in Ge-
meinschaft mit dem Röntgenbefund eine Dilatation des linken Ventrikels.
Die Auskultation ließ ein lautes, schwirrendes Geräusch an Stelle des ersten
Tones hören, welches über der Spitze, dem ganzen Stemum und an der Aorta,
dort jedoch schwächer, zu hören war. Diesem Geräusch entsprach ein palpatorisch
WS Klinische Anwendung der Diathermie.
deutlich fühlbares systolisches Schwirren. Die Pulszahl betrug zu Beginn 6er
Behandlung zwischen 120 und 140. Unmittelbar nach .der ersten Sitzung lokaler
Diathermie, während welcher Patientin ein deutliches, angenehmes Wärmegefühl
in der Brust verspürte, ging die Pulszahl auf 90 Schläge herunter. Die fast dauernd
vorhanden gewesenen drückenden und stechenden Schmerzen in der Gegend der
Herzspitze verschwanden, und im Laufe von 10 Sitzungen besserte sich der Zustand
so weit, daß von einer Dilatation nichts mehr zu bemerken war, das Geräusch in
der Ruhe vollkommen verschwand und nur nach Kniebeugen mit großer Auf-
merksamkeit noch entdeckt werden konnte. Die Patientin setzte die Behandlung
aus, wonach es ihr 14 Tage lang gut ging. Dann traten im Anschluß an psychische,
häusliche Erregungen die Beschwerden erneut auf, die Patientin kam mit den
alten Beschwerden wieder zur Behandlung, nur war die Dilatation auch nach rechts
erheblicher geworden, und das Herz überragte das Stemum nach rechts um 1 Va Quer-
finger. Auf wenige Diathermiesitzungen verschwanden sämtliche Erscheinungen
wiederum, und bei völligem subjektivem und objektivem Wohlbefinden ist bei
einer von Zeit zu Zeit stattfindenden Behandlung der Zustand zwei Monate lang
unverändert gut geblieben. Dann reiste die Patientin ab und ist laut Bericht
beschwerdefrei.
Herzinsuffizienz. Patient St., 28. IL Landarzt, der im letzten Jahre seine
Praxis niederlegen mußte wegen Herzinsuffizienz. Es bestehen deutliche Koiiipen-
eationsstörungen, Ascites, Ödeme, Herzhypertrophie, Lungenödem, Zyanose.
Puls arhythmisch, klein, Herz stark dilatiert, hochgradige Schwäche, Druckschmerz
auf der Brust, Atemnot, Schlaflosigkeit. 1. Sitzung am 28. IL : Sofortige Besserung
des Allgemeinbefindens. 16. IIL: Nach 9 Sitzimgen Behandlung abgebrochen,
da Patient sich wesentlich gebessert und erfrischt fühlt. Lungenödem geschwunden,
Zyanose gleichfalls, Herrfiypertrophie unverändert, an den Beinen Spur von
Ödemen abends. Patient hat keine Atemnot, läuft zwei Stunden ohne Anstrengung
und nimmt seine Tätigkeit wieder auf. Bericht im Juni : Unverändert Wohlbefinden.
Adipositas und Vitium cordis. Patient Seh., 45 Jahre. Sehr großer, sehr
fettleibiger Mann mit erheblicher Arhythmie und dauernden stenokardischen Be-
schwerden, bei Bewegungen sowohl wie in der Ruhe. Naghts heftige Anfälle von
Angina pectoris, am Tage mehrmals Schwindelanfälle bis an die Grenzen von
Ohnmacht. Trotz der Kenntnis seines Zustandes ist Patient ein sehr starker
Esser und treibt Alkohol- und Nikotinmißbrauch.
Die Diathermiebehandlung des Herzens führt sofort nach der 1. Sitzung
eine wesentliche Besserung der subjektiven Beschwerden herbei. Die Behandlung
mußte wegen Abreise des Patienten nach 5 Sitzungen aufgegeben werden. Patient
war während der Behandlung absolut beschwerdefrei und berichtet nach einem
Jahre, daß die Besserung 3 Monate angehalten hat.
•
Auch die Herzklappenfehler geben eine durchaus verschieden-
artige Prognose. Ich kenne Fälle mittlerer Schwere, die bei guter Kom-
pensation in die Behandlung kamen und trotz langer Behandlung keiner-
lei Veränderungen des Untersuchungsbefundes beobachten ließen. Ge-
räusche bheben bestehen, das Pulsbild blieb unverändert, und trotzdem
traten wesentliche klinische Bessenmgen ein : Die Patienten waren eher
Anstrengungen gewachsen, ermüdeten nicht so schnell, Herzklopfen und
unangenehme Sensationen in der Herzgegend schwanden.
Ich hatte Gelegenheit, einige frische Fälle zu behandeln, welche
teils nach Polyarthritis rheumatica, teils ohne eruierbare .Ursache auf-
traten und zu einer vollständigen Restitutio ad integrum kamen.
Bei älteren Klappenfehlern ist ein so völliger Rückgang der
klinisch nachweisbaren Erscheinungen nicht beobachtet worden; aber
selbst in schwersten Fällen mit hochgradigen Kompensationsstörungen
treten so erhebliche subjektive und objektive Besserungen ein, daß der
Diathermie in allererster Reihe unter den Herzmitteln ein Platz gebührt.
Anwendung bei Zirkulationserkrankungen. 1 1 9
Bei der Behandlung von Klappenfehlem kommt nicht nur die
Tonisierung des Herzmuskels und die hiermit in Zusammenhang stes
hende Erhöhung seiner Leistungsfähigkeit als therapeutisches Momen-
in Frage, sondern es ist auch eine direkte Besserungsmöglichkeit det
Klappenfehlers selbst nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen. Da
es sich in den meisten Fällen um die Residuen entzündhcher Prozesse,
welche zu Narbenbildung geführt haben, handelt, so ist die hyperämi-
sierende, ödematisierende, mithin auflösende und erweichende Wirkung
der Diathermie therapeutisch jedenfalls zu versuchen unter der Voraus-
setzimg, daß auch die primären und Nebenwirkungen eines derartigen
therapeutischen Eingriffs berücksichtigt werden.
Eine besonders günstige Indikation für die Diathermie-
behandlung stellen die Koro narbe seh werden dar. Sind dieselben
jüngeren Datums und nicht allzu erheblich, so dürfte man es in einer
Anzahl von Fällen mit rein fimktionellen Störungen zu tun haben, die,
wie wir später unten bei der Claudicatio intermittens sehen werden, in
geradezu frappanter Weise durch die Diathermie beeinflußt werden.
Die nachstehenden ILrankengeschichten erläutern diese Resultate.
Angina pectoris. Patient K., 65 Jahre. Klagt über heftige Beschwerden in
der Brust, nach beiden Armen ausstrahlend, psychisch stark deprimiert, unfähig,
mehr als wenige Minuten langsam zu gehen, muß nachts aufsitzen wegen Atenmot,
schläft schlecht. Appetit mäßig, Stiüilgang angehalten, kann seit längerer Zeit
seinen Greschäften nicht mehr nachgehen. Beschwerden haben sich im Laufe
der letzten 6 Monate stark vermehrt. Mäßige Fettleibigkeit, blasses pastöses Aus-
sehen, sichtbare und fühlbare periphere Sklerose, Herz leicht nach rechts dilatiert.
Töne rein, deutliche Arhythmie, Blutdruck wenig erhöht.
Im Laufe des Januar 1908 8 Sitzungen, im Februar 7, März 8, April 6, Mai 2
und Juni 1 Sitzung.
Patient wurde 1 — 2 mal wöchentlich einer leichten Hochfrequenzbehandlung
unterworfen, worauf sich die Beschwerden vom zweiten Monat ab wesentlich
besserten. Schlaf war gut, Schmerzen in der Brust traten nur noch zeitweise auf
und sehr gering, insbesondere waren die Nächte schmerzfrei. Im Laufe der nächsten
drei Monate wurden noch alle 8 — 14 Tage 1 — 2 Sitzungen verabreicht. Patient
wurde im Juni beschwerdefrei aus der Behandlung entlassen. Er hat im ganzen
32 Sitzungen erhalten. Die psychische Depression ist vollkommen geschwunden,
Patient arbeitsfähig, die Arhythmie meistens reguliert, nur zeitweise und nach
körperlichen Anstrengungen noch andeutungsweise nachweisbar.
Angina pectoris. Patient Seh., 42 Jahre, 18. I. 11. Großer, schlank ge-
bauter Mann, der seit Jahren an chronischer Cystitis unbekannten Ursprungs
leidet. Seit 1 Jahr sind leichte Anfälle von Angina pectoris aufgetreten, die in den
letzten Monaten an Häufigkeit so zugenommen haben, daß. er kaum 2 Tage frei
von Anfällen ist, und nur, wenn er sich sehr ruhig verhält; bei körperlichen An-
strengungen sowie bei psychischen Aufregungen treten stärkere und häufigere
Anfälle auf. Die Anfälle bestehen in Druckschmerz auf der Brust, Beklemmungen,
Todesangst, keine eigentliche Atemnot.
Beginn der Behandlung am 18. I. Seit der ersten Sitzung vollkommen be-
schwerdefrei. 5 Sitzungen im ganzen.
Am 25. I. Behandlung abgeschlossen.
Am 10. Juni kommt Patient wieder zur Behandlung, ohne daß weitere
Beschwerden aufgetreten wären als ein leichtes Mattigkeitsgefühl. 3 Sitzungen
Hochfrequenz, die sofortige Besserung der minimalen Beschwerden herbeiführten.
Beklemmung ist nicht wieder aufgetreten.
Anginapectoris. Patient H. Sitzungen : 30. Januar 1911; Februar : 1 . , 3. ,
5., 7., 10., 11., 14., 16. Gesunder, kräftig gebauter, wohlgenährter Landwirt,
der seit einigen Monaten leichte Angina-pectoris -Anfälle hat. Druck auf der Brust,
120 Klinische Anwendung der Diathermie.
kann nur langsam gehen, muß nach Vi Stunde höchstens stehen bleiben und
längere Zeit ruhen, nachts wiederholte Anfälle, die ihn zum Aufsitzen zwingen
und ihn sehlaflos machen.
Erste Sitzung am 30. I. Danach sofort vollständiges subjektives Wohl-
befinden. Im ganzen 9 Sitzungen, nach denen Patient beschwerdefrei am 16. IL
entlassen wird.
Bericht im Juni 1912. Frei von jeglichen Beschwerden, hält sich für definitiv
geheilt.
Angina pectoris Patient B., 65 Jahre, 30. I. 11. Herzleidend seit 1 Jahr.
SUagt über Druck und Schmerzen auf der Brust, Atembeschwerden. Anfälle treten
besonders nachts auf, so daß er aufsitzen muß, weder Eiweiß noch Zucker; Kohlen*
Säurebäder waren ohne Erfolg, Digalen hilft vorübergehend in geringem Maße.
1. Behandlung am 30. 1. 11. Seitdem vollkommen beschwerdefrei bis zum 15.11.
Im ganzen 9 Sitzungen: Januar 30., 31.; Februar 2., 4., 7., 10., 13., 14., 15.,
wonach Patient beschwerdefrei entlassen wird. Er stellt sich am 23. in. noch
einmal als anscheinend völlig gesund vor.
Angina pectoris. Patient W., 55 Jahre alt. Im allgemeinen gesund, leidet
seit etlichen Monaten an leichter Angina pectoris, kann wenig, laufen, muß wegen
Druck auf der Brust stehen bleiben, leichtes Angstgefühl, etwas Dyspnoe.
1. Sitzung am 12. IV. 11.
20. IV. Seit der ersten Sitzung vollkommen beschwerdefrei, entlassen. Im
ganzen 4 Sitzungen.
Arteriosklerose. Myokarditis, Koronarsklerose. Patientin B.,
52 Jahre, 13. 1. 11. Früher stets außerordentlich gesund und kräftig gewesen, er-
krankte indessen in den letzten zwei Jahren an Arterienverkalkung. Der Zustand
verschlinmierte sich vor 1 Jahr derartig, daß sie infolge schwerer Angina-pectoris-
Anfälle in unmittelbarer Lebensgefahr schwebte, ohne daß eine Behandlung im
Sanatorium mit den üblichen Herzmitteln eine nennenswerte Besserung herbei-
zuführen vermochte. Vor Beginn der Hochfrequenzbehandlung zeigte sich eine
erhebliche Herzerweiterung mit niedrigem Blutdruck (100), leichte Arythmie. Kom-
pensationsstörungen, leichte Ödeme der Beine, Albumen in Spuren, leichtes Lungen-
ödem; sie litt unter dauernder Atemnot und schweren asthmatischen Anfällen
des Nachts sowie heftigem Druck auf der Brust, der sie verhinderte, mehr als
wenige Schritte zu gehen, Treppensteigen war ihr vollständig unmöglich. Gesichts-
farbe leicht zyanotisch, Tremor der Extremitäten, Kopfdruck.
Beginn der Diathermiebehandlung am 13. 1. 11. Schon nach wenigen Sitzungen
trat eine eklatante Besserung sämtlicher subjektiven Beschwerden ein. Der
drückende Schmerz hörte vollständig auf, die Atemnot schwand während der ersten
Sitzung. Am 28. 1. wurde die Behandlung unterbrochen, da die Dilationta normalen
Herzgrenzen Platz gemacht hatte, das Lungenödem verschwunden war, desgleichen
der Eiweißgehalt des Urins und die Beinödeme. Weder asthmatische Anfälle noch
Schwächezustände sind wieder aufgetreten. Patientin fühlt sich wie neugeboren
und geht zwei Stunden ohne Unterbrechung spazieren.
Am 17. und 20. II. wurden zur Sicherheit zwei Sitzungen, im März zwei
Sitzungen und im April vier Sitzungen verabreicht, wonach Patientin vollständig
gekräftigt und wiederhergestellt wie in früheren Jahren ihre Sommerreise antritt,
„fühlt sich wie vor 10 Jahren". Ein Bericht Anfang Juni teilt mit, daß sie sich weiter
wohl befindet, daß sie im zweiten Stockwerk ohne Fahrstuhl wohnt und mühelos
mehrmals täglich die Treppen steigt und stundenlange Spaziergänge unternimmt.
Letzter Bericht im Februar 1913: gleiches Wohlbefinden.
Angina pectoris. Patient K. Im Juli 1909 trat plötzlich auf der Straße der
erste Anfall von Angina pectoris auf, mit nachfolgendem Blutspucken (Embolie).
Die Anfälle wiederholten sich, allmählich an Intensität zunehmend. Die letzten
Anfälle, das Leben bedrohend, traten allnächtlich auf, dauerten 1 V« Stunden und
machten zahlreiche Kampferinjektionen notwendig. Trotz Digalendarreichung
Wiederkehr der Anfälle, die durch Nitroglyzerin anscheinend gebessert wurden. In
der Nacht vom 20. — 21. L 10 war ein besonders schwerer Anfall aufgetreten, von
dem sich Patient so langsam erholte, daß er am 21. nachmittags nur mit Mühe zur
ersten Diathermie-Behandlung transportiert werden konnte. Auf dem Transport
Anwendung bei Zirkulationsa-krankungen. 121
traten Beklemmungen auf» und Patient hatte, als er auf das Behandlungssofa gelegt
wurde, starke Druckschmerzen über dem Stemum, nach dem linken Arm aus-
strahlend, Angstgefühl und Atemnot. Aussehen sehr bleich, Puls klein, irregulär,
Extremitäten kalt.
Einleitung der Diathermiebehandlung am Herzen bewirkt sofortiges Auf-
hören der subjektiven Beschwerden. Nach 10 — 15 Sekunden begann Patient tief
zu atmen, das Angstgefühl machte einer äußerst wohltuenden Empfindung von
Wärme und Erleichterung in der Brust Platz. Der Puls, der vorher kaum zu fühlen
war, wurde voll und kräftig. Die Irregularität schwand, und Patient konnte nach
dieser ersten Sitzung zum erstenmal seit 3 Wochen nicht nur die Nacht liegen
bleiben, sondern schlief auch die ganze Nacht hindurch ohne Morphium.
Die Sitzung wurde am nächsten Tage wiederholt und am 26. I. noch einmal.
Am 2. imd 5. 11. weitere zwei Sitzungen; seitdem bis zum April 1911, wo ich die
letzte Nachricht von dem Patienten erhielt, außer' leichten Beschwerden kein
schwererer Anfall mehr aufgetreten. Patient konnte seiner Tätigkeit nachgehen
und hat auch bis dahin die Behandlung nicht wieder aufzusuchen brauchen.
Patient H., 13. III. 1911. 54 Jahre, leichte Erweiterung der Aorta,
Koronarerscheinungen. Leichte Anfälle wechseln mit heftigen, Stemaldruck,
Dispnoe. Linker Ventrikel vergrößert. Druck 120 — 130. Keine Ämschmerzen. Im
Aniall einmal Aortengeräusch. Während des Anfalles Ameisenlaufen in den Extre-
mitäten; Patient weint, klagt über furchtbare Scl^merzen in der Brust. Morphium
hilft im AnfalL Seit fünf Monaten kann er nur sehr wenig gehen, muß alle Augen-
blicke stehen bleiben wegen heftig auftretenden Drucktes in der Brust. Die Anfälle
treten täglich in leichterer Form, alle 2 — 3 Tage in schwerer Form auf, so daß
Morphium und Kampfer notwendig wird.
Beginn der Behandlung am 13. IIL Am 15.: Seit der ersten Behandlung
vollkommen beschwerdefrei.
23.: Bisher vier Sitzungen. Befinden dauernd gut, bis heute nachmittag
eine psychische Aufregimg einen leichten Anfall auslöste, der jedoch an Intensität
weit hinter den anderen zurücksteht. Das Befinden war seitdem dauernd gut,
bis auf einen leichten Anfall im Anschluß an psvchische Erregung. Am 1. V. Be-
handlung abgebrochen, da Patient beschwerde&ei. Kann beliebig lange gehen.
Im ganzen 19 Sitzungen.
Anginapectoris. Frau K. 52 Jahre alt, seit 35 Jahren verheiratet, 3 lebende
Kinder, 1 Abort, 1 Kind später gestorben. Patientin klagt seit mehreren Jahren
über Schmerzen in der Brust, Druckgefühl und AngstgefühL Die Beschwerden
treten anfallsweise auch nachtis auf, besonders aber, sobald sie sich körperlich an-
strengt. Die Anfälle dauern Ya Stunde, danach besteht noch längere Zeit Schmerz
in der Herzgegend. Beim Liegen auf der Seite schlafen die Arme leicht ein. Herz-
töne rein und leise, leichte Verbreiterung nach rechts. Puls regelmäßig, klein;
Druck niedrig, erhebliche Adipositas.
Nach drei Sitzungen beaeutende Erleichterung. Nach 10 Sitzungen be-
schwerdefrei entlassen.
Bericht drei Monate später: Beschwerdefrei geblieben. Arbeitet wie früher.
Fühlt sich gesund.
Insufficientiacordis. Dr. P., 3. I. 11. Landarzt, gewohnt, große Touren
auf dem Bad zu machen. In den letzten Monaten infolge anstrengender Praxis plötz-
liches Auftreten von Insufficientia oordis, so daß er seinen Beruf unterbrechen
mußte. Puls voll, manchmal gespannt, zeitweise fadenförmig. Druckgefühl auf
der Brust, nach dem linken Arm ausstrahlend. Zeitweise das Oäühl des Aussetzens
der Herztätigkeit. Allgemeines SchwächegefühL Häufige Angstempfiutidungen.
Sitzungen am 3., 5., 9., 10., 17. Januar 1911. Nach den ersten zwei Sitzungen
Druckbeschwerden behoben. Nach 5 Sitzungen Behandlung unterbrochen, da
Patient vollkommen beschwerdefrei und frisch.
10. VI. 11. Kommt ohne Beschwerden, um sich vor der Sommerreise noch
einmal behandeln zu lassen. 15. Juli Bericht aus dem Gebirge: Vollkommenes
Wohlbefinden, macht Touren von 4 — 6 Stunden ohne Beschwerden.
Bericht Februar 1913: Dauernd frei von Beschwerden geblieben trotz an-
strengender Landpraxis.
]2'i K1ini*cbr Anwendung drr TUMtbaaäc.
Kfironnrfiklnrove. Patient R.. 38 Jahre, 21. XU 08. Keine Lom. Inaomnie
•Ht I9lf3. Hcleroaia coranMia incipen«. äfMcdkcbet AortengeiiHiBch. Lachte
iTilntati'm nach recht«. Kein Albanien und SÖccbamai. BeklemmimgeD, Atemnot,
HchlafInniKheit.
Vinr Hitzar^ten »m 21-, 23v, 20. und 28. VolUconiinen beechwerdefra ent-
lowien. Dilatation zurückgegangen, AoTtengeränscb vorbanden. Kein Druck
auf i\pT Bruxt, kein« Atemnot, acbläft nachte gat.
A ngi na pectorin. Hetr H., 65 Jahr, wit 37 Jobreo Terheiratet. Zwei er-
WHi:hN'ric KiiKlcr, Frau Htarb an Lenkimie. L«bt viel im Freien, ist immer gesnod
«IWCJiPtl.
Vor (Irri Jährten wurde Herzerweiterung konstatiert nnd eine Knr in Nauheim
gebraucht. Kcitdem war er gesund gewcHcn, bis vor 6 Monaten in den Füfien (in
<len H(ibl«n, Hocken und in den Knien) Schmerzen auftraten. Sie wurden zunächst
alu PlattfuDbcwch werden gedeutet. Einlagen halfen nichts, vielmehr wurden die
ßerehwerden immer heftiger. Beim Gehen steigen die Schmerzen aufwarte, angeblich
bin in die Magnngegcnd; nach und nach noch weiter steigend, werden sie jetzt
bin in die Mitt^^ der foust, «eltcncr nach dem linken Arm zu geklagt, etr^ilen
jedoch auch in den Arm hinein
bis in die Handgelenksgegeod.
Nach Anstrengung tritt Herz-
klopfen auf, und die Schmerzen
in den Handgelenken werden
stärker. Der Patient lokalisiert
sie in der Radialarterie, Wenn
das Herzklopfen stärker wini,
treten auch leicht« Schwindel-
anfälle auf. Der Zustand dep
Patienten gestattet ihm nur,
etwa 10 Minuten sehr langsam
auf ebenem Wege zu gehen.
Dann tritt aber schon Schmerz
auf. und er muQ stehen bleiben.
Nach 2 Minuten kann ei mit
sehr großer Vorsicht tangsam
weitergehen. Es treten beim
Gehen häufig Schmerzen in den
bei Anstrengungen leicht Kute-
ird sehr unangenehm empfunden.
l'/i Flasche leichten Moselweins),
mdem Milch.
I von Arterienverkalkung, der sich
entwickelte zu voriibergehender
^en, leichter Angina pectcris und
l>ir Hnchfroquenzapplikation wurde zunächst wegen der unangenehmen
Bi-schwprdon in der Brust auf das Her« hin gerichtet Später wurde die periphere
Zirkulation und auch dor Kopf in Behandlung genommen. Koch der ersten Sitzung
trat Ix^t« «rbeblichc suhjektii-e Besserung ein. Patient war zwei Tage ohne
IV'>chwi>rdiii.
Nai'h dor vierten Sitzung bt er 1 '/■ Stunde, allerdings langsam, gegangen.
Nach der nounten Sitzung beatoht nur noch frequenter Puls.
Wh 13 Sitzungen entlassen. (& Abb. 67. 6a)
Kr geh« zwei Stunden ohne Beschwerden und fühlt sich vollkommen geBnod.
Zvvi MiHiate spül^r Berieht gleichen WohlbefiiMteus.
Ist in Verfolg der Zirknlationsetöfungen eine Schädigung der
HorKninsknlKtur einpelreteii, so kann trott günstiger Be^nfluseim^
der /irkiilHtionsv-^rhültiiisäe in» Koronargebiet das Weiterbestehen der
<>lijekii\Tn tntd subjefctixien Beaeh«^rden beobaehtet werden. Inwie-
Anwendung bei Zirkulationserkrankungen. 123
-weit eine lange protrahierte oder in Intervallen öfter wiederholte Dia-
thermiebehandhing allmählich zur Regeneration defekter Gewebs-
abschnitte führen kann, hängt von den Besonderheiten des einzelnen
Falles ab.
Sehr schwer von den geschilderten Koronarbeschwerden zu trennen,
auch mittels des Elektrokardiogramms, sind gewisse nervöse funktio-
nelle Herzstörungen, die klinisch unter dem gleichen Bilde der
anatomischen Läsionen auftreten. Bei der nervösen Angina pec-
toris (vaso motoria) klagen die Patienten über Angst-und Ö^pressions-
zustände, müssen stehen bleiben wenn sie wenige Schritte gegangen
sind, und besonders spielt der Füllungszustand des Magens imd Dick-
darms eine Rolle. Auch von der Zeit der Nahrungsaufnahme ßind sie
abhängig, z. B. ist es ihnen des Morgens selbst nach einem leichten Früh-
stück unmöglich, ohne erhebliche Beschwerden kleine Anstrengungen
•zu ertragen, während sie wesentlich größere Leistungen nach einer viel
reichlicheren Mittagsmahlzeit vollbringen und, ohne ein erstes Früh-
stück einzunehmen, ebenfalls beschwerdefrei gehen. Solche Fälle geben
^ine schlechte Prognose für die diathermische Behandlung. Es ist frag-
lich, von wo aus dieser Symptomenkomplex ausgelöst wird. Es ist
möglich, daß der Vagus dabei eine wesentliche Rolle spielt. Auch die
sympathischen Bauchganglien und Spasmen des Zwerchfells können
hierbei mitwirken. Ebenso lassen sich zerebrale Funktionsstörungen,
Neurasthenie und Hypochondrie inkulpieren. Kurzum, es ist mir bisher
nicht gelungen, für derartige Fälle den Angriffspunkt einer wirksamen
Therapie zu finden. Demgegenüber ist hervorzuheben, daß die wirklich
-auf Zirkulationsstönmgen beruhenden Erkrankungen des Herzmuskels
■eine fast durchweg gute Prognose ergeben. So habe ich auch in schweren
Fällen von Angina pectoris vera von lebenbedrohendem Charakter
sehr deutliche Erfolge gesehen (z. B. Krankengeschichte S. 120, Pa-
tient K.).
Gerade aus der Erfolglosigkeit bei manchen nervösen Herzleiden
nnd der deutlichen Wirkimg bei den funktionellen imd anatomischen
Störungen kann man ersehen, daß die Diathermie keine Suggestions-
therapie ist.
Ich komme nunmehr zu dem Gebiet der Aortenaneurysmen.
In einer Anzahl von Fällen von Koronarsklerose, in denen trotz un-
zweifelhaft anatomisch bedingter Störungen keine Besserung gesehen
werden konnte, stellte sich nach längerer Beobachtung heraus, daß ein
Aneurysma in der Bildung begriffen war. Wenngleich ich in allen Fällen
von Aneurysma die auf diesem beruhenden Beschwerden, Schmerz
Anmerkung:
Ich verzichte in den bisher beschriebenen Kategorien von Krankheiten
«owie bei allen anderen Zirkulationsstörungen auf eine statistische Bewertung
4er Zahl nach. Denn gerade auf diesen höchst komplizierten Grebieten besagt die
Angabe, daß in soundso vielen Fällen Besserung eingetreten sei oder nicht, der
Blutdruck gestiegen oder gefallen sei, gar nichts, da die einzelnen Fälle inkommen-
surabel sind. Es scheint viel richtiger^ die einzelnen Kategorien diurch einige
Krankheitsgeschichten zu belegen, aus deren Lektüre die Beiuteilung des einzelnen
Falles und der Wirksamkeit der Methode wesentlich maßgeblicher hervorgeht.
124 Kliniflche Anwendung da- Diathermie.
in der Stemalgegend, Druckempfindlichkeit, AngBtgefühl während der
Dauer der Behandlung in leichteren Fällen vollständig, in ganz schweren
Fällen bis auf geringe Beste verschwinden sah, trat nach Aussetzen
der Behandlung schon nach relativ kurzer Zeit (1—4 Wochen) das
Wiedereinsetzen der alten Beschwerden auf.
Aneurysma Aortae. Herr B., 56 Jahre. 9. 11. 09 bis 23. Ü. 09. Hoch-
ffradiffes Aneurysma mit vollkommener Usur des oberen Teils des Stemums tmd
bl&uliohroter, pulsierender Verwölbung dicht unter der Naut, unterhalb des rechten
Stemoklavikulargelenks. Das Aneurysma nimmt nach dem Böntgenbild die
QröOe eines Kinderkopfes ein. Die Beschwerden des Patienten sind aufierordent-
lich quälend. Er hat dauernd heftige Schmerzen im ganzen Oberteil der Brust»
häufig Schwindel, Ohnmachtsanfälle, Beklemmungen tmd Angstzustände, so daß
er dauernd Morphium nimmt und keinen Tag ohne Morphium und andere Anal-
getika auskommt. Die Behandlung mittels Diathermie ergab schon nach der
ersten Sitzung eine so wesentliche Besserung der subjektiven Beschwerden, daß
Patient während der ganzen Dauer der Behandlung (drei Wochen) ohne jedes
Narkotikum oder Analgetikum mtUielos auskam. I^r objektive Befund bleibt,
was Ausdehnung des Aneurysmas, Pulsation, Herzgröße usw. anging, vollständig
unverändert, und 8 Tage nach Unterbrechung der Kur und der Abreise des Patienten
stellen sich allmählich die früheren Beschwerden wieder ein.
•
Ich kann mein Urteil bezüglich der Aneurysmen dahin zusammen-
fassen, daß die Diathermie sich durchaus wirksam bezüglich der sub-
jektiven Beschwerden hierbei erweist, selbst in ganz schweren Fällen,
daß aber eine dauernde Wirkung hierbei nicht erzielt werden konnte.
Insbesondere sind diejenigen Fälle von Koronarbeschwerden, die er-
weislich organischer Natur sind, sich aber auf Diathermiebehandlung
wenig oder nur vorübergehend bessern, stets auf beginnendes Aneurysma
verdächtig.
Wenden wir uns nunmehr zur Besprechung der Wirkimg der Dia-
thermie auf das periphere Gefäßsystem. Hierbei spielt die Frage
der Erhöhung oder Erniedrigung des Blutdrucks eine sehr erhebliche
Bolle. Ich muß daher, um dieses viel umstrittene Thema diskutabel
zu machen, zunächst festlegen, nach welchen Kriterien im folgenden
die Blutdruckverhältnisse beurteilt werden sollen.
Hengröße, Herztonus, peripherer Qefäßtonus sind relative Begriffe. Es kann
bei einem ganz Gesunden infolge einer hochgradigen Anstrengung oder eines
peyohiBchen Insultes eine Herzdilatation mit Erschlaffung des peripheren Gefäß-
systems zu einer erheblichen Blutdrucksenkung führen, die mehr oder weniger
vorübergehender Natur, aber doch während einer gewissen Zeit nachweisbar sein
wird. Andererseits können infolge der gleichen oder irgendwelcher anderen ür«
Sachen Schwaokungen nach der entgegengesetzten Richtung auftreten. Auch
toxische Einwirkungen können einmalig oder wiederholt Beeinflussungen des Blut-
druckes erzeugen. Mn großes Kontingent zu diesen Fällen stellen Neurastheniker
mit labilem Yasomotorensvstem. In allen diesen Fällen handelt es sich aber um
vorübergehende funktionelle Störungen, und b&i wiederholten Untersuchungen
EU verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Lagen, unter verschiedenen Bedingungen
werden wir das unregelmäßige und funktionelle Wesen erkennen. Solche FäUe
scheiden aus unserer Betrachtungsweise wegen zu großer Kompliziertheit in der
Beurteilung an dieser Stelle aus. Andererseits können aba: auch anatomisch be-
gründete Anomalien des Gefößsystems an irgendeine Stelle oder in seiner Gesamt-
heit oder in größeren Abschnitten Veränderungen der Pressi(m veursachen, die
eb^ifalls nicht konstant zu sein brauchen, und deren Beurteilung ebenso erschwert
ist» Wenn von manchen Autoren verlangt wird, man solle jeden Freuten, über
dessen Zustand man sich ein Urteil verschaffen will, erst mindestens eine halbe
Anwendung bei Zirkulationserkrankungen. 125
Stunde ruhen lassen, ehe man den Blutdruck als konstant annimmt, so ist das ein
Desiderat, welches bei wissenschaftlichen Untersuchungen zu erfüllen zweckmäßig
ist; es kann gelegentlich einige Male durchgeführt werden, ist in der Praxis jedoch
undurchführbar. Es gibt jedoch auch gar keine Gewähr dafür, daß nun wirklich
ein Gleiohgewichtsstatus erreicht worden ist. Vielmehr kam! gerade in der nächsten
Minute eine tmerwartete Schwankung auftreten. Die psychische Beeinflussung
des Patienten durch die bevorstehende Therapie oder durch die Einleitung derselben
kann eine Bolle spielen, kurzum, die sorgfältigsten Vorsichtsmaßregeln können
illusorisch werden. Aus diesen Gründen kann mitunter eine Krankengeschichte
trotz kurzer Beobachtung des Blutdrucks für den Erfolg oder Nichterfolg einer
Therapie beweisend sein, während andere trotz der sorgfältigsten Kautelen keine
Küokschlüsse gestatten. Unter diesen Voraussetzungen muß ich es dem Leser
überlassen, ob er die im folgenden angeführten Krankengeschichten im einzelnen
Fall als genügend beweisend betrachten will oder nicht. Ich habe mich bemüht,
nur solche auszuwählen, bei denen der objektive Befund, das Alter des Patienten
und sonstige Momente den Wert der Messungen als maßgebend erscheinen lassen
dürfte.
Man sieht aus diesen Fällen, daß wir in der Diathermie in geeigneter An-
wendungsweise ein Mittel besitzen, um den Blutdruck in gewünschter Weise zu
beeinflussen.
Es ergibt sich nun die Frage, ob wir überhaupt den Blutdruck herabzusetzen
oder zu steigern uns bemühen sollen. In der Tat können wir den Blutdruck nicht
als ein losgelöstes Symptom für sich betrachten, sondern er stellt in vieler Beziehung
das Resultat der funktionellen Anpassung motorischer Triebkräfte imd peripherer
Widerstände vor.- Wenn wir auch anerkennen, daß die Erhöhung des Druckes
z. B. zur Überwindung vergrößerter peripherer Widerstände notwendig und somit
als eine Begulations- oder Abwehrvorrichtung zu betrachten ist, so ist es doch
hinfällig, daraus herleiten zu wollen, daß wir nun dieses Symptom nicht bekämpfen
dürfen. Erstens habe ich oben betont, daß die Aufgabe jeder zielbewußten Therapie,
ganz besonders bei der energisch lokal wirkenden Diathermiemethode, sein muß, die
Krankheiten ätiologisch anzugreifen, den Sitz des primären Übels festzustellen
imd auf dieses den Angriffspucükt der Therapie zu verlegen. Gelingt es uns im einen
Fall, durch Diathermie der Kiere die Zirkulationsbedingungen in ihr zu bessern
und dadurch den Widerstand, den sie der Blutpassage direkt oder durch Retention
toxischer Stoffe bietet, zu heben, somit die Ursache des Hohen Blutdrucks zu
beseitigen, so haben wir dieser Forderung genügt. Auf die Möglichkeit derartiger
Beeinflussung werde ich weiter unten bei der Besprechimg der einzelnen Er-
krankungen eingehen. Ich erinnere an dieser Stelle nur noch an das vorstehend
über die Myokarditis Gesagte, wo ebenfalls eine lokale Beeinflussung des Herz-
muskels im Sinne einer Tonisierung den Blutdruck im Aortensystem steigern,
gleichzeitig ihn durch Verminderung der Stauung im PulmonaLsystem dort ver-
ringern kann. Wir können also durch dieselbe lokale Beeinflussung des Herzmuskels
eine Steigerung und Herabsetzimg des Blutdrucks gleichzeitig oder nebenein-
ander bewirken.
Femer zugegeben, daß die Regulations- imd Abwehrvorrichtung, die sich
z. B. in der Erhöhung des Blutdrucks zeigt, eine zweckmäßige ist, so ist damit
noch nicht gesagt, daß ihr Grad das Optimum für das Individuum stets darstellt.
So sehen wir in der Physiologie und in der Pathologie nicht selten, daß die Aus-
lösung eines reflektorischen Vorganges durchaus nicht stets zum Besten des be-
treffenden Individuums ausschlägt, weil gewissermaßen die Natur über das Ziel
hinausschießt. So sind z. B. Krampfwehen bei mechanischer Geburtsbehinderung
(Querlage) als ein durchaus zweckmäßiges Mittel zu betrachten, mit Gewalt das
Hindernis zu beseitigen. Andererseits sind sie vollkommen fruchtlos und bergen
die schwerste Gefahr für die Kreißende in sich, nämlich Steigerung des intrauterinen
Druckes bis zur Ruptur. So kann z. B. auch bei einer Schrumpf niere ein gesteigerter
Blutdruck reflektorisch ausgelöst sein, ohne daß dieser imstande ist, die gestörte
Funktion wiederherzustell^i. Andererseits aber bedeutet der stark erhöhte Blut-
druck wiederum für den Gesamtorganismus eine große Gefahr und kann an sich
zu viel schwereren momentanen Schädigungen führen, als sie die Schrumpfniere
vielleicht erst späterhin im Gefolge haben würde. Wir sind also selbst bei Aner-
126 Klinische Anwendung der Diathearmie.
kennung der Zweckmäßigkeit der Blutdrucksteigerung in gewissen Fällen docfis
berechtigt, diese Steigerung im Sinne einer Begrenzung gegenüber einem Übermaße
sowohl wie auch im Sinne eines Schutzes des Organismus vor unnötiger Gefahr-
weiterer Schädigung zu bekämpfen, besonders wenn wir gleichzeitig in der Lage
sind, mit derselben Therapie auch das auslösende ätiologische Moment zu beein-
flussen. Wenn wir etwa <fie drohende Gefahr der Apoplexie bei einem Patientem
mit Schrumpfniere imd einem Maximaldruck von 250 mm imminent sehen, so sind'
wir durchaiis berechtigt, zimächst eine Herabsetzung des Blutdruckes und unmittel-
bar danach eine Beeinflussimg der Schrumpfniere zu versuchen.
Bezüglich der Art der stattfindenden Blutdruckemiedrigung ergibt
sich übereinstimmend nach den Beobachtungen der meisten Autoren^
daß die Senkung des maximalen Blutdruckes bei geeigi^eter Applika-
tionsweise mittels der Diathermie wohl stets gelingt. Ob diese Wirkung
eine vorübergehende oder dauernde ist, hängt von den einzelnen Um-^
ständen des Falles ab. Besäßen wir in der Diathermie nur ein Mittel,,
das reine Symptom der Blutdrucksteigerung zu beeinflussen, so würden
wir in den wenigsten Fällen mit einer dauernden Wirkung zu rechnen
haben, da ja der hohe Blutdruck irgendwo im Körper seine Ursache
hat. Ist die Ursache aber eine solche, daß wir sie therapeutisch in irgend-
einer Weise, sei es medikamentös oder physikalisch, beseitigen können,,
so werden wir durch Erreichung dieses ursächlichen Kurerfolges auch
einen Dauererfolg der druckherabsetzenden Therapie erzielen können.
Gelingt dies nicht, so ist es einleuchtend, daß einerseits die therapeutische
Blutdrucksenkung nur eine vorübergehende sein wird, andererseits die
subjektive und objektive Besserung des durch die ursprüngliche Er-
krankung bedingten Symptomkomplexes ausbleiben wird. Hiemach
erklären sich die ungünstigen Resultate der Beeinflussung der Symptome
des Aortenaneurysmas. Das Aneurysma als solches kann nicht ver-
mittels der inneren leichten Durchwärmung durch Diathermie zurück -^
gebildet werden. Es werden nur infolge der Tonisierung des Herz-
muskels, auch der Tonisierung der geschädigten Aortenwand, momentan
einige subjektive Beschwerden, Schmerz, Oppressionen, Schlaflosig^
keit, Zirkulationsbehinderung, beseitigt, kehren aber nach Aussetzen
der Behandlung in kürzester Zeit wieder zurück. Bei der Koronar-
Sklerose dagegen, wo wir durch die Diathermie eine ätiologische Thera-
pie treiben, indem wir die Zirkulation innerhalb des geschädigten Herz-
muskels regulieren, ja, vielleicht durch Eröffnung von Kollateral-
bahnen (Kapillarsystem) heilen, haben wir nicht nur vorzügliche mo-
mentane therapeutische Erfolge, sondern auch ebenso gute Dauer-
resultate.
In vielen der zur Beobachtung kommenden Fällen hohen Blut-
drucks bezieht sich diese Steigerung im wesentlichen auf den Maximal-
blutdruck, während der minimale nur wenig erhöht oder normal ist.
Die tonische Gefäßstarre ist ganz besonders dem Einfluß der Diathermie
zugänglich. Wir sehen nicht selten nach einzelnen oder einer Reihe von
Sitzungen den Maximalblutdruck gewissermaßen lytisch mit mehr oder
weniger großen Sprüngen fallen, während der minimale Druck keine
oder nur geringe Schwankungen nach unten aufweist. Ja, in einzelnen
Fällen zeigt sich auch ein Sinken des maximalen und Steigen des mini-
Anwendung bei ZirkulationSOTkrankungen
127
malen Dnickee. Wir sehen aber noch mehr aus diesen Kurven. Es
zeigt sich nicht nur, daß die (fäleohlich) sog. „Amplitude" des maximalEn
oder minimalen Druckes oder Druckechwankungsbreite relativ ver-
kleinert wird, d. h. daß ihie Werte sich nahem, sondern wir sehen
auch gleichzeitig die Amplitude der einzelnen Puls wellen steigen
(Abb. 69-77).
Abb. 69. Vor ft'handlung.
Abb. 71. Vor Behandlung.
Abb. 70. Nach Behandlung.
Tabelle
Abb. 72. Nach Behandlung.
V.
202
94
So zeigen in der vorstehenden Tabelle, in der einige Fälle von
exzessiv hohem Blutdruck zusammengestellt sind, die Differenzen der
Druckschivankungsbreit«n zwischen maximalem und minimalem Druck
erhebUche Verringerungen. Interessant ist, daß in Fall 2 z. B. un-
mittelbar nach der ersten Sitzung der Blutdruck um 28 mm herab-
gegangen war, und daß trotz weiteren Sinkens während der nächsten
Behandlungen doch die Differenz zwischen maximalem und minimalem
Blutdruck konstant blieb.
Mit großer Regelmäßigkeit sieht man nach der Diathermiebehand-
tung die Amplituden des Radialpulsee wesentlich sich verbessern. So
war z. B. in dem Fall der nachstehend abgebildeten Kurven {Abb. 79
bis 82) vor Beginn der Behandlung bei keinem Druck in der Manschette
128
Kliniache Anwendung der Diathermie.
ein gutes Pulsbild erhältlich. Während bei 80 mm die Diastole vor der
Behandlung größtenteils aU ein horizontaler Strich erscheint, ist bei
. 100 TtiTn Manachettendruek die Andeutung eines dinstoliscben I>nickes
vorbanden. Nach der Bebandlmig sieht man bei 80 mm einen voll-
kommen normal ausgeprägten Badialpuls, imd auch bei 100 mm ist
noch eine gute Amplitude und deutUche Zeichnung in der Diastole
erkennbar.
Das gleiche gilt für die Pulskurven beim äußeren Druck von 90 mm
<Abb. 71, 72).
Abb. 73. Vor Behandlnng.
Maximaler Druck 250 mm Hg.
Auch im Falle D. ist der niedrige gystoUsche Druck luid die nur an-
gedeutete iEUastizitäteelevation vor der Behandlung gegenüber dem
entsprechenden Kurventeil nach der Behandlung außer der wesent-
lichen Veigrößerung der Amplitude bei 80 und bei 100 mm deutUch
erkennbar (Abb. 79—82).
Ganz besonders deutlich geht der Einfluß der Therapie aus den
Kurven 75—77 hervor. Die entsprechenden untereinander angeord-
Abb. 75.
Vor Behandlnng.
Abb. 76.
Während Behandlung.
Abb. 77.
Na«h Behandlung.
neten Kurvenabschnitte lassen die allmähhcbe Verbesserung der Radikal-
kurve im Laufe der Behandlung deutlich erkennen. Diese objektiven
Veränderungen der Pulsturve, die sich mit subjektiven kUnischen Ver-
besserungen decken, beweisen eine Verbesserung der Elastizi täte Ver-
hältnisse des Arterienr obres. Da wir es in den ausgewählten Fällen
auBBchheßlich mit so hochgradiger Arterienverkalkung zu tun haben,
daß man klinisch von vollkommen starrem Arterienrohre sprechen muß,
so werfen diese Beobachtungen einer Elastizitätszunahme noch ein
neues Licht nicht nur auf die Beurteilung der Wirkung von Gefäß-
einlagenmgen in der Gefäßwand, sondern auch auf die Kurabilität
■der Arterio^erose. Die klinischen Erfolge der Hochfrequenzbehand-
lung, ganz besonders der aktiven Form der Diathermie, lassen, das
wird auch vielfach in der literatur bestätigt, die Erscheinungen be-
ginnender Arterienverkalkung auf Jahre hinaus unterdrücken, und es
Anwendung bei Zirkulationserkrankungen. 129
ist nicht von der Hand zu weisen, daß auch vorgeschrittene Arterio-
sklerotiker, wie ich z. B. seit 1907 unter Hochfrequenzbehandlung be-
obachte, nicht nur keinen Fortschritt objektiv kontrollierbarer arterio-
sklerotischer Veränderungen zeigen, sondern eine unverkennbare Besse-
rung ihres Zustandes aufweisen, und das verdanken wir ausschließhch
den Effekten der Piathermie, die wir in ihrer Wirkung auf das periphere
Gefäßsystem ein wenig näher betrachten wollen. Wir müssen ims
allerdings hierbei auf das Gebiet der Hypothese begeben. Aber bei
der Durchsicht der Literatur finden wir auch in fast allen anderen dies-
bezüglichen Betrachtungen schließlich nur Hypothetisches.
Wir haben im physiologischen Versuch und in der kUnischen Beobachtung
die dekongestionierende Wirkung als Faktum kennen gelernt. Die Hypothese
Huchards, daß ein Etat presclereux existiert, der dadurch charakterisiert ist,
daß ohne anatomische Läsionen irgendwelcher Art ein Zustand der Hypertension
sich in gewissem Alter, bzw. unter dem Einfluß von Noxen oder Giften verschiedener
Art ausbildet und als Vorstufe der Arteriosklerose anzusehen ist, hat sich zwar
in Deutschland nicht allgemeine Anerkennung verschaffen können. Indessen
hat diese Hypothese doch sehr vieles für sich. Denn ein jeder kennt die Be-
schwerden vorübergehender Natm-, die als gelegentlicher Kopfdruck, Wallung und
ähnliches geklagt werden, ohne daß die genaueste klinische und funktionelle Unter-
suchung irgendeine andere Anomahe aufdeckt als einen dauernd erhöhten Blutdruck.
Diese Erhöhung braucht gar nicht hochgradig zu sein. Schon der dauernde Befund
eines maximalen Druckes von 160 — 180 mm ist die einzige objektive Basis dieser
Beschwerden, die wir finden können. Vielfach werden solche Patienten mit der
Diagnose „Neiu'asthenie" zugeschickt. Indessen scheint es diirchaus berechtigt,
sie vielmehr in die Kategorie des „Etat presclereux" von Huchard zu rangieren,
wenigstens soweit es Menschen in der Mitte des 4. Lebensdezenniums und darüber
betriöt. Entsprechen wir unserer stets betonten Aufgabe, vor Applikation von
Hochfrequenzströmen den Ort der ursächhchen Erkrankung festzustellen, so
stoßen wir hierbei auf die größte Schwierigkeit. Denn weder zerebral noch in der
Zirkulation noch in der Niere können wir einen Angriffspunkt für unsere Therapie
entdecken.
Wenn wir aber imstande sind, durch imsere therapeutischen Ein-
griffe die Zirkulationsbedingungen in der Gefäßwand selbst zu ver-
bessern, dadurch, daß wir zunächst, wenigstens vorübergehend, den
inneren Gefäßdruck bezüglich der Arterienwand herabsetzen, wenn wir
femer die tonisierende Wirkung der Hochfrequenzströme auf die Zell-
funktion gleichzeitig zu Hilfe nehmen, so werden uns die vielleicht sonst
rätselhaften und unerklärhchen subjektiven und objektiven Besse-
rungen der Arteriosklerose und sklerotischen Störungen plausibel er-
scheinen. Die verschiedenen Resultate der Diathermieeinwirkung lassen
sich hiermit recht gut in Einklang bringen. Daß wir bei gewisser Tech-
nik der Applikation gerade eine fast isoliert erscheinende Wirkung auf
die Blutzirkulation sehen, findet seine Erklärung zum Teil in den eigen^
tümlichen, oben beschriebenen Leitungsbedingungen der Hochfrequenz-
ströme im Körper. Die Bevorzugung der Blutbahn für die Leitung der
Hochfrequenzströme bedeutet zunächst eine direkte Kontaktwirkimg
aus dem strömenden Blut auf die Gefäßwand selbst. Von der Wirkung
auf die diese zusammensetzenden Zellen läßt sich nicht diejenige auf
die in ihnen reichlich verzweigten Fasern sjmipathischer Nerven trennen.
Es ist nicht imwahrsoheinlich, daß die diesen Fasern fehlenden Mark-
.«cheiden sie für den leichteren Übergang der Hochfrequenzströme
X a g e 1 8 c h m i d t , Diathermie. 2. Aufl. 9
130 Kliniache Anwendung der Diathermie.
gegenüber den anderen Kervenfasem zugänglicher machen. Jede nf alle
scheint es außer Zweifel, daß eine Beeinflussung gerade des
aympathisohen Nervensystems eine regelmäßige Erschei-
nung der Hoohfrequenzapplikationen ist. Die anatomische
Struktur und die günstige I^ge desselben in den Gefäfiwänden be-
günstigen dieses. Wir werden später bei der Besprechung der Tabes
noch einmal auf diesen Punkt einzugehen haben.
Sehen wir nach lokaler Anwendung der Hochfrequenzapplikation,
ebenso wie nach allgemeiner, plötzUclien Schweißausbnich lokal oder
allgemein auftreten, so reiht sich auch dieser Vorgang in unsere Be-
trachtungsweise ein. Die Stimulierung der Zirkulation, die eiiiöbte
Wärmezufuhr zum Organismus lösen teils direkt, teils reflektorisch die-
jenige Funktion des sympathischen Nervensystems aus, welche zu-
nächst als periphere lokale Vasodilatation die erhöhte SchweiQdrüsen-
funktion ermöglicht.
Als weitere häufige Folge *der Hochfrequenzapplikation finden
wir, besonders bei großen Dosen, die Beschleunigung der Herztätigkeit,
die auch wiederum als kompensatorischer Vorgang, als Abwehrmaßregel
gegen die Wärmestauung aufzufassen ist und eine erhöhte Wärme-
ausstrahlung an der Peripherie des Körpers sowie ^^rmebindung
durch Verdunstung von der Lunge aus bewirkt. Hierbei tritt die ver-
tiefende Wirkung auf die Atmung, bei hoher Dosierung auch die Be-
schleunigung der Atmung mitwirkend in Aktion. Für die zum Teil
nervöse Natur der Auslös ungs Vorgänge dieser Art spricht auch die
g, daß eine Gewöhnung an die Diathermieeinwir*
tt. Ich habe wiederholt eine lokale Gewöhnung gesehen,
ektiver wie objektiver Art. Patienten, die anfänglich nur
a vertrugen und schon frühzeitig über die große Wärme
vöhnten sich in wenigen Sitzungen daran, mit denselben
wesentlich intensivere Wärmeapplikationen auf der Haut
Auch die lokale Reaktionshyperämie wurde bei man-
iuen von Mal zu Mal schwächer und blieb schließlich bei
Wohnung aus. Nur durch hermetischen Abschluß, d.h.
igerung der normalen automatischen Wärmeverluste des
r durch exzessive Stromsufuhr gelingt es, doch wieder jene
iTMiicud wir bezüglich der galvanischen und faradischen, sinu-
soidalen usw. Ströme noch heut« vollkommen im unklaren über ihre
physiologische und ' therapeutische Wirkung bei Erkrankungen des
Zirkulationsapparates sind, stehen wir nach dem bisher Gesagten be-
zl^hoh der Hochfrequenzstrome wesentlich günstiger da. Die direkt^i
Wirkungen sind, da wir es ja mit großer Wahrscheinlichkeit mit dem
einzigen und reinen Faktor der Wärme zu tun haben, experimentell
und klinisch einfacher und der Beobachtung zugitoglich. Die durch-
aus willküriiche Lokalisationsmöglichkeit dieser Stromart erleichtert
das Experiment und die klinische Anwendung.
Wir können aber nicht nnr den Blutdruck senken, sondern, wie
oben besprochen, auch erhöhen; und zwar geschieht dies durch AppU-
Anwendung bei Zirkulationserkrankungen. 131
kation der Ströme nach zweierlei Prinzipien. Das eine Prinzip ist das
der reinen Diathermie des Herzens, wobei wir im Falle eines niedrigen
Blutdruckes infolge von Herabsetzimg des Herztonus durch direkte
Tonisierung des Herzens eine kräftigere Eontraktion desselben mit nach-
folgender Blutdrucksteigerung erzielen. Betrachtet man die Kurven
imserer Kaninchen-, Hunde- und Katzenversuche, so sieht man daraus,
daß nach Einschalten der Diathermie ziemlich prompt eine Steigerung
des Karotisdruckes eintritt. Diese Steigenmg sehen wir auch beim
Menschen und beobachten kräftigere Pulsschläge nach lokaler Dia-
thermie des Herzens. Viel intensivere und nachhaltigere Drucksteige-
rung erzielen wir aber, wenn wir Hautreize applizieren. Es ist bekannt,
daß jeder Hautreiz den Blutdruck steigert. Nun besitzen wir in der
Duschenentladung, die allerdings nur mittels Resonators oder hoher
Diathermiespannungen möglich ist, in der Applikation von Funken sowie
bei der gewöhnlichen Diathermie in der Verwendung von Kondensator-
elektroden aus Glas die Möglichkeit, Hautreize vom leichtesten Wärme-
gefühl bis zum intensivsten Stechen und Brennen zu erzeugen. Die
faradischen Beizungen, die wir bei den Rumpf sehen Oszillations-
entladungen^) vorwiegend appUzieren, erklären damit zur Gentige die
drucksteigemde Wijrkung dieser Methode. Der von Bu mpf beobachtete
Bückgang der Dilatation wurde von anderer Seite nicht bestätigt.
Auch der Wärmereiz der reinen Diathermie kann, sobald er die
Grenze des Schmerzhaften erreicht, zu einer deutlichen Druck-
steigerung führen. Wir haben hiermit ein^ Richtschnur für die Be-
stimmung der anzuwendenden Technik. Wenden wir bei einem Patienten
mit hohem Blutdruck die sensibel reizenden Kondensator-, Duschen-
oder Funkenentladimgen an, so liegt darin eine große Gefahr für den
Patienten, imd wir können damit rechnen, daß unter Umständen in
wenigen Tagen eine Apoplexie auftritt. Ganz besonders wirksam sind
für die Drucksteigerung diese Applikationen am Abdomen und in der
Nackengegend. Es ist zweckmäßig bei Applikationen dieser Art, für
gute Lüftung Sorge zu tragen, da der bei der Kondensator- oder Duschen-
applikation auftretende Ozongeruch die Patienten erheblich belästigen
und gelegentlich zu Übelkeit, ja sogar trotz der Drucksteigerung zur
Ohnmacht führen kann. In hypotonischen Fällen jedoch dürfen wir
diese Applikationen ausgiebig vornehmen. Es tritt nicht selten nach
kräftiger Anwendung, besonders bei empfindlicher Haut, d. h. bei
labilem Vasomotorensystem, eine intensive Rötung der gesamten be-
handelten Hautfläche auf, welche auch gelegentlich zu Quaddelbildimg
führen kann. Es empfiehlt sich, im Falle einer derartig starken Reizimg,
die mitunter stundenlang nach der Sitzung noch geklagt wird, Ein-
^) Die Rumpf sehen oszillatorischen Ströme beruhen auf minimalen Hoch-
frequenzentladungen eines Kondensators von ganz unregelmäßiger Kurve und
verschwindender Energie. Diese Hoohfrequenzsohwingungen sind aber von nieder-
frequenten Kondensatorentladungen eines Induktionsapparates überlagert. Ihre
physiologische Wirkung ist entsprechend dem schmerznaften Charakter dieser
Applikation eine blutdrucksteigemde, während der diathermische Effekt als
sehr geringfügig in den Hintergrund tritt. Btimpf verwendet also ebenso, wie
Morton dies tat, unabsichtlich auch Hochfrequenzschwingungen.
9*
132 Klinische Anwendung der Diathermie. -
puderung mit Zinkpuder oder Amylum vornehmen zu lassen. Nur in
sehr seltenen Ausnahmefällen ist die Beizung eine derartige gewesen,
daß sie die Nachtruhe gestört hat imd Narkotika nötig machte. Dies
tritt jedoch nur bei pathologischer Hyperästhesie auf. Die Fälle von
pathologischer Blutdrucksenkung, die sich für die spezifische druck -
steigernde Wirkung der Hochfrequenzströme eignen, sind im wesent-
lichen diejenigen von hypotonischer Neurasthenie. Auch manche
psychischen Depressionszustände und Herzneurosen eignen sich hierfür.
Blutdruckherabsetzungen und Herzinsuffizienz durch Klappenfehler
erfordern jedoch lokale Behandlung des Herzmuskels mit reiner Dia-
thermie.
Nach der Diathermie des Herzmuskels sowohl wie ganz besonders
nach Applikation mittels der Handelektroden oder durch Wasser-
elektroden sehen wir nicht selten einige Stunden nach der Sitzung ein
Gefühl erheblicher Mattigkeit oder Ermüdung auftreten, während bei
oder unmittelbar nach der Sitzung zunächst ein Gefühl der Erleichte-
rung und des Wohlbehagens besteht. Deshalb empfehle ich stets den
Patienten, unmittelbar nach der Sitzung 20 Minuten zu ruhen und sich
im Anschluß daran zu Haus weiter 1—2 Stunden möglichst ruhig und
in halb liegender Stellung zu verhalten. Ich habe den Eindruck, daß
durch diese Vorschriften nicht nur dem Auftreten derartiger Ermüdung
vorgebeugt wird, sondern daß auch die Nachhaltigkeit der Diathermie-
wirkung erhöht wird, weil die dem Körper zugeführte fremde. Energie
nicht sofort in Bewegungsenergie umgesetzt und verbraucht wird,
sondern Zeit hat, sich in den Zellen und Säften des Körpers zu fixieren
und in latente, chemisch disponible Energie überzugehen. Ganz be-
sonders häufig tritt dieses Ermüdungsgefühl bei sehr alten Leuten mit
hochgradiger Arteriosklerose auf und erfordert große Vorsicht seitens
des Arztes. In manchen Fällen ist es wohl ohne Zweifel auf die intensive
und plötzliche Druckemiedrigung im ganzen Gefäßsystem infolge
der Diathermie zurückzuführen. Diese Druckemiedrigimg, die in
einzelnen Fällen meiner Beobachtung nach einer Sitzung bis zu 80 mm
betragen hat, kann bei unvorsichtiger und forcierter Anwendung auch
einmal gelegentlich zu Kollaps führen. Ein solches Vorkommnis ist bei
richtiger Dosienmg und vorsichtiger Auswahl der Fälle eine große
Seltenheit und kann vermieden werden, wenn man es sich zur Regel
macht, möglichst bei allen Patienten, sicherhch aber bei denen, die
hochgradige Arteriosklerose haben, den Puls während der Applikation
recht häufig zu prüfen. Im aUgemeinen wird ja, wie auch aus den Tier-
versuchen hervorgeht, bei mäßigen Applikationen, so wie sie den üb-
lichen therapeutischen Dosen entsprechen, keine nennenswerte Verände-
nmg des Pulses beobachtet, nur wenn man die Sitzimg protrahiert
oder die Stromstärke sehr intensiv macht, oder aber, wenn ein schneller
Abfall des Blutdruckes eintritt, sieht man plötzlich während der Be-
handlung die Pulszahl sich deutlich vermehren. Dies ist bei der thera-
peutischen Anwendimg ein Zeichen, daß ein genügender Effekt erzielt
ist, imd daß der sinkende Blutdruck und die Zufuhr von Wärme sich
in einer reflektorischen Erhöhung der Schlagzahl des Herzens äußert.
Anwendung bei Zirkulationserkrankungen. 133
Tritt diese Pulsvermehrung auf, so muß man sofort die Sitzung sistieren,
da sonst leicht Kollaps eintreten kann. Bei Anwendung dieser Vor-
sichtsmaßregel habe ich seit dem Jahre 1907, wo ich das Auftreten eines
Kollapses bei der Anwendung der Diathermie vom kleinen Solenoid
eines D'Ajsonvalapparates aus beobachtete, keinen weiteren derartigen
Fall gesehen. Überhaupt ist während der Applikation dauernde Kon-
trolle von Seiten des Arztes durchaus wünschenswert, da die Diathermie
zwar ein in den meisten Fällen unschädliches, aber wegen ihrer großen
Wirksamkeit doch nicht indifferentes Verfahren darstellt. Die intensive
und zum Teil entgegengesetzte Wirkung der Hochfrequenzströme, ins-
besondere der Diathermie, auf den Blutdruck je nach der Applikations-
art macht es notwendig, bevor man einen Patienten in Behandlung
nimmt, sich über seinen diesbezüglichen Zustand zu informieren. Ich
habe es mir daher von Anfang an zur Regel gemacht, stets eine genaue
Kontrolle des Blutdruckes vor Beginn der Behandlung und während
der Behandlungszeit in häufigeren Intervallen vorzunehmen. Ab-
gesehen von den vorübergehenden und individuellen Schwankungen
hat sich hierbei auch gezeigt, daß bei jedweden organischen oder hoch-
gradigeren funktionellen Störungen ein ziemlich konstantes Verhalten
des Blutdruckes besteht, während die ganz unregelmäßigen Befunde
meist bei nervösen Individuen vorkommen.
Nach einer Reihe von Sitzungen klagen besonders ältere Patienten
über erhebliche Mattigkeit, großes Schlafbedürfnis, und daß die Ki^r
sie anstrenge. Derartige Erscheinungen sind bei häufigeren Applika-
tionen keine Seltenheit, aber ganz unbedenklich. Allerdings muß man
sich mit der Dauer, Zahl der Sitzungen und den Pausen (behandlungs-
freie Tage) danach richten. Junge, kräftigere Individuen können 3 bis
6 mal wöchentlich behandelt werden, alte Leute nur 1—2 mal. Unter
Berücksichtigung des sonstigen klinischen Zustandes sowie besonders
des Blutdruckes, der nicht zu niedrig oder nicht zu schnell niedrig
werden darf, wird man Schädigungen der Patienten vermeiden.
Die Methodik der Blutdruckbestimmung ist infolge der größeren Ansprüche
an Genauigkeit, Handlichkeit, Objektivität und Konservierungemöglichkeit der
Resultate in den letzten Jahren wesenthch modifiziert worden. Während man
sich früher damit begnügte, mittels des Riva Rocoi und einer schmalen Arm-
manschette eine obedlächliche Feststellung des maximalen Blutdrucks vorzu-
nehmen, wurde diese Methode durch Verwendung der breiten Recklinghaus en-
schen Manschette und Ausübung der Auskultation wesenthch verfeinert, so daß
nimmehr auch minimaler Blutdruck festzustellen war. Aber diese Methode erfordert
viel Übimg und schheßt Fehlerquellen von annähernd 20 % in sich. Ein wesentlich
besseres Resultat ergab das Recklinghausensche Instrument. Bei weitem am
zuverlässigsten jedoch und seit neun Jahren ausschließlich von mir angewandt
ist der üskoffsche Apparat, der den großen Vorzug hat, daß er zunächst auto-
matisch registriert und damit die subjektiven Beobachtungsfehler ausschheßt.
(Siehe Abb. 78.) Diese Registrierung ermöghcht eine genaue Betrachtung und
Ausmessung des fixierten Kurvenbildes in aller Ruhe und die Aufbewahrung des
Resultates für spätere Vergleiche oder Pubhkationen. Ein. weiterer großer Vorteil
ist die Möghchkeit, das Pulsbild bei den verschiedensten Druckverhältnissen
in der Manschette zu untersuchen und femer bei bestimmtem, gleichbleibendem
Druck längere Sphygmogramme aufzunehmen. Der Apparat gestattet ohne
weiteres auch die gleichzeitige Registrierung des Venenpulses, der Atmung oder
des Herzstoßes und bietet somit diejenigen üntersuchungsmöglichkeiten, die wir
j;^4 KlitÜM-he Anweitdiuig der Dikthennie.
auch für komiiÜEii.Ttfre VirbältiuKBc, z. B. die Beurteilm)^ Ton £xtias;Bt(4en,
bmötigcn. Auch Daucrkurreo von mehrerpD Metern Länge sind damit heiBtellbu.
Die in dicM-in Bncb mitgeteilten Kurven von Patienten snd sämtlich mit diesem
Apparat Bufgenomnu-n.
Zahlreiche Vntereuchungen der Blutdruck verhältnißBe Itaben, wie
ich schon 1907 betont habe, ergeben, daß der normale Blutdruck duich
therapeutJHche Diathermierungen und HochfrequenzappUkatiouen, venu
bie nicht in exzessiven Dosen verabreicht weiden, keine BeeinfliiBBUDg
erfährt. Man sieht mitunter während der Applikationen minimale
ADD. 10. apnjgmotonograpn von ubkoh. ^^immermaim, Lieipzig.j
Steigerungen, die jedoch nach Abschluß eich schnell wieder ausgleichen,
ohne irgendeine weit«re Reaktion auszulösen. Hing^en werden patho-
logische Veränderungen der einen oder anderen Richtung, wie erwähnt,
stark beeinflußt.
Die lytische Herabsetzung des Blutdruckes, wie wir sie im Laufe
einer Behandlungsserie nicht selten beobachten, ist nicht die einzige
Reaktionsart derartiger pathologischer Zustände. Man sieht auch in
einzelnen Fällen, besonders solchea mit sehr hobem Blutdruck und hoch-
gradiger Verkalkung, auch bei myokarditi sehen Komplikationen und
Klappenveränderungen gelegentlich einenJiri tischen Abfall. Ich habe
auch bei Schrumpfniere bei gleichzeitiger Behandlung des Herzens
und der Nieren in einer Sitzung gelegentlich kritische Abfälle gesehen,
d. h. solche, bei denen nach einer einzigen Applikation Blutdrucksenkung
um 50—80 mm auftrat. Die mehrjährige Beobachtung hat nun ergeben,
daß in manchen Fallen die Datier der therapeutischen Normalisienmg
Anwendung bei Zirkulationserkrankungen. 135
des Blutdrucks von relativ kurzer Dauer ist, jedoch stets wieder auf
neue Applikationen reagiert, und daß in anderen Fällen eine monate-
und jahrelange Nachwirkung bei relativ seltenen und kurzen Behand-
lungsserien vorhanden ist.
In den Fällen, in denen die Blutdrucksteigerung das einzige prä-
monitorische Sjmiptom der Arteriosklerose ist, besteht für mich kein
Zweifel, daß wir mittels der Diathermie imstande sind, die Entstehung
arteriosklerotischer anatomischer Veränderungen auf Jahre hinaus-
zuschieben. Das Dogma von der Unheilbarkeit der Arteriosklerose be-
darf einer unbedingten Revision. Es ist klar, daß niemand erwarten
wird, daß hochgradige Kalkablagerungen in den Gefäßen der Rück-
bildung fähig wären. Wenn^ wir aber imstande sind, durch Diathermie
den Blutdruck der Norm zu nähern und die die Hypertension bedingen-
den Paktoren (siehe Erkrankungen der Niere) in einer Reihe von Fällen
zu bessern oder zu beseitigen, so darf man doch aus den mitgeteilten
Krankengeschichten zum mindesten den klinischen Stillstand und die
klinische Besserung anerkennen. Bezüglich der beginnenden Arterio-
sklerose ist in einer Reihe von Fällen eine Verhinderung des Ausbruches
schwerer Erscheinungen sowie vor allem auch ein Verschwinden der
Initialsymptome klinisch nachweisbar.
Arteriosklerose, 6tat pr6scl6reux. Patientin L., 20. VI. 10. Be-
ginnende Arteriosklerose, 6tat pr6scl6reux. Einziges Symptom: hoher Blutdruck.
Vom 20. VI. bis 30. VI. 9 Hochfrequenzsitzungen, während welcher der Blutdruck
von 220 auf 140 heruntergegangen ist. Keine quälenden Erscheinungen oder son-
stigen Beschwerden während der Kur. Die Behandlung wurde als äußerst wohl-
tuend empfunden.
Im Juli weitere vier Sitzungen. Seitdem, laut Bericht Ende 1912, voll-
kommenes Wohlbefinden.
Patient L., 15. XI. 10. Hoher Blutdruck, vier Sitzungen, Blutdruck
von 210 auf 170 herabgegangen.
Etat pr 6scl 6reu3c Patient E., Blutdruck 235, im JuH 1910 18 Sitzungen.
Blutdruck auf 160 mm hinuntergesunken.
Arteriosklerose. Patient N., 59 Jahre, 30. IX. 09. Beginnende Arterio-
sklerose, leichte Leberschwellung, Gicht, kein IMabetes. Klagt über Kongestionen
nach dem Kopfe, zyanotisches Aussehen, leichte Schwindelanfälle und Unfähig-
keit zu gehen, wegen außerordentlich schneller Ermüdung. Blutdruck 210.
Am 30. IX. und am 2. X. je eine Sitzung wegen eines leichten allgemeinen
Pruritus. -— Danach Verschwinden der Beschwerden.
3. Vn, 11. Stellt sich beschwerdefrei wieder vor: Blutdruck 165, keine
Beklemmimgen, keine Atembeschwerden, kein Schwindel mehr seit Jahren.
Zurzeit beschwerdefrei, kann gut laufen, drei Stunden und mehr.
Zerebrale Arteriosklerose. Herr D., 60 Jahre. In der Jugend anä-
misch, sonst stets gesund gewesen« Patient leidet seit einigen Jahren viel an
Schwindel, Kopfdruck, Kongestionen, kann wenig gehen, taumelt im Zimmer,
fühlt sich schwäch. Bei jeder Betätigung tritt sehr schnelle Ermüdung auf, be-
sonders auch beim Lesen, so daß er seine Augen nur wenig gebrauchen kann.
Das vor der Behandlung aufgenommene Sphygmogramm ergab einen
Maximaldruck von 244 mm und einen Minimaldruck von 118, während nach der
Behandlung der maximale zwischen 190 und 200 war und der minimale bei 108
lag. Der Maximaldruck ist also erheblich heruntergegangen. Vergleicht man die
Amplitude des Sphygmogramms bei 80 und 100 mm vor der Behandlung sowie bei
80 und 100 mm nach der Behandlung, so sieht man, daß die Amplitude der ein-
zelnen Pulskurven ganz wesentlich sich gebessert hat. Die Elastizitätselevation
ist viel deutlicher ausgeprägt, und die Höhe der einzelnen Zacken läßt auf eine
136 KliniBchp Anwendung der Diathermk-.
w«Bentlich kräftigere Herzaktion, bxw. geringere periphere Hindemissr Bchließen.
Dse SchUgvolumen ist verbessert.
Eine dreiwöchentliche Disthermiebehandlung hat die Bescliwerden des
Patienten ganz wesentlich gelindert. Schwindel, Kopfdmck sind geschwunden,
der Gong ist sicher geworden, die Kraft« haben eich gehoben, er geht mehrere
Stunden spazieren und erinijdet nicht mehr so leicht. Kongestionen und Ermüd-
barkeit der Augen beim licsen sind noch, wenn auch in geringerem MaBe, vor-
handen. Im ganzen int der Zustand subjektiv und objektiv wesentlich gebessert.
Über die Arteriosklerose des GehimB werden wir bei der Behand-
lung der Erkrankungen des Nervensystems sprechen.
Nur auf ein Symptom, welches mitunter als nervös gedeutet, aber
sehr häufig und konstant bei Arteriosklerotikem vorkommt, möcht«
ich noch hinweisen; das ist die so bekannte Klage über kalte Hände
und kalte Füße. Diese auf periphere Zirkulationssch wache zurückzu-
Abb. 79. Vor Behandlung. Abb. 80. Vor Behandlung.
Abb. 81. Nach Behandlung. Abb. 82. Nach Behandlung.
führende Äffektion, die die Patienten erheblich belästigt, ihr Wohl-
befinden beinträchtigt und nicht selten zu hypochondrischer Selbstbe-
obachtung führt, wird in geradezu eklatanter Weise durch die Diather-
miebehandlung beeinflußt. Es ist gar nichts Seltenes, daß von den
ersten Sitzungen an das Gefühl der Wärme dauernd in den Estremitäten
bestehen bleibt oder zum mindesten eine Reihe von Stunden anhält,
um nach einigen Sitzungen zu einem dauernd angenehmen Wärme-
gefühl zu führen. Daß die Beseitigung dieses Symptoms vom Patienten
im allgemeinen nur als eine angenehme Lokalbesserung empfunden
wird, ist jedoch nicht das einzige Besultat, sondern wir müssen viel-
mehr annehmen, daß auch die allgemeine Zirkulation eine dahingehende
Besserung erfährt, daß sie weit in die peripheren schwerer zu durch-
strömenden Gebiete hinein ausreichend funktioniert.
Die weitere Steigerung der Erschwerung der peripheren
Zirkulation äußert sich in den bekannten Symptomen des Versagens
der Bewegungsfunktionen in den Extremitäten. In leichten Fällen wird,
besonders beim Übergang von Ruhe zur Bewegung, ein leichtes Span-
nung«- oder Krampfgefühl in der Waden muskulatur geklagt. Unter-
sucht man derartige scheinbar äußerst geringe Symptome darbietende
Anwendung bei Zirkulationserkrankungen. 137
Patienten, welche sich sonst körperlich völlig wohl befinden, sphygmo-
graphisch, auf die Funktion der peripheren Körperarterien hin, so ent-
deckt man nicht selten eine Differenz zwischen rechter und linker Extre-
mität oder bei der Untersuchung höherer und tieferer Abschnitte an
irgendeiner Stelle einen plötzlichen Übergang von normaler Pulskurve
zu ungenügender Amplitude.
Ein älterer Herr von 53 Jahren klagt darüber, daß er im Zimmer ganz gut
gehen kann, nur wenn er auf der Straße schnell geht oder einen elektrischen Wagen
erreichen will oder sonstwie sich ein wenig anstrengt, bekommt er ein krampf-
haftes Spannungsgefühl und leichten Schmerz in der rechten Wade. Bleibt er
kurze Zeit stehen, V2 ^^^ 1 Minute, so geht diese Störung vorüber, und er kann
nun weiterhin ohne Beschwerden laufen. Hat er es einmal überwunden, so tritt
auch bei längerer Bewegung wohl schUeßlich Ermüdung, aber keinerlei besondere
Störung auf. Sonst fühlt sich Patient vollständig wohl. Die sphygmographische
Untersuchung ergibt aber eine deuthche Verkleinerung der Amplitude der Puls-
kurve, je nachdem man unter dem Knie oder oberhalb des Knöchels untersucht,
während die linke Extremität normal ist. Die Untersuchung der Kadiahskurve
des linken Armes ergibt eine Blutdrucksteigerung des maximalen Druckes auf
190 mm. Derartige Fälle reagieren meist günstig auf wenige Diathermiesitzunger.
Ein schwerer Fall z. B. ist der folgende:
Arteriosklerose. Patient B., 23. XL 09, 65 Jahre. Verheiratet, erwachsene,
gesunde Kinder. Seit 1898 Gehbeschwerden, „Als ob unter der Fußsohle ein
Nagel säße'', dann allmählich Schmerzanfälle bis zu den Knöcheln und zu den
Knien. In den Knien später Schwäche beim Grehen. Plötzhch muß er anfangen zu
hinken. Die Anfälle treten nur beim Gehen auf, halten ca. V2 Stunde an; dabei
besteht Kribbelgefühl, Eingeschlafensein des Fußes. Auch in den Händen und
Armen mitunter leichte .^oifälle von Taubsein und juckerden, schmerzhaften
Parästhesien, keine sonstigen Beschwerden. Appetit gut, Stuhlgang do. Zyanose
der Extremitäten und des Gesichts. Puls hart, Aiterie läßt sich rollen. Puls läßt
sich nicht leicht unterdrücken.
Nach drei Sitzungen vollkommen beschwerdefrei.
Patient kommt am 1. XII. 09 wieder zur Behandlung und erhält sechs
Sitzungen, ohne daß inzwischen Beschwerden wieder aufgetreten sind. Er ist
seitdem imstande gewesen, ein Rittergut zu verwalten und täghch 3 — 4 Stunden
Märsche durch den Wald ohne Beschwerden zu machen.
März 1910: 9 Sitzimgen ohne Beschwerden vor- und nachher.
April: 10 Sitzungen.
Februar 1911: 16 Sitzungen.
März: 1 Sitzung. Seit Beginn der Behandlung November 1909 vollständig
frei von Beschwerden geblieben, insbesondere von Wadenkrämpfen und taubem
Gefühl in den Händen und Füßen. Februar 1912: Beschwerdefrei, geht 4 Stunden.
Januar 1913: Der jetzt 68 V4 Jahr alte Patient ist vollkommen frei von
irgendwelchen Beschwerden.
Dieser Patient, der seit dem Jahre 1909 von mir beobachtet wird ,.
zeigte im Laufe der Behandlung ein Herabgehen des maximalen Blut-
drucks von mehr als 270 mm auf ca. 220 mm bei einem konstanten
minimalen Druck um 110 mm herum.
Die relativ seltene und sporadische Behandlung mittels Diathermie
hat es zuwege gebracht, daß der Patient zunächst von den ersten Be-
handlungen an niemals wieder Erscheinungen von Claudicatio inter-
mittens gehabt hat; aber auch die übrigen Symptome der in hohem
Maße vorhandenen und objektiv nachweisbaren arteriosklerotischen
Veränderungen sind unter dem Einfluß der Therapie derartig in den
Hintergrund getreten, daß von einer Arbeitsbehinderung gar keine
138 Klinische Anwendung der Diathermie.
Bede mehr ist. Der Patient erklärt, daß er sich so arbeitsfähig fühle wie
vor 10 Jahren. Der Kopfdruck, die Ermüdbarkeit, die leichten Schwin-
delerscheinimgen, die anfänglich auftraten, sind nicht wiedergekehrt,
Gedächtnis und Stimmung sind vorzüglich, so daß sich der Patient in
dem denkbar besten Zustande befindet. Die Weiterbehandlung 1 bis
2 mal pro Jahr geschieht lediglich aus prophylaktischen Gründen, Weil
er, während er in Berlin Verwandte besucht, sich bequem der Kur
unterziehen kann und es nicht darauf ankommen lassen will, aus seiner
Heimat evtl. eigens herkommen zu müssen.
Noch wesentlich schwerer sind diejenigen Fälle, bei denen die
Zirkulationsstörung zu den Erscheinungen der lokalen Asphyxie
mit drohender Gangrän geführt hat. Ein Beispiel hierfür ist der
folgende Fall:
Arteriosclerosis obliterans, Claudioatio. Patient U., 64 Jahre, Juni
1911. Patient war stets gesund, bis vor 2 Jahren Anfälle von Claudicatio inter-
mittens, besonders im rechten Fuß, auftraten. Seitdem hat sich die Permeabilität
der Femoralarterien so weit verringert, daß allmählich Ödeme beider Beine mit
Zyanose auftraten. In den letzten 6 Monaten haben sich hierzu heftige spontane
Schmerzen in der großen Zehe und in der 2. Zehe des rechten Fußes gesellt» sowie
ein dauerndes Kälte- und Taubheitsgefühl und dumpfer Schmerz im Oberschenkel.
Die Schmerzen steigern sich, besonders nachts, so heftig, daß Patient keine Nacht
ohne große Morphiumdosen schlafen kann. Auch am Tage ist er fast vollständig
wegen der Schmerzen im Fuß am Grehen behindert und muß dauernd einen Filz-
schuh tragen. Die schmerzhafte Gegend des Fußes ist hochgradig zyanotisch, voll-
kommen kalt, die Haut stark atrophiert. Die Fußsohle ist besonders am Hacken
stark hyperkeratotisch, im hinteren Teil von tiefen, äußerst schmerzhaften Rhagaden
durchzogen. Die Nägel sind seit einem Jahr nicht mehr erkennbar gewa/chsen.
Pulsation ist weder zu fühlen, noch mittels des Sphygmogramms in der Wade nach-
zuweisen (s. Kurve Abb. 85.). Wegen der hochgradigen Schmerzen ist die Ampu-
tation in Erwägung gezogen, und die Diathermie sollte nur als letztes Mittel mit
wenig HoHnung versucht werden. In der ersten Sitzung wurde die schmerzhafte
Stelle an der großen Zehe behandelt. Unmittelbar nach der Sitzung trat an Stelle der
Stase und Zyanose eine hochrote arterielle kapillare Zirkulation, sowie ein wohl-
tuendes Wärmegefühl und sofortiges Aufhören der Schmerzen. Indessen hinderten
die anderen schmerzhaften Stellen den Schlaf. In weiteren drei Sitzimgen wurden
die übrigen Stellen der Therapie unterworfen, wonach Patient zum ersten Male
eine Nacht 8 Stunden ohne Narkotika schmerzlos durchschlief. Das ödem des
ganzen Fußes ist wesentlich geringer geworden und die Färbung eine normalere.
Nach acht Sitzungen, in denen jede Stelle je zweimal behandelt wurde,
ist Patient vollständig schmerzfrei und wird nach weiteren zwei Sitzungen aus
der Behandlung entlassen.
Befund am 24. VIII. 1911: gut geblieben, Fuß vollständig abgeschwollen,
keine Narkotika mehr gebraucht, schläft gut, keine Schmerzen in den Ober-
schenkeln mehr aufgetreten, ermüdet jedoch noch leicht im ganzen und kann
deshalb nicht lange gehen. Hyperkeratose und Khagaden verschwimden. In der
linken Sohle Plattfußbeschwerden; vier Sitzungen; beschwerdefrei.
1. X. 11. Gut, trägt Lederstiefel, geht zu Fuß. Schläft vorzüglich. Auch
der Schmerz in der linken Fußwölbung ist gut. Fünf Sitzimgen, Abgereist.
8. Xn. 11. Seit einigen Tagen in der rechten Wade leichtes Krampfgefühl
beim Gehen. Der Fuß sieht normal aus, keine Schwellimg, keine Ver&rbung.
Nach zwei Sitzungen beschwerdefrei. Im ganzen 10 Sitzungen.
12. IV. 12. Seit heute leichte Schmerzen unter dem rechten Calcaneus, nach
fünf Sitzungen beschwerdefrei.
10. n. 13. In den letzten Tagen wieder leichte Beschwerden (keine eigent-
lichen Schmerzen) am inneren Rand der rechten großen Zehe. Aussehen des !^ßes
Anwendung bei Zirkulationserkrankungen. 139
vollkommen normaL Nach wenigen Sitzungen beschwerdefrei entlassen. Patient
kann stundenlang gehen. Zeitweise PlattfuBbeschwerden in der linken Sohle.
Eine entsprechende arteriosklerotische Erkrankung an der oberen
Extremität zeigte Patientin U., 65 Jahre, Juni 1911.
Schmerzen im rechten Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger, der so heftig
ist, daß Patientin nicht schlafen kann und Morphium nehmen muß. Eintauchen
in heißes Wasser hilft nur auf Sekunden. Hochgradige Arteriosklerose der Radialis,
Hand und Pinger blaß und kalt. Die schmerzhaften Stellen, besonders die Seiten
der Endphalangen, äußerst berührungsempfindlich, so daß Patientin beim Gruß
die linke Hand gibt.
Erste Sitzung am 28. VI. Danach sofort schmerzfrei, Nacht ohne Mittel
durchgeschlafen.
lätzungen am 29. VI. und 1. VII.
Am 1. VII. sc hmer zfrei entlassen.
Kommt am 4. Vll. wieder wegen leichter Taubheit im Zeigefinger und wird
am 6. schmerzfrei und beschwerdefrei entlassen.
Zweimal, nach Sturz traten im Jahre 1912 leichte Schmerzen auf, die auf
wenige Sitzungen hin prompt verschwanden. Sonst beschwerdefrei. Patientin
erscheint auf Anraten alle 3--4 Monate, um einige Behandlungen zur Vorbeugimg
von Bezidiven zu erhalten.
Diabetische Gangrän. Herr R., 42 Jahre, 3. m. 09. Am rechten großen
Zehenballen auf der Sohle typische, kreisrunde Nekrose. Fuß zyanotisch, ge-
schwollen, Pulsation nicht fühlbar. Heftige Schmerzen, so daß der Patient seit
Wochen an das Bett gefesselt ist. Das Ulcus ist schmierig belegt, sezemiert wenig,
spontan wie auf Druck hochgradig schmerzhaft und ist in den letzten drei Monaten
allmählich' größer geworden.
Nach den ersten zwei Bestrahlungen sind die spontanen Schmerzen voll-
kommen verschwunden. Patient konnte nach der fünften Sitzung ohne Schmerzen
auftreten. Im Laufe von drei Wochen reinigte sich das Geschwür.
30. in. Breiter weißer Epithelsaum zu sehen, niu: noch ein kleiner ober-
flächlicher Defekt.
Am 14. n. stellt sich Patient als geheilt und beschwerdefrei vor, erhält noch
eine Schlußsitzung. Der Fuß ist vollkommen abgeschwollen, die Zyanose hat einer
normalen Färbimg Platz gemacht. Patient ist bis heute ohne Rezidiv geblieben.
Sklerose. Patientin H, 27. IX 09, 62 Jahre. Sehr kleine, sehr starke iYau.
Seit einigen Jahren ziehende Schmerzen in den Waden und Oberschenkeln, die sich
in den letzten Monaten zu großer Heftigkeit gesteigert haben, so daß sie immer nur
wenige Schritte gehen kann und dann wegen Versagens der Beine ruhen muß;
in den letzten sechs Wochen haben sich hierzu Beklemmungen auf der Brust gesellt,
welche sich nach Anstrengungen imd nachts zu einem dumpfen Schmerz steigern.
Es besteht eine erhebliche Verbreiterung des Herzens nach rechts, Zyanose des
Gesichts und leichte periphere Arteriosklerose der Badialis. Der Blutdruck ist
niedrig, mäßige Varizenbildung, leiphte Stauimgsbronchitis mit mäßigem Auswurf.
Hochfrequenzbehandlung vom 27. — 30. IX. 09 mit erheblicher Besserung
des subjektiven Befindens. Patientin ist abgereist und kommt am 1. November
wieder. 17 Sitzungen im November und 8 im Dezember.
Am 10. Xn. 12 vollkommen frei von sämtliclien Beschwerden aus der Be-
handlung entlassen.
Claudicatio inter mitte ns seit sechs Monaten. Fräulein B., 53 Jahre.
Kann nur wenige Schritte gehen. Zwei Sitzungen Diathermie am 30. und 31. UL 12.
15. IV. Geht große Wege frei von B^hwerden.
25. X. 12. Seit 14 Tagen wieder leichte Beschwerden im rechten Hacken
und in der Wade. Aber keine Gehstömng. Unterschenkel etwas geschwollen.
Zwei Sitzungen, ödem verschwunden. BeschwerdefreL
Claudicatio inter mitte ns. Patient C, 69 Jahre. In beiden Beinen,
hauptsächlich rechts Müdigkeit und Schmerz; kann nur wenige Minuten gehen,
links Schmerzen unter der Sohle beim Gehen, die fälschlich als Plattfußbe-
schwerden gedeutet wurden.
Vom 22. V. bis 23. VI. 1911: 15 Sitzungen.
140
Klinische Anwendung der Diathermie.
Seit dem 26. V., d. h. nach der dritten Sitzung, kann Patient bef-chwerdefrei
gehen, bis auf den Schmerz unter der linken Fußsohle und ein leichtes Müdigkeits-
gefühl im rechten ObergchenkcL
23. VI. Sämtliche Beschwerden seit acht Tagen verschwunden. Patient
reist ins GJebirge.
Der erste Fall Patient U., S. 138, bietet insofern ein besonderes
Interesse, als das Sphygmogramm, durch Umlegen an der Wade ge-
messen, zur Zeit der hochgradigen Begehwerden vor Beginn der Behand-
lung so gut wie gar keine Pulsation ergab. Die geringe Schwär kung, die
man sieht (Abb. 83), kann als fort geleitete Pulsation von der Poplitea
hier, welche gegen die sphygmographische Manschette prallt, gedeutet
werden. Die Diathermiebehandlung, die ihm in wenigen Tagen die
subjektiven Beschwerden nahm und die Gehfähigkeit wiedergab, die
auch die drohende Gangrän beseitigte, und die trophischen Störungen
der Haut, welche sich in Hyperkeratose mit Rhagadenbildung und.
Abb. 83. Vor Behandlung.
Abb. 84. Nach Behandlung.
Aufhören des Nagel Wachstums äußerten, aufhob, kann wohl nur so
erklärt werden, daß infolge der diathermischen kapillaren Hyperämie
eine schnelle Besserung der lokalen Ziikulationsbedingungen geschaffen
wurde, während es gar nicht zu verstehen wäre, wie das offenbar sehr
stark verengte Lumen der TibiaHs durch die Hochfrequenzströme hätte
für größere Blutmengen passierbar gemacht werden können; und so
blieb auch nach der Behandlung das Sphygmogramm «ine Horizontale.
Dagegen hatte ich im Januar 1913, als Patient sich zu einer nochmaligen
präventiven Behandlung wieder einfand, Gelegenheit, ein Sphygmo-
gramm von ihm aufzunehmen, und meikwürdigerweise zeigte dieses
Sphygmogramm nunmehr ganz deutliche Pulsation, zwar keine nor-
male, aber doch sicher abgrenzbar und regelmäßig (Abb. 84). Ein solcher
Befund ist nur zu erklären, wenn man annimmt, daß infolge der wieder-
holt in großen Intervallen und auch nur mit relativ wenigen Sitzurgen
stattfindenden Diatbermierungen nicht nur die von den Gefäßen ver-
sorgten Gebiete, Haut, Muskulatur usw., besser ernährt wurden und
klinisch eine Restitutio ad integrum aufwiesen, sondern daß auch der
bereits hochgradig vorgeschrittene Prozeß der Verkalki.rg und der
ondarteriitischen Obliteration hierdurch eine gewisse Rückbildung er-
fahren hat. Die Pulsation ist ja ncch bei weitem keine normale, daa
Anwendung bei Zirkulationserkrankungen. 141
Gefäßrohr offenbar hochgradig starr. * Aber es müssen zum mindesten
die endarteriellen Prozesse einen Rückgang erfahren haben, um das
Lumen wieder so weit zu vergrößern, daß eine dauernde Ernährung auch
bei mehrstündigem Marsch mögUch wurde, und auch die Starre des Ge-
fäßrohres muß so weit zurückgegangen sein, daß die Aufdeckung von
Pulsationen im Ausschlag des Sphygmographen möglich wurde. Dieser
Fall reiht sich ebenfalls den geschilderten Beobachtungen
ein, aus denen objektiv hervorgeht, daß die Arteriosklerose
sowohl initial als auch im vorgeschrittenen Stadium einer
direkten therapeutischen Beeinflussung und Besserung zu-
gänglich ist, entgegen dem herrschenden Dogma. Das gleiche werden
wir späterhin bei den arteriosklerotischen Gehirnstörungen wieder-
finden.
Rekapitulieren wir nun das soeben besprochene Gebiet unter Be-
rücksichtigung der speziellen Technik. Die direkte Durchwärmung deß
Herzmuskels kann in verschiedener Weise vorgenommen werden. Zu-
nächst können wir auf dem Rücken eine indifferente Elektrode an-
bringen, etwa die Bleielektrode von 10 x 20 cm Größe. Je nachdem,
ob wir ein mageres oder fettes Individuum vor uns haben, müssen wir
hierbei, besonders, wenn der Patient sich mit seinem ganzen Oberkörper-
gewicht auf dem Behandlungssofa auf die Elektrode legt, berücksich-
tigen, ob vorstehende Knochenpartien, Kyphose, Narbeneinziehungen,
kleine Hauttumoren und anderes hierbei eine genügende Adaption
ermöglichen oder stellenweise eine zu starke Kompression der Haut
zwischen Elektrode und Knochen mit Druckschmerz und Verbrennimgs-
gefahr befürchten lassen. Im allgemeinen wird es ohne weiteres möglich
sein, die gesamte Elektrode in der Querrichtung von Schulterblatt zu
Schulterblatt imter der durch Untersuchung festgestellten Herzgegend
zu appKzieren. Hat man sich von der guten Adaptation der Elektrode
überzeugt, so geht man nunmehr zur Anlegung der vorderen Herzelek-
trode über. Je nach dem beabsichtigten Zweck wird man hier eine ebenso
große Elektrode zur Behandlung der ganzen Herzgegend oder kleinere
zur Lokalbehandlimg gewisser Abschnitte, z. B. des Koronargebietes,
anwenden. Für die Allgemeinbehandlung des Herzens ist es zweck-
mäßig, diese zweite Elektrode zunächst auf der Hnken, dann auf der
rechten Stemalseite und evtl. in der Querrichtung intramammillär und
darüber zu appHzieren. Wir können dabei die hintere Elektrode dauernd
in ihrer Position belassen und die soeben genannten verschiedenen
Positionen der vorderen Elektrode nacheinander anwenden, falls die
Stromstärke keine zu große ist. Verwenden wir aber für alle diese
Applikationen z. B. 2—3 Ampere, so wird sich unter der hinteren Elek-
trode eine starke Erwärmimg ausbilden, weil hier durch die gute Be-
deckung von der Unterlage her Wärmeverluste mehr oder weniger voll-
ständig verhindert werden, während an der oberen Fläche des Thorax
eher eine Abkühlung möglich ist und durch die Diathermienmg ver-
schiedener Hautstellen die Toleranz einer jeden nicht so beansprucht
wird wie auf der Rückseite bei der mehrfach längeren Applikationsdauer
daselbst. Wir werden daher von Zeit zu Zeit den Patienten sich auf-
142 Klinische Anwendung der Diathermie.
richten lassen und die Erwärmung unter der Rückenelektrode prüfen.
Sind wir infolgedessen zu einer Lageveränderung der Elektrode ge-
zwungen, so müssen wir nunmehr auch die Applikationsstelle der vor-
deren Elektrode entsprechend variieren, um auf dem Verbindungs-
priöma der beiden die gewünschte Herzpartie zu bestreichen. Legen
wir aber z. B. die Rückenelektrode parallel zum Rückgrat, etwa auf
der rechten Seite des Rückens, an und die vordere Elektrode auch auf
der rechten Seite des Stemums in der Längsrichtung, so werden wir nur
mit einem geringen Teil der Hochfrequenzenergie den rechten Herzrand
treffen, während der größte Teil der diathermischen Energie am Herzen
vorbei durch die Limge hindurch geht.
Es ist also notwendig für eine erfolgreiche Diathermierung, daß
wir uns über die Lage des Herzens informieren und die Applikation der
Elektrode so wählen, daß das Herz in der Richtung der Kraftlinien
sich befindet. Dies ist noch viel mehr notwendig, wenn wir z. B. auf
der Vorderseite eine kleinere differente Elektrode benutzen, weil hierbei
die Möglichkeit, an dem Herzen gewissermaßen vorbei zu strahlen,
noch viel leichter eintritt als bei großen Elektrodenflächen. Die Strom-
stärke muß hierbei stets geringer sein, weil ja die zulässige Stromdichte
der für diese Therapie geeigneten Elektrode von 6 X 12 cm nur 9000
bis 1100 Milliampere beträgt, und mithin auch die Tiefenwirkung eine
entsprechend schwächere ist. Es kommt gelegentlich auch eine Quer-
oder schräge Durchstrahlung des Thorax in Frage. Zu diesem Zwecke
läßt man in sitzender Stellung die Vorderarme über den Spheitel des
Patienten kreuzen und appliziert an den Seitenflächen des Thorax
Flächenelektroden, so weit wie möglich nach oben in die Axilla hinein.
Hierbei tritt natürlich auch eine intensive Lungendurchwärmung auf.
Wenn die Patienten das Liegen nicht vertragen, so nimmt man in
sitzender Stellung die Behandlung vor. Hat man keine Assistenz zum
Halten der Rückenelektrode, so kann man sie durch Anlehnen des
Patienten zwischen dem Rücken und der Stuhllehne (Kissen oder
Polster) fixieren.
Die Kontrolle der Pulsfrequenz und die Taxierung der peripheren
Gefäßspannung gibt uns bezüglich der Dauer der Sitzung ein Kri-
terium. Tritt erhebliche Pulsbeschleunigung ein, oder sinkt der Blut-
druck deutlich erkennbar, so muß die Sitzung unterbrochen werden.
Besteht etwa gar Neigung zu Kollaps, so muß sofort eine kräftige
Kondensatorelektrodenbehandlung der Vorder-, Rück- und Seiten-
flächen des Thorax, evtl. auch des Nackens angeschlossen werden. Dies
ist aber ein äußerst seltenes Vorkommnis. Im allgemeinen kommt man
mit Sitzungen von 10—15 Minuten Dauer für die Herzbehandlung voll-
kommen aus, nur empfiehlt es sich, die ersten Male kürzere Dauer und
schwächere Stromstärke zu verwenden. Diese Technik ist für die Be-
handlung der Myokarditis, der Koronarsklerose, der Debilitas und
Dilatatio cordis sowie der Aneurysmen ausreichend.
Die indirekte Behandlung des Herzmuskels durch Applikation
' der Hochfrequenzströme von den Extremitäten aus beeinflußt auch stets
die Zirkulation in den großen Gefäßen. Lassen wir die Ströme in irgend-
Anwendung bei Zirkulationserkrankungen. 143
einer Weise in die Arme eintreten, so ist gewissermaßen die Ansatz-
stelle der Arme am Thorax die eigentliche Angriffsfläche der Diathermie
bezüglich der Herzbasis. Wir werden infolge der Streuung eine Anzahl
Stromfäden auch durch das Herz hindurchsenden, im allgemeinen aber
doch nur die großen Gefäße und allenfalls die Herzbasis in das Bereich
einer nennenswerten Diathermiewirkung bringen. Lassen wir hierbei
die Ströme durch Metallhandgriffe oder durch Eintauchen der Hände
in Wasserbecken in den Patienten eintreten, so unterwerfen wir infolge
der Längendurchstrahlung der Extremitäten auch einen großen Teil
der peripheren Zirkulation der Hochfrequenzwirkung. Bezüglich der
Dosis sind wir an die Toleranz der Handgelenke als den kleinsten Quer-
schnitt gebunden, d. h. an 300—400 Milliampere, falls wir es nicht vor-
ziehen, z. B. durch tieferes Eintauchen den kleinen Querschnitt der
Handgelenke zu vermeiden und gleich dickere Partien des Unterarmes
oder durch Eintauchen weit über den Ellbogen den Oberarm als für
die Dosienmg maßgebend zu benutzen. Das Gleiche erreicht man
durch Anlegen von Flächenelektroden um den Ann herum, wobei man
vermeiden muß, daß die Außenfläche der Armelektrode den Thorax
berührt. Wir können dann 1 Ampere und mehr verwenden. Lassen
wir die Diathermieströme von den unteren oder von allen 4 Extremi-
täten aus in den Körper eintreten, so können wir je nach Schaltung,
z. B. linke und rechte Seite für sich oder obere Extremitäten und untere
Extremitäten für sich, eine verschiedene Verteilung der schwingenden
Energie im Rumpf erzielen. In allen diesen Fällen haben wir es mit
komplizierten Wirkungen zu tun, die sich aus der Wirkung auf da»
periphere Zirkulationssystem, aus derjenigen auf das Herz und aus den
gegenseitigen reflektorischen Rückwirkungen dieser aufeinander zu-
sammensetzen. Hierzu kommt noch die reflektorische Wirkung vom
Nervensystem aus, so daß wir hierbei nicht mehr mit einheitlichen Effek-
ten rechnen können. Dem entspricht auch die Verschiedenheit der
klinischen Resultate. Die periphere Gefäßerschlaffung, die hierbei mit-
unter auftritt, wird von manchen Patienten, insbesondere solchen mit
an sich niedrigem Blutdruck, schlecht vertragen. Man hört Klagen
über hochgradige Mattigkeit und kollapsartige Zustände. Anderer-
seits kann bei Patienten mit sehr hohem Blutdruck dieser Applikations-
art nicht selten eine besondere Wirksamkeit zugeschrieben werden.
Sie fühlen sich wesentlich erleichtert, der Kopf druck, die Benommen-
heit können schwinden. Fast stets aber bessert sich der Schlaf. Die
erwünschte Dilatation großer peripherer Gefäßgebiete, welche die Haupt-
wirkung dieser Applikationstechnik ist, ergibt hierfür die Indikation.
Haben wir jedoch hochgradigere periphere Zirkulationsbehinderung,
so würden wir mit dieser Applikation relativ großer Stromstärken in
den meisten Fällen den Patienten schädigen, falls die Zirkulationser-
schwenmg auf Ischämie beruht, während venöse Stauungen
wiederum günstig beeinflußt werden.
Die peripheren arteriosklerotischen Zirkulationsstörungen pflegen
sich in zweierlei Weise zu äußern. In einem Teil der Fälle, in denen die
Erkrankung wesentlich die großen zuführenden Gefäße betrifft,.
144 Klinische Anwendung der Diathermie.
treten die Funktion der ganzen befallenen Extremität hindernde Stö-
rungen auf. Je nach dem Grad dieser Störungen lauten die Klagen der
Patienten verschieden. Da es sich zumeist um Stönmgen der Zirkulation
in den unteren Extremitäten handelt, klagen die Patienten über Ver-
sagen des Geh Vermögens bei jeder Anstrengung sowie mitunter schon bei
langsamem Gehen auf ebener Erde nach wenigen Minuten. Sie bezeich-
nen dies als einen Krampfzustand oder ein Spannungsgefühl in
der Wade , welches sich bei Forcierung zu heftige m Schmerz steigert.
In anderen Fällen fehlt der Schmerz vollkommen. Nur ist das Bein
plötzlich wie abgestorben, schwer, luid es ist ihnen unmöglich, zu gehen.
Nach kurzer Ruhe — meist genügt Stehenbleiben oder Hinsetzen — ver-
schwindet dieser Zustand und die Patienten können wiederum eine Zeit-
lang gehen, oder, nachdem in leichten Fällen diese Störung einmal über-
wunden ist, können sie längere Spaziergänge machen, ohne daß sie noch
einmal auftritt. In anderen Fällen treten die funktionellen Störungen
vor den subjektiven Beschwerden ziuück. Die Patienten könnten
das betreffende Bein zum Gehen weiter benutzen. Aber die Schmer-
zen, die schon nach geringer Anstrengung auftreten, sind so heftig,
daß sie sofort ruhen müssen und weitere Gehversuche aufgeben. Diese
Schmerzen werden nun meistens in den äußersten Endpartien der Ex-
tremität lokahsiert, und die Untersuchung ergibt arteriosklerotische
Veränderungen im wesentlichen in den allerkleinsten Arterien der
Zehen, während die größeren zuführenden Gefäße des Ober- und Unter-
schenkels noch so weit funktionieren, daß keinerlei Beschwerden von
ihnen ausgehen. In anderen Fällen wiederum sind sowohl die zuführen-
den größeren Gefäße wie die kleinsten Arteriolen erkrankt, und beide
Arten von Beschwerden werden infolgedessen geklagt. Besteht nun im
wesentlichen nur eine Erkrankung der großen Gefäße, so ist die
Gefahr der diathermischen Applikation relativ gering; denn die funk-
tionelle Anpassung des Gebietes der kleinsten Gefäße und der Kapillaren
sowie des venösen Rückflusses an eine durch die Diathermie hervor-
gerufene arterielle Hyperämie gestattet die Bewältigung dieser. Sind
jedoch die kleinsten Gefäße wesentlich mit erkrankt, oder sind die
Störungen durch sie allein bedingt, so bedeutet die Heranziehung einer
größeren Blutmenge durch Diathermierung des ganzen GHedes eine für
die ohnehin gestörte Zirkulation unüberwindliche Belastung, und die
Beschwerden werden aufs heftigste gesteigert. In solchen Fällen darf
man also nicht das ganze Glied einer intensiven Diathermierung unter-
werfen, sondern muß mit allerkleinsten Stromstärken und kleinen Elek-
troden, von der distalsten Peripherie an beginnend, die Behandlung vor-
sichtig einleiten, wobei man sich vorteilhaft von der Lokalisation der
Schmerzen nach den Angaben des Patienten leiten läßt. Die Verbesse-
rung der periphersten Zirkulation durch diese Applikationen ist zumeist
eine durchaus prompte und führt zu einer schnellen funktionellen Mehr-
leistung. Hat man dieses erreicht, so empfiehlt sich das allmähliche
Aufsteigen nach dem Rumpf zu imter gleichzeitiger Erhöhung der
Stromstärke und Verwendimg größerer Elektroden. Hierbei muß man
sich durchaus nach dem Erfolge der Therapie richten, luid sobald man
Anwendung bei Zirkulationserkrankungen. 145
bemerkt, daß die Hyperämie eine zu starke Belastung bedeutet, d. h.,
daß der Patient Sehmerzen bekommt, an Stromstärke, Dauer der
Sitzung und Applikationsart heruntergehen bzw. sonstwie wechseln.
Ganz anders hegen die Verhältnisse, wenn man es mit rein spastischen
Zuständen zu tun hat, auf die wir weiter unter zu sprechen kommen.
Man sieht unter dem Einfluß der verbesserten Zirkulation sehr bald
auch die objektiven Symptome der Ernährungsstörung,
herabgesetzte Hauttemperatur, Zyanose oder Anämie, Sistieren des
Nagelwawjhstums, Gangrän oder Stase, Hyperkeratose, Hautatrophie
sich relativ schnell zurückbilden während die subjektiven Beschwerden
(Schmerz und Krampfzustände) sich vielfach schon nach den ersten
Sitzungen wesentHch bessern.
In allen Fällen, in denen Parästhesien, Schmerzen, Funktions-
störungen usw. der in Bede stehenden Art vorUegen, werden wir gute
Besultate mit den geschilderten Methoden erreichen, wenn der Blut-
druck hoch ist und die Gefäße starr sind. Dagegen würde die
Applikation der Dusche oder der Kondensatorelektrode zu sofortigen
erhebUchen Verschlimmerungen, Auftreten furchtbarer Schmerzen oder
gefahrdrohenden Erscheinungen führen und ist absolut kontraindiziert.
Bei peripherer Gefäßerschlaffung dagegen dürfen wir uns mit
Vorteil dieser reizenden Methoden bedienen.
Haben wir es andererseits mit Störungen des venösen Ab-
flusses zu tun, so sind die Wirkungen der Diathermie weniger sicher,
jedoch ebenfalls in vielen Fällen günstig. Die Funktion der Venen im
großen ganzen ist als eine mehr passive gegenüber der der Arterien zu
betrachten. Die einmal stattgefundene Dilatation führt durch In-
suffizienz der Venenklappen und dadurch erhöhte Funktionsstörung zu
einer schnellen, mit Verlust des Tonus verbundenen Dilatation, und die
infolge der diathermischen Applikation einsetzende erhöhte vis a tergo
führt ihrerseits wieder eher zu einer weiteren Belastung und somit Er-
höhung der Störung, als der tonisierende Einfluß auf die Venenwand,
welche ihrer Anpassungsfähigkeit durch Verminderung ihrer Elastizität
verlustig gegangen ist, sie auszugleichen vermag. Wir werden daher
venöse Dilatationen und durch sie bedingte Stauungen weniger als ein
Indikationsgebiet für die reine Diathermie ansehen, als vielmehr direkte
Applikationen der Kondensatorelektroden oder von Funken, welche
nach Analogie des Tierexperiments (siehe S. 88) zu kräftiger Kontrak-
tion der Venenwand entsprechend den getroffenen Stellen führen, mit
größerem Erfolg anwenden. Gleichzeitig wird durch lokale Diather-
mierung des Herzens, besonders des rechten Ventrikels und Vorhofes,
die Erhöhimg der Saugkraft des Herzens und mithin Erleichterung des
venösen Abflusses erstrebt werden.
Handelt es sich um allgemeine, das ganze Grefäßsystem betreffende
Erkrankungen, so können wir ebenfalls allmähhch durch lokale Apph-
kation eine Besserung nach Analogie des Vorstehenden erzielen. In-
dessen können wir hier auch mit Vorteil allgemeinere Applikations-
methoden, Solenoid sowie ganz besonders das Kondensatorbett, an-
wenden. Diese Applikationsart kommt auch für die mehr funktionellen
Nagelschmidt, Diathermie. 2. Aufl. lö
146 Klinische Anwendung der Diathennie.
Störungen der spastischen Zirkulationsstörungen, der Asphyxie lo-
cale, der Akromelalgie, der Sklerodermie und der Heynaudschen
Krankheit sowie auch für die Grenz- und Kombinationsfälle in
Betracht.
Bezüglich der komplizierteren Erscheinungen der Blutdruck-
senkung oder Erhöhung müssen wir auf eine möglichst exakte Dia^osti-
zierung der auslösenden Momente Wert legen. Denn nur dann sind wir
imstande, ätiologisch einzugreifen. Jede kritiklose Empirie kann hier-
bei nicht nur Ausbleiben des Erfolges, sondern Schädigungen des Pa-
tienten bedingen. Hypotension infolge einer Aortenstenose erfordert
lokale Herzbehandlung durch Diathermie, während neurasthenische
periphere Gefäßschwäche tonisierende Behandlung der Peripherie, im
wesentKchen auf Hautreiz beruhend, benötigt. Noch wichtiger ist für
Fälle von Hypertension die ätiologische Therapie, da ^weitere Steige-
rungen des Blutdruckes durch fehlerhafte AppUkation zu nicht wieder
gut zu machenden Schädigungen (Apoplexie) führen können.
Für die Mehrzahl der Fälle von Hj^rtension kommt jedoch
ätiologisch, abgesehen von der Arteriosklerose imd Widerstandser-
höhimg in der Peripherie, Schrumpfniere in Frage, und eine Therapie,
die nicht den ätiologischen Faktor zum Zielpunkt hat, kann von keinem
Dauererfolg begleitet sein. Ich verweise diesbezügHch auf die Be-
sprechung der Diathermiebehandlung bei Nierenerkrankungen.
Im Anschluß an das Kapitel der Zirkulationserkrankungen möchte
ich hier einen Fall von Medinalvergiftung erwähnen, bei dem die j
Diathermie eine sofortige Besserung der herabgesetzten Zirkulation
bewirkt hat.
9. XIL 08. Patientin leidet an Insomnie und hat vorgestern und gestern
abend je fünf Medinalpulver auf einmal genommen. Danach schlief sie von
gestern abend bis heute nachmittag um 5 Uur. Patientin ist erheblich benommen
und zeigt Gehstörung. Sie muß gestützt werden, reagiert aber auf Anruf, si®
klagt über Schwindelgefühl. Herztöne rein, Aktion sehr langsam (56), Puls mäßig
gespannt, Pupillen weit, träge reagierend. Extremitäten kalt, leichte Zyanose.
Applikation der Diathermie am Herzen mit anschließender Hochfrequenz-
dusche des Kopfes und des Thorax. Danach sofortige Ermunterung. Herzaktion
zur Norm beschleunigt, 84, Zyanose verschwunden, Patientin geht ohne Unter-
stützung nach Hause.
Bericht am nächsten Morgen: Fühlt sich vollkommen wohl, so daß eine
nochmalige Behandlung unnötig erscheint.
3. Kapitel.
Erkrankungen der Lunge und Pleura.
Während die Hochfrequenz in Form der D'Arsonvalisation schon
lange, bevor man von Diathennie etwas wußte, bei HerzerkrankungeD
angewandt wurde, ist die Behandlung von Erkrankungen der
Lunge und der Pleura eine Errungenschaft der Diathermie.
In der Tat sind die uns aus dem oben gesagten bekannten physiolo-
gischen Wirkungen der Diathermie: Durchwärmung tiefer Organe,
Hyperämisierung, ödematisierung, Ausschwemmung, Beeinflussung der
antibakteriellen Kräfte, sedative Wirkung, schmerzstillende Wirkung,
I
Erkrankungen der Lunge und Pleura. 147
durchaus geeignet, in einer Reihe von Affektionen des Respirations-
traktus therapeutisch versucht zu werden. Diese Versuche haben in
einer Reihe von Fällen derart ermutigende Resultate geliefert, daß
jetzt schon der diathermischen Behandlung der Lungenerkrankungen
eine erhebUche Bedeutung zukommt. Es ist zurzeit noch nicht übHch,
die Diathermie zur Behandlung allgemein hierbei heranzuziehen, und
so kommt es, daß ich mich bei der Besprechung dieses Teils der Therapie
nicht auf eine so große Reihe von Fällen stützen kann wie bei den
Zirkulationserkrankungen, da mir nur einige wenige Fälle von Lungen-
erkrankungen zugewiesen wurden, und zwar solche, die schon das
ganze Rüstzeug der Therapie erfolglos durchgekostet hatten, während
mein eigenes diesbezügUches Material relativ klein ist. Über Erfah-
rungen an akuten Bronchitiden verfüge ich zurzeit gar nicht. Dagegen
hat eine Reihe chronischer Bronchitiden leichterer und schwerer
Art gute Resultate ergeben; besonders Fälle mit schwerer Expek-
toration imd zähflüssigem Sekret zeigen eine schnelle Beeinflußbar-
keit. Schon nach der ersten Sitzung tritt die sekretionsanregende Wir-
kung der Diathermie in die Erscheinung. Die Dyspnoe verschwindet.
Die Patienten expektorieren reichHcher, das Sekret wird dünnflüssiger,
und nach einer Reihe von Sitzungen nimmt mit dem Eintritt der Besse-
rung auch der Hustenreiz ab, und wir sehen monatelang bestehende
Affekte in 8— 14 Tagen heilen. Selbst ausgebreitete Bronchitiden mit
Verdichtung eines ganzen Unterlappens zeigten in wenigen Tagen voll-
kommerien Rückgang der Erscheinungen mit einer plötzlichen Wen-
dung des Allgemeinbefindens zur Besserung (wohl infolge der Beein-
flussung der Zirkulation).
Schwieriger zu behandeln sind die Fälle, in denen Komplikationen
der einfachen Bronchitis mit putrider Infektion bestehen. Ich
lasse die Beschreibung eines schweren derartigen Falles folgen.
Putride Bronchitis. Frau B., 48 Jahre alt, Vater starb an Emphysem,
Mutter an Ileus. Keine Tuberkulose in der Familie. Mit 18 Jahren erkrankte sie
an Bronchitis, welche drei Monate dauerte, mit 22 Jahren nach der Verheiratung
an eitriger Salpingitis mit hohen Temperaturen. Seit der Zeit bestehen dauernd
Schweiße, besonders abends und nachts. Nachts ist der Kopf meistens ganz naß,
nicht nur die Stirn, sondern auch die Haare. Im übrigen war Patientin bis zum
Juni 1901 gesund. Da erkrankte sie plötzHch an akuter Bronchitis mit Schüttel-
frost und Temperaturen bis 40°, welche morgens zur Norm zurückgingen. Seitdem
besteht dauernde Produktion von Sputum, welches nach und nach an Menge
zunahm. Unter hohem intermittierendem Fieber und heftigen Schweißausbrüchen
entwickelte sich eine Kachexie, welche zu hochgradigem Gewichtsverlust führte.
Allmählich besserte sich der Zustand. Es traten ab und zu leichte akute Bronchitiden
auf, und der Auswurf verschwand fast ganz. Im Anschluß an eine derartige Bron-
chitis, welche einige Wochen dauerte, wurde zum ersten Male im Ja&e 1908
fötider Geruch beobachtet. Im Jahre 1910 erkrankte Patientin an einer schweren
fötiden Bronchitis, bei welcher Gelegenheit hochgradige Bronchiektasien und
Kavemenbildung konstatiert wurden. Sputum wurde von Zeit zu Zeit maulvoll
entleert. Es traten auch gelegentlich, allerdings sehr selten, geringe Spuren von
Blut darin auf. Patientin war sehr schwer krank, hochgradig kachektisch, ge-
brauchte dauernd Herztonika, Expektorantien und entleerte bis zu einem halben
Liter und mehr eines überaus fötiden, schwärzlich braun und grau aussehenden
Sputums. Mehrere Wochen betrugen die Temperaturen 39 — 40° abends, die all-
mählich zurückgingen. Aber bis zum Jahre 1912 waren dauernd subfebrile Tempe-
€ 10*
14s Kiouw'br AMW9mämm$ <W DiAtIwrmie.
1
ohcT»«a* U**t^« >iit,«T';lMi»l«-u(^ Zviurbm 1910 und 1912
K\*arfki«iii«wf^ ruR T'.. n.:i ht^m Fvber. neutec» mit sabtfelir-ilexi 1
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anfalir Auf. I'^'T k<kW i««7u r. t» ia^iactr dw Umfcbnng aofs int«vi£äx-«t^.
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N»t h jmhriATu:' n. K-^iitt-.: >f Afi^-ktwo unter aUm möglicbe-a tl»c«-apei
YroiK'htti wuT\*f t.» t.t T uT t# iiK- B« ii>^ < ron f «nirti, aoodero anCer dAaera^
iMhmr lit-r K». hf \h , n« i*-i r» r.ijr'-m, t<*ihifi9e abfT exaaerbiereod^iii f*el>*^
rrh*'Muhrr Il«UMarui*r iv-^ }*fc:!*T.T#-ii ui-d der Umgrbong durcli doa int^
li»lKit*n Irt-nn h, trat m »Tt.tC'ti >Ä -»i h*i. n»rb Eink-hang der Diathe^rmiebeiiäi
rin jJiitihihfT l'n.-^ hwuij: * .:- !>«* te»uii und graa gemachte Spatam« iK-t-h
QuAntilatf^ T»in * , t»h» • . l^ur tfcvii-h fxptktorieit wuide ncd liöcrliet jj
iwh, blk'l» in titr rrst<'n Zt ii n k ^ . h, wuidt- Tcaratbcfa dännflösFfii^er, faxht
vriQ uini vrrKw- m^ihti i«tru. h. A.iv. ^hlich rjahm <« an MtDge ab luul ist b
pmiipr Rt'Mr, ihr n>'trp*-*i*' in »fT oT'-n Hu'-t*-n>tt>ßeti entleert wer<ien, gesobwu,
Ihr Kavrnirn mi li »n N hruiri-f^:^ UcT*fft*n, <la«>tif»cbe Fasem ereebeizieD i
mrhr im N^krt-t, ihr N»i ht^ fwt .tx- h^Nii an^rbcvt, Patientin Pchlmft die Sä
durch, otxxw ein <ii.ia^<*> Mal ru huM^-n. Da» Fieber hat vollst Andig ao^ej
Mit ihm ^rr^rh^aniii^n auch tiit N hwtiLuiU'^liriKbe, nfidxomerBtennuüseit 2SJ&\
nar l*»tientin vim du**^'m uU-r«u?- UMi^f« S\Tnptom befreit- Auch subfel
Tem|ieratun'n trcion nii ht n » Kr auf. Ihr fileäntiscbeii Reizungen sind
Kt'hiruiHien- IVitirntin hai an l*f*ii hi iu^«-nomnaen. Der fötide CSemeh des AU
hat ebenfalls aufi;t'hiv1, umi nx-rk^uniiiriTirei^e and auch die TronunelfiehJäg
finger in RiK'kbiklunp U-irriffrn- In dif>t*m Falle, der seit «wei Jaiiren in mein
Beobachtung steht, hat die HthAntltung ^ Monate erfotdcrt, wonach das RestilU
stationär peMifln^n ist, E> tratt-n narh 4 Monaten interkurrent «ne akute Influenza
Bronchitis auf, wt Khe in wenicrn FicU^rtAcen die Patientin erbeblich Eerunter
brachte, E« wurden wieder l;4>— 2lH»ccm ceU»es, etw«s putride riechendes Sekrtl
entleert, Patientin schwitzte nachts uiwi am Ta^e, das AUgemeinbefindeo wv
erheblich gestört. Aber unter Asj^inn- um! lliinintherapie klangen die Erecbei-
nungen ohne sonstige Maßnahmen. Äl>pt"«ehen von einem Prießnitzumschjag und
Bettruhe, in 8 — 10 Tagen vollständig al», umi seitdem besteht derselbe günstige
Zustand wie vorher.
Die Kräfte haben sich wesentlich gehoben. Durch das Aufh^ören des fötide/:
Geruches ist die Patientin psvchisch in günstigster Weise beeinflußt. Einmi/
blieb der morgendliche Hustenreiz zwei Tage lang aus. Daraufhin trat sofort
eine Temperatursteigerung auf 39 ' ein, welche nach Darreichimg eines Expektono»
am nächsten Morgen abgeklungen war. ¥ls hatte sich offenbar um Retention in
den Kavernen gehandelt.
Befund. Anfang 1913 immittelbar nach Abklingen der Influenza: lanks
hinten imten über dem ganzen Hinterlappen abgeschwächter Perkossionsschall
Daselbst mittelfeine und grobe, zum Teil klingende Rasselgeräusche. Dieselben
auch in der Axillargegend imd auf der Vorderseite am imteren Rande des Unter-
lappens. Rechts nur diffuse Bronchitis. Linker Oberlappen nur trockene Bron-
chitiB. Fremitus beiderseits gleich.
Die Krankengeschichte beweist zur Genüge den günstigen Einfluß
der Diathermie auf ein jahrelang bestehendes schweres Leiden, welches
unter allen denkbaren Behandlungsversuchen sich dauernd verschlim-
merte und durch die Diathermie in kürzester Zeit einer unverkenn-
baren erheblichen Besserung zugeführt wurde.
Ist die Bronchitis mit Asthma kompliziert, so liegt hierin eine
neue Indikation für die Diathermiebehandlung. Es ist mir schon bei
den ersten Tierversuchen im Jahre 1907 aufgefallen, daß intensive
(chirurgische) Diathermierungen am Thorax, sobald die Erwärmung
T
•it.-"" ^
?r*r-_
Erkrankungen der Lunge und Pleura. 149
- * ^"^^ Pleura deutlich wurde, zu seufzerartigen tiefen Inspirationen und
.---».--"erlangsamung des Atemrhytbmus führte. Später beobachtete ich
■*^-- lese Erscheinungen auch am Menschen gelegentlich von Karzinom-
;---t.perationen an der Thoraxwand. Dieser veränderte Atemtypus trat
' . "'^ lier so plötzlich und so intensiv ein, daß ich infolge der unerwarteten Wir-
- .,,r"\ung, deren Tragweite ich nicht zu beurteilen vermochte, die Operation
- r sofort abbrach. Bei der Wiederholung dieser Beobachturg eikannte ich
^«i^r jedoch bald das rein Funktionelle dieser Erscheinung und ihre Un-
' *arrp, gef ährhchkeit und ließ mich später bei Operationen dadurch nicht mehr
. ■ "^/^ beeinflussen. Aber diese Beobachtung gab mir doch den Anlaß, die
/ Diathermie in Fällen von Asthma bronchiale zu versuchen, und es
rr V ^ zeigte sich in der Tat, daß bei genügend intensiver Durchwärmung eine
::rL. deuthche Vertiefung und Verlangsamung der Inspiration in die Er-
- ^*:?.- scheinung trat. Der Bronchospasmus löste sich, und die Patienten, die
zu Beginn der Sitzung auf 1— 2 m hörbares Giemen und Pfeifen produ-
zierten, krampfhaft inspirierten und hochgradig dyspnoisch waren,
^.,j.. fingen nach einer Minute der Diathermierurg an tief und gleichmäßig
zu atmen. Die Geräusche verschwanden, und ein Gefühl außerordent-
^yz ji liehen subjektiven Wohlbefindens setzte ein. Übereinstimmend lauteten
• iic:: (jiß Berichte, daß der stundenlang anhaltende Hustenreiz des Morgens,
. ^^ -r^ der zu mühsamen Expektorationen ganz geringer Mengen zähen, kristall-
" n. .> reichen Sputums führte, nach wenigen Sitzungen sich besserte ; mit ganz
•: »Lir: wenigen leichten Hustenstößen wurde reichlich dünnflüssiges Sekret,
r---a£?. in dem nur noch verschwindend Asthmakristalle aufzuweisen waren,
f *^-^ entleert, und tagsüber blieben die Patienten beschwerdefrei. Sie schliefen
'^^^zK ^® Nacht hindurch und zeigten keinerlei Dyspnoe. Nur in sehr schweren
„ :^vj ^ Fällen, bei älteren Leuten und längerem Bestände der Affektion waren
-i^i:> die Resultate nicht von Daifer, während bei jüngeren Leuten nach
^^* einer Behandlung von wenigen Wochen fast durchweg Dauerresultate
,,^^^ erzielt wurden. Hingegen scheinen die Resultate bei dem rein nervösen
^ Asthma wesentHch ungünstiger zu sein. Neben einzelnen guten Erfolgen
irff steht eine Reihe kompletter Mißerfolge. Vermuthch müßte der An-
f^^ griff spunkt der Therapie in diesen Fällen ganz wo anders zu suchen
' '"^^ sein (Nase, Genitahen usw.).
Noch besser ist die Prognose bei Kindern, und ich habe wiederholt
|: .. gesehen, daß solche Kinder, die jahrelang an schweren asthmatischen
> Zuständen litten, gedunsenes Gesicht hatten, erfolglos im Nordsee-
j-[ Sanatorium viele Monate verbracht hatten, und bei denen Asthma und
Bronchitis sich ablösten oder kombinierten, nach wenigen Sitzungen
rezidivfrei heilten. Auch die Neigung zu Bronchitiden schwand.
t- Asthma. Willi P., 10 Jahr alt. Seit drei Jahren Atemnot, beständiger
:^ Hustenreiz. Asthmatische Anfälle, besonders nachts. Nach der ersten Bestrahlung
^ vollkommen ruhige Nacht. Nach der zweiten Bestrahlung ein Anfall. Nach der
dritten Bestrahlung ruhige Nacht.
Am 9. IX. Seit vier Wochen alle acht Tage eine Bestrahlung. Die letzte am
1. September.
Am 7. IX. unbedeutender Anfall, ebenso am 9. IX. Heute die 11. Sitzung.
Die Anfälle sind kürzer und seltener geworden, falls sie überhaupt auftreten.
Vom 23. Vin. bis 1. IX. war z. B. kein einziger Anfall.
150 Klinisch© Anwendung der Diathermie,
Asthma bronchiale. Frau K., 52 Jahr, 6. XII. 09. Lebt seit acht Monaten
in Berlin. Seitdem leidet sie an Asthma. Muß jede Nacht stundenlang im Bett
a]iifsitzen. Anfänglich hatte sie häufige Hustenanfälle, jetzt sind sie etwas seltener
geworden. Aber morgens tritt täglich ein sehr langer, heftiger Anfall auf, bei dem
sie sehr geringe Mengen zähen Sputums mit Mühe entleert. Die Anfälle am Tage
sind seltener geworden. Sie leidet aber öfter an Schwindel und Kopfschmerzen
und klagt Beüc über knappe Luft. Herzaktion sehr beschleunigt.
Am 8. XII. dritte Sitzung. Kopfechmenrund Asthma besser, nachts nur noch
ein leichter Anfall, bei dem sie nicht aufzusitzen braucht.
18. XII. Noch ab und zu Anfälle. Sie ist nicht mehr so kurzatmig, aber eine
leichte Dyspnoe und ein beschleunigter Puls bestehen noch. Indessen sind die
Beschwerden so gering, daß sie aus der Behandlung entlassen wird.
Asthma bronchiale. Frau St., 38 Jahr, 10. I. 10. Patientin leidet seit
Kindheit an Asthmaanfällen, welche allmählich schlimmer geworden sind. Muß
sich nachts oft aufrichten wegen Luftmangels. Sie hat große Schwierigkeit,
Schleim auszuhusten, nimmt aber von Zeit zu Zeit Jodkali, wonach sich der
Schleim besser löst. In letzter Zeit hat sie kein Jod genommen. Sie ist etwas
zyanotisch, man hört reichlich Pfeifen und Giemen auf der linken Lunge, während
die rechte wesentlich freier ist. Schon nach der ersten Sitzung am 10. I. 10 kann
sie am nächsten Morgen leicht aushusten.
19. 1. 10. Seit heute beschwerdefrei. Zyanose geringer.
26. 1. Besserung hält an. Zyanose geschwunden. Morgens etwas Husten.
Auswurf wird leicht expektoriert.
3. II. Hat schon acht Tage lang nachts nicht mehr aufzusitzen brauchen.
Appetit hat sich gehoben, Allgemeinbefinden wesentlich gebessert, sie steigt die
Treppen zu ihrer Wohnung ganz leicht.
10. II. Da keine Beschwerden mehr aufgetreten sind, wird die Behandlung
acht Tage lang ausgesetzt.
17. IL Keinerlei Beschwerden, aus der Behandlung entlassen.
Asthma. Knabe G., 5 Jahr alt, Juli 1909. Zahlreiche pfeifende Geräusche,
häufig Hustenanfälle die neben einer quälenden, dauernden Dyspnoe auftreten. Die
Atemnot steigert sich zu asthmatischen Anfällen bei der geringsten Anstrengung.
Nach dreiwöchentlicher Diathermiebehandlung: Subjektives Wohlbefinden,
Husten vollständig geschwunden, Atemnot nur noch gering bei Anstrengungen,
in der Buhe gar nicht mehr.
Ich hatte auch Gelegenheit, einige Fälle von Pneumonie zu be-
handeln. So erkrankte in meiner Klinik eine Patientin zum dritten
Male an Pneumonie, welche, auf gewöhnhche Weise exspektativ be-
handelt, in 11 Tagen kritisierte und heilte. Nach 14 Tagen trat ein
Bezidiv auf, welches in derselben Weise verHef. Nach drei Wochen
rezidivierte sie wiederum und wurde nunmehr mit Diathermie behandelt.
Das Infiltrat hatte die gleiche Ausdehnung, und die klinischen Sym-
ptome waren dieselben wie früher, und doch trat, nach der erstmahgen
Diathermierung am zweiten Krankheitstage, die Krisis am nächsten
Tage ein. Es wurde ein reichliches, dünnflüssiges, braun gefärbtes
Sputum entleert. Nach zwei Tagen war physikalisch nichts mehr
von einer Infiltration nachweisbar. Seitdem bheb die Patientin re-
zidivfrei.
In einem Falle akuter Pleuritis, den ich zu behandeln Gelegen-
heit hatte, trat im unmittelbaren Anschluß an die Diathermierung so-
fortiges Aufhören des Atem- und Hustenschmerzes ein, und die Pleuritis
heilte ohne Punktion in wenigen Tagen. Auch chronische trockene
Pleuritis besserte sich schnell unter dem Einfluß der Diathermie-
behandlung und kam zur Heilung.
Erkrankungen der Lunge und Pleura. 151
Seröse Exsudate, primär oder nach Pneumonie werden schnell
ctnf gesaugt. Dagegen ist die Prognose bei tuberkulöser Ätiologie zweifel-
liaf t, da Rezidive auftreten und nach anfängHcher Resorption häufig
ein Stillstand eintritt.
Bei eitrigen Exsudaten habe ich die Diathermie bisher vermieden,
nach Analogie sonstiger eitriger Prozesse, bei denen sie kontraindiziert
ist. Indessen wäre doch bei größter Vorsicht in chronischen Fällen ein
Versuch zu machen.
Dagegen ist die Diathermie bei älteren Prozessen mit Schwarten-
bildimg durchaus indiziert. Ich habe alte, derbe Schwarten sich schnell
resorbieren sehen.
Frau P., 37 Jahre. Seit 1914 Rippenfellreizungen mit Schüttelfrösten. Häufige
Rezidive. Dazwischen fast dauernd Schmerzen beim Atmen und Husten. Letzte
Anfälle 26. XII. 19 und Mitte Januar 20. Am 22. Januar Beginn der Behandlung.
Schmerzen RU vom und hinten; geringe Dämpf img bis zur IX. Rippe hinauf.
Atemgeräusch abgeschwächt. BeklemmungsgefühL Hat im ganzen 13 Diathermie-
behandlungen erhalten. Ein Anfall ist bis jetzt nicht mehr aufgetreten. . Seit Mitte
Februar sind sämtliche subjektiven Beschwerden geschwunden. Am 1. März
(Schluß der Behandlung) auch objektiv nichts mehr nachweisbar. Gewichts-
zunahme bis dahin bereits 4 £jlo.
Ein wichtiges Gebiet der Diathermiebehandlung stellt die Lungen-
tuberkulose dar. Allerdings erfordert diese besondere Vorsicht. Im
ersten Stadium bei einfacher Infiltration ohne Komplikation bietet
die Behandlung keinerlei Gefahr, und die Diathermierung kann mit
beliebiger, der Elektrodengröße anzupassender Intensität vorgenommen
werden. Im zweiten imd dritten Stadium aber ist große Vorsicht not-
wendig. Besteht auch nur die geringste Neigung zu Blutungen, so
kann durch eine intensive Diathermienmg die danach einsetzende
arterielle Hyperämie zur Ruptur führen und eine schwere Hämoptoe
veranlassen. Wir werden daher in allen Fällen, in denen Kavemen-
bildung vorHegt, oder schon einmal eine Hämoptoe erfolgt ist, besonders
vorsichtig sein. Dies habe ich aus theoretischen Erwägungen von
Anfang an berücksichtigt, habe aber trotzdem auch im zweiten und
dritten Stadium die Diathermie angewandt. Alerdings habe ich die
Vorsicht gebraucht, 3— 4 Wochen lang minimale Stromstärken
anzuwenden in der Erwartimg, daß bei diesen geringen und schwachen
Applikationen auch die konsekutive Hyperämie eine entsprechend
geringere sein würde, daß aber trotzdem diese unmerkliche Hyperämie
allmählich zu einer Gewöhnung der Gefäße an größere Füllung und
höheren Druck führen müßte. Hat man in dieser Weise den Patienten
an die Schwankungen gewöhnt, so kann man allmählich mit den Dosen
steigen, und es ist mir bisher kein Auftreten einer Hämoptoe bekannt
geworden. In einem Falle jedoch traten strichförmige Spuren von
Blutungen im Sputum auf, die auf Sistieren der Behandlung schwanden
und nach vorsichtigem Wiederbeginn sich nicht wiederholten.
Der Einfluß der Diathermie auf die Phthise ist ein unverkenn-
barer. Die Sputumveränderungen treten regelmäßig in gleicher Weise
auf. Zunächst wird das Sekret vermehrt, nimmt eine dünnflüssige Kon-
sistenz an, wird leichter expektoriert, imter Umständen wird auch an
152 Klinische* Anwendung der Diathennie.
den ersten Tagen ein erhöhter Hustenreiz geklagt insofern, als öfter
Hustenanfälle auftreten, aber von wesentlich geringerer Heftigkeit, und
mit erleichterter Expektoration. Nach einigen Tagen geht dieser Zu-
stand der Hj^rsekretion, welcher auf der arteriellen Hj^rämie und
dem erhöhten Ljrmphzustrom infolge der Diathermierung beruht, in
ein längeres Stadium geringerer Sekretion über, in welchem die I^a-
tienten bereits subjektive und objektive Besserung erkennen lassen.
Die Nachtschweiße hören auf, die Temperatur sinkt, eine etw^a be-
stehende Mischinfektion bessert sich, der Kräftezustand hebt sich, das
Gewicht der Patienten nimmt zu, Zirkulation und Nahrungsaufnahme
werden angeregt. Setzt man zwei- bis dreimal wöchentlich die Dia-
thermierung fort, so kommen allmählich die Patienten, auch in sch\reren
Fällen, in relativ gute stationäre Verhältnisse. Jedoch sieht man nicht
selten, zumeist im Anschluß an Erkältungen, aber auch ohne erkenn-
bare Ursache, plötzlich wieder einige Wochen Verschlimmerungen auf-
treten. Diese Exazerbationen können, wie gesagt, infolge einer akuten
sich überlagernden Bronchitis auftreten. In anderen Fällen jedoch,
wo eine solche nicht zu entdecken ist, muß man mit einem Nachschub
der Krankheit rechnen, und so ist es vielleicht nicht ausgeschlossen,
daß, ebenso wie die Zellen des Organismus, auch die Tuberkelbazillen
gelegentlich eine Vitalisierung erfahren. Überhaupt scheint es weniger
wahrscheinlich, daß die Diathermie einen direkt schädigenden Einfluß
auf die Tuberkelbazillen hat oder entgiftend auf die Toxine wirkt,
vielmehr dürfte arterielle Hyperämie und Steigenmg der natärUchen
Abwehrkräfte als das therapeutisch wirksame Agens neben der Stimu-
lierung der Herzaktion anzusehen sein. Besonders wichtig ist für die
Behandlung der Lungentuberkulose vielleicht die weiter unten zu be-
schreibende Kombination der Diathermie mit Röntgenstrahlen. Die
Behandlung muß vorsichtig beginnen, möglichst tägUch durchgeführt
werden und lange, Wochen und Monate, fortgesetzt werden. Die Er-
folge sind, besonders in Kombination mit Röntgentief entherapie, der
mit unendlicher Reklame propagierten Höhensonnenbehandlung bei
weitem überlegen. Indessen ist eine gelegentliche Kombination auch mit
allgemeinen Quarzlampenbestrahlungen keineswegs von der Hand zu
weisen.
Überhaupt soll der Physikotherapeut sich nicht auf eine Methode
festlegen, denn häufig sehen wir gerade in der Kombination verschiedener
Methoden die besten Erfolge.
Ich habe somit in den der Diathermierung unterworfenen FäUen
von Lungen- und Pleuraerkrankungen wesentliche subjektive
und objektive Besserungen konstatieren können und füge noch hinzu,
daß die Besserung des Allgemeinbefindens sich schon auf sehr
kleine Dosen hin zeigen kann mid bisher in keinem einzigen Fall aus-
geblieben ist. Es ist durchaus nicht notwendig, erhebliche Strom-
mengen durch die Lunge hindurchzuschicken. Vielmehr werden kli-
nische Resultate schon mit 1 — 1^/4 Ampere bei Elektrodengröße von
10 X 20 cm erzielt. Bei der Behandlung von Lungenaffektionen muß
man jedoch bedenken, daß nicht selten auch das Herz sich auf der
Erkrankungen anderer innerer Organe. 153
Strombahn befindet, und wir müssen, besonders bei niedrigem Blut-
druck, auch hier der weiter senkenden Wirkung der Diathermie eingedenk
sein und mit einem Kollaps gelegentlich rechnen, falls wir nicht unser
Augenmerk speziell auf die Vermeidung einer solchen KompUkation
richten. Andererseits wirkt zweifellos gerade die Miteinbeziehung des
Herzens in die Therapie günstig bei Lungenleiden ein. Eine Besserung
der Herzaktion muß ja auch stets einen dekongestionierenden Ein-
fluß auf die Lunge ausüben. Technisch kann man sich verschiedener
Methoden bedienen, um die einzelnen Lungenabschnitte oder Pleura-
teile zu durchwärmen. Die Methode der großen Plattenapplikationen
von vom nach hinten habe ich schon erwähnt. Zur Behandlung der
Oberlappen, speziell der Spitze, ist es meist zweckmäßiger, eine große
Elektrode an der unteren Lungengrenze hinten, seitlich und vom zu
applizieren und die kleine differente Elektrode von 4 cm Durchmesser
oder 4 x 6 cm Fläche direkt auf den Süpra- oder Infraklavikular-
raum zu legen.
Bei Pleuritis wird man zweckmäßigerweise eine Elektrode von
5 X 12 cm an der Seite der Läsion applizieren und eine große indiffe-
rente Elektrode diametral gegenüber anlegen.
Bei Asthma wirkt mitunter das Anlegen kleiner Elektroden auf
dem oberen Stemalende und unterhalb des Processus xiphoideus unter
den Zwerchfellrand eingedrückt günstig ein. Auch Kehlkopf- und
Nasenapphkationen sind in hartnäckigen Fällen zu versuchen.
Bezüglich des E mphyse ms hegen ebenfalls bereits Beobachtungen
guter Resultate vor. Die durch die Diathermie erfolgende Vertiefung
der Respiration im Zusammenhang mit der besseren Durchblutung be-
wirken eine intensivere Lungengjmanastik, welche die Beteiligung
emphysematöser Partien hervorruft. Ebenso wie beim Asthma sehen
wir auch bei chronischer Bronchitis, Bronchopneumonie und Phthise
Besserung der dyspnoischen Beschwerden. Die Resorption von Pleura-
exsudaten ist auf die gleiche Stufe mit der später zu besprechenden
Wirkung auf Gelenkexsudationen zu stellen, die der direkten Beobach-
tung mehr zugänghch ist.
4. Kapitel.
Erkrankungen anderer innerer Organe.
Die hyperämisierende und sekretionssteigernde Wirkung der Dia-
thermie tritt besonders bei den Erkrankungen derjenigen Organe her-
vor, die eine Sekretionsfunktion haben. Experimentell habe
ich an Gallen-, Magen-, Speicheldrüsen-Fisteln unmittelbar nach der
Diathermierung einsetzende Sekretionsvermehrung gesehen. Das gleiche
beobachtet man bei der klinischen Apphkation, und so haben wir ein
wichtiges Indikationsgebiet in allen Fällen von daniederhegender Se-
kretion drüsiger Organe. Die Anregung der Sekretion kann eine
vorübergehende und eine dauernde sein. Haben wir es mit vorgeschrit-
tenen Stadien cirrhotischer Prozesse zu tun, bei denen das furktionie-
rende Epithel durch die vermehrte Bindegewebsbildung erhebüch ein-
i
154 Klinische Anwendung der Diathermie.
geschränkt ist, so werden wir mit weniger deutlichen Resultaten zu
rechnen haben als in Initialfällen. Besonders schnelle Besserungen sieht
man mitimter bei Stauungslebem. So kam z. B. ein Potator maximus
mit Herzdilatation, Lebercirrhose, Ascites zur Behandlimg. Nach zwei-
maliger Diathermierung der Leber war der Ascites nicht mehr nach-
weisbar, die Diurese war enorm gestiegen, und die Leber, die in der
Mamillarlinie rechts den Rippenrand um mehr als Handbreite überragte,
reichte am dritten Tage nur noch einen Querfinger herüber. Diese offen-
bare Besserung dfer abdominalen Zirkulation wirkte auf das Herz zurück,
und die nunmehr einsetzende Herzbehandlung bewirkte ein schnelles
Zurückgehen der Dilatation. Daß die verbesserte Zirkulation in der
Leber, insbesondere die schnelle Beseitigung der Stauung auf die Gallen-
sekretion günstig einwirken muß, dürfte nicht zu bezweifeln sein. Das
eigentümliche der diathermischen Sekretionsanregung beruht nun darauf,
daß nicht nur die Wassersdiretion, welche ja durch die arterielle Hy-
perämie genügend erklärt würde, erhöht wird, sondern daß auch die
Sekretion der spezifischen Drüsenfunktion sich deutlich er-
höht zeigt. Untersucht man beim Gallenfistelhimd in regelmäßigen
Intervallen das Sekret, so findet man es nach der Diathermierung auf
das 2— 3 fache an Menge gesteigert. Diese Sekretionserhöhung kann
in manchen Fällen nach kurz dauernder Diathermienmg V2 Stunde, in
anderen, besonders öfter wiederholten Fällen mehrere Stimden an-
halten. Das entleerte Sekret zeigt trotz der vermehrten Menge pro-
zentual meist unveränderten Aschengehalt. Das gleiche ist beim Urin
nachweisbar. Ich habe bei schwer Herzkranken nach Diathermierung
Steigerung der Diurese um 1—2 Liter gegenüber der Norm gesehen,
wobei das spezifische Gewicht in manchen Fällen imbedeutend sank,
in anderen gleich büeb, in einigen sogar stieg. Alle diese Beobachtimgen
beweisen, daß nicht nur die erhöhte Wassersekretion hierbei eine Rolle
spielt, sondern daß das spezifische Drüsensekret durch Steigenmg der
Epithelfünktion in vermehrten Mengen produziert wird. Ich hatte z. B.
Gelegenheit, einen Patienten mit Pankreasatrophie zu behandeln, bei
dem unter dem Einfluß der Diathermienmg das Gewicht sich hob imd
die Ausnutzung der zugeführten Nahrung sich besserte. Ich will an
einigen Fällen von chronischer Nephritis die näheren Daten der
Ausscheidungsverhältnisse und des klinischen Verlaufes mitteilen. Ich
habe in allen derartigen Fällen eine sechs wöchentliche Lokalbehandlung
der betreffenden Organe mit 10—20 Minuten dauernder Diathermierung
bis zur Toleranzgrenze der Haut vorgenommen. Der Verlauf war der
folgende :
Chron. Nephritis. Herr W., 22 Jahr alt, Dezember 1911. Eltern gesund,
leben. Vor 10 Jahren Ödeme ohne Schmerzen. Urinuntersuchung ergab 25 pro mille
Eiweiß. Der Urin gerann im Glas. Blut war nur mikroskopisch nachweisbar.
Er fühlte sich schwach. Von Zeit zu Zeit bestanden Kopfschmerzen. In den letzten
Jahren ist der Eiweißgehalt allmählich heruntergegangen und auf drei bis vier pro
JVfille stationär geblieben. Er fühlt sich, abgesehen von einer allgemeinen Kraft-
losigkeit, Arbeitsunlust und Kopfschmerzen, wohl.
Er ist sehr mager, wenig muskulös, sieht blaß aus. Der Eiweißgehalt des Urins
beträgt bei der Untersuchung am 15. XII. ll:4Voo Eiweiß. Reichlich hyaline,
granulierte und Epithelzylinder sowie Blutkörperchen. Spez. Gew. 1012. Nach
Erkrankungen anderer innerer Organe.
155
den ersten zwei Diathermiebehandlimgen steigt die Eiweißausscheidimg um Ya Voo»
um am nächsten Tage auf 2 ^qq herabzugehen. Sechs Tage bleibt alles bei emem
spez. Gewicht von 1010 konstant, dann geht der Eiweißgehalt auf IV2V00 herab;
das spez. Grewicht sinkt dabei auf 1008. Zwischen dem 12. und 26. I. 12 erfolgt
eine Schwankung nach oben; am
. . . 1008
10.
I
12.
I
14.
I
15.
T
24. T
26.
I
30.
I
31.
I
1 1% /oo
2'A •/««•■
2 %o •
27. V««
3 /oo •
2 1% /oo
1010
1009
1011
1010
1010
1009
1010
1>^ /oo
Das Körpergewicht blieb konstant; das Allgemeinbefinden war bis auf eine
Migräneattacke gut.
Nephritis chronica. Grazil gebaute, 30 Jahr alte, bleich aussehende Frau.
Im Jahre 1905 Kopfverletzung durch einen Schlag: Bruch des linken Parietal-
knochens in der Ausdehnung von 4 cm im Durchmesser. 48 Stunden danach trat
Meningitis auf. Verlangsamung der Sprache, nicht aber der Ideen. Vier Monate
später schmerzhafte Kontraktion der Zehenbeuger. Urin Albumen. Ende 1905
heiratete Patientin. Danach fand ein Abort statt. Später eine Entbindung mit
Eklampsie. Kind jetzt 2 Jahr alt, normal. Patientin leidet dauernd an Albuminurie
und Kopfschmerzen. Unter strenger Diät ging der Albumengehalt, der anfänglich
40 pro mille betragen hatte, herunter. Urämische Erscheinungen wurden nicht
beobachtet.
Urinuntersuchung am 1. VI. 09: Spezifisches Gewicht 1020, Albumengehalt
1,5 pro mille; hyaline und granulierte Zylinder. Rote Blutkörperchen, die früher
vorhanden gewesen sein sollten, wurden nicht gefunden. Es besteht bleiches Aus-
sehen, Schwäche. Patientin hat stark an Körpergewicht abgenommen. Leichte
Ödeme der Augenlider, nervöse Symptome sind nicht mehr vorhanden. Urinmenge
nicht über 800 — 900 ccm in 24 Stunden.
3. VI. 09: Einleitung der Diathermiebehandlung beider Nieren.
Unter mehrfachem Schwanken geht in 10 Wochen der Eiweißgehalt erheblich
herunter. Vom August bis Anfang Oktober treten noch geringe Schwankungen
auf:
14.-18. VIII Vs-Voo
19. VIII.— 14
16. IX. . .
17., 18. IX.
19.— 24. IX
1. Jv.. ...
2. X. . . .
IX
/4 /oo
1% /oo
3/ 0/
00
12 /oo
3/ .0/
/4 /oo
1% /oo
Nach diesen letzten, durch eine Zystoskopie am 15. IX. provozierten etwas
vermehrten Eiweißausscheidungen sinkt im Laufe der nächsten Wochen der Eiweiß-
gehalt auf nicht mehr meßbare Spuren herab. Zylinder sind seit Ende Oktober nicht
mehr auffindbar. Das Allgemeinbefinden ist vorzüglich. Patientin hat über 30 Pfund
an Gewicht zugenommen. Die Urinmenge beträgt dauernd seit September 1500
bis 1600 ccm in 24 Stunden. Die Besserung des Zustandes bleibt beständig. (Be-
richt Januar 1913: Es ist nie wieder eine Spur Eiweiß seit Ende 1909 aufge-
treten.
Chron. Nephritis. H. A., 41 Jahr, 30. VIII. 11. Bei der Aufnahme in eine
Lebensversicherung im Jahre 1909 wurde Albuminurie entdeckt, V? P^^ mille,
im Laufe der nächsten Zeit stieg sie auf */4 pro mille, Urinmenge war meist reichlich.
Patient nahm viel Getränke zu sich, meist Mineralwasserkuren. Es bestanden keine
Ödeme, indessen fühlte er sich matt und kraftlos, in der Arbeit erheblich behindert,
hatte öfter Kopfschmerzen. Die Untersuchung ergab eine leichte Vergrößerung des
linken Ventrikels, reine Herztöne, gespannten Puls, bleiches Aussehen.
Die Diathermiebehandlung wurde am 1. IX. 1911 eingeleitet und 6 Wochen
lang täglich durchgeführt. Siehe umstehende Tabelle.
156
Klinische Anwendung der Diathermie.
Tabelle.
Datum
Menge
Alb. V^
Spei. Gew.
31. VIII. 11
1. IX.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10. !
11.
12.
13.
14.
15.
16.
17. :
18. I
19. i
20.
22. I
24.
26. I
27.
28. i
29. '
30. I
1. X.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
14. XL
12. I. 12.
26. III.
800
750
900
820
850
800
800
1000
800
900
1400
800
1400
900
1100
1400
1300
1000
1100
1400
1000
1200
1300
1600
1300
1400
1300
1200
1000
900
1400
1250
1300
1100
'U
Va
V.
V4
1022
1021
1022
1020
1018
1200
unter V4
kaum ^/4
V4
V*
V«
V4
V«
V«
V4
unter 1/4
unter 1/4
Spuren
Spuren
Spuren
1015
1015
1014
1015
1018
1016
Epithelien, rote Blutkörperchen,
mehrere granulierte, zahlreiche
hyaline Zylinder.
Vereinzelte hyaline Zylinder, keine
Blutkörperchen, einige granulierte
Zylinder.
1017
1015
1016
1017
1021
1021
1018
Keine Zylinder, einzelne Leukozyten.
Keine Zylinder.
Nur Leukozyten und Epithelien
des ableitenden Harnweges.
Man ersieht aus der Tabelle, daß nach wenigen Sitzungen die Urinmenge
steigt und der Eiweißgehalt auf weniger als ein Drittel der früheren Ausscheidung
allmählich zurückgeht.
Auch nach Abschluß der Behandlung geht er noch weiter zurück und beträgt
nach vier Tagen nicht mehr meßbare Spuren. Die Zylinder sind ganz verschwunden.
Die Urinmenge der letzten Tage betrug über 1000 ccm bei 1250ccm täglicher Flüssig-
keitseinnahme. Das Allgemeinbefinden hat sich vollständig zur Norm gebessert.
Pie Kopfschmerzen sind geschwunden, Patient ist voll arbeitsfähig geworden.
Nephritis. Fräulein C, 16 Jahr alt, Nephritis chronica. Als kleines Kind
Pneumonie. Vor 6 Jahren Pleuritis. Pneumonierezidiv vor 5 Jahren. Danach Auf-
treten von Albuminurie, ödem der Beine und des Gesichts, besonders de^^ Morgens.
Albumengehalt wechselnd, meist sehr hoch, 30 pro mille. Zeitweise Fieber, keine
Schmerzen. Zylinderbefund unregelmäßig. Appetit gut. Obstipation, mitunter
Erkrankungen anderer innerer Organe. 157
Magenkrämpfe. Innere Organe o. B. Herz leicht hypertrophisch. Nieren palpa-
torisch o. B. Unterschenkel stark ödematös bis zu den Stiefelrändem. Daselbst
iKTulstartige Begrenzung des Ödems. Augengegend ödematös. Gesichtsaussehen
pastös, Urinmenge nicht über 700 ccm. Starke Transpiration mit ammoniaka-
lischem Geruch nach faulem Urin. Keine Inkontinenz.
Einleitung der Diathermiebehandlung am 6. I. 10. Im Laufe der Behandlung
geht unter Schwankungen der Eiweißgehalt auf 4 pro mille zurück. Bei gleich-
bleibender Flüssigkeitsaufnahme steigt die Urinmenge bis 1300 g pro Tag und war
in den letzten 14 Tagen nicht unter 1000. Allgemeinbefinden seit den ersten Sitzungen
vorzüglich. Gesichtsfarbe blühend, Gewichtszunahme 1 kg. Kur beendigt.
Im Laufe der nächsten acht Monate ging bei vorzüglichem Allgemeinbefinden
der Eiweißgehalt auf Null herunter. Erst im Sommer 1912 traten Spuren von
Eiweiß auf, die allmählich zunahmen, jedoch 3 ®/oo nicht überschritten. Das All-
gemeinbefinden blieb unverändert gut. Ödeme bestanden nicht.
Im Juni und Juli 1912 wurde eine zweite sechswöchentliche Diathermie-
behandlung durchgeführt. In den ersten Tagen stieg der Albumengehalt etwas
an, es fand eine vermehrte Ausschwemmung morphotischer Elemente (zahlreiche
hyaline Zylinder, 3 — 5 granulierte im Präparat; wenige Nierenepithelien und rote
Blutköri)erchen) statt; nach vier Wochei^ sank er jedoch wieder, und Patientin
reiste mit weniger als 2°/oo ^^^ einem spezifischen Gewicht von 1007 ab. Die
Urinmenge betrug durchschnittlich 1300 — 1600 g. Seitdem fehlt Bericht.
Herr A., 17 Jahr alt. Mit 6 Jahren Scharlach, seitdem chronische
Nephritis. Wegen leichter Verschlimmerung hatte er im Jahre 1910 eine neun-
monatige Be£truhe innegehalten. Danach ist der Albumengehalt auf 0,25 pro mille
heruntergegangen. In den letzten Monaten hat der Eiweißgehalt jedoch wieder zu-
genommen. Es bestehen zeitweise Ödeme, mitunter Schmerzen in den Beinen,
auch Gesichtsödeme. Cor nach rechts verbreitert; zweiter Pulmonalton akzentuiert,
Spitzenstoß in der Mammillarli^ie. Radialpuls klein, beschleunigt, 96, im allge-
meinen regidär, aber leicht beeinflußbar. Pat. fühlt sich matt und arbeitsunlustig.
Diathermiebehandlung vom 16. XI. 10 bis 18. 1. 11.
Urinbefund während der Behandlung siehe nachstehende Tabelle.
Im Lauf von 6 Monaten nach Abschluß der Behandlung ist der Eiweißgehalt
auf Null herabgegangen. Zylinder und Blutkörperchen sind dauernd verschwunden.
Das Allgemeinbefinden war schon gegen Ende der Kur wesentlich gebessert und
als normal zu bezeichnen.
Bericht am 27. XI. 12. Klinische Heilung ist von Dauer geblieben. Des-
gleichen Bericht Februar 13.
Frau H., 27 Jahr, chronische Nephritis. Vor 2V2 Jahren Nierenent-
zündung, welche während einer Schwangerschaft sich erhebfich verschlimmerte.
Es trat Eklampsie mit 8 pro mille Eiweiß auf. Kind wurde perforiert. Danach
bestand dauernd eine Eiweißausscheidung mit V4 P^^ mille.
April 1911 trat eine neue Schwangerschaft ein und wiederum Eklampsie
mit 6 pro mille. Das Kind starb ab; Entbindung mit Zange. Seitdem dauernd
Eiweiß, Y2 ^is 1 pro mille. Schmerzen in der rechten Nierengegend. Ödeme.
Fühlte sich matt und schwach, Kopfschmerzen, geringer Appetit. Sie führt eine
fleischlose Diät, ißt nur Milch- und Mehlspeisen. Urin 1 — 2 Liter täglich. — Vom
14. April bis 1. Juni Charit^. Entlassung mit 1 pro mille Albumen.
Einleitung der Diathermiebehandlung am 26. August 11.
Am 29. August starke Erkältung, danach stärkere Schmerzen. Die Be-
handlung wird bis zum 15. November mit großen Unterbrechungen durchgeführt,
im ganzen 12 mal. Während der ganzen Zeit bestehen heftige Schmerzen in der
Nierengegend, Ödeme an den Füßen und Abgeschlagenheit. Der Eiweißgehalt
geht unter Schwankungen von 1 ®/oo *^^ ^/a ^^^ V4 Voo herunter; das spezifische
Gewicht des Urins steigt von 1014 auf 1017 am Schluß der Kur. Die funktionelle
Untersuchung am 14. Dezember 11 ergab doppelseitige Nephritis. Im Laufe der
nächsten 2 Monate bessert sich das Allgemeinbefinden, und seit Februar 12 fühlt
sie sich vollkommen gesund.
Im Januar 1912 wurde während eines Influenzaanfalles eine Urinuntersuchung
vom Hausarzt vorgenommen, welche kein Eiweiß ergab; desgleichen im Ju'*
von einem anderen Arzt.
/
158
EJinische Anwendimg der Diathermie.
Am 17. Allgast 12 von mir nachontersacht : keine Ödeme, vollkonmienes
W(^befinden, Urin vollkommen frei von pathologischen Bestandteilen-
Datum
Menge ' 8pes. Gew. < Alb. */«•
16./XL 10
17.
18.
19.
20.
21.
22.
23.
24.
25.
26. I
27. .
28.
29.
30.
2./xn.
4.
5.
6.
8.
9.
10.
11.
12.
13.
14.
15.
16.
17.
18.
21.
22.
29.
30.
2./L 11
3.
4.
5.
6.
7.
9.
10.
12.
14.
18.
700
650
320
920
860
780
740
560
940
780
820
960
840
1100
820
940
860
1025
860
740
720
720
800
920
860
1020
950
780
840
750
900
750
1100
1000
980
940 ;
870 I
910 '
1040 I
1120 I
1020 ;
1050
900 ;
1140
1075 '
1030
1030
1031
1021
1019
1026
1024
1025
1015
1017
1020
1018
1020
1019
1021
1020
1022
1024
1025
1023
1021
1022
1023
1020
1023
1022
1022
1021
1021
1023
1022
1024
1023
1024
1023
1024
1025
1024
1024
1021
1022
1021
1023
1022
1019
V4
S'
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1
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1 •
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1
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1
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1 '
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V,
V,
1 '
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5
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1,
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V,
V,
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1,
/4
1
;4
sauer
»»
»>-
alk.
sauer
sauer
alk.
neutr.
sauer
neutr.
sauer
sauer
Epithelien» hyaline Zy-
linder; Epithelz^inder»
rote Blutkörperchen.
•»
»»
»>
>»
»*
•>
»»
Vereinzelt rote Blut-
körperchen, Epithelien-
zylmder, Leukozyten.
»
Epithelzylinder, Epithelien,
Leukozyten, rote Blutk.
GranuL Zylinder, rote
Blutkörperchen, Wachs-
zylinder, Leukozyten.
Granul. Zylinder, vereinzelt
Leukoz., keine rot. Blutk
27. XI. 12: gut.
Es zeigt sich demnach übereinstimmend in allen diesen Fällen,
daß entsprechend den physiologischen Vorstellungen, die wir ims von
der Wirkimg der Diathermie zu machen haben, zimächst nur die Wir-
kungen der arteriellen Hyperämie imd der Dekongestionienmg sowie
der spezifischen Hypersekretion in die Erscheinung treten. Die Urin-
Erkrankungen anderer innerer Organe. 159
menge nimmt zu. Infolgedessen sehwinden die Ödeme, und das All-
gemeinbefinden hebt sich. Diese Besserimg des Allgemeinbefindens
l>eruht jedoch nicht allein auf der vermehrten Wasserausscheidimg,
sondern auch auf der erhöhten Sekretion der anderen Hambestandteile,
Es geht aus der Tabelle neben der Steigenmg der Urinmenge auch deut-
lich die Erhöhimg bzw. das Gleichbleiben des spezifischen Gewicht/s her-
vor. Daß trotz dieser subjektiven und objektiven Bessenmg des All-
gemeinbefindens die pathologischen und Formbestandteile nicht nur
nicht verschwinden, sondern sogar in höherer Menge ausgeschieden
Averden, erklärt sich daraus, daß zunächst das pathologische bzw. ge-
schädigte Nierenepithel seine pathologischen Funktionen weiter aus-
übt. Infolge der Verbesserung der Zirkulation in der Niere, vor allem
durch die reichliche arterielle Hyperämie, wird die Vitalität der normalen
Zellen so weit gehoben, daß sie allmählich das Übergewicht über die
kranken Zellen gewinnen. Diese werden allmähUch eÜminiert (erhöhte
Ausschwemmung von Zellmaterial im Zentrifugalsediment) und durch
proliferierende normale Zellen ersetzt. Vielleicht erholen sich auch
minder schwer erkrankte Zellkomplexe unter dem Einfluß der besseren
Ernährung. Unter mannigfachen Schwankungen zeigt die pathologische
Urinveränderung allmählich eine Tendenz zur Bessenmg, imd im Laufe
von Monaten sehen wir dann eine erhebliche Besserung, ja, in manchen
Fällen khnische Heilung als Endresultat auftreten. Wenn die physiolo-
gischen Untersuchungen an der normalen Niere kein anderes Resultat
ergeben als eine leichte Vermehrung der Hammenge, so steht diese Be-
obachtung in Übereinstimmung auch mit dem übrigen Resultat der Dia-
thermie, daß nämlich die normale Funktion des Gewebes, z. B. des
Zirkulationssystems, sich unter dem Einfluß der Hochfrequenzwärme
quantitativ nur wenig ändert, vielleicht ein wenig gesteigert wird,
während qualitativ überhaupt keine Änderung eintritt. In pathologisch
veränderten Geweben dagegen kann unter dem Einfluß der erhöhten
Zirkulation nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ eine Ver-
änderung sich nachweisen lassen. Hierzu kommt, daß gerade bei der
Niere in ihrem Zusammenhang mit der Gesamtzirkulation bei patholo-
gischen Zuständen ein Circulus vitiosus besteht, so daß infolge der
Nierenerkrankimg die Zirkulation leidet und infolge der gestörten Zir-
kulation wiederum das Nierenleiden sich verschlimmert. Man hat mehr-
fach vorgeschlagen, von der ganz richtigen Erkenntnis ausgehend, daß
die Nierenkapsel dem kongestionierten Organ infolge ihrer Straffheit
eine Erschwerung seiner Funktion bereitet, die Dekapsulation der
Niere therapeutisch auszuführen. Die hiemach einsetzenden vorüber-
gehenden Besserungen erklären sich zum großen Teil daraus, daß die
erleichterten Zirkulatibnsbedingungen eine Dekongestionierung und
bessere Durchblutung des Organs mit nachfolgender Bessenmg seiner
Funktion ermöglichen. Andererseits ist es jedoch für die spätere
Funktion, d. h. also für Dauerwirkungen, nicht gleichgültig, ob die Niere
ihres normalen resistenten Überzuges beraubt wird, der ja zur Ent-
stehung eines gewissen, für die Filtrationsprozesse notwendigen Gegen-
druckes vermutlich unentbehrlich ist. Die Diathermie entspricht
160 Klinische Anwendung der Diathermie.
den gleichen Indikationen wie die Dekapsulation, indem sie
dekongestionierend und zirkulationserleichtemd wiikt, während sie
andererseits keine neuen anatomischen Bedingungen schafft, nebenbei
auch einen ganz wesentlich harmloseren Eingriff darstellt als die opera-
tive Dekapsulation, welche wohl nur in seltenen Ausnahmefällen wirk-
lich indiziert sein dürfte.
Dazu kommt, daß die Diathermie auch noch anderen Indikationen
genügt, insofern sie bei infektiösen Erkrankungen der Niere sowie bei
Pyelitis vermöge ihrer die Abwehrfunktion der Gewebe stimuherenden
Fähigkeit entzündliche Erkrankungen direkt beeinflußt. Allerdings
müssen wir hierbei mit der gleichen Vorsicht vorgehen, die wir weiter
unten bei den Staphylokokken- und Streptökokkeneikrankurgen der
Haut empfehlen werden, weil überhaupt die akuten eitrigen Affektionen
durch die Diathermie eine Exazerbation erfahren können. In chroni-
schen Prozessen dagegen, wouz auch die Tuberkulose des Nierenbeckens
und der Niere zu rechnen ist, sind Verschlimmerungen nicht zu erwarten.
Die Beeinflussung der Pyelozystitis ist vollkommen analog der
der Cholezystitis. Patienten, welche an regelmäßig rezidiviereder
Cholezystitis leiden, sind nach einmaUger Diathermiebehandlung in
wenigen Sitzungen rezidivfrei geblieben. Gleiche Beobachtimgen habe
ich auch bei chronischer Peritonitis, Perimetritis und Peri-
typhlitis gemacht. Sind jedoch akute eitrige Prozesse vorhanden, was
evtl. durch genaue Leukozytenzählung wahrscheinlich gemacht werden
kann, so ist die Diathermiehehandlung nicht unbedenklich. Man wird
also in zweifelhaften Fällen ganz vorsichtige Dosen in 3— 4 Minuten
langer Applikation (von 1 Ampere bei Elektrodengröße 10 x 20 cm)
verwenden. Tritt danach Verschlimmerung ein, was man schon in
6—8 Stunden konstatieren kann, so ist die Fortsetzung der Behandlung
erst nach Ablauf des akuten Stadiums erlaubt; wird diese" Dosis gut
vertragen, so steigt man allmählich mit der Dauer der Applikation und
der Stromstärke imd behandelt schließlich intensiv.
Besonders hervorzuheben ist die günstige Einwirkung der Diather-
mie auf Adhäsionen. Gerade wie bei pleuritischen Verwachsungen,
bei Hautnarben, bei traumatischen und postinflammatorischen Gelenks-
ankylosen, sieht man auch bei intraperitonealen Narbensträngen nach
wenigen Sitzungen erhebliche Besserungen der Schmerzen, ja mitunter
schon nach der ersten Durchwärmung vollkommenes Sistieren aller
Beschwerden einsetzen. Das ätiologisch Rationelle dieser Therapie
erhellt aus den der direkten Beobachtung zugänglichen Erweichungen
bei Hautnarben (Lupus, Verbrennungen), bei operativen Periost- und
Sehnennarben usw. Auch bei Lageanomalien des Uterus infolge von
Narbenzug oder Verwachsungen kann man die direkte erweichende
Wirkung der Diathermie an der mechanischen MobiHsierung deutlich
beobachten. Empfehlenswert ist in hartnäckigen Fällen der unmittel-
bare Anschluß von Massage an die diathermische Applikation, auch
dann, wenn schon vorher monatelang erfolglos massiert worden war.
Die erhöhte Lösungsfähigkeit erwärmter Flüssigkeiten gegenüber
niedriger temperierten macht es wahrscheinlich, daß die Kathermie
Erkrankiuig anderer innerer Organe. IgX
sich, zur Behandlung von Steinleiden eignen würde. Die Be*
urteilung diesbezüglicher therapeutischer Resultate jedoch ist eine so
scbi^erige, daß die klinische Beobachtung in keinem einzigen Falle
einer strengen Kritik standhalten kann. £s kommt zur Beurteilung
dieser Frage ja nicht nur auf die erhöhte Lösungsfähigkeit erwärmter
Medien an als vielmehr auf die veränderte Qualität pathologischer
Sekretionen unter dem Einfluß der Diathermie sowie auf chronische
!Entzündimgszustände z. B. der Gallenblase oder des Nierenbeckens.
Die StimuHerung der sekretorischen Funktion imter dem Einfluß der
arteriellen Hyperämie und des durch die Diathermie erhöhten Zell-
chemismus selbst ist neben der einfachen Temperaturerhöhung der be-
reits sezemierten Flüssigkeiten mit zu berücksichtigen. Es wird da-
her langjähriger Beobachtung an einem großen Material bedürfen, um
diese Frage klar zu stellen, während Lösungsversuche in vitro keine
"Übertragung auf die klinischen Verhältnisse gestatten. Unter diesen
Clesichtspunkten kann ich daher nur von Eindrücken sprechen, und
ich habe an fünf Fällen von Gallensteinen, acht Fällen von Nieren-
steinen den Eindruck gewonnen, daß, abgesehen von gelegentlichen
heftigen Kolikanfällen im unmittelbaren Anschluß an die Diathermie-
rung, eine ganz auffallende Bessenmg des Zustandes der Patienten ein-
getreten ist. Die Fälle, die zum Teil lange Zeit stationär verliefen, in
denen z. B. alle 4—6 Wochen heftige Kolikanfälle auftraten, blieben
eine Reihe von Monaten anfallsfrei, und spätere Anfälle verliefen außer-
ordentlich leicht.
Ich beschreibe als Beispiel einen Fall von Gallenkolik.
FrL W., 30 Jahr. Als 12 jähriges Kind Scharlach und Diphtheriüs. 1905 zum
ersten Male Leberanschwellung, 14 Tage bettlägerig, heftige Schmerzen an der
rechten Seite, Behandlung Morphium und Karlsbader Salz. Dann war sie bis zum
24. Juni 09 gesund. Da plötzlich heftige Schmerzen an der rechten Seite. Drei Tage
lang Erbrechen (Galle); Schmerzen ununterbrochen trotz heißer Umschläge und
Morphium. Völlige Appetitlosigkeit. Icterus conjunctivae. Nach drei Wochen
Rückfall, bis zum 7. August arbeitsunfähig. Nach Karlsbader Salz trat Brechen auf.
Die Schmerzen waren diesmal mehr nach links lokalisiert und strahlten nach der
Schulter zu aus. In den ersten Wochen bestand Fieber. Objektiver Befund:
Grazil gebaute Erau von sehr schlechtem Ernährungszustand, bleicher Gesichts-
farbe, Backen eingefallen, kein Ikterus, Lunge, Cor o. B. Leber stark vergrößert,
überragt den Rippenrand rechts um 4 Querfinger, links um ganze Handbreite.
Leber hart, links starke Druckempfindlichkeit, rechts weniger.
Am 7. August 09 erste Sitzung. Diathermie.
Am 8. August. Nach der ersten Sitzung gestern zum ersten Male seit drei
' Wochen ganz schmerzfrei, heute früh etwas Schmerzen in der linken Seite. Linker
i Leberlappen beim Aufsetzen der Elektrode schmerzhaft, so daß Patientin zu-
sammenzuckt. Nach 5 Minuten langer Applikation ist die Leber ohne Schmerzen
kräftig palpabeL Nach drei Sitzimgen war das Allgemeinbefinden wesentlich ge-
' bessert. Schmerzen sind nicht mehr aufgetreten. Die Leber ist bis zu einem Quer-
I ßnger unter den Rippenbogen beiderseits abgeschwollen.
^ Während ich mich in der I. Auflage dieses Lehrbuches wie vor-
f^ stellend vorsichtig ausdrücken mußte und die Möglichkeit von Zufällig-
fl keiten in der Beurteilung stark betonte, kann ich heut nach sieben
\i weiteren Jahren, gestützt auf ein reichlicheres Material die chronische
äi Cholezystitis als eine der aussichtsreichsten Indikationen für die Dia-
\ß thermiebehandlung bezeichnen. Die Resultate sind häufig so eklatant,
Nagelschmidt, Diathermie. 2. Aufl. H
f
162 Klinische Anwendung der Diathermie.
daß ich es mir nicht versagen kann, den Verlauf eines Falles aus dem
vorigen Jahr und eines weiteren aus diesem Jahr kurz zu schildern.
Frau M., 33 Jahr. Paratyphus 1913; Darmbesohwerden 1917. Im Sommer
1917 Gallenblasenentzündung. Dauernd Beschwerden. Januar 1918 chron.
Cholez3r8titi8 konstatiert (Magenspezialist); Harn ikteriech, Stuhl nicht Töllig
acholisch. Seitdem dauernd Beschwerden wechselnder Stärke. Bei dem geringsten
Diätfehler heftige Schmerzanfälle; desgl. nach Aufregungen imd körperlichen
Anstrengungen. Vor 4 Wochen Angina; danach heftige Schmerzen, Appetitlosigkeit.
Zurzeit Leber 2 Querfinger imter dem Rippenbogen, auch linker Lappen ver-
breitert. Starke Druckempfindlichkeit der Gallenblasengegend. Am 2. Juli 19
erste Diathermiebehandlung; danach sofort schmerzfrei. Noch 3 Behandlungen
in den nächsten 3 Wochen. Seitdem völlig beschwerdefrei ohne jede Diätbeschrän-
kung, auch bei körperlichen Anstrengungen. Letzter Bericht: November 1920.
Frau G. 47 Jahr. Seit vielen Jahren häufig schwere Gallenkoliken. Am
6. II. 20 nachts plötzlich neuer AnfalL Heftige Schmerzen, Erbrechen, große
Schwäche, dauernd Nausea, Speichelfluß. Sofortige DiathermiebehancUung.
Sofort schmerzfrei; kein Erbrechen mehr; noch etwas Würgen. 9. II. Gallen-
beschwerden nicht wiedergekehrt, leichter Ikterus; Zunge belegt. Seitdem bis heute
kein Anfall mehr aufgetreten.
Es sind noch eine Reihe weiterer innerer Erkrankungen der Dia-
thermiebehandlung zugänglich. So ist die Achylia gastrica vermöge
der sekretionssteigemden Wirkung der Diathermie ein dankbares Ge-
biet. Bei Hyperazidität dagegen muß man stets vorsichtig sein, be-
sonders wegen der Möglichkeit eines latenten Ulcus, welches, wie wir
weiter unten sehen werden, eine Kontraindikation ^ür Diathermie in
den meisten Fällen darstellt.
Ein bemerkenswertes therapeutisches Resultat habe ich in einem
Fall von traumatischer Splanchnoptose beobachtet:
Pat. Seh., 55 Jahr. 6. November 1910.
Vor 4 Wochen Quetschung des Abdomens, seitdem hat er Schmerzen nach
dem Essen sowie dauernde Beschwerden im Leib. Er trägt eine Bauchbandage.
Bei aufrechter Stellung besteht eine erhebliche Ptose. Die Leber reicht alsdann
bis 2 Querfinger oberhalb des Nabels.
Hochfrequenzbehandlung.
12. Dezember: Ptose beseitigt, Patient trägt keine Binde mehr, Beschwerden
nach dem Essen sind geschwunden, große Kurvatur steht oberhalb des Nabels,
Leber reicht in aufrechter Stellimg 2 Querfinger unter den Rippenbogen.
Auch bei nicht traumatischen Fällen sind häufig gute Resultate
erzielbar.
FrL W. 17 Jahr. Seit Jahren Magenbeschwerden. Röntgenbild ergibt starke
Magensenkimg und linksseitige Nierensenkung. Diathermiebehandlung im Laufe
des März 1920. Baldige Besserung der subjektiven Beschwerden (Magendrücken,
belegte Zunge, Appetitlosigkeit). Untersuchung am 31. März: Niere an normaler
Stelle. Keine Magenbeschwerden. Kontrolliert am 17. Mai: Befund der gleiche.
Frl. H. 27 Jahr. Hochgradige Magensenkung und Erweiterung. Senkung
der linken Niere. Beginn der Diathermiebehandlung am 9. Februar 1920. Im ganzen
7 Sitzungen. Am 27. HI. Unterer Magenrand bereits in Nabelhöhe; Niere noch
gesenkt. 27. IV. Beschwerdefrei: Magen und Niere in richtiger Lage.
Eine Erklärung der Diathermiewirkung ist in diesen Fällen schwie-
rig. Zweifellos spielen hier Spannungs- und Tonusverhältnisse eine
Rolle. Eine Veränderung der Turgeszenz der Bauchorgane durch
Hyperämisierung des Splanchnikusgebiets in toto oder partiell, resp.
eine Dekongestionierung kann »bezüglich der relativen Lagerung der
Erkrankung anderer innerer Organe. 163
Baucheingeweide von Bedeutung sein. Vielleicht kommt auch die
bei konsequenter Diathermiebehandlung häufig beobachtete iSewichts-
zunahme nebst damit zusammenhängendem Fettansatz für das Zu-
standekommen der Heilung wesentlich mit in Frage. Es ist mit Recht
versucht worden, die diathermische Energiezufuhr im Sinne einer quasi
elektrischen Mastkur (Ration d'appoint) bei marastischen Zuständen
zu verwenden.
Wenngleich diese Auffassung vielleicht etwas weitgehend erscheinen
dürfte, können wir doch die Besserung des Allgemeii;ibefindens, die wir
in zahlreichen Fällen ebenfalls beobachtet haben, ebenso wie die da-
mit verbundene Gewichtszunahme, auf das Konto der Diathermie
buchen; nur ist es nicht notwendig, die Umwandlung von elektrischer
Energie in Fettansatz, wohl aber indirekt, ihre stoffwechselsparende
und Stoffwechsel- und zirkulationsanregeride Wirkung als maßgebend
für den therapeutischen Erfolg anzuerkennen.
Bei nervösen Gastralgien, Dyspepsien und Motilitäts-
störungen, soweit letztere nicht mechanisch bedingt sind, erreicht
man mitunter in 8— 10 Sitzungen mehr, als vorher mit Bade- und lang-
wierigen Sanatoriumskuren erzielt werden konnte.
In den letzten Jahren habe ich eine größere Anzahl von Fällen
von Ulcus ventricuü und duodeni kombiniert mit Röntgentiefenbestrah-
lung und Diathermie behandelt. Die Patienten erhiplten zunächst
Röntgenbehandlung in mäßigen Tiefendosen imd etwa eine Woche
später Diathermie. Die Schmerzen und die Obstipation besserten sich
meist unmittelbar. Die Besserung resp. das Schwinden der Schmerzen
sind in erster Reihe auf die krampflösende, dekongestionierende Wir-
kung der Diathermie zurückzuführen (Pylorospasmus, Abklingen der
entzündUchen Vorgänge in der Umgebimg des Ulcus). Vorbedingung
ist selbstverständlich, wie mehrfach betont, daß keine Neigung zu
Blutungen bestehen darf. Es müssen daher erst genaue Untersuchungen
auf okkulte Blutung vorhergehen, die deren völliges Fehlen feststöllen
müssen. Andernfalls ist erst mit Röntgentherapie allein vorzugehen.
In richtig ausgewählten Fällen ist auf das Eintreten der subjektiven
Besserung mit ziemlicher Sicherheit zu rechnen.
In gleicher Weise habe ich auch die reine Hyperazidität behandelt,
ohne bezüglich der Säurewerte deutliche Besserungen gesehen zu haben.
Das ist auch bei der allgemein sekretionsanregenden Wirkung der Dia-
thermie nicht ohne weiteres zu erwarten. Die Besserungen sind viel-
mehr auch hier zunächst auf die spasmolytische Wirkung der Diather-
mie zurückzuführen. ,
Es mag auch hier noch einmal auf die Behandlung von Verwach-
sungen, wie sie auch nach Ulcus duodeni auftreten, hingewiesen werden.
Es gilt auch hier das auf S. 160 über Narbenstränge Gesagte. Bei richtiger
Lokahsierung der Diathermieapplikation und etwa dreimal wöchentlicher
Behandlung können in vielen Fällen die günstigsten Resultate erzielt
werden. Zweckmäßig verbindet man mit der Diathermie die Massage,
indem man entweder während der DiathermiebehandluDg mit der
Elöktrode selbst imter mäßigem Druck, und ohne die Elektrode von
11*
164 Klinische Anwendung der Diathermie.
der Haut zu lüften, kreisende resp. verteilende Massagebewegungen
ausführt, pder indem man die manuelle Massage unmittelbar an die
Sitzung anschließt, wobei die analgesierende Wirkung der Diathermie
gut zustatten kommt.
Auch bei spastischer Colitis habe ich gute Eesultate gesehen.
Die Wirkung ist zumeist so prompt, daß maximal kontrahierte Darm-
abschnitte, welche als harte Stränge palpabel waren, unmittelbar nach
der Sitzimg dem Gefühl völlig verschwanden. Hand in Hand hiermit
ging ein sofortiges Aufhören der subjektiven Beschwerden imd Regelung
der Stuhlentleerung.
Mehrfach versucht imd empfohlen wird auch die Diathermie bei
den hyposekretorischen Formen der Struma und des Basedow sowie
des Myxödems, während die hypersekretorischen Formen besser auf
Röntgenstrahlen reagieren. Im allgemeinen ist beim Vorhandensein
einer deutlichen Schilddrüsenvergrößerung von der lokalen Diathermie-
behandlimg der Drüse abzusehen, wegen der wachstumsanregenden
Wirkimg. Hingegen reagieren die sekundären Herzstörungen günstig
auf die Diathermiebehandlung.
Noch eine Reihe von Affektionen der weiblichen Genital-
s phäre stellen ein wichtiges Indikationsgebiet dar, so die häufigen sog.
Ovarialneuralgien, die ja allerdings wohl meist auf alten entzünd-
lichen Affektionen basieren. Man sieht mitunter nach wenigen Sitzungen
Jahre bestehende Schmerzen in den Adnexen dauernd verschwinden,
ebenso wie auch peri- und parametritische alte Infiltrate sich
ganz überraschend schnell erweichen und resorbieren. Selbst massige
Infiltrate, die ich eigentlich ganz ohne Hoffnung lediglich als Versuch
diathermierte, waren nach kurzer Zeit restlos verschwunden. Die aktive
Hyperämie, welche die Diathermie an beliebiger gewünschter Stelle
sofort hervorruft, ist eben eine wesentlich intensivere, als, wir sie sonst
durch Hyperämie oder äußerliche Applikation von Wärme, die ja thera-
peutisch meist hierzu herangezogen werden, zu erzielen vermögen. Das
gleiche gilt von chronischen Entzündungen des Uterus sowie
von akuten und älteren gonorrhoischen Entzündungen jeglicher Art;
allerdings muß man hierbei die Toleranz der Schleimhaut bis zur äußer-
sten Grenze ausnutzen und möglichst lange und tiefgehende sorgfältige
direkte Durchwärmungen vornehmen.
Die gonorrhoischen Entzündungen jeglicher Lokalisation sind die
einzigen akuten eitrigen Prozesse, bei denen die Diathermie zumeist
erlaubt ist. Nur wenn Fieber besteht tmd somit mit der Gefahr einer
gonorrhoischen Sepsis zu rechnen ist, ist große Vorsicht am Platze tmd
Beginn mit ganz kurzen und schwachen Sitzungen notwendig.
Hierbei ist' es zweckmäßig, die Elektrode zugleich als Massage-
instrument zu benutzen, außer in den Fällen, in denen man mit dem
Vorhandensein frischer Infektionen oder gar Eiterungen zu rechnen hat.
In den anderen Fällen, also besonders bei Adhäsionen, kann man unter
der analgesierenden Diathermiebehandlung nach und nach stärker
werdende Massage ausüben. Es ist auch häufig zweckmäßig, die Massage,
evtl. bimanuell, an die Diathermiebehandlung unmittelbar anzuschließen.
Erkrankung anderer innerer Organe. 165
In den meisten Fällen kommt man mit der äußerlichen Durch-
wärmung des Beckens von Symphyse zum Kreuzbein auch bei An-
wendung großer Stromstärken nicht aus. Dies liegt im wesentlichen
daran, daß hierbei Blase und Rektum in ihren oberen Abschnitten ge-
troffen werden, das kleine Becken aber tmd mithin die Genitalorgane
gar nicht oder nur in ihren obersten Abschnitten Strom erhalten. Zweck-
mäßiger ist die Einfühnmg einer dicken Vaginalelektrode (Abb. 36f.),
die man mittels bimanueller Palpation an die richtige Stelle führt.
Durch Anlegen einer größeren Plattenelektrode dorsal, ventral oder
seitUch dirigiert man sodann den Diathermiestrom nach Belieben und
erzielt kräftige an der Vaginalelektrodenspitze sich konzentrierende
Erwärmungen.
Auch bezügUch des Infantilismus der weiblichen Genitalien
bzw. der hierdurch bedingten Sterilität kann ich den Eindruck durch
Diathermie erzielter therapeutischer Erfolge betonen. Die Behandlung
findet hierfür am besten zweimal wöchetlich in längerer Sitzung mehrere
Monate statt.
Schwer erklärHch, aber durch eine Reihe khnischer Beobachtungen
sichergestellt, sind die Heilungen von Lageanomalien des Uterus
durch alleinige Diathermietherapie. Neben der Beseitigung parametri-
tischer Infiltrate und Erweichung von Adhäsionen kommt hier die
Dekongestionienmg und arterielle Hyperämisierung als Heilfaktor in
Betracht. Gerade wie bei der Erektion wird auch im Uterus die Er-
zielimg einer erhöhten Turgeszenz durch diathermische Hyperämie die
Aufrichtung und normale Lagerung des Organs begünstigen.
Auch in der Geburtshilfe liegen bereits einige spärliche Er-
fahrungen vor. So habe ich 1909 in der Charit^ Versuche an dem Ma-
terial der Bummschen Klinik angestellt zwecks künstücher Einleitung
der Geburt bei Wehenschwäche, imd am 15. Februar 1912 stellte Henkel
in Jena einen Fall von Missed-Labour vor, der vergeblich mit Pituitrin
behandelt worden war. Die Geburt kam durch Behandlung mit Dia-
thermie in Gang.
Ein zweiter Fall von Wehenschwäche wurde ebenfalls mit Dia-
thermie behandelt, wonach gleichfalls der Geburtseintritt erzielt wurde.
Von besonderem Wert dürfte die Diathermie für die Erhaltung
von Frühgeburten sein. Die direkte Zuführung reiner Wärmeenergie
neben den sekundären stimuüerenden Wirkungen läßt derartige Ver-
suche höchst aussichtsvoll erscheinen (Kondensatorbett).
Die wesentüchen Bessenmgen, die bei Erkrankungen innerer Or-
gane durch die Diathermie erzielt worden sind, lassen es nicht unmög-
lich erscheinen, daß bei weniger ausgeprägten Krankheitserscheinimgen,
als in den mitgeteilten Fällen vorhanden waren, diejenigen patholo-
gischen Veränderungen, die wir als beginnende Zirrhose zu be-
zeichnen pflegen, einer weitgehenden therapeutischen Beeinflussung
zugänglich sind; welche Perspektiven sich hierdurch eröffnen, bedarf
keiner Darlegung. Es handelt sich hier keineswegs um vage, nicht ge-
prüfte Hypothesen. Die guten klinischen Resultate, welche ich bei
zahlreichen Fällen von Leberanschoppung, dauernder Lebervergröße-
166 KliniBche Anwendung der Diathermie.
rung, chronischen Nierenaffektionen, die unter. der Diagnose „Zirrhose"
in meine Behandlung kamen, erzielte, geben die Grundlage für die ver-
mutete Beeinflußbaikeit zirrhotischer Prozesse. Freilich stehei^ Sek-
tionsbefunde aus, und somit fehlt der letzte Beweis,
Gerade so wie die chronischen Entzündungen des Nierenbeckens,
der Gallenblase, seröser Häute, von Darmabschnitten sind auch Ent-
zündungen imd Katarrhe der Blase der Diathermiebehandlung
zugängliche Nur akute eitrige, nicht auf Gonorrhöe beruhende Ent-
zündungen reagieren anfänglich mit Exazerbation. Chronische Fälle
hingegen zeigen so überrascfiend schnelle Besserungen, daß sie ein siche-
res Indikationsgebiet für Diathermiebehandlung darstellen. Nicht nur
sind meist von der ersten Sitzung an die Inkontinenzerscheinungen, der
Tenesmus geringer — ja, sie verschwinden selbst nach kurzer Zeit,
sondern objektiv sieht man meist nach wenigen Tagen reichliches Auf-
treten mononukleärer Zellen, Abnahme der polynukleären, Geringer-
werden des Sediments, Klärung des Urins und Heilung. Es ist fast
die Regel, daß chronische Fälle, die man regelmäßig spült, mit Argentum
verschiedener Konzentration behandelt, die weder auf XJrotropin noch
Bärtraubentee irgendwie mehr reagierten, wenige Wochen nach Ein-
leitung der Diathermiebehandlung geheilt sind. Allerdings ist zu-
meist eine intravesikale Behandlung notwendig. Mit der Behandlung
von den Bauchdecken aus kommt man nur selten zu genügenden Re-
sultaten. Ich habe eine Anzahl chronischer Fälle von Zystitis zur
Feststellung der Diathermiewirkung lediglich mit dieser behandelt.
Nachdem ich mich von der Wirkung jedoch überzeugt hatte, habe ich
die übliche Behandlung (Spülungen, Instillationen) mit der Diathermie
kombiniert und glaube, damit zu schnelleren Resultaten gekommen zu
sein. Ich spüle die Blase mehrmals, bis die Borlösung klar abfließt, und
fülle die Blase, je nach ihrer Kapazität, niäßig mittels eines Metall-
katheters an. Dieser wird sodann außen verschlossen, verbleibt in situ
und dient als zuführende Elektrode. Die andere indifferente Platten-
elektrode wird während eines Teiles der Sitzung über der Symphyse
auf die Bauchwand gelegt, während des zweiten Teils der Sitzung liegt
der Patient auf ihr. Durch wärmnngen mit 800— 1000 Milliampere
10—20 Minuten lang genügen zumeist. Ich habe Blasen gesehen, die
anfänglich eine Kapazität von 80— lOOccm hatten und nach 3 bis
4Sitzimgen 200—300 aufwiesen. Entsprechend dieser Verbesserung
war Tenesmus und Inkontinenz meist schon nach der ersten Sitzung
geschwunden. Diese letzteren Wirkungen erzielt man meiner Erfahrung
nach besser bei der geschilderten intravesikalen Behandlung als bei
der ebenfalls zulässigen, aber weniger wirksamen Behandlung von
außen, wobei eine Elektrode über der Symphyse, die andere unter das
Gesäß (nicht Kreuzbein) oder auf den Damm gelegt wird. Es kommt
bei der intravesikalen Behandlung auch eine diathermische Wirkung
auf den Blasenhals sowie den Blasenmund zustande imd wirkt hier
krampflösend; daher die unmittelbare subjektive Besserung durch
Diathermiebehandlung. Zystoskopiert man vor und nach der Dia-
thermierung, so sieht man nachher — auch bei zweiseitiger Platten-
Erkrankung anderer innerer Organe. Ig7
durchwännung ohne direkte Elektroden-Einführung in die Blase — eine
deutliche ödematisierung und helle Hyperämisierung der Blasenschleim-
haut. Es sind diese Beobachtungen mit die Grundlage für die Auffassung
der Diathermiewirkung* geworden, dahingehend, daß die Diathermie
eine tiefgehende arterielle Hyperämie und ödematisierung macht. Bei
stark überdehnter Blase mit hochgradiger Atonie pflegt die Inkontinenz
nicht so Schnell zu schwinden. Nach der Sitzung wird die Blase ent-
leert. Auf die Einbringung von Argentum im Anschluß hieran habe ich
zumeist verzichtet. Die Behandlung wird als überaus wohltuend emp-
fimden und soll bei richtiger Applikation vollkommen schmerzlos sein.
Selbst in Fällen, bei denen die Einbringung des Instrumentes heftigen
Reiz verursacht, hört dieser mit dem Moment des Stromdurchganges
vollständig auf, so daß beliebig lange Applikationen möglich sind.
In gleicher Weise wie die Erkrankungen des weiblichen Genital-
systems bietet auch die männliche Genitalsphäre eine Reihe be-
reits feststehender Indikationen. Die Thermolabilität der Gonokokken,
welche in vitro ja schon bei geringer Temperatürsteigerung über die
Blutwärme hinaus erheblich geschädigt imd schnell abgetötet werden,
fordert ja geradezu heraus, Diathermie zur Behandlung derartiger
Affektionen heranzuziehen. Die therapeutischen Maßnahmen zur Be-
handlung der Gonorrhöe mittels Wärme fanden eine wesentliche Er-
schwerung, ja eine Grenze an der mangelhaften Tiefenwirkung der bis-
lang zur Verfügung stehenden Prozeduren. Auch die in manchen Fällen
von unzweifelhaft günstigem Erfolg begleiteten heißen Irrigationen be-
sitzen eben keine genügende Tiefenwirkung. Da es nun für die Diather-
miemethode gar keine Schwierigkeit darstellt, Tiefendurchwärmuögen
der Urethra von der Schleimhautoberfläche aus oder durch die ganze
Gewebsmasse hindurch von außen vorzunehmen^), so könnte es ja
von vornherein leicht erscheinen, die Gonorrhöe durch einfache Durch-
wärmung zu heilen. Aber es ergeben sich praktisch hier doch sehr
erhebliche Schwierigkeiten. Zunächst muß man, um gleichmäßige
Tiefenwirkungen zu erzielen, wie auf S. 106 u. 107 ausgeführt, mit relativ
kleinen Stromstärken sehr lange diathermieren. Dann spielt die Streuung
eine wesentliche Rolle. So ist es technisch durchaus nicht leicht, eine
gleichmäßige Diathermierung der gesamten Urethra bis in die Blase
hinein vorzunehmen, ohne die Schleimhaut an irgendeiner Stelle zu
stark zu erwärmen. Bezüglich der Pars pendula liegen zwar keine be-
sonderen Schwierigkeiten vor. Sobald man aber an die Wurzel des
Penis gelangt, ist es ohne spezielle Technik immöglich, eine gleich-
mäßige Durchwärmung nach allen Seiten hin von der Schleimhaut
der Urethra aus zu erzielen.
Dr. Santos hat im Jahre 1912 mit Unterstützung der Firma
Siemens & Halske Versuche in meinem Institut begonnen und ander-
weitig fortgeführt, welche zum Ziel hatten, die gesamte Urethra bis
zur Blase mittels einer eingeführten Urethralsondenelektrode gleich-
mäßig zu durchwärmen und so die Gonorrhöe gewissermaßen in einer
^) Es ist z. B. mit relativ geringen Stromstärken möglich, eine vollkommene
Amputation des Penis durch Koagulation ohne jede Blutung vorzunehmen.
16g Kliniflohe Anw^idung der Diathennie.
Sitzung zu kurieren. Da aber zur sicheren Abtötung der Gonok<^keo
eine Temperatur von 45° C mehr als ^/^ Stunde lang nötig ist und diese
Temperatur gleichzeitig die Toleranzgrenze der Schleimhaut darstdlt,
da es aber andererseits technisch sehr schwierig, ja fast immöglich ist,
eine gleichmäßige Durchwärmung der gesamten Hamröhrenschleim-
haut nach allen Richtungen hin vorzunehmen, so ist diese Methode
von vornherein abzulehnen. Die Harnröhre hat in verschiedenen Ab-
schnitten wechselndes Kaliber, die Schleimhaut liegt also der Elektrode
einmal glatt, einmal gefältelt an. Sie liegt femer bald dicht unter der
äußeren Haut, bald von dicken Gewebsschichten bedeckt. An manchen
Stellen ist eine dünne Membran, an anderen tiefreichende Drüsengänge,
Lakunen usw. zu behandeln. Endlich ist bei selbst kompliziertester
Apparatur die Konstanterhaltung der wirksamen hohen Temperatur
während ca. 40 Minuten fast immöglich. Aus all diesen Gründen hat
die Behandlung, die in ihren Resultaten also keineswegs sicher ist,
keine Nachahmer gefunden.
Gelingt es also auf diesem gewissermaßen direkten Wege nicht,
eine gonokokkeninfizierte Harnröhre zu sterilisieren, so kann die Dia-
thermie doch zur Behandlung der Gonorrhöe mit Erfolg herangezogen
werden neben der gewöhnlichen desinfizierenden Behandlimg. Es
bedeutet ja schon einen Erfolg, wenn man wenigstens Teile der Urethra
genügend durchwärmen kann. Und diese Möglichkeit liegt vor.
Zur Behandlung der Pars pendula bediene ich mich dreier Methoden»
Die eine besteht darin, den vordersten Abschnitt der Glans penis in
einer speziell hierfür konstruierten, mit suspensoriumartiger Kxier-
vorrichtimg versehenen Glaselektrode gerade in den Spiegel einer
diese Elektrode füllenden Flüssigkeit eintauchen zu lassen, welche die
Stromzuleitung besorgt. Welche Lösung man hierfür benutzt, ist ziem-
lich gleichgültig. Ich bediene mich im allgemeinen der ^/4proz. Protar-
goUösung. Als zweite Elektrode verwende ich entweder die in Abb.36f.
dargestellte Rektalelektrode, welche bis über die Prostata hinauf ein-
geführt wird, oder lasse den Patienten rückwärts gelehnt mit der Sakral-
gegend auf einer Plattenelektrode sitzen oder liegen.
In der zweiten Methode ersetze ich die Wasserelektrode durch eine
gut adaptierte becherförmig zurechtgebogene kleine Bleielektrode,
welche über die Eichel gestülpt imd durch Druck von außen an ihr
fixiert gehalten wird. Man muß dafür sorgen, daß eine Berührung
der Oberschenkel und des Skrotums dabei vermieden wird. Die Strom-
stärke, die hierfür angewandt werden darf, ist relativ klein imd richtet
sich nach dem Querschnitt des Gliedes. Im allgemeinen können 300
bis 400 Milliampere nicht überschritten werden. Es empfiehlt sich,
wegen häufig gerade hier bestehender Thermoanästhesien auch bei
sonst gesimden Individuen öfter den Grad der stattgefundenen Durch-
wärmimg durch Palpieren festzustellen. Diese Art der Technik genügt
jedoch nur für Affektionen der Pars pendula imd zur Behandlung
nervöser Impotenz. Eine akute Gonorrhöe kann man hierdurch
Anm. Archives d'61ectrioit6 m^dicale No. 354 (1913).
Erkrankung anderer innerer Organe. 169
picht beseitigen. Diese erfordert vielmehr eine Beeinflussung der ge-
samten Urethra. Behandlung mit einer einfachen Metallsonde ohne
Temperaturmeßvorrichtung an verschiedenen Abschnitten führte selbst
bei stundenlanger Applikation nicht zum Ziel.
Ich wende deshalb bei der akuten Gonorrhöe als dritte und zweck-
mäßigste Methode die Durchwärmung der ganzen unteren Becken-
gegend an. Zu diesem Zweck wird, als erste Behandlungsphase, der
Patient auf eine Elektrode gelegt, welche vom Kreuzbein bis unter
das Steißbein nach dem Gesäß zu hegt. Das Glied wird nach oben
auf den Leib umgelegt und nun mit einer talerförmigen Elektrode
die Unterseite des Penis von der Spitze anfangend kräftig durch-
wärmt. Stromstärke 300 Milliampere, Dauer 10 Minuten für jede
einzelne Stellung mit Unterbrechung zur Kühlung. Ist man an
der Umbiegungsstelle bis zum Damm gelangt, so muß hier die Strom-
stärke verkleinert und die Durchwärmungsdauer möglichst verlängert
werden, um eine möglichst große Tiefenwirkung zu erzielen. Femer
muß man vor dem Umbiegen um die Sjrmphyse die große Elektrode
weiter nach oben unter das K^euz schieben. Ist man so bis an den
Anus gelangt, so beginnt die zweite Phase der Behandlimg. Man
legt jetzt die Sakralelektrode auf den Leib (unter den Penis, welcher
nunmehr von dieser Elektrode isoliert gelagert wird) und durchwärmt
vom Anus an aufwärts nochmals mit der Talerelektrode bis an den
vorderen Symphysenrand. Endlich kann man noch zur Sicherheit die
Vaginaleldktrode in das Rektum bis an die Prostata vorschieben und
nochmals gegen die vordere Bauchwand hin langdauemd durchwärmen ;
hierbei kann man Stromstärken bis nahe an 1 Ampere verwenden.
Auf diese Weise kann ganz ohne komplizierte Apparatur eine tief gehende
und komplette diathermische Durchwärmung der ganzen Harnröhren-
gegend durchgeführt werden. Diese Behandlimg dauert ca. 3 Stunden,
hat aber in den beiden Fällen, in denen ich sie angewandt habe, in
einer Sitzung die akute Gonorrhöe vollkommen geheilt. Am nächsten
Tage war noch eine geringe seröse Sekretion nachweisbar, danach die
Heilung als komplett zu bezeichnen. Diese Behandlung ist aber so zeit-
raubend und erfordert so viel Sorgfalt, daß ich sie nur gewissermaßen
experimenti causa in zwei Fällen durchgeführt habe.
Eine wesentliche hierbei zu überwinaende Schwierigkeit lag in der
schon mehrfach berücksichtigten Randwirkung, die sich bei Verwen-
dung einer sondenförmigen Elektrode geradezu als Spitzenwirkung
äußert. Nur, wenn man eine Sonde in die Pars pendula einführt und
äußerHch die Pars pendula mit der anderen zyHnderförmig gestalteten
Elektrode umgibt, kann man mit einer einigermaßen gleichmäßigen
Wirkung von der Sonde aus in die Schleimhaut hinein rechnen. Aber
auch hierbei sind unvermeidliche Differenzen vorhanden, weil z. B.
die Urethra der unteren Oberfläche des Gliedes ganz dicht anliegt,
während sie nach den anderen Seiten mehr oder weniger von der Ober-
fläche entfernt ist. So einfach es also scheinen mag, die Diathermie,
welche ja Gewebsschichten von vielen Zentimetern Dicke bis zur Koagu-
lation zu durchwärmen vermag, zur Tiefendurchwärmung der Schleim-
170 Klinische AnwenduDg der Diathermie.
haut der Urethra zu verwenden, so sieht man, daß in der Praxis doch
auch bei dieser scheinbar so einfachen Aufgabe erhebKche Schwierig-
keiten zu überwinden sind.
Diese Schwierigkeiten bestehen jedoch im wesentlichen nur für
die akute Gonorrhöe, wo es eben auf die intensive und gleichmäßige
Sterilisierung eines großen, mit Nischen, Falten und Krümmungen in
seinem Verlauf versehenen Schleimhautkanals ankommt. Denn auch
nur ein einziger Gronokckkus, der der Wirkung entgeht, kann die Heilung
illusorisch machen. Viel günstiger liegen die Verhältnisse daher für die
chronische Gonorrhöe, wo wir es zumeist mit bestimmten Lokali-
sationen zu tun haben, die palpatorisch oder urethroskopisch oder sonst
klinisch lokaüsiert werden können. So bieten z. B. die ix)stgonorrhoi-
schen peri- und para urethralen Infiltrationen eine der günstig-
sten Indikationen für die Diathermie. Ich habe monatelang bestehende,
harte, therapeutisch bis dahin gänzlich uÄbeeinflußbare Infiltrate,
die die chronische Gronorrhöe dauernd unterhielten, in 6— 8 Sitzungen
nach der oben beschriebenen Technik restlos zur Resorption gelangen
sehen. IsoHerte Infiltrate kann man auch, wenn sie auf der Unterseite
der Harnröhre Hegen, in der Weise behandeln, daß man eine Metall-
sonde über das Infiltrat hinaus einführt und nun von außen eine kleine
Metallelektrode als differente mit geringer Stromstärke längere Zeit ein-
wirken läßt. Dagegen empfiehlt sich bei bereits zur Einschmelzung ge-
langten Infiltraten (Bubonuli usw.) Stichinzision und Diathermierung
am nächsten oder übernächsten Tage.
Ein ganz besonders günstiges Indikationsgebiet stellen auch Strik-
turen dar. Es läßt sich nicht für jede einzelne Lokalisation die spezielle
Technik an dieser Stelle angeben. Im allgemeinen ist es zweckmäßig,
eine Metallelektrode, welche als Zuleitung für den einen Pol dient,
einzuführen und die andere Elektrode ringförmig- um die Stelle der
Striktur außen zu appKzieren. Man improvisiert eine solche Elektrode,
indem mkn, dem einzelnen Fall angepaßt, ein 5—20 mm breites dünnes
Bleiblech an der Zuleitungsschnur gut befestigt und mit feuchter Watte-
zwischenlage um die Stelle herumlegt oder eine Stanniolfolie ohne
Zwischenlage gebraucht. Entsprechend der Breite des Streifens wählt
man eine Stromstärke zwischen 50 und 150 Milliampere ca. Man sieht
hierbei sehr alte starre Narben sich in 2—3 Sitzungen erweichen. Sie
können danach mit Leichtigkeit gedehnt werden, während man vorher
monatelang über eine gewisse Sondennummer ohne Inzision nicht
hinauskam, und bleiben zumeist weich. Handelt es sich um tiefer sitzende
Strikturen, so wählt man umgekehrt die äußere Elektrode als die in-
differente und führt eine kleinere knopfförmige Metallelektrode mit iso-
liertem Hals in die Striktur ein. Nur muß man hier sehr kleine Strom-
stärken wählen. Auch empfiehlt sich hier die Anwendung einer Tem-
peraturmeßelektrode; läßt man die Temperatur langsam ansteigen, so
zeigt das in der Sonde belegene Thermoelement ziemlich genau die
Gewebstemperatur an, da es Zeit hat, durch Leitung dieser sich anzu-
passen. Man diathermiert bis 42 ° oder 43 ° und reguliert die Stromstärke
so, daß diese Temperatur einige Minuten konstant bleibt. Oft genügt
ErkraDkung anderer innerer Organe. 171
eine einzige derartige Sitzung, um derbe impermeable Strikturen zu er-
weichen. In allen Fällen empfiehlt idch j^och eine längere Nachbe-
handlimg, damit die einmal gewonnenen Resultate nicht wieder verloren
gehen. Da ich bis vor kurzem über ein reichliches urologisches Material
verfügte, habe ich gerade auf diesem Gebiet größere Erfahrungen
sammeln können und bin der Überzeugung, daß die Urologie durch
Einführung der Diathermie in ein gänzlich neues Stadium einge-
treten ist.
Auch die weibüche Gronorrhöe ist der Diathermiebehandlung in
gewissem Maße zugänglich. Bei der akuten Form ist nicht mit einer
glatten Steriüsierung zu rechnen. Es ist zwar theoretisch eine komplette
Beckendurchwärmung ( Bauch-Kreuzbein und Damm/^ , . ) mög-
lich. Aber die nicht gleichmäßig zu entfaltende Vagina und ihre An-
fänge sind doch nur sehr schwer gleichmäßig und dabei genügend inten-
siv zu durchwärmen. — Behandelt man aber die Vagina antiseptisch
und durchwärmt Cervix und Uterus kräftig diathermisch mittels Va-
ginalelektrode gegen Bauch- resp. Sakralelektrode, so gehngt es, die
Cervikalgonorrhöe relativ leicht zu beseitigen. Auch hier muß lang-
dauernde Durchwärmung (1 Stunde für jede Richtung) . verwandt
werden. Wir werden somit in der Diathermie für die Behandlimg der
akuten Form der Gronorrhöe beim Weibe ebenfalls nur eine unter-
stützende Methode zu sehen haben. Von der Verwendung einer in-
differenten gürtelförmigen Elektrode habe ich keinen Erfolg gesehen.
Er ist auch theoretisch nicht zu erwarten, da bei dem verschiedenen
Abstand des Gürtels von der inneren Elektrode eine gleichmäßige
Tiefendurchwärmung ganz unmöghch ist, ganz abgesehen von der er-
wähnten Spitzenwirkung.
Bei gewissen anderen Affektionen der Genitalsphäre finden wir
dagegen die Diathermie als durchaus indizierte Behandlungsmethode.
Zum Beleg hierfür möchte ich zwei hierher gehörende Gebiete kurz
besprechen, die Behandlung der Inkontinenz und der Impotenz,
bzw. der Sexualneurasthenie, und verweise femer auf das Kapitel
„Chirurgie" und die Besprechung der Tabes.
Die Behandlung der Inkontinenz ist eine der dankbarsten Auf-
gaben für die Hochfrequenztherapie. Die Ursachen dieses Leidens
können vielgestaltig sein. Es gibt Fälle, die wir als rein nervöse, funk-
tionelle zu betrachten haben, ohne daß wir irgendein auslösendes Mo-
ment feststellen können. Ein großes Kontigent zu dieser Gruppe stellen
Neurastheniker, speziell der Sexualsphäre. Auch reflektorisch kann
diese Erscheinung ausgelöst werden, so z. B. bei Kindern oder auch
jungen Leuten durch Phimose, partielle Verwachsungen des inneren
Vorhautblattes mit der Glans, urethrale Konkremente und anderes.
In anderen Fällen kann die Inkontinenz auf einer zentralen oder peri-
pheren Atonie der Sphinktermuskulatur beruhen, in wieder anderen
Fällen ist sie mechanisch bedingt durch dauernde Überdehnung der
Blase, durch Strikturen, Affektionen des Caput gallinaginis, Polypen
o^er unzählige andere Momente, z. B. Prostataaffektionen.
]72 Kliniacbe Anwendoiig der Diathermie.
Handelt es sich um mechaalscii bedingte Inkontinenz, so kann
keine andere als eine dieses HindePnis beseitigende ]3terapie von daaem-
dem Erfolg sein. Es ist deshalb vor Inangnffnahme der Behandlong
eine exakte Diagnose, mÖgUchst unter Zuhilfenahme der Uretiiro-
und Zystoekopie notwendig, da man sonst gelegentlich Mißerfolge
erzielen wird. Bei allen anderen Formen jedoch, gleichgültig, ob sie
psychisch, zentral oder peripher ausgelöst werden, erreichen wir zu-
meist mit der Hochfrequenztherapie wunderbare Resultate.
Incontinentia nrinae. Wilhelm S., 18 Jahr. NiemalB geschlecbfskrank
gewesen. Eltern gesund. Patient ist gut genährt und im übrigen bei Woblbe-
nnden. Seit frühester Kindheit leidet er an Incontinentia nocturna, muß
am Tage alle 10 Minuten Urin lassen. Er i^t mit den veracbiedensten Mitteln
erfolglos behandelt worden. Auch Epiduralinjektionen ohne Erfolg.
Am 18. September 10 erste Hochfrequenzsitzung.
Es werden in der Blase lOccm Urin gefunden.
Am 20., 22., 24. und 26, September behandelt, im ganzen fünf Hochfrequenz-
sitzungen.
Am 24. September enthält die Blase 120 ccm. Seit der ersten Sitzung ist
Patient vollkommen beschwerdefrei gewesen. Es ist keine Inkontinenz mehr auf-
getreten. Er entleert nur dreimal täglich Urin in normaler Menge.
Die Inkontinenz ist häuf ig eine Teilerscheinung der 8 e X ua le n Ne ur-
asthenie, Sie führt, ebenso wie die Impotenz und Spermatorrhöe,
den Patienten zum Arzt. Jeder Urologe weiß, wie häufig unser therapeu-
tiiinhi^ Rüstzeug gegen derartige Fälle vollkommen versagt. Es gibt
izelne Fälle, die auf einige Sondierungen mit Metallsonden oder
ituminjektion in die Pars posterior günstig reagieren. Aber viel-
versagt all dieses, die Prostatamassage, kohlensaure Bader, kühle
r, Irrigationen, Galvanisation, FaradJsierung, und die Patienten,
le monate- und jahrelang spezialistisch intensivst behandelt worden
kommen psychisch und somatisch immer mehr herunter, so daß
selten die sexuelle Neurasthenie ein durchau s schweres Krankheits-
Harbietet. In solchen schweren Fällen kann die Hochfrequenz-
pie häufig schnelle und komplette Erfolge erzielen.
;)ie Technik der Behandlung ist die folgende: Es ist st«ts intra-
ral zu behandeln. Ist das wegen einer bestehenden Gonorrhöe
wegen hochgradiger Striktur nicht möglich, so ist die kombinierte
ndlung von Rektum und Damm aus anzuwenden. In der Regel
ren nach einer oder wenigen Sitzungen sämtUche Beschwerden
'atienten; Druckgefühl in der Dammgegend, ziehende Schmerzen
öden oder Samenstrang, Stechen in der Eichel , Schweregefühl und
ige Symptome, die geklagt werden, sind wie weggeblasen. Die
5en Pollutionen und Samenverluste bei der Defäkation hören
mit einem Schl^e auf, oder es wird in der ersten Zeit nur noch ein ge-
ringer Samenverlust bei der Defäkation berichtet. Stehen neuralgische
Symptome im Vordergrund, oder hat man es mit hypotonischen Neur-
asthenikem zu tun, so ist im Anschluß an die Sondenbehandlung oder
an den zwischenliegenden Tagen eine kräftige Kondensatorelektroden -
behandlung der ganzen unteren Becken- und oberen Oberschenkelgegend
von außen zu emjrfehlen. In schweren Fällen wird man auch die Duschen-
applikation versuchen. Dies kommt besonders bei Tabes in Frage. Da
Erkrankung anderer innerer Organe. 173
die therapeutischen Erfolge in den meisten Fällen — ich habe nur zwei
Mißerfolge erlebt — in wenigen Sitzungen erreicht werden, appliziere
ich die Therapie jeden zweiten Tag und mache nach 8 Tagen eine Pause.
Tritt im Verlauf der nächsten Ta^ kein Rezidiv ein, so gebe ich noch
eine Schlußsitzung und entlasse die Patienten. Sind hoch Erscheinungen
vorhanden, so wiederhole ich die gleiche Therapie oder modifiziere sie
den Klagen entsprechend. Es reagieren nun keineswegs bloß die rein
funktionellen, nervösen Formen auf diese Therapie. Vielmehr
erzielen wir, wie zum Teil bereits erwähnt, auch bei organischen
Veränderungen, soweit sie der Hochfrequenztherapie zugänglich
sind, gute Resultate, fast stets jedoch" symptomatische Bessenmgen.
[Besonders auffallend sind die Besserungen des subjektiven Befindens.
Die häufig hochgradig deprimierten Patienten verlieren ihre Schwäche-
zustände, haben bessere Stimmung, bekommen Lebensfreude und sind
hierdurch auch dann im wesentlichen wieder hergestellt, wenn auch
gelegentlich noch einmal ein Best von Spermatorrhöe sich wieder
einstellt.
Spermatorrhöe. Patient E., 19 Jahr, 12. V. 08. Schmerzen in der Blasen-
gegend. Früherer Tripper restlos geheilt. Jede zweite bis vierte Nacht einmal
mäßige Onanie konzediert. Beim Stuhlgang kein Samenfluß. Prostata o. B.
HocMrequenz.
29. VI. : Greheilt entlassen. Seit dem 20. V. kein Samenfluß.
Spermatorrhöe. Patient G., 1. IV. 08. Jucken an der Nase, Spermatorrhöe,
dreimal wöchentlich Hochfrequenz drei Wochen lang. Jucken beseitigt. Sper-
matorrhöe seit 14 Tagen desgl., fühlt sich kräftig und wohL
Neurasthenia sexualis. Pat. V., 32 Jahr, 6 .V. 11. Spermatorrhöe, Ba-
lanitis. Hochfrequenzbehandlung, fünf Sitzimgen geheilt.
Sexuelle Neurasthenie. Herr R., 38 Jahr, schwitzt seit acht Jahren sehr
stark am ganzen Körper, besonders bei plötzlichen Überraschungen. Infolgedessen
erkältet er sich, merkt aber nicht, daß er sich abkühlt. Im übrigen ist er organisch
gesund. Verheiratet, zwei Kinder, leidet häufig an Schwächeanfällen» Kopf-
schmerzen, Appetitlosigkeit. Beim Essen fühlt er, wie der Bissen heruntergleitet
und wieder zurückkommt, aber kein Erbrechen. Seit einem Jahre besteht fast
täglich Spermatorrhöe.
Lokalbebandlung am 7. August 09. Einleitung der Hochfrequenzbehandlung
IntraurethraL Nach der ersten Sitzung keine Spermatorrhöe mehr aufgetreten.
Nach acht Tagen beschwerdefrei entlassen.
Wie erwähnt, spielen mitunter Prostataerkrankungen für das
Zustandekommen der sexuellen Neurasthenie eine große Rolle. Es ist
in England und Amerika üblich, wenigstens bei manchen Spezialärzten,
jegliche nervösen Beschwerden der Patienten auf Erkrankungen der
Prostata zurückzuführen, und sie behandeln ganz schematisch Kranke
der verschiedensten Kategorien als „Prostatiker". Zweifellos geht das
zu weit; aber in vielen Fällen, jedenfalls öfter, als Nichturologen im
allgemeinen anzunehmen pflegen, spielen sexuelle Momente oder alte
Beste früherer Prostataentzündungen eine Rolle bei dem Zustande-
kommen der Neurasthenie. Wenn ich auch den oben skizzierten Sche-
matismus ausländischer Ärzte für angreifbar halte, so muß ich doch
sagen, daß ich gelegentlich überrascht war, wie sehr in Fällen allgemeiner
Neurasthenie, bei denen nichts auf eine ursächliche Bedeutung der
Genitalsphäre hinzuweisen schien, eine versuchsweise Behandlung im
174 Klinische Anwendung der Diathermie.
vorstehend angedeuteten Sinne zu einem Erfolge führte, nachdem die
Behandlung des Herzens sowie des Rumpfes, auch die Solenoidbehand-
lung in manchen Fällen von Herzneurose vollkommen im Stich gelassen
hatten. Es ist also immerhin berechtigt, bei Mißerfolgen der gewöhn-
lichen Therapie sein Augenmerk auf die Sexualspbäre zu richten. .
Eine häufige Teilerscheinung der sexuellen Neurasthenie bietet
die Impotenz. Bei Azoospermie und bei Nekrospermie wird man be-
rechtigt sein, mit der Diathermie einen Versuch zur Anregung und
Vitalisierung der Testikelfunktion zu machen, besonders in Fällen von
infantilem Habitus. Diesbezügliche Erfahrimgen aus letzter Zeit
berichte ich an anderer Stelle^).
Die Technik ist einfach. Man wird irgendwo eine indifferente
Elektrode am Körper applizieren und eine kleinere dazu benutzen,
um die Testikel von verschiedenen Eichtungen aus zu durchwärmen.
Bestehen Reste von alter Epididymitis, so wird man die Beobach-
tung machen, daß selbst große und sehr harte Infiltrate in wenigen
Sitzungen weich werden und für die Palpation nach einigen Wochen
verschwinden. Daß jedoch hierdurch die Samenkanäle wieder wegsam
werden, ist bei Berücksichtigung der anatomischen Veränderungen
nicht recht wahrscheinlich, wenn auch nicht ganz immöglich.
Bezüglich der Impotentiacoeundi besitze ich eine größere Reihe
von Beobachtungen und habe, falls es sich nicht um zentrale Affek-
tionen handelt (Tabes), mit einer oder wem'gen Sitzungen fast durch-
weg so vorzügliche Resultate bei der psychischen Form erreicht, daß
ich die Diathermie oder die Hochfrequenzströme als eine Art Spezifi-
kum zur Behandlung dieser Funktionsstörung bezeichnen möchte.
Es mag sein, daß in vielen derartigen Fällen die Suggestion eine Rolle
spielt, insofern die Patienten ja die intensive Durchwärmung des Penis-
schaftes, des Skrotums sowie der Dammgegend deutlich empfinden,
aber die Erklärung für die Wirkung ist ja durch die erzielte Hyperämie,
durch die Tonisierung der Muskulatur, durch die Dekongestionierung
der Prostata zur Genüge gegeben. In vielen Fällen wifd, ohne daß eine
Tabes oder nervöse Läsion vorliegt, bei der reinen neurasthenischen
Form der Imix)tenz eine erhebliche Anästhesie des Membrum, besonders
an der Spitze, nachweisbar sein. Feine Berührungen werden häufig
gar nicht empfunden, und auch die einzelnen Empfindungsqualitäten
werden nicht deutlich auseinandergehalten. In solchen Fällen wird man
durch die kombinierte diathermische Durchwärmung mit anschließen-
der Kondensatorelektrodenbestreichung schnelle Erfolge erzielen. Han-
delt es sich um nicht hypästhetische Formen, die z. B. durch chronische
Entzündungsprozesse in der Gegend des Caput gallinaginis
^) Ich möchte an dieser Stelle noch einmal darauf hinweisen, daß bei Infan-
tilismus und hierdurch bedingter Sterihtät der Frau von der gleichen Methode
Anwendung gemacht werden sollte. Es ist nicht ausgeschlossen, daß durch die
tiefgehende Hyperämie, welche die Diathermie in ganz anderer Weise herbeiführt
als heiße Scheidenirrigation und sonstige Wärmeapplikationen, neben der direkten
Stimulierung der Zellen selbst eine bessere Ernährung imd ein Wachstums- und
Funktionsanreiz für die Ovarien sowie für die gesamten Sexualorgane herbeige-
führt wird.
Erkrankung anderer innerer Organe. 175
bedingt sind, so erreicht man durch Diathermierung mittels Sonde
oder auch vom Damm her oder durch Verwendung der Suspensorium-
elektrode nebst einer Kreuzbeinelektrode oder auch von der Prostata
aus genügende therapeutische Erfolge.
Von den Komplikationen der akuten Gonorrhöe erfordert
noch die Prostatitis, die Epididymitis und Funikulitis eine
kurze Besprechung. Die Behandlung der akuten Prostatitis kann
auf zweierlei Weise stattfinden. Die übKche Methodik, die mit D'Ar-
sonvalapparaten schon vielfach ausgeführt wurde, ist die Einführung
der Kondensatorelektrode, unzweckmäßigerweise meist monopolar,, in
das Rektum. Der Effekt dieser Behandlung kann kein anderer sein als eine
Hyperämisierung der Schleimhaut. Bei der monoix)laren Behandlung
ist eine größere Tiefenwirkung auf die Proststa ausgeschlossen. Bei bi-
polarer Behandlung, welche, wie auch an dieser Stelle hervorgehoben
werden muß, leider zu selten angewandt wird, kann eine geringe Tiefen-
wirkung angenommen werden. Immerhin wird auch hier nur eine
hyperämisierende Wirkung auf die Schleimhaut und eine derivierende
Wirkung in die Tiefe zu erwarten sein. Falls man es überhaupt für
indiziert erachtet, die akute Prostatitis der diathermischen Wiikung zu
unterwerfen, so kommt lediglich ein Verfahren in Betracht, welches
eine faktische Durchwärmung der Drüse gewährleistet. Dies kann nur
durch bipolare Applikation vom Bektum und der Bulbusgegend des
Dammes oder von der suprapubischen Gegend her erwartet werden.
Führt man die erwähnte- Rektalelektrode bis über die Prostata hinaus
ein und appliziert eine Plattenelektrode unter Würdigung der anato-
mischen Lage so, daß die Prostata wesentHch getroffen wird, so kann
die diathermische Durchwärmung der Drüse zu einem guten therapeu-
tischen Erfolg führen. Es kann aber auch unter dem Einfluß einer nicht
genügenden Durchwärmung zu einer stärkeren Kongestionierung und
beschleunigten Einschmelzung kommen. Es dürfte daher bei bereits
nachweisbarer Vereiterung die Prognose des diathermischen Eingriffes
eine zweifelhafte sein.
Anders hegen die Verhältnisse, falls man, wie das ja meist indiziert
ist, beim Nachweis des Abszesses die perineale Eröffnung der Drüse
vornimmt. Unter der üblichen Nachbehandlung mittels der Dränage
heilen ja diese Fälle stets gut und schnell aus. Trotzdem wird im Inter-
esse einer späteren Dauerheilung zur Vermeidung von gonorrhoischen
Residuen in der Prostata unmittelbar an die Operation die Anschüeßung
der diathermischen Koagulation der Abszeßhöhle mittels der chirur-
gischen Elektrode empfehlenswert sein.
Für die chronische Prostatitis dagegen ist die Diathermie-
b'ehandlung stets indiziert, und ich habe, ebenso wie bei den periure-
thralen Infiltraten auch chronische Prostatavergrößerungen und be-
sonders Verhärtungen, die monatelanger Massagebehandlung Wider-
stand leisteten, in auffallend schneller Weise zurückgehen sehen.
Bezüglich der Funikulitis Hegen die Verhältnisse wegen der
leichteren Erreichbarkeit recht günstig. Ich habe in den letzten Jahren
akute Funikulitis und Epididymitis stets sofort diathermisch
176 Klinische Anw^xlong der Diathermie.
behandelt. Anfänglich ist die Ap^ikation der Elektrode w^en der
hochgradigen Druckempfindlichkeit mitunter sehr schwierig. Wenn
man aber zunächst von den Seiten her mittels kleiner Elektroden den
Verlauf des Funikulus, indem man ihn zwischen die Elektroden faßt,
stückweise diathermiert, so kann man nach wenigen Minuten unter ge-
lindem Druck die Elektrode direkt auf ihm applizieren. Nach 10 Minuten
pfl^en Funikulitiden und Epdidymitiden vollkommen schm^zfrei
zu sein. Die Patienten sind sofort arbeitsfähig und bleiben unter An>
legung eines gut sitzenden Suspensoriums meist 8—10 Stimden schm^z-
frei. Ich wiederhole daher die Behandlung bei akuten Fällen zweimal
täglich und habe sowohl Epididymitis wie auch Funikulitis in einer An-
zahl von Fällen in 1—2 Tagen vollständig ablaufen sehen. Mitunter je-
doch sieht man weniger bei Funikulitis als bei Epdidymitis im An-
schluß an eine Diathermiesitzung eine Erhöhung der Beschwerden und
stärkere Anschwellung eintreten. Dies ist aber nur dann der Fall, wenn
die Dosierung schlecht gewählt ist, nämlich bei zu schwacher oder zu
kurzer Applikation. Man muß zwar auch bei frischer Epididymitis
mit dem Vorhandensein einer lokalen Vereiterung rechnen. Aber das
Organ ist so klein, daß eine komplette und intensive Durchwärmung
durch Applikation von verschiedenen Seiten stets mögUch ist, imd wenn
man sich die Mühe nimmt, einen solchen Fall evtl. 20 Minuten und
länger zu behandeln, so wird man stets einen sofortigen guten Erfolg
erzielen.
Die außerordentlich schnelle Wirksamkeit des diathermischen Ein-
griffes bei akuter Funikulitis und Epididymitis läßt die Behandlung
dieser Affektionen mit Diathermie als von der größten Wichtigkeit
für die Erhaltung der Permeabilität der Samenwege und die
Vermeidung einer späteren Sterilität erscheinen. Man sollte auch eine
jede akute Prostatitis stets sofort energisch diathermieren. Eine be-
sonders günstige Indikation für die chirurgische Diathermie bieten
paraurethrale Gänge, die gonorrhöisch infiziert sind und stets neue
Beinfektion der Harnröhre herbeiführen können (siehe S. 260).
5. Kapitel.
Gelenk- und Moskelerkrankungen.
Die Gelenkerkrankimgen sind eine der ältest erprobten imd gün-
stigsten Indikationen für die Wärmebehandlung im allgemeinen sowie
auch für die Diathermie. Die Trennung rheumatischer, gichtischer,
gonorrhöischer oder tuberkulöser Gelenkaffektionen ist praktisch von
keiner großen Bedeutung. Viel wichtiger ist die Frage, ob es sich um
seröse, eitrige oder deformierende Prozesse handelt und ob Fieber
besteht.
Im allgemeinen wird man bei der Polyarthritis rheumatica acuta
die Diathermie nur bei klinischer Behandlung oder im Hause des Pa-
tienten anwenden können; da die Patienten bettlägerig sind, fiebern
und nicht bewegt werden können \md dürfen. Infolgedessen stehen
hier antipyretische Therapie, Wärmekompressen, ruhigstellende Ver-
Öetenk- und Muskelcrkrankungen. 1^7
bäude an erster Stelle. In der Klinik jedoch sieht man auch bei akuten
Fällen mitunter überraschend gute Erfolge. Sind Gelenk Vereiterungen
eingetreten, so ist die Diathermie kontraindiziert oder zumindest mit
größter Vorsicht anzuwenden.
Sind sekundäre anatomische Veränderungen am Knochen, Knorpel-
belag, Gelenkkapsel, Bändern eingetreten, so ist die Prognose zweifel-
haft, quoad restitutionem, besonders in Fällen mit starker Exostosen-
bildung.
Die günstigste und schnellste Heilung zeigen die serösen Affektionen,
insbesondere diejenigen gonorrhöischer Natur. Es gehört zur Regel,
daß ein akut erkranktes Gelenk in unmittelbarem Anschluß an die
Sitzung, vorausgesetzt, daß sie mit genügender Intensität und richtig
lokalisiert durchgeführt wird, schmerzfrei ist und im Verlauf von
1—2 Tagen abschwillt. So sehen wir insbesondere bei gonorrhöischen
Arthritiden, bei denen die Erwärmung ja nicht nur symptomatisch,
sondern wegen der Thermolabilität der Gonokokken auch ätiologisch
wirkt, nicht selten Heilungen in einer einzigen Sitzung, falls die Affektion
ganz frisch ist. Leider aber führen die gonorrhöischen Arthritiden
außerordentlich schnell zu deletären Veränderungen in den Gelenken.
In wenigen Tagen ist die Knorpelschicht aufgelöst. Es tritt Osteo-
porose ein, und proliferierende Prozesse mit sekundärer Verkalkung
führen zu irreparablen Veränderungen. Ein solches hochgradig defor-
miertes Gelenk kann natürhch durch Diathermie nicht wieder zu einem
normalen gemacht werden. Es ist deshalb von der größten Bedeutung,
die Therapie möglichst frühzeitig und möghchst intensiv einsetzen zu
lassen. Ist der Prozeß erst in das eitrige Stadium übergegangen, so ist
die Prognose eine wesentlich zweifelhaftere. Es können auch jetzt
noch klinisch vollkommene Heilungen eintreten. Indessen zeigt das
Röntgenbild zumeist auch bei guter Beweglichkeit deutliche Verände-
rungen. Es scheint, daß unter dem Einfluß der Diathermie auch jetzt
noch Resorptionsvorgänge in schwereren Fällen unter Besserung der
Funktion einsetzen können. Indessen wird man sich in nicht mehr
frischen Fällen damit begnügen müssen, die subjektiven Beschwerden
der Patienten zu beseitigen, während partielle Versteifungen, Krepi-
tationen bis zu einem gewissen Grade dauernd bestehen bleiben. Die
Schwellung sieht man fast stets zurückgehen.
Auch bei den anderen Formen der Gelenkaffektionen läßt sich
keine allgemeine Prognose stellen. Ich habe sehr ungünstig aussehende
Fälle sich in unerwarteter Weise bessern und definitiv heilen sehen,
während scheinbar leichte Erkrankungen sich gegen eine therapeu-
tische Beeinflussung refraktär erwiesen. Indessen kann ich doch mit
der Mehrzahl der Autoren übereinstimmend im ganzen die Resultate
der Diathermiebehandlung als außerordentlich günstig bezeichnen.
Die Behandlimg der Gelenkerkrankungen mittels Diathermie
kann in mehrfacher Weise ausgeführt werden. Man kann entweder
das ganze Gelenk oder größere Partien diathermisch zu durchwärmen
suchen oder die Diathermiewirkung mehr auf einzelne Abschnitte
des Gelenks lokalisieren. Will man das Handgelenk diathermieren,
Nagelschmidt, Diathermie. 2. Aufl. 12
X
178
Kliniscbe Anwpndang der Diathermie.
fto kann oian dem Patienten in jede Hand eine Metallelektrode geben
nnd wild bei 300—500 Milliampere Stromstarke imd etwa 800—1000
Volt Spannung in wenigen Sekimden eine kraftige Dorchwärmung
des Handgelenks erzielen, die man nach 2—3 Bünnten als ^eichmäßig
betrachten kann, Bemeikt man bei der Applikation, daß sich die
Volarseite stärker erwärmt als die Dorsalseite, so hält man den Patienten
an, die Hand dorsal zu überstrecken, falls dies möglich ist. Alsdann
erwärmt sich die Dorsalseite stärker. Sind die Gelenke stark deformiert,
und sind erhebliche Volumenvergrößerungen vorhanden, so kommt
man hiermit und auch bei Verstärkung der Stromstärke auf 700 Milli-
ampere pro Gelenk nicht immer mehr aus. Man kann dann zur Quer-
durchstrahlung übergehen. Dies ist auch meistens am Kniegelenk
notwendig, weil der Querschnitt des Knies zu einer kräftigen Durch-
wärmung mehr als die maximale Stärke vieler gebräuchlicher Apparate
Abb.>85. Falsche An-
](;gung der Elektroden
zwecks Kniegelenks-
durch wärmung.
Abb. 86. Richtigstellung
durch Beugung des
Knies.
Abb. 87. Anlegung der
Elektroden zur Durch-
wärmung der tieferen
Partie des Kniegelenks.
verlangt. Die Querappb'kation ist bei größeren Gelenken, Eoiie, Hüfte,
Schulter, Ellenbogen überhaupt die zweckmäßigere Form der Behand-
lung. Erstens unterwirft man damit nicht unnötig große Abschnitte
des Körpers der Diathermiewirkung (durch die Arme und den Thorax
hindurch), und zweitens erhält man eine kräftigere und Ickalisiertere
Einwirkung auf den zu behandelnden Teil. Will man Diathermie-
durchwärmungen eines Gelenkes vornehmen, so muß man des mehrfach
zitierten Verteilungsschemas eingedenk sein und sich eine genaue
Vorstellung von der stereometrischen Lage des Gelenkspaltes machen.
Für die Art der Einstellung ist auch die Stellung, in welcher das Glied
während der Behandlung gehalten wird, maßgebend. Es würde zu weit
führen, für jedes einzelne Gelenk hier die genaue Applikationsmethode
zu beschreiben. Ich will nur einige Beispiele herausgreifen, damit man
sich an der Hand derselben im speziellen Fall geeignete Applikations-
weisen konstruieren kann. Nehmen wir z. B. das Eoiiegelenk: Legt
man bei gestrecktem Gelenk oberhalb und unterhalb der Kniescheibe
eine größere Flächenelektrode auf, so wird man eine Erwärmung vor-
wiegend der obersten Schichten, nämlich der Haut, des Fettgewebes, der
Oclenk- und Muskelerkrankungcii
179
Patella, der entsprechenden Sbhleimbeutel und allenfails des obersten
Äbsclinitts des Kniegelenks selbst erhalten. Läßt man jedoch dieselbe
Elekttodenlage bei rechtwinkliger Kiümmung des Knies besteben,
so wird nunmehr eine erhebliche Tiefe des Kniegelenks der Diathermie-
wirkung ausgesetzt sein. Legt man dagegen bei gestrecktem Knie-
gelenk die eine Elektrode etwa oberhalb des Kniegelenks auf die Vorder-
fläehe und die andere unterhalb des Kniegelenks auf die Hinberflächc
der Extremität, so wird man eine Durchwärmung der tieferen, mittleren
und vielleicht auch oberen Abschnitte des Gelenks erhalten, wie aus
der vorstehenden Skizze ersichthch iat. Eine viel gleichmäßigere imd
sicherere Durchwärmung ergibt jedoch die Applikation von vom nach
hinten oder von einer Seite zur anderen. (Abb. 88, 89.) Um nun gründ-
liche Durchwärmungen vorzunehmen, emp-
fiehlt es sich, von den verschiedenen eben
geschilderten Applikationsmethoden in sinn-
gemäßer Weise nacheinander Gebrauch zu
machen. Hierbei muß man berücksichtigen,
daß man sowohl bei der Kniebeugenseite mit
der Stärke des Druckes wegen der Kom-
pression der GefäBnervenstränge vorsichtig
sein als auch wiederum bei der Applikation
aui der Vorderseite wegen der Konfiguration
des Gelenks, insbesondere wegen der Knie-
scheibe und der unregelmäßigen Wölbung
eine sehr exakte Adaptation vornehmen
muß, weil sonst die nur auf wenigen Stellen an-
liegende Elektrode zu einer Konzentration der
Stromfäden daselbst und zum Auftreten von
Brennen führt , wod ur ch wiederu m die Möglich -
keit intensiver Stromapplikation benommen
ist. Man muß eventuell kleinere Elektroden
anwenden. An den Seitenflächen ist das Anlegen der Platten meist ohne
Schwierigkeiten möghch. Man hat auch ringförmig um die ganze Extre-
mität herumgehende Bandelektroden vorgeschlagen. Indessen liegt
hierin kein besonderer Vorteil, wenn man erwägt, daß hier die auf Seite 47
geschilderte Itandwirkung eine besonders intensive ist, weil nämlich für
den Stromeintritt ins Gewebe nicht die ganze Fläche des Elektroden-
bandes in Frage kommt, sondern beiderseits nur die einander zuge-
kehrten Bänder. Wir liaben es also mit quasi linearen Elektroden zu
tun, die nur eine geringe Stromstärke anzuwenden gestatten. Polg-
lich wird sowohl die Tiefenwirkung als auch die Gesamtstrom menge,
die appliziert werden kann, hierbei eine relativ geringe sein. Dasselbe
gilt natürUch auch vom Ellbogen gelenk . Man kann indirekte Gelenk-
durchwärmungen anwenden, indem man z. B. die Füße oder Hände
oder sämthche Extremitäten in Wasserbecken eintaucht. Das Vier-
zellenbad nach Schnöe ist, wie erwähnt, wegen der großen benötigten
Wassermengen ungeeignet; die kleinen auf Seite 49 beschriebenen
Wasserbecken sind günstiger. Will man größere Stromstärken an-
Abb. 88. Abb. 89.
Richtige Anlegung der Elek-
troden zur seitlichen oder
sagittaleo Durch wärmung
des Kniegeleuka.
180 Klinifiche Anwendung der Diathermie.
wenden, als der Hälfte der 4 Extremitätendurchmesser zusammen
entsprechen würde, so kann man auch alle 4 Extremitäten an einen
Pol anschließen und den anderen als Bücken- und Brustelektrode
mittels zweier Platten applizieren. Dieses Verfahren eignet sich besonders
dann, wenn sehr viele Gelenke ergriffen sind und auf diese Weise ihre
gleichzeitige Behandlung wünschenswert erscheint.
Wünscht man dagegen lokale Einwirkungen, z. B. bei Erkran-
kungen einzelner Gelenkabschnitte (isolierte Schleimbeutelentzündung,
lokale Gelenk Veränderungen an einer bestimmten Stelle), so kann man
eine große Elektrode an der entgegengesetzten Seite applizieren und
mittels kleiner Elektroden, z. B. Plattenelektroden von 4 cm Durch-
messer eine Konzentrienmg der Diathermiewirkung auf die beab-
sichtigte Stelle erreichen. Das kommt in Frage bei Erkrankungen der
Bursa subpatellaris, des Fibulagelenks, bei Narbenadhäsionen nach Ver-
letzungen oder Operationen, die zu partieller Gelenkfixierung führen,
usw. Es ist vielleicht nicht überflüssig, an dieser Stelle zu bemerken,
daß zu einer wirksamen Diathermiebehandlung eine exakte Diagnose
auch der Gelenkaffektionen gehört, denn es koipmt nicht selten vor,
daß Patienten über Schmerzen im Kniegelenk klagen, während eine
genaue Untersuchung vielleicht nur eine Erkrankung des Fibulagelenks
ergibt. Auch müssen natürlich osteomyeHtische Herde in der Nähe
des Gelenks durch das Röntgenbild aufgedeckt werden, um eine wirk-
same Therapie ausüben zu können.
Beim Hüftgelenk ist die Applikation entsprechend schwieriger
wegen seiner tiefen Lage. Man muß hier im allgemeinen mit großen
Elektroden langdauemde Durchwärmimg vornehmen und die Appli-
kationsstellen wechseln. Hierbei ist darauf zu achten, daß die Ver-
bindungslinien der Elektroden sich möglichst genau in dem zu behan-
delnden Gelenk bei den verschiedenen Anlagestellen schneiden, um
eine konzentrierte Tiefenwirkung zu ermöghchen. Das Auftreten
einer etwa zu starken Tiefenerwärmung ist praktisch bei normjdeii
Stromstärken bis zu 2^/2 Ampere nicht zu befürchten.
Man kann eventuell mit großen Platten beide Hüftgelenke quer
durch das Becken hindurch diathermieren.
Am Schultergele nk ist es mitunter zweckmäßig, eine große indiffe-
rente Elektrode auf die Seitenfläche des Thorax dicht unter der gesunden
Achsel zu applizieren und die differente Elektrode auf die Außenseite
der kranken Schulter zu legen, weil dadurch eine direkte Stromrichtung
nach dem Gelenk zu in die Tiefe hinein gewährleistet wird. Legt man
dagegen die indifferente Elektrode an der kranken Seite auf die Brust
oder auf den Rücken, so muß man die differente Elektrode so dirigieren,
daß der Strom jeweilig durch das Gelenk hindurch nach der anderen
Elektrode zu strebt. Hierbei ist die Kantenwirkung wesentlich mit
in Rechnung zu setzen. Ein therapeutischer Effekt muß natürlich
gänzlich ausbleiben, wenn alle diese Gesichtspunkte nicht berücksichtigt
werden, weil Diathermiestrahlen, die an dem Gelenk vorbeigehen,
eben nichts helfen können. Grerade beim Schultergelenk ist es mit-
unter von großer Wichtigkeit, die Diathermierung bei verschiedensten
Gelenk- und Muskelerkrankungen. 181
Stellungen des Oberarms sowohl in bezug auf Rotation wie Abduktion-
und Flexion vorzunehmen. Man erreicht hiermit, daß man auch die
versteckteren Teile des Gelenkskopfes der Behandlung zugänglich
macht, und man verbessert gleichzeitig die Mobilität des Gelenks, weil,
wie wir weiter unten sehen werden, während des Stromdurchganges
durch die hierdurch erzeugte Analgesie Bewegungen möglich werden,
die infolge der Schmerzen oder der Schmerzkontrakturen sonst un-
möglich sind. Bei älteren Leuten, insbesondere wenn Anzeichen von
Arteriosklerose vorhanden sind, beobachtet man gelegentlich Er-
krankungen im Schultergelenk, besonders linksseitig, welche von den
Patienten subjektiv als typische Gelenkbeschwerden empfimden
werden. Diathermiert man quer durch das Gtelenk hindurch, so wird
man mitunter jede Besserung vermissen. Da muß man daran denken,
daß gelegentlich solche Beschwerden entweder von den Patienten
falsch lokalisiert oder falsch gedeutet werden, und ich habe einige solche
Fälle beobachtet, in denen Angina-pectoris-Besch werden, besonders
bei hochgradig adipösen Patienten, als Gtelenksch merzen geklagt
wurden. Wie eben erwähnt, versagte hierbei die direkte Diather-
mienmg des Gelenks, während ich durch Behandlung des Herzens bzw.
der großen nach dem linken Arm führenden Gefäße sofortigen Erfolg
erzielte.
Arteriosklerotische Arthritis. Patient v. Th., IL Schmerzen in der
Umgebung des linken Schultergelenks, in den Oberarm ausstrahlend. Behandlung
vom Sternum aus nach dem Schulterblatt zu. Sechs Sitzungen vom 11. — 20. VIII.IO.
Schmerzen nach der dritten Sitzung beseitigt.
Am 25. VIII. stellt sich Patient noch einmal vor; schmerzfrei entlassen.
Laut Bericht seines Bruders im Juni 1911 andauernd schmerzfrei gewesen.
Sehr schwer zu erreichen aber sind die Intervertebralgelenke
des Atla« und Epistropheus, und hier versagt häufig jede Therapie.
Gelegentlich treten auch Besserungen erst nachträglich ein.
Sehr leicht zugänglich sind dagegen natürhch die Finger- und
Zehengelenke. Wir können sie entweder lateral oder dorsoventral
durchstrahlen mit entsprechend geformten
Elektroden, die wir unter Umständen aus
Stanniol oder Blech improvisieren. Wir
können aber auch Längsdurchstrahlung
vornehmen, indem wir z. B. die äußersten
Fingerspitzen in ein flaches, wenig gefülltes
Wa^serbad eintauchen und die indifferente ^^^^ ^ Stromeinleitung durch
Eilektrode als größere Plattenelektrode am Auflegen der Fingerspitzen auf
Unterarm oder an der Hand entweder ein- eine Platte,
seitig oder wie ein Armband applizieren.
Ich habe auch mit Erfolg, wo jeder Druck auf das Gelenk vermieden
werden mußte, durch einfaches Auflegen der gekrümmten Fingerspitzen
auf eine mit nasser Gaze bedeckte Plattenelektrode die Stromeinleitung
vorgenommen. (Abb. 90.) Hierbei wurde die andere Elektrode in der
anderen Hand gehalten, oder es wurde eine Plattenelektrode an derselben
Extremität an geeigneter Stelle appliziert. Ziemlich schwierig gestaltet
sich auch die Durchwärmung der Mittelfußgelenke, und es empfiehlt
282 Klinische Ad Wendung der Diathermie.
sich auch hier, in mehreren Richtungen die I>iathermierung vorzu-
nehmen. Diese Beispiele mögen genügen, um die Technik der Ge-
lenkdiathermierung zu erläutern.
Sind so viele Gelenke erkrankt, daß, besonders in akuten Fällen, eine
Diathermierung aus Zeitmangel nicht angängig wäre, so ist es doch rat-
sam, wenigstens die schmerzhaftesten und den Kranken am meisten
behindernden zu behandeln. Ich habe wiederholt den Eindruck gehabt,
daß durch die Behandlung einzelner Gelenke gewissermaßen eine Re-
aktion des Gesamtorganismus ausgelöst wurde, so daß auch die Schübe
in den anderen Gelenken nach einigen Tagen aufhörten. Das können
Zufälle sein; aber die heftigen Schweißausbrüche, die mitunter nach
lokalen Diathermierungen beobachtet werden, lassen doch an eine
diaphoretische und die Abwehrkräfte des Organismus erhöhende Wirk-
samkeit auch der lokalen Applikation denken.
Im Anschluß an die Gelenkerkrankungen interessieren uns hier
die in ihrem Gefolge bestehenden Muskelaffektionen, nämlich Atrophie
und sekundäre Kontraktur. Dielnaktivitätsatrophieninfolge
von Gelenkerkrankimgen sind in den meisten Fällen einer schnellen thera-
peutischen Beeinflussung zugänglich. Früher wandte man zur Übung
von Muskeln im wesentlichen faradische Rdzung an. Indessen unter-
liegt es keinem Zweifel, daß die neueren Methoden der Kondensator-
reizung oder des neuen dosierbaren Wechselstromes^) wesentlich wirk-
samer und vorteilhafter sind. Ich habe schon vielfach mit bestem Erfolge
Kondensatorreizungen in der auf Seite 74, 75 geschilderten Weise appliziert
imd nicht selten, lange bevor die Gelenkaffektion gebessert oder beseitigt
war, eine genügende Eeaktivierung der entsprechenden Muskulatur erzielt .
Polyarthritis rheumatica. Herr B., 56 Jahr alt. Vor Jahren Bleikolik
Vor kurzer Zeit Angina tonsillaris. Seit drei Tagen Schwellung und Schmerz-
haftigkeit des rechten Fußes am Ballen und auf der Sohle, ebenso im rechten
Handgelenk und im linken Ellbogen. Geringes Fieber.
► Diathermiebehandlung. Nach 10 Sitzungen sind die Schwellungen ver-
schwunden. Im großen Zehgelenk sind ab und zu noch etwas Beschwerden vor-
handen. Handgelenk und Ellbogen vollkommen frei. ELann fest zugreifen. Hat
infolge der durch die Diathermiebehandlung erzielten sofortigen Besserung der
Schmerzen die ganze Zeit gearbeitet.
Akute Polyarthritis. Herr M. Seit drei Tagen Gelenkrheumatismus,
zuerst im linken Handgelenk, dann rechts, sonst frei. Schmerzen heftig. Schwellung
mäßig. Puls gespannt. Frequenz 120. Fieber.
Nach drei Sitzungen schmerzfrei geheilt, entlassen. Kein Rezidiv.
Akuter Gelenkrheumatismus. Herr E., 46 Jahr^ Seit dem 1. Juni 11
Schwellimg fast aller Fingergelenke an beiden Händen. Aspirin ohne Erfolg.
Am 9. Juni Diathermiebehandlung.
Am 15. Juni ist die Schwellung erheblich zurückgegangen. Schmer«en haben
aufgehört. Patient wird aus der Behandlung entlassen.
Am 16. November tritt ein neuer Gelenkrheumatismus auf, indessen schwellen
nur die Finger der rechten Hand an.
23. November: Schmerzen imd Schwellung fast ganz verschwunden. Aus
der Behandlung entlassen. Seitdem rezidivfrei.
Polyarthritis chronica. Frau S., 12. IX. 11. Vor zwei Jahren Kopfrose,
seitdem Schmerzen erst im linken Arm und rechten Bein, dann im rechten Arm und
1) Elektrorytmik, Zeitschr. f. ärztL Fortbildung, 1915 Nr. 10 und Berl. Klin.
Woch. 1912, Nr. 39.
Gelenk- und Muskelerkrankungen. 183
linken Bein. Steifheit in den Gelenken, besonders rechte Schulter und linkes Knie.
Kuren in Wiesbaden mit Elektrizität, Heißluft ohne Erfolg. Muß viel Aspirin
nehmen, Schlaf schlecht. Besonders imangenehm sind die Schmerzen im linken
Knie. Daselbst besteht auch erhebliche Steifheit. Sie kann schlecht aufstehen,
wenn sie sitzt. Beim Liegen im Bett muß das Bein gestreckt gehalten werden.
Bei der Belastung, sobald sie auftritt, werden die Schmerzen stärker.
Diathermiebehandlung. Nach der zweiten • Sitzung Besserung des Knies.
Bis zum 20. IX. sechs Sitzungen, Behandlung unterbrochen.
Am 24.: Bis heute vollständig gut, heute etwas Beschwerden.
Bis zum 5. XII. 11 weitere fünf Sitzungen, dann geheilt entlassen.
"Bericht im Januar 13: Keine Beschwerden mehr aufgetreten.
Schwere Polyarthritis chronica. Frau H., 46 Jahr. Mit 18 Jahren
Gelenkrheumatismus. Seit 4^2 Jahren Schmerzen in fast allen Gelenken. Er-
hebliche Deformienmgen. Patientin ist außerordentlich steif, vermeidet jede
Bewegung, auch Drehen des Kopfes, und spricht in heiserem Flüsterton.
Infolge Erkrankung der Zungenbein- und Kehlkopfgelenke ist die Sprache
sehr erschwert, und sie hat heftige Schmerzen beim Phonieren. Es besteht ab und
zu leichtes Fieber. Aspirin und Einreibungen nützen gar nichts.
Am 3. September 11: Einleitung der Diathermiebehandlung, welche in
mehreren Gelenken in einer Sitzung täglich stattfindet.
Am 11. September sind die Schmerzen wesentlich gebessert, nur noch nachts
sind sie stärker.
Am 29. November bestehen außer Schwellimgen an den Fingergelenken nur
noch ganz geringe Beschwerden. Sprache ohne Schmerzen und mit normaler
Phonation.
Am 6. Februar 12 tritt infolge einer Erkältung wieder eine Verschlimmerung
auf, die jedoch auf wenigip Sitzungen hin sich wieder bessert.
Patientin wird Ende Februar, wesentlich gebessert, jedoch mit Residuen
in den meisten Gelenken, aus der Behandlung entlassen.
Frau W., 58 Jahr. Seit 10 Jahren zum ersten Male Ischias rechts. Später
Kieuzschmerzen und lieftige Schmerzen am dritten und vierten rechten Zeh.
Der Fuß ist oft wochenlang frei. Beide Knie sind schmerzhaft und wenig ge-
schwollen. Kann schlecht aufstehen, wenn sie sitzt. In den Knien, auch beim
Liegen, Schmerzen. Vor zwei Jahren im rechten Knie Erguß, der wieder gut
geworden ist.
September 11. 11 Sitzungen. Danach schmerzfrei.
Ende November leichte Beschwerden infolge Witterungswechsels.
28. und 30. November zwei Sitzungen.
3. Dezember laichte Beschwerden im KLnie.
Zwei Sitzimgen am 3. imd 5. Dezember.
Danach geheilt entlassen. — Bericht Ende 1912: Keine Beschwerden mehr
aufgetreten.
Arthritis tuberculosa. Hermann St., 20 Jahr, 23. Xl. 09. Im rechten
Handgelenk und in der linken Schulter besteht eine überaus heftige Schmerz-
haftigkeit, welche fast jede Bewegung unmöglich macht. Schwellung ist sehr
gering. Rötung der Haut nicht vorhanden. Diathermiebehandlung.
Am 10. Dezember ist eine leichte Beweglichkeit der Schulter und der Hand
vorhanden, aber die spontanen Schmerzen sind noch erheblich.
Am 17. Dezember sind die Schmerzen wesentlich geringer.
Am 13. Januar ist der Patient vollkommen schmerzfrei, die Bewegungen in
der Schulter sind ausgiebig, aber nicht ganz frei. Das Handgelenk, welches eben-
falls weder spontan noch auf Bewegungen schmerzt, ist stark ankylotiech.
Frau S. Schleimbeutelentzündung und Kniegelenkercuß. Seit
vier Monaten schnaerzhafte Anschwellung des Unken Knies. Am Schienbein einige
blaue Hämorrhagien durchschimmernd.
Diathermiebehandlung.
Nach fünf Sitzungen am 4. Dezember Schwellung und Schmerz geringer.
Nach 12 Sitzungen schmerzfrei mit völliger Beweglichkeit entlassen.
Herr B., 2. X. 11: Akute Talo-Achillodynie links- und rechtsseitig.
2. X.: Behandlung links.
Xg4 Klinische Anwendung der Diathermie.
3. X. : Fast schmerzfrei links, rechts unverändert ; Behandlung rechts und links.
4. X. : Behandlung rechts.
6. X. : Fast schmerzfrei beiderseits.
8. X. : Geheilt entlassen.
Patientin N., 40 Jahr. Seit mehreren Monaten heftige Schmerzen in der
linken Schulter und im linken Oberarm. Sie kann den Arm nur wenig abduzieren,
gar nicht nach hinten führen; den Kopf zu frisieren, ist ihr unmöglich. Auch in
der Ruhe, besonders nachts, Schmerzen.
Am 2. Vin. 12 nach 3 Diathermiesitzungen mit anschließenden mediko-
mechanischen Übungen ist eine kleine Besserung erkennbar; Pat. kann die Hand
bis auf den Kopf bringen. Nach 15 Sitzungen bedeutende Besserung; nur noch
bei exzessiven Bewegungen etwas Schmerzen. Behandlung abgebrochen. Im
Laufe der nächsten 6 Wochen schwanden die letzten Beschwerden. Kontrolliert
Anfang März 1913: Kein Rezidiv. Schultergelenk vollkommen frei, keine Krepi-
tation. Geheilt.
Gleich günstige Resultate werden bei gonorrhöischen Tar-
salgien erzielt.
Sind die Gelenkaffektionen schmerzhafter Natur, so muß man dafür
Sorge tragen, daß die Muskelkontraktionen so ausgeführt werden, daß
keine oder keine nennenswerten schmerzhaften Gelenkbewegungen er-
zeugt werden. Man erreicht dies sowohl durch Fixierung der Extremität
in bestimmter Stellung wie durch Dosierung der Intensität der Muskel-
kontraktionen^) .
Bestehen Seh merz kontrakturen, so gelingt es mitunter erst
nach Aufhören der intensiven Schmerzhaftigkeit bei Gelenkbewegungen,
diese reflektorischen Kontrakturen zu beseitigen. Vielfach beobachtet
man jedoch bei genauer Untersuchung, daß die Gelenkschmerzhaftigkeit
geschwunden ist, imd daß trotzdem die Patienten über Schmerzen
klagen, welche nur auf der restierenden schmerzhaften Muskelkontraktur
beruhen. Solche sekundären Kontrakturen mit oder ohne Schmerz
werden in sehr wirksamer Weise dadurch bekämpft, daß wir zunächst
eine mäßig kräftige Diathermierung der betreffenden Muskelpartien
vornehmen, und zwar mittels nicht zu kleiner Plattenelektroden. Im un-
mittelbaren Anschluß an diese Diathermierung verwende ich dann
eine kräftige Kondensatorelektrode aus dickem Glas, welche in emm
handlichen kräftigen Griff fixiert ist, und übe mit dieser Elektrode erst
bei schwächerem, dann bei kräftigerem Stromdurchgang eine allmählich
an Intensität zunehmende Streich-, Knet- und Stoßmassage über der zu
behandelnden Muskelpartie aus. Es gelingt hierdurch fast stets, wenn
man den Patienten so lagert, daß die zu behandelnden Muskelpartien
genügend entspannt sind, diese so kräftig durchzukneten, daß die Kon-
trakturen mechanisch gelöst werden. Man sieht nicht selten nach
Ausübung dieser kombinierten Methode, die allerdings in ihrem letzten
Teil schmerzhaft ist und erhebliche Hautreizungen machen kann,
daß unmittelbar nach der Sitzung der Patient schmerzfrei ist und seine
Muskulatur frei gebrauchen kann. Die Wirkung ist mitunter geradezu
eine zauberhafte.
^) Ich erwähne hier, daß zur Behandlung von sekundären Muskelatrophien
verschiedenster Art sich der Apparat, den ich zur Behandlung der Fettleibigkeit
beschrieben habe, besonders gut bewährt hat.
Gelenk- und Muskelerkrankungen. 185
Bei rheumatischen Myalgien ebenso wie bei sekundären
Formen, infolge von Ischias z. B., ist das gleiche Verfahren dtcrchaus
indiziert. Es muß allerdings dafür Sorge getragen werden, daß das aus-
lösende Moment, z. B. die Gelenkerkrankungen oder das Ischiasleiden,
ebenfalls möglichst schnell beseitigt wird, da sonst ein Neuauftreten der
Kontrakturen nebst Schmerzen entsteht.
Eine sehr korpulente Dame erkrankte im Mai 1909 plötzlich an Lumbago.
Es bestand eine so exzessive Schmerzhaftigkeit in der Lendengegend, daß die
Patientin fast vollständig unbeweglich war. Große Dosen Aspirin, Heißluft-
duschen waren erfolglos. Patientin mußte reichlich Morphium bekommen, um
nur einigermaßen die Schmerzen ertragen zu können. In diesem seit 5 Tagen
unverändert bestehenden Zustande wurde sie, auf beiden Seiten gestützt, in die
Sprechstunde transportiert. Sie war völlig außerstande, bei der Entkleidung
auch nur im geringsten mitzuhelfen und äußerte Zeichen heftigsten Schmerzes.
Die Diathermieapplikation mit Plattenelektroden fand während der Dauer von
ca. 3 Minuten statt. Im Anschluß daran wurde eine Kondensatorapplikation,
mäßig schmerzhaft empfunden, vorgenommen. Unmittelbar danach war Patientin
völlig schmerzfrei und ist es seitdem geblieben.
In einem anderen Falle erkrankte plötzhch ein kräftiger, dem Arbeiterstande
angehörender Mann an heftigem Muskelreißen in der Gegend dicht unter-
halb der rechten Skapula. Er war fast bewegungsunfähig und konnte nur unter
heftigen Schmerzen sich seiner Kleidung entledigen. Auch hier wurde durch eine
einzige etwa 5 Minuten währende Applikation sofortige definitive Beseitigung des
Leidens erzielt.
Bei frischen Affektionen dieser Art reicht meist eine einmalige
Behandlung aus. Besteht jedoch die Affektion schon länger (1 Woche
oder mehr), so tritt zwar auch hier in der gleichen Weise die sofortige
absolute Aufhebung der Schmerzen und der Funktionsstörung auf,
indessen kehrt in den nächsten 12—15 Stunden eine leichte Schmerz-
haftigkeit wieder. Wie ich mich wiederholt zu überzeugen Gelegenheit
hatte, beruht diese anscheinend nur auf dem Auftreten einer leichten
neuen Muskelkontraktur. Die Muskelpartien fühlen sich bei der XJnter-
suchimg derber an als die entsprechenden der anderen Seite, während
die Druckempfindlichkeit kaum mehr nachzuweisen ist. Es genügt
dann die bloße Applikation der Kondensatorelektrode, um mit dieser
zweiten Sitzung eine Eeihe derartiger Fälle zu heilen. In manchen
Fällen jedoch ist die Myalgie eine hartnäckigere, und eine Eeihe von
Sitzungen ist zu ihrer Beseitigung nötig. Das sind jedoch meist chroni-
sche Fälle. Li den akuten Fällen kommt man, wie gesagt, in 1—2
Sitzungen, wenn sie energisch und gut lokalisiert ausgeführt werden,
meistens aus. Auch bei Grelenk- und Muskelaffektionen wie ohne solche
auftretende Periostitiden, besonders solche traumatischen Ur-
sprungs, geben eine ausgezeichnete Prognose. Ebenfalls werden
schmerzhafte Hämatome nach Kontusionen, auch intramuskuläre,
sofort schmerzstillend beeinflußt ; sodann wird die Resorption angeregt
und beschleunigt. Bei Behandlung von Muskelschmerzen kommt es
natürlich sehr auf genaue Lokalisierung an. Nicht immer sitzt die
Affektion da, wo der Patient die Schmerzen angibt. Z. B. wird häufig
Schultergelenkschmerz geklagt, wobei das Gelenk selbst völlig frei ist,
der Schmerz aber an der Ansatzlinie resp. in der Ansatzlinie des
Peltoideus am Humerus sitzt und durch Druckempfindlichkeit daselbst
186 Klinische Anwendung der Diathermie.
nachgewiesen werden kann. Ich habe solche Fälle, als Mißerfolge der
Diathermiebehandlung bezeichnet, öfter in ganz wenigen Diathennie-
sitzungen heilen können. Sehnenscheidenentzündungen, soweit
sie nicht eitrig sind, geben eine nicht minder gute Prognose. Man
beobachtet nicht selten gleich nach der Sitzung Verschwinden oder
Geringerwerden der Krepitation. Allerdings ist dieses Verschwinden
häufig nur ein vorübergehendes. Vermutlich tritt infolge der diather-
mischen Hjrperämie und Hyperlymphie eine sofortige Sekretion von
Sehennscheidenschmiere auf, die die Krepitation verschwinden läßt,
nachher aber wieder resorbiert wird. So sind meistens eine Anzahl
Sitzungen notwendig, wenngleich die Schmerzhaftigkeit nicht selten
schon nach der ersten Sitzung bedeutend gebessert ist. Im ganzen
kann man bezüglich der Gelenkaffektionen zusammenfassend etwa
folgende Indikationen aufstellen:
Bei akuter fieberhafter rheumatischer Arthritis kommt die Dia-
thermie nur bei Befallensein eines oder weniger Gelenke in Frage. Im
Beginn ist vorsichtige, schwache Dosierung und kurze Applikation
angezeigt. Tritt keine lokale oder allgemeine Reaktion ein, so kann
die Behandlung mit starker Dosierung fortgesetzt werden. Daneben
medikamentöse oder diaphoretische Behandlung.
Bei subakuten und chronischen Fällen ist die Diathermie stets
indiziert. Bei gonorrhöischen Gelenkaffektionen ist die Diathermie die
Methode der Wahl.
Bei tuberkulösen Erkrankungen kommt sie nur in den Anfangs-
stadien und bei Fehlen von Eiterung und Erguß in Frage. Im übrigen
ist hier vor allem Röntgen lokal und Quarz allgemein indiziert.
Gichtische Erkrankungen an den Gelenken sowie jeder Tophus
stellen eine absolute Indikation für die Diathermie dar. Beseitigung
oft in einer einzigen Sitzung möglich. Empfehlenswert ist gleichzeitige
Darreichung großer Flüssigkeitsmengen zwecks Durchspülung.
Bei tabischer Arthropathie sind die Resultate durchaus günstig
quoad Schmerzbeseitigung, besonders in Kombination mit der Hoch-
frequenzdusche. Quoad Funktion ist von mechanischen Beihilfen nicht
abzusehen.
6. Kapitel.
Neuralgien und andere nervöse Erkrankungen.
Neuritische und neuralgische Prozesse bieten der Diathermie-
behandlung ein wichtiges Feld der Betätigung. Handelt es sich um
oberflächlich gelegene Nerven, so sind die Resultate meist schnelle und
günstige. Indessen ist die Prognose niemals vorher mit Sicherheit
zu stellen. Ich habe relativ akute Fälle gesehen, die eine lange Be-
handlung nötig machten, und seit Jahren bestehende Okzipital- oder
Zervikalneuralgien, die in 1—2 Sitzungen definitiv beseitigt wurden.
Im allgemeinen ist jedoch auch hier die Dauer der Erkrankung für
die Schnelligkeit des Erfolges maßgebend. Die Behandlungstechnik
ist genau die gleiche wie die bei den Myalgien geschilderte. Es emp-
Neuralgien und andere nervöse Erkrankungen. 187
fiehlt sich, jedoch, bei Neuralgien, falls sie hartnäckig sind, eine Duschen-
behandlung gelegentlich einzuschieben.
Handelt es sich um einen so tief gelegenen und lang gestreckten
Nerven wie den Ischiadikus,so erfordert die Applikation eine gewisse
Sorgfalt und Ausdauer. Zunächst muß man sich von dem Vorhanden-
sein von Schmerzpunkten überzeugen. Sind solche nachweisbar, so
müssen sie sämtlich der Reihe nach in Behandlung genommen werden.
Außerdem empfiehlt es sich aber, den ganzen Verlauf des Nerven-
stammes von den Wurzeln an der Diathermiewirkung zu unterwerfen,
weil man ja nie mit Sicherheit bestimmen kann, wo der entzündliche
ursächliche Prozeß zu suchen ist. Die Angaben des Patienten über
den Ort, wo er die Schmerzen empfindet, brauchen für die Lage des oder
der erkrankten Herde durchaus nicht maßgebend zu sein, da häufig die
Schmerzen in ihrer peripheren Projektion lokaHsiert werden. Um nun
den ganzen Ischiadikus der Diathermiewirkung zu unterwerfen, muß
meist eine größere Anzahl von Applikationen stattfinden, die nach
und nach jeden Teil seines Verlaufs in die Behandlung einbeziehen.
So werden wir mit einer großen Elektrode den ganzen Verlauf in Ab-
schnitten von 5 zu 5 cm behandebi und je nach der Tiefe, in der wir
den Nerven uns gelegen vorstellen, mehr oder weniger lange Appli-
kationen vornehmen. Zur Erleichterung der Einwirkung auf den
Nerven pflege ich die nicht biegsamen, sog. halbelastischen Elektroden
(siehe Abbildung 36 d) mit kräftigem Holzgriff so weit wie möglich
in der Richtung auf den Nerven zu einzudrücken, um ihn möglichst
in die Nähe der Elektroden zu bringen und ihn so den konzentrierten
Kraftlinien auszusetzen. Die andere indifferente Elektrode muß
ebenfalls öfter in ihrer Lage gewechselt und in bezug auf den Nerven
diametral entgegengesetzt angelegt werden. Gänzlich verfehlt wäre
es z. B., bei stehendem oder liegendem Patienten beide Elektroden auf
der Hinterfläche des Oberschenkels im Verlauf des Ischiadikus aufzu-
setzen, wie ich das öfter gesehen habe; man würde nur eine Durch-
wärmung der Haut und der oberflächlichen Schichten des Schenkels
erreichen, während der Ischiadikus selbst gar nicht getroffen werden
würde. Behandelt man die Lumbal- und Sakralgegend, so kann man
bei rechtwinklig gebeugtem und adduziertem Oberschenkel die andere
Elektrode auf die Unterseite apphzieren, z. B. den Patienten auf der
Elektrode sitzen lassen und so die in der Glutäalgegend belegenen
Partien nebst der Wurzelgegend diathermieren. Im Anschluß an eine
solche mit Ausdauer und Exaktheit im ganzen Verlauf des Nerven
ausgeführte Diathermierung führe ich dann, wie oben erwöhnt, eine
möglichst kräftige und tiefgehende Kondensatormassage aus und habe
vielfach nach einer einizgen derartigen Sitzung IschiasfäUe geheilt.
Allerdings dauert eine solche Prozedur ^/a— 'A Stunden.
Bezüglich der Diagnose Ischias muß man nun sehr vorsichtig
sein. Es werden vielfach Patienten mit der Diagnose Ischias geschickt
die zwar Schmerzen in der Gegend des Oberschenkels haben, aber dabei
an den verschiedenartigsten Affektionen leiden. So wurde mir ein Fall
zugeschickt, bei dem die Tschiaserkrankung sich als ein periprokti tischer
138 Klinische Anwendung der Diathermie.
Abszeß mit ausstrahlenden Schmerzen erwies. In anderen fällen er>
zeugen Hämorrhoiden eine hochgradige Ähnlichkeit mit einer Ischias-
erkrankung. Stets verdächtig sind aber diejem'gen Fälle, die doppd*
seitig oder wechselnd auftreten, sowie diejenigen, bei denen ScImienEeii
auf der Vorderseite des Oberschenkels oder in der G^end des ob pub»
geklagt werden. Auch werden Ischiasbeschwerden gelegentlich mit
rheumatischen Pisoasschmerzen verwechselt. In einem anderen Falle
bestand zwar heftiger Schmerz in ganzen Verlauf des Ischiadikas. Er
war aber ausgelöst diu*ch eine Schleimbeutelentzündung in der Knie-
kehle und heilte einige Zeit nach Ezstirpation des SchleimbentelB
spontan. In wieder anderen Fällen lagen tuberkulöse oder osteomyeli-
tische Knochenherde oder Becken- bzw. Prostatatumoren vor. Auch
chronische Entzündungen imd Infiltrationen im oder am Uterus,
Myome, Hämatome können eine Ischiaserkrankung vortäuschen oder
auslösen. Kurzum, in allen derartigen Fällen kann selbstverständlich
eine Diathermierung des Ischiadikus höchstens einen vorübergehenden
palliativen Einfluß ausüben; denn die auslösende Ursache bleiht be-
stehen oder wird gar nicht der Behandlung unterworfen. Es ist deshalb
notwendig, jeden Fall von Ischias aufs genaueste zu untersuchen. Nun
habe ich es unter 54 Fällen von anscheinend reinem Ischias zweimal
erlebt, daß nach einer erstmaligen leichten Diathermierung nebst
Kondensatorapplikation eine exzessive Verschlimmerung der Schmerzen
auftrat. Die Verschlimmerung war eine derartige, daß eine Wiederholung
der Applikation gar nicht versucht wurde. Aber beides waren Fälle,
bei denen auch an der Vorderseite des Oberschenkels Schmerzen ge-
klagt wurden, so daß ich annehme, daß irgendein nicht erkanntes
oder nicht erkennbares Leiden die Ischiaserkrankung ausgelöst hat,
welches durch die Diathermierung akut verschlimmert wurde. (Siebe
weiter unten, Kontraindikationen.) Auch Fälle, bei denen Schmerzen
auf der Vorderseite des Oberschenkels oder des Knies geklagt werden,
sind stets verdächtig. In reinen Ischiasfällen, die sich lediglich auf
den anatomisch bekannten Verlauf an der Hinterseite der Extremitit
in die Wade nach außen hinunter und vom Fußknöchel bis auf den Puß-
rücken oder die Sohle erstreckten, habe ich selten eine vorübergehende
Verschlimmerung gesehen, sondern stets zumeist schnelle, seltener all-
mähliche Besserung.
Ischias duplex. Frau K., 51 Jahr alt. Seit zwei Jahren wegen heftiger
»Schmerzen völlige Bewegungsunfähigkeit. Erste Sitzung am 5. August 1909.
Seitdem schmerzfrei. Nach fünf weiteren Behandlungen geheilt entlassen.
Patient A., 54 Jahr. linke einseitige Ischias seit Winter 1909.
Im März 10 verbrachte er drei Wochen zu Bett und zehn Tage im Sanatorium
ohne Erfolg.
Im April 10 fand die erste Diathermiesitzung statt. Danach sofort Erleich-
terung. Nach drei weiteren Sitzungen schmerzfrei. Die Behandlung wurde ab-
geschlossen.
Am 1. Juli 10 trat ein geringes Kezidiv auf. Es bestanden leichte Schmerzen,
auch ohne daß Patient sich bewegte.
Am 8. Juli und 12. Juli je eine Sitzung. Danach geheilt entlassen. Patient
stellt sich nach 14 Tagen geheilt wieder vor, desgleichen nach sechs Monaten.
Neuralgien und andere nervöse Erkrankungen. Ig9
Frau A. Seit drei Tagen plötzlich heftige . Schmerzen. Ischias rechts.
I. Vn. eine Sitzung, sofort schmerz&ei.
Am 3. vn. etwas Schmerzen gehabt. Geheilt entlassen.
Ischias. Frau A., 4. XII. 11. Seit sechs Wochen Ischias im rechten Bein,
kann kaum gehen. Nach der ersten Behandlung fast schmerzfrei. Am nächsten
Tage geht sie ohne Stock.
firitte Sitzung am 8.: Schmerzfrei, nur noch etwas Steifheit.
Vierte Sitzimg. Geheilt entlassen.
Lumbago und Ischias. Herr K. Am 15., 16., 18. Mai je eine Sitzung.
Geheilt.
Ischias. Herr F. 22., 26., 30. Mai 1910 je eine Sitzung. Am 26. bereits
schmerzfrei gewesen.
Berichtet am 7. VI., daß er noch ab und zu etwas dumpfes Gefühl in d^
Wade hat. Schmerzen sind nicht mehr aufgetreten. Kein Rezidiv bis 1913.
Herr Z. Seit Anfang Januar 11 plötzlich heftige Schmerzen im Kreuz,
links nach der Wade ausstrahlend, so daß er gar nicht mehr gehen konnte. All-
mählich besserten sich die Schmerzen, indessen kann er nur halb gebückt längere
Zeit stehen. Gehen ist ebenfalls schmerzhaft. Nach 100 Schritten muß er stehen
bleiben, da er ganz lahm ist. Sonst gesund.
Ischias.
' Am 2. VI. 11 erste Sitzung. Sofort voller Erfolg.
Am 6. zweite Sitzung, berichtet, daß er nach längerem Gehen etwas lahmes
Gefühl bekommt.
Am 8. Schlußsitzung. Geheilt entlassen. Kein Rezidiv bis 1913.
Herr R. Seit einem Jahre Schmerzen, erst im rechten Ischiadicus, dann
auch links, desgleichen am Trochanter, besonders beim rechten. Au&tehen
nach dem Sitzen ist nicht erschwert. Schmerzen sind hauptsächlich beim Sitzen
vorhanden. Im rechten Knie besteht Schwäche infolge einer Kniescheiben-
verrenkung im Jahre 1879. Patient kann schon seit langer Zeit nicht mehr reiten
wegen heftig dabei auftretender Schmerzen.
6.— 10. IX. 12 vier Sitzungen. Geheilt.
Bericht im Januar 13: Geheilt.
Frau K., 48 Jahr alt. Seit 10 — 11 Jahren Ischias. Schmerzen gehen vom
Kreuz an der Hinterseite des linken Beines bis in die Ferse hinunter. Aufenthalt
in Crastein hat das Leiden verschlimmert. Von März bis Mai 1911 bestand eine
Venenentzündung im linken Bein. Zurzeit leidet sie an Parästhesien im linken
Bein, kann nach dem Sitzen schwer auftreten, gelegentlich treten auch Schmerzen
im rechten Bein auf, häufiger noch im rechten Arm; das linke Bein ist etwas ge-
schwollen und z^notisch. Zuerst bestand nur Steifigkeit in der Hüfte, allmählich
traten aber heftige Schmerzen hinzu. Sie geht stark hinkend am Stock. In der
letzten Zeit hat die Schwere und Schwäche im Bein stark zugenommen. Gelegent-
lich treten blitzartige Schmerzen auf. Zurzeit sind die Schmerzen wesentlich
intensiver geworden.
21. IX. 11.: Diathermie. Nach der ersten Sitzung etwas mehr Beschwerden,
nach der zweiten Sitzung Besserung. Im ganzen sieben Sitzungen.
Am 20. Oktober geheilt entlassen.
Bericht im Dezember 1912: Kein Rezidiv.
Ischias. Frau H., 37 Jahr, 22. L 08. Seit 15 Jahren leidet Patientin an links-
seitiger Ischias. Sie ist seitdem niemals ganz schmerzfrei gewesen; wenn die
Schmerzen zeitweise etwas nachlassen, so tritt heftiges Kribbeln auf. Die Schmerzen
beginnen links in der Kreuzgegend und strahlen in das linke Bein aus. Typische
Druckpunkte. Deutliche Muskelatrophie. Einleitung der Hochfrequenzbehandlung
am 22. Januar. Nach der ersten Sitzung eine Stunde lang schmerzfrei.
Nach der vierten und fünften Sitzung sind nur an einem Tage einige Sekunden
leichte Schmerzen aufgetreten, im übrigen war sie zehn Tage schmerzfrei.
Am 10. Februar 08 nach der siebenten Sitzung geheilt entlsissen.
Ischias. Herr F., 40 Jahr, Januar 1911. Vor einiger Zeit Kratzen im Halse,
seit vier Wochen Schmerzen im Hüftgelenk, im Oberschenkel hinten bis nach der
Wade ausstrahlend. Nach Diplosal vorübergehende Besserung. Beim Gehen
190 Klinische Anwendung der Diathermie.
weniger Beschwerden, hauptsächlich teim Liegen. Seit 14 Tagen ist der Schlaf
durch die Schmerzen gestört.
Diathermiebehandlung. In sechs Sitzxmgen geheilt. Bericht März 1913:
Dauernd geheilt.
Frau A. Seit 15 Jahren Reißen, zuerst in den Schultern, dann in den Armen.
Überall bestehen kleine zirkumskripte außerordentlich schmerzhafte I>ruck-
punkte. Oft Wadenkrämpfe. Auch in den Beinen werden schießende Schmerzen
geklagt. Sie leidet an Schwäche und Müdigkeit in den Beinen. Patientin war
niemals magenleidend, hat vier gesunde Kinder, keinen Abort, früher viel an
Kopfschmerzen gelitten; innere Organe und Nervensystem bis auf eine mäßige
Arteriosklerose gesund. Niemals Gelenkrheumatismus. Ab und zu treten leichte
Erscheinungen von Angina pectoris auf. Es besteht dann bei Anstrengungen ab
Und zu Luftmangel, und sie kann dann nachts nicht auf dem Rücken schlafen.
Puls 100, Blutdruck hoch. Diagnose: Neurolipome und Ischias.
Am 31. April und am 1., 2., 3., 4., 7. Mai Diathermiebehandlung.
Seit dem 3. Mai schmerzfrei.
Am 7. aus der Behandlung entlassen.
Ischias. Patientin K., 46 Jahr, 3. VI. 11. Seit Anfang Februar Ischias
rechts. Epikaminjektion erfolglos.
24. VI. 11: Patientin ist nach sieben Diathermiesitzungen frei von Be-
schwerden aus der Behandlung entlassen.
Ischias. Frau K., 46 Jahr, 3. VI. 11. Seit vier Monaten Schmerz im rechten
Ischiadicus. Vorher hatte sie ein Geschwür im Halse (Tonsillenabszeß). Gehen ist
stark behindert. Am meisten Schmerzen entstehen jedoch in der Bettlage. Vor
zwei Monaten trat eine plötzliche Verschlimmenmg auf, so daß Patientin weder
gehen noch stehen konnte. Sie wurde 4^1^ Wochen im Krankenhaus behandelt.
Sie erhielt zwei Einspritzungen in den Nerven, wobei das Bein heftig zusammen-
zuckte. Danach trat heftiges Stechen einen Tag und eine Nacht lang bis in die
Ferse hinunter auf. Dann besserten sich die Schmerzen etwas, aber die Seite ist
wie gelähmt. Allmählich besserte sich dieser Zustand, und die Patientin kann jetzt
wieder etwas gehen. Es bestehen aber dauernd heftige Schmerzen sowohl beim
Liegen wie beim Gehen. Wenn sie aufsteht, kann sie zuerst gar nicht den Fuß
aufsetzen, und allmählich ist sie erst imstande, mit Mühe und unter Schmerzen
einige Schritte zu gehen.
Beginn der Behandlung am 5. Juni 1911.
Am 24. Juni, nach sieben Bestrahlungen mit Diathermie, wird sie frei von
Beschwerden aus der Behandlung entlassen.
Neuralgien des Supraorbitalnerven bieten fast stets eine sehr
gute Prognose. Neuralgien der Kopf- und Zervikalgegend, Brachial-
neuralgien, Interkostalneuralgien, Migräne, Tarsalgie, Coccygodjmie
reagieren ebenfalls gut.
Supraorbitalneuralgie,
wegen Stirnhöhleneiterung März 1906 operiert. Seitdem auf der rechten (operierten)
Seite dauernd stechende Schmerzen mit Flimmern im rechten Auge.
Am 13. 8. 06: Erste Hochfrequenzsitzung. Danach sofort beschwerdefrei.
Jedoch zu Hause angelangt, sind die Schmerzen wieder aufgetreten.
Am 16. 8. : Zweite Sitzung. Danach Schmerzen geringer. Am 20. 8. : Dritte
Sitzung. Schmerzen wieder geringer. Bis zum 31. 8. im ganzen 8 Sitzungen. Da-
nach geheilt entlassen. Schmerzen und Flimmern nicht wieder aufgetreten.
Herr H, 25 Jahre. Im Frühjahr 10 hat Pat. über dem rechten Auge einen
Stockschlag erhalten. Es trat eine Hautverletzung ein, die Wunde heilte glatt.
Am 31. August 10 gibt Pat. an, in letzter Zeit Schmerzen unterhalb dieser Narbe,
welche selbst nicht druckempfindlich ist, zu haben. Die Eintrittsstelle des S u pra-
orbitalis ist druckempfindlich. Er klagt über migräneartige Anfälle, welche
V2 Stunde lang dauern. Er hat dabei Flimmern im Auge, kann gar nichts sehen.
Wenn die Schmerzen sehr stark sind, besteht auch Übelkeit und Erbrechen.
II. Aortenton akzentuiert; leichte Irregularität.
Neuralgien und andere nervöse Erkrankungen. 191
Am 17. September wird er nach Diathermiebehandlung vollkommen be-
schwerdefrei entlassen. Auch das Flimmern ist nicht mehr aufgetreten.
Am 18. September trat er eine Reise an und bekam dabei einen Anfall von
starkem Herzklopfen, Schwindel und Angstgefühl, der 4 — 5 Stunden lang dauerte,
ohne daß Flimmern und Schmerz aufgetreten wären.
Am 21. September trat einmal starkes Flimmern auf beiden Augen auf.
Seit dem 24. September sind keine Beschwerden mehr beobachtet worden.
1910. Seit 08 leidet Pat. an Supraorbitalneuralgie, die so heftig ist,
daß er vom Militär deswegen entlassen werden mußte. Der Nervenaustritt am
Orbital^and ist druckempfindlich. Die Anfälle treten täglich vormittags immer
um dieselbe Sfeit auf und dauern 2 — 3 Stunden. Zuerst bemerkt Pat. plötzlich -
Flimmern im Auge, dann kann er nichts mehr lesen, schreiben, sehen, danach
setzt heftiger Kopfechmerz mit Erbrechen ein. Dieser Zustand dauert 2 — 3 Stunden.
Pat. kann nicht die Augen nach oben wenden. Die Schmerzen werden auch im
Augapfel verspürt.
September 1910. Erste Sitzung mit Diathermie. 2 Minuten lang. Seitdem
vollkommen frei. Nach 3 Tagen wurde noch 1 Sitzung zur Sicherheit verabreicht.
Rezidiv ist nicht aufgetreten.
Migräne.
Herr H., 35 Jahr, leidet seit 23 Jahren an Reißen im rechten Auge und
Kifefer, öfter Flimmern vor dem Auge. Dabei Übelkeit, Aufstoßen und Erbrechen.
Zeitweise war er einige Monate schmerzfrei. Jetzt wieder seit 8 Wochen fast
täglich Schmerzen im Auge. Die Cornea- und Gaumenreflexe herabgesetzt.
Diathermiebehandlung.
Am 15. September 11: Nach der zweiten Behandlung mehrere Tage schmerz-
frei.
Am 31. September: Schmerzfrei entlassen.
Es besteht nur noch zeitweise ein leichtes Kältegefühl auf der rechten Kopf-
seite.
Herr S., 41 Jahr. Seit 10 Jahren Kopfschmerzen, hauptsächlich Stirn,
Schläfe und Augenhöhlen, besonders beim Blick nach oben. Schlaf gut, sonst stets
gesund. Ab und zu Druck in der linken Herzgegend, nach dem linken Arm aus-
strahlend. Pulskurve normal. Kopfschmerz nach einer Sitzung beseitigt.
4. bis 13. April 10: 6 Sitzungen. Seitdem rezidivfrei.
Herr M., 45 Jahr, von Kind auf nervös und perioden weise an Kopfweh
, leidend. 1910 nervöse Magenbeschwerden, März 11 : Schwindelanfälle, beschleunigter
Puls. Mai 12 traten die Kopfschmerzen besonders heftig auf und bestehen zurzeit,
noch immer schlimmer werdend. Er nimmt morgens ein Cachet de Faivre, um
3 Uhr sind aber die Kopfschmerzen wieder heftig. Aspirin, Pyramidon helfen nur
wenige Stunden, nachts besonders starke Schmerzen, kein Flimmern, keine Übel-
keit, kein Herzklopfen, keine Beklemmungen.
3. bis 13. Juli 12: 5 Sitzungen. Danach völlig schmerzfrei. Vorstellung am
9. 9.: I^eine Kopfschmerzen mehr aufgetreten.
7. Januar 13: Bis vor 14 Tagen vollkommen frei. Dann dienstlicher Ärger,
seitdem wieder Kopfschmerzen der linken Kopfhälfte. Mehrfach Aspirin, half
jedoch nur 5 — 6 Stunden. Reise ins Erzgebirge ohne Erfolg.
Nach 1 Diathermiesitzung geheilt. Noch 3 weitere Sitzungen zur Sicherheit.
Cephalalgie.
Herr F., 9. Januar 09. Rechtsseitiger Kopfschmerz, parietal nach dem
Nacken ausstrahlend, dauernd bestehend. Pat. erwacht nachts vor Schmerzen.
Einleitung der Diathermiebehandlung. Stirn- und Nackenelektrodenapplikation
2 Minuten. 300 — 500 Milliampere. Nach der ersten Sitzung sofortige Besserung.
Im Laufe von 4 Wochen sind die Schmerzen vollständig geschwunden. Nur ab
und zu noch leichte Empfindungen. Pat. wird aus der Behandlung entlassen.
Neuralgie.
26. Juni 08. Vierzigjährige, sonst anscheinend vollkommen gesunde Frau
klagt seit 3 — 4 Jahren über Schmerzen in der Endphalanx des rechten Mittel-
192 Klinißche Anwendung der Diathermie.
fingers. Jeder Druck wird' äuBerst Bchmerzhaft empfunden. Indessen bestehen
auch Schmerzen spontan» dauernd. Da keine Therapie bisher Erleichterung
brachte, wurde vor 1 Jahre der Nagel gespalten. Indessen wurde auch hiermit
keine Besserung erzielt. Am 26. Juni Diathermie. Danach sofort schmerzfrei.
Bis zum nächsten Morgen traten bei starkem Druck noch leichte Schmerzemp-
findungen auf, die auf eine weitere Sitzung am 27. Juni verschwanden. Es wurden
noch einige Vorsichtsapplikationen gegeben, seitdem rezidivfrei geheilt.
Herr W. leidet seit ca. 10 Jahren an einer fast dauernd bestehenden Neuralgie
in der Gegend des linken oberen Skapularrandes, welche bis nach dem Arm
und in die Hand hinein ausstrahlt. Bei körperlichen Anstrengungen tritt erhebliche
Verschlimmerung auf, so daß zeitweise kein Hosenträger getragen werden kaim.
Wenn die Schmerzen nachlassen, treten an ihre Stelle Schweregefühl im Arm und
Parästhesien sowie Gefühl der Lahmheit. .Die verschiedensten therapeutischen
Maßnahmen, auch dauerndes Tragen eines Katzenfelles, haben nichts genutzt,
so daß sich Pat. mit den Schmerzen abgefunden hat.
Diathermiebehandlung November 11. Nach der ersten Sitzung einige Stunden
schmerzfrei. Nach der zweiten Sitzung nur noch lahmes Gefühl, kein eigentlicher
Schmerz mehr. Jedoch tritt 5 Tage später nach einer erheblichen Muskelanstrengung
des linken Armes der Schmerz wieder auf, aber wesentlich geringer an Intensität.
Es ist eine fünfwöchige Behandlung mit 11 Diathermiesitzungen notwendig,
um die Schmerzen zum bis jetzt dauernden Verschwinden zu bringen. Jedoch
tritt bei großen Anstrengungen immer noch ein leichtes Gefühl an der Stelle tiuf .
Immerhin ist aber die stark belästigende und 10 Jahre jeder Therapie hartnäckig
trotzende Affektion bis auf diese geringen Spuren nunmehr seit 4 Monaten beseitigt.
Frau F., 7. Januar 07, 38 Jahr. Seit 2 Jahren neuralgische Schmerzenim
linken Plexus-brachialis-Gebiet. Anämie, Herzklopfen, Nervosität, mitunter
»Schwindel, Parästhesien im Gesicht. Macht ängstlichen, bedrückten Eindruck.
Cor.: unreiner, schabender erster Ton, Aktion regulär, aber leicht veränderlich.
Blutdruck niedrig. Romberg angedeutet, Patellarreflexe erhöht. Seit 8 Jahren
verheirtaet, ein Abort im 2. Monat, sonst keine Gravidität. Stuhl, Urin o. B.
Am 7., 18., 29. Januar je eine Hochfrequenzsitzung. Danach frei von Be-
schwerden, fühlt sich wesentlich kräftiger und frischer.
Tarsalgie.
Pat. X. leidet seit einem Jahre an heftigen Schmerzen unter dem linken
Absatz, der ihn am Auftreten fast vollständig hindert. Das Böntgenbild ergibt
eine deutliche Spombildung an der unteren Seite des Calcaneus. Da dem Pat.
von chinurgischer Seite Operation angeraten wird, unterzog er sich dieser. Heilung
glatt per primam. Indessen bestehen die gleichen Schmerzen weiter. Da in den
4 Wochen nach der Operation keine Besserung eingetreten ist, stellt sich Pat.
wieder vor. Die Narbe ist nicht druckempfindlich, nur wenn man senkrecht in
die Tiefe drückt, tritt heftiger anscheinender Periostschmerz auf. Gehen ist sehr
stark erschwert. Diathermiebehandlung: Pat. ist sofort schmerzfrei. Trotz-
dem am nächsten und übernächsten Tage keine Schmerzen aufgetreten sind,
erhält er noch je eine Sitzung. Wird geheilt entlassen.
Späterer Bericht: Beschwerden sind nicht wieder aufgetreten.
Coccygodynie.
Herr N., 1. Febniar 12: Pat. hat 04 Gelenkrheumatismus gehabt, er leidet
öfter an Kreuzschmerzen, Brustschmerzen und Nesselsucht. Seit dem 8. Januar
bestehen heftige Schmerzen im untersten Teil des Kreuzes. Er kann sich kaum
bücken, ist beim Gehen behindert und hat besonders beim Sitzen heftige Schmerzen.
Im übrigen fühlt er sich vollkommen gesund.
Beginn der Behandlung am 7. Februar. 2. Sitzung am 9. Februar. 3. Sitzung
am 12. Februar. Nach der 3. Sitzung schmerzfrei und geheilt entlassen.
Fräulein B., 39 Jahr. 25. Juni 12. Vor 8 Tagen plötzlich mittags mit hef-
tigen Schmerzen in der linken Schultergegend erkrankt. Vor 8 Jahren hatte
Pat. schon einmal an Neuralgie an verschiedenen Körperstellen gelitten. Trotz
Bettruhe, Aspirin und Pyramiden trat keine Besserung ein. Pat. ist in ihrer Be-
weglichkeit erheblich gehindert. ^
Neuralgien und andere nervöse !ßrkrankungen. 193
Behandlung mit Diathermie und Kondensatorelektroden. Nach der ersten
Sitzung 2 Stunden schmerzfrei. Nach 4 Behandlungen beschwerdefrei entlassen.
Kommt nach 14 Tagen mit einem leichten Rezidiv wieder, welches auf 2 Be*
Htrahlungen abheilt. Seitdem rezidivfrei.
Frau P., 23 Jahr. Pat. hat schon früher sehr viel an Kreuzschmerzen ge*
litten. Seit 3 Monaten bestehen jedoch heftige Schmerzen dauernd beim Stehen,
Sitzen und Liegen. Im Krankenhaus ungebessert. Elektrisieren, Sitzbäder, Um-
schläge ohne Erfolg. Besonders beim Aufstehen und beim Gehen schmerzhaft,
so daß sie nur vollständig gebückt gehen kann.
Diathermieapplikation, sakro-vaginal am 7. März. 8. März: Schmerzen
danach etwas gebessert. Diathermie weiter.
Am 11. März: Wesentlich gebessert, keine eigentlichen Schmerzen mehr,
nur noch unbestimmt vom Kreuzbein nach oben ausstrahlende Empfindungen.
Am 14. März: Kreuzschmerzen ganz verschwunden, nur ab und zu leichtes
Ziehen, welches nur beim Sitzen auftritt, beim Gehen gar nicht. (Gravidität im
4. Monat.)
Im ganzen haben 20 Bestrahlungen stattgefunden. Geheilt entlassen.
Frau L., 66 Jahre. Am 30. April 12: Arthritis chronica et urica. Seit
16 Jahren Reißen. Voriges Jahr Dampfkastenbehandlung ohne Erfolg, jetzt haupt-
sächlich in den Ellbogen, Schultern, linker Hüfte, rechtem Knie Schmerzen. Pat.
hat früher viel an Muskelrheumatismus gelitten. Herz, Stuhlgang o. B. Ab und zu
Schwindel. Beim Gehen mitunter Atembeschwerden. Seit 2 Monaten kann sie
sich nicht allein anziehen und kämmen. Bei jeder, auch geringer Bewegung,
treten heftige Schmerzen auf. Pat. ist seit 4 Nächten vor Schmerzen schlaflos.
1. Mai 12: Nach der gestrigen ersten Behandlung mit Diathermie ist eine
erhebliche Besserung eingetreten. Pat. hat zum ersten Male wieder gut geschlafen.
Im ganzen 2 Sitzungen.
Stellt sich am 11. März 13 vollkommen geheilt wieder vor. Bis jetzt kein
Rezidiv.
Herr P., Neuralgia radialis. Seit mehreren Monaten an Intensität zu-
nehmende Schmerzen im linken Arm. Pat. muß jeden Abend ein heißes Handbad
nehmen, um nachts einigermaßen schlafen zu können. Antineuralgika helfen nur
wenige Stunden.
Diathermiebehandlung. Nach der ersten Sitzung vollkonmien beschwerdo-
frei. Ohne Handbad gut geschlafen.
Nach 3 Sitzungen geheilt entlassen.
Weniger sichere Resultate habe ich bei Herpes zoster gesehen.
Offenbar gelang es mit der Diathermie nicht immer, die tief gelegenen
Spinalganglien, die ja vermutlich der Sitz der Affektion sind, zu er-
reichen. Vorübergehende Besserungen, stundenlanges absolutes Auf-
hören des Schmerzes und einige prompte Heilungen habe ich
'jedoch auch hier beobachtet.
Sehr schwierig gestaltet sich die Behandlung der Trige minus -
neuralgie. Die anfängüch von mir versuchte Durchwärmung mittels
Plattenelektroden hat weder am Ausbreitungsgebiet der Trigeminus-
äste noch von den Schläfen aus (Ganglium Gasseri) oder durch die
Wangen hindurch ein therapeutisches Resultat ergeben. Ich wandte
dann die Kondensatorelektroden auf der betreffenden Gesichtsseile
an und habe in einer Reihe von Fällen hiermit schnelle Heilungen,
in einer anderen nicht das geringste Resultat gefunden. Bei einer
genaueren Prüfung ergab sich nun, daß die nicht reagierenden Fälle stets
darüber klagten, daß die Schmerzanfälle durch mechanische Reizung
der Mundschleimhaut ausgelöst wurden. Sprechen, mimische Bewe-
gungen, Nahrungsaufnahme, Getränkaufnahme, Berührung einer be-
stimmten Stelle der Backenschleimhaut mit der Zunge wurden als
Nagelschini dt, Diathermie. 2. Aufl. 13
X94 Klüiiaohe Anwendung der Biathernüo.
auslösende Momente heftigster Seh nierzanf alle von den Patienten
bei näherem Ausfragen geschildert. Infolgedessen applizierte ich nun
eine dünne, ohne weite Öffnung des Mundes einfiihrbare Kondensator-
elektrode aus Glas im Innern des Mundes imd bestrich mit ihr, soweit
ich sie erreichen konnte, die gesamte Schleimhaut der Wange, des
Zahnfleisches, sowohl am Ober- wie am Unterkiefer, der Zunge, des
Mundbodens, des Gaumens, nach Möglichkeit auch des Gaumensegels
und die Tonsillengegend bis auf den Zungengrund. Diese Behandlung
ist natürlich unangenehm, löst bei manchen Patienten Würgbewegungen,
manchmal auch, besonders im Anfang, Sehmerzanfälle aus, führt
aber doch nach der zweiten oder dritten Sitzimg bereits zur Gewöhnung
des Patienten. Die Stromstärke muß so gewählt werden, daß keine
heftigen Schmerzanfälle bei der Applikation ausgelöst werden. Per
Patient gibt an, bis zu welcher Stromstärke kein heftiges Brennen
durch die Berührung der Elektroden auftritt. Besonders vorsieht^
muß man in bezug auf die Erwärmung der Elektroden sein. Die Kon-
densatorelektroden, besonders wenn sie dünn sind, werden schnell
heiß und können im Mund, dessen Schleimhaut meist viel Hitze ver-
trägt, leicht zu Blasenbildung führen, die ja keine bedeutende Schädigung
des Patienten darstellt, aber doch vermeidbar ist. Man muß, besonders
bei größerem Geräusch (Summen) der Applikation (stärkere Einstellung
des Stromes) die Elektrode öfter kontrollieren und mit feuchter Watte
abkühlen. Die Applikation muß längere Zeit, 10—15 Minuten, statt-
finden, wobei Unterbrechungen zwecks Abkühlimg der sich erhitzenden
Glaselektrode wiederholt nötig sind. In einer Reihe von Fällen muß
die intraorale und äußere Behandlung kombiniert werden. Mitunter
wurden hiermit in 8— 14 Tagen Resultate erzielt, andere Fälle erforderten
eine monatelange Behandlung. Stets trat zum mindesten ein Aufhören
der heftigsten Anfälle, Seltenerwerden auch der leichteren ein. ß^
mitunter fast vöUig gehinderte Nahrungsaufnahme wurde ohne erhebliche
Beschwerden ermöglicht, und nach Aussetzen der Behandlung wurden
längere rezidivfreie Perioden erzielt. Auch spätere Rezidive waren
oft leicht. In einzelnen Fällen wurde auch schon nach 2, 3 Sitzungen
definitive Schmerzfreiheit erzielt. Ein Fall blieb gänzlich imgebessert.
Die Beeinflussung der Trigeminusneuralgie durch Diathennie
läßt es nicht unwahrscheinlich erscheinen, daß für die Entstehung
der Schmerzanfälle weniger eine Beeinflussung des vielleicht in großer
Tiefe gelegenen Herdes der Erkrankung (Ganglion Gasseri oder intra-
kranielle Lokalisation) maßgebend ist, sondern daß von der Periphene
aus sowohl von der äußeren Haut wie von irgendeinem Teil der Mund-
schleimhaut aus durch mechanische Berührung oder durch Zerrung
und Dehnung (Sprechen, Saugen, Schlucken) der Schmerzanfall aus-
gelöst wird. Die Herabsetzung der Hyperästhesie durch die Konden
satorelektrodenbehandlung, die wir auch als juckstillendes und schmerz*
stillendes Mittel sonst kennen, bewirkt hier die mitunter definitive,
mitunter vorübergehende Besserung. Wird diese Hyperästhesie zentral
ausgelöst, so haben wri mit Rezidiven zu rechnen, die aber infolge
der Herabsetzung der peripheren Hyperästhesie nach der Behandlung
Neuralgien und andere nervöse Erkrankungen. 195
leichter uiid kürzer verlaufen und der gleichen therapeutischen Beein-
flussung wiederum zugänglich sind. In schweren Fällen ist mitunter
die Berührung sowohl der Mundschleimhaut wie auch der äußeren Haut
außerordenthch schmerzhaft und löst gelegenthch einen heftigen
Anfall aus. Das kann natürlich auch eintreten, wenn man mit der Elek-
trode diese Berührung vornimmt. Hat man einen derartigen Fall
vor sich, so ist es zweckmäßig, den Strom erst einzuschalten und die be-
reits in Funktion befindhche Elektrode in Kontakt mit der Haut oder
Schleimhaut zu bringen. Immerhin muß man sich stärkeren Druckes
dabei enthalten und auch die Stromstärke so wählen, daß sie bequem
ertragen werden kann. Erst nach der Applikation während einer ge-
wissen Zeit kann man dann die Stromstärke steigern und ungehindert
die Behandlung zu Ende führen. Es ist im allgemeinen nicht zweck-
mäßig, zu dünne Elektroden zu verwenden (wegen der schnellen. Er-
hitzimg). Wenn aber die Patienten, was nicht selten ist, den Mund nicht
zu öffnen wagen, so kann man auch bei fast ganz geschlossenem Munde
eine dünne Glaselektrode mit einiger Vorsicht einführen. Meistens
haben Patienten, die an so schweren Neuralgien leiden, schon eine mehr
oder weniger große Zahl von Zahnextraktionen durchgemacht, weil die
Schmerzen anfängüch häufig auf Zahnschmerzen zurückgeführt werden,
und ich kenne Fälle, denen sämtliche Zähne extrahiert worden sind,
ohne daß auch nur die geringste Bessenmg dadurch erzielt wurde.
Durch die eventuellen Zahnlücken hindurch läßt sich daher auch die
I
Zunge, der Mundboden und der Gaumen zugänglich machen. Gelegent-
lich, und zwar nicht selten^ besteht auch eine Hyperalgesie der Nasen-
schleimhaut, und es können von hier aus neuralgische Anfälle aus-
gelöst werden (beim Niesen oder Schnauben). Man kann hier auch
mit geeigneten dünnen knieförmig abgebogenen Röhrchen einen großen
Teil der Nasenschleimhaut, besonders das Septum und den Nasenboden,
der Behandlung zugängüch machen. Ein Teil meiner Fälle kam, nach-
dem Alkoholinjektionen, Röntgenbestrahlungen, Wurzelresektionen,
Ganglionexstirpation, Kieferoperationen erfolglos ausgeführt worden
waren, zinr Behandlung. Wirkliche Heilungen habe ich bisher nur in
leichteren frischen Fällen regelmäßig, in mittelschweren häufig,
Besserungen jedoch fast stets gesehen.
Auch in schweren Fällen (Fall 6) habe ich schnelle Heilungen er-
zielen können, falls sie noch nicht operiert waren. Operationsnarben
haben den Erfolg stets beeinträchtigt; meist sind diese Narben hyper-
algetisch und bleiben es lange trotz der Therapie ; von ihnen aus werden
häufig Anfälle ausgelöst. Durch konsequente Durchführung der Behand-
lung erzielt man jedoch auch hier schließlich bedeutende Besserungen.
*) Frau W. 11.1 1. 07. Seit 2 V2 Jahren im Anschluß an Influenza im Wochen-
bett starke Gesichts- und Kopf neuralgie. Der geringste Luftzug löst heftige
Schmerzen aus. Die Anfälle sind unregelmäßig, aber häufig. Hochfrequenz-
behandlung. Nach 2 Sitzungen 14 Tage vollständig frei, dann ab und zu leichte
Beschwerden. Am 9. 1. 08: Wieder der erste stärkere Anfall. Hochfrequenz-
therapie, seitdem dauernd geheilt.
*) Fräulein B., 68 Jahr, seit 25 Jahren fast dauernd anfallsweise Schmerzen
in der rechten Kopfhälfte. Höhenluft, Aspirin, Opium erfolglos. Pyramidon mit
13*
19ß Klinische Anwendung der Diathermie. *
Morphium helfen stundenweise. Fester Druck lindert die BeFchwerden et-was.
Heiße Tücher und Kälteapplikation helfen nicht. Vor 4 Jahren hatte de einen
sehr schweren Anfall, der 10 — 12 Tage dauerte und dauernd mit Aspirin und
Morphium bekämpft werden mußte. Danach trat eine Periode der Besserung ein.
Pat. war bis zum 18. Juni 11 schmerzfrei. Seitdem besteht das Reißen dauernd,
mitunter ist sie Vt Stunde oder 1 Stunde lang schmerzfrei. Wenn sie eine Morphium-
injektion erhält, bleibt sie Yt ^^ ^^^* PyT&nudon mit Morphium zusammen,
abends verabreicht, helfen bis zu Mittag des nächsten Tages.
Zur 2ieit der Untersuchung am 4. JuU 1 1 : Pat. ist augenblicklich schmerzfrei.
Bis vor 1 Stunde hatte der letzte Anfall bestanden. Die Haut ist sehr empfindlich.
Bewegung der Haare verursacht Schmerzen.
Einleitung der Hochfrequenzbehandlung. Nach der 1. Sitzung waren die
Schmerzen nicht so andauernd, Pat. war stundenlang frei, die Anfälle dauerten
nur etwa 5 Minuten. Sie nahm nachts aus Vorsicht Pyramidon und Morphium,
weil sie Ruhe haben wollte. Am nächsten Morgen war sie bis gegen Mittag 'roll-
kommen frei, dann traten wieder starke Schmerzen auf.
Am 5. Juli wurde die 2. Sitzung gegeben. Seitdem ist nur noch ab und zu
leichtes Zucken, kein heftiger Schmerz mehr aufgetreten. In der Nacht nur einnial
5 Minuten lang leichter Schmerz, sonst hat sie ohne Mittel durchgeschlafen. In
der nächsten Zeit noch ab und zu ein Muckern oder kurzes Zucken. Im übrigen
heil geblieben. Die Hochfrequenzbehandlung wurde noch 5 Wochen fortgesetzt,
^) Herr L., 56 Jahr. Seit 1 Jahre leidet Pat. an allmählich immer heftiger
werdenden Anfällen neuralgischer Schmerzen im ersten und zweiten linken Trige-
niinusast.
Am 29. April wird lonotherapie mit Kokain versucht. Danach war er 1 Tag
schmerzfrei. Dann treten aber die Schmerzen heftiger auf.
Unter Hochfrequenzbehandlung tritt allmählich Besserung ein, so daß er
nach 6 Wochen schmerzfrei aus der Behandlung entlassen werden kann.
*) Frau B., 29. August 07. Seit Jahren Nervenschmerzen an verschiedenen
Körperteilen, hauptsächlich im Gesicht, im Gebiet des zweiten Trigeminusastes.
Fast nie ganz frei davon. Häufig wird sie vor Schmerzen beinahe ohnmächtig.
Aspirin, Pyramidon und ähnliche Pulver helfen nur kurze Zeit. In den letzten
5 Tagen trat regelmäßig bei Benutzung des Irrigators ein intensiver Schmerz-
anfall von 20 Minuten Dauer, der mit geringerer Intensität den ganzen Tag bestehen
blieb, ein. Beim Liegen wird es etwa« besser.
Pat. erhielt am 29. August 07, am 31. August sowie am 2. September und
7. September je eine Sitzung, im ganzen 4. Nach der 3. Sitzung war sie beschwerde-
frei.
Letzter Bericht 11: Schmerzen sind nicht wieder aufgetreten.
^) Fräulein A., 52 Jahr, 31. Dezember 07. Pat. gibt an, daß sie stets nervös
war und an Neuralgie und Zittern am Körper litt. Auch Weinkrämpfe traten
gelegentlich auf. Vor 11 Jahren erkrankte sie plötzlich in Meran an Trigeminus-
iieuralgie. Sie wachte eines Morgens auf und konnte die Zähne nicht mehr ausein-
ander bekommen. Der Mund war krampfartig geschlossen. Es bestanden furcht-
bare Schmerzen. Das Gesicht war verzerrt. Danach traten 30 — 40 mal am Tage
Anfälle auf, die eine Sekunde dauerten. Jede Bewegung löst Anfälle aus. In abso-
luteV Kühe konnte sie sie eine 2ieitlang unterdrücken. Schlaf war schlecht. Wacht
mitunter durch die Schmerzen auf. Die erste Anfallsperiode dauerte 4 Monate
mit geringen Unterbrechungen. Danach 10 Jahre Ruhe.
Seit Oktober 06 bis Februar 07 wieder ununterbrochene Anfälle. Von Fe-
bruar biß Oktober 07 wieder Ruhe. Im Oktober traten die Anfälle wiederum
ununterbrochen auf. Kochsalz-Antipyrin-Einspritzungen, Elektrisieren erfolglos.
Beim Essen furchtbare Qualen, so daß sie in ihrer Ernährung erheblich herunter-
gekommen ist. Schmerzen sind so heftig, daß die Pat. laut aufschreit.
1. Sitzung am 31. Dezember 07. Bis zum Abend keine Besserung, indessen
war die Nacht gut. Am nächsten Morgen deutliche Erleichterung vorhanden.
Auch am 2. Januar 08 bestanden nur geringe Schmerzen. Am 3. waren wieder
mehr Schmerzen vorhanden. Steifheit und Lähmungsgefühl in der Backe soll
geringer sein.
Neuralgien und andere nervöse Erkrankungen. I97
Nach der 4. Sitzung am 7. Januar trat noch ein leichterer Anfall am Abend
auf, dann war sie bis zum 9. abends vollkommen frei. Die Spannung ist seit dem
3. Januar vollkommen verschwunden. Am 11. Januar hat sie zum ersten Male
Mittag ganz ohne Beschwerden gegessen. Pat. gibt an, auf der erkrankten Seite
viel an Speichelfluß zu leiden und salzigen Greschmack zu haben (auch früher
bei den Anfällen). Seit der Behandlung sind diese Erscheinungen sehr viel geringer
geworden und treten nur noch ab und zu auf.
Am 14. Januar treten wiederum leichte Schmerzen auf, aber ohne Steifheit. Im
ganzen ist aber eine erhebliche Besserung vorhanden. Die Kur wird fortgesetzt.
Im Laufe der nächsten Wochen treten noch ab und zu leichte Schmerzanfälle auf,
die Krampferscheinungen sind nicht mehr beobachtet worden. Speichelfluß,
salziger Geschmack ebenfalls gebessert. Anfang Mai wird sie vollständig geheilt
entlassen.
Bericht Ostern 1912: Dauernd beschwerdefrei gewesen.
•) Frau X., 44 Jahr alt. Seit dem 15. Lebensjabr die ersten Schmerzanfälle.
8eit 15 Jahren schwerere Anfälle, so daß 1906 der I. und II. Ast exzidiert wurde.
1909 Alkoholinjektion. April 1912 nochmalige Alkoholinjektion. Trotzdem seit
August 1912 besonders schwere Anfälle, die sich bis März 1913^ noch steigern,
so daß Patientin sich nur flüssig nähren kann. Die 1. Wange ist stark gerötet und
etwas geschwollen. Jede mimische Bewegung wird vermieden. SämtUche Zähne
der linken Oberkieferhälfte sind vor Jahren extrahiert; worden. Ab und zu ein bis
zwei Tage besser: d.h. Schmerzen mäßig, heftige Anfälle nur beim Essen.
7. III. 13. Heute 8 schwere Anfälle, einige Minuten bis über eine volle
Stunde dauernd. Leichte Schmerzen ununterbrochen. Morph, ohne Erfolg (regt
auf und macht Erbrechen).
8. In. Wegen bevorstehender Menses heut besonders schlecht. So heftige An-
fälle, daß Patientin schreien muß. 1. Sitzung. Unmittelbar danach fast schmerzfrei.
9. III. Hat ohne jedes Mittel die ganze Nacht durchgeschlafen, zum 1. Male
seit vielen Monaten, da sonst Angstgefühle wegen der Schmerzanfälle den Schlaf
stören. Meist löst das Aneinanderlegen der Lippen nach dem Einschlafen sofort
einen Anfall aus; im wachen Zustande vermeidet Pat. dies durch willkürliches
Offenhalten des Mundes.
Im Lauf der weiteren Behandlung ist kein einziger Schmerzanfall mehr auf-
getreten, nur leichte nicht schmerzhafte Zuckungen. In den ersten 10 Tagen
macht sich eine erhöhte psychische Inkontinenz bemerkbar. Pat. weint leicht.
Sie hat vermutlich ihre Ursache darin, daß die fortwährenden Schmerzen früher eine
dauernde Spaimung unterhielten.
20. III. Behandlung ausgesetzt.
25. m. In den letzten Tagen nur ab und zu Nervenzuckungen neben der
Nase und leichtes Spaimungsgefühl in der Wange (ödem noch unverändert).
Patientin ißt sämtliche Gerichte, bedient sich jedoch des Mastikators wegen der
vielen Zahndefekte. Seit der ersten Sitzung kein Medikament oder Schlafmittel
genommen. Schlaf dauernd gut. Allgemeinbefinden vorzüglich.
Die motorischen Störungen der peripheren Nervenfunktion
sind ebenfalls der Hochfrequenzbehandlung in weitgehendem Maße
zugänglich. Die sekundären Atrophien bei Gelenkaffektionen habe
ich schon erwähnt und ihre gute Beeinflußbarkeit durch Hochfrequenz-
applikation in Gestalt der indirekten Funkenreizung hervorgehoben.
Die Prognose bezüglich der durch Nervenerkrankung bedingten Atro-
phien hängt von der Natur dieser Erkrankung ab. Ist z. B., wie bei
manchen infantilen Peroneallähmungen , vollkommene Atrophie einge-
treten, so ist von einer Regeneration keine Rede mehr. Auch die
Fälle mit schwerer Entartungsreaktion scheinen eine ungünstige
Prognose zu geben, wenngleich mein diesbezügliches Untersuchungs-
material zur Entscheidung dieser Frage nicht ausreicht. Ich habe
häufig gefunden, daß Muskeln, welche auf f arabische und galvanische
198 KliniBche Anwendung der Diathermie.
Ströme nur noch minimal und bei großen Stromstärken reagieren,
mittels indirekter Fimkenreizungen (Technik siehe Seite 74) noch zu
wesentBch energischeren Kontraktionen gebracht werden konnten.
Diese Hochfrequenzkondensatorentladungen sind offenbar eins der
kräftigsten Reizmittel, welche wir zur Hervorbringung von Muskel-
kontraktionen besitzen. Ist die Atrophie noch nicht weit vorgeschritten,
so erreichen wir zweifellos durch derartige Muskelreizungen mittels
Hochfrequenz ganz erheblich schnellere Fortschritte als mit faradischen
oder galvanischen Strömen. Ich habe auch z. B. bei frischen Facialis-
lähmimgen stets in den ersten Tagen des Bestehens mit den Muskel-
übungen begonnen imd komplette Wiederherstellung der Funktion
gefunden. In manchen Fällen tritt diese auffallend rasch ein, in anderen
Fällen dauert sie ebenso Monate bis zum völligen Ausgleich wie auch
bei den anderen Stromarten. Die bei zentralen und allgemeinen Er-
krankungen (Tabes) auftretenden Veränderungen der Muskelerregbax-
keit und Fimktion werden wir bei diesen besprechen. Ich möchte hier
nur erwähnen, daß ich auch einige Fälle von progressiver Muskel-
dystrophie behandelt habe. Entsprechend den Vorstellungen, daß
das ätiologische Moment dieser Erkrankung entweder im Zentralorgan
oder in den Muskelzellen selbst zu suchen ist, habe ich sowohl die
Muskelpartien direkt durchwärmt und durch indirekte tVinken-
applikation zur Kontraktion gebracht als auch das Bückenmark in
den entsprechenden Abschnitten diathermiert. Die Bestdtate einer
derartigen, meist nur wenige Wochen durchgeführten Kur waren
wenig ermutigend. Allerdings ist im Verlauf von 1^/2 Jahren in dem
am längsten unter Beobachtung gehaltenen Fall eine Verschlechterung
des Status gegenüber den nicht behandelten Muskelgruppen nicht ein-
getreten. Es schien sogar eine Zeitlang eine leichte Besserung zu be-
stehen. Aber ein sicherer Erfolg ist bisher nicht erzielt worden. Viel-
leicht ist in solchen Fällen eine sehr protrahierte und möglichst auf
die Gesamtmuskulatur des Körpers auszudehnende Behandlung not-
wendig. Bei dem infausten Charakter dieser Erkrankung dürfte eine
ausgiebige Erprobung der zumindest als unschädlich erwiesenen Dia-
thermie in größerem Maßstabe anzuraten sein.
Von den nervösen motorischen Reizerscheinungen habe ich Gelegen-
heit gehabt, den Tic convulsif des Facialis in zwei Fällen ohne jeden
Erfolg zu behandeln. Dagegen sind choreatische Erscheinungen der
Behandlung durchaus zugänglich.
Myoklonie.
Pat. S. leidet seit Jahren an fast dauernden Zuckungen des' rechten Arms
und der rechten Schulter, so daß er in seinem Beruf erheblich gestört ist und psy-
chisch leidet. Daneben schlechter Schlaf, abends Beängstigungen, Gespenstor-
sehen, wenig Appetit. Sprache erheblich gestört (Stottern und Stocken), während
sie früher normal war. *%!
^ Diathermiebehandlung im März 12 in 10 Sitzimgen. Danach völlige Be-
seitigung aller Beschwerden. • •
^ Nachkontrolliert am 11. März 13.. Die Beschwerden waren in der Zwischen
zeit vollständig geschwunden. Die Beängstigungen sind dauernd fortgeblieben,
Schlaf gut, Appetit gut, Sprache normaL Jedoch tritt nach Aufregungen noch
leichte Neigung zu Muskelzuckungen ein, indessen ganz wesentlich geringer als
Neuralgien und andere nervöse Erkrankungen. 199
früher. Die Bewegungen sind so gering, daß sie der Umgebung nicht mehr auf-
fallen und den Pat. nicht mehr stören. Weitere Behandlung erschien unnötig.
Pat. D., 31 Jahr. Paraljrsis agitans. Dauernd Zuckungen im Gesicht, Nacken
und Oberkörper, welche bei willkürlichen Bewegungen geringer werden, zeitweise
ganz aufhören, in der Buhe jedoch sofort wiederkehren. Beginn der Diathermie-
beliandlung am 9. VUL 12. Am 16. VHI. nach 3 Behandlungen Zuckungen besser
ge-worden. Kam am 22. X. wieder. Vom 22. X. bis 12. XI. noch 10 Sitzungen.
X>anach beschwerdefrei entlassen; nur noch geringe Zuckungen im Mundwinkel
ab und zu.
Auch die Chorea minor bei Kindern ist ein äußerst dankbares
Feld der Behandlung. Offenbar kommt hier der sedative Einfluß der
allgemeinen Hochfrequenzapplikation deutlich zur Erscheinung.
Ich schließe hier die Besprechung der zentralen Erkrankungen an.
Ich habe 8 Fälle von Epilepsie mit Diathermie und Solenoidbehandlung
beobachtet. Die Fälle von Jackson scher Epilepsie haben stets in
günstigster Weise reagiert. Da mitunter der Haarwuchs ein sehr
kräftiger ist, bin ich bisher, besonders in schwereren Fällen, auf keinen
Widerstand gestoßen, an der durch die Untersuchimg als Ort der Aus-
lösung bestimmten Stelle die Kopfhaut zu rasieren. Dies ist die Vor-
bedingung für eine wirksame und intensive Diathermierung, die schon
nach wenigen Applikationen, mitunter sogar schon nach der ersten,
zu einem Sistieren und wesentlichen Abschwächen der Anfälle führte.
Bei der spontan zu unregelmäßigem Auftreten neigenden Erkrankimg
ist natürlich aus diesen wenigen Fällen nichts Definitives zu schließen.
Aber die durchweg günstigen' Ergebnisse bei diesen sowie den anderen
Formen der Epilepsie regen doch sehr zu einer weiteren Prüfimg der
Frage an. Es ist nicht denkbar, daß durch eine oder wenige Diather-
mierungen des Schädels, wenngleich die Tiefenwirkung der Diathermie
ja eine erhebliche ist (siehe Seite 95), eine Resorption von Kallus
oder Narbengewebe stattgefunden hat. Wohl aber kann die hoch-
gradige Hyperämie und ödematöse Durchtränkung eine Niveaudifferenz
der inneren Wand der Schädelhöhle schnell herbeiführen und so zu
einer Verteilung des Druckes auf größere Flächen und mithin zu dessen
Abschwächimg oder einer polsterartigen Wirkung führen. Vielleicht
kommt auch die dekongestionierende Wirkung auf die imter dem
dauernden Druckreiz stehenden Hirnhaut- imd Himpartien direkt in
Frage. Die spasmolytische Wirkung der Diathermie läßt sich an Gefäß-
wänden oder im Krampfzustand befindlichen Skelettmuskeln direkt
verfolgen.
Zwei Fälle von SyringomyeHe habe ich bisher je 3 Wochen zu
behandeln Gelegenheit gehabt, kann aber ebenfalls, da keine Nachbeob-
achtung mögUch war, nicht über einen Erfolg oder Mißerfolg urteilen.
Während der Behandlung habe ich nur ein Verschwinden der spontanen
Schmerzen gesehen und die sehr interessante Beobachtung ge-
macht, daß die für die gewöhnlichen thermosensiblen Unter-
suchungsmethoden unempfindlichen Hautpartien die Dia-
thermiewärme deutlich spüren, und zwar schon bei Haut-
temperaturgraden zwischen 30 und 45®. Die Patienten imter-
schieden deutlich leichte Erwärmung, stärkeres Brennen und Stechen
200 Klinische Anwendung der Diathermie.
Bei Akroparästhesienund Hyperalgesienkommtesinhoheni
Maße auf eine exakte Diagnose an. Beruhen diese auf (meist arterio-
sklerotischen oder toxischen) Zirkulationsstörungen, so erfordern sie
die Behandlung, die ich oben bei der peripheren Arteriosklerose be-
sprochen habe. Beruhen sie dagegen auf nervöser Grundlage, so muß
man eine andere Technik wählen. Die angiospastischen Formen
reagieren günstig auf die direkte Diathermierung, während die auf
Herabsetzung oder Lähmung der Nervenleitung beruhenden Störungen
eine mehr stimulierende Behandlung mittels der Kondensatorelektrode
benötigen. Die Fälle von Reynaudscher Erkrankung sind bereits
als für die direkte Diathermierung geeignet besprochen worden und
reagieren meist wem'ger auf lokale als auf allgemeine Beeinflussung der
Zirkulation bzw. der Grefäßinnervation. Am zweckmäßigsten ver-
wendet man hier das Kondensatorbett neben lokaler Diathermie. Die
Hyperalgesicn, welche z. B. in der bekannten bei Musikern häufigen
Form des sog. Durchspielens der Fingerspitzen auftreten, beruhen
wohl auf einer mechanisch erzeugten Entzündung der Nervenend-
apparate. Sie stellen ein äußerst dankbares Feld für die Behandlung
dar. Es hat sich mir die kombinierte Behandlung einer lokalen Durch-
wärmung der Fingerspitzen mit Metallelektroden und minimalen
diathermischen Stromstärken mit daran anschließender Applikation von
Kondensatorelektroden bei Stromstärken, welche bis zur Toleranz-
grenze allmählich gesteigert "i^erden, am besten bewährt. Die Erfolge
sind nach der ersten Sitzung bereits deutlich und meist nach 2—3
Sitzungen definitiv.
7. Kapitel.
Zentrale neryöto Erkrankungen.
Wir kommen nunmehr zin* Besprechung der zentralen Zirku-
lationserkrankungen. Die Arteriosklerose des Gehirns kann imter
sorgfältiger Würdigung des Gesamtzustandes des Patienten wohl in
den meisten Fällen mit großer Sicherheit diagnostiziert werden. Der
bekannte Symptomenkomplex des Kopfdruckes, der Erschwerung
der Konzentrationsmöglichkeit, Vergeßlichkeit, Schwindel, Benommen-
heit, Schlaflosigkeit, Stimmungsveränderungen, evtl. Sprachstörung im
Zusammenhang mit sonstigen zu entdeckenden arteriosklerotischen
Veränderungen, vorgeschrittenem Alter der Patienten, Lues in der
Anamnese usw. genügen zumeist zur Stellung der Diagnose. Meist
zeigt die Untersuchung des Blutdruckes eine dauernde Erhöhung des-
selben, und wir müssen uns auch hier der früher betonten Regel er-
innern, die Ursache dieses hohen Blutdruckes zu eruieren. Wir können
zunächst rein symptomatisch die Arteriosklerose des Gehirns der Hoch-
frequenzbehandlung unterwerfen, indem wir den Kopf des Patienten
im Innern des Kopfsolenoids (Abb. 30) einschließen. Sitzungen von
10—20 Minuten Dauer und 5—10 Ampere Stromstärke jeden 2. Tag
genügen für leichtere Fälle. Aber damit allein wird zumeist nur ein
palliativer Erfolg erzielt, und ich habe es mir daher zur Regel gemacht.
Zentrale nervöse Erkrankungen. 201
stets derartige Patienten, die meist gchoti zur Zeit der BeliancUuiig,
immer aber früher oder später auch Zeichen anders lokalisierter Arterio-
sklerose aufweisen, in bezug auf ihr gesamtes Zirkulationssystein in
Behandlung zu nehmen. Ich verweise diesbezüglich auf das im Kapitel
der Arteriosklerose auf Seite 115ft. bezüglich der Technik Besprochene,
Hat man den Eindruck, daß eine schnelle Entlastung der zerebralen
Kongestion notwendig ist, so ist die Diathermierung der unteren
Extremitäten (Zweizellenbad) oder des Splanchnicusgebiets indiziert.
Handelt es sich dagegen um ischämische Zustände des Gehirns, so
würde man hierdurch den Patienten eher schädigen, und es empfiehlt
sich daher hier, die Diathermierung von Schläfe zu Schläfe oder voji
Stirn zu Nacken vorzunehmen. Man kann in vielen Fällen sofortige
Besserung erzielen, die Patienten geben unmittelbar nach der Sitzung
an, daß sie sich frei im Kopfe fühlen, daß Schwindel und Kopfdruck
verschwunden sind. Nicht selten ist die Nacht unmittelbar nach einer
solchen Sitzung die erste seit langer Zeit, in der sie ohne Schlafmittel
normal durchschlafen. Auch der häufig bestehende senile oder nervöse
Pruritus schwindet ohne jede Lokal therapie.
Wendet man Schläfen elektroden an, eo eignen sich die auf Seit« 45
beschriebenen . runden Plattenelektroden von 4 cm Durchmesser,
Wenn die Behaarung bis weit auf die Schläfe herunterreicht, so muß
man für sehr gute Durchfeuchtung Sorge tragen oder rasieren. Eine
Stromstärke von 200—300 Milliampere ist für diese Apphkation schon
reichlich stark und wird nur kurze Zeit vertragen. Das hängt aber von
dem Schläfendurchmesser ab. Jedenfalls muß man die Stromstärke so
weit steigern, daß zwar die Schläfenhaut nicht übermäßig erwärmt
wird, andererseits aber der Patient im Kopf ein eigentümliches Druck-
gefühl bekommt, welches regelmäßig bei einer gewissen Stromstärke
angegeben wird. Es schadet auch nichts, wenn eich dieses Druck-
gefühl bis zum Schmerz steigert, und die Patienten sagen, sie hätten
das Gefühl, als ob ihnen der Kopf platzt. Wendet man geringere
Stromstärken an, so ist der therapeutische Erfolg nicht ausre
Indessen werden diese Sensationen ohne wesenthche Beschwer
tragen, besonders wenn die Patienten an die Behandlung g
sind und man sie vorher darauf aufmerksam gemacht hat. U
Moment, wo man den Strom unterbricht, hört der Druckschmt
und die Patienten haben in wenigen Sekunden das Gefühl der Bei
Wenn sie vorher einen benommenen Kopf hatten und über Seh
klagten, geben sie zumeist an, jetzt voUkommen frei zu sein.
Wenn man die etwas größere Stimelektrode (4 x 6,5 cm) u
ebenso große Nackenelektrode anwendet, so muß die Stromstäikt
lieh gesteigert werden. Aber wegen der Wölbung der Stirn ist eir
taktapplikation selbst mit dickeren Zwischenlagen sehr schwii
daß hierin eine Beschränkung der erreichbaren Stromintensitä
Kommt man nicht auf 1000 Milliampere wegen lokalen Steel
der Stirn, besonders an den Tubera, so muß man mit niedrigeren
stärken entsprechend länger diathermieren. Am günstigsten
wenn die Patienten eine Glatze haben, so daß man die Nackeneli
202 •Klinisohe Anwendung der Diathermie.
«
höher oben am Hinterkopf anlegen kann. Dann sind die therapeuti-
schen Resultate meistens besser.
In leichteren Fällen von arteriosklerotischerlnsomnie kommt
man mit der Behandlung des ganzen Körpers im Solenoid aus, und diese
Behandlungsart ebenso wie das £j)ndensatorbett sind für die ne ur asthe-
nische n sowie für die nervösen Formen der Insomnie die geeignetsten
Methoden, soweit es sich um Patienten mit hohem Blutdruck handelt.
Bei niedrige m Blutdruck leistet oft eine einmalige Duschenbehandlung
des Kopfes und Rumpfes Vorzügliches, wenn man die andere Elektrode
an eine Metallelektrode anschließt, auf welcher der Patient mit bloßen
Füßen steht. Bei Psychose dagegen ist die lokale Kopfbehandlung
mit Platten- oder Kondensatorelektroden wirksam.
Insomnie.
Herr S., 69 Jahre. Polyzythämie, Plethora, Kongestionen im Gesicht,
starke Acne rosacea und beginnendes Rhinophym. 07 im Anschluß an ein heißes
Bad in Kissingen vor 5 Jahren Kongestion nach dem Kopfe. Seit derselben Zeit
schlaflos. Am Tage wenig Schlaf, nachts auch kaum. Eine Tablette Veronal
versagte häufig. Iq letzter Zeit schlief er trotz Schlafmitteln in vielen Nächten
gar nicht. Seit derselben Zeit Diabetes; zeitweise frei.
Am 13. August 1. Sitzung. Danach nachts Schlaf ohne Schlafmittel, aller-
dings nicht sehr fest. Am Nachmittag auch 1 Stunde. Er hat nachts viel ge-
träumt und zum ersten Male seit Monaten Erektion beobachtet, fühlt sich elastischer.
14. August: 2. Sitzung. Danach ohne Schlafmittel fast durchgeschlafen.
15. August: 3. Sitzung.
16. August: 4. Sitzung. Danach so gut wie lange nicht geschlafen. Um
1/2IO zu Bett, bis 72^ durchgeschlafen, dann 1 Stunde wach und bis Vf^ Vbi
durchgeschlafen.
17. August: 5. Sitzung. Aus der Behandlung entlassen. Beist auf 5 Wochen ab.
Bericht am 22. Oktober: Pat. stellt sich als geheilt wieder vor. Schlaflosigkeit
war nicht mehr aufgetreten.
Frau G., 4. 11. 07, 48 Jahr. Insomnie seit ca. 2 Jahren. Schläft abends
leicht ein, erwacht nach 1 Stimde. Das Leiden begann im Anschluß an einen
Herzschwächeanfall in Franzensbad. Vor Eintritt der Menses häufig starke Auf-
regung und Schlaf besonders schlecht. Am Tage kann sie gar nicht schlafen. Die
letzten 3 Nächte waren so gut wie schlaflos.
Am 4. 11: 1. Sitzung Hochfrequenz. Sie berichtet am nächsten Tage, daß
sie um 12 Uhr zu Bett gegangen ist und bis Vi^ Uhr mit zwei kurzen Unter-
brechungen durchgeschlafen hat. -Weitere 3 Sitzungen. Im Laufe von 8 Tagen
hat sie 2 Nächte voll durchgeschlafen, die übrigen mit kurzen Unterbrechungen.
Bericht nach 3 Jahren: Heilung war von Dauer.
Herr P., 6. April 08. Schlaflosigkeit. Zeitweilig Kopfschmerzen. Hoch-
frequenzbehandlung vom 6. April bis 16. ApriL Fühlt sich im ganzen besser,
schläft gut.
Arteriosklerotische Insomnie. Patient E., 47 Jahr, 15. XI. 07-
Fabrikant. Seit Jahren Beschwerden. Zuerst als nervös gedeutet worden. Viel
obstipiert. Jetzt Schlaflosigkeit, Depressionen, Benommenheit im Kopfe, leichtes
Schwindelgefühl, Kopf- und Kreuzschmerzen. Lues negatur, verheiratet, vier ge-
sunde Kinder. Hauptbeschwerde: Druckgefühl in der Ohrengegend, Dröhnen
im Ohr, häufig Kopfschmerzen im Hinterkopf. Behandlung lokal im Ohr. Sofort
danach Aufhören der Beschwerden.
Am 16. XI. : Ohrdruck nicht wiedergekommen, gestern abend bzw. heute früh
beginnende Kopfschmerzen im oberen Teü des Kopfes und Übelkeit gegen Mittag.
Hochfrequenzbehandlung.
Zweite Sitzung: Behandlung des Kopfes.
18. XI.: Ohrdruck gering, seit gestern abend ganz fort, Kopfschmerzen
und Übelkeit seit der Sitzung am 16. verschwunden.
Zentrale nerröee Erkrankungen. 203
Dritte Sitzung.
22. XL: Seit geHtern abend wieder geringer Ohrdruck, Kopfdruck und
BonommeDheit.
Viert« Sitzung.
25. XL : Unverändert, von Zeit zu Zeit leichte Beschwerden.
Patient ist fortgehlieben.
Am 10. IL 08: Ohrdruckistseit mehreren Wochen vollständig versohwunden,
nachdem er vorher nur aehr gering und selten aufgetreten war, ebenso Kopf-
ijchmerzen.
Bericht November 1910: Gut.
Insomnie, Patient St., 69 Jahr, 13. VIIL 07. Früher Restaurateur (Weyi-
auHSchank). Kongestionen im Gesicht, starke Acne rosacea und hcginnendee
Rhinophym Polyzythämie. Im Anschluß an ein heiBes Bad in KiBsingen vor
fünf Jahren heftige Kongestionen nach dem Kopfe, seit derselben Zeit schlaflos.
Am Tage sehr wenig Schlaf, nachts ebenfalls. Eine Veronaltablette versagt meistens.
Seit derselben Zeit Diabetes, zeitweise frei. Spuren von Albumen.
13. Till. Erste Bitzung. Danach nachts geschlafen und am Nachmittag
eine Stiinde.
14. Vlll. Zweite Sitzung, wenig Schlaf.
15. yill . Dritt« Sitzung, wenig Schlaf.
16. Vlll. Vierte Sitzung, danach so gut geschlafen wie lange nicht; ^/.U su
Bett, bis '/i' durchgeschlafen, dann eine Stunde wach, dann bis >/a8 gescnlafcii
(acht Stunden).
17. Vm. Fünfte Sitzung, gut geschlafen, abgereist.
Befund am 29. X. Hat wochenlang gut geschlafen, in den letzten Tagen
jedoch wieder Verschlimmerung infolge körperlicher Anstrengungen, nimmt jetzt
wieder Veronal. Hochfrequenz weiter mit gutem Erfolg.
Arteriosklerosis cerebri. Patient W., 02 Jahr, 3. IL II. Hochgradig senil,
Gedächtnisschwund, Tremor, Ataxie, k^nn nur gestützt gehen, Gesicht dunkelrot
gefärbt, leicht zyanotisch, Temporalarterien stark geschwollen, geschlän|;elt,
hart, de^l.RadiaUs. Herzhypertrophic und IHlatation. Geräusch über der Spitze,
SpraehBtÖrung, beginnende Dementia. Heftige Kopfschmerzen.
Beginn der Diathermiebehandlung am 3. IL
Nach vier Sitzungen am 10. 11. Kopfschmerzen vollkommen geschwunden.
FatJent fühlt sieh freier.
. 21. IL: Zyanose beseitigt, Tremor wesentlich geringer.
Am 3. HI. nach 11 Sitzungen Behandlung abgehrochen, da Patient sich
subjektiv besehwerdefrei fühlt und die Sprache sich wesentlich gebessert hat.
■Demenz, Herzhypertrophie, Geräusch unverändert, Blutdruck um 60 mm ge-
Angina peotoris, Cephalea. Patient 8., 45 Jahr, verheiratet. Auffallend
muskulöser und kräftig gebauter Mann, der st«ts gesund war, klagt seit zehn Jahren
über Kopfschmerzen, hauptsächlich in der Stirn, Schläfen und Augenhöhlen,
besonders beim Blicken nach oben. Schlaf gut, Stuhlgang o. B. In letater Zeit ab
und zu. Druck in der Herzgegend, nach dem linken Arm ausstrahlend. Leichte
Atemnot. Fulskurve ei^bt keine Abnormitäten, Herzdämpfung nach rechts
wenig vergrößert. Töne rein, ohne Besonderheilen. Aktion regelmäß^, kehrt nach
Kniebeuge in 1'/, Minuten zur normalen Zahl zurück.
Diathermiebehandlung.
Sofort nach der ersten Sitzung am 28. Hl. 11 Verschwinden der Kopf-
schmerzen. Bis zum 2. IV. frei von Kopfschmerzen, am 2. IV. leichte Schmerzen,
wesentlich geringer als sonst.
Am 26. T War acht Tage frei, hat dann zwei Tage leichte Kopfschm«
Am 18. V.: Patient stallt sich ohne vorhergehende Beschwerden wiedei
Die Kurzatmigkeit, Druckschmerzen in der Herzgegend sind seit der ersten Sil
nicht wieder aufgetreten.
Sitzui^en März 1911 28., 30., 31.
Laut Bericht 1912 (Juni) besehwerdefrei gehlieben.
Arteriosklerose. Patient M., 54 Jahr, 29. IX., 09. Außer Gicht stet
"und gewesen. Keine Lues. Seit zwei Jahren starke Schmerzen im linken Knii
204 Klinische Anwendung der Diathermie.
lahmes Gefühl Bald darauf Schwierigkeiten der Sprache, Vergeßlichkeit. Schwin-
delanfälle. Fühlt sich dauernd unsicher auf den Beinen. Schwankt beim Gehen
stark. Puls gespannt, Arterien hart, Sprache ataktisch, Spitzenstoß in der Mmlinie.
2. Aorten- und Pulmonalton akzentuiert. Herz nach rechts etwas verbreitert,
Patellarreflexe erhöht.
Pulsdruck am 4. X. von 200 auf 140 heruntergesunken.
Nach weiteren Sitzungen im Laufe des Oktober ist die Unsicherheit des
Patienten wesentlich gebessert, ebenso die Sprache. Die Behandlung wird wegen
Abreise des Patienten abgeschlossen.
Patient T., 70 Jahre. Hochgradige zentrale und periphere Arterio-
sklerose. Schmerzen in den unteren Extremitäten und im Kreuz. Patient ist
fast unfähig, sich allein zu bewegen, kann nur mit kräftiger Unterstützung vom
Stuhl aufstehen, wenn er sitzt, und macht einen hochgradig senilen Eindruck, auch
bezüglich der Sprache (hesitierend, findet Worte nicht). Starker Tremor, geht
an zwei Stöcken. Hochfrequenzbehandlung.
Vier Sitzungen im April 1910, im Mai 14 Sitzungen, am 30. Juni eine Sitzurg
»Schon nach der ersten Sitzung wesentliche Erleichterung. Kann nach 19 Sitzungen
iriühelos, schnell und ohne Hilfe aufstehen, geht sicher und ohne Stock. Fühlt sich
wesentlich erfrischt. Sprache langsam, aber nicht mehr stockend. Sucht am
24. Juni 11 die Behandlung wieder auf. Kann seit der Behandlung gut allein auf-
stehen, ist aber in der letzten Zeit leicht ermüdet. Wenn er eine Stunde geht,
fühlt er wie Blei in den Schenkeln. Schwach im Kreuz. Nach drei Sitzungen wesent-
lich gebessert, nach zwölf Sitzungen beschwerdefrei entlassen.
Arteriosklerose. Patient T. Mittelgroßer, schmächtiger Mann von 58 Jahren,
mit zyanotischer Gesichtsfarbe, stark geschlängelten Temporalgefäßen und hartem,
gespanntem Radialpuls. Er klagt über Druck im Kopf, Schwindelerscheinungen,-
Herzklopfen und zeitweilige Benommenheit. Cor im ganzen verbreitert, Spitzen-
stoß außerhalb der Mmlinie. Zweiter Aortenton klappend, Blutdruck über 200.
Beginn der Behandlung am 3. VT. 09: Im Juni und Juli sieben Sitzungen,
worauf der Blutdruck auf 160 mm heruntergegangen ist. Die zyanotische Ge-
sichtsfarbe ist geschwunden, die Arterie fühlt sich nach wie vor rigide an, indessen
ist der Patient seit 14 Tagen vollkommen beschwerdefrei.
Arteriosklerose. Patient S., 51 Jahr, 3. VI. 09. Gutsbesitzer. Arteriosklero-
tische Kopfschmerzen. Seit vielen Jahren sehr heftige Kopfschmerzen. Bei
maximaler Intensität Übelkeit und Erbrechen. Kopfschmerzen bestehen andauernd
ohne längere Intervalle. Freie Tage sehr selten, höchstens einmal im Monat
24 Stunden. Schlaf schlecht. Diuretin ohne Erfolg. Früher starker Alkoholist,
in letzten Jahren abstinent.
Am 3. und 4. VT. : Zwei Sitzungen Diathermie.
Am 12. VTL: Vom 5. — 29. VT. vollkommen schmerzfrei. Schlaf gut, All-
gemeinbefinden gut, Appetit vorzüglich, keine Übelkeit. Dann allmählich wieder
Kopfschmerz mäßigen Grades, der nach einer heftigen Aufregung stärker wurde,
dann Kongestionen nach dem Kopfe, Hitzegefühl und ein sehr schweres Diner.
Danach trat Erbrechen und leichte Besserung der Kopfschmerzeij ein. Indessen
bleiben die Kopfschmerzen bis heute ohne Unterbrechung, aber wesentlich schwächer
als früher. Heute ebenfalls schwache Kopfschmerzen, Allgemeinbefinden gut,
aber etwas matt.
Dritte Sitzung. Seitdem dauernd schmerzfrei.
Vom 12. — 15. Juli noch drei Sitzungen, dann als vollkommen beschwerdefrei
aus der Behandlung entlassen.
Am 14. IL 10, drei Monate später, kommt Patient wegen Interkostal-
neuralgie in Behandlung, wobei gleichzeitig auch das allgemeine Gefäßsystem
mittels Hochfrequenz in Behandlung genommen wurde, obgleich keine Beschwerden
von dieser Seite vorlagen. Patient hat im ganzen 10 Sitzungen erhalten xuid war
schon nach der dritten schmerzfrei. Die Interkostalneuralgie war so heftig, daß
bis zum Beginn der Hochfrequenzbehandlung mehrere Morphiuminjektionen
täglich notwendig waren und der Patient fast bewegungsunfähig war. Nach der
ersten Sitzung war er bis zum nächsten Morgen vollkommen schmerzfrei, dann
traten leichte Schmerzen wieder auf, die nach der dritten Sitzung definitiv
Zentrale nervöse Erkrankungen. 205
schwanden. Am 13. IV. 11: Leichte Kopfschmerzen; nach einer Sitzung schmerz-
frei. Seitdem keine Kopfschmerzen mehr aufgetreten.
Gelegentlich kommen Fälle zur Beobachtung, bei denen die Hoch-
frequenzströme erregend wirken. Man muß da sehr vorsichtig sein
und darf die Behandlimg nicht forcieren; man versucht fielmehr die
Patienten sehr allmählich an sie zu gewöhnen. Man erreicht damit
trotz der anfänglichen Intoleranz therapeutisch gute Resultate.
So kam am 15. 11. 07 ein Patient mit schwerer Schlaflosigkeit zur Be-
handlung. Seit mehreren Jahren leidet er an vorübergehender Schlaflosigkeit, die
seit 6 Monaten dauernd ist. Meist schläft er bis zum Morgen überhaupt nicht ein.
Mitunter schläft er aber auch abends ein und wacht nach kurzer Zeit auf, um nicht
wieder einschlafen zu können. Auf 0,5 Veronal tritt genügender Schlaf, 4 — 5
Stunden, ein. Während eines Aufenthaltes in Wiesbaden war der Schlaf etwas
beßser. Am 15. 11. wurde die erste Sitzung verabfolgt. Bericht am 16. 11.: Schlaf
war gut. Um ^2^1 ^^ ^** gegangen, in V2 Stunde eingeschlafen, bis ^/jd nicht
aufgewacht, dann wach geblieben. Zweite Sitzimg am 18. 11.: Patient war nach
der zweiten Sitzung sehr aufgeregt, hat 2 schlechte Nächte verbracht, infolgedessen
wird die Behandlung zunächst ausgesetzt. Am 3. 1. 08: Die Behandlung wird
wieder aufgenommen. Patient berichtet, daß er nach der zweiten Sitzung das
Grefühl der elektrischen Ladung nicht los geworden wäre und 2 Tage weiter in
dauernder Erregung gewesen wäre. Dann besserte sich der Zustand. Er schlief
vom 20. 11. bis 18. 12. recht gut. PlötzHch vor Weihnachten trat ein Rückfall
ein, und eine Reihe von Nächten konnte er nur 2 Stunden schlafen. Unter
regelmäßiger Veronalverabreichung schlief er einige Nächte gut. Am 3. 1. erhielt
er eine sehr schwache Hochfrequenzsitzung, nach welcher er über Zittern in der
Brust- und Lendenmuskulatur klagte. Es hörte jedoch bald auf, und am 6. 1. be-
richtet er, daß er 6 — 7 Stunden durchgeschlafen hätte. Das Zittern war nicht
wiedergekehrt. Am 9. 1.: Zwei Nächte waren sehr gut, 7V2 Stunde, letzte Nacht
weniger gut. 5. Sitzung. 11. 1.: Patient hatte -an einem Abend Geburtstags-
feier, und am anderen ist er im Theater gewesen. In den betreffenden Nächten
schlief er nur 3 — 4 Stunden. Bis zum 20. 1. waren 3 Nächte gut (über 7 Stunden
Schlai), eine Nacht mä^ig (über 5 Stunden), die übrigen Nächte weniger gut. Allge-
meinbefinden ist wesentlich gebessert. Die nächsten 4 Nächte sind noch wechselnd,
4 — 6V2 Stunden, dann schläft er dauernd gut. Am 3. II. fand die letzte Behand-
lung statt. Am 11. 5. berichtet er, daß durchschnittlich zum mindesten 6 Stunden
Schlaf gewesen wären, und setzt die Kur noch 14 Tage fort. Er verträgt jetzt
jede Dosis Hochfrequenzströme ohne irgendwelche Erregung. Seitdem dauernd
geheilt.
BezügHch der Neurasthenie sind stets Blutdruckuntersuchungen
von größter Wichtigkeit. Dfe hypertonischen Neurastheniker erfordern
eine andere Behandlung als die hypotonischen. Bei Hypertonie be-
dienen wir uns stets der für die Herabsetzung des Blutdruckes mehr-
fach erwähnten Methoden und erzielen allein dadurch Verschwinden
der mannigfachsten Beschwerden. Bei den hypotonischen dagegen
müssen wir versuchen, den Blutdruck zu steigern, was durch Duschen -
applikation, Kondensatorelektrodenbehandlung oder Funkenreizung
entlang dem Rückgrat meist leicht erreicht wird. Etwa bestehende
Vasone\irosen werden durch reine Diathermie beeinflußt, gleichgültig,
ob es sich um spastische oder paralytische Zustände handelt. Fast stets
genügt die lokale Behandlung am Ort des Auftretens. (Kranken-
geschichten siehe weiter unten.)
Eine Anzahl der im vorstehenden beschriebenen Symptome wird
gelegentlich bei der Hysterie beobachtet. Da diese Erkrankung zweifel-
los keine einheitliche ist, da sie femer häufig kombiniert mit anderen
206 Klinischo Anwendung d^ Diathermie.
AffeküoDen auftritt und infolgedessen die Bewertung des einen oder des
anderen Symptome« als Folge einer Nervenerkrankung oder einer sie
überlagernden Hysterie schwierig ist, so ist es nicht verwxinderlich,
daß die therapeutischen Resultate eine schwankende Beurteilung er-
fahren haben. Manche Autoren haben aus ihren Fällen den Schluß
gezogen, daß die Hysterie sich gar nicht für die Hochfrequenz eigne, und
daß der Mißerfolg dieser Therapie gewissermaßen die Diagnose Hysterie
unterstütze. Demgegenüber ist zu betonen, daß.zunächst die Forderung
der Anpassung der Hochfrequenztherapie in ihrer speziellen Ausföh-
rungstechnik an die besonderen Eigentümlichkeiten des zu behandelnden
Patienten möglichst streng durchgeführt werden muß, -was nach den
Literaturberichten nicht mit Sicherheit erfolgt ist — denn "wir haben
ja mehrfach gesehen, wie verschiedene Applikationsarten geradezu ent-
gegengesetzte Wirkungen haben können — , daß in einer Keihe von
Fällen femer die Methode der Behandlung gar nicht angegeben wurde,
und endlich, daß ich in einer Reihe von Fällen von reiner Hysterie
durchaus prompte Erfolge erzielt habe. (Krankengeschichten.)
Hysterische Parese.
Pat. E., 28 Jahr, 19. Mai 08. Verheiratet. Vor 9 Wochen Entbindunf
Am Tage vorher kurze Bewußtlosigkeit. Seitdem Schmerzen rechts im Kopfe,
Reflexe erhöht, Schmerzen im Knie, Nachmittag Parästhesien der linken Körper-
hälfte. In den Beinen Sensibilitätsstörungen. Vom 19. Mai bis 5. Oktober: Behiid-
lung mit sinusoidalen Strömen ohne Eriolg.
Befund am 20. August: Reflexe beiderseits erhöht. Plantar plus, Babinski
minus. Keine Sensibilitätsstörungen außer Kältegefühl vor dem linken Ohr und
taubes Gefühl im kleinen Finger links. Subjektiv keine Schmerzen» nur noch
etwas Schwäche, Analgesie der linken Körperhälfte: subjektiv Hypästhesie
links, Dermographismus links, keine Ataxie, Wärmegefühl objektiv normal
Am 5. Oktober: Einleitimg der Hochfrequenzbehandlimg.
Nach 10 Sitzungen Geh vermögen normal; Parästhesien geringer, aber DOch
vorhanden.' Behandlung wegen genügender Besserung und zu großer Entfer-
nimg abgebrochen.
Angioneurotisches ödem.
Pat. B., 28 Jahr, 4. September 08. Hände und Füße schwellen plötzlich,
besonders in der Wärme, seit mehreren Jahren an; friert oft, kein Appetit, Stuhl
angehalten. Hämorrhoiden, öfter Blut im StiAil und Stuhldrang ohne "Erfolg,
stets Kopfschmerzen, Cor sehr wenig nach rechts und links verbreitert, 2. Aorten-
ton akzentuiert, leichte Irregularität, Radialis auffallend weich, Puls klein. Keine
Varicen.
Urin klar, geringes Sediment. 9. September: Hochfrequenztherapie. N»<>h
lOtägiger Behandlung wesentliche Besserung des Allgemeinbefindens und des Ap-
petits; Anschwellimgen treten selten und in viel geringerem Maße auf, werden
aber noch subjektiv empfunden.
Parästhesien.
Pat. R., 47 Jahr, 8. Januar 09. Seit 1 Jahre Schmerzen im rechten Unter-
schenkel, Parästhesien, Kältegefühl, Fuß wird weiß. Hinken. Ebenfalls Parästhe-
sien in den Händen. Zyanose der beiden ersten Zehen rechts, die drei letzten
blaß. Babinski negativ; Fußsöhlenreflex erhöht, Fußklonus angedeutet. Patellax*
reflex erhöht. — Lmks normal, ebenso Fußsohlenreflex; Babinski fehlt. Oppenheini-
scher Reflex beiderseits vorhanden. Haut des rechten Fußes deutlich anämisch'
Unterscheidungsvermögen für Kälte und Wärme rechts aufgehoben, links erhalten.
Rechter Oberschenkel im Verlauf der Vena saphena stark schmerzhaft. Hyp^^*
ästhesie, rechts Reflex im Abdomen erhöht, starke Hauthyperästhesie.
Zentrale nervöse Erkrankungen. 207
Hochfrequenztherapie im Kondensatorbett mit lokaler Diathermie kombi-
niert. — Im Laufe von 2 Monaten tritt allmähliches Aufhören der Beschwerden
ein. Die Färbung des Fußes ist eine vollkommen normale. Kalt imd warm sowie
feine Pinselstriche werden deutlich empfunden. Reflexe nicht mehr erhöht, im
übrigen jedoch unverändert. Keine Hyperästhesie der Haut. Pat. geht, ohne zu
hinken, beliebig lange.
Pruritus.
42 Jahr, 21. Dezember 07. Seit IV4 Jahren Gelenkrheumatismus, seit
15 Jahren Psoriasis, die jedoch nicht juckt. Wird mit Bädern behandelt. Seit
Ende Oktober 07 starkes Jucken, besonders abends im Bett, am ganzen Körper.
Keine Urticaria fa>ctitia. Seit September gerät er gar nicht mehr in Schweiß. Am
21. Dezeinber: 1. Hochfrequenzsitzung. In der auf die Bestrahlung folgenden
Nacht bestand starkes Jucken, danach Schweißausbruch, und seitdem fast völlig
frei von Jucken bis zum 24. Dezember.
2. Sitzung am 24. Dezember. Danach beschwerdefrei.
3. Sitzung am 30. Dezember. Die letzten 2 Tage wieder etwas Jucken am
Gesäß.
Am 5. Februar: Nur noch ab imd zu leichtes Jucken zwischen den Beinen.
Psoriasis nicht deutlich beeinflußt. Schlaf gut.
28. Februar: Kein Jucken mehr, Psoriasis wenig gebessert. Geheilt entlassen.
Angioneurotische Ödeme.
Pat. L., 10. Januar 08, 17 Jahr. Anschwellungen des Gesichts und der
Hände bei Einwirkimg von Kälte oder Sonnenlicht, starkes Jucken, Hochfrequenz.
20. Januar: Geheilt entlassen.
Schwere Neurasthenie.
50 Jahr alt, 1897 Uterus entfernt wegen eines Gewächses. Seit Oktober 09
Klagen über Kopf- und Magenschmerzen, Unbehagen, Druck im Magen, als ob
eine Bleikugel darin wäre. Aufstoßen, Schwindelgefiüil, Angstgefühl bei Kopf-
bewegungen imd im Kopf innerliches Knistern, so daß Pat. mit steifem Hals da-
sitzt, ohne eine Kopfbewegung zu wagen. Leidender Gesichtsausdruck. Dieser
Zustand besteht seit 5 Monaten unverändert, trotz dauernder Spezialbehandlung
durch einen Nervenarzt. Pupillen o. B. Reflexe do. Hat infolge einer strengen
Diätkur stark an Gewicht abgenommen, da ärztlicherseits Fettherz festgestellt
wurde. Organe o. B. Cor nicht vergrößert. Während der Untersuchung werden
Kongestionen nach dem Kopf beobachtet. Einleitimg der Hochfrequenzbehandlung
am 16. Februar 10.
Am 19. Februar sind die vorher dauernd bestehenden Kopfschmerzen wesent-
lich gebessert.
Am 15. März besteht nur noch etwas Druck im Kopf.
23. April: Allgemeinbefinden gut. Pat. ist frei von Beschwerden. Zyanose,
die anfänglich vorhanden war, vo&ommen geschwunden.
Bis zum 15. September war Pat. vollkommen beschwerdefrei. Dann trat
wieder leises Knistern im Genick ein, und sie klagte über Zusammenzucken im
Schlaf beim Einschlafen, so daß sie davon jedesmal erwacht und das Gefühl hat,
aus dem Bett zu fallen. Allgemeinbefinden im übrigen gut. Magenbeschwerden
sind nicht wieder aufgetreten, auch das Angstgefühl nicht. Hochfrequenz weiter.
Pat. hat 15 Pfund zugenommen.
Ende Februar 1913 stellt sie sich wieder vor. Sie fühlt sich vollständig wohl.
Die alten Beschwerden sind nicht wieder aufgetreten. Pat. macht einen gänzlich
veränderten frischen Eindruck gegenüber dem früheren Zustand.
Neurasthenie.
Pat. H., 23 Jahr, Schmerzen in Brust und Bücken. Unregelmäßig, manch-
mal besser, manchmal schlimmer, Lunge o. B., Cor do. Jedoch schnelle Aktion
(100), niedriger Pulsdruck.
Hochfrequenzbehandlung am 12. September 10.
Am 15. Oktober: Ohne Veränderung des objektiven Befundes sind sämtliche
Beschwerden geschwunden. Herzaktion noch etwas beschleunigt (88). Pat. ist
vollkommen arbeitsfähig.
208 Klinisoho Anwendung der Diathi-nnic.
Wesentlich sicherere Erfolge erzielen wir bei einem grcßeii Prczent-
salz der Fälle von Tabes dorsalis. Ich habe in den Jahren 1906—1912
133 Tabeafälle mit Hochlreqiicnzströnien behandelt, anfänglich, als mir
nur D'Areonvalapparate zur Verfügung standen, lediglich znit diesen,
späterhin teils kombiniert, teils allein mit Diathermie. Wenn wir
uns ein Urt«il über die Wirksamkeit einer Therapie bei der Tabes machen
wollen, 80 müaeen wir uns vor allem gegenwärtig halten, daß wir es
hier mit einem Leiden vielgestaltigsten Charakters zu tun haben. Wir
kennen Fälle, die in fast akuter Weise mit heftigen Symptomen ein-
setzen und in wenigen Jahren zum Tode führen. Wir kennen andere
Fälle, die eich schnell bis zu einem gewissen Stadium entwickeln, dann
lange stationär bleiben, wiederum andere, die einen äußerst schleichenden
Verlauf haben, jahrelang etillst«hen oder sich scheinbar bessern, kurzuiD,
die Prognose des einzelnen Falles ist äußerst zweifelhaft. Sie wird
femer dadurch erschwert, daß wir in einzelnen Fällen parsiytiscbe
Gehimsymptome damit verbunden sehen, die die Beurteilung von
vornherein ungünstiger gestalten. Der unberechenbare Verlauf er-
schwert die kritische Beurteilung des Erfolges jeder Therapie, und »i
wird man aus einzelnen Beobachtungen keinen irgendwie bindenden
Schluß ziehen können. Wenn aber in einer Beihe von 133 Fällen, die zum
Teil 5 Jahre lang beobachtet sind, in «nem großen Prozentsatz, dieser
Fälle nicht nur einmal, sondern bei jedesmaligem Wiedereinsetzen
der Therapie gewisse Besserungen erzielt werden, so darf man füglich
den Einwand der Zufälligkeit der Resultate zurückweisen. Hierbei ist
wohl zu verst«hen, daß bei einer Erkrankung, bei der wir im günstig-
sten Falle einen Stillstand erstreben dürfen, von definitiven und Dauer-
heilungen keine Rede sein kann. Alles, was wir bei diesem Leiden an
Besserungen, Stillstand und Verringerung von Beschwerden beschreiben
wollen, ist lediglich in diesem Sinne zu beurteilen^).
Es würde zu weit führen, an dieser Stelle jeden einzelnen Fall
<lurch zusprechen, und ich ziehe es daher vor, die Beeinflussung der
einzelnen Symptome durch die Hochfrequenztherapie zu beleuchten,
und zwar beschränke ich mich auf die Betrachtung der Schmerzsym-
ptome, der Krisen, der Ataxie, der Reflexe, der Sensibilität sstörungen,
gewisser Funktionsstörungen, des Gesamtkräftezustandes und allge-
meinen Befindens.
') Man hat in den letzten Jahren vielfach von dem Einfluß der 9 pezifisohen
Therapie auf die Tabes gesprocben. Ich habe mich selbst in einer Reihe ro»
'on zweifellosen Besserungen durch Salvaraan sowie beHonders durch Silber-
.n übemeugen können und glaube, daß die von manchen Neureichen nocli
ielfach gehegte Abneigung gegen die spezifische Therapie dadurch yer-
wird, daß die Technik dieser Behandlung m ungenügender Weise ausgelährt
uroeist wird ja die spedfische Behandlung von den Neurologen nicht selbst
führt, sondern Spezialäraten der Syphilidologie übertragen. So ist («
ih, daß, entsprechend der Neigung, der syphilitischen Infektion mit möS'
tenmven Mitteln zu Leibe zu gehen, auch in Fallen der syphilitechen Nach-
ungen die gleiche Methodik womöglich noch intensiver dnrchgefübrt wii^-
Fälle von Tabes vertragen diese Behandlung. Die meisten zeigen danach
Ute Verschlimmerung, und so habe ich schon 1910 in Königsberg auf der
rschcrversainmlung darauf hingewiesen, dnö man die spezifische Behand-
Zentrale nervöse Erkrankungen* 20d
Die Schmerzsynbptome zerfallen in verschiedene Gruppen,
die bei den einzelnen Patienten gleichzeitig, nacheinander oder vereinzelt
auftreten können. Die typischsten -Schmerzen sind die sog. lan-
zinierenden. Sie werden zwar von den Patienten ziemhch universell
im ganzen Körper geklagt, treten aber doch vorwiegend an einzelnen
PrädilektionssteUen auf. Es sind dies das Peroneal- und Ulnarisgebiet.
Es gibt wohl wenige Tabiker, die von diesen Schmerzlokalisationen ver-
schont bleiben. Häufig werden Schmerzen in der Gegend der Eoiöchel,
des Fußrückens, um die Kniescheibe herum, in der Achselhöhle, seltener
in der Inguinalgegend imd an einem Punkt, der imgefähr dem Tuber
Ischii in der Hautprojektion entspricht, geklagt. Für diese ganze Gruppe
von lanzinierenden Schmerzen hat sich mir die Hochfrequenzdusche
am meisten bewährt. Man sieht nicht selten nach der ersten kräftigen
Applikation auffallende Bessenmgen. Die Patienten können Narkotika
entbehren. In den meisten Fällen aber sind wiederholte Bestrahlungen
nötig, imd das Resultat ist meist das folgende:
Unmittelbar nach den Sitzimgen treten während der nächsten
3—4 Stimden zwar noch mehr oder weniger heftige Attacken auf, aber
die Patienten stehen diesen Attacken objektiver gegenüber. Die Schmer-
zen sind mitunter ebenso stark wie vorher, werden aber leichter ertragen.
Nach einigen Stunden klingen sie dann ab, werden wesentKch schwächer
und seltener imd hören ganz auf. Nicht selten beobachtet man jedoch
auch ein sofortiges Verschwinden der Schmerzen während der Sitzung
oder unmittelbar darnach. In der Mehrzahl der Fälle geben die Pa-
tienten an, daß nach einer Behandlung von mehreren Wochen, die erst
täglich, dann jeden zweiten oder dritten Tag stattfindet, ein dauerndes
Sistieren der Schmerzen eintritt. In vielen Fällen blieben sie voll-
ständig frei von lanzinierenden Symptomen. Manchmal geben sie an,
daß die Schmerzen „muckem", aber nicht mehr zum Durchbruch
kommen. Sistiert man die Behandlung, so tritt nach einigen Wochen
oder Monaten ein allmähliches Zunehmen dieses „Muckems" auf, das
schließlich wieder zum lanzinierenden Schmerz anwächst. Kehren die
Patienten zur Behandlung zurück, bevor ausgesprochene Schmerzen
da sind, so kann man sie mit derartigen intermittierenden Kuren lange
lung der Tabes gewissermaßen mit einschleichender Methodik durchführen muß,
und über einige Fälle berichtet, die ich mit kleinsten, aber häufig wiederholten
Dosen von Salvarsan: 0,1 und 0,15, in chromscher, aber schließlich doch intensiver
Weise behandelt habe. Man sieht selbst nach kleinen Dosen mitunter akute Ver-
schlimmerungen auftreten, die aber niemals einen so foudroyanten Charakter
tragen, wie wir sie nach einer Schmierkur von normaler Dosierung oder, einer
VoUdosis Salvarsan auftreten sehen. Diese leichten Exazerbationen oder Keizungen
klingen nach wenigen Tagen oder Wochen ab imd ermöglichen die Erneuerung
und Fortführung der Behandlung. In dieser Weise kann man den Patienten in
wenigen Monaten eine Gesamtdosis von 2^2 g beibringen, ohne sie zu schädigen,
und auch stetige Besserungen des Befindens beobachten. In den letzten 7 Jahren
habe ich bei all meinen Tabespatienten die spezifische Kur durchgeführt oder
durchführen lassen und kann daher diese Fälle statistisch für die Bewertung
der Hochfrequenztherapie nicht benutzen. — Diese von mir 1910 angegebene
spezifische Behandlung mit kleinsten Dosen ist inzwischen allgemein anerkannt
worden.
' NageUohmidt, Diathermie. 2. Aufl. 1^
210 KliniBohe Anwendung der Diathermie.
Zeit schmerzfrei erhalten, iu maiicheu ü'äiieu genügt eine z\iei- bis
dreimalige Behandlmigsserie im Jahre. Andere vertragen nur wenige
Wochen Intervalle, mid wiederum andere müssen gewissermaßen
dauernd alle 8—14 Tage ein oder zwei Male behandelt werden, um
schmerzfrei zu bleiben. Setzen sie aber die Behandlimg längere Zeit
aus, und beachten sie die prämonitorischen Symptome des Wieder-
auölackems nicht, so kann es wieder zu den gleichen heftigen Schmerz-
attacken kommen. Hierbei ist bemerkenswert, daß diejenigen Fälle,
die über die heftigsten vSchmerzen klagen, meist am besten reagieren,
während bei Patienten mit beginnender Tabes, die die Schmerzen
noch für quasi rheumatische auffassen, die Resultate weniger frappant
wind. Erschwerend wirkt stets hierbei sowie bei den anderen Symptomen
der Tabes der Morphinismus. Ich habe mitunter geradezu den Eindruck
gehabt, daß die großen Morphiumdosen ähnliche Symptome produ-
zieren wie die Tabes selbst. Jedenfalls aber ist die Aktion der Hoch-
frequenzströme bei der Komplikation mit dem Morphinismus undeut-
licher. Gelingt es, das Morphiumbedürfnis herabzusetzen, so werden
damit auch die Resultate der Hochfrequenzbehandlung besser.
Eine zweite Gruppe der Schmerzsymptome betrifft den typischen
Gürtelschmerz, der häufig eines der ersten subjektiven Symptome der
Tabes darstellt; er belästigt die noch nicht an die heftigen Schmerz-
attacken gewöhnten Patienten meist sehr erheblich. Die Lokalisierung
dieses Schmerzes ist eine sehr ungenaue. Die Patienten können keine
bestimmte Stelle angeben, und die Behandlimg mit der Dusche versagt
häufiger. Indessen erzielt man durch Anwendung der Kondensator-
elektrode rings um den Thorax herum öfters gute Resultate. Man muß
hierbei sehr vorsichtig sein, da durch zu intensive Hautreize nicht selten
zuerst eine Verschlimmerung der Beschwerden eintritt. Vielleicht liegt
hierin das Versagen der Hochfrequenzduschenentladungen in manchen
Fällen begründet. In anderen Fällen hilft wiederum die Dusche aus-
gezeichnet. Es hat sich als zweckmäßig erwiesen, besonders in Initial-
fällen, die Kondensatorelektrodenbehandlung möglichst schwach zu
beginnen und die Patienten gewissermaßen an den Hautreiz zu gewöhnen.
Erst wenn sie durch eine Reihe von Sitzungen eine Besserung der
Hauthyperalgesie, die häufig besteht, erfahren haben, vertragen sie auch
stärkere Applikationen. In manchen Fällen jedoch muß man dauernd
bei den schwächsten Dosierungen verbleiben. Andere Fälle dagegen
reagieren schon von vornherein auf die schwachen Dosen weniger gut,
dagegen günstig auf so intensive Applikation, daß die Thoraxhaut
vollständig krebsrot wird. Das kann man im voraus nie bestimmen
und muß im einzelnen Fall probieren.
Sind mit dem Gürtelgefühl Hyperalgesien der Haut verbunden,
die wir auch häufig in etwa ovalen Herden an einzelnen Stellen der
Extremitäten wiederfinden, z. B. an der Vorderfläche der Oberschenkel,
um das Knie herum, in der Wadengegend, auf dem Fußrücken, an den
Oberarmen usw., so tritt hier vorwiegend die Diathermie in ihre Rechte.
Haben wir einen solchen hyperalgetischen Herd vor uns, so müssen wir
hier eine besondere Technik anwenden. Da die Patienten die leiseste
Zentrale nervöse Erkrankungen. 211
Berührung, z. B. die Bedeckung mit dem Hemd oder einer leicjiten
Schlafdecke, als heftigen Schmerz empfinden, vertragen sie häufig auch
nicht die Applikation der Plattenelektrode. Es empfiehlt sich dann,
den hyperalgetischen Herd zwischen die Elektroden zu fassen, indem
man die Elektroden auf derselben Fläche der Extremität oder des
Thorax in größerer Entfemimg voneinander aufsetzt. Hat man die
Diathermierung in dieser Weise vorgenommen, evtl. von verschiedenen
Applikationsstellen aus, so ist die Hyperalgesie meist so weit ge-
schwunden, daß nimmehr der direkte Kontakt der Elektroden ver-
tragen wird. Ich habe häufig gesehen, daß Patienten, die unter den leb-
haftesten spontanen Schmerzäußerunegn wegen einer heftigen lokalen
Hyperalgesie in die Sprechstunde kamen, nach wenigen Minuten der
Applikation vollkommen schmerzfrei wurden. Die Differenzienmg
dieser Hyperalgesien von lanzinierenden Schmerzen ist mitunter recht
schwierig; er gibt Formen, die gewissermaßen rheumatischen Charakter
haben, d. h. längere Zeit in gleicher Weise bestehen, und andere Formen,
bei denen die Hyperalgesien lanzinierenden Charakter tragen. Letztere
reagieren häufig gut auf Duschenbestrahlungen.
Vielfach treten die lanzinierenden Schmerzen sowohl wie die Hyper-
algesien und das Gürtelgefühl krisenartig auf. Die Patienten bekommen
in verschieden langen Intervallen stunden- oder tagelang anhaltende
Attacken und sind in der Zwischenzeit schmerzfrei. Durch die Hoch-
frequenzbehandlung in der oben geschilderten Form gelingt es, in einem
erheblichen Prozentsatz der Fälle die Pausen zwischen den einzelnen
Krisen zu verlängern, die einzelnen Anfälle kürzer und leichter zu ge-
stalten und mitunter für eine gewisse Zeit ganz zu verhindern.
Das gleiche gilt von den eigentlichen Krise n, von denen die Magen-
krisen an Häufigkeit und Intensität im Vordergnmd des Interesses
stehen. Es ist ja bekannt, daß es bei dem wechselvollen Verlauf der
Tabes nicht selten vorkommt, daß Patienten einige Jahre lang Sym-
ptome eines bestimmten Charakters aufweisen. So sind häufig die lan-
zinierenden Schmerzen, die anfänglich als Rheumatismus gedeutet
werden, die einzigen Symptome, und in den folgenden Jahren können sie
vollkommen in den Hintergrund treten und durch Magenkrisen z. B. ab-
gelöst werden. In anderen Fällen sind wiederum zunächst leichte,
mitunter gleich von vornherein schwere Magenkrisen die ersten Sym-
ptome, welche auf die wahre Natur des Leidens hindeuten, imd können
im späteren Verlauf wieder vollkommen verschwinden. Es wäre deshalb
aus dem Aufhören von Magenkrisen in einem oder wenigen Fällen
kein Rückschluß auf den Erfolg der Therapie möglich. Wenn man aber
sieht, daß sowohl in demselben wie in zahlreichen verschiedenen Fällen
Krisen, die einen bestimmten Charakter in bezug auf Häufigkeit des
Auftretens, Intensität der Erscheinungen und Dauer derselben auf-
weisen, immittelbar nach dem Einsetzen der Therapie wesentlich milder
verlaufen, ja, ganz kupiert werden, sehr viel seltener auftreten oder
ganz ausbleiben, imd daß diese Erscheinungen in einer Reihe von Fällen
sich stets im Zusammenhang mit der Therapie wiederholen, so wird
man trotz des Versagens in einzelnen Fällen den therapeutischen Effekt
14*
212 Klinische Anwendung der Diathermie.
der Hochfrequenzströme nicht leugnen dürfen. Das ergibt sich auch aus
dem subjektiven Empfinden des Patienten. Denn gerade die Tabiker
mit ihrer meist geringen Energie würden nicht jahrelang stets wieder
die Behandlung aufsuchen, wenn sie ihnen keine Erleichterung brächte.
Es ist keineswegs ein seltenes Vorkommnis, wenn ein Tabiker im Beginn
einer schweren Magenkrise apathisch, mit Übelkeit imd Erbrechen
dauernd kämpfend, vor Schmerz weinend zur Behandlung gebracht
oder getragen wird imd nach wenigen Minuten der Applikation eine
Facies composita annimmt imd beschwerdefrei den Behandlungsraum
verläßt, allein die Treppe hinimtergeht imd am nächsten Tage in gutem
Zustande wieder zur Behandlimg kommt. (Siehe Krankengeschichten.)
In gleicher Weise reagieren Darm-, Pharynx-, Larynx-,
Vulva-, Vesikalkrisen. Allerdings muß die Technik der Behandlung
der jeweiligen Lokalisation angepaßt werden. Während bei Magenkrisen
die Duschenbehandlung in den meisten Fällen zum Ziele führt und nur
eine relativ kleine Zahl besser auf Diathermieapplikationen im Bereich
des Abdomens oder auf intrastomachale Metallsondenelektrisierung
reagiert, erfordern Vesikalkrisen, die wahrscheinlich in den meisten
Fällen als Urethral- oder Sphinkterkrisen aufzufassen sind, eine intraure-
thrale Lokalbehandlung. Ich führe diese meist unter Kokainisienmg
mittels Einführung eines Metallkatheters bei gefüllter Blase aus, während
der Patient die andere Elektrode als Metallhandgrifi in den Händen hält.
Die indifferente Elektrode kann auch als Metallplatte auf den Leib oder
unter das Kreuz gelegt werden. Die erforderüche Stromstärke ist gering,
und die Verwendung des primären Solenoids eines D'Arsonvalapparates,
d. h. 50—100 Milliampere, genügt in vielen Fällen. Ich habe Fälle
gesehen, in denen derartige Krisen, die seit Monaten unverändert täglich
mehrere Male auftraten, schon nach der ersten Behandlung eine wesent-
liche Besserung aufwiesen und nach 4—5 Sitzungen bis auf geringe Sensa-
tionen beseitigt wgren. Insbesondere reagiert das Gefühl des Tenesmus
zuerst. Allerdings ist es wichtig, dafür zu sorgen, daß der häufig vor-
handene Blasenkatarrh, eine Folgeerscheinung des von vielen Tabikem
selbst geübten Klatheterismus, ebenfalls behandelt und beseitigt wird.
Indessen sind die eigentlichen Vesikalkrisen nicht von einem Blasen-
katarrh abhängig. Es gibt Tabiker, die dauernd Inkontinenz und Zystitis
haben, aber niemals Blasenkrisen, und andere, die bei klarem Urin an
heftigsten Blasenkrisen leiden.
Nicht alle Krisen der Tabiker brauchen mit heftigen Schmerzan-
fällen einherzugehen. So treten mitunter Magenkrisen auf, die sich ledig-
lich in Prostrationen imd Erbrechen äußern, oder Abdominalkrisen,
bei denen Tage und Wochen anhaltender Singultus besteht, teils mit,
teüs ohne Erbrechen. Die neuralgische, hypermotorische oder hyper-
sekretorische Form dieser Krisen ist nicht für den Erfolg oder Mißerfolg
der Hochfrequenztherapie maßgebend. Die Larynxkrisen können mit
heftigem Stechen verbunden sein, können sich aber auch in einfachem
andauernden Hustenreiz äußern, kurzum, es ist in meinen Fällen eine
Unzahl verschiedener Erscheinungsarten tabischer Beschwerden ver-
treten. Die Behandlung ist für alle die gleiche sowie überhaupt für die
Zentrale nervösfe Erkrankungen. 213
Tabes, nämlich stets bipolare Applikation der Hochfrequenzströme
imd möglichst lokale Applikation wenigstens von einem Pol aus. Ist die
Lokalisation unmöglich, wie z. B. beim Singultus, so sind auch die
therapeutischen Resultate gering.
Es ist ratsam, bei der Tabes die Behandlung nicht nur lokal vor-
zunehmen, sondern ich habe es mir schon von Anfang an zur Regel ge-
macht, im immittelbaren Anschluß an die lokale Therapie die Allge-
meinbehandlung einer möglichst großen Oberfläche des Körpers, sei
es mit der Dusche oder mit der Kondensatorelektrode, auszuführen.
Selbstverständlich müssen wir auch andere äußere Momente, welche
erfahrungsgemäß von Einfluß auf den Verlauf der Krankheit sind,
berücksichtigen. So ist es zurzeit nicht zu erklären, aber doch unver-
kennbar, daß Witterungseinflüsse von großer Bedeutimg sind. Bei
jedem Wetterumschlag sowie bei feuchtem Wetter, ganz besonders
aber bei Gewitterneigung erscheinen die tabischen Patienten fast voll-
zählig wieder zur Behandlimg, und es ist daher zweckmäßig, sobald man
sie durch die Hochfrequenztherapie in einen erträglichen Zustand
gebracht hat, sie in ein konstantes, möglichst warmes Klima zu bringen.
Auch Elälteprozeduren, wie sie vielfach zur sog. Abhärtung empfohlen
werden, insbesondere Behandlimg mit kaltem Wasser und Duschen,
sind dringend zu widerraten. Solche Kuren werden zumeist unangenehm
empfunden und in vielen Fällen außerordentlich schlecht ertragen. Ich
habe wiederholt beobachtet, daß Patienten sich zur Hochfrequenz-
behandlung entschlossen, nachdem sie infolge von hydriatischen Proze-
duren eine akute Verschlimmerung ihres vorher stationären Leidens
erfuhren. Ebenso kann eine zufällige Durchnässung Krisen und lan-
zinierende Schmerzen auslösen. Ein weiterer wichtiger Grundsatz
bei der Tabesbehandlung ist die Vermeidung von körperlichen imd
geistigen Überanstrengungen. Ich komme darauf bei der Besprechung
der Übimgstherapie zurück.
Ein überaus lästiges Symptom, von dem nur wenige Tabiker ver-
schont bleiben, ist die Inkontinenz der Blase. Infolge der Sensibili-
tätsstörung empfinden die Tabiker keinen Urindirang, und die Innervation
der Blasenmuskulatur ist ebenfalls gestört und erschwert daher die
Entleerung. Infolge des fehlenden Urindranges erklären die Tabiker
auf Anfrage häufig, sie hätten eine ausgezeichnete Blase und brauchten
sie nur des Morgens imd des Abends zu entleeren, und so beobachtet
man nicht selten Überdehnungen bis zum Nabel hinauf und darüber.
Die Folge dieser Überdehnung ist eine mechanische Insuffizienz des
Sphinkter, der allmählich seinen Tonus verliert, und es tritt zuerst
noktume, später diume Inkontinenz auf. Auch die Entleerung der ge-
füllten Blase macht dem Tabiker Schwierigkeiten. Die atonische Blasen-
muskulatur genügt nicht, und auch die Zuhilfenahme der Bauchpresse
ermöglicht dem Tabiker trotz großer Anstrengung oft keine vollkommene
Entleerung. Am besten gelingt sie noch meist bei Gelegenheit der
Defäkation. Die intravesikale Hoichfrequenzbehandlung gibt hier mit
wenigen Ausnahmen ausgezeichnete Resultate. Ich habe zwar in keinem
Falle bisher eine Wiederkehr der Blasensensibilität bzw. Sphinkter-
214 Klinische Anwendung der Diathermie.
Sensibilität in dem Sinne gesehen, daß die Patienten nun wieder Urin-
drang verspürten; aber der Tonus der Blasenmuskulatur und der des
Sphinkter wird so weit erhöht, daß eine komplette oder fast komplette
Entleerung möglich ifet. Nach wenigen Sitzungen beobachtet man,
daß die Tabiker bei jeder* Miktion eine ungefähr normale Urinmenge
entleeren, während sie vorher trotz Fressens nur beim Stuhlgang eine
genügende Urinentleerung erzielen konnten. Hält man sie dazu an,
daß sie regelmäßig alle 3 Stimden \md des Nachts, sooft sie wach werden,
den Versuch der Blasenentleerung machen, so kann man dauerndes
Verschwinden der Blasenüberdehnung und der Inkontinenz erzielen.
Ich habe Patienten gesehen, die mit einem Besidualham von 400 com
bei einer ad maximum überdehnten Blase und dauernder Inkontinenz
zur Behandlung kamen, deren Besidualharn auf zurückging, und die
ohne erneute Blasenbehandlung jahrelang in diesem Zustande blieben.
(Siehe z. B. Krankengeschichte S. 224f.) In manchen Fällen muß man
die Blasenbehandlung auf 4—6 Wochen ausdehnen oder sie alle paar
Monate einigemal wiederholen. Stets wird man aber finden, daß die Urin-
inkontinenz dasjenige Symptom der Tabiker ist, welches durch Hoch-
frequenzbehandlung mit fast absoluter Sicherheit beseitigt werden
kann.
Bei Frauen bessert sich die Inkontinenz weniger gut, weil der an
sich schlechtere Verschlußapparat der Blase, der schon normalerweise
bei älteren Frauen häufig versagt, auch bei mäßigem oder geringem
Residualham keineswegs genügend ist.
Eine ebenso lästige Erscheinung, die von den Tabikem mit großer
Regelmäßigkeit geklagt wird, ist die Störung der Stuhlentleerung.
Es kommt hierbei allerdings nicht häufig zur Inkontinenz oder nur erst
in sehr vorgeschrittenem Stadium, zumeist bei Taboparalyse. Aber
die Patienten sind nicht imstande, in normaler Weise, d. h. durch ein-
malige Aktion, die vierundzwanzigstündige Stuhlentleerung zu erzielen.
Sobald sie morgens aufwachen, fühlen sie einen lästigen Stuhldrang,
entleeren ein geringes Quantum mit oder ohne Schmerzen, und dieser
Vorgang wiederholt sich während einer Eeihe von Stunden mehrere
Male, so daß sie den ganzen Vormittag mit dieser Beschwerde ver-
bringen. Nicht selten besteht hierbei ein unangenehmer Tenesmus,
der zu heftigen Schmerzen während der Defäkation die Veranlassung
gibt. Auch hier sind die Erfolge der lokalen Hochfrequenztherapie
ausgezeichnete. Die diathermische Wirkung telativ geringer Hoch-
frequenzintensitäten mittels einer Metallrektalelektrode (Abb. 36f .) tritt
oft schon nach der ersten Sitzung ein. Die Tonisierung der Sphinkter-
muskulatur sowie der austreibenden Darraabschnitte wird am besten
nicht nur durch die einfache Diathermierung erzeugt, sondern die Er-
folge werden wesentlich gesichert und imterstützt, wenn man hierbei,
ebenso wie bei der Behandlung der Blase und des Urethralsphinkters,
indirekte FunkenappUkation mit heranzieht. Sie wird in der bekannten
Weise ausgeübt, daß der Patient eine Elektrode entweder in die Hände
nimmt oder auf ihr liegt oder auf den Leib appliziert erhält, während
die Urethral- oder Eektalsonde sich ohne Kontakt mit dem Hoch-
Zentrale nervöse Erkrankungen. 215
f requenzapparat in situ befindet und nun von dem anderen Pol Funken
a,\x£ das herausragende Ende der Sonde geleitet werden. Je nach der
Xiänge dieser Funken bzw. der Intensität werden mehr oder weniger
Iträftige Muskelreizungen durch diese Hochfrequenzkondensatorent-
ladungen produziert. Das eminent tonisierende und anregende Ver-
mögen dieser Reizungen auch auf die Skelettmuskulatur habe ich bereits
erwähnt.
Die sonstigen Parästhesien, Juckkrisen, Kribbeln, taubes Gefühl
und andere subjektive Erscheinungen bei Tabikem werden alle in der
gleichen Weise behandelt.
Bei den Arthropathien der Tabiker müssen wir stets eine kombi-
nierte Behandlung anwenden. Häufig sind enorme Deformierungen der
Gelenke ohne jegliche subjektive Beschwerden vorhanden. In diesen
Fällen wird man von einer Hochfrequenztherapie absehen und sich auf
die Verordnung von Stützapparaten, Massage, Jothioneinreibungen,
evtl. Druckverbänden beschränken, um eine weitere Verschlimmerung
des Leidens zu verhüten. Bestehen jedoch Schmerzen, die ja durchaus
nicht immer tabisch, sondern gelegentlich auch rheumatisch oder gichtisch
sein können, so empfiehlt sich eine energische Diathermiebehandlung,
die zwar ein hochgradig deformiertes Gelenk nicht ad integrum resti-
tuiert, wohl aber eine gewisse resorbierende Wirkung und vor allem
Aufhören der Schmerzhaftigkeit bewirkt. Auch hier ist stets eine ortho-
pädische Behandlung indiziert.
Eigentümliche Resultate ergibt die Beobachtung der Sensibili-
tätsstörungen. Es kommen bei den Tabikem die verschiedensten Er-
scheinungen kompletter oder partieller Störungen der Gefühlsqualitäten
vor. Abgesehen von den Geschmacks- und Geruchsparästhesien, be-
züglich deren Behandlung ich keine eigenen Erfahrungen besitze, ist
das Verhalten der Berührungsempfindung unter dem Einfluß der
Hochfrequenzströme besonders interessant. Die Sensibilitätsstörungen,
die besonders an den imteren Extremitäten bei fast allen Tabikem
schon frühzeitig beobachtet werden, und die von großer Bedeutung
auch für die Ataxie sind, sind meist komplett. So werden nicht nur leise
Berührungen oder auch stärkerer Druck nicht oder schwach empfunden,
sondern auch der Schmerz- und Temperatursinn ist erheblich gestört
oder aufgehoben. Die Patienten schildern diese Empfindungsausfälle
dadurch, daß sie sagen, sie gingen ,,wie auf Gummisohlen". Manche
haben die Gewohnheit, sich des Abends beim Auskleiden am ganzen
Körper zu kratzen,^ und geben an, daß sie an den Beinen keine Emp-
findung für diese Berührung hätten, daß es wäre, als ob sie ein Stück
Holz berührten. Es gehört mm zur Eegel, daß nach der Hochfrequenz-
behandlung eine Veränderung dieser Erscheinungen in dem Sinne statt-
findet, daß Nadelstiche, Kalt und Warm weiterhin nicht empfunden
oder unterschieden werden. Dagegen tritt sehr häufig eine Wiederkehr
der Empfindung für die feinsten Pinselberührungen ein, und auch das
Gefühl des „Auf-Gummi-Gehens" und der Taubheit hört auf. Diese
Beobachtungen werden nicht nur bei der Untersuchung festgestellt,
sondern von den Patienten häufig spontan mitgeteilt.
216 Klinische Anwendung der Diathermie.
Im Zusammenhang mit dieser Bessenmg der Sensibilität, wenig-
stens in bezug auf die Berührungsempfindung, steht auch die Besserung
der Ata xie. Im Vordergrund der Ataxiebehandlung steht noch zumeist
die Übungstherapie. Bezüglich dieser Behandlungsmethode, die ja
zweifellos in einer Beihe von Fällen günstige Resultate ergibt, muß
hervorgehoben werden, daß sie doch keine ganz indifferente ist. Die
Willens- und Geisteskonzentration, die seitens der Tabiker nötig ist,
um den Ausfall des Lagegefühls durch Kontrolle vermittels des Gesichts-
sinnes zu ersetzen imd willkürliche Muskelübungen unter dieser Kontrolle
auszuführen, ist so enorm, daß eine übermäßige Beanspruchung der Kon-
zentrationsloräfte hierdurch bedingt wird. Nun ist gerade bei Tabikeni
die Willensenergie häufig herabgesetzt, und es ist eine viel größere
Anstrengimg als bei einem Gesunden nötig, um motorische Leistungen
zu vollbringen. Dies äußert sich in dem überaus schnellen Ermüden der
Tabiker. Der Nutzen, den die Übungstherapie durch Ermöglichung
vorher unmöglicher koordinierter Bewegungen bringt, wird nun in den
meisten Fällen dadurch aufgehoben, daß die intensive Anpassung der
Willensenergie einen unbedingt schädigenden Einfluß auf den Kräfte-
zustand des Patienten ausübt, imd es ist meist fraglich, ob das Weiter-
bestehen der Ataxie, die ja doch nur partiell gebessert wird, diesen
Energieaufwand und die damit verbundene Schädigung des Gesamt-
zustandes aufwiegt. Demgegenüber bietet die Hochfrequenztherapie
den außerordentlichen Vorteil, daß sie unter gänzHcher Ausschaltung
der Willensenergie des Patienten nicht nur die Sensibilität in gewisser
Weise bessert imd restituiert, sondern auch durch die Methode der
indirekten Muskelreizung eine wesentliche Verbesserung des Zustandes
der Muskulatur herbeiführt. Der tonisierende, durch die Hyperämie
nutritionsverbessemde Einfluß dieser Therapie überhebt den Patienten
jeder eigenen Innervationsanstrengung und ersetzt hierdurch in hohem
Maße^die willkürliche Übungstherapie. Die fast regelmäßige Beobachtung,
daß durch die Hochfrequenztherapie, besonders wenn sie sich auf lokale
regelmäßige Muskelübungen in obigem Sinne der für die Fortbewegung
wichtigen Muskelgruppen unter Kontrolle durch den Gesichtssinn
richtet, ganz wesentliche Besserungen der Ataxie, deu muskulären
Leistungsfähigkeit erzielt werden, läßt es wünschenswert erscheinen,
daß die Methode ihrer Anwendung in der Tabestherapie eine ganz be-
sondere Berücksichtigung erfährt. Auch die Elektrorytmik^), die eben-
falls unter Ausschaltung der Willensanstrengung Muskelkontraktionen
herbeiführt, wird bei Tabes mit gutem Erfolg mit der Hochfrequenz-
therapie kombiniert. Sie wirkt bahnend und ist vielleicht der Übungs-
therapie wegen der Ausschaltung der Ermüdung überlegen.
Dazu kommt der tonisierende Einfluß auf das Nervensystem,
der sich in einer subjektiven Hebung des Allgemeinbefindens,
Besserung des Schlafes und erhöhter Leistungsfähigkeit
äußert. Diese Erscheinungen sind ja zum Teil durch die Beseiti-
gung oder Erleichterung der Schmerzsymptome und Krisen bedingt.
1) L c. Aiun. S. 183.
Zentrale nervöse Erkrankungen. 217
Aber auch in den Fällen von Tabes, wo die subjektiven Beschwerden
gegenüber dem Verfall und der Schwäche erheblich in den Hinter-
grund treten, oder in leichteren Fällen, wo sie ebenfalls keine be-
sondere Rolle spielen, werden die gleichen Beobachtungen gemacht.
So gibt ein Patient an, daß er vor der Hochfrequenzbehandlung nicht
imstande war, am Familientische eine Mahlzeit einzunehmen, weil
das Sitzen, selbst angelehnt, ihn hochgradig ermüdete» Nach drei-
wöchentlicher Behandlung nahm er ohne Beschwerden an Diners und
Festlichkeiten teil und konnte sich während dieser der Unterhaltung
widmen, was vorher ganz unmöglich war. Es war dies ein mittel-
schwerer Fall von Tabes mit vier- bis sechswöchentlich wiederkehrenden
Magenkrisen, die bis auf Rudimente fortblieben. Der Patient hat
während der Hochfrequenzbehandlung 18 Pfund zugenommen. Vor
der Hochfrequenzbehandlung befand er sich während der letzten 3 Jahre
in dauernd absteigender Linie.
Bezüglich der Reflexe sind ja Beobachtungen der Wiederkehr bei
sicherer Tabes in der Literatur in wenigen Fällen beschrieben worden.
Ich habe unter meinen Fällen zweimal Wiederkehr des auch bei starkem
lichteinfaU erloschenen Pupillen- und Patellarreflexes gesehen, in allen
anderen FäDen blieben die Reflexe, welche erloschen oder herabgesetzt
waren, unverändert. Nachstehend der eine dieser Fälle:
Pat. F. R., 41 Jahr, Befund am 30. Mai 07: Lanzinierende Schmerzen,
Romberg stark positiv, reflektorische Pupillenstarre, Fehlen der Patellar-
reflexe.
Einleitung der Hochfrequenzbehandlung.
Am 23. Dezember 07: Lanzinierende Schmerzen geschwunden, Romberg
in mäßigem Grade vorhanden, Patellarreflexe erloschen, Pupillen reagieren
prompt. Keine subjektiven Beschwerden außer Andeutung lanzinierender
Sensationen (keine Schmerzen ) bei WitterungswechseL
Ich registriere diese Beobachtung, ohne einen Zusammenhang mit
der Hochfrequenztherapie konstruieren zu wollen.
Überlegen wir uns, wie bei einem organischen Leiden, bei dem
destruktive irreparable Veränderungen von Leitungsbahnen vorhanden
sind, eine wenn auch nur teilweise Restitution bereits ausgefallener
Funktionen (Sensibilität, motorische Lähmung, Atrophie), die in einer
Reihe von Fällen in unzweifelhafter Weise beobachtet wurde, denkbar ist,
und zwar durch äußere Applikation der Hochfrequenzenergie, so ist es
zurzeit unmöglich, eine begründete Erklärung für diese Erscheinungen
zu geben. Sind wir ja doch nicht einmal in der Lage, den tabischen
Symptomenkomplex funktionell zu erklären. Es besteht ein wesentlicher
Unterschied, wie wir mehrfach gesehen haben, zwischen der Wirkung
der Hochfrequenzapplikation in Form der Duschen- und Konden-
satorentladung und der reinen Diathermie. Ich habe oben erwähnt, daß
die einzelnen Tabesfälle in vorher unberechenbarer Weise besser auf die
eine oder auf die andere Applikationsart reagierten. Es lag natürlich
nahe, diese Verschiedenheiten in der Reaktion auf Unterschiede der
Zirkulationsverhältnisse zurückzuführen. So hat man bei Magen-
krisen in manchen Fällen eine pralle Ausdehnung und Vorwölbung der
Aorta abdominalis mit heftiger Pulsation beobachtet. Ich habe diese
218 KHniiohe Anwendung der Biathemue.
Erscheinung nur bei wenigen meiner Fälle gesehen. In den meisten Faliec
war eher ein schlaffer Zustand sowohl der peripheren als der zentralen
iZirkulation nachweisbar. Die meisten meiner Tabiker hatten niedrigen
Blutdruck. Es wäre also wahrscheinlich gewesen, daß die Patienten mit
niedrigem Blutdruck auf die Duschen- und Elondensatorapplikatios
gut reagieren, und diejenigen, bei denen, lokal wenigstens, erethiscbe
Gefäßzustände vorhanden waren, auf die reine Diathermierung Besserung
zeigen würden. Dies war jedoch nicht der Fall. Ich habe ausdrücklicl
hierauf geachtet und konstatiert, daß auch diejenigen Fälle, die auf
Duschenapplikation nicht mit Besserung reagierten, niedrigen Hut-
druck aufwiesen, während die beiden Fälle mit intensiv pulsiereflder
Bauchaorta gerade auf Duschenapplikation sich besserten. Es müssen
also die Unterschiede wohl weniger auf den ErscheinnDgen des boben
imd niedrigen Blutdrucks als auf Verschiedenheiten des Zustandes des
Zentralnervensystems beruhen. Faßt man die Krisen und Beiz-
erscheinungen bei Tabikem dahingehend auf, daß sie infolge des Am-
falls des zerebrospinalen Zentralorgans durch einen vikariiereDden
Eingriff des noch funktionsfähigen sympathischen Nervensystems,
welches ohne die normale Kontrolle mm gelegentlich über das Zfei
hinausschießt, bedingt werden, so würde man hierin vielleicht eine
Erklärung für die therapeutische Wirksamkeit der Hochfrequeiw-
ströme sehen können. Wir haben ja wiederholt darauf hingewiesen,
wie sehr gerade das sympathische Nervensystem durch seine Aus-
breitung innerhalb der Gefäßwände und seine anatomische Struktur
für die Aufnahme der Hochfrequenzenergie prädisponiert ist.
Wir wollen uns indessen nicht an dieser Stelle auf Theorien, die
unbewiesen und unbeweisbar sind, einlassen, sondern rekapitulieren,
daß unter 133 Fällen von Tabes manche Fälle sich refraktär gegen diese
Therapie erwiesen haben, während in der weitaus größeren MehxzaU
von 117 Fällen teils vorübergehende, teils dauernde Besserungen ß^'
zelner oder mehrerer Symptome erzielt wurden. Besonders günstig
reagieren die lanzinierenden Schmerzen, die Hyperalgesien, sowie ^
allem die Inkontinenzerscheinungen. Durchweg besserte sich das iÄ'
gemeinbefinden, die Leistungsfähigkeit und Arbeitskraft, und das KöTpe^'
gewicht stieg. In einem größeren Prozentsatz der Fälle wurden Mageo-
und andere Krisen günstig beeinflußt, so daß ich meine 1907 und 1^0
mitgeteilten Erfahrungen an einer wesentlich größeren Anzahl von Fällen
bestätigt fand. Die Hochfrequenzströme, sowohl in der Form
der D'Arsonvalisation wie der Diathermie, sind das wirk-
samste zurzeit bekannte Mittel zur Behandlung tabischer
Beschwerden.
Pat. P, 40 Jahr alt. Tabes dorsalis. 2. XI. 09. Vor 20 Jahren Iflf^-
Mehrere Kuren. Seit 2 Jahren Schmerzen in den Armen. Hypalgesien in oe^
Höhe des 3. bis 6. Brustwirbels. Romberg positiv. Rechte Pupille etwas größer
als linke. Im letzten Jahre auch lanzinierende Schmerzen in den Beinen, keBe
Ataxie. Klagt über Mattigkeit und Schwäche in den Beinen neben den Schmerzen.
Seit 2 Jahren appetitlos.
Hochfrequenzbehandlung. Am 9. XL fühlt er sich bedeutend wohler.
kräftiger; lanzinierende Schmerzen voUstÄndig geschwunden, bis auf 2 mal einen
Zentrale nervöse Erkrankungen. 219
leichten Stich in der linken Ferse. Es bestehen mitunter Muskelschmerzen in der
Scliiiltergegend. Hochfrequenz weiter.
Am 8. Xn.: Besserung hält an.
Am 15. XII. hat Patient zum ersten Mal wieder etwas Schmerzen im Ober-
scKenkel gehabt.
Am 22. XII. : Keine Schmerzen, nur Ziehen im Kreuz und Müdigkeit.
Am 5. 1. 10: Patient war 8 Tage ganz frei von Beschwerden. Nur gestern
Mattigkeit im Rücken.
Am 19. 1. : Nur gestern in den Füßen etwas Schmerzen, sonst gut.
Am 16. II. : Beschwerdefrei. Behandlung ausgesetzt.
Am 31. V. 10: Wegen geringer Beschwerden einige Wochen Hochfrequenz-
behandlung.
Desgleichen vom 20. V. 11 ab.
Am 1. VII. 11: 0,3 g Salvarsan.
Am 11. IX. 11: Nach der Einspritzung war eine leichte Verschlechterung
eingetreten. Patient zeigte Ataxie, erhöhte Mattigkeit und mußte die Arbeit
unterbrechen. Unter Hochfrequenzbehandlung besserten sich die Erscheinungen
in kurzer Zeit. Er blieb dann beschwerdefrei und kam im März 1913 wieder in
Behandlung. In der ganzen Zwischenzeit war er arbeitsfähig. Allgemeinbefinden
ist gut. Schlaf do., Kräftezustand wesentlich gehoben.
Patient Seh., 42 Jahr.
Anamnese: Angeblich keine Lues (vielleicht vor 20 Jahren).
Keine Frühgeburten. Ein Kind von 11 Monaten gestorben. 2 Kinder leben.
Seit 7 Jahren Magenkrämpfe, sttirkes Erbrechen, zuerst alle 3 Monate, später
alle 4 — 2 Wochen, 4 — 12 Stunden anhaltend. Seit 2 Jahrep „stechende, blitzartige"
Schmerzen in beiden Beinen bis in die Zehenspitzen; Schwächegefühl, Mattigkeit,
Appetitlosigkeit, Erbrechen, Magenkrisen fast täglich; auch Flüssigkeiten, selbst
Wasser wird ausgebrochen.
Seit 1 Jahr GürtelgefühL Fast gänzlich schlaflos.
Seit 6 Monaten Morphium; im ganzen 80 Spritzen.
Gewichtsabnahme von 132 Pfund (vor einigen Jahren) auf 107 Pfund. — In
den letzten Tagen fast täglich lanzinierende Schmerzanfälle von 2 — 6 stündiger
Dauer. Magenkrisen mit Erbrechen fast täglich. Hochgradige Obstipation (alle
4 — 5 Tage Stuhl). Das Sehen ist in den letzten Jahren schlechter geworden; kann
abends nicht lesen. Es stören ihn schwarze Flocken, die er wegzublasen sucht.
Im Dunkeln fühlt er sich unsicher. Seit mehreren Jahren völlig impotent. Urin-
lassen geht manchmal ganz leicht, manchmal schwer; am besten beim Stuhlgang.
Ab imd zu Incontinentia alvi.
Status. Bleich und kachektischer grazil gebauter Mann.
Patellar-, Achillesreflexe nicht auslösbar.
Pupillen auf Licht starr, maximal verengt.
Romberg positiv.
Ataxie hochgradig.
Sensibilität: Analgesie beider Beine.
Hyperästhesie: Der Unterschied zwischen Kopf und Spitze einer Stecknadel
wird an den Unterschenkeln sehr ungenau angegeben.
Diagnose: Tabes.
26. VIII. 08. Beginn der Hochfrequenzbehandlung. Tägliche Bestrahlung.
31. Vin. 08. Sofort nach der ersten Bestrahlung verschwanden die blitz-
artigen Schmerzen und sind seit der 3. Bestrahlung nicht wiedergekehrt; seit der
Bestrahlung keine Magenkrise. Somit ist Patient fast vollkommen beschwerdefrei.
Allgemeinbefinden gebessert. Hat nicht gebrochen; kann wieder Bier trinken.
Gürtelgefühl unverändert. Kann besser Treppen steigen. Augenflimmem unver-
ändert.
15. IX. 08. In den verflossenen 2 Wochen 2 ganz leichte Anfälle von stechen-
den Schmerzen in den Beinen, keine Magenkrise. Kein Morphium. Kein Aspirin.
28. IX. 08. Gewichtszunahme 13 Pfund.
2. 4 08. Patient kommt täglich zur Bestrahlung, war in den letzten 2 Wochen
beschwerdefrei, bis auf 2 leichte Anfälle von lanzinierenden Schmerzen, die unter
Bestrahlung schwanden. Keine Magenkrise.
220 KUniflohe Anwendung d^ Diathermie.
18. X. 08. Leichte Venohlimmening. 5 Anfälle. Schmerzen aber sehr gering.
Kein MorphiunL
f 18. X. 08. 2 Tage starke Schmerzen in den Beinen.
24. X. 08. Wieder Besserung. Schmerzen bedeutend schwächer.
26. X. 08. Seit 3 Tagen vollkommen beschwerdefrei. Allgemeinbefinden,
Appetit, Stimmung bedeutend gebessert.
Von nun ab nur jeden 2. Tag Hochfrequenz, bis zum 4. XII. 08. In dieser
Zeit nur 3 leichte Anfälle von lanzinierenden Schmerzen, keine Magenkrise.
4. XII. 08 erklärte Patient, sich vollkommen gesund zu fühlen, und ver-
zichtete auf weitere Behandlung. Die Magenkrisen mit ihren Begleiterscheinungen,
Erbrechen, Appetitlosigkeit waren nicht wieder aufgetreten, die lanzinierenden
Schmerzen sofort nach den ersten Bestrahlungen zurückgegangen und nach einigen
leichten Rezidiven im Laufe der letzten 3 Wochen nicht wieder zutage getreten.
Erst am 9. L 09 meldet sich Patient wieder mit Klagen über aÜ^emeine
Schwäche, Appetitlosigkeit, Schlaflosigkeit. Vor einigen Tagen waren auch die
lanzinierenden Schmerzen wieder aufgetreten, seit 2 Tagen hat Patient wieder
Magenkrämpfe, Erbrechen. Patient kommt mit starken Schmerzen in den Beinen
zur Bestrahlimg; er gibt an, sich sofort nach der Bestrahlung bedeutend besser zu
fühlen. Täglich Hochfrequenz.
Am 12. L 09 weder lanzinierende Schmerzen noch Magenkrise aufgetreten.
Patient morphiumfrei.
16. 1. 09. Allgemeinbefinden gut, keine Beschwerden.
23. n. 09. Patient hat sich im Lauf des letzten Monats durchwegs gut gefühlt.
Appetit, Kräftezustand, Stimmung gut. Nur sehr selten (3 mal) leichte lanzi-
nierende Schmerzen. Keine Magenkrise. Kein Morphium.
15. m. 09. Seit heute früh lanz. Schmerzen. Patient kommt nachmittags
zur Bestrahlimg. Darauf sofort Besserung.
1. IV. 09. Bis heute beschwerdefrei.
6. Vn. 09. Patient erscheint nach langer Pause wieder> Allgemeinzustand
sehr schlecht. 4 Wochen bettlägerig wegen schwerer Magenkrise, 27 Morphium-
spritzen.
17. X 09. Seit 10 Wochen nicht hier gewesen. In dieser Zeit ab und zu Magen-
krämpfe (etwa 4 mal) imd gleichzeitig lanzinierende Schmerzen. Er nahm Morphium,
danach sofortige Besserung. Früher Schleim im StuhL Jetzt gut. Er arbeitet
seit 6 Wochen wieder mit Unterbrechung von wenigen Tagen. Ist im Rücken
viel kräftiger. Das Sehen ist schlechter geworden, besonders im Dunkeln. —
Wird weiter elektrisiert.
6. n. 10. Lange nicht hier gewesen. Wurde im Oktober 5 — 6 mal elektrisiert,
danach Besserung. Bis Weihnachten keine Beschwerden. Konnte gut essen.
14 Tage vor Weihnachten wieder Gürtelschmerzen. Anfall dauert ein paar Stunden,
tritt alle 14 Tage auf. Zuletzt vor 6 Tagen. Erbrechen ist seit Beginn der Behand-
lung nicht mehr aufgetreten. Auch die lanzinierenden Schmerzen so gut wie
verschwunden, ab und zu ein leichtes Zucken. Appetit seit 3 Tagen schlecht.
Erneute Hochfrequenzbehandlung.
Tabes.
Patientin N., 30 Jahr.
Lues vor 10 Jahren. 1 Schmierkur.
Vor einem Jahre zum ersten Male starke Magenkrämpfe, Erbrechen. Die
Anfälle wiederholten sich ungefähr alle 8 Tage und dauerten 12 — ^24 Stunden,
in den letzten 2 Monaten öfter, ca. 2 — 3 mal in der Woche. Zurzeit starke Kopf-
schmerzen, leichter Schwindel
Seit Vj Jahre auch „blitzartige" Schmerzen in den Beinen, ca. alle 2 Wochen
1 — 2 Stunden anhaltend.
Ataxie +, Patellar-, AchillesrefL — , Romberg +, Pupillen starr,
Sensibilität o. B. i
Beginn der Hochfrequenzbehandlung am 30. X. 08.
• Patientin kam sehr unregelmäßig zur Bestrahlung und hatte bis zum 24. Xn.08
nur 6 Sitzungen. Die Magenbeschwerden verschwanden vollkommen. Patientin
konnte alles essen, ohne je zu erbrechen. Die lanzinierenden Schmerzen traten
nicht mehr in früherer Stärke auf. Das Allgemeinbefinden war gut,
Zentrale nervöse Erkrankungen. 221
IG. I. 09 kommt Patientin wieder zur Bestrahliuig und gibt an, daß sie seit
io dei 1^ ung d. M. wieder an heftigen Magenkrämpfen, fast täglich von 6 — 7 Stunden
i»A ^1^ er, mit Erbrechen leidet. Lanzinierende Schmerzen nur selten, alle 2 — 3Wochen.
1 friun^^^t^mm Hochfrequenzbehandlung.
25. I. 09. Seit Beginn der Behandlung keine Beschwerden bis 24. 1. 09, wo
iryn bc "^^^ zuckende Schmerzen im linken Bein auftraten. Heute beschwerdefrei.
^ ic^^. !. Bis Anfang November beschwerdefrei.
"^^2»£ Bt^ ^^* ^' * '^ Tagen täglich starke Magenbeschwerden, kein Erbrechen,
^^^^ ^."ziiiierende Schmerzen besonders im linken Bein fast täglich.
^^ /**' Patientin kommt in den nächsten Monaten sehr flnregelmäßig zur Behand-
rfv bdS!.^^' Infolgedessen treten zwar beschwerdefreie Perioden auf, abar es kommt nicht
iZ*^ längerem ungestörten Wohlbefinden. Erst von Ende Juni 1909 ab ist sie frei
"^^^Jii Beschwerden.
^-iKtEU e, VII.09. Beschwerdefrei seit 14 Tagen. Pat. bleibt weg.
T^-^ Tabes.
rt rtLte^ Patientin G., 32 Jahr.
TÄÄiiik Vor 10 Jahren Infektion. 1 Spritzkur. Seit ca. 4 Jahren Unsicherheit beim
^^^'dhen, B^reuz- und Rückenschmerzen. Lanzinierende Schmerzen seit 3 Jahren in
iregelmäßigen Intervallen von 3 — 4 Wochen bis 4 — 5 Monaten, tagelang an-
vn MBÄ^itend. Letzter Anfall vor 14 Tagen; zurzeit Morphium. Keine M^enkrisen.
Hgemeine Mattigkeit. Seit 3 Jahren Stuhl- und Urinabgang. Parästhesien in
'^'*J* eiden Beinen.
knMoaät Gürtelgefühl sehr stark seit 4 Jahren. Schmerzen im Bücken sehr stark.
^ srfttt '^at. verschluckt sich leicht beim Sprechen und Essen.
Morjüa. Status. Vor 4 Jahren begann das Leiden mit plötzlichem Versagen des
u Mtf Silken Fußes; zugleich konnte das rechte Auge nicht ganz geöffnet werden. Nach
)in paar Monaten besserte sich der Fuß, das Augenleiden blieb. Pat. hat angeblich
jrebärmutter-Knickung, Senkung und Verwachsungen mit dem Mastdarm. Schlaf
^fittküiehr schlecht, meist gar nicht; sehr unruhig, starkes Zusammenzucken beim Ein-
enpr Jüfeiiix^ehlafen und Gefühl des Fallens usw.
Ataxie der oberen und unteren Extremitäten.
Id&wZsi Romberg ++.
^duoenab Pupillenttarre auf licht.
§tahL Jtttp Beiderseits Ptosis, links stärker als rechts (Augenmuskeln frei).
lamliß' Gresichts-, Zungenmuskulatur frei.
I, baook' Reflexe: Patellar, Achilles nicht auslösbar.
Sc nsibilität: An Armen und Händen, rechts und links Herabsetzung
Q^Ut ^^^ taktilen Sensibilität, Hypalgesie.
^1^ y. Hypästhetische Zone an beiden Mammae.
\iM^s} Geringe Hypästhesie an beiden Beinen bis zu den Knien.
jk«ÄÄF Hypaigesie im Kreuz.
1 gjj^ Beginn der Behandlung am 5. V.
^Htg^i's 10. V. 09. Nach 2 maliger Bestrahlung Auf treten von Parästhesien. Schmerzen
geringer und seltener.
2. VL Seit 3 Wochen vollkommen beschwerdefrei. Parästhesien verschwunden.
Kein Morphium. Sonst o. Ver.
29. VL Besserung. Ab und zu noch lanzinierende Schmerzen (aber nicht so
stark wie früher). Blasenbeschwerden unbeeinflußt.
irafflr J^ 7. Vll. Allgemeinbefinden gut. Keine lanzinierenden Schmerzen. Patientin
lawitffl't'" bleibt weg.
iftÄff** * 13. Vin. 09. Keine Schmerzen. Kribbeln im linken Bein seit 14 Tagen
wieder aufgetreten. Urin, Stuhl unverändert. Fühlt sich kräftig. Konnte vor Beginn
Bäseo.^" der Behandlung wegen Schwäche nicht ohne Anlehnen sitzen. Auch konnte sie
keine 5 Minuten gehen und mußte sich das Kreuz mit der Hand stützen. Kann
^ ^, ^ jetzt normal mit Maß gehen und lange auf dem Stuhl aufrecht sitzen. Fühlt sich
kräftiger und frischer. Schlaf seit Behandlung mit Hochfrequenz gut, kein
Zucken mehr beim Einschlafen. Morphium gar nicht mehr. Früher viel Kopf-
littteÜs^ schmerzen; jetzt seit Behandlung keine Kopfschmerzen.
foJ&s0 14. X. Kribbeln noch etwas im linken Bein, im rechten Bein gar nicht
öden ^ Blase, After unverändert. Bücken vollkommen kräftig. Kann gut gehen (10 Min.)
222 Klinisohe Anwendung der Diathermie.
Oft {Schwindel in der letzten Zeit. Sieht besser. Macht Handarbeit bei Licht.
Kein Morphium mehr. Kopfschmerzen nur vorübergehend.
Herr Seh. 10. V. 11: Seit 1907 leidend. Gedächtnisschwäche, lanzinierende
Schmerzen, Zittern beim Schreiben, seit 40 Jahren verheiratet, kinderlos. Frau
herzleidend, früher unterleibsleidend. 5 Aborte. Zeitweise Interkostalneuralgien,
letzthin, in den letzten Wochen, besonders schlimm. Schlaflos wegen Schmelzen
lanzinierenden Charakters in den Beinen. Spürt sehr selten Urindrang, am ersten
noch nachts und nachmittags. Fühlt sich matt. Zuletzt 8 Wochen in Wies-
baden, seit Monaten kein Tag schmerzfrei. Nimmt dauernd Schlafmittel, Phenazetin,
Aspirin, Kodein, Morphiiftnpulver. Jetzt dauernder Schmerz seit 14 Tagen in
beiden Oberschenkeln, bis in die Inguinalgegend. Ischias.
Nach 5 Sitzungen wesentlich gebessert, Behandlung unterbrochen.
Kommt am 31. V. wieder, war bis gestern beschwerdefrei, gestern wieder ge-
ringe Beschwerden.
Bis Anfang 1913 noch 11 Behandlungen wegen leichter Beschwerden. Heftiger
Schmerz ist überhaupt nicht wieder aufgetreten.
Tabes.
Patient IC, 51 Jahr, 22. Januar 09. Infektion 1881. 8 Kuren. 1894 wurde
Tabes diagnostiziert und Oeynhausen ohne Erfolg besucht. Dann traten Parästhe-
sien in den Knien und lanzinierende Schmerlen auf. Seitdem haben die Schmerzen
in wechselnder Intensität bestanden, es ist allmählich zunehmende Ataxie ein-
getreten. Gehör und Gesicht hat abgenommen, Urinentleerung ist erschwert,
Patient muß stark pressen, verspürt keinen Harndrang, mitunter Inkontinenz,
zeitweise imperativer Harn- und Stuhldrang. Gedächtnis hat nachgelassen
Schreiben fällt in den letzten Jahren schwer. Patient beantwortet Fragen bezüg-
lich seines Leidens unbestimmt. Mäßiger Morphinismus, spritzt selbst. Arme
schlafen leicht ein, sonst keine Pfirästhesien. Im Jahre 1893 häufige Magenkrisen.
Schmerzanfälle dauern mitunter Y2 Stunde, mitunter auch 24 Stunden ohne
Pause. Sie treten in Intervallen von 4 — 6 Wochen auf, mitunter auch häufiger.
In der letzten Zeit sind sie wesentlich häufiger aufgetreten. Patient ist gegen Kälte
empfindlich.
Am 22. Januar 09: erste Sitzung. Am selben Abend noch Schmerzen, die
vor dem Elektrisieren auch vorhanden waren. Daher Veronal. Seit dem nächsten
Morgen schmerzfrei.
Zweite Sitzung am 25. Januar. Bericht am 12. Juli 09: Patient hatte
Ostern einen Tag und vor acht Tagen einen Tag leichte Schmerzen. Sonst voll-
kommen beschwerdefrei gewesen.
Patient M., Luesinfektion 1881, 1. Kur sofort nach Auftreten der sekundären
Erscheinungen, im nächsten Jahre 2 Kuren, seitdem frei von Erscheinungen und
keine weitere Hg-Behandlung. Heiratete 13 Jahre nach der Infektion, nach zwei
Jahren Geburt eines Sohnes, der jetzt 9 Jahre alt und gut entwickelt ist. Frau
gesund, kein Abort. Seit 1896 gastrische Krisen alle 6 Wochen, in den letzten
Jahren jedesmal 10 — 12 Tage anhaltend, Gewichtsabnahme von 160 Pfimd auf
103, ein Jahr später lanzinierende Schmerzen und Schmierkur, daneben Jodkali,
1897 eine weitere Schmierkur. Seitdem besserte sich der Zustand etwas, die
Nervenschmerzen wurden jedoch schlimmer, die Gehstörungen waren erheblich.
Seit 1898 nimmt Patient Morphium, zurzeit 10 Spritzen von 2proz. Lösimg
pro die, während gastrischer Krisen jedoch bis 20 imd 30 Spritzen, schläft zeit-
weise gut, zeitweise wochenlang schlaflos. Seit 3 Jahren bemerkt Patient keinen
Urindrang mehr, gelegentlich Inkontinenz des Nachts. Abdomen und Ober-
schenkel mit Narben, Infiltraten und Abszessen bedeckt.
Seit Anfang Juni 1907 Hochfrequenzbehandlung. Nach wenigen Sekunden
sofortiges Aufhören der lanzinierenden Schmerzen, die besonders im Ulnaris-
gebiet beiderseits und in dem Peroneusgebiet sehr heftig und anhaltend auf-
treten. Von der 2. Sitzung ab keine Schmerzen mehr in den Extremitäten; am
10. Juni wird Patient mit einer heftigen gastrischen Krise gebracht, die seit dem
vorhergehenden Tage besteht. Während der Hochfrequenzsitzung sistieren die
Schmerzen sowohl wie das Erbrechen, Patient kann ohne Stütze nach Haus gehen,
Krise bleibt bei täglich fortgesetzter Behandlung mit Hochfrequenz kupiert. Im
Zentrale nervöse Erkrankungen. 223
7^ .- der nächsten Wochen ist Patient fast schmerzfrei. Nur ab und zu tritt ein
Gefühl auf. Einleitung einer Mergalkur, daneben Jodkali. Wegen Appetit-
■- • . leit wird die Mergalkur abgebrochen und Enesol weiter verabreicht. Patient
TiimTnt im Juni und Juli eine längere Beise nach der Nordsee. Hatte während
- rsten 14 Tage überhaupt keine Beschwerden und während der zweiten 14 Tage
- 2 Tage lang Schmerzen, ist bis auf 4 Spritzen der Iproz. Lösung ohne Ab-
! 3iizerscheinungen heruntergekommen. Doch sind an neuen Stellen lanzinie-
t* ~ Le Schmerzen aufgetreten, am Oberarm, in der Lendengegend und in der Achsel-
^ . 3xid, die ebenso prompt auf Hochfrequenzbehandlung reagieren. Kur wird fort-
_ -_ J "" ■ itzt, Inkontinenz tritt nicht mehr auf. Patient kommt während der nächsten
^^" Conate noch regelmäßig 1 — 2 mal monatlich zur Behandlung mit Hochfrequenz
'"- i oft leichten Beschwerden, die er kaum als lanzinierende Schmerzen mehr be-
■ clinet; während er im letzten Jahre regelmäßig alle 4 — 6 Wochen eine schwere
itrische Krise durchmachte, die 10 — 12 Tage anhielt, ist seit Einleitung der
~ ■ - >chfrequenzbehandlung keine einzige Krise mehr zur vollen Ausbildung gelangt.
~ " ^tient kommt, sobald er das Eintreten einer Krise bemerkt, zur Behandlung,
i^ es gelang bisher stets, die Krise sofort zu kupieren. Nm: einmal vor 6 Monaten
8LX eine intensive und wiederholte Behandlung 2 Tage lang erforderlich, ehe die
i~ • ^sonders hartnäckigen Erscheinungen definitiv schwanden. Der Patient berichtet
-■ - *c. 3lbBt, daß die lanzinierenden Schmerzen, die früher des Nachts am schlimmsten
^ *j ^ iraren, schon seit der 6. oder 7. Behandlung vollkommen geschwunden sind.
~ ^,r^r ist überhaupt auch am Tage jetzt schmeradtei, nur ab und zu stellen sich an
' -. "r- v'ersohiedenen Stellen hin und wieder vorübergehende geringe Schmerzen ein.
- .' .v^ ^Oie Ataxie ist etwas gebessert. Patient fühlt sich sicherer, das Allgemeinbefinden
L- -^ -ist ganz wesentlich gehoben. Die Schmerzen beim Stuhlgang, die unerträglich
->^-r^^^aren, sind vollkommen verschwunden, desgleichen die Nachtschweiße, Flimmern
,3^ - "vor den Augen und Überempfindlichkeit gegen helles licht wesentlich gebessert.
^ .. ^ Die Tagesdosis Morphium beträgt jetzt 15 cg gegenüber V2 8 früher. Patient
- . ^T gibt selbst an, daß gegenüber dem qualvollen Zustand früher er sich jetzt wie im
^^ .-J Paradiese vorkommt. In den letzten 6 Monaten hatte er die Behandlung fast ga|iz
/r. }-^^ ausgesetzt und seit 3 Wochen wieder ab und zu starke lanzinierende Schmerzen
im linken Bein sowie eine 4tägige Magenkrise leichter Art. Wiederaufnahme
. ; , des Elektrisierens mit vollem Erfolg. Dauer der Beobachtung bis Anfang Oktober
[\'^'^. 1908: 18 Monate.
■^ ^ Patient L., 50 Jahr alt, verheiratete sich 1885. War gesund; im Jahre 1886
.^ und 1887 2 Entbindungen der Frau, 1888 ein Abort. Das erste Kind starb im Alter
~^ "" von 18 Jahren an Krebs. Der zweite Sohn soll im Alter von 6 — 9 Jahren an Bauch-
'^*^ tuberkulöse gelitten haben, aber jetzt gesund und kräftig sein. Lues negatur.
Seit der Verheiratung dauernd neuralgische Schmerzen im Rücken, gegen die er
S'^' Narkotika, Arsenik usw., jedoch kein Morphium, nahm. Vor 1 Jahre Darm-
rlf^ Operation (Karzinom). Puls leicht erregbar, klagt über Beklemmungen in der Brust
J [^ und Gürtelgefühle. Pupillarreaktion negativ, Anästhesien am Rücken und den
■ ^^^" Extremitäten. Patellarreflexe auf beiden Seiten positiv, in der letzten Zeit erheb-
rt; liehe Verschlimmerung der Beschwerden, seit 3 Wochen keinen Tag schmerzfrei,
"^' vorher höchstens einen Tag schmerzfrei, keine sonstigen Sensibilitätsstörungen;
y^^ Patient^eidet erheblich unter den qualvollen Schmerzen.
^ ^ Behandlung mit Hochfrequenz mit glänzendem Erfolg. Während der ersten
' ^ Sitzung sofortiges Aufhören der Schmerzen, die nur noch selten und rudimentär
* während der nächsten Wochen wiederkehrten. Wegen schwerer Metastasenbildung
^ wurde Patient bettlägerig, konnte die Kur nicht wieder aufnehmen, starb wenige
■' Monate später unter anhaltendem Freisein von Schmerzen.
Frau K., 44 Jahr. Luesinfektion vor 13 Jahren, 11 Jahre nicht spezifisch
behandelt, seit 1903 lanzinierende Schmerzen im ganzen Körper, seit 1904 Blasen-
und Mastdarmstörung, beginnende Ataxie 1905. Januar bis März 1. Kur, Inunk-
tionen 150 g und Jodnatrium. Januar 1906 2. Kur, Inunktionen 100 g und Jod.
Seitdem nur Jod, seit Ende 1907 ab und zu 2 Kapseln Mergal, aber ganz unregel-
mäßig. Es besteht Parese der Bla«e, Patientin muß stark pressen, Inkontinenz
nur bei Überfüllung der Blase, Stuhldrang wird seit Jahren nicht gef iihlt, Patientin
entleert das Rektum manuell zweimal täglich, Menses seit 1903 unregelmäßig.
Sensibilität an den unteren Extremitäten und am Thorax stark herabgesetzt. Da-
Puplhn IhkIi-tkiu •larr, link« «Titrr «l« recht«- I
Kiolrituiii (Irr UocbfrtijDnttbrlMadlnng nrbt^ ciaer Bf4
H(*riiigiii4 d« Sehn»««"» tcb da; e"^
dam-» hiiiiR : N>fi«twr H(*riligiiiig
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KUl. Allü'-nuiiit» lindrn «mrntlich gpbiMtrt. Lofc&le
munkulatur mil Konärruatcvatrüinn) brwirkl, daB »cbcxi
•iHHiUnp IVtaLaticm muidich Ul. die Kitdnn oo nnU« broe hfl pi
■Irr Ulvnloiii» kr-hrt »iidn-, vil dn 3. Wocbc- fcftn RcBdnklhwii
><■■. AUsir w-M-ntlich K<-bn<M-n. Brticht nach 3 Sfof»t«fi: B^aät
nur iM-hr nltMi Rtrinfi'-, wrnigr Srkundni uihmMt^oiie Schmosni-
J'«tiiiH A. T. T«U» dorwlt*. Lara «cIkt; «eit tnehr«»eo J«*
tiitiiti. V it»<-ii»- MXM-hlimm, dafl F»timt (ich »ii fine-m l*WTnMii«lu«
tiiuU. wMxn IT vom Kuhniamm «id d.n Bürgwut^-ig U'etMi wilL Za«
»vh di<>«T ZiiKUnd •jKinUn. PMimt b>t eine »knt*- gooorrhoiBcbf I
dir «ufUll-iKl »iiiiB KpiinUn Kowie drackcmpfiDdlich Vit, «och da ■«
Ü>1 iiirht dnirk.inirfiiidlich. Yjs besteht eino chrooi»cbe Zystlt» U
Ht>^iifiK. Tri 11 rifTht Btuk BiuinonimkAliiich. Incontüinitia E^^|^
iiiK'luriik. Hnufifi Unünii-mide Schinrnrn und g«striscbe KräS
r.fU-XP ffhirn, rtfU-kUwiwhe PupUU-nsUrre. Rombetg 8t»rk positiv, I
Ataxie um! UliiN-htr (iang. Patient hat Schwierigkeiten. «" *J
iwiK-ben bi-iilf-n Riihcn Betten, die über 2 Meter »iiBein»nd« ^leW
THiiiii-hp BohandlunR mit HochfrequenxBtrömen, Quecksabetk*
J<«J. In.' ZvKtitia bi-w-rt «ich auf Lokalbebandlung. Unter ^»»«1»^
luiiK mit Hoehftrqucnwlröincn wührfiid 4 Monaten beaaert sich ™*3
liefinden irhi-hlich. Die Incontioonlia urinae diurna beseitigt, die '*'^^^
aiifanx« roch hüufjg nuf, iiKli-«»cn kann Patient nach 4-wöohentlicbet B«l^
nachlJi Bpontan den Urin eiilleeren. Wenn er abenda nicht trinkt, ''^\
t'rin na<-hl« hallen, trinkt er aber, so tritt noch manchmal IncontineoM'J
aul. Der Urin bleibt bt«t»ndig klar. Der ataklische Gang ist w^**^"*"^^
abiT noch vorhanden. Schmeraen mnd schon nach wenigen Sitzungen™™^
HUitiert, Bind vorübergehend wiedergekommen und schlieBlich '^^T!
Patient will seinen Birul (Transport von Ziegelsteinen im ScbubtarrenJ **^
nehmen. Gartpnwbeit hat er gut verrichten können.
Patient W. L., Lues negslur, seit 5—6 Jahren häufig Lcibschn««^
Heit 3 Jahren ^hmerron in den unteren Extremitäten. iSagfiTtknaea ^^
regelmaBigcn Intervallen auf. Starker Romberg, Patellarreflexe fehlen, <'
Fußsohlenrcflexe, PupUlenstarre, stumpf und spitz wird richtig unt^o«'''!
indessen bestehen Störungen des La^egefUhb. Wärme und Kälte viid "
«mpfunden, leicht« Berührungen an den Zehen werden nicht gefühlt, bU
dagegen richtig lokalisiert. Die Beobachtung einer Krise ergab, daß (^ '^^
Magen- und Darmkriecn handelt.
Hocbfrcquenzbehandlung 14 Tage lat^, seitdem schmerz&ei. Bencht
1 Jahre und nach 18 Alonutcn, daß Schmerxen nicht wieder aufgetreten
und daD das Allgemeinbefinden sich wesentlich gebessert hat.
Patient F. K., Luca vor 18 Jahren, 3 Kuren, vor 10 Jahren die erste g»atr
Krise, vor 7 Jahren vorübergehend Doppelsehen, seit 6 Jahren beginnende M"
Störungen, seit 2 Jahren völlige Unfähigkeit zu gehen wegen hochgradiger Scb«
und starker Ataxie der Beine. Patient ist sehr gut ernährt, kräftig gebaa'r
blasser Gesichtafarbc. Innere Organe ohne Befund. Pupillen eng, refiekto
starr, Oesichtsfeld frei. Bewegungsfähigkeit der oberen Extremitäten und j
Kraft gut erhalten. Knie- und Achllleaeehnenrefleze völlig erloschen. Pis i
Kraft der Beine atark herabgesetzt. Es besteht hochgradige motorische At
Patient kann, von 2 Wärtern gestützt, nicht Btehen, da ihm infolge der A
und der tabischen Oelenkveränderungen die Beine bald nach hinten, bsid
vorn weggleiten. Sensibilität ist stark gestört bis in die Schnlterblattge
hinauf. Feine Berührungen werden gar nicht, derbere sowie schmerzhafte N
Stiche werden empfunden; Gürt«lgefühl vorhanden, Magen- und Darmfonl
ohne Befund, Stuhldrang wird empfunden i es besteht dauerndes Hamtrik
Zentrale nervöse Erkrankungen. 225
IBlase ist überfüllt, da Patient keinen Harndrang bemerkt und trotz Fressens den
Urin nicht entleeren kann; Besidualham 400 com.
Behandlung mit Hochfrequenzströmen, allgemein sowie lokal. Die lan-
zinierenden Schmerzen bessern sich zunächst vorübergehend nach jeder Sitzung.
^N^ach 3 Wochen ist die Inkontinenz wesentlich gebessert. Patient kann den
Urin halten und spontan entleeren. Bei der Entlassung nach 8 Wochen ist die
Inkontinenz vollkommen beseitigt, Patient muß zwar bei der Urinentleerung
stark pressen, kann jedoch die Blase bis auf geringe Reste von 90 — 30 ccm
spontan entleeren. Nach weiteren 14 Tagen ist der Besidualham 0. Die lan-
zinierenden Schmerzen sind vollkommen verschwunden. Patient, welcher bei
der Aufnahme seit 1 V2 Jahren ca. nicht aus dem Bett und dem Liegestuhl heraus-
konnte, konnte na-ch 6 Wochen mit Unterstützung an der Hand stehen und nach
7 Wochen 2 oder 3 Schritte gehen. Von weiteren Steh- und Gehübungen wurde
einstweilen Abstand genommen, um die Schlottergelenke durch falsche Belastung
nicht noch mehr zu schädigen. Es wurde ein Gelenkstützapparat bis zum Ober-
schenkel angefertigt, mit HiUe dessen Patient sofort imstande war, zu gehen.
£s ist hervorzuheben, daß keinerlei Übungstherapie stattgefunden hat im
Sinne von Frenkel- Heiden, wohl aber systematische Behandlung der Bein-
und Bumpfmuskulatur mit Hochfrequenzströmen, durch welche eine deutliche
Zunahme der motorischen Kraft der Beine erzeugt wurde, welche dem Patienten
das Stehen und Gehen ermöglichte. Ich hatte Gelegenheit, nach einem Jahre
den Patienten wiederzusehen, welchem es seitdem unverändert gut ging, bis auf
das Auftreten lanzinierender Schmerzen, die auf erneute Hochfrequenzbehandlung
günstig reagierten. Inkontinenz ist nicht wieder eingetreten.
Patient H. K. Lues vor 17 Jahren, vor 2 Jahren zuerst lanzinierende Schmer-
zen im rechten Unterarm, anfänglich 10 — 12 mal täglich, später immer häufiger
und stärker, seit einem Jahre auch in den Beinen, und Gürtelgefühl. Seitdem treten
die Schmerzanfälle 3 — 4 wöchentlich auf und sind fast unerträglich. Während
des Anfalles werden die Schmerzen schon durch die leiseste Berührung zu uner-
träglicher Heftigkeit gesteigert. Während Patient früher eine sichere Hand beim
Schreiben hatte, schreibt er jetzt unsicher, rutscht, wenn es lange dauert, förmlich
aus. Romberg nicht vorhanden. Patellarreflexe fehlen, Pupillen eng, reagieren
schwach. Druck auf Testes rechts kaum empfunden, links deutlicher. Achilles-
sehne nur auf starken Druck empfindlich. Hyperästhesie im Bücken und beiden
[Flanken bis zur Spina scapulae hinauf. Leichte Berühning löst intensives Juck-
gefühl aus. Berührung mit stumpfem Metallknopf sticht wie Nadeln; wenn An-
fälle von lanzinierenden Schmerzen bestehen, steigert sich die Hyperästhesie
ad maximum. Berührung mit einem Stabe macht intensivste Schmerzen, in der
Gegend der Spinae scapulae besteht Hypästhesie, desgleichen in der Magengegend,
unter dem Processus xiphoideus.
Unter Hochfrequenzbehandlung bessern sich die subjektiven Beschwerden
augenblicklich, nach den ersten Sitzungen auf kurze Zeit, 20 Minuten bis Stunden,
späterhin auf längere Dauer. Nach 3 Monaten ist Patient so weit gebessert, daß
er sich für gesund hält und die Behandlung unterbricht. Ca. 4 Monate später stellte
er sich wieder vor und gibt an, daß er über 3 Monate lang von Schmerzanfällen
vollkommen befreit war. Er hatte nur zeitweise leichte Kopfschmerzen, seit
14 Tagen wieder zunehmende Beschwerden unbestimmter Art, bis vor 8 Tagen
nachts wieder Schmerzen im Knie auftraten. Die Ataxie, die am Schluß der Be-
handlung wesentlich gebessert war, ist wieder hochgradig geworden. Pollu-
tionen in letzter SJeit häufig. Pupillen etwa doppelt so weit wie früher, reagieren
deutlich, wenn auch schwach, reflektorisch. Etwa 14tägige Behandlung mit Hoch-
frequenzströmen beseitigt die Beschwerden wiederum, so daß sich Patient weitere
5 Monate nicht hat sehen lassen. Seit ca. 14 Tagen wieder mäßige Schmerzen, die
auf Hochfrequenzbehandlung prompt schwinden. Es wird d^m Patienten geraten,
die Hochfrequenzbehandlung fortzusetzen, trotz schneller Besserung.
Patient L. S. Lues 1882. 10 Jahre später rheumatische Schmerzen, die sich
allmählich verschlimmerten. Seit 10 Jahren Magenkrisen und allmählich zu-
nehmende Ataxie. Im letzten halben Jahr deutliche Verschlimmerung. Besonders
Empfindlichkeit gegen kühles Wasser (26 — 21 °G äußerste Toleranzgrenze nach
unten). Druckanästhesie der Testes und der Achillessehnen, Hyp- und Anästhesien
NagelBchmidt, Diathermie. 2. Aufl. 15
22 f) Klinische Anwendung der Diathermie.
vom Kücken abwärtt», lanziniexeiido fc)chmem*n zmxeit besonders im Untentf^
und dem Oberschenkel, beiderseits sjrmmetrisoh. Blase dt gestört^ Wecis«:
zwischen Inkontinenz und Unmöglichkeit, trotz stärksten Drangen« <iie Bkc
zu entleeren. Incontinentia nocturna dauernd. Reddualham 75 löO cen
Pupillen starr, eng, Patellarreflexe fehlen, Romberg positiv.
Auf Hochfrequenzbehandlung schwinden die lanzinierenden Sclimet»
augenblicklich. Sie kehren nach den ersten Sitzungen wieder, jedoch TUtf^tirr je:
mehr schwächer und kürzer anhaltend, und bleiben nach 6 Wochen £^&iiz fcr.
Patient kann die Blase spontan entleeren, kein Reddualham ; bleibt ai2S cier B^
handlung fort.
Patient W. S. Lucs zugegeben. 1898 zuerst unverhältnisniäßi^ »efan«'ll
Ermüdbarkeit und „BeiBen** in den Beinen. Daim vorübergehende, spätcx* oft«'
wieder auftretende Augenmuskellähmung. 1899 die erste Magenkrise, in dexi ^rst«ij
Jahren 1 — 2 mal, seit 3 Jahren alle 6--8 Wochen. Leichte Urinbescliiircxdeii.
keine Inkontinenz. Starke Hyperästhesie am Rumpf und lanzinierende Solxm^rzer.
in Armen und Beinen. Stumpfes Gefühl in dem recbtexr Unterarm und den Fing&i
der rechten Hand. Patient ist außerordentlich leicht ermüdbar. Starke ^Arterio-
sklerose der peripheren Arterien. Wassermannsche Luesreaktion stark: poeitiT.
Pupillen maximal verengt (Patient ist McH^hinist), Romberg sehr stark Bowit
allgemeine Ataxie. Patellarreflexe fehlen, Dermographismus sehr aasgeprägt.
Vasomotorische Überregbarkeit, Ernährungszustand elend, starke Anämie ; fort l
geschrittene Sehnervenatrophie. i
April 1908: 14tägige Behandlung mit Hochfrequenz beseitigt die lanzi I
liierenden Schmerzen vollkommen. Patient unterbricht die Behandlung^ um hm
Bad zu reisen. Bei der Rückkehr erheblich angegriffen. (14 Bäder in Oeynliaiisen. 1
Gang deutlich verschlechtert, Taubheitsgefühl in Beinen und Händen. Zlmck- 1
gefühl im Leib. Es tritt allmählich zunehmende Sehnervenatrophie ein, die dec I
Gang erschwert. Schmerzen sind seit der Hochfrequenzbehandlung dauernd fort- 1
geblieben; nur in Oeynhausen traten sie zeitweise auf. Beginn der Behandlung
am 11. Jnui. Schmerzfrei laut letzter Nachricht noch am 1. Oktob^> 1908w
Frau St., 48 Jahr alt. Tabes dorsalis. Pupillenstarre beiderseits, Tiomberg
deutlich. Arthropathie des rechten Kniegelenks; das Gelenk knickt bei Belastung
nach außen um, so daß Patientin stark hinkt und nur wenig am. Stock geheu
kann. Luetische Narben am linken Knie. Magen empfindlich, jedoch keine
eigentlichen Krisen. Starke lanzinierende Schmerzen in beiden Beinen und ArmeiL
Beginn der Hochfrequenzbehandlung am 2. X 06 mit sofortigem Erfolg.
Anbringung einer Kniestütze. Behandlung der Muskulatur mit Hochfrequ^ox;
danach erhebliche Kräftigung: Patient geht (mit Apparat), ohne sichtbar zu
hinken. Nach 6 Wochen bleibt Patient aus der Behandlung fort.
14. VI. 07. Bis jetzt frei von Schmerzen. Kniegelenk fast normal, geht ohae
Schiene fast ohne Hinken. Seit 3 Tagen leichte stechende Schmerzen in da
linken Hand, die prompt auf Hochfrequenz reagieren und nach wenigen Sitzung^
dauernd fortbleiben. Nach dem letzten Bericht (Januar 1908) frei von Beschwerden,
Allgemeinbefinden wesentlich gebessert.
Tabes.
Patient O., 12. VIL 09. Lues 1891, drei Kuren. Heirat 1895. Fünf ge-
sunde Kinder, 2 — 12 Jahre alt, kein Abort. Frau gesund. 1903 Beginn mit
Schmerzen in den kleinen Zehen, Ziehen im Bücken, vorübergehend lanzinierende
Schmerzen, seit Februar 1907 Magenkrisen und Darmkrisen, damals unregel-
mäßig und selten, später häufiger. Jetzt im letzten Jahre alle 4 — 6 Wochen.
Die letzte Kjise vor 5 Tagen beendet. Dauer der Krisen im letzten Jahre je
5 Tage mit Erbrechen und Schmerzen. Der Verlauf der letzten Krise war folgender:
Während eines Aufenthaltes von 9 Wochen in Meran trat gar keine Krise auf,
nach der Rückkehr jedoch Mitte April, die nächste Mitte Mai, dann Anfang Juni.
Dauer 5 — 6 Tage, Erbrechen. 3 Tage waren zur Erholung außerdem nötig. Dann
Pause von 6 Wochen. Dann Krise mit Erbrechen und Schmerzen, welche 5 Tage
dauerte. Während es in Meran nicht zu einer Krise kam, traten trotzdem Bücken-
reizungen auf. Patient hatte eine hochgradige Überempfindlichkeit in der ganzen
Rückenhaut, jedes Hemd oder Kleidungsstück belästigt ihn erheblich, damit ist
Zentrale nervöse ^Erkrankungen. 227
5liivä/ch.e verbunden, so daß er unfähig ist, bei Tische eine Mahlzeit einzunehmen.
tcbxie ist gering, indessen hat er ein großes Bedürfnis nach Buhe und ist arbeits-
of cbhig. X>armkrisen sind in den letzten 6 Monaten nicht aufgetreten. Innere
►rgane o. B. Kein Gürtelgefühl. Lanzinierende Schmerzen unregelmäßig. Am
^-eisten belästigt den Patienten die Überempfindlichkeit der Haut, jede Berührung,
^tzel i^ird als heftiger Schmerz empfunden. Da er seine Bxu'eautätigkeit nicht
nelir ausführen kann, werden ihm nur Schriftstücke zur Unterschrift vorgelegt,
üe er iedoch nur im Liegen leisten kann. Schlaf ist wegen der Hauth3rperalgesie
3rlieblich gestört, Appetit schlecht, Urindrang wird nicht empfunden und nur
z^weinaal gewohnheitsmäßig die Blase entleert.
^Ehrste Sitzung am 12. Juli 09.
Am 14. berichtet Patient, daß er nach der Sitzung keinerlei unangenehme
Hautenapfindung mehr gehabt hätte. Abends trat wieder eine leichte Empfind-
lichkeit des Rückens ein. Jedoch wurde leichte Berührung und Kitzel nicht mehr
schmerzhaft empfunden. Der Schlaf war mäßig, indessen fühlte er sich frisch
wie seit 6 Monaten nicht. Er nahm an den Unterhaltungen bei Tische teil, inter-
essierte sich lebhaft, nahm häusliche schriftliche Arbeiten wieder auf, die er im
Sitzen erledigen konnte. Appetit hob sich plötzlich, und der Urin geht nicht
mehr wie bisher zweimal am Tage ab, sondern wird in häufigen Quantitäten ent-
leert. Bis zum 8. September fühlte er sich dauernd wohl. Am 8. trat ein leichter
Anfall von Übelkeit auf. Es wurden beim Essen einige Bissen wieder herausge-
bracht ohne Würgen, jedoch kam der Anfall nicht zur völligen Ausbildung unter
24 Stimden durchgeführter Müchdiät. Schmerzen traten nicht auf. Am 13. stellt
sich Patient wieder vor bei vollkommen gutem Allgemeinbefinden. Zunge nicht
belegt. Gewichtszunahme 4 Pfund. Patient hatte den Tag vorher viel gearbeitet,
war etwa 1^2 Stunde Wagen gefahren und hatte weiße Bohnen und Speck gegessen,
ohne die geringsten Beschwerden darnach zu haben. Außerdem hat er sich einen
Schnupfen geholt. Er hat keine lanzinierenden Schmerzen gehabt, trotzdem er
sonst bei Erkältungen besonders darunter zu leiden hatte. Die Behandlung wurde
intermittierend bis Anfang 1912 durchgeführt. In mehrmonatlichen Pausen
traten rudimentäre Anfälle auf, die in wenigen Stunden unter leichter Übelkeit
ohne Erbrechen abüefen. Die lanzinierenden Schmerzen sind verschwunden.
Gewichtszunahme 18 Pfund. Allgemeinbefinden vorzüglich. Patient ist voll
arbeitsfähig. Dieser Zustand ist ohne weitere Behandlung bis Februar 1913 (letzter
Bericht) anhaltend gewesen.
In Tabesfällen, in denen die Hochfrequenzströme sich als wirk-
sam erweisen, geschieht dies meistens wie mit einem Schlage von der
ersten Sitzung an. Daß es dabei aber auch auf die Methodik im wesent-
lichen ankommt, geht z.B. aus folgendem Fall hervor:
H. W., 9. August 09. Infektion vor 25 Jahren, Rückenschmerzen seit zehn
Jahren, keine Magenkrisen. Lanzinierende Schmerzen nur in der linken Skapular-
gegend. Gürtelgefühl angedeutet. Urin oft schwer zu entleeren. Keine Inkon-
tinenz, Augen gut, starke Miosis, Gehen im Dunklen etwas unsicher. Seit den
letzten 4 Jahren niemals schmerzfrei. Schlaf schlecht.
Am 9. Vin. Behandlung mit der D'Arsonvalschen Dusche.
Bericht am 10.: keine Veränderung, Schmerzen im Rücken neben der
Skapula genau wie früher und ebenso andauernd. Daher Diathermieapplikation
lokal
Am 11. Vin.: Nach der Diathermiesitzung deutlich weniger Schmerzen.
Den ganzen gestrigen Tag und <3ie Nacht vollständig schmerzfrei. Am Morgen,
wo die Schmerzen sonst am stärksten sind, nur sehr geringe Schmerzen.
Im weiteren Verlauf besserte sich das Leiden wesenthch.
In anderen Fällen ist erst eine gewisse Quantität von Hoch-
frequenzströmen notwendig, um deutliche therapeutische Wirkungen
zu erzielen. In wochenlanger regelmäßiger Behandlung bessern sich
ganz allmählich die Beschwerden, eine nach der anderen, und erst in
Monaten erzielt man lange Besserungsperioden. Vielfach tritt auch eine
15*
228 Klinisohe Anwendung der Diathermie.
recht ausgesprochene Wirkung erst nact Abschluß der Behandlung,
wenn der Beiz der Applikationen selbst fortfällt, ein. Stets muß man
sich aber gegenwärtig halten, daß die Hochfrequenztherapie keine
ätiologische ist, und ich habe den Eindruck in den letzten Jahren
gewonnen, daß die Kombination von Hochfrequenztherapie mit Neosal-
varsan oder besser Silbersalvarsan in einschleichender Methode die besten
Endresultate ergibt, soweit man bei einem so schleichenden Leiden in
wemgen Jahren von definitiven ßesultaten sprechen kann.
Die günstige Beeinflussimg tabischer Magenkrisen durch Hoch-
frequenzströme veranlaßte mich, einige Versuche bei Hyperemesis
gravidarum anzustellen. Ich habe in einem derartigen Falle, bei dem
dauerndes Erbrechen mit erheblicher Prostration im dritten Monat
bestand, unmittelbar nach der ersten Sitzung Sistieren dieses quälenden
Zustandes gesehen. Die Behandlung wurde in 9 Wochen 4 mal durch-
geführt.
Frau W., 24 Jahre. Im 3. Monat gravide. Seit 4 Wochen heftiges Erbrechen
jeden Tag, so daß sie fast unfähig ist, irgendwelche Nahrung bei sich zu behalten.
Auch nüchtern hat sie Brechanfälle von ca. einer Viertelstunde Dauer, sobald sie
sich aufrichtet; bringt jedoch nur Schleim heraus.
Am 6. Oktober 09: Einmalige Hochfrequenzbestrahlung.
Danach Besserung, die bis zum 20. November anhält.
Am 25. November: 2. Sitzung.
Bis zum 28. November kein Erbrechen gehabt.
Am 1. Dezember: 3. Sitzung.
Am 12. Dezember: 4. Sitzimg.
Im ganzen 4 Sitzungen, kein ä-brechen mehr, nur noch ab und zu ein leichtes
Gefühl, daß ihr das Wasser im Munde zusammenläuft, sonst vollkommen be-
schwerdefrei. Appetit gut, verträgt alles, nur nichts Saures. Danach angeblich
Kopfschmerzen.
Stellt sich am 19. Januar wieder vor, kein Erbrechen mehr gehabt.
Am 2. Mai wurde sie von einem gesunden Knaben entbunden, den sie selbst
nährte.
In einem anderen Falle ist nach zweimaliger Behandlung eine
Besserung nicht eingetreten. Ich erwähne diese beiden Fälle, da ich
kein genügendes klinisches Material habe, um die Frage weiter zu
prüfen, imd vielleicht dadurch zu diesbezüglichen Untersuchungen
anregen kann.
Es liegt natürlich nahe, das Verfahren auch bei der Seekrankheit
zu prüfen. Indessen sind Hochfrequenzapparate auf transatlantischen
Dampfern bisher nicht üblich gewesen. Ich hatte vor dem Weltkriege
Gelegenheit, einen Kollegen, der diesen Versuch als Schiffsarzt vorzu-
nehmen bereit war, in die Methodik einzuarbeiten, habe aber über die
Resultate bisher nichts erfahren können.
Ich habe auf Seite 95 beschrieben, daß es möglich ist, erhebliche
Tiefendurchwärmimgen des Gehirns zu erzielen. Die physiologischen
Wirkungen der Temperaturerhöhung des Gehirns sind ja vom Fieber her
zur Genüge bekannt. Daß so hohe Temperatursteigerungen, wie sie in
dem Leichenversuch erzielt wurden, einen enorm gefährlichen Eingriff
darstellen würden, ist ja unzweifelhaft. Ich habe auch wiederholt darauf
hingewiesen, daß bei verschiedenen Erkrankungen schon minimale
kaum nachweisbare Temperatursteigerungen zur Erzielung therapeu-
Haut-, Ohren-, Augenleiden; Kosmetik. 229
Bch.er Sffekte deutlicher Art ausreichend sein können. Es ist also
einesive^ notwendig, zur Behandlung des nervösen Zentralorgans
> starke Ströme anzuwenden, daß Zerstörungen der Eintrittsstelle
es Stromes in der Haut und meßbare Temperaturerhöhungen im
Seliim auftreten. Der Vergleich mit dem Fieber liegt zwar nahe;
ndessen decken sich ja überhaupt beide Arten der Temperatiir-
^rhöh-ungen keineswegs. Denn beim Fieber haben wir Steigerung
etuf toxischem Wege oder durch Beschleunigung und Erhöhung des
Zerfalls und somit außer der Wärmewirkung noch andere Komponenten,
welche die Erscheinungen und die Gefahren des Fiebers bedingen. Bei
der diathermischen Darchwärmung des Gehirns unterliegt dieses jedoch
der Einwirkung der reinen von außen eingeführten, gänzüch indifferenten
und lediglich als Wärme in die Erscheinung tretenden elektrischen
Energie. Hierbei brauchen wir keineswegs sämtliche Erscheinungen
zu erwarten, welche wir vom Fieber her kennen. So werden die toxischen
Symptome, die Sympto.me des übermäßigen Eiweißzerfalls und des
inneren gesteigerten Energieverbrauchs, fortfallen. Wir werden somit
zunächst die Wirkungen der reinen Temperaturerhöhung der Gehim-
substanz, sodann die sekundären Wirkungen der arteriellen Hyperämie,
der vermehrten Lymphzirkulation, der Stimulierung des Zellchemismus,
der Tonisierung, mithin der erhöhten Vitalität und Funktionsfähigkeit,
gänzlich losgelöst vom primären, erhöhten Stoffverbrauch, also ohne
Erschöpfung der normalen Zellenenergie, sehen. Es wäre dringend
wünschenswert, daß die Psychiatrie, die zurzeit immer noch eine fast
rein expektative Tendenz in bezug auf die Therapie befolgt, sich dieser
Methode, welche zum ersten Male eine direkte Einwirkung eines nicht
toxischen physikalischen Agens ermöglicht, in ausgedehntem Maße
bediente. Es würde zweifellos die Lösung einer Reihe physiologischer
Fragen, auch unter Zuhilfenahme der koagulierenden Wirkung der
Diathermie im Tierexperiment zwecks Ausschaltung von Gehim-
partien, vielleicht auch die Erzielung therapeutischer Resultate möglich
sein. Ich habe kein eigentlich psychiatrisches Material bisher zur Ver-
fügung gehabt, indessen habe ich doch eine Reihe von Fällen leichter
Psychosen, Melancholie, Neurasthenie behandelt und dabei recht
bemerkenswerte therapeutische Resultate erzielt.
8. Kapitel.
Haut-, Ohren-, Augenleiden; Kosmetik.
Bei der Besprechung der nervösen Leiden will ich gleich die pruri-
ginösen Affektionen der Haut erwähnen. Der Prurigo Hebrae,
d. h. diejenige schwere Affektion, welche, in den ersten Jahren der Kind-
heit be^nnend, die von ihr befallenen Individuen häufig bis über die
Pubertät hinaus, mitunter ihr ganzes Leben lang, aufs intensivste
peinigt, ist in ihrer Ätiologie nicht aufgeklärt. Manche therapeutischen
Methoden, z. B. Licht-, Röntgenbestrahlung, Salbenbehandlung, Pin-
selungen, Dampfapphkationen usw., helfen vorübergehend, verwtgen
aber nach einigen Malen, so daß die Patienten schheßlich jede neue
230 Klinische Anwendung der Diathermie.
Methode versuchen. Die diathermische Behandlung des intensiven
Juckreizes, der zumeist am ganzen Körper besteht, hat sich mir in Form
der Kondensatorapplikation in manchen Fällen vorzügh'ch bewährt.
Es ist m'cht selten, daß Patienten nach der ersten Sitzung argeben,
daß sie seit Monaten zum erstenmal eine Nacht durchgeschlafen hätten.
Mitimter erzielt man auf einige Wochen hinaus gute Resultate nach
einigen Sitzungen, in anderen Fällen aber ist die Besserung kurzdauernd.
Sie hält nur wenige Stunden an, imd bald nach Aufhören der Behand-
lung kehren die Juckanfällß in alter Weise wieder. Nur die sekun-
dären Erscheinungen des Ekzems pflegen sich längere Zeit zu bessern.
Manche Patienten, denen die Methode hilft, lernen sie sehr bald selbst
ausführen und behandeln sich selbst damit. Es ist also geraten, in jedem
Falle einen Versuch hiermit zu machen. In einem Teile der Fälle wird
man den Patienten wenigstens vorübergehend zu helfen in der Lage sein.
Wesentlich günstiger steht es in den Fällen von Pruritus der
Anal- und Genitalsphäre. Es genügt zumeist nicht, die äußere Haut
dieser Grebiete der Behandlung- zu unterwerfen, wenngleich auch hier-
mit (Methode der Kondensatorelektroden) vorübergehende Erfolge
erzielt werden. Schnelle Dauererfolge erreicht man oft durch Appli-
kation sowohl auf der äußeren Haut wie durch Einführung in den Anus
und die Vagina. SelbstverständL'ch sind Ekzeme, Hämorrhoiden,
Diabetes, Zervikalkatarrh und sonstige ursächliche xmd auslösende
Momente einer Spezialbehandlung zu unterwerfen. In schweren Fällen,
wo die Kondensatorbehandlung mitunter versagt, leistet die Duschen-
behandlung Gutes, und in den Fällen, in denen Neigimg zu Rezidiven
besteht, wird man mit der Methodik wechseln und vor allem Röntgen-
bestrahlung anwenden.
Im übrigen bietet die Dermatologie wem'g Indikationen für die
Diathermiebehandlung. Hautneuralgien, Parästhesien erfordern eben-
falls die Kondensatorbehandlung, und die kosmetischen Applikationen
finden weiter unten ihre Besprechung. Lupus und tuberkulöse Er-
krankungen der Haut werden im 5. Kapitel zusammenfassend ab-
gehandelt.
In der Ohrenheilkunde scheint die Diathermie in den Kreisen der
Spezialärzte noch keinen festen Fuß gefaßt zu haben; wenigstens sind
mir keine größeren oder zusammenfassenden Arbeiten darüber bisher
bekannt geworden.
Technisch ist sowohl das äußere, wie mittlere und innere Ohr
der diathermischen Behandlung in mannigfacher Weise zugänglich.
Die Ohrmuschel kann in einfacher Weise dm-ch Auflegen einer flachen
passenden Elektrode mit feuchter Zwischenlage gegen eine größere in-
differente Elektrode auf dem anderen Ohr resp. der anderen Wange unter
leichtem Andrücken an die Schädel wand genügend durchwärmt werden.
Der Gehörgang ist mittels einer passenden stabförmigen Metall-
elektrode der Behandlung zugängUch; es ist dabei zweckmäßig, die
Gehörgang wände durch vorheriges Einlegen eines mit Glyzerin-Wasser
durchtränkten Tampons zu benetzen und die Elektrode selbst vor der
Einführung ins Ohr in die gleiche Lösung zu tauchen, resp. nach dem
Haut-, Ohren-, Augenleiden; Kosmetik." 231
oxrgctnge von Ger lach mit verschieden dicken Wildlederumwickltingen,
L^ mit konzentrierter Kochsalzlösung gründlich durchfeuchtet sind,
IX ^versehen. Allerdings ist bei dieser Methode ein gleichmäßiges An-
^^gen des Stabes an alle Teile des äußeren Gehörganges nicht angängig
v^eigen der verschiedenen Lichtung und Krümmimg des Kanals. Ein
iolclies AnUegen ist auch nicht erforderhch, da diese AppUkation nur
\cLZTi dient, um das Mittelohr der diathermischen Behandlung zu unter-
worfen. Ger lach hat zur Fixierung des Elektrodenstäbchens eine
tHaltevorrichtung angegeben (vgl. Münch. med. Wochenschr. 1913,
T^r. 45). Die von Mendel (Dtsche. med. Wochenschr. 1914, Nr. 1)
>>efürchtete Funken- oder Büschelentladung bei nicht komplettem
Anliegen der Elektrode tritt bei genügender Durchfeuchtung des Ge-
liLÖrgangs imd nicht übermäßig großer Stromstärke (bis 300 MA) nicht
a»\if. Die weitere von Mendel vorgeschlagene Methode, den Gehör-
gang bis an das Trommelfell mit nasser Watte zu tamponieren, er-
«clieint nach dem auf Seite 108 Gesagten nicht unbedenklich wegen der
Erhitzung der Watte.
Mit irgendeiner der genannten Methoden ist es möglich, die Tempe
ratur der Paukenhöhle diathermisch zu erhöhen. Therapeutische Er-
wärmungen um 1°C wurden von Gerlach am Lebenden gemessen.
Ich ziehe zur Erwärmung der Paukenhöhle, die von mir schon
in der 1. Auflage dieses Lehrbuches (1913) beschriebene Anlegung
einer etwa halbmond- oder bohnenförmigen kleinen Blechelektrode
dicht hinter dem Ohr auf den Warzenfortsatz gegen eine größere in-
differente Elektrode auf der entgegengesetzten Wange vor, welche
letztere der Patient selbst hält. Mäßige Stromstärke (200—300 MA),
5 — ^15 Minuten lang, führt zu kräftiger Erwärmung der Paukenhöhle.
Ich iiabe an der Leiche Versuche angestellt, indem ich ein Thermo-
meter durch den Gehörgang in die Paukenhöhle einführte. Diathermie-
rung in der eben beschriebenen Form, allerdings mit stärkerer Dosip,
ließ das Thermometer in 1 Minute um 5° steigen.
Mit der gleichen Methode läßt sich auch das innere Ohr diathermisch
erwärmen. Man muß daher bei der Behandlung der Paukenhöhle
stets auf Nystagmus, Schwindel usw. achten; denn bei der Kleinheit
des ganzen Gehörapparates ist ein Weitergreifen der Erwärmung auf
das Labyrinth beim diathermischen Eingriff sclu^er zu vermeiden.
Allerdings gehören zur Hervorrufung von Labyrintherscheinungen
lange, kräftige Durchwärmungen, wie sie zur Therapie der Pauken-
höhle nicht benötigt werden.
Für besonders intensive Erwärmungen käme noch die Applikation
einer etwa talergroßen Flächenelektrode oder der in Abb. 38h gezeigten
Elektrode hinter dem Gaumensegel auf die seitliche Rachenwand
(Tubengegend) in Frage an Stelle der indifferenten Wangenelektrode.
Die therapeutischen Resultate waren bei chronischen Mittelohr-
katarfhen seröser Natur recht günstige. Das scheint auch aus den
Arbeiten von Mendel (1. c.) und Gerlach hervorzugehen. Auch bei
Mittelohrexsudaten habe ich recht günstige Residtate gesehen. Die
Fälle, die ich in Behandlung nahm, waren stets solche, die schon zum
232 Klinische Anwendung der Diathermie.
Teil monatelang ohrenärztliche Behandlung erfahren hatten und ohne
jede Besserung stationär blieben. Es trat fast stets nach der ersten Sitzung
eine leichte Vergrößerung des Exsudats ein, das aber mitunter schon
nach 3, im längsten Fall nach 10 Sitzungen resorbiert war. In einem
Fall war ein sehr zähes Exsudat nach 4 Sitzungen verflüssigt imd resor-
biert worden.
Auch die Wirkung auf Narben bedarf noch einer ohrspezialistischen
Bearbeitung. Ich habe in einem Fall von vollkommener Adhäsion
des Tronmielf ells an die Paukenhöhlenwand, welches mit der Luftpumpe
sich als völlig unbeweglich erwies, durch Diathermiebehandlung Los-
lösung und deutliche Beweglichkeit erzielt, allerdings ohne Besserung
des Hörvermögens.
Bei der Behandlung der Otosklerose habe ich von der Durchwär-
mung des Ohres keine Erfolge gesehen. Jedoch hat sich mir hier eine
andere AppL'kationsart in vielen Fällen nützUch erwiesen. Wenn man
die in Abb. 34c als erste abgebildete Kondensatoretektrode in den Ge-
hörgang einführt imd die Stromstärke so wählt, daß ein leichtes Auf-
leuchten der Elektrode ^und deutliches Summen entsteht, so kann man
mehrere Minuten die Wände des Gehörganges und das Trommelfell
der Wirkung der Kondensatorentladungen aussetzen, ohne daß ein zu
starkes Hitzegefühl entsteht. Ich habe nun in einigen Fällen von
Ohrsklerose zweifellose Besserungen der Hörfähigkeit, in einer größeren
Zahl von Fällen teils vorübergehende, teils definitive Beseitigung der
subjektiven Ohrgeräusche beobachtet. Inwieweit es sich in all diesen
Fällen um Beeinflussung einer nervösen Komponente des Grundleidens
oder um eine wirkliche Beeinflussung der Otosklerose handelt, muß
erst durch zahlreiche spezialistische Beobachtungen geklärt werden.
Unter meinen Fällen waren mehrere mir von Spezialisten zugewiesene
Fälle sicher arteriosklerotischer Natur, bei denen einwandfreie Besse-
rungen auftraten, während manche Fälle rein nervöser Geräusche nicht
gebessert wurden. Im allgemeinen habe ich den Eindruck, daß die
Fälle, die sich bessern, sowohl was Hörfähigkeit als auch Schwinden
subjektiver Geräusche anbelangt, in 6 — 10 Sitzungen längstens den
Beginn eines Erfolges zeigen; ist nach 10 Sitzimgen keine Besserung
eingetreten, so pflege ich die Behandlung als aussichtslos abzubrechen.
Außer der Konde^satorbehandlimg des Gehörganges dehne ich die
gleiche Applikation auf die Ohrmuschel und besonders den Warzenfort-
satz aus, woselbst die Stromstärke erheblich gesteigert werden kann
(bis zur Grenze der Schmerzhaftigkeit), weil manche Patienten angeben,
daß ihnen gerade die Behandlung am Warzenfortsatz besondere Erleich-
terung verursache.
Auch der Juckreiz im Gehörgang und im Innern der Ohrmuschel
reagiert besonders günstig auf diese Kondensatorbehandlung, und zwar
hierbei mit schwacher Dosierung. Komplizierendes Ekzem imd Gehör-
gangsfurunkulose erfordert jedoch Röntgenbehandlung.
Bei Erfrierungen der Ohrmuschel hat sich die Plattendurchwärmung
von außen, kombiniert mit Quarzlampenbestrahlung, als eine ausge-
zeichnet wirksame Behandlungsmethode erwiesen.
Haut-, Ohren-, Augenleiden; Kosmetik. 233
Bei eitrigen Affektionen ist die Diathermiebehandlung wie stets
:orLt>iraindiziert, außer bei chronisch eitrigen Brozessen, bei denen Ab-
lixßmöglichkeit vorhanden ist.
Xiupus resp. Tuberkulose des äußeren Ohres und des Gehörganges
is-b ©ine strikte Indikation der chirurgischen Diathermie. Ich verweise
cüesl^eztiglich auf das in dem betreffenden Kapitel (S, 277ff.) Gesagte,
Es wäre dringend erwünscht, wenn die Diathermie in der Ohren-
lieilkiinde endlich Gegenstand einer eingehenden spezialistischen khni-
Bclieii Bearbeitung würde.
Bezüglich der Anwendimg der Diathermie auf dem Gebiete der
O ph-thalmologie liegen bereits eine Reihe von Erfahrungen vor. So
hsLbe ich im Jahre 1908 ein Sarkom, welches die Sklera an der temporalen
Seite vorwölbte, diathermisch zerstört unter Erhaltung des Augapfels.
Tonometrische Versuche am Kaninchenauge gaben wechselnde
IResxdtate. Im allgemeinen konnte ich eine Erhöhimg des intraokularen
Druckes konstatieren.
Tele mann (Deutsche Medizinische Wochenschrift 1911) konnte fast alle
Organe, auch die Augen, von Versuchstieren bei intakter Haut ohne Schaden
weit über 40° erwärmen.
Krückmann (37. Versammlung der ophthalmologischen Gesellschaft zu
Heidelberg, 1911) wandte die Diathermie bei rheumatischen Erkrankungen des
Auges an und erzielte gute Resultate.
Lahn (Klinische Monatsblätter für Augenheilkunde 1912, S. 371) konnte
am enukleierten Schweinsauge den Glaskörper bei 39 — 40** ohne Schädigung der
Kornea erwärmen. Er konstatierte am lebenden Kaninchenauge beliebige Regulier-
barkeit des zu erreichenden Temperaturgrades. Wiederholte Erwärmung des Kon-
junktivalsackes auf 42° Wärme wurde ohne jede Schädigung des Auges vertragen.
Erwärmung auf 45° machte entzündliche Schwellung der lider, diffuse
Trübung der Kornea. (Kleinzellige Infiltrationen.) Die tieferen Teile des Auges
blieben unverändert.
Bei gleicher Erwärmungstemperatur des Konjunktivalsackes war die Glas-
körpererwärmung bei Diathermie größer als bei Umschlägen. Es erwärmte sich
auch die Orbita.
Während es beim Menschen mit Umschlägen nur gelingt, den Konjunk-
tivalsack um 1,6° gegenüber der Norm zu erwärmen, gelingt es leicht, mittels
der Diathermie eine Erwärmung auf 40 — 42° zu erzielen.
Sattler (Ophthalmologische Versammlung 1912, Heidelberg) gelang es,
schmerzlos mit Diathermie eine starke Hyperämie der Ziliai^efäße sowie Eiweiß-
und Antikörpervermehrung des Kammerwassers zu erzielen.
Claussnitzer (Klinische Monatsblätter für Augenheilkunde, Juni 1912)
fand einen auöallenden Einfluß der Diathermierung auf den intraokularen Druck.
Die vorübergehende Erhöhung durch Diathermie bei entzündlichen Prozessen
fehlt häufig bei entzündungsfreien Zuständen. Bei solchen beobachtete er eher
eine Verminderung des Drucke«, ebenso wie in allen normalen Fällen. Er be-
handelte chronische Iridozyklitiden und Iritiden sowie tiefe Keratitiden im
entziindlichen Stadium. Mit einer Ausnahme fand er Steigerung bis zum doppel-
ten Druck gegenüber vorher, z. B. bei einer tuberkulösen Erkrankung des Uveal-
trakts. Ich zitiere eine seiner Beobachtungen: Vor der Behandlung fand er an 4
Tagen einen Druck von 13 Va bis 18 mm. Bei der diathermischen Erwärmung des
Konjunktivalsackes um 4,9° stieg der Druck ohne unangenehme Sensationen von
18 bis 33
18 „ 28
16,5 „ 26
Bei derselben Patientin ergab die Diathermie am gesunden Auge keine Druck-
steigenmg.
234 Klinische Anwendung der Diathermie.
Bezüglich des Glaukoms yerfügt er noch nicht über genügende Beob-
achtungen. Als Nebenerscheinung beobachtet er nach Diathermierung Erweite-
rung und Entrundung der Pupille mit trägerer Reaktion als vorher, gelegentlich
geringe Pupillendifferenz, femer vermehrte Injektion des Bulbus auf einige Zeit,
Hyperämie der Iris, deren Farbe mehr grün und gelblich wird.
Bei Diathermierung eines mit Steigerung intraokularen Druckes reagierenden
Auges ergab die Beobachtung unmittelbar danach 18 — ^28 mm Druck, eine Stunde
später 25—27, 2 Stunden sjÄter 22, 3 Stunden später 17,5, nach 4 Stunden 16,5,
nach weiteren drei Stunden (also nach 7 Stunden) 19,5, am nächsten Morgen
15 mm.
Ich selbst habe nicht viel Gelegenheit gehabt, die Diathermie am
Auge zu verwenden. Abgesehen von Teleangiektasien an den lidem,
Xanthelasma (S. 243f.), Epitheliomen, Lupus der Lider und der Kon-
junktiva, wobei die chirurgische Diathermie zur Anwendung kam, habe
ich mit der medizinischen (also nicht koaguUerenden) Diathermie vor-,
wiegend Orbital, Ciliarneuralgieen, Ticconvulsiv und douloureux mit
gutem Erfolg behandelt. Überraschend waren die Resultate, die ich
in sechs Fällen von Ulcus serpens corneae erzielte. Ich führe zwei Fälle
kurz an:
Pat. J. Leidet seit ca. 6 Monaten an Hornhautentzündung. Am 10. 1. 18
Rezidiv: Lidränder und Bindehaut gerötet, starke Lichtscheu. Reichliche Ab-
sonderung. Hornhaut beiderseits entzündet: Rechts mehrere kleine, links ein
stecknadelkopfgroßer Entzündungsherd. Ins beiderseits reizlos.
19. 1. Geringe Besserung objektiv und subjektiv. Einleitung der Diathermie-
behandlung am 22. 1.
24. 1. Nur noch geringes Brennen und Tränen der Augen; Lichtscheu ge-
bessert. 26. 1. lider und Bindehaut ein wenig gerötet; geringe Absonderung.
Entzündungsherde der Hornhaut beiderseits gereinigt. 30. 1. weiter gebessert.
5. IL lidränder und Bindehaut noch inamer etwas gerötet. 6. TL. gebessert ; morgens
noch etwas Tränen. 11. ü. Tränen fast geschwunden, keine Beschwerden mehr.
15. n. Augen reizlos. Bis 23. ü. beobachtet. Geheilt entlassen.
Pat. B. Seit 4. VIII. 17 Keratitis links (bereits 1913 vier Monate lang Horn-
hautgeschwüre gehabt). links mäßige pericomeale Injektion, zahlreiche JEpithel-
defekte in der Mitte der Kornea. Iris reizlos. Nach vorübergehender geringer
Besserung treten dauernd neue Reizperioden auf, so daß am 15. IX. Diathermie-
behandlung nach ermeuter Reizung am 14. IX. eingeleitet wurde. Zwei Sitzungen
am 15. IX. und 19. IX. Seitdem beschwerdefrei. Beobachtet bis 25. IX. Geheilt
entlassen.
In gleich schneller und günstiger Weise verliefen die anderen Fälle,
so daß ich die Diathermiebehandlung des Ulcus serpens als Methode
der Wahl bezeichnen muß. Denn sie beseitigt schnell uad sicher die
subjektiven Erscheinungen und bringt das Ulcus in kürzester Zeit
definitiv zur Abheilung. Die Behandlung findet durch das geschlossene
Lid hindurch mit einer konkav gebogenen kleinen Elektrode und feuchter
Gazezwischenlage gegen eine indifferente Nackenelektrode statt. Dauer
3—5 Minuten, Dosis 200—300 MA. Wiederholung tägUch.
Eine in bezug auf Genauigkeit und Universalität ausgezeichnete
Broschüre über die Diathermie des Auges ist 1919 vonLeonhard Koe p pe^)
erschienen, welche die gesamte bis dahin erschienene Literatur berück-
sichtigt imd durch eine große Anzahl eigener exakt durchgeführter
Versuche am Tier und Menschen reiches Material liefert. Die Schrift
^) Koeppe, Die Diathermie- und Lichtbehandlung des Auges, Verlag
F. C.[W. Vogel, Leipzig 1919.
j
Haut-, Ohren-, Augenleiden; Kosmetik. 235
für jeden, der sich mit Augentherapie beschäftigt, unentbehrlich,
ich verweise bezüglich näherer Details auf sie. Nach Koeppe
3x^iien wir den augenblicklichen Stand der Augendiathermie etwa in
►Inendem kurz zusammenfassend präzisieren:
X>ie kritische Homhauttemperatur, welche nicht überschritten werden
beträgt 44—45® C (Anm.). Kontraindiziert ist die Diathermie für
septischen Formen der Homhautgeschwüre und des Hypopions,
Iritis, Iridocyclitis, der Hintergrunds- und Glaskörpererkrankungen
[^^v^or allem nach perforierenden Verletzungen). — Femer die purulent-
Lx^fektiösen Entzündungsformen des Orbitalgewebes außerhalb des
]B-ulbiis sowie die Panophthalmie. — Bei Glaukom, außer bei ange-
deuteter Drucksteigerung, bei plastischer Iritis. — Bei Basedow. —
^Bei septischen und furunkulösen Entzündungen der Augenumgebung. —
'Rei Sensibilitätsstörungen an Lidern und Hornhaut.
Diesen Kontraindikationen von Koeppe möchten wir noch die
t/iiberkulösen AHektionen sämtlicher Augenabschnitte zufügen, soweit
sie nicht durch diathermische Koagulation radikal zu beseitigen sind und
in demselben Sinne alle Tumoren.
Demgegenüber steht eine große Eeihe von Affektionen, bei denen
die Diathermiebehandlung indiziert ist. Zuvor einige Worte über die
Technik der Anwendung, die Strom verlauf slinien und die physiologischen
Wirkimgen der Diathermie.
Die für die Augenbehandlung nötigen Diathermieapparate müssen
nicht sehr große Energiemengen liefern: 200—300 MA sind für die
meisten Zwecke ausreichend. Sie müssen aber andererseits für sehr
geringe Leistungen einstellbar sein. Es können demnach auch kräftige
Diathermieapparate verwandt werden, wofern sie nur dieser letzteren
Bedingung genügen.
Als Elektroden kommen zunächst einfache Plattenelektroden in
Frage, die für die vorderen Augenpartien als leichtkonkav gebogene,
markstückgroße biegsame Platte mit dünner Gazezwischenlage gegen
eine größere, indifferente Nackenelektrode angewandt wird. Mit dieser
Elekä*ode kommt man für alle Zwecke aus; nur muß man gelegentlich
den Strom unterbrechen, die Zwischenlage verschiedentlich mit kaltem
Wasser oder Kochsalzlösung durchfeuchten imd so die Lidhaut imd
Kornea kühlen, um eine stärkere Tiefenwirkung nach Augapfel und
Kornea hin zu erzielen. Für tiefere Bulbusabschnitte und retrobulbäre
Behandlung ersetzt man zweckmäßig die sagittale Behandlung durch
transversale von den Schläfen aus. Will man auf beide Augen gleich-
zeitig wirken, so wählt man beide Schläfenelektroden gleich groß,
etwa von Talergröße (4 cm Durchmesser), sonst setzt man an der einen
Schläfe einer talergroßen eine größere an der anderen Schläfe resp.
Anmerkung. Es ist hierbei zu bemerken, daß Temperaturmessungen
mittels Quecksilberthermometers an stromdurchflossenen Gewebsteilen ungenau
sind, da das Thermometer als Kondensatorelektrode wirkt und sich stärker
erhitzt als der Gewebstemperatur entspricht, mithin falsche Werte gibt. Maß-
gebend sind vielmehr nur Messungen mit der thermoelektrisohen Nadel, solange
Diathermie das Gewebe durchfließt.
236 KlinjAihe Anwendung der Diathermie.
Wange gegenüber. Es ist zweckmäßig, die indifferente Elektrode auf
dem Nacken oder der Schläfe durch eine Binde zu fixieren, damit man
nur die differente auf dem Auge zu halten braucht. Bei nicht erwünschter'
tieferer Wirkung kann man auch die indifferente Elektrode als Hand-
elektrode oder Bückenelektrode, auf welcher der Patient hegt, appli-
zieren. Zu beachten iet, daß die different« Elektrode durch' ihre Biegung
der Bulbusform angepaßt sein muß, damit nicht durch eine dicke,
elastische Zwischenlage die Adaptation ermöglicht werden muß. Denn
dicke Zwischenlagen sind durchaus bei allen Diathermieapplikationeii
zu vermeiden, dasie großen Widerstand besitzen, sich stark erhitzen und zu
Abb. 9U. Abb. 91b.
Verbrennungen Anlaß geben können. Gegen Verwendung gar keiner
Zwischenlage ist die schwierige Anpassung und das leicht auftretende
Kribbeln einzuwenden, da man die Elektrode meist nicht sehr stark
andrücken darf. Es hat sich am besten bei geeigneter Biegung die Ver-
wendung dünner gut nasser Gazezwischenlagen bewährt.
Eine ganz gute Konstruktion stellt die Quirl nscbe Augenelektrode
dar, welche aus der Abb.Sla, b verständlich ist; nur hat sie den Fehler,
daß die Wattekissen, wie vorstehend geschildert, leicht wärmespeichernd
wirken.
Eine weitere Augenelektrode ist von Bucky angegeben worden.
Es ist die gewöhnhche für Galvanisation, Faradisation bekannte Becher-
elektrode aus Glas für Füllung mit Flüssigkeit als Kontaktmaterial;
nur ist ein Thermometer eingefügt, um die Temperatur der Flüssigkeit
zu kontroUieren. Der freie Glasrand der Becherelektrode wird mit
Haut-, Ohren-, Aogenleideii; Koemetik. 237
>»^lixie eingefettet und das Gefäß nach Aufsetzen auf das Auge,
•s^llsst es vom Patienten selbst in Lage erbalten wird, ndt Kocbaalz-
^^vxii^S gefüllt. Diese Elektrode ermogUcbt die Diatbermieanwendung
1 geöffneten Udem direkt auf die Kornea, wofür Krückmann
cve TCocbsalzkonzentration von 12,5 % als gleichen elektrischen Wider-
ebi3.<l wie die Kornea bietend empfiehlt.
31>ie Applikation von Kondensatorelektroden am Auge ist ebenfalls
^a.t.'t.liaft. Man verwendet entweder die üblichen Formen, wie sie Abb. 32c
a.rstellt, oder eine spezielle Kondensatoraugenelektrode (Abb. 32f, g).
Für chirurgische Zwecke eignet sich vollkommen ausreichend das
n Abb. 36k gezeigte Besteck.
Die ErwärmungsmögUchkeit des Bulbus resp. seiner Abschnitte
st noch nicht völlig geklart. Der hohe Widerstand der Sklera, die ver-
^ohiedene Vaskularisation und Gewebsait der einzelnen Teile des Auges,
aeiner Hüllen, seiner Einbettung und der Knochenwand haben Anlaß
ÄU zahlreichen Kontroversen und Experimenten gegeben, um diese
Frage aufzuhellen, ohne daß eine Einigung erzielt worden wäre. — Ich
glaube, daß jede physikalisch exakte Lösung hier, wie so oft, an der
iCompÜziertheit des physiologischen Objekts scheitert. Praktisch liegen
tlie Verhältnisse ja viel einfacher. Eine Vermeidung der Lidhaut er-
scheint mir unnötig; durch sie hindurch und unter Auswechselung und
Kühlung der Zwischenlage gelingt eine ausreichende Durchwärmung
des Bulbus. Man erinnere sich nur der allgemeinen Begel: Für groQe
Xiefenwirkung — langsame allmähliche Diathermierung ; für ober-
flächliche Durchwärmung größere Stromstärke, kurze AppUkation.
Nur in den Fällen, in denen gar kein Druck auf den Bulbus vertragen
wird oder zulässig ist, empfiehlt sich die Anwendung der Buckyschen
Elektrode; indessen war ich bisher nie in dieser Notlage. Eventuell
hilft man sich mit etwas Kokain.
Wenn auch durch die schlecht leitende Sklera der Eintritt der
Diathermie in den Bulbus wirkhch erheblich erschwert sein sollte, so
kann man auch diese Schwierigkeit in einfacher Weise beheben, indem
man als differente Elektrode eine möghchst kleine Form wählt, die
unterhalb des Durchmessers des Augenäquators liegt. Aber es unterUegt
ear kdnem Zweifel, daß auch bei größerer Elektrode, welche die vordere
Öffnung der Orbita annähernd ausfüllt, eine genügende Durchwärmung
des Bulbus erzielbar ist. Für therapeutische Zwecke kommt es ja, wie
wiederholt betont, gar nicht auf die Erzielung absolut hoher Qewebs-
temperaturen an. Für weitaus die meisten Zwecke genügen ganz geringe
Teraperaturerhöhimgen*) Auch bezüghch des Austritts der Dia-
themiieströme aus der Orbita nach dem Schädel hin, hegen die Ver-
hältnisse keineswegs so, daß die Ströme gerade durch die Fissuren reep.
Foramlna hindurchgehen ; sondern sie durchdringen zweifellos auch den
Knochen. Dies ist deshalb wichtig, weil man aus dem Zusammen-
di^gen der Stromlinien an diesen Stellen auf die Wirkung resp. Unwirk-
') Waa die Erwärmiu^mögliohkeit des Bulbus durch die Sklera hinduroh
ia Gestalt einer Kondensatorwirkung anbetrifft, so ist daran zu erinnern, daß
die gwrae phyäolc^ische Wirkung ja in dieeer Weise aufzufassen ist (S. 51).
238 KliniBche Anwendung der Diathermie.
samkeit der Diathermie auf die einzelnen Abschnitte der Augenhöhien-
inhaltsschichten geschlossen hat. Es liegen vielmehr die Verhältnisse so,
daß bei sagittaler Bichtmig der Diathermieapplikation eine theoretisch
zwar ungleichmäßige, praktisch aber genügende Durchwäxmung des
Bulbus und der gesamten Augenhöhle erzielt werden kann, und zwar
ohne komplizierte Elektroden^). Bei temporaler Durchwärmung liegen
die Verhältnisse ungünstiger, weil die Entfernung des Bulbus von der
Haut hierbei wesentlich größer ist als bei der Durchstrahlung vom lad
aus, wobei die Elektrode gewissermaßen direkt dem Bulbus aufliegt.
Indessen können wir von beiden Methoden unmittelbar hintereinander
oder mehrmals abwechselnd Gebrauch machen, um so eine erhöhteTiefen-
wirkimg nach Art des Kreuzfeuers (S. 61, 246) zu erzielen. Bei der
abwechselnden Applikation haben wir den Vorteil, daß die oberfläch-
lichen Gewebsschichten sich in den Zwischenpausen immer wieder ab-
kühlen, während die tiefen Abschnitte die Wärme länger festhalten. —
Was die klinischen Resultate und Indikationen betrifft, so ist zu-
nächst die Beobachtung des intraokularen Druckes von großer Be-
deutung. Versuche am Menschen- sowie am Kaninchenauge ergaben
mir wechselnde Resultate, im allgemeinen jedoch eine leichte Erhöhung
des tonometrischen Wertes (Sjötzsches Tonometer). Hiermit stimmen
die Beobachtimgen von Qurin, z. T. auch die von Clausnitzer überein.
Damit ist aber keineswegs entschieden, daß die Anwendung der Diather-
mie bei bestehender Druckerhöhung durchaus kontraindiziert ist. Viel-
mehr kann auch hier der dekongestionierende Einfluß der Diathermie
in die Erscheinung treten. Nur fehlt diesbezüghch noch die genaue
Indikationsstellung von augenspezialistischer Seite.
Bezüglich der einzelnen Indikationen und Resultate verweise ich
auf die erwähnte Koeppesche Monographie. Ich möchte nur die
wichtigeren augentherapeutischen Indikationen hervorheben. Für Neur-
algien verweise ich auf das über Neuralgien im allgemeinen (S. 186ff.)
Gesagte. Lidödem bessert sich schnell infolge besserer Durchströmung
und Zirkulation. Für Warzen, Naevi, kleine Tumoren, Epilation
schlechtstehender ZiHen, Teleangiektasien, Xanthelasma, Epitheliome,
Lupus kommt die Diathermie hier genau wie an anderen Körperstellen
(s. d.) in Betracht. Von Konjimktivitiden eignen sich besonders die
gichtischen, rheumatischen und gonorrhöischen Formen. Bei letzterer
Affektion verschwindet die Chemose schon wenige Stunden nach der
Behandlung imd ebenso schnell die Gonokokken. Voraussetzung für
den Erfolg ist Erreichung hoher Temperatur, 42° C. Gute Erfolge
werden auch bei Frühjahrskatarrh und Trachom berichtet sowie bei
Episkleritis ; desgleichen bei Keratitis und Skleritis. Die Keratitis paren-
chymatosa eignet sich besser für Röntgentherapie. Blutungen in die
verschiedenen Augengewebe werden unter Diathermiebehandlung weit-
aus schneller resorbiert als sonst; nur darf man nicht unmittelbar nach
dem Auftreten diathermieren, sondern muß 3—4 Tage abwarten, wegen
der Gefahr der Nachblutung.
^) Nur empfiehlt es sich »die differente Elektrode möglichst hoch an den
Supraorbitalrand zu drängen, weil die Nackenelektrode den Strom nach unten zieht.
Haut-, Ohren-, Augenleiden; Kosmetik. 239
Ebenso günstig sind die Resultate bei Iritis, Iridocyclitis und ent-
i-XicUicher KÄmmerwassertrübung. Nicht geeignet sind auch hier die
lu^i^ischen und tuberkulösen Formen, für welche die Röntgentherapie
:x^l3eii der spezifischen) in Frage kommt. — Gute Erfolge werden bei
risclieren und älteren Glaskörpertrübungen sowie bei über 8 Tage zurück-
L^genden Glaskörperblutungen berichtet. Besonders geeignet sind die
r*älle mit noch feinen Fibrinausscheidungen. Die fortgeschrittenen
Braille mit massiven Ausschwitzungen sind bedeutend refraktärer gegen
^ie Diathermie.
Kontraindiziert hierbei wie bei allen Augendiatherniien sind die
^äile, die zu Hintergrundsblutungen neigen, besonders also Fälle mit
^periphlebitischen Prozessen. Dagegen sind Kontusionsblutungen (z B.
Kriegsverletzung) eine besondere Domäne der Diathermiebehandlung,
allerdings nicht die ganz frischen Fälle. Dies gilt auch für retrobulbäre
(und überhaupt) Orbitalblutungen, die imter Diathermiebehandlung
sich rasch resorbieren. (Mindestens 4 Tage warten wegen Nachblutungs-
gefahr!) Aber auch hier geben nur die Fälle ohne stärkere Glaskörper-
destruktion wirklich gute Resultate. Bei der Retinitis albuminurica bietet
die Behandlung der Nieren die besten Aussichten. — Bd Neuritis optica,
Stauungspapille und EmboKe der Zentralarteiie erscheint ein Versuch
mit der Augendiathermie gelegentlich Erfolg versprechend. Bei Atrophie
des Nervus opticus sind Besserungen der Sehschärfe und Erweiterung
des Gesichtsfeldes berichtet worden. Bezüghch der Augenmuskel-
lahmungen sind keine großen Hoffnungen auf die Diathermie zu
setzen.
Die kos metische n Applikationen der Diathermie lassen sich unter
zwei Gesichtspunkte gruppieren: Ein Teil der Anwendung basiert auf
der stimulierenden, nutritiven und erweichenden Wirkung der Dia-
thermie, der andere auf der koagulierenden. Alles, was die kosmetische
Massage bezweckt, ;ist eine Hyperämisienmg und infolgedessen bessere
Ernährung der Gewebe sowie mechanische Fortschaffung von Sekreten
und Stoffwechselprodukten. In viel höherem Maße genügt die Dia-
thermie dieser Fordenmg, indem sie den Hautgebilden fremde Energie
von außen als vitale Energie zuführt, indem sie eine bessere Vasku-
larisierung imd eine Erhöhung des Stoffwechsels herbeiführt. So sehen
wir die Turgeszenz der Haut sich bessern und hierdurch Runzeln ver-
schwinden, atrophische, hyperkeratotische Gebiete sich normaHsieren.
Die Hyperkeratose ist durchaus nicht stets ein Ausdruck der Hyper-
funktion des Hautorgans; vielmehr sehen wir gerade bei Ernährungs-
störungen infolge mangelhafter Zirkulation kolossale Homhautmassen
mit Rhagadenbildung auftreten. Blasse Haut mit schlechter Kapillar-
zirkulation vaskularisiert sich ^»esser, ebenso wie man zyanotische
Partien sich dekongestionieren und normale Färbung annehmen sieht.
Selbst Ödematose Schwellungen der Gesichtshaut (z. B. Säcke unter den
Augenlidern) sieht man durch lokale Behandlung verschwinden.
Die tiefgehende Durchwärmung führt zu einer Verflüssigung
stagnierender Sekrete der Talgdrüsen, so daß eine Entleerung der Aus-
fühningsgänge unter ihrer Einwirkung erfolgt. •
240 Klinische Anwendung der Diathermie.
. Diese Wirkungen sind relativ geringfügig und unwichtig. Aber die
Verwendbarkeit der Diathermie in der Kosmetik eröffnet ihr doch
ein großes Gebiet und erhöht ihren Wert. Man kann im allgemeinen
sagen, daß überall, wo die Elektrolyse imd die Galvanokaustik ein
Anwendungsgebiet finden, die Diathermie schneller, sicherer, schmerz-
loser und besser dosierbar wirkt. Wenn man mittels der Elektrolyse
imd einer Stromstärke von 1—2 Milliampere, die meist äußerst schmerz-
haft empfunden wird, eine Minute gebraucht, um ein Haar zu epilieren,
so erreicht man mittels der Diathermie in der Stromstärke von wenigen
Milliampere in einer Sekunde dasselbe Resultat. Man kann bequem in
einer Sitzung 200 Haare epilieren. Die Schmerzen sind hierbei wesent-
lich geringer als bei der Elektrolyse. Allerdings besteht hierbei dieselbe
Schwierigkeit bezüglich des Erreichens des Haarbulbus. Denn je nach
seiner anatomischen Verlaufsart wird es nicht immer gelingen, den Bulbus
mit der Nadelspitze zu erreichen, zumal wenn er stark gewunden ist
oder in der Tiefe in anderer Richtung verläuft als auf der Oberfläche.
Man muß also auch bei der diathermischen Epilation mit ca. 10 %
Rezidiven rechnen. Nur ist die Behandlungsdauer für jedes einzelne
Haar so viel kürzer als mittels der Elektrolyse, daß der Endeffekt sich
doch wesentlich günstiger gestaltet.
Ich bediene mich zur Epilation in üblicher Weise eines feinen, nicht
zugespitzten, 1 cm von seinem Ende stumpfwinklig nach imten umge-
bogenen Platiniridiumdrahtes, der möglichst in der Richtung des Wurzel-
kanals in den Haarbalg eingeführt wird. Der Diathermieapparat wird
auf schwächste Leistimg eingestellt. Der ganze primäre Widerstand
bleibt eingeschaltet. Der zur Koppelung der sekundären mit der pri-
mären Spule dienende Hebel wird auf gestellt. Eine Handelektrode
wird an der Polklemme befestigt, die Epilationsnadel an der Pol-
klemme 1 imd, zur Epilation im Gesicht, die Handelektrode vom
Patienten in eine Hand genommen. Ist die Epilationsnadel eingeführt,
so genügt das SchKeßen des Stromes für die Dauer einer Sekunde mittels
des Fußschalters nebst sofortigem Wiederausschalten, um bei richtiger
Einführung der Nadel den Haarbalg zu zerstören. Mit einer bereit-
gehaltenen Pinzette entfernt man das nunmehr lose dem leichten
Zug folgende Haar. Hat man die Richtung nicht gut getroffen, ist der
Haarbalg gekrümmt, oder hat man die Nadel zu tief oder nicht tief
genug eingestochen, so wird das Haar nicht gelockert, und man muß die
Prozedur später wiederholen. Manche Diathermieapparate können nicht
ohne weiteres auf so schwache Ströme eingestellt werden, daß die Epila-
tion in kosmetisch einwandfreier Weise gelingt, vielmehr tritt selbst
bei kürzest möghcher Einschaltimg nicht nur eine Spitzenwirkung am
Ende der Epilationsnadel, sondern auch eine Wirkung um den ganzen
in der Haut befindhchen Schaft herum ein, und man sieht sofort Koa-
gulationsbildung, eventuell mit leichter Funkenbildung, auftreten. In
diesem Falle muß man sich damit helfen, daß man z. B. einen Wasser-
widerstand noch einschaltet und so den Gesamtwiderstand vergrößert,
bzw. die Stromstärke verringert. Indessen ist die diathermische Epi-
lation durch die heutzutage sichere und ungefährhche Anwendung der
Haut-» Ohrmi-, Augeol^en; Kosmetik., 241
stark gefilterten Röntgentiefentherapie völlig in den Hintergrund
gedrängt«
Dieselbe Nadel läßt sich auch zur Beseitigung von Akne ver-
wenden, indem man sie in das Zentrum der Pustel oder des Knötchens
einsenkt und nun eine etwas kräftigere Diathermierung vornimmt. Dieses
Verfahren kommt jedoch nur für chronische imd häufig an derselben
Stelle rezidivierende Ejiötchen und Pusteln in Frage, da ja die Akne im
allgenieinen durch Röntgenbestrahlung (und Salbenbehandlung) in
genügender Weise zur Heilung geführt werden kann. Das Sieme nssche
Elektrodenetui enthält auch eine von mir angegebene Nadel, welche
für die gleichen Zwecke Verwendung finden kann. Diese Nadel ist bis
dicht an die Spitze durch Emaillelack isoliert, so daß nur am äußersten
Ende eine Diathermiewirkung aiif tritt. Allerdings schützt der Lack
nur bei sehr geringen Stromstärken und Spannungen. Bei größerer
Belastung wirkt auch der isolierte Schaft der Nadel aktiv. Die Nadel
ist für Epilation in den meisten Fällen zu dick, eignet sich jedoch gut
für die Aknebehandlung sowie besonders zur Beseitigung von Warzen
und Teleangiektasien; sie gestattet, in die Haut eingeführt, gewisser-
maßen eine subkutane Koagulierung.
Die Beseitigung von Warzen geschieht stets ohne Lokalanästhesie,
da die Koagulation der Epithelwucherung vollkommen schmerzlos ist,
und nur, wenn die Erwärmimg so weit geht, daß die Warze selbst von den
unterliegenden Schichten durch eine seröse Exsudation abgehoben wird,
tritt ein leichtes Brennen auf, welches jedoch selbst Eander ohne weiteres
ertragen. Ich habe wiederholt bis 30 Warzen und mehr in einer Sitzimg
beseitigt. Bei der Behandlung der Warzen treten meist minimale Fünk-
chenentladungen auf, welche unbeabsichtigt sind, aber die Diather-
miewirkung nur wenig beeinträchtigen. Man kann sie vermeiden,
indem man die Elektrode so weit in die Warze hineinsteckt, daß sie
die sukkulenteren Grundschichten erreicht. Allerdings ist die Appli-
kation dann schmerzhafter. Unter der Diathermieeinwirkung werden
die meist bräunlich aussehenden Warzen gelblich oder weißlich wie
Kreide oder Mörtel. Hat man sie in ihrer ganzen Ausdehnung koaguliert,
was man daran erkennt, daß sie beim Einstechen der Nadel und im Ver-
such, die Warze mit der Nadel zu verschieben, auf ihrer ganzen Grund-
fläche beweglich geworden ist, so kann man nunmehr mit einer spitzen
Schere die Grenzlinien rings herum inzidieren und die koagulierten ge-
wucherten Epithelschichten, welche infolge der Verbrennung zweiten
Grades durch die erwähnte seröse Exsudation von der Unterlage ab-
gehoben sind, ohne Blutimg abtragen. Treten punktförmige Blutungen
an einigen Stellen auf, oder haften die Warzen dort tiefer, so muß man
diese Stellen noch einmal koagulieren, was ebenfalls meist etwas schmerz-
haft ist, weil sonst Rezidive auftreten können. Bei den kleinen multiplen
weichen Warzen ist die Abtragung nicht nötig. Man erlangt sehr bald
die nötige Übung, um die gewünschte Tiefenwirkung und die genügende
Koagulation zu taxieren, und überläßt die Warzen bzw. die Schorfe
der spontanen Abstoßung.
Li gleicher Weise werden kleine Papillome, Fibrome, Athe-
Nagel Schmidt, Diathermie. 2. Aufl. i6
242 Klinische Anwendung der Diathermia
ro me , Z ysten exstirpiert, wobei man darauf zu achten hat, daß man die
Tiefenwirkimg so bemißt, daß die nach Abstoßung der Nekrose ent-
stehende Narbe möglichst in das Hautniveau zu liegen kommt. Keines-
faUs darf es vorkommen, wie mir das berichtet worden ist, daß die
diathermische Entfernung einer Warze zur Entstehimg eines Ulcus ge-
führt hat, welches mehrere Wochen zur Heilung brauchte und mit ein-
gezogener tiefer Narbe abheilte. Es gehört eben hierzu eine gewisse
Erfahrung, und etwas mehr Vorsicht ist angebracht, selbst auf die
Gefahr hin, den Eingriff nach 14 Tagen wegen nicht genügender Beseitigung
des Hautgebildes wiederholen zu müssen.
Für die Beseitigimg von Teleangiektasien, kleinen sternförmigen
Nävi, auch von kleineren flächenförmigen Nävi leistet die IHathennie
Vorzügliches. Bei ebenfalls schwächster Einstellung des Apparates
setzt man die stumpfe emailüerte Nadelelektrode auf das zu koagulie-
rende kleine erweiterte Gefäß auf, ohne sie einzustechen, jedoch mit
einem gewissen Druck. Kürzeste, momentane Einschaltung genügt,
um die bekannten oberflächHchen Teleangiektasien bei chronischer
Akne auf der Nase (Residuen einer Röntgendermatitis usw.) zu beseitigen.
Man wiederholt den Eingriff, indem man Koagulationspunkt neben
Koagulationspunkt im Verlauf der zu zerstörenden Gefäße anbringt,
jedoch Yä ^^^ Zwischenraum jedesmal läßt, damit die Schorfe nicht
konfluieren und zu stark werden. Bei sternförmigen Nävi, wie sie unter-
halb des Auges auf dem Jochbein häufig sind, kann man den zentralen
Teleangiektasieknopf durch eine Applikation von etwa einer Sekimde
Dauer zumeist momentan durch einen einzigen Eingriff beseitigen.
Indessen ist es doch oft notwendig, auch die kleinen, von ihnen ausstrah-
lenden Gefäße wenigstens je durch einen einzigen Koagulationspunkt
zum Verschluß zu bringen, da sie später doch diese Behandlung er-
fordern, wenn sie auch meist im Moment der Diathermierung des
zentralen Punktes sofort unsichtbar geworden sind. Für diffuse Nävi
ist die Radiumbehandlung von kosmetisch besserem Erfolg, schmerz-
los, indessen erfordert sie sehr lange Zeit, imd so kommt auch gelegent-
lich, besonders für sehr große Fälle, die .kosmetische Diathermie-
behandlung in Frage. Man koaguliert auch hier Punkt für Punkt neben-
einander, ähnlich wie bei der Elektrolyse, nur daß man die Nadel nicht
einsticht, daß die einzelne Applikation nur eine Sekunde dauert, und daß
sie viel weniger schmerzhaft ist als bei der Galvanolyse. Gelegentlich
kann es auch zweckmäßig sein, die Nadel mehr oder weniger tief ein-
zustechen, je nach der Tiefenlage des Nävus. Es ist jedoch hierbei
Vorsicht am Platze, weil bei der Koagulation tieferer Hautschichten
Keloidbildung auftreten kann; indessen ist man, um gründliche Zer-
störung der Nävi zu erzielen, gelegentlich gezwimgen, tiefe Gewebs-
schichten mit zu koagulieren. Es ist dann häufig zweckmäßig, nicht
die ganze Fläche gleichmäßig zu zerstören, sondern Zwischenräume
zwischen den einzelnen kleinen Koagulationszyhndem zu lassen. Man
vermeidet hierdurch Narbenverziehungen. Im übrigen ist hierbei das
auf S. 284 f. Gesagte beztigüch der Nachbehandlung zu beachten, da
hierdurch die Bildung weicher Narben gewährleistet T^ird. — Man kann
Haut-, Ohren-, Augenleiden; Kosmetik. 243
Lcli auch der bekannten mit zahlreichen Nadeln besetzten elektrolytischen
Hektrode bedienen. Für pigmentierte Nävi kommt die diather-
oisclie Koagulation viel eher in Frage als das Radium, weil hierbei die
Vixkimg des letzteren unsicher ist imd meist lange Applikationen
!>rf ordert. Kleine Nävi überläßt man ohne jegliche Nachbehandliüig
1er spofitanen Abstoßimg und gibt den Patienten nur auf, daß sie den
üxiix bildenden Schorf nicht abkratzen und beim Waschen vorsichtig
sind. Größere Nävi (Angiome) müssen ähnlich wie die Lupusnach-
behandlving mit Salbenverbänden versorgt werden (siehe Abb. 104, 105).
Die Radiumbehandlung bietet für die Nävusbehandlung gewisse Nach-
teile. Sie ist langwierig, die aneinandergrenzenden Reaktionsfelder
sind schwer exakt anzupassen, und die Tiefenwirkung ist schwierig zu
taxieren, besonders bei größeren Nävi die verschiedene Färbung auf-
'weisen und verschieden tief greifen. Infolgedessen treten mitunter als
ISndresultat der Badiumbehandlung zu weiße Stellen (Narben) auf, die
ebenso kosmetisch stören wie der Nävus selbst. Ich beschränke daher
in den letzten Jahren die Radiumbehandlung nur auf diejenigen Stellen,
die für die Diathermie besonders schmerzhaft sind (Rändet der Augen-
lider, Nasenspitze usw.) und behandle die Nävi im übrigen vorwiegend
mit der Diathermienadel in Kombination mit Doramad^) und Quarz-
lampenbehandlimg. Die diathermische Behandlung ist zwar bei großen
Flächennävi ziemlich schmerzhaft und langwierig, gestattet aber eine
allmählich in die Tiefe fortschreitende vorsichtige Koagulation, welche
bei genügender Sorgfalt kosmetisch vorzüghche Narben liefert und
bei allmählichem Fortschreiten der Behandlung in die Tiefe (mehrere
Sitzimgen mit 3— 8 wöchentlichen Pausen) jede gewünschte Tiefen-
wirkung und mithin auch Farbennuance zu erzielen gestattet. Be-
sonders vorteilhaft ist die leichte Anpassimgsmöglichkeit an jede noch
so bizarre Grenzlinie (einzelne Spritzer).
Ich verfahre im allgemeinen so, daß ich kleine und mittlere Nävi
mit der diathermischen Nadel in einer Sitzung koaguHere und eventuell
nach 2—4 Wochen noch einmal nachputze; größere Nävi werden mit
Quarzbestrahlung und Doramad vorbehandelt und dann in gleicher
Weise diathermiert. Angiome werden sofort diathermisch koaguliert.
Hierbei spielt die Lokalisation und das Alter des Patienten keine Rolle.
Auch bei kleinen Eondem habe ich ohne nachteihge Folgen selbst
über den Fontanellen große Kavemome in Narkose in einer Sitzung
rezidivfrei beseitigt.
Eine sehr wichtige Indikation in der Kosmetik bildet das Xanthe-
lasma. Diese äußerst entstellende, fast nur an den Augenüdem vor-
kommende Affektion war bisher zumeist das Gebiet chirurgischer Exzi-
sion. Ich habe mit der Diathermie eine Reihe von Xanthelasma-
f allen in gleicher Weise wie die Warzen durch einmaliges oberflächHches
Koagulieren mittels der Nadelelektrode mit kosmetisch ausgezeich-
neter, nur bei allernächster Betrachtimg erkennbarer Narbe abheilen
sehen. Man muß nur die Patienten darauf aufmerksam machen, daß
1) Nagelfiohmidt, Deutsche Med. Woch. 1916, Nr. 7.
16*
244 Klinische Anwendung der Diathennie.
naoh dem Eingriff sich meist ein Odem des Augenlides einstellt. Nach-
schmerz tritt nicht auf. Die minimalen Xanthelasmaschorfe stoßen
sich in 10 bis 14 Tagen ab, und die zimächst etwas rosig gefärbte Basis
macht bald einer normalen Hautfärbimg Platz, so daß man eigentlich
von einer Narbenbildung kaum sprechen kann. Es ist jedoch nötig, das
Xanthelasma gründlich zu beseitigen, d. h. ein klein wenig tiber den
erkennbaren Rand hinaus, weil sonst Rezidive auftreten. "Es ist genügend
zerstört, wenn die gelbe Farbe verschwunden ist und einer weißgrauen
Platz gemacht hat. Die notwendige Stromstärke ist minimal.
Die Behandlung der Furunkulose mittels Diathennie ist außer-
ordentlich schwierig. Im allgemeinen habe ich mit kombinierter Be-
handlimg durch Röntgenstrahlen \md Aphlogol stets genügende Re-
sultate erzielt. Mitunter jedoch ist diese stets einige Wochen dauernde
Behiemdlung nicht durchführbar, und sehr häufig an bestimmten Stellen
rezidivierende Furunkel lassen mitimter eine schneller wirkende Be-
handlung wünschenswert erscheinen. Wenn man bei einem hochgradig
entzündeten, sehr schmerzhaften Furunkel, der bereits einen nekrotischen
Schorf zeigt, die diathermierende Nadel in die Nekrose hineinsenkt,
nachdem man durch Aufpinseln von Aphlogol eine leichte Anästhesie
erzeugt hat, und nun die Nekrose koaguhert, so kann man, bei richtiger
Bemessimg der Stromstärke \md der Dauer der Applikation, auch
der Tiefe des Nadeleinstiches, den Furunkel im Moment zum Ablauf
bringen; trifft man nämHch die AppUkationsdosis so, daß das ganze
nekrotische Gebiet koaguliert wird, so ist damit der Furunkel sterilisiert,
die entzündlichen Erscheinimgen schwinden im Laufe von wenigen
Stunden, Patient ist meist sofort schmerzfrei, und die zentrale Nekrose
resorbiert sich. Trifft man aber die Dosis nicht richtig, d. h. tritt keine
komplette Koagulation imd Sterilisierung ein, so tritt exzes£ßive Schmerz-
haftigkeit im Laufe der nächsten Stunden auf, die Entzündung nimmt
zu, und der Ablauf des Furunkels wird nicht verkürzt. Da es nun reiner
Zufall ist, ob man die richtige Dosis trifft oder nicht, habe ich von dieser
Applikation Abstand genommen. Immerhin ist sie noch erhebHch besser
als die Inzisionsmethode, die ja bekanntlich den Ablauf der Furunkulose
verlängert und in den entstehenden Narben häufig zu Rezidiven führt.
B. Chirurgische Diathermie.
1. Kapitel.
Allgemeine Technik.
Die chirurgische Anwe ndu ng der Diathermie beruht auf der
Steigerung der lokalen Gewebstemperatur zum Grade der Zerstörung des
Gewebes. Die Temperatur, bis zu welcher wir ein Gewebe erwärmen
können, hängt einerseits von der zugeführten elektrischen Energie imd
seinem spezifischen Widerstände, andererseits von der dauernd statt-
findenden Abkühlung durch Leitung und Zirkulation ab. Bei den inten-
siveren Applikationsweisen spielt die Abkühlimg durch Leitimg oder
durch Strahlung eine relativ geringe Rolle. Wohl aber ist die Wirkung
Allgemeine Technik. 245
IBl\atzirkulation hierbei zu berücksichtigen. Da die Gewebe zumeist
<5lem Einfluß dieser Zirkulation stehen (abgesehen von einigen
5li.t> ^vaskularisierten Geweben) und durch den Reiz der Diathermie
\e sofortige Hyperämie einsetzt, bildet im lebenden Gewebe die Blut-
''l^xilation einen in der Tat in Rechnung zu setzenden Faktor. Wir
^niieii daher nicht ohne weiteres die Resultate von Versuchen an aus-
^sotinittenem Fleisch oder an Leichnamen auf die Anwendung in der
iiiiruirgie übertragen. Zur Erzielung chirurgischer Effekte, d. h. zur
'ierö'fccirung von Geweben müssen wir also so intensive Ströme ver-
venclen, daß die Stromdichte pro qcm oder pro qmm Elektrode eine so
\olie "wird, daß die Zirkulation, welche wie eine kühlende Wasserleitimg
wirk:!/ , nicht schnell genug die gebildete Wärme wegführen kann und
^omit> sich das Gewebe bis zum Grade der Eiweißgerinnung und darüber
tainsLus erhitzt.
Aus diesem Grunde sind kräftige, leistuBgsfähige Diathermieappa-
rebte für die Chirurgie unentbehrlich. 3 —-4 Ampere bei einer Spannung
von 200 Volt an den Klemmen müssen zur Verfügung stehen. Diese
Stromstärken reichen für alle Applikationen aus und werden zumeist
nicht einmal ausgenutzt. Größere Stromstärken sind überflüssig und
gefahrlich.
Wir können zwecks diathermischer Gewebszerstörung zwei Methoden
anwenden. Die eine beruht darauf, daß wir das zu zerstörende Gewebe
zischen zwei gleich große Elektroden fassen und nun die Stromzu-
führung so regulieren, daß sich ein Koagulationszylinder zwischen den
"beiden Elektroden bildet. Rufen wir uns das Schema, welches auf S. 60
abgebildet ist, ins Gedächtnis zurück, so erinnern- wir ims, daß eine
solche Koagulatiönsmöglicbkeit von Elektrode zu Elektrode schon im
nicht in der Zirkulation befindlichen Fleischstück praktisch nur bei
relativ wenigen Zentimetern Dicke möglich ist. Ich habe auf Seite 59
ausgeführt, daß trotz des eminent richtenden Einflusses der einen Elek-
trode auf die andere bezüglich des Stromverlaufs doch eine gewisse
Streuung oder Divergenz der Stromlinien bei einiger Entfernung von
der Elektrode im Gewebe stattfindet. An gewöhnlichen Fleischstücken
ißt diese Streuung eine so erhebliche, daß sie sich schon bei einer Ge-
websdicke von 5 cm deutlich erkennbar macht. Nämlich in 2—3 cm
Entfernung von jeder Elektrode verjüngt sich das Koagulationsprisma
ein wenig. Wir erinnern uns aber auch, daß die Stromstärke hierbei von
Einfluß ist. Wählen wir nämlich die Stromdichte, d. h. also die Strom-
stärke pro qcm Elektrode, sehr stark, so tritt eine so schnelle Gerinnung
an den Elektroden bzw. unter den Elektroden, ein, daß das in der Nähe
der Elektroden befindliche Gewebe außerordentlich intensiv koaguliert
und sehr schnell verkohlt. Wenn es verkohlt ist, ist es für die Hoch-
frequenzströme nicht mehr leitend, und es treten die oben beschriebenen
Fimkenentladungen, welche die diathermische Erwärmung erheblich ab-
schwächen, ja sie sogar ganz aufheben können, ein. Wir müssen dann
wegen der oberflächlichen Verbrennung die Applikation unterbrechen.
So kann es kommen, daß wir oberflächlich das Fleischstück koaguliert
haben und in der Tiefe eine kaum merkbare Erwärmung finden. Wenn
246 Klinische Anwendung det DiAthemijp,
wir d^egen ein gleiches Fleischatück mittels derselben Elektroden,
z. B. von 2 cm Durchmesser, mit einer wesentlich geringeren Strom-
stärke, etwa von einem Ampere, diathennieren, so findet die Erwärmung
in viel gleichmäßigerer Weise durch die ganze die Hektroden trennende
Schicht hindurch statt, und es kommt zur Ausbildung eines ann&bemd
gleichmäßigen Koagulationszjlinders. Aber auch hier tritt die Kopu-
lation in der Tiefe erst erheblich später ein als an der Oberfläche. Wir
sind nur in der Lage, die Diathermie wesentlich länger fortzusetzen,
weil die direkt unter der Elektrode befindliche früher zur Koagulation
kommende Schicht sich nicht so schnell karbonisiert, daß eine Tiefen-
Jeitung der elektrischen Wellen unmi^ch wird, mithin tatsächlich die
Diathermie so lange stattfinden kann, daß auch die tieferen Schichten
genügend erwärmt werden, um zur Koagulation gebracht zu werden.
Wenn also theoretisch die Tiefendurchwännung mittels der Diathermie
eine überall gleichmäßige und gleichzeitige
sein soll, abgesehen von den Unterschieden,
die auf den verschiedenen Widerständen
verschiedener Gewebe beruhen (sieheS.SÖ),
so ist doch praktisch die Erwärmung unter-
halb der Elektroden stets eine intensivere
als in weiterer Entfernung von diesen, d, h,
praktisch müssen wir doch mit der Streuung
rechnen. Wenden wir aber den Kunst-
griff an, daß wir die Stromdichte so weit
abschwächen, daß sie gerade noch ge-
nügend koaguliert, d. h. die Abkühlung
Abb. 92. Kreuzweise Durch- durch Leitung, Strahlung und durch die
Btoahlung ein» ^öfleren Tn- Zirkulation übertrifft, so bekommen wir
mors zweokfl Koagulation in 8 , . , „, „-■ ■ t,~ , •„•■•■•■, n
verechiedenen Riebtungen gleichmäßige Wu-kungen. FftrdenFaU, daß
nacheinander. wir größere Tumoren durch und durch
koE^^eren wollen, kommen wir nun im
allgemeinen mit Stromstärken bzw. Stromdichten, wie sie für die chi-
rurgische Applikation üblich sind, mit einem einmaUgen Eingriff nicht
aus. Vielmehr müssen wir daim die auf dem Schema Seite 61 beschriebene
kreuzweise Durchatrahlung von verschiedenen Hautstellen aus vor-
nehmen oder eine Anzahl von koagulierten Zylindern nebeneinander
durch den Tumor l^en imd diese dann von der anderen Seite aus kreuzen.
(Siehe Schema 92.) Erst durch diese Kreuzung erreichen wir eine so
intensive Durchwärmung auch der tieferen Teile, daß eine gleichmäßige
Koagulation zustande kommt. Allerdinga beobachten wir auch hier
meist, sobald der Tumor eine relativ größere Masse repräsentiert,
daß die Koagulation In der Tiefe zwar eintritt, aber keinen so hohen
Orad erreicht wie in der meist sich starker erwärmenden Haut.
Praktisch spielt diese Differenz keine Rolle, da wir ja eine solche
' Masse nkoagulation nur da vornehmen, wo auch die Haut mitzerstört
werden soll oder bereits ulcerierte Haut vorliegt.
Abgesehen von dieser technischen Schwierigkeit, größere Massen
gleichmäßig chirurgisch zu koaguUeren, tauchen jedoch auch aus
Allgemeine Technik. 247
anderen Gründen Bedenken auf, eine solche Massenkoagulation klinisch
anzuwenden. Ich will an dieser Stelle bemerken, daß Doyen in Paris,
dem ich 1908 in Budapest die Diathermie demonstrierte, und der sie
daraufhin einige Monate später in Paris unter dem Namen Elektro-
koagulation einführte, unter Mißverstehen der eben geschilderten
Verhältnisse einen chirurgischen Diathermieapparat von der Firma
Gaif f e konstruieren ließ, der sehr große Stromstärken, 7—8 Amp., zu
verwenden gestattete. Ich habe den Apparat in Paris gesehen und
auch einige Experimente mit ihm angestellt. Abgesehen davon, daß
er einen sehr erheblichen Umfang hat imd mit sehr lautem Geräusch
arbeitet, halte ich die Verwendung von mehr als 2V2— 4 Ampere für
chirurgische Zwecke für geradezu gefährlich: bei kleineren Aktions-
gebieten tritt die Wirkimg bei diesen Intensitäten mit so großer Vehe-
mei^z imd Schnelligkeit ein, daß ein sicherer Schutz nicht zu koagu-
lierender Teile gegenüber denjenigen, welche zerstört werden sollen,
schwer möglich ist. Ein solcher Apparat hat eigentlich nur Bedeutung
für die Zerstörung riesenhafter Sarkome, während man auch mit wesent-
lich schwächeren Apparaten sehr große Tumoren, allerdings in etwas
längerer Zeit, aber in viel exakterer und subtilerer Weise, zu zerstören
vermag. Es scheint mir, daß ein so mächtiger Apparat wohl eher in der
Veterinärpraxis Verwendung finden sollte, wo es in vielen Fällen mehr
auf Massenwirkung und weniger auf subtiles Arbeiten ankommt. Ich
halte Stromstärken von 2—3 Ampere für vollkommen ausreichend und
habe in einer großen Zahl von Operationen selbst bei sehr massigen
Tumoren niemals das Bedürfnis nach einer größeren Stromstärke
gehabt. Das Hauptbedenkei^, das ich jedoch gegen Verwendimg sehr
intensiver Stronmiengen sowohl als auch überhaupt gegen die Methode
der Massenkoagulation durch das Gewebe hindurch habe. Hegt darin,
daß man nur in einer relativ kleinen Anzahl von Fällen ganz sicher sein
kann, daß in der Masse, die man durch und durch koagulieren will,
wirkHch nur zerstörenswertes Gewebe hegt. In vielen Fällen, ja in den
meisten, wird man damit rechnen müssen, daß irgendein normal ver-
laufendes oder verlagertes Organ (ein Nerv, ein Blutgefäß, ein Ureter,
eine Darmschlinge), kurzum, ein zu schonender Teil eingelagert oder
hineinverlagert sein könnte. Aus diesem Grunde wesentHch kommt die
chirurgische Massendurchstrahlung mittels Diathermie nur für ver-
einzelte Fälle in Betracht.
Eine weitere Schwierigkeit bei der Verwendung der Massenkoagula-
tion liegt darin, daß es schwer mit Sicherheit zu taxieren ist, wann in der
Tat eine gleichmäßige Tiefenkoagulation eingetreten ist. Nim kann man
ja von Zeit zu Zeit Inzisionen machen imd sich durch den Augenschein
von der Tiefenwirkung überzeugen. Aber, wenn man die Inzision zu
früh macht, bevor die Koagulation vollendet ist, so gibt man gerade den
wesentlichen Vorteil der Koagulationsoperation auf, der, wie wir weiter
unten sehen werden, darin liegt, daß keinerlei wegsame Blut- oder
L3nnphbahnen eröffnet werden. Man kann sich nun hier mit den oben
(Abb. 65) beschriebenen Thermonadeln helfen, indem man sie an ver-
schiedenen Stellen der Strombahn in das zu koagulierende Gewebe ein-
248 Klinische Anwendung der Diathermie.
sticht und nun am Instrument abliest, ob der Koagulationstemperatur-
grad bereits erreicht ist. Aber dies Verfahren ist umständlich und -wird
kaum in der Praxis Verwendung finden, sondern wohl im wesentlichen
für wissenschaftHche Zwecke. Es hat eigentlich praktisch nur dann
Wert, wenn man es bei größeren, länger dauernden Operationen, bei
denen große Strommengen zur Anwendung gelangen, in die Gewebs-
grenze einsticht, die man schonen will, und auf diese Weise kontrolliert,
ob die Erwärmung in die Umgebung nicht zu weit ausstrahlt und keinen
zu hohen Grad an imerwünschter Stelle erreicht. Das kann man aber
meist durch Abtaßten mit dem Finger genügend kontrollieren ; z. B. bei
Vaginaloperation durch Kontrolle vom Rektum aus usw.
Dagegen ist es oft zweckmäßig, mit größeren Stromstärken ajwei
dicht nebeneinander befindliche kleir e, gleiche Elektroden (z. B. 3— 5 cm
Distanz) zu verwenden und damit einen breiten Koagulationsstrich
von etwa 1—2 cm Tiefe zu erzielen. Größere Tiefenwirkungen durch
geschlossene Gewebe hindurch, also nicht unter Leitung des Auges,
habe ich bisher fast stets anzuwenden vermieden.
Dadurch, daß man relativ oberflächliche Schichten mittels relativ
kleinerer Stromstärken, 1—3 Ampere, und zwei differenter, d. h.
koagulierend wirkender Elektroden zerstört und diese nach erfolgter
Koagulation entfernt, nunmehr von der neuen Oberfläche aus wieder
in dünner Schicht weiter koaguliert und so weiter schichtweise vorgeht,
stets unter Leitung des Auges oder auch mit dem Finger den jeweiligen
Operationsgrund untersuchend, vermeidet man zunächst, besonders
wenn man in der Nähe lebenswichtiger Organe arbeitet, eine unge-
wünschte, allzu große Tiefenwirkung und ist eher in der Lage, zu er-
kennen, ob man eine genügend tiefgehende Zerstörung vorgenommen
hat, d. h. ob man sich an der Grenze des gesunden bzw. zu erhaltenden
Gewebes befindet. Für weniger große Tumoren, besonders wenn sie in
schwierigen operativen Gegenden liegen (Halsdrüsen, Nachbarschaft des
Facialis, Darmtumoren, Blasentumoren usw.), empfiehlt es sich daher
mehr, an einer etwas entfernteren Stelle eine indifferente Elektrode zu
applizieren — welche selbst bei maximaler Stromstärke, die man zu ver-
wenden beabsichtigt, höchstens eine geringgradige Erwärmung pro-
duziert — und den Tumor oder das zu zerstörende Gewebe selbst mit
einer kleinen, stark differenten Elektrode in Angriff zu nehmen. Bei
diesem Verfahren hat man außerdem noch den Vorteil, daß man, je nach
Wahl der Stromstärke, auch bei der differenten Elektrode verschiedene
Tiefenwirkungen erzielen kann. Ein relativ stärkerer Strom wird hier
zu einer schnellen oberflächlichen Koagulation führen und ein relativ
schwacher Strom zu einer tiefergehenden gleichmäßigen Koagulation.
Natürhch würde auch der stärkere Strom bei längerer Applikation
eine tiefergehende Koagulation machen, indessen dürfte sehr bald
die Oberfläche ihre Leitfähigkeit verlieren, und die Folge wäre Fimken-
bildung und heftige Muskelkontraktion infolge dieser letzteren. Be-
findet man sich in der Nähe besonders zu schonender Organe, so ver-
wendet Inan noch kleinere Elektroden, z. B. die kugelförmige Lupus-
elektrode oder die Nadelelektrode, und kann nun bei weitgehender
Nachbehandlung. 249
Beduktion der Stromstärke kleine und kleinste Koagulationsbildung
erzeugen. Für solche subtilen Wirkungen kann man nun auch noch
vorteilhaft die richtende Wirkung der zweiten Elektrode verwerten,
indem man etwa bei Verwendung geringerer Stromstärke die indifferente
Elektrode auch relativ klein wählt, z. B. 4 cm Durchmesser, und sie nun
so aufsetzt, daß sie die Stromwirkung der differenten von dem gefährdeten
Organ oder Organteil hinweg zu sich hinzidit. Von dieser Applikations-
methode habe ich z. B. bei Gelegenheit einer Sarkomoperation des
Auges Gebrauch gemacht. Es gelang, die Sklera im Gebiet der sarkoma-
tösen Erkrankung vollständig zu koagulieren, ohne die 2 mm weiter ge-
legene Kornea zu schädigen. Dadurch, daß die differente Elektrode auf
die gleichseitige Schläfe aufgesetzt wurde und sich somit das Sarkom
zwischen Kornea und Elektrode befand, wurde die wesentliche Wirkung
der differenten Elektrode von der Kornea abgeleitet imd nach der Schläfe
hingezogen. Hierbei ist jedoch auch die Wirkung der Wärmeleitung
im Gewebe zu berücksichtigen, da der Kontakt des zur Koagulation
erhitzten Gewebes die Nachbarschaft stets mit erwärmt, allerdings nur
auf wenige Millimeter hin.
Bei der chirurgischen Applikation ist noch weniger als bei der
inneren Diathermie eine exakte Dosierungsregel für jeden einzelnen
Fall zu geben. Es kommt hierbei sehr viel auf den Zustand des Gewebes
an, z. B. koaguHert ein blutreiches, etwa tuberkulöses Gewebe anders als
ßin Chondrom und ein sarkomatöser Knochen anders als ein Karzinom.
Da man indessen die Koagulationswirkung, falls man nicht massenweise
koaguliert, stets vor Augen hat und den Übergang in die Koagulation
durch die Veränderung der Farbe erkennt, ist es verhältnismäßig leicht,
wenn man oft mit denselben Elektroden arbeitet und stets auf die Strom-
stärke achtet, sich über die SchneUigkeit, mit der eine Tiefenwirkung be-
stimmten Grades erzielt wird, eine genügende Erfahrung anzuzeigen.
2. Kapitel.
Nachbehandlung.
Hat man ein pathologisches Gewebe koaguHert, so kann man die
Abstoßung des Schorfes den eliminatorischen Kräften des Organismus
überlassen oder den Schorf entfernen und die Wundfläche nach allgemein
chirurgischen Prinzipien versorgen.
Ich muß nun an dieser Stelle einen Punkt hervorheben, der der
Diathermieoperation eine gewisse Besonderheit vor der chirurgischen
verleiht. Erzeugt man in irgendeinem Gewebe eine Koagulation, so
tritt zwischen der Grenze des vollkommen koaguherten Gewebes und dem
vollkommen kalt gebhebenen Gewebe eine Schicht mehr oder weniger
intensiv diathermierten Gewebes auf, welche alle die Wirkungen, die
der nicht koagulierenden Diathermie physiologisch zu eigen sind,
aufweisen wird. Diese Grenzschicht ist arteriell hyperämisch imd wird
von einem intensiven Lymphstrom durchflössen. Die Zellen sind wesent-
Hch vitaHsiert und zur ProHferation geneigt. Belassen wir den Koagu-
lationsschorf im Operationsgebiet, so sorgt diese Schicht für eine schnelle
250 Klinisohe Anwendung der Diathennie.
Demarkation des artifiziell nekrotisierten Gewebes. Klinisch beob-
achteten wir eine relativ schnelle Abstoßung der nekrotischen Masse
im Verlauf weniger Tage. Diese Schicht mit« ihrer eminent eliminato-
rischen Tendenz verhindert femer die Resorption von der Ober-
fläche her imd führt zur Bildung kräftiger gesunder Granulationen. Die
starke Lymphausschwemmung entfernt zudem auch unterhalb
des tatsächlich nekrotisierten Gewebes eventuell zurückgebliebene
Bakterien, Zellen, Toxine \md vervollständigt in gewisser Weise die
Wirkimg der diathermischen Operation. So kommt es, daß wir bei
jauchenden, hochgradig infizierten Gewebsmassen, die durch Resorption
von Zersetzimgsprodukten imd Toxinen zu kachektischen Zuständen
führten, mit dem Moment der Operation infolge des plötzlichen Auf-
hörens der Resorption und der Ausschwemmimg bereits im Zerfall
begriffener Substanzen ein Aufhören der Kachexie und eine schnelle
Besserung des Allgemeinbefindens sehen. Diese Vorgänge sind jedoch
nur möglich, weil ein intensiver Lymphstrom im Anschluß an die ar-
terielle Hyperämie des die Koagulation begrenzenden Gewebes na^^h
der Außenfläche zu stattfindet. Die • hiermit verbundenen starken
Lymphverluste führen nicht selten zu einer hochgradigen Wasser-
und Salzentziehung des Organismus. So kommt es, daß nach großen
Operationen, wo aus einer großen Wundfläche heraus riesige Lymph-
massen den Verband schon wenige Stunden nach der Operation durch-
tränken, infolgedessen mehrmals täglich "Verbandwechsel stattfinden
müssen, die Patienten unter diesem Verlust erheblich leiden können.
Dauert die Nachwirkung der Narkose lange, so kann dieser Wasser-
verlust zu Herzschwäche imd Kollaps führen. Es empfiehlt sich daher,
schon wenige Stunden nach der Operation, den Patienten, welche,
wenn sie bei Bewußtsein sind, über heftigen Durst klagen, rektale
Kochsalzeingießungen in großen Mengen zu verabreichen ; je nach der
Durchtränkung der Verbände oder nach den Klagen der Patienten
über Durst muß man diese Eingießungen mehrmals wiederholen,
bis die Darreichung per os statthaft ist. Gebraucht man diese Vor-
sichtsmaßregel, so kann man den Zustand der Patienten wesentlich ver-
bessern und gefahrdrohende Schwächezustände vollkommen vermeiden.
Diese Grenzreaktion mit ihrer eliminatorischen und entgif-
te ndeai Tendenz biete t einen der größte nVorteile der Diather-
mieoperation, der sie vor der Messeroperation auszeichnet.
En weiterer in vielen Fällen bedeutsamer Vorteil liegt darin,
daß wir Gewebsabschnitte beüebiger Ausddinung diathermisch zer-
stören können, ohne irgendeine Blut- oder Lymphgefäßbahn zu
eröf f ne n. So können wir bei Verletzungen irgendwelcher Art zu schwer
stillbaren Blutungen neigende Gewebe diathermieren, ohne daß der
Patient auch nur den geringsten Blutverlust erleidet. Dies spielt eine
Rolle z. B. bei Patienten mit leicht blutenden Karzinomen (Vulva-
karzinom), die bereits erheblich ausgeblutet sind, und die man den Ge- -
fahren einer Messeroperation mit den hierbei unvermeidlichen Blut«-
Verlusten nicht mehr aussetzen kann. Ich habe solche Vulvatimior-
operationen bei erheblich ausgebluteten kachektischen Greisinnen
Naohbehandlung. 251
ausgeführt. Ein derartiger Tumor z. B., der bei jedem Verbandwechsel
intensiv blutete, imd der etwa drei Mannerfäuste groß war, wurde mittels
Diathermie in einer einzigen Sitzung in Narkose etwa in ^a Stunde
ohne jeden Blutverlust koaguliert und entfernt. Eine Badikaloperation
war unmöglich, da der Tumor das Beckenbindegewebe \md das Rektum
bereits ergriffen hatte. Indessen hörten nach der Operation infolge der
JBntfemung der leicht blutenden Massen die Blutverluste vollständig
-auf. Die Resorption putrider Substanzen fiel fort, die Kachexie der
Patientin besserte sich, und sie kam auf Monate hinaus in relativ gute
JBxistenzverhältnisse.
Die größte Bedeutung unter dem Gesichtspunkte der Hämostase
l>esitzt jedoch die unblutige Diathermie-Chirurgie bei Hämophilie.
Die mangelnde spontane Gerinnungsfähigkeit ist gänzlich ohne Einfluß
auf die Hitzekoagulation des Blutes. Nur läßt die Gefahr der Nach-
blutung später bei Abstoßung der Nekrosen es ratsam erscheinen,
<iiathermische Operationsdefekte bei Blutern stets durch die Naht zu
schließen. Indessen habe ich auch bei Blutern gesehen, daß Wimd-
granulationen keine größere Neigung als bei Normalen zum Bluten
zeigten.
Da die Zellstimuli^rung des diathermischen Grenzgebietes eine
erhebliche \md nachhaltige ist, so ist es nicht verwimderlich, daß nach
Elimination der koagulierten Teile nicht nur die Neigung zur Granu-
lationsbildung eine erhebliche ist, sondern daß die Epithelzellen
des Wimdrandesunddes Operationsgrundes eine gesteigerteProlifera-
tionsneigung zeigen. So kommt es, daß im weiteren Verlauf der Wund-
heilimg, falls wir diese durch Granulation stattfinden lassen, sich schnell
ein weißer Epithelsaum von den Rändern her vorschiebt und auf dem
Operationsgebiet allenthalben Epithelinseln emporschießen. Überläßt
man eine solche Wunde der Spontanheilung, indem man sie steril oder
mit Salben, z. B. Borvasehn oder Argentum-Perusalbe, verbindet,
so sieht man nicht selten Neigung zur Keloidbildung. Diese entspricht
, der bekannten Keloidbildung nach gewcämlichen thermischen Ver-
brennimgen. Die schnelle Epithelisierungsneigung ist ja nun einerseits
ein Vorteil, andererseits aber ist, besonders an kosmetisch wichtigen
Stellen, die Neigung zu Keloidbildung ein Nachteil. Lange, bevor es
Diathermieapparate gab, pfegte ich schon mit D'Arsonval-Apparaten
unter Verwendung des primären Solenoids (siehe S. 22, 23) Diathermie-
operationen vorzimehmen und beobachtete, da ich anfangs ein vor-
wiegend dermatologisches Operationsmaterisd (Lupus, Kankroid) hatte,
diese störende Keloidneigung. Um nun die intensive Epithelproliferation
in Schranken zu halten, kam ich auf den Gedanken, Pyrogallussalbe
verschiedener Konzentration zu verwenden. Es stellte sich im Laufe
der Zeit heraus, daß diejenigen Narben nach Diathermieoperationen
am schönsten und weichsten wurden, bei denen die vollständige Epithe-
lisation möglichst lange hinausgeschoben wurde. Es bildete sich auf
diese Weise für diathermische Heilung per secundam das Verfahren
heraus, die granulierenden Wimdflächen 8, 10, ja 12 Wochen vor dem
vollständigen Epithelisierungsverschluß zu bewahren. Es genügte für
252 Klinische Anwendung der Diathermie.
diese Zwecke, die Wunde jeden zweiten Tag mit einer ^/jjproz. Pyro-
gallusvaseline zu verbinden. Zeigten sich an irgendeiner Stelle dickere
Epithelherde, so wurde auf einige Tage die Pyrogalluskonzentration auf
2 % bis 5 % erhöht. Schmerzhaftigkeit dieser Salbe wurde, wenn sie ge-
klagt wurde, durch Aufstreuen von Anästhesin, Propäsin oder irgend-
einem anderen anästhesierenden Pulver vor Auflegen der Pjrrogallussalbe
wirksam bekämpft. Indessen vertrugen die meisten Patienten auch
gelegentlich eine 5 proz. Salbe, falls sich einmal infolge des Nichtein-
haltens der Verbandwechsel eine dickere Epithelinsel gebildet hatte.
Regelmäßige Urinuntersuchung schützt vor dem Übersehen einer Pyro-
gallusreizung der Nieren. Eine Intoleranz oder Idiosynkrasie gegen
Pyrogallus, auch in schwächster Konzentration, kommt gelegentlich
vor, ist aber sehr selten. Indessen zeigen nicht alle Diathermiewunden
die Neigung zur Bildung von Keloiden. Vielmehr ist diese von der
Lokaüsation und von der Technik der Operation abhängig. Wimden
am Rumpf und an den Extremitäten zeigen weniger Neigung zu Keloid-
bildimg als Gesiohtswunden, femer tritt besonders starke Keloidneigung
auf, wenn z. B. bei Lupusoperationen infolge oberflächlichen Sitzes des
Knötchens keine vollkommene Zerstörung der Haut in ihrer ganzen
Dicke vorgenommen wird. Koaguliert man die Haut bis in die tiefsten
Schichten der Kutis hinein, so ist die Keloidbildung eine geringe. Zer-
stört man aber nur die oberflächlichen Schichten, so ist sie wesentlich
stärker. In jedem Falle kann sie aber durch systematische Nach-
behandlung mit Pyrogallussalbe vollkommen in Schranken gehalten
werden, so daß kosmetisch durchaus einwandfreie Narben entfitehen.
Ich habe auf der Lupuskonferenz in Berlin 1910 einige Fälle vorgestellt,
welche trotz sehr ausgedehnter Fläche des Lupus kosmetisch aus-
gezeichnete Resultate zeigten, welche denen der Fiusenbehandlung voll-
kommen gleichwertig sind. Ein Teil von ihnen ist in den Abb. 139 — 16Ö
reproduziert.
Die andere Methode der Wund Versorgung besteht darin, daß man
den koagulierten Schorf entfernt. Hat man nur die Haut koaguliert, so
zeigt diese, wie schon erwähnt, eine sehr zähe, lederartige Beschaffenheit,
imd man muß sie scharf mit Messer oder Schere umschneiden und ab-
präparieren. Andere Gewebe pflegen einen sehr weichen Schorf zu
bilden, den man leicht mit einem Tupfer, in jedem Fall aber mit dem
scharfen Löffel entfernen kann. Nur Faszien und Sehnen sowie natürlich
Knochen machen hiervon eine Ausnahme. Der koagulierte Knochen
ist leicht von der nicht koagulierten Umgebung zu unterscheiden. Hat
man ihn koaguliert und meißelt nun vorsichtig Schicht für Schicht
ab, so sieht man, sobald man in das nicht koagulierte Gewebe hinein-
kommt, Substanz von graurötlicher Beschaffenheit und rote Punkte
auftreten, während der koagulierte Knochen mehr graugelblich aus-
sieht, auch mitunter eine weißliche Verfärbung annehmen kann; falls
er verkohlt wird, was gerade beim Knochen leicht vorkommen kann,
sieht er schwarz oder braun aus. Hat man die* koagulierte Masse mecha-
nisch entfernt, so steht einer Wundrandvereinigung durch Naht oder
einer sofortigen Plastik nichts im Wege. Die Plastik haftet auf dem
Stellung der Diathermie in der Chirurgie. 253
^olg© cler Diathennierung stark vitalisierten Operationsboden sehr
IcTcLt/, "imcl l>ei der Naht schadet das Stehenbleiben kleiner Koagulations-
*«i>e nLiokitÄ. Da nicht nur das Gewebe vollständig koaguliert wird,
'inclem aucli alle in ihm enthalten gewesenen Bakterien und Toxine
nscliä/dAicli gemacht werden, haben wir es in ihm mit einem vollständig
septischen Schorf zu tim, der vollkommen resorbiert wird, faUs er nicht
iir AY>Btoßiing gelangt. Wenn er also in dünner Schicht mit in die
^"ahL'blixiie tiineingenommen wird, so verklebt er mit ihr vollständig,
-3Jh.Tie die Narbenbildung zu beeinträchtigen.
Ich. "werde bei der Besprechimg einzelner Krankengeschichten
^-Sbul ge^wiase Punkte der speziellen Technik, insbesondere die Blut-
rätillung, eiilgehen, und hier zunächst die Stellung der Diathermie
..jz.\ix chirurgischen Operation und Thermokaustik berück-
i jsichtigen.
3. Kapitel.
Stellung der Diathermie in der Chirurgie.
^ Es wird von chirurgischer Seite der Diathermieoperation ein er-
- . heblicher Widerstand entgegengebracht. Einer der Haupteinwände ist,
... <laß die Entfernung pathologischer Gewebe ja auch mit dem Messer
möglich wäre, und daß für Zerstörung durch Hitze der viel einfachere
Thermokauter da wäre.
Was den ersten Einwand angeht, so ist schon aus dem Vorstehenden
■^ ersichtlich, daß die diathermische Eliminination pathologischer Ge-
i^' 'webe ganz wesentliche Unterschiede gegenüber der Messeroperation
- . darbietet. Zunächst iließt kein Blut. In vielen Fällen ist ja auch
: ^. die Blutstillimg bei Messeroperationen eine so exakte imd prompte, daß
"Blutverluste erheblicher Art vermieden werden. Aber es gibt doch eine
große Anzahl von Operationen, bei denen größere Blutverluste imver-
meidlich oder schwer vermeidlich sind, und wo die Versorgung der
Blutgefäße eine erhebliche Verlängerung der Operationsdauer bedingt,
1^ sei es, daß länger dauernde Kompression oder zahlreiche Unterbindimgen
' !^ nötig werden. Hier bietet die Diathermieoperation den Vorteil, daß die
[ beabsichtigte Schnittlinie koaguliert werden kann, daß sodann in dem
^'^. koagulierten Strich die Durchtrennimg des Gewebes, soweit es sich um
^^/ Haut handelt, scharf staj^tfinden kann, während andere Gewebe sich
^^'- ohne weiteres stumpf im Schorf trennen lassen. Kombiniert man
^^l ehirurgische imd diathermische Operation, so läßt sich, wenn das Dia-
^'* thermieinstrumentarium gebrauchsfertig zur Hand ist, nach Anlegung
^'f des Hautschnittes sofort jede Blutung in einer oder wenigen Sekimden
^•^ «tillen und macht Unterbindimgen überflüssig. Es hängt nicht eine
i^ größere Anzahl von E^lemmen in das Operationsgebiet hinein, und das
^^^ spätere eventuelle Herauseitem von Unterbindungsfäden fällt fort.
"^ Wichtiger sind aber diejenigen Fälle, in de^en wegen der Blutungs-
e^ gefahr Operationen unmöglich oder sehr gefährlich sind,
'^ 80 z: B. der nachstehend geschilderte Fall von Zungenangiom oder
W- von Pharynxtuberkulose oder der oben beschriebene Fall von Vulva-
karzinom. Dieses Moment spielt femer bei parenchymatös blutenden
254
Klinische Anwendung der DiAtheimie.
Organen eine wichtige Rolle. So ist es z. B. leicht m<^clt, Leber-,
LungenexziBionen , OperatioDeii an der KopfBchwarte ohoe Blutung
vorzunehmen oder schwer atillbare Knocheublutungen im Moment zu
beherrschen. Auch größere Gefäße (siehe unten Zungenoperation)
können leicht diathermiech vor oder nach ihrer Durchtrennung koaguliert
werden. Nur bei sehr großen Qefäßen, Karotis, Femoralis usw., verdient
die Unterbindung den Vorzug. Haben wir es ntm zudem mit einem
infizierten Gewebe zu tun, in welchem bei scharfer Durchtiennnng
nicht nur die Gefahr, sondern sogar die Wahreoheinlicbkeit der V^v
rezidivierteH Kavernom der Nase.
'J^*li
/
Abb. 94. Vollendete Epitheliflierung
nach erfolgter Diatbamieoperation.
Sprengung von Keimen besteht, so liegt der Vorteil der Diathermie-
operation auf der Hand.
Ich hatte Gelegenheit, einen Fall von ausgedebnt«in Zungenkavemom zu
behandeln, bei dem chirurgiBcberseits wegen der Blutungsgefabr die Operation
abgelehnt vurde, wahrend andererseits eine Operation dringend notwendig
war, da das KaTemom deutlich wuchs. Die Zunge eines 21jährigen jungen
Mannes zeigte sowohl auf der Oberfläche, am Zungengrund, wie aiä der Seite
und unterhalb der Spitze unr^elmäßige Vorwölbungen, welche sich blauBchware
von der normalen Zungenfarbe abhoben. Die Palpation zeigte deutliche Fluk-
tuation, und ee wäre zur ohiruigisoben Beseitigung des Leidens die Radikal-
amputation der Znnge notwendig gewesen. Die Veranlassung zum Aufsuchen
der Klinik war eine heftige Blutung, die sich der Patient beim Essen durch einen
Biß auf die Zunge zngezc^en batt«. Die Zunge wurde durch LokalanSstheeie
Stellung der Diathermie in der Chirurgie.
255
l^>v-,'^''
rr.
C ''
[AncLoliniiijektion) anästhesiert und im Verlauf von etwa 3 Minuten sämtliche an
der Ol^erfläche erkennbaren Kavemomteile durch Auflegen der kleinen Metall-
elelLtrcMle (siehe Abb. 36 i) bei einer Stromstärke von 800 Milliampere langsam
koaguliert. Ich führte die Koagulation so weit durch, bis an den betreffenden
Stellen ein harter Schorf entstand, der der Konsistenz eines hartgekochten Hühner-
ei'weißes entsprach, und keine Fluktuation mehr erkennbar war. Eine Entfernung
d.er Scborfe wurde nicht vorgenommen. Unter regelmäßigen Wasserstoffsuper-
oxydspülungen stießen sich innerhalb 14 Tagen sämtliche Schorfe ab, ohne daß
-w^er bei der Operation noch während der Nachbehandlung der Patient auch nur
einen Trox»f en Blut verlor. Es bildeten sich retrahierte Narben, die jedoch keinerlei
^Beeinträchtigung der Sprache verursachten. Ein Rezidiv trat nicht auf. Nur
-war die rechte Hälfte der Zunge nach 6 Monaten gegenüber der linken durch
l^arbenzug etwas geschrumpft.
Progredientes Kavernom
der Nase. Ein 11 Jahre alter Ejiabe
evkrankte an einem Kavernom der
Nase, welche allmählich an Aus-
dehnung zunahm und zu erheblicher
Entstellung führte. Das Kavernom
wurde ina Februar 1910 in einer
chirurgischen Universitätsklinik vom
Chefarzt operiert. Esrezidiviertenach
wenigen Monaten und zeigte im Sep.
tember 1911 das beistehende viel
schlimmere Aussehen als vor der
Operation. Abb. 93. Der Patient
wünschte nunmehr durch eine Nasen-
plastik von seinem Leiden befreit zu
werden, indessen wurde die Operation
wegen der Blutungsgefahr und wegen
der Unmöglichkeit radikaler Opera-
tion mit dem Messer von selten des
Chirurgen abgelehnt. Der Befund
vor der Diathermieoperation war
folgender: Die vordere Hälfte der
Nase zeigte eine kavemomatöse Ent-
I artung, welche zu erheblicher Volu-
V menzunahme führte. Eine scharfe
Abgrenzung des Ka vemoms nach der
Nasenwurzel zu ist unmöglich. Es
^ geht vielmehr undeutlich in anschei-
nend normales Gebiet über. Die Haut
zeigt stellenweise dicke Gefäße, an
^ anderen Stellen bläulich durchschim-
merndes Kavemomgewebe. Die Oberfläche ist mäßig zerklüftet. Nach innen zu
erstreckt sich das Kavernom an den Nasenwänden bis auf die Muscheln, an
der Scheidewand beiderseits bis über die Krista hinaul Es geht nach unten in
die Oberlippe über, welche es in ihrer ganzen Dicke durchsetzt.
Wegen der offenbaren Neigung zum Rezidiv wird die Diathermieoperation
in ausgiebiger Weise im September 1911 durchgeführt. In Narkose wird der
vordere Teü der Nase diathermisch koaguliert, soweit er kavemomatös erkrankt
ist, desgleichen auf der Innenseite, soweit die Schleimhaut affiziert erscheint. Die
Schonung des knöchernen Teils des vorderen Septums wird versucht. Eine gleich-
zeitige Diathermieoperation der Oberlippe wurde einstweilen abgelehnt.
In der üblichen Weise stoßen sich unter Salbenbehandlung die nekrotischen
Partien ab, und ohne jede Nachblutung epithelisiert sich der Defekt. (Abb. 94.)
Danach wird die Nasenplastik vorgenommen, deren augenblickliches Besultat
'"^1^ die Abb. 95 zeigt. Ein Rezidiv des Kavemoms ist bis jetzt nicht aufgetreten
^L und wohl nun auch nicht mehr zu erwarten.
Abb. 95. Augenblickliches Aussehen des
[Patienten nach erfolgter Nasenplastik.
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)ije
ijtf
it
\^
KJiniach« Anw«adnng d«r IK>lberniie.
hiMt«t, leidet Mit Kindheit fftrt alle Monat« mn HalamtEflndiuig. Seit Jaui 19li
iat ne heiter und Bteht leitdem in apeEiaÜntlieher Behsndlnng. I>a knne Benr-
rang eintritt, wird üe Ende November 1910 eut Diathramiebebandliu^ üba |
wieaen. Ei bcateht räne auigedehntc Pharynitubrrkuloee. Der gan*e «ocir
Oaamen sowie die Sohleimhaat über der hinteren Partie des harten GaomnF
bis etwft ruf Hitte der Wölbung nach vom ca ist gleichmiBig mit teils UaBgribn.
teils rfitlichi-n Granulationen brdeckt Die UtuU ist hocbrot, stark Tcrdict:
Die tuborkulöKe ÜranuUtion erstreckt sich Ensammenhingend weiter ad dn
Torderen und hinteren Oaamenbogen bis an die Zungenwurvel hinantcr. bti
die Hintereeite de« Velums leigt neben der Uvula beideraeits einige Knöldn
Auf der hinteren Pharynxwand sind ebenfalls lahlreiche KnOtohen (siebe fiüi. S^>
Ulierationen be«t«hen nirgends. Patientin klagt Ober Schmerzen und Setiati
beschwerden. Es besteht ein skrotuläiee Ekzem des Naseneiiigange«. Die Nu
ist gedunsen, Sohleinihaut jedoch frei. Sonstige Anzeichen von ll^bo-knlow br
stehen nicht. Zeitweise sind tubfebrile Temperaturen rorhanden, die jedocli m
^ einer gonorrhöischen Ad De zerkr&nkuDgv)-
^'■'^ "■-■ gehen. Patientin schwitzt viel, hai il«
y^ keine ausgeeprochenea NschUclirnJ'
Langen sind freL Eine fünfmonatige tpr
dalistische Behandlung mit den äbücbn
Ui Ichsäure -Ätzungen hat keinerlei &(^
gezeitigt, vielmehr schreitet die Affektiv:
fort. Unter Lok&Unä«thesie mit S0% £
. kainlöeung wird mittel» der auf Abb. 3
, dargesteUten Elektrode Aa lins»ign)ft
Koagnlationsschorf neben dem anderen tc
der erkennbar erkranktenSchleimhautpin^
hervM^erufen. Zur Erhaltang de« VeJmf
findet die Koagulation reUtJT oberflachütt
statt, und auch die Uvula wild luDäcte
nur auf der Torderseite koagu^erC .VkI
3 Wochen sind alle Schorfe abeMtoBen. >^
es zeigt sich, dafi die Uvula noch krank ''A
und einige Knötohen an den Oanmenbög"
noch erkennbar sind. Eis wird wiederum nur das deutlich als tuberkulös «tfatii'
bore Gebiet ebenfalls unter Lokalanästhesie beseitigt und die komplette Ampotsliii
der Uvula vorgenommen. Im späteren Verlauf traten noch dreimal vereinKll
EnCtohen auf, und seitdem ist die Patientin vollkonunen rezidivfrei gebbri«
Die Uvula ging verloren, aber das Velum und die Gaumenbogea komit«a ^
kommen erhalten werden. Man erkennt bei Öffnung des Hundee die erknafc
gewesenen Partien an der glatten, rötlich -weißen Narbe im Bereich des Vd»
und des harten Gaumens, während an den Gaumenbügen Nuben nicht erkead'
sind. Die Funktion der Rachenorgane ist eine vollkommen nonnale. W^
bezüglich der Sprache noch des ScUuckaktes ist auch nur die gangste iStön'4
bemerkb».
Eb wäre mittek der Diathermie ein leichtes gewesen, gleicb '*'
der eraten Sitzung eine Yollkommene Zerstörung der eibankten Geweto-
teile vorzunehmen, während bei der Meaeeroperation eine radJtw*
Zeretörung weit im Gesunden indiziert gewesen wäre und hieiduidi
sicherlich erhebliche funktionelle Störungen herbeigeführt worden wStWp
falls die Heilung gelmigen wäre. Die Diathenniemethode bietet den
großen Vorteil, nicht gleich von vornherein radikal operieren zu mflsWD.
Die einfache und beUebig tiefe Wirkung des Eingriffs erlaubt ea, nntei
möghchster Schonung der Gewebe bewußt nicht radikal zu operiei^i
um bei einem späteren Eingriff die danp eventuell noch krank encbä'
nenden Gebiebe in der gleichen Weise eu zerstSrrat. Während ich biW^
Stellung der Diathermie in der Chirurgie. 257
eirsuclite, die Uvula zu erhalten, zeigte sich jedoch, daß die tuberkulöse
jrkrankuDg an ihr zu sehr in die Tiefe vorgeschritten war, so daß die
aimination derselben durch Koagulation nötig wurde. Im übrigen ist
lies, Tvas nicht zur Zeit der Behandlung tuberkulös erkrankt war,
rlialten worden und das Resultat in jeder Beziehung zufriedenstellend
md. z-weifellos den ursprünglichen natürlichen Verhältnissen mehr
entsprechend, als es bei der geschicktesten Messeroperation selbst bei
T'erTvendung von Plastik möglich gewesen wäre. Es ist in diesem
j'alle noch besonders interessant, daß nach dem ersten Eingriff auch ein
Weiterschreiten der Erkrankimg auf die Tonsille beobachtet wurde.
Oie drei dort erkennbaren Herde wurden, da die Patientin regelmäßig
in Beobachtung stand, frühzeitig entdeckt und heilten auf einen ein-
maligen diathermischen Eingriff aus. Wie erwähnt, ist auf keinem Teil
des Rachengebiets mehr bis jetzt ein Rezidiv eingetreten. Gerade dieser
Fall zeigt deutlich die Überlegenheit der diathermischen Operation vor
der Messeroperation im speziellen Fall.
Patient erkrankte 1911 an einer schweren Streptokokkenangina,
w^elehe zu kolossaler Schwellung der linken Tonsille führte. Es bestand eine enorme
Schmerzhaftigkeit. Die Tonsille war mit schmierigen grauen Belägen bedeckt.
Aus den Lakunen entleerte sich dicker Eiter und nekrotische Massen. Die Schwel-
lung war außen am Halse sichtbar, die bimanuelle Palpation erwies die Tonsille
als reichlich pflaumengroß. Unter Lokalanästhesie mittels Injektion wurde im
Verlauf von etwa 3 Minuten die Tonsille durch und durch koaguliert. Die ganze
putride Masse wurde hierdurch mit einem Schlage unschädlich gemacht und der
größt« Teil der koagulierten Tonsille durch Abstreifen mit der Elektrode während
der Operation entfernt. Eine Blutung fand nicht statt. Es blieb vielmehr während
der ganzen Dauer der Operation das Operationsfeld vollkommen übersichtlich,
so daß die Operation unter Leitung des Auges vollkommen willkürlich begrenzbar
war. Ein Teil des Tonsillengewebes wurde in der Tiefe belassen. Die Nachbehand-
lung verlief glatt. Patient klagte allerdings während der nächsten 2 Tage über
heftigeV^Schmerzen, was im allgemeinen nach Diathermieoperationen eine Selten-
heit ist^ Indessen stießen sich die Schorfe glatt ab, und der Verlauf war bis zur
vollkommenen Heilung fieberfrei.
Wer jemals eine Tonsillenoperation mit Diathermie mit angesehen
hat, wird es unbegreiflich finden, daß überhaupt noch die blutige
Operation vorgenommen wird. Der Umstand, daß bei ersterer kein
Tropfen Blut fließt, daß man vollkommen die Übersicht über das Opera-
tionsgebiet behält, daß man jederzeit während der Operation durch
Palpation kontrollieren kann, wie weit man exstirpiert hat, und wieviel
noch zu exstirpieren übrig ist, daß man nicht nur normales hypertro-
phisches Tonsillengewebe zerstören kann, sondern auch gleichzeitig alle
in den Lakunen, Krypten und im Gewebe selbst befindlichen Bakterien,
Toxine, Nekrosen im selben Moment mit koaguliert, zerstört und un-
schädlich macht, das alles sind so eminente Vorteile, daß es fast imbe-
greiflich erscheint, daß von spezialistischer Seite die Methode nicht
geradezu mit Enthusiasmus begrüßt wird. Dazu kommt der in den
meisten Fällen vollkommen glatte Verlauf der Nachbehandlung. Der
Diathermieschorf, der an sich, auf der äußeren Haut z. B., sehr wenig
Neigung zeigt, sich sekundär zu infizieren, verhält sich auf der Mund-
und Rachenscbleimhaut in gleicher Weise. (Man denke an die häufigen
Rachenanginen nach Tonsillenexstirpation mit dem Messer.) Selbst
Nagelschmidt, Diathermie. 2. Aufl. 1*7
258 Klinische Anwendung der Diathermie.
bei jauchigen Kieferkarzinomoperationen infiziert er sich nicht, und
die Reinigung der Schleimhautwunde vollzieht sich in 10—12 Tagen.
Die aufschießenden Granulationen sind gesund imd rot, und die Epithe-
lisienmg geht schnell vonstatten. Die einzige Nachbehandlung, die
ich im Mund anwende, ist Spülung mit Wasserstoffsuperoxyd oder
übermangansaurem Kah und gelegentliche Pinselung mit Aphlogol.
letzteres, sobald die Patienten über Schmerzhaftigkeit klagen oder die
Ränder entzündet sind. Für die Beseitigung einzelner Lakunar-
pf röpf e ist die diathermische Koagulation eine ausgezeichnete Methode.
Ebenso wie die Tonsillen läßt sich auch die Nasenmandel sowie der ganze
pharyngeale Drüsenring, Schleimhautpolypen des Rachens und der
Nase durch Diathermierung in beHebiger Ausdehnimg ohne jede Blutung
zerstören. So habe ich z. B. einen kirschgroßen mit einem 4 mm im
Durchmesser haltenden Stiel der hinteren Velumwand aufsitzenden Po-
lypen von himbeerartigem Aussehen mit Diathermie entfernt. Am
hängenden Kopf Avurde das Velum mit einem Spatel nach oben gezogen,
der Polyp mit einer Pinzette gefaßt und der Stiel mittels der Elektrode
unter Kokainanästhesie in wenigen Sekunden koaguhert, sodann mit
der Schere die Koagulationszone durchschnitten. Der Polyp selbst blieb
(bis auf den Stiel) unkoaguhert. Es floß weder bei der Operation noch
während der Nachbehandlung auch nur ein Tropfen Blut.
' Die diathermische Schleimhautoperation zeigt die Neigimg
zu einer schnellen Epithelisierung und weichen Narbenbildung. Ich habe
bisher in keinem Falle auf der Schleimhaut weder bei oberflächlichen
noch bei tiefgehenden Eingriffen, z. B. Wangenkankroid oder Zungen-
amputation, auch nur die geringste Neigung zur Keloidbildung gesehen.
Daß auch größere Mundoperationen mit Diathermie unter Lokal-
anästhesie ausgeführt werden können, zeigen die Abb. 97, 98, wonach
ein Oberkieferkarzinom eine Perforation der Wange und erhebliche
Ulzeration in der Mundhöhle verursacht hatte. Die diathermische
Zerstörung der ganzen Tumormasse verlief ebenso wie die Nachbehand-
lung ohne jede Blutung. Die Epithelisierung des ganzen, erheblichen
Defektes erfolgte in drei Wochen.
In einem anderen Karzinomfall, bei dem Zunge, Mundboden imd
Wangenschleimhaut ergriffen waren, exstirpierte ich den Tumor vom
Mundboden her. Während des Weitergehens von Schicht zu Schicht
geriet ich in eine Zerfallshöhle, und plötzlich lag eine ca. 2 mm dicke,
etwa 2 cm lange Strecke der Art. subungualis frei pulsierend zutage.
Es gelang durch Diathermie die Arterie in einer Sekunde vollkommen
zu koagulieren, ohne jeden Blutverlust, ohne Unterbindung und ohne
spätere Nachblutung.
Ein weiteres Moment betrifft die EröffnungvonLymphbahnen,
Auch hier spielt die Keimverschleppung sowie die Versprengimg z. B.
von Karzinomzellen eine Rolle, und es ist keineswegs für den Verlauf
der Heihmg gleichgültig, ob wir eine mit dem Messer geschaffene Wund-
fläche mit unzähligen feineren und gröberen Eingangspforten haben
oder im Gegensatz hierzu bei der Diathermieoperation gewissermaßen
eine durch Koagulation ausgebackene Höhle, welche nicht nur keine
Stellung der Diathermie in der Chirurgie. 259
Kesorptionsneigung, sondern vielmehr eine eliminatorische Tendenz
"besitzt. Hierzu kommt die äußerst geringe Fähigkeit des Diathermie-
schorfea, sich sekundär zu infizieren. Bei den sehr zahlreichen Lupus-
operationen z. B., die ich vorgenommen habe, und bei denen zum Teil
außerordentlich ausgedehnte Wundflächen eine wochen- und monate-
lange Nachbehandlung erfuhren, ist bisher nicht ein einziges Mal eine
sekundäre Infektion der Wunde bei regelmäßigem Verbandwechsel
eingetreten. Die Wichtigkeit dieser Gewebeatfirihsation durch die Dia-
thermie erhellt aus den teils beschriebenen, teils nachstehenden Kran-
kengeschichten (Lupus, Tuberkulose, Portiokarzinom, Streptokokken-
angina, Ovarialabszeß, Drüsentuberkuloae).
Abb. 97. Abb. 98.
Oberkieferkarzinom, durch Diathermie operiert, Epithelisientng fast volleodet.
Die Behandlung von Fisteln ist in vielen Fällen ein äußerst dank-
bares Gebiet der Diathermie. Das Endresultat der rezidivfreien Heilung
hängt im wesentlichen davon ab, ob die Fistel als einfaeher Kanal bei
der Einführung der Sonde bis zu ihrem Ende erreicht werden kann,
oder ob sie stark gewunden oder gar verzweigt ist, so daß die Sonde nicht
bis zu ihrem Ende, sondern nur bis zur Verzweigungastelle gelangen
kann. Hat man im ersten Fall die Sonde bis zum Fistelgrund einge-
führt, so kommt es auch noch darauf an, ob der Kanal eng ist oder buch-
tJge Ausweisungen besitzt. Wenn alle Verhältnisse günstig liegen,
9o kann man nach der Einfühnmg der Elektrode den Strom mit einer
nicht KU kleinen Stromstärke (je naeh der lAnge des eingeführten
Stückes der Sonde) einige Sekunden einschalten, und zwar so lange,
bis koaguliert«r Fistelinhalt aus der Fistelöffnung berauskocht und man
17*
\
260 Klinische Anwendung der Diathennie.
an der Fistelöffnung selbst koagulierende Wirkung auftreten sieht.
Hat man in dieser Weise den Fistelinhalt sowie die Fistel\«^ände bis
zum Grunde koaguliert, so ist die ganze Therapie damit erledigt ; denn
der Kanal ist nunmehr aseptisch, verklebt und wird resorbiert, ohne
daß irgendeine Sekretion noch zu erfolgen braucht. Lieider aber
bieten nur wenige Fisteln so günstige Bedingungen. Sind zunächst
buchtige Erweiterungen vorhanden, so wird an diesen die Diathermie-
wirkung keine genügende sein, und es kann aus der Fistelöffnung nach
einigen Tagen oder schon am nächsten wieder Eiter herauskonmien,
oder aber der Inhalt der Buchten sucht sich einen neuen Weg. Hat
man es in einem anderen Falle mit einem verzweigten Gange zu tun,
so wird nur der bis zum Ende sondierte Kanal durch die Diathermie
geheilt. Vom anderen Zweige aus kann in gleicher Weise Bezidi^
oder neue Fistel auftreten. Geht eine Fistel von Drüsen oder Knochen-
herden oder sonst einem tief gelegenen Krankheitsprozeß aus, so wird
natürlich auch hier die Heilung keine radikale sein, wenn nicht der Herd
mit beseitigt werden kann. Anders liegen die Verhältnisse, vrenn ms^
es mit einer nicht sehr tief gelegenen Höhle und einem kurzen Fistel-
gang zu tun hat. So habe ich z. B. einen Fall von Coccygealfis tei h
handelt. Ein junges Mädchen leidet seit Jahren an einer stark seze
nierenden Fistel über dem Steißbeinende. Mehrmonatliche BehandZu/^
mit Auskratzung, desinfizierenden Einspritzungen, Salben hat keine
Heilung herbeigeführt. Die die Patientin erheblich belästigende starke
Sekretion veranlaßt sie nunmehr, sich dem Diathermieeingriff zu unter-
ziehen. Unter Lokalanästhesie (Injektion) wurde die Knopf elektrode
(Abb. 36 e) in die ca. 5 mm tiefe und etwa 1 cm im Diu^chmesser haltende
flache Höhle eingeführt. An einer Stelle in der Tiefe fühlte man rauhen
Knochen. Bei einer Stromstärke von 250 Milliampere wurde in wenigen
Sekunden die Höhle vollkommen koaguliert, was man an jeder einzelnen
Stelle an dem Auftreten des zischenden und knisternden Geräusches
erkannte. Auch der Durchtritt der Fistel durch die Haut wurde koa-
guliert. Am nächsten Tage war die Fistel verklebt. Eine Sekretion
erfolgte nicht mehr, und noch Monate später war die Heilung rezidivfrei.
Das gleiche gilt für paraurethrale Gänge bei Gonorrhöe. Es gelingt
in wenigen Sekunden, unter Lokalanästhesie diese Gänge mit einei
feinen Nadel, die bis auf den Grund resp. bis auf die Einmündung in die
Harnröhre eingeführt wird (Sondenelektrode des chirurgischen Bestecks
S. 46 oder bei sehr feinen Gängen ein dünner Kanülenmandrin, dei
direkt mit dem Zuleitungskabel verbunden wird) zu koagulieren und
damit mit einem Schlage diese lästige Komplikation der Gonorrhoe
definitiv zu beseitigen. In den seltenen Fällen, wo ein solcher Gang ui
der Tiefe gegabelt ist, was mir bei etwa 30 diathermierten Gängen nicht
einmal vorgekommen ist, müßte man eventuell mit einem Rezidiv
oder Durchbruch rechnen, der einen erneuten Eingriff bedingen würde.
Diese Gabelung scheint aber bei paraurethralen Gängen gar nicht vor-
zukommen. Unmittelbar nach dem Eingriff ist der ganze Kanal ver-
lötet und sterilisiert. Nachschmerzen treten nicht auf, imd damit iß*
diese Komplikation in kürzester und sicherster Weise erledigt.
Stellung der Diathermie in der Chirurgie. 261
Tuberkulöse Bonst so schwer zu behandelnde Diüaenfisteln
sind ein dankbares Feld der Diathermiebehandlung. Zumeist sind die
Fistelränder lupös oder tuberkulös infiltriert, und es ist daher ratsam,
eine nicht zu beschränkte diathermische Zerstörung vorzunehmen. Hat
man eine Zerstörung der Haut im Durchmesser von etwa 5 mm vor-
genommen, HO kann man meist von dieser aus zunächst den Fistelkanal,
soweit man mit der Sonde in schwammiges Gewebe hineinkommt,
nach allen Richtungen koagulieren und das gleiche mit der subkutan
gelegenen Drüse vornehmen. Liegt die Drüse jedoch tief, so empfiehlt
aich die chirurgiBche Freilegung, allerdings möghchst nach Diath^-
mierung des Hautherdes und des äußeren
Fistelteila. Man vermeidet durch Sterili-
Hierung dieser Partien die Keim Verschlep-
pung bei der chirui^ischen Freilegung,
wenigstenB wenn man im koagulierten Ge-
biet schneidet. Wenn man den Eingriff
ausgiebig genug ausführt, d.h. die Drüsen
genügend koaguliert, bo erhält man rezidiv-
freie Hellung. (Siehe Abb. 99.) Verkäste
Drüsen bei intakter Haut werden chirur-
gisch freigelegt, dann koaguhert uaid als
aseptischer Körper eliminiert.
Handelt es sich um tuberkulöse, Sta-
phylokokken-, Streptokokken-, Tumor-
drilsen usw., so haben wir hier ein spezi-
elles Gebiet für die Diathermiebehandlung.
Sind die Drüsen chirurgisch leicht isolier-
bar und ihre Kapseln intakt, so bietet
die scharfe oder stumpfe Loslösung meist ,. , „„ ^^ ■ i .■- t. .
, . I, ,--,-. n- • ■ 1 Abb., 99. Tuberkulose Hals-
keine Schwierigkeit. Sind sie aber mit draem (Abszesse und Pistehi),
der Umgebung stark verwachsen, so be- durch einmaligen diather-
Steht, besonders wenn der Inhalt erheb- mischen Eingriff definitiv ge-
Uch vereitert oder die Kapsel verletzt ist, ''^''* <* ^^^^ "'^^ <^P«''**''
die Gefahr bei mechanischer Loslösung,
den Zusammenhang der Drüsen zu zerstören und Infektionsmaterial
zu versprengen. Hier tritt der Vorteil der Diathermieoperation hervor,
indem man die Drüsen, bevor man ihre Entfernung in Angriff nimmt,
zunächst durch und durch koaguliert. Ist dies geschehen, so hat man
einen aseptischen Körper vor sich, und es ist gleichgültig, ob man ihn
in toto oder zerstückelt exstirpiert. Dies ist von besonderer Wichtigkeit
K. B, in der Peritonealhöhle.
Die Vorteile der Diathermieoperation erhellen z. B. aus dem Ver-
laufe einer Totalexstirpation, welche ich auf der Naturforscherversamm-
lung in Königsberg 1910 beschrieben habe. Nach Ausführung der
Laparotomie und Vollendung des intraabdominalen Teils der Operation
bis zur Eröffnung des Scheidengewölbes umfaßt ein Assistent in der
Bauchhöhle den Uteruskörper mit der Hand. Die Patientin liegt auf
der indifferenten Platteneiektrode, und unter Leitung des Auges wird
262 Klinische Anwendung der Diathermie.
ein Portiokarzinom (Blumenkohlgewächs, vollkommen zerklüftet, mit
putriden Massen durchsetzt, leicht blutend und in keiner Weise des-
infizierbar) im Verlaufe von etwa 2 Minuten von der Vagina aus voll-
kommen koaguliert ohne jede Blutimg. Die Koagulationsmassen wer-
den mit der Elektrode selbst ohne Anwendung von Gewalt stumpf ent-
fernt, und die Koagulation schreitet bis zum Ansatz des Scheiden-
gewölbes fort. Die Hand des Assistenten hat die Erwärmung des
Uterus kontrolliert, welche indessen keinen so hohen Grad erreichte,
daß die Koagulation des Cervix vorzeitig hätte unterbrochen werden
nuissen. Nach stattgefimdener Koagulation wird die Scheide gründ-
lich gespült und ausgetupft. Nun erst erfolgt die Eröffnung des Scheiden-
gewölbes, und der Uterus mit dem koagulierten Cervixrest konnte als
steriler Körper durch die Bauchhöhle entfernt werden. Naht; Heilung
per primam.
Die außerordentlichen Vorteile, welche ein solches Verfahren bietet,
liegen vor allem in der absoluten Asepsis, denn es gibt kein anderes
Verfahren, welches so schnell und gründlich nicht nur die Karzinom-
massen am Cervix zerstört, sondern auch die in ihr enthaltenen Staphylo-
und Streptokokken und sonstigen Bakterien und die putriden Zerfalls-
massen unschädlich macht. Dazu kommt, daß der Patientin jeder
Blutverlust erspart bleibt, und vor allen Dingen, daß die Gefahr der
Infektion der Bauchhöhle praktisch auf ein Minimum reduziert ist,
von der Gefahr der Keimversprengimg, deren Bedeutung ja nicht
absolut feststeht, ganz abgesehen.
Wir können somit als wesentliche Vorteile der Diathermie*
Operation vor der üblichen blutigen Operation die Ver-
meidung von Blutverlusten und somit die Ermöglichung ge-
wisser sonst schwer oder gar nicht ausführbarer Operationen
(Nasenkavernom) sowie Sterilisation des zu operierenden
Gewebes und Vermeidung von Verschleppung durch eröffnete
Lymph- oder Blutbahnen bezeichnen.
Karzinom des Oberkiefers.
Pat. B., 70 Jahr. Verheiratet, 3 erwachsene Kinder. Vor 30 Jahren kleines
Geschwür auf der Haut des rechten Jochbeins, allmählich gewachsen, wiederholt
operiert. Letzte Operation vor 3 Jahren, mit Entfernung eines Teils des rechten
Jochbeins. Man sieht (Abb. 97, 98) eine große Hautnarbe an der Schläfe, deren
unterer Teil von einer pfenniggroßen Ulzeration eingenommen ist, welche trichter-
förmig in die Tiefe führt, nach der Mundhöhle durchbricht und dort in einen wal-
nußgroßen Defekt mit harten, wenig geröteten Bändern mündet. Der Defekt um-
faßt den Alveolarteil des Oberkiefers in der Gegend des ersten Prämolars bis zur
vorderen Rachenwand, greift auf die Übergangsfalt« nach der Wangenschleimhaut
über (siehe Photographie). Der rechte Fazialis ist im oberen Teil gelähmt, das Ulcus
sowohl der äußeren Haut wie der Mundhöhle zeigt zum Teil schmierige Beläge,
mäßigen Fötor; es soll seit 2 Jahren in diesem jauchenden Zustand bestehen.
Koagulation der den Trichter ausfüllenden Tumormassen, der Trichterwände,
der Umgebung des Tumors bis weit ins Gesunde hinein; auch die Reste des Joch-
beins und der Oberkieferfortsatz (rauher Knochen) werden diät her miert. Die
Abbildungen zeigen die gereinigte Operationswunde nach der Abstoßung der
Nekrosen, 14 Tage nach der Operation. Eine Blutung fand weder bei der Operation
noch nachher statt. Nachschmerzen waren nicht vorhanden. Bericht nach 1 Jahr:
Die Wunde ist glatt verheilt. In den letzten Wochen hat sich in der Mundhöhle
Stellung der Diathermie in der Chirurgie. 263
■vor dem früheren Sitz der Geschwulst am Zahnficisohrand eine neue kleine Ge-
sohwulst gebildet. Die früher erkrankt gewesenen Stellen sind rezidivfrei ge-
blieben. Allgemeinbefinden gut. Diathermiening der kleinen neuen Stelle angeraten,
Fat. V., ausgedehnter Lupus dea rechteo Ohres und der rechten Gesichts-
und Halsseite bia unter das Kinn. Einmaliger Diathermieeingriff 1910. Heilung
Rezidivfrei am 2. März 13. Abb. 100.
Fat. G., 37 Jahr. Seit 7 Jahren kleine Fistel auf der Brust, die vorüber-
gehend geschlossen war. Ursprünglich soll dort ein Blutgeachwür gewesen sein.
IMe Fistel führt in ein leicht sezernierendes Dermoid, etwa l'/i cni tief, hinein.
Mit Diathermie wird die Dermoidwand
ohne Erweiterung der FiBt«löffnung
mit der Sondenelektrode unter Lokal-
anästhesie koaguliert. Es entleert sich
12 Tage lang spärlichea Selcret in ab-
Abb. 100. Ausgedehnter Lupus der Wange, Abb. 101. Fibroma pendulum recti , durch
des Ohres und des Kinnes, mit guter weicher Diathermie mit Lokalanästhesie ohne
Narbe geheilt (3 Jahre nach Operation). Unterbindung und Naht entfernt.
nehmender Menge. Seitdem ist die Fistel geschlossen. Eine Einziehung der Haut
ist nicht erkennbar. Mau sieht lediglich eine stecknadelkopfgroße Narbe, welche
der Fistelöffnung entspricht.
Fibroma pendulum recti.
Fat. H-, 35 Jahr, 12. März 12. Vor 5 Jahren war er in der Finsenklinik wegen
einer aus einer Striktur entstandenen Harnröhrenfistel von mir plastisch operiert
worden. Heilung, Seit kurzer Zeit besteht Jucken am Darm, aus dem sich etwas
Eiter, manchmal auch Blut entleert. Beim Stuhlgang und auch spontan stülpt
sich mitunter ein daumendicker Tumor von 6 cm Länge hervor. Es ist ein walzen-
förmiger, knolliger, harter Körper, der an der Basis mit einem weichen, leicht
blutenden breiten Stil auf der Schleimhaut aufsitzt. Abb. 10L Am 13. März 12:
Eistirpation mit Lokalanästhesie. Die Koagulation dea Stieles am Ansatz auf der
Rektalwand gestattet die blutlose Durchtrennung mit der Schere im Koagu-
lationsschorf. Heilung erfolgt glatt ohne Blutung und Schmerzen. Die Inspek-
tion im Spekulum am 25. März zeigt vollkommene Epithelisation des kleinen
Defektes.
264 Klinische Anwendung der Diathermie.
Diüaenkarzinom an der linken Halsseite und am Kiefer.
Fat. M. Seit 9 Jahren leidet sie an DrüscnanBchwellung am Halse. Wieder-
holt operiert und mit Röntgenstrahlen behandelt, ohne Erfolg. Zurzeit bestehen
große Drüsenpakete unter dem linken Ohr, bis auf die Schulter berabreichend.
Diatbermieoperation am 22. September 11, Dauer dreiviertel Stunden. Anl^ung
eines Hautschnitt^«, Freilegung der Drüsen und Koagulation des Tumors bis an
die großen HalBgefäße. Steriler Verband. Glatter Verlauf der Wundheilung.
■ We Oi>eration war inkomplett, Pat. ist am Tumor später zugrunde g^angen.
Schl&fenkankroid, inteni^iv und lange mit Röntgenstrahlen erfolglm
bebandelt. In einer Sitzung mit Diathermie geheilt. 31. Dräember 09.
Kleines Rezidiv am oberen Rande außerhalb der vorher diathermierten Stelle.
An) 16. September 10 mit Diathermie operiert. Seitdem rezidivfrei. Abb.
102, 103.
Abb. 102. Sohläfenkankroid, trotz Abb. 103. Derselbe Patient, 2Va Jahre
Rön^enbeetrahlung weiter wachsend. nach der Diathermieoperation.
Pat. K., 4 Monate. 14. November 10.
Am linken Oberschenkel auf der Mitte befindet sieb ein Angiom von 4 cm
Länge und 3 cm Breite. Es ist scharf umgrenzt, blaurot, zeigt eine leichte Lappen-
bildung und steigt fast senkrecht aus der Fläche der Haut in die Höhe, ca. 1'/, cm
hoch. Man fühlt keine Pulsation. Es scheint Adhärenz an der Fascie zu bestehen.
Auf Druck blaßt der Tumor nicht ab. Abb. 104.
Diathermie am 18. November 10. Kontrolliert Februar 13: Rezidivfrei,
farblose Narbe (siehe Abb. 105).
Pat. M-, Lippenkarzinom, seit 2 Jahren Geschwür an der Unterlippe links,
allmählich gewachsen. Amputation der Unterlippe chirui^scherseits angeraten.
Am 18. Mai 09 Diathermieoperation mit Lokalanästhesie in 2 Minuten ohne
jede Blutung und ohne Naht.
21. Juli 09: Vernarbt, Narbe noch etwas eingezogen.
22. April lOr Weiche, kaum erkennbare Nabe.
Kontrolliert Februar 13, kein Rezidiv, Stelle in natura kaum erkennbar
(siehe Abb. 106, 107).
Pat. L, 50 Jahr alt, Lippenkankroid. Operation mit Diathermie am
11. Januar 11, Lokalanästhesie.
22. September 11; Vollkommen geheilt, Narbe nur mit Mühe erkennbar,
wfich.
I. März 13: Rezidivfrei. Kosmetisch vorzüglicher Effekt. Abb. 108, 109:
Stellung der Diathermie in der Chirurgie.
265
Herr S., Kankroid, 31. Oktober 12: Diathermieoperation mit Lokal-
anästhesie. Bis zum 2. März 13 kein Rezidiv.
Fat. M. Naaenkankroid. 15. Juli 08: Diathermieoperation.
13. März 10: Bezidivfrei mit glatter weicher Narbe geheilt. Abb. 110, 111.
Fat. A-, Rhi no ph y m. Un-
t«r LiokalanästheBie wird auf
Wunsch des Fat. nur die Ge-
Bchwulst auf der rechten Naaen-
aeite mit Diathermie entfernt.
Am 10. Oktober 11: Glatte
Vemarbung erfolgt. Abb. 1 1 2, 1 1 3-
Kind H., tuberkulöse
DrUsenabszeBse am Halse.
Durch einmaligen Diathermie-
eingriff in Narkose definitiv be-
seitigt Die Operation fand am
11. April 1910 statt. Die vor-
stehende Photographie Abb. 99
am 11. März 13 aufgenommen.
Tuberkulöse Knochen-
abszesse mit Ferforation der
Haut, Fistelbildung, ausgedehn-
tes Skrofuloderm a, Bildui^ eines
enormen Abszesses in der Wade,
der bei der Operation etwa ein
Viertel littr Eiter entleert und
von der Kniekehle bis 10 cm
Über dem Haekcn sich nach un-
ten erstreckt. Einmal^e Dia-
thermieoperation unter Koagu-
lierung des in der Fistel zutage
liegenden rauben Knochens. Hei-
lung ohne Sequesterabetoßung.
Besteht jetzt 2 Jahre 11 Monate
reridivfrei. Abb. 114.
Fat. K., 57 Jahr alt. Haut-
karzinom vor dem linken Ohr,
am Tragus nach dem Jochbein
au 2 cm im DurchmesBer, mit
Granulationen bedeckt. Bänder
hart, Zentrum blutet leicht. Ea
erstreckt sich nach außen etwa
Vb cm in die Vorderfläche des
Gehöiganges hinein.
IMathermieoperation am
9. September 10.
Am 11. September leichtes
Odem. Kaum Schmerzen gehabt,
seit gestern früh ganz schmerz-
Am 17. September traten
plötzlich stärkere Schmerzen auf,
Ea kam zu einer geringen Blutung.
Danach warFatientin schmerzfrei.
Am 26. Oktober vollständig
epithelisiert.
Am 3. September 12: Nach-
kontrolliert, rezidivfrei.
Abb. 115, 116.
(Fortsetzung Seitei.269.)
Abb. 104. Großes Kavernom am Oberschenkel
eines 4 Monate alten Kindes. Mit Diathermie
vollkommen blutlos koaguliert.
Abb. 105. Dasselbe Kind, 2V( Jahre später.
Klinische Anwendung der Diatbeimie.
Abb. 106. Lippenkar
mit Diathermie unter Lokalan-
ästhesie in der Sprechstunde
koaguliert. Patient kachektiacb.
Abb. 107. Derselbe, mit kaum erkennbarer
Narbe, 4 Jahre spater rendivfrei, die ge-
schwollenen Submentaldrüsen haben sich
spontan zuriickgebildet.
Abb. 108, Lipponkankroid, mit
Diathorniic operiert.
Abb. 109.
Derselbe, 2'/2 Jahr später.
Stellung der Diathermie in der Chirurgie.
Abb. 110. NEtsenkankroid, Abb. 111. 2 Jahre epäter, resddiv-
Diathermie, in wenigen Sekunden frei. Weiche, glatl« Narbe.
unter Lokalanästhesie koaguliert.
Abb.'112. Rhinophym. Auf Wunsch Abb. 113. Glatte Verheilung.
des Patienten wird nur die Geschwulst
des rechten Nasenflügela mit Diather-
mie unter Lokalanästhesie zerstört.
Künvvhc .AnwvDdnng drr Diathermie.
Abb. 115. Ohrkarziuom, durch
IHathermie operiert.
Abb.114. Tuberkulöse Knochenabszesae mit Skrofu-
loderma der Haut, Fietelbildung und enormem
Wadenabazeß, durch einmaligen Diattaermieeii^Tiff
geheilt. Bis jetzt (Februar 1913), nach 2 Jabren
1 1 Monaten, rezidivfrei.
Abb.116. Dieselbe, 2 Jahre rezidivfM.
Abb. 117. Zungenkarzinom, ulcerierter Abb. 118. Derselbe, 13 Monate
harter Tumor der vorderen Zungen- Hpäter, rezidivfrei mit erheblicher
h&lfte, mit t>iathennie unter Lokalan- Gewichtszunahme,
ästhcsie in der Sprechstunde in wenigen
Minuten koaguliert ohne Unterbindung
oder Naht. Glatte Verheilung.
S«*öi=Ä ifc* DuitermK in -ier Chimraie- jy^lt
BT lOti:*- ■ V- Zcsp». & bwweä" -«c hiin^. mal T-^nJaHTTiT:-^ Tiiiir. t'iu.-QiTaiit;-
paUMl *-'l.rt f 1^12 XIL'-fr 1 .- Jt- 1 bnok-g - 1-.^^ n ff-i^ JH^ PJT- Tjff ff- W-f«iEF XutE
AUl I;». SkcilUü;.^^ =il
270 Klinische Anwendung der DUthermie.
Am 10. Hm 12: Die Zunge gebeilt, Narbe weich, PaL BjBicht so wie früher,
Allgemeinbefinden wesentlich gebeeeeit, Gewichtszunahme: Gewicht vor der
Operation 120 Pfund. Am 10. Juni 12; 136 Pfund 200 g.
Allgemeinbefinden vorzüglich. Die gesamte Behandlung hat ambulant statt-
gefunden.
Zurzeit reradivfrei (siehe Abb. 117, 118).
Abb. 123. Nasenkankroid, gegen Abb. 124. Naeb Diathermie-
RöntgeuEtrahlen refraktär. Operation reädivfrei geheilt.
Abb. 126. KosmetiBch gute Heilung
naeh Diathermieoperation.
Stellung der Diathermie in der Cliirurgie. 271
FiBtel.
Fat. L., 33 Jahr. 6. April li.
Seit 3—4 Wi>Ghen kleiner Abszeß am Halse links mit prominenter, knopf-
förniig verdickter Fistelöffnung von linsengröQe. Diathermieoperation unter
LokaJaotUtheeie durch die Fistelnffnung hindurch ohne Erweiterung derselben.
Unter sofortiger Verklebung heilt die Fistel, ohne daß Sekretion zutage tritt, und
ohne Abszeßbildung.
Klinische Anwendung der Diathermie.
Abb. 131. Malignes Ohrpapillom, Abb. 132. Derselbe, durch Diathermie-
gegen Rontgenatrahlen refraktär. Operation geheilt. Ohrplastik abge-
Abb. 133. Kleines Angiorn auf der Abb. 134. Dieselbe, 1 Jahr spater.
Nasenspitze, mit Diathermienadel ohne Keine erkennbare Narbe {das An^om
Lokalanästhesie in einer Sekunde ent- saß unterhalb des in der Abbildung er-
frant. kennbaren lichtes »n der Nasenspitze.
274 KfiniBche Anwendmig der I>Utb«im&
Taman, der mehre«« DsnoBcblii^en amwachsen hAtte, ohne Schädigong defl Pa-
tienten und ohne nachträgliche Temperatnrsleigenuig ansgeführt wnden iconnte.
Eine Nacbblntang hat nicht stattgefunden.
4. Kapitel.
Vergleich der Diathermie mit Kaustik.
Nicht nur vor dem ciürurgischen Eingriff, sondern auch vor dem
Thermokauter bietet die Diathermie ganz bedeutsame Vorteile.
Zunächst besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Schorf
Vergleich der Diathermie mit Kaustik. 275
der beiden Methoden. Der Thermokauter mit seiner Temperatur von
ca. 1500 Grad karbonisiert die Grewebe. Der Diathermieschorf entsteht
bei 70—80° und ist weich. Verkohltes Gewebe ist ein sehr schlechter
Wärmeleiter, und so verwehrt der karbonisierte Gewebsschorf der
Paquelinwirkung das Vordringen in die Tiefe. Da der Paquelin lediglich
durch Konduktions wärnie, die an sich im normalen Gewebe schon
kaum fortschreitet, wirkt (Leydenfrostsches Phänomen), so ist die
ohnehin sehr begrenzte Tiefenwirkung durch die Bildung des Ober-
flächenschorfs bereits weiter wesentlich gehemmt. Die Folge ist, daß
wir, wenn wir größere Gewebsmengen mit dem Paquelin zerstören
wollen, zunächst dazu eine lange Zeit benötigen, und daß wir bei der
Untersuchung derartiger Schorfe stets in dem zum Teil hochgradig
verkohlten Gewebe noch feuchte unkoaguÜerte Gewebsreste finden.
Die weitere Folge hiervon ist, daß der Schorf des Paquelin infolge
dieser unvollkommenen Koagulationswirkung die Neigung zu pu-
tridem Zerfall und somit zur sekundären Infektion zeigt. Der
Dia ther miese ho rf dagegen, der, falls er in richtiger Weise erzeugt
wird, weich und leitend ist, gestattet eine unvergleichlich größere
Tiefenwirkung, so daß es ein leichtes ist, in wenigen Sekunden eine
Tiefenwirkung von 1—2 cm zu erzielen. Die Wirkung ist zudem, schicht-
weise betrachtet, eine vollkommen gleichmäßige, und es ist bei richtiger
Technik gar keine Schwierigkeit, das in die diathermische Operation
bezogene Gebiet in sehr kurzer Zeit vollständig durchzukoagulieren
oder durchzusterilisieren. Die geringe Tiefenwirkung des Paquelin —
und das ist ein sehr wesentlicher Unterschied — hört fast linear auf
und erzeugt nur in allergeringstem Maße eine stimulierende Unter-
schicht, während wir bei Diathermieoperationen stets die wesentlichen
eliminatorischen Zwischenschichten zwischen Koagulations-
gewebe und normalem Gewebe gewinnen.
Ein weiterer bedeutsamer Vorteil liegt in der Apparatur. Der
Paquelin ist ein recht unbequemes Instrument. Er muß minutenlang
vorbereitet werden, und beim Zureichen des glühende Hitze ausstrahlen-
den Platinkörpers ist große Vorsicht vonnöten, damit nicht durch eine
ungeschickte Bewegung unbeabsichtigte Verbrennung des Patienten,
der Assistenten oder des Operateurs selbst stattfindet. Im Gegensatz
hierzu ist die an das Zuleitungskabel angeschlossene Diathermie -
elektrode bis zum Moment der Einschaltung durch den Fußkontakt
des Operateurs ein vollkommen kaltes und indifferentes
Instrument, dessen Berührung vollkommen bedeutungslos ist.
Der Paquelin muß in glühendem Zustand dem Operationsgebiet
genähert und auf die zu operierende Stelle aufgesetzt werden. Infolge
der starken Hitzeausstrahlung ist ein langer Handgriff notwendig, und
das Zielen und schnelle Auf setzen ist manchmal nicht so ganz einfach.
Die Diathermieelektroden dagegen können uneingeschaltet mit einem
langen oder mit einem kurzen Griff mit aller Ruhe auf die zu behandelnde
Körperstelle aufgesetzt werden und beginnen ihre Wirkung erst im Mo-
ment des Einschaltens. Der Paquelin erfordert wegen der dauernden
intensiven Hitzeausstrahlung eine sehr sorgfältige Abdeckung der vor
18*
276 Klinische Anwendung der Diathermie.
der Koagulation zu schützenden Umgebung des Operationsgebiets mit
nasser Watte oder Gaze, und es müssen besondere Instrumente zu Hilfe
genommen werden, um eine genügende Wirkung zu erzielen und Nach-
blutungen zu vermeiden (z. B. Hämorrhoidenklemme). Die Dia-
thermieelektrode dagegen ist kalt, und nur, wo sie mit dem
Gewebe in Kontakt ist, tritt die Erwärmung erst im Ge-
webe auf, während die Elektrode selbst kalt bleibt und
nur nach und nach sich etwas durch den Kontakt mit dem heißen Ge-
webe anwärmt.
In Körperhöhlen, Rektum, Vagina, Mund, Nase, Ohr ist die Ein-
führung des glühenden Paquelin-Instrumentes teils äußerst schwierig,
teils ganz unmöglich. Die kalte Einführung der Diathermieelektrode
ist vollkommen ungefährlich und einfach. Der Paquelin in glühendem
Zustande wirkt nach allen Seiten. In einer engen Höhle ist es immög-
lich, die dem Operationsfeld gegenüberliegende Wand vor der Hitze-
wirkung zu schützen. Die für Operationen in engen Höhlen konstru-
ierten Diathermieelektroden sind auf einer Seite isoliert, auf der anderen
aktiv. Nur auf der aktiven Seite tritt im engsten Gang die Wirkimg ein.
Sie tritt aber erst ein, nachdem in aller Ruhe das Instrument auf seinen
Platz gebracht ist, in dem Moment, in dem der Operateur den Fuß-
kontakt einschaltet. Unter Belassung des Instrumentes kann in jedem
Moment die Stromzufuhr unterbrochen imd die Wirkimg inhibiert
werden, was beim Paquelin nicht möglich ist. Kurzum, das Diathermie-
verfahren bietet so zahlreiche und wichtige Vorteile vor dem Paquelin,
daß dieser vollkommen als veraltet und obsolet angesehen werden kann.
Wesentliche Punkte sind: Die Diathermieelektroden sind kalt, so groß
oder so klein wie man will, ihre Tiefenwirkung ist eine beliebig große.
Ihre aktive Fläche kann beliebig durch Isolation gerichtet oder ver-
kleinert werden. Ihre Tiefenwirkung ist durch Regulierung der Strom-
stärke sowie durch die richtende Wirkung der indifferenten Elektrode
beliebig zu variieren.
Die galvanokaustische Schlinge oder der Galvanokauter, der ja
auch den Vorteil der Einführung in kaltem Zustande vor dem Paquelin
hat, hat eine viel zu geringe Tiefenwirkung imd ist besonders deshalb
in seiner Wirksamkeit begrenzt, weil er sich im Gewebe sofort abkühlt
und weil die Leitungswärme sich durch die ersten Koagulationen selbst
den Weg versperrt.
Ich muß an dieser Stelle noch auf die Bewertung der Kaltkaustik
gegenüber der Diathermie kurz eingehen. Wie oben erwähnt, benutzt
die Kaltkaustik Hochfrequenzfunken einer gewissen Spannung zur
Durchtrennung von Geweben. Diese Durchtrennung soll theoretisch
eine blutlose sein, und in der Tat findet auch eine Blutung während des
Kaltkaustikeingriffs nur dann statt, wenn keine Kapillaren, sondern
kleinere Gefäße durchtrennt werden. Größere Gefäße spritzen indessen,
wenn sie von den F^ö^ken durchtrennt werden, erheblich. Aber auch
die relative Blutlosigkeit der Kaltkaustikoperation ist nur eine schein-
bare. Denn der minimale durch dieses Verfahren entstehende Ver-
brennungsschorf an den Trennungsflächen, der nur den Bruchteil eines
Anwendung der Diathermie bei Lupus, chirurg. Tuberkulose und Tumoren. 277
Millimeters dick ist, hält der Reaktionshyperämie nicht stand, und die
Kaltkaustik ist deswegen fast überall wieder verlassen worden, weil
sie fast stets zu Nachblutungen führte. Sie entbehrt zudem die Vor-
teile der Diathermie, nämlich: der Fimken ist nicht genau lokalisierbar;
der Verschluß der Blut- und Lymphgefäße an der erfolgten Trennungs-
fläche ist ein höchst oberf lächücher ; die Gewebesterilisation findet
nur in einer feinen Schicht an der Oberfläche statt. Die Kaltkaustik
findet ihre Grenze am Knochengewebe imd ist in Körperhöhlen schwer
oder gar nicht anwendbar. Sie bietet allerdings gegenüber dem Paquelin
gewisse Vorteile und stellt sozusagen einen Übergang zur Diathermie
dar. Sie ist als eine ihrer unwichtigsten Applikationsmethoden zu
bezeichnen.
5. Kapitel.
Anwendung der Diathermie bei Lupus, chirurgischer Tuberkulose
und Tumoren.
Die vorstehenden Krankengeschichten beleuchten einige Indika-
tionsgebiete der chirurgischen Applikation der Diathermie.
Es erübrigt, noch auf einige spezielle Gebiete etwas näher einzu-
gehen. Es sind dies zunächst die tuberkulösen Erkrankungen.
Beginnen wir mit dem Lupus der Haut.
Das Dogma von der Unheilbarkeit des Lupus ist seit den Arbeiten
Finsens und dem Aufschwung der physikalischen Heilmethoden,
der sich im letzten Jahrzehnt vollzogen hat, zwar als überwunden zu
betrachten, indessen ist eine genügende Klärung der Ansichten über den
Wert der einzelnen Methoden und der speziellen Lidikationsstellimg
noch keineswegs erzielt. Dies zeigte sich außerordentlich deutlich auf
der Lupuskonferenz^) in Berlin, auf welcher zwar die hauptsächlichsten
Lupusheilmittel zur Besprechung durch ihre berufenen Vertreter ge-
langten, jedoch eine Einigung über die im Einzelfalle einzuschlagende
Behandlungsmethode nicht erzielt werden konnte. Vielmehr klang aus
der sich entwickelnden Diskussion die Tendenz heraus, daß zwar mehrere
Methoden Gutes leisteten, aber z. Z. wohl die Kombination dieser
Verfahren am ehesten Erfolg verspreche.
Betrachten wir zunächst kurz, was die bisherigen Methoden an sich
leisten, wo sie versagen und was eine ideale Methode leisten müßte.
Der Exzisionsmethode, die früher wegen ihrer Unzulänglichkeit
wesentlich dazu beigetragen hat, andere, bessere Methoden zu erstreben,
wird durch Lang (Wien), der sie gewissermaßen spezialistisch betrieb,
eine, augenblicklich im wesentlichen durch die Autorität Ijangs be-
dingte, allgemeine Anerkennung gezollt. Er hat ein relativ großes
und zweifellos günstiges (wenig Schleimhautkomplikationen!) Lupus-
material operiert und seine Statistik ist relativ günstig. Die Vorteile
des chirurgischen Eingriffes (mit eventuell nachfolgender Plastik) liegen
ledigHch in der relativen Kürze und möglichen Vollständigkeit des ein-
1) Sachverständigensitzung zur Beratung des Lupus im Herrenhaus, Berlin,
12. Mai 1910.
278 Klinische Anwendung der Diathermie.
maligen Eingriffs. Dem stehen jedoch eine große Reihe von Nach-
teilen gegenüber. Zunächst sind die Resultate Längs von anderen
Chirurgen nicht annähernd erreicht worden, so daß man eine besondere
Kimstfertigkeit Längs neben einem günstigen Material annehmen muß.
Sodann eignet sich ein nur relativ kleiner Prozentsatz der Fälle für die
operativ -plastische Methode. Lang selbst gibt zu, daß für diese Me-
thode geeignete Fälle noch weniger zahlreich sind als die für die Finsen-
behandlung, daß sich der Größe nach kleinste, kleine und größere Fälle
(bis ca. 11,4 qcm im Gesicht) eignen, und daß bei Schleimhautbeteiligung
seine Anwendbarkeit eine äußerst beschränkte ist. Die Kontraindi-
kationen des chirurgischen Eingriffs sind im wesentHchen folgende:
Die Exzision ist an vielen Prädilektionsstellen des Lupus technisch
unmöghch (Naseneingang, Augenlider, Glans penis, Schleimhaut) oder
kosmetisch unzulässig. Sie bietet stets Ungewißheit, ob man nach
der Fläche und der Tiefe hin im Gesunden operiert hat. Der Dauer-
erfolg der Exzision ist aus diesem Grunde bei dem geschicktesten Opera-
teur nur ein glücklicher Zufall, da wir bei der Neigung des Lupus,
Keime in die Umgebung und Tiefe auszusenden, über die wahren
Grenzen niemals in Gewißheit sein können. Es besteht stets die Grefahr,
daß wir, scheinbar im Gesunden operierend, mikroskopische tuber-
kulöse Herde durchschneiden und Kxankheitsmaterial in frisch eröffnete
Lymph- und Blutwege implantieren, so zu Metastasen Veranlassimg
gebend. Es sind jedem Dermatologen die Fälle bekannt, in denen nach
einer Nasenplastik die neue Nase ebenfalls lupös erkrankte. Kosme-
tisch kann die Exzision in keinem Falle mit der Finsenbehandlung kon-
kurrieren. Als inoperabel sind alle diejenigen Fälle anzusehen, bei
denen neben dem Hautlupus auch ein Schleimhautlupus besteht sowie
die ganz großen Fälle. Wenig Aussicht wird der operative Eingriff auch
in den Fällen bieten, bei denen der Lupus endogen entstanden ist und
somit die Reinfektionsgefahr dauernd bestehen bleibt. Ein weiterer
Nachteil ist der, daß zur Erzielung glatter und abgerundeter Schnitt-
flächen bei disseminierten Lupusknötchen große Hautpartien, die an
sich gesund sind, entfernt werden müssen, so daß in manchen Fällen ein
Vielfaches derjenigen Fläche, die lupös erkrankt ist, verloren geht.
Vollkommen abzuraten ist von den übrigen chirurgischen Maß-
nahmen, insbesondere Exkochleation, Auskratzung mit oder ohne
Verbindung von nachträglichen Ätzungen, Desinfektionen usw. Die
Rezidive pflegen sehr bald aufzutreten, und tuberkulöse Metastasen,
ja Todesfälle infolge von Meningitis sind danach beobachtet worden.
Denn man hat es in der Tat gar nicht in der Hand, bei der Eröffnung
von Blut- und Lymphbahnen im Lupusgewebe Tuberkelbazillen nicht
zu verschleppen, gleichgültig, ob man oberflächlich oder tief exko-
chleiert.
Die Anwendung des Paquelin, des Galvanokauter, der Elek-
trolyse, der Heißluftmethode von Holländer hat bei weitem nicht
die genügende Tiefenwirkung, und selbst bei langdauemder und zahl-
reicher Wiederholung, der schmerzhaften Eingriffe gelingt es nur in den
seltensten Fällen, die Erkrankung zum Stehen zu bringen, und noch
Anwendung der Diathermie bei Lupus, chirurg. Tuberkulose und Tumoren. 279
seltener, sie zu heilen. Bei der Behandlung des Schleimhautlupus bedient
man sich in Ermangelimg besserer noch heute vielfach dieser Methoden,
rechnet aber auch hier nur mit außerordentlich langsamer und im-
sicherer Heilimg.
Die Finsenbehandlung bietet den Vorteil kosmetisch idealer
Resultate. Indessen ist sie so langwierig, daß in Lupusfällen, die pro-
gredient sind, die Behandlimg nicht schnell genug einwirken kann,
um auf den der Behandlung noch harrenden Stellen ein Weiterschreiten
nach der Fläche und nach der Tiefe zu verhindern. Dazu kommt der
außerordentlich kostspielige imd umständliche Apparat, insbesondere
der imumgängliche Aufwand an gut ausgebildetem Pflegepersonal.
Die Lidikationsstellung für die Finsenbehandlung ist daher im wesent-
lichen von äußeren Bedingimgen abhängig, insofern größere Herde eine
monate- oder jahrelange Behandlung notwendig machen, ohne mit
Sicherheit Rezidive auszuschließen.
Die Radiumbehandlung ist eine Modesache und wird vermut-
lich nach Abklingen der psychischen Lifektion, die augenblicklich Ärzte
und Patienten gefangen hält, von selbst aus der ernsthaften Diskussion
verschwinden, wenn man sich allgemein von der minimalen Wirksam-
keit und räumhchen Aktionsfähigkeit im Zusammenhang mit der außer-
ordentlich langen Bestrahlimgsdauer bei vollkommen imzureichendem
Erfolge überzeugt haben wird.
Die Behandlung mit der Quarzlampe ist nur als ein Vorbereitungs-
mittel für die radikale Beseitigrmg anzusehen. Definitive Heilungen mit
der Quarzlampe allein sind ebensowenig möglich wie mit der Röntgen-
behandlung.
Die Röntgenbehandlung bietet zwar den Vorteil der Beein-
flussung großer Flächen in relativ kurzer Zeit, demgegenüber steht aber
der Nachteil, nur Besserungen, keine definitiven Heilungen zu erzielen,
und der weitere Nachteil, daß die Röntgentherapeuten sich mitunter
verleiten lassen, den Lupus mittels Röntgenstrahlen wirklich zerstören
zu wollen, wobei es stets zu dauernden Schädigungen der Haut kommt,
so daß in diesem labilen Gewebe mit Regelmäßigkeit auftretende Rezi-
dive stets der Behandlung mit anderen Methoden die größten Schwierig-
keiten bereiten.
Die Salbe nmethoden, Pyrogallus, Resorcin, führen zu recht er-
freidichen Besserungen, in den seltensten Fällen zu Heilungen, ge-
statten auch, die Schleimhaut einigermaßen in den Bereich der Be-
handlung zu ziehen, sind aber stets außerordentlich langwierig und
unsicher im Erfolg.
Wir sehen also, daß eine Methode schnell wirkend und in zwar
relativ seltenen Fällen radikal ist, daß die andere Methode kosmetisch
gute Resultate gibt, und daß wieder eine andere zwar langwierig,
aber sowohl kosmetisch gut wirkend als auch mit einer gewissen Wahr-
scheinlichkeit Heilresultate ergebend ist, und daß alle Methoden beim
Schleimhautlupus versagen. Wenn wir denmach das Ideal einer
Lupusheilmethode aufstellen wollten, so müßten wir folgendes von ihr
verlangen :
Klinische Anwendung der IKathermie.
ia
il
^ 9
i
r
Anwendung der Diathermie bei Lupus, Chirurg. Tuberkulose und Tumoren. 281
äi
u
282 KiuüBohe Änwendnng der IHathermie.
Sie muß möglichst elektiv wirken, d, h. nur das tuberkulöse Gewebe,
soweit man es als solches erkennen kann, zerstören, sie muß eine große
Tiefenwirkung besitzen. Sie muß schnell, möglidist mit einem ein-
maligen Eingriff, das erkrankte Gewebe beseitigen, sie muß nicht nur
Abb. 144. KoemetiBch ausge-
zeichnetea Beaultat. Kontrol-
Uert im Mira 1920.
Abb. 145. Tuberkuloee der Abb. 146. Nach einmaligem
Mittelhand- und H&ndwurzel- Diathermieeingriff 4 Jahre re-
knochen mit Skrofuloderma. zidivfrei, mit kosmetisch Tor>
züglicher Narbe geheilt.
die Hauttuberkulose, sondern auch die Schleimhauttuberkulose beherr-
schen und schließlich gute kosmetische Resultate geben oder solche
durch Nachbehandlung ermi^lichen. Sie darf nicht an der Größe des
Falles scheitern und muß Metastasenbildung infolge des Eingriffs aus-
schließen.
AnwenduDg der Diathermie bei Lupus, chirurg, THiberkuloBe und Tum
Abb. 147. LupuB der Hand Abb. H8. Durch Diatbennie koametiHoh ein-
mit ausgedehnter Narben- wandfrei gebeilt,
bildui^, von früherer Be-
handlung herrUbrend.
Abb. 149. Lupus der Wange vor Abb. 150. Beginn der EpitheliEierung
Zerstörung mit Diathermie. vom Rande her mit Ausbildung ge-
sunder, kräftiger Granulationen.
284 Klinische Anwendung der Diathennie.
Daß keine der bisher üblichen Methoden auch nur annähernd
diese Postulate erfüllt, ist bekannt. Indessen besitzen wir in der
Diathermie dasjenige Verfahren, welches diesem Ideal nicht
nur nahekommt, sondern es vielleicht erreicht. Da die
diathermische Koagulation fast momentan bzw. in wenigen Sekunden
eintritt, gleichgültig, ob es sich um Haut, Schleimhaut, Bindegewebe,
Fett, Knochen, Muskel usw. handelt, so können wir jede Lokalisation der
chirurgischen Tuberkulose in das Bereich der Wirkungen ziehen. Die
Schnelligkeit, die in den meisten Fällen wohl die des chirurgischen Ein-
griffs übertrifft, macht auch große und größte Fälle der Behandlung zu-
gänglich. E^mplikationen von Skrofoluderma, tuberkulösen Fisteln, ver-
eiterten Drüsen, erkrankten Knochen, z. B. der Mittelhand, des Nasen-
gerüstes, der Stirn usw., werden ebenso schnell und in gleicher Weise
durch Koagulation sterilisiert. Auch die Erkrankung des Ohrknorpels,
die den sonstigen Methoden so außerordentlichen Widerstand entgegen-
setzt, ist leicht beherrschbar. Da wir uns zur Behandlung des Lupus
zumeist kleiner, knopfförmiger Elektroden bedienen, welche den ein-
zelnen Lupusknoten unter Schonimg des umgebenden, eventuell ge-
sunden Gewebes zerstören, und da diese Elektroden vollkommen kalt
bleiben, vielmehr die Wärme lediglich im Gewebe erzeugt wird, so sind
auch die verstecktesten Herde im engen Naseninnem, im Gehörgang,
im Rachen, im Kehlkopf usw., soweit wir sie überhaupt dem Auge direkt
oder mittels Spiegels sichtbar machen können, der gewissermaßen
elektiven Koagulation erreichbar.
Zur Zerstörung eines fünfmarkgroßen Lupus benötigt man etwa
30 Sekunden, während einzelne disseminierte Knötchen in je 1 Sekunde
genügend koaguliert werden. Kleinere disseminierte oder größere zu-
sammenhängende Herde diathermieren wir unter Lokalanästhesie,
soweit solche ausführbar ist. Bei multiplen und sehr ausgebreiteten
Fällen sowie bei Kindern ist mitunter eine kurzdauernde Narkose
erforderlich. Sehr ausgedehnte Fälle werden zweckmäßig in mehreren
(2—3) Sitzungen diathermiert. Nach vollzogener Koagulation kann
man entweder die entstandenen Nekrosen mittels scharfen Löffels
oder der Exzision entfernen und die Wundflächen durch Naht schließen
oder verkleinem oder die Abstoßung des Schorfes der eliminierenden
Tätigkeit des Organismus überlassen. In diesem Falle hängt das kos-
metische Endresultat lediglich von der Technik der Nachbehand-
lung a b. Wurde das Hautgewebe bis in die subkutanen Schichten hinein
vollkommen zerstört, so entstehen, wie erwähnt, glatte, weiche, an-
fänglich pigmentierte, schnell epithelisierende Narben, die nicht einge-
zogen zu sein pflegen und sich im Laufe von mehreren Monaten all-
mählich depigmentieren. Sind jedoch nur die oberen Schichten bis
in die Cutis hinein zerstört, so tritt leicht Keloidbildung auf. Diese
können wir verhindern, indem wir die Nachbehandlung in Form der
erwähnten Pyrogallussalben verbände durchführen, und auf diese Weise
eine zarte, schöne, farblose Narbe erzielen. Hierbei ist es ein Vorteil,
die Epithelisierung möglichst langsam entstehen zu lassen, weil dadurch
die Zartheit der Narbe erhöht wird. Allerdings erstreckt sich dann die
Anwenduiig der Diathermie bei Lapus, cUrurg. Tuberkulose und Tumoren. 285
Nachbehandlung auf 6— 10 Wochen. Man kann aber auch die Heilungs-
dauer wesentlich abkürzen, wenn man nach Abatoßung der Nekrose,
d. h. nach etwa 10—1+ Tagen, Thierachsche I^äppchen transplantiert.
Einer der wesentlichsten Vorteile der Methode besteht darin,
daß durch die Diathermierung das
ganze tuberkulöse Gewebe koaguliert
und damit sterilisiert wird, so daß
es gegen das gesunde Gewebe durch
eine vollkommen sterile Wand ge-
wissermaßen abg^renzt wird. Da
somit weder Lymph- noch Blut-
bahnen eröffnet und diese im ganzen 1
Operationsgebiet bis nach seinen I
Grenzen hin vollkommen obliteriert
werden, ist jede Gefahr einer Ver-
schleppung von Keimen während
oder nach der Operation ausge-
schlossen. Bei lupösen oder tuber-
kulösen Affektionen der Schleimhaut
ist der Verlauf noch wesentUch ein- Abb.151. Schwerer Lupus der inneren
facher, da wir jede Nachbehandlung und äuSeren Nase, Skrofuloderm a der
außerMundspülungen,Nasendiischen Wange, Fisteln, Abszesse am Kiefer-
Abb. 153.
Dieselbe Patientin, 4 Jahre später.
286 Klinische Anwendung der Diathermie.
oder ähnlichem entbehren können und innerhalb von 2—3 Wochen
nicht nur die Abatoßung der Nekrose, sondern auch vollständige
Epithelisiening der Defekte, wenn diene nicht sehr ausgedehnt sind,
erzielt ist.
I>ie Schlei mhautkomplikationen lassen sich unter Anwendung
einer 20proz. Kokainlösung vollkommen schmerzlos behandeln. Wäh-
rend auf der äußeren Haut, besonders im Gesicht, 2—3 Tage naeh der
Behandlung manchmal erhebliche Ödeme auftreten, werden diese auf
Schleimhäut«n fast vollständig vermißt. Zuerst habe ich Kehlkopf -
tuberkulose nur klinisch diathermiert und alles zur Tracheotomie
in Bereitschaft gehalten. Da sich aber herau^est«llt hat, daß weder
Glottisödem noch tiefere Ödeme auftreten, habe ich in den letzten
Abb. 154. Knochen- und Haut- Abb. 155. Derselbe Fall,
tuberkulosedesDaumeos. Trotz i Jahre später, rezidivfrei ge-
erfolgter Amputation waren blieben.
Rezidive am Stumpf und an
der Hand aufgetreten. Ein-
mal^e Diatbermieox)eratJon,
reiidivfreie Heilung.
S Jahren die Larynxtuberkulose ohne weitere Vorsichtsmaßregeln in
der Sprechstunde mit Lokalanästhesie operiert und habe die Patienten
nach einer Viertelstunde Ruhens entlassen, ohne daß jemals eine Störung
vorgekommen wäre. Es tritt weder Atemnot noch Nachblutung auf.
Nicht einmal Schmerzen sind bis jetzt geklagt worden. Im Gegenteil
ist die sofortige Beseitigung der Schmerzen, besonders der Dysphi^ie
und des Hustenreizes im unmittelbaren Anschluß an die diathermische
Operation ein unschätzbarer Vorzug der Methode.
Ebenso einfach gestaltet sich die Behandlung bei der Rachen-,
Tonsillen- und Nasentuberkulose. Auch hier genügt stets die
Kokainanästhesie. Nur an den Übergangsstellen zur äußeren Haut muß
Infiltrationsanästhesie angewandt werden. Besonders in der Nase,
wo es auf kosmetische und funktionelle Bücksichten weniger ankommt,
empfiehlt es sich, recht gründlich vorzugehen und immer einige Milli-
meter im scheinbar Gesunden noch mit zu diathermieren. Siieziell
Anwendung der Diathermie bei Lupus, chirurg. Tuberkulose und Tumoren. 287
bei Septumerkrankungen habe ich es in der letzten Zeit stets zur Per-
foration gebracht, weil es sich herausgestellt hat, daß bei oberflächlichen
Diathermierungen vom Periost her Rezidive auftraten. In der Nase
ist es mitunter notwendig, nach einigen Tagen die Abstoßung der ne-
krotisierten Partien mechanisch zu unterstützen, da die stagnierenden
Nekrosen in Verbindung mit den Nasensekreten zu üblen Grerüchen
Veranlassung geben. Bei Diathermieoperationen im vorderen oberen
Naseneingang muß man dafür Sorge tragen, daß Gazestreifchen mit
Salbe sorgfältig eingelegt werden, um Verklebung der Nasenscheidewand
mit den Nasenflügeln zu vermeiden. Eine Infektion des Schorfes auf
der Haut kommt nur bei grober Vernachlässigung vor, da der Diathermie-
schorf der Natur der Sache nach vollkommen steril und trocken ist und
sehr wenig Neigung zu sekundärer Infektion zeigt. Auch der Umstand,
daß weder bei der Operation selbst noch bei der Nachbehandlung —
falls man nicht die Schorfe unvorsichtig abreißt — Blutungen eintreten,
ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil der Methode. Nur ein einziges
Mal habe ich eine venöse Nachblutung am Ende der 2. Woche auftreten
sehen, als in einem Falle von Lupusrezidiven in der Nähe des Ellbogens
bei einer durch die frühere Behandlung stark narbig atrophischen, sehr
dünnen Haut ein Lupusknötchen, das über einer Hautvene lag, dia-
thermiert wurde. Offenbar war trotz der kurzen Einwirkimg die Wand
der Vene mit diathermiert worden und bei der Abstoßung der Nekrose
vielleicht durch eine mechanische Verletzung perforiert. Es wäre
natürlich ein leichtes gewesen, bei Gelegenheit des Eingriffs die Vene
durch Koagulation mit zu thrombosieren, da wir ja auch erhebliche
arterielle Blutungen (z. B. bei Karzinomoperationen) mit Leichtig-
keit durch Diathermie momentan zum Stehen bringen können, ohne
daß spätere Nachblutungen auftreten.
Me vorstehenden Abbildimgen zeigen einige mit Diathermie be-
handelte Lupusfälle.
Die Abbildungen 149, 150 zeigen den Verlauf der Heilimg.
Zusammenfassend kann ich über den Wert der Diathermie zur
Behandlung des Lupus bzw. der Haut- und Schleimhauttuberkulose
folgendes sagen:
Sowohl der disseminierte Lupus wie sämtliche anderen Formen
der Hauttuberkulose einschließlich der Gommes scrophuleux, Skrofu-
loderma sowie der tieferen Komplikationen bzw. primären Herde
(Knochen, Knorpel, Muskelgewebe), femer insbesondere sämtliche
erreichbaren Schleimhautkomplikationen sind in gleicher
Weise der Diathermie zugänghch. Die Operation erfordert weder Asep-
sis noch sonstige Vorbereitungen. Selbst ein Jodanstrich ist über-
flüssig. Kleine und mittelgroße Herde sowie sämtliche Schleimhaut-
komplikationen lassen sich in einer bzw. mehreren Sitzungen, in der
Sprechstunde und ambulant diathermieren.
Der Vorteil der Schnelligkeit der chirurgischen Exzision
wird in mindestens derselben Weise bei der Diathermie erreicht, wobei
noch die Sicherheit der Asepsis, die Unmöglichkeit der Keimverschlep-
pung, die Vermeidung auch der kleinsten Blutimg zugunsten der Dia-
288 Klinische Anwendung der Diathermie.
thermie spricht. Das Verfahren erfordert eine gewisse Übung und Er-
fahrung, um die Tiefenwirkung richtig abschätzen zu können. Indessen
ist selbst eine unvollkommene Operation nicht von den mitunter deletären
Folgen begleitet, die der unvollkommene chirurgische Eingriff bedingt,
da ich Exazerbation stehen gebliebener Herde niemals beobachtet
habe, und die Reste jederzeit der gleichen einfachen Behandlung zu-
gänglich bleiben.
Die kosmetischen Resultate entsprechen, wie die Abbildungen
zeigen, durchaus denjenigen, wie sie durch irgendeine andere Methode
erzielt werden können, und werden höchstens bei ganz kleinen frischen
Fällen durch die Finsenbehandlung übertroffen.
Das Verfahren bietet den Vorteil außerordentlicher Billigkeit
wegen der Kürze und Einfachheit des meist einmaUgen Eingriffs. Es
bietet den weiteren Vorteil der ambulanten Durchführbarkeit sowie
den wichtigsten Vorzug, die Schleimhautkomplikationen in
definitiver Weise mit zu beherrschen und in diesem Punkte
bei weitem alle bisher bekannten Verfahren zu übertreffen. Da auch
die Größe der Herde für die Anwendbarkeit der Diathermie kein
Hindernis abgibt, so kann ich wohl behaupten, daß es keine aus-
sichtslosen Fälle von Lupus mehr gibt. Ich betrachte daher
das Verfahren der Diathermie als einen wesentlichen Fortschritt in
der Bekämpfung des Lupus sowie der Haut- und Schleimhauttuber-
kulose überhaupt, das vermöge seiner Einfachheit, Schnelligkeit und
Gründlichkeit die Möglichkeit der Ausrottung desLupus nahelegt.
Sowohl bezüglich der Beurteilung des Wertes der Diathermiebehand-
lung des Lupus, als auch bezüglich der Technik imd der Nachbehand-
limg befinde ich mich in fast völliger Übereinstimmung mit dem leider
verstorbenen Prof. Jacobi (Halle), der seine diesbezüglichen Erfahrungen
in seiner ausführlichen Arbeit in der „Strahlentherapie 1914, Bd. IV,
Heft 1, Seite 244flf." niedergelegt hat.
Ebenso ist die Tuberkulose des Rachens, des Kehlkopfes, der
Blase, der Knochen den Diathermieoperationen zugänglich. Zumeist
können tuberkulöse Herde, wenn sie abgrenzbar sind, durch einen ein-
maligen Eingriff definitiv sterilisiert werden. Selbst bei großen Abszessen
gelingt es, indem man die Höhlen mittels der Diathermie gewissermaßen
oberflächlich ausbäckt, den größten Teil der Abszeßwand zu sterilisieren.
Sorgt man für genügenden Abfluß nach allen Seiten, so wird in einer An*
zahl von Fällen die Elimination eventuell übriggebHebener Reste
durch die ausgelöste Hyperämie vollendet. Bleiben irgendwo Residuen,
so kann man diese späterhin durch einen nochmaHgen Eingriff, der nun-
mehr bei den lokaHsierten Restpartien energisch und ausgiebig erfolgen
kann, beseitigen. Hier tritt besonders die Kombination der Diathermie
mit Röntgenstrahlen (siehe weiter unten) in ihre Rechte. Wir verwenden
für chirurgische Zwecke spezielle Elektroden, deren Besonderheit darin
liegt, daß sie eine relativ kleine Aktionsfläche hab^h. Mithin ist die
Stromdichte an ihnen eine sehr große, und dieselbe Strommenge, die bei
großen Diathermieelektroden (10 X 20 cm) nur zu einer leichten, kaum
merkhchen Erwärmung der darunter liegenden Flächen führt, erhitzt, auf
Anwendung der Diathermie bei Lupus, ohirurg. Tuberkulose und Tumoren. 289
der kleinen Elektrodenfläche zusammengedrängt, das imter dieser be-
findliche Gewebe bis zur Koagulationstemperatur.
Bei der Behandlung des Zahnfleischlupus, die in derselben
Weise erfolgt wie die des Schleimhautlupus überhaupt, ist noch eine
Schwierigkeit zu überwinden. Man muß bei der Koagulation der an
die Zahnsubstanz stoßenden Randpartien größte Vorsicht walten
lassen, um den Zahn selbst nicht erheblich mit zu erwärmen. Denn
wie jeder Knochen läßt sich auch die Zahnsubstanz leicht diathermieren.
Jedoch erhält der Schmelz sehr schnell Sprünge, und diese Sprünge
können später zur Karies imd zum Verlust des Zahnes führen. Maii
muß deshalb die Randpartien des Zahnfleisches sowie die zwischen
den Zähnen belegenen Stellen mit relativ kleinen Stromstärken unter
Verwendimg von Nadelelektroden möglichst schnell koagulieren. Aus
denselben Gründen dürfte die Desinfektion der Pulpahöhle mittels Dia-
thermie nur mit größter Vorsicht ausführbar sein. Dagegen erweist
sich die medizinische nicht chirurgische Diathermierung der Muod-
partien zur Beseitigung von Zahnneuralgien xmd Periostitiden
als ein hervorragendes Mittel; auch Kondensatorapplikationen wirken
vermöge ihrer derivierenden Wirkung häufig sofort schmerzstillend.
Aus dem Vorstehenden sehen wir, daß die Diathermie für die
Chirurgie eine große Errungenschaft bedeutet. Sie ersetzt
nicht den chirurgischen Eingriff, sondern sie stellt.ein neues
chirurgisches Instrument dar. Aber dieses Instrument bietet
Möglichkeiten der Anwendimg, die die Chirurgie vorher nicht besaß.
Wenn von manchen Seiten die Diathermie als ein spezifisches Krebs -
heilmittel empfohlen wird, so muß dem energisch widersprochen werden.
Die Diathermie besitzt absolut keine anderen spezifischen Vermögen
als das einer reinen Wärmewirkung. Nur hat diese Wärmewirkung
eine besonders tiefe Ausdehnung. Es mag sein, daß Karzinomgewebe,
wenn es reichhch vaskularisiert ist, ein etwas besseres Leitungsver-
mögen für den elektrischen Strom besitzt als umgebendes Bindegewebe
oder anderes Gewebe. Aber daraus eine spezifische Beeinflußbarkeit
für die Diathermie gegenüber den gewöhnlichen Gewebszellen kon-
struieren zu wollen, ist nicht genügend begründet. Nur wäre es denk-
bar, daß die arterielle Hyperämisierung vielleicht das normale Gewebe
im Kampf mit dem malignen stärkt und begünstigt und somit die
Diathermie zur Nachbehandlung von Karzinomnarben wertvoll ist.
Wenn aber die Diathermie auch kein spezifisches Krebsheilmittel ist,
so macht sie doch manche Krebs- oder Sarkomfälle operabel, die für
Messeroperationen aus technischen Gründen unzugänglich sind, z. B.
wegen der Blutungsgefahr bei bestehender Kachexie und Anämie oder
wegen der mangelnden Abgrenzbarkeit. Im allgemeinen aber bleiben
inoperable Tumoren auch für die Diathermie im Sinne einer Dauerheilung
inoperabel. So wird ein Karzinom, welches die Axillärgefäße umwuchert
hat, ebensowenig der Diathermie wie einer Messeroperation zugänglich
sein. Dagegen werden wir einen cancer en cuirasse, der 100—200 auf
die Brustwand zerstreute Knötchen hat, ohne jede Schwierigkeit mit
Diathermie zerstören können, während die Messeroperation in diesem
Nagelschmidt, Diathermie. 2. Aufl. 1^
290 Klinische Anwendung der Diathermie.
Falle vollkommen versagt. Sind jedoch bereits Metastasen vorhanden,
so wird der Dauererfolg ebenso gering sein wie bei jeder anderen chirur-
gischen Methode.
Auch für eine ganze Anzahl anderer Operationsgebiete eröffnet
jdie Diathermie neue Perspektiven. Insbesondere gibt die chirurgische
Tuberkulose eine ausgedehnte Anwendungsmöglichkeit. Durch den
Umstand, daß die Diathermierung das tuberkulöse Gewebe, gleichgültig
wo es sich befindet, falls es nur dem Auge oder dem tastenden Finger
irgendwie zugänglich gemacht werden kann, zerstört, sterilisiert und
die Weiterverschleppung unmöglich macht, sind wir mit einem Schlage
in die Lage versetzt, unter Erhaltung des anscheinend Gesunden sehr
große, ja fast beliebig große Teile der Haut, der Schleimhaut, der
Drüsen, der Knochen, des subkutanen Gewebes, der Leber,
der Nieren, der Hoden usw. zu eliminieren. Auch die chirurgisch-
diathermische Liangriffnahme lokalisierter Lungentuberkulose, so
wie sie Lenhartz mit der gewöhnlichen chirurgischen Methode durch-
geführt hat, ist zumindest des Versuchs wert. Wenn die diather-
mische Chirurgie nichts weiter leisten würde, als daß sie
die Schleimhauttuberkulose und die Hauttuberkulose, wie
aus den obigen Krankengeschichten hervorgeht, einer
schnellen und relativ sicheren Heilung zugänglich macht,
so würde schon damit ihr dauernder Wert in der Chirurgie
gesichert sein.
6. Kapitel.
Die Diathermie im Kriege.
Die Diathermie hat neben der gesamten übrigen physikalischen
Therapie eine sehr ausgedehnte Verwendimg bei Kriegserkrankungen
und Kriegsverletzungen gefunden. So kommt ihre Anwendung zunächst
bei allen Indikationen in Frage, wie sie überhaupt allgemein medi-
zinisch Gegenstand der Besprechung dieses Lehrbuches sind. Wir
beschränken ims daher in diesem Abschm'tt auf eine Reihe von Kriegs -
erkrankungen imd -verletzimgen, bei denen sie besonders gute Resul-
tate aufzuweisen hatte, teils für sich, teils in Kombination mit anderen
physikalischen Methoden.
Es bedarf keiner Betonimg, daß die Diathermie bei frischen Kriegs-
verletzungen keine Anwendimg finden konnte; denn erstens war sie
in Frontlazaretten nicht vorhanden, imd zweitens ist sie fast ausschließ-
lich zur Nachbehandlung nach Ablauf der entzündlichen oder Wund-
stadien geeignet.
Bei der Behandlung der Kriegsverletzten und Kriegserkrankten
kommt im wesentlichen
. L die resorbierende imd erweichende Wirkung (Narben,
Callus, Neurome, Infiltrate, Hämatome, Versteifungen, innere
Verwachsungen),
2. die dekongestionierende (Ödeme, außer akut entzündlichen,
Stauungen — Schwellungen — , in inneren Organen),
Die Diathermie im Kriege. 291
3. die stimulierende, Wachstums- und regenerations-
anregende (lokale Gangrän, Erfrierungen, Stasen, trophische
Störungen, Regeneration von Muskel- und Nervengewebe nach
mechanischen Durchtrennxmgen, epithelisierende),
4. die schmerzstillende und empfindungsregulierende
Wirkung (Narben-, ELallusschmerz, Neuralgien, Hypästhesien,
Hyper-, Parästhesien, Schmerzkontrakturen, rheumatische
Schmerzen, Schmerzen innerer Organe),
5. die Wirkxmg auf allgemeine Störungen (Neurosen, Dyskra-
sien usw.)
in Frage.
Zur Illustrierung der genannten Diathermiewirkungen lasse ich aus
dem Material mehrerer Tausende von Krankengeschichten eine kleine
Anzahl stark gekürzt folgen:
^) 29. 1. 15. Rechte Brustseite Streif -Steckschuß. 21. VIII. 15. Spamiung
der Narbe bei Armbewegmigen. Schmerzen beim tiefen Einatmen. Bisher mediko-
mechanisch ohne Erfolg behandelt. Am 21. VIII. 15. Beginn der physikalischen
Behandlmig. 7. X. 15. Mit frei beweglichem Arm schmerzfrei fd. entlassen.
*) 11. Vni. 15. Hechte Wade Krampf aderoperation. Zurzeit 24 cm lange
Narbe, von der Wade bis auf den Oberschenke] reichend. Narbe spannt sich bei
Bewegungen, und das behindert die Kniebeugung. Beginn der physikalischen
Behandlung am 20. XI. 15. 29. XI. Narbe erweicht, Kniebeugimg vöUig freL
*) 29. V. 15. Gangrän des rechten Handrückens. Operation. 11. I.>16. Harte
Narbe mit der Unterlage verwachsen, schmerzhaft. Handgelenk versteift. Beginn
der physikalischen Behandlung. 21. 1. Narbe Schmerzen gebessert. 3. II. Narbe
erweicht, auf der Unterlage verschieblich. 23. II. Handgelenk beweglich, nur
geringe Empfindungen in der Narbe.
*) 6. XI, 15. Varizen an beiden Beinen operiert. 6. HI. 16. Spannung und
Schmerzen in den Narben. Muskelatrophie. Beginn der physikalischen Behand-
lung. 16. III. Fast schmerzfrei. 21. III. Schmerzen und Spanmmg geschwunden,
Kraft gut.
*) Schnittverletzung des linken Daumenballens. 19. VIII. 15. Daumen
fast unbeweglich infolge starrer Narbe. Beginn der physikalischen Behandlung.
25. VIII. Daumen vöUig beweglich. .
*) 28. IV. 15. Rechter Oberschenkel Granatsplitter. 19. XI. Es besteht ein
Narbenkeloid auf dem Quadriceps, welches hjrperalgetisch ist und stark juckt.
Beginn der physikalischen Behandlung. 11. XII. 15. Narbe am Oberschenkel
weich, unempfindlich, Jucken geschwunden.
') 19. V. 15. Rechter Unterkiefer Sagittaldurchschuß mit Eaeferfraktur.
12. XI. Es besteht noch eine Anschwellung der Backe und Eaefersperre. Schmerzen
beim Kauen. Abstand der Zahnreihe 2^« cm. Beginn der physikalischen Behand-
lung. 11. XII. Patient kann beschwerdefrei kauen. 20. XII. Zahnreihe kann
3,2 cm entfernt werden. Patient wird beschwerdefrei entlassen.
®) 13. VI. 15. Kopfschuß Unks, Kiefergelenk durchschossen. 26. X. 15. Be-
ginn der physikalischen Behandlung, Schmerzen beim ELauen, Zahnreihen können
nur 0,7 cm voneinander entfernt werden. 22. XII. Patient wird beschwerdefrei
entlassen. Kann ohne Schmerzen essen. Entfernung der Zahnreihen 2,2 cm.
*) 18. VII. 15. Querdurchschuß durch die untere Gesichtshälfte. Rechter
Masseter und Kiefergelenk durchschossen. 25. VIU. 15. Eliefergelenk versteift.
Zahnreihen können nur bis fast 1 cm geödet werden. Schmerzen beim Kauen.
Beginn der phjrsikalischen Behandlung. 4. XI. 15. Zahnreihen bis 3,5 cm geöffnet.
Keine Beschwerden beim Essen.
^^) 2. Xn. 15. Schulterdistorsion, Fraktur des linken Akromion und der
Klavikula. 7. III. 16. Arm kaim seitlich nur 31 ° abduziert werden. Schmerzen
bei Bewegungsversuchen, Kailus durckempfindlich. Großer Muskeldefekt auf der
Höhe der Schulter. Parästhesien im linken Arm. Beginn der physikaUschen Be-
19*
292 Klinisohe Anwendung der Diathermie.
handlang. 17. III. Arm seitlich 71 °. 28. III. Arm seitlich 81 °, Schmerzen ge-
bessert. 10. IV. Arm seitlich 142°, Schmerzen nur noch bei Druck auf die Narbe.
14. IV. Schultet vollkommen frei beweglich, sämtliche Beschwerden geschwunden.
Kraft gebessert, dynamometrisch 62 1^.
11) 6. X. 15. liiiker Oberarm Schrapnelldurchschuß, Fraktur. 26. 1. 16.
Schulter steif, Schmerzen bei Bewegungen, grobe Kraft herabgesetzt, Arm kann
seitlich 86° abduziert werden. Beginn der physikalischen Behandlung. 7. II. Arm
seitlich 89°. 26. II. Arm seitlich 120°, Schmerzen gebessert. Kallus noch emp-
findUch. 6. IH. Arm seitlich 133°. 10. HL Arm seitlich 145°. 15. HI. Arm-
bewegung in der Schulter frei, Muskelatrophie geschwunden, Schmerzen gleich-
falls, grobe Kraft gut, fd. entlassen.
1») 24. XI. 14. Rückenschuß, Schulterblattfraktur. 21. VIII. 15. Großer
Muskeldefekt. Narbe 18 mal 24 cm. Arm kann seitlich nur um wenige Grade,
nicht meßbar, abduziert werden. Beginn der physikalischen Behandlimg. 3. IX.
Arm seitUch 60°. 25. IX. Arm seitUch 104°.
1') 6. X. 14. Splitterfraktur des rechten Oberarmkopfes und der Skapula.
18. X. 15. Schulterankylose, Beweglichkeit 20°. Beginn der physikalischen Be-
handlung. 8. XI. Arm kann seitlich 64° abdu^ert werden. 3. XII. Abduktion
98°.
1*) 19. V. 15. Granatsplitter rechte Schulter. 20. 1.16. Schulter versteift.
Arm kann seitlich 97 ° abduziert werden. Beginn der physikalischen Behandlung.
3. n. Abduktion 112°. 14. II. Armbewegung in der Schulter völlig frei.
1^) 15. Vn. 15. Schuß durch die linke Schulter. 5. X. 15. Linker Arm kann
seitlich 95° abduziert werden. Beginn der ph3rsikalischen Behandlung. 15. X. Ab-
duktion 125°. 9. XI. 163°. 1. XII. Armbewegung normal
1*) 20. vn. 15. Steckschuß rechtes Knie. 30. XII. ICniebeugimg nur bis
122° unter Schmerzen möglich. Beginn der physikalischen Behandlung. 10. 1. 16.
Kniebeugung 52°. Schmerzen geschwunden. 13. 1. Beugung 39°. Völlig be-
schwerdefrei, fd.
1') 23. VIII. 15. Huf schlag gegen die linke Kniescheibe. 12. XI. Knie-
beugung nur bis 126° möglich, Schmerzen, Erguß im ICnie. Beginn der physika-
lischen Behandlung. 23. XL Beugung 105°. 4. XIL Beugung 61°. 16. XII.
Beugung normal, 40°. Erguß geschwunden.
1^) 27. V. 15. Granatsplitter, Femurfraktur. 2. XI. 15. Kniebeugung bis
148° möglich. Beginn der physikalischen Behandlimg. 22. XI. ICniebeugung
55°.
1^) Seit 6 Jahren Gelenkrheumatismus. 8. X. 15. Heftige Schmerzen im
Knie, Kniebeugung 75°. Beginn der physjkaHscljen Behandlung. 19. X. Knie-
beugung 51°. 2. XI. Schmerzen völlig geschwunden, Kniebeugung 39°.
20) 2. V. 15. Granatsplitterschuß rechter Oberschenkel. 24. VIII. 15. Knie-
beugung 120°. Streckung 162°. Schmerzen, hinkender Gang. Beginn der physi-
kalischen Behandlung. 11. IX. Beugung 63°. Streckung 183°. Geht ohne Hinken
schmerzfrei.
21) 24. V. 15. Rechtes Knie durchschossen. 19. VIII. Knie stark versteift,
kann unter Tremor bis 145° gebeugt werden. Beginn der physikalischen Behand-
lung. 14. IX. Kniebeugung 75°. 7. X. 63°.
22) 25. X. 14. linüksseitiger Beckenschuß. 22. XL 15. Tiefe, eingezogene
Narbe. Hüfte nur andeutungsweise beweglich, beim Versuch der Bewegung
Schmerzen. Beginn der physikalischen Behandlung. 13. XII. Rumpfkreisen
möglich, aber noch Schmerzen. 27. XII. Bewegimg im Kreuz ausgiebig und
schmerzfrei.
23) 3, VI. 15. Linke Wade SchrapneUverletzung. 29. 1. 16. Fuß völlig
versteift, Exkursion 0, Zehen fast unbeweglich. Narbe mit den Extensoren ver-
wachsen. Beginn der physikalischen Behandlung. 16. 11. Fußbewegimg angedeu*
tet, Zehen noch versteift, 28. III. Fußgelenk gebessert, große Zehe etwas beweg-
lich. 3. IV. Fußgelenkexkursion 40°. Geht beschwerdefrei.
2*) 27. VIIL 15. Tibiafraktur links, SchrapneUschuß. 9. H. 16. Hinkender
Gang, linker Fuß fast völlig steif, Exkursion dorsal 2°, plantar 16°. Beginn der
physildalischen Behandlung. 19.11. Exkursion dorsal 21°, plantar 20°. Geht
fest ohne Hinken. 28. IL Gang weiter gebessert, Fuß dorsal 40°, plantar 20®.
Die Diathermie im Kriege. 293
**) 13. VI. 15. Oberflächlicher Knochenstreifschuß am linken Unterschenkel.
7. IX. 15. Schmerzen, Hinken, Fußbewegmig stark eingeschränkt. Beginn der
physikalischen Behandlmig. 13. IX. Vollkommen beschwerdefrei, mit normaler
Beweglichkeit entlassen.
2«) 7. VIII. 15. Lmker Ellbogen Gelenkdurchschuß. 23. IX. 15. EUbogen
ankylotisch, Beugung 50°. Streckung 92°. Beginn der physikalischen Behandlung.
12. XI. Ellbogenbeugung 29°. Streckung 122°.
2') 11. VI. 15. Rechter Arm, Ellbogen, Weichteilschuß. 31. VIII. 15. Narbe
mit dem Knochen stark verwachsen. Ellbogenbeugung 97°. Streckung 150°.
Beginn der physikalischen Behandlung. 16. IX. Ellbogenbeugung 49°. Streckung
177°.
*^) 21.-V. 15. Linker Unterarm, Explosivgeschoßverletzung. 5.1.16. Linkes
Handgelenk völlig unbeweghch. Stark verwachsene Weichteilnarbe. Beginn der
physikalischen Behandlung. 15. 1. 16. Handgelenk kann mit großer Anstrengung
etwas gehoben werden. 26. 1. Handgelenk kann fast bis zur Senkrechten gehoben
werden. 23. II. Hand kann nach oben mühelos bis zu 93° gehoben werden.
2ö) 28. VI. 15. Fraktur der Grundphalanx des linken Zeige- und Mittel-
fingers. 12. VIII. 15. Bei Faustschluß Fingerabstand 4 cm. Beginn der physi-
kaSschen Behandlung. 18. VIII. Nach 5 Behandlungen Faustschluß voll. Kraft
gut, beschwerdefrei.
^°) 6. n. 15. Rechtes Handgelenk durchschossen, Radiusfraktur. 6. IX. 15.
Faustschluß unvollkommen. Fingerabstand: II: 8 cm, III: 6 cm, IV: 4 cm, V: 5 cm.
Beginn der physikalischen Behandlung. 29. IX. Faustschluß voll.
'^) 11. X. 14. Rechter Unterarm zerschmettert. 8. IX. 15. Narbenver-
wachsung. Faustschluß behindert. Fingerabstand: II: 4 cm, III: 6 cm, IV: 6^/2 cm,
V: 7 cm. Beginn der physikalischen Behandlung. 5. X. Faustschluß Finger-
abstand: 11: V4 cm, III: 1 V2 cm, IV: 2V2 cm, V: 2 cm. 8. X. Faustschluß voll.
^2) 21. V. 15. Rechtes Handgelenk durchschossen. * 13. IX. Faustschluß
Fingerabstand: II : 6 cm, III : 6 cm, IV : 5 cm, V : 5 cm. Beginn der physikali-
schen Behandlung. 5. X. Faustschluß voll.
^^) 6. III. 15. Linker Unterarm Granatsplitterschuß. 7. X. 15. Faustschluß
behindert: II: IOV2 cm, III: 10 cm, IV: 9 V2 cm, V: IOV2 cm. Beginn der physi-
kalischen Behandlung. 14. X. Faustschluß voll.
3*) 2. V. 15. Phlegmone der linken Hand. 23. IX. 15. Operationsnarbe.
Faustschluß behindert. Fingerabstand: II: 6V4 cm, III: 5 V2 cm, IV: 6 cm, V: 7 Va cm
Beginn der physikalischen Behandlung. 2. X. Faustschluß: 11: cm, III: cm,
IV: 1 cm, V: 1 cm. 9. X. Faustschluß voll.
35) 10. VII. 15. Linke Schulter Steckschuß. 7. IX. 15. Sehr große Narbe
auf der Spina scapulae. Schmerzen im Nacken, Schiefhals nach links. Schulter
versteift. Arm kann seitlich nur bis 85° gehoben werden. 20. IX. Arm seitlich
100°. Schief hals noch vorhanden. 1. X. Ann seitlich 126°. 11. X. linke Schulter
vollkommen frei, Halsbewegung normal.
'*) 13. Vn. 15. Schrapnellsteckschuß im rechten Unterschenkel über den
Knöcheln. Fibulafraktur. 24. IX. Schmerzen beim Laufen und Gehen in der
Kallusgegend. Schwäche im Bein. Auswärtsrollen des Fußes behindert. • 4. X.
Beschwerdefrei, fd. entlassen.
3') 23. VII. 15. Rechtsseitiger Brustdurchschuß. 2 Tage Hämoptoe. 21. IX.
Schmerzen bei Armbewegungen in der Schulter. Schulter versteift. Arm seitlich
110° unter intensiven Schmerzen, Schwäche im Arm. 29. IX. Arm seithch 152°,
weniger Schmerzen. 8. X. Arm kann in der Schulter völlig frei gestreckt werden.
3^) 7. VI. 15. Rechts Tibiafraktur durch Sturz. 24. IX. Schmerzen im Bein
imd Fußgelenk. Hinkt. Frischer Kallus an der Tibia. 1. X. Kallus geschwunden.
28. X. Am Schienbein noch zeitweise Schmerzen. 23. XI. Beschwerdefrei ent-
lassen, gd.
3*) 6. VIII. 15. Beim Sprung Bruch des rechten Knöchels. 12. X. 15. Ver-
dickung des Malleolus internus. Schmerzen beim Gehen, Schwäche im Bein.
22. X. Verdickung geschwunden, Schmerzen beim Gehen auf ebener Erde gleich-
falls; gd. entlassen.
*®) 4. V. 15. Linker Unterarm Gewehrlängsdurchschuß. Ulna gesplittert.
17.1. 16. Handgelenk versteift, Supination fast aufgehoben, Schwäche, in der
294 Klinische Anwendung der Diathermie.
Hand, Faustechloß ohne Kraft. 7. IL Supination deutlich gebessert, desgleichen
Kraft. 17. II. Supination weiter gebessert, Faustschluß kräftig. 23. U. Bis auf
geringe Beschwerden auf Druck am distalen Ende der Ulna beschwerdefrei, f d.
*^) 1. IV. 15. Stichwunde am linken Knie. Phlegmone. 9. X. Große Ope-
rationsnarben, welche die Kniebewegung berhindem. Schmerzen beim Gehen,
Muskelschwäche. Kniebeugung 132°. 13. XI. Kniebeugimg 96° beschwerdefrei, gd.
**) 18. V. 15. Steckschuß linke Schulter. 7. IX. Schmerzen bei Bewegungs-
versuchen, Abduktion des linken Armes 25°. 21. IX Abduktion 45°. 6. XL Ab-
duktion 69°. 30. XI. Abduktion 90°. Bewegungen nach vom und hinten freL
*') Wurde am 10. V. mit dem Wagen mitgeschleift. Bluterguß ins rechte
Knie. Schmerzen, Bewegungsbehinderung. Am 30. VIII. 15 Beginn der Behand-
lung. 7. IX. Nach Diathermiebehandlung geheilt entlassen, fd.
**) 8. VI. 15. Luxation des rechten Knies beim Fechten. Schmerzen an der
ICniescheibe. Beginn der Behandlung am 1. IX. 15. 3. IX Nach 2 Behandlungen
fd. entlassen.
**) 1. V. 15. Linksseitige Pneumonie, darnach Empyem. 26. X Große
Operationsnarbe, von Empyem herrührend. Stechen beim Atemholen. Kurz-
atmig. Behandlung mit Diathermie und Quarzbestrahlung. 5. XI. Stechen beim
Atmen geschwimden. 15. XI. Keine Beschwerden mehr, Narbe hindert etwas.
*®) 4. VIII. 15. Linker Lungenschuß. Keine Fraktur. 1. X. Schmerzen
H. U. L., besonders beim Laufen und Bücken, Atemnot. 14. X. Atemnot besser.
27. X Atembeschwerden geschwunden, Schmerzen beim Bücken noch in geringem
Grade vorhanden.
*') 23. VIII. 14. Steckschuß im rechten Knie. Geschoß am 28. IX. 14 ent-
fernt. Versteiftes Kniegelenk am 5. XL 14 in Narkose gebeugt. Am 21. VIU. 15
wegen Kniegelenkerguß in Behandlung genommen, starke elephantiastische Ver-
dickung des Beines. Umfang des linken (normalen) Knies 39 cm, Umfang des
rechten Knies 49 cm. 'Am 13. IX. Umfang rechts 47 cm. Am 4. X. 42 cm. Am
13. X. 41,5 cm. Am 26. XL 41 cm.
**) 30. VI. 15. Linker Fuß Durchschuß. Grundgelenk verletzt, keine Frak-
tur. 14. X. Schwellung, Schmerzen im Fußrücken, do. auf der Sohle, hinkt. Elek-
trisches Gefühl in den Zehen beim Auftreten. 15. XL Geschwulst zurückgegangen.
Beschwerden geschwunden.
*') 3. IX. 15. Quetschung der linken Knöchelgegend. 16. X. Fußbewegung
nur unter Schmerzen möglich. Kann nur auf der Spitze auftreten. Im Gehen
schwillt das Gelenk an. 25. X. Nach 1 Stunde Gehens keine Anschwellung auf-
getreten. 29. X. Beschwerdefrei, fd. entlassen.
*°) 14. VI. 15. Einschuß im Rücken in der Höhe des 11. Brustwirbels. Aus-
schuß rechtes Schulterblatt Spitze. Fraktur der I. Rippe, Lungenverletzimg, hat
2 — 3 Stimden Blut gehustet. 4. X. Schmerzen am rechten Schulterblatt beim
Atemholen und Bewegen, große Narben, die sehr h3rperalgetisch sind, zum Teil
noch mit Schorf bedeckt. 28. X. Noch leichte Schmerzen in der Schultergegend,
sämtliche übrigen Beschwerden geschwunden. 10. XI. Mit minimalen Beschwerden
entlassen.
^^) 20. XI. 15. Linker Vorderarm Durchschuß. Ulnafraktur. Radialis
partiell verletzt. 9. IL 16. Pro- und Supination aufgehoben. Faustschluß ohne
Kraft, bei der Streckung bleibt der III. und IV. Finger zurück. 11. IL EaR ist
nur noch im Extensor pollicis nachweisbar, so daß die Bewegungsstörungen im
wesentlichen funktionell sein müssen. Auffallender Tremor im Daumen. 19. 11.
Supination wesentlich besser, Faust kräftiger, kann im herabhängenden Arm bis
2 kg halten. 10. III. Kraft weiter gebessert, Tremor im Daumen geschwunden,
Elektrisch hat auch die Zuckung des Extensor pollicis einen schnellen Charakter
angenommen, so daß man die Nervenläsion als restituiert und die noch bestehenden,
übrigens auch gebesserten Bewegimgsstörungen als rein funktionell ansehen kann.
Der Tremor im Daumen ist fast ganz geschwunden. 17. III. Faustschluß kräftig,
hält 5 kg. Beschwerdefrei, gd. 8. V. Fat. ist 2 Tage nach der Entlassung von der
Sammelstelle vom Truppenteil als fd. erklärt worden. Bei der heutigen Nachunter- ,
suchung bestehen keinerlei Beschwerden, nur können die beiden Mittelfinger
nicht ganz voll gestreckt werden. Eine weitere Behandlung erscheint unnötig.
Die Diathermie im Kriege. 295
^*) 21. X. 14. Rechter Oberarmdurchschuß-Schulter-Thorax. Kugel steckt
in der Brust. Rechter Radialis verletzt. 9. IX. 15. Schmerzen in der Schulter
und unter dem rechten Schulterblatt. Ejibbeln im rechten Unterarm. Kältegefühl
in der Hand. Heben der Hand eben bis zur Horizontale möglich. 16. IX. Hand
kann 20° über die Horizontale gehoben werden. 30. IX. 30°. Finger noch wenig
beweglich. 15. XI. Hand kann 49° gehoben werden. Mehr Kraft in den Fingern,
kann bereits Klavier spielen.
**) 4. X. 15. Linker Oberarmdurchschuß. Medianusverletzung. 3. 1. 16.
Medianusläsion, Schwäche im linken Arm, Ellbogengelenk kann nur bis 150° ge-
streckt werden. Faustschluß behindert. Zeigefinger 11 cm, HE. Finger: Vs c^^*
12. I. Nervenstatus Charit^: Läsion des Nervus medianus, totale EaR im ganzen
Gebiet, außerdem des Nervus musculocutaneus unterhalb des Abganges für
den Bizeps. Faustschluß: Zeigefinger unverändert*, III. Finger schließt voll,
Ellbogenstreckung 158°. 15. n. Nervenstatus Charit^: Leichte Besserung im
Brachialis internus und im langen Daumenbeuger, elektrisch unverändert. 29. U.
Ellbogenstreckung 170°. 16. III. Faustschluß: Zeigefinger 9 cm. Ellbogen-
streckung normal. Daumenbeweglichkeit gebessert. 20. III. Nervenstatus Charit^:
Beginnende Restitution. Der Flexor carpi radialis und der Pronator teres fimktio-
nieren wieder. Elektrisch besteht noch komplette EaR. 25. III. Zeigefinger
5V2 cm. 4. IV. Ellbogenstreckung 172°. Faust: 11: 4V2- Daumenbewegung
weiter gebessert. 14. IV. Ellbogenstreckung 180°. Faust II: 4 cm. Daumen
beweglich, nur Opposition noch nicht. 13. IV. Nervenstatus: Die Restitution
hat weiter wesentliche Fortschritte gemacht, die ganze Medianusmuskulatur
mit Ausnahme des Flexor indicis longus ist faradisch erregbar. Gralvanisch besteht
noch etwas verlangsamte Zuckung, jedoch überall mit normaler ZuckungsformeL
Funktionell wesentliche Besserung, Sensibilitätsstörung besteht nur noch im
Zeigefinger. Djniamometrisch 70 kg. 26. IV. 14: Ellbogenbeugung voll, Streckung
176°. Keine Schmerzen, im Zeige^ngeri besteht noch ÜberempfindHchkeit. Sonst
ist die Sensibilität gebessert, noch leichte Parästhesien im I. — ^III. Finger. Faust-
schluß voll bis auf Zeigefinger, der noch 3 cm von der Vola absteht. Charit^
2. V. 16. Fortschreitende Besserung, Sensibilitätsstörung eingeschränkt; funk-
tionell gebessert; der Musculus pronator teres, Flexor carpi radialis, Pronator teres
schnelle galvanische Zuckungen. Alles unterhalb davon noch totale EaR. Brachia-
lis noch totale EaR. 2. VI. 16: Fortschreitende ^Restitution im Medianusgebiet;
im Flexor carpi radialis und Pronator teres besteht jetzt keine EaR mehr, nur noch
Herabsetzung der Erregbarkeit. Im Flexor digiti comm. und im Flexor poUicis
longus ist die Funktion teilweise wiedergekehrt, doch besteht hier noch wie im
übrigen Medianusgebiet totale EaR. 20. VI. 16: Faustschluß voll bis auf U = 1 cm.
Elektrisch überall wesentliche Fortschritte, Opponens und ein Teil der langen
Flexoren sind bereits schneller geworden. Sensibilitätsstörung gebessert.
^) 3. in. 15. Schuß durch das linke Schultergelenk und den Oberarm.
Fraktur. 3. I. 16. Versteifung im Schulter- und Handgelenk. Atrophie der Finger.
Bewegung der Finger nur in geringem Umfange möglich. Armheben seitlich 40°,
vorn 30°, hinten 35°. Nervensta-tus: Radialislähmung mit EaR. Im ülnaris- und
Medianusgebiet keine Nervenschädigung, nur mechanische Behinderung durch
Gelenkveränderungen, Folgen des Verbanddruckes und funktionelle Störungen
infolge von Nichtgebrauch. Heben der Hand bis zur Horizontale. Finger können
gestreckt werden. 13. I. Geringe Besserung des Kraftgefühls. 24. I. Bedeutende
Besserung, mehr Kraft im Arm, kann beim Spielen bereits die Karten halten.
29. I. Die linke Hand kann annähernd so weit über die Horizontale gehoben werden
wie die rechte. Nervenstatus Charit^: Reste einer Radialisschädigung in Resti-
tution, daneben funktionelle Parese. 10. IL Faustschluß: II: 9V2» HI: 9^/2,
rV: 9V2» V: 9Va- 22. IL Arm seitlich 68°. 2. III. Radialis funktionell gut,
nur Faustbeugung noch behindert. 7. III. Nervenstatus Charit^: Besserung
der funktionellen Parese im Radialisgebiet. Am Vorderarm besteht noch leichte
elektrische Herabsetzung. 11. III. Arm seitlich 100°. 21. III. Faust: II: 2,
ni: 21/2, IV: 3, V: 3. Dynamometer links: 10 kg. 28. III. Faustschluß besser,
Übungstherapie wegen falscher Innervation eingeleitet. 14. IV. Leichte Besse-
rung der Armhebung und im Handschluß. Restitution hat weitere Fortschritte
gemacht. 29. IV. Status idem. 6. V. Fa^tbehinderung noch vorhanden, des-
296 Klinische Anwendung der Diathermie.
gleichen leichte Nervenschmerzen, Muskulatur erhebUch regeneriert. Nervensta'fciis:
Auch im Badialisgebiet sind alle Muskeln wiedergekehrt. Geringfügige Stömngen
befinden sich noch im Extensor carpi radialis, Sensibilität normal. Parästhesien
an der Hand noch vorhanden. Dynamometrisch links 11 kg. Seitliche Arm-
abduktion 93°. Faustschluß: 5, III : 4Vi, IV: 4V2, V: 5 cm Abstand. Hand-
gelenkbewegung miihsam, jedoch vollkommen möglich.
^^) 10. IX. 15. Rechter Ellbogen Durchschuß, KadiaUsverletzung. 16. XJ.
Radialisparese, Hand kann 9° über Horizontale gehoben werden. Finger können
nicht gestreckt werden. Grobe Kraft herabgesetzt, Ellbogenstreckung 140^.
12. I. 16. Nervenstatus Charit^: Es besteht noch Läsion des Radialis (Ramiis
profundus) mit.EaR in den vom Radialis versorgten Vorderarmmuskeln, aus-
schließlich Brachii radialis und Extensor carpr radialis. Anscheinend Restitution
des Nerven. 29. I. Es bestehen noch neuralgische Schmerzen im Ulnarisgebiet
dorsal. 7. II. Ellbogenstreckung 163°, Hand kann 35° über Horizontale exten-
diert werden. Status der Charit^: Funktionell und elektrisch fortschreitende Bes-
serung. Elektrisch zeigen die Daumenstrecker noch totale EaR.. 10. III. Status
Sammelstelle: Die Funktion der Daumenstrecker hat sich gebessert, auch ist
namentlich die quantitative Herabsetzung wesentlich geringer geworden. 18. Hl.
Ellbogenstreckung 167 °. 28. III. Dynamometrisch 72 kg Arm- und Handbewegun^
völlig frei, ohne Mitbewegungen, keine Schmerzen mehr. 8. IV. Armstrecken
168°. Dynamometrisch 90 kg, keine Schmerzen. 27. IV. Armstreckung fast voll,
dynamometrisch über 100 kg. Keine Beschwerden, Nervenläsion ist funktionell
und elektrisch vollkommen beseitigt. Es besteht nur noch eine geringe Behinde-
rung beim Heben der Hand über die Horizontale und gleichzeitiger Streckung
der Finger. Sensibilität ist normal, dynamometrisch 70 kg.
5«) 14. VIII. 15. linkes Handgelenk Durchschuß, Uhiafraktur. 4. 11. 16.
Parästhesien im Ulnarisgebiet. 5. Finger kann nicht gestreckt werden. Hand-
gelenk fast völlig steif, Supination stark behindert. Alte Epilepsie seit dem vierten
Lebensjahre. Beginn der Behandlung 10. III. Handgelenk Exkursion dorsai
23°, volar 31°. 20. III. Finger können sämtlich gestreckt werden. Faust dynamo-
metrisch 100 kg. Supination 45°, Pronation 69°. Handgelenkexkursion doiBal
27°, volar 43°. Beschwerdefrei, fd.
^') 9. VI. 15. 5 Wochen nach Infektion mit Diphtheritis Auftreten von
Lähmung, Akkomodationsstörungen, Sprachlähmung, Herzkrampf, Kniegelenk-
erguß, hochgradige Schwäche. 4. X. Es bestehen noch Herzkrämpfe, leichter
Kniegelenkerguß, hochgradige Schwäche in Armen und Beinen und Inkontinenz.
Er muß während der Untersuchung sitzen, kann Messer und Gabel beim Essen
nicht benutzen. Tachykardie 150. Hochgradige Anämie. Oberkörper gebeugt.
Beginn der Behandlung 24. XI. Bis auf taubes Gefühl im linken Unterschenkel
gebessert. Mehr Kraft, Gefühl sonst wieder normal, kann Messer und Gabel hal-
ten usw. Herzkrämpfe sind nicht wieder aufgetreten. Nur noch Schlaflosigkeit
nachts, Herzklopfen, sowie Inkontinenz am Tage. Seit 14 Tagen empfindet er
Urindrang, am Tage ca. 10 Miktionen, nachts 3— 4 mal. 4. I. 16: Alle Lähmungs-
erscheinungen geschwunden.
^®) 7. VIII. 15. Linker Oberschenkel- uAd Unterschenkeldurchschuß. Pero-
neusnerv verletzt. 29. IX. Sensibilitätsstörungen. Schmerzen beim Auftreten,
Schwäche im Bein. Geht am Stock, Fußgelenk versteift. Beginn der Behandlung
10 X. Gebessert, kann ohne Stock auftreten. Etwas Schmerzen in der Knie-
gegend. Sensibilität im Fuß gebessert. 19. X. Sensibilität auf der Sohle noch
etwas herabgesetzt. Fuß voll beweglich. Beschwerdefrei gd. entlassen.
^^) 28. IV. 15. Explosionsgeschoß rechter Unterarm. 8. X. 15. Weichteü-
narbe, Ulnarisparese. Nervennaht ohne Erfolg ausgeführt. Narbe stark hyper-
algetisch. Parästhesien. Faustschluß unter Tremor eben möglich. Beginn der
Behandlung 28. X. Tremor beim Faustschluß geschwunden. Hyi)eralge8ie noch
vorhanden. 26. XI. Hyperalgesie gebessert, gd.
*°) 18. VI. 15. Linker Unterarm Schrapnellschuß. Fraktur des Radius.
20. I. 16. 3. und 4. Finger können vom Mittelgelenk aus nicht gestreckt werden.
Faustschluß 2 cm Abstand. Beginn der Behancfiung 22. I. Nervenstatus: Ulnaris-
läsion mit partieller EaR in den vom Ulnaris versorgten Kleinfingerballenmuskeln.
21. II. Faustschluß bis auf 4. und 5. Finger V4 cm voll. 23. fl. Nervenstatus:
Die Diathermie im Kriege. 297
Besserung in der elektrischen Erregbarkeit der Interossei. Partielle EaB ist jetzt
nur noch im I. Interosseus und im Abduktor digiti ^uinti, sonst nur noch un-
bedeutende Herabsetzung. 3. III. Faustschluß voll. 10. III. Nervenstatus:
Geringe Herabsetzimg der Sensibilität an der Innenfläche des Handgelenkes.
Interosseus I noch stark atrophisch, jedoch zeigt dieser, besonders auch Abduk-
tor V, bereits eine wesentlich schnellere Zuckung. 23. III. Grobe Kraft hat zu-
genommen, djniamometrisch links 12 kg. 27. III. Nervenstatus: Fortschreitende
Besserung. Die Interossei sind jetzt faradisch sämtlich zu bekommen. Galvanisch
besteht kurze Zuckung nur noch im I. Interosseus. 3. IV. Dynamometrisch 15 kg.
11. IVl Dynamometrisch 25 kg. Fingerstrecken voll. Noch geringe Schmerzen
im Unterarm. Es bestehen keine Atrophien mehr, auch keine nennenswerten
elektrischen Schädigungen. Der Schlußkanal ist mit der Beugesehne von HI
verwachsen. Faustschluß voll. Parästhesien und Handschweiß an der Ulnarseite
der Hohlhand noch vorhanden; gd.
*^) 3. V. 15. Rechter Oberarm Schrapnellsteckschuß, Weichteil; rechter
Unterarm: Explosivgeschoßverletzung. 25. I. 16. Starke Hautmuskelnarbe.
Finger zum Teil versteift. Medianus und Ulnaris verletzt. Nervenstatus: Medianus-
und Ulnarisparese in Restitution. Beginn der Behandlung 29. I. Herabgesetzte
Sensibilität im Ulnaris- und Medianusgebiet. Vasomotorische Überempfindüch-
keit gegen Temperaturreize. Elektrische Untersuchung durch enorme Überemp-
findlichkeit gegen elektrischen Strom erschwert. Es besteht partielle EaR. im
Interosseus 3, 4, 5, in den Flexores profundi und im Opponens pollicis. 15. 11.
Fingerstreckung wenig gebessert, Hyperästhesie unverändert. -2. III. Nerven-
status: Besserung des Befundes insofern, als im Daumenballen und im I. Inter-
osseus eine vormals träge Zuckung jetzt schnell geworden ist. 30. III. Finger-
streckung gebessert. 10. IV. Faustschluß voll \m auf Zeigefinger V2 cm« Dynamo -
metrisch 25 kg. ÜberempfindHchkeit geschwunden, kann schreiben. 10. IV.
Nervenstatus: Fast die ganze Medianusmuskulatur ist mit schneller Zuckung
wiedergekehrt, besonders auffallend ist die Besserung in den tiefen Flexoren.
Auch in der ülnarismuskulatur ist Restitution vorhanden, jedoch nicht so weit-
gehend wie im Medianusgebiet. Die Sensibilitätsstörung ist fast ganz verschwun-
den, ebenso die Überempfindlichkeit gegen elektrischen Strom. Die vasomoto-
rische Überempfindüchkeit hat wesentlich nachgelassen; gd.
«2) 29. VIII. 15. Linke Handwurzel Durchschuß. 7. III. 16: Ulnaris-
parese, Handschweiß, Schmerzen im Handgelenk beim Zufassen. Atrophie
der Handmuskeln, leichte Parästhesien. Nervenstatus: Es besteht Kälte-
gefühl, Zyanose in der Hand, grobe Kraft beim Handschluß wesentlich
herabgesetzt, hierbei Schmerzen im Handgelenk. Sensibilität gut erhalten, nur
Wärme und Kälte wird in der ganzen Hand unsicher unterschieden.
Elektrisch qualitativ o. B. Quantitativ besteht in einzelnen Muskeln des Ulnaris-
gebiets der Hand eine geringfügige Herabsetzung; in anderen, besonders im Ab-
duktor V. eine Erhöhung der Erregbarkeit. Es besteht also eine Läsion des un-
teren Ulnarisastes in Restitution. 18. III. Dynamometrische Kraft ge-
bessert, 18 kg. 29.111. Mehr Kraft, noch Schmerzen im Handgelenk. Dynamo-
metrisch 23%. 3. rV. Kältegefühl, Parästhesien geschwunden. Sen-
sibilität für Wärme und Kälte wiedergekehrt. Elektrisch o. B. fd.
entlassen.
*3) 28. X. 15. Linker Unterarm Radiusfraktur. Am 3. II. 16 Medianus-
parese. Supination sehr stark behindert, sehr schmerzhaft. Faustschluß träge.
IL: 10, 111:9, IV : 8V2» V : 9 cm. Taubes Gefühl im Medianusgebiet. Hand-
schweißzyanose. Beginn der Behandlung am 7. IL Nervenstatus: Medianus-
parese in voller Restitution. Es besteht nur noch totale EaR im Flexor pollicis.
Am 14. IL Faustschluß 11 : iVa» III : 1, IV : 1, V : 1 cm. Supination gebessert.
Schmerzen noch am distalen Radiusende. Am 15. IL Beschwerdefrei; fd.
«*) 21. III. 16. Ischias im rechten Bein. 23. V. 16. Schmerzen im Fuß
bis zur Hüfte hinauf, beim Stehen schläft das Bein leicht ein. Bewegen der Gelenke
frei, aber Schmerzen. War bereits im Dezember 1915 wegen Rheumatismus der
ganzen rechten Seite erkrankt. Beginn der Behandlung 13. VI. Schmerzen fast
ganz geschwunden. 20. VI. Beschwerdefrei entlassen.
298 Klinische Anwendung der Diathermie.
**) 21. Vn. 15. Durchschuß rechter Oberarm — linke Schulter. 5 Tage
Hämoptoe. 22. X 15. StiShe in der rechten Brusteeite. Ausschußnarbe schmerz-
haft. Atembeschwerden. Beginn der Behandlung. 8. XII. Beschwerdefrei» gd.
••) 20. vn. 15. Säbelhieb am rechten und linken Vorderarm, sowie an der
hinteren Kopfseite. 22. X 15. Starke Kallusbildungen, die sehr druckempfindlich
sind. Beginn der Behandlung. 8. XL Beschwerden geschwunden, fd.
*^) Durchschuß linker Oberarm und Unterarm am 13. VII. 15. Keine Frak-
tur, Medianusverletzung, Schmerzen im Mittelfinger, Daumen fast unbeweglich,
Ellbogenbeugung unvollkommen. Faustschluß: Daumen 5Vtt Zeigefinger 11,
Mittelfinger 7 cm. 10. IX. 15. Beginn der Behandlung. 13. IX. Beschwerdefrei»
geheilt entlassen. EUbogenbewegung gut, Faustschluß voll; gd.
*^) Am 24. XI. 14 erhielt Fat. je einen Bajonettstich durch die linke und
rechte Brust, vom Bücken nach vom durchgehend. Er hat Blut gehustet und hatte
rechts Empyem der Pleura. 18. IX. 15. Schmerzen in der Brust beim Gehen
und Atmen. Allgemeine Schwäche. Beginn der Behandlung. 6. X. Beschwerdefrei;
gd. entlassen.
*^) 26. vn. 15. Linke Brust Steckschuß, Azillargegend. Keine Lungen-
verletzung. Linker Arm anfangs gelähmt. 14. X. 15. Schmerzen in der Btand
im 2. — 5. Finger. Einseitiger Handschweiß, Kältegefühl, Parästhesien, Faust-
Bchluß träge, kraftlos. Beim Atmen Stiche in der Brust und Schmerzen bis in die
Fingerspitzen. Röntgenbefund: Kugel in der Höhe des Manubrium stemi in der
linken Mamillarlinie. Beginn der Behandlung. 22. X. Kraft gebessert, Faust-
schluß intensiv. Parästhesien vorhanden. 1. XI. Stützen auf die Hand macht
noch Schmerzen im Unterarm. 17. XI. Beim Aufstützen auf die Hand keine
Schmerzen mehr, nur noch Kribbeln. 1. XII. Bis auf Atembeschwerden geheilt; gd.
'®) 13 VII. 15. Halsquerdurchschuß. Nervus suprascapularis verletzt.
Arm war anfänglich gelähmt. 15. X. Krampfhaftes Ziehen und Reißen in den
Händen beim Gehen und Liegen. Zuckungen durch den ganzen Körper, Schwäche
in den Armen. Beginn der Behandlung. 2. XII. Grobe Kraft im rechten Arm
fast normal. 16. XII. Grobe Kraft in beiden Armen gleich, Bewegimg in den
Schultergelenken frei. Drehen und Beugen des Kopfes in ausgiebigem Umfange
ohne Schmerzen möglich.
'^) 11. Vin. 15. Schrapnelldurchschuß linker Oberarm und linker Unter-
arm. 7. in. 16. Atrophie der Armmuskulatur, Supination eingeschränkt. Hyper-
ästhesie des linken Zeigefingers, Kältegefühl und Zyanose in l — III. Faustschluß
imvoUkommen: 11: 9, HE: 4, IV: 0, V: cm. Zeitweise neuralgische Schmerzen
im Medianusgebiet des Unterarms. Trophische Störungen der Fmger, Versteifung
im Ellbogengelenk. Elektrisch sind alle Muskeln direkt und indirekt erregbar.
Nur die Beugemuskeln des Zeigefingers zeigen herabgesetzte Reaktion. Beginn
der Behandlung. 10. IV. Faustschluß voll, bis auf Zeigefinger, der noch 1 cm
absteht. Grobe Kraft gebessert, dynamometrisch 62 kg. 26. IV. Dynamometrisch
63 kg. Kältegefühl geschwunden, Zvanose noch angedeutet, Supination gebessert,
keine Schmerzen. Der sensible Befund ist vollkommen normal, die trophischen
Störungen an den Nägeln sind wesentlich geringer. Die Behinderung des IZeige-
fingers ist wesentlich mechanischer Natur.
'*) 16. VII. 15. linke Hand Weichteildurchschuß und Fraktur der Grund-
phalanx des Mittelfingers. 31. VIII. Faustschluß II: 7, HI: 13, IV: 8,2, V: 6,5 cm.
Schmerzen bei Fingerbewegung, kann ganz leichte Gegenstände halten. 13. IX.
Faustschluß II, IV, V voll, Mittelfinger 9 cm. 23. IX. Faustschluß komplett,
kräftig; fd.
'^) 3. Vni. 15. Rheumatismus im linken Bein von Hüfte abwärts. 30. Vm.
15. Kann sich im Kreuz kaum bewegen. Beginn der Behandlung. 15. IX. Ge-
bessert. 17. IX. Kann sich bis zur Erde bücken.
'*) Ischias rechts seit 14 Tagen. Las^gue positiv. Auch nachts Schmerzen.
Behandlungsbeginn am 15. 1. Am 17. 1 gebessert. Am 23. 1. Bückversuch frei.
28. I. Nach 5 Behandlungen geheilt entlassen.
'^) 1. rV. 15. Linker Fuß Schußfraktur. Amputation der 2., 3. und 4. Zehe.
18. X. 15. Schmerzen im Fußrücken und Achillessehne, tritt nur auf dem Hacken
auf. Der Vorderteil des Fußes berührt nicht beim Gehen. Narbe und Stumpf
empfindlich. 15. XL Tritt mit dem Fuß voll auf, Empfindlichkeit geschwunden.
Die Diathermie im Kriege. 299
'•) 18. VII. 15. Linker Oberschenkel Granatsplitter-Streifschuß. 9. X. Die
Narbe ist mit dem Quadrizeps quer verwachsen. Schmerzen beim Bewegen des
Beines und Laufen. Kniebeugimg 71°, Streckung 91°. Haperalgesie der Narbe.
8. XL Kniebeugung 63°, Streckung 178°. Laufen beschwerdefrei. 13. XIL Knie-
beugung 61 °, Streckung normal, Schmerzen weiter gebessert. 24. XIL Beschwerde-
frei enüassen.
") 17. IX. 15. Linker Oberschenkel, Weichteilschuß. 6. XI. -Ziehende
Schmerzen in der Narbengegend. 15. XI. Schmerzen bedeutend besser. 26. XL
Schmerzfrei. 30. XL Beschwerdefrei; 1
78) 28. VIL 15. Steckschuß rechte Hüfte, Lendengegend. 11. X. 15. Schmer-
zen beim Laufen, geht sehr unbeholfen wegen Bheumatismus in beiden Beinen.
19. X. Wenig gebessert. 28. X. Bei Wetterwechsel verstärkte Schmerzen. 5. XI.
Sämtliche Erscheinungen zurückgegangen. Kheumatismus geschwunden. Geht
ohne Hinken.
7®) 12. X. 15. Seit 1 Jahr Rheumatismus im rechten Knie, Schmerzen im
Ober- und Unterschenkel. Hinkt, geht mit steifem Knie, halb gebeugt. 22. X.
Knie kann etwas mehr durchgedrückt werden. 29. X. Noch Schmerzen in der
Hüfte. 10. XI. Hüfte schmerzfrei. Schmerzen nur noch im rechten Oberarm.
23. XI. Rheumatismus im Bein vollkommen geschwunden. 25. XL Geheilt; gd.
Seit dem 16. XU. 17 Anschwellung des rechten Kniegelenks nach Marsch.
Bei Beginn der Behandlung am 15. 1. 18 Erguß ins GelenJc. Umfangsdifferenz
oberhalb der Patella 1 cm, an der Spitze der Patella 1,5 cm. Vorwölbung in der
Kniekehle. ICniebeuge nur bis 60° möglfch. Schmerzen. Muskelatrophie am
Oberschenkel. 30. 1. Kniebeuge frei, Schmerzen geschwunden. 4. IL Noch im
ganzen 8 Behandlungen. Umfangsdifferenz ausgeglichen, Kniöbeugen frei, Atrophie
beseitigt; kv. entlassen.
*^) 29. VII. 15. Gewehrschuß rechter Fuß, Durchschuß durch die große
Zehe. 12. X. 15. Geht stark hinkend mit steifem Fußgelenk, kann mit der Spitze
des Fußes nicht auftreten. Schmerzen beim Auftreten. 25. XL Bein voll aufgesetzt,
noch Schmerzen in der Zehengegend. 4. XIL Große Zehe im Grundgelenk gut
bewegKch, beschwerdefrei.
^2) 30. Vn. 15. Linker Oberschenkel Weichteilschuß. 12. X. 15. Schmerzen
beim Sitzen und Stehen in der Narbe. 1. XL Schmerzen nur noch in der Nähe
der Narbe. 8. XI. Noch elektrisches Gefühl in der Kniekehle. 18. XI. Narbe
nur noch beim Sitzen auf der Stuhlkante empfindlich; fd.
83) 22. VIIL 15. Rechter Fuß Gewehrdurchschuß. 29. IX. Schmerzen
beim Auftreten im vorderen Fußabschnitt, tritt mit steifem Fußgelenk nur auf
dem äußeren Fußrand auf. Wenn er 2 Minuten geht, treten Schmerzen im ICnie
auf. Hinkt sehr stark, am Stock gestützt. 8. X. Gang gebessert, hinkt wenig,
geht ohne Stock. 19. X. Gang weiter gebessert. Schmerzfrei. 2. XI. Geheilt
entlassen.
8*) 13. VII. 15. Linker Unterschenkel Durchschuß, Fibulafraktur. 30. IX.
Narbe verwachsen, spannt bei Bewegungen. Hinkt, geht am Stock. 19. X. Hinkt
weniger, Spannung der Narbe schwächer, geht Vs Stunde ohne Stock, 28. X.
Noch Schwäche im Fuß, geht seit 2 Tagen dauernd ohne Stock. 1. XII. Mit ge-
ringen Beschwerden an der Bruchstelle fd. entlassen.
8^) 14. VI. 15. Durchschuß durch den rechten Unterschenkel, Fraktur.
2. X. Es bestehen noch Schmerzen im Unterschenkel, do. im Fußgelenk beim
Laufen. 13. X. Gebessert, Schmerzen beim Laufen noch im Fußgelenk. 25. X.
Läuft vöUig beschwerdefrei.
**) 12. n. 15. Linker Unterschenkel Querschläger. 8. X. 15: Hautnarbe
mit Sehnen verwachsen, tritt nur auf dem äußeren Fußrand auf, hinkt stark,
Schmerzen um die Narbe. 6. XI. BLann etwas mit dem inneren Fußrand auf-
treten. 12. XI. Geht wenig hinkend, mit voll aufgesetztem Fuß.
®') 30. 1. 15. Linker Unterschenkel durchschossen, Fibulafraktur. 23. X. 15.
Innenseite der Fußsohle hyperästhetisch, daher einwärtige Stellung des Fußes
beim Gehen. Geht ohne Stock, aber hinkend. 29. X. Schmerzfrei, fd.
^^) 29. Vni. 15. Gelenkrheumatismus. 29. IL 16. Rheumatismus in den
Gelenken der unteren Extremitäten. Geht stark hinkend mit steifem Gelenk.
9. in. Gang gebessert, nach längerem Gehen noch Schmerzen. Kniebeuge gut.
300 Klinisohe Anwendang der Diathermie.
28. ni. Beim Kniebengen wieder geringe Beschwerden. 26. IV. ELeine Beschwer-
den, Kniebeuge frei, Gang völlig frei; fd.
«^) 13. VIL15. linke Hüfte Steckschuß. Knochen verletzt. 12. X Schmer-
zen im Fußrücken bei geringer Anstrengung» geht stark gestützt hinkend am Stock.
Röntgenbefund: Kugel nicht entfernt. Absplitterung des äußeren Teils des oberen
Randes der Hüftgelenkpfanne. Metallsplitter 4,4 cm tief von vom. 20. X. Zur Zeit
schmerzfrei 29. X. Geht ohne Stock und ohne Hinken. Noch taubes Gefühl in
der Hüftgegend. 23. XI. Status idem; gd.
^®) Stauchung der Halswirbelsäule durch Sturz aus dem Wagen auf den Kopf
am 12. Xn. 17. Schluckbeschwerden, Druckempfindlichkeit des 2. und 3. Hals-
wirbels. Kopf fast vöUig versteift. Stauchung schmerzhaft an den Halswirbeln.
Am 11. 1. 18 Beginn der Behandlung. 23. 1. Seitliche Drehung freier. 11. ü.
Weiter ffebessert. 16.11. Wieder mehr Schmerzen. 22.11. Gebessert. 2. HL Keine
Schluckbeschwerden, Drehung des Kopfes vollkommen frei, keine Druckempfind-
lichkeit* kv entlassen
"/ 13. VI. 15. Bruch der rechten Tibia und Fibula durch Sturz. 12. X.
Schmerzen und Schwäche im Bein. Geht mit steifem Kniegelenk in Plattfuß-
stellung, fest auf den Stock gestützt. 20. X. Kann bereits 10 Minuten ohne Stock
laufen. 5. XL Geht dauernd ohne Stock. 15. XI. Gehen gut, noch Stechen in
der Narbe. 11. XII. Kallus nicht mehr empfindlich, freie Beweglichkeit im Knie-
gelenk. Keine Schmerzen beim Gehen, nur bei längerem Laufen; gd.
^^) 10. XL 15. Neurasthenie. 21. III. 16. Fazialistik. Zuckungen im rechten
Musculus pyramidalis nasi. Beginn der Behandlung. 7. IV. Keine Zuckungen
mehr.
®^) 10. IL 16. Neurasthenie. 6. III. 16. Allgemeine Körperschwäche, Schlaf-
losigkeit, Zittern, Herzklopfen, kaltes Überlaufen, Kopfschmerzen, Blutdruck
normal. Beginn der Behandlung. 22. IQ. Schlaf etwas gebessert. 5. IV. Schlaf
weiter gebessert, Kopfschmerzen erheblich gebessert, Herzklopfen unverändert.
Reißen in beiden Unterschenkeln. 11. IV. Schlaf, Kopfschmerzen gut, Tremor
geschwunden, beschwerdefrei. Puls 76 stehend; gd.
**) 10. X.15. Nach Artilleriefeuer an Neurasthenie erkrankt. 4. lH. 16.
Stechen in Brust und Rücken, Kribbeln in den Gliedern, wird leicht ohnmächtig.
Bei geringster Anstrengung starker Schweißausbruch, Puls 120, Schlaf schlecht,
hoher- Blutdruck, Akne auf Brust, Rücken und Armen. Pat. ist am 3. III. ge-
stürzt und hat am linken Fuß einen Bluterguß am äußeren Knöchel. Beginn der
Behandlung. 15. III. Schlaf gebessert, Beschwerden im Fuß. 27. III. Akne durch
Röntgenbehandlung geheilt. Puls 90, Geschwulst am Knöchel geschwunden. 7. IV.
Herzbeschwerden unverändert. 18. IV. Puls 88. 27. IV. Brustbeschwerden völlig
geschwunden. Schlaf gebessert, seit dem 2. Tage nach der Aufnahme keine Ohn-
macht mehr aufgetreten; gd. entlassen.
®^) 21. X. 15. Neurasthenie. 29. IL 16. Hypotonischer Neurastheniker. Ner-
venstatus: Häufig krampfhafte Versteifung der Wadenmuskulatur, welche gut
entwickelt ist. Elektrisch und sensibel keine Störung. Krepitation in den Knochen.
Patellarrefelx rechts stark abgeschwächt, links normal. Plantarreflex beiderseits
aufgehoben. Kremasterreflex links 0, rechts schwach. Bauchdeckenreflex fehlt
beiderseits. Fußklonus, kein Patellarklonus. Achillessehnenreflexe beiderseits
normal, desgleichen Armsehnenreflexe, links stärker als recht^. Komealreflex
hnks sehr lebhaft, rechts 0. Gaumenreflexe beiderseits sehr schwach. Es bestehen
tikartige Zuckungen der Augenlider. Auch stellt sich während der Untersuchung
heftiges Zittern der Wadenmuskulatur (grobschlägiger Tremor) ein. Beim Rom-
berg tritt ganz leichtes Schwanken, krampfhaftes Ballen der Fäuste und Zittern
in den Armen ein. Zeigefinger-Nasenversuch sehr unsicher. Hackeh-ICnieversuch
gelingt fast immer, ebenso Zeigeversuch. Hat Angstträume. Beginn der Behand-
lung am 1. III. 16. 10. IIL 16. Patellarreflexe beiderseitig normal, Kremaster-
reflex do., Bauchdeckenreflex fehlt, starkes Nachröten. Komealreflexe beider-
seits vorhanden, rechts etwas schwächer als links. Zeigefinger-Nasenversuch
gelingt bei Aufforderung zu angespannter Aufmerksamkeit jedesmal. Der Tremor
und die tikartigen Zuckimgen haben ganz wesentlich nachgelassen. Pat. gibt
an, sich besser zu fühlen. Gesamteindruck ein regerer und gebesserter. Bei Rom-
berg tritt wiederum Schwanken ein, das jedoch wesentlich durch die Schwäche
Die Diathermie im Kriege. 301
im linken Bein bedingt ist. Die krankhaften Bewegungen in den Armen fehlen
diesmal. Die schweren Erschöpfungserscheinungen des psychopathischen Fat.
sind in deutlichem Abklingen begriffen. 27. III. Weitere bedeutende Besserung.
Schlaf gut, Tremor gering, minimales Gesichtszucken, Gang weniger hinkend.
Bauchdeckenreflex kehrt wieder, Plantarreflex do. Komealreflex noch abgeschwächt
Romberg negativ. Zeigefinger-Nasenversuch und Hacken-Knieversuch gelingen
mühelos. 15. IV. Gesichtszucken in geringem Grade nur noch bei Au&egung.
Schlaf im allgemeinen gebessert, jedoch von der Witterung abhängig. Beim
Durchdrücken des linken Knies Krepitation. ICniebeschwerden wesentlich ge-
bessert. Seit 14 Tagen ist kein Wadenkrampf mehr aufgetreten. Turnerische
Kniebeuge ohne Beschwerden. 26. IV. Tremor noch vorhanden, Allgemein-
befinden weiter gebessert. Schlaf ebenfalls. Beflexe gleichfalls außer dem Plantar-
reflex. Komealreflexe fast symmetrisch, Zeigefinger*, Nasen- und ICnieversuch
gut. Leichter Tremor, Krepitation im Kniegelenk, durch Spasmen bedingt. 6. V.
Schlaf noch schlecht, sonst Allgemeinbefinden gebessert. 26. V. 16. Tremor fast
völlig geschwunden. Schlaf imd AUgemeinbefmden wesentlich gebessert. Kor-
nealreflex: Status idem. Plantarreflex gebessert.
•®) 21. Vn. 15. Neurasthenie nach Gefecht. 1. III. 16. Kopfschmerzen,
Schwindel, kleinschlägiger Tremor, Hinken, geht am Stock. Die anfangs verlorene
Hörfähigkeit hat sich vollkommen wieder hergestellt. Pat. zeigt eine hochgradige
Oberempfindlichkeit, Eeflexe stark erhöht. Beim Versuch, den Plantarreflex
auszulösen, entstehen heftige Abwehrbewegungen durch den ganzen Körper. Bei
Berührung des Daumens Einsetzen heftiger Würgebewegungen. Zeigeversuch
ergibt regelmäßig Abweichungen. Nachahmen passiver Bewegungen in den Beinen
sehr unvollkommen. Leichter Fuß- und Patellarklonus. Ganz enorm gesteigerte
Empfindlichkeit gegen leichte Nadelstiche. Kopfschmerzen im Hinterkopf und
Orbitalgegend steigern sich beim Auslösen von Reflexen zu großer Heftigkeit.
Klagt über erhebliche Schwere in den Beinen, Gang unbeholfen, hinkend. Beginn
der Behandlung. 17. IIL Zustand bessert sich stetig nach Angaben des Patienten.
Geht ohne Stock. Kopfschmerzen seit Beginn der Behandlung geschwunden.
Tremor nur noch andeutungsweise. Langes Stehen strengt an. 5. IV. Bei län-
gerem Stehen Wadenkrampf. Alle Erscheinungen, die auf Störungen des Zentral-
nervensystems schließen lassen, sind geschwunden. Tremor hat vollkommen
aufgehört, Pat. fühlt sich gänzlich beschwerdefrei. Objektiv nur noch eine leichte
Überempfindlichkeit vorhanden; gd.
^^) 1. XL 15. Neurasthenie nach Granatexplosion. 29.11.16. Kopfschmerzen,
Schwindel, niedriger Blutdruck. Beginn der Behandlung. 2. III. Beschwerdefrei.
^^) 6. XII. 15. Herzneurose. 12. IV. 16. Pat. leidet an Herzschwäche,
allgemeiner Körperschwäche, nach Anstrengungen Stiche in der Herzgegend.
Plus in Ruhe 84, nach ICniebeuge 116. Nach Anstrengungen kann Pat. schlecht
einschlafen, sonst Schlaf gut. Blutdruck herabgesetzt. Pat. ist in der letzten
Zeit mit kohlensauren Bädern, Rumpfpackungen mit Herzkühlung und Bürsten-
bad behandelt worden; dabei sind die Beschwerden stärker geworden, er hat
2rO Pfund abgenommen. Beginn der Diathermiebehandlung. 15. IV. Pat. fühlt
sich vollständig kräftig, keine Beschwerden; fd.
»») 22. IX. 15. Kopfschuß linkes Scheitelbein. 18. IL 16. Rechtsseitige
Hemiparese, Schwindelerscheinungen. Kopfschmerz. Nervenstatus: Sensibilität
und Reflexe am ganzen Körper normal, nur der Zehenreflex ist recht herabgesetzt.
30. in. Kein Schwindel mehr, Kopfschmerz gebessert. Plantarreflex ist beider-
seits gleich leicht auszulösen, besonders bei Jendrassik Beschwerdefrei; fd.
"ö) 30. VIIL 15. Linker. Gesichtsschuß. 10. IL 16. Taubes Gefühl m der
Schläfe. Tic convulsif im unteren Augenlid. 24. IIL Tic geschwunden. Taubes
Gefühl in der Schläfe gebessert.
^®^) 17. VI. 15. An Herzneurose erkrankt. 22. IX. 15. Neurasthenie, Puls
kräftig, unruhiger Schlaf, Angstbeschwerden, leicht erregbar, neigt zum Weinen.
Schmerzen im linken Fuß, hinkt. Beginn der Behandlung. 5. X. Noch Schmerzen
im Fuß, C^ng gebessert. 15. X. Morgens noch geringe Schmerzen im Fuß, Schlaf
gut, keine Herzbeschwerden mehr. 20. X. Beschwerdefrei; gd.
^®*) 9. VI. 15. Verschüttung, darnach Lähmung des linken Armes. 29. 1. 16.
Traumatische Neurose. Der linke Arm kann seitlich in gestreckter Haltung
302 KJiniflche Anwendung der Diathermie.
nur 20^ gehoben werden, bei EUbogenbeugong nur 35^ Ellbogenbeng^nxi^
bis 00'' mögUch. Fanstsehlaß: U: 11, UI: 10, IV: 9, V: 8 cnu Kältegefühl in der
Hand, Zyanose. Beginn der Behandlung. 28. IL Faustschluß: U: 4, HI: 4, IV: 3,
V: 2 cm. 6. UL Faustschluß voll, grobe Kraft deutlich gebessert; noch fehlerhafte j>
willkürliche Innervation. 9. UL Bedeutend gebessert. Arm kann senkrecht über
den Kopf (mit Mühe) gestreckt werden. Faustschluß voll, Ellbogenbeugung 45 ^,
Kältegefühl gebessert, grobe Kraft do. 11. HL Beschwerdefrei, fd. entlassen.
108 j 2. V. 15. Verschüttung, Unfallneurose. 30. IX. Neurasthenie, Atem-
not bei der geringsten Anstrengung, Angstgefühl, schlechter Schlaf. Starker Tremor.
Beginn der Be^ndlung. 22. X. Kein Zittern und Atemnot mehr. Schlaf gut,
Angstgefühl geschwunden; fd.
^^^) 18. XIL 15. An Herzneurose erkrankt. 16. V. 16. Dauernd Stiche in
der linken Brust. Beim Treppensteigen und längerem Laufen starkes Herzklopfen
und Atembeklemmungen. Allgemeine Müdigkeit in den Gliedern. Magenleiden.
Magenschmerzen, besonders nach dem Essen. Stuhlgang zeitweise unregelmäßig.
Heraaktion beschleunigt. 1. Ton klappend, Aktion verstärkt. Herzform kugelig;
es Uegt eine Störung der Herzinnervation vor. Beginn der Behandlung. 20. VL
Fühlt sich frischer, Magenbeschwerden gebessert, beschwerdefrei; gd. entlassen.
106^ 22. IX. 15. Neurasthenie. 25. X. Fat. klagt über neurasthenische
Beschwerden, neuralgische Magenschmerzen nach dem Essen, Erinnerungs- und
Gedächtnisschwäche, mehrere Stunden anhaltende, plötzlich einsetzende Kopf-
schmerzen an den Augen und an den Schläfen, leichte Erregbarkeit, beim Reiten
leichte Scliwindelanfälle. Beginn der Behandlung. 14. XIL Sämtliche Beschwer-
den geschwunden; gd.
^®*) 10. X. 15. Rechter Kniesteckschuß 7. 1. 16. Traumatische Neurose,
Tachykardie, Schwindelanfälle, Nystagmus, Tremor. Beginn der Behandlung.
12. 1. Tremor geschwunden, Tachykardie gebessert, Nystagmus geschwunden,
Schwindelanfälle selten; gd.
^®') 24. Vn. 15. Appendicitisoperation. November Typhus. 19. 11. 16.
Schwäche, Tachykardie, Puls 96. 6. ITE. Kräftiger Puls, 78. Beschwerdefrei, gd.
1Ö8) 27. 1. 16. Fieberhafte Erkrankimg, Herzschwäche. 12. II. 16. Tempe-
ratur, die bis 39° gestiegen war, ist lytisch abgefallen. Blutdruck sehr niedng.
Systolisches Geräusch an der Spitze, psychische Depression, Körperschwäche.
Puls im Liegen 72, im Stehen 100. Beginn der Behandlung. 24. 11. Puls im Liegen
72, nach dem Aufrichten 84, eine Mmute später 76. Geräusch an der Spitze im
Stehen sehr deutlich, im Liegen angedeutet. 2. Aorten- und Pulmonalton akzen-
tuiert. 10. III. Die Röntgenuntersuchung des Herzens ergibt zu geringe Maße:
Herzbreite 12,3 cm. Rechts von der Medianlinie 3,7 cm. Pat. ist groß und kräf-
tig. 15. IV. 16. Allgemeinbefinden gut, körperliche Schwäche geschwunden,
Herztöne vollständig rein, auch nach Kniebeuge, Aktion langsam, regulär. Nur
der Blutdruck ist noch erniedrigt. Temperaturen sind nicht mehr aufgetreten.
1Ö9) 4. V. 15. Linker Unterschenkel Fraktur, schief geheilt. 19. VI. 15. In
Narkose noch einmal gebrochen. 7, IX. 15. Patient geht mühsam an zwei Stöcken,
voll aufgestützt, stechende Schmerzen beim Versuch der Belastung des Beines.
Bein 2V2 cm verkürzt, Pseudarthrose. Beginn der physikalischen Behandlung.
19. X 15. Patient kann an einem Stock ohne Schmerzen gehen. 4. XL Pseud-
arthrose fest, geht mit erhöhtem Stiefel, hinkend, aber kräftig.
Dritte Abteilung.
1. Kapitel.
Kontraindikationen.
Aus dem vorstehend beschriebenen klinischen Material ergeben
sich bereits eine Anzahl von Kontraindikationen für die Diathermie-
behandlung. Indessen dürfte es wichtig sein, diese noch einmal im
Zusammenhang zu besprechen. Da mit der diathermischen Applikation
stets eine arterielle Hyperämie verbunden zu sein pflegt, ist eine der
wichtigsten Kontraindikationen, die Neig u ng z u Hä morrhagie n. So
werden wir zunächst bei Hämophilen die nicht koagulierende Dia-
thermie mit großer Vorsicht anwenden. Nicht nur, daß Petechien, sub-
kutane Hämatome, Gelenkblutungen auftreten können, muß man damit
rechnen, daß bei Hämophilen die Ruptur eines erkrankten intraabdomi-
nalen oder Lungengefäßes zu tödlicher Blutung führen kann. Dieselbe
Gefahr liegt vor, wenn bei normalen Individuen in einer Lungenkaveme,
in einem Magen- oder Darmulcus, in einem ulzerierten Tumor ein arro-
di(Brtes Gefäß größeren Kalibers vorhanden ist und unter dem erhöhten
lokalen arteriellen Druck die MögHchkeit einer Blutung vorliegt. Aus
demselben Grund muß man bei Arteriosklerose des Gehirns, der Lungen-
oder Herzarterien mit der geringen Widerstandsfähigkeit der Wand
rechnen und auch hier nicht nur mit den rein diathermischen, sondern
auch mit den gesamten blutdrucksteigemden Applikationen (Konden-
sator, Douche, Entladungen) äußerst vorsichtig sein. Es kann auch
z. B. vorkommen, daß man bei einem Patienten mit chronischer Prosta-
titis einen Teil der Blasenwand erheblich mit diathermiert imd ein
zufällig dort vorhandenes weiches blutendes Papillom eine erhebliche
Blasenblutung herbeiführt.
Bei Frauen muß man während der Menses oder bei Metrorrhagien
Diathermierungen des Beckens vermeiden. Es empfiehlt sich femer,
bei Frauen während der Menses Diathermiebehandlung des Herzens,
der Lunge imd der Bauchorgane auszusetzen, da verstärkte Blutung
und längere Dauer der Periode dabei eintreten kann. Desgleichen ist
bei Gravidität Vorsicht angebracht.
Auch die Gefahr der allgemeinen Blutdruckherabsetzung bei schon
an sich niedrigem Blutdruck habe ich bei Gelegenheit der Zirkulations-
erkrankungen bezüglich des Auftretens eines Kollapses erwähnt.
Die sekretionssteigemde Wirkung auf Drüsenzellen läßt die Dia-
thermie überall da kontraindiziert erscheinen, wo eine solche Sekretions-
steigerung nicht erwünscht ist. So werden wir die hypersekretorisohe
304 Kontraindikationen.
Form der Schilddrüsenerkrankung durch die Diathermie verschlimmern,
desgleichen eine Hyperidrosis der Hände durch häufige Anwendung der
Handelektroden. Auch die Gefahr der Erzeugung heftiger Koliken
infolge bereits inkarzerierter oder durch den erhöhten Sekretionsdruck
, mobilisierter und zur Inkarzeration gebrachter Konkremente habe ich
bereits angeführt. Es liegt hierin keine absolute Kontraindikation,
denn gerade der erhöhte Sekretionsdruck kann ja gelegentlich das Über-
winden des Hindernisses herbeiführen, und ein vorsichtiger diesbezüg-
licher Versuch wird in manchen Fällen gestattet sein. Wo aber die
Überwindung des Hindernisses nicht möglich ist, kann unter Umständen,
besonders bei durch chronische Entzündung in ihrer Widerstands-
kraft geschwächter Wand die Ruptur einer Gallenblase, eines ürethers
möglich werden.
Ich habe mehrfach betont, daß akute Eiterungen, soweit sie nicht
gonorrhöisch sind, im allgemeinen durch Diathermie verschlimmert-
werden. Es ist somit die interne Diathermie bei eitrigen Gelenkaffek-
tionen, Drüsen, Abszessen, Höhleneiterungen kontraindiziert. Besonders
bei letzteren (Highmorshöhle, Mittelohreiterung, Stirnhöhle), bei denen
ein enger Ausführungskanal infolge entzündlicher Schwellung der aus-
kleidenden Schleimhaut vollkommen impermeabel werden kann, kann
die Verstärkimg der Eiterung, ja auch der serösen Sekretion, zu unan-
genehmen und heftigen Symptomen führen. So sieht man bei akuter
Stirnhöhlenentzündung unmittelbar nach der Diathennierung zwar
Aufhören der Kopfschmerzen; aber nach wenigen Minuten treten sie
in verstärktem Maße auf. Es ist daher die Diathermierung auch der
chronischen Highjnorshöhlen- und Stimhöhlenkatarrhe im allgemeinen
nur erlaubt, wenn die Abflußmöglichkeit der Sekrete gesichert ist.
Nicht wegen des Einschlusses in starre Höhlungen, sondern von
einem anderen Gesichtspunkt aus ist die Behandlung der Blinddarm-
entzündung trotz der mitunter günstig erscheinenden Resultate luiter
Umständen nicht ungefährhch. Gerade wie^ die Furunkel der Haut
unter dem Einfluß der leichten diathermischen Durchwärmung akut
aufflackern oder exazerbieren können, so kann auch die eitrige Ein-
schmelzung und der Entzündungsprozeß, dessen Charakter und Grad
wir bei der Perityphlitis imd Appendizitis ja niemals mit Sicherheit
taxieren können, exazerbieren und zur akuten Pdrforation führen;
wenigstens muß man theoretisch mit dieser Möglichkeit rechnen. Man
wird daher bei diesem Leiden mit großer Vorsicht die Einleitung der
Diathermiebehandlung indizieren und sie jedenfalls zunächst in schwäch-
ster Dosierung, allmählich steigernd, versuchen. In sicher chronischen
oder rein serösen Fällen sind dagegen die Resultate außerordentlich be-
friedigend.
Auch beim Lupus der Haut kommt nur die chirurgische Diather-
mie in Frage. Die anfänghch von mir versuchte leichte Durchwärmung
hat mir den Eindruck gegeben, daß nach ihr der Prozeß erhöhte Neigung
zum Fortschreiten am Rande zeigt.
BezügHch der Tumoren verweise ich auf das nachstehend über
Kombination der Röntgenbehandlung mit der Diathermie Gesagte.
Kombination der Diathermie mit anderen Methoden. 305
2. Kapitel.
Kombination der Diathermie mit anderen Methoden.
Die hyperämisierende und infolgedessen für Röntgenstrahlen sen-
sibilisierende Wirkung der Diathermie hat dazu geführt, daß dieses
kombinierte Verfahren mehrfach dazu vorgeschlagen wurde,
tief liegende Tumoren oder die tieferen Schichten äußerer Tumoren der
Röntgenwirkung zugängHch zu machen. Die experimentellen Ver-
suche, welche dargetan haben, daß Gewebe, welche zum Teil im nor-
malen Zustand, zum Teil unmittelbar nach diathermischer Durch-
Tvärmung den Röntgenstrahlen exponiert wurden, im letzteren Falle
so wesentHch radiosensibler wurden, daß sie auf einen Teil der Erythem-
dosis bereits mit Erythem reagierten, lassen sich meines Erachtens
nicht ohne weiteres für die Tumorentherapie verwerten. Maßgebend
hierfür sind mir Beobachtungen, die ich anfänglich gemacht habe,
daß unter dem Einfluß der Diathermie in medizinischer, d. h. nicht
koagulierender Dosis ein Proliferatio nsanreiz auf Tumorengewebe
gegeben wird. Infolgedessen habe ich die leichte Diathermierung von
Tumoren späterhin stets als nicht statthaft betrachtet. Dies bestätigte
sich, als ich einen Mediastinaltumor (Lymphosarkom), der bereits
zu hochgradiger Dyspnoe und starken Schmerzen bei einem jungen
Mädchen geführt hatte, entgegen meiner Ansicht auf Wunsch des be-
handelnden Arztes einmal nur vorsichtig diathermierte. Es trat wenige
Stunden danach, wie ich es vorausgesagt hatte, eine heftige Ver-
schlimmerung des Zustandes ein, so daß sich die Fortfühnmg dieser
Therapie verbot. Desgleichen trat kürzUch ein junges Mädchen mit
Sarkom des Oberarmes in meine Behandlung, bei der die anderweitig
vorgenommene diathermische Durchwärmiuig des Tumors (ringförmige
Elektrode am Unterarm und oberhalb des Tumors am Oljerarm) ein
exzessives Wachstum des Tumors mit Neigung zu heftigen Blutungen
herbeigeführt hatte. Die sofort eingeleitete harte Röntgentief entherapie
sistierte die Blutung in 2 Tagen, imd zurzeit ist der Tumor bis auf geringe
Reste geschwunden. Die ausgezeichnete Radiosensibiütät ist mit einer
gewissen WahrscheinHchkeit auf die diathermische Hyperämie zurück-
zuführen; indessen ist wohl aber auch das Auftreten zweier Metastasen
{rechte Mamma, linke Axillargegend) der Diathermie zur Last zu legen.
Diese Beobachtungen entsprechen ganz der Vorstellung, die wir uns von
der Diathermiewirkung machen müssen, daß sie nänüich hyperämisiert,
ödematisiert und auf das Zellwachstum anregend wirkt, mithin zu einer
schnellen Volumenzunahme eines Tumors führen muß. Bedingt eine
solche Volumenzunahme, wie gerade in dem Mediastinalraum, lebens-
gefährliche Symptome, so ist aus diesen Erwägungen heraus die Kontra-
indikation ihrer Anwendung gegeben. Wenn nun andererseits ein solcher
diathermierter Tumor radiosensibler wird, woran wieder in der Tat
nicht zu zweifeln ist, so muß man doch vor Anwendung dieser Methode
sich darüber klar sein, daß man es keineswegs in der Hand hat, die
Ausdehnung der diathermischen Wirkimg in der Tiefe im Bereich eines
Tumors genau zu bestimmen und nun die anschließende Röntgen-
Nagelschmidt, Diathennie. 2. Aufl. 20
306 Kombination der Diathermie mit anderen Methoden.
Wirkung so exakt zu lokalisieren, daß auch wirklich alles diathermierte
Gewebe nunmehr nicht nur der Röntgenwirkung überhaupt, sondern
auch an allen Stellen einer genügenden Röntgenwirkung unter-
worfen wird. Die Gefahr, daß irgendeine diathermierte Tumorstelle
nicht genügend röntgenisiert wird, ist um so größer, als man fol-
gende Technik vorgeschlagen hat:
Von der richtigen Voraussetzung ausgehend, daß die Durchwärmung
eines z. B. in der Bauchhöhle zwischen Nabel und Schwertfortsatz be-
findlichen Tumors von der darüber gelegenen Bauchhaut aus mit nach-
folgender Röntgenbestrahlung von vom auch die diathermierte Haut
sensibilisiert sowie die unter ihr gelegenen Schichten und mithin
bei der Röntgenbestrahlung gefährdet, sollte die Diathermierung von
seitUchen Partien aus, die bei der späteren Röntgenbestrahlung vor
dieser durch Bedeckung zu schützen sind, stattfinden. Bei dieser
Methodik ist es zweifellos noch viel schwieriger, eine Lokalisierung der
Diathermiewirkung auf die anschheßende Röntgenwirkungszone zu
bewerkstelligen. Die sich nach dem Gesagten hieraus ergebende Gefahr
scheint doch so erheblich, daß die therapeutischen Resultate dieser
kombinierten Methode schon sehr in die Augen springend sein müßten,
um sie zu rechtfertigen. Meines Wissens ist aber auch hiermit noch
kein tiefliegender mahgner Tumor geheilt worden, der nicht der Röntgen -
therapiie allein auch zugänglich gewesen wäre.
Größere Bedeutimg dürfte die Diathermie zur Behandlung von
Röntgen- und Radiumschädigungen besitzen. Sowohl Darmgeschwüre
als auch narbige Strikturen bieten eine gute Indikation für die vitali-
sierende und erweichende Wirkung der Diathermie.
Anders liegen die Verhältnisse, wenn die Gefahr des Wachstums-
anreizes nicht vorliegt. In diesem Falle dürfte gegen die Kombination
der beiden Methoden nichts einzuwenden sein. Vielleicht gibt die Sterili-
sienuig der Ovarien hierfür eine besondere Indikation ab, weil gerade die
Ovarialdurchwärmung durch kombinierte Diathermienmg vom Scheiden-
gewölbe aus nach der Bauchhaut zu leicht und intensiv zu erreichen ist.
Das gleiche gilt für Rektumkarzinome.
Viel wichtiger ist die Verbindung diathermischer Applikationen
mit orthopädischen Maßnahmen. Wir nutzen die hyperämisierende,
ödematisierende, erweichende und auflockernde Wirkung der Diathermie
dazu aus, um durch anschließende Massage, mediko-mechanische
Übungen, mechanische Streckungen, Beugungen usw. resistente Narben,
Adhäsionen, Kontrakturen, Ankylosen zu mobilisieren, wobei die
eminent schmerzstillende Wirkung der Diathermie unterstützend mit-
wirkt. Dies tritt besonders bei frischen Verletzungen deutlich in die
Erscheinung. Unter dem Einfluß der diathermischen Analgesie kann
eine viel früzeitigere und energischere Massage- und Bewegungstherapie
einsetzen. Ganz besonders wirkungsvoll sind diese kombinierten Maß-
nahmen,- wenn die mechanische Therapie während der Diathermienuig
stattfindet. Nicht nur, daß die Zunahme der BewegungsmögHchkeit
während der diathermischen Analgesie erheblich sein kann, wird der
weitere Vorteil gewonnen, daß wegen ihrer versteckten Lage der Diather-
Kombination der Diathermie mit anderen Methoden. 307
miewirkung weniger zugängliche Grebiete durch die erzielte Bewegung
ihr teilweise oder ganz zugänglich gemacht werden können. Selbst-
verständlich ist mit größter Sorgfalt darauf zu achten, daß bei den
Bewegungen die Grundregeln der Diathermieapplikation nicht außer
acht gelassen werden. Ich verweise im übrigen z. B. auf die bei Gelenk -
erkrankungen erwähnten Beobachtungen.
Die erhebliche hyperämisierende Wirkimg der Diathermie sowohl
in medizinischer wie in chirurgischer Dosierung legt es nahe, sie mit der
Bierschen Stauung zu vergleichen. Der Unterschied zwischen beiden
Methoden, die an sich sehr ähnlich scheinen, ist jedoch ein bedeutender
und prinzipieller. Die Bier sehe Stauung zwingt die in einem Gliede
vorhandene Blutmasse, sich in loco zu stauen. Sie hindert jedoch nicht
nur den Abfluß des venösen (teilweise verbrauchten) Blutes, sondern
sie Verlangsamt auch infolge dieser Stauung den arteriellen Zufluß.
Die günstigen Wirkungen, welche hiermit in vielen Fällen erzielt werden,
beruhen im wesentlichen auf der infolge der vermehrten Blutanwesenheit
bestehenden lokalen Temperatursteigerung und auf dem längeren
Kontakt des Gewebes mit der stagnierenden Blutm&sse. Dazu kommen
sekundäre Wirkungen wie die analgesierende und die ödematisierende
Wirkung. Ein Nachteil der Methode ist die subjektiv mit ihr verbundene
Unannehmlichkeit sowie die Behinderung des arteriellen Zuflusses.
Auch ist sie relativ bequem nur an Exl^remitäten anwendbar. Ihre
Applikation am Kopf z. B. ist mit außerordentlichen subjektiven Be-
schwerden verbunden und an einzelnen inneren Organen gänzlich un-
möghch. Im Gregensatz hierzu bewirkt die Diathermie einen sehr
stark erhöhten Äff lux frischen arteriellen Blutes. Auch ihr ist in gewisser
Dosis eine ödematisierende Wirkung eigen. Dazu kommt aber die
erheblich über die Bluttemperatur hinaus steigerungsfähige Erwärmung
des Gewebes, die direkte Stimuüerung der Zellfunktion und die deutb'ch
analgesierende Wirkung auf die Schmerzempfindung. Femer ist sie an
jedem beliebigen Körperabschnitt anwendbar, und, was sehr wichtig
ist, ohne jede subjektive Unannehmlichkeit. Im Gegenteil wird die
diathermische Wärme meistens als äußerst wohltuend und, angenehm
empfunden.
Auch die Kombination der Diathermie mit Bier scher Stauimg wird
angewandt. Der Einfluß der Kühlung durch die Blutzirkulation wird
hierbei vermieden; die Wärme hält sich länger im Gtewebe, und die
Wirkimgen beider Methoden können sich summieren, vielleicht aber
z. T. aufheben. Gterade die arterielle Hyperämie, die resorptions-
anregende Wirkung der Diathermie wird behindert. Man muß die Binde
unmittelbar nach der Diathermieapplikation anlegen.
Ich habe in einigen Fällen von chronischer Obstipation sowie
bei Ischias und Neuralgien die Kombination von Diathermie und
Vibrationsmassage versucht. Wenn man die Elektrode mittels des
Vibrationsmassageansatzes (Gummikugel) kräftig andrückt, so kann
man die Wirkung der beiden Methoden kombinieren, imd ich habe
den Eindruck, daß diese Kombination in manchen Fällen von
Nutzen ist.
20*
308 Stellung der Diathermie zur Hochfrequenztherapie.
In Fällen, in denen man nicht die reine Wirkung der Diathermie
aus wissenschaftlichen Gründen zu studieren wünscht, steht der gleich-
zeitigen Anwendung anderer Methoden nichts im Wege. So wird man
bei Herzkranken Digitalis, Strophantus, Koffein, kohlensaure Bäder
usw. bei sinngemäßer Anwendung mit gutem Erfolg imterstützend
heranziehen können. Ebenso wird in den seltenen Fällen, in denen die
Hochfrequenzströme erregend wirken, die Verordnung von Sedativa
zweckmäßig erscheinen. Im übrigen muß man nur darauf achten,
daß die angewandte Medikation im gleichen Sinne wie die Diathermie
wirkt und eine antagonistische Medikation vermeiden.
3. Kapitel.
Stellung der Diathermie zur Hochfrequenztherapie.
ÜberbHcken wir noch einmal den Entwicklungsgang der Hoch-
frequenztherapie, so sehen wir, welche außerordentliche Bedeutung die Ver-
tief ung der Erkenntnis für die Verwertung einer empirisch in die Therapie
eingeführten Methode gewinnen kann. Mit wahrem Enthusiasmus
wurde in den 90 er Jahren des vorigen Jahrhunderts die physiologische
und klinische Anwendung der Hochfrequenzströme aufgenommen.
Es ist verständlich, daß infolge der glänzenden Experimentalvor-
führungen Teslas die Effekte' der hochfrequenten und gleichzeitig hoch-
gespannten elektrischen Ströme besonders die Aufmerksamkeit auf sich
lenkten. Der Widerspruch, der zwischen den glänzenden Funkenent-
ladungen, dem lebhaften, weithin hörbaren Geknatter der Apparate
und der scheinbaren Wirkungslosigkeit der Ströme bestand, Heß imge-
wöhnliche Wirkungen ahnen. Aber gerade die Verwendung dieser hoch-
gespannten Hochfrequenzströme hinderte das Eindringen in das Wesen
ihrer physiologischen Wirkung, und so kam es, daß die Methode trotz
ihrer, wie gesagt, enthusiastischen Aufnahme nicht nur in Frankreich,
sondern auch in anderen Ländern nach und nach enttäuschen mußte.
Man hatte nicht begriffen, worauf es ankam, und die reine Empirie hatte
in diesem Falle versagt. So kam es, daß manche Forscher mit ihren
Apparaten und an ihrem Krankenmaterial vorzügUche Resultate
beobachteten, die heute im Lichte der Diathermie vollständig ver-
ständlich sind, daß aber andere mit anderen Apparaten, anderer Methodik
und anderem Krankenmaterial nur Mißerfolge erlitten. Die Folge dieser
ungleichen, widerspruchsvollen Bewertung mußte notwendig dazu
führen, daß die Mißerfolge der Methode zur Last gelegt und die Erfolge
auf Suggestion zurückgeführt wurden. So verstehen wir, daß auch die
Nachprüfung in Deutschland (Bädecker, Eulenburg, Toby Cohn
u. a.) die Methode als eine im wesentlichen suggestiv wirkende stark
ablehnte. Infolgedessen, da weitere Nachprüfungen zu fehlen schienen,
war sie nicht nur in Deutschland, sondern auch im Auslande, ausge-
nommen Frankreich, so gut wie erledigt. Dies wurde mit einem Schlage
anders, als die mehrfach in der Literatur erwähnten, praktisch unfrucht-
bar gebliebenen Beobachtungen von Wärmeeffekten systematisch und
praktisch zur Lehre der Diathermie ausgebildet wurden und nunmehr
Stellung der Diathermie zur Hochfrequenztherapie. 309
der experimentell und klinisch jeder Untersuchung relativ leicht zu-
gängliche Wärmeeffekt als die Quintessenz einer jeden reinen
Hochfrequenzapplikation erkannt wurde.
Es wird nach der Lektüre der vorstehenden Kapitel nicht schwer
sein, nunmehr die Stellung der DiathermiezurD'Arsonvalisation
zu erkennen. Dem Kern der Sache nach besteht gar kein Unterschied.
Ob wir Funkenstrecken mit großem Luftzwischenraum, stärkster Dämp-
fung und relativ seltenen Entladungen oder ganz ungedämpfte Schwin-
gungen (Poulsenlampe) oder Stoßerregung (Wiensche Funkenstrecke, Tele-
f unken) verwenden, ob wir niedrig gespannte oder sehr hochgespannte
Hochfrequenzströme mit diesen Apparaten erzeugen, der diathermische
Effekt ist mit all diesen in gleicher Qualität verbimden imd hängt
lediglich von der quantitativen Leistung der Apparate in seiner Er-
scheinungs- und Wirkungsart ab. So habe ich lange, ehe es eigentliche
Diathermieapparate gab, diathermische Verbrennungen kleinerer Tiere
im Experiment und therapeutische Applikationen der reinen Diathermie
mit ganz gewöhnlichen D'Arsonvalapparaten vornehmen können.
Ja sogar Knochenkarzinome und kleinere Weichteiloperationen nebst
Grelenk- und Herzbehandlungen habe ich schon 1906 und 1907 aus-
geführt.. Daß hierbei die Hochspannung insofern störte, als Funken-
entladungen an ungewünschten Stellen oder zufällig mit in die Erscheinung
traten, und daß vielleicht die Streuimg der Kraftlinien für den thera-
peutischen Effekt ein wenig imgünstiger war, beeinteächtigte im Prinzip
keineswegs die Art der Wirkung. Ich habe 1911 in Birmingham die Ent-
ladungen des D'Arsonvalapparates und der Diathermieapparate mit
Stoßfunkenerregung mit einem Beispiel aus der Akustik verglichen.
Feuert man alle Stunden eine moderne Riesenkanone ab, so erzeugt
man Schallwellen einer enormen Amplitude, die mit sehr starker Dämp-
fung abklingen, wonach bis zum nächsten Schuß eine sehr lange Pause
eintritt (D'Arsonvalsche Funkenentladungen, 100 000 Volt). Die Ana-
logie zur Diathermie (200 Volt) bietet ein kleinkalibriges Gewehr-
feuer, wobei alle Sekunden ein Schuß fällt, dessen allerdings niedrigere
Schallamplituden zwar auch sehr gedämpft sind, aber bis zum nächsten
Schuß weiter klingen, so daß keine Schwingungspausen entstehen. Ver-
gleichen wir die gesamte Ausbeute an Schwingungsenergie, so ergibt
trotz der großen Amplitude der Kanonenschuß wegen der unverhältnis-
mäßig langen Pausen eine geringe Ausbeute, während das ununter-
brochene Gewehrfeuer dauernd schwingende Energie erzeugt. So sind
die Milliampere, welche ein D'Arsonvalapparat liefert, gering an Zahl,
20—100, nur in besonders kräftig konstruierten Apparaten (Sanitas)
bis zu einem Ampere. Die Diathermieapparate dagegen, wenigstens die-
jenigen, die praktisch für die Medizin Bedeutung haben, liefern 2000
bis 3000 Milliampere. Die Spannung jedoch, die zwar als Sprüheffekt
(Duschenentladung, Fulguration, Funkenkaustik) von Bedeutung ist,
spielt für die diathermische Wirkung gar keine Rolle, da sie bei Einschal-
tung des menschlichen Körpers vermöge seiner enormen Dämpfung
auf ein Minimum reduziert wird imd für die diathermische Leistung
ungenutzt verloren geht. Wenn wir also im Prinzip keinen qualitativen
310 Grundregeln.
Unterschied zwischen den Hochfrequenzströmen der einzelnen Apparat -
typen aufstellen, so haben wir doch die Erkenntnis gewonnen, daß die
quantitativen Leistungen der Apparatur für das klare Experiment
und für den klinischen Erfolg von der größten Bedeutung sind. Wir
werden Mißerfolge, wie ich das schon 1907 betonte, nicht ohne weiteres
der Methode zur Last legen dürfen, sondern stets verlangen, daß zur
kritischen Würdigung Art der Apparatur, Applikationsmethode imd
Dosis neben der Charakteristik des einzelnen Falles klar angegeben sein
müssen.
Ich habe mich vielfach davon überzeugen können, daß durch
einen kleinen unscheinbaren technischen Fehler, sei es in der Wahl der
Stromstärke, sei es in der Applikationsart oder im Angriffspunkt der
Therapie Mißerfolge herbeigeführt wurden, die heute vermieden werden
können. Ich habe deshalb für den Siemensschen Diathermieapparat,
der unter meiner Leitung konstruiert wurde, die auf Seite 104 mitgeteilte
Dosierungstabelle aufgestellt, welche für die einzelnen Elektrodengrößen
und für die wichtigsten Applikationsarten die ungefähre Stromstärke
angibt. Selbstverständlich kann eine solche schematische Tabelle nur
einen ganz geringen Wert haben, da man eben die Diathermie nicht
theoretisch erlernen kann. Sie soll nur ein Anhalt für den Anfänger sein,
damit er ganz grobe Fehler vermeidet und überhaupt eine Anwei-
simg dafür hat, welche Stromstärken im allgemeinen zulässig sind.
Jetzt, wo ein Lehrbuch über Diathermie vorliegt, ist das Bedürfnis nach
solchem technischen Hilfsmittel nicht mehr vorhanden, und ich hoffe; daß
das Studium des vorliegenden Buches die Anwendung der Diathermie
erleichtert. Es wäre aber grundfalsch, anzunehmen, daß durch noch so
aufmerksame Lektüre die Diathermie erlernt werden könnte. Der
menschliche Körper in seinem Normalzustande ist ein so variabler
Organismus und ein so kompliziertes Konglomerat von verschiedenen
Widerständen für den elektrischen Strom, daß noch so ausgiebige
experimentelle Untersuchungen am Tier oder an der Leiche die klinische
Erfahrung höchstens vorbereiten, keinesfalls zu ersetzen imstande sind.
Noch wesentlich schwieriger und komplizierter werden die Verhältnisse,
sobald man pathologische Zustände vor sich hat, deren wahre Natur ja
trotz der eminenten Fortschritte der Diagnestik vielfach noch nicht
genügend gedeutet werden kann, um im Einzelfalle die spezielle An-
wendungstechnik der Diathermie und Indikationsstellung zu ermög-
lichen.
Grundregeln.
Die wesentlichen Erfordernisse, welche erfüllt sein müssen, um eine
aussichts volle diathermische Therapie auszuüben, will ich noch einmal
kurz rekapitulieren:
1 . Ein gewisser Grad von Vorbildung in bezug auf Elektrizitätslehre
ist für den Arzt unerläßlich.
2. Es muß eine möglichst universelle diagnostisch-klinische Vor-
bildung vorhanden sein.
3. Der Diathermieapparat muß möglichst einfach zu bedienen sein.
Grundregeln. 311
4. Die Leistung des Apparates muß eine ausreichende sein (wenigstens
100 Watt schwingender Energie).
5. Die Technik der Applikation muß eine durchaus skrupulöse sein.
Von der größten Wichtigkeit sind:
tadelloses Zuleitungs- und Elektrodenmaterial;
sorgfältige, verständnisvolle, dauernd kontroUierte Elektroden-
applikation ;
Einschaltung auch schwacher Ströme stets nach Anlegung der
Elektroden ;
Ausschaltung des Stromes stets vor Abnahme der Elektrode;
Beginn, trotz der Ungefährlichkeit plötzHcher Einschaltung
größerer Stromstärken auch für den Geübten, mit vorsichtiger
Dosierung ;
Berücksichtigimg des jeweils kleinsten stromdurchflossenen Kör-
perquerschnittes (besonders der Handgelenke und Knöchel);
richtige Wahl der Stromstärke (wenig kann wirkimgslos sein,
zuviel kann schaden, mehr oder weniger kann entgegen-
gesetzte Wirkimg hervorrufen);
richtige Bemessung der Applikationsdauer und der während
dieser eventuell zu wechselnden Stromstärken;
richtige Wahl des Angriffspunktes der diathermischen Be-
handlung ;
sinngemäße Wahl der Applikationsmethode (reine Diathermie,
Kondensatorduschenmethode) ;
Grundregel: Stets bipolare Applikation.
Allgemeine Regel: Die medizinische (nicht chirurgische) Dia-
thermie darf niemals schmerzhaft sein. Druckschmerai durch
Anlegen der Elektroden ist nach Möglichkeit zu vermeiden.
Niemals darf ein schmerzhaftes Hitzegefühl auftreten.
Alle diese Punkte und manche in den vorstehenden Kapiteln
erwähnten Details soll man stets gegenwärtig haben, will man Erfolge
erzielen und Schädigungen vermeiden. Befleißigt man sich einer ge-
nügenden Kontrolle imd begnügt sich nicht allein mit der Angabe des
Patienten, ob die Erwärmung eine zu starke ist, so können Verbrennungen
mit Sicherheit vermieden werden. Ich habe auch niemals Thermo-
anästhesie (Syringomyelie und Tabes) als eine strikte Kontraindikation
betrachtet, sondern nur als eine Veranlassung zu besonders scharfer
sorgfältiger Kontrolle der stattgefundenen Erwärmung.
Die vielfach in ärztlichen Kreisen herrschende Furcht vor der
Applikation der Diathermie und der Hochfrequenzströme war vor der
Ausbildung der Diathermielehre zum Teil gewiß begründet. Man wandte
Hochfrequenzströme an, ohne zu wissen, wie und warum sie wirkten.
Heute, wo wir über ein großes Maß klinischer Erfahrung und über die
Kenntnis wichtiger Kontrainidikationen verfügen, ist die Diathermie,
verständnisvoll angewandt, trotz ihrer eminenten Wirksamkeit relativ
ungefährlich. Da wir es bei ihr mit der vielleicht einzigen Wirkung der
reinen Wärme zu tun haben und ihre Dosienmgs- und Lokalisierungs-
möglichkeit im allgemeinen wesentlich über das Maß hinausgeht, welches
312 Grundregeln.
uns sonst in der Therapie zur Verfügung steht, haben wir eine viel
größere Sicherheit in der Applikation, als z. B. die Röntgenstrahlen,
Lichtbäder, die Hydrotherapie und die Mehrzahl der internen Medi-
kationen sie uns bieten.
Es kann erstaunüch erscheinen, wie groß die Zahl der Indikationen^
jetzt schon bei der Jugend der Methode ist. Ich könnte leichtlich in den
Verdacht geraten, in den vorstehenden Kapiteln die Diathermie als
eine Panazee anzupreisen. Wenn man aber bedenkt, daß die Diathermie-
applikation mit großer Wahrscheinlichkeit nichts anderes ist als die
Erzeugung reiner Wärme in jeder beliebigen Tiefe des Organismus, in
jeder beliebigen Quantität, in jeder gewünschten Lokalisierung, mid
andererseits, daß ja alle vitalen Vorgänge in letzter Linie Oxydation,
d. h. Verbrennung, d. h. Wärmeproduktion bedeuten, und daß unsere
therapeutischen Bestrebungen letzten Endes auf die Regulierung oder
Stimulierung dieses Verbrennimgs-, d. h. Lebensprozesses abzielen, so
wird man die Universalität der Diathermie für die gesamte Medizin be-
greifen. Nicht in allen Fällen wird die Erhöhung der Lebensprozesse
das gewünschte therapeutische Resultat sein. Auch die Produktion
der physiologischen Wirkungen der Diathermie, welche wir kennen ge-
lernt haben, wird nicht stets erstrebenswert sein, und so haben wir
neben Erfolgen auch Mißerfolge gesehen und nach Möglichkeit hervor-
gehoben. Wenn man aber andererseits fast täglich die Erfahrung macht,
wie dieses oder jenes Leiden nach langem Bestände unter allen erdenk-
lichen therapeutischen Versuchen (Tabes, Ischias, Asthma, Angina
pectoris, Gicht u. a.) im unmittelbaren Anschluß an eine oder wenige the-
rapeutische Applikationen der Diathermie plötzHch sich wesentlich
bessert oder definitiv heilt, so wird man sich der Auffassung nicht ver-
schließen können, daß die Diathermie eine Methode darstellt, welche der
Therapie gänzUch neue Wege weist und vielfach geradezu als glänzend zu
bezeichnende unmittelbare Erfolge erzielen läßt. Die fast spezifisch zu
nennende schmerzstillende Wirkung der Hochfrequenzströme, be-
sonders in ihrer vervielfachten diathermischen Form, ist ja vielleicht
zur Genüge durch die bekannte analgetische Wirkung der Wärme er-
klärt. Immerhin ist es aber auch möglich, daß, wie ich 1907 bei der
D'Arsonvalisation bereits hervorhob, die molekulare Erschütterung
der die Nervenfasern und Zellen zusammensetzenden Atomgruppen die
zentripetale Schmerzleitung gewissermaßen inhibiert, und daß somit für
diese wie für manche andere Wirkung der Hochfrequenzströme die
elektrische Energieform als solche, vielleicht auch ihre Spannung von
Einfluß ist. Die bisherigen Erfahrungen scheinen jedoch für eine reine
Wärmewirkung zu sprechen.
Ich habe das vorliegende Werk im wesentlichen auf meinen eigenen
experimentellen und klinischen Beobachtungen aufgebaut. Dies geschah
nicht, um sie in den Vordergrund des Interesses zu rücken oder mir
Prioritäten zu wahren, sondern lediglich, weil auf diesem trotz der
viel jährigen D'Arsonvalschen Erfahrungen vollkommen neuen Gebiet
die Apparatur, die Technik und die Dosierung von so weittragender
Bedeutung sind, daß die in der Literatur niedergelegten Beobachtungen
Grundregeln. 313
znr klinischen Verwertung in einem Lehrbuch nicht eindeutig genug
erscheinen. In dem nachstehenden Literaturverzeichnis habe ich eine
möglichst vollständige Zusammenstellung aller bisher erschienenen ein-
schlägigen Arbeiten zu geben versucht. Wenngleich manche dieser
Arbeiten grobe hrrtümer und unverwertbare Beobachtungen enthalten,
l>esitzen viele andere produktiven und kritischen Wert. Im ganzen
ist vieles, was in den vorstehenden Kapiteln an künischer Beobach-
tung niedergelegt ist, in der bereits vorhegenden Literatur von anderer
Seite bestätigt imd hat sich für die verschiedenen Spezialzweige der
Medizin als fruchtbar erwiesen.
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Sachregister.
Abkiitilizng durch Blut Zirkulation 56,
63, 64.
der Haut 112
Acliylia gastrica 162.
Adhäsionen 160, 163, 164.
Akne 241.
Akroparästhesien 200.
Akute Eiterungen 304.
— !Ekitzündung 160.
AUgemeinbehandlung, Kondensatorbett
69.
AUgemeine Zirkulationsstörungen 145.
— Diathermie 180.
— Temperatursteigerung 79, 113.
Altem von Wein 52.
Amputation durch Diathermie 167.
Analgesierung durch Effluvien 72.
Aneurysma 123.
Angina pectoris 203.
— Plauthü 257.
Angioneurose 206.
Anschlußklemmen 104.
Antagonismus, Haut-Splanchnikus 64.
D'Arsonvalapparat 19f., 23, 31—33.
D'Arsonvalisation 308, 309.
Arterielle Hyperämie 64, 72, 78, 1 1 7, 307.
Arteriolen, Erkrankung der 144.
Arteriosklerose 135ff., 181, 200—204.
Arthritis, arteriosklerotische 181.
— tuberkulöse 183, 186.
Arthropathie 186, 215.
Arythmie 117.
Asepsis 262.
Asphyxie, lokale 138.
Asthma 148—150.
Ataxie 216.
Atemverlangsamung 87.
Aterome 241.
Atmung, Vertiefung der 79, 84.
Atombau 7.
Atrophien, sekundäre 197.
Augendurchwärmung 233, 237.
Augenelektroden 235 — ^237.
Ausrottung des Lupus 288.
Ausschwemmung 250.
Basedow 164.
Bauchdurchstrahlung 108.
Beckendurchwärmung 165, 169.
Behaarte Hautstellen 109.
Behandlung im Solenoid 67.
Bipolare Applikation 72, 76.
Blasenbildung 73.
Blasßükapazität 166.
Blasenkatarrh, chronischer 166.
Blinddarmentzündung 304.
Blutdrack 125ff., 131, 202, 203.
Blutdruckbestimmung 133, 184.
— Senkung 88, 132, 134, 135.
— Steigerung 72, 88, 131.
Blutgefäße, Wirkung auf 80.
Blutlose Operation 250, 253, 257.
Blutstillung 253, 254, 258.
Blutströmung 78.
Blutung 151.
— Neigung zu 163.
— parenchymatöse 253.
Blutzirkulation, Abkühlung durch 56,
63, 64.
Bronchitis, chronische 147,
— putride 147, 148.
Bubonuli 170.
Bursitis 183.
Cancer en cuirasse 289, 290.
Cancroid 73,.264ff.
Carcinom 258, 262, 264, 273.
Cervicalgonorrhöe 171.
Cervixcarcinom 262.
Chemische Wirkung 9.
Chirurgische Tuberkulose 290.
Cholecystitis 160, 161.
Chorea 198, 199.
Claudicatio intermittens 138ff.
Contraindikationen 177, 235.
Contraktion der Hautmuskulatur 72, 73.
Controlle der Erwärmung 111.
Coulomb 8.
Cutis anserina 22, 73.
Cyanose 145. ^
Dämpfung 15, 77.
Dauer der Sitzung 113.
— des Wärmegefühls 78.
Decongestionierende Wirkung 117.
Dekapsulation der Niere 160.
Dekrement 22.
Depressionszustand 132.
Destruierende Wirkung 75.
Derivierende Wirkung 64, 72.
Diapedese 73.
Diathermieapparate mit Glühkathoden-
erregimg 37.
— Polyfrequenz 31 f.
— Poulsonlampe 34.
— Reiniger, Gebbert & Schall 35.
— Siemens 24f.
Diathermie, Dosienmg 62, 64, 66, 67,
99ff., 310.
— Dosierungstabelle 104.
— Effekt 77.
— Koagulation 75.
— Operation 287, 288.
— Schmerz 103.
— Schorf 275.
21*
324
Sachregister.
Diathermie, Wirkung'auf Tiere 4, 57, 58.
Douchenentladung 72, 102.
Druck, intraokulärer 233.
Drüsenabszeß, tuberkulös 265.
Drü^enfistel, tuberkulös 261, 271.
Dyspnoe 147.
Effluvien 72.
Eigenschwingungen 77.
Einfluß auf Sympathikus 130.
— auf Tuberkelbazillen 152.
Einschleichen 107.
Eiterungen, akute 304.
Eiweißversuch 62.
Elektrische Dämpfungen 15, 16, 21, 54.
Elektrischer Wind 68.
Elektrisches Fieber 70, 79.
Elektroden, Anlegen der 110.
— Augen 235, 236, 237.
— große 104, 105.
— Kondensator 43.
— Kontakt 44, 45, 46.
— rektal 168.
— Staniol 48.
— Suspensorium 168.
— Wasser 48, 49.
— wirkur\gen 52.
Elektrolyse 8, 9, 278.
Elektrolytische Wirkungen 74.
Elektronen 7;
Eliminatorische Zwischenschicht 275.
EmpfindungslosigkeitderHochfrequenz-
ströme 50.
Emphysem 153.
Energie, diathermische als Ersatz vita-
ler 116, 117. -
Entladung, oszillatorische 12, 21.
Entzündung, akute 160.
Epididymitis 174, 175, 176.
Ep lition 240.
Epilepaie, Jacksonsche 199.
Epithelisierung 251.
Erfrierung 232.
Erk-ankung dar Kapillaren 144.
Erregende Wirkung 205.
Erschlaffimg der Hautgefäße 73.
Erwärmung der Elektroden 101.
— und Stromstärke 113.
— zulässige 114.
Erweichung 306.
Erweiterung des Splanchnikusgebiets
88, 92.
Erythembildung 73.
Exzisionsmethode 277.
Exkochleation 278.
Faradisches Gefühl 76.
Fehlen elektrolytischer Wirkungen 53.
— des Übergangswiderstandes der Haut
53.
Fettansatz 163.
Fibrome 241.
Fibroma pendulum recti 263.
Fieber, elektrisches 70, 79, 100, 229.
Finsenbehandlung 277, 279.
Fistehi 259, 260, 261, 271.
Fixierung der Elektroden 111.
Forestsche Nadel 75.
Fortpflanzung«^geschwindigkeit 17.
Frühgeburt 165.
Fulguration 43, 73.
FunicuUtis 175, 176.
Funkenapphkation,indirekte74, 102, 103.
Funken der Influenzmaschine 74.
— elektrische Wirkung 71, 73.
— endladungen 43, 44.
— Hautreiz 74.
— Schmerz 74.
— strecke, Regulierung 102.
— Wirkung 74.
Funktionelle Zirkulationsstörung 146.
Furunkulose 244.
Fuß-chalter 111.
Gallenfistel 254.
GaUenkolik 161.
Galvanokauter 276, 278.
Gefährdung der Därrhe, angebliche 109.
Gefäßerregbai keit 92.
Gefäßerschlaffung 145.
Gefäßspasmen 100.
Grefäßverengerung durch Funken 74.
Gehimbehandlung 200.
Gehimdurchwärmung 228, 229.
Gelenkentzündung, seröse 177, 186.
Gelenkerguß 183.
Geschichte der Diathermie Iff.
Gewebssterilisation 257, 259, 260, 261.
Gewebsstruktur 55.
Gewebsunterschiede 78.
Grewebswiderstand 54, 55, 56.
Gewichtszunahme 163.
Gewöhnung 64, 107, 130^
Gicht 186, 193.
Glaukom 234.
Gleichstrom 10.
Gleichzeitige Behandlung 61, 306, 307.
Globulinausfällung 79.
Gonorrhöe 167 ff.
— akute 164ff., 177, 186.
— zervikale 171.
— chronische 170.
Granulationsbildung 251.
Grenzschicht 249.