(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Lehrbuch der Logik auf positivistischer Grundlage mit Berücksichtigung der ..."

Google 



This is a digital copy of a book that was prcscrvod for gcncrations on library shclvcs bcforc it was carcfully scannod by Google as pari of a projcct 

to make the world's books discoverablc online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 

to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 

are our gateways to the past, representing a wealth of history, cultuie and knowledge that's often difficult to discover. 

Marks, notations and other maiginalia present in the original volume will appear in this flle - a reminder of this book's long journcy from the 

publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prcvcnt abuse by commercial parties, including placing lechnical restrictions on automated querying. 
We also ask that you: 

+ Make non-commercial use ofthefiles We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain fivm automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machinc 
translation, optical character recognition or other areas where access to a laige amount of text is helpful, please contact us. We encouragc the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attributionTht GoogXt "watermark" you see on each flle is essential for informingpcoplcabout this projcct and hclping them lind 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are lesponsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can'l offer guidance on whether any speciflc use of 
any speciflc book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search mcans it can bc used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liabili^ can be quite severe. 

Äbout Google Book Search 

Google's mission is to organizc the world's Information and to make it univcrsally accessible and uscful. Google Book Search hclps rcadcrs 
discover the world's books while hclping authors and publishers rcach ncw audicnccs. You can search through the füll icxi of ihis book on the web 

at |http: //books. google .com/l 



Google 



IJber dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Realen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfugbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 
Das Buch hat das Uiheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nu tzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in Partnerschaft lieber Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nie htsdesto trotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu veihindem. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 
Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche Tür Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials fürdieseZwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google-MarkenelementenDas "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser We lt zu entdecken, und unterstützt Au toren und Verleger dabei, neue Zielgruppcn zu erreichen. 
Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter |http: //books . google .coiril durchsuchen. 



n,g,t,7l.dM,GOOglC 



I 



Xlbratf 

of rbe 

innliieteit;; of TOIeconsln 




( 



Google 



n,g,t,7l.dM,GOOglC 



n,g,t,7l.dM,GOOglC 



Lehrbuch der Logik 

auf positivistischer Grundlage 
mit Berficksiclitiguag der Qescbidite der Logilc 



Dr. Th. Ziehen, 

ord. Professor an der Universität Halle. 



Bonn 1920 
A. Marcus & E. Webers Verlag 

Dr. jur. Albert Ahn. 

h. 1. ii,l^.OOglc 



Nkckdruck verboten. 

Alle Hechte, 

bwoBden das der tfbenetrang in bemde Spnchen, bdUlt sidi der Terltg t 

Copyright 1919 b; A. Mwoob t E. 'Weben Verlag, Bonn. . 



Otto inyiiid'i^e Bnebdniek«Tu G 



lA.OOgIc 



.:;; i:j mi 

.■Z.G 



Vorrede 



Der nachfolgende Versuch, die Logik auf positivistiBcher 
Grundlage aufzubauen und darzustellen, sehlieSt sich un- 
mittelbar an meine Psychologie und Erkenntnistheorie an, 
soU aber auch unabh&ngig von diesen beiden, als rein 
logisches Werk, verständlich sein. Die Geschichte der Logik 
ist etwas eingehender beracksichtigt worden, weil der Za- 
«.«» «, «ioia« t»»;<.«).,QQ Problemen am leichtesten auf 
Wonnen wird. Auch sind die meisten 
e in enger Verflechtung mit logi- 
m und nur im Zusammenhamg mit 
:li, so daß der Logik auch die' AuF- 
ndois der philosophisebeo Systeme 
ibereiten. 

t der Zeitverhältnisse war ich in 
lem Verleger erwachsenden Druck- 
Fberschreitung des ursprünglich ge- 
a sich im Lauf der Arbeit ergeben 
der auszugleichen und daher im 
;. T. sehr erhebliche Kürzungen vor- 
S es mir vergönnt sein, wird, manche 
), die in dieser Weise fortgefallen 
Stelle mitzuteilen. 
Bken, so namentlicb den Bibliotheken 
München, Wien, bin ich für ihre Hilfe 
1 ist es mir nicht gelungen, manche 
ire and ausländische, zu erhalten, 
einem Sternchen bezeichnet 
Herstellung der Register hat mich 
resentHch unterstützt 

itember 1919. 

Th. Ziehen. 



n,g,t,7l.dM,GOOglC 



Inhaltsübersicht 

S«iU 

1. Teil. Abgienzung nnd allgemeine Oeechicht« der Logit 1 

1. Kapital. Aufgabe der Logik 1 

§ 1. AUgemeine B^riffsbeelimmuDg 1 

§ 2. Logik als Norm- nnd WertwiHsenBobati 8 

§ 3. Lwik aU WisseiiBcbaHslebre 9 

g 4. SteliaDg der hopk innerhalb der Philosophie II 

g 5. Stellang zor ErienntniBtheorie, zur Psychologie, zur Spi'ach- 

wissenschaft und Uathematik. Die vier Gnuidlegangeu . . 13 

2. Kapitel. Allgemeine Oesohiohte der Logit 17 

g 6. Bsdeatun|;nud literator dar all^meinenOeM^iolite der Logik 17 

6 7. Logik bei den orientalisoheo Völkern des Altertums ... 19 

I 6. Die vorariatotelische Logik bei den Griecbeii 20 

I 9. Die Logik des Aristoteles 29 

§ 10. Unmittelbare Schülei des Aristotelee 41 

5 11. Epiknrfter nnd Stoiker 41 

§ 12. Skeptiker nnd neuere Akademie. Eklektiker. Neuplatoniker 46 

g 13. Peripatetiker und Eommentatoren der Küserzeit .... 47 

§ 14. Uartianoe Capella und Boethius 51 

6 15. Patristische Logik 53 

I 16. ScbolastiEche Logik. Allgemeine Vorbemerkungen .... 55 
9 17. Frühperiode der scholastiBohen Lo^. Eiiugena. ßosoelinns- 

Anaelmns 56 

g 18. Übereangezeit von der 1. zur 2. Periode der Bcholestik, 

Abaelard. Gilbert Poiretanos. Hago von Si Victor. Petras 

Lombardns. Johannes v. Balisbury 63 

§ 19. B;zantioisohe nnd arabische Logikei 67 

g 20. Cnristliche Scholsatiker der Hübezeit: Alexander von Haies, 

Albertus Magnns, Thomas von Aqoino, Petrus Eispanns . . 72 

§ 21. ßoger Bacon, Raimund Lollne 7S 

§ 23. Bpätperiode: Duns Scotns, Oocam 79 

g 23. Logiker der Kenaissanoe und der Beformation 89 

g 24. Die natuTwiBBenscbaftlioh - induktive Sichtung. Baco von 

Vemlam 96 

g 25. Allgemeiner EintluS der neueren FhliloBophie während der 

nftcbeten beiden Jahibnndeite 97 

S 26. CartMiiiB. Hobbes 99 

§27. Spinoza 103 

g 28. Locke 106 

9 29. Leibniz . 108 

9 30. Berkeley. SchottiBohe Schule 111 

g 31. Hnme 115 

|3a. Wolff 117 

I 33. Kant 124 



OC^IC 



lohiltsabenicht T 

Saiu 

§ 34. Euta Asbltiger und Gegner in dei Logik 129 

§ 35. Fichte 132 

§ 36. Schslliiig. Schletermftcher 135 

§ 37. Hegel 141 

§ 38. Fries 148 

S 39. Herbart 149 

S 40. Allgemeine Vorbemerk ongea über die Entnicklang der Logik 

in den letzten 80 Jahren (ca. 1830 bis jetzt) 151 

S 41. An&Dge der psychologistischen Logik in f nmkreich. Deatntt 

de Tracy 154 

§ 42. Anfinge der psychologiatisf^en Logik in Deutscblend. Beneke 155 
I 43. Die indnktive Logik in England. Whewell, HilJ, Bain. Pa- 
rallele Einftösse des PoutivisninB. Comte 156 

9 44. Gegenatröniungen: a) Reformvetsiiohe auf dem Gebiet der 

Eantschen Logik. Cohea. Natorp 164 

lung. Bolzano. Bientano. Hnsserl. 



172 



delenburg, Ueberweg u. a. . 



ondt, Erdmann; IJppB .... 204 

a. Dühriog 217 

evolationtstische, pragmatistische 

23i; 

listische) Logik 227 

iEche) Logik 236 

logische, BpnidiUohe und tntthe- 

241 

rnndlegnug 241 

eiteren Sinn (Oignomenologie) und 



Agik in Betracht koounendeti er- 

Ipankte 243 

istheoretiscben Baoptausichten 253 

1. Die Fandalien and die Oegen- 

arateliongen 261 

n Sinne (ErkennLoiBkritik), Richtig- 
irbatb der drei Onindbeziehungen. 
ohtigkeit. Adäquatheit uad Kod- 



elatire und absolute. Propi-ietates 



I Bestehen von Relationen. Ps;oho- 
) Anffassnng des Oeltens . . . 
T Gültigkeit. AUgemeingültigkeit. 



273 



IxkretioD, IsolatiOD, Eomplexion 
pidnalTorstellniigeo. Komparation 



OgIC 



Tt InhaHsäbainchi 

Uta 
g 70. Die bd dar Sutetefanng ahgelmtetor YontelliingMi McÜigleB 

Fnnktioiieii (DifFerenzieniDpfanttiODaD) 34i 

% 71. Abstrakte und konkrete Vorstelliugai 348 

I 72. Allganeine and spezielle Eigeosduften der Voicfellnngen 354 

g 73. IdeenassoziatioD. Allgemeiner Ablauf 361 

g 74. ürteilsaBBoiiatioii. Fsychologisobe OiarakteriBtik .... 3Ü3 
§ 7S. Allgemeine Sigensobaftea des Urteils, Bestandteils seines 

Inhalts und BegleiteisoheiDiiiigen des Urteils 375 

9 76. Psychologische fSoteilang der ürteiUassoiiatiooen . . . 382 

1 77. Der SchluB 301 

§ 76. LoRiache Oeföhle 397 

S 79. WillkOiücbee Denken. Zieldenkeo 400 

3. EapitoL ^rachliohe Onutdlegnng der Logik 402 

§ 80. Allgemeine BeEtehongen iwisoben Sprechan and Denken. 

BprachwiBseoBcbaft, Psychologie und Lo^k 402 

§ 81. Logische Idealspracbe 406 

4. Kapital. Hathamatiscbe Qmndlegang der Logik 410 

§ 82. Der Orandgedanke der matfaematiBaheB Logik und seine 

partielle Berechtignng 410 

§ 63. hoffk and Hengmüehra 414 

O. Teil. Antocbthone Gnmdlegnng der Logik 417 

§ 64. Zweck der aotochthoDen Gnudl^nng 417 

I 85. Biobtigkeit und Falschheit der Denkeigebnisse .... 410 

§ 86. Die Bichtigkeit der Denkakte 421 

§ 87. Das gignomenologisobe Identitätsgeseti und das logische 

IdeDÜtätspriniip ; die NormalToretellungen oder Begnffe . 429 

g 88, Wortb««imndong der Richtigkeit 447 

g 69. EinteÜnng der Logik 461 

]T. IUI. Die einzelnen logischen CieMde und ihre Gesetze 4G9 

I. Kautel. Die Lehre von den Begriffen 4Sd 

g 90. Begriff im allgemdnsten Sinn. Der G^eostand dee Begriffs 459 

9 91. Der Inhalt des S^riSta 469 

g 92. Genetische Stufenleiter der B^tFe ; ISnteilDng nach Gtond- 

fonktioneii 473 

g 93. Einfache ond insammengesetzte B^riffe. Zerlegung der 

Begriffe in TeUbegriffe. Definition 478 

§ 94. Das definitorisohe VertaibTen in den einzeben BegrifEsklassen. 

a) DeflnitioD primärer komplexer Individnalbe^riSe . . . 484 
g 95. Logische Definition, Fortsetzung: h) Definition primärer 

komparativer lodividnalbegriffe 499 

g 96. Logische Definitioii, Fortsetznng : c) DefinitJon individneller 

Eontraktionsbe^ffe 501 

S 97. I/igieolie DeOoitiou: d) DeBnition von Allgemeinbegriffen 506 
I 96. ZoEammenfaEsende Charakteristik der logischen Definition. 

SohirfereBestimnrangeimgerHsnpteigensduftenderBecriffe 523 
g 99. Definition als Urteil- Synthetische nnd kcnstiTiKtiTe 

Definitionen 532 

g 100- Sprachliche Fonnalierung der Definition. Nominal- und 

Bealdefinitionen 534 

g 101. Bezeicbnong der Begriffe durch S^bole 537 

g 102. Die gegenseitigen allgemeinen Beziehnngen der Begriffe im 

EinbUck anf Inhalt und Umfang. l.Ne^tion .... 6i3 
g 103. Die gegenseitigen allgemeinen BegriSsbeaehoDgen im Hin- 
blick aof Inhalt und Umfang (Forteetion^. 2. Oleiehheit 

tmd TeiBchiedenheit des Inhalts ond des Umfatigs . . . 558 



.oogic 



•m 



9 104. Die gagenseitigen tt^mmnao BtfntbbecMinDgeD im Hin- 
bliok Uli Inhalt tud Inntuig (VoTtaetzang). 3. BeihenbildiiDg 

§ 105. IHe gegenseitigeii allgemsinen BegiifbbuieliQiigeii im Hin- 
Uiok Bof Inhalt ond DmfUK (SohloS). 4. Besondete 
BegiilbbeiiehoiigeD im Bereioh der Relationsbefrifle. 
D^endeoi, insbrnondere EomUtioii. Belative, inabesoader« 



S 106. Boteiliugen der Uerkmale 586 

} 107. Technik der Beghfbbildiug (IdeatioD, Dsfioition vui 

Inoidination) 669 

. EapitaL IKe Lehn r<m den ürtaüeit 600 

§ 106. Dm Urteil im aUgameinateii logiKhen Sinne. iHgemtina 

kigiache DTteilstheorieo 600 

§ 109. Der Oegenstasd dee lo^adien Drteila 614 

$ 110. DarlDtudtdasnrteilannddieBeetaDdtMledesTTrteilainhalta 616 
§ 111. Bprachliohe Foimnlienmg des Urteils. Der Sati. Sjwbolik 

dai Urteils 620 

§ 112. CntFilm^ der Urteile, 1. nach der Zahl der Hanpt^iedar 826 
I 113. fficteüang der Urteile (Fortsetiang), 2. nach dem EmpBn- 

dBDgs- oder Toratellongscharakter von 8; 3. natdi der Qualttit 637 
§ 114. SnteUoDg der Uneile (Foitsetning), 4. nach dem begriff- 
lichen Ciiarakter von 8. Einteitnng der Individnalnrteila 653 
g 115. Eiotailiuig der Urteile (FortBetzong), 5. Einte&nng nach dar 

Belegni^ und nach d^n Umfang von 8 ^ach der Qnantitlt) 666 
§ 116. ESitteilQiig der Urteile (Fortsetzung), 6. Einteiloog nach der 
BetBiligong der IndividDalkoeffiiienten tind des Inhalts von 
S tmd P an dem Veiglelohongsakt des Urteils .... 675 
§ 117. EinteüoDg der Urteile ^hluB), 7. Binteilnng nach der 

Geltung bezw. Modalität 682 

§ 118. Beaehnngen der Urteile nnteieioander 691 

I 119. Logische Ürteilspriniipiea 692 

9 120. Zosammengesettte Urteüe : a) EfpothetiBche Urteile . . 697 
I 121. ZnsammengeeeUte Urteile: b) EofiigatiTe Urteile ... 703 

i. EapiteL Die Lehn von den Schlüssen 710 

% 122. Der Sohlnfl im logischen Sinn ; sein Inhalt und Oegenstand 

nnd seine Bestandteile 710 

I 123. Eisteflong nnd allgemeine Symbolik der Sohlässe ... 714 

I 124. Unmittelbare Schl&Bse 716 

§ 125. MitWlbaie Bchlüsse. Allgemeine Definition and BintwliiDg. 

a) Zosammenfassende Schlosse 720 

§ 126. Uittelbare Schlosse, Fortsetznng : b) Fortschreitende Schlüsse, 
allEemeine£inteilaiig derselben; ■)8jll<wiBmen oderMittel- 

bepifbscUfiase 722 

§ 127. Mittelbare fortschreitende Schlüsse, Syllogismen (Fort- 

setzong): Die syllogistischeD Figuren ond ilus Uodl . . 736 
g 128. Mittelbare fortschreitende Schlässe, Syllogismen (Fort- 
setzuDjS): Varianten der einfachen Syllogismen. OUiqoe 
^llogiemen. Hypothetische Syllo^emen. Syllogismeu mit 

einer disjnnktiTen Prämisse 742 

S 129. Mittelbare fortschreitende Schlüsse (Fortsetzung) : Verkürzte 

^rliogismen (Enthymeme nnd Epichireme) 7D6 

§ 130. Mittalbare fortschreitende Schlösse (Fortsetzung): Syllo- 



eistiBohe SchluJketten. KettenschlnS (Sorites) 
Mtttelbaie fortstdireitsnde Schlüsse (Fortsetzung^ , , _ 
■chiettende Schlüsse ohne Mittelbegriff. L Analogie- 



OgIC 



•yfTT Inhalfsübetsichi 

Sein 
g 132. Uittelbare fortEchreitende Schlösse ohne UittelbegriS (FoR- 

setzimg). il. InduttioDSScblüsse 788 

§ las. Mittelbare fortschreiteode Soblüsse ohne Jfittelbeghff (Fort- 

seauDg). III. Paradigmatibche Schlüsse 788 

§ 134. Fehl- und TrugschlOese 795 

4. Eapitel. Die Lehre von den Beweisen 797 

g 135. Der Beweis im allgemeinen. Seine Olieder, aein Oegeu- 

stand nnd Beine OüIÜgteit 797 

§ 136. Teraohiedene Formen der Beweise. Direkter und in- 
direkter, analytischei und Bynthetisoher Beweis .... 806 

g 137. Beweiafeliler 817 

5. Eapitel. Die Lehre von den Wiasenscbaften 818 

g 133. Wissenschaft, BjBtem, Theorie . ^ 818 

g 139. Der togische Aofbau der Theorien 821 

§ 140. Der logische Aafbaa der Systeme und Wissenschaften . 826 

Saohr^iater (inkl. lateinische Termini) 830 

Oriechisuhe Termini 845 

Verzeichnis der Bachstabenabkännngeu und Symbole 848 

PeiBOnenre^ter 849 

Dmckfehler ond ZnsStze 863 



n,g,t,7l.dM,GOOglC 



l. Teil 
Abgrenzung und allgemeine Geschichte der Logik 

1. Kapitel 

Aufgabe der Logik 

§1. Alicemeine Begrifflsbestimmnng. Die Logik ist 
die Lehre von der formalen Gesetzmäßigkeit 
des Denkens mit Bezug auf seine Richtigkeit 
und Falschheit. Diese Definition enthält, wie dies bei 
einer einleitenden Definition nicht anders möglich ist, zahl- 
reiche Begriffe, deren vollständige Erklärung nnd Bestim- 
mung erst im Lanf der weiteren Darstellnng erfolgen kann. 
£instweilen sei daher nnr folgendes bemerkt 

An nnaere Sinnesempflndungen schlieSen sich zunächst 
die sogenannten primären Erinnerungsbilder (primäre Vor- 
stellungen) an, welche aus den ersteren durch einfache 
Betention, d. b. Erinnerung, hervorgehen. Die Tatsache, 
daB in nnserem Seelenleben, wie es sich tatsächlich ab- 
spielt, solche isolierte Sinnesempflndungen und solche iso- 
lierte primäre Erinnerungsbilder nur sehr selten vorkommen, 
kann hier nicht näher erörtert werden. Es genügt, daß die 
Erfahrungen der Psychologie uns nötigen, solche Empfin- 
dungen und Erinnerungsbilder als Elementarakte des 
Iben vorauszusetzen. Unter 
n der oben vorangestellten 
sei vorläufig die Gesamtheit 
wanden, welche sich an die 
ren Erinnerungsbilder an- ■ 
ierjenigen Vorgänge, welche 
sehen, Begehren) bezeichnen. 
h namentlich alles, was wir 
raid allgemeiner Voratel- 



1,1^. OQi 



-c^lC 



I. Teil. Uvrenziins und alltemeine Geschichte der Loiik. 



langen, als Urteilen und Schliefen bezeichoeiL. Es wird die 
Aufgabe der Logik selbst sein, entweder selbständig oder mit 
Hilfe der Psychologie diese vorlänflge Abgrenzung des 
Denkens durch eine exaktere zu ersetzen und die Denk- 
vorgänge TollstäDdiger aufzuzählen and systematisch zn 
klassifizieren. Jedenfalls hat es also nach unserer Definition 
die Logik weder mit den Empfindungen noch mit den pri- 
mären Erinnerungsbildern noch mit Gefühls- und Willens- 
Vorgängen, sondern ausschließlich mit den eben kurz charak- 
terisierten D e n k Vorgängen zu tun. 

Wenn nun die Definition weiter die Tätigkeit der Logik 
auf das Denken in Bezug auf seine „Richtigkeit and 
Falschheit" einschränkt, so kann gleichfalls erst im Lauf 
der Entwicklung der logischen Lehren zur vollen Aufklämng 
gelangen, was diese Richtigkeit und Falschheit {oft auch 
Wahrheit und Unwahrheit genannt, vgl. ^ CO) bedeutet. Wie 
bei der Bestimmung des Begriffs des Denkens die Psycho- 
logie, so wird bei der Bestimmung des Begriffs des Richtigen 
und Falschen die Erkenntnistheorie zusammen mit der 
Psychologie der Logik Hilfe leisten müssen. Einstweilen 
kann nur darauf hingewiesen werden, daß die Denkvorgänge 
sich stets auf irgend einen Tatbestand im ^roitesten 
Sinn beziehen, mag dieser Tatbestand im Bereich der 
Empfindungen oder der Vorstellungen oder der Gefühle oder 
der Wollungen oder irgendwelcher gedachten ,4>inge" liegen, 
und daß bei dieser Beziehung das durch den Deskvorgang 
hervorgebrachte „Denkergebnis" mit diesem Tatbestand 
mehr oder weniger oder gar nicht „übereinstimmt". Diese 
Übereinstimmung bzw. Nicht-Übereinstim- 
mung, deren nähere Erörterung von der Logik selbst mit 
Hilfe der Erkenntnistheorie geleistet werden muß, ist mit 
der Richtigkeit bzw. Falschheit der obigen Definition 
identisch. Sie kann, da sie sich jeweils auf einen bestimmten 
Tatbestand bezieht, auch als material bezeichnet 
werden. 

Auch mit der Beschräukuug der Logik auf die Unter- 
suchung der Gesetzmäßigkeit des material richtigen und 
falschen Denkens ist das Gebiet der Logik noch nicht eng 
genug abgegrenzt. Es kommt nämlich der Logik nicht 
darauf an, irgend einen einzelnen Tatbestand — abgesehen 
eben von diesem allgemeinen Tatbestand des richtigen and 
falschen Denkens — selbst festzustellen. Sie will vielmehr 

D„:,|.,"lh;COOglC 



1. bpiUL Auftibe der Logik. 3 

nw die allgremeioen Gesetze feststellen, welche fär den Ein- 
fluß der Denkvorgänge auf die Eichtigkeit bzw. 
Falschheit der Ergebnisse gelten. Ob die Denkergebnisse 
mit Bezog auf den einzelnen Tatbestand, den sie betreffen, 
richtig sied, d. h. mit diesem Tatbestand übereinstimmen, 
ist nicht Gegenstand logischer Untersuchung. Bezeichnet 
man, wie dies vielfach üblich ist, die Denkprozesse ') gegen- 
über diesem Tatbestand, der I>enk„materie", als formal, 
so kann man sagen, dafi die Logik den formalen Anteil 
an der materialen Richtigkeit der Denkergebnisse nnter- 
sacbt. Sie stellt die formalen gesetzmäßigen Bedingungen 
für die materiale Kichtigkeit fest. In diesem Sinn ist es zu 
verstehen, wenn in der vorangeschickten Definition der Logik 
von der formalen Gesetzmäßigkeit gesprochen wird. 

Da die Materie des Denkens stets mehr oder weniger 
spezialisiert ist, die Denkvorgänge hingegen allenthalben die- 
selben nnd in diesem Sinn allgemein sind, so verbindet sich 
mit dem formalen Cbariikter der Logik zugleich ihr „all- 
gemeiner" Charakter. Die Logik ist ihrem Wesen nach stets 
allgemein, obschon sie sich oft nachträglich auch bemüht, 
als spezielle oder angewandte Logik ihre allgemeinen Gesetze 
an spezielle Inhaltsgebiete anzupassen nnd für spezielle 
Inhaltsgebiete auszugestalten (vgl. auch ^ 33). 

ZnweileD «ird aach behiiaptet, daß die Logik von jedem l&balt des 
DaokoDB yoUständig abstiahiera. Eioa BOlche Bebauptnng ist euiq mindeeteo 
sehr mißTerstindlich. Eine ToUs^dige Abstraktion vom Inhalt ist überhaupt 
gar nicht möglich. Auch die allgemeine Logik moB irgendwie, wenn auch 
lebi allgemeiD, bestimmte Inhalte ihren üntersnchnngen za gronde legen, 
chankteiistiBch ist (Qr sie nur, daQ sie die materiale Biobtigkeit solcher Inhalte 
nur soweit nnteraocht, aiä äe von den fortnalen allgemeinen Denkproieseen 
als solchen aUiäogt. 

Im einzelnen kann der Zusammenhang zwischen der 
materialen Richtigkeit und den formalen Denkprozessen 
vorlänfig — vorbehaltlich der ausführlicheren Erörterung 
in der psychologischen und erkenntnistheoretischen Grund- 
legung der Logik — folgendermaßen dargestellt werden. Die 
Empfindungen — einschließlich der unscharfen Emp- 
findnngren nnd der sogenannten Sinnestänsohungen — sind, 



') Die vollständige Anfklärang über die Abgrenzung der Denfcprozeese 
gegen die Denkgrondlagen (Oenkmaterie) kann erst in der pByoholo^sohen 
Onmdlegong gegeben werden. 



4 t Teil. Absrenzung und allgemeine Geacbichte der Logik. 

wie Bich später ergeben wird (s. § 6(B', nur in Beziehung auf 
hinzngedftchte Beize (Dinge, Beduktionsbestandteüe) und inl 
Vergleich mit Normalempflndungen, die wir den letzteren 
zuoirdnen, richtig oder falsch. Aiit 0-efühle and 
Wollungen können die Attribute „richtig" und „falsch" 
überhaupt gar nicht einwandfrei angewendet werden. Anders 
verhält es sich mit den primären Erinnerungs- 
bildern. Diese können, wenn anch mit bestimmten Ein- 
fichränkangen and Vorbehalten, als richtig oder falsch 
bezeichnet werden, je nachdem sie den zugehörigen Grund- 
empfindungen entsprechen oder nicht. Diese TTbeTeinstim- 
mang zwischen primärem Erinnerungsbild und Empfindung 
kann man, da sie sich auf den speziellen Tatbestand bezieht 
und mit den formalen Denkvorgängen überhaupt noch nichts 
zu tun hat, als material (in dem oben angegebenen Sinn) 
bezeichnen. Wenn nun das Denken die primären Erinne- 
rungsbilder weiter zu abgeleiteten Vorstellungen 
(zusammengesetzten, allgemeinen) , Urteilen und 
Schlüssen verarbeitet, so kann diese Verarbeitung, wie 
soeben erläutert wurde, formal richtig oder formal falsch 
sein. Für das Benkergebnis, d. h. die abgeleitete Vorstellung, 
das Urteil, den Schluß, ergeben sich damit mehrere Möglich- 
keiten, unter welchen einige uns bereits für das Ziel der 
jetzigen Erörterung wichtig sind. Wenn schon die ersten 
Erinnerungsbilder material falsch waren, so wird in der 
Begel ') auch das Denkergebnis material falsch ausfallen, 
d. h. mit dem Tatbestand der Empfindungen nicht überein- 
stimmen, und zwar wird dies auch dann eintreten, wenn das 
Denken selbst formal richtig vollzogen wurde. Waren hin- 
gegen die vom Denken verwerteten primären Erinnerungs- 
bilder material richtig, so wird das Denkergebnis nnr dann 
material falsch ansfalleu, wenn das Denken formal un- 
richtig vollzogen wird. Die Logik hat es, wie oben erörtert, 
nur mit diesem zweiten Fall zu tun. In beiden Fällen aber — 
also einerlei ob die materiale Falschheit auf der materialen, 
nicht in das Bereich der Logik fallenden Falschheit der 
primären Erinnerungsbilder oder ob sie auf formaler Un- 
richtigkeit der von der Logik erforschten Denkprozesse be- 
ruht — ist die materiale Falschheit des Ergebnisses, 



*) AasDahmaweise können formale DenUehler die materiale Fabohheit 
der Erinneiongsbilder wieder ansgleicfaen. 



L Eapitei Aubabe der Logik. 5 

äofern mao nnr das letztere als solches im Ver^eich mit 
dem Tatbestand der Empflodungen ond anabfaän^i^ von 
seiner Entstehimg betrachtet, im wesentlicfaeo dieselbe. Nicht 
aisQ im Denk ergebnis liegt der für die Logik in Betracht 
kommende Tatbestand, sondern in den Akten, welche zu dem 
Krgebnis geführt haben. Nur hierin liegt der formale 
Charakter der Logik. Man hat allerdings behauptet, daß in 
dem zweiten Fall — wenn also die materiale Unrichtigkeit 
des Denkergebnisses auf formalen Fehlern der Denkprozesse 
beruht — das Denkergebnis stets auch Widersprüche in 
sich außer dem materialen Widerspruch mit dem Tatbestand 
der Empfindungen zeigen müsse, nnd hat stillschweigend 
vorausgesetzt, daB in dem ersten Falle — wenn die materiale 
Unrichtigkeit des Denkei^ebnisses nur auf materialer Un- 
richtigkeit der verwerteten primären Erinnerun^bilder be- 
ruht — ein solcher innerer Widerspruch im Denkergebnis 
niemals vorkomme. Auf Grund dieser — wie sich alsbald 
zeigen wird — falschen Vorausaetzungen hat mau dann die 
dnreh formale Denkfehler zustande gekommene materiale 
Unrichtigkeit des Denkergebnisses mit dem Vorhandenficin 
innerer Widersprüche im Denkergebnis gleichgesetzt 
" irad das Fehlen bzw. Vorhandensein innerer Widersprüche 
im Denkergebnis als formale Eichtigkeit bzw. Unrichtigkeit 
bezeichnet'). Die Logik wurde von diesem Standpunkt aus 
geradezu als die Lehre von der formalen Bichtigkeit bzw. 
Unrichtigkeit der Denkergebnisse im Sinn der inneren 
Übereinstimmung bzw. Nicht-Übereinstim- 
mung definiert. Diese ganze noch hente ziemlich ver- 
breitete Auffassung ßchcit^rt schon daran, daß auch in dem 
„ersten" Fall der obigen Aufzählung, wenn also die materiale 
Unrichtigkeit des Denkergebnisses nur auf materialer Un- 
richtigkeit der primären Erinnemngsbilder bemht, das 
Denkergebnis sehr oft innere Widerspriiche aufweist, also 
trotz formaler Bichtigkeit der Denkprozesse im Sinne jener 
Auffassung formal unrichtig ist. Es ist also nicht angängig, 
die formale Kichtigkeit bzw. Unrichtigkeit der Denk a k t e 
mit der formalen Richtigkeit bzw. Unrichtigkeit der Denk- 
ergebnisse im Sinn der inneren Wide rsprnchs- 



*) Der Tenniniis „fomal" bekommt damit abo eine andere Bedeatuug, 
■k sie ihm oben S. 3 gegeben waide. 



I. Teil. Altgrenzuns tind allgemeine Geachiehte der Losik. 



losi^keit bzw. des inneren Widerspruchs gleioh- 
ZQBetzen. Bichtig ist nor, daß die formale Unrichtigkeit 
der Denkakte wohl noch etwas häufiger als die materiale 
Unrichtigkeit der primären Erinnerungsbilder zu inneren 
Widersprüchen im Denkergebnis führt, und daß innere 
WiderBprüche im Ergebnis durch formale Weiterverarbei- 
tung desselben klarer herausgearbeitet werden können. 

Als Beispiel mag der folgende sehr einfache Fall dienen. 
Ich glaube mich zu erinnern, daß die Salbei vier Staub- 
gefäße hat (während sie tatsächlich nur zwei besitzt).. 
Weitere Beobachtungen zeigen mir stets Exemplare mit zwei 
Stalihgefäßen. Damit ist in mein Denken ein innerer Wider- 
spruch hineingekommen, aber offenbar hat derselbe gar 
nichts mit einem logischen Fehler, d. h. mit einer formalen 
Unrichtigkeit meiner Denkakte, sondern lediglich mit 
einer materialen Unrichtigkeit meines primären Erinne- 
rnngsbildea einer Salbei mit vier Staubgefäßen zu tun. 
Formale Bichtigkeit der Denkakte besteht also hier mit 
materialcr Unrichtigkeit der Denkei^ehnisse zusammen. 
Sollen wir nnn trotzdem den inneren Widerspruch des Er- 
gebnisses als formal bez^chnen and seine Anfdeckong, 
Untersuchung und Beseitigung der Logik znwelsenl Ich 
glaube, daß man damit der üblichen und natürlichen Ab- 
grenzung der Logik Gewalt antun würde. Man könnte die 
Zugehörigkeit eines solchen Falles zur Logik höchstens noch 
durch die Behauptung aufrecht zu erhalten suchen, daß eben 
jeder innere Widerspruch, auch wenn er auf materialer 
Unrichtigkeit der Erinnerungsbilder beruht, doch ein 
logischer sei, insofern er den logischen Denkgesetzea 
(a nicht = non-a) widerspreche. Endgültig kann dieser Ein- 
wand erst widerlegt bzw. aufgeklärt werden, wenn die sog. 
logischen Denkgesetze selbst näher untersucht worden sind 
(§ 85 ff.). Vorläufig ist nnr zu bemerken, daß zwar die 
Gleiehsetznng sich widersprechender Vorstellungen durch 
unser Denken ganz entsprechend unsrer Definition der Logik 
den logischen Gesetzen widerspricht und von der Logik 
untersucht wird, daß aber das Vorhandensein widersprechen- 
fler Eigenschaften in einem und demselben Tutbestand vor 
allem den Seinsgesetzen widerspricht und daher auch ohne 
Hilfeleistung der Logik ausgeschlossen werden kann (vgl. 
^ 62). Es tritt uns nur schon an dieser Stelle die merk- 
würdige Korrespondenz zwischen logischen Giesetzen und 

„.,,„,^.oogic 



1. KapiteL Aufgabe der Locik. 7 

Seine^esetzen entgegen, die ^later noch gründlicher Fcetstel- 

foiiff bedarf. 

¥40 kSonte vielleicht geneigt sein, das Kriteriom der inoeren Überein- 
stifflmuiig dadnioh für die DefiDition der Logik zd retteD, daB mau ee nicht 
auf die Deokergebnisee, sondern auf die Denkakte bedeht Damit wire 
alleidii]^ eine weseotütiie JUmiherang an tmsere Definition der Logik ge- 
geben. Eb wild noT sjdter noch eine eingebeiKle üntersochong erforderlich 
KD, ob die Richtigkeit der Denkakte, die wir hier noch gans nnbestiaunt ge- 
luaen haben, wirklich schlechthin als innere Übereinatimmong antgetait werden 
bna, iizw. in welchem Sinne dies mllssig ist Vgl. § 61 ond 85 f. 

Dieselbe Überlegung, die soeben für einen Tatbestand 
im Bereich der Empfindungen durchgeführt wurde, gilt mit 
nnwesentlichen Abänderungen auch für jeden anderen Tat- 
bestand. Daher kann man ganz allgemein sagen: nnr die 
formale Bichtigkeit *) der Denkakte ist Gegenstand der 
Ix^, die Widerepmchslosigkeit der Denkergebnisse 
hängt nicht nnr von der formalen Richtigkeit der Denkakte, 
sondern anch von anderen Bedingungen (materialer Bichtig- 
keit der Erinnerungsbilder) ab, ktinn also nicht zur Charak^ 
tenstik des Gegenstandes der Logik dienen. So erklärt es 
sich anch, daB wir gelegentlich anf formal unrichtigem 
Wege (dnrcb formal unrichtig« Denkakte) zu material und 
formal richtigen Ergebnissen, z. B. infolge eines gegen- 
seitigen Ausgleichs mehrerer begangener Denkfehler, ge- 
langen. 

Mit diesen Erörterungen ist angleich festgelegt, daß die 
l4)gik nicht etwa nur die Aufgabe hat, die innere Oberein- 
stinunnng der Denkergebnisse zu kontrollieren, also gewisser- 
maSea auf eiDe Denkpolizei beschränkt ist, eioe Auffassung, 
ZD der man gerade dann leicht gelangt, wenn man im Sinne 
der eben bekämpften Ansicht die wesentliche Aufgabe der 
Ix^k nur darin erblickt, die Denkergebnisse auf ihre 
imiere Übereinstimmung zu prüfen. Die Logik hat viel- 
mehr vor allem auch die positive Aufgabe, die formale Ge- 
setzmääigkeit des Benkens bezüglich der Erreichung des 
MflTimnnn«; tqu materialer Bichtigkeit festzostellen (bei 
einem gegebenen Material von Empfindungen und primären 
Erinoernngsbildem). So bat beispielsweise die Logik nicht 
nor zn untersuchen, wie Widersprüche bei der Bildnng von 



*) Haidi der 8. 5 getroffenen Beatimmnng ist der Zosata ^anal" fiber- 
UncBg, er ist nur dm Nachdrucks wegen hier nnd anch weiterhin erfolgt. 

„.,,„, ^.oogic 



S L Teil. AbtCrenzuDg und alUemüne Geschichte der Logik. 

Art- und Gattungsbegriffen entstehen und zu beseitige» sind, 
sondern auch wie diejenigen Art- und Gattungsbegriffe be- 
schaffen sind und gebildet werden, die den zugrunde liegen- 
den IndiTidnalempfindungen bzw. IndividualvorstellungeD 
möglichst genau entsprechen. Gerade durch solche positive 
Leistungen ist die Logik imstande, obwohl sie auf Fest- 
stellung materialer Tatbestände im übrigen verzichtet, unsere 
Erkenntnis auch positiv zu fördern. 

§ 2. LogUc als Norm- nnd Wertwissenschaft. Nicht 
selten wird in die Definition der Logik ausdrücklich ihr 
„normativer" Charakter aufgenommen. Mit diesem nor- 
mativen Charakter ist gemeint, daß die Logik nicht Tat- 
sachen feststellt, sondern Begeln — bindende Ratschläge — 
für das Denken gibt. Die Logik hat es nach dieser Auf- 
fassung nicht mit dem „Sein", sondern dem „Sollen" zu tun. 
Richtig ist hieran nur, daß sich aus der Logik, indem sie die 
Abhängigkeit der Richtigkeit der Denkergebnisse von den 
Denkvorgängen untersucht und feststellt, auch Regeln für 
das richtige Denken ergeben. £s wäre jedoch ganz willkür- 
lich, wenn man diesen praktischen Zweck als das Ziel all«r 
lügischen Untersuchungen betrachten und ihn daher in die 
Definition drer Logik aufnehmen wollte. Die Feststellimg- 
der gesetzmäßigen Beziehungen zwischen den Denkvor- 
gängen und der Richtigkeit der Denkergebnisse ist an sich 
selbst — unabhängig von der praktischen Verwendung — 
die primäre Aufgabe der Logik. Die Ableitung von Denk- 
regeln oder Denknormen ist eine sekundäre Aufgabe, deren 
Lösung ganz von der Lösung jener primären Aufgabe ab- 
bängig ist. Dieser sekundären Aufgabe der Logik trägt ein 
besonderer Teil der Logik Rechnung, den man als „logische 
Technik" bezeichnet. Wenn diesen technischen Folge- 
rungen im Bereich der Logik besondere Bedeutung bei- 
gemessen wird — größere z. B. als der Meßkunst im Bereich 
der Geometrie oder den Rechenregeln im Bereich der Al- 
gebra — , so dürfte dies einerseits mit der allgemeinen Un- 
entbehrlichkeit dieser Denkregeln und andrerseits mit dem 
formalen Charakter der Logik zusammenhängen. 

Sie einseitige Auffa^aag der Logik als einer NortiiwisseaBchaft hat daiu 
geführt, sie ab eine „Ksnat", z. B, als „ars directira ipsios actus rationts" 
('Diomas t. Aquino ') oder als „art de bien oonduire 1a raison dans U connatsgiDoe 



') In Aiialyt poet Xib. 1, Lect 1 (ed. Born. 1570, Bd. 1, 9. 



17 a). 



1 Kapitel Atifsabe der Losik. 9 

dM cfaeees" (Logiqne de Port-Rojal'), oder als .^edidna mentja"') usf. cn 
leieiehDeii, unter den yielen neuereo SchriftslelleTii Aber Logil>, welche den 
nonutiren Qiaiskter m. £. mit Unrecht in die allgemeine DefinidoD der Logik 
wfDebmeD, sei hier beiapielBweise Sigvart*) angeführt, der die Logik als ein« 
^onstldire des Deukeiu" definiert, velcbe AnleitiuiK gibt zv gewissen and 
tilgrannngültigen ^tzen za gelangen. Sehr viel richtiger nnteischeideD schon 
maache Scholattiker (e. B. Lambert Ton Aaxene *) in der Logik einen wissen- 
schaftlichen Teil (adenb'a) und einen praktiscben Teil (ais), beide wurden auch 
oft als ,^ogica docens" und „logica ntana" nnterechieden (so schon bei Alfiiftbi, 
Tgl. § 19 und 89). 

Mit mehr Berechtigung hat man die W e r t beziehuug 
in die Definition der Logik aufgenommen und die Logik 
geradezu als Wertwiseenschaft aufgefaßt. "Ea leuchtet 
in der Tat ein, daä die Logik zwar ganz neutral feststellen 
kann, welche Denkvorgänge zu richtigen und welche zu 
falscheu Denkergebnieeen führen, daü sie dabei aber ge- 
wissermaßen stillschweigend doch schon zwischen den rich- 
tigen und falschen Denkergehnissen einen Wertunterachied 
macht und weiterhin machen m u Q , wenn sie Denkregeln 
aufstellen will. Ausdrücklich diese Wertbeziehung in der 
Definition anzuführen, liegt trotzdem kein ausreichender 
Grnnd vor, weil sie nicht für alle logischen Untersuchungen 
unerläßlich ist. Vollends wird man Bedenken tragen, 
wenn manche Logiker den Wertunterschied zwischen Bich- 
ligkeit und Falschheit als einen objektiven zu erweisen 
versucht haben und auf Grund eines vermeintlichen solchen 
Kachweiaes in irgendeiner Form in die Definition der Logik 
eingefügt haben. 

S 3. L<^k als Wlssenschaftslehre. Nach der im ^ 1 
gegebenen Definition fällt die Gesetzmäßigkeit eines jeden 
Denkens mit Bezug auf seine formale Richtigkeit und Falsch- 
heit in das Untersuchungsgebiet der Logik. Von besonderer 
Wichtigkeit für die Logik iüt unter den verschiedenen Arten 
des Denkens das wissenschaftliche Denken. Erstens 
hat für dieses die Bichtigkeit und die Falschheit der Deuk- 



*) La logiqtie oa Tart de penser von Arnanldn. Nicole, Paris 1662, 1, 1, S. i 
(ed. Amsteidam 1675, S. 47). 

*) So lautete £. B. der Titel der TschinihanBenschen L(^k (vgl. den 
UitoriadMn AbriS). 

*) Logik, Froibnig 1889, 2. AnfL Bd. i, § 1, ß. 1. 

*) Bqsuds lopc«e * (v^ Pnutl, Oesohichte der-Logik im Abendlande. 
Leipag 1867, Bd. 3, a 26). 

„.,.,„,>..oo^^ic 



10 I. Teil. Abgrenzung und aUtremeine Geschidite der Logik. 



ergebnisee eine besonders weittragende Bedeutung, insofern 
die Ergebnisee nicht nur eine vorübergehende Wirkung für 
einzelne Menschen in einer augenblicklichen Lage haben, 
sondern eine dauernde allgemeine Gültigkeit beanspruchen, 
□nd zweitens bietet daB wiseenscbaftliche Denken, insofern 
es sich nicbt auf mehr oder weniger kurze, einfache, un- 
zuBammenhängende Denkvorgänge beschränkt, sondern ein 
sehr ausgedehntes, verwickeltes System von Gedanken'- 
vorgängen aufbaut, der Logik ihre Aufgaben in der voll- 
ständigsten und entwickeltsten Form. Die Logik wird daher 
auf das wissenschaftliche Denken eine ganz besondei*« 
Rücksicht nehmen müssen. Einzelne Teile der Logik, welche 
das Denken in seinen zasammengesetzteren Formen be- 
hemdeln wie die Lehre vom Beweis, vom System usf., werden 
es sogar fast ausschließlich mit dem wissenschaftlichen 
Denken zu tun haben. Das letzte Kapitel der Logik kann 
geradezu als die Lehre von der Wissenschaft — natürlich 
stets mit Bezug auf formale Bichtigkeit — bezeichnet 
werden und ist auch in der Tat bereits von G. E. Schulze ') 
als „Wissenschaftslehre" bezeichnet worden. Irrtümlich ist 
hingegen, wenn einzelne Logiker bis in die neueste Zeit die 
Logik ganz auf das wissenschaftliche Denken beschränken 
und diese Beschränkung in die Definition der Logik auf- 
nehmen. Es läQt sich schlechterdings nicht absehen, wes- 
halb die Logik sich nicht auch mit dem vorwiesenschaftlichen 
bzw. nicht - wissenschaftlichen Denken beschäftigen sollte. 
Vgl. auch ^ 35. 

Zu diesen, meiues Eraohteus zu engen Definltionea gehört z. B. di^enige 
B. Erdm&nns*), welcher die Logili als „die allgemeine, fonoald and nonoatiTs 
WisBeoBcbaft von dep methodischen VoranssetztiDgen des wissenschartlicbea 
Denkens" definiert Ganz verfehlt tat die Defiuitioc Bolzanoa*), welcher die 
Logik erstens auf die wisseoschaftlioben Wahrheiten beschräukt und Kchlecht- 
hin als 'Wiasenschaftalehie bezeichnet, und zweitens sogar ihre Aufgabe 
lediglich darin Bieht, Regeln für die Zerlegung des gesamten Oebietes der 

') Grundsätze der aUgemeinen Logik, 4. Aufl. O&ttingen 1S22, Q. XI, 
22 u. 161. Eants urteile über den Terminos s. Sämtl. Werke, Hartenst Auag. 
1868, Bd. 8, S. 812. 

*) Logik, 1. Band, 2. Aufl. Halle 1907, 8. 25. Tgl. auch Hnsserl, Log. 
ünteis., Teil I, HaUe 1900, S. 29 (2. Aufl. 8. 28). 

■) Wissensohaftslehre, Sulzbach 1837, Nendrook I^eipzig 1914, Bd. I, § 1, 
spez. S. 6. Übrigens hlUt Bolzano selbst diese Definition nicht konsequent fest 
(Tgl. L 0. 8. 18 tt. 56). 



L EapiteL Atifnbe der Loffik. IX 

Tahtbeit in eiiueliie WJsasDBchaften und ffii dia Abfasmng von LehrbüDhern Kr 
jede Vissenschaft za geben. Damit vfire der griSBte Teil der Logik not eine noch 
iluu vectoBeriichte ats „ateos" im Dienst der BpezialwissensÄaftaB radnxiatt 

{ 4. Sfellani: der Logik Innerhalb 4er Philosophie. Die 

Begriffsbestimmmig und AbgTenziiiig der PhiJosophie selbst 
ist so Bchwankend, daß eine exakte Eingliederung der Logik 
in die Philosophie auf Grund der Definition der beiden 
Wissenschaften nntunlich ist. Die allgemeine Zugehörigkeit 
der Logik zur Philosophie ergibt sich aus folgender Über- 
legoDg. Wie man auch die Philosophie definieren und ab- 
frensen mag, jedenfalls ist eise ihrer Hauptaufgaben, das 
Oegebene nach geinen Ähnlichkeiten und TJnahnlichkeiten 
EU ordnen nnd die Grundgesetze der Veränderungen des Ge- 
gebenen zu ermitteln. Derjenige Hauptteil der Philosophie, 
welcher sich mit dieser Aufgabe beschäftigt, kann als 
Oignomenologie oder Erkenntnistheorie im 
weiteren Sinn*) oder Grundwissenschaft*) bezeichnet 
Verden. Diese Gignomenologie liefert uns erstens die Ein- 
teilimg alles Gegebenen (aller „Gignomene") in Empfindun- 
gen (Empfindungsgignomene) und Vorstellungen im weite- 
sten Sinne (Vorstellnngsgignomene), welche schon im ^ 1 bei 
der Besprechung der Definition der Logik zugrunde gelegt 
wurde. Außerdem aber gelangt sie zweitens za bestimmten 
Zerlegungen jedes einzelnen Gegebenen (Gignomens), die in 



') T^ über dieses weiteren Begriff der Erkenntiuatliearie Th. Ziehen, 
Efkenotoistheorie, Jena 1913, § 119ff. — Stnmpfa „Phänomenolo^e" (Abb. 
d. PieoB. kk. d. Wiss. v. Jahr 1906, Berlin 1S07, S. 26 n. 45) deckt sich in 
nitai BeiiehDDgen mit dem hier in Kede stehenden Banptteil der Philosophie. 
Dm die Doppelbedeatang — weitere nnd engere — des Wortes „Erkenntnis- 
Aeoaxl* nnd die mit der Vieldeutigkeit dee Wortes „Phänomenologie" insammen- 
hingettden HiSrerstfindnisse m vermeiden, habe ich die Bezeichnnog „Oig- 
nomawlogie" (Q^nemene := WeidniBse, Gegebenes) Toi^eschlagen. Vgl. Grund- 
lagen der Psychologie, Leipx^-Berlin 1915, Bd. 1, S. t>2. 

*) Diese Bezeichnung wurde in ähnlichem Sinne schon im 18. Jahrhundert 
L B. von H. 8. Betmams gebraucht (Die Vemunftlehre usf., Hamburg -Kiel 
1783, 4. Anfi., § 10). Kenerdings hat sie auch Bebmke Terweodet (Philosophie 
^ Orrmdwiseenschaft, Ldpiig-Piankfort 1910). Die „philosophia prima" 
[S(m; fiamt^la) des Aristoteles (Akad. Ausg. uamentL 1(I2b, l94b, 1036a, 
iC67a n. 1061b} deckt sich mit der Erkenntobtheorie im weiteren Sinne oder 
Onmdwissenscbaft nicht, da sie nach Aristotelea In einem Gegensatt zur Physik 
ab der pbitoäophia seconda (>h(|J tat ale^^t&t »i^ae) steht, der für die Er* 
kmntnistheorie in weiterem Binne nicht zu Recht besteht 



1,1^. OQi 



,g,c 



12 J- Teil. AbgrenzuDB und allgemeine Geschichte der Logik. 

vklen Kichtangen noch sehr strittig sind, aber doch wenier- 
stens in einem Ergebnis übereinstinmuen, nämlich in dem 
Satz, daß innerhalb des Gegebenen sich durch die erkenntnifi- 
tbeoretische Überlegung zwei Gebiete ergeben: ein erstes 
Gebiet, in welchem die sog. K a n s a 1 gesetze gelten, und ein 
zwieites Gebiet, in welchem andere Gesetze als diese Kausal- 
gesetze gelten. Dem ersten Gebiet entsprechen die Natur- 
wissenschaften, dem zweiten Gebiet entspricht die 
Psychologie. Ob eine vollständige SIerlegung noch 
weitere Gebiete ergibt, z. B. ein der Mathematik entsprechen- 
des, von besonderen mathematischen Gesetzen beherrschtes 
Gebiet, kann hier unerörtert bleiben. Ebenso ist für die uns 
beschäftigende Überlegung die Abzweigung und Herleitnng 
der übrigen Wissenschaften, welche sich zum Teil auf beide 
Hauptgebiete erstrecken, ohne Bedeutung. Um so wichtiger 
ist für nns eine zweite Hauptfrage, welche an die Philosophie 
herantritt, nachdem sie die erste Hauptfrage, die Eintei- 
lung und Zerlegung des Gegebenen erledigt hat. Diese 
können wir für unseren Zweck folgendermaßen formulieren. 
Unsere Vorstellungen im weitesten Sinne, also einfache 
und abgeleitete Vorstellungen, Urteile, Schlüsse, Beweise, 
Systeme erheben allenthalben den Anspruch, in irgendeinem 
Sinne dem Gegebenen zu enteprechen. Damit ergibt sieb 
die Frage, was dieses Entsprechen bedeutet und welche 
Kriterien uns für dieses Entsprechen zur Verfügung stehen. 
Nicht nur für das alltägliche Denken, sondern gerade anch 
für das philosophische Denken ist eine solche Untersuchung 
unentbehrlich. Da das philosophische Denken das Gegebene 
irgendwie vorstellen oder „erkennen" will, aber anch selbst 
zu diesem Gegebenen gehört, so ist es geradezu gezwungen, 
DU die allgemeine Untersuchung des Gegebenen eine spezielle 
Untersuchung der Stellnng des Denkens im und znm Ge- 
gebenen gewissermaßen in reflexivem — auf sich selbst 
rückbezüglichem — Sinne anzuschließen nnd das in Bede 
stehende „Entsprechen" zu untersuchen. Letzteres ist offen- 
bar ganz identisch mit der Übereinstimmung zwischen Denk- 
ergebnis und Tatbestand, welche in § 1 erörtert und auch als 
materiale Bichtigkeit bezeichnet wurde. Diejenige 
philosophische Wissenschaft nun, welche sich mit dieser 
zweiten Hauptfrage beschäftigt, also die Bedeutung, Be~ 
dingungea und Grenzen des Entsprechens, d. h. der mate- 
rialen Richtigkeit des Denkens untersucht, ist die Er- 

„.,,„,^.oogic 



L EaiüteL Aufgabe der Logik. ]3 

ienntnistheorie im enteren Sinne oder Er- 
kenntniskritik. Indem aber die Erkenntniskritik fest- 
stelit, daB die materiale Richtigkeit der Denkergebniase ganz 
wesentlich auch von dem formalen Ablanf der Denkakte (in 
dem S. 3 angegebenen Sinne) abhangt, sieht sich die Philo- 
eopbie vor eine dritte Hauptaufgabe gestellt: nämlich zu 
nnfersuchen, nach welchen Gesetzen das Benken infolge 
seines formalen Ablaufs bald zu richtigen, bald zu falschen 
Denkergebnisaen führt. Dies ist aber nichts anderes als die 
Anfgabe, welche in ^ 1 der Logik zugewiesen wurde. Die Logik 
achließt sich also als dritte philosophische Teilwisseuschaft 
eng und notwendig an die Gignomenologie und die Erkennt- 
niskritik an. Damit ist die Zugehörigkeit der Logik zur 
Philosophie und ihre Stellung in derselben festgelegt. Aller- 
ilings ist die Logik nicht nur für die Philosophie vorhanden, 
sondern sie ist zugleich auch für alle anderen Wissenschaften 
eine nnerläSHche Vorbereitungsdisziplin. Während sie aber 
für die letzteren nur formale Regeln gibt, also für dieselben 
nur normative Bedeutung hat, ist sie für die Philosophie 
nicht nur gleichfalls formale Normlebre, sondern gehört ihr 
zugleich als ein integrierender Teil an. 

§ &. Stellung zur Erkenntnistheorie, cur Psychologie, 
ZOT SpraehwiBfienschaft und Mathematik. Die vier Grund« 
legongen. Durch die vorstehenden Erörterungen ist die 
Stellang der Logik zur Erkenntnistheorie bereits 
klargestellt. Die Erkenntnistheorie im weiteren Sinne 
(Gignomenologie) als grundlegender Hauptteil der Philo- 
sophie ist — abgesehen davon, daß sie wie alle Wissenschaf- 
ten formal an die Segeln der Logik gebunden ist — von der 
Logik ganz unabhängig, dagegen ist die Logik auf die Er- 
kenntnistheorie im weiteren Sinne insofern angewiesen, als 
sie ihre Grundbegriffe „Gesetzmäßigkeit", „Denken", „for- 
mal" usf. der letzteren entlehnen muß. Zur Erkenntnistheorie 
im engeren Sinne (Erkenntniskritik) steht die Logik in enger 
Koordination. Insbesondere ist die Aufklärung des Begriffs 
der Bichtigkeit und die Abgrenzung der formalen Bichtig- 
keit gegen die materiale eine Aufgabe, weiche von beiden 
gemeinschaftlich bearbeitet wird. 

Der eben festgestellten Beziehung der Logik zur Er- 
kenntnistheorie muß die Logik durch eino besondere „er- 
kenntnistheoretischeOrnndlegung" ihrer Lehren 
Rechnung tragen. Vgl. Teil II, Kap. 1. 



1,1^. OQi 



,g,c 



14 I' ^BÜ. Absrenzuus und allseionne Oeachichte der hoek. 

Ee ist BelbstreratäDdlich, ia& tiii diejenigen Forscher, velcbe von der 
Logik im Gegensati ta anserer Definition auch irgend eino aodemeitige Unter- 
BQchong materiater Tatbestände — anSer der formalen GesetzmiBigkeit des 
Denkens — verlangen, der Gegensats zwiBohen der ürkenntnistheorie nnd der 
Logik sich verwisclit. Ein neneres Beispiel für diese Verschmelznog von Er- 
kenntniatbeorie nnd Logik bietet die „eifceontniatheotetisobe Logik" Ton 
Schappe '). 

Die Stellung der Logik zur Psychologie ist noch 
beute sehr umstritten. Bald wird die Logik nur als eine 
„Sonderdisziplin der Psychologie" Qjippa')) hezeichnet, bald 
— wenigstens in einem Hanptteil — vollständig von der 
Psychologie losgelöst und als I^ehre von „Vorstellungen an 
sich", „Sätzen an sich", „Wahrheiten an sich" aufgefaßt, 
denen in keiner Weise der Charakter psychischer Vorgänge 
zukommen soll (Bolzano ')). Die Irrttimlichkeit der letzteren 
Anschauung wird sich bei Gelegenheit der erkenntnistheore- 
tischen Grundlegung der Logik ergeben. Die erstere An- 
schauung ist insofern im Kecht, als sie gemäß unsrer Haupt- 
definition Denkvorgänge im psychologischen Sinne 
als das Objekt aller logischen üntersncfaungen betrachtet. 
Manche ihrer Vertreter werden jedoch der Tatsache nicht 
gerecht, daß die Logik in vier wesentlichen Beziehungen über 
die Psychologie hinausgeht, nämlich: 

erstens, insofern sie an Stelle der wechselnden Vorstel- 
lungen, Urteile usf. des tatsächlichen psychischenGcschehens, 
auf welche die Psychologie sich zn beschränken pflegt, un- 
veränderlich gedachte N o r m a t Vorstellungen, Normal - 
urteile usf. setzt (etwa ähnlich wie die theoretische Physik 
zur Ermittlung der Fallgesetze an Stelle eines durch zahllose 
Nebenumstände in mannigfachster Weise variierten tatsäch- 
lichen Falles einen von allen Nebenumständen frei gedachten 
Normalfall setzt); 

zweitens, insofern die Logik das Denken ausschließlich 
mit Bezug auf seine Bichtigkeit und Falschheit, 
soweit sie von den formalen Denkakten abhängt, untersucht. 



') Erkenntnistheoretisclie Logik, Bonn 1878. VgL ancti den hisforischen 
Abschnitt g 37ff. n. 52. 

*) Ornndiüge der Logik, Hambnt^g-LaipEig 1893, Neudruck 19l2, S. 1. 
VgL jedoob anch nnten § 51. 

■) 'friBsenscbaftBlehre, Solzbaoh 1837, Nendruok Läpsig 1914, Bd. 1, 
a 61tf., 71f., 761/., 99, lllH. Vgl. auch §45. 



iM,Googlc 



1. Kapitel. Aufgabe der Look. 



während die Psychologie an dieeer Bezugnahme, obwohl sie 
auch in ihr TJutersnchongagebiet fällt, kein spezielles 
Intere^e nimmt; 

drittenß, insofern die Logik einen W e r t unterschied 
zwischen Bichtigteit nnd Falschheit macht (vgl. S. ^, 
welcher für die Psychologie nicht existiert, nnd ««ar oft 
Tersncht, für diesen iWertnnterschied objektive Be- 
dentong nachzuweisen; 

und endlich viertens, insofern die Ixigik anf Gmnd 
ihrer Untersnchungen praktische Deakregeln im Sinne von 
Normen (vgl. S. 8) gibt, während die Psychologie solche 
praktische Folgerungen aus ihren Untersuchungsergebniflsen 
meistens nicht zieht, sondern das Ziehen dieser Folgerungen 
den beteiligten Wissenschaften (z. B. Pädagogik, Ästhetik, 
Psychiatrie usf.) überläßt. 

Diese vier Momente verleihen der Logik trotz ihrer 
psychologischen Grundlage eine Sonderstellung gegenüber 
der Psychologie nnd haben denn auch in der Geschichte der 
Entwicklung der Wissenschaften schon froh zu einer 
Trennung der Logik von der Psychologie geführt. Die ali- 
gemeine Abhängiglteit der Logik von der Psychologie konmit 
dabei insofern doch zur Q^Itong, als für die Logik, wie eine 
erkenntnistheoretische, so auch eine „psychologische 
Grandlegnng" nnentbehrlich ist. Vgl. Teil U, Kap. 2. 
Diejenig^D Logüer, welche wie Bolsano moht-psyohisohe „VoratellaiigeD 
kB sidt", ^tze an fäoh" nef. anDehmen, moBseo für diese Gebilde eine be- 
sondeie Ajt des Seins, ein drittes Sein, das weder materiell noch psychisch, ist, 
annehoieD oder sie sogar als ein niobtseiendes ,^wiBseB Etwas" einfnliTen. 
Sie helfeii dch dann mit nnklaren Aosdräcken wie: „es gibt", es „bestehen" 
(adl. Wahrheiten m sich). Vgl e. B. Bolzaoo, 1. o. ß. 144, 217, 222 o. 319. 
Im histoiischen Abschnitt und in det eiienntnistbeoretischen Orondlegong der 
Logik witd anf diese Lehre nnd die mit ihr nahe zusammenhangende Lehre 
von den „G^enständen" der Vorstellungen, Urteile usf. ausführlich eing^angen 
weiden. — Oft stellt man dieser „logizJBtisohen'^ Bichtong der Logik 
diejenige andere extreme Bichtnug, welche in der Logik nnr eine Teildisziplin 
der Psychologie erbhokt, alt psychologistisohe gegenüber. 

Mit der psychologischen Abhängigkeit der Logik hängt 
ihre Beziehung zur Sprachwissenschaft eng zu- 
sammen. Unser tatsächliches Denken, wie es Gegenstand 
der Psychologie ist, ist zwar nicht immer, aber doch ganz 
überwiegend mit einem sog. innerlichen Sprechen ver- 
bunden, d. h. — wie sich später ergeben wird — von Wort- 



IG I. TeU. Abcrenzung und allgemeine Geschichte der Loiik. 

erinneningsbildem irgendwelcher Art, sog. Wortvorstel- 
loogren begleitet Auch unterliegt ee keinem Zweifel, daß 
diese „verbale Begleitung" für das tatsächliche Denken eine 
erhebliche Bedeutung hat. Es wird sich sogar zeigten, daß 
gerade auch für die Normalvorstrilungen, welche die Logik 
an Stell« der tatsächlichen Vorstellungen der Psychologie 
setzt, und deren Verknüpfungen sprachliche Bezeichnangen 
oder andere Symbole irgendwelcher Art kaum zu entbehren 
sind. Daher wird sich an die erkenntnistheoretische und 
an die psychologische Grundlegung eine „sprachliche 
(linguistische, symbolische) Grundlegung" an- 
schließen müssen. Vgl. Teil II, Kap. 3. 

Außer der Sprachwissenschaft hat auch die Mathe- 
matik bestinmite Beziehungen zur Logik. Vorläufig können 
diese dahin formuliert werden, daß die Mathematik über 
eine Symbolik und eine allgemeine Methodik verfügt, welche 
für die Logik vorbildlich sein können, und zugleich die 
logischen Sätze auf einem besonders einfachen Anwendungs- 
gebiet zu veranschaulichen vermag. Die genanere Prüfung 
dieser Beziehungen bleibt einer vierten Grundlegung, der 
mathematischen Grundlegung vorbehalten. Es 
wird sieh bei dieser Prüfung allerdings ergeben, daß diese 
vierte (mathematische) Örundlegimg diesen Namen nicht 
verdient, und daß die Mathematik nur durch bestimmte, 
allerdings sehr wertvolle Hilfelcistungien für die Logik in 
Betracht kommt Vgl. Teil II, Kap. 4. 

Erst nach Erledigung aller dieser Grundlegungen kamt 
die Logik im III. Teil sich ganz ihren eigenen Aufgaben 
widmen. Dabei beginnt sie mit einer „antoehthonen Grund- 
legung", d. h. sie stellt dl« der Logik selbst eigentüm- 
liclien spezüiRchen Grundlagen (vgl. S. 14) fest. Insbesondere 
bandelt es sich hier mn die allgemeine Erörterung der 
für die Logik charakteristischen Normalgebilde, da* 
Wesen und den Wert der logischen Bichtigkeit und des 
logischen SoUens (Normativcharakter der Logik). Hierauf 
folgt im rv. Teil die ausführliche Darstellung der elnselnen 
logischen Gebilde und Gesetze (Begriff, Urteil usf.). 



n,g,t,7l.dM,GOOglC 



S. Kajntd. AüiemeinB Gwchichte der Logik. 17 

2. Kapitel 

Allgemeine Geschichte der Logik 

§ 8. BedentnDp und Uterator der aUgemeinen 6»-. 
aefalehte der Logik. Seltsamerweise verfügrt die Logik, ob- 
wohl ihre einfacberen praktiBcben Begeln von jedem Men- 
seben ohne beeondere Belehrung im alltäglichen Denken 
richtig angewendet werden, doch keineswegs über ein 
System allgemeiB anerkannter theoretischer Sätze. Vielmehr 
besteht anch heute noch eine weitgehende MeinnngB- 
veiscfaiedenheit über die Grundprinzipien der logischen 
WiBsenachaft, and endgültige Entscheidnng im Streit der 
Ansichten scheint noch in weiter Feme zu liegen. Bei dieser 
Sachlage bekommt die allgemeine Geschichte der Logik für 
das y««tändnis der Logik eine viel gröBere Bedeutung als 
X. B. die allgemeine Geschichte der Mathematik oder der 
Botanik oder der Philologie für das Verständnis dieser 
Wifisenschaften. Es wird daher im folgenden die allgemeine 
Geacbichte der Logik mit einiger Ansführlicbkelt dargestellt 
werden müssen. 

Die iriohtigBteii Werke, velolie dis Oeaoliiohte der Logik behandeln, 
and, abfeeehen Ton ältenn DanteUangeii in den Werken tob P. Bamns, 
P. OMseodi XL a., folgende : 
Bartbolom. EeokeriiiaDn(aB), Fraeoognitomm logiooram traotatos HI, 

HuoT. 159S, 2.AQfI. 1604, a 76-203. 
JoIl Alb. Fabrioina, Spooimem elenoticDin. histoiiae logicae eto. Hambo^ 

1699 («och in Oposo. hiet.'Orit-titar. Bylloge. Hambarg 1738, B. 161—184). 
Jac Frid. BeimioaDu'), Critineiender OeaohichtB-Calender von der Logica 

o. a. f. Fmukf. a. H. 1699. 
lab. Georg Walohtios), Hiatoria logicae in Farerga acadetnica. Lips. 1731. 

a 463—848. 
loL Jak. Syrbina*, Inatitntionee philosophiae rationalia eolectioaa: in prae- 

fatione historia logicae aaocincta delineotur. Jena 1717, 3. AofL 1726. 
Colnrnbanna Rdaaer, Inaätntiouefl lofpoae. Wirceboig. 1775 (sehr knner 

Appendix: de artis logicae aariptoribus S. 163 ff.). 
V, L. 0. T. Eberateiu, Yeraucb einer Oescbiohte der I/)gik ond Meta- 

phjtäk be; den Deatsoheo ron Leibnia bis auf g^eowtotige Zeit Halle, 

Bd. 1 1794, Bd. 2 1799. 

') Beginnt mit der eisten „dispatatio Theologioa" nriAchen Sra nnd dem 
6atan L J. 3947. 

ZUkan, I«tobneh d*r Lo^. 3 



lg L Teil. Aberenzdog und allsemetne Geachkhte der Logik. 

Audr. Metz, InatitntioDeB logicae. Bamb. et Wiroebni^. 1796 (Appendix de 

histoiia logioee, 8. 230—248). 
Joh. Nie. Frobesias, Bibliograph» logica in Wolfii logiott in oompendinin 

redacta. Helmsädt 1746. 
Friedr. Calfcer, Denklebre oder Logik ond Di&lektik nebet einem Abiifl der 

Geschit^te und literatur deiaelben. Bonn 1822, 8. 13—198. 
Catl Ftiedr. Baoliinani], SfBtem dei Logik. Leipzig 1828, TeU 3, 8.569 

bis 644. 
J. F. y. Tioxler, Logik, die Wisseiiechaft des Denkens and Kritik aller 

ErkemitiuB. Stut^art d. Tübingen, Teil 3 1830. 
de Reiffenberg, Principes de logiqne, saivis de rhistoire et de U biblio- 

graphie de cette »rience. Bnuelles 1833, 8. 289—408. 
J. Barthelemy Saint-Hilaire, De la logiqne d'Aiistote. Paris 1838, 

Bd. 2, 8. 93—355. 
Ad. Franok, Esquisse d'nne histoira de la logiqne, precedee d'nne aoalyBe 

etendne de l'organam d'Aristote. Paris 1838, S. 189 B. 
Bob. Blake;, Historical sketch of logic, from the eailiest timea to tbe proaent 

day. London^Ediobni^h 18S1 (besonders wertvoll Kapitel 21 n. 22 über 

die neuere Logik in England). 
Call Prantl, Geschichte der Logik im Abendlande. Leipzig, Bd. 1 (griech.- 

röm. Logiker bis Boethins) 1855 ; Bd. 2 (mittelalterliche Logiker bis etwa 

1200) 1861, 2. Aufl. 188&; Bd. 3 (mittelalterliche Logiker von ca^ 1200 

bis Oocam einschließlich) 1867 ; Bd. 4 (mittelalterliche Logiker nach Ocoam 

bis ZOT Befonnation) 1870; weitere Bände sind nicht erschienen. 
Lecnb. Rabns, Logik nnd Metaphysik, 1. Teil: Erkenn tnislehre, Geschichte 

der Logik, System der Logik. Erlangen 1868, 8. 121—242 o. 453—518. 
Friedr. Harms, Die Philosophie in ihrer Geecbichte. Teil 2: Oeechichte 

der Logik (heiausgc^. von Laeson). Berlin I8S1. 
Friedr. Deberweg, System der Logik und Geeohiohte der logischen Lehren. 

Bonn, 1. Aufl. 1857; 4. AnIL 1874, 8. 15—66; 5. Aufl. (von JOigen Bona . 

Meyer) 1882, 8. 15-94. 
Robert Adamsoa, A short history of logic. London n. Edinb. 1911 (mir 

nicht lugfiug^ch). Vgl. aoch Eacyolopaedia Britannica, Art Logic (9. AuQ. 

Bd. 14; 11. AuCL Bd. 16. S. 896 H. W. Blnnt) 

Werke und Abhandinngen, welche nur kleinere Perioden der Geschichte 
der Logik oder einzelne logische Schulen oder einzelne Logiker behandeln, 
werden nnten im I^uf der Mnzelbesprechnng namhaft gemacht werden. 

Eine Einteilung der Geschichte der Logik in be- 
etinunte aufeinander folgende Haaptperioden laßt^sich ohne 
Zwang nicht durehführen. Man bann nur einzelne Hanpt- 
BtrÖmnngen unterscheiden, die sich mannigfach kombinieren 
and zum l^il auch nebeneinander herlaufen. Als solche sind 
beeonders hervorznheben: 



OgIC 



2. Kapitel. AllsemeiDB Geachichie d«r Logik. 



a) die aristotelische Logik nnd ihre Aasseetaltoog in der 
Scholastik etwa bis zum End« des 15. Jahrhunderts; 

b) die Reaktion geg«n die aristotelische Logik in der Zeit 
der Renaissance nnd der Reformation; 

c) die von Baco von Vemlam eingeleitete, aber erst im 
letzten Jahrhondert zn vollständiger Entwicklung ge- 
langte indoktive Ricbtong der Logik; 

d) die liogik von Ijeibniz, Wolff, Kant nnd ihren 
Schülern ; 

e) die materiale Logik der Flchteschen, Hegeischen nnd 
ächellingsch«ii Philosophie; 

f) die It^zistische Richtung der Logik, wie sie von 
Solzano begründet wurde; 

g) die psychologistische Richtung der Logik, die sich im 
letzten Jahrhundert im Änschlnß an die Fortschritte 
der neueren Psychologie entwickelte. 

Viel Gewicht ist auf diese Aufstellung nicht zu legen, 
da viel« wichtige Nebenströmtmgen dabei unberücksichtigt 
bleiben und auch innerhalb der HauptstrÖmnngen die ein- 
zelnen logischen Systeme weit auseinander geben. 

§ 7. Logik bei den orientailschen Völkern des Alter- 
tums. Die philosophische Literatur der Chinesen scheint, 
soweit bekannt, die Logik ebenso wie die Erkenntnistheorie 
vollständig vernachlässigt zu haben. Nur der von Lao-tzs3 
(geb. 604 V. Chr.), der etwa 50 Jahre vor Confucius (K'huug- 
fo-tsze, 551 — 478) lebte, begründete Taoismus (Tao etwa == 
Logos) soll einige logische und erkenntnistheoretische Sätze 
enthalten*). Erheblich mehr Berücksichtigung fand die 
Logik bei den Indern. Schon auf dem Boden der alten 
brahmanischen Spekulation trat zu Buddhas Zeit eine Gene- 
ration von Dialektikern auf, die man geradezu „als eine Art 
indischer Sophistik" bezeichnet hat '). Buddhas Lehre selbst 
bietet trotz einer unverkennbaren Neigung zu dialektischen 
Formulierungen für die Logik keine nennenswerte Ansbeute. 

') VgL c. B. Wilh. Oraiit, Geeohidkte der obineeisoheii Litantur. Leipsig 
1902 (Bd. e der UteratnTen d«« Ostens, 8. 139 ff.). Bei einem Nachfolger 
I«>-teiXs, C3iD«iig-tszI (Nan-hoa-chen-jen) findet noh inoh ein Anfang einer 
Lehr« TOn Sabjdrt nnd Objekt 

*) H. Oldenberg, Boddha, sein Leben, seine Lehn, Bone Qemeind«. 
3. Anfl. Bariin 1807, a 78. 

2* 
h. !■, ii.l^.OOQIC 



20 I- 1*^- Abennzumt und allgemeine GeachicUe der Logik. 

Aach die sog. Sämkhya-PhiloBophie*), deren Beziehung 
zum Baddhismus noch nicht völlig aofgeklärt ist, steht 
logischen üntersaehnngen ziemlich fem. Dagegen hahen die 
beiden letzten der sog. sechs hrahmaniächen Systeme, das 
Vai^eshikasystem nnd namentlich das Nyäyasystem, eine an- 
■rcrkennbare logische Tendenz. Kanada, der Begründer des 
Vaiceshikasystems, unterschied z. B. sechs Grandformen des 
Seins: Substanz, Qualität, Bewiegmig (Handlang), Gemein- 
samteit (Allgemeines), Verschiedenheit (Besonderes) und 
Inhärenz (Untrennbar heit) *). Die Nyüya = Philosophie, be- 
gründet von Aksapäda (meist Gantama oder Gotama ge- 
nannt), gibt bereits eine sehr «ingebende Darstellung der 
formalen Logik *). Sie führt sogar ihren Namen von Nyäya, 
dem Schema des Schlusses, das man ans fünf Gliedern — 
Behauptung, Beweisgrund (Voraussetzung), Vordersatz, 
Nachsatz, Schloß — zusanmiensetzte. 

Das Avesta der Iranler scheint keinerlei logische Lehrrai 
za enthalten. Ebenso ist über Anfänge der Logik bei den 
Ägyptern nichts Bemerkenswerte« bekannt. 

§ 8. Die Toraristotelische Logik liei den GrieohMi. Die 
ersten Eeime der griechischen Logik finden sich bei den 
eleatischen Philosophen, insbesondere Parmenides. Das 
mit der Logik eng verknüpfte Problem der Beziehung des 
Denkens zum Sein wird hier zum erstenmal mit klaren 
Worten aufgestellt und eine Lösung versucht. Parmenides 
(Blutezeit um 500 f) lehrt*): 

taihop (f ittxi voeJf tb xai ovvsxiv im viijfuf 
ov Y«Q ^vev %ov löyios, Iv ^ rrsgiceftaßivov iniVy 

'J Vgl. Eich. Oarbe, Die SämUija-Pliilosoptiie. eine Diratelloog des 
indiBohen BatioDatiBinas. Leipzig 1894 (e. B. 8.280: 5 Arten deslrrtoms mit 
«2 UatererteD) n. Abb. d. 1. KL d. Egl. Bayr. Ak. d. WisB. Ifüncben, Bd. 19, 
Abt 3, a Ö17 ff. 

*) Vgl. Oarbe L c. S. 116 ff. Eüa ap&terer Vertreter dee Systems ist 
Pnsastapäda. Vgl. anoh Max Hüller, Ztschr. d. deotsoh. Morgenl. OeseUsofa. 
1852, Bd. 6, 8. 1 (nam. B. 10 ff.). 

*) Di« Hsaptqoelle für die Ny äTaphilosopbie Bind die NyäyasQtra, gröSten- 
tnls überaetxt von Ballan^ne, Allabitbad 1850— 1S54, ond der EommeDt&r des 
VttBy&yona. Vgl ferner Oarbe 1. o. 6. 118 nod Dametitliob Hennaun Jakgbi, 
Die indische Logik, Nachr. v. d. Egl Qes. d. Wies, z« OöttingeD, pbilos.-hist 
Kl., IdOl, H. 4 (Oött 1902), 8. 460, nam. 8. 476 ff 

■} Hnllach, Fragm. philos. Oraec Bd. 1, Paria 1860, 8. 123, t. 94—97; 
H. Dieb, Die Fragmente der VorsclTatikei. 2. Aefl. Berlin 1906, Bd. 1, 
8. 120; DeTB., Pannenides' Lehrgedicht, BerUu 1897, 8. 32, 38 d. 84. 



i.l^. OQi 



,g,c 



2. Kapital. Aücemems Oesebkhte dn Logik. 21 

Silo naftS ^ov ionos ...'). 

Wie Bich Parmeoides dies Zasammenfallen von Sein und 
Denken vorstellt, ist unklar*). Jedenfalls kann, da das Sein 
nach Parmenides ohne Vielheit*) und ohne Veränderung ist 
und die Sinnesempfinduugen (Saxonov op/ta und ^xV^aaa 
i^xopf) uns allenthalben Vielheit nod Verändemng zeigen, 
nor das Denken uns die Wahrheit vermitteln, nicht die 
SinneHwahmehmong. Parmenideä kam damit za einem Er- 
gehnis, zn dem vom entgegengesetzten Standpunkte auch 
schon Heraklit, der Vertreter der Lehre von der all- 
gemeinen Veränderung des Wirklichen, gelangt war *). 
Die beiden jüngeren eleatischen Philosophen, Zeno 
von S I e a und Melissue*) (Blütezeit um 460 
bzw. 440) haben diese ersten logisch - erkenntnistheo- 
retischen Lehren inhaltlich kaom weiter entwickelt, aber 
formal schärfer zn begründen versucht. Insbesondere be- 
nröhte sieh Zeno dorch kunstgerechte Beweise, namentlieh 
indirekte, die Einheit und Unveränderlicbkeit des Seins 
nachzuweisen und trug damit zur Entwicklung der logischen 
Technik wesentlich bei. Von Aristoteles soll er daher als 
Eifinder der Dialektik (n^gtt^s iiaXtxttx^s) bezeichnet 
worden seinO. Er vermittelt damit auch den Übergang za 
der sog. sophistischen Schule (s. onten). 

Die atomistische Schale (Leacippas und 



*) In der nreiteii Zeila vermutet Ih. Bergk: .ml' if fif i (nur if 
Uimt.* (fOäne phildog. Schiiften. Halte 1886, Bd. 2, B. 81.) 

*) Man hat anob behanptet, daB Pannenidee bereHa das IdeotititspriDäp 
■u^esteQt habe, und sich anf den Vera berofen: jr^q li Uynr n rsrfr t* 
fir t/t/urmt (Hollach 1. c. 43), indem man überBetite: nötig ist dies m sfgea 
und lu denken, daS das, -was ist, ist Ea sduint mir jedeoh viel näher m 
li^en, mit Diels (fngm. d. ToraokratilEer, 2. AoU^ Bd. 1, S. 117) in über- 
setzen: „. . . dafi nnr das Seiende existiert" (nicht aaob das fi^dir), womit 
die Beziebong iiud Identitataprinzip sehr in die Feme rückt Tgl. aaob 
Dieb L c 8. 116, Z.21. 

*) TgL jedoch Zeller, Die Fbilosopbie der Qiiecben. i. Anfl. Leipiig 
I8T6, 8. DI6 ff. 

*) Siehe Bext Empir. Adr. mathem. TU, 1S6 (ed. Bekker B. 218). 

VVgl OHner, Arch. f. Oesob. d. PhDoa. 1891, Bd. 4, E 12 u. A. Pabst, 
Be MeliSBi Samii fragmentis, Bonnaa 1889. 

*) Bei Diogenes I^ert., De dar. pbiloe. vit Till, 57 d. IZ, 26 (ed. 
Cobet S. 217 n. 233). 



Og\Q 



22 T- 'Fbü- Abffrenzuag und allgemetne G«3chichte der Logik. 

Bemocritus) scheint die Logik nur wenig berücksichtigt 
zu haben. Bemerkenswert ist nur, daß die Bedeutung der 
Wahrnehmong für das Erkennen von den Ätomistikem 
wesentlich anders eingeschätzt wurde als von den Eleaten. 
Dies et^ibt sich schon daraus, da3 erstere für das Empfinden 
(Biff*j/tf6/s) und das Denken (ro^asti) den gleichen und 
zwar körperlichen Ursprung ihe^otmesi^ xov aufiaros) an- 
nahmen *). Allerdings erklärt Demokrit (geb. um 46K)) aus- 
drücklich, daß die Sinnesempfindungen nur eine dunkle*) 
Erkenntnis (y*"^M tncoti^^ vermitteln und nur das Denken 
CK»'»'©*«) durch seine Forschung (C^^ffig) au£ Grund von 
i.öyot zur echten Erkenntnis (Ywöfiii yi^aiii), nämlich zur 
Erkenntnis der „Atome", die zu den votirä gehören, führe "). 
Indessen scheint er doch im Gegensatz zu den ^lesten die 
Sinneeempfindungen als den notwendigen Ausgangspunkt 
des Erkennens betrachtet zu haben *'). 

Die Sophisten") haben — im Gegensatz zu ihren 
erheblichen Verdiensten um die Erkenntnistheorie — die 
wissenschaftliche Logik nur in zwei Sichtungen wesentlich 
gefördert. Erstens bildeten sie die logische Technik im An- 



•) Tgl. z. B. Joaoii. titobaeoB, Florileg. ed. Ueineke, Bd. 4, 8. 233 (ü, 
25, 12): ..^vxuinor, änfieitqätiie (=^ JtiftSxqinc) W ah^iatK xbJ tAe 

*) Zellar (Arch. f. Oescb. d. Fhilos. 1892, Bd. 5, S. 444) macht es sogar 
sehr wahrscheinlich, daß bereits Lenoippus „die bloBe PhänomeDalität der sinn- 
lichen Qualitäten der Dinge" gelehrt habe. Er stützt sieh dabei auf Aetios, 
De ploc. philos. IV, 8, 9 : ol ftip äUoi tpvvu rv miaS^ja, Jtmtmnot ii, Jt/fii- 

Fnigm. d. Tarsoknäker, 2. Aufl., Bd. 1, Berlin 1906, 8. 349). 

"0 Vgl. Beit. Em[«r. Adr. HkÜi. TU, 139 u. 140 (ed. Bekker S. 221). 
Siehe auch Natorp, Ardi. t. syst Pbiloa. 1688, Bd. 1, S. 348 a. O. Hart, Zoi 
Seelen- n- Erkenntnialehra des Demokrit. Oymn.-Pr<^. Uülhanaen i. E. 1886. 

") £)ne gans bestimmte wndeutige Bel^stelle für diesen Satz kann idb 
allerdings nicht anführen, er soheiot uch mir jedoch ans der gauien Lehre 
Demokiits mit Notwendi^eit la ergeben. Dagegen hat Aristoteles si^er mit 
Unrecht dem Demokrit die Lehre zngeschiieben, dafi die sinnlichen Eischei- 
aongan als solche das Wahre seien (i« ii^9it iZkm xi vMt«/if»wi> in De 
anima A, 2, Akad. Ausg. 404 a, 28). VgL ZeUer I. o. S.822; Natorp, For- 
schungen znr Geschichte des Eikenntnisproblems im Altertum. Berlin 1884, 
a 164S,; Ad. Bri^er, Hermes 1902, Bd. 37, 8. 56. 

") VgL namentlich H. Diels, Die Fragmente der Vorsokratiker, 2. Aofl. 
Berlin 1907, Bd. 2, 1. mifte, 8. 524 C. o. Th. Ocmperz, Oriech. Denker, Bd. I, 
Leipzig 1896, 8. 331—396. 



i,Cooglc 



2. K&piM. Aflgemeiiie Geschichte der Logik. 23 

schlnB an Zeno fa. oben) weiter ans "), und zweitens lenkten 
ae ge^DÜber der meistens einseitigen naturphilOBophiaohen 
Kichtnng der älteren Schnlen dnrch stärkere Betonung der 
Subjektiven Bediuarnogen der Erkenntnis das philosophisclie 
üntereese direkt anf Erkenntnistheorie nnd Logik bin. Aller- 
dinga bedingten beide Momente zugleich auch die Ausartung 
der damaligen Philosoph!«, weiche dem Namen Sophistik 
seine üble Nebenbedeutung gegeben bat. Aus der sub- 
jektiven Bedingtheit der menschlichen Erkenntnis schlössen 
die Sophisten, daß es überhaupt eine von den wechselnden 
Meinmigen des einzelnen Mensehen unabhängige Wahrheit 
Hiebt gebe. Die Übereinstimmung des Denkens mit den Tat- 
aachen und mit sich selbst (vgl. ^ 1) verlor ihre Bedeutung. 
Gä kam nur noch darauf an, die Meinung des Einzelnen zu- 
gunsten eines beliebigen Satzes zu beeinflussen. Die hohe 
Aosbildong der logischen Technik bot hierzu die wirksamsten 
Mittel und verführte geradezu zu einer solchen Überredungs- 
philosophie. So erklärt sich auch das enge Verhältnis der 
Sophistik zur Bhet«rik. Die Redekunst mußte die loglacbe 
Technik bei dem Überreden unterstützen. Während bei 
Protagorae noch das erkeantnistbeoretiech-logische 
Interesse überwog, war Oorgias (einige Jahre vor Prota- 
goras geboren) der Qauptvertreter der rhetorischen Bich- 
tnng. Übrigens stiftete letztere wenigstens insofern einigen 
Kotzen, als die Buchungen der Logik zur Sprache mehr 
Beachtung fanden. Namentlich hat Prodikos (geb. am 
460 — 465) durch Untersuchung der Bedeutungsunterschiede 
sinnverwandter Wörter diese wichtige Hilfswissenschaft der 
Logik begründet"). 

Die gefährliche, auf den überredungasieg zielende und 
der Becbthaberei, oft auch dem Geldgewinn dienende Bich- 
tong der sophistischen Logik wurde durch Sokrates und 
Plato mit Erfolg bekämpft und die neu errungene logische 
Technik in den Dienst einer lauteren Wahrbeitsforschong 
g€6teilt. Sokrates") selbst (c 470—399) hat namentlich 



"> Frotagoias <geb. nm 460) aoll sogar eine Hxi"i iftmiiM' v«rfkttt 
hibeo, vgl. Diogen. Laert, De vitis IX, 55 (ed. Cobet S. 240). 

") Tgl. I. B. AiistoteleB, Top. B, 6, Akad. Ansg. 112 b, 21 u. Plato, 
Idch« W D a. Chanoidea 1Q3 D. 

") Tgl. Heinr. Haier, Sobatee, sein Werk und seine geschieht). Stallaog. 
Tatöngen 1913, namentlich & 262 ff. o. 358 S. 



ih,Cooglc 



34 I- Teil. Alwreazung und allgemeine Geachichte der Logik. 

in drei Bichtnngen einen maßgebenden EinflnS anf die 
weitere Entwicklung der {rriechischen Logik gehabt. Erstens 
betonte er im Gegensatz zn den Sophisten den Wert einer 
objektiv gültigen, von den wechselnden Meinungen un- 
abhängigen Wahrheitserkenntnis — Intot^ft^ gegenüber der 
iöia, wie man es später aTisdrückte ") — , der er sogar das 
sittUotie Handeln unterordnete. Zweitens legte er — in 
übereinstinunnng mit den Sophisten — dem Philosophieren 
prinzipiell die Definition der allgemeinen Begriffe (vi 
äfit^a^at xa^öXov oder StaXiyetv *€na y^l^^ zugrunde 
und stellte damit die Bedeutung der Logik für die Philo- 
sophie für alle Zeiten fest. Drittens fährte er die Methode 
der inaxuxol Xöyot zum Zweck der Feststellung der all- 
g^emeinen Begriffe ein*"). Wenn man ihn im Hinblick 
hierauf zuweilen geradezu als den Begründer der induktiven 
Methode bezeichnet hat"), so ist dies allerdings nnriehtig; 
denn die Methode der inaxttxoi löyot bestand im wesent- 
lichen nur darin, daß durch zweckmäßig gewählte Bei- 
spiele und Analogien {aanaßolaf) der PhiloBophierende 
sich selbst oder seinem Zuhörer zur Klarheit über die All- 
gemeinbegriffe verhalf. Eine methodische Ableitung der 
letzteren ans umfassenden Beobachtungen ist noch nirgends 
za finden. Mit der Methode der irtax.vt*oi löyoi hing es 
auch zusammen, daß Sokrates — wie Zeno von Elea und die 
Sophisten — das <f*a<U)'G(r#af, das philosophische Gespräcfa, als 
Hauptweg zur Erforschung der philosophischen Wahrheit 
betrachtete. Ln übrigen ist die Bedeutung des Sokrates für 
die Logik, da er sich anscheinenti fast ganz auf ethische 
Untersuchungen beschränkte, nicht erheblich. 



") TgL ZeUer 1. c. 8. 107, Anm. 1. 

>') Vgl. Döring, Anh. f. Gesoh. d. PhUos. 1892, Bd. 6, a 186. 
"} Das iweite und dritte Homent dieser AofEählnDg wini Bohon von 
Aristoteles als das Haaptreidienst des Sotiatefi bingestellt: .ifM fä^ tat», 

sa^JUv . . .■ (Metaphjs. M, 4, Mad. Ausg. 1078 b, 27). An anderen Stellen 
wird übrigens not das zneite UomeDt erwähnt (Metaph. A, 6, Akad. Ausg. 
987 b, 3 u. M, 9, Akad. Ans. 1066 b, 2). Aaoh Xeoophon (Hemonb. IV, 6, 1 
und IV, 5, 12) bebt liB das Hanptbeetieben dee Sokratee her?or: ,4t»}ifyu» 
Kmtm yir^ rä xfäyfita« rati «avmtp, rt tuanof lEi r£v Srzmw.' 

**) Vgl. t. B. Chr. Aog. Brandis, Handb. d. OeMh. d. griech.-üfim. Philoe. 
U, 1, Beriin 1844, S. 490. 



n,g,t,7l.dM,GOOglC- 



2. Kapild. ADsemeine GocbkMe itr Lo^ 25 

Unter den lokratiaolieii Schnleo hat die oyrenaisohe {Lti- 
itippae) (ii die Logik niobts geleistat Die oyniaohe bat aioh unter den 
fiofloB ihres ßtiftsn Antisthenes**), der aeitwose anch SchnleT des 
Oopaa geweeen war, ebeiseits wieder der sophistiacheD Methode geidhwt 
D)d «ndereiseita die aokratisc^e DeBnitionsniethode verworfen. Die lo^aofae 
Stepeia dea Antiathenee gipfelte in dem Satc, daS jede üttnlaverknüpfniig 
nrmr AÜKemeinbegriffe onznliseiK sei; man mässe aidi auf identiaofae Kttie, 
TO „der Hoisoh iat «in Uenach", beaohiinkea "). Ob er auf Orund dieser 
lehre alle DefinitioneD verwarf oder nur die DefinitioDen einfacher Be- 
griffe fOr tumögüoh eikUrt, ist zwedfelbaft Die megariaohe Schnle**) 
(Satlides) vereinigte sokntiache nnd eleatiaclie Lehnn, anseheineDd sdileS 
lie nch nun Teil aach den Sopbiatan an. Für die WeiterentwioklnDg der 
lapk hatte sie mnichst keine Bedeotang. Die spftteren Megariker — 
labalidea, Diodorns (Krouoe), Philo (Dialecticiis) a. a. — tmgen 
Bamantücb mr Entwicklang der Lehre von den Tragsohlüssen bei. — Die 
eliioh-eretrische Schnle (Fbaedo, Henedemns) scheint in ihren 
io^tcheu Lehren dem Antiathenes nahe in stehen"). 

Ungleich größere Bedeutung als alle die soeben aaf- 
8«zälilten sokratisehen Sehnlea hat Flato'*) (wahrschein- 
hch 427—347) für die Eutwickltmg der Logik. Plato hat 
nicht nnr die sokratische Methode der Begriffsbestimmung 

") Ang. Wilh. Tfinokelraann hat die Fragmente dea Antistheoes faeiana- 
Segeben (Antisthenis fragmenta, Tnrioi 1842). Sdir eingehend wird AntiatheDee 
in dem Werk Joels, Der echte and der xeiwpboDtiaGbe Sokrates, Berlin, Bd. 1, 
1893, namentlich S. 302, u. Bd. 2, 1901 behanddt, er wird jedoch hier ertieb- 
Hdi flbetachttzt S. aaoh Oilleepie, Arch. f. Qeaoh. d. FhUos. 1913, Bd. 26, 
9.479, n. 1914, Bd. 27, a 17. 

*■) V^ Plato, Sophist 2S1 B. Aach die Angaben im IleAetet 201 E, 
andEothTdem 2KSS. belieben sich wahrscheinlich ant Antietbenes. Biehe anob 
AriatateleB, Hetaphya. D, 29, Akad. Anag. 1024 b, 32. 

**) Tgl. nameotL Praatl, Oeschiobte der Logik im Abendlande, Bd. 1, 
Leqaig 1855, aSSff. 

■) Vgl PranU L o. S. 57f. 

") PUtos It^pscbe Lebren behandeln n. a. : Paal Natorp, Flatos Ide«i- 
Idire, £ne Einfühmng in d. Idealismus, Leipdg 1903; Nioolai Eartmaao, 
Ratos Logik des Seins, Oohen-Natorps Fbilos. Arb. Bd. 3, Gießen 1909, namenÜ. 
8. US ff. und 447 ff. ; Vincemty Lotoslawski, Origin and growth of Platoe legis, 
London, New Tork, Bombay 1897, namentl. B. 363—471 u. 517 ff. ; Wilh. 
Tindelbaad, PUton, Stuttgart 1900, oamentL B. 65 ff.; Heinr. Maier, Die 
Syllogistik des Aristoteles, Täbingeo 1900, Tei) 2, Abt 2, S. 23— fi6; M. AJteo- 
h^, Ke Metiiode der Hypothesis bei Plato, Aristoteles, Plotin, Bisa. Marburg 
190G; P. Oohlke, Die Lehre T<m der Abstraktion bei PItto und Aristoteles, 
Halle 1914, S. 13 ff.; W. v. OoUer, Die analytische nnd synoptische Begrifb- 
Udnng bei Sokrates, Platon d. Aristoteles, Diss. Heidelberg 1913, 8. 16. 



26 T. Teil. Abgrenzung und allgemane Geachkhte der LoplL. 

weiter entwickelt und auf daa G esamtgebiet der Philosophie 
angewandt, sondern aach wichtige neue Methoden der Logik 
— vor allem die Division — zum erstenmal wissenschaftlich 
ein- und durchgeführt. Die platonische Logik steht in eng- 
stem Zusammenhang mit der Metaphysik und Erkenntnis- 
theorie. Nach Plato kommt dem Allgemeinen eine besondere 
Wirklichkeit zu, die von derjenigen des Denkens und der 
Sinnendinge verschieden ist und sich also mit dem S. 15 er- 
wähnten dritten Sein der „Vorstellungen an sich" usf. hei 
modernen Logizistikem im wesentlichen deckt. Dies All- 
gemeine wird als sldog oder ISia, seltener als ßo^y^ be- 
zeichnet. Jedem Allgemeinen (jeder Gattung bzw. Art) ent- 
spricht eine ,Jdee""). Von dem Sein der Dinge sind die 
Ideen ganz unabhängig: sie sind „ovffitu xaSöXov'^ „xn^tfral 
TÜv xaS' %xaavov" ^'^). Die Dinge als solche haben überhaupt 
kein wahres Dasein, sondern nnr insofern sie an den Ideen, 
teilhaben (ßi9sS*s}- Die Sinneswahmehmung kann aus 
daher auch die Erkenntnis der Ideen nicht verschaffen, son- 
dern uns nur Gelegenheit und Anlaß geben, die Ideen durch 
das reine Denken {vöiiatg, Xoyta/tol) zu erfassen. Im Hin- 
blick auf eine frühere Existenz der Seele kann dies Erfassen 
der Ideen auch als eine Wiedererinnemng (öfor/H^fftc) be- 
zeichnet werden. 

Das Denken selbst (vö^ctg) vollzieht sich in zwei Stufen, 
einer niederen, der iiävota, die noch an Voraussetzungen ge- 
bunden ist und nicht zum Anfangsgrund («^ z<f) Selaogt, und 
einer höheren, der intax^ft^. Der vö^aK stellt Plato die Sota, 
die bloße Meinung gegenüber, die dem Irrtum ausgesetzt ist 



**) Die Auffassung der platonischen Ideenlehre ist noch immer ia 
vielen Funkten stritlis. Seit Lotze und namentlich seit den Arbeiten Natorpa 
und seiner Schüler ist man vielfach zu der Annahme geneigt, daB Plato den 
Ideen keine metaphysische, sandem nur eine logische Realit&t habe zu- 
schreiben wollen. Insbesondere sucht Natorp für die späteren Dialoge nach- 
zuweisen, daB Plato unter den Ideen nicht Dinge, sondern „Erkenntnis- 
funktionen" verstanden habe (vgl z. R L c ä. 26^ 283^ Siehe aDdieT3eits 
H. Gomperz, Arcb. f. Gesck d. Phitos. 1906, Bd 18, Sl U\. Ich selbst bin 
Oberzeugt, daB Plato die beiden Deutungen selbst nicht strentg und konsequent 
auseinandergehalten hat 

M) Aristoteles, Uetaphys. M, 9, Ak&d. Ausg. 1086 a, 33. Natorp ist allw- 
dingB überzeugt, daB Aristoteles hier seinen Lehrer mißverstanden bat und 
Plato eine ao scharfe Trennung nicht oder wenigstens nicht stets gelehrt hat 

(L c. z. a s. aM u. 366 fr.). 



OC^IC 



2. Kapitel. AllKemeiiie 0«8chicht« der Loflk. 27 

Ditd ihrerseits in tixaela (Vermutung:) und nict$g (Olaaben) 
wrfällt"). 

Die logische Methode, velche nach Plato allein befähigt 
ist zur Erkenntnis der Ideen zu fähren, wird von ihm in 
prägnantem Sinn als SiaUyta&eu (iuxlexrtx^ fi6&oSo() be- 
ffiiohnet. Die dialektische Wissenschaft {AaXsxttx^ hriinij- 
p^) hat es daher mit der Peetstellnng der Allgemeinbegrifle 
lu ttm, dem Sutxfhetv xata yivos "). Freilich tmterseheidet 
dabei Plato nicht immer scharf zwischen der Methode dieser 
Feststellung and der Wiss^iachaft dieser Methode einerseits 
nod der Wissenschaft von den Ideen selbst andrerseits**). 
Unten wird sich ergeben, daß man später die BezeiehnaDg 
,^alektik" gewöhnlich für die Wissenschaft der Methode 
— also etwa die Logik in unserem Sinn — verwendet hat. 
Pör Plato fiel die Logik mit der Erkenntnistheorie und 
Uetapbysik noch ganz in der Dialektik zusammen. 

Im Mittelpunkt der dialektischen Methode steht zu- 
nächst, wie bei Sokrates, die Abgrenzung der Ällgemein- 
b^friffe oder ovvaytor^*"). Diese stellt in dem Vielen der 
Sioneserfahrung das G«mein8ame (rä xotvä) fest und gelangt 
30 von dem Vielen zu dem Einen oder Allgemeinen (rtoXXä — 
h). Hierbei versteht es sich von selbst, daS alle zufälligen 
Merkmale ans der Begriffsbestimmung (S^o;) ausscheiden und 
nur die Gesamtheit der wesentlichen, bleibenden Eigenschaf- 
ten, die oiaia das Ziel der Dialektik ist (das citfo; avtö). Zu 
diesem synagogischen Verfahren kommt aber gewissermaßen 
im Sinne einer Gegenprobe die Zerlegung (Einteilung, Divi- 
Non) oder Stai^et;, welche das Allgemeine in der Stufen- 
leiter seiner Besonderungen durch Hervorhebung aller 
unterschiede {StagioQat) bis zum Einzelnen wieder zurück- 
verfolgt. 

Ancb die awaytoyi^ Piatos ist alles andere eher als eine 
Induktion im Sinne der modernen Logik. Wie bei Sokrates 
liandelt es sich nur um eine geschickte Verwertung aus- 
erlesener Beispiele, nicht um eine systematische Sammlung 
and Verarbeitung aller zugänglichen Beobachtungen. Eine 



«) RepqbL 611 Aft, «6 DU. u. 688Eff. 

**} Sophist 258 E. Ebenda 2580; ««i<< ytvn iuu^ta^at. 

") Vgl Phileb. fiSA, wcwelbst Toviiif ta der Regel sul die Dialektik 
bnocBD winL 

**) VsL niMdrus SeeB u. 26ÖD (,«fr /itev IHar avroemna Sytnr ta 
**U>7Ä ittnmffiiya*). 

„.,,,:, I^.OOglC 



2g 1. Teü. Alvniinuis und aUseiDeine Geschichte itx Logik. 

Kontrolle für die Richtifirkeit dieses synagogischen Ver- 
fahrens bietet die Priifnng der sich aas einer probeweise auf- 
gestellten (hypothetischen) positiven oder negativen Begriffs- 
bestimmnng ergebenden Folgerungen (ra evftßaivovra Ae %^c 
vno9iasms) "), eine Methode, die offenbar nnr anf eine Er- 
weiterung der schon von den Eleaten geübten indirekten 
Beweiamethode (vgl. S. 21) hinauslief. Die itaiftOK der 
Platonischen Dialektik hat man mit einigem Recht mit der 
Deduktion im Sinne der modernen Logik verglichen. Zu- 
nächst bedeutet sie allerdings nnr eine Zergliederung des 
Allgemeinen in seine Gattungen und Arten (Tiftveti' xavd 
Hilfl, xst' ä^&ffa) anf Grund natürlicher unterschiede, ent- 
spricht also etwa der Einteilung oder Division der späteren 
Logik "). Da indessen diese Enteüung vielfach über einfache 
BegrifFsbestinunungen hinausgeht and sich zu einer ganz all- 
gemeinen- Herleitnng des Einzelnen aas dem Allgemeinen 
-.ausgestaltet, so kann man in der Tat in der JuUetats auch 
den ersten Keim der späteren Deduktion erblicken. 

Die oben erwähnten „xofrd*', d. h. die gemeinsamen 
Eigenschaften der Gegenstände, auf Grand deren wir zu den 
xa^oJtov gelangen, hat Plato nicht systematisch untersucht. 
Er rechnet zu denselben Sein, Nichteein, Ähnlichkeit, Un- 
ähnlichkeit, Dieselbigkeit (td Tavvöv) und Verschiedenheit 
(%6 iregov), aber auch Geradzahligkeit und üngeradzahlig- 
keit usf. **). An einer anderen Stelle führt er „das Seiende 
selbst" (t& Sv ttihö) und Ruhe {mäffts) und Bewegung als die 
Ii4jtata TÜv yeväv au, alles Bemerkungen, die vielleicht als 
Vorläufer der aristotelischen Kategorienlehre aufgefaßt wer- 
den können. 

Auf vereinzelto Ansätze zu einer Lehre von urteil and 
Schluß sowie anf gelegentliche Bemerkungen über all- 
gemeine Denkgesetze wird im speziellen Teil dieses Buches 
hingewiesen werden. Hier sei nnr noch erwähnt, daß Flato 
zum erstenmal Begriffe und urteile, wenigstens sprachlich, 
zu unterscheiden versucht: eretere werden ohne Verknüpf ung 
(avßnXox^), letztere in Verknüpfung ausgesprochen. Die dis- 
parate VorsteUungsreihe ,4jöwe, Hirsch, Pferd" ist eine Auf- 

*>) Farmenides lS6Cfi. 

") Vgl. Franz Lukas, Die Methode der Einteüung bei PUton, BaUe 1868^ 
namentlich S. 292 ff. 

») Theaetet 186 a 
**] Sophist S54 D. 

n,g,t,7l.dM,GOOglC 



2. KapUeL Allgemeiiie QeschieUs der LofÜL 29 

eiiiaiiderfolge {(rwixtta), die noch keinen ^öyog bildet Erst 
Airch die Verknüpfmig von ^ftuta mit ovöjuova, d. h. von Ans- 
eagewortem (Verben) mit GegrenetandswÖrtem (Sabetantiven) 
koDunt ein i-öyog zustande '*). Dabei betont übrigen« Flato 
ansdriicklicb, daS die reine Erkenntnis der Ideen auch von 
den Worten abstrahieren müsse **). 

Die älteste platonische Schule, die aos. ältere oder erste Aka- 
demie, schönt nur önzelne logiache Lehien Plstos, namentlich die Lehre 
nn der Bedeutung des jmitör und tii^f weiter au9geaii>eitet zu haben "). 
SpenBippus [etwa SO Jahre jOnger als Flato) bat in einer nur in kleinen 
BrachstUckeii erhaltenen Schrift "O/ina sich u. a, auch nnt den STnonymien, 
Tautonymien und Heteronrnüea des sprachlichen Ausdrucks beschUtigt Von 
Htlo weicht er anscheinend ab, indem er auch eine wissenschaftliche Knnes- 
■rfahrong (inun^ftoruaf ub^ait) an er kannte"}. 

§9. Die Logik des AriBtotelM. Aristoteles (384 bis 
322) vird mit Becbt als der Begründer der wissenschaft- 
lichen Logik betrachtet, insofern er ihr im Gegensatz zu 
Flato in vielen Beziehongen eine selbständigere Stellnng 
g^enüber der Met^hysik anwies nnd zum eisten Male eine 
fast vollständige and systematische Darstellung der logischen 
Lehren gab. 

Die Icgisohen HanptweAe des Aristoteles sind: I. KtmiyfUu, 2. nifl 
iffninüUf 3. 'Jralvit»* tifit*^ in zwei Büohem, 4. 'Jralwtaiä S<tif« (in 
2 BöcberD), 5. Tmiw« (in » Buchern), 6. Jtguctuai tltyx»*- ^O" diesen be- 
handelt das erste die Lehre von den Katesorien, das zweite die Lehre vom 
Urteil, das dritte die Lehre t<hd SchluB, das vierte die Lehre von der Beweis- 
Mhruns und Vom Aufbau der Wissenschaften, das fOnfte und sechste die 
AigamentatioDskunat (s. unten). Erst von den späteren Kommentatoren sind 
alle diese lociscben WeAs unt« dem Geaamttitel "Ögyamr (Oreaniun) zu- 
aunmenielaBl worden'). Zitate werden im folgenden nach der Akademie- 
Ausgabe gesd>en'), die einzelnen WaAe event. unter lateinischem Titel 



") Sophist S62B. 

**] Cratyl. 43SD: rtnir . . , Afvsref ftii9äi' ort« ore/i«r«r lä 

") Tgl. namentlich E. Hambruch, Logische Regeln der platoo. Schiüe in 
der ariatoteL Topik. Wissenach. BeiL z. Jahresbericht des Askan. Gvmnas. 
Beriin 19« (Frogr. Nr. 66). 

"^ Allerdings liegt hierfür nur eine nicht ganz beweiskriitiga Beleg- 
stelle bei Seztus Empiricus vor (Adv. mathem. VII, 146 u. 146, ed. Bekker 

>} Vgl 0. Uielacb, De nomine organi Aristotelid, Diss. Aug. Vind. 1B38, 
mmwitlich S. 14. über den Geaamtzusanunenhang der Oberlieferten Weite 
a Alb. Ooedeckemerer, Die Gliederung der Ariat. Philosophie, Halle 191% 
Mmentlieh S. 4— £7. 

*) Oberseizungen mit Sriäuterungen hat KimhnMnn in der Philosoph. 
BUiatb^ verOflentlicbt, Soch sind diesriben durchaus nicht fehlerfrei. 

„.,,„, ^.oogic 



30 I. Teil. Aberenztmg und allgemane Geschichte der Logik. 

(Categ., De interpret. usf.] aoeeführt. Auch daa apäter als Metaphysik be- 
zeichnete Weifc ist eine wichtige Quelle for die logischen Lehren des 
Aristoteles. 

Die Echtheit dieser Werke — wenigstens in der uns jd^t vorliegenden 
Fassung — istdun^aus nicht unbestritten. Beispielsweise wird die Eategoiieo- 
abhandlung wohl mit Recht als nicht-aristotelisch bezeichnet'), wenn auch der 
Verfasser wahrscheinlich ein von Aristoteles selbst verfaBtes gleichbetiteltes 
Werk benutzt hat. Inst>esondere ist der SchtuBteil sicher unecht. Die Schrift 
M^ tg/i^yflae wird gleichfalls oft fDr unecht erklärt, indes hat B. Maier 
neuerdings mit triftigen Gründen die Meinung vertreten, daß es ach um eine 
ecbte, aber unvollendete Schrift des Aristoteles handelt (Arch. f. Gesch. d. 
Philos. 1900, Bd. 13, S. 23). Die vier Übrigen Weik.e sind sehr wahi«:lieia' 
lieh echt, wenn auch im einzelnen etwas überarbeitet. Die aatpionxal tliyg»* 
sind vielleicht als 9. Buch der Topik zu betrachten (Th. Waitz, Aiistotelis 
Organen graece. Leipzig 18** u. 1846, Bd. 2, S. 628). Viele andere WeAe sind 
uns, wie die uns überlieferten Verzeichnisse ergeben, verloren gegangen'). 

Zum Verständnis der aristotelischen Schriften liefern die allen Kommen- 
tare von Alexander v. Apbrodisias, Simplicius u. a. manchen Beitrag (vgL 
% 13). Eine Gesamtausgabe der griechischen Knnmentare ist von der PreuB. 
Akademie der Wissenschaften veranstaltet worden. 

Unter den zahlreichen neueren Werken, wek:he eine Gesamtdarstellung 
der Logik des Aristoteles geben oder allgemein wichtige Fragen bezOgUch der 
aristotelischen Logik bebandeln, seien hier folgende genannt: 
S. A i c h e r , Kants Begrüf der Erkenntnis verglichen mit dem des Aristoteles, 

Diss. Hallb 1907. 
W. Andres, Die Prinzipien des Wissens nach Aristoteles, Disa Breslau 

190&. 
Otto Apelt, Beitrage z. Geschichte d. griecb. Philosophie, Leipzig 1881, 

S. 101—316. 
Itich. Bauch, Das spekulative Prinzip der aristotelischen Kategorien, 
Wissensch. Beil. z. Prc«i. d. Gytnn. zu Doberan, Rostock 168* (eine Fort- 
setzung ist 1886 erschienen). 
FranzBie3e,Die Philosophie des Aristoteles etc., Bd. 1 : Logik u. Meta- 
physik, Berlin 1836. 
R e i n h 1 d B i e s e , Die Erkenntnislehre des Aristoteles und Kants in Ver- 

gleichung ihrer Grundprinzipien, Berlin 1877. 
H. Bonitz, Aristotelische Studien, Wien 1862—1867 (auch Sitz.-Ber. A. 
S. Ak. d. Wiss. zu Wien, Bd. 39, *1, 4^ 53 u: 66), — Ders., über die 
Kategorien des Aristoteles, Sitz.-Btr. d. K. Ak. d. Wiss. zu Wien 1853^ 
Bd. 10, S. 591. 
Chr. Aug. Brandis, Abb. d. Berl. Ak. d. Wiss. a. i. J^j 1883, BerLn 1835, 
S. 2i9 (Reihenfolge der Schriften). 



*) Vgl. Dupr£el, Ariatote et te tndtg des catägories, Arch. f. Gesch. d. 
Philos. 1909, Bd. 22, S. SSO. Siehe auch unten g 13 u. i*. Gegen die 
Echtheit sprechen sich auch Gercke und Gohlke (L c. S. 61) aus, f r di» 
Echtheit (mit Ausnahme des Schlufiteils) H. Haier, L c. TeU I^ % S. 201,. 

•) Vgl. Prantl I. c. S. SS, Anra. a 

n,5,t,7rjM,G00glc 



L Kapitel. AJlgeiDeiDe G«scbicb(e der LoRik. 



Fraoz Brentano, Die Psychologie des Aristoteles usf., Mainz 1867. — 

Den., Aristoteles' Lehre Tom UispniDg des menschlichen Geistes, Leipzic 

1911 (tOr die aristotelische Auffaasuns des »irer wichtig). 
Giuseppe Caldi, UelodoloKia senerale deU& interprelazioDe scientifica, 

Vol. 1 u. 2: La logica di Aiiatotele, Torino-Palenno. 189S u. 18ft*. 
lad. Enden, Die Uetbode der uislotdiBchen Forschving etc., Berlin 1872, 

S. 19—66. 
Altr. Gercke, Ursprung der arislotel. Kategorien, Arcb. f. Gesch. d. Fhilos. 

1891, Bä. *,S. &i. 
FanlGohlke, Die Lehre von der Ahstraklion bei Plato u. Aristoteles, Abh. 

z. Philos. u. ihrer Geschichte Nr. 44, Halle 1914. 
W. r. G B 1 e r , Die analytische u. STUoptiache BegriSsbildung bei Sokiates, 

Hito n. Aristoteles, Diss. Heidelberg 1913, S. 66 ff. 
FL Gamposch, Ober die Logik u. kw. Schriiten detf Aristoteles, Leipzig 

1839. 
Lor. Haas, Zu den lo^achen Formalprindpien des Aristoteles, Progr. d. 

Studienanst. Buighausen 1887. 
Georg T. Hertling, Materie u. Form u. die Definition der Seele bei 

Arist, Bonn 1871, namentlich S. 31 fi. 
flerm. Hettner, De logices Aristotelicae spaculativo principio, Dias. 

Halae 1848. 
CarlL.W. Heyder, Kritische Darstellung u. Vergleichung der Methoden 

.Aiisloteliscber u. Begelscher DialAtik etc., Bd. 1, AbL 1, Erlangen ISU, 

S. 131 fi. 
i. Baith61emy St.-Hilaire, De la logique d'Aristote, 2 Bde., Paris 

ISSa — Ders., Logique d'Aristote (Übere. mit Anmerk.), Pari* * Bde. 

itaa—istL 

Iiaac Husik, Matter and form in Aristotle, BibL f. Phikis. herausg. r. 

L. Stein, Bd. 3, Berün 1912. 
WernerWilbelmJaeger, Studien z. Entstehungsgeschichte der Meta- 
physik des Aristoteles, Berlin 191% namentlich S. 21 fi. u. S. CS fi. 
Job. Imelmann, Zur aristotelischen Topik, Progr. d.Friedr.Wilb.-Gymnas. 

in Berlin, 1870, S. 3. 
Fried r. Ferd. Kampe, Die EAenntnistheorie des Aristoteles, Ldpzig 

187% namentlich S. 158 fi. 
Karl Kahn, De noUonis definitione qualem Aristoteles consütuerit, Dias. 

Halae 18M. 
WernerLuthe, Beiträge z. Logik, IL Teil: Die Kategorien. Der SchluB. 

Beriin 1877, namentlich S. 1 fi. u. 460^ Der Aulsalz über die Kategorien 

ist schon im Ruhrorter Programm 1874 abgednx^ 
Leopold Habilleau*, La lc«ique d'Aristote, Toulouse 1884. 
Keinr. Uaier, Die Syllogistik des Aristoteles, 1. Teil TOlnngen 1S9S 

(Urteilslebre), a Teil 1900 (Lehre vom SchluB u. Entstehung d. aristo- 
telischen Logik). 
Salom.Maimon,Die Kathegorien des Aristoteles, mit Anmerii. erUutert 

und als Propädeutik zu einer' neuen Theorie des Denkens dargestellt, 

Berlin 1794. 
Fr. H i c h e I i s , Aiislotelia ntfl i^/nifttac librum pro restituendo totius 

phUosopbiae fundamento interpretatua est, Heidelberg 1886. 
I. .VeuhSuser, Aristoteles' Lehre v. d. sinnl. Erkenntnisvermögen u. seinen 

Organen, Leipzig 1878^ namenUich S. 7—19 u. 30 H. 



OgIC 



3S I- Teil. Abgrenzung und aUgemeine beschichte der Logik. 

D. Neumark, H&terie u. Form bei Arist., Arch. f. Gesch. di RiüoBh IMl, 

Bd. 24, S. 271. 
Clodius Fiat, Les cat^eones d'Anstote, Her. de phik». 1901 (Ref.). 
C a r I F r a Q 1 1 , Abh. d. Barr. Ak. d. Wiss., phüoa-philaL KL, Bd. 7, Abt. 1, 

Uünchen 1^3 (Ges. Bd. 18ä&), & 129 (Bedehung zu Flato). 
Herrn. R&ssow, Aristotelia de notionis deflnitione doctrina, BeroL IStö, 
Wilh.Scbuppe, Die arislolel. Kategorien, Berlin 1871 (auch Grmn.-Frogr. 

Gleiwitz). 
H. Steinthal, Geschichte d. Sprachwissensch. bei d. Griechen u. BömerD 

mit bes. ftOcksicht auf die Logik, BerUn 1863, SL 179—368 (2. Aufl. Berlia 

1890, 1. Teil, s. iaa-e7i). 

Charles Thurot, Etudes aux Aristote, Paris 1860, S. llSfl. 

Fr. Ad. Trendelenburg, Elementa logices Aristoteleae, BeroL ISSS 

(1. Aufl. 1852, 9. AutL 18B3). — Dera, Erläuterungen zu den Elementen 

der aristot Logik, Berlin 1S42 (3- Aufl. 187^. — Dera, De Aristotdi» 

categorii^, mun. prof. prolusio ex instit acad. Berol. 18331 — Dera., Histor. 

Beiträge z. Pbilos., Bd 1, Berlin 18(6, Geschiebte der Kategorie niefaie. 

S. 1—196. 
Th. Waitz, De Aristotelis libri »(^ Ifft^riiw cap. decimo, Harburg 1844. 
J. Wataon, Aristotle's posterior analytica, Fhüos. Review 1904, Bd. 13, S. 1. 
R. Witten, Die Kategorien des Aristoteles, Arch. f. Oescbl d. Pbilos; 1904, 

Bd. 17, S. 52 (auch Dias. Rostock). 
K. Wotke, Quellen der Kategorienlebre, Serta Harteliana Wien 1896, S. 33 

(dem Verf. nicht zug&nglich). 

Für Aristoteles ist das Allgemeine (tä xa^ölov, %ei 
xotvä) nicht, wie fOr Plato, aufierhalb des Einzelnen 
(naffä td jioXXa), sondern in diesem (xatd noXXiöv) gegebec. 
Das Einzelne (Individuelle, »a^htanop) ^ ist ein Zusammen- 
gesetztes ievvoXov) aus dem sl3os (auch fiOQfp^ oder Xö/og 
genannt) und der SXii (vgl. z.B. De anima B 412 a u. 414 a). 
Die Sl^ — deutsch meist mit „Stoff" (materia) übersetzt — 
ist nur fähig zu einer bestimmten individuellen Existenz 
{oTTtf Sv) gestaltet zu werden, sie ist nur ftSvapie (Potenz). 
Das «Woc — deutsch am besten mit „begrifflicher Form" 
(PranÜ) wiederzugeben, lateinisch species s. forma — ver- 
wirklicht die bestimmte individuelle Gestaltung und 
wird daher geradezu als ivttXixeta oder Ivi^yeta (Aktuali- 
sierung) bezeichnet Das eUos stimmt mit der platonischen 
Idee überein, insofern es stets ein Allgemeines (xawä nav- 
«d£, xa&iXov) ") ist, unterscheidet sich aber von ihr, insofern 

*) Allerdings braucht Ariatoteles diesen Terminus a^cb fQr das weniger 
Allgemeine (vgl. Qohlke S. 71). 

•) Wie Frantl L c- S. 131 zu zeigen versucht, bezeichnet .««iri ««»»«" 
dia Allgemeinheil, dagegem saMJav die AllgenKinbcit in Vertiindung mit dena 
,a«y «vtö*. 



2. Xipitel. AUgemnne Oesobiohte der LogiL 33 



es nur in dem Einzelnen, welches von ihm aus der vi^ 
gestaltet wird, wirklich ist Vgl. Zeller, L c. ill, S. 340. 

Die Mt) zeigen untereinander verschiedene Stufen der 
Allgemeinheit Daher kann auch ein und dasselbe in der 
eineD Beziehung vX^, in der anderen tlios sein. So wird 
es verständlich, dafi Aristoteles von einer n^^ür^ Sl^ und 
einer iaxär^ H^ spricht Die obersten eiS^ sind jedoch 
nicht etwa die Gattangen (yi»^), sondern seltsamerweise 
beschränkt Aristoteles die eti^ auf die begriff Uchen Art- 
formen. Dio yiv^ entsprechen, insofern die Differenzierung 
hier noch auf einer allgemeineren Stufe stehen geblieben 
ist, der undiSerenzierten vlti- Daher stellt er zuweilen die 
yivj den etJ^ geradezu als vXij gegenüber. Die Unterschiede, 
durch welche die liJij sich aus den )^*^ differenzieren, sind 
die itaytoQai el6onotai (differentiae speciücae), und daher 
nennt Ä. die ^ivi} „dqxal xüv ilSüv^' und erklärt ausdrücklich : 
„ix toS yivovs xal tw» itagioqtSv fä eW»?" (Metaphys. 1057 b, 7) '). 
Woher die ita^onal selbst stammen, bleibt unklar. Bald 
erscheint das tidag als die Ursache der dta^o^ai, bald als 
ihr Produkt {?), bald als mit ihnen identiscli (Metaphys. 
1038 a, Top. 143 b u. a. m.). Jedes eiSos bestimmt das An 
sich (vä xa»' avto) des von ihm verwirklichten Einzelnen, 
d. h. seine wesentlichen Merkmale {avfißeß^xota xa9' uvtä) 
und — nach späterer Auffassung — einen unveränderlichen 
bleibenden Träger derselben^). Woher die unwesentlichen 

*) Die unklare Doppelstellung, welche somit dem arislotelischen Beeriff 
d« fttf zukommt, scheint mir noch nicht ganz ausreichend eewQrdift worden 
m jdn. Wenn man mit Prantl (I. c. S. 829 u. 236) u. a. der aristotelischen 
GattniK auch ein „stoECliches Sein" im Gesensatz zur .^begrifflichen Form" 
deg üAie zuschreibt, so ergeben sich für die aristotelische Lehre drei total 
verschiedene Dillerenzierungen ; eine SelbstdiSereii zierung der vi^, welche die 
vnsehiedenen Gattungen herrorbringt, eine von der „Natur" {nupvöc) der 
Gtttuagen abh&ngige Differenzierung der Gattungen ii^ ttif? und eine — ge- 
«isEermaflen rtk:klaufende -:- Differenzieruns der v^ii tiurch die OSn- Der 
Gedanke, den Dualismus zwischen v^ und tUi/ und diese drei Differen- 
narongeA durch die monistische Lehre einer fortschreitenden SelbstdiUereu- 
zienuig der Siii zu ersetzen, lag Aristoteles ganz fem. Vgl Ober diese 
Sehvierigkeilfn auch Gohlke 1. c. S. 81 u. Hertling 1. c. S. 46. 

*) Wie «eit Obrigeiis Aiistoteles selbst neben der Zerlegung in (/^bc 
lud vjif eine solche Trennung des «a^* 'iri und dunit der o^ata in einen 
kenaluiten, selbst eigenschaftslosen, aber die wesentlichen und unwesent- 
üebeo Eigenschaften tragenden Träger (Substanz im s(iäleren Sinne) und die 
wegeDÜieben Eigenschalten gelehrt hat, ist sehr zweifelhall. Jedenfalls fehlen 
tür beide spezielle, konstante und eindeutige Bezeichnungen. Strenggenommen 
Ziiliii, 'Lakcbuch dsr Ix«ik. 3 

„.,,„, ^.oogic 



34 I- Teil- AI^TeDiang and oUgammne Geschichte der Lo^. 

Merkmale, das zufällige avfißtfi^xis*) des Einzelnen kommt, 
wo die Grenze zwischen den weseutlicheD und den im- 
vesentlichen Merkmalen liegt, und wie die Vervielfältigung 
eines sUog zu vielen individuellen Substanzen {also die 
sog. Individuation) zu denken ist, hat Aristoteles in den 
uns erl^iltenen Schriften nicht mit ausreichender Klarheit 
erörtert. 

Das Einzelne («o'dc vi) bekommt, indem es von dem 
zugehörigen sJios in der Sit} gestaltet wird und das xaS^ 
ttito dieses e/<fo; übernimmt, damit eine bestimmte Wesen- 
heit {ovtria, substantia) aJs icxatov slSos (De part anim. 
644 a, 23). Diese somit unmittelbar vom eliog abhängige 
wesentliche Bestimmtheit wird von Arist zuweilen auch füs 
„To %i iaxt" oder auch, insofern sie dem zugrunde liegenden, 



kennt er beide nidit einmal im losischea Denken, weder im Uriul noch in der 
DeflnitioD. Im Urteil unterscheidet er allerdings daa Subjekt, das üna>cf|Uo«r 
und die Piidikate, die xat^tfutifiivti und teilt letztere in wesentliche, die 
ttaii i»v vanxti/ilyov., und unwesentliche, die if iip imanufiirif ausgesagt 
werden. Indessen ist hier das Subjekt offenbar nicht ein eigenschaflsloser 
Träger, sondern die vollständige oi«l<t (= il<bt -1- ^^)- Übertr&gt man also 
lemiS dem allgemeinen aristotelischen Parallelismus zwischen Sein (thiai) 
und logischer Aussage (MmtiJYoqita»at) den logischen SubjAtbegrifi in das 
Onlologiscbe, so erhält man die oötfte. Eljenso wQrden den wesentlichen 
Pridikaten ^xnt^e^fitfa xatä . . .) einerseits die yirit^ andrerseits die 
Asfiopai tUimtiol entsprechen, da beide als Prädikate ausgesagt werden 
können, wobei die illegal Moatui von den M^ abhängig zu denken 
sind und bei Aristoteles nicht immer streng von ihnen unterschieden werdm. 
Den unwesentlichen Prädikaten {Kaitiyoqoi/iii'v ir. ..) würden ontologisch die 
unwesentlichen avftfitpiineta entsprechen. Auch bei der ontologischen Über- 
tragung bleibt also für einen eigenschaftslosen Träger kein Platz. In der Tat 
braucht daher Aristoteles ontologisch die Bezeichnung meKd/iamf bald for die 
eiaüt, bald — minder korrekt — für die ,viii (vsL Metaphjs. IC^ a, lOtöa. 
lOät b u. a. m.), fOhrt aber nirgends — v>edet logisch noch ontologisch — 
ein reines Subjekt odc eine reine Substanz ein. Dadurch, daß A, noch über- 
dies nicht selten das Wort eMa auch fOr (JAr braucht (vgl. unten S. 36, 
Anm. 10), ändert sich hieran nichts. Erst viel spater trat die Spaltung des 
«rffff«- Begriffs in die reine substantia und die aus den Wesenseigenschaften 
bestehende essentia ein. Vgl. auch Gohlke I. c. S. 78 ff. 

*) Der Terminus ao/iflißii'ii (accidens) hat bei Aristoteles eine drei- 
fache Bedeutung. Erstens bezeichnet er das zufällige, d. i. unwesentliche, 
nicht notwendige und daher nicht immer vorhandene Meitonal; zwdtens be- 
zeichnet er das wesentliche, notwendige, stets vorhandene MeAmal und 
wird dann oft genauer formuliert als mtftfi*p^*ie xttS^ avtä (fast identisch 
mit lAsr biw. Üion nä^os); endlich drittens wird er für das Merkmal Ober- 
haupt gebraucht. 



OgIC 



2. Kqritol. AUgemeinp Oeechicbte der Li^k. 35 



gewissermaSen (I) zeitlich früheren slSog entspricht, als „t6 
tj fv iivat" bezeichnet (=■ ovaia arev vl^s) ")■ 

Za der kausalen (verwirklichenden) Beziehung der *t3^ 
za den einzelnen Dingen, wie sie in allen diesen Lehren 
bervortritt, kommt nun weiterhin eine finale : die individuelle 
Wesenheit ist zugleich das Endziel (riXas) des Verwirk- 
liciiungsprozesses des «U05. Mit eioer nicht ganz einwand- 
freien Verschiebung der Begriffe kann dann auch das alioe 
selbst nicht nur als Ursache, sondern auch als Ziel — inso- 
fern es sich selbst in einer individuellen Substanz verwirk- 
licht — bezeichnet werden (z. B. Ausc. phys. 199 a). 

Die ersten (obersten) DiSerenzierungsrichtungen des 
VerwirklJchungsprozesses bezeichnet Aristoteles auch als 
Kategorien^') {al xas^Y^f/iat %ov ovto;, z. B. Metaph. 9, 
1045 b) >^. Sie sind also die allgemeinsten gemeinsamen 
aossagbareQ Bestimmtheiten des Seienden {tä xoira nQita ; 
o[( äfunat so öv) und entsprechen in manchen Beziehungen 
den xoivÄ Piatos (vgl. S. 27). Ob die später meistens über- 
Ueferte Zehn zahl {ovaia oder ri ian = substantia, noaöy 
= qnantum, noiöv = qufile, nfö^ t* = relatio, nov — ■ ubi, 



") AJle TerdeutschuDKen dieser AuadrOcbe sind unzuieicheml, ich hohe 
^a die giiechiflclien Worte sieben lassen. Die Überaelzungen Pruitla 
L c. S. 211) — „begrifOiches Sein" für .lä rl im" und „schCpferischer 
^esensbegiiff' für t'^ tI ify »hitu* — scheinen mir nicht recht passend, Aa, 
für mein Sprachgefühl das Begriflliche dabei etwas mehr in den Vordergrund 
Krackt wird, als es dem Briechischen Ausdruck und der Intention des AA 
enUprichl. Üher die Bedeutung von rö rf iy iltvi vgl. auch Trendelenburg, 
Rbeio. Uus. f. Pbilol. etc. 1826, Bd. 2, H. 4, SL «7 tl F. Natorp, PUtos Ideen- 
iebce, Leipzig, 1906, S. 386. Übrigens ist Aiislcteles selbst in seinen Schrif- 
ten — 30, wie sie uns voriiegen — terminologisch nicht konseoaent. Ins- 
betandere neigt er dazu, das Wort oäaUt, das streng genommen die Vei>- 
«nigang von ('<bf nod ii^ bezeichnet (Metaph. 1066 a), gelegentlich auch 
iTiMDvm mit tUt anzuwenden. — Die Bezeichnung itmifm ev«iat für die 
rJf aod iMf (im Gegensatz zu dem Einzelnen) findet sich nur in der Eate- 
loiieittchrift (2 a u. b). — Auch der Tenoiaus ti Ini wird nicht eindeutig ver- 
WHidei. Bald geht et nur auf die Gattung, bald auf die im^a^i (vgl 
V«<t[ri). 106O a, 18), bald auf beides. 

>') Über den Terminus s. Uaier, I. c. ü, 2, S. 90{, Anra. 1. 

") Oleioh bedeutend naniftfiifiKia und tx'il"" '^'^ W*'i '^^ "vv* 
7*fiiw. Ansdruoklich bezieht fibrif^ns Ar. die Kat^orien auob auf daa./itq er 
<!■ B. Metaph. 1089 b). Die Beatong des tb ir in der Zusammenatellang 
HnT*^! t*v Sywof ist auBerdem noch strittig (vgl. Metaph. 1017 a). Bonitz 
ud Schappe verstehen darunter das Wirkliohe (Bonitz anch das Gedachte) ; 
iMh Apelt 1. c S. 112 ist lä är dos i«€* des Drtdls, ^so die Eopnla, und 
der Dispmng der Kategorien somit im urteil zu snoheo. 



1,1^.001 



'S'c 



36 I- '^eil- AbgrenzDog and allgemeine Gesolüolite dar Logili. 

ttort = quando, leeia&at = situs, ix"" =~ habere, notsiv = 
facere, näax'tf = pati) von Arist selbst geleluii worden 
ist, ist zweifelhaft'^. Da sie sich- nur an zwei Stellen 
(Cat Ib, 25 u. Top. 103 h, 21) findet, an anderen Sollen 
dagegen andere Aufzählungen gegeben werden, hat man 
wenigstens anzunehmen, daS Arist., wenn er auch anfangs 
10 Kategorien gelehrt hat, später an dieser Zahl nicht fest- 
gehalten oder keinen Wert auf die Aufzählung gelegt hat 
Für die zweite, dritte und fünfte bis zehnte Kategorie wird 
auch der zusammenfassende Ausdruck „irä-»^" gebraucht 
Die Kategorie . ft^ög %t wird ausdrücklich als sekundär be- 
zeichnet (Metaph. N 1088 a, 22) "). Insofern die Differen- 
zierung der höchsten Gattungen gemäfi den Kategorien er- 
folgt werden die letzteren zuweilen geradezu als yivii be- 
zeichnet (De anima A 402 a, 23) , doch ist diese an Plato 
anklingende Verschiebung des Begri5s der Kiitegorien wohl 
nur auf eine Ungenauigkeit des Ausdrucks zurückzuführen. 
Von den GrundbegriHen Sl^ und eüos bxw. ivvaiiis und 
ivi^eta bleiben die Kategorien insofern geschieden, als sie 
sich auf das tatsächliche Denken und die tatsächliche Er- 
fahrung beziehen, ohne wie jene eine metaphysische Zer- 
legung in erste Gründe (o^z^O ^u involvieren (Bonitz; 
Luthe S. 27). 

Der erkennende Mensch tritt dem ontologischen Tat- 
bestand in einer besonderen Weise gegenüber. Die eii%, 
die „der Natur nach das Frühere" (nQÖtena j^ gtvtrti) sind, 
sind uns als solche nicht gegeben, sondern nur die einzelnen 
Dinge, in welche die tX^ sich durch die ttSti gestaltet hat; 

'*) Eine sehr TollsUndige Zuummenstelluns der im einzelnen m&nnig- 
fach abweichenden Aulzählungen der K&tettorien bei Aristoteles gibt Apelt 
1. c S. 140. Siehe auch das Verzeichnis der Synonyma ebenda und Maier, 
]. c. Bd. 2, Abu 2, S. S99 ff. Ein Hinweis auf die kategorialen Momente findet 
sich Obrigens schon be^ Plalo (Tünaeus 37 A, vgl. Gercke 1. c und Maier, 
l c. n, 2, S. 394. Anm. 1). 

") In dem unechten SchluBabachnitt der Kategorienschrilt (14 b ff.) 
werden nachträglich noch folgende Kategorien hinzugefOgt: ngiitfor, Sf4», 
tUfitoK aod tjrtir (letzteres erscheint also zum zweiten H&le). Philoponus 
(Comment. in categ., ed. Busse, Akad. Ausg. Bd. 13, Pars I, Berlin 1898^ 
S. 13) bezeichnete diese als lä ftua nr Matriyoglae; die späteren Logiker 
nannten sie daher postpraedicamenta im Gegensatz zu den ursprOnglichen 
Kategorien, den praedicamenta. Da« doppelte Auflceten des fx*'" ^^ 
einigermaBen verst&ndlich, wenn man berücksichtigt, daS Aiist. in der Auf- 
zählung der Kategorien gerade fz**' <>'t ganz wegläSt. 



2. Eaintol. AUgemetne Gesohichte der Logik. 37 



die einzelnen Dinge, wie wir sie durch das Wahrnehmen 
(Empfinden, aXo&^UH;) kennen lernen, sind also „für uns 
(mit Bezog auf uns) das Frühere" {n^ottga n^äs ^päg, Analyt. 
post A 71 b, 33). Wir sind daher darauf angewiesen, das 
Allgemeine in dem Einzelnen zu erkennen. Der Teil der 
Seele (/töftov v^t ifmxijs), welcher die Fähigkeit hat, aus 
den einzelnen Wahrnehmungen oder Emp&ndungen nnd 
ihren Erinnerungsbildern (aladi^ftaTa und ^artdapata) das 
Allgemeine zu erkennen, ist der v«vf i^). Als vove na9iin- 
m (intellectus passivus) bedeutet er nur die Fähigkeit, 
auf Grund der Wahrnehmungen das Intelligible {%ä foijra) 
EU erfassen, ähnlich wie das Empfindungsvermögen das 
Sensible -erfaßt»*). Nur potentiell (später intellectus possi- 
bilis genannt, Ar. spricht nur von „dvväfut") ist er im Besitz 
der voi/zä (Ar. sagt sogar: Jwa/ui näg iati wä poi/ta). 
Erst bei dem wirklichen erkennenden Herausarbeiten der 
tii^ und damit des Allgemeinen aus i^en Wahrnehmungen 
vird er aktiv (später vovg noifitxo'c genannt, ~bei Ar. selbst 
nur To not^uxöv) i'). In seiner letzten und höchsten Tätig- 
keit vermag der vovg sogar sich selbst zu erkennen (avwog 
anin vosiv, De anima r 429 b, 9). Dabei wird er identisch 
mit dem Erkannten >*) {taiStiv vovg xal wiijro'w, Metaphys. 
^ 1072 b, 21) und ist — ebenso wie die Sinneswahrneh- 
mung als solche — dem Irrtum nicht ausgesetzt Bei der 
Erkennung des Allgemeinen im Einzelnen stützt sich der 
wvs auf bestimmte Sätze, die er unmittelbar erkennt Diese 
numittelbaren Sätze {n(fotäastg ä/tsaoi, Analyt. post Ä 72 a, 7) 
nnd die Sinneserfahrung gestatten dem vovs, die yivij und 
tii^ begrifflich zu bestimmen (S^os, Sgiuftös} und für jedes 
T/ivos und gldog das ihm an sich Zukommende (tb t^ ovt» 

") Deutsch wire revr nrit „Veratanil" oder „Vernunft" wiederzugeheiv 
Bei der sehr verschiedenartigeQ Gebrauchsweise dieser deutschen Ternüni 
»U jedoch hier nur das niechische Wort verwendet werden. Die Stellung 
de« rtif ZOT ^iiävoui' ial noch sehr strittig (vgl. Brentano, Hertling, Neu- 
hinset, Kampe u. a.). 

'■) Vgl. Bokownew, Der »-wf Tiati/tixie bei Aristoteles, Afch. f. Gesch. 
i- Fhilos. 1909, Bd. 23, S. 493. Die »•üs-LebTt des Aristoteles ist noch in 
nden Punkten unklar. 

>>) Vgl. namentl. De anima 429-^1. In der sehr auUftUigen Stelle der 
?fitomach. Ethik lltöb mächte ich annehmne, daB afeAqvv im allgemeinen 
Sinae des Eikennens gebraucht wird (gegen Prantl). 

") De anima 430a: inl ftir fiq lär äftv Siiit ro aiii ian xo rnoin 
»1 (ä ptovfitrcr. 



ogic 



38 1' ^Bil- AbgieozuDg DDd sUgemaDe Oeschtohte der Logik. 

inä^X'^vra x«^' at%6, Metaphys. T 1003 a, 21) festzustellen. 
Dadurch bekommt die Erkenatais den Charakter der Not- 
wendigkeit und Allgemeinheit Das Verfahreo, welches der 
erkennende Mensch dabei anwendet, wird von Aristoteles 
als das apodeiktische bezeichnet (auch kurz dnööet^H)- 
Es ist die Qrundl^e jeder Wissenschaft {inici^nii). Ihm 
stellt Aristoteles immer wieder das dialektische Ver- 
fahren gegenüber, welches nicht mit notwendigen Wahr- 
heiten, sondern mit zufälligen Wahrscheinlichkeiten zu tun 
hat. Bei der Apodeixis wird i^ alij^äv xai nQwtav direkt 
oder indirekt das Wahre erschlossen («««* dl^Setav), bei der 
Dialektik i^ ^rfof«v das Wahrscheinliche (t^ös Sö^av) i»). 
Dort handelt es sich um Notwendiges, das nicht anders 

sein kann {ävoYxala — ovx ipdix^tcn aXlug ix"")) ^'^^ ^™ 
Zufälliges, das auch nicht so sein könnte (cvfißeß^uöra — 
ivJixsrat /*^ liwaex«*»") *")■ Dort ist die Selbstüberzeugung 
(xad-' iavzöv), hier die dewinnung der Zustimmung eines 
Anderen (nfAg ftc^ov) das Wesentliche. 

Anders ist der Gegensatz der änödst^g zur inayayfi 
i oder Induktion, d. h. dem SchluBfolgem aus gesammelten 
Einzelbeobachtungen. Letztere sind notwendig, um die eiä^ 
bzw. das Allgemeine zu erkennen, aber die ärtöSeiiig leitet 
nun rückläufig aus dem Allgemeinen das Einzelne her und 
unterscheidet sich insofern wesentlich von der htayrny^. 
Daher heifit es ausdrücklich einerseits:") „Itfn ^ (xiv änö- 
Set^ff ix täv xa&öXov, ^ 6' inayioyij ix xäv xata fii^og" und 
andererseits: „divvatov ii lä xaitöXov ^eraq^aai (x^ Jt ina- 
ywy^s." Das wesentliche Denkmittel, welches der Apodeixis 
zur Erreichung ihres Ziels zur Verfügung steht, ist der 
avlloyiafiös, d.h. das methodische Schlufiverfahren, durch 
welches aus gegebenen Sätzen ein neuer abgeleitet wird, 
der aus jenen notwendig folgt Die Begründung der Lehre 
vom Schluß (im logischen Sinn) ist das Hauptverdienst des 
Aristoteles um die Logik ^>). 

Und noch einen dritten Gegensatz stellt Aristoteles 
fest Insofern die Apodeixis das Zusammengesetztere 

»•} Vgl z. B. Tqp. A 100 a und 106b, 30 sowia Analrt. prior A «a 
und B 65a, 35. 

'*) VsL Analyt post. A 76 a und Metaphya ^ 101& u. a. cn. 

") Analyt post. A 81 a. 

'*} Vgl Maiers ausführliche Darstellung der „Entdediimg" des Syllogis- 
mus. 1. c. U, 2, S. a6H. u- 168 H. 



lA.OOt^lC 



2. KspitsL ABgememe 0«achiohte der Logik. 30 

auf eiofacheTe Prinzipien zurückführt, kann ihr Ver- 
ehren als analytisch bezeichnet werden. Äristotelee 
^braucht daher die Bezeichnung avälvatg (gelegentlich 
such dpayttri), fast gleichbedeutend mit dnöiat^ic") (da- 
her auch der wohl auf Aristoteles selbst zurückgehende 
Titel zweier seiner Werke, s. S. 29). Dem analytischen Ver- 
fahren stellt er nun das logische {Xornis ^r^s) gegen- 
über. Während das erstere im Sinn der Apodeizia seine 
Schlüsse aus allgemeinen Sätzen und Begriffen ableitet, 
begnügt sich das letztere — das „logische" Verfahren im 
Sinn des Aristoteles — mit Schlüssen, die auf Argumenten 
im Sinn der Dialektik (siehe oben) beruhen. „Logisch" 
und „dialektisch'' deckt sich deiher bei Aristoteles zu einem 
wesentlichen Teil**). 

Übrigens war Aristoteles, wenn er auch die Dialektik 
der Apodeiktik unterordoete, von einer Unterschätzung der 
praktischen und technischen Bedeutung der ersteren weit 
entfernt. Seine Topik (vgl. S. 29) behandelt speziell solche 
Fragen der logischen Technik und entspricht mehr der 
dialektischen als der apodeiktischen Methode. Insbesondere 
erörtert er hier auch die Gesichtspunkte (rönot), von 
denen aus Fehlschlüsse zu vermeiden und zu erkennen 
sind, und gibt praktische Regeln für die Gewinnung in sich 
widerspruchsloser Schlüsse auf Grund wahrscheinlicher Prä- 
missen. Die fünf Gegenstände dieser Argumentations- 
methodik sind: Definition (Sfo; oder Sinaii6s), tStov (ein- 
deutiges, aber nicht wesenhaftes Merkmal), yivos und diagpo^a 
(Gattung und Unterschied), avfißtß^xös (zufäJlige Eügenschaft) 
and ta'ÖKQv (Dieselbigkeit, d. h. Gleichbleiben nach Zahl, 
Art und Gattung) *% eine Zusammenstellung, die durch den 
Mangel eines einheitlichen Einteilungsprinzips auffällt 

Frägrt man nun, wie weit die Apodeiktik und Analytik des 
Aristoteles der „Logik" im heutigen Sinne und speziell 
uch der Logik im Sinne onsrer ersten Definition (S. 1) ent- 
spricht, 80 ergibt sich, daß die Apodeiktik des Aristoteles sich 
zwar in den meisten Beziehungen mit unsrer Logik deckt, sie 

■^ AiwIyL prior. A 49 a, IS und Analyt post. 90 &, 37. 

**) Vclz.fi. Analyt. post AS4a und B 9a a,U; Top. 168 b, 27; andrer- 
wle spricht ArisL zuweilen auch von einer loyixij äniittfie. 

'*) Vgl. Top. A 101 a. Das .nnor* nimmt Obrigens eine Sonderstsllunff 
«iD (s. Top. A108*). 



iM,Googlc 



40 ^- Teil. AbgreoEDOg und allgemoine Geecliichte der Lo^b. 

aber doch DOch immer in einer untrennbaren Verbindong mit 
ErkenntniBtlieorie und Metaphysik enthält. Aristoteles gribt 
nicht etwa nur eine erkenntnistheoretische Grundlegung für 
die Logik — wie es auch die modernen Logiker noch sehr oft 
tun — , sondern die Ai>odeiktik bzw. Analytik ist als Ganze*» 
noch fast vollständig mit erkenntnietheoretischen und vor 
allem auch metaphysischen Lehren verwoben. Baß Aristo- 
teles der Logik eine größere Selbständigkeit gegeben hat, ist 
sonach öur im Vergleich mit Plato imd im Hinblick auf viele 
Einzelausfühnuigen, die sich von ßrkenutnistheorie und 
Metaphysik unabhängig machen, zutreffend (vgl. S. 20). 
Keinesfalls ist also die aristotelische Apodeiktik bzw. Ana- 
lytik als solche — ihrem Hauptinhalt und ihrer A4)sieht 
nach — mit unsrer Logik zu identifizieren. Sie umfaßt ein 
viel weiteres Gebiet als letztere. So wird es auch verständ- 
lich, daß dje moderne Logik zur Dialektik und Logik im 
aristotelischen Sinne nicht in jenem scharfen Gegensatz steht, 
den Aristoteles immer wieder zwischen den beiden letzteren 
und der Apodeiktik hervorhebt. Vielmehr gehört vieles, was 
Aristoteles zur Dialektik und Logik (in seinem Sinne) 
rechnet, durchaus zum Bereich der modernen Logik. Auch 
wird es so erklärlich, daß man in der Folgezeit, als sich das 
Gebiet der modernen Logik mehr und mehr aus der Apo- 
deiktik (Analytik) abgrenzte, für dieses abgegrenzte Gebiet 
die Bezeichnungen „Dialektik" und ,JjOgik"") wählen 
konnte (s. unten), die bei Aristoteles an manchen Stellen 
geradezu in einem Gegensatz zur Apodeiktik (Analytik) 
stehen. 

Die kurzeD vorstehenden Ausfühningen geben von der eAenntnis- 
thearetisch - metaphysischen Grundlage der aristotehschen Logik seltist- 
verständlich nur ein ganz summarisches Bild. Auch darf nicht verschwiegen 
werden, daQ erstens in den aristotelischen Schriften, wie ide uns überliefert 
sind, manche Unklarheiten und auch Widersprüche gerade bezüglich dieser 
Grundlagen enthalten sind, und daß zweitens auch die Auffassung gerade 
dieser Lehren des Aristoteles noch heute in manchen wesentlichen Punkten 
strittig ist. In den S. 30 zitierten Schriften sowie in den Weiten Ton 
PrantJ, von Brandis und von Zeller Qndet man ausgiebige Belehrung über 
diese Schwierigkeiten. Die von mir gegebene Darstellung steht der Prantl- 

") Der Name Logik kommt schon bei den Uteren Peripatetikem vor. 
Vgl. Boelhius, In Top. Ciceron. Comment. I, ed. BasiL S. 760 und De difl. top. 
1, S. 857 („omnis ratio disserendi quam Logicen Peripatetici veteres appel- 
lavere, in duas distribuitur partes, unam inveniendi, alteram judicandi"). 
Aristoteles selbst braucht das Wort ivyutit nur in adjektivischem Sinne. 



OgIC 



2. Kapitd. AUgemetne OMohichte der Jjogik. 



vhm tm nichxten, weicht aber von ihr auch tn mascheu wichtigen Punkten 
romtlich ab, ich boße diese Abweichungen an andrer Stelle ausführiich m 

berfisd«]. 

i 10. Unmittelbare Sehöler des Aristoteles. Schon bei 
dm ältesten Schalem des Aristoteles macbt sich der oben 
(S. 40) angedeutete ProseQ der Losloennfr der Logik von der 
Metaphysik und Erkenntnistheorie und der Beschränkang 
auf die formalen Denkregeln bemerklich. Wenigstens ist 
dies mit großer Wabrecbeinlichkeit aus den zerstreuten Be- 
merkungen zu scblieOen, welche uns über die Schriften des 
TheophrastußM (ca. 370 bis ca. 285) und Eudemn8*> 
(etwa gleichzeitig mit Theophrast, vielleicht etwas jünger) 
überliefert sind. Damit steht es wohl in Zusammenhang, daß 
beide sich auch besonders eingehend mit den Beziehungen 
der Logik zur Sprache, namentlich zur Grammatik be- 
schäftigt haben'). Außerdem wird ihnen die Begründung 
der Lehre vom hypothetischen und vom disjunktiven Urteil 
mgeschrieben, TJrteiteformen, deren Bedeutung Aristoteles 
nicht gerecht geworden war (vgl. die historischen Bemerkun- 
gen in dem Spezialabschnitt). Das dialektische latereBse des 
Theophrast bekundete sich auch darin, daß er die Topik ein- 
gehend behandelte. Dabei strich er von den fünf Haupt- 
gesichtapunkten des Aristoteles (vgl. oben S. 30) das tavrov 
und trennte die dta^oQä vom y6po(. Die Reihe lautete jetzt 
also {nach der Rekonstruktion Prantls) : ögts/iös (^^o«), r^vo«, 
iuifofä, l3tov, avßßtß^ög, ohne daß wir übrigens imstande 
wären, die Bedeutung dieser 5 Punkte scharf anzugeben. 

S 11. Eplkoräer und Stoiker. Epikur (341—270) 
und seine Schüler haben die Bedeutung der Logik ent- 
Qirechend der praktischen Tendenz ihres Systems völlig ver- 
kannt '). Die Logik wurde daher auch nur ganz nebenher in 

*) Am «ichtigsten sind die Angaben von Alexander Aphrodis., Com. 
nuQt in Aristot Graeca Bd. 2, Teil 1, S. ISS, 328, 388, 69, 132, 124, 378, 220. 

^ Alex. Aphrod. L c. 220 U. 124; Joh. Philoponiu, Commenl. in Aristot. 
Graeca Bd. 18, TeU 2. BerUn 190b (ed. WaUiea), S. 4ß, 12», 129 u. 242. Aus- 
iOhiliche Angaben auch bei PranU, 1. c. 1, S. M9 lt. 

*) DaB diese schon bei Aristoteles selbst bei der Entdeckung und Enl- 
■idiniis der STllogiatik eine groDe Rolle gespielt haben, hat Maier gezeigt 
Acn, % S. 1790.). 

'J Cicero, Acad. prior, n, 30, 97: „Epicuro, qui totam dialecticani et 
«ntennit et jrridet»; Diog. Laert, De vit X, 31 (ed. Cobet S. 261) ,t«v 

"li itie jnr n^Yitäimf ^94y]ramc.' ' 

„.,,„, ^.oogic 



42 1' 7^1- AbgreDzaog nnd allgem«De Geechiobte der Logik. 

der ErkenntniBttieOTie, dem xavovtxöv *), abgehandelt. Hafi- 
gebend für die Wahrheit der ErkenntniB ist die angenschein- 
liche G«wifiheit (dvänytta) der Sioneswahmehmungen, aus 
denen wir Erinnernngsbilder (Tt^oX^ifuis) zurückbehalten. 
Wir kommen daher im allgemeinen nicht über Meinungen 
{i^^aty vnoi.riif)stg) hinaus, deren Gültigkeit von der Bestäti- 
gung durch die Sinneserf ahmng abhängt *). Unter den 
späteren Epikuräem scheinen Zeno aus Sidon und Philo- 
de m u e sich wenigstens oberflächlich mit dem Wesen der 
Induktion, namentlich dem Schliefien aus Zeichen (tr^ptta) 
beschäftigt zu haben *). 

Im Gegensatz zu den Epiknräem beschäftigten sich die 
Stoiker sehr ausführlich mit der Logik'). Äußer dem 
Stifter der stoischen Schule, Zeno von Citium (334/3 
bis 263 nach Gomperz), hat namentlich Chrisippns (c 2^0 
bis c205) sehr zahlreiche logische Schriften verfaQt, von 
denen uns allerdings nur sehr spärliche Bruchstücke erhalten 
sind*). Schon bei Zeno erscheint als dritter Hauptgegen- 
stand der philosophischen Erkenntnis neben dem „jpvfftxör" 



>) DioB. Laert 1. c. X, 27 u. 391. (ed. Cobet. S. 261). Ein Hauptwerk 
Epikurs weit betitelt; ntfi jifti^qiov (n&mlich der Wahrheit) ? Kanöf. Ein 
Buch Demokrits trug anseblich bereits denselben Titel {ifQl Uyinä- *aniir). 

*) V^. hierzu namentlich Epicurea, ed. H. Ilsener, LeipziE,1887, S. 177 K. 
und Naiorp, Forschungen zur Geschichte des Eikenntnis Problems im Altertum, 
Beriin 188(, S. 209 ff. 

*) Vgl Friedr. Bohnach, Des Epikureera Philodemus Schrift nt^l a^fuimr 
«ai v^fituüattv, Lyck 1879; Th. Gomperz, Herkulaoische Studien, H. 1 
Phitodemua Ober Induktionsschlüsse, Loipzig 1865, namentlich S. 29. 

") Vgl. Joannes ab Arnim, Stoicomm veterum ftaementa, Bd. 1, Lips. 
1906 Zeno et Zenoma discipuU.'namentl. S. 16 fl., Bd. 3, 1903 Cbrysippt btg- 
menla bgica et physica S. 18—110, Bd. 8, SchlUer des Chrysipp, S. 312 u. 
2K. Unter den Schriften tlber die Logik der Stoiker sind am wichtissten : 
Imman. Uenr. Ritter, De stoiconom doctrina, praesertim de eomm logica. 
Vratislav. 18(8, nauL § 4 f. u. 16 ff.; Rud. Nicolai, De logicis Chrralppi libhs 
tarn coUigendis quam ad doctr. rationes accomm. disponend. conun., Grmnas. 
Progr. QuedlinbuTB 1869, S. 1 — iQ; Rud. Hirzel, Do bsica Stoiconun, in Satura 
phJlologa H. Sauppio oblata, Berl. 1879, S. 61; Brochard, Arch. f. Gesch. d. 
Philos., 189% Bd. b, S. 449; Faul Barth, Die Stoa, Sluttsait 190S, S. 69«. u. 
66fi.; Ludw. Stein, Die Eikennlnislheorie der Stoa, Berlin. Stud. f. klaas. 
Philol. u. Arch., 1888* Bd. 7, a 1, S. 87 ft. und Die Psychologie der Stoa. 
ebenda 1886, Bd. 3, H. 1, S. 1; Hamelin, L'ami6e phUosophique, Bd. 12 f. 
1901, Fans 1902 *. Prantl und Zeller haben die Liwik der Stoiker wohl etwas 
xa niedrig eingeschätzt 

•) Diogenes Laeriius zlhlt über 100 Titel auf (I. c. VH, 189). 



OC^IC 



3. KapitoL ADgemeiDB Oescliiohtt der Logik. 43 

OQd „^txov'* das ^lorixöp" 0- Die hiermit abgegrenzte 
qLogik" umfaßte jedoch immer noch auch die Erkenntnis- 
theorie nnd die Rhetorik. Der Teil der Logik, welcher der 
Logik in unserem Sinne (also im formalen Sinne) entspricht, 
wnrde als Dialektik bezeichnet (JtaXtxttx^), war aber weder 
fegen die Erkenntnistheorie noch gegen die Rhetorik scharf 
abgegrenzt ')■ 

Die Dialektik selbst hat es einerseits mit den sprach- 
lichen BezeichnimgeD, den a^ftaivovta (auch kurz „gHoy^" 
genannt) und andererseits mit dem Bezeichneten, den o^/iat- 
vofuva, zu tun. In dem Uyos trifft beides zusammen: als 
iöjos ivdtäd^ttof ist er der bezeichnete Qedaokeninhalt, als 
löfos 7Ttio^ofi$xög das bezeichnende Wort Die stoische Lehre 
voD den «fjuairovra ist im Wesentlichen eine Laut- und 
Sprachlehre, scheint aber auch Poetik und Musik umfafit 
ZQ haben. Die Lehre von den a^ftaivöfuva behandelt nicht 
etwa die bezeichneten Dinge {n^yiutxa), sondern die tod 
den Worten bezeichneten QedanJceninhalte, das Xnnöv (wört- 
lich fibersetzt: das Ausgesprochene, die Äussere). Während 
die ^mv^ (das e^/iaivw) lediglich ein körperliches Laut- 
gfibilde ist, ist das lenvöv die unkOrperliche Wortbedeutung. 
Von dem Denkakt, der nach stoischer Auffassung als eine 
kßrperliche Veränderung der körperlich gedachten Seele 
anzufassen ist, soll dies Isxtov verschieden sein. Es ist 
eio Mittleres zwischen dem Denkakt und dem Ding {ftiaov 
nv Tc voiifunos xol %ov n^äyttatos)'). Es scheint jedocb, 
da0 die Stoiker nicht zu einer völligen Klarheit über diese 
Mittelstellung des X»xTiv gelangt sind. Jedenfalls bezogen 
sie die formale Logik im wesentlichen auf die JUxtä und 
schalteten in einer für die Weiterentwicklung der Logik 
sehr verhängnisvollen Weise das Denken als Akt aus dem 

^ DütfeiL Laeit 1. c. vn, 39 (edu Cobet S. 168). Diese DrdUilui» 
scheint zum ersten U&le ron Xenokrates, dem Nachfoiser des Speusippus 
(nL S. SS) Torgemommen worden zu sein. Vgl. n&menU. Sext Empir., Advers. 
nalbem. Vn, 16 (ed. Bekker ä 19S) Übrigens nnteischeidet Arisloteles selbst 
obm n4(td«ne i^vtai, givaixol und i»jrixal (Top. A 10& b, 20). 

*} Atufohriich beglicht Zeller diese Einteilungen (1. c. Bd. 4, S. 63 B.). 

*) Ammoniua, Comcn. in Arist Graec« (de interpr.), Ak. Ausg. B± i, 
Teil 5, Bertin 1897, S. 17. Wenn andrefseiU berichtet wird, dafl die itxTi 
der Stoiker mit deo ve^ftma idenlisch seien, so ist anzunebmen, daJ hier 
tnil den i>oq/i«i« nicht die Denkakte, sondern der Gedanke ninhalt ge- 
mant ist. 



44 I- T^. ÄbgrensunR und aUgemons Gesohiohfe dar Logik. 

Gebiete der Logik aus '*'). Dabei wurde zugleich dem sprach- 
lichen Paktor eine zu hohe Bedeutung beigemessen, so daß 
man im Hinblick auf die spätere Entwicklung der Logik 
(vgl. § 17 ff.) von einer „nominalistischen" Tendenz der 
stoischen Logik sprechen kann. 

Auch die metaphysische Grundlage, welche die Logik 
bei Plato und Aristoteles hatte, wird von den Stoikern fast 
g-anz preisgegeben. Nach stoischer Lehre ist nor das Körper- 
liche wirklich. Die Seele ist einschließlich der Denkakte als 
körperlich zn betrachten. Das Wirkliche beschränkt sich auf 
einen gualitatlosen, leidenden Stoff (änotos Züti) und eine 
wirkende, gleichfalls körperliche Ursache, die mit der Gott- 
heit identisch ist Die Frage der Yävii und tÜ^ schied damit 
aus der stoischen Logik fast ganz aus. 

Das Verhältnis des menschlichen Erkennen« zu dieser 
aus vX^ und Gottheit entstandenen Wirklichkeit dachten sich 
die Stoiker im Sinne eines ausgeprägten Sensualismus. Die 
von den Dingen hervorgemfenen Empfindungen und ihre 
Erinnerungsbilder, welche als ^aviaoiat („vorläufige Vot- 
stellungen", Stein) zusammengefaßt werden (im Gegensatz zu 
den leeren Einbildungen, den giavjiiffftata) liefern auf einem 
Weg, der nicht näher untersucht wird, die abstrakten Vor- 
stellungen {iwotat). Unter den letzteren spielen diejenigen, 
welche von allen Menschen in übereinstimmender Weise ans 
der Sinneserfahrung abgeleitet werden, eine besondere KoUe: 
es sind die xotval (SfigivToi) iwoiai oder n^oi^ipsts (notiones 
communes, Cicero; praesnmtiones, Seneca). Durch kunst- 
gemäBe Bildung und Verbindung von Begriffen entsteht die 
Wissenschaft. Das Kriterium der Bichtigkeit (Wahrheit) bei 
der BegrifEsbildung liegt in dem Zwang zur Zustimmung (zur 
evyxcnä^eait) , die Vorstellung, die einen solchen Zwang aus- 
übt, heißt im Hinblick auf ihre Überzeugungskraft {xatä- 
^flV*s) yfvraaitt xaTaA^TTEtx^ i'). Sie überträgt sich von der 

'■) Vgl. namentlich die char&kterisUache Bemerkuns bei Simplicius, in 
Catee., Ak. Ause- S. 10; „Uh ii leviove (nfimlicb die Btoiker) irratlr, in i« 
ir(^ roilfiätiily xaSi ro^fiitta Xiytuf ov loyit^e, diXa Tqr n((J V'^JT^f inur 
■jiQuyftatiiitc.'^ Es ist dies wohl die älteste Verwahrung gegen den „E^ycho- 
logismnn" (vgl. § 42) in der Logik. 

'') Tgl. zu diesen und den vorausgehenden Angaben namentlich das 
7. Buch des Werkes De vitis dar. philos. etc. von Diogenes Laertius und 
Sextus Empir., Adveraus mathem. VH, 237 ff. und Vni, 67 ff. Übrigen« icA 
dia Bedeutung des ^xuivXiinuxii' ia der stoischen Lehre noch nicht vfillig 



OgIC 



2. EapiteL Allgemeine Oesoliiohte der Logik. 4& 

Dreprünglicheu SiHnwerfahmQg aaf die aas ihr abgeleitetes 
Vorstellangen. 

Offenbar wären nun gerade die Regeln dieser Ableitung 
der Tielitigste Gegenstand der Logik (in unserem Sinne), und 
ee hätte sich hier eine Gelegenheit zu einer erkenntnistheore- 
tiscben und psychologiBchen Grundlegung der Logik geboten. 
Wie indes schon & 44 hervorgehoben, gaben die Stoiker diesen 
Zmanunenhang fast ganz auf und knüpften die logischen 
Gesetze größtenteils sehr äußerlich an die sprachlichen 
Faktoren an. So gelangten sie zunächst zu der oberfläch- 
lichen Einteilung der Xextä in unvollständige (iXi-tn^), d. h. 
isolierte Wortvorstellungen und vollständige {avtoxti.^, 
d. h. Sätze, speziell Urteile und Schlüsse. 

Die aristotelische Kategorienlehre wurde von den 
Stoikern übernommen, obwohl sie streng genommen zu ihrer 
Lehre von der Körperlichkeit alles Wirklichen schlecht paßte. 
Sie setzten dabei an Stelle der zehn aristotelischen Kate- 
gorien außer dem höchsten Begriff, dem Seienden {ri 6v) 
nsi vier: 1. Snbstrat (vnoMifisvov), 2. Bestimmtheit (rü rtotövf 
nnd zwar gattungs- bzw. artmäßige und individuelle (xotvtäs 
noiit und Mug notöv), 3. zufällige (unwesentliche) Be- 
Bchaffeuheit (lö ntü; Sx^v) und 4. relative Beschaffenheit (iö 
xföf Ti nms ^X"")- Oiese vier „Ttcäxa oder ytvixütata 
/rrf" werden von den Stoikern durchaus materiell gedacht. 
^ sind sämtlich dem „Seienden" als der höchsten Gattung 
nntei^eordnet. Später wurde das Etwas (<ö ji) au Stelle 
des Seienden (lö Sv) gesetzt^'). Einen Fortschritt gegenüber 
der aristotelischen Lehre lassen diese Aufstellungen höchstens 
insofern erkennen, als die unnatürliche Gegenüberstellung 
von slioe (Art) und yivos (Gattung) beseitigt wurde (vgl. 
S. 33, Anm. 7). 

In der Einzelbearbeitung scheinen die Stoiker die Lehre 
von den Urteilen und den Schlüssen besonders ausführlich 
behandelt zu haben, allerdings, soweit nns überliefert ist, in 
sehr äoßerlicher und schematischer Weise. Wahrscheinlich 



ufieUlrL Vgl z. B. Barth, 1. c. S, 6& u. Dyroff, Aich. f. Gesch. d. Fbüos., 
ISOt, Bd. 17, S. 14a Auch der stoische BegriB der xiaäi^^K selbst ist noch 
i>)chi einwandfrei gedeutet. 

") Siehe Zeller 1. c. S. 92, Anm. 3. Vgl. zur atoiscbeD Kategorientehre 
auch Treodelenbuig, Histor. Beitr&ge zur FhUoaophie, Berlin 1846, Bd. 1, 
S.ai7E 

„.,.,„,>..oo^^ic 



46 I- T^- Abgraunuig und «llgeineiDe Oeecbichte der Logik. 

haben sie auch zum ersten Male streng zwischen divisio und 
partitio unterschieden (vgl. den spez. Teil). 

§ IX SkBpUk*! sBd nraera Akidante, KfclriHkOT. Knplafamikab 

Die alte reo Skeptiker'), Pyrrho (ca. 366 bis ca. 275) uod san 
ScbOler T i m o □ lehrten den Verzicht auf jede Überzeugung (''ie axBiaiftMa) 
und die Zurückhaltung eines jeden bestimmten Urteils (die ino/ij). Die 
sog. neuere Akademie') — namentlich Arcesilaus (geb. ca. 316} 
und Carneadea (ca. 210 bis ca. 130> — vertrat gleichfalls diesen skep- 
tischen Standpunkt. Die Logik wurde dabei entweder lür oberflOssig eAlärt 
oder — von Cameades — mit Recht auf die PrOfung der formalen Ridi- 
tigkeit der ^tze beschränkt*). Zuweilen wurde sogar die Möglichkeit einer 
logiseben Beweisführung bestritten •). Eine wissenscliaftliche Behandlung der 
Logik unterblieb daher fast ganz. Denselben ablehnenden Standpunkt 
nahmen auch die jüngeren Skeptiker ein, so namentlich Aenesidemus^) 
(im L Jahriiunderf v. Chr.) tmd Sextus Empiricus (gegen Ende des 
2. Jahrii. nach Chr.). Der entere stellte zehn allgemeine Zweifelgründe 
{argiiM oder titot) zusammen, durch welche jede dogmatische Behauptung 
ihrer Sichertieil verlustig gehen sollte, den letztere führte diese zehn rpönM 
auf drei zurück und fafite auch dies« unter dem gemeinsamen Gesichtspunkt 
des n^t *h d. h. der Relativität aller unserer Vorstellungen, zusammen"). 
Übrigens wurde dabei die Forschung (fifi^ir), insbesondere die empirische, 
durchaus nicht etwa absolut verworfen '') und nur die Beschränkung des Er- 
kennens auf die itä»^, d. h. die psychischen Zustände, insbesondere die 
Sinneswahmebmungen behauptet ^), 



') VgL Tur Logik und Erkenntnislehre der Skeptiker im allgemeinen 
auBer Zeller namentlich Victor Brochard, Lee sceptiques grecs, Paris 1687; 
Raoul Richter, Der Skeptizismus in der Philosophie, Bd. 1, Läpzig 1901 und 
Wundts Philosoph. Studien, 1S02, Bd. 20^ S. 2*6; Rud Hirzel, Untersuch, zu 
Ciceros philos. Schriften, Teil 3, Leipzig 1883, S. Iff. u. 493 fl.; Albert Goe- 
deckemeyer. Die Geschichte des griech. Skeptizismus, Leipzig 1906. 

*) Ton manchen auch als „mittlere Akademie" bezdclinet, so dafl die 
Bezeichnung „spätere Akademie" für die letzten Akademiker zur Zeit des 
ersten miUuidatischen Krieges, Philo von Larissa und Aotiochus von AAalon, 
vorbehalten bleibt 

*) Ahnlich Cicero, Acad. prior., II, 28, Ol. 

*) VgL Sextus Empir., Advers. mathem., VIII. ^7fi. (ed. BAker, 
S. 362). 

■>) VgL namenll. auch Natorp, Forschungen zur Geschichte des Er- 
kenntnisproblema im Altertum, Berlin 18&t, S. 63. 

*} Vgl. Ober die zehn Tropen des Aenesidem namentlich Seit. Empis., 
Pyrrbon. hypotyp. I, 36 ff. (ed. Bekker S. 10 ff.) und Ober ihre Zusammea- 
fassung zu dem relativistischen Zweifelsgnmd speziell Pyrrfa. hypot I, 39. 
äehe auch Eug. Pappenheim, Die Tropen der griech. Skeptiker, Beriin 1886 
(Progr. d. Kölln. Gymnas.). 

1} Daher heiBt es bei Diogenes LaerL, De clar. philos. vitis IX, 104c (ed. 
Cobet S. 201): ■'sl yäg li ifatröfnray Ti9i/tt9a, »v^ äe nml lotoiiar £r.* 

•) Diog. Laert 1. e, IX, 103 (ed. Cobet S. 261) : ,/i«>« tänä»^ r*y^- 

„.,,n,^.OOglC 



2. Eopitd. AllKemeins Geschichte der Lopb. 47 

Die sog. SrnkretisteD (Eklektiker) wie P&n&etius, 
Paaidonius*), Cicero, Varro, Seneca, Epiktet, Quin- 
lilian D. L m. sümmen, wenn sie ttuch die skeptischen Lehren mehr oder 
wenifer entschieden bekämpfen, doch in der Mißachtung oder wenigstens 
Vemichlttasigung der Logik mit den Skeptikern Qberein und können daher 
hier Obersangen werden. 

Auch dieNeaplatonikerCPlotinus, Jamblichus, Proc- 
lus) haben für die Geschichte der Logik keine nennenswerte Bedeutung. 
I>ie mTstische Tendenz dieser Schule muflte dem Interesse fOr logische Unter- 
socbungen entgegenwirken. Nur die Kategorienlehre wurde etwas mehr 
bnchtet und zum Teil umgdöldet. So unterschied Plotin (304 — Z70) die 
üitegorien in der Sinnenwelt (/' '»Tg ata^nTf) von denen in der Ge- 
dukenweit (ir it*t yiitit) und zfihlte diese wie jene abweichend von 
Aiialoleles aül ^•)- I*ur e i n Schüler des PloUn, Porphyriu«, zugleich Lehrer 
des Jamblicbus, hat bei der Weiterentwkkhing der Logik eine grOBere Rolle 
(espielL Da er jedoch in seines logischoi Ansichten ganz von Plotin ab- 
deicht und sich den Peripatetikem anschließt, wird er unter diesen be- 
sprochen (§ 13). 

$ 13. PeripateUker nnd Kommentatoren der Ealsenelt. 

Die Schale des Aristoteles setzte inmitten aller dieser Strö- 
mongen ihre Tätigkeit mit mannigfachen Schwanktmgen 
fort, freilich ohne nennenswerte selbständige Produktion. 
Die meisten dieser jüngeren Aristoteliker bescbränkten sich 
«uf eiDe Verteidigung der aristotelischen Lehren gegen die 
Ängpüfe anderer Schalen, namentlich der stoischen, wobei 
Überdies auch manche stoische Anschannng mit einigen Äb- 
änderoDgen in die aristotelische Logik hinnbergenommen 
wurde, nnd anf eine Aoslegung der Schriften des Aristoteles, 
hn Hinblick auf die letztere Tätigkeit werden viele anch 
kürz als „Kommentatoren" bezeichnet'). 

OerUteste dieser Eommentatoren war Andronicus von Rhodus, 
dessen Haupttaiigkeit: wohl in die Jahre 78— *7 v. Chr., also noch vor die 
Kaisencit liUL Er soll die zehn aristotelischen Katcvorien in zwei —Ma9-' 
■M* and ngif u — zusammengefaEtt haben '). Sein Schüler, B o 6 1 h u s 

*) V^. Ober Panaetius und Posidonius, die man auch unter der Be- 
zeidmimg „mittlere Stoa" zusammenfaüt, namentlich A. Schmekel, Die 
Hiikisophie der mittleren Stea und ihr geschichtlicher Zusammenhang, Berlin 
1SS% S. 20ö u. 263. 

") Enneades VI, Buch 1, Kap. Ifi. (lOUIf.; ed. Grenzer und Hoser 
S. 370ff.). AusfOhrlich ist seine Bedeutung von Ed. v. Hartmann (Qe- 
xfaichte der UeUphysik, Ausgew.. Weite, Bd. 11, Leipzig 1899, S. 106—176) 
•rflrtert worden. 

') VgL Ober diese im allgemeinen Chr. Aug. Brandis, Abb. d. Kgl. Ak. d. 
Wiss. zu Berlia a. d. J. 1838, hisV philol. Kl., Berlin 1836, & 24B und Max 
WilUes, Die griechischen Ausleger der aristotelischen Topik, Berlin 1891 
[Fnir. Soi^engymn. Berlin). 



I. Teil. AbgreniDiif! imd allf^etneiae Geschichte der Logik. 



&U8 Sidon, scheint in manclien Beziehungen an die Stoiker angeknüpft zu 
haben ■). Zu den Kommentatoren des 2, Jahrhunderts n. Chr. gehörten u. a. 
Aspasius und Herminug some namentlich Claudius Galcnus 
(131 bis ca. 200). Der; letztere hat zaMreiche logische Werke verfaBl. von 
denen uns nur die kleine Schrift ncpi TÜr nagä tir Uiiv oa^iayutcKur erludteu 
ist*), im wesentlichen vertritt er den'ariatotelischen Standpunkt An die 
Stelle der TtQcräatK ofimoi (vgl. S. 37) werden von ihm ioyixai «p/ai 
(logische Prinzipien) gesetzt'), wie z. B, „Nichts geschieht ohne Ursache", 
„Gleiches zu Gleichem gibt Gleiches" usf. Als Vorbild gilt ihm die geo- 
metrische Beweisführung (yim/tti^ixi äitöStiiK). Den Kategorien scheint er 
im Gegensatz zu den Gattungen jede reale Bedeutung abgesprochen zu haben. 
Erwähnenswert ist auch, daQ bei ihm der Ausdruck .Xaytxig* schon allent- 
halben für „Logik" im neueren Sinne gebraucht wird (statt des bei den 
Stoikern Qblichen .Aaltxiuij*). 

Eine Verschmelzung peripaleliscber und stoischer Lehren zeigt die teil- 
weise erhaltene Schrift .itpJ iQ/iiinttK* , weldie uns als 3. Teil des Buchs 
„De dogmate Piatonis" von Appulejus von Uadaura (geb. um 130 
n. Chr.} überliefert ist. Die Echtheit ist zweifelhaft Pranll nimmt an, dsB 
es sich um die Übersetzung eines griechischen Schulkompendiums der Logik 
handelt. Neue allgemeine Gesichtspunkte enthält die Arbeit nicht (vgl. jedoch 
§76). 

Sehr viel bedeutender als die Vorgenannteu ist 
Alexander von Äphrodieias, der unter SeptimiuB 
Severus peripatetische Philosophie in Athen lehrte. Von 
seinen Kommentaren Bind u. a. erhalben der zum 1. Bnch der 
Analytiea prior» und zur Topik *). Sie zeichnen sieh durch 

') Simplic. in Categ., Akad. Ausg. Bd. B, S. 63. SimpUcius nennt 
übrigens auch Xeookrates als Vertreter dieser Lehre. Vgl auch Friedr. Littig, 
Andronikos von Rhodos, 3 Teile, Manchen 1B90, Eriangen 18M u. 18S6 
(Qymu. progr.); in Teil 3, Sl 12 ff. eine Zusammenstellung der ertialUoen 
Fragmente. 

=) Vgl Prantl I. c. Bd. 1, S. 6*0. 

*) Koimsche Ausg. d. Opp. med. gioec. Lips. 1827, Bd. 14, S. 582. Karl 
Kalbfleisch (Jahrb. f. klass. Philol. 1897, 23. Suppl.-Bd., 5. 679— '708) sucht 
gc«en Prantl (I. o. S. 591 ff.) nachzuweisen, daB auch die Schrift tlattyvyii 
itaitxTtKij, welche zuerst Minas (M^rSc) 18*4 herausgegeben hat (spätere 
Ausgabe von C. Kalbfleisch : Institutio logica Gal., Lips. 1896), im wesentlichen 
echt ist. Vgl. auBerdem üben Galens Xxigik u. a.; Emm. Chauvet, La logique 
de GaUen, Compte-rendu des S£ances et Tiav. de l'Ac. des sc. mor. et pol. 1883, 
Bd 117, S. 4äO u. 580; Iwan v, MöUer, Abh. d. philos. philol. KL d. Kgl. 
Bayr. Ak. d. Wiss. 1897, Bd. 20, S. 40S (betrifft das verlorea gegangene Weit 
ntiji änoiflitaie), — Prantl bespricht übrigens noch einen zweiten Pseudo-Galeo. 

0) Therap. meth. I, 4 (ed. Kühn Bd. 10, 1826, S. 37). 

*) In der von der Berl. Akademie veranstalteten Ausgabe der griechischea 
Kommentare zu Aristoteles nehmen sie die beiden ersten Teile des 2. Bandes 
ein (1883 u: 1891). Unter den uns eibaltenen selbständigen Werken 
Alexanders (>i«?I Vvzvt usf.) finden sich keine speziell logischen. Aus 
Alexander bat dann weiterhin Asklepius aus Tialles im 6. Jahrhundert 
geschöpft (Ak. Ausg. Bd. 6, Teil 3). 

„.,.,„,>..oo^sic 



2. XspiteL Allgemeine Oeeohicbte der Logik. 49 

Sebarfsiiui nnd Klarheit vor den meisten späteren Kommen- 
tareo ans. In einzelnen Punkten ireicht Alexander von 
Aristoteles ab. So spricht er den allgemeinen Begriffen jede 
Existenz anOerhalh unseres Denkens ab^), Aach beseitigt 
er die Ansnahmestellnng des aristotelischen vovg, soweit er 
dem Menschen zokommt, und reiht ihn den niederen Seelen- 
lätigkeiten unmittelbar als eise gleichfalls vergängliche 
Uyaiug t^e V^TTf ^^- -^^^ Anlage (potentielles Vermögen) 
ist er der vovs iitxös xai g/vautög, als tätige Kraft der vovs 
iainiifog (acqnisitus) oder xa^' tSiv- Die Aktnalisiernng 
des potentiellen vovs (des ivväfiet votif) soll durch die Ein- 
wirkung des gottlichen voig »ot^tiijc erfolgen ^). 

Weit anter den Leistong^i Alexanders stehen die* 
jenigen des S>i47 bereits erwähnten Porph^rins <geb. 232 
ader233, gest. nach 300— vielleicht 304— n.Chr.), trotzdem 
baben seine Lehren infolge ihrer begnemen schnlmäQigen 
Dantellnng nnd ihrer Konnivenz gegenüber den gegnerischen 
Anschannngen (namentlich der stoischen Schnle) einen viel 
größeren Einflnß auf die Weiterentwicklong der ZiOgik ge- 
habt. Von den Kommentaren des Porphyrins ist nns nur 
die "Edjfiitrts •!; tag 'Jfjunoriiovs xat^Offiag *atä neßetv xal 
«tönfuttv erhalten. Sein Ansehen verdankt er jedoch haupt- 
sächlich der gleichfalls erhaltenen Schrift filffoyujrij aie %äg 
A^tOtniXovf xcniffofiitti (auch „ne^ twf nivrs {pwfüv" be- 
utelt}^. Diese behandelt speziell die sog. quinque voces 
(nimt fttwat): y6voi^ ita^offä, $lSi>(, ütion und av/tfitfiiptög, 
die uns in ähzilicher Welse schon bei Aristoteles (S. 39) 
nnd Tbeoplirast (S. 41) begegnet waren. Die UnterscheiduDg 
von jiwoe (Gattung, z. B. ^nimal) und tUoe (Art, z. B. homo), 
deren Mißlichkeit mit Bezug auf die aristotelische Lehre 
S. 3S und 45 hervorgehoben wurde, wird aufrecht erhalten, 
«bwohl Porphyrius selbst zwischen den htfchstea Gattungen 
und den niedrigsten Arten (/ura^i täv rwsxtnätm' xai %mv 
tUumtätmy) zahlreiche Zwischenstufen (ftiea; indlXiiXa; S 



Jtf^J tH>n*r, Suppl. Aristot. Ak&d. Ausb. Bd. 2, Teil 1, Berlin 1887. 

Mf*W xtd »Mfä if v ftir Sntt^w ir talt xa^hmni » xmk Mimt tgu . 
"tiamrm H xmgie it^t xatfä ri xai na9«iov yUnai, »at tirl ivtl r*ie «(«v 
rafiai . ^ n fii rovtiB, pM Iotw Sit, 

») L c. S. 88 ö. 

*} Bade Werice siod in Bd. 4, Teil 1 den Berl. Akad. Ausgabe der griecL. 
Kommenlue za Aristoleles at^edruckt (1887). 

ZUhan, Lduboch dar Itoglk. 4 



OgIC 



50 I- ^il- i-hgraisang tmd allgemeine Ges<^ichte der Logit. 



xal yivti xal «äff Jtrr» rä airä)^") anerkennt Ebensowenig 
gelangt Porphyriu3 zu einer Ideiren Unterscheidung von 
Sutyofä, tiiov und evftßeß^iig. Er beschränkt sich im ganzen 
darauf, die verschiedenen üblichen Auffassungen dieser drei 
Momente nebeneinander zu stellen. Die meisten Bestim- 
mnngen fallen daher unklar und unsicher aus. So wird 
beispielsweise zur Charakteristik der diagio^a gegenüber 
dem tSiov angegeben, dafi erstere ini nlLet6»iop eidmv Ufsreu 
noJdäxH (I), letzteres aber igi' ivös el9ovs, ov iattv Utov^'} 
u. a m. 

Den Kategorien schrieb Porphyrius wieder gemäß der 
ursprünglichen Lehre des Aristoteles reale Bedeutung zu. 
An der Zehuzahl hielt er fest, stellte aber die erste als 
ovaia den 9 anderen als den ävftßsßii%ö%a scharf gegenüber. 
Jene ist stets das ^noxei/tevov für diese ^^). Auffällig ist, 
daß die Einzelwesen {äto/noi ovaiat) als Tr^wvai ovoiat, die 
«lAj und riv^ als isv-rs^ai oütriat bezeichnet werden (vgl. 
S. 35 , Anm. 10). Ganz aufgeklärt ist der Sinn der hierher- 
gehörigen Stellen noch nicht i'). 

Von späteren Kommen latoren, die zu einem großen Teile dem Neuplalo- 
nisntus aosehöreQ oder nahe stehen, seien noch genannt: Dexippus**) 
(SchQter des Jantblichus, gesL nach Busse um 360 n. Chr.), T h e m i s l i u s ») 
(917 bis ca. 390). Syrianus") (390 bis ca. «0), Ammonius") (Schüler 
des Proklus, Enkelschöler des Syrian), Simplicius") (ura MO n. Chr.). 



">) Vgl. Aliad. Aus«. S. 4 u. 16. 

") L. c, S. 18. 

") L. c. a 88. 

'») Vgl. die Kritik der Pmntlschen AuWaseung bei Zeller L c. Bd. 5, 
S. 6*2, Anm. 2. Ich bin überzeugt, daß Porphyrius die aristotelische Unter- 
scheidung des nQÖn^y x^ir if't und des n^it^v ij; tpivu oiißverstandeii 
oder übersehen hat. 

!•) Der Kommentar desDexippus zu der aristoteUschen Kategorienschrift 
ist in Bd. i, Teil 2 der Berl. Ak. Aus«, der griech. Kommentare abgedruckt 
(1868). Vgl auch Ad. Busse. Hermes 1888, Bd. 28, S. 402. 

") Die uns erhaltenen Kommentare sind in Bd. 5, Teil 1—3 der Ak. 
Ausgabe abgedruckt. Die in Bd. 28 abgedruckte Paraphrase au den Analyt. 
prior, stammt sehr wahrscheinlich nicht von Themlstius, 

'•) Kommentar zur aristotel. Melaplivsik in Ak, Aus«. Bd: 6, Teil 1 
(1902). 

") Zum Unterschied von anderen Ammonius Hermiae sc. liliuB ge- 
nannt. Seine Kommentare (auch zur Isagoge des Porphyrius) finden sich in 
der Ak. Ausg. Bd. i, Teil 3—6. 

1») Akad. Ausjr. d. griech. Kommentaic. namentlich Bd. 8 (1907) und 
Bd. 11 (1882). 



1,1^. OQi 



,g,c 



2. EapiteL Allgemeina Geschichte der Logik. 51 

Jehaones G ramma licus P h i lo ponu s ■■) (etwa gleichzeitig mit 
Simpltdus in der 1. Hälfte dea 6. Jahrhundert^', wie dieser Schüler des 
Aranonius). 

Eine wesentliche Weilerbildung oder VeHiefung der aristotelischen Logit 
st Iq dieseii Kramaentaren nicht zu linden. Meiat wurden die arisiDtelischen 
älEe mehr oder weniger umständlich erklärt und ohne wcdlere Kritik zu- 
sumnengesteUt. Nur hin und wieder wurde das eine oder andere Kapitel 
rtwM spezieller ausgefohrt. Erwähnt sei nur, daS wahrscheinlich e^t von 
diesen späteren Koauoentstoren neben den aristotelischen Kal^orien (imi^- 
jtfl** BM«!) die S. d6t Anm. 14 schon erwähnten . vier Nach-Kategorien 
imi ii( xar^yffae aufgestellt bzw. anerkannt wurden ^o), obwohl dieK 
offenbar in den zehn ursprünglichen Kategorien schon enthalten waren. 

§ 14. Martianng Capelia und BoSthiuB. An die letzt- 
genaimteo Kommentatoren Bchließen sich einige in latei- 
nischer Sprache schreibende Philosophen an, welche — wie 
öbrigens aoch Philoponns — Christen waren, aber doch in 
ihren philosopfaifichen, namentlich ihren logischen Schriften 
noch keinen erheblichen Einfluß der christlichen Lehren er- 
kennen lassen. Für die Weiterentwicklung der Logik im 
Hittelalter sind sie insofern von großen Bedeutung, als die 
christliche Philosophie des Mittelalters bei ihren logischen 
Untersuchtingen vorzugsweise an die logischen Komi>endien 
flieser Ubergangsphilosophen anknüpft. 

MartiannsCapella') (in der 1. Hälfte des 5. Jahr- 
hunderts) schrieb ein Satiricon betiteltes Werk über die 
7 artes liberales in 9 Büchern, von denen das vierte einen 
knrzen Abriß der Lc^k gibt. E^ lehnt sich Vorzugsweise 
an die Isagoge des Porphyrius an. Die qninque voces {nivtt 
y«*«/) werden als genns, formae (= species), ditPerentia, 
aceideuB und proprium aufgeführt, aber nicht auedrucklieh 
als solche bezeichnet und ohne scharfe Trennung definitio, 
totnni, pai^, divisio, partitio, aequivocum, univocum, pluri- 
vocmn angereiht (ed. Eyseenhardt S. 102 ff.); die prima sub- 
slantia wird definiert als substantia, quae nee in subjecto est 
inseparabiliter neqne de nllo subjecto praedicatur, die secunda 
sabstantia als diejenige, quae de priraa praedicatur (ed. 

"} Akad. Ausg. Bd. 13— 16.' Vgl. Ober Philoponus A. BaumsUit, Arislo- 
tetes bei den STrem, Lpz. 1900, M 1, S. 15& 

**) VgL Pbilopouus, In Aristot. Categorias Comment, Conun. in Aiist 
Oiaeca Bd. 13, Teil 1 (ed. Busse), Berlin 1898, S. 13: iwig ^mytU, Jof ti 
*f< w «pirapo»-, li iz*'"- 

') 0« nuptiis pbilologiae ei Hercurii (de sep(«m artibus liberalibus), 
fierausgeg. z. B. von Franz ETseenhardt, Lips. 1866. 

„.,,„, ^.oogic 



[. Teil AbgreDtang und allgemeiDe Gssobiohte der Logik. 



Eyssenhardt S. 110). Die 10 Kategorien (praedicationes) 
Verden aufgezahlt als sabstantia, qnalitas, qaantitas, rela- 
tiTnm, facere, pati, Situs, qnando, ubi, habitns (1. c. S. 108 
bis 117). Die lateinisohen Termini wurden vorzugsweise aas 
Cicero und M. Fabius Qointilianns (geb. 35 n. Chr., Haupt- 
werk De institatione oratoria) entlehnt 

Noch viel mehr Einfluß gewann Anicios Manilas Tor- 
quatns Sevenrinus Boethiue*) (oft auch fälschlich Boetios 
geschrieben; geb. nm 480, hingerichtet 524) durch seine 
Kommentare und Übersetzungen logischer Werke des Aristo- 
teles und des Porphyrias *). Bis weit in das Mittelalter 
hinein schöpfte man die Kenntnis der aristotelischen Logik 
nicht aus den Werken des Aristoteles selbst, sondern vorzags- 
weise aus diesen Bearbeitungen des Boethiiis. Vor allem be- 
gründete er aach die lateinische Terminologie für die Logik. 
Die Kenntnis seiner uns za einem groBen Teil erhaltenen 
Werke ist daher für das Verständnis der mittelalterlichen 
ItOgik unerläfilich. 

Die Logik ist nach B. sowohl die pars rationalis philo- 
sophiae wie auch instmmentnm philosophiae *). Ihr Ziel ist 
inventio jndiciumqae rationom, d. h. der vemnnftgeinäfien 
Begründungen. Die Kategorien (praedicamenta) w^en als 
„rerom genera" aufgefaßt*) und ähnlich wie bei Capella 

3) Vgl Ober ihn Fnst; 1. c Bd. 1, S. 679 ff.; H. Usenet, Anecdoton 
Holden etc., Festschr., Bonn 1S77, S. 37 tL. namentl. S. « (AufzAhlunR der 
loK. Schriften); M. Gratnnann, Die Geschichte der scbolast Methode, Bd. 1, 
Preibun i. Br.' 190», S. 1466. Von den selbaUndigen Schriften sind am 
vichtigsten: De dlTisione, Introductio ad syllogismoB categoricos, De syllo- 
gismo categorico, De sylloiimio faTPothetico, De differentiis topicis. De defi- 
nilione, s&mtlich in Mignes Patrologie, Bd. 9t abgedruckt. Die letztgenaonle 
Schrift (de definitione, auch de diffinitione überachrieben] scheint Obiigena 
von G. Marius Victorinus AXer im 4l. Jahrhundert verfaßt zu sein. 

*) Von Boethius selbst stammt nur die lÜHrsetzung der beiden ariato- 
teliscben Schritten De categoriia und De interpretitione und der Isagose des 
Porphyrius. Die Übersetzungen der beiden Analytiken, der Topik und der 
Elenchi sophist. rühren von Jacobus t. Venelia (i. d. 1. HAtfte des 13. Jahr" 
bunderts) her, wurden at>er sp&ter (im 16. Jahihundert) intomlich in die 
Weite des BoEthius aulsenommen (s. Schmidlin, niilos. Jahrb. 1906, Bd IGs 
S. 168). Zu den Kategorien hat S. einen Kommentsr, zu De interpre- 
tatione und zur Isagoge je zwei KommeDtare verfafii Die Kommentare zu 
De interpretaüone hat K. Meiser kritisch herausgegeben (Leipzig 1877 — ^1880, 
2 BSnde). 

*) Comm. in Porph. ed Migne S. 74. 

") Ibid. S. 78 D. 



n,5,t,7rjM,G00glc 



2. EaftitsL Allgemnoe Oeschichte der Logik. 53 



beieichnet *). Die qninqne vocee scheinen aar dazo bestimmt 
la sein, die Erleraai^ oad AaweQdung der Kategoriea za 
erleichtern. Das innere Verhältnis der voces zu den prae- 
dicamenta wird ebensowenig antersacht wie die tiefere 
Bedeotang and das gegenseitige Verhältnis der praedica- 
menta nntereinander. Die erste Kategorie wird als sab- 
stantia den übrigea 9 (den accidentia) gegenäbergestellt (vgl. 
oben S. 50) and in der üblich gewordenen Weise prima and 
aKonda eabstantia onterscbieden (vgl. S. 50/51). Die primae 
sabstantiae sind in den sinnlich wahrnehmbaren Individnen 
gegeben, die secundae sabstantiae in den intelligiblen on- 
körper liehen Begriflen; andrerseits soll doch der Unterschied 
der Individnen in den Ähzidentien liegen („differentia aooi- 
dentalis", vgl. 8. 63, Anm. 13). 

Folcende UteiiiisctM OberaetzuDicen, welche Boeihius tOr aristatelisdie 
Termini eingsföhrt bat, dod besondere iriobtig: sctua ^ M^yfim, speoies = 
Mk, prinäpiiiin = Jgg^t nnivenale c= «■»' Si»p (Znsammenfusnng tou 
innu uod spedee[), ftffinaatio =^ xatü^aaie, negatio = üj^nr, dabi- 
btJD ^= ajtofia, diHerentm >= Suuffi, divisio = iialftate, aocidens =: «r/t> 
fififit, contingeiis ^^ Mijrifuvw, appositio = tigif9Mie, poteotia = &irafue, 
inlyectiuii = iai«nti/iir*y, speonl&tio = 9tmflm, dsfinire = iflfit^mi, deter- 
man = MgofitfUCi'^*, iiofl&atmt, «eqnivoonm = tftmy*/ay, oontn- 
dictio =1 mni^aov, coobatia = bmfila, coiiTertitar ^ inmft^t, altenttio 
= btfitic (nach Grabmana L c. S. 157). 

Wesentlich üeter als die Weite dee Boethius steht die Schritt des 
HaiDasAmeliu8Cassiodor(i)U9 (nach TeuSel ca. 487 bis ca. 5S3); 
De artUnis &c disciplinis liberalium litterarum *). Er beschrankt üch darai^, 
die LAren des BoGthii», Appulejus u. a. Icurz zusammeniUBtellen. 

{ 15. Patristiaehe Lofik. Inzwischen hatten die 
Sircbenväter (Patrist« n) langsam auch einige 
Interesse an der Logik gewonnen. Die älteren patristischen 
Schriftsteller hatten wichtigere Aufgaben als die logisch 
Gnbtile philosophische Begründang der christlichen Glanbens- 
lehre. Manche bekämpften die Logik sogar als eine heid- 
nische, dem Christentum feindliche Wissenschaft 



■} Comm. in CaL S. 201—364. 

'i Hignes PatroL Bd. 70, S. 1149. Man unterschied damals unter den 
lilteiae liberales die ft artes oder scientiae sermocinales (Grammatik, Dia- 
IfUi^ Bheiorik) und die 4 disciplinae oder scientiae reales (Arithmetik, Geo- 
metrie, Hiuök, Astronomie). Erstere wurden als Trivium (zuweilen auch als 
i^Xica}, letztere als Quadrivium (Physica) zusammenselaflt. Von den 
■nuttgen Schriften Cassiodors kommt noch in Betracht De anima, Mignes 
frtnA. Bd. 70, S. 1279. 



54 I- ^^- AbgreDzuQß und allgsmeine Geschichte der Logik. 

Ob die beiden unter dem Namen Aususlins') (35i — (30) übtr- 
lieferten, oft als „pseudo-aueuslinisch" angeführlcn logischen Scbririen Prin- 
cipia dialeclicae uod Categoriae decem ex Aristolele decerptae echl sind, ist 
zweifelhaft. Die erste ist oHenbar unvollendet und wird von Prantl fQr ecbL 
gehalten. In der zweiten vermutet Trantl die Ubersetzunit einer Solirift des 
Themistijjs (vgl. S. 50). Wesentlich neue Gesichtspunkte sind iu beiden 
nicht enthalten, ebensowenig in einem Fragment De arte rhetorica^). 

I s i d r u 3 , Bischof von Sevilla, daher Hispalensis genannt (ca. 
570— 63&), gab unter dem Titel „Ktymulogiae" oder „Origines" in 20 Büchern*) 
eine Enzyklopädie heraus, in der aich auch manche grammalische, rhetorische 
und logische Artikel finden. Die Dialektik (=>t.ogik) wird im 2. Buch, Kapi 23 
definiert als „disciplina ad disaerendas rerum causas inventa", und weiter 
heißt es: „ipsa est philosophiae species, quae logica dicitur id est rationalis 
diffioiendi quaerendi et discemendi potens". 

Der Mönch Johannes von Damaskus (Damascenus*), ge- 
storben vor 7M] suchte bereits die antike Philosophie und speziell die antike 
Logik fOr die christliche Theologie zu verwerten. In seiner „Quelle der Er- 
kaDntnis" (miyi yi^nuf) lehnt er sich namentlich an Porphyrius an. Im 
Abendlande verfaßte etwa zu dersdben Zeit Beda.') gen. Venerabiüs (674 
bis 735) kurze Lehrbücher, welche u. a. auch die Logik im Anschluß namenthch 
an Isidorus Hispalensis behandelten. Etwas bedeutender ist AIcuin (736 
bis 80*), der Lehrer und Berater Karls des Großen, der u. a. ein Kompendium 
der Dialektik in Dialogform schrieb*). Auch er schloß sich namentlich an 

') Mignes Patrol, Bd, 32, S. l-MXt u. H19. Üher die Dialektik bzw. Logik 
des Augustin vgl. H. Hagen, Jahrb. f. klass. Philologie IST?, Bd. 18 (105). 
S. 7&7 und W, CreceUus, S. Aurel. Auguslini de dialectica liber, Jahresber. 
aber das Gymn. zu Elberfeld, Elberfeld 1857. Der letztere gibt S. 5 ff. den 
Text des dialektischen Werkes mit 1«sarlen und Emendationen wieder. 

") Vgl. Aug. Reuter, Amuslinische Studien, Gotha 1867 (mir nicht zu- 
gänglich) und Ders. in KirchengesclHchll, Studien. H. Reuter gewidmet von 
Th. Brieger u. a,, Lpz. It^88. S. 2'il— 351. 

") U. a. herausgegeben in Mignes Patrologiae Cursus conipl. Bd. 83, 
S. 73. Ebenda Bd. 84, S. 9 die Schrift Difterentiae sive De proprietale ser- 
moniun. 

•) Opp, ed. Lequien, Paris 1712, und Mignes Patrol. gr. Bd. 9*, S. S&l. 
Siehe auch Joseph Langen. Johannes v. Damaskus, Gotha 1879, namentlich 
S. 34 — 52. Damascenus ist Übrigens in vielen Beziehungen von einen) 
Leontius von Byzanz abhängig, auf den namentlich Loofs aufmerksam ge- 
macht hat und der schon über 3(X) Jahre früher christljdi-theologische Lehren 
mit den Lehren des Aristoteles und des Porphyrius in Verbindung gebracht 
hat. Er lebte unter Justinian und scheint um 5*3 gestorben zu sein. Vgl. 
Fr. Loofs, Leontius v. Byzanz und die gleichnam. Schriftsteller der griech. 
Kirche, Leipzig 18S7 (Texte u. Unters, z. Gesch. d. altchristl. Lit. Bd. 31 1888). 

'■) Über die Echtheit mancher der ihm zugeschriebenen, in Mignes Patro- 
logie Bd. 90 abgedruckten SchrLIten bestehen Zweifel. Vgl. Prantl, Sitz.-Ber. 
d. Bayr. Ak. d. Wiss. 1867, ü, S. 17ä (17* u. 179) und Kar! Werner, Beda, der 
EhrwOrdige und seine Zeit, Wien 187b, S. 236. 

«) De dialeclica, Mignes Patrologie Bd. 101, S. 849. Siehe auch 1. B. 
Laforet, AIcuin restaurateur des sciences en occident sons Clharleniagne, Diss. 
Louvain 185t, namentlich S. 03 ff. u. 216 fl. 



OgIC 



2. EspiieL AUgemsioe Gescfaiclite der Logik. 55 

fsdur und an die Deeudo-augustiaische Kateeorienschrifl (a. oben S. üi) «d. 
San Schaler Predesisius') ergine sich in sehr oberflächlichen Speku- 
ktimtn über den Begrill des Nichts und der FiDsternis. Von Isidor und 
Htm isl auch Babanus (Hraban) Naurus r776— Sö6> in seiuem 
*oie De clericorum inslilulione abhängiB *). 

S 16. Seholastisehe Logik. Allffemeine Vorb«merfciuigen. 

Die Kaaptanf gäbe der Scbolastik bestand darin, für die kirch- 
liehen Lehren eine philosophische Grundlage zu schaffen. Die 
Dt^meii der Kirche stehen vermöge der Antorität der Kirche 
fest Es handelt sich nur darum, sie für die Vernunft syste- 
matisch darzustellen und zu l)egründen '). Mit dem über- 
wiegend formalen Charukter dieser Aufgabe und Tätigkeit 
faing es zusammen, daß die Erkenntnistheorie und die Tjogik 
Kr die Bcholastisehe Philosophie eine besonders große Be- 
deutung bekam. Der sonstige. Inhalt der alten Philosophie 
war für die Scholastik größtenteils überflüssig oder geradezu 
verboten, inhaltlich war die Scholastik an die Dogmen ge- 
bonden. Höchstens in Fragen, die ab^it« von aller Theologie 
lagen, konnte dieser Inhalt nebenbei gelegentlich verwertet 
werden. Dagegen bot die bochent\^ ickelte antike Erkenntnis- 
lehre nnd Logik ein bequemes Werkzeug, um die Aiifgabe 
■ler scholastiscben Philosophie zu lösen. 

Für die Stellung der Erkenntnislebre und Logik ergab 
sich damit eine tiefgreifende Veränderung. Bei Aristoteles 
waren beide noch selbständige Wisseneebaften gewesen, schon 
bei den späteren Peripatetikern galt sie überwiegend nur als 
Werkzeug (ö^j^voi'} der praktischen und theoretischen Philo- 
wphie, bei den Scholastikern kommt überhaupt fast unr noch 
diese methodische, vorbereitende Bedeutung in Frage, nnd 
zwar jetzt gegenüber der Theologie. 

Bei dieser Bichtnng der scholastischen Philosophie war 
» sehr begreiflich, daß sie gerade in den aristotelischen 
lehren die gewünschte Hilfe suchte und fand. Die aristo- 
teiisebe Erkenntnislehre und Logik war zum Teil schon bei 
Aristoteles selbst, vor allem aber bei den späteren Kommen- 
tatoren von dem metaphysischen nnd sonstigen Inhalt dei< 

') Epistola de nihilo et tenebris, Mignes Palrol., Bd. 105. S. 7&I. Vsl, 
Xu Abncr, Fredegis v. Tours, Leipzig 1S78, namentlich S. .SHff. 
■) Hirnes Falrdogie Bd. 107, S. 293 (namenUich 111, 'ä))- 
') Sehr l^rreich ist hierfdr die Zusantmen Stellung der früheren An- 
äidilen, die Abttdard im !. Kap, von ^ic et non ed. Henke -lindenkohl, Mar- 
l»iu 1H51. S. 18—39) gibt. 



O^^IC 



56 I- ^sil' Abgreniung and allgemeine GeBchioHte der Logik. 

aristotelischen Systeme in hohem Maße unabhängig geworden 
lind hatte sich dabei formal anßerordentlioh'hoch entwickelt. 
Der Keaplatonismus hatte Logik nnd Erkenntnistheorie ge- 
radezu Temachtassigt nnd war mit metaphysischem Inhalt 
geradezu überlastet. Die stoische Philosophie mußte schon 
durch ihren ausgeprägten SensualismuB (vgl. S. 44) nnd durch 
die offensichtliche Bückständigkeit ihrer Logik abschrecken. 
Von einer Verwertung der skeptischen Lehren konnte die 
Scholastik erst recht nicAits hoffen. Dazu kam, daß zahl- 
reiche Kommentare, Übersetzungen und Kompendien die 
aristotelischen I^ehren sehr bequem zugänglich machten. 
Später konzentrierte sich daher die scholastische Logik 
nnd Erkenntnistheorie ganz auf das Studium nnd die Ver- 
wertung der aristotelischen Lehren. Sie setzte geradezu in 
vielen Beziehungen bei ihren logischen Untersuchungen die 
Arbeit der heidnischen griechischen Kommentatoren fort. 

Hierbei fiel nun schwer ins Gewicht, daß ans Gründen, 
die hier nur angedeutet werden können — Seltenheit der 
aristotelischen Originalschriften im Abendlande, Mangel an 
Kenntnis des Griechisch^i n. a. m. — die Werke des 
Aristoteles selbst in den ersten Jahrhunderten der scholasti- 
schen Tätigkeit im Original fast gar nicht gelesen und ver- 
wertet wurden '). Man kannte vielmehr seine Lehren nur aus 
den Kompendien, Übersetzungen bzw. Kommentaren des 
MartianuB Capella, des Boethiua, des Casalodorus, des Augu- 
stinus bzw. Pseudo-Aogustinuß (s. oben S. 54). Diese Kenntnis 
war aber, wie ans den vorausgegangenen Erörterungen ein- 
leochtet, lückenhaft imd verfälscht: lückenhaft, insofern vor 
allem die beiden Analytiken des Aristoteles in den Kom- 
pendien der genannten Schriftsteller gegenüber der Schrift 
über die Kategorien nnd de interpretatione ') völlig vernach- 
lässigt worden waren; verfälscht, insofern diese Kompendi^i 
ihrerseits sich vorzugsweise auf die Isagoge des Porphyrios 
stützten, durch welche die aristotelische Lehre in vielen Be- 
ziehungen verunstaltet worden war (vgl. S. 49). Erst zu An- 
fang des 12. Jahrhunderts verbreitete und erweiterte sich 
allmählich die Kenntnis der aristotelischen Schriften erheb- 

') Die Kenntnis der eriechisches Sprache bei Eriueena wer eine Aus- 
nafame. 

•) Die Schrift De interpretatione wurde zu Anfang des 11, Jahrhunderts 
von Notker Ljibeo sogar in das Althochdeutsche abersetzt (vgl GraS, Hist.- 
phiios. Abb. d. KbI. Ai. d. Wiss. a. d. J, 1886, BerUn 1887, S. 267 fl.). 



O^^IC 



3. KApit^ Allgemeine Geschichte der Logik. 57 

lieh *), wie sich unten im einzeloen er^ben wird. Zum Teil 
stand die damit eintretende ümgeetaltung der scholastischen 
Ii)gik in engem Znaammenhang mit dem Eingrreifdn der 
byzantinischen und vor allem der arabischen Philosophie. 

Die Einteilung der scholastisches Philosophie wird, soweit 
t6 meh am Erkenntuislehre und Logik handelt, zweckmäBig, 
wenigstens teilweise, auf diesen verschiedenen Umfang der 
Kenntnis der aristotelischen Werke gegründet. Mim kann 
danach drei Hauptperioden unterscheiden: 

1. Frnhperiode der scholastischen Logik 
(Periode der unvollständigen Kenntnis 
der aristotelischen Werke) ca. 800 — 1100. 
Hanptvertreter: Johannes Scotns Griugena, Bosce- 
linus, Anseimus von Canterbury. 

2. Die Periode der vollständigeren Kennt- 
nis und z. T. auch Fortbildung der aristo- 
telischen Werke ca. 1100—1300. 

a) Scholastiker der Übergangszeit von 
derl. zur 2. Periode: Abälard, Gilbert Porre- 
tanus, Hugo St Victor, Petrus Lombardns, Jo- 
hannes V. Salisbury. 

b) Die byzantinischen und arabischen 
Äristoteliker: Psellus, Älfäräbi, Avicenna, 
Avcrroes. 

c) Die christlichen Scholastiker der 
Höhezeit: Alezander von Haies, Albertus Mag- 
nus, Thomas v. Aqnino, Petrus Hispanns. 

d) Scholastiker der Übergangszeit zur 
3. Periode: Boger Bacon, Lnllns. 

3. Spätperiode ca.1300 — 1600: Duns Scotns, Occam; 



Es wird sich jedoch ergeben, daB, unabhängig von dieser 
chronologischen EinteUnng, bestimmte Hauptrichtusgeu in 
<^r scholastischen Logik unterschieden werden können, 
velche teils gleichzeitig, teils nacheinander aufgetreten sind 

*) Uan stellte d&her zuweilen geradezu auf Grund dieser Verschieden- 
™ des QueUenmaterials eine vetus logica UBd eine nova logica einander 
MUQber. Die erstere umlafite die Katesoiien und de interpretatione von 
^istolcles, die Isasoge des Forphyrius, die Abhandlunsen des Boölhius de 
WMDe nnd de ditferentiis topicia und den Liber sex principionim des 
'^'llwrt Pon«tanus, die letztere die beiden Analytiken, die Topik vmd die 
Soptiatici elenchi von Aiiatoteles. 



OgIC 



58 T. Teil. AbgninzDiu; tmd allgemeine Oesolüobte der Logik. 

und durah ihre Stellungnahme zu einzelnea Hauptproblemen 
der Logik und Erkenntnistheorie charakterisiert sind. 

Unter den allgemeinen Werken, welche die Geschichte der scbolastischen 
Logik behandeln, sind am wichtigsten Pranll, Geschichte der Logit im Abend- 
lande, Bd. 2, Leipzi« 188& {bis Averroea einschl.), B4 3, 1867 (bis Occam 
einschl.). Bd. *, 1870 (Schluß); B. Haur^u, De la Philosophie scolasUque, 
2 Bde., Paris 1850 u. Hisloire de ia Philosophie scolastique, 3 Bde., Paris 
1872—1890; M. de Wulf, Hisloire de la Philosophie mfdiivalt. Louvain 1900 
und Le probltoie des Universaus dans son 6vol, bist du 11. — 13. 3iöcle, Areh. 
f. Gesch. d. I'hilos. 1896, Bd. 9, S. 427; W. Kaulich. Geschichte der scholast. 
Philosophie, Teil 1, Praff 1663 (Eriugena bia Ab&lard); Albert SlöckV Ge- 
schichte der Philosophie des Mitlelallers. Ü Bde.. Mainz 1864, 1865 a 1866^ 
K. Werner, Der Entwicklungsgang der mittelalterlichen Psychologie von Al- 
cuin bis Albertus Maenus, Wien 1676 (Denkschr. d. Wien. Akad., philos.- 
hislor. Kl., 1876, B^ 2D, S. 69), und Scholastik des späteren Mittelalters, 
4 Bde., Wien 1881 — 1887; H. Siebecit. Zur Psychologie der Schoiaslik, Arch. 
f. Gesch. d. Philos., 1888—1^0, Bd. 1— Ö: M. Grabmano, Die Geschichte der 
scholastischen Methode, FreiburR 1909 u. 1911 (bis jetzt 2 Bde. erschienen); 
Francois Picavet, De l'orisine de la scolastique en France et en Allernaene, 
Bibl. de i'ic. des haut. 6t. Bd. 1, Paris 1688 *, Estluisse d'une histoire generale 
et compar^e des philosophies m^^vales, Paris 1906. 2. Aufl. 1907'*, Essais 
3Ur l'hist. frtn. et comp, des thfologies et des philoe. mSdiSv., Paris 1913; 
J. A. Endres, Geschichte der mittelalt. Philos. im christl. Abendlande, Kempten- 
MQnchen 1908, und Forschungen z. Gesch. d. frühmittelallerl. Philos., Münster 
189Ö (in Beitr. z. Gesch. d. Philos. d. Mittelalt., Bd. 17, H. 2—3); CL Bäucdccr, 
Die europ. Philosophie des Mittelalters, Kult. d. Gegenw., I, 5, Berl.-Leipzig 
1909; Franz Overbeck. Vorseschichte und Jugend der miltelallerlichen Scho- 
lastik, Basel 1917, und viele andere. Die Werke von E. Blanc waren mir 
nicht zugänglich. — Viele wertvolle Terte und Untersuchungen sind in den 
.Beitragen zur Geschichte der Philos. des Mittelalters", hrsg. von CL Bäuin- 
licr (seit 1891) und in der Sammlung .,Les phUosophes du moven Age", hrsg. 
von M. de Wulf (seit 1903) veröffentlicht. Auch die von Ilaur^au veröflent- 
lichten Kotices et extraits de quelques manuscrils lalins de la bibliolhkiue 
nationale, Paris 3890—1893, sind unentbehrlich. 

§ 17. Friihperiode der seholastischen Logik. Eriu^na, 
BoscelinuB, AnaelmuH. Johannes Scotas Eriugena 
(um 810 bis ch. 877) hat sich in seinem philosophischen 
Hauptwerk De divisione naturaeO anch eingehend mit 
logischen Fragen beschäftigt'). Die Dialektik oder „logicu 

') Dasselbe ist, obwohl lateinisch geschrieben, unter griechischem Titel 
(ntfl ^MtoK fitputfuv) veröffentlicht. Von neueren Ausgaben sind am leich- 
testen zugänglich die FloBsche in .Migncs Palrologie, Bd. 12E (1863) und die 
SchlüUrsche. Manchni 1838. 

') Die Bedeutung Eriugenas für die Geschichte der Logik ist zuerst von 
l'rantl (1. c. Bd. 2, S. 2aitj gewürdigt worden. Vibet>, den Text des Weites 
vgl. L. Traube und E. K. Band in AbK d. Kgl. Bayer. Ak. d. Wiaä, philos, 
u. phiIoL bist. Kl., 1912, B. 26, 1. Abh. 

„.,.,„.>..oo^sic 



2. Kapitel. Ailgemeine Gesctiicbte dtr Logik. 59 

rationalis" ist Dach seiuer Auffassung diejeuige Disziplia, 
velche die vernunftnoäßig aufzufassenden Gemeiobe^iffe 
erforscht (communium animi conceptionum rationabilioiu 
dütgeoB investl^trixque dificiplina, De div. uat, I, 29, ed. 
Schlüter S. 35), also von der Ehetorik und Grammatik wohl 
Tu nnterscheiden. G«genüber den übrigen Teilen der Wis^en- 
«chaft (sophia), nämlich der practice activa, der phygice 
naturalis und der theolt^ia nimmt »ic insofern eine b<>' 
soudere Stellung ein, als sie zeigt, „quibus reguHs de una- 
quaqne trium aliarum partium disputandum" (I. e. III, 29 
a. 30, S. 265). Beide Definitionen fallen insofern zusammen, 
als Gringena die wesentlicheu „Regeln", welch« von der 
lagik den anderen Wissenschaften geliefert werden, auf die 
Bildung der Gemeiubegriffe, die divisiones a generallssimis 
ad speeialiasLois und die collectio a speeialiseiniis ad genera- 
lissima bezieht (I, 16, S. 22). Die divisio bezeichnet er auch 
als merismus, die collectio als analytiee (II, 1 , S. 86) '). Die 
Stafenleiter schreitet also von den Gattungen (genera) zu den 
Arten (forma«) und von diesen zu den Individuen (ousiae) ') 
fort Arten und Gattungen sind also nicht wie bei Aristoteles 
bet«rogen. Die höchsten Gattungen sind die Kategorien 
(essentia, qoantitas, qualitas, ad aliquid, situs, habitus, locus, 
lempuB, agere, pati, I, 16, S. 22). Diese wie auch die (äat- 
bugeo und Arten existieren nicht nur als Begriffe und auch 
nicht etwa nur i n den Einzeldingen, sondern auch unab- 
hängig vom menschlichen Deuten und vor den Einzeldingen 
als ankörperliche Wesen. Die Einzeldinge erfassen wir mit 
den Sinnen, dem sensus corporens, das Allgemeine — die res 
per se immatal>ile8 — mit dem Intellekt, dein purus mentis 
contuitns (I, 63, S. 64). Trotz dieser realiBtiscli-outologischen 
Auffassung der Ällgemeinbegriffe lehrt Eringena, daß die 
Worte mit den Allgemeinbegriffen übereinstimmen, wenn 
nicht zosamnwnfallen, entsprechend der Doppelbedeutung des 
Wortes iöyof, und zwar infolge der von Gott den Worten 
verliehenen natura superessentialis (IV, 7, S. 330 und m, 9, 
S. 201). Hierdurch wird verständlich, daß die spateren sog. 



') .In anderer Steile (De divina praedesl., I, 1. .Mittne» Patrol., Bd. Vi2. 
ä. 36S) unterscheidet er vier Methoden : iminnur^ s= divisoiis, ifMiM^ ^=^ 
iiAmixt, mntittxtixi = demoostrativa, ärmXvtai ^ resolutiva. 

*j Ka scheint mir übriBeiis, daß Job. Scolus den Tennlnua ousia in 
•topKllera Sinne braucht, bald lOr Individuum, bald für essentia. 



OgIC 



50 I. T^ AbgrenniDg and aUgemaine Oeeobioht« der Jjagik. 

Nominalisten (e. unten S. 61) sich auf Scotns beriefen, obwohl 
seine Hanptlebre dem NommaliBmas ^radezn entgegen- 
gesetzt war. Die Beziehang des Intellekts zu den Allgemein- 
begriffen ist nach Scotna so zu denken, daB das Allgemeine 
dem menschlichen Geist innewohnt (inest) und durch die 
Dialektik nur zur Erkenntnis gebracht wird (TV, 7 — 9). 

An diese Lehre des Scotus Eriugena und an eine von 
Boethins kommentierte Stelle der Isagoge des Porpbyrins 
knüpften sich mannigfache Streitigkeiten, bei denen schon 
frühe die Bedeatong der Universalien (vgl. S. 53), d. b. der 
AlIgemeinbegritEe bzw. des Allgemeinen die Hanptrolle 
spielte*). Es traten nämlich Scholastiker auf, welche den 
AIlgemeinbegrifFen lediglich eine Existenz in dem mensch- 
lichen Denken und in den das Denken ausdrückenden Worten 
zuschrieben. Im Gegensatz zu den früheren Scholastikern, 
welche den Allgemeinbegriffen und speziell den Kategorien 
und den quinque voces auch eine objektive Realität an- 
schrieben und daher als reales (antiqui) bezeichnet wurden, 
bezeichnete man die Anhänger der nenen Lehre als nomi- 
nales (modemi *). Die Begründung der nominalistischen 
Schule wurde schon im Mittelalter Boscelinus von Com- 
piögne zugeschrieben, der in der ^. Hälfte des 11. Jahr- 
hundertB gelebt hat. Es ist jedoch nicht ansgeschloseen, daß 
Boscelin ältere Vorgänger gehabt bat. Größere Schriften 
sind weder von ihm noch etwaigen Vorgängern erhalten, so 
daß wir bezüglich der logischen Anschauungen dieser älteren 
Nominalistenscbnie fast ganz auf die Mitteilungen ihrer 
Gegner, namentlich Anselms (s. unten) angewiesen sind ^). 
Danach läßt sich, wenn man alle sichtlichen Enfatelinngen 

') Vgl. Beinera, Der aristotel. Realisoius in der FrQhscbolastik usvi. 
Aachen 1907, und die S. 66 zitierte ScLrilt von Willner. — Der LibeUuB de 
rational! et ratione uti von G e r b e t t (Sylvester U, t ICXB), Mignes Patrol., 
Bd. 139, S. 157, sieht außerhalb der groBen Streitfragen, die damals auf- 
tauchten (vgl. Fr. Picavet, Un pape pbilosophe d'apr^ l'hist. et d'aprfis bt 
lögeDde, Fatis 1897, S. lil ff.]. Dasselbe gilt anscheinend auch von R & d u I - 
fusArdene (um 1100}, aus dessen Speculum universale Grabmana Lei, 
S. 348 nianches Interessante initteilt (Einteilung d. Wissenschaften, Einteilung 
der Logik in Grammatica, Dialectica und Rheloiica usf.). 

*) Abweichend von der oben em&hnten Teiminologie (S. &7, Antn. 4). 

'') So erklärt sieb auch, daS die Oescbichtsschteiber der Scholastik 
Roscelin außerordentlich verschieden beurteilen. Vgl. P^^ Picavet, Roacelin, 
pbilosophe et th^oL d'apris l'histoire etc., Fariä 1911 (auch Ec. prat. des h&ut. 
«., Paris 1896). 



3. EapHeL AUgemone Oesohirbte dar Logik. 61 



der nominalistisGhen Lehre durch ihre Feinde beiseite läßt, 
das Prinzip der damaligen Nomiaalisten etwa folgender- 
maSen darstellen. Wenn wir irgend eine Eigenschaft, z. B. 
eine Farbe, von einem farbigen Gegenstand, z. B. einem 
Pferd, abstrahieren, so ist diese Abstraktion lediglich ein 
Produkt unseres Denkens nnd unserer Sprache, eine 
real getrennte Eigenschaft, z. B. schwarz exbtiert nicht. 
Ebenso ist die Zosammenfassung von Teilen zu einem Ganzen, 
die Zerlegung eines Ganzen in seine Teile und die Beziehung 
der Teile aufeinander nichts real Existierendes, sondern 
koomit erst im Denken und Sprechen zustande. Wie weit die 
damaligen Nominalisten diese Behauptung auf alle Be- 
öehnngen ausdehnten, ist zweifelhaft. Jedenfalls betrach- 
teten sie die Zusammenfassung des Gleichartigen zu Arten 
und Gattungen nnter Abstraktion von den individuellen hzw. 
den artbildenden Merkmalen als einen besonders wichtigen 
Spezialfall dieser ihrer Hauptsätze nnd' schrieben daher den 
Üniversalien, d. h. den Allgemeinbegriffen nur subjektive 
Existenz im menscblicben Verstand nnd in der menschlichen 
Sprache zu. Die Einheit der Arten und Gattungen sollte also 
nur in dem genteinaamen Namen bzw. Begriff liegen. Die 
Dominalistische Aof f assung ') der AUgemeinbegritfe, ins- 
besondere auch der Kategorien, scheint also nur eine einzelne 
besondOTS wichtige Konsequenz einer viel umfassenderen 
nominalistiscben Auffassung der gesamten Logik gewesen zu 
■ein. Auch muß es unentschieden bleiben, wie weit diese 
älteren Nominalistm die Prozesse der Zusammenfassung, 
Teilung, Abstraktion, Generalisation usf. nur der Sprache 
oder der Sprache und dem Denken zuschrieben*). Naeh 
QutDchen Darstellongen ihrer Gegner mochte man das erstere 
glauben, innere Grunde sprechen für letzteres; anch ist wohl 
möglich, daß die Nominalisten im Hinblick auf die damals 
angenommenen geheimnisvollen Beziehungen zwischen Be- 

'} Vg\. hierzu aamentlich einen Brief, den Abaelard Cber Boscelin an 
den Bischof von Paris schrieb (Petri Aluelardi Opp. bactenus aeors. edila etc.. 
•d. V. Cousin, Paria 1859, Bd. 2, S. 150^, und Cousins Bemerltungen, ibid.. 
Bd. 1, S. 40 u. 51, sowie Abaelard, De divisioi\. et defin., Oeuvr. inädils, ed. 
Cousin, Paris 1886, S. 473^ lemer Anselm, De fide trin. elc. c. 2 (S. 366), 
und Job. t. Salisbury, Hetoloficus, IT, 17 (S. 874}. 

'} Uan beachte, daS z. B. in dem oben zilierten Brie! gerade in diesem 
fWkle die handscbriftUche Überlieferunt! divergiert (bez. der Worte „sed 
«Am tocem"). 



1,1^. OQi 



,g,c 



I. Teil. AbgroOEung und alleeineine Geschichte der D)gik. 



griffen und Worten (vgl. S. 59) zwischen Sprechen und 
Denken gar nicht scharf nnterBchieden. 

An der Spitze der Keaktion gegen diesen Nominalismas 
stand A n 8 e i m n 8 von Canterbury") (1033— 1109), d»r, 
an piatonißch-auguatinische Lehren anknüpfend, gegenüber 
den Nominaliaten — den haeretici dialecticae, wie er sie 
nannte — die Realität der „snbBtantiae universales" be- 
hauptete und sogar die Wahrheit der Urteile in die Essenz 
verlegte '^). Der sog. outologische Gottesbeweis Änselms (ab- 
gekürzt etwa: Deo nihil majus cogitare potest — easet in io- 
telieetu et in re majus est quam esse in solo intellectu — 
ergo Deus non potest cogitari non esse — ergo est) wird von 
diesem Standpunkt aus einigermaßen verständlich. Im 
übrigen hat Änselm die Entwicklung der Logik nicht ge- 
fördert. 

Eine noch extremere Ausbildung dieser realistischen Lehre in onto- 
loRischer Richtung versuchte Wilhelm v. Champeaux") (1070 bis 
1121], von dessen Si^ritten uns nur Fragmente erhalten sind. Er behauptcA, 
daB in den Einzeldingen, z. B. SokraleR, nur das Allgemeine, z. B. der homo 
universalis, Substanz sei, das Individuelle hingegen, also im asgezogenen 
Beispiel die „Sokralitas" nur akzidentell sei, wie ähnlich schon Boßthius 



'") Kür die I«gilc sind folgende Schritten Anselins am wichtigsten: 
üialogus de verilale, Üialogus de gramniatico. Nfonologium de divinitatia 
essentia, l'rDSlDgion seu Alloquium de Dei existentia und De lide Irinitatis et 
de incimatione Verbi. Sie finden sich sämtlich im 158. Band der Migneschen 
PatPologie (1863—1864). Über Anselma Stellung zur Logik vgl. auch van Wed- 
dingen, Essai crilique sur ia philoa. de St. .\iiselme de Cant.. M*ro. de i'Acad. 
de Belg., Bd. 46 (mir nicht zuganglich). 

"] „Est igitur verilas in omnium quae sunt essentia. quia hoc sunt, 
ciiiodin summa veritate sunt" Dial. de ver. c. 1, S. 176). Als EssenE hatte 
üuintilian (InstiL orator. III, 6, 23, ed. Rademacher, Lips. 1907, Bdj 1, S. 144) 
die erste Kategorie den aristotelischen Tafel, also die ovo«» bezeichnet, fCtf 
die er sonst auch das Wort subslantia braucht. Allmählich bekam aber der 
Terminus essentia eme andere Bedeutung. Aristoteles hatte den Terminus 
ohaUt für die vuin tltoi KUcCallete vili), z^uweilen aber auch für daa tU*e 
als solches gebraucht (v^L S. 83). Pori^hvriu.s und Boüthius hatten, die Einzel- 
iveseu als nfüttn avahu den Mg und yivi} als den dtviifta *v<rfu g^an- 
übergestellt (S. 50 u. 53); demgegenüber machte sich bei den Patristen und 
namentlich bei Scotus Eriugena ^Ue divis. uat. 1, 46 ü. unter Berufung auf 
Dionysius Areopagita) das Bestreben gellend die otkfia ^ essentia als abaolot 
unkörperiich zu deuten: sie ist incorporea, incorruptiblilis, nulle sensui cor- 
poreo, nullo Jntellcclui comprehensibilis (seil, quid sit). Die prirase sub- 
slantiae des Porphyrius und Boölhius scheiden damit aus den Essenzen 
gänzlich aus. 

") Vgl. ß. Micliaud, Guillaumc de Champeaux et les 6co1ea de Paria 
au Xlie a'\Me, Paris 1867, namenll, I. 3—8, S. PS ff.; G. Letövrw, Les varia- 



OgIC 



2. Kapital. Allgcmcia« Geschichte der Logik. g3 

bbaupiet hatte ■']. Das Allsemeine existiert vor den Eiozeldingen (uni- 
retsaie ante res) und wflrde auch «tialieren, wenn keine Ein^eldjnge 
fMüerter. 

§ 18. Übergattgsxeii von der 1. zur 2. Perlode der Seho- 
It&tik. Abaelard. Gilbert Porretanos. Hugo St. Victor. 
Petras Lombardns. Johannes t. Salisbnry. Abaelard 
(1079 — 1142) kaunte, wie Prantl gezeigt hat'), wahrseheiB- 
lieh bereits auch einige hie dahin fast unbekannte aristo- 
telische Schriften, so namentlich die beiden Analytiken. 
Auch müBsen zu aeiner Zeit zu den Übersetzungen des Boe- 
tiins bereits nenere hinzugekommen sein (vgl. S. 65, Anm. 8). 
Damit ergab sich eine wesentliche Erweiterung des Gesichts- 
kreises der logischen Untersuchungen, die auch in den 
If^riscben Anschauungen Äbaelards*) bereits bemerklich 
wird. In seinen ontologischen Grundanachauungen lehnt sich 
Abaelurd an Plato an, in der Ausführung der logischen Sätze 
bleibt er jedoch fast ganz von den peripatetischcn Lehren 
abhängig. Die Praedicamenta und Postpruodicamenta wer- 
den wie üblich aufgezahlt, die quinqno voces ihnen als Ante- 
praedicamenta vorauegeechickt, dabei aber als sechste vox 
„individuum" hinzugefügt (Gloss. in Porph. ed. Cousin 
S. 553). Die substantia oder subsistentia ist das generalissi- 



ÜDos de G. de Ch. ei la queslion des Universaux : Elude suivie de doc. orisiD)., 
Tiav. et Uim. de l'Unir. de Lille, Tonte VI, taä8. Htm. No 20 (unter den 
»Den Dokumenten a, namentl. Nr. \; S. 2L „De essentia Dei, et substantia 
Dei et tribus ejus personis"). 

") Comm. in Porphyr, a ae Iranslat Lib. 111 (Mignes Patrol., Bd. W, 
ä 106: Dolla . . , addiluii diflerentia suttsiantialis ad hominem, ut äocrates 
*« aut Cicero . . .). 

') L. c. Bd. 2, S. 98H. 

*) In Betracht kommen für die Kenntnis derselben: Dialectica (beraus- 
E^Rben und mit diesem Titel versehen von V. Cousin in den Ouvrages in^ls 
^AWtard, Paris 1836, S, 171 fl.), zahlreiche Kommentare (Glossae in Por- 
Aninm, in CatCBorias usf.. ebenda S. 561 H.) und Invectiva in quentdam 
<niuvm dialectices (Opp. ed. Cousin, Paris 18*9, Bd. 1, S. 6e&— 699). Die 
SchnA Über diviaioausi et definilionuin ist von Cousin als ä. Teil der Dia- 
^% L c. S. 4^0, abgedruckt worden, nach Prantl handelt es sich um eine 
''ttindere Monograiihie. Die Glossilae super Porphyrium deren Echtheit 
iKifethalt ist, sind nur in einem, französischen Auszug bekannt (bei Charles 
'ItRtinusal, Abölard, Paris 18*5, Bd. 2, S, 93^111, vgl. aber Grabmann, 
^ c- Bd. 2, S. 175). Die sehr interessante, von Cousin dem Abaelard zu- 
rachriebene und in den Ouvr. in^dils, S. 505 ff. mit verüClentlichle Sdirift 
:J** tetieribus et speciebus" ist nach Prantl (1, c, S, 1t+) u. a. sicher nicht 
'on ihm verfaßte 



.oo^Sic 



Q^ I. Teil. Ät^retu-.nng and allKemmie Oeschiobte der Lo^k. 

mom und daher die oberste materia. Dnroh einen 
Schöpfnngsakt (ereatio) der mens dei entstehen ans dem 
geaeraliesimnm die verschiedenen Oattongen und ans dieeeu 
die Terschiedenen Arten. Allenthalben werden Gattungen 
und Arten als gleichartig, d. h. als Stufen desselben Difleren- 
ziemii^prozesses betrachtet*), aber allerdings — wie schon 
bei Aristoteles selbst — die Spaltung des generalisaimum in 
genera viel weniger erörtert als die Spaltung der einzelnen 
genera in die species. Die letztere Differenzierung erfolgt, 
wie schon Porphyrios lehrte, durch die düTerentiae substan- 
tiales (1. e. S. 477). Die species besteht materialiter aus der 
Gattung, formaliter ans der diflerentia snbstantialis. Die 
Arten einer Gattung sind durch die consiniilitudo substantiae 
zu einer Einheit verbunden. Die letzte Stnfe des ganzen 
DifFerenziemi^aprozesses sind die Einzeldinge (Individuen). 
Indes nimmt Abaelard für die Individuation doch eine 
wesentlich andere Differenzierung an als für die 
Spaltung in Gattungen und Axien, Insofern er den Individuen 
einer Art keine -differentia snbstantialis zuschreibt, son- 
dern nur eine numerische, „entiale" Verschiedenheit, ohne 
allerdings diese beiden Arten der Verschiedenheit klar zu 
bestimmen *). 

Ofienbar entsprechen diese auch von Plato stark beeinIluBten An- 
schauungen einem gem&Bigteren RealisnniB (S. 60): die univeraalia sind zwftr 
nicht ante res, aber doch als ein Belbst&ndiger Bestandteil in rebus*). 
Damit steht: auch in FinUnng, daB die Auffassung der Universalien, obwohl 
sie ihr subsistere nur in den tndividuen (per individua) haben, doch duich 
eine besondere Tätigkeit, den conceptus (conceptio} intellectus (rationis), d. b. 
die erfassende Tätigkeit der Vemvinft erfolgt. Insofern der Intellekt das 
Seiende einlach, wie es ist, eifafit, heiBt er intellectus pums. Und doch nähert 
sich Abaelard andererseits einem vemäßigten Nominaliamus. Er lehrt oftmr 
lieh in Übereinstimmung mit Aristoteles, daB die Galtung dasienige sei, „quod 

3) Vgl. Lib. divis. et def., ed. Cousin, S. 4&7. Selbst wenn ein Schfip- 
fungsakt vorliegt, bleibt die Frage nach dem Prinzip der Differenzierung 
zulässig. 

*) Auch scheint mir Abaelard dieser Lehre untreu zu werden, wenn er 
vielfach die Individu«! als principales oder primae substantiae bezeicbneL 
Vgl. oben & &» u. 50. 

>) Man hat diese in gewissem Süme zwischen Nominaliamua und 
RealisiDUB stehende Ansicht auch Konzeptualismus genannt (Cousin, 
Hauröau, R6musat), indes ist, wie schon Prantl hervorgehoben hat, dieser 
Name unzutreffend: auf die begriffliche Natur oder die Denkauffassung der 
UniversaUen bat Atiaelard gar nicht das entscheidende Gewicht gelwt Jedeo- 
falls muB die Abaelardsche Ansicht scharf von dem späteren Konzeptualismus 
getrennt werden. 



2. Ka^iteL Allgemeine Gesohichle der Lof^k. 55 

utmo est de pluiibus vraedicui". Es besteht slso snrissennaBen eise 
nmosbeBtiminte Beziebuiu äta AUsemunen im obiektiTen Sinne zu unseren 
Innuen, (Urteilen, sennones). Das Allsemeine kuin d&her insoweit als 
Wort (toi) bezeichnet werden, als unter dem Wort nicht die Lauterscheinung, 
soideni seine allsemeine Bedeutung verstanden wird. So weicht also Abaelard 
Tcn dem ausgesprochenen Realismus nicht nur dadurch ab, daS er eine vom 
bxündiieDen gesonderte Existenz der Universalien bestreitet, sondern auch 
iluin, daB er dem raeoscblicbea Denken, speziell dem aussagendea Urteil, 
iwar nicbl die Hervorbringung der Universalien, aber doch eine allgemein- 
Klttiie uiaprflnglicbe Bedeutung lu ihnen zuschrieb. Daher ist nach Abaelards 
AdSusdos auch im Urteil weder der sprachliche Ausdruck noch die Ge- 
<^enTeri)indung das Wesentliche^ sondern die wirkliche sachliche Inh&renz 
iicnim inhaerenlia realis). Dabei bleibt freilich unaufgeklärt, wie die 
wechselnden Urteile diese sachliche Inhärenz anders als durch die Vermittlung 
uiner Gedanken ausdrflcken kannten. Die LOcken, Dunkelheiten und 
Wideraprüche, welche der Abaelardschen Lehre in dieser und anderen Be- 
riehunien anhaften, erklären sich vielleicht zum Teil aus allmählichen Wand- 
timgen seiner Ansichten; auch sind wir bezQglich mancher Schriften zur 
Zeit noch auf unvollständige auszugsweise Übersetzungen angewiesen. 

Nach einer anderen Ricbtung als Abaelard versuchten die soc I n - 
differentisten zwischen dem extremen Nomioalismus und dem ex- 
tremen Realismus zu vermitteln. Als ihr Uauptvertreter ist wahrscheinlich 
Adelard von Batb zu betrachten, der zwischen llOö und 1117 eine 
Schrift: De eodem et diverao*) verfaBteL Nach dieser Ansicht ist das Uni- 
rerselle als ein Unterschiedsloses (,4 n d i 1 f e r e n s") in den Einzeldingen 
Toiiiuiden; sie entfernt sich durchaus nicht so weit von den Ansichten 
.Uaelards, als man nach den Angriffen des letzteren auf die indifferentistische 
l'^re veraiuten möchte. In der weiteren Ausfahrung scheinen die Inditteren- 
tisten sich wieder teils dem Nominaliamns, teils dem Realismus angeschlossen 
ni tubeo. Die ersteren fahrten es lediglich auf die Verschiedenheit der Auf- 
lassang (respectus) zurück, warn wir bald das Allgemeiue, bald das Einzelne 
ds Dinge auffassen, die letzteren schrieben den Universalien schlieBlich doch 
wieder eise Existenz nach Art der plalonischen Ideen zu (so z. B. Adelard 
^n ipsa noy" Gottes). 

Gilbertns Porretanus (de la Ponte, ca. 107fr-llH)»), der 
SKher die beiden Analytiken des Aristoteles bereits kannte ■}, untersdieidet 

'i üorausgeg. von Hans Willoer in den Beitr. z. Gesch. d. Fhilos. des 
HiUelalters, Bd. 4, H. 1, Hauchen 1906 (vgl. iu der beigegebenen Analyse 
itiiQeDUich S. Mff.]. 

*] In Betracht konmit hier namentlich der Kommentar zu BoCthius, De 
indtate, abgedruckt in Bd. H, S. 1265 der lligneschen Patroltwe und der 
'Jtwr sei principiorums abgedruckt z. B. in der llt)&ndigen Averroes-Ausgabe 
*. J. 1560—1668 in Bd. 1, 1662, S. 31—8*, und in Mignes Patrol, Bd. 188. 
S. 1367 (hier aber von Ermolao Barbaro spracbUch umgearbeitet). Vgl. über 
ilui namenlücb Berthaud, Gilbert de la Porrto £ve<iue de Poitiera ef sa phiio- 
scphie, Poitiers 1892 (Th^e de Besancon), namena S. 81 ff. 

') Die Einführimg der Topife, der Analstiken und der Sophtatici elenchi 

in Deutschland (natürlich in lateinischer Übersetzung) ist das Verdienst des 

^hofs Otto von Freising (IH*— 1168, vgl. Schmidlin, Die Philos. Ottos 

«n Freising, Philos. Jahrb., 190Ö, Bd. 18, S. 156). Als Übersetzer kommen 

2i)hen, IjehAuch der Logik. 6 

„.,,„, ^.oogic 



66 ^ T^^- AbgreDnuig nnd allgemeine Oesoluchte der Lc^k. 

du ,/iuod est" der Snbslanz als das eubsisteiis von dem „quo est" als der 
flubsiatentia. Die Ide«i sind Hubststentiae. In der Halerie sind sie als fonnae 
aiibstaDtiales [fonnae nativae) wirksam und geben so AnlaS zur EntstAuns 
dei Arien und schlieBlich auch der Indrnduen. Auch letzleren kommt je eine 
sinsuiaris subsistentia zu. Während aber das Individuelle niebt nur sub- 
s i a t i t , sondern auch aub s t a t , insofern ea auch Irteer von Akzidentien 
im Sinne der neun letzten Kategorien ist, heiBt es von den gntera et apecies: 
aubaistunt tantum, non aubstant vere. Das. menschliche Denken a&mm^t 
das Allgemeine aus dem Einzelnen und gelangt so zur Erkenntnis des 
Enteren. Unter den neun letzten Kategorien weist er die Qualit&t und Quan- 
tität und — wenigstens im Kommentar zu Boetbius — auch die Relatioii 
dem vere esse (der natura subsistentis) zu, während die übrigen sich nur 
auf die wechselnden Zustände (Status) beziehen. Die EinzelerSrterung der 
sechs letzten Kategorien in der Schrift „De sex principüs" zeigt keinen Fort- 
schritt über die älteren Logiker heraus. Ais die sechs Prinzipien, d. h. Kate- 
gorien, werden hier angefahrt: actio, passio, quando, ubi, positio, babitus. 
Vorausgeht ein Kapitel de forma, am SchluS folgt eine Untersuchung de eo, 
quod est plus minusve susdper^ d. h. Ober die Frage, ob die Gradabstufunsen 
in der Substanz oder den Akzidentien liegen. 

HugOTonStVictor»)Cca, 1096—11*1) nimmt eine Sondeistellung 
ein, insofern er die Logik wieder fast ganz als eine propädeutische Anweisung 
zum wissenschaftlichen Denken und zum richtigen sprachlichen Ausdruck 
auffaßt und sie in grammatica nnd ratio disserendi einteilt PetrusLom- 
b a r d u s '') (gest 1164) nahm einen ähnlichen Standpunkt ein. Obwohl aein 
Hauptweik, Seutentianjm tibri qualuor, die Logik fast vollständig ignotiert, 
gab ea doch weiterhin, da es lange Zeit das gebräuchlichste dogmaüsche Lehr- 
buch hlieb, fOr die logischen Didcussionen der späteren Scholastiker vielfach 
Stoff und Grundlage ab. 

Johannes von Salisburv") (Sarisberiensis, ea. 111&— 1180) 

Jakob von Venetia (v^. S. f&, Anm. 3) und ein Henricus Aristippus von Ca- 
tania (gesi 11^ m Betracht Vgl. darOber Grabmann, 1. o. Bd. % S. TOR. 
mit weiterer Literatur. 

*) Eniditio didascalica oder Didascalicon, Mignes Patolt^ie Bd. 176, 
S. 738 (namentl. B, 2ff., 18tf. ui 26B.) und De unioqe corporis et aniniae 
(Spiritus), Mignea Patrol Bd. 177, S. 286^-2». Vgl. Ober ihn AI Hignoa, Lea 
origines de la scolastique et Hugues de Saint-Victor, Paris 1895, namentL 
Bd. 1, S. 79«.; B. Hauriau, Les Oeuvres de Hugues de S, "Victor, a Aufl., 
Paris 1886 (erste Aufl. luiter d. Titel: Hugues de S. Victor, Nouvel ezameit de 
redition de ses oeuvrea 1659). Derselben Schule gehört auch Gottfried 
V. St Victor an, dessen Föns pbilosophiae * (von Charma herausgegeben. 
Caen 1868} eine kurze Wissenschaftslebre in Versen gibt (vgl. Qrabmann, 
I. c Bd. 2, S. 319). 

10) Hignes Patrologie Bd. 192, S. 619. Für den Standpunkt des Petrus 
Lombardus sehr bezeichnend z. B. Lib. II, Dist. 34, Nr. 6. Vgl. tiber ihn 
namentlich Koeget, P. Lomb. m seiner Stellung zur Philosophie des Hittel- 
altera, Greifswald 1897, und J. N. Espenberger, Die Philosophie des P. Lomb. 
und ihre Stellung im 12. Jahrbondert, Münster 1901 (in Beitr. z. Gesch. d. 
Philosophie des Mittelalters Bd. 3, H. 6), namenU. S. 12 ff. 

") Für die Logik kommen von seinen Schritten namentlich in Betracht 
der PolJcraticus und d« Melalogicus (Mignea Patrologie Bd. 199, S. 38Da. 823). 



OgIC 



2. EiqtiteL Ailgemeioe Oesdiicht« der Loeik. 67 

iireiiMr der eisten, welche die gesamten logischen Schriften des Aristoteiea 
tuaten (wahrscheinlich nunetttUch durch VermitlluDS von Adam de Petit- 
Prot, der ein Werk de arte dialectica mit BenOtzung einer Übersetziins der 
.ItalrttbeD und Topiken schrieb). Seine eieenea Leistungen auf dem Gebiete 
iier Locik beschrftcken sich fast ganz aul eine redegewandte, aufierliche 
Sanpiktion der ihm zuglnglichen bgischen Lehren, wobei auf die innere 
rbeieinstinununc kaum geachtet wurde. Auch betonte er selbet immer wieder, 
JiS die Lc«ik im wesentlichen nur als Werkzeug fflr Ethik und Theologie zu 
ifienen habe, und grifi die Spitzfindigkeiten der SchuUogikar (,<iiiwnil'xiui 
tenülalores") heftig an. Wenn er sich selbst zur Partei der modemi (Metalog., 
Fnloc.; Tgl. S. 60) stellt, so versteht er darunter jetzt nicht mehr die nomi- 
mliitis^e Richtur^, sondern die mit der E^rweiterung der Kenntnis der 
uutoteiischen Schriften Hand in Hand gehende allgemeine Erweiterung der 
logischen Forschungen "). Insbesondere tritt bei ihm die Lehre vom SchluB 
sdwn vid mäa in den Vordemnind. 

Etwas iOnger als Joh. v. Satisbury ist ein Nicolaus t. Amiens, 
der wahrscheinlich als Verfasser der Ars catholicae fidei anzusehen ist (nach 
uderen Alanus de Tnsulis). Fflr die Geschichte der Logik ist dies 
VeA deshalb interessant, weil hier die malhematiBche Methode, wie sie 
spiler z. B. ^inoza anwandte, zum ersten Male auf einem nidit-mathe- 
matischen Gebiete versucht wird. Vgl. darüber z. B. Grabmann, 1. c. Bd. 2, 
S. a&B. — Petrus v. Poitiers (gest 120^) scheint bereits auch die 
MetaphTsik des Aristoteles gekannt zu haben. 

§ 19. ByzantiiilBehe and arabische Logiker. Die Grün- 
dung: des lateiDischen KaiBertums führte dazu, daß — nament^ 
lieh auf Betreiben des Papstes Innozenz Ut. zd Anfang des 
13. Jahrhunderts — Theologen aus Frankreich nach Eon- 
stantinopel kamen, wo Bie die byzantioisehe logische 
Literatur kennen -lernten und nach ihrer Rückkehr im 
Abendlaade weiter verbreiteten. In Byzanz hatten nämlich 
im AnschlnB an die früher erwähnten Kommentatoren, Joh. 
PhUoponos n. A. (vgl. S. 47), zahlreiche Schriftsteller di« 
Beschäftigung mit den aristotelischen Schriften fortgesetzt. 
Besonders wichtig wurde für die weitere Entwicklung der 
Ix)gik im Äbendlande ein logisches Kompendium, betitelt 
2bo^(£ mI^ r^v 'Agtatotilovs loytx^v ijttm^fMiv^), welches 
dank seiner didaktisch geschickten Abfassung rasche Ver- 
breitung im Westen gefunden haben muß. Der Text dieser 

&slerer ist neuerdings von Clemens C. J. Webb mit einer Einleitung und 
Anmeikungen in 2 B&nden herausgegdwn worden (Oxon. 1909). Der Mela- 
logicns ist auch ftlr die Geschichte der scholastischen Logik eine wertrolle 
Quelle. 

'^ Tgl. hierzu wie flbeiiiaupt zu den logischen Schriften des Joh. V. 
Salisborr namentlich PranU Bd. 2, S. ll&fL ^x.$»iB. 

') Synopsis organi AiistoteUci, M. Psello «utore, ed. EI. Ehinger, Witten- 
beig 1G07 (griech. Text mit lat. Übersetzung). 



1,1^. OQi 



,g,c 



igrenEnng tud aDgemeiae Geachiohts der Lo^. 

Lt nahezu wörtlich mit den später zu er- 
imulae logicales des Petrus Hispanns 
;rein, ist aber nicht vollständig' erhalten. 
1") annahm, daß ein zu Plato hinneigender 
Dyzanimiscner Philosoph, Michael Psellus*) (1018 bis 
Oft. 1079), die Synopsis verfaßt habe und die Summnlae des 
Petrus Hisp. eine Übersetzung derselben seien, kommt nach 
neueren Untersuchungen*) schwerlich Psellus als Verfasser 
ia Betracht; auch hat man hin und wieder umgekehrt die 
Synopsis für eine Übersetzung der Summulae gehalten (wohl 
mit Unrecht). Wie dem auch sei, jedenfalls beherrschte dies 
Buch für mehrere Jahrhunderte den Unterrieht in der Logik. 
Was den Inhalt anlangrt, so kamen die allgemeinen Grund- 
lagen der Logik sehr kurz weg, um so ausführlicher wurde 
dagegen die logische Technik behandelt und zwar durchweg 
im Anschluß an die aristotelischen Lehren. Für die spätere 
Entwicklung besonders einflußreich war ein Abschnitt „De 
terminorum proprietatibns", in welchem die signiflcatio 
(a^ftaaitt, Bedeutung), suppositio (vnö&sois, Einsetzung eines 
substantivischen Begriffs bzw. Worts für ein anderes, z. B. 
„Mensch" für „Sokrates"), copulatio [ffv/»7rJU*iJ, Einsetzung 
eines attributiven Begriffs bzw. Worts für ein anderes) usf. 
erörtert wurde'). Zum ersten Male werden hier auch die 
eymbolischen Yokalbezeichnungen für die vier Hanptformen 
des Urteils und entsprechende Memorialworte und Memorial- 
sätze für die Schlußflguren ') und Urteilsverhältnisse an- 
gegeben. 



») L. c. Bd. 1, S. 658 u. Bd. 3, S. 266 H. sowie M. Psellua u. Petrus 
Hispanus, Leipzig 1867. 

*) Von Psellus existieren kurze Paraphrasen zum Organen des Aristo- 
teles (z. B. voa Jacobus Foscarenus herausgeit. u, übersetzt Venet. 1532). 

<) Vgl. R. Stapper, Die Summulae logicales des Petrus Hispanua und 
ihr Verhftltnia za Michael Psellus. Festschr. z. 1100 jähr. Jub. des Deutschen 
C. sanlo in Rom, Freiburg 1897, S. 130—136. 

■>) In den Summulae des Petrus Hispanus und den logischen Werken 
des Wilhelm Shyreswood und Lambeit v. Auxerre, die ebenlalls ganz auf 
dem Standpunkt der Synopsis stehen und nach Prantl aus ihr geschöpft 
haben, folgen dann Erörterungen über appellatio, ampliatio, restrictio, distri- 
buüo, relaüo {vgl. den speziellen Teil). 

•) Die Verwendung geometrischer Figuren zur Veranschaulichuni; 
einzelner SchlußQguren flndet sich schon bei Philoponus, CommenL in duoa 
prior. Analyt. Arisl. libr,, 7.. B. Venet. 1560, S. 13, 22 usf. (in der Akad. Ausg. 
nur zum Teil abgedruckt, g. Bd. XIII, 1, S. 38 und Bd. XIII, ^ FraefaL. Supp] 
S. XXXVir u. Vn, Anm. 2). 



1,1^.001 



,g,c 



: Eqntel. Allgemaine Gasohichte der Logik- 



Ebenso bedenfflam nud ganz unbestritten ist der EinfloB 
der arabischen Philosophie^ aof die echolastische Logik. 
Die Araber hatten, wahracheinlicb dnrcb syrische Lenker 
angeregt, schon viel früher als die Scholastiker sämtliche 
Originalwerke des Ariatotetes übersetzt nnd ihren logischen 
üntersnehnngen zugrunde gelegt. 

Der älteste arabische Schriftslciler, von dem uns auslührlichere logische 
Scbrilten erhalten sind, ist A 1 k e n d i ■) (gest. um 870), der vielleicht den 
Atistoteles selbst übersetzt und zahlreiche Eommenlate zu seinen logischen 
Wnkao geschrieben haL Bekannter und einflufireicber wurde im Abendland 
Alf&rftbi') (gesL um 9fiO}. Er betrachtet die Beweisfabruiw (argumentatio) 
als den Hanptgegenstand der Logik. Die logica utens hat es mit ihr als 
Wofczeug za tun, die locica docens untersucht das Wesen der Beveisfübning. 
Qa> Ziel ist Erkenntnis eines Unbdonnten auf Grund des Bekannten. Bei 
dem Suchen des Unbekannten handelt es sich entweder um die einfädle 
Frage, „quid nt" (= incomplezum), oder um die Frage, „an verum vel falsum 
Bt" ^ complexum). Der erste Teil der Logik behandelt daher die „definitio" 
oder „quiddit&s", der zweite die arjumentatio (Urteile, Scbltlsse, Beweise}. 
Die SchwieriAeit, substantia und essentia (vgl S. % u. f^ und die nunmehr 
Bocb hinzugekommene quiddilas (vgl. ro tl intr, S. 34) zu imterscheiden, 
acheint von AU&r&bt nicht gelöst worden zu sein. BezOglich der Allgemein- 
begriSe nahm A. einen vermittelnden Standpunkt ein. Das Allgememe (uni- 
versale) ist ein „unum de mutüs et in multis". Sonach kommt ihm eine ge- 
Koderte Existenz nicht zu. Dementsprechend ist auch das Individuelle 
(singulare) nicht lediglich ,4n sensu", sondern auch „in intellectu", und das 
Allgemeine nicht nur ,4n intellectu", sondern, insoweit es im Individuellen 
memischt ist (in singulari nüitum et confusum), auch ,4n sensu" >"}. 



*) VgL zum folgenden im alleemeinen auBer Prantl 1. c namentlich 
Ptiedr. Dieterici, Die Logik und Psichologie der Araber im 10. Jabrh. n. Chr. 
Leipzig 1866, S- 1&— M, und PhUoaophie der Araber im 10. Jahrb., Teil I, 
Leipzig 1876, namentl. S. 131 ff., 171 H., TeU 2, 1879, S. 1*8—166. 

*) Seine pliilosophisehen Abhandlungen sind von Albino Naer in den 
Beitr. z. Gesch. d, Philos. des MtlteUlters, Bd. 8, H. 6, Münster 1897 herau»- 
Kgdwn worden (e. namenU. S. 41 ff.). Vgl. auch G. Flügel, Al-Kindl, gen. d, 
Philosoph d. Araber usf., Leipzig 18ö7 (Abb. f. d. Kunde des MorgenL Bd. 1, 
Sr. 2), S. 7 B. u. 21 L 

*} Vgl. Steinschneider, Al-Farabi, des arab. Philesophen Leben und 
Schriften etc., Petersburg 1869 (Mgm. de l'Acad. imp:. d. sc. de SL Fätersb. 
T. Siiie, Tome 13, No. 4, S. 13 ff.) und Friedr. Dieterici, Alfarabis Philosoph. 
Abhandlungen, Leiden 13S2 (arab. Ausg. 1880), namentl. S. 61 ff., 83 u. 139 0. 
(Kategorien). Eine Kompilation aus Alfarabi und anderen srabischen Pbilo- 
upha ist die um 1160 verfaßte Schrift De divisione philosopbiae von 
Oamenicus Gundissalinua (vgL Ludw. Baur, in Beitr. z. Gesch. d. Fhilos. des 
UiltelalUra Bd. i, H. 2-3, Münster 1903, namentl. S. 69 ff. u. 28i fl.\ 

») Vgl. Albert Magn., Analyt. post. Lib: I, Tract 1, Cap. 8, ed. Borgnet 
Bd. 2, S. 9. Obrigens ist zu betonen, daB in den Berichten des Albertus 
Uagmis, auf welche sich diese Darstellung stützt, oft nicht zwischen den 
Uhren des Alfftrftbl und denjenigen des Avicenna unterschiedeo wird. 

„.,,„,^.oogic 



70 !• Teil. At^reDiang und sUgemeiDe GsacbicJito der Lo^lt. 

Avicenna (ca. 980—1037) hat «ine Logik verfaBt, von dei; uns nur 
eia Teil in einet alten lateinischea Übersetzung erhatten ist i']. AuBerdctm 
kennen wir ein kürzeres logisches Kompendium in Qeatalt einer französischen 
Übersetzung von Vattier "). Er steht im allgemeinen auf dem aristotelischen 
Standpunkt^ bewahrt sich aber in vielen Punkten doch eine gewisse Selb- 
ständigkeit. Sieht man von der neupta toniseben metaphrsischen Grundlegung 
des logischen Systems, die auch bei Avicenna noch eine große Rolle spielt, 
hier ab, so bleibt etwa folgender Gedankengang "). Es gibt zwei Arten der 
ExistenE, die potentielle und dia aktuelle. Das Begriffliche hat potentielle, 
die natürlichen Dinge haben aktuelle Existenz. Während für das höchste 
Wesen quidditaa und Existenz zusammenfallen, bedarf fOr alle anderen Wesen 
nicht nur die quidditas, sondern auch die Existenz einer besonderen Ursache: 
die quidditas reicht als Existenigrund nicht aua In den natürlichen Dingen 
kann man — wenigstens in Inldlichem Sinne — Uaterie, Form und Akij- 
dentien unterscheiden. Durch die beiden ersten werden die wesentlichen 
(ersten) Eigenschaften eines Dings, durch die von den neun letzten Kate- 
gorien abhängigen Akzidentien die unwesentlichen bestimmt Das Begriffliche 
ist an sich weder universal noch sinsulär. Erst in seiner VerwirUicbung in 
den Dingen wird es universal oder singulär. Daher kann Avicenna sagen, 
daS die Gattungen — genera logica entsprechend den genera naturalia — 
sowohl ante res wie in rebus sind. Sie sind aber schließlich auch post res, 
insofern die AllgemeinbegriSe erst in unserem Denken (intetlectus) atati«hiert 



*') Abgedruckt in Avicennae peripat. philosophi ac medicorum facile 
primi opp. in lucem redacta, Venet 149&. Sein die ganze Philosophie um- 
fassendes Hauptwerk (Chifä = Heilung oder Eit&iMuäifü) ist bis jetzt nicht 
flbersetzt worden. Die venelianische Ausgabe ausgewählter Werke in latei- 
nischer Übersetzung v. 1. 1495 enthält u. a. einen Teil der Logik. Der Auszug 
aus dem Hauptwerk, den A. selbst unter dem Titel Nadj&t (Kitfib-nagfit) ver- 
Oflenllichte, ist in seinem die Logik behandelnden Abschnitt mit dem oben 
erwähnten, von Vattier Qbc-setzten Ic^ischen Kompendium identisch. Kn 
weiteres logisches Werk, Ichftj'at, ist nur arabisch veröffentlicht (ed. Forget. 
Levde 188S). 

>*) La logique du Als de Sina, conununfment appelä Avicerme etc., 
Paris 1668. Außerdem existiert noch eine metrisch abgefaßte Daratellung, 
die Schmölders in den Documenta philos. Arabum, Bonn. 1SS6, S. 26 mit- 
geteilt hat. Auch die Schrift De anima (in der veneüan. Ausgabe v. J. 1495 
mit abgedruckt) ist fOr die Logik A^cennas wichtig. Sie existiert Obrigeos 
in sehr verschiedenen Texten (vgl S. Landauer, Ztschr. d. Deutsch. Uorgenl. 
Ges. 1875, Bd. 2ä, S. 336). Unter den Schriften Aber Avicenna sind fdr das 
Verständnis seiner logischen Lehre am wichtigsten: Prantt, I.e. Bd. 2, S. 32öff.; 
B. V. Haneberg, Zur Erkennlnislehre v. Ibn Sina und Alb. Magnus, Abh. d. 
philos.-philoL Kl. d. Kgl. Bayer. Ak. d. Wiss. 1866, Bd. 11, 1. Abi, S. 18»; 
Muh. asch-Schabrar.iitni, Religionsparteien und Philosoph enschulen, äbers. vi 
Th. HaarbrQcker, Teil 2, Halte ISöl. namenll. S. 21ätf.; Carra de Vaux, 
Avicenue. Paris 1900, namentl. S. 157 ff. 

") Infolge der Schwerzugänglichkeit der arabischen Originalwerke Avi- 
cennas sind die Darstellungen seiner Lehre noch oft schwankend, wider- 
spruchsvoll und sichtlich unzureichend. Ich bin im allgemeinen der Dar- 
steHung von Carra de Vaux gefolgt 



OgIC 



2. EapiteL lllgemeiiie Oeschiokto det Logik. 71 

vaita und dunit zu dem Wesea (essentia) Akzidentiea hiozutreteo, welche 
iaa Sein des Denkens eicentOmlich aind (propiü istiua sui esse nint). So 
iaatü also den GaUungswesenheiten eine dreÜllUse Art des Seina zu. 

Die Titiskeit des Denkens verlauft nach Avicenna so, daB eine iuBere 
,.TO vprehenäva" die sinnliche Wahrnehroui« besorgt und dann die „nres 
vprehendeates ab intus" einoseils di« „formaa sensibiles" und andreramts 
die ^tentiones sensibiUum" auffassen. Die forma senaibiliB iit daaienise, 
«u die iuBeren Sinne auffassen und dann dem inneren Sinn überliefern, 
ät intentio aber dasjenige, was die Seele an dem Wahrnehmbaren erfaßt 
(ipprehen^t anima de seneibiU) ■*). Die prinia intentio betrifit die indiyi- 
duelien Dinge, die secunda intentio das Allgemeine in ihnen ^*) wie Dberhanpt 
alles, was der InteUrtt lu dem Gegebenen, d. h. dem Einzetoen hinzudenkt. 
Die Logik will vom Bdiannten 211m Unb^annten gelangen, toq den 
islentionibus primo intelleclis zu den inlentiones inteilectae secuiulo. - Da 
mm die Dinge unbekannt sind nur in bezug aul uns (nou nisi quanturo ad 
dm!, so fillt der Logik die Aufgabe zu, nach Analogie des T^h&ltnisses der 
Gr mu natifc zom Sprechen den Hergang dieses Bekanntwerdens und seine Be- 
dingungen zu untersuchen und so das Denken vor IrrtQmem zu bewahren. 
Speziell hat es die Logik nüt jenen Akzidentien zu tun, welche dem Denken 
aitatOmlicb sind oder, wie er es auch ausdrückt, den dispoäliones [>ropriae 
isteüectni (vgl. Log. f. 3, A n. B und De philoBoph. prima 1, 2; s. auch 
oben). 

Die beiden Hauptmethoden des Erkennens ^d die Definition und die 
BeweiafQbrung (Urteile, Schlfisse). Die erstere hat es rnit den incompleza, 
die letztere nüt den complexa zu tun. Die oft sehr ^itzflndigen Einzel- 
autführungen lehnen sich gräStenteils an Aristoteles oder Porphyrius an. Die 
<iuinque voces (genus, speciea. differentia, proprium oder proprietas, accidens) 
werden vom Standpunkte der Universalienlebre sehr ausfobrlicb bebandelt, 
nlaü* kOizer die Kategorien. Bemerkenswert ist hier vor allem, daf( A. das 
.mbslaotiale" als ein Hittieres zwischen Substanz und Akzidens eii^ 
■chiebt"). Er nimmt nämlich an, daB bei flbersiimlichen einfachen 
Wesen nur eine quidditas roriiege („signiBcana esse"), daS dagegen bei 
msunmengesetzten Dingen die quidditas zusammengesetzt sei aus mehreren 
xibstantialia (weniger zweckmäßig essentialia genannt). Diese Substantialien 
and mit den Unirersalien identisch. Sie sind das quäle quid im Gegensatz 
Zorn einfachen quid. So ist z. & album ein Substantiale fflr Schnee, animal 
lüi homo usf. Von den Substantialien, welche die Essenz eines jeden Zu- 
» mme ngesetzten ausmachen („es konstituieren"), sind die „begleitenden" 
Bgenschaften zu unterscheiden, welche das Zusarnmengesetzte außerdem in- 
folge seiner Zusammensetzung bat. übrigens acheint Avicenita eine gewisse 
PeUtiTitit des quid und duale quid zuzugestehen. 



") De anima (in Opp. Venet. 1608) f. 4a--5a (Pars I, Cap. 6). 

") VgL auch die in vielen Punkten abweichende Darstellung, welche 
i'rantl gibt (Geach. d. Log. im Abendl. Bd. 3, 2. Aufl., S. 391, z. B. Anni. 88 0.^ 

■*) LogTca f 4, A u. B. Siebe auch Albertus Magnus (Top., Lih. 1, 
^racLS, Cap.Gt ed. Borgnet n, S. S66): „Dicit enim Avicenna, quod substan- 
tiale medium est inter substantiam et non substantiam: et neque est accidens 
ceque subetantia proprie" [desgl. De praedicament, II, 9^ ed. Borgnet I, S. 186). 



I. Teil. Akfreaznng und allgemeine Oeschichta der Logik. 



An Avicenna scMoB Edch eng Algazeli") an (1069—1111). Eine 
selbsUndigere Stellung nimmt AverroCs (1136 — 119$ ein, der, im Gegen- 
satz m den Vorgenannten, nicht im Orient, sondern teils in Spanien, teils in 
Marokko lebte. Er Terfafite zahlreiche Kommentare und Paraphrasen zum 
Organen, eine £pitonie des Organen und einige selbständige Abhandlungen, 
30 namentlich eine Epislola de connexione intellectuaabstr&cticumhomine^'), 
Destruclio destructionis, De animae beatiludine, Epistola de inleUectu, Intro- 
ducUo logica, Prolegomena philosopbiae. Sein Hauptverdienst besteht in 
einer sorgfältigen, meistens richtigen Wiedergabe und Erklärung der aristo- 
telischen Schriften. Bemeikenswert ist, daS er die Bedeutung der Kategorien 
sehr niedrig einschätzt: sie sind zunächst nur logisches Hilfsmittel bei der 
BegTiff^>estimmunK (formatio), die Metaphysik Qbernimmt sie von der Logik. 
Auch weicht er darin von Aristoteles ab, daB er an Stelle der ZweJteUune 
in den rtit ns^iuESf und noiqitxef (vgl. 8. 37 n. 49) eine Dreiteilnng setzt 
in intellectus agens s. activus^ int. materialis (potentialis) und passivus, auf 
deren Bedeutung und Einzelheiten hier nicht eingegangen werden kann. 

Keine erhebliche Bedeutung fOr die Weiterentwicklung der Logik haben 
die jüdischen Philosophen des 11. imd 12. Jahrhunderts ; Avicebron 
(^ Avencebrol, ca. 1030 bis ca. 1070, Föns vitae"]] und Maimonides 
(113&— 130t, Vocabularium logicae und „Leitung der Zweifelnden" *°)) sowie 
im U. Jahrhundert Gersonides (1288— 1344) =>). 

§ 20. GhriBtliehe Seholastiker der Höhezelt: Alexander 
von Haies, Albertos Maj^os, Thomas Ton Aqitino, Petrus 
HIspanns. Auf dem Boden der Logik der Übergangszeit und 
unter dem EinilaQ der byzantinischen und arabischen 

*^ Logica et philosophia Algazelis Arabis, Venet. 1506. Mir bland eine 
Ausgabe von 1536 zur Verfügung. Siehe auch Aug. SchmOlders, Essai sur les 
£coles philosopbigues cbez les Arabes et notamment sur la doctrine d'Algaz- 
2ali, Paris 1842. 

'■} Eine llbäudige Ausgabe seiner Werke ist z. B. zu Venedig 1560 bis 
1652. erschienen. In dieser enthält Vol. 1 die wichtigsten logischen, VoL 6 
die psychologischen Schriften, Vol. 8 die Metaphysik, Vol. 9 die Destractio 
destractionum philosophiae Algazalis u. a. Vgl. auch die Aufzähluiw bei 
Gmest Benan, Averro^ et l'AvenoIsme, Paris 1852 (3. AufL 1866), S. 49; 
femer Prantl, I. c. Bd. 2, S. 380 ff.; Max Horten, Die Metaphysik des Averroes. 
Halle 1912 (Abb. z, Philos. u. ihrer Geschichte, Nr. 36), namentl. & 38 ff. 
und die Hauptlehren des Averroes nach seiner Schrift: Die Widerlegung des 
Gazali, Bonn 1913, namentl. S. 182 u. 268 ff. 

") VgL die Angabe der lateinischen Übersetzung des Joh. Hispanus 
und Dominicus Gundissalinus von O. Bäumkcr in den Beitr. z. Gesch. d. 
Philos. des Mittelalters, Bd. 1, H. 2—4, Münster 1895, namentl. S. 1720. 

'0) Ausgabe von S. Munk, Le guido des 6gaiia, 8 Bde., Paris 1666, 1861 
u. 1866 (mit Erläuterungen), namentl. Bd. I, S. 104 ff. u. HI, S. 136 &. 

") Seine Kommentare zu den aristotelischen Schriften findet man 
vielfach in den alten lateinischen Ausgaben des Organons neben den Kom- 
mentaren des Averroes, an welche sie sich im ganzen anlehnen, abgedruckt. 
Außerdem ist ffir die I>>gifc sein Kommentar 'zur Isagoge des Poiphyrius 
wichtig. 



lA.OOgIc 



2. EairiteL Allgemeine Oesohioht« der ho^. 73 

Logiker, vor allem aber wohl auch dank eiDem ZaBammeD' 
viiien mehrere besonders begabter Männer entwickelte 
dch die seholaatische Logik im 13. Jahrhundert zn ihrer 
Höhe. Zagleich gewinnen die logischen Lehren des Aristo- 
teles dank ihrem volletändigen Bekamitwerden in zahl- 
reichen Übersetzungen ihren größten Einflufl. Die Ver- 
wertimg nnd Weiterbildung der aristotelischen Logik im 
Dienste der christlichen Glaubenslehre ist das ausgesprochene 
Ziel der logischen Literatur dieser Zeit. 

Schon in den Werken von Alexander von Halea') 
(gest. 1245, Franziskaner) finden wir Einweise auf Avicenna 
imd Algazel. Seine Lehre von dem dreifachen Intellekt 
(intellectus agens — separatus a corpore, intellectns possi- 
bilis — aeparabilis a corpore, intellectus materialls — in- 
separabüis a corpore) ist ofFeabar den arabischen Philo- 
sophen, vielleicht sogar Averroes'), entlehnt. Im übrigen 
tritt bei ihm das logische Interesse noch ganz hinter dem 
rein-theologischen zurück. 

Albertus Magnus') (1193—1280, Dominikaner) hat 
mit grofier Gründlichkeit die Lehren des Aristoteles und 
aeiner Kommentatoren zosammengestellt, ohne freilich die 
zahlreichen Widersprüche und Unklarheiten, die sich bei den 
letzteren angehäuft hatten, auszugleichen und zu einem ein- 
heitlichen, selbständigen System zu gelangen. Er zerlegt 
niit der aristotelischen Schule die Dinge in forma und 
materia. Erstere bestimmt das „esse" im Sinne der Gattut^, 

1] Summa lheol<wica, NOrabers 1 J6S, namenU. Teil 2, Qu&eai 68B. u. 69, 
Uembr. IL TgL auch J. A. Endr«9, PhUos. Jahrb., 1886, Bd. 1, S. 2i. namentl. 
S. 266 ff. 

') Allerdings betont Endrea mit Reckt, d&B der intellectus materialis bei 
Aleauder Ualensis äballcti wie bei Alezander r. Apbiodisias {vgl. S. 48), 
TORogsweise das sinnliche Erkenntnisvermögen umlaBt, dagegen bei Averroes 
änt intellektuelle Funktion s. str. ist. 

*] Opp. omnia, ed. Borgnet, Paris 1890. Am wichtigsten sind für die Logik 
lolf. Sduüten: De praedicabil. s. de universal. (Bd.1, S.l); De praedicamentis 
(l.lt9); De sex princirüs (1,3%); Analytica (I,459u.Ü,l); Ferihermeneias 
(1. SaZ)', Topica (B, 233}i De anima (V, 117, auch 606); Melaphysica (VT, 1); 
CommenL in IV Hbr. aent (XXV ff.); De intetlectu et intelligibiU und andere, 
^«t Albeit handeln mit besonderer Berücksichtigung seiner Logik namentlich : 
faaa, I. c. Bd. 3, S. 89ff.; Q.- v. Hertling, AM Magnus, Beitr. zu s. WOrdi- 
tnng, Festsctar., KOhi 1880; E. Uichael, Deutsche Wissensch. u. deutsche 
Miatik während des IS. Jahrhl)., Freiburg ISOä, S. 69 fi.; A. Schneider, Die 
^"nchotogie Alberts d. <}r., yonster IWß u.' 1906 (Beitr. z. Gesch. d. Pbilos- 
^ Mitteialt, Bd. 4, H. 5 u. 6). 

„.,.,„,>..oo^sic 



74 I' ^BÜ. AbgreniDog und allgnunDe Gesohichte der Logik. 

die quidditas (das quid erat esse), letztere das „hoc esse", das 
„hoc aliqnid". Daher echreiht A. — kaum ahweichend von 
Aristoteles — dps esse universale der Form und das esse 
Bii^nlare als principinm individuationis der Materie za. Das 
„esse" schlechthin ist fast identisch mit Bxistenz („quo ali- 
qnid est"), das „hoc esse" oder „qnod est" mit Essenz („quo 
ali^id est hoc"). Damit glaubt Ä. doch die Ansicht ver- 
einigen zu können, daß die Gattungen sowohl in rebus als 
universalia (qnidditates, universale in re sive cum re sin- 
ffuIarO als auch ante res als essentiae (universale in. se ipso) 
und post res als conceptus (universale in anima) existieren. 
Demgemäß unterscheidet er ein „esse materiale et naturale" 
der üniversalien „in singulari", ein „esse simples in se" und 
ein „esse spiritnale in anima". Im ersten Sinne sind die 
üniversalien die snbstantiae rerum-, im zweiten die suhstan- 

tialia rerum principia, im dritten accidentia et qnalitates 

^Gelegentlich scheint er sich dem Konzeptualismos zu nähern. 
Wichtig ist auch der Satz: ens in anima potius est iatentio 
rei quam res (De intell. Opp. ed. Janumy, Lngd. 1651, S. 245). 

Besondere Aufmerksamkeit hat Albert dem Erkeontnis- 
akt geschenkt. Er unterscheidet den intellectuB agens and 
den intellectus possibilis. Letzterer deckt sich im wesent- 
lichen mit dem vovg tUtxä; oder intellectus materialis des 
Alexander v. Aphrodisias (vgl. S. 48), Alhert bestreitet aber 
gegen Averroes u. a. seine Materialität Er wird erst durcii 
den intellectus agens in Tätigkeit versetzt. In der kompli- 
zierten weiteren Einteilung des Intellectus und in der Ab- 
grenzung der einzelnen Intellekte gegeneinander verwickelt 
sich Albert in unlösbare Widersprüche. Erwähnt sei daher 
nur noch, daß er an anderer Stelle die „intelligentia" als 
die intuitive Erkenntnis, die weder mit Deflnitionen noch mit 
Beweisen zu tun bat, der ratio als der diskursiven Erkenntnis 
gegenüberstellt, 

Thomas von Aquino') (1227—1274), Albert« Schüler, 
Dominikaner wie dieser, hat mit Erfolg versucht, die logi- 

*) Far die Logik sind folgende Weike am wichtigsUa: De «nte et 
essenlia, Kommentare zu den Schriften des Aristoteles und des Petrus Lom- 
baidus. Summa de veritate fidei catbolicae contra gentiles (genles). Summa 
totius theolosiae, QuaesUones diaputatae s. quodlibetales, De unitate intel- 
Ivctua contra Avenoistas, De principia individuationis, De potentiis animae. 
Eine neue, noch nicht vollst&ndige Gesamlausffabe seiner Werke iat von 
Leo XIIL veranstaltet worden (1862 ff.). Altere Ausgaben, z. B. Rom 1S70, 



2. Kapitel Allgemeiae Oeschichte der Logik. 75 

sehen und metaphysiBchen Lehren desgelben zu einem «infaeit- 
liehen System zn verbrnden. Seine eelbständigen logiBclien 
Leigtongen Bind unerheblich. Die Logica oder rationalis 
seientia wird von ihm schon scharf aof das Formale be- 
sehräukt („congiderat taatnm res secundnm prineipia for- 
maÜA"). Sie ist die Nonnwissenschaft (directiva ipeins actns 
lationis, Tgl. S. 8). Die Vemnnft kann sich selbst ihre Xormen 
geben; denn: ^oc est proprium intellectivae partis, nt in se 
ipea reilectatar. Nam intellectoB intelligit seipsnm, et similiter 
ratio de sno acta ratiocinari potest" (in Anal, post 1, 1). Onto- 
logisch steht Th. zunächst ganz anf aristotelischem Stand- 
pniikt : Das Allgemeine existiert nicht getrennt vom Einzelnen 
(oniversalia habent esse solnm in singolaribns). Dann aber 
erkennt er doch an, daß im Oeist Gottes die Ideen existieren, 
mu] zwar als formae sine materia, und daß die formae in 
materia, d. h. im Einzelnen, von den formae sine materia 
stammen. So ergeben sich auch für Thomas sowohl aniver- 
salia in re wie ante rem. Den göttlichen Ideen steht die von 
Oott geschaffene prima materia gegenüber. Die dimensional 
bestimmte Materie (materia determinata dimensionibns sive 
aignata) ist das Prinzip der Individnation *). Sie spielt för 
die Individnation dieselbe Bolle wie die ditferentia consti- 
tntiva für die Entstehung der Arten (species) ans dem genus. 
Kur für die formae sine materia (framae separatae), wie z. B. 
die menschlichen Seelen, ist eine Selbst-Individuation an- 
zunehmen. 

Der Mensch nimmt zunächst mittels der Sinnesorgane 
die apecies sensibiles auf. Angeborene, von der Sinneswahr- 
uehmung unabhängige Begriffe existieren nicht, vielmehr ist 



ToMdis liSä, Paris 1660: Eine sorgfUtige Ausgabe Beiner Dhilosophisclien 
Sehriften fehlt noch. Das philosophische Hauptwerk De veritate usf., auch 
Samma fhilosophica genaimt, ist auch wiederholt separat enchienen, ao 
Neauna 1^3, Rom. 187S (mit Kommentar) u. 1898. Die Ausgabe von 1868 
enthilt auch einzelne kleinere philosophioche Schriften. Von den logischen 
Amdiuuincen des Thomas handeln namentlich: M. Liberatore, Die Erkemit- 
»ittbeorie des h. Thomas von Aquin, übers, v. Frenz, Mainz 1861; Ch. Wil- 
lems, Kalos. Jahrb., 1901, Bd. «^ S. 287 u. 16, S. löO); Ludw. Scholz, 
TkMDu-Ladkon, Paderiwm 1881, 2. AulL 1895; U. GloBner, Dos Prinzip 
te bdinduation nach der Lclire des h. Thomas und seiner Schule, P&der- 
bnni 1887 *. BezOgtich weiterer Literatur mufi auf die Belichte und Original- 
ubeiten in dem Jahrbuch f. Fhilos. u. spek. TheoL verwiesen weiden 
(1886 H.). 

•] Vgl. z. B. De anima U, 1% c. 



n,5,t,7rjM,G00glc 



76 1' T^- Abgrensang and allgemeine Oesobiohte der I/)gik. 

der Intellekt bei der BegriffsbUdmi^ auf die Sinneswahr- 
□ehmong angewieseD, wenn auch die sensibilia cognitio 
keineswegs die totalis et perfecta cansa der iatellectnaliB 
cognitio ist. Er muB ans den „species sensibiles" die .^peciee 
intelligibiles" „abstrahieren". Daher kann Thomas behanp- 
ten, daß die tmiversalia doch auch p o s t rem seien. In Über- 
einstinuniing mit Aristoteles lehrt er, daß der Intellekt ein 
zwiefacher ist: Erstens die Fähigkeit auf Grand der 
species (fotmae) sensibiles die species (formae) intelligibileB 
zu erfassen (= intellectns possibilis als potentia receptiva 
formarum intelligibilium) und zweitens diese erfassende 
Tätigkeit selbst (= intellectns agens). Die komplizierte und 
unklare Albertsche Einteilung des/Intellekts wird auf- 
gegeben. Die Beziehung auf das ludividaelle ist in der 
prima intentio') des Denkens gegeben, die Beziehung auf das 
Allgemeine (genas, species et similia, quae quidem non in- 
veniuntur in rerum natura, sed considerationem ratioois con- 
sequuntur) in der eecunda intentio oder intentio universali- 
tatis. Bei der secunda intentio handelt es sich also stets um 
ein „ens rationis" (im Gegensatz zum ens naturae), und 
Thomas bezeichnet diese eotia rationis ausdrücklich als den 
eigentlichen Gegenstand der Logik: „proprio subjectum logi- 
cae" '). Weniger klar ist die thomistische Lehre von der 

") Man beachte, daB für Thomas die p r i m a intentio eine indirekte 
Tfiligkeit des Intellekts involviert, insoFem der Intellekt direkt nur das All- 
gemeine erkennt und nur indirekt durch eine ,/iuaedain reflexio"- das Ein- 
zelne erkennen kann. Diese indirekte Erkenntnis des Einzelnen wird ihm 
dadurch möglich, daB er gezwungen ist, infolge seiner Verbindung mit dem 
Kdrper bei der aktuellen Ericennlnis auch nach der Abstraktion der species 
intelligibileB zu Phantasmen, d. h. zu sinnlichen Vorstellungen seine Zuflucht 
zu nehmen. Vgl Summa theo!. I, Qu. 86, a^t. 1 (ed. Migne I, 1381 B.): 
„Respondeo dicendum, quod singulare in rebus nmterialibus intellectus noster 
directe et primo cognoscere non poteat . . . Unde intellectus noster directe 
noD est cognoscitivus niai universalium. Indirecte autem, et quasi per (luan' 
dam reflexionetn, polest cognoscere singulare, quia . . ., eiiam poatquam 
species intelligibiles abstraxerit, non potest secundum eas actu inteiligere, 
nisi convertendo se ad phantasmata, in quibus species intelligibiles intel- 
lisit ... Sic igitur ipsum universale per speciem intelUgibilem directe intel- 
ligit, indirecte autem singularia, quorum sunt phantasmata" (man erwartet im 
3. Satz statt non potest nisi logisch einfach potest). Vgl. auch ibid. Qu. 8^ 
art. 7, S. 1312 und De principio individuationis (Opuscula Nr. 29, S. 161; 
in der Ausgabe der Summa philosopbica v. J. 16ö3, Bd. 1, S. ÜTB.). Dabei 
erkennt Thomas ausdrOcklich aa: Jn cognittone bum&na fundamentum et 
origo est sensus". 

■<) Expos, ia Uetaphya Ahst. IV, i, 110 (ed. Paris 1660, Bd. *). 



2. EaptteL mgemniie 0«e(Aichto der Logik. 77 

existentia, essentia und enbstantia. Mit Albert (vgl. S. 74) 
unterscbeidet Thomas die essentia ^ q n o d est von der exi- 
ftentia = esse, qao est Leztere heiBt aach oft „esse" 
wblechthin. Die eesentia „comprebendit materiatn et for- 
mam" "), die exlsteotia hängt von dem verwirklichenden Akt 
der forma ab (Summa pbil. 11,51 — 54). Mit dieser Unklarheit 
iängt aach die zweifelhafte Stellnns zusammen, welche die 
snbstantia und die qnidditas in der Thomasschen Lehre ein- 
Dehmen. Aach läßt sich der oben angeführte Satz, daß alle 
bdividnalität (Einzelheit) auf der Materie beruht, schwer 
mit dem weiteren Satz vereinigen, daß alle Einheit anf der 
Einheit der Form, unitas formae, beruht (nihil est simpliciter 
nnurn nisi per fonnam unam, per quam habet res esse). 

Johannes Bonaventura (1221 — 1274, Franziakaner] hat sich, 
cemlB seiner starken Herrorhebiing der aflekÜTen Seite der Theolocie, nur 
wenis mit logischen UutersuchuDsen beschUtigt. Im Ganzen gewann die 
■Ibertistisehe und tbomisUscbe, also dominikanische Bicbluns der Logik zn- 
nldot mehr und mehr die (Verband. Not gelegentlich macht sich von frao- 
ziakanischer Seite Widerspruch geltend (Richaid v. Middletown). 

In dieselbe Zeit fällt auch die achriftstellerische Tätig- 
keit des von den Dominikanern für ihren Orden in Anspruch 
genommenen Petrus Hispanus (ca. 1226 — 1277). Die 
von diesem herausgegebenen Summulae logicales '), die, wie 
S. 68 erwähnt, vielleicht eine Übersetznng eines griechi- 
fichen Werkes sind, vermieden ^de Parteinahme in den 
schwebenden großen ontologischen Streitfragen (Universa- 
lienstreit nsf.) nnd fanden wohl gerade deshalb allenthalben 
— nicht nur bei den Dominikanern — Eingang. Besonders 
bedeutungsvoll war das ztmehmend« Eindringen der Lehre 
von den proprietates terminonun (vgl. S. 68), indem es die 
Aufmerksamkeit anf die logische Bolle der Wort b'edeotun- 
sen lenkte. Man stellte jetzt diese dergestalt erweiterte Logik 
geradezu als die logica modemonim der früheren rein aristo- 
telischen Logik (logica antiqna) gegenüber'"). 

*) Vgl die Schrift De ente et esaentia, Opnscuta Nr. 30, S. 161 v (ed. 
1868, I, s. 307) Ober die komplizierten Verhaltnisse, welche sich zwischen 
«nentia, existentia, quidditaa (nach S. 151, Z. 6 von unten nur ein anderer 
liuue der Philosophen fOr esseutia}, diffinitio, subatantia, forma und maieria 

*) Die Summulae logicales und seit 1180 sehr oft gedruckt und kom- 
■»nliert worden (z. B. von Versorius Parisiensis, Venet 1672> 

") Uan darl diesen Gegensatz nicht mit dem froher erwähnten zwischen 
wtns nnd nova logica (vgl. S. 57 Anm. 4 u. S. 60) verwechseln. Jetzt rechnete 



78 f' Teil. Abgrenmog nnd aUgemeine OesohitAite der Logib. 



§ 21. Roger Bacon, Raimond Lnllns. Diese beiden 
Philosophen stehen chronologisch zwischen der Höhezeit und 
der sog. Verfallszeit der Scholastik. Naeh ihren Lehren, ins- 
besondere auch in der Logik, nehmen sie eine vom Hanpt- 
verlauf der Entwicklung aBeeits gelegene Stellung ein. 

Boger Bacon (zwischen 1210 and 1214 bis nach 
]292, Franziskaner) entwickelte seine eigenartigen, zum Teil 
an die Philosophie der Benaissance erinnernden Lehren in 
direktem Gegensatz zu Thomas v. Aquino. Der Grammatik 
und der Logik erkennt er unr bedingten Wert zn. Statt der 
Grammatik verlangt er Sprachenkenntnis (ed. Bridges, Bd. I, 
S. 66; Compend. stud. philos. ed. Brewer S. 433 fl.). Er weift 
auch, daß infolge des Mangels an letzterer Aristoteles viel- 
fach falsch übersetzt worden ist. Der Logik stellt er als Vor- 
bild die Mathematik auf (necesse est logicam a mathematicis 
dependere) (ed. Bridges I, S. 99 — 103). Dabei hat eich der 
gewöhnliche Mensch auf die Erfahrung der Sinne („arga- 
mentnm non snfflcit, sed experientia"), und zwar die „ez- 
perientia per sensus exteriores" zu stützen, da ratio und anc- 
toritas trügerisch sind (ed. Brewer S. 397), nur für die Patri- 
archen und Propheten existieren auch illuminationes inte- 
riores unabhängig von der Sinneswahmehmnng (ed. Bridges 
Bd. n, S. 167 ff.). Dementsprechend konunt dem Einzelnen 
ein viel größerer Wert zn als dem Allgemeinen, letzteres ist 
nnr eine „eonvenientia plurium individuorum" (1. c. I, 42 und 
n, 430). 

In einem ganz anderen Sinne nimmt Baimundns 
L u 1 1 u s ') (Ramon Lnll 1235 — 1315) eine Anenahmestellung 



man auch die frtthere nova logica zu der losica antiilUa. Übrigens scheint 
mir der Sprachsebrauch hier sehr geschwankt zu haben. 

1) In Betracht kcnunen namentlich das Opus majus, herauBS^. von 
J. H. firidges, Oxford 1697—1900, und das Opus mijiuB, zusammen mit 
einem zweifelhaften Opus tertium hcrausgeg. von S. Brewer, London 1669 
(namentUch S. 322a.>. VgL auch Karl Werner, Die Pavchologie, Erkenntnts- 
und WissenschaJtslehre des Roger Baco, Sitz.-Ber. d. Ak. d. Wbss., phil.-hist. 
KL zu Wien 1879. Bd. 93, S. 467 (namenthch »IfL); und Emile CSuiries, 
Roger Bacon, sa vie, sea ouvrages, ses doctrines d'aprte des textea ioMits, 
Paris 1861, namentUch S. 165 fi. 

') Seine Weike sind nur zum Teil abgedruckt in der Mainzer Ausgabe, 
1721 — 1742. Die auf die ara universalis bezQgUchen Werke findet man in 
Lullua, Opera ea quae ad adinventam ab ipao artem universalem . . . perttnent, 
Ed postrema Aigentorati 16Ö1. Für die Logik kommen namentlich in Be- 
tracht: Ars demonstrativa und Introductoria artis demonstrativae, Ais in- 



OgIC 



2. EapiteL ADgemeiiw OeMhichte der Logik. 79 

«in'). Er ordnet nämlich der Logik, welche die res in aniina 
behandeit *), and der Metaphysik, welche die res extra animam 
behandelt, eine ars ma^na üher, die er selbst erfunden hat ond 
die füx alle Wissenschaft die Grandlagen abgeben soll. Das 
Wesentliche dieser neaen Konst besteht darin, daß Grund- 
begriffe („principia", „generalia") mit Bachstaben bezeichnet 
woden, z. B. Gott mit A, Güte mit B usf., ond in bestimmten 
Ftgoren (Kammern, Bingen) angeordnet werden. Durch 
Orehong der Hinge erhält man dann alle möglichen Begrifls- 
kombinationen. Die Auswahl der mit Buchstabenbezeich- 
nm^ versehenen Grundbegriffe ist fast ganz willkürlich^ 
«beuBo die Anordnung und selbstverständlich erst recht die 
mechanische Herstellnng der BegrifEskombinationen. Die 
Kategorien kehren dabei übrigens auch etwas abgeändert 
(ntnun sit, quid est, de quo, qnare, qnantom, qnale, qnando, 
nbi, qnomodo, cum quo) als qnaestiones generales oder regnlae 
wieder '). Daneben unterscheidet er nenn absolut« Prädikate 
oder Prinzipien, die in der unlogischsten Weise zusammen- 
S^stellt sind (Güte, Daner, Willen, Wahrheit, Bnhm usw.). 

i 22. SpStperiode: Dans Seotns, Oeeun. Während in 

der Glanzperiode der Scholastik neben Aristoteles der Bin- 
flufi der arabischen Philosophen, namentlich des Avioenna, 
überwog, gelangte vom E^de des 13. Jahrhunderts ab die 
byzantinische Lt^k zn groBerem Einfloß. Von einer „Ver- 
falleperiode" (Erdmann) kann dabei zunächBt nicht wohl ge- 
sprochen werden, weder in bezng auf die Philosophie im all- 
gemeinen noch in bezog anf die Logik im besonderen. E^ 
mnS sogar als ein Fortschritt bezeiohnet werden, daß erstere 
nicht mehr so unbedingt in den Dienst der Ideologie gestellt 

TCDtin Teritatia, Ära coimieiidiDsa mveniendi veritatem s. An magna «t 
'uiar, Ära umveisalis s. Lectura aiüa conqiendiaiae, Arbor nüentiae. An 
'om», generalis et ullima. An brevis. Tabula generalis luL Die Ära brevis 
*ude 1@2 von Tassr Ina Franzfiaische Qberaetzt (Le fondement de rartific» 
^■»innel^i dieser Übersetzung ist ein Abdruck der ,J^gica" des Lullus 
"«rtasieBchickt. 

■) Vgl Ober ibn aucb P. 0. Keicher, Beitr. z. Gesch. der Philos. da 
Utttlaltera, 1909, Bd. 7, H. 4—6, namentlich S 96 u. 71. 

*) An anderer Stell« (An magna, gen. et ult; Francof. l&SS, S. 19 u. 
^3 n. H7> heiBt es: ,Jxigicua ttactat de secundariis inteDtionibus adjunctis 
tximis: led generalis artista tractat de prinüs per secundam spedero recu- 
Ik C et per primam et quartam de secundariis sicut logicus." 

') An magna gen. et ult., Francof. l&OB, S. 1 u. 15. 



iM,Googlc 



gO I- Teil. AbgreoEnnfc aad allgemeine Oesohlchte der Logik. 

/ 
wurde. Aach ist unTerkeiinbar, daß g«radfi die logischen 
Fri^en im allgemeinen klarer und schärfer behandelt 
wurden. 

An der Spitze dieser Periode steht Dans Scotns^) 
<ca. 1270—1308, Franziskaner). Er unterscheidet ähnlieh 
wie frühere Autoren {vgl. S. 69) die logica docens, die als 
Wissenschaft aus notwendigen und eigenen Prinzipien zn 
notwendigen Schlüssen fortschreitet, und die logioa ntens 
oder angewandte Logik (Quaest. super univers. Porph., 
Qu. 1 ff., Opp. omnia Lugd. I, S. 87, Paris I, S. 51 ff.). Von 
der Theologie trennt er sie schärfer als seine Vorgänger, in- 
dem er der ersteren die Stellung einer ganz eigenartigen, auf 
spezifische Prinzipien gestützten Wissenschaft und überdies 
eine mehr praktische als theoretische Bedeutung zuweist. 
Ausdrücklich hebt er hervor, daß die Logik weder ein© scien- 
tia realis (Wissenschaft des Realen) noch eine scientia sermo- 
cinalis (Wissenschaft der sprachliehen Ausdrucks- und Rede- 
weise), sondern eine scientia rationalis ist, d. h. es mit dem 
conoeptos, einem „medium tnter rem et sermonem vel vocem" 
zu tan hat (Quaeet. super praedicam. Qu. 1, Opp. Lugd. I, 
S. 124 a, Paris I, S. 438 b). Während die Metaphysik oder 
prima philosophia sich mit dem ens sub absoluta ratione („in 
Quantum ens est", „secundum suam quidditatem") und die 
naturalis scientia mit dem ens inquantum mobile beschäftigt 
(s. auch Qu. super libr. elench., Qu. 1, Lugd. I, S. 224 a, 
Paris n, S. 1 b), untersucht die Logik das ens rationis (Super 
libr. 1 post analyt., Qu. 47, Lugd. I, S. 415 a, Paris II, S. 320 a 
und 22 b). 

Innerhalb der Logik selbst betrachtet er die Lehre vom 
Begriff und Urteil nur als Vorbereitung, der wesentliche 



') Opp. (mit Ausnahme der rein theologischen) ed. Lugdun 1689 in 
12 Banden, Neudruck Paris 1891—1896. Über Unechlheit einzelner Schril- 
len vgL PranU, 1. c. Bd. 3, S. 209 und Baumgftrtner in Überwegs Geschichte 
der Phdos., Itt Aufl., 191&, S. 676. Für die Logik kommen von den Werke« 
über Duna Scotus namentlich in Betracht: K, Wemer, Sitz.-Ber' d Ak il 
Wim. zu Wien, phiIoB.-hislor. Kk, 1877, Bd. 86, S. 545 und Denkschr der- 
selben Ak., philos. hislor. KL, Bd. 26, 1877, S. 3*5; K. Werner, Joh. Dans 
Seotus, Wien 1881 (== Bd. 1 der „Scholastik des spfileren Mittelalters-) 
namentüch Kap. 5 u. 6; Siebeck, ZtschF. t Philos. u. phüos. Krit. W 
Bd. 94, S. 161; Reinhold Seeberg, Die Theologie dea Joh. Duns Scotus Leipzig 
1900. S. 68 ff.; Partenius Minges, Das VerhÄltnis zwischen Glauben und 
Wissen usw. nach Duns Scotus, Paderborn 1908 (Forsch z christL Lit u. 
Dogmengesch., Bd. 7, H. 4 u. 51. 



2. Kapitel ADmnaiiM d«Kliicbt« der Lofik. 81 

ätpDstand der Lo^ik (Bobjectom primniu et proprinin, 
<Iueet snp. UniTers. Porph., Qo. 3, Lngd. I, S. 89, Pari« I, 
& 70 b) ist der Schlafi im weiteren Sinne, durch den wir vom 
BekHimteB znr Erkenntnis des ünbek&noten fortachreiten. 
B^riff und Urteil sind die partes integrales, Schlofi (s. str.) 
ond Beweis die partes snbjectivae des Syllogismas. Dons 
Seotns bezeichnet daher geradezo die Lehre vom SchlaS als 
•ßtavH It^ca", die Lehre von Urteil und Betriff als „vetnd 
togiea" (Qoaeet snp. Univ. Porph. Qu. 3, Lngd. I, S. 211, 
Paris I, S. 68 ff., spez. 70 b). 

Der höchste Gegenstand ist für Dans Scotos das eos. Das 
tOE nebst seinen Eigenschaften ist „transzendent". Erst wenn 
das ens zn den zehn Kategorien herabsteigt (deecendit in 
Septem genera) *), wird es der logischen Analyse znganglich. 
In der Stufenleiter der Verwirklichangen des ens ist das 
Eiioelne (Individuelle) die letzte (nltima realita«) nnd voll- 
kommenste and darf keinesfalls, wie von Thomas getan, als 
doicb Beschränknng oder Negation zustande gekommen ge- 
dacht werden. Es soll sich dabei vielmehr mn eine entitas 
positiTa (von ihm aacb als causa sine qua non „haeoeeitas" 
genannt) handeln, die nicht von der Materie abhängt, sondern 
von der natura speciei, d. h. der Beschaffenheit der zugehöri- 
gen Axt Wenn Duns Scotus trotzdem gelegentlich die entitas 
individni för durchaus verschieden von der entitas quiddita- 
tira erklärt, so will er damit nnr sagen, daß die quidditas 
ih solche zur Individnation nicht ausreicht, sondern der Er- 
gänzung durch die haecceitas als Individuationsprinzip be- 
darf. Die Existenz, das „esse existentiae", ond die Essenz, 
das „esse essentiae" sind die beiden Seinssrten der Substan- 
«n *). Zum Individuum als solchem (per se) gehört die Exi- 
stenz, zu der Elssenz hingegen nicht. Oft drückt sich Duns 
Seotns auch dahin ans, daB jeder Gattung, jeder Art ond 
BchlieSlich anch jedem Individnnm in der logischen Betrach- 

*) TgL Ober diese, wie Biir scheint, soch immer nicht gmz BufgeklAtte 
B*«^hming PranU 1. c. U, S. 117 u. lU, S. ^ 26 u. 206. Wichtig fOr die 
tottiii Tig des Dm» Scotua mnd uich die ErliuteruoBen des Mauritius 
StwniDs zu der Schrift des Duns Scotus Super Universalia, abgedruckt iu 
itt kjug. T. J. 16S9, S. 4A1 ff. (naioentUcb S. M» ff.> 

*) Opp. omnia, S. %6a: „. .'. ena ,. . oon dividitur in decem Genera per 
^Berenlias enentiales, sed per diverses modos esaendi, quibus correspondent 
dnos modi mmedictndi . . ." S. jedocU auch ebenda S. 14Sb. 

*} VgL Super libr. I, Rnl. AnalTL Qu. 30^ Luid. I, S.SMb, Parisn, 
S.aBb. 

Silben, L*t>tb<iekd«Lo^. 6 



OgIC 



TeiL AteraizuBt und aUfemtiM G«scbicbta d«r Locik. 

« znn^unende formale Beetimmtheit, „formalitaa", 
B (formslitas specifica, formalitas iitdividai). Im 
tz za Thomas (vgl. S. 74) behanptet er daher auch 
ralitas formamm und, entsprechend der staCeovösen 
mg der Formen, eine intenaio und remissio for- 

[TniverBBlienstreit erkennt Dans Scotns im Eünklaiig 
1 diesen Sätzen das universale i n re und das Uni- 
108 1 rem ohne Einschränkung an. Ersterem ent- 
lie prima intentio, letzterem die secnnda intentio. 
rereäle ante rem gilt nur insofern, als die qnidditas 
laidditiva, forma) in der individuellen res verwirk- 
ÄIb reines Universale existiert es nicht'): erst der 
tns agens facit aliquid repraesentativnm nniveisalis 
lod fnit repraesentativnm singularis". Dabei spielt 
ilne Ding nur die Rolle der occasio, der Intellekt ist 
cipalis causa der Auffassung des Univers^en *)■ 
nmt Duns Scotns nicht etwa an, daß der Intellekt 
i:emeinbegrifF aus den sinnlichen Qualitäten al» 
ibstrahiert, sondern er glaubt, daß die mit den leb- 
Einzelding verbundene, die Quiddität ausdrückende 
intelliglbilie vom Intellekt aufgefaßt wird {über 
eidnng von species impressa und expressa s. Opp- 
1 4, S. 523 n. 526). 

«hren des. Duns ScotuB fanden E&hlreiche AnhAnger (z. B. An- 
LDdreaa'), FranciscusH&Tron*), so daS die ScholasUk 
ji zwei Uauptparteien — Thomisten und Skotisten — smlttte. 

b spricht D. Scotus ausnahmtnveise auch von der species in dar 
i (Oß. II, Feriherm., Qa 3, Lugd. I, S. 215b, Paris I, S. 688a) nnd 
1 natürlichen Dinsen Wahiteit zu, insoweit sie zu dem scttticben 

Vergleich gesetzt «erden, d. h. mit den sfitUichen Gedanken 
nun. Ein Widerspruch zu den oben angelOhiten Letu«n von 
dstenz feiner Univenalien entsteht dadurch nicht, da die Bzistenc 
in Geiste eben doch ein von-Gott-Gedacht-wetden ist. 
. auch Bd. IV, S. 506: „omne quod reciiHtur in alio lecipitor per 
Ipientis, non recepli". 

iptweite : Ezpositio super artem veterem, Venel. 1492, Qua«8tiones 
1 XU hbros metapbTS., Venet. 1405 (Lib. I, Qu, IG^ Fol. 10 r: 
uDivers&le, sc. in cauaando et in praedicando"), auch VeneL liBO 
Titel: „Super Iota arte vet«ri Aristotelis cum quaesUonibus ejus- 

De tribus principüs, Venet. 1489 *. 

ige Hauptwerke sind von Nuciarelti mit anderen Scbrilten heraus- 
let 1617. Aufieidem In IV litv. sentent. und Quotlibet Quaestio- 
Florraz 1519 (von Mauritius Hibemicus berausgeseben}. 



«. XvUa. ABcattiiiw OMehichto dm Uglk. ^ 

iikrdan vurden nrifach Teimiltelnde Systeme aufieBtaÜt, s. B. von A • v i - 
^iii Romanus*}, gest. 1816, AuiusUiier. Hervaus Nat«.li»>«), 
tat t3S3, Durand ▼. Pourcain"), gest. 1982, Johannes Ora- 
ti«del T. Ascoli"), geit 18+1, B&mtlich Dominikaner. Ene selb- 
Andicue Stdton« sesenOber beiden Parteien nimmt Walter Bur- 
Itiih») (1367 — 1367) ein und noch mehr Petrus Aureolus") (um 
QKO. Letitef«r vertritt in vielen BexieliunBen wied«' einen nominalislischep 
Stu^mnkt in der Logik. Als Gegenstand der Logik gilt ihm das den BegriR 
nadrOckende Wort (yox expressira co&ceplus). Den UniversaUen gesteht 
er tute res nur eine Existenz in der göttlichen Intelligenz zu. Auch i n den 
Diofen kommt ihnen keine spezifische Existenz zu, spedes intelhgibilM im 
Smt der ^otisten existieren nicht Das AUgsmeine ist nur ein Begriff 
des der menschliche Inlsll^t bildet, und zwar nicht durch sachliche Ab- 
Mnktian von dem Uateridlen, sondern duTcl]| modale in bezng ant die Alt 
mi Weise des Eikennens. Damit f&Ut selbstverständlich auch die schar(a 
TtcDDung der prima und dei; secunda intentioi 

Der ausgeprägteste Vertreter dieses schon T(m Petrus 
Änreolus a. a. angebshuten neueren ^ominalistnus (auch 
„TenninimnuB" genannt) war Wilhelm v. Oecsm") 
(gest ma 1347). Br betrachtet die Logik durchaas als eine 



- ■) Für die Logik kommen namentlich in Betracht: Quaestiones meta- 
DhTsicales (zur Metaphysik des AristoUles), z. B. Venel. 1499 (namentlich 
Bach 2 aber den Wabrfaeilsbegritf); Quodlibet«, z. B. Bonon. 1481; ConmenL 
in Ubroe prior, anatyticor., z. B. Venet. l&4d (siehe namenllich den Prolog 
Ucr die allgemeine Bedeutung der Logik}; De ente et essentia, Venet IfiOft*. 

>*) Namentlich De unitate formae, Venet 1613* und De intenüonibus *, 
und in IT Petri Lomb. senUnUanun Volumina, Venet IfiOb (Üb. I, Dist 19, 
Oo. 3, S. 41b: „et ideo taha dicuntur esse in intellectu, sicut veritaa et 
uinrsale et consimilia"]. 

») Super sHitenL thaologicas Petri I^mbardi comm. libri IV, Paris 
lUO. CharakterisUsch fOr seine Aulfassung ist z. B, folgende Stelle II, 18, 2 
(Ioll32b): „Esse intentienale potest dupliciter accipi, uno modo proutdisün' 
nitur contm esse reale, et sie dicuntur habere esse intentionale illa, qua« non 
■mit nisi per operationam intellectus sicuf genus et apecies et logicae in- 
tentiones et iste est proprios modus accipiendi intentionem et esse inten- 
boDale . . . AUo modo didtur aliquid habere esse intentionale large, quia babst 
OK debile ..." 

■*) In tolam artem. veterem Aristotilem, Venet. 1493. 

") Besonders interessant ist die SchriFt De intensione et remissione 
lonntnun. Vgl. Prantl, 1. c. Bd. 3, S. 207 If. 

■•) üommentaria in libros Sententiarum Petri Lond)aidi, Homae 1&06 tf. 
BBd QnodUbeta XVI, Romae 1606 *. Vgl. auch P. Raym. Dreiling, Der Kon- 
uptnalismus i. d. Universalienlehre des Franz iakanetbischofs P. Aureoli usf., 
fieilr. t. Gexh. d. Philos. d. Hittelalt Bd. 11, H. 6, UOnster 1918, namentt 
S.86fl. 

") HauptweAe: Super IV Uhros Sentent (Petri Lond).) 1488 u. Otter; 
Qnodhheta TD, Argmt 1401; Expoaitlo auiea super artem veterem, BBnoa. 
1496; TnctatuB locicae s. Summa totius locicae, Paris. 1486, Venet 1628 und 

6* 

„.,.,„,>..oo^sic 



g4 I- Toü Abfrenzuns und ■Uiemeine GetchieW« der LogOc. 

praktische, nieht-apekalative Wissenschaft wie die Bhetorik 
und Grammatik (Sap. I Sent. Prol. Qoaest XI, L.). Sie hat 
es femer nur mit den Zeiehen, s i g □ a , d. h. mit den begriff- 
lichen nnd sprachlichen Bezi<ehangen der Dinge zn tnn (Qnod- 
libeta V, 5). Dabei gibt Occom doch zu, dafi jedem geepro- 
chenen Satz (propoeitio vocalis) im Innern eine „propositio 
mentalis, qoae oolliaB idiomatis est", vorausgeht, nnd be- 
schrankt sieb in seinen logischen ünterBUchongen keine»- 
wegs auf die propositiones vocales als solche. Er rechnet 
eben die Begriffe selbst za den Signa. 

Die üniversalien existieren nach Ocoam nnr i n m e n t e. 
Das Gemeinsame der Dinge existiert als solches in den Dingen 
weder realiter, wie die Bealisten, noch formaliter, wie Dons 
Scotos o. a. meinen, sondern es existieren nur die Kinzeldinge 
mit den gemeinsamen Eigenscbaiten. Von einer Elxistenz 
der üttiversalia ante rem kann natürlich erst recht keine 
Bede sein. Anf Omnd dieser Lehren mofi Occam als Eonzep- 
tnalist bezeichnet werden. Die Bezeichnimg „Nominalismas" 
erscheint also für die Ocoamsche Anseht ebensowenig im 
strengen Sinne zutreffend wie für den älteren NominalismnB 
(vgl. S. 60), doch hat Occa^ dieser extrem nominalistischen 
Auffassung seiner Lehre nicht nnr durch die angeführte 
Äufierung über den Gegenstand der Logik, sondern anch 
durch zahlreiche andere wenigstens sehr mifiverständliehe 
Sätze selbst Vorschab geleistet Bs lag sehr nahe — nament- 
lich für seine Gegner — Ausdrücke wie signa u. a. m. nu r 
anf die Worte zu bezieben, und damit war der extreme Komi- 
nalismos fertig. 

Die Einzeldinge werden von ans in den Sinneswahmeh- 
mnngen erfaßt (apprehendnntur), nnd diese werden vom In- 
tellekt ohne Dazwischentreten von species intelligibiles n. dgl. 
verarbeitet. Die „actus intelligendi" sind sonach schlechthin 
paseiones animae. Die auf diesem Weg entstandenen Be- 
griffe sind also nur „Zeichen" (signa mentalia) für die Din^, 
haben aber doch dabei eine natürliche Ähnlichkeit mit den 
Dingen (sie sind similitudines rerum). Die Worte (signa 
vocalia) sind als Zeichen für die Begriffe gewissermaßen 



After. VoB Occams Logik und Eiiennlnislehre handeln u. a. i 

Sdwck, Areh. I. Gesch. 4 Philo». 1897, Bd. 10, S. S17 und PrmnU, L c , 

S. 887. Besonders aulkl&read ist auch die Daratelluog in J, E. Erdmaana 
Giundtifi d. Geach. d. Philosophie, 4. Auf! Beriin 1888, § 216. 

„.,,„, ^.oogic 



aiaiMd. A Dienidne Gtwehichte d«r tttfk. 85 

Zeichen «weiter Ordnang. Sie nnterscheiden siofa von den 
B^rÜFen soBerdem dnrch ihre Bntstehnng aaf Orond von 
Terabrednng. Die Begriffe bezeichnet O., da eie sich aaf die 
rec direkt bezieben, anch als tenuini primae intentionis, 
äe Worte, da sie sich nor dnrch Vennittlong der Begriffe 
auf die res beziehen, als termini secondae intentionis ^*). Die 
istestiones bekommen damit eine andere Bedentnng als seit- 
her (vgL S. 71 D. 76). Dabei ist nor zq beachten, daß Occam 
unter res nicht nnr Gegenstände der äußeren, sondern auch 
solche der inneren Wahmehmnng (psrchische Prozesse) ver- 
steht nnd sich dadurch begreiflicherweise in viele Schwierig- 
ketten und auch Widersprüche verwickelt. Die Worte selbst 
mfallea nach Occam nochmals in nomina primae imposi- 
tionis ond nomina secondae impositionis: mit ersteren be- 
leiehnen wir entweder die wirklichen Dinge (prima intentio) 
oder ihre Begriffe einschließlich der Allgemeinbegriffe 
(secnnds intentio), mit letzteren die Worte selbst (termini 
aecimdae intentionis). Zu den nomina sec. impoe. würde also 
I. B. das Wort „nonven" (= Hauptwort), „participiom", „nu- 
rnems" nsf. gehören (Super I. Sentent, Dist 22, qn. 1 und 
Tract log. P. I, cap. 11, ed. Paris VI). So ergeben sich für 
jeden terminus drei vertretende Bedeutungen (suppositiones): 
personaliter pro re, simpliciter pro inteotione animae, mate- 
riaüter pro voce (Beispiele homo cnrrit, homo est species, 
botno est vox disyllaba). 

Das Sein der Gedanken in unserem Geeist bezeichnet 
Occam gemäß dem damaligen Sprachgebrauch und im 
direkten Gegensatz znm jetzigen auch als esse objectivum« 
das vom Denken unabhängige Sein der Dinge als esse sub- 
jectivnm. Insoweit unser Denken sieh auf Dinge bezieht und 
dem ens snbjectivum der Dinge ähnlich ist (imago simUlima, 



^} Dabei ist 0. in Wiaer Terminoloeie insoteni nicht ganz genau, als 
V du Wort intentio selbst bald für dasjenige braucht, voraul die Beziehung 
•tttlfiDdet, bald für dasienige, welches die Beziehung hat Im ersteren Sinne 
iit die intentio prima die „lea realiter ezistens", die intentio secunda „aliauod 
ia anima rebus applicabile praedicabile de nonünibus rerum . . . ." (eonceptus 
mentis), vgL z. B. Sup. I SenL, Dist 23, qu. 1 und Quodl. IV, yu. S; im 
Ittileren Siime ist die intentio stets etwas Geistige^ (intentio animae, wobei 
aber animae oft weggelassen wird, ygL z. B. Expos, aur., Frooem-, Traet log, 
^- 1, cap. 12}, und die intentio prima ist dann ^ onme ngnum intentionale 
niitens in snima .... und die intentio secunda das signum tOr diese inten- 
äones primae (vgl QnodUb. IV, qu. 19 und Tract. log. P. I, cap. 12 ed. 
Puiivnv). 



tY^IC 



90 L Teil Alcrmcunf and ■UetmeiBe OMchidito der Ixffk. 

siehe oben), kann es als real bezeichnet werden, einerlei ob 
ee das Einzelne oder das Allgemeine der Dinge betrifft; 
sow«t es sich dagegen aaf Zeichen, speziell Begriffe bezieht, 
also nicht perscmaliter, sondern simpticiter „anpponiert", ist 
es rational, nnd hierzu gehört die gesamte Logik. Die 
Schwierigkeit der somit erforderlichen Unterscheidung 
zwischen dem realen Wissen mit Bezug auf das Allgemeine 
der Dinge nnd dem rationalen Wissen findet keine aus- 
reichende Elrörterung. 

Die Kategorien erkennt Oceam folgerichtig nur als 
grammatische Gebilde an. Sie stehen daher in engster Be- 
ziehung zu dem sprachlichen Aiosdruck. Es ist mithin auch 
überflüssig, von der Existenz einer ubitaa, quandeitas, 
qnantitas, relatio usf. als einer „res distincta" zu sprechen; 
es gibt nur eine' res qnanta, eine res relata usf. (Tract. It«. 
I, 41 — 62, ed. Paris XXI ff.). ASjch spricht er von der Mög'- 
lichkeit, nur SEbtegorien (generageneralissima): substantia, 
qualitas und reepectus (= Relation) statt des „f amoeus nume- 
rus" von 10 aufzustellen (Sup. I Sent. Dist. 8, qu. 2). Dabei 
hält er hier, wie in der B^el auch sonst, daran Ceet, dafi er 
von der wahren Meinung des Aristoteles nicht abweiche. 

Nach Occam hat die Scholastik kranen bedeutenden Logiker mehr hervor- 
gebracht Dabei schvoU die logiKh- dialektische literariache Produktion auDer- 
ordentUch an^ Als Nachfolger Occatns bezOglich seiner ktgischen Lehren sind 
eiw&hnenswert: QregorTonRimini") (gest. 1868^, Johann Buri- 
dan'») (mit Gregor v. R, etwa gWchzeitig, ca. 1300—1360), der sich nament- 
lich aualOhrlicher mit dem Principium identitalia et contr&dictionis beachU- 
ligte. Albert V. Sachsen") (geat 1390). Marsiliusv. Inghen") 
(gesL 1396 od. nU), Peter v. Ailly") (1850— 1^6), der in sehr ein- 
leuchtenden Auseinandersetzungen den Zweck der HitteUung fOr die Sprache 
im Gegensatz zu den Begriffen (termini mentales) betonte und demgemftB das 
nominalisUsche Element des Occamismus gegenOber dem konzeptualistischert 
zurückdt&ngte. u. a. Paulus NicolettusVenetus (gestorben 14ae() 

i^ Super f et ü Sentent, Veneti isaa Vgl namenll. Lib. I, Oiat 3, f. 37> 

") Penitile compendima lotius logicae, VeneL 1409 (s. SunamiUe, Paris 
IQM) und Cranmentar. in Helapfars. Aristotelis, Paris 1618 *. 

") Bauptweik Logica Atbertucii, Venet 16S3 und Quaestiones zur Expos, 
aurea t. Occam, mit dieser herausgegeben Bonon. 1406 *. Bei Albert v. Sachsen 
finden sich auch schon die Ausdrttcke demonstratio a priori (= procedens ex 
cauais ad eflectum) und a posteriori, QuaesL in Analrt. post. I, Nr. 9. 

*•) Quaestiones super IV libr. SenL, Ai^eni IfiOl u. a. 

") Quaestiones super libr. sententiar. 1600; Destructiones iDodtmun 
aigniScandi und zwei andere Schriften, die Piantl erwUmt, waren mir 
nicht zug&nglich. 



n,g,t,7l.dM,GOOglC 



& KspiteL ABieBBÜw 0«achkbto dar Letik. S7 

vntetto in Bönm Logica muna >■) mit iroB«!!! FleiB, aber ohn« Kritik die 
nUsKn MdDQDgstußeninnn neuwer und fttterei Lociker und vbettat« die 
kVKfce KuiuaUk und SoidusUk bis ia die entleseaMen KiiuelhäUa «a 
Bhb cxtRBiMt ReKliamus ««rsuchl« nochnula Johannes WTclif**) 
(titt 1384) dnrdinifQhreB. Einen vermittelnden Standpunkt zvisdieB 
nnaonua und Oocamiamus nahm Johannes GersonM) (laes — 143^ 
an. Bier sei nur erwUmt, daB er scharf zwischen der aignificatio meta' 
phincaüi und der dgnificatio Eraimnaticae vel locicae vel rtietoiicae unler- 
Kliädel und erstere auf ,j)riniae impreaaionea naturae, quae sunt tranacen- 
tatoT (eng unum, ena verum, ena bonum, cns alitiuid) lurikUQhrl« und 
iedcm ens creatum ein doweltea Sein, ein esse ohjectale und ein esse reale 
mchrid) (Db mod. nsnif. S. 817 fi.)- Dazu kommt nike unveikennbai* 
Snodfuns xu der damals erwachenden Uystik. 

Im weiteren Verlauf des Ih. Jahrtninderta traten dann noch zahlreitte 
Kboluügdie Logiker auf, wekdie Irotz der nuia und mriir sich ausbreitanden 
HülaKiihie der RenaiBsaDce im Geist der alten Schulen Kommentare und 
Ldirbodier lodschen Inhalts aMafitoi. Hinher ^hOren tL a. Petrus 
Hantnanus»], Paulus Pergulensis*^, Petrus Tartar«- 
tnC^ (1490 RtUor dtf UnivernUt Paris). Die Parieinamen „antiqui" und 
^.Budenü" (vgL S. 77 u. 81) wurden jetzt mehr und mehr so veniendet, dal 
die tfaeraiitisdie und z. T. auch die gkotistische Richtung, wriche aoch onto- 
kgiadie Untersuchungen verlangte, als via antiqua, die occamistische („t r - 
ninistische") Richtung, welche sprachticfa-begrilHiche UnterBUcbungett 
baniEogt«, als via modema bezeichnet wurde. Daneben traten vermittelDde 
Riehtangen auf**). Den ausgesprochenen Standmmkt des Thomas vertrat 
I. a Lambertus de Monte**) (v. Herrei^rg, gest 1499), den 
„■Dodemen" Standpunkt — allerdings unter Vermeidung des extremen Nomi- 
uliantus — stellen die von der Mainzer Fakult&t r. Jl 148& herausgegebenen 
Modenorum summulae logicales dar. 



**) VenK. 1408, vgl. s. B. die Argumentation f. (A—'TO. Ein Ausnig 
mchien unter dem Titel Logica oder Summulae, Venet. 1488*. 

**) Tractatus de logica, ed. M. H. Dziewicki, London 1889 bis 1899 
nod Diatogomm libri duatuor 1526, S. Xn u. XXIV S. (auch FiUL-Lpx. 17&ft). 

■*} Namentlich Cenlilogium de conceptibus und de nM>dia significandi in 
dm 4. Bd. der Antwerpen» Auwabe v. J. 1706. 

»•) Logica, Pavia 1488 und Venet. 1*93. 

*•) Logic«, VeneL 149a 

**) Namentl. Ezpositio in Summulas Petri Hispani, Friburg. 1404; Com- 
owatationes in libn» Aristotelis, Friburg. ? (mit Prolog, logicae), spUer noch 
<A henuisgegeben. 

>*) Rieiiier gehört z. BL Agrippa v. Neltesheim (1466—4665) mit seiner 
Schrift ,4a «rtem brevem Raim. Lulli Coiunentartum" ; im Alter bek&mpft» 
W die Scholastik (De incertihidine et vanitate scientiarum, 1606). VgL Ober 
ihn den Aufsatz von Meurer in Renaissance u. Philos., herausgegi v. DTrofI, 
Helt Ä. 11.' 

**) Copukla pnlcbemina dirareis ex autoribus logicae in unum corro- 
nia in veterem artem ArasL etc., Colon. 14SS und Cop. pule in novam 
lofieam Arest etc., Colon. 1486 und Öfter.* 



n,5,t,7rjM,G00glc 



gg I. Teil Atarcnzuiig und aJlgeradne Geschieht« der Logik. 

Zu den Scholastiken! gehört trotz mancher einzelner der dunaUgea Zeil 
weit Tonuseilender Lehren auch NikolausTonCusa*«) (XiOl—lißf), 
der sich «uf loffiscfaem Gebiet namentlich an Occam und Oerson anschlieBt, 
abweichend von diesen aber neboi der ratio noch eine ,4ntaitio intellectualis" 
annimmt, durch welche wir die coincid«itia contradktorioruni, wie sie in 
Gott gegeben ist, erfassen. Oberhalb der orfaes r^onum sennbilium und 
regioDum rationalium existieren die orbes regionum intellectualiuin, die tOx 
das TerstandesmftBige Erkennen unzugänglich sind (z. B. De conjed n, IS, 
S. 107). Dieses bewußte Nichtwissen (= docta ignorantia) ist, insofern es 
alle Gegensätze negiert, rün negativ. Es ist eine visio sine comprebensioDe, 
eine theologia mTStica. In späteren Schriften hat übrigens Nikolans doch 
auch eine nicht-intuitive, witkliche comprehensio Gottes anerkannt 

Die Refonnation hat auf die Richtung der scholastischen Logik ver- 
htltDi«mABig wenig EinfluB ausgeObt. Jobann Eck*^) (1486—1648) ver- 
wertete fast die gesamte scholastische Literatur zu einer eklektischen Dar- 
steUung der Logik. Auch das Compendium dialecticae (Venet. 14B6) voa 
Silvester de Frieria (gesL 1538} versucht einen EompromiB zwischen 
den streitenden Richtungen der ScholasÜc. Endlich fand zu Ende des 16. Jahr- 
hunderts dep th<xnistische Standpunkt nochmals einen ausgezeichnete Ver- 
treter in Frans Snarez'*) (16tö— 1617, Jesuit); Sdiolastiker ist diesw 
noch insofern, als er noch durchweg an die aristotelischen Lehren ankn(lp5 
(wenn auch nicht so sklavisch wie manche älteren Scholastiker) und die 
nülosophie noch immer als Dienerin der katholischen Theologie betrachtet. 
Die Dialektik' (c= Ixigik) hat nach S. die Aufgabe, „modum scieadi traders" 
(DiH), I, SecL i, g 30]. Dabei soll sie jedoch nicht nur die leges reete defi- 
niendi, argumentandi aut demonstrandi angeben, sondern auch die rationes 

'*) Opp. Paris 1614, Basil. 16^ In Betracht kommen für die Logik 
namentlich: De docta ignorantia (ed. Basel S. 1—63), Apologia doctae inia- 
ranliae discipuli ad discip. (S. 63 — 75), De conjecturis (S. 75—118), Dialog! 
idiotae de sapienUa (S. 137 ff.). De mente (später als 3. Buch der DiaXogi 
idiotae abgedruckt, S. 147), De venatione sapientiae (S. 298^ namenlL 306 ff.). 
Vgl. Ober ihn namentl. J. üebinger, Ztschr. f. Philoa. u. philos. Krii 18M, 
Bd. Vß, & 6ö und 1896, Bd. 106, S. 46 und 18S6, Bd. 107y S, 48. 

*') Aristolelis Stagyritae Dialectica cum quinque vocihus Porphyrii 
Phoenicis Argrropulo traductore a J. Edüo theoL tacili explanatione declaräta 
etc., Aug. Viod. 1616 u. 1617; Elementarius dialecticae, Aug. Vind. 1617; 
Bursa pavonis-Logices exercitamenta appellata parva logicalia, Argent. 1607, 

") Seine Gesamtwerke sind wiedertiolt herausgegeben worden, luletzt 
zu Paris ie&&—1861 in 36 Bänden. Besonders hervorzuheben sind die Dispu- 
tationes metaphysicae universam doctrinam duodecim librorum Aristotelis 
comprehendentes und De antma (Bd. 25 u. 26 Ul 3). Vgl. über seine Lehren 
Karl Werner, Franz Suarez und die Scholastik der letzten Jahrhunderte, 
R^ensburg 1861, namentl. Bd. 2, S'. 1 — 71 u. 107-^^. — Suarez steht in 
manchen Beziehungen nahe Pedro da Fonseca (1628 — 1599) in seinem 
Institutiones dialecticae, Lissabon 1664v Vgl. über ihn M. Uedelhofen, Petnis 
Fonseca als Logiker in d. Sammlung Renaissance u. Philos., herausges- v. 
Dvrolf, H. 13. Vber weitere spanische, portugiesisclie und französische Logiker 
der damaUgen Zeit siehe P. Bl. Soto, Beitr. z. Gesch. d^ Philo», d UitteUItera» 
Suppl.-Bd., Monster 1913, S. 390. 



■ n,g,t,7l.dM,GOOglC 



S. XftpiteL Allgemoiiie OeachieU« dir Lo^. 89 

bnm nmm **). Von den Dingen bandelt na nicht, ut etium essratiu sl 
ntana deeluet, sondera nur ,jii ordine «d conceptus mentis coordinkndes". 
Da SUodpankt des Suarez in der Frue der Re&litit der Besrifie erhellt am 
Mcn m folgenden Sitzen: »Hae nsmaue reUtionet (deren 3. drei Heihen 
DitoKfaieden hat gsmlS der triplez opeiatio intelleclua) non conTeniunt 
nbos Ncundum se, sed ut deoominatis ab aliiiua Operations intrilectus, el 
ideo Nmper rationia sunt et non reales . . . Non tamen sunt hae r«lation«s 
ntit conficlae, sed numto aliquid fundamenio es re, qualia est aul r«alis 
annnieDtia, in qua tundatur abstractio univenalis, <niae etiam variatur in 
tma, q>eciein etc., ex eo quod convenientia major est Tel minor; vel realis 
idtnülaa aut unio unius cum alio, in ona fundatur atflnnatio unins de alio; 
fri lealig «nanatio uniua ab alio aut ctmcomitantia, vel aliguid simile, in 
VU bmdatur illatio a piiori vel a postniori (Disp. LIV, Sed. 6, g 9). Ke 
nlitioaes generis, speciei, praedicati, subjecti etc. bezeichnet er geradezu als 
JDtenüonea logieales". Die intentiones secundae faßt er daher denn auch 
nni in thomisÜschem Sinne auf: ^Iqoe ob hanc causam solent hae ultiiii«0 
räitiones rationia (nimlich generia, speciei etc.) p«culariter appell&ri lecundae 
inttntifHies, Quasi resultantes ez secunda intentione seu attentione Tel con- 
ndoatione intellectus, i|uo nomine proprie vocatur intdlectio retleziTa, quia 
suvonit aUam circa ouam Tersatur" **). Bemerkenswert sind auch die Aus- 
fiihnmgen über die ^lecies intentionales (De anima m, 2) und die doppdte 
•apvrefaenaio", die sich an die sinnliche receptio anschlieBt: die apprehensio 
■inittoc und die apprehnsio eomposita seu compositio, welche in einer tbt- 
flcichenden Titi^eit besteht (ibid. m, 6). Doch ist es Suarez nicht gelungen, 
änt Lehren tor die Logik fruchtbar zu machen. 

i 23. Li^iker der BenaiMUice nnd der Reformation. 
Die BenaisBaDce and die Beformation haben in zwei weseat- 
Ucheo BichtongeD einen befreienden EinfloS auf die liogik 
■tugeübt, die erstere, indem sie der fast ansscblwBliciien 
Herrschaft der arietoteliscben Logik mit den endlosen, oft 
■opfaistiBchen Interpretationen der aristotelischen Schriften 
ein Ende machte, die letztere, indem sie die Logik von der 
katholischen Theologie endgültig unabhängig machte. Wenn 
trotzdem für nnbefangeuQ Betrachtang weder diese noch 
jene nnmittelbar zn erheblichen positiven Fortschritten der 
logischen Wissenschaft führte nnd sogar hier und da auch 
numcher wertvolle Erkenntnisbesitz für längere Zeit ver- 
loren ging and andrerseits mancher Bückfall in die Soho- 
Ustik vorkam, so erklärt sich dies daraus, daß jener fördernde 
Einfloß an sich doch eben nur negativ war, indem er Schäd- 

*■) iJJam etiam a priori demonstrat, cur recta definitio et aigumen- 
latio talcB conditioues et proprietates requirant" Siehe auch Disp. I, SecL ft, 
»a? u. XLIV, 12, M uk XXXDC, ProL.l. 

**] VgL auch die Untersuchung ,,an uniTersale fit per comparationen 
u Tcro per abslracUonem" (De anima, Lib. IV, Cap. 3, Dubium E^ § 21]. 



■gO L Teil Abfmizuni und aügeiMiiw Gcscbidrte der Loiik. 

lichkeiten beseitierte, aber kein poBitiv förderndes Moment 
fär die Lo^ik einschlofi. Dazu kam, daß die Interessen sich 
-nmöchst ganz anderen Gebieten, einerseits der Philologie 
und Altertomswieeenschaft, andrerseits den Glaubensfragen 
lawandteo. 

G«gen die scbolastische Richtung tnt schon im 11. Jfthihundert 
Petrarca*) (1806—1374) auf, dei; sich noch nicht so sehr gegen die Ein- 
soitigkeit der aristotelischen Lehren als gegen den UiBbrauch der AutoriUt 
des Aristoteles durch die zeitgenössischen IKalektiker mit ihren conclusnui- 
enlis wandte, aber doch aucb schon Aber VemachläasiguDg des Plato Uasto- 
Direkt gegen den Aristotelismus wandte sich dann naraeoUidt Laurentiiis 
Valla*) (1406—1467), der „auch der abgematteten Veraunm-Lehre äenUch 
^eder uJS die Beine geholfien" (Beimmann). Er bezweifelte die ZehnsaU 
der Kategorien und kritisierte die Grundbegriffe der scholastischen Logik in 
^rf&IHgater Weise. Seine poeitiven Leistungen, in denen er sich übrifens an 
Qnintilian und Cicero anschloB, waren sehr dOiftig. Eine Ihnliche Bichtm« 
acblu« Rudolph (Rodolphus) Agricola*) (1443—1486) ein, der als Ziel 
der Logik aufstellte .Formate orationem" und „de (Tuolibet dicer» prohabüitn" 
<1. c. Buch II, Kap. 2 u. 11^ S.VSBu. 297) und wie seine Voigftnger fast nnr 
durch seine Kritik der aristotriisctien Lehren (I, 3, S. 2B ff.) Nutzen stifivte. 
Bemeckenswert ist auch seine Befürwortung des G^naochs der Muttersprache 
neben dem Lateinischen. Zu derselben Richtung gehfiren femer L u d o ▼ i - 
cus Vives«) (149^-1640) und Harius Nizolius") (14«&— 167&) wie 

>) Epistolae de rebus familiär. Flor. 18&&— 1663, z, B. I, Nr. 6 tl, XU, 
Nr. S, XVII, Nr. 1 u. a. m.; Quatuor Ubii invectivarum contra quendam, 
lih. n, Cap. 17 (Opp. ed. BasU. 16W, S. 1»%. Vgtj Ober ihn Heinr. 
Schmelzer, Renaiss. und Philosophie, heiausgeg. von DyrofI, Heft 6^ Bonn 
1911, S. 280. 

*) Opera, BasiL 1540, darin & 64&— 761 die DiaJecticae disputationes in 
drei BOchem (Buch 2, Kap. Iff. Angriff auf die zeitgenössische Dialektik). 
Gegen die scholastische Methode, aber for Aristoteles trat auch Desiderius 
Brasmus (1467— Ua6) auf (t^. z. B. Encomium moriae 1G09, ed. BaaL 
tKO, S. 117 tt. IL £@4Q.). Im neuplatoniachen Sinne gegen Aristoteles 
schrieb Franctscus Fatricius (1^9 — 1597) seine Discussiones pen- 
pateticae, Basil. 1581 (vgl. namentlich Tom. n u. Tom. m, lib. 4). 

') De inventione dialectica, Colon. 1553 (mit Schollen) und Colon. 1657 
(nach dieser Ausgabe ist oben zitiert). Heinrich VIII. von England befahl 
ausdrOckhch, dafi neben den Werken des Aristoteles anstatt der Kommentare 
von Duns Scotus u. a. dies Weik von Agiicola verwendet werden sollte. 

*) Sein Hauptweik De discipUnis hbri XX erschien zuerst 16S1 in Ant- 
werpen (sp&tere Ausgabe z. B. Colon. 1536). Von den drei Teilen kommt für 
die Logik namentlich der erste „De causis comiptarum artium" (in der Ge- 
samtausgabe der Vivesschen Werke ValenL Edet. 17B6, Bd. f^ S. S) und der 
dritte „De artibus" in Betracht. Im letzteren sind wichtig die Abhandlungen 
De censura veri et falsi (Gesamlausg. 17fl3; Bd. 3, S. 165), De disputatione 
tS. 68] und De instrumento probabilitatis (S. BB). Inä>c8ondere ist die Schrift 
De censura veri et falsi ein kurzes Kompendium der formalen Logik. Auch 



I; KuiUL Allgemnn« 0«scli)cUa dar Loiik. 9X 

MBTeilanch Giordano Bruno*) (1M6— 1600) und Thomas Cam- 
ptDella^ (Ifiea— 1^9). 

Sehr viel einflaßreicher als die Vorgenaiinteit war 
FetrDB Bamns <Pi«rFe de la Bamäe 1515 — 1572), dessen 
Schriften*) für lange Zeit an vielen Orten dem logischen 
Stodiom and Unterricht zugrunde gelegt wurden. Seine an- 
finglichen Angriffit! auf Aristoteles überschreiten oft alles 
Hafi und wurden auch spater von ihm selbst zurück- 
SeDommen. Wie Valla und Agricola und Vives betont er 
selbst das rhetorische Element in der Logik über Gebühr: 
dialeetica est ais bene disserendi, eodemque sensu logica 
dieta est (Dialect I, 1 n. Schot, n, 1 u. 2). Sie zerfallt in 
zwei Teile: der erste handelt von der inventio (Begriff nnd 



die Jugendachrift In Paeudo-Dialecticoa (161B verfaBt, Gesamtausg. Bd. a, 
S. 37) ist bemerkenswert. 

■) Antibaibarua s. De yeris principU» et vera ratione phUoMphandi 
esatia psendophilooophoB, Panna. 1&6S. Er betont hnmet wieder: ,^d veri' 
Uten inTcsUsandam redeque phitosophanduni longe uliliorem masisiiue 
neeesMiiam smnmaticae et rhetoricae coniitiotiem quam dialecticae et mctt- 
[^TSicae esse" (z. B. I, 1, S. 7), und „inter artes et scientias nullom nectue 
dklecUcae neque metaphTaicae posse esse loeian atqne ideo ambas *■«>!"'■ m 
Uns et imitUes et non necessarias ab omni, acientiarum et artium numero 
eitenmnandas" (sc. esse; ibid. S. aOB). Vd. auch U. Glosner, Nik. v. Cusa . 
and H. Nizolius ab VorUuIer der neueren Philosophie, HOnster 18S1, nament- 
Htb S. 148 — ^laa. Leibniz hat das Werk des Nizolius mit einer Dissertatio 
Wartiminari» und Anmerkungen i. J. 1670 herausEeieben. 

•) De bt cansa, piincipio et uno, VeneL IbBt; rd. z. B. Dial. I, ed. 
U. Walser, Ups. 1880, Bd. 1, S. SSbO. (ed. da Lanrde^ Oottinfa 188«^ I, 
Sl 190). Ober die Scbiift Ais inrenliva per XXX itatuu vgl Lutoslaw^ 
Aldi. f. Gesch. d. Philo«,, 1800^ Bd. 3» S. 894. Audi eine Fortbildunc der 
Badistabenkombinatorik des R. Lullus vü. S. 78) hat Biuno venucbt Siehe 
euch die von Qfrßter heniugegebene Sammlung seiner lateinischen Schriften, 
Stntltard. ISSa^ VoL % S. SBb^ 001^ 821 und namentlich 708 (De prosressu et 
lanpade Teaatoria losicoTum etc.). 

^ Phifesophia sensibua demonetrata, Neap. 1596*; nülosophiae ratio- 
«ili» partes V, Paris IßBe (F. II Dialectica 1K7) a a. m. 

*) Aristoteleae anitnadversione«, Paris 1648; Dialecticae partitionea, 
I^ris 1548, i X 1668 unter dem Titel Inatilutionum dialecticaniro übri lU 
und 16&6 unter dem Titel Dialecticae Ubri II wieder herausgegeben; Dia- 
ledique 1566 (unzugAnglicb}; Scbolae in liberales artes, Basti. 1569 (Teil 8, 
S. 1—615 Scholae dialecticae in 30 BOchem); Defenaio pro Aristotele adr. 
lac. Scfaeduno, Laos. 1571. Vgl. über ihn namentlich C. Waddington-Kastna, 
Ranus, sa Tie, ses «crita et ses opinions, Paris 1866 (auch lat. Paris lS4e^ 
wnentlich S. 109 0.); PrantI, Sitz.-Ber. d. irfulos., phUol. und histor. Kl. Ak. 
d. Wiss., UOncb«! 1878^ Bd. a, S. 157; Qeorf Waricert, Enzyklopädie des 
Prinis Rasuis, Leipng 1898; J. Owea, The skeptics of tbe French Renaissance, 
Uodon laOS, S. 491 fl. 



92 I' Teil AbnenzuBf und aIl(eiD«iDe Q«scliicht« der Lofik. 

Definition), der zweite vom jndicinm (Urteil, Schloß, Methode). 
An anderer Stelle onterscheidet er die topica (inventio ar^- 
mentorom, i. e. medionun, principiorom, elementonun) and 
die aoalytica (dispositio eorom). In seiner Ontologie sind 
platonische Elemente unverkennbar. 

Die SchOler und AnfaftoBer des Petrus Rumis Teibreiteten seme Lehien 
ftllenlh&lbeD, so in Deutschlaud Job. S t u rm Ufi07 — 1689% dessen Vor- 
lesungen P. Ramus Obhsens in Paris besucht hatte und dessen Icsischea 
Hauptweik *) vor den Hauntweiken des P. Ramus abgefaBt ist. Frans 
Fabricius")(lK7— 1573), Christoph Cramer(us) "), Job. Pia- 
eator") (16*7—1636), Fredericus Beu rhusiusi») (1586—1«»), 
Job. Thomas Freigius") (1643—1568) u. a., in Engtand & B. Wil- 
liKin Temple") (IClß—i^, in Holland Rudolf Snell'*) (lUS 
bis 1619) usf. Von der Dialektik des Ramus erschienen bis 1670 gegen 
30 Auflwen. Zu den „Semiramisten" rechnet man u. a. Rudolf Oocle- 
nius^') (15*7 — 162^. Andrerseits telilte es auch nicht an viellachen An- 

*) Partitionum diatecticanim libri IV, Argeni 1589 und Öfter, z. B. 1691 
mit SchoUen von Havrenreuter (auch Etütome von Job. Bentz, Aigent. ISOB). 
Kit diesem Job. Sturm ist nicht zu verwechseln ein andrer Job. Stunn, Prgf. 
d. lied. u. Logik in Greifswal^ gesL 1625, der Disputationes logicae ma 
veritate et Aristotele conceptae veröKentlichte (von Abrah. Battus neu her- 
ausgegeben, Gryphisw. 164B). 

") Die Arbeiten von Fabricius varen mir nicht zugänglich. 

") DialecUca Ramea, mir nicht zugänglich, soll spiter von Goclenius 
herausgegeben worden sein. Er darf nicht mit Daniel Crsmerus (1568 — 1S37), 
der Viginti duae disputationes logicae, Vitenb. lö9B gegen Ramus schrieb, 
und mit Andreas Gramer (1582 — 1640), dem mehr theologischen Verfasser 
von Disputationes logicae (mir nicht zug&nglich) verweabsell werden. 

1*) Animadversionea in dialecticam P. Rami ezemplis Sscr. literatum 
PBSsim illustratae, 2. AuIL Ftancofurt. 1582 (1. Aufl. 15807), vgl namentlidt 
die Bpist dedicat. S. 5fL Hber seine Bekehrung zur Lehre des Hamus. 

>*) Z. B. Defensio P. Rami dialecUcae etc. 1588; Paedagogia logica in 
3 TeUen (Teil 2 Colon. 1586, Teil 3 1566). 

'*} Quaestiones logicae et ethicae, Basil. 1676, namentlich S. 1 — 67; 
Trium artium logicarum, grammaticae, dialecticae et rbetoricae breves suc- 
ciDclique schematismi etc. (vgl. namentlich F 5ti., tabellarisch gehalten, von 
Helanchthon abhängig); Logicae Rameae triumpbus, Basil. 16^; De logiea 
iurisconsullorum, Basil. 1682. 

") Epistolae de P. Rami dialectica etc., Francof. löSl, Cantobr. ISSt; 
Rami instituliones dial., scholiis G. Tempeüü illustr. et emend., Cambridge 
1584;» Pro defensione P, Rami, Francof. 168*. Vgl auch J. Freudenthal, 
Aich. 1 Gesch. d. PhiJos. 1892, Bd. 5, S. L 

^*) Commentarius doctissimus in dialecticam F. Rami etc., Heibom 
1587 u. 1696 (im Anhang Tractatio guaedam compendiosa de praxi logiea etc.); 
De rat. discendi) et exercendi logicam i>er analysin et genesin facili et per- 
spicua (s. Commentationes dialecticae), Herbem 1609. 

") Isagoge in Organen Aristotelis, Francof. 1698; Problemata logiea et 
philosopbica, Uarp. 1589, i. Avß. 1606 (mit Appendicea, Marp. 1604^ cum 
TeilinDialogtorm); Praxis logiea etc., 2. Aufl. Francof. 1698; Commentaiiolus 



^^^^^ ä K«nteL AUgerarine OaKUcfate dar Logik. 93 

nfin. Die wichtissten Gemer des Bamus wuen: J«c. Carpenl&riua, 
Uimnu utifl diagereodi deacriptio ra ArisL k)Cico organo cnlleeU etc. ParU^ 
l ML 15ect* 2. Aufl. 1664 (in 3 Bflcheon), Animadrenionea in libros HI 
noütiitioinim dialecticarum Petr. Buni, Paris Ibbi, ComDendium in eota- 
nniwm artem diaserendi, Paris 1&65 [rsl. z. B. S. 3 11 Da duinque rocibiu), 
nd id expositionem diaputationis de metbodo, contn Thessalum Ossatum . . . 
imoaxo, Paris IBM; Everaid Digby"), Templea Lehrer (ca. 1&60 bis 
ÜB), Theoria analTtica,* Lond. 1679; femer Nicodemus FrischUn 
(1H7— lß90) Dialogus logicus contra P. Rami prolesBoris regii sophiatici^n 
mAristotäe, Francofurt. IMO; Job. Heinr. Aisted (AMediua) (168H 
ht ISSSj, Compendiimi logicae bamonicae, 2. Aufl. Berbomae Nasser. 16831 
k dieser als Anhang Nncleus logicae etc., ClaTis artis Lullianae et veiae 
kiieei, Argentar. 1609, Compendiuin pfailosophicum, Hertwrn 1628, S. 1629 S,, 
UfcM sTitema hannomcum etc., Herbom 1614, Comp, systematis logid etc., 
Hnbom 1611 sowie mehrer« enzYktoptdische Werke. Vgl auch Kecker- 
maniiu) in dem S. 17 ziUerUn Werk, S. 2Hir. 

Die Beformation nahm anfangs nicht nur eine anti- 
Beholastische und antiaristotelische, sondern auch eine fast 
antiphilosophische Stellung: «in. Lnther (1483 — 1516) ver- 
langte, daB die „philosophia and logica, at nunc habentnr** 
ausgerottet nnd durch anderes ersetzt werden, und gesteht der 
Phiioeophie höchstens eine Einsicht in das Zeitliche zu. An 
die Stelle der Äntorität der katholischen Kirche setzt er eine 
asdere Antoritat: diejenige der Bibel. Schon Melan- 
chthon gab jedoch diesen Standpunkt auf, und es ist sehr 
bemeikenswert, daß er nnd viele andere Reformatoren nun 
doch wieder auf Aristoteles zurückgingen nnd damit in 
Gegensatz zu dem Bamismns traten. Auch Luther gab später 
dieser aristotelischen Tendenz nach. Melanchthou **) (1497 
bis 1560) selbst gab in seinen Lehrbüchern eine didaktisch 
sehr geschickte, aber doch etwas oberflächliche Darstellung 
der aristoteliflchen Lehren. Die Logik oder Dialektik, wie 



de latione definiendi, Fnncof. 1600 etwas abweichend De tropo definiendi, 
IhiPDig. leOS}; Isagoge in Peripateticormn et scholaBticonim primam philo- 
«phiam, quae did consuerit metaphysica, Fnncof. 1&98 (namenlUch Kap. 6 
De vero et latso^i Fortitionum dialecticarum lihri II, 2. AuIL Francot. 1&98. 
^ Vgl J. Freudenthal, Arch. f. Gesch. d. Philos., 1891, Bd. 1, S. 4fiOi 
") Bartholom. Keckermann hat selbst ein Systema logicum in drei 
Badiem verlafit (1. Aufl. wohl 1600, & Aufl. 1613 Hanoviae); auSerdem bat 
Adnamis Panli E.'s Heidelberger Vorlesungen unter dem Titel Gymnasium 
logiaim, Hanoviae 1608, benuiagegebea 

"i Compendiaha dialectices ratio, Lips. ISSO (Corp. relorm. XX. 
ä 70B); [HalecticB, Hagan. 1S2B; ErotemaU dialectices, 1. Aufl. 1U7 (Corp. 
rd Xn^ S. fiO?); De anima, Viteb. lUO (Corp. lef. XIO, S. 1). S. Aber 
Hekiichthons Logik Dütber, Arch. f. Gesch. d. Philos. 18BS, Bd. 6, S. 34A 



94 I. Teil Abvcanmt imd inKiiinne GMchidita der LoRik. 

er sie gewöhnlich nennt, hat selbst anch voizagBweise eine 
didaktische Äafgabe: sie ist die ars eea via, recte, ordine et 
perspicue docendi (1), qaod fit recte definiendo, dividendot 
argumenta vera conneciendo, et male cohaerentia eeu falsa 
retezendo et refutando {Erot. dial. S. 1). In der UniTer- 
ealienfrage neigt er zum NominaliBmos: genas est nomen 
commune nmltis speciebos et praedicatnr de eis in qoaestione, 
qnid sit (ibid. S. 13) und analog species nomen oommime 
prozimnm individuis etc. Die Kategorie (praedicamentom) 
ist „ordo generum et speciemm sub uno genere generalissimo, 
qnod ant snbstantiam aut accidens aliquod signiflcat" (ibid. 
8. 22). Di« Existenz ist als solche stete eine individoelle. 
Die 5 voces (Praedicabilia) — species, genus, differentia, 
proprium, accidens — und die 10 Kategorien werden ähnlich 
wie bei manchen Scholastikern abgehandelt. In seine Lehre 
TOD den letzten Prinzipien mischt er platonische Sätze ein, 
ohne einen organischen ZueammeDhang mit seinen logischen 
Qnmdanschauangen herzostellen. 

Joachim I CamersTius«) (l&OO— 1&74), Jakob Schegk'^ 
(1611— 1S&7) und viele andere Terbreileten diese Melanehlhonsche DanteHuni 
d«r aristotelischen Lehre an den deutschen Hochschulen, so daß gegen Ende 
des 16. Jahrhunderts sich in der Logik drei Hauptrichlungen gegenOberataD- 
den: die protestantisch -aristolelische Uelanchthons, die katholisch-aristote- 
lische des Suarez und die aotiaristoteUsche des Petnis Ramus "]. 

*i) De Ph. Helaochlhoius ortu, totius vitae cumculo etc., Lins 1606. Er 
gab auch die Werke von Aristoteles griechisch und lateinisch heraus (1690 fl-)- 

**) De demonstfatione libri XV,! novum opus, Galeni librorum ejusdem 
argumenti jacturam resarciens, Basil. 1664 (vgl. tlber seine Stellung nament- 
lich S. 9fl.}. Vgl. auch Chr. Sigwart, Ein Collegium logicum im 16. Jshr- 
hundert, Freiburg 1S90, und Kleine Schriften, Freiburg 1989, 2. AuO., Bd. 1, 
& 366. 

") Ein gutes Beispiel der aristotelischen Richtung aus dem Anlang 
des 17. Jiüirhunderts ist das Werk von Jacobus Martinus: Inatitu- 
tionura loficarum libri VK Wittebergae 1610 (auch Praelectiones extempo- 
raneae in srstema logicum B. Keckerm&nni 1617, und l^gicae peripateticae 
per dichotomias in gratiam Ramistaruro resolutae libri 11, 6. Aufl., Wilte- 
bergae 1616). Einen vermittelnden Standpunkt versucht in derselben Zeit 
Clemens Timplerus in seinen Logicae eystema methodicum libris V 
Gomprehensum etc., Hanoviae 1612, einsunebnten, desgL auch Conradus 
Bergius im Ariificium AristoleEico-Lullio-Rameum, in quo per utem 
intelligendi, logicam etc., Bregae 1615. Vgl. ferner Casp. Bartho- 
lin u s , Logicae peripateticae praecepta ita perspicue atque breviter scholüs 
exemphsque illustrata usf., ed. sexta Francofurti ISäl (1. Aufl. wohl 1611); 
M. Georgius Gutkius Logicae divinae seu peripateticae ad rectae 
raäonis principia in abstractione entis ut vocant, revocatae usf., Coloniae 
Iffll (zum Teil, bis S. 208^ mit fortlaufender deutscher Übersetningl); Con- 

„.,,„, ^.oogic 



ft KtpiteL lUnaaiM GcBhioIri« te Lofik. (|& 

S 24. Die natnrwineMduiftUeh-bidnkUve Biehtiiiir. 
Bmo tob Vcvnlain. Schon der oben (S. 90) erwähnt« KizoUoB 
batte jegriiche Dialektik and Metaphysik verworfen und nur 
Physik nnd Politik als Philosophie anerkannt Koch ent- 
schiedener verlang Bernardinns Telesins*) (150S 
Im 1588) eine auf £rfahmng: gestützte Erkenntnis. Dabei 
ist ihm die Erfahmn^ fast ganz identisch mit Natur- 
trfafamng. Nur für die unsterbliche Seele räumt er ein« 
i^orma superaddita" ein. Besonders bemerkenswert ist, daft 
«r auch für die Gheometrie die Notwendigrkeit der Erfahmng 
bdanptet (1. c. Lib. Vm, cap. 4, ed. 1586, a 316 CT.). 

Während die Anhänger und Nachfolger des Telesina 
teils m rein naturwissenschaftlichen Untersuchungen über- 
pBgen, teils einem platonisierenden Myetizismas Terflelen, 
hat Francis Bacon v. Verulam*) (1561—1626) das 
empiristische Prinzip cur Methode der wissenschaftlichen 
Induktion umgestaltet. 



ridna Dietericfa (Dietericua), Epitoine ptMceptonun dialecUcaB etc., 
ÜK. 1636 (voftier Institutiooea logiaLe et ifaetoncae, Giessae 1609); M«r- 
tai Priedericns Wendelinus, Logicae insUtutioDee, ServetUe 
UM; Cbristophorus Scbeibler, Opus logicain quatuor partibu» 
unanam huiua artia srstema comprehendens, ed. novianma, Qenevae 1661 
(Tomde tmi 1638 datiert, relativ neutnl] Toriier einzeln Introductio loficae. 
Ginne 1613, Commentaria topica 16U li a. m.); ConradusUorneius, 
laditatioBes logicae, 2. AulV, Francof. 166Si Job. Conradus Dann- 
hawerus, Epiknne dialectica, 3. Aufl., AigentoraL l€68i U. Jacobus 
Saurins, Synlagmatis losid VI, Stetin^ KSK; H. Antonius Illerue, 
Snopaia pbilosophiae rationalis >eu Nueleus pneceptonim logtconun etc. 
i. Aufl., FntncoL 1660; Johannes Scbarfius, Hamiale loBicum. 
& Anfl, Wittebeis. 1667 (vom Standpunkte des Aristoteles und Helanditban 
Ktclirid>en, vieUach auch hemuBsegeben als Hedulla manualis losici Schar- 
Gani, z. B. in a AuO., Jena 166(Q. 

>) De rerum natura juzta propria prindpia, Romae 1566 u. Neapoli 1670 
lin 2 Bachern), dann Neapoli 1686 (in 9 BOchem wovon 6 neu). 

1} Cogitata et visa, ca. 1607 veifaBt (erst 1668 fednickt), spAter zun 
Nomn oTSanum scientianim, London 1630 umsearbeitet, und Of the pro- 
fotnce aad advancement of leaming, London 160^ spater erweitert zu De 
dinitate et eugmentis scientianim, London 1620. Beide bilden Teile eines 
nn Bacon geplanten Gesamtwerks .^natauratio magna". Gesamtausgabe 
Kiner Werke von J. Spedding, R. L. EUis und D. D. Healh in li Bftnden 
(inkL Bride), London 1867—1874 (fOr die howk kommen nur Bd. 1—6 in Be- 
tadit). Unter den Schriften Ober Bacon sind für seine Stellung als Lwker 
■n wicht^sten: Ad. Lasson, Über Baco's v. Ver. wissenschaftl. Fiinzipieu, 
Uuedtcr, d. Luisenst Realschule in Berlin, 1800, S. S—3i; J. v, Uebig, 
Fr. Bacon v. Verulam und die Geschichte der Naturw., Manchen 1868; C. Sig- 
»arl, F»uS. Jahrb. IBEB, Bd. 1^ S. 93 (gegen Liebigs flb^riebene Vorwürfe); 

„.,,„, ^.oogic 



96 I- TeiL AbBrenzung und allgemüne Gesduchte der Logik. 

In seiner bekannten Binteilangr der Wissenschaften ge- 
hört die Logica za der doctoins circa animam hominis and 
spezieller za der doofrina de nsn et objectis faoaitatnm 
animae, and zwar hat sie es mit der Anvendang und den 
Gegenständen des „intellectns und der ratio" zo tnn (De 
dign. et augm. V, 1). Sie zerfällt in die ars inveniendi, jadi- 
candi, retinendi und tradendi, ninfaßt also nach Baco anch 
die Technik dee Gedächtnisses (adminicola memoria« etc.) 
und die Lehre vora Ansdmck der Gedanken (Grammatik, 
Bhetorik usf.). Die inventio zerfällt in die inveatio artium 
et Bcientiarnm nnd die inventio argnmentonun et sermonmn. 
Die erste inventio geht entweder nur von Experiment*) zn 
Experiment und könnte etwa als experimentelle Methodik 
im weitesten Sinne bezeichnet werden, die zweite inventio 
geht von Experimenten zu Axiomen nnd von diesen zn jenen 
über. Die erste wird von Baco auch als „Experientia lite- 
rata", die zweite als „interpretatio natnrae" oder „novnm. 
Organum" bezeichnet. Nur die zweite kann als Wissenschaft 
im strengen Sinne bezeichnet werden. Ihr ist daher anch 
das eine Hauptwerk Bacos anter gleichem Titel gewidmet. 
E!r stellt hier die interpretatio naturae, welche stetig und 
stufenweise von den einzelnen Sinneewahmehmangen zum 
Allgemeinsten fortschreitet („a sensu et particnlaribus ex- 
citat axiomata, ascendendo continenter et gradatim, at ultimo 
loco perveniatnr ad maxime generalia" Nov. Org. I, 19), auch 
der bisher üblichen Methode der anticipationes naturae 
gegenüber, welche vorschnell vom Einzelnen zu den allge- 
meinsten Sätzen hinfliegt („advolat") und vom Standpnnkt 
solcher allgemeinen, unwandelbar wahren Prinzipien dann die 
„uxiomata media" beurteilen und finden will. Die interpre- 
tationes „subjugant res", die anticipationes nur „assensum". 
Die Methode dieser Interpretation der Natur ist die Induk- 
tion („spes est una in inductione vera"). Sie ist zugleich das 
geeignetste Abwehrmittel gegenüber den vier Hanptirrtnms- 
tendraizen: deoi idola tribns, specos, fori nnd theatri (d. h. 
den in der menschlichen Natur im allgemeinen, den in der 

Walter Schmidt, Fr. B. Theorie der Ind., Zlschr. f. Pfailos. u. philos. KnL 
1888, Bd. 11^ S. «2 (s. auch Bd. lOQ, S. 79); Kuno Fischer, Oeach. d. n. 
Philos., Bd. Üt 3- Aufl. Heidelb. 190«. S. Slfi. Hans Natge, Über Fr. S. 
Ponnenlehre, Lpz. 1801. 

■} Bei den Scholastikern bedeutete experimentura die Erfahrung. 

„.,,„, ^.oogic 



L KApileL Allgemeine Getchicbte der Loffik. 97 

i&dmdnellen Persönlichkeit begründeten, den im gegen- 
eeitigen Verkehr übertragenen und den von Lehrsyetemen 
emgeärang«n«n, vgl. Nov. org. I, 28 fF. u. De dign. et angm. 
V, 4). "Ober die weiteren Einzelheiten der Baconschen In- 
dnküoDglehre ist der Spezialabechnitt über Induktion zu ver- 
fleicIieD. 

Dem novom Organum gegenüber kommt die inyentio 
ar^tuuentomm et sermoaum nur sehr kons weg. Sie proda- 
nert nichts Nenes, sondern ruft nur Bekanntes am geeigneten 
Ort in die Erinnerung znrück (De dign. et augm. V, 3). Sie 
üerßllt in die promptnaria und die topica, die topica wieder 
in die topica generalis nnd topica particnlaris, unter welch 
lettterer Baco im wesentlichen eine auf die Spezialwissen- 
scliaften angewandte Topik versteht. 

Die ars judicandi (s. oben) behandelt die natura proba- 
tionum s. demonstrationum (ibid. V, 4). Das Judicium er- 
folgt per indoctionem oder per syllogismum (die nnldgische 
Einteilung der artes logieae führt zu dem doppelten Auf- 
treten der indnctio). Die Bedeutung des Syllogismus gegen- 
über der indnctio schätzt B. sehr gering ein: ,^yIIogiBmns ad 
principia scientiamm non adhibetur, ad media aziomata 
fmstra adhibetnr, cnm sit snbtilitati natura« longe impar" 
(Nov. org. I, 13). 

Die speziellen Ansfnfamngen Bacos sind gröfitenteils 
ziemlich oberfiäehlich ,nnd enthalten zahlreiche Irrtümer. 
Jedenfalls bleibt ihm aber das Verdienst, die induktive 
Methode znm ersten Male systematisch dargestellt zu haben, 
wenn auch genugsam nachgewiesen ist, daß er die Qedankeu 
derselben ans anderen Werken geschöpft imd selbst im 
G^ensatz zn seiner Lehre fast gar nicht experimentell be- 
obachtet hat 

{ 25. AUgemeiner EUnfinB der neueren Philosophie 
wihrend der niehsten beiden Jahrhunderte. Der Einfluß der 
neneran Philosophie, deren Begründung mit Recht dem 
Cartesins zugeschrieben wird, auf die Iiogik ist zunächst nn- 
vertiältnismäBig gering gewesen. Während die Logik des 
Altertums und des Mittelalters im allgemeinen mit der Meta- 
physik und Erkenntnistheorie (soweit es eine solche gab) 
Huid in Hand ging, trennten sich jetzt ihre Wege für längere 
Zeit Die großen Philosophen de« 17. nnd* 18. Jabrhnnderts 

Zi«h<n, Iichitaik dar Logik. /7 

„.,,„, ^.oogic 



98 I- l'ei!- Absrenzung und allsemeine Geschichte der Logik. 

haben sicli fast an&aahmslos nur nebenher mit einigen 
logischen Fragen beschäftigt. Stillschweigend akzeptierten 
und befolgten sie die allgemeinen Regeln der Ic^ischen 
Technik und kümmerten sich um die Bedeutung der logischen 
Gesetze und ihre Beziehung zu den metaphysischen und er- 
kenntnistlieoretischen Problemen nur relativ selten. Die 
Weiterentwicklung der Logik stockte dabei zunächst fast 
ganz und blieb dann Philosophen zweiten Ränget, wie Baum- 
garten, WolC u. a. überlassen. Selbst die von Kant aus- 
gehende Umwälzung der Philosophie hatte zunächst auf die 
Iiogik 8. str. nur geringen EinfluQ. Erst die idealistische 
Schule, welche nach Kant zu Anfang des 19. Jahrhunderts 
zur Herrschaft gelangte, namentlich Hegel stellte wieder 
eine engere Verbindung zwischen Metaphysik und Erkennt- 
nistheorie einerseits und Logik andrerseits her. 

Sehr charakteristisch ist für die Logik des 17. und 18. 
Jahrhunderts auch ihi% Entfremdung von der Psychologie. 
Man ist erstaunt, bei den Scholastikern des Mittelalters oft 
mehr psychologische Anknüpfungen in den logischen 
Systemen zu finden als in den üblichen logischen Lehr- 
büchern des 17. und 18. Jahrhunderts. Selbst Wolff unter- 
schätzte trotz seiner vielfachen Beschäftigung mit Psycho- 
logie die Bedeutung einer psychologischen Grundlegung der 
Logik noch so sehr, daß er die Logik der Psychologie voraus- 
schickte (s. nuten). Auch Herbart vertrat noch einen ganz 
antipsycbologischen Standpunkt in der Logik. Erst im wei- 
teren Verlauf des 19. Jahrhunderts hat sich mit der raschen 
Entwicklung der empirischeu und speziell der experimen- 
tellen Psychologie wieder ein zunehmender Einfluß der 
Psychologie auf die Logik geltend gemacht und sogar viel- 
fach zu einer unberechtigten Verwischung der Grenzen beider 
Wissenschaften geführt (sog. Psychologismus). 

Jedenfalls ist es begreiflich, daß die Logiker des 17, und 
18. Jahrhunderts infolge dieser Loslösung der Logik sowohl 
von der Erkenntnistheorie und Metaphysik wie von der 
Psychologie sieh fast ganz auf die logische Technik be- 
schränkten! Die Logik sank meistens zu einer bloßen Normen- 
lehre herab. Im Bereich einer solchen wurde allerdings viel 
geleistet. Insbesondere wurde allmählich der von der Scho- 
lastik überkommene Wirrwarr von Regeln, Formeln, tech- 
nischen Ausdrücken gesichtet, geordnet und oft auch mit 
Erfolg vereinfacht. 



1,1^. OQi 



,g,c 



2. KapttcL Allgemsüie Gnchicbte der Locik. 99 

i 26. Cartesins *). Hobbes. Benee Deseartes(Car' 
tesitis, 1596 — 1650) hat die Logik namentlich in zwei 
Sichton^n gefördert: dnrch seine Methoäenlehre nnd durch 
eeise Lehre von den Kriterien der Wahrheit. 

C. unterscheidet zwei Wege der Erkenntnis: den intuitus 
wewtiB und die deductio '). Unter ersterem versteht er nicht 
etwa die Sinneswahmehmung, sondern den „mentis purae et 
attentae non dubiam conceptnm, qni a sola rationis Inee nas- 
citnr". Unmittelbare evidentia et certitudo sind seine charak- 
teristiachen Eigenschaften. Er verhilft ung zur Erkenntnis 
der principia prima. Demgegenüber schlägt die dedactio 
einen indirekten Weg ein, insofern sie aus bekannten Sätzen 
nene erschließt. Sie hat daher keine praesens evidentia, son- 
dern nur eine gewissermaBen der Erinnerung entlehnte. Nur 
wenn es sich um einen sofortigen Schluß aus den ersten Prin- 
zipien handelt, kann man sowohl von intuitus wie von deduc- 
tio sprechen; bei allen entfernteren Schlüssen liegt nur de- 
dacUo vor. Die deductio kann gegenüber dem intuitus auch 
als das sukzessive Erkennen bezeichnet werden. Die einzige 
zuverlässige indirekte E)rkenntni8 (deduktive Erkenntnis)') 
ist die Induktion (inductio s. sufficiens enumeratio). Die 
Regeln der Dialektiker („Logistae") sind überflüssig oder 
sogar hinderlich bei dem intuitus mentis (für die ratio pura); 
die Dialektik kann nur zuweilen nützlich sein, um die schon 
erkannten Satze anderen leichter auseinanderzusetzen, sie ge- 
hört daher zur Rhetorik und nicht zur Philosophie *). Als 
Beispiele einer intuitiven Erkenntnis führt C. die Erkenntnis 

') Von den loKischsn Prinzipien dea CartcsLus handeln u. a. namentlich: 
P- Natorp, Descartes' Erkenntnistbeotie, Harbum 1882, namenll. Kap. 1, S. 1 
bis 3£i; v. HeTtling, Deacartes' Beziehunsen zur Scholastik, Sitz.-Ber. d. philos.- 
PhiloL KL ± kgl. bayer. Ak. d. Wiss. zu Uflnchen ise7, Bd. 2, S. 339 u. ISSd, 
Bd 1, S.'S; Jos. Geyser, Philoa^ Jahrb. 1900, Bd. 13, S. 10»; H. Heimsoeth, 
Die Uetitode der Erkennte bei Descartea u. Leibniz, Philoa. Aib. v. Cohen 
n. Nalorp Bd. 6, H. 1, Giefien 191% S. 27 B.; Bovca Gibson, The reffulae ol 
Dewurtes, Mind N. S. Bd. 7, leBS, Nr. SB, S. 14ö u. Nn Sr7, S. 382; firoder 
ChristianaeD, Das Urteil bei Descarlesi Hanau 1902 (Freiburser Dissut.); 
AÜr. Kaslil, Studien zur neueren Erkenntnistheorie, I. Descartea, Halle a, S. 
UOg (oamentl. S. 110 S.). 

') Vgl. zum Folgenden namentL Regulae ad direct insen., herause. r. 
fiucbenai^ Leipzig 1907, S. 8^ 19 u. 30 (Ubers. i. d. PhUoa. Bibl. Bd. 36 a). 

*) L. c S. 30. 

•) L. c. S. 10, 11 u. 39; D« meth. 2. 



lA.OOgIc 



100 I- ^^>I- Absreimins nnd allfemeiiM Geachicbte der Locik. 

an: se ezistere, se cogitare *), triangnlnm termmari tribn» 
lineis tantum usf. 

An anderer Stelle (Hedil., Resp. ad sec. obj.) unterscheidet C. zwei 
rationea demonatnuadi : per analysim und per svntfaesim. Die AnalTsis 
„veram viam ostendit, per auam res methodice et tanQuam ■ piioti iuventa est'V 
die Synthesis „per viam oppositam et tanquam a posteriori quaesilam — etsi 
saepe ipsa probatio Bit in hac masis a priori quam illa — claie <iuid^a id, 
quod condusum est, demonsirat utituniue lonca definitionum, petitiontun, 
anomatum, theorematum et problematum serie". Er gibt iQr philosophische 
Untersuchungen der Analysis didaktisch den Vorzug, ohne die Beziehung zank 
intuitus mentis völlig klarzustellen. 

Als Kriterium der Wahrheit betrachtet C. znnächst bei 
dem intuitiveii Erkennea, dann aber ganz allgemein die Klar- 
heit und Distinktheit *). All«», was wir „fort clairement" 
{„dare" s. „dilncide", zuweilen anch „eTidenter") und „fort 
distinctement" vorstellen („eoncevoofi"), ist wahr. Eine be- 
stimmte subjektive Beschaffenheit des Denkens soll also die 
objektive Wahrheit verbärgen. Klar nennt C. diejenige 
Vorstellnng (perceptio), welche nienti attendenti praesens et 
aperta eet, distinkt diej«iige, welche „cum clara ait, ab 
omnibos alÜs ita Bejtmcta e«t et praecisa, nt nihil plane 
aliud, quam qnod olarum est, in se contineat". Die Mim^el- 
haftigkeit dieser Beetimmong echeint C. übrigens selbst ge- 
fühlt zu habtti, denn er epricbt von „einigen Schwierig- 
keiten, welche es habe zu bemerken, ob wir etwas distinkt 
vorstollen" ^. Einen Versuch, diese Schwierigkeiten d^nitiv 
und allgemein zu beseitigen, macht C. nicht. Er gibt nur 
eine Beihe methodischer Batschläge in der Dissertatio de 
methodo (1637) und in den Begulae ad directionem ingenü 
(1628/9), um praktisch diese Schwierigkeiten zu mildem. 

Während Cartesius selbst jede Anknüpfimg an die 
traditionelle Logik verschmäht hatte, wurde von seinen 
Sehülem schon bald eine Verbindimg der cartesianisehen Er- 
kenntnistheorie mit der ajten Logik hergestellt. 

So schrieb Johann Clanberg (1622—1665) eine 
Logica vetuB et nova (Dotsbarg 1658, 3. Aufl. Snlzbaci 
1685)*). Die Logik wird hier definiert als ars rationis for- 

>) Sp&ter hat C. bekanntlich die Folgerung des existere aus dem 
cogitare des Ich als evident bezeichnet. 

■) L. c. S. aO; Med. de prim. pfailos. U u. VI sowie Resp. ad Mcmid. 
object.; Princ. philosj I, 4& u. 00; De meth. 4 u. a. m. ^ De meth. 4. 

■) ]. Aufl. wohl Amsterd. 16M. AuBerdem Ontoeophia, Tigur. Il694 
(mit Logica contiacta als Anhang) <= 8. Aufl. der Hetaphrs. ivaec. 16W/7, 

h. !■, II, l^.OOQIC 



a. KspiteL Altgemeiiie Geschichte der Lofik. IQI 

aandae und in «ine pars genetics (recta formatio suamm 
cogitatioamn) nnd eine pars analytica (recta form, alienamm 
tag.) eingetoilt (Proleg. Cap. 6). An» der Scholastik (Fr. Hay- 
noi, Tract. fomuilitatnm) nahm er mit eini^n Änderungen 
die Lehre von den Distinktionen hinüber nad verschaffte ihr 
dimit Eingang in die nenere Philosophie. Er definiert: 
„distinctio rationis eet inter snbstantiam et aliquod eins attri> 
bntnm, sine quo ipea int«Uegi non potest, vel inter dno talia 

attribnta ejnsdem enbetantise ; dist. reatis est inter dnas 

Tel plnres res stricte dictaa aen snbstantias, qnamm nna 
abaqne altera potest clare ac distinote intellegi; dist modalis 
est inter modnm et sabstantiam, enios est modus, ant inter 
iam modofl ejnsdem substantiae" (1. c. 3. Anfl. S. 61). Noc-h 
mehr Verbreitung fand die von Äntoine Arnanld (1612 
1)isl6M) und Pierre Nicole (1625—^695) i. J. 1662 in 
Parifi heran^^egebene Art de penser *), die e<«. Logikvon 
Port Boyal, auf deren durchweg cartesianische Lehren 
ia den Einzelabscbnitten noch öfter zurückzukommen sein 
wird. Ebenso behandelte Pierre Silvain Begis (1632 
bis 1707) im erst^i Band seines Coors entier de Philosophie 

5. 1—62 (Paris 1691), Antonius Le Orand in seiner In- 
stitatio philoeophiae sec. princ. B. Ben. Deec. ^*) (London 
1672) nnd Michel Angeto Fardella (1650—1711) in seiner 
Logica (Venet 1691*) die Logik vom Standpunkt des Carte- 
sins. Eine selbständigere Stellung nimmt Arnold Qen- 
linox (1625 — 1669) in seiner Logica suis fundamentia reeti- 
tnta (Lngd. Bat. 1662) nnd der Schrift Methodus inveniendt 
ugomenta ") (Lugd. Bat 1663) ein. Eine kurze Behandlung 
einzelner allgemeiner logischer Fragen findet sich auch im 

6. Buch der Becherche de la v6ritÄ") von Nicol« Male- 
branche (1638—1715). Die Wahrheit ist nach M. eine 
wirkliche Beziahnng entweder der Gleichheit oder der Cn- 

*) Eine neue Ausgabe derselben nüt AnmeTkunsen hat Alfr. FouiU^e 
1879 in Farn veröfientlicht. V^L auch Curt Liebmann, Dia Logik toq Port- 
BoTal im Veihiltnis zu Descartes, Disa Leipzig 1908. Über die Verfasser- 
tnie ridis Racine, Abriei da llustoire de P.-R, Paris 1865, Anhang. 

") In der mir zug&nglichen Ausgabe Norimb. 169& wird die Logik im 
1- Teil, S. 1—115 abaehandeli 

") Werke herausgeg. Ton Land, Hag. Com. Bd. I, S. 165 u. *56 «, ]l, 
S. 1. Bemeikenswert ist sein Versuch, die Beiatumg in den Uiltelpunkt der 
lonk zu sielten: „radix logices est aftirmalio" (Log. I, 1, 1, ed. Land, S. 17&>. 

") Zucisl erschienen Paris 167* u. 75. 



OgIC 



102 I- "^^^ Alsreiiiuns und ftUgerneine Geschichte der Logik. 

gleichheit, xmd zwar findet diese wirkliche Beziehnng ent- 
weder zwischen zwei Ideen oder einem Ding: «nd «einer Ide»- 
td'nne chose k Bon idde und umgekehrt) oder zwischen zwei 
Dingen statt. Als Beispiel für die erste Art führt er an: 
„2X2 = 4", für die zweit«; „es gibt eine Sonne", für die- 
dritte: „die Erde ist größer als der Mond". Nnr die Wahr- 
heiten der ersten Art sind unveränderlich und für den Geist 
ohne Bilfe der Sinne unfehlbar (inf aillihlement) ") zu er- 
kennen. Seine Methodenlehre schließt sich eng anCartesinsan^ 

Unter den Gegnern des Cartesius hat namentlich Pierre 
Gassend (PetrusGassendi >*), 1098— 16&&) sich eituiebender mit der 
1x>8ik beschäftigt Die Logik hat die Aufgabe, das „bene cogit&re" zu lehren^ 
und letzleres zeri&Ut in : bene imaginari, bene proponere (urteilen), ben« 
colligere (schließen), bene ordinäre (Anordnung der Beweise). Die Sinnen- 
«ahraehmung verbiUt zur imaginBlio simplex, der Verstand entwickelt aus 
der letzteren die Allgemeinbegriffe, und zwar entweder durch Aggregalion 
(homo = aggeries ex ideia SocraÜB, Platonis elc), oder durch Abstraktion 
(homo = animal bipes, erecta facie etc.). Selbstverständlich haben sie wie: 
alle logiseben G^ilde nur Existenz im Denken. 

Den skeptischen Standpunkt -vertraten gegenüber der cartesianischetr 
Philosophie der Bischof Peter Daniel Huet (16B0— 1721) in seiner 
Schritt Censura philosophiae Cartesianae (Paris 1689^ Campis 1690), und 
De imbecillitale roentis humanae (Amst 1738 u. 17S8)") und Pierre 
B a T 1 e (1617 — 1706) in seinem Systeme de Philosophie eoalenant la logique 
vt la m^tapbysique (postunl 1737). Letzterer dehnte die Zweifel sogar au£ 
die mathematischen Axiome aus. 

Den arislolelt sehen Standpunkt vertrat u. a. in Deutschland Erhard 
W e i g e 1 (1626—1699). Seine beiden Hauptweilce — Universi corporis pan- 
sophici Caput summum etc., Jenae 1673, und Analvsis Aristotelica ex Euclide- 
reslilttta etc., Jenae 1668 — verdienen auch heute noch Beachtung. Er will 
die Logik des Aristoteles nach dem Vorbild der euklidischen Geometrie dar- 
stellen. Dabei wendet er sich ausdrücklich einerseits gegen die Scholastikcr- 

■') De la rech, de la vtr. VI, 1, ed. Simon, Paris 1M2. S. *8+ It. 

") Opp. Lugd. Batav. 16&8 und Flor. 1727, Für die Logik sind am 
wichtigsten die Exercitationes paradoxicae adversus Arislotelem (GratianopoL 
192it, in Bd. 3 der Florent. Ausg.) und das postume Syntagma philosophicum 
(Bd. 1 der Florent. Ausg., davon Pars prima s. logica, S. 27 ff. mit anschliefien- 
der Instilutio logica in i Teilen, S. 61 ä.). Zu den Gegnern ist auch F e t r u a 
P Dir et (1640—1719) zu rechnen. Er schrieb einen „Tractalus de vcra 
melhodo inveniendi verum" (aebe namenllich I, 18 über verilas roaterialis. 
sive facti und veritas menlis s. conceplus aut conscienliae), und „De erudi- 
lione solida, superficiaria et falsa"' etc. (siehe namenllich II, 37 u. 3^ 
S. 172 If.), beide AmsUlodami 1692. 

") Vgl. in der lat Ausgabe von 1738 namentlich S. 11 (Definition der 
Wahrheit). Huet war sribst erst begeisterter Cartesianer gewesen (ibid. 
S. 6). Die erste Aussähe erschien 17a postum in franz. Sprache, schon 
3724 folgte «ine deutsche Obersetzung (Frankfurt). 



3. Kapilel AlUenwine GCBchicfale der Loeik. ]03 

(mdiewDder« das „coiifusum somnium Lullii") und aodrerseils sesen Car- 
ttSBS. Noch «{was Alter ist die sog. Los^ica Hamburgensis von 
JoichiiD Juiig(e) (1687—1657), die 1638 in erster Aunafie") in Ilombur« 
«T^chien and in vorsichliger Weise die aristotelischen Lehren den neuen An- 
fcrdemngen — zum Teil unter dem EinduB des B«mus — anzupassen ver- 
weht; Leibniz empfiehlt sie uns ausdrücklich "), (Vgl. Bartholoroaei, Ztschr. 
t eiairte Philos., 1871, Bd. 9. S. 250, namenlUch S. 253 Ober Weigel). 

Eine sehr seibslflndige Stellung nimmt auch in der LoBik Thomaa 
Kobbes (158Ö — 1679) ein, dessen philosophische Hauptwerke'*) erst nach 
den Hauptwerken des Cartesius erschienen sind. Im Gegensatz zu den 
meisten zeitgenfissischen Philosophen gibt er seiner Erkenntnislehre eine 
rtycbologische Grundlegung. Die Dinge rufen durch ihre Bewegung die ihnen 
UBZ unähniiche Empfindung (sensio) hervor. Das Gedächtnis bewahrt von 
dieser eine Vorstellung ^idea, Phantasma). Die Vorstellungen werden mit 
VSrtera bezeichne! (signa). Da die Vorstellungen weniger deutlich als die 
Empfindungen sind, wird e i n Wort z.ura Zeichen für viele ähnliche Vor- 
tldhingen und bekommt dadurch eine allsemeine Bedeutung (wahrscheinlich 
EinfluB Occams). Die Verliindung der Vorstellungen im Denken (reasoning) 
«eilt sich am reinsten im BechDen dar: reason is nolbing bul rcckoning, die 
Logica fftllt mit der Computalio luaammen (vgl. namenllich Kap. 5 de rationo 
fi Kienlia im Levialhan, Pars 1, De homine u. Elem. pliilos, Sect. 1, De con)., 
l'ajs 1). Wahrheit kommt nur den Sätzen (pro Position es), d. h. den Wort- 
vertriaduniten zu. £ip beruht also in letzlcr Linie auf der Bedeutung der 
Werter und somit auf Definitionen, Bei dem Verbinden der Wörter, also dem 
Reclincn im weitesten Sinne, kommt es darauf an, die WortbedeutunBen fest- 
zuballen und dasselbe Wort immer in demselben Sinne zu brauchen. 
Der Satz vom Widerspruch ist daher die Grundlage alles vernQnftigen Den- 
kena Trotz dieser sensuaUsli sehen und nominal istischen Tendenz seiner Er- 
kenntnislehre bek&mpft doch Hobbes andrerseits die ausschließliche Kerr- 
Kfaaft der induktiven Methode. Er verlangt sowohl die methodus resoluliva s. 
aoalTtica wie die methodus composiliva s. synthetica, d. h. sowohl den For- 
xitungsweg a scnsibusad inventionem principiorum nie den umgekehrten (De 
<Gip. 1, 6, ed. Molesworth, London 1859, Bd. 1, S. 09). Inwesondere nimmt 
u Ijlr die Erforschung der AllgemeinbegriKe ausschließlich dte anaivlischen 
Methoden in Anspruch („concludemus ilaque melhodum invesligandi rationes 
Mrem universales esse pure analylicam", 1. c. S. 61, siehe iedoch auch 
S. WB. u. 71). 

S 27. Spinoza '). BarnchdeSpinoza (1632—1677) 
tat seine It^ischen Ansichten namentlich in dem wahrschein- 

'*) 3. AulL Hand)urg 1681 mit Einleitung des Jeh. Vagclius. 

") Philos. Werke, Gerh. Ausg., Bd, 7, S. 498. 

") Fär die Logik kommen vor allem in Betracht Etementa philosophiae, 
Sect 1. De corpore. Pars 1, Logica und Leviathan, Pars 1, De homine sowie 
^ kleine Schrift De principiis et ratiocinalione geomeiric& Vgl. auch 
9. Tonnies, Hobbes' Leben und Lebre, Stuttgart 1896, namentlich S. 112 ü. 
<A. AnfL unter dem Tilel: Tb. Hobbes, Der Mann und der Denker, Oslerwieck 
und Leipzig ISia, S. 91 ff.) 

') Die wiehtigsten Schriften, welche sich — weDigstensunleranderem— 
eiag^ender mit den logischen Lehren Spinozas bescb&fUgen, sind: Freuden- 



OgIC 



]04 I' '^ci'- AbgrenzuDB und BÜcemeiDe Geschichte äer Losüi. 

lieh schon vor 1662 verfaßten, aber unvollendeten Tractatu» 
de intellecttis emeodatione niedergelegt. Die Wahrheit ist 
nach Spinoza die Übereinstimmung einer Idee mit ihrem. 
Gegenstand (EHhice I, Ax. 6: „idea vera debet cum buo ideata 
convenire"). Diese convenientia ideae cum suo ideato gibt 
jedoch nur die äußere Eigenschaft (proprietas extrinseca) der 
idea vera an, die letztere hat auch bestimmte innere Eigen- 
schaften (proprietates sive denominationes intrinsecas), die 
ihr bei der Betrachtung an sich ohne Beziehung auf das Ob- 
jekt (in se sine relatione ad objectum) zukommen. Die so 
durch ihre inneren Eigenschaften als wahr gekennzeichnete 
Idee nennt Sp. „adäquat" (Eth. II, Def. ^. Die i n adäquaten 
Ideen bxw. Irrtümer entstehen dadurch, daß ims Kenntnisse 
fehle« {privatione cognitionis). Sie werden daher auch als 
„mutilatae et confusae" bezeichnet, während die adäquaten 
Ideen mit Cartesius „clarae et distinctae" genannt werden 
(Eth. II, Prop. 17 SchoL, 28, 35). Dasjenige, was allen Dingen 
gemeinsam ist und gleichermaßen in einem Teil und im 
Ganzen ist, muß nach Sp. stets adäquat aufgefaßt werden, 
woraus sich die Existenz adäquater, allen Menschen gemein- 
samer B^riffe (notiones communes) ergibt, welche die Grasd- 
lagen unseres vernünftigen Denkens bilden (Eth. II, Prop. 38 
bis 40). Die Sinnesorgane liefern uns nur verstümmelte, ver- 
worrene, ungeordnete Vorstellungen und ermöglichen daher 
nur eine „cognitio ab experientia vaga". Diese sowie die 
Erkenntnis ex signis (z. B. durch Hörensagen) faßt Sp. als 
„opinio vel jmaginatio" zusammen und stellt dieser die 
„ratio" als die Erkenntnis ans den notiones communes und 
■ — als höchste Stufe -— die scientia intuitiva gegenüber, 
■welch letztere „procedit ab adaequata idea essentiae formalis 
quorundam Dei attributorum ad adaequatam cognitionem 
easentiae rerum" (Etb. II, Prop. 40, Schol. 2). Zu der cognitio 
ex experientia vaga und ex signis gehören alle falschen (in- 
adäquaten) Ideen, dagegen liefert die ratio und scientia in- 
tuitiva stets notwendig adäquate d. h. wahre Ideen. Selt- 

tbal, Spinoza und die Scholastik, Philos. AuFs., Ed. Zeller eewidmel, Leipzig 
18S7, S. iß; Paul Lesbazeilles, De logica Spinozae, Faiis 1883; Fr. Ertiardt. 
iDie Pliilqsophie des Spinoza im Lichte der Kritik, Leipzig 1906^ ntunentlictt 
S. S7^195; L. Busse, Über die Bedeutung der Begriffe essenÜK und exislenlia 
bei Spinoza, Vjhrschr. I. wiss. Phikia, 188^ Bd. 10. S. 283; Friedr. Meier, 
Die Lehre vom Wahren und Falschen bei Descarles und Spinoza. Uissertat 
L«pKig 1897, S. 37 fi. 



n,g,t,7l.dM,GOOglC 



2. S^teL Allgemeine Gcachichte der Loiik. IO5 

usMrweiee gibt Sp. in dem Tractat. de intell. emendatione 
(ed. Ginsberg, S. 140ff. v. 162) eine wesentlich andere J>ar- 
Eteilang. An der Stelle der ratio üteht hier diejenige „per- 
«eptio, ubi e^entia rei ex alia re coDcladitor" (z. B. bei dem 
SchlnS von der Wirkung anf di« Ursache) und an Stelle der 
acientia intuitiva dieienige „perceptio, ubi res percipitnr per 
solam Buam essentiam vel per oognitionem saae proximae 
csnsae"; vor allem aber wird die peroeptio, ubi ess. rei ex 
aüa re conclnditur, hier für nicht-adäquat erklärt. 

Den Abschluß erhält diese ganze Erkenntnislehre Spi- 
nozas niit dem charakteristiaclien Satz, der bis heute von 
manchen I^ogikem in den mannigpfachsten Abänderungen 
immer wieder aufgestellt worden ist: „Qui veram habet 
ideam, simul seit se veram habere ideam, nee de rei veritate 
potest dnbitare" (Eth. II, Prop. 43 n. Tr. de intell. emend., ed. 
Ginsberg S. 167). Zo der übrigens nicht näher definierten 
Adäquatheit der idea vera soll also noch ein besonderes Adit- 
qnaUteitsbewußtseiu kommen. Worin diese Oewißheit be- 
stellt, gibt Sp. nicht weiter an. Veritas norma sui et falsi 
est, sie tragt ihre Kriterien in sich. Wenn jemand an einer 
falschen Meinung festhält, so liegt nach Sp. keine certitndo, 
sondern nur ein non dnbitare vor. Die positive Gewißheit 
ist mit der falsitas unverträglich (Eth. II, Prop. 49 Schot). 

Die methodischen Kegeln für die Wahrheitsforschnng, 
vetche Sp. im Schlußteil des Tract de int. em. zusammen- 
stellt (1. c. S. 148 ff.), haben bemerkenswerterweise fast nichts 
nüt der üblichen logischen Normenlehre gemein, sondern 
eind grÖBtenteils Folgerungen aus den erkenntnistbeore- 
Üschen Omndsätzen Spinozas. Inabesondere gebort dahin 
«Dch die Bevorzugung der deduktiven Methode, wie sie Sp. 
wlbet in seinem Hauptwerk streng dprchgeführt hat. Die 
niathematiscbe Gliederung (mos mathematicus) im letzteren 
»t för Spinozas Methode nicht charakteristisch, sie wurde 
Khon vor ihm gelegentlich angewandt und ist von ihm selbst 
nicht stets angewandt worden. Immerhin hat das in der 
Ethice gegebene Beispiel auch in dieser Beziehung, vielfach 
Xachabmimg gefunden. 

Kne eiDgehendere DarstelluDg der Logik telbst von dem eben kuTZ dar- 
inteilten Standpunkt wurde auch hier erst von einem Schflier gegeben in 
dKn L J. 1664 zu fiand>ui8 erachieaenen anonymen Wert : P r i n c i p i a 
Panlosophiae, welches im 1. Teil — betitelt „Specimen artis ratio- 
■cinandi naturalis et artificialis «d pastosophiae principÜL manuducens ~ 

„.,,„,^.oogic 



106 '- '''<'''' Abgrenzung und allgemeiae Geschichte der Jjogit. 

einleitungsweise S. 1—359 die Logik behandelt Für den Verfasser hftlt nuui 
Albr. Job. Kuffelaer (CuHelenia). Neben der ablichen Logik, im Sinn» 
elwa des Melanchthonsclien L'ehrbuehs und der Rrkenntnislebre Spinozas, 
KPielt die Hobbessche AufFassung des Denkens als eines universalen Hech- 
ncns eine Hauplrolle (raliocinatio = „nihil aliud quam compulalio quaedam, 
i. e. simptex additio subtractiove nostronim conceptuun^ quae a vulgari 
aritbmelicorum operatione nihil omnino diSert nisi solo objecto" ). 

S 2a Loeke. John Locke') (1632—1704) steht auf 
streng protästhetiecheni Standpunkt, indem er alle Vorstel- 
lungen (ideas) vonWahm«limungen, äuSeren (sensations) oder 
inneren (refleetions), herleitet. Die intellektuellen Prozesse, 
in welchen diese Herleitung sich vollzieht und durch welche 
weiterhin Urteile und Schlüsse zustande kommen, werden 
nur oberflächlich untersucht. Es genügt ihut, die Haupt- 
gesetze, nach weichen die Auswahl der Vorstellungen bei 
ihrer Verbindung zu zusammengesetzten Vorstellungen und 
Urteilen erfolgt, in den sog. Assoziationsgesetzen naelizu- 
weiseu. Die logische Bedeutung und der Inhalt dieser Ver- 
knüpfungen, des „putting together und separating", wird 
kaum berücksichtigt Die Wahrheit besteht nach Locke 
daher auch nur in der Verbindung und Trennung der Zeichen 
(Worte) entsprechend dem Zusammenstimmen oder Nicht- 
Zueammenstimmen der bezeichneten Dinge (,joining or sepa- 
rating of signs, as the things signified by theiii do ngree or 
disagree one with another", Esa, IV, 5, ^ 2). Insofern die 
Zeichen Vorstellungen von Dingen bezeichnen, kann man 
neben dieser verbalen Wahrheit eine geistige Wahrheit 
(mental truth) unterscheiden, die in der Verbindung oder 
IVennung der Vorstellungen im Verstand gemäß der 
Znsamraenstinuuung oder Nicht - Zusammenstimmung der 
Dinge besteht (ibid. % 6). Nur insoweit die bezeicbmjten Vor- 
stellungen mit ihren >,archetypes" übereinstimmen, soll die 
Wahrheit „wirklich" (real) sein (ibid. ^ 9). Locke gibt zu, 
daß es selbst-evidente Satze, maxims and axioms, gibt (z. B. 
ein Kreis ist ein Kreis), und daß für diese eine intuitive Er- 
kenntnis (intuitive knowledge) existiert, bestreitet aber, daß 
solch© allgemeine Sätze die Wissenschaft erheblich fördern 

') Außer dem Hauptwerk „An essay conceming human underslandins" 
(London 1690), kommt für Lockes logische Lehren die nach aemem Tode er- 
achienene Schrill „Ol tbe conduct of Üio understanding" m Betracht. Vgl. 
lemer Ed. Marünak, John Lockes Lehre von den Vorstellungen, Gnx 1887 
<Leobener Gynmaa Jahresbcr.)*, und Die Logik J. Lockes, Halle ISM. 



.DOglC 



a. Kaptle). Altentwlne Oesebkhle der Lorik. 107 

Ükid. 7, ^ 11); sie sind nur nQtzlich bei dem Uaterricht und 
in der Disputation. Wenn zvei VoretellaogeD vollkommen 
dentUch (entire distinct) sind, so urteilt der Verstand, sobald 
er die termini versteht, mit unfe'hlbarer Sicherheit, ohne dafi 
eis Bevcis erforderlich ist (ibid. % 10). L. bezweifelt dah«r 
awh, daS Schlüsse (syllogisms) das „proper Instrument of 
reason" sind (IV, 17, % 4). Wenn es vielleicht auch möglich ist, 
neue wirkliche Hilfsmittel für die Förderung der Erkenntnis 
zn finden: die zur Zeit übliche Logik (the logic now in use) 
gehört zu diesen Hilfsmitteln nicht (ibid. % 7). Wir sind 
unmer angewiesen auf intuitive knowledge, d. h. die Wahr- 
nehmong der sicheren Zosammenstimmnng oder Nicht- 
Znsammenstinonung zweier Vorstellungen bei nnmitteibarem 
Vergleich, oder durch Vermittlnog einer oder mehrerer an- 
derer Vorstellungen (rational knowledge, ibid. % 17). Für 
des letzteren Weg gibt die Mathematik das beste Vorbild 
(Cftnd. of the underst ^ 7). Rein logische Untersuchungen 
»ind so überflüssig wie etwa für den Maler das Zählen der 
Haare seines Pinsels (ibid. ^ 43). 

Trotz dieser scharten AblehaunK der formalen Logik haben doch cin- 
«Ine Anhlnser von Locke versuch!, von seinem e rke nntn ist h corelischen 
SUndponkl aus die Logik zu bearbeiten. Hierber gehört z. B. die Logik von 
Iiaac Watts (Logic or (he rigbt use of reason in the enquirr aller trulh 
etc., Ijjodon 1724 *), deutsch Leipzig 1765, u. Supplement lo hia tiealise of 
iotje, London 174-1), die Locke gewidmete Logica ». Ars ratiocinandi von 
JoanncsClericus (Jean Leclerc, Amst. 169Ö) und die Logik von Jean 
Pierre de Cro USB z (Nouvel essai de logique Amst. 1712»), und Systime 
dr logique abreg6 par son auteur, Lausanne 1736}. Namenlücli bei letzterem 
«iid Obrigens der Lockesche Standpunkt vielfach nicht streng festneliallen, 

IKe sog. Enzyklopädisten haben sich mit logischen Fragen 
nüBteoteils nicht eingebend beschäftigt, in den gciegenlhchen kleineren 
Artwiteu (vgl namentlich di^ Artikel Logique und SvtloRisme in der EncV' 
clopMe ou Dictionnaire raisonni des sciences, des arls et des m^liers*) aber 
in wesenllichea den I^ockeschen Slaodpunkl eingenommen. Fast wie ein 
-Anachronismus mutet es an, wenn fast ICO Jahre nach dem Erscheinen des 
Lodiracben Werkes E ti en ne B on n o t de Condillac (1715—1780) in 
xiner Logik (La logique ou les Premiers dtvetopiiemena de l'art de penser, 

'■) Mir war nur eine Ausgabe vom Jahre lf2i (Edinburgh) zug&nglich. 
Bemerk ensn'ert ist z. B., die scharfe Verurteilung der Kategorienlehre. 

') Auch latein. unter dem Titel Job. Petrus de Crasa, Loglcae systenia, 
ioxt« principia ab ipso in Gallico opere posita etc., Genevae 1724 (in 3 Bdn.) 
Der anatühriiche Titel der französischen Ausgabe lautet: Systeme de reflexions 
mi peuvent contiibuer ä la nettelä et l'£tendue de nos connoiasances ou 
nouvel essai de logique, Arosterdam 1712 (beide Bftnde). 

•) Paris 1761— a77a 



ih,Googlc 



108 I- Teil AbTrenzuns und allgemciDe Geschiehte der Logik. 

Paris 1781} ■) sanz ähnliche Lehren wie Locke entwickelt und sie als durch- 
aus neu bezeichnet. Neu ist an denselben höchstens die scb&rfere Herroi^ 
hetaiutf 'der Bedeutung der AnalTse und die Tendenz zu einem sanz ex- 
tremen Sensualismus"), der sich nicht damul beschränkt, im Sinn« des 
protisthetischen Prinzips die Unenlbehrlichkeit der En^^ndungen fflr alle 
Denkvon&nge zu behaupten, sondern auch die eigenailtgen Vorgänge, durclt 
weicbe aus den Bmpflndungen Vorstellungen (ßegrllle) und Urteile entstehen, 
mehr oder neniger vollständig ignoriert und lediglich als eine Abscbwlchung 
der Empfindungen und VeAnflpfung abgeschwächter Hrnpflndungeu deutet. 

In Italien schrieb Antonio Genovesi (Antonius Genuensis 1713 
Ins 1769) eine Logik von einem etwas gemilderten Lockeschen Standpunkt 
(Elementonim ariis logico-crilicae libri V, Neapoli 17tö, mir in einer si>&teren 
Auflage, Bassan. 177^ zugänglich, hier namentlich Froleg. § 9 u.. 10 Qber den 
Begriff der Ars logico-critica; ferner Logica pei giovanetti, Neapoli 1761; siehe 
auch Opere scelte, Hilano 18Zi — 1835) '). Auch die Logica dei probabili tod 
Pagano (Napoli 1806)* gebOrt hierher. CondiUac stehen in ihj^n logischen 
Schritten nahe Giovanni Domenico Romagnosi (1761^1835^ 
z, B. Vedute fondamentali suü' arte logica, Gesamtausgabe seiner Werke, 
Milaso 1841, Vol. 1, Parte 1, S. 209t namentlich S. 2^—272; S. 216 lobt er 
flbrigens Genovesi, weil er die beiden Eitreme, Sensualismus und Spiritualis- 
mus, vermieden habe) ^), Melchiore Gioia (1767 — 1S39, Logica. äelU 
slatistica, Hilano 1806^ Ideologia, 4 Bde., Milano 1822* u. a.}, und Fran- 
cesco Soave (1743 — 1816, Instituzioni dÜ logica, metaflaica ed etica) *). 

§ 29. Leibnlz. Ungleich tiefer als die logiscben Lehren 
von Locke sind diejenigen von Q. W. Leibniz (1646 bis 
1716). Auch Leibniz hat kein zusammenbängendeeWerk aber 
Logik geschrieben, vielmehr sind seine Ansichten tber 



') Eine weitere Schrift: La lan^ue des calculs, Paris 1798, ist mir leider 
nicht zugänglich gewesen. Vgl. auch Louis Robert, Lea thteries logiques d« 
Condillac, Paris 1869, und 0. Noel, LogiQue de Condillac, Paris 190a* , 

*) Uan hüte sich nur davor, diesen extremen Sensualismus mit der 
AssoziationspsTcbologie zu verwechseln. Die letslere lehrt nur, daß die 
Au^swabl der Vorstellungen bei der Zusammensetzung der Erinnerungs- 
bilder zu komplexen Vorstellungen und zu Urteilen ausschlie Blich durch die 
sog. Assoziationsgesetze und nicht durch besondere neue Vermögen oder 
Prozesse (Apperzeption, Wille usw.) bestimmt wird, kann aber die eigenartige 
Bedeutung, den spezifisch neuen Inhalt der hierbei entstehenden G^Ide ' 
(Begriffe, Urleile) und ihre totale Verschiedenheit von den Empfindungen 
durchaus anerkennen. 

') In der etwas älteren Logik von Jacobus Facciolatus (Logicae 
disciplinae rudimenta etc., Venelüs 1738) hat man den Eindruck, als existierte 
[KKh gar keine neuere Philosophie. 

■) Beachtenswert ist die soziologische Tendenz bei Romagnosi (s. B. 
L c. S. 251-, 221 U.). 

•) Bei Pasquale Galluppi (1770—1846, Elementi di filoso&a. 
Logica pura und Psicologia, 1830^ Lezioni dt logica e metafisicst Napoli 
lS3ä~-ia86) wird der EinfluB Lockes schon sehr durch denjenigen Kants ge- 
dämpft. Vgl. Giov. Gentile, Dal Genovesi aL Galluppi, Napoli 1903, S. S16 ff. 



OgIC 



2. KapiUL Atlgemeine Genchichle der Logik. 109 

k^edie Fragen sehr zerstreut in kleineren ÄbbaAdlanffea *) 
and Briefen, und in den Xonveanx essais enr l'entendanent 
hnmün niedergele^. Wenn L. auch die bisherige Logik für 
,^101) «inen Schatten" dessen hält, ,,80 er wünscht und 
glnehsam von ferne siebt", gesteht er ihr doch viel Nntsen 
za (Vn, 516 ff. o. 488 sowie IV, 425). Er versteht unter der 
Logik die Ekinst „den Ventand zn gebrancben, also nicht 
allein, was fürgestellet, zn beurteilen, sondern anch was ver- 
borgen, zn erfinden". Statt von einer Logica ntens will er 
von einer Li^ca serviene reden (I, 166). 

Schon der Tatbestand, den Leibniz seinen logischen An- 
sehannngen zognmde legt, wich weit von dem von Locke an- 
genommenen ab. Dieser hatte die Tätigkeit des Verstandes 
bei der Verarbeitnng der Sinneswahmehnrnngen fast ganz 
ignoriert. Leibniz legt anf diese Mitwirkung dee Verstandes 
eia entscheidendes Gewicht Es gibt nach Leibniz (V, 79) ') 
zwar keine pens^es innres, wohl aber veritte inn^s, also zwar 
keine actions nnd coonaissances actnellefi, aber doch connais- 

') Besonders wichtig sind die Briefe an Conriog (I), Buroelt (^t), an 
ränen Fteaad in Bremen (IV, S2b), Kfinixin Sophie Charlotte (VI) uod Gabr. 
Vaener (VII); femer: Diseeriatio de arte combinatoria (IV]; AnimadversioDes 
in putcm generalem principionim Cartesianonim (IV); UeditalJones de cosni- 
tione, verilate et ideis (IV, zuerst in den Act Eiud. Lips. 368t erachieoen); 
sog. Petil discours de m^taphynque (IV, -4217); Sur ce (|ui parae let lens et la 
rnaüire (VI); soc. Monadologie (VI); Schriften zur Scientia genenüis und 
Chancleristica realis (VII); De ffmthesi et anairsi universali (Vll, 293; e. 
auch S. 290 anschUeBendes Bnichstdck). Die beigesebEten römischen Ziffern 
-- hier vie oben im Text — beziehen sich auf die Bände der Oerhardlschen 
inasabe der pfailos. Schriften (Berlin 1876—1880), Mit den Imiachen Lehren 
im Leibniz besch&ttigen sieb u. a. : Fiuiz B. Kvel, Leibnitzens Logik, Frar 
1%T; Ad. Trendelenbun, Histor. Beitr. z. Pbilos. Bd. S, Berlin 1867, S. 1 
B. 48; Louis Conturat, La logique de Leibniz d'apris des documenta in£di(e, 
FuialSOl; Fr. Rintden, Leibnizens Beziehungen zur Scholastik, Arch. f< 
Gtteh. d. FhiloB. 1906,' Bd. 16, S. 167; R. Zimmennann, Über L.'9 Konzep. 
tualiamus, Sitz.-Ber. d. Wien. Ak., philos. bist. Kl. 18M, Bd. 1% S. 661; 
WüiT KaMtz, Die Philosophie des jungen Leibniz, Heidelb. 1909 (Nacbveis 
der metapbTS. Grundlage der loschen Logik); H. Heimsoeth, Die Methode der Er- 
luDiitnis bei Descartes u. Leibniz, Philosoph. Arb. t. Cohen u. Natorp, Bd. 6, 
Seit 2, GieBen 1914, S. 201 fL; W. Frertag, BemeAungen zu Leibnizens Er- 
kontnisthecrie etc., Arch. 1, d. ges. Psrchol. 191^ Bd. 88, S. 186; Bertiand 
Rusell, A critical exposition d the Philosoph? of Leibniz with an appendix 
vi leading passages, Cambridge ISOO (namentl. Kap. 2, 8 u. 14, S.. 8ft., 86 ff. 
a. IflOff.). Vgl. auch Opuscules et fragments inidits de Leibniz extraits d» 
la laUietbiqne royale de Hanovre, par L. Couturat, Paria 1908. 

*) Man beachU, daS in der Qerh&rdtacben Ausgabe die S. 6»-^9 nicht 
lichtif leoidnet sind (Falekenbet?}. 

„.,,„A.OOglC 



I^Q I. Teil AbgreDZUBS und «llsameine Geschichte dar Logik. 

eances virtuelles als habitades und dispoaitions (aptitudes. 
preformations). Er verwahrt sich auch ausdrücklich da- 
gegen, daB man diese v4rit^ inn^ (värit^ neoeBsaires oo. 
ötemellee, principes speculatifs, mazimes gen^ralee), die aas 
dem reinen Verstand (du seul entendement) stammen, etwa 
nur als facultas nues oder pures puissanees auffasse; e« 
handle sich vielmehr um eine „dispositioa particuli^re ii 
Taction" und eioe „tendance ä raotion", die niemals ohne 
irgendeine Wirkung sei (V, 100). Ihre Gewißheit berulit 
nicht auf der Sinneserfahrung, sondern: ,jie vieot que de oe 
<iui est en nous" (V, 72). Die Sinne geben uns nur (Gelegen- 
heit, die angeborenen Wahrheiten zu bemerken. L. erkl&rt 
auch ausdrücklich, daß den angeborenen Wahrheiten beson- 
dere intellektuelle Ideen, d. h. Ideen, die nicht aiis der Sinnes- 
erfahning stammen, zugrunde liegen (V, 77)'). 

Dementsprechend unterscheidet L. weiter die verites de 
raisonnement und verites de faits (VI, 612, 490, 404 *). Die 
ersteren lassen sich auf einfachere Ideen und Wahrheiten 
und so schließlich auf die primitiven (angeborenen) Idieen 
und Wahrheiten (v^rit^ primitives, principes primitifs) 
durch Analyse zurückführen und sind notwendig (neces- 
saires), die letzteren beruhen auf Erfahrung und sind zu- 
fällig (contingentes). Die primitiven Ideen siod keiner Defi- 
nition, die primitiven Prinzipien — die identischen Satze, 
veritßs primitives de raison (V, 343) — keines Beweises fähig-. 

Alle „raisonnements" sind auf zwei Hauptprinzipien ge- 
gründet (VI, 612), das principe de la contradiction ou de 
I'identite und das principe de la raison süffisante (principe 
de la raison determinante VI, 127). Dem ersteren znfolgt) 
betrachten wir als falsch, was einen Widerspruch enthält, 
und als wahr, was dem Falschen entgegengesetzt ist oder 
widerspricht („ce qüi est oppos^ ou contradictoire au fauat'*). 
Dies Prinzip reicht aus, um die ganze Mathematik zu be- 
weisen (VII, 355). Demgegenüber besagt das Prinzip des liin- 



») Bemerkenswert ist dabej, daB Lejbniz den Eat«orien nur eine ujttei- 
Eeordoete Bedeutung zuschreibt; doch will er sie nicht ganz streichen, aaadera. 
BuF fOnf reduzieren: substances, quantil^a, qualilfs, actions ou passiom und 
relation (V, 324). 

•) In jüngeren Jahren (I, IMff., 205) lehrte L., daB „omnea veritatee 
resoivunlur in definitione», propositiones identicas et ezperimenta", tagt« aber 
schon damals hinzu: „quarnquam verilates pure intelligibiles experimenti» 
neu indigeant". Ebenda Ober Synthese und Analyae. 



2. Kapitel. Altfemeine Gescfaichle dsr Logik. m 

raehendeu GruudeB, daß nichts wahr oder ezistiepend sein 
kann („ancim fait ne sanrait se trouver vray on existent . . .), 
sansqu'il y ait one raieon saffisante, pourqaoy il en soit ainsi 
et Dou pae aatrement". Diese raison süffisante ist nicht nur 
för die vdrit^ de raisonnonent, sondern anch für die virit^ 
de fait erforderlich (VI, 612 °). Vgl. oben S. 102, Anm. 14. 

Ale Kriterinm der Richtigkeit gibt L. für die v^rit^ de 
raison einmal die exakte Anwendung der Regeln der Logik 
sn (VT, 404). Gewöhnlich aber betrachtet er mit Cartesius 
bestimmte Eigenschaften der Vorstellungen und Erkenntnisse 
(ideanun et cognitionum) als das wesentliche Kriterinm ihrer 
Wahrheit. Er stimmt auch mit Cartesiua darin überein, daß 
Klarheit und Distinktheit diese charakteristischen Kriterien 
sind, vermiBt aber mit Recht (s. oben S, 100) eine scharfe Be- 
ütiomimig der Bedeutung dieser Klarheit und Distinktheit 
(in, 269). Er selbst definiert als elara cognitio (IV, 422 ff.): 
„cum habeo unde rem repraeeentatam agnoscere possim". 
Die clara cognitio ist bald confusa, bald distincta, und zwar 
letzteres dann, wenn wir imstande sind „notas ad rem ab 
aliis discemendam snfficientes separatim enumerare" (defl- 
nitio nominalis). Diese Bestimmung erleidet nur insofern 
eine Einschränkung, ais es auch eine cognitio distincta notio- 
nis indefinibilis gibt, nämlich in Gestalt der primitiven Ideen 
und Erkenntnisse (s. oben), die unzerlegbar (irresolubiles) 
sind und „non nisi per se intelleguntur" (IV, 423; III, 247). 
Endlich sind die cognitioues distincta« bald adäquat, bald 
inadäquat, und zwar ersteres dann, wenn die Analyse bis zum 
Ende durchgeführt ist und auch alle in die Erkenntnis ein- 
gehenden Vorstellungen (Merkmale) selbst distinkt sind (IV, 
423; ni, 257). Nur die notitia numerorum nähert sieh einer 
vollkommenen adäquaten Erkenntnis. Wenn wir die ganze 
Keihe der Teüvorstellungen nicht zugleich denken können, 
iielfen wir uns mit Zeichen (cogitatio symbolica). Ist gleich- 
zeitiges Denken möglich, so heißt die Erkenntnis intuitiv 
(ct^itio intuitiva, (Gegensatz suppositiv IV, 450). Für pri- 
mitive distinkte Erkenntnisse existiert überhaupt nur eine 
intuitive Erkenntnis (IV, 423). 

') Ohrigens erstreckl sich dies Prinzip des hinreichenden Grundes nickt 
nur auf Wahrheiten, sondern auch auf die „raiwn süffisante, pour qu'unc 
cbosc existe, qu'un 6v£nenient arrive, qu'une v4ril6 ait lieu" (VII, ilö u. 3&d). 
TiL Aiisloleles. Uetaph. -i 1013 a: .naoüi' . . . »«tvir jüir apj^ür ji itQV- 
if tJnu S9w q cartr Ij yiyyuat ^ yiywtMXtiai.' 



1,1^. OQi 



,g,c 



112 I- ^^''- AbffTenzuns und allgemeiae Geacbicbte der Logik. 

Nur sebwer läßt es sich mit diesen Sätzen in Einklang" 
lirit^ren, wenn Leibniz weiter behanptet, zu einer toU- 
kommenen Wissenschaf t seien anßer den erwähnten Nominal- 
deänitionen anch Bealdefinitionen erforderlich, welche die 
Möglichkeit der definierten Sache ergeben, nnd nun er- 
klärt: idea vera est, cum notio est possibilis, falsa, cam 
contradictionem involvit (IV, 425; lU, 257). Die Möglichkeit 
soll entweder a priori erkannt werden (cum notionem resol- 
Timns in sca reqnisita seu in alias notiones ct^rnitae possi- 
bilitatis nihilqae in iUis incompatibile esse scimus) oder a 
posteriori (cum rem actu existere ezperimnr). Über „eaaen. 
tielle" Definition s. IV, 450. 

Eine besondere Anregang hat schließlich L. der Logik 
darch seinen Plan eiQer Scientia generalis und Charaete- 
ristica realis gegeben (im Anschloß übrigens an ältere 
Arbeiten von Äthan. Kircher'), Jos. Glanvil^), 
John Wilkins') nnd George Dalgarno'). -Die 
iäcientia generalis sollte eine übersichtliche Darstellung der 
ullen Wissenschaften gemeinsamen Prinzipien und ihrer An- 
wendungsweiae geben, also offenbar eine Wissenschaftslehre 
im weitesten Sinne (mit Einschluß der Logik) sein. Im 
Interesse dieser Scientia generalis wollte er eine allgemeine 
Charakteristik anfstellen, in welcher die elementaren Begriffe 
nach Art der Algebra mit Zahlen oder Buchstaben (Alpha- 
betun cogitationum humanarum) bezeichnet, die zusammen- 
gesetzten zerlegt und dementsprechend durch Bnchstaben- 
kombinationen ausgedrückt und urteile, Schlüsse usw. dnrch 
mathematische Bechnnngsweisen zustande gebracht werden, 
sollten. In der sprachlichen Grandlegung der Logik (2. Teil, 



*) Ars magna sciendi e. combinatoria, Amstelod. 1669, namenfl. S. 158tl. 
u. SMfl.; Polygraphia nova et umversaüs ex combinatoria arte detecta, Ron. 
1668^ nameoa Syntasma m, S. 128—1^ 

>) Fhia ultia or the progress and advancement of acience aince the time 
of AiiBtoUe, London 1668 und The vanitr ol dogmatizing, Lond. 1661 (2. Aufl. 
unter dem Titel Scepsis scientifica 1666, von Owen 1885 neu berausgegebea). 

■) Meicunr or tbe secret and awitt messenger, London 1641, auch ab- 
gedruckt in The mathem. and pbilosopb. works of J. Wilkins, London 1708 
als dritte Abhandlung (1707), uamentl Kap. 11 ff. (S. Üi); An essay towards 
a real character and a pbilosophical l&nguage und An alphabetical dictioaarr, 
London 1668, uamentl. S. SSbft. 

*) Ars aignonun, vulgo chuacter uiiveraalii et lingua. philosophica, 
London 1661 ^mil Lexicon lating- Philosoph. S. 95 ff.), Works Edinb. ISM. 



müne Gcsebicbt« der Lofik. HS 

Plan von Leibniz zorüekznkomiaeii 
ib Contorat 1. o. S. 33—387). 
üistische Erkenntnislehre Locke» 
jogik schlechterdings keine Gmnd- 
die Lehren von Leibniz im hoben 
Wicklung im Sinne eines logischen 
mannen denn auch in der Tat bald 
zumal sie bei der allgemeinen 
littlnngstendenz der Leibnizschen 
1 der verschiedemten Schulen An- 
fanden durch Wolff eine allseitige 
tnng (s. nuten ^ 32). 

br Rber von Spinoza beeinfioBt iit Ehrenfr. 
1— !1708]. In seiner Hedicina mentis i. ten- 
diaseritur de melhodo deteiendi inconiitae 
steUt er als Kriterium der Wahrheit die Be- 
nbiBC eigo ^flcitur, falmtatem quidem con- 
eondpi; veritatem mro in eo, quod potest 
itont er nachdrildcUcb, daB die Begriffe nicht 
is eine Bejahung oder Vemeinung bezQBlich 

— trotz literarischer Fduje — in manchen 
omasins (1666—1796) an. Im Obrigen 
id philoMphiam auUcam, Leipzig 16SS (Ein- 
f.-Lpz. 1710) einen eklektischen Standpunkt 
uchbaAeit in den Tordergrund (s. auch Aus- 
L6ei) "). Cbarakleristiech ist, daB er tOr daa 
Atiken unUrachied (EinL z. Hofph. S. 113): 
' (d. h. der Scholastiker), des Helanchthon, 
IS. Sein Schaler Nie. Hier. Gundling 
ler Tia ad veritatem et speciatim quidem ad 
ketcben Standpunkt. Viele Autoren behalfen 
Igen mit einem kompilatoriscben Verfahren, 
lise") {l«4a— 1708) u. a. 

ae anonym erschienene Ausgabe vor unter 
I artis inveniendi praecepta geneialia, Editio 
unterzeichnet sich der Verf. mit EJ W; D. T. 
nen unter dem Titel Praxis logices, Francot 

iften: Gundlingiana, 27. n. SK Stflck, Halle 
lCt8— 181, namentL gegen Sirbius gericbtet); 
Halae-Uagdebiug, 2. AutL 1726 (k. B. | 7tf.)^ 
IflBl, Lips^-Francof. 1690 (mir war die Ausg. 
logicae, Zitt. 16et u. ups. 1706; Curieus« 
ITOa Job. Chr. LangiuB (leaO-lTam 
L den Nucleus logica» wieder berau8gegd>en 
K s. T. aal den Compandium logices von 

fi~-itea).* 



lA.OOi 



.c^lC 



1\^ l. TeiL Abcnnzung und allsemetne Geschichte der Logik. 

S 30. Berkeleif. SchottlMbe Schule. Das idealiatiaohe 
System George Berkeleys (1684^1753) hat als aolohes 
auf die Entwicklong der wissensehaftlich^i iMgik nur B^r 
^ringen EinfloB ausgeübt. Es war schlieBlich für die 
formale Logik nicht von weaentlieher Bedeutoug, dafi auch 
die Dinge geistige Wesen (notional beings) sein sollten. Nor 
eine bestimmte Lehre Berkeleys, nämlich seine Aoffasson^ 
der Ailgemeinbegriffe, wurde für die Logik in hoh^n Maße 
bedeatsam und hat auch in der Tat — wenn auch erst viel 
später — ■ in der Logik Verwertung gefunden. Berkeley be- 
hauptet, dafi «s weder etwas Allgemeines noch auch All- 
gemeinvorstellnngen *) gibt (erkenntnlstheoretisch fällt für 
ihn beides zusammen) und die Sprache uns einen solches 
Besitz nur vortäuscht. Es handelt sich gewissermaßen, wenn 
man nur das logische Moment berücksichtigt, lua eine neue 
Variante des Nominalismog (vgl. S. 83). Dabei sohloB er, wie 
spater nachzuweisen sein wird, fälschlich aus dem Feilen 
einer anschaalichen AUgemeinvorstellung „Dreieck" 
auf das Fehlen einer solchen AUgemeinvorstellung über- 
haupt. Berkeley selbst scheint übrigens später diese schwere 
Verwechslung bemerkt zu haben; denn er hat in der 3. Auf- 
lage seines Älciphron die hierauf bezüglichen Paragraphen 
weggelassen *)■ Mit der Verkeunung der Bedeutung der all- 
gemeinen Begriffe verband sich bei Berkeley eine voll- 
ständige Verkennoug und ünterschätzung der Mathematik *) 
und eine Überschätzung des „common sense", für den 
Übrigens B. selbst doch eine Aufklärung durch denkende 
Männer verlangen mußte *). 

Es ist begreiflich, daB solche Ansichlen Berkeleys in der wisaenschaft- 
liehen Logik wenig BerOcksicbliguiig fanden'}. Nur seine Lehren vom 



*) Vgl. namentl. Princ. o( hum. knovl., tntrod 6—31 u. Älciphron VTI, 
5—7. B. spricht b&ld von universal oder general, bald von abstnut oder 
auch abstract geneial ideas (notions), da er Abstraktion und Genenlisition 
nicht unlerscheideL Vgl auch g 09 u. 71. 

') Vgl auch die Einschiebung in der Z Ausgabe der Principles t, 143. 

*} Vgl. z. B. CommonpL Book, ed Fräser I, 47 und Princ o( hum. kn. 
I, 1191. 

*) Älciphron VI, la wird der oommoa sense definiert als „either the 
geneial sense of nuuikin^ or the improved reason o( ihinfcing men"i Vn, 18 
wird vom „metaphrsical abstiacted senae" «n den „common sense of 
monkind" appelliert. 

■) In England scheint damtüs die aristotelische Logik noch die Vor- 
herrschaft behauptet zuhaben. Vgl z.B. GuilelmusPrice, ^^^ia logica« 



B. KApiteL AUsenwiiw GMchichte te Locik. II5 

tvoMi MDW wurden Ton d«r ichotL Schal« wgiterfebildet, di« dnieh 

rraBGiBHutchesoiL{lfiM— 1747, LogicM Compradinm, QUafow 176% 

intnknü 1772) Lockesche Gedaiik«ii aufieBommen hatt«. Inabeaoad«» 

k^ ThomKs Reid«) (1710—179^, daS bei aUea Henadun 

anpfOn^iche (d. fa. ang«boRiw) und nttfliikhe Urtale (orifiD»! uid lutui«! 

aimiait») als „Töl unmr KooBtitution" vorixandan sind und die Orandlag« 

«der vDtnt Ternunftentdackunfen und allea FflrwahrhaHeBa (belM) bUdan. 

Sa nachen den „common tenae of manUnd" aua. Die ETkllniog imd Aut- 

HUdoc dieser „Prinzipien" iat eine der Hauptaufgaben der Lofik'). R. aelbst 

becnflit lieh, eine evidence of senae, of memorr und ol reaaonini ai unler- 

aehäden*). Andere WahilieitakriUrien existieren nicht*). Ea libt locar 

fbst pdndplea, die mm mebi oder weniger wahncheintich and"). Eine 

Ahnüdie Vennischunf der Lehr» vom common aense mit der Lehre von den 

ameboreneD Wahrheiten — Qbrigena dabei doch fast immer auf dem Boden 

tinea Lockeachen SenauaÜMnui n"^ in theologiacher Einkleidung — findet sich 

auch bei Reids NacUolfem, die aUerdinga bereits «nei witeren Periode an- 

tebören. fn Betracht kommen unter dieaen fOr die Logik: James 

Baattie") (1736—1806), Dugalt Stewart») (1789—1888) nnil 

ThomaB Brown'») (1778—1880). 

Einen in manchen Beziehungen ihnüchen Standpunkt nahm auf dem 
«crop&iscben Festland der Haiquii d'Argens ein in seiuMn Werk: La 
riiüoMpiiia du bon-sens ou RMenona philoaophiques sur l'incertitud» des 
«cBuuiaaances humainea 4 Tusage des caraliers et du beau ssze (S. Aufl., 
Dnada llbt. Bd. 1, R^ 3 coneemant la logiqua, 9. 168 tl.). Nach Amerika 
worden spUer ahnliche L^ren ron Jamea HcCosh (1811— 18H) Tir> 
pflanzt (Firat and fundamental truths, London 1880 u. a.). 

{31. Hnmeu Die Lehren David Harn esO (1711 bis 
1776) waren nngreachtet ihrer groBen erkenntnistheoretischen 



^ E theatro 9wldoniano 17C0 (Automamen fehlt auf dem Titd- 
UaU). 

*) Reids Hauptwerke aind: An inquirr into tbe human nänd, an the 
tnndplea of common sense, London 176t, uikd Essars ob the inteüectual 
»wert of man, Edinb. 178&. Gesarotauagabe seiner Werke duich Hamilton, 
Edinb. 1847 nnd Öfter. 

>) Inquirr VII, 4; On the inUU. powers R, 20 u. TT, S U. 4B.; A brief 
aoconnt of AriatoUe's togic Kap. fl, 

*) Eine sehr naiv* AufzUUnng der flrst principlea findet sich On the 
int powera VI, 6 u. 6. 

*) On the intdL p. IV, 3. 

u) nüd. VI, 4. 

*') Essay on Uie nature and immitabilitr of truth in Oppos ition lo 
«qddstaT and sceptioism, Edinb. 1770 (deutsch Copenh. u. Leipzig 1778). 

>*) Elements of the philoa. ol the human mind (Works ed. Hamilton 
Bd. 8, namentl S. 40^ 106, 1888.); Philoai Esaaya (ibid. b. S, 48L a llOf.). 

») Ibid. VI, t 

1*) Fhiloeophr ol the human mind, Edinb. 183), namenIL Lact. 4t u.' GO. 

*} Vgl tlber Bume's Logik namentlich A. Ueinoi«, Hume-Studien, Sitz.- 
Brr. 4. iMoa. bist KL ^ Ak. d. Wiss;. Wien 1877 n. 188^ Bd. 8(7, ^ 9. 1» 
o. Bd. 100^ I( S. &7S; J. Zimels, D. Hiuoee Lehra vom Glauben, Beitia 1908; 



X10 I. TeQ. AlvnnzuBt md «llgMarine Geachkht« der Logik. 

Bedentnng «bensowenig wi« diejenigen Berkeleys dam an- 
getan, die wissenschaftliche Logik za fördern. H. unter- 
scheidet ') in der Erkenntnis Sätze, welche Beziehnngen von 
Vorstellangen (relations of ideas), nnd Sätze, welche Tat- 
sachen (matters of fact) betreffen. Eratere können durch 
reine Qedankenoperation gefunden werden, letztere nnr durch 
Erfahrung. Seine Skepsis bezieht sich anf die Sätze der 
zweiten Art (z. B. betr. Ursachen und Wirkungen). Hier 
wii^t nur die (Gewohnheit, und unser Fürwahrhalten iet hier 
mehr ein Akt des sensitiven als des kc^itativen Teils unserer 
Natur*). Außerdem miBtrsnt H. der Leistungsfähigkeit 
unserer Vernunft, zumal bei verwickelten Beweisführungen. 
Nur der Algebra und Arithmetik (nicht auch der Geometrie) 
gesteht er eine vollkommene Sicherheit zu. Die Begriffe 
stimmen, abgesehen von ihrer geringeren Intensität, In jeder 
Beziehung mit den Empfindungen, aus denen sie hervorgehen, 
überein*), können also keinerlei Anspruch auf eine Sonder- 
stellung macheu. Über die Bedeutung der logischen Nonnen 
selbst hat sich H. nirgends eingehend ausgesprochen. Im 
übrigen hat seine extrem-sensualistische Tendenz (vgl. S. 107) 
die Weiterentwicklung der Logik in England erheblich be- 
einflußt 

Nur eine Lehre Humes bedarf hier noch der Erwäh- 
nung: seine Aufzählung der Grundbeziehungen (moBt uni- 
versal and comprefaensive relations). Als solche nennt er'): 
Ähnlichkeit (resemblanoe), Dieeelbigkeit (TJnveränderlich- 
keit, identity), räumlich-zeitliche Beziehungen, Beziehun^ren. 
der Quantität oder Zahl, Beziehungen der Qualitätsgrade *), 
Gegensätzlichkeit (contrariety) und Kausalverhältuis (causa- 
tion). Zum Teil erinnern diese sieben Belationen aa die 
aristotelischen Kategorien; sie sind auch wi« diese unter sich 
äußerst ungleichartig und nicht ohne Willkör zusammen- 
gestellt. Vier derselben, nämlich Ähnlichkeit, Gegensätzlich- 
keit, qualitative Gradabstufnng und Quantität, hängen, wie 
H. sagt, nur von Vorstellungen ab und können «ich nicht 



O. Ouast, Dar Bcsnfl dca beUd bei D«v. Hunw, HAÜe ISA (Abk. z. Fbikow 
V. ihrer Geech. Nr. 17), naroeiitl. S. öOß. 

■) bum. coDC. the bum. nnderal 4, 1. 

') Tnut of bifm. tut. I, *, 1. 

*) Ibid. I, 1, 6 u. r, 8, t. 

») Ibi4 1, 8, 1 u. I, 1, 7. 

■) Hier miscbl B. QusUttt und hlttdlll dorchcükiader. 



.oogic 



X KapiM. Allfemeine G«Khichla dar Lodk. 117 

iwiera ohne gleichseitige Ändernng der Voratolliingeii; diese 
stdien daher OegenstÜnde der Erkenatnis and der GewiBheifc 
Verden können. 

(32. Wt^. Inzwiäcben hatte in Deatschland Christian 
"Wollt (1679 — 17M) im ÄnschloB an die Lehren von Leibniz 
en System der Logik aufgestellt, welches für fast ein Jahr- 
londert nahezu allenthalben als die Logik *at' t^ox^ an- 
eAaimt wnrde. Dasselhe ist Torzngsweise niedergelegt in 
den „YemänJf tig<en Gedancken von den KrfitFten des mensch- 
lichen Veratandee nnd ihrem richtigen Gebrauche in Er- 
käntniS der Wahrheit", Halle 1712, nnd in der „Philosophia 
lationalis s. Logica". Francof. et Li]». 1728. 2. Anfl. 1732 '). 
8. auch Batio praelectionum Wolfian., Hai. Magd. 1718, 

aus. 

Nach Wollt ist die Fbiloeophie die scieatia possibiliom, 
^oatenns eese possnnt (Log., Disc praelim. ^ 29) nnd die 
logik derjenige Teil derselben, welcher den Gebranch der 
EAenntnisfäbiigkeit bei dem Erkennen der Wahrheit und 
dem Vermeiden des Irrtums lehrt (ibid. ^ 61 n. 135). Die 
hogik entnimmt ihre Prinzipien der Ontol(^ie und Psyoho- 
li^ (^ 89), nnd zwar der empirischen Psychologie (^ 111). 
Auch die Vorschriften der Logik mttsBen bewiesen werden 
Üjog. Prol. % 2). Sie zerHillt in Logica naturalis und arti- 
iSeialis, beide wieder in L. ntens und docens. 

Das Erkennen vollzieht sich in drei Akten (mentis opera- 
tionee): dem Begriff mit der einfachen Erfassnng des Oegen- 
«tandee (notio cum simplici appreheosione), dem urteil 
{Judicium), welches intuitiv heifit, soweit es, wie z. B. Wahr- 
MhmungBnrteile (^ 71fi), nur vom Begriff aussagt, was in 
ÜQik enl^alben ist, und dem SchlnB (ratiocinatio oder dis- 
«Msns), durch welchen wir aus mehreren Urteilen zu einem 
vmea Urteil (einem „diskursiven" urteil) gelangen (Log., 
I**» I, 4 51 ff. n. 332). AIlgemeinbegrifFe können nicht ohne 
Beihilfe von Urteilen und Schlfissen gebildet werden .(^ 55). 
Gattungen und Arten existieren nur in den Individuen (^ 56), 
letxtere bilden atoo den Ausgangspunkt für die Erkenntnis 
j « AÜgem einen (% 57 u. 710 f.). 

') Die lolcenden ZlUte beliehen sich auf die 2. Ausgabe. Unter den 
AibniiB QberWolB ist beaonders bemeikenswart'. HansKchler, Über Christian 
VoUb Ont^ona, Leipzig 1910; Carl GOnther Ludorici, Ausführlicher Entwurit 
"ur nllaUad. Historie der WoUGscben IliUoMphiQ, 2. AulL, Leiptif 173S 
^Bdc; die 1. AvD. eracUen 17% u. d. Tit. „Xonar Entwarf . . ."•)._ 



Ug I. Teil Abrnnzuis und aUiemeine GMchkhte der Lotik. 

An diese psycholc^bche Ornndle^ang schUeßt sioli ein» 
ontologisch«. Bemerkenswert und charakteristisch sind in 
dieser folgendeDefloitioDMi <ibld. ^ 64If.): ea, qnae oonatanter- 
inennt (sc. enti cnidam), qiionim tarnen nnnnl per alterium 
non determioatDr, essentialia appello; ea, qnae constanter 
insunt, sed per essentialia siniiil determinantor, attrihuta 
dico; attribnta, qnae per omnia essentialia simnl deter- 
minantnr, dicnntnr proprietates • • •; mntabilia, qnae enti' 
insant nee per essenti^ia determinantor, modos appellare 
eoleo (scholastici aooidens). Dann wird weiter gefolgert 
(^ 69ff): essentialia et attribnta de ante*) absolute, modi sub^ 
certa tantnm conditione ennntiantnr; per essentiaiia genera 
et species determinantor; genera et speciee possnnt a nobia 
distingni per attribnta, etei essentialia ignorentnr; si, qoaer 
in notione speciei indeteoninata snpersnnt, stngnla detenni- 
nentnr nee determinatio generalibns, quae notioni speciei. 
insant, repngnat, notio individni prodit. 

Die Doppelstellnng des Begrifflichen führt zn den beiden 
Definitionen: differentiam notionnm formalem dieimns^ 
eam, qnae a modo cognoscendi desnmitor i% 77), mate- 
rialem, quae a materia earundem: seo re repraesentatfr 
desnmitor (§ 103). Klarheit und Distinktheit sind formale 
Eigenschaften der Begriffe. Die Definition dieser beideik 
Eigenschaften gibt W. etwas abweichend von Leibniz (vgl. 
S. 111) dahin, doB klar derjenige Begriff heifit, der uns aas- 
reichende Merkmale zum Erkennen nnd unterscheid ea 
eines Gegenstandes bietet (^ 80), distinkt aber derjenige, 
dessen Merkmale wir zu unterscheiden vermögen (% 88). Die 
Adäqnatbeit wird ganz ähnlich wie bei Leibniz definiert 
(i 94 n. 95). 

Ans der Urteilslehre sei in dieser allgemeinen Ubensicht 
' nnr herroi^ehoben, daB es nach Wolff unbeweisbare Sätze 
gibt (theoretische =: Axiome, praktische = Postnlate). Vgl. 
^ 262 ff. Eine Erörterung der Herkunft dieser Sätze wird 
.Tsrmifit 

Erst im zweiten („praktischeb") Teil bespricht W. das 
Kriterium der Wahrheit Die logische Wahrheit, d. h. die 

') Hauche S&tze WoUfa erinneni, wie Gomperz und Pichler horror- 
relwben tutten, «n die moderne Gefenstandstheorie von UeiaoDg u. <l Oma 
•na bei WolB ist der Gegenstand ohne Racksicht aul Sein oder NictOrSeüi. 
Ob freilieh WoUt das nicht-seiende Ens wirklich klar als ■dbsUadiEeib 
kiciscben Gegenstand aufnOfit bat, ist aar sehr zweafelbaA. 



.oogic 



% KU«teL AHgemeiDe G«tehicht« d«T Locik. ]]9 

If^luiieit vom Standpunkt der Lo^k, ist die übereinatim- 
naag imseree ürtedls mit dem Objekt (dem vorbestellten 
OegeDStsnd). Außer dieser .^ominaldeflnitioii" tH, ^ 505*) 
gibt W. folgende ,3«aldefiDition" : „verita» est determina- 
bUitas praedicati per notionem snbjeeti" (§ 513). Di« Wahr- 
heit in diesem letzteren Sinne, die wir hente ningekehrt eher 
als nominal oder als formal bezeichnen würden, entspricht, 
wie vorgreifend BchoQ jetzt bemerkt sei, in vielen Beziehungen, 
aber keineswegs vollkommen der Wahrheit analytischer 
Sätze bei Kant 

Das Eriterinm der Wahrheit, d. h. ihr inneres Er- 
kennnngBzeichen (^ 523) ist die „determinabilitas praedicati 
per notionem snbjeeti" (^ 524). Da dies Merkmal eben ver- 
wendet wnrde, nm die Wahrheit zn definieren, so ist nicht 
alBneeben, wieso es jetzt nochmals als Kriterium angefahrt 
vird. Anch wird jetzt plötzlich nur die Wahrheit im Sinn 
der ,3eal"deflnition berücksichtigt. Anf Gmnd dieser Sätze 
gelangt W. in Übereinstinunnng mit Tschimhaneen zn dem 
Satz: „propositio vera est, qnae est eonceptihilis" (% 528). Die 
Elaibeit, Dtetinktheit nnd Adäqnatheit finden anffälliger- 
weise hier keine entspre«hende Verwendung. 

Erkennen wir, daß ein Satz wahr ist, ist der Satz uns 
ffiwiß („nobis eerta" ^ 564). Wer all« „requisita ad veri- 
talem" erkennt, d. h. alles das, wodurch ein Prädikat als ein 
dem Subjekt zuzuerteilendee bestimmt wird („snbjecto tri- 
buendum determinatur"), der erkennt die Wahrheit mit 
OewiBheit („certo" ^ 573 f.). Diese reqnisita sind die Gründe 
(rationes), weshalb ein Prädikat einem' Subjekt zukommt, 
und machen zosammen die ratio sufficiens dieses Zukommen» 
aiis (§ 575 n. Disc. prael. % 4). 

Die Ermittlung der Wahrheit erfolgt entweder a poste- 
ricnri, d. b. nur durch die Sinne („»olo sensu"!) oder a priori, 
d. h. durch Schlüsse aus Bekanntem anf Unbekanntes („ex 
ahig eognitis ratiocinando elioimus nondnm cognita"). Vgl. 
46«3fr. 

Wie sich aus dieser Übersicht über die Grundgedanken 
«tgihtt varen die Sätze der Logik Wolfls größtenteils nicht 
neu ond erst recht nicht von einem einheitlichen Prinzip be< 
berrscht, aber sie boten nach langer Zeit zum erstenmal 

*) Die N«ininaldefimtiini ist dadurch chuakterislert, daB durch sie ,^od 
Mtd rem definitam esse possibtlem" (1. gl»). Vgl auch ]I, g lad 



OgIC 



120 1- ^^'^ Abgrenzuns und BllienKine Geschichte der Lonilc 

wieder e^oß systematisclie, didaktisch sehr geschickte, um* 
fassende Darstellung der gesamten Logik. Hier worde alle» 
definiert*), alles bewiesen, alles eingeteilt, alles lückenlos bis 
in das Kleinste ausgeführt. Die ziemlich genau paragra- 
phierte Anordnung, die streng festgehaltene Terminologie 
ymd die Folgerichtigkeit im Zusammenhang der Sitze 
tänschte über die Schiefheit und Oberflächlichkeit vieler 
Definitionen hinweg. Mui übersah, dafi die Schwierigkeiten 
oft viel mehr durch willkürliche BegrifFsbeetimmungen ver- 
deckt als gelöst wurden. Man glaubte, jetzt sei die Logik 
nach Art der Mathematik fiir alle Zeiten fest begründet. So 
kam es, dafi die Wolffache Logik in den nächsten Jahrzehnten 
•ein« auBerordentlicfae Verbreitung fand und zu einem 
starken Anschwellen der logischen Literatur Anlafi gab; Ala 
die wichtigsten literarischen Vertreter der Wolffechui Bieh- 
tung seien folgende angeführt: 

Mich. Got Hieb HanschCieaft— 1768): De arie invoniendi aive »ynopsi» 
resularum praecipuamm artia inveniendi, cum praxi regulanim, in in- 
venienda veritate per eiperientiam, i72J °) (derselbe ist, wie auch di» 
Vorrede besagt, oocb mehr von Leibniz selbst als von WolII abliAnsiB). 

Joh. Gott lieb Heineccius (1681— 1741): Elemeata philosophiae ratio- 
nalis et moralia, Francof.. 1738, 10. Aufl. 1762, &. 67 tf. (Opp. Genevae 
V}U, Sd. 1 = &. AufL). 

Israel Gotllieb Ganz (1690 — t7&S]: Humaoae cosnitionis fuDdamenta. 
dubÜB onmibua firmion seu Ontologia polemtca, Lips. 1741, namentl. 
S. 248 ff. CS 116 tl.). 

Job. Peter Reusch (16&1— 1767): Vis ad perfecüonem intellectus con». 
pendiaiia, Jsenaci 172S* und Systema losicum «nliquiorum atque receu- 
tiorum etc.,' Jena 17S4, 4. Aufl. 1760 (ybL % 109 Ober „claritas SYnthetica" 
und ,fü. analTlicft"). 

GeoriBernb. Bilf inser (BQlffinger, 16BS— 1760); Dilucidaliones phito- 
sophicae de Deo, anima humana, mundo et generalihus renun aflectio- 
nibug, Tubing. 1726, i. Aufl. 1766 (namenU. § 1— »4 u. a63fL) und 
Praecepta logica etc., Jen. 1738 (§ 7 ,J^rica ^= an cogitandi rebua cos- 
fonnilet"). 

Berm. Sam. Heimarus (1694— '1768] : Die Vemuoftlehra, ala eine An- 
Weisung z. rieht Gebf. der Vernunft in der ETfcenntnin der Wahrfa., aua 
zwoen ganz natOri. Regeln der Einstimmung u. d. Widerspr. heifeleilet, 
Hand>. u. Kiel 1756, 2. AufL 1758, 4. Aufl. 1788 (in Uteren Auflasen 
H. S. H. P. J. H. signiert). 

*) Man vergleiche z. B. die {^ilosoptua defioitiva Baumeisters, «nes 
Wolffianers, der die ganze Logik in Definitionen und Positionen auflQst (s. U. 
S. 181). 

*} Der Verlagsort ist in dem mir zur VerlOguag stehenden BxetDoUr 
nicht angegeben (Halle?). 



■)„:,tP<.-JM,G00glc 



9. Kapitel AllBemeiae Geschichte der Lofik. 121 

lid«. PhiL Thümraii (1697—1728): Inslitutione» phüo»phiM Wol- 
bnu in usus academ. adonutAe, Fnncof.-Lips. 17t6 {Tom. 1; S. 1 
bii 96 Iiutit. logiue seu philosophiae rationalia). ' 
Joh-Chfistoph GottBched (1700—1766): Erste Gründe der fesamten 

Wcitwnaheit usf., Leipnf 1734, 2. AulL 173« (namentUcb S. ab— 114). 
CliriBüan Joh. Antoa. Corvinus: InstiUitiones phüosophiAe ratio- 
nalis metbodo scientifica conacriptae, Jenae 1742 (schließt sich nament- 
ticb luch an Reusch am TSt. insbesondere Ptaelimj g 189ff. uL 151 II. 
tbti die ftllgeroeine Stellung der Logik und Logica ipsa S. 33 fl.). 

Joh-Heinr. Winkle r(17(»— 1770): Insütutiones philosophiae uiriversae. 
Ups. 1735, 2. Aufl. 1742; g B70— 1111 (oamenlüch S. 963B.). 

Jok. Aui. Ernesti (1707—1781): Imlia docthnae aolidiom, Lipa. 1736 
BDd Öfter (vgl. namentUch ed. 1788, S. 3Bl~tO(). 

JeL friedr. Stiehrilz (1707—1773): ErUutarunt der vernflofl. Ge- 
duicken r. d. Kiiflten des menscbl. Vetstande^ Halle 1741. 

Joh. Justin Scbierscbmid (1707-4770): niilosophia ralionaUs, 
Dresden 1797. 

Friedr. Christian Baumeister (1700—1786): Fhilosopbia deflnitiva 
h. e. d^nitiones philosophicae es systemate WolB. etc., Vitemb. 1738*), 
S. l~(ß u. 207 — 329; Institutiones pbilos. rationalis melh. Wolfii conscr.. 
VHemb. 1736, 16. Aufl. Viennae 1766; Denkuneswissenscbatt. Obers, v. 
Mnserschmid, Vitt. u. LObben 1766; Eleisenta philosophiae recentioris 
etc., ed. nora, Lips. 17&5 (1. Aufl. 1747), worin S. 11 — 134 über Ltwiki 
nülosoptiia recens controvena complexa deflnitiones theoremata Quaes- 
tbnes etc., Lips. et Gorlici 1749 (S. 1— CO Defloiliones logicae). 

Job. Heinr. Sam. Forraey (1711—1797): U belle Wolfienne, Bi 3 
(resle de la locique), Ha^g 1749, namentbch S. 1— 'lOG^ und Le tiiompha 
de l'iTideace, Berlin 1756 (vorher 17bl in etwas andrer Gestalt, Obenetzt 
TOD Haller unter dem Titel „Piflfunc der Sekte, die an allem zwitileii", 
in Göltiogen erschienen). 

Uarlin Knutzen (171^-1761): Elementa philosophiae rationalis eeu 
loKkae com generalis tum specialioris malhematica melhodo in usum 
aoditor. suorum demonstrata, 3. Aufl., Regiomont. et Lips. 1771, namenl- 
lieh eingebende Besprachung der Lehre von den Irrtümern, § 47011. 
(3. Aufl. S. SllB.); Fhilosopbia rationalis'), Königsberg 1747. . 

Alex. GottL Baumgarten (1714—1762): Acroaais logica (in Chr. de 
ffolfi dicUbat . . .), Halae-Mageb. 1761 (3. Ana von Joh. GotU. Toellner, 
HaL-Magdeb. 1773); Fhilosopbia generalis') ed. Joh. Chr. Fürster, lUl.- 
Hwdeb. 1770 (namentlich S. GSfl., 80 fr. u a.). 

*) Das Titdblatt trigt die Jahreszahl 1758, die Braetatio ist 1738 datiert 
(1 AaS. wohl 1738> Durch die LahrbOcbeii von Baumeister und WinkUr 
^«ibieilete sich die WoUIscbe Logik namentlich auch in RuBland (vgl J. Ko~ 
loWikr; Zt«hr. f. ntilos. u. idülos. KriL, 1894, Bd. 104^ S. GB). 

') Vgl. Aber Knutzen auch B. Erdmann: Martin Knutzen und seine Zeil. 
Uitti|l876, S. 107 II. 

^ Baumgaiten teilt die Philosophie in organische, theoielisehe und 
Vf^tiiidie. Die organische, Mit de cognosoendo (et pnpoaenda"), und eu 
ibc tefaOH die Logik. 



1,1^. OQi 



,g,c 



122 ^- '^^^ Absrcnnins und Bllgemeitie Getchichle der Lofik. 

GeoTB Friedr. Meier (1718— 1777): Vernunftlehre, Halle 176^ a AuIL 
176S; AuBZUK aus der Vernunftldire, Halle l?fiQ (von Kant seinen Vor- 
lesunsen zugnutde gelegt). 

Zum Teil wichen diese L<4iker (z. B. Winkler) Obrigens in einzelnen 
Punkten nicht unerheblich von Wolfi ab. Auch prinzirieU steht der Wölfi- 
schen Lehre etwas ferner Sam. Christian Hotlmann (1696— 17S7)r 
nüloaophia raUtmaiis, quae logica yulio dicitur etc., Qotlini. 1746 (nament- 
lich S, 80 u. 196 *), und Prima phiiosopfaia, quae met^hyaicaTulgodicitar etc., 
GotUng. 1747'«). Noch selbsUndiger ist Qotttried Ploucquet 
(1710 — 1700), der vielfach an Leibniz selbst wieder anzuknüpfen sucht Seine 
Hauptweike auf logischem Gebiete sind: Principia de sutnlantiis et phaeno- 
meniai Accedit methodus calculandi in logids ab ipao inrenta cui praemitti- 
tuT commentalio de arte charaeteristica, Francof. et Upa. llbZ, SL Au(L| 1764 
(der Anhang ist auch als Nr. 26 abgedruckt in den Commentationea philo- 
sophicae selecticres, antea aeoraim editae, nunc ab ipso auctore recognitae et 
passim emendatae, Trajecti ad Rhen. 1781 unter dem Titel „De arte charac- 
teristica. Subiicitur methodus ca]culandi in loeicis ab auctore inventa 1768'V 
S. 560 — 692) i Methodus tarn demonstrandi directe omnes sTlIogismorunt . 
actecies quam vitia formae delefendi, Tubing. 1768; Fundamenta philosopbiae 
speculativae, Tubing. 1769 (S. 7, § M Ezplicatio quonindam sisnorum, S. 61 fL 
Fundammta methodi); Untersuchung und Abänderung der logikaliscben Kon- 
struktionen Herrn Prof. Lan^rts, Tübingen 178fi "). Er nahm den Haa 
einer algebiaischen Logik (vgl. S. 112) wieder auf") und Tersuchte eine- 
geometrische Darstellung der SchluBfiguren (Prioritälsslreit mit Lambert, 
B. Sammhing v. Scbrilten ed. Boek, S. 160). Auch in der Lehn vom Urteil 
schlug er teUweise neue Wege ein. 

Anfangs wurden die Wolfischen Lehren auch vielfach scharf angegriffen, 
und zwar nicht nur von Theologen (Joachim Lange») 1670— 1744^, 
u. a.), sondern auch vcn Philosophen. Zu den letzteren gehOren iL B. J d b. 
Franz Buddeus**) (1667—1729, Glementa philosophiae instrumentalis,. 
zugleich Bd. 1 der InsUtuttones philosophiae eclecticae, Hai. 1708, 8. AufL 

*) Die erste Auflage erschien wohl 1727 (Vilemb.), eine zweite ITSf. 
Auflerdem kenne ich eine Auflage von 1767. 

■*) Die beiden angeführten Werke sind auch betitelt: Pars I und 
Pan n paullo uberioris in universam philosopbiam introductionia. 

") Siehe auch Sammlung der Schriften, welche den logischen Catcul 
Herrn Prot. Floucqueta belreHen, herausgeg. von Aug. Friedr. Bflk, F^okf. 
und Lpz. 1766 (mit neuen Zusätzen Tabing. 1773). Von Floucqueta logischen 
T,eiatungen handelt u. a. Karl Ancr, Goltfr. Ploucquets Leben und Lehren, 
Bonner Diss., Halle 1909 (Abh. z. Philos. u. ihrer Gesch., Nr. 8^, S. 17 0. 

"} Inzwischen war David Solbrig (De scriplurae oecumon 
quam omnes gentes . . . etc., Hiscell. BeroL ad increm, scient, ConUa. I, 17SS, 
S. 28 — 69), und Job. Christian Langius [Inventum novum quadmtt 
kwici universalis in trionguli quoque formam commode redacti, Giss. 1714; 
vgl auch oben S. 118^ Anm. 18) auf diesem Gebiete tätig gewesen. 

") Bescheidene und aurfobrl. Entdeckung der falschen und sch&cU. 
Philosophie in dem Wtjltfiani sehen Systemate metaphysico von Gott, der- 
Wclt und dem Menschen usf., Halle 1724 (vgl. z. B. S. 206). 

>*) Job. Jac. Lehmann, Neueste u. nQtzlichste Art die Vemunllt-Ijelite 
... ZV eriemcn etc., Jena 1728 steht B, nahe. 



2. KttpiteL AUgenwiDe G«9cliichle dar Logik. 123 



1», umentHcfa S. SOSS.); Andr. R Qdicer (1673-1731, De seani veri 
H liisi, Ehl. 1709, £. Aud. Lips. 1739^ De usu et abusu terminonim techni- 
coniDi in pfailoaophia, und De novia mtionandi adnuniculis [mir nicht zu- 
fbHÜeh]; Hül(wn>hia Byntheli« metbodo nuUbematiue aemula, lipi. 1707, 
S.1— 96 [apäter unKeaibeitet als Institutionea erudilionia, HaL1711]u. a. m.); 
loltJak. Syrbiua (1674 — 1738, Institutioaea phjlosoirtiiae rationalia un« 
coB hiatoria loKices, Jena 1718); Jak. Friedr. Malier (erst in den 
ffütereB Schritten von 1730 an Gegner Wolfia, Entwurf der alüem. (lelehr- 
rnnkät und Klugheit zu studieren usl., Leipzig 1718 [namentlich Buch S, 
Kap. !Q imd eineneita z. B. Artkuli generalea de veria et talaia philos. con- 
fpcetum integri tractatua ezhibentea, Frankf. u. Leipzig 1736, andererseits 
ZtcU«! geteo H. Wolfia vemflnft. Ged. usf., Gießen 1731*}; Joh. Georg 
Walch (1698 — 1T7&, Einleitung in die nüloacphie, Leipzig 1727, latein. 
Cbcn. 1730, darin 2. Buch, S: 9SH. Philoaophia rationalia; vgl auch oben 
S.17); Adolph Friedr. Höftmann (IMB— 17«, Gedanken OberWoBt» 
U^ Leipzig 173B; Verounttlelire, anderer Teil, Leipzig 1737); Chr. AuB, 
Crasius (1715 — 177&, Weg zur OewiBheit und ZuverliBsigkeit der menschl. 
bkeantnia, Leipzig 1747, spatere Auflage 1762 tll&2 S.j; Entwurf der not- 
*(odigen Vernunft-Wahrheiten usf., Leipzig 1746 [vorwiegend Ootologie und 
thewet. natQrl. Tlieologie]; Diasertatio dt! uau et limitibua principii rationia 
detenoina&tis vulgo sufficientia^ Lips. 174S [2. Ausg. deutsch von Pezold, 
LipB. 1766) >*); De summis rationia prinGipiia, Lipa. 1758 u. a. ta.). 

Einen ddektischm Standpunkt behauptete inmitten dieser Streitigkeiten 
loacbimOeorgDarieB (1714—1773). In seinem logischen Hauptwerk 
flTia ad veritaton commoda auditoribus methodo demanstrata", Jena 1755. 
tnreitert er die Wofflache Definition der Wahriieit dahin, daB sie allea sei. 
nod cogitari polest et ipiod non idem siinul esse et non esse iDTolvil (Sect. T, 
i 1> S. (^ Auch die etwas filteren logischen Werke von Joh. Friede- 
niann Schneider (Fundaments philosophiae rationalis seu logicae etc., 
HsL-Hagd. 1728), und loh. Heinr. Zopf (Logica enucleaU oder erlnch- 
terle Vernunft-Lehre, 2. Aufl., Halle 1786) gehCren einer solchen eUdtiacheA 
nichtoDg an. 

Eine fast selbständige SteUung im Kampfe der Parteien nimmt femer 
Johann Heinrich Lambert (1728—1777) ein, dessen Neues Oi«anon 
(t Bde., Leipzig 1764) und Anlage zur Arctritektonik usf. (Riga 1771) >*) lange 
Zdl vor Kants Hauptwerken erschienen sind. Das erstgenannte Werk be- 
handelt in seinem ersten Hauptteil, der Dianoiologie, „die Lehre von den 
(•«adxen des Denkens" ganz vom Standpunkt der Logik, im zweiten Haupt- 
^ der Alethiologie, „die Unterscheidung der Wahrheit vom Irrtum", imdril- 
1*n, der Semiotik, „den Einflufi der Sprache und anderer Zeichen auf die Er~ 
kenntnia der Wahrheit, und im vierten, der Phänomenologie, „die Lehre vom 
Schein". Lambert glaubt zehn „einfache" Begrifie gefunden zu baben^ auc 
denen alle anderen Begriffe hervorgehen (Org., Bd. 1, S. 498; vgl. auch ArchiLr 



") Auch abgedruckt in Chr. Aug. Crusii Opuscula philosopbico-theo- 
iociea. Ups. 1760, S. 152 tf. (mit Appendix S. 2880.). ' 

'*) Siriie auch Lambarta log. und philoa. Abbandl., herauageg. von 
Job. BemouilU, Bd. 1, Beriin 178^ worin u. a. „Sechs Versuche einer Zeichen- 
kuntl in der Vemunftlehre", S. 8—180; femer Abhandlung vom Ciiterium 
^«litatit, BerÜD 1915 (ietzt von K. Bopp zum erstenmal aus dem Uäk, heraus- 



OgIC 



124 I- '^^'^ AbsnBEumr und allEemeiM Geschieht« der Logik. 

Bd. I, & 40 SO- Die Wahrheit dieser einfachen Begrifie besMit in ihnr 
„Gedenkbukait", di^ienige der zusammensesetzten in der IfOitlicbkeit der 
ZasunmensetzunB", dieoenige der S&tze iü der ,JlöElichkeit, das Prtdikat 
durch das Subjekt zu bestimmen" (S. 038 u. 663). Diese Forderunsen grfindea 
sidt i^ast unmittelbar auf den Satz des Widerspruchs". Das .Jirige" liegt 
also nicht in den einlachen Begiiffen seU>st, sondern nur in ihrer Veibiaduni 
(S. 563), in jedem Irrtum ist Wahrheit, .jolern er Bedenkbar ist"> 

Wihrend zunft(±3t WolSs Gegner die Oberhand zu gewinnen schienen 
und K«ar i. J. 173B bei Friedrich Wilhelm L seine Absetzung und Laikdm- 
verweisung durchsetzten, nahm in der Folgezeit der lileransche Kampf mehr 
und mehr eine Wendung zugunsten der WoUfschen Lehre. Seine HoA- 
berufung nach Halle durch Friedrich Ü. i. J. 17M brachte auch lufteibdi 
diesen Sieg zum Ausdruck. Um die Milte des JahrtiuDderts war Wollb Herr- 
acliaft, wenigstens auf dem Gebiet der Logik, kaum mehr bestritten. Zugleich 
steigerte sich das Interesse für die logische Wissenschaft in ganz auBw- 
ordentlicher Weise. Die Zahl der logischen LehrtiOcher war damals erbeb- 
lich grOBer als heute. Nicht nur WoUIs eigene Werke und die seiner Haopt- 
anhftnger erlebten fortgesetzt neue Auflagen, sondern selbst die LehibOcher 
mancher seiner weniger bedeutendoi Anh&nger wurden Ober ein dutsendmal 
aufgelegt Die ramistische und die scholastische Logik >^} halten in Deutadi- 
land nur hier und da noch einzelne Vertreter, wihrend sie in den romanis^en 
Ländern noch das tibergewicht behaupteten. Ganz vereinzelt versuchte aout 
auch noch direkt an die griechischen und römischen Logiker anzuknO[rfea 
und die neueren Logiker nur eklektisch nebenher zu berflcksich Ligen. Hieifaer 
gehört X. B. Daniel Albert Wyttenbach (1746—1830), dessen Frae- 
cepta philosoiduae logicae (Amsterdam 1782) von Joh Aug. ^xrhvd, HaBm 
17H, nüt einigen Ablnderungen herausgegeben «urden (siehe n«[npiitii<^ 
S. 9 n. 18 fL). 

§ 33. Kant. Trotz dieeer sosgeaprochenen Vorherrschaft 
der WoIflBchen Logik um 1750 trat verhältnism&ßig rasoh 
ihr Niedergang und Sturz ein. Es war dies die Folge der 
NeQorientienmg, welche Kant (1724 — 1804) der gesamt^i 
Philosophie, insbesondere der Erkenntnistheorie, gab. Dabei 
stand Kant selbst, wie in der Psychologie, soauohinderLoffik 
fast ganz auf dem Boden der Wolffschea Schule (vgl. S. 119). 
Erst indirekt führte, trotz dieses konservativen logischen 
Standpunkts, seine Erkenntnistheorie zu einer Umgestaltung 
auch der logischen Wisaeoaehaft. Wir besitzen von Kant 
kein Originalwerk, welches die Logik speziell behandelt, in- 
dessen hat 6. B. Jaesche im Auftrag Kants auf Grand von 
handschriftlichen Aufzeichnungen des letzteren die Kant- 
echen Vorlesungen über Logik in Form eines „kompendiöeen 
Handbuchs" i. J. ICIOO herausgegeben (abgedruckt x. B. io 

'^ Hierher gehört z. B. Dominicus Beck, dessen ^■m■^^ ^^^ffil«ff# 
togieae (Saldnug ITSO^ mir in 3. Auflage ohne Jahreszalil bekannt) ekldügeh 
die Sttze der neueren Logik mit scholastischen Prinzipien verbinden. 



2. Kkintd. AUgetntiiM Geachichte der Losik. ^25 

Bd. 6 der S&mtl. Werkte Kants in der Hartensteinschen Aos^. 
]8(%V). Für Kants prinsipielle Stellnnfr xa den logischen 
Qnmdlonnen nnd namentlich für den nmgeetaltendea Ein- 
Ihifl Beiner Erkenntnietheorie aof die Logik liefern die 
Haaptverke Kant« weit mehr Beiträge*). 

Der Einfloß Kants anl die Entwicklung der Logik be- 
sieht flieh namentlich auf drei Punkte: erstens die Er- 
w«iternng der Logik am das Gebiet der trao- 
Bzendentaleo Logik, zweitens die TJntersch'eidnng 
der analytischen und ay nthetiecben Urteile 
und dntt«i6 die Kategorienlehre. 

Zorn «raten Pnnkt ist vor allem za bemerk«!, daS 
Kant die Lc^k sehr weit definiert, nämlich als „Wiseen- 
Bchaft derVerstandesregeln tiberhanpt" (K 77; „Wissenschaft 
▼on der bloßen Form des Denkens überhaupt", H VIII, 77; 
B. anch H IV, 342). Sie verfällt weiter in die Logik des a 1 1 - 
Sf«meinen nnd die liogilt des besonderen Verstandee- 
gebrancbB. Die erstere (anch Elementarlogik genannt) ent- 
hält die schlechthin notwendigen Regeln des Denkens ohne 
B-acksicht aaf die Verschiedenheit seiner Gegenstände, also 
unter Abstraktion von allem Inhalt des Erkennens, die letz- 
tere enthält die Regeln, „über eine gewisse Art von Gegen- 
ständen richtig') zn denken", also die Denkregeln für die 
einzelnen Wiesensehalten. Die allgemeine Logik ist ent- 
weder „rein" oder „angewandt". Die reine allgemeine 
Logik abstrahiert von allen empirischea Bedingungen der 
VeratandesaoBÖbnng (z. B. dem Einfluß der Sinne, dem ^iel 
der Einbildung, den Gesetzen des Gedächtnisses usf.), d. h. 
allen zuföUigen Bedingungen des denkenden Subjekts, und 



'} Kne seue Auagabe mit Einleitung von W; Kinkel ist in Leipzic 19U 
(fiäka. BibL, Bd. tö) encUeaen. Wertroll für die Beoiteilunc sind aucti 
äa Reflexioaen zur Logik (haadschr. Nachlaß) in Bd. 16 d. Bert. Kantausgabe, 

^ Im folgenden wird die Kritik der reinen Vernunft nach der Sehrbach- 
■eben Ausgabe (K) zitiert, die Obrigen Werke nach der 9: Hartensteinschen 
Zugabe T. J. IMJim (H). Von KanU logischen Lehren handeln u. a.: Erait 
Wiileiiliagen, Die Logik bei Kant, Disa., Jena 1868; Q. Biedermann, Kants 
Knift der retnea Vernunft und die Begdache Logik in ihrer Bedeutung für 
die BegriflMnneaschaft, Prag 1869. 

*) Das Wort ,jiehtig" hatte bei der allgemeinen Definition der Logik 
nffhH, tat aber woU auch bei dieser au eninsen. Jeäenialli bat Kant nicht 
•ttef genug zwlachen den Oeaetsen des talatchüchen Denkens, den Qesetaen 
daa nötigen Drakens nnd den Hegeln zur Erzieluug daa leUlena uiflw'- 
flnUcden. 

„.,,„,^.oogic 



126 ^ ^^''- At^renzung ond allcemeiiie Gcachichte der Lofik. 

brachäfUgt sicli also nur mit apriorischen Prinzipiea des 
Denkens, und zwar — als allgremeine Logik — nur mit den 
formalen (ohne Rücksicht auf den Inhalt). Sie schöpft daher 
nichts aus der F^ychologne (K 78 n. 12, H Vni, 14); alles in 
ihr moß vätlig a priori gewiä sein. Demgegenüber handelt 
die angewandte allgemeine Logik von den empirischen 
Bedingungen des Denkens in concreto (z. B. der Aufmerksam- 
keit) and ist auf die Hilfe der Psychologie angewiesen. Di« 
irreführende Bezeichnung „angewandte" Logik, welche viel 
eher für die Logik des besonderen Verstandesgebranchs (die 
„spezielle" Logik) pafit, haben, nachdem schon Maimon (vgl. 
S. 132) sie abgelehnt hatte, Kants Schüler später fallen lassen 
und Ton „empirischer" I<ogik gesprochen, soweit sie nicht 
diesen ganzen Teil ans der Logik gestrichen haben (a. schon 
H Vin, 18). 

Neben der allgemeinen Logik stellt nun Kant noch eine 
transzendentale Logik auf, welche also, str«ig ge- 
nommen, zur speziellen Logik gehört (obwohl Kant dies nicht 
ausdrücklich ausspricht). Diese transzendentale Logik ab- 
strahiert nicht von allem Inhalt der £«rkenntnis (wie die all- 
gemeine Logik tut), sondern berücksichtigt diesen wenigstens 
iiwofem, als sie den Unterschied zwischen reinem und empi- 
rischem Denken der Gegenstände, wie ihn die transzendentale 
Ästhetik nahelegt, akzeptiert und sich speziell nur mit den 
ßegeln des reinen') Denkens eines Gegenstandes beschäf- 
tigt. Ihr weist K. dann auch die weitere Aufgabe zu, den 
Ursprung unseiwr Erkenntnisse von Gegenständen zn unter- 
suchen. -Wenn, wie Kant in der Kr. d. rein. Vem. nach- 
znweisen veisaeht, Denkregeln a priori unsere Erkenntnisse 
von Gegenständen bestimmen, so würde in der Tat die Unter- 
suchung dieses Ursprungs noch in das Bereich der Logik 
nach der weiteren Definition Kants fallen. Gibt es also solche 
a priori auf Gegenstände bezügliche Verstandeebegriffe, so 
entspricht ihnen die transzendentale Logik als „Wissenschaft 
des reinen Verstandes und Vemunfterkenntnisees, dadnrch 

«) Han beachte auch hier die UozweokmABigkeit der T«nninok>cie'. 
innerbalb der allgemeiDen Logilc wurde bereits ein ,^iiier" Teil untersdiiedeii. 
Die Zweideutigkeit ist hier sogar nicht auf das Tenmnologische bcschilDkL 
Später hat man- oft schlechthin die transzendentale Logik als „reine'' Logik 
bezeichnet In der Haupteinte^Jung Kants baüeht sich die Reinheit nkht mJ 
den Gegenstand des Denkens, sondern den Ursprung des Denkens bnrg KU* 
Beeidung zum Psychologischen. 

„.,,„, ^.oogic 



a. KamtflL Allgemeine Oeachichte der Lofik. 127 

vir Gegenstände völlig a priori denken" (K 79f. □. 138)*). 

nTnutszendental" bedeutet dabei: auf die Mögliehkeit ^irio- 

lischer Beziehnng aof Oegenstände der Erfabnmg gehend *). 
■ Es kochtet ein, daß damit die v^ritfe iim^ (performatioDB) 

von Leibniz (vgl. S. 109) auch für die Logik eine gani andere 

Bedentnng bekommen muBten. 

Sowohl die (reine) allgemeine Ix^ik wie die traasaen- 
dentale Logik geben lediglich Bedingungen an, denen keine 
Erkenntnis widersprechen darf (K 82 tl 84), dagegen sind 
beide nnföhlg, ohne Hilfe der Erfahrung uns Erkenntnisse 
über Erfahningsgegenstände zu verachaffen. Die reine all- 
gemeine Logik bleibt stets formal, nnd die transzendentale 
lätgik kann nur die Prinzipien nachweisen, ohne die kein 
Offenstand gedacht wterden kann. Beide können daher nienuüs 
über die Ehrfahmng hioansgehen („tranezen d e u t" werden). 
Die yemHnft„kritik" beschränkt die allgemeine Logik auf 
den formalen, die transzendentale Logik auf den transzen- 
dentalen Gtebranch. Der Teil der Logik, sowohl der all- 
gemdnen wie der transzendentalen, welcher innerhalb dieser 
Qrenzen bleibt, wird von Kant als „Analytik" ^ bezeichnet, 
tjbeieehreitet die allgemeine Logik diese zulässigen Grenzen, 
«o wird sie zur Dialektik (K 83); äbersohreitet die transzen- 
dentale Logik dieselben, so übt sie selbst als „transzendentale 
Dialektik" Kritik an dieser Überschreitung und deckt den 
falschen Schein solcher AnmaBimgen anf. 

Von diesem Standpnnlfte ans konnte Kant auch viel 
schärfer als seine Vorgänger die Frage nach dem Kriterium 

der Wahrheit beantworten (K 81 IT.). Ein inhaltliches 



■) Die bezüglicbe Stelle der Kritik der reineo Vernunft iat sehr noch- 
ttaaig abgebiBl oder verdruckt Ich lese mit Erdmuiii K. 81, Z. 6 von <^ii 
.nerdeiL*' st&tt „wiid". Die VaUünserscbe Verbesserung (Kftat-StuX IV, IfiS] 
wird dun Qberflüssig. 

■) über die Bedeutung der Kantschen Tramzendentalit&t vgL Vaihinger, 
XoDuoentar zu Kanla Krit. der rein. Vernunft, Stuttgart 1881, Bd. 1, S. «7 tf. 

*) Ancb bei dieser miBverst&ndlichen Bezeichnung muB vor falsdien 
Jlmtiuigea gewuitt werden. Die Analytik Kants deckt sich nimii^A nur 
am TeU mit der Analytik des Aristoteles (vgl. S. 39) und hat mit Kants 
eiiener Unterscheidung zsiachen analytischen und synthetischen Urteilen 
'öctäM zu tun. Kant wollte viehnebi mit dem Terminus .Analytik" nur auf 
die Zergliederung der formalen Verstandest&tigkeit in ihre Ele- 
Bnite (K 8^ bzW. unseres gesamten Erkenntnisses a priori in die Elemente 
der reihen Veistandesetkenntnis hätweisen. Vgl. auch- Reftezionen, BdL \ 
M6t S. lai, Hr, *8a 



128 ^- '''^'^ Abgrenzuac und aUgemeioe Geschichte der Lo^. 

allgemeineB KHterinm kann es naeh Kant überhanpi 
nicht geben, da bei einem solchen von allem Inhalt abatzB- 
biert werden müßte, nm die Allgemeinheit des Kriteriums 
feetzabalten. Es bleibt also — abgesehen TOn der Nominal- 
definition der Wahrheit als der „Übereinstimmong der 
Erkenntnis mit ihrem Gegenstände" — nnr ein formales 
allgemeines Eriterinm: die Übereinstimmung mit den Denk- 
regeln der Logik; dieses ist aber offenbar nur ein „nega- 
tiver Probierstein der Wfihrheit". Eine Erkenntnis kann. 
der logischen Form völlig gemäß sein, d. h. sich selbst nicht 
widersprechen und doch dem Gegenstand vidersprechen. 

Der zweite Hauptpunkt, in dem Kants Lehre um- 
gestaltend auf die Logik wirkte, ist die Unterscheidung der 
analytischen und der synthetischen Urteile (K 39; H IV, 14 
u. Vni, 59 u. 108). Analytisch ist nach Kant dasjenige 
Urteil, dessen „Rrädikat B zum Subjekt A als etwas gebort,. 
was in diesem Begriffe A (versteekterweise) enthalten ist";, 
synthetisch dasjenige Urteil, dessen Prädikat B ganz 
anfieriialb des Begriffes A liegt, obwohl es mit diesem ver- 
knüpft wird. In den analytischen Urteilen wird also die 
Verknüpfung durch die Identität gedacht, in den syntheti- 
schen ohne Identität. In jenen geht das Prädikat eigentlich 
auf den Begriff, in diesen auf das Objekt des Begriffs *). Bei 
den synthetischen Urteilen genügt der Snbjektbegriff nicht, 
um zu dem Urteile zu gelaojren, sondern «s muß etwas hinzu- 
kommen, und zwar ist dies Hinzukommende bei den synthe- 
tischen Erfahmngeurteilen die Erfahrung, bei den von Kant- 
angenommenen synthetischen Urteilen a priori (z. B. den 
Sätzen der reinen Mathematik, dem Prinzip der Kausalität,, 
dem Prinzip der Beharrlichkeit usf.) die apriorische Banm- 
und Zeitauschauung und die von Kant sog. Kategorien, d. h. 
die apriorieehen allgemeinsten Erkenntnisbegriffe. Auf die 
Bedeutung dieser Kautscheu Einteilung der Urteile für die 
Logik wird in der Lehre vom Urteil aosführlicher eingegan- 
gen werden. 

Der dritte Hauptpunkt ist Kants Kstegori«ilehre. Ais- 
Kategorien bezeichnete Kant, wie eben bereits angedentet, 
abweichend von Aristoteles (vgl. S. 35) „die reinen Ver- 



•) LoM BlKtUr aui KuBta NftcfaUB, mitfet. voa Rnd. Rek^ KAoifdv. 
1B89 tt. 18e& («ach AtbmiB. MonaUb.. Bd. Si^ SO « 81}, Httt 1, S. «.<VgL 
«och ebenda, S. 38, ISl^ ie»-a67, SBÜ. 



a. Kapitel. AUgeoeine Oescfaichle der Logik, 



129 



•taoilefibegriffe, wetcho a priori auf Q^mostände der An- 
»haDiut^ überhaupt e«heu" (E 96). Eine Itesondere Beden- 
tnag bekamen diese Kategorien weiterhin noch dadnrch für 
die Logik, dafi aie nach Kant den logischen Funktionen in 
Bneeien Urteilen entsprechen, nnd Kant daher die Tafel 
iRDer Kategorien ans der Tafel der Denkfnnktionen in den 
UrteUen ableitete. Dabei gelangte er znr folgenden Ornppie- 
niDg(E89, 96): 

ngehdrige Estesori«n 
l Qaantität a) allgemeine . ■ . Allheit 
Vielheit 



2. Qualität 



3. Relation 



urteil« 

a) allgemeine 

b) besondere 
c) einzelne . . 

a) bejahende 

b) vemeinend^i. 

c) unendliche . 
a) kategorische 



b) hypothetische 



c) disjunktive 



Einheit 
Bealität 
Negation 
Limitation 

Ifahärenz und Sabsi- 
stenz (substantia et 
accidena) 
EAusalität and Depeo- 
denz (üiTBache und 
Wirkong) 
Gemeinschaft (Wech- 
selwirkung zwischen 
dem Handelnden und 
Leidenden) 
Möglichkeit — Unmög- 
lichkeit 
Dasein — Nichtsein 
Notwendigkeit — Zu- 
fälligkeit. 
In den Einzelabschnitten wird auf diese Eantsehe Tafel 
noch öfter zurückzukommen sein, über die Beziehongeu der 
SaatBchen Erkenntnistheorie zur Logik ist auch % 56 und 57 
^ Tergleichen (PhänomenalismuB). 

i U. Kuh AwtlBtw ud Oaga« in tu Lailt Kants Schüler und 
AnUnmr versuchten schon sehr bald, auf des von Kant EescbaBenen Gnmd- 
ateo die Logik umzuatbeiten, und gaben dabei die WoUfsche Logik, von d;r 
«dl Kant niemals völlig befreit hatte, mehr oder weniger voilständiK preis. 
Ue «tchtigiten unter diesen von Kant abhAnsigen Logikern sind folgende: 
Friedrich Gottlob Born (1743—18(17}: Varsuch Ober die Ursprung). 

Gnmdlagea des memcbL Denkens usw., Leipzig 1791 (namentlich § SC 

bis 38). 

'>*b*n, Lthrinich dir Lopk. 9 



i Modalität a) problematische 



b) assertorische 
e) apodiktische 



1,1^. OQi 



'S'c 



130 I' T«!!- AbtrnnzuDV uod alUemeine 0«acIiichl« der Loiik. 

J«h. Aug. Heinr. Ulrich (1746-4813): lostttuliones logica« et meU- 
physicae, Jen. 1786. a Aufl. 1793, S. 87— B8a 

Dielerich Tiedemann (1748— 1B0&) : Theaetet od. Ober das menachL 
Wiben, Fikft. a. M. 17M, namentUch S. 133 ff. 

Maternus ReuB (1751—1826); Losica umTersalia et analyüca faculUUs 
cognoscuidi purae, Wiiceb. 1789^ S. IH. u. 84 S.; Vodesuosen Obw die 
theoret. u. pnkL Philosophie, 1. Teil; Voriesunsen Ober die L(«ik,Wan- 
buis 17S7 (S. 1—72 reine Logik; viellach auch von Iteinhold abhäncis). 

Carl Leonhard Beinhold (17S8— iieSB): Gnindlegung mner Stdo 
nymik elc, Kiel 1612; Versuch einer neuen Theorie des menschlichen 
VorsteUungsrermögens, Prag uod Jena 1788; Das menschl. Erkenntnis- 
vermögen, aus dem Gesichtspunkte des durch die Wortsivache ver- 
mittelten Zusanunenhangs zwischen der Sinnlichkeit und dem Denk- 
vermögen, Kiel 1816 (namentlich S. 1120.); Versuch einer Critik der 
Logik aus dem Gesichlspunkte der Sprache, 1806, namentlich S. 8 — 62. 

Job. Heinr. Tieftrunk (17^-3697): GnindiiB der Logik, HaUe 1801; 
Die Denklehre in reindeuladiem Gewände etc., Halle-Leipzig 1886 C^de 
z. T. zweckmfcBige Verdeutschungsversuche logischer Termim, z. B. S. 27 
Kategorien =s Urbegrifie usf.). 

Ludw. Heinr. v. Jakob (1760— d8S7): GrundriB der allgemeinen Logik 
und kritische AnlangsgrOnde zu der altgemrinen Metaphysik, HaUe 178&, 
2. Aufl. 1790. 

Carl Christian Efb. Sehraid (1761—1812): GrundriB der Logil^ 
Jena-Leipzig 1887 (namentlich S. SB, 71, IfiOff.). 

Joh. Heinr. Abicht Cl?ea— 180*'} : Enzyklop&die der Philosophie mit 
literarischen Notizen, Frankf. a. M. 1801 (Theorie der Wahrtieätdnuisl, 
S. 330 C); Philosophie der Erkenntnisse, Bayreuth 1791 (namentlich 
S. 93—86^; Verbesserte Logik oder Wahrheils wissenschafi, Fürth 1800*; 
Anleitung und Materialien zu einem logiscb - praktischen Institut, Er- 
langen 1796 (kurzer Leitfaden der Logik mit praktisdien Anwendungen). 

Job. Gottlieb Buble {176»-^821): Einleitung in die allgemeine Logik 
und die Kritik der reinen Vemunit, Gatt. 1796; Entwurf der Tranazeh< 
dentalphiloso^e, Gfitt. 1796 (namentL % 113—178). 

Job. Christoph Eoffbauer (1766—1828): AnalyUk der UrleUc und 
Schlosse mit Anmerkungen etc., Halle 1792; Über die Analysis in der 
Philosophie usf., Halle 1910 (namentL Absclm. 1 u. 3); Versuch Ober die 
sicherste und leichteste Anwendung der Analysis in der philos. 'Wiasen- 
echaft, Leipzig 1810 (S. ISO ff., Konstruktion logischer Begriffe); Anfauss- 
grOnde der Logik nebst einem GrundriB der Erlahnmgsseelenlehre, HaUe 
179«, S. 139 ff. (2, AufL 1810, S. 17 fi.); Tentamina semiologica, Halae 
1789 •• 

Job. Gebh. Ehrenr. MaaB (1766—1823): GrundriB der Logik, Halle- 
Leipzig 1793, 4. AufL ISEB (stark veiindert). 

Friedr. Bouterwek (1766—1828): Idee einer ApodikUk. ein Beytra« z. 
menschl. SelbstversUndigung usf., Halle 1799 (namentL Bd. 1, 5. 2»fL); 
Idee einer allgemeinen ApodikUk, GOttin^sches Fbiloscvh. llusaum 1798, 
Bd. 1, Stück 3, S. 49ff. (Forts. Bd. 2. Stück 1, S. 17ff., logische ApodiÜik) ; 
Lehrbuch der Philosoph. Voricetmtnisse, GOttingen ISIC^ ^ Aufl. ISSO^ 
S. 8Sft.; Lehrbuch der Philosoph. Wiaensch., Gfitüngen 1813, 2. Aufl. 
1830, Teit 1, S. 17—66. 

h. !■, ii,l^.00^1C 



ä. KapilBl. AOscmeiite Geschichte der I^k. 131 

Andreis Uetz (17S?— 1839): InttitutMiies togici«, Barab. ei Wircebarc. 
17S6 (VI). S 17), ntmeiiU. S. 660.; Huidbucb der Logik, Bamb. u. W-Onib. 
180% a AuO. 1816. 
iob. GoU fr. Kar) Christian Kiesewetler (1766—1819): Rrund- 
hfi einet reinen allsemeinen Logik nach Kartischen Grundaitzen, Frank- 
furt IL Leipzig 179ft'); Grundriß einer allsemeinen I^sik sowolil der 
raaen als der angewandten nach Kanüacfaen Gnudsitzen, BeiUn 1796 
(mgleich 3. Aufl. dea erstgenannten Werks, eine weitere Ausgabe erschien 
Berlin 1802; aufierdem Nachdrucke); Logik zum Gebrauch für Schulen, 
3. Aufl., Leipzig 17H; Kompendium einer altg. Logik, Leipzig 1796*. 
«ilh. Traugott Krug (1770— 1M2): SysUm der Iheoret. Philosophie, 
Kdaigsberg 1&06, 2. AufL 1819, 8. AufL 18%, 1. Teil DenUehre, namentl. 
S ^11; Versuch einer aystemat Enzyklopädie der Wissenschaften, 
L teil, Willenb. u. Lpz. 1796, 5 «2 ff., S. 169 ff.; Handbuch der Philo», 
and philos. Literatur, Bd. 1. Leipzig 1^0, S. 117 ff. 
Gsttlob Wilh. Gerlach (1786— 186t): Grundriß der Logik, Halle 1817. 
Heinrich Christoph Wilh. Sigvart*) (1769—1844): Handbuch ni 
VorlesungLD Ober die Logik, Tübingen 1618, namentl. § 3—36, u. Handb. 
d. theor. Philos., Tflb. 1830, g 112fL (S. 65ff.}. 

Teils hielten diese Forscher den Kantschen Standpunkt streng fest, 
idb (z. B. Tiedunann, Ulrich, Hoffbauer, Jakob) wichen sie in einzelnen 
I'oakten von Kant ab oder schwankten in ihren Anschauungen (wie z. B. 
C. L Reinhold). 

Auch an Gegnern fehlte es der auf Kants Lehren gegründeten Ixigik 
uchL So vertrat Joh. Aug. Eberhard (173a~1809) in seiner ,rAllge- 
meinen Theorie des Denkens und Empfindens" (Berlin 1776) den Leibnizschen 
Standpunkt, Job. Georg Ueinr. Feder (1740-~1821] suchte Kant g^en< 
ül)er eine hektische Stellungnahme zu verleidigen (Logik und Hetaphyak, 
GälL u. Gotha 1769, ö. Aufl. G6tt 1778; Grundriß der philos. Wissenschaften 
•^^ Coburg 1767, S. 63—80; Grundsfitze der Logik und Metaphysik, GQtL 
1794; Insüt. tag. et metaphys-, Gott 1777), Joh, Christoph SchwaB 
(170—1821) bemühte sich in einer Pretsschrift [Welche Fortschritte hat die 
Metaphysik seit Leibnizens und Wolffs Zeilen in Deutschland Bi'macht? 
BerÜD 1796) zu zeigen, daß die Wolfische Lehre Doch unerschüttert sei. 
Ernst Pia tn er (1744—1818) schrieb ein „Lehrbuch der Logik und Meta- 
PtiTrik" (Leipzig 17%, laut Vorrede Auszug und Nachtrag zu den Aphorismen ; 
l-ofik S. 6 — HO], das bei allen Angriffen gegen Kant doch allenthalben den 
EiafhiB seiner Lehre erkennen ließ*}. Christoph Heiners (17(7 bis 
iSlO) trat fOr die Federschen Lehren ein und betonte einseitig den rein 
pnch^giscben Standpunkt (Revision der Pliilosophie, Gottingen- Gotha 1772, 
MiwatL S. G8 a S. l&9ff.; Untersuchungen Über die Denkkräfte und Willens- 
bifte des Menschen, GCttingen 180% Tdl 1, 5. 18S— 215). 

') Vielleicht handelt es sich um einen Nachdruck. Die Vorrede ist von 
1791 aus Berlin datiert 

>) Diesem steht wiederum nahe Andreas Erhard, Handbuch der 
Usik, München 1839. 

■) Vgl Ober Fiatners Stellung zu Kant auch B. Seligkowils, Tlertetjahrs- 
Kttdt L wisa. Philosophie 189% Bd. Iflt & 7A 

„.,.,„.>..oo^sic 



18 2 I. Teil Ahfrcnzu ng und aHgen iei ne Ceachidite dtt Lo^ 

Viel bedeutender war der „Versuch einer neuea Lacik oder Theorie des 
Denkens" (Beriin 17H Neudruck Beriin 1912) '*nn Salomon Maimon 
(17fri — 1800)^ der zwsr «och tesen Kuils Lehre gericfatet war, aber doch 
Kilon (anz von der Kaatach«! Fragestellunt bdierrscht war. Hainioii ^fi- 
niert die Lcdk als die Wissenschaft des Denkens eines durch innere 
Merkmale unbestiimnten und tdoB durch das Verhiltnis zur 
Denkbaikeit bestimmten Cttijektes Oberhaupt (S. 1). Objekt der Logik 
ist nicht das, was durch das logiBche Denken bestimmt, soadem das, worüber 
lofiach gedacht wird. Das Denken ist die Uandluns des Subjekts, «odurclv 
unter Vorausaelzung der identischen Einheit des Subjekts im. 
BewuBtsein des Mannigfaltigen des dem Denken gegebenen Objekts, eiite 
objektive Einheit dieses Mannigfaltigen bervorgebracht wird. Die Wahrheit 
von Vorstellungen und BegriKen ist eine logische, wenn sie mit ihren 
Objekten nach den Gesetzen des Widerspruchs und der Identität Obeieiii- 
stimmen, sie ist dsgesen eine metaphTsiscbe, wenn sie als Bestandteile des 
im Objekt verbundenen Masoigfaltigen nicht nur infolge Hangeb eines Wider- 
spruchs gedacht, sondern ausGrOnden, die auBerfaalb des Denkvennfifens- 
liegen, eAannt werden (S. 15). Die Unterscheidung zwischen analrtiachen 
und synthetischen Urteilen venucht M. anders zu formulieren, ohne sachlich 
von Kant abzuweichen (S. lOS). Die Kantsche Tenninologie der reinen und 
angewandten Logik wurde von ihm vert>essert (vgl. oben S. 126). Die Her- 
leitunfl der Kategorien, die MainMn als „die a priori bestimmten Element«r- 
prftdikale oder notwendigen Prftdikate aller reellen Objekte" auffallt (S. 13+), 
BUS den Urteilsfunktionen wird von M. verworfen und eine Ableitung aus den 
Bedingungen der Möglichkeit des Denkens eines reellen Objekts versucttt 
(S. 13S). Die Tafel, zu der H. so gelangt, stimmt Qbrigens mit einer Aeis- 
nahme (Wegfall der Kausalitlt) ganz mit der Kantschen hbereio. Vgl. Ober 
Uaimon auch S. 31 u. § öi in diesem Buche. 

Eine besondere Stellung unter Kants Gegnern nimmt endlich Gottlob- 
Ernst Schulze (1761 — 1883) ein. Seine Hauptscbrift *) „Aeneüdemus" 
(ohne Angabe des Druckorts 1792, Berlin 1911 von Liebett neu herausgegebeii) 
Var zwar nach dem Titel gegen Reinholds Elementarphilosophie gerichtet, 
griff aber allenthalben auch die Grundlehren Kants vom Standpunkt des 
^eptizismus an. Auf die veitere Entwicklung der Logik hat sie keinen 
nachhaltigen EinHuB gehabt. Tgl. auch S. 10. 

6 35. Fiehto. Job. Gottlieb Fichte a762— 1814) 
definierte die Wissenscfaaf talehre als diejenige Wissen- 
echaft, welche die Möglichkeit des Wissens erklärt. Dleee 

•) Außerdem: Gnindsfttze dei* allgem. I,ogik, HebiBtftdt 1800, i. Aufl.,. 
Gottingen 1822i Enzrklopadie der Philosoph. Wissenschaften usw., 2. Aufl.» 
Gdttingen 1818 (namentl. S. 20ilL); Über die menschl. Erkenntnis, GötUnsen 
1832 (S. 1 — 317); GrundriS der Philosoph. Wissenschaften, Wittenberg u. 
Zerbst^ Bd. 1^ 1788, Bd. 2, 1790 (namentL Bd, 1, § 17 ff. u. » ff.). 

') Für die Logik kommen namentlich in Betracht: Ober den Begriff der 
WiSBenschaftalehre usf., Weimar 179« (SAmtl. WW., Berlin 1846, Bd. 1, 
S. 29); Grundlage der gesamten WissenscbaftsJehre, Jena-Leipzig 1794 (WW. 
Bd. 1, S. 86); Grundriß des Eigentflmlichea der Wissenschsftslehre usf., Jena. 
179b, sowie Philosoph. Joum. 1797, Bd. 6—7; Einleitungsvo riesungen in di« 

h. !■, II, l^.OOQIC 



2. KaiHteL AÜtwnein « Geachichle dar Logik. jgg 

FkliteecheWiseenschaftslehre ist also von derWisseuBcliatts- 
Jeliie, vie sie kurz danach von G. B. Schulze aufgestellt 
wurde und von mir in der Einleitung S. 9 charakterisiert 
wurde, wesentlich verechieden. Sie ist nicht ein Teil der 
Logik, sondern eine Wissenschaft, von der die gesamte Logik 
ebenso wie jede andere Wissenschaft abhängt Sie ist das 
Wi88^ vom Wissen (I, 45; II, 9). Die Möglichkeit alles 
Wiflsens beruht nach F. auf dem absolut ersten, unbeweis- 
baren und doch dorch sich selbst vollkommen gewlaaen 
Gnmdsatz: „Bas Ich setzt ursprünglich sein eigenes Sein." 
In dem denkenden loh und dem gedachten Ich sind beide 
identisch, im Selbstbewußtsein ist Subjektives und Objek- 
tives unzertrennlich vereinigt Die Weiterentwicklung des 
Fiditeschen Systems aus diesem ersten Grundsatz kann hier 
nicht verfolgt, sondern nur die Beziehung zur Logik kurz 
hervorgehoben werden. Ans dem materialen Satz „Ich bin" 
entsteht durch Abstraktion von seinem Inhalt „der bloß for- 
male nnd logische" „Grundsatz der Identität" : A = AiI, 105). 
Indem das Ich w«iter „das Entgegengesetztsein überhaupt" 
als Nicht-Ich setzt, ergibt sich durch analoge Abstraktion 
der logische Satz: — A nicht = A („Grundsatz des Gegen- 
Betzens"). Abstrahiert man endlich von der bestimmten 
Handlung des Urteikens ganz und sieht bloß auf die Form 
der Folgerung vom Entgegengesetzsein auf das Nicht-Seia, 
eo erhält man die Kategorie der Negation. Der Gegensatz 
T^ifichen dem Ich und dem entgegengesetzten Nicht-Ich führt 
■Ol dem Begriff der Teilbarkeit des Ich: ich setze im Ich dem 
teilbaren Ich ein teilbares Nicht-Ich entgegen, und dem ent- 
spricht logisch der „Satz des Grundes": A zum Teil = — A 
und on^Tckehrt. Jedes Entgegengesetzte ist seinem Ent- 
gegengesetzten in Einem Merkmal = X gleich (Bezlehongs- 
gnmd), und jedes Gleiche ist seinem Gleichen in Einem Merk- 
>nal=X entgegengesetzt (Unterscheidnngsgmnd). Das „anti- 



ViSKDschattslehre, die IranszendenUle Logik und die Talsachen d«a BewuSt- 
»ins. NicbgeL WW. Bd. 1, Bonn 1684 (= Bd. 9 der Sftmtl. WW.J. Hit 
^cbtea Logik beschäftigen sich u. >. i^amenlllcfa'. E. Lask, Fichles Idealismus 
md die Geschichte, Tfibingen u. Leiuzig 1D02, namentL S. SSIf.; Fr. Hedkus. 
J- G. Fichte, Beriin 1905, namentL S. 2Cäi AUr. HenzeV Die Grundlagen der 
Pichteacben WissenscbaHslehre in ihrem Verfaällnis zu Kants KrilizismuB, 
Leips« 1909; Lanz, Fichte und der transzendentale Wahrheitsbegrill, Ardi. 
IGtKb. d. Fhilos. 1918, Bd. 26, S.1; W. Kabitz, Studien zur EntwicUuQgs- 
^Ndiichte der Fichteschen Wiasenschattslehre usl., Berlin 190^ nam. S. B7ff. 

„.,,„, ^.oogic 



134 '■ T^^ Abcreaiuog nnd (ütsemeioe Oescbichte der Logik. 

thetische (analytisclie) Verfahren sacht das letztere, das „S70- 
thetiache" Verfahren das erstere Merkmal auf (I, 110 — 113, 
etwas abweichend 337 S.). Antithesis ohne Synthesis ist 
ebenso unmöglich wie Synthesie ohne Antithesis, and beide 
sind anmöglich ohne eine Thesis, d. h. ein ,^tzen schlecht- 
hin", dnrch welches ein A (das Ich) keinem anderen gleich 
nnd keinem anderen entgegengesetzt, sondern bloB schlecht- 
hin gesetzt wird. 

Indem das Ich ein Kicbt-Ich anachant (im Sinne einer 
reflektierten Tätigkeit I, 228, s. jedoch auch 340 n. 354 u. 
391 ff.), soll diese Äosehanang fixiert werden, „nm als eins 
und dasselbe aufgefaßt werden zu können". Dies geschieht 
durch den Verstand (im Gegensatz zur Vemnnft, dem 
„schlechthin setzenden Vermögen im Ich"). Dnrch „Selbst- 
bestimmung" and „Wechselbestimmung" ergeben sich wei- 
tere logische Tätigkeiten and Beziebungea. Jedenfalls also 
sind alle logischen Prozesse gegenüber den ursprünglichen 
Tathandlungen des Ich sekundär. Dos Anschauen seiiier 
selbst, welches — vor aller logischen Begriffsbildnng — der 
Philosoph „im Vollziehen des Aktes, durch den ihm das Ich 
entsteht", hat, wird von Fichte als „intellektuelle An- 
schauung" bezeichnet (I, 463). Diese intellektuell« An- 
schauung meines Selbstbewußtseins begleitet aber überhaupt 
alle meine Handlungen, sie ist nicht spezifisch logisch. In den 
Späteren Darstellungen seines Systems hat F. manche dieser 
Sätze wesentlich modifiziert Die Identität des absoloten 
Seins mit dem absoluten Denken im „absoluten Wissen" tritt 
in den Vordergrund (II, 14 tT.). Daher heifit es, daQ alles 
Sein Wissen ist Ql, 35) und die absolute Form des Wissens 
darin besteht, „schlechthin für sich zu sein". Auch wird 
noch viel schärfer betont, daß „von irgendeinem empirischen 
Ich in der Wissenschaf Islehre nicht die Bede ist" (II, 163 u. 
116), daß es sich also um ein überindividuellee, wie Fichtee 
Sohn bemerkt, „überfaktisches" Ich bandelt. Daß vollends die 
dritte — theistisch - ethische — Umgestaltung der Wissen- 
Bchaftslehre sich ganz von der Logik (im herkömmlieben 
Sinne) entfernen muß, ist selbstverständlich. Es muß nur 
betont werden, daß die Neigung, das Theoretische dem Prak- 
tischen und insbesondere das Logische dem Ethischen unter- 
zuordnen und das letzte Kriterium aller theoretischen Wahr- 
heit im Sittengesetz zu suchen, aach achon in den früheren 



2. Kapitel. Alltcmeiae Geac hiebte dw Logik. 135 

Waiea, namentlich in dem System der Sittenlehre (1798), 

oft scharf heryortritt. 

Za den logiKheo Waken, w^be aus Fichles Schule hervorfCMiigen 
sn^febann: GoltLErnstAug. Uehmel (1761— lUO), Vetsoch eioef 
bHVendiahschea Daretellung der Philosophie zur ErleichlcniDS ihres Stu-. 
iSiDiis, 1. Heft: Theorie des VorsteUimgsvennögeDS als elementare Grundlage 
dtr Riilosophie, Erlangen 1797 (auf einem 2. Titelblatt; Versuch einer voll- 
stlDdigen Theorie des Votstellungsrennögens als elementare Grunctlage der 
nidoHiihie>); Versuch einer voUstlndigen analytischen Denldebre als Vor- 
pkäosophie und im Geiste der Philosopliie, namentt g 18 u. 19, Erlangen 
ISB; Job. Baptista Schad (17Eie~aeU}, Keuer GrundriB der transzen- 
•imUlen Logik und Metaphysik nach den Pr^zipien der WisBeDschaftdehre, 
lau o. Leipzig 1804 u- Institutiones philosophiae universae, Bd. 1: logicam 
canvkctens, Charkow u. Halle 1812*; Gottlob Christian Friedr, 
Cischhaher (1779—1626), Lehrbuch der Logik, Stutig. 1818; Cliriatian 
Weis (1774 — 1868), Lehrbuch der Logik nebst einer Einl. zur Philosophie 
libeilisupt und bes; zu der bisherigen Uetaphysik, Leipzig 1801 (vieU&cb Ab- 
wacfaungen von Fichte, in der Vorrede und zum SchluB in g 342 eiue .4n- 
tüsdigunK einn ganz neuen Wendung seiner pbilos. Denkart im Sinne des 
ins. Büciertscben „Realismus"); Aug. Ernst Umbreit, System der 
Utik, fieidelbeig 18BS (vgl. namena S & u- S 10 fl.)- 

Kit Fichte stimmt in einem wesentlichen Punkte auch Anton 
GQnlber (1783—1868, Gesammelte Schrillen, Wien ISBl) bberein, insofcm 
tr den Grand aller GewiBheit in der Identit&t von Denken und Sein im Ich 
lAchirnseti zn kfinnen glaubt und zwar nur in dem absoluten (gCtt- 
üchca} Ich. Zu einer lolgerichtigen Enlwickhing der logischen GewiBheit (Ur 
du indiriduelle Ich ist Günther nicht gelangt Die Kategorieolehre verdankt 
ibm manche wichtige Anregungen. Ihm steht nahe W i 1 h. K a u 1 i c h (gesL 
ISBl, Handbuch der Logik, Prag 1869). In dieselbe Entwicklungsreihc gehören 
uKh Martin Deutinger (1816—64', Oruodlinien e. pos. Philosophie etc., 
Hegensburg 18(3—1849, Teil 3, Denklehre, Bd. »), Job. Heinr. Löwe 
'jest. IfiSg, Lehrb. der Logik, Wien 1881) und Georg Neudecker (geb. 
18M). Letzterer betrachtet in seiner Grundlegung der reinen Logik (WQrz- 
tmg 1882) das Selbslbewufitsein des individuellen Ichs, in dem daa Besondere 
BBt seinem Allgemeinen und das Sein mit dem Denken unmittelbar zusammen- 
Unit, als die Grundlage aller GewiBheit der Eifcenntnis (vgl. z. B. L. c St 2S). 

$36. SehelUnK. Sehlelermaelter. Friedr. Wilh. Joa. 
SchellingO (1775 — 1854) lehrt bekamitlich — wenigstens 
in seinen Hauptwerken ans den Jahren 1800 — 1802 — , daß 
die Vernunft die totale Indifferenz des Subjektiven und Ob- 

n der Vorrede auch seine Beziehungen 

1) System des Iranuendentalen Ideahsmus, TObingen 1800 (^mlL 
Vtikc, Stuttgart-Augaburi ISG8, Bd. 8, S. 327); Vorlesungen Ober die Methode 
detatad. Stud-, Stuttgart u. TQbii««i 1808 (S&mtl. Werte 180», B4 &, S.207), 
uninilL Vori. 4 u. 6; System der geiomten FbiloBophie und dei Naturphilo- 



pgic 



136 I' ^'''- Abgrenzung und aUgemeioe Geschichte der Logik. 

jektiven, die „absolute Identität" ist („absolutes Identitäts- 
eystem" oder „objektiver Idealismus" im OegonBatz znm 
„änbjektiven" Fichtes). Außer ibr existiert nichts. Alles 
Erkennen ist Selbäterkennen. Je nachdem in der Identität 
des Snbjekt-ObjektB die Subjektivität oder die Objektivität 
überwiegt, ist die Vernunft „Geist" oder „Natur". In der 
'Anschauung sind Objekt nnd BegrifF identisch. Erst in der 
Reflexion (Abstraktion) werden beide getrennt Bie absolnte 
Identität enthält sowohl das Prinzip des Wissens (nicht n n r 
des Wissena, wie Fichte lehre) als auch dasjenige des Seine. 
Sie ist daher auch absolutes Bewußtsein oder Selbst- 
anschaunng. i)ie Grundsätze des Wissens und des Seine 
fallen somit zusammen. Die Logik im üblichen Sinne (als 
fonnale Logik) gehört, insofern sie nur einseitig die formalen 
Gesetze des Erkennens feststellt, „ganz zu den empirischen 
iVersuchen in der Philosophie" (V, S. 260); sie ist eine ganz 
empirische Doktrin, welche, die Gesetze des gemeinen ' Ver- 
Btandee als absolute aufstellt, also z. B. lehrt, daß von zwei 
kontradiktorisch entgegengesetzten Begriffen jedem Wesen 
nur einer zukomme, was nach Schelling „in der Sphäre der 
Endlichkeit seine vollkommene Bicbtigkeit hat, nicht aber in 
der Spekulation, die nur in der Gleicbsctsung Entgegwi- 
gesetzter ihren Anfang hat" (ibid. u. VI, S. 529). 

Die Grundsätze der Logik sind daher anch „nicht nn- 
bedingt", sondern ebenfalls von höheren Sätzen abzuleitwi. 
Sie entstehen „bloß dadurch, daß wir, was in den anderen 
bloß Form ist, selbst wieder zum Inhalt der Sätze machen; 
die Logik kann also überhaupt nur durch Abstraktion von 
bestimmten Gesetzen entstehen". „Ensteht sie auf wissen- 
»cbaftliche Art, so kann sie nur durch Abstraktion von 
den obersten Groudsätzen des Wissens entstehen, und da 
diese als Grundsätze hinwiederum selbst schon die 
logische Form voraussetzen, so müssen sie von der Art sein, 
daß in ihnen beides. Form und Gehalt, wechselseitig sich 
iwdingt nnd herbeiführt" (UI, S. 360). 

Die höchste oder absolute Erkenntnisart ist die intellek- 
tuelle Anschauung (Vemnnftanschanung). Sie entspricht 

eophie insbesonäere, ISOi (Sämtl. Weike 1860, Bd. 6, & IM, namentl auch 
S. blBB.y, D&ratelluns meines Systems der Philosophie, Ztachr. f. apA. 
Physik 1801, Bd. 2 (SftmU. Werke 1866, Bd. {. S. 106); Fernere I!>ar3{eIlu]ia«B 
a. d. Syst d. Philos., Neue Ztschr. i spek. Physik 18061 Bd. 1 (SioAX. Weft» 
Iföe, Bd. *, S. 93^; Bruno, BerUn 180B (ebenda S. 21S, namena S. OBtL). 



.OOC^IC 



2. KaintaL ADgemeUie GeschJcble der Lo^ 137 

der reinen sreometriBchea Anfichaunng aof dem Gebiete der 
Kitliematlk. Wie diese ist sie „etwas Entschiedenes und 
vorüber kein Zweifel statuiert oder Erklärung nötig ge- 
fmdeo wird. Sie ist das, was schleohthin und ohne alle 
Fcvdemng vorausgesetzt wird, und kann in dieser Bücksicht 
nidit eimnal Postulat der Hiilosophie heÜten" (IV, 8. 361). 
Die luunittelbare Erkenntnis des Absoluten ist „das Frinsip 
und der Grund der Möglichkeit aller Philosophie" UV, S. 36^. 
Die Bedingung dieser unmittelbaren Evidenz ist: Einheit des 
Wesens und der Form. Änsdrücklich verwahrt sich Seh. da- 
fingen, daß man dabei etwa an „das bloß logische Gesetz der 
Identität" denke, „welches, wie die Logik selbst, eine bloße 
Verstandeslehre Bei"* und „anch nur den analysierenden Ver- 
stand bestimme"; es handle sich vielmehr um das „Vemnnft- 
geeetz der Identität, in Ansehung dessen der Gegensatz des 
Analytischen und Synthetischen selbst nicht existiere, und 
velches einziges Prinzip aller konstruktiven und demonstra- 
tiven Erkenntnis sei" (TV, S. 345). Die philosophische 
Methode ist daher auch weder synthetisch noch analytisch, 
fiondem die Philosophie bat nur die eine „absolute Methode". 
Die höchste Erkenntnis (= Vernunft) ist diejenige, worin die 
Oleichheit des Subjekts und Objekts selbst erkannt wird oder 
njene ewige Gleichheit sich selbst erkennt" (VI, S. 141 u. 
497 ff.). Jede Erkenntnis ist daher wahr, wenn sie mittelbar 
oder unmittelbar die absolute Identität des Objektiven und 
Snbjektiven ausdruckt 

Vom Standpunkt ScbeUinn siad folgedde logische Werke verfaBl; 
Georg Michael Klein (1776—1830), Verstandeaiehre, Baroberg 1810'. 

3. Aufl. (Anscbauungs- und Denklebn), Bamberg^Wflrzburg iS18. 
Franz ignazThanaer (1770--18S6], L^rbuch dei* tbeoreL Philosophie. 

Teil 1, Salzbuis 1811 u. Handbuch der Vorbereitung u. Einleitung cum 

selbsUnd. wiss. Slud. besonders der Philosophie, 1. formaler Teil: Di« 

Deoklebre, Uflnchen 1807 >). 
linaz Faul Vitalia Trozler (17afr-^lSe6). Naturlehre des inenschl. 

Eikennens, Aarau 1S2S (nameDlL S. 19 IT., 149 iL, 209 If.) und Logik, die 

Wissenschaft des Denkens uod Kritik aller EAenntnis etc., Stultaait- 

TUlMcgen 1899/30'). 

*) Nebentitel: Lehifouch der Logik nüt isagogischen\ Beme Aungen Ober 
<^ ikad. Studium als (onnale Einteilung zur Philosophie (v^ namentL 
S. 36 o. 69). 

*i Ober »eioa dgrae Slallung gibt ar Teit 3, S. 181 1. AuAunft. Intar- 
c»a&t ist leiae Eiateilunf der zeitgeaCssiachen Logiker, ebenda S. 164. 



138 I' "^^I' Abcreazuos und aQgenwioe Oesehichte der Lofik. 

Job. Jftk. Wagner (177b~lMl), Orsuion der menschl. Eikennüüs, Ulm 

1861 (1. AuO. Eria9gen ISBO). 
Leonh. Rabus (geb. 1886), Lehrbuch d«r Logik in neuer Dustelluns usf., 
Eriauen 1868 (schliefil sichi an J. I. Wagner an; bezeichnet die Induktion 
als eine „Ausschreitung" der Logik, % \0i); Logik und Metaphysik, 
Erlangeu 1868; Die neuesten Bestreb, aut dem Gebiete der Log. bei d. 
Deutschen u. d. logische Frage, Erlangen 1880; Logik und Srstem der 
Wissenschaften, Erlaogen-Leipzig 18Ö6, zugleich Bd. 2 des LchA. z. Ein- 
leit. in die Phil osophie {nam. S. 66; auch viele historische AnknQi:du&gen]. 
Wilh. Joseph Anton Werber (1788 toder 1800] bia 1878), Die Uhte 

von der menschlichen EAenntnis etc., Karlsruhe- Freiburg 1S41. 
Franz Anl. NOBlein (1776—1832), Gnmdlinien der Logik zum Ge- 
brauche bei Vorlesungen nebst einem Anhange: BegriO und Einteilung 
der Philosophie elc, Bamberg 1824, namenll. S. 17 (§ 36) u. Anhang 
S. ab (§ 37 *). 

Etwas femer steht der Schellingschen Lehre Karl Christian 
Friedrich Krause °) (1781— 188S), der überdies namentlich in seinen 
späteren Schriften stark unter den EinfluB Hegels geriet. Schelfings intel- 
lektuelle Anschauung kehrt bei ihm als „Wesensschauung" wieder. Die Selbst- 
schauung des Ich als Leib weist auf die Natur als das zugehörige Ganze, die 
Selfastscbauung des Ich als Geist auf die Vernunft ab das zugehörige Ganze 
hin. Beide zusammen weisen auf ein „Urwesen" bin. Difl Schauung „Wesen 
oder Gott" bildet den AbschluS. Diejenigen philosophischen Disziplinen, 
welche untersuchen, was „Wesen an sich" ist, sind nach Krause die formalen 
DisziplineD oder „W e s e n hsttslehren" im Gegensatz zu den materialen 
Disziplinen oder „Wesen lehren", die untersuchen, was Gott „in neb und 
unter sich" ist. Zu den Wesenheitslebren gehört neben der Mathematik 
auch die Logik. Die Wesenheiten bilden ein System von Kategorien, welche 
Krause mit Kant anerkennt, aber wesentlich anders gliedert (GrundriB S. 33). 
Die Logik als Wissenschaft vom menschlichen Eikennen (Ericenntnis- 04«" 
Erkennlehre, AbriS g 1 u. 4) hat einerseits analytisch (historisch) das Denken 
zu beschreiben und andrerseits die objektive Gültigkeit der Denkfonn«i und 
Denkgesetze darzutun. Hiemach unterscheidet Kt. eine analytische oder 
histnische und eine synthetische oder metaphy^sche oder philosophische 
(a stf.) Logik. Manche neuere logizislische Lehren (vgl. g 46) werden hier 
bereits vorgetragen. Entsprechend seiner Lehre von der „Uathesis" als 
der allgemeinen Wissenschaft des Erstwesentlichen (Lehre v. EA., Encykl 
S 8, S. 466) verstattet er der mathematischen, speziell der geometrischen Ver- 
bildlichung des Logischen einen breiten Raum. 



*) In manchen Funkien weicht NoSlein übrigens erheblich von ScheJ- 
ting ab. 

') Hauptwerke auf logischem Gebiet: Vorlesungen über das Syston der 
Philosophie, Gott 1828 S. asaff.; Vorles. über synthetische Logik, Lpz. 18S<; 
AbriB des Systems der Logik als Philosoph, Wissenschaff nebst der meta- 
physischen Grundlage der Logik und einer neuen schematischen Bezeichnunc 
der Formen der Urteile und der Syllogismen etc., ISSG^ 2. Ausg. Qottingen 
1828; GrandriB der histor.'Logik für Voriesungen, Jena-Leipzig 1808; Vor- 
ksunsen Ober die Grundwahrheiten der Wissensdiaft etc., QOttingen 1829, 
namentl. S. 181 — SM; Die Lehre vom Erkennen und von der Erkenntnis, als 
erste fiinleit in die Wiswiiach. (postum), QCUincen 1880. 



OgIC 



2. Eaintel. AIlfaimDe Geschichte der Loirik. ]39 

&II KrauMS Lehren knüirflen dann wcitertiiD Guillauine Tiber- 
lbitn(1819 — 1901, nanieDUich Ia^uc, la tcience de U comtaissance, Paris 
Iffi'.md Essai Uitoriquc et historiquc sur 1> tfafraüon des eonnaissuices 
ktnamn ete., Bmx. 1844, nam. S. B6ft. u. 76 R.; Tgl. Aber ihn L. du Roua- 
sn, Her. ntescol. 190S, Bd. 9, S. aB6) und Heinr. Simon Linde- 
■ iDD (1807—1866. Die Denfckunde oder Logik, Sololhurn 1B(6, ntmentl. 
1130.), MTie iD Spanien Inlian Sanz del Rio (Doctrinal de lotica 

Eine eiientomliche, lum Teil weit abweichende Weiterbildung der 
Schdlraneheii Auffassung Tertochlen auf logischem Gebiet auch Benedikt 
Fraoz Xaver t. Baader*) (1766—1841) und sein Schaler Franz 
Hoffmaan'} (1804—1681]. Sie stellten der theosophischen Losik als dem 
rrtiiJd eine anthroposophische als ihr Abbild gegenDber. Die Logik ist, wie 
li^ in Übereinstimmung mit Fichte, SchelUng und Hegel lehren, nichl bloBe 
Jkenltformen Wissenschaft", sondern als „Erkenntniswissenscfaatl" auch 
fnbiEts Wissenschaft. Sie ist also metaphysisch, umfaßt aber nicht wie 
bei Hege] (s. unten) die g a n z e Metaphysik. Die Lehre von Gott lillt gleich- 
hVs in das Gebiet der Logik, wenigstens derjenige Teil, welcher Gott als das 
al<9olat erkennende Wesen darstellt Hierin liegt aber die Aufgabe der „theo- 
uphischen" Logik. Die wahre Logik ist notwendig christlich; denn die 
Takttwit kann nicht ohne die Vermittlung der Wahrheit, d. b. des absoluten 
Götti gehmden werden, und Gott ist als Logos oder Gotlsohn Vermiltler fOr 
du menschliche Erkennen. 

Noch phan laslisch er ist das „System der positiven Logik" (Erlangen 
IMl) Ton Emil Aug. t. Schaden (1814—1862), das Obrigens auch 
■ttDche wertTolle Anregungen gqeben hat (z. B. scharfe Betonung des flkUven 
Quuakters der Ealegorien, L c. S. 6; andrerseits ZurOckführung altes Seica 
Bsd Werdens einschlieSlich der Logik auf die Kegetgestalt). 

Die bedeutendste ÄasgeatalttiDg der logischen Prinzipien 
Schellings bietet sich «ndlich in der Dialektik Friedr. 
Dan. Ernst Sehleiermachers') (1768—1834) dar. 

*) Fennenta cognitionis, Heft 1—6 Berlin 1GQ2-^S4, Heft 8 Leipzig 1825 
(SifflU. WeAe Leipzig 1861 ff., Bd. 2, 5. 137—442); Ober den EinfluB der 
Zachen der Gedanken auf deren Erzeugung und Gestaltung, Sonkordia 
1830/31, Heft 2 (Säratl. WeAe Bd. 2, S. 126; kuQpfl an L. Gl. de St. Martins 
Sdmfl Ober denselben Gegenstand y. J. 1799 an). Vor Baader fast schon 
f^iedrich T. Schlegel (1773—1^4) eine theosophisch gerichtete Logik in seinen 
lUlosoidüschen Vorlesungen aus den Jahren 1804—1806 (aus dem Nachlaß 
kenusgegeben Ton C. J. H. Windiachmann, Bd. 1, Bonn 1886, S. 1—227, s. 
auch Bd. 2, 1(07, S. 406-i*10) vertreten. 

^ Gnindrifi der reinen aUgem. Logä, 2. Aufl., WOrzburg 1866; Gnind- 
ztge ^er Geschichte des BegriBs der Logik in Deutschland von Sant bis 
Biader, Lnpzig 1661 (Vorrede u. Einl. zu Baaders Weiken). Der Baaderachen 
Sitele nihert sich in vielen Punkten auch KarIPhitippFischer (1807 
Us 1886): GrundzDge des Systems der Philos. od. Enzykloplidie der philos. 
Wäsenschaften, Bd. 1 GrundzOge der Logik u. Philos. der Natur, Erlangen 
181^ S. SB— 168 u. Bd. 2, I.Abt., 1850, S. 887 8., sowie Hart in Katzen - 
berger. Die Qnmdfngen der Logik, Leipzig 1868 (siehe ■. B. § 66). 

*) Von L. Jonas in Bd. 2, Abt. 2 des UterariachcD Nachlasses, Berhn 
UM ^ Bd. 4, Teil 2 der sftmtl. Werke) herausgegeben. Siehe auch Hslpem, 

„.,,„, ^.oogic 



140 ^ ^^ Abireozang und allgemetoe Gescbicbte der Loiik. 

Nach Schi, ist Logik, formale Philosophie ohne Metaphysikt 
transeeiidentale Philosophie, keine Wissenschaft; Sein und 
Wissen kommen nar in einer Beihe von Terknäpft«n Er- 
scheinnngen vor (^ 15 n. 16). Die ,J)ialektik" ist das 
„Organon des Wissens, d. h. der Sitz aller Formeln seiner 
Eonstroktion" und „das Mittel, sich üher jedes einzelne als 
Wiesen Gegrebene zu orientieren durch Änknüpfonfr an die 
zur Klarheit gebrachten letzten Prinzipien alles Wissens . . ." 
(% 51b, 52, 17). „Wissen" ist dasjenige Denken, „welches 
vorgestellt wird mit der Notwendigkeit, daß es von all^n 
Duikensfähigen auf dieselbe Weise produziert werde, und 
welches vorgestellt wird als einem Sein, dem darin gedachten, 
entsprechend*' (^ 87 u. 238). Da wir im Selbstbewußtsein 
zQgleich Denken imd Gedachtes sind, ist die absolute Ver- 
schiedenartigkeit und Inkommensurabilität dea Gedankens 
und des Seins kein triftiges Bedenken gegen die gegebene 
Definition des Wissens (^ 101). Das Eorrespondieren des 
Denkens nnd Seins ist durch die reale Beziehung, in der die 
Totalität des Seins mit der Organisation steht, vermittelt 
(% 106). Das Denken zerfällt in drei Gebiete: das eigentliche 
Denken mit überwiegender Vemunfttätigkeit und anhangen- 
der organischer, das Wahrnehmen -mit überwiegender oma- 
nischer und anhangender rationaler und das Anschauen mit 
dem Gleichgewicht beider (^ 115). In allem Denken ist die 
Vemunfttätigkeit die Quelle der Einheit und Vielheit, die 
organische Tätigkeit die Qnelle der Mannigfaltigkeit (^ 118). 
Die Gemeinsamkeit der Erfahrung und der Prinzipien sind 
mit der Idee des Wissens gesetzt. In Wirklichkeit gibt es 
also kein reines Wissen, wir müssen nur hinter der Differenz 
des gesonderten Wissens eine allgemeine Identität notwendig 
yoraossetzen (§ 122 ff.). Die Vemunfttätigkeit ist im Idealen, 
die organische Tätigkeit als abhängig von den Einwirkungen 
der Gegenstände im Realen gegründet. Ideales und Böales 
laufen parallel nebeneinander fort als Modi des Seins. Das 
Ideale im Sein ist dasjenige, was Prinzip aller Vemnnf ttätig- 
keit ist, inwiefern diese durchaus nicht von der organischen 
Tätigkeit abstammt, und dos Reale dasjenige, vermöge dessen 



Enlwii^iuigsgang der Schleiennach ersehen Dialektik, Atch. f.Qesch.d.PhilM. 
laoi, Bd. 14, S. 210 und Georg Fr. L. WeiBenbom (tbI. S. 146), VorienuKen 
Ober Schleiermachera Dialektik und Dogmalik, 1. Teil Darstelluo« und Eiitik 
der Schleiermacherxheii Dialektik, Leipzis 1M7, Damena S. 1—187 u. SSSfl. 



OgIC 



2. Kapitel. AIlcaneiDe Geschichte der L(«ik. 141 

€8 fämp der or^aniBchen Tätigkeit ist, iawiefem diese 
AtreluQS nicht von der Vemtmfttätigkcrit abstammt (% 132tF.). 
Qm Tnnfixendentale ist sonach „die Idee des Seine an sich 
niter zwei entgegengiesetzten nnd sich anfeinander beziehen- 
dBD Arten oder Formen Tind modis, dem idealen nnd realen, 
ah Bedingnngr der Bealität des Wissens" i% 1'36). Die Idee 
des ftbeointen Seins als Identit&t von Begriff nnd Gegenstand 
ist Bellwt kein Wissen, aber der transzendentale Gnmd nnd 
die Form alles Wissens (§ 153, 154). Begriff nnd urteil sind 
die einzigen Formen des Denkens (^ 138). Beide setzen sich 
gtgeiiBeitig vorans (% 140 ff. n. 233). Die Unterscheidung 
iwiscben analytischen nnd synthetischea Urteilen ist daher 
nielit aafreoht zn erhalten (^ 155). 

Li dem zweiten oder „technischen" Teil (^ 230 ff.) legt 
San gpoBee Gewicht auf die Untersnchong der Idee des 
WisBens in der* Bewegung, d. h. im Werden. Da das reine 
Senken nor ans dem bedingten entsteht, mnß man an den 
hrtum anknüpfen and sich doch vom Irrtum frei halten. Den 
[rrtam selbst betrachtet Schi, als eine onvermeidliche Sünde. 
Auf weitere Binzelansfühmngen Schleiermachers wird in 
dem speziellen Teil zurückgekommen werden. 

Schleiennacfaera EinlluB auf die Weiterentwicklung der LcBik in 
DntKhknd ist verhiltaismiBi« btdB Kewesen. Unmiltelbar schlieBen sich 
AniuBt Hcinr, Ritler (1791—1869) und Franz Vorländer (1806 
lis ISIT) aa ihn an. Von Rilter kommen namentlich in Betracht: Vor- 
'tMotta zur Einleitung in die Logik, Berlin 1828; Abriß der philos. Logik, 
Berlin 18M (2. Aufl. 18S9}, namenll. S. 1—39 a «—186; System der Logik 
lud HeUphysik, 2 Bde., GOltingen 1866 und Enzyklop. der philoa. Wissen- 
KMen, Bd. 1, GOttingcu 1862 (namenlL S. 297 tf.); von Vorlander: Grund- 
'iaiea einer org. Wissenschaft der mensch). Seele, Beriin IMl, namenU. 
S-HOD. und Wissenschalt der Erkeimtnis, Marburg-Leipzig 1847. 

Sehleiennacher steht auch nahe Aug. Detlev Christian 
^«esten (1789—1865), dessen J.ogik, insbesondere die Analytik" {Schles- 
wig ISSb') jedoch vor dem Erscheinen der Schleiermacherschen Dialektik 
»wMentlicbt ist (vgl. Vorrede XXXDC) und auch viel Eigenartiges enthalt. 
So UEleracheidet er eine „anairtische Logik", die „mehr zu einer in sich ein- 
^tamiien und konsequenten Entwicklung schon vorhandener als zur Grzeu- 
twt neuer EAenntnisse fQhrt" und eine „synthetische Logik", der „die Bil- 
iiiot (Synthesis) auch solcher Begriffe, Urteile und Erkenntnisse, die nicht als 
*l»n «geben vorausgesetit werden" (S. XXVI u. § 19 ff. u. 261 ff), obliegt. 

S 37. Hegel. Inzwischen hatte lange Zeit vor der Ver- 
öffentlichung des postumen Werks von Schleiermacher die 

*) Aufierdem GnindriB der analytischen Logik, Kiel 1634 (Auszug aus 
^Äaptw<A}. 



i,l^.OOglc 



\42 '■ ^'>'- Abgrenzunt und ftUcemeine Gexhichte dei LoEik. | 

Logik durch Georg Wilhelm Friedrich Hegel*) I 
(1770—1831) im AnachlaB an Fichte and SchellingB fräfaere 
Werke nochmals eine entschieden metaphysische Wendnng 
genommen. Hegel lehrt, z. T. wohl in ÄUHchluß an Chri- 
Btoph Gottfried Bardili') (1761—1808), daß sowohl 
der Weltgeiat bzw. die Menschheit wie das einzelne Subjekt 
drei Hauptstafen der Entwicklung durchlauft: BewuStsein, 
SelbsthewnBtsein and Vernunft, welch letztere sich nochmals 
in vier Stufen gliedert: Vernunft s. str., Geiet (als sittlicher 
Geist), Religion und absolutes Wissen, in dem Wahrheit und 
Gewißheit, Inhait und Form der Erkenntnis zusammenfallen 
(III, 28 u. 35)^ Die Logik steht jenseits des Gegensatsee 
zwischen „Sache" und „Gedanken", Inhalt und Fonn. Sie ist 
daher durchaus nicht etwa eine formale) Wissenschaft, son- 
dern die Wissenschaft des reinen Denkens, der absolaten 
Wahrheit, wie sie ohne Hülle an und für sich selbst ist Die 
Logik bedarf daher, lirn dieser ihrer eigentlichen inhalt- 
lichen Aufgabe gerecht zu werden, einer „totalen Um- j 
arbeitung". Die Methode, durch welche sie ifare Aufgabe löst, 
ist die „d i a 1 e4 tische" (im prägnanten Sinne Hegels) and 
besteht in einer „inneren Selbstbewegung" des Denkinhalt«. 
Indem eine „Gestalt des Bewußtseins sich in ihrer Beali- 

■) Für die Losik kommen aamenUIcb in iktiachl: PMaomeDolosie d«3 
GeisUa, Bunburg-Würzbucs 1807 (S&mU. Werke, Bd. 2); Wisaeoschaft der 
Losik, NQmberg 1612 u. 1816 (Simtt. We^e, Bd. 3—0), 2. AutL 1833— IS»; 
Euzvklop&die der philoMuh. WissenscbalLen im Giundrisse, Heideiben ISl^ 
aAua 182P, 3,Aun. isao, Teül. Wissensch. der Logik (SimtL Werke, Bift 
hier von L. v. Henning mit Zus&tzen aus Hegelschea Vorlesungaiieflen und 
Nackschrilten der Zuhörer berauagegeben)! PropJLdeutik (S&mtliche Weik^ 
Bd. IS, nach fainterlassenen Heften usf. von Itosenkiauz herauagegeben). 
Unter den Scbriften über Hegels Logik sind am wichtigsten: Kuno Fiäcber, 
Hegels Leben, Werke u. Lehie, Heidelberg 190i; oamenU. TeU 1, S. i3»B.; 
AI. Sdunid, EDl^icLelungsgbsich, oer Hegeischen Logik^ Begensburg ISbS; 
Georges Noei. La logique de Hegel, Paris 1687; McTaggäit, A commeulan' 
an Hegels logic, Cambridge 1910 Cs- auch Mind 1693, S. 56) u. Sludics in 
(he Hegelian üialectic, (lambridge 1896; E. B. UcGilvan'; I'he dialectical 
method, Mind, Bd. 7. 1699, S. 560.; Ad. Trendelenburg, Die log. Frage ia 
Hegels System, I^ipzig 1843; Ed. v. Hartmann, Über die dialekl. Uelbode, 
Berlin 186Et 2. Aufl., Sachsa 1910; J. Stuhrmann, Die Wurzeln der Ilegel- 
schen Logik bei Kant 1887. Der 3. Bd. der WW. wird nach d. 2. Aufl. zitiert. 

') Grundrüt der Ersten Logik, gereiniget von den Irrtümern bisheriger 
Logiken überhaupt, der Eantisdien in^Ksondere etc., Stuttgart 1800 (TgL 
z. B. S. 3 u. 33Bff.); Philosophische Elementarlehre etc., Landshul iSOS, 
Heft 2, tetn nameoU. 1, ISait. u. % 1430.; Beitrag z. BeuileUung d. gegeDV. 
ZuBtandes der Verannftlebre etc., Laudsbut \iSI33. 

„.,,„, ^.oogic 



aKwtel. Allfaneiiw Geschichte der Logik. 143 

täenn^ zugleich selbst aoflösf", negiert sie sich Belbst, aber 
dÜM Negation bedeutet nicht die Äuflösuog in ein abstraktes 
Nichts, sondern onr die Negation eines besonderen In- 
Mta nnd damit die Erhebung des negierten Begr;ifles auf 
One liöbere Stufe: er wird zur Einheit seiner selbst und seines 
Entgegengesetzten. Das Negative also „macht das wahrhaft 
Dijüektische aus" (III, 43), in ihm als dem .J^assen des Ent- 
gegengesetzten in seiner Einheit" (des Positiven im Xega- 
tivtfo) besteht das Spekolative. Dos System der Logik ist 
^e Welt der einfachen Wesenheiten, von aller sinnlichen 
Efmkretion befreit". In der Logik ist der Gegensatz zwischen 
Snbjekt und Objekt überwunden: „das Sein wird als reiner 
fi^riff an sich selbst und der reine Begriff als das wahrhafte 
Sein gewuflt". Indem sie einerseits den Begriff an sich als 
Sein nnd andrerseits den Begriff als Begriff untersucht, zer- 
fiUtt sie in objektive und subjektive Logik. Zwischen der 
Lehre vwn Begriff und der Lehre vom Sein steht inmitten 
die Lehre tmu „Wesen" (III, 52 u. IV, 3 ff.). Die objektive 
Logik entspricht zum Teil der transzendentalen Ix^ik Kants, 
mnfaBt aber anch die Ontologie sowie die gesamte Meta- 
physik'). Das Denken ist eben mit dem Sein nach Hegel 
idaitisch. 

Mau könnte nun erwarten, datt die subjektive Logik 
Hegels wenigstens im allgemeinen das Gebiet der formalen 
Logik ütt unserem Sinne) behandeln werde. In der Tat aber 
gliedert sie sich nochmals in drei Abschnitte, betitelt „die 
Sabjektivität", „die Objektivität" nnd „die Idee". Der Be- 
griff ist nämlich auf einer niederen Stufe nur ein s u b j e k - 

') Hegels Definitionen und Einteilungen der Logik »linunen in aeineu 
■'erachiedenen Weiten nicht oberein. Namentlich in der Propädeutik und 
in der EnzTUopSdie d. pbilos. Wissensch., die allerdings beide von Uenos- 
Rbera erst zusttnunengestellt worden sind, finden sich manche Alnrei- 
diiingen- In der ersleien werden als Inhalt der Logik ansegeben „die 
ciientfUnlicbea Bestimmungen des Denkens selbst, die gar keinen anderen 
Gnmd ala das Denken haben" (XVIU, 91 ff.). Der Gedanken, heißt es 
*eiler, sind dreieriei: 1. die Kategorien, 2. die Heflezionsbestiranungen, 
3- die BegriOe. Die beiden ersteren behandelt „die objektive Logik in der 
Hetapbrsik", die letzteren die „eigentliche oder aubjeklive" Logik. Spiter 
fXVQI, UV) wird die l«gik eingeteilt in ontologische Logi^ subjektire 
I^k und Ideenlehie. Die ontolog. Logik ist das System der feinen Be- 
nitle dea Seienden, lUe lul^. Logik das Sistem der reinen Begriffe des All- 
nraeineD, und die Ideenlehia „enthUl den BegriH der Wisaenachaft". Vgl. 
uefa XVm. 1*8; U, 21Si VI, IWtt, lUfl.. SIAH.; UI, U. 

„.,.,, :,>..OO^SIC 



144 '- l*^'- AbgreDttin« und «IlgemeiDC Geschidile dei Logik. 

tives Denken, eine „der Sache äoBerliche Reflexion" und 
dab«r nnr der formelle Begriff (V, 32). Auf einer höheren 
Stnfe wird die Trennung dee Begriffs von der Sache anf- 
g«hoben, nnd die darana hervorgebende Totalität (Einheit 
ist der objektive Begriff, nnd dieser objektive, mjt der 
Sache identische Begriff mnB sich endlich nnn nochmals „al& 
die Seele des objektiven Daseioe die Form der Subjektivität 
geben, die er als formeller Begriff unmittelbar schon gehabt 
hatte, nnd so macht er nnn die Identität mit der Objektivität, 
die er an nnd für sich als objektiver Begriff hat, „zu einer 
aneh gesetzten", womit die Stnfe der „I d e e", „der sich selbst 
enthäuten Wahrheit" gegeben ist. IHwas abgekürzt könnte 
man die drei Stufen auch bezeichnen als: reine Vorstellang' 
— Vorstellung mit Sache identisch — Vorstellnng sich in 
ihrer Identität mit der Sache vorstellend (setzend). 

Hier ist nicht der Ort, diese seltsame Snplikation nnd 
Rücklänfigkeit des Prozesses zn' kritisieren, ich beschränke 
mich daher daranf, zn bemerken, daß die Lehre von der 
Objektivität nichts mit der Logik in unserem Sinne zu tnn 
hat, sondern „Mechanismns", „Chemismus" und „Teleologie" 
behandelt, nnd daB anoh die Lehre von der Idee auBer der 
Idee des Erkennens (Idee des Wahren und Idee des Guten) 
auch „das Leben" nnd „die absolute Idee" erörtert. Für die- 
formale Logik bleibt sonach im wesentlichen nur der „die- 
Subjektivität" behandelnde Abschnitt der subjektiven Logik. 
Wie hier Hegel verflacht hat seine ootologische Auffassang 
des Logischen im einzelnen durchzuführen, wird, soweit er- 
forderlich, im speziellen Teil an passender Stelle angegeben 
werden. Es mufi nur noch ausdrücklich betont werden, daß dia- 
logischen Lehren Hegels in seinen Hauptwerken und deren 
einzelnen Aufl^en keineswegs vollkommen übereinstimmen 
nnd selbst innerhalb eines nnd desselben Werkes Wider- . 
Sprüche nicht fehlen (z. R auch bezüglich der Begriffs- 
bestimmung der Logik selbst, b. oben S. 143, Anm. 3). 

Die logischen Lehren Heg«ls fanden weit mehrf als die- 
jenigen Fichtes und Schellings unmittelbare Beachtung und 
Weiterbildung. Die vollständige Loslösnng des Logischen 
von der Psycholof^e, insbesondere von der Empfindnngslehre, 
die stärkere Berücksichtigung der sog. Oeisteswiasenschaften 
und die eindringliche Hervorhebung des Prinzips der histo- 
rischen Entwicklung waren auch für viele annehmbar, die 
das metaphysische System Hegels gar nicht oder nur sehr 

„.,,„,^.oogic 



2. Kapitel. AUfemeine GescUchU der Loiik. 145 

oBfaclinmkt gelten lieBeoi. Die wichtigsten Schfiler nod 
Aabinger Hegels auf It^iBohem Gebiete sind : 
IliaddaenB Anselm Risner (1760—1886): Aphorismen aus der 
Monpliie etc., Landshnt 1809 (S. 4£ff.}. 3- AufL Sukbacb 1818 untir 
d. Titel j^boriKneD der sesaioten Philos.", namentL 1. fiaadchen: 
lein-lbeorel. Philos., S. 18B. u. 230. (R. scheint Obncsns zu seinen 
Hauptkhren unabhängig von Hecel gekommen zu sein, betont aber 
selM seine Übereinstimmuns mit ihm in der Vorrede; z. Teil n&bert 
er lieh auch Scfaelling). 

Geori Andr. Qabler (178S— 18C6): Lehrb. d. Philosoph. Propädeutik 
als EiDl. z. WissenKb., 1. Abt. Kritik des BewuBta, Erlanceo 1687, 
neu herausseg. Leiden 1901. 

Hcimanu Friedr. Wilh. Uinricba (17W— 1861): Orundliaien der 
Fbiknophie der Logik, BaBe 1826; Die Genesb des Wissens, 1. Teil, 
Heidelberg 1S35. 

JeL George Mufimann (1798—1883): Grundlinien der Logik und Dia- 
lektik, Berlin 1S£8; De logicae ac dialecticae notione historica, Berol. 
el Ral. läse (sp&ter Qbrigens oft von Hegel abweichend). 

Eni Ludwig Michelet (1801—1898): Esquisse de tegiciue, Paris 
18&6; Das System der Philosophie als exakter Wissenschaft, Berlin 
1876—1881; Rosenkranz' Wissenschaft der lodschen Idee, Der Ge- 
danke 1861, Bd. 1', S. SO«. 

Itinz Biese (1808—1895): Philosoph. PropideuUk. Berlin 1845 (vrI. 
auch S. SO). 

ich. Karl Friedr. Rosenkranz«) (180fr-187B): Die Modifikationen 
der Logik, abgeleitet aus dem Besrifi des Denkens (= 3. Teil der Stu- 
dien), Leipzig 1846 (für die Unterscheidung der logischen Richtungen 
nicbt unwichtig); System der Wissenscbalt, ein philosophisches En- 
cheiridion, Kfinigsbers 18&0, % ISiB.; Wissenschaft der logischen Idee 
[1- Toi MetaphTS., 2. Teil I*|ik u. Ideenlehre), Königsberg 1858/&9; 
Epilegomena zu meiner Wissenschaft der log. Idee, ebenda 1862 (vgl. 
namentlidi die Unterscheidung einer ,j]srchologischen" Logik von der 
spekulativen, S. 90. u. S. 24 Ober Abweichung von Hi«et). 

loh. Eduard Erdmann (ia0&-nl892) : Vorlesungen Ober Glauben u. 
Wissen etc., Berlin 1897, namentl. S. 139fi.; Grundriß der X«gik u. 
MelaphTsik, Halle 18«, S. Aufl. 1«^ 6. Aufl. 1875. 

latl Friedr. Werder (1806— 18M): Logik, als Kommentar u. Ergfin- 
nmg zu Hegels Wissenschaft der Logik, 1. AbL, Berlin 1841 (S. 26 
J)ie Logik ist das "Spiel des Wissens mit ^ch selber, dos Wissen in 
seiner götUichen Freiheit"). 

Iiniz Job. Hanusch (Hanul) (1813—1869): Handbuch der wissen- 
KhaftL Denklehre, Lemberg 1848, 2. Aua Prag 1860 *. 

nnilav Biedermann*) (geb. 1815): 'fte Wissenscbaftslehrc, Leipzig 

*) Wilfa. Uartin Joachim Rosenkrantz (1821— d874), Jurist, schrieb 
üe „WisHenschaft des Wissens etc." (Bd. 1, Manchen 1866, Bd. % Mainz: 
IHB) Tom Scbellingscben Standpunkt Vgl. Hayd, Ztschr. f. Philos. u. philos. 
Siit. IB90, Bd. 97, a 26* u. 1881, Bd «8, S. 89. 

*) Auch der Schweizer Alois Emanuel Biedermann (1819—1886) stellt 
m Teil anl Hegelachem Boden. Seine Schriften sind iedoch vorzugsweise 
i)>Nte(iMhai Inhalts. 

ZithtB, Lahrback dm I««iL 10 



.oogic 



146 '- ^^ Absrenmng und ^teameias Geschichte der Logik. 

166fr— tSEOi DU 'WimeoBchaft des Geiites, Prag 1858— 1860^ Z AwD. 
(mir war nur diese zuianelich) 186% nuneaU. S. 60 0.; Kanls Kiitik 
der reinen Temunfl u. die Hegelache Logik, Prag 1869; Zur logischeD 
Frage, Prag 1870. 
Georg Friedr. Ludw. Weißenborn (1816—1874): Vorlesungen Ober 
Schlciermacbers Diaicfctik u. Oogmatik, 2 Teile, Leipzig 18(7 ü. 1849 
(vgl. S. 139, Anm. 8); Logik u. Metaphysik ete., Halle 19B0 v. 51 (be 
sondera bemerkenswert § 1 — 3, 7 a 26 H.). 
Guslav Ferd. Thaulow (1817—1^3): Kinlcitung in die Philosophie, 

Kiel 1862. 
ConradHermann (1818—1897): Die Sprachwissenschalt nach ihren 
ZuBamenhang tnil Logik, menschlicher Geistesbildung u. Philosophie, 
Leipzig 187&; Hegel u. die log. Frage der Philos. i. d. Gegenwart, Leip- 
zig 1878; Philosophische Granimatik, Leipzig 1868 (namentl. g 7, 8 u. Sl). 
Karl Christian Planck (1818^-1879) : Grundriß der Logik als krit 
Einleitong zur Wissenschaftslehre, Tübingen 1878 (entfernt ach n^- 
facb von Hegel): Log. Kausalgesetze etc., NOrdl. 1877, S. 1—107. 
Ernst Enno Berthold Fischer (183^—1907): Logik u. MeUphyK^ 
oder WiBSenachaftslehre, Heidelberg 1862 (vgl. namentlich S. XV u. 38 
fiber Fischers Stellung zu Hegel}, 2. Aufl. Syst. d. Log. u. Mclaph. etc.. 
Heidelberg 1889 (auch prinzipiell verändert), 3. Aufl., 1909. 
Fcrd. Job. Gottlieb Lassalle a82&— 186«): Die Hegeische und die 
Rosenkranzische Logik und die Grundlage der Hegeischen GescKichts- 
philosophie im Hegeischen System; Der Gedanke 18&1„ 1. Jafarg« Bd. 2. 
Nr. Sb, S. 1^ (betrachtet die Roseokranziscbe Logik als „Neo-Eantia- 
nisDius"). 
Adolf Lassen**), geb. tSSi: Vorbemerkungen zur Ericenntnistbeone. 
I^ilos. Monatshefte 188», Bd. 26, S. 513. 

Auch Christian Hermann Weiße (18D1— 186S, Über den 
gegenwärtigen Standpunkt der Philosoph. Wissenschaft, in besonderer Be- 
ziehung aul das System Hegri^ Leipzig 18S&) ging von Hegel aus, wandte 
sich aber später mehr und mehr von ihm ab. An Weiße und zum Teil 
auch an Lotze (vgl. § 47) schließt sich Rudolf Seydel an (1886— 189S. 
Logik oder Wissenschaft vom Wissen, Leipzig 1866) '. 

Eine Vermittlung zwischen Schleiermacher und Hegel versucht« 
Christian Jul. Braniss (1792-1873^ Die Logik in ihrem Vertiältnis 
zur Philosophie geschichtlich betrachtet, Berlin 1323; Grundriß der Logik. 
Breslau 1880; Die wissenschaftL Aufgabe der Gegenwart usw., Breslau 18*8. 
namentl. Vorles. 2). Die Logik ist nach Br. ,J}ar3tellung der Beziehung zwi- 
schen dem Denken und Sein". Letztere beiden sind an sich voneinander 
unabhängig, aber der .fesrifi" als ihre Beziehung aufeinander ist „dasjenige. 
worin beide einander berohren und eins sind". Die Logik ist also ,J)arslel- 
luns des Begrifls". Einen ähnliphen Vermittlungsversuch macht auf anderon 
Wege, zum Teil unter dem Einfluß von Trendelecburg (s. § 49). auch 
Leopold George (1811 — 1873) in seinem „System der Metaphrak" 
(Berlin 18U) und der ,X-oäk als WissenschaftsJehre" (Berlin 1868). EineB 
■kiektischen Standpunkt gegenüber den drei großen idealistischen Philo- 
sophen nimmt der Sohn des Verfassere der Wissenschattslehre Immanuel 

•) Vgl. B. G. Engel, Ad. Lassen als Logiker, Ztschr. f. Fhiloa. u. phOM 
Ertt. lOH Bd. leSi S. 9. 



2. Sapilel. Allsenwiiie Gescbicfate der Locik. 147 

fittnann t. Fichte (1796— 1B79> in winea „GrandzQfen zum System 
te rbkwapbie" ') (Abt. 1. Du EAennsn als SelbstarkeBnen, H«idelben 
m DunentL 8 ««— IfiS u. SCO-£QB u. AbL ^ laW, Die Ontolofie, im 
■rmntficbeii KatHMiBolehre) und Job. Erich v. Berger (177S— 18S^ 
in Minen „Allg. Gmodzagen sur Wissenschaft" (Bd 1, Analyse des Er- 
bonbiisirermfiffens, Allona 1817, s. auch g M) ein. 

loch im Aualand verschaBte sich die Uegdache Logik ziemlich rasch 
Euiang. Scbon Antonio Rosmini-Serb&ti (1797—1865) hatte sich 
In seinem Nnovo sasgio suU'origine delle idee (Ideolc«ia e logica, Roma 19B0, 
Müuu laas, zuletzt Intni 1S7&) und in dem postumen Saggio storio-critico 
alle calegorie e la dialettica (Torino 1888, namenll. S. 46ö> in manchen 
ftuASxD &n Hegel angeschlossen ■}, ebenso seine Schüler Giovanni 
Sattiala Peyretti in einem Saggio di logica geniale (Torino IBGO) 
•BdGiQseppe Allievo in den Saggi filoscdci (Hilano 1S66) und der 
Stbift LUegelianismo, la scienza e la vita (UÜano 1866). Eine Vermittlung 
nischen dem Thomismus und der Hegel- Rosminiscben Lehre versuchte 
Pietro Maria Ferr6 (Detii universali secondo la teoria ro»niniana etc., 
Unle 1880—188^. Weiter von U(«el entfernt ist die Logik von Vin- 
«enio Gioberti (1801-4868, Introduzione allo studio della flbatfia. 
Snodles 183B — 18M; Della protologia, postum Torino 1867). Demgegen- 
über begrOndete Augusto Vera (1S13 — ^188Gv Introduction k la philo- 
KEhie de Hegel, Paris 18E6; La k«ictue de Hegel, Paris 1869 u. a. m.) eine 
Henlache Schule strengster Observanz. Unter vielen anderen gehörte zu 
«iostlben auch Bertrando Spaventa (1817— 188S) in seiner Intni- 
dukme alle lezioni di fllosolia *) (Napoli 1863) und — allerdings nur in seiner 
«rden Periode — Antoliio Labriola (1813— 19M) in seiner Ditesa 
delU dialettica di Hegel (Napoli 1882). -An diese Richtung knüpfte weitertiin 
itt italienische Neubegelianismus an (vgl. § iB). 

In EngUnd machte William Wallace (184»— 1897) die HKelsche 
Lehre dunäi Ubeisetzunien seiner WeAe bekannt. Auch schrieb er selbst 
üne Logik vom Standpunkt Hegels (The logic of Heget Oidord 1879). Zu 
einem grODeren EinfluB gelangte jedoch hier erst die neuhegelsche Logik, 
^e ipUer zu be^irechen sein vird. In Amerika vurde die Hegeische Logik 
auch William T. Harris (Hegels logic, a book on the generis of thl^ 
caHgnies of the human mind. Chicago 1890) u. a. eingefOhrl. 

In Schweden vertrat Johann Jakob Borelius (1828~1908) ur- 
siMnglich den aKhegelschen Standpunkt (Om ideena förfa&llande tili verklig- 
heten, TJpsala 18(9; Lär^ok i den formella logiken, Kalmar 1869, mir nicht 
miiBglich), wich aber später wesentlich von denselben ab (Über dm Salz 
ia Vider^nichs und die Bedeutung der Negation Philos. Honatsh. 
18«, Bd. 17,' S. 886). — In Dänemark schrieb Job. Ludw. 

^ Andere fflr die Logik wichtige Schriften; De principiorum contntdic- 
lioBis, identitatia, exclusi tertii in logicis diguttate et ordine comm., Bonn 
IMO; BeitiHge zur Charakteristik der neueren Riilosophie etc., Sulzbach 
1929, 2. AufL iMl; Über Gegensalz, Wendepunkt und Ziel heutiger Philo- 
XBbie, Haidelbeis 1S33 (1. krit. Teil). 

') Vgl- Francesco de Sario, La logica di A. Rosmini ed i problemi della 
lotiea modmna, Roma 1898. 

■) S. auch Frammenti inediti, verötfentlidit von Oiov. Oenlile in La 
niom dcUa dialettica hegeliana, tleraina IBIS, S. 4ft— 71. 

10* 

„.,.,„,>..oo^sic 



248 I- '^'^ Abcrenzunc und allgmiaute Geschicbte der Locik. 

H e i b e r K einen Leitf&den zu Voriesunsen über spetulatne Logik int 
Hefeischen Sinn (vgl. audv tlber J. B. v. Berger, S. 147), doch QberwoB hier 
der direkt segen Hegel gehcbtele EinfluB von SSren A&bve Kierke- 
gaard CIS13— 1866), Gnindideemes Logik, Kopenhagen 1864>— 186^. In 
Norwegen vertraten Markus Jak. Uonrad (1816—1867, Udsigt over 
den hoeier« Logik, Christiania ISttl)* und G. V. Lyng (gestorben 18Sf, 
Grundtankemes System, ChristJania 1886-^88?) * den Standpunkt Hegels in 
der Logik. 

§ 38. Fries. Während Fichte, SohelUn«. He^el und fast 
alle ihre Schüler darin ühereinstimmten, daß sie die Logik, 
anknöpfend an Kants transzendentale Logik, zu einer in- 
haltlichen Wissenschaft machen nnd, abweichend von 
Kant, den log^hen Gesetzen und Formen eine ontologiscbe 
(metaphysische) Bedeutung und Bealität außerhalb des 
Denkens beilegen, ist Jakob Friedrich Fries^) (1773 
bis 1843) der Kantschen Auffassung der Logik in der Ab- 
lehnung des Ontologisohen treuer geblieben, andrerseits aber 
über Kaut weit hinausgegangen, indem er „das Vorurteil des 
Transzendentalen" ganz fallen ließ und nur die psycho- 
li^isehe oder, wie man es damals ausdrückte, „anthropo- 
logische" Grundlage der Logik scharf betonte. ÄuBerdem 
ninmit er — wiederum im Gegensatz zu Kant imd in Ati- 
lehnung an Friedr. Heinr. Jacbbis sog. Glaubensphilosophie — 
auch unbeweisbare ursprüngliche Erkenntnisse in uns au. 
Die erregbare Selbsttätigkeit des Erkenntnisvermögens (Syst. 
S. 41), der wir diese unmittelbaren Erkenntnisse verdanken, 
ist die Vernunft, die mittelbare Erkenntnis, durch die wir 
uns dieselben zum Bewußtsein bringen, ist die Reflexion des 
Verstandes. Die Lelstong der Beflexion beschränkt sich aaf 
eine Verdeutlichung nnsrer Erkenntnisse. Während wir 
durch „Beweise" zu mittelbaren urteilen gelangen, 
stützen sich unsere unmittelbaren urteile, die letzten 
„Gmndurteile" oder „Grundsätze" auf „Deduktionen", 
die darin bestehen, daß wir aus einer „Theorie der Vernunft" 
die uns notwendig znkonmiende ursprüngliche Erkenntnis 
ableiten (Syst S. 438). Bei diesen Deduktionen sind wir a:iif 
die innere Erfahrung angewiesen: wir können nur „auf- 



*) tu Betracht tommt namentlich: System der Logik, Heidelberg 1811: 
(3. AiÜage 1819); dem System der Logik ist in beiden Auflagen ein „Qrund- 
riB der Logik" vorauageschickt und zwar mit eigener SeitenzUihinc (S. 1 — ^141 
hzw. 12*). Vgl. zu der Logik von Fries namentlich Th. Ebenhans, I'ries und 
Kan^ Gießen 1906 (indws. S. W-SOS). 



Z Kapitel. AUgemeine Geschichte der LoRik. 149 

t 
weisen", daß der bez. „Gnmdsate" „in jeder endliehen Ver- 
BDnft lie^". Die Mathematik beruht auf Demonstratiraen 
und DednÜionen, die Philosophie anf Deduktionen. Die 
Logik zerfällt in eine „philosophische" oder „demonfitratlve" 
Logik, welche die notwendigen Qmndsätze der Denkbarkeit 
der Tünge überhaupt ermittelt, nnd eine „anthropologiBche", 
welche „die Natur und das Wesen" speziell des mensch- 
liehen Verstandes untersucht (Onmdriß S. 4). Die erstere 
~~ auch „Wissenschaft der analytischen Erkennbiis" von 
Fries genannt — hat ee eben mit der Festst^Uunsr jener un- 
mittelbaren Grundsätze zu ton, die letstere mit der Beeohrei- 
laag der Denkformen. Die philosophische Logik läßt sich 
ohne die anthropologische weder aufstellen noch verstehen. 
Sie ist von der letzteren so abhängig und selbst so arm an 
Gehalt, daB sie gar nicht abgesondert für sich aufgestellt 
verdeai kann (Syst S. 8). Bei der anthropologischen Be- 
obachtung unseres eigenen Erkennrais „werden wir die Bin- 
Wiht in die philosophische Zx>gik gleichsam miterhal(«i" 
(ibid. S. 10). 

ba WesentUchen auf dem FrieMchen SUndminkt stehen u. a.: 
Friedr. r. CaUer (1790— 1S70): Denklehre odez Logik und Dialektik usw. 

BoDn ISBZ (jü. auch S. 18). 
Etnst Friedr. Apelt (1812— 1869): Die Theorie der Induktion, Leipzis 
UM; HaUphTsik, Leipzig 1867, namentl. S. 10—68 u. 93—393. 
In iOiicster Zeit haben Leonard Nelson u. a. in den „Abhand- 
hiDgm der Friesschen Schule", JKeue Folge, herausgeg. v. 0. Heseenbent u. a., 
Gtlüocen 1904 B., versucht, die Frieaecfaen Lehren mit einigen Abänderungen 
*Mder aulzunehmen. Eine Spezulbearfaeitung der Logik ist aus diesen Be- 
ttretnngen bis jetzt nicht herrorseganien. 

839. Herbart: Auch J o h. Friedr. Herbart*) (1776 
bis 1841) steht zu der Fichte-ScheUing-Hegelschen Richtung 
bufem in Gegensatz, als er die Logik als eine reine Formal- 
vtasenechaft auffaßt. Die allgemeine Aufgabe der Philo- 
*opliie, „die Begriffe zu bearbeiten" U, 27), wird von der 
Metaphysik nach der inhaltlichen, von der Logik nach der 
fonnalen Seite gelöst. Die Jj>gik hat es mit „den BegriSen 



') Am wichtigsten für die Logik sind : Lehrfa. zur Einleitung in die 
^UoMphie (1. Aufl. ISIS, 4. Aufl. 18S7, Hartenst. Aus«, d. stmtl. WeAa 
190-.186^ Bd. 1, 5. 1]; Hauptpunkte der Logik 1808 (äienda Sd. 1, 
^ H&); Enrze Enzyklop. d. Fhilos. aus prakt. GesichtHninkten antworles 
^ ^ % S. 1). Die Zitate im Text beziehen ach aul die Band- nad 
StilnuaUen der Hattenstdnachen Ausgabe v. J. 18G0— 1863. 



150 I- "^^ Abgremtmf und •Ugemeine Geschichte der Logik. 

als solohea" zu ton, ihrem „Verhältnis und ihrerVerknüpfmig' 
ohne Bticksieht auf die Frage, iralche Oültigkeit die Begriffe 
haben mögen" (n, 7). Ebeiuo ist üe Ton Psychologie ganz 
unabhängig, der „Äktns des VorstelleiKs" ist nicht ihr Gegen- 
stand Q, 467): „in dar IJogik ist es notwendig, alles Psycho- 
logisobe zu ignorieren, weil hier lediglich diejenigen Formen 
der möglichen Verknüpfung des Ctedachten sollen nach- 
gewiesen werden, welche das Gedachte selbst nach seiner 
Beschaffenheit znläSt" (I, 78). Sie beschränkt sich darauf, 
die allgemeinsten Vorschriften für die Sonderung, Ordnung 
und Verbindung der Begriffe zu geben, die sie als bekannt 
Toraufisetzt und um deren eigentümlichen Inhalt sie sich 
niobt kümmert Sie ist daher nicht eigentlich ein Werkzeug 
der Untersuchung hehufs Auffindung von Neuem, sondern 
„eine Anleitung zum Vorürag dessen, was man schon weifi" 
(Z, 42). Positiv betrachtet, erscheint sie meistens als ein 
Mentor, der mehr warnt als hilft <II, 228). Ihre Gmnd- 
fordemng ist „Eiiutimmung in den Begriffen", also das 
Prineipinm identitatis (I, 78ff. u. 536 ff.). 

Eierbarts Schaler h&ben diese I.ehren in der ausgiebigsten Weise in 
zablreicheii Lehrbüchern darsestellt und zum Teil auch weiter ausgeführt. 
Am wichtigsten sind: 
Friedr. Konrad Griepcakerl (1783—18*9): Lehrbuch der Logik in 

kurzen Umrissen, Braunschw. 1828, 2. Aufl. Hehnst. 1831. 
Moritz Wilhelm Drobisch (1803—1886): Neue DarstelluBC der 
Logik nach ihren einfachsten Verh&ltnissen mit Rücksicht auf Hathe- 
nutik und Naturwissenachaft, Leipzig 1836, in den späteren Auflagen 
(18M, 186ff, tSfTb, 1867) zum Teil erheblich umgeaibeitet (dabei ein 
kig.-math. AnhanÄ- 
Bd. Bobrik : Neues prakL System der Logik, ZOrich 18S6 (unvoBendet). 
Friedr. Heinr. Theodor Alllhn (1811—1886): Antibaitarus logicus, 
Halle IS&O (unter dem Pseudonym cäjus), in 8. Auli. neubearbeitet von 
O. Flügel unter dem Titel .rAbriS der Logik und die Lehre v, d. Trug- 
Schlüssen", Langensalza 1894, 5. Aufl. 1914; Einleitung in die allg. foi^ 
male Logik von Cajus (_= 2. verb. u. verm. Aufl. des 1. Teils des Anli- 
baibanis logicus), Halle 18CB (S. i7B. u. 94 ff. Kritik des „hypenriisen- 
Bckaftlichen Wahns" Hegels). 
Ludw. StrOmpell (1813— d899): Entwurf der Logik, UiUn u. Leipzig 
1846; GrundriQ der Logik oder der Lehre vom wissenscbaftL Denken. 
Leipzig 1881. 
1. H. W. Waits: Haupüehroi der Logik, Erfurt 1840. 
Theodor Waitz (1681— 18«) : LehAuch der Psychologie als Nalnr- 
«issenschaft. Brannschweig IBtß (weicht jedoch von Heibart wesent- 
ücb ab. Tgl. z. B. S. MS). 
Franz Karl Lott (1807—1874): Zur Logik, GSttingen 1846, nam. S.t-Si- 
Roh. r. Zimmermann (1834—1896): Fhilosophiacbe Pnptdeutik, 
ytiea iäOS. % Aufl. 16fl0 (namenU. S. \% ft S), S. Ana IHB?. 

„.,.,,:A.OO.^K- 



2. Eapild. AJlfemeiBe GeschichU der Lofik. ]5^ 

UilbUs Arnos Drbal (182ß~lSB5]: Lehrbtich der ptop&deutiKhen 

Locifc, Wien 1865 (vgl z. B. % 8 v. % 8. Aufl. 1S74; Prmküscb« Logik 

odn Denklehre, Wien 187S. 
ßnsL Ad. Lindner (182ft-18S7): Ldirbuch der lommlen Logik nach 

FoteL Methode, Graz 1S80, Z Aofl., Wien 1863, 3. erweit. Aufl. 1874 

ä Aufl. 1881. 
Kirl Volkmar Stoy (1S1&— .1886): Pbilos. PropftdeutUc, Abi. 1. Die 

philoe. Probleme und die Loitik, Leipzig 1869. 

SeÜHtändiier ist Heymann (Heinr.) Steiulhal Ciasa-iaeft). 
da in seinen Werken — r vor allem „Grammatik, Logik und Psychologie, 
ihn PiTDziinen und ihr Verhältnis zueinander", Bertin IBbö. namentL 
S. 337— SB^ und AbriB der Spracbwisaenscbaft, Teil 1. IKe Sprache im All- 
moeinen. Einleitung in die Psycbol. und Spraehwiss-, Berlin 1871, 2. Aufl. 
1S81 — anknüpfend auch an Wilh. v. Humboldt, insbesondere die Bezie- 
i.mgea zwischen Sprachwissenschaft und Logik untersucht hat ') ;vgl. | 55). 
Noch weiter entfernt sich vod Heit«rt Steinthab Schaler Gustav Qlo- 
cao (18U^18M), der in seinem Abriß der pbilos. GniDd-WissetiBcbaftea 
(Breslau 1880. u. 1889) auch die Logik ausfohrlich behandelt >). 

Den ausuchtslosen Versuch, einen Mittelweg zwischen Kerbart und 
Hegel . zu finden, bat Heinr. Moritz Chalybaeus. gemacht 
CITK— IflBB, Entwurf eines Systems der Wissenschaflslehre, Kiel 18*6; 
l'iudunenUIpbilosophie. Kiel 1861, nament). S. 66 tf.)- 

1 40. AUfemelne Vorbemerfcimgvn Aber die EntwicUnnir 
4er Locik in dM letsten SO Jahren (ea. 1830 bis jeiii). Die 
logische WisseiiBChaft seigt von 1830 ab eine aoff allende Zer- 
sidittenmff. Während die Logiker vorber jeweils je nach 
ibrar Stellung sa bestimmten allgemeinen Prinzipienfragen 
in groBe gegensätzliche Gruppen serfallen (z. B. Bealisten 
Dod Nominalisten, Bamisten nnd Antiramisten, Wolfflaner 
md Antiwolffianer nsf.), die sich nm ein oder mehrere über- 
n^ende schalenbildende Parteihäcpter scharen, treten jetzt 
(fie Bisammenf aesendeu Grandfragen mehr zurück, nnd große 
Partei- und Schulbildnngen sind kaum mehr zu erkennen. 
Die alten Schulen sind noch, nicht erloschen: Kantianer, 
Hegelianer, Herbartianer n. a., selbst Thomisten und Aristo- 
teÜBten treten bis in die neueste Zeit noch hier nnd da in 
^ Logik auf, wie z. T. schon vorgreifend erwähnt wurde. 



*] Sein Vorgänger in dieser Richtung war Job. Werner Meiner, Ver- 
Wk nner an der menachl. Sprache abgebildettn Vemunftlehre oder I>hilo- . 
»Pili« u. allg. Sprachlehre, Leipzig 1781. 

■) Vgl. namentl. leü 3, Abt. 2, Abacha. » .Meeb&nik des Denkpro- 
MSKT (Bd. 1, S. 386 tf.) u. Teil ^ Abt. 8 „NoStik" (Bd. 2, S. *37n.). Von 
'lOMiben itna: Die Haaptldiren der Logik und Wiwenschaftriebre, Kiel 
B. L^zig 18M (S. 1— tO^: Vgl. Ober ihn H. Clasen, Ztschr. f. FbUos. u. 
E^i. Eril. 1902, Bd. 119, spei. S. U9 S. 



i,l^.OOglc 



]52 '• "^^^ AbierenninB und allgemeiDe Geschichte der LotriV. 

z. T. noch anzuführen sein wird, aber neue Schulen kommen 
nur in kleinsten Kreisen zustande. Statt dessen treten Tiele 
einzelne Logiker auf, die unabhängig von einer be- 
stimmten Schclrichtung bald dnrch originale Leistungen die 
TjOgik neu zn gestalten versuchen, bald nnd zwar viel öfter 
durch eine umfassende Eklektik die angeeanunelten logischen 
Kenntnisse systematisch ordnen. Dabei bekommt die Logik 
anch einen internationalen Charakter. Während eine neae 
logische Bewegung früher meistens in einer bestimmten 
Periode vorzugsweise in einem Land auftrat und sich auf 
dieses beschränkte und nur hier und da anf die Nachbar- 
iänder übergriff, einzelne Länder sogar jahrhundertelang 
sich an der Fortentwicklung der Logik nicht beteiligten, ja 
kaum etwas von ihr bemerkten, setzt jetzt eine gleichmäSi- 
g«re Beteiligung der verschiedenen Kulturländer an der 
logischen Wissenschaft ein, und öfter nnd rascher werden die 
logischen Werke eines Landen auch in den übrigen bekannt 
imd verwertet. 

Zugleich ändert eich allmählich auch die Stellung der 
Logik zn den übrigen Wissenschaften, insbesondere zn d^a 
anderen philosophiechen Disziplinen. Bis zum Anfang des 
19. Jahrhunderts War die Logik meistens mit einem meta- 
physischen oder erkenntnistheoretisehen System eng ver- 
knüpft und sehr oft auch von diesem abhängig. Das all- 
gemeine Scheitern der philosophischen Systembildnng, wel- 
<-hes für die J. 1820— 185Ö charakteristisch ist nnd z. T. mit 
dem Nachwirken des Kritizismus zusammenhängt, befreite 
die Logik von dieser Verknüpfung und Abhängigkeit Sie 
bekam eine früher nur selten verwirklichte Selbständigkeit. 
Die TitelvCTbindnng ,Jx>gik nnd Metaphysik" verschwand 
fast ganz. Dies hatte weiter znr Folge, daö die Logik nnn 
erst wirklich formal sein, d. h. auf ihr formales (Gebiet sich 
beschränken konnte. Früher war eie durch die Verbindung'mit 
Metaphysik bezw. Ontologie immer wieder — trotz mancher 
Einsprüche und Warnnngen (vgl. § 39) — verführt worden, 
oft geradezu gezwungen gewesen, auch inhaltlich tätig zn 
sein and damit ihre Qi«nzen zu überschreiten, ^etzt blieb 
diese Verführung nnd dieser Zwang fast ganz weg. 

Dazu kam die veränderte Stellung zur Psychologie. Diese 
hatte sieh schon im 18. Jahrhundert etwas von der Meta- 
physik losgelöst nnd im 19. errang sie endgültig ihre 8elb< 
ständigkeit. Ihre Umbildung erst zur empirischen und 



a. Kapitel. Allfemeine Geschichte der LoBik. 153 

dann noch spezieller zar physiologischen oder ez- 
perimentellen PsTchologie hatte eine enorme Venneb- 
tjog and Befeatignng der psycholf^iec^en Erkenntnisse zur 
Ftdge. Elam dieser Znw&chs auch zonächst Torzogttweise der 
hydioIoKie der Empfladunirea zognte, so blieb doch die 
fiäekwirknngr auf die Psychologie der Denkvorgänge nicht 
aas. Aach diese machte von Jahrzehnt zu Jahrzehnt grofle, 
Biehere Fortsehritte. Die Logik als die Lehre von der Qesetz- 
näfiigkeit des Denkens in' bezng anf formale Bichtigkeit 
(vgL ^ 1) konnte diese Fortschritte nicht ignorieren^ Trotz 
des Protestes Herbarts und im Einklang mit der von Fries 
eingeschlagenen Biohtnng gewann die Psychologie mehr und 
mehr Einfluö, mitonter, wie sich zei^n wird, sogar zu viel 
fänfloQ auf die Logik (sog. Psychologismns in der Logik). 
AllerdingB nicht ohne Kampf nnd Widersprach. G«rade die 
extreme Betonung des psychologischen Standpunkts in dtit 
Logik stiefi aof eine oft katuu weniger extreme Reaktion, 
velcbe Logik und Psychologie absolut trennen will (sog. 
Xiogizismns) und daher auch geneigt ist, dem Logischen 
irgffiideiae ontologische Bedeutung außerhalb des Denkens, 
entweder im Sinne eines besonderen logischen Seins oder mit 
Bezng auf die Grundlagen der sinnenmäSigen Erscheinnn- 
gm zuzuschreiben. Wenn man überhaupt noch allgemeine 
Farteig^ensätze in der heutigen Logik anerkennen will, so 
vürde der Gegensatz zwischen diesen beiden Bichtungen noch 
am ehesten als solcher angeführt werden können. 

Endlich änderte sich die Stellung der Logik zu denNatur- 
vüeeoschaften. Die Induktion war trotz Baco ein Stiefkind 
der Logik geblieben. Die gewaltige Entwicklung der Natur- 
viMenschaft lehrte, welche Bedeutung gerade die Induktion 
nicht nur für die Erweiterung unserer praktischen, sondern 
aticb für Erweiterung unserer theoretischen Erkenntnis hat. 
Die Lc^ik konnte sich daher der Aufgabe einer wissenschaf t- 
Jichen Unt«i»uchung der Induktion und der mit ihr zu- 
sananenhangenden naturwissenschaftlichen Methodik nicht 
mehr entziehen. 

Durch das Zusammenwirken aller dieser verschieden- 
artigen Einflüsee kommt das vielgestaltige und etwas zer- 
rissene Bild der hentigen Logik zustande. Bei der folgenden 
Dantellung ist versucht, trotz des hervorgehobenen Zurück- 
tretens der Bildnng wissenschaftlicher Schalen und Par- 
teien ancb die Lofpker der letzten 80 — 90 Jahre in Gruppen 



1,1^. OQi 



,g,c 



154 ^- '^^'- Al«renzuBg und aUeemüne GeMhichte der Logik. 

zasammenzQordnen. E^ sei jedoch nochm^ darauf hin- 
gewiesen, dafi auf diese Qrnppiemitgea zam Teil nicht viel 
Oewieht zn legen ist, weil eben ansge^roehene ZuBanunen- 
scfalüase za bestimmten Bichtangen selten sind. Insbeeon- 
dere ist auch die Beihenfolge der Qrappen einigermaßen 
willknrlicb. Da die Bedeutung vieler neuerer Logiker nicht 
von einem Hauptwerk abhängt, so ist eine chronologische 
Anordnnng ganz nndorchfQhrbar. Im wesraitlichen habe ich 
mieh bemiiht, die Groppea nach ihrer iimerllchen Verwandt- 
schaft zu ordnen. 

f 41. Anfinge dn* psyehologisehen Logik In Frankreteh. 
Dcstntt de Traey. Die ersten Erscheinungen der neueren 
psychologischen Logik begegnen uns in Frankreich. Sie 
hatte hier bereits in Condillacn Logik v. J. 1781, auf 
deren Zastunmenhang mit den Lockeechen Lehren in ^ 28 
hingewiesen wurde, ihre Hauptsätze konseQnent entwickelt, 
allerdings in Abhängigkeit von einem extremen Sensaalis- 
mus, wie er durch Locke nnd Hume (vgl. ^ 26 u. 31) zur 
Oeltnng gekommen war, der aber durchaus keine notwendige 
Voraussetzung und kein notwi»idiger Bestandteil der paycho- 
logistischen Logik ist. Eine weitere Ausbildung erfuhren 
diese Lehren durch Antoine Louis Claude Destntt de 
Tracy') (1754 — 1636), dessen Blemens d'idtologi« nament- 
lich im 3. Teil di« Logik ausführlich behandeln. Das Denk- 
.vennögea besteht nach ihm aus vier Elementarvermögen: 
sensibilitä s. str., mj^moire, jugement nnd volonte (IdöpL 
1801, S. 321). Auch das Urteil ist nur eine „esp^oe de sen- 
8ibilit6"; denn es ist „la facnltä de sentir des rapports entre 
noe perceptioDs" Q. c. S. 324). Die AllgemeinbegrifFe sind 
nnr „des maniöres de claseer nos id^es des individus" (S. 329). 
Die logische Wissenschaft besteht nur „dans l'ätude de noe 
Operations intellectnelles et de leurs etfets", die Theorie der 
Logik nnr dans l>tude de nos moyois de conniütre. 

Einen Ithnlic^en Standpunkt vertraten aucb Joseph Harte de 
G«rando (1772—184^ Dee signes de t'art da penset etc., Paris 1800) und 
Pierre La Romiguiäre (1756—1^7, Lewns de Philosophie air le» 
principe de rintellisence, Paria 1B16— 181B, 7. Aufl. 1SÖ8). 

Francois Pierre Maine de Biran>) (1789— 1SS4) vertnl in 
»einer ersten Periode einen ähnlichen Standpunkt *ic Tracv, später wandt» 

>) Projet d'«l£nKnts d'idCologie, Teil 1[ Ideologie, PansAn IXCcslSOl^ 
Teil 2, Grammaire itairale IMS, TeU 3, Lotfque 180& (auch Paris 18a&— S7). 

*) Ocurr.« philos., ed. Cousin, Paris IMl u. Oeurrea in&)., puht. par 
R NaviUe, Paris 16&S. 



a Kwitel. Ansemeiae Geschichte der Logik. 155 

a äA cnlsehiedcn eegen di« BansualisUsche AuffaGSung, ohne jedoch die 
iiqdokitistJKhe ganz aufzuteben. Direkt bekimrit wurde die letztere von 
Htlor Couain*) (1793—1887}, der Hegdscfae Lehr«n vertrat, schlJeB- 
Mi aber zu einem sehr unbestimmten Eklektizismus überRinS *). 

§ 42. AnfXnce der pSTehoIosiatlMheii Logik in Deutaeh* 
lui, Bmeke. Auch in Dentachland lassen sich die ersten 
Wurzeln der psycholo^stischeu Lo^ik bis in daslS-Jahrhan- 
dert und noch weiter zurückverfolgen. Fries (vgl. S. 148) 
listte sich der psycholt^isttschen Atiffaesaiig schon sehr ge- 
nähert Der erste, allerdings anch noch nicht konsequente 
Versuch einer systematischen psychologistisehenDarstellung 
der gesamten Logik stammt bei nns von Friedrich 
Sdnard Beneke') (1798—1854). B. betrachtet dio „Er- 
fahningsseelenlehre" als Grundlage allen wahren Wissens. 
Auch die Logik fuBt dnrohaoe anf der Psychologie. Sie 
onteracheidet sich von letzterer nnr dadnrcb, daß sie nicht 
iii]r darstellt, wie tatsächlich gedacht wird, sondern anch 
ixigt, wie gedacht werden soll. Alle Begriffe, auch die 
bntischen Kategorien, „entstehen durch Zusammenfassung 
von AnsohanQDgen", dabei ist jedoch eine „Selbsttätigkeit 
«fcs Geistes" (vgl. über deren fihiffache Gliederung Syst. d. 
Log. Bd. 2, S. 24 tt.) unentbehrlich. Begriffsbildnng, urteil 
and SchloB ergeben niemals einen inhaltlichen Fort- 
abritt des Vorstellens, sondern nur einen formalen in 
besag auf Stärke und Klarheit des Vorstelleos. Alles in- 
tutitliche Fortschreiten unserer Erkenntnig beruht auf syn- 
ftetisohen Vorgängen, bei denen die Logik „gleichsam nur 
Jas Znsehen hat". Die eynthetiaehen Vorgänge selbst be- 
ndien auf bestimmten synthetischen Grundverhältnissen 
(Etmtiguität, Sukzession, Kausalität usf.), und die Logik bat 
Dur die Aufgabe, die letzter^i „in Hinsieht des Bigentäm-' 
liehen und der Schwierigkeiten" zu untersuchen, welche sie 

') Du »rai du beau et du bieo, Paris 1867, 7. Aufl. 1868^' 1£ Aufl. 1873 
(tUMntL S. 1 — 181 d, 7. Aufl.); FraameDts de lÄüos. conlempor., Fans 182B, 
K> iMUeren AuIUgea (fflnfte 186Q sehr vermehrt. 

') Vgl de Reiffenberg, Principea de logique suivis de rhistoire 
a de la bibliosiaphie de celte acience, Bnucelles 1888 (namentl. S. 3480.). 

*) Eikenntntaiehre nach dem BomiBtseiii der reinen Vernunft Mc, Jena 
'aO; Lehrbuch der Logik als KiuuUehre des Denkens, Berün-Paaen-Bronberg 
IW; Sratem dti Logik als Kimstiehre des Denkens, ä Bde., B«ttn iBtö; 
oorum analyticoTum origines et oido naturalis, Beral. 1S39. 



156 ^- '^'^- AbffrenmnB und allgemeine Geschichte der Losik. 

für die VerarbeitTingimDenkeii darbieten (1. ß. Bd. 1, 
S. 255 ff.). 

An Beoeke scblieBen sich eoir Jobano Gottlieb DreBler 
(1799— 1S67; Praktische Denklehre, Bautzen 18E3 und Grundlehrea der Fst- 
chologie und Logik, Leipzis 1867} und Friedr. Dittes (1839— 18B6; 
Lehitnich der praktischen Logik, bes. f. Lehrer, Wen 187S)*) an. Auch 
Otto Friedrich Gruppe (1804—1876) vertrat mit sroKer Entschieden- 
heit einen psycholoiistischen und empiristischen Standpunkt (AntAm et«!., 
Berlin ISBi; Wendepunkt der Philos. im 19. JahiiL, Berlin 18Bf, S. SB— 1G6; 
Gegenwart und Zukunft der Hulosophie in Deutschland, Beriin 1856v namenü. 
S. 179 C). Insbesondere nahm er den alten Universalienstreit in modemeir 
KJmeestaltung wieder auf und lehrte, daß alle abstrakten Besri&e nur ab- 
kürzende Hillszeichen zur Erleichtenrns der logischen Rechnung sind, aber 
nicht als etwas Abselutes und Fertiges betrachtet werden dflifen. Sehr cba- 
rakteristisch war für seinen. Standpunkt die scharfe Bek&mpfung sowohl der 
aristotelischen wie der hegelschen Lo^ imd der eindringliche Binweis auf 
Baco und auf die Wichtigkeit der Induktion für die l^ogik. Er bezeichnet die 
neue Methode direkt als eine „Verallgemeinerung der Baconischen Methode", 
die in ihrer uraprQnslichen Form nur für die Naturwissenschaft ausreicht 
(Wendepunkt S. IB). 

In neuester Zeit hat Theodor Elsenhans dm psrcbotofisdien 
Standimnkt besonders eindringlich und konsecpient vertreten (Das TerhJUtnis 
der Logik zur PsTchoIogie, Ztschr. I. Fhflos. u. philos. Krif. 18D6, Bd. lOO^ 
S. 166; PsTchologie und Logik, Leipzig ISeq, i. Aufl. 1913). Einen sensua- 
listiflchen und zugleich nominalistischen Standpunkt scheint auch H e i n r. 
Gomperz einzunehmen (Zur Psychologie der log. Grundtatsachen, Löpzig- 
.Wien 1897, vgl. z. B. S. SOS.); doch bat derselbe in einem neueren Weik, 
von dem bis jetzt 3 Teile erschienen sind (Weltansch^uungdehre, lena — 
LeipEig 1905 u. 1908) seinen Standpunkt etwas alweindert, er sucht jetzt 
nachzuweisen, daB im Bewußtsein alle Formen der Erfahrung durch Ge- 
fühle dargestellt werden (1. c. Bd. 1, S. 274; vgl. auch S. 116, 177. 800^ 
Der pSTcholi^iBtischen Richtung stehen ferner nahe; Julius Schultz 
(Psychologie der Axiome, GOttingen 1899, z. B. 5. 37 0. u. a.) sowie Ernst 
Schrader (Zur Grundlegung der Psychologie des Urteils, Leipzig 190S, 
namentL S. 920., und Elemente der Psychologie des Urteils, Bd. 1 Analyse 
des Urteils, Leipzig 1906) und G. Heymans (Die Gesetze und Elenteiite 
des wissenschafllichm Denkens, Leipzig 1890^ 2. Aufl. 1906, namenU. S. 36 
u. 4»S.). 

§ 43. Die indaktive Logik in England. Whewell, Mill, 
Bain. Parallele ElaflQMe des PosiilTismns. Comte. In- 
zwischen hatte in England die Logik eine ähnliche Bichtong 
eingeschlagen. Hier hatte die Logik zunächst unter dem 
Einfloß der Lehren von Locke nnd Hnme gestandon und war 

*) 1878 in 4. Aufl. zusammen mit dem Lehibuch der Psychologie als 
Lehrbuch der Psychol. u. Logik in Leipzig herausgegeben und hier 
S. 168— SBB zu finden. Eine 9. Aufl. * ist 18(Hi erschienen. Dittes hat auch 
DreSlers Qrundldiren 187S in 8. Auflage berausgefebfo. 



OgIC 



2 KftpiteL Allgemeine Gescbtchte der Logik. 257 

dam «iner fast TSUigen VemacUässigiuig anheimgefallen. 
Ent die im wesentlichen eklektischen Elements of. logic von 
Bich.Whately (1787—1863) (London 1825, 4. Anfl. 1 831 , 
9i Anfl. 1848) belebten das Inter^ee an logisoben üntei> 
iDohnngen wieder^). Eine nene Ära der Logik in England 
sebte dann mit den Werken A. William Whewells 
(1794^1866) über die induktiven Wiseenschaftea*) ein. Wh. 
lutte viele Lehren von Kant angenommen und anch, wie er 
aelbet berichtet, Sehelüng viel zn verdanken. Er ging daher 
nicht von dem extrem aenenaUstischen, ja nicht einmal von 
dem protaathetischen Standponlrt aas (vgl. z. B. Phil. ind. 
BC I, S. 27 n. n, S. 436 fl. d* 457 tF.); indem er aber die 
logische Bedeutung der Induktion untersuchte, gelangte er 
doeh mehr und mehr — fast gegen seinen Willen — dazu, 
die enorme Bedeutung der letzteren anzuerkennen nnd damit 
doch der eenenalistisehen Richtung (der „sensational school", 
wie er sie nennt) manche Zugeständnisse zu machen. Eine 
allgemeine logische Theorie hat Wh. nicht anfgeetellt 

Hier setzt nun die Tätigkeit von John Stuart Mi)l 
(1806 — 1873) ein, dessen Hauptwerk „A. System of logic ratio- 
önative and inductive, being a connected view of the prin- 
ciples of evidence, and the methods of scientific investigation" 
1843 in London erschien und in 25 Jahren 7 Auflagen erlebte, 
auch bereits i. J. 1849 in dentschef Übersetzung (von 
i. Sebiel) veröffentlicht wurde*)- J. St. Hill unterscheidet 



') TgL Forsythe, Questions on WbatelTS Elemeols of Losic, London 
1853; B. H. ShtLtp, A letter to Dr. Wbately on the eCfect whicb bis wodc 
Qonenta of Logic has hid in reUrding the piogress of Locke's philosophsij 
i^aitm 1868". Whately stützt sich Obrigens aui zwei altere Werke Ton 
>tia VkUit^ Instilutio logieae, Ozon. 1^7, und Henry Aldiicb, Arüs logicu 
ixnnpendiiun, 16dli, die fortgesetzt .in neuen Auflagen erschienen (beide mir 
mäa. zngSnsiicb). 

>) History of the inductive sciences from the earliest to the present 
linNS, London 1837 (schon ISiO—iStl in Stuttgart von J. J. v. Ljttrow in 
deatidier Übersetzung veröfientlicht); The philosophy of ihe inductive sci- 
«B«^ London 1840 (2 Bde.); letztere wurde spftter in 3 getrennten Teilen 
l>aui|^eben, speziell der zveite Tei) unter dem litel Novum Organum 
nwnatam (3. Aufl. 18»). 

*) V^ aufierdem An examination of Sir ^llUun Hanüllons philo- 
»Sibt etc, London 18^ nam. Ch. 17—23. Von Hills Logik handeln u. a. 
^ Stfglich, Ztschr. f. Philos. u. philos. Erit. 1910, Bd. 187, S. 111; Th. Hill 
■^"«en, The logic of ]. S. Uitl (in WoAs^ London 1S86, Bd. 2, S, 196); 
*■ Üehen, Om J. St^ Mills logit, Chriatiaoia— KjobenhaTn 1685. 



OgIC 



158 ^' "^^ Abstwizuac und aUgameui« Geschichte der Losik. 

unmittelbar bewoflte und erschloflsene Walirheiten (tmths 
known by intnition or immediate conscionsneae und trutbK 
known only by way of inferenoe). Zn ersteren gehören unsere 
eigrenen „bodily sensationB and mental feelings", zu letzteren 
z. B. auch alle nur dnrch HörenBagen bekannt gewordenen 
Ereiccnisse (wie z. B. die historiechen). Die Frage, welche 
Tatsachen Objekte der ,Jntnition" und welche Objekte der 
tJnfereoJE" (inferenoe, reasoning) sind, bat die „Metf^hysik" 
(wir würden sagen: die Erkenntnietheorie) zu «itsobeiden. 
Die Logik beecbränkt sieb darauf, die erschlossenen Wahr- 
heiten ohne Rücksicht auf die Art der WahrbeitMi, ans 
denen sie erschlossen sind, zu untersuchen. Sie ist die 
Wiseenachaft „des Beweises oder der Evidenz" (scienoe of 
proof or evidenee). Insofern hiermit schliefllioh dasselbe ge- 
sagt wird, was die mittelalterliche Philosophie mit dem Fort- 
schreiten vom Bekannten zum Unbekannten als Qegenstand 
der Logik meinte (vgl. z. B. S. 81), hatte sich Milll bis dahin 
von der traditionellen Logik kaum entfernt. Auch seine aus- 
führliche Untersuchung der Namen*) und Sätze (names and 
propositions), welcher das ganze erste Buch seines Werks .ge- 
widmet ist, scheint nach ihrer Geeamtabsieht noch keinen 
prinzipiell neuen Standpunkt einzuführen; haben doch im 
späteren Mittelalter ausführliche Erörterungen der termini, 
eignifieationes usf. nicht gefehlt. Ein genaueres Studium der 
Ausführungen Mills in diesem 1. Buch ergibt jedoch, daß 
hier bereits ganz neue Lebren hervortreten. Es wird näm- 
lich fast die ganze Lehre von den Begriffen und Urteilen 
dieser einleitenden Untersuchung der Namen und Sätze ein- 
verleibt, so daß für die Logik selbst im wesentlichen nnr die 
Lehre von den Schlüssen bleibt. Abn wichtigsten ist für die 
Millschen Lehren das 5. Kapitel des 1. Bachs „of tbe Import 
of propositions". Hier sucht Mill zu rechtfertigen, daß er im 



*) „Name" („lutme") ist bei MUl mit „Worl" („nord") nicht gleichbedeu- 
lend. Namen sind nach seiner Terminotogie nur solche Worte, von deren 
Gegenstand eine bejahende oder verneinende Aussage möglich iat Partikel, 
Adrertiienv Casus obliqui von Substantiven betrachtet Hill daher nicht slt 
Namen, sondern als Worte, die Teile von Namen sind. Auch faßt er eine Zu- 
sammenstellung von vielen Wbrten, die nur einen Gegenstand bezeichnet, 
nur als einen Namen auf. Zu einer vollstindig klaren Unterscheidung 
zihscben dem Gegenstand des Begiifla uad dem Begriff bzw. der Vorstellung 
aslbat ist eben Mill nie gelaogt. Seiue Berufung auf Hobbes ist nur zum 
Teil zutreSend. 



OgIC 



2. K^tel. Allretneiiie Geschichte der Locik. 159 

Oegflnaatz zu fast allen früheren Logikern ") -das Wesentliche 
des Urteil« nicht in der Beziehong zweier Begriffe er- 
iSekt Dabei macht er zunächst die wichtige Bemerkung 
— aof der die späteren Lehren von Brentano und Meinong 
faBen — , daß Verkntipfnngen von Begriffen bald mit, bald 
ohne Znstimmnng (assent, belief')) bzw., wenn negativ, 
bald mit, bald ohne Verwerfnng (dissent, disbelief) aus- 
StqODchen werden könnmi. So könne nuui die Vorstellnng 
nBog" nnd „golden" verbinden, ohne wirklich zu glauben, 
da8 der (bzw. ein) Berg golden sei. Nun meint Hill, daß 
jedenfalls die Bedeutung (Import) der „Urteile" (judgmenta) 
und der vcm diesen sich nur durch den hinzukommenden 
■mchliehen Ansdruck unterscheidenden „Sätze" (propo- 
äti<ntB) *) mit der Natur dieser Zustimmung zur Verbindung 
tweier BegrifEe bzw. ihrer Verwerfung nichts zu tun hat. 
IHe Untersuchung der Natur dieses belief - Zustandes mit 
Beeng aof die verknüpften Begriffe geht die Logik nichts 
a&; denn Satee (Urteile) sind nioht Behauptungen bezüglich 
onBrer Begriffe von den Dingen, sondern Behauptungen 
bozfiglich der Dingeselbst, und M. gibt sich Mühe naoh- 
nwftisen, daß jeder Satz (mit Ausnahme der rein sprach- 
Uchen) sieh anf Existenz, Koexistenz, Sukzession, Kausation 
od»- Ähnlichkeit der Dinge beziehe '). Dabei übersieht er 
fum, daß es auch zahlreiche Urteile gibt — die analytischen 
im Sinne Kants (vgl. S. 126) — , in denen eich die Zustim- 
nnmg und Verwerfung gerade ansechließlich auf die Ver- 
knflpfong zweier Begriff« beziehen und das Verhalten der 
Dinge, d. h. der mit den B^prlffen gemeinten Gegenstände 
Wa außer Betracht bleiben kann, und daß gerade diese 

*) Leider hat Mill eine Kenauere Versleichung seiner Ansichten mit 
in lUKniiutlist lachen von Occam u. a. unterlassen. Siehe aber z. B. I, 
Ol e, § 1. 

■) Schon bei Carteaiua apielt dieser assensus eine Rolle. Hume be- 
'whsete ihn ab beliel und neigte dazu, ihn nur ab eine „streng and 
'^T conception ot any idea, and such as approaches in some measure 
to an immediate inyiression" aufzufassen (Treat. ot hum. nal. I, 3, 7, Anm.). 
^'!t- 0. Quast, Der BegriQ des beUef bei Dav. Hume, Halle 1009 (Abb. z. 
ftiilos. u. ihrer Geach. Nr. 17). J. St Mül betrachtet .^eüeT* als ein© loteU 
■"iniortiale, für unser Urteilen und zum Teil auch Vorstellen charakte- 
'iAMhe BevuBlseinatataache. 

'] V^ z. 6. EsaiQ. ol Sir Harn. phUos. S. 857. 

■) An anderer Stelle fügt er vorsichtiger hinzu; everr propositJon 
*i)ichcon«CTs real information asseris m matter ot faet .... 



-.ooi^lc 



1^ L TeiL Abgrenzunc und ftUgemeiDe Geschickte der Logik. 

Fälle in des Bereich der formalen Logik fallen. Er übersieht 
femer oder unterschätzt wenigstens auch bei den äbrigen 
Urteilen — den syntbeÜBChen in Kante Sinn — die Be- 
dentang der VermittlongsroUe, welche unsere Begriffe 
zwischen den Dingen nnd dem Urteil übernehmen. Nachdem 
er nnn aber einmal in dieser Weise die Begriffe und BegriflE- 
▼«rknüpfnngen aus der Logik e. str. ausgeschaltet hat, blübt 
für diese eben in der Tat nnr die Lehre vom Schluß übrig. 
Die Lehre vom Begriff und Urteil kann von diesem Stand- 
pnnkt ans in der Lehre von den sprachlichen Bezeichnungen 
— Namen und Sätzen — erledigt werden. 

3iocb einschneidender aind die Umänderungen, welche 
Mill in dei^ Lebre vom Schluß, also der eigentlichen Logik 
naeh seiner Auffassung, vornimmt Er unterseheidet zvei 
Formen des Schlusses: die Induktion und die Batiozination 
oder den Syllf^ismus. Bei der Indnktion ist der Schluß all- 
gemeiner als die Prämissen, bei der Batiozination ist der 
Schluß weniger allgemein oder höchstens ebenso allgemein 
als die Prämissen (Log. ZI, 1, 3). Danach könnte es zunächst 
noch scheinen, als werde der „Syllogismus", d. h. also in 
Mills SiniK der deduktive Schluß (vom Allgemeinen auf Be- 
sonderes oder weniger Allgemeines), wenigstens als gleich- 
berechtigt neben der Indnktion anerkannt; indes Mill jer- 
sucht, durch längere Ausführungen zu zeigen, daß eine 
korrekte Analyse auch bei den Syllogismen (deduktiven 
Schlüssen) gar keinen Schluß von Allgemeinem auf Beson- 
deres ergibt, sondern immer nur einen Schluß von Bescm- 
derem auf Besonderes (vgl. nam. Log. II, 3, 5). Der all- 
g«mieine Obersatz, z. B. alle Menschen sind sterblich, faßt 
nnr registrierend viele Einzelbeobachtungen zusammen. Die 
allgemeine Fassnng des Obersatzes bat nur eine Reibe prsi- 
tiecher Vorteile, vor allem erleichtert sie die Kontrolle der 
Schlüsse. Schließlich ist also Induktion die Grundlage 
aller Schlüsse, und jede Deduktion (jeder Syllogismus) ist 
nnr eine sekundäre Umgestaltung induktiver Schlüsse i^I- 
Über Einzelheiten den Spezialabschuitt). Damit ist nnn in 
der Tat die Indnktion fast Alleinherrscherin in der Logik 
geworden, und dementsprechend widmet ihr Mill eine sehr 
ausführliche Besprechung, die über die aphoristische Bscos 
weit hinausgeht 

Und diese Darstellung der Lehre von der Indukticm sr- 
gibt noch einen weiteren Fortschritt In älteren Logiken war 

„.,,„,^.oogic 



2. Kapitel. AUfenwinB Geachidit« der Lofik. 161 

mt meh achou oft von der .rUethode", ,rtfet}iodenlehre" die 
B«h gflveaen, aber man hatte eich doch meiBtena auf einige 
aUiemeine Satze beschränkt. Mill gibt zum entenmal eine 
«afnhrlichere Darstellnng- der wiasenschaftlichen Methodik 
iiad berücksichtigt dabei eingehend aach einzelne Wissen- 
^ehafteo, and zwar sowohl NaturwiMensehaften wie Geistee- 
jrinenschaften (ntoral sciences, z. B. peychology, „ethology", 
nfloeial scieuce" usf.). Mag auch vieles den Wideispmch 
bcraoBfordem, jedenfalls war damit die Logik anf ein neues 
vMtes Arbeitsfeld mit Becht hingewiesen. 

Hau kann nicht sagen, daB die Zahl der speziellen logiacbeo Werke, 
«•lebe auf dam Boden dieser induktiven Locik Uüt's enchtenen, beeondei« 
tmi wite. Inmerbin versuchten namentlich in England einzelne Forscher 
HiD's Lehren noch weiter auszubauen und zum Teil auch zu verroUkomm- 
DCB. So stellte Alexander Bain (ISld— 19(»i Logic, deduclive and in- 
tecine, London 1870) «ne enger« Tetbindong der englischen Assoziations- 
»Tchalogie mit MiU's induktiver Logik b«r. Thomas Fowler (1831 bis 
iSOk; The Clements o! deducUve logic, Oxford-London 1867^ lO.AufL lSd7; 
Ttte Clements ot induclive logic, ib. 1869 u. 1884; Logic^ deductive and in- 
duetive, ib. 1895) gab ihr mancherlei didaktische Abnindunsen, ohne an den 
Qnmdlehrea wesentlich zu ändern. lohn Venn, Symbolic logic, London- 
!««w York 1881^ ä Aufi- 1894; On the forms ot logical proposition, Mind 188l^ 
Bd.% Sl336; The logic of chance, London -Cambridge 1866, namentl. Fre< 
Uce S. Xni; The principles ot empirical or inductive logic, London 1889, 
!2. Aufi. ISCFT) kleidete die tlillscben Sätze in das Gewand der sog. mathema- 
ÜKben oder symbolischen Logik (vgl. g 54). 

Koch bedeutsamer nnd tiefer greifend war die Wendung, 
*ekhe Herbert Spencer (1820—1903; First principles 
of a new system of phllosophy "), London 1860 — 1662, 6. Antl. 
1889, nam. Parti 1, Ch. 3 — 5; Principles of psychology, Lon- 
don 1855, 5. Aufl. 1890, u. a.) den Mlllschen Gedanken gab. 
Et behauptet nämlich, daß die Logik sich mit den allgemein- 
steB Qesetzeu der Beziehongeu (most general laws of corre- 
lation) zwischen Wirklichkeiten, soweit sie als objektiv 
betrachtet werden, beschäftigt, und bezeichnet die Logik 
daher auch geradezu als objektiv (Pr. of psych. II, S. 87 ff., 
^ 302 IT.). Damit tritt sie ia G^ensatz zur Erkenntnistheorie 
(tbeory of reasoning), welche die allgemeinsten Gesetze der 
Besiebungen zwischen den jenen Wirklichkeiten entsprechen- 
ilen Vorstellungen (ideaia) aufsucht. Die Behauptungen der 

*) Spater lautete der Titel nur kurz: First principles. Sie bilden den 
e«en Band des Werts „A System of synthetic philosophy", die Principles 
gl psiebology den vierten und tOnften. Die Zitate im Text beziehen sich auf 
die 3. Auflage beider Werke. 

Zicbau, I«hrt>D«b der Logik. 11 

n,i.iiA.OOt5IC 



lQ-2 I- Teil. Abffrenzunc vind aUfemeioe Geschichle der Logik. 

Logik sollen sicli aiso aaf die Verkntipfiingea der „Diagt)", 
soweit Bie als aaBerhalb nnseres Bewußtseins existierend be- 
trachtet werden, beziehen. Von der Notwendigkeit des Glau- 
bens an s<^che extrapsyehisehe Dinge ist Spencer fest öber- 
zengt (First Princ, S. 87 ff., ^' 26). Es existiert aber nebw 
dem bestimmten BewuQteein, dessen Gesetze die lit^ik for- 
muliert, ein □nbeetimmtes Bewußtsein (indefinite consciooB- 
ness), welches keiner Formulierung zugänglich ist, aber doch 
zn den „normal affections*' des Intellekts gi^ört (ebenda, 
S. 38). Die Beschränkung des Denkens auf Relationen (thin- 
king = relationing, S. 86) ist vom biologischen Standpunkt der 
Entwicklung aus selbstverständlich. Nor pin solches Denken 
ist nützlich für uns (vgl. die Bemerkungen über evolutio- 
nisti&che, biologische und pragmatistiscbe Iiogik in ^ 53 dieses 
Buches). Auf die tieferen Probleme, welche sich aus der An- 
nahme eines „objektiven" Charakters der Logik ergeben, ist 
Spencer nicht eingegangen. 

Die Lehre von Spencer i^t in bemeriunswerler Weise w^tergebi^t 
worden von Carvetb Read (On the theoir of logic : an essay, London 
167d u. Logic, deductive and inductive, London 1886). Dieser nüiert üch 
wenigstens prinzipiell insofern dem Fositiviamus (siehe unten tmter g &), 
als er die Logik definieit als „a science of universal matter-of- 
fact", die weder objektiv noch subjektiv ist (l. c. S. 1*). Bei der weiteten 
AusfOhning bleibt er diesem Standpunkt allerdings nicht treu. 

Viel zahlreicher waren die Anhänger der Millschen Lehre, welche as 
der spezifisch bgisch -nissenschafUicben Seite derselben kein Interesse 
nahmen, aber ihre Spezialwissenschaften vom Standpunkt Mills aufiaBten 
und eine weitere Darlegung und Begrflndung der Millschen Satze für ganz 
aberfldssig hielten. Insbesondere legten die Vertreter der Naturwissen- 
schaften (im weitesten Sinn) größtenteils Hills Auffassung mehr oder weniger 
bewuBl und klar ihren allgemeinen Anschauungen zugrunde. 

Das etwa gleichzeitige Auftreten von Auguste Comte 
(1798 — 1857), dessen Cents de Philosophie positive in den 
Jahren 1830 — 1842 erschien, trug zu diesem Erfolg wesent- 
lich bei; denn obwohl Comte in diesem Werk die Logik als 
Wissenschaft fast ganz ignorierte, war doch allenthalben un- 
verkennbar, daß hier das Induktionsprinzip als für alle 
Wissenschaften maßgebend hingestellt wurde: „l'nsage bien 
eombin^ du raisonnemeat et de l'observation" war nichts 
anderes als die Anwendung der Induktion auf die Beobach- 
tung. Selbst die Mathematik ist nach Comte, wenn seine 
Ausführungen auch in diesem Punkt keineswegs klar und 
eindeutig sind, von der Erfahrung abhängig und daher 
schließlich auf Induktion angewiesen. Die Zurückföhmng 

„.,,„,^.oogic 



ä Kapitel. Allgemeine Geschichte der Lofik. 163 

aller Wissenscliaften (mit ÄUBnahme der Hatbemaiik) anf 
PbfBik, insbesondere die Degrradation der Psychologie zn 
eiatsm Anhängsel der Himphyaiologie, und die Reduktion 
der So2iol(^e anf „physiqne sociale" konnten kaum anders 
als im Sinn einer Alleinherschaft der Induktion verstanden 
Verden. Comte behauptet sogar, daS die Gesetze der Logik 
»Ibst nur durch eine „Observation approfondie" der bei der 
Bildung der wissenschaftlichen Theorien tatsächlich ange- 
wendeten Verfahmngsweieen („l'examen des procäd^ r^Ue- 
ment employ^ pour obtenir les diverses connaiwances 
eiactes . . . dejä acquises", Cours de philos., 5. Anfl., I, S. 27) 
«rkannt werden können, allerdings läßt er dahingestellt, ob 
es später vielleicht einmal möglich werde, a priori die 
großen logischen Methoden zu entwickeln (1. c. S. 33). 

Comte seibat hat in späteren Weiten, namentlich seiner Synthese sub- 
xctire, ou Systeme univenal des couceptions propres i. l'tM normal de 
lliamaiüt^, Bd. 1 Systeme de logigue positive ou trailä de i^losophle 
mithänatique, Paris iSSß"), seinen ursprangiichen Standpunkt nicht fest- 
(efaalten und die Loeik in Mathematik und Mystik autgelöst. Dabei «iid 
udeieneils der Nfltzlicbkeitsstandpunkt last ganz im Sinn des spfttereo 
PnsmaÜimus eingehalten. So lautet x. B. die endgoltige Definition der 
l^k [1. c S. 27): ,Je concours normal des sentimeats, des Images et des 
signes, pour noua inspirer les concepUons qui conviennent k nos besoins, 
nuiau^ intellectuela et physiques". Die ersten, übrigens unvollst&ndigMi 
englischen ttbetsetzungen des Uauplweikes erschienen 1861 und 18G6. 

Ant dem Boden der induktiven Logik steht in vielen Beziehungen auch 
-]«T boQ&ndische Philosoph Cornelia Willem Opzoomer (1831 Ixs 
1882] in seinem LeeAoek der Logica, Amsterdam 1868 ''). Er bestreitet die 
Kantsche Lehre, dafi die Form der Erfahrung nur im &ibjekt wurzelt und 
knnen obäektiven Ursprung hat, und rechnet auch die Mathematik zur Natur- 

**) So spricht er S. 65 von der science mathämatique, rAg6n6rte sous 
1« Dom de logique, gibt aber dann nicht etwa eine mathematische Logik im 
mideraen Sinn, sondern eine wenig klare, religiCs gefärbte Philosophie der 
Mathematik, in der z. B. die .^lorobres sacr^s" eine Rolle spielen (S. 109). Er- 
bueichnet dies selbst als „enseignement sacerdolal de 1a logique" <S. 90). 
IntcRssant ist die starke Hervorhebung der Bedeutung des GefOhlB fOr die 
I^gik; „A la t6te des moyens loBiques^ il faut donc plaeer les sentintenls 
qtii, founiissaDt k la fois la sourc« et la destination des pensäes^ les combi- 
neat d'aprto la conneiit6 dea 6motiona correspondantes" (S. 29) und „la 
»TStematisation logique eat autant due gue l'unitö g£n£rale k la pr6pond6- 
iiDce du coeui sur l'esprit". Vor Comte hatte sdion Burdin * (Mim. sur la 
xience de lliomme) erklärt: „La math^matique transcendante, qui n'est 
«ilre chose Que la science g£n6ralB de comparaison, antremeot dit la logi- 
lue ... ." 

"} Andere Hauptwerke: De weg der wetenschap, Leyden 1961, 3. Au(L, 
Bet mzea der kennis, Amsterdam 186B (unter dem Titel „Die Methode der 
TissQucbafl, ein Bandbuch der Logik", ins Deutsche Obersetzt von 

11» 

„.,.,„.>..oo^sic 



]g4 I- T'öl. AbgienzuDS und »ng^neine Geschieht« der Losik. 

wiBMoacball. Die Logik hat die AulSab^ die bewthrten naUuwiMenschaftr 
liehen Uethoden zu beschreiben und den Geisteswissenschaften zur Befol- 
guDg zu empfehlen. 

In Italien wurde die Lncik in positivisltfcbem Sinn von C&rl» 
Catl«neo {180V— läS^ Scritti di filoso&a, fürenze 18SS^ Bd. 3) imd wn 
Bpberto Ardigö (geboren räBB, Opeoe filonfich^ nam. Bd. 8, Padon 
IfiB&k RelstiviU ddla logica umana, S. 413 ff. und Riv. di fllos. 1911, Bd. 3, 
S. SIT) ausgebildet. Auch Federigo Enriques (leb. 1871] gehört 
hierher (I^blemi della sdenza, Bokxna 1906, 2. Aufl. 1910; Die Probleme 
dar Logik, Enzrkkvid. der iriulos. Wiss., hentusaeg. von Ä. Rüge, Bd. 1, 
TOtnagen 1B12, S. 219—213; Ut nteUphyuaue de Hegel, Rev. de miUvh. et 
de mor. 1910, Bd. 18; S. 1; Les concepts tondamentaux de la scienc?, 
Paris 1913) *. 

S 44. O^enstrSmiingeB: a) BeCarmTerHiebe amt d«a 
Gebiet der Kantsehen Lt^ik. Cohen. Natorp. Die im 

vorausgehenden knrz geschilderten Strönniagen, die extrem- 
. sensualistische Lo^rik Destntt de Traeys, die psycholo^ietische 
Benekes, die indnktiv-poBitiTistiscbe Mills und Comtes ver- 
einigten sich gewisBermaBen za einem konzentrischen An- 
griff auf die alte Logik. Allerdinga stimmten sie bei aller 
Verwandtschaft keineswegs unter sich überein. Beneke 
wollte von dem extremen Sensnalismus der Nachfolger Con- 
dillaos Dichte wissen und hatte doch andererseits Bedraiki-n 
gegen die von Whewell and Kant übemonunene lichre von 
apriorischen Elementen („ftmdamental ideas") '); Com^te hielt 
die ganze Psychologie, wie sie z. B. Beneke trieb und der 
Logik zugrunde legen wollte, für ganz überflüssig, Gruppe') 
und Hill *) nahmen wiederum an vielen positivistiscbea 
Lshren Anstofi usf. la der Verwerfung der herrschenden 
Logik waren sie jedoch einig. 

Demgegenüber waren die Vertreter der letzteren größten- 
teUs in einer miälichen Lage. Die Fichtesche und Schelling- 
sehe Schule hatte schon fast alle ihre Anhänger eingebüßt 
Die H^relsohe war zwar noch sehr einfiuBreich, aber dieser 
Biofluä äußerte sich bereits mehr in anderen Oeiateewissen- 
schaften ((Jeechichte, Jura usf.) a\t gerade in der Philosophie 

0. Schwindt, Utrecht 1852, nam. S, 11); De warheid en hare kenbronoLii, 
Amsterdam 18B8, 2, Aufl., Leyden 1863. tn>rigens vertritt Opz. andeierscils 
eine an Jacobi erinnernde Gefoblslehre. 

") System der Logik, TeU ^ S. aOß. 

*) Siehe S. 1B6. AusfOhrliche ErCrterung im Wendepunkt der Philo». 
J. c. Vgl. «ich Gruppes Bedenken gegen Uill in Gegenwart u. Zukunft der 
PhiloiL in Deutschland S. 181. 

') Auguste Comte and PoMüvism, Westminster Re». 1865, April. 



1,1^. OQi 



,g,c 



£ K>intel. JUltemüne Geschichte der Logik. IQg 

wibtt In dieser wankte der Olanbe an den Panlofrümns be- 
reite allenthalben. Daza kam^i die Streitigkeiten ioneriiolb 
der flegvlschen Scbnle, welche die Aufmerksamkeit der Ver- 
treter der H^elecfaen Lehre von des aoBariialb der Sehale 
drohenden (Gefahren ablenkten. Erst viel iqiätcr (t^I. % 48) 
gelangten dnrch dm sog. Ken-HegclianiBmns anch Hegels 
logische Ijebrea wieder zum Wort. Die Herbartaehe Schnle 
kam öb^iaapt kaum in Bctraeht. Ihr Ansehen beschränkte 
äeh tmt gttm auf päda^ogiKbe Kreise, amd infi^ffe dinw 
Spestalisiemng beteiligte sie sich nnr auverhältninaiMg 
wenig an der allgemeinen Weiterentwicklung der Philo- 
tofäät, insbeeoodere der Logik. Letsteres gilt aneh von der 
Frieaehen Schule, ans deren Mitte ül»i0enB Äpelt sehr ant- 
Bchiflden g^en Mill auftrat *}. 

So blieb denn der Kampf gegen die neuen Siehtnufen 
laiiäch st vorzugsweise Vieren Schulen überlassen, die 
doRli die Fichte -Sehelliog- Hegeische Richtung zeitweise 
xinückgedränfft «ordeD wann, jetat aber uaeh dem äeheiteni 
dieeer System© sich wieder erhoben und ihre alten Lrtnm 
~~ nun Teil allerdings unter erheblichen Umgestaltungen 
und reformierenden ÄnpasBungen — gegenüber dem An- 
shirm des Psychologismus, Seiunuüiaauis und Indnktivismns 
verteidigteai. 

Am «nebligsten ist onler diesen ReftktioBastrtmunsen gefen die neue 
Logik dieieilite derSantscben Schule. In England trat tetztere scbon 
<«tir fttA f^en J. St Hill auf, mib^ aüerdinRif manche seltsame Hitnr- 
tündstee und Umdnlungen der Kantscbeit Lehren vurkanten. Die Bsnpt- 
mtreler dieser RicfatunK waren Henry Longneville Hanftet 
(ta!D-~ie71, Prolegtnnena logica, an inqtürr inio the psycfaolosieal charactw 
«( logicftl processes, Oxford 1861; The liniitfl of irilgious ttiought etc., Ottori 
1^ naiBentL Leeture 3 u. b, S. 14A; Tke Umita of a domonstrative acience 
«Diida«! in a letter to the Rev. W. WheweU, Oxford 1SG3>; Artis logicae 
radhnenta, from the text of Aldrich, with notes and introduction, Oxford 
IW), William Thompson (Outline» oa the necenaiy la«n ol tbouftl; 
* Instiie «n puic and apidied lofic, London lSt2, 8. AuD. ISSB), und •nt 
^lem William Hamilton (1786— 1656^ Lectures on mrtaphvsics and 
knc, Edinburgh lacd—iee^ wovon Bd. 3 u. 4 Lectures oo logic^ 3. Aufl., 
^nbnish u. London 1866 mit einem uhlniche Fragmente enthaltenden 
Amendix; vgl auch § M). Die Lebren des letzteren erinnern QbrtSR» hier 
and da aa die später zn bewrechenöe ArifaMong Bdzanos (v^ 3. 17^, so 
**im er coneapt und eoDeeption miterscfacidet and rasteren wie alW Pn>- 
ii^ to Duften« der Lafik, letxtcoe wie alle Operationen des Denk«» 4m 
fnäata^ zniMist (Logk. Bd. S, L«et fi, & Aufl., S. 74, Eiehc andi S. », 

•) Dia Tbrntw am Induktioa, Leipdi 18M, S, 171 B. 

h. i.MM,Googlc 



]gg' I. T«L Aberenmns und all«emein« Geschichte der Lo^ 

In Belgien nahm E. T a n d e 1 einen ähnlichen Standpunkt ein [Coure de 
lodove, Liäfe 18U *). In Italien rertraUn Alfonao Testa (1784^1860. 
Filoaofia della mente, Piacenza 1686*) und später Carlo Ca.ntoni 
(IStO— 1906, Coiso elementare di filosof., Uilano 1870, 13. Aufl. 190S, Bd. 1} 
den Kantschen Standpunkt gesenDber den neuen Lehren. 

Viel bedeutsame^' ist die Reaktion, welche in Deutschland von der 
wiedererwacbenden Kantschen Schule — allerdings eilieblich sp&ter — geEen 
die Beneke-Comte-Mi tische Richtung ausging. Schon Cbristian Ej'nst 
Oottlieb Jens Reinhold (1793—1856) halte in zahlreichen Werten o) 
die Lehren seines Vaters (rgl. S. 180) und Kants geeenQber der Fiebte-Schet- 
ling-Hegelsdien Richtung, sfxnM auch auf logischem Gebiet mit relatiT un- 
bedeutenden Ab&ndanmgen (Logik 1827, Vorrede S. V) vertreten. Aber erst 
viel apftter, nftmlich im 7, Jahrzehnt des Jahrhunderts verscbaSte Mch der 
Bot: „Zurück zu Kant" allgemeines Geher und zwar insbesondere auch aul 
dem Gebiet der Logik, und kehrte man den Angriü bzw. die Verteidigung 
gegen die neue psTchologiatische, sensualistische und induktive Logik. Die 
„kritische Abhandlung" Otto Liebmanns v. J. 186& „Kant und die Epi- 
gonen" bezeichnet ziemlich scharf den Anfangspunkt dieser neuen Beregung. 
AuaführUcher und positiver wurde der neue Standpunkt von Frif^drich 
Albej-t Lange (182S — 1876) in seiner Geschichte des Materialismus (Iser- 
lohn 1866^ 2. sehr vermehrte AufL 1873, 7. Aufl., Leipzig 190S^ berausgeg. 
von H. Cohen) entwickelt. Bemerkenswert sind darin vor allem aoch die- 
erheblichen Zugeständnisse, welche L. allenthalben der induktiv -natur- 
wissenschafllichen Anschauung macht. 

In einär kleineren unvollendeten Schrift, die H. Cohen aus dem Nach— 
laB herausgegeben hat, betitelt „Logische Studien, ein Beitrag eur Neu- 
begrandung der formalen Logik und der EAenntufartheorie" (leertohn 1877, 
2. AufL iSBi), bat Lange die Lehre vom Urteil und vom SchhiS weaentliclr 
gefordert, wie in den Spezialabschnitten weiter zu erCrtem sein wird. Seine 
Angriffe richten sich hier viel mehr gegen die alte aristotelische, d. h. die- 
metaphysische Logik als gegen die neue psTcbokigistische und iaduktiTe. Der 
letzteren kommt L. sogar vielfach weit entgegen. Neu und selbeUndig;. 
wenn auch sicher unhaltbar*) ist die in diesen Studien entwickelte Lehre 
Langes, daß alle unsere Denkbegiitfe und BegriffsverhAltnisse aus der^ 
Raumanschauung entspringen. 

Noch viel schärfer wendet aicli die folgende Generation der- 
Neakantschen Schale gegen die psychologistische, sensua- 
listische nnd induktive Logik. Es hängt dies einerseits mit 
der zunehmenden Abwendnng der Schnle von den Natur- 
wissenschaften nnd andrerseits mit ihrer Neigung zu einer 
rein lf>gi5chen (statt It^isch-paychologischen) Auffasenn^ dor 



■) QrdndzOge eines Systems der Etkenntnisldire und Doiktehre, 
Sditesirig 1822, S. 176B. (g 109 fL); Versuch einer BcvrOndunf und neuen 
Darstellung der log. Formen, Leipzig 1819; Die Logik oder die aUfemeinS' 
Denklonneniehre, Jena 1827; Theorie des menschl. ErkenntnisvamCgens und. 
Metaphysik, Gotha-Erfurt 1833— IBM; Lehrb. der philos. prop&devL Psy- 
chologe nebst GrundzOgen der formalen Logik, Jena 1686. 

«) VgL A.Riebl, Vierteliahrsscbr. f. «iss. PhUos. ISiS. B.S, S.H6tL 



Z KftpiUl. Allgemeine Geschichte der tosik. 167 

LehnD Kants zoBammen. Nach Alois Biehl') (geb. 1344) 
ungm aelbfit in der theoretischen Naturwissenschaft die 
lUsaehen der Sinne durch Induktion und Experiment „nuter 
Begrilte a priori gebracht werden", om Erkenntnis zu liefern. 
Drb Mlt^nscb-mathematische Wissen" ist eine nicht minder 
areprängliche, nicht weniger wesentlich» Quelle des Er- 
kennens wie die Wahmehmnngstatsacben. Die Psychologie, 
imd speziell die physiologische I%yehologie wird ganz in den 
Hiot^^ond gedrängt Vgl. auch ^ 57. Noch ausgeprägter 
vertritt HermannCohen*) (1842—1918) denselben Stand- 
paukt. Er bestreitet, daß „in der Wahrnehmung das natür- 
liche Becht, die unmittelbare Gewißheit, die absolute Quelle 
der Wirklichkeit" zn erblicken sei (Prinz, d. Inßn. S. 27). 
Das Denken ist eine der Anschauung ebenbürtige Erkenntnie- 
qoelle. Jede „gegenständliche" (jed« „spezielle") Erkenntnis 
iet dareh die Verbindung beider Erkenntnisquellen bedingt 
d c. S. 16). Später erklärt C. noch schärfer: Die Schwache 
in der Grundlegung Kants liege darin, daß dem Denkeu 
>Min Anfang in Etwas außerhalb seiner selbst" zugeschrie- 
ben werde. Cohen lehnt es ab, „der Logik eine Lehre von der 
Simlichkeit voranfgehen zu lassMi": „wir fangen mit dem 
Denken an". ,J>as Denken darf keinen Ursprung haben 
»Lfierhalb seiner selbst . . ." (Log. d. rein. Erk. 8. 11), Das reine 
Ocoikea in sich selbst und ausschließlich muß die reinen Er- 
kenntnisse zur Erzeugung bringen. Das Zusammenwirken 
von Anschauung ond Denken ist also hier nicht erforderlich. 
Ifithin muß die Lehre vom Denken die Lehre von der Er- 
k™"tnifi werden. ,^Als solche Lehre vom Denken, welche an 
öeh Lehre von der Erkenntnis ist", will C. „die Logik niit- 



1 ndlosopbie der Geienwart, a AnfL, Leipzig 190« (z. B. S. VSStS.); 
In idnlosoph. KiitizismuB u. a Bedeutung iQr die pos. Wissanachal^ 
l^Big 1878, 1879 u. 1887, 2. Aufl., Bd. 1, 1908. Die ,3eitra«o zur Ugik" 
(VittlelMtiiBscbT. f. wiss. Fhilos. 18^ Bd. 16, S. 1; 2. AutL, Leipzig 1912) 
bchudeln spezielle Probleme; Logik und Eiteuntnistfaeorie, Kultur der 
'^fmwirt I, 6, Beriin 1907. Eine Uittelatdlung zwischeu der alteren 
LumcheD und der neueren Riehlschen Richtung mmmt der oben be- 
Kiit ervfihnte Otto Liebmann in seinen spateren Werken ein (1840 
^ 1^, Zur AnaiTBis der Wirklichkeit, StraBburs 1S76, i. AufL 1911; Ge- 
*«iken u. Talsachen etc., Bd. 1., Straßburg 1883— 18S9, Bd. 3, 1901—190*, 
^ Aufl. 1904), doch bat er togische Fragen niemals auStahrlich behandelt. 

*) Kants Theorie der Erfabrong, Berlin 1871, 3. Aufl. ie8&; Das Prin- 
^ da Infiniteaimalmethode u. seine Qeachichte, Berlin 1889; Logik des 
'öuea EAennen» (= System der Philosophie. 1. TeU), Berlin 1902. 



16S '• '^^' Absrenzunc und allgemeiae Geschicli<e der Locik. 

bauen". lu diesem Sinne spricht er auch von dem i,Q«^ 
üpeost einer Normalen Lo^ik". Der Lo^ik muß die uatürtiolie 
Beziehung auf sachliche Geltung wiedergegeben werden, „dtw 
Interessengebiet der alten Metaphysik darf ihr nicht entrüokt 
werden". ,4>a8 Sein ist das Sein des Denkens." Die alte. 
von Parmenides gelehrte BelatifHi der Identität von Denken 
imd Sein muß festgehalten werden. Der BegrifF fragt: was 
isti Die Antwort ist die „Idee". Die letztere ist „das Selbet- 
bewnfltsein des Begriffs'', „die Bechenschaft des BegrtfCs" 
(Log. d. r. Erk. S. 14). Für die Psychologie bleibt lediglioh 
das Subj^t, die Einheit der menschlichen Kultur, die Btn- 
heit des Bewußteeins als Einheit des KulturbewoBtseins. 
Die Logik hat es mit dieser Einheit nicht zu tun, sondMii mit 
„der Einheit des Denkens als des Denkens der Erkenntnis" "). 

Es leuchtet ein, daß damit jede psychologtstische und 
eensualistische, ja sogar jede empirische Richtung der Ijosik 
durchaus abgelehnt wird. Die induktive Logik vcfümI ilira 
von Mill behauptete Bedeutung. Zt^Ieich wird überhaupt 
die formale Logik beiseite geschoben und die transeendeatale 
Log] k Kants (vgl. S. 126) als d i e Logik x««' ifox^p hingestellt. 
Die Logik hat danach lUe apriorischen Bedingrui^n des 
Denkens eines Gegenstands zu untersuchen. Aber Cohen g^t 
über diesen Kantschen „Transzendentalismus" noch hinaus. 
Die Beziehung auf die Anschauung, die Kaut als unentbehr- 
lich erachtete, wird jetzt für das reine Denken ganz anf- 
gehoben. Das reine Denken muß die reinen Erkenntniaee 
ganz aus sich selbst schöpfen. Und auch die Beziehung Etun 
Sein verschiebt sich. An Stelle der Kantschen BeziehoD« 
des Denkens auf Anschaunngien tritt eine etwas geheimai»- 
volle Identität von Denken und Sein. Die metaphysische Be- 
deutung, welche die Logik bei Plato, Aristoteles, bei den 
Scholastikern, bei Hegel hatte, wird jetzt wieder ausdrück- 
lich für sie in Anspruch genommen. 

So hat die neu-kantsehe Ix^k in dieser von Cohen ver- 
tretenen Richtung nicht nur gegenüber der psychologisii- 
echen, sensualiatischen und induktiven Logik den KantacbttD 
transzendentalen Standpunkt wieder betont, sondern ist atxdi 
über diesen noch hinausgegangen, so daß sie einerseits tnit 



■) Auf die merkwürdige VberacUtiunS dw I 
Welches C. lOr ein Produkt du reinea De«kena hUt und in dan 
Punkt der Logik Btelten vill, kuin hier Dicht einseganien werden. 



3 Kapitel. Allgemeine Geschiebte der Lofik. 169 

äiaw Bjchtungen, andreneite mit der alsbald za be- 
spfficlienden logizistischen zasammentritft. 

Unter Cohens SdiOlem tut ach nuDentlicb Ernst Gtssirer (feU 
ISH; SnhatOTifhegrifl u. FunktiombeffriS, Betlin 1010 il a.) auch mit Idti- 
■tken ?nsen beacbUügt. Vnwandte Anschauunien finden sich in der von 
}. Pktter bersusgegebenen Logilc von Aug. Stadler (1860—1910), Leip- 

Dem Ck>Iien6chen Stanijpunkt steht Faul Natorp**) 
fg6b. 2854) sehr nahe. Wie Cohen nimmt er an der Kantschen 
Fordemng des durchgängigen Zusammenwirkens' von An- 
Khaanng und Denken ÄnstoB. Nicht nur für die Logik selbst, 
sondern auch für die Mathematik soll eine rein logische, 
aprioriBche Begründung unabhängig von der Anschauung 
m^lieh sein. Die Unterscheidung einer „reinen Anschauung" 
und eines „reinen Denkens" im Eantschen Sinne wird über- 
haupt preisgegeben. Dabei wird doch ein Zusammenfalien 
<ier Logik mit der Mathematik bestritten "). Die Mathematik 
ist wie die Naturwissenschaften eine konkrete Wissenschaft 
und als solche direkt auf ihren besonderen Gegenstand ge- - 
richtet, während die Lc^ik die Gesetze der Synthese selbst, 
vonach irgendein „Gegenstand der Wissenschaft sich zum 
Gegreostand erst gestaltet, also die Gesetze des Wissen- 
schaffens aJa solchen feststellt". Die Logik kann daher als 
eine „neue Art der Beflexion" bezeichnet werden. Der 
1*¥ische Charakter kommt der Mathematik nur zu, insofern 

■*) Die logischen Grundlagen der exakten Wissenschalten, Leipzig- 
Berlin 1910, u. AUg. Psychologie nach kritischer Methode, 1. Buch, Tobingen 
W13, nam. S. MB. u. aOOfl.; Logik (Grundlegung u. log. Aulbau der Math. 
n. math. Naturwissensch.} in Leitsätzen zu ak. Vories. 19M, 2. Aufl. Mar- 
targlBia 

'>) Ein solches Zusammenfallen lehrten von anderem Standpunkt aus 
GoUk«) Frege (Die Grundlagen der Aiithm. etc, Breslau 18», S. 99, 
S 87; Funktion u. Begriff, Jena 18B1, S. IttO.; Grundgesetze ddr Arith- 
»tik etc., Jena 1808 u. 19»), Bertraod A. W. Russell (An essky on Ibe 
'nsdalions ol geomelrr, Caübr. 1897; The Problems of idiilosoiAy, Lon- 
in in* (Kap. 7 u. 9— 1»); The principks of matbematica, Bd. 1. Cam- 
bridge 190B; La Uiteiie des types logiques, Rev. de mätaph. et de mar. 
ino^ Bd. 1^ S. 263; Amer. Jouro. of Math., Bd. 30, S. 238; Mind 19ll\ 
U. 18, 3. aOi Ober Heiuings Lehren; Hiilos. Rer. 1906, Bd. 16, S. 400), 
*ä. Ntnth 'Whitehead (A trmtise on universal aJgebra. with aptdicatienst 
^ 1, Cunbr. ISBS), Louis C o u t u r a t (Lea principes des matbömatiques, 
Paris 1906, deutsch von C. Siegel, Leipzig 1906; Die Priniipien der Logik 
■n Bnzrttep. d. philos. Wisaensch., Bd. 1, Tobingen 1913, S. 137—301; Rev. 
^ nttaph. et äe mor. 190*, Bd. 1% ä 1»«., 1906, Bd. IS, S. SW^ 191% 
U. 30, a 1] u. a. VgL auch 3 Ul 

„.,.,, :,>..OO^SIC 



370 L '^^- Abfrenzunc und allcemeine Gesdiichte der Logik. 

ihre Onmdbegriffle dnrch die Logik dargeboten mid zi^leicb 
Belbflt Begriffe der Logik sind nud ihre erfiteu Orandsätze iu. 
den Gesetzen der Logik enthalten oder ans ihnen ableitbar, 
nicht blofi in irgendeinem allgemeinen Sinne logisch, d. h. 
widersprnclufrei und zusanuncnhängend sind. 

Den Standpunkt der rein-formalen Logik verwirft dem- 
gemäß anch N. durchaus. Diese formale Bichtung der Logik 
beschränkt nach N. die ganze Leistung der ßrkenntniB auf 
die analytische Verarbeitung dinglicher Inhalte, die auf 
dem Wege der Wahrnehmung ihrem 'wesentlichen Bestand 
nach vorauBgegeben sind, und äbersieht, daß, wie Kant ge- 
zeigt hat, die vorausgegebenen Dinge, soweit von solchen zu 
reden überhanpt Sinn hat, vielmehr voraus vollzogene, aber 
nicht immer rein und richtig vollzogene Synthesen „eines 
primitiven Verstandes" sind. Bei dieser von Kant fest- 
gestellten Sachlage kann die Analyse allerdings wolil 
auch zu richtigen Ergebnissen führen, die letzteren aber 
niemals „ans sich verstehen und rechtfertigen", während die 
Absicht nicht widersinnig sein soll, die Synthesis „zum 
Verständnis zu bringen und sicherzustellen auf dem Weg 
der Synthesia selbst". 

Die hiermit verlangrt« „synthetische Begründung" des 
Krkennens will N. in genetischem Sinne verstanden wissen. 
Die Möglichkeit der Erfahrung als Wissenschaft im Sinne 
der transzendentalen Ixtgik Kants untersuchen bedeutet nach 
N. den unendlichen Werdeprozefi der Wissenschaft, von dem 
bereits Plato gesprochen, aufdecken. Man „setzt" bei dieser 
unendlichen Aufgabe notwendig irgend etwas zum einst- 
weiligen Anfang und sucht, indem man einerseits hinter 
diesen Anfang wieder zurückzugehen strebt, andrerseits über 
jeden scheinbaren Abschluß wieder hinausdringt, zu immer 
fundamentaleren Voraussetzungen und schließlich zu einem 
Voraussetzungslosen zu gelangen. Das Voraussetzungsloee 
kann aber nichts anderes sein als „das Gesetz dieses ganzen 
Prozesses", ,M Piatos Sprache das Gesetz des Jjogos', daa 
ürgesetz /les Logischen' oder das Gesetz des reinen Denkens'*. 

Man darf diese „genetische" Auffassung Nat»rps natür- 
lich in keiner Weise psychologisch auffassen. „Jeder, 
anch der entfernteste Schein einer Begründung im Subjek- 
tiven des Denkerlebnieses" soll gründlich beseitigt sein. 
Ebensowenig darf man von einem „gegebenen" Gegen- 
stand reden und also auch nicht von der Erk^mtnis als 



1,1^. OQi 



,g,c 



t Kttpitel. Allnmeiii« Geschichte der Lc«ik. ny 

UoBer Analyse dieses O^rebenen, sondern „gerade der 
Gegenstand ist Anfgabe, ist Problem me Unendliche", 
vobei N. offenbar den anf dem Wßg der Reflexion nnter- 
nshten synthetischen Prosessen eine Sonderstellung in oder 
sogar anSerhalb des Gegebenen zuweist. SehlieBIicb denkt 
sieh Natorp das gesuchte ursprüngliche als eine Einheit, die 
veder Bejahong noch Verneinung, weder Identität noch Ver- 
Behiedenbeit, weder Syntbesis noch Analysis ist, sondern 
,^Dsammenhang** durch „Ursprungseinheit". Die 
Präge des „Ursprung'«" — den Aasdmck „Urspmnjr" 
batte schon Cohen in fast gleichem Sinne gebrancht **) — 
bezeichnet sonach die universale Aufgabe der liogik. 

Nalom stehen unter den iflnseren Forachem nahe: Weither Kin- 
tel, Beiträge zur Erkenntniduitik. GieBen 1900, u. Idealismus u. Raalis- 
nm, GGttingen 1911, sowie Nicolki Hartmftnn, Systematische Me- 
thode, Logos 1913, Bd. 3, S. 121. 

Der Ziisammenhang dieser Natorpechen Anffassong der 
Logik mit der Kantschen transzendentalen Logik ist nnver- 
kennbar, andrerseite geht auch Natorp wie Cohen erheblieh 
aber Kant hinaas und nähert sich mit seiner vollständigen 
Ablehnung des i»yohologiBch-indtiktiven Standpunkts gleich- 
falls der logizistischen Bichtnng. Bemerkenswert sind wieder 
die vielfachen Ubereinetimmongen mit Plato und Hegel. 

Auf dem Boden des filtereo Neukantianismus steht auch zum Teil 
Job. Tolkelt («eb. IBiß; Erfahrung n. Denken, Hamburg-Leipzig 1886; 
Kc Ouellen der meDschl. GewiBheit, Manchen 1906, u. Ztschr. f. Philos. u. 
rtdoi. SiiL 188», Bd. 96, S. 27 n. -1990, Bd. »7, S. 26 sowie 1915, Bd. 157, 
& IBS}. Er fordert mit den meisten Kantiaitem im Sinn des sog. PbAnomena- 
Ünmis die Existenz transsubjeküver Wesenheiten. Zugleich n&hert er sich 
*l>er den im folgenden Paraeiaphen zu besprechenden Logiziaten, indem 
M auBer der Erfahrungagewißheit eine Ober das Gegebene hinausgehende, 
Tan ihm unaUi&neige Gewiflheit der Denknotwendigkeit annimmt. 

K)ch niher steht der ursprOnglicben Ldira Kants die Schrift von 
E- Harens, Die Elementariehre zur allgemeinen Logik und die Qrund- 
iQie der Inui szendental es Logik, Herford 1906 •*) (s. namentlich S. IM ff.). 
Auch Anklinge an Bolzanoscbe S&tze (s. unten) finden sich hier. 

Auch in Frankf«ch hat sich eme Schule im Sinn eines Neukantianis- 
»Ui unter dem EinflnB namentlich von Charles Renouvier (1S15 bis 
13CB) entwickelt, jedoch in einer wesentlich Teischiedenen, vorzugsweise 
PbbioFaeDalistiscben Richtung. Eine selbständige Darstellung der Ix^k 

") Nur hat Cohen für die Frage des Drsprungs eine Antwort zu 
haben geglaubt und daher an Stelle der Fnce ein Prinzip des Ursprungs 
iwetri. 

>*] Eine zweite, unter dem Titel Logik 1911 erschienene Anagabe war 
'"it nicht zngändich. 



172 I- "^^ Abtrennmg und allsemein» Geschichte der Logik. 

ist «US ihr nicht hervonegangea. Renouvier sdbst hat die Katfsorienldin 
Kanta erfaehUch umgestallct, sonst aber logische Fngen 9. str. nur nebenher 
behandelt (Essais de Crilique generale, 1. Logique^ Paris ISU; 2. Aufl. tBl6, 
3. Aufl. IB12 u. d. Titel Trait£ de logique generale et l<wi(lue formale u. 
Les cat^gories de la raiMii et la roMaphTBique do l'absolu, Annte ^k>- 
sophidue 1886). Dasselbe gilt von Octave Hamelin (1866—1907), der 
in seinem Essai sur les älfaoenls principauz de la 'repi^entation (I^ris 
1907) die Benouvierachen Kategorien deduktiv lu entwickeln versucht. Die 
logiachen Arbeilen von Jules Lachelier (gebiven 1832), der ebenfalls 
von Kant ausginf, aber seine Lehren in dotmatisierender spiritualistlschef 
Rit^tuni umgestaltet hat, betreten namentlich die Lehre ron den SchlOMen 
und «erden daher oni, splter berOcksicht^ werden (De natura syllogiaad, 
Paris 1871; Eludes sur le svllogisme etc^ Paris 1907; [emer Du fondement 
de l'induclioD, Thise de Paris, 1871, 2. Aufl. Paris 1886, i. Aufl., 1««) '. In 
Holland hat Cornelius Bellaar Spruyt (gestorben 1001) ein Leer- 
boek der formale Logica (postum Huriem IWSI) von einem etwas modi- 
fiziertea Kantsehen Standpunkt aus verfaßt 

§ 45. b. Logizistlsclie (Je^nstrSmQDf . Boizano. &«ntaiio. 
Hnueri. Helnong. Eine andere Gegenströmung gegen die 
psychologistisch-seusualistiscb-mdaktive Ricbtang ist von 
der neokantscben Bewegung iu ihren Ausgangspunkten tost 
ganz unabhängig, wenn sie auch in ibrer weiteren Entwick- 
lung sich mit ihr in nicht wenigen Paukten begegnet> Die 
gemeinBame Orundlefare, von der alle Anbänger dieser 
zweiten Gegenströmung ausgeben, ist der Satz, daß außer 
den Empftudnngen und den aus ihnen iierTorgegaOgenen 
Vorstellungen sowie den etwa syntbetiech für die Empfln- 
dungsn als Grundlage uima«hmendea Dingen an aiob d» 
Logisehe in irgendeiner Weise eine eigene, selbständige 
Existenz hat, also gewlssermaBen neben den psychischen 
Vorgängen der Empfindungen, der Vorstellungen und des 
Denkens und neben den Dingen an «iob (oder wie mau soast 
das den Ihnpflndungen zngronde Liegende nennen will) ein 
drittes ßein darstellt Die nahe Verwandtschaft mit dem 
scholastischen lEealismus (vgl. ^ 17) llegi auf der Hand. Zu- 
gleich leuchtet ein, daQ jede psychologistiscb-sensualiatiBche 
Auffassang der Logik mit dt«een Lehren ganz anvapeinbar 
ist. Da die meisten Anhänger der letzteren auOerdem fttr 
die Auffassung dieses spezifisch Logischen eine ganz iK- 
Bondere Tätigkeit, die nicht auf gewöhnliche sammelnde Kr- 
fahnmg gegründet Ist, annehmen, so mußte auch ein scharfer 
Gegensatz zu der Millscben induktiven Richtung der Logik 
hervortreten. Dagegen könnt« sich die in Bede stehende 
Lelire verhältnismäßig leicht mät der Eantacheo transzen- 



_.ooglc 



2. Kapitel. Allgemeine Geachichte der Logik. 173 

dntaloi Logik abfinden. . Das speaiflsoh Logifiche, dem Jen« 
wUafcKBdiBe I^xiaienz zogesehrieben vord«, soUto eben auch 
dwjeoigd sein, was naeh Kant die Erfahrung allererBt mög- 
tich jnoeht Ein weBenüicber Unterschied blieb dabei (rei- 
lid insofern, als nach Kaut dies Lt^ische sich auf inhalts- 
leere Formen beschränkt, während die neue Bichtnng für 
das qtezifiaeh Logiscbe aneh einen mannigfachen Inhalt in 
Aoiqiraoh nahm nnd hin und wieder es fast im Sinne eines 
Dings an sieh behandelte. Da indeä die neu-kantscbe ßich- 
tong diesem Daaliarnns von Inhalt and Form nicht tren ge- 
blieben war, so mudte der genannte Unterschied gegenüb» 
dieera Biehtong viel au Bedeatung verlieren. Eine zn- 
oehnMude Konvergenz der beiden Bichtnngeu ist daher anch 
in den letzten Jahrzehnten onverkeunbar. 

Die so gekennzeichnete Biehtung wird im folgenden 
^n die logizistische genannt werden, nm auf die 
Hanptlehren von der selbstAudigen Existenz spezifleeh logi* 
echer Gebilde hiDSuweisen. Sie steht in vielen Beziehungen 
in einem ähnliehen Verhältnis zu den älteren Neukantianern 
(Biebl, I^nge) wie B%el zu Kant selbst 0. 

Als ihr Begrndder ist Bernard Bolzano (1781 bis 
1848) EU betrachten. In seinem Hauptwerk „Wisaenscbafts- 
lehre" ') (vgl. auch S. 10) stellt Bolzano die Behauptung auf, 

'} Zuerst bat wohl L. Busse die Bezeichnuns , J, o e i s m u s" tQr die 
Hnaserlscbe Logik, aläo einen speziellen Zweig der in Rede stehenden 
Ricbtong gäiraucbt (Ztschr. f. Psvch. u. Phys. d. Sinn. 19(6, Bd. 3% S. 153). 
kfa bibe dieselbe Bezeichnung für die ganze Richtung vorgeschlagen (Er- 
tmntniitbeorie, Jena IftlS, S. iil\ dann aber durch die Bezeichnung 
Logiiiimus eraetzl (Z. g^enw. Standp. d. Erkenntnistheorie, Wies- 
bxden leu^ S. 33), da der Terminus .^'Ogistik." seit langer Zeit nament- 
lich in Frankreich für die sog. algebraische Logik gebraucht wird. Auch 
E. Oiooa (Ztschr. f. Psycho). 191SI Bd. 62, S. 271) verwendet die Bezeich- 
DUM JLi^iziBmucr Uinlich wie idi. — Von „Logistik" spricht z^ B. schon 
Franz Vieta im Sinn von Rechenkunst und Algebra (vgl. S. 228). W. Tr. 
Km« (vgl S. 131) gibt im Philos. BandwOfterbuch an, .J^ogisUk" bedeute 
eigeatlicb Rechenkunst, werde aber zuweilen auch für SvUogistik (ebraucbt. 
Die bestimmte Einschränkung der Bedeutung auf die algebraische Logik er- 
loigle i- J. 1904 durch Cuuturat, Itelson u. LaJande (Rev. de mftaphys. et 
de 011». 19M, Bd. 12, S. 1012; s. auch Meinong, Zlscbr. f. Philos. u. philoa. 
Kiit 1WI7, Bd. 130, S. 13). Vgl. auch S. 99. 

*) Sulzbach 1887 (4 Bde.). Der 1. u. 2. Band ist inzwischen in einem 
cnginalgetreuen Neudruck von Alois HOfler wieder herausgegeben worden 
(Läpzig 1914 u. 1915). Von sonstigen Schriften Bolzanos kommt für die 
Logik namentlich noch in Betracht: Wiasenschaltslehre u. Religionswissen - 
»duli in einer beurteilenden Übereicht, Sulzbacb 1841 (anonym erachiesen); 

„.,,„, ^.oogic 



174 I- '^^- Absrenzuiw und aUveoMiiie Geschichte der Logik. 

daS es niclit nur ^redachte (und «ventoell ausgeBprocliene) 
Sätze, sondern aoch „Sätze an sich" g«be, und definiert 
den Satz an sich, als „irgendeine Aussage, dafi etwas ist od^ 
nicht ist, gleichviel ob diese Aussage wahr oder falsch 
ist, ob sie von irrend Jenuind in Worte gefaßt oder 
nicht gefaßt, ja auch im Geiste nur gedacht oder nicht ge- 
dacht worden ist" (Wissenschaftslehre, Bd. 1, S. 77). Die 
Bezeichnung „Aussage" darf also offenbar hier nicht wört- 
lich verstanden werden: Qas Ausgesagtwerden und sogar 
das Gedachtwerden und ebenso das Färwahrgehaltenwerden 
kommt dem „Satz an sich" nach B. im Gegensatz zum Urteil 
nicht notwendig zu, er ist von ihnen unabhängig. Andrer- 
seits zeigt die Anwendung des Terminus „Aussage" auf die 
Sätze au sich, daß B. unter letzteren auch nicht etwa Tat- 
sachen der sog. Wirklichkeit versteht ,J)er Satz an sich, 
der den Inhalt des Gedankens oder Urteils ausmacht, ist 
überhaupt nichts Elxistierendee". 

Der ,3atz an sich" ist seinerseits wieder zusammen- 
gesetzt aus „Vorstellungen an sich" (S. 99 u. 216). Als Bei- 
spiel eines Satzes an sich führt Bolzano u. a. an: Dasjenige, 
„was durch die Worte: ,ein gleichseitiges Dreieck ist auch 
gleichwinklig* auegedräckt wird, falls sie auch niemand liest 
und versteht". Was dabei durch den Anblick der Worte im 
Lesenden erzeugt wird, ist im Gegematz zum Satz an sich 
ein gedachter Satz; was diejenigen Leser, „welche die 
Wahl-heit dieses Satzes erkennen, bei seiner Aussprache tun, 
nur das erst ist ein Urteil" (S. 99). Die „Wahrheiten an sich" 
sind „eine Art von Sätzen an sich", nämlich solche, die etwas 
aussagen, so wie es ist (S. 112 u. 121). Auch die Wahrheiten 
an sich haben also „kein wirkliches Dasein'), d. h. sie sind 
nichts Solches, das in irgendeinem Orte, oder zu irgendeiner 
Zeit, oder auch sonst eine Art als etwas Wirkliches be- 
stände". Nur erkannte oder gedachte Wahrheiten 

Paradaxien des Unendlichen, Leipzig 1851 (aoasUt. Neudnick, Berlin 1689)- 
Uber Bolzano vrI. Hugo Befginann, Das Philosoph. WeA B. Bolzanos, Ball« 
1909, u. Gerii. Gottliardt, Bolzanos L*hre v. Satz an sich in ihrer metbodo- 
Icgischeo Bedeutuns, Berlin 1906. 

*) Uan beachte also wohl, daß Bolzano hierin — bei aller sonstiien 
übereinatimmuns — von den scholastischen Realisten abweicht D»* 
Wahre und das Seiende ist tflir B. nicht identisch, die Wahriieit ist nicbl 
auf existierende Gegenstände beschFftnkL Im Obrigen meint aber Bolu"*' 
selbst, daS seine Wahrheit an sich schon dem Thomas v. Aquino u. >■ 
vorgeschwebt habe (Wissenschattslehre I. S. HS f.). 



2. KapiM. AllBemeine Geschichte der Logik. 175 

hbea „in dem Gemütfae desjenigen Weaeitö, das sie erkennt 
odei denkt, ein wirkliches Dasein zu bastinunter Zeit". Die 
Wahriieiten an sich können sich anf Wirkliches beziehen, 
und aber nicht dieses Wirkliche selbst und können sich auch 
saf Nicht- Wirkliche» beziehen. Was nnn eigentlich ein Satz 
an sieh bedeutet außer dem objektiven Tatbestand und auAer 
(!em fiabjektiveu Tatbestand des Denkens bzw. Gedacht- 
Terdens, klärt B. trotz aller Ausführlichkeit nicht aof. 
Wenn man ihm vorhalten würde, daß alle falschen Sätze 
nnrim Gedaohtwerden, alle richtigen „Sätze" gleich- 
falls im Oedachtwerden vorhanden sind und außerdem den 
letzteren Gesetze des objektiven Tatbestandes, d. h. in- 
duktiv festgestellte Ähnlichkeiten im Gegebenen und seinem 
Ablauf entsprechen, so würde in seinem Werk keine Ant- 
wort zu finden sein, was diese ,3ätze an sieh" nnn aoßerdem 
noch sein sollen. Er sf^ nicht, was es bedeutet, daß es 
Sätze an sich „gebe". Auch seine Anseinondersetzang über 
den Sinn der Behauptung, daß es Wahrheiten an sieb 
gebe (Wissensehaftslehre ^ 30), hilft keinen Schritt weiter: 
ima Bolzano erläutert diese Behauptung dahin, „daß ge- 
visae Sätze die Beschaffenheit von Wahrtieiten an sich 
haben", versäDDit aber aach hier mitsuteilen, was es bedeuten 
soll, daß es Sätze an sich gebe. Der Sinn des Satzes: „es 
^bt gefallene Engel" wird nicht deutlicher, wenn ich sage: 
er bedeutet, daß gewisse Engel gefallen sind. Die Schwier^- 
keit der Bolzanoechen Lehre wird noch größer daduivh, daß 
er die Vorstellung an sich, obwohl sie den „Stoff" einer ge- 
wöhnlichen — gedachten — Vorstellung abgeben kann, doch 
dorchaus von dem „Gegenstand" der gedachten Vorstellung 
— d. h. dem „Gegenstand, anf den sich eine gedachte Vor- 
stellung bezieht" — unterscheiden will (§ 49). In der Tat 
haben die Nachfolger Bolzanos, wie sich' nuten ergeben wird, 
mm Teil an diesem schwachen Punkt seiner Beweisführung 
mit ihrer Weiterbildung seiner Lehre eingesetzt. 

Zunächst blieben Bolzanos Gedanken fast ganz un- 
tieacbtet. Der katholischen Theologie war er zu wenig scho- 
lastisch, insofern er sich zn weit von den kirchlich anerkann- 
ten scholastischen Auffassung entfernte — er verlor sogar 
i. J. 1820 seine Professur, weil er sich weigerte, seine Lehren 
m widerrufen — , der nicht katholisch-theologischen Philo- 
sophie war er größtenteils zu scholastisch, zumal er gelegent- 
licii davon spraoh, daß die Wahrheiten an sich doch wenig- 

„.,,„A.f>OglC 



176 "- ^*^ Abcrrazuiut und allgemune Geschichte der Logik. 

Btens von Gott als dem Allwüsendeu fortwäIu«iid vor- 
gMiellt würden (z. B. I. c. S. 113). Erst aa£ eiDem Umweg 
Tflisehaffien sieb seine Lebren in den letsten 30 — 10 Jahren 
langsam einen verapäteten Einfluß. Eine Bichtnnff der 
Psychologie nämlioh, die Brentano voe etwa 40 Jahren 
einsehlng, brachte dem Grundgedanken Bolsanos eine in- 
dir^te Hilfe. 

Franz Brentano (1838— 1917) bat selbst kein logi- 
sches Werk verfaßt, aber sein psycfaologifiches Hauptwerk 
„l^ychologie vom empirischen Standpunkt" (Leipzig 1874) *) 
ist für die psychologische Orundlegung der Logik so wichtig 
und insbesondere auch für die Weiterentwicklung der Bol- 
utnoschen Richtung der Logik so bedeutsam, daß es auch 
in der Gesehiehte der Logik erwähnt werden muß. Brentano 
lehrte nämlich, daß alle psychischen Phänomene, d. h. 
alle „Vorstellungen, Urteile und Phänomene der Liebe un3 
des Hasses'* sieh durch „die Beziehung auf etwas 
als Objekt" von den psychischen Phänomenen unter- 
scheiden. Im Anschluß an unliebe Lehren mancher Scho- 
lastiker bezeichnete er dies charakteristische Merkmal auch 
als „intentionale Inezistenz [eines Gegenstande s'V 
deutsch etwa „Beziehung auf einen lühalt" oder .Richtung 
auf ein Objekt" oder immanente Gegenständlichkeit" (1. c. 
S. 115 n. 127 ff.)«). Weiter schUeßt dann Br., daß eine 
Wahrnehmung im eigentlichen Sinne nnr von den psychi- 
schen 'Phänomenen möglich sei, und daß nnr den letzteren, 
außer der intentionalen, auch eine wirkliche Existenz zu- 
komme, während die physischen PhänMuene nnr „phäno- 

*) Vgl. auch Von der Klassifikation psychischer Phänomene, Leipzigs 
1911, neue, durch NachtT&ge stafk vermehrte Ausg. d. Psn^boL v. enuiir. 
Standp., namentl. S. &S u. 71. Uanche EixänzuDsen auch in der Schrift 
„Vom UrspnmB sittlicher Eikenntnia", Leipzig 1889. Von Brootauo) Logik 
handelt u, a. W. Enoch, Franz Brentanos Beform der Logik, Fhiloa. Mo- 
natshefte 1893, Bd. 2d, S. 483. 

') Terminologisch ist flbrigens sehr miBlich, daB Br. einerseits das 
chaiAteristische Meikmal der psTchischen Phänomene als „intentionale In- 
existeoz" bezeichnet (wo also streng genommen Inesislenz t=s Enthalten) 
und andrerseits von einer ,4ntentionalen Inezistenz" des Gegenstan- 
des <al£o doch wohl i^= Enthaltensein) im Sinn einec Eigenschaft 
dieses Gegenstandes spricht. Dazu kommt, daB Br. auBerdem den Aus- 
druck „intentionale Existenz" imracht, welche sowohl den physiacbea 
wie den psTchischen Phinomenen zukommen soll (S. 127 a 122}. Ich 
bezeichne die int. Inexistenz im ersten Sinn als „Intentionali tat". 



OgIC 



2. Kapitel, ungemeine Qeschichte der Logik. ]77 

aesal and inteutional" bestehen sollen. Dia Empflndimgen 
ab^kte'* ^hör«n zn den psychischen Phänomenen 
^ l(ß, 129), die in ihnea intentional inexistierenden Inhalte 
(Objekte) sind physische Phänomene (S. 127 n. 129). 
Wie sich diese physischen Phänomene, auf welche sich die 
Gmp0ndung8akte beziehen, zu den äußeren ÜTsachen der 
fin^findnnsr, welche außerdem von Br. angenommen wer- 
den (S. 128/9), verhalten, wird nicht näher erörtert nnd nur 
«isdräcklich die Anwendung des Ausdrucks „physische 
I^ÜDomene" auf die in den äuBeren Ursachen wirksamen 
Kräfte als mifibräuchlich bezeichnet (S. 128). Besonders 
bedentsam wird diese ganze Lehre Brentanos dadurch, daß 
»auch von physischen Phänomenen der Phantasie 
spricht <S. 127 u. 129). Ob er diese als direkte Objekte der 
Phantasie betrachtet oder eine Vermittlong dnrch die Emp' 
flndnngsinhalte annimmt, ist nicht ersichtlich. Jedenfalls 
sollen diese physischen Phänomene der Phantasie nicht in 
das Bereich der Naturwissenschaft fallen. 

Über die Natur der Gegenstände, welche den psychischen 
Phänomenen inexistieren und auf welche diese sich im Sinne 
eines Aktes beziehen, bleiben somit, obwohl sie von Br. als 
physische Phänomene bezeichnet werden, noch viele Zweifel. 
Wir hören eben nur, daß den physischen Phänomenen keine 
wirkliche, sondern nur intentionale Existenz zukommt 
(S. 122). Namentlich bleibt auch ihre Beziehung zur Logik 
fanz unklar. Überhaupt hat Brentano selbst aus seiner all- 
fmneinen Inteationslehre für die Logik keine weiteren 
Folgerungen gezogen*), insbesondere auch keine Anknüp- 
fong an die Bolzanosehen Aufstelltmgen versucht Selbst, 
wie sieh psychologisch dieses „einen-Oegenstand-Bnt- 

*} Die logischen Grörtenuigeii S. 3Ü3t(. habea mit jenem allgemeinen 
anz keinen notwendigen Zusammenhang, sondern beziehen sich aul spe- 
^Ue Fragen ^r Lehre vom Urteil und Schluß und sollen daher etai un 
lienellen Teil berflclcsichtigt werden (vgl. g 76). Die von Brentano in Äus- 
^ttU gestellte Verölfenllicbung seiner Würzburger Vorlesungen über 
ijitik ist meines Wissens nicht erfolgt. Die speziellen Lehren Brentanos 
'om Urteil, auf welche erst im speziellen Teil eingegangen wird, wurden 
««itergebildet von Anton MaTty (vgl. § 56^ Franz Mitlosich 
lWa-1881, Subieittlose Sätze, 2. Aufl. Wien 188d) u. FranzHillebrand 
'Xä>. 1863), Die neuen Theorien der kategor. Schlüsse, Wien 1881 u. Zur 
I^hr« V. d. HypoUiesenbildung, Wien ISSG). An Brentano und Marty 
^iefit sich Hugo Bergmann an (Untersuch, z. Problem der Evidenz 
^r inneren Wahrnehmung, Halle 1906). 

ZicbcD, Lebrbneii der LogUc. 12 

h. 1. iiA.OOt^lC 



178 '- 'I'^'- AbsienzuDg und «Ugemeine Gcvcbichte der Lofik. 

halten" zn den 8<«. Merikmalen oder ESgenschaften derVor- 
etellungen verhält, bleibt unerörtert. Erst andere ForBoher 
baben den inexistenten Oegenetand Brentanos in logizisti- 
scbem Sinne ans^edeatet nnd mit der „Vorstellimg an sich" 
Bolzanos identifiziert oder wenigstens in -raigen Znsammeii- 
bang gebracht 

Unter dieeoi neueren an Bolzano und Brentano anknüp- 
fenden logizistifichen Theorien stellt die „Gegenstands- 
theorie" Alexiu« v. Meinongs') (geb. 1853) ge- 
wifisermaBen cfie geradlinige Fortsetzung der Bolzanoscheo 
und Brentanoechen Lehre dar. Meinong versteht unter 
„Gegenstand", soweit das Denken in Betracht kommt, im 
wesentlichen dasselbe wie Brentano. Der Qegenstand ist 
also dasjenige, was man vorstellt, worüber man urteilt usf. 
Zugleich deckt sich der Meinongscbe „Oegenstand" auch fast 
ganz mit Bolzanos Vorstellung an sich. Auch die Gegen- 
stände Meinongs sind nicht auf Existierendes beschränkt 
(z. B. Vm, 1906, S. 70) nnd von den psychologischen hx- 
halten der Vorstellungen verschieden. Aber Meinong ver- 
sucht sehr viel genauer als Bolzano die Beziehung der Gegen- 
stände zur Existenz und die Beziehung der Gegenstände zam 
Vorstellung« Inhalt festzustellen. Mit Bezug auf den 
emteren Punkt unterscbeidet M. (VI, S. 124; VU, & 39) 
zwischen Sein als Existenz*) (Existieren) nnd Sein als Be- 

Für die Lofik kommea lumenllich iolgende Schriften bzw. BOcÜer 
Meinonsa in Betracht: 1. Hume-Studien (S. 115 bereits zitiert); U. Zur 
PsTchol. d^ Komplexioaen u. Delationen, Ztscbr. f. Psych, u. FhTS. d. 
Sinn., 1681, Bd. % & SH; m. BeitrUe z. Theorie der psychd. Analyse, 
ebend., 18M, fid. 6, S. SM; IV. über Gegenstände höherer Ordnung, ebend., 
am», Bd. 31, S. 1B3; V. Abstnhieren u. Vergleicben, ebend.^ 1900^ Bd. % 
S. 34; VL Über Annahmen, Erglnzungaband 2 z. Ztschi;. f. Psych, u. Phys. 
a. Sinn., Leipzig 1902 (2. Aul, 1910); VH. Über Gegenstandstheorie in 
UnteisucL Z. Gegenslandsth. u. Psrchol., berausgeg. t. Heinons, Leipzig 
ISM, S. 1; Vra. Über die SteUung der Gegenstandsth. im System der Wissen- 
schaften, Leipzig 1907, u. Ztschr. f. Hiilos. u. pbiloB. Kritik 1906^ Bd ISS, 
S. « «- 1907, Bd. laa S. 1; IX. Urteilsgefühle, Aich. f. d. ge& Psycho). 
1906, Bd. 6, S. 22; X. Über die Ertahningsgrundlagen unseres Wissens, 
Berlin 1906; XI. Vibei Möglichkeit und Wahracheinlichkeit, Leipzig IBlfi. 
Ein Teil der genannten Schriften ist auch in Mdnongs Gesammelten Ab- 
handlungen, Bd. 1 u. 2, Leipzig 19U u. 1913 abgedlniekt. Auf die rtni- 
aohen Zittern weisen die Zitate oben im Text hin. 

*) Die Terminologis ist leider dadurch sehr in Verwirrung gerate^ dafi 
ein andrer Anhänger Brentanos, A. Hartv, umg^ehit das Udnongsche Exi- 
stieren als ReaUtAt und das Ueinongschc Bestehen als Existieren bezeich- 
net hat. Zeitlich geht die Haitysche Arbeit (Tierteljahrsscbr. t. vim. Pbiloa 

h. !■, II, l^.OOQIC 



2. KipiteL AUcMaeine Oea chidite der Logik- 179 

Btmil (Bestehen). IHe Existens, auch als Realität oder Wirk- 
Mkeit oder Dasein bezeichnet, ist entweder psychisch oder 
(AysiBch. So „existieren" z. B. die Vorstellmigen und ihre 
Inhalte (z. B. IV, S. 187). Die den Vorstellnngen immanen- 
ten Oegenstände „bestehen", müssen aber nicht „existieren". 
Kaoche YorsteUnngsgegemtändel existieren nicht, wie z. B. 
der goldene Berg, das runde Viereck usf. Man kann in 
dtesem Falle höchstens von einer Psendo-Existenz oder 
QnsBi-Wirklichkeit (Existenz in der Vorstellung) sprechen. 
& ist ein YoruTteU, wenn man oft das „Nicht-wirkliche" 
ftls identisch mSt „nichts" betrachtet. Daher nntersoheidet 
M. 2wischen „realen Gegenständen", d. h. Oegenatänden, die 
«irklieh existieren oder, falls sie nicht wirklich existieren, 
ihrer Natnr nach doch jedenfalls existieren könnten, und 
tödealen G^enstanden", „die, anch we«in sie in gewisser 
Weise affirmiert werden müssen, doch wieder ihrer Natnr 
Dtch niemals ohne Inkorrektheit als existierend beseiohnet 
*erdai d&rfen" OV, 3. 198). Als Beispiel eines idealen 
Gegenatanides führt Meinong □. a. .Jlbnlichkeit" an. Selbet- 
Tentandlich erhebt sich anch hier wieder die Frage, wa« 
das »Bestehen" der Gegenstände bedeuten soll, und ob es 
fiberhanpt bei den realm wi« bei den idealen Gegenständen 
Doch etwas anderes bedeutet als die Wirklichkeit eines be- 
stimmten Vorstellnngsinhalts in psychologischem Sinne, so 
daS bei den realen Gegenständen nur noch die „Wirklich- 
keit", bei den idealen überhanpt nichts zu dem Vorstellunga- 
inhalt hinzukommen würde. In seinen späteren Schriften hat 
it. mit Entschiedenheit die Meinung vertreten, daß Gegen- 
stand und Vorstellungsinhalt verschieden seien (TV, 
S. 185 ff.)*). Er beruft sich namentlich darauf, daS der 
(Gegenstand einer Vorstellnng nicht wirklich, nicht 
psychisch, nicht gegenwärtig sein müsse, während der In- 
halt einer Vorstellnng stets — ' wie diese seihst — wirk- 
üch, psychisch und gegenwärtig sei. Hiergegen ist aller- 
dings einzuwenden, daß einerseit« nicht-wirkliehe, also in 

VU, Bd. 8, S. 161, namenU. S. 171) dea oben ütieHeo Meinongscbea 
ntiua. Auch Brentano selbst eAlKrt in äer SchnH Vom Urspr. sitll. Br-> 
bnntnis, S. TJ^ ea korome auf dasselbe hinaus, (A man sage, ein affir- 
nttna Urtdl sei wahr, oder ob man sage, sein Oesenstand sei exiatiennd. 
*) Dieselbe Fiase behandelt au! anderem Wege, .aber mit fast dam- 
MlbcD Kitebms auch Kasimir Twardowski, Z. Lehn v. Inhalt u. OegensL 
1 VontcUaneen, Wien IBM. u. Über begrifllicbe Vorstellungen, Wlsaensclv 
BeiL I. ifi. Jahresbeneht d. Pbiloa. Oea, a. d. Un. Wien. Leipzig 1906^ & 1. 

12» 
i.f, II, l^.OOQK 



180 '- ^^- AbgTNisung und «Usemeine Oeschiehte der Losifc. 

MeinongB Sinn „ideal«" Gegenstände nicht nscbgewieeen 
sind und die Beispiele, die M. fär solche anführt, sehr vohl 
als wirkliche Vorstellnngsinhalte — anschanliche oder va- 
ansehanliche, dentlicfae oder nndentliche — gedeatet werden 
können '"), und daB andrerseits die wirklichen, ,;rea]en" 
Oegenstände Meinongs, soweit sie nicht psychisch nnd nicht 
gegenwärtig sind, mit den wirklichen Dingen identisch sind. 
Noch weiter scheint M. in den seit 1904 erschienenen Schrif- 
ten die Gegenstände ans dem Bereich des Psychischen her- 
anezarttcken. Während er noch i. J. 1890 das Bestehen, die 
Fsendoexistenz der Gegenstände als ein Existieren in der 
Vorstellimg gelten ließ (allerdings nhter Vorbehalt), wird 
jetzt die ganze Mathematik von ihm als „im wesentUchen 
ein Stück Gegenstandstheorie" betrachtet (Vn, S^ 27). IXe 
Brücken znr Psychologie erscheinen damit abgebrochen, an 
Stelle der konzeptnalistischen Auffassung der BegritTe tritt 
die realistiscfae (in scholastischem Sinne). 

Die Gegenstandstbeorie ist nach Meinong mit Unrecht 
als Teil der Logik (a. B. unter der Beaeichnong „reine 
Logik"), aufgefaßt worden *'), nach seiner Meinung gibt sie 
nur „eine wesentliche Grundlage" für die Logik ab (Vlil, 
1907, S. 25). Die Gegenstandstbeorie erstreckt eich auf alles 
dasjenige, was „aus der Natur eines Gegenstandes, also 
a priori, in betreff dieses Gegenstände« erkannt werden 
kann" (VII, S. 40). Sie betrilFt das „So sein" des Gegebenen 
und das Sein nur, soweit dies ans dem „Sosein" erkennbar 
ist. Ihre Satze sind „daseinsfreie" Erkenntnisse des „wa- 
rum", nicht des „daß" und können das sein, weil das „So- 
sein" von dem „Sein" unabhängig ist (VTII, 1906, S. 77 fr.; 
VII, S. 7 ff.). 

Auf die weiteren Sätze, welche M. in seiner Gegen- 
standstbeorie entwickelt, wird zum Teil in den speziellen 
Abschnitten eingegangen werden müssen. Hier sei nur noch 
erwähnt, daß M. nicht nur jeder Vorstellung, sondern auch 
jedem Urteil einen Gegenstand oder wenigstens „etwas 

*') Eine Auanahme machen auch widersinnige VoratellunKCa wie ^ud- 
dea Viereck" Dich), Bei solchen h&ndelt es sich um blofle WortverbüidiiQ- 
gen (sukzessive Klaugvorstellungen) oder sukzessive SftcbvoiBtcllungen, 
deren Zusammendenken als Aufgabe gestellt wird, sich aber als unausführ- 
bar erweist. Vgl. jedoch auch S. 271. 

") So z. B. von llelson, Revue de m^taphya. et mor. 19M, Bd. Vi, 
S.' 1037 („la logique est la scienc« des objets en gfinöral"). 



i.l^. OQi 



,g,c 



2. Kwitel. AllsemeiD« Gei chichU der Li«ilt- 161 

Gegenstaad-Ähnlichea" zascfareibt (VI, S. 150). Im UrtsU: 
„es gibt Schnee dranAen" ist Schnee der beurteilte V o r - 
stellan^agegenstand; aber die ernrteilte Erkeantnis, 
dsSes Sehne« gibt, ist das Oegenätandartige, welches dem 
urteil zakommt. Jenen Gegrenstaitd bezeichnet M. als 
„Objekt", dieses Oegenstandartige als „Objektiv" (vgl. 
aueh die etwas abgeänderte Darstellnng in VI *, S. 42 ff.). 

Nicht minder wichtig für Heinongs Anffaseang ist die 
l'nlerscheidnng von G^enständen niederer nnd höherer 
Ordnung (IV, S. 189 ff.; VI, S. 129 ff.). (Jegenstände höherer 
Ordnong (Snperiora) sind Gegenstände, denen man eine in 
ilirer Nator gelegene innere ünaelbstäDdigkeit nachsagen 
kann", oder „die eich gleichsam anf andere Gegenstände 
Qoferiora) als nnerläBliche Voranssetzungen **) aofbanen". 
So ist z, B. „Verschiedenheit" ein Gegenstand höherer Ord- 
nniig, da sie ohne Bezugnahme anf Objekte (Inferior^ gar 
niciit gedacbt werden kann. Für VcMTstellungen nnd Urteile, 
«elehe einen Gegenstand höherer Ordnung haben (z. B. „Bot 
nnd Blau sind Terschieden"), ist der letztere der „primäre 
Oegenstand" (im angeführten Beispiel die Verschiedenheit), 
nnd dessen Inferior» (z. B. Bot nnd Blau) können ttls „sekun- 
däre Gegenstände" bezeichnet werden. Die Beziehung 
zwischen Gegenständen hi^rer nnd niederer Ordnung ist 
oatorlich nur relativ, insofern ein Superius wieder für 
Gegenstände noch höherer Ordnung als Inferius auftreten 
^snn. Die Beziehung zwischen dem Superius und seinen 
Inferiora bezeichnet M. auch als Fundierung: das Supe- 
nns wird durch seine Inferiora fundiert (VI, 3. 8). 

Die sogenannten logischen Denkgesetze bekommen vom 
Standpunkt der Gegenstandstheorie eine andere Bedeutung. 
&e sind keine Normen, das Imperativische ist überflüssig, 
<<ndem sie können einfach formuliert werden: dafi jeder 
beliebige Gegenstand entweder Ä oder non-A ist, das „ist 
»ahr" („das ist", „das ist Tatsache"). Es handelt sich um 
& priori einsichtige logische Urteile, deren Objektiv selbst 
wieder Objektive zum Material hat Auch von einem 
nOesetz" könnte also nur in dem Sinne die Bede sein, wie 
etwa auch der pythagoreische Lehrsatz ein (besetz genannt 
werden kann. Vor allem ist von keinem Denkgesetz die 
fiede, sondern man könnte höchstens von einem (besetz des A - 

'*) Vonussetzuneea üt hier als Akkusaliv zu verstehen. 

h. i."iM,Googlc 



182 '- ^'''' Abfrenzims unA allgemetiie Geachidit« d«r Logik. 

oder von einem Gesetz grewiBser Objektive sprechen (VIII, 
1907, R 44). 

Unter MdnoDn Anhftnfem uod Schülern, die sich abrisenn z. Teä 
selbotlndig an der Waterbüduns der guizen Tbeoh» beteiligt haben, sind 
nammthch zu nennen: 

AloisUefler, seh. 1868^ Giundlehran der Logik u. Paycholosie, Leipzig- 
Wien 1S90, auch sepant Orandlehren der Logik, i. Aufl., 1907; Philos. 
Propädeutik, 1. Tal, Logik, Leipzig-Wien IWO'; Zur gegenwbtigen 
Natttiphilosophie, Abh. 2. Didaktik u. Philo*, d. NalunrissenadL her- 
auKeg. V. Foske, Uö&er u. GrimseU, Berlin 19U *. 
Sl«phan Witasek (1870—1916), Gnindiinien de» Psychologie, Leip- 
zig 1908. 
Ernst Hatly, Untersuchungen z. Gegenstandstheorie des Uessena in 
Meinongs Unters, x. Gegenstandsth. u. Psych., Leipzig ISU, S. 181; 
Gegenslandstheoretische Gnmdlag«t der Logik u. Logistik, Leipzig 
1912 (Eiginzungsheft z. Ztschr. [. PbÜos. u. philos. Krit.). 
Rud. Ameseder, Beitrige z. Grundlegung d. Gegenstandsth. in Hcuiong» 

. Unters., S. 51. 
Wilh. H. F ran kl, Inhalt u. Umfang v. Begriffen, Arch. f. syst. Philos. 
1911, Bd. 17, S. 486 (s. auch ebenda S. 11«); Über (konomie des Den- 
kens in Ueinongs Unten., S. 263; Logik, eine wissensch. tbeoiet 
Unters, nach den Forschungserg. Meinongs, 1906 '. 
Konrad Zindler, geb. 1866, Beitr. x. Theorie d. math. Erkenntni« 

Wien 1888. 
Hans Pichler, Ober die Qltennbarkeit der Gegenstände, Wien 1909; 
Über Chr. Wolffs Ontologie, Leipzig 1910 (P. sucht an WollI anzu- 
knöpfen); UflgUchkeit u. Wideispruchslosiduit, Leipzig 1912. 
Jos. Klemens Kreibig, Die intellektuellen Funktionen, Wien-Leip- 
zig 1909. 
Eduard Hartinak, geb. 1869, Psycholog. Untersuchungen z. Bedeu- 
tungslehre, Leipzig 1901. 
UnaMiängig von Meinong und, wie es scheint, auch unabhängig von 
Bolzano hat G. F r e g e (vgl S. 169, Anm. 11) schon vor fiber 30 Jahren die 
Lehre vertreten, daB auBer den sinnlich wahmehmbareD Dingen auch 
logische Gegenstiode anäritannt werden maßten (vgL z. B. Funktion u. 
Begriff, Jena 1801, S. 3 u. 18; Vierteljabrsschr. I. wiss. Philos. 180% Bd. 16, 
S. 192, u. Ztschr. f. Fbilos. u. phUos. Krit. 1802, Bd. 100, S. 100). Nach 
Frege ,M Gegenstand alles, was nicht Funktion ist, dessen Ausdruck als» 
kane leere Stelle mit sich fflhrt". FOf „Gegenstand" braucht er auch den 
Terminus ,3edeutung": „Abend-" tmd ,Jlorgenstem" haben dieselbe Be- 
deutung, aber nicht denselben Sinn. 

Wie Meinong knöpft auch CarlStumpf") (geb. 1848) 
in vielen Beziehnngen an Brentano an und trifft in njancb«ii 

") Für die Logik sind folgende Schnften am wichtigsten: Zur Ein- 
leihing d. Wissenschaften, Abh. d. PreuB. Ak. d. Wiss. t. J. 190^ Berlin 
1907; Erscheinungen u. psychische Funktionen, ebenda 1907; Psydulogie 
u. Erkenntnistheorie, Abh. d. bayer. Ak. d. Wiae., Bd. 19, 2. AU, 1891. 
S. Mfi. 



tY^IC 



2. Sa«it^ AUfemeiD« Qe «Aichte der LoiiL ig3 

Ponkten, die für die Logrik in Betracht kommen, mit Mei< 
iMHig Zusammen "). St. nuterscheidet jjßrscheinnnffen" 
nnd „psychisch» Funktionen (Akte, Zustände, Kr- 
lebnime)". Zu den ersteren gehören die , Jnhalte der Sinoes- 
empflndongen" und die gleichnamigen Oedäehtnisbilder; sie 
entqirechen im wesentlichen etwa den physischen 
Phäsranenen von Brentano (vgl. S. 176). Bie Verhältnisse, 
die zwischen den Erscheinungen bestehen, „sind in und mit 
äax Erscheinungen gegeben, nicht von uns hineingelegt, son- 
dern darin oder dmran wahrgenommen". Sie sind nicht 
selbst Fimktionen noch auch Erzeugnisse von solchen. Zu 
den psychischen Fonktionen gehört das ,3«iuerken" von Er- 
Kheinimgen und ihren VerhältniBsen, das Znsammenfeseen 
vcm Ebscheinnngen zu Komplexen, die Begriffsbildung, das 
Auffassen nnd Urteilen usf. Jede Funktion außer der grund- 
legenden des Wahraehmens hat ein Korrelat, dessen all- 
8«iqeine Nator — wie die der Funktion selbst — nur durch 
Bespiele erläntert werden kann. Gin solches , J>ritte8 außer 
Kncheinung nnd Funktion" steUen z. B. für die Funktion des 
begrifflichen Denkens (des Erfassens der einfachsten He- 
griffe) die Begriffe dar. Für das Urteil spielen „Bpezifitwthe 
ürteilsinhalte" („Sachverhalte") die Rolle des Korrelats. 
IHeee Korrelate oder Qebilde entsprechen offenbar, soweit 
das Denken in Betracht koaunt, in den meisten Punkten ganz 
den „Vorstellungen an sich" und „Sätzen an sich" Boizanos 
»nd den „Gegenständen" (Objekten und Objektiven) Mei- 
iHHigs. Fraglich bleibt nur, ob St. die Gebilde als etwas Selb- 
ständiges betrachtet, was mehr ist oder bedeutet als ein Er- 
lengniB der Denkfnnktionen aus den Erscheinungen, und 
ilioen also eine jenseits des Psychischen liegende Existenz 
nwrkennt (vgl. uamentL Brsch. n. ps. F., S. 30 ff.). Als beson- 
ders beachtenswert sei auch hervorgehoben, daß St. gegen die 
Neukantianer (Neokritizisten) hervorhebt, daß aach Snbstnn- 



'*) Stumpf selbst betont mehr seine Cbereinsümmung mit Uusserl 
ItUerdiiiga lagen ihm damals die neueien Arbeiten des letzteren noch nicht 
W} uut eihdit gegen Meinongs Absrenzung der Oegenatandstheorie mancha 
Uftige Bedenken (Z. Einteil. d. Wisa., S. 6 u. 40). Auf die bemerken»- 
vtrten Obercimtimmungen, welche zwischen den Stumvfschen Funktionen 
■lud dem *«£c des Aristoteles, speziell dem rsür jw^hw der Ariatoteliker, 
«ie ihn namenllicb Brentano aufgelaBt hat (vgl. S. 31, U, 47, 75) be- 
Mm, sei hier nur hingewiesen. 



OgIC 



\^ I. Teil. Abfrenzune und allgemeine Geschichte der Logik. 

zialitat nnd Kausalität nicht Benkf onktionen, Bondera 
Gebilde, also Korrelate von Funktionen aind. 

Während Meinong — allordiDg« namentlich in seinen 
früheren Schriften — zwar einer psychologisÜsehen Auffas- 
sung: der Logik entgegengetreten war, aber doch nicht jede 
Beziehung zur Psychologie abgebrochen hatte, verbannt Ed- 
mund O. Husfierl'") (geh. 1859) die Psycholc^ie voUstän- 
ttig aus der, Logik. In seinen Werken tritt die logizistisohe 
Lehre von der absoluten Selbständigkeit des Logischen und 
die Opposition gegen die sensualistisch-psychologistisch- 
indnktive Richtung der Logik am schärfsten hervor. H. 
akzeptiert den (Gegensatz zwischen Fsychtschem und Phy- 
sischem (y, S. 311 ff.) und stellt das erstere als Phänomwa 
dem letzteren als der Natur gegenüber. Während die Katur 
in Grscheianogen erscheint, existiert in der psychisciien 
Sphäre kein Unterschied zwischen Erscheinung und Sein. 
Das Psychische ist „Erlebnis" und „in der Reflexion er- 
schautes Erlebnis", „erscheint als seihst durch sich selbst". 
Als solches ist es aoch der Forschung zugänglich. Diese hat 
dabei auf jede „Naturalisierung" za verzichten, sie muß rein 
immanent bleiben, die „phänomenologische Einstellung" kon- 
eeqneut und rein festhalten. So gelangen wir zum „Wesen." 
der Phänomene '*). Dies Wesen kann also in „unmitteU)arem 
Schauen*' (Intuition) adäquat erfaßt werden. Im Gegensatz 
zur experimentellen Psychologie handelt es sich dabei nm 
eine nicht-empirische phänomenologische Weseosana- 
lyse. So können wir dnrch Wesensschaunng (intuitiv) uns 
z. B. das Wesen „Farbe", das Wesen „Wahrnehmung" „zu 
voller Klarheit, zu voller Gegebenheit" bringen (V, S. 315) 

*') I. Philosophie der Arithmetik, psrchoL u. log. Untersuchungen, Bd. 1, 
Halle ISOl; H. I^rchototiecbe Studien z. elementaren Losik, Philos. Ifonats- 
hofle 18M, Bd. sa S. 150; UI. Beriebt über deutsche Schriften zur Logik, 
Arch. i. syst Philos. 1S97, Bd. S^ & 316 ff„ IM», Bd. 9, S. 113 fi., IMM, 
Bd. 10, S. 101; IV. Logische Untersuchungen, 2 Teile, Halle 1900 u. 1901, 
2. Autl (noch nicht vollständig erschienen) 1918; V. Philosophie als stiens« 
Wissenschaft, Logos 1910/11, Bd. 1, S. 2S9; VI. Ideen zu einer reinra 
rhänomenologie u. ph&nomenol. Philosophie, Jahri). f. Philos. u. pb&noinefiaL 
Forsch. 191B, Bd. 1 (auch separat erschienen). Husserls Lehren haben siofa 
im Lauf der letzten 26 Jahre eUiebiicb um- und ausgestaltet. Der Dar- 
stellung oben im Text ist namentlich die an letzter Stelle angeftiute 
Schrift zugrunde gelegt. 

") In der letzten Schrift (VI, S. 76) unterscheidet H. da» Sein «Is 
.Bewußtsein" („Erlebnis") und das Sein als „Realität" („Ding"). 



OgIC 



2. Kapitel. Allgemein e Geschichte der Lopk. 185 

md aoßh „die im Weaensschanen getaBten Wesen in festen 
Bej^en, in aehr weitem JJmtange mindestenB, fixieren" und 
dsrüber absolut grfiltige Anssagen ab^ben: „Die Scbanonft 
erfaßt dabei daä Wesen als Wesenssein and setzt in keiner 
Weise Dasein" (man vergleiche Meinong^s (Gegenüberstellung 
von „Soeein" und „Sein"). Diese reine Wesensforsohung, die 
also mit Selbstbeobachtung, sog. innerer Wahrnehmung 
nichts zu tun hat, wird von H. als reine Phänomenologie be- 
zeiehnet. Sie macht das gemeinsame Fundament jeder Philo- 
sophie (inkl. Erkenntnistheorie) und Psychologie aus. 

Die Wissenschaften, welche sich in dieser Weise mit dem 
„Wesen" (Eidos) beschäftigen, bezeichnet H. als Wesens- 
visBenschaften oder eidetisebe Wissenschaften. Zu den reinen 
Wesenswlssenechaften gehört die reine Logik, die reine 
Mathematik, die reine Zeitlehre usf. Überall ist hier statt 
der Erfahrung di& Wesenserscbaunng der letztbegründende 
Akt (VI, S. 17). Von diesen eidetischen Wissenschaften vill 
aber H. die „reine BewuBtseinsforschung der Phänomeno- 
logie", soweit sie sich auf deskriptive Analyse mittels reiner 
lotnitton beschränkt, noch trennen. In diesem Sinne kann 
(üe reine deskriptiv« Phänomenologie sogar die formale Logik 
nitd damit anch alle Disziplinen der formalen Mathesis (Alge- 
bra, Zahtentheorie, Mannigfaltigkeitslehre usf.) bei ihrem 
Forschen „ausschalten" („in Klammer setzen"), vgl. VI, 112. 
Di» Phänomenologie wird eo zu einer rein deskriptiven Dis- 
liplin, welche das „Feld des transzendental reinen BewuBt- 
Mios in der puren Intnitioa durcbforscht". Die logischen 
Sätze, auf die sich zu berufen sie je Anlaß finden könnte, 
vären also durchaus logische Axiome, wie der Satz vom 
Widetspmch, deren allgemeine und absolute Oeltung die 
Phänomenologie an ihren eigenen (Gegebenheiten exempla- 
ntch einsichtig machen könnte. Die phänomenologische 
Kom geht also dahin, „nichts in Anspruch zu 
nehmen, als was Wir am Bewußtsein selbst, in 
reiim Immanenz uns wesensmäBig einsichtig machen kön- 
nen", ■ Die reine oder transzendentale Phanomenolgie ist die 
<l«afaiptiv« Wesensiehre transzendental reduzierter (nioht- 
>^ler) Phänomene. 

Diese Lehre von der Wesensschauung verknüpft Hus- 
■erl nun mit Lehren, die auf Bolzano und Brentano zurück- 
geben. Er behauptet, daß viele „Erlebnisse" („BewuSteeine"), 
und zwar sowohl individuelle Anschannugen wie Wesens- 



OgIC 



Ig6 I. Tai. MliMtziuw tutd iJte niaDe Geachichl e der Unft. 

schanungen BewiiBtseis »von etwas siod" (VI, S. 64): sie 
haben ein ,4ntentioDale8 Objekt" (Gegenstand). Diese 
Intentionalität ist nicht etwa — man beachte die Äbweichoi^ 
von Stumpf — mit der Beziehang zwischen einem psycho- 
k^iscfaen Vorgang (wie Achten, Aufmerken oder Erfassen) 
ttnd einem realen Objekt identisch, sondern soll den Erleb- 
nissen ihrem „Wesen" nach zukommen. Bei den „aktnel- 
len" intentionalen Erlebnissen kommt zn der allgemeinen 
intentionalen Beziehung als Wesensmerkmal noch das „Oe- 
richtetsein auf („im Blick haben", ,Jchblick") hinzn, du 
je nach dem Akt „wahrnehmend" oder „wollend" usf. ist Die 
Erfassung oder Bettchtang ist eine besondere Modifikation, 
welche erst nnter bestimmten Umständen zu dem Akt als 
eine zweite intentio hinzutritt. Nur bei den einfachsten sinn- 
lichen Vorstellungen deckt sich der „Ichblick" eo ipso mit 
der Erfassong (VI, S. 63 ff.). Bei allen anderen Akten würde, 
wenn sie vollständig sind, dreierlei zu unterscheiden sein: die 
allgemeine intentionale Beziehung auf ein Objekt, die für den 
Akt kennzeichnende Zuwendung des Ich und die Erfassong 
des Gegenstandes „in einer eigenen vergegenständlichenden 
Wendni^'. Dazu kommt weiter, daB jedes Erlebnis selbst 
wieder intentionalee Objekt eines neuen Erlebnisses werden 
kfmn (durch „reflektive Blickweadung"). 

Das Zugrundeliegende eines Erlebnisses wird von Huseerl 
als „sensueller StofT' bezeichnet, dasjenige, was die Stoffe zu 
intentionalen Erlebnissen formt und das Spezifische der In- 
tentionalität hineinbringt, als „noetisches Moment" oder 
.^Noese" (VI, S. 174). Im reinen Wesen der Noesen. liegt die 
,J^nktlon" begründet, Bewußtsein von etwas zustande zu 
bringen und damit eine synthetische Einheit möglich zu 
machen und dem Erlebnis einen „Sinn" za geben. Während 
in dieser Weise das Erlebnis selbst in stoffliche und noetische 
Beetandteile durch „reelle" Analyse zerlegt wird, ergibt das 
intentionale Korrelat des Ergebnisses „noematische Bestände" 
(= „intentionale" Analyse). So würde z. B. für das Urteilen 
das Genrteilte als solches das Noemal sein (VI, S. 182). Des 
Verhältnis dieser Noemen zn den intentionalen Gegenständen 
ist auch in der letzten Schrift Husserls nicht ganz aufge- 
klärt"). 

") Vgl. zur Kritik der Husseriscben Lehre Tb. Elsenliuia, Kautstudien, 
19}B, Bd. ao, 9. 3S«i Tb. Ziehen. Zlschr. S. FsTCbol. IfilS, Bd. li, S. ISi 



a Kwrttet. Alhtemwne Geacbichte der Logik. 187 

Dae Kriterinm für die Wahrheit der Weeensschanangr ist 
naeb Hosserl dadaroh gegeben, daß es für jedes Wesen sozs- 
sagBB eine absolute Nähe gibt, in der seine Gegebenheit ab- 
solut klar ist, eine „Selbstgegebenheit" ist (VI, S. 126). Woran 
wir diese abaolnte Nähe merken, wird nicht gesagt. Die 
scharfe GegenäbersteUnng der „assertorischen Evidenz" bei 
dem asfiertorischen Sehen eiuea Individnellen und der »apo- 
diktischea Evidenz" bei dem apodiktischen Einsehen eines 
Wesens oder Wesensverhaltens (VI, S. 286) bleibt daher doch 
unbestimmt, znmal ein besonderes Bvidenzgefühl nach Hoe- 
su{ nicht in Frage kommt (VI, S. 39). Die „Evidenz" ist 
nimlich kein Gefühl, sondern vielmehr das Erlebnis der 
Wahrheit selbst, and reziprok ist die Wahrheit „eine Idee, 
deren Einzelfall im evidenten urteil aktuelles Erlebnis ist" 
tIV, 3. Änfl-, Bd. 1, S. 18» f. u. Bd. 2, S. 593 ff.). 

Der Gegenstand Brentanos ist damit seiner psycholo- 
giecben Bedeutung ganz entkleidet, die Bolzanoeche „Vorstel- 
lung an sich" als ein nicht-psychologiBches „Wesen" wieder 
hergestellt and ihr ein nicht-psychologischer Vorgang der 
Weeensschaanng zugeordnet. Die „reine Xjogik", die iu 
HnsBeris älteren Werken (vgl. z. B. IV, 1900, Teil 1, S. 223) 
noch diese Wesensontersuchungen zu nrnfassen schien, wird 
ietat za Gonsten einer reinen Phäoomenologie auf ein engeres 
Qebiet beschränkt, dessen Abgrenzung freilich nicht ganz 
klar ist 

Vom Siaadpunkl der Husserlscben Lehren sind u. a. folgende zur 

l^wk in Beziehuiw stehende Art>eitea veilaBt: 

Ahe. Gallinger, Das Problem der objektiTen HOBÜchkeit, LeipziB IdlS 
(Sehr. d. Ges: f. psychol. Forsch, 4 Samml., Heft 16) u. Zur Grend- 
itKaag einer Lehre von der Eiinnenutf, Halle 19U (ia beiden Ai- 
beiten ist auch der EinlluB von Lippa bemaAbar), namenlL S. 71 ft. 

Erich Heinrich, Untersuchungen zur Lehre vom Begrifl, Dias. GCttin- 
ten 1910. 

Moll Läpp, Die Wahrheit, ein erkennlnieiheoret Verauch orientiert an 
^^^m, Musaerl u. an Vaihiosers Philosophie des Als ob, Stuttg. 1913 (auch 
^ Dias. Versuch tlber den Wahrheitsbegrifl mit besond. BerOcksicht. 
^ 1. L, Erlangen 1912); W. Jerusalam, Der kritische Idealismus u. die 
Xite Logik, Wien 1906 (n&mentl. S. 91 ff.); P. Natorp, Zur Frage der log. 
■l^ode, Kantstudien 1901, Bd. 6, S. 270; Heinr. Maier, Logik u. Fsrcbo- 
I«n«, Festschr. L Riehl, Halle 1914, S. 311, namentl. 319 H. u. 860 ff. 

") bi den älteren Arbeiten scheint Husserl die Phänomenologie ntehr 
)lt aae Vorbereitungswissenscbaft der reinen Logik la betrachten fJV, 
1800, 3. T«1, S. 18). 



.oogic 



Igg L Teil. Abgrenning und aUgemuna Geschichte der Li^ik. 

Wilh. Schapp, BeitrMe zur Phinomenolotie der Wahrnehmung, Disa. 

HaUe IBia 
Heinr. Hofmana, Untersuchungen Ober den Emp^ndungsbegriS, Disa 
Goitingeu 1912 u. Arcb. I. d. ges. Psychol 1913, Bd. 36, S. Salt. 

In RuBland bat Nikolaj LoBkij (Die Umgestaltung des BewuBI- 
seinsbetfciffes in der modernen Erkenntnistheorie u. ihre Bedeutung für die 
Logik, in EnitTklop. d. philos. WIssl, Bd. 1, Tobingen 1912, S. S43— 37i) 
einen Standpunkt vertreten, der dem Husserlachen sehr nahe steht Er 
behauptet, daB im Moment der Urteil aauassge Erkenntnisobjekt und Er- 
kenntniainhalt, mögen sie auch sonst transzendHit sein, „dem BewuBtsein 
Bes erkennenden Subjektes immanent «erden, und zwar dank der vorüber- 
gehenden Funktion des Individuums, die in der Hinlenkung der AufmeA-^ 
aandceit besteht" („Intuitivismus"). 

Als ein Vorläufer von Husserl kann in manchen Beziehungen Wil- 
helm Dillbev (1833 — 1911) betrachtet werden, wenigstens in seinen 
neueren Schriften. FQt die Logik kommen namentlich folgende Werke in 
Betracht: Grundriß der I^ogik u. des Syslem* der philos. Wissenschaftei^ 
Berlin 1866; Einleiiung in die Geisteswissenschaften, Bd. 1, Leipzig 188% 
namentl. S. 491 — 619 u- S. 146; Ideen über eine beschreibende imd zerfElie- 
demde Fsrchologie, Sltzungsber. d. Kgl. Pr. Ak. d. Wiss. zu Berlin, Jahrg. 
18«. Berlin 189*, S. 1309; Studien z. Gnmdlegung der Geisteswissenach. 
ibid. 1906y 1. Halbband, S. dßO. IfaiDentlich DUtheys Lehre von einer 
„unmitteltuirea G^ebenheit des inneren Zusammenhangs" im Psychischen 
(z. B. Sltzungsber. ISM, S- 1M3) oder von einem „Strukturzusammenhang" 
(5. 1346) steht Husserls sp&teren Lehren einigermaßen nahe. Zu einer 
systematischen Ausgestaltung seiner neueren logischen I«hren ist D. nicht 
gelangt. 

In einigen Punkten berührt sich mit Bolzano und Husserl endlich auch 
Melchior Fal&gyi (Der Streit der Paycbologisten und Formalisten ia 
der modernen Logik, Leipzig 1902; Kant u. Bolzano, Halle 1903*; Die Logik 
auf dem Scheidewege, Beiün 1908), obwohl er in der erstgenannten Schrift 
scharfe, aber gr6Blenteils auf MiSverstandnissen beruhende Angriffe gegeu 
Husserl gelichtet hat (rgL die Antwort in der Husserlschen Besprediunt 
Ztschr. f. Psychol. IKÄ^ Bd. 31, S. 287). Die Logik hat e» nach P. mit 
der Besinnung fiberttaupt", die PsYchologie mit der .Besinnung hier und 
jetzt" 2u tun. Die Logik ist daher „die allxemeine Wissenschaft von der 
Besinnung". Auch Hans Schmidkuni (GrundzOge einer Lehre v- 
d. log. Evidenz (Ztschr. f. Philos. u. philos. Erit. 191% Bd. 14S, S. 1} scbUeBt 
sich in vielen Punkten an Husserl an. Noch Ober ihn hinaus geht in 
manchen Punkten Bruno Bauch (Studien zur Philosophie der eiaklen 
WissenschafUn, Heidelberg 1911, namentl. S. aWHJ. 

§ 46. c) Werttbeoretiselier LoKizismus: Windelbud; 

Rlekert Ebenfalls in direkter Reaktion gegen die indoktlve 
uod psycholog'iBtische Logik undiaeng'emZusammeiihaiigiDit 
dem Nen-Kantianismus entwickelte eich in Deutschland eine 
weitere Richtung der logischen Forschung, welche man als die 
werttheoretische bezeichnen kann. Ihr Begründer ist 



OgIC 



2. Kapitel. Allgenuine Geac hiehte der Logik - 189 

Wilhelm WindelbaDd') (1848—1915). Auch er verlangt 
,^'e meüiodisebe Unabhängigbeit der Logik von psycholo- 
siMben Voraossetiungen". Die Psychologie mnfi nur be- 
summte Vorarbeiten för die Logik leisten und kann ihr 
uSenlein wichtige Anregungen geben. Die Erkenntnis- 
theorie ist für W. nur ,^r dritte Teil der Logik" (vgl. unten). 
Die Logik omfafit also die ganze „philosophische Lehre vom 
Wiesen als Theorie der theoretischen Vemanft". Mit der 
jfthetik vod Ethik zosammen stellt Bie die drei „philoso- 
I^ÜBchen Gmndwissenschaften" dar, andere existieren nicht. 
Die Fundamentaltatsache, die aller logischen Besinnung zn- 
Snmde liegt, besteht darin, daß wir zwischen unseren Vor- 
stellungen den Wertunterschied des Wahren and 
des Falschen machen. Im Mittelpunkt der Logik steht 
fSr W. wie für viele moderne Logiker die Lehre vom Urteil. 
Etwas extrem drückt dies W. sogar gelegentlich durch den 
Sati aus; „Die Logik ist Urteilslehre." Mit Kant betrachtet 
eralB den allgemeinsten Charakter des theoretischen Bewußt- 
Being das Prinzip der Synthesis (synthetische Einheit dnrch 
eine verknöpfende Form). Pie Logik zerfällt demgemäß in 
3 Teile: erstens die formale Logik (von W. sehr miß- 
verständlich auch als „reine" Logik bezeichnet), welche „die- 
imigen Formen des Denkens, von welchen die ErftiUnng des 
Vshrheitszwecks im Erkennen und Wissen abhängt, in der 
Alntraktion isoliert und in ihrer unmittelbaren Evidenz auf- 
KJgt**, zweitens die Methodologie, welche mit Bezug 
nif die besonderen Erkenntniainhalte „die planvollen Zu- 
■annnenhänge von logischen Formen darlegt, worin die ein- 
Klnen Wissenschaften mit Rücksicht auf die formale ') und 

') WichtifBte tosiscbe Schhlteo ; Beiträge zur Lebre v. negativen Ur- 
>(il (in StnBbuner Abb. z. Philos. z. Zellers 70. Geburisla» StraQburg 
»4 S. 166; Präludien, Freiburg u. Tüb. 188^ i. Aufl. Tübingen 1911 
(uiDenUicb Bd. 2, S. ZiB. Über Denken und Nachdenken^ u. S. 5911. Noi^ 
'"^ u. Na(ur«esette u. S. 99 H. Kritische od. geneiiscbc UelhodeT); Vom 
äMem der Kategorien (in der Festschr. f. Sigwart), Tübingen 1900, S. 41; 
l^xit; in „Die Philosophie im Beginn des SO. Jahrh." (Feslscbr. f. K. Fischer), 
Bfidelberg IBO*, 2. Aufl, 1907, S. 186—207; tJber Gleichheit u. Identität, 
.•^Jlnuigsber. d. Heidelb. Ak. d. Wisa., philo8.-hisl. Kl. IMO, Abb. 1*; Die 
^ääen der Logik (in Enzyklop. d. philos. Wiss., Bd. 1), Tübingen 1812; 
^■nltitung in die Philosophie, TObingen 1314, nam. TeU 1, Kap. 3, S. 1900.; 
DwffUle zur Wahrheil, Heidelbere 1909, über die Gewißheit der Erkeanlnis, 
B«Hn 1S73. 

>) Der Widerspruch, der in dieser ,4 o r m a 1 e n Natur" der Gegen- 
»liDde liegt, wird von W. nicht aufgekl&rt. 



lA.OOgIc 



190 ^- ^^- Abcrenzimg und allgemetne Geschichte der Logik. 

Bachliche Natur ihrer Oegenstände ihren Erkenntniszweok 
erfüllen", und drittras die Erkenntnistheorie, welche 
untersacht, wie sieh das ans der Arbeit der Wiseensohriten 
herTorgegangene „objektive Weltbild za der absolnten Wirk- 
lichkeit verbält, die nach den Voraassetznngen des naiTCD 
Bewnfitseine ihren ^) Gegenstand bildet". 

Während hiernach bei Windelbaod das Wertmoment bei 
aller Betonong doch keinen entscheidenden Einfluß auf die 
Wesensauffassui^ der gesamten Logik gewinnt, hat Hein- 
richKickert*) (geb. 1863) konsequent versucht, die Logik 
verttheoretisch zu begründen. Er ninunt an, daß es neben 
der „immanenten wirklichen" Welt noch eine andere „in der 
Sphäre des Wertes" gelegene, von jedem Bealen unabhängige 
und insofern transzendente Welt gibt, die uns als ein Sollen 
gegenübertritt, das sich nie auf ein Seiendes zuräck- 
föhren läßt. Zwischen diesen beiden Welten, der „seienden" 
und der „geltenden" steht das theoretische Subjekt, das beide 
Welten 'doroh sein urteilen miteinander verbindet. Zo- 
nächst leuchtet die Verwandtschaft dieeer Lehre mit der 
logizistischen (^ 45) ein. Die geltende Welt deckt sich in 
vielen Punkten mit den Vorstellungen an sich usf. von Bol- 
zano und den Wesen von Husserl. Eine Abweichung' tritt eist 
darin hervor, daß Kickert diese Welt des Logischen der 
Logizisten jeden Seins Charakters entblößen will: „dae 
Logische existiert nicht, sondern es g i 1 1". Und auch damit 
würde noch kein allzu erheblicher Unterschied gegenüber 
dem Logizismns Bolzanos gegeben sein, wenn Bickert nicht 
dies „Gelten" ganz im Sinn eines Wertes — statt im Sinn 



') Ich möchte Termuten, dafi statt „ihren" stehea mOSte „seinen"- 
*) Zur Lehre v. d. Definition, Diss., Freibur« 18S8, 2. Aufl. Tflbioien 
191&; Der Gesenstand der Erkenntnis, Freibur? IStß, 8. Aufl. Tflbiuai 
1916; Die Grenzen der naturwissensch. Becrifisbildi^tg, TflbinBea u. Leip- 
äg 190S, 2. Aufl. 1919 (vgl. auch Vieiteljahrsschr. f. wiss. Philos. ISH, 
Dd. 18, S. 277, nam. 5. 290 ff.}; Kultunriseenschaft u. Natunrissenscbaft, 
Freiburg 1899, 3. Aufl., 1916; Zwei Wege der EAenntnisUieorie, Kant-Stu- 
dieo, 1909, Bd. 1^ S. 169; Über log. u. eth. GeUumc, ebenda 191^ Bd. 14 
S. 182; Vom Begik d. Philosophie, Logos 1910/11, Bd. 1, S. 1; Das Eine, 
die Einheit u. die Ein^ ebenda 1911/1% Bd. 2, S. 36; Urteil u. Urteileii, 
ebenda 191^ Bd. S, S. 230; Vom System der Werte, eben<& 1919^ Bd. ( 
S. 295. Die Ansichten Rickerta haben ^h im Laut der Jahre in manclMti 
Funkten geftndert und ausgestaltet Die Zitate oben im Text beaebee 
sich, wenn nichts anderes bemerkt ist, auf die 8. Aufl. des an zweiter 
Stelle gokatuilen Werks. 



a. Kapitel. Allc«ineioe Oesclücbt« der Logüi. 191 

mfT Tatsache oder tatsächlichen ÜbereioBtimmong — uaf- 
taäte. Die Logik ist daher nach Bickert eine „'W«rt'wia8eD- 
lefaift". Alles TheoretiBche hat einen „Wertcharakter*'. 
Eine „ontoloffiache Logik" im Sinne der Logizisten ist naoh 
B. unmöglich. Da auch nach ihm das Urteil (der Satz) den 
Banptgegenstand der Logik bildet, so kann die Bickertsohe 
Ansicht aneh spezieller dahin formnliert werden, dafi 
eisten 6 der „transzendente Urteilegehalt" („der objektive 
oder transzendente Sinn, der wahr ist") *) von dem ,rA.kt des 
UrteilenB*' dnrchaos verschieden ist*), insofern er seinem 
Tesen nach nur unwirklich sein kann, aod alao zum Akt des 
nrieilenden Verstehens in einem prinzipiell anderen Ver- 
hähnis steht als z. B. der wahrgenommene Körper zom Akt 
desWahmehmens (S.259), nnd daQ zweitens dieser trans- 
wndente Sinn des Urteils ein „tranezendenter Wert" ist 
(8. 272 o. Kantätud. Bd. 19, ä 185). 

Was das Wort „Wert" bedeutet, bleibt dabei freilich unklar. H. gibt 
kUM an, daB der Begrifi des Wertes sich ebensovenig wie der des Seins 
<i(&ueren laase, und daB er daa Wort «Wert" t»auche „fOr Gebilde, die 
nicht existieten und trotzdem Etwas sind" (S. 266). Nun bedeutet aber 
loch tllfemeioeni und si>ezie)l auch nach wiasenschafüichem Sprach- 
Rtntich „Wert" etwas viel Spezielleres, und auch Ricktal toiucht „Wert" 
k«in«swees stets in jenem ganz unbestinunten Sinn eines nicht^ezifftiefen- 
den und doch etwas-seienden Gebildes. Us mQBle also der Nachweis 
«ineht werden, daB der piisnante flhliche Sinn und jener ganz unbe- 
slmmte Sioa zusanunenlallen, und dieser Nachweis steht aus. 

ADerdings gibt R. ein Kriterium zur Unterscheidung ders.Seinsbegnfle" 
von den Wertbegriften an (S. 266). Die Negation soll bei Wiertbegriffen 
zwei Bedeutungen, bei SeiDsbeariOen nur eine Uelem. Wann ha( Keil 
es „Seinsbegnff" ist, nach R. nur eine Bedeulun« der Verneinung, nin- 
Wi: Abwesenheit von warm (Abwesenheit in logischem Sinne). B« 
dnn konträren Gegensatz „kait", den man im Sinn eines Einwände gegen 
Riekni vielleicht anffUiren mfichte, handelt es sich nach R. nicht um eine 
tiiie Negation, sondern zugleich um eine positive Eigänzung; er soll daher 
»*di R. nicht in Betracht kommen, tai Gegensatz zu warm sollen z. B. gut, 
*t)>r Dsw., weil es sich hier um „Wertbegriffe" handelt bei reiner Vemei- 
>>">£ iwei Bedeutungen eirgeben, nimlich erstens ,>öse" bzw. ,J!alsch" usw. 
oiid zweitens Abwesenheit von gut und bCse bzw. wahr und falsch ^), Das 
Hiuiikonunen der ersten dieser beiden Bedeutungen soll für die Wert- 
■WiBt charakteristisch sein. Hiergegen ist jedoch folgendes einzuwenden. 

*) Die Transzendenz beruht nach R. auf der Wahrheit (S. 363). 

■) In dam Aufsatz im Logos 191% S. SSO unterscheidet R. 1. die psr- 
'^'•che UrteilswirUichkeit, 2. den unwirklichen, d. b, nicht-psTchischen, 
'"'uiUichen tbteilsgehalt und 8. den insnanenlen Sinn des Urteilsaktes. 

') Sehen die Formulierunt „Abwesenheit von wahr und falsch" ist 
uUkomfct 



1,1^. OQi 



,g,c 



192 '■ Teil. Abg repzu ni imd aHgeme ine Geschichte der Logik. 

Auch die reine Negalion von wahr ist nur: Abwesenheit von «ahr. falsch" 
ist keine reine Negation, soDdem involviert bereits eine positive AusfQUunt 
der Negation des W&hren, ähnlich wie kalt eine solche der N««ation des 
Warmen. Bemerkenswert ist allerdings, daS ich unter der Bezeichmmg 
,Jslach" alle innertialb derselben Klasse *) m<>glicben positiven KrstnzunKen, 
also olle die verschiedenen Falschbetten, die zu einer Wahrheit gdiöreii, 
in einem Begrifl und Wort zusammentasse. Aber dies ist auch bd den 
,3 e i n s begriffen" sehr wohl möglich. Ich kann z. B. den Begriff der 
„nicht-srOnen Farbe"*) bilden: dieser umfaBt dann sleichlalls alle positiven 
Auslflllungen des Nieht-granen innerhalb der Klasse der Farben '<>)' Solche 
Begriffe sind uns nicht so geläufig, weil derartige Zusammenfassungen auf 
dem Gebiet der SinnesqualitAten praktisch nicht so bedeutsam sind. Lc^isch 
betrachtet sind sie jedoch ebenso berechtigt wie die Begriffe böse, falsch usf. 
Sobald praktisches Bedtlrtnis vorliegt, bilden wir denn auch ganz entspre- 
chende negative Seinsbegriffe. Besonders lehrreich ist in dieser Beziehung 
der Betfifi „verschieden" („ut^leich") als Negation von gleich. Hier hat die 
Zusammenfassung der positiven Ausfüllungen der Verneinung auch mnen 
geläufigen sprachlichen Ausdruck gefunden. Auch die Begriffspaare hoch — 
tief, rechts — links lassen sich zu analogen Erwägungen vdrwerten. Jedeo- 
lalls kann also die Doppeldeuligkeit der Verneinung nicht als zutreffendes 
spezifisches Heitmal irgendeiner Begrifisklasse, geschweige denn im Beson- 
deren der Klasse der Wertbegrifie gelten. 

ScbUeBticb wird man, wenn R. den Wertbegiiff im üblichen wgeni 
Sinn versteht, bezweifeln müssen, daB „Wert" und „Gelten" zusammen- 
fallen, da man sich „gelten" und „wahr sein" sehr wohl audi triine „Wert" 
(s. sIr.) denken kann. Es bleibt daher bedenklich, wenn R. „Wert" nod 
„Gelten" piomiacue braucht Der Schritt über das Gelten im Sinn von Bol- 
zano, Brentano u. a. hinaus, wie er in der Bickertachen Einführung des 
Wert bepritfa hegt, bleibt daher unklar und anfechtbar. 

B. gründet auf den Wertcliarakter des transzendenten 
Urteilssiims den Gedanken „einer Wissenschaft, welche die 
Wertformen des transzendenten Urteilesinnes systematisch 
dannstellen hat, und die sich ansschlieQlich in einem Reich 
der transzendenten theoretischen Werte bewegen könote, 
ohne dabei SückBicht anf das wirkliche Erkennen zu 
nehmen . . .", und will diese als „reine ") Logik" bezeichnen 



<) Nämlich der auf Wahrheit und Falschheit bezüglichen Urteils- 
prSdikale. 

■] Das Beispiel der Temperaturempfindungen hat die Besonderheit, daB 
im Bereich derselben nur 2 Qualitäten, warm und kalt, existieren, eine solche 
Zusammenfassung des nicbt-warmen bzw. nicht-kallen also gar nicht 
in Frage kommt. 

'*■) Die positive Ergänzung wird durch die Zusammenfassung, inso- 
fern dabei die speziellen Differenzen — rot, blau, gelb usf. — EurOckge- 
diängt werden, nur verdeckt, aber nicht ganz aufgehoben. 

") Das Wort „rein" wird hier also abermals in einem neuen Sinn ge- 
braucht, vgl. S. 126 Anm i und Rickert, Logos 11, S. 30 ff. In der letzleieo 
Abhandlung (S. 38) gibt Rickert übrigens eine Bestimmung des j.rein legi- 



OgIC 



3. Kapitel. Allganeine Geschichte der Locik. 1 \)^ 

(& 272). Sie wäre eine reine Wertwissenscfaaft, die ,^ weder 
mit einem physischen noch mit einem psychischen Sein, 
weder mit einem realen noch mit einem idealen, weder mit 
eioer sinnlichen noch mit einer übersinnlichen Wirklichkeit, 
soüdem aUein mit dem nicht-seienden Sinn der Sätze über 
die seienden Objekte und mit den Formen, die als Werte 
diesen Sinn konstituieren, za ton" hat. Sehr mißverständlich 
bcMichnet B. diese reine Logik anch als „objektive" Lc^k. 
Er Hill damit offenbar jede Beziehung' auf ein Subjekt 
UHebalten. Es soll sich nicht nm eine Norm, „ein transzen- 
dentes Sollen" für ein Subjekt handeln, sondern dos Wesen 
des Transzendenten soll anf theoretischem Gebiet restlos in 
seiner nnbedingten Geltung aufgehen: „ee fragt nicht, für 
»en es gilt" {S. 279). Die Umwandlung der Werte in 
Nonnen für den wirklichen ErkenntniaprozeB ist keine 
winensehaftliche Anfgabe mehr, sondern Sache der Technik 
(S. 280). Andrerseits hebt B. gegen Iiosk (s. unten) hervor, 
daß eine solche reine Logik, welche das erkennende Subjekt 
and damit die Erkenntnis geflissentlich ignoriert, unvoll- 
stäiid^ bleibt und durch eine „Transzeudentalpsychologie", 
3nf welche hier nicht einzugehen ist, ergänzt werden muS 
(S.294tt.). So glaubt B. doch eine Brücke zwischen der Welt 
der theoretischen Werte und den psychischen Erkenntnis- 
akten schlagen zu können. Das „überempirische Beich des 
Logischen" — lehrt die Transzendentalpeychologie — ist 
dodt nur als „eine Welt der theoretischen Werte zu ver- 
itdien, die dem erkennenden Subjekt als Sollen gegenübcr- 
treten". Es wird zugegeben, daß „alles Erkennen, obwohl 
es gewiß mehr als einen psychischen Prozeß bedeutet, 
inunfir auch ein psychischer Prozeß ist" (S. 296). An dem 
payehischen Sinn des Erkennens muß sich daher irgend etwns 
finden lassen, was das „mehr ala bloß psychisch" verbürgt, 
and dies immanente Kriterium ist die Gewißheit (Evidenz). 
Dabei verzichtet E. auf die Annahme einer überrationalen 
Sikeontnisfähi-gkeit oder Intuition (etwa im Sinne Scbcl- 
lings). 



Kl>a Gegenstandes" (oder des „logiseben Urphänomena"), die sich ouc 
scbver mit der Werttheorie vereiiügeii l&Bt. Hier heiBt es nainllch, daß „der 
nü lociKhe Gegeostand einerseits aus dem Einen" (der Form) „und dem 
andern" (dem Inhalt), andrerseits aber „auch aus der Einheit dieses Mannig- 
f«hes ttettebe, von dem das Eine sich als das Einrache, nicht IQr sich be- 
Bt^rade Uoment am Qegensüinde unterscheidet". 

Zifhta, LArtHicli d«t Logik. 13 

„.,,n,^.OOglC 



1P4 ' "f^'- Abtrenzung und allsemeiae Geschichle der Loüik. 

Die weitere Lehre Ftickerts, da.B auch das Qberindividnellc (unpenäo- 
hche) „Bewußtseio Oberhaupt" iiimier noch als „ein urieilendes, das SoHeo 
bejahendes Subiekt" gedacht werden mtlsse, steht bereits Banz auSerimlb 
der Loitik im Sinn unserer .Vbgrenzunf (vgl namcnli. 1. c. Kap. 4% g 10 u. 11). 

Neben der Logik, die «ä mit dein „rein logisclien Ge^n- 
htJinde" oder der »Einheit von Form und Inhalt übirhanpl" 
zu tan hat, erkennt übrigens auch R. eine Logik an, die sich 
mit den nieht mehr rein logiBchcn Formen, d. h. Formen, 
die mit einem inlialtlichen Faktor in eigenartiger Weise 
verschmolzen sind, beschäftigt. Aber anch diese nicht gam 
reine Logik fragt, selbst wenn sie es mit den besonderen 
Gegenständen zn tun hat, immer nur, dnrch welche Form 
und durch welchen Inhalt dieselben zu Erkenntnisgegen- 
Ktünden werden, nntersncht aber die Gegenstände selbst nicht 
(T_ogos n, S. 74). 

Zur Rickertachen Schule (tehört u. a. Broder CbristianscD 
^Daa Urteil bei Descartes, Freiburg 1902; Kfitik der Kantischeit Eikenntnis^ 
lehre. Berlin-Steglitz 1913} und Rieh. Kroner (Über log. und ästhei 
.'Mleemeingüitigkcit, Zlschr. f. niilos. u. philos. Krit 1909, Bd. ia4, S, 2äl 
u. Bd. 136, S. 10). Auch die „utä^auistischc" Autfassung von Jonas Cobn 
(geb. 1S69, VoraussGlzunsen und Ziele des Erkennens, tintersiicbungen über 
die Gnindlrageo der Logik, Leipzig 1908} ist der Rickertschcn nahe ver 
wandt. Teils zu Rickert, l«ils zu 'Husscrl neigt Fried r. Kunze (Die khl. 
Lehre von der Objektivitäl, Heidclbers IHOfi u. Festschr. {. Rielil, H»Ili- 
1914. S. ICB— 165). 

Winrielhand und «ickcrt sehr nahe steht Emil Last: (1S7&— 1915). 
Insbesondere haben sich Rickert und Lask in mannigfacher Weise gegen 
seilig beeinflußt. Außerdem ist Lask noch sichtlich von E&ntschen Ldiren 
abhängiger als Windelband und Rickert. Lasks llauptachriften aul logischem 
Gebiet sind: Die Logik der Philosophie und die Kategoritnlehre, Tlibingeti 
1911, und Die Lehre vom l'rteil, Tübingen 1912. Von Bolzttno und Husserl 
weicht L. namentlich insofern ab, als er die Zeitlosigkcit der Wahrheiten 
(Mlze an sich) nur ihrer Form, nicht ihrem Inhalt zuschreibt und daher 
im Gegensatz zu den Logizisten ein Zusammenfallen der „Wahrheiten" und 
der „GegensUnde" lehrt (Log. 4 Pbilos. S. 38 fi.). Damit entfallt für Last 
auch der Gegensalz des Logischen wie Oberluiupt des Gellenden zum Sein 
und die Priorität des Geltcns (Sollens) vor dem Sein, wie äe Rickert be 
hjiuptct. Nur das Seinsmatcrial, nicht das Seiende als Ganzes, wie es 
JUS Material und Form besteht, ist dem Geltenden entgegengesetzt (1. c- 
S. 46). Das „Ineinander von hingellender Form und betroffenem Matenal" 
bezeichnet L. auch als „Sinn" (l c. S. 38\ Die theoretischen Foimen (im 
Gegensatz zur ästhetischen Form), die den speziellen Gegenstand der Logik 
ausmachen, sind die Kategorien. Da es nach L, auch „Formen der Formen" 
gibt, sind die Kategorien nicht auf das sinnliche Material beschrlnkL. son- 
dern es gibt auch Kategorien der nicht -sinnlichen Fahnen (vgl die Bemer- 
kungen Ober Plotin S. 47 in diesem Werk). Durch die ..Subjektivität", d. li 
das Denken des Subjekts, bekommen die Kategorien „reflexiven" und ,^ene- 
rellen" Ofiuakter (statt des urspTOngUchen „konstitutiven" und ttanssub- 



1,1^. OQi 



,g,c 



__ 3. Kapitel. AllgeiOMne GcBch iehtc der Logi k. J95 

ictbia]. Die seitherige formale Logik als ,4^rc von den generellen lo«i- 
xhD fblnomeBen" hat vielfach hetenigene Beatandteile — koDstitutive und 
nSain ~ zusamroengeworien. Die Logik zerftlH daher in 1. die LeUre 
'^ca ien iiegenständlichen logischen Ptiänomenen {^= transzendentale oder 
titonliustheoretische Logik) und 3. die Lehre von den nicht gegenst&nd- 
Mm logischen lUnomenen (= [annale Logik}. Da nach meinen Dar- 
'«iiiUMi besonderelogiBche Gegenst&nde nichtbestehen, 
Tielmehr künstliche Begriffskonstruktionen sind (vgl 
ip aulochthone Gnindlrgung § SS), so fällt der erste Teil der 
Losikim Sinne l.asks ganz mit der Elrkennlnislheorie 

Auch Hugo Hiinsterberg") (geb. ISGS) steht in vielen Bczie- 
buDjen der Windelbandschen werttheoretisch ün Auffassung der Lc^ik nahe. 
Et btingl nur ähnlich nie Fichte die Werttheorie in engen Zusammenhang 
mit dw W i 1 1 e n 3 thtorie. Durch eine ursiirünBliche Talhandlung tj.Gnind- 
Ül") bejahl der Wille eine von uns unabhängige Weil und ochaJJt damit ab- 
soNile Werte, zu weichen auch die logischen g^ören. Bei den logischen 
Akten soll es sich um die „aberindividuelle Beiahung von /usammenhänsen" 
larnjeln. Der Zusammenbang, den die Logik fQr sich selbst als Wissen- 
:clialt lierstellt, wird gedeutet als „die Zusammenfassung des zerstreuten 
TOwUich mannigfaltigen Materials logischer Akte unler einfachen einheil- 
lidieii allgemeinen GrundwiUr'nsakten." 

I 47. d) Halbe Lf^idsten. Lotse. TelehmaUer. Die 

loeizistiscbe Richtung' der modernen Logik ist in den beiden 
letzten Paragraphen von Bolzauo aus in ihren mannigfaltigen 
l'iDSestaltiingen (gegenstandstheoretisehe, werttheoretische 
Anffaeenng tief.) bis in die neueste Zeit verfolgt worden. Es 
muß jetzt nachholend zu einigen älteren antipsycho- 
lo^stischen bzw. antisensnalistiscben und aotipositivistiBehea 
Gegenströmungen (vgl. S. 164) zurückgekehrt, werden, die 
iiwar vielfach It^izistiscbe Ansichten vertreten und zum Teil 
uueh nicht ohne Einfluß auf die logizietische Richtung ge- 
blieben sind, aber doch in wesentlichen Punkten von ihr ab- 
wichen und zu keinem endgültigen Abschluß in logizisti- 
».'hem Sinne gelangt sind. 

Hderher gehört vor allem Rudolph Hermann 
Lotze') (1817 — 1881), der schon durch seinen Lehrer Chr. 

") Namentlich GrundzUge der Psychologie Bd. 1, Leipzig 1900 (insbes. 
S- Ifia— 16&) und Philosophie der Werte, Leipzig 1908 (insbcs. S. R3ff. u. 

s. mtl.). 

') Logik, Leipzig l&fcJ; System der Philosophie, 1. Teil, Drei Bücher 
^ Logik (Untertitel ; Logik, Drei Bücher vom Denken, vom Untersuchen 
y^ vom Erkennen), Leipzig IflTi, 3. Aufl. (bis auf eine Anmerkung ober 
'•^lien Kalkül nicht wesentlich verändert) 1880, Neudruck in der philos. 
WÄirthek Bd. 141, 1»12; GrundzQge der Logik und Enzyklopäd. der Philos. 
(■^tate aus den Vdrlesungen), Ldpzig 1S8B, 5. Autt. 1613. Die Zitate im 

„.,.,„.>..oo^sic 



196 '■ 'I^^'- Absrenzung und AÜKemeiDe Qeschicbte der Losik. 

H. WeiBe (vgl. S. 146) in Hegeleohe Gedankenkreise «in- 
geführt worden war, dann aber teils dorch WeiBe selbst, teils 
dnreh naturwissenschaftÜch-psychologische TJntersnchnngen 
von Hegel abgekommen war. In seiner Logik vom Jahr« 184S 
hob L. das ethische Moment in der Logik hervor. Kr 
glaubte — hierin znm Teil mit Fichte übereinstimmend (vgl. 
S. 132) — die Notwendigkeit der Denkgesetze darin suchen 
zu müssen, daß der Geist nnr durch die Denkgesetze „seine 
ethische Natnr verwirklichen", „seine wahre Bestimmung 
erreichen" könne. In der ansführlichen späteren Darstellnng 
der Logik vom Jahre 1874 führt L. den Begriff der „Gel- 
tung" als maBgebendes Prinzip des Logischen ein. Er 
glanbt nachweisen zu können, dafi „diejen^e Bealität, die 
wir den dnrch unser Denken erzeugten ÄUgemeinbegriffeB 
znerkennen wollen, völlig onähnlich einem Sein ist nnd nur 
in einer Geltung von dem Seienden bestehen kann (8. 549, 
^ 341). Die logische Denkhandlnng hat nnr eine „subjek- 
tive Bedeutung", der durch sie erzeugte Q«dauke dagegen 
hat objektiv« Gelttmg. Das Objekt wird dank seiner 
gleichen Entstehung bei vielen Denkenden von der Subjek- 
tivität des einzelnen Denkenden unabhängig (S. 557, ^ 345). 
Die Denkbandlungen selbst sind darum doch nicht als „nur 
subjektiv" zu bezeichnen, da eine jede ungeachtet ihrer indi- 
viduellen Bestimmtheit stets auch dnreb den allgemeinen 
Zusammenhang der Sachenwelt bedingt wird. Beal sind nnr 
die Dii^pe, insofern sie „sind", und die Ereignisse, sofern sie 
„geschehen", „in ihrer dem Denken jenseitigen Wirklich- 
keit". Die „logischen Gedauken", d. h. die Produkte der 
Denkhandlungen, haben in bezng auf das jenseitige Beale 
sachlich keine unmittelbare Geltung, sondern nur dem Denk- 
inhalt als solcheoi gegenüber. Sie haben eine Wirklichküt 
des Seins nnr in den Augenblicken, in welchen sie gedacht 
werden, zugleich aber ist doch „die Natur aller Geister so ge- 
artet, daB immer, sobald dieselben beiden Beziehongsponkte 
a nnd b gedacht wurden, auch sich selbst gleich dasselbe 



Text beziehen sich auf die Logik v. J. 187*. Uit Lotzeo Logik besdiÄfÜgt 
sich u. a. G. Fonsegrive, Rev. philosophique 1888 A, Bd. 21, S. 618; 0. Kreb* 
Der WiosenBchaftabegrifi bei H. Lotie, Viertelirtreachr. t. wios. Philo». 1887, 
Bd. 3t, a 26 (Dunentl. zutrefiende Kritik der Lotzeschen Wahrtieitslehre); 
Chr. F. Pfeil, Der EinfluB Lo(h8 aut die log. Bewfigung dar Gesennrt, dar- 
gestellt am Begriff der HQeltung" und am Begrifi der Wahrheit und de» 
J^priori, Dis9. Erlangen 10U (Druckort TObingeo). 

„.,,„, ^.oogic 



2. Kapitel. Allfemeiite G«sehidil« der Logik. 197 

ÜHeÜ C über ihr Kegeii8eitig«B Verhältats gefallt wird" 
Ca 561, ^ 346). Wie im platoniBchen Ideenreich stehen alle 
Tontellbaren Inhalte in festen nnd nnveränderlichen Be- 
ziehongeu, die ein fSr allemal gegeben Bind. Die Möglich- 
keit, daß diese „wnnderbarate" Tatsache „in der Welt" auf 
der Beschaffenheit der dinglichen (seienden) Wirklichkeit 
und den ihr angepaßten Denkfnnktioneni benihen könnte, 
bleibt nnberöcksichti^ Das „Oelten" einer Wahrheit ist 
nach Lotze „ein durcfasTis nur auf sich beruhender Orond- 
bogriff" (trotz der Entstellung äer Gedanken ans Denkhand- 
Inogenl). E^ hat weder die Wirklichkeit des Seins noch ist 
f& vom Denken abhängig (S. 500, ^ 316). Die spezielle Wirk- 
Kehkeit, welche hiernach den Gedanken (Denkinhalten) zu- 
kommt, drückt Lotze auch durch den Terminns .fachlich 
gegeben" aus (S. 558, ^ 345). 

Lotze bestreitet daher auch, daß die Logik wesentlichen 
Xutsen aus der Erörterung der Bedingungen ziehen könne, 
unter denen das Denken als Vorgang verwirklicht wird. Er 
weht „die Bedentung der logischen Formen" vielmehr „in 
ieta Sinuc der Verknüpfungen, in welche wir den Inhalt 
nnarer Voistellungswelt bringen sollen" . . . (Logik ' 1874, 
a 531, § 332). 

Wie mannigfach sich diese Lehren mit den älteren Bol- 
unoB und den neueren einerseits von Cohen und Natorp, 
andrerseits von Windelband and seiner Schnle berühren, liegt 
nitage*). Es maß nur betont werden, daß Lotze nicht zu 
einer konsequenten Ansgestaltong dieser Auffassung ge- 
ktnunen ist und über die dritte Existenzart des Logischen 
nie zu völliger Klarheit gelangt zu sein scheint. 

Unter L«t2e9 Schalem hat natnenUich With. HolleaberB das lo- 
■nche Gebiet etwas ausfohdicher behandelt (Logik, Psrchologie und Ethik 
*)> PlukQopbiaelw Propädeutik, Elberfeld 1800}. 

Wesentlich bedeutender, wenn anch aus äußeren Grüu- 
^ viel weniger beachtet als diejenigen Lotzes sind die 
l(«i8clien Leistungen Gustav Teichmüllers') (1832 bis 
1838). Auch Teichmüllcr nähert sich den Logizisten, indem 

='} Vgl. auch Rieh. Falckenber^ Ztschr. f. Philo», u. philos. Kiilik 1SI3, 
^- IC^ & 37 (40) und Georg Miwh, Einleitung L d. Neudnick der Logik, 
"ipog 1M2, Bd. 1, S. IX-ÄCI, namentl. XXXVU ff. u. LXXII ff. 

') IHe wirkliche und die scbeinbaTe Welt, neue Grundlegung der Meta- 
*^ak, Breslau 1883 (Buch 1, Kap. a— 7J und namentl. Neue Grundlegung 
wf Psichologie und Logik, berausseg. von J. Ohse. Breslau ISÖB. 

.........X.OOgh. 



198 '- '^^''' Abgrenzung und allgemeine Geschichte der Logik. 

er neben dem „realen Sein" der Erkenntnisakte and sonstigen 
psychischen Akte und dem „sobstanziellen Sein" des Ich ein 
„ideelles Sein" annimmt (N, Gmndl. d. Psych, n. Log. 
S. 17). Dies ideelle Sein ist der „Inhalt und Gegenstand 
iinsrer Erkenntnisfunktion" und somit unsrer „Gedanken". 
Lotzes Geltungstheorie wird von TeichmülJer ausdrück- 
lich abgelehnt (I. e. S. 117). „Der gegebene ideelle Inhalt" 
wird nach T.'„ii^ndvie durch den metaphysischen Verkehr 
unseres Ichs mit den Wesen außer uns bestimmt". Die Ord- 
nni^ der Dinge, die als ideeller Inhalt in unserem Bewußt- 
sein erscheinen, stammt aus der Ordnung, dem „inneren 
Koordinatensystem" unserer Funktionen (I. c. S. 283). Jedw 
Erkennen ist ein Schluß, durch den mindestens zwei „Be- 
ziehnngsptinkte" unter einem „Gesiclitspunkt" zu der Einheit 
einer Funktion zusammengefaßt werden (S. 19, 312). Die 
elementaren Beziehungspunkte werden von den Empfin- 
dangen, den Gefühlen und dem .Jchbewußtsein" geliefert 
(S. 265 n. 313). Das Wesentliche des Erkennen^ ist also in 
T.S Terminologie ein „Koordinatensystem", Elategorien und 
apriorische Prinzipien existieren nicht. Durch das Erkeuuen 
kommen die ,Jdeen" zustande. Die Funktion, welche dabei 
wirksam ist, wird als Vernunft bezeichnet. So konmit z. B- 
der Veruunftakt des Zahlens bzw. die Idee der Zahl dadurch 
zustande, daß das Bewußtsein irgendwelcher gleichartiger 
Sachen als ideelles Sein, das Bewußtsein der Perzeptiou 
der einzelnen Sachen als reelles Sein gegeben ist and die 
Vernunft die funktionelle Zusammenfassung der reellen 
Akte in Beziehung auf die ideellen Bilder des BewuSt- 
seins vornimmt (S. 293). Alle Gedanken — auch die empi- 
rischen individuellen 1 — bilden ihrem ideellen Inhalt nach 
ein „festverkettetes, identisches und unveränderliches 
System" (S. 329). Bei dem Erkennen kommt zu diesem 
„ideellen oder objektiven" Koordinatensystem eine bestimmte 
Ordnung xmsrer geistigen Funktionen als „snbjektives Ko- 
ordinatensystem" hinzu (S. 324). 

Auch bei T. bleiben, wie diese kurze Darstellung zeigt 
und eine ausführlichere — die seine Metaphysik mitberüek- 
sichtigen müßte — bestätigen würde, vielfache Lücken und 
Unklarheiten bezüglich des ideellen Seins, was zum Teil wohl 
darauf zurückzuführen ist, daß der Tod ihn vor Abschluß 
seines Hauptwerks überraschte. Seine antiaensualistische 
und antipsychologistische Stellung hat er selbst an vielen 

„.,,„,^.oogic 



2. Kapitel. .Allffemeine Geschichte der Logik. 199 

StfUeo scharf betont (z. B. 1. c. S. 273, 283, 287, 324), ebeiisu 
sfioe Anerkennung: der Tendenz, der He^elschen Dialektik 
dm Angriffen anf dieselbe ansdrücklich voransgeschickt. 

i^u den Halb-Lügizisten gehört — allerdings in wesentlich anderer Üich- 
luct als Teichmüller — in vielen Beziehungen auch JuL Bergmaon 
.l6tiU19l>{, Allgeiu. Logik, Teil 1 Beine Logik, Berlin 1879, nunentl. g 1-^ 
11.210.; Die Grund Probleme der Logik, Berlin läS2, S. völlig unurearb. Aufl., 
BeriiD 1895; Sein und Erkennen, Berlin 1380; Über Glauben und Gewißheit, 
ZbiJtr. r. Hiilos. u. phitos. EntJk 1896, Bd. 107, S. 176; Über don Satz des 
laäch. Grundes, Zlschr. f. imman. Phtlos. 1897. Bd. 2. S. 261) *). In Berg- 
"BODs logischen Lehren siod namentlich Anklänge an Fichte und Lotze, 
nin Teil auch an Lcibniz zu erkennen. Das sich zum Inhalt habende Be- 
iiStsein ist selbst das Subjekt, dem es zukommt, und das Übic4(t, auf wcl- 
ehea es gerichtet isL Jedes Seiende ist ganz und Rar wahrnehmendes 
^iekt und ganz und gar Objekt seines Wahrnehmens. Das Sein 
«iDdr Bestinuntheil besteht in ihrer Inhäreoz in einer Substanz, das :^eiii 
aner Substanz in ihrer Inhäreui; im „Weltgrunde", Jedes Attribut gehört, 
iir Jdentität" seiner Substanz. Die Logik untereutiht sowohl den Begritf 
iei formalen wie den der matcrialen Wahrheil. Die formale Wahrheit will 
B. »uf tormale Identität zurilckführen, die materiale »11 auf drr Exisleiia 
fe Vorgestellten und somit auf der maferialen Identität beruhen. — Be- 
Mnders wertvolle Anregungen hat ß. in der Lehre vom iTieil cesebrn. 

( 48. e) NeH-HegeliaB«r. Während die altereu He^ijl- 
seben Sehtilen ztuneist dnreh innere Streitigkeiten und oft 
weh durch einen grewissen Schulenhoehmnt von einer 
näheren B^tchäftignin^ mit der nenen psychologiBtischen, 
PositivistiBchen und Induktiven Ijogik abgehalten wui'den 
(vgl 8. 144), richtete die neu-Hegelsche Schule, die in den 
letzten 40 Jahren namentlich außerhalb Dentschlatidä ziem- 
ßch zahlreiche Vertreter fand, ihre Front gerade vorzugs- 
vtise gegen die psychologistisehe, {Mwittvistische und induk- 
tive Bichtung der Logik. Sie spielt daher heut« unter den 
(Gegenströmungen gegen die letztere in manchen Ländern 
eine einflußreiche EoUe. 

Eine bemerkenswerte Übergangserscheinung zwischen dem älteren und 
»^ereii Hegelianismus stellt auf dem Gebiet der Logik der „Grundrifi der 
l«cik und Metaphysik, dargestellt als Entwicklung des menschlichen Geistes, 
Haue 1878 voQ G ü n t h e r T h i c 1 o (1841—1911) dar. Er weicht von Hegel 
umenllich in der starken Hervorhebung des denkenden aberzeitlichen indi- 
'^«'uellen Ichs als „Trager der Kategorien" ab. 

In Deutschland näherten sich die .Veu- Kantianer und die l.ogi- 

') Die beiden letzten Aulsätze und einige andere finden sich La ntuei- 
BwtKitmig auch in dem Werk „Untersuchungen über Hauptpunkte der Phi- 
■«oplae", Martwnt 19Ö0, S. 1 u. 70. Vgl über Bergmanna Logik, W. Schuppe» 
ViBtaüahrsschr. t wiss. Philos. IfifT», Bd. 3, S. 467 und E. Hosserl, .^i^h. f. 
^«em. Philos. 190B, Bd. 9, S. 113 ff. ■ 



i,l^.OOglc 



200 I- ''^^i'- Abrrenmng and allsemeine Geacttichte der Losik. 

zisten, nantentiich Natorp, Husserl und WindeUnnd (vgl. g fö u, 46) vidbdi 
den HeKelschen Auffassuiigen, ohne jedoch die panlosistiaclie Tendsnz Henli 
und die mit ihr zusammenhAngonde Lehre von der „iiinereD Selbstbewefun^ 
des Denkinhalts anzunehmen. Auch treten bei diesen Forschem dis Ober- 
einstimmungen mit Hegel gegendber anderweitigen Anknüpfungen (Käst, 
Plato) mehr in den Hintergrund. Enger an Hegel, speziell an die losischen 
Lebren Hegels, schlössen sich nur vereinzelle Forscher an, wie z. B. J alias 
Ebbinghaus, Relativer und absoluter Idealismus usw., Leipzig 191IX 
namenlL S. 6Bf., Eberhard Zschimmer, Das Welterl^nis, Leipzig 
1909—1913* (8 Bände roit Anhang: Prolegomena zur Panlogik) tind Enil 
Mammacher, Die Bedeutung der Philosophie Hegels usf., Leipzig 1911. 
Wesentlich einfluBreicher ist der Neu-Hegelianismus in Italien. 
Sein Hauptvertreler ist hier BenedettoCroce (geb. 1866), der in seiner 
Logica come sdenza del concetto puro ^) (Bart idOZ, 3. AufL 1909, vgL z. B. 
S. 6, 17 B., 66) und „Die Aufgaben der Logik" (EnzvklopL der pbüos. Wiaa 
Bd. 1, Tobingen 1912, S. 202 S.) Hegels logischen Standpunkt ohne wesent- 
liche Abweichungen vertritt Vgl. auch Giovanni Gentile (ßA. ISJb), 
La riforma della dialeltica hegeliana, Messina 1913 (nameutL S. 13). In Eng- 
land gehören hierher: John M. ElUs Mc laggart (Studies in (he 
Ueaelian DialecUc, Cambridge 1886, siehe z. B. S. 288, und A commenlarr oa 
Hesel's logic, ebenda 1910; Mind 1897, N. S. Nr. 22. S. 164>, JamesBlack 
B & i 1 1 i e (The origin and significance of Heget's logic, London 1901, namenlL 
Kap. 12, S. SBSff, Criticism), Bernafd Bosanquet (Knowledge and 
rcalitv, a criticiran of Ur. Bradley's „Frinciples of logic", London 1886, 
'J. Aufl. 1892; Logic or Ihe morphology of knowledge, 2 Bände, Oxford 18S3'). 

2. Aufl. 1912; The essentials oF logic, London u. New York 188&) und Harald 
H. J o a c h i m (The nature of truth, Oxford 1906, coherence theory : „truth in 
its essential nature is that systematic coherence, which is the character of 
a significant whole"). In Amerika steht u. a. John Giier Hibben 
(Inductire logic, New Yoik 1896*; Hegel's logic, New York 1903, nament- 
licb Kaf. Uff.; Logic, deductive and inductive, New York 1806) auf 
dem Boden des Neuhegelianismus. In Holland tut G. J. P. J. Bolland 
eine Wiedeiiwlebung der Hegeischen Logik versucht (CoUegium logicum, 
lidden IBOi u. a.). 

Decm Logizismns einerseits und dem NeubegelianismuB 
audrerseits steht in manchen Punkten auch Ed. v. Hart- 
mann*) (1842 — 1906) nahe, soweit die allgemeine Auf- 

*) Zudeich Bd. 2 der Filosofia come scicnza dello spirito. 

3) So kommt BosanqueL S. 236 zu folgendem allgemeinen Ergebnis: 
;,logical Science is the analysis, not indeed of indiv-idual leal objects, iHit ol 
Ihe intellectual structure of reality as a whole". 

*) Philosophio des Unl>ewuBlen usw^ Berlin 1869, 11. Aufl. Sschsa 
300« (die ZiUte im Text beziehen sich auf die 6. Aua, Beriin 1S74); Ober 
die dialektische Methode, BerUn 1868, 2. Aufl., Sachsa 1910; Das Ding an 
sich u. s. Beschaffenheit, BerUn 1S71, 2. Aufl. unter d. Titel Erit. Grund- 
legung des transzendentalen Bealismus etc.,, Berlin 1ST5 CnamcntL S. Itl ^)> 

3. Aufl. 1386 (Ausgew. Werke, Bd. 1); Kategorienlehre, Leipzig 1896 (AuB- 
gew. Wciie, Bd. 10, namenlL S. 173fE.); System dar Phüos. im Grtmdrift 
Sachsa 1807—1908 (namcnit. Bd. 1: Grundr. d. Ericenntnislehre, S. 1—« 
U. 165 It.). 



3. Kapitel. Allgemeine Geschichle der Logik. 201 

tagm^ der Logik in Betracht kommt. Auen H. nimmt 
nämlich an, daß das ,iLogiscbs'* auch anQerhalb des indivi- 
(hMflen (bewußten) Denkens existiert und zwar neben »ün- 
lo^ischem". Das Logische ist, metaphysiscli betrachtet, nach 
H. „die allereinfacbste Vernunft, ans der sich alles Ver- 
aänftige erst ableitet", und damit „der formale Regulator 
der iobaltlichen Selbstbestimmung der Idee", „die formale 
Seitoder onbewußten Intuition des ÄU-Eiuen, deren in- 
b^tliebe oder materiale Seite die Idee s. str. ist" (S. 802). 
An sich selbst fällt „das Logische oder die Vernunft" mit 
dem Jf^ischen Formalprinzip, d. b. dem Satz der Identität 
lind des Widerspruchs zusammen. Während dieses nun in 
«einer positiven Gestalt (als Satz der Identität) schlechthin 
improduktiv ist, kann es sich in seiner negativen Gestalt auch 
prodoktiv betätigen, wenn es auf ein „unlogisches" trifft. 
Ein solches Unlogisches ist „der innere Widerstreit dea leeren 
W<^enB, das wollen will und doch nicht kann". Indem das 
Wollen fordert, das A nicht A bleibe, sondern sieh zu B ver- 
ändere, ist es die Negation des Satzes der Identität, d. h. des 
pobitiv Logischen. Demgegenüber n^iert das Logisehe diese 
^legation seiner selbst und sagt: der Widerspruch (nämlich 
gegra mich, das Logische) soll nicht sein. Damit setzt es 
sieb den Zweck, nämlich die Aufhebnng des Unlogischen, des 
Wollens. Es gibt daher nach H. eigentlich auch keine reine 
Logik, sondern nur angewandte Logik, d. h. „Betätigung 
des Logischen in und an seinem Andern, dem Unlogischen". 
Dafi in diesen Itehren auch eine Annäherung an Hegel liegt, 
tut H. selbst anerkannt unbeschadet zahlreicher, vielfach 
betonter prinzipieller Abweichungen. Besonders bedeutsam 
and snch H.s Auseinandersetznngen zur Kategorienlehre, 
^ruiser Bewußtsein sind die Kategorien nur abstrakte 
Begriffe. Da aber die Dinge an sich nichts anderes sind als 
die vom Willen realisierten intellektuellen Intuitionen der 
reinen Vernunft, so sind auch in ihnen die Kategorien im- 
plicite enthalten. Als unbewußte logische Formen sind 
die Kategorien sowohl im Denken wie im Sein a priori, als 
bewußte logische Formen sind sie a posteriori (Krit. Grundl. 
■t. .\nfl., S. 99 u. 106). 

i 49. f) Nen-AristoteUkcr. Trendelenburg, Ueberw^ 

*>• a. Ungleich bedeutender als die neu-Hcgelaehen logischen 
Scliritka sind die wissonschaftlicben Untersuchungen einer 



OgIC 



202 ^- T^'l- Abgrenzui^ und allgemeine Geschichte der LogiV. 

kleinen Beihe von Philosophen, welche auf die logischeu 
Lehren des Arietoteles zariickgehen und ihre Umbildung ttnd 
Ausgestaltung entsprechend dem wisseöschaftlicheu Stand- 
punkt der Gegenwart verlangen. 

. Der Hauptvertreter dieser Richtung ist Adolf Treu- 
dclenbnrg^) (1802—1872). Auch Tr. scheidet die Logik 
streng von der Psychologie. Während die letztere nur die 
subjektiven Bedingungen darstellt, faßt die erstere das Er- 
kennen in seineu objektiven Ansprüchen auf (Log. Unters. L 
S. 101). Die formale Logik verfehlt aber ihr Ziel, da sie aicb 
auf den fertigen Begriff beüchräukt und damit auf jede Ent- 
wicklung und jede Begründung verzichtet. Die dialektiBcln^ 
Methode Hegels versagt, weil das Denken jiicht imstande ist, 
iille Wahrheit aus sieh bclbst zu schöpfen. Es kommt, um 
die Beziehung des Benkens zum Sein zu erklären, darauf uu, 
ein Gemeinsames zu finden, welches den Gegensatz zwisciioa 
beiden vermittelt. Dies Gemeinsamie glaubte Tr. ia der „B e - 
wegung" gefunden zu haben (Veränderung ist nach Tr. »ui* 
eine spezielle Art der Bewegung, 1. c. S. 119). Die Bewegang 
ist ee z. B., die — „in sinnlichem Verstände genommen" — 
„im (3eiste Gestalten und Zahlen entwirft und die Möglich- 
keit der grollen apriorischen Wissenschaft erzengt, die wir 
in der reinen Mathematik bewundern". Diese von Tr. noch 
vielfach weiter ausgebaute Ijebre von der „koustmktiven 
Bewegung" — die übrigens den Hegeischen Lehren näher 
steht, als man nacli der scharfen Polemik Tr.s gegen Hegel 
erwarten sollte — hat wenig Kinfluß erlangt; um so bedeut- 
samer war, daß Tr. allenthalben seine Übereinstimmung mit 
Aristoteles betonte und in den meisten logischen Prägen nicht 
nur auf ihn zurückging, sondern auch oft geradezu seine 
Lehren zugrunde legte. Dazu kam, daß Tr. den damals fast 
ganz verkünvnerten Sinn für die Geschichte der Philosophie, 
insbesondere der Logik durch zahlreiche eigene wissenschaft- 
liche Untersuchungen wiederbelebte (vgl. auch S. 32) und 
statt der Häufung immer neuer, stets wieder von vom an- 
fangender Systeme eine stetige Weiterentwicklung, vor allem 
auch durch einzelne Untersuchungen verlangte. 

An Trendelenburg schUeBen atch eng an Carl L. W. Heyder (1813 
bis 1886), Kritische Uarstellune u. VorgleichuDg der Methoden ariatoteL n. 

■) Logische Uatcrsuchuntieii, BeHin ISW (2 BAnde), 2. Aufi. 1604 
3.' Aun. 1870; Die logische Frag« in Hegels Syslem, Leipzig ISid; Histcw- 
Brälräge z. Philosophie, Berlin 1846, 1865 u. 1867 (3 Bfinde), 



I 



i 



\ 



i. Kapitel. Allgemeine Geschieht« der Logik. 203 

htfcM« Dialektik u. s. S. 1. M>L Eiiansen 1816. und A. h. Kym 
liSS—lfOS), Tfendeleobufss Logiscti« Untersuch unffen u. ihre Gegner, 
äxbr. L Philos. u. Hubs. Kiit. Iä69. Bd. bi. S. 261 (Forts. Fhilos. MoiuUs- 
bffle 1868-1870, Bd. 4, S. 436). 

Mit Trendelenbupg stimmt Friedrich Ueberwfipr') 
(1826—1871) namentlich iu der Aiiknüpfunjr an Aristoteles, 
«lanii aber auch in der Beachtung der Qeschlcbte der Logik 
(vgl 8. 18) überein. Dabei steht «r aber den psychologischen 
AnsehaDttngen Benekes sehr viel näher. Bedeutsam war es 
auch, daß üeberweg die Logik wieder im wesentlichen auf das 
Gebiet der sog. „formalen" Logik beschränkte und meta- 
physiechen und erkenntnistheoretischen Erörterungen mehr 
nne grundlegende und vorbereitende Rolle anfierhalb der 
Log^ik 6. str. zuteilte. Er kehrte also zn der alten Tradition 
znröck und fand hierin bald in Sigrwarf:, Wundt, Erdmann 
n. a. (vgl. § 51) Nachfolger. 

Auch PI ata 9 Lehren sind, obwohl sie nur selten aul logische FruGun 
im engeren Sinne eingingen, neuerdings hin und wieder zum Aufbau logi- 
selm llieorien verwendet worden, so namentlich von G o s w i n K. 
Iphaes (1841— 191Ö, Einführang in die moderne Logik, Oslerwieck 1901, 
i. ncuverfaBle Aufl., Osterwieck-Leipzig 1S13; Zur Krisis in da- Logik, Ber- 
lin 1903; Brkenntniskritisehe Logik, Halle 190ft, s. auch S. 3», Ann). 1), 
desKD Standpunkt sich allerdings im Lauf der Jahre merklich vtirschobcn 
btt, und George Edward Moore (The nalore of judgment, Mind 1S09, 
a. S. Bd. 8. S. 176, namentl. S. 193; IdentitT. Proc. Anstot Soc. 1901. 
Bd. I, S. 103). .4uf die Beziehungen der Natorpschen Lehren zu Ptato 
"orde S. 107 bereits hingewiesen. 

§ 50. g) Nea-Thomisten. Auch von der katholischen 
Philosophie aus entwickelte sich eine zunehmende Gegen- 
Htrömung gegen die psychologistisch-positivistiscb-indubtive 
Bichtnng der Logik. Seit dem Ende der achtziger Jahre 
hatte der Versuch begonnen, auf der Grundlage der Lehren 
deelhomas v. Aqnino (vgl. S. 74) die scholastische Philosophie 
wieder zu beleben. Dabei verstand es sich von selbst, daß 
dieser „Neu-Thomismus" auch vielfach auf Aristoteles zn- 
rSckging und eich ganz besonders aach der Logik des letz- 
teren zuwandte. Prinzipielle neue Anregungen ergaben sich 
von dieser Seite nicht, wohl aber verdanken wir ihr zahl- 
reiche wertvolle historisch« Feststellungen. Hierher gehören 
z. B,'): 

*> Sistem der Logik u. Geschichte der logischen Lehren, Bonn 18ö7, 
^ AufL l8gQ (herausgegeben von jQigen Bona Ueyer). 

*) Als ein Vorläufer kann in manchen Beziehungen Alphon se 
■^'»tr? (18n&-.1872) betrachtet werden, der in seiner Logik (Logique, 



OgIC 



204 !■ ^^'- Abgrenzung und allgemeine Geschichte der Logik. 

Albert Stftckl (1899—1605, LehitL d. FbUosoplue, Mainz 186% &. AufL 
1906 (Bd. 1 Logik), beariwitet von G. Wohhnuth (GegensUnd der Logik 
ist die „Fonn des wisaensdttfllichen Denkens"). 

Georg Hagcraann (1838—1908), raemenfe der Ilukoopbie, Bd. 1. 
Logik und Noetik, Monster 1868, 9. u. la Aufl. Fräburg 191&, neu be- 
arbeitet V. Ad. DyToÖ. 

Tilmann Fesch (1886—1899), Institutiones 1ogicale% Freiburg 1889. 

Joh. Jos. Urr&buru, Ugica, ValUsoleU 1880*. 

Konstantin Gutberiet, geb. 1S37, Ldirtiuch d. Philosophie, Mon- 
ster 1878— 18M, darin Logik' u. Erkenntnistheorie, 4. Aufl. 1909 
namenUich S. 3 ff.). 

Otto Willmann, geb. 1^9, Philosoph. Propideulik, 1. TeU Logik. Frei- 
buis 1901 (namentL S. 2b-~my, 2. Aufl. 190&. 

Alt. Lehmen (1847—1910), Lehib. d. ntäosophie auf arislolelisch-acbolast 
Gnmdlage; Freibui« 1889, *. AufL 1917 (Bd. 1, Logik, Kritik u. Ontolosie). 

Carl Braig, geb. 1863^ Tom, Denken, AbriB der Logik, FröbiuR 1896 
(namentl. § a u. 3). 

Carl Friclc, g'eb. 18&«^ Logica in usum scholarum, Freibunr 1893, *. Aufl. 
1908. 

Joseph Gerser, geb. 1809, Über Wahrheit und Evidenz, FreibuiE 1918; 
Grundlagen der Logik und Erkenntnialehre usw., Mflnster 1909 (namoitl. 
S. 1—74; stdit zum Teil unter dem Einfluß Husseris). 

Albert Steuer, geb. ISfli, Lehit. d. Philosophie, Bd. 1 Logik u. No«ik^ 
Paderborn 1907 (S. 31—142). 

AuBUSto Conti (18S3— 1906). H vero nell' oidine, o ontobgia e logica, 
Firenze 1876, 2. Aufl. 1891*. 

George Hayward Joyce, Principles of logic, London 1908. 

Rieh. F. Clarke, Logic in The manuals of calholic philosophy, Iiondoo 
1888, 2. Aufl. 1908 (mir nicht zugänglich). 
Eine freiere Richtung inneAalb der katholisiAen Lehre schlug 

Edouard le Roy ein, gA. 1870, La logique de l'invention, Paris 1906. 

§ 51. Koiiziiiiiisten. Slirwu^ Wandt, Brdmaon; Uppa. 
Bei allen von ^ 44 ab angeführten Lt^ikem spielte — nnbe- 
scbadet der vielfachen positiven Leistangren — die Opposition 
^egen die psyehologiBtisehe, positivistische und induktive Lo^ik 
eine wesentliche Bolle. Damit hing es TioBammen, dafi alle 
diese Logiker die sog. formale Logik im Sinne Kant« gegenüber 
der reinen oder transzendentalen Logik (im Sinne desselben 
Philosophen) zurückdrängten. Die formale Logik erschien. 
oft nur als ein nebensächliches Anhängsel. Mit der scharfen 
Abwendung von der Psychologie verband sich meistens eine 
weitgehende Annäherung an die Erkenntnistheorie; dieQren- 

Paris, 3. Aufl., 18&8, 2 Bde.) die induktive und die platonische dialektische 
Methode mit thoniistiachen Lehren zu verbinden sucht und insbesondere 
auch die Identität der bgischen Induktion nüt dem Inflnitesimalvcrfahren 
nachzuweisen sucht (11^ S. 87). 



2. K« pilal. AHtem eine Geschichte der Logifc. 205 

MD irischen der Logik und der letzteren schienen sieh oft 
gas ZQ verwiBcheo. Aach der normative tmd methodolo- 
SÜebe Teil der Log^ik trat oft ganz zarüek. 

Till Gegensatz hierzu ist hei den Logikern, die im folgen- 
den miter der Bezeichnung „Konzinnieten" ^) zosammengefeßt 
werden solleo, vor allem von einer so scharfen Abwendung 
von der Philosophie keine Bede. Sie erkennen im Gegenteil 
die Cnentbehrlichkeit einer psychologischen Qmndlage 
— neben anderen Qmndlagen — für die Logik an. Bem- 
eot^echend kommt es nicht zn einer so weit gehenden Yei-- 
sehmelznng mit der Erkenntnistheorie. Die letztere ist nor 
insofeni für die Logik wichtig, als sie eine weitere Grandläge 
der Logik liefert; sie wird daher höchstens als ein Teil der 
Ix^iik anerkannt. Infolgedessen tritt die „transzendentale" 
(„reine") Logik wieder gegenüber der fonnalen zorück. Aach 
iommt damit wieder der normative nnd methodologische Teil 
der Logik zn seinem Becht. Sie teilen anBcrdem mit Trcn- 
delenbnrg, der ihnen überhaupt anter den I<ogikem der im 
Voraosgehendeu besprochenen Schalen am nächsten steht, die 
Abneigang g^en abrupte Systembildungen und die Bevor-, 
ZQgang einer kontinoierltchen, namentlich auch auf Einzel- 
nntersnchungen sich stützenden Weiterentwicklung der Logik. 
Wie diese kurze Zasanmienfassung zeigt, bleibt inner- 
halb dieses Konzinnismus noch ein breiter Spielraum für 
miumigfacbe Abstufang^i und Modifikationen der Gmnd- 
anffasBung der Logik. In der Tat wird sich ergeben, daß die 
Merher gehörigen Logiker bei aller Übereinstimmung in den 
wesentlichen Punkten der Grundauffassung der Logik doch 
in einzelnen Beziehungen sehr weit divergieren. 

Ab ein Vorläufer^) der konzinuistischen ßichtunE kann in man- 
cIkii BeEiefaungen Hermann Ulrici (1806— ISM, über Phnzip und 
Methode der Heselschen Philosophie, Halle 1811^ namentj. S. Si—lU; über 
iaa Wesen der log. Kalegorien, Zeitschr. f. PhUos. u. phil. Kr., l&U^ Bd. 19, 
S. 9Ii System der Logik, Leipzig 18&2; Kompendium der Logik, Leipzig 1S80, 
2. AdQ. 1872; Zur logischen Frage, Halle 1870) gelten. Wie U. selbst eTkiart, 



') Concionare bedeutet: in schicklicher Weise zusammenfügen. Die 
Bezetchnang iat gewählt, um die scIiicUiche Zusammenfassung der Fsycho- 
l«i^ der Eritenntnistheorie und der fonnalen Logik einschlieBhch ihres 
Donnativen Teils auazudrOtdien. 

>) Ein noch Uteier Vorl&ufer ist der Dttne Frederik Christian 
Sibbern (1786—1872), der anfangs unter Schellings EinIluB stand. Sein . 
'■xräcbes Rauptnerk sind die Logikens Elemeuter, KiobenbaTn 1822 (& Aufl. 
1866), TgL namenU. S. 1, *, ^ 146. 



206 !■ ^^1- Abffrenzung und allgemeine Geschichte der Logik. 

will er die I<onk in ihrer InleRriUt als SommXe:, grundlegende Wissenschaft 
bestehen lassen und sie doch zugleich zur Erkenntnistheorie wie zur Psycho- 
logie und Metaphysik in unmittelbare Beziehung setzen. Er verwirft sovobl 
die Hegeische ,Jdentiflziening der Logik" mit der Melaphysik wie die von 
Trcndelenbunt u. a. vertretene Verschmelzung mit der Erkenntniatheorie. 
Von Erkenntnistheorie und Metaphysik kann nach V. Oberhaupt erst die Redi' 
.Spin, nachdem die Logik die allgemeinen Cieeetze, Normen und Formen des 
Denkens Oberhaupt festgestellt hat Der „TatsÄchlichkeit" der Empfin- 
dungen st^l nach V. das Bewußlsein als eine SeibstlfiliKkeil der Seele gegen- 
über und beruht durchweg auf einer „unterscheidenden Tätigkeit". 
Die Logik hat die Aulgabe „die bestimmte Art und Weise zn enmtteln. in 
wetcber sich diese unterscheidende Tätigkeit ... ihrer Natur 
tiem&Q vollzidil. Die logischen (iesetze sind zugleich „Gesetze des ceeUen 
Seins der Dinge". Darauf beruht ihre „objektive Geltung". Die allgemeinen 
bestimmten Beziehungen des Unterscheidens änd die logiseben Kategorien 
(Qualität, QuantitAt). Sie sind also keine Begriffe, sondern a priori gegebene 
„leitende Normen" unserer unterscheidenden TAIigkeit Erst sekundär 
ergibt sich, daB die Kategorien, obwohl an sich nur logischer Natur. 
doch zugleich eine metaiifaysische Bedeutung liaben. Die theistische Deu 
tung, welche U. hieran knQpft. bietet hier kein Interesse. 

Ais der älteste Vertreter der neueren konzinnistiacheo 
Hiehtung kann Christoph Siffwart (18:J0— 1904) gelten. 
JSoine Logih'), deren erster Band 1873 in erster Auflage er- 
schien, ist eines der wichtigsten Werke der gesamten logi- 
schen Iiiteratur. S. definiert die Logik als „Kunstlehre dee 
lienkens", welche Anleitung gibt zu gewissen und all- 
gemeingültigen Sätzen zu gelangen {Logik', S. 1). Sie 
Jehrt das Denken „so vollziehen, daß die aus ihm lier\'or- 
gehendeu Urteile walir, d. h. notwendig, und geviü, 
d. h. vom Bewußtsein ihrer Notwendigkeit begleitet, und eben 
darum allgemeingültig seien". Die Notwendigkeit, um 
die es sich hier handelt, „wurzelt rein iu dem Inhalt und 
Gegenstand des Denkens selbst, ist also nicht in den ver- 
änderlichen subjektiven individuellen Zutiliiuden, sondern der 
Natur der Objekte b<^rründet, welche gedacht werden", und 
kann insofern objektiv heißen (1. c. S. 6). Die Beziehung 
auf d«n eben angegebenen Zweck scheidet die logische Be- 
trachtung des Denkens von der psychologischen (S. 10). Die 

^J Tübingen 1873— 187f, 2. Aud. Frribuvg IhS»— l«es, 3. Aufl. noch 
bearbeitet von Sigwart sell>st, aber henuisgcg. von H. Maier 190*. 4. Aufl. 
tltll. AuB«4«n Beiträge zur Lelire vom hypotheL UHeil, Tübingen 1871; 
Die Impersonalien, Freiburg 1886; Logische Fragen, Vierteljahisschr. f. wiss, 
Thilos., 188Ct Bd, 4, S. 46t, u. 1881, Bd. 5, S. 97; Kleine Schriften, Fxeibura 
ItJBl, 4. Aufl. 1901 (historisch inleress.inle Aufsätze über Agrippa von Nettes 
heim, J. Schegk u. a,;i. 

„.,,„A.OOglC 



S. Kapitel. AJIsemeine Geschichte der Logik. 207 

Itpfik iintersacht nicht wie die Psychologie das wirkliche 
Denken, sondern stellt einerseits die Kriterien dea wahren 
Denkens anf, wie sie sieh aus der Forderung der Notwendig- 
keit und Ällgemeingültigkeit ergeben, und gibt andrerseits 
Anweisang, die Denkoperationen so einzurichten, daß der 
Zweck — das wahre Denken — erreicht wird (1. e. S. 10). 
Die erkenntnistheoretisch« Untersuchung über das Verhält- 
nis von Erkennen und Sein und über die Erkennbarkeit des 
Seins kann dabei außer Betracht bleiben. Insofern die Logik 
nur Eeigt, welche allgemeine Forderungen vermöge der Natur 
Dnseres Denkens jeder Satz erfüllen muß, um notwendig und 
all^^neingültig sein zu können, und, unter welchen Be- 
dingui^en und nach welchen Begeln von gegebenen Voraus- 
selznngen ans auf notwendige und allgemeingültige Weise 
fortgeschritten werden kann, indem sie also darauf verzichtet 
Sber die Notwendigkeit und Ällgemeingültigkeit der je- 
weiligen Voraussetzungen zu entscheiden, hat sie in diesem 
Siime notwendig formalen Charakter. Die Befolgung 
ihrer Regeln verbürgt nicht notwendig die materiale 
Wahrheit der Ergebnisse, sondern nur die formale Bioh- 
ligiceit des Verfahrens. Damit will S. jedoch keineswegs 
sagen, daß dio Logik das Denken überhaupt als eiiie bloß 
fonoale Tätigkeit auffassen solle, die getrennt von jedem Ju- 
fa&U betrachtet werden könnte, oder daß man bei der logischen 
Untersnchung von der allgemeinen BesehaiTenüeit des Inhalts 
und der Voraussetzungen des wirklichen Denkens ganz ab- 
sehen und sie ignorieren solle (1. c. S. 14). 

Die Fähigkeit, objektiv notwendiges Denken von nicht- 
notwendigem: zu unterscheiden, äußert sich nach 8. in dem 
„unmittelbaren Bewußtsein der Evidenz, wel- 
ches notwendiges Denken begleitet". „Die Erfahrung diesei^ 
Bewußtseins nnd der Glaube an seine Zuverlässigkeit iöt 
ein Postulat, über welches nicht znrückgegangen werden 
liBnn". 

Die Logik zerfällt entsprechend diesen Dai'legungen bei 
^ ineinen analytischen Teil, der das Wesen der Funktion 
betrachtet, für welche die Begeln gesncht werden sollen, einen 
gesetzgebenden Teil, welcher die Bedingungen und Qe- 
setze des normalen Vollzug der Funktion aufstellt, und einen 
teehnisehen Teil, welcher die Begeln des Verfahrens zur 
Vorvollkommnung des natürlichen Denkens gibt (1. c. S. 16). 
Der wichtigste Abschnitt des letzten — technieehen — Teils 



1,1^. OQi 



,g,c 



20g I. Teil. AbRrenzuiw und aUge roÖpe Geschichte der Logit- 

ist die Theorie der Induktion (1. c. S. 21). Der m-istoteliBch- 
soholastische Formelballast wird von S. auf ein Minimom 
reduziert. 

Auf viele Einzellehren Sigwarts — so namentlich auf 
seine Anffassun^ der „Normalgesetze" (Lt^ik, 2. Aufl., Bd. 1, 
S. 383) wird in den Spezialabschnitten zuirfickgekonunen 
werden. 

Unter den von Sigwart ausgegangenen Forschem ist besonders Hein- 
rich Maier*) (geb. 1867) auzulohren. Er geht Ober Sigwart hinaiu. in- 
dem er neben dem „erkennenden Denken" auch ein „emotionales" 
(atiiAlives und volitives) „Denken" aimimmt, das z. B. in den Tatsachen- 
kreiaen der Religion und des ästhetischen Geniefiena hervortreten und gestal- 
tend, nicbt auffassend tfttiK sein soll. Wahrheit ist allerdings nur fOr das 
erkennende Denken Zweck und Maßstab, aber das Bewußtsein der logischen 
Notwendigkeit, d. b. das Bewußtsein, daB ein Denkakt „durch gegebene Vor- 
stellungsdaten gefordert ist", und der Anspruch auf allgemeine Geltung kommt 
auch dem emotionalen Denken zu. Daher fordert und entwidcelt H. n^n 
der kognitiven Logik eine emotionale Logik, die u. o. fflr das religiöse und 
ästhetische Denken Normen aufstellt °). 

Etwas später als Sigwart ist Wilhelm Wundt (geb. 
1832) mit seiner Logik *) hervorgetreten. Seine Abgrenzung 
der Logik gegen die Psychologie stimmt im wesentlichen mit 
der Sigwartschen überein. Auch für W. ist die Logik, ähn- 
lich der Ethik, eine normative Wissenschaft. Sie soeht 
für die Methoden des Denkens, die bei den Forschungen der 
einzelnen Wissenschaften zur Anwendung kommen, die all- 
gemeinen Regeln festzustellen. Zu diesem Zweck „scheidet 
»ie aus den mannigfachen Vorstellnngsverbindnogen unseres 
BewuStseins diejenigen ans, .die für die Entwicklung unseres 
Wissens einen gesetzgebenden Charakter besitzen". In der 
näheren Bestimmung der Aufgaben der Logik weicht W. von 
Sigwart insofern erheblich ab, als er die Erkenntnistheorie 

*) Psychologie des emotionalen Denkens, Tübingen 1908 (namentL 
S. 40e. u. S4»fi.); Logik u. Erkenntnistheone, Festschr. f. ägwart, Tübingen 
1900, S. 217; Logik u. Psychologie, Festscbr. f. Riehl, Halle 1914, S. 911; 
Das geschichtliche EAennen, Göttingen 1914. 

■) TgL Thtedule Ribot, l* logique des sentiments, Paris 190^ nanwnll. 
S. 918., 9. Aufl. 190B; und G.-H. Luquet, Logique rationelle et psyclnloiinK 
Re». philos. 190», Bd. 62, S. 60a 

•) 1. Aufl. (2 Binde). Stuttgart 1880 u. 1888^ 2. Aufl. (9 Töle) 18BS bi» 
1805 (NamensTCrzeichnis und Sachregister von H. Lindau. Stutt^url 190S}. 
3. AulL 1906— 1908 i Zur Geschichte und Theone der abstrakten BegöB^^ 
PhiJos. Stud., 1885, Bd 2, S, 161; Die Logik der Chemie, ebend. 1888. Bd 1> 
S. *78; System der Philosophie, Leipzig 1689, 3. Aufl. (in 3 Binden) 19^ 
(namentl. Bd. 1, S. 2711., 138K., 806fr.); Psycbologismus und LogiBsm«»- 
Kleine Schriften, Bd. 1, Leipzig 1910, S. 511— «8t. 



O^^IC 



__. ä Kapitel Alltemeine Geschichte der Lorüc. 209 

in veitem ümfnng ia die Logik hineinzieht W. verlangt 
niadieh von der wiflsenschaftiichea Logik ,^eben der Dar- 
slellnng der logiechen Normen" dreierlei: entens eine psycho- 
higiBelie Entwicklnngsgeschiohte des Denkens, zweiten« eine 
OntMsnchang der GnmdlRgen und Bedingongen der Er- 
keuBtiuB und drittens eine Analyse der logischen Methoden 
wiasenschaftlicher Forschong. Da W. die psycbologiache 
Estwieklnngsgeschichte dee Denkens der Untersnehnng der 
Grundlagen der Erkenntnis beizählen zn können glanbt, so 
kommt er zu dem SchlnS, daß „die Iiogik der Erkenntnis- 
tbeorie za ihrer Begründnhg and der Methodenlehre zn ihrer 
Vcdkndtmp braucht" (Logik *, I, S. 2). Er nennt daher aneh 
iea ersten Teil seiner Logik geradezu Erkenntnielehre, den 
zweiten Teil Methodenlehre. Die „Darstellnng der logischen 
Nonnen", die offenbar Sigwarts „gesetzgebendem" Teil ent- 
sprechen müßte, wird im wesentlichen mit der Erkenntnis- 
iebre verschmolzen. 

W. wendet sich daher auch sowohl gegen die „formale 
Änffasäung" der Logik, welche die Darstellung der Formen 
des Denkens als die einzige Auf ^be der logischen Wiseen- 
seWt ansieht und behanptet, daB es eine „bloQ formale 
Wahiheit" gebe, wie anch gegen die „metaphysische oder 
■dialektische Auffossting", welche das logische Denken ffir 
ßhig hält, anch den Inhalt des Wissen» aus sieh hervor- 
ntkringeo. 

Die fundamentalen Eigenschaften, welche das logische 
Denken gegenüber uideren psychologischen Yerbindimgen 
des Denkens auszeichnen, sind Evidenz nnd Allgemeingültig- 
keit Auf ihnen bemht anch der normative Charakter der 
lagicchen Denkgesetze (I. e. S. 8B). Da beide Eigenschaften 
immer nnr bestimmten Gedankenzusammenhängen zukom- 
moi, lassen sich in dem wirklichen Deuten die togischen 
Oeokgcsetze niemals völlig von den psychologischen sondern. 
,^h» psychologische Denken bleibt immer die umfassendere 
Porm." Alle Evidenz, die mittelbare (bei dem Schließen) wie 
die nsmittelbare, glaubt W. auf „Anschauung" als <ilelegen- 
)>ätnusaebe nnd auf die frei verknüpfende Tätigkeit des 
Dentens als eigentlichen Grund 0- c. S. 80 f.) zurückführen 
m ktanen '). Die subjektive Allgemeingültigkeit des Denken? 

*) Qende diese Dantrihlng ncbeint mir vor LQckcn und UnUarheilea 

2>ilieD, Ltbrbnch d«r Lo(ik, 14 

h, 1. iiA.OOt^lC 



210 I- 'f^l- AbCTCDZung und aUsemeioe Geschichte der Loeik. 

ist nach W. eine niunittelbare Folge seiner Evidenz, die ob- 
jektive besteht nar ioeofem, als wir „an die innere wie an 
die änßere Erfahrung mit dem Poetnlat herantreten, daB 
alles, was Gegenstand nnsrer Erfahrung wird, sich in einem 
durchweg begreiflichen Znsanunenhang befinde" (1. c. S. 86). 
Sigwarts Merkmal der Notwendigkeit tritt gegenüber der 
Evidenz ganz in den Hintergrund. Dafür betont W. sehr 
entschieden, daS das Denken in höherem Grade als alle an' 
deren Vorstellungsverhindnngen den Charakter einer i n n e 
ren Tätigkeit trage (1. c. 2. Aufl., S. 79, in der 3. Aufl. 
weggefallen). Er will daher das Denken als eine „nnmittel- 
bare innere Willenshandlnng" (in der 3. AufL heifit es ledig- 
lich: „eine Willenshaudlung") und demgemäß die logischen 
Gesetze als Gesetze des Willens auffassen. Der „Wert" 
des Ic^rischen Denkens findet somit nach Wnndt seinen Aus- 
druck in drei Merkmalen, durch deren Verbindung sich das 
logische Denken vor allen anderen psychischen Vorgängen 
auszeichnen soll: Spontaneität, Evidenz und Allgemeingnltig- 
keit (1. c. 3. Anfl., S. 74). 

Ein besonderes Verdienst hat sich Wnndt um die Ent- 
wicklang der Lf^rik dadurch erworben, daß er die tatsächliche 
Entwicklung der wissenschaftlichen Methoden in den ein- 
zelnen Wissenschaften seiner Methodologie der Logik i» 
weitesten umfang zugrunde gelegt hat und allenthalben die 
Bedeutung der speziellen Methoden ausführlich erörtert hat 

SchOler bat Wuudt auf dem Gebiete der Logik nur wenige gdundec 
BinisermaBcn nahe steht ihm RudoHEisler (geb. 1878) in den 31^™™' 
ten der Locik" (Leipzig 1898, 2. Aufl. EBliogen 1910*). 

Als dritter Hauptvertreter des Konzinnismiu sei B e n n o 
Erdmann (geb. 1851) angeführt, dessen logisches Haupt- 
werk") 1892 in; erster Anflage erschienen, aber leider noch 
unvollendet ist 

■) Logik, 1. Band Logische Elementariehrc, Halle 189% 2. Aufl., rtlUs 
umceaibeitet, 1907 (der zweite Band ist noch nicht erschienen). Wettere 
loEdschc Schriften: Die Axiome der Geometrie, Leipzig 1877; Die Gliedemng 
der WiBsenachaften, VierteljahTSBchr. t wiae, Fhilos. 187^ Bd. 2, 5. 73; 
LoEische Studien, ebeada. 188S, Bd. 6, S. 3B, und 1887, Bd. 7; S. ISi; Zai 
Theorie der Beobachtung, Arch. f. System. Philos. 1886, Bd. U S. 1*; Die 
peycholog. Gnindlagen der Beziehungen zwischen Sprachen und Denken, 
dienda 1896, Bd. 2, S. 3fiS^ 1897, Bd. % S. 81. 1901, Bd. 7, S. «9; tlmri» 
mr Psychologie äea Denkens, Sigwartfestschr., Tübingen, Freiburg, Leipzig 
1900, S. 1, a Aufl. 1908; Die Funktionen der Phantasie im wissensch. Denket^ 
Beriin 1918; Erkennen und Terstdien, »(z.-Ber. d. KgL Pr. Ak. d. Wi>^ i91X 



g- KapiM . äSg mtinti G cadiichte dw Loiik. 211 

Erdmann nntersoheidet ein „fonmüiertes" (d. h. irgend- 

Tie epractiiich fonnnliertes) nnd ein nieht-fonnnliertes o^r 
„IntnitiTee" Denken. Dieses wie jenes ist bald Wissenschaft- 
lieb, b&ld anwisBensch&ftlicli. Das intuitive Denken ist bald 
■^Tperlogisch" (dichterische Konzeptionen, praktische Kom- 
binationen eines Politikers oder GroBkanfmanns nsf.), bald 
ntiTPologisch" (Ansätze zn einem Vergleichen nnd ünterachei- 
ftra bei Kindern und Tieren). Die Aufgabe des wissenschaft- 
Üdwn Denkens besteht darin, die in der Sinnes- nnd Selbst- 
Tahmehmnng gegebenen Gegenstände dnrch allgemeinglU' 
% Urteile zn bestimmen (S. 10). Strenge Allgemeingültig- 
keit ist ein Ideal des Denkens, das anf dem Gebiet der Wissen- 
«htften Ton Tatsachen niemals völlig erreichbar ist. Wir 
monen ose daher oft mit wahTsoheinlioben Urteilen (statt 
wahrer) befTnüS^Bn. 

Die Wissenschaft, welche sich mit der allen Wissen- 
schaften (einschließlieh ihr selbst) zngnninde liegenden Vor- 
»nssetznng der Möglichkeit des Gewinnens all- 
gemeingültiger Urteile über das Seiende be- 
iwhäftigt, wird von E. „Wissenschaftslehre" genannt 
(vrl. dieses Werk S. 9 u. 134). Sie aerfällt in Erkenntnis- 
theorie nnd Logik. Die erstere nntersncht die allen 
E^naelwissenschsften gemeinsamen Voranssetznngen über die 
tnaterialen Gmndlageii unseres Erkennene, die letztere 
■Üe formalen ünethodiechen) Grundlagen unseres wissen-. 
!ichaftlichen Deutens (S. 15 ff.). So gelaugt E. zu der bereits 
S. 10 angeführten nnd als) zu eng beanstandeten Definition 
der Logik als der „allgemeinen, formalen und normatiTen 
Viuenschaft von den methodischen Voraussetzungen des 
"isaensdiaftlichen Denkens". Dabei verwahrt sieh auch Erd- 
■num dagegen, daß die Formalität der Logik etwa, wie Kant 
von der allgemeinen Logik sagte (vgl. dies Werk ^ 33), so 
*«it ginge, daß von allem Inhalt der Verstandeserkenntnis 
md aller Verschiedenheit ihrer Gegenstände abstrahiert 
werde. 

Von diesem Standpunkt nun halt E. daran fest, daß das 
Ol)jekt der Logik nicht etwa ein Teil des Objekts der Psycho- 

^ IMO; PSTchologie des Eigen^irachens, ebenda ^Pl*. S. 2; Kritik der 
''■cUemlage in Kants transEendentaler Deduktion der Kateeorien^ elmida 
%^ S. 190; Uethodoloc. Konsequenzen aus der Theorie der Afastraktioi^ 
tbcadi 1916, a 4S7. Die Zitate im Text bezidten ad^ soweit nichts anderM 
bmvfct ist, stmOkli auf dia S. AuHage da- Logik. 

„.,":,^.oosic 



212 T. Teil. Ahgreim ing und aUgameiiM Geschidtte g er Logik. 

lo^e ist (S. 27)*). Im OegeoBaiM zur Psychologie hat die 
Loffik ein Urteil oder einen Urteilezasammenhang als <M>jekt 
n«r mit BäckBicht auf die Frage: welche Beziefanngm mäBaen 
zwisclien den Bestandteilen dee Urteils oder Urteilsznsammen- 
hangB Toraosgresetzt werden, wenn diese gfUtiK »ein 
«ollen. Troti dieses Oegensataes aber kann die Logik die 
psyehologisohe Ermittlung des Tatbestandes nnsrer Denk- 
Torgänge nicht entbehren. In der Tat schickt denn auch Erd- 
raann seinen logischen Entwicklangen allenthalben ansfdhr- 
liche „psychologische Vorbetraohtnngen" voraas. Er ver- 
wirft al«o sowohl die einseitige erkenntnistheoretische wie die 
einseitige peychologisierende (psychologistische) Logik (S. 32). 
Eine besondere Darstellang widmet E. aach den Beziehnagen 
zwischen Logik nnd Orammatik, wie das selbstverständlich 
ist, da nach E. das formolierte Denken, das eigentliche Objekt 
der logischen Normierung, ein sprachliches ist. 

Brdmann stehen u. •- nahe: Willy FreTt&g (.geb. 187S), Der 
Realiiniua und dts Tnui9zendeazprobl«n>, Versuch- einer Gruadletung der 
Logik, Halle IfiOS (eingehende Behandlung der Lehre vom induktiven Sch]ull)i 
Jobann Eduard Th. Wildschrcy, Die Grundlagen einer voUaUii- 
ditw SyUogistik, Halle 1907 (AbhandL z. Philos. u. ihrer Geschichte» Nr. Sß); 
Richard Herbeitz, Dag Wabifeeitsprotalem in der Kriech. Pfailoaoiriiie. 
BeiUa 191S (ein neiMres Werk ist betitelt „Protefotnena zu einer realistischen 
Logik, HtUe 1916). 

Zu den Konziunisten kann man auch T h o ma sG. Uasaryk (jpii. 
18B0) rechnen (Versuch einer konkreten Logik, Klasaifikation und Oigtni- 
sation der Wissenschaften, Wien 1867; eine etwas frflhn erschienene böh- 
mndm Ausgabe «ar mir nidit zug&ngUch); er betrachtet die Logik als eine 
vorniBireise apriorische WiMenschaft (g 82ff., S. 20äB^ und teilt «e in 
abetiakte (= aUgenteine) Logik, die sich im wesentlichen mit der Eifce&ntnis- 
theorie deckt, und konkrete Logik, die der Uethodenlehre entspricht Vielfach 
n&bert er sich dem Positivismus. 

Einen konzinntstischen Standpunkt scheint femer Oswald Kütpe 
(1SB3 — 1916) eingenommen zu haben; ein vorzeitiger Tod hat ihn leider Ter- 
hindert, aöne Anschauungen vollständig zu entwickeln (a aaioeiMlicfa Die 
ReaÜMerung, Leipzig 1«12, Bd. 1, & 11 ß., 17 B., 214 fi., 326 ff., und Zur Kate- 
gorieidehre, Sitz.-Ber. d. Ktf. Bayer. Ak. d. Wies., Philos. -phüol. u. faisL KL 
1916, 6. Abb.). 

Nur mit sehr erheblichen Vorbehalten kann euch Theo- 
dor Lipps") (1851 — 1914) zu den Konzinnisten gerechnet 



*) In der OslerrdcbBchen Ausgabe der 11. Aufl. von Oberwegs Gnnd- 
rifi der Geschichte der Philoaophie, Teil 4, S. 490, wird Erdraum fUtdüidi 
die entgegengesetzte Meinung zueeachivdwn. 

>*) QnindzQga der Logik, Hamburg 18iB (unverAndertar Neu- 
druck, Leipzig-BaD^urfcl913),- BswsBtaein und QegeBstinde, I^choLIMcr- 

„.,,„,^.oogic 



2. SapiteL AUteneine Geachichle der Logik. 213 

vetduL In seinem älteren Werk nämlieh — den Qjrond- 
^gn der Logik vom Jahre 1893 — steht Lippe der pejcho- 
logMiachen AuffasRnng noch näher alB in seinen späteren 
ArMten. Damals definierte er die Lc^k als die Lehre von 
da Formen nnd Gesetzen des Denkene. Die besondere Hw- 
vorlulianK ihres normativen Charakters schien ihm nicht 
erforderlich, da „wir immer richtig denken in dem Maße, 
als vir denken". Die Frage, was man tun solle, ist nach L. 
immer znrückführbar auf die Frage, was man tun mösse, 
veiut ein heetimmtes Ziel erreicht werden solle, und somit 
aof die Frage, wie das Ziel tatsächlich erreicht werde (Gnmd- 
löge S. 1). Damals nannte L. die Logik geradezu am 
nSonderdisziplin" der Psychologie und bemerkte, dafi aller- 
^gs für die Psychologie zum Unterschiede von der Logik 
der Gegensatz von Erkenntnis und Irrtum nicht in Betracht 
komme, daß damit aber nicht gesagt sei, dafi die Psychologie 
diese beiden v(»ieinander verschiedenen Tatbestände als gleich 
ausgebe, sondern nur, daß sie beide in gleicher Weise ver- 
Btttodtich 3U macheu habe. 

Bas Material des Denkens nnd Erkenneos sind nach der 
Älteren Darstellung vtm Lippe die Bewußtseinsobjekte. Das 
Daaein und die Beschaffenheit derselben ist das absolut „Tat- 
sächliche" und bildet die Grundlage für alles Brkenuen. Er- 
kenntois ist „objektiv notwendige" (d. h. lediglich von den 
Objekten selbst bedingte) „Ordnung von Objekten des Be- 
vnfttseinfi"; sie ist daher gleichbedeutend mit „Wahrheit 
oder objektiver (Jewißheit", während das Bewußtsein der- 
wlben gleichbedeutend mit „WahrheitsbewnBtsein" oder 
nBnbjektiver Gewißheit" ist Die objektiv notwendige Otd- 
uimg ist unanfhehbar, das Bewußtsein der objektiven Kot- 
veodigkeit hingegen nicht; es muß sich erst als nnaufbebbar 



«eh. 1907, Bd. 1. S. 1 ; Vom FOUsn^ Wollen u. Denken, Sehr. d. Ges. f. jnychoL 
f<nch. IflO^ Bd. 8, H. 1& u. U, S, Aufl. 1907; Einheiten und BriaboDen, 
Uiinig 1902; Über „UiteilsBefOhle", Arch. f. d. gea. FsychoL 1906t Bd 7, 
S.1; Subjektive Kategorien in Objekt Urteilen, Philos. Monatsh. 1804, Bd. 80. 
S. 97; Inhalt und Gegenstand; Psychologie und Logik, SiU.-Ber. d. philos.- 
bMoL u. d. tust Kl d. Bayer. Ak. d. Wiso. 1906, H. 4, S. 5111 Eine au»- 
fUiriicl» Darstellung der neueren Urteilslehre von Lipps hat kürzlich Q. An- 
Kbütz gegd)» (Arch. f. d. ges. Psychol. 1914, Bd. 80, S. 240) und dabei auch 
Voriesumen and gelegentliche Äußerungen von Lipps verwertet und zugleich 
u einigen Stellen versncht, den Lippsschen Gedankenkreis noch weiter aus- 



OgIC 



214 ^- '^^"- AbtranzuQs und «Ug^tneine Geschichte der Logik. 

erweisen und ist dann als „Wissen" zu bezeiclmen (sonst als 
Meinen). Bas „Objektive", .d. h. das Bedingtseiu durch die 
Objekte, soll — wie L. dann in schwerlich einwandfreier 
Weise folgert — daa Kennzeichen alles Logischen im. G«een- 
satz zn dem lediglich Psychologischen sein (1. c. S. 4). Weiter 
nnterscheidet L. zwischen ObjektiTitätsbewuBfsein und Sub- 
jektivitätsbewufitsein, beide können entweder formal oder 
material sein. Bern Gegensatz des formalen und materialen 
Objektivitätsbewußtseins entspricht in unserem Erkennen der 
Oegensatz zwischen formaler und materialer Erkenntnis. 
Eine ausreichende Klarheit über die Bedeatnng dieBCs Qeg«i- 
satzes und seine Beziehung zur Logik wird in dem altereu 
Werk nicht erreicht. 

In seineu neueren Arbeiten nähert sich Lipps in vielen 
Punkten teils den älteren Anschauungen Brenteüios, teils den 
neueren Meinonge und Husserla Die „innere Zuwendmig" 
(d. h. die Tätigkeit der Aufmerksamkeit oder noch genauer 
die irAnffassungstätigkeit") „zn dem, was erst nur mein In- 
halt ist und für mich Gegenstand werden soll, spielt jetzt eine 
erhebliche BoUe (vgl. die Intentionslehre Brentanos). Der 
Eintritt des Erfolgs dieser Tätigkeit, „das mir Oegenüber- 
treten des Gegenstandes", ist das ,J)enken". Dies ist selbst 
nicht Tätigkeit, sondern Ergebnis meiner Tätigkeit: „es ist 
ein Akt". „Die Tätigkeit ist etwas Lineares, d. h. iu der Zeit 
Verlaufendes", „der Akt ist ein Punkt, nämlicfa im Ich", er 
ist „ein punktförmiges Icberlebnis", zugleich aber Anfangs- 
punkt z n einer Tätigkeit „oder die natürliche Vollendang 
einer Tätigkeit" (Bew. u. C^g. S. 23 ff.). Die Auffassung iet 
„noch seelische Funktion", das Denken schon „geistige". 
Damit wird offenbar — ganz ähnlich wie bei Stumpf (vgl. 
S. 183) — zwischen dem Empfinden und „Vorstellen" (sc. von 
Gedächtnisbildem) einerseits und dem „Denken" andrerseits 
eine tiefe Scheidnngsliuie gezogen. Das „Gterichtetsein" des 
Ich soll in beiden Fällen durchaus verschieden sein, dort auf 
einen „Inhalt", hier auf einen „Gegenstand" (vgl. Meinongi 
^45). 

Im „schlichten" Denkakt setzt der Geist einfach Gegen- 
stände. Daneben gibt es eine Denktätigkeit, welche einen 
Gegenstand sjjeziell ins Auge faßt („beeondert", „für sie'' 
stellt"). Diese bezeichnet L. als Apperzeption (J. e. S. 53) ond 
unterscheidet bestimmte Arten derselben („ordneades", be- 
fragendes" Apperzipieren). In diesem neuen Sinn wird dfls 



OgIC 



, 2. Kapitel. Alliemeine Geschieht« der L ogit. 215 

Dmten gleicfabedentend mit „Urteilen". Der apperzipkrte 
O^atBtand maeht dem Ich ^^niiber den Ansprach, als ein 
aBabhängiffer gedacht xa werden. Insofern die Gegenstände 
solcbe gr^ordernngen" erbeben, die für alle Zeiten ond fftr 
sUe iDdividnen, also schlechthin „gelten", schreiben wir 
ilmen Gültigkeit zn (vgl. oben' überLotze, S. 196). Das Erleb- 
nis jer „Forderung" eines G^enstandes bezeichnet L. als 
«Sollen" mid unterscheidet es jetzt sehr scharf von dem 
JlflsBen" (siehe oben S. 213). 

Das Urteil ist von diesem Standpunkt ans das BewuBt- 
ttin nnd der Akt der „Anerkennnng" (wie dies schon Bren- 
tano gelehrt) oder Abweisung einer wirklichen oder ver- 
memtiichen , J'orderung" eines Gegenstandes (1. c. S. 57). Der 
IntDm, d. h. das falsche Urteil als Akt"), ist die Auerken- 
anug einer vermeintlichen, d. h. ungültigen Gegenstands- 
forderong. Damit gelangt L. zn den Begriffen der Bicbtig- 
keit tmd Falschheit. Das Urteil ist zugleich der „reinste" 
Akt Hier entsteht der „absolut reine" Gegenstand als Kor- 
lelat des reinen, überindividnetlen Ich. 

,J)i« Tätigkeit des Ich fordert nämlich, vermöge ihres 
muDittelbar erlebten relativen Wertes, das Denken und das 
unbedingte Werten dieser Tätigkeit und damit zugleich die 
«ntsprechende unbedingte Zwecksetzung. Diese absolute 
'Ktigkeit ist das absolute Ich." ,Jn allen leben" findet sich 
Tidas eine und selbige transzendente Ich" (nberindividuelle 
Ich, I. c. S. 180). Damit ist der Sprung in den Logizismus ei-- 
folgt (mit Entlehnungen von Windelband nnd Rickert). 

Die Gesetze des Denkens nod Urteüens sind daher nach 
Lipps zngleich auch Gesetze der gedachten Gegenstände. Sie 
kommen also gewissermaßen zweimal vor. Das Gravitations- 
TGBetz besagt einerseits, daß für das reine Denken die Not- 
*aiidigkeit besteht, zwei oder mehr Körper sieh in dieser 
Weise verhaltend zu denken, und andrerseits muß doch das- 
selbe Gesetz auch in den Gegenständen selbst zum Ansdmck 
kommend gedacht werden (vgl. Änschütz, 1. c. S. 322 f.). Das 
Weeentliche der Denkgesetze soll jedenfalls nicht in der An- 
erkennung von „Forderungen" der Gegenstände besteheiii 
stHidem die Denkgesetze sollen wesentlich der Ausdruck eines 
^Ugemeinen Erlebnii^ses sein : das Ich soll, sofern es über- 



, ") Das Urteil als Geltungsauspruch (Objektiv Meinonua) kioia 
Mch LippB Oberhaupt nicht wahr oder fniseh sein. 



OgIC 



216 I- Tdl. AbcrenzuDf und allBemeine Geschichte der Loeik. 

iudividuelles leli, Vertreter des Oeistee nberhaapt iBt, ein 

AUgemeines erleben. 

Alles Wisseu von einer wecbeelseitigen Abhängigkeit der 
Dluge von einander schließt nnch Lippe „das Urteil der 
Elxistenz einer von ihnen verschiedenen, doch nicht aufiechalli 
ihrer liegenden Einheit, welche die Dinge in eiob tragt oder 
hegt, in ßich" (= „Welteubetanz"). Diese Einheit soll för die 
sinnliche Erfahrung und Vorstellung ein reines X sein (Bew. 
11. Gegenst. 8. 100 f.). 

Über diese ztun Teil an die Logik der Identitätsphilo- 
^phen erinnernden Sätze ist L. bei der Entwicklung seines 
neuen allgemeinen Standpunktes nicht hinausgekommen. 
Insbesondere vermifit man eine klare Bestimmung der Anf- 
gabe der Logik vom Standpunkt seiner neuen Auffassungen- 
Der Versuch einer solchen Bestimmung in der Abhandlnn; 
aus dem Jahre 1905 konunt über eine eklektische Daratellnng 
Hasserischer, Rickertscher und Meinongscher Anschauungen 
nicht hinans. 

Wollte roan nur die neueren Schriften von Ilppa ber&cksichtiBeD, n 
köDole maa ihn keineslalla zu den Koncinmsl«n Techam. sondern mOBte 
ihn etwa «Js eklektischen Logizisten bezeichnen. Nur im Hinblick aul wök 
ältere Auffaseung der Losib und im Hinblick auf die Tatsache. daB li. doch 
auch in seinen neueren Schriften bei der Behandlung spezieller logischer 
Fragen trotz der Einführung des reinen (absotuten, überindividuellen} Ichs, 
der G«Benstands„forderunv" usf. allenthalben p sy c hole gi sehe und 
erkenntnistheoretische Beliachtungsweise verknüpft, kann 
i;r in die Nliie der Konzinnisten gestellt werden. 

Unter den Schülern von Lipp9 sind auf dem Gebiet der Logik tnment- 
Jich zu nennen: Morit« Geiger (Methodologische und experimentdle 
fieilitge zur QDantitAtclehre^ Psycho!. Untersuch, herauqeg. von Th. Lippe 
1907, Bd. 1; S. 325). Alfred Brunsnii (Das Vei^eichen und die ReU- 
tionstricenntnis, Leipzig 1910), und vor allen Ernst v. Aster (Phn- 
zipien der Erkenntnislehre, Versuch zu einer Neubegründung des Nonanaü»- 
mus, Leipzig 1913, namentL S. Itöff.; Untersuchungen über den logischen 
ßehalt des Kausalgesetzes. Psychol. Unterst herau^eg. v. Lipps 1907, Bd. 1. 
S. 305). Die ersten beiden neigen zur Husserischen Richtung, der Utst- 
genanate zu einer im Sinn von Mach, Avenarius u. a. eingeschlagenen neo- 
positivistischen Richlungj die alsbald noch kurz zu erwähnen sein wird. 

Etwas femer steht Harald Hötfding (geb. ibtö) der konzinniiÜ- 
Bchen Richtung (Formel Logik, 6. Aufl. Eöbenhavnog Kristiania 1913, namentL 
S. 7B.; Den menneskelige Tanke, dens Former og dens Opgaver, Kjtbenfaafn 
1910, deutsch Leipzig 1911; über Kategorien, Annal. d. Naturpbilos. 1S(4 
Bd. 7, S. 121; La base psychologictue des jugements logiques, Rev. pbikiä 
1901, Bd. 5S, S. 34Ö). Ein eigenartiges Gepräge bekommt seine Lisifc, ^ 
Eich sonst auch viellach an Jevöns (vgl. S. 231) anschließt, dmch die starke 
Betonung der Bedeutung der vergleichenden Funktion für das Urteilen ww 
üiierhaajji alle logischen Vorgänge. 



OgIC 



S. Kapitel. AUfemeine Geschichte der Logik. 217 

{52. NMpeiiltiTistm. — Schupp«. USkriiiK. DerPosi- 
tirisrnnä ist im allgemeinen am schärfsten dadurch 
diankterisiert, dafi er die Erkenntnis gana anf das Gegebene 
beeehränkt, er fällt sonach mit dem Immaoenttsrnns (der aof. 
Immanenzphilosophie) zusammen'). Der ältere Positivis- 
QDS, wie ihn Comte be^rnndet hatte, war diesem Grund- 
prinzip insofern nicht trea ^«blieben, als er ganz unkritisch 
das G^^bene allenthalben mit dem Materiellen identifizierte. 
Anf dem Gebiet der Logik war er wissenschaftlich — ■ ab- 
gesehen von seiner Begünstignng der induktiven Logik — 
fast gaoz einflußlos und unfruchtbar geblieben (vgl. S. 182). 
Der neuere Positivismns, als dessen charakteristische 
Hanptrertreter Mach und Avenarius gelten können, hat sich 
TOT der materialistischen Inkonsequenz des älteren im gapzen 
)K«Ber gehütet. Oft ist er sogar in die entgegengesetzte In- 
koDseqnenz verfallen und hat im Sinne des Psychomonismus 
(Pampeyehismne) alles Gegebene ohne weiteres als psychisch 
— sIs Empfindungen und Vorstellnngen — betrachtet, so daB 
w sich dem Idealismus oder auch dem Spiritualismus 
näherte '). Es ist begreiflich, dafi er bei dieser Bichtung viel 
riier zur Behandlung logischer Fragen gelangte als der 
ältere fast rein naturwissenBchaftlich-soziologische Poeitivis- 
nms Comtes. Trotzdem haben die eben genannten Hanpt- 
vertreter sich nur beiläufig mit logischen Fragen beschäftigt 
Auch ist bemerkenswert, wie änfierst verschieden der Stand- 
ponkt der einzelnen Positivisten sich in der logischen Frage 
prestaltet hat. 

Richard Avenarius (1843 — 1896) hat in seinem 
Hanptwerk, der Kritik der reinen Erfahrung (Leipzig 1688 
n. 1890), der Logik nur einige aphoristiBche Bemerkungen 
gewidmet. Er nimmt an, daß die Li^k nur in der Form der 
nNorm" („Begel", „Forderung") das enthalte, was die Ent- 
wicklung der abhängigen Vitalreihen (im bekannten Sinn 
des Avenariusschen Empiriokritizismus) bereits verwirklicht 
hat, indem sie einerseits „zn einer immer größeren Vielheit 
und Vielartigkeit*', andrerseits aber auch zu einer denkbar 

'1 VbL zu. dieser Charakteristik des Positivismus Th. Zitbat, Vber dea 
menvlitiieii StaudimDkt der EAenntniBtheori^ Wie^taden WH, S. SOS. 

^ Im Gecenaatz za dem von Jtüi vertretenen neutralen (binoimstischen) 
ftniüvismoB, der den tiblichen OefensatK zwischen „matericU" und „wr- 
'^Kh" nicht anerkennt 

„.,,„,^.oogic 



218 '- '''^>'- Aberenzung und albemeine Geschichte der Logik. 

germgst«ii formalen Anderelieit „innerhalb jener Vielheit 
und Vielarügteit" fortschreitet (Bd. 2, S. 329 ff.). 

Ernst Mach (geb. 1838) hat sich gleichfalls mit 
einigen knrzen Hinweisen begnügt. Er glaubt, daB die 
Formen der Logik aus Fällen wirklichen wissenschaftlichen 
Denkens dnrch Abstraktioa gewonnen worden sind (Er- 
kenntnis nnd Irrtum, Leipzig 1905, S. 178). Den Hanptwert 
der Logik erblickt er darin, daß sie uns die Abhängigkeit der 
Erkenntnisse voneinander zu klarem Bewußtsein bringt und 
uns daher erspart, eine besondere Begründung für einen 
Satz zu suchen, wenn dieser schon in eiuem anderen enthalten 
ist (1. c. S. 302). Auf die Omndprobleme der Logik geht er 
ebensowenig ein wie Avenarins. Dagegen legt er die größte 
Bedentim^ auf die „ökonomische" nnd „biologische" Be- 
dentnng des wissenschaftlichen Denkens. Die Wissenschaft 
hat die Aufgabe, Erfahrongen zu ersetzen oder zu ersparen, 
indem sie zahlreiche Tatsachen gedanklich zusanunenfafit; 
selbst die Algebra besteht wesentlich darin, daß sie das 
Bechnen abkürzt oder uns ganz erspart 

Auch Ernst Laas (18B7— 1885, Kants Analogien der Erfahrung, 
Berlin 187^ namentl. S. 3iff.; IdeaHsraus und PositivisDniE^ Berlin 187S bis 
JSßi, namentl. Bd. 3) hat sich vom positivistischen Standpunkt Ober die 
logische Frage geäußert Er stellt den Satz auf, daS alle formalen logischen 
Gesetze nur „t autologisch oder analytisch" seien (gegen Wtodd- 
band, der sie fOr synlhetiscb erklärt hatte), und iKzeichnet konsequent diesen 
Standpunkt selbst als nominalistisch (1. c. Bd. 9, S. e7&). Jede Ifanszenden- 
tale Logik fallt für Laas selbstv'erstftndlich el)enso wie alle Transzendenz w«g. 

Im Gegensatz zu Avenarius, Mach und Laas >hat sich 
ein dritter Vertreter des neueren Positivismus, Wilhelm 
Schuppe') (1836—1913), sehr eingehend mit der Logik 
beschäftigt. Schuppe ist Positivist, insofern er strenge 
Immanenz im G^egebenen verlangt, bleibt aber dieser buma- 
nenz nicht treu, insofern er das Gegebene als ein „Bewofit- 
sein" mit Inhalten auffaßt und einem Ich zuordnet. In seinen 

^) Das meoscbL Denken, Berlin 1870; Eik. theoret. Logik, Bonn läTSi 
GnmdriB der Eriranntnislbeorie und Logik, Berlin le&i, 2. Aufl. 1910; BW^ 
und Grenzen der Psvchologie, Zeitschr. f. imman. Philos. 1896, Bd. 1, S. 31; 
Das Systsm der Wissensch. und das des Seienden, ebenda 1898^ Bd. 9, S. 6S; 
Zum Psrcliologismus und zum Normeharakter der LiOgik, Arch. f. syst Pbilo>- 
1901, Bd. 7, S. 1; Beremanns reine Logik usw., Vierteljahrsschr. f. tii» 
Philos. 1679, Bd. S. S. 467; Die Normen des Donkens, obenda 1888, PA- "•' 
S. 385 u. a. m. 



n,g,t,7rJM,GOOglC 



3. Kapitel. AUgemeine Geacbicbte der Logik. 219 

spetaren Bchiifton nimmt er sogar neben den individoellen 
^ ein allgemeines Ich und ihm zagehörig ein BewaBtsein 
nbeiianpt nnd «inen allen Individuen notwendig gemein- 
sunen BewnBtseinsiolialt an. Die Logik kann nach Seh. 
DÜbt von der ^Erkenntnistheorie getrennt werden. Sie wird 
inimer wieder bei ihren speziellen Aufgaben auf die Orund- 
frafieD: was iet das DenkenT was ist das wirkliche Sein, 
*«lchefi das Objekt des Denkens werden soUl zarückgeführt. 
Se lehrt also nicht etwa nur eine subjektive Verfahrungs- 
nise des bloßen Denkens, sondern strebt nach inhaltlichen 
Brkenntniesen allgemeinster Axt vom Seienden überhaupt 
and seinen obersten Arten. Zum Begriff nnd Wesen des 
Denkens gehört es, daß es einen Inhalt hat nnd dieser Inhalt 
virllich Seiendes ist. Das nrspröngliehe Objektsverhältnis 
zvisehen dem Denken und seinem Inhalt ist undefinierbar 
und imbeschreiblich. 

Zu den allgemeinsten Sätzen vom Seienden gelangt das 
Denken durch Beflexiou auf sich selbst. Auf diesem Weg 
stellen wir zwei .Jtenkprinzipien oder Gesetze" fest, die sog. 
»Kategorien": Identität und Kausalität und erkennen das 
Verhältnis der Kategorien zum Wahmehmungsinhalt CJte- 
lleiionsprädikate" '), z. B. „dies ist ein Ding, eine Ursache 
nsf"). Ein besonderer Akt der Anwendung dieser kategori- 
alen Begriffe findet überhaupt nicht statt Sie haben dieselbe 
Objektivität wie das Oegebene selbst. Sie gehören zum „Be- 
wnfltsein überhaupt" und konstituieren erst die wirkliehe 
Welt als den gemeinsamen Teil der Bewußtseinsinhalte (s. 
oben). Das Denken besteht daher nur in Urteilen, d. i. dem 
BemBtfiein der Identität oder Verschiedenheit und der kau- 
salen Beziehungen von Gegebenem. Obwohl also Seh. in 
^eten Punkten sich dem Logizismns nähert, trennt er sich 
liier scharf von ihm. Das Logische bildet nicht eine dritte 
Sonderwelt, sondern fällt im Sinne der Immanenzphilosophie 
mit den ,3estinmitheiten des Gegebenen" zusammen. 

Bei dieser Verlegung des Logischen in das Sein scheint 
für die formale Logik überhaupt kein Baum zu bleiben. Alle 
Irrtümer scheinen sieh anf Widerspruch mit den Tatsachen 

*) GrindriB, L Aufl., S. 16* H. Genaueres über Schuppes BeOezioDS- 
prädikate s. Ziehen, BA. tbeoret. AuMinandersetz., Ztschr. I. Psych. 19C8, 
W. 33, S. 119». Tbl int übrigen auch Wundl, Philoa Slud. 1896. Bd. 12. 



OC^IC 



2 20 J- Te il. Abgrenzupi and allgemMi» GeachiiAte der Logik. 

ZU reduzieren, der formal-lo^eche Widerspruch scheint alle 
Bedeutung zu verlieren. In der Tat glaubt Seh., daä ,^er 
Irrtum in Wahmehmougen und urteilen bestehe, welche den 
individuelleD Unterachteden der einzelnen Bewußtseine, nieht 
dem gattungsmäßigen Weaen angehören" (GmndriS 1, S. 171), 
und weiM die Ermittluug der störenden individuellen (sub- 
jektiven) Faktoren der Psychologie zu. Die Tatsache, daß 
durch diese Paktoren Wider^rfiehe im Sinne der formalen 
Lt^ik — und zwar auch bei Richtigkeit der zugrunde lie^n- 
den Wahmehmnngen — bedingt werden, und daß diese 
Widersprüche ebenso wie die formalen Übereinstimmungen 
auch unabhängig von der Psychologie und ohne Bücküeht 
auf das „Sein" einer wissenschaftlichen Untersuchung, näm- 
lich eben in der formalen Logik, zugänglich sind, kommt 
begreiflicherweise bei diesem Standpunkt zu kurz. 

Den NeopoätivisUD stehea außerdem mehr oder weniger nah«*): 
Josef DietzBen (1838—1888), Das Wesen der menschlichen Korfaibett, 

Hamburg 186B; Briefe übet Logik usw. iaBO-^1883,* 
Carl Göhring (18*1—1876), System der triüspchen Philosophie, Lelpn* 
1874 u. 18176, DamentL TeU 1, Kap. 18—16, S. 339 B. (Äabei auch vid- 
fachc AnknapfuDgen an Herttart, Hanmann Zetlw u. a.). 
Richard t. Schubert- Soldern (geb. 18fi2), Über Tianszendenx des 
Objekts und des Subjekts, Leipzig 1882^ namentl. S. 9111.; Grundlagen 
einer Erkenntnistheorie, Leipzig 188t, namentl ä. 86—220. 
A. Döring, Gnindlimen der Logik als einer Uethadenl^re uniTerseHer 
sachlicher Ordnung nnsrer Vorstelhmgen, Leipzig 1S12; Grundzflge der 
allgemeinen Logik, 1. Teil, Doitnnind 1880; Vierteljahisschr. f. imi. 
PhilDS. laeo^ Bd. 9, S. 324^ und 1890. Bd. U, S. 121. 
Anton V. Leclair (geb. ISt8), Lehrbuch der allgemeinen Logik, Leipaf 

18M, 8. Aufl. 190B, 8. Aufl. 191** (mit G. A. Lindner jun.). 
Shadworth HollwaT Hodgson (1863—1913), The pbilosophy of 
reflection, London 1878, namentl Kap. & 6 u. 10; The maUFAyaie of 
. ezperienoe, London 1898, namentl Bd. 3, Kap. i, & 236—386; Wbat 
is logic, Proc. Arist. Soc. 1889, Bd. 1, S. 11. 
.Adolf StOhr (geb. 1865), liCitfaden der Logik in psychologisierender Dar- 
stellung, Leipzig-Wien 1905; L^irbuch der Logik in psychologisieieiider 
DarateUung, Leipzig-Wien 1910; Algebra der Grammatik, Leipaig-Wieo 
1898. 

HansCornelius (geb. 1863), Versuch einer 'nieorie der Esiatenzial- 
urieile, München 189i; Psychologie als Eriahrungswisaenschaft, Ldpzü 
1887 (S. SISB.); Einleitung in die Philosophie, Leipzig 190S, 2< AulL ISlli 
Hit Cornelius stimmt in vielen Punkten auch der S. S16 bereits anfelOliitc 
Ernst T. Aster üborcin. 

Max Reinhard Kauftmann (1868—1896), Fundament der Er- 
kenutnistheorie und Wissenschaftslehre^ I>ipzig 1890 (namentl. § 30 f. und 
S37tf.), 

'') über Jerusalem s. S. 238. 

n,g,t,7l.dM,GOOglC 



2. KapiM. Allcemnne Getchicbte der Ltvik. 221 

fikBG Drieacfa (geb. 1867, Ordnunnlebra usw., Jeu 1912; Die 
Ldfi tis Aofgabe usw., Tübincen 1813) leht von eincni positivMiaBbea 
uid — iNnwUns vorlfiufiR — Mlipsistiscken aUfanttsen Standponkt ans, 
fdufl ator daan unter AntehnuuB an die Denkpsycbolo«ie dsr KOipeachea 
Stkü» za AjHicbteii, die äch denieniceB Heinongs, HuMerk und Naterps 
aa Teil «ehr oUiMti. Dabei b&lt er jedoch KegmOber dem Befriffareatiunua 
dKU iest, daA die aOeicnsUiide der Kathematä, des AUfemeiiien, dee nin 
MnranhaHen" nur „Gedankemnhalte" sind (Log. ale Aufg. S. 90 u. 67). 
Ke Ltgik «ird Ton Dr. als eine „Ordnungitehre" ■) auigelaflt: ,4>er Logiker 
nU die Eilä>theit und alles durch Eriebtheit Gemeinte durchaus und äi jeder 
F aa t ll w it als Geordnetes mMen" und „auSerden wissen, venaäge wrekhei 
Ktouncfara Erlebtheit und alles durch aie gemeinte unmitteihar Gegenslind- 
hcke »ordnet ist" (L c. S. »1). 

Za der iwopoaitivistiBcben Ricbluv der Logik kaan schbefllich auch 
die Logik von Karl Eugen DQhring^ (l^S— 1901) gerechnet werden. 
D. unterscheidet jjtedankUcbe" und „sachlicbe" Axionte. Ke ersteren Bind 
..KUatmsUlndliche Einsichten", die Miteren ,^ht weiter, zectegbare 
■NttuWsadien" (wie z. B. das Bebarrvafsgesetz, I^. u. Wiie. S. 28). 
Bade müssen „eüifaeitlicb zosammeagelatt" werden; denn bmden Gebieten 
umat ein „einheitUcfaes Sein" und eine „gemeinsasM logiacbe Grundgeslalt" 
n [dmu beachte die Vbei«instimnK)Bg DOit Schuppe in dieaem Punkt). Das 
lenken kann daher aw^ die einfachen TataichHchkeiten gar nicht 
udns Jasaei:^ als sie witklich sind. IrrtOmer ergeben sich erst bei der 
Zusammensetzung des Einlachen. Die Hathemalik rechnet D. zu 
dea itin gedanklichen Wissenschaften (L c. S. 86). Die ,j^n logischen" 
iame (Prinzipien) sind — auf gedanklichem und sachlichem Gebiet — 
vUte, die alten Wissenschaften (nicht nur einer besonderen) angehören. 
Do denkende Verstand darf nicht „formal borniert", d. h. auf eine, von den 
SioneMovfindunKen getrennte, rein formale Tlti^eit beschrftnkt weiden, 
wnderD hftngt mit der SinnesUti^eit untrennbar zuaanunen (L c. S. 71 ff.). 
DL bestreitet nicht, daB z. B. bei dem Satz 2XSc=;>4 zu dem SachreiiiaJt 
nut dem Donken des Sachverhalts etwas hinzukommt, behauptet aber; 
yAta darin, daS ach die nngewufltc Wiiklidtkeit völlig streng in das Denken 
ilienetzt, ohne das Geringste von ihrem wesentlichen Inhalt aulzug^>en. 
bntebt die EUnertefteit des denkbaren Gehalts der Dinge und des darauf be- 
öWcben Gebalts der Gedanken." Die sachlich gegenständliche Bedeutung 
^ rein logischen und mathematischen Wahrheiten beruht sonach nicht 
duaof, daS unser Deidien „als solches mit diesm Notwendigkeiten behaftet 
isl", anndem darauf, daB „sich die sachlich an sich vorhandenen Vcrb&lt- 

*) Von einer „Ordnungswissenschaft" spricht auch Josiah Royce 
iPtiiuiDien der Logik in Ruges Enzyklopädie d. philos. Wissenscb., Bd. 1, 
TtOringen 1B1£^ S. 61 — 136; The spint of modern phüosophy, Boston u. New 
Tttk ISSB, S. 368 fi.; llie wortd and the individual, first series, New York 
IWB, tecond series IBM). Er schwankt im übrigen ziemlich unklar zwisdien 
iHaren Xantschen und Hegeischen und neueren Uttnslerbergschen und 
^Ixkertschen Anschauungen. 

') Natürliche Dialeictik, neue iog. Grundlegungen der Wissenschaft u. 
IWoeophie, Berlin 1965; Lork u. Wisaenschaftstheorie, Leipzig 1878, 2. Aufl. 
IKK; WiiUkhkeitsphilosophie (Teil S des Geaamtkursus der Philosophie), 

i^iHtg ia9&, & 68a. 



tY^IC 



222 I- "^^l- Abfreazun« und allc«meine Gwch icbte der Loeik. 

□isse in den fnsUcfaen Begriffen und Wahifaeiten bekunden und ihrer gecea- 
st&ndlichen. Notwendigkeit in einer dem Ich einverleibten N6tisun( einen 
B«danklichen Ausdruck vetschaHen" (I. c S. 168/9). Über diese Befamdnnc, 
NOtiKung, Fortpflanzuiig durch das Denkweikzeue gibt D. keine nihere Aus- 
kunft. Das Denken ist nach seiner Auffassung eben mne „spezieUere Artong". 
ein „besonderer Fall" der Wiridicbkdt, in dem „ungeachtet der SpenaüUl 
dieser neuen SeinsbeUtigung doch alle Beatimmungen zur absoluten Eifcenst- 
uis zulänglich entbalten sind" (I. c. S. 171}. Unser Denken ist nur das 
Produkt einer an sich und ohne Denken voihandenen Notwendigkeit (L <- 
S. 810). Den GrundverhUtniasen der Begriffe mOasen G^enstOcke iti 
„Gnindvetb&Hnissen der SeinsBcberoatik" entsprechen. Manche der hierher 
gehfirigen AusfOhrunsen Dohringe, die man geradezu als logisch-ontolociacheD 
Parallelismus bezeichnen könnt«, erinnern fast an einzelne Satze der Look 
der Identitatsphüoeophen; nv darf nicht Qberaehen werden, daß D. doch 
stets den Standpunkt seiner Wiiklichkeitsidiilosopbie mit ihrer sensualisti- 
schen GfuncBage festzuhalten sucht 

Ein besonderea Verdienst DOhrings liegt darin, daB er ähnlich wie 
Wundt, aber von einem ganz anderen Standpunkt aus die Logik in ibicr 
Anwendung und Betitigung auf dem Gebiet der einzdnen Wlas^iscbaRen 
untersucht und überhaivt die praktische wissen scbaftUche Ff)r8chung «n- 
gehehd berOdraiditigt hat. Seine maßlose Polemik gegen Aristoteles uiuJ 
Kant — von den Angriflen auf die Scholastiker ganz zu schweigen — isl 
nur ausnahmsweise durch ausreichende sachliche Ausführungen gesUttzL 

§ 63. Skeptisebe, relatiTistiscbe» «volutiontetlsche, pnf' 
matistisehe Lo^er. Alle bis hierher angeführten modernen 
Logriker — einschließlich auch der meisten neopositivisti- 
Bchen — stimmen darin übereiu, daß sie den logischen Ge- 
setzen bzw. Begeln eine absolute Cteltung nicht nur innerhalb 
des menschlichen Erkennens, sondern auch noch weit darüber 
hinaus znerkennen. I>»ngegeiiüber sind in den letzten 
50 Jahren auch mehr und mehr BichtungeD hervorgetreten, 
welche die Gültigkeit der l(^(i8chen Gesetze mehr oder weniger 
eiiuchränken oder gemdezn anzweifeln. Von Tomherein mnfi 
bemerkt werden, daS manche Vertreter dieser Bichtungen 
'wegen der Unwissenschaftlicbkeit ihrer Arbeiten im folgen- 
den ganz übergangen werden. 

Ein absolnter Skeptizismus bezüglich der Logik ist 
begreiflicherweise kaum jemals vertreten worden; müßte sieb 
ein solcher doch folgerichtig auf ein kopfschüttelndes 
Schweigen nnd Ohrenzuhalten beschränken. Immerhin war 
schon im Aitertnm die Skepsis gelegentlich auch auf die 
logischen Qesetze ausgedehnt worden (vgl. ^ It!), und aucb 
in der Folgezeit traten immer hin nnd wieder Forscher anf. 
die solche Zweifel wiederholten. Zuweilen wurde sogar direkt 
in senauatistischem Sinne der Sinneswahmehmung noch ein* 

„.,,„,^.oogic 



2. Kapitel. AIISMoeine Otsctuchte der Logik. 223 

lelatire SicfaerhMt zogestanden und alle Unsicherheit gerade 
b das Denken verlegt So erklärte z. 6. Francisons 
SanchezO („philosophns et medicns doctor", 1552 — 1632): 
,fiertaäma onmiom c(wnitio est, qnae per seosns fit; incer- 
tisgiiii& omniom gnae per diacnrsnm. Nam haec non vere 
eo^tio est, sed palpatio, dabltatio" etc. *) und „omnis seientia 
fictio est'**). Und doch ist selbst dieser Forscher von einer 
absoluten konsequenten logischen Sepsis weit entfernt. 
Sie veitgehendeu skeptischen Bedenken gegen die mathe- 
matiBch«! Axiome, welche von Pierre Bayle erhoben 
«lirdeii, sind froher bereits erwähnt worden (S. 102). Der 
tiodenie Skeptizismos — Hnzleys Agnostizisnras — hat 
meistens nur die Unsicherheit aller materialen Erkenntnis 
behauptet, dagegen eich über die Gültigkeit der logischen 
Gesetze nicht geäußert ^ 

Noch gemäßigter tritt die relativistische Bichtnng 
der Logik auf. Der Belativismos gibt zn, daß wir zu wahren 
Erkwintniasen gelangen können, behauptet aber, daß alle 
dieee unsere Erkenntnis lediglich für den erkennenden Men- 
Kben göltig Ist und insofern jede Wahrheit relativ ist Be- 
ifiglich der formalen Logik stellt er sich daher in der Bege) 
auf den Standpunkt, daß die logischen Gesetze eine Spezia- 
lität des menschlichen Erkennens sind nnd über dieses hinaus 
keiue Gültigkeit mit zureichenden Gründen beanspruchen 
können. 

Ein Vertreter dieser Sichtung ist z. B. Bichard Shute 
in seinem Discourse od tnitti, London 1877 *). Nach Shnte 
glibt es keine nnveränderliche Wahrheit Ebenso wie die 
Wahmehmungan ist auch die Vernunft veränderlich, unser 
lenken ist von unsrer Organisation abhängig und wechselt 



') Vgl. zu den logischen Lehren voa Sancbes: L. Oeikrftth, Fnnz 
^aoäiK usf., Wien 1860 und John Owen, The skeptk» ot the Frencb 
RtDüfiano^ London 1808, S. 616 ff. 

*) Quod nihil idbir. Lugdun. 1681, S. 6ß. tJbrigens wendet sich S. 
'»DKutüch gegen die auf die AatoriUt des Aiiatoielea sich benilenden 
Diikküker und weist dieeen gegenOber auf daa „expeiiraentum", die Br- 
>>l>mog hin CL c. S. 90). 

*] L. c S. S4. Tgl. auch S. Ol: ^.Sensoa Mhim «Tterioni videt: oec 



*} Auch deutsch herausgegdien von K. G. U[diues^ Breslau IBSft (out 
ilienacliUieher Gnleitnng und kritischem Schlaft; in Betracht kommt samenU 
^ Kap. Q). 

„.,,„, ^.oogic 



224 !■ "^^i'- Ab grenzun g und Ulwmeine Ge achidite der L ogik. 

d^er mit ihr. Die DenksesetEe bleiben nar dieeelben, so- 
isnge der Menecli derselbe bleibt '). 

Schon Shnte hat diesen relativiatiecbea Standpunkt noch 
in BWei Bichtnngen veiter anszngestalten versucht: in der 
eTolationiBtisch-biologischen nnd in der p r a g - 
matifitischen. Allee Denken ist nach eeiner AnffasBimg' 
nar ein Mittel, am das Leben den jeweiligen Lebens- 
bedingungen anzupassen, nnd hat sich mit all «einer Oeaets- 
m&Sigkeit anter dem Einfloß solcher Anpassungen ent- 
wickelt (evolntionistisch-biologischer Standpnnkt). Sein Wert 
baniBt sich daher auch lediglich nach seinem Erfolg, also 
nach seiner Nützlichkeit für das menschliche Handeln 
(inagmatistiBcher Standpunkt). 

Weiter ausgebildet wurde diese evolutionislisch-prMmattsUscbe Auf- 
fassung der Logik in einem Sammelweric ■) von 8 Mitittedern dar Oxtoder 
t'nivemt&t: George F. Stouf), Ferdinand Oänning Scott 
Schiller, W. R. Boy ce Gibson«), Henry Sturt») u. a. Schil- 
ler hat dann in demselben Sinne noch mehreve andere Wette vnfaBt und 
MÜe besondere RichtuiK äes PramalisiDus als Hnmanisrnua**) be- 
zacfanet (Studies in humanism, London 1907, 2. Aufl. 1912; Humaaifiin, 
FhUofloph. e3sa.y9, London 190S, 2. Aufl. 1912, namenU. S. XIV B., awli 
deutsch von R. Eisler, Leipzig 1911 ; Axions as postulates, in dem erwähnten 
Saautetwerk, London 1906; Formal logic, a scientific and social proUem, 
London 191S, z. B. Pieface S. IX; Logic or ps?ch<^OKT, Uind 1906, N. S. 
Bd. 18, S. 400; The anduguity of trutb, ibid. 1906^ Bd. ISy S. 161 u. a. m.). 
Die überlieferte Logik ist nach Schiller „fundamentallT tncoosistent non- 

'^) Andeutungen eines solchen Pragmatismus finden sich schon bei Feder 
(vgl. S. 181), Grunds, d. Log. u. Melaphys. S. 107. 

*) Unter dem Titel Personal idealism herausgeg. v. R Sturb, London- 
Hew ToA 1902. 

') In Mnen sonstigen Schriften nähert sich Staut zuweilen dem Lo^- 
aamus, indem er zwischen der Vorstellung, die i m BewuBtsein erlebt wir^ 
und 4em Objekt des Denkens^ das für du BewuBisdn vorhanden ist, unter- 
scheidet. Vgl. z. B. Proceed. Ariatot. Soc 191S N. S. Bd. 13, S. SSI und 
Analytic Psychology, l-ondon 1909 (3 Bde.), nameatL Book II, Cb. 5, 9 u. 10. 

*} In einem späteroi Werk Hie ptoUem of tosic, London 1906 (ä. Band 
meines Wissens sodt nicht erschienen) sudit Gibson zwischoi dem eni- 
lischen Neu-Hegelianismus und dem Pregmatimms zu vennitteln. 

>} Henry Sturt, Idola tbeatri. A critidsm of Oxford thought and thinken 
from the standpoiot of personal idealism, London 1906. Die Idola tbeatri, die 
SL bekämpft, sind: Inlelldrtualiwous, ^»ohitismuB und äubjektiviannta Be- 
merkenswert ist namentlich die auafObrliche Kritik von Bradley (S. StOS.J 
und von Bosanquet (S. SS2fl.). Im allfemeinen steht Sturt von den Obrigeo 
Brotutionisten und vollends von den Pragmatisten durch die Betonung des 
persOalichen Ideali mMs und dea Vohmtarianus weiter ab. 

^ Windelband (Der WiUe zur Wahrheit, Heidelberg 1906) schlägt stril 
dessen die korrAtera Bezeichnung ,Poaäiüsaaa" vor. 



OgIC 



2. Kspttel. AUsuneine Geschichte der Logik. o>).^ 

MB". AQe Wahriieitea sind nur meDSchiicbe logische Werte (loaical valuesj, 
'lenBedenttuiir auf ihrer praktischen Braucbl>arkeit beruht. Abstrakte Vtattr- 
iHila lind Qberhaopt keine leetlen Wahrheiten (not fullr trutha at att, Stud. 
iiit<aiLS.AuIL S. 8}. Ähnliche S&tze finden sich bei Alf red Sidgivick 
(^VlriicalJon of locic, London 1910, namentl. S. 267 ff.; Fallauea, a view 
ef Jose frgm the jiractical side^ London 1863; The process of aigumcnt etc., 
l«*ii ISSei S 18*; The use of words in reasoning, London 1901). „Wahr- 
iMlra mossen angewandt werden, um wahr z\i werden und am Ende wahr 
n btebea" (Schiller I. c. S. 9), und alles (logische) Meinen hfingt von einsni 
Zaed (Dorpose) ab. Die Logik ist daher nur die systematische Bewertung 
des allueUen Wissens (^vstematic cvalualion of acliial knowing", I. c. S. 7&). 
Sthit niv die Aufgabe empirisch festzustellen, auf neJchem Wece wir zu 
^ wertroUslen Wahrheiten kommen. Sie ist daher auch auf die Hilfe des 
'^dxriogie angewiesen. Entscheidend bleibt schließlich immer die ,^d<< 
»oiöice" (Sidgwick). 

Noch mehr Anklahg fanden solche Lehren in Amerika. Charles 
^iDliago Peirce hatte schon ld76^ also nur wenig spater als Shute, 
>n mta Au^t^ betitdt „How to make cur ideas clear" (Populär Science 
ItodhlT 187% Jan. XII, Sl 2fö, mir nicht zugänglich, und Rev. philos. 1&7&, 
Bi 6t S. öaa, und 1879, Bd. 7, S. 36), ahnliche Sätze aufgestellt "), aber doch 
■H^ Ton einer mathemalischen Logik (s. unten § 54) eine selbsländigo 
Vatneohricklung der Lt^k erwartet und seine Lehre als Fragmalidsmus 
vgD IVagmatiamus unterschieden (Studies in logic, from J. Hopkins Univers., 
Boshm 1883; Honist 1896/97, Bd. 7, S. 19 u. 161, und 19», Bd. 16, S. 161 u. 
^ aamentl S. 180 Ober die Stellung zum Uegelschen absoluten Idealismus, 
n. Ifloe, Bd. Ifi, S. 492). Sehr viel radikaler wurde der Pragmatismus dann 
m John Dewey (Studies in logical theory, Chicago 1903, 2. Aufl. 1909^ 
"^ Beiträgen von Schalem; InDuence of Darwin on phUosophy and cther 
«»TJ ele., New York 1910; Journ. of philos., psychol. and scient. meth, 1910, 
Bd. 7, S. 169) und namentlich von William James (Fragmalism etc., 
-lew York etc. 1907, deutsch von W. Jerusalem, Leipzig 1908; The meanink 
^ Inith elc, New York etc.l90g^ 3. Aufl. 1911; The pragmatist aocount et 
"Dth and ils misunderstanders, Philos. Review 1906^ Bd. 17, S. 1 ; Mind 190*, 
8i 13, S. 467) vertreten i*). Insbesondere stimmt James, der auch den 
■''UDen mgmatismus schon im Jahre 1898 eingeführt hat, in den wesentlichen 
I^len mit Shute und Schiller Uberein. Auch bei ihm besteht, wie schon 
tei Shute, der Pragmatismus aus einer Reihe von Sät2en, die nicht notwendi« 
nnierelnander zusammenhangen. Zu dem Hauptsatz der pragmatistischen 
l^re, daB die Wahrheit eines Satzes von seiner Nützlichkeit im Leben ab- 
lilxie, werden Sätze hinzugefügt, die auch von ganz anderen Standpunkten 
>nt aufgestellt «erden k&nnen und schon längst und oft aufgestellt worden 
^ N z. B. der Satz, daB unser Denken biologisch zweckmäQig ist "), daC 

") Es ist sehr charakteristisch, daB Peirce zugleich die schlieBlicho 
^Iteneine Zustimmung der Forschenden als Wahrheitskriterium hinstellt 
Joiömon prMestinte k r^tmir finalement tous les chercheurs est ce que neu? 
^PWlcDs le Tiai et l'objet de cette opinion est le räd"). 

") Siehe auch A. K. Rogers, Prof. James' theory ol knowledge, Philos. 
aw. 1SQ6, Bd. 15. S. 677— 59a 

'^) Vgl z. B. G. Sinimel, Aich. L svatem. PhUos. 1896, Bd. 1, S. 34. 
äehe weh unlen S. 236. 

2)tb«D, Lchibneh der Iiogik. 15 -i -* il -. 



226 1- Teil. Abnenzung und sUgemeine Geschichte der Logik. 

hei der Entwicklung unseres Denkens AnpassungsvorBänse im Gehirn be- 
teili|[t sind, daB die Best&Uguns durch die weitere Eifahning ein ausgezach- 
neter Prflfstein tQr die Wahrheit vieler oder gar aüw Sätze ist, daB im Sann 
des Fosttivismus (Inunanentismus, bei James „radical empirism"] die niih)- 
sophie durchaus an das Gegebene gebunden ist und auch alle Relationen zu 
dem Gegebenen gehCren, dafi alle Erkenntnisse im Sinne des s<w. RelatiriB- 
rous nur tor die besondere Konstitution unseres Intellekts gelten uri. 

Auch in Deutschland fand die evoluüonisUsche und praematislische 
Richtung einzehie Anhänger'*) unter den Logikern. Macbs Ldire von der 
Qkonomischen Bedeutung des Denkens (vgl. S. 318) und die von Avenaiins 
vertretene biologische Auffassung der reinen Erfahrung kamen dem Bvolu 
tionismua direkt entgegen. So wird es verständlich, dafi z. B. Wilhelm 
Jerusalem (geb. 1864), der in seinen frttheren Schriften (Die Urimb^ 
funktion, Wien 1895; Über psychologische und logische Urteilstheo rien. 
Vicrteljahreschr. f. wiss. Philos. 1897, Bd. 21!, S. 157; Einleihing in die Philo- 
acphic, Wien 1899, 6. AuflL 1913; Der kritische Idealismus und die reine 
fj^gik, Wien-Leipzig 1905) einen positivistischen Standpunkt vertreten hatte, 
in einem neueren Aufsatz (Deutsche Lileraturz^. '2b. 1. 19G^ Jahrg. 29, Nr. 4 
S. 198) sich zum Prasmatismus bekennt, ohne jedoch bis jetzt die letzten 
Konse<iuenzen desselben für die Logik zu Eiehen^'), Auch Georg Simmel 
(läöU— 1918) steht in seiner Philosophie des Geldes (Leipzig 1900, S. 6(, 
2. Aufl. 1907) auf ähnlichem Standpunkt, desgleichen GOntber Jacob v. 
Der Pragmatismus, Leipzig 1909 (z. B. S. 15). In Italien wird der Pragma- 
tismus in etwas mystischer Form z. B. von Giovanni Papini vettieieo 
(Sul pragmatismo, Sa^i e licerche, Milano 1913). Der Eonformismus 
von 0. V. d. Pfordten veifaiOpft pragmatistische Anschauungen nüt wert 
theoretischen Lehren Windelbands (Versuch einer Theorie von Urt^ und 
Begriff, Heidelberg 1906^ z. B. S. 3, 9 u. &; Konformismus, eine Philosophie 
d. normaUven Werte, bis jetzt 3 Bde., Heidetb. 1910—13, z. B. Bd. I, S. 1W> 
Dem PragmaUsmus steht auch der „genetische Instrumen- 
ta 1 i s m u b" von James Hark Baldwin sehr nahe (Thought and 
things, or Ganetic logic, Bd. 1: Functional logic, or genetic theory of know- 
ledge, London-New York 1909'*), Bd. 2: fizperimental logic or genetic tbaon 
of thought, 190^ Bd. 3: Interest and art being real logic, 1911). B. betont 
vor allem den evolutionistischen Standpunkt und meint auf genetischem 
Weg das Erkennen und speziell das logische Denken erklären zu können. 
Die ästhetische Betrachtung wird als „Oberbgiache" Stufe der Eikeantnis 
aufgefaBt, der logischen Erkenntnis eine voriogische und quasUogische Stufe 
vorausgeschickt Gegen die Übertreibungen des Pragmatismus, gerade auch 
mit Bezug auf die logischen Gesetze, hat sich B. ausdräcklidi verwabrt 
(Psychol. Rev. 1904, Bd. 11, S. 30, namentl. S. 62 ff.). 



'*) Auch einzdne Äußerungen von Nietzsche gehören hierher, sieht' 
2. B. Weite, Bd. 7, S. 12, 56, MB— *70 u. Bd. l'^ S, 828 1 u. 3B6f. („das 
Perspektivische", daher die Bezeichnung „Peiapektivismus"). Vgl. aoch 
Herder, UetakriUk, Werke, Bd. 31, S. 286 („pragmatischer Glauben"). 

") Andrerseits nähert nch J. der psycbologistischen Logik (Erit. Id. 
S. 78 UL 95) und bezeichnet sich selbst als Realisten (ebenda S. 66 u. lOfij), 

'*) Eine Übersetzung der beiden ersten Bände von W. F. G. Gäase ist 
Leipzig igOft— 19U erschienen. 



1,1^. OQi 



'S" 



_^ 2. Kuiitel. AUferoeüiB Geschidite der Eogik. 227 

Sna dem Precmalismus enUteBenBesetzteD >*), übrigens sehr gem&BiR- 
Im Rdativisniiis vertrilt in «iBcnarÜKer Weise Fraac«B Herbert 
Bridley (Principles of logic, London 1S68; Appeanuue «nd realilr, Lod- 
dn 18B3, 2. Aufl. 1897, 5. Druck 190B). Seibat die absolute Wahrheit ist 
«ht jsnz wahr" C^o possible truth b quite true". ^p. a. real. 1908, 
£. Üi), »e ist zwar intell^luell nicht mehr konigieiiiar, aber ne gibt nur 
fa AUiemeine der Wirklichkeit, nicht alle ihre Knzelheiten. Dabei stellt 
Sr. in seiner Urteilslehre den staik zum LoBizismus und auch Hesetianis- 
tm nagenden Satz auf, daß das Urteil im logischen Sinn von dem Urteil 
•li psychischer Tatsache völlig verschieden sei und im Subjekt eine Wirk- 
Alikit enthalte, aui welche «in ideeller Inhalt (ideal content) bezogen 
TOde"). 

$ 54. Die umthemstisehe UymbolUtlsehe) Lo^lk. Neben 
allen den in den vorausgehenden Paragraphen dargestellten 
StrÖmniigen der neueren Logik geht eine Bewegung einher, 
nlehe durch Einführnus von Symbolen nach Art der mathe- 
matischen nnd sonstige Anwendung der mathematischen 
Uethoden zo einer Beform oder wenigstens Weiterentwick- 
huigder Ix^ik za gelangen hofft. Diese sog. ,^ymboliBti8che" 
nnd mathematische" Logik (vgl. such ^ 81 u. 82) war auch 
is früheren Jahrhunderten nicht unbekannt (vgl. z. B. 8. 112 
n-liS), ist aber doch erst im letzten Jahrhundert systematisch 
an^ebitdet worden. Dabei ist es leicfat verständlich, daB die 
Verbeter dieser mathematischen Bichtung, da es sich eben 
im wesentlichen nur um ein methodologisches Prinzip 
tiandelte, im äbrigen bezüglich ihrer (Jeeamtauffaasang des 
logischen bzw. der Logik weit auseinandergii^^n und sich 
ans fast allen den im Vorigen angeführten Schulen rekra- 
ttertea. Auch knüpften die Vertreter der mathematischen 
Lo^ oft an üntersnchnngen über die logischen Onmdlagen 
der lUsthematik an, so daß die „mathematische Logik" sich 
zuweilen eng mit einer „Logik der Mathematik" verband. 
Atif die anBerordentliche Bedeutung der mathematischen 
Satxe für Erkenntnistheorie und Logik hatte ja schon Kant 
eindringlich hingewiesen. Diese Beziehung zwischen mathe- 
■■utischer Logik und Li^ik der Mathematik mußte sich um 
*> enger gestalten, als die Mathematik selbst bei ihrer fort- 
Khreitendeu Entwicklang in der Bichtong auf die Funk- 

") Vö- Bradlev, On truth and practice, Mind IflOt, N. S. Bd. 13, S. 90» 
« Sehillw, Studies in hnmanism 191^ S. lU ff. 

'*) Unter dem Einfluß ist Bradleyschen Lehren steht auch Sydney 
Herbert Hellone (An introductory text-bodc of logi«^ Edinb. u. Lon- 

h. ^?Ti,i^.oo^ic 



228 '- '^^''' Abgrenzung und aJIcemeiDe Geschidite der Logik. 

tionentheorie anscheinend mehr and mehr die Beschrän- 
knng auf den GröQenbegriff hatte fallen lassen nnd xn einer 
„allgemeinen Mannigfaltigkeitslehre" (s.anten) 
'gelangt war.- Damit schien geradezu eine Versoluuelzung der 
Logik mit der Mathematik vollzogen, nnd in der Tat worde 
z. B. von manchen Logizisten die allgemeine MannigfalUg- 
keitslehre als ein Teil der sog. „reinen" Logik in Ansprach 
genommen (vgL § SS). 

Die Anlehnung an die Matheäiatik kann in dopjKlter 
Weise erfolgen. Entweder ahmt die Logik nnr die 
Methoden der Mathematik nach, schafft sieh also eigene 
Symbole nach Art der mathematischen für die Vorstellnngen 
(Begriffe) nnd Denkoperationen und baut nun unabhängig 
von der Mathematik ihr System auf (vgl. z. B. S. 48), oder 
sie entlehnt der Mathematik direkt deren Symbole und ver- 
sDcht auch bei dem Aufbau ihres Systems die mathematisofaeit 
Operationen (Addition, Mnltiplikation nsf.) allenthalben mit 
entsprechenden Abändernngen oder auch ümdeatnngen an- 
zuwenden. Die erste Bichtung kann man als symbolisti* 
sehe Logik (s. str.), die zweite als mathematische 
Logik (s. str.) bezeichnen. In der Geschichte der Logik 
haben sich beide Richtungen in einer vielfach unklaren Ver- 
bindung miteinander entwickelt, so daß in dieser geschicht- 
lichen Einleitung eine Trennung derselben nicht durch- 
geführt werden kann. 

Des weiteren kann die Lo^ik entweder getanetrische oder 
algebraische (arithmetische) Symbole nachahmen bzw. der 
Mathematik entlehnen. Die Verwendung geometrischer 
Symbole ist weit älter. Dem Joh. Philoponus war sie jeden- 
falls schon bekannt '). Sie war dann allgemein gebräuchlich, 
teils um den Umfang der Begriffe, teils um die B^riffs- 
verhältnisse in den ScbluSfiguren darzustellen. Ein scharf- 
sinniger Versuch, über die hergebrachten räumlichen Sche- 
mata hinauszugelangen, stammt von Qenlincs*) (vgl. 
S. 101). Lambert (vgl. S. 123) bemühte sich die geometrische 



') Siehe z. B. Philoponus^ Comm. in Analyt. prior. Akad. Auag. BeroL 
190b, S. 381 u. B. Vgl. I. Barthölany Ssint-Hilaire, De la logique d'Aristote, 
Paris ISSe, Bd. 2, S. 888 If. (App«ndice). 

=} Logica, Lugd. BataV. 1663, namenU. a 11, 100, 399 CHI, 3, can. 9). 
„Cubus logicua resolvitur in sex quadrata, quodlibet quadratum in quatuor 
axiomata. Axioma voco proposilioncm necessariam et per se notam aut ex 
tali evidenter demonstrataia" 

h. !■, II, l^.OOQIC 



^ a. Kapit d. AHg«ineine Gesdiichto der Logik. 229 

CatstelluEg ,fi.vA der Natar der Sache hemileiten" *) and ver- 
veodele einfache Linienlangen, Ploucquet (vg^. S. 122) zt^ 
.Quadrate vor, Christiaa Weise *) nnd E a 1 e r ') Sreise, MaaB 
f^i. S. 130) Dreiecke. Weeentliehe wissenschaftliche Fort- 
sehriite warden bei allen diesen geometrischen Darstellnngs- 
veisnchen nicht erreicht*), wenn aaeh ihre didaktische Nütz- 
lieUelt anznerkennen ist Ein neuerer Versacfa Fr. A. Langes 
(fgL S. 166), alle Denkrerhältnisse ans der Baumansehaanng' 
bwmleiten, ist mißglückt ^). 

Viel anssichtsreicher hat sich die Verwendung alge- 
braiBcher Zeichen für die Lofflk gestaltet. Schon Loltos 
(TgiS.78) verwandte Buchstahenbezeiehnui^eo für Begriffe 
tun] zwar in Verbindung mit räomlicfaen Anordnangen 
UCamniem" usf.), aber in so willkürlicher, üuSerlicher Weiee, 
daS keinerlei Fortschritt erzielt wurde. Buchstabenbezeicfa- 
nniigen warden daher lange Zeit vorzugsweise als moemo- 
1«(-liiiiBche Hilfsmittel verwendet*). Fr. V i e t a gab dann mit 
der Einführung von Buchstaben für ZahlengröBen in seiner 
Algebra nova *) den AolaB zu weiteren Versuchen. Er unter- 
schied eine „logistice (d. h. Bechenkunst) numerosa, qnae per 
oomeros" und eine „logistice speciosa, quae per ftpecies seu 
nmm formas exhibetur, utpote per alphabetica elementa". 
Cbor die hierher gehörigen Arbeiten von Wllkios, Dal- 
ganio und Leibniz wurde schon oben (S. 112 f.) *') berichtet 



■) Keaes Oimnon usw. Bd. 1, Leipzig 17M, S. lOBIf. (§ 173— IM). 

') Nudeus loBicae Weisianae, ed. J. Chr. LaDgitu», Gissae 1713. D«r 
SiKleoa logicae von Weise selbst ist 1691 erschienen, VbI. S. 113. 

') Leonbard Euler (1707 — 1788), Letlrea & une princesse d'AIlemagne 
*lc., Paris 1766—72, n. Lettre M H. (ed. IVia 19*8, S. 260 H). 

*) Tgl. die EiDwendtmgen gegen die geometrische Symbolik bei Heg^l 
(ffissensch. d. Logik, U, 1, 1, WW. Bd. &, S. 57X und dazu Bolzano, Wissen- 
schsflslehre, Sulzbach 1837 S. 47* u. 488 sowie Schopenhauer, Die Welt als 
Wille und Vorstellung, Leipzig 1811), Griscbschsche Ausg. Bd. 1, S. 81. 

Vgl. dazu die Kritik Rud. Serdels, Zeitschr. f. Philos. u. pbilos. Krit. 
1588s Bd. 94, S. 210. 

') Vgl. z. B. Joh. JueIus Winckelmann, Logica memorativa, Halle 1658'. 
Sehr Tiel iltor und nicht rein mnenwtechnisch ist die symbolische Bezeich- 
nung der 4 UHeilsUassen mit den Buchstaben a, e, i und o ^zw. «v\ die 
ach zuerst bei Psellus zu finden scheint. VgL PrantI, Gesch. d. Log. im 
AiwKll.. 2. AufL, Bd. 2. S. 27B u. 283. und Bd. 1, S. 663, Anm. Iö6. 

*> Ffancieci Vielae in artera analyticem Isagiwe, seorsim «xcussa ab 
"^^^ mtitutae inaUiemaUcae analyseos, seu, algebra nova, Turonis 1&91, S. E. 
^) Von Glanvil liegen keine bestimmte Formulierungen vor. 



lA.OOgIc 



230 ^ '^^'' AbcrenzunR und allBemeiiie Gescbichie der Logik. 

Die Ergebnisse blieben zun&chst unbedeutend. Ebensowenig «reich- 
ten Floucquet (vgl. S. 123) und Lambert i«) (t^. S. 128). Der letzten glaubte 
z. B. adjeküTische BeiwOrter nut Koeffizienten vei^eichen zu können. Wert- 
voller waten die ToiSchUge von Salomon Maimon (vtf. S. 138) in 
seinem Versuch einer neuen hwpk oder Theorie des Denkens (^erlin 179^, 
S. 64 fl.; s. auch Verauch über die Transzendentalphilosophie usn., Beriin 
1790). Von kantachem Standpunkt verfaßte Ludw. Benedikt Trede 
{1781—1819} seine „Vorachläge zu einer notwendigen Spmchlehrei" ^^), zu 
denen auch eine eigenartige Zeichenschrift gehörte. Unter dem EinfluB 
Hegels steht die Algdwa der Ideen von Joh. Erich v. Berger") (vgl 
S. 147). Herbarts loatheraatische Behandlung der Vorstelhmgspsycbologie 
stand diesen Bestrebungen zun&chat fem, insofern dabei der Voistellusgs- 
inhalt — abgesehen von den einlacbaten F&llen des Gegensatzes — ganz 
unberücksichtigt blieb. Erst Drobisch") (vgl. S. lüO) veisuchU auch 
den Inhalt der Be^rifie mathematisch zu fassen, indem er die GrABe des 
Inhalts ab com A, die GrQBe des Umfangs als amb A bezeichnet« und » B. 
comA^=iComA| + 1 setzte (wo A, eine Art zweiter Ordnimg innerhalb A, 
bezeichnet). Einen ähnlichen Versuch machte auch B e n e k e (vgl. S. 156). 

Bedeatsamer waren die Ajuregrungen, die Hamilton 
(vgl. S. 165) in seiner „New anolytic of logfic^ forms'"*) 
gab, indem er jedes Urteil als Gleichung anffafite, anch dem 
Prädikat des ÜrteiU Qaantitüt zuschrieb C^uantifleation of 



") Neues Org., Bd. 2; S. 28 fl-, 109, 140. 

'^) Anonym ohne Ortsangabe (Handnitg ?) 1811 erschienen. VgL dazu 
Ad. Trendelenbuig, Histor. Beltr. z. Philos., Bd. 3> Bertin 1867, S. 480, 

»») Allgem. Gnmdzüge z. Wias., Bd. 1, Altona 1817> S. 375. — Beich- 
licbe Verweudung von algebraischen Buchstaben und Zeichen findet man 
anch in dem S. 1-^ erwähnten GrundriB Bardilis (z. B. S. 183 u. S86). 

") Neue Darstellung det Logik usw., Leipzig 1^6, Log.-math. Anhang, 

4. Aufl. 1875, S. 310. 

**) Die erste Verüffentlichung soll 1846 (Edinb. Review 7) erfolgt sein 
(mir nicht zugänglich). Ein Wiederabdruck findet sich in den Discu^ons on 
phihMopby and literature etc., London ISGSt Am leichtesten zugänglich ut. 
die ,jiew analytic" in den von Hansel u. Veitch herausgegebenen Lectuies 
an metaphysics and logic (Bd. 4, Edinh. London 3. Aufl. 1866, Appendii 
Nr. 6, S. 3&1). Die Scbhfi ist übrigens ein Fragment gebUeben. über die 
PrioriUtsfrage vgl. Hamiltons ,J.etter to A. de Morgan. Esd., on bis claim to 
an indep^ident re-discovenr of a new principie in the theory of syllogism, 
London and Edinb. 1847*. Ein Vorgänger Hamiltons in den bezeichneten 
Lehren war George Bentham, An ouUine of a. new System of logic, 
London 1837. Vgl. aber diese Richtung der enghschen Logik auch L. Uaid, 
Die neuere englische Logik, Übers, v. J. Imelmonn, Beriin 1880, namentL 

5. 84 ff. ; Th. Spoicer Baynes, An essay on the new analytic of logical forros, 
Edinb. 1860, 3. 81; L. Nedich, Wundts PhiloR Stud. 1886, Bd. 9, S. 180; 
Jevons, Contemp- Review ISTO Hai, S. 728. Da» Werte von William llomp- 
son (Outhnes on the necessary laws of tbought*, London 184^ & Aufl. 1883^ 
der ebenfalls die Priorit&t der quantification of the piedicate beansnvcbl, 
war nur nicht zugänglich (vgl S. 161). 



I 



2. Kapitel. Allgemeine Geschichte der Logik. 'j;;i 

pfcdieate") nnd neben geometrischen Veranschaulichungea 
aneb Bnehstabenzeichen in weiterem Umfang verwendete ''). 
Tliomas Spencer Baynes hat dann diese Gedanken 
fiuttiltons in seiner Preisschrift Essay on the new analytic 
of kifpea] forma (Edinburgh 1850) ansfüfarlicher dargestellt, 
ebeoBO auch Francis Bowen (1811 — 1890) in seinem 
Treatise on iogic or the laws of pure thought, Cambridge 
C. S. 1864 ÜO. Aufl. 1874) '. , 

An Hamilton knüpft George Boole (1815—1864) an, 
der mit seinen beiden Hauptwerken ") — The mathematical 
analysis of Iogic, Cambridge-London 1847 imd An investi- 
gation of the laws of thought, on wbich are founded the 
msäiematical theories of Iogic and probabilities, London 
1854 — als der Begründer der neueren algebraischen Lc^ik 
angesehen werden kann. Er sieht die Lc«ik gewissermaßen 
alB einen Spezialfall der Algebra an, in dem alle Größen nur 
den Wert 1 oder den Wert annehmen können. »The ultimate 
laws of thought are mathematical in their form." Der Satz 
des Widerspruchs, den Boole als das logische Grundprinzip 
betrachtet, wird von ihm dnrch die Gleichung ausgedrückt 
i=x' oder (1 — x)(x = 0), worin i eiöe Klasse von (Jegen- 
standea und z — 1 die nicht in dieser Klasse enthaltenen 
(l^mBtände bezeichnet. An Boole schlieBt sich William 
Stanley Jevons an in seinen Werken The Substitution 
of Bimilars, the trnej prineiple of neasoning, derived from a 
modifieation of Aristotle's dictum, London 1869 und The prin- 
ciples of scienoe: a treatise on Iogic and scientific method, 
London 1874 (7. Aufl. 1900"). Er gibt die komplizierten 



") L. c. 3. 279 u. 288. 

^*) Eine gute Übersicht Ober seine HaupUehren gibt auch seine kurz» 
t The calculua of Iogic im Cambridge and Dublin Mathem. Journ. 
18i% VoL 8 (=3 VoL 7 des Cambr. Math. Joutd.), S^ 188. Die drei ersten 
HiDptthesen lauten hier: „The business of Iogic is with the relations of 
cluKS, and with the modes in which the mind conteroplates thoae relations. 
Anlecedenüy to our recognition of the eiistence of prepositjons, there are 
!*W3 to which the conception of a class is subiect, — ■ laws whicli are depen- 
dul mwn the Constitution of the iatellect, and wbich delemune t!ie character 
ud form of Ihe reasoning process. — Thosc laws are capable of malhenm- 
<)al ezprewioQ, and they Ihus constitute Ihe baas of an interpretabie 
tifeulua." 

''} AuBerdem hat Jevons Elemeutary tessons in Iogic: deductire and 
"■Aocttre Teriaflt, die London 1870 in erster, 190K in 2S. Autlage ersi^ienen 
nod^deutKbe Obersetzung von H. Kleinpeter unter dem TUc\: Leitfaden der 



OgIC 



232 '- Teil. AberenzunB and allgemeine Gcschiclite der Logik. 

mathematischeu Formeln von Boole gröfiteateilf; preis, haU 
aber di« BezeicLuungsweiBe und die elemeotAren It^nec^wn 
Ilerechnungsniethodeii fest. Auf Gnmd der letzteren hat er 
nach eine „logiBche Maechine" konstruiert (Proceed. of the 
Roy. Sog. 20. 1. 1870, Bd. 18, S. 166 u. Philos. Traueact. 1870). 

ungefähr gleichzeitig mit Boole arbeitete Auffusta« 
de Morgan (Formal logic, or the caiculus of iiif«reiice 
necessary and probable, London 1847, und Syllabus of a pro- 
posed System of logic, Cbioago 1860)* eia algebraisch-logisches 
System aus. Etwas später folgten die Arbeiten von Charles 
8. Peirce (vgl. S.225); Logical papera, St. Louis 1867*; On 
an iinprovement in Boole's Caiculus of logic, Cambr. 1870;*; 
On the algebra of logic, Aaner. Jouni. of Math. 1880, Bd- 3, 
K. 15—57 u. 1885, Bd. 7, S. 180—202; The regenerated logic, 
Monist 1896/97, Bd. 7, S. 19; The logic of- relatives, ebenda 
1896, Bd. 7,1 S. 161, und der S. 161 bereite erwähnte John 
iTenn (Symbolie logic, London-New York 1881, 2. Anfl. 1894). 

In Deutschland wurde die mathematische Logik von 
Frege, Schroeder und Wundt eingeführt. GottlobFrege 
(vgl. S. 169 n. 182) erfand eine besondere Begriffsschrift und 
wandte diese einerseits auf die Logik, andrerseits auf die 
Arithmetik an (Begriffsschrift, eine der arithmetischen nach- 
gebildete Formelsprache des reinen Denkens, Halle; 1879; 
Fonktion und Begriff, Jena 1891; Grundgesetze der Arith- 
metik, begriffsschriftlich abgeleitet, Jena 1893 n. 1903; Die 
Grundlagen der Arithmetik, log.-matb. Unters, über den Be- 
griff der Zahl, Breslau 1884). Seine Hauptdefinitionen sind 
(vgl. z. B. Grundl. d. Ar. S. 67): 1. Einem Begriff kommt die 
Zahl zu, wenn allgemein, was auch a sei, der Setz gilt, daB 
a nicht unter diesen Begriff falle, und 2. Einem Begriff F 
kommt die Zahl 1 zu, wenn nicht allgemein, was auch a sei, 
der Satz gilt, daß a nicht unter F falle, und wenn aus den 
Sätzen: a fällt unter F und b fällt unter F allgemein folgt, 
daß a und b dasselbe sind. In seiner allgemeinen Auffassung 
des Logischen nähert sich Frege der^Lehre.Bolzauos. Mehr 
Verbreitung und Anerkennung haben die WeAe von Ernst 
Bohroeder (1841 — 1902) gefunden, namentlich Der Opera- 
tionskrcis des Logikkalkuls, Leipzig 1877; Vorlesungen über 
die Algebra der Logik (exakte Logik), Leipzig, 1. Bd. 1890, 



Logik, Leipzig 1906, 2. Aufl. 1913. Famer Pure logic, or the logic oi qui^r 
uart irom quanütv, Lond. 1864^ 3. Aufl. 1890; Stud. in ded. log. Lond. ISU- 



n,g,t,7l.dM,GOOglC 



2. Kapitel. Allgemeine Geschichte der LoRik. 233 

i Bi 1. Abt. 1891, 2. Abt. (heransgeg. v. Eugen MüUct) 1905, 
aBd. 1. Abt 1895 (betitelt Algebra nnd Logik der Eelative); 
ibriS der Algebra der Logik, Leipzig-Berlin, bearbeitet von 
fingen MüUer, 1909 n. 1910 (bis jetzt 2 Hefte erschienen)»). 
Scnreit überhaupt algebraische Formnlienmgen sich zweck- 
QäSjg erwiesen haben, werden im Spezialteil dieses Buches 
vorzugsweise die Schroederschen verwertet werden. In vielen 
Beziehungen anfklärend hat auch der die „Logik der Mathe- 
matik" behandelnde Abschnitt in Wu n d t s logischen Haupt- 
werk gewirkt (Logik, Stuttgart 1880, Bd. 2, S. 217ff. u. 339ff., 
epätere Auflagen s. ohen S. 208). Wundt spricht in Anleh- 
Dnng an Delboenf (vgl. unten S. 234) von einem „Algorith- 
mas" der Logik "). 

Noch engere Beziehungen zwischen der Logik und 
Mathematik ergaben sich durch die Begründung der sog. 
■Mengen-" oder „M annigfaltigkeitslehr e". Schon 
E. Dedekind'") hatte von einer „einfachsten Wissenschaft, 
Dämlicb demjeaigen Teil der Logik, welcher die Lehre von 
den Zahlen behandelt", gesprochen und den Zahlbegriff für 
»einen nnmittelbaren Ausflnß der reinen Denkgesetz«" er- 
klärt. Die von GeorgiCantor") (gest. 1918) begründete 
Mengenlehre faßte den Begriff der „Menge" so allgemein, 
daß er in der Tat den rein mathematischen Charakter ein- 
büßte und eine allgemeine logische Bedeutung bekam. In 
den anf Grund dieses Mengenbegriffä vorliegenden Unter- 
suchungen und Ergebnissen tritt allerdin^ allenthalben doch 
wieder der spezielle mathematische Inhalt in den Vorder- 
grund"). ■ 

In Italien fand die mathematische Logik eine selbständige BeartwitiuiE 
dnfch Giuseppe Feano (CalcoJo geometrico secondo TAusdehnungB- 
lehre di H. Grassmann, Torino 188^ Übers, v. Ad. Schapp, Leipzig 1891 ; 
Mmetices prindpia nova methodo esposita, Aue, Taur. 1889, namcntl. S. VI 

") Vgl. auch F.. Müller, tlbef die Algebra der Logik und über die hinter- 
iass. aljebr. log. Schritten v, E. Schroeder, Internat, philo». Kongr. in Heidcl- 
btrg 1909. 

"J Übrigens war schon ein Werk ron G. K. Caslillon betitelt: „Sur uu 
nouv«! algorithme logique", litfo. de VAc. Boy. Jahrg. 1803, Berlin 1805, S. 141. 

") Was sind und was sollen die Zahlen, Braunschweig 1888, 3. Aufl. 
1811, Vorrede. 

") Grandlagen einer allgenieincD Hannitrlalligkcilslcltre, Leipzig 1883^ 

**) AnslQhrlichfl Erörterungen über dieses „Verhältnis der Logik mr 
KcDgenldir«'' findet man in meiner gleichnamigen Schrift, Berlin 1917. Da- 
*6lb»l auch weitere Literaturangaben. 



.oogic 



L Teil. Atwrenzung und &U8«ineiiie GeschichU der Losilc. 



bis XVI; 1 priocipii di geom. logicamenle esposti, Torino 1869, nameoU. S. 9: 

Notationa de losique math., IntroducUon au formuUire de math^Diatiquea, Turin 

tSM; Fonnulaire de mathämatiques, Paris 1895B.*. Bamericenswert ist ferner 

der Verauch von Joseph Delboeuf (1681—1806) in seiner Losigue 

alsonUiimque, Bnuelles 1877 (vorher Proligomtoes phiJosopiiiques de la 

CtomMrie et Solution des Postulats, Li^e IdGO (namentL S. 3 — 8i) und Es»i 

de logique scientifique, Prol^om^nes suivis d'une ätude «ir la <iueBUan du 

mouvement consid6r6e dans ses rapports avec le principe de contradiction. 

Liege 186&, namenU. S. 3—130). 

In den letzten 26 Jahren sind dann viele Abhandlungen und Werke 

erachienen, von denen nur die wichtigen im folgenden angeführt werden: 

L£on Brunöchwicg, Leg £lapes de la Philosophie mathfimatique, 
Plans 191% namenU. S. 36» ff. u. 4S7fi., und Hev. de mMaph. et de nur. 
mi. Bd. 19, S. 145—176. 

Cesare Bufali-Forti, Logica matematica, Hilano 18Mi und Bendi- 
conU del circ. matemat. di Palertno 1897, Bd. 11 (unzug&ngUcb). 

Louis CoutUTat (1868—1914), Les principea des mathtaiatiques, Paris 
1906, Übers, v. Siecel, Leipzig 1906; La logique de Leibniz etc., l'aris 
.1901 (vgL S. 109); Manuel de logisUque, Paris 1905; L'alggbre de U 
losique, Paris 1906 (Scientia, M&rz); Bev. de mätaph. et de nur. ia9E^ 
Bd. 6, S. 3öi u. 1906. Bd. 1^ S. 20e u. 316 (vgl. auch S. 168« Aom. 11). 

Christine Ladd Franklin, On some characteriatics of symbolic 
logic, Aroer. Joum. of Psychology 1889, Bd. 2, & MS; und Studies in 
logtc by membera of the J. Hopkins Universitv, Boston 188d (mit Mitchell 
u. Peirce). 

J. D. Gergonne, £ssai de dialecL rat., Ann. de Math. 1817, Bd. 7, 
S. 186 u. 346. 

Hermann GxaSmann, Die Wissenschaft der extensiven Gröfie oder 
die Ausddumngslehre, eine neue mathemat. Disziplin usw., Leipzig 1844, 
2. unverftnd. AufL 1878; Die Ausdehnungslehre voUstandig u. in strenger 
Form beartieitet, Berlin 1883; beide Schriften auch in den Ges. math. u. 
phys. Werken, berausgeg. von Fr. Engel, Leipzig 1684 u. 1886 (siehe . 
namentl Bd.1, Tetll, 8.22 f. Über d. Terh&ltnis d. Formenlehre z. Logik}. 

Robert Graßmann, Die BegriCtslehre od. Logik. Stettin 1672; Logik u. 
Fonnenlehre. Stettin 1890 u. 1891; Die Logik, Stettin 1896, 2. AufL 1900*. 

David Hartley (1704— fi7), Observalions on man, b. Aufl. Bath-London 
1810, Bd. 1, & 847 a 971. 

David Hubert, Grundlagen der Geometrie, 4. AuQ., I^eipzig u. Berlin 
1913 (namentl. Kap. 2 u. Anhang 7). 

P. J. Helwig, Die kombinatorisch-ästheU Funktion u. die Formeln der 
symboUscben Logik, Arch. f. sTStem. Philos. 1896, Bd. 4, S. 4S& 

Felix Hausdorff, Grundztlge der Hengenl^re, Leipzig 1914. 

J. Homans, La logique algorithmiqu^ Rev. nk>-scoL 19Ce, Bd. 9, S. 344 
bis 9M (schUeBt sich Hontheim an). 

Jos. Uontbeiin, Der logische Algorithmus in seinem Wesen, seiner An- 
wendung tmd in seiner philosophischen Bedeutung, Berlin J896. 

E. T. Huntington, Sets of indep^ident postiüates for tbe algsbn of 
logic, TransacL Amer. Math. Soe. 1004, Bd. av S. 288-309. 

W. E. Johnson, Um locical cakulus. Mind 189% N. S. Bd. 1. S. 8, 
336 0. 340. 



tY^IC 



2. Kapitel AllgMnrin e Gesdiichte der L otik. 235 

A-B.Iempe, Ün Ute relalion between tfae ktgical theory ol closees and 
^ geometiical theory of points, Proceed. LoDd. Math. Soc., Bd. 21, 
I8W, S. 1*7—182. 
Jnlm.NevilleKeyDes, Sludies and exercises in tbnaal logic etc., Lon- 
don im, nuoBDtL Teü i. S. 290«.; a AuA IBM. 
hiiusibaig, Neue Grundlagen d«r Logik, Arithmetik und Mengenlehre, 

Uipag 1914 (nanienlf. S. 81). 

i-lerselt, .(ahresber. d.Deulschen Uath.-Vei«ins 1906^ Bd. 1% S. i02; 

mb, Bd. 14, S. 366; 1908, Bd. 17, S. 96; 1911; Bd. 20, S. 86« (Anhänger 

Bolianos). 

Albino Nagy, Fondamenti del calcolo lofico, Torino 1890; Pnncipi di 

lofka esposti secondo le dottrine moderne, Torino- Fire&se-Botoa 1903*. 

C J. Levis, Implication and Ihe Algebra of logic, Hind 191% Bd. 21, 

S.622. 
Ernst llally. Gegen standstheoret. Grundlagen der Logik und Lofiglik, 

Leimig 1913. 
Huih U c C o tl , Symholic logic and iU appücatioDs, London 1906^ femer 
Und 1880, Bd. 6, S. 46, 1897, N. S. Bd. 6, S. 403^ 1900, Bd. ^ S. 7Ei 
IWS, Bd. 11, S. 36StltK», Bd. IS^ S. 366 (VennitUungsvereuch zwischen 
Boole und Jerons). 
mCactarlane, Priociples of tbe algebra of Logic, with examples, Edin- 

bntth 1879. 
Cmt. Uineo, Lt^ica e matematica, Kiv. di filosof. 1911, Bd. 8^ H^ 1, 

&*9-7a 

Aleasandro Padoa, Conf£i«nce sur la logique malh^nutique, Bnuelles 
1S99; La logiquc d^udive dans sa demiire phase de d^eloppement, 
Paris 1B12 (auch Rev. de mMaph. et de mor. 1911, Bd. 19, S. 928, u. 1912, 
Bd. 30, S. 4a 

^ Lucaa de PesJoQan, Les Systeme» logiques et 'la logiatique etc., 
Paiia 1909, nunentl S. 127 fT. 

Henri Poincar6 (1863 — 1912), Sur les principes de gtemHrie, Rev. de 
mitaphys. et de mor. 1896, Bd. 6, S. 1; Les math^matiquet et ta loBique, 
I ebenda ISOEi, Bd. 13, & 816; Science et m^thode, Paria 1909. 

fUton Poretsky, Sept loia londamentales de la thtorie des tfalites 
logiques, Eazan 1699 (ipAtere Ergänzungen 1903 u. 190t, mir nicht zu- 
ADglicb), und Her. de metaph. et de mor. 1900^ Bd. 8, S. 168. 

Btitritnd A. W. Russell (leb. 1S73\ The principles of mathematics, 
Bd. 1, Cambndge 190B (Kap. 2, S. 10 S. Syndxilic logic); An essay on the 
fmmdations oE geometry, Cambridge 1807; Mind 1886, N. S., Bd. 6, S. 1; 
Key. de mitaph. et de mor. 1911, Bd. 19, S. 281, u. 1906, Bd. 18, S. 906 
(*d. auch S. 169, Anm. H)»»). 

*-T.Shearman, The derelopment of symboUc logic, London 1906; The 
1B06; The scope ol formal logic, London 1911. 

QiflTtnni Vailati (18^—1909), H metodo deduttivo coma strumento 
^ ricerca, Torino 1898 (auch Rev. de m^Upb. et de mor. 1886, Bd. 6, 
8. 687—70% und Riv. di matem. l891i, Bd. 1. S. 100 u. ig? (Scritü, 
^Pug-Fiiense S. 1). 

") Mit Whitefaead bat R. verSOentJicht: Piincipia mathemaüca, Cam- 
?4t ISlO— 1913. Für die Logik kommt nantentlich die Einleitung und 
"" 1 Maihematical logic Od. 1, a 89-34Sf) in Betracht. 



tY^IC 



236 '■ ^'''' Abgrenzuns and allgemeine Geachkhte d«r Losik. 

Andr»a.s Voigt, Die Auflösung von UrteilssTstemen usw., I.eipzig ISSO 

(schließt sich meistens Schroeder an), i 
Alf. NojTth Vhitehead, A treatise an imivereal algebra, Cambridge 

18S8 (vgl. S. 16», Anm. 11 u. S. 236, Anm. 2B}. 
Max Winter, Ia mithode dans la philoaophie des mathämaliciues, Paris 
- 1911 (B. auch Rev. de m§taph. et de mor. 1906^ Bd. 13, S. 5B9— 619). 

Am wichtigsten unler diesen Arbeiten sind die WIerite von Couturat, na 
Mally und von Busrell. 

Neuerdings scheint sich namentlich im Ausland unter dem EinfluB 
Couturats die Bezeichnung .J^gistik" fOr die mathemalische Logik einzu- 
bürgern (Tgl. hierzu S. 179, Anm. 1). 

Mit der mathematischen Logik darf die Logik der Mathematik 
nicht verwechselt werden (vgl. S. SSTT). Die letztere beschSitigt sich mit den 
logischen Grundlagen der Mathematik, ist also ein bestimmter Zweig der 
weziellen oder angewandten Logik (vgl. § 86). Übrigens fallen viele Arbdtei\ 
insofern ne die noch vielfach strittigen Beziehungen zwischen Mathematik 
und Logik behandeln, sowohl in das Gebiet der mathematischen Logik wie 
dasienige der Logik der Mathematik. 

§ 55. Die linsraistische (^ammatiselie) ijogik. Difl 
großen Fortschritte der Sprachwissenschaften im Lanfe der 
letzten 120 Jahre (namentlich seit dem B^anntwerden des 
Sanskrit) haben auch Anlaß gegeben, die Beziehnngen des 
io£:ischen Denkens zur Sprache eingehend zu untersaeben. 
In der Tat haben diese Untersuchungen die Logik in vielen 
Hinsichten gefördert. Andrerseits gingen manche Forscher 
so weit,'daB sie überhaupt die Logik auf die Sprachwissen- 
schaft gründen zu können glaubten. Biese exkluaiv- 
linguistische Bichtung hat sich jedocli nirgends halten 
können. 

Während im Mittelalter der Nominalismus zu einer 
sprachwissenschaftlichen Änffassnng der Logik hinneigte 
und daher das Verhältnis von Wort und Begriff, Satz ond 
Urteil vielfach untersuchte, hatte die Logik der neueren 
Philosophie zunächst weniger Interesse für die Beziehungen 
zwischen Denken und Sprechen gezeigt. N\a die sensaa- 
listiacbe Logik (vgl. z. B. S. 154) hatte erklärlicherweise öfter 
das Bestreben, die Denkvorgänge irgendwie auf Sprachvor- 
gänge zurückzuführen oder gar mit ihnen zu identifizieren. 

Vom Standpunkt Kants und Fichtes versuchte gegen 
Ende des 18. Jahrhunderts Aug. Perd. Bernhardi(1770 
bis 1820, Vollst, latein. Granunatik, I, Berlin-Leipzig 1795* 
Anfangsgründe der Sprachwissenschaft, Berlin 1805, § 4 ff. 
u. 92fl.; Sprachlehre. Bd. I, Berlin 1801, namentl. S. 119ff. 
u. Bd. II, 1803, S. 189 ff.) Logik und Sprachwissenschaft in 

„.,.,„.>..oo^sic 



2. Kapitel. Allgemeine Geschichte der Logik. 2U7 

fogttt Beziehung: zu bringen, ohne jedoch bei den. Logikern 
erfaebliche Beachtong zu finden. Etwa gleichzeitig machte 
Joli. Gottf r. Herder (1744^1803) in seiner Metakritik 
zur Kritik der reinen Vernunft (Teil 1 ; Verstand und Er- 
fahrung, Teil 2: Vernunft und Sprache, Leipzig 1799, Sümtl. 
Weite ed. Suphan, Berlin 1881, Bd. 21, z. B. S. 208 f., 251, 
367, 317) eindringlich und mit nachhaltigerem Elrfolg aof die 
Bedeatung der Sprache für das Denken aufmerksam '). 

Id Ensland hatte sich James UaTrie (1700—1780) in seinem Her- 
DKSi OT a phüoBOphical iaquirv conceniing language and universal grammar, 
ia «hieb the most decidcd dissent is expressed from the fundamental asioms 
«1 Lade, London 17öO *) bereits »ehr entschieden gegen die Lockesche Lehre 
ran den Wörtern gewandt und aul Verslandestormen (intetligible forms, pat- 
Uras, ideas) hingewiesen, die aller sinnlichen Tdtigkeit vorausgehen. 

Ohne direkt auf logische Fragen im einzelnen einzu- 
gehen, hat dann Wilh. v. Humboldt (1767—1835) durch 
seine sprachphilosophischen Werke ') das Interesse für 
SprachwisseDschaft bei den Philosophen und speziell bei den 
Psychologen und Logikern angeregt und vertieft. An ihn 
knüpfte einerseits H. Steiuthal*) (vgl. S. 151) und andrer- 
seits KarlTerd. Becker") (1775—1849) an. Auch Hegel 

') Vgl. auch Abhandlung Ober den U.rsprung der Sprache, Berlin 177'J, 
2. Ann. 1788 (WW. ed. Suphan Bd. 5). 

'} Die mir zugangliche 2. Auflage iQhrt den 'Titel liermcs or a phiios. 
iwrairy conceming univeraal grammar, London 176& (namentl. S. 381 ff.). 
Eine deutsche tUwreetzutig von Chr. G. KweAeck erschien 1768 in Halle 
(namenU. Buch 3, S. 243 ff. u. 279 ff.). 

*) Uerausge«. und erlAutert von H. Steinihal, Berlin ISS» u. äi. .'Un 
nichtigsten ist das Buch (,t}ber die Verschiedenheit des menschlichen Sprach' 
'vots und ihren Einfluß auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts 
(web von A. Fr. Pott mit wertvoller Einleitung herausgegeben, 2. Aufl. Ber- 
^ 1S80). In der Alcademie-Ausgabe der gesammelten Schriften (Berlin 
I9UB.) finden sich die hierher gehSrigen Schriften vorzugsweise im 5l bis 
'. Band. Tgl. auch Moritz Scheinert, W. v. Humboldts Sprachphilosophie, 
Arch. 1, d. ges. Psychol. 1908, Bd. 18, S. lil. 

*) Hier kommt auch Steinthals Charakteristik der hauptsächlichsten 
Trpen des Sprachbaues^ Bedin 1860, in Betracht, namentlich Abschn. 2, 
&ie allgemeinen Prinzipien, S. 76—106. Dies Werk ist die Neubearbeitung 
önes älteren, betitelt „Klassifikation der Sprachen, dargeslellt als die Enl- 
wickiung der Sprachidee, Berlin 1850. Eine neue Ausgabe verdanken wir 
Uisteli (Berlin 1896). Auch Steinthals Geschichte der Sprochwisseüschafb 
im den Griechen und Römern mit besonderer Rücksicht auf die Logik, 
Berim 1863 (E Aufl. 1890 u. 91) bietet fflr die spreebliche Grundlegung der 
Logik reiche Aurfjeule, desgL Philologie, Gesidiichte und Psrrchologie in ihren 
nitnseiligen BeziehUi^en, Berlin 1864. 

*) Deutsche Sprachlehre, Teil 1: Organinnus der Sprache, Frankf. a. XI. 
Ifi^ (2. AuO, 1841), und Teil 2: Deutsche Grammatik, 1829. Vgl. namenlL 

„.,,„, ^.oogic 



238 1' ''^'' Ateienzuns und allsemeine Geschichte der Loffik. 

lind die ältere Hegelsche Schule beschaftigtea sich vielfach 
mit Fragen der sprachlichen Logik, wenn auch zunächst vor- 
zugsweise in deduktivem Sinne. Die wissenschaftliche Philo- 
logie, insbesondere die vergleichende Spraehkunde und inner- 
halb der letzteren die vergleichende Grammatik gaben diesen 
Forschungen weiterbin eine gesicherte empirische Grundlage. 
So haben Jakob Grimm (1785—1863, Über den Urapniiig 
der Sprache, 4. Aufl. Berlin 1858 [Abb. d. Egl. Ak. d. Wies. 
V. J. 1851]), Franz Bopp (1791—1867, Über das Konju- 
gationssystem der Sanskritaprache usw., Frankfurt a. M. 
1816°)), August Friedrieh Pott (1802— 1887, Etymolo- 
gische Forschungen usw., Lemgo 1833—36, 2. Aufl. 1850 bis 
1873, RegUter 1876), Christian Friedrich Diez (1794 
bis 1876, Grammatik der romanischen Sprachen, Bonn 1836 
bis 1844 und öfter), Rudolf Georg Herrn. We&tphal 
(1826—1892, Philosoph. - histor. Grammatik der deutschen 
Sprache, Jena 1869, o. Vergleich. Grammatik d. indogerman. 
Sprachen, Bd. 1, Jena 1873, namentl. Anbang S. 56), nnd 
viele andere auch für die Logik zahlreiche wichtige Tat- 
sachen festgestellt. 

In neuerer Zeit haben sich mit den Beziehungen 
zwischen Denken und Sprechen teils in logischer, teils ia 
psychologisch-logischer Richtung namentlich folgende For- 
scher beschäftigt: 

Theodor Conrad, Sprarchphiios. Untersuch. I, Arcfa- 
f. d. ges. Psychol., 1910, Bdl9, S. 395; L.Co«turat, Snr 
la stmctore logique du langage, Rev. de metapfa. et de mor., 
1912, Bd. 20, S. 1; Benedetto Croce, Estetica cwne 
scienza deU' espressione e Unguistica generale, Palermo 1902, 
2.Aufl.l904 (vgl. auch S.200); Berth. Delbrück, Gmnd- 
fr^en der Sprachforschung mit Rücksicht auf W. Wundts 
Sprachpsychologie erörtert, Strasburg 1901; Ottomar 
Dittrich, Grundzüge der Sprachpsychologie, Bd. 1 Ein- 
leitung und allgemein - psychologische Grundlegung, Halle 
1903, und die Probleme der Sprachpsychologie, Leipzig 1913; 
Karl Otto Erdmann,' Die Bedeutung des Wortes, Leipzig 



§ lOi Ober dms Verhältnis der Logik zur Sprachlehre (wie Mathematik zw 
Hiysik). 

*} Bopp bezeichnet ee, wie WiDdischmann in der Einleitung £ IX w 
gibt, selbst als aeinen EstschluB, „Aaa Sprachstudium als ein historisches und 
philosophisches zu behandeln". Vgl. auch ebenda S. U und beispidsnreise 
S. 8 If. (tbra die Bedeutung der Kopula. 



2. Kapitel. AllgenKine Geschiebte der Logik. 239 

1800, 2. Ä-nfl. 1910;, Benno Erdmann, zablreiche S. 210 
bereits angeführte Schriften; Franz Nikolana Finck, 
Die KlasBteUtation der Sprachen, Marbni« 1901; Die Aof- 
^be nnd Gliedening der Sprachwiasenachaft, Halle 1905; 
Fedfirico Qarlanda, I>a flloaofla delle parole, Borna, 
1 Aufl. 1900; Lazarus Geiger (1829—1870), Der Ur- 
spnmg der Sprache, Stuttgart 1869, und Die menschliche 
Sprache nnd Vernunft, Stuttgart Bd. 1 1868, Bd. 2 (ans dem 
Nachlaß) 1872, 2. Anfl. 1899; Jac. van Ginneken, Prin- 
cipes de lingnistique psychologiqne, Leipzig 1907; Edm. 
HuBserl in den S. 184 zitierten Logischen Untersuchungen; 
Moritz Lazarus (1824—1903), Geist und Sprache (= 
Leben der Seele, Bd. 2), Berlin 1856/57, 3. Anfl. ohne Jahres- 
ahl (Vorrede 1884); Br. Liebich, Die Wortfamilien der 
lebendMi hochdeutschen Sprache usf., Breslau 1899 (namentl. 
S. V n. 3); Anton MartyO (1847—1914), Ursprung der 
Sprache, Wünsburg 1875, Über subjektlose Sätze und das 
Verhältais der Grammatik zu Logik u. Psychologie, Viertel- 
iahrsechr. f. wiss. Philoe., 1884, Bd. 8, S. 56 ff., 1894, Bd. 18, 
S.3^ir., nnd 1895, Bd. 19, S. 19, Über Sprachreflex, NativU- 
miw usw., ebenda 1884, Bd. 8, a 456, 1886, Bd. 10, S. 69 ff., 
1889, Bd. 13, S. 195, 1890 Bd. 14, S. 55, 1891, Bd. 15, S. 251 
nnd 1892, Bd. 16, S. 104, Über das Verhältnis von Grammatik 
und Logik, Symbolae Pragcnses 1893, Über die Scheidung 
von grammatischem, logischem und psychologischem Subjekt 
regp. Prädikat, Areh. f. syst Philo»., 1897, Bd. 3, S. 174; Zur 
^irachphilosophie, Die „togischen", „lokalistischen" und 
andere KasnsÖieorien, Halle 1910, Über Begriff und Methode 
der allgemeinen Grammatik n. Sprachphilosophie, Zeitschr. 
r. Psycho!., 1910, Bd. 55, S. 257, Untersuchungen zur Gmnd- 
legong der allgemeinen Grammatik und Sprachphllosophie, 
Bd. 1, Halle 1908; Marki«, Studien zur exakten Logik und 
Grammatik, Bndolfswert 1899* ;Ed. Martinak, Psycholog. 
Vntersuehongen znr Bedentnn^lehre, Leipzig 1901 (vgl. 
S. 177); Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der 
Sprache, Bd. 3, Zur Grammatik und Logik, Stuttgart 1902; 
Aug. MessQr, Kritische Untersuchungen über Denken, 
Sprechen nnd Sprachunterricht (Sammlung Schiller-Ziehen), 
Berlin 1900; ErnstMenmann, Die Entstehung der ersten 



') Kürzlich liat auch eine Hcrauacabe seiner Oes&mmelten Schritleo 
begonna (Bd. 1, Halle 191«). 

„.,.,n.>..OO^^IC 



240 '■ 1'^''- Abgrenzuns und alleemein« Gescbicbte der Logik. 

Wortbedeutungen beim Kinde, PhUos. Stnd. 1902, Bd. 20. 
S. 152 (mit Verzeichnis der Literator über diese Frage); 
Priedr. Max Müller (1823—1900), Science of thouglit, 
London 1887 (deutach Leipzig 1888) nnd Lectnres on the 
Bcience of language, London 1861 — 64, 7. Äofi. 1873, in neuer 
Bearbeitung anter dem Titel „Scieuce of luiguage" London 
1891 veröffentlicht (Übers, v. Fick u. Wischmann, Bd. 1, 
Leipig 1892, namentl. Kap. 1, 2 a. 14, und Bd. 2, 1893, Kap. 2 
u. 13); Hermann Paul, Prinzipien der ^rafehgeechicbte, 
Halle 1880, 4. Aufl. 1909; Hermann Schwarz, Die ver- 
schiedenen Punktionen des Worts, Zeitachr. f. Philo», a. 
phüos. Krit. 1908, Bd. 132, S. 152; Cl. o. W. Stern. Die 
Kinderspraehe, Leipzig 1907; Adolf Stöhr, Algebra der 
(Grammatik, Leipzig-Wien 1898 (s. auch S. 220) ; L u d w. S ü t - 
t erlin. Das Wesen der sprachlichen Gebilde, Heidelbei^ 
1902, namentl. S. 144 ff. (Kritik der Wnndtschen Sprach- 
psychologie), und Die deutsche Sprache der Gegenwart, 
Leipzig 1900, 2. Aufl. 1907, narftentl. S. Ifl., 86 ff., 282 ff., 
3. Aufl. 1910; Ferd. Tönnies, Philosophical terminology, 
Mind 1899, N. S., Bd. 8, S. 289 und 1900, Bd. 9, S. 46 (für 
die allgemeine Bedeutungs- und Zeichenlehre wichtig); 
K. Voöler, Positivismus in der Sprachwissenschaft, Hei- 
delberg 1904; William Dwight Whitney, lianguagc 
and its study etc., seven lectures London 1876 (namentl. Vor- 
lee. 1 — 3), Oriental and linguistio stndies, First Series, The 
Weda, the Avesta, the science of language, New York 1874, 
Langnage and the study of language, twelve leotures on the 
principies of linguistic, London 1867, 3. Aufl. 1876 (enthält 
aufier dem oben an erster Stelle genannten Werk noch fünf 
weitere Vorlesungen, von J. JoUy übersetzt iind nm- 
gearbeitet unter dem Titel ,J>ie Sprachwissenschaft", Mün- 
chen 1874), femer Leben und Wachstum der Sprache, übers. 
V. Leskien, Leipzig 1876; Herm. Wolff (1842—1896), 
Logik und Sprachphilosophie, Berlin 1880, 2. Aufl. Leipzig 
1883, und Handbuch der Logik, Leipzig 1884; W. Wnndt, 
Völkerpsychologie, Bd. 1, Die Sprache, Leipzig 19(X) 
(2 Teile)*), vgl. auch S.208, und Sprachgeschichte u. Sprach- 
psychologie, Leipzig 1901 (Antwort auf die oben angeführte 
Schrift Delbrücks). 

*) In der 3. u. 3. Aufl., welche eine n«ue EinleUuiiK des Gesaiotwerfcs 
gd«n, bildet du Weik über die Sprache den 1. und 2. Band. . Die 3. Aufl. 
ist in 2 Teilen 1911 und 1912 enchicnen. 

„.,,„,^.oogic 



Erkenntnistheoretische, psycholoj^ische, sprach- 
Ucbe and mathematiscbe Grnndleguag der Logik 

1. Kapitel 

erkenntnistheoretische Grundlegung 

I 5S. Die ErkCBBÜitetfaeorie im v^teren Sinae (Qi^o- 
wwdafie) and ihre Zerlegangr des GecebeBen. Die Erkennt- 
Ibeorie im weiteren Sinne (Phänomenologie Stnmpfs, Gigno- 
masologie - meiner Nomenklatnr) nntersnelit, wie bereits 
ä 11 korz bemerkt wurde, das Gegebene, ohne irgendwelche 
Vdraosaetzungen zi^mnde zn legen (also ohne z. B. schon 
eiwa Gegensatz zwischen Subjekt nnd Objekt, Materiellem 
imd Pgychisehem nsf. als schon erwiesen anzunehmen). 
Atwh der Gegenstand der Logik, das Denken ist ihr bei Be- 
P«B ihrer Untersaohungen noch nicht als etwas Gesondertes 
gegeben, sondern in der Mannigfaltigkeit des Gegebenen 
allenthalben zerstreut nnd mit anderem vermischt enthalten. 
Die Gignomenologie hat eben ei*st die Aufgabe, das Gegebene 
und seine Verändemngen nach Ähnlichkeiten zu ordnen nnd 
tiadarch zu den allgemeinen Klassen nnd G^esetzen des Ge- 
gebeuGu zn gelangen. Die Logik hat an den Ergebnissen 
dieser gignomenologischen Untersuchung insofern ein 
wesentliches Interesse, als die Abgrenzung ihres eigenen 
(i^enstaodes, des Denkens, zu diesen Ergebnissen gehören 
nmB, wofern dag Denken überhaupt ein besonderer, abgrenz- 
barer Gegenstand ist. 

Bestände nun bezüglich dieser Ergebnisse allgemeine 
übeteinstimmung, so wäre die erkenntnistbeoretieche Grund- 

Zi«b«n, Labibach dflt Logik. 16 



242 !'■ Teil. Erkenntniolheoretische usw. Grundleguut der Lo gik. 

lejning (in diesem weiteren Sinne) für die Logik rasch er- 
ledigt. Bekanntlich sind jedoch diese Ergebnisse fast in 
jeder Beziehung strittige* Aller Kampf der philosophischen 
Systeme dreht sich in letzter Linie um diese Omndfrage da 
ersten Klassifikation und Gesetzlichkeit des Gegebenen. Ja 
nicht einmal über die Formulierung der Grundfrage besteht 
irgendwelche Einigkeit. 

Die Logik — in dem Sinne, wie sie in ^ 1 definiert wurde 
und Gegenstand dieses Buchs ist — sieht sich daher vor die 
Frage gestellt, ob sie für ihre im allgemeinen sehr viel ge- 
sicherteren nnd auch größtenteils allgemeiner Zustimmtmg 
sieh erfreuenden Gesetze überhaupt eine erkenntaistbeo- 
retische Grundlegung suchen soll und nicht besser das 
Denken als aJlgemein bekannten, wenn auch nicht wissen- 
schaftlich abgegrenzten Gegenstand innerhalb des Gegebenen 
voraussetzt. Ein solcher Verzicht ist jedoch nnzalässig. Jede 
Wissenschaft wird auch die Abgrenzung ihres Gegenstandes 
irgendwie prüfen müssen, auch wenn die Schwierigkeiten 
dieser Abgrenzung zur Zeit noch so groB sind, daß ein ab- 
solut sicheres Ergebnis ausgeschlossen ist. Auch der Che- 
miker und Physiker verzichtet nicht darauf, die Abgrenzung 
des Gegenstandes seiner Wissenschaft — etwa einer hypo- 
thetischen Materie — zu erörtern, obwohl diese Abgrenzung 
mit ganz analogen Schwierigkeiten verknüpft ist. Die Logik 
hat also trotz aller Uneinigkeit der erkenntnistheoretischen 
Systeme doch die Pflicht und das Becht, eine erkeuntnie- 
thoretische Grundlegung ihres Gegenstandes zu versucbeo 
oder wenigstens zar Erörterui^ zu bringen. - Sie wird sich 
dabei nur immer klar bleiben müssen, daß jede solche Grund- 
legung hypothetisch ist, und daher nicht zugunsten irgend- 
einer hypothetischen Grundlegung ihre eigenen gesicherten 
Ergebnisse irgendwie umgestalten oder preisgeben dürfen — 
eb«i80wenig wie der Chemiker oder Physijrer die von ihm 
festgestellten Tatsachen nnd Gesetze zugunsten einer hypo- 
thetischen Theorie der Materie vergewaltigt. Mit anderen 
Worten: die erkenntnistheoretische .(gignomenologische) 
Grundlegung der Logik kann nicht in dem Sinne eine 
Grundlegung sein, daß sie die Gesetze der Logik von er- 
kenntnistheoretiscfaen Sätzen abhängig macht, sondern nur 
in d e m Sinne, daß sie für die Gesetze der Logik erkenntnis- 
theoretische Gesichtspunkte aufstellt, welche für die Deu- 
tung der logischen Gesetze grundlegend sein können. 

„.,,„,^.oogic 



1. Knjiitel. ErkenDtnistheo retische GrandleguDS. 243 

' Damit ist zugleich gen&gt, daß die erkenntnistheoretische 
Grandlesfimg der Jjogik zweckm&äig so verfährt, daß sie aas 
der Geschichte der Philosophie die wichtigsten hisher attf- 
Restellten erkeDiitnistheoretiselien Abgrenznngen des Den- 
kess ans der Fülle dee Gegebenen kritisch zusatnineiistellt 
nnd dann nnter allen Vorbehalten und ohne Bindung einer 
beetimmten den Vorzog gibt. Die nachfolgende Übersicht 
veraaeht diese Aufgabe zo leisten. Dabei ist die Einteilung 
und Beihenfolge so gewählt, wie sie dem hier vorliegenden 
Zweck, d. h. eben der Onmdlegang der Logik, am bebten 
entepricht '). 

§ 57. Die wiehtigsten fär die Logik in Betracht kommen- 
den o-kenntnUtheoretlschen Standpunkte, Dem naiven 
Denken des nicht-phüoeophierenden Menschen steht die An- 
sicht des psyehophyslschen Dnalismos am nächsten. Danach 
vird das Gegebene in Psychisches und Materielles (Phy- 
sisches) eingeteilt, nnd das Denken, der Gegenstand der Logik, 
mit allen seinen Komponpnten, Variationen und Ergebnissen 
als eine besondere Art des Psychischen aufgefaßt. Die Be- 
Qehong zwischen dem Psychischen — einschließlich des 
l)enkens — nnd dem Materiellen kann dabei noch in ver- 
schiedener Weise aufgefaßt werden, so daß sich mehrere 
Hanptvarianten des psychophysischen Dualismus ergeben. 
So behanptet der peyehophysische Kausalismus eine Wechsel- 
wirkung zwischen den beiden Beihen, der psyehophysische 
Parallelismus eine wechselseitige Zuordnung derselben. 
Beide stimmen darin überein, daß sie das Psychische und 
das Materielle als koordiniert betrachten. DemigegMiüber 
Suchen der Materiallsmos und der Spiritualismus, obwohl sie 
gleichfalls von der Einteilung dfs Gegebenen in Psychisches 
und Materielles ausgehen, nachträglich wieder eine Einheit 
herzustellen, indem sie eine Subordination der einen Keihe 
nnter die andere behaupten. Der Materialismus subordiniert 
(De psychische Keihe der materiellen, indem er erstere als 
^geoschaft, Wirkung usf. der letzteren deutet. Der Spiri- 
tnalismus subordiniert nmgekefart die materielle Reihe der 
psychischen. Femer gehören hierher der Tdentismus (Identi- 

') Bne den Zwecken An Erfcennlnislheone selbst eD(spr«cheiide Klassi- 
Bkation findet nun in meiner Abhandlung „Zum gesenwärtigen Stand der 
Etkenntniatheorie", Wiesb«den 1914. 

16« 

„.,.,„,>..oo^sic 



244 !'■ '''^i'- Eii^iBlnisUmreUgchc usv. GnindlectUS der L<wik. 

iätohypothese) und der Unitarisiaus. Beide geben gewöhn- 
Hek von irg^ideiiier Fona des psychophysiseheo FaraUelis- 
mas aus und sind trotz ihres NanwraE dem peycliepfaysäsohen 
Dogilisiaus zuzuieehnen, da sie den G^ie^sats zwischen 
I^yohisohfflB und MaterjeUeio alcaeptieren und erst nach- 
träglich scheinbar beseitigen : der Identismus, indem er das 
P«y«hische als die inaere, das Materielle als die äuSere Seite 
«in«« und deaselben Praeesses bezeiobaet (Speaeer, Fecbner, 
Ehbinghaus), der TTnltarismus, indem er das Psychische «od 
äaß Materielle in eioer rein V^Trifflich konstruierten Kiakeit 
verbindet, z. B. wie Spinoza als Attnbute der einen &ib- 
stanz (Dens sive mundus) aoffafit. 

Weitere Varianten ergeben «ich daraus, daß die Be- 
ziehung der beiden Reihen — sie mag Wechselwirkung oder 
Paralleiismus usf. sein — bald für beide Beiheu in ihrer 
giftnzen Ausdehnung behauptet wird, bald für die eine «der 
die andere Reihe beachränkt wird. So kann z. R die Wechsel- 
wirkung zwischen beiden Reihen bezüglich der materiellen 
Reihe auf die Gro^imrinde oder bezüglich der psychischen 
Reihe auf die Empfindungen (also mit Ausschluß gerade der 
Denkvorgänge) beschränkt werden usf. 

Auch begnügt sich der psychophysische Dualismus, so- 
bald er als philoeophischea System auftritt, in der Regel 
nicht damit, wie der niÜTe Mensch den Gegeitsatz zwischen 
den beiden Reihen als gegeben ohne weitere Untersuchung 
hinsunehmen, sondern er versucht, diesen Gegensatz irgend- 
wie durch Angabe bestimmter Unterscheidungsmerkmale 
zu fixieren. So wird z. B. das Psychische als das Unrämn- 
liche dem Materiellen als dem Räumlicben gegenübergestellt 
(Bain) oder einer besonderen „inneren Wahmdtunung" za- 
gewiesen oder durch eine „intentionale Beziehung", d. h. 
die „Beziehung auf einen Inhalt", die ,3ichtung auf «in 
Objekt" charakterisiert (Brentano'). Aber selbst bei diesen 
wissenschaftlichen Weiterbildungen wird der psychophy- 
sische Dualismus nicht überwunden, insofern der Gegen- 
satz zwischen Psychischem und Materiellem festgehalten und 
auch ein Drittes neben beiden nicht anerkannt wird. 

Vom psychophysischen Dualismus unterscheidet sich der 
Egotismns, die zweite Hauptform der erkenntnistheoretischeii 

') Vgl. hierzu Th. Ziehen, Die GrundUsen der Psycboloei^ Leipwe- 
Berlin 191&, Buch 1, S. 69 ff. 



1. Kapitel. ErfcenntnisÜieioretigch e GnindleguPf ■ __245 

ZerieftmfeD des Ge^benen, dadarcfa, daQ er den OegcQsatz 
nilchen leh aiid Nicht-Ich rogtunde legt. Der Gegensatz 
itiokea Materiellem nnd Fisrehischem wird von den V/go- 
tisten biüd ffanst beseitigt, hald zwar feetgehaltes, aber als 
sekHnilär hii^eetellt "). An Stelle deß Qfigensatzee zwiacheu 
Ich und Nicht-Ich wird raweilen auch der OegenaatB zwischen 
Subjekt und Objekt angesetzt. Das Ich (bzw. Subjekt) wird 
TOD dem Egotismns bald entsprechend einer großen ^hl 
inJiTidaeller Ichs als vielfach angenommen, bald wird ein 
überindividnelles allgemeines („nniversclles" oder „abBO- 
iates") Ich d^ indLvidaelleA Ich« irgendwie übergeordÄet 
(Pichte nnd viele andere). Wie der psychophysische Doftlis- 
B1U8 oft nachträglich doch eine Einheit hensofltellen ver- 
radtt, hat au^ der egotistische Daaliamas nicht selten eine 
DtoaistiBche Tendenti, indem er z. B. das Nicht-Ich aus dem 
lefa hervorgehen läBt (Fichte), unverkennbar neigt ferner 
der EgotismaB dazn, das Ich bzw. die Ichs dem Psychischen 
wbet zn stellen als dem Materiellen. Stillschweigend akzep- 
tiert er dann also nebenher au^ das Prinzip der ersten 
Hanptamicht. Dementsprechend wird daher das Ich oft noch 
i^endwie naher psychologisch charakterisiert, z. 6. als Be- 
vitUsein, SelbstbewttBteein, Apperzeption, Einheitsfunktion 
des Denkens, Willenstätigheit nef., oder anch ganz allgemein 
als »Seele". Das Denken ist für die egotistische Lehre in 
der Regel eine Funktion des Ichs, die im einzelnen von den 
Terschiedenen Egotisten sehr verschieden anfgefaBt wird. 

Eine dritte Hanptansicht stellt der sog. Idealisnns 
dar. Da der Terminus jJdealiBmns" in der mannigfaltigsten 
und znm Teil auch in widersprechender WeiBe definiert nnd 
venrendet worden ist, sei voraaabemerkt, daß er hier im 
ftfine des Pampsyehismus (Psychomonismus) gebraucht 
'nrden soll *). Charakteristisch ist hiernach also für den 

') Ebenso wie tuusekehrt die anderen Haupbuisichlen nicht selten 
Hkund&r egoistische Annahmen hinzufügen (s. unten). 

*) Etwa entsprechend der DcSnitlon von Chr. Wtolt (PsycholoBia empir. 
l'ttt S. 26, 9 36): ,4deatistae dicuOlur, mii nonnisi idealem corporum in 
Uimabus noslris eiistentiam conceduut adeoquc realem mundi et corporum 
uislenliam oesant" — Manche Idealisten haben sich selbst als „naive 
Healislen" bezeichnet und snd auch von anderen so bezeichnet wonien. 
Verst&ndüch wird diese Bezeicfanung, wenn man in Betracht ziebt^ iAB der 
Ui*e Mensch in der Tat dazu neift, im aUsemeinen seine Emplindunfsiidialte 
BDI der Wtftlicbkeit zu identifizieren (Jti. z. B. Schuppe. GnindriD d. KA. 
«■ Lof. ISH S. 9*>. 



1,1^. OQi 



,g,c 



246 II- '''^'- EAenntnistheoietische usw. Gnmdtegune der Logik. 

Idealismus, dafi er alles Materielle überhanpt leo^oet und 
alles Wirkliche als psychisch betrachtet. Er macht also nicht 
wie der Spiritualismos daa Materielle von dem Psychischwi 
ii^endwie abhängig:, sondern bestreitet die Existenz de» 
Materiellen. £r bedenkt dabei nicht, daB mit diesem 
Streichen des Gogenglieds das Wort „psychisch" seinen In- 
halt ganz einbüfit nnd ganz bedentnngslos geworden ist. 
Indem der Idealismus mit seiner ansschließlichen An- 
erkennung des Psychischen and der Identiflziemng des 
Psychischen mit dem Wirklichen streng innerhalb des Oe- 
gebenen za bleiben behauptete, verschmolz er in der Ge- 
schichte der neueren Philosophie oft mit dem Positivismus 
bzv. der Immanenzphilosophie (z. B. bei Mach, vgl. S. 218), 
obwohl diese letzteren durch ihr Grundprinzip gar nicht ge- 
zwangen sind, das Gegebene als ausechlieBlich psychisch 
zu betrachten und sogar sehr wohl den ganzen Gegensatz 
„psychisch-materiell" in seinen beiden Gliedern verwerfen 
können. Oft schlng er auch eine egotistiscfae Richtung ein') 
und ordnete dem Psychischen ein universales Ich oder viele 
individuelle Ichs zu, die ihrerseits ntm als rein-psychisch (als 
„Seelen") gedacht wurden (Schuppe, S. 218; Berkeley, S. 114). 
Zu einer einheitlichen Abgrenzung des Denkens inner- 
lialb des Gegebenen ist der Idealismus nicht gelangL Wenn 
er sich überhaupt mit dem Problem des Denkens beschäftigt 
hat, hat er meistens angenommen, daB das Denken durch 
irgendwelche Prozesse, z. B. durch Funktionen eines Ich aoä 
den Empfindungen hervorgehe. Das Denken besteht in be- 
sonderen ,3e8timmtheiten des Gegebenen", die „im Bewußt- 
sein auftreten" (Schuppe). Bald hat dann der Idealismus 
darauf verzichtet, zwischen den Empfindungsbestimmtheiteo 
und den Denkhestimmtheiten eine weitere Beziehung (ab- 
gesehen von der Abhängigkeit der letzteren von den ersteren) 
anzunehmen (so z. B. Mach), bald hat er in einer an Plato 
erinnernden Art und Weise die Ähhängigheitsbeziehnng um- 
gekehrt und die AUgenieinvorstellnngen des Denkens als 
„den tragenden Grund und die innere Möglichkeit alles 

*) Die DeSDition des Idealismus, welche Kant in den Prolegomena z- 
dner jed. kQnft. MeUphys. usw. (§ 13, Anm. 2} gibt, triflt cur auf die ego- 
tislische Variaute des Idealismus zu („der Idealismus besteht in der Be- 
bauptuDg, daS es keine anderen als denkende Wesen gebe . . ." usw.). lo der 
Khtik der reinen Vernunft (Kehifa. Ausg. S. 31% vgl. auch S. SOS) feUl diese 
bestimmte ctiolistische Modifikation der Defioition. Siehe auch unten S. 3*7. 



OgIC 



1. ^pilel. Erkenntnistbeoretische Gnmdlecuiw. 247 

^petjflschea" and damit also vor allem d«r gegebenen 
Bmi^dangen betrachtet (Schnppe^). 

Als V i e r t e Hanptansicht sei der PbKiiomnialfBmiis an- 
geführt. Dieser nimmt in seiner nrsprüngUchen Form an, 
dafi den Erscheinongen („Phänomenen") nnerkennbare, weder 
materieUe noch psychische ,J)inge an sich" irgendwie zu- 
gruade liegen *). Er zerlegt das Gegebene, d. h. die Erschei- 
DDiigen, in solche Dinge an sich nnd apriorische Anschaunngs- 
fwmen (Kanm, Zeit). Letztere können anch als „formale 
Bedingnngen" betrachtet werden. Kant, der erste Vertreter 
dieger Lehre, hat sie anch als „transzendentalen (oder 
k;ntisehen) Idealismus" bezeichnet '). Nach der oben 
(& 245) feetgestellten Definition ist die Bezeichnnug „I d e a - 
liBmns" nnzatreffend '), insofern der PhänomenaliBt die 
JSxistenz von Dingen an sieh behauptet nnd diesen Dingen 
ui eich keinen {»ychiscben Charakter zuschreibt, sondern 
sie för ganz unerkennbar erklärt. Trotzdem hat sie einen 
Sewisaen Sinn, insofern die Erscheinungen selbst (also das 
begebene) nach der Iiehre des Phänomenalismus „bloße Vor- 
gtellimgen" sind. „Transzendental" nennt Kant seine 
I«iue, weil sie sich mit der Möglichkeit einer apriorischen 
G^enntnis von Gegenständen beschäftigt*); diese Möglicb- 
^ soll sich nach Kant eben daraus ergeben, daß die Er- 
scheinungen uns in den erwähnten Anechaunngsformen ge- 
Reben sind. 

Der Gegensatz zwischen „psychisch" nnd „materiell" ist 
bei dem Phänomenalismus sonach nicht vollständig beseitigt. 
Das Ding an sich ist allerdings, da es völlig unerkennbar 
Bein soU, weder materiell noch psychisch, aber die Erschei- 

>) Tgl. EHceniitnistheorel. Logik, Bonn 1878, S. 182. In seiueD spüteren 
Schriften drOckt sich Schuppe veniser beBUmmt aus. 

*) Kant eikliit in der Krit. d. rein. Vem. Eehrb. Auss. S. 330 ausdrück- 
^: „Das transzendentale Objekt, welches den äußeren Erschei- 
oonsea, inwleicfaen das, was der inneren Anschauung zum Grunde liegt, ist 
weder Materie, noch ein denkend Wesen an sich selbst, sondern ein uns un- 
bekannter Grund der Erscheinungen, die den empirischen BcgriFf von der 
ersten sowohl als zweiten Axt an die Hand geben." 

'} Kril. d. lein. Vern., Eehrb. Ausg. S. 313, und Riehl, Der pbilos. Krili- 
^iamos, 2. Aufl. Leipzig 1908, Bd. 1, S. 408. Vgl. auch oben S. 246, ALm. 4. 

*) ZweckmäBiger ist daher, wenn man die Bezeichnung „Phänomenalis- 
nauT noch näher bestimmen will, die Bezeichnung „Transzendentnlismus", 
die neuerdings vieliach gebraucht wird. 

■) Zum Beispiel L c. S. U. 



rmn-n-.;GoOg\c 



248 *1- '^^^^- Erkenotnistheoretische usw. OnindlesunB der Lo^ik. 

nuDgen werden allenthalben ausdrücklich ale psychisch anf- 
ffefaBt und daher als Voratellongen usf. bezeichnet. Die 
Anschaunugsformen seihet bekommen dadurch ebenfalls 
einen psychischen Charakter, insofern sie es sind, welldie 
den Erscheinungen ihren psychischen Charakter geben. 

Auch der Phänomenalismus verbindet sich oft mit einem 
e.iwan modifizierten Egotismus, insofern er die Vorstellnngs- 
formen ausdrücklich als subjektiv bezeichnet und einem loh 
od«r Subjekt zuschreibt. In diesem Ich selbst wird bald 
ebenfalls ein „erscheinendes" Ich und ein zugrunde übendes 
,Jch als Bing an sich" unterschieden, bald wird es schlechthin 
zu den Dingen an sich gezählt. Nicht selten liat sich auch 
liier eine Tendenz geltend gemacht, au Stelle des indivi- 
duell^i Ichs ein universales Ich zu setzen. Dabei kann 
iwiederom — oft in direktem Widerspruch mit der dem- Ich 
nls Ding an sich zukommenden Unerkennbarkeit — versacht 
werden, das Ich irgendwie näher zu charakterisieren. Hier- 
her gehört z. B. auch Kants transzendentale Einheit der 
Apperzeption. 

Die Stellung des Denkens ist für den Phänomenalisten 
durch sein Grandprinzip noch nicht eindeutig festgelegt. 
Meist niimnt er im Anechluß an Kante Darstellung in der 
1. Auflage der Kritik der reinen Vernunft an, daß ein besfHi- 
deres Seelenvermögen (Kants „Verstand") oder wenigBtras 
eine besondere seelische Tätigkeit die gegebenen Empfin- 
dungen verarbeitet, und daß auch diese Verstandestätigkeit 
an apriorische formale Bedingungen gebunden ist. Diese 
formalen Bedingungen sind die reinen Verstandesbegriife 
oder Kategorien (vgl. ^ 33). Durch dieselben gelangt das 
Denken zunächst zu „Begriffen von (^genständen". Daran 
schließen sich dann weiter Urteile usf. 

Der Phänomenalist kann jedoch anch von einer scdchmi 
'Hineinziebnng von seelischen Tätigkeiten oder gar Seelen- 
.vermdgen absehen und die Denk formen als von den 
psychischen Prozessen ganz unabhängig betrachten. Kant 
hat namentlich in der zweiten Auflage der Kritik der reinen 
iVernimft sich dieser Auffassung sehr genähert. Damit führt 
'diese Variante des Phänomenali Bmus offenbar neben den 
Dingen an sich und den Anschauungsformen eine dritte 
[Wirklichkeit ein, und während sie die Anschauungsformen 
Iisychologiech auffaßt (siebe oben), beansprucht sie für die 
Denkformen einen durchaus nicht-psychischen Charakter. 



1A..OO1 



,^^IC 



1. K^rild. Krkeimtnistheo reliache GnindJesun«. 249 

Tüteer nicht-psychiscbe Charakter wird oft geradezu als 
^Ka^h /.logischer" beseichoet. Die ursprüng'liche Ser- 
iffag dee PhJbioni«ialiämtis wird damit preisgegeben oder 
mügstens erheblich modifiziert and das Prinzip des alsbald 
tu beq>rechenden LogizismiiB neben das phänomenal istisdle 
Prinzip gesetzt. 

An den Phänomenalismas schließen sich zahlretche 
^steine an, welche die ünteischeidmig der Erscheinungen 
nndder Dii^re an sich im Sinne des F^änomenalismus akzep- 
tierto, aber die ünerkennbarkeit des Dings an sich bestreiten. 
Begteiflieherweise müssen diese inkonsequenten phänome- 
nalistiechen Systeme dann schließlich doch die Dinge an 
sich mit irgendeiner ans der Welt der Erscheinungen ent- 
nommenen Wirklichkeit identifizieren und zu diesem Zweck 
Doch irgendeine andere prinzipielle Zerlegung der Ersch«!- 
nnngBwelt heranziehen. So wird dann z. B. das Ding an sich 
bald mit dem Materiellen, bald mit dem Psychischen oder 
einem Teil des Psychischen irgendwie identifiziert, also der 
peychophysische Dualismus der ersten Hauptansicht zu Hilfe 
genommen. Ein sehr klares Beispiel liefert die Identifikation 
«fc« Dings an sich mit dem Willen bei Schopenbaner. Oder 
der Egotianus muß aushelfen, und es wird wenigstens für 
das Ich die Erkennbarkeit des Dings an sich bzw. das Zo- 
Buumenfallen von Erscheinung und. Ding' an sich im Ich be- 
hauptet oder sof^r ein Unirersal-Ich als das universelle Ding 
an sieb betrachtet. Für die Logik besonders interessant ist 
diejenige Variante der in Bede stehenden Ansichti welclie 
)>ebanptet, daß die Begriffe, insbesondere die ÄUgemein- 
begriffe mit dem gesachten Ding an sich identisch sind, oder 
auch eine absolnte Vemonft als Träger solcher Begriffe dem 
Ding an sieh substitui^. 

Von allen diesen Ansichten weicht — - unbeschadet mao- 
<^r Übergänge and Kombinationen — eine fünfte An- 
^ht, welche früher bereits als Logizlsmns bezeichnet wurde 
^gl ^45, S. 173 f.), insofern ab, als sie eine besondere Wirk- 
lichkeit oder ein besonderes Sein für das Logische annimmt, 
ttebei ttehält der Logizismus bezüglich der Auffassung nnd 
Zerlegung des nicht-logischen Ghigebenen freie Hand. Er 
twin das Nicht-Logische in Materielles und Psychisches zer- 
legen und sich so mit dem psychophysiscben Dualismus ver- 
binden; oder er kuin mit dem Egotismus verschmelzen, in- 
dem er ein universales Ich oder individuelle Ichs annimmt. 



1,1^. OQi 



-c^lC 



250 ^- f^''- EikenntnisUieoretische usw. GrandlegutiB der Loaik. 

für welche das Li^nsche Oegenstand einer besonderen In- 
toition ist; oder er betrachtet alles Nicbt-Lc^ische uls 
psychisch und nähert sich damit dem Idealismos in dem 
S. 245 definierten Sinne; oder endlich verknüpft er eich in 
dieser oder jener Weise mit dem Phänomenali^niis (vgl. 
S. 247), indem er nebenher die Annahme von Dingen an sich 
akzeptiert. 

Als sechste und letzte Hauptansicht sei bei dieser 
sommarischen Darstellung der von mir vertretene Biatmis- 
niiis angeführt*"). Dieser bestreitet, daß die Gegenüber- 
stellung „psychisch-materiell" erkeuntnistheoretisch gerecht- 
fertigt ist, und verwirft damit den psychophysischen Dualiti- 
mns und den Idealismus. Ebenso leugnet er im Gegensatz 
zum Egotismus, dafi ein universalem Ich oder individuelle 
Ichs als besondere (spezifische) Wirkliclikeiten irgendwie 
existieren, und versneht vielmehr naehzaweiBen, daß das- 
jenige, was der naive Mensch und was andere Systeme als 
Ich bezeichnen, nor in charaktenstisehen, sehr häufigen 
Komplexen bestimmter Delationen besteht, die wir aus dem 
Gegebenen abstrahieren. Gegen den Phänomenalismus be- 
hauptet er, daß die Zerlegung des Gegebenen in unerkenn- 
bare Dinge an sich einerseits und apriorieche Anschanutigä- 
und Denkformeu andrerseits nicht zulässig ist (£1, ^ 49; m, 
S. 71), daß sich vielmehr ans der Analyse des Gegebenen (der 
„6 i g n o m e n e") nur zwei Hauptarten gesetzlicher 
Beziehungen im Gegebenen (daher die BezeichiiuDg 
,3 i n o m i s m u s") ergeben. Die Gignomene zeigen das Pro- 
dukt dieser gesetzliehen Beziehungen; dasjenige in den Oi(C- 
nomenen, was in diesen gesetzlichen Beziehungen zueioander 
steht, ist von mir als Eeduktionsbestandteil (abge- 
kürzt Be du kt oderB) bezeichnet worden. Die beiden Haupt- 
arten gesetzlicher Beziehungen sind die Kausal- und dip 
Parallelgesetze. Die Kausalgesetze fallen mit den sog- 
Naturgesetzen zusammen ; die ihnen entsprechenden Verän- 
derungen erfolgen auf bestimmten Wegen und mit einer 
bestimmten Geschwindigkeit. Die Parallelgesetze be- 



") Erste llarsteUuDg in Psvchophysiol. Ericenntnistbeorie, Jena W98, 
2. Aufl. 1907 (1), ausFührlicti in Erkenntnistheorie auf psvchophysiol ogischer 
u. physikalischer Grundlage, Jena 1913 (11). Vgl auch Zum gegenwärtigen 
Stand der Erkenntnistheorie, Wiesbaden 191i (III) und Die Grundlaten ä^' 
Psychologie, Leipzig-Berlin 19ia, speziell Teil 1 (IV). Im Text zitiere icb 
nach den in Klammem gesetzten römischen Zifleni. 



OglC 



1. Kapitel Eri^enntnisUieoretiache Grondleguns. 251 

ziehen sich im einfachsten Fall z. B. anf die Zaordnnng einer 
bcstisunten Sionesqnalität zu einer bestimmten Himriaden- 
enegung, die ihrerseite wieder von einem bestimmten, z. B. 
ofAischeu Reiz abhänjrt (Gesetz der speziflachen Sinneeener- 
gien); für die ihnen entsprechenden Verändemngen ist 
veder Weg noclt Geschwindigkeit nachzuweisen, sie erfolgen 
„veflos mid instantan" (11, ^ 53). 

Dnrch das Hinzutreten solcher „Parallelwirkungen" 
(Böckwirkongen, Beflesionen) werden die Bedoktionsbestäad- 
teile in die Gignomene des individnellen Erlebnisses ver- 
v&odelt. Die Gignomene können daher in diesem Sinn in 
Bednktionsbestandteile nnd „Parallelkompouenten" zerlegt 
werden. Kaosalwirkungen laufen zwischen allen Beduk- 
lioDsbestandteilen ab. ^arallelwirkungen gehen, soweit 
vir nachweisen können, nur von bestimmten Beduk- 
tioQsbeetandteilen aus, die zu dem sog. Gehirn, insbesondere 
der Hirnrinde, gehören (U, § 12 ff.; IV, ^ 5). 

Unter die Parallelgesetze fällt nun nicht nur das Emp- 
finden, sondern anch das gesamte Denken (Vorstellungs- 
bildong, Urteilen usf.). Anch bei diesem ^') handelt es sich 
um Säckwirkungen von Kindenelementen (genaner von 
Bednktionebestandteilen solcher Rindenelemente, Tgl. H, 
i S7ff.). Wie die Beduktionebestandteile in denjenigen 
Qignopienen, die wir als Empflndimgen oder Sinneswahr- 
Dehmimgen bezeichnen, enthalten sind („inezistieren"), so 
und sie anch noch in den Vorstellungen usw. enthalten. Anch 
nnsere Vorstellungen schweben nicht gewissermaßen frei in 
<ler Loft, sondern sind das Produkt der Bednktionsbestand- 
teile nnd besonderer Parallelkomponeuten, die ich auch als 
v-Komponenten bezeichne (IV, W; H, § 71 u. 78 ff). Mit 
dieser Inexistenz der Beduktionsbestandteile sowohl in den 
^pfindungen wie in den Vorstellungen hängt die eigentüm- 
liche Eückbeziehang (Badikalbeziehnng) der Vorstel- 
lungen auf die ^Empfindungen, aus denen sie hervorgegangen 
sind, zusammen. Hierin liegt anch dasjenige, was an Bren- 

") Hierio liegt die von Kanl ansedeutete „vielleicht" vorhandene „ee- 
tMiuchailliche, aber uns unhekaünte Wurzel" von „Sinnlichkeit und Ver- 
»4od" (Kr. d. reia. Vem., Kehrb. Aus«. S. 47) odei" vidmehi ihr gemeinsamer 
Qniiiter: der Rückwirkunes- oder Parallelchaf akter. Die gemeinsame Grün d- 
^e Inlden die Reduktionsbestandteile. 



OgIC 



252 II- T^il- Eitenntnistheorctiache usw. GrundlecunK der I^eik. 

tanos Lßhre (vgl. S. 176) von der Intentionalitat des Psychi- 
schen richtig ist"). 

Die Prozesse, durch welche ans Empfindungen VorsM- 
Inngen (im weitesten Sinite) hervorgehen, also alle uns be- 
kannten Denfcprozesse und damit auch fdle v-Kompooeaiien, 
lassen sich auf drei Orandproaeese zurückführen: Znsam- 
mensetznng (Synthese, Komplezion), Zerlegung 
(Analyse) und Vergleichung(Komparation). Für 
diese drei Grundprozesse brauche ich auch den Terminus 
„Dif ferenzierungsf unktionen", insofern sie uns zu 
der Differenzierung des Gegebenen in unserem Denken ver- 
helfen. 

Vom Standpunkt des Binomismus ist jede Empfindung K 
bzw. jede Vorstellung V, insoweit sie von den DifferCnzie- 
rnngsfunktionen zu einer neuen Vorstellung V verarbeitet 
wird, der „Gegenstand" ") (und zwar der inexist^te) der 
letzteren. Damit lehnt der Binomismus also durchaus die 
l<^izistisehe Annahme ab, daß die „(^gcnstände" eine dritte 
Welt der „Vorstellungen an sieh", „Wesen" od. dgl. bilden. 
die in besonderer Weise bestehen und erschant werden soll. 
Außer den Vorstellungen tm Sinn individueller psychischer 
Erlebnisse von bestinuntem Inhalt und den ihnen zugrunde 
liegenden weiteren Vorstellungen, Empfindungen und Be- 
duktionsbestandteilen ist uns nichts gegeben und darf auch 
nichts angenommen werden (XII, S. 40 (f. ; IV, ^ 10). 

Während jedes einzelne Gignomen in Beduktions- 
bestandteil und Paralielkomponente zerlegt werden kann, 
kann die Gesamtheit der Gignomene eingeteilt werden 
in Empf indungsgignomene und VorstelluDgs- 
gignomene oder kürzer in Empfindungen und Vor- 
stellungen. Der Unterschied zwischen beiden wird in» 
einzelnen von der Psychologie untersucht und festgestellt- 
Für die Erkenntnistheorie genügt es, ihn kurz durch dm 
Hinweis auf das alltägliche Leben und einen bestimmten 
Terminus zu fixieren. Zu letzterem Behuf sprechen wir von 
der „sinnlichen Lebhaftigkeit" der Empfindung und sprechen 
diese sinnliche Lebhaftigkeit den Vorstellnngn ab. Zugleich 
sei ausdrücklich festgestellt, daß unter dem Wort „Vorstel- 
lt) BranU.no niromt jedoch diese Intentionalitäi nilschlich zwischen. Vor- 
st€lluiifB,^t" und Voratellung9„inhaJt" an. 

'') Weiterhin (S. 366) werden wir'VeranlassuDS haben, den BegtUI d«s 
GeBenstandes noch etwas anders zu fassen. 



1. KapUeL Erkenntnütheoretiscbe GfunffleEunc 258 

\vifftigaomeae" bzw. VorsteUimeeD hier vorläufig alle 

QJtht Binnlicb-lebhaf ten DenkToiwäoge zasammen- 

geCUi irerdeB soUeo. 

Auch der Binooiismos simcht also von peychischeu Pro- 

HMCB oder Vorgwigen> Damit meint er aber nicht etwa ein 
bnonderes psyebisehee Dtwae, sondern das Gegebene, inno- 
Iva es mit Besug aa{ eeioe Parallelkomponenten betrachtet 
ViiA Die BedukticHisbeBtandteile sind nicht materiell, und 
die PuallelkompoBenten sind nicht psychisch; wohl aber 
kau man eine „Psychologie" als diejenige Wissenechaft ab- 
gmaeo, welche die Giguomene speziell mit Büoksicbt auf 
ihre Parallelkompooenten, also das Geltmigsgebiet der 
Puallelgesetae untersucht (IV, ^ 8 u. die» Buch S. 11). TTnd 
inierhalb der psychischen Prozesse spricht der Binomismus 
iuafern von Denkproaessen, als innerhalb des Gegebenen 
Qignomene sich finden — nämlich eben die sog. Vorstel- 
Imgen, Urteile usw. — , welche durch besondere Parallel- 
kili^ionealeii ausgezeichnet sind. 

§ 58. Karae Kritik der erkenntnlstheoretisclien B#apt- 
iHlehten. Die Logik sieht sich nun vor die Aufgabe ge- 
stellt, diese Hauptansichten kritisch zu vergleichen und sich 
(ör eine unter ihnen zu entscheiden. Sie hat dabei die er- 
kemtnistheoretischen Argumente zu prüfen, welche für und 
gegen eine jede angeführt worden sind oder angeführt wer- 
den können. An dieser Stelle muß folgende kurze Kritik ge- 

Die Gegenüberstellung von „materiell" und „psychisch" 
»eiche der ersten Hauptansicht, also dem psychophy- 
sisehen Dualism.ns in seinen mannigfaltigen Formen 
mmmde liegt, scheitert daran, daß eine klare Definition oder 
Charakteristik, oder überhaupt irgendwelche klare Bestim- 
iDnng oder Nschweisung weder für das Materielle noch für 
•las Psychische gelingt Die scharfsinnigen und doch vergeb- 
lieben Bemüht^igen Brentanos '), das Psychische irgendwie 
Seg«niiber dem Materiellen zu charakterisieren, zeigen, daü 
diese GegenüberBtellnng nicht haltbar ist. S. 177 T\Tirde be- 
reits angedeutet, welche Unklarheiten auch bei dem von Bren- 

') Psycbol. V. enipir. Slandp., Lpz. 187*, S. 101 If.; Vom llrepr. ailll. 
EA, Ua. 188», S. 14; Von d. Klsssifik. d. psych. Phänomene, Lpa. 1811 
^UoüfikaUoD d trOberen An»cfa(, xsl. Vomde S. IV). 



_.ooglc 



254 ''• ^^'- EikeimtnistheDretische \iaw. Gnm<DesuiiK der i^iik. 

tano als besonders keanzeichnend för die psychischen Phäno- 
mene aufgestellten Merkmal der Intentionalität noch in viel- 
facher Bichtung bestehen bleiben. Dazn .kommt, daB bei 
dieser Bestimmtmgr des Psychischen das Gegenglied, also das 
Physische oder Materielle, nur negativ charakterisiert ist 
und mancherlei enthält — z. R die Sinnesqnalitäten — , was 
mit gutem Grunde sonst zu dem Psychischem gezählt zn vret- 
dea pflegt'). Daher erscheint das Physische auch dnrchauR 
nicht einheitlieh, sondern in anklarer Weise ans „äuBeren 
Ursachen" der Empfindungen imd „physischen Phänomenen" 
zmammengesetzt, so daß dae Problem überhaupt nur teil- 
weise erledigt und in einem wesentlichen Teil nuT verschoben 
worden ist Noch sehr viel weniger leisten die von anderen 
Forschem angegebenen Unterscheidungsmerkmale des Psy- 
chischen (ünräumlicbkeit, Aktcharakter, Einheit, Ich- 
Beziehung, Zogänglichkeit für innere Wahrnehmung) *). 

Bei dieser Sachlage kann der psychophysische Dualis- 
mus nicht als ausreichende erkenntnistheoretische Grund- 
lage der Logik betrachtet werden. Damit ist natürlich mcht 
gesagt, daß die Ausdrücke „materiell" („physisch") und 
„I»yohisch" absolut vermieden werden müssen. Bei Unter- 
SBchnngen, bei welchen es nicht auf erkenntnistheo- 
retische Genauigkeit ankommt, wird man sie in An- 
lehnung an den gewöhnlichen Sprachgebrauch nnbedenklicli 
verwenden können. Dae Materielle ist dann eben vom 
Standpunkt des hier vertretenen Binomismns identisch mit 
dem Gegebenen, insowieit es mit Bezog auf seine kausal- 
gesetzlichen Beziehungen betrachtet wird, und das Psy- 
chische mit demselben Gegebenen, insoweit es mit Bezug 
auf seine parallelgesetzlichen Beziehungen betrachtet wird- 

Mit der Verwerfung des Gegensatzes „psychlsch-mal«- 
riell" ist auch die Ablehnung des Idealismus, der oben 
an dritter Stelle angeführten Hauptansieht, entschieden, da 
derselbe, wenn er auch schließlich das Materielle leugnet, 
doch diesen Gegensatz seinem ganzen System zugrunde legt 

Gegen den Egotismus, die zweite Hauptansicbt 
unserer Amfzählnng, lassen sich gleichfalls gewichtige Be- 

*) Stumpf (vsl. S. 182) hat woU auch im Hinblick auf diese Scbwierie- 
keit an Stelle der „phTsiKhen Phinomene'* Brentanos seine „Ergcbeinungen" 
gesetzt, also das Altribut „phTsisch" Bestrich^. 

») Eine einitehende Kritik aller dieser Unterscheidungsversucbe finde* 
man in meinen GTundlagen der Parchologie, Buch 1, % 10. 



1. Kapitel. ErkeDntiiitttieoretische GjundlesuDg. 255 

denken erheben. Zunächet iBt es trotz jahrhondertelanger 
Banölinngen den egotistischen Tbeorien noch nicht gelun- 
gen, vtm klar anzugeben, was sie unter einem individnellea 
oder niUTersellea Ich (Subjekt, Seele) verstehen. 

Die übrigens sebr Terschiedenen Merkmale, welche die 
Dinzelnen Egotisten für das von ihnen angenommene spezi- 
Asche Ich angegeben haben, versagen sämtlich *), Teils ist 
es iveifelhaft, ob überhaupt etwas existiert, das diese Merk- 
male (z. B. ünveränderliehkeit, Einfachheit) hat, teils finden 
swii diese Merkmale (z. B'. Einheit) auch bei Dingen, die der 
Egotist selbst nicht zu dem Ich bzw. zu den Ichs rechnet. Bei 
dieser Unklarheit des Ich-Begriffe ist es denn aach nicht zu 
vfirwnndem, dafi alle Versuche, das Ich oder die Ichs direkt 
oder indirekt nachzuweisen, gescheitert sind. 

Die Behauptung, daß uns dasJch direkt und schlechthin 
(larch eine spezielle ,Jntaition" oder ein „spezielles Oefühl" 
oder ein spezifisches Selbstbewußtsein gegeben sei, kann 
nicht akzeptiert werden. Eine solche Intuition od. <^I. ist 
niclit nachgewiesen. Viele behaupten bestimmt, eine solche 
Ich-intuition (im Sinn des Egotismns) nicht zn besitzen. 
SehoD die Tatsache, daß nicht wenige Egotisten ein univer- 
Beiles Ich annehmen, für welches eine solche Intuition usw. 
floch wohl nicht in Betracht kommt, zeigt, wie strittig sogai 
unter den Eigotisten selbst die Berufung auf Intnition n. dgl. 
ist. Ebenso wenig ist ein indirekter Nachweis gelungen. 
Mangels einer exakten Definition oder wenigstens Charak- 
tsriaierung des Ichs k o n n t e er offenbar gar nicht zum Ziele 
Seefahrt werden. 

Sehr viel schwieriger gestaltet sich die Entscheidung 
S^nüber dem Phänomenalismus (Kants „tran- 
szendentalem Idealismus", vgl. S. 247). Immerhin 
scheiaen mir folgend» Punkte auch gegen den Phänomenalis- 
mns (in jeder Form) zu sprechen: 

Erstens die absolute Unerkennbarkeit des Dinges 
an sich steht mit den eigenen Sätzen des Phänomenalismus 
in Widerspruch. Wenn die speziellen („empirischen") 
Natncgesetze, wie Eant ausdrücklich hervorhebt (Krit. d. 
rein. Vem., 1. Aufl., S. 127, Kehrb. Ausg., S. 135 u. 681), 
Dicht aus dem reinen Verstand ihren Ursprung herleiten, also 

a dem oben liticrten Weik g 12 



OgIC 



256 1- '^'^^^ I^riienntnlsUieoretuche ubw. Gnmdlecung der Logik. 

nicht a priori sind, so mässen sie irgeodwie von den Dingen 
an sich abltängen. Folglich geben sie uns über die letateren 
anclt einen wenn anch noch so indirekten und verschleierten 
Aof Schluß. Sie mnssen ein Äquivalentbild der Dinge 
an sich sein. Ee ist Bchleehterdinge nicht einzusehen, wes- 
halb wir diese Erkenntnis nun doch für ganz nnll niul niehtig 
beattglich der Dinge an sich erklärMi und die absolute 
Unerkeanbarkeit der Din^ an sich behaupten sollten. 

Zweitens: ist somit eine eingeschränkte und bediaffte 
Krkenntnis der Dinge; an sich sehr wohl mögrlich '), so fällt 
aoch die abeolate Transzendenz der Dinge an sich weg. äe 
liegen nicht mehr jenseits der Brscbeinungen und der Er- 
kenntnisse, sondern in ihnen. Das Immauennprinzip, das ich 
zugleich als das Prinzip des Positivismns in seiner reinen 
Form betrachte '), wird gewahrt Die Dinge an sich werden 
ZB ^eduktioeebestandteilen" des begebenen im Sinne eine« 
Hinomiamus. 

Drittens ist die vom Phänomenalismus behauptete 
Apriorität der Kaum- und Zeitanschaunng und der sog. reinen 
VerstandesbegrifTc (auch unabhängig von ihrer speziellen 
Aufzahlung) zu beanstanden. Wie man sich diese Äpriorität 
auch denken mag, es bleibt nnerflndlich, wie wir, die wir 
doch ganz auf das Gegebene angewiesen sind, zu irgend etwas 
gelangen sollten', was wie das A priori über die Erfahmng 
hinausgeht'), oder — mit anderen Worten — ü^Bdeineu 
Satz, er sei auch noch so allg^uein, „unabhängig von der 
Krfahmng einsehen" sollten'). Es ist Kant nicht gelungen, — 
weder durch seine metaphysische Erörterung in der Ästhetik 

*) Es empfiehlt sich nictit, die Lehre von der Eiiiennbatteit der Dinge 
an sieb als „Reabsmus" zu bezeichnen, wie dies zuweilen geschieht. Will 
man das viel miBbrauchle Wort Realismus" Oberhaupt noch verwenden, so 
eradteint es am zweckndlBifaten, unter Realismus im Gegensatz zu dem 
Idealismus (in dem S. 2ib aiiKegebeiien Sinn) dieiemee einsieht zu versldien, 
nach der auBer dem Psvcbischen noch irgend etwas Nicht-PsTchiscbes 
existiert. 

*) Vgl. Zum geeenwärt. Standp. d. EAenntnistheohe, Wiesbaden 191'. 
S. 18 ff. (namentl. S. 20) und Grundlagen der Psychologie % i. 

') Auch Riehl, Der philos. Erilizismus^ 3. Aufl. Leipzig 1906, Bd. 1, 
S. 38B erklärt ausdrücklich, dafl gewisse ErkenutniSBe ^ priori heiBen, wal 
sie Aber die Erfahrung hinausgeben und mehr behaupten, als die Erfahruni 
durch Wahrnehmungen uns lehren kann". 

") Riehl, 1. c. S. 421. Das Zugestfiodnis, daß auch unsere apriorischen 
Erkenntnisse sich mit und an der Erfahruag entwickeln, hilft Über die 
Schwierigkeit, wie sie fiber die Erfahrung hinausgehen können, nicht hinweg- 



,OOgk 



1. Kwitel. ErkennliusUMOFeliscbe Gnmdlecuns. 257 

■aeb dnrch sein« metaphysiBche Deduktion in d«r Analytik 
Bodi dnreh di« Analyse der mathematiseheu Axiome und 
LebnStze nnd d^ Prinzipien der Natarwissenscbeft — 
im wirkliehe Vorkommen synthetischer Satz« a priori 
uetuaweisen. Wenn z. B. das Kanaalgesetz ein t^triori- 
sdm Prinzip wäre, so ktonten nicht zahllose Henscheu an 
Wonder, an eine Erschaff nng der Weit ans dem N&chta n. dgl. 
Rlubeo '). Es ist eine «anz willkSrliehe Behauptung, wenn 
lengt wird, der BegrifT der Schöpfong und Vemiehtnng 
hebe die Möglichkeit der Erfahrung auf, weil er der Einheit 
<f« DenkeiM und der Zeit widerspreche *'). Wir können nns 
aui Entstehen und Vergehen sehr wohl denken, ja uns sogar 
Qttetee eines solchen vorstellen. Der moderne Mensch Ter- 
virft es nur deshalb, weil die Beobachtung oiigends und nie- 
niaie ein solches ergeben hat. Wenn der Naturforscher jetzt 
das Eausalprinzip seinen weiteren Untersuchungen zugrunde 
legt und es als allenthalben gültig voraussetzt, so ist dies 
kein Gebrauch a priori (wie Biehl 1. c. S. 439 meint), sondern 
ein AnalogieschluB im Sinn der Erwartung auf Grund der 
Brfahrung. Ebenso ist die Apriorität der ^tze der reinen 
Hatbematik nicht nachznweisen. Wir können dieselben nur 
dnroh Anschannng beweisen nnd erwarten nur deshalb, sie 
ü1)erall und immer bestätigt zu finden, weil die Erfahrnng 
Qiu die beweisenden Anschanungeu in nnendlicher Zahl ge- 
bracht hat und jeden Augenblick mit weiteren zur Ver- 
Kping steht. Die „Allgemeinheit" und „Notwendigkeit", 
welehe man allen diesen Sätzen zuschreibt, bleibt induktiv 
Qiid hypothetiäch, nur ist unsere Gewißheit der Richtigkeit 
infolge der Unendlichkeit der beweisenden Erfahrungen so 
Kn>&, dafi wir nns erlauben, von Notwendigkeit und All- 
Kenwinheit z« sprechen. Wir können sagen: „Die Welt ist 
w," aber nicht: ,J>ie Welt mufi so sein." Es handelt sicli 
um erfahmngsmääige Allgemeingültigkeit, aber niclit um 
logiMh-absolute Niotwendigkelt. 

Biese drei Einwände gegen den PhänomenalismuB ") 
IsBBen auch ihn nicht als geeignete erkenntnistheoreüsche 

*) Riehl, 1. c. S. 4381. scheint soüar die Priii2icien der Krbaltung von 
MiHm nnd Energie als apriorisch zu betrachten. Vgl. jedoch andrerseits 
ebada S. bm. 

») Vf[l. Krit. d. rein. Vem., Kehrb. Aus«., S. 178ff.; Hiehl, I. c. ä. M8, 
^') Selbstversländlich handelt ea sich hier nur um eine unvoUsl&Ddige, 
kune NamhaftmachuDiC der BinffBnde. Bezüglich einer eingehenden Brftrt»- 
Zi*h«it, Ltbrbucli der Lopt. 17 

„.,,„,^.oogic 



258 ^'- TeiL Erkenntnistheorettsdie usw. Grundle gung de r L ogilc. 

Grandlage der Logik erscheinen. Noclt viel weniger kann 
der Logizismns als Bolcbe gelten. Dieser geht von d«n 
richtigen Satz ans, dafi die Logik insofern von der Psycho- 
iogie wesensversohieden ist, als sie nicht wie letztere den tat- 
sächlichen Ablauf und die tatsächliche Entwicklnng des 
Denkens untersucht, sondern Gesetze für ein ideales, formal 
richtiges Denken aufstellt. Er zieht aber ans diesem rieb- 
tigen Vordersatz eine falsche Schlnßfolgcrung **), indem 
er- nun das Logische überhaupt ganz vom FBychologiBcben 
loslöst und als ein ganz besonderes Beicb deutet, das ebenso- 
wohl von den Mngen (Dingen an sich usw.) wie von den p^- 
chischen Vorgängen ganz unabhängig ist. Die meines Er- 
achtens unwiderlegbaren Hanpteinwände, welche gegen den 
Logizismns erhoben werden müssen, sind folgende: 

E rs t e ng muß die für den Logizismns unerläßliche und 
cliarakteristiscbe Annahme bestritten werden, daB es mög- 
lich sei, durch rein logische Zergliederung eines Begriffes 
irgendwelche matcriale Aufschlüsse zu erhalten, die von der 
Erfahrung unabhängig sind. Schon Kent neigte in der 
2. Auflage seiner Kritik der reinen Vernunft zn dieser An- 
nahme *°), and viele seiner Anhänger haben diese logizistischc 
Neigung noch viel stärker hervorgehoben, als es dem Wort- 
laut und dem Gedanbenzusauunenhang des Kantschen Werken 
entspricht. Nach dieser Annahme wäre es möglich, unab- 
hängig von aller Psychologie rein logisch durch Zei^liede- 
rung des Begriffs der „Erfahrung" (bzw. des „Gegenstandes" 
oder des „Denkens" oder des „Urteils" oder einer „Verbin- 
dung überhaupt") ") zu synthetischen Erkenntnisse n a priori 
zu gelangen. Es soll auf diesem Wege glücken, rein logische 

rung derselben muß auf meine S. 250, Anm. 10 ansefOhrlen erkenatnistbeo- 
retiscben Arbeiten und sp&tere EinzeläusfQhrunsen, naroenU. g M, verwiesen 
werden, 

") Als Anlipsvchologismus bezeichnet man gewöhnlich den rlclitiien 
Vorderaatz mitsamt den falschen Schlußfolgerungeiu 

^') In der ersten Auflage finden sich nur Andeutungen in dieser Rich- 
tung, z. B. KehrfoachMhe Ausg. S. ISS, Anm. 

") Vgl. z. B. Riehl, L c. S. St», 608 f., 607^ 621, 526, UO. Sehr miß- 
TerslüncUicfa Ist es auch, wenn Riehl S. ibG von diesem Standpunkt aus ,be- 
hauptet, daß die Reflexion auf Form und Gehalt einer sinnlichen Varstelhinf 
logisch, nicht psychologisch sei und „durch Zergliederung des BegriOs «ner 
wnpUischen Anschauung erfolge . . . ." TatsichUch erfolgt sie durch Zer- 
gliederung der empirischen Anschauung selbst und nicht ihres Begiifies- 
Vgl. auch I, c. S. 46a 



1. KafiteL EAennlnistbeoretuche Gnindleguiv. 259 

Fannen zu ermitteln, die unabhängig von aller Erfahrung 
*iai, die aber zugleich die Bedingungen der Möglichkeit der 
Erfilinmg darstellen. Es muß nun b^tritten werden, daß 
tm solcher Weg überhaupt existiert. Dnrch logische Zer- 
gliedenmg werde ich mir immer nur über das Verhältnis 
Duiner Begriffe untereinander klar. Zu irgendwelcher, von 
der Erfahrung unabhängigen inhaltlichen Eineicht gelange 
ieh durch eine solche Analyse nicht. Es iät der logizistischen 
Schale nicht gelungen, ein einziges unbestrittenes, einwand- 
freies Beispiel einer erfolgreichen derartigen reinlogischen 
Analyse beizubringen. Sie hat sich daher denn auch schließ- 
lich damit helfen müssen zn behaupten, daß an Stelle der 
iogiflchen Zergliederung eine besondere Intuition (,^haa- 
irng" asf.) tritt, welche sieh natürlich jeder Erörterung 
entzieht 

Zweitens ist die Annahme, daß das Logische irgend 
etwas besonderes Drittes neben den tatsächlich ablaufenden 
iadividnellen Empfindungen, Vorstellungen, Denkvorgängen 
vai neben den diesen etwa zugmnde liegenden individnellen 
Dingen an sich bzw. Beduktionsbestaadteilen sei, sowohl 
nberflnssig wie unklar. Ihre Überflüssigkeit wird sich in der 
«rkeoDtuütheoretiBchen und autochthonen Grundl^Tung der 
Logik (s. unten ^ 84 ff.) ergeben. Ihre Unklarheit liegt darin, 
daß der Iiogizist nns nirgends eine zureichende Cbarakte- 
nstik (geschweige denn eine Definition) dieses angeblichen 
dritten Beichs des Logischen gibt and ebensowenig durch 
^vandfrcie Beispiele ans den Sinn seiner Annahme klar zu 
madien vermag. Was er ans als Beispiele für Wahrheiten 
an sich, Vorstellungen an sich usf. beibringt, sind durchweg 
entweder Denkvorgai^re einzelner oder vieler Individuen 
oder Tatbestande, einzelne oder allgemeine, im Bereich unsrer 
Vorgtelltmgs- oder Empflndungsvorgänge oder der diesen 
ZDgrunde liegenden Dinge an sich bzw. RedukUonsbestand- 
teile. Der „G^enstand" einer Vorstellong, eines Urteils usf. 
als Korrelat des Inhalts ") der Vorstellung bzw. des Urteils 
Bsf. ist nichts ^ideree als ein Komplex oder Teil eines Kom- 
plexes von Dingen an sich (Bednktionsbestandteilen), Emp- 
fisdungen oder anderen Voretellangen, auf welchen sich die 
Vorstellung, das Urteil osf. bezieht. Diese tatsächliche Be- 



") Auch die G«cner du Losiziitea unteracheideD also zwischen Inhalt 
wd GefensUad. 



260 II- ^^''- Ei^enntiiisUiearetisclie usw. Gnindlacunc der Logik. 

Ziehung inTolviert selbständig ein tiefes and schwieriges 
Problem, aber es wird nicht dadurch gelöst, dofi man di«seTi 
„Ctegenständm" eine dritte besondere Seinsweise oder Weise 
dee Bestehens znsohreibt, die jeder Charakteristik und jeder 
tatsächlichen Unterlage entb^irt. 

Damit hängt es aneh zusammea, daß die Logiiisten aber 
die SeinBweiBe dieser logiaehen Gegenstände alles andere 
eher ala einig sind. Bald scheinen sie ihnen überhaopt jede 
Realität abzusprechen, bald bean^mchen sie für dieselben 
eine neoe besondere Bealität, bald sollen die Gegenstände 
ganz zeitlos und allgemein sräs, bald scheinen sie doch sach 
indiTiduell nnd zn einem bestimmten Zeitpunkt vorbanden 
zu sein, bald sind sie „Wesen" bald „Werte", bdd bab^i sie 
die Bedeutung dee Seins, bald des Sollens usf. (vgl. % ^ 
u. 46 und nuten S. 270). 

Drittens 'ist im besonderen die Ixwlösung des Iii^- 
schen vom Pa^chischen nicht gelungen. Der Logizismus "ves- 
wechselt das Psychische mit dem Psychologischen. Weil die 
übliche Psychologie in der Tat nicht imstande ist, ohne be- 
sondere Bülfskonstruktionen (vgl- das Kapitel „antochthone 
Grundlegung der Logik", ^ 84 ff.) die logischen Probl^ne sn 
behandeln, will er die Psychologie ganz eliminierNi und 
damit das Ix^sche vom PsychologisohMi absolut trennen. 
Dabei bleibt die Tatsache bestehen, daS alle logischen Qe- 
setze sieh wenigtens zimäehst auf die tatsächlichen Denk- 
vorgänge beziehen. So gewiß wir bei der Erforschung diseer 
Gesetze nicht den tatsächlichen Ablauf der Denkvorgänge als 
solchen untersuchen, sondern mit Bezug auf seine Richtig- 
keit prüfen, so gewiß haben wir es dabei doch noch immer 
mit den Denkvorgängen zu tun. Ohne diese hätte die Logik 
überhaupt kein Objekt ihrer Tätigkeit. Selbst wenn man 
eine besondere Welt logischer Gegenstände anerkenn^i wollte. 
könnte sie doch nur durch Vermittlung psychischer Vor- 
gänge uns zugänglich werden. Eine Ausschaltung der Psy- 
chologie wäre also selbst dann noch ganz unmöglich. Tat- 
sächlich ist diese Ausschaltung in d€ai Werken der Logizisten 
auch gar nicht durchgeführt. Allenthalben handelt es sich 
auch bei ihnen durchweg um psychi&che Vorgänge, speziell 
Denkvorgänge, die nur von einem besonderen Standpunkt 
aus betrachtet werden. 

Da dies Werk nicht der Erkenntnistheorie, sondern der 
Logik und zwar im alten Sinn der formalen Logik gewidmet 

„.,,„,^.oogic 



1. Kapitel BAeontnistheoretiadie GiUndleminr. 361 

ist, maä di« Kritik der Hsaptansiehteti sich auf diese kurzen 
Site besekränken. Nacbdem sich hierbei schwere Bedenken 
gega die psyehophraiscbe, idealistieebe, e^otistische, pfaäno- 
iBeaiüatiaehe and loflizistisehe Ansicht ergeben haben, leg« 
ich ^ von mir vertretene sechste Ansicht, den Binom is- 
niQs der folgenden Darstellong zn^rnnde. Es soll jedoch 
aUeathalben auch weiterhin der erkenntnistheoretieehe 9t«Dd- 
imnkt der anderen Ansichten, soweit erforderlich, mitberüek- 
uektigt werden. Überhanpt ist naohdrücklieh nochmals zu 
betoaen, daß die Lehren der formalen Logik auch unabhängig 
von diesem oder jenem erkenntnistfaeoretischen Standpunkt 
als solche zoreeht beeteben, und daS die erkenntnistbeo- 
retiscbe Qmndlegang im wesentUchea nur die Stellung der 
logischen Lehren im Qesamtsystem der Philosophie betrifft 

( 59. Die drei Gmudbesi^iiiigra. Dia Famdaltea und 
die GegeMtibide (Argummite) der VoisteUnngciL Die Gr- 

kenntnigtheorie im weitereu Sinne (als Gignonwnologie, vgl. 
S.lla.241) hat das Gegebene (dieOignomene) zerlegt und 
eingeteilt (vgl. S. 252). Die Zerlegung ist für jedes 
einzelne Gi^rnomeu in BeduktionsbestandteU (Bedukt, vom 
Standpunkt des Phüaomenalismos »Ding- an sich") und 
Parallelkomponente (psyeholi^iaebe Komponente) erfolgt. 
lue Parallelkomponente ist bei den Empfindungen (Ehnj^n- 
dungsgignomeDen) und den Vorstellungen (Vorstellungs- 
giKnomenen in dem umfassenden S. 252 festgesetzten Sinn) 
verschieden. Hierauf gründet sich eben die Einteilung 
der Gesamtheit des Gegebenen in Emi^iulongsgignonkeae 
und Vorstellnng^gnomene. Zugleich hat sieh eine be- 
stimmte Kückbeziehung der Vorstellungsgignomene auf die 
Empfindungsgignomene und eine Beziehung der letzteren auf 
die ihnen hypothetisch zugrunde gelegten, uns direkt nicht 
mgtuiglichen Beduktionsbestandteile ergaben. Während nun 
die Erkenntnistheorie diese B^iehungen nach Kausal- 
wirknngeD und Parallelwirkungen zerlegen mnfi, kann sieh 
die Logik in ihrer erkenntnistheoretiBchen Grundlegung da- 
mit begnügen, die Beziehungen nnzerl^ aufzuzählen und 
euzoteilen. Dabei ergibt sich, wenn man von den Empfin- 
dangen ausgeht, folgende Stufenleiter. An die Empfindung 
£ aeUieBt sieh das primäre Erinnerungsbild V (vgl. S. 4), 
7~ B, an die Oesichtsempfindang eines bestimmten Baumes 



OgIC 



2ß2 n. Teil. Eikenntnislhnretjsche unr. On mdicgung fe r LocilE. 

da» optische Eritmerun^bild diese« Baumes*). Die Be- 
sdehnDg von V aaf E soll dnrcli das Symbol Y^-E aofi- 
gedrftckt und kurz als Erinnernnffsbeziehnng: be- 
zeichnet werden. Bie Eigenartigrkeit dieeer ,iR ü c k - 
beziehnn^' (vgl. S. 251) wird von der ErkeantniBtheorie 
ansführlich erörtert; die Lo^k kann sie als gegeben voraus- 
setzen (siehe jedoch auch nnten S. 268). Die EmpflndTing' 
ihrerseits hat eine eigentümliche Beziehnng za einem hypo- 
thetischen Beduktionsbestandteil (Ding an sieh) B, den sich 
der I^ysiker, wenn es sich tun einen Baom handelt, etwB al» 
einen Komplex von Molekülen denken würde. Diese Be- 
ziehnng mag Reduktbeziehnng oder Dingbezie- 
hnng heißen und symbolisch durch E-*-B ausgedrückt 
werden. Auch diese Beduktbeziehung wird von der Er- 
kenntnistheorie untersucht und von der Logik, soweit sifr 
überhaupt Veranlassung hat sich mit ihr zu beschäftigen, aus 
der Erkenntnistheorie einfach übernommen (siehe jedocit 
auch S. 268). Die dritte Beziehung besteht zwischen des 
Denkvorgängen im weitesten Sinn V, welche sicli an die 
primären Erinnerungsbilder anschließen und mit diesen sie 
Vorstellungen im weitesten Sinne zusammengefaßt wurden, 
einerseits und den primären Erinnemngsbildem anderseits. 
Man denke etwa an die Beziehung zwischen der Allgemein- 
vorstellung „Baum" und den primären Erinnerungsbildern 
einzelner Bäume (Baumindividnen) oder an die zusammen- 
gesetzte Vorstellung eines Walds, einer Melodie nrf. oder an 
das Urteil „der Banm hat einen Stamm" usf. Diese dritte 
Beziehung bezeichne ich als Denkbeziehung und sym- 
bolisch mit V-^V*). Innerhalb dieser Denkbeziehung be- 
stehen noch mannigfache weitere Abstufungen, indem Vor- 
stellungen höherer Ordnung sieh auf Vorstellungen niederer 
Ordnung beziehen, etwa im Sinne der Symbole V"^-V, 
V"'-»-V" usf. Bei weitaus den meisten Denkergebnieeeii 
haben wir es bereits mit solchen höheren Stufen zu tun, so 
daß die Beziehung auf V keine direkte mehr ist Wie E die 

') Dabei imiQ noch von jeder ZusammPtifassuns (OesUltauffossuns) usL 
abgesehen werden, da eine solche schon über die einfache prim&re Eriune- 
rting hinausseht 

^ Vgl. z. B. meine ErkennlTustheorif^ Jena 191S. S. 288 u. 30a 
') Unter V hat man sich hier stets mehrere Vorstelhmgen — min- 
d«slens r.mei — zu denken. 



OgIC 



I. Kapitel. ErkenDtnistheoretiEche Gnindlecans. 263 

„Grandempfindang" für V ist, so ist V die „Qrnnd- 
Torstellnng" für V, V die GnuidTorstellTinff för V" 
nrf. Allen diesen Beziehungen der 3. Klasse (V'-^V) bleibt 
aber (^meinsam, daß es sich um Beziehungen von V ü r - 
BteUnn^en (im weitesten Sinne) untereinander 
bieht von VorBtellnDgen anf Empfindungen wie bei der 
1 Klasse) handelt. Nach der in ^ 1 gegebenen Definition der 
logik hat die letztere «6 unmittelbar ^wziell nur mit der 
dritten Beziehung zu tun und zwar in Gemeinschaft mit der 
BrkemitniBtheorie (s. str.). "Die beiden anderen Beziehungen, 
E-*-E nnd V-*-E, feommen fÖr die Lt^k nur insofern in 
Betracht, als sieh die Benkakte mittelbar, d. h. durch Ver- 
mittlmig von V, zu einem großen Teil doch in letzter Linie 
auf ein E oder sogac ein hypothetisches B beziehen 
(V-^V-*-E oder V-*-V-^E-^R) und die größtmögliche 
Übereinstimmung mit den E's bzw. B's bezwecken. 

Ganz allgemein kann man sagen, daß das Denken fsich 
auf irgendeinen „Tatbestand" bezieht und dieser Tat- 
bestand bald im Bereich der R's, bald im Bereich der E's, bald 
im Bereich der V's liegt. So kann sich z. B. das Benken auf 
die Molekularformel des Benzols (hypothetisches R) oder auf 
üeParbe eines Minerals (E) od. auf die Teilvorstellungen (V) 
eises Vorstellungskomplexes beziehen. Im zweiten Falle 
wird R, im dritten R and E unberücksichtigt gelassen. Ja 
Bogar derselbe Satz, in dem wir einen Gedanken V formu- 
lieren, bekommt, je nachdem man ihn nur zu V oder auch 
zu E oud B in Beziehung setzt, eine verschiedene Bedeutung. 
Die eben erörterte genetische Beziehung höherer, 
d. h. abgeleiteter Vorstellungen auf niedere kann man in 
Anlehnun« an Meinong u. a. (vgl. § 45) auch als ,^Pun- 
dierung" eines „Superins" anf „Inferiora" und demgemäß 
Vals fundierende, V als fundierte Vorstellung be- 
zeichnen. Nicht aber darf man die fundierten Vorstellungen, 
wie dies sehr oft geschieht, als „Vorstellungen von Voratel- 
loogen'* auffassen. Man denkt sich nämlich zuweilen, daß 
wir imstande seien, von einer Vorstellmig V, uns nochmals 
— gewissermaßen reduplizierend oder reflexiv — eine Vor- 
stellung' zu machen, also etwa im Sinne des Symbols V (V.). 
IHe Selbstbeobachtung zeigrt jedoch, daß der Veranch einer 
•olehen Bildung von Vorstellungsvorstellnngen absolut 
eeheitert: wir kommen öbor die Vorstellung V:, nicht 



2frl IL Teil. Erkennlnistheorotisch« us*'. Gnindlesung der Logik. 

liiuaus*). Wohl aber ist es uns möglieb, mit Hilf« 
anderer Vorstellungea im Anschluß an V, dank den 
drei Grandfanktionen (vgl. § 70) nene Voratellnngen V so 
bilden, die sich in irgendeiner Weise anf V« beziehen, also 
— nach der eben angeführten Terminologie — VorvteUnnuen, 
die anf V. nnd andere Vorstellimgen „fnodiert" sind and 
daher eine Deukbeziebong zn Vg haben. Eb mnß an schweren 
MiSverstandnisBeo führen, wenn man solche fundierten Vor- 
stellungen als „VorstellongMi von Vorstellungen" bezeidbnet 
Man wird dann immer wieder zu der soeben abgewiee^Mo 
Annahme verführt, wir krämten ohne Hilfe anderer Vor- 
stellungen von einer und derselben Vorstellnng V, uns noch- 
mals eine Vorstellung machen, die vMi V • selbst irgendwie 
.verschieden wäre. 

Es ist ferner zweckmäßig, den Terminus „Fundierodff" 
auch auf die erste und zweite Beziehung anzuwenden, al0O 
quch von einer Fnndiemng des primären Erinnernngsbildee 
V in") der Empfindung G und — unter bestimmten 
erkenntnistheore tischen Vorbehalten — von 
einer Fundierung der Empfindung E in dem hypothetisch 
hinzugedachten Redukticmsbestandteil B (Bednkt, Ding an 
sich, Beiz der naiven physiologischen Auffassung usf.) m 
sprechen. 

Das Fundierende (Meinongs Inferius) soll nunmehr ganz 
allgemein als Fun dal (Plural Fundalien), das Fundierte 
als Edukt*) bezeichnet werden. E ist also das Edukt von 
B, B das (hypothetische) Fundal von E, V das Edukt von K, 
E das Fundal (die Grundempflnduug) von V, V das EdnW 
von V, V das Fundal (die Grund Vorstellung) von V, V" das 

*) Vgl meine GnindL d. Psychol. Bd. 3; S. 17 H. (namenU. S. 24). t»« 
dit enüeiengeaetzte Ansidit vgl. z. B. Brentano, PsycboloBie v. empir. Standp., 
Lpz. 187Jv S. 166 f[. 

") Die Ausdrücke ,4^]ndie^uue in . . ." und „Fundierung durch . . ■" 
und „Fundierung auf . . ." sind gleichbedeutend. 

*) Die naheliegende Bezeichnung .Produkt" vermeide ich, weil äe tu 
dem Intum verfahrt, als bitchte der Gegenaland selbstAndig und alleio au^ 
sich das Edukt hervor. Überdies wird der Ausdruck „Produktion" bereits von 
der Meinoneschen Schule (vgL namentl. Ameseder in Heinongs Unten >' 
■ Gc»cnslandslheorie u. Psychologie, Leipzig 190t, S. 488) in einem abweidien- 
den — vor allem engeren — Sinn sebiaucht — Mit der edoctio der Scto- 
lastiker hat das Edukt, wie es oben itemeint ist, nichts zu tun^ diese bedwict 
vielmehr die eductio fonnae de polentia matej-iae, — Die etwa in Antohmu» 
an Wundt naheliegende Bezeichnung „Resultante" acheint mir fthnlichen Be- 
denken zu unieriiegen wie die Bezeichnung „Produkt". 

„.,,„,^.oogic 



1. Kvitel. ErtcenntftiBUworatis^e GmndlegunK. 2S5 

Ednkt von V, V das Fundal von V usf. Orundempflndang 
nmi GnmdTOTStelliin? (S. 262) sind also Spezialfälle eines 

Besondere Verhältoiase ergeben sich, wenn das Fondal 
t)?endwie zasammengeBetxt ist. Dann besteht nämlich die 
Terarbeitmig: des Fnndals zom Ednkt meistens aaob darin, 
M mir Teile des Fnndals für die Bildnng des Ednkts ver- 
wertet werden*), während die übrigen Teile unverwertet 
bleiben. Von ersteren werden wir später auch sagen, dafi 
sie isoliert, von letzteren, daß sie weggelassen oder 
reprimiert werden. Wenn wir z. B. zwei Engeln ver- 
fleiehen nnd zn dem Ednkt gelangen, dafi sie gleich groß 
Bind, so ist nnr die ränmliche Ansdehnung der Kngeln ver- 
wertet worden ; Farbe nsf . sind reprimiert wordm. 

Es empfiehlt sich, denjenigen Teil des Fnndals bzw. ,der 
ftindalien, der zur Verwertung bei der Bildnng des Edukta 
gekommen ist, und anf den sich daher das Ednkt speziell 
hezieht, d. h. also das zu V speziell gehörige V nnd 
das zu V" speziell gehörige V mit einem besonderen 
Namen zn belegen. Als solcher soll hier das Wort „Q- e g e n ~ 
stand" oder „Objekt" verwendet werden. Die Kngeln 
uosraes Beispiels sind das Fnndal, ihre OrÖfienielation der 
Gegenstand des Gleicbheitsurteils, das Gleichheitsurteil 
selbst das „Ednkt", die Vorstelltmg der Gleichheit der 
Engeln der ,JnhaIt" des Ednkts (vgl. ^ 72). Ein anderes 
Beispiel für diesen wicht^n unterschied ist der Satz von 
der Inhaltsgleichheit solcher Dreiecke, die in Grundlinie und 
Höhe übereinstimmen. Wird dieser Satz etwa für die Drei- 
ecke ABC nnd A'B'C bewiesen, so sind die Dreiecke selbst 
einsehliefilich aller ihrer Eigenschaften und Belatiotaen 
dss Fnndal des Satzes, hingegen ist sein Gegenstand 
nur die Inhaltsgleichheit von ABC und A'B'C'. Der Inhalt 
des Satzes „entspricht" dieser liohaltsgleichheit. 

Der Gegenstand ist also, kurz gesagt, der speziell ver- 
wertete Teil des Fnndals. Nnr ausnahmsweise, nämlich wenn 
SU keine Weglassungen erfolgt sind, fällt der Gegenstand 
mit dem Fnndal zusammen. Dabei steht nichts im Wege, 
das gesamte Fnndal auch als Gesamtgegenstand 
'Gegenstand im weiteren Sinne) zu bezeichnen. 

^ Du fänUchtie Bei^icl dieser partiellen Verwertung ist im Bereich 
^ Erapfindongen in der sog. scnsohrilen AuFnuriisarakeit geit^ben. 



OgIC 



2g6 n. Teil. EikennlniBtheoKtisehe usw. GnindlesniiB der Logik. 

Eine scharfe Abgrenznng zwischen Fandal und Gegenstand 
ist nbrigens ohnehin sehr oft überhaupt nicht möglidk, da die 
Isolation des Gegenstandes aus den Fundalien gradweise ver- 
aehieden ist (vgl. S. 317 u. ^ 90), insofern wir manche Teile 
hei der Bildung des Edukt« nicht vollständig weglassen, son- 
dern nur „reprimieren". 

Anch die Bezeichnung „Gegenstand" beschränken wir 
. nicht auf die Beziehung der Vorstellungen zueinander, son- 
dern dehnen sie auch anf Empfindung und Beduktione- 
bestandteil aus. Es ist also nicht nur V der Gegenstand von 
V" und V der Gegenstand von V, sondern auch E der Gegen- 
stand von V und B ein hypothetischer Gegenstand \'on E. 
Daraus erhellt zugleich, daS dasselbe V je nach der Be- 
ziehnng, in der es betrachtet wird, bald Edukt bald Gegen- 
stand ist"). 

H&n hat darauf zu achten, daB mit dem Terminus „Gegenstand" der 
tats&chliche fundierende Gegenstand gemeint ist, nicht aber die Vor- 
stellung, die wir uns oft noch sekundär Ton diesem Bezugsgegenstand tnachen. 
Gegenstand und Gegenstandsvorstellung sind im allgemnnen 
nicht identisch. So denken wir uns zur Phantasievorstellung eines Gartens 
wohl änen solchen Garten als Gegenstand hinzu (= GegensUndsrorsteUung), 
aber gegeben sind mir als zugehörige Gecenst&nde nur die Erinneiun^ildei 
früher gesehener Bäume, Beete usf., aus denen ich die Phantasievorstellung 
zusammengesetzt habe. Nicht selten ist die Gegenstandsvorst eilung geradezu 
falsch. So kann z, B. der tatsächliche Gegenstandskomplex 6 X 17 zu dan 
Vorstellungsergebnis 103 gefQhrt haben, ich mir aber nachträglich infoige einer 
Verwechslung 7 X Iß als Gegenstand vorstellen. Hier ist S X 17 der Gegen- 
stand und 7 X 16 die (falsche) Gegenslandsvorstellung. Ebenso beachte nun, 
daß die Gegenstandsvorstelluns, wie auch schon das letzte Beispiet zeigt, vod 
der auf den Gegenstand sich beziehenden Vorstellung verschieden ist Die 
Vorstellung 102 bezieht sich auf %y.n als ihren Gegenstand und ist also mit 
der Vorstellung des Gegenstandes, d. h. mit der Vorstellung 8X1' biv,-., im 
Fall der eben erwähnten Verwechslung, mit der Vorstellung 7 X 16 durchaus 
nicht identisch. Man muB sich nur vor dem weitverbreiteten Irrtum hüten, 
als sei der I n h a 1 1 einer Vorstellung ihr Gegenstand, als richte sich bei der 
Vorstellung ein „Akt" auf ihren Inhalt als Gegenstand. Der Inhalt einer 
Vorstellung liegt fOr den von mir vertretenen Standpunkt, wenn man es etwas 
drastisch ausdrOcken will, stets innerhalb seiner Vorstellung. Vgl. aucb 
§ 72. 

Ist eine Kette fundierender und fundierter Gegenstunde 
Sieben, z. B. B, E, V, V, V", V" usf., so kann man, wenn 
man von der Vorstellung, welche die Kette afoschlieSt, als» 
z. B. V'" ausgeht, diese alsTerminaledukt, Y' als ihren 
Prozimalgegenstand (direkten Gegenstand) und 



») Diese Relativität gilt natürlich auch für V. V" uat (s. S. 3WJ- 



1. Kapitel. ErfcenntiiisUieoretische Onindlegung. 267 

dieEeihe V, V, E, R als die Distal gegenstände (in- 
direkte Qe^nstände) bezeichnen "). Der distalste (ent- 
fmiteste) Ge^nstand mag der Prinzipialgegenstand 
ieißea, die zwiechen dem Proximal- nnd dem Prinzipial- 
KSKemtand eingeschobenen Gegenstände sind die inter- 
mediären Gegenstände. Analoge Bezeicfaniingen er- 
gtben sich für die Fnndalien. 

Im allgemeinen bezieht sich jede Vorstellung ent- 
sprechend ihrer Genese anf den zugehörigen Proximalgegen- 
sland, also z. B. V anf V, indes wird, sehr oft in nnserem 
Denken auch eine Vorstellong auf einen genetisch ent- 
feroteren Gegenstand, also V z. B. auf E oder sogar auf ein 
hinzugedachtes hypothetisches K bezogen. Wemi ich bel- 
tpielsweise jetzt die Vorstelinng V des Mondes und eines 
Sternes reproduziere (ohne beide zu sehen) und die Vorstel- 
iong V des Größenuntersehieds beider Gestirne bilde, so be- 
gehe ich diesen Größennnterschied in der Begel gar nicht 
anf eine Verschiedenheit der Vorstellungen V,") sondern auf 
•iie Empfindungen, die ich von Mond und Stern frtther 
gehabt habe, und noch öfter anf Mond und Stern selbst, d. h. 
auf die B'a, die ich mir hypothetisch für die Empfindungen 
denke (also auf die ,J)inge" dee naiven Menschen). Die Denk- 
iKziehtmg kann also eine oder mehrere Glieder der Kette der 
genetischen Beziehungen (der Fundierungsbeziehungen) ge- 
wifiBermaßen überspringen, sie ist nicht an den Proximal- 
S^nstand im genetischen Sinne gebunden. Anders aus- 
sedrüekt: ich beziehe sehr oft V" nicht auf V°-', sondern 
ir^ndein V mit noch niedrigerem Index oder auf E oder 
auf B. Es wird also nicht nur der „Gegenstand" unter den 
fWdalien einer Stufe (z. B. der V-Stufe oder V'-Stufe) 
jwliert", sondern außerdem auch jede Vorstellung bald auf 
den Gegenstand dieser, bald auf den Gegenstand jener Stufe 
beiK^Q. Unter den genetisch beteiligten Gegenständen der 
einaelnen Stufen findet gewissermaßen eine Auswahl eines 
nBezngsgegenstandes" statt. Dieser für die Logik besonders 
^chtige Gegenstand, auf welchen die Vorstellung bezogen 
wird und anf den anch unsere (JegepstandsvorsteCung 
(S. 266) zielt, soll als Gegenstand im prägnanten 

') Die S. 181 aoKefahrten Meinongschen BezeicKnungen (primärer und 
s*adirer Geiensland) gdien allzu leicht m VerwechBlunaen AnlaB. 
**) In di«Km Fall Urnen die Inhalte der Vorstetluoseii in Betracht. 



i,l^.OOglc 



268 n. Teil BitMintnisUiwrriiae he u«w. Gnm dlegnni der Logik. ^ 

Sinn bezeichnet werden. Wenn im folgenden von Gegen- 
standen gesprochen wird, sind stets GegenEctände in dieeem 
engeren prägnanten Sinn gemeint, Soll der Gegenstand im 
prägnanten Sinn ausnahmsweise aosdrücklich von dem 
Gegenstand im alig«meineren Sinn unterschieden werden, so 
bezeichne ich den ersteren als „Argument"'*). 

Die eikenntnistheoretische Deutuns dieser verschieden&rÜKen ROck- 
beziehun« ist ebenso schwierig wie ihre psychologische Ch&nkterislik. Wif 
mOMen fragea: Worin besteht psycboloEisch und «rkenntnistheoratisch d«r 
Unterachied, wenn ich irgendein V", z. B. ein Gleichheiisurieil, einmal auf 
zwei gleiche Vorstell ungen, z. B. zwei Erinnerungsbilder, und ein anderes Mal 
auf zwei gleiche Empfindungen, und em drittes Ual auf zwei gleiche „Dinge" 
(Reduktion sbestandteile usf.) beziehe? Daran knOpft aich unmittelbar die 
prinzipielle Fxage, was Oberhaupt dies ,.Bezieheii" bedeutet: was komnl zu 
der genetischen tatsftchUchen Denkbeziehung hinzu, wenn wir nun eir 
Ziehung auf ein Argument, bald ein näheres, bald ein ferneres, hinxu- 
denken? Uan hat, um diese Fragen zu beantworten, zuweilen eine 
sonderen „Objektivierungsakt" oder ein besonderes „BeziehungsbewuBtseiD' 
zu Hilfe senommen. Hit dem Unterlegen einer solchen Seele ntitigkeit oder 
eines solchen Seelenvermögens ist indessen gar kein Fortachritl unserer Ein- 
sicht erzielt, sondern nur ein flbertläsBiger, miBversländlicber Terminus 
RefOhrt. Wohl aber öftnet uns folgende, hier nur al«ekürzt wiedergegebenc 
Überlegung einen Weg zum Verständnis. Wenn aus einer Empfindung 
ein Erinnerungsbild V, dann eine Vorstellungsveriiindung V "), V" ust. ent- 
steht, so sind bestimmte psychische Funktionen wirksam, und zwar bei der 
Bildung von V die Ged&chtnistu nktion (Hetention), bei der Bildung vc 
V" usf. die oben (5. 2ßSi) angeführten Difierenzierungsfunklionen (Synlhesev 
Analyse und Komparation), die uns später noch ausfflhrlicher beschäftigen 
werden (vgl % 70). Die BOdbeziehung auf das Fundal und daher auch auf 
den Gegenstand gehart zum Wesen dieser Funktionen. E ist in V, V in V, 
V in V" usf. enthalten, voraus dann weiter folgt« daB E auch in V uod 
in V" usf. enthalten ist. Von meinem erkenntnistheoretischen Standpunkt 
(vgl. S. 260) muB man sogar hinzufagen, daß in anabger Weise auch die 
Reduktionsbestandteile R in den E's, Vs, V"s usf. inexisUeren. Damit wird, 
nun zunächst die bewuBtc RQckbeziehun g der Vorstellungen auf 
ihre Fundalien (bis H einschlieBlich) zwar nicht eAl&rt, aber doch im Sivn 
einea allgemeinen Zusammenhanges verst&ndlich. Es besteht eben nicht nur 
eine genetische Beziehung zwischen den sukzessiv auseinander hervor- 
gehenden Fundalien, so daß etwa mit dem Zustandekommen des Edukts du 
jeweilige Fundal ganz verschwunden w&i«, sondern es besteht dank dieser 
Inexlstenz auch eine fortlaufende RQckbeziebung, die eben in 
dem Beziehen der Vorstellung auf ihre Fundalicn zum Ausdru(± kommt 
Die Isolierung des speziellen Gegenstandes aus den Fundalien (s. oben 
S. 266) erkl&rt sich ausreichend aus unserer analytischen Funktion (v^ 

'>) In Anlehnung an die Terminologie Freges (vgl. § 76). Auch die 
der Termiiwlogie der Logarithmen entlehnte Bezeichnung „CharakterisUlt" 
scheint mir passend. 

'■) Selbstverst&ndlich sind mehrere Vs erforderlich, um ein V zu bilden 



1. KapileL Eikenntnistbeoretische Gnindiesung. 269 

S. SUIL). Die Tatsacbe, daß wir nun weiterhin eine Vorstelluns V", z. B. 
a Gleicfaheitsiirteil, bald auf V, bald auT V, bald auf E; bald auf R zurOck- 
kiidKn, also unsrcr Vorstelluac V" bald dieg, bald jenes ,^ r 8 u m e n t" 
Rhu, ist pBTcholtWiach so zu verstehen, daQ vir das Denkerietais V", das 
ranilnKtich nur auf V sich besieht, »ekuDd&r retrograd auch auf V oder K 
oim R öbertiasei). StreoK BenomniMi taiuidelt es sich dabei um einen 
Wtctoel der oben (S. 266) erw&hnien Gegeogtandavorstellung, An Stelle 
dv uCajwclichen Ges^isULndavorslelluDK im Bereich der V Irilt eme neue 
M Befäcb der V oder der E oder der R auf. iltn kann auch durch Selbst- 
MocbtunK leidit feslalellen, daß in der Tat eine solche Substitution einer 
stfaadiren Gecenstandavorelellusg stalUlndet. Erifenntnistbeoretisch liegt 
it Bedeutung dieser Substitution daria, daS wir nicht nur durch unmittel-' 
btre Verwertung der EmpfindungMi dirdtt zu Vorateliungen (Erkenntnissen) 
ran diesen Empfindungen und ihreo Reduktionsbestandl eilen Belangen können, 
»mlem auch indirekt auf dem Umweg Ober viele V und V" usf. Voretel- 
luBten von den E's und R's za bilden imstande sind. 

Ihn diese wichtisen Sitze vor iedon Mifiverständnis zu schützen, mag 
■ucb das folgende Beispiel ansefOkrt werden. Gegeben seien S Seiten eines ge- 
leiduwteB Dreiecks a und b als zwei GesichlsempflndungenEB and Eb. Dann 
Unn ich an diese EnqifinduDgen unmittelbar das Gleichheitsurleil X'") an- 
''iltoi: Ea = Eb , d. h. die beiden Seilen erscheinen mir gleich lang (ihre 
SctfföSea siiid d^cb). Die Gesicfataempündiing des ganzen Dreiecks ist 
<lu Fpodal für mein Gleicfabeitsurteil V, die Geuchtsenmtiodung der beiden 
Satediiisen, also ein Teil der GesamtempünduDg, ist der Gegenstand des 
Gleidiheitsurteils und, solange ich mich in dem Gleichheitsurteil auf das 
Olodier scheinen der beiden Seiten, also die Gleichheit im Bereich 
iter Empfindungen beschränke, zugleich auch sein Argument, d. b. sein 
Geiaistand im prägnanten Sinne. Sehr oft übertrage ich nun aber dieses 
Gleichbeitsurteil auch auf die Seiten selbst >*), mag ich mir diese im naiven 
Sinn als Dinge oder als Reduktionriiestandteile oder als Holekülreihen oder 
alt sonstige Reize denken. In diesem Fall, d. b. fOi' dies abgefinderle Gleicb- 
hnlsurleil sind nicht mehr £^ and Eb , tiondem Ba und Rb ^as Argument ^^). 
Das Cldchheilsurteil, das genetisch nur indirekt zu Et und Bb in Be- 
gebung steht, wird jetzt direkt auf Ba und ßb bezogen. Die sekundäre ge- 
dachte Beziehung ist von der prinAren genetischen zu unterscheiden. Noch 
ifbeblicher ist die Ab&nderung, wenn ich das Gleichheitsurteil nicht an die 
Geaichtse mpf indung einer Figur, sondern an das Erinnerungsbild einer 
solchen angeknüpft habe. Ich habe z. B. ein Zimmer gesehen, ohne zunächst 
auf das Verhältnis seiner Länge a zu seiner Breite b zu achten. Später stelle 



") Man beachte, daD V hier noch ganz allgemein als Syntbol für ledes 
Ilaikergdtnis [Yoistellungea s. Str., Urteile, Schlüsse usf.) verwendet wird. 

'*) Im täglichen Lehen halte ich mich sogar meistens bei dem Urteil 
fiber die Empfindungsgleichheit gar nicht auf, sondern substituiere ihm sofort, 
lewiioermaBen instinktiv das Urleil über die Gleichheit der hypotbeti sehen 
Heize („Dinge"). Andrerseits zeigen viele Tatsachen — man denke z. B. an 
die pb^atologische Optik — , daß wir unser Gleichheitsurteil auch ausdrOcklich 
auf die Empfindungen beschränken, also die E's seihst als Anument fest- 
HUen können; die Übertragung muB also nicht stattfinden. Vgl S. 267. 

") Da£ in diesem Fall R^ und.Rb nur hypothetisch hinzugedacht sind, 
muB dabei im Auge behalten werden. 

^- „.,,„,^.oogic 



^70 ^ '^^ EikenntniaUieoTetJBche uaw. Gniodlagu ng d er Logik. 

ich mir das Zimmer nieder vor (V) und knüpfe nun an diese Vorsttl- 
luns das Gleichheitsurteil V: meine VorsteUung der Zimmeriing« und 
meine VoratelluDS der Zimme^reite sind Bleich (T. = Vb). Ke Fundalien 
dieses Gleicbheitsurteils V* sind jetzt die Gesichtsempfindung des Zimmers 
(distales Fundal) und das Erinnenmgdiild des Zimmers (proiinules Fundai;. 
Die QesichtsenmflnduoK der Zinuneri&nse und Zimmeibreil« ist der distale 
Gegenstand, die GesichtavorsteUimK der Zimmerl&nge und Zimmertireite der 
proximale (aus der Gesamtvorsletlung isolierte) Geeenstand und zunächst anch 
das Argument des Gleichheilsurteils V ^nämlich V» = Vb)- Und wiedwujn 
vollziehe ich nun meistens retrograde Obeitragungen, indem ich der Gleich 
heit der Vorstellungen die Gleichheit der Empfindungen und dieser die Gleich 
heit hypothetischer Dinge, also der von mir als vririclich gedachten Zimmet- 
seiten substituiere. Damit wird al>er G bzw. R an Stelle von V zum ArgumeDt 
dieser aligeftnderten Gleichheitsurteile (£.=:]!>> and Rs ^ Bb)- ^^ ^- 
gebnis fällt jetzt also gerade so aus, als ob ich das Urteil unmittelbar im 
Anschluß an die Empfindungen gelallt hätte. Auch in diesen zweiten Fall 
wird in der Regel die Substitution gewissennaBen instinktiv sofort vor- 
genommen, so daß das phmire GlekMeitsnitnl V^ ^= Vb uns kaum zum 
Bewußtsein kommt. Ich kann aber wiederum auch bei der Vorstellun^- 
gletchheit, also auf der proximalen Stufe stehHi bleiben. — z. B. aus wisseo- 
schaftlichem psychologischem Interesse — ~ und die Vorstellung als AiguaKDl 
festhalten. — In der Selbstbeobachtung ist es oft gai nicht Uitibi, die drei 
GleichheitBurteile zu uaterscheiden i*) ; es kommt eben auch bei V^^W 
die Inazisteikz von Es und ICb bzw. H« uad Rb ^^'^ Geltung. Zu einer 
scharfes Trennung gelange ich erst, wenn ich bestimmte allgemeine Büb- 
begiifle (Seelisches, KCrperliches, Wahrgenonunenes, Gedachtes usf.) beran- 
ziebe. 

Die „Gegenstände" in dem jetzt hier festgesetzten Sinne 
müssen «charf und durchaas von den „Gegenständen" man- 
cher logiziBtischen Erkenntnistbeoretiker und Logiker (vgl. 
% 45 f.) getrennt werden "). Diese nehmen an, daß die Gegen- 

■•) Uan achte z. B. aul das Urteil; „Zimmerlängc und Zimroerbiei(<: 
sind in meiner Erinnerung gleich". 

") Auch sonst ist das Wort „Gegeusland" in dem allerverschiedensteo 
Sisn gebraucht worden. Kanl verwendet es zuweilen (bei weitem nicht stets) 
lakt in demselben Sinn wie ich oben; vgl z. B. KriL d. rein. Venu, 1. Aufl, 
Erdm. Ausg. S. 137, Kehlt. Ausg. S. 133. — Brentanos Gegenstand {iti- 
Psychol. V. emp. Standp., Lpz. 1874, S. 101 ff.) ist im wesentlichen mit dMs 
Vorstellungsinhalt meiner Terminologie identisch; statt nämlich die Vorslel- 
luag als Ganzes als Akt aulzufassen, nimmt Br. bei jeder Vorstellung einen 
Akt an, der auf den Vorslellungsinhalt gerichtet ist (intentionale Inexisleiu 
Brentanos). Auch der Lippssc^ GegenstandsbegrilE (vgl. LeitE. d. Psych., 
3. Aufl. Lpz. 1909, S. &f!.) hat mit dem hier festgesetzten BegriH nichts m 
tun. Slumpfs ,tKorre]ate" (vgL S. ISd) decken sich nur teilweise mit ibii>- 
Nur insofern stimme ich mit allen diesen Autoren sowie mit den Logizisten 
Oberein, als ich gleidiifalls behaupte, daß der Vorstellungs i n h a 1 1 nicht ntil 
dem Vorstellungs g e g e n s t a n d identisch ist. Besonders klar hat K. TVai- 
dowski diesen Unterschied zwischen Inhalt und Gegenstand dargelegt (Zur 
Lefare v. Inhalt u. (Gegenstand der Voitatlungen, Wien ISMO- VgL anch 



. Kapitel EAenntimtheorettscbe GTUiid)eeuDe. 271 

stände des Denkens D«ben den psychi^hen Prozessen und den 
Bedoktionsbestandteilen (,J>ingeu", Beizen, Dingen an eiich 
usd eine dritte besonder Art des Seins bilden. Hierher gt- 
boren z. B. die „Vorstellongeu an sich" Bolzanos und die 
„bestehenden" G«g«istäQde M«inoDg8 ivgi. S. 178 ff.). Daß 
fÖT eine solche Annahme alle Anhaltspunkte fehlen, wnrde 
schon 8. 258 ff. bei der allgemeinen Kritik des Logizismos er- 
örtert; ich kann sogar nberhanpt keinen klaren Sinn mit dem 
Begriff der It^rizietischen Gegenstände verbinden. Die Logi- 
nsten bernten sieh zuweilen darauf, daß wir auch Phantasie- 
^'orgtellnngen "), z. B. eines goldenen Weltkörpers oder des 
Maiqnis Posa, und sogar der Erfahrung widersprechende 
oder in sich wid^sinn^e Vorstellungen, z. B. des Peter 
Sehlemihl oder eiaes viereckigen Dreiecks bilden könnaii, 
and daß für solche Vorstellungen weder ein wirklicher Beiz 
noch eine wirkliche Empfindung in Betracht kommt. Indes 
üt auch diese Berufung nicht stichhaltig. Die Gegenstände 
dieser phantastischen und widersinnigen Vorstellungen sind 
die einzelnen Vorstellungen"), ans denen sie zusammen- 
gesetzt fund (also die Vorstellungen: golden, Weltkörper, 
viereckig, dreieckig nsf.), und die Gegenstände der letzteren 
sind in letzter Linie die lugehörigen Empfindungen bzw. 

Zimmeimann, Philosoph. Propädeutik, Wien 1887, § IB u. SS u. Keiry. 
fitrteliahrsscbr. f. wiss. Philos. 1886, Bd. 9, S. 4S&, Bd. 10, S. 419^ Bd. 11, 
S. M, Bd, 13, S. 711 Bd. 14, 9. 317, Bd, 16, S. lS7u Auch die ForrauUenin«, 
d&S iet Inh&lt in der VontellunB und der Gegenstand durch die Vor- 
«WliuB voigesteUt venle, scbMnt mir unbedenUicb. — In der Frage, was 
denn nun der durch die Vorstellung vorgeBtellte Gegenstand ist, weiche ich 
nii dieaen Autoren weit ab, Daher kann ich auch die Bezeichnung des Vor- 
^HhingsiDhdts als des immanenten oder intentionalen Objektes im Gegen- 
uiz tum Gegenstand, auf den sich das Vorstellen bezieht (vgl. HöDer, Logik 
mler Mitwirkung Ton Meinong verfaßt, Wien 1890, % 6) nicht akzep- 
tieren, denn ich betrachte auch den letzleren Gegenstand (den Gegenstand 
■in obigen Daistellung) als der Votstellung inexistent, nur ist diese Ineüstenz 
(ine ganz andere als diejenige des Inhalts in der Vorstellung. 

") Auch zahlreiche Spekulationsvorstellungen (^1. S. 348) gehören 
hierh«. 

") Ich bestreite also mit Twardowaki (1. c, 31) gegen Bolzano u. a.. 
difi solche Vorstellungen „gegenstandaloa" sind, nach meinem Ermessen 
'iibai sogar auch sog. STokategorematische Vorstellungen wie „des Vaters"^ 
„mn" oaf. einen Gegenstand. Bolzano lehrt Obrigens selbst, daB gegenstands- 
^ Vorstellungen wie die eines viereckigen Dreiecks zwar keinen Gegenstand 
'»ben, ,4hre einzelnen Teile und die Art ihrer Veriiindung" at«r doch so be- 
^^iulCen seien wie bei Vorstellungen, die sich auf einen Gegenstand bezieben 
Wasnaduftalelve Bd. 1^ S. 81&ff. u. 383). 



272 ^- '''^''- Erkenntiüstbeoretiiche usw. Gmndlecuns öer Logik. 

Ding« oder Din^i^enschofteu g'leicben NftiaenB. Es liegt 
aber keinerlei Veraulaasung vor, auch für die Vorstellongs- 
kombination aU solche (als Q-anzea) einen entsprechend 
kombinierten Gegenstand anzunehmen. Wir haben kein 
Becht, ledig-licli nach einer oberfläcliUohen Analogne aoch 
solche Gegenstände willkürlich anzunehmen. Wir können 
uns wohl innerhalb bestimmter Grenzen das Erleben ph an- 
tastischer Empflndongskombinationen und das Dasein 
flotaprechender „Din«e" {Beize) nach einer unsicheren Ana- 
logie als möglich vorstellen, aber damit stellen wir nicht 
eine neue Seinsart vor, sondern immer wieder dieselbe Seins- 
art, die den Empfindungen bzw. Dingen (Be^n) zukommt, 
nur in einer neuen Kombination. Wir verfahren, genau ge- 
nommen, bei solchen Phantaeievoretellnngen, zu denen wir 
entsprechende „Dinge" hinzudenken, znnäehst nicht anders 
als bei den Vorstellungen der Bednkte (Bednktionsbestand- 
teile, Dinge, Beize, Dinge an sich, vgl. S. 25D), anoh diese 
Bedukte sind uns niemals als solche gegeben, sondern wir 
denken sie uns nur hinzu. Dieselbe gedachte Existenz — nicht 
etwa eine neue dritte — kommt auch den „Dingen" dieser 
Pbantasievorstellungen zn. Der erkenntnistheoretische Un- 
terschied liegt nur darin, daß jene Bednkte nicht nur ge- 
dacht werden, sondern außerdem auch in den Empfin- 
dungen inexistieren. Vgl. auch unten S. 309 f. über die 
„Geltung" solcher Vorstellungen und S. 266 über „Gegen- 
ständsvorstellungen" 1 

Es bleibt noch übrig, die Beziehung zwischen einer Vor- 
stellung (im weitesten Sinn) und ihrem Gegenstand durch 
einen besonderen Terminus zu bezeichneoi, da die Termini 
,3]rinnerungsbeziehnng'*, „Beduktionsbeziehung" und „Denk- 
beziehong" (vgl. S. 262f.) sich nur auf die allgemeine 
genetische Fundierang beziehen. Am besten eignet sich 
die Bezeichnung „Intention" („Gegenstandsbeziehung"); 
man muß dabei nur von den vielen Nebenbedeutungen, 
welche man dem Terminus „Intention" im Lanf der Zeit ge- 
geben hat (^ 20 u. 45), ganz absehen, so namentlich auch von 
der neuerdings oft hervorgetretenen Neigung, im Anschluß 
un Brentano die Beziehimg zwischen dem „Akt" des Vonttel- 
lens und dem Inhalt der Vorstellung als Intention zn be- 
zeichnen (vgl. S. 270, Anm. 17). 

Nachdrücklich muß betont werden, daß die Beziehung 
irgendeines Edukts auf seine Fundalien uns keineswegs 



OgIC 



1. KMiitel- Erfcenntnistheoretbch e On imUegung. 27 3 

i>aer als solche zom Betpii0t«eiü kommt logbesoDdere 
gUt dies TOD der Beci«hmiK der VorstellaiiK anf die Gmpän- 
dOf nnd von der BeslehDUfr der EmpfindtmK auf R. Wir 
iDteen solche BeEiehnngren nicht notwendig mitdenken**). 
So kaim z. B. das Eriniiernnc;sbUd eines Menschen in mir 
asfetei^n, ohne dafi ich mir bewnBt bin, daB es sich nm das 
Ermnerunffsbild einer von mir erlebten Empfindnng handelt. 
Auf dem Oebiet der Denkbeziehnng (V' -*- V), also anf dem- 
jenigen G«biet, das gerade für die Ix^ik speziell in Betracht 
kommt, fehlt jedoch im tatsächlichen Denkoi eine bewußte 
Bfiekbeziehnng fast niemals ToIIständig. Wenn wir nns auch 
nicht aller Fondaüen einer Vorstellmig V' bewußt werden, 
«0 denken wir doch wenigstens die Besüehnng anf die bei der 
Bildimg von V isolierten (Biehe oben S. 265) Fnndalien, d. h. 
(tifl Gegenstandfibeziehung oder Intention, mit. Da es für die 
Logik anf die Kiehtigkeit voD' V ankommt (vgl. ^ 1 n. 
^91 f.), fioistfürdaslogischeDenken die Gegen - 
standsheziehnng unerläßlich. Dabei ist es zu- 
nächst logisch (nicht etwa erkenntnietheoretiach) gleichgöl- 
tlg, wieweit diese Gegenstandsbeziebang im Sinn des Argn- 
WMte retrograd verfolgt wird (vgl. 8. 268). 

Da die Psychologie femer mit ausreichenden Gründen 
naeliveist, daß von den Eigenschaften, welche wir jeder Yor- 
sttfung zuschreiben (Inhalt, Gefühlston nnd Daner, vgl. 
^ 7S) nur der Inhalt stets unmittelbar nnd wesentlich vom 
G«genstand der Voistellnng abhängt, so kann man auch kurz 
sagen: Die Denkbeziehnng fällt im Bereich der 
Logik mit der Beziehung des Vorstellongs- 
inh&Its auf den Vorstelinngsgegenstand zn- 
«anmea, nnd muß nur hinzufügen, daß dieser Vorstel- 
(nugsgegenatand bald eine abgeleitete Torstellnng, bald ein 
primäres Erinnenrngsbild, bald eine Empflndnng, hold ein 
B ist, daß also neben den direkten Vorstellnngsgegeuständeu 
auch indirekte existieren. 

9 SO. Erkenntnistlieorie im engeren Sinne (Brkenatnis- 
krttlk), Biehtlgkelt and UBiiefatigkeit hmn-halb der dr«i 
CmdbesiekiiKceB- MatcrUle nU formde Rlebtlgkctt^ 



") In di«9em Sinn und nur in diesem (^1. S. 271, Anm. 19) eAeone icEt 
^ „(«fenstandilose" Vofstallnn^D, richüger ausgedrackt, VoisteüUDgeB 
(AUK bewofitan OegeoBtand (ohne Q^anaBdsToratelhiiig) an. 
aUh», I.ATbDcbd«LoeIk- 18 

„.,,„,^.oogic 



274 I'- -^''- Eitenntnistbeoretische usw. Ctnindlecung der Logik. 

Adiqnatheit und Konkrepanx. IHe Frage des „Gntäprechens" 

oder der „Übereinfltimmnng", wie sie uns schon in § 1 be- 
gegnete, muß nunmehr von der Logik in ihrer erkenntnis- 
theoretischen Omndlegang für die drei anf S. 262 ff. fest- 
Kest«Ut«n Qriindbezieliungen natersocbt werden. Sie ist da- 
bei auf die Hilfe der Krkenntnistheorie im engeren Sinae 
(der Erkenntnii^itik, vgl. S. 13) angewieseoi. Die Antwort 
der letzteren gestaltet sich für die drei Orundbeziehnngen im 
r^inzelnen verschieden, generell kann aber folgendes voraus- 
bemerkt werden: 

Jedes Entspreeben im prägnanten Sinn des r i c h t i g e o 
Entspreohens bedeutet nur eine gesetzmäßige Zuordnung'), 
aber keine Identität Empfindung, primäres Erinnearungs- 
bild, abgeleitete Vorstellung, Urteil nsf. sind mit ihrem 
Gegenstand nicht identisch, sondern sind ihm nur in gesetz- 
mäßiger Weise zugeordnet. Das Entsprechen als rich- 
tiges Gntsprecben oder, anders au^edrückt, die Bicbtii^eit 
des Entsprechens beruht auf der eindeutigen Gesetzmäßig- 
keit der Zuordnung. In dem sogen. Abbild ist der Tat- 
bestand, welcher den G^enstand des Abbilds ausmacht, stet« 
verändert, aber dies« Veränderung kann zu alloi Zeiten 
homolog aein, d. h. nur einem allgemeinen unveränder- 
lichen antochtbonen Gesetz folgen, oder sie kann willkSr- 
lioh, d. h. unter dem EUnflufi fremder Einwirkungen und Ge- 
setzmäßigkeiten hin imd her schwanken. Im ersteren Fall 
— bei „A 1 1 g ü 1 1 i g k e i t" der Veränderungen (vgl, § 75) — 
„entspricht" das Abbild dem Gegenstand, und wir nennen ei' 
material richtig; im letzteren entspricht es dem Grgenstand 
nicht und wird material falsch genannt. 

Die Gesetzmäßigkeiten des Entsprechens sind zugleich 
für die weit überwiegende Mehrzahl der Individiwn, speziell 
der Menschen, dieselben. Die Abbüdverändemngen sind 
niehtnnr „all gültig", d. h. in bezug auf Objekte einerGal- 
tung, sondern auch innerhalb weiter Grenzen „allgemein- 
g ü 1 1 i g", d. h. für alle denkenden Individuen. Daher kann 
uns zuweilen nnd bis zu einem gewissen Grad^ 

^) Nicht einmal von einer .Ähnlichkeit" kann gesprochen werden, tte 
AnsdrOcke det Scholastiker „aMimilaUocognitianisadrem" [Albertua llagnus), 
„uturalis umilitudo" (Biel) uaf. erscheiDen mir, obwohl man sie neueidinp 
«t«der aulfegriiten hat, hOchsl unriOcklklL Auch von eiser JibtäiaBt 
kann daher nur etwa in demselben Sinn die Rede aein, in weichem Üf 
Katbematik di<M& Teiminw verwendet 



1. Kwitel. Eikenntnistfaeoretische Grundlegung. 275 

die empirisch festgiestellte AUgem^nKÜltigkeit ') d«r Ver- 
ändernngen der Abbilder ebenfalls als ein Kriteriom des 
£nbprecheii8 dienec. 

Ein Teisteicfa mag diese Sachlage veranschaulichen. Die Wörter einer 
^ndte köimen ebenfalls als ,^U>bilder" der bezeichneten Geeenst&nde be- 
<adAel werden. Die Richtigkeit des Sprechens besteht in dei g e s e t z - 
KiiSigen Zuordnung, der zulolge ein Wort stets für denselben Gegenstand 
in denetben Form gebraucht wird. Wenn jemand z. B. aus Nachlässigkeit 
an und dasselbe Wort bald so, bald so verstflnunelt oder bald tüz diesen, bald 
ät JoieD Gegenstand gebraucht, so ist die GesetemäBigkeit — wenigstens die 
«itodithone für die Beziehung von Gegenstand und Wort geltende ' — auf- 
Kitaben, und wir nennen ein solches Sprechen unrichtig. Verstümmelt 
leniuid, z. B. ein Stammler, dasselbe Wort immer in derselben Weise, so 
bum stmg genonunen von einer materlalen Unrichügkeit nicht die Rede 
KD, es handelt sich rielmeh* nur um eine Abweichung vom ObUchen 
Sprechen, bei welcher doch die gesetzmABige Zuordnung nicht aufgehoben 
«ird. Im allgemeinen kommen gesetzin&&ige sprachliche Zuordnungen nur 
W einer grOBeren Zahl von Individuen, z. & einem Volk zustande; sie 
änd — mit anderen Worten — in der Regel innerhalb bestimmter Grenzen 
allgemeiDgaltig, daher kann die Abweichung vom atlgemeisen ^rachgebra'uch 
' Bidd Betten wsmigstens als ein Indiz für GeselztoABirteit der Zuordnung und 
<luntt für Ricbti^eit angesehen werden. Wie relativ aber dies IndJK ist^ 
nht z, B. aus de* Tatsache der Dialekte und der Tatsache der Entstehung 
nn Volkssprachen aus Dialekten hervor. Selbstversl&ndlich darf dieser ganze 
Veiiäch eben nur als Vergleich betrachtet werden. Die Beziehung zwischen 
Wort und Gegenstand ist sehr viel äußerlicher als diejenige zwischen einem 
KTchiscben FrozeS und seinem Gegenstand. 

Nach diesen aUgemeineo Erörternngen über das £nt- 
Bprecben kommt «s darauf an, seine Bedingnn^en für die 
«nselQen oben (S. 262) nnterschiedenen „Beziehungen" feet- 
niBtellen. 

Was erstens die Bedukt- oder Dingbeziehnn?, 
also die Beziehung der Empfindungen zu den gedachten 
Beduktionsbeatandteilen °) (Dingen an sich des Fhänomena- 
lismus, Beizen der naiven Physiologie) anlangrt, so wird das 
Gnt^rechen hier durch die Gesetze der sog. spezifischen 
Snneaenergien (i^ Parallelgesetze meiner Erk^mtnistheorie) 
eindeutig beherrscht. Von Bicbtigkeit und Unrichtig- 
bit der Empflndnngen kann, wenn man sie isoliert be- 
trachtet, natürlich überhaupt nicht die Bede sein. Erst wenn 

^ Ob es auch eine unabh&ngig von der Erfahrung feststellbare Allge- 
loeiicQltigfceit gib^ wiid an andrer Stelle erörtert 

') Uan beachte dabei, daB wir auf Grund unsrer Empfindungen Vor- 
Melhmgea Ton Beduktionsbestandteilen bildea und dann umgekehrt auch 
mstre Envfinitensen prüfen, ob sie den auf Grund anderer Empflndungen 
UKoMomniai Heduktiaiiä>e8tandteilen entvrscheii. 



1,1^. OQi 



'S'c 



276 ^ '''<'>'' EikenndiisUieDretiiche usw. Gnindlecuns der Loiik. 

man sie in ihrer Beziehung zn den hixuEngedachten Bednk- 
ttonsbestcuidteilen prüft, fallen sie unter die Ättribote rtohti; 
and falsch (vgl. S. 4). Man kann aleo eine Empflndang nur 
dann unrichtig nennen, wenn die gesetzmäSige Zaordnong zn 
den Bedoktionsbeetandteilen irgendwie geetört iet. Da die 
zostfindigen Gesetze der spezifischen Energien (v-Par^cl- 
gesetze) wie alle anderen Gesetze unabänderlich und stets 
gelten, so kann eine Störung der Zuordnung nor dadareh er- 
folgen, daß andere Gesetae mit ihren Wirkungira eingivifen. 
Von solchen anderen Gesetzen bzw. fremden geset^OB&fiigen 
Einwirkungen kommen hier nur diejenigen der Vorstellongs- 
vorgänge in Betracht, In der Tat können wir strenggencHn- 
men eine Empändong nur dann als nnriohtig bezeiehneD, 
wenn sie unter dem Einflofi von VorsteIlnngsvoi^ng«D ab- 
• geändert ist*). Viele sog, Illasionen normaler nnd geifites- 
kranker Individuen und die Phantasmien (begleitende Holla- 
zinationen) der GeisteekraidEen ') gehören hierher. 

Wir haben uns allerdings angewöhnt, TOn Unrichtigkeit 
der Empfindungen auch in vielen anderen Fällen zn sprechen, 
in welchen tatsächlich eine Unrichtigkeit in dem hier fest- 
gesetzten Sinn nicht vorliegt, nämlich 

1. Bei einer von der gewöhnlichen abweichenden Ver- 
fassung der sensorischen Körpergebiete (im weitesten Sinn *) 
bis zur sensorischen Hirnrinde eioschlteBlich). Die EmpfiB' 
düngen sind dann lückenhaft oder weniger differenziert and 
weichen von den gewöhnlichen entweder in ihrer QaaUtftt 
oder in ihrer Intensität oder in ihren ränmlichen oder seit- 
lichen Eigenschaften ab. Teils sind diese Abweichungen in- 
dividuell nnd vorübergehend (beispieleweise im Santonin- 
ransch), teils individuell und mehr oder weniger dauernd 
(Beispiele: Farbenblindheit, Phantomien vonCteieteskranken, 
Doppeltsehrai net.), teils wahrscheinlich sogar anf Sassen 
und Arten ausgebreitet und werden dann meistens schon 
niefat mehr als nnriehtig bezeichnet. 

2. Bei ungewöhnlicher Beschaffenheit der zwischen dem 
Reiz und der aufnehmenden Sinnesfläche gelegenen Medien 

') Uas beachte wohl, daA es sich um wiitiiche Verftsderungea der 
Empfindungen selbst, nicht etm nur um sog. Auffassungsstdnumn handelt. 

>) Vft. meine Psychiatfi^ i. Aufl. Leipzig 1911, S. 86 B. Auch die 
G«cl&chtDi9fai4>en Herings und thaliche Erscheinungen rechne ich hieriier. 

*) Auch die motorischen Gebiete eisbegrilfen, soweit sie aui dia SrnpSo- 
dungen Einfluß haben (Akkommadation usf.). 



1,1^. OQi 



,g,c 



1. Kapitel ErkennUiisUirareUsche Gnudleguns. 27 7 

(Bdqdel: Veraemmg: dorch BFechung, Cnsehärfe der im 
KeM sesebeuen Dinge). 

3. Bei nngewShoUcher EDtfemung der Reize (Beispiel: 
ÜDsehüfe der EmpflDdimgeii «ntfemter optischer nnd akasti- 
«ber Beize). 

4. Bei nngewöhnlichem Zasammeowirkeii der Bedok- 
^onsbeetandteile (Beize), wie z. B. bei Kontraeterscheinnii- 
gea, bei den gieometrisch-optüchen Täascbangeii, bei «tro- 
boBkopisehen Scheinbewegning:ea nsf.; in vielen dieser Fälle 
Itat m&a fibrigens zom TeÜ mit Erfolg nacbzaweiaen gesucht, 
^ V<a«tellangBeinflÖ88e beteiligt sind, so dalt solche Fälle 
hier anmcheiden nnd zn den in unserem Sinn unrichtigen 
Em{Aadangen (s. o. S. 27^ zu rechnen sein würden.' 

Wenn man in allen diesen 4 Hauptfällen die Eämpfln- 
dongen als unrichtig bezeichnet, so geht man offenbar still- 
schweigend von der Voraussetzung aus, daB es gewisser- 
Btafieo Normalempfindnngen gebe oder Normalemp- 
flndongen gedacht werden können, bei welchen alle die auf- 
gezählten „ungewöhnlichen" Momente eliminiert sind. 

Durch Vergleich der „onrichtigen" Empfindungen mit 
Smpflndnngen derselben Beize unter „gewöhnlichen" Um- 
etäiiden oder mit Empfindungen derselben Beize durch andere 
Sinnesorgane, bei denen die ungewöhnlichen Umstände nicht 
zur Wirkung gelangen (Betasten des durch die Brechung ver- 
lent erscheinenden Stabes), kann ich sogar nähemngsweiae 
eine Korrektur im Knn der Normalempflndungen tatsächlich 
herheifähren. Ebenso aber leuchtet ein, daS von einer ün- 
nchtigkeiti nur in konventionellem; Sinn, eben im Hinblick 
tttl solche fingierte Nonnalempfindnngen, gesprochen wer- 
^ kann. Tatsächlich entsprechen die Empfindungen in 
allm diesen Fällen den Bednktionsbestandteilen durchaus. 
Die gesetxmäBige Zuordnung ist nirgends durchbrochen. 
Haa muß nur bei der Beurteilung der Gmpflndnngen die ge- 
samte Situation, welche ihnen zugrunde liegt, also diet 6 e - 
santtheit der wirksamen Beduktionsbestandteile (Beize) 
nnd die Gesamtverfassqag der beteiligten sensoriellen 
Sörpeigsbiete berücksichtigen. Das infolge der Brechung 
Sekniekte Bild eines Stabs, der halb unter Wasser ist, kann 
mir als nnrichtjg gelten, wenn ich nur den Stab als Beduk- 



i,Cooglc 



278 n. Teil. EritenntnisUieoretiscfae usw. GnincUesunc der Losik. 

tionsbestandteü in Betracht ziehe, erweist sich aber als 
richtig, wenn ich anch das Wasser und den Weg der Äther- 
wellen berückBichtige. Die gelbliche Färbnng vieler Objekte 
im Santoninraasch wird richtig, wenn ich den besonderen Zu- 
stand der anfoehmenden sensoriellen Körpergebiete beachte. 
Kurz, die Unrichtigkeit der Empfindung ist nnr scheinbar. 
Eine Unrichtigkeit kommt erst zustande, wenn ich in meinem 
Denken die Brnpflndong unter Vernachlässigung der un- 
gewöhnlichen Momente der Beiznngssitnation ungenau nur 
einem Teilglied der Bedokte zuordne. 

Eb bleibt also dabei, daß als unrichtig im strengen Sinn 
unerer Definition nnr diejenigen Empfindungen bezeichnet 
werden können, welche durch Vorstellungen umgestaltet sind. 
Jedenffdle mtiesen wir femer, wenn wir bei dem Sprechen 
von Richtigkeit nicht die Qesamt'sitnation, sondern nur 
einen bestimmten Beduktionsbestaadteil ins Ange fassen, 
festhalten, daS das Etatsprechen zwischen f^pfindnng und 
Beduhtionebestandteil (Ding an eich, Beiz) einige bemerkens- 
werte Eigenschaften hat, die hier nur kurz erwähnt werden 
können. Vor allem zeichnet es sieh dadurch ans, daS es 
gradweise abgestuft, also nicht an die kontradikto- 
rische Disjunktion „richtig oder unrichtig" gebunden ist- 
So schwankt beispielsweise die Schärfe der Empflndong 
zwischen einem Maximum und einem Minimom derart, dafi 
alle denkbaren Übergänge zwischen beiden gelegentlich vor- 
konunen können. 

Ebenso wichtig ist eine andere Eigenschaft, die man im 
prägnanten Sinn als die Belativität') des Ent- 
sprechens bezeichnen kann. Diese besteht darin, daß jenes 
Maximum des Entsprechen» zwischen Empfindung und B^ 
dnktionsbeetandteil kein feststehender oder feststellbarer 
Pnnkt in der Skala des Emtapreehens ist. Wenn ich ein 
Objekt ans großer Nähe bei vorteilhafter Beleuchtung mit 
günstigster Akkonomodation betrachte, so kann ich mir 
immer noch eine empfiuiUicherie Netzhaut, eine Verwendung 
von Vergrößerungsgläsern u. a. m. denken und damit eine 
weitere Verschärfung der Empfindung, ein noch genaueree 
Entsprechen, eine größere Bichtigkeit der Empfindung theo- 
retisch konsthiieren nnd sogar bis zu einer gewissen (Frenze 



1. Kapitel. Erkenntniatheoretiscbe Gnindtesunt. 279 

anch tatsäehlieh herbeiführen. Die optimale Lage (im wei- 
testen Sinn) des Reizes zn dem anfnehmendeu Organ (Sinnes- 
vgan, Gehirn) bleibt nnbestimmt. Wenigstens theoretisch 
existiert kein absolates. Maxünnm *). 

Was zweitens die Beziehang der primären Erinue- 
nmgsbilder (V) za den Empfindungen (E), also die Er- 
innernngsbeziehung anlangt, so kommt hier ein Ent- 
qipechen nnd daher auch Richtigkeit und Falschheit 
Steher in Betracht Das nndeDtlicbe **) Erinneningsbild 
entspricht seiner Grondempflndong weniger als das dentliche 
und ist insofern weniger richtig. Auch dies Elntsprechen ist 
oflenbar gradweise abgestuft, dagegen weicht es von dem 
Entsprechen der Rednktionsbeziehnng darin ab, daS das 
M&ximom einigermaßen fixiert ist: wir werden dasselbe dann 
annmehmen haben, wenn alle Eigenschaften der Gmnd- 
empflndnng im Erinnemngsbild so vertreten sind, wie es 
einem Minimum des Vergessens und einem Maximum der 
ÄTtfmerksamkeit entspricht. Auch hierbei ist noch eine weite 
Belativität vorhanden, aber es besteht doch nicht mehr jene 
abeolnte Unbestimmtheit, welche für das MaxinnTim des 
f^tsprechens der Bednktionsbeziehnng vorliegt und die 
offenbar mit der unzureichenden Bekanutheit und der Hetero- 
genität der Reduktionsbestandteile zosammenhängt. 

Im Bereich der EmpfindunRen bleibt uds niclits anderes übrig, als «ilt- 
^ililich einen idealen Fall der Reizlage und der Reizauinahme zu konatraierea 
und benuBZLsreiten, in dem nach unseren allgemeinen Ermittlungen die 
EBVfinduDg eiatan bestimmten Reiz am schärfsten entspricht (soweit bei 
■nuftr Omutisation ein Entsprechen Oberhaupt möglich ist), und nun die 
tdslchticben Empfindungen mit denen eines solchen Ideal- und Durchschnitts- 
Üb, den oben erw&hnten Nonnatempfindungen zu vergleiciien. Nur so ge- 
laiigen vir dazu, auch Air die Empflnduniten iinahhlngig von StCningen durch 
VonteUungen vem^edene Grade der Übereinstimmung (des Entspiechens) 
ni iMlianpten imd eine Empfindung im Vergleich mit einer anderen als falsch 
ni bezeichnen. Bei den Erinnerungsbildem ist uns ein Idealfall ohne weiteres 
is dnn Fall eines unmittelbar an die Empfindung sich anschUefienclen, bei 
*uwm H aximum der Aufmerksamkeit erwort>enen Erinnerungsbildes gegeben, 
lud es kann sich nur um eine Auswahl mit Bezug auf die individuellei) 
DiOerenzen in der Annäherune an die bekannte Gnindenvündung band^. 
Bei dieser Sachlage ist auch die gröBte Zurückhaltung gegenüber dem 
KhoQ Ton Aristoteles aufgestellten und seitdem vielfach, oft mit kleinen Ab- 
liideruDgen nachgesprochenen Satz geboten, daB nur jedem Urteil (^t- 

*) Bin solches w&re erst dann gegeben, wenn die Empfindunc mit B 
>d«ktiaGh wird, also aulhört Empfindung zu sein. 

'*) Tri- aber Schlrfe und Deutlichkeit Leitf. d. phvs. Fsychol., 10. Aufl. 

J«na 1914, s. aas. 



tY^IC 



280 '^- "^^l- Erkennt nistheoretische usw. Grundkeunc der Logik. 

9«n»«c !•}«;) Wabisein oder Falschsein zukomme (ir ^ t» il^ Hi tf 
q i/mviftt9vi in^x*'i Akad. Auw- 17b)- Wenn man nicht ex 4«fliu^iie 
Wahrsein und Palscbseia auf das UrteUen einschränki, womit der Baue Satz 
auf ein triviales a=a hinauslaufen würde, trifft er nicht zu: uich anl die 
Empfindungen (s. o.) und vor allem auf die iHuiiren und abgäeüetn Vor- 
Hlellungen kann man mit sutem Sinn die Prftdikate „richtis" un4 ,^ilsdi" 
RnvMiden >^}. Der wahre und wichüse Satz, der Aiiatoteles wohl ^o^- 
sescbwebt haben mac, seht dahin, daB die Feststellung der Richtigkeit 
oder Unrichtigkeit immer nur durch Urleilsakte (Vergleiche) möglich ist. Dieser 
Satz gilt auch fOr die Richtigkeit imd tlnrictatigkeit von Empfindungen lutd 
primiren Srinnerungsbildwn, besagt also nichts weniger als den AusacUnS 
dieser Prädikate von den Enmflndungen. 

Beacbtunsr verdi^Dt anch, dafi, wie schon erwähnt, 
den primäreD Ermnerqngsbildern durch VermittlunK der 
Gmpflndnnffen auch eine indirekte Beziehung zn 
den gedachten Beduktionsbestandteilen zuktHnmt: 
V-^E-*^R (vgl. S, 262). Im Hinblick Buf diese indirekte 
Beziehnng kann man nämlich den primären ErinnemiigB- 
bildem eine doppelte Richtigkeit bzw. Unrichtigkeit to- 
eckceiben, nämlich eine Richtigkeit mit Bezug auf Uiie 
G'rundempfiudungen und eine Bicbtigkeit mit Bezug ahf die 
Beduktlonsbetitundteile der Grundempfindang^i' In der 
Begel hängt die letztere von der ersteren und zugleich von 
der Bichtigkeit der Empfindungen ab. 

Sowohl die Bichtigkeit der Empfindungen wie die Bioh- 
tigksit der primären Erinnerungsbilder kann in dem S. 3 
ffstgesetzten Sinn al» material bezeichnet werden. Die 
allgemeinen Gesetze, nach denen die Empfindungs- und Er- 
innerungsvorgäuge zu einem material richtige» oder qn- 
ritihtigen £mpflndiing«- bzw. Einaerungsergebnift füluWB. 
können demgegenüber als formal bezeichnet werden. Ber- 
kümmlicherweise werden sie nicht von der Logik, deren 
Untersuchungen sich eben auf die Denk Vorgänge be- 
echräiikeu, sondern von der Psychologie erforscht. Es sei 
darum hier nur betont, dafi die materiale Unrichtigkeit der 
fimpfindongen und primäTen Erinnerungsbilder stets airf 
einer Störung der formalen Empfindungs- bzw. Erinnerungs- 
prozesse beruht "), insofern die beiden letzteren unter Be- 

") Daher sind Autoren, die wie Matte von dem Satz des Anstotelw 
jnit leiditcr Ab&nderunc ausgeben (Exper. psrcbol. t'ntersuchungen Ober das 
Urleil usf., Lpz. 1901, S. Stf.) genötifft, »'UrteilssachTMBteUangen" oder „Urteil»- 
Vorstellungen" anzunehmen. 

^^ Bei den Erinnerungabildem kann, »ie oben auch itäuta arwlkat. 
£• indirekte materiale Unrichtigkeit audi auf der matoriakn ÜnricUigkcil 
der EmpfinduDsen beruhen, worauf hier mehl nfiher cinzugdien ist. 



OgIC 



__^^ 1. KapiteL Erk«iuUDisUieoretiscbe Gnindlegunit, 281 

'fispingen stattfinden, di« von dem uns als Norm geltenden 
ZostaDd abweichen- Formale nnd mat^ale Biohti^ieit bzw. 
Unrichtigkeit fallen hier zusammen. Man spricht daher hier 
gewämlich nnr horz von materialer Richtigkeit bsw. 
(^richtigkeit. 

Wesentlich anders verhält sich das Hutsprechen im 
Bereich der dritten Beziehung, der „Denkbeziehang" 
zwischen V and V, d. h. zwischen den Ergehniasen der Denk- 
^oifäng« und den primären Erinnernngsbiidem oder — knrz 
aosgedräckt — zwischen den Vorstellongen virsohiedener 
Stnfe untereinander (vgl. S. 263). Da ein Denkargebnis V 
sich bald nur direkt auf V ") (V-*- V), bald indirekt auch 
auf E (V'-*V-^ E) oder sogar auf B (V'-^V-^E-^B) be- 
liehen kann (vgl. S. 263), so kommt neben dem direkten Ent- 
tp'ecben mit Bezug auf V auch ein indirektes Entsprechen 
mit Bezug auf £ und B und also neben der direkten BichUff- 
keit auch eine indirekte in Betracht Da femer, wie S. 262 
schon erwähnt wurde, innerhalb der Denkergebnisse noch 
veitera Beziehnngen nnd Abstufungen bestehen, indem anf 
die ersten Denkei^bnisse' räch immer weitere aufbauen, so 
konunt noch ein Entsprechen, also eine Richtigkeit bzw- 
Unrichtigkeit innerhalb des Gebiets der V hinzu, oder 
— mit anderen Worten -r~ aneh die Beziehung- auf V ist s^r 
rft indirekt (y"-*-V-^y usf., vgL S. 263). Das Entspreeben 
zwischen VorstellungBinhatt und Vorstellungs gegen- 
ständ (vgl. S. 273) ist durch mehr oder weniger Zwischen- 
stufen vermittelt. 

Eine gradweise Abstufung der Bichtigkeit kommt auch 
bei der dritten Beziehung vor. Meine Allgemeinvorstellung 



'*) Einen Übergang znischen der ErinneninssbeziebuDB und der Denk- 
beziehnns bilden die sog. Emffindungsurteile wie z. B. „dies ist Herr kl.", 
«dies iat eine Rose". Das Subjekt des Urteils ist hier eine EmpfladutiK, der 
Denkakt tutt nicht eine VorftflUuaK, sondern eine Empfindung zum unmUtat- 
baren Geienstand, während er sich sonst nur indirekt, d. h. durch Vennitt- 
hug von Vorstellungen auf Empfindungen bezieht Man kann diese Eisen- 
tündichkeit der Empfindungsurteile auch dahin lorraulieren, daB die Erinnc- 
nD«d)eziebung als Denbkt lormuliert oder in einen Denkakt unuestaUet 
«ifd. Sowohl in der psycholociKhen Grundleguiv {% 7ö] wie auch ia der 
Wik a. slr. (g 90 ff.) wird dieser Sonderst^ung 4^'' Empfindungsurteile ein- 
Kfa«ud Hcchuung getragen werden. Es leuchtet äbrigens ein^ daB jedes 
EnpäBdungnuteil mit dem Verschwinden oder Zurücktreten der Emiifindung 
Mim io ein ■ewAhnlicAcs VargteilunmuitHl übergeht („dies war eine Rme" 
<)der ,jits, was ich gesehen habe, ist eine Rose"). 

„.,,„A.OOglC 



282 IT- Teil EricenntnisUteontiscbe usw. Gnindlesnns der Logik. 

einer Meduse wird z. B. richtiger oder weniger richtig sein, 
je nachdem meine Eiinnernngsbilder der einzelnen Medoseu 
deutlicher oder undeutlicher sind. Andrerseits fehlen in zahl- 
losen Fällen alle Abstufungen vollständig. Zwischen a^^a 
und a^nona existiert keine Zwischenstufe. Daa eine ist 
absolut richtig, das andere absolut falsch. Ähnlich verhält 
es sich mit der Relativität im Bereich der Denkbeziehungen. 
In denselben Fällen, in welchen gradweise Ahstnfnngen der 
Richtigkeit vorkommen, ist die BLchtigkeit auch in dem 
S. 278 festgesetzten prägnanten Sinn relativ, in den anderen 
absoint. Für die AllgemeinvorsteUung „Meduse" läßt sich 
ein Maximum der Richtigkeit überhaupt nicht fixieren, für 
Sätze wie a^^a ist es ohne weiteres gegeben, da überhaupt 
eine andere richtige Beziehung zwischen a und a ausge- 
schlossen ist Worauf diese Ungleichm&ßigkeit im Bereich 
der Denkbeziehuugen beruht nnd welche tiefere Bedentimg 
sie hat, wird sich später ergehen. 

Die aUgemeine Relativität, welche aller unsrer Erkeanlnis anhaltet, 
wimHfh die Abh&Dgigkeit von unseren Erfcenntnisfunktionen, kommt sdbet 
stündlich allen unseren Erkenntnissen zu: Eik ist stets eine Funktion f des 
Objekts O und unsrer Eikenntnishmktioncn F, symbolisch ErkE=9f (0, F) 
oder absekOrzt Eik = F (0). Dia sog. adaequatio rei et intellectus ist günstiü- 
sten Falles eine roüimale Annähening. 

Wie jede Richtigkeit bzw. Unrichtigkeit 
ist auch diejenige des Denkergebnisses im Be- 
reich der Denkbeziehung stets material: es 
handelt sich auch hier stets darum, ob innerhalb der durch 
Kausal- und Parallelgesetze gesteckten Orenzm V mit V 
bzw. E bzw. R äbereinstimmt, ob also — ganz allgemein — 
ein Tatbestand innerhalb des Gegebenen (ein gignome- 
naler Tatbestand) von anderen Gignomenen richtig wieder- 
gegeben wird (vgl. S. 2). Nur in bezug auf die Ent- 
steh nng des Denkergebnisses besteht insofern ein Unter- 
schied, als die materiale Richtigkeit des Ei^^ebnisses 
einerseits von der materialen Richtigkeit der in Betracht 
kmnmenden Empfindungen und primären Erinnerungsbilder 
und andrerseits von dem richtigen Ahlanf der Denkprozesee, 
rfnrch welche die Empfindungen bzw. Erinnernngsbilder ver- 
arbeitet werden, abhängt und somit auch die materiale Un- 
richtigkeit eines Denkergebniases entweder durch materiale 
Unrichtigkeit der bez. Empfindungen oder primären Er- 
imaerungsbilder oder durch unrichtigen Ablauf der an- 

„.,,„,^.oogic 



1. Kapitel. EriietintiiistheoretiBdte Gnindleeung. 283 

«üiließendeii Denkprozeese bediagrt wird. Der richtige bzw. 
nnhehtige Ablauf der Deiücprozesse wurde schon in ^ 1 
i& 3) mit dem Terminus „formal" bele^. Wir können 
Mer kurz sa^o: Die matertale Richtigkeit der 
Denkergebnisse hängt von der materialen 
Bichtigkeit der zugehörigen (verwerteten) Emp- 
findungen bzw. primären Erinnerungsbilder 
and der formalen Bichtigkeit der zagehörigen 
Oenkakte ab. 

Handelt es sich um Denfcakte, die mchl an primäMn Erinneninsabildern, 
soDdem an aus diesen abseleiteten VorsteUunaen vollzogen werden, so tritt 
n Stelle der materialen Richtigkeit der E's und der priin&ren Vs die mate- 
riale ßicfati^eit dieser abgeleiteten Vorstellunsen, und diese hftnst ihrerseits 
*)eder von jenen beiden Faktoren und ihrer eifenen Unversehrtbeit ab. 
Mdit nur unsere primären Erinneruiigsbilder, sondern auch die aus ihnen 
haielellelen Vorstellunsen sind dem Vergessen und allerhand anderen Ton 
den Denkakten unahhänsigen Entstellungen ausgesetzt und kj^nnen so ihre 
■nteriale Richtigkeit einbOBen. Da diese Quelle der Unrichtigkeit der Denk- 
ofAniase mit den Denkaklen nichts zu tun hat und in ihrer wesentlichen 
Bedeutung ganz mit der materialen Unrichtigkeit der [nim&ren Erinnerungs- 
Ixlder zusammenl&llt, soll sie im folgenden nicht immer besonders neben der 
Mzteren angeführt werden (vgl. auch § 87). 

Will man den Terminus „formal" auch auf das Denk- 
«Tgebnis übertragen, so wird man also sagen müssen: 
Duterial richtige Denkergebnisae sind stets zugleich formal 
riehtig"), material unrichtige Denkergebniase kommen bald 
nur infolge material unrichtiger Empfindungen bzw. pri- 
märer Erinnerungsbilder zustande und sind dann also auch 
ikrer Entstehung nach ansechliefilioh material- 
ttorichtig; bald beruhen sie nur oder wenigstens auch 
aof unrichtigen Denkakten und können insofern ahs material 
and formal unrichtig bezeichnet werden (material bez. 
des Ergebnisses, formal bez. des Entstehungsakts). 

Es empfiehlt sich, diese Unterschiede in der Bichtigkeit 
der Denkergebnisse durch besondere Bezeichnungen festzu- 
baUen. Die Bezeichnungen „materiale und formale Bichtig- 
keit'* bzw. „Unrichtigkeit" oder anch „materiale nnd formale 
WahAeit" bzw. „Unwahrheit" haben d«i Nachteil, daß sie 
ans je zwei Wörtern zusanmiengesetzt und daher zu weiteren, 

'*) Eine Ausnahme ergibt sich nur bei der zum Teil schon S. i, Anm. 3 
QvUuten Kompensation: Eegenaeitifer Konu>ensation foimaler Fdilei unter- 
(>nuder od« formaler fcbler mit materialen Fehlem der E's oder V's oder 
*bA formaler Fehler dui^ materiale Ei^nzungen, worOber % 80 nach- 
ailwen ist. 

„.,,„,^.oogic 



284 ^ '^^'I- EAeantnisthMfetbche usw. Grundlemra det Logilc. 



z. B. adjektiviechen Wortableitnnsen wenig geeignet sind. 
Ich werde daher im folgmden die Riehtigkeit bzw. Unricli- 
tigtceit der Denkergebnisse im allgemeinen, welche ja, 
wie sich gezeigt hat, etets material ist, als Adäquat- 
hei t bsw. Ivadäquatheit und die Bichtigkeit bsw. Un- 
richtigkeit der Denkergebnisse, soweit sie von der Richtig- 
keit der zugehörigen Denk a kl e abhängt, also formal be- 
dingt ist, als Konkrepanz bzw. Diskrepanz**) be- 
zeichnen. Wird im folgenden das Wort ,3ichtigkeit" bzw. 
„Wahrheit" ohne Znsats gebraucht, so ist stets die Adäqoat- 
heit einschliefilioh der Konkrepanz gemeint, welch letztere 
ja, wenn Adäqnatheit vorliegt, im aUgemeinen gleichfalls 
vorhanden ist**). 

Man übersehe nicht, dafi die materiale Richtigkeit eines 
Denkergebnisses sonach zwei Richtigkeiten einschlieSt, 
erstens die materiale Richtigkeit der verwierteten Brinne- 
ruQgsbUder und anderer Gegenstände niederer OrdsBOK 
(fimdierender Gegenstände Meinongs, vgl. S. 263 n. 36^ 
and zweitetH die formale Richtigkeit des verwiertenden Daok- 
aktes. Überträgt man den Terminus „formale Bichtij^eif , 
wie jetzt geschehen, vom Denkakt aaf das Denkergeb- 
nis , so kann man auch den Anteil, den die materiale Rich- 
tigkeit der verwerteten Gegenstände niederer Ordnung h»ti 
besonders bezeichnen, z. B. als fondiert-materiale Riditig- 
keit oder kurzer als fandale Richtigkeit (Solidität). 

In der deutschen Sprache scheint sich noch ein weiterer terminriotiacba 
AuswflC darzubisteu^ da si« uns einerseits die AusdrOcke „Wabrtieit" und 
„Unwahrheit" und andrereits die Ausdrücke .^icbtifkeit" und „UnrichtiAäL'' 



") Den die Diskrepanz bedingenden unrichtigen E>enkakt kann nan 
mit Aristoteles als Paralofisnius bezeichneu, doch beziebt Um Ahalotdes u 
einseitig auf Schlüsse (vgt. z. B. Akad. Aus«. 6ib). Vgl. auch Kant, Krit d. 
rein. Vem., Kehrt>. Ausg., S. 29et. 

1*) Ich kehre damit zu dem Sprachgebrauch des Albertus Magnus und 
Thomas y. Aquino — „adaequatia lai et intälectus" — zurück. SpUcr bat 
man nftmUch alt gerade umgekehrt als AdAquatheit eine oder m^W 
innere Eigeoachaften (,jiropri«Utea intrinsecae"), welche einn „u'w^' •'' 
se sine relaüone ad objectum" zukonunen, bezeichnet. Vgl. EAenntni»- 
tfaeorie 1. c. S. &S5ft.; Spinoza, Ethice, Pars 2, Def. 4; Leibniz, Hiilos. Sehr. 
Gerb. Ausg. Bd. i, S. 4S3; Chr. WolB, Logica, 2. Ausg. 1738, % 96 (ß. 1«) 
u. a. m. AndierseilB hat z. B. Locke die alte Bedetduag von «deouale im 
wesentlichen festgehalten: tfaoae — "*iiT'yh real ideaa — • I call siMuatAi 
which pertsctly Tepresent tbose «jcheivpes wbidi the miad snpposes thMi 
taken fron^ irtiich it intcAda then to stjud ftii^ aad to irtöcfa U refen tt* 
CEsB. conc. faum, undersl. II, 81, 1). 



1. Kapüel. Erkennlnistheoreüsche Omndletung. 285 

'«fa iDcIi Falschheit") duiiieteL In der Tat bat man nicht gelten hieivon 
Gdcneh Bemacbt. So habe auch ich selbst an andrer Stelle^') voisescUxen, 
dKlonnale Übereinstimmung ab RichtiBkeit, die roateriale als Wahrheit zu 
'noAnen, und glaobe andi jetzt noch, daB eine solche Unteiscbeidung 
noBm ^naidiceflihl noch am ehesten entsprechen würde. Indes haben 
udm aerade die entgecensesetzte Bestimmung vorgeschlafen (vgl. t. B. 
E«^ Einleit. i. d. Fhilos., b. AufL Leipzig 191% S. Ul u. 306; Ober di« 
niecÜscbe Terminologie sehe auch Hieb. Bertierts, Das Wahrheitspioblem 
L d. piedi. Fhilos., Berlin 1913, namentL Kap. 8 u. 9. Steuer u. Epikur). 
Ml anders Terwendet Bolzano (Wisseaschaflslebre I, S. M7) dieselben 
ramtiu: er inil bei Vorstellungen von RicfatiAeit ond Unrichtigkeit, bei 
SatzCD von Wahrheit und Falschheit sprecfaeD;, wogegen vor allem schon 
anmelden ist, daB nach dem Sprachg^raucb Falschheit das Gegenteil von 
RiditiAeit und nicht das Gegenteil von Wahilieit ist Erdmann gebrauchl 
m AuchluB an Ihering dm Terminus ,Jtichtigkeit" speziell mit Bezug auf 
priktiscbe Nonnen (Logikk Bd. 1, 2. Aufl. Halle 1907, Sl 3U). Bei 
Aesv extramoi Divergenz des wissenschaftlicfam ^irachgebrauchs, für welche 
Bcb Doch sehr viele iveitere Beispiele anführen lassen, schien es erlaubt und 
ntMkmUig, wie oben geschehen, neue neutralere Termini vorzuschlagen. — 
Dtr sdir nahe liegende Terminus „Eonformit&t" für die formale Richtigkeit 
*nde vermieden, ttal er sowohl in der scholastischen wie in der neueren 
Logik oft gerade fOr die materiale Richtigkeit v«wendet worden ist (vgl. 
t- B. Godenins, Lexicon Philosoph, graeco-lat., Uarpurgi 1013, S. 311; 
Ikinnd de Pourcain „conformitaa intelleclu^ ad rem intellectam". In prina. 
kdL I, 19, qu 5; Gassendi, Fhilos. Epic. synt. I, 1, Opusc. Philosoph, ed. 
Howit, Tom. m, S. t; Watts, Logic I, eh. 3, S. +). Für die materiale 
Riddigkeit gebtaucht Leibniz gelt^entticb den Ausdiijck ,correspondaQce" 
{Sam. Ess. IT, 6, S), Wolf! spricht von „consenflue" (Logica % 505), Rüdiger 
definiert die „veritas logica" als „convenientia ^*) cogilationum nobtrarum 
cum sensione" (De sensu veri et taln ^ i; g 14 Sl Aufl. a 27) usL Alle diese 
Tennini kAnntes aber nach ihrer Wortbedeutung ebensogut für die formale 
BiditlAeit gri}raticht werden und siAd daher wohl weniger zweckmäBig. 

Man beachte übrigens Bchon jetzt, dafi die Diskrepanz 
in dran Ergebnis bald manifest, bald latent ist. Wenn z. B. 
ein logischer Becheofehler zn dem Ergebnis führt, dafi 
2=5 ist, so liegt ein nnmittelbar erkennbarer, d. h. mani- 
fester aog. iimerer Widersprach vor. Dieser wird uns als 
Disgrnenz (s. str.) alsbald (S. 290) ausführlicher beschäf- 
tigen; er kann entweder anf Diskrepanz oder auf Insolidität 
benÜND. 



"] Gnmdlagen der Fsychologie, Leipzig-Berlin 1915, fid. 1, S. 236, 
-tun. 1. Siebe iedoch a uch E tkeimtnistheorie,' Jena 1913, S. 5^. Vgl. auch 
Hegel, Encyklop. g 173 (WW. Bd. 6. S. 3M). 

'*) Schon Spinoza stellt das Axiom auf: idea vera dehet cum suo ideato 
Mnrtoin" (Eth. I, Ax. 9). Rüdiger fogt an der oben zitierten Stella zu 
scnaone hinzu: „ouae iam vera esse metaphysice nee fallere sunütur" und 
^miift in S 8 ausdrücklich die Definition der Wahrheit als äner convenientia 
rei nmi intellectu (1. c. S. 26). 



1,1^. OQi 



'S'c 



286 ^ '^^''- ErkenDtnistheoretiache us«r. Gnindlecunr der LogÜc 

Die allgemeine Beziehung zwiecheu formaler nnd mate- 
rialer Bichtigkett läßt eicli mit HUfe der feetgeBetzteu Ter- 
mini nunmehr anch kurz folgendermaßen ansdrücken: Jedes 
adäquate V ist zugleich auch konkrepant ^*), ein inadäquatee 
V ist hald infolge Inadäquatheit der verwerteten V's oder E'& 
(oder anch V's niederer Ordnung), bald infolge Diskrepanz, 
bald infolge beider Momente inadäquat. Vor allem ei^bt äeh 
also, daß Konkrepanz durchaus keine Böa^rschaft für Äd- 
äqoatheit gibt. So ist, wenn ich schließe: 
jjüju Fische schwimmen; 
Der Wal schwimmt; 
also ist der Wal ein Fisch," 
dieser Denkakt formal richtig, das Denkergebnis also mit 
Bezog auf ihn konkrepant, und doch ist letzteres inadäquat 
d. h. material unrichtig, weil der erste Vordersatz — in 
diesem Fall also ein V niederer Ordnung — inadäquat ist 
Nur wienn man — rein theoretisch — voraussetzt, daß all«' 
B's and V's absolut adäquat Mnd, würde anch jede Inadäquat- 
heit eines Denkergebnisses auf eine Diskrepanz hinweisen 
(entweder hei der Entstehung des letzten V oder hei der Ent- 
etehnng eines V niederer Ordnung). 

Es leuchtet ein, daß wir mit dieser Erläuterung der for- 
malen Richtigkeit oder Konkrepanz zugleich wieder zu der 
in ^ 1 gegebenen Definition und Abgrenzung der Logik 
zurückgelangt sind. Die Erkenntnistheorie bestimmt, vas 
formale und materiale Bichtigk«it ist, und Überläßt dann die 
spezielle Untersuchung der fonnalen Gesetzmäßigkeit un- 
seres Denkens mit Bezug auf die materiale Bichtigkeit de» 
Denkergebnisses der Logik. Die Logik, können wir jetzt 
auch sagen, hat festzustellen, wie die materiale Richtigkeit 
der Denkergebnisse gesetzmäßig von der formalen Richtig- 
keit der Den^akte abhängt. In diesem Sinn ist sie, etwas 
kurz anagedrückt, die Wissenschaft von der Konkrepanz und 
Diskrepanz. 

W&hrend die Spezialwissenachaften abgeleitete VoratcUungsinhalte aul 
Grund des Oegebenea bilden, hat die Eiieimtiiisthean« (s. str.) und die Locit 
die Aulsabe, die allgemeineii Prinzipien des Entunechenfl fOr alle dieso 
Inhalte mit Bezug aut die GegensUnde und die Denkakte festzustellen. So 
stellt z. B. eine bestinunte ^ziolwissenschaft die mol^ulara Eonstitutioii 
des Benzols und die Gesetze des Atomaustauschs zwischen Terachiedeneo 
Molekülen, dne andere die EigenUmlicfakeiten der Form und der Farbe eion 

>•] Immer mit der S. 4, Ania 9 u. S. 3S3, Anm. M angefohitea Aus- 



OgIC 



i. Kapilel. Eriunntiüstbeofetuche Gnindietu ng. 287 

VüimJs, eine dritte die Eif enscbaften dar Vorslelhinzen und die Gesetz« des 
VonlelluiigstblauXs, eine vierte die Motive KmIs V. bei seiner ThroDentsasunK 
IM nsL Die Eitenntnistheorie (a str.) und die Look hat an diesen Vor- 
EteDutiaiiihalteii und ihien Gegenständen als solchen k«in Interesse; entere 
rahnacht nur, wie weit Qbeiiisupt im Allgemeinen ein Entacrechen zwiacben 
(ÜNoi and jenen roötlich ist und was ein solches Entsprechen bedeutet, 
Ittdoe KOft nnr in ebenso allgemeiner Weise, welche Denkakte das Haxi- 
nrnin des Entsprechens herbeiführen. 

S 61. Kriterien der BtehÜKkeit, relative nnd absolate. 
Pnqtrietates Intrinsecae der Wahrheit. Das allgemeiDe Kri- 
terinni der materialen Bichtig'keit oder Adäquatheit 
istacfaon durch ihre Definition gegeben: wir sind daranf an- 
fewieeen, durch immer wiederholte Yergleichong festm- 
stellen, ob V" mit V, V mit V, V mit E and E mit dem 
hinzugedachten B, zasammenfassend, oh das Edakt mit 
seinen Fandalien übereinstimmt. BeispielHweiae erwies sich 
die anfänglich« Galileische Annahme einer Proportionalität 
zwiacben Fallgeschwindigkeit und dnrchmessenem Fallraum 
bei seinen eigenen weiteren Versuchen sehr bald als un- 
richtig: sie stinomte mit den Beobachtungen nicht überein. 
I>iee allgemeine Kriteriom läßt eich, wie ^ 60 ergeben hat, 
veiter zerlegen in das Kriterium der f undalen and das 
der formalen Bicbtigbeit (S. 284), also der Soli- 
dität und der Konhrepanz nach der hier gewählten 
Terminologie. So würde z. B. Galilei die fnndale Bichtig- 
keit seines Ergebnisses geprüft haben, , indem er die ver- 
verieten Zwiscbengegenstände (vgl. S. 267), also Beobaoh- 
timgen und event. Erinnenmgen, anf ihre.materiale Bichtig- 
^eit kontrollierte. Dagegen würde er die formale Bich- 
tigkeit desselben Ergebnisses dadurch nachzuprüfen gehabt 
lubeD, daß er die Denkakte, welche zu dem Ergebnis geführt 
htäten, also Begritbtbildungen, Bechnongen, Überlegungen 
usf., anf ihre formale Bichtigkeit kontrollierte. Die letztere 
Prnfnng würde eben, insofern sie anf Orund allgemeiner 
^eln erfolgt, in das Bereich der Logik ') fallen. 

Prinzipielle Schwierigkeiten bietet die Kriterienfrage 
bie dabin nicht. Solche ergeben sich erst dann, wenn man 
^ Frage anfwirft: Ist die materiale Bichtigkeit (Adäquat- 
beiO ^nes Deokergebniasea V nicht immer oder wenigstens 
zDveilen auch erkennbar, ohne die fandale nnd formale 

') Man beachte die hieibei zutage tretende BezWmng dei rechnenden 
HtlboMtik rar Lectk (a; stich g SS)- 

„.,.■, ,:,>..OO^SIC 



288 II. Teil. Erkenntnistheeralische usw. Gnindlesime der Logik. 

Richtigkeit zu prüfenl oder — mit anderen Worten — hat 
das material richtige D^ikergebuis nicht inun«r oder wenig- 
stens zuweilen Eigenschaften, welche seine materiale Rich- 
tigkeit grauz abSolat, d. h. ohne Berttoksichtigong seiner 
FuDdalien und der zugehörigen Denkakt« verbärgeul gibt 
es also proprietates intrinsecae der ideae verae im Sinn 
Spinozaa (vgl. S. 104)1 

Eine besondere Wendung nimmt diese Fraee der Proprietates intnn- 
secM, wenn man mit manchen neueren Uathematikero, namentlich Hengen- 
forscbem (vgl. S. SB8) annimmt, daB unser Verstand auch unabhängig von 
der Sinneserfahrung der Hauptsache nach durch „innere" Induktion und De- 
duktion Begriffe bildet, und d&G solche BegriSe, sofern sie in sich wider' 
spruchslos siod und in festen durch Definitionen geordneten Beziehungen sa 
den bereits voibandenen und bewflhrten Begriffen Stehen, ,4mmaoente Reali- 
tät" haben. Von diesem Standpunkt aus sind die Proprietates intrinsecae 
nicht nur absohite Kriterien der materialen Richtigkeit, sondern auch das 
ZnUssigkeitsfcriterium fOr von unserem Denken neugeschaffene Denkgaen- 
stinde (entsprechend Spekulations- oder Fhantasäevorstellungen, s. S. 8^- 
Nach dem von mir vertretenen Staudpunkt sind solche definitnrisch entstan- 
denen neuen Gegenstände („freie Uathemaük" Cantors) so lange for unser 
Erkennen bedeutungslos^ als es nicht geUngt in dem Gegebenen etnas zu 
linden, was ihnen entspricht. Nut die Aussicht, daB ein solches Entsprechen- 
dea sich einmal finden konnte, gibt diesen Spekulationen eine brpothetische 
Berechtigung. Wird ein Entsprechendes nicht gefunden, so werden sie cd 
einem logischen Gedicht. Vgl. Cantor, Math. Ann, 18SS, Bd. Sl^ S. 66g u. Ö8B. 

lu ' der Tat ist in der Gfschichte der Philosophie und 
speziell auch der Erkenntnistheorie nnd hogiTs. diese Frage 
öfters bejaht worden. So ist nach Cartesius die Klarheit 
und Distinktheit eine solche kennzeichnende Eigenschaft der 
material richtigen Denkergebnisse') (vgl. S. 100). Indes 
weder gibt Cartesius eine auch nur einigermaßen zureichende 
Definition dieser Klarheit nnd Distinktheit, noch zeigt er 
uns, wie wir die vermeintliche Klarheit und Distinkt- 
heit, die oft genug auch für falsche Behauptungien ia An- 
spruch genommen wird, von der wirklichen unterschei- 
den können '). Auch bei Spinoza kehrt dasselbe' Kriteriiun 
wieder (allerdings neben anderen, s. unten), wird aber ebenao- 
wealg .wie bei Cartesius näher bestimmt oder als zureichend 



^ Schon Theophrast fahrt als Kriterium ,r« iimoyic' au (Seil. Emnr.r 
Adr. math. VU, 218). 

*} Nftheres s. Kattti in der S. 99 utieiten Arfont und Ziehen, Eikenotiiis- 
theorie, Jena 19181 S. fiSa Schon die gelegentliche graduelle Fonnu- 
lienmg (De methodo i) „valde dilncide et dietiocte" «nthülH die Unzitl&ntdieb- 
keü des Eriteriuma. 



OgIC 



1. Kwilel. ErkeimtiusÜieoretische Gru ndlegung. 289 

Baehgewiesen (vgl. S. 104 n. 284, Antn. 16). Leibniz hat veni^- 
stens versncht, die Klarheit und Distinhtheit zn definieren 
lad für seine adäquate Erbenntnie (vgl. S. 284, Aum. 16) beide 
EigeiiBchaften nicht nur von dem Denkei^ebnis selbst, son- 
dern auch von allen seinen TeilvorBtelluncen (fnndierenden 
Vontellnnffen) verlangt (vgl. S. 111). Damit ist off enbar schon 
halb zugestanden, daS ein von Denkakt nud Oegenständea 
gtaa. losgelöstes, absolutes Wahrheitskriterium nicht esi- 
BÜCTt. Überdies bezweifelt L. selbst, ob ein vollkonmienes 
Beispiel einer in seinem Sinn adäquaten Erkenntnis bei den 
Measchen vorkomme. Endlich führt Leibnizens eigene 
Definition der Klarheit und Distinktheit (9. 111) die Beziehung 
anf die res selbst wieder ein. Auch später Ist man immer 
vieder gel^entlieh zu dem Carteeiusschen Kriterium in 
«einer ursprünglichen Form oder in der Iieibnizschen Um- 
gestaltung zurückgekehrt, ohne auch nur irgendwie zu einer 
eiabeUigien Definition der Klarheit und Deutlichkeit zu ge- 
langen *). 

Als weiteres inneres oder absolutes Kriterium wird zu- 
veilen auch die Vollständigkeit des Denkergebnisses 
angeführt So identifiziert Spinoza geradezu die inadäquaten 
Ideen (inadäquat in seinenu Sinn, vgl. S. 284, Anm. 16) mit den 
Tentümmelten und konfusen Ideen und leitet sie von einer 
«^itionis prlvatio ab'). Auch bei der oben angeführten, 
von Leibniz geforderten An«dehnnng der Klarheit und 
Distinktheit auf alle Teilvorstellungen mag ein ähnlicher 
Gedanke mitgespielt haben. Jedenfalls leuchtet ein, daß von 
einer solchen Vollständigkeit nur mit Bücksicht und in Be- 
üehnng auf die Fundalien bzw. Gegenstände des 
Denkergebnisses die Bede sein kann, daß also dies Kriterium 
dorchans nicht absolut ist, sondern in das Bereich der fuu- 
dalen Bichtigkeit fällt. 

Mehr scheint ein anderes Kriterium zu leisten, welches 
man kurz als die innere Widerspruchslosigkeit 
oder innere, Übereinstimmung (Kongruenz) des 
Denkergebnißsea bezeichnen kann, nnd das schon in § 1 



*) Als Definitionsversuche seien beispielsweise noch angefahrt: Kant, 
Erit. i. lein. Vem. (Kehrb. Ausg. S. 693, Anm. 1) und K. L. Reinbold, Vers. 
HD. neuen llieorie usw., S. 881 ff. 

'•) Eth. U, Prop. 86: JBalsilas cansistit in cogoitignia piivatione, quam 
idm inadaeqoatae äTe mutilaUe et confusaa iCTolrunt," 

ZUh«ii,Lthrbuoh dar Logik. 19 



1,1^. OQi 



'S'c 



290 fl' Teil- ErkanntnistheoretüchB usw. GnindleEune der Logik. 

(S. 5 ff.) in einem tmderan G«dankenflra]i«: kurz erwihnt 
wurde*). Die materiale Richtigkeit eines Denkergebnissea soll 
dadurch charakterisiert sein, da8 es in sich — also gans 
nnabhSngig von der formalen Bichtigkeit der eraeugendeii 
Denkakte — widerspruchsfrei ist, d. h. keinen nuaiiteateD 
Widerspruch zeigt Nun liegt zunächst auf der Hand, daB 
dies Kriterium überhaupt nur ein negatives ist Ejs gibt eine 
Conditio sine qua non für die materiale Richtigkeit des Denk- 
ergebnisse« an, aber keineswegs auch in positivem Sinn dir 
Gesamtheit der zureichenden Bedingungen. Ein Satz etwa 
wie: „Der Mond hat ein« Wasserstoffatmoephäre" oder 

,s=^-t" enthält keinen inneren Widerspruch und ist doch 

falsch. Er kann trotz seiner inneren Widersprnehslosigkeit 
fnndal oder formal oder sogar fundal und formal nnriehti; 
sein, also z. B. etwa auf material unrichtigen, d. h. un- 
richtig aufgefaßten Beobachtungen beruhen ^fundale Un- 
richtigkeit) oder durch formal unrichtige Schlüsse gewonnen 
sein (fonnale Unrichtigkeit im Sinne meiner Terminologie) 
oder gar sich sowohl auf unrichtige Beobachtungen wie anf 
unrichtige Schlüsse gründen. Die innere Widerspruchslosig- 
keit eines Denkergebnisses ist also weder für formale nocb 
für fundale Richtigkeit beweisend. Nur das positäve Vor- 
haodensein eines inneren Widerspruchs im Denkergebnis, äk 
Disgruenz (vgL S. 285) gestattet den sicheren äclilnff, dafi 
das Denkergebnis material unrichtig ist und selbst dieser 
Schluß ist insofern zweideutig, als er uns in keiner Weise 
iil>er den Charakter der materialen Unrichtigkeit des Ergeb- 
nisses belehrt: es bleibt ganz unentschieden, ob die letztere 
fundal oder formal ist Wenn beispielsweise ein Physiker 
zu einem disgruenten Ergebnis kommt von der Form 2 = 2» 
(natürlich ist der Fehler gewöhnlich viel versteckter), so 
kann dieses falsche Ei^;ebnis sowohl auf einem Beobachtungs- 
fehler (fundaler Unrichtigkeit) wie auf einem Denkfehler 
(formaler Unrichtigkeit) beruhen. Es bleibt also nur die 
Tatsache bestehen, daß Disgruenz des Denkergebnisses mit 
materialer Richtigkeit desselben imverträglich ist. Nur in 
diesem Sinn kann die Kongruenz als ein „absolutes" Kri- 



') Dort kam es darauf an zu zeisen, daS es nicht angfciwis iH, din 
innere übereinsUmmung mit der formalen Richtigkeit zu identifiäeno vni 
zur Definition der Logik eu verwerten. 



OgIC 



1. SwM. Bifc«nntausihMifeti9cbe GniRdtttnnf. 29] 

teriom gdten. Auch kann schon jetzt hinzn^fugi werden, 
ddetiie manifeete Disgmenx innerhalb des einaeta«!! 
tilddilicken Benkakt« gur nicht Torkomsat. Wir sind nieht 
iastaade, zngleieh B=b und anon = b zu denk«a (rgl. 
& 294 ff. n. ^ 87). Der VoTgang ist ridmehr in allen FiUlm 
dpr Disgroenz stets der, daB unsere Denkakte in ihrem 
sakz««8iven Ablauf «ineraeits zu dem Krgebnis a = b 
Dsd aBdrerseits zu dem Ei^rebnis aaon = b führen, nnd dafi 
wir b«i dem Vereach, nun beide Ergebnisse zu vereinigen, 
iL k. beide simnltan zu denken, seheitem. Häoflc ist aneh 
die Disfnmenz in dem Sinne latent, daB das in Frage stehende 
Ergebnis erst durch einige weitere Denkakte umgeftHint 
T«rdeii mofi, um die Disgruenz unmittelbar vor Augen zu 
rteUen. Di« definitive ÄnfklaruBg der Bedeutung der Kon- 
imnz und der Diagmenz hat die Logik in ihrer anto- 
«kthonen Omndlegung unabhängig von der Erkenntois- 
tbeorie zu geben (vgl. ^ 85). 

Viel hänfiger als alle vorgenannten Merkmale ist bis in 
die neueste Zeit als abBolutes Kriterium (immer in dem S. 287 
rasegebenen Knne) die SelbstevidenzO (Selbstgewi^eit, 
unmittelbare GewiBheit usf.) aufgestellt worden. Über die 
Nitor dieser Selbstevidenz traten in der Geschichte der Logik 
und Elikenntaiatfaeorie die verschiedensten Meinungen auf. 
Die Stoiker geben offenbar nnr eine Wortnmschreibung, 
wenn sie von einem Zwang zur Zustimmung sprechen (vgl. 
S. 44). Dasselbe gilt von dem Inmen naturale und habitus 
naturalis mancher Scholastiker*). Besonders scharf hat 
Spinoza das Kriterium der Selbstevidenz formuliert: „Qni 
veram habet idenm, simul seit se veram habere ideam nee 
de rei veritate poteat dubitare" (Eth. 11, Prop. 43). Daher 
bezeichnet er die veritas als norma sni et falsi. Indes ist es 
itoch ihm nicht gelungen, dies WahrheitsbewuBtsein von dem 
blofien Meinen-recht-zQ-haben, welches oft die falschesten 



') Es empfidüt sich ausdrücklich von Selbstevidenz ta sprechen, 
da vidfach auch die mittelbare, auf fundierende Gegenst&nde und Schlosse 
RCrOndele oder von der Klarheit und DistinkUteit abhängi«e GewiBhrat als 
Evidenz bezeichnet wird. H«nche Philosophen sebrauchen allerdings das 
Wort ^fvidenz" nur im Sinn von „Selbstevidens:". 

>) Vgl I. B. Thomas v. Aduino, In libr. IV metaphya, lect, 8: „Ei ipso 
bnmne naturali intellectns agentis (vgl § 20) prima principia fluni cogniU 
DM aequiiuntur per ratiocin&tiones, sed solum per hoc quod ewum termini 
isüdiescunt," 



1,1^. OQi 



'S'c 



293 n. Teil. Erkenntnistheoretiache usw. Gnindletnng dar Locik. 

Urteile begleitet, za nnterscheidenv Dazn kommt, daB wir 
ancli mngekehrt nicht selten eine wahre Behanptang denlreo 
und doch aber ihre Wahrheit noch Zweifel haben. Es ist 
denn aach sehr bezeichnend, dafi Spinoza am SchlnB des 
Seholions za der angefahrten Proposition doch wieder anf 
die Klarheit nnd Distinktheit zurückkommt. Von neueren 
Logikern hat namentlich Hnsserl (vgl. S. 184 ff.) eine Selbste 
evidenz in ähnlichem Sinn vertreten. Er behanptet, dafi es 
eich bei der SelbstcTidenz *) nm einen ,^igentämlichen 
Setznngsmodns" handelt, daß es „so etwas wie BewnBtaein 
der ,Erfällang der Intention' gebe", dafi ee bei der 
„Weaenserfassnng" (vgl. S. 185) ftir jedes „Wesen" „somsagen 
eine absolute Nähe gebe, in der seine Gegebenheit . . ■ 
reine Selbstgegebenheit ist" (Id. z. einer rein. Fhän. 
S. 300 n. 126, s. auch S. 39, 157, 284 ttX Auch diese Fassung 
der Lehre von der Selbstevidenz scheint mir völlig zn ver- 
sagen gegenüber der einfachen Frage: Woran merken wir die 
£rfällang, die abeointe Nähe nsf.1 nnd gegenüber der Tat- 
sache, dafi nicht selten auch für falsche ürträle eine solche 
Erfüllung bzw. absolute Nähe von dem Urteilenden in An- 
Spruch genommen wird. 

Ebensowenig leistet das oft herangezogene Evidenz- 
gefühl fär den Nachweis der Selbstevidenz. Gerade das 
Evidenz gefühl, soweit es überhaupt auftritt, begleitet un- 
endlich oft auch falsche Urteile. Wie könnte ee also im Sinn 
der Selbstevidenz als absolutes Kriterium der materialen 
Kichtigkeit dienen 1 

Endlich versagt aach die sog. Denknotwendig- 
keit, die man bald mit der Selbstevidenz identifizieren 
wollte (z. B. die Stoiker, vgl. S. 291), bald neben ihr als abso- 
lutes Kriterium der materialen Richtigkeit aufgestellt hat 
Diese ,J)enknotwendigkeit" ist nämlich zweideutig. Erstens 
versteht man darunter die logische Gesetzmäfiigkeit der 
Deokakte; diese kommt als absolutes Kriterium für die 
materiale Bichtigkeit des Denkergebnisses nicht in Frage, 
da sie sich eben gerade anf die Denkakte, also die formale 
Bichtigkeit bezieht. Zweitens versteht man darunter vom 
Standpunkt des Determinismus die psychophysio- 
logische Notwendigkeit, mit der die einzelnen Denkpro- 
zeese des Individnums erfolgen; diese ist erst recht kein 



*) Er vricht nur afhlw.hthia von GYidenz. 

h. i."ih,Googlc 



_^ 1. Kapitel. EikanntnisthMietücbe GnuuUesuni. 203 

sladiitfls BicbtisrbfiitskTiteTinni, da zahllose einzelne indivü 
dneOe Denkprozease ein material falsches Ei^ebnis herror- 
bnogeo. Die Tatsach«, daä wir nicht denken können 
a = nicht a, fällt teils in das Bereich der peychophyeio- 
lofisehea OeaetzmäQigkeit, teils in das Bereich der logischen 
Gesetzmäßigkeit der Denkakte und wird demgemäß auch in 
der antochthonen Grundiegnn^ der Logik erörtert werden. 
Vgl. sDch oben S. 289 (über Kongruenz). Ein allgemeines 
^bulntes Kriterium ist also anch in der Denknotwendigkeit 
nicht gegeben. 

Qegennber allen diesen Veranchen, ein absolutes Kri- 
terinm anfzustellen, bleibt der bereits von Kant formulierte 
Einwand bestehen: Da man bei einem allgemeinen Kriterium 
tier Wahrheit von allem Inhalt der Erkenntnis (Beziehung 
auf ihr Objekt) abetrafaieren müßte, and Wahrheit gerade 
diesen Inhalt angeht, so ist es ganz unmöglich und nngereimt, 
nach einem Merkmal der Wahrheit dieses Inhalts der Eh*- 
Kenntnisse zu fragen ; daher kann ein hinreichendes und doch 
togleich aUgemeiiKs Kennzeich«i der Wahrheit uumögUch 
«ig^eben werden "). 

i 62. Gmndaxiome. Wenn es kein absolutes Kriterium 
der Wahrheit gibt, so werden auch keine Sätze existieren, 
die unabhängig von allen fundierenden Gegenständen und 
unabhängig von der Gesetzmäfiigkeit der Denkakte be- 
atupmchen können richtig zu sein. Man kann solche Sätse 
tarn Unterachied von den Axiomen, welche auf irgend- 
velchen Tatbestand fundiert sind (wie z. B. das Axiom, daß 
die grade Linie der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten 
ist), als Grnndaxiome bezeichnen^). Von dem in den 

») KriL d. rein. Vem., KebA. Ausf. S. 88. 

>) Sie aitaitncben ungefUir der «ip/q irwni^tfe Pialos (RepuU. 610B) 
und den »mtri Jüinfttttm des Aiisloleles (im Q^wimIz zu den UtmM «f jr*<> 
t&Akad. Aase. iOO&b, 88; 73a, 16; 7&>t 41; 76 b, U; 997 a, 18). — Das 
Wwt „Axiom" selbst ist Obrigens keinesweea immer in dem ilöcjun Sinn 
Mnncbt worden. Bei Aiistoteles bedeutet es einen ttnes Beweises nicht 
Uiiien, aber zum Beweis uoentbehrlichea Satz. Die Stoiker Be)»auch(en 
te Voit iluifttam tflr Urteile Oberhaupt pikier kehrte man im Wesent- 
liditt wieder zu dem aiistotelischen Spncbfebiauch zurOck. Vgl z. B. 
Lobnix, HonadoL Hb. So definiert auch nodi Wollt in seiner Logik (g 387 
u- 1^ das Aüom als eine .jnoposiUo tbeoretica indemonatrabiUa" (ofienbv 
tbriiuu Dicht koRskt, da auch jeder falsche Satz unter diese Definition ttUt). 
Kut bat dann die Bedeutung des Worts, ein Kinklsng mit aner bis in das 

„.,,„,^.oogic 



2M U- T^' fiikmntnistbeoretiKhe usv. Gnmdlemc der Locik. 

letatco Paragraphen gewfmaKaea Standpunkt ans kann es 
also ttberhrnipt keine Gmndazifnne in dan eben'^featgelegten 
Sinn geben. Dui «Jieiirt: nun aber die Tateadie zn wider- 
spreobMi, dafi ^rade die Li^ik eelbst einige ^rinxipien" 
(„Ornndsätae", „PMtoIate") aufstellt, die gram den Charakter 
von Grandaxifflnaen zn haben echeinen, so z. B. das aog. Identi- 
tätqninzip ^^a", das sog:. Widerspmchsprinzip ,# nicht = 
aon a", der Satz „wenn a = b und b = c, dann a = e" nsf . 
Eine sor^ältigere Überlegung xeigt jedoch sofort, daB dieser 
Widersprach nur scheinbar ist: auch diese st^. Prinüpien 
sind keine Gmndaziome in dem jetst in Rede stehendeo 
abeolnten Sinn. 

Vielm^r sind sie entons fundiert in den allge- 
meinsten Tatsachen dcB Gegebenen („gigno- 
menologisch fundiert", .^einsgesetee", vgL S. 6). 
Ich habe niemals in einem bestimmten Zeitaugenblick ein 
Erlebnis a und zugleich das Erlebnis non-a'). Das Ge- 
gebene ist, nm es knrz auszudrücken, stets „Singular** 
etwa im Sinn einer Gleichung, die nnr eine Lösung 
(„Wurzel") ergibt Dieselbe singulare oder, wie wir auch 
sagen können, „sejunktive" Beschaffenheit schreiben wir 
daher dann auch den Bedoktionsbeetandteilen („Dingen") za: 
wenn zu einer bestimmten Zeit nnter bestimmten Umständen 
eine Masse einen Bewegungsantrieb ki in der Richtpog n 
und einen Bewegungsantrieb ki in der Richtung r^ erfährt, 
so schlägt sie niemals als Ganzes, d. b. ungeteilt, zQgleich 
sowohl die Bichtnng ri wie die Richtnng r« {d. h. die Rich- 
tung a und eine Richtung non-iO ein, sondern entweder 
nur r» oder nur r. oder teils r, teils r« usf. Rein logisch, 
vom Standpunkt unsrer Dei&gesetze betrachtet, wäre es sehr 

Altertum verfolgbuen Tendenz) auf daa Get«et der mathanatiechen An- 
achatiunf beachrlnkt und zugleich im [»«snaDten Sinn besUmmte srutbeUscbe 
QruDdsitze des reinen Ventandes als „Axiome der Anschauung" bezächiMt 
(Krit d. rein. Vera., Eehrb. Ausg. & US B.>. Die erstere Beschrlnkuac ist 
aoch weitertiin oft beibehalten worden, vsl. z. R. B. Erdmann, Die Axiome der 
Geometrie, Leipzig 1877, S. 12. Wundt u. a. sind zu dem weiteren Grimucb 
zurOekgefcehrt, Loflil^ Stuttgart 188B, Z AnlL, S. US ff. 

■) Streng genommen gilt dies ailenüngs nur für nicht-zusunniengeeettte 
Eiläinisse. Bei qualitativ oder rikumlich zusanunengesetzten (nicht «nbeit- 
lieben) ErlebniMen können sehr wobl a. und non — a, z. B. zwei verechie- 
dene Töne b£w. zwei Terschiedene Farben, cugteich gegeben sein. In t ^ 
wird geteigt werden, in welchem Sinn die oben entwickelten Sfctce auch fOt 
BUMUDmen gesetzte EU-letUHsae gellen. 



1. SasöM. Eikcnntniatheorelische Gnindletunt. 295 

vdlmdylich, daß die Hasse angeteilt zwei veraehiedeae 
RiebtnnKeii einschlägt Nor weil alte aasere Erfahningen 
eiiMr sokhen DoppellöHung widerBpreehen, scheint sie 
(Jon naiveD Menschen anch denknnmöglich*). Tatsächlich 
liandelt es sich nnr iim eine allgemeinste „gignomeno- 
lofpsehe" Erfahmug. Eis kann also nicht die Bede davon 
KÜi, dafi das sc^. Identitätsprinzip in diesem gign<Mneno- 
lo^iflchen Sinn irgendwelche 'absolute Seibatevidenz hätte. 

Zwelieiu gilt diese Singularität speziell auch für das 
psychophysiologische Geschehen. Wir können gar nicht 
— weder rein psychologisch noch psychophysiologisch be- 
trachtet — als Totalinhalt z a g I e i c h die Vorstellnng a und 
eine Vorstellung non-a, d. h. eine von a verschiedene Vor- 
stellung denken. IMe Singularität des Geschehens gilt auch 
tiier. Es handelt sich um eine Denkunmöglichkeit, und in 
diesem Sinn (aber auch nur in diesem Sinn) bei dem urteil 
i=a und analogen Urteilen um eine Denknotw^ndigkeit. 
Auch in dieser psychologischen bzw. psychophysiologischen 
Bedeutung hat also das Identitätsprinzip keine geheimnis- 
mllen proprietates intrinsecae und insbesoudere keine abso- 
lute Sellntevidenz, sondern ist auf allgemeine Tatsachen des 
Qegebenen fundiert*). 

C stumpf. Über den psychologischen Ursprung der RaumvorstellunK, 
Uipiig 1S73, S. 107, hat allerdings, wie vor ihm schon Bolzano, behauptet, 
oun kbune auch „Entgecengesetztes zusammen voistetlen", z. B. ein hölzernes 
^wn; denn sonst kennten wir nicht urteilen; „Ein hölzernes Eisen ist un- 
■Ufiicb". Gerea dieses Argument Stumpfs ist jedoch einzuwenden, dafi in 
^ von ihm angefahrten Urteil kein „Zusammenvorstellen" von hölzern und 
Einn, Modem nur ein Vergleich im Sinn der komparativen Gnindfunktion 
MltfiadeL Dabei muB berOcksicht^ werden, daB Zusammenvorstellen zwei- 
*«tti! ist. Bedeutet es nur „zugteicti vorstellen" bzw. ;„zuglach mit 
Baut auf denaelbea Gegenstand vonteilen", so kann ich mir selbstversläud- 
Mi Holz und Eisen zusammenvoratellen (z. B. mit Bezug auC einen teils 
'■iltemen, teils eisernen Gegenstand). Bedeutet es dagegen — ^ wie dies mit 
bölumem Eisen doch wohr gemeint ist — „zugleich als Totalinhalt vor- 

') Olsigens zeigt jeder Zaubetglauben, daB auf tieferen Bildungsstufen 
diese Denkunmöglidikeit durchaus nicht anerkannt wird. 

') So wird es auch, verständlich, daB liebmann (vgl S. 166) den Sulz 
^ Widerspruchs al9 ein „psychologisches Naturgesetz" bezeichnet (Ge- 
iluken u. Tals. 1BB2, 2. AufL 1»M, Bd. 1, S. 26). — Die AusfOhnmgen von 
). Staart Mill (Syst. of log., 4. Au8. I^ndon laB6^ Buch 2j Kap. 7, § 6, S. 3ü*l 
in den früheren Auflagen fehlt dies Kapitel; I^rs. v. Gomperz, 2. AufL Leipzig 
MH Bd. 1, S. 336), dem wohl etnaa Ähnllcbes vorschwebte, sind in vielen 
Pnlnen zu beanstanden. Die Einwinde Husserla (Log. Unters. Teil 1. S. 79) 
>ttSm nur die Millscfae Entwicklung, nicht die oben gegebene. 



^)6 ■ II. Teil. Erfcenntpiatheoreüache usw. Grusdleffimg der Loeik. 

steUen", so ist es fOr EntgcBengesetztes ausceachlossen. Aufierdem handelt es 
sich, bei meineF AuseinandenetzunB um kontradikto riscbe (Kcen- 
sätzc^ nicht um bbBe Verschiedenheit wie Holz und Eisen. 

IMtteiu wird sich ergeben, daß die Logik in ihrer 
autochthonen Orondlegnng dem Identitätsprinzip noch eine 
besondere logische Bedeutung gibt, indem sie ideale „Be- 
grifle" usf. konetroiert, welche der Veränderlichkeit und 
dem Wechsel der psychologischen „Vorstellnngen" 
entrückt sind. Das Identitätsprinzip a=a ist in diesem 
togischen Sinn ein kurzer Ansdruck für die (gedachte) 
iibsolnte Konstanz dieser Ideal- oder Normalvorstellongen. 
Formale Richtigkeit nnsrer Denkakte (Konkrepanz) ist nur 
möglich, wenn unser Denken den Oesetzen folgt, welche für 
das Denken mit solchen normalisierteii Vorstellungen gelten. 
Das Identitätsprinzip im logischen Sinn ist also unmittel- 
bar von der (Gesetzmäßigkeit unseres Denkens mit Bezug aof 
Biehtigkeit und Unrichtigkeit abhängig, kann also gleioh- 
falle keine absolute Selbstevidenz beanspruchen. 

Die logischen „Prinzipien" sind somit gleichfalls keine 
Gmndaxtonie, und damit fällt der letzte Axihaltspunkt for 
die Ehüstenz solcher Grundaxiome. Omndaxiome existieren 
ebensowenig wie jene proprietates intrinsecae der material«i 
Wahrheit, welche im letzten Paragraphen besprochen wor- 
den sind. 

§ 63. AprioritXt. . Wenn alle unsere Vorstellungen (im 
weitesten Sinne, also einschlieBlich der urteile nnd Schlösse) 
von fundierenden Gegenständen nnd der Gesetzmäßigkeit 
vnseres Denkens abhängig sind, so sind sie idle ans dem Ge- 
gebenen, d. h. aus der Srfahrong (imi weitesten Sinne) 
geschöpft nnd in diesem Sinn a posteriori. Aiush die 
Tatsache, daß a=non-a denknnmÖgUch ist, müssen wir 
der Erfahrung entlehnen. Wir müssen durch Elrfalinmg 
„konstatieren, daß jeder Versuch eine die formalen Grund- 
sätze unseres Denkens aufhebende Verneinung zu denken, 
unvollziehbar ist" (Elrdmann) '). Man muß räch nur hütm, 
unter Erfahrung etwa nur die SianesempSndongen zu ver- 
stehen. Die Erfahrung in unserem Sinn ist mit der gansen 
Summe der Gignomene, d. h. — etwas kurz nnd mißverständ- 

>} Losik, 1. Band, 2. Aufl. Halle 1W7. S. 41B. Es ist auch sebr chaok' 
teriatisch, daß Erdmann seine Ban2e Logilf ohne den BeiriS der ApMiitIt 
autbauen kann. 



1. Kvitel. Brfcenntnistheoretisehe Onindleeung. 297 

lidi ansgedrnckt — tmsrer s<^. BewußteelnsertebDisse, iden- 
tisdi. ApPiorisohe Satze also im Siim von Sätzen, die nicht 
ans der Erfahmn; abgeleitet waren, existieren nicht. Damit 
ist die erkenntnistheoretische Grondleguog für die Logik 
einen weiteren wichtigen allgemeinen Gesichtspunkt ge- 
liefert 

Unzatreffeud wird dagegen der eben aufgestellte Satz, 
venu man die Aposteriorität bzw. Apriorität, wie dies schon 
seit Aristoteles vielfach geschehen ist, nicht auf die Erfah- 
ning im weitesten Sinn, sondern auf die Sinneserfahnrng 
besieht Aprioriach ist bei dieser zweiten Deutong des Worts 
jedes Denkergebnis, das nicht ans der Sinnes erf abrang ab- 
geleitet ist, aposteriorisch jedes aus der Sinneserfahrnng ab- 
geleitete Denkergebnis. Legt man diese Bedeutong zugrunde, 
so bleibt die Möglichkeit offen, daß wirklich apriorische 
Denkergebnisse existieren. Da nämlich, wie Kant zuerst klar 
nachgewiesen hat, bei jedem Denkergebnis formale Denk- 
geeetze, von denen seine Bichtigkeit abhängt, mit wirk- 
sam sind, 80 ist es möglich, daß diese Oesetzmäßigkeit on- 
seree Denkens genügt, uns einige Denkergebnisse ganz unab- 
hängig von der Sinneserfahrnng zu liefern. Apriorisch ist 
bei dieser Deatnng des Worts jedes Denkergeboia, welches 
sich ans dieser Gesetzmäßigkeit unseres Denkens ohne Hilfe 
anderweitiger Erfahrungen (Sinneserfahnmgen) ergibt, 
aposteriorisch jedes Deokergebnis, welches sich ans der Ge- 
setzmäßigkeit des Denkens und anderweitigen Erfahrungen 
et^bt Unter der Gesetzmäßigkeit des Denkens sind hier 
nicht etwa schlechthin die psychologischen Gesetze (z. B. 
AsBoziationagesetze) zu vemtehen, nach welchen tatsächlich 
das Denken — das richtige sowohl wie das falsche — erfolgt, 
sondern diese (besetze, soweit sie zu richtigen Denkergeb- 
nissen führen, also nach nnsrer Definition die logischen Ge- 
Mtze. O b und in welcher Zahl ^rioriache Begriffe und 
Sätze im Sinn dieser zweiten Definition der Apriorität exi- 
stieren, ist strittig. Kants „reine Yerstandesbegriffe" (Kate- 
gorien) und „synthetische Grondsätae des reinen Verstandes" 
värdoQ hierher gehören. Vor allem aber leuchtet ein, daß 
eben jene formalen (l<^ischen) Gesetze selbst, welche die 
Dichtigkeit nnsres Draikens nach der formalen Seite hin be- 
stimmen, sich als solche apriorische Sätze (Erkenntnisse, 
Denkergebnisse) erweisen könnten, die lediglich aus nnseren 
Erfahrungen über die Gesetzmäßigkeit des richtigen Denkeoa 



298 n. Teil. BrkeiiDtniBtbeonlische usw - Gmndlt<m>K dw Logjk- 

abgeleitet sind. Aaf diese Frage wird später eiozogehen 
sein. Hier war nur feetzoBtellen, daS der Terminn» .^-prio- 
ritfit" zweideatig ist, und daß er ia seiner eretea Bedeu- 
tung für die Logik nicht in Betracht kommt, dagegen in 

seiner zweiten unmittelbar gerade auf die logischen Gesetze 
hinweist. 

Die Bcdeutunc der Worte « priori und a posteriori hat in der Gescbichle 
der Erkenntnistbeorie und Logik auSerordentlich gewechselt und sich keina- 
vega auf die soeben erörterten beiden Bedeutungen bschr&nkt An dieser 
Stelle können nur einige wenige für die Logik besonders wichtige Auf- 
fassungen kurz hervorgehoben werden. 

Bei Aristoteles (TgL S. SSt.) treten die Tennini ^göft^v nfit iftme"^ and 
füfiitf»!' Tg 7«vit* (.dnUf Hfiifftr*) auf. Beide beziehen nch mdi 
seiner ausdrOcklicben Festsetzung auf die individudte einzelne Snnes- 
eriahiung (mb9ti«K, Ak. Ausg. 71bff.). npeif^r n^f ^/täe ist, was diese) 
naher, Mfiftff tg fMiati, was ihr ferner steht. Damit ist zugleich festgrie^, 
dafi das Allgemeine dos «penpac tj ^mh ist. Wieso das vvttfoy »plr ^fiit 
doch ab Mfütf^ if ipiati bezeichnet werden darf, wird nicht genl^eod ei- 
öiteri. Sogar der Sinn dieses nqitifr ig tpiiMt bleibt insolem unklar, als 
das „vorangehend" b^d mehr logiscl^ bald mehr ontologisch gefafit wird 
Jedenlalls deckt sich weder das tifittgor ngie ^ftäe noch das .«päri^i- '^ 
9D««' eindeutig mit dem apriori in einer der beiden olien erörterten Be- 
deutung«!. 

nie Scholastik hielt zum Teil an der aristotelischen Bestimmung mit 
unwesentlichen Änderungen fest. So bezeichnet Thcmasv.Aquino (Tgl. 3.741] 
das priua quoad nos auch als prius cognitione, das prius natura auch als 
prius in ordine naturae. Zum Teil aber Obertrug man die ganze Unteracbei- 
dung auf die Beweise und unterschied eine demonstratio a priori, d. L pro- 
cedens ex cbusib und eine demonstratio a posteriori, d. h. procedois ab 
dfectibuB ad causas ') (z. B. Alb. v. Sachsen). Diesen Standpunkt nahm u. a. 
sp&terhin auch die Logik von Port-Boval ein. 

In der neueren Philosophie wurde hier und da der aristotelische Spncli' 
gebrauch festgehalten. Vielfach aber wurde auch die Bedeutung dahin ver- 
schoben, dafi man nicht mehr wie Aristoteles den Gegenstand der Er- 
kenntnis, sondern ähnlich wie Albert von Sachsen u. a. den Weg der Er- 
kenntnis in Betracht zog, andrerseits aber in teilweiser Obereinstimmum mit 
Aristoteles und in teilweisem Gegensatz zu Albert von Sachsen das ent- 
scheidende Gewicht auf den Unterschied zwischen begrifflicher Ericenntnis 
und SinneserfahruDg legte. Die apriorische Erkeimtnis galt als die Eikenot- 
Dis BUS Begriffen, die aposteriorische als die EAenntnis au/ Grund der änoes- 
erfahrung. Dabei wurde allerdings meistens nicht schaff zwischen der Er- 
fahrung im weiteren Sinn und der Sinneserfahrung unterschieden und auch 
nicht genOgend beachtet, daB die BegriS^ deren Zergliederung und Ver- 
bindung zu apriorischen S&tzen führen sollten, ihrerseits teilweise oder gant 
der Sinneserfahmng entlehnt sind ^), Sehr deutlich tritt diese Unklariint in 

') Übrigens konnte sich diese Auffassung gleichfalls auf ^nzäne Aufc- 
rungen des Aristoteles berufen. 

') Später sprach Kant in einem solchen Fall von einem „nicht reinen" 
»priori (Krit. d. rein. Vem., Kehrb. Ausg. S. 6«). 



1. Kwitel. Eik«niitiiistbeorelische GniBdleruns. 299 

dn W^lbcben Defiaition hervor (Logica S 6GB1): „Utünur uttam in veriüitc 
pnvm Harte emenda vel solo aena^ wd ex aliia cognitiB latiociiuatdo eli- 
nanBoDdum cofnita. In priori um dicimur vcntatem eniere a poatetion; 
in PMteriori aat»i a priem." Leifaniz hatte vorher viel klaier an SteHe 
AraÜteacnita die aUeemeinen Benifie ala das Hateriil fOr die Erkeontnisae 
> priori beseichnet. 

Kne totale Umdeulung de« Tenninua ,APnari" hat dann Kant an- 
pWmt (vtf. § 44)*). Er definiert die apriorische Erkenntnis ab die von 
•Bcr Erfahrung unabfainfige Erkenntnis (vgl. c. B. Kritik der nisen Vem., 
t inO, Ein!., Kehrb. Ausg. S. U7). Ausdrth^lich gibt er zu, daB alle lOKre 
bkoutnia mit der Erf^ning aiihebt, bestreitet aber, daB alle unseze Er- 
^nmtnia ans der Erfahrung entspringt Dabei iinttfüeS «r aber lii illimiil 
t> oUlTNi, was er unter Erfahnmg verstehe, insbesondere, ob er unter Er- 
UmiBg nur die Sinnesempfindungen versiehe. Zunftchst scheint er unter 
EtUinmg die zu einef Erkenntnis der G^enstände verarbeiteten SinneS' 
nadrOeke, also nicht etwa nur die SnneseindrOde selbst zu verstehen. 
Dum würde nch Kants Apriori mit d^n Apriori in der ersten Bedeutung 
nnner Darstellung wenigstens ungefthr decken. Dann aber weist er nach, daß 
in murer „Erfahrungserkenntnis" doch auch ein aus unserem ,,Bikenittnis- 
TciiBögen" stammender „Zusatz" enthalten ist, der nicht aus den Stmies- 
cmdracken entspringt, und bezeichnet nun diesen Zusalz als von der Er- 
fAnog onabhftngig und als apriori. Damit ist offenbar jetzt die Erfahrung 
HB Hferen Sinn der Sinneserfahrai^ gemeint >) und das Apriori ans der - 
«iten BedeQtung meiner obigen Darstellung in die zweite verschoben. 

Nicht weniger bedenklich war eine weitere Zweideutigkeit in Kants 
vriori-Begriff. Kant läSt n&mlich zweifelhaft, ob der aus dem EAenntnis- 
taiBBgen kanmende Zusatz, der uns die apriorische Erkenntnis verschärft, 
in psTchologischem oder in logischem Sinn zu verstehen ist. In psycho- 
lopschem Sinn würde Kants Apriori dasjenige sein, was äch aus der an- 
Kbcmnen Anlage des Erkenntnisvermögens oder — modemer ausgedockt — 
UB der generdlen Gesetzm&Bifteit unserer tatsächlichen Deokakte ergibt 
«Bd Mfnit potentiell aller Erfahrung (im weitesten Sinn) des Individuums 
irontugehL In logiBchem Sinn würde Kants Apriori dasjenige sein, wag ge- 
^*üA werden muB, um die Möglichkeit g^ebener Vorstellungen (im weitesten 
^ime) zu erklären. Dabei beachte man, daß auch bei der logischen Auf- 
iuBnng dem Apriori keine Unabhingigkeit von der Erfahrung im weiteren 
Sinn oder gar ein Überschreiten der Erfahrang in weitemn Sna zukommt; 
ioD auch die Feststellung dessen, was als begriflliche Bedingung für die 
HJllichkeit gegebener Vorstellungen gedacht weiden muß, kann nur auf 
'^nutd der Erfahrung (im weiteren Sinn) erfolgen. Welche von diesen beiden 
Deatimcen Kant selbst vorgeschwebt hat, kann hier nicht erörtert werden. 
^ itt wahrscheinlich, daB er anfangs mehr die psrcbologiscbe, später mehr 
drt iogische Bedeutung des Apriori bevorzugt hat und Oberhaupt nicht volU 
^Mnen klar und konsequent beide Standpunkte unterschieden hat. Seine 
AnlODger und seine Gegnerliaben seiner Lehre bald diese, bald jene Deutung 

*) Vgl. Vailiinger, Kommentar zu Kants Krilik d. rein. Vernunft, Slutt- 
»»rt Bd. 1 (1881), S. 188 f., 166, 221 u. Bd. 3 (1892), S. aötf-, «, 177 (Kritik 
4er Riehischen Auffassung) u. 279. 

*) Aul die Komi^kationen der Kantschen Lehre, die durch seine An- 
'»imt eines „inneren" Sinnes entstebeo, kann hier nicht eiDgtgRDgen werden, 



.oogic 



300 ^- "^^l- Grteiintnislheo retische usw. GrundleruiK der I^ogik. 

unleiselegL Die Neubantsche Schute (vgl g 44) hat KTöfitentäb dift logische 
Scutunc akzeptiert, aUenünfs oft mit allerhand weseiilUcheii Abandcrunceo- 
Beispielsweise sei die Deutung Riehls (t|1. S. 167} angeführt: ,^ prioii isk 
subjektiv genommen deijenige Teil dei Erkenntnis, der unabbfliing von der 
Erfahrung efworben wird, der aus der Gesetzlichkeit des Bewußtsein* 
stammt und hervorgebracht ist A priori ist objektiv genommen die Erkennl- 
nis, welche von der firiahning unabhängig eingesehen und bewiesen 
werden kaim" (Der philos. Kritizismus usw>., Bd. 1, a Aufl. Leipcif 1006^ 
S. &7B) *). Erst recht wurde die logische Deutung des Apriori von den Legi- 
ziaten (vgl. § 46) bevorzugt. Zum Teil gingen sie sogar uoch insofern Aber 
diese hinaus, als sie für die Erkenntnis des Apriorischen .eine guiz besondere 
logische Tätigkeit, die jenseits des Psychologischen liegt, in Anspruch nehmen 
(Weaensschauung bei Husserl, die „eidetisch" und „apriorisch" identifixieit, 
8. Ideen zu einem rein. PhAnom., S. b. 81, 64, 286, S0& und dieses Werk S. ISI). 

Die oben (S. 287 ff.) von mir an zweiter Stelle angefahrte AuBassung 
des Apriori deckt sich weder vollsUndig mit der pSTcbologischen noch toU- 
sländig mit der logischen Deutung des Apriori Psychologisch ist sie, insoten 
sie die ausschlieBliche Herkunft der apriorischen Erkeimtnisse aus den tat- 
s&chCchen Deokakten behauptet und jede von diesen tatsächlichen DenkaUes 
losgelöste rein und ausschlieSlich logische Beziehung leugul. 
Logisch ist Bi€^ insofern sie nicht das Denken in der Allgemeinheit, wie es 
Gegenstand der Psychologie ist, also richtiges und falsches Denken der Ab- 
leitung des Apriorischen zugrunde legt, sondern nur das richtige Denken. Sie 
behauptet, daB aus der GesetzmiBiAeit des richtigen Denkens aprioiiscbe 
Denkeisebnisse (apriorisch im zweiten Sinn) entspringen oder wenigstens 
entspringen k S n n e n. 

Die Aufgabe, die etwa Torhandenen apriorischen Sfilse 
(in der zweiten Bedeutnng) aufzusuchen, fällt der Lo^ 
selbst, und zwar ihrer autochthonen Grundlegung za; denn 
es kann sieh bei derselben, wie aus den Erörterungen dieses 
Paragraphen hervorg^t, nur um Sätze handeln, welche aa& 
der Gesetzmäßigkeit des richtigen Denkens entspringen, also 
logisch sind. Die weitere Frage, ob diesen Sätzen eine Gül- 
tigkeit über nnser Denken hinaus zukommt — wie man dies 
für Kants apriorische Begriffe (Kategorien) and apriorische 
synthetische Grandsätze behauptet hat — fällt in daa Be- 
reich der Erkenntnistheorie. ■ 

% 64. Geltung oder GOltigk^t Das Beaiehed' tok BOmt 
tlonen. PsjrehcrioghittMhe und logisistlsehe Aaffassnag dt« 
Geltens. Die Geltung oder Gültigkeit einer abgeleiteten 
Vorstellung {im weitesten Sinne, also einachlieBlich aller 
VorstellangSTerknüpfangien, wie urteile nsf.) deokt sich 
noch den Ausführungen des % 62 ganz mit ihrer materialeo 



•) Obrigens giU Hiehl S. 1W9, 468, 4», u. 4» audi andere, nicht un- 
betrichtlich abweichende Deanitionen d» Apriori. 



1. Kapitel. EAenniDisthforetische Gnindleguns. 301 

Biehti^eit. Der Begriff der materialen Richtigkeit ist nur 
iDMifehi weiter, als wir ihn auch auf Empflndongea and pri- 
märe Erinnenuigshilder anwenden, was bezüglich des Be- 
gtiJb der Gültigkeit nicht üblich ist. Wir schränkm den 
letiteren anf die abgeleiteten Vorstellnngen ein. Eine Vot- 
stennng „gilt" oder „ifit gültig", soweit sie ihrem Oegen- 
«tuid, also dem Tatbestand, auf den sie sich bezieht, ent- 
fpöebXj einerlei ob dieser Tatbestand im Bereich der Emp- 
flndnngeib oder der Vorstellungen oder hypothetischer, von 
ans hinzugedachter Bedokttonsbestandteile („Dinge an 
sieli", „Beize" vom Standpunkt uiderer Erkenntnistheorien) 
fd^Tcn ist Wegen dieser Beziehung auf einen G^egenstand 
iObjßkt, vgL & 265) muß jede Geltung bzw. Gültigkeit als 
qObjektiv" bezeichnet werden. Ob es trotzdem noch zulässig 
iet, in einem bestimmten Sinn auch von „sabjehtiver" G«l- 
tnng hzw. Gültigkeit zu sprechen, wird' unten zu prüfen sein. 
Diese Gültigkeit kolDunt znnachst nur den individuellen 
VoTsteUnngen zn, die im psychischen Leben des Einzelnen 
Boftreten. Nnn fingieren wir aber, wie schon wiederholt an- 
sedeatet wurde nnd in der antochthonen Orundlegong der 
Logik ansföhrlich dargetan wird, Ideal- oder Normal- 
vorstellungen (:^ Begriffe), die der Veränderlichkeit 
Qod Unbestimmtheit der individuellen Vorstellungen ent- 
togsn sind, and schreiben auch diesen Gültigkeit oder mate- 
liale Richtigkeit zu. Diese Gültigkeit kann als die „spezi- 
fisch logische", oder kurz als die „logische" (in prä- 
^Emtem Sinn) bezeichnet werden. 

An diesen Terminns der Geltung knüpfen sich nsn man- 
cherlei Zweideutigkeiten und Streitfragen, die im folgenden 
kurz erörtert werden sollen. 

Zunächst mofi davor gewarnt werden, den Terminns Gel- 
tung von der Vorstellnng, UfOch genauer dem Vorstellungs- 
inhalt (S. 273) auf den Gegenstand, also den intendierten 
Tatbestand (S. 265) zu übertragen. Wenn ich sage: für den 
Kreis gilt die Gleichung x* + y* = r*, so kann dies bedeuten: 
meine durch die Symbole (Worte nsf.) ausgedrückte Vor- 
^tellongsverkuäpf nng ') gibt einen Tatbestand bezüglich des 
Kreises material richtig wieder („entspricht" diesem Tat- 

') Die Ausdrficke .peeziB", „Satz" usw. werden hier noch absichtlich 
'^ntneden, weil sie erst in der autocHthonen Orundlegung der Logik leeitimiert 
vetdcu. 



.oogic 



302 "- '^*^- Ericenntniatbeoretiache usw. Gnmdlegunx der I-osUc. 

bestand). Däese Bedeutiuifi: fällt mit der (objektiven) GülUir- 
keit in den» eben festgesetzten Sinn« zosanunen. Zaweilai 
meine ich aber mit demselben Satae auch etwas anderes, 
oämlieh, dafl d^ Tatbestand z* + y* = r* für den Ejreifi be- 
steht (bei dem Kreis existiert), und will gar nicht die mate- 
riale Richtigkeit meiner Vorstellou^rftverbindting hervor- 
heben: In beiden Fällen wird ein bestimmter Tatbestand 
gedacht bzw. behauptet, aber im ersten' Fall — wenn «e 
aich um die Gültigkeit der VorBtelhing bitw. Behanplnng 
handelt — füge ich dem Denken des Tatbestandes noch des 
ansdrücküchen Gedanken hinzu, daA der Tatbestand O durck 
die Vorstellung bzw. Behauptung V richtig wiedergegeben 
wird, d. h. eben, daß V* dem O entspricht und inacrfern gültig 
ist. während im zweiten! Fall auf diese BeziehuDg vom V 
za O gar nicht reflektiert wird. 

Später — insbesondere in der Lehre vom Urteil — wiid 
sich sogar «rgeben, daß die erste Gültigkeit, also die Gültig- 
keit im Sinn der materialen Richtigkeit von V, noch in einer 
sehr bemerkenswerten Abart auftritt: die Gültigkeit von V 
ist nämlich zuweilen nur eine hypothetische, ich stelle V 
trotz gegenteiliger Vorst«llangen (Zweifel, Bedenken usf-) 
als „Annahme" auf, z. B. bei dem indirekten Beweis, um das 
ongenonmiene V" zu prüfen nnd zn widerlegen. In diesem 
Fall handelt es sich also gleichfalls, wie bei der ersten Gül- 
tigkeit, um das Entsprechen zwischen V und O, aber man 
behält sich die Eotscheidung über di« Tatsäcblichkeit der 
Gültigkeit noch vor. 

Im folg«nden wird von dieser hypothetischen Gültigkeil 
zunächst abgesehen (vgl, die späteren Erörterungen ^ 74 ff.) 
und nur von der ersten und zweiten Gültigkeit gesprochen 
werden, diese beiden aber sollen streng nuaeinandergehalteo 
werden, und zwar soll der Terminus „Geltung" („Gültig- 
keit'*) ausdrücklich auf die erste Bedeutung, also die Bedeu- 
tung der materialen Richtigkeit von V eingeschränkt wer- 
den. Für die zweite Bedeutung, das Gelten von O, empfiehlt 
sieh der Terminus „Bestaud" oder „Bestehen". 

Offenbar tritt nun die Frage der Unterscheidung von 
Gegenstand (O) und Vorstellung (V), die uns schon im ^ 59 
beschäftigt hat, in ein neues Licht. Die bewußte Rftckbezip- 
hung von V auf O, die wir dort kennengelernt haben (vgl. 
S. 262 fl. u. 272), wird jetzt zu einer scharfen Unterscheidung 
des V von dem O, and auf Grund eben dieser Unterscheidung 

„.,,„,^.oogic 



1. lUpiM. ErkeDatnistbeoretiselM GnudiegonB. 303 

qncekes wir von eiaeaa Euteprechen, d. b. Gelton des V 
X(fnüb«r O und geben dem Tatbestand O eine znnäcbat toib 
IhiTe*) Selbständigkeit. Die Brkenntnistbeorie 8. 8tr. hat 
£e Aufgabe, den Sinn und die Berechtigung dieaer Ver- 
selbetäadijrnng za nntersocheu. Die Logik betrachtet diese 
VnBelbBtändignng des Gegenstandes als gegeben und legt 
de ilirer ganzen Lehre zugrunde. Ohne die Annahme eines 
irgendwie selbständigen Gegenstandes gäbe es überhaupt 
keia Entsprechen und damit verlöre die Logik jeden Sinn 
und Zweek (vgl. S. 273). 

Aach die Abgrenznag von V" gegen O im Einzelnen 
Featznstellen, bann ganz der Erkenntnistheorie überlaesen 
Verden. Nur ein erkenntnietheoretiacher Satz, der sieh auf 
diese Abgrenzung bezieht, muß wegen seiner Unentbeihrlieb- 
keit für die Logik besonders hervorgehoben werden, nämlich 
daß auch den Relationsvoretellungen (Vei^lei- 
ehnngg-, BeztöhungsvorBtellungeu, vgl. S. 323 ff.), welche von 
den Tatbeständen „gelten", „bestehende" Rela- 
tionen innerhalb der TatbeBtände entsprechen. Man ist 
ümlieh leicht versucht, die Relationen — im Gegensatz zu 
(im nicht-relativen Ki^nschafteoi — aueschlieBUch in unser 
bezi^endes Denken zu verlegen. Wenn ich dem Sonnen- 
licht eine gröSere Helligkeit zuschreibe als der elektrischen 
Ij&mpe auf meinem Tisch, so liegt es nahe anzunehmen, da0 
eist in meinem Denken die Relation zustande kommt. Und 
doch iBt eine solche Annahme falsch. Der Tatbestand selbst 
enthält die Relation. Die einzelnen Dinge führen nicht eine 
loBgeriesene, isolierte Inselexistenz. Ohne das Bestehen einer 
ulcheu Relation könnten wir niemals eine Belationsvorstel- 
Inug bilden. VeTschiedenheit und Versehiedenheitsvorstel- 
^g (ebenso Ähnlichkeit und AhulichkeitsvorBtellnng) be- 
deuten nicht dasselbe, und ohne Verschiedenheit keine Ver- 
schiedenheitsvorstellung'). Nur die Tatsache, daß die Ver- 

*) Wir mOssen bedenken, d&B der Gegenstand stets — auch wenn er 
^ T oder E iat — im Augenblick, wo er Gegenstand eines V wird, nicbt 
n^ unmittelbar als solcber geKeben ist. 

*) Dabei wird festgehalten, daB die Verschiedenheits Vorstellung 
■nid ent recht die Zusammenfassungs- und Zergliedeningsvo rstellung 
HU bestimmtes Pbs zu dem Helationstatbestand hinzufügt. Vgl. Grundl. d. 
Aicholone, Lnpzif-BerUn 1915, Bd. % S. 171, und Vierteljahreschr. t. wiss. 
I'bilos., Bd. 39, & 168 ff. Bezüglich der KomplexionS' oder Zusammen- 
luGunisvorsteUujigen sei vorgreifend (vgl.geS) schon jetzt hervomehobeD.daS 
ae sich zwar wie die VergleuhungsvorsteUungeit aul Verachiedeabeits. ode^ 

„.,,n,^.OOglC 



304 1. Teil. Erkfnntnistbeoretiache xisw. Gnindleriu« der Logik. 

scbiedenbeit selbst als solche niemals in meiaen AnssagcD 
auftritt, sondern stets als die von mir gedachte und aosge- 
sagte, täuscht auch hier wieder leicht einen rein sabjektiven 
Charakter aller Relationen vor. Ihre objektive Natur ergibt 
sieh demgegenüber schon daraus, daB viele wenn nicht alle 
Natargesetze von Belationen abhängig sind. Man denke s. B. 
an den Potentialonterschied, der einen großen Teil des physi- 
kalischen Geschehens bestimmt. Wir werden also, wie wir 
im allgemeinen zwischen dem Gelten von Denkei^bnissen 
und dem Besteben von Tatbeständen (im Bereich der R'a 
oder E's oder V's) unterscheiden müssen, so im besonderen 
auch das Gelten von Belationsvorstellungen nnd das Be- 
stehen von Belationen auseinanderhalten müssen (nament- 
lich gegenüber Meinong, vgl. S. 178) *). 

Mit der Behauptung, daB die Belationen auch nnab- 
bangig von den Belationsvor Stellungen „bestehen", iet 
nicht gemeint, daß sie gesondert von den Dingen (Gigno- 



Gleidiheitsrelationen des Gegebenen im weitesten Snn (also einsciilieBlich der 
Relalionen der rtumlicben und zeitlichen Läse) grOnden, aber oft in anderer 
Weise und in höherem HaBe als die Vergleichungsrorstellungen über den Tat- 
bestand des Gegebenen hinauBgeben. Die GröBenversdiiedenheit zwischen 
einem Baum und einem Strauch ,J>esiebt", und die VergleicfaungSTorstellnDl 
dieser Verschiedenheit drückt diesen Tatbestand entsprechend den zugehörigen 
Empfindungs- und Vorstellungsprozessen aus. Die VergleichuDgsfnnktion gebt 
über den Tatbestand im wesentbcben nur insofern hinaus, als sie die J»e- 
slehende" Belation isoliert. Anders bei den Zusammenfassungsrorstellimfea 
Die zusammenfassende Vorstellung „Wald" gründet sich auf xftumlicbe und 
andere Relationen, beschrttnkt sich aber oft nicht auf die Vorstdlunf der 
Bimne und ihrer Relationen (r&umliche Nachbarschaft, Ähnlichkdt), sondern 
fOgl oft die Zusammenfassung zu edner Einheit oder einem G a n i e & 
hinzu, die in den Relationen nicht enthalten ist und daher in einer eigen- 
artigenWeise und in besonderem UaSe über den Tatbestand hinausfabl Ke 
zusammenfassenden Voratellnngen werden also durch Relationen angereit 
und involvieren und enthalten Relalionsvorstellungen, fügen dann aber oft n 
denselben noch einen neuen, über die Relationen hinausgehenden Akt hinzu. 
Vd. zu dieser schwierigen Frage auch S. 3äi (g 68) u. M7, sowie GrundL L c 
*) IMo Scholastiker unterscheiden sehr scharf zwischen einnn refliec- 
tus (relationes), der auch in den Beziehungen der Dinge selbst liest, ub^ 
einem respectus, der nur in der apprehensio des Verstandes liegt Vgl z. B- 
Thomas v. Aquino, Summa theoL I, 13, 7 u. 38, 1, ed. Mign«, Bd. i, äTl^ 
u. 867. Die alten Skeptiker hatten dagegen bereits behaupte^ d>B den 
Relationen außerhalb des Verstandes flberiiaupt keine Realit&t zukomo' 
(Sextus Empir., Adv. matfa. Vm, US: tti^ fiinr mitnat lä itgit >( i*m 
tjc^tm, SnaifiK <K st'« tartr ainlt{). Auch in dei' modernen Fhilosopbie 
kehrt derselbe Gegensatz wieder, vgl z. B. Tb. lÄm», Einheiten und Rela- 
ti«MD, Leipzig 1802, und Ztscbr. L Psych, u. Phrs. d. £nn. 190% Bd. % 



i,l^.OOglc 



1. Kapitel. Erfcenntuistheoretische Gnindlesung- ;j05 

nwiieu) eine selbstäadige Existeoz irgendwelcher Art 
fahren. P^ eine solche Annahme im Sinne Piatos oder des 
seholastischen BealiBrnne (vgl. ^ 17 ff.) fehlt jeder Anhalts- 
pnnkt IHe Sondernng (Abstraktion) aas den Gignomenen 
kommt erst dnrch unser Denken zostande, existiert also nur 
in den Belations vorstellangen. Die Relationen bestehen 
QU i Q (an) den Gegenständen. Verschiedenheit, Gleichheit, ' ^ 
Lage, SnhzeasioQ, Zahl, analitative nnd intensive Eigen- 
Khaften') nsf. sind Bclationen von Gignomen za Gignomen 
oder imierhalb eines Gignomens, die von nnserem Denken 
ianh Vergleichnng, Znsammenfassnng imd Zergliederang 
(Komparation, Synthese nnd Analyse, vgl. ^ 70) festgestellt 
und nur in nnserem Denken, d. h. in den Belationsvorstel- 
Inngen CBelationsurteilen usf.) von den Gignomenen losgelöst 
werden (sog. distinotio rationis). Man darf daher beispiels- 
veise nicht dreierlei koordiniert nebeneinanderstellen: das 
Verschiedene, die Verschiedenheit nnd die Ver- 
se hiedenheitsvoretellnng. Die Verschiedenheit exi- 
stiert nicht gesondert von dem Verschiedenen'). Nur die 
Veischiedenheits v o r s t e 1 1 u n g stellt ein Novum dar. 

Der hier vertretenen Lehre, daß die Geltung mit der 
matenalen Richtigkeit der Vorstellungen (im weitesten Sinn) 
identisch ist und sieh anf einen Tatbestand im Bereioh der 
B's oder V's oder R's oder Relationen dieses Tatbestands be- 
zieht and in der Logik auf fingierte KormAlvorstellungen 
öbertragen wird ^ignomenologische Auffassung der 
Geltoag), stehen zwei andere Auffassungen gegenüber, die 
msD als die psychologistische nnd die 1 o g i z i - 
Btische bezeichnen kann. 

Die psychologistische Auffassnng, wie sie z. B. 
Heymans (vgl. S. 156) besonders scharf vertritt, kennt über- 
haapt nur die tatsächlichen Vorstellungen im Sinn der Psy- 

. S. laB; KotDu, Ztachr. f. Paychol. 191b, Bd. 73. & 11, D&nwntt. S. 36 8.; 
I Kmoag. Ztscbr. f. Psych, u. Pbys. d. Sinn., 18»9. Bd. 21, S. 183 (191 tt): 

3tiuapf, EracbeinunBen il psych. Funktionen, Abb. d. PreuB. Ak. d. Wiss. 

>• 1 1«0(^ Berlin 1007, S. 4 u. 2811; Huaserl, Log. Untersuch. 2. Teü, Hallei 

1901, S. 290, 2. Aufl., S. 2U (Einbeitsmoment). 
I *} Diese unsysleroatische AufzAblung bezweckt lediglich, Beispiele zu 

nben. 

*) Heine EAenntnistbeorie gebt noch weiter und behauptet, daS auclt 

^ VerscbiedcDbeitsvorstellunK nicht gesondert von dem Verachiedenen 

^lütiert, sondern dieses jener inexiatiei-t. Für die Logik eracheint eine wai- 

l«re Gntwicklung dieses Satzes vorläufig OberUfissie. 

2i*hea, Lehrbaefa der Logik. ^ 

„.,,„,^.oogic 



30(i !!• Teil. Erkenntnialheo retische usw. Gnindlegung der Loeik. 

tiholo^e. Sie übemeht ako die Umbildung d«r psycholo- 
gischen VoTfitelliingen in logische NormalTOratelInngen -(Bc 
griffe) und kann deshalb dem Logischen nicht gerecht werden. 
Die Oeltung wird daher zn einer lediglich psychologischen 
Tatsache, die ganze Logik dmnit zn einem nnsclbstandigen 
Teil der Psychologie. 

Die 1 o g i z i« t i s c h e Auffassung ') (vgl. S. 173 ff-, 258fl., 
'-'70 ff.) geht auf Bolzano (vgl. S. 173) und Lotze (vgl. S. 195) 
zurück. Sie behauptet, daß außer dem Tatbeetand, aof wel- 
chen der Inhalt eines Denkergebnisses sich als anf seineo 
Gegenstand bezieht, und außer dem Denkergebnis selbst nocb 
ein drittes reinLogisches unterschieden werden muß, und 
schreibt dieeem eine absolute Geltung zu. Dies Dritte 
heifit bei Bolzano „Vorstellnng an sich" und „Satz an sich" 
(Wahrheit an sich), bei Lotze ,4ogischer Gedanke", bei 
Husserl „Wesen" oder ,^idos". Oft wird es als „ideal" oder 
„ideell" den gewöhnlichen Realitäten gegenübergestellt. 
Auch die Termini „Gegenstand", „Inhalt", „Sinn", „Bedeu- 
tung"' werden oft gebraucht. Bald wird ihm Existenz und 
Wirklichkeit geradezu ganz abgebrochen, bald eine ganz 
besondere neue Art der Wirklichkeit oder des Seins zuge- 
schrieben. Für diese besondere Seinsart hat nun Lotze den 
Terminus Geltang bzw. Gelten eingeführt Hier bedeutet 
also Gelten nicht mehr die materiale Bielitigkeit mit Beza? 
auf einen Tatbestand (im Bereich der B's oder E's oder V'e) 
und auch kein „Bestehen" innerhalb der Tatbestände, son- 
dern einen neuen hypothetischen Tatbestand, der nicht wie 
die R's im Gegebenen gedacht wird, sondern in einer un- 
klaren Stellung neben dem Gegebenen „gilt". Manche 
Logizisten, z.B. Bolzano, nehmen daher auch an, daßesselbet 
ganz phantastische, ja sogar falsche „VorsteUungeu und 
Sätze an sich" „gibt". Das Logische wird 2u ein^ dritten 
Kategorie neben dem Tteychischen und Kiysischen. Schließ- 
lich ging man so weit, daß man für das individuelle Er- 
kennen dieses „rein Logischen" oder „Geltenden" (im Sinn 
der Logizisten) nicht mehr das gewöhnliche Denken, wie ee 
die Psychologen Untersachen, für kompetent erklärte, sondern 
auch einen besonderen Akt in Anspruch nahm: „wir müssen 

') Vgl. zum foUrenden auch AKhur Liebert, Das Problem der Geltuni, 
BerKn 19U, m)d Heinr. Lau, Das Problem der Gegenständlichkeit in der 
modernen Loeik, Berlin 1912 (beide AibeitMi &sftnzungrii^l« der K*Jit- 
studJen). 



1,1^. OQi 



,g,c 



i. Kapilel. Erkeimlmstheoretische Grundletiuns. 307 

allesGehende einfach finden als eine ei^eDtümliche Gegeben- 
Iteit, welche neben dem I^yehiechen und Physischen als eine 
beamdere Art des ideellen Seins . . . existiert"'). Damit 
iet die Intnition oder intellektuelle Änschattang im Sinne 
Schellinffs (S. 135) n. a. anf einem Umwi^ wieder eingeführt. 
Der psychologißtischen Auffassimg gegenüber hat der 
Li^izist leichtes Spiel und bis zu einem bestimmten Punkte 
recht Der Satz 2X2 = 4, die Zahl tt, der AUgemeinbegrÜf 
Oold nsf. sind in der Tat nicht nur Denkergebnisse im indi- 
vidoell psycholc^iscben Sinne. Selbst die Übereinstimmung 
vieler IndiTidnen bezüglich solcher Denkergebnisse erklärt 
uns nicht, daß jene Sätze Überall und stet« genau und kon- 
rtuit zutreffen, während unsere Denkergebnisee intermit- 
tieren, ungenau und inkouBtaut sind. Dagegen versagt der 
U>gizifimns g^enüber der oben dargelegten gignomenolo- 
gischen Auffaseang. 2 X 2 = 4, w, der Komplex „Gold" 
Dsf. gehören zu den bestehenden Relationen der Tatbestände *) . 
Wie oben erörtert, sind diege Belationen nicht Denkprodokte, 
sondern in den Tatbeetändeu gegeben. Diese Belationen (im 
Veitesten Sinn) innerhalb der Tatbestände machen neben den 
Tatbeständen (im ganzen) den Gegenstand der Denkergeb- 
nisae aus. Die Hypothese eines ganz neuen Dritten, eines 
Wischen oder Geltenden (im Sinn der Logizisten), ist daher 
gaos überflüssig nnd außerdem, da die Natur dieses IMtten 
ganz unklar bleibt, unzulässig. Die „Ewigkeit" oder „ün- 
witlicfakeit" der logischen Voretellnngen und Sätze erklärt 
sich daraus, daß in den Tatbeständen neben zufälligen Bela- 
tionen (z. B. jeweilige Lage des Federhalters auf meinem 
Tisch) relativ konstante (z. B. Gold) und absolut konstante, 
also gesetzliche Belationen (2 X 2 := 4, n) vorkommen. 

Ebensowenig beweist fiär die logizistisehe These die Tat- 
sache, daß ich die Vorstellung der Zahl 71, den Satz 2X2=4, 
die Vorstellung des Goldes usf. selbst wieder zum Gegen- 
stand von neuen „geltenden" Vorstellungen (im weitesten 
Sinn), z. B. von Aussagen, Schlüssen machen kann (etwa: die 
Zahl TT ist zuerst von Archimedee abgeleitet worden). In 

») Ssal«goB, Ztschr. f. Philos. u, phUos. Krit 1911, Bd. 148, S. 18fe In 
<l*>i letzten Jahren Oberbielen sich manche Autoren geradezu in Angriflen 
auf den P>7cfaolo8i3mu9 und Steigerunsen der lotrizistischen Annahme. 

*) In den gewählten Beispielen handelt es sich um Tjilbestinde im Be- 
nich dw R'^ ganz analoge Talbestinde finden sich auch im Bereich dier E's 
nid Tw. S. auch S. 3060, 

20» 

„.,.,„.>..oo^sic 



308 M- Teil. Erkennlnistheoretjache usw. Gnindletcung der Loeik. 

diesem Fall ist der Gegenstand der neuen VoTsteUnng«! 
eben die VoTfitellDOg: w, der Satz 2X2^4 nsf.; von irgend- 
einem ganz neuen Logisehen ist auch hier nicht die Bede. 
Eb handelt sich nm solche früher (S. 262) besprochene Vor- 
stellnngsgebilde höherer Ordnung V, V", V" usf. "), die sich 
- auf Tatbestände im Bereich der Vorstellungen beziehen. 

Freilich kommt dabei die von der psychologigtisehen 
Auffassung übersehene, oben (S. 301} bereits erwähnte, für 
die Logik fnndamentttle Tatsache zur Geltung, daß wir die 
schwankenden Vorstellungen der Zahl n, des Satzes 
2X2 = 4, des Goldes usf. des individuellen inychischeii 
Lebens durch jene konstant gedachten Xormalvorstel- 
lungen ersetzen. Damit wird die Konstanz (UnzeiÜich- 
keit), welche sich ucsprüngtieh nur in den gesetzmäÖigea 
Tatbeständen (R's, E's, V's) selbst fand, auch auf die Inhalte 
der Vorstellungen der bez. Tatbestände übertragen. Die 
Konstanz der logischen Vorstellungen und Sätze, welche ^ch 
zunächst als objektiv begründet erwies, wird nun auch snb- 
jektiv, d. h. für unser Denken künstlich gegenüb&r der In- 
konstanz der tatsächlichen Denkvorgänge hergestelll Maa 
kann in diesem Sinn geradezu von der logischen Anpassoug 
unseres Denkens an die allgemeine Gesetzmäßigkeit der Tat- 
bestände (nicht etwa nur der physikalischen) reden. Die 
logizistische Berufimg auf die Konstanz der logischen Be- 
griffe ist also auch in subjektiver Beziehung nicht stichhaltig. 
Der Logizist elaubt seine Auffassung oft auch daduich retten zu kCDnen, 
daß er auf einige weitere besondere Beispiele verweist So wird z. B. be- 
hauptet, das Gedankensystem der Kritik der reinen Vernunft oder der ScbluB 
„Cajus ist ein Mensch, alle Menschen sind sterblich, also ist Cajus sterblich" 
sei doch etwas an sich Bestehendes oder Geltendes, das von dem Gedacht- 

") Ich erinnere nochmals daran, daB hiermit nicht „Vorstellungen von 
Vorstellungen" im Sinn der ablieben Annahme aueAannt werden. Vgl 
S, 263. — Die den Stufen V, V, V" usf. entsprechenden Beziehtingen 
bauen sich allerdings gewissennaBen übereinander auf, aber deshalb ist V 
von V, V" von V usf. doch nicht in dem Sinn verschieden, daS man von 
einer neuen psychischen Katecorie sprechen kennte. Wenn ich denke 
„3X3=4". so wird bei dieser VorstellungsveAnapfung die Beziehung auf 
den Eoathematischen Tatbestand gedacht, der letztere ist da- „Gegenstand" 
der Vorstellungsverknüpfung; wenn ich denke „der Satz 2X3;:=)4 ist von 
dem ScbOler heute gelernt worden", so tritt dieselbe Vorstellungsverknüpfung 
als solche, d. h. ohne Beziehung auf den mathematischen Tatbestand, also 
als Tatbesland im Bereich der V's auf und wird mit weiteren VorstellumM« 
verknflpft, der „G««enstaDd" dieser weiteren VeiknQpfung ist ietzt die Vor- 
stellung „2X2=4" geworden. Man vergleiche hiermit auch Uetnon^s 
Lehre von Objekt und ObjAliv (S. 181). 

h. !■, ii,l^.OOQK- 



1. liiipilel. ErkeiiDtiusUieoretische Grundlegimg. 309 

w^^ diuch einen einzelnen Menseben unabhingis sei. Auch dies AifU' 
menl ist nicht stichhaltig. Die Sachlage ist ganz dieselbe wie bei dem Satz 
^XS=^4", nur ist die VoratellungaveiknOpfuuB komplizierter: es handelt 
ocbomeinV' höherer Ordnung. Als Kant sein GedankensTslem dachte, 
odN wenn jetzt ein anderer es ihm nachdenkt, so war bzw. ist das Gedanken- 
SYslem selbst ein rein psycbologiaches Denkeigebnis, dessen fundierende 
6««eiisfaiidskette (vgl. S. 2eS) zahlreiche Tatbestande innerhalb der E'b^ V's 
und erent. auch R's sind. Wenn wir aber nun weiter irgend etwas von 
(üesem Gedankens vstem aussagen (z. B. daB es dem Lockeschen entgegen- 
gesetzt sei), es also gewissermaBen loE^gelOst von seinem Gedachtwerden durch 
die einzelnen Personen betrachten, so wird es allerdings „G^enstand" eines 
Deokergebnisses, aber als solches gehört es nicht in ein neues logizisUaches 
Reidi, sondern zu den Tatbeständen im Bereich der Vorstellung«! und be- 
kommt seinen spezifisch logischen Charakter nur dadurch, daB wir uns an 
Stelle der individuell schwankenden, unvoUstAndigen, inexakten, zntlich 
wechselnden Vorstellungen, welche die einzelnen Menschen sich von dem 
System machen, -einen konstanten und daher unzeitlicben, interindividuellen 
NomialbegriB desselben gesetzt denken. 

Besondere Beneirtrait fOr ihre Ansicht schreiben manche Logizislen 
auch den Beispielen widersinniger Vorstellungen (wie „dreieckiges Viereck") 
oder Riner Phantasievorstellungen (wie „goldener Berg", „Marquis Posa" usf.) 
W- Oben (S, 271) hat mch bereits ergeben, naa der Gegenstand solcher Vor- 
stellungen ist: namlieh die Gesamtheit der Teilvorstetlungen, aus denen »e 
msanunengesetzt sind (z. B. „dreieckig" und „Viereck" bzw. „golden" und 
rBeig" usf.). Für die Kombinafian „djreieckiges Viereck", .jioldener 
Berg" usf. existiert kein Gegenstand, diese Kombinationen existieren nur als 
Votstellungs i n h a 1 1 e "), nicht als VorstellungsgegenstAude. Eine materiale 
Richtigkeit mit Bezug auf einen eutsprechendäi Tatbestand kommt daher 
hier gar nicht in Betracht, ^mi von Gelten oder G 1 1 i g k e i 1 kann bei 
Stichen Vorstellungen Überhaupt gar nicht gesprochen werden. Ober die 
bierrgn scharf zu unterscheidende Frage der Existenz s. § 113. Hieran ändert 
■och die Tatsache nichts, daB ich mir in meiner Phantasie oft E's und R's 
zu meinen Phantasievorstelluiigen hypothetisch hinzuerg&nze ''). Damit 
wird nur der Inhalt meiner Phantasievorstellungen noch veigrfiBert und 
modifiziert, aber kein G^enstand binzugeacbafien. Von einer GOltigkeits- 
beziehung zwischen dem hinzugedachten E bzw. R und meiner Phantasie' 
voratellung kann deshalb auch nicht die Rede sein. Wir kommen Ober unsere 
Vorstellungsinhalte nicht hinaust Wohl aber können diese Phanlasievorstel- 
hiRgen, die als Ganzes selbst keinen Gegenstand haben, ganz 
ebcDso wie alle anderen Vorstellungen Gegenstände neuer geltender Vor- 
stdhmgen (V", V"' urf.) werden. So kann ich z. B. galtige Urteile Ober 
Uaniuia Posa fällen (z. B. er sei von Schiller erfunden, er habe diese oder 
jene Charaktereigenschaften usf.). Solche Aussagen haben selbstverständlich 
einen Gegenstand, aber nicht in einem dritten logizislischen Reich, sondern 
ihr Gegenstand ist meine Pbaotasievorstellung Marquis Posa oder die 



^') Soweit es sich um unmittelbar sich widerspirechende Vorstellungen 
huidett (dreieckiges Viereck) werden nicht einmal die Vorstellungskombi- 
utiaiien inhaltlich vollzogen, sondern ihre Vollziehung nur durch sukzessive 
Tortkombinationen (attributiveB Adjektiv und Substantiv) vorgetäuscht 

'*) Hierauf beruht es, daB ich zwischen der Vorstellung von Manpiis 
Posa and dem vorgestellten Marquis Posa unterscheiden kann. 



OgIC 



310 ^ l'^il- Erkennlnistheoretiaüie usw. Giuudlegung der Lock. 

Phant&aievorsteUuDS Matquis Posa Schillers usf. Diesen neuen Vorsielluneeo 
V" kommt denn audi Gelten oder GOltigkeit zu und wiedenun in doppeller 
Bedeutuns: einerseits, insofern sie material richtig sind, d. h. der Ph&nt&sie- 
vorstellting Marquis Poaa entsprechen, und andrefseits, insofern Obertiaupt 
eine dem V" entsprechende (das V" rechtfertigende) Fhantasierorstellung 
„besteht". Aber diese GOltigkeit ist in keiner Weise, wie die Logizisten 
behaupten, eine absolute, die sich auf irgendein neues Ansichaein brpo- 
thetischer Gegenstände eines dritten Reiches bezöge, sondern dieselbe rela- 
Uve, wohlbekannte Galtiä:eit, mit der wir es allenthalben zu tun tiaben. Aus 
dem Gelten kann kein neues Sein herauskonstruiert werden. 

Besonderes Gewicht pflegen die Logizisten auch auf die GOltigkeil 
mathematischer Sp^ulations^-orstelluneen zu legen, namentlich solcher, deotn 
— wie z. B. den imagin&ren Größen {i = y'—l) — nichts in der siiuilich 
wahmehEobaren Wirklichkeit zu entsprechen scheint'*). Indes abgesehen 
davon, daB der letztere Punkt noch strittig ist, würde die wissenschafthche 
Bedeutung der Lehre von den imaginären Größen auch dann besteben blei- 
ben, wenn man einräumt, daß sie nur Hilfsvarstellungen sint^ denen als 
solchen (in tote) kein Gegenstand entspricht, und Lehrsätze wie die Hoivre~ 
sehen Formeln und viele andere, welche fOr solche komplexe GrSBen be- 
wiesen werden (V">, also diese zum Gegenstand haben, werden für diae 
„gelten"' in demselben Sinn wie irgendwelcbe Lebraätze der nicht -imaginären 
llathematik für ihre Gegenstände. 

Was S. 300ff. ganz im allgememen über die „Geltung: 
von VoTstellnngen gesagt wnirde, findet eine spezielle An- 
wendung aof die sog. logischen Prinzipien (vgl- 
S. 294 ff.). Aach ihnen schreibt man eine Geltung in doppel- 
tem Sinn zn, insofern man bald meint, dafl die Sätze, in' wel- 
chen wir die6e Prinzipien fommlieren, material richtig sind, 
bald aber nur das Bestehen eines bestimmten Tatbestandes 
im Bereich des logischen Denkens im Äoge hat. G«mäQ der 
Festsetzung S. 302 soll hier nur von Gültigkeit im ersten 
Sinn gesprochen werden, so daB die Gültigkeit oder Geltong 
mit der materialen Kiehtigkeit identisch ist Beispielsweise 
ist das Identitätsprinzip a = a material richtig, insofern es 
die allgemeine Eindeutigkeit (Singularität, vgl. S. 294) in 
allem Geschehen einschließlich des Denkens richtig aus- 
drückt, und kann in diesem Sinn als objektiv gäll^ be- 
zeichnet werden. Zngleich bekommen die Prinzipien eins, 
weitergehende spezifisch logische Bedeutung (S. 296>, i ' 
wir an Stelle der schwankenden individuellen Vorstellni 
von a, b und c usf. konstant gedachte Normalvorste 
äetzen. Das Gesetz der Singularität oder Kindeuti 
Geschehens gilt nur für die Unverträglichkeit < 



*■} Vgl. Ober solche mathemat. Gegenstände Medicus, I 
Bd. 19, S. 1, und Hugo Bergmann, Ann. d. Natundiilos. 19t, 



1. Kapitel. Erkennt Distheoretische GFundtegung. 311 

gesetzter Totalvorgäose zu derselben Zeit. Indem wir jene 
XormalbegTÜfe einführen, wird für das Denken die Zeit nnd 
die individuelle psychologische Variabilität eliminiert: a gilt 
als ,3e8Tiff" für unveränderlich. Bezeichnet man ein ein- 
faches Gegebenes für einen bestimmten Zeitpunkt t als at, 
so besagt das Identität»gesetz im allgemeinen (gignomeno- 
loffiachen) Sinn sowohl für das Denken wie für jedes andere 
Geschehen a^ = a», d. h. der Vorgang at kann nicht zngleieh 
von at verschieden sein: er ist singnlär'*) (sejnnktiv, vgl. 
S. 2d4). Wenn die Logik nnn an Stelle dier wechselnden 
Denkvorstellnngen Normalvorstellungen setzt, so macht sie 
das Denken, soweit es sich in Normalvorstellungen vollzieht, 
wenigstens der Absicht nach von der Zeit unabhängig nnd 
kann für diese Normalvorstellnngen behaupten: a=^a (ohne 
den Index t). Die „Gleitung" dieses logischen Identitäts- 
prinzips ist also ebenfalls mit seiner materialen Bichtigkeit 
identisch. Insofern es den Tatbestand, dessen Bestehen in 
dem giguomenologischen Identitätsgesetz ausgedrückt ist, 
speziell mit Bezug auf die Nonnalvorstellungen unseres logi- 
schen Denkens richtig wiedergibt, „gilt" es. Eine andere 
Bedeutmig hat die Geltung nicht. 

Kant hat zwar nicht fQr die fonnale Logik, zu welcher nach ihm das 
logiache IdentiUtscmnzip gebärt, wohl aber für seine Kategorien und syn- 
tbetischeD Sätze a priori (vgl. S. 289) eine Gdturig behauptet, die nicht nüt 
der materialen Richtigkeit identisch ist, sgndem ein Gelten in dem Sinne, 
dtfi sie „die Gründe der Uüglichkeit aller Erfahrung Oberhaupt" enthalten. 
Die schweren allgemeinen Bedenken, welche dieser ganzen Auffassung gcecn- 
flheratehen, sind zum Teil bereits S. 255 ff. hervorgehoben worden. Im Be- 
soDderen ist zu bemerken, daB die Ifantsche BeweisfQhning mit einem dop- 
Wllen Begriff der „Erfahj-ung" arbeitet. Zuerst nimmt Kant Erfahrung 
im Sbne der vom Denken verarbeiteten Sinnesertahrung und 
kann für diese n&tüilich zeigen, daß sie ohne das Denken und unabhängig 
wn seinen Gesetzen nicht möglich ist. Dann aber überträgt er ohne aus- 
reichende Gründe den letzteren Salz auf di« Erfahrung im weiteren Sinn, 
'■iailich auch auf die vom Denken nicht verarbeitete, und gelangt so zu d«n 
Sdz, daß die bezüglichen Begriffe und Sätze für alle Erfahrung überhaupt 
äe Gründe dir Ufiglichkeit abgeben. Die natürliche Auffassung, daß diese 
B^iriOe und Sätze, soweit sie überhaupt zutreffen, aus dem Gegebenen nach 
^a Gesetzen unseres Denkens, die selbst zu dem Gegebenen gehören, ge- 
schöpft sind und j,gelten", insofern sie diesem Gegebenen richtig entsprechen, 
«iid in unzulänglicher Weise mit einem Hinweis auf ihre absolute All- 
(öneinheit und Denknotwendigkeit abgefertigt. Die Allgemeinheit und Denk- 
Wtvendifkeit, die wir ihnen gern zuschreiben, erklärt sich aus der durch- 

") Die mit der Eindeutigkeit (Singularität) eng verknüpfte 
Einzigartigkeit (Insignität) muB in der Erkenntnistheorie erörtert 



n,g,t,7l.dM,GOOglC 



312 II- '^^- Erkeontnistheoreüscbe usw. GnindleKunE ^er Loeik. 

fiänsiceD Ubereiastlmmvinr unsrer Erfahrung (r. B. bezOgUch der SiiKulaiiUl 
allen Geschehens) und diese durchgängige ObereinsUmmung aus der all- 
Eenieinen GesetzmfiBigkeit, die nun eben einmal allem Gegebenen lulconimL 
Der Versuch Kants, die allgemeinen Gesetze aus dem Gegebenen herausia- 
nehmen und ausschließlich dem Denken zuzuweisen, so daB dieses dieaelken 
in die Natur „bineinbtingt" ^^) und der Natur nur die speziellen „empiriscbeo 
'iesetze" belassen werde», scheitert schon an dar Tatsache, daB wir uns 
ein den Kantschen apriorischen Beghtten und Grundsätzen und selbst dem 
Singularitäts Prinzip widersprechendes Geschehen sehr wohl denken kAmm 
(vgl. oben S. 3H); nur unter dem Einflufl der duichs&ugigeii Üba:«iiutim- 
mung der Erfahnmg mit Bezug auf jene allgemeinen Gesetze schreiben wir 
ihnen eine absolute Allgemeinheit und DenknotwendiAeit zu. 

W&hrend Kant die Beziehung der sog. formalen logischen Ge- 
setze auf die Naturgesetze nicht berQcksichtigt und seine Lehren von der 
obiekÜTen apriorischen Gültigkeit auf die Kategorien und synthetischen aprio- 
rischen Grundsatze beschrAnkl^ haben andere die soeben erörterte Eanlsche 
I^lire auch auf die formalen Sfttze der Logik ausgedehnt. Hiertier ge- 
hören u. a. die Auffassungen von Fichte und Hegel (vgl. g 3& u. 37). In 
neuerer Z«it ist z. B. Dilthey '*) ein Vertreter dieser Ansicht. D. behauptet; 
Da die Erkenntnis von Ursachen an den Schluß und die in ihm liegende 
Denknofwendigkeit gebunden sei, so mOsse im Naturzusammenhang eine 
logische Notwendigkeit obwalten. Dabei wird ofienbar von D. Oberseben, 
daß das Identitatsprinzip, welches der gesamten formalen Look zugrunde 
liegt, ein gemeinsames Gesetz des Gegebenen (ein gignomenologisches Gesetz) 
ist und daher die Denknotwendigkeit und die Naturnotwendigkeit koordiniert 
sind; es erscheint daher unzulftssig, die letztere als logisch zu bezeichnen 
itnd damit der enteren zu subsumieren. 

i 65. Subjektive Bezlebangeii der Gültisrkeit. All- 
ItemeinKÜltigkeit. GeltoDEsbewnBtselii. OewiBheit. Wenn, 
wie im letzten Paragraphen naeiLgewieeen wnrde, die Qültig- 
keit mit der materialen Bichtigkeit identisch nnd eonacb 
Btete objektiv ist (vgl. S. 301), so bedeutet dies, daB von 
Gültigkeit stet«! nur mit Bezug auf einen Tatbestand, 
ein .JEorrelat", gesprochen werden kann. Da aber »mdrer- 
eeits die Gültigkeit stets nur einer abgeleiteten Vorstellung 
unseres Denkens zukommt, eo besteht sie eben immer auch 
nnr für dies Denken. Sie ist also auf das einzelne, je- 
iweils denkende Subjekt beschränkt. Auch bei vollkom- 
mener materialer, also fnndaler nnd formaler Dichtigkeit 
,(vgl. S. 283) ist sie zunächst an den einzelnen psycholc^- 
Bchen Denkakt gebunden. Wir können höchstens den Ana- 
logieseblufi ziehen, daß für ein ähnliches Denken sich wohl 
such ähnliche Richtigkeiten ergeben werden. Die subjek- 
tive Gültigkeit wird also nur mit einer gewissen Wahr- 

'=> Kril. d. rein. Vent, Kehtt. Ausg. S. 134, Erdm. Ausg. S. 167. 

") Ein!, in die Geisleswisa. Bd. 1, I.eipziB 1883, S. «1 0. ; 



.oogw 



1. Kapitel. Eritenntnislheorelische Grundl^uns- 313 

echeinlichkeit weiter ausgedehnt. Das Individuam bleibt — 
etwa im Sinn der griechischen Sophisten — zunächst das 
UaÜ aUer OöItiKkeit 

Dies ändert sieb erst, wenn die Logik in ihrer anto- 
ohtbonen Gnmdlegnng die Bohon wiederholt erwähnten Nor- 
nmlToiBtellnngen (vgl. S. 301, 308 n. 311) einführt Bamit 
Verden die Denkakte wenigstens hypothetisch von den in- 
dividnellen nnd temporären Zufälligkeiten befreit, und 
damit ist eine hypothetische absolute Allgemeingältigkeit 
för alle Sabjekte, die solche Normalvorstellongen hypothe- 
tiecb bilden, knnetlich hergeBtellt. Zu der objektiven All- 
gültigkeit kommt eine subjektive Altgemeingültig- 
keit hinzu (vgl. S. 274). 

Völlig zu trennen sowohl von der subjektiven wie von 
der objektiven Ctültigl^it ist d&s sog. „Gelt un gs - 
bewnSteein". Dem Wortsinn nach ist unter letzterem 
ein rein psychologisches Phänomen zu verstehen, welches mit 
dem „Für richtig halten" (ZnstünmeD, Billigen, Anerkennen 
W. Verwerfen, vgl. § 74) identisch ist, von der Gül- 
tigkeit, d. h. der tatsächlichen materialen Bicfatig- 
keit also durchaus verschieden ist. Man kann indessen auch 
^on einem: GelttmgsbewnAtsein in prägnantem logischen 
Sinn sprechen und darunter die allenthalben wiederkehrende 
Erfahrung von der Singnisrität nnsrer Denkvorgänge in 
dem S, 294 erörterten Sinn verstehen, die Erfahrung also, 
d&B wir nicht imstande sind zu denken: a==non-a usf. 
Nnr dieses Geltungsbewofitsein hat für die Logik ein spe- 
zielles Interesse. Das Geltungsbewufitaein im Sinn einer 
psychologischen Zustimmnng kommt oft genug auch dem 
Irrtam zu, das Geltungsbewoßtsein im prägnanten Sinn ist 
•Üe Urfahmng einer Denknnmöglichkeit bzw. Denknot- 
wendigkeit (vgl. S. 295), also eine Erlebnistatsache selbst, 
bei der ein „sieh-Irren" überhaupt nicht in Frage kommt, 
Teil es sich eben nur um die tatsachliche Gegebenheit, nicht 
tnn die Beziehung auf einen Gegenstand handelt. 

Sofern das GeltungsbewuStsein in prägnantem Sinn sich bei der Aus- 
uge eines Prädikats von einem Gesensland darin äußert, daS vir im Denken 
Xin einem GeBenstand dasjenige aussagen mOS3«n, „was seinem Inhalt «sen 
ist", kann man mit Erdmann (Logik, 2. Aufl. S. 371 9.) von ,Jogischer Im- 
maneoz" sprechen. Allerdings scheint Erdmann auch die Übereinstimmung 
Rut dem Tatbestand der Sinnesempfindungen zur Ic^schen Immanenz zu 
nchnen (Beispiel vom weiBeo Papier S. S72), worin ich ihm nicht folgen 
^ann. Richtig ist nur, doB unsere Empfindungen als solche (nicht etwa auch 

„.,,„,^.oogic 



314 n. Teil. Erkeantnistheorclische usw. Gniadleffung d er Lo gik. 

die an aie eeknäpften Urteile. Deutungen usw.) für uuser Denken ein Noii- 
melansere sind. Sic teilen aber dieae Eigenschaft mit allen anderen Erieb- 
nistatMcben (Gignomenen). Sie sind ausnahmslos singulär (S. SIH). Das 
GeltungsbewuStsein im prägnanten Sinn, welches ein Denkergebnis be- 
gleitet, mufi sich nicht aut die Singularität der zugrunde hegenden Empfln- 
dungen stützen, sondern es beruht auf der Singularit&t der DenkrorgänGc 

Hit dem Gf^IlungsbewuQteein fällt die sog. „Gewiß- 
heit" TolIkomineQ znsammen *). Nur dnrcli ganz willk&r- 
Hcfae Festsetzungen kann man beide voneinander trennen. 
Die Gewißheit im allgemeinen Sinn ist also gleichfalls niclits 
anderes als ein Pür-richtig-h alten, wie es oft genug auch 
bei dem Irrtum vorkommt. Auch wenn dies Für-richtig- 
halten mit der Erkenntnis verbunden ist, daß es unmöglicli 
sei, daß die für richtig gehaltene Erkenntnis falsch sei'}, 
bleibt es ein individuelles, dem Irrtum ausgesetztes psycho- 
logische» Phänomen. Auf diesem Wege kommen wir, auch 
wenn wir in einem uoeudlicfaen Prozeß uns immer neue 
Selbstbeglaubigungen und Selbstlegitimationen ausstellen, 
keinen Schritt über die psychologischen Grenzen hinaus. 
Anders wiederum die Gewißheit in prägnantem logischeii 
Sinn, also mit Bezug auf die Unmöglichkeit a^^non-a zu 
denken. Diese Erlebnistatsache fallt eben als solche aus 
dem Bereich des Irrens heraus. Diese Gewißheit ist nur ein 
Spezialfall der Singularität aller Gignomene und mit dum 
logischen Geltungsbewußtsein identisch. 

Die Aufgabe, die Entstehungsbedingungen der Gewißheit im aUgemcinen 
Sinn zu untersuchen^ f&IU daher auch ganz der Psychologie zu. Freilich hat 
letztere sieb mit solchen Untersuchungen bis jetzt noch kaum befaBt. Nur 
für die Erinnerungagewißheil hegen wertvolle Untersuchungen von G, E. 
Müller') vor. So sind z. B. .\usschließlichkeit, Promptheit und Hajtnäckig- 
keit der Reproduktion und Deutlichkeit und Fülle der reproduzierten Vor- 
stellung solche psychologische Kriterien des Ricbtiitkeitsbewußtseina fit 
dem psychologischen Charakter dieser UewiBheit hängt es auch zusammen. 
daS es verschiedene Grade derselben gibt '). Die .\nnahme einer spezifischen, 

^) Vgl. außer den Lehrbüchern d^ Ei^cnntnistheorie u. der Psychologie 
z. EL Job. Volkelt, Die Quellen der menschl. GewiBheit, Hünchen 1906 (weit 
abweichender Standpunkt); Jules Payot, De la croyance, Paris 1SB5. namenlt. 
S. aaH.i B. Bourdon, Rav. phüos. 1S90. Janv., Bd. 15, S. 37—61. 

') So definiert Kant in der Untersuchung über die Deutlichkeit der 
Grundsätze d. nalürl. Theologie und d. Moral. 3. Betr., § 1. 

°) Zur Analyse der Gedächtnistätigkeit und des Vorstellungsrerlaufes, 
Teil 3, Leipzig 1913, S. 324^ ff. 

*) Bei der logischen Wahrscheinlichkeit hegen solche „Grade" der Ge- 
viSheit, wie später gezeigt werden wird, nicht vor. 

„.,,n,^.OOglC 



1. Karite!. EikenntDistheoretische Gnmdlesung. 31^5 

iig«iid«Je 8[>ezieU (ür die WaimehinuiiK der Richligkeit, der ObcreiDslim- 
mung, des Widerspruchs usf. bestimmten Seelent&tigkeit, wie sie z. B. Locke 
vondiwebte (,j)erceive the aKreement or disagreement of ideas"), entbehil 
jeder tatsäcbUchen UDlerla«e. Auf die GefQhle, welche die psycho- 
loesche GewiBheit begleiten, insbesoadere die sog. ^Jogischen" GefÜhJe *), 
Unn Regen ihres rein psychologischen Cliarakters hier nicht ein- 
leWKen werden. 

Erdmann fahrt die üewiüheit auf die „wiederholte gleichsinnige Wahr- 
Dehiomig zurück" (I. c. namentl. S. 379) und rechnet zu der letzteren auch 
iK „Selbstwahmehmung", welche uns z. B. belehrt, daß Gedanken, welche 
Widersprüche in sich enthalten, für unser Denken unvollziehbar sind. Nach 
meiner Auffassung ist diese GewiBheit Oberhaupt die einzige, welche für die 
Lciik in Betracht kommt. Die Gewißheit, welche sich auf andere Selbst' 
oder auf Sinneswahmehmiuigen stQtzt, ist ein rein psychologisches Ph&- 
tnoen. — In der logischen Literatur wird übrigens sehr oft die GewiSbeit 
mit da' materialen Hichügkeit verwechselt So wird es z. B. verständlich, 
itA Locke eine certainty of trutb und eine certainty of knowledge unter- 
scheidet (Essay coDC. hum. underst IV, 6, % B) und Leibniz die erstere mit 
dfr Wahrheit selbst für idenüsch erklärt {Nouv. Ess. sur l'ent. IV, 6^ § 3, 
Geit Ausg. Bd. 5, S. 380). 

Weiter leuchtet ein, daß auch das GeltongähewaBtsein 
iiD prägnanten Sinn (die Gewißheit im prägn. Sinn) mit der 
EinföhruDg der logischen Nonnalhegriffe eine viel weitere 
Bedentnng hekommt Das Individuum hat bei seinen ge- 
wamliehen — psychologischen — Vorstellungen eine Ge- 
wiBheit im^ prägnanten Sinn nur, insoweit es nicht fähig ist, 
in demselben Augenblick, also im Zugleich als Gesamt- 
inhalt a nnd einen von a verschiedenen Gesamtinhalt zu 
denken (vgl. S. 295), nnd insoweit es daher auch nicht im 
Zugleich einem ond demselben Gegenstand ai» Ganzem eine 
Big«D9cfaaft p beilegen und überhaupt absprechen kami. 
hn Nacheinander ist letzteres hingegen sehr wohl möglich: 
i<?h kann demselben Gegenstand heute p zu- und morgen 
absprechen (vgl. die ausführlichen Erörterungen über Ali- 
enation nnd das Identitätsprinzip in ^ 86 u. 87). Erst indem 
wir nnzeitliche, überindividuelle Normalbegriffe fingieren, 
^rd dieser Fehler wenigstens theoretisch aasgeschaltet und 
Mine Ausschaltung als Postulat fixiert. Damit wird das Be- 
reich der logischen Gewißheit über alle Individuen und über 
Blle Zeiten ausgedehnt. Zu der anmittelbaren, auf 

*) Insbesondere hat J. G. Fichte ein unmittelbares, niemals täuschen- 
^M, im Ethischen wurzelndes Gefühl der Gewißheit angenommen, in dem 
„die völlige Ijt>erein8timmung unseres empiriachen Ich mit dem reinen Ich" 
am Ausdruck kommen soll (System der Sittenlehre 1798, HauptA Ilt 1, 
S lü, SinsSl Werke. Berlin 1M5, Öd. i, S. 169, Auswahl d. Werke, Leipzig 

ia»s Bd. 2, s. ata). 



1,1^.001 



,g,c 



3Jl6 ^- '^^' Erkenntnistheoretiache usw. Gniadleeung der Logik. 

den Moment vergleich eines a und uon-a gegründetes 
GewiBheit des einzelneu Subjekte kommt eine mittel- 
b ti r e , auf der IJnTeränderlichkeit der NormalbegriSe 
fußende, für alle Subjekte gültige, durch Beweise und Be- 
wei^etten sich beliebig lange hinziehende Gewißheit im 
Sinne einer für unser Denken zweckmäßigen Fiktion bioza. 



2. Kapitel 

Psychologische Grundlegung 

i M. Xwwdk dn ptTehslm^sdiB anndlagsas. Die Beziehung ds 
Psrcholocie zur Logik wurde bereits in § 4 (S. 18 ff.) erörterl Da aDe 
UntersochuDgen der Logik von den tatsächlich gegebenen Denkvor^ogen des 
einzelnen Individuums, also psychologiBchen Vorgängen ausgehen und auch 
die für die Logik charakteristischen schon vielfach vorgreifend erw&hnten 
bgischen NonnaJvor^eUungen (vgl. S. 301, 808, 311, 815} nur durch Vmieslal- 
lung der psychologisch gegebenen Vorstellungen zustande kommen, so ist 
die Psychologie unbeschadet der tiefgehenden Unterschiede zwischen ihr 
und der I«gik für die letztere unentbehrlich. Die Logik verfolgt daher in 
ihrer psychologischen Grundlegung den Zweck, die sichergestellten L'nter- 
suchungsergebnisse der Psychologie bezüglich der Denkvorgänge zusammen- 
zustellen, soweit sie für die Logik in Betracht kommen. Sie eriOUt damit 
zugleich den Nebenzweck, für ihre Untersuchungen irgendeine bestimmte 
und klare, wenn auch leider bei der weiten Divergenz der Nomenklaturen 
der einzelnen paychologischea Forscher nicht allgemein anerkannte psycbo- 
logiache Terminologie als Ausgangsbasis fQr ihre logische Terminologie zu 
gewinnen. 

Bei der AusfOhrung ergeben sich dadurch große Schwierigkeiten, daB 
keineswegs Übereinstimmung besteht Aber dasjenige, was als sicbersesteUtes 
UntersuchunKsergebma der Psychologie betrachtet werden kann. Je weiter 
wir uns von der Psychologie der Empfindungen entfernen und der Psycho- 
logie der Vorstellungen und Oenkvorg&nge nähern, um so gr&Ber wird der 
Z«iespalt der Meinungen. Ich werde im folgenden zwar meine eigene 
psvcbologiscbe Ansicht allenthalben zugrunde legen, aber doch auch die ab- 
weichenden MeiDungen anderer Forscher, soweit die Abweichungen Itlr die 
Logik von Belang ^d, berficksichtUen '). 

>) Im folgenden werde ich einzelne psychologische Werke abgekOizt 
zitieren, nämlich Efllpe = Kfllpe, GrundriB der Psychologie^ Leipdg 1B0S; 
lipps =: Tb. Lipps, Leitf. d. Psychologie, 3. AuD. Leipzig 1908; Jodl c= 
Jodl, Lebrb. d. Psychologie, S. AufL Stuttg.-Berlln 1909; Wundt t= Wundt, 
GrundzOge der physiol. Psych., 6. Aua Leipzig 1908—1911; Ltf. = Zidien. 
Leitf. d. phys. Psych., 10. AufL Jena 1914; Oc e= Ziehen, Die Grundlagen 
d. Psycbologiev Buch ^ Leipng-Beriin 1916; Dift. es Ziehen, VierteUahrsschr. 
f. wiss. Fhilos., Bd. 39, S. 13SB.; Erfc. b Ziehen, EtkenntnisUieone. 

h. !■, ii,l^.OOQK- 



2. Kapitel. Psychologische Grundlegung. 317 

1 17. bdiiiduInnUltmvni. BtknUaB, ImUMob, KrawInieB. Das 

Srinneniniisbild, welches von einer Empfindung zurückbleibt, ist fast niemab 
IUI DUTeraibeitel. Selbst in dem einfachsten Fall unsrer Empfindungs- 
Utaglieit sind schoa mit der Empfindung mannigfache Vorstellungen, z. B. im 
Sna des Wiedererkennen s, des Vergtelchens usf., fast untrennbar ver- 
landen >). Die Psychologie hat aber mit gutem Grund und mit Erfolg trotz- 
dem eine reine, d. h. Torstellungafreie Empfindung gewissennafien als idealen 
Gcenzbll aufgestetH (Eik. 1886, S. 78). Ganz in derselben Weise steUt de 
sich vor, daß auch Erinnenmgsbilder solcher reiner Empfindungen existieren, 
ireicbe noch in keiner Weise von unserem Denken transformiert worden sind. 
Man kann diese Erinnerungsbilder auch spezidl als intairala primäre 
iDdividuelle Erinnerungsbilder*) bezeichnen, als inteerale, 
«til sie von den Denkakten noch ganz unversehrt geblieben sind, insbesoo- 
deie von ihrer Vollständigkeit noch nichts verloren haben, als primSre, weil 
se für alle anderen Vorstellungen die Grundlage abgeben, als individueUe, 
«eil sie sich auf eine einzelne, zeitlich-rfiumlich bestimmte, also in diesem 
Sinne individuelle Empfindung (eine einfache oder zusammet^esetzte) be- 
geben. Ein solches integrales prim&res individuelles Erinnerungsbild wäre 
etwa das Erinnerungsbild meiner gesamten Gestchtsfeldsinhaite, z. B. 
lihrend des Vorüberfahrens und Sturzes eines Badfahreis auf der StraBe, 
«ie .ich es bei AugenschluB unmittelbar reproduzieren konnte. Es 
leoefatet ein, daB ein solches absolut integrales Erinnerungsbild ohne jede 
Zusammenfassung und ohne jede Weglassung kaum jemals vorkommt Nicht 
cur das Vergessen bedingt Locken, sondern auch durch mannigfache 
Mrchische Prozesse (Aufmerksamkeit usf.) kommen Verdrängungen und Weg* 
lassongen, Hervorhebungen und Hinzufogungen sowie sonst^e Abänderungea 
anstände. 

An das inieerale primäre individuelle Erinnerungebild schließt sich das 

nalascheidet sich von dem ersleren dadurch, daB die Loslösung oder Iso- 
liening aus der räumlich -zeitlichen Umgebung stattgefunden bat Uan kann 
)uch von einer ,rAbhebung" von dem räumlich-zeitlichen Hintergrund oder 
^ „AnfeUederung" aus der räumlich-zeitlichen Reihe der Nachbarempün- 
^antta qjrecben- In der Regel vollzieht sich diese LoslOsung und Abhebung 
uuaitteUMT an den Empfindungen (der „Tolalempfindung"), ausnahmsweise 
^ua sie jedoch auch erst nachträglidi an dem von der Totalempfindung 
nuOckgebliebenen „Tolalerinnerungsbild", also dem integralen Erinnerungs- 
l><ld erfolgen. Im ersteren Fall fällt sie im wesentlichen mit der gewOhnlichea 
»%- seosonellen Aufmerksamkeit zusansnen. Bin solches exzemiertes Er- 
inoeningsbild wäre, um an das oben g^ebene Beispiel anzuknüpfen, etwa 
<Menige des Sturzes des Radfahrers, wobei aber jetzt einerseits die räum- 
liche Umgebung — Straße, Häuser usf. — und andreiseils die zeitliche 
l^mgebung — das dem Sturz vorangehende Vorüberiahren usf. — w e g - 
■ elaisen oder mehr oder weniger vollständig „reprimiert" (ver- 
^Aogt) ist. Dies Weglassen und Reprimieren soll ganz allgemein als 



') Diese nät Vorstellungen verschmolzenen Empfindungen bezeichnet 
™° zweckmäßig auch als „W ahrnehmunge n". 
') Gr. 73 u. 136. 
•) Gr. S. 73 u. 186, Llt. S. S7. . ;. , 



iM,Googlc 



318 lt. Tdl. Erkenntnistheoretiscfae unr. Grundleguiie der Lonk. 



Abstraktion (ygl. auch S. 348') und der Vorgaog, durch den in dem 
eben beairochenen speziellen Fall das ezzemierie Erinnerungsbild — die 
BxkntioanoisMluii — mittels Abstraktion zustande kommt, als Exkre- 
t i o n bezeichnet werden. 

Mit dejr Exkretion, wenn sie Tollsländig ist, verUert der Inhalt des 
Erinnerunssbildes auch seine rftumtich-zeitl iche Bestimmtheil 
oder, wie man auch sa^ea kann, den r&umlich - zeitliche n Indi- 
vidualk oeffizi enten. Er ist aus der räumlichen und zeillichen 
Ordnung der Unvebung ausgegliedert. Oft ist allerdings die Ezkretion un- 
ToUständiK, 90 dafi das exzemierte ErinnenmgsbUd doch noch eine mehr 
oder weniger bestimmte räumliche und zeitliche Orientiening beh&lL Hit 
diesen exlrinsekalen i&mnlich-zeillichen Eigenschaften, die sich auf 
die Umgebung beziehen, darf. man die intrinsekalen, welche sich «nf 
die Ordnung der Teile innerhalb des Inhalts einschlieSlich Dauer und 
Grüße beziehen, nicht verwechseln. Diese intrinsekalen rftumJich-zeitUcbeB 
Eigenschaften gehen selbstverständlich bei der Ezkretion nicht verloren, son- 
dern gehen in den Inhalt des exzeraierten Erinnerungsbildes über. 

An die Exkretion scfalieSt sich unmittelbar ein weiterer AbstrakUons- 
piozeB an: die Isolation']. Das exzemierte primäre individuelle Ei- 
innerunssbild wird in „T e i 1 v o r s t e 1 1 u n g e n" zerlegt und eine dieser 
Teilvoistellungen oder ein Komplex solcher Teitvorstellungcn unter Weg- 
lasaung der Qhrigen Teilvorstellungen abgesondert vorgestellt. Die Vor 
Stellungen, die auf diesem Wege entstehen, heißen bolatioBsvoiitallntM 
(SijmboliBch : V«VbVc -*-Vi,oder abc ->■ a*), wo a die aus der zusammm- 

*} Bei Aristoteles ist die «yoiip*«!- (Gegensatz nQ*«»t«K^ die Trennnnf 
in Gedanken (r^ Sutttl^; Gegensaü j(atfM/tic oder Aal^aif ;= matenafc 
Trennung) und wird vorzugsweise, aber nicht ausscblieQUch fflr den Vor- 
gang des Weglassens bei der Bildung der A 1 1 g e m e i n begriff e verwendrf- 
Noch schärfer tritt diese Tendenz bei vielen ScholastüEem hervor. Zugleicb 
neigte man begreiflicherwMse dazu, das EmpSndungsmäSige, die Emufin- 
dungen selbst und ihre unmittelbaren Erinnerungsbilder, als konkrrt Uia- 
abstrakt") zu bezeichnen (vgl z. B. Gilbert Porretanus, Comm. zu Bodh. 
De trinitate, Uignes Patrologie Bd. 6i, S. 1366). Daraus würde sieb eine zwei- 
fache Abstn^tion ergeben, nämlich erstens vom Individuellen und zweitens 
von der „materia sensibilis". Die noch jetzt vielbch übliche Identifizieruni 
des Abstrakten mit dem „Un anschaulichen" geht auf die zweite Bedeutung 
der Abstraktion zurück. Über weitere Auflassungen des Abstrakten in der 
Scholastik siehe g 71, S. Siß. In der neueren Philosophie hat ach mehr und 
mehr die Neigung geltend gemacht, jed« gedankliche Trennung bzw. Weg- 
iassung als Abstraktion zu (»zeichnen (^L § 71). — Interessant ist, dafi 
zeitweise die abstrakten Vorstellungen im Sinn von allgemeinen VorsteUungen 
als praedicobilia oder adpercepüones bezeichnet wurden (siehe z. B. Crusius, 
Weg z. Gewißheit usrf, Leipzig 1747. S. 305, § 119). 

») Gr. S. 73 u. 133, Ltf. a 248 ul 269, Dill. S. Sai. 

') Im folgenden bezeichne ich, wenn nicht besondere Gründe eine Ab- 
weichung eriieischen, zussmmengeaetztere Vorstellungen mit großen latei- 
nischen Buchstaben Va , Vb , Vo oder abgekürzt A, B, C), wradnr m«— 
u« Ibubnurt aUl wtUm wbitai» mit kWna btditafe« 
■ (Vk, Tb. Ve oder abgekürzt a, b, c). Später, im speziell loffiachBB 



2. Kapitel. Fsrchologiache GnuidleKung. 319 

lesetztea Vorslellung abc isolierte Voratellune bedeutet, vgl. auch S. 321). 
So wird z. B. aus dem Erinneninssbild äea Sturzes des Radfahrers das Er- 
innerungsbild seiner heninterfliegesden Motze oder der brauDeo ¥tabe seines 
.\Dzugs isoliert. Geht die Isolierung so weit. daS nur eine vmzerlegbare 
TdlTorstellung als Isolationsvorat eilung übrig bleibt, so soll diese als ulti- 
male IsolaUons- oder TeiivorsteUung bezeichnet werden. Insofern bei der 
Etkretion die Weglassung der nicht-isoUerten Teilvorstellungen oft nicht voll- 
^odig ist, kann man oft nicht von einer vollständigen Isolation; sondern 
HUT Ton einer mehr oder weniger weitgehenden Repression (vgl. S. 317) 
der nicht-isolierten und einer entsprechenden „Akzentuation" der 
isolierten Teilvoislellungen sprechen. 

Zwischen Isolation uud Exfcretion besteht also kein wesentlicher Unter- 
schied. Die Gxkretion ist der eiste IsolationsprozeB. Nur wegen mancher 
ptTchologischer Besonderheiten verdient sie eine besondere Bezeii±nung. 
Soweit aus einer Gesamtvorstellung mehrere oder alle Tcitvorstellungen iso- 
liert werden und die Beziehung der ersteren zu den letzteren in Betracht 
Kzogen wird, spricht man von einer AnalTse oder Zerlegung. Die iso- 
lierten Teilvoratellungen werden, namentlich sofern sie fOr einen Gegenstand 
charakteristisch sind, auch als Uerkmalvorstellun gen bezeichnet 
adle jedoch auch unten Anm. 7 Ober diesen temunologischen Unterschied). 

Die Teilvorstellungen verhalten sich bezOglich ihrer IsoUerbarkät sehr 
varacbieden. So kann ich mir relativ leicht ein Klavier ohne seine Tasten 
und auch umgekehrt die Tasten ohne das (Ihrige Klavier vorstellen. Dagegen 
telingt es mir kaum, ein Bot ganz ohne räumliche Ausdehnung oder ein 
Rechteck ganz ohne Farbe vorzustellen; bei dem ersteren Versuch schleicht 
sich doch immer ein unbestimmter Umriß, bei dem letzteren eine unbestimmte, 
^a. graue Farbe ein. Man kann diesen Tatbestand auch dahin formulieren, 
daü man sagt, die Repression der nicht- isolierten Vorstellungen sei sehr ver- 
schieden schwierig und demgem&B sehr verschieden vollständig. Man muS 
daher selbständige und unselbständ^e '') Teil Vorstellungen oder, wie ich zu 

Teil, soll allerdings zwischen Ta <ind A und ebenso zwischen V^ und a in 
losischem Interesse noch ein Unterschied gemacht werden (vgl § M}. Die 
tatsächlichen G^enstände der Vorstellungen (S.26&) bezeichne ich mit kleinen 
<ri«chi3chen Buchstaben (U^, Og, Oy oder abgekürzt a, ß, y)- Für die Iso- 
IttioQ kommen sonach auch die Symbole ABC ->- A und ABC -*- a gelegent- 
lich in Betracht. Die geschweifte Klammer bedeutet aberall die Zusamnien- 
»rtiUDB, wie alsbald (S. 330) naher erörtert werden wird. 

^ Vgl. C. Stumpf, über den psrchol. Ursprung d. Raumvorstellung. 
Uipag 1879, S. 108i und E. Husserl, Log. Untersuchungen, Teil 3, Halle 1901t 
S. 23af. (ä Aufl. S. S35f.). Stumpf bezeichnet die selbslSodigen TeUe als 
■uOatändige Inhalte", die unselbständigen als .Teüinh&lte". Die letzlere 
Bezeichnung scheint mir, da sie -auch auf die selbständigen Teile paBt, irre- 
'fHirend und daher unzweckmäßig. A. Höfler u. a. beschränken den Tenninua 
gteile" auf die selbständigen Teile und bezeichnen die unselbständigen Teile 
*ls Merkmale (Onindlefaren der Logik, *. Aufl. Leipzig-Wien 1909, § ib. 
S- \i; siehe auch K. Twardowski, Z. Lehre v. Inhalt u. Gegenst. d. Vor- 



OgIC 



320 U. Teil. Erkenntnistheoretiscbe msk. GrundleguDg der Logik. 

sagen vorziehe, ioadbärente und adhäreate (d.b. leidit und 
schwer isolierbare) unterscheiden. Die Vorstellung der Kl&viertaateD ist mit 
Bezug auf die KlaTiei-voratellung inadhärenl, die Vorsteliung des Rot mit 
Bezug auf rote Dinge adbärent. Dabei ist anzueAennen, dftS — un- 
beechadet des scharfen eriienntnistheoretischen Unteracbieda — eine scharfe 
Grenze zwischen adhärenten und inadbärenten Teüvorstellungen psycho- 
logisch nicht existiert, daß also dielsolierbarkeitbzw. Adhärenz nur gradweise 
verschieden ist. Ich kana, wenn ich auf eine anschauliche individuelle Vor- 
stelhing vensichte und mich auf die AUgemränvorstellung .^t" beschifinke, 
die räumliche Komponente schlieBlich doch nahezu voUsUndig' reprinüereD. 
Die den TeilvoTstelluugen, den isolierten wie den we^elassenen b£w. 
repdmierten, entsprechende Zeriegung übertragen wir auch auf den Gegen- 
stand der zerlegten Vorstellung, also das zug^örige integrale Erinnerungs- 
bild und die zugehörige Empfindung und weiterhin eventuell auch auf die 
hypothetische (gedachte) Grundlage der letzteren (den „materiellen Heil", 
das Ding an sich, das Redukt usf., vgl § ö6~-ö8) und zerlegen diese gedank- 
lich in analoge „Teil e" bzw. „Merkmal e". Der Terminus „Teile"- wild 
hier also — im Gegensatz zu dem gewöhnlichen Sprachgebrauch, wie diet 
schon von Husserl geschehen ist*), in einem sehr weiten Sinn genommen. 
So bezeichnen wir z. B. auch die Farbe, Form usf. eines Gegenstandes als 
einen Teil dessdben. Weiter unteracheiden wir vne bei den Teilvorstellungen 
selbständige und unselbständige oder inadhärente und adhärente Teile. Die 
inadbärenten Teile kann man auch mit Husserl als „Stocke" (Teile im 
engeren, üblichen Sinn), die adhärenten Teile als ,31omente" bezeichDen. 
Diese und alle anderen im folgenden zu besprechenden Übertragungen 
auf den Gegenstand (Gegeustandsflbertragungen) betreffen selbst- 
verständlich streng genommen nicht den Gegenstand selbst, sondern dia 
Gegenslandsvorstellung in dem S. 266 festgelegten Sinn; nur zur AbkOrzung 
wird von einer Übertragung auf den Gegenstand ge^rocbea Obemll, wo es 
aul eine strenge Unterscheidung von Gegenstand und Gegenstandsvotstellung 
ankommt, soll ersterer mit bzw. «, ß, y, letztere mit (O) bzw. (o). (^, (y) 
bezeichnet werden! 

Im Gegensatz zur Isolation iaSt die Komplesion*) Empfindungen 
oder Etinnerungsbilder zusammen. Auf diesem Wege entstehen KamhilsM» 
voisliBKBBsn. Wie die Isolation durch einen Pfeil, soll die Eompleiian 
symbolisch durch eine aber die Buchstabenzeichen gesetzte, ihnen zu- 
gekehrte Klammer bezeichnet werden (vgl, S. 318, Anm. 6 und S. 863). 

stelhmgen. Wien 18», g 8 u. 18). Bei dieser Terminologie fehlt ein T«- 
minus, der Teile und Heriunale umfaßt Auch wird der Terminus Haimal 
nicht nur populär, sondern auch in der Logik bereits allenthalben in weilereiD 
Sinb gebratKht. Bei dieser Sachlage ziehe ich vor, die Termini „Teil- 
vorstelluDg" und ^erkmalvorstellung" in demselben Sinn zu verwenden und 
letztere nur dann zu bevorzugen, wenn es sieb um cbarakteristiacbe 
Teitvorstellungen bandelt. 

■) L. c. &. 224. Es läge sonst nahe, den Terminus „KoDU>onente" zu 
verwenden, doch wOrde dies zu umständlichen WortveAindungen („Kompo- 
nentenvorstellung") führen. Aucb ist uns bei dem zusammengeeetztea Wort 
TeitvorsteHung der weitere Sinn des Terminus „Teil" bereits geläufig. 

•> Gr. S. 138 u. 171, LU. S. 3*6 u. 360, Düt. S. 312. 



2. Kapitel Fsvchologiache ünutdlegung. :j2I 

«Im VtVbTc oder abcbzw. .\BCi°). Zur Abktirzung mag auch die Be- 
zdcbnung Vi oder K verwendet weiden. Soi! ausdrOckllch der H e r C & n 2 
der lomplexiDTi symbolisch dartestelU werden, so kann ohne Oet&hr ainei 
Hiflreretändnisses wie bei der laotsüon ein Pleil verweadet werden. So be- 
demtel £. B. a, b, c -» a b c, 4aB aus den Teitvorstellungen a, b und c di« 
KompleiioDSvorstellung abc eelnldet wird. An Stelle des bkiBen Zugleidi 
md Ifacheilunder der Empfindunfen ") und der primären inteeralen Er- 
innauscaljilder tritt eine Vereinheitltdiimg, die vir nicht definieren, sondern 
mir dnrch Hisweis auf unser Erleben eriSutem kOnnen. Nur sehr selten 
viid die Komplexion an Totalempfindungen oder integralen GrlnnerungB- 
bUdern rollzogen, vielmehr in der Regel an Empfindungen bzw. Erinnernngs- 
)ddm), an welchen sich bereits Exkretion und oft auch Isolation in klainerem 
oder |T&Serem Umfang al«esinelt haben. Andrerseits fijidel die ItolatiOB 
umgekehrt auch oft an Toriier gelnideten Komplezionsvorstellungen statt. 
foM ist also die Isolation ^*), bald die Kony>lezion primftr (vgL Ober ihi 
uneisea Verhältnis unten u. S. S46). Sehr oft erfolgen Exkretion biw. 
Isotition und SomplexiDn geradezu Hand in Hand. So wird das Erinnerungs- 
bOd eines bestimmten Hausea^') gebildet, indem eineraeits von der lim- 
1*01« (StraBc, Nachbarhäusern uaf.) einschlieSlich der vorausgegangenen 
mtd nachfolgenden anderweitigen Sinneseindrflcke abstrahieri wird und 
mdreneits die W&nde, Fenster, Taren usf. des bezüglichen Hauses zu- 
Bumneneefafit werden. Dies Zusammenwirken von Abstraktion und Kom- 
Plnion soll als Syllektion bezeichnet werden. — Auch die Komp1«xton 
ToBzieht sich in den venchiedensten Abstufungen (Blume — Beet — Gatten), 
feiner faßt sie bald wie in den eben angefahrten Beispielen simultane Oegen~ 
ttnde, bald wie im Erinnerungsbild eines Blitzschlags (Blitz + Bonner) oder 
eine» eben gehörten Schusses (Knall ■}- Pulvenreruch) sukzessive Qegenat&nd^ 
bsW wvohi diese wie jene zusammen (Symphonie, Gewitter ust.) '■'■). Im 
UinUick auf die oben festgestellte Tatsache, daB die Komplexion auch das 
[■über Exzemierte oder Isolierte wieder zusanmienfassen und umg^ehrt die 
Watien das fhlber Zusammeagefa B te wieder trennen kann, sind Eom- 
Pleaon and Isolation (Exkretion) als iuverse Prozesse zu bezeichnen 
<yA. auch S. M6). 

■*) SchlieBt »ch die Komplexion unmittelbar an EnvInduDgen an, so 
*tre«twa zu schreiben: Esbr .. . 

"] Im Anschluß an Kant könnte man auch von einer bloBen „Synop- 
na" amechen (Erit. d. rein. Vem., Kehrt). Ausg. 3, llt^ Erdm. Aasg. S. 11»). 
^ Fdüen der Komplexion kann auch als DiapanUbeit bezeichnet werden 
[uch .in^ogie von S. 368). 

") Der Exkretion «eht die Komplexion niemals voraus, höchstens voll- 
aAea sich beide gleichzeitig. 

") Das ErianwiigsliHld des Hauses usf. ist hier noch nicht als Ding- 
noMhmg zu ventebea (vgl. S. S38). 

") Es handelt ädi dabei oft nicbt um Pr«xinaigegeaBt&ade, soadem 
um Distalgegenstande (vgl. S. 366). über die VertrifUcUeit der Zusammen. 
iMHig sikEestiver Gegeast&nda mit den Ko]itiguil&tsgeaet2 der Ideen- 
UMoation siehe Lft. S. 2461. u. 80911. 

ZitbtD, Idubncli du Loifik. 21 



OgIC 



322 ''- '^^'1- Ei^eonloistheoretische usw. Gniodlegune der Logik. 

Ein Spezialfall der KompIexioD ist die Kolleklion. Bei dieser 
werden die Individualvöratellungen ühnlicher oder gleicber GegensUndc 
.Dinge, UeAmale usF.) im änn der Komplexioii zusunmengelafit i') Von 
einem Garten habe ich eise Komplexionsnirstellun^ von einer Scbalbeide 
eine kollektive Kompleiionsvoretellung oder KollektiTVoralellung*') 
(Symbol A*p oder C), Die Grenze ist nicht immer scharf; ein Zehneck be- 
tncbten wir nicht als ein ItoUAtivum von 10 Linien, wohl aber eine zehn- 
kOpHge Herde als eia Kotlcktiviun von 10 Tieren; auch ein Nebelfleck kum 
uns noch als ein KoUektivtieKiiff selten, b«i dem Stemhild des Orion wiid 
man schon Zweifel haben. Oflenbar ist für die Eolleiktion dutrakteristisd^ 
daß die Komplexton nur auf Ähnlicbkät bzw. Gleichheit, auf Zugleich bzw. 
Nebeneinander begründet ist; je mehr beatiuuntcT; räumJiche oder zeiUicbe 
oder qualitative usf. Beziehungen zwischen den Individuen als wesent- 
lich mitgedacht werden (Gestalt des Zehnecks, des Orions), um so mehr Dber- 
schreitet die Eomplezion die Grenze der Kollektion. 

Auch die Komplexion ist sehr oft keine ganz gleicbmältige, sondem 
mit einer st&rkeren Akzentuation einzelner Teilvorstellungen bzw. Meikmal- 
voistellungen in dem oben (S. 319) featgeseUten Sinn veitunden. 

Der Sinn der „Zusammenfassung zu einer Einheil" (Verschrndzuni). 
welche das Wesen der Komplexion ausmacht, kann an dieser Stelle nichi 
ausFQbrlich eröitert' werden. Diese Aufgabe muß der Psychologie und Ür- 
kesnlnistbeorie vorbehalten bleiben. Nach meiner Auffassung handelt es 
sich bei der Zusammenfassung zu einer Einhät stets danrn^ dafi die Indi- 
vidualkoeffizienten der Komplexionsvorstellung, d. h. der zusammenfassoidec 
Vot^lellung, sich mit denjenigen der Teilvorslellungen, d. h. der zusammen 
letißten Vorstellungen ganz oder teilweise decken. Etabei versiehe ich unter 
den Individualkoeffiidenten die ritumliche und zeitliche Bestimmtheit der 
iTcrslellungsinhalte (vgl. auch S. 318 u. 369). W«nn ich mir «ne besUmmtf 
oder irgendeine Rose im Sinn einer Komplesionavorstelluag denke, so ist 
die stattgehabte Verschmelzung dadurch charakterisiert, daß die den Teil- 
vorotellungen (Duft, Farbe usf.) entsprechenden Teilinhalte sich mit dem In- 
halt der Gesamtvoistetlung Rose räumlich und zeitlich ganz oder l«lw<>W 
decken : an dem Ort imd zu der Zeit, wo Rosendult, Rosenfarbe usf.^ da Rose. 
Auch ftir die ahstiaktesten Komplexionsvorst^ungm gilt diesn Sali. Ke 
Vereinheitlichung des Inhalts der Komplexionsvoistelluns beruht auf der 
Deckung der Individualkoetfizienten der Teilinhalte''). Indem wir ferner, 
wie oben die Zereliederung, so jetzt die Zusammenfassung auf den Gegen- 
stand der Komplexionsvorstellung ftbertragen, fassen wir diesen als einen 
aus Teilen bzw. Merkmalen bestehenden „Komplex"") auf (vgl. $. SU?. 



") Gr. S. 75, MO u. l*a 

'*) Bemerkenswerterweise haben manche brachen besondere Kollektir- 
formen; hierher gehören z. B. die sog. inneren oder gebrochenen Fluiale d» 
Arabischen, die als feminine Singulare behandelt werden. 

") Wenn man vom „Gegenstand" einer Komplesionsvorstellung spricht, 
meint man oft nicht den Gegenstand im Sinn der hier duichgefOhrten Ter- 
minologie (vgl. S. 366), sondern diesen auf Grund der Einheit der Individual- 
koeffizienten vereinheitlichten Torstellungsinhalt und setzt sich diduicb 
schweren Verwechslungen aus. 

") „Komplex" im Gegensatz zu einem nur riumlich- zeitlich vertwa- 



2. Kapitel. Fsycliologischc GnindleftunR. 323 

2tslech sind wir Beneigt, diesem Komples tinen „Träger" unterzuschieben, 
der im wesentlichen der Substanz (im philosophischen Sinn) entspricht, 
und die Teile bzw. Merkmale als Eigenschaften dieser Substanz, ala soK. 
Akzidentien, zn betrachten. Diese hypolhetische Substantialion wird ans 
in den logischen Spezialabschnitten ausführlicher beschitftigen müssen ^^). 



i m. Waite« StabM dar UdiTUulTonlaBnitn. KompanS« ud 

Iralaktias. Die K omparation "j'^VergleichunB, von mir aus spater 
äcb ergebenden Gronden auch als Kategorialfunktion bezeichnet) besteht in 
«iser nicht weiter zurückfabiinren und auch nicht definierti&reD Bildung von 
K^VuaÜMSTamMlwioatt (Ver^eichungsrorstellungen), die nur durch Bei- 
stkk, also durch Hinweise auf das alltSsUche Erleben cbarakterisÄert werden 
kann, fan primitivsten Fall handelt es sich um die Verglelcbung tod Emp- 
fiodoDgen, ganz der analme VergleichungsprozeS wird aber allenthalben 
aneh an den primären Erinnerungsbildern, integralen und exzemierteu, und 
an den alsbald zu besprechenden sekundären Erinnerungsbildern wie über- 
lianpl an allen alweleiteten Vorstellungen ToUzogen. Bei dem sog. Wieder- 
ntennen qtieit er sich zwischen EcoDfindung und Erinnerungsbild ab. Sym- 
Wisch bezeichne ich die Komparation durch das Zeichen /\\ so ergeben 

sith die Symbole : E» Eb , T» Vb oder a b bzw. A B (vgl. S. 91^ Anm. 6), 

E« W , l!« V^b nsf. Abgdürzt wird für Komparalionsvorstellungen ganz 
«Ujemein auch daa Symbol V„ oder U verwendet werden. In den Worten: 
AhDlichkeit, Gleichheitv Verschiedenheit, Unähnlichkeit, Ungleichheit ust. fassen 
vir — zunächst in bezug auf Individuatvorstellungen, weitertün aber auch 
in bezng auf Generalvorstellungen (Allgemeinvorstellungen, s. unten § 69) — 
alle diese einfachen Vergleichungsvorstellungen zusammen. Bald betreBsn 
sie Tale bzw. Meritmale und setzen dann Isolationen voraus, bald gante 
Komideie; im ersteren Fall betreffen sie bald Qualit&ten (z. B. höher und 
tiefer im Tonbereich), bald Intensitäten (z. B. lauter und leiser), bald lium- 
liebe oder zeitliche Eigenschaften (z. B. länger und kürzer, näher und temer, 
«rtler und früher), bald GefOhlstflne (z. D. schAner und baulicher). Dabei 
nmB an die früheren AnsfOhnmgen erinnert werden, wonach den Ver- 
döclnmgsvorstelliingen „bestehende" Relationen in dem verglichenen Ge- 
IdKnen entsprechen {vgl S. 306). 

Aus den eben be^rocbeoen einfachen Vergleich ungs Vorstellungen 
fAeo weiterhin zahlreiche andere zusammengesetzte bzw. abgeleitete Ver- 
^ichangsvorstellungen hervor. Hierher gehOren z. B. alle Vorstellungen 
von Kausalbeziebungei), Zweckbeziehungen, math^natiachen Beziehungeo^ 
logischen Beziehungen (z. B. Urteilsbeziebung, Koordination, Subordination) 
nsl. Ich glaube mich tiberzeugt zu haben, dafi psvchologisch auch alle diese 
Vorstdhingen sich in letzter Linie auf Versleichungsakte zurückführen lassen, 
bä «eichen aUerdings auch Synthesen und Analysen allenlbatben beteiligt 
üd. Die durch Konn>aration entstandenen Vorstellungen ^nd also mit den 

'*] Auf die Beziehungen zu Husserls Jioeioa." kann hier nicht ein- 
irtugen v«rden (vgl. S. ISB). 

>) Gr. S. 167 ff., IM. S. StBf. A. Brunswig, Das Vergleichen und die 
lUtationseifcenntnis, Leipzig-Beriin 1914 ^bt Mne richtige Darstellung der 
IBTchologtachen Tatsachen. 

21» 

„.,.,„.>..oo^sic 



324 n. Teil. Erkenntnistheoretische usw. Grundlegung Jer Logik. 

meist aDKcführten einfachen VersIeichimBsrorstellungen im engeren Sinn 
nicht erschöllt, sondern umfassen das Gesuntg^iet der sos. Birishra«- 
oder BriilliMi»iihl^MM Im tolgenden wird daher der Ausdruck ^tt- 
llifcikmiTTiUlhtM im iTi M wa Umaf oder „VertleichungsvorstcUungen' 
schlechthin gleichbedeutend mit ^ziehuws- oder RelationsvorateUuncen" 
verwendet '). Die Gesamtheit alter Komparstionsprozesse (im weiteren 
Sinn) mag daher auch als Relativation bezeichnet werden. 

Insbesondere verdient es Beachtung, daB auch die von unsrer Voi- 
stellunssbildung selbst geatiftetec Beziehungen — Kompleiioii, Kontraktion 
und Generaiisation — zum Gegenstand von Relationsvarstellattgen verdea 
können ^„Vorstellung der KomplexiiHubeEictiung" usf.). 

Selbstverständlich kann die Frage eingebender erArtert werden, ob wirk- 
lieb afle Beziehungs Vorstellungen als wesentliches Uomant einen Ver- 
gleichungsakt enthalten, ntit ander«i Worten: (d> es wich nicht-kompantin 
BeEiehunesToratellungen gibL Ich bdiaupt^ daß sie im Sinn der eisten 
Alternative zu beantworten isL Insbesondere liegt auch t)ei jeder Kaus^- 
vorstellung eine Vergleichung vor, insofern wir «cen früheren und einen 
späteren Zustand vergleichen und daran die RelatarvorstellunEeti (s. unten) 
„Ursache" und „Wiitung" knüpfen. Dies gilt auch dann, wenn die Wir- 
kung in Empfindungen und Gefühlen besteht. Die endgültige Entscheidung 
hierUber steht jedoch der EAenntnistheorie zu. Die Logik kann sich sdiliefl- 
lich zur Not auch mit der entgegengesetzten AuRassung abfinden. 

Eine eigentOmliche Abwandlung erfahren viele Vergleichungi- 
vorstellungen dadurch, daß die VcrsleichungsvorstelluJig mit der Vorstellunf 
eines der beiden verglichenen GegenslAnde verschmolzen wird und so ibroi 
reinen Beziehungscharakler eint)flBt, Hierher gehören Vorstellungen wie 
Vater, Sohn. Vetter, Freund, größere Linie (mit Bezug auf zwei Linien) usf. 
Meistens, aber keineswegs stets volllieht sich dieser Prozeß zwischen Ver- 
gleidkungsvorstellunEen und individuellen oder allgffDeinea Kontrat- 
tion svorsteQungen (S. 336). Behufs Unterscheidung von den flbrigen Ver- 
eleichungs- oder Relationsvorstdluneen sollen diese eigentümlich abgewtn- 
deHen Vergleichungsvorstellungen als Relatarvorstellungcn bezekk- 
net werden. In der sprachlichen Bezeichnung gehen sie abrigens den Re- 
lationsvorsletlungen olt voran. Vgl. auch S, ät7 Ober polare und symnKtiiscbe 
Vergleichungsvorstellungen. 

Im Anschluß hieran sei übej den Unterschied der Kon- 
pleicionsvorstellungen und der Komparatio nsvorstel- 
lungen (Relationsvorstellungen) noch (dgendes hervorgehoben: 
Der Unterschied zwischen b^en beruht nicht etwa darauf, dafi die Gegen- 
stlnde der Konavlestonsvorstellungen keine Relationen unterainaAder haben 
oder die Relationen ihrer Gegenstände in der Komplexionsvorst^ung nicht 
mitgedacht werden. Im Gegenteil stehen, wie bereits 8. 303, Anm. 3 in 
dem Beispiel des Waldes gezeigt wurde, die Gegenstände der Somplralons- 
vurstellungen stets untereinander in zahlreichen Rdatlonen. (räumlichen, leit- 
Ikshen usf.). Diese Relationen sind sogar wie die Psychologie lehrt, nicht nur 
ein wesentliches Hotiv, sondern auch eine unerläßliche Bedingung für das 
Zustandekommen der Komplexionsvoratellungen, insofeni diese nach dem 

") Der Nan» „Vergleichungsvorstellungen" deutet mehr auf die wirt- 
same Funktion, der Name „Relation s" Vorstellungen auf den EUgrunde liegen- 
a«m Gegenstand. 



3. KapiLel. Paycholosische Grundlegung. 325 

Gesetz der Konliguität^Bssoziatton entat^en (vgl. auch S. 321^ Amn. 14) 
und die tat die letztere erfarderikhe zeitliche Koutifuitflt der hmdierenden 
Vn^lungea ohne irgendwelche Relationen der Gegenat&nde nicht denkbar 
fsL Erat recht kann nicht die Rede davon sein, daß diese Relationen der 
hmdiereitden Gegenstände nicht in die Komplexiongvorstellung aufgenom- 
men werden. Wohl werden oft einzelne Relationen weggelassen, aber 
andere gehören zum wesentlichen Inhalt der Komplexion 9 Vorstellung, so z.B. 
die gegenseitige Lage der Beete meines Gartens zur Vustellung dieses meines 
CirlGDs, die gegenseitigen Intervalle der sukzessiven T6ne zur Vorstellung 
ier Melodie eines Liedes usf. Seien etwa drei fundierende Gegenstände 

A A A 

a.ßiwAy mit den Relationen aß, ßy,ay gegeben, so hat die Komplexions- 
vorsWlung abc nicht etwa nur o. ß und y zum Gegenstand, sondern auch 

A A ■ A 
die Relationen aß, ßy und a y (bald aile, bald einen Teil derselben) *). Dfec 
l'nleischied zwischen Komplexionsvorstellungen einerseila und Komparations- 
Voratellongen (Belationsvorstellungen) andrerseits beruht also nicht auf dem 
Fehlen von fundierenden Relationen bei den ersteren; man kann geradezu 
Igen, daß fast jede Komplexionsvorstellung in ihrem Inhalt auch Relationen 
enlbilt und daher Relationsvorstellungeo involviert Vielmehr liegt der 
l'nlerscfaied nur darin, daB die Relationen, welche in den Inhalt einer iota- 
fdeaonsvorslellung eingehet^ zwischen den T e i 1 gegenständen der Kom- 
plexiousvorst eilung bestehen und nicht isoliert und somit überhaupt nicht 
aktuell als solche vorgestellt werden*), während die Relation, welche den 
Inhalt einer Komparationsvorslellung (Belationsvorstellung) bildet, zwischen 
Gegenständen besieht, deren einer oder die beide nicht zu den unmittel- 
haren Teilgegen ständen der Komparalionsvorstellung gehören und daher 
gewissermaßen auBeriialb der Komparationsvorstellung liegen, und isoliert 
und aktuell vorgestellt wird. Dort interne, hier externe Relationen. Die 
Okichheitsvorslellung zweier Kugeln hat z.B. die Gleichheit der beiden Kugeln 
zum Gegenstand, aber die beiden Kugeln selbst sind nicht unmittelbare Teil- 
IHSeiutände dieser Gleichheit, während die Komplexionsvorstellung eines 
Kugelpaares die Kugeln zu unmittelbaren Teilgegenstäiiden hat. Dieser 
Unlersclüed filt auch fOr die soeben gekennzeichneten Relatarvorstellungen. 
Ke Relalarvorstellung „Vater" enthält die Belalion zu Kindern, aber die 

*) Dabei bleibt auBer Betracht, dafi die Komplexionsvorstellung zwischen 
den Teilvorstetlungen a, b und c neue, nämlich psychologische Relationen 
■tiftet 

*) Uan sieht dies sofort ein, wenn man bedenkt, wie unzählige räum- 
Ücfae Relationen beispielsweise das Bild eines Hauses usf. enthält. — Wie weit 
Verschmelzungen einer Komplex ionsvorstellung mit Ttelationsvorsteltungen 
ihrer Taitgcgenstände vorkommen, ist ein hier nicht zu erörterndes psycho- 
Idfisches Problem. Mit dem Verhältnis von Komplexion und Relation be- 
Khiftigt sich besonders eingehend A. Heinong, Hume-Sfudien 1 u. S, Sitz.- 
fler. d. philos. bist. KL d. Ak. d. Wis*. in Wien, 1877, Bd. 87. S, 18B ff.^ u 
1883. Bd. 101, S. 678 ff. (auch abgedruckt in Heinong, Abhandi. z. Psycbol., 
Bi 1, Leipzig 191*. namenU. S. 36 tf., u. Bd. 2, 1911», S. 1 tt.), u. Ztschr. f. 
l^chol. u. PhrsioL d. Sinn. 1806,, Bd. 91, S. 191 ff. {„Koinzidenzprinzip": 
vg Komplexion, da Relation und umgekehrt). 



OgIC 



326 U- l*^')' E^riienntnisttaeoretische nsw. Gfundlegung der Logik. 

Kinder bilden keinen umniltelbaxen Teilgegenstand der Vorstellong Vatet. 
Sie unterscheiden sich von den gewöhnlichen R Nation svorstellungen nur 
dadurch, daB sie doch wemestenä das eine Glied der Relation als uc- 
miltelbaren Teilgegenstand enthalten, und nahem sich insofern den Kom- 
plexionsvorstelluDgen. Außerdem ist zu beachten, daß eine Kelationsrorstet' 
luna oft ihrerseits wieder aus mehreren Teü-Helationsvorstellungen zu- 
sanunen gesetzt ist. 

Neben der Komparation und zum Teil abhängig von ihr vollueht sich 
ein andrer Prozeß der Var3tellungcd>ildung, den ich als K o n t ^ a k t i o d ') 
bezeichnet habe. Er besteht darin, dafi in den Erinneningsbildera eines 
Vorgangs von den qualitativen, intensiven usf. Vertndenmgen, die innerhalb 
des exzemierten Zeitabschnittes stattgefunden haben, abstrahiert wird und 
die unverändert gebliebenen '] oder unverändert gedachten Teilvorstellun^cn 
unter Weglassung bzw. Repression der veränderlichen zu einer eigenartigen 
Kinheit zusammengefaßt werden. Die Vorstellung dieser besonderen Einheil 
oder Dieselbigkeit, d. h. eines identischen Etwas, welche sich mit dieser Zu- 
sammenfassung untrennbar verbindet und [Qr die Sontraktionsvorstellung 
gegenüber der sukzessiven Eomplexionsvorstellung charakteristisch ist, muB 
von der Erkenntnistheorie [s. str.) untersucht werden. Logik und Psycho- 
loKie können sich damit begnägen, von ihrer Existenz Kenntnis zu nehmen. 
Die durch eine solche Kontraktion entstandenen Vorstellungen sollen als 
lAudln individuelle Erinnerungsbilder (sekundäre In- 

werden. So bilden wir z. B. aiit Grund dieser oder jener Folge von Empfin- 
dungen (Keimen, Wachsen, BlOhen, Welken usf.) die Kontraktionsvorstellung 
einer bestimmten Pflanze, die alle diese Zusl&nde durchlaufen hat Svin- 
bohsch drücke ich die Kontraktion durch einen wagerechten Strich aus, z. B. 
ABC. Die KoDtraktionsvorsteliung soll als Vf oder F, die kontrahierten Vor- 
stdlungen (also z. B. A, B und C) sollen auch als F,, F,, F, usf. beEeichnet 
werden. Ein besonders wichtiger Spezialfall liegt dann vor, wenn die koo- 
trahierten Vorstellungen vollkommen gleich sind (F^^ i=i F^ c^ F, usf.). Die 
Kontraktion besteht dann ausschließlich in der Vorstellung der Dieselbigkeit 
(Vorstellung eines vüll^ gleichbleüwnden Gegenstandes). Die großen 
Buchstaben sind absichtlich gemäß der Festsetzung S. 318, Anm. 6 gewählt 
worden; denn die kontrahierten Vorstellungen sind fast stets zusammcn- 
gesetzl. Eine Ausnahme würde beispielsweise die Vorstellung einer einfachen 
Tonqualität machen, die sich sukzessiv verändert und bei der von Intensität, 
Lokalität usf. abstrahiert worden ist In diesem Ausnahmefall hätte man zu 

' schräben a b c . . . , oder f i f , f , 

Die Kontraktion erfolgt säum jemals an primären integralen, son- 
dern fast stets an primären exzernierten Erinnerungsbildern. In der 

») Gr. S. 7i u. U2. Ltf. S. ^8 u, 361. — Die Scholasüker iwslanden 
im Gegensatz hierzu unter contractio die „determinato alicujus conunuois" 
(vgl. z. B. Duns Sootus^ Sup. Uhr. elench., Quaeslio 13, Opp. omnia, ed Paris 
1891, Bd. 2, S. 17). 

■) Die Erkenntnistheorie lehrt, daß das Unverändertbleiben von Teit- 
vorsteUungen keineswegs unerläßlich ist, vgl. meine Eitenntnislbeorie, Jena 
1913, S. 306ß. 

') Die Bezeichnung „Kontraktion" ist gewählt, weil es sich ^ichsam 
um eine verkürzende Zusammenfassung handelt. 



OgIC 



2. Kapitel. Psvchologische Grundlegung. 327 

Regel and auch bei«il3 ausgiebige Komplex ioneu und Isol&Uooen ') votaus- 
gegugai. Andererseits werden nun auch weiterhin die Kontraktionsvorstel- 
h»u> zum UegensLand der manniglacbaten Komplenonen, Isolationen und 
Komparationen (oachlraglicbe Isolation der Fartw einer Blume, die ich oft 
geseben habe, usf.). Meistens verdechten sich alle diese Prozesse in sehr 
verwickelter Weise. 

Die WeglasBung der vetlnderlichen TeilvorsteUungea ist Fast niemals 
i'ollsliQdig. Eis handelt sich durchw^ um Repression und Akzenluatian. 
Indem wir eine sekundäre Individualvorstellung hUden, akzentuieren wir 
öni^e TeÜToratellungen der der Kontraktion unterzogenen primären Indi- 
nduahorstellungen besonders staii (z. B. die Vorstellungen unveränder- 
licber oAw besonders gefUhlsbetonter Teile bzw. Ueikmale) und reprimieren 
die Obrigen. Das Maß der Abstraktion schwankt also innerhalb der weitesten 
Grenzen, sowohl was ihren Grad, als auch was ihre Ausdehnung betrifft. 
Ganz Busnahmaweise kann eine Kontraktion ohne jede Abstraktion verlaufen 
ifleiwiel: Konttaktionsvorstellung eines dunklen, allmShlich sich aufhellenden 
(iesichtafelds). 

Die rftumhch- zeitlichen Individuatkoefflzienten fallen bei der Kontrak- 
tian nicht fori, sondern bleiben iDDerbalb einer von Fall zu Fall wechselnden 
Breite (LaUtüde) besteben. 

Eine tiefere Einsicht in die Vorgänge bei der Kontraktion ergibt sieb, 
veno man die Arten der Ähnlichkeit Und der Verschieden- 
htit, welche erkenn tnistheoretisch und psychologisch festgestellt neigen 
tennm, scharf unterscheidet. Unter fr u's taler Ähnlichkeit (frustum 
= Brocken, Stock) verstehe ich eine Ähnlichkeit, die auf Gleichheit einzelner 
Hertmale bzw. Teile beruht, unter propinqualer Ähnlichkeit eine nicht 
weiter zerlegbare Ähnlichkeit einfacher Gegenstände*). So ist z. B. die 
Ahidichkeit der beiden Akkorde ceg und dfg frustal, dagegen die Ähnlich- 
keit der Emiifladungsqualitaien gelb (c) und orange (c') und die Ähnlichkeit 
cises Kreises (c) und einer Ellipse von geringer Exzentrizität (c') propinqual 
Bescbiinkt skdi die propinquale Ähnhchkeit auf die Zugehörigkeit zu einer 
Gattong, so soll sie kognat heiBen; so sind z. B. rot [a) und blau (a") 
iomtt ähnlich (gemeinsame Gattung r Farbe); rot und blau änd „kognat" 
ihnliche HeAmale. 

Die Gleichheit zweier zusacomengesetzter Gegenstände bezüglich 
aller Uerkmale kann als der extreme Gr«nzfall der fnistalen Ähnlichkeit, 
Ae Gleichheit zweier einfacher Gegenstände als der Grenzfall der pro- 
innqnalen Ähnlichkeit aufgefaCt werden. Man kann sieh übrigens hypo- 
Ibetisch vorstellen, daB ein nicht- isolierbares x in zwei propinqual ahn- 
lichea Gebilden enthalten ist, auf dem ihre Ähnlichkeit beruht i"). Beruht 
üe Ähnlichkeit nicht auf Gleichheit, sondern auf propinqualer Ähnlichkeit 

*) Ganz ohne Isolation würde nur diejenige Kontraktionsvoxsteltung 
auskommen, welche die Gesamtheit des Gegebenen umFaQt ^.,Welt"-vontellung 
im allgemeinsten Fall). 

') Vgl. Gr. S. lii. Siehe auch C. Stumpf, über den i>sychoL Ursprung 
ia Raumvorstellung, Lpz. 1S73, S. 108 u. Tonpsycb., Lpz. 1883, B. 1, S. tll H. 

'•) Dies 3 könnte^z. B, der physiologischen Analyse der Binden- 
PTOzene zugänglich sein.~' Vgl. auch Stumpf i. c. u. Gr. 5. 141'. Beispiels- 
wedle hätte man also etwa gelb zu zerlegen in einen Faktor s, den man ab 
Gelblichkeit bezeichnen kOnnte, und einen Faktor r, der aus der Gelbikhkeit 



^28 '^- '^^'' Erkennt nisthenreliscbe us»-. Grundtegung der Looik. 

eines oder mehrerer Merkmale, so bezeichne ich sie als frusto-pro- 
piuqual (Beispiel: eine hellgräne Wiese und ein dunkelgrünes tüeid). 
Sehr oft ist die Ähnlichkeit zugleich frustal und frustopropinqual (Buiaiitri: 
zwei Kleider, die in Schnitt usw. vollkommen Obereinstimmen, deren. eiliM 
aber hellgrün, das andere dunkelgrün ist, oder die beiden Akluude c eg nsd 
cegis). Andrerseits kann sich die propinquale Ähnlichkeit auf alle 
eines Gegenstandpaars erstrecken; dann nenne ich die Ähnlichkeit pmp 
pinqual (Beispiel: zwei Kleider, die sich in Schnitt und Farbe UmelD], 

Eine dritte Art der Ähnlichkeil neben der trustalcn und der im 
pinqualen ist die Relationeäbnlicbkeit. Sie beruht auf der XIul- 
lichkeit der Relationen zwischen den Merkmalen des einen Gegen- 
standes mit den Relatianen zwischen den Heifanalen des anderen (Beispiel 
die Akkorde c g und es b, die beide das Quintintervall enthalten) und kann 
in manchen Beziehungen als ein Speziallall der frualalen Äfanlichkeit miI- 
aefaßt werden. 

In analoger Weise kann man auch Arten der Verschiedenheit 
iinletscheiden. Lese ich das Hauptgewicht darauf, daB die frvslate und 
ebenso auch die propinquale Ähnlichkeit eben doch keine Gleichheit ist, so 
kann ich mit demseltien Rechte von (nstaler Verschiedenheit und von pro- 
piniiualer Verschiedenheit sprechen. Unter den speziellen FftUen, die akdi 
hierbei ei^eben, ist besonders der folgende für die Logik bemerkenswert 
Es kommt vor, daB zwei Gegenstände in allen Mertunalen übereinstimmefi, 
außerdem aber der eine ein Merkmal hat, das dem anderen durchaus 
fehlt, d. h. bei ihm nicht einmal durch ein irgendwie verwandtes vertreten 
ist. Eine solche Ähnlichkeit bzw. Verochiedeoheit soll als additive be- 
zeichnet werden. So sind z. B. eine Person ohne Hui und dieselbe Person 
mit Hut additiv ähnlich; der Hut ist ein neu hinzukommeadea^ bei dem 
anderen Gegenstand überhaupt nicht vertretenes, wie wir sagen woUmi, 
„additives" Merkmal ''). Die additive Verschiedenheit kann als ein Spezial- 
fall der frustalen gedeutet werden. 

durch sein llinzukonnnen das Gelbsein (die Gellidieit) macht, und dement- 
sprechend orange in denselben Faktor x und einen Faktor z, der aus der 
Gelblichkeit das Oran<eseiu macht. Die Theorien des Farbensehens ^Aea 
zum Teil hiermit in Einklang. Cbrigens weist die Tatsache, daB wir alle 
Farben wegen einer duichgingigen Ähnlichkeit dem AllgemeiobegriH Fart» 
unterordnen können, darauf hin, daB in allen Farben — als Empflndunts- 
qualitäten — ein solcher gemeinsamer x-Faktor enthalten ist. 
^^> In der Buchstabensymbolik wOrde auszudrOcken sein: 
ein Paar frustal ahnlicher Vorstellungen durch abc und dec (bzw. abc 
und dbc usf.), 
„ propinqual ähnliclier Vorstellungen durch a und a', , 

„ u kotnat ähnlicher Vorstellungen durch a und a", 
„ „ perpropinqual ähnlicher Vorstellungen durch abc und a'b'c' u^, 
,. frustopropintiual ähnlicher Vorstellungen durch abc und dec', 
., frustal und frustopropinciual ähnlicher Vorstellungen durch abc 

und dbc', 
„ frustokognat ähnlicher Voisteliungen durch abc und dec", 
., ., frustal und frustokognat ähnlicher Vorstellungen dunA abc und 
dbc", 
„ additiv ähnlii^er Vorstellungen durch abc und abc d. 



OgIC 



2. Kapitel. P?rcho1o|ciache Gnindleguns- ,'129 

Bei den Abstraktionen, welche die Kontraktion begleiten, spielen nun 
diese Homente oftenbar sSmtlich eine mehr oder weuitter bedeutsame RoUa 
Bald aberwieirt die frastale, bald die fnialoproiHnquale Aimlichki^it, ausnahina- 
weue bandelt es Eich um einlache pTopinquale Ähnlichkeit. üal>ei ist vor 
allem das folgende Verhalten der Abstraktion gegenüber den Verschieden- 
heilen und Ähnlichkeiten der priinftren Individualroratellungen beneikens- 
wert. Additive Uerfcmale werden bei der Abstraktion meisten» schlechthin 
'tstelaasen (bcw. reprimiert), so daB die Zahl der Merkmale (bzw. die Zahl 
■Iv akteDtuierien Merkmale) kleiner wird: die Abstraktion wiikt di- 
minuierend. Dacesen werden propinqual oder kognat verschiedene 
Merkmale '■') in der Regel durch das zugehörige allgemeinere Merkmal 
wwtzt, aber nicht weggelassen. Ea wird eine offene Stelle reserviert. 
Rie KoD Irak tionsvo rat ellung eines Abendhimioels, der viele Farbenumwand- 
luiiBen duichgemacht hat, isl, wenn wir die einzelnen bestimmten Ffirbungen 
lucb noch 30 vollständig reprimieren oder sogar eliminiej'ei^ nicht farblos, 
jie behilt wenigstens die allgemeine Bestimmtheit „Farbe". Man kann 
daher in diesem Fall auch nicht sagen, daß durch die Abstraktion die Mcrk- 
■ulzahl der-Kontfaktionsvorstellung im Vergleich zur einzelnen Prim&T' 
Vorstellung verkleinert werde: die Abstraktion wirkt hier nicht diminuierend, 
sondern sie wirkt, wie wir sagen wollen, indeterminierend. 

Auch der Kontraklionsprozeß wird von uns auf die Gegenstände 
dbert rage n , sowohl auf die uumiitelbaren wie auf die entfernteren. 
Vir denken uns also zu den sukzessiv gegebenen Gegenständen einen ein- 
iieillicheD beharrenden Gegenstand hinzu und betrachten die sukzessiven 
änzelgegen stände als wechselnde Phasen oder Zustande dieser Einheit. Wie 
■of dem Gebiet der Isolation und Komplexion dehnen wir diese Gegenslands- 
ilbertragung auch auf die hypothetischen Grundlagen der Empfindung (mate- 
lielle Beize, Dinge an sich, Reduktionsliestandteile) aus und bezeichnen in 
diesem Falle die veigegensttlndlichtec Kontr&klionseinlieitcn als „Dinge" 
W. S. 96S Ober Dingbeziehung). Konirak tionsvorstellungen, die von einer 
solcben Oberlragung auf hypothetische Empfindungsgrundlagen begleitet 
aind, kann man daher auch als Ding Vorstellungen bezeichnen. 
Uan darf nur nicht glauben, dafi etwa alle Kontrnktions Vorstellungen Ding- 
wstellungen seien. Wir machen in unzAhligen Fällen mit unserer l]ber- 
tiagoni schon frtiher Halt und sprechen von Kontraktionseinbeiten, die mit 
Koen hypothetischen Emp&ndungnnmdlagen nichts zu tun haben. So 
käDDeo wir z, B. die Umwandlungen einer Vorstellung ganz unabh&ngig von 
ihren Empfindungsgrundlagen verfolgen und sonach eine Vorstellung 
als Regenständliche Kontraktionseinhett auflassen. Gerade die logischen Be- 
mile selbst bieten, wie sich sp&ter ergeben wird, hierfor ein ausgezeichnetes 
Betsnel (Tgl. g 90 ff.). 

Dabei ist noch zweieriei zu l>eachten. Erstens wird der Tenninua 
»Ding" zuweilen in viel wraterera Sinn gd>raucht, so daß er sich nicht immer 
aal die hypothetischen Enu}findungsgrundlagen, sondern auch auf anderes 
■gendwie Gegebenes oder Erschlossenes bezieht. Für diese Terminologie ist 
I- B. auch ein Gedanke, ein Affekt oder ein Charakter, der allerhand Wand- 
bniten durchmacht, ein Ding. Von diesem ungewöhnlichen Sprachgebrauch 
«ird hier abgeseheai. Zweitens wird die Bezeichnung „Ding" zuweilen auch 

") Die gesamte Ähnlichkeit ist dabei frustopropinqual oder frustokognat 
oder frastal und frostoproplnfpial oder fnistal und frustokognat. 

„.,,n,^.OOglC 



330 "' '^c''- tlrkennlnistheoretiscbe usw. Grundlegung der Logik. 

ohne nckcksicht auf sukzessive Zustände mit Bezug auf einen ein- 
maligen Komplex gebraucht. Die DineroTstellung wird bei dieser Termino- 
logie mit der substanziierten Romplexionsvorstellung identisch (vgl S. 3S3). 
Auch dieser Sprachgebrauch scheint mir dem Qblicben zu sehr zu wider- 
sprechen. 

Uit der Obcrtrasung auf des UegensUnd verbindet sich endlich auch 
fast stets derProzeB der Substantiation, wie wir ihn schon bei dn Eompleiion 
kennen gelernt haben (vgl. S. 32&). Wir denken uns zu der EontnktioDS- 
eiobelt einen „Trflger" sowohl der beharrenden wie der veränderlichen Merti- 
male. Die~Erkeimtnistheorie lehrt, daB gerade die Vorstellung der DieselUg- 
keit uns in besonderem HaS AnlaB gibt, solche Trftgervnrstellungen (Sab- 
slanzvorstellungen) zu bilden. 

ZweckmäQig ist es für die Vorstellungen der einzelnen Zustände oder 
Phasen, aus denen die Kontraktionsvorstellung gebildet wird, noch eine be- 
sondere Bezeichnung einzuführen. Ich wähle als solche den Terminus 
,4>'luxion9varstellungen" (fluzus .= flQchtig, vgl. auch Nentoni 
Fluiionen). Die FjuiioDsvorstellungen sind also die den Kontraktionsvorstel- 
lungen unmittelbar zugrundeliegenden (fundierenden) Primärvorstellungat 
Dagegen ist es ganz unzulässig, die Fluzionsvorstellungen etwa aJa Teil- 
vorstelluogen oder Teile der Kontraktionsvorstellungen zu deuten. Ms 
Teile können nur die aus den Fluzionsvorstellungen in die Kontraktions- 
vorslellungen aufgenommenen Merkmale gelten. Die Fluicionsvonteltungen 
m&gen „Glieder" der Kontraktionsvorstellung heiBen. 

Die den Fluzionsvorstellungen zugrundeliegenden Empfindungskomplexe 
können dementsprechend ata Fluzionsempfindungen und die zu- 
gehörigen Gegenstände als Fluxionen bezeichnet werden. Die verfindcr- 
lichen Merkmale nenne ich kurz Wechselmerkmale. 

Inaofem der Gegenstand einer Kontraklionsvorstellung oft noch (ori- 
besteht, also noch weitere Zustände desselben eintreten und mir bekannt wer- 
den kännen, sind viele (nicht alle! vgl. auch S. 3%) Kontraktionsvorstellungea 
für neue Zustände desselben Gegenstands mit neuen HeAmalen „offen". 
Sie enthalten gewissermaßen ,3lanko3telle n", deren Ausfüllung weiter- 
hin in der verschiedensten Weise erfolgen kann, und greifen insofern ver- 
möge einer eigenartigen Transgression ") Ober die bisherige Erfahrung hinaus. 
Mit dieser far unser Denken sehr bedeutsamen Offenheit oder Unahgeschtos- 
senheit vieler Konlraktionsvorstellungen hängt auch ihre Umbildbarkeit 
zusammen. Neue Erfahrungen können mich in den Stand setzen oder sogar 
zwingen, Merkmale, die ich für konstant gehalten halK, als variabel zu be- 
trachten und aus der Kontraktionsvorstellung zu eliminieren oder wenigstens 
zu reprimieren. Ich habe geradezu die Wahl, entweder meine Konlraktions- 
vorslelttmg umzubilden oder die Dieselbigkeit des Gegenstandes zu leugnen. 
Man hüte sich aber, diese Umbildbarkeit der Xontraktionsvorstellungen mit 
ihrer Korrigierbarkeit zu verwechseln, welche ihnen mit den un- 
kontrahierten Vorstellungen gemem ist. Diese Korrigierbark ^t besteht näm- 
lich darin, daB eine Vorstellung auF. Grund einer Hichligslellung ihrer alten 
Fandalien oder einer Berichtigung ihrer Verwertung attge&ndert werden kann, 
während die Umbildbarkeit die Abänderung auf Grund des Uinzukonunens 
neuer Fundalien betrilFt. 

"> Vgl. Erkenntnistbeoiie, Jena 1913, S. 38i u. 307. 

h. !■, ii,l^.OOglc 



S. Kapitel. Psvcholoiriache Grundlegung. :{;tl 

Es verbiodet sich also mit der KonlraJilion ein doppeltes „Offenlassen", 
idmlich erstens ein OHenlassen von Meilmals teilen und zweitens ein Offen- 
luwn ron Gliederetellen. Eratoes bezieht sich auf die WechBdmeikmale, 
alle wie neue, letzteres auf neue Glieder. Die Wechselmerkmale (z. B. rot, 
«ciS) sind in der Kontraktionsvorstetlung, soweit sie nicht ganz weggelasseD 
sind, nur durch ein allgemeines Merkmal (Farbe) vertreten (vgl. S. SSST), 
die neuen Glieder sind, abgesehen davon. daB sie den Bedingunfien der Die- 
Kli^cit genügen mOssen, völlig unbestimmt. L'm Verwechslungen zu ver- 
meiden, soll künftig, v«nn nicht ausdrücklich das Gegeutül bemerkt wird, 
der Terminus „Offenheit" und der Terminus .3lanko3teUen" nur für den 
iweileo Fall, also mit Bezug auf neue Glieder, gebraucht werden. 

Tenuinologisch sei noch bemerkt, daB zur Erleichterung des spracb- 
üdiRi Ausdrucks auch die Termini: isolierte, konwlei^ komparate, relate, 
'ditare und konlrakte 'Vorstellungen (statt Isolationsvorstellungen, Kom- 
dlajonsvorstellungen usf.) verwendet werden sollen. Auch sei nochmals 
«udrOcklich davor gewarnt, die Termini ,Jtomple«onsvorstellungen" usf. so 
aoInlBssen, als bedeuteten sie „Vorstellungen von einer Komplexion"; nach 
den vorau^ebenden Erörterungen ist klar, daB sie nur bedeuten „durch 
Komplezion entstandene Vorstellungen" "). Wenn ganz ausnahmsweise hier 
einmal von solchen ^oretellungen na einer psychischen Funktion die Rede 
Min soll, SD wird stets der ausfOhrliche Terminus „Vorstellung von der 
Konplexion, von der Komparation" usf. gebraucht werden. 

I n. > llgfi dnTT ittH¥initw . QntanUutiiia ^). Die Geueralisation, 
d. h. die Bildung von Allgemeinvorslellungen besteht daj-in, daB mehr oder 
■eniger zahlreiche individuelle Erinnerungsbilder auf Grund von Ähnlichkeit 
in einer ganz besonderen Weise zu einer Einheil zusanunengefaBt werden. 
So Mde ich z. B. aus den Erinnerungsbildern vieler einzelner Fahrräder die 
-■VllBemeinvorstellung (Generalvorstellung) „Fahrrad". 
Symbolisch dröcke ich die Generalisation durch eine über die Buchstaben- 
zeichen gesetzte, von ihnen abgekehrte Klammer aus, schreibe also z. B. 



. bzw. ABC ... (vgl. S. 318 u. 820). An Stelle 



") Vorstellungen toi einzelnen Romplcnionen, Kontraktionen, Iso- 
lationen usf. als reinen Akten existieren ebensowenig wie Vorstellungen tob 
einzelnen Komplexionsvorstellungen usf. (vgl. S. 3^ u. LelU. S. 2bi}, 
wohl aber kann ich die AI Ige mein Vorstellungen „Komplezionsvorstel- 
lung", „Kontraktionsvorstellung" usf. bilden und durch ihre Vergleichung ihre 
nnterscbeidenden Merkmale feststellen und so zu Allgemein Vorstellungen 
der beteiligten psychischen Prozesse, also zu einer Allgenteinvorstellung von 
Komplexion, Kontraktion usf. selansen. 

') Gr. S. l«fl., Ltf. S. 242 u. 346; Wundt. Bd. 3, S, 518 u. Ö46i LiPKS, 
S. leofL; KOliw, S. 209 B. VgL anOei^em Alfred Binet, L'ätude expärimeo- 
tale de l'intelligence, Paris 1003; Tb. Ribot, L'ävolution des idäes g£n£rale9, 
Puis ia»7, 3. AufL 1900; JodI, Lehrb. d. Psychol., 3. Aufl. Stuttgart-Berlin 
IWe, Bd. 2, S. 300 ff.; KOlpe, 1. Kongr. f. exp. PsTchol, GieBen 1004, Bericht 
S. G6; Moore, Univers, of CaUforn. PubL in Psychol., Berkeley, Nov. 12, 
ISIO, VoL 1, No. 2, S. 73 B.; Htttenzwey, Psychol. Studien von Wundt, 
1S07, Bd. 3, S. 358; Störring, Philosoph. Stud. v. Wundt, 1000, Bd. SO. 
S. 328; WaU, Arch. f. d. ges. Psychol., lOOfi^ Bd. 4, S. 280. 

„.,.,„.>..oo^sic 



332 ^I- ^^i'- ETkennlnisIheorctigcl:«- usv. Gnindlesune der Ixigik. 

von A B C . . . bzw. a b c . . . setze ich im folgenden in der nege! W, W. W^ . . . 
bzw. Wj Wj w,, um auszudrücken, daB es sich um die IndiridualTOTstellnDgen 
der AügeinMcnrorstdlung W bzw. w handelt (vgl. S. SIS u. 820). Die groBen 
Buchstaben werden gewfihlt, wenn die Allgemeinvorslellung zusunntt&geseUt 
ist (S. 318, Aiun. 6). Es empfiehlt sich fOr diese AUgemeinvorsteUungen 
nicht mehr die Bezeichnung .Erinnerungsbild" m gebrauchen, sod- 
dern diese auf die Indi vi dual Vorstellungen (primäTe und sdcundiie, 
exzemierte, isolierte^ komplexe und kompaxate) zu beschrtnken ■), obwohl 
Erinnerungen selbslTerstfindlich auch die Grundlage der AUeemMnvDTsIal* 
luDgen bilden. Es scheint dies erstens mit dem Sprachgdirauch besser über- 
einzustimmen, und zweitens wird es dadurch möglich, das Attribut ,4odi- 
vidudl", das zunächst um der Deutlichkeit willen oben allenthalben zu den 
Terminus „Krinneningsbild" hinzugesetzt wwde, als pleonastisch ta stieichen 
und so die Terminologie zu vereinfachen. Wir können dann kurz sagen. 
daB all* Vorstellungen, sie mögen von einem anderen Standpunkt der Ein- 
teilung ans aia exzemiert oder isoliert oder komplex oder komparvt usL m 
bezeichnen seiB, in Individualvorstellungen = Erinnerungsbilder und AU- 
gemeinvorstellunsen zerfallen ']. 

Ganz verfehlt ist der gelegentlich aufgetauchte Versuch, die Allgmoo- 
vorstetlungen als „Vorstellungen von Vorstellungen" zu deuten. Weim ich 
von den individuellen QegeDSlftnden Y^, Y^, Y, , . . die Individualvorateliimwu 
Wj, Wj, W^. . . gebildet habe und diese nun zu einer Allsemeinvorstellung 
W =a Wj Wj W . . verbinde, so ist W auf W,, W„, W, . . . fundiert, diese 
Fundieningsbezichung aber besteht in einer komplizierten Verarbeitimg »on 
Wj, W,, Wj . . . durch unsere Differenzierungsfunklionen, ist also altes andern 
eher als eine einfache nochmalige Wiederholung (Iteration) des Voratellunts- 
prazesses im Sinn einer hypothetischen Selbst wabmehmung, wie sie die 
Anh&nger der „Vorstellungen von Vorstellungen" annehmen. Solche Vor- 
stellungen von Vorstellungen im Sinn einer reflexiven Iteration existieren 
überhaupt nicht, wie schon S. 363 ausgeführt wurde. 

Auch die All gemein Vorstellungen, welche wir von den Vorstelluagen 
selbst und ihren Klassen (Kompleidons-, Konlralctions-, AUg^neinvoratet- 
lungen usf.) bilden, sind nicht als Voratellungen von Vorstellungen in dem 
eben abgelehnten Sinne zu betrachten. Vielmehr ist der Hergang, wenn air 
beispielsweise die Allgemeinvorstellung „Aligemeinvoralellung" bilden, fdien- 

*) Wollte man den Tenninus „Erinnerungsbilder" streng auf diejenigen 
Vorstellungen beschränken, bei deren Bildung keine intellektuelle Funktion 
außer der Refention wirksam ist, so konnten nur die primären integralen 
Erinnerungsbilder als Erinnerung^der gelten. Wollte man andrerseits alle 
Vorstellungen, welche überhaupt Gegenstand der Betention werden bOniMB. 
Erinnerungsbilder nennen, so würde sich der Terminus „Erinnerungsbüd" 
ganz mit dem Terminus „Vorstellung" decken; denn auch die Allgemein- 
vonteUungm werden von dem Qed&chtnis festgehalten, die Reimtian be- 
scbrinkt sich nicht auf die prinOren Inhalte, sondern erstreckt sich auf die 
sakundtren, von den Differenzieningsfunktionen zwischen ihnen hergestellten 
VerimOphmgen. 

*) Die Allgomeinvorslellungen werden zuweilen auch als ^^t Titte" 
bezeichnet. Es wird sich jedoch ergaben. daB dieser Tenninus besser fäi 
bestimmte logische CMiilde reservi»t wird. Vgl. § 86. 

„.,,„,^.oogic 



2. Kapitel. Psvchologische Gnindleeune. 3:{3 

dar. Vir haben zu den individueUeo Gecenständen a,. a,. a^ ■•■ bzw. zu 
dem IndiTidualvoratelluDCen A,, A^, A, . . . die Allgemeiavorstellung A, des- 
^«iefaeii zu dea indivjdiuUen GegensUnden ^,, ß„ ßt •■■ '''^ AUgemein- 
vcntelltuK B und zu den individuellen Gegenständen y,, y^, y, ... die AII- 
(eAwiTafsteUune C gebildel usf. Von A existiert nun nicht noch einmal eine 
Vontelluttg V(A), ebensowenig von B eine Vorstellung V(B) usf., wohl aber 
können A, B, C ... als fundierende Gegenstande für eine neue Gene- 
ralisatioa dienen, durch wekhe schlieBUch auch die Atlgemeinvorstel' 
hing „.Ulgemeinvorstellung" zustande kommt. Auch hier handelt es sich also 
nicht um eine einfache reflexive Ilemtion der Vorstellungen A, B. C. , . ., 
Modeni um eine neue Vetariwitung derselben (im Sinn des V der Etörte- 
/■mfen in § öS). Uan muB dabei nur scbarf unterscheiden zwischen Gcne- 
laiiatiaaen höherer Stufe, die sich auf die a^. a^, a, ■ -, -, ß^ ß^ ß^ ■ ■ ■• 
fi' 7vyf- beziehen {z. B. Insekten, Krdise, TausendfaiJer =3 Arthropoden), 
uod den Generalisalionen höherer Stufe, die sich auf die A, B, (^ .. . ., d. li. 
die Vorsteilungen jenw Gegenstande beziehen. 

In der Regel erfolgt die Generelisation an den sekundären Er- 
Jnnenmssbildem (wie in dem Beispiel dea Fahrrads), und zwar bald an 
iwUerten einer niederen oder höheren iBolalionsslute (Allgemeinvorstellung 
,jot")i bald an kompleicn einer niederen oder höheren Eomplexionsstulo 
(AUgemeinvoTSteUung „Dorf', „Gewitier"). Selbatverständlich können jedoch 
loch p r i m & r e Erinnerung^ilder generalisiert werden, indem die Diesclbig- 
keit im Sinne der Kontraktion gaj; nicht in Betracht gezogen wird. 

Auf der tiefsten Stufe der Generalisalion werden im einfachsten Fall 
nur vollkommen gleiche, also ausschlieSUch im räumlicfa-zeitUchen Individuai- 
toetßzienten (vgl. S. 818) sich unterscheidende Individualvorstellungen zu- 
stnmeogefaflt (Beispiel: Allgemeinvorstellung „Wasserst olfatom"). Oft aber 
«niredt sich die Zusammenfassung auf derselben Stufe auch auf nicht voU- 
konunen Qbereinstimmende, nur ähnliche fndividualvorstellungen (Bei- 
^wl: Hauskatze"). So wird — auf einem dieser beiden Wege*) — die 
erste Hauptstufe, die Art vo rste llung erreicht. Die Generali- 
satton achreitet dann in der Weise weiter fort, daß wiederum mehrere oder 
vide fieser Artvorstellungen auf Grund von Ähnlichkeiten zu einer Allgemein- 
*onteUung höherer Ordnung zusammengefaBt werden. Durch fortgesetzte 
Wiederholung dieses Prozesses ergibt sich eine Stufenleiter (Skala) wechseU 
(eilig sub- und superordinierter (unter- und abergeord- 
aeter) AUgemeinvorsteUungen. Auch die nachträgliche Spaltung tiner All- 
Kmeinvorstellung in mehrere niederer Ordnung kommt vor. Den Artvorstel- 
hingen als den niedrigsten Allgemeinvorstellungen stellt man die höhefen 
•bGattungsvorstellungen gegenflber. Allgemein Vorstellungen der- 
»Iben Stufe beißen koordiniert (gleichgeordnet). 

Der psychologische Unterschied zwischen der Generalisalion einerseits 
imd der Komplexion und der Kontraktion andrerseits läßt, sich auf Gnmd 
der Selbstbeobachtung folgendermaßen bestimmen. Die Komplexion bezieht 
■ich bald auf simultane Gegenstände, bald auf sukzessive, die Eontraktion 
riels auf sukzessive, die Generalisalion in der Begel auf sukzessiv« oder 
nnmllane und sukzessive. Die Komplexion kann ohne jede Abstraktion 
iTfolgen; meistens verbindet sie sich mit Abstraktionen (im Sinn der S;l- 

*) Zuweilen spricht man nur im 2. Fall von A r I Vorstellung. 

h. i.MM,Googlc 



334 H, Teil. Krkennfnistheoreüsche usw. Gnindlesuns der Ix«ik. 

lektion, vgl. S. 331). Die Kontraktion ist meist, aber doch nicht ausnahms- 
los mit Abstraktionen verknöpft (vgl. S. 327}. Generalisstion ohne Abstrak. 
tionen kommt nicht vot. Die Vontellunit der Dieselbigkeit °) ist der Kom- 
plexion völlig fremd, ebenso hat sie mit der Genenüisation als solcher nichts 
zu tun, dagegen ist sie das charakleristiscbe, niemals febtende, wesentliche 
Merkmal der Kontraktion. Endlich bleiben die r&umlich-zeitUchen Individual- 
koefflzienten bei der Komplexion vOllig erhalten, bei der Kontraktion werden 
sie erweitert, ohne jedoch zu verschwinden, bei der Generalisation Fallen sie 
völlig fort. Vgl. auch S. 8*3. 

Die Voretellung „alle Feldherren Alexanders des Großen" ist, wie im 
logischen Abschnitt n&ber ausgefohrt wird, eine univetsate Kollektiworstel- 
hmg, aber keine AUgemeinvorstellung. Dasselhe gilt von der Vorsteltung 
„aUe Soldaten Alexanders des Großen". Die UiÜH^anntheit und die aus ihr 
sich ergebende Unbestimmtheit der unter eine 3ok;he UniversalvoTstriluni 
fallenden Individuen bebt den individuellen Charakter der Voistelluns nicht 
auf: sie bleibt trotz ihrer Unbestimmtheit individuell - kollektiv und ent- 
behrt der absoluten Offenheit und der völligen räumlich - zeitlicbea Un- 
bestimmtheit, die für die AllgemeinvorsteUungen charakteristisch ist Vgl. 
S. 820 f. I 

Wie bei der Kontraktion (S. 360) ist auch bei der Generalisation die 
Aletraktion b^d diminuierend, bald indeterminierend. Im 
ersten Falle wird ein Uerkmal (bzw. Teil), das nur einzelnen unter deo 
subordinierten Vorstellungen W^, W^ usf. zukommt, in der Allgemeinvorstel- 
lung W schlechthin weggelassen bzw. reprimiert. Im zweiten Falle yiiii ein 
Merkmal (bzw. Teil), das allen subordinierten Vorstellungen, aber in ver- 
schiedener Beschaffenheit zukommt, unter Absehung von diesen Vetschiedoi- 
heiten, also verallgemeiaert, der Allgemeinvorstetlung W beigelegt: die speäell 
bestimmten Merkmale von W^, W^ usf. werden durch ein relativ un- 
bestimmtes ersetzt C An determiniert"). Es handelt sich gewissermaOen um 
eine Teilgeneialisation. Wenn ich z. B. bei der Bildung der Allgemein- 
vorsteUuug „Ungulaten" oder „S&ugetiere" von dem Geweih der Hirsche 
abstrahiere, so handelt es sich um eine diminuicrende Abstraktion: idi 
elimiDiere oder reprimiere das Merkmal „Geweih" schlechthin. Dagegen lasse 
ich bei der Bildung der Allgemeinvorstellung „S&ugetiere" das Merkmal 
„Gehirn", wie es sich bei den einzelnen Säugetieren findet, nicht schtecbthiD 
weg, sondern behalte das MeAmal „Gehirn" verallgemönert bei, indem ich 
nur von seinen q^eziellen Ausgestaltumen bei den einzelnen S&ugera absehe: 
hier ist die Abstraktion indeterminierend. Ebenso ist. um ein weiteres Bei- 
spiel anzufahren, bei der Allgemeinvorstetlunfr „Ton" wed« das Heifcmal 
„TonhChe" noch das Merkmal „Tonintensität" ganz weggefallen, sondern 
beide sind nur — gegenOber dem speziellen Ton, z. B. einem eis von be- 
stimmter Hohe und Intensität — verallgemeinert, d. h. unbestimmt gelassen. 
Wenn es sich auch um nahe verwandte und durch ITbergänge verbundene*) 

^] Selbstverständlich ist hier nur von der Dieaelbigkeit im Sinn der 
Erörterungen des letzten Paragraphen die Bede. Über and«e Arten ätt 
DieselbiAeit habe ich in meiner Erkenntnistheorie (Jena 1EI18, S. äfi6 R. u. 
306 ff.) austOhrlich gesprochen. 

*) Eine solche Verwandtschaft und Existenz von Cben^ngeo leuchtet 
sofort ein, wenn man bräspielsweise das Geweih als eine ^MiiaUilerende 
Ausgest^tung des Skeletts bedmchtsti 



.oogic 



2. Kapilel Psych ologisc he Grundlegung. 335 

PBTchologische Prozesse handelt, so cUr{ doch das Weglassen eines ganzen 
Uerkmtls und das Weglassea seiner spezialisierenden Ausgestaltungen nicht 
einfach zusammengeworfen werden. Bei den misten Allgemeinvotstellungen 
liegl übrigens sowohl eine Verkleinerung der Zahl der Merkmale durch cb- 
miniiierende Abstraktion wie eine VeraUgeineüierung von Merkmalen durch 
ioddenninierende Abstraktion vor. Jedenfalls aber ist es bei dieser Sachlage 
noniUssig, die Genemlisation etwa in allen Fallen schlechthin mit einer 
'«ikleineruDg der Zahl der MeAmale. also einer zunehmenden Vereinfachung 
der Torstellungen zu identifizieren. 

Die Ohertragung au{ den Gegenstand wird bei den AU- 
femeinvorstellnngen in ganz Ähnlicher Weise vollzogen wie bei den Kon- 
trattionsTorstellunBen. WSr bilden eine Gegenstandsvorstellung (vgl. S. S66 
0. 3IS0), die der von uns erzeugten Generalisationaeinbeit entspricht. An 
Stelle der uns allein gegebenen Gemeinsanikeit der Merkmale der Individuen 
Mtzeo wir einen neuen hTPothetischen Gegenstand, namtich die im Sinn der 
Geoeralisation als Einheit gedachte Gesamtheil dieser gemeinsamen M^- 
iBale. Dazu kommt dann in der Regel auch hier eine Substantiation, 
iosolem wir dieser vergegenstindlicbten Generalisationseinbeit einen „Trager" 
uilerschieben, der die gemeinsaioen Heitmale „hat" (vgl. S. 3SS u. 380). In 
dm speziell logischen Kapiteln dieses Werks wird hierauf n&her eingegangen 
werden. 

Wie bei den Kontraktionsvorstellungen ist es selbslversUlndlich auch 
bei den AUsemeinvorstetlungen ganz unzuUssig, die subordinierten Vorstel- 
ktnceo (Individual-, Art-vorsteilungen us[.}W,, W usf., welche der Allgemein- 
msteUung W zu^imde liegen, als die „T e i 1 vorslellungen der letzleren 
ni äeatea. Ab Teil vorsteUungen einer Allgemeinvorstellung kommen aus- 
schlieBlich die in die Allgemeinvorstellung aufgenommenen Teil vorsteN 
Inngen der fundierenden (subordinierten) Vorstellungen W^. W^ . . ., also in 
erster Linie die den fctrteren g«seinsamen Teilvorstellungen in Bedacht, 
ffie subordinierten Vorstellungen W^, W^ . . . sind nicht Teile, sondern Glie- 
der (fundierende Glieder, Oogenst&nde) der AllgemeinvorsteUimg W (vgl 
&330). 

Wie die KontnktionsTorstelluDgen sind auch die AUgemeinvorstellungen 
fOr die Aufnahme neuer subordinierter Vorstellungen .o f f e n" (vgl. S. 880) 
nsd dementsprechend u m b i 1 d b a r. Wie bei jenen bezieht sich die Ofien- 
heit sowohl auf neue Individuen, Arten usf. wie auf neue Merkmale. Sie 
lubeu ,3iankostGllen", die durch neue Gegenstände ausgefüllt werden kAnaen. 
Wikrend aber die Offenheit der Kontraktionsvorstellungen fakultativ ist, d. h. 
■■ictit stets vorbanden ist, ist jede AUgemeinvorstellung oSen. 

Ober die psychologische Natur des Vorgangs der Generali- 
ation besteht bis jetzt keine Übereinstimmung. Es gibt eine groBe Zahl von 
'Hieorien der Qeneralisation. In Anbetracht der grundlegenden Bedeutung, 
welche die Allgemeinvorstellungen für einen großen Teil der Logik haben, 
MOen diese Theorien im folgenden kurz aufgezählt und besprechen werden: 

1. Die Intuitionstheorie: sie nimmt eine unmittelbare Er- 
lisniig des Alliemeinen in dem Vielen und Einzelnen durch eine besondere, 
RwiMermaflen intuitive Tätigkeit an. Plato schreibt letztere dem Uynair, 
d. h. dem obersten Seelengebiet zu^). Auch bei manchen modemen 

') Die Stellung des Aristoteles tritt in den uns OberUeferten Schrillen 
Bichi ganz eindeutig and Uar hervor. Pnuitl (Gesch. d. Log. i. AbendL, Bd. 1, 

„.i.vA.OOglC 



336 "- '^^''' Efkenntnislheorebsche us«-. GnmdteguiiK der Logik. 

Locixisten finden sich Umliche Anschauungen. Es lieft nämlich vom Stand- 
punkt der intuitionstheone begreiflicberweise sehr nahe^ das Allgemeine ab 
etwas auch unabfa&ngifi von dem Vielen und Einzelnen itsenduie existiereD- 
des Hein-Losisches aulzufassen (vgl. S. 172 H. u. 196 B.). Da diese llieorie 
jader empiiiscfaen Grundlage entbehrt, kann sie überhaupt nicht ala eine 
psychologiache Theorie der Generalisation betrachtet werden: sie aclmeidet 
geradezu jede pa?choloiiKlie Analyse und Erforschung der GenenlisKUon ab, 
indem sie die Erfassung des Allgemeinen einer primtren. nicht weiter teriei- 
baren Seelenfunküon zuschreibt. 

2. Die Summentheorie: diese betrachtet die Allgemein voisteUun; 
schlechthin als die Summe der Individuatvorstellungen. Die Unhaltbufceit 
dieser Theorie ergibt sich schon daraus, daß dabei der Unterschied zwiscben 
der individuellen Kollektivsorstellung und der AUgemeinvoTstellunr, den die 
Selbstbeobschtung und die Analyse mit Sicheriieit ergibt, ganz verwischt 
wird. Dieser schlagende Einwand bleibt auch dann bestehen, wenn man der 
Theorie einen physiologischen Hantel umh&ngt und an Stelle der Individua!- 
vorstelhingcn die Vorstellungserregungen der Hirnrinde set^ 

3. Die Üurchschnittstbeorie: diese nimmt an, daS die All- 
gemeinvorstellung ein Komplex von Ihirchschnittsmeikmnlen isL Hat z. S. 
eine der in der AUgemeinvorstellung W zusammengefaßten Vorstellungen W^ 
die Meitmale*) mi, »i usf. und eine zweite W^ die Utnlichen^ aber dock 
nicht sämtlich voll»; übereinstimmenden Merkmale m^, n, usf., so würde 

(fie Allgemeinvmvtellung W die Dur^hschnitlsmerfcranle -' T,.>ZL^"' 



V+" 



-' ' usf. haben, wo 3 die Zahl der zusanunengefafilen Individual- 



vorMeliungen bedeutet. Diese Theorie kqmmt der Wahrheit erhebUcfa niber, 
insofern die Durch Schnittsvorstellungen in der Tat als eine Vorstufe der 
AtlgemcinTorstellunKen betrachtet werden können. Wenn nAmlich ausnahms- 
weise alle Merkmale und ihre VorsteUungen lich inendwie vvlbttndig durck 
Quanla ausdrücken lassen, wie z. K Linienlftngen, Intensit&ten usf., so OUt 
— wenigstens unter bestimmten Vorbritalten — die DurchBchnittsvorstellunc 
im Ergebnis mit der Allgemeinvorstellung zusammen. Für weitaus dis 
meisten AllgemeinTorstellungen 'trifft jedoch diese Voraussetzung nicfat m. 
Die nwsten Herkmahrorstellungen — man denke i. B. an verschiedene 
Farben — sind weder additionefähig noch divisionaffthig "). Auch die Selbst- 
beobachtung widerspricht dem Schema der Durchachnittstbeorie duich&ni. 
Wir denken uns bei der AUgemeinvorstellung last niemals einen bestimmten 

S. 107) glaubt, daß Aristoteles lehre, das AUsemeine (»«tf^Je») „werde ver- 
möge des yoSg wahrend und innerhalb der Sinneswahmehmung eisriOen"; 
indes sind die von ihm angefahrten Belegstellen nicht ganz Qberzeugod. 
Vgl auch Zeller, FhUos. d. Griech. II, 2^ a Aufl. Leipzig 1879, S. aUff. s. 
a66, Anm. 8 sowie 578 ff. 

*) Streng genommen mOBte die Theorie von Ueikmalvorstetltmeen und 
nicht von Merkmalen sprechen. Vgl. S. 880. 

*) Welche Bedenken selbst bei Intensitäten einn strichen mattNUBtiscben 
Auflassung entgegenstehen, habe ich — in übereinstimnuing mit anderen — 
LH. S. 66 ftusfOhrlicher erörtert und zwar für das der Durdischiüttsllieone- 
noch relativ günstigere Gebiet der Empfindungen. 



.oogic 



2. KapileL PsrcholoBische Gnmdlegun«. ;{;[7 

SiDchschiiitI, sondern lassen den einzelnen Merkmalen einen mehr odec 
wHiiier unbestimmten Spielraum. 

i. DU Repräsentationsltaeorie: sie setzt an Stelle des 
uiltoDelischai Mittels der Duichschnittstheorie ein einzelnes bestimmtes 
GMedder Reibe der Einzelvorstellmigen, z. 6. Wt, und b^iauptet, daß dieses 
tls Repräsentant" die Reihe vertritt. Die Auswahl des Reprftsentantea 
Tflrde z. B. durch die Oberwiegende H&ufigkeit der bei VTr vorbandensQ 
HettmalkombiDation bedingt sein. Auch kann die Repr&sentationstbeorie 
noch die .Annahme binzuf aaea, daB zuweilen als Repräsentant eine P b a n - 
lisievoistellunB (T81-S.848) auftritt, welche sich mit keiner einzelnen Vor- 
stellung der Reibe vollkommen deckt, sondern ihre Merkmale mehreren Glie_ 
den der Reihe entlehnt Den Vertretern der Repr&sentationstbeorie muß zu- 
ntrben werden, daB bei dem Versuch, eine AUgemeinvorstellung bestimmter 
la denken, oft eine solche Reprisen tationsvorsteüune auftaucht, andrerseits 
Dl tber der Einwand zu erbeben, daß solche Repräsentationsvorstallungen 
nidit selten gänzlich fehlen und sich erst bei einer auadr&ckliches Bo- 
müfauDg hinterdrein einsteUen und sogsf zuweilen auch bei einer sokheä 
audileiben (2. B. bei den meisten abstrakten Vorateltuugen). Dazu kommt, 
iti die Repttsentationstheorie uns gar nicht sagt, worin die Repräsentation 
besteht oder anders ausgedrückt, worin sich Wr als Repräsentationsvorslei- 
iOLt Ton Vr als einzelner Vorstellung unterscheidet. 

5. Die Zentraltheorie: diese sucht dem Kuletzt hervorgehobenen 
)iangel der Repräsentation stheorie durch eine Hiltshypothese abzuhelfen. Sie 
itiiniQt nämlich an, daB die Bepräsentationsvorsteltung dadurch reprftsen- 
Uerend wtikt, dafi sie mit den übrigen Ws durchgängig irgendwie verknüpft 
ist und diese daher immer „mitschwingen" oder jeden AujKnblick in Aa^ 
knüphuig anWr gewissermaBen als Beispiele reproduziert werden können '"). 
Die Zeniraltheorie scheitert im ersterea Fall — bei der Annahme eipea „Mit- 
schwingens" — o0enhar daran, daB sie die psychologiscbe Bedeutung dieses 
UÜBcbwingens ganz unklar IBBt und uds mit einem Vergleidi abspeist, tm 
letzteren Fall aber — bei der Annahmo einer potentiellen AnknQpfung der 
uderen Ws — wird der Maugel der Repräsentatioostheorie Oberhaupt gar 
nicht beseitigt: es wird uns nicht gesagt, worin das Vertreten der Repräsen- 
tationsvoratellung (Zentral vor Stellung) besteht, wenn, wie dies so oft vor- 
komml, jene fakultative Anknüpfung anderer Wb ausbleibL Die potentieüs 
AnknQpfung muB sich doch auch schon aktuell in irgend einer Weise 
pfaäDoroenologisch in Wr äuBem, damit aus Wr die AUgemeinvorstellung W 
•ird, und über eine solche AuSenmg gibt die Zentrqltheorie keine Ankunft, 
rtmer versagt auch sie dem anderen Einwand gegenüber, der oben gegen 
lue Repräsentation stheorie erhoben wurde: sehr oft fehlt bei dem Denken 
OMr AUgemeinvorstellung jede repräsentierende VorsteUnog. 

6. Die Worttheorie: sie ist nur eine Variante der Reprüsentations- 
UwcBie und nimmt an, dafi das Wort — die akustische Wortvorstellung oder 
lue Sprechbewegung oder gar eine überhaupt nicht einwandfrei nachgewiesene 
„SgiechbewegungsvorsteUung" — ' den Repräsentanten für die Allgemein- 

**) Man fcarm diese Variante auch als Exemplifikalionstheorie bezeichnen. 
Bin Vertreter dieser Ansicht — ' allerdings mit Hinneigung zuir Worttheorie 
'S- S. 38S) — ist Hume (Treal. of hum. nat. I, 1, 7); er sagt ausdrflckUch, 
'Üe zugehörigen Individualvorsteltungen seien „not really and in fad present 
to Ihe rnind, bul only Id power". 

Ziehen, LeliAaclt der Logik. 22 



1,1^.001 



'S'c 



338 11- Tri!. Erkgimtpisthe oreliache vsw. Grandleguos der Losik. 

vorstellunB abgibt und die sachlichen EinzetvorsteUunsen (ObidclTorsteUangeD) 
W,, W, usf. nur mitschwingen oder anceknüplt werden können. Der extreme 
Nominaüanius des MiUdalters (vgl g 17 ff.) stand zum Teil auf einem Ihn- 
lichen Standpunkt. Die Mängel der Repräseniationa- und der Zentnltheorie 
bleiben bei der Worttheorie bestäien: das „Mitschwingen" der Obidctvoratel- 
lungen gibt uns keinerlei wirkliche Aufklftning und die potentielle Anknüpfung 
keinen £isatz fOr die aktuelle Eigenartigkeit der AllgemeinvorsCeUunE. Die 
iWorttheorie fügt aber außerdem noch den Fehler hinzu, daß sie die gegen- 
seitige Beziehung der Einzelvorslellungen, welche ofienbar für die Geneiali- 
sation wesentlich ist, ganz beiseite schielrt und offen läBt, wie die zusamm«i 
„mitschwingenden" Einzelvorstellungen sich zueinander verhalten. AJlgemein- 
voratellungen und Komplezionsvorstellunsen fallen dabei ganz zuummen. 
Endlich ist — unbeschadet der enormen Bedeutung der Worte fOr die Ent- 
wicklung der AllgcmeinvorstellungeQ und das Denken — nicht einmal richtig, 
daß alle Allgemeinvorslellungen stets von Worten begleitet sind. 

Don angefüluien Mängeln der zwei letzten Theorien wird auch dadureh 
nicht abg^olfen, daß man mit Ribot^^) u. a. die vonWr repriaeutierten, 
d. h. also die mitschwingenden oder potentiell vorhandenen Vonteltunien 
W^, W usf. als unbewußte oder latente Faktoiten autfaßL 'VVü- kommen 
auch hierbei nicht Ober die Tatsache hinweg, daS die bewußte AUgemeiD- 
vorstelluDg als solche mehr ist als «ine einzelne Repräsentationsrorstdlung 
oder eine Wortvorslellung. 

Man kann sich natürlich zur Erklärung unseres Denkens vom Stand- 
punkt dieser Tlieorien zunächst ganz gut zurechtlegen, daß wir dank den 
mitschwingenden oder pot«nt>eUefl oder imterbewußten Vorstellungen in 
nnserem Denken, z. B. bei einem allgemeinen Urteil, zu einer richtigen Tor- 
stellungsverkndpfuDg, z. B. zu einer richtigen Frädikatsvorstelhmg gelangen; 
ober, wenn diese angeknüpften Vorstellungen wiederum in unserem bewußten 
Denken nur Repr&sentations- oder Wortvorstellungen sind, so wäre schließ- 
lich das allgemeine Urteil abgelaufen, ohne als solches bewußt vodianden 
gewesen zu sein, eine Konsequenz die offenbar mit der Selbstbeobachtung 
Huniiaus in Widerspruch steht. Diese lehrt, daß auch aktuell die Allgemein- 
voretellung und das AUgemeinutieil mehr als ein bloßes Beispiel oder Wort ißt. 
7. Die Exzerptionstlieorle: sie besagt, daß die Allgemein- 
vorstellune — natOriicb inaner im psychologischen Sinn — mit der Summe 
der gemeinsamen Merkmale**) der £inzelvoratellungen W^.W^, W^... 
identisch ist. Es wäi« also, wenn g , g^, g, ■ . - und ebenso h^, h^, b, . . . usl. 
semeinsame, d. h. Obereinstimmende oder &hnUche Merkmale der Einzel- 
TOTstelhingen W^, W^, W, ... sind, die Allgsmeinvorstellung Wcsg -{- b-i- ... 
(wo g :^ gj =1 gj =: g, usL, h = h, := hj ^ h, usf.). Die nicht gemeinsamen, 
d. h. nicht Obereinstimmenden MeHcmale, die beispielsweise als \ (_= be- 
sonderes Meriunal von W,), y, (= besonderes Merkmal von W,), z» ud. 
bezeichnet werden soUen, wQiden nach dieser Theorie bei der Bildung der 
Allgemeinvorstellung ganz weglallen. Auch die Ezzerptionstheorie gerät mit 
den Tatsachen der psychalogiBchen Selbstbeobachtung in Widerspruch. Es 
iit nicht richtig, daB die nicht Ubereinstimm enden Merkmale ganz weg' 



») L'6volutian des id6es gänfiiales, Paris 1897, 3. Aufl. 1909 (z. B. 
S. 361) a EnquGte sur'tes idtes g^n^rales, Rev. philoa 1891, Bd. 3S, Oki^ 



*■) Auch hier gilt die Bemerkung auf S. 886 Anm. 3. 

D„:iv, 11,1^.001^10 



2. Kapitel. Psychologische Gmndleaung. 339 

felasaen uod die abereinstimmenden demenlwrechend in der Allgemein- 
vorsdDung sAaz isoliert gedacht werden. Weder das Meriunal „weifi" noch 
das Ueiiinal ,;tQi" wird von demienigeQ, der außer roten auch weifie Romu 
■«eben bat, in der AUgeroeinvontelluiig „Rose" ganz woggelaäsen, sondern 
tcidc werden in einer noch nahet zu bestünmenden Weise mitgedacht, nur 
mä das MeAmal „weifi", wia «s voiUufig auvodrOckt werden mag, ent- 
sprechend dem selteneren Sehen weüter Rosen in der AUgemeiDVotstelluug 
leniier akzentuiert als das Herkmü >,rot". Auch venast die Exzerptions- 
Uieorie ganz, wenn es sich um die Oeneralisalion von proplnqual ihn- 
lidwn Einzehrorslellungen statt frustal ähnli^er hand&lt"). 

Beikeley (Priociples of human knowledge, Introduction, Sect. 8fl. u. 
Alcipbroii, Sect. 6—7 der 1, u. 3. Ausgabe, in der 8. Ausgabe t. J. 17&3 be- 
DHrkniswerterweise weggelassen) hat gegen die Ezzerptionstheorie auch ein- 
»wendet, daB die von derselben angenomncenen Vorstellungen, z. B. eines 
DreiKks, das weder siatz- noch stumpf- noch jechlwinklig sei, also keine 
twtunnla Winkel habe, gar nicht existieren. Dieser Einwand ist un- 
mtnflend, so khireich und anregend auch die Beikeleysche Auseinander- 
t«tnuig in maocben Beziehungen sein mag. Berteley schUeBt aus der Tat- 
nche, daS solche AUgemeinvorstellungen wie Dreieck nicht anschaulich 
Toigestdll werden können, mit Unrecht daB sie Oberhaupt nicht gedacht 
Verden können, also nicht existieren. VgL Gr. S. 167, Anm. 1 u. KQlpe, Die 
ßeaSsienmg, Bd. 1, Leipzig 1912, S; 130, der gleichfalls die Triftigkeit des 
Betieteyschen Einwandes bestreitet >•). G. £. MtlUer (Zur Analyse der Ge- 
dichtDist&tigkeit u. des Vorstellungsveriaufes, Ztschr. f. PsychoL, Ergfcnz.- 
Bd. 6, namentl. S. Ö65 u. SM) hat Berkeley gegenüber Einwänden von Binet 
(L'äude expirimenlale de llnteliigence, Paris 19C&> einerseils mit Recht in 
Schutz genommen, andrerseits aber der BeAeleyschen Lehre doch wohl einen 
«twis korrekteren Inhalt gegeben, als sie ihn tatsiLcbhch hat. Berkeley be- 
streitet n&mlich nicht schlechthin die Existenz allgemeiner Votstellungen, 
sondern diejenige „abstrakter allgemeiner Vorstellungen" (abstract geneial 
ideas) und versteht unter Abstraktion das Weglassen (leave out} von „parti- 
colais", d. h. nicht allen Reibengliedeni gvotelnsamen Besonderheiten. Ja. 
er nklärt sogar ausdrOcklich (1. c. Sect 1(1}, daB er auch dieses Weglassen 
TOD Teilen oder Merkmalen aus einem Komplex nur dann for unmöglich hAlt, 
wenn sie in Wiriüichkeit niemals ohne den Komplex existieren^'}. Sein 



'>) Siehe oben S. 327. 

'*) Von sonstigen Besprechungen des Berkeleyschen Arguments ist 
oucenllich zu nennen: J. J. Engel (1741—1802), Über die Bealit&t allgemeiner 
Begrifle, Schriften Bd. 10. Philosoph. Schritten 2. Teil, Berlin 18061, S. IM; 
O.Liebmanii, Zur Analysis der Wirklichkeit, 3. Aufl. Strasburg 190(^ S.478ft.; 
HuMeri, Log. Untersuch., Teil 2, Halle 1901, S. 132 (t. u. 176 ff. (2- AuD. 
S. 133 fl. u. 175 ff.); A. Meinong, Uume-Studien 1, Sitz.-Ber, d. philos.-hi5t 
KL i. Kais. Ak. d. Wiss. in Wien 1877, Bd. 87, S. 186 ff.; J. Volkelt, Philos. 
Üonatsh. ISei^ Bd. 17, S. 129 (Annahme eines „intuitiven Verstandes"). So 
nrd es auch verstfindlich, wenn Wundt in seiner Ixigik (2. Aufl., Bd. 1, 
S> 9S) von einem „Postulat der Allgemeingültigkeit" spricht 

") Beiliofig bemeikt, bedeutet dies ein sehr bedenkliches Bekunieren 
^ «BS hypothetisch^ nicht n&ber bezdchnete „reale Existenz". Ventefat 
»»D di«M wortlich und im Qbbchen Snn, so hätte man dodi alle Unacb* 

hi.e.v.oo^ic 



340 II' l"^''- Erkennlnistheoretischc usw- Grundlegung der Logik. 

ArgumcDt für die Nicht- Existenz solcher abstrakter Varstellungen ist ihre 
UnanschftuUchkeit, und dies Argument eben ist unzutrellend. Wenn nun 
G. E. HoUer die Berkeleyacbe Abstraktheit als inhalUiche Unbestimmtheit 
deutel, so entsteht leicht der Anschein lugunslen Berkeleys, als ob es sich 
bei den von ihm geleugneten Vorstellungen nur um solche handelt, denen im 
Widerspruch mit der singuliren Bestimmtheit (Eindeutigkeit) alles Existie- 
renden bzw. Geschehenden (vgl. S. 296) eine mit dem Existieren tatsächlich 
unTertr&gliche Vieldeutigkeit (auch unabhängig von der Obiektbedebung) an- 
haftet Die Existenz solcher j^nbaltüch unbestimmter" Vorstellungen be- 
streitet G. E. Möller mit Recht (S. 067). Aber Berkeley geht viel weiter: er 
versteht unter seiner Abstraktheit nicht nur eine solche Unbestimmtheit in 
dem eben angegebenen Sinn, sondern überhaupt einen Mangel an derjenigen 
VoUstandi^eit, welche den Empfindungen und ihren unmittelbaren Erinne- 
rungsbildern zukommt. Die abstrakten allgemeinen Vorstellungen sind durch 
diesen Mangel an VollstAndigkeit charakterisiert, und die Selbstbeobachtung 
ergibt, daB sie nicht anschaulich vorsleUbar sind, und hieraus wird von 
Bei^ley gefolgert, daß sie nicht existieren. Erst wird also ein Ki^iium 
aufgestellt, welches nur für die anschaulichen Vorstellungen zutriftt, 
und dann dieses Kriterium von allen Vorstellungen verlangt Barkele; 
scheint flbrigeus selbst £i>&ter an der Richtigkeit seiner Lehre gezweifelt zu 
haben (vgl. dies Werk S. 114, 339 a 350). 

8. Die Verschmelzungstheorie: sie nimmt an, daS die 
GUedN Wj, W , Wg . . . irgendwie untereinander zu einer Einheit verschmel- 
zen. Oft kommt dazu die weitere Annahme, dafl die gemeinsamen Herfcro^e 
(Herkmalvorstellungen) >*) g^, g, ■ ■ ■, b,, h, . . . usf. vAlhg, die nicht gemein- 
samen X,, Vj usf. je nach dem Grade ihrer Ähnlichkeit mehr oder weniger 
verschmolzen, dabei gehenamt und schlieQlich „dauernd verdunkelt" wer- 
den. Herbart ist ein Hauplvertreter dieser Theorie gewesen. "). Er hat 
allerdings zugleich behauptet, daB „allgemeine BegriHe, die bloB durch ihr«i 
Inhalt gedacht würden, ohne äa Hinabgleiten des Vorstellens in ihren Um- 
fang", nur logische Ideale seien und fflr diese logischen fdeale die Enistefaung 
aus Urteilen gelehrt'"). Solche logische fdeale allgemeiner Vorst^ungen 
stehen aber hier jetzt noch gar nicht in Frage, sondern ledighch die All- 
gemeinvorstellungen im psychologischen Sinn. Die logischen idealen 
Allgemeinbegriffe Herbaris könnten nur etwa mit den Nonnalvorstelhuten 
der Ltffiik, wie sie hier bereits wiederholt erwihnt worden sind und in der 

zu fragen: Hängt z. B. die Abflirafaiert»arkeit des Rosenduftes wiiUich etwa 
davon ab, dt ein unsichtbares Gas existiert, das uns sinnlich allein durch 
die Oualit&t des Rosenduftes wahmehmhaf ist? Soll aber das „really exist" 
bedeuten: „in meiner Sinneserfahrung vorgekommen sein", so wild die 
Bericelevsche Behauptung mehr als zweifelhaft: kann ich wirklich die Vor- 
Stellung des Duftes der Rose erst dann gesondert bilden, wenn ich einmal 
mit geschlossenen Augen an einer Rose gerochen habe? Vgl. auch Stumpf 

1. c. s. isaft. 

") Vgl. S, 336, Anm. & 

") In etwas anderer Form ist sie von Taioe aufgestellt worden (üb 
l'inteUigencc, Paris 1667, übers, v. h. Siegfried, Bd. 3 Bonn 1880, namentl. 
S. 169 ff.). Die Tainesche Darstellung ist übrigens mehr als oberfUchlich- 

">) Lehrb. z. Psychol. § 180 u. 81. 

h. !■, ii,l^.OOQK- 



2. Kapitel. Psvcholosische Grundlc^nins. 341 

snlochilooen Grundlegung der Logik ausführlich enlwickett werden sollen, 
TeijUdien werden. 

Die Verschmelzungstheone ist der eiofachen SummationElheorie insofern 
veit tiberlegen, als sie den synthetischen, von der einlachen Sununatioa 
wescDtlich Terschiedenen Prozeß bei der G^neraliaation ausdrücklich an- 
etkennl. Uan hat sich diese Synthese natürlich nicht etwa so vorzustellen, 
daB die psychischen Prozesse W^, W W^ . . . entsprechend den physio- 
Iceixben Prozessen ip„ v,, q>,, ■■ bei Kdcm Auftreten der AUgemeinvorstel- 
luDg stets erst wieder gesondert auftreten und dann nachträglich verschmel- 
zea, sondern man hal sich -iu denken, daD dem Zusammenauftreten der ' 
physiologischen Prozesse gi^, ip,. ip, ..., welches mit einer gegenseitigan 
Modifikation dieser Prozesse veitnmden ist^ der synthetische Prozeß der 
AllnemeinvorstcUung Wi=Wj, W^, W^ . , . entspricht (dabei soll die hori- 
zoQlale Elanuner andeuten, daß es sich nicht um eine einfache Sumroation, 
snnden um eine Synthese bzw. Komplexion handelt, vgl. S. 3S1). Andrer- 
seils versagt jedoch auch die Verschmelzunsstheorie insofern, als sie keine 
Aufklärung über den Unterschied der Verschmelzung bei der Kontraktion 
(vgl. S. 326), bei. der Komplezion, insbesondere der Kollektion (vgl. S. 322) 
und bei der Generahsation gibt. 

Die Verschmelzuneslheorie hat selbstverständlich nichts mit der Kanl- 
Kben Lshre von der Beziehung der Allgemeinvorstellungen auf „Schemata 
der Binbildungskraft" (Kr. d. rein. Vera-, Kehrb. S. 144) zu tun. Die All- 
gemein Vorstellung (z. B. „Der BegriS vom Hunde") bedeutet nach Kant keine 
Vejscfuoelzung, sondern eine „Hegel der Synthesis der EinbitdunRskrait", 
nach welcher die letztere z. B. die Gestalt eines vierfüßigcn Tieres allgemein 
verzeichnen kann. Die Kanlsche Auffassung ist oben nicht als besondere 
Theorie angeführt, neil sie offenbar die Frage nur zurückschiebt; denn die 
bei der Synthesis verwendeten Teilvorstellungen müssen selbst doch bereits 
ailEemein sein, um bei ihrer regelmäßigen Synthese die Allgemeinvorslellung 
zu liefern. — Sehr nahe steht dagegen der Verschmelzungslheorie Tetena 
[Philos. Vei3. üb. d. menschl. Nat, Bd. 1, S. 129 ft.), nur betrachtet er di« 
Verschmelzung als das Produkt eines Seelenvermögens, das er als „bildende 
Pichtkraft" bezeichnet. 

9. Die Undeullichkeitstheorie. Sie ist, alrcng genommen, 
nur eine Variante der Verschmelzungstheo ne. Sie legt nämlich das Haupt- 
Itewicht darauf, daß durch die Verschmelzungen der nichtübereinstimmenden 
Merkmale iCj, y^ usf. in bezug auf diese Merkmale eine Undeuthchkeit zu- 
stande kommt, und daß gerade vermöge dieser Undeutlicbkeit die Allgemein- 
Totstetlung befähigt ist, assoziativ als Ausgangs- und Anknüpfungspunkt for 
die Einzelglieder W W^, W, . , ..zu dienen. Das letztere kann unbedenk- 
lidi n^egeben werden (vgl. 'S. 319 über Repression), aber andrerseits muß 
eiofewendet werden, daß auch unzjlhlige nicht-allgemeine Vorstellungen un- 
deutlich sind, und daß also die Undeutlicbkeit zur psychologischen Charakte- 
ristik der Allgemeinvorstellungen und der Generalisalion nicht ausreicht"). 

10. Die Urteilstheorie. Nach dieser Theorie entsteht die All- 
(emein Vorstellung aus Urteilen. Sie ist gewissermaßen ein abgekürzter Aus- 
druck für eirte Reibe zusammengehöriger Urteile. Wir urleilen z. B. 
W =g, + h, + ... +x, ..., VFj,=3gj + h, + ... +y, ... usf., femer 

") AusfOhilicheres ober diese Theorie s. Gr. S. 160 B. Auf dem Stand- 
Punkt dieser Theorie steht im wesentlichen ^inoza, Etb. IT, Frop. Vi, Schal. 1. 



OgIC 



342 1- T^"' Erfcenntnislheoretische usw. Gnindlegung der Logfk. 



e ziuammeiL Die UiträlsthMrie hat yor d«r V«r9cbinelzungs- 
tfaeorie den Vorzug, daB sie die Zeriesungsakte (W, ea g, + h, . . . utf.) und 
die Vvnleicbuiigsakte (g^ i=i g, . . . usf.) iu ihnr Bedeutung fOr die Genen- 
Usation besser wQrdigt. Andrersäts ist sie jedoch zwei entscheidenden Kin- 
wandea ausgesetzt Erstens ist von solchen Urteilen (im üblichen Sinne des 
Worts I) bei der Entstehung der meisten Allgemeinvoistellungan tals&chlich 
nichts nachzuweisen; zwar können jederzeit die einer 'Generalisation zu- 
gninde liegenden Prozesse nachtrSsUch auf die Form solcher Urtale gebracht 
werden, aber meistens haben sie diese Form zunächst tatsSchllch nicht. Und 
zweitens Obersieht die Urteilstheorie der Generutisation, daß die Zu- 
sammenfassung der zugmndeliecenden Urteile in der Altgemein- 
vorslellung eben doch ein Akt ist, der über die Urteile hinausgeht und selbst 
nicht wieder — : ohne grobe Tautologie — als Urteil gedeutet werden darf; 
sie wird also — und darin steht sie der Verschmelzungstheorie nach — dem 
svnthetischen Prozeß, welcher bei jeder Generali sation eine Hauptrolle 
spielt — nicht gerecht. 

11. Die Funktionstheorie in der Form, in der ich sie selbst 
vertreten habe*"). Nach dieser Theorie handelt es sich bei der Generali- 
sation um ein ganz bestimmtes Zusammenwirken dreier intellektueller Grund- 
funktionen (Ditferenzienmgsfunktiooen, vgl S. 258), die such bd den Ur- 
teilen eine Bolle spielen, nämlich der kompanttiven (oder kategorialen), der 
analytischen und der synthetischen Funktion. Vermöge der analytischen 
Funktion zerlegen wi* die gegebenen Vorstellungen W^, W^ W^ usl. in 
gj, h , ... X,...; f^ hj, ... y, ... usf.; vermöge der komparativen erfassen 
wir die Gleichheit, Ungleichheit, Ähnlichkeit und Un&hnlichkeit d» bü der 
Analyse isoUerten Merkmale hzw. Teil« f,, g^ h,, h,, z,, y, usf,. verm^ 
der Synthese verschmelzen wir W^, W^, W^ usf. zu einer Einbrit, in der 
jedoch auf Grund der stattgehabten Komparation und Analyse die geinsn- 
samen Merkmale (bzw. Teile) st&rker akzentuiert, die nicht-gemein- 
samen reprimiert werden, und in der die Vergleichungs- und Zerlegunas- 
Prozesse implicite mit enthalten sind. Von der Kollektion unterscheidet sich 
die Generallsation mithin vor allem dadurch, daB eine Akzentuation und 
Verachmelzung gemeinsamer Meikmsle (bzw. Teile] stattfindet und daher 
nicht eine einfache Zusammenfassung derindividuellen Glieder Wj,Wj,W.... 
zu einem Kollektiv iiidi vi duum, sondern eine mit Abstraktion verbun- 
dene Zusammenfassung zu einer nicht- individuellen Einhmt ei^ 
folgt"). Kontraktion und Generallsation stimmen vom Standpunkt der 
Funktionstheorie insofern Qberein, als bei beiden Abstraktionen — Etini- 
nationen und Represtöonen ~- stattfinden; während aber bei der Kontraktion 
die individuelle Einheit festgehalten (Dieselbigkeitsvorstdiung, S. 3M) und 
nur von Veränderungen in der Zeit ahsb^hiert wird, wird bei der Generall- 
sation gerade von den individuellen Verschiedenbeilen [unabhängig von der 
Zeit) abstrabi«^ und daher die individuelle Einheit preisgegeben. 

*') Entfernt ähnlich ist Kanta Darstellung in seiner Logik § 6. 

") Vgl. Gr. 5. 1480.; ich glaube jedoch, meine Auffassung ietzt noch 
etwas korrekter als damals formuliert lu haben. Insbesondere ist der dort 
S. 149 ausgesprochene Satz „die Kollektion involviert überhaupt keiae Vor- 
stellungen von Individuen" (d. b. ändert an der stattgehabten Bildung von 
Indivldual Vorstellungen nichts) Mißverständnissen ausgesetzt 



.oogic 



2. Kapitel. Paychologische Grundlegung. ^143 

' Übersicht mag zur weiteren AufklänuK dieser wichtigen 
Untersdiiede vom Standpunkt der Funktionatheoria dieoen. Wenn ich in 
dner Herde, Ton der icti eine nicht-kontrabiert« individuelle Kolklftiwarstej- 
iaag K (koUe^ve KoinplesionsvarsteUung) gebildet habe, nachträglich ein 
Irüfaer bereits voriiandenes, aber ßhersehenes Tier entdecke, so muS ich K 
.korrigieren". Andere Umbildungen kommen nicht in Frage, Kommt 
tatsichlich ein neues Tier erst hinzu oder stellt sich sonst irgendeine Ver- 
isderang der Herde ein und ich halt« die Vorstellung derselben Herde 
fest, so bandelt es üch nunmehr um die kontrahierte, aber immer 
noch individuelle KoUektiworstellung F der Herde. Wenn ich Oberhaupt 
u der Dieselbigkeit des Gegenstandes, d, h. der H«de festhalten, also ?,. B. 
das neue Tier als zu derselben Herde gehörig betrachten will und damit die 
Unveränderlichkeit von F preisgebe (vgl. S. 326), so nniB ich meine koutra- 
■uerte individueUe Koilektiworstellung im Sinn der neuen Phase (Fhudon, 
lB. der Vermehrung um ein Stflck), soweit es diese verlangt, „.umbilden". 
Dufc der Offenheit der KontraktionsvontelhmgeD (vgl. S, 980) gelingt dies 
ohite Schwierigkeit. Diese Umbildung kann, wenn es weitarhin eintretende 
Teilnderungen des Objekts erbeischen, auch die gemeinsamen M.3ii[miüc be- 
IrefieD, die in der anfänglichen Kontraktionavorstellung zusamutengofaßt 
worden waren (z. B. die Zahl der Tiere der Herde, wofem diese Zahl in der 
»Uen Konlraktionsvoratellung fest besttmml war). Wenn hingegen eine 
Allgemein vorstdlung vorliegt (einerlei ob kontrahiert oder un kontrahiert), 
W gestaltet sich der Vorgang folgeudennaßen : Wenn ich ein Individuum, 
du ich bei der Bildung einer Artvoratellung *=) W bereits als Fundal ver- 
wettet habe, nachträglich richtiger kennen lerne, so muB ich oft W dem- 
CAtspcechend .korrigieren". Kommt ein neues, bisher noch nicht ver- 
wertetes Individuum hinzu, so muB ich wiederum, wenn ich überhaupt an 
der Zugehörigkeit zu derselben Art festhalten will, W „umbilden", und 
wiederum kann sich diese Umbildung auch auf die gemeinsamen UeAmale 
«strecken, die in der Allgemeinvorstellung zusaimnengefaSt worden waren. 
Da auch die AllgemeinvorsteUungen offen und umbildbar sind, so begegnet 
üe Umbildung keinen Schwierigkeiten. Die individuellen kollektiven Kon- 
ttakHonsvorsteliungen und die Allgemeinvorstellungen stimmen also in der 
OSaheit und Umbildbaikeit in vielen Beziehungen ttberein. Ein sehr wesent- 
üdier Unterschied bestdit jedoch darin, daß die Offenheit der ersteren sich 
Uf das zeitliche Hinzukommen neuer Zustünde oder Phasen (u. a. /.. B. 
auch Vermehrung um neue Individuen), die Offenheit der letzteren auf das 
van der Zeit unabhängige Hinzukommen neuer Individuen bezieht, und die 
Uiildung der ersteren den individuellen und diejenige der letzteren den 
nicht-individuellen Charakter der gebildeten Vorstellung bestehen l&ßt. 

Selbstverständlich darf man sich nicht dadurch irremachen lassen, daB 
4e KoUektiworstellungen ihrerseits generalisiert werden können (Beispiel: 
lOgemeinvorstellung „Herde"), also die Generalisation sich der Kollektion 
■mnponieren kann. Solche generalisierte Kollektiwarstellungen mQssen 
KJbBtverständlich sowohl die Meriunale der Kollektion wie diejenigen der 
Generalisation aulweisen. 

Die mktische Bedeutung der Wortvoratellungen, namentlich dec 
«tastischen für die Zusammenfassung der Glieder W^, W^, W, . . . wird auch 

") Ganz analog gestaltet sich die Überlegung, wenn es sich um Arten 
innerhalb einer Gattungsvorstellung handelt, usf. 



n,5,t,7rjM,G00glc 



344 "■ ''^^i'' Eritenntnistheoretischp usw. Gnindlesung dw Loidk. 

von der Funktionstheorie anerlcannt Ebenso wird von ihr da^ häufige, 
individuell tÜbriBens sehr variable Auftreten und auxiliare Wirken von aa- 
schaulichen Repräsentation svorstellunBen (siehe oben S. 337) nicht be- 
stj'itten; nur behauptet sie, daß weder diese noch iene das Wesentliche dei 
GencralisaUon ausmachen. 

Damit ist zugleich das viel umstrittene Verhältnis der Generalisation zur 
Abstraktion (vgl. S. 318) bestimmt: bei der Generalisation sind Abstraktianen 
beteiligt, aber w«der ist umgekehrt jede Ahatraktion mit Geneialisationen 
verbunden, noch auch ial die Generalisation lediglich aus Al>stiaktionen 
zusammengesetzt. So bemerkenswert die Tatsache ist, daB wir einer- 
seits oft (nicht stets) schon gebildete Allsemeinvorstellungen bei der Ana- 
lyse und Abstraktion vem-euden, und daB uns andrerseits die Abstreldioii 
sehr oft zur Generalisation der isolierten Vorstellungen AnlaB ^l, so 
bleibt doch der tiefgreifende Unterschied zwischen Abstraktion und Gent- 
ralisation bestehen. Der psychologische Vorgang ist weit verschieden, wenn 
ich einerseits nur einen Teil oder ein Merkmal aus dner Empfindung durch 
Abstraktion isoliere, und wenn ich andrerseits mit einer solchen Abstiaktion 
die Vorstellung eines unbegrenzt häufigen gleichen oder ähnlichen Voi- 
kommens verbinde, d. h. die isolierte Vorstellung allgemein denke. — Dw 
Hinimum der Abstraktion liegt oBenbar dann vor, wenn eine Allgenuili- 
TCrslellung auf Grund Tollkommen gleicher Individualvorstellungen 
gebildet wird. In diesem extremen Grenzfall beschränkt sich der Abstr«li- 
tionsprozefi namJich auf die Wcglassung der räumlich-zeitlichen Individual- 
koetfizienten. Siehe auch oben S. 333 u. unten S. 349, 351 u. 35A. 

I 7a Dia bei der EnlitaliBHO ab«diit«tw TonltOiutu toMHihi 
FanktiaBaB (Difin«ultraM*fiu>ktiaBen). Aus den vorausgegangenen Dar- 
legungen (§ 67 — 69) ergibt sich, daß bei der Bildung alweleiteter Vorstellungw 
nur drei Grundfunktionen (Stammfunktionen) beteiligt sind: 
die analytische (zerlegende, isolierende), die synthetische (ver- 
bindende) und die vergleichende (beziehende, kategoriale) Funkhen. 
Da die zunehmende Differenzierung unserer Vorstellungen auf der Tätigkeit 
dieser Funktionen beruht, habe ich sie auch als Dif f eren zierungs- 
funktionen oder noftische Funktionen bezeichnet und der 
einfachen Erinnenmgsfunktion (Hetention) einerseits gegenübergestellt und 
andererseits mit ihr im Gegen.'^^tz zu dem Empfinden als 1 deation') zU' 
sammengefaßL Es wird sich später ergeben, daß auch die weiteren Denk- 
prozesse, wie Urteilen, SchlieBen usf. sämtlich an die genannten drei Gnind- 
funktionen gebunden sind'). 

Alle Versuche, diese drei Grundfunktionen nochmals zu zeriegen oder 
aufeinander zurückzuführen, sind mißglückt. Andererseils lassen sich all* 

') Auch der Terminus .intellektuelle Funktionen" wird zuweilen u) 
fthnlichem Sinne gebraucht Vgl. z. B. Kreibig, Die intellektuellen Funklioneiw 
Wien-Leipzig 190B. 

') Kant hat übrigens an einer mir bisher entgangenen Stelle oüeobar 
d>enfalls diese drei Grundfunktionen, wenn auch in anderem Sinne, im Auf« 
gehabt. In der Logik § 6 unterscheidet er nämlich drei „logische VetstaodM- 
Aktus, woduich Begriffe ihrer Form nach erzeugt werden", nAmlich 1. die 



OgIC 



2. Kapitel. Psycliolosische Onudleguns- 345 

Denkprozesse (Vorstelluiutsprozesse im weileslen Sinn) ausnalimslos und 
ohae Rest auf einen dieaer GrundnroKesse oder ein Zusamm^mviAcn der- 
selben üurOckTobren. 

Wenn Wundt") neuerdings seine Apperzeption als teila verbindende, 
leils zerlegende Funklion, beidemal aber ziuleich als beziehende Funktion 
deutet, so deckt sicli dies sachlich in vielen Beziehungen mit der eben ent- 
wickelten Lehre; es bleibt nur unverständlich, was die nominelle Vereinisune 
der drei Funktionen unter einer „Apperzeption" dabei noch zu bedeuten hat. 

Die fetzt vielfach beliebte Bezeichnung ,jVkt" ist für die drei DiSe- 
reD<;ieningspro2es3e sehr wohl zulässig. Man muQ sich nur hüten, iittendeine 
willkOiliche Ich-Hypothese mit diesem Terminus versteckt einzuführen, und 
Doxi bectchlen, daS auch die einlache Reproduktion mit ähnlichem Recht als 
-4 tl bezeichnet weiden kann. 

In den oben erörterten psychischen Prozessen der Exkretion, Isolation, 
Kontraktion, Komplexion, Komparation und Generalisation ist kaum jemals 
nur eine der drei Differenzieruneslunktionen tätig. Allerdinga dominieil 
l>ei der E^ietion und Isolation ganz die analytische, bei der Komplexion 
eanz die synthetische, bei der Komparation ganz die vergleichende Funktion, 
aber es muBte doch allenthalben hervorgehoben werden, daS im tatsächlicbcR 
Ablauf der Prozesse immer noch eine zweite oder sogar die beiden anderea 
Foctilianen mitbeteiligt sind. So erstreckt sich z. B. die Komparation meist 
auf eizemierie oder isolierte Merkmale usf. Vollends ist die Kontraktion 
und Generalisation ohne ein kompliziertes Zusammenwirken aller drei Funk- 
tionen gar nicht denkbar. 

Im einzelnen sei im Hinblick aul spätere Verwendung in den speziell 
loziscben Abschnitten Ober die Beziehung der Differenzierungsfunktionen zu 
den oben besprochenen psychischen Prozessen noch folgendes bemerkt. Die 
Abstrattion (vgl. S, 318) gehört nicht zu den Grundfunklionen, son- 
dern bt nur ein Spezialfall der Tätigkeit der analytischen Funktion, 
Jede Abstraktion setzt also einen analytischen ProzeB voraus. Nach oder 
such zugleich mit der Zerlegung (Analyse) werden die aus ihr hervor- 
gegangenen Teilvorstellungen (S. 319) teils weggelassen, teils festgehalten. 
Die festgehaltenen Teil Vorstellungen werden durch das W<^lassen der übrigen 
iMlierl (vgl. S. 918). Ist die Weglassung unvollständig, findet also nur eine 
He[»e3sion statt, so ist auch die Isolation unvollständig, und es tritt an ihre 
Stelle die Akzentuation (S. B19). Für die Weglassung bzw. Repression und 
die Isolation bzw. Akzentuation eine neue GrundTunktion anzunehmen, er- 
scheint ganz überflüssig, da es sich nur um eine relative Verschiebung der 
Voistellcngsenersie handelt und diese Verschiebung nach den Assoziations- 
ttsdzen abläuft, also keine neue Funktion, sondern eben nur eine Intensiläis- 
Saderung involviert; die Funktionsart der sich assoziierenden Elemente 
kommt dabei als sokhe gar nicht in Betracht, Beachtenswert ist nur Jie 
enge Beziehung, welche sich aus dieser Darlegung zwischen der Abstraktion 

fümparalion, d. i. die Vergleichung der Vorstellungen untereinander im Ver- 
liällnisse zur Einheit des Bewußtseins, 2. die Heflexion, d. i. die Überlegung, 
we verschiedene Vorstellungen in einem Bewußtsein begriHen sein können, 
und 31 die Abstraktion oder die Absonderung alles übrigen, worin die ge- 
gebenen Vorstellungen sich unterscheiden. 
*; Wundt, Bd". 3, S. 5«. 



jM,Googlc 



346 II- Teü. E rkenntDistheoreüBche usw. GnmdlecunE d«- Lwik. 

und der Aufmerksamkeit ergibt *). Hierbei mag anch ausdrücklich 
in ErK&BZuns der S. 317 gegebenen BestimmuDgen festgesetzt werden, daB 
unter Abstraktion nicht nur der ProzeB der Weglassung (Repression), sondern 
auch der koordinierte positive Prozefi der Isolation (Akzent uation) verstanden 
werden soll: Von den weggelassenen bzw. reprimierten Teilvorstellungen 
wifd abstrahiert, und die isolierten bzw. akzentuierten Teilvoistellnngen 
werden abstrahiert"), — In ähnlicher Weise muB auch zwischen Kam- 
ple x i o n und Synthese unterschieden werden. Die Komplerion ist nur 
der einfachste, ganz unkomplizierte Spezialfall der STnthese. Auch bei jeder 
Kontraktion und bei jeder Generalisation findet eine Synthese statt (kontra- 
hierende und generalisierende Synthese). Charakteristisch fOralle syntbetischeu 
Vorgänge ist eine nicht-definierfaare „Verschmelzung", durch welche an Stella 
mehierer fundierende» Vorstellungen V^, Vj, V, . . . eine einzige V gesetzt wird. 
Im Fall der gewöhnlichen Komplexion ist die synthetische Versctunelzunc 
nicht mit einer Vereinfachung verbunden: durch die Verdnheillicbung wird 
keine Vermindening der Zahl der Heikmale (Tcilvorstellunsen) herbeigeFührt. 
dagegen ist im Fall der Kontraktion und der Generalisation die synthetisch 
entstandene Vorstellung V stets meAmallrmer als die fundierenden Vorstel- 
Inngen V,, V usf. in ihrer Gesamtheit und auch oft (nicht stetsi vtf. 
S. 3S9 u. 3&t) merkraalärmer als die einzelne fundierende VorstelluDf. 

Der Terminus „zusammengesetzt" hat einen doppelten Sinn. 
Entweder bedeutet er „durch Synthese entstanden" oder — im (SegensaU 
zu einfach -— ,4n Teilvorslellungen zerlegbar". Eine KomiriexioncvorsteUuns 
ist stets in beiden Bedeutungen „zusammengesetzt". Eine Kontiaktions- und 
ebenso eine Allgemeinvorstellung hingegen ist zwar stets zusammengesetzt 
im ersten Sinn, kann dabei aber sehr wohl einfach sdn. So ist z. B. dia 
Vorstellung „Farbe" nicht in „Teil" Vorstellungen zerled»r, aber doch dunli 
Synthese aus den „Gliedern" rot, grün usf. entstanden. VgL hierzu die Be- 
merkungen Aber den TJnterechied von Teilen (Merkmalen) und Gliedern 
S. 330 u. 33&. 

Für die Logik ist die Talsache besonders wichtig, daB unter den Di&s- 
renzierungsfunktionen zwei, nämlich die analytische und die synthetische 
i n V e r s zueinander sind oder — anders ausgediflckt — die eine die inveise 
der anderen ist, insofern die von der einen hervorgebrachte Transformation 
durch eine entsprechende Tätigkeit der anderen wieder rückgängig genutdit 
werden kann (vgl. S. 921). Dabei ist nur bemertcenswert, daß in bestimmten 
raUen eine Analyse (Isolation, Abstraktion) möglich ist, ohne dafi jemals 
eine uns als 'solche zum Bewußtsein kommende Synthese stattgefunden hat 



*) So spricht schon Gilbert Porretänus an der S. 318, Anra. i aaielühr- 
len Stelle von „abstractim attendere". In besonders klarer Weise ist die Be- 
ziehung der Abstraktion zur Aufmeriisamkeit von Hamilton dargestellt wor- 
den (z. B. Lectures on logic, No. 7, 1866, S. 123). Der Versuch Hamiltons iedocb, 
mit zwei Grundfunktionen, coiiH>ariBon und abstraction, auszukomoen, ist 
gescheitert J. St, Mill hat Hamiltons Lehre von der Beziehung . der Aufmerk- 
samkeit zur Abstraktion weiter ausgebildet und im Sinn seines lofiGchen 
Systems umgestaltet (An exam. of Sir W. Hamiltons philosopby, London 1d6E>. 
S. 320). 

^) Salpe (Bericht über d. 1. Kongr. f. ezp. FsychoL zu GieBen, Leipzig 
190*, S. 66) spricht in diesem Siim von positiver .Ibstraktion. 



OgIC 



2. Kapitel. Parcbologische Onmdlegung. 347 

So kOonen wir uns z. B. die Vorstellung der Farbe üoes ges(Aenen Gegen- 
sltades asalTÜsch unter Abstraktion von seiner Form büden (allerdings nur 
uniDscbaiilich], obne daß wir iemals eine Svnthese von Fonu und Farbe 
tuagefObrt bitten; da uns beide stets zusammen gegeben sind, hatten wir 
Die Gelegenheit und Veranlassung zu einem besonderen synthetischen Akt. 
Nur bei Gegenständen der Phantasie vollziehen wir Synthesen von Fonn 
und Farbe (vgl. die Beroeitungen S. 320 Ober Adhärenz}. 

Für die vergleichende Funktion existiert eine analoge inverae Funktion 
niehL DalOr bat sie eine andere^ auch logisch sehr bedentsame Eigenschaft. 
Sie tiitt n&mlicb bald „median", bald „polar" auf: im ersteren Falle 
wird schlechtbin eine Beziehung zwischen einem a und einem ß gedacht 
(£. B. Verschiedenheit, Gleichheit, Freundschaft usf.), im letzteren wird die 
Beziehung als eine Eigenschaft (Merkmal) des a gegenüber dem ß oder des 
ß legenQber dem tx gedacht (Z. B. verschieden von ß, gleidi ß, grÄBer als ß, 
Utiner als a, rechts von ßasi.). Polai kann das Ergebnis jeder Vergleichung 
iloppelt ausgedrückt werden; a:=ß oder ßt=.a, a>-ß oder ^ <a ust 
EHne doppelte Formulierung hat nichts niit einer Inversion zu tun und soll 
daher mit dem hesondeien Terminus ,3 e z i p r z i t ä t" bezeichnet werden. 
Werden die Vorstellungen, auf welche diese polare Übertragung der Delation 
stattfindet, mit der Belalion bzw. dem übertragenen Relation smeitmal zu 
tiner Einheit verschmolzen, so ergeben sich die oben (S. 32t u. 825) be- 
^irothenen R elatarvorste llungen (Vatei^ Sohn usf.). Zwei zu- 
mmnengehörige Relatarvorstellungen heiBen korrelat zueinander. 

Bei der polaren Übertragung verhalten sich die RelationsvorsteUungen 
onler sich insofern veiscbieden, als manche in genau derseiben Weise fflr 
die beiden Relationsobiekte a und ß gelten (z. B. Gleichheit bzv. gleich, Vec- 
setiedenheit, Freundschaft), andere dagegen nur für die Beziehung in einei 
Richtang gelten und, um in der anderen Richtung zu gelten, umgewandelt 
werden müssen (z. B, Vaterschaft, Sohnsehatt; GrOBersein, Eleinersein usf.). 
Im enteren Fall ist die Relationsvorstellung symmetrisch oder um- 
iüabu (reveraibel), im letzteren unsymmetrisch oder ununAehrbar 
(irreversibel). Dieser Unterschied überträgt sich auch auf die Relatarvorstel- 
!nngeii (Freund ; Vater —4 Sohn usf.). 

Bin weiterer wichtiger Unterschied zwischen den drei Grundfunktionen 
Bitibt sich, wenn man untersucht, wie weit die durch ihre Tätigkeit ent- 
standenen abgeleiteten Vorstellungen über den gegebenen fundierenden Tat- 
bestand hinausgehen (einerlei ob dieser im Bereich der Empfindungen oder 
in demjenigen der Vorstellungen liegt). Während n&mlich die Analyse und 
<& Komparation als solche keinen durchaus neuen Tatbestand schaffen *), 
tut lües die Synthese olt (S. 30a, Anm. 3). Wir können sc«ar Vorstellungen, 
die Belbst und deren Grundempflndungen traher niemals zugleich oder in un- 
miltelbarer Folge aufgetreten sind, zu neuen Komplexionsvorstellusgen zu< 
^uanensetzen. Diese besondere Form der synthetischen Tätigkeit bezeichnet 
»Q »m besten als Kombination und die so entstandenen Voistellungen 
aliEombinationsvorstellungen^). Je nachdem mehr Individual- 

*) Wo es den Anschein hat, als oh auch die Analyse oder die Kom- 
Daniioi) einen neuen Tatbe'stand schaBt,' ULBt sieb, wie ich glaube, stets 
uchveisen, daß auch Synthesen beteiligt sind. 

') Or. S. 112a., Ltf. S. aeSH.; Wtmdt S. 5*81. u. 606ff. Daß eine 
Miehe Entstehung der Komhinations Vorstellungen mit d«at Kontignit&tageKtz 



OgIC 



34S II- 1'^''- ErkennlDistheorelische usw. Qrundlefuns der Logik. 

oder melu- AllgemeinvorsleUungen bei der Bildunn von KombinaLorsvorstel- 
luDsen beleiliBt sind, kann man unter den KombinationsTorstellungen 
Phantasievorstellungen und Spekulationsvorstellua- 
8 e n unterecheiden *). Gegenüber den fundierenden Vorstellungen zeigen 
diese Konüunations Vorstellungen einerseits zahlreiche Auflösungen und Weg- 
lasBungen, andrerseits zahlreiche Synthesen und ZufOgungen. Dadurch, daS 
die Kombinationsprozesse sich an allen den besprochenen Vorstellungs- 
eattungen abspielen und auch wieder ihrerseits zum Gegenstand von Kom- 
parationen, Kontraktionen und Generalisationen werden können, ergilA sich 
eine schier unübersehbare MannigfalÜKkeit neuer VorsletlungsgebiMe, die 
jeder Klassiflitalion zu spotten scheint ■), oUenbar aber durchaus unsoeni 
tatsäcliUchen alllSgUchen Erleben entspricht. 

% n. Abstrakt« vai kanknla TontaUum. FrQlier glaiüjte nuui 
zwischen abstrakten und konkreten Vorstellui^en eine scharfe 
Grenze ziehen zu können. Es hat sich jedoch mdir und mehr gezeigt, da£ 
wenigstens psychologisch eine solche scharfe Grenze nicht existiert. 
Dazu kommt, daB man die Bezeichnung „abstrakt" (und „konkret") in sehr 
verschiedenen Bedeutungen verwendet bat (vgl. S. 31^ Arno. 4). Am nächsten 
liegt es, als abstrakt alle diejenigen Vorstellungen zu bezeichnen, bei wekben 
bereits irgendwefche Abstraktion oder Weglassung in dem ot>en festg^el^ten 
Sinne (v^l. S. 318) stattgefunden hat, und als konkret diejenigen, bei vetchen 
keine solche Abstraktion erfolgt ist. Dabei bleiben, streng genommen, nur 
die primären integralen individuellen Erinnerungsbilder für die Klasse der 
konkreten Vorslellungen übrig; alle anderen Vorstellungen wQrden in ver- 
schiedenem Grade, je nach dem Umfang der Weglassungen, abstrakt sein. 
Meistens hat man jedoch das Gebiet der konkreten Vorstellungen auf Kosten 
des Gebiets der abstrakten erhebüch erweitert und auch die eszemlerteD 
primären individuellen Erinnerungsbilder und die sekund&ren indiridueUen 
Erinnerungsbüder samt den durch Komplexion (inkl. Kombination) aus ihnen 
hervorgegangenen Vorstellungen zu den konkrelen Vorstellungen gerechnet. 
Man betrachlet dann et>en nicht mehr die Nicht-Beteiligung irgendeiner Abstrak- 
tion (im allgemeinstea Sinne) als das charakteristische Merkmal der konkreten 
Vorstellungen, sondern die scg. Anschaulichkeit. Diese ist nun aber 
ein sehr unbestimmtes Meriunal, das weder eine befriedigende Definition ') 



der Ideenassoziation vertrAslich ist, leuchtet ein, wenn man erwägt, daB die 
einzelnen Teilvorstellungen, aus welchen sich die neue Kombinations- 
vorstellung bildet, ganz gemäß dem Eontiguil&lsgesetz auttreten. 

") Die Generalisation mit ihren Verschmelzungen und Weglassunien 
kann geradezu als ein elementarer paradigmatischer Fall der Bildung von 
Koniiiiiatioiisvorel eilungen angesehen werden. 

») Einen Versuch einer Überseht findet man Gr. S. 173. 

') Meinong hat schließlich sogar eine Definition durch ein negatives 
Merkmal versucht. Anschaulich ist nach ihm ,,eine komplexe Vorstellung, 
sofern sie nach jeder Richtung frei von Unverträglichkeit ist" (Ztschr. f- 
Pbilos. u. philos. Krit. 1688, Bd. 95, a 21B). Späten hat er selbst den Mangd 
dieser negativen Kennzeichnung zugestanden (I]ber Annahmen, Lpz. 1908, 
S. 111) und eine anderweitige Bestimmung versucht (1, c, namenil. § K). 
meines Eischtena ist dabei ein klares Ergebnis nicht zustande gekommeiL 



OgIC 



_^___ ~- Kapilel. Psycho losisch e Gruiidl«siii:g. 349 

zullfit. Doch bei der praktischen AnwenduiiK im Ifiglicbeu Eriebcn mil einiger 
Sieherbett verwertet werden kann. Man könnte vjelleicbt daran denken, 
das Vorhandensein der Teil Vorstellungen der elementaren Empflndungseisen- 
schaHen (Qualität, intenatät usf., beispielsweise Farbe, Helligkeit, Form bei 
optischen VorstellungenJ als das WesenUiche der Anscbaulichkeit zu be- 
ifichnen. Damit würde jedoch jede scharfe Grenze verloren gehen; denn 
diese sinnlichen Teilvorstellungen fehlen auch bei vielen Allgemrinvorstel- 
toBgea, die wir zu den abstrakten zu rechnen pflegen, keineswegs gänzlich. 
M»o wäre also doch wieder gezwungen, aul die Vollzähligkeit der 
anulichen Teilvorstellungen, also die eistangefahrte Charakterinerung des 
Kookreten zurückzukommen. Andere haben den individuellen Charakter als 
■«sentlich für die Anschaulichkeit bezeichnet. Dann würde also z. B. diu 
Vorstellung ,J)tau" abstrakt sein, dagegen die Vorstellung des beslinunten 
Blau einer bestimmten Blume, die ich eben an einem bestimmten Ort ge- 
Kfaen habe, konkret Abgesehen davon, daB auch diese Bezeichnungsweise 
dem üMichcn Sprachgebrach nicht entspricht, hat man einzuwenden, daB 
dabei die Termini „konkret" und „abstrakt", „anschaulich" und „unanschau- 
!kh" ganz Qbernassig sind, da wir ia bereits üb?r die viel klareren Termini 
.jDdividualvorstellung" und „Allgemein Vorstellung" verJügen. Bei dieser 
Stcblage scheint mir das Merkmal der Anschaulichkeit für den wiasenachaft- 
bchea Gebrauch nicht geeignet. Man könnte höchstens etwa die Uberein- 
Himmung mit den Empfindungen selbst und deren unmittelbaren Erinnerungs- 
Wetn als HaSstab der Ansctiauhchkeit verwerten und festsetzen: eine Vor- 
^Uung soll um so abstrakter heulen, je mehr sie sich von den Empfindungen 
<iod deren unmittelbaren Erinnerungsbildem entfernt. Die Abstraktheit ent- 
wicht dann geradezu dem Abstand von letzteren'). Es liegt aber auf der 
Hand, daB man damit zu der erstangefährten Bestimmung des Abstrakt«» 
2WQckk«hrt und den graduellen Charakter der Abstraktheit anerkennt. Es 
sqU daher auch im folgenden diese Auflassung festgehalten werden, im 
aUfaneinen aber der Gebrauch der Termini abstrakt und konkret ganz ver- 
mieden werden, da sie vom Standpunkt d&r in den leti^ten Paragraphen er- 
öEterten Klassifikation der Vorstellungen Qberflflssig und durch ihren viel- 
dtuhien Gebrauch entwertet sind. 

In historischer Beziehung sei noch folgendes bemerkt. Bei Aristoteles 
fiodft sich, wie S. 31% Anm. 1 schon erwähnt wurde, wohl der Begriff der 
Alistraktion (ä^nf^caif nnd mtpaiiftlt'), dagegen ist ihm der Terminus abstrakt 
(B^ttfOK) im logischen Sinn nicht geläufig *]. Die häufige Angabe, .Aristo- 
teles habe das Abstnkte mit dem Allgemeinen identifldert, entspricht keines- 
wegs allen in Betracht kommenden Stellen der aristoteUschen Werke. Auch 
in der Scholastik hat sich kein einheitliidier Gebrauch des Worts abstrakt 
(tiid konkret) entwickelt Im ganzen bestand die Neigung, das Allgemeine 
nat dem Abstrakten gleichzusetzen. Die abstractio fällt fast ganz mit der 
3lstrac(io a materia individuali zusammen. Bei der engen Beziehung des 
ADfemänen zum Denken und des Individuellen zum Empfinden wurde an 
SWIe der abstractio & materia individuali oft die abstractio a materia 

=) Vgl. Aristoteles, Metapbvs. 982a, 24: " fiiiXtat« xaMlac . . . nB^<n- 
■■I« tmr ala9^«tür inw. 

') Wohl finden sich Ausdrücke wie tä ii ägMrip/«wr, lä Ir ä^toftau 
^»ri/ur« und ähnliche, aber ohne daß auf die Abgrenzung solcher Vor- 
^tälung^assen ein erhebUches Gewicht gelegt wird. 

„.,,„,^.oogic 



35U U. TeiJ. ErkennlnbthearetJache usw. Grandlesuns der Losik- 

sensibili gesetzt und concretus und seoailis (aenübilis) gleichgesetzt. Bä 
Dans Scotus bezieht sich der modus significandi abstractus auf die „essente 
sub ratione propda", der modus aisnificandi concretus &uf die ,essentii. 
inouantum iotormat subjectum" *). Sp&t«r machte sich jedoch mehr und 
mehr daneben auch die Tendenz geltend, das accidens oder die fonna 
realiter iuhaerens subjeclo ab abstrakt, das subjectum ejusdem accidentis 
vel formae aber als konkret zu bezeichnen ■) (tkL auch S. 319, Anm. ^- 
Zu einem klaren Abschluß dieser ganzen Lehre sind denn aush die spUereu 
Scholastiker nicht gelaugt 

Die neuere Philosophie hat sich zunächst bald mehr an diese, bald 
mehr an jene scholastische Auffassung der Abstrakthdt angeschlossen. Bei* 
spielsweise fällt bei Locke die absttact idea fast ganz mit der general idei 
zusammen (Ess. conc. hum. underat. n, 11, 9; m, 3, 6; m, 3, 9; E, 3, 
IS— 1&; III, £s 1; m, G^ 22; III, 6, 38). Nur in den AuseinandersetzungeD 
über abstract und concrete terms scheint er plötzlich die substantlTierten 
Eigenschaften (wbiteness, justice, equality} als abslfakte Namen, dagegen die 
adjektivischen Ausdrucke (white, just, equal) als konkrete zu bezeichnoi 
(III, 8, 1 u. 2; IV, 8, 12). Bei Bericeley ist eine doppelte Auffassung der ab- 
strakten Vorstdlungen noch nachweisbar. In d« Introduction to tbe ptia- 
dples of human knowledge spricht er in § 7 zunächst von abstrakten Vo^ 
Stellungen, welche dadurch entstehen, daB aus einer zusammengesetzten Vor 
Stellung eine Teilvorstcllung durch WeglasseQ der anderen isoliert wild. 
Dann aber geht er in g 8 zu abstrakten Vorst^ungen über, die mit den All- 
gemeinvorstellungen ganz identisch und, und gebraucht weiterhin die Aus- 
drücke „abstrakte Vorstellung" und „AUgemeiavorstellung" fast in demsdben 
Sinn (TgL auch S. 114 u. dW). E^nso spricht Hume geradezu von „■!>- 
stract or general ideas" *). Er kennt die abstracUon daher auch fast nur als 
Genaalisalion und besträtet, daß bei der Abstraktion {= GeneralisatioD) 
eine Separation und distinction — Prozesse, die zum Teil der analytischen 
und komparalivea Funktion entsprechen — beteiligt sind. Tatsäcblid) 
existieren nach Hume überhaupt keine abstrakten, d. h. allgemeinen Vor- 
slellungen, alle Vorstellungen sind individuell, und die Abstraktheit besteht 
nur in der auf Gewohnheit beruhenden aUcemeinen RepräseutationsAhigkeit 
der sog. AUgemeinvorslellungen '} (vgl. S. 887). 

Wahrend Spinoza und Leibniz — ebenso wie früher Cartesius — - k«ne 
klare Darstellung der Lehre von den konkreten und abstrakten Vorstellunjen 
gegeben haben, bat WolS sieb wiederholt über diese Unterscheidung deut- 
lich ausgesprochen : Notio abstrada est, guae aUquid, quod rei cuidam inest 

') Ouaestiones super praedicamenta, Qu. S, Opp. omnia I^ris 1801, 
I, S. 467. Subjectum bedeutete damals oft speziell den individuellen GeSeu- 
stand. 

•>) VgL z. B. Occam, Summ, tot- log. I. cap. 6—», foL 2v ff. u. cap- 73, 
fol. 28 r (Prantt). Dabei unterscheidet jedoch Occam noch andwe Beziefun«'' 
zwischen abstrakt und konkret und lehrt ausdrücklich : nomen coocreluin et 
abstractum quandoque sunt Synonyma (Cap. 6, fol. 1 v}. Schon Ijaurentivs 
Valla polemisierte gegen die Occamsche Unterscheidung (Dialect. disput I, 
1, S. 10). 

•) TreaL of hum. naL I, 1, 7. 

') L. c. I, a, S: „All abstract ideas are realls nolhln« btit particulir 
onea^ considered in a certain Ught" urf. 

h. !■, II, l^.OOQIC 



2. Kapi tel. P avc hoknische Onmdl^unB. 351 

vel adest, lepraeseatat absque ea re, cul incsl vel a<i«3t (z. B. eine Fttrbe 
oluw den G^enst&nd, dem sie inh&rieTt); concreta autem est notio, quae 
aliquid, quod alten inest vel adest, repraeaentat ut eidem inradstens (z. B. 
,fi subjectum consideTatur ut coioratum") *). Ofienbar f&Ut diese Definitioa 
mit d^n oben an zweiter Stelle angelohrten Sprachgebrauch lM:ke3 ziemlich 
genau zusammen. Denuegenüber kehrt Kant zu dem uispriingliclieii Begrifi 
der Abstraktion zorOck und definiert den abstrakten Befriä als deuemgen, 
in dem „Unterschiede der Dinge aus einem B^riß weggelassen sind", und 
erimuit Stuieu der Abstraktion an: von je mehr Bestimmungen in einem 
BeghS abstrahiert worden ist, desto abstrakter ist der Begriff "). Er mnnt 
daher auch, eigentlich aolle mau von abstrahieienden und nicht von abstrak- 
ten B^riSen sprechen. Indem er dabei an Stelle der Merkmale die „Unter- 
sddede" setzt, wird zugleich die Beziehung der abstrakten Begrifie zu den 
aUgemeinen in sehr geschickter Weise in die Definition sUIlscbweigend mit 
aufgenommen^"). Fteitich bleibt dabei die Tatsache unberOcksichtigt, daB 
diese Beziehung zwischen Abstraktion und Generaltsatioa doch nicht so 
absolut ist, als es nach Santa Definition scheinen konnte. Wenn ich die 
*t)stnikte Vorstellung der „Röte" (d. h. der roten Fartw) bilde, so ist aller- 
dings die Vorstellung „foler Dinge" stets eine Allgemeinvoistelhmg, insofern 
die Unterschiede der raten Dinge in bezug auf Fonn usl. weggelassen sind, 
thet man kann doch bezweifeln, ob die Vorstellung „Röte" notwendig und 
stets mit der allgemeinen Vorstellung „roter Dinge" verknüpft ist und nicht 
ais Ergebnis der Analyse einzelner roter Dinge, er. eines einzigen roten Dings, 
auch imabbftpgig von diesen Dingen eine selbstfindige Bedeutung hat, der 
zunächst keine Allgemeinheit zukommt. Eine solche Allgemein- 
lieit wOrde sich erst dann einstellen, wenn verschiedene Naancen oder Art- 
licb-ieitiiche Vorkommen des „rot" zusammengefaBt werden S. SM u. S48). 
So sidier bei jeder Generalisation Abstraktionen beteiligt sind, so ist umge- 
kehit doch nicht jede Abstraktion mit Generalisation verbunden : meistens, 
aber nicht stets erfolgt die Abstraktion zugleich mit einem Generali- 
saÜoiisprozeB oder mit Hilfe schon gebildeter AUgemeinvorstellungen. Durch 
das Weglassen von Bestimmungen wird eine Vorstellung logisch allerdings 
immer zu einer AUgemeinvorsteUung, weim man fOr die ObrigbleibendeD, 
nicht weggelassenen Merkmale (Teile) einen allgemeinen Irftger voraussetzt 
(rote „Dinge" usf.)! psychologisch werden jedoch die Weglassungen oft so 
vorgenommen, daB Obeihaupt nur ein Merkmal [ohne allgemeine Träger, 
z. B. „rot") als abstrakte Vorstellung übrig bleibt, und auch das Merkmal 
xlbst kaim ganz individuell, muB nicht als ein allgemeines („Röte") gedadit 

Ganz konsequent behauptet Kant daim weiter (1. c. g 16), daß jeder 
Begrill abstrakt sei, und daß die Unterscheidung von „abstrakt" und ,Ju>n- 
bet" neb nur auf den Gebrauch der Begriae bcEiehe (abstrakter Ge- 
brauch 1=: allgemeirter, konkreter Gebrauch c=; besonderer Gebrauch). Auch 
in seinen Hauptwarken hat Kant im wesentlichen diesen Standpunkt fest- 
Ertialten und daher auch auf die ganze Unterscheidung abstrakter und kon- 
kreter Vorstellunsen lu^ends gro&es Gewicht gelegt. 



*) Philosoph. raUooaUs % 110. 
*) Logik % 6, Anm. 2. 

'*) Vgl. auch die Umliche Aulfaasung Chr. Slgwarta, Logik, % Aufl. 
Prabujg laaO, Bd. 1, S, 8t 

.. „.,.,,:,L.OO.^k 



352 "- "^^f^- I^rkeaDtnistbeoretische usw. Grundlegung der Logik. 

In der nach-kant sehen Philosophie und insbesondere in der Logik des 
19. Jahrhunderts ist es ebensowenig zu einer übereinstiaunenden Definition 
und Verwendung der Termini „abstraJct" und ,^onkret"' gekommen. Aucb 
hat m&n meistens nicht zwischen der psTchologischen und der logischen 
Bedeutung dieser Termini ausreichend unterschieden. An dieser Stelle 
kdnnen nur einige wenige Definitionen, welche einen wenigstens teilweise 
neuen Gesichtspunkt involvieren, kurz erwähnt werden. 

John Stuart Mill ") griff wieder aut den S. 360 erwähnten Sprach- 
get»such zurück und definierte: ,A concrete name is a name which sUnds 
for a Ihing; an abstiact name is a name which Stands (or an attribute of s 
thing," Dabei rechnet er jedoch „weiG" zu den konkreten Namen und nur 
„WeiBe" (whiteness) zu den abstrakten und rechtfertigt dies damit, daß der 
Gebrauch bei der Prädikation, also im Urteil, als der häufigste maßgebend 
sein mOsse und hier mit „weiB" das „weiSe Ding" gemeint werde. 

Wundt'*) führt das Fehlen einer „adäquaten stellvertretenden Vor- 
stellung" (einer „sinnUchen Anscliauung", eines sinnlich repräaentierbaren 
Inhalts) als ä u B e r e s Uerktnal der abstrakten Begriffe an. Danach sind 
„Mensch", „Tier" konkrete, dagegen „Menschheit", v>der Gerechte", „die 
Gerechtigkeit" abstrakte Begriffe. Offenbar deckt sich dies ä;iSere Uerkmal 
ungefähr mit der S. 348 erörterten Anschaulichkeit. Außerdem aber esislie- 
rtn nach W, auch „innere Eigenschaften, die den logischen Unterschied des 
iibetrakten von dem konkreten Begrifi ausmachen", und mit deoeo es ini- 
sanunenh&ngt, daB der abstrakte Begriff nur durch ein Wort oder ein an- 
deres willkärtich gewähltes Symbol ausdrtlckbar ist Die Bildung ab^ntklei 
Begriffe besieht nämlich nach W. immer in einer Feststdlung von Be- 
ziehungen, welche unser Denken an seinen Vorstellungen oder an be- 
reits gegebenen B^iriffen antrifit, und zwar solle nicht wie bei den Be- 
Zi chungsbegrilTen ein Denkinhalt in Beziehung zu einem anderen von ihm 
verschiedenen gedacht werden, sondern die Beziehungen selbst 
zwischen verschiedenen Denkinhallen sollen den Inhalt des Begriffes bilden. 
Zugleich behauptet W., daB al 1 e abstrakten Begriffe Allgemeinbegriffe seien. 
Begreiflicherweise bekommt daher auch bei W. neben dem analytischen 
ProzeB der synthetische für die Bildung der abstrakten Begriffe eine sehr 
große Bedeutung. Auch gibt W. die Existenz von mannigfachen Obergän- 
gen zwischen den abstrakten und den konkreten Begriffen zu. 

Eine wiederum abweichende Auffassung der abstrakten Vorstellungen 
findet sich bei Erdmann >']. Nach diesem Forscher „entstehen abstrakta 
Gegenstände in jedem vorstellenden Wesen, dem sich in wiederholten Wahr- 
nclimungen gleiche Bestimmungen des Wahrgenommenen darbieten". Ab- 
strakte Gebilde sollen „die gleichen Bestimmungen verschiedener Wabmeh- 
mungsinhalle enthalten". Daraus wird dann gefolgert, daß „sie nicht mit 
die gemeinsamen Bestimmungen ähnlicher Gegenstände umfassen, son- 



1 Logikern steht z. B. Jevona noch auf dem HiUschen StandpuiAt> 
Ldtf. d. Log., Ubefs. d. 2Z. Aufl, v. KleinpeUr, Leipzig Idlft (a AufL), 5. SO. 

■•) Logik, 2. AufL Stuttgart 1893^ Bd. 1, S. lia 

>«) Logik, 2. AuQ. Bd. 1. Halle 1907, S. 65 ff.; Methodolog. Konsequenw» 
au» der Theorie der Abstraktion, Sitz.-Ber, d. Kgl. PreuB. Akad. d. Wi» 
1919, XXU, a *87 (601). 



_ 2. EsDitel. PsycboloKiscbe Grundlegune. ^53 

dem &ach die BesUmmuDgen, die sich in wiederholten WahniehmuDBeu 
eineauDd desselben Gegenstandes fegenOber anderen, veränderlichen 
als koDBtanl erweisen". Danach ist also z. B. nicht nur Uensch, Kn- 
dem auch Sokrates eine abstrakte Vorstellung. Es gibt nicht nur abstmkta 
AllgnneiDTorsteUungen, sondern auch abstrakte Einzelvorstellungeti. Diese 
AuHaBSDiiK deckt sich inbaltUch im wesentlichen mit der Darlegung S. 348^ 
es muB aur betont werden, daB eine solche Terwendung des Terminus 
.abstrakt" dem seither Qblichen Gebrauch vailig widerstreitet. Auch fragt 
n sich sehr, ob ein solches Zusammenfassen der Generalisation mit der 
Xontraklion (vgl. S. 31S) zu dem Gesamtbegritf der Bildung abstrakter Vor- 
steDuugen, wie es durch die Erdmanssche Definition involviert wird, irgend- 
welchen Vorteil bietet. Die W^glaasüne nicht -gemeinsamer bzw. vertnder- 
lieher Merkmale und die Isolation der Obtigbleibenden gemeinsamen bzw. 
koDslatiten Merkmale bei der Generalisation bzw. Kontraktion steUen doch 
«ben Dur die beiden biufigsten Fälle der Alistraktion im aligemeinen Sinn 
der Veglassung (ä^ojfww) dar. Ich kann mir sehr wohl eine Abstraktioil 
denken, bei der gleiche — gemeinsame oder konstante — Merkmale Ober- 
bi