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Full text of "Sämtliche Werke;"

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GOETHES 

SÄMTLICHE WERKE 
BAND XIV 



g,^C)C^G.»2. 



GOETHES 

LYRISCHE UND 
EPISCHE 

DICHTUNGEN 
BANDI 




LEIPZIG 
IM INSELVERIAG 



LYRISCHE 
DICHTUNGEN 



1756-1765 FRANKFURT 




[An die Grofidtera Textor] 

Bei dem erfraäUhm Anbruche 
Des 1757. Jahres 
wollte 
Semen 
Hochgeehrtesten und Herzüchgeüebten 
Groß-EÜem 
Die Gesinnungen Kindlicher Hoch- 
achtung und Liebe 
durch 
Folgende Segens- Wunsche 
XU erkennen geben 
Deroselben 
Treugehorsamster Enkel 
Johann Wolfgang Goethe. 

ERHABNER Groß-Papa! Em Neues Jahr erscheint, 
Dmin muß ich meine Pflicht und Schuldigkeit entrichten, 
Die ESirftircht heißt mich hier aus reinem Herzen dichten, 
So schlecht es aber ist, so gut ist es gemeint. 
Gott, der die Zeit erneut, emenre auch Ihr Glfick, 
Und kröne Sie dies Jahr mit stetem Wohlergehen; 
Ihr Wohlsein müsse lang so fest wie Zedern stehen, 
Ihr Tun b^leite stets ein günstiges Geschick; 
Ihr Haus sei wie bisher des Segens Sammelplatz, 
Und lasse Sie noch spät Möninens Ruder fuhren, 
Gesundheit müsse Sie bis an Ihr Ende zieren, 
Dann diese ist gewiß der allergrößte Schatz. 

Erhabne Groß-Mama! Des Jahres erster Tag 

Erweckt in meiner Brust ein zärtliches Empfinden, 
Und heißt mich ebenfialls Sie jetzo anzubinden 
Mit Versen, die vielleicht kein Kenner lesen mag; 
Indessen hören .S^ die schlechte Zeilen an, 
Indem sie wie mein Wunsch aus wahrer Liebe fließen. 
Der Segen müsse sich heut über Sie ergießen. 
Der Höchste schütze Sie, wie Er bisher getan. 
Ejt wolle Ihnen stets, was Sie sich wünschen, geben. 
Und lasse Sie noch oft ein Neues Jahr erleben. 
Dies sind die Erstlinge, die Sie andient empfangen, 
Die Feder wird hinfort mehr Fertigkeit erlangen. 



12 LYRISCHE DICHTUNGEN 



(An die Großeltern Textor] 

Bei 

diesem neuen Jahres Wechsel 

überreichet 

Seinen 

Verehrungswürdigen 

Groß-Eltern 

dieses Opfer 

aus kindlicher Hochachtung 

Joh. Wolfg. Goethe 

den I. Jenner 1^62. 

GRO SS-Eltern, da dies Jahr heut seinen Anfang nimmt, 
So nehmt auch dieses an, das ich vor Euch bestimmt, 
Und ob Apollo schon mir nicht geneigt gewesen, 
So würdiget es doch nur einmal durchzulesen. 
Ich wünsch aus kindlichem gehorsamen Gemüte 
Euch alles Glück und Heil von Gottes Hand und Güte, 
Sein guter Engel sei bei Euch in aller Zeit. 
Er geb Euch das Geleit in Widerwärtigkeit, 
Sowohl als in dem Glück, tmd laß Euch lang noch leben, 
Daß Ihr Urenklen noch den Segen könnet geben. 
Dies schreibt der älteste von Eurer Töchter Söhnen, 
Um sich auch nach und nach zu denken angewöhnen, 
Und zeigt ingleichen hier mit diesen Zeilen an. 
Was er dies Jahr hindurch im Schreiben hat getan. 
Wenn mich bis übers Jahr die Parzen schonen täten. 
Wie gerne wollt ich denn mit fremder Zunge reden. 



1756/65 FRANKFURT 13 

POETISCHE GEDANKEN 

ÜBER DIE 

HÖLLENFAHRT JESU CHRISTL 

AUF VERLANGEN ENTWORFEN 

VON 

J.W. G. 

WELCH ungewöhnliches Getümmel! 
Ein Jauchzen tönet durch die Himmel. 
Ein großes Heer zieht herrlich fort. 
Gefolgt von tausend Millionen, 
Steigt Gottes Sohn von seinen Thronen 
Und eilt an jenen finstern Ort. 
Er eilt, umgeben von Gewittern; 
Als Richter kommt Er und als Held. 
Er geht, und alle Sterne zittern. 
Die Sonne bebt. Es bebt die Welt. 

Ich seh Ihn auf dem Siegeswagen, 
Von Feuerrädern fortgetragen, 
Den, der für uns am Kreuze starb. 
Er zeigt den Sieg auch jenen Fernen, 
Weit von der Welt, weit von den Sternen, 
Den Sieg, den Er für uns erwarb. 
Er kommt, die Hölle zu zerstören. 
Die schon Sein Tod darniederschlug; 
Sie soll von Ihm ihr Urteil hören. 
Hört! Jetzt erfüllet sich der Fluch. 

Die Hölle sieht den Sieger kommen, 
Sie fühlt sich ihre Macht genommen. 
Sie bebt und scheut Sein Angesicht. 
Sie kennet Seines Donners Schrecken. 
Sie sucht umsonst sich zu verstecken. 
Sie sucht zu niehn und kann es nicht. 
Sie eilt vergebens, sich zu retten 
Und sich dem Richter zu entziehn. 
Der Zorn des Herrn, gleich ehmen Ketten, 
Hält ihren Fuß, sie kann nicht fliehn. 



14 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Hier lieget der zertretne Drache, 
Er liegt und fühlt des Höchsten Rache, 
Er fühlet sie und knirscht vor Wut. 
Er fühlt der ganzen Hölle Qualen, 
Er ächzt und heult bei tausend Malen: 
Vernichte mich, o heiße Glut! 
Da liegt er in dem Flammen -Meere, 
Ihn foltern ewig Angst und Pein. 
Er flucht, daß ihn die Qual verzehre. 
Und hört, die Qual soll ewig sein. 

Auch hier sind jene große Scharen, 

Die mit ihm gleichen Lasters waren, 

Doch lange nicht so bös als er. 

Hier liegt die imgezählte Menge, 

In schwarzem, schröcklichen Gedränge, 

Im Feuer-Orkan um ihn her. 

Er sieht, wie sie den Richter scheuen, 

Er sieht, wie sie der Sturm zerfrißt. 

Er siehts und kann sich doch nicht freuen. 

Weil seine Pein noch größer ist. 

Des Menschen Sohn steigt im Triumphe 
Hinab zum schwarzen Höllen -Sumpfe 
Und zeigt dort Seine Herrlichkeit. 
Die Hölle kann den Glanz nicht tragen, 
Seit ihren ersten Schöpfungs- Tagen 
Beherrschte sie die Dunkelheit. 
Sie lag entfernt von allem Lichte, 
Erfüllt von Qual im Chaos hier. 
Den Strahl von Seinem Angesichte 
Verwandte Gott auf stets von ihr. 

Jetzt siebet sie in ihren Grenzen 
Die Herrlichkeit des Sohnes glänzen. 
Die fürchterliche Majestät. 
Sie sieht mit Donnern Ihn umgeben, 
Sie sieht, daß alle Felsen beben. 
Wie Gott im Grimme vor ihr steht. 



1756/65 FRANKFURT 

Sie siehts: Er kommet, sie zu richten, 
Sie fiihlt den Schmerzen, der sie plagt; 
Sie wünscht umsonst, sich zu vernichten. 
Auch dieser Trost bleibt ihr versagt. 

Nun denkt sie an ihr altes Glücke, 
Voll Pein an jene Zeit zurücke, 
Da dieser Glanz ihr Lust gebar; 
Da noch ihr Herz im Stand der Tugend, 
Ihr froher Geist in frischer Jugend 
Und stets voll neuer Wonne war. 
Sie denkt mit Wut an ihr Verbrechen, 
Wie sie die Menschen kühn betrog. 
Sie dachte sich an Gott zu rächen, 
Jetzt fühlt sie, was es nach sich zog. 

Gott ward ein Mensch. Er kam auf Erden. 

Auch Dieser soll mein Opfer werden, 

Sprach Satanas imd freute sich. 

Er suchte Christum zu verderben, 

Der Welten Schöpfer sollte sterben. 

Doch weh dir, Satan, ewiglich! 

Du glaubtest. Ihn zu überwinden, 

Du freutest dich bei Seiner Not. 

Doch siegreich kommt Er, dich zu binden. 

Wo ist dein Stachel hin, o! Tod? 

Sprich, Hölle! Sprich, wo ist dein Siegen? 
Sieh nur, wie deine Mächte liegen. 
Erkennst du bald des Höchsten Macht? 
Sieh, Satan! Sieh dein Reich zerstöret. 
Von tausendfacher Qual beschweret, 
Liegst du in ewig finstrer Nacht. 
Da liegst du wie vom Blitz getroffen. 
Kein Schein vom Glück erfreuet dich. 
Es ist umsonst. Du darfst nichts hoffen, 
Messias starb allein für mich! 

Es steigt ein Hexilen diu-ch die Lüfte, 
Schnell wanken jene schwarze Grüfte, 



15 



i6 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Als Christus Sich der Hölle zeigt. 
Sie knirscht aus Wut; doch ihrem Wüten 
Kann unser großer Held gebieten; 
Er winkt, die ganze Hölle schweigt. 
Der Donner rollt vor Seiner Stimme. 
Die hohe Siegesfahne weht. 
Selbst Engel zittern vor dem Grimme, 
Wann Christus zum Gerichte geht. 

Jetzt spricht Er; Donner ist Sein Sprechen, 
Er spricht, und alle Felsen brechen. 
Sein Atem ist dem Feuer gleich. 
So spricht Er: Zittert, ihr Verruchte! 
Der, der in Eden euch verfluchte, 
Kommt und zerstöret euer Reich. 
Seht auf! Ihr wäret Meine Kinder, 
Ihr habt euch wider Mich empört. 
Ihr fielt und wurdet freche Sünder, 
Ihr habt den Lohn, der euch gehört. 

Ihr wurdet Meine größten Feinde, 
Verführtet Meine liebsten Freunde. 
Die Menschen fielen so wie ihr. 
Ihr wolltet ewig sie verderben, 
Des Todes sollten alle sterben, 
Doch, heulet! Ich erwarb sie Mir. 
Für sie bin Ich herabgegangen, 
Ich litt, Ich bat. Ich starb für sie. 
Ihr sollt nicht euren Zweck erlangen. 
Wer an Mich glaubt, der stirbet nie. 

Hier lieget ihr in ewgen Ketten, 

Nichts kann euch aus dem Pfuhl erretten. 

Nicht Reue, nicht Verwegenheit. 

Da liegt, krümmt euch in Schwefel-Flammen! 

Ihr eiltet, euch selbst zu verdammen. 

Da liegt und klagt in Ewigkeit! 

Auch ihr, so Ich Mir auserkoren. 

Auch ihr verscherztet Meine Huld; 



1756/65 FRANKFURT 17 

Auch ihr seid ewiglich verloren. 
Ihr murret? Gebt Mir keine Schuld. 

Ihr solltet ewig mit Mir leben, 
Euch ward hierzu Mein Wort gegeben, 
Dir sündigtet und folgtet nicht. 
Ihr lebtet in dem Sünden- Schlafe. 
Nun quält euch die gerechte Strafe, 
Ihr fühlt Mein schreckliches Gericht. — 
So sprach Er, und ein furchtbar Wetter 
Geht von Ihm aus. Die Blitze glühn. 
Der Donner faßt die Übertreter 
Und stürzt sie in den Abgrund hin. 

Der Gott- Mensch schHeßt der Höllen Pforten, 

Er schwingt Sich aus den dunklen Orten 

In Seine Herrlichkeit zurück. 

Er sitzet an des Vaters Seiten, 

Er will noch immer für uns streiten. 

Er wills! O, Freunde! Welches Glück? 

Der Engel feierliche Chöre, 

Die jauchzen vor dem großen Gott, 

Daß es die ganze Schöpfung höre: 

Groß ist der Herr Gott Zebaothl 



[\'^on Goethe?] 

ICH möcht mich, könnt ich nur, zu einem Stutzer machen, 
Denn man gefällt sonst nicht. Es ist nun so die Zeit. 
Doch fehlet mir noch viel, ein bißch ön Artigkeit, 
Ein feiner Witz, ein Scherz imd tausend andre Sachen. 
Ich kann das Tändeln nicht, nicht scherzen und nichtlachen. 
Da sieh nur meinen Rock, ach! der ist viel zu weit, 
Die Weste gar zu lang, mein Hut erschrecklich breit, 
Ich kann kein Pharao, nicht damen und nicht schachen. 
Das Frauenzimmer, Freund, weiß ich nicht recht zu führen. 
Nimmt man den Handschuh denn, wie sonst noch in die 

Hand? 
Mir fehlt ein kleiner Hut, mir fehlt ein Degenband, 

GOETHE XIV a. 



i8 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Es mangelt mir sogar an Flüchen und an Schwüren. 
Wie lern ich alles dies? Ist es dir nicht bekannt? 
Ein süßer Herr zu sein, verlier nur den Verstand. 

— e. 

DER AUTOR 

[Von Goethe?] 

WENN in den ersten Augenblicken, 
Da kaum ein Jüngling schreibt, Kritiken 
Den nahen Fall ihm prophezein, 
Da mag ich nicht ein Autor sein. 
Doch, lobt man ihn nach seinen Jahren, 
Und spornt ihn an so fortzufahren, 
Mischt man auch gleichwohl Tadel ein, 
Dann möcht ich gern ein Autor sein. 

Wenn mich ein dummer Mensch erhöhet. 
Der nichts von meiner Schrift verstehet. 
Und spricht: ich schreibe witzig, fein, 
Da mag ich nicht ein Autor sein. 
Wenn aber Kluge sich verbinden. 
Die Fehler meines Werks zu finden. 
Und macht mich auch ihr Tadel klein, 
Da möcht ich doch ein Autor sein. 

Wenn unsre schlechte teutsche Bühnen 
Sich noch des Lipperleins bedienen, 
Ist Buffon, Harlekin darein, 
Da mag ich nicht ein Autor sein. 
Doch wenn in echten Trauerspielen 
Wir nachgeahmte Schmerzen fühlen, 
Nimmt uns die Sara Samson ein, 
Da möcht ich so ein Autor sein. 

Wenn S. stolz Epopeen machet, 
Daß jeder, statt zu weinen, lachet, 
Rühmt ihn gleich G. als schön, als rein, 
Da mag ich nicht ein Autor sein. 



1756/65 FRANKFURT 

Doch wenn ich im Virgil gelesen, 

Und sehe, daß er groß gewesen. 

Dann denkt mein Geist voll Gram und Pein: 

Ach! so kein Autor kannst du sein. 



19 



Wenn junge Herren, die nichts denken, 

Mir ihren ganzen Beifall schenken. 

Und immer "Artig, artig" schrein, 

Da mag ich doch kein Autor sein. 

Doch wenn mich kluge Mädchen preisen 

Und meine Schriften rührend heißen, 

Da nimmt mich schnell die Schreibsucht ein. 

Da möcht ich gleich ein Autor sein. 

e. 



[In das Stammbuch von Friedrich Maximilian Moors] 

DIESES ist das Bild der Welt, 
Die man für die beste hält: 
Fast wie eine Mördergrube, 
Fast wie eines Bmschen Stube, 
Fast so wie ein Opernhaus, 
Fast wie ein Magisterschmaus, 
Fast wie Köpfe von Poeten, 
Fast wie schöne Raritäten, 
Fast wie abgesetztes Geld 
Sieht sie aus, die beste Welt. 

(Risum teneatis amicil Horatius.) 



Es hat der Autor, wenn er schreibt, 
So was Gewisses, das ihn treibt. 
Der Trieb zog auch den Alexander 
Und alle Helden miteinander. 
Drum schreib ich auch allhier mich ein: 
Ich möcht nicht gern vergessen sein. 
Frankfurt am Main Goethe 

den 28. August 1765. d. s. W. Liebhaber. 



Di 



LYRISCHE DICHTUNGEN 

[In das güldne Schatzkästlein der Mutter] 

|AS ist mein Leib, nehmt hin und esset. 
Das ist mein Blut, nehmt hin und trinkt. 
Auf daß ihr meiner nicht vergesset, 
Auf daß nicht euer Glaube sinkt. 
Bei diesem Wein, bei diesem Brot 
Erinnert euch an meinen Tod. 

Zum Zeichen der Hochachtung 
und Ehrfurcht setzte dieses 
seiner gehebtesten Mutter 
Frankfurt 
den 30. September 1765. J. W. Goethe. 



1765-1768 LEIPZIG 




[Aus einem Briefe an Riese] 

Ich lebe hier wie — wie — ich weiß selbst nicht recht wie. Doch so 
ohn gefähr 

SO wie ein Vogel, der auf einem Ast 
Im schönsten Wald sich, Freiheit atmend, wiegt, 
Der ungestört die sanfte Lust genießt, 
Mit seinen Fittichen von Baum zu Baum, 
Von Busch auf Busch sich singend hinzuschwingen. 



[Aus einem Briefe an Riese] 

DIE Versart, die dem Mädchen wohl gefiel. 
Der ich allein, Freund! zu gefallen wünschte, 
Die Versart, die der große Schlegel selbst 
Und meist die Kritiker fürs Trauerspiel 
Die schicklichste und die bequemste halten, 
Die Versart, die den meisten nicht gefällt, 
Den meisten, deren Ohr sechsfüßige 
Alexandriner noch gewohnt, Freund! die, 
Die ists, die ich erwählt, mein Trauerspiel 
Zu enden. Doch was schreib ich viel davon! 
Die Ohren gellten dir gar manchesmal 
Von meinen Versen wider; drum, mein Freund, 
Erzähl ich dir was Angenehmeres. 
Ich schaute Gelierten, Gottscheden auch, 
Und eile jetzt sie treu dir zu beschreiben. 

Gottsched, ein Mann, so groß, als war er vom alten Ge- 
schlechte 

Jenes, der, zu Gad im Land der Philister geboren. 

Zu der Kinder Israels Schrecken zum Eichgrund hinabkam. 

Ja, so sieht er aus, und seines Körperbaus Größe 

Ist, er sprach es selbst, sechs ganze Parisische Schuhe. 

Wollt ich recht ihn beschreiben, so müßt ich mit einem 

Exempel 

Seine Gestalt dir vergleichen; doch dieses wäre vergebens. 

Wandeltest du, Geliebter, auch gleich durch Länder und 

Länder, 

Von dem Aufgang herauf bis zu dem Untergang nieder, 



2 4 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Würdest du dennoch nicht einen, der Gottscheden ähn- 

lichte, finden. 
Lange hab ich gedacht und endlich Mittel gefunden, 
Dir ihn zu beschreiben; doch lache nicht meiner, Geliebter. 
Humano capiti cervicem jungens equinam 
Derisus a Flacco non sine jure ßiit. 
Hinc ego Koelbeliis imponens pedibus magnis, 
Itnmane corpus crassasque scapulas Augsti 
Et magna magni brachiaque manusque Rolandi, 
Addensque tumidum morosi Rostii Caput. 
Ridebor forsan? Ne rideatis amici. 
Dies ist das wahre Bild von diesem großen Mann, 
So gut, als ich es nur durchs Beispiel geben kann. 
Nun nimm, geliebter Freund, die jetzt beschri ebnen Stücke, 
So zeiget, glaub es mir, sich Gottsched deinem Blicke. 
Ich sah den großen Mann auf dem Katheder stehn, 
Ich hörte, was er sprach, und muß es dir gestehn. 
Es ist sein Fürtrag gut, imd seine Reden fließen 
So wie ein klarer Bach. Doch steht er gleich den Riesen 
Auf dem erhabnen Stuhl. Und kennte man ihn nicht. 
So wüßte man es gleich, weil er stets prahlend spricht. 
Genug, er sagte viel von seinem Kabinette, 
Wie vieles Geld ihn das imd Jens gekostet hätte. 

Und andre Dinge mehr, genug mein Freund — 

* 

Apropos. Hast Du nicht gehört? Der Hofrat [Ludwig Moors] be- 
klagt sich über den Mangel der Mädchen zu Göttingen. 

Zu was will er ein Mädchen? 
Um die rhetorischen Figuren auszuüben 
Und nach der neusten Art recht Hübnerisch zu lieben, 
Zu sehn, ob die Protase ein hartes Herz erweicht, 
Zu sehn, ob man durch Regien der Liebe Zweck erreicht. 
Zu sehn, ob Mimesis, die Ploke, die Sarkasmen 
So voller Reizung sind wie Neukirchs Pleonasmen, 
Und ob er in dem Tone, wie er den Ulfo singt, 
Mit des Corvinus Versen das Herz der Schönen zwingt. 
Und ob — mein Blatt ist voll, ich werde schließen müssen. 
Die Mädchen eurer Stadt und Kehren sollt ihr grüßen. 



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W! 



1765/8 LEIPZIG 25 

[Ans eineni foiefe an seine Schwester] 

ENN man sie in ein Kloster steckte 
Und ihr Gesicht mit einem ScUeier deckte. 
Dies könnte wohl zu ihrem Vorteil sein. 
Den Reiz, der ihr jetzt fehlt, kann neue Tracht ihr geben. 
Da kann sie immer einsam leben, 
Sie ist ja gern allein. 

* 

Das Ende krönt jetzt die vergangne Zeiten, 
Wer einmal glitt, wird leichte zweimal Reiten. 
Kind, die Exeqmen, die waren würklich schön, 
Wer wird nicht den Verstand der klugen Domherrn sehn: 
Er, der ans Sparsamkeit <^ was er war, vergaß, 
Der Wasser trank und harte Eier aß, 
Der, dessen Lehre 
Wan daß der Fürsten Ehre 
AUein im vollen Beutel wäre. 
Er, der gesparet statt gekriegt, 
Ei, den kein leerer Pracht vergnügt. 
Der würde sich im Grabe wenden, 
WoUt man nach seinem Tod so ohne Not verschwenden. 

* 

Ich schreibe jetzt ygh meinem Belsazer. 
Fast ist der letzte Aufzug auch so weit, 
Als wie die andern sind. Doch wiss du das: 
In Versen, wie hier die, verfertigt ich 
Die fünfte Handlung. Dieses, Schwester, ist 
Das Versmaß, das der Brite braucht, wenn er 
Auf dem Kothurn im Trauerspiele geht. 
Jetzt steh ich still und denk den Fehlem nach, 
Den Fehlem, die so häufig sind, wie hier 
Studenten sind. Da denk ich nach, und die 
Verbeßr ich. Dir schick ich vielleicht einmal 
Etwas davon, wie auch von dem, was idi 
Sonst noch in Versen schrieb. Jetzt lebe wohl. 
Grüß mir die Mutter, sprich, sie soll verzeihn. 
Daß ich sie niemals grüßen ließ, sag ihr 
Das, was sie weiß, — daß ich sie ehre. Sags, 



2 6 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Daß nie mein kindlich Herz, von Liebe voll, 
Die Schuldigkeit vergißt. Und ehe soll 
Die Liebe nicht erkalten, eh ich selbst 
Erkalte. 

[Aus einem Briefe an Riese] 

ES ist mein einziges Vergnügen, 
Wenn ich, entfernt von jedermann, 
Am Bache, bei den Büschen liegen, 
An meine Lieben denken kann. 

So vergnügt ich aber auch da bin, . .ich seufze nach meinen Freunden 
undmeinemMädchen, und wenn ich fühle, daß ich vergebens seufze, 

Da wird mein Herz von Jammer voll. 
Mein Aug wird trüber, 
Der Bach rauscht jetzt im Stimn vorüber, 
Der mir vorher so sanft erscholl. 
Kein Vogel singt in den Gebüschen, 
Der grüne Baum verdorrt. 
Der Zephir, der, mich zu erfrischen, 
Sonst wehte, stürmt und wird zum Nord 
Und trägt entrißne Blüten fort. 
Voll Zittern flieh ich dann den Ort, 
Ich flieh xmd such in öden Mauern 
Einsames Trauern. 

. . . Hom . . . wundert sich, daß ich so verändert bin. 

Er sucht die Ursach zu ergründen. 

Denkt lächlend nach und sieht mir ins Gesicht. 

Doch wie kann er die Ursach finden, 

Ich weiß sie Selbsten nicht. 

* 
Ganz andre Wünsche steigen jetzt als sonst, 
Geliebter Freund, in meiner Brust herauf. 
Du weißt, wie sehr ich mich zur Dichtkunst neigte, 
Wie großer Haß in meinem Busen schlug. 
Mit dem ich die verfolgte, die sich nur 
Dem Recht und seinem Heiligtume weihten 
Und nicht der Musen sanften Lockungen 



1765/8 LEIPZIG 27 

Ein ofißaes Ohr und ausgestreckte Hände 

Voll Sehnsucht reichten. Ach du weißt, mein Freund, 

Wie sehr ich (und gewiß mit Unrecht) glaubte, 

Die Muse liebte mich und gab mir oft 

Ein Lied. Es klang von meiner Leier zwar 

Manch stolzes Lied, das aber nicht die Musen 

Und nicht Apollo reihten. Zwar mein Stolz, 

Der glaubt' es, daß so tief zu mir herab 

Sich Götter niederließen, glaubte, daß 

Aus Meisterhänden nichts VoUkommners käme, 

Als es aus meiner Hand gekommen war. 

Ich fühlte nicht, daß keine Schwingen mir 

Gegeben waren, um emporzurudern, 

Und auch vielleicht mir von der Götter Hand 

Niemals gegeben werden würden. Doch 

Glaubt ich, ich hab sie schon und könnte fliegen. 

Allein kaum kam ich her, als schnell der Nebel 

Von meinen Augen sank, als ich den Ruhm 

Der großen Männer sah und erst vernahm, 

Wie viel dazu gehörte, Ruhm verdienen. 

Da sah ich erst, daß mein erhabner Flug, 

Wie er mir schien, nichts war als das Bemühn 

Des Wurms im Staube, der den Adler sieht 

Zur Sonn sich schwingen und wie der hinauf 

Sich sehnt. Er sträubt empor und windet sich, 

Und ängstlich spannt er aÜe Nerven an 

Und bleibt am Staub. Doch schnell entsteht ein Wind, 

Der hebt den Staub in Wirbeln auf, den Wurm 

Erhebt er in den Wirbeln auch. Der glaubt 

Sich groß, dem Adler gleich, und jauchzet schon 

Im Taumel. Doch auf einmal zieht der Wind 

Den Odem ein. Es sinkt der Staub hinab, 

Mit ihm der Wurm. Jetzt kriecht er wie zuvor. 



28 LYRISCHE DICHTUNGEN 

ASONG 

OVER 

THE UNCONFIDENCE 

TOWARD MYSELF 

TO Dr. SCHLOSSER 

THOU knowst how happily thy friend 
Walks upon florid ways; 
Thou knowst how heavens bounteous band 
Leads him to golden days. 

But hah! a cruel enemy 

Destroies all that bless; 
In moments of melancholy 

Flies all my happiness. 

Then fogs of doubt do fill my mind 

With deep obscurity; 
I search my seif, and cannot find 

A spark of worth in me. 

When tender friends, to tender kiss, 

Run up with open arms, 
I think I merit not that bliss, 

That like a kiss me warmeth. 

Hah! when my child "I love thee" sayd 

And gave the kiss I sought, 
Then I — forgive me, tender maid — 

She is a false one, thought. 

She cannot love a peevish boy, 
She with her godlike face. 

could I, friend, that thought destroy, 
It leads the golden days. 

And other thought is misfortune, 
Is death and night to me: 

1 hum no supportable tune, 

I can no poet be. 



1765/8 LEIPZIG 

When to the Altar of the Niae 

A triste incense I bring, 
I beg let poetry be mine, 

sistres, let me sing. 

But when they then my prayer not heai, 

1 break my whispring lyre, 

TTien firom my eycs rans down a tear, 
Extinguish th' incensed fire. 

Then curse I, friend, the fated sky, 

And from th' Altar I fly; 
And to my friends alond I cry: 

Be happier than I. 



*9 



[Ans einem Briefe an Trapp] 

MULLER! je suis fäch^ de ce malicieux. 
Ce n'est pltis cet ami si tendre en ses adieox, 
Qui m'aimant autrefois, relevoit ma foiblesse, 
Se joignit ä ma joie et chassa ma tristesse. 
Aujourd'hui tont changd, 11 rit de mes sonpirs, 
Et dans un noir chagrin fait cfaanger mes plaisirs. 
Jamais il ne m'^crit des nonvelles agrdables, 
Sans qu'il y fasse entrer an r^it qui m'accable, 
Et qui d'un coup m^chant, adroitement port6, 
N'e m'öte le bonhetir que lui-m^me a donnd. 
Le cruel! H connoit mon coeur sensible et tendre, 
H connoit le repos qu'il y pourroit rdpandre, 
II scait bien qu'un ami s'il ne peut nous aider. 
Devroit en nous plaignant pourtant nous soulager. 
Le fait-il? Oh que non! ma douleur est extreme; 
Je suis faible, il est vrai. Est-on fort quand on aime: 
Mais il ne cherche rien que de combler mes maus, 
Et me dit en riant: Ha, tu as des rivaux. 
Je ne le scais que trop, sans qu'il le dise encore. 
Tout qui la vit l'admire, qui la connoit l'adore. 
Mais faut-il ^veiller l'idee pleine d'eflBroi, 
Un rival est plus digne de cet enfant que moir 
Soit! Si je ne le suis, je vais chercher de l'^tre. 



30 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Chassons le vil honneur! Que l'amour soit mon maitre! 
J'dcouterai lui seul, lui seul doit me guider, 
Au sommet du bonheur par lui je vais monter. 
Au sommet de la science montd par l'industrie, 
Je reviens, eher ami, pour revoir ma patrie, 
Et viens voir, en ddpit de tout altier censeur, 
Si eile est en ^tat d'achever mon bonheur. — 
Mais il faut jusque-lä que votre main m'assiste. 
Laissez parier toujours ce docte moraliste. 
Ecrivez-moi! Que fait l'enfant autant aim^? 
Se souvient-il de moi? ou m'a-t-il oubli^? 
Ah, ne me cachez rien, qu'il m'^l^ve ou m'accable. 
Un poignard de sa main me seroit agröable. 
Ecrivez, c'est alors que de mon coeur ch^ri, 
Comme eile est mon amante, vous serez mon ami. 



ANNETTE AN IHREN GELIEBTEN 

ICH sah, wie Doris bei Damöten stand, 
Er nahm sie zärtlich bei der Hand; 
Lang sahen sie einander an. 
Und sahn sich um, ob nicht die Eltern wachen. 
Und da sie niemand sahn. 
Geschwind — Genug, sie machtens, wie wirs machen. 



VAUDEVILLE A MR. PFEIL 

OTEZ-moi la grammaire! 
Dit autrefois Monsieur le Set. 
Si le Poitevin et son fr^re 
Le Peplier veulent me plaire, 

II faut qu'ils me laissent en repos. 

Les r^gles de ces dröles 
Si sottement barbouilldes 

Sont bonnes dans les dcoles, 

Pour exercer les dpaules 

Et la t^te des pauvres dcoliers. 



I 



1765/8 LEIPZIG 

Madame Deesse grammaire 
En entendant ces discours, 

Me dicta dans sa colere 

L'arret, l'arrSt si sdvdre, 

Que j'aurai ä pleurer toujours: 

Que ta prose de fautes fertile, 
Que Sans attraits soient tes vers 

Et que ton maigre style 

Te rende ridicule 

A la belle ä laquelle tu sers. 

Grandpr€tre de cette Deesse, 

Pfeil! viens me pr^ter ton secours, 

Afin que ma msdtresse 

En vengeant ta Ddesse 

Ne me fasse finir mes jours. 

Va t'en porter ä la Dame 

Avec des dus encens 
Le repentir de mon äme. 
Dis-lui que je me bläme 

De l'avoir haie ceans. 

Et lorsqu'elle me pardonne, 
Va demander en mon nom, 

Qu'elle soit la fa^on la plus bonne, 

De firmer de ma personne 
Avec eile la plus forte union. 



3» 



L^ 



A MONSIEUR LE MAJOR GfiNfiRAL DE HOFFMANN 

Au sojet de la mort de Madame son epoose 

A mort, en sortant du Tartare, 
Voulant que l'univers sentit 
La pesanteur de son courroux barbare, 

Se mit 
A ddpeupler du fldau de la guerre 
La terre, 
Et Vit 



32 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Avec plaisir tous les champs inondds 
De sang, et dans le sang baignes 

Les malheureux, 
Frondes par le tonnerre 
Dans la poussiere. 
Les feux 
Du meurtre et du camage 

Eteints enfin, 
La mort frdmit de rage, 
Voyant le genre humain 

En süretö 
De n'etre pas fauchd 
Comme autrefois par millions. 

Otons, 
Dit-elle, ötons leur 

Ce bonheur. 
Si autrefois je frappois mille, 
Frappons ä l'avenir un seul qui vaudra mille. 
Elle le dit, 
On Vit 
Bientöt familles d^sol^es 
Pleurer autour d'un mausolde 

D'un p^re vertueux, 

D'un fils l'espoir de sa patrie 
Et d'autres dont la vie 
Ne dut que tard etre finie. 

Combien vit-on de malheureux! 

Et ce spectre hideux, 
Tout content de sa proie, 

Va dedans les enfers 

Aux ennemis de l'univers 
Porter sa joie. 
D'un tel coup ton Epouse tomba, 

Et ce trepas 

Ddsola Sa famille. 
Mais Elle n'en eut point d'effroi: 
Car en perdant ici le monde et toi 
Elle trouve lä-haut et le Ciel et Sa Fille. 



1765/8 LEIPZIG 33 

[Ans einem Briefe an Bchiisch] 

A 'Y'/HAT pleasme, God! of like a flamc to bom, 
W A viiteons fire, Üiat ne'er to vice kan tanu 
What volapty! when trembliiig in mj anns, 
The bosom of vaj maid, saj bosom wanneth! 
Perpetua! kisses of her Ups o'eiflow, 
Ib holy embrace mig^ty viitae shew. 
When l then, rapt. in never feit extase, 
My maid! I say, and she, my deaiest! says. 
When then, my heart, of love and viitae hot, 
Cries: come ye angels! Come! See and cnvy me not. 



COKTHS XIV 



AN DEN SCHLAF 

DER du mit deinem M<^me 
Selbst Götteiangen zwingst. 
Und Beider <rft zum Throne, 
Zum Mädchen Schäfer bringst. 
Vernimm: Kein Tranmgespinste 
Verlang ich hent von dir, 
Den graten deiner Dienste, 
Geliebter, leiste mir. 

An meines Mädchens Seite 
Sitz ich, ihr Ang s{»icht Lost, 
Und miter neidsdier Seide 
Steigt fahlbar ihre Brost; 
Oft hatte meinen Küssen 
Sie Amor zogebracht, 
Dies Glöck nrafi ich vermissen. 
Die strenge Mtitter wadit. 

Am Abend tn&t da wieder 
Mich dort,.o tritt herein, 
Sprah Mohn von dem Gefieder, 
Da schlaf die Matter ein: 
Bei blassem Lichterscheinen 
V<m Lieb Annette wann 
Sinlt, wie Mama in deinen, 
In meinen giergen Aim. 




k 



34 LYRISCHE DICHTUNGEN 

DIE LIEBHABER 

MEIN Mädchen im Schatten der Laube, 
Umhangen von purpurner Traube, 
Bekränzte mit Rebenlaub sich 
Und wartete schmachtend auf mich. 
Da wallte der Herrscher der Träume 
Durch zitternde Wipfel der Bäume, 
Erblickte das liebliche Kind, 
Sank nieder, umarmt es geschwind. 

Sie schlummert, er küßte die Wangen, 
Sie glühten von heißem Verlangen, 
Erhitzet, o Gottheit, von dir. 
Nach sterblichen Küssen von mir. 
Da saugte mit atmenden Zügen 
Annette das größte Vergnügen 
Der Träume, die Mädchen erfreun, 
Vom Munde des Göttlichen ein. 

Schnell war sie von Leuten umgeben. 
Die schmachteten seufzend nach Leben, 
Und harreten zitternd aufs Glück 
Von einem beseelenden Blick. 
Da lag nun auf Knien die Menge, 
Mein Mädchen erblickt das Gedränge, 
Und hörte der bittenden Schrein, 
Und dünkte sich Venus zu sein. 

Erst sah sie den schrecklichen Sieger, 
Da lag er gebückt, wie ein Krieger, 
Den stärkerer Streitenden Macht 
In schimpfliche Fesseln gebracht. 
So sprach er: "Die mächtigen Waffen, 
Den Ruhm zu erobern geschaflfen, 
Erheben, erwählest du mich. 
Auf deine Befehle nur sich. 

Da furcht ich nicht Wäll nicht Kanonen, 
Nicht Tonnen, die Minen bewohnen. 
Nicht Feinde, die scharenweis ziehn, 



1765/8 LEIPZIG 

Du sprichst niir: Entflieht! — sie entfliehn. 
Doch mußt du für Eisen nicht beben, 
Mein Arm, den jetzt Waffen umgeben, 
Schließt sich in entwaSheter Ruh 
Auch sanften Umarmungen zu." 

Der Kaufmann mit Putzwerk und Stoflfen, 
Was eitele Mädchen nur hoffen. 
Trat näher und beugte sein Knie, 
Verbreitet es hoffend vor sie; — 
"Erhöre mich, werde die Meine", 
So sprach er, "dies alles ist deine. 
Dich kleid ich in herrlicher Pracht 
Dann, wenn du mich glücklich gemacht." 

Der Stutzer im scheckigen Kleide 
Von Samt imd von Gold imd von Seide 
Kam summend, wie Käfer im Mai, 
Mit künstlichen Sprüngen herbei — 
"Du glänzest bei Ball und Konzerten, 
Du herrschest beim Spiel imd in Gärten, 
Mein Dressenrock schimmert auf dich, 
Geliebteste, wähle du mich." 

Noch andere kamen. Geschwinde 
Wies da mich dem göttlichen Kinde 
Der Traumgott, Sie schaute mich kaum: 
"Den lieb ich" — so rief sie im Traum, 
"Komm, eile! o komm mich zu küssen" — 
Ich eilte sie fest zu umschließen; 
Denn ich war ihr wachend schon nah, 
Und küssend erwachte sie da. 

Kein Pinsel malt unser Entzücken, 
Da sank sie mit sterbenden Blicken, 
O welche unsterbliche Lust! 
An meine hochfliegende Brust. 
So lag einst Vertumn und Pomone. 
Als er auf dem grünenden Throne 
Das sprödeste Mädchen bekehrt. 
Zuerst sie die Liebe gelehrt. 



35 



36 LYRISCHE DICHTUNGEN 

ZIBLIS, 
EINE ERZÄHLUNG 

MÄDCHEN, setzt euch zu mir niedet, 
Niemand stört hier unsre Ruh, 
Seht, es kommt der Frühling wieder, 
Weckt die Blumen und die Lieder, 
Ihn zu ehren, hört mir zu. 

Weise, strenge Mütter lehren: 
Mädchen, flieht der Männer List. 
Und doch laßt ihr euch betören! 
Hört, ihr sollt ein Beispiel hören, 
Wer am meisten furchtbar ist. 

Ziblis jung und schön, zur Liebe, 
Zu der Zärtlichkeit gemacht. 
Floh aus rauhem wilden Triebe. 
Nicht aus Tugend alle Liebe, 
Ihre Freude war die Jagd. 

Als sie einst tief im Gesträuche 
Sorglos froh ein Liedchen sang, 
Ward sie blaß wie eine Leiche, • 
Da aus einer alten Eiche 
Ein gehörnter Waldgott sprang. 

Zärtlich lacht das Ungeheuer, 
Ziblis wendet ihr Gesicht, 
Läuft, doch der gehörnte Freier 
Springt ihr wie ein hüpfend Feuer 
Nach, und ruft: O flieh mich nicht. 

Schrein kann niemals überwinden. 
Sie lief schneller, er ihr nach. 
Endlich kam sie zu den Gründen, 
Da, wo unter jungen Linden 
Emiren am Wasser lag. 

Hilf mir! rief sie. Er voll Freude, 
Daß er so die Nymphe sah. 



1765/8 LEIPZIG 37 

Stand bewafiöiet zu dem Streite 
Mit dem Ast der nächsten Weide, 
Als der Waldgott kam, schon da. 

Der trat näher, ihn zu höhnen, 

Und ging schnell den Zweikampf ein. 

Sie erbebt für Emirenen. 

Immer wird das Herz der Schönen 

Auf des Schönen Seite sein. 

Seinen Feind im Sand zu höhnen, 
Regt sich Fuß, und Arm, und Hand, 
Bald mit Stoßen, bald mit Dehnen. 
Liebe stärkt die Kraft der Sehnen, 
Beide waren gleich entbrannt. 

Endlich sinkt der Faun zur Erden, 
Denn ihn traf ein harter Streich. 
Gräßlich zerrt er die Gebärden; 
Emiren, ihn los zu werden. 
Wirft ihn in den nächsten Teich. 

Ziblis lag mit matten Blicken, 
Da der Sieger kam, im Gras. 
Wirds ihm ihr zu helfen glücken? 
Leicht sind Mädchen zu erquicken, 
Oft ist ihre Krankheit Spaß. 

Sie erhebt sich. Neues Leben 
Gibt ein heißer Kuß ihr gleich. 
Doch, der einen schon gegeben, 
Sollte nicht nach mehrern streben? 
Das sieht einem Märchen gleich. 

Wartet niu-. Es folgten Küsse 
Himdertweis; sie schmeckten ihr. 
Ja die Mäulchen schmecken süße. 
Und bei Ziblis waren diese 
Gar die ersten. Glaubt es mir. 



38 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Darum sog mit langen Zügen 
Sie begierig immer mehr. 
Endlich trunken von Vergnügen, 
Ward dem Emiren das Siegen, 
Wie ihr denken könnt, nicht schwer, 

Mädchen, fürchtet rauher Leute 
Buhlerische Wollust nie. 
Die im ehrfurchtsvollen Kleide 
Viel von imschuldsvoller Freude 
Reden, Mädchen, fürchtet die. 

Wacht, denn da ist nichts zu scherzen. 
Seid viel lieber klug als kalt. 
Zittert stets für eure Herzen. 
Hat man einmal diese Herzen, 
Ha! Das andre hat man bald. 



LYDE 

EINE ERZÄHLUNG 

EUER Beifall macht mich freier, 
Mädchen, hört ein neues Lied. 
Doch verzeiht, wenn meine Leier 
Nicht. von jenem heiigen Feuer 
Der geweihten Dichter glüht. 

Hört von mir, was wenig wissen, 
Horts, und denket nach dabei: 
Daß, wenn zwei sich zärtlich küssen, 
Gern sich sehn, imd ungern missen, 
Es nicht stets aus Liebe sei. 

Lyde brannt von einem Blicke 
Für Aminen, er für sie; 
Doch ein widriges Geschicke 
Hinderte noch beider Glücke, 
Ihre Eltern schliefen nie. 



1765/8 LEIPZIG 

Wachsamkeit wird euch nichts taugen, 
Wenn die Töchter unser sind; 
Eltern, habet hundert Augen, 
Mädchen, wenn sie List gebrauchen, 
Machen hundert Augen blind. 

Listig hofft sie, eine Stunde 
Ihre Wächter los zu sein. 
Endlich kommt die Schäferstunde^ 
Und von ihrem heißen Munde 
Saugt Amin die Wollust ein. 

So genoß entfernt vom Neide 
Er noch manchen süßen Kuß. 
Doch er ward so vieler Beute 
Überdrüssig. Jede Freude 
Endigt sich mit dem Genuß. 

Ist wohl bei des Blutes Wallen, 
Denkt er, immer Liebe da? 
Liebt sie mich denn wohl vor allen? 
Oder hab ich ihr gefallen, 
Weil sie mich am ersten sah? 

Einst spricht er, dies auszuspüren: 
Ach, wie quält mein Vater mich! 
Fem soll ich die Herde fuhren — 
Himmel! Dich soll ich verlieren! 
Ha! Das Leben ehr als dich. 

Liebste, nein, ich konune wieder, 
Doch, der beste Freund von mir 
(Hier sah sie zur Erde nieder) 
Singet angenehme Lieder, 
Diesen Freund, den laß ich dir. 

Lyde denkt an keine Tücke, 
Weint, und geht es weinend ein. 
Ungern flieht Amin sein Glücke, 
Listig bleibt der Freund zurücke. 
Oft ist er mit ihr allein. 



39 



40 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Viel singt er von Glut und Liebe, 
Sie wird feurig, er wird kühn. 
Sie empfindet neue Triebe, 
Und Gelegenheit macht Diebe. 
Endlich— Gute Nacht, Amin. 

Kinder, seht, da müßt ihr wachen. 
Euch vom Irrtum zu befrein. 
Glaubet nie den Schein der Sachen, 
Sucht euch ja gewiß zu machen, 
Eh ihr glaubt geliebt zu sein. 

PYGMALION 

EINE ROMANZE 

ES war einmal ein Hagenstolz, 
Der hieß Pygmalion; 
Er machte manches Bild von Holz, 
Von Marmor und von Ton. 

Und dieses war sein Zeitvertreib 
Und alle seine Lust. 
Kein junges, schönes, sanftes Weib 
Erwärmte seine Brust. 

Denn er war klug und furchte sehr 
Der Hörner schwer Gewicht; 
Denn schon seit vielen Jahren her 
Traut man den Weibern nicht. 

Doch es sei einer noch so wild, 
Gern wird er Mädchen sehn. 
Drum macht' er sich gar manches Bild 
Von Mädchen jung und schön. 

Einst hatt er sich ein Bild gemacht, 
Es staunte, wer es sah; 
Es stand in aller Schönheit Pracht 
Ein junges Mädchen da. 



1765/8 LEIPZIG 41 

Sie schien belebt, und weich, und warm, 
War nur von kaltem Stein; 
Die hohe Brust, der weiße Arm 
Lud zur Umarmung ein. 

Das Auge war emporgewandt, 
Halb auf zum Kuß der Mund. 
Er sah das Werk von seiner Hand, 
Und Amor schoß ihn wund. 

Er war von Liebe ganz erfüllt, 
Und was die Liebe tut! 
Er geht, umarmt das kalte Bild, 
Umarmet es mit Glut. 

Da trat ein guter Freund herein. 
Und sah dem Narren zu, 
Sprach: Du umarmest harten Stein, 
O welch ein Tor bist du! 

Ich kauft ein schönes Mädchen mir 
Willst du, ich geb dir sie? 
Und sie gefällt gewißlich dir 
Weit besser, als wie die. 

Sag, ob du es zufrieden bist — 
Er sah es nvm wohl ein. 
Ein Mädchen, das lebendig ist. 
Sei besser als von Stein. 

Er spricht zu seinem Freunde: Ja. 
Der geht tmd holt sie her. 
Er glühte schon, eh er sie sah. 
Jetzt glüht er zweimal mehr. 

Er atmet tief, sein Herze schlug 
Er eilt, und ohne Trau 
Nimmt er — man ist nicht immer klug- 
Nimmt er sie sich zur Frau. 



4a LYRISCHE DICHTUNGEN 

Flieht, Freunde, ja die Liebe nicht, 
Denn niemand flieht ihr Reich: 
Und wenn euch Amor einmal kriegt, 
Dann ist es aus mit euch. 

Wer wild ist, alle Mädchen flieht. 
Sich unempfindlich glaubt. 
Dem ist, wenn er ein Mädchen sieht. 
Das Herze gleich geraubt. 

Drum seht oft Mädchen, küsset sie, 
Und liebt sie auch wohl gar. 
Gewöhnt euch dran, und werdet nie 
Ein Tor, wie jener war. 

Nun, lieben Freunde, merkt euch dies, 
Und folget mir genau; 
Sonst straft euch Amor ganz gewiß, 
Und gibt euch eine Frau. 



V 



KUNST, DIE SPRÖDEN ZU FANGEN 
Erste Erzählung 

ERZWEIFELT nicht, ihr Jünglinge, wenn eure Mäd- 
chen spröde sind. Niemals hat noch die Kälte der 
mütterlichen Lehren ein weibliches Herze so zu Eise ge- 
härtet, daß es der alles erwärmende Hauch der Liebe nicht 
hätte zerschmelzen sollen. 

Hört, was mir mein Freund erzählte, dem ich sonst viel 
glaube. 

Ich liebte ein Mädchen recht feurig, recht zärtlich; aber 
sie floh die Jünglinge und die Liebe, weil ihr die Mutter 
die Jünglinge und die Liebe sehr fürchterlich gemalt hatte. 
Das schreckte mich nicht ab, es machte mich nur behutsam. 

Ich sehs, du kennst sie nicht, die Liebe, 
dacht ich, 

Denn wer sie kennt, der flieht sie nicht. 
Wie leicht wirds sein, dich zu entzünden, 



1765/8 LEIPZIG 43 

Da du so unerfahren bist? 

Die Liebe sollst du bald empfinden, 

Und sollst nicht wissen, daß sies ist. 

Wenn ich sie im Haine antraf, redete ich sie ganz trocken 
an. Meine Kälte betrog sie, daß sie nicht floh und mit 
sich reden ließ. Ich sagte ihr viel von erhabnen Empfin- 
dungen, die ich Freundschaft nannte; leicht gewann ich 
da ihre Vertraulichkeit. 

Dem Mädchen ward nebst andern Gaben 
Viel feuriges Gefühl geschenkt. 
Da meints, es denke gleich erhaben. 
Da es doch nichts als feurig denkt. 

Ich ward ihr Freund, sie meine Freundin. Mein Umgang 
fing an ihr täglich weniger gleichgültig zu werden. Sie 
freuete sich, wenn ich kam, und betrübte sich, wenn ich 

ging- 

Was bei des Jünglings Blicken 
Ein jedes Mädchen fühlt, 
War das, was mit Entzücken 
Sie nur für Freundschaft hielt. 

Ich war oft mit ihr alleine gewesen, doch hatte ich es 
nicht wagen dürfen, die Lehren der Mutter mit Gewalt 
anzugreifen. Nach imd nach suchte ich sie mit List zu 
untergraben. Seit einiger Zeit war ich ihr Lehrer gewor- 
den, hatte sie viel Gutes gelehrt; imd dem Liebhaber glaubt 
ein Mädchen immer mehr, als der Mutter. Da fing sie an 
zu zweifeln, ob auch die Mutter immer möchte wahr ge- 
redet haben. Das merkte ich, imd wußte ihre Zweifel zu 
nähren. 

Einst saß sie meinen Lehren 

Aufmerksam zuzuhören; 

Da sprach ich: Du mußt wissen, 

Daß auch die Freunde küssen, 

Die Freunde so wie ich und du— 

Ich wagt es — und sie ließ es zu. 

Da ich den ersten so leicht erhalten hatte, konnte ich noch 
eher auf den zweeten hofifen. 



44 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Nie schmeckt ein Mädchen einen Kuß, 

Die sich nicht nach dem zweeten sehnte. 

Oft wiederholt ich meinen Kuß, 

Daß sie sich bald daran gewöhnte. 

Wenn ich sie sah und sie nicht küßte, 

Sprach gleich ihr Blick, daß sie etwas vermißte. 

Der glückliche Fortgang meiner Eroberungen machte mich 
stolz, und wer stolz ist, ist kühn. 

So schwer ists nicht, wie ich geglaubt, 
Dem Mädchen eine Gunst zu rauben; 
Hat sie uns nur erst eins erlaubt. 
Das andre wird sie schon erlauben. 

Sobald ich sie wiedersah, redete ich feuriger, küßte ich 
sie feuriger als sonst. Ich sah, daß sie bewegt ward. 

Da wagt's mein Arm, sie zu umschließen. 
Sie ließ es zu. 

Da wagt's mein Mund, die weiße Brust zu küssen. 
• Sie ließ es zu. 
Doch eilends sprang sie auf. Dich werd ich fliehen 

müssen, 
Gefährlicher! rief sie, und ließ nichts weiter zu, 
Und floh. So weit gelang mir mein Bemühen. 
Ich folg ihr langsam, da sie flieht; 
Denn eher wird sie bei dem Fliehen, 
Als ich bei dem Verfolgen müd. 

Zwote Erzählung 

ES ist kein Mädchen so listig, so vorsichtig, das nicht von 
einem listigen Jünglinge könnte gefangen werden. Hört, 
wie es Charlotten erging. Charlotte, ein weises Mädchen, 
die wohl wußte, warum die Jünglinge zu fürchten waren, 
liebte mich recht zärtlich, aber mehr noch sich selbst. 
Drum war sie immer zurückhaltend, immer streng gegen 
mich, wie es meine Annette jetzt ist, wenn sie ihre Mutter 
beobachtet. Wäre sie ganz klug gewesen, so hätte sie 
mich ganz gemieden; doch sie war zu dieser Tat zu sehr 
Mädchen. 



1765/8 LEIPZIG 45 

Oft fuhrt ich sie zum Haine, 
Und war mit ihr alleine, 
O wie war ich erfreut! 
Ist je ein Paar alleine, 
Ist Amor niemals weit. 

Einst saßen wir unter dem Schatten einer überhangenden 
Myrte, ein Becher mit Weine und ein Körbchen mit 
Obst stand vor uns; wir redeten von Freundschaft. Schnell 
flog Amor aus einer jungen Rose heraus, die, halb auf- 
geblüht, wie ein Mädchen von fünfzehn Jahren, sich die 
Myrte hinau^eschlungen hatte. Ich sah ihn, das Mäd- 
chen nicht. Wie freuete ich mich, da ich seinen Bogen 
gespannt und seinen Köcher gefüllt sah. Nun wird er mir 
helfen und einen Pfeil auf ihre Brust schicken; er wird 
nicht abspringen, der spitzige Pfeil! 

Du brauchst nicht scharf zu zielen, 
Die Brust ist ohnbewehrt. 
Ich hab ihr, wie im Spielen, 
Gar manches schon gelehrt, 
Was, ohne sich zu fühlen, 
Kein junges Mädchen hört. 

Aber er bleibt doch immer ein Kind, Amor. Kaum sah 
er die Trauben, als er schnell hinflog, eine Beerenach 
der andern mit einem Pfeile aufstach und aussog, wie die 
Bienen ihren Stachel in die Blumen stechen und Honig 
saugen. Da er sich satt gesogen hatte, ward er mutwillig, 
flog auf den Becher und schaukelte auf dem Rande. Aber 
einmal versah ers, der gute Amor, und fiel mit einem lau- 
ten Schrei in den Wein. Possierlich schwamm er auf dem 
goldnen Meere, plätscherte mit den Flügeln, ruderte mit 
Händen imd Füßen, und schrie inuner. Da jammerte er 
mich, daß ich ihn heraushub. Was machst du, ftagte das 
Mädchen — Eine Biene war in den Wein gefallen, sagt ich. 
Freudig dankte mir Amor, und hüpfte in den Sonnenschein, 
da schüttelte er seine Flügel und trocknete sich. Ich sah 
ihm zu, und bemerkte, daß sein Köcher von Pfeilen leer 
war. Wo sind sie? dacht ich — Indem fielen meine Blicke 



46 LYRISCHE DICHTUNGEN 

auf den Becher; da zogen sich Bläschen vom Boden her- 
auf, wie sie der Wein aus dem Zucker zieht. Amor hatte 
die Pfeile im Schwimmen verloren, und nun sog der Wein 
das Gift aus den Spitzen. Ich habe deiner Hülfe nicht mehr 
nötig, Amor! — ^jauchzete ich, und reichte ihr den Becher, 
und sah starr auf sie. Sie trank, und sah mich an, und 
trank mit starken Zügen. Wie süße! seufzete sie tief, da 
sie den Becher niedersetzte. Ich beobachtete sie genau; eine 
sanfte Mattigkeit schlich durch alle ihre Glieder. 

Und kraftlos sank ihr Haupt zurücke. 

Erst irrten unbestimmt die Blicke 

Umher, und fielen dann auf mich, 

Und eilten weg, und kamen wieder. 

Sie lächelte und schlug die Augen nieder^ 

Ihr fühlbar Herz empörte sich, 

Und schickte brennendes Verlangen 

In ihren Busen, auf die Wangen, 

Die Wangen glühten, und der Busen stieg. 

Da rief ich: Sieg! Sieg, Amor, Sieg! 

Und der kleine getrocknete Prahler, als wenn er noch so 
viel bei der Sache getan hätte, 

Rief, als er in die Lüfte stieg: 
Sieg! Sieg! 

TRIUMPH DER TUGEND 

Erste Erzählung 

VON stiller Wollust eingeladen 
Drang in den Tempel der Dryaden 
Mit seinem Mädchen Daphnis ein, 
Um zärtlich ohnbemerkt zu sein. 
Des Taxus Nacht umgab den Fuß der Eichen, 
Nur Vögel hüpften auf den Zweigen, 
Rings um sie her lag feierliches Schweigen, 
Als wären sie auf dieser Welt allein. 

Sie saßen tändelnd in dem Kühlen. 

Allein, dem Herzen nah, das uns so zärtlich liebt — 



1765/8 LEIPZIG 47 

Wem Amor solch ein Glücke gibt, 
Wird der nicht mehr als sonsten fühlen? 
Und unser Paar fing bald an mehr zu fühlen. 

Des Mädchens zärtlich Herz lag ganz in ihrem Blicke, 
Halblächelnd nennt sie ihn ihr bestes größtes Glücke. 
Sein Herz, von heißem Blut erfüllt, 
Drückt sich an ihrs, läßt nach, drückt wieder; 
Und wenn das Blut einmal von Liebe schwillt, 
Reißt es gar leicht der Ehrfurcht Grenzen nieder. 

Könnt Daphnis wohl dem Reiz des Busens widerstehn? 

Bei jedem Kuß durchglüht ihn neues Feuer, 

Bei jedem Kusse ward er fi-eier. 

Und sie — und sie — ließ es geschehn. 

Der Schäfer fühlt ein taumelndes Elntzücken, 

Und da sie schweigt, da jetzt in ihren Blicken 

Anstatt der Munterkeit ein sanfter Kummer liegt, 

Glaubt er sie auf dem Grad von feurigem Entzücken, 

Wo man die Mädchen leicht besiegt. 

Sie war an seine Brust gesunken, 
Und er, zuletzt von WoUust trunken, 
Erbat sich, Amor, Sieg von dir. 
Doch schnell entriß sie sich den Armen, 
Die sie umfaßten: Aus Erbarmen, 
Rief sie, komm, eile weg von hier. 
Bestürzt und zitternd folgt er ihr. 

Da sprach sie zärtlich: Laß nicht mehr 
Dich die Gelegenheit verfuhren; 
O Freund, ich liebe dich zu sehr, 
Um dich unwürdig zu verlieren. 



Zwott Erzählung 

ICH fand mein Mädchen einst allein 
Am Abend so, wie ich sie selten finde. 
Entkleidet sah ich sie; dem guten Kinde 
Fiel es nicht ein, 



48 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Daß ich so nahe bei ihr sein, 

Neugierig sie betrachten könnte. 

Was sie mir nie zu sehn vergönnte, 

Des Busens volle Blüten wies 

Sie dem verschwiegnen kalten Spiegel, ließ 

Das Haar geteilt von ihrem Scheitel fallen, 

Wie Rosenzweig' um Klnospen, um den Busen wallen. 

Ganz außer mir vom niegefundnen Glück 

Sprang ich hervor. Jedoch wie schmollte 

Sie, da ich sie umarmen wollte. 

Zorn sprach ihr furchtsam wilder Blick, 

Die eine Hand stieß mich zurück, 

Die andre deckte das, was ich nicht sehen sollte. 

Geh, rief sie, soll ich deine Kühnheit dir 

Verzeihen; eile weg von hier. 

Ich, fliehn? Von heißer Glut durchdrungen— 

Ohnmöglich — Diese schöne Zeit 

Von sich zu stoßen! Die Gelegenheit 

Kömmt nicht so leicht zurück. Voll Zärtlichkeit 

Den Arm vmi ihren Hals gezwungen, stand 

Ich neben ihrem Sessel, meine warme Hand 

Auf ihrem heißen Busen, den zuvor 

Sie nie berühret. Hoch empor 

Stieg er und trug die Hand mit sich empor. 

Dann sank mit einem tiefen Atemzug er wieder, 

Und zog die Hand mit sich hernieder. 

So stand Dianens Jäger mutig da, 

Triumph gen Himmel hauchend, als er sah, 

Was ungestraft kein Sterblicher noch sah. 

Mein Mädchen schwieg, tmd sah mich an; ein Zeichen, 

Die Grausamkeit fing' an sich zu erweichen. 

Geschmolzen durch die Fühlbarkeit. 

O Mädchen, soll mit listgen Streichen 

Kein Jüngling seinen Zweck erreichen. 

So müßt ihr niemals ruhig schweigen. 

Wenn ihr mit ihm alleine seid. 



1765/8 LEIPZIG 49 

Mein Arm umschlang mit angestrengten Sehnen 
Die weiche Hüfte. Fast — fast — doch des Sieges Lauf 
Hielt schnell ein glühnder Strom von Tränen 
Unwiderstehlich auf. 

Sie stürzt mir um den Hals, rief schluchzend: Rette 

Mich Unglückselige, die niemand retten kann 

Als du, Geliebter. Gott! ach hätte 

Dir nie dies Herz gebrannt! Ich sah dich, da begann 

Mein Elend; bald, bald ists vollendet. 

O Mutter, welchen Lohn 

Gab ich den treuen Lehren, die du mir verschwendet, 

Dies Herz zu bilden! Miißte sich dein Drohn 

So fürchterlich erfüllen: 

Würd ich eine Tat 

Vor dir verhüllen, 

Deinen Rat 

Verachten, selbst mich weise dünken, 

Würd ich versinken. 

Ich sinke schon; o rette mich! — 

Sei stark^mein Freund, o rette dich! 

Wir beide sind verloren — Freund, Erbarmenl 

Noch hielt ich sie in meinen Armen. 

Sie sah voll Angst rings um sich her. 

Wie Wellen auf dem Meer, 

Dess Grund erbebte, schlug die Brust, dem Mimde 

Entrauscht' ein Sturm. Sie seufzte: Unschuld— ach wie klang 

Dies Wort so lieblich, wenn in mittemächtger Stunde 

An meinem Haupt es mir mein Engel sang. 

Jetzt rauschts wie ein Gewitterton vorüber, 

Sie riefs. Es ward ihr Auge trüber, 

Sah stemenan. Sie betet: Sieh 

Aus deiner Unschuldswohnung, Herr, auf mich herüber. 

Erbarme dich! Entzieh 

Der reißenden Gefahr mich. Du 

Vermagsts allein; der ist zu schwach dazu. 

Der Mensch, zu dem ich vor dir betete. 

GOETHE XIV 4. 



50 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Naht euch, Verführer, deren Wange nie 

Von heiigem Graun errötete. 

Wenn eure Hand gefühllos, wie 

Die Schnitter Blumen, Unschuld tötete, 

Und euer Siegerfuß, darüber tretend, sie 

Durch Hohn zum zweiten Male tötete, 

Naht euch. Betrachtet hie 

Der Vielgeliebten Tränen rollen; 

Hört ihre Seufzer, hört die feuervollen 

Gebete. Wehe dem, der dann 

Noch einen Wunsch zu ihrem Elend wollen. 

Noch einen Schritt zum Raube wagen kann! 

Es sank mein Arm, aus ihm zur Erd sie nieder. 
Ich betet, weint, und riß mich los und floh. 

Den nächsten Tag fand ich sie wieder 
Bei ihrer Mutter, als sie froh 
Der freudbetränten Mutter Unschuldslieder 
Mit Engelstimmen sang. 

O Gott, wie drang ein Wonnestrahl durchs Herz mir! Nieder 

Zur Erde blickend stand 

Ich da. Sie faßt' mich bei der Hand, 

Führt' mich vertraulich auf die Seite, 

Und sprach: Dank es dem harten Streite, 

Daß du zur Sonn unschuldig blickst. 

Beim Anblick jener Heilgen nicht erschrickst, 

Mich nicht verachtend von dir schickst, 

Freimd, dieses ist der Tugend Lohn; 

O, wärst du gestern tränend nicht entflohn, 

Du sähst mich heute 

Und ewig nie mit Freude. 

AN EINEN JUNGEN PRAHLER 

DIR hat, wie du mir selbst erzählt, 
Es nie an Phillis Gunst gefehlt. 
Du sprichst, dir hab sie viel erlaubt. 
Und du ihr noch weit mehr geraubt. 
Doch jetzt kommt sie, es wird sehr viel davon gesprochen, 



1765/8 LEIPZIG 51 

In wenig Tagen in die Wochen. 

Was könnte nun vom Argwohn dich befrein, 

Der Vater dieses Kinds zu sein? 

Wärst du nicht gar zu klein! 

MADRIGAL 

MEIN Mädchen sagte mir: Wie schön 
Ist nicht Olind! ich hab ihn heut gesehn, 
Lang sah ich ihn bewundernd an; 
Wer hätt ihn nicht bewundern sollen? 
Geliebter, du wirst doch nicht schmollen, 
Daß ichs getan? 

Ich sprach: Mein Herz fühlt nichts vom Neide, 
Was auch dein Mund für Lob der Schönheit gibt; 
Denn liebtest du die schönen Leute, 
Sprich, hättest du mich je geliebt? 

ELEGIE 

AUF DEN TOD DES BRUDERS MEINES FREUNDES 

IM düstem Wald, auf der gespaltnen Eiche, 
Die einst der Donner hingestreckt. 
Sing ich um deines Bruders Leiche, 
Die fem von uns ein fremdes Grab bedeckt. 

Nah schon dem Herbste seiner Jahre, 
Hofft' er getrost der Taten Lohn; 
Doch vmaufhaltsam trug die Bahre 
Ihn schnell davon. 

Du weinest nicht? — Dir nahm ein langes Scheiden 
Die Hoffnung, ihn hier noch einmal zu sehn. 
Gott ließ vor dir ihn zu dem Himmel gehn; 
Du sahsts, und konntest nichts als ihn beneiden. 

Doch horch— welch eine Stimm voll Schmerz 
Tönt in mein Ohr von seinem Grabe? 
Ich eil, ich seh, sie ists! Ihr Herz 
Liegt mit in seinem Grabe. 

Verlassen, ohne Trost liegt hie, 
Mit ängstlicher Gebärde 



52 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Zu Gott gekehrt, als hoffte sie, 
Das schönste Mädchen an der Erde. 

Nie hat ein Herz so viel gelitten, 
Herr, sieh herab auf ihre Not, 
Und schenke gnädig ihren Bitten 
Sein Leben, oder ihren Tod. 

O Gott, bestrafest du die Liebe, 
Du Wesen voller Lieb und Huld? 
Denn nichts als eine heiige Liebe 
War dieser Unglückseigen Schuld. 

Sie hofft im hochzeitlichen Kleide 
Bald mit ihm zum Altar zu ziehn; 
Da riß sein Fürst von ihrer Seite 
Tyrannisch ihn. 

O Fürst, du kannst die Menschen zwingen, 
Für dich allein ihr Leben zuzubringen, 
Das wird man deinem Stolz verzeihn; 
Doch willst du ihre Seelen binden, 
Durch dich zu denken, zu empfinden, 
Das muß zu Gott um Rache schrein. 

Wie ward sein großes Herz durchstochen, 
Als er, der nie sein Wort gebrochen, 
Sein Wort zum ersten Male brach. 
Zum erstenmal es der Geliebten brach, 
Der, eh es noch sein Mund versprach, 
Sein Herz ein ewig Band versprochen. 

Als Bürger der bedrängten Erde, 

Sprach er, kann ich nie deine sein; 

Doch von der Furcht, daß ich dir untreu werde, 

Soll dich mein Tod befrein. 

Leb wohl, es wein bei meinem Grabe 

Jed zärtlich Herz gerührt von meiner Treu, 

Dann eil die stolze Tyrannei, 

Der ich schon längst vergeben habe, 

Daß sie des Grabes Ursach sei. 

Unwillig fühlend, schnell vorbei. 



I 



1765/8 LEIPZIG 53 

ODE AN HERRN PROFESSOR ZACHARIAE 



SCHON wälzen schnelle Räder rasselnd sich und tragen 
Dich von dem unbedaurten Ort, 
Und angekettet fest an deinem Wagen 
Die Freude mit dir fort. 

Du bist uns kaum entwichen, und schwermütig ziehen 
Aus dumpfen Höhlen (denn dahin 
Flohn sie bei deiner Ankunft, wie für'm Glühen 
Der Sonne Nebel fliehn) 

Verdruß und Langeweile. Wie die Stymphaliden 
Umschwärmen sie den Tisch, imd sprühn 
Von ihren Fittichen Gift unserm Frieden 
Auf alle Speisen hin. 

Wo ist sie zu verscheuchen unser gütger Retter, 
Der Venus vielgeliebter Sohn, 
Apollos Liebling, Liebling aller Götter? 
Bebt! Er ist uns entflohn. 

O gab er mir die Stärke, seine mächtge Leier 
Zu schlagen, die Apoll ihm gab; 
Ich rührte sie, dann flöhn die Ungeheuer 
Erschröckt zur HöU hinab. 

O leih mir, Sohn der Maja, deiner Ferse Schwingen, 

Die du sonst Sterblichen geliehn; 

Sie reißen mich aus diesem Elend, bringen 

Mich nach der Ocker hin. 

Dann folg ich ohnerwartet einstens ihm am Flusse; 

Jedoch so wenig staunet er. 

Als ging' ihm, angeheftet seinem Fuße, 

Sein Schatten hinterher. 

Von ihm dann unzertrennlich wärmt den jungen Busen 

Der Glanz, der glorreich ihn imigibt. 

Er liebet mich, dann lieben mich die Musen, 

Weil mich ihr Liebling liebt. 



54 LYRISCHE DICHTUNGEN 

[An Caroline $chulze] 
[Von Goethe?] 

Odu, die in dem Heiligtum .pj 

Der Grazien verdient zu glänzen, ^ 

Auch ohngebeten krönt der Ruhm 
Dich mit den besten Kränzen; 
Doch soll des Lobes Melodie 
Dir immer gleich erschallen, 
So gib dir nicht vergebne Müh, 
Durch Tanzen zu gefallen. 



[Aus einem Briefe an seine Schwester] 

VON kalten Weisen rings umgeben 
Sing ich, was heiße Liebe sei; 
Ich sing vom süßen Saft der Reben, 
Und Wasser trink ich oft dabei. 
* 

EN fait d'amour un favori des Muses 
Est un astre, vers qui le sentiment humain 
Dresseroit d'ici bas son tdlescope en vain. 
Sa Sphäre est au-dessus de toute intelligence, 
L'illusion nous frappe autant que l'existence, . 
Et par le sentiment suffisamment heureux. 
De l'amour seulement nous sommes amoureux. 
Ainsi le fantastique a droit sur notre hommage, 
Et nos feux pour objet ne veulent qu'une image. 

Oui, nous l'aimons avec autant de voluptd, 

Que le vulgaire en trouve ä la rdalitd, 

La rdalitd m^me est moins satisfaisante. 

Sous une m^me forme eile se reprdsente. 

Mais une Iris en l'air en prend mille en un jour, 

Et la mienne est bergere et Nymphe tour ä tour. 

Brune ou blonde, coqu?tte ou prüde, fiUe ou veuve, 

Et, comme tu crois bien, fid^le ä toute dpreuve. 



1765/8 LEIPZIG 55 

An meine Mutter 

Obgleich kein Gruß, obgleich kein Brief von mir 
So lang dir kömmt, laß keinen Zweifel doch 
Ins Herz, als war die Zärtlichkeit des Sohns, 
Die ich dir schuldig bin, aus meiner Brust 
Entwichen. Nein, so wenig als der Fels, 
Der tief im Fluß vor ewgem Anker liegt, 
Aus seiner Stätte weicht, obwohl die Flut 
Mit stürmschen Wellen bald, mit sanften bald 
Darüber fließt und ihn dem Aug entreißt. 
So wenig weicht die Zärtlichkeit für dich 
Aus meiner Brust, obgleich des Lebens Strom, 
Vom Schmerz gepeitscht, bald stürmend drüber fließt, 
Und von der Freude bald gestreichelt, still 
Sie deckt, tmd sie verhindert, daß sie nicht 
Ihr Haupt der Sonne zeigt und ringsumher 
Zurückgeworfne Strahlen trägt und dir 
Bei jedem Blicke zeigt, wie dich dein Sohn verehrt. 



AN ANNETTEN 

ES nannten ihre Bücher 
Die Alten sonst nach Göttern, 
Nach Musen und nach Freunden, 
Doch keiner nach der Liebsten; 
Warum sollt ich, Annette, 
Die du mir Gottheit, Muse 
Und Freund mir bist und alles, 
Dies Buch nicht auch nach deinem 
Geliebten Namen nennen? 



AN MEINE LIEDER 

SEID, geliebte kleine Lieder, 
Zeugen meiner Fröhlichkeit; 
Ach, sie kömmt gewiß nicht wieder, 
Dieser Tage Frühlingszeit. 



56 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Bald entflieht der Freund der Scherze, 
Er, dem ich euch sang, mein Freund. 
Ach, daß auch vielleicht dies Herze 
Bald um meine Liebste weint! 

Doch, wenn nach der Trennung Leiden 
Einst auf euch ihr Auge blickt, 
Dann erinnert sie der Freuden, 
Die uns sonst vereint erquickt. 

AN DEN KUCHENBÄCKER HÄNDEL 

O Händel, dessen Ruhm vom Süd zum Norden reicht, 
Vernimm den Päan, der zu deinen Ohren steigt! 
Du bäckst, was Gallier und Briten emsig suchen, 
Mit schöpfrischem Genie, originelle Kuchen. 
Des Kaffees Ozean, der sich vor dir ergießt, 
Ist süßer als der Saft, der vom Hymettus fließt. 
Dein Haus, ein Monument, wie wir den Künsten lohnen, 
Umhangen mit Trophän, erzählt den Nationen: 
Auch ohne Diadem fand Händel hier sein Glück, 
Und raubte dem Kothurn gar manch Achtgroschenstück. 
Glänzt deine Um dereinst in majestätschem Pompe, 
Dann weint der Patriot an deiner Katakombe. 
Doch leb! dein Toms sei von edler Bmt ein Nest. 
Steh hoch wie der Olymp, wie der Pamassus fest! 
Kein Phalanx Griechenlands mit römischen Ballisten 
Vermög Germanien und Händeln zu verwüsten. 
Dein Wohl ist unser Stolz, dein Leiden imser Schmerz, 
Und Händeis Tempel ist der Musensöhne Herz. 

BRAUTNACHT 

IM Schlafgemach, entfemt vom Feste, 
Sitzt Amor dir getreu und bebt. 
Daß nicht die List mutwillger Gäste 
Des Brautbetts Frieden untergräbt. 
Es blinkt mit mystisch heiigem Schimmer 
Vor ihm der Flammen blasses Gold, 
Ein Weihrauchswirbel füllt das Zimmer, 
Damit ihr recht genießen sollt. 



1765/8 LEIPZIG 57 

Wie schlägt dein Herz beim Schlag der Stunde, 

Der deiner Gäste Lärm verjagt, 

Wie glühst du nach dem schönen Munde, 

Der bald verstummt und nichts versagt. 

Du eilst, um alles zu vollenden, 

Mit ihr ins Heiligtum hinein; 

Das Feuer in des Wächters Händen 

Wird wie ein Nachtlicht still und klein. 

Wie bebt vor deiner Küsse Menge 
Ihr Busen und ihr voll Gesicht; 
Zum Zittern wird nun ihre Strenge, 
Denn deine Kühnheit wird ztu: Pflicht. 
Schnell hilft dir Amor sie entkleiden 
Und ist nicht halb so schnell als du; 
Dann hält er schalkhaft imd bescheiden 
Sich fest die beiden Augen zu. 



LE VfiRITABLE AMI 

VA te sdvrer des baisers de ta belle, 
Me dit un jour l'ami; par son air s^duisant, 
Ses yeux persans, par son teint eclatant, 
Sa taille mince, son langage amüsant 
Elle te pourroit bien deranger la cervelle; 
Fuis de cette beaute le dangereux amourl 
Mais pour te faire voir ä quel degrd je t'aime, 
Je veux t'öter tout espoir du retour 
En m'en faisant aimer moi-meme. 



DREI ODEN AN MEINEN FREUND BEHRISCH 

Erste Ode 
"ERPFLANZE den schönen Baum. 



v; 



Gärtner, er jammert mich. 
Glücklicheres Erdreich 
Verdiente der Stamm. 



58 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Noch hat seiner Natur Kraft 
Der Erde aussaugendem Geize, 
Der Luft verderbender Fäulnis, 
Ein Gegengift, widerstanden. 

Sieh, wie er im Frühling 
Lichtgrüne Blätter schlägt, 
Ihr Orangenduft 
Ist dem Geschmeiße Gift. 

Der Raupen tückischer Zahn 
Wird stumpf an ihnen, 
Es blinkt ihr Silberglanz 
Im Sonnenscheine. 

Von seinen Zweigen 
Wünscht das Mädchen 
Im Brautkranze, 
Früchte hoffen Jünglinge. 

Aber sieh, der Herbst kömmt, 
Da geht die Raupe, 
Klagt der listigen Spinne 
Des Baums Unverwelklichkeit. 

Schwebend zieht sich 
Von ihrer Taxuswohnung 
Die Prachtfeindin herüber 
Zum wohltätigen Baume 

Und kann nicht schaden. 
Aber die Vielkünstliche 
Überzieht mit grauem Ekel 
Die Silberblätter, 

Sieht triumphierend, 

Wie das Mädchen schaurend, 

Der Jüngling jammernd 

Vorübergeht. 



1765/8 LEIPZIG 59 

Verpflanze den schönen Baum, 
Gärtner, er jammert mich. 
Baum, danke dem Gärtner, 
Der dich verpflanzt! 

Zwote Ode 

DU gehst! Ich murre. 
Geh! Laß mich murren. 
Ehrlicher Mann, 
Fliehe dieses Land. 

Tote Sümpfe, 
Dampfende Oktobernebel 
Verweben ihre Ausflüsse 
Hier unzertrennlich. 

Gebärort 

Schädlicher Insekten, 
Mördeihülle 
Ihrer Bosheit. 

Am schilfichten Ufer 
Liegt die wollüstige, 
Flammengezüngte Schlange, 
Gestreichelt vom Sonnenstrahl. 

Fliehe sanfte Nachtgänge 
In der Mondendämmerung, 
Dort halten zuckende Kröten 
Zusammenkünfte auf Kreuzwegen. 

Schaden sie nicht, 
Werden sie schrecken. 
Ehrlicher Mann, 
Fliehe dieses Land! 

Dritte Ode 

SEI gefühllos! 
Ein leichtbewegtes Herz 
Ist ein elend Gut 
Auf der wankenden Erde. 



6o LYRISCHE DICHTUNGEN 

Behrisch, des Frühlings Lächeln 
Erheitre deine Stime nie; 
Nie trübt sie dann mit Verdruß 
Des Winters stürmischer Ernst. 

Lehne dich nie an des Mädchens 
Sorgenverwiegende Brust, 
Nie auf des Freundes 
Elendtragenden Arm. 

Schon versammelt 

Von seiner Klippenwarte 

Der Neid auf dich 

Den ganzen luchsgleichen Blick, 

Dehnt die Klauen, 
Stürzt und schlägt 
Hinterlistig sie 
Dir in die Schultern. 

Stark sind die magern Arme, 
Wie Pantherarme; 
Er schüttelt dich 
Und reißt dich los. 

Tod ist Trennung, 
Dreifacher Tod 
Trennung ohne Hoffnung, 
Wiederzusehn. 

Gerne verließest du 
Dieses gehaßte Land, 
Hielte dich nicht Freundschaft 
Mit Blumenfesseln an mir. 

Zerreiß sie! Ich klage nicht. 
Kein edler Freimd 
Hält den Mitgefangnen, 
Der fliehn kann, zurück. 

Der Gedanke 

Von des Freundes Freiheit 

Ist ihm Freiheit 

Im Kerker. 



1765/8 LEIPZIG 61 

Du gehst, ich bleibe. 

Aber schon drehen 

Des letzten Jahrs Flügelspeichen 

Sich lim die rauchende Achse. 

Ich zähle die Schläge 

Des donnernden Rads, 

Segne den letzten, 

Da springen die Riegel, frei bin ich wie du. 



DER WAHRE GENUSS 

UMSONST, daß du, ein Herz zu lenken, 
Des Mädchens Schoß mit Golde füllst. 
O Fürst, laß dir die Wollust schenken, 
Wenn du sie wahr empfinden willst. 
Gold kauft die Zimge ganzer Haufen, 
Kein einzig Herz erwirbt es dir; 
Doch willst du eine Tugend kaufen, 
So geh und gib dein Herz dafür. 

Was ist die I.ust, die in den Armen 
Der Buhlerin die Wollust schafft? 
Du wärst ein Vorwiu-f zum Erbarmen, 
Ein Tor, wärst du nicht lasterhaft. 
Sie küsset dich aus feilem Triebe, 
Und Glut nach Gold füllt ihr Gesicht. 
Unglücklicher! Du fühlst nicht Liebe, 
Sogar die Wollust fühlst du nicht. 

Sei ohne Tugend, doch verliere 
Den Vorzug eines Menschen nie! 
Denn Wollust fühlen alle Tiere, 
Der Mensch allein verfeinert sie. 
Laß dich die Lehren nicht verdrießen, 
Sie hindern dich nicht am Genuß, 
Sie lehren dich, wie man genießen 
Und Wollust würdig fühlen muß. 



62 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Soll dich kein heilig Band umgeben, 
O Jüngling, schränke selbst dich ein. 
Man kann in wahrer Freiheit leben, 
Und doch nicht ungebunden sein. 
Laß nur für Eine dich entzünden, 
Und ist ihr Herz von Liebe voll, 
So laß die Zärtlichkeit dich binden. 
Wenn dich die Pflicht nicht binden soll. 

Empfinde, Jüngling, und dann wähle 
Ein Mädchen dir, sie wähle dich. 
Von Körper schön imd schön von Seele, 
Und dann bist du beglückt wie ich! 
Ich, der ich diese Kunst verstehe. 
Ich habe mir ein Kind gewählt, 
Daß uns zum Glück der schönsten Ehe 
Allein des Priesters Segen fehlt. 

Für nichts besorgt als meine Freude, 
Für mich nur schön zu sein bemüht, 
Wollüstig nur an meiner Seite, 
Und sittsam, wenn die Welt sie sieht. 
Daß unsrer Glut die Zeit nicht schade, 
Räumt sie kein Recht aus Schwachheit ein, 
Und ihre Gunst bleibt immer Gnade, 
Und ich muß immer dankbar sein. 

Ich bin genügsam tmd genieße 
Schon da, wenn sie mir zärtlich lacht. 
Wenn sie beim Tisch des Liebsten Füße 
Ziun Schemel ihrer Füße macht, 
Den Apfel, den sie angebissen. 
Das Glas, woraus sie trank, mir reicht 
Und mir, bei halbgeraubten Küssen, 
Den sonst verdeckten Busen zeigt. 

Wenn in gesellschaftlicher Stunde 
Sie einst mit mir von Liebe spricht, 
Wünsch ich nur Worte von dem Munde, 
Nur Worte, Küsse wünsch ich nicht. 



1765/8 LEIPZIG 63 

Welch ein Verstand, der sie beseelet, 
Mit immer neuem Reiz umgibt! 
Sie ist vollkommen, imd sie fehlet 
Darin allein, daß sie mich liebt. 

Die Ehrfurcht wirft mich ihr zu Füßen, 
Die Wollust mich an ihre Brust. 
Sieh, Jünghng, dieses heißt genießen! 
Sei klug imd suche diese Lust. 
Der Tod führt einst von ihrer Seite 
Dich auf zmn englischen Gesang, 
Dich zu des Paradieses Freude, 
Und du fühlst keinen Übergang. 

[An Corona Schröter] 
[Von Goethe?] 

UNWIDERSTEHLICH muß die Schöne uns entzücken, 
Die frommer Andacht Reize schmücken. 
Wenn jemand diesen Satz durch Zweifeln noch entehrt, 
So hat er dich niemals als Helena gehört. 

DIE SCHÖNE NACHT 

NUN verlass ich diese Hütte, 
Meiner Liebsten Aufenthalt, 
Wandle mit verhülltem Schritte 
Durch den öden finstern Wald. 
Luna bricht durch Busch und Eichen, 
Zephir meldet ihren Lauf, 
Und die Birken streim mit Neigen 
Ihr den süßten Weihrauch auf. 

Wie ergötz ich mich im Kühlen 
Dieser schönen Sommernacht! 
O wie still ist hier zu fühlen, 
Was die Seele glücklich macht! 
Läßt sich kaum die Wonne fassen! 
Und doch wollt ich, Himmel, dir 
Tausend solcher Nächte lassen, 
Gab mein Mädchen Eine mir. 



64 LYRISCHE DICHTUNGEN 
SCHADENFREUDE 

IN des Papillons Gestalt 
Flattr ich, nach den letzten Zügen, 
Zu den vielgeliebten Stellen, 
Zeugen himmlischer Vergnügen, 
Über Wiesen, an die Quellen, 
Um den Hügel, durch den Wald. 

Ich belausch ein zärtlich Paar, 
Von des schönen Mädchens Haupte 
Aus den Kränzen schau ich nieder. 
Alles, was der Tod mir raubte. 
Seh ich hier im Bilde wieder, 
Bin so glücklich, wie ich war. 

Sie umarmt ihn lächelnd stumm, 
Und sein Mund genießt der Stunde, 
Die ihm gütge Götter senden. 
Hüpft vom Busen zu dem Mimde, 
Von dem Munde zu den Händen, 
Und ich hüpf um ihn herum. 

Und sie sieht mich Schmetterling. 
Zitternd vor des Freunds Verlangen, 
Springt sie auf, da flieg ich ferne. 
''Liebster, komm, ihn einzufangen! 
Komm! ich hätt es gar zu gerne, 
Gern das kleine bunte Ding." 

AN VENUS 

GROSSE Venus, mächtge Göttin! 
Schöne Venus, hör mein Flehn. 
Nie hast du mich 
Über Krügen vor dem Bacchus 
Auf der Erden liegen sehn. 

Keinen Wein hab ich getrunken, 
Den mein Mädchen nicht gereicht, 
Nie getrunken. 

Daß ich nicht voll gütger Sorge 
Deine Rosen erst gesäugt. 



1765/8 LEIPZIG 

Und dann goß ich auf dies Herze, 
Das schon längst dein Altar ist, 
Von dem Becher 
Güldne Flammen, und ich glühte, 
Und mein Madchen ward geküßt. 

Dir allein empfand dies Herze, 
Göttin, gib mir einen Lohn. 
Aus dem Lethe 

Soll ich trinken, wenn ich sterbe. 
Ach, befreie mich davon. 

Laß mir, Gütige — dem Minos 
Seis an meinem Tod genung — 
Mein Gedächtnis! 
Denn es ist ein zweites Glücke 
Eines Glücks Eriimermig. 

GLÜCK UND TRAUM 

DU hast uns oft im Tratmi gesehen 
Zusammen zum Altare gehen, 
Und dich als Frau, imd mich als Mann. 
Oft nahm ich wachend deinem Munde 
In einer unbewachten Stunde, 
So viel man Küsse nehmen kann. 

Das reinste Glück, das wir empfunden 
Die Wollust mancher reichen Stunden 
Floh wie die Zeit mit dem Genuß. 
Was hilft es mir, daß ich genieße? 
Wie Träume fliehn die wärmsten Küsse, 
Und alle Freude wie ein Kuß. 



65 



WUNSCH EINES JUNGEN MÄDaiENS 

fände für mich 
Ein Bräutigam sich! 

Wie schön ists nicht da, 

Man nennt uns Mama. 



o 



GOETHE XIV s- 



66 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Da braucht man zum Nähen, 
Zur Schul nicht zu gehen; 
Da kann man befehlen, 
Hat Mägde, darf schmälen, 
Man wählt sich die Kleider, 
Nach Gusto den Schneider; 
Da läßt man spazieren, 
Auf Bälle sich führen, 
Und fragt nicht erst lange 
Papa imd Mama. 

DIE FREUDEN 

ES flattert um die Quelle 
Die wechselnde Libelle, 
Mich freut sie lange schon; 
Bald dunkel und bald helle. 
Wie der Chamäleon, 
Bald rot, bald blau, 
Bald blau, bald grün. 
O daß ich in der Nähe 
Doch ihre Farben sähe! 

Sie schwirrt und schwebet, rastet nie! 
Doch still, sie setzt sich an die Weiden. 
Da hab ich sie! Da hab ich sie! 
Und nun betracht ich sie genau. 
Und seh ein tramrig dunkles Blau — 

So geht es dir, Zergliedrer deiner Freuden! 

LIEBE UND TUGEND 

WENN einem Mädchen, das uns liebt, 
Die Mutter strenge Lehren gibt 
Von Tugend, Keuschheit und von Pflicht, 
Und unser Mädchen folgt ihr nicht 
Und fliegt mit neu verstärktem Triebe 
Zu unsem heißen Küssen hin, 
Da hat daran der Eigensinn 
So vielen Anteil als die Liebe. 



1765/8 LEIPZIG 67 

Doch wenn die Matter es erreidit. 
Daß sie das gute Herz erweicht, 
Voll Stolz anf ihre Lehren sieht. 
Daß ans das Mädchen spröde flieht, 
So kennt sie nicht das Herz der Jagend; 
Denn wenn das je ein Mädchen tut. 
So hat daran der Wankelmut 
Gewiß mehr Anteil als die Tugend. 

WECHSEL 

AUF Eäeseln im Badie da lieg ich, wie helle! 
Verbreite die Arme der kommenden WeUe, 
Und buhlerisch drückt sie die sehnende Brust; 
Dann fuhrt sie der Leichtsinn im Strome danieder, 
Es naht sich die zweite, sie streichelt mich wieden 
So fühl ich die Freuden der wechselnden Lust. 

Und doch, und so traurig, verschleiß du vergebens 

Die köstlichen Stunden des eilenden Lebens, 

Weil dich das geliebteste Mädchen vergißt! 

O ruf sie zurücke, die vorigen Zeiten! 

Es küßt sich so süße die Lippe der Zweiten, 

Als kaum sich die Lippe der Ersten geküßt. 

KINDERVERSTAND 

IN großen Städten lemoi früh 
Die jüngsten Knaben was; 
Denn manche Bücher lesen sie 
Und hören dies und das 
Vom Lieben und vom Küssen, 
Sie brauchtens m'cht zu wissen. 
Und mancher ist im zwölften Jahr 
Fast kliiger, als sein Vater war, 
Da er die Mutter nahm. 

Das Mädchen wünscht von Jugend auf 
Sich hochgeehrt zu sehn, 
Sie zieit sich klein und wächst herauf 
In Pracht und Assembleen. 



68 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Der Stolz verjagt die Triebe 

Der Wollust und der Liebe; 

Sie sinnt nur drauf, wie sie sich ziert, 

Ein Aug entzückt, ein Herze rührt, 

Und denkt ans andre nicht. 

Auf Dörfern siehts ganz anders aus, 

Da treibt die liebe Not 

Die Jungen auf das Feld hinaus 

Nach Arbeit und nach Brot. 

Wer von der Arbeit müde, 

Läßt gern den Mädchen Friede, 

Und wer noch obendrein nichts weiß. 

Der denkt an nichts, den macht nichts heiß; 

So gehts den Bauern meist. 

Die Bauermädchen aber sind 

In Ruhe mehr genährt, 

Und darum wünschen sie geschwind, 

Was jede Mutter wehrt. 

Oft stoßen schäkernd Bräute 

Den Bräutgam in die Seite; 

Denn von der Arbeit, die sie tun, 

Sich zu erholen, auszuruhn, 

Das können sie dabei. 

DER MISANTHROP 

A. 

ERST sitzt er eine Weile, 
Die Stirn von Wolken frei; 
Auf einmal kömmt in Eile 
Sein ganz Gesicht der Eule 
Verzerrtem Ernste bei. 

B. 

Sie fragen, was das sei? 
Lieb oder lange Weile? 

C. 

Ach, sie sinds alle zwei. 



1768-1770 FRANKFURT 



DIE LIEBE WIDER WILLEN 

ICH weiß es wohl und spotte viel: 
Ihr Mädchen seid voll Wankelmut! 
Ihr liebet, wie im Kartenspiel, 
Den David und den Alexander; 
Sie sind ja Forcen miteinander, 
Und die sind miteinander gut. 

Doch bin ich elend wie zuvor, 

Mit misanthropischem Gesicht, 

Der Liebe Sklav, ein armer Tor! 

Wie gern war ich sie los, die Schmerzen! 

Allein es sitzt zu tief im Herzen, 

Und Spott vertreibt die Liebe nicht. 



LEBENDIGES ANDENKEN 

DER Liebsten Band imd Schleife rauben^ 
Halb mag sie zürnen, halb erlauben. 
Euch ist es viel, ich will es glauben 
Und gönn euch solchen Selbstbetrug: 
Ein Schleier, Halstuch, Strumpfband, Ringe 
Sind wahrlich keine kleinen Dinge; 
Allein mir sind sie nicht genug. 

Lebendgen Teil von ihrem Leben, 
Ihn hat nach leisem Widerstreben 
Die Allerliebste mir gegeben. 
Und jene Herrlichkeit wird nichts. 
Wie lach ich all der Trödelware! 
Sie schenkte mir die schönen Haare, 
Den Schmuck des schönsten Angesichts. 

Soll ich dich gleich, Geliebte, missen, 
Wirst du mir doch nicht ganz entrissen: 
Zu schaun, zu tändeln und zu küssen 
Bleibt die Reliquie von dir. — 
Gleich ist des Haars und mein Geschicke: 
Sonst buhlten wir mit Einem Glücke 
Um sie, jetzt sind wir fern von ihr. 



72 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Fest waren wir an sie gehangen; 
Wir streichelten die runden Wangen, 
Uns lockt' und zog ein süß Verlangen, 
Wir gleiteten zur vollem Brust. 
O Nebenbuhler, frei von Neide, 
Du süß Geschenk, du schöne Beute, 
Erinnre mich an Glück und Lust! 



GLÜCK DER ENTFERNUNG 

TRINK, o Jüngling! heiiges Glücke 
Taglang aus der Liebsten Blicke; 
Abends gaukl ihr Bild dich ein. 
Kein Verliebter hab es besser; 
Doch das Glück bleibt immer größer, 
Fern von der Geliebten sein. 

Ewge Kräfte, Zeit und Ferne, 
Heimlich wie die Kraft der Sterne, 
Wiegen dieses Blut zur Ruh. 
Mein Gefühl wird stets erweichter; 
Doch mein Herz wird täglich leichter, 
Und mein Glück nimmt immer zu. 

Nirgends kann ich sie vergessen. 
Und doch kann ich ruhig essen, 
Heiter ist mein Geist und frei; 
Und immerkliche Betörung 
Macht die Liebe zur Verehrung, 
Die Begier zur Schwärmerei. 

•Aufgezogen durch die Sonne 
Schwimmt im Hauch ätherscher Wonne 
So das leichtste Wölkchen nie, 
Wie mein Herz in Ruh und Freude. 
Frei von Furcht, zu groß zum Neide, 
Lieb ich, ewig lieb ich sie! 



1768/70 FRANKFURT 

ANLUNA 

SCHWESTER von dem ersten Licht, 
Bild der Zärtlichkeit in Trauer! 
Nebel schwimmt mit Silberschauer 
Um dein reizendes Gesicht; 
Deines leisen Fußes Lauf 
Weckt aus tagverschloßnen Höhlen 
Traurig abgeschiedne Seelen, 
Mich und nächtge Vögel auf. 

Forschend übersieht dein Blick 
Eine großgemeßne Weite. 
Hebe mich an deine Seite! 
Gib der Schwärmerei dies Glück, 
Und in wollustvoller Ruh 
Sah der weitverschlagne Ritter 
Durch das gläserne Gegitter 
Seines Mädchens Nächten zn. 

Des Beschauens holdes Glück 
Mildert solcher Feme Qualen, 
Und ich sammle deine Strahlen, 
Und ich schärfe meinen Blick; 
Hell und heller wird es schon 
Um die unverhüllten Glieder, 
Und nun zieht sie mich hernieder. 
Wie dich einst Endymion. 



73 



M 



AN MADEMOISELLE OESER ZU LEIPZIG 
AMSELL, 



So laimisch wie ein Kind, das zahnt, 
Bald schüchtern wie ein Kaufinann, den man mahnt, 
Bald still wie ein Hypochondrist, 
Und sittig wie ein Mennonist, 
Und folgsam wie ein gutes Lamm, 
Bald lustig wie ein Bräutigam, 
Leb ich und bin halb krank und halb gesimd, 
Am ganzen Leibe wohl, nur in dem Halse wund; 



74 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Sehr mißvergnügt, daß meine Lunge 

Nicht so viel Atem reicht, als meine Zunge 

Zu manchen Zeiten braucht, wenn sie mit Stolz erzählt, 

Was ich bei euch gehabt, und was mir jetzt hier fehlt. 

Da sucht man nun mit Macht mir neues Leben 
Und neuen Mut und neue Kraft zu geben; 
Drum reichet mir mein Doktor Medicinä 
Extrakte aus der Cortex China, 
Die junger Herrn erschlaffte Nerven 
An Augen, Fuß imd Hand 
Aufs neue stärken, den Verstand 
Und das Gedächtnis schärfen. 

Besonders ist er drauf bedacht, 
Durch Ordnung wieder einzubringen, 
Was Unordnung so schlimm gemacht. 
Und heißt mich meinen Willen zwingen. 

"Bei Tag, und sonderUch bei Nacht, 

Nur an nichts Reizendes gedacht!" 

Welch ein Befehl für einen Zeichnergeist, 

Den jeder Reiz bis zum Entzücken reißt! 

Des Bouchers Mädchen nimmt er mir 

Aus meiner Stube, hängt dafür 

Mir eine abgelebte Frau, 

Mit riefigem Gesicht, mit halbzerbrochnem Zahne, 

Vom fleißig kalten Gerhard Dow 

An meine Wand; langweilige Tisane 

Setzt er mir statt des Weins dazu. 

O sage du, 

Kann man was Traurigers erfahren? 

Am Körper alt und jung an Jahren, 

Halb siech und halb gesund zu sein? 

Das gibt so melancholsche Laune, 

Und ihre Pein 

Würd ich nicht los, und hätt ich sechs Alraune. 

Was nützte mir der ganzen Erde Geld? 

Kein kranker Mensch genießt die Welt. 



1768/70 FRANKFURT 75 

Und dennoch wollt ich gar nicht klagen, 
Denn ich bin schon im Leiden sehr geübt, 
Hätt ich nur das, was uns, die Plagen, 
Die Last der Krankheit zu ertragen, 
Mehr Kraft als selbst die Tugend gibt, 
Verkürzung grauer Regenstunden, 
Balsamsches Pflaster aller Wunden: 
Gesellschaftsgeister, die man liebt. 

Zwar hab ich hier an meiner Seite 

Beständig rechte gute Leute, 

Die mit mir leiden, wenn ich leide; 

Sie sorgen mir für manche Freude, 

Es fehlt mir nur an mir, um recht beglückt zu sein. 

Und dennoch kenn ich niemand, der die Pein 

Des Schmerzens so behende stillt, die Ruh 

Mit Einem Bhck der Seele schenkt, wie du. 

Ich kam zu dir, ein Toter aus dem Grabe, 

Den bald ein zweiter Tod zum zweitenmal begräbt; 

Und wem er nur einmal recht nah ums Haupt geschwebt, 

Der bebt 

Bei der Erinnerung gewiß, solang er lebt. 

Ich weiß, wie ich gezittert habe; 

Doch machtest du mit deiner süßen Gabe 

Ein Blumenbeet mir aus dem Grabe, 

Erzähltest mir, wie schön, wie kummerfrei, 

Wie gut, wie süß dein selig Leben sei. 

Mit einem Ton von solcher Schmeichelei, 

Daß ich, was mir das Elend jemals raubte. 

Weil dus besaßst, selbst zu besitzen glaubte. 

Zufrieden reist ich fort und, was noch mehr ist, froh, 

Und ganz war meine Reise so. 

Ich kam hierher und fand das Frauenzimmer 

Ein bißchen— ja man sagts nicht gern— wie immer; 

Gnug, bis hierher hat keine mich gerührt. 

Zwar sag ich nicht, was einst Herr Schübler 

Von Hamburgs Schönen prädiziert, 

Doch bin ich auch ein starker Grübler, 



76 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Seitdem ihr Mädchen mich verführt, 

Die ich wohl schwerlich je vergesse; 

Und da begreifst du wohl, daß jede leicht verliert, 

Die ich nach eurem Maßstab messe. 

Du lieber Gott! an Munterkeit ist hie, 

An Einsicht und an Witz dir keine einzge gleich; 

Und deiner Stimme Harmonie, 

Wie käme die heraus ins Reich. 

So ein Gespräch, wie unsers war, im Garten, 
Und in der Loge noch, mit diesem seltnen Zug, 
So aufgeweckt und doch so klug. 
Ja, darauf kann ich warten. 

Bin ich bei Mädchen launisch froh. 

So sehn sie sittenrichtrisch sträflich; 

Da heißts: Der Herr ist wohl aus Bergamo? 

Sie sagens nicht einmal so höflich. 

Zeigt man Verstand, so ist auch das nicht recht. 

Denn will sich einer nicht bequemen, 

Des Grandisons ergebner Knecht 

Zu sein und alles blindlings anzunehmen. 

Was der Diktator spricht. 

Den lacht man aus, den hört man nicht. 

Wie seid ihr nicht so gut, so euch zu bessern willig, 

Auf eigne Fehler streng, und gegen fremde billig, 

Und zum Gefallen ohnbemüht, 

Ist niemand, den ihr nicht gewönnet. 

Ah, man ist euer Freund, so wenig man euch kennet, 

Man liebt euch, eh mans sich versieht. 

Mit einem Mädchen hier zu Lande 

Ists aber ein langweilig Spiel, 

Zur Freundschaft fehlts ihr am Verstände, 

Zur Liebe fehlts ihr am Gefühl. 

Drauf ging' ich ganz gewiß, hätt ich nicht so viel Laune, 
Brach ich mir nicht gar manche Lust vom Zaune, 
Lacht ich nicht da, wo keine Seele lacht; 
Und dächt ich nicht, daß ihr schon oft an mich gedacht. 



1768/70 FRANKFURT 77 

Ja, denken müßt ihr oft an mich, das sage 
Ich euch, besonders an dem Tage, 
Wenn ihr auf euerm Landgut seid, 
Dem Ort, der mir so manche Plage 
Gemacht, dem Ort, der mich so sehr erfreut. 

Doch du verstehst mich nicht; ich will es dir erklären, 

Ich weiß doch, du verzeihst es mir. 

Die Lieder, die ich dir gegeben, die gehören 

Als wahres Eigentum dem schönen Ort und dir. 

Wenn mich mein böses Mädchen plagte. 
Wenn der Verdruß mich aus den Mauern jagte, 
War ich verwegen gnug und wagte 
Dich aufzusuchen, eh es tagte, 
Auf deinen Feldern, die du liebst, 
Die du mir oft so schön beschriebst. 

Da ging ich nun in deinem Paradiese, 
In jedem Holz, auf jeder Wiese, 
Am Fluß, am Bach, das hoffende Gesicht 
Vom Morgenstrahl geschminkt, imd sucht und — fand dich 

nicht. 

Dann schlug ich, angereizt von launischem Verdrusse, 
Den armen Frosch am sonnbestrahlten Flusse, 
Dann jagt ich ringsumher und fing 
Bald einen Reim, bald einen Schmetterling. 

Und mancher Reim und mancher Schmetterling 

Entging 

Der ausgestreckten Hand, die mitten 

In ihrem Haschen stille stand, 

Wenn aus dem Wald von Stimmen oder Tritten 

Den Schall mein lauschend Ohr empfand. 

Am Tage sang ich diese Lieder, 
Am Abend ging ich wieder heim, 
Nahm meine Feder, schrieb sie nieder, 
Den guten vmd den schlechten Reim. 



78 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Oft kehrt ich noch mit immer schlechterm Glücke 

Auf die fatale Flur zurücke, 

Bis mir zuletzt das günstige Geschicke 

Noch einen Tag, den ich nicht hofifte, gab. 

Doch ich genoß sie kaum, die süßen letzten Stunden, 

Sie waren gar zu nah am Grab. 

Ich sage nicht, was ich empfunden, 

Denn mein prosaisches Gedicht 

Stimmt dieses Mal sehr zur Empfindung nicht. 

Du hast die Lieder nun, und zur Belohnung 

Für alles, was ich für dich litt: 

Besuchst du deine selge Wohnung, 

So nimm sie mit 

Und sing sie manchmal an den Orten 

Mit Lust, wo ich aus Schmerz sie sang; 

Dann denk an mich und sage: Dorten 

Am Flusse wartete er lang, 

Der Arme, der so oft mit ungewognem Glücke 

Die schönen Felder fühllos sah! 

Kam er in diesem Augenblicke, 

Eh nun, jetzt war ich da. 

Jetzt, dächt ich mm, wärs hohe Zeit zum SchUeßen; 

Denn wenn man so zwei Bogen Reime schreibt, 

Da wollen sie zuletzt nicht fließen. 

Doch warte nur, wenn mich die Laune treibt, 

Und deine Gunst mir sonst versichert bleibt, 

So schreib ich dir noch manchen Brief wie diesen. 

Willst du mir die Geschwister grüßen. 

So schließe Richtern auch mit ein. 

Leb wohl! Und wird das Glück dein Freund beständig sein 

Wie ich, so wirst du stets des schönsten Glücks genießen. 



1768/70 FRANKFURT 79 

NEUJAHRSLIED 

WER kömmt! Wer kauft von meiner War! 
Devisen auf das neue Jahr, 
Für alle Stände. 

Und fehlt auch einer hie und da, 
Ein einzger Handschuh paßt sich ja 
An zwanzig Hände. 

Du Jugend, die du tändelnd liebst, 
Ein Küßchen vun ein Küßchen gibst, 
Unschuldig heiter, 

Jetzt lebst du noch ein wenig dumm; 
Geh nur erst dieses Jahr herum, 
So bist du weiter. 

Die ihr schon Amors Wege kennt 
Und schon ein bißchen lichter brennt, 
Ihr macht mir bange. 
Zum Ernst, ihr Kinder, von dem Spaß! 
Das Jahr! ziu: höchsten Not noch das, 
Sonst währts zu lange. 

Du jtmger Mann, du junge Frau, 
Lebt nicht zu treu, nicht zu genau 
In enger Ehe. 

Die Eifersucht quält manches Haus, 
Und trägt am Ende doch nichts aus 
Als doppelt Wehe. 

Der Witwer wünscht in seiner Not, 
Zur selgen Frau durch schnellen Tod 
Gefuhrt zu werden. 
Du guter Mann, nicht so verzagt! 
Das, was dir fehlt, das, was dich plagt, 
Findst du auf Erden. 

Ihr, die ihr Misogyne heißt. 

Der Wein heb euem großen Geist 

Beständig höher. 



8o LYRISCHE DICHTUNGEN 

Zwar Wein beschweret oft den Kopf, 
Doch der tut manchem Ehetropf 
Wohl zehnmal weher. 

Der Himmel geb zur Frühlingszeit 

Mir manches Lied voll Munterkeit, 

Und euch gefall es. 

Ihr lieben Mädchen singt sie mit, 

Dann ist mein Wimsch am letzten Schritt, 

Dann hab ich alles. 



UNSCHULD 

SCHÖNSTE Tugend einer Seele, 
Reinster Quell der Zärtlichkeit! 
Mehr als Byron, als Pamele 
Ideal tmd Seltenheit! 
Wenn ein andres Feuer brennet, 
Flieht dein zärtlich schwaches Licht; 
Dich fühlt nur, wer dich nicht kennet. 
Wer dich kennt, der fühlt dich nicht. 

Göttin, in dem Paradiese 
Lebtest du mit uns vereint; 
Noch erscheinst du mancher Wiese 
Morgens, eh die Sonne scheint. 
Nur der sanfte Dichter siehet 
Dich im Nebelkleide ziehn; 
Phöbus kommt, der Nebel fliehet, 
Und im Nebel bist du hin. 



ZUEIGNUNG 

DA sind sie nun! Da habt ihr sie! 
Die Lieder, ohne Kunst und Müh 
Am Rand des Bachs entsprungen. 
Verliebt und jung und voll Gefühl 
Trieb ich der Jugend altes Spiel, 
Und hab sie so gesungen. 



1768/70 FRANKFURT 

Sie singe, wer sie singen mag! 
An einem hübschen Frühlingstag 
Kann sie der Jüngling brauchen. 
Der Dichter blinzt von ferne zu, 
Jetzt drückt ihm diätetsche Ruh 
Den Daumen auf die Augen. 

Halb scheel, halb weise sieht sein Blick 
Ein bißchen naß auf euer Glück 
Und jammert in Sentenzen. 
Hört seine letzten Lehren an! 
Er hats so gut wie ihr getan 
Und kennt des Glückes Grenzen. 

Ihr seufzt und singt und schmelzt und küßt, 

Und jauchzet, ohne daß ihrs wißt, 

Dem Abgnmd in der Nähe. 

Flieht Wiese, Bach und Sonnenschein, 

Schleicht, solls euch wohl im Winter sein, 

Bald zu dem Herd der Ehe. 

Ihr lacht mich aus und ruft: Der Tor! 
Der Fuchs, der seinen Schwanz verlor, 
Verschnitt' jetzt gern uns alle. 
Doch hier paßt nicht die Fabel ganz. 
Das treue Füchslein ohne Schwanz 
Das warnt euch für der Falle. 



81 



AM FLUSSE 

VERFLIESSET, vielgeliebte Lieder, 
Zum Meere der. Vergessenheit! 
Kein Knabe sing entzückt euch wieder, 
Kein Mädchen in der Blütenzeit. 



Ihr sänget nur von meiner Lieben; 
Nun spricht sie meiner Treue Hohn. 
Ihr wart ins Wasser eingeschrieben. 
So fließt denn auch mit ihm davon. 

GOETHE XIV 6. 



\2 LYRISCHE DICHTUNGEN 

MIT EINEM COLONEN HALSKETTCHEN 

DIR darf dies Blatt ein Kettchen bringen, 
Das, ganz zur Biegsamkeit gewöhnt, 
Sich mit viel hmidert kleinen Schlingen 
Um deinen Hals zu schmiegen sehnt. 

Gewähr dem Närrchen die Begierde, 
Sie ist voll Unschuld, ist nicht kühn; 
Am Tag ists eine kleine Zierde, 
Am Abend wirfst dus wieder hin. 

Doch bringt dir einer jene Kette, 
Die schwerer drückt und ernster faßt, 
Verdenk ich dir es nicht, Lisette, 
Wenn du ein klein Bedenken hast. 

DER ABSCHIED 

LASS mein Aug den Abschied sagen, 
Den mein Mund nicht nehmen kaim! 
Schwer, wie schwer ist er zu tragen! 
Und ich bin doch sonst ein Mann. 

Traurig wird in dieser Stunde 
Selbst der Liebe süßtes Pfand, 
Kalt der Kuß von deinem Munde, 
Matt der Druck von deiner Hand. 

Sonst, ein leicht gestohlnes Mäulchen, 
O wie hat es mich entzückt! 
So erfreuet uns ein Veilchen, 
Das man früh im März gepflückt. 

Doch ich pflücke nun kein Kränzchen, 
Keine Rose mehr für dich. 
Frühling ist es, liebes Fränzchen, 
Aber leider Herbst für mich! 



I770-I77I STRASSBURG 




SITRBT DER FUCHS, SO GILT DER BALG 

[ACH Mittage saßen wir 
I Junges Volk im Kühlen; 

Amor kam, und Stirbt der Fuchs 

Wollt er mit uns spielen. 



Nl 



Jeder meiner Freunde saß 
Froh bei seinem Herzchen; 
Amor blies die Fackel aus, 
Sprach: Hier ist das Kerzchen! 

Und die Fackel, wie sie glomm, 
Ließ man eilig wandern. 
Jeder drückte sie geschwind 
In die Hand des andern. 

Und mir reichte Dorilis 
Sie mit Spott und Scherze; 
Kaum berührt mein Finger sie, 
Hell entflammt die Kerze, 

Sengt mir Augen und Gesicht, 
Setzt die Brust in Flammen, 
Über meinem Haupte schlug 
Fast die Glut zusammen. 

Löschen wollt ich, patschte zu, 
Doch es brennt beständig; 
Statt zu sterben, ward der Fuchs 
Recht bei mir lebendig. 

BLINDE KUH 

O liebliche Therese! 
Wie wandelt gleich ins Böse 
Dein ofifaes Auge sich! 
Die Augen zugebunden, 
Hast du mich schnell gefunden. 
Und warum fingst du eben mich? 

Du faßtest mich aufs beste 
Und hieltest mich so feste, 
Ich sank in deinen Schoß. 



86 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Kaum warst du aufgebunden, 
War alle Lust verschwunden, 
Du ließest kalt den Blinden los. 

Er tappte hin und wider, 
Verrenkte fast die Gheder, 
Und alle foppten ihn. 
Und willst du mich nicht lieben, 
So geh ich stets im Trüben, 
Wie mit verbundnen Augen, hin. 

[Von Goethe?] 

OB ich dich liebe, weiß ich nicht. 
Seh ich nur einmal dein Gesicht, 
Seh dir ins Auge nur einmal. 
Frei wird mein Herz von aller Qual. 
Gott weiß, wie mir so wohl geschieht! 
Ob ich dich liebe, weiß ich nicht. 

EIN grauer, trüber Morgen 
Bedeckt mein liebes Feld, 
Im Nebel tief verborgen 
Liegt um mich her die Welt. 
O liebliche Friedricke, 
Dürft ich nach dir zurück! 
In einem deiner Blicke 
Liegt Sonnenschein vuid Glück. 

Der Baum, in dessen Rinde 
Mein Nam bei deinem steht, 
Wird bleich vom rauhen Winde, 
Der jede Lust verweht. 
Der Wiesen grüner Schimmer 
Wird trüb wie mein Gesicht, 
Sie sehen die Sonne nimmer, 
Und ich Friedricken nicht. 

Bald geh ich in die Reben 
Und herbste Trauben ein; 



1770/1 STRASSBURG 87 

Umher ist alles Leben, 
Es strudelt neuer Wein. 
Doch in der öden Laube, 
Ach, denk ich, war sie hier! 
Ich brächt ihr diese Traube, 
Und sie — was gab sie mir? 



ICH komme bald, ihr goldnen Kinder, 
Vergebens sperret ims der Winter 
In imsre warmen Stuben ein. 
Wir wollen uns zum Feuer setzen 
Und tausendfältig uns ergötzen, 
Uns lieben wie die Engelein. 
Wir wollen kleine Kränzchen winden, 
Wir wollen kleine Sträußchen binden 
Und wie die kleinen Kinder sein. 



NUN sitzt der Ritter an dem Ort, 
Den ihr ihm nanntet, liebe Kinder; 
Sein Pferd ging ziemlich langsam fort, 
Und seine Seele nicht geschwinder. 
Da sitz ich nun vergnügt bei Tisch 
Und endige mein Abenteuer 
Mit einem Paar gesottener Eier 
Und einem Stück gebacknem Fisch. 
Die Nacht war wahrlich ziemlich düster, 
Mein Falke stolperte wie blind ; 

Und doch fand ich den Weg so gut, als ihn der Küster 
Des Sonntags früh zur Kirche findt. 



JETZT fühlt der Engel, was ich fühle. 
Ihr Herz gewann ich mir beim Spiele, 
Und sie ist nun von Herzen mein. 
Du gabst mir, Schicksal, diese Freude, 
Nun laß auch Morgen sein wie Heute 
Und lehr mich ihrer würdig sein. 



88 LYRISCHE DICHTUNGEN 

WILLKOMMEN UND ABSCHIED 

ES schlug mein Herz, geschwind zu Pferde! 
Es war getan fast eh gedacht. 
Der Abend wiegte schon die Erde, 
Und an den Bergen hing die Nacht; 
Schon stand im Nebelkleid die Eiche, 
Ein aufgetürmter Riese, da, 
Wo Finsternis aus dem Gesträuche 
Mit hundert schwarzen Augen sah. 

Der Mond von einem Wolkenhügel 
Sah kläglich aus dem Duft hervor, 
Die Winde schwangen leise Flügel, 
Umsausten schauerlich mein Ohr; 
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer, 
Doch frisch und fröhlich war mein Mut: 
In meinen Adern welches Feuer! 
In meinem Herzen welche Glut! 

Dich sah ich, und die milde Freude 
Floß von dem süßen Blick auf mich; 
Ganz war mein Herz an deiner Seite 
Und jeder Atemzug für dich. 
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter 
Umgab das liebliche Gesicht, 
Und Zärtlichkeit für mich— ihr Götter! 
Ich hofft es, ich verdient es nicht! 

Doch ach, schon mit der Morgensonne 
Verengt der Abschied mir das Herz: 
In deinen Küssen welche Wonne! 
In deinem Auge welcher Schmerz! 
Ich ging, du standst und sahst zur Erden, 
Und sahst mir nach mit nassem Blick: 
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden! 
Und lieben, Götter, welch ein Glück! 



1770/1 STRASSBURG 89 

MIT EINEM GEMALTEN BAND 

KLEINE Blumen, kleine Blätter 
Streuen mir mit leichter Hand 
Gute junge Frühlings- Götter 
Tändelnd auf ein luitdg Band. 

Zephir, nimms auf deine Flügel, 
Schlings um meiner Liebsten Kleid; 
Und so tritt sie vor den Spiegel 
AU in ihrer Munterkeit. 

Sieht mit Rosen sich umgeben, 
Selbst wie eine Rose jung. 
Einen Blick, geliebtes Leben! 
Und ich bin belohnt genung. 

Fühle, was dies Herz empfindet, 
Reiche fi^i mir deine Hand, 
Und das Band, das uns verbindet, 
Sei kein schwaches Rosenband! 



BÄLDE seh ich Rickchen wieder, 
Bälde bald umarm ich sie, 
Munter tanzen meine Lieder 
Nach der süßten Melodie. 

Ach, wie schön hats mir geklungen. 
Wenn sie meine Lieder sang! 
Lange hab ich nicht gestmgen. 
Lange, liebe Liebe, lang. 

Denn mich ängsten tiefe Schmerzen, 
Wenn mein Mädchen mir entflieht, 
Und der wahre Gram im Herzen 
Geht nicht über in ein Lied. 

Doch jetzt sing ich, und ich habe 
Volle Freude süß und rein. 
Ja, ich gäbe diese Gabe 
Nicht fiir aller Klöster Wein. 



90 LYRISCHE DICHTUNGEN 

MAILIED 

WIE herrlich leuchtet 
Mir die Natur! 
Wie glänzt die Sonne! 
Wie lacht die Flur! 

Es dringen Blüten 
Aus jedem Zweig 
Und tausend Stimmen 
Aus dem Gesträuch, 

Und Freud und Wonne 
Aus jeder Brust. 
O Erd, o Sonne! 
O Glück, o Lust! 

O Lieb, o Liebe! 
So golden schön, 
Wie Morgen wölken 
Auf jenen Höhn! 

Du segnest herrlich 
Das frische Feld, 
Im Blütendampfe 
Die volle Welt. 

O Mädchen, Mädchen, 
Wie lieb ich dich! 
Wie blickt dein Auge! 
Wie hebst du mich! 

So liebt die Lerche 
Gesang und Luft, 
Und Morgenblumen 
Den "Himmelsduft, 

Wie ich dich Hebe 
Mit warmem Blut, 
Die du mir Jugend 
Und Freud und Mut 



1770/1 STR ASSBURG 91 

Zu neuen Liedern 
Und Tänzen gibst. 
Sei ewig glücklich, 
Wie du mich liebst! 



ERWACHE, Friedericke, 
Vertreib die Nacht, 
Die einer deiner Blicke 
Zum Tage macht. 
Der Vögel sanft Geflüster 
Ruft liebevoll, 

Daß mein geliebt Geschwister 
Erwachen soll. 

Es zittert Morgenschimmer 
Mit blödem Licht 
Errötend durch dein Zimmer 
Und weckt dich nicht. 
Am Busen deiner Schwester, 
Der für dich schlagt, 
Entschläfst du immer fester. 
Je mehr es tagt. 

Die Nachtigall im Schlafe 

Hast du versäumt; 

So höre nun zur Strafe, 

Was ich gereimt. 

Schwer lag auf meinem Busen 

Des Reimes Joch; 

Die schönste meiner Musen, 

Du — schliefst ja noch. 



92 LYRISCHE DICHTUNGEN 

DEM Himmel wachs entgegen 
Der Baum, der Erde Stolz. 
Ihr Wetter, Stürm und Regen, 
Verschont das heiige Holz! 
Und soll ein Name verderben, 
So nehmt die obern in acht! 
Es mag der Dichter sterben, 
Der diesen Reim gemacht. 



' 



I 



1771-1772 FRANKFURT 



[Von Goethe?] 

ACH, wie sehn ich mich nach dir, 
Kleiner Engel! Nur im Traom, 
Nur im Traum erscheine mir! 
Ob ich da gleich viel erleide, 
Bang mn dich mit Geistern streite 
Und ervrachend atme kaum. 
Ach, ¥rie sehn ich mich nach dir, 
Ach, wie teuer bist du mir 
Selbst in einem schweren Traum. 

WANDERERS STÜRMLTED 

WEN da nicht veiiässest, Genius, 
Nicht der Regen, nicht der Sturm 
Haucht ihm Schauer übers Herz. 
Wen du nicht verlassest, Genius, 
Wird dem Regengewölk, 
Wird dem Schloßensturm 
Entgegensingen, 
Wie die Lerche, 
Du da droben. 

Den du nicht verlassest, Genius, 
\^ist ihn heben fibem Schlammpfad 
Ifit den Feuerflägeln. 
Wandeln wird er 
Wie mit Blumenfußen 
Über Deukalions Flutschlamm, 
Python tötend, leicht, groß, 
Pytfains Apollo. 

Den du nicht verlassest, Genius, 
Wirst die wollnen Flügel unterspreiten. 
Wenn er auf dem Felsen schläft, 
Wirst mit Hüterfittichen ihn decken 
In des Haines Mittemacht. 

Wen da nidit verlassest, Genius, 
Wirst im Sdme^estober 

Wärmumhüllen; 



96 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Nach der Wärme ziehn sich Musen, 
Nach der Wärme Charitinnen. 

Umschwebet mich, ihr Musen, 

Ihr Charitinnen! 

Das ist Wasser, das ist Erde, 

Und der Sohn des Wassers und der Erde, 

Über den ich wandle i 

Göttergleich. 

Ihr seid rein, wie das Herz der Wasser, 
Ihr seid rein, wie das Mark der Erde, 
Ihr umschwebt mich, und ich schwebe 
Über Wasser, über Erde, 
Göttergleich. 

Soll der zurückkehren. 

Der kleine, schwarze, feurige Bauer? 

Soll der zurückkehren, erwartend 

Nur deine Gaben, Vater Bromius, 

Und hellleuchtend umwärmend Feuer? 

Der kehren mutig? 

Und ich, den ihr begleitet, 

Musen vaid Charitinnen alle, 

Den alles erwartet, was ihr, 

Musen und Charitinnen, 

Umkränzende Seligkeit, 

Rings ums Leben verherrlicht habt, 

Soll mutlos kehren? 

Vater Bromius! 
Du bist Genius, 
Jahrhunderts Genius, 
Bist, was innre Glut 
Pindam war, 
Was der Welt 
Phöbus Apoll ist. 

Weh! Weh! Innre Wärme, 
Seelenwärme, 



1 771/2 FRANKFURT 

Mittelp^ankt! 

Glüh entgegen 

Phöb Apollen; 

Kalt wird sonst 

Sein Fürstenblick 

Über dich vorübergleiten, 

Neidgetroffen 

Auf der Zeder Kraft verweilen, 

Die zu grünen 

Sein nicht harrt. 

Warum nennt mein Lied dich zuletzt? 

Dich, von dem es begann, 

Dich, in dem es endet, 

Dich, aus dem es quillt, 

Jupiter Pluvius! 

Dich, dich strömt mein Lied, 

Und kastalischer Quell 

Rinnt ein Nebenbach, 

Rinnet Müßigen, 

Sterblich Glücklichen 

Abseits von dir, 

Der du mich fassend deckst, 

Jupiter Pluvius! 

Nicht am Ulmenbaum 

Hast du ihn besucht, 

Mit dem Taubenpaar 

In dem zärtlichen Arm. 

Mit der freundlichen Res umkränzt, 

Tändelnden ihn, blumenglücklichen 

Anakreon, 

Stturmatmende Gottheit! 

Nicht im Pappelwald 
An des Sybaris Strand, 
An des Gebirgs 
Sonnebeglänzter Stirn nicht 
Faßtest du ihn. 
Den Blumen-singenden, 

GOETHE XIV 7. 



97 



98 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Honig- lallenden, 
Freundlich winkenden 
Theokrit. 

Wenn die Räder rasselten, 
Rad an Rad rasch ums Ziel weg, 
Hoch flog 
Siegdurchglühter 
Jünglinge Peitschenknall, 
Und sich Staub wälzt', 
Wie vom Gebirg herab 
Kieselwetter ins Tal, 
' Glühte deine Seel Gefahren, Pindar, 

Mut.— Glühte?— 
Armes Herz! 
Dort auf dem Hügel, 
Himmlische Macht! 
Nur so viel Glut, 
Dort meine Hütte, 
Dorthin zu waten! 



ADLER UND TAUBE 

EIN Adlersjüngling hob die Flügel 
Nach Raub aus; 
Ihn traf des Jägers Pfeil und schnitt 
Der rechten Schwinge Sennkraft ab. 
Er stürzt' hinab in einen Myrtenhain, 
Fraß seinen Schmerz drei Tage lang, 
Und zuckt' an Qual 
Drei lange, lange Nächte lang; 
Zuletzt heilt' ihn 
AUgegenwärtger Balsam 
Allheilender Natur. 
Er schleicht aus dem Gebüsch hervor 
Und reckt die Flügel— ach! 
Die Schwingkraft weggeschnitten— 
Hebt sich mühsam kaum 
Am Boden weg 



1 771/2 FRANKFURT 

Unwürdgem Raubbedürfnis nach, 

Und ruht tieftrauemd 

Auf dem niedem Fels am Bach; 

Er blickt zur Eich hinauf, 

Hinauf zum Himmel, 

Und eine Träne füllt sein hohes Aug. 

Da kommt mutwillig durch die Myrtenäste 

Dahergerauscht ein Taubenpaar, 

Läßt sich herab und wandelt nickend 

Über goldnen Sand am Bach, 

Und nikt einander an; 

Ihr rötlich Auge buhlt umher, 

Erblickt den Innigtrauernden. 

Der Tauber schwingt neugiergesellig sich 

Zum nahen Busch und blickt 

Mit Selbstgefälligkeit ihn freundlich an. 

Du trauerst, liebelt er; 

Sei gutes Mutes, Freund! 

Hast du zur ruhigen Glückseligkeit 

Nicht alles hier: 

Kannst du dich nicht des goldnen Zweiges freun, 

Der vor des Tages Glut dich schützt? 

Kannst du der Abendsonne Schein 

Auf weichem Moos am Bache nicht 

Die Brust entgegenheben? 

Du wandelst durch der Blumen frischen Tau, 

Pflückst aus dem Überfluß 

Des Waldgebüsches dir 

Gelegne Speise, letzest 

Den leichten Durst am Silberquell — 

O Freimd, das wahre Glück 

Ist die Genügsamkeit, 

Und die Genügsamkeit 

Hat überall genug. 

O Weise! sprach der Adler, und tief ernst 

Versinkt er tiefer in sich selbst, 

O Weisheit! Du redst wie eine Taube! 



99 



loo LYRISCHE DICHTUNGEN 

ZIGEUNERLIED 

IM Neb'elgeriesel, im tiefen Schnee, 
Im wilden Wald, in der Wintemacht, 
Ich hörte der Wölfe Hungergeheul, 
Ich hörte der Eulen Geschrei. 
Wille wau wau wau! 
Wille wo wo wo! 
Wito hu! 

Ich schoß einmal eine Katz am Zaun, 
Der Anne, der Hex, ihre schwarze liebe Katz. 
Da kamen des Nachts sieben Werwölf zu mir, 
Waren sieben sieben Weiber vom Dorf. 
Wille wau wau wau! 
Wille wo wo wo! 
Wito hu! 

Ich kannte sie all, ich kannte sie wohl, 
Die Anne, die Ursel, die Käth, 
Die Liese, die Barbe, die Ev, die Beth, 
Sie heulten im Kreise mich an. 
Wille wau wau wau! 
Wille wo wo wo! 
Wito hu! 

Da nannt ich sie alle bei Namen laut: 
Was willst du, Anne? was willst du, Beth? 
Da rüttelten sie sich, da schüttelten sie sich, 
Und liefen und heulten davon. 
Wille wau wau wau! 
Wille wo wo wol 
Wito hu! 



" 177 1/2 FRANKFURT loi 

EIN zärtlich jugendlicher Kummer 
Führt mich ins öde Feld; es liegt 
In einem stillen Moigenschlmmner 
Die Mutter Erde. Rauschend wiegt 
Ein kalter Wind die starren Äste. Schauernd 
Tönt er die Melodie zu meinem Lied voll Schmerz. 
Und die Natur ist ängstlich still und trauernd, 
Doch hoflhungsvoller als mein Herz. 

Denn sieh, bald gaukelt dir, mit Rosenkränzen 
^- -Inder Hand, du Sonnengott, das Zwillingspaar 

ofibem blauen Aug, mit krausem goldnen Haar 

einer Laufbahn dir en^^en. Und zu Tänzen 

neuen Wiesen schickt 
Der Jüngling sich und schmückt 
Den Hut mit Bändern, und das Mädchen pflückt 
Die Veilchen aus dem jungen Gras, und bückend sieht 
^ heimlich nach dem Busen, sieht mit Seelenfreude 

ilteter und reizender ihn heute, 
A ; er vorm Jahr am Maienfest geblüht; 
Uzd fühlt und hoflft 

Gott segne mir den Mann 

einem Garten dort! Wie zeitig fangt er an, 

lockres Bett dem Samen zu bereiten! 
-■vaum riß der März das Schneegewand 
Erm Winter von denhagem Seiten, 
L .: stürmend floh und hinter sich aufe Land 
Den Nebelschleier warf, der Fluß und Au 
Und Berg in kaltes Grau 
Versteckt, da geht er ohne Säumen, 
Die Seele voll von Emtetraumen, 
Und sät und hofft. 



I02 LYRISCHE DICHTUNGEN 

DER WANDRER 

Wandrer 
Gott segne dich, junge Frau, i<l 

Und den säugenden Knaben 
An deiner Brust! 
Laß mich an der Felsenwand hier, 
In des Ulmbaums Schatten, 
Meine Bürde werfen, 
Neben dir ausruhn. 

Frau 
Welch Gewerbe treibt dich 
Durch des Tages Hitze 
Den staubigen Pfad her? 
Bringst du Waren aus der Stadt 
Im Land herum? 
Lächelst, Fremdling, 
Über meine Frage? 

Wandrer 
Keine Waren bring ich aus der Stadt. |j 

Kühl wird nun der Abend; ' 

Zeige mir den Brunnen, 
Draus du trinkest, 
Liebes junges Weib! 

Frau 
Hier den Felsenpfad hinauf. 
Geh voran! Durchs Gebüsche 
Geht der Pfad nach der Hütte, 
Drin ich wohne, 
Zu dem Brunnen, 
Den ich trinke. 

Wandrer 
Spuren ordnender Menschenhand 
Zwischen dem Gesträuch! 



\ 



1771/2 FRANKFÜRT 

Diese Steine hast da nicht gefügt, 
Reichhinstreuende Natur! 



103 



Frau 



Weiter hinauf! 



Wandrer 
Von dem Moos gedeckt ein Architrav! 
Ich erkenne dich, bildender Geist! 
Hast dein Siegel in den Stein geprägt. 

Frau 
Weiter, Fremdling! 

Wandrer 
Eine Inschrift, über die ich trete! 
Nicht zu lesen! 
Weggewandelt seid ihr, 
Tiefgegrabne Worte, 
Die ihr eures Meisters Andacht 
Tausend Enkeln zeigen solltet. 

Frau 
Statmest, Fremdling. 
Diese Stein' an? 
Droben sind der Steine viel 
Um meine Hütte. 



Wandrer 

Droben? 

Frau 
Gleich zur Linken 
Durchs Gebüsch hinan; 
Hier. 

Wandrer 
Ihr Musen und Grazien! 



I04 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Frau 
Das ist meine Hütte, 

Wandrer 
Eines Tempels Trümmer! 

Frau 
Hier zur Seit hinab 
Quillt der Brunnen, 
Den ich trinke. 

Wandrer 
Glühend webst du 
Über deinem Grabe, 
Genius! Über dir 
Ist zusammengestürzt 
Dein Meisterstück, 
O du Unsterblicher! 

Frau 
Wart, ich hole das Geföß 
Dir zum Trinken. 

Wandrer 
Efeu hat deine schlanke 
Götterbildung umkleidet. 
Wie du emporstrebst 
Aus dem Schutte, 
Säulenpaar! 

Und du, einsame Schwester dort. 
Wie ihr, 

Düstres Moos auf dem heiligen Haupt, 
Majestätisch trauernd herabschaut 
Auf die zertrümmerten 
Zu euern Füßen, 
Eure Geschwister! 

In des Brombeergesträuches Schatten 
Deckt sie Schutt und Erde, 
Und hohes Gras wankt drüber hin. 



1 



1 771/2 FRANKFURT 

Schätzest du so, Natur, 

Deines Meisterstücks Meisterstück? 

Unempfindlich zertrümmerst du 

Dein Heiligtum? 

Säest Disteln drein? 



S05 



Frau 
Wie der Knabe schläft! 
Willst du in der Hütte nihn, 
Fremdling: willst du hier 
Lieber in dem Freien bleiben? 
Es ist kühl! Nimm den Knaben, 
Daß ich Wasser schöpfen gehe. 
Schlafe, Lieber! schlaf! 

Wandrer 

Süß ist deine Ruh! 

Wie's, in himmlischer Gesundheit 

Schwimmend, ruhig atmet! 

Du, geboren über Resten 

Heiliger Vergangenheit, 

Ruh ihr Geist auf dir! 

Welchen der umschwebt, 

Wird in Götterselbstgefiihl 

Jedes Tags genießen. 

Voller Keim, blüh auf, 

Des glänzenden Frühlings 

Herrlicher Schmuck, 

Und leuchte vor deinen Gesellen! 

Und welkt die Blütenhülle weg. 

Dann steig aus deinem Busen 

Die volle Frucht 

Und reife der Sonn entgegen! 



Frau 

Gesegne's Gott! — Und schläft er noch? 

Ich habe nichts zum frischen Trunk 

Als ein Stück Brot, das ich dir bieten kann. 



io6 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Wandrer 

Ich danke dir. 

Wie herrlich alles blüht umher 

Und grünt! 

Frau 
Mein Mann wird bald 
Nach Hause sein 

Vom Feld. O bleibe, bleibe, Mann! 
Und iß mit uns das Abendbrot. 

Wandrer 
Ihr wohnet hier? 

Frau 

Da, zwischen dem Gemäuer her. 
Die Hütte baute noch mein Vater 
Aus Ziegeln und des Schuttes Steinen. 
Hier wohnen wir. 
Er gab mich einem Ackersmann 
Und starb in unsern Armen. — 
Hast du geschlafen, liebes Herzr 
Wie er munter ist und spielen will! 
Du Schelm! 

Wandrer 

Natur! du ewig keimende. 

Schaffst jeden zum Genuß des Lebens, 

Hast deine Kinder alle mütterlich 

Mit Erbteil ausgestattet, einer Hütte. 

Hoch baut die Schwalb an das Gesims, 

Unfühlend, welchen Zierat 

Sie verklebt; 

Die Raup umspinnt den goldnen Zweig 

Zum Winterhaus für ihre Brut; 

Und du flickst zwischen der Vergangenheit 

Erhabne Trümmer 



i 



1771/2 FRANKFÜRT 

Für deine Bedürfniss* 
Eine Hütte, o Mensch, 
Genießest über Gräbern!— 
Leb w(^, dn glOckb'ch Weib! 

Frau 
Da willst nicht bleiben? 

Wandrer 
Gott erhalt euch, 
Segn eneni Knaben! 

Fram. 

Glück anf den Weg! 

Wandrer 
Wohin fuhrt mich der Pfad 
Dort übern Berg? 



X07 



Nach Cuma, 



Frau 



Wandrer 
Wie weit ists hin? 



Frau 



Drei Meilen gut. 



Wandrer 
Leb w<^ 

O leite meinen Gang, Natur! 
Den Fremdb'ngs-Reisetritt, 
Den über Gräber 
Heiliger Vergangenheit 
Ich wandle. 

Leit ihn zum Sdmtzort, 
Vorm Nord gedeckt, 
Und wo dem Mittagsstrahl 
Ein Pappelwäldchen wehrt. 



io8 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Und kehr ich dann 

Am Abend heim 

Zur Hütte, 

Vergoldet vom letzten Sonnenstrahl, 

Laß mich empfangen solch ein Weib, 

Den Knaben auf dem Arm! 



1772 WETZLAR 



FELS-WEIHEGESANG 

AN PSYCHE 

VEILCHEN bring ich getragen, 
Junge Blüten zu dir, 
Daß ich dein moosig Haupt 
Ringstim bekränze, 
Ringsum dich weihe, 
Felsen des Tals. 

Sei du mir heilig. 
Sei den Geliebten 
Lieber als andre 
Felsen des Tals. 

Ich sah von dir 
Der Freunde Seligkeit, 
Verbunden Edle 
Mit ewgem Band. 

Ich irrer Wandrer 
Fühlt erst auf dir 
Besitz timis- Freuden 
Und Heimats- Glück. 

Da, wo wir lieben, 
Ist Vaterland; 
Wo wir genießen, 
Ist Hof und Haus. 

Schrieb meinen Namen 
An deine Stirn; 
Du bist mir eigen, 
Mir Ruhe -Sitz. 

Und aus dem fernen 
Unlieben Land 
Mein Geist wird wandern 
Und ruhn auf dir. 

Sei du mir heilig, 
Sei den Geliebten 
Lieber als andre 
Felsen des Tals. 



1 1 2 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Ich sehe sie versammelt 

Dort unten um den Teich; 

Sie tanzen einen Reihen 

Im Sommerabendrot. 

Und warme Jugendfreude 

Webt in dem Abendrot, 

Sie drücken sich die Hände 

Und glühn einander an. 

Und aus den Reihn verlieret 

Sich Psyche zwischen Felsen 

Und Sträuchen weg, und traurend 

Um den Abwesenden 

Lehnt sie sich über den Fels. 

Wo meine Brust hier ruht, 

An das Moos mit innigem 

Liebesgefühl sich 

Atmend drängt, 

Ruhst du vielleicht dann, Psyche. 

Trübe blickt dein Aug 

In den Bach hinab, 

Und eine Träne quillt 

Vorbeigequollnen Freuden nach; 

Hebst dann ztun Himmel 

Dein bittend Aug, 

Erblickest über dir 

Da meinen Namen. 

— Auch der — 

Nimm des verlebten Tages Zier, 

Die bald welke Rose, von deinem Busen, 

Streu die freundlichen Blätter 

Übers düstre Moos, 

Ein Opfer der Zukunft. 



1772 WETZLAR 113 

PILGERS MORGENLIED 

AN LILA 

MORGENNEBEL, Lila, 
Hüllen deinen Tum um. 
Soll ich ihn zum 
Letztenmal nicht sehn! 
Doch mir schweben 
Tausend Bilder 
Seliger Erinnerung 
Heilig warm ums Herz. 
Wie er so stand, 
Zeuge meiner Wonne, 
Als zum erstenmal 
Du den Fremdling 
Ängstlich liebevoll 
Begegnetest, 
Und mit einemmal 
Ewge Flammen 
In die Seel ihm warfst. 
Zische, Nord, 
Tausend-schlangenzüngig 
Mir ums Haupt! 
Beugen sollst dus nicht! 
Beugen magst du 
Kindscher Zweige Haupt, 
Von der Sonne 
Muttergegenwart geschieden. 

AUgegenwärtge Liebe! 

Durchglühst mich. 

Beutst dem Wetter die Stirn, 

Gefahren die Brust, 

Hast mir gegossen 

Ins früh welkende Herz 

Doppeltes Leben, 

Freude, zu leben, 

Und Mut. 



)ETHE XIV 8. 



1 1 4 LYRISCHE DICHTUNGEN 

ELYSIUM 
AN URANIEN 

UNS gaben die Götter 
Auf Erden Elysium. 
Wie du das erste Mal 
Liebahndend dem Fremdling 
Entgegentratst 

Und deine Hand ihm reichtest, 
Fühlt' er alles voraus, 
Was ihm für Seligkeit 
Entgegen keimte. 

Uns gaben die Götter 
Auf Erden Elysium. 
Wie du den liebenden Arm 
Um den Freund schlangst. 
Wie ihm Lilas Brust 
Entgegen bebte, 
Wie ihr, euch rings umfassend. 
In heiiger Wonne schwebtet, 
Und ich, im Anschaun selig, 
Ohne sterblichen Neid 
Dameben stand! 

Uns gaben die Götter 
Auf Erden Elysium. 
Wie durch heilige Täler wir 
Hand in Hände wandelten 
Und des Fremdlings Treu 
Sich euch versiegelte, 
Daß du dem liebenden, 
Stille sehnenden 
Die Wange reichtest 
Zum himmlischen Kuß! 

Uns gaben die Götter 
Auf Erden Elysiiun. 

Wenn du fern wandelst 

Am Hügelgebüsch, 



1772 WETZLAR 115 

Wandeln Liebesgestalten 
Mit dir den Bach hinab; 
Wenn mir auf dem Felsen 
Die Sonne niedergeht, 
Seh ich Freundegestalten 
Mir winken durch 
Wehende Zweige 
Des dämmernden Hains. 

Uns gaben die Götter 

Auf Erden Elysium. 
Seh ich, verschlagen 
Unter schauernden Himmels 
Öde Gestade, 
In der Vergangenheit 
Goldener Myrtenhainsdämmerung 
Lilan an deiner Hand, 
Seh mich Schüchternen 
Eure Hände fassen — 
Bittend blicken. 
Eure Hände küssen — 
Eure Augen sich begegnen, 
Auf mich blicken seh ich. 
Werfe den hoffenden Blick 
Auf Lila; sie nähert sich mir, 
Himmlische Lippe! 
Und ich wanke, nahe mich, 
Blicke, seufze, wanke — 
Seligkeit! Seligkeit! 
Eines Kusses Gefühl! 

Mir gaben die Götter 
Auf Erden Elysium! 
Ach, warum nur Elysiima! 



1 1 6 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Propst Hei 
Bald leuchtest du, o Graf, in engelheiterm Schimmer, 

Graf Brandt 
Mein lieber Pastor, desto schlimmer. 



1 772-1 774 FRANKFURT 



MAHOMETS GESANG 

SEHT den Felsenquell, 
Freudehell, 
Wie ein Stemenblick; 
Über Wolken 
Nährten seine Jugend 
Gute Geister 
Zwischen Klippen im Gebüsch. 

Jünglingfrisch 

Tanzt er aus der Wolke 

Auf die Marmorfelsen nieder, 

Jauchzet wieder 

Nach dem Himmel. 

Durch die Gipfelgänge 
Jagt er bunten Kieseln nach, 
Und mit frühem Führertritt 
Reißt er seine Bruderquellen 
Mit sich fort. 

Drunten werden in dem Tal 
Unter seinem Fußtritt Blumen, 
Und die Wiese 
Lebt von seinem Hauch, 

Doch ihn hält kein Schattental, 

Keine Blumen, 

Die ihm seine Knie umschlingen, 

Ihm mit Liebes- Augen schmeicheln: 

Nach der Ebne dringt sein Lauf 

Schlangenwandelnd. 

Bäche schmiegen 
Sich gesellig an. Nun tritt er 
In die Ebne silberprangend. 
Und die Ebne prangt mit ihm. 
Und die Flüsse von der Ebne 
Und die Bäche von den Bergen 
Jauchzen ihm und rufen: Bruder! 
Bruder, nimm die Brüder mit, 
Mit zu deinem alten Vater, 



LYRISCHE DICHTUNGEN 

Zu dem ewgen Ozean, 
Der mit ausgespannten Armen 
Unser wartet, 

Die sich, ach! vergebens öffnen, 
Seine Sehnenden zu fassen; 
Denn uns frißt in öder Wüste 
Gierger Sand; die Sonne droben 
Saugt an unserm Blut; ein Hügel 
Hemmet uns zum Teiche! Bruder, 
Nimm die Brüder von der Ebne, 
Nimm die Brüder von den Bergen 
Mit, zu deinem Vater mit! 

Kommt ihr alle! — 
Und nvm schwillt er 
Herrlicher; ein ganz Geschlechte 
Trägt den Fürsten hoch empor! 
Und im rollenden Triumphe 
Gibt er Ländern Namen, Städte 
Werden unter seinem Fuß. 

Unaufhaltsam rauscht er weiter, 
Läßt der Türme Flammengipfel, 
Marmorhäuser, eine Schöpfung 
Seiner Fülle, hinter sich, 

Zedemhäuser trägt der Atlas 
Auf den Riesenschultern; sausend 
Wehen über seinem Haupte 
Tausend Flaggen durch die Lüfte, 
Zeugen seiner Herrlichkeit. 

Und so trägt er seine Brüder, 
Seine Schätze, seine Kinder 
Dem erwartenden Erzeuger 
Freudebrausend an das Herz. 



w 



1772/4 FRANKFURT 12 

SPRACHE 
AS reich und arm! Was stark und schwach! 



Ist reich vergrabner Urne Bauch? 
Ist stark das Schwert im Arsenal? 
Greif milde drein, und freundlich Glück 
Fließt, Gottheit, von dir aus! 
Fass an zum Siege, Macht, das Schwert, 
Und über Nachbarn Ruhm! 



KATECmSATION 

Lehrer 

BEDENK, o Kind! woher sind diese Gaben? 
Du kannst nichts von dir selber haben. 

Kind 
Ei! Alles hab ich vom Papa. 

Lehrer 
L nd der, woher hats der? 

Kind 

Vom Großpapa. 

Lehrer 
Nicht doch! W<Aer hats denn der Großpapa bekommen: 

Kind 
Der hats genommen. 



GENIALISCH TREIBEN 

SO wälz ich ohne Unterlaß, 
Wie Sankt Diogenes, mein Faß. 
Bald ist es Ernst, bald ist es Spaß; 
Bald ist es Lieb, bald ist es Haß; 
Bald ist es dies, bald ist es das; 
Es ist ein Nichts imd ist ein Was. 
So wälz ich ohne Unterlaß, 
Wie Sankt Diogenes, mein Faß. 



2 LYRISCHE DICHTUNGEN 

AUTOREN 

ÜBER die Wiese, den Bach herab, 
Durch seinen Garten, 
Bricht er die jüngsten Bhimen ab; 
Ihm schlägt das Herz vor Erwarten. 
Sein Mädchen kommt — O Gewinst! o Glück! 
Jüngling, tauschest deine Blüten um einen Blick! 

Der Nachbar Gärtner sieht herein 
Über die Hecke: "So ein Tor möcht ich sein! 
Hab Freude, meine Blumen zu nähren. 
Die Vögel von meinen Früchten zu wehren; 
Aber, sind sie reif: Geld! guter Freund! 
Soll ich meine Mühe verlieren?'" 

Das sind Autoren, wie es scheint. 
Der eine streut seine Freuden herum 
Seinen Freunden, dem Publikima; 
Der andre läßt sich pränumerieren. 

REZENSENT 

DA hatt ich einen Kerl zu Gast, 
Er war mir eben nicht zur Last; 
Ich hatt just mein gewöhnlich Essen, 
Hat sich der Kerl pumpsatt gefressen, 
Zum Nachtisch, was ich gespeichert hatt. 
Und kaum ist mir der Kerl so satt. 
Tut ihn der Teufel zum Nachbar führen, 
Über mein Essen zu räsonieren: 
"Die Supp hätt können gewürzter sein, 
Der Braten brauner, firner der Wein." 
Der Tausendsackerment! 
Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent. 

EIN REICHER, 
dem gemeinen Wesen zur Nachricht 

WOLLT ihr wissen, woher ichs hab, 
Mein Haus und Hab? 
Hab allerlei Pfifif ersonnen. 



1772/4 FRANKFURT 123 

Es mit Müh, Schweiß vind Angst gewonnen. 

Genug, ich bin reich, 

Und drum scheiß ich auf euch! 



Mel. O Vater der Barmherzigkeit, 

O Vater alles wahren Sinns 
Und des gesunden Lebens, 
Du Geber köstlichen Gewinns, 
Du Fördrer treuen Strebens, 
Sprich in mein Herz dein leises Wort, 
Bewahre mich so fort und fort 
Für Heuchlern und für Huren. 



FLIEH, Täubchen, flieh! 
Er ist nicht hie! 
Der dich an dem schönsten Frühlingsmorgen 
Fand im Wäldchen, wo du dich verborgen. 
Flieh, Täubchen, flieh! 
Er ist nicht hie! 
Böser Laurer Füße rasten nie. 

Horch, Flötenklang, 

Liebesgesang 
Wallt auf Lüftchen hin zu Liebchens Ohren, 
Findt im zarten Herzen ofihe Toren. 

Horch, Flötenklang, 

Liebesgesang! 
Horch — es wird der süßen Lieb zu bang. 

Hoch ist sein Schritt, 

Fest ist sein Tritt, 
Schwarzes Haar auf runder Stirne webet. 
Auf den Wangen ewger Frühling lebet. 

Hoch ist sein Schritt, 

Fest ist sein Tritt, 
Edler Deutschen Füße gleiten nit. 



1 2 4 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Wonn ist die Brust, 

Keusch seine Lust. 
Schwarz seine Augen unter runden Bogen 
Sind mit zarten Falten schön umzogen. 

Wonn ist die Brust, 

Keusch seine Lust, 
Gleich beim Anblick du ihn lieben mußt. 

Rot ist der Mund, 

Der mich vervvundt, 
Auf den Lippen träufeln Morgendüfte, 
Auf den Lippen säuseln kühle Lüfte. 

Rot ist sein Mund, 

Der mich verwundt, 
Nur ein Blick von ihm macht mich gesund. 

Treu ist sein Blut, 

Stark ist sein Mut, 
Schutz und Stärke wohnt in weichen Armen, 
Auf dem Antlitz edeles Erbarmen. 

Treu ist sein Blut, 

Stark ist sein Mut, 
Selig, wer in seinen Armen ruht. 

So ist der Held, 

Der mir gefällt! 
Und so soll mein deutsches Herz weich flöten, 
Rasches Blut in meinen Adern röten? 

So ist der Held, 

Der mir gefällt! 
Ich vertausch ihn nicht um eine Welt. 

Singt, Schäfer, singt, 

Wie's euch gelingt! 
Wieland soll nicht mehr mit seinesgleichen 
Edlen Mut von imsrer Brust verscheuchen. 

Singt, Schäfer, singt, 

Wie's euch gelingt, 
Bis ihr deutschen Glanz zu Grabe bringt. 



1772/4 FRANKFURT 
DAS VEILCHEN 

EIN Veilchen auf der Wiese stand 
Gebückt in sich und unbekannt; 
Es war ein herzigs Veilchen. 
Da kam eine junge Schäferin 
Mit leichtem Schritt und muntenn Sinn 
Daher, daher, 
Die Wiese her, und sang. 

Ach! denkt das Veilchen, war ich nur 
Die schönste Blume der Natur, 
Ach, nur ein kleines Weilchen, 
Bis mich das Liebchen abgepflückt 
Und an dem Busen matt gedrückt! 
Ach nur, ach nur 
Ein Viertelstündchen lang! 

Ach! aber ach! das Mädchen kam 

Und nicht in acht das Veilchen nahm. 

Ertrat das arme Veilchen. 

Eis sank und starb und freut' sich noch: 

Und sterb ich denn, so sterb ich doch 

Durch sie, durch sie. 

Zu ihren Füßen doch. 



125 



[An Johann Heinrich Merck] 

SCHICKE dir hier in altem Kleid 
Ein neues Kindlein wohl bereit, 
Und ists nichts weiters auf der Bahn, 
Hats immer alte Hosen an. 
Wir Neuen sind ja solche Hasen, 
Sehn immer nach den alten Nasen, 
Und hast ja auch, wie's jeder schaut, 
Dir Neuen ein altes Haus gebaut. 
Darum, wie's steht sodann geschrieben 
Im Evangelium da drüben, 
Daß sich der neu Most so erweist, 
Daß er die alten Schlauch zerreißt— 



1 2 6 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Ist fast das Gegenteil so wahr: 

Das Alt' die jungen Schlauch reißt gar. 

Und können wir nicht tragen mehr 

Krebs, Panzerhemd, Helm, Schwert und Speer 

Und erliegen darunter tot 

Wie Ameis unterm Schollenkot, 

So ist doch immer unser Mut 

Wahrhaftig wahr und bieder gut. 

Und allen Perückeurs und Fratzen 

Und allen literarschen Katzen 

Und Räten, Schreibern, Maidels, Kindern 

Und wissenschaftlich schönen Sündern 

Sei Trotz und Hohn gesprochen hier 

Und Haß und Ärger fiir und für. 

Weisen wir so diesen Philistern, 

Kritikastern und ihren Geschwistern 

Wohl ein jeder aus seinem Haus 

Seinen Arsch zum Fenster hinaus. 



DILETTANT UND KRITIKER 

ES hatt ein Knab eine Taube zart, 
Gar schön von Farben und bunt, 
Gar herzlich lieb, nach Knabenart, 
Geätzet aus seinem Mund, 
Und hatte so Freud am Täubchen sein, 
Daß er nicht konnte sich freuen allein. 

Da lebte nicht weit ein Alt- Fuchs herum, 
Erfahren und lehrreich und schwätzig darum; 
Der hatte den Knaben manch Stündlein ergetzt, 
Mit Wundern und Lügen verprahlt und verschwätzt. 

"Muß meinem Fuchs doch mein Täubelein zeigen!" 
Er lief und fand ihn strecken in Sträuchen, 
"Sieh, Fuchs, mein lieb Täublein, mein Täubchen so schön! 
Hast du dein Tag so ein Täubchen gesehn?" 

Zeig her! — Der Knabe reichts. — Geht wohl an; 
Aber es fehlt noch manches dran. 



1772/4 FRANKFURT 127 

Die Federn, zum Exempel, sind zu kurz geraten. — 

Da fing er an, rupft' sich den Braten. 

Der Knabe schrie. — Ehi mu£t stäikre einsetzen, 

Sonst zierts nicht, schwinget nicht. — 

Da wars nackt — Mißgeburt! — und in Fetzen. 

Dem Knaben das Herze bricht. 

Wer sich erkennt im Knaben gut. 
Der sei vor Füchsen auf seiner Hut. 

DER WELT LOHN 

[Von Goethe?] 

WAS du dem Publikum gesagt, 
Hat ihnen dnmi nicht alles behagt. 
Sie sollten nicht vergessen: 
Einem geschenkten Gaul 
Sieht man nicht ins Maul; 
Und wer einen Korb voll Äpfel verschenkt, 
Nicht just dran denkt, 
Ob einen der Wurm hat angefressen. 



[An Johann Christian Kestner] 

WENN dem Papa sein Pfeifchen schmeckt. 
Der Doktor Hofirat Grillen heckt 
Und sie Karlinchen für Liebe verkauft. 
Die Lotte herüber hinüber lauft, 
Lenchen treuherzig und wohlgemut 
In die Welt hinein lugen tut, 
Mit dreckigen Händen und Honigschnitten, 
Mit Löcher im Kopf nach deutschen Sitten 
Die Buben jauchzen mit hellem Häuf 
Tür ein Tür aus, Hof ab Hof auf. 
Und Ihr mit den blauen Äugelein 
Gucket so ganz gelassen drein. 
Als wärt Ihr Männlein von Porzellan, 
Seid innerlich doch ein wackrer Mann, 
Treuer Liebhaber tmd warmer Freund: 



128 LYRISCHE DICHTUNGEN 

So lass des Reichs und Christen Feind, 
Und Russ und Preuß und Belial 
Sich teilen in den Erdenball, 
Und nur das liebe Teutsche Haus 
Nehmt von der großen Teilung aus. 
Und daß der Weg von hier zu Euch , 
Wie Jakobs Leiter sei sicher und gleich, 
Und unser Magen verdau gesund. 
So segnen wir Euch mit Herz und Mund: 
Gott allein die Ehr, 
Mir mein Weib allein, 
So kann ich und Er 
Wohl zufrieden sein. 



KÜNSTLERS MORGENLIED 

DER Tempel ist euch aufgebaut, 
Ihr hohen Musen all. 
Und hier in meinem Herzen ist 
Das Allerheiligste. 

Wenn morgens mich die Sorme weckt, 
Warm, froh ich schau umher, 
Steht rings ihr Ewiglebenden 
Im heiigen Morgenglanz. 

Ich bpt hinan, und Lobgesang 
Ist lauter mein Gebet, 
Und freudeklingend Saitenspiel 
Begleitet mein Gebet. 

Ich trete vor den Altar hin 
Und lese, wie sichs ziemt, 
Andacht liturgscher Lektion 
Im heiligen Homer. 

Und wenn er ins Getümmel mich 
Von Löwenkriegern reißt, 
Und Göttersöhn auf Wagen hoch 
Rachglühend stürmen an, 



1772/4 FRANKFÜRT 

Und Roß dann vor dem Wagen stürzt. 
Und dmnter und drüber sich 
Freund', Feinde wälzen in Todesblut— 
Er sengte sie dahin 

Mit Flammenschwert, der Heldensohn, 
Zehntausend auf einmal, 
Bis dann auch er, gebändiget 
Von einer Götteihand, 

Ab auf den Rogns niederstürzt, 
Den er sich selbst gehäuft, 
Und Feinde nun den schönen Leib 
Verschändend tasten an: 

Da greif ich mutig auf, es wird 
Die Kohle zum Gewehr, 
Und jene meine hohe Wand 
In Schlachtfeld-Wogen braust. 

Hinan! Hinan! Es heulet laut 

Gebrüll der Feindeswut, 

Und Schild an Schild, und Schwert auf Helm, 

Und um den Toten Tod. 

Ich dränge mich hinan, hinan 
Da kämpfen sie um ihn, 
Die tapfem Freunde, tapferer 
In ihrer Tränenwut. 

Ach, rettet! Kämpfet! Rettet ihn! 
Ins Lager tragt ihn fort. 
Und Balsam gießt dem Toten auf 
Und Tränen Toten-Ehr! 

Und find ich mich zurück hierher. 
Empfängst du, Liebe, mich. 
Mein Mädchen, ach, im Bilde nur, 
Und so im Bilde warm! 

^ETHE XIV a. 



129 



I30 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Ach, wie du ruhtest neben mir 

Und schmachtetest mich an, 

Und mirs vom Aug durchs Herz hindurch 

Zum Griflfel schmachtete! 

Wie ich an Aug und Wange mich 
Und Mund mich weidete, 
Und mirs im Busen jung und frisch, 
Wie einer Gottheit, war! 

O kehre doch und bleibe dann 
In meinen Armen fest, 
Und keine, keine Schlachten mehr, 
Nur dich in meinem Arm! 

Und sollst mir, meine Liebe, sein 
Alldeutend Ideal, 
Madonna sein, ein Erstlingskind, 
Ein heiligs, an der Brust; 

Und haschen will ich, Nymphe, dich 
Im tiefen Waldgebüsch; 
O fliehe nicht die rauhe Brust, 
Mein aufgerecktes Ohr! 

Und liegen will ich Mars zu dir, 
Du Liebesgöttin stark, 
Und ziehn ein Netz um uns herum 
Und rufen dem Olymp, 

Wer von den Göttern kommen will, 
Beneiden unser Glück, 
Und Solls die Fratze Eifersucht, 
Am Bettfuß angebarmt. 



[An Friedrich Wilhelm Gotter] 

SCHICKE dir hier den alten Götzen, 
Magst ihn zu deinen Heilgen setzen 
Oder magst ihn in die Zahl 
Der Ungeblätterten stellen zumal. 



1772/4 FRANKFURT 131 

Habs geschrieben in guter Zeit, 

Tags, Abends und Nachts Herrlichkeit, 

Und find nicht halb die Freud so mehr. 

Da ntm gedruckt ist ein großes Heer. 

Find, daß es wie mit den Kindern ist, 

Da doch wohl immer die schönste Frist 

Bleibt, wenn man in der schönen Nacht 

Sie hat der Heben Frau gemacht. 

Das andre geht dann seinen Gang, 

Und Rechnen, Wehn und Tauf und Sang. 

Mögt euch nun auch ergötzen dran, 

So habt ihr doppelt wohlgetan. 

Magst, wie ich höre, dann allda 

Agieren, tragieren Komödia 

Vor Stadt und Land und Hof und Herrn, 

Die sahn das Schattenspiel wohl gem. 

So such dir denn in deinem Haus 

Einen rechten tüchtigen Bengel aus 

Und gib ihm die Roll von meinem Götz, 

In Panzer, Blechhaub und Geschwätz. 

Dann nimm den Weisung vor dich hin, 

In Pumphos, Kragen imd stolzem Kinn, 

Und Spada wohl nach Spanier Art, 

Und VVeitnaslöchern, Stüt^leinbart, 

Und sei ein Falscher an den Frauen, 

Lass dich zuletzt vergiftet schauen. 

Und bring, da hast du meinen Dank, 

Mich vor die Weiblein ohn Gestank. 

Mußt alle garstgen Worte lindern. 

Aus Scheißkerl Schurken, aus Arsch mach Hintern, 

Und gleich' das alles so fortan. 

Wie dus wohl ehmals schon getan. 

[An Johann Christian Kestner] 

WENN einst nach überstandnen Lebens Müh und 
Schmerzen 
Das Glück dir Ruh und Wonnetage gibt. 
Vergiß nicht den, der — ach! von ganzem Herzen, 
Dich und mit dir geliebt. 



132 LYRISCHE DICHTUNGEN 

DAS GARSTIGE GESICHT 

WENN einen würdigen Biedermann, 
Pastorn oder Ratsherrn lobesan, 
Die Wittib läßt in Kupfer stechen 
Und drunter ein Verslein radebrechen, 
Da heißts: Seht hier mit Kopf und Ohren 
Den Herrn, Ehrwürdig, Wohlgeboren! 
Seht seine Augen und seine Stirn; 
Aber sein verständig Gehirn, 
So manch Verdienst ums geraeine Wesen, 
Könnt ihr ihm nicht an der Nase lesen. 

So, liebe Lotte! heißts auch hier: 
Ich schicke da mein Bildnis dir. 
Magst wohl die ernste Stirne sehen, 
Der Augen Glut, der Locken Wehen; 
's ist ungefähr das garstge Gesicht — 
Aber meine Liebe siehst du nicht. 

DER AUTOR 

WAS war ich 
Ohne dich, 
Freund Publikum! 

All mein Empfinden Selbstgespräch, 
All meine Freude stvunm. 

CHRISTEL 

HAB oft einen dumpfen düstem Sinn, 
Ein gar so schweres Blut! 
Wenn ich bei meiner Christel bin, 
Ist alles wieder gut. 
Ich seh sie dort, ich seh sie hier 
Und weiß nicht auf der Welt, 
Und wie vmd wo und wann sie mir, 
Warum sie mir gefällt. 

Das schwarze Schelmenaug dadrein. 
Die schwarze Braue drauf. 



1772/4 FRANKFURT 133 

Seh ich ein einzigmal hinein, 

Die Seele geht mir auf. 

Ist eine, die so lieben Mund, 

Liebrunde Wänglein hat? 

Ach, und es ist noch etwas rund, 

Da sieht kein Aug sich satt! 

Und wenn ich sie denn fassen darf 

Im luftgen deutschen Tanz, 

Das geht herum, das geht so scharf. 

Da fühl ich mich so ganz! 

Und wenns ihr taumlig wird und warm, 

Da wieg ich sie sogleich 

An meiner Brust, in meinem Arm; 

's ist mir ein Königreich! 

Und wenn sie liebend nach mir blickt 

Und alles nuid vergißt, 

Und dann an meine Brust gedrückt 

Und weidlich eins geküßt, 

Das läuft mir durch das Rückenmark 

Bis in die große Zeh! 

Ich bin so schwach, ich bin so stark, 

Mir ist so wohl, so weh! 

Da möcht ich mehr und immer mehr. 

Der Tag wird mir nicht lang; 

Wenn ich die Nacht auch bei ihr war, 

Davor war mir nicht bang. 

Ich denk, ich halte sie einmal 

Und büße meine Lust; 

Und endigt sich nicht meine Qual, 

Sterb ich an ihrer Brust! 



RETTUNG 

MEIN Mädchen ward mir ungetreu. 
Das machte mich zum Freudenhasser; 
Da lief ich an ein fließend Wasser, 
Das Wasser lief vor mir vorbei. 



1 3 4 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Da stand ich nun, verzweiflcnd, stumm 
Im Kopfe war mirs wie betrvmken, 
Fast war ich in den Strom gesunken, 
Es ging die Welt mit mir herum. 

Auf einmal hört ich was, das rief— 
Ich wandte just dahin den Rücken — 
Es war ein Stimmchen zum Entzücken: 
"Nimm dich in acht! der Fluß ist tief.' 

Da lief mir was durchs ganze Blut, 
Ich seh, so is'ts ein liebes Mädchen; 
Ich frage sie: Wie heißt du? "Käthchen!" 
O schönes Käthchen! Du bist gut. 

Du hältst vom Tode mich zurück, 
Auf immer dank ich dir mein Leben; 
Allein das heißt mir wenig geben, 
Nun sei auch meines Lebens Glück! 

Und dann klagt ich ihr meine Not, 
Sie schlug die Augen lieblich nieder; 
Ich küßte sie und sie mich wieder, 
Und — vor der Hand nichts mehr von Tod. 



DER NEUE AMADIS 

ALS ich noch ein Knabe war, 
Sperrte man mich ein, 
Und so saß ich manches Jahr 
Über mir allein 
Wie in Mutterleib. 

Doch du warst mein Zeitvertreib 

Goldne Phantasie, 

Und ich ward ein wanner Held, 

Wie der Prinz Pipi, 

Und diurchzog die Welt. 



1772/4 FRANKFURT 

Baute manch kristallen Schloß 
Und zerstört' es auch, 
Warf mein blinkendes Geschoß 
Drachen durch den Bauch, 
Ja, ich war ein Mann! 

Ritteriich befreit ich dann 
Die Prinzessin Fisch; 
Sie war gar zu obligeant, 
Führte mich zu Tisch, 
Und ich war galant. 

Und ihr Kuß war Götterbrot, 
Glühend wie der Wein. 
Ach! ich liebte fast mich totl 
Rings mit Sonnenschein 
War sie emailliert. 

Ach! wer hat sie mir entfuhrt? 

Hielt kein Zauberband 

Sie zurück vom schnellen Fliehn? 

Sagt, wo ist ihr Land? 

Wo der Weg dahin? 

DER UNTREUE KNABE 

ES war ein Knabe frech genung, 
War erst aus Frankreich kommen, 
Der hatt ein armes Mädel jung 
Gar oft in Arm genommen 
Und liebgekost und liebgeherzt. 
Als Bräutigam herumgescherzt, 
Und endlich sie verlassen. 

Das braune Mädel das erfuhr, 

Vergingen ihr die Sinnen, 

Sie lacht' und weint' und bet't' und schwur; 

So fuhr die Seel von hinnen. 

Die Stund, da sie verschieden war, 

Wird bang dem Buben, graust sein Haar, 

Es treibt ihn fort zu Pferde. 



135 



136 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Er gab die Sporen kreuz und quer 

Und ritt auf alle Seiten, 

Herüber, hinüber, hin und her, 

Kann keine Ruh erreiten, 

Reit't sieben Tag und sieben Nacht; 

Es blitzt und donnert, stürmt und kracht. 

Die Fluten reißen über. 

Und reit't in Blitz und Wetterschein 

Gemäuerwerk entgegen, 

Bindts Pferd hauß' an und kriecht hinein 

Und duckt sich vor dem Regen. 

Und wie er tappt, und wie er fühlt, 

Sich unter ihm die Erd erwühlt; 

Er stürzt wohl hvmdert Klafter. 

Und als er sich ermannt vom Schlag, 
Sieht er drei Lichtlein schleichen, 
Er rafft sich auf und krabbelt nach, 
Die Lichtlein ferne weichen, 
Irrführen ihn die Quer und Läng, 
Trepp auf, Trepp ab, durch enge Gang, 
Verfallne wüste Keller. 

Auf einmal steht er hoch im Saal, 
Sieht sitzen hundert Gäste, 
Hohläugig grinsen allzumal 
Und winken ihm zum Feste. 
Er sieht sein Schätzel untenan 
Mit weißen Tüchern angetan, 
Die wend't sich — 



DER KÖNIG IN THULE 

ES war ein König in Thule 
Gar treu bis an das Grab, 
Dem sterbend seine Buhle 
Einen goldnen Becher gab. 



1772/4 FRANKFURT 137 

Es ging ihm nichts darüber, 
Er leert' ihn jeden Schmaus; 
Die Augen gingen ihm über, 
Sooft er trank daraus. 

Und als er kam zu sterben, 
Zählt' er seine Stadt' im Reich, 
Gönnt' alles seinen Erben, 
Den Becher nicht zugleich. 

Er saß beim Königsmahle, 
Die Ritter um ihn her, 
Auf hohem Vätersaale, 
Dort auf dem Schloß am Meer. 

Dort stand der alte Zecher, 
Trank letzte Lebensglut, 
Und warf den heiigen Becher 
Hinunter in die Flut. 

Er sah ihn stürzen, trinken 
Und sinken tief ins Meer. 
Die Augen täten ihm sinken; 
Trank nie einen Tropfen mehr. 

KENNER UND KÜNSTLER 
Kenner 

GUT! Brav, mein Herr! Allein 
Die linke Seite 
Nicht ganz gleich der rechten: 
Hier scheint es mir zu lang, 
Und hier zu breit; 
Hier zuckts ein wenig, 
Und die Lippe 
Nicht ganz Natur, 
So tot noch alles! 

Künstler 
O ratet! helft mir, 
Daß ich mich vollende! 



138 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Wo ist der Urquell der Natur, 
Daraus ich schöpfend 
Himmel fühl und Leben 
In die Fingerspitzen hervor? 
Daß ich mit Göttersinn 
Und Menschenhand 
Vermöge zu bilden, 
Was bei meinem Weib 
Ich animalisch kann und muß! 

Kenner 
Da sehen Sie zu. 

Künstler 
So! 



MONOLOG DES LIEBHABERS 

WAS nutzt die glühende Natur 
Vor deinen Augen dir, 
Was nutzt dir das Gebildete 
Der Kunst rings um dich her, 
Wenn liebevolle Schöpfungskraft 
Nicht deine Seele füllt 
Und in den Fingerspitzen dir 
Nicht wieder bildend wird? 



GUTER RAT 

GESCHIEHT wohl, daß man einen Tag 
Weder sich noch andre leiden mag, 
Will nichts dir nach dem Herzen ein; 
Sollts in der Kunst wohl anders sein? 
Drum hetze dich nicht zur schlimmen Zeit, 
Denn Füll und Kraft sind nimmer weit: 
Hast in der bösen Stund geruht, 
Ist dir die gute doppelt gut. 



X772/4 FRANKFÜRT 139 

AUF MSLL. N. N. 

THR Herz ist gleich 
JlDein Himmelreich: 
Weil die geladenen Gäste 
Nicht kamen, 
Ruft sie zum Feste 
Krüppel mid Lahmen. 

[Bniclist&ck] 

UND fand, als ich mich aa%erafit. 
Verschüttet, ach, in meinem Bette 
Des Lebens Balsams Füllekraft, 
Womit ein Fürstenkind sich wohl begnüget hätte. 

GANYMED 

WIE im Morgenglanze 
Ehi rings mich anglühst, 
Frühling, Geliebter! 
Mit taxisendfacher Liebeswonne 
Sich an mein Herz drängt 
Deiner ewigen Wärme 
Heilig Gefühl, 
Unendliche Schöne! 

Daß ich dich fassen möcht 
In diesen Arm! 

Ach^an deinem Bnsen 

lieg ich, schmachte. 

Und deine Blumen, dein Gras 

Drängen sich an mein Herz. 

Du kühlst den brennenden 

Durst meines Busens, 

Lieblicher Morgenwind! 

Ruft drein die Nachtigall 

Liebend nach mir aus dem Nebeltal. 

Ich komm, ich komme! 
Wohin? Ach, wohin? 



I40 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Hinauf! Hinauf strebts. 

Es schweben die Wolken 

Abwärts, die Wolken 

Neigen sich der sehnenden Liebe. 

Mir! Mir! 

In euerm Schöße 

Aufwärts! 

Umfangend umfangen! 

Aufwärts an deinen Busen, 

Allliebender Vater! 



MIT EINER ZEICHNUNG 

SIEH in diesem Zauberspiegel 
Einen Traum, wie Heb imd gut 
Unter ihres Gottes Flügel 
Unsre Freundin leidend ruht. 

Schaue, wie sie sich hinüber 
Aus des Lebens Woge stritt; 
Sieh dein Bild ihr gegenüber 
Und den Gott, der für euch litt. 

Fühle, was ich in dem Weben 
Dieser Himmelsluft gefühlt. 
Als mit ungeduldgem Streben 
Ich die Zeichnung hingewühlt. 



1774 RHEINREISE 



ZWISCHEN Lavater iind Basedow 
Saß ich bei Tisch des Lebens froh. 
Herr Helfer, der war gar nicht faul, 
Setzt' sich auf einen schwarzen Gaul, 
Nahm einen Pfarrer hinter sich 
Und auf die Offenbarung strich, 
Die rms Johannes der Prophet 
Mit Rätseln wohl versiegeln tat; 
Eröffnet' die Siegel kurz und gut, 
Wie man Theriaksbüchseu öffnen tut, 
Und maß mit einem heiligen Rohr 
Die Kubusstadt und das Perlentor 
Dem hocherstaunten Jünger vor. 
Ich war indes nicht weit gereist. 
Hatte ein Stück Salmen aufgespeist. 

Vater Basedow, unter dieser Zeit, 
Packt einen Tanzmeister an seiner Seit 
Und zeigt ihm, was die Taufe klar 
Bei Christ und seinen Jüngern war; 
Und daß sichs gar nicht ziemet jetzt. 
Daß man den Kindern die Köpfe netzt. 
Drob ärgert sich der andre sehr 
Und wollte gar nichts hören mehr. 
Und sagt: es wüßte ein jedes Kind, 
Daß es in der Bibel anders stund. 
Und ich behaglich unterdessen 
Hätt einen Hahnen aufgefressen. 

* 
Und, wie nach Emmaus, weiter gings 
Mit Geist- und Feuerschritten, 
Prophete rechts, Prophete links, 
Das Weltkind in der Mitten. 

n. SURA 

Sist so viel Heimweh in der Welt, daß eins dem andern 
die Wage hält; 
Da streckt er sich in seinem Bett — denkt, o daß ich mein 

Weibchen hätt. 
Ich kröne mich in meinem Sinn; fort ist die gute Meyerin! 



144 LYRISCI^E DICHTUNGEN 

Doch hoffen wir wieder Maien-Freud, 
Er lehret und bekehrt die Leut, 
Ich fahr zum schönen Liesel heut. 

explicit Sura. 
i 

WENN du darnach was fragst, 
Wir waren hier. 
Du, der du nach uns kommen magst, 
Hab wenigstens so frisches Blut, 
Und sei so leidlich fromm und gut 
Und leidlich glücklich, als wie wir! 



w 



IR werden nun recht gut geführt, 
Weil Basedow das Ruder rührt. 



[In das Stammbuch des Zeichners Georg Friedrich Schmoll] 

GELACHT! Geschrieben! 
Die Zeit vertrieben! 
Die Zeit gehalten 
Heißt wohl verwalten. 

Auf der Lahn ut supra 
^ Goethe. 

AUCH was die Quer, 
So gehts auf der Welt her. 
Auch etwas grad 
Wie die Allee im Bad. 
Auch etwas ringsherum, 
Geht alles um und um. 



GEISTES -GRUSS 

HOCH auf dem alten Turme steht 
Des Helden edler Geist, 
Der, wie das Schiff vorübergeht. 
Es wohl zu fahren heißt. 



1774 RHEINREISE 

"Sieh, diese Senne war so stark, 
Dies Herz so fest und wild, 
Die Knochen voll von Rittermark, 
Der Becher angefüllt; 

Mein halbes Leben stürmt ich fort, 
Verdehnt die Hälft in Ruh, 
Und du, du Menschen- Schi filein dort, 
Fahr immer, immer zu!" 

[In den Kalender der Frau Hofrat Kämpf 

SARAH kocht' unserm Herre Gott, 
Elisabeth Götzen in der Not, 
Nahmen sich ihres Hauses an, 
Waren Gott lieb, waren lieb dem Mann. 
Du sorgtest für die Freimde hier. 
Drum, liebes Weibchen, dank ich dir. 



145 



DEM PASSAVANT- UND SCHÜBLERISCHEN 

BRAUTPAARE 

DE GESCmVISTER DES BRÄUTIGAMS 

ER fliegt hinweg, dich zu mnfangen. 
Und unsre Seele jauchzt ihm lautj 
Mit innig heißerem Verlangen 
Flog nie der Bräutigam zur Braut. 
O Schwester, willst du länger weilen? 
Auf, bring uns doppelt ihn ziurück! 
Wir woUen alles mit dir teilen 
Und unser Herz und unser Glück. 

Die besten Eltern zu verlassen, 

Die Freunde, denen du verschwindst, 

Ist traurig. Doch, um dich zu fassen. 

Bedenke, was du wiederfindst. 

Dein Glück, o Freundin, wird nicht minder. 

Und unsers wird durch dich vermehrt. 

Sieh, dich erwarten muntre Kinder, 

Die werten Eltern Gott beschert, 

GOETHE XIV lo. 



146 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Komm zu dem täglich neuen Feste, 
Wo warme Liebe sich ergießt, 
Ringsum die brüderlichen Gäste, 
Da eins des andern Glück genießt. 
Im langgehofften Sommerregen 
Reicht Gott dem früchtevollen Land 
Erquickung, tausendfältgen Segen; 
Reich du dem Bruder deine Hand. 

Und mit der Hand ein künftig Glücke 
Für ihn und dich und uns zugleich; 
Dann werden jede Augenblicke 
An neuen Lebensfreuden reich. 
Ja, es sind wonnevolle Schmerzen, 
Was aus der Eltern Auge weint; 
Sie sehen dich mit warmem Herzen 
Mit deiner Schwester neu vereint. 

Wie Freud und Tanz ihn dir ergeben 
Und Jugendwonne euch verknüpft. 
So seht einst euer ganzes Leben 
Am schönen Abend hingeschlüpft. 
Und war das Band, das euch verbunden, 
Gefühlvoll, warm und heilig rein, 
So laßt die letzte eurer Stunden 
Wie eure erste heiter sein. 



I774-I77S FRANKFURT 



KENNER UND ENTHUSIAST 

ICH fahrt einen Freund zum Maidel jnng. 
Wollt ihm zu genießen geben, 
Was alles es hält, gar Freud genung, 
Frisch junges warmes Leben. 
Wir £anden sie sitzen an ihrem Bett, 
Tat sich auf ihr Händlein stützen. 
Der Herr, der macht' ihr ein Kompliment, 
Tat gegen ihr über sitzen. 
Er spitzt die Nase, er sturt sie an, 
Betracht't sie herüber, hinübei^ 
Und um mich wars gar bald getan, 
Die Sinnen gingen mir über. 

Der liebe Herr für allen Dank 
Führt mich drauf in eine Ecken 
Und sagt, sie war doch allzu schlank 
Und hätt auch Sommerflecken. 
Da nahm ich von meinem Kind Adieu, 
Und scheidend sah ich in die Höh: 
Ach Herre Gott, ach Herre Gott, 
Erbarm dich doch des Heiren! 

Da fuhrt ich ihn in die Galerie 

Voll Menschenglut und Geistes; 

Mir wirds da gleich, ich weiß nicht wie. 

Mein ganzes Herz zerreißt es. 

O Maler! Maler! rief ich laut. 

Belohn dir Gott dein Malen! 

Und nur die allerschönste Braut . 

Kann dich für uns bezahlen. 

Und sieh, da ging mein Herr herum 
Und stochert' sich die Zähne, 
Registriert' in Katalogum 
Mir meine Göttersöhne. 
Mein Busen war so voll und bang, 
Von hundert Welten trächtig; 
Ihm war bald was zu kurz, zu lang. 
Wägt* alles gar bedächtig. 



1 5 o LYRISCHE DICHTUNGEN 

Da warf ich in ein Eckchen mich, 
Die Eingeweide brannten. 
Um ihn versammelten Männer sich, 
Die ihn einen Kenner nannten. 

AN SCHWAGER KRONOS 

SPUDE dich, Kronos! 
Fort den rasselnden Trott! 
Bergab gleitet der Weg; 
Ekles Schwindeln zögert 
Mir vor die Stirne dein Zaudern. 
Frisch, holpert es gleich, 
Über Stock und Steine den Trott 
Rasch ins Leben hinein! 

Nun schon wieder 
Den eratmenden Schritt 
Mühsam Berg hinauf! 
Auf denn, nicht träge denn, 
Strebend und hofifend hinan! 

Weit, hoch, herrlich der Blick 
Rings ins Leben hinein, 
Vom Gebirg zum Gebirg 
Schwebet der ewige Geist, 
Ewigen Lebens ahndevoll. 

Seitwärts des Überdachs Schatten 
Zieht dich an 

Und ein Frischung verheißender Blick 
Auf der Schwelle des Mädchens da. 
Labe dich! — Mir auch, Mädchen, 
Diesen schäumenden Trank, 
Diesen frischen Gesundheitsblick! 

Ab denn, rascher hinab! 
Sieh, die Sonne sinkt! 
Eh sie sinkt, eh mich Greisen 
Ergreift im Moore Nebelduft, 
Entzahnte Kiefer schnattern 
Und das schlotternde Gebein. 



1774/5 FRANKFURT 151 

Trunknen vom letzten Strahl 
Reiß mich, ein Feuermeer 
Mir im schäumenden Aug, 
Mich geblendeten Taumelnden 
In der Hölle nächtliches Tor. 

Töne, Schwager, ins Hom, 

Raßle den schallenden Trab, 

Daß der Orkus vernehme: wir kommen. 

Daß gleich an der Türe 

Der Wirt uns frevmdlich empfange.* 

PROMETHEUS 

BEDECKE deinen Himmel, Zeus, 
Mit Wolkendunst 
Und übe, dem Knaben gleich, 
Der Disteln köpft, 
An Eichen dich und Bergeshöhn} 
Mußt mir meine Erde 
Doch lassen stehn 

Und meine Hütte, die du nicht gebaut, 
Und meinen Herd, 
Um dessen Glut 
Du mich beneidest. 

Ich kenne nichts Ärmeres 
Unter der Sonn als euch, Götter! 
Ihr nähret kümmerlich 
Von Opferst euem 
Und Gebetshauch 
Eure Majestät 
Und darbtet, wären 
Nicht Kinder und Bettler 
Hofihungsvolle Toren. 

Die letzten drei Verse in älterer Fassang: 

Daß der Orkus vernehme; ein Fürst kommt, 
Drunten von ihren Sitzen 
Sich die Gewaltigen lüften. 



152 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Da ich ein Kind war, 

Nicht wußte, wo aus noch ein, , 

Kehrt ich mein verirrtes Auge 

Zur Sonne, als wenn drüber war 

Ein Ohr, zu hören meine Klage, 

Ein Herz wie meins, 

Sich des Bedrängten zu erbarmen. 

Wer half mir 

Wider der Titanen Übermut? 

Wer rettete vom Tode mich. 

Von Sklaverei? 

Hast du nicht alles selbst vollendet, 

Heilig glühend Herz? a 

Und glühtest jung und gut, f 

Betrogen, Rettungsdank 

Dem Schlafenden da droben? 

Ich dich ehren? Wofür? 

Hast du die Schmerzen gelindert 

Je des Beladenen? 

Hast du die Tränen gestillet 

Je des Geängsteten? 

Hat nicht mich zum Manne geschmiedet 

Die allmächtige Zeit 

Und das ewige Schicksal, 

Meine Herrn und deine? 

Wähntest du etwa, 

Ich sollte das Leben hassen, 

In Wüsten fliehen, 

Weil nicht alle 

Blütenträume reiften? 

Hier sitz ich, forme Menschen 

Nach meinem Bilde, 

Ein Geschlecht, das mir gleich sei, 

Zu leiden, zu weinen. 

Zu genießen und zu freuen sich. 

Und dein nicht zu achten, 

Wie ich! 



1774/5 FRANKFURT 153 

IN DAS STAMMBUCH 
JOHANN PETER DE REYNIERS 

EIN teures Büchlein siehst du hier, 
Voll Pergament und weiß Papier, 
Das wohl schon an die hundert Jahr 
Zum Stammbuch eingeweihet war. 
Prädestination ist ein Wunderding; 
Wie es dem lieben Büchlein ging, 
So ging es auch, wie's jeder schaut, 
Dem König von Garbe seiner Braut. 
Davon ich die Historiam 
Hier nicht erzähl aus Sitt und Scham, 
Wie solches auf dem vorgen Blatt 
Herr Reynier sich ausgebeten hat. 
Möcht er wohl vorgesehen haben. 
Was drüber kämen für feine Knaben; 
Gnug, er das Buch für gutes Geld 
Für seine Freunde weiß bestellt. 
Drei, vier Blätter, die sind beschrieben. 
Die andern sind auch weiß geblieben. 
Hat sie das Geschick mir zudacht. 
Nach Erbschafts Moder und langer Nacht 
Zog es endlich der Jungfrauen Flor 
Aus Schutt und Staub und Graus hervor 
Und gab es mir und schenkt' es mir. 
Als wohlbekannt wegen viel Geschmier, 
Daß ich Papier und Pergament 
Erfüllt mit Werken meiner Hand; 
Dazu bei Schnee und Winternacht 
Der Anfang alsobald gemacht. 
Da wir wohl hinterm Ofen saßen, 
Borsdorfer Äpfel weidUch fraßen. 
Zugegen war die Jungfrau lieb, 
Von Post und Kirch zwei große Dieb, 
Dadurch Weihung nicht gering 
Ihre rechte Würdigkeit empfing, 
Da es nach Christ Eintausend Jahr 
Siebenhimdert und vier und siebzig war, 



1 5 4 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Zwei Tage nach Martini Tag, 
Abends mit'm achten Glockenschlag. 
Frankfurt am Main, des Witzes Flor, 
Nicht weit vom Eschenheimer Tor, 
Findest das Haus nach dem ABC: 
Hundert sieben und fünfzig Litera D. 
Und hiermit mach ich den Beschluß. 
Hab freilich alles nicht beschrieben, 
Genug, was wir zusammen trieben, 
War nicht Actus continuus, 

» 
Den Abend drauf, nach Schrittschuhfahrt, 
Mit Jungfräulein von edler Art, 
Staats-Kirschen-Tort, gemeinem Bier 
Den Abend zugebracht allhier. 
Und Äugelein schön tmd Lichter Glanz, 
Ram, Sitha, Hannemann und sein Schwanz. 

[An HIeronymus Peter Schlosser] 

DU, dem die Musen von den Akten- Stöcken 
Die Rosenhände willig strecken, 
Der zweener Herren Diener ist, 
Die ärgre Feinde sind als Mammonas tmd Christ, 
Den Weg zum Römer selbst mit Blumen dir bestreust, 
Dem Winter Lieblichkeit und Dichterfreuden leihst: 
Kein Wunder, daß auch deine Gunst 
Zu meinem Vorteil diesmal schwärmet, 
Das flache Denkmal unsrer Kunst 
Mit freundlicher Empfindung wärmet. 
Lass es an deiner Seite stehn. 
Schenk ihm, auch unverdient, die Ehre, 
Und möchtest du an dem Versuche sehn, 
Was ich gern dir und gern den Musen wäre. 

SENDSCHREIBEN 

MEIN altes Evangelium 
Bring ich dir hier schon wieder; 
Doch ist mirs wohl um mich herum, 
Darum schreib ich dirs nieder. 



L 



1774/5 FRANKFURT 155 

Ich holte Gold, ich holte Wein, 
Stellt alles da zusammen; 
Da, dacht ich, da wird Wärme sein, 
Geht mein Gemäld in Flammen! 
Auch tat ich bei der Schätze Flor 
Viel Glut und Reichtum schwärmen; 
Doch Menschenfleisch geht allem vor. 
Um sich daran zu wärmen. 

Und wer nicht richtet, sondern fleißig ist, 

Wie ich bin und wie du bist, 

Den belohnt auch die Arbeit mit Genuß;. 

Nichts wird auf der Welt ihm Überdruß. 

Denn er blecket nicht mit stumpfem Zahn 

Lang Gesottnes und Gebratnes an, 

Das er, wenn er noch so sittlich kaut. 

Endlich doch nicht sonderlich verdaut; 

Sondern faßt ein tüchtig Schinkenbein, 

Haut da gut taglöhnermäßig drein. 

Füllt bis oben gierig den Pokal, 

Trinkt, und wischt das Maul wohl nicht einmal. 

Sieh, so ist Natur ein Buch lebendig, 
Unverstanden, doch nicht unverständlich; 
Denn dein Herz hat viel und groß Begehr, 
Was wohl in der Welt für Freude war, 
Allen Sonnenschein und alle Bäume, 
Alles Meergestad und alle Träume 
In dein Herz zu sammeln miteinander. 
Wie die Welt durchwühlend Banks, Solander. 

Und wie muß dirs werden, wenn du fühlest. 
Daß du alles in dir selbst erzielest, 
Freude hast an deiner Frau und Hunden, 
Als noch keiner in Elysium gefunden. 
Als er da mit Schatten lieblich schweifte 
Und an goldne Gottgestalten streifte. 
Nicht in Rom, in Magna Gräcia, 
Dir im Herzen ist die Wonne da! 
Wer mit seiner Mutter, der Natur, sich hält 
Findt im Stengelglas wohl eine Welt. 



156 LYRISCHE DICHTUNGEN 

KÜNSTLERS ABENDLIED 

ACH, daß die innre Schöpfungskraft 
Durch meinen Sinn erschölle! 
Daß eine Bildung voller Saft 
Aus meinen Fingern quölle! 

Ich zittre nur, ich stottre niu-. 
Und kann es doch nicht lassen; 
Ich fühl, ich kenne dich, Natur, 
Und so muß ich dich fassen. 

Bedenk ich dann, wie manches Jahr 
Sich schon mein Sinn erschließet, 
Wie er, wo dürre Heide war. 
Nun Freudenquell genießet; 

Wie sehn ich mich, Natur, nach dir, 
Dich treu und lieb zu fühlen! 
Ein lustger Springbrunn wirst du mir 
Aus tausend Röhren spielen. 

Wirst alle meine Kräfte mir 
In meinem Sinn erheitern 
Und dieses enge Dasein hier 
Zur Ewigkeit erweitern. 

[In ein Exemplar der 'Leiden des jungen Werthers'] 

IN jammervolle Seelenfreuden 
Sei bei des Armen Not entzückt. 
Ihm schuf sein Herz die bittre Leiden — 
Deins, mache Doron dich beglückt. 

BLEIBE, bleibe bei mir. 
Holder Fremdling, süße Liebe, 
Holde süße Liebe, 
Und verlasse die Seele nicht! 
Ach, wie anders, wie schön 
Lebt der Himmel, lebt die Erde, 
Ach, wie fühl ich, wie fühl ich I 

Dieses Leben zum ersten Mal! 



1774/5 FRANKFURT 157 

NEUE LIEBE NEUES LEBEN 

HERZ, mein Herz, was soll das geben? 
Was bedränget dich so sehr? 
Weich ein fremdes, neues Leben! 
Ich erkenne dich nicht mehr. 
Weg ist alles, was du liebtest, 
Weg, wanim du dich betrübtest, 
Weg dein Fleiß und deine Ruh — 
Ach, wie kamst du nur dazu! 

Fesselt dich die Jugendblüte, 
Diese liebliche Gestalt, 
Dieser Blick voll Treu und Güte 
Mit unendlicher Gewalt? 
Will ich rasch mich ihr entziehen, 
Mich ermannen, ihr entfliehen, 
Führet mich im Augenblick, 
Ach, mein Weg zu ihr zurück. 

Und an diesem Zauberfädchen, 
Das sich nicht zerreißen läßt. 
Hält das liebe, lose Mädchen 
Mich so wider Willen fest; 
Muß in ihrem Zauberkreise 
Leben nun auf ihre Weise. 
Die Verändrung, ach, wie groß! 
Liebe! Liebe! laß mich los! 



AN BELINDEN 

WARUM ziehst du mich unwiderstehlich, 
Ach, in jene Pracht? 
War ich guter Junge nicht so selig 
In der öden Nacht? 

Heimlich in mein Zimmerchen verschlossen. 
Lag im Mondenschein, 
Ganz von seinem Schauerlicht lunflossen, 
Und ich dämmert einj 



1 5 8 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Träumte da von vollen goldnen Stunden 
Ungemischter Lust, 

Hatte schon dein liebes Bild empfunden . 
Tief in meiner Brust. 

Bin ichs noch, den du bei so viel Lichtern 
An dem Spieltisch hältst? 
Oft so vmerträglichen Gesichtern 
Gegenüber stellst? 

Reizender ist mir des Frühlings Blüte 
Nun nicht auf der Flur; 
Wo du, Engel, bist, ist Lieb und Güte, 
Wo du bist, Natur. 

[Widmung von 'Erwin und Elmire'] 
[An Lili Schönemann] 

DEN kleinen Strauß, den ich dir binde, 
Pflückt ich aus diesem Herzen hier. 
Nimm ihn gefällig auf. Belinde, 
Der kleine Strauß, er ist von mir. 

[Auf Nicolai] 

MAG jener dünkelhafte Mann 
Mich als gefährlich preisen; 
Der Plumpe, der nicht schwimmen kann, 
Er wills dem Wasser verweisen! 
Was schiert mich der Berliner Bann, 
Geschmäcklerpfaffenwesen! 
Und wer mich nicht verstehen kann, 
Der lerne besser lesen. 

FREUDEN DES JUNGEN WERTHERS 

EIN junger Mensch, ich weiß nicht, wie, 
Starb einst an der Hypochondrie 
Und ward denn auch begraben. 
Da kam ein schöner Geist herbei, 
Der hatte seinen Stuhlgang frei. 



1774/5 FRANKFURT 159 

Wie's denn so Leute haben. 

Der setzt' notdürftig sich aufs Grab 

Und legte da sein Häuflein ab, 

Beschaute freundlich seinen Dreck, 

Ging wohl eratmet wieder weg 

Und sprach zu sich bedächtiglich: 

"Der gute Mensch, wie hat er sich verdorben! 

Hätt er geschissen so wie ich, 

Er wäre nicht gestorben!" 

STOSSGEBET 

VOR Werthers Leiden, 
Mehr noch vor seinen Freuden 
Bewahr uns, lieber Herre Gott! 



DEN MÄNNERN ZU ZEIGEN 

I. Samuelis i6. Kap. ti. Vers. 
Und Samuel sprach zu Isal: Sind das die Knaben alle? 

ACH! ich war auch in diesem Falle: 
Als ich die Weisen hört imd las, 
Da jeder diese Welten alle 
Mit seiner Menschenspanne maß, 
Da fragt ich: aber — sind sie das, 
Sind das die Knaben alle? 



SEHNSUCHT 

Melodie: Ol Vater der Barmherzigkeit etc. 

DIES wird die letzte Trän nicht sein, 
Die glühend herzauf quillet, 
Das mit imsäglich neuer Pein 
Sich schmerzvermehrend stillet. 

O! lass doch immer hier tmd dort 
Mich ewig Liebe fühlen. 
Und möcht der Schmerz auch also fort 
Durch Nerv' und Adern wühlen. 



i6o LYRISCHE DICHTUNGEN 

Könnt ich doch ausgefüllt einmal 
Von dir, o Ewger! werden — 
Ach, diese lange, tiefe Qual, 
Wie dauert sie auf Erden! 



[An Johann Heinrich Merck] 

HIER schick ich dir ein tem-es Pfand, 
Das ich mit eigner hoher Hapd, 
Mit Zirkel rein und Lineal 
Gefertigt dir zur Zeichen-Schal 
Und auch zu festem Kraft und Gnind 
In einer guten Zeichen -Stund. 
Nimms, lieber Alter, auf dein Knie 
Und denke mein, wenns imi dich schwebt, 
Wie es in Sympathien hie 
Um mein verschwirbelt Hirnchen lebt. 
Geb Gott dir Lieb zu deinem Pantoffel, 
Ehr jede krüpplige Kartoffel, 
Erkenne jedes Dings Gestalt, 
Sein Leid und Freud, Ruh und Gewalt, 
Und fiihle, wie die ganze Welt 
Der große Himmel zusammenhält. 
Dann du ein Zeichner, Kolorist, 
Haltungs und Ausdrucks Meister bist. 



I77S 
REISE IN DIE SCHWEIZ 



50ETHE XIV ,1. 



AN LOTTCHEN 

MITTEN im Getümmel mancher Freuden, 
Mancher Sorgen, mancher Herzensnot, 
Denk ich dein, o Lottchen, denken dein die beiden, 
Wie beim stillen Abendrot 
Du die Hand uns freundlich reichtest, 
Da du uns auf reich bebauter Flur, 
In dem Schöße herrlicher Natur, 
Manche leicht verhüllte Spur 
Einer lieben Seele zeigtest. 

Wohl ist mirs, daß ich dich nicht verkannt, 
Daß ich gleich dich in der ersten Stunde, 
Ganz den Herzensausdruck in dem Munde, 
Dich ein wahres, gutes Kind genannt. 

Still und eng und ruhig auferzogen 

Wirft man uns auf einmal in die Welt; 

Uns umspülen hunderttausend Wogen, 

Alles reizt uns, mancherlei gefällt, 

Mancherlei verdrießt ims, und von Stund zu Stunden 

Schwankt das leichtunruhige Gefühl; 

Wir empfinden, imd was wir empfunden. 

Spült hinweg das bunte Weltgewühl. 

Wohl, ich weiß es, da durchschleicht uns innen 
Manche Hoffnung, mancher Schmerz. 
Lottchen, wer kennt unsre Sinnen? 
Lottchen, wer kennt unser Herz? 
Ach, es möchte gern gekannt sein, überfließen 
In das Mitempfinden einer Kreatur, " ^ 

Und vertrauend zwiefach neu genießen 
Alles Leid vmd Freude der Natur. 

Und da sucht das Aug oft so vergebens 

Ringsumher und findet alles zu; 

So vertaumelt sich der schönste Teil des Lebens 

Ohne Sturm und ohne Ruh, 

Und zu deinem ewgen Unbehagen 

Stößt dich heute, was dich gestern zog. 

Kannst du zu der Welt nur Neigung tragen. 

Die so oft dich trog 



i64 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Und bei deinem Weh, bei deinem Glücke 
Blieb in eigenwillger, starrer Ruh? 
Sieh, da tritt der Geist in sich zurücke, 
Und das Herz — es schließt sich zu. 

So fand ich dich und ging dir frei entgegen. 
O sie ist wert, zu sein geliebt! 
Rief ich, erflehte dir des Himmels reinsten Segen, 
Den er dir nun in deiner Freundin gibt. 

[In das Stammbuch von Jakob Michael Reinhold Lenz] 

ZUR Erinnerung guter Stunden, 
Aller Freuden, aller Wunden, 
Aller Sorgen, aller Schmerzen 
In zwei tollen Dichter-Herzen, 
Noch im letzten Augenblick 
Lass ich Lenzchen dies zurück. 

[Auf dem Züricher See] 

OHNE Wein kanns uns auf Erden 
Nimmer wie dreihtmdert werden. 
Ohne Wein und ohne Weiber 
Hol der Teufel unsre Leiber. 

AUF DEM SEE -^1 

UND frische Nahrung, neues Blut 
Saug ich aus freier Welt; 
Wie ist Natur so hold und gut. 
Die mich am Busen hält! 
Die Welle wieget unsem Kahn 
Im Rudertakt hinauf. 
Und Berge, wolkig himmelan, 
Begegnen unserm Lauf. 

Aug, mein Aug, was sinkst du nieder? 
Goldne Träume, kommt ihr wieder? 
Weg, du Traum! so gold du bist; 
Hier auch Lieb und Leben ist. 



1775 REISE IN DIE SCHWEIZ 1 6 5 

Auf der Welle blinken 
Tausend schwebende Sterne, 
Weiche Nebel trinken 
Rings die türmende Ferne; 
Morgenwind umflügelt 
Die beschattete Bucht, 
Und im See bespiegelt 
Sich die reifende Frucht. 



VOM BERGE 

WENN ich, Hebe Lili, dich nicht liebte. 
Welche Wonne gab mir dieser Blick! 
Und doch, wenn ich, Lili, dich nicht liebte. 
Fand ich hier und fand ich dort mein Glück: 



[An die Wand von Lavaters Stube 
im Pfarrhaus zu Oberried] 

BIST du hier, 
Bin ich dir 
Immer gegenwärtig; 
Machst du hier, 
Machst mit mir 
Deine Werke fertig. 



1775 
SOMMER -HERBST 

FRANKFURT 



[Titelstrophen für ,Die Leiden des jungen \Verthers% 
Zweite Auflage] 

[Zum ersten Teil] 

JEDER Jüngling sehnt sich, so zu lieben, 
Jedes Mädchen, so geliebt zu sein; 
Ach, der heiligste von unsern Trieben, 
Warum quillt aus ihm die grimme Pein? 

[Zum zweiten Teil] 
Du beweinst, du liebst ihn, liebe Seele, 
Rettest sein Gedächtnis von der Schmach; 
Sieh, dir winkt sein Geist aus seiner Höhle: 
Sei ein Mann, und folge mir nicht nach. 



BUNDESLIED 

IN allen guten Stunden, 
Erhöht von Lieb und Wein, 
Soll dieses Lied verbunden 
Von uns gesungen sein! 
Uns hält der Gott zusammen. 
Der uns hierher gebracht. 
Erneuert imsre Flammen, 
Er hat sie angefacht. 

So glühet fröhlich heute, 
Seid recht von Herzen eins! 
Auf, trinkt erneuter Freude 
Dies Glas des echten Weins! 
Auf, in der holden Stunde 
Stoßt an und küsset treu, 
Bei jedem neuen Bunde, 
Die alten wieder neu! 

Wer lebt in unserm Kreise, 
Und lebt nicht selig drin: 
Genießt die freie Weise 
Und treuen Brudersinn! 



1 7 o LYRISCHE DICHTUNGEN 

So bleibt durch alle Zeiten 
Herz Herzen zugekehrt; 
Von keinen Kleinigkeiten 
Wird unser Bund gestört. 

Uns hat ein Gott gesegnet 
Mit freiem Lebensblick, 
Und alles, was begegnet, 
Erneuert unser Glück. 
Durch Grillen nicht gedränget; 
Verknickt sich keine Lust; 
Durch Zieren nicht geenget, 
Schlägt freier unsre Brust. 

Mit jedem Schritt wird weiter 
Die rasche Lebensbahn, 
Und heiter, immer heiter 
Steigt unser Blick hinan. 
Uns wird es nimmer bange, 
Wenn alles steigt und fällt. 
Und bleiben lange, lange! 
Auf ewig so gesellt. 

HERBSTGEFÜHL 

FETTER grüne, du Laub, 
Am Rebengeländer 
Hier mein Fenster herauf! 
Gedrängter quellet, 
Zwillingsbeeren, und reifet 
Schneller tmd glänzend voller! 
Euch brütet der Mutter Sonne 
Scheideblick, euch umsäuselt 
Des holden Himmels 
Fruchtende Fülle; 
Euch kühlet des Mondes 
Freundlicher Zauberhauch, 
Und euch betauen, ach! 
Aus diesen Augen 
Der ewig belebenden Liebe 
Vollschwellende Tränen. 



1775 SOMMER/HERBST, FRANKFURT ^T^ 

WONNE DER WEHMUT 

TROCKNET nicht, trocknet nicht, 
Tränen der ewigen Liebe! 
Ach, nur dem halbgetrockneten Auge 
Wie öde, wie tot die Welt ihm erscheint! 
Trocknet nicht, trocknet nicht, 
Tränen imglücklicher Liebe! 

LILIS PARK 

IST doch keine Menagerie 
So bunt als meiner Lili ihre! 
Sie hat darin die wunderbarsten Tiere 
Und kriegt sie 'rein, weiß selbst nicht wie. 
O wie sie hüpfen, laufen, trappeln. 
Mit abgestumpften Flügeln zappeln, 
Die armen Prinzen allzumal, 
In nie gelöschter Liebesqual! 

"Wie hieß die Fee? — Lili?" — Fragt nicht nach ihr! 
Kennt ihr sie nicht, so danket Gott dafür. 

Welch ein Geräusch, welch ein Gegacker, 

Wenn sie sich in die Türe stellt 

Und in der Hand das Futterkörbchen hält! 

Welch ein Gequiek, welch ein Gequacker! 

Alle Bäume, alle Büsche 

Scheinen lebendig zu werden: 

So stürzen sich ganze Herden 

Zu ihren Füßen; sogar im Bassin die Fische 

Patschen ungeduldig mit den Köpfeij heraus. 

Und sie streut dann das Futter aus 

Mit einem Blick — Götter zu entzücken, 

Geschweige die Bestien. Da gehts an ein Picken, 

An ein Schlürfen, an ein Hacken; 

Sie stürzen einander über die Nacken, 

Schieben sich, drängen sich, reißen sich, 

Jagen sich, ängsten sich, beißen sich, 

Und das all um ein Stückchen Brot, 



172 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Das, trocken, aus den schönen Händen schmeckt, 
Als hätt es in Ambrosia gesteckt. 

Aber der Blick auch! der Ton, 

Wenn sie ruft: Pipi! Pipi! 

Zöge den Adler Jupiters vom Thron; 

Der Venus Taubenpaar, 

Ja der eitle Pfau sogar, 

Ich schwöre, sie kämen, 

Wenn sie den Ton von weitem nur vernähmen. 

Denn so hat sie aus des Waldes Nacht 

Einen Bären, ungeleckt und ungezogen, 

Unter ihren Beschluß herein betrogen, 

Unter die zalime Kompanie gebracht 

Und mit den andern zahm gemacht: 

Bis auf einen gewissen Punkt, versteht sich! 

Wie schön und ach! wie gut 

Schien sie zu sein! Ich hätte mein Blut 

Gegeben, tmi ihre Blumen zu begießen. 

"Ihr sagtet: ichl Wie? Wer?" 

Gut denn, ihr Herrn, gradaus: Ich bin der Bärj 

In einem Filetschurz gefangen. 

An einem Seidenfaden ihr zu Füßen. 

Doch wie das alles zugegangen. 

Erzähl ich euch zur andern Zeit; 

Dazu bin ich zu wütig heut. 

Denn ha! steh ich so an der Ecke 

Und hör von weitem das Geschnatter, 

Seh das Gefiitter, das Geflatter, 

Kehr ich mich um 

Und brumm-, 

Und renne rückwärts eine Strecke 

Und seh mich um 

Und brumm, 

Und laufe wieder eine Strecke, 

Und kehr doch endlich wieder um. 

Dann f^gts auf einmal an, zu rasen, 

Ein mächtger Geist schnaubt aus der Nasen, 



1775 SOMMER/HERBST, FRANKFURT 173 

Es wildzt die innere Natur. 

Was, du ein Tor, ein Häschen nur! 

So ein Pipi! Eichhörnchen, Nuß zu knacken! 

Ich sträube meinen borstgen Nacken, 

Zu dienen ungewöhnt. 

Ein jedes aufgestutzte Bäumchen höhnt 

Mich an! ich flieh vom Boulingreen, 

Vom niedlich glatt gemähten Grase; 

Der Buchsbaum zieht mir eine Nase, 

Ich flieh ins dunkelste Gebüsche hin, 

Durchs Gehege zu dringen, 

Über die Planken zu springen! 

Mir versagt Klettern und Sprung, 

Ein Zauber bleit mich nieder, 

Ein Zauber häkelt mich wider. 

Ich arbeite mich ab, und bin ich matt genung. 

Dann lieg ich an gekünstelten Kaskaden 

Und kau und wein und wälze halb mich tot. 

Und ach! es hören meine Not 

Nur porzellanene Oreaden. 

Auf einmal! Ach, es dringt 
Ein seliges Gefühl durch alle meine Glieder! 
Sie ists, die dort in ihrer Laube singt! 
Ich höre die liebe, liebe Stimme wieder, 
Die ganze Luft ist warm, ist blütevoll. 
Ach, singt sie wohl, daß ich sie hören soll.^ 
Ich dringe zu, tret alle Sträuche nieder. 
Die Büsche fliehn, die Bäume weichen mir, 
Und so — zu ihren Füßen liegt das Tier. 

Sie sieht es an: "Ein Ungeheuer! doch drollig! 

Für einen Bären zu mild, 

Für einen Pudel zu wild; 

So zottig, tapsig, knollig!" 

Sie streicht ihm mit dem Füßchen übern Rücken; 

Er denkt im Paradiese zu sein. 

Wie ihn alle sieben Sinne jucken! 

Und sie — sieht ganz gelassen drein. 



1 7 4 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Ich küss ihre Schuhe, kau an den Sohlen, 

So sittig, als ein Bär nur mag; 

Ganz sachte heb ich mich und schwinge mich verstohlen 

Leis an ihr Knie — Am günstgen Tag 

Läßt sies geschehn und kraut mir um die Ohren 

Und patscht mich mit mutwillig derbem Schlag; 

Ich knurr, in Wonne neu geboren. 

Dann fordert sie mit süßem, eitlem Spotte: 

Allons tout douxl eh la menottel 

Et faites Serviteur^ 

Comme un joli Seigneur. 

So treibt sies fort mit Spiel und Lachen! 

Es hofft der oft betrogne Tor; 

Doch will er sich ein bißchen unnütz machen, 

Hält sie ihn kurz als wie zuvor. 

Doch hat sie auch ein Fläschchen Balsam-Feuers, 

Dem keiner Erde Honig gleicht. 

Wovon sie wohl einmal, von Lieb und Treu erweicht, 

Um die verlechzten Lippen ihres Ungeheuers 

Ein Tröpfchen mit der Fingerspitze streicht 

Und wieder flieht und mich mir überläßt. 

Und ich dann, losgebimden, fest 

Gebannt bin, irnmer nach ihr ziehe, 

Sie suche, schaudre, wieder fliehe — 

So läßt sie den zerstörten Armen gehn, 

Ist seiner Lust, ist seinen Schmerzen still; 

Ha! manchmal läßt sie mir die Tür halb offen stehn, 

Seitblickt mich spottend an, ob ich nicht fliehen will. 

Und ich! — Götter, ists in euren Händen, 
Dieses dumpfe Zauberwerk zu enden: 
Wie denk ich, wenn ihr mir die Freiheit schafft! 
Doch sendet ihr mir keine Hilfe nieder — 
Nicht ganz umsonst reck ich so meine Glieder: 
Ich fühls! Ich schwörs! Noch hab ich Kraft. 

1 



1775 SOMMER/HERBST, FRANKFURT 1 7 5 

[An Johann Georg und Rahel d'Orville] 

LIEBER Herr Dorville, liebe Frau, 
Ich bitt euch, nehmts nicht so genau; 
Ihr kennt nun doch einmal den Affen, 
Wißt, ist nichts Gescheuts mit ihm zu schaffen. 
Lauft da, was kann wohl tollers seini 
Wie Kain in die Welt hinein. 
Dafür sitzt er auch auf dem Sand, 
Die Stadt ist ihm ein ödes Land, 
Und ist ihm halt die Welt so leer, 
Als wenn er erst 'nein gekommen war. 

Ihm ist so weh, er schauet nicht 

Des liebsten Buben Angesicht, 

Hängt nicht dem Mann um Hals und Leib, 

Küßt nicht das liebe treue Weib, 

Spaziert nicht mehr im Frauenschlepp, 

Und hört, ach, nicht mehr das Beb! Bepp! 

Was hilft mir nun das Glockengebrumm, 

Das Kutschengerassel und Leut- Gesumm! 

Was tat ich in der Kirche gar? 

Da ich schon einmal im Himmel war, 

Ich Hand in Hand mit Engeln saß, 

Mich in dem Himmels-Blau vergaß, 

Das aus dem süßen Auge winkt, 

Drinn Lieb und Treu wie Stemlein blinkt. 

Was hört ich an des Pfarrers Lehr, 

Die doch nicht halb so kräftig war. 

Als wenn ihr Mündlein lieb und mild 

Mich über Fluch und Unart schilt. 

Was lachst du Sonne daherein? 
Ich bitte dich, lass mich allein. 
Du lächelst ihren Laden an. 
Der heut mir nicht wird aufgetan. 
Aha! Du bist so freundlich hier, 
Blickst durch die Ritzen schlau nach ihr, 
Und meinst, du hättst wohl nie so schön 
Da droben einen Engel ruhen sehn. 



176 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Der Tag rückt weiter nun heran. 
Besuch! — Ach, was geht der mich an! 
Ich bilde mir so freundlich ein, 
Ich saß noch drauß' mit euch allein. 
Der Mann raucht seine Pfeif Tobak, 
Man fuschelt in dem Arbeitssack, 
Man wickelt Seide, es läßt sich an, 
Als würden Wunderstreich* getan. 
Ein medizinisch Dejeund, 
Mit Selzer Wasser und Kaflfee; 
Nach Fastenbrezeln, wohlgeschmiert. 
Kommt Has und Wein hereinspaziert. 
Lili muß jeden Lüsten stillen. 
Das all um ihres Magens willen. 

Die Kinder kommen angehuppt, 
Mann! wird zur Türe 'naus geschwuppt! 
Ist allen so wohl ohn Unterlaß; 
Ach lieber Gott, mir auch so was! 

Frau Dorville, wo mag Lili sein? 
Ist sie in ihrer Stub allein? — 
Sie hat die Stirn in ihrer Hand! 
Was ist ihr in dem Freudenland? 
Soll das ein böses Kopfweh sein? 
Oder ach! ists etwan andre Pein? 

Geh, liebes Mufti, ich bitte dich, 

Klettr ihr auf den Schoß, küss sie für mich. 

Scheich Daher, Hanne Buzzi du, 

Küss ihr die Hand, lass ihr nicht Ruh. 

Mach, Ali Bey, dich auch an sie, 

Schmieg dich ihr liebend an das Knie. 

Und Abu Dahab, komm getrollt, 

Sei freundlich, bis sie sagt: Du Gold! 

Dich herzlich auf dem Arme küßt. 

Und hoffend allen Schmerz vergißt. 

Der alte Friedrich kommt und fragt: 
Was heut den Damen wohl behagt? 



1775 SOMMER/HERBST, FRANKFURT 1 7 7 

Er soll Kapaun und Wildbret tragen! 
Lili, hast du ihm nichts zu sagen? 
Schon wart ich auf das alte Gesicht, 
Ich bin untröstlich, kömmt er nicht. 

War der Herr Doktor noch nicht da? 

Sang Andr^ noch kein Trallallra? 

Oho, da drauß' gehts bunt ja her, 

Als ob der Teufel ledig war. 

Eins, zwei, drei! Kling! Klang! Krack! en gar de 

Kling! Rompesl Klang! paies ma qtmrte. 

So mag es wohl dem Teufel sein, 
Wenn er, in seiner Höll allein, 
Nach Himmels Freuden seufzt und klagt, 
Daß ihn der Unmut rausgejagt. 
Doch hab ich weit ein besser Los, 
Die Kluft ist lange nicht so groß; 
Bin euch mit Leib und Seele nah 
Pliz! Plaz! So bin ich wieder da. 



GOETHE XIV la. 



775-1786 WEIMAR 



AN EIN COLONES HERZ, DAS ER AM HALSE 
TRUG 

ANGEDENKEN du verklungner Freude, 
Das ich immer noch am Halse trage, 
Hältst du länger als das Seelenband uns beide? 
Verlängerst du der .Liebe kurze Tage? 

Flieh ich, Lili, vor dir! Muß noch an deinem Bande 

Durch fremde Lande, 

Durch ferne Täler und Wälder wallen! 

Ach, Lilis Herz konnte so bald nicht 

Von meinem Herzen fallen. 

Wie ein Vogel, der den Faden bricht 
Und zum Walde kehrt. 
Er schleppt des Gefängnisses Schmach^ 
Noch ein Stückchen des Fadens nach; 
Er ist der alte freigebome Vogel nicht, 
Er hat schon jemand angehört 

JÄGERS ABENDLIED 

IM Felde schleich ich still und wild, 
Gespannt mein Feuerrohr. 
Da schwebt so licht dein liebes Bild, 
Dein süßes Bild mir vor. 

Du wandelst jetzt wohl still und mild 
Durch Feld und liebes Tal, 
Und ach, mein schnell verrauschend Bild, 
Stellt sich dirs nicht einmal? 

Des Menschen, der die Welt durchstreift 
Voll Unmut und Verdruß, 
Nach Osten und nach Westen schweift, 
Weil er dich lassen muß. 

Mir ist es, denk ich nur an dich. 
Als in den Mond zu sehn; 
Ein stiller Friede kommt auf mich, 
Weiß nicht, wie mir geschehn. 



i82 LYRISCHE DICHTUNGEN 

HOLDE Lili, warst so lang 
AU mein Lust und all mein Sang! 
Bist, ach, nun all mein Schmerz, und doch 
All mein Sang bist du noch. 



[Aus einem Briefe an den Herzog Karl August] 

GEHAB dich wohl bei den hundert Lichtern, 
Die dich umglänzen, 
Und all den Gesichtern, 
Die dich umschwänzen 
Und umkredenzen. 

Findst doch nur wahre Freud und Ruh 
Bei Seelen grad und treu wie du. 



NUR Luft und Licht 
Und Freundeslieb! 
Ermüde nicht. 
Wem dies noch blieb. 



LEGENDE 

IN der Wüsten ein heiliger Mann 
Zu seinem Erstaunen tat treffen an 
Einen ziegenfüßigen Faun, der sprach: 
"Herr, betet für mich und meine Gefährt, 
Daß ich zum Himmel gelassen werd, 
Zur seligen Freud; uns dürstet darnach." 
Der heilige Mann dagegen sprach: 
"Es sieht mit deiner Bitte gar gefährlich, 
Und gewährt wird sie dir schwerlich. 
Du kommst nicht zum englischen Gruß, 
Denn du hast einen Ziegenfuß." 
Da sprach hierauf der wilde Mann: 
"Was hat euch mein Ziegenfuß getan? 
Sah ich doch manche strack imd schön 
Mit Eselsköpfen gen Himmel gehn." 



1775/86 WEIMAR 183 

MUT 

SORGLOS über die Fläche weg, 
Wo vom kühnsten Wager die Bahn 
Dir nicht vorgegraben du siehst, 
Mache dir selber Bahn! 

Stille, Liebchen, mein Herz! 
Krachts gleich, brichts doch nicht! 
Brichts gleich, brichts nicht mit dir! 

HOFFNUNG 

SCHAFF, das Tagwerk meiner Hände, 
Hohes Glück, daß ichs vollende! 
Lass, o lass mich nicht ermatten! 
Nein, es sind nicht leere Träume: 
Jetzt nur Stangen, diese Bäume 
Geben einst noch Frucht und Schatten. 

SORGE 

KEHRE nicht in diesem Kreise 
Neu tmd immer neu zurück! 
Lass, o lass mir meine Weise, 
Gönn, o gönne mir mein Glück! 
Soll ich fliehen: Soll ichs fassen? 
Nun, gezweifelt ist genug. 
Willst du mich nicht glücklich lassen, 
Sorge, nun so mach mich klug! 

[An Lili] 
[In ein Exemplar von ,Stella. Ein Schauspiel für Liebende*.] 

IM holden Tal, auf schneebedeckten Höhen 
War stets dein Bild mir nah: 
Ich sahs um mich in lichten Wolken wehen, 
Im Herzen war mirs da. 
Empfinde hier, wie mit allmächtgem Triebe 
Ein Herz das andre zieht — 
Und daß vergebens Liebe 
Vor Liebe flieht. 



i84 LYRISCHE DICHTUNGEN 

[An den Herzog Karl August] 

DURCHLAUCHTIGSTER! Es nahet sich 
Ein Bäuerlein demütiglich, 
Da Ihr mit Euerm Roß und Heer 
Zum Schlosse tut stolzieren sehr, 
Gebt auch mir einen gnädigen Blick, 
Das ist schon Untertanen- Glück; 
Denn Haus und Hof und Freud und Leid 
Hab ich schon seit geraumer Zeit. 
Haben Euch sofern auch lieb und gern, 
Wie man eben liebhat seinen Herrn, 
Den man wie unsern Herr-Gott nennt 
Und ihn auch meistens nicht besser kennt. 
Geb Euch Gott allen guten Segen, 
Nur laßt Euch sein uns angelegen; 
Denn wir bäuerisch treues Blut 
Sind doch immer Euer bestes Gut, 
Und könnt Euch mehr an uns erfreun 
Als an Pferden imd Stuterein. 
Dies reich ich Euch im fremden Land, 
Bliebe Euch übrigens gern unbekannt. 
Zieht ein imd nehmet Speis und Kraft 
Im Zauberschloß in der Nachbarschaft, 
Wo eine gute Fee regiert, 
Die einen goldnen Scepter führt 
Und um sich eine kleine Welt 
Mit holdem Blick beisammenhält. 

Seb. Simpel. 

WANDRERS NACHTLIED 

DER du von dem Himmel bist. 
Alles Leid und Schmerzen stillest, 
Den, der doppelt elend ist, 
Doppelt mit Erquickung füllest. 
Ach, ich bin des Treibens müde! 
Was soll all der Schmerz und Lust.^ 
Süßer Friede, 
Komm, ach komm in meine Brust! 



1775/86 WEIMAR 185 

[An Herder] 

HOCHWÜRDIGER, 's ist eine alte Schrift, 
Daß die Ehen werden im Himmel gestift. 
Seid also vielmehr zu Eurem Orden 
Vom Himmel grad 'rab gestiftet worden. 
Es uns auch allen herzlich frommt, 
Daß Ihr bald mit der Peitsche kommt — 
Und wie dann unser Herr und Christ 
Auf einem Esel geritten ist. 
So werdet Ihr in diesen Zeiten 
Auf hvmdert und fünfzig Esel reiten, 
Die in Euer Herrlichkeit Diözes 
Erlauern sich die Rippenstoß. 
Wollten Euch nun bewillkommen baß, 
Bereiten Euer Haushalt trocken und naß, 
Welches fürwahr wird besser sein. 
Als täten wir Euch die Kleider streim. 
Derhalb zuvörderst, woran die Welt 
Ihre Achse gebunden hält, 
Wornach Sonn, Mond und Stern' sich drehn, 
All Sinnbäu 'rüber hinüber gehn, 
Wie nämlich jedes Ding sich putzt. 
Vors andern Augen pfauisch stutzt. 
Dran da sich zeigt eines jeden Gab, 
Ein Pfau ein Pfau, ein Rab ein Rab. 

Ihr, der Ihr seid in unserm Gart 

Eben wie der Messias erwart. 

Wo eben keiner weiß, was der sollt, 

Aber doch immer, was er wollt, 

Möcht sich aber immer mit leisen Schritten 

Vom Messias ein Viztxun erbitten. 

Also ohfieracht all der Ehr auf Erd, 

Daß der Herr nicht selbst gekreuzigt werd. 

Wollen erscheinen schön und züchtig, 

Sind hernach zu allem andern tüchtig. 

Denn, wie im Buche geschrieben steht. 

Daß der Wolf in Schafskleidern geht. 

So würd es Euch gar übel stehn, 



i86 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Als Schaf in Wolfskleidern zu gehn. 
Ihr habt darum ein schwarzes Kleid, 
Einen langen Mantel von schwarzer Seid, 
Ein Kräglein, wohl in Saum gelegt, 
Das nun keiner läng-breiter trägt. 
Schick Euch ein Muster zur nächsten Frist, 
Weils immer doch die Hauptsach ist. 
Dürft auch den Mantel, wie vorzeiten, 
In Sack 'nein stecken vor allen Leuten. 
Wenn Euch nun erst der Rat der Stadt 
Zum Oberpfarr berufen hat, 
Werd't Ihr vom Fürsten dann ernennt 
Hofpredger^ Generalsupemdent. 
Mögt auch immer Rückantwort schreiben, 
Wie Ihr an den Lyncker tätet treiben, 
Weil wir doch in der Fastnacht Spiel 
Haben Ratzen und Fratzen gar viel, 
Und im Grund weder Luther noch Christ 
Im mindsten hier gemeinet ist. 
Sondern was in dem Schöpsen- Geist 
Eben lutherisch und christlich heißt. 



Erklärung eines alten Holzschnittes 

vorstellend 

HANS SACHSENS POETISCHE SENDUNG 

IN seiner Werkstatt Sonntags früh 
Steht unser teurer Meister hie: 
Sein schmutzig Schurzfell abgelegt, 
Einen säubern Feierwams er trägt. 
Läßt Pechdraht, Hammer und Kneipe rasten, 
Die Ahl steckt an den Arbeitskasten; 
Er ruht nun auch am siebnten Tag 
Von manchem Zug und manchem Schlag. 

Wie er die Frühlings-Sonne spürt, 
Die Ruh ihm neue Arbeit gebiert: 
Er fühlt, daß er eine kleine Welt 
In seinem Gehirne brütend hält, 



1775/86 WEIMAR 187 

Daß die fängt an zu wirken und leben 
Daß er sie gerne möcht von sich geben. 

Er hätt ein Auge treu und klug 
Und war auch liebevoll genug, 
Zu schauen manches klar und rein 
Und wieder alles zu machen sein; 
Hätt auch eine Zunge, die sich ergoß 
Und leicht und fein in Worte floß; 
Des täten die Musen sich erfreun, 
Wollten ihn zum Meistersänger weihn. 

Da tritt herein ein junges Weib, 

Mit voller Brust und rundem Leib; 

Kräftig sie auf den Füßen steht, 

Grad, edel vor sich hin sie geht, 

Ohne mit Schlepp und Steiß zu schwänzen, 

Oder mit den Augen herum zu scharlenzen. 

Sie trägt einen Maßstab in ihrer Hand, 

Ihr Gürtel ist ein gülden Band, 

Hätt auf dem Haupt einen Kornähr-Kranz, 

Ihr Auge war lichten Tages Glanz; 

Man nennt sie tätig Ehrbarkeit, 

Sonst auch Großmut, Rechtfertigkeit. 

Die tritt mit gutem Gruß herein; 
Er drob nicht mag verwundert sein. 
Denn wie sie ist, so gut und schön, 
Meint er, er hätt sie lang gesehn. 

Die spricht: "Ich hab dich auserlesen 
Vor vielen in dem Weltwirrwesen, 
Daß du sollst haben klare Sinnen, 
Nichts Ungeschicklichs magst beginnen. 
Wenn andre durcheinander rennen. 
Sollst dus mit treuem Blick erkennen; 
Wenn andre bärmlich sich beklagen, 
Sollst schwankweis deine Sach fürtragen; 
"v Sollst halten über Ehr und Recht, 

In allem Ding sein schlicht imd schlecht; 



1 8 8 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Frammkeit und Tugend bieder preisen, 
Das Böse mit seinem Namen heißen. 
Nichts veriindert und nichts verwitzelt, 
Nichts verzierlicht und nichts verkritzelt; 
Sondern die Welt soll vor dir stehn, 
Wie Albrecht Dürer sie hat gesehn: 
Ihr festes Leben und Männlichkeit, 
Ihre innre Kraft und Ständigkeit. 
Der Natur- Genius an der Hand 
Soll dich führen durch alle Land, 
Soll dir zeigen alles Leben, 
Der Menschen wtmderliches Weben, 
Ihr Wirren, Suchen, Stoßen und Treiben, 
Schieben, Reißen, Drängen und Reiben; 
Wie kunterbunt die Wirtschaft toUert, 
Der Ameishauf durcheinander kollert; 
Mag dir aber bei allem geschehn, 
Als tatst in einen Zauberkasten sehn. 
Schreib das dem Menschenvolk auf Erden, 
Obs ihm möcht eine Witzimg werden." 
Da macht sie ihm ein Fenster auf. 
Zeigt ihm draußen viel bunten Häuf, 
Unter dem Himmel allerlei Wesen, 
Wie ihrs mögt in seinen Schriften lesen. 

Wie mm der liebe Meister sich 
An der Natur freut wunniglich, 
Da seht ihr an der andern Seiten 
Ein altes Weiblein zu ihm gleiten; 
Man nennet sie Historia, 
Mythologia, Fabula; 

Sie schleppt mit keichend-wankenden Schritten 
Eine große Tafel, in Holz geschnitten: 
Darauf seht ihr mit weiten Ärmeln und Falten 
Gott Vater Kinderlehre halten, 
• Adam, Eva, Paradies imd Schlang, 
Sodom imd Gomorras Untergang, 
Könnt auch die Zwölf durchlauchtigen Frauen 
Da in einem Ehren-Spiegel schauen; 



I 



1775/86 WEIMAR 189 

Dann allerlei Blutdurst, Frevel und Mord, 

Der Zwölf Tyrannen Schand'enport, 

Auch allerlei Lehr und gute Weis, 

Könnt sehn Sankt Peter mit der Geiß, 

Über der Welt Regiment unzufrieden, 

Von unserm Herrn zurecht beschieden. 

Auch war bemalt der weite Raum 

Ihres Kleids und Schlepps und auch der Saum 

Mit Weltlich Tugend- und Laster- Geschieht. 

Unser Meister das all ersieht 

Und freut sich dessen wundersam. 

Denn es dient wohl in seinen Kram. 

Von wannen er sich eignet sehr 

Gut Exempel und gute Lehr, 

Erzählt das eben fix und treu. 

Als war er selbst ges)'n dabei. 

Sein Geist war ganz dahin gebannt, 

Er hätt kein Auge davon verwandt, 

Hätt er nicht hinter seinem Rucken 

Hören mit Klappern und Schellen spucken. 

Da tat er einen Narren spüren 

Mit Bocks- imd Affensprüng hofieren 

Und ihm mit Schwank und Narreteiden 

Ein lustig Zwischenspiel bereiten. 

Schleppt hinter sich an einer Leinen 

Alle Narren, groß- rmd kleinen. 

Dick und hager, gestreckt und krumb, 

Allzu witzig und allzu dumb. 

Mit einem großen Farrenschwanz 

Regiert er sie wie ein'n Afientanz: 

Bespottet eines jeden Fürm, 

Treibt sie ins Bad, schneidt ihnen die Wünn 

Und führt gar bitter viel Besehwerden, 

Daß ihrer doch nicht wollen wenger werden. 

Wie er sich sieht so um imd um, 
Kehrt ihm das fast den Kopf herum: 
Wie er wollt Worte zu allem finden.^ 



190 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Wie er möcht so viel Schwall verbinden? 

Wie er möcht immer mutig bleiben, 

So fort zu singen und zu schreiben? 

Da steigt auf einer Wolke Saum 

Herein zu's Oberfensters Raum 

Die Muse, heilig anzuschauen, 

Wie ein Bild unsrer lieben Frauen. 

Die umgibt ihn mit ihrer Klarheit 

Immer kräftig würkender Wahrheit. 

Sie spricht: "Ich komm, um dich zu weihn 

Nimm meinen Segen und Gedeihn! 

Ein heilig Feuer, das in dir ruht, 

Schlag aus in hohe lichte Glut! 

Doch daß das Leben, das dich treibt, 

Immer bei holden Kräften bleibt, 

Hab ich deinem innern Wesen 

Nahrung und Balsam auserlesen. 

Daß deine Seel sei wonnereich, 

Einer Knospe im Taue gleich." 

Da zeigt sie ihm hinter seinem Haus 
Heimlich zur Hintertür hinaus, 
In dem eng umzäunten Garten 
Ein holdes Mägdlein sitzend warten 
Am Bächlein, beim Holunderstrauch; 
Mit abgesenktem Haupt und Aug 
Sitzts unter einem Apfelbaum 
Und spürt die Welt rings um sich kaum, 
Hat Rosen in ihren Schoß gepflückt 
Und bindet ein Kränzlein gar geschickt, 
Mit hellen Knospen imd Blättern drein: 
Für wen mag wohl das Kränzel sein? 
So sitzt sie in sich selbst geneigt. 
In Hofifnungsfülle ihr Busen steigt; 
Ihr Wesen ist so ahndevoll, 
Weiß nicht, was sie sich wünschen soll, 
Und unter vieler Grillen Lauf 
Steigt wohl einmal ein Seufzer auf. 



1775/86 WEIMAR 191 

Warum ist deine Stirn so trüb? 
Das, was dich dränget, süße Lieb, 
Ist volle Wonn und Seligkeit; 
Die dir in Einem ist bereit. 
Der manches Schicksal vvirrevoU 
An deinem Auge sich lindern soll; 
Der durch manch wimniglichen Kuß 
Wiedergeboren werden muß. 
Wie er den schlanken Leib umfaßt, 
Von aller Mühe findet Rast, 
Wie er ins runde Ärmlein sinkt, 
Neue Lebenstag' und Kräfte trinkt; 
Und dir kehrt süßes Jugendglück, 
Deine Schalkheit kehret dir zurück. 
Mit Necken und manchen Schelnlereien 
Wirst ihn bald nagen, bald erfreuen. 
So wird die Liebe nimmer alt. 
Und wird der Dichter nimmer kalt! 

Weil er so heimlich glücklich lebt. 
Da droben in den Wolken schwebt 
Ein Eichkranz, ewig jung belaubt, 
Den setzt die Nachwelt ihm aufs Haupt; 
In Froschpfuhl all das Volk verbannt, 
Das seinen Meister je verkannt. 

[An Charlotte v. Stein] 

WARUM gabst du uns die tiefen Blicke, 
Unsre Zukunft ahndungsvoll zu schaun, 
Unsrer Liebe, imserm Erdenglücke 
Wähnend selig nimmer hinzutravm.'' 
Warum gabst uns, Schicksal, die Gefühle, 
Uns einander in das Herz zu sehn. 
Um durch all die seltenen Gewühle 
Unser wahr Verhältnis auszuspähn? 

Ach, so viele tausend Menschen kennen, 
Dumpf sich treibend, kaum ihr eigen Herz, 
Schweben zwecklos hin und her und rennen 



192 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Hoffnungslos in unversehnem Schmerz; 
Jauchzen wieder, wenn der schnelleji Freuden 
Unerwart'te Morgenröte tagt. 
Nur uns armen Liebevollen beiden 
Ist das wechselseitge Glück versagt, 
Uns zu lieben, ohn uns zu verstehen, 
In dem andern sehn, was er nie war, 
Immer frisch auf Traumglück auszugehen 
Und zu schwanken auch in Traumgefahr. 

Glücklich, den ein leerer Traum beschäftigt! 
Glückhch, dem die Ahndung eitel war! 
Jede Gegenwart und jeder Blick bekräftigt 
Traum und Ahndung leider uns noch mehr. 
Sag, was will das Schicksal uns bereiten? 
Sag, wie band es uns so rein genau? 
Ach, du warst in abgelebten Zeiten 
Meine Schwester oder meine Frau. 

Kanntest jeden Zug in meinem Wesen, 
Spähtest, wie die reinste Nerve kUngt, 
Konntest mich mit Einem Blicke lesen, 
Den so schwer ein sterblich Aug durchdringt; 
Tropftest Mäßigung dem heißen Blute, 
Richtetest den wilden irren Lauf, 
Und in deinen Engelsarmen ruhte 
Die zerstörte Brust sich wieder auf; 
Hieltest zauberleicht ihn angebunden 
Und vergaukeltest ihm manchen Tag. 
Welche Seligkeit glich jenen Wonnestunden, 
Da er dankbar dir zu Füßen lag, 
Fühlt' sein Herz an deinem Herzen schwellen, 
Fühlte sich in deinem Auge gut. 
Alle seine Sinnen sich erhellen 
Und beruhigen sein brausend Blut! 

Und von allem dem schwebt ein Erinnern 
Nur noch um das vmgewisse Herz, 
Fühlt die alte Wahrheit ewig gleich im Innern, 
Und der neue Zustand wird ihm Schmerz. 



1775/56 WEIMAR 193 

Und wir scheinen uns nur halb beseelet, 
Dämmernd ist um uns der hellste Tag. 
Glücklich, daß das Schicksal, das uns quälet, 
Uns doch nicht verändern mag! 

RASTLOSE LIEBE 

DEM Schnee, dem Regen, 
Dem Wind entgegen, 
Im Dampf der Klüfte, 
Durch Nebeldüfte, 
Immer zu! Immer zu! 
Ohne Rast und Ruh! 

Lieber durch Leiden 
Möcht ich mich schlagen, 
Als so viel Freuden 
Des Lebens ertragen. 
Alle das Neigen 
Von Herzen zu Herzen, 
Ach, wie so eigen 
Schaffet das Schmerzen! 
Wie soll ich fliehen? 
Wäldervvärts ziehen.^ 
Alles vergebens! 
Krone des Lebens, 
Glück ohne Ruh, 
Liebe, bist du! 

[An Charlotte v. Stein] 
TTIER bildend nach der reinen stillen 
1 1 Natur, ist ach, mein Herz der alten Schmerzen voll; 
Leb ich doch stets um derentwillen, 
Um derentwillen ich nicht leben soll. 

* 

LASS dir gefallen. 
Aus diesem Glas zu trinken, 
Und mög dir dünken. 
Wir säßen neben dir; 
Denn, obgleich fern, sind wir 
Dir doch die Nächsten fast von allen. 

GOETHE XIV 13. 



194 LYRISCHE DICHTUNGEN 

UND ich geh meinen alten Gang 
Meine Hebe Wiese lang. 
Tauche mich in die Sonne früh, 
Bad ab im Monde des Tages Müh. 
Leb in Liebes-Klarheit und -Kraft, 
Tut mir wohl des Herren Nachbarschaft, 
Der in Liebes-Dumpfheit und -Kraft hinlebt 
Und sich durch seltnes Wesen webt. 

[An Charlotte v. Stein] 

ZWISCHEN Felsen wuchsen hier 
Diese Blumen, die wir treu dir reichen, 
Verwelkliche Zeichen 
Der ewigen Liebe zu dir. 
* 

ACH, so drückt mein Schicksal mich, 
Daß ich nach dem Unmöglichen strebe. 
Lieber Engel, für den ich nicht lebe, 
Zwischen den Gebürgen leb ich für dich. 

EINSCHRÄNKUNG 

ICH weiß nicht, was mir hier gefallt, 
In dieser engen, kleinen Welt 
Mit holdem Zauberband mich hält? 
Vergess ich doch, vergess ich gern, 
Wie seltsam mich das Schicksal leitet; 
Und ach, ich fühle, nah vmd fem 
Ist mir noch manches zubereitet. 
O wäre doch das rechte Maß getroflfen! 
Was bleibt mir nun, als eingehüllt, 
Von holder Lebenskraft erfüllt. 
In stiller Gegenwart die Zukunft zu erhoflfen! 

[An Charlotte v. Stein] 

ACH, wie bist du mir, 
Wie bin ich dir geblieben! 
Nein, an der Wahrheit 
Verzweifl ich nicht mehr. 



1775/86 WEIMAR 195 

Ach, wenn du da bist, 

Fühl ich, ich soll dich nicht lieben; 

Ach, wenn du fern bist, 

Fühl ich, ich lieb dich so sehr. 



HIERHERGETRABT, die Brust voll tiefem Wühlen, 
Planvoller Aussicht, sehnt sich nun 
Mein Herz, ein Weilchen auszuruhn 
Und wieder rein an der Natvir zu fühlen 
Und wieder was für dich zu tun. 



SEEFAHRT 

LANGE Tag' und Nächte stand mein Schiff befrachtet; 
Günstger Winde harrend, saß mit treuen Freunden, 
Mir Geduld und guten Mut erzechend, 
Ich im Hafen. 

Und sie waren doppelt ungeduldig: 
Gerne gönnen wir die schnellste Reise, 
Gern die hohe Fahrt dir; Güterfülle 
Wartet drüben in den Welten deiner. 
Wird Rückkehrendem in unsem Armen 
Lieb und Preis dir. 

Und am frühen Morgen wards Getümmel, 
Und dem Schlaf entjauchzt uns der Matrose, 
Alles wimmelt, alles lebet, webet, 
Mit dem ersten Segenshauch zu schiffen. 

Und die Segel blühen in dem Hauche, 
Und die Sonne lockt mit Feuerliebe; 
Ziehn die Segel, ziehn die hohen Wolken, 
Jauchzen an dem Ufer alle Freunde 
Hoflfnungslieder nach, im Freudetaumel 
Reisefreuden wähnend, wie des Einschiffmorgens, 
Wie der ersten hohen Stemennächte. 






196 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Aber gottgesandte Wechselwinde treiben 
Seitwärts ihn der vorgesteckten Fahrt ab, 
Und er scheint sich ihnen hinzugeben, 
Strebet leise sie zu überlisten. 
Treu dem Zweck auch auf dem schiefen Wege. 

Aber aus der dumpfen grauen Feme 
Kündet leisewandelnd sich der Sturm an. 
Drückt die Vögel nieder aufs Gewässer, 
Drückt der Menschen schwellend Herz darnieder; 
Und er kommt. Vor seinem starren Wüten 
Streckt der Schiffer klug die Segel nieder, 
Mit dem angsterfüllten Balle spielen 
Wind und Wellen. 

Und an jenem Ufer drüben stehen 

Freund' und Lieben, beben auf dem Festen: 

Ach, warum ist er nicht hier geblieben! 

Ach, der Stiurm ! Verschlagen weg vom Glücke! 

Soll der Gute so zugrtmde gehen? 

Ach, er sollte, ach, er könnte! Götter! 

Doch er stehet männlich an dem Steuer: 
Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen, 
Wind und Wellen nicht mit seinem Herzen. 
Herrschend blickt er auf die grimme Tiefe 
Und vertrauet, scheiternd oder landend. 
Seinen Göttern. 

[An Charlotte v. Stein] 

ICH bin eben nirgend geborgen: 
Fern an die holde Saale hier 
Verfolgen mich manche Sorgen 
Und meine Liebe zu dir. 

AN DEN GEIST DES JOHANNES SECUNDUS 

LIEBER, heiliger, großer Küsser, 
Der du mirs in lechzend atmender 
Glückseligkeit fast vorgetan hast! 
Wem soll ichs klagen, klagt ich dirs nicht! 
Dir, dessen Lieder wie ein warmes Kissen 



1775/86 WEIMAR 197 

Heilender Kräuter mir unters Herz sich legten, 

Daß es wieder aus dem krampfigei Starren 

Erdetreibens klopfend sich erholte. 

Ach, wie klag ich dirs, daß meine Lippe blutet. 

Mir gespalten ist und erbärmlich schmerzet. 

Meine Lippe, die so viel gewohnt ist 

Von der Liebe süßtem Glück zu schwellen 

Und, wie eine goldne Himmelspforte, 

Lallende Seligkeit aus und ein zu stammeln. 

Gesprungen ist sie! Nicht vom Biß der Holden, 

Die, in voller ringsumfangender Liebe, 

Mehr möcht haben von mir und möchte mich Ganzen 

Ganz erküssen und fressen, und was sie könnte! 

Nicht gesprungen, weil nach ihrem Hauche 

Meine Lippen imheilige Lüfte entweihten. 

Ach, gesprungen, weil mich Öden, Kalten, 

Über beizenden Reif der Herbstwind anpackt. 

Und da ist Traubensaft und der Saft der Bienen, 

An meines Herdes treuem Feuer vereinigt, 

Der soll mir helfen! Wahrlich, er hilft nicht, 

Denn von der Liebe alles heilendem 

Gift- Balsam ist kein Tröpfchen drunter. 

HYPOCHONDER 

DER Teufel hol das Menschengeschlecht! 
Man möchte rasend werden! 
Da nehm ich mir so eifrig vor: 
Will niemand weiter sehen, 
Will all das Volk Gott und sich selbst 
Und dem Teufel überlassen! 
Und kaiun seh ich ein Menschengesicht, 
So hab ichs wieder lieb. 

ICH war ein Knabe wann und gut, 
Als Jüngling hatt ich frisches Blut, 
Versprach einst einen Mann. 
Gelitten hab ich und geliebt 
Und liege nieder ohnbetrübt. 
Da ich nicht weiter kann. 



198 LYRISCHE DICHTUNGEN 

STOSSSEUFZER 

ACH, man sparte viel, 
Seltner wäre verruckt das Ziel, 
War weniger Dumpfheit, vergebenes Sehnen, 
Ich könnte viel glücklicher sein — 
Gäbs nur keinen Wein 
Und keine Weibertränen! 

SCHNEIDER- COURAGE 

ES ist ein Schuß gefallen! 
Mein! sagt, wer schoß da drauß?" 
Es ist der junge Jäger, 
Der schießt im Hinterhaus. 

Die Spatzen in dem Garten, 
Die machen viel Verdruß. 
Zwei Spatzen und ein Schneider, 
Die fielen von dem Schuß; 

Die Spatzen von den Schroten, 
Der Schneider von dem Schreck, 
Die Spatzen in die Schoten, 
Der Schneider in den — . 

VOR GERICHT 

VON wem ich es habe, das sag ich euch nicht, 
Das Kind in meinem Leib. — 
Pfui! speit ihr aus: die Hure da! — 
Bin doch ein ehrlich Weib. 

Mit wem ich mich traute, das sag ich euch nicht. 

Mein Schatz ist lieb und gut, 

Trägt er eine goldene Kett am Hals, 

Trägt er einen strohernen Hut. 

Soll Spott und Hohn getragen sein. 
Trag ich allein den Hohn. 
Ich kenn ihn wohl, er kennt mich wohl, 
Und Gott weiß auch davon. 



1775/86 WEIMAR 199 

Herr Pfarrer und Herr Amtmann ihr, 
Ich bitte, laßt mich in Ruh! 
Es ist mein Kind, es bleibt mein Kind, 
Ihr gebt mir ja nichts dazu. 

BEHERZIGUNG 

ACH, was soll der Mensch verlangen'' 
Ist es besser, ruhig bleiben? 
Klammernd fest sich anzuhangen? 
Ist es besser, sich zu treiben? 
Soll er sich ein Häuschen bauen? 
Soll er unter Zelten leben? 
Soll er auf die Felsen trauen? 
Selbst die festen Felsen beben. 

Eines schickt sich nicht für alle! 
Sehe jeder, wie ers treibe, 
Sehe jeder, wo er bleibe, 
Und wer steht, daß er nicht falle! 

[An die Herzogin Luise] 
[Von Goethe?] 

WIE alle dich verehren müssen, 
Das kannst du, teure Fürstin, wissen. 
Dir sagt es jedes Angesicht. 
Allein wie wir dich alle lieben, 
Das steht im Herzen tief geschrieben. 
Du ahndests kaiun und glaubst es nicht. 

[An die Herzogin Luise] 
[Widmung zu dem Feenspiel ,Lila'] 

WAS wir vermögen, 
Bringen wir 
An dem geliebten Tage dir 
Entgegen. 

Du fühlst, daß bei dem Unvermögen 
Und unter der Zaubermummerei 
Doch guter Wille und Wahrheit sei. 



200 LYRISCHE DICHTUNGEN 

[An Charlotte v. Stein] 

WAS mir in Kopf und Herzen stritt 
Seit manchen lieben Jahren! 
Was ich da träumend jauchzt und h'tt, 
Muß wachend nun erfahren. 



[Aus einem Briefe an die Gräfin Auguste zu Stolberg] 

ALLES geben die Götter, die unendlichen, 
Ihren Lieblingen ganz. 
Alle Freuden, die unendlichen, 
Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz. 

AN DEN MOND 

[Erste Fassung] 

FÜLLEST wieder 's liebe Tal 
Still mit Nebelglanz, 
Lösest endlich auch einmal 
Meine Seele ganz; 

Breitest über mein Gefild 
Lindernd deinen Blick, 
Wie der Liebsten Auge mild 
Über mein Geschick. 

Das du so beweglich kennst, 
Dieses Herz im Brand, 
Haltet ihr wie ein Gespenst 
An den Fluß gebannt, 

Wenn in öder Winternacht 
Er vom Tode schwillt 
Und bei Frühlingslebens Pracht 
An den Knospen quillt. 

Selig, wer sich vor der Welt 
Ohne Haß verschließt. 
Einen Mann am Busen hält 
Und mit dem genießt, 



1775/86 WEIMAR 201 

Was, dem Menschen iinbewußt 
Oder wohl veracht, 
Durch das Labyrinth der Brust 
Wandelt in der Nacht. 

AN DEN MOND 

[Letzte Fassung] 

FÜLLEST wieder Busch und Tal 
Still mit Nebelglanz, 
Lösest endlich auch einmal 
Meine Seele ganz; 

Breitest über mein Gefild 
Lindernd deinen Blick, 
Wie des Freundes Auge mild 
Über mein Geschick. 

Jeden Nachklang fühlt mein Herz 
Froh- und trüber Zeit 
Wandle zwischen Freud und Schmerz 
In der Einsamkeit. 

Fließe, fließe, lieber Fluß! 
Nimmer werd ich froh. 
So verrauschte Scherz und Kuß, 
Und die Treue so. 

Ich besaß es doch einmal, 
Was so köstlich ist! 
Daß man doch zu seiner Qual 
Nimmer es vergißt! 

Rausche, Fluß, das Tal entlang, 
Ohne Rast imd Ruh, 
Rausche, flüstre meinem Sang 
Melodien zu, 

Wenn du in der Wintemacht 
Wütend überschwillst, 
Oder um die Frühlingspracht 
Junger ELnospen quillst. 



202 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Selig, wer sich vor der Welt 
Ohne Haß verschließt, 
Einen Freund am Busen hält 
Und mit dem genießt, 

Was, von Menschen nicht gewußt 
Oder nicht bedacht, 
Durch das Labyrinth der Brust 
Wandelt in der Nacht. 



[Motto auf dem Titelblatt der .Gesänge, mit Begleitung 
des Klaviers' von Philipp Christoph Kayser, 1777] 

[Von Goethe oder Kayser?] 

''lEF aus dem Herzen hingesungen 
Nehmt diese Lieder herzenein. 
So ist mir jeder Wunsch gelungen, 
So sind auch eure Freuden mein. 



1 I 



GELLERTS MONUMENT VON OESER 

ALS Geliert, der geliebte, schied, 
Manch gutes Herz im stillen weinte, 
Auch manches matte, schiefe Lied 
Sich mit dem reinen Schmerz vereinte; 
Und jeder Stümper bei dem Grab 
Ein Blümchen an die Ehrenkrone, 
Ein Scherflein zu des Edlen Lohne 
Mit vielzufriedner Miene gab: 
Stand Oeser seitwärts von den Leuten 
Und fühlte den Geschiednen, sann 
Ein bleibend Bild, ein lieblich Deuten 
Auf den verschwundnen werten Mann; 
Und sammelte mit Geistesflug 
Im Marmor alles Lobes Stammeln, 
Wie wir in einen engen Krug 
Die Asche des Geliebten sammeln. 



1775/86 WEIMAR 203 

HARZREISE IM WINTER 

DEM Geier gleich, 
Der auf schweren Morgenvvolken 
Mit sanftem Fittich ruhend 
Nach Beute schaut, 
Schwebe mein Lied. 

Denn ein Gott hat 
Jedem seine Bahn 
Vorgezeichnet, 
Die der Glückliche 
Rasch zum freudigen 
Ziele rennt: 
Wem aber Unglück 
Das Herz zusammenzog. 
Er sträubt vergebens 
Sich gegen die Schranken 
Des ehernen Fadens, 
Den die doch bittre Schere 
Nur einmal löst. 

In Dickichts-Schauer 
Drängt sich das rauhe Wild, 
Und mit den Sperlingen 
Haben längst die Reichen 
In ihre Sümpfe sich gesenkt. 

Leicht ists folgen dem Wagen, 
Den Fortuna führt, 
W^ie der gemächliche Troß 
Auf gebesserten Wegen 
Hinter des Fürsten Einzug. 

Aber abseits wer ists? 

Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, 

Hinter ihm schlagen 

Die Sträuche zusammen, 

Das Gras steht wieder auf, 

Die Öde verschlingt ihn. 



204 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Ach, wer heilet die Schmerzen 

Dess, dem Balsam zu Gift ward? 

Der sich Menschenhaß 

Aus der Fülle der Liebe trank? 

Erst verachtet, nun ein Verächter, 

Zehrt er heimlich auf 

Seinen eignen Wert 

In vmgnügender Selbstsucht. 

Ist auf deinem Psalter, 
Vater der Liebe, ein Ton 
Seinem Ohre vernehmlich, 
So erquicke sein Herz! 
Öffne den umwölkten Blick 
Über die tausend Quellen 
Neben dem Durstenden 
In der Wüste. 

Der du der Freuden viel schaffst, 
Jedem ein überfließend Maß 
Segne die Brüder der Jagd 
Auf der Fährte des Wilds 
Mit jugendlichem Übermut 
Fröhlicher Mordsucht, 
'Späte Rächer des Unbills, 
Dem schon Jahre vergeblich 
Wehrt mit Knütteln der Bauer. 

Aber den Einsamen hüll 

In deine Goldvvolken! 

Umgib mit Wintergrün, 

Bis die Rose wieder heranreift, 

Die feuchten Haare, 

O Liebe, deines Dichters! 

Mit der dämmernden Fackel 
Leuchtest du ihm 
Durch die Furten bei Nacht, 
Über grundlose Wege 
Auf öden Gefilden; 



1775/86 WEIMAR 205 

Mit dem tausendfarbigen Morgen 
Lachst du ins Herz ihm; 
Mit dem beizenden Sturm 
Trägst du ihn hoch empor; 
Winterströme stürzen vom Felsen 
In seine Psalmen, 
Und Altar des lieblichsten Danks 
Wird ihm des gefürchteten Gipfels 
Schneebehangner Scheitel, 
Den mit Geisterreihen 
Kränzten ahnende Völker. 

Du stehst mit unerforschtem Busen 

Geheimnisvoll oflfenbar 

Über der erstaunten Welt 

Und schaust aus Wolken 

Auf ihre Reiche und Herrlichkeit, 

Die du aus den Adern deiner Brüder 

Neben dir wässerst. 



ERINNERUNG 

WILLST du immer weiter schweifen? 
Sieh, das Gute liegt so nah. 
Lerne nur das Glück ergreifen. 
Denn das Glück ist immer da. 



AN DIE ENTFERNTE 

SO hab ich wirklich dich verloren? 
Bist du, o Schöne, mir entflohn? 
Noch klingt in den gewohnten Ohren 
Ein jedes Wort, ein jeder Ton. 

So wie des Wandrers Blick am Morgen 
Vergebens in die Lüfte dringt. 
Wenn, in dem blauen Raum verborgen, 
Hoch über ihm die Lerche singt: 



2o6 LYRISCHE DICHTUNGEN 

So dringet ängstlich hin und wieder 
Durch Feld und Busch und Wald mein Blick; 
Dich rufen alle meine Lieder: 
O komm, Geliebte, mir zurück! 

DER FISCHER 

DAS Wasser rauscht', das Wasser schwoll, 
Ein Fischer saß daran. 
Sah nach dem Angel ruhevoll, 
Kühl bis ans Herz hinan. 
Und wie er sitzt und wie er lauscht, 
Teilt sich die Flut empor; 
Aus dem bewegten Wasser rauscht 
Ein feuchtes Weib hervor. 

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm: 

Was lockst du meine Brut 

Mit Menschenwitz und Menschenhst 

Hinauf in Todesglut? 

Ach wüßtest du, wie's Fischlein ist 

So wohlig auf dem Grund, 

Du stiegst herunter, wie du bist, 

Und würdest erst gesund. 

Labt sich die liebe Sonne nicht, 
Der Mond sich nicht im Meer? 
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht 
Nicht doppelt schöner her? 
Lockt dich der tiefe Himmel nicht, 
Das feuchtverklärte Blau? 
Lockt dich dein eigen Angesicht 
Nicht her in ewgen Tau? 

Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll, 

Netzt' ihm den nackten Fuß; 

Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll, 

Wie bei der Liebsten Gruß. 

Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm; 

Da wars um ihn geschehn: 

Halb zog sie ihn, halb sank er hin, 

Und ward nicht mehr gesehn. 



1775/86 WEIMAR 207 

MIT EINER HYAZINTHE 

AUS dem Zaubertal dortnieden, 
Das der Regen still umtrübt, 
Aus dem Taumel der Gewässer 
Sendet Blume, Gruß und Frieden, 
Der dich immer treu und besser, 
Als du glauben magst, geliebt. 

Diese Blume, die ich pflücke. 
Neben mir vom Tau genährt, 
Läßt die Mutter still zurücke, 
Die sich in sich selbst vermehrt. 
Lang entblättert und verborgen. 
Mit den Kindern an der Brust, 
Wird am neuen Frühlingsmorgen 
Vielfach sie des Gärtners Lust. 

DU bist mein und bist so zierlich, 
Du bist mein und so manierlich, 
Aber etwas fehlt dir noch: 
Küssest mit so spitzen Lippen, 
Wie die Tauben Wasser nippen; 
Allzu zierlich bist du doch. 

WARNUNG 

SO wie Titania im Feen- und Zauberland 
Klaus Zetteln in dem Arme fand. 
So wirst du bald zur Strafe deiner Sünden 
Titanien in deinen Armen finden. 



[An den Herzog Karl August] 

ZWAR bin ich nicht seit gestern 
Im Zauberhandwerk eingeweiht, 
Doch haben meine Schwestern 
Dir schon das Beste prophezeit. 



2o8 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Drum lass mich bittend raten: 
Wend uns ein gnädig Auge zu, 
Lass uns in deinen Staaten 
Genießen die erwünschte Ruh. 

Doch stört den schönen Frieden 
Des Krieges wilder rascher Tritt, 
Nimm uns, die Nimmermüden, 
Als Marketenderinnen mit. 

[An Charlotte v. Stein] 

DU machst die Alten jung, die Jungen alt; 
Die Kalten warm, die Warmen kalt. 
Bist ernst im Scherz, der Ernst macht dich zu lachen. 
Dir gab aufs menschliche Geschlecht 
Ein süßer Gott sein längst bewährtes Recht, 
Aus Weh ihr Wohl, aus Wohl ihr Weh zu machen. 

[An Luise v. Göchhausen] 

DER Kauz, der auf Minervens Schilde sitzt, 
Kann Göttern wohl und Menschen nützen; 
Die Musen haben dich beschützt, 
Nim magst du sie beschützen. 

[An die Herzogin Luise] 
[Von Goethe?] 

MAN liebt dich heut wie in den alten Tagen, 
Nur darf man dirs nicht immer sagen. 
Doch dieser Tag bricht allen Zwang. 
O sei uns freundlich, sei es lang 
Im neuen Jahr, da du uns neues Leben 
In ihm willst geben. 

[An Luise Adelheid v. Waldner] 
[Von Goethe?] 

ALLE Tage 
Lebendige Geister. 
Und zu jeder Sprache 
Einen neuen Meister. 



1775/86 WEIMAR 209 

[An Amalia v. Hendrich] 
[Von Goethe?] 

IN deinem Herzen 
Ist nicht viel Platz, 
Drum alle acht Tage 
Einen neuen Schatz. 

[An Frau v. Felgenhauer] 
[Von Goethe?] 

DAS Weib, das Gott der Herr erschuf, 
Schuf er zu mancherlei Beruf; 
Allein der süßeste von allen 
Ist der, den Männern zu gefallen. 
Wir danken Gott zu dieser Frist, 
Daß du ein Weib geworden bist. 

[An Frau v. Lichtenberg, geb. v. Uten] 
[Von Goethe?] 

DASS schnell dir dieses Jahr verging, 
Ist eben wohl kein Wunderding; 
Mit gutem Appetit genießen. 
Vom Morgen bis zum Abend küssen, 
Und fest sich an den Schnurrbart schließen, 
Kann lange Nächte leicht versüßen. 
Fast weiß man nicht bei deinem Wohl, 
Was man dir weiter wünschen soll 
Als etwa nach vollendeten Redouten 
Einen kleinen schreienden Rekruten. 

GRENZEN DER MENSCHHEIT 

WENN der uralte, 
Heilige Vater 
Mit gelassener Hand 
Aus rollenden Wolken 
Segnende Blitze 
Über die Erde sät, 

GOETHE XIV 14. 



2 1 o LYRISCHE DICHTUNGEN 

Küss ich den letzten 
Saum seines Kleides, 
Kindliche Schauer 
Treu in der Brust. 

Denn mit Göttern 
Soll sich nicht messen 
Irgendein Mensch. 
Hebt er sich aufwärts 
Und berührt 

Mit dem Scheitel die Sterne, 
Nirgends haften dann 
Die unsichem Sohlen, 
Und mit ihm spielen 
Wolken und Winde. 

Steht er mit festen, 
Markigen Knochen 
Auf der wohlgegründeten 
Dauernden Erde, 
Reicht er nicht auf, 
Nur mit der Eiche 
Oder der Rebe 
Sich zu vergleichen. 

Was unterscheidet 
Götter von Menschen? 
Daß viele Wellen 
Vor jenen wandeln. 
Ein ewiger Strom: 
Uns hebt die Welle, 
Verschlingt die Welle, 
Und wir versinken. 

Ein kleiner Ring 
Begrenzt tmser Leben, 
Und viele Geschlechter 
Reihen sich dauernd 
An ihres Daseins 
Unendliche Kette. 



1775/86 WEIMAR 211 

PHYSIOGNOMISCHE REISEN 
Die Physiognomisten 

SOLLT es wahr sein, was uns der rohe .Wandrer ver- 
kündet, 
Daß die Menschengestalt von allen sichtlichen Dingen 
Ganz allein uns lüge, daß wir, was edel und albern, 
Was beschränkt und groß, im Angesichte zu suchen, 
Eitele Toren sind, betrogne, betrügende Toren? 
Ach! wir sind auif den dunkelen Pfad des verworrenen 

Lebens 
Wieder zurückgescheucht, der Schimmer zu Nächten ver- 
finstert. 

Der Dichter 
Hebet eure zweifelnden Stirnen empor, ihr Geliebten! 
Und verdient nicht den Irrtum, hört nicht bald diesen, 

bald jenen. 
Habet ihr eurer Meister vergessen? Auf! kehret zum 

Pindus, 
Fraget dorten die Neune, der Grazien nächste Verwandte! 
Ihnen allein ist gegeben, der edlen stillen Betrachtung 
Vorzustehn. Ergebet euch gern der heiligen Lehre, 
Merket bescheiden leise Worte. Ich darf euch versprechen: 
Anders sagen die Musen, und anders sagt es Musäus. 

[An Charlotte v. Stein] 

DEINE Grüße hab ich wohl erhalten. 
Liebe lebt jetzt in tausend Gestalten, 
Gibt der Blume Färb und Duft, 
Jeden Morgen durchzieht sie die Luft, 
Tag vmd Nacht spielt sie auf Wiesen, in Hainen, 
Mir will sie oft zu herrlich erscheinen; 
Neues bringt sie täglich hervor, 
Leben siunmt vms die Biene ins Ohr. 
Bleib, ruf ich oft, Frühling! man küsset dich kaum, 
Engel, so fliehst du wie ein schwankender Traum; 
Immer wollen wir dich ehren und schätzen, 
So vms an dir wie am Himmel ergötzen. 



212 LYRISCHE DICHTUNGEN 

[An Charlotte v. Stein] 

MAN wills den Damen übel deuten, 
Daß sie wohl zu gewissen Zeiten 
Ihr Herz mit mehrern teilen können! 
Doch dich kann man gar glücklich nennen, 
O du, des Hofes Zierd und Ehre! 
Du schonst gar weislich deins 
Und hast gelegentlich für jeden eins, 
Und wenns auch nur von Mehl und Farben wäre. 

DER VIERTE TEIL MEINER SCHRIFTEN 
Berlin 1779 bei Himburg 

LANGVERDORRTE, halbverweste Blätter vorger 
Jahre, 
Ausgekämmte, auch geweiht' imd abgeschnittne Haare, 
Alte Wämser, ausgetretne Schuh und schwarzes Linnen, 
Was sie nicht ums leidge Geld beginnen! 
Haben sie für bar und gut 
Neuerdings dem Publikum gegeben. 
Was man andern nach dem Tode tut, 
Tat man mir bei meinem Leben. 
Doch ich schreibe nicht um Porzellan noch Brot, 
Für die Himburgs bin ich tot. 

GESANG DER GEISTER ÜBER DEN WASSERN 

DES Menschen Seele 
Gleicht dem Wasser: 
Vom Himmel kommt es, 
Zum Himmel steigt es, 
Und wieder nieder 
Zur Erde muß es, 
Ewig wechselnd. 

Strömt von der hohen, 
Steilen Felswand 
Der reine Strahl, 
Dann stäubt er lieblich 



1775/86 WEIMAR 213 

In Wolkenwellen 
Zum glatten Fels, 
Und leicht empfangen 
Wallt er verschleiernd, 
Leisrauschend 
Zur Tiefe nieder. 

Ragen Klippen 
Dem Sturz entgegen. 
Schäumt er unmutig 
Stufenweise 
Zum Abgrund. 

Im flachen Bette 

Schleicht er das Wiesental hin, 

Und in dem glatten See 

Weiden ihr Antlitz 

Alle Gestirne. 

Wind ist der Welle 
Lieblicher Buhler; 
Wind mischt vom Grund aus 
Schäumende Wogen. 

Seele des Menschen, 
Wie gleichst du dem Wasser! 
Schicksal des Menschen, 
Wie gleichst du dem Wind! 



CHRISTOPH KAUFMANN 

von Winterthur im Gefolge Lavaters, der seine frömmelnd 
physiognomisierende Spionerei zu adeln sich Gottes Spür- 
hund zu nennen beliebte. 

ALS Gottes Spürhund hat er frei 
Manch Schelmenstück getrieben, 
Die Gottesspur ist nun vorbei, 
Der Hund ist ihm geblieben. 



a 1 4 LYRISCHE DICHTUNGEN 

AXIOM 

FREUND, wer ein Lump ist, bleibt ein Lump, 
Zu Wagen, Pferd und Fuße; 
Drum glaub an keinen Lumpen je, 
An keines Lumpen Buße. 

ANLIEGEN 

O schönes Mädchen du, 
Du mit dem schwarzen Haar, 
Die du ans Fenster trittst, 
Auf dem Balkone stehst! 
Und stehst du wohl umsonst? 
O stündest du für mich 
Und zögst die Klinke los. 
Wie glücklich war ich da! 
Wie schnell sprang ich hinauf! 

AN SEINE SPRÖDE 

SIEHST du die Pomeranze? 
Noch hängt sie an dem Baume; 
Schon ist der März verflossen, 
Und neue Blüten kommen. 
Ich trete zu dem Baume 
Und sage: Pomeranze, 
Du reife Pomeranze, 
Du süße Pomeranze, 
Ich schüttle, fühl, ich schüttle, 
O fall in meinen Schoß! 

NÄHE 

WIE du mir oft, geliebtes Kind, 
Ich weiß nicht wie, so fremde bist! 
Wenn wir im Schwann der vielen Menschen sind, 
Das schlägt mir alle Freude nieder. 
Doch ja, wenn alles still und finster um uns ist. 
Erkenn ich dich an deinen Küssen wieder. 



1775/86 WEIMAR 215 

ER UND SEIN NAME 

BEI allen Musen und Grazien sagt an mir, ihr Deutschen! 
Euren ersten Dichter, den alle Götter geehret, 
Der mit Geistesschritten von Sonne zu Sonne gewandelt, 
Der in die Tiefen der Liebe sich wie ein Engel gesenket, 
Diesen göttlichen Mann, ihr nennt ihn Kiopstock? den 

Namen 
Gebt ihr einem Dichter, dem keiner zu sanft und zu hoch 

war? 
Ja, dies ist der Name, den wir verehren und lieben. 
Haltet hier, und widmet euch der Feier stiller Betrachtung! 
Ach, der Gute hat leider endlich altshändyscher Ahndung 
Böse Schuld bezahlt! aus seinen Höhen und Tiefen 
Sich in das Stein- und Gebeinreich der Lettern und 

Silben begeben. 
Mit dem eignen Sinne, der großen Dingen geziemte, 
Heftet er sich ans Kleinste, und so klopstockt er die 

Sprache. 



KÖNIGLICH GEBET 

HA, ich bin Herr der Welt! mich lieben 
Die Edlen, die mir dienen. 
Ha, ich bin Herr der Welt! ich Hebe 
Die Edlen, denen ich gebiete, 
O gib mir, Gott im Himmel! daß ich mich 
Der Höh und Lieb nicht überhebe. 



MENSCHENGEFÜHL 

ACH, ihr Götter! große Götter 
In dem weiten Himmel droben! 
Gäbet ihr uns auf der Erde 
Festen Sinn und guten Mut, 
O wir ließen euch, ihr Guten, 
Euren weiten Himmel droben! 



2i6 LYRISCHE DICHTUNGEN 

WECHSELLIED ZUM TANZE 
Die Gleichgültigen 

KOMM mit, o Schöne, komm mit mir zum Tanze; 
Tanzen gehöret zum festlichen Tag. 
Bist du mein Schatz nicht, so kannst du es werden, 
Wirst du es nimmer, so tanzen wir doch. 
Komm mit, o Schöne, komm mit mir zum Tanze; 
Tanzen verherrlicht den festlichen Tag. 

Die Zärtlichen 
Ohne dich, Liebste, was wären die Feste? 
Ohne dich, Süße, was wäre der Tanz? 
Wärst du mein Schatz nicht, so möcht ich nicht tanzen, 
Bleibst du es immer, ist Leben ein Fest. 
Ohne dich. Liebste, was wären die Feste? 
Ohne dich, Süße, was wäre der Tanz? 

Die Gleichgültigen 
Laß sie nur lieben, und laß du uns tanzen! 
Schmachtende Liebe vermeidet den Tanz. 
Schlingen wir fröhlich den drehenden Reihen, 
Schleichen die andern zum dämmernden Wald. 
Laß sie nur lieben, und laß du uns tanzen! 
Schmachtende Liebe vermeidet den Tanz. 

Die Zärtlichen 
Laß sie sich drehen, und laß du uns wandeln! 
Wandeln der Liebe ist himmlischer Tanz. 
Amor, der nahe, der höret sie spotten, 
Rächet sich einmal, und rächet sich bald. 
Laß sie sich drehen, und laß du uns wandeln! 
Wandeln der Liebe ist himmlischer Tanz. 

LIEBHABER IN ALLEN GESTALTEN 

ICH wollt, ich war ein Fisch, 
So hurtig und frisch; 
Und kämst du zu ariglen. 
Ich würde nicht manglen. 
Ich wollt, ich war ein Fisch, 
So hurtig und frisch. 



1775/86 WEIMAR 217 

Ich wollt, ich war ein Pferd, 
Da war ich dir wert. 
O war ich ein Wagen, 
Bequem dich zu tragen. 
Ich wollt, ich war ein Pferd, 
Da war ich dir wert. 

Ich wollt, ich wäre Gold, 
Dir immer im Sold; 
Und tatst du was kaufen, 
Kam ich wieder gelaufen. 
Ich wollt, ich wäre Gold, 
Dir immer im Sold. 

Ich wollt, ich war treu, 
Mein Liebchen stets neu; 
Ich wollt mich verheißen. 
Wollt nimmer verreisen. 
Ich wollt, ich war treu, 
Mein Liebchen stets neu. 

Ich wollt, ich war alt 
Und runzlig vmd kalt; 
Tatst du mirs versagen, 
Da könnt michs nicht plagen. 
Ich wollt, ich war alt 
Und runzlig und kalt. 

War ich Affe sogleich 
Voll neckender Streich; 
Hätt was dich verdrossen. 
So macht ich dir Possen. 
War ich Affe sogleich 
Voll neckender Streich. 

War ich gut wie ein Schaf, 
Wie der Löwe so brav; 
Hätt Augen wie's Lüchschen 
Und Listen wie's Füchschen. 
War ich gut wie ein Schaf, 
Wie der Löwe so brav. 



a 1 8 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Was alles ich war, 
Das gönnt ich dir sehr; 
Mit fürstlichen Gaben, 
Du solltest mich haben. 
Was alles ich war, 
Das gönnt ich dir sehr. 

Doch bin ich, wie ich bin. 
Und nimm mich nur hin! 
Willst du Beßre besitzen, 
So laß dir sie schnitzen. 
Ich bin nun, wie ich bin; 
So nimm mich nur hin! 



EIN jeder hat sein Ungemach: 
Stein zieht den alten Ochsen nach, 
Der Herzog jungen Hasen. 
Der Prinz ist gutgesinnt fürs Bett, 
Und ach, wenn ich ein Misel hätt, 
So schwätzt ich nicht mit Basen. 
* 

Es fahret die poetsche Wut 
In uxisrer Freunde junges Blut, 
Es siedet über und über. 
Apollo, laß es ja dabei 
Und mache sie dagegen frei 
Von jedem andren Fieber. 



WANDRERS NACHTLIED 

ÜBER allen Gipfeln 
Ist Ruh, 
In allen Wipfeln 
Spürest du 
Kaum einen Hauch; 
Die Vögelein schweigen im Walde. 
Warte nur, balde 
Ruhest du auch. 



1775/86 WEIMAR 219 

MEINE GÖITIN 

WELCHER Unsterblichen 
Soll der höchste Preis sein? 
Mit niemand streit ich, 
Aber ich geb ihn 
Der ewig beweglichen, 
Immer neuen, 
Seltsamen Tochter Jovis, 
Seinem Schoßkinde, 
Der Phantasie. 

Denn ihr hat er 

Alle Launen, 

Die er sonst nur allein 

Sich vorbehält, 

Zugestanden 

Und hat seine Freude 

An der Törin. 

Sie mag rosenbekränzt 
Mit dem Lilienstengel 
Blumentäler betreten, 
Sommervögeln gebieten 
Und leichtnährenden Tau 
Mit Bienenlippen 
Von Blüten saugen; 

Oder sie mag 

Mit fliegendem Haar 

Und düsterm Blicke 

Im Winde sausen 

Um Felsenwände, 

Und tausendfarbig, 

Wie Morgen und Abend, 

Immer wechselnd 

Wie Mondesblicke, 

Den Sterblichen scheinen. 

Laßt uns alle 
Den Vater preisen! 



220 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Den alten, hohen, 
Der solch eine schöne, 
Unverwelkliche Gattin 
Dem sterblichen Menschen 
Gesellen mögen! 

Denn uns allein 
Hat er sie verbunden 
Mit Himmelsband 
Und ihr geboten, 
In Freud und Elend 
Als treue Gattin 
Nicht zu entweichen. 

Alle die andern 
Armen Geschlechter 
Der kinderreichen, 
Lebendigen Erde 
Wandeln und weiden 
In dunkelm Genuß 
Und trüben Schmerzen 
Des augenblicklichen 
Beschränkten Lebens, 
Gebeugt vom Joche 
Der Notdurft. 

Uns aber hat er 
Seine gewandteste, 
Verzärtelte Tochter, 
Freut euch! gegönnt. 
Begegnet ihr lieblich. 
Wie einer Geliebten! 
Laßt ihr die Würde 
Der Frauen im Haus! 

Und daß die alte 
Schwiegermutter Weisheit 
Das zarte Seelchen 
Ja nicht beleidge! 



I 



1775/86 WEIMAR 221 

Doch kenn ich ihre Schwester, 
Die ältere, gesetztere, 
Meine stille Freundin: 
O daß die erst 
Mit dem Lichte des Lebens 
Sich von mir wende, 
Die edle Treiberin, 
Trösterin Hofihung! 

UM Mitternacht, wenn die Menschen erst schlafen, 
Dann scheinet uns der Mond, 
Dann leuchtet uns der Stern; 
Wir wandeln und singen 
Und tanzen erst gern. 

Um Mittemacht, wenn die Menschen erst schlafen. 
Auf Wiesen, an den Erlen 
Wir suchen unsern Raum 
Und wandlen und singen 
Und tanzen einen Traum. 

[An Charlotte v. Stein] 

ZUM Tanze schick ich dir den Strauß 
Mit himmelfarbnem Band, 
Und siehst du andern freundlich aus. 
Reichst andren deine Hand, 
So denk auch an ein einsam Haus 
Und an ein schöner Band. 



AUS Kötschaus Toren reichet euch 
Ein alter Hexenmeister 
Konfekt und süßen roten Wein 
Durch einen seiner Geister. 

Der sollt, wenn er nicht heiser war, 
Euch auch dies Liedchen singen; 
Doch wird er einen holden Gruß 
Von mir euch überbringen. 



«22 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Kein Wetter kann der arme Tropf 
Am hohen Himmel machen; 
Sonst sollt euch Sonne, Mond und Stern 
Zu eurer Reise lachen. 

Genießet, weil ihr süße seid, 

Auch etwas Süßes gerne, 

Und denkt bei Scherz und Fröhlichkeit 

An einen in der Feme! 

Der gerne möcht, mit mancher Lust 
Euch Schönen zu vergnügen, 
An jedem Weg, in jedem Busch 
Im Hinterhalte liegen. 

Den ihr drum als Oresten saht, 
Als Scapin sich gebärden, 
Und der nun möcht zu eurem Spaß 
Auch Wirt von Kötschau werden. 



SAG ichs euch, geliebte Bäume? 
Die ich ahndevoll gepflanzt, 
Als die wunderbarsten Trätune 
Morgenrötlich mich umtanzt. 
Ach, ihr wißt es, wie ich liebe. 
Die so schön mich wiederliebt. 
Die den reinsten meiner Triebe 
Mir noch reiner wiedergibt. 

Wachset wie aus meinem Herzen, 

Treibet in die Luft hinein, 

Denn ich grub viel Freud und Schmerzen 

Unter eure Wurzeln ein. 

Bringet Schatten, traget Früchte, 

Neue Freude jeden Tag; 

Nur daß ich sie dichte, dichte. 

Dicht bei ihr genießen mag. 



1775/86 WEIMAR 223 

EPIPHANIASFEST 

DIE heiigen drei König' mit ihrem Stern, 
Sie essen, sie trinken, und bezahlen nicht gern; 
Sie essen gern, sie trinken gern, 
Sie essen, trinken, und bezahlen nicht gem. 

Die heiigen drei König' sind kommen allhier, 
Es sind ihrer drei und sind nicht ihrer vier; 
Und wenn zu dreien der vierte war. 
So war ein heiiger drei König mehr. 

Ich erster bin der weiß und auch der schön, 

Bei Tage solltet ihr erst mich sehn! 

Doch ach, mit allen Spezerein 

Werd ich sein Tag kein Mädchen mir erfrein. 

Ich aber bin der braun und bin der lang, 
Bekannt bei Weibern wohl und bei Gesang. 
Ich bringe Gold statt Spezerein, 
Da werd ich überall willkommen sein. 

Ich endlich bin der schwarz tmd bin der klein 
Und mag auch wohl einmal recht lustig sein. 
Ich esse gern, ich trinke gern. 
Ich esse, trinke und bedanke mich gern. 

Die heiigen drei König' sind wohlgesinnt, 
Sie suchen die Mutter und das Kind; 
Der Joseph fromm sitzt auch dabei. 
Der Ochs und Esel liegen auf der Streu. 

Wir bringen Myrrhen, wir bringen Gold, 
Dem Weihrauch sind die Damen hold; 
Und haben wir Wein von gutem Gewächs, 
So trinken wir drei so gut als ihrer sechs. 

Da wir nun hier schöne Herrn und Fraun, 
Aber keine Ochsen und Esel schaun, 
So sind wir nicht am rechten Ort 
Und ziehen unseres Weges weiter fort. 



224 LYRISCHE DICHTUNGEN 

DIE NEKTARTROPFEN 

ALS Minerva, jenen Liebling, 
Den Prometheus, 2u begünstgen, 
Eine volle Nektarschale 
Von dem Himmel niederbrachte, 
Seine Menschen zu beglücken 
Und den Trieb zu holden Künsten 
Ihrem Busen einzuflößen, 
Eilte sie mit schnellen Füßen, 
Daß sie Jupiter nicht sähe; 
Und die goldne Schale schwankte, 
Und es fielen wenig Tropfen 
Auf den grünen Boden nieder. 

Emsig waren drauf die Bienen 
Hinterher und saugten fleißige 
Kam der Schmetterling geschäftig. 
Auch ein Tröpfchen zu erhaschen; 
Selbst die ungestalte Spinne 
Kroch herbei und sog gewaltig. 

Glücklich haben sie gekostet, 
Sie imd andre zarte Tierchen! 
Denn sie teilen mit dem Menschen 
Nun das schönste Glück, die Kunst. 

[An Amalie v. Stein] 

DER dieses Bild der Einsamkeit gemacht, 
Hat oft an dich in Einsamkeit gedacht. 

DER Reiter kommt auf weichem Grund geritten 
Und gibt sein steif Persönchen uns zum besten. 
Willkommen sei er bei den Winterfesten, 
Der schönsten Dame reit er vor dem Schlitten. 

[An den Herzog Karl August] 

SO groß als die Begierde war in mir, 
Die altgeliebten Bilder zu erlangen. 
Mit gleicher Lust geb ich sie dir 
Und scheine sie dadurch erst zu empfangen. 



1775/86 WEIMAR 225 

VERSUCHUNG 

REICHTE die schädliche Frucht einst Mutter Eva dem 
Gatten, 
Ach! vom törichten Biß kränkelt das ganze Geschlecht. 
Nun vom heiligen Leibe, der Seelen speiset und heilet. 
Kostest du, Lydia, fromm, liebliches büßendes Kind! 
Darum schick ich dir eilig die Frucht voll irdischer Süße, 
Daß der Himmel dich nicht deinem Geliebten entzieh. 

DER Segen wird gesprochen! 
Die Riesin liegt in den Wochen; 
Drei Wölfe sind ausgekrochen. 
Sie liegt zwischen Eis und Nebel und Schnee, 
Tränke gern Eicheln- und Rübenkaffee, 
Wenn sie ihn nur hätte! — 
Da läuft die Maus! — 
Kind, geh zu Bette 
Und lösche die Lichter aus! 

NACHTGEDANKEN 

EUCH bedaur ich, unglückselge Sterne, 
Die ihr schön seid und so herrlich scheinet, 
Dem bedrängten Schiffer gerne leuchtet, 
Unbelohnt von Göttern imd von Menschen: 
Denn ihr liebt nicht, kanntet nie die Liebe! 
Unaufhaltsam führen ewge Stunden 
Eure Reihen durch den weiten Himmel. 
Welche Reise habt ihr schon vollendet! 
Seit ich weilend in dem Arm der Liebsten 
Euer und der Mittemacht vergessen. 

DER BECHER 

EINEN wohlgeschnitzten vollen Becher 
Hielt ich drückend in den beiden Händen, 
Sog begierig süßen Wein vom Rande, 
Gram und Sorg auf einmal zu vertrinken. 

GOETHE XIV 15. 



t26 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Amor trat herein iind fand mich sitzen, 
Und er lächelte bescheidenweise, 
Als den Unverständigen bedauernd: 

"Freund, ich kenn ein schöneres Gefäße, 
Wert, die ganze Seele drein zu senken; 
Was gelobst du, wenn ich dir es gönne, 
Es mit anderm Nektar dir erfülle?" 

O wie freundlich hat er Wort gehalten! 
Da er, Lida, dich mit sanfter Neigung 
Mir, dem lange Sehnenden, geeignet. 

Wenn ich deinen lieben Leib umfasse 
Und von deinen einzig treuen Lippen 
Langbewahrter Liebe Balsam koste, 
Selig Sprech ich dann zu meinem Geiste: 

Nein, ein solch Gefäß hat, außer Amom, 
Nie ein Gott gebildet noch besessen! 
Solche Formen treibet nicht Vulkanus 
Mit den sinnbegabten, feinen Hämmern! 
Auf belaubten Hügeln mag Lyäus 
Durch die ältsten, klügsten seiner Faunen 
Ausgesuchte Trauben keltern lassen. 
Selbst geheimnisvoller Gärung vorstehn: 
Solchen Trank verschafft ihm keine Sorgfalt! 

AN LIDA 

DEN Einzigen, Lida, welchen du lieben kannst, 
Forderst du ganz für dich, und mit Recht. 
Auch ist er einzig dein. 
Denn seit ich von dir bin, 
Scheint mir des schnellsten Lebens 
Lärmende Bewegung 

Nur ein leichter Flor, durch den ich deine Gestalt 
Immerfort wie in Wolken erblicke: 
Sie leuchtet mir freundlich und treu. 
Wie durch des Nordlichts bewegliche Strahlen 
Ewige Sterne schimmern. 



1775/86 WEIMAR 227 

VERSUS MEMORIALES 

IJVVOCA VIT wir rufen laut, 
\^Reminiscere o war ich Braut! 
Die Oculi gehn hin und her; 
Laetare drüber nicht so sehr. 
O Judica uns nicht so streng! 
Palmarum streuen wir die Meng. 
Auf Oster-Eier freun sich hie 
Viel Quasi modo geniti. 
Misericordias brauchen wir all, 
Jubilate ist ein seltner Fall. 
Cantate freut der Menschen Sinn, 
Rogate bringt nicht viel Gewinn. 
Exaudi uns zu dieser Frist, 
Spiritus, der du der letzte bist. 

HARFENSPIELER 

WER sich der Einsamkeit ergibt, 
Ach! der ist bald allein; 
Ein jeder lebt, ein jeder hebt 
Und läßt ihn seiner Pein. 

Ja! laßt mich meiner Qual! 
Und kann ich nur einmal 
Recht einsam sein. 
Dann bin ich nicht allein. 

Es schleicht ein Liebender lauschend sacht, 

Ob seine Freundin allein? 

So überschleicht bei Tag und Nacht 

Mich Einsamen die Pein, 

Mich Einsamen die Qual. 

Ach, werd ich erst einmal 

Einsam im Grabe sein. 

Da läßt sie mich allein! 



2 28 LYRISCHE DICHTUNGEN 

UNGLEICHE HEIRAT 

SELBST ein so himmlisches Paar fand nach der Ver- 
bindung sich ungleich: 
Psyche ward älter und klug, Amor ist immer noch Kind. 

ERKANNTES GLÜCK 

WAS bedächtlich Natur sonst unter viele verteilet, 
Gab sie mit reichlicher Hand alles der Einzigen, 

ihr. 
Und die so herrlich Begabte, von vielen so innig Verehrte, 
Gab ein liebend Geschick freundlich dem Glücklichen, 

mir. 

HEILIGE FAMILIE 

Ödes süßen Kindes, und o der glücklichen Mutter, 
Wie sie sich einzig in ihm, wie es in ihr sich ergetzt! 
Welche Wonne gewährte der Blick auf dies herrliche Bild 

mir, 
Stund ich Armer nicht so heilig, wie Joseph, dabei! 

DIE KRÄNZE 

T/' LOPSTOCK will uns vom Pindus entfernen; wir sollen 
i\- nach Lorbeer 

Nicht mehr geizen, uns soll inländische Eiche genügen; 
Und doch führet er selbst den überepischen Kreuzzug 
Hin auf Golgathas Gipfel, ausländische Götter zu ehren! 
Doch, aufweichen Hügel er wolle, versamml er die Engel, 
Lasse beim Grabe des Guten verlassene Redliche weinen: 
Wo ein Held und Heiliger starb, wo ein Dichter gesungen. 
Uns im Leben und Tod ein Beispiel trefflichen Mutes, 
Hohen Menschenwertes zu hinterlassen, da knieen 
Billig alle Völker in Andachtswonne, verehren 
Dorn- und Lorbeerkranz, und was ihn geschmückt und 

gepeinigt. 



1775/86 WEIMAR 229 

GEWEIHTER PLATZ 

WENN zu den Reihen der Nymphen, versammelt 
in heiliger Mondnacht, 
Sich die Grazien heimlich herab vom Olympus gesellen: 
Hier belauscht sie der Dichter und hört die schönen Ge- 
sänge, 
Sieht verschwiegener Tänze geheimnisvolle Bewegung. 
Was der Himmel nur Herrliches hat, was glücklich die Erde 
Reizendes immer gebar, das erscheint dem wachenden 

Träumer. 
Alles erzählt er den Musen, und daß die Götter nicht zürnen, 
Lehren die Musen ihn gleich bescheiden Geheimnisse spre- 
chen. 

ERLKÖNIG 

WER reitet so spät durch Nacht und Wind? 
Es ist der Vater mit seinem Kind; 
Er hat den Knaben wohl in dem Arm, 
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm. 

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht: — 
Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht? 
Den Erlenkönig mit Krön und Schweif? — 
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. — 

"Du liebes Kind, komm, geh mit mir! 
Gar schöne Spiele spiel ich mit dir; 
Manch bunte Blumen sind an dem Strand, 
Meine Mutter hat manch gülden Gewand." 

Mein Vater, mein Vater, rmd hörest du nicht, 
Was Erlenkönig mir leise verspricht? — 
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind; 
In dürren Blättern säuselt der Wind. — 

"Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn? 
Meine Töchter sollen dich warten schön; 
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn, 
Und wiegen imd tanzen imd singen dich ein." 



230 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort 
Erlkönigs Töchter am düstern Ort? — 
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau: 
Es scheinen die alten Weiden so grau. — 

"Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt; 
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt." 
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an! 
Erlkönig hat mir ein Leids getan! — 

Dem Vater grausets, er reitet geschwind, 
Er hält in Armen das ächzende Kind, 
Erreicht den Hof mit Müh und Not; 
In seinen Armen das Kind war tot. 

AUF MIEDINGS TOD 

WELCH ein Getümmel füllt Thaliens Haus? 
Welch ein geschäftig Volk eilt ein und aus? 
Von hohlen Brettern tönt des Hammers Schlag, 
Der Sonntag feiert nicht, die Nacht wird Tag. 
Was die Erfindimg still und zart ersann, 
Beschäftigt laut den rohen Zimmermann. 
Ich sehe Hauenschild gedankenvoll; 
Ists Türk, ists Heide, den er kleiden soll? 
Und Schumann froh, als war er schon bezahlt, 
Weil er einmal mit ganzen Farben malt. 
Ich sehe Thielens leicht bewegten Schritt, 
Der lustger wird, je mehr er euch verschnitt. 
Der Jude Elkan läuft mit manchem Rest, 
Und diese Gärung deutet auf ein Fest. 

Allein, wie viele hab ich hererzählt, 

Und nenn ihn nicht, den Mann, der nie gefehlt. 

Der sinnreich schnell, mit schmerzbeladner Brust, 

Den Lattenbau zu fügen wohl gewußt. 

Das Brettgerüst, das, nicht von ihm belebt. 

Wie ein Skelett an toten Drähten schwebt. 

Wo ist er? sagt! — Ihm war die Kunst so lieb, 
Daß Kolik nicht, nicht Husten ihn vertrieb. 



1775/86 WEIMAR 231 

"Er Hegt so krank, so schlimm es nie noch war!" 
Ach, Freunde! Weh! Ich fühle die Gefahr; 
Hält Krankheit ihn zurück, so ist es Not, 
Er ist nicht krank, nein, Kinder, er ist tot! 

Wie? Mieding tot? erschallt bis unters Dach 
Das hohle Haus, vom Echo kehrt ein Ach! 
Die Arbeit stockt, die Hand wird jedem schwer, 
Der Leim wird kalt, die Farbe fließt nicht mehr; 
Ein jeder steht betäubt an seinem Ort, 
Und nur der Mittwoch treibt die Arbeit fort. 

Ja, Mieding tot! O scharret sein Gebein 
Nicht undankbar wie manchen andern ein! 
Laßt seinen Sarg eröffnet, tretet her. 
Klagt jedem Bürger, der gelebt wie er, 
Und laßt am Rand des Grabes, wo wir stehn. 
Die Schmerzen in Betrachtung übergehn. 

O Weimar! dir fiel ein besonder Los! 5 

Wie Bethlehem in Juda, klein und groß. 
Bald wegen Geist und Witz beruft dich weit 
Europens Mund, bald wegen Albernheit. 
Der stille Weise schaut und sieht geschwind, 
Wie zwei Extreme nah verschwistert sind. 
Eröflfoe du, die du besondre Lust 
Am Guten hast, der Rührung deine Brust! 

Und du, o Muse, rufe weit und laut 

Den Namen aus, der heut uns still erbaut! 

Wie manchen, wert und unwert, hielt mit Glück 

Die sanfte Hand von ewger Nacht zurück; 

O laß auch Miedings Namen nicht vergehn! 

Laß ihn stets neu am Horizonte stehn! 

Nenn ihn der Welt, die kriegrisch oder fein 

Dem Schicksal dient und glaubt ihr Herr zu sein, 

Dem Rad der Zeit vergebens widersteht, 

Verwirrt, beschäftigt und betäubt sich dreht; 

Wo jeder, mit sich selbst genug geplagt, 

So selten nach dem nächsten Nachbar fragt, 



232 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Doch gern im Geist nach fernen Zonen eilt 
Und Glück und Übel mit dem Fremden teilt. 
Verkünde laut und sag es überall: 
Wo Einer fiel, seh jeder seinen Fall! 

Du, Staatsmann, tritt herbei! Hier liegt der Mann, 
Der, so wie du, ein schwer Geschäft begann; 
Mit Lust zum Werke mehr als zvun Gewinn 
Schob er ein leicht Gerüst mit leichtem Sinn, 
Den Wunderbau, der äußerlich entzückt, 
Indes der Zaubrer sich im Winkel drückt. 
Er wars, der säumend manchen Tag verlor, 
So sehr ihn Autor und Akteur beschwor; 
Und dann zuletzt, wenn es zum Treffen ging, 
Des Stückes Glück an schwache Fäden hing. 

Wie oft trat nicht die Herrschaft schon herein! 
Es ward gepocht, die Symphonie fiel ein. 
Daß er noch kletterte, die Stangen trug, 
Die Seile zog und manchen Nagel schlug. 
Oft glückt's ihm, kühn betrog er die Gefahr; 
Doch auch ein Bock macht' ihm kein graues Haar. 

Wer preist genug des Mannes kluge Hand, 
Wenn er aus Draht elastsche Federn wand, 
Vielfältge Pappen auf die Lättchen schlug. 
Die Rolle fügte, die den Wagen trug; 
Von Zindel, Blech, gefärbt Papier und Glas, 
Dem Ausgang lächelnd, rings umgeben saß? 
So, treu dem unermüdlichen Beruf, 
War ers, der Held imd Schäfer leicht erschuf. 
Was alles zarte, schöne Seelen rührt. 
Ward treu von ihm, nachahmend, ausgeführt: 
Des Rasens Grün, des Wassers Silberfall, 
Der Vögel Sang, des Donners lauter Knall, 
Der Laube Schatten und des Mondes Licht- 
Ja selbst ein Ungeheur erschreckt' ihn nicht. 

Wie die Natur manch widerwärtge Kraft 
Verbindend zwingt, und streitend Körper schafit: 



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1775/86 WEIMAR 233 

So zwang er jedes Handwerk, jeden Fleiß; 
Des Dichters Welt entstand auf sein Geheiß. 
Und, so verdient, gewährt die Muse nur 
Den Namen ihm — Direktor der Natur. 

Wer faßt nach ihm, voll Kühnheit und Verstand, 

Die vielen Zügel mit der Einen Hand? 

Hier, wo sich jeder seines Weges treibt, 

Wo ein Faktotum unentbehrlich bleibt; 

Wo selbst der Dichter, heimlich voll Verdruß, 

Im Fall der Not die Lichter putzen muß. 

O sorget nicht! Gar viele regt sein Tod! 
Sein Witz ist nicht zu erben, doch sein Brot; 
Und, ungleich ihm, denkt mancher Ehrenmann: 
Verdien ichs nicht, wenn ichs nur essen kann. 

Was stutzt ihr? Seht den schlecht verzierten Sarg, 
Auch das Gefolg scheint euch gering und karg; 
Wie! ruft ihr, wer so künstlich und so fein, 
So wirksam war, muß reich gestorben sein! 
Warum versagt man ihm den Trauerglanz, 
Den äußern Anstand letzter Ehre ganz? 

Nicht so geschwind! Das Glück macht alles gleich. 
Den Faulen und den Tätgen, Arm und Reich. 
Zum Gütersammeln war er nicht der Mann; 
Der Tag verzehrte, was der Tag gewann. 
Bedauert ihn, der, schaffend bis ans Grab, 
Was künstlich war, und nicht was Vorteil gab. 
In Hoffnung täglich weniger erwarb, 
Vertröstet lebte und vertröstet starb. 

Nun laßt die Glocken tönen, und zuletzt 
Werd er mit lauter Trauer beigesetzt! 
Wer ists, der ihm ein Lob zu Grabe bringt. 
Eh noch die Erde rollt, das Chor verklingt? 

Ihr Schwestern, die ihr bald auf Thespis Karm, 
Geschleppt von Eseln und umschrien von Narm, 
Vor Hunger kaum, vor Schande nie bewahrt. 
Von Dorf zu Dorf, euch feilzubieten, fahrt; 



234 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Bald wieder, durch der Menschen Gunst beglückt. 

In Herrlichkeit der Welt die Welt entzückt; 

Die Mädchen eurer Art sind selten karg, 

Kommt, gebt die schönsten Kränze diesem Sarg! 

Vereinet hier teilnehmend euer Leid, 

Zahlt, was ihr ihm, was ihr uns schuldig seid! 

Als euem Tempel grause Glut verheert, 

Wart ihr von uns drum weniger geehrt? 

Wie viel Altäre stiegen vor euch auf! 

Wie manches Rauchwerk brachte man euch drauf! 

An wie viel Plätzen lag, vor euch gebückt, 

Ein schwer befriedigt Publikum entzückt! 

In engen Hütten und im reichen Saal, 

Auf Höhen Ettersburgs, in Tiefurts Tal, 

Im leichten Zelt, auf Teppichen der Pracht, 

Und unter dem Gewölb der hohen Nacht, 

Erschient ihr, die ihr vielgestaltet seid, 

Im Reitrock bald und bald im Galakleid. 

Auch das Gefolg, das um euch sich ergießt, 
Dem der Geschmack die Türen ekel schließt. 
Das leichte, tolle, scheckige Geschlecht, 
Es kam zuhauf, imd immer kam es recht. 

An weiße Wand bringt dort der Zauberstab 

Ein Schattenvolk aus mythologschem Grab. 

Im Possenspiel regt sich die alte Zeit, 

Gutherzig, doch mit Ungezogenheit. 

Was Gallier und Brite sich erdacht, 

Ward, wohlverdeutscht, hier Deutschen vorgebracht; 

Und oftmals liehen Wärme, Leben, Glanz 

Dem armen Dialog — Gesang und Tanz. 

Des Karnevals zerstreuter Fiitterwelt 

Ward sinnreich Spiel und Handlung zugesellt. 

Dramatisch selbst erschienen hergesandt 

Drei Könige aus fernem Morgenland; 

Und sittsam bracht auf reinlichem Altar 

Dianens Priesterin ihr Opfer dar. 

Nun ehrt uns auch in dieser Trauerzeit! 

Gebt uns ein Zeichen! denn ihr seid nicht weit. 



1775/86 WEIMAR 235 

Ihr Freunde, Platz! Weicht einen kleinen Schritt! 
Seht, wer da kommt und festlich näher tritt! 
Sie ist es selbst — die Gute fehlt uns nie — 
Wir sind erhört, die Musen senden sie. 
Ihr kennt sie wohl; sie ists, die stets gefällt: 
Als eine Blume zeigt sie sich der Welt, 
Zum Muster wuchs das schöne Bild empor, 
Vollendet nun, sie ists und stellt es vor. 
Es gönnten ihr die Musen jede Gunst, 
Und die Natur erschuf in ihr die Kunst. 
So häuft sie willig jeden Reiz auf sich, 
Und selbst dein Name ziert, Corona, dich. 

Sie tritt herbei. Seht sie gefällig stehn! 
Nur absichtslos, doch wie mit Absicht schön. 
Und hocherstaunt seht ihr in ihr vereint 
Ein Ideal, das Künstlern nur erscheint. 

Anständig fuhrt die leis erhobne Hand 
Den schönsten Kranz, umknüpft von Trauerband. 
Der Rose frohes, volles Angesicht, 
Das treue Veilchen, der Narzisse Licht, 
Vielfältger Nelken, eitler Tulpen Pracht, 
Von Mädchenhand geschickt hervorgebracht, 
Durchschlungen von der Myrte sanfter Zier, 
Vereint die Kunst zum Trauerschmucke hier; 
Und durch den schwarzen, leichtgeknüpften Flor 
Sticht eine Lorbeerspitze still hervor. 

Es schweigt das Volk. Mit Augen voller Glanz 
Wirft sie ins Grab den wohlverdienten Kranz. 
Sie öfifnet ihren Mund, und lieblich fließt 
Der weiche Ton, der sich ums Herz ergießt. 
Sie spricht: Den Dank für das, was du getan, 
Geduldet, nimm, du Abgeschiedner, an! 
Der Gute, wie der Böse, müht sich viel, 
Und beide bleiben weit von ihrem Ziel. 
Dir gab ein Gott in holder, steter Kraft 
Zu deiner Kunst die ewge Leidenschaft. 



85« LYRISCHE DICHTUNGEN 

Sie wars, die dich zur bösen Zeit erliielt, 
Mit der du krank, als wie ein Kind, gespielt, 
Die auf den blassen Mund ein Lächeln rief, 
In deren Arm dein müdes Haupt entschlief! 
Ein jeder, dem Natur ein Gleiches gab, 
Besuche pilgernd dein bescheiden Grab! 
Fest steh dein Sarg in wohlgegönnter Ruh; 
Mit lockrer Erde deckt ihn leise zu, 
Und sanfter als des Lebens liege dann 
Auf dir des Grabes Bürde, guter Mann! 

[An Charlotte v. Stein] 

DAS Gänslein rot im Domino 
Sieht in die Welt so leicht und froh 
Und zeigt sich als ein Meisterstück 
Aus der hochgräflichen Fabrik. 
Doch zierlich, wie das Schätzchen steht, 
Gehts ihm, wie's vielen Leuten geht; 
Denn es ist, ich gesteh es gern, 
Die Schale besser als der Kern. 
Und viel zu loben find ich da 
Den Schneider mehr als den Papa. 
Doch ach, warum kommt so geputzt, 
So überzierlich aufgestutzt, 
Das liebe schöne Kind so weit, 
So ferne her zur stillen Zeit? 
Ach, wären wir noch allzvunal 
Im hellen, hohen Palmensaal! 
Sie führte dann auf jenem Plan 
Auch einen großen Aufzug an, 
Wenn alle, die ihr ähnlich sein, 
Pathetisch stiegen hinterdrein. 
Doch diese Freuden sind nun aus. 
Drum mach nur die Honneurs vom Haus 
Und lad uns Freunde, wie wir sind. 
Mit diesem allerliebsten Kind 
In eine kleine Assemblee, 
Zu einem wohlfrisierten Tee. 



1775/86 WEIMAR 237 

Dann laß uns schwätzen, laß uns sitzen, 
Erzählen und die Ohren spitzen, 
Und wohl Solls ihr mit Groß und Klein 
Au sein de sa fatnille sein. 

[An Luise v. Göchhausen und ihre Tee-Gesellschaftl 

O Kinder, still! reicht meinen Lehren 
Ein unbefangen, willig Ohr! 
Das werte Gänslein zu verehren, 
Setzt ihr ihm Tee und Waffeln vor. 

Allein ich kanns euch nicht verstecken. 

Wenn auch die Wahrheit nicht gefällt: 

Das, was euch schmeckt, wird ihr nicht schmecken; 

Sie kommt aus einer andern Welt. 

Denn Fremde gehn auf ihrer Reise 
Von Orten nur vergnügt davon, 
Traktiert man sie auf ihre Weise, 
Und loben dann den guten Ton. 

Seht, wie sie ekel ihren Schnabel 
Vor euren Leckerbissen schließt 
Und, wie der Kranich in der Fabel, 
Von flachen Schüsseln nichts genießt. 

Drum send ich euch, sie zu beglücken, 
Des Hafers goldne Körner hier. 
Und richtet ja, sie zu entzücken, 
Mit dem Diskurs euch auch nach ihr. 



ERWÄHLTER FELS 

HIER im Stillen gedachte der Liebende seiner Ge- 
liebten; 
Heiter sprach er zu mir: Werde mir Zeuge, du Stein! 
Doch erhebe dich nicht, du hast noch viele Gesellen; 
Jedem Felsen der Flur, die mich, den Glücklichen, nährt, 



238 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Jedem Baume des Walds, um den ich wandernd mich 

schlinge: 
Denkmal bleibe des Glücks! ruf ich ihm weihend und froh. 
Doch die Stimme verleih ich nur dir, wie unter der Menge 
Einen die Muse sich wählt, freundlich die Lippen ihm 

küßt. 



FRAGE nicht nach mir, und was ich im Herzen verwahre, 
Ewige Stille geziemt ohne Gelübde dem Mann. 
Was ich zu sagen vermöchte, ist jetzo schon kein Ge- 
heimnis; 
Nur diesen Namen verdient, was sich mir selber verbirgt. 



A 



RM an Geiste kommt heut spät dein Geliebter vor dich; 
Arm an Liebe kommt er weder frühe noch spät. 



EINSAMKEIT 

DIE ihr Felsen und Bäume bewohnt, o heilsame 
Nymphen, 
Gebet jeglichem gern, was er im stillen begehrt! 
Schaffet dem Traurigen Trost, dem Zweifelhaften Beleh- 
rung, 
Und dem Liebenden gönnt, daß ihm begegne sein Glück. 
Denn euch gaben die Götter, was sie den Menschen ver- 
sagten: 
Jeglichem, der euch vertraut, tröstlich und hilflich zusein. 

LÄNDLICHES GLÜCK 

SEID, o Geister des Hains, o seid, ihr Nymphen des 
Flusses, 
Eurer Entfernten gedenk, eueren Nahen zur Lust! 
Weihend feierten sie im stillen die ländlichen Feste; 
Wir, dem gebahnten Pfad folgend, beschleichen das 

Glück. 
Amor wohne mit uns, es macht der himmlische Knabe 
Gegenwärtige lieb, und die Entfernten euch nah. 



1775/86 WEIMAR 239 

FERNE 

KÖNIGEN, sagt man, gab die Natur vor andern Ge- 
bomen 
Eines längeren Anns weithinaus fassende Kraft. 
Doch auch mir, dem Geringen, verlieh sie das fürstliche 

Vorrecht: 
Denn ich fasse von fem, halte dich, Lida, mir fest. 

DER PARK 

WELCH ein himmUscher Garten entspringt aus Öd 
imd aus Wüste, 
Wird und lebet und glänzt herrlich im Lichte vor mir? 
Wohl den Schöpfer ahmet ihr nach, ihr Götter der Erde! 
Fels und See tmd Gebüsch, Vögel und Fisch und Ge- 
wild. 
Nur, daß euere Stätte sich ganz zum Eden vollende. 
Fehlet ein Glücklicher hier, fehlt euch am Sabbat die 

Ruh. 

PHILOMELE 

DICH hat Amor gewiß, o Sängerin, füttemd erzogen; 
Kindisch reichte der Gott dir mit dem Pfeile die 

Kost. 
So, durchdrungen von Gift die harmlosatmende Kehle, 
Trifft mit der Liebe Gewalt nun Philomele das Herz. 

MAN lauft, man drängt, man reißt mich mit! 
Was hat das zu bedeuten? 
Sechs Pferde mit gemeßnem Schritt 
Erblick ich schon von weiten. 
Ein Dichter, der so manches litt. 
Fährt her, begaSt von Leuten, 
Steigt aus und kommt mit stolzem Tritt, 
Begrüßt von allen Seiten. 
Doch kommt ein Wurm im Herzen mit 
Und läßt ihn vieles leiden; 
Er muß bei stolzem Tritt und Schritt 



«40 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Ein armes Volk beneiden. 
O Pegase! o nimm ihn mit 
In der Begeistrung Weiten! 
Er gibt gewiß für Einen Ritt 
Das Sechsgespann mit Freuden. 

DEINEM SCHREIBTISCHE 

MICH erbaute zuerst ein Denker, weihte der Liebe, 
Weihte der Freimdschaft mich ein, stillem Genüsse 

der Welt. 
Doch es ward die Stadt ihm zu eng, er eilte von dannen. 
Ließ dem Freunde mich stehn, der mich nun emsig 

besitzt. 
Der, dem schönen Gefilde, den holden Stunden entsagend. 
Sich der Mühe zu weihn, wählte die engere Stadt. 

[An Herders Frau] 

DIES kleine Stück gehört, so klein es ist. 
Zur Hälfte dein, wie du beim ersten Blick 
Erkennen wirst, gehört euch beiden zu. 
Die ihr schon lang für Eines geltet. Drum 
Verzeih, wenn ich so kühn und ohngefragt, 
Und noch dazu vielleicht nicht ganz geschickt, 
Was er dem Volke nahm, dem Volk zurück- 
Gegeben habe. Denn wir andern, die 
Wir jeden Tag berupft zu Bette gehn 
Und dennoch kleine, ausgestopfte, bunte. 
Erlogen -wahre Vögel auf den Markt 
Zu bringen, von den Kunden solcher Lust 
Gefordert werden, könnens wahrlich nicht 
Aus eignen Mitteln immer, müssen still. 
Was da ein Pfau, ein Rabe dort, und was 
Ein andrer hier verloren, sammlend schleichen. 

Und wenn du nun, wie man durch einen Blick 
Zum Händedruck, durch den zu einem Kuß 
Gelockt wird, es durch diese Blätter wirst, 
Zu sehn, was man gedruckt nicht lesen kann. 



1775/86 WEIMAR 241 

Weil es gespielt und nicht gesprochen wird, 

Auch wohl gesprochen wird, doch schlecht geschrieben 

Sich ausnimmt, o so komm; ich lade dich 

In deren Namen ein, die unserm Spiele 

Den Raum gibt und die Nacht mn uns erhellt. 

Doch darfst du, Mütterchen, dem feuchten Reich 

Des Erlenkönigs dich bei kühler Nacht 

Nicht anvertrauen, so entschädge dich 

Ein Zauberschatten, zeige dir im Bild 

Den schönen Blick, wie Wald und Fluß im Tal 

Auf einmal rege wird, imd wie die Nacht 

Von Feuern leuchtet um ein loses Kind. 

[An Charlotte v. Stein] 

VON mehr als Einer Seite verwaist, 
Klag ich um deinen Abschied hier; 
Nicht allein meine Liebe verreist, 
Meine Tugend verreist mit dir. 

Denn ach, bald wird in dumpfes Unbehagen 

Die schönste Stimmung umgewandt. 

Die Leidenschaft heißt mich an frischen Tagen 

Nach dem und jenem Gute jagen. 

Und denk ich es recht sicher heim zu tragen, 

Spielt mirs der Leichtsinn aus der Hand. 

Bald reizt mich die Gefahr, ein Abenteur zu wagen, 

Ich stürze mich hinein und halte mutig stand; 

Doch seitwärts fährt die Lust auf ihrem Taubenwagen, 

Die Luft wird balsamreich, mein Herz gerät in Brand. 

Mein Schutzgeist, eil, es ihr zu sagen, 

Durchstreiche schnell das ferne Land. 

Sie soll nicht schelten, soll den Freund beklagen; 

Und bitte sie zu Lindrung meiner Plagen 

Um das geheimnisvolle Band; 

Sie trägts, und oft hat mirs ihr Blick versprochen pp. 

BIN so in Lieb zu ihr versunken. 
Als hätt ich von ihrem Blut getrunken. 

GOETHE XIV 16. 



«4« LYRISCHE DICHTUNGEN 

DER SÄNGER 

WAS hör ich draußen vor dem Tor, 
Was auf der Brücke schallen? 
Laß den Gesang vor unserm Ohr 
Im Saale widerhallen! 
Der König sprachs, der Page lief; 
Der Knabe kam, der König rief: 
Laßt mir herein den Alten! 

Gegrüßet seid mir, edle Herrn, 

Gegrüßt ihr, schöne Damen! 

Welch reicher Himmel! Stern bei Stern! 

Wer kennet ihre Namen? 

Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit 

Schließt, Augen, euch; hier ist nicht Zeit, 

Sich staimend zu ergetzen. 

Der Sänger drückt' die Augen ein 
Und schlug in vollen Tönen; 
Die Ritter schauten mutig drein, 
Und in den Schoß die Schönen. 
Der König, dem das Lied gefiel. 
Ließ, ihn zu ehren für sein Spiel, 
Eine goldne Kette holen. 

Die goldne Kette gib mir nicht, 
Die Kette gib den Rittern, 
Vor deren kühnem Angesicht 
Der Feinde Lanzen splittern; 
Gib sie dem Kanzler, den du hast, 
Und laß ihn noch die goldne Last 
Zu andern Lasten tragen. 

Ich singe, wie der Vogel singt, 
Der in den Zweigen wohnet; 
Das Lied, das aus der Kehle dringt, 
Ist Lohn, der reichlich lohnet. 
Doch darf ich bitten, bitt ich eins: 
Laß mir den besten Becher Weins 
In purem Golde reichen. 



1775/86 WEIMAR 243 

Er setzt' ihn an, er trank ihn aus: 

O Trank voll süßer Labe! 

O wohl dem hochbeglückten Haus, 

Wo das ist kleine Gabe! 

Ergehts euch wohl, so denkt an mich, 

Und danket Gott so warm, als ich 

Für diesen Tnmk euch danke. 



HARFENSPIELER 

WER nie sein Brot mit Tränen aß, 
Wer nie die kummervollen Nächte 
Auf seinem Bette weinend saß. 
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte. 

Ihr führt ins Leben vms hinein, 
Ihr laßt den Armen schuldig werden, 
Dann überlaßt ihr ihn der Pein: 
Denn alle Schuld rächt sich auf Erden. 



FEIER DER GEBURTSSTUNDE DES ERBPRINZEN 
KARL FRIEDRICH 

den 15. Februar 1783, gegen Morgen 

VOR vierzehn Tagen harrten wir 
In dieser nächtlichen Stunde, 
Noch zweifelhaft, auf unser Glück, 
Mit zugeschloßnem Munde. 

Nach vierzehn Tagen kommen wir, 
Die Stimme zu erheben. 
Zu rufen: Endlich ist er da! 
Er lebt, und er wird leben! 

Nach vierzehn Jahren wollen wir, 
Dies Ständchen wieder bringen, 
Zu seiner ersten Jünglingszeit 
Ein Segenslied zu singen. 



244 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Nach vierzehnhundert Jahren wird 
Zwar mancher von uns fehlen, 
Doch soll man dann Karl Friedrichs Glück 
Und Güte noch erzählen. 



HERZLICH bat ich die Muse, mich liebliche Worte 
zu lehren 
Heute zur Feier des Tags; doch sie erhörte mich nicht. 
Besser lehrt mich das Kochbuch, ein eßbares Opfer zu 

bringen; 
Wenn es dein Völklein genießt, mehr' es die Feier des 

Tags. 

ILMENAU 
am 3. September 1783 

ANMUTIG Tal! du immergrüner Hain! 
Mein Herz begrüßt euch wieder auf das beste; 
Entfaltet mir die schwerbehrmgnen Äste, 
•Nehmt freundlich mich in eure Schatten ein. 
Erquickt von euren Höhn, am Tag der Lieb und Lust, 
Mit frischer Luft und Balsam meine Brust! 

Wie kehrt ich oft mit wechselndem Geschicke, 

Erhabner Berg! an deinen Fuß zurücke. 

O laß mich heut an deinen sachten Höhn 

Ein jugendhch, ein neues Eden sehn! 

Ich hab es wohl auch mit um euch verdienet: 

Ich sorge still, indes ihr ruhig grünet. 

Laßt mich vergessen, daß auch hier die Welt 

So manch Geschöpf in Erdefesseln hält. 

Der Landmann leichtem Sand den Samen anvertraut 

Und seinen Kohl dem frechen Wilde baut, 

Der Knappe karges Brot in Klüften sucht. 

Der Köhler zittert, wenn der Jäger flucht. 

Verjüngt euch mir, wie ihr es oft getan, 

Als fing' ich heut ein neues Leben an. 



1775/86 WEIMAR 245 

Ihr seid mir hold, ihr gönnt mir diese Träume, 
Sie schmeicheln mir und locken alte Reime. 
Mir wieder selbst, von allen Menschen fern, 
Wie bad ich mich in euren Düften gern! 
Melodisch rauscht die hohe Tanne wieder, 
Melodisch eilt der Wasserfall hernieder; 
Die Wolke sinkt, der Nebel drückt ins Tal, 
Und es ist Nacht und Dämmrung auf einmal. 

Im finstem Wald, beim Liebesblick der Sterne, 
Wo ist mein Pfad, den sorglos ich verlor? 
Welch seltne Stimmen hör ich in der Ferne? 
Sie schallen wechselnd an dem Fels empor. 
Ich eile sacht, zu sehn, was es bedeutet, 
Wie von des Hirsches Ruf der Jäger still geleitet. 

Wo bin ich? ists ein Zaubermärchen -Land? 
Welch nächtliches Gelag am Fuß der Felsenwand? 
Bei kleinen Hütten, dicht mit Reis bedecket. 
Seh ich sie froh ans Feuer hingestrecket. 
Es dringt der Glanz hoch durch den Fichten-Saal, 
Am niedem Herde kocht ein rohes Mahl; 
Sie scherzen laut, indessen, bald geleeret. 
Die Flasche frisch im Kreise wiederkehret. 

Sagt, wem vergleich ich diese mimtre Schar? 

Von wannen kommt sie? um wohin zu ziehen? 

Wie ist an ihr doch alles wunderbar! 

Soll ich sie grüßen? soll ich vor ihr fliehen? 

Ist es der Jäger wildes Geisterheer? 

Sinds Gnomen, die hier Zauberkünste treiben? 

Ich seh im Busch der kleinen Feuer mehr; 

Es schaudert mich, ich wage kaum, zu bleiben. 

Ists der Ägyptier verdächtiger Aufenthalt? 

Ist es ein flüchtiger Fürst wie im Ardenner-Wald? 

Soll ich Verirrter hier in den verschlungnen Gründen 

Die Geister Shakespeares gar verkörpert finden? 

Ja, der Gedanke führt mich eben recht: 

Sie sind es selbst, wo nicht ein gleich Geschlecht! 

Unbändig schwelgt ein Geist in ihrer Mitten, 

Und durch die Roheit fühl ich edle Sitten. 



246 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Wie nennt ihr ihn? Wer ists, der dort gebückt 
Nachlässig stark die breiten Schultern drückt? 
Er sitzt zunächst gelassen an der Flamme, 
Die markige Gestalt aus altem Heldenstamme. 
Er saugt begierig am geliebten Rohr, 
Es steigt der Dampf an seiner Stirn empor. 
Gutmütig trocken weiß er Freud und Lachen 
Im ganzen Zirkel laut zu machen, 
Wenn er mit ernstlichem Gesicht 
Barbarisch bunt in fremder Mundart spricht. 

Wer ist der andre, der sich nieder 
An einen Sturz des alten Baumes lehnt 
Und seine langen, feingestalten Glieder 
Ekstatisch faul nach allen Seiten dehnt 
Und, ohne daß die Zecher auf ihn hören, 
Mit Geistesflug sich in die Höhe schwingt 
Und von dem Tanz der himmelhohen Sphären 
Ein monotones Lied mit großer Inbrunst singt? 

Doch scheinet allen etwas zu gebrechen; 

Ich höre sie auf einmal leise sprechen, 

Des Jünghngs Ruhe nicht zu unterbrechen, 

Der dort am Ende, wo das Tal sich schließt. 

In einer Hütte, leicht gezimmert, 

Vor der ein letzter Blick des kleinen Feuers schimmert, 

Vom Wasserfall umrauscht, des milden Schlafs genießt. 

Mich treibt das Herz, nach jener Kluft zu wandern, 

Ich schleiche still und scheide von den andern. 

Sei mir gegrüßt, der hier in später Nacht 
Gedankenvoll an dieser Schwelle wacht! 
Was sitzest du entfernt von jenen Freuden? 
Du scheinst mir auf was Wichtiges bedacht. 
Was ists, daß du in Sinnen dich verlierest, 
Und nicht einmal dein kleines Feuer schürest? 

"O frage nicht! denn ich bin nicht bereit, 
Des Fremden Neugier leicht zu stillen; 
Sogar verbitt ich deinen guten Willen: 
Hier ist zu schweigen und zu leiden Zeit. 



1775/86 WEIMAR 247 

Ich bin dir nicht imstande selbst zu sagen, 
Woher ich sei, wer mich hierher gesandt; 
Von fremden Zonen bin ich her verschlagen 
Und durch die Freundschaft festgebannt. 

Wer kennt sich selbst? wer weiß, was er vermag? 

Hat nie der Mutige Verwegnes unternommen? 

Und was du tust, sagt erst der andre Tag, 

War es zum Schaden oder Frommen. 

Ließ nicht Prometheus selbst die reine Himmelsglut 

Auf frischen Ton vergötternd niederfließen? 

Und könnt er mehr als irdisch Blut 

Durch die belebten Adern gießen? 

Ich brachte reines Feuer vom Altar; 

Was ich entzündet, ist nicht reine Flamme. 

Der Sturm vermehrt die Glut imd die Gefahr, 

Ich schwanke nicht, indem ich mich verdamme. 

Und wenn ich unklug Mut und Freiheit sang 
Und Redlichkeit und Freiheit sonder Zwang, 
Stolz auf sich selbst und herzliches Behagen, 
Erwarb ich mir der Menschen schöne Gunst; 
Doch ach! ein Gott versagte mir die Kunst, 
Die arme Kunst, mich künstlich zu betragen. 
Nun sitz ich hier, zugleich erhoben und gedrückt, 
Unschuldig tmd gestraft, und schuldig vmd beglückt. 

Doch rede sacht! denn imter diesem Dach 

Ruht all mein Wohl und all mein Ungemach: 

Ein edles Herz, vom Wege der Natur 

Durch enges Schicksal abgeleitet, 

Das, ahnungsvoll, nun auf der rechten Spur 

Bald mit sich selbst und bald mit Zauberschatten streitet 

Und, was ihm das Geschick durch die Geburt geschenkt. 

Mit Müh und Schweiß erst zu erringen denkt. 

Kein liebevolles Wort kann seinen Geist enthüllen 

Und kein Gesang die hohen Wogen stillen. 

Wer kann der Raupe, die am Zweige kriecht, 
Von ihrem künftgen Futter sprechen? 
Und wer der Puppe, die am Boden liegt, 



2 48 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Die zarte Schale helfen durchzubrechen? 
Es kommt die Zeit, sie drängt sich selber los 
Und eilt auf Fittichen der Rose in den Schoß. 

Gewiß, ihm geben auch die Jahre 

Die rechte Richtung seiner Kraft, 

Noch ist, bei tiefer Neigung für das Wahre, 

Ihm Irrtum eine Leidenschaft. 

Der Vorwitz lockt ihn in die Weite, 

Kein Fels ist ihm zu schroff, kein Steg zu schmal; 

Der Unfall lauert an der Seite 

Und stürzt ihn in den Arm der Qual. 

Dann treibt die schmerzlich überspannte Regung 

Gewaltsam ihn bald da, bald dort hinaus, 

Und von unmutiger Bewegung 

Ruht er unmutig wieder aus. 

Und düster wild an heitern Tagen, 

Unbändig, ohne froh zu sein. 

Schläft er, an Seel und Leib verwundet imd zerschlagen, 

Auf einem harten Lager ein: 

Indessen ich hier, still und atmend kaum, 

Die Augen zu den freien Sternen kehre 

Und, halb erwacht und halb im schweren Traum, 

Mich kaum des schweren Traums erwehre." 

Verschwinde, Traum! 

Wie dank ich, Musen, euch! 
Daß ihr mich heut auf einen Pfad gestellet. 
Wo auf ein einzig Wort die ganze Gegend gleich 
Zum schönsten Tage sich erhellet; 
Die Wolke flieht, der Nebel fällt, 

Die Schatten sind hinweg, Ihr Götter, Preis und Wonne! 
Es leuchtet mir die wahre Sonne, 
Es lebt mir eine schönre Welt; 
Das ängstliche Gesicht ist in die Luft zerronnen, 
Ein neues Leben ists, es ist schon lang begonnen. 

Ich sehe hier, wie man nach langer Reise 
Im Vaterland sich wiederkennt. 
Ein ruhig Volk in stillem Fleiß e 



1775/86 WEIMAR 249 

Benutzen, was Natur an Gaben ihm gegönnt. 

Der Faden eilet von dem Rocken 

Des Webers raschem Stuhle zu, 

Und Seil und Kübel wird in längrer Ruh 

Nicht am verbrochnen Schachte stocken; 

Es wird der Trug entdeckt, die Ordnung kehrt zurück, 

Es folgt Gedeihn und festes irdsches Glück. 

So mög, o Fürst, der Winkel deines Landes 
Ein Vorbild deiner Tage sein! 
Du kennest lang die Pflichten deines Standes 
Und schränkest nach und nach die freie Seele ein. 
Der kann sich manchen Wunsch gewähren, 
Der kalt sich selbst und seinem Willen lebt; 
Allein wer andre wohl zu leiten strebt, 
Muß fähig sein, viel zu entbehren. 

So wandle du — der Lohn ist nicht gering — 

Nicht schwankend hin, wie jener Sämann ging, 

Daß bald ein Korn, des Zufalls leichtes Spiel, 

Hier auf den Weg, dort zwischen Domen fiel; 

Nein! streue klug wie reich, mit männlich steter Hand, 

Den Segen aus auf ein geackert Land; 

Dann laß es ruhn: die Ernte wird erscheinen 

Und dich beglücken und die Deinen. 

[In das Stammbuch von Mr. Brak] 

WILL der Knabe nicht hören, was der erfahrene 
Mann spricht? 
Muß der Jüngling stets irren? und schwerbetrogen die 

Männer 
Wieder zu Knaben sich wünschen, nur um sich selber zu 

folgen? 



250 LYRISCHE DICHTUNGEN 

DAS GÖTTLICHE 

EDEL sei der Mensch, 
Hilfreich und gut! 
Denn das allein 
Unterscheidet ihn 
Von allen Wesen, 
Die wir kennen. 

Heil den unbekannten 

Höhern Wesen, 

Die wir ahnen! 

Ihnen gleiche der Mensch; 

Sein Beispiel lehr uns 

Jene glauben. 

Denn unfühlend 

Ist die Natur: 

Es leuchtet die Sonne 

Über Bös' und Gute, 

Und dem Verbrecher 

Glänzen wie dem Besten 

Der Mond und die Sterne. 

Wind und Ströme, 
Donner und Hagel 
Rauschen ihren Weg 
Und ergreifen 
Vorüber eilend 
Einen um den andern. 

Auch so das Glück 
Tappt unter die Menge, 
Faßt bald des Knaben 
Lockige Unschuld, 
Bald auch den kahlen 
Schuldigen Scheitel. 

Nach ewigen, ehrnen, 
Großen Gesetzen 
Müssen wir alle 
Unseres Daseins 
Kreise vollenden. 



D 



1775/86 WEIMAR 251 

Nur allein der Mensch 
Vermag das Unmögliche: 
Er unterscheidet, 
Wählet und richtet; 
Er kann dem Augenblick 
Dauer verleihen. 

Er allein darf 
Den Guten lohnen, 
Den Bösen strafen. 
Heilen und retten, 
Alles Irrende, Schweifende 
Nützlich verbinden. 

Und wir verehren 

Die Unsterblichen, 

Als wären sie Menschen, 

Täten im Großen, 

Was der Beste im Kleinen 

Tut oder möchte. 

Der edle Mensch 
Sei hilfreich und gut! 
Unermüdet schaff er 
Das Nützliche, Rechte, 
Sei uns ein Vorbild 
Jener geahneten Wesen! 

ENTSCHULDIGUNG 

U verklagest das Weib, sie schwanke von einem zum 

andern! 
Tadle sie nicht: sie sucht einen beständigen Mann. 



NOVEMBERLIED 

DEM Schützen, doch dem alten nicht, 
Zu dem die Sonne flieht. 
Der uns ihr fernes Angesicht 
Mit Wolken überzieht; 



252 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Dem Knaben sei dies Lied geweiht, 
Der zwischen Rosen spielt, 
Uns höret und zur rechten Zeit 
Nach schönen Herzen zielt. 

Durch ihn hat uns des Winters Nacht, 
So häßlich sonst und rauh, 
Gar manchen werten Freund gebracht 
Und manche liebe Frau. 

Von nun an soll sein schönes Bild 
Am Sternenhimmel stehn. 
Und er soll ewig, hold und mild, 
Uns auf- und untergehn. 

MIGNON 

KENNST du das Land, wo die Zitronen blühn, 
Im dunkeln Laub die Gold-Orangen glühn, 
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, 
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht, 
Kennst du es wohl: 

Dahin! Dahin 
Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn. 

Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach, 
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach, 
Und Marmorbilder stehn und sehn mich an: 
Was hat man dir, du armes Kind, getan? 
Kennst du es wohl? 

Dahin! Dahin 
Möcht ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn. 

Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg? 
Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg, 
In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut, 
Es stürzt der Fels und über ihn die Flut; 
Kennst du ihn wohl? 

Dahin! Dahin 
Geht unser Weg! o Vater, laß uns ziehn! 



1775/86 WEIMAR 253 

JUGENDLICH kommt sie vom Himmel, tritt vor den 
Priester vmd Weisen 
Unbekleidet, die Göttin; still blickt sein Auge zm- Erde. 
Dann ergreift er das Rauchfaß und hüllt demütig verehrend 
Sie in durchsichtigen Schleier, daß wir sie zu schauen er- 
tragen. 

WAS ich leugnend gestehe und offenbarend ver- 
berge, 
Ist mir das einzige Wohl, bleibt mir ein reichlicher 

Schatz. 
Ich vertrau es dem Felsen, damit der Einsame rate, 
Was in der Einsamkeit mich, was in der Welt mich 

beglückt. 

FELSEN sollten nicht Felsen und Wüsten Wüsten nicht 
bleiben. 
Drum stieg Amor herab, sieh, und es lebte die Welt. 
Auch belebt er mir die Höhle mit himmlischem Lichte, 
Zwar der Hoffnung nur, doch ward die Hoffnung erfüllt. 

ZUEIGNUNG 

DER Morgen kam; es scheuchten seine Tritte 
Den leisen Schlaf, der mich gelind umfing, 
Daß ich, erwacht, aus meiner stillen Hütte 
Den Berg hinauf mit frischer Seele ging; 
Ich freute mich bei einem jeden Schritte 
Der neuen Blume, die voll Tropfen hing; 
Der junge Tag erhob sich mit Entzücken, 
Und alles war erquickt, mich zu erquicken. 

Und wie ich stieg, zog von dem Fluß der Wiesen 
Ein Nebel sich in Streifen sacht hervor; 
Er wich und wechselte, mich zu umfließen, 
Und wuchs geflügelt mir ums Haupt empor: 
Des schönen Blicks sollt ich nicht mehr genießen, 
Die Gegend deckte mir ein trüber Flor; 
Bald sah ich mich von Wolken wie umgössen 
Und mit mir selbst in Dämmnmg eingeschlossen. 



254 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Auf einmal schien die Sonne durchzudringen, 
Im Nebel ließ sich eine Klarheit sehn. 
Hier sank er, leise sich hinabzuschwingen, 
Hier teilt' er steigend sich um Wald und Höhn. 
Wie hofft ich ihr den ersten Gruß zu bringen! 
Sie hofft ich nach der Trübe doppelt schön. 
Der luftge Kampf war lange nicht vollendet. 
Ein Glanz umgab mich, und ich stand geblendet. 

Bald machte mich, die Augen aufzuschlagen, 
Ein innrer Trieb des Herzens wieder kühn, 
Ich könnt es nur mit schnellen Blicken wagen. 
Denn alles schien zu brennen und zu glühn. 
Da schwebte, mit den Wolken hergetragen, 
Ein göttlich Weib vor meinen Augen hin. 
Kein schöner Bild sah ich in meinem Leben, 
Sie sah mich an und blieb verweilend schweben. 

Kennst du mich nicht? sprach sie mit einem Munde 
Dem aller Lieb und Treue Ton entfloß: 
Erkennst du mich, die ich in manche Wunde 
Des Lebens dir den reinsten Balsam goß? 
Du kennst mich wohl, an die, zu ewgem Bunde, 
Dein strebend Herz sich fest und fester schloß. 
Sah ich dich nicht mit heißen Herzenstränen 
Als Knabe schon nach mir dich eifrig sehnen? 

Ja! rief ich aus, indem ich selig nieder 

Zur Erde sank, lang hab ich dich gefühlt; 

Du gabst mir Ruh, wenn durch die jungen Glieder 

Die Leidenschaft sich rastlos durchgewühlt; 

Du hast mir wie mit himmlischem Gefieder 

Am heißen Tag die Stirne sanft gekühlt; 

Du schenktest mir der Erde beste Gaben, 

Und jedes Glück will ich durch dich nur haben! 

Dich nenn ich nicht. Zwar hör ich dich von vielen 
Gar oft genannt, und jeder heißt dich sein^ 
Ein jedes Auge glaubt auf dich zu zielen. 
Fast jedem Auge wird dein Strahl zur Pein. 



1775/86 WEIMAR 255 

Ach, da ich irrte, hatt ich viel Gespielen, 

Da ich dich kenne, bin ich fast allein; 

Ich muß mein Glück nur mit mir selbst genießen, 

Dein holdes Licht verdecken und verschließen. 

Sie lächelte, sie sprach: Du siehst, wie klug, 
Wie nötig wars, euch wenig zu enthüllen! 
Kaum bist du sicher vor dem gröbsten Trug, 
Kaum bist du Herr vom ersten Kinderwillen, 
So glaubst du dich schon Übermensch genug. 
Versäumst die Pflicht des Mannes zu erfüllen! 
Wieviel bist du von andern unterschieden? 
Erkenne dich, leb mit der Welt in Frieden! 

Verzeih mir, rief ich aus, ich meint es gut; 

Soll ich mnsonst die Augen offen haben? 

Ein froher Wille lebt in meinem Blut, 

Ich kenne ganz den Wert von deinen Gaben! 

Für andre wächst in mir das edle Gut, 

Ich kann und will das Pfund nicht mehr vergraben! 

Warum sucht ich den Weg so sehnsuchtsvoll. 

Wenn ich ihn nicht den Brüdern zeigen soll? 

Und wie ich sprach, sah mich das hohe Wesen 
Mit einem Blick mitleidger Nachsicht an; 
Ich konnte mich in ihrem Auge lesen, 
Was ich verfehlt imd was ich recht getan. 
Sie lächelte, da war ich schon genesen. 
Zu neuen Freuden stieg mein Geist heran; 
Ich konnte nun mit innigem Vertrauen 
Mich zu ihr nahn und ihre Nähe schauen. 

Da reckte sie die Hand aus in die Streifen 
Der leichten Wolken und des Dufts umher; 
Wie sie ihn, faßte, ließ er sich ergreifen, 
Er ließ sich ziehn, es war kein Nebel mehr. 
Mein Auge könnt im Tale wieder schweifen, 
Gen Himmel blickt ich, er war hell und hehr. 
Nur sah ich sie den reinsten Schleier halten. 
Er floß imi sie und schwoll in tausend Falten. 



256 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Ich kenne dich, ich kenne deine Schv;ächen, 
Ich weiß, was Gutes in dir lebt und glimmt! 
— So sagte sie, ich hör sie ewig sprechen,— 
Empfange hier, was ich dir lang bestimmt; 
Dem Glücklichen kann es an nichts gebrechen, 
Der dies Geschenk mit stiller Seele nimmt: 
Aus Morgenduft gewebt und Sonnenklarheit, 
Der Dichtung Schleier aus der Hand der Wahrheit. 

Und wenn es dir und deinen Freunden schwüle 
Am Mittag wird, so wirf ihn in die Luft! 
Sogleich umsäuselt Abendwindes Kühle, 
Umhaucht euch Blumen -Würzgeruch und Duft. 
Es schweigt das Wehen banger Erdgefühle. 
Zum Wolkenbette wandelt sich die Gruft, 
Besänftiget wird jede Lebenswelle, 
Der Tag wird lieblich, und die Nacht wird helle. 

So kommt denn, Freunde, wenn auf euren Wegen 

Des Lebens Bürde schwer und schwerer drückt. 

Wenn eure Bahn ein frischemeuter Segen 

Mit Blumen ziert, mit goldnen Früchten schmückt, 

Wir gehn vereint dem nächsten Tag entgegen! 

So leben wir, so wandeln wir beglückt. 

Und dann auch soll, wenn Enkel um uns trauern, 

Zu ihrer Lust noch unsre Liebe dauern. 



[An Charlotte v. Stein.] 

GEWISS, ich wäre schon so ferne, ferne, 
So weit die Welt nur offen liegt, gegangen, 
Bezwängen mich nicht übermächtge Sterne, 
Die mein Geschick an deines angehangen, 
Daß ich in dir nun erst mich kennen lerne. 
Mein Dichten, Trachten, Hofifen und Verlangen 
Allein nach dir und deinem Wesen drängt. 
Mein Leben nur an deinem Leben hängt. 



1775/86 WEIMAR 257 

WARNUNG 

WECKE den Amor nicht auf! Noch schläft der 
liebliche Knabe; 
Geh, vollbring dein Geschäft, wie es der Tag dir gebeut! 
So der Zeit bedienet sich klug die sorgliche Mutter, 
Wenn ihr Knäbchen entschläft, denn es erwacht nur 

zu bald. 



ANTWORTEN BEI EINEM GESELLSCHAFTLICHEN 
FRAGESPIEL 

Die Dajne 

WAS ein weiblich Herz erfreue 
In der klein- und großen Welt? 
Ganz gewiß ist es das Neue, 
Dessen Blüte stets gefäUt; 
Doch viel werter ist die Treue, 
Die, auch in der Früchte Zeit, 
Noch mit Blüten uns erfreut. 

Der junge Herr 

Paris war in Wald und Höhlen 
Mit den Nymphen wohl bekannt, 
Bis ihm Zeus, um ihn zu quälen, 
Drei der Himmlischen gesandt; 
Und es fühlte wohl im Wählen, 
In der alt- und neuen Zeit, 
Niemand mehr Verlegenheit. 

Der Erfahrne 

Geh den Weibern zart entgegen, 
Du gewinnst sie, auf mein Wort; 
Und wer rasch ist und verwegen. 
Kommt vielleicht noch besser fort; 
Doch wem wenig dran gelegen 
Scheinet, ob er reizt und rührt, 
Der beleidigt, der verführt. 

GOETHE XIV 17. 



858 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Der Zufriedne 
Vielfach ist der Menschen Streben, 
Ihre Unrah, ihr Verdruß; 
Auch ist manches Gut gegeben, 
Mancher liebliche Genuß; 
Doch das größte Glück im Leben 
Und der reichUchste Gewirm 
Ist ein guter leichter Sinn. 

Der lustige Rat 
Wer der Menschen töricht Treiben 
Täglich sieht und täglich schilt 
Und, wenn andre Narren bleiben, 
Selbst für einen Narren gilt, 
Der trägt schwerer, als zur Mühle 
Irgendein beladen Tier. 
Und, wie ich im Busen fiihle, 
Wahrlich! so ergeht es mir. 



VERSCHIEDENE EMPFINDUNGEN AN EINEM 
PLATZE 

Das Mädchen 

ICH hab ihn gesehen! 
Wie ist mir geschehen? 
O himmlischer Blick! 
Er kommt mir entgegen; 
Ich weiche verlegen. 
Ich schwanke zurück. 
Ich irre, ich träume! 
Ihr Felsen, ihr Bäume, 
Verbergt meine Freude, 
Verberget mein Glück! 



Der Jüngüng 
Hier muß ich sie finden! 
Ich sah sie verschwinden, 
Ihr folgte mein Blick. 



1775/86 WEIMAR «59 

Sie kam mir entgegen, 
Dann trat sie verlegen 
Und schamrot zurück. 
Ists Hoffnung, sinds Träume? 
Ihr Felsen, ihr Bäume, 
Entdeckt mir die Liebste, 
Entdeckt mir mein Glück! 

Der Schmachtende 

Hier klag ich verborgen 
Dem tauenden Morgen 
Mein einsam Geschick. 
Verkannt von der Menge, 
Wie zieh ich ins Enge 
Mich stille zurück! 
O zärtliche Seele, 
O schweige, verhehle 
Die ewigen Leiden, 
Verhehle dein Glück! 

Der Jäger 

Es lohnet mich heute 
Mit doppelter Beute 
Ein gutes Geschick. 
Der redliche Diener 
Bringt Hasen und Hühner 
Beladen zurück. 
Hier find ich gefangen 
Auch Vögel noch hangen. 
Es lebe der Jäger, 
Es lebe sein Glück! 



ERSTER VERLUST 

ACH, wer bringt die schönen Tage, 
Jene Tage der ersten Liebe, 
Ach, wer bringt nur eine Stunde 
Jener holden Zeit zurück! 



2 6 o LYRISCHE DICHTUNGEN 

Einsam nähr ich meine Wunde, 
Und mit stets erneuter Klage 
Traur ich ums verlorne Glück. 

Ach, wer bringt die schönen Tage, 
Jene holde Zeit zurück! 

DIE LEHRER 

ALS Diogenes still in seiner Tonne sich sonnte, 
Und Calanus mit Lust stieg in das flammende Grab: 
Welche herrliche Lehre dem raschen Sohn des Philippus, 
Wäre der Herrscher der Welt nicht auch der Lehre 

zu groß! 

DEM ACKERMANN 

FLACH bedecket und leicht den goldenen Samen die 
Furche, 
Guter! die tiefere deckt endlich dein ruhend Gebein. 
Fröhlich gepflügt und gesät! Hier keimetlebendigeNahrtmg, 
Und die Hoffnung entfernt selbst von dem Grabe sich 

nicht. 

ANAKREONS GRAB 

WO die Rose hier blüht, wo Reben um Lorbeer sich 
schlingen, 
Wo das Turtelchen lockt, wo sich das Grillchen ergetzt. 
Welch ein Grab ist hier, das alle Götter mit Leben 

Schön bepflanzt und geziert? Es ist Anakreons Ruh. 
Frühling, Sommerund Herbst genoß der glückliche Dichter; 
Vor dem Winter hat ihn endlich der Hügel geschützt. 

DIE GESCHWISTER 

SCHLUMMER und Schlaf, zwei Brüder, zum Dienste 
der Götter berufen, 
Bat sich Prometheus herab, seinem Geschlechte zum 

Trost; 
Aber, den Göttern so leicht, doch schwer zu ertragen den 

Menschen, 
Ward nun ihr Schlummer uns Schlaf, ward nun ihr Schlaf 

uns zum Tod. 



1775/86 WEIMAR 261 

ZEITMASS 

EROS, wie seh ich dich hier! In jeglichem Händchen 
die Sanduhr! 
Wie? Leichtsinniger Gott, missest du doppelt die Zeit? 
"Langsam rinnen aus einer die Stunden entfernter Ge- 
liebten; 
Gegenwärtigen fließt eilig die zweite herab." 

[An Fritz v. Stein] 

UNGLÜCK bildet den Menschen und zwingt ihn, sich 
selber zu kennen; 
Leiden gibt dem Gemüt doppeltes Streben und Kraft. 
Uns lehrt eigener Schmerz, der andern Schmerzen zu teilen, 

Eigener Fehler erhält Demut und billigen Sinn, 
Mögest du, glücklicher Knabe, nicht dieser Schule be- 
dürfen, 
Und nur die Fröhlichkeit dich führen die Wege des 

Rechts. 

FÜR EWIG 

DENN was der Mensch in seinen Erdeschranken 
Von hohem Glück mit Götternamen nennt: 
Die Harmonie der Treue, die kein Wanken, 
Der Freundschaft, die nicht Zweifelsorge kennt; 
Das Licht, das Weisen nur zu einsamen Gedanken, 
Das Dichtem nur in schönen Bildern brennt — 
Das hatt ich all, in meinen besten Stunden, 
In ihr entdeckt und es für mich gefunden. 

WOHIN er auch die Blicke kehrt tmd wendet. 
Je mehr erstaunt er über Kunst und Pracht; 
Mit Vorsatz scheint der Reichtum hier verschwendet. 
Es scheint, als habe sich nur alles selbst gemacht. 
Soll er sich wundem, daß das Werk vollendet? 
Soll er sich wimdern, daß es so erdacht? 
Ihn dünkt, als fang er erst, mit himmlischem Entzücken, 
Zu leben an in diesen Augenblicken. 



262 LYRISCHE DICHTUNGEN 

HERZOG LEOPOLD VON BRAUNSCHWEIG 

DICH ergriflf mit Gewalt der alte Herrscher des Flusses, 
Hält dich und teilet mit dir ewig sein strömendes 

Reich. 
Ruhig schlummerst du nun beim stilleren Rauschen der 

Urne, 
Bis dich stürmende Flut wieder zu Taten erweckt. 
Hilfreich werde dem Volke! so wie du ein Sterblicher 

wolltest, 
Und YoUend als ein Gott, was dir als Menschen mißlang. 



MIGNON 

NUR wer die Sehnsucht kennt, 
Weiß, was ich leide! 
Allein und abgetrennt 
Von aller Freude, 
Seh ich ans Firmament 
Nach jener Seite. 
Ach! der mich liebt und kennt, 
Ist in der Weite, 
Es schwindelt mir, es brennt 
Mein Eingeweide. 
Nur wer die Sehnsucht kennt, 
Weiß, was ich leide! 



pn das Stammbuch der Gräfia Christine v. Brühl] 

WARUM siehst du Tina verdammt, den Sprudel zu 
trinken? 
Wohl hat sie es verdient an allen, die sie beschädigt 
Und zu heilen vergessen, die an der Quelle des Lethe 
Becher auf Becher nun schlürfen, die gichtischen Schmerzen 

der Liebe 
Aus den Gliedern zu spülen und, will es ja nicht gelingen, 
Bis zum Rheumatismus der Freundschaft sich zu kurieren. 



1775/86 WEIMAR 263 

[Bänkelsängerlied xum Geburtstage des Grafen Hans Moritz v. Brühl] 

EIN munter Lied! Dort kommt ein Chor 
Von Freunden her, sich zu ergötzen; 
Was sang ich ihnen Bessers vor 
Als von dem Mann, den alle schätzen? 
Von seinem Leben ward uns heut 
Der erste frohe Tag gegeben, 
Und, die ihr seine Freunde seid. 
Heut fing er an, füir euch zu leben. 

Hier seht ihr seiner Tage Lauf, 
Und was man sieht, ist leicht zu hören. 
Hier geht der Sonnenstrahl ihm auf; 
Wer darf des Kindes Ruhe stören? 
Es ruht und wächst der teure Sohn, 
Seht nur die roten, vollen Backen; 
Doch glaubet mir, er hatte schon 
Den Schelmen faustendick im Nacken. 

Hier galoppiert er früh imd spat, 
Hier steht er wirklich auf dem Kopfe, 
Und hier als männlicher Soldat 
Mit Degen, Hut und langem Zopfe. 
Ihr seht, der Feinde Macht ist groß, 
Sie dröhn mit Schwertern und Kanonen; 
Er kommandiert, er eilt drauflos. 
Er siegt imd weiß nun zu verschonen. 

Hier ruht er von Strapazen aus 
Und denkt einmal in Ruh zu leben; 
Allein Herr Amor lacht ihn aus 
Und will ihm was zu wachen geben. 
Er zeiget ihm das schönste Bild, 
Das einem Zaubrer er gestohlen; 
Es eilt der Held, entzündet wild. 
Und will sich seine Schöne holen. 

Wie bald sie einig worden sind. 
Das kann ich nicht gewiß erzählen; 
Genug, er hascht das schöne Kind 
Und läßt es nicht an Küssen fehlen. 



2 64 LYRISCHE DICHTUNGEN 

O große Lust! Doch übergroß 

Läßt ihn das Glück die Lust empfinden, 

Einmal auf der Geliebten Schoß 

Ein artig Murmelchen zu finden. 

Nun fühlt er seinen neuen Stand 
Und fügt sich in den Vater- Orden, 
Er gräbt vmd hacket frisch das Land, 
Wie's Adam einst befehligt worden. 
Und so versorgt er erst das Haus, 
Dann bricht er allerschönste Rosen, 
Er schmückt dem Weibchen Lauben aus 
Und setzt sich drein, sie liebzukosen. 

Bald kommt die Wißbegier ihn an: 
Hier seht ihr ihn botanisch jagen, 
Hier, wie Enceladus getan, 
Ein echtes Kabinettstück tragen. 
Doch nichts geht über seine Lust, 
Wenn er den Freunden Feste feiert, 
Mit freier Seele, treuer Brust 
Der edlen Seelen Bund erneuert. 

Hier hätt ich fast den Schluß gemacht. 
Ich habe schon zu lang gesungen. 
Was seh ich? Hier ist Mitternacht, 
Er sitzt, vom Dichtergeist durchdrungen, 
Er zählt und sinnt und reimt und flicht, 
Für wen es sei, muß ich erfahren: 
Es ist ein zärtliches Gedicht 
Für seine Frau nach vierzehn Jahren! 

Drimi singen wir den braven Mann, 
Den braven Vater, braven Gatten 
Und braven Freund j wer singen kann. 
Den Felsen, Wäldern, Fluß und Matten! 
Und wer nicht singen kann, der schreit, 
Und wer nicht tanzen kann, muß springen. 
Hoch lebe Moritz! Lebe weit! 
Nun gebet mir den Lohn fürs Singen. 



1775/86 WEIMAR 265 

[An die Gräfin Christine v. Brühl] 

AUF den Auen wandlen wir 
Und bleiben glücklich ohne Gedanken, 
Am Hügel schwebt des Abschieds Laut, 
Es bringt der West den Fluß herab 
Ein leises Lebewohl. 
Und der Schmerz ergreift die Brust, 
Und der Geist schwankt hin imd her, 
Und sinkt und steigt und sinkt. 
Von weiten winkt die Wiederkehr 
Und sagt der Seele Freude zu. 
Ist es so? Ja! Zweifle nicht. 

NEUE HEILIGE 

ALLE schöne Sünderinnen, 
Die zu Heiligen sich geweint, 
Sind, um Herzen zu gewinnen. 
All in Eine nun vereint. 
Seht die Mutterlieb, die Tränen, 
Ihre Reu und ihre Pein! 
Statt Marien Magdalenen 
Soll nun Sankt Oliva sein. 

ALS der Undankbare floh, o Göttin ewiger Treue, 
Fleht ich ihn nicht zurück, fleht ich: Verzeih du ihm! 

nur. 
Du ergriffst ihn gewaltig und hast ihn übel gebändigt; 
Graue Locke hält nun ihn, den Beweglichen, fest. 

GESPRÄCH ZWISCHEN SCHILDWACHE UND 
FREUND HEIN AM COBURGER TOR 

[Mit einem Bilde von Kraus für Musäus] 
Schildwache 

* ^ Preund Hein 

Ich bin Freund Hein. 
Lass Er mich herein! 



2 66 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Schildwache 
Er sieht so hager und so bleich, 
Eher einem Toten als einem Lebenden gleich; 
Er kommt von keinem gesunden Ort. 
Zeig Er mir erst seinen Passeport. 

Freund Hein 
Mein Paß ist diese Sense hier, 
Tür, Tor und Schlagbaum öffnet sie mir. 
Mich hält in meinem raschen Lauf 
Selbst eine Armee en front nicht auf. 
Will Er mich noch weiter schikanieren, 
Werd ich über Ihn wegmarschieren, 
Kein lautes Wörtchen mit Ihm sprechen, 
Den Kieler Wandrer an Ihm rächen. 



[An Charlotte v. SteinJ 

WOHER sind wir geboren? 
Aus Lieb. 
Wie wären wir verloren? 

Ohn Lieb. 
Was hilft ims überwinden? 

Die Lieb. 
Kann man auch Liebe finden? 

Durch Lieb. 
Was läßt nicht lange weinen? 

Die Lieb. 
Was soll uns stets vereinen? 

Die Lieb. 



[Auf Lavaters 'Lied eines Christen an Christus'] 

DU bist! du bist! sagt Lavater. Du bist!! 
Du bist!!! du bist!!!! du bist Herr Jesus Christ!!!!! 
Er wiederholte nicht so heftig Wort und Lehre, 
Wenn es ganz just mit dieser Sache wäre. 



I786-I788 

REISE NACH KARLSBAD 

UND ITALIEN 



[An Karoline v. Staupitz] 

O Schöne mit dem weißen Stabe, 
Du kleiner, guter, holder Schatz, 
Verlasse mit der schönsten Gabe 
Gesunder Freude diesen Platz. 

Und denkest du an alle Stäbe, 

Die schwarz und braun, so bunt als schön, 

Gemodelt aus dem Holz der Rebe 

Am Sprudel auf und nieder gehn — 

Und denkest du an alle Schätze, 
Die neben dir, geliebtes Kind, 
Mit dem holdseligsten Geschwätze 
Des Saales beste Zierde sind — 

Dann denk auch, daß in letzten Wochen 
Du einem späten Gast gelacht. 
Der, wenn er im Plural gesprochen, 
Sich doch den Singular gedacht. 



ABSCHIED AN DEN HERZOG KARL AUGUST IM 
NAMEN DER ENGELHÄUSER BÄUERINNEN 

IST es denn wahr, was man gesagt? 
Dem lieben Himmel seis geklagt! 
Verlassest du die Königsstadt, 
Die dir so viel zu danken hat? 
Denn bis zu uns nach Engelhaus 
Erschallet lang dein Ruhm heraus. 
Daß deine Freundlichkeit imd Gnad 
Allen dreifach gesegnet das Bad; 
Denn nicht der Pole freut sich dein, 
Es freut sich nicht der Jud allein, 
Es freut sich dein auch jeder Christ, 
Daß du so mild gewesen bist. 
Und wer das nicht erkennen wollt. 
Für einen Heiden gelten sollt. 
Doch die nach dir am meisten schaun, 
Sind gewiß alle schöne Fraun, 



270 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Die du, o edler Brunnengast! 

Löblich und fein gewartet hast; 

Die beißen alle mit Verdruß 

Aufs Muß als eine harte Nuß. 

Es scheinet ihnen alles alt, 

Das Tal zu weit, der Sprudel kalt; 

Ein Strom aus ihren Augen quillt, 

Der ärger als die Tepel schwillt; 

Und flöss der Strom den Berg hinauf, 

Er hielte dich im Reisen auf. 

In deren Namen stehen wir, 

Von Engelhaus die Nymphen, hier 

Und wünschen dir zur frühen Zeit 

Von allen Heiligen das Geleit. 

So viel Kanonenschüsse geschwind 

Vorm Elefanten gefallen sind, 

So manchen Fall Gurofsky erzählt 

Und keuscher Frauen Ohren quält, 

So manche Kollatschen man früh und spat 

Bei dem Kmfürsten gebacken hat: 

So vielen Segen nimm mit fort 

Von dem heilsamen schönen Ort; 

Und wie vom heißen Sprudel-Trieb 

Dir niemals was im Leibe blieb, 

So laß in deines Herzens Schrein 

Die Freunde desto fester sein. 



COPHTISCHES LIED 

LASSET Gelehrte sich zanken und streiten, 
Streng und bedächtig die Lehrer auch sein! 
Alle die Weisesten aller der Zeiten 
Lächeln und winken und stimmen mit ein: 
Töricht, auf Beßrung der Toren zu harren! 
Kinder der Klugheit, o habet die Narren 
Eben zum Narren auch, wie sichs gehört! 

Merlin der Alte, im leuchtenden Grabe, 
Wo ich als Jüngling gesprochen ihn habe, 



1786/8 REISE NACH KARLSBAD UND ITALIEN 2 7 1 

Hat mich mit ähnlicher Antwort belehrt: 
Töricht, auf Beßrang der Toren zu harren! 
Kinder der Klugheit, o habet die Narren 
Eben zum Narren auch, wie sichs gehört! 

Und auf den Höhen der indischen Lüfte 
Und in den Tiefen ägyptischer Grüfte 
Hab ich das heilige Wort nur gehört: 
Töricht, auf Beßnmg der Toren zu harren! 
Kinder der Klugheit, o habet die Narren 
Eben zum Nairen auch, wie sichs gehört! 



EIN ANDRES 

GEH! gehorche meinen Winken, 
Nutze deine jungen Tage, 
Lerne zeitig klüger sein: 
Auf des Glückes großer Wage 
Steht die Zunge selten ein; 
Du mußt steigen oder sinken. 
Du mußt herrschen imd gewiimen, 
Oder dienen und verlieren, 
Leiden oder triumphieren, 
Amboß oder Hammer sein. 



[An den Herzog Karl August] 

DU sorgtest freundlich, mir den Pfad 
Mit Lieblingsblumen zu bestreun. 
Still tätig danke dir mein Leben 
Für alles Gute, was du mir erzeigt... 
Fügst du dazu die Sorge für dich selbst, 
So geh ich ohne Wünsche fröhlich hin; 
Denn nur gemeinsam Wohl beglückt Verbundne. 



272 LYRISCHE DICHTUNGEN- 

AMOR ALS LANDSCHAFTSMALER 

SASS ich früh auf einer Felsenspitze, 
Sah mit starren Augen in den Nebel; 
Wie ein grau grundiertes Tuch gespannet, 
Deckt' er alles in die Breit und Höhe. 

Stellt' ein Knabe sich mir an die Seite, 
Sagte: Lieber Freund, wie magst du starrend 
Auf das leere Tuch gelassen schauen? 
Hast du denn zum Malen und zum Bilden 
Alle Lust auf ewig wohl verloren? 

Sah ich an das Kind, und dachte heimlich: 
Will das Bübchen doch den Meister machen! 

Willst du immer trüb und müßig bleiben. 
Sprach der Knabe, kann nichts Kluges werden; 
Sieh, ich will dir gleich ein Bildchen malen. 
Dich ein hübsches Bildchen malen lehren. 

Und er richtete den Zeigefinger, 
Der so rötlich war wie eine Rose, 
Nach dem weiten ausgespannten Teppich, 
Fing mit seinem Finger an, zu zeichnen. 

Oben malt' er eine schöne Sonne, 
Die mir in die Augen mächtig glänzte. 
Und den Saum der Wolken macht' er golden, 
Ließ die Strahlen durch die Wolken dringen; 
Malte dann die zarten leichten Wipfel 
Frisch erquickter Bäume, zog die Hügel, 
Einen nach dem andern, frei dahinter; 
Unten ließ ers nicht an Wasser fehlen, 
Zeichnete den Fluß so ganz natürlich, 
Daß er schien im Sonnenstrahl zu glitzern, 
Daß er schien am hohen Rand zu rauschen. 

Ach, da standen Blumen an dem Flusse, 

Und da waren Farben auf der Wiese, 

Gold und Schmelz und Purpur imd ein Grünes, 



1786/8 REISE NACH KARLSBAD UND ITALIEN 273 

Alles wie Smaragd und wie Karfunkel! 
Hell und rein lasiert' er drauf den Himmel 
Und die blauen Berge fern und femer, 
Daß ich, ganz entzückt und neugeboren, 
Bald den Maler, bald das Bild beschaute. 

Hab ich doch, so sagt' er, dir bewiesen, 
Daß ich dieses Handwerk gut verstehe; 
Doch es ist das Schwerste noch zurücke. 

Zeichnete darnach mit spitzem Finger 
Und mit großer Sorgfalt an dem Wäldchen, 
Grad ans Ende, wo die Sonne kräftig 
Von dem hellen Boden widerglänzte, 
Zeichnete das allerliebste Mädchen, 
Wohlgebildet, zierlich angekleidet, 
Frische Wangen unter braunen Haaren, 
Und die Wangen waren von der Farbe 
Wie das Fingerchen, das sie gebildet. 

O du Knabe! rief ich, welch ein Meister 
Hat in seine Schule dich genommen, 
Daß du so geschwind und so natürlich 
Alles klug beginnst und gut vollendest? 

Da ich noch so rede, sieh, da rühret 

Sich ein Windchen und bewegt die Gipfel, 

Kräuselt alle Wellen auf dem Flusse, 

Füllt den Schleier des vollkommnen Mädchens, 

Und, was mich Erstaunten mehr erstaunte, 

Fängt das Mädchen an, den Fuß zu rühren, 

Geht zu kommen, nähert sich dem Orte, 

Wo ich mit dem losen Lehrer sitze. 

Da nun alles, alles sich bewegte. 
Bäume, Fluß und Blumen und der Schleier 
Und der zarte Fuß der AUerschönsten, 
Glaubt ihr wohl, ich sei auf meinem Felsen 
Wie ein Felsen still imd fest geblieben? 

GOETHE XIV 18 



2 74 LYRISCHE DICHTUNGEN 

CUPIDO, loser, eigensinniger Knabe! 
Du batst mich um Quartier auf einige Stunden, 
Wie viele Tag' und Nächte bist du geblieben! 
Und bist nun herrisch und Meister im Hause geworden! 

Von meinem breiten Lager bin ich vertrieben; 

Nun sitz ich an der Erde, Nächte gequälet; 

Dein Mutwill schüret Flamm auf Flamme des Herdes, 

Verbrennet den Vorrat des Winters und senget mich Armen. 

Du hast mir mein Geräte verstellt und verschoben; 
Ich such und bin wie blind und irre geworden. 
Du lärmst so imgeschickt; ich fürchte, das Seelchen 
Entflieht, um dir zu entfliehn, imd räumet die Hütte. 



1788-1793 WEIMAR 

REISE NACH VENEDIG, NACH SCHLESIEN 
UND IN DIE RHEINLANDE 



LIEBEBEDÜRFNIS 

WER vernimmt mich? ach, wem soll ichs klagen? 
Weis vernähme, würd er mich bedauern? 
Ach, die Lippe, die so manche Freude 
Sonst genossen hat und sonst gegeben, 
Ist gespalten, imd sie schmerzt erbärmlich. 
Und sie ist nicht etwa wund geworden, 
Weil die Liebste mich zu wild ergriffen, 
Hold mich angebissen, daß sie fester 
Sich des Freunds versichernd ihn genösse: 
Nein, das zarte Lippchen ist gesprungen. 
Weil nun über Reif und Frost die Winde 
Spitz tmd scharf und lieblos mir begegnen. 

Und mm soll mir Saft der edlen Traube, 
Mit dem Saft der Bienen bei dem Feuer 
Meines Herds vereinigt, Lindrung schaffen. 
Ach, was will das helfen, mischt die Liebe 
Nicht ein Tröpfchen ihres Balsams drunter? 

DER BESUCH 

MEINE Liebste wollt ich heut beschleichen, 
Aber ihre Türe war verschlossen. 
Hab ich doch den Schlüssel in der Tasche! 
Öfifn ich leise die geliebte Türe! 

Auf dem Saale fand ich nicht das Mädchen, 
Fand das Mädchen nicht in ihrer Stube; 
Endlich, da ich leis die Kammer öfl&ie, 
Find ich sie, gar zierlich eingeschlafen, 
Angekleidet, auf dem Sofa liegen. 

Bei der Arbeit war sie eingeschlafen: 
Das Gestrickte mit den Nadeln ruhte 
Zwischen den gefaltnen zarten Händen; 
Und ich setzte mich an ihre Seite, 
Ging bei mir zu Rat, ob ich sie weckte. 

Da betrachtet ich den schönen Frieden, 
Der auf ihren Augenlidern ruhte: 
Auf den Lippen war die stille Treue, 
Auf den Wangen Lieblichkeit zu Hause, 



278 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Und die Unschuld eines guten Herzens 
Regte sich im Busen hin und wieder. 
Jedes ihrer Glieder lag gefällig, 
Aufgelöst vom süßen Götterbalsam. 

Freudig saß ich da, und die Betrachtimg 
Hielte die Begierde, sie zu wecken, 
Mit geheimen Banden fest und fester. 

O du Liebe, dacht ich, kann der Schlummer, 
Der Verräter jedes falschen Zuges, 
Kann er dir nicht schaden, nichts entdecken, 
Was des Freundes zarte Meinung störte? 

Deine holden Augen sind geschlossen. 
Die mich offen schon allein bezaubern; 
Es bewegen deine süßen Lippen 
Weder sich zur Rede noch zum Kusse; 
Aufgelöst sind diese Zauberbande 
Deiner Arme, die mich sonst umschlingen, 
Und die Hand, die reizende Gefährtin 
Süßer Schmeicheleien, unbeweglich. 
Wärs ein Irrtum, wie ich von dir denke, 
War es Selbstbetrug, wie ich dich liebe, 
Müßt ichs jetzt entdecken, da sich Amor 
Ohne Binde neben mich gestellet. 

Lange saß ich so und freute herzlich 
Ihres Wertes mich und meiner Liebe; 
Schlafend hatte sie mir so gefallen, 
Daß ich mich nicht traute, sie zu wecken. 

Leise leg ich ihr zwei Pomeranzen 

Und zwei Rosen auf das Tischchen nieder; 

Sachte, sachte schleich ich meiner Wege. 

ÖflBiet sie die Augen, meine Gute, 
Gleich erblickt sie diese bunte Gabe, 
Staunt, wie immer bei verschloßnen Türen 
Dieses freundliche Geschenk sich finde. 



1788/93 WEIMAR 279 

Seh ich diese Nacht den Engel wieder, 
O wie freut sie sich, vergilt mir doppelt 
Dieses Opfer meiner zarten Liebe. 

MORGENKLAGEN 

Odu loses, leidigliebes Mädchen, 
Sag mir an: womit hab ichs verschuldet. 
Daß du mich auf diese Folter spannest, 
Daß du dein gegeben Wort gebrochen? 

Drucktest doch so freundlich gestern abend 
Mir die Hände, lispeltest so Heblich: 
Ja, ich komme, komme gegen Morgen 
Ganz gewiß, mein Freund, auf deine Stube. 

Angelehnet ließ ich meine Türe, 

Hatte wohl die Angeln erst geprüfet 

Und mich recht gefreut, daß sie nicht knarrten. 

Welche Nacht des Wartens ist vergangen! 
Wacht ich doch und zählte jedes Viertel; 
Schlief ich ein auf wenig Augenblicke, 
War mein Herz beständig wach gebheben. 
Weckte mich von meinem leisen Schlummer. 

Ja, da segnet ich die Finsternisse, 
Die so ruhig alles überdeckten. 
Freute mich der allgemeinen Stille, 
Horchte lauschend immer in die Stille, 
Ob sich nicht ein Laut bewegen möchte. 

"Hätte sie Gedanken, wie ich denke. 
Hätte sie Gefühl, wie ich empfinde. 
Würde sie den Morgen nicht erwarten, 
Würde schon in dieser Stunde kommen." 

Hüpft' ein Kätzchen oben übern Boden, 
Knisterte das Mäuschen in der Ecke, 
Regte sich, ich weiß nicht was, im Hause, 
Immer hofft ich, deinen Schritt zu hören. 
Immer glaubt ich, deinen Tritt zu hören. 



2^o LYRISCHE DICHTUNGEN 

Und so lag ich lang und immer länger, 
Und es fing der Tag schon an zu grauen, 
Und es rauschte hier und rauschte dorten. 

"Ist es ihre Türe? Wärs die meine!" 
Daß ich, aufgestemmt in meinem Bette, 
Schaute nach der halb erhellten Türe, 
Ob sie nicht sich wohl bewegen möchte. 
Angelehnet blieben beide Flügel 
Auf den leisen Angeln ruhig hangen. 

Und der Tag ward immer hell- und heller; 
Hört ich schon des Nachbars Türe gehen, 
Der das Taglohn zu gewinnen eilet, 
Hört ich bald darauf die Wagen rasseln, 
War das Tor der Stadt nun auch eröffnet, 
Und es regte sich der ganze Plunder 
Des bewegten Marktes durcheinander. 

Ward nun in dem Haus ein Gehn und Kommen 
Auf und ab die Stiegen, hin imd wieder 
Knarrten Türen, klapperten die Tritte; 
Und ich konnte, wie vom schönen Leben, 
Mich noch nicht von meiner Hoffnung scheiden, 

Endlich, als die ganz verhaßte Sonne 
Meine Fenster traf und meine Wände, 
Sprang ich auf imd eilte nach dem Garten, 
Meinen heißen, sehnsuchtsvollen Atem 
Mit der kühlen Morgenluft zu mischen. 
Dir vielleicht im Garten zu begegnen: 
Und nun bist du weder in der Laube 
Noch im hohen Lindengang zu finden. 



i 



1788/93 WEIMAR 281 

FRECH UND FROH 

LIEBESQUAL verschmäht mein Herz, 
Sanften Jammer, süßen Schmerz; 
Nur vom Tüchtgen will ich wissen, 
Heißem Äugeln, derben Küssen. 
Sei ein armer Hund erfrischt 
Von der Lust, mit Pein gemischt! 
Mädchen, gib der frischen Brust 
Nichts von Pein und alle Lust! 

[Römische Elegien] 

SAGET, Steine, mir an, o sprecht, ihr hohen Paläste! 
Straßen, redet ein Wort! Genius, regst du dich nicht? 
Ja, es ist alles beseelt in deinen heiligen Mauern, 

Ewige Roma; nur mir schweiget noch alles so still. 
O wer flüstert mir zu, an welchem Fenster erblick ich 

Einst das holde Geschöpf, das mich versengend erquickt: 
Ahn ich die Wege noch nicht, durch die ich immer und 

immer. 

Zu ihr und von ihr zu gehn, opfre die köstliche Zeit? 

Noch betracht ich Kirch und Palast, Ruinen und Säulen, 

Wie ein bedächtiger Mann schickHch die Reise benutzt. 

Doch bald ist es vorbei; dann wird ein einziger Tempel, 

Amors Tempel, nur sein, der den Geweihten empfängt. 

Eine Welt zwar bist du, o Rom; doch ohne die Liebe 

Wäre die Welt nicht die Welt, wäre denn Rom auch 

nicht Rom. 

EHRET, wen ihr auch wollt! Nun bin ich endlich ge- 
borgen! 
Schöne Damen imd ihr, Herren der feineren Welt, 
Fraget nach Oheim und Vetter vmd alten Muhmen und 

Tanten, 
Und dem gebundnen Gespräch folge das traimge Spiel. 
Auch ihr Übrigen fahret mir wohl, in großen imd kleinen 
Zirkeln, die ihr mich oft nah der Verzweiflung gebracht. 
Wiederholet, politisch und zwecklos, jegliche Meinung, 
Die den Wandrer mit Wut über Europa verfolgt. 



282 LYRISCHE DICHTUNGEN 

So verfolgte das Liedchen ^^Malbrough" den reisenden 

Briten 

Einst von Paris nach Li vorn, dann von Livomo nach 

Rom, 
Weiter nach Napel hinunter; und war er nach Smyrna 

gesegelt, 

Malbrough! empfing ihn auch dort! Malbrough! im Hafen 

das Lied. 
Und so mußt ich bis jetzt auf allen Tritten und Schritten 

Schelten hören das Volk, schelten der Könige Rat. 
Nun entdeckt ihr mich nicht so bald in meinem Asyle, 

Das mir Amor der Fürst, königlich schützend, verlieh. 
Hier bedecket er mich mit seinem Fittich; die Liebste 

Fürchtet, römisch gesinnt, wütende Gallier nicht; 
Sie erkundigt sich nie nach neuer Märe, sie spähet 

Sorglich den Wünschen des Manns, dem sie sich eig- 
nete, nach. 
Sie ergötzt sich an ihm, dem freien, rüstigen Fremden, 

Der von Bergen und Schnee, hölzernen Häusern erzählt; 
Teilt die Flammen, die sie in seinem Busen entzündet, 

Freut sich, daß er das Gold nicht wie der Römer bedenkt. 
Besser ist ihr Tisch nun bestellt; es fehlet an Kleidern, 

Fehlet am Wagen ihr nicht, der nach der Oper sie bringt. 
Mutter und Tochter erfreun sich ihres nordischen Gastes, 

Und der Barbare beherrscht römischen Busen und Leib. 

LASS dich, Geliebte, nicht reun, daß du mir so schnell 
dich ergeben! 
Glaub es, ich denke nicht frech, denke nicht niedrig 

von dir. 
Vielfach wirken die Pfeile des Amor: einige ritzen. 

Und vom schleichenden Gift kranket auf Jahre das Herz. 
Aber mächtig befiedert, mit frisch geschliffener Schärfe 

Dringen die andern ins Mark, zünden behende das Blut. 
In der heroischen Zeit, da Götter und Göttinnen liebten, 
Folgte Begierde dem BHck, folgte Genuß der Begier. 
Glaubst du, es habe sich lange die Göttin der Liebe be- 
sonnen. 
Als im Idäischen Hain einst ihr Anchises gefiel? 



1788/93 WEIMAR 283 

Hätte Luna gesäumt, den schönen Schläfer zu küssen, 

O, so hätt ihn geschwind, neidend, Aurora geweckt. 
Hero erblickte Leandern am lauten Fest, und behende 

Stürzte der Liebende sich heiß in die nächtliche Flut. 
Rhea Sylvia wandelt, die fürstliche Jungfrau, der Tiber 

Wasser zu schöpfen, hinab, und sie ergreifet der Gott. 
So erzeugte die Söhne sich Mars!— Die Zwillinge tränket 

Eine Wölfin, und Rom nennt sich die Fürstin der Welt. 



FROMM sind wir Liebende, still verehren wir alle Dä- 
monen, 

Wünschen uns jeglichen Gott, jegliche Göttin geneigt. 
Und so gleichen wir euch, o römische Sieger! Den Göttern 

Aller Völker der Welt bietet ihr Wohnungen an, 
Habe sie schwarz imd streng aus altem Basalt der Ägypter, 

Oder ein Grieche sie weiß, reizend, aus Marmor geformt. 
Doch verdrießet es nicht die Ewigen, wenn wir besonders 

Weihrauch köstlicher Art Einer der Göttlichen streun. 
Ja, wir bekennen euch gern: es bleiben imsre Gebete, 

Unser täglicher Dienst Einer besonders geweiht. 
Schalkhaft, munter und ernst begehen wir heimliche Feste, 

Und das Schweigen geziemt allen Geweihten genau. 
Eh an die Ferse lockten wir selbst durch gräßliche Taten 

Uns die Erinnyen her, wagten es eher, des Zeus 
Hartes Gericht am rollenden Rad und am Felsen zu dulden. 

Als dem reizenden Dienst unser Gemüt zu entziehn. 
Diese Göttin, sie heißt Gelegenheit^ lernet sie kennen! 

Sie erscheinet euch oft, immer in andrer Gestalt. 
Tochter des Proteus möchte sie sein, mit Thetis gezeuget, 

Deren verwandelte List manchen Heroen betrog. 
So betriegt mm die Tochter den Unerfahrnen, den Blöden: 

Schlummernde necket sie stets. Wachende fliegt sie 

vorbei; 
Gern ergibt sie sich nur dem raschen, tätigen Manne, 

Dieser findet sie zahm, spielend und zärtlich und hold. 
Einst erschien sie auch mir, ein bräimliches Mädchen, die 

Haare 



284 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Kurze Locken ringelten sich ums zierliche Hälschen, 
Ungeflochtenes Haar krauste vom Scheitel sich auf. 

Und ich verkannte sie nicht, ergrifif die Eilende, lieblich 
Gab sie Umarmung und Kuß bald mir gelehrig zurück. 

O wie war ich beglückt!— Doch stille, die Zeit ist vorüber, 
Und umwunden bin ich, römische Flechten, von euch. 



FROH empfind ich mich nun auf klassischem Boden be- 
geistert; 
Vor- und Mitwelt spricht lauter und reizender mir. 
Hier befolg ich den Rat, durchblättre die Werke der Alten 

Mit geschäftiger Hand, täglich mit neuem Genuß. 
Aber die Nächte hindurch hält Amor mich anders be- 
schäftigt; 
Werd ich auch halb nur gelehrt, bin ich doch doppelt 

beglückt. 
Und belehr ich mich nicht, indem ich des lieblichen Busens 

Formen spähe, die Hand leite die Hüften hinab? 
Dann versteh ich den Marmor erst recht; ich denk und 

vergleiche. 
Sehe mit fühlendem Aug, fühle mit sehender Hand. 
Raubt die Liebste denn gleich mir einige Stunden des 

Tages, 
Gibt sie Stunden der Nacht mir zur Entschädigung hin. 
Wird doch nicht immer geküßt, es wird vernünftig ge- 
sprochen; 
Überfällt sie der Schlaf, lieg ich und denke mir viel. 
Oftmals hab ich auch schon in ihren Armen gedichtet 

Und des Hexameters Maß leise mit fingernder Hand 
Ihr auf den Rücken gezählt. Sie atmet in heblichem 

Schlummer, 
Und es durchglühet ihr Hauch mir bis ins Tiefste die 

Brust. 
Amor schüret die Lamp indes und denket der Zeiten, 
Da er den nämlichen Dienst seinen Triumvirn getan. 



1788/93 WEIMAR 285 

KANNST du, o Grausamer! mich in solchen Worten 
betrüben? 
Reden so bitter und hart liebende Männer bei euch? 
Wenn das Volk mich verklagt, ich muß es dulden! und 

bin ich 
Etwa nicht schuldig? Doch ach! schuldig nur bin ich 

mit dir! 

Diese Kleider, sie sind der neidischen Nachbarin Zeugen, 

Daß die Witwe nicht mehr einsam den Gatten beweint. 

Bist du ohne Bedacht nicht oft bei Mondschein gekommen, 

Grau, im dunkeln Surtout, hinten genmdet das Haar? 

Hast du dir scherzend nicht selbst die geistliche Maske 

gewählet? 
Solls ein Prälate denn sein! gut, der Prälate bist du. 
In dem geistlichen Rom, kaum scheint es zu glauben, 

doch schwör ich: 
Nie hat ein Geistlicher sich meiner Umarmung gefreut. 
Arm war ich leider! und jung, und wohlbekannt den Ver- 
führern; 
Falconieri hat mir oft in die Augen gegafft. 
Und ein Kuppler Albanis mich, mit gewichtigen Zetteln, 
Bald nach Ostia, bald nach den vier Bnmnen gelockt. 
Aber wer nicht kam, war das Mädchen. So hab ich von 

Herzen 

Rotstrumpf immer gehaßt und Violettstrumpf dazu. 

Denn "ihr Mädchen bleibt am Ende doch die Betrognen," 

Sagte der Vater, wenn auch leichter die Mutter es nahm. 

Und so bin ich denn auch am Ende betrogen! Du zürnest 

Nvu" zum Scheine mit mir, ,weil du zu fliehen gedenkst. 

Geh! Ihr seid der Frauen nicht wert! Wir tragen die 

Kinder 
Unter dem Herzen, und so tragen die Treue wir auch; 
Aber ihr Männer, ihr schüttet mit eurer Kraft und Begierde 

Auch die Liebe zugleich in den Umarmungen aus!" 
Also sprach die Geliebte und nahm den Kleinen vom 

Stuhle, 
Drückt' ihn küssend ans Herz, Tränen entquollen dem 

BHck. 



2 86 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Und wie saß ich beschämt, daß Reden feindlicher 

Menschen 
Dieses liebliche Bild mir zu beflecken vermocht! 
Dunkel brennt das Feuer nur augenblicklich und dampfet, 
Wenn das Wasser die Glut stürzend und jählings ver- 
hüllt; 
Aber sie reinigt sich schnell, verjagt die trübenden 

Dämpfe, 
Neuer und mächtiger dringt leuchtende Flamme hinauf. 



Owie fiihl ich in Rom mich so froh! gedenk ich der 
Zeiten, 
Da mich ein graulicher Tag hinten im Norden umfing, 
Trübe der Himmel und schwer auf meine Scheitel sich 

senkte. 
Färb- und gestaltlos die Welt lun den Ermatteten lag. 
Und ich über mein Ich, des unbefriedigten Geistes 

Düstre Wege zu spähn, still in Betrachtung versank. 
Nun umleuchtet der Glanz des helleren Äthers die Stirne; 

Phöbus rufet, der Gott, Formen und Farben hervor. 
Sternhell glänzet die Nacht, sie klingt von weichen Ge- 
sängen, 
Und mir leuchtet der Mond heller als nordischer Tag. 
Welche Seligkeit ward mir Sterblichem! Träiun ich.' 

Empfanget 
Dein ambrosisches Haus, Jupiter Vater, den Gast.^ 
Ach! hier lieg ich imd strecke nach deinen Knieen die 

Hände 
Flehend aus. O vernimm, Jupiter Xenius, mich! 
Wie ich hereingekommen, ich kanns nicht sagen: es faßte 
Hebe den Wandrer und zog mich in die Hallen heran. 
Hast du ihr einen Heroen herauf zu führen geboten? 

Irrte die Schöne.^ Vergib! Laß mir des Irrtums Gewinn! 

Deine Tochter Fortuna, sie auch! Die herrlichsten Gaben 

Teilt als ein Mädchen sie aus, wie es die Laune gebeut. 

Bist du der wirtliche Gott? O dann so verstoße den Gast- 

freimd 
Nicht von deinem Olymp wieder zur Erde hinab! 



1788/93 WEIMAR 287 

"Dichter! wohin versteigest du dich?"— Vergib mir; der 

hohe 

Kapitolinische Berg ist dir ein zweiter Olymp. 
Dulde mich, Jupiter, hier, und Hermes führe mich später, 

Cestius' Mal vorbei, leise zum Orkus hinab. 

WENN du mir sagst, du habest als Kind, Geliebte, 
den Menschen 
Nicht gefallen, und dich habe die Mutter verschmäht. 
Bis du größer geworden und still dich entwickelt, ich 

glaub es: 
Gerne denk ich mir dich als ein besonderes Kind. 
Fehlet Bildung und Farbe doch auch der Blüte des Wein- 

stocks, 
Wenn die Beere, gereift, Menschen und Götter entzückt. 

HERBSTLICH leuchtet die Flamme vom ländlich ge- 
selligen Herde, 
Knistert und glänzet, wie rasch! sausend vom Reisig 

empor. 
Diesen Abend erfreut sie mich mehr; denn eh noch zur 

Kohle 
Sich das Bündel verzehrt, unter die Asche sich neigt. 
Kommt mein liebliches Mädchen. Dann flammen Reisig 

und Scheite, 

Und die erwärmete Nacht wird uns ein glänzendes Fest. 

Morgen frühe geschäftig verläßt sie das Lager der Liebe, 

Weckt aus der Asche behend Flammen aufs neue hervor. 

Denn vor andern verlieh der Schmeichlerin Amor die Gabe, 

Freude zu wecken, die kaum still wie zu Asche versank. 

ALEXANDER und Cäsar und Heinrich und Friedrich, 
die Großen, 
Gäben die Hälfte mir gern ihres erworbenen Ruhms, 
Könnt ich aiif Eine Nacht dies Lager jedem vergönnen; 

Aber die armen, sie hält strenge des Orkus Gewalt. 

Freue dich also, Lebendger, der lieberwärmeten Stätte, 

Ehe den fliehenden Fuß schauerlich Lethe dir netzt. 



2 88 LYRISCHE DICHTUNGEN 

EUCH, o Grazien, legt die wenigen Blätter ein Dichter 
Auf den reinen Altar, Knospen der Rose dazu. 
Und er tut es getrost. Der Künstler freuet sich seiner 

Werkstatt, wenn sie um ihn immer ein Pantheon scheint. 
Jupiter senket die göttliche Stirn, und Juno erhebt sie; 

Phöbus schreitet hervor, schüttelt das lockige Haupt; 

Trocken schauet Minerva herab, und Hermes, der leichte, 

Wendet zur Seite den Blick, schalkisch und zärtlich 

zugleich. 
Aber nach Bacchus, dem weichen, dem träumenden, hebet 

Cythere 
Blicke der süßen Begier, selbst in dem Marmor noch 

feucht. 
Seiner Umarmung gedenket sie gern und scheinet zu fragen: 
Sollte der herrliche Sohn uns an der Seite nicht stehn? 

AMOR bleibet ein Schalk, und wer ihm vertraut, ist 
betrogen! 

Heuchelnd kam er zu mir: "Diesmal nur traue mir noch. 
Redlich mein ichs mit dir: du hast dein Leben und Dichten, 

Dankbar erkenn ich es wohl, meiner Verehrimg geweiht. 
Siehe, dir bin ich nun gar nach Rom gefolget; ich möchte 

Dir im fremden Gebiet gern was Gefälliges tun. 
Jeder Reisende klagt, er finde schlechte Bewirtung; 

Welchen Amor empfiehlt, köstlich bewirtet ist er. 
Du betrachtest mit Staunen die Trümmern alter Gebäude 

Und durchwandelst mit Sinn diesen geheiligten Raum. 
Du verehrest noch mehr die werten Reste des Bildens 

Einziger Künstler, die stets ich in der Werkstatt besucht. 
Diese Gestalten, ich formte sie selbst! Verzeih mir, ich 

prahle 

Diesmal nicht; du gestehst, was ich dir sage, sei wahr. 
Ntm du mir lässiger dienst, wo sind die schönen Gestalten, 

Wo die Farben, der Glanz deiner Erfindungen hin.^ 
Denkst du nun wieder zu bilden, o Freund? Die Schule 

der Griechen 

Blieb noch ofi"en, das Tor schlössen die Jahre nicht zu. 
Ich, der Lehrer, bin ewig jung, und liebe die Jungen, 

Altklug lieb ich dich nicht! Munter! Begreife mich wohl! 



1788/93 VVEIMAR 289 

War das Antike doch neu, da jene Glücklichen lebten! 

Lebe glücklich, und so lebe die Vorzeit in dir! 
Stoff zum Liede, wo nimmst du ihn her? Ich muß dir ihn 

geben, 
Und den höheren Stil lehret die Liebe dich nur." 
Also sprach der Sophist. Wer widersprach ihm? und leider 
Bin ich zu folgen gewöhnt, wenn der Gebieter befiehlt. — 
Nun, verräterisch hält er sein Wort, gibt Stoff zu Gesängen, 
Ach! und raubt mir die Zeit, Kraft und Besinnung zu- 
gleich; 
Blick und Händedruck, und Küsse, gemütliche Worte, 
Silben köstlichen Sinns wechselt ein liebendes Paar, 
Da wird Lispeln Geschwätz, wird Stottern liebliche Rede: 

Solch ein Hymnus verhallt ohne prosodisches Maß. 
Dich, Aurora, wie kannt ich dich sonst als Freundin der 

Musen! 
Hat, Aurora, dich auch Amor, der lose, verführt? 
Du erscheinest mir nun als seine Freundin, und weckest 

Mich an seinem Altar wieder zum festlichen Tag. 
Find ich die Fülle der Locken an meinem Busen! Das 

Köpfchen 
Ruhet und drücket den Arm, der sich dem Halse be- 
quemt. 
Welch ein freudig Erwachen, erhieltet ihr, ruhige Stunden, 
Mir das Denkmal der Lust, die in den Schlaf uns ge- 
wiegt!— 
Sie bewegt sich im Schlummer und sinkt auf die Breite 

des Lagers, 
Weggewendet; und doch läßt sie mir Hand noch in Hand. 
Herzliche Liebe verbindet uns stets und treues Verlangen, 

Und den Wechsel behielt nur die Begierde sich vor. 
Einen Druck der Hand, ich sehe die himmlischen Augen 
Wieder offen. — O nein! laßt auf der Bildimg mich ruhn! 
Bleibt geschlossen! ihr macht mich verwirrt tmd trunken, 

ihr raubet 
Mir den stillen Genuß reiner Betrachtung zu früh. 
Diese Formen, wie groß! wie edel gewendet die Glieder! 
Schlief Ariadne so schön: Theseus, du konntest ent- 

fliehn? 

OOETHS XIV 19. 



2 90 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Diesen Lippen ein einziger Kuß! O Theseus,nun scheide! 
Blick ihr ins Auge! Sie wacht! — Ewig nun hält sie dich 

fest. 

ZÜNDE mir Licht an, Knabe!— "Noch ist es hell. 
Ihr verzehret 
Öl und Docht nur umsonst. Schließet die Läden doch 

nicht! 
Hinter die Häuser entwich, nicht hinter den Berg, uns 

die Sonne! 
Ein halb Stündchen noch währts bis zum Geläute der 

Nacht. "- 
Unglückseliger! geh und gehorch! Mein Mädchen er- 
wart ich. 
Tröste mich, Lämpchen, indes, lieblicherBote der Nacht! 

CÄSARN war ich wohl nie zu fernen Britannen gefolget, 
Florus hätte mich leicht in die Popine geschleppt! 
Denn mir bleiben weit mehr die Nebel des traurigen 

Nordens, 
Als ein geschäftiges Volk südlicher Flöhe verhaßt. 
Und noch schöner von heut an seid mir gegrüßet, ihr 

Schenken, 
Osterien, wie euch schicklich der Römer benennt; 
Denn ihr zeigtet mir heute die Liebste, begleitet vom 

Oheim, 

Den die Gute so oft, mich zu besitzen, betriegt. 

Hier stand unser Tisch, den Deutsche vertraulich umgaben; 

Drüben suchte das Kind neben der Mutter den Platz, 

Rückte vielmals die Bank und wüßt es artig zu machen, 

Daß ich halb ihr Gesicht, völlig den Nacken gewann. 

Lauter sprach sie, als hier die Römerin pfleget, kredenzte. 

Blickte gewendet nach mir, goß und verfehlte das Glas. 

Wein floß über den Tisch, und sie, mit zierlichem Finger, 

Zog auf dem hölzernen Blatt Kreise der Feuchtigkeit hin. 

Meinen Namen verschlang sie dem ihrigen; immer begierig 

Schaut ich dem Fingerchen nach, und sie bemerkte 

mich wohl. 



1788/93 WEIMAR 291 

Endlich zog sie behende das Zeichen der römischen Fünfe 
Und ein Strichlein davor. Schnell, und sobald ichs 

gesehn, 
Schlang sie Kreise durch Kreise, die Lettern und Zififem 

zu löschen; 
Aber die köstliche Vier blieb mir ins Auge geprägt. 
Stumm war ich sitzen geblieben, und biß die glühende 

Lippe, 
Halb aus Schalkheit und Lust, halb aus Begierde, mir 

wund. 
Erst noch so lange bis Nacht! dann noch vier Stunden 

zu warten! 
Hohe Sonne, du weilst, und du beschauest dein Rom! 
Größeres sähest du nichts imd wirst nichts Größeres 

sehen, 
Wie es dein Priester Horaz in der Entzückung versprach. 
Aber heute verweile mir nicht, und wende die Blicke 

Von dem Siebengebirg früher und williger ab! 
Einem Dichter zuliebe verkürze die herrlichen Stunden, 

Die mit begierigem Blick selig der Maler genießt; 
Glühend blicke noch schnell zu diesen hohen Fassaden, 

Kuppeln und Säulen zuletzt und Obelisken herauf; 
Stürze dich eilig ins Meer, um morgen früher zu sehen, 

Was Jahrhunderte schon göttliche Lust dir gewährt: 

Diese feuchten, mit Rohr so lange bewachsnen Gestade, 

Diese mit Bäumen und Busch düster beschatteten Höhn. 

Wenig Hütten zeigten sie erst; dann sahst du auf einmal 

Sie vom wimmelnden Volk glücklicher Räuber belebt. 

Alles schleppten sie drauf an diese Stätte zusammen; 

Kaum war das übrige Rund deiner Betrachtung noch 

wert. 
Sahst eine Welt hier entstehn, sahst dann eine Welt hier 

in Trümmern, 
Aus den Trümmern aufs neu fast eine größere Welt! 
Daß ich diese noch lange von dir beleuchtet erblicke. 

Spinne die Parze mir klug langsam den Faden herab. 
Aber sie eile herbei, die schön bezeichnete Stunde! — 
Glücklich! hör ich sie schon? Nein; doch ich höre schon 

Drei. 



292 LYRISCHE DICHTUNGEN 

So, ihr lieben Musen, betrogt ihr wieder die Länge 
Dieser Weile, die mich von der Gehebten getrennt. 

Lebet wohl! Nun eil ich, und furcht euch nicht zu be- 

leidgen; 
Denn ihr Stolzen, ihr gebt Amom doch immer den Rang. 



WARUM bist du, Geliebter, nicht heute zur Vigne 
gekommen? 
Einsam, wie ich versprach, wartet ich oben auf dich." — 
Beste, schon war ich hinein; da sah ich zum Glücke den 

Oheim 
Neben den Stöcken, bemüht, hin sich tmd her sich zu 

drehn. 
Schleichend eilt ich hinaus! — "O welch ein Irrtiun ergriflf 

dich! 
Eine Scheuche nur wars, was dich vertrieb! Die Gestalt 
Flickten wir emsig zusammen aus alten Kleidern und 

Rohren; 
Emsig half ich daran, selbst mir zu schaden bemüht." — 
Nun, des Alten Wunsch ist erfüllt; den losesten Vogel 
Scheucht' er heute, der ihm Gärtchen und Nichte be- 
stiehlt. 



MANCHE Töne sind mir Verdruß, doch bleibet am 
meisten 
Hundegebell mir verhaßt; kläffend zerreißt es mein Ohr. 
Einen Hund nur hör ich sehr oft mit frohem Behagen 

Bellend kläfifen, den Hund, den sich der Nachbar erzog. 
Denn er bellte mir einst mein Mädchen an, da sie sich 

heimlich 
Zu mir stahl, und verriet unser Geheimnis beinah. 
Jetzo, hör ich ihn bellen, so denk ich mir immer: sie 

kommt wohl! 
Oder ich denke der Zeit, da die Erwartete kam. 



1788/93 WEIMAR 293 

EINES ist mir verdrießlieb vor allen Dingen, ein andres 
Bleibt mir abscheulich, empört jegliche Faser in mir, 
Nur der bloße Gedanke. Ich will es euch, Freunde, ge- 
stehen: 

Gar verdrießlich ist mir einsam das Lager zu Nacht. 
Aber ganz abscheulich ists, auf dem Wege der Liebe 

Schlangen zu fürchten, und Gift unter den Rosen der 

Lust, 
Wenn im schönsten Moment der hin sich gebenden Freude 

Deinem sinkenden Haupt lispelnde Sorge sich naht. 
Darum macht Faustine mein Glück; sie teilet das Lager 

Gerne mit mir, und bewahrt Treue dem Treuen genau. 
Reizendes Hindernis will die rasche Jugend; ich liebe. 

Mich des versicherten Guts lange bequem zu erfreun. 
Welche Seligkeit ists! wir wechseln sichere Küsse, 

Atem und Leben getrost saugen und flößen wir ein. 
So erfreuen wir uns der langen Nächte, wir lauschen, 

Busen an Busen gedrängt, Stürmen und Regen imd Guß. 
Und so dämmert der Morgen heran; es bringen die Stunden 

Neue Blumen herbei, schmücken uns festlich den Tag. 
Gönnet mir, o Quiriten! das Glück, und jedem gewähre 

Aller Güter der Welt erstes und letztes der Gott! 



ZIERET Stärke den Mann und freies rautiges Wesen, 
O! so ziemet ihm fast tiefes Geheimnis noch mehr. 
Städtebezwingerin du, Verschwiegenheit! Fürstin der 

Völker! 
Teure Göttin, die mich sicher durchs Leben geführt, 
Welches Schicksal erfahr ich! Es löset scherzend die Muse, 
Amor löset, der Schalk, mir den verschlossenen Mund. 
Ach, schon wird es so schwer, der Könige Schande ver- 
bergen! 
Weder die Krone bedeckt, weder ein phrygischer Bund 
Midas' verlängertes Ohr; der nächste Diener entdeckt es. 
Und ihm ängstet und drückt gleich das Geheimnis die 

Brust. 
In die Erde vergrub er es gern, um sich zu erleichtern: 
Doch die Erde verwahrt solche Geheimnisse nicht; 



294 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Rohre sprießen hervor und rauschen und lispeln im Winde: 

Midas! Midas, der Fürst, trägt ein verlängertes Ohr! 
Schwerer wird es nun mir, ein schönes Geheimnis zu 

wahren; 
Ach, den Lippen entquillt Fülle des Herzens so leicht! 
Keiner Freundin darf ichs vertraun: sie möchte mich 

schelten; 
Keinem Freunde: vielleicht brächte der Freund mir 

Gefahr. 
Mein Entzücken dem Hain, dem schallenden Felsen zu 

sagen, 
Bin ich endlich nicht jung, bin ich nicht einsam genug. 
Dir, Hexameter, dir, Pentameter, sei es vertrauet, 

Wie sie des Tags mich erfreut, wie sie des Nachts mich 

beglückt. 

Sie, von vielen Männern gesucht, vermeidet die Schhngen, 

Die ihr der Kühnere frech, heimlich der Listige legt; 

Klug und zierlich schlüpft sie vorbei und kennet die Wege, 

Wo sie der Liebste gewiß lauschend begierig empfängt. 

Zaudre, Luna, sie kommt! damit sie der Nachbar nicht sehe; 

Rausche, Lüftchen, im Laub! niemand vernehme den 

Tritt. 
Und ihr, wachset und blüht, geliebte Lieder, und wieget 

Euch im leisesten Hauch lauer und liebender Luft, 

Und entdeckt den Quiriten, wie jene Rohre geschwätzig. 

Eines glücklichen Paars schönes Geheimnis zuletzt. 



SÜSSE SORGEN 

WEICHET, Sorgen, von mir!— Doch ach! den sterb- 
lichen Menschen 
Lässet die Sorge nicht los, eh ihn das Leben verläßt. 
Soll es einmal denn sein, so kommt, ihr Sorgen der Liebe, 
Treibt die Geschwister hinaus, nehmt und behauptet 

mein Herz! 



1788/93 WEIMAR 295 

KLEIN ist unter den Fürsten Germaniens freilich der 
meine; 
Kurz vind schmal ist sein Land, mäßig nur, was er vermag. 
A.ber so wende nach innen, so wende nach außen die Kräfte 
Jeder, da wärs ein Fest, Deutscher mit Deutschen zu 

sein. 
Doch was priesest du Ihn, den Taten und Werke verkünden? 

Und bestochen erschien' deine Verehrung vielleicht; 
Denn mir hat er gegeben, was Große selten gewähren, 

Neigung, Muße, Vertraun, Felder und Garten und Haus. 
Niemand braucht ich zu danken als Ihm, und manches 

bedurft ich. 
Der ich mich auf den Erwerb schlecht, als ein Dichter, 

verstand. 
Hat mich Europa gelobt, was hat mir Europa gegeben.^ 

Nichts! Ich habe, wie schwer! meine Gedichte bezahlt. 
Deutschland ahmte mich nach, und Frankreich mochte 

mich lesen. 
England! freundlich empfingst du den zerrütteten Gast. 
Doch was fördert es mich, daß auch sogar der Chinese 
"Malet, mit ängstlicher Hand, Werthem und Lotten auf 

Glasr 
Niemals frug ein Kaiser nach mir, es hat sich kein König 
Um mich bekümmert, und Er war mir August und Mäcen. 

ACH, mein Hals ist ein wenig geschwollen! so sagte 
die Beste 
Ängstlich.— Stille, mein Kind! still! und vernehme das 

Wort: 
Dich hat die Hand der Venus berührt; sie deutet dir leise. 
Daß sie das Körperchen bald, ach! unaufhaltsam ver- 
stellt. 
Bald verdirbt sie die schlanke Gestalt, die zierlichen 

Brüstchen; 
Alles schwillt nun, es paßt nirgends das neuste Gewand, 
Sei nur ruhig! es deutet die fallende Blüte dem Gärtner, 
Daß die liebliche Frucht schwellend im Herbste gedeiht. 



296 LYRISCHE DICHTUNGEN 

ACH! sie neiget das Haupt, die holde Knospe, wer 
gießet 
Eilig erquickendes Naß neben die Wurzel ihr hin? 
Daß sie froh sich entfalte, die schönen Stunden der Blüte 
Nicht zu frühe vergehn, endlich auch reife die Frucht. 
Aber auch mir— mir sinket das Haupt von Sorgen und 

Mühe. 
Liebes Mädchen! Ein Glas schäumenden Weines herbei! 

[In das Schattenriß-Album Johann Friedrich v. Anthings] 

ES mag ganz artig sein, wenn Gleich' und Gleiche 
In Proserpinens Park spazieren gehn, 
Doch besser scheint es mir, im Schattenreiche 
Herrn Anthings sich hier oben wiedersehn. 

WONNIGLICH ists, die Geliebte verlangend im 
Arme zu halten. 
Wenn ihr klopfendes Herz Liebe zuerst dir gesteht. 
Wonniglicher, das Pochen des Neulebendigen fühlen, 
Das in dem lieblichen Schoß immer sich nährend be- 
wegt. 
Schon versucht es die Sprünge der raschen Jugend; es 

klopfet 
Ungeduldig schon an, sehnt sich nach himmhschem 

Licht. 
Harre noch wenige Tage! Auf allen Pfaden des Lebens 
Führen die Hören dich streng, wie es das Schicksal 

gebeut. 
Widerfahre dir, was dir auch will, du wachsender Liebling- 
Liebe bildete dich; werde dir Liebe zuteil! 

[Römische Elegie] 

SCHWER erhalten wir uns den guten Namen, denn 
Fama 
Steht mit Amorn, ich weiß, meinem Gebieter, in Streit. 
Wißt auch ihr, woher es entsprang, daß beide sich hassen: 
Alte Geschichten sind das, und ich erzähle sie wohl. 



1788/93 WEIMAR 297 

Immer die mächtige Göttin, doch war sie für die Gesell- 
schaft 
Unerträglich, denn gern führt sie das herrschende Wort; 
Und so war sie von je, bei allen Göttergelagen, 

Mit der Stimme von Erz, Großen und Kleinen verhaßt, 
So berühmte sie einst sich übermütig, sie habe 

Jovis herrlichen Sohn ganz sich zum Sklaven gemacht. 
"Meinen Herkules führ ich dereinst, o Vater der Götter," 

Rief triumphierend sie aus, "wiedergeboren dir zu. 
Herkules ist es nicht mehr, den dir Alkmene geboren; 
Seine Verehrung für mich macht ihn auf Erden zum 

Gott. 
Schaut er nach dem Olymp, so glaubst du, er schaue 

nach deinen 
Mächtigen Knieen; vergib! nur in den Äther nach mir 
Blickt der würdigste Mann; nur mich zu verdienen, durch- 
schreitet 
Leicht sein mächtiger Fuß Bahnen, die keiner betrat; 
Aber auch ich begegn ihm auf seinen Wegen, und preise 

Seinen Namen voraus, eh er die Tat noch beginnt. 
Mich vermählst du ihm einst: der Amazonen Besieger 
Werd auch meiner, und ihn nenn ich mit Freuden Ge- 
mahl!" 
Alles schwieg; sie mochten nicht gern die Prahlerin reizen: 
Denn sie denkt sich, erzürnt, leicht was Gehässiges aus. 
Amorn bemerkte sie nicht: er schlich beiseite; den Helden 
Bracht er mit weniger Kunst unter der Schönsten Gewalt. 
Nun vermummt er sein Paar: ihr hängt er die Bürde des 

Löwen 
Über die Schultern und lehnt mühsam die Keule dazu. 
Drauf bespickt er mit Blumen des Helden sträubende 

Haare, 
Reichet den Rocken der Faust, die sich dem Scherze 

bequemt. 
So vollendet er bald die neckische Gnippe; dann läuft er, 
' Ruft durch den ganzen Olymp: "Herrliche Taten ge- 

schehn! 
Nie hat Erd und Himmel, die unermüdete Sonne 

Hat auf der ewigen Bahn keines der Wunder erblickt." 



2 98 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Alles eilte; sie glaubten dem losen Knaben, denn ernstlich 
Hatt er gesprochen; und auch Fama, sie blieb nicht 

zurück. 
Wer sich freute, den Mann so tief erniedrigt zu sehen, 

Denkt ihr! Juno. Es galt Amorn ein freundlich Gesicht. 
Fama daneben, wie stand sie beschämt, verlegen, ver- 
zweifelnd! 
Anfangs lachte sie nur: "Masken, ihr Götter, sind das! 
Meinen Helden, ich kenn ihn zu gut! Es haben Tragöden 
Uns zum besten!" Doch bald sah sie mit Schmerzen, 

er wars! — 
Nicht den tausendsten Teil verdroß es Vulkanen, sein 

Weibchen 
Mit dem rüstigen Freund unter den Maschen zu sehn. 
Als das verständige Netz im rechten Moment sie umfaßte. 
Rasch die Verschlungnen umschlang, fest die Genie- 
ßenden hielt. 
Wie sich die Jünglinge freuten! Merkur und Bacchus! sie 

beide 
Mußten gestehn: es sei, über dem Busen zu ruhn 
Dieses herrlichen Weibes, ein schöner Gedanke. Sie baten: 
Löse, Vulkan, sie noch nicht! Laß sie noch einmal 

besehn. 
Und der Alte war so Hahnrei, und hielt sie nur fester.— 

Aber Fama, sie floh rasch und voll Grimmes davon. 
Seit der Zeit ist zwischen den zweien der Fehde nicht 

Stillstand; 
Wie sie sich Helden erwählt, gleich ist der Knabe 

darnach. 
Wer sie am höchsten verehrt, den weiß er am besten zu 

fassen, 
Und den Sittlichsten greift er am gefährlichsten an. 
Will ihm einer entgehn, den bringt er vom SchHmmen 

ins Schlimmste. 
Mädchen bietet er an; wer sie ihm töricht verschmäht, 
Muß erst grimmige Pfeile von seinem Bogen erdulden; 

Mann erhitzt er auf Mann, treibt die Begierden aufs Tier. 
Wer sich seiner schämt, der muß erst leiden; dem Heuchler 
Streut er bittem Genuß unter Verbrechen und Not. 



1788/93 WEIMAR 299 

Aber auch sie, die Göttin, verfolgt ihn mit Augen und 

Ohren; 
Sieht sie ihn einmal bei dir, gleich ist sie feindlich 

gesinnt, 
Schreckt dich mit ernstem Blick, verachtenden Mienen. 

tmd heftig 
Strenge verruft sie das Haus, das er gewöhnlich be- 
sucht. 
Und so geht es auch mir: schon leid ich ein wenig; die 

Göttin, 
Eifersüchtig, sie forscht meinem Geheimnisse nach. 
Doch es ist ein altes Gesetz: ich schweig und verehre; 
Denn der Könige Zwist büßten die Griechen, wie ich. 



OFT erklärtet ihr euch als Freunde des Dichters, ihr 
Götter! 
Gebt ihm auch, was er bedarf! Mäßiges braucht er, 

doch viel: 
Erstlich freundliche Wohnung, dann leidlich zu essen, zu 

trinken 
Gut; der Deutsche versteht sich auf den Nektar, wie ihr. 
Dann geziemende Kleidung und Freunde, vertraulich zu 

schwatzen; 
Dann ein Liebchen des Nachts, das ihn von Herzen 

begehrt. 
Diese fünf natürlichen Dinge verlang ich vor allem. 

Gebet mir ferner dazu Sprachen, die alten und neu'n. 
Daß ich der Völker Gewerb und ihre Geschichten ver- 
nehme; 
Gebt mir ein reines Gefühl, was sie in Künsten getan. 
Ansehn gebt mir im Volke, verschaflFt bei Mächtigen Ein- 
fluß, 
Oder was sonst noch bequem unter den Menschen er- 
scheint. 
Gut— schon dank ich euch, Götter; ihr habt den glück- 
lichsten Menschen 
Ehstens fertig: denn ihr gönntet das meiste mir schon. 



300 LYRISCHE DICHTUNGEN 

[Römische Elegie] 

HÖREST du, Liebchen, das muntre Geschrei den Fla- 
minischen Weg her? 
Schnitter sind es; sie ziehn wieder nach Hause zurück, 
Weit hinweg. Sie haben des Römers Ernte vollendet. 

Der für Ceres den Kranz selber zu flechten verschmäht. 
Keine Feste sind mehr der großen Göttin gewidmet, 

Die, statt Eicheln, zur Kost goldenen Weizen verlieh. 
Laß uns beide das Fest im stillen freudig begehen! 

Sind zwei Liebende doch sich ein versammeltes Volk. 
Hast du wohl je gehört von jener mystischen Feier, 
Die von Eleusis hieher frühe dem Sieger gefolgt? 
Griechen stifteten sie, und immer riefen nur Griechen, 
Selbst in den Mauern Roms: "Kommt zur geheiligten 

Nacht!" 
Fern entwich der Profane; da bebte der wartende Neu- 
ling, 
Den ein weißes Gewand, Zeichen der Reinheit, umgab. 
Wunderlich irrte darauf der Eingeführte durch Kreise 
Seltner Gestalten; im Traum schien er zu wallen: denn 

hier 
Wanden sich Schlangen am Boden umher, verschlossene 

Kästchen, 
Reich mit Ähren umkränzt, trugen hier Mädchen vorbei, 
Vielbedeutend gebärdeten sich die Priester und summten; 

Ungeduldig und bang harrte der Lehrling auf Licht. 
Erst nach mancherlei Proben und Prüfungen ward ihm 

enthüllet, 
Was der geheiligte Kreis seltsam in Bildern verbarg. 
Und was war das Geheimnis! als daß Demeter, die große, 

Sich gefällig einmal auch einem Helden bequemt. 
Als sie Jasion einst, dem rüstigen König der Kreter, 

Ihres unsterbhchen Leibs holdes Verborgne gegönnt. 
Da war Kreta beglückt! das Hochzeitbette der Göttin 
Schwoll von Ähren, und reich drückte den Acker die 

Saat. 
Aber die übrige Welt verschmachtete; denn es versäumte 
Über der I^iebe Genuß Ceres den schönen Beruf. 



1788/93 WEIMAR 301 

Voll Erstaunen vernahm der Eingeweihte das Märchen, 
Winkte der Liebsten— Verstehst du nun, Geliebte, den 

Winkr 

Jene buschige Myrte beschattet ein heiliges Plätzchen! 
Unsre Zufriedenheit bringt keine Gefährde der Welt. 



KAUM an dem blaueren Himmel erblickt ich die 
glänzende Sonne, 
Reich, vom Felsen herab, Efeu zu Kränzen geschmückt, 
Sah den emsigen Winzer die Rebe der Pappel verbinden, 

Über die Wiege Virgils kam mir ein laulicher Wind: 
Da gesellten die Musen sich gleich zum Freunde; wir 

pflogen 
Abgerißnes Gespräch, wie es den Wanderer freut. 



IMMER halt ich die Liebste begierig im Arme geschlossen. 
Immer drängt sich mein Herz fest an den Busen ihr an. 
Immer lehnet mein Haupt an ihren Knieen, ich blicke 

Nach dem lieblichen Mvmd, ihr nach den Augen hinauf. 
"Weichling!" schölte mich einer, ''und so verbringst du 

die Tager" 
Ach, ich verbringe sie schlimm! Höre ntu:, wie mir 

geschieht: 
Leider wend ich den Rücken der einzigen Freude des 

Lebens; 
Schon den zwanzigsten Tag schleppt mich der Wagen 

dahin. 
Vetturine trotzen mir nun, es schmeichelt der Kämmrer, 
Und der Bediente vom Platz sinnet auf Lügen und Trug. 
Will ich ihnen entgehn, so faßt mich der Meister der 

Posten, 
Postillone sind Herrn, dann die Dogane dazu! 
"Ich verstehe dich nicht! du widersprichst dir! du schienest 

Paradiesisch zu ruhn, ganz, wie Rinaldo, beglückt." 
Ach! ich verstehe mich wohl: es ist mein Körper auf Reisen, 
Und es ruhet mein Geist stets der Geliebten im Schoß. 



30 2 LYRISCHE DICHTUNGEN 

[Venezianische Epigramme] 

SARKOPHAGEN und Urnen verzierte der Heide mit 
Leben: 
Faunen tanzen umher, mit der Bacchantinnen Chor 
Machen sie bimte Reihe; der ziegengefüßete Pausback 
Zwingt den heiseren Ton wild aus dem schmetternden 

Hörn. 
Zimbeln, Trommeln erklingen; wir sehen und hören den 

Marmor. 
Flatternde Vögel! wie schmeckt herrlich dem Schnabel 

die Frucht! 
Euch verscheuchet kein Lärm, noch weniger scheucht er 

den Amor, 

Der in dem bunten Gewühl erst sich der Fackel erfreut. 

So überwältiget Fülle den Tod; und die Asche da drinnen 

Scheint, im stillen Bezirk, noch sich des Lebens zu freun. 

So umgebe denn spät den Sarkophagen des Dichters 

Diese Rolle, von ihm reichlich mit Leben geschmückt. 

DAS ist Italien, das ich verließ. Noch stäuben die 
Wege, 
Noch ist der Fremde geprellt, stell er sich, wie er auch 

will. 
Deutsche Redlichkeit suchst du in allen Winkeln ver- 
gebens: 
Leben und Weben ist hier, aber nicht Ordnung und 

Zucht; 
Jeder sorgt nur fiir sich, mißtrauet dem andern, ist eitel, 
Und die Meister des Staats sorgen nur wieder für sich. 
Schön ist das Land; doch ach! Faustinen find ich nicht 

wieder. 
Das ist Italien nicht mehr, das ich mit Schmerzen verließ. 

IN der Gondel lag ich gestreckt imd fuhr durch die Schiflfe, 
Die in dem großen Kanal, viele befrachtete, stehn. 
Mancherlei Ware findest du da für manches Bedürfnis, 
Weizen, Wein und Gemüs, Scheite, wie leichtes Ge- 
sträuch. 



1788/93 WEIMAR 303 

Pfeilschnell drangen wir durch; da traf ein verlorener 

Lorbeer 
Derb mir die Wangen. Ich rief: Daphne, verletzest 

du mich? 
Lohn erwartet ich eher! Die Nymphe lispelte lächelnd: 
Dichter sündgen nicht schwer. Leicht ist die Strafe. 

Nur zu! 



SEH ich den Pilgrim, so kann ich mich nie der Tränen 
enthalten. 
O wie beseliget uns Menschen ein falscher Begriflf! 

EINE Liebe hatt ich, sie war mir lieber als alles! 
Aber ich hab sie nicht mehr! Schweig, und ertrag 

den Verlust! 



DIESE Gondel vergleich ich der sanft einschaukelnden 
Wiege, 
Und das Kästchen darauf scheint ein geräumiger Sarg. 
Recht so! Zwischen der Wieg und dem Sarg wir schwan- 
ken und schweben 
Auf dem großen Kanal sorglos durchs Leben dahin. 

FEIERLICH sehn wir neben dem Doge den Nuntius 
gehen; 
Sie begraben den Herrn, einer versiegelt den Stein. 
Was der Doge sich denkt, ich weiß es nicht; aber der 

andre 
Lächelt über den Ernst dieses Gepränges gewiß. 

WARUM treibt sich das Volk so, und schreit? Es 
will sich ernähren, 
Kinder zeugen, und die nähren, so gut es vermag. 
Merke dir, Reisender, das und tue zu Hause desgleichen! 
Weiter bringt es kein Mensch, stell er sich, wie er 

auch will. 



so 4 LYRISCHE DICHTUNGEN 

WIE sie klingeln, die Pfaffen! Wie angelegen sies 
machen, 
Daß man komme, nur ja plappre, wie gestern so heut! 
Scheltet mir nicht die Pfaffen; sie kennen des Menschen 

Bedürfnis! 
Denn wie ist er beglückt, plappert er morgen wie heut! 



MACHE der Schwärmer sich Schüler wie Sand am 
Meere— der Sand ist 
Sand; die Perle sei mein, du, o vernünftiger Freund! 



SÜSS, den sprossenden Klee mit weichlichen Füßen im 
Frühling 
Und die Wolle des Lamms tasten mit zärtlicher Hand; 
Süß, voll Blüten zu sehn die neulebendigen Zweige, 

Dann das grünende Laub locken mit sehnendem Blick. 
Aber süßer, mit Blumen dem Busen der Schäferin 

schmeicheln; 
Und dies vielfache Glück läßt mich entbehren der Mai. 



WEIT und schön ist die Welt! doch o wie dank ich 
dem Himmel, 
Daß ein Gärtchen, beschränkt, zierlich, mir eigen gehört! 
Bringt mich wieder nach Hause! Was hat ein Gärtner zu 

reisen? 
Ehre bringts ihm imd Glück, wenn er sein Gärtchen 

besorgt. 



DIESEM Amboß vergleich ich das Land, den Hammei 
dem Herrscher, 
Und dem Volke das Blech, das in der Mitte sich krümmt 
Wehe dem armen Blech! wenn nur willkürliche Schläge 
Ungewiß treffen, und nie fertig der Kessel erscheint. 



1788/93 WEIMAR 305 

SCHÜLER macht sich der Schwärmer genug, und rühret 
die Menge, 
Wenn der vernünftige Mann einzelne Liebende zählt. 
Wundertätige Bilder sind meist nur schlechte Gemälde: 
Werke des Geists und der Kunst sind für den Pöbel 

nicht da. 



M 



ACHE zum Herrscher sich der, der seinen Vorteil 

verstehet: 
Doch wir wählten uns den, der sich auf unsem versteht. 



N 



OT lehrt beten, mansagts; will einer es lernen, ergehe 
Nach Italien! Not findet der Fremde gewiß. 



WELCH ein heftig Gedränge nach diesem Laden! 
Wie emsig 
Wägt man, empfängt man das Geld, reicht man die 

Ware dahin! 
Schnupftabak wird hier verkauft. Das heißt sich selber 

erkennen! 
Nieswurz holt sich das Volk, ohne Verordnung und Arzt. 

JEDER Edle Venedigs kann Doge werden; das macht ihn 
Gleich als Knaben so fein, eigen, bedächtig und stolz. 
Darum sind die Oblaten so zart im katholischen Welsch- 
land; 
Denn aus demselbigen Teig weihet der Priester den 

Gott. 

RUHIG am Arsenal stehn zwei altgriechische Löwen; 
Klein wird neben dem Paar Pforte, wie Turm imd 

Kanal. 
Käme die Mutter der Götter herab, es schmiegten sieb 

beide 
Vor den Wagen, und sie freute sich ihres Gespanns. 
Aber nun ruhen sie traurig; der neue geflügelte Kater 
Schnurrt überall, und ihn nennet Venedig Patron. 

GOETHE XIV 30. 



3o6 LYRISCHE DICHTUNGEN 

EMSIG wallet der Pilger! Und wird er den Heiligen 
finden? 
Hören und sehen den Mann, welcher die Wunder getan? 
Nein, es führte die Zeit ihn hinweg: du findest nur Reste, 

Seinen Schädel, ein paar seiner Gebeine verwahrt. 
Pilgrime sind wir alle, die wir Italien suchen; 

Nur ein zerstreutes Gebein ehren wir gläubig und froh. 



JUPITER Pluvius, heut erscheinst du ein freundlicher 
Dämon, 
Denn ein vielfach Geschenk gibst du in Einem Moment: 
Gibst Venedig zu trinken, dem Lande grünendes Wachstum, 
Manches kleine Gedicht gibst du dem Büchelchen hier. 

GIESSE nur, tränke nur fort die rotbemäntelten Frösche, 
Wäßre das durstende Land, daß es uns Broccoli 

schickt. 
Nur durchwäßre mir nicht dies Büchlein; es sei mir ein 

Fläschchen 
Reinen Araks, uüd Punsch mache sich jeder nach Lust. 

SANKT Johannes im Kot heißt jene Kirche; Venedig 
Nenn ich mit doppeltem Recht heute Sankt Markus 

im Kot. 

HAST du Bajä gesehn, so kennst du das Meer und die 
Fische. 
Hier ist Venedig; du kennst nun auch den Pfuhl und 

den Frosch. 



SCHLÄFST du noch immer?" Nur still, und laß mich 
ruhen; erwach ich, 
Nim, was soll ich denn hier? Breit ist das Bette, doch 

leer. 
Ist überall ja doch Sardinien, wo man allein schläft, 
Tibur, Freund, überall, wo dich die Liebliche weckt. 



1788/93 WEIMAR 307 

ALLE Neun, sie winkten mir oft, ich meine die Musen; 
Doch ich achtet es nicht, hatte das Mädchen im 

Schoß. 
Nun verließ ich mein Liebchen; mich haben die Musen 

verlassen, 
Und ich schielte verwirrt, suchte nach Messerund Strick. 
Doch von Göttern ist voll der Olymp; du kamst, mich zu 

retten, 
Langeweile! du bist Mutter der Musen gegrüßt. 



WELCH ein Mädchen ich wünsche zu haben .^ Ihr fragt 
mich. Ich hab sie, 
Wie ich sie wünsche, das heißt, dünkt mich, mit weni- 
gem viel. 
An dem Meere ging ich, und suchte mir Muscheln. In 

einer 
Fand ich ein Perlchen; es bleibt nun mir am Herzen 

verwahrt. 



VIELES hab ich versucht, gezeichnet, in Kupfer ge- 
stochen, 
Öl gemalt, in Ton hab ich auch manches gedruckt. 
Unbeständig jedoch, und nichts gelernt noch geleistet; 

Nur ein einzig Talent bracht ich der Meisterschaft nah. 
Deutsch zu schreiben. Und so verderb ich unglücklicher 

Dichter 
In dem schlechtesten StoflF leider nun Leben und Kunst. 



SCHÖNE Kinder tragt ihr, und steht mit verdeckten 
Gesichtern, 
Bettelt: das heißt mit Macht reden ans männUche Herz. 
Jeder wünscht sich ein Knäbchen, wie ihr das dürftige 

I zeiget. 

Und ein Liebchen, wie maus imter dem Schleier sich 
denkt. 



3o8 LYRISCHE DICHTUNGEN 

DAS ist dein eigenes Kind nicht, worauf du bettelst, 
und rührst mich; 
O wie rührt mich erst die, die mir mein eigenes bringt! 



WARUM leckst du dein Mäulchen, indem du mir 
eilig begegnest? 
Wohl, dein Züngelchen sagt mir, wie gesprächig es sei. 



SÄMTLICHE Künste lernt und treibet der Deutsche; 
zu jeder 
Zeigt er ein schönes Talent, wenn er sie ernstlich er- 
greift. 
Eine Kunst nur treibt er, und will sie nicht lernen, die 

Dichtkunst. 
Darum pfuscht er auch so; Freunde, wir habens erlebt. 



EINES Menschen Leben, was ists? Doch Tausende 
können 
Reden über den Mann, was er und wie ers getan. 
Weniger ist ein Gedicht; doch können es Tausend ge- 
nießen, 
Tausende tadeln. Mein Freimd, lebe nur, dichte nur fort! 



MÜDE war ich geworden, nur immer Gemälde zu 
sehen. 
Herrliche Schätze der Kunst, wie sie Venedig bewahrt. 
Denn auch dieser Genuß verlangt Erholung und Muße; 
Nach lebendigem Reiz suchte mein schmachtender 

Blick. 
Gauklerin! da ersah ich in dir zu den Bübchen das Urbild, 

Wie sie Johannes Bellin reizend mit Flügeln gemalt. 

Wie sie Paul Veronese mit Bechern dem Bräutigam sendet. 

Dessen Gäste, getäuscht, Wasser genießen für Wein. 



1788/93 WEIMAR 309 

WIE, von der künstlichsten Hand geschnitzt, das liebe 
Figürchen, 
Weich und ohne Gebein, wie die Molluska nur schwimmt! 
Alles ist Glied, und alles Gelenk, und alles gefällig, 

Alles nach Maßen gebaut, alles nach Willkür bewegt. 

Menschen hab ich gekannt und Tiere, so Vögel als Fische, 

Manches besondre Gewürm, Wunder der großen Natur; 

Und doch staun ich dich an. Bettine, liebliches Wunder 

Die du alles zugleich bist, und ein Engel dazu. 

KEHRE nicht, liebliches Kind, die Beinchen hinauf 
zu dem Himmel; 
Jupiter sieht dich, der Schalk, und Ganymed ist besorgt. 

WENDE die Füßchen zum Himmel nur ohne Sorge! 
Wir strecken 
Arme betend empor; aber nicht schuldlos wie du. 



SEITWÄRTS neigt sich dein Hälschen. Ist das ein 
Wunder? Es traget 
Oft dich Ganze; du bist leicht, nur dem Hälschen zu 

schwer. 
Mir ist sie gar nicht zuwider, die schiefe Stellung des 

Köpfchens: 
Unter schönerer Last beugte kein Nacken sich je. 

SO verwirret mit dumpf willkürlich verwebten Gestalten, 
Höllisch und trübe gesinnt, Breughel den schwan- 
kenden Blick; 
So zerrüttet auch Dürer mit apokalyptischen Bildern, 

Menschen und Grillen zugleich, unser gesundes Gehirn; 

So erreget ein Dichter, von Sphinxen, Sirenen, Zentauren 

Singend, mit Macht Neugier in dem verwunderten Ohr; 

So beweget ein Traum den Sorglichen, wenn er zu greifen, 

Vorwärts glaubet zu gehn, alles veränderlich schwebt: 

So verwirrt uns Bettine, die holden Glieder verwechselnd; 

Doch erfreut sie uns gleich, wenn sie die Sohlen betritt. 



3IO LYRISCHE DICHTUNGEN 

GERN überschreit ich die Grenze, mit breiter Kreide 
gezogen. 
Macht sie Bottegha, das Kind, drängt sie mich artig 

zurück. 



ACH! mit diesen Seelen, was macht er? Jesus Maria! 
Bündelchen Wäsche sind das, wie man zum Brunnen 

sie trägt. 
Wahrlich, sie fällt! Ich halt es nicht aus! Komm, gehn 

wir! Wie zierlich! 
Sieh nur, wie steht sie, wie leicht! Alles mit Lächeln 

und Lust!" 
Altes Weib, du bewunderst mit Recht Bettinen! du scheinst 

mir 
Jünger zu werden und schön, da dich mein Liebling 

erfreut. 



ALLES seh ich so gerne von dir; doch seh ich am 
liebsten, 
Wenn der Vater behend über dich selber dich wirft, 
Du dich im Schwung überschlägst und, nach dem tödlichen 

Spnmge, 
Wieder stehest und läufst, eben ob nichts war geschehn. 



SCHON entrunzelt sich jedes Gesicht; die Furchen der 
Mühe, 
Sorgen und Armut fliehn. Glückliche glaubt man zu 

sehn. 
Dir erweicht sich der Schiffer und klopft dir die Wange; 

der Säckel 
Tut sich dir kärglich zwar, aber er tut sich doch auf, 
Und der Bewohner Venedigs entfaltet den Mantel und 

reicht dir, 
Eben als flehtest du laut bei den Mirakeln Antons, 
Bei des Herrn fünf Wunden, dem Herzen der seligsten 

Jungfrau, 
Bei der feurigen Qual, welche die Seelen durchfegt. 



1 



1788/93 WEIMAR 311 

Jeder kleine Knabe, der Schiffer, der Höke, der Bettler 
Drängt sich, und freut sich bei dir, daß er ein Kind 

ist wie du. 

DICHTEN ist ein lustig Metier; nur find ich es teuer: 
Wie dies Büchlein mir wächst, gehn die Zechinen 

mir fort. 

WELCH ein Wahnsinn ergriff dich Müßigen? Hältst 
du nicht inne? 
Wird dies Mädchen ein Buch? Stimme was Klügeres 

an!" 

Wartet, ich singe die Könige bald, die Großen der Erde, 

Wenn ich ihr Handwerk einst besser begreife wie jetzt. 

Doch Bettinen sing ich indes; denn Gaukler und Dichter 

Sind gar nahe verwandt, suchen und finden sich gem. 

BÖCKE, zur Linken mit euch! so ordnet künftig der 
Richter: 
Und ihr Schäfchen, ihr sollt ruhig zur Rechten mir stehn! 
Wohl! Doch eines ist noch von ihm zu hoffen; dann sagtet: 
Seid, Vernünftige, mir grad gegenüber gestellt! 

^■y /"ISST ihr, wie ich gewiß zu Hunderten euch Epi- 



gramme 



» 



w 

Fertige? Führet mich nur weit von der Liebsten hinweg! 

ALLE Freiheitsapostel, sie waren mir immer zuwider; 
Willkür suchte doch nur jeder am Ende für sich. 
Willst du viele befrein, so wag es, vielen zu dienen. 
Wie gefährlich das sei, willst du es wissen? Versuchs! 

KÖNIGE wollen das Gute, die Demagogen desgleichen. 
Sagt man; doch irren sie sich: Menschen, ach, sind 

sie wie wir. 
Nie gelingt es der Menge, für sich zu wollen, wir wissens; 
Doch wer verstehet, fiir uns alle zu wollen, er zeigs! 



312 LYRISCHE DICHTUNGEN 

FRANKREICHS traurig Geschick, die Großen mögens 
bedenken; 
Aber bedenken fürwahr sollen es Kleine noch mehr. 
Große gingen zugrunde: doch wer beschützte die Menge 
Gegen die Menge? Da war Menge der Menge Tyrann. 



T 



OLLE Zeiten hab ich erlebt, und hab nicht ermangelt, 
Selbst auch töricht zu sein, wie es die Zeit mir gebot. 



SAGE, tun wir nicht recht? Wir müssen den Pöbel be- 
triegen. 
Sieh nur, wie ungeschickt, sieh nur, wie wild er sich 

zeigt!" 
Ungeschickt und wild sind alle rohe Betrognen; 

Seid nur redlich, und so führt ihn zum Menschlichen an. 

JENE Menschen sind toll, so sagt ihr von heftigen 
Sprechern, 
Die wir in Frankreich laut hören auf Straßen und Markt. 
Mir auch scheinen sie toll; doch redet ein Toller in Frei- 
heit 
Weise Sprüche, wenn ach! Weisheit im Sklaven ver- 
stummt. 

LANGE haben die Großen der Franzen Sprache, ge- 
sprochen, 
Halb nur geachtet den Mann, dem sie vom Munde 

nicht floß. 
Nun lallt alles Volk entzückt die Sprache der Franken. 
Zürnet, Mächtige, nicht! Was ihr verlangtet, geschieht. 

SEID doch nicht so frech, Epigramme!" Warum nicht? 
Wir sind nur 
Überschriften; die Welt hat die Kapitel des Buchs. 

WIE dem hohen Apostel ein Tuch voll Tiere ge- 
zeigt ward, 
Rein und unrein, zeigt, Lieber, das Büchlein sich dir. 



1788/93 WEIMAR 313 

EIN Epigramm, ob wohl es gut sei? Kannst dus ent- 
scheiden: 
Weiß man doch eben nicht stets, was er sich dachte, 

der Schalk. 



UM so gemeiner es ist und näher dem Neide, der Miß- 
gunst, 
Um so eher begreifst du das Gedichtchen gewiß. 



ClILOE schwöret, sie liebt mich; ich glaubs nicht. Aber 
sie liebt dich! 
Sagt mir ein Kenner. Schon gut; glaubt ichs, da war 

es vorbei. 



NIEMAND liebst du, und mich, Philarchos, liebst du 
so heftig. 
Ist denn kein anderer Weg, mich zu bezwingen, als der? 

VIELES kann ich ertragen. Die meisten beschwer- 
lichen Dinge 
Duld ich mit ruhigem Mut, wie es ein Gott mir gebeut. 
Wenige sind mir jedoch wie Gift und Schlange zuwider, 
Viere: Rauch des Tabaks, Wanzen und Knoblauch und f. 

LÄNGST schon hätt ich euch gern von jenen Tierchen 
gesprochen, 
Die so zierlich und schnell fahren dahin und daher, 
Schlängelchen scheinen sie gleich, doch viergefüßet; sie 

laufen, 
Kriechen und schleichen, und leicht schleppen die 

Schwänzchen sie nach. 
Seht, hier sind sie! und hier! Nun sind sie verschwunden! 

Wo sind sie? 
Welche Ritze, welch Kraut nahm die entfliehenden auf- 
Wollt ihr mirs künftig erlauben, so nenn ich die Tierchen 

Lazerten; 
Denn ich brauche sie noch oft als gefälliges Bild. 



314 LYRISCHE DICHTUNGEN 

WER Lazerten gesehn, der kann sich die zierlichen 
Mädchen 
Denken, die über den Platz fahren dahin und daher. 
Schnell und beweglich sind sie, luid gleiten, stehen und 

schwatzen, 
Und es rauscht das Gewand hinter den eilenden drein. 
Sieh, hier ist sie! und hier! Verlierst du sie einmal, so 

suchst du 
Sie vergebens; so bald kommt sie nicht wieder hervor. 
Wenn du aber die Winkel nicht scheust, nicht Gäßchen 

und Treppchen, 
Folg ihr, wie sie dich lockt, in die Spelunke hinein! 



WAS Spelunke nun sei, verlangt ihr zu wissen? Da 
wird ja 
Fast zum Lexikon dies epigrammatische Buch. 
Dunkele Häuser sinds in engen Gäßchen; zum Kaffee 
Führt dich die Schöne, imd sie zeigt sich geschäftig, 

nicht du. 



ZWEI der feinsten Lazerten, sie hielten sich immer 
zusammen. 
Eine beinahe zu groß, eine beinahe zu klein. 
Siehst du beide zusammen, so wird die Wahl dir unmöglich; 
Jede besonders, sie schien einzig die schönste zu sein. 



HEILIGE Leute, sagt man, sie wollten besonders dem 
Sünder 
Und der Sünderin wohl. Gehts mir doch eben auch so. 



WAR ich ein häusliches Weib, und hätte, was ich 
bedürfte. 
Treu sein wollt ich und froh, herzen und küssen den 

Mann. 
So sang, unter andern, gemeinen Liedern, ein Dirnchen 
Mir in Venedig, und nie hört ich ein frömmer Gebet. 



r 



1788/93 WEIMAR 315 

WUNDERN kann es mich nicht, daß Menschen die 
Hunde so lieben: 
- Denn ein erbärmlicher Schuft ist, wie der Mensch, so 

der Hund. 



FRECH wohl bin ich geworden; es ist kein Wunder. 
Ihr Götter 
Wißt, und wißt nicht allein, daß ich auch fromm bin 

und treu. 



HAST du nicht gute Gesellschaft gesehn? Es zeigt uns 
dein Büchlein 
Fast nur Gaukler und Volk, ja was noch niedriger ist." 
Gute Gesellschaft hab ich gesehn, man nennt sie die gute, 
Wenn sie zum kleinsten Gedicht keine Gelegenheit gibt. 

WAS mit mir das Schicksal gewollt? Es wäre ver- 
wegen. 
Das zu fragen; denn meist will es mit vielen nicht viel. 
Einen Dichter zu bilden, die Absicht war ihm gelungen, 
Hätte die Sprache sich nicht unüberwindlich gezeigt. 

MIT Botanik gibst du dich ab? mit Optik? Was tust du? 
Ist es nicht schönrer Gewinn, rühren ein zärt- 
liches Herz? 
Ach, die zärtlichen Herzen! ein Pfuscher vermag sie zu 

rühren; 
Sei es mein einziges Glück, dich zu berühren, Natur! 

WEISS hat Newton gemacht aus allen Farben. Gar 
manches 
Hat er euch weisgemacht, das ihr ein Säkulum glaubt. 

ALLES erklärt sich wohl," so sagt mir ein Schüler, "aus 
jenen 
Theorien, die uns weislich der Meister gelehrt." 
Habt ihr einmal das Kreuz von Holze tüchtig gezimmert, 
Paßt ein lebendiger Leib freilich zur Strafe daran. 



3 1 6 LYRISCHE DICHTUNGEN 

WENN auf beschwerlichen Reisen ein Jüngling zur 
Liebsten sich windet, 
Hab er dies Büchlein; es ist reizend und tröstlich zu- 
gleich. 
Und erwartet dereinst ein Mädchen den Liebsten, sie halte 
Dieses Büchlein, und nur, kommt er, so werfe sies weg. 

GLEICH den Winken des Mädchens, des eilenden, 
welche verstohlen 
Im Vorbeigehn nur freundlich mir streifet den Arm, 
So vergönnt, ihr Musen, dem Reisenden kleine Gedichte: 
O behaltet dem Freund größere Gunst noch bevor! 



WENN, in Wolken und Dünste verhüllt, die Sonne 
nur trübe 
Stunden sendet, wie still wandeln die Pfade wir fort! 
Dränget Regen den Wandrer, wie ist uns des ländlichen 

Daches 
Schirm willkommen! Wie sanft ruht sichs in stürmischer 

Nacht! 
Aber die Göttin kehret zurück! Schnell scheuche die Nebel 
Von der Stirne hinweg! Gleiche der Mutter Natur! 

WILLST du mit reinem Gefühl der Liebe Freuden 
genießen, 
O laß Frechheit und Ernst ferne vom Herzen dir sein. 
Die will Amorn verjagen, und ^(fr gedenkt ihn zu fesseln; 
Beiden das Gegenteil lächelt der schelmische Gott. 



GÖTTLICHER Morpheus, umsonst bewegst du die 
lieblichen Mohne; 
Bleibt das Auge doch wach, wenn mir es Amor nicht 

schließt. 



L 



lEBE flößest du ein, und Begier; ich fühl es, tmd brenne. 
Liebenswürdige, nun flöße Vertrauen mir ein! 



1788/93 WEIMAR 317 

HA! ich kenne dich, Amor, so gut als einer! Da bringst 
du 
Deine Fackel, und sie leuchtet im Dunkel uns vor. 
Aber du fuhrest ims bald verworrene Pfade; wir brauchten 
Deine Fackel erst recht, ach! und die falsche erlischt. 

EINE einzige Nacht an deinem Herzen! — Das andre 
Gibt sich. Es trennet tms noch Amor in Nebel imd 

Nacht. 
Ja, ich erlebe den Morgen, an dem Aurora die Freunde 
Busen an Busen belauscht, Phöbus, der frühe, sie weckt. 



1 



ST es dir Ernst, so zaudre nun länger nicht, mache mich 

glücklich! 

Wolltest du scherzen? Es sei, Liebchen, des Scherzes 

genug! 



DASS ich schweige, verdrießt dich? Was soll ich reden? 
Du merkest 
Auf der Seufzer, des Blicks leise Beredsamkeit nicht. 
Eine Göttin vermag der Lippe Siegel zu lösen; 

Nur Aurora, sie weckt einst dir am Busen mich auf. 
Ja, dann töne mein Hymnus den frühen Göttern entgegen. 
Wie das Memnonische Bild lieblich Geheinmisse sang. 

WELCH ein lustiges Spiel! Es windet am Faden 
die Scheibe, 
Die von der Hand entfloh, eilig sich wieder herauf! 
Seht, so schein ich mein Herz bald dieser Schönen, bald 

jener 
Zuzuwerfen; doch gleich kehrt es im Fluge zurück. 

Owie achtet ich sonst auf alle Zeiten des Jahres, 
Grüßte den kommenden Lenz, sehnte dem Herbste 

mich nach! 
Aber nun ist nicht Sommer noch Winter, seit mich Be- 
glückten 
Amors Fittich bedeckt, ewiger Frühling umschwebt. 



31 8 LYRISCHE DICHTUNGEN 

SAGE, wie lebst du? Ich lebe! und wären hundert imd 
hundert 
Jahre dem Menschen gegönnt, wünscht ich mir morgen 

wie heut. 

GÖTTER, wie soll ich euch danken! Ihr habt mir alles 
gegeben. 
Was der Mensch sich erfleht; nur in der Regel fast nichts. 



DU erstaunest, imd zeigst mir das Meer; es scheinet 
zu brennen. 
Wie bewegt sich die Flut flammend ums nächtliche 

Schifft 
Mich verwundert es nicht, das Meer gebar Aphroditen, 
Und entsprang nicht aus ihr uns eine Flamme, der 

Sohn? 

GLÄNZEN sah ich das Meer, xmd blinken die liebliche 
Welle, 
Frisch mit günstigem Wind zogen die Segel dahin. 
Keine Sehnsucht fühlte mein Herz; es wendete rückwärts, 
Nach dem Schnee des Gebirgs, bald sich der schmach- 
tende Blick. 
Südwärts liegen der Schätze wie viel! Doch einer im 

Norden 
Zieht, ein großer Magnet, unwiderstehlich zurück. 

ACH! mein Mädchen verreist! Sie steigt zu Schiffe!— 
Mein König, 
Äolus! mächtiger Fürst! halte die Stürme zurück! 
Törichter! ruft mir der Gott, befürchte nicht wütende 

Stürme: 
Fürchte den Hauch, wenn sanft Amor die Flügel be- 
wegt! 

OFTMALS hab ich geirrt, und habe mich wieder ge- 
funden. 
Aber glücklicher nie; nun ist dies Mädchen mein Glück! 



1788/93 WEIMAR 319 

Ist auch dieses ein Irrtum, so schont mich, ihr klügeren 

Götter, 
Und benehmt mir ihn erst drüben am kalten Gestad. 



TRAURIG, Midas, war dein Geschick: in bebenden 
Händen 
Fühltest du, hungriger Greis, schwere verwandelte Kost. 
Mir, im ähnlichen Fall, gehts lustger; denn was ich be- 
rühre, 
Wird mir unter der Hand gleich ein behendes Gedicht. 
Holde Musen, ich sträube mich nicht; nur daß ihr mein 

Liebchen, 
Drück ich es fest an die Brust, nicht mir zum Märchen 

verkehrt. 



UND so tändelt ich mir, von allen Freunden geschieden, 
In der Neptunischen Stadt Tage wie Stvmden hin- 
weg. 
Alles, was ich erfuhr, ich würzt es mit süßer Erinnrung, 
Würzt es mit Hoffnung; sie sind lieblichste Würzen 

der Welt. 



EINEN zierlichen Käfig erblickt ich; hinter dem Gitter 
Regten sich emsig und rasch Mädchen des süßen 

Gesangs. 
Mädchen wissen sonst nur uns zu ermüden; Venedig, 
Heil dir, daß du sie auch uns zu erquicken ernährst. 



WENN ich den Dieben gebellt, Liebhabern hab ich 
geschwiegen; 
Und so begünstigten mich beide, der Herr und die Frau. 



[An die Herzogin Anna Amalia] 

SAGT, wem geb ich dies Büchlein? Der Fürstin, die 
mirs gegeben, 
Die uns Italien noch jetzt in Germanien schafift. 



320 LYRISCHE DICHTUNGEN 

ARM und kleiderlos war, als ich sie geworben, das 
Mädchen; 
Damals gefiel sie mir nackt, wie sie mir jetzt noch 

gefällt. 



JEGLICHEN Schwärmer schlagt mir ans Kreuz im 
dreißigsten Jahre; 
Kennt er nur einmal die Welt, wird der Betrogne der 

Schelm. 



FÜRSTEN prägen so oft auf kaum versilbertes Kupfer 
Ihr bedeutendes Bild; lange betriegt sich das Volk. 
Schwärmer prägen den Stempel des Geists auf Lügen und 

Unsinn; 
Wem der Probierstein fehlt, hält sie für redliches Gold, 



ST denn so groß das Geheimnis, was Gott und der 

L Mensch und die Welt sei? 

Nein! Doch niemand hörts gerne; da bleibt es geheim. 



IN der Dämmrung des Morgens den höchsten Gipfel er- 
klimmen. 
Frühe den Boten des Tags grüßen, dich, freimdlichen 

Stern! 
Ungeduldig die Blicke der Himmelsfürstin erwarten, 
Wonne des Jünglings, wie oft locktest du nachts mich 

heraus! 
Nun erscheint ihr mir, Boten des Tags, ihr himmlischen 

Augen 
Meiner Geliebten, und stets kommt mir die Sonne zu 

früh. 



1^ 1788/93 WEIMAR 321 

GRÜN ist der Boden der Wohnung, die Sonne scheint 
durch die Wände, 
Und das Vögelchen Singt über dem leinenen Dach; 
Kriegerisch reiten wir aus, besteigen Schlesiens Höhen, 
Schauen mit gierigem Blick vorwärts nach Böhmen 

hinein. 
Aber es zeigt sich kein Feind — und keine Feindin; o bringe, 
Wenn ims Mavors betrügt, bring uns, Cupido, den ELrieg. 



V: 



[An Christiane] 

ON Osten nach Westen — 
Zu Hause am besten. 



[An die Knappschaft der Friedrichsgrabe bei Tamowitz] 

FERN von gebildeten Menschen, am Ende des Reiches, 
wer hilft euch 
Schätze finden und sie glücklich zu bringen ans Licht? 
Nur Verstand und Redlichkeit helfen, es führen die beiden 
Schlüssel zu jeglichem Schatz, welchen die Erde ver- 
wahrt. 



DER RATTENFÄNGER 

ICH bin der woljlbekannte Sänger, 
Der vielgereiste Rattenfänger, 
Den diese altberühmte Stadt 
Gewiß besonders nötig hat. 
Und wärens Ratten noch so viele, 
Und wären Wiesel mit im Spiele, 
Von allen säubr ich diesen Ort, 
Sie müssen miteinander fort. 

Dann ist der gut gelaunte Sänger 
Mitunter auch ein Kinderfänger, 
Der selbst die wildesten bezwingt. 
Wenn er die goldnen Märchen singt. 

ETHE XIV ai. 



38 2 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Und wären Knaben noch so trutzig, 
Und wären Mädchen noch so stutzig, 
In meine Saiten greif ich ein, 
Sie müssen alle hinterdrein. 

Dann ist der vielgewandte Sänger 
Gelegentlich ein Mädchenfänger; 
In keinem Städtchen langt er an, 
Wo ers nicht mancher angetan. 
Und wären Mädchen noch so blöde, 
Und wären Weiber noch so spröde, 
Doch allen wird so liebebang 
Bei Zaubersaiten imd Gesang. 

(Von Anfang) 

[In das Stammbuch Heinrich Becks] 

BLUMEN reicht die Natur, es windet die Kunst sie zum 
Kränze. 



[An den Herzog Karl August] 

ZU dem erbaulichen Entschluß, 
Bei diesem Wetter hier zu bleiben, 
Send ich des Wissens Überfluß 
Die Zeit dir edel zu vertreiben. 
Gewiß, du wirst zufrieden sein. 
Wenn du wirst die Verwandtschaft sehen, 
Worinnen Geist und Fleisch und Stein 
Und Erz und Öl und Wasser stehen. 

Indes macht draußen vor dem Tor, 
Wo allerliebste Kätzchen blühen, 
Durch alle zwölf Kategorien 
Mir Amor seine Spaße vor. 



V 



[In das Stammbuch Friedrich Ludwig Schröders] 

lELE sahn dich mit Wonne, dich wünschen so viele 

zu sehen; 
Reise glücklich! Du bringst überall Freude mit hin. 



1788/93 WEIMAR 323 

SAKONTALA 

WILL ich die Blumen des frühen, die Früchte des 
späteren Jahres, 
Will ich, was reizt und entzückt, will ich, was sättigt 

und nährt. 
Will ich den Himmel, die Erde mit Einem Namen be- 
greifen, 
Nenn ich, Sakontala, dich, und so ist alles gesagt. 

DIE SPINNERIN 

ALS ich still und ruhig spann, 
Ohne nur zu stocken, 
Trat ein schöner junger Mann 
Nahe mir zum Rocken. 

Lobte, was zu loben war, 
Sollte das was schaden? 
Mein dem Flachse gleiches Haar, 
Und den gleichen Faden. 

Ruhig war er nicht dabei, 
Ließ es nicht beim alten; 
Und der Faden riß entwei, 
Den ich lang erhalten. 

Und des Flachses Stein- Gewicht 
Gab noch viele Zahlen; 
Aber, ach, ich konnte nicht 
Mehr mit ihnen prahlen. 

Als ich sie zum Weber trug, 
Fühlt ich was sich regen. 
Und mein armes Herze schlug 
Mit geschwindem Schlägen, 

Nim, beim heißen Sonnenstich, 
Bring ichs auf die Bleiche, 
Und mit Mühe bück ich mich 
Nach dem nächsten Teiche. 



324 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Was ich in dem Kämmerlein 
Still und fein gesponnen, 
Kommt — wie kann es anders sein? — 
Endlich an die Sonnen. 

TRIERISCHE Hügel beherrschte Dionysos, aber der 
Bischof 
Dionysius trieb ihn und die Seinen herab; 
Christlich lagerten sich Bacchanten- Scharen im Tale, 
Hinter die Mauern versteckt, üben sie alten Gebrauch. 

KÜNSTLERS FUG UND RECHT 

EIN frommer Maler mit vielem Fleiß 
Hatte manchmal gewonnen den Preis, 
Und manchmal ließ ers auch geschehn, 
Daß er einem Bessern nach mußt stehn; 
Hatte seine Tafeln fortgemalt, 
Wie man sie lobt, wie man sie bezahlt. 
Da kamen einige gut hinaus, 
Man baut' ihn'n sogar ein Heiligenhaus. 

Nun fand er Gelegenheit einmal. 
Zu malen eine Wand im Saal; 
Mit emsigen Zügen er staffiert', 
Was öfters in der Welt passiert; 
Zog seinen Umriß leicht und klar, 
Man konnte sehn, was gemeint da war. 
Mit wenig Farben er koloriert', 
Doch so, daß er das Aug frappiert. 
Er glaubt' es für den Platz gerecht 
Und nicht zu gut und nicht zu schlecht, 
Daß es versammelte Herrn und Fraun 
Möchten einmal mit Lust beschaun; 
Zugleich er auch noch wünscht' und wollt. 
Daß man dabei was denken sollt. 

Als nun die Arbeit fertig war. 

Da trat herein manch Fretmdespaar, 



. 1788/93 WEIMAR 325 

Das unsers Künstlers Werke Hebt' 

Und darum desto mehr betrübt, 

Daß an der losen, leidigen Wand 

Nicht auch ein Götterbildnis stand. 

Die setzten ihn sogleich zur Red, 

Warum er so was malen tat. 

Da doch der Saal und seine Wand 

Gehörten nur für Narrenhänd; 

Er sollte sich nicht lassen verführen 

Und nun auch Bank und Tische beschmieren; 

Er sollte bei seinen Tafeln bleiben 

Und hübsch mit seinem Pinsel schreiben. 

Und sagten ihm von dieser Art 

Noch viel Verbindlichs in den Bart. 

Er sprach darauf bescheidentlich: 

Eure gute Meinung beschämet mich. 

Es freut mich mehr nichts auf der Welt, 

Als wenn euch je mein Werk gefällt. 

Da aber aus eigenem Beruf 

Gott der Herr allerlei Tier' erschuf. 

Daß auch sogar das wüste Schwein, 

Kröten und Schlangen vom Herren sein, 

Und er auch manches nur ebauchiert 

Und gerade nicht alles ausgeführt 

(Wie man den Menschen denn selbst nicht schart 

Und nur en gros betrachten darf): 

So hab ich, als ein armer Knecht 

Vom sündlich menschlichen Geschlecht, 

Von Jugend auf allerlei Lust gespürt 

Und mich in allerlei exerziert; 

Und so durch Übung und dtirch Glück 

Gelang mir, sagt ihr, manches Stück. 

Nun dächt ich, nach vielem Rennen und Laufen 

Dürft einer auch einmal verschnaufen. 

Ohne daß jeder gleich, der wohl ihm wollt, 

Ihn 'nen faulen Bengel heißen sollt. 

Drum ist mein Wort zu dieser Frist, 



32 6 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Wie's allezeit gewesen ist: 

Mit keiner Arbeit hab ich geprahlt, 

Und was ich gemalt hab, hab ich gemalt. 

DER NEUE AMOR 

AMOR, nicht das Kind, der Jüngling, der Psychen 
verführte, 

Sah im Olympus sich um, frech und der Siege gewohnt; 
Eine Göttin erblickt' er, vor allen die herrlichste Schöne, 

Venus Urania wars, und er entbrannte für sie. 
Ach! die Heilige selbst, sie widerstand nicht dem Werben, 

Und der Verwegene hielt fest sie im Arme bestrickt. 
Da entstand aus ihnen ein neuer lieblicher Amor, 

Der dem Vater den Sinn, Sitte der Mutter verdankt. 
Immer findest du ihn in holder Musen Gesellschaft, 

Und sein reizender Pfeil stiftet die Liebe der Kunst. 



DIE ihrem Mann allein gewährt vergnügte Stimden, 
Ich gehe noch herum! ich hab sie nicht gefunden. 



[In das Album der Fürstin Amalie Gallitzin.] 

UNTERSCHIEDEN ist nicht das Schöne vom Guten; 
das Schöne 
Ist nur das Gute, das sich lieblich verschleiert uns zeigt. 



DAS WIEDERSEHN 

Er 

SÜSSE Freundin, noch Einen, nur Einen Kuß noch ge- 
währe 
Diesen Lippen-! Warum bist du mir heute so karg? 
Gestern blühte wie heute der Baum, wir wechselten Küsse 
Tausendfältig; dem Schwärm Bienen verglichst du sie ja. 
Wie sie den Blüten sich nahn imd saugen, schweben und 

wieder 
Saugen, und lieblicher Ton süßen Genusses erschallt. 



1788/93 WEIMAR 327 

Alle noch üben das holde Geschäft. Und wäre der Früh- 
ling 
Uns vorübergeflohn, eh sich die Blüte zerstreut? 

Sie 
Träume, Heblicher Freund, nur immer! rede von gesteml 
Gerne hör ich dich an, drücke dich redlich ans Herz. 
Gestern, sagst du?— Es war, ich weiß, ein köstliches 

Gestern; 
Worte verklangen im Wort, Küsse verdrängten den Kuß. 
Schmerzlich wars, zu scheiden am Abende, traurig die 

lange 
Nacht von gestern auf heut, die den Getrennten gebot. 
Doch der Morgen kehret zurück. Ach! daß mir indessen 
Zehnmal, leider! der Baum Blüten und Früchte ge- 
bracht! 






1 794-1 797 WEIMAR 



FRÜHLINGSORAKEL 

DU prophetscher Vogel du, 
Blütensänger, o Coucou! 
Bitten eines jungen Paares 
In der schönsten Zeit des Jahres 
Höre, liebster Vogel du; 
Kann es hoffen, ruf ihm zu: 
Dein Coucou, dein Coucou, 
Immer mehr Coucou, Coucou. 

Hörst du! ein verliebtes Paar 
Sehnt sich herzlich zum Altar; 
Und es ist bei seiner Jugend 
Voller Treue, voller Tugend. 
Ist die Stimde denn noch nicht voll? 
Sag, wie lange es warten soll! 
Horch! Coucou! Horch! Coucou! 
Immer stille! Nichts hinzu! 

Ist es doch nicht rmsre Schuld! 
Nur zwei Jahre noch Geduld! 
Aber, wenn wir uns genommen, 
Werden Pa-pa-papas kommen? 
Wisse, daß du uns erfreust, 
Wenn du viele prophezeist. 
Eins! Coucou! Zwei! Coucou! 
Immer weiter Coucou, Coucou, Cou. 

Haben wir wohl recht gezählt, 

Wenig am Halbdutzend fehlt. 

Wenn wir gute Worte geben, 

Sagst du wohl, wie lang wir leben? 

Freilich, wir gestehen dirs. 

Gern zum längsten trieben wirs. 

Cou Coucou, Cou Coucou, 

Cou, Cou, Cou, Cou, Cou, Cou, Cou, Cou, Cou. 

Leben ist ein großes Fest, 
Wenn sichs nicht berechnen läßt. 
Sind wir nun zusammen blieben, 
Bleibt denn auch das treue Lieben? 



332 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Könnte das zu Ende gehn, 
War doch alles nicht mehr schön. 
Cou Coucou, Cou Coucou :|: 
Cou, Cou, Cou, Cou, Cou, Cou, Cou, Cou, Cou. 
(Mit Grazie in infinitum) 

ERSTE EPISTEL 

JETZT, da jeglicher liest, und viele Leser das Buch nur 
Ungeduldig durchblättern und, selbst die Feder er- 
greifend. 
Auf das Büchlein ein Buch mit seltner Fertigkeit pfropfen, 
Soll auch ich, du willst es, mein Freund, dir über das 

Schreiben 
Schreibend, die Menge vermehren und meine Meimmg 

verkünden. 
Daß auch andere wieder darüber meinen, und immer 
So ins Unendliche fort die schwankende Woge sich wälze. 
Doch so fähret der Fischer dem hohen Meer zu, sobald ihm 
Günstig der Wind und der Morgen erscheint; er treibt 

sein Gewerbe, 
Wenn auch hundert Gesellen die blinkende Fläche durch- 
kreuzen. 

Edler Freund, du wünschest das Wohl des Menschen- | 

geschlechtes, 1 

Unserer Deutschen besonders und ganz vorzüglich des 

nächsten 
Bürgers, und fürchtest die Folgen gefährlicher Bücher; 

wir haben 
Leider* oft sie gesehen. Was sollte man, oder was könnten , 
Biedere Männer vereint, was könnten die Herrscher be- 
wirken? 
Ernst und wichtig erscheint mir die Frage, doch triflft sie 

mich eben 
In vergnüglicher Stimmung. Im warmen heiteren Wetter 
Glänzet fruchtbar die Gegend, mir bringen liebliche Lüfte 
Über die wallende Flut süß duftende Kühlung herüber. 
Und dem Heitern erscheint die Welt auch heiter, und ferne 
Schwebt die Sorge mir nur in leichten Wölkchen vorüber. 



1794/7 WEIMAR 333 

Was mein leichter Griffel entwirft, ist leicht zu verlöschen, 
Und viel tiefer präget sich nicht der Eindruck der Lettern, 
Die, so sagt man, der Ewigkeit trotzen. Freilich an viele 
Spricht die gedruckte Kolumne; doch bald, wie jeder sein 

Antlitz, 
Das er im Spiegel gesehen, vergißt, die behaglichen Züge, 
So vergißt er das Wort, wenn auch von Erze gestempelt. 

Reden schwanken so leicht herüber hinüber, wenn viele 
Sprechen und jeder nur sich im eigenen Worte, sogar auch 
Nur sich selbst im Worte vernimmt, das der andere sagte. 
Mit den Büchern ist es nicht anders. Liest doch nur jeder 
Aus dem Buch sich heraus, und ist er gewaltig, so liest er 
In das Buch sich hinein, amalgamiert sich das Fremde. 
Ganz vergebens strebst du daher, durch Schriften des 

Menschen 
Schon entschiedenen Hang und seine Neigung zu wenden; 
Aber bestärken kannst du ihn wohl in seiner Gesinnung, 
Oder, war er noch neu, in dieses ihn tauchen und jenes. 

Sag ich, wie ich es denke, so scheint durchaus mir: es 

bildet 

Nur das Leben den Mann, und wenig bedeuten die Worte. 

Denn zwar hören wir gern, was imsre Meinung bestätigt, 

Aber das Hören bestimmt nicht die Meinung; was uns 

zuwider 

Wäre, glaubten wir wohl dem künstlichen Redner; doch 

eilet 

Unser befreites Gemüt, gewohnte Bahnen zu suchen. 

Sollen wir freudig horchen und willig gehorchen, so mußt du 

Schmeicheln. Sprichst du zum Volke, zu Fürsten und 

Königen, allen 

Magst du Geschichten erzählen, worin als wirklich er- 
scheinet. 

Was sie wünschen und was sie selber zu leben begehrten. 

Wäre Homer von allen gehört, von allen gelesen, 
Schmeichelt' er nicht dem Geiste sich ein, es sei auch 

der tlörer, 



334 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Wer er sei, und klinget nicht immer im hohen Paläste^ 
In des Königes Zelt die Ilias herrlich dem Helden? 
Hört nicht aber dagegen Ulyssens wandernde Klugheit 
Auf dem Markte sich besser, da wo sich der Bürger ver- 
sammelt? 
Dort sieht jeglicher Held in Helm und Harnisch, es sieht 

hier 
Sich der Bettler sogar in seinen Lumpen veredelt. 



Also hört ich einmal, am wohlgepflasterten Ufer 
Jener Neptunischen Stadt, allwo man geflügelte Löwen 
Göttlich verehrt, ein Märchen erzählen. Im Kreise ge- 
schlossen, . 
Drängte das horchende Volk sich um den. zerlumpten 

Rhapsoden. 
Einst, so sprach er, verschlug mich der Sturm ans Ufer 

der Insel, 
Die Utopien heißt. Ich weiß nicht, ob sie ein andrer 
Dieser Gesellschaft jemals betrat; sie lieget im Meere 
Links von Herkules' Säulen. Ich ward gar freundlich 

empfangen; 
In ein Gasthaus führte man mich, woselbst ich das beste 
Essen tmd Trinken fand und weiches Lager und Pflege. 
So verstrich ein Monat geschwind. Ich hatte des Kummers 
Völlig vergessen und jeghcher Not; da fing sich im stillen 
Aber die Sorge nun an: wie wird die Zeche dir leider 
Nach der Mahlzeit bekommen? Denn nichts enthielte der 

Säckel. 
Reiche mir weniger! bat ich den Wirt; er brachte nur 

immer 
Desto mehr. Da wuchs mir die Angst, ich konnte nicht 

länger 
Essen und sorgen, und sagte zuletzt: Ich bitte, die Zeche 
Billig zu machen, Herr Wirt! Er aber mit finsterem Auge 
Sah von der Seite mich an, ergriff den Knittel und 

schwenkte 
Unbarmherzig ihn über mich her und traf mir die Schultern, 
Traf den Kopf und hätte beinah mich zu Tode geschlagen. 



1794/7 WEIMAR 335 

Eilend lief ich davon und suchte den Richter; man holte 
Gleich den Wirt, der ruhig erschien und bedächtig ver- 
setzte: 

Also muß es allen ergehn, die das heilige Gastrecht 
Unserer Insel verletzen und, unanständig und gottlos, 
Zeche verlangen vom Manne, der sie doch höflich bewirtet. 
Sollt ich solche Beleidigung dulden im eigenen Hause? 
Nein! es hätte fürwahr statt meines Herzens ein Schwamm 

nur 
Mir im Busen gewohnt, wofern ich dergleichen gelitten. 

Darauf sagte der Richter zu mir: Vergesset die Schläge, 
Denn Ihr habt die Strafe verdient, ja schärfere Schmerzen; 
Aber wollt Ihr bleiben und mitbewohnen die Insel, 
Müsset Ihr Euch erst würdig beweisen und tüchtig zum 

Bürger. 
Ach! versetzt ich, mein Herr, ich habe leider mich niemals 
Gerne zur Arbeit gefügt. So hab ich auch keine Talente, 
Die den Menschen bequemer ernähren; man hat mich im 

Spott nur 
Hans Ohnsorge genannt und mich von Hause vertrieben. 

O, so sei uns gegrüßt! versetzte der Richter; du sollst dich 
Oben setzen zu Tisch, wenn sich die Gemeine versammelt. 
Sollst im Rate den Platz, den du verdienest, erhalten. 
Aber hüte dich wohl, daß nicht ein schändlicher Rückfall 
Dich zur Arbeit verleite, daß man nicht etwa das Grabscheit 
Oder das Ruder bei dir im Hause finde, du wärest 
Gleich auf immer verloren und ohne Nahrung und Ehre. 
Aber auf dem Markte zu sitzen, die Arme geschlungen 
Über dem schwellenden Bauch, zu hören lustige Lieder 
Unserer Sänger, zu sehn die Tänze der Mädchen, der 

Knaben 
Spiele, das werde dir Pflicht, die du gelobest und schwörest. 

So erzählte der Mann, und heiter waren die Stirnen 
Aller Hörer geworden, und alle wünschten des Tages 
Solche Wirte zu finden, ja solche Schläge zu dulden. 



336 LYRISCHE DICHTUNGEN 

ZWEITE EPISTEL 

WÜRDIGER Freund, du runzelst die Stirn; dir schei- 
nen die Scherze 
Nicht am rechten Orte zu sein; die Frage war ernsthaft, 
Und besonnen verlangst du die Antwort; da weiß ich, 

beim Himmel! 
Nicht, wie eben sich mir der Schalk im Busen bewegte. 
Doch ich fahre bedächtiger fort. Du sagst mir: So möchte 
Meinetwegen die Menge sich halten im Leben und Lesen, 
Wie sie könnte; doch denke dir nur die Töchter im Hause, 
Die mir der kuppelnde Dichter mit allem Bösen bekannt 

macht. 

Dem ist leichter geholfen, versetz ich, als wohl ein andrer 
Denken möchte. Die Mädchen sind gut und machen sich 

gerne 
Was zu schaffen. Da gib nur dem einen die Schlüssel zum 

Keller, 
Daß es die Weine des Vaters besorge, sobald sie, vom 

Winzer 
Oder vom Kaufmann geliefert, die weiten Gewölbe be- 
reichern. 
Manches zu schaffen hat ein Mädchen, die vielen Gefäße, 
Leere Fässer und Flaschen in reinlicher Ordnung zu halten. 
Dann betrachtet sie oftdes schäumenden Mostes Bewegung, 
Gießt das Fehlende zu, damit die wallenden Blasen 
Leicht die Öffnung des Fasses erreichen, trinkbar und helle 
Endlich der edelste Saft sich künftigen Jahren vollende. 
Unermüdet ist sie alsdann, zu füllen, zu schöpfen, 
Daß stets geistig der Trank und rein die Tafel belebe. 

Laß der andern die Küche zum Reich; da gibt es, wahr- 
haftig! 
Arbeit genug, das tägliche Mahl durch Sommer und Winter 
Schmackhaft stets zu bereiten und ohne Beschwerde des 

Beutels. 
Denn im Frühjahr sorget sie schon, im Hofe die Küchlein 
Bald zu erziehen imd bald die schnatternden Enten zu 

füttern. 



1794/7 WEIMAR 337 

Alles, was ihr die Jabrszeit gibt, das bringt sie beizeiten 

Dir auf den Tisch und weiß mit jeglichem Tage die Speisen 

Klug zu wechseln, und reift nur eben der Sommer die 

Früchte, 

Denkt sie an Vorrat schon für den Winter. Im kühlen 

Gewölbe 

Gärt ihr der kräftige Kohl, und reifen im Essig die Gurken; 

Aber die luftige Kammer bewahrt ihr die Gaben Pomonens. 

Gerne nimmt sie das Lob vom Vater und allen Geschwistern; 

Und mißlingt ihr etwas, dann ists ein größeres Unglück, 

Als wenn dir ein Schuldner entläuft und den Wechsel 

zurückläßt. 

Immer ist so das Mädchen beschäftigt und reifet im stillen 

Häuslicher Tugend entgegen, den klugen Mann zu be- 
glücken. 

Wünscht sie dann endlich zu lesen, so wählt sie gewißlich 

ein Kochbuch, 

Deren hunderte schon die eifrigen Pressen uns gaben. 

Eine Schwester besorget den Garten, der schwerlich zur 

Wildnis, 
Deine Wohnung romantisch und feucht zu umgeben, ver- 
dammt ist, 
Sondern in zierliche' Beete geteilt, als Vorhof der Küche, 
Nützliche Kräuter ernährt und jugendbeglückende Früchte. 
Patriarchalisch erzeuge so selbst dir ein kleines gedrängtes 
Königreich und bevölkre dein Haus mit treuem Gesinde. 
Hast du der Töchter noch mehr, die liebersitzen und stille 
Weibliche Arbeit verrichten, da ists noch besser; die Nadel 
Ruht im Jahre nicht leicht: denn, noch so häuslich im 

Hause, 
Mögen sie öffentlich gern als müßige Damen erscheinen. 
Wie sich das Nähen imd Flicken vermehrt, das W^aschen 

und Biegein, 
Hundertfältig, seitdem in weißer arkadischer Hülle 
Sich das Mädchen gefällt, mit langen Röcken und Schleppen 
Gassen kehret und Gärten, und Staub erreget im Tanzsaal. 
Wahrlich! wären mir nur der Mädchen ein Dutzend im 

Hause, 

GOETHE XIV aa. 



33» LYRISCHE DICHTUNGEN 

Niemals war ich verlegen um Arbeit, sie machen sich 

Arbeit 
Selber genug; es sollte kein Buch im Laufe des Jahres 
Über die Schwelle mir kommen, vom Bücherverleiher ge- 
sendet. 

[Bruchstück einer Epistel] 

Auch die undankbare Natur der menschlichen Seele 
Immer zu weiden, mit Gutem zu füllen und immer zu 

sättgen. 
Was nur wiederkehrend die Kreise des wandlenden Jahres 
Auch an Früchten uns bringen und mannigfaltiger Anmut 

Denn der Körper verlangt und ist bequem zu ersättgen: 
Fülle bringt ihm das Jahr an wiederkehrenden Früchten, 
Und die Erde ernähret ihm tausendfältige Nahrung. 
Auch es ist ihm vergönnt, sich in dem Garten der Liebe 
Reichlich zu weiden imd freudenvertauschend sich schön 

zu erquicken. 

Aber die Seele begehrt, und sie wird nimmer befriedigt. 
Denn sie bildet sich ein, sie sei von höherem Ursprung, 
Durch ein unwürdiges Band an ihren Gatten gefesselt. 
Da beträgt sie sich übel im Hause; die hohen Verwandten 
Liegen ihr immer im Sinn, und Sehnen nach Palästen 
Läßt ihr keine Ruh und raubt ihr den zärtlichen Anteil 
An dem stilleren Haushalt und an der engeren Wohnung; 
Ja, sie verachtet sogar die eigenen Kinder des Gatten. .,. 

MEERES STILLE 

TIEFE Stille herrscht im Wasser, 
Ohne Regimg ruht das Meer, '^ 

Und bekümmert sieht der Schififer 
Glatte Fläche ringsumher. 
Keine Luft von keiner Seite! 
Todesstille fürchterlich! 
In der Ungeheuern Weite 
Reget keine Welle sich. 



1794/7 WEIMAR 339 

GLÜCKLICHE FAHRT 

DIE Nebel zerreißen, 
Der Himmel ist helle, 
Und Äolus löset 
Das ängstliche Band. 
Es säuseln die Winde, 
Es rührt sich der Schiffer. 
Geschwinde! Geschwinde! 
Es teilt sich die Welle, 
Es naht sich die Ferne; 
Schon seh ich das Land! 

MIGNON 

HEISS mich nicht reden, heiß mich schweigen, 
Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht; 
Ich möchte dir mein ganzes Innre zeigen, 
Allein das Schicksal will es nicht. 

Zur rechten Zeit vertreibt der Sonne Lauf 

Die finstre Nacht, vmd sie muß sich erhellen; 

Der harte Fels schließt seinen Busen auf, 

Mißgönnt der Erde nicht die tiefverborgnen Quellen. 

Ein jeder sucht im Arm des Freundes Ruh, 
Dort kann die Brust in Klagen sich ergießen; 
Allein ein Schwur drückt mir die Lippen zu, 
Und nur ein Gott vermag sie aufzuschließen. 

HARFENSPIELER 

AN die Türen will ich schleichen, 
Still und sittsam will ich stehn; 
Fromme Hand wird Nahrung reichen. 
Und ich werde weitergehn. 
Jeder wird sich glücklich scheinen. 
Wenn mein Bild vor ihm erscheint; 
Eine Träne wird er weinen, 
Und ich weiß nicht, was er weint. 



340 LYRISCHE DICHTUNGEN 

PHILINE 

SINGET nicht in Trauertönen 
Von der Einsamkeit der Nacht; 
Nein, sie ist, o holde Schönen, 
Zur Geselligkeit gemacht. 

Wie das Weib dem Mann gegeben 
Als die schönste Hälfte war, 
Ist die Nacht das halbe Leben, 
Und die schönste Hälfte zwar. 

Könnt ihr euch des Tages freuen, 
Der nur Freuden unterbricht? 
Er ist gut, sich zu zerstreuen, 
Zu was anderm taugt er nicht. 

Aber wenn in nächtger Stunde 
Süßer Lampe Dämmrung fließt, 
Und vom Mund zum nahen Munde 
Scherz und Liebe sich ergießt; 

Wenn der rasche lose Knabe, 
Der sonst wild und feurig eilt, 
Oft bei einer kleinen Gabe 
Unter leichten Spielen weilt; 

Wenn die Nachtigall Verliebten 
Liebevoll ein Liedchen singt. 
Das Gefangnen und Betrübten 
Nur wie Ach und Wehe klingt: 

Mit wie leichtem Herzensregen 
Horchet ihr der Glocke nicht. 
Die mit zwölf bedächtgen Schlägen 
Ruh imd Sicherheit verspricht! 

Darum an dem langen Tage 
Merke dir es, liebe Brust: 
Jeder Tag hat seine Plage, 
Und die Nacht hat ihre Lust. 



1794/7 WEIMAR 341 

AN DIE ERWÄHLTE 

HAND in Hand! und Lipp auf Lippe! 
Liebes Mädchen, bleibe treu! 
Lebe wohl! und manche Klippe 
Fährt dein Liebster noch vorbei; 
Aber wenn er einst den Hafen, 
Nach dem Sturme, wieder grüßt, 
Mögen ihn die Götter strafen, 
Wenn er ohne dich genießt. 

Frisch gewagt ist schon gewonnen, 
Halb ist schon mein Werk vollbracht! 
Sterne leuchten mir wie Sonnen, 
Nur dem Feigen ist es Nacht. 
War ich müßig dir zur Seite, 
Drückte noch der Kummer mich; 
Doch in aller dieser Weite 
Wirk ich rasch und nur für dich. 

Schon ist mir das Tal gefunden. 
Wo wir einst zusammen gehn 
Und den Strom in Abendstunden 
Sanft hinunter gleiten sehn. 
Diese Pappeln auf den Wiesen, 
Diese Buchen in dem Hain! 
Ach, und hinter allen diesen 
Wird doch auch ein Hüttchen sein. 

NÄHE DES GELIEBTEN 

ICH denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer 
Vom Meere strahlt; 
Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer 
In Quellen malt. 

Ich sehe dich, wenn auf dem fernen Wege 

Der Staub sich hebt; 
In tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege 

Der Wandrer bebt. 



342 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen 

Die Welle steigt. 
Im stillen Haine geh ich oft zu lauschen, 

Wenn alles schweigt. 

Ich bin bei dir, du seist auch noch so ferne, 

Du bist mir nah! 
Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne. 

O wärst du da! 



WER KAUFT LIEBESGÖTTER? 

VON allen schönen Waren, 
Zum Markte hergefahren. 
Wird keine mehr behagen, 
Als die wir euch getragen 
Aus fremden Ländern bringen. 
O höret, was wir singen! 
Und seht die schönen Vögel, 
Sie stehen zum Verkauf. 

Zuerst beseht den großen. 
Den lustigen, den losen! 
Er hüpfet leicht und munter 
Von Baum und Busch herunter; 
Gleich ist er wieder droben. 
Wir wollen ihn nicht loben. 
O seht den muntern Vogel! 
Er steht hier zum Verkauf. 

Betrachtet nun den kleinen, 
Er will bedächtig scheinen, 
Und doch ist er der lose. 
So gut als wie der große; 
Er zeiget meist im stillen 
Den allerbesten Willen. 
Der lose kleine Vogel, 
Er steht hier zum Verkauf. 



1794/7 WEIMAR 343 

O seht das kleine Täubchen, 
Das liebe Turtelweibchen! 
Die Mädchen sind so zierlich, 
Verständig und manierlich; 
Sie mag sich gerne putzen 
Und eure Liebe nutzen. 
Der kleine zarte Vogel, 
Er steht hier zum Verkauf. 

Wir wollen sie nicht loben, 
Sie stehn zu allen Proben. 
Sie lieben sich das Neue; 
Doch über ihre Treue 
Verlangt nicht Brief und Siegel, 
Sie haben alle Flügel. 
Wie artig sind die Vögel, 
Wie reizend ist der Kauf! 

TRIUMPH DER SCHULE 

WELCH erhabner Gedanke! Uns lehrt der unsterb- 
liche Meister, 
Künstlich zu teilen den Strahl, den wir nur einfach 

gekannt. 

DER GEGNER 

NEU ist der Einfall doch nicht, man hat ja selber den 
höchsten, 
Einzigsten, reinsten BegriflF Gottes in Teile geteilt. 

VOSSENS ALMANACH 

IMMER zu, du redlicher Voß! Beim neuen Kalender 
Nenne der Deutsche dich doch, der dich im Jahre 

vergißt. 

DEUTSCHE MONATSCHRIFT 

DEUTSCH in Künsten gewöhnlich heißt mittelmäßig! 
und bist du, 
Deutscher Monat, vielleicht auch so ein deutsches Pro- 
dukt 



k 



344 LYRISCHE DICHTUNGEN 

G. D. Z. 

DICH, o Dämon! erwart ich und deine herrschenden 
Launen, 
Aber im härenen Sack schleppt sich ein Kobold dahin. 

URANIA 

DEINEN heiligen Namen kann nichts entehren, und 
wenn ihn 
Auf sein Sudelgefäß Ewald, der frömmelnde, schreibt. 

MERKUR 

WIELAND zeigt sich nur selten, doch sucht man gern 
die Gesellschaft, 
Wo sich Wieland auch nur selten, der Seltene, zeigt. 

HÖREN. ERSTER JAHRGANG 

EINIGE wandeln zu ernst, die andern schreiten ver- 
wegen, 
Wenige gehen den Schritt, wie ihn das Publikum hält. 

MINERVA 

TROCKEN bist du und ernst, doch immer die würdige 
Göttin, 
Und so leihest du auch gerne den Namen dem Heft. 

JOURNAL DES LUXUS UND DER MODEN 

DU bestrafest die Mode, bestrafest den Luxus, und 
beide 
Weißt du zu fördern, du bist ewig des Beifalls gewiß. 

DIESER MUSENALMANACH 

NUN erwartet denn auch für seine herzlichen Gaben, 
Liebe Kollegen, von euch unser Kalender den 

Dank. 



1794/7 WEIMAR 345 

ARCHIV DER ZEIT 

UNGLÜCKSELIGE Zeit! Wenn aus diesem Archiv 
dich die Nachwelt 
Schätzet, wie bettelhaft stehst du, wie hektisch vor ihr. 

FLORA 

FLORA Deutschlands Töchtern gewidmet. O! brächte 
Pomona, 
Brächte Hymen doch auch Früchte den Guten herbei. 

ALLGEMEINE LITERATUR -ZEITUNG 

BLIEBE das Echte nur stehen auf deinen Kolumnen, 
verschwände 
Schiefes und Halbes! Alsdann wäre die Gabe zu groß. 

FICHTES WISSENSCHAFTSLEHRE 

WAS nicht Ich ist, sagst du, ist nur ein Nicht-Ich. 
Getroflfen, 
Freund! So dachte die Welt längst und so handelte sie. 

(.. TASCHENBUCH 

VIELE Läden und Häuser sind offen in südlichen Län- 
dern, 
Und man sieht das Gewerb, aber die Armut zugleich. 



f XENIEN 

von Schiller und Goetht 
DER ÄSTHETISCHE TORSCHREIBER 

HALT, Passagiere! Wer seid ihr? Wes Standes und 
Charakteres: 
Niemand passieret hier durch, bis er den Paß mir ge- 
zeigt. 



I 



346 LYRISCHE DICHTUNGEN 

XENIEN 

DISTICHEN sind wir. Wir geben uns nicht für mehr 
noch für minder. 
Sperre du immer, wir ziehn über den Schlagbaum hin- 
weg. 

VISITATOR 

OFFNET die Koffers. Ihr habt doch nichts Kontre- 
bandes geladen? 
Gegen die Kirche? den Staat? Nichts von französischem 

Gut? 

XENIEN 

KOFFERS führen wir nicht. Wir führen nicht mehr, 
als zwei Taschen 
Tragen, und die, wie bekannt, sind bei Poeten nicht 

schwer. ^ 

] 

DER MANN MIT DEM KLINGELBEUTEL ^ 

MESSIEURS! Es ist der Gebrauch: wer diese Straße ,, 
bereiset. 
Legt für die Dummen was, für die Gebrechlichen ein. 

HELF GOn^ 

DAS verwünschte Gebettel! Es haben die vorderen 
Kutschen 

Reichlich für uns mit bezahlt. Geben nichts. Kutscher, " 

fahr zu. 

DER GLÜCKSTOPF 

HIER ist Messe, geschwind, packt aus und schmücket 
die Bude, 
Kommt, Autoren, und zieht, jeder versuche sein Glück. 

DIE KUNDEN 

WENIGE Treffer sind gewöhnlich in solchen Butiken; 
Doch die Hoffnung treibt frisch und die Neu- 
gier herbei. 



J 



I 



1794/7 WEIMAR 347 

DAS WIDERWÄRTIGE 

DICHTER und Liebende schenken sich selbst, doch 
Speise voll Ekel! 
Dringt die gemeine Natur sich zum Genüsse dir auf! 

DAS DESIDERATUM 

HÄTTEST du Phantasie und Witz und Empfindung 
imd Urteil, 
Wahrlich, dir fehlte nicht viel, Wieland und Lessing zu 
M sein! 

AN EINEN GEWISSEN MORALISCHEN DICHTER 

JA, der Mensch ist ein ärmlicher Wicht, ich weiß — doch 
das wollt ich 
Eben vergessen, und kam, ach, wie gereut michs, zu dir. 

FÜR TÖCHTER EDLER HERKUNFT 

TÖCHTERN edler Geburt ist dieses Werk zu emp- 
fehlen. 
Um zu Töchtern der Lust schnell sich befördert zu sehn. 

DER KUNSTGRIFF 

WOLLT ihr zugleich den Kindern der Welt und den 
Frommen gefallen: 
Malet die Wollust — nur malet den Teufel dazu. 

DER TELEOLOG 

WELCHE Verehrung verdient der Weltenschöpfer, 
der gnädig. 
Als er den Korkbaum schuf, gleich auch die Stöpsel 

erfand! 

DER ANTIQUAR 

WAS ein christliches Auge nur sieht, erblick ich im 
Marmor: 
Zeus und sein ganzes Geschlecht grämt sich und fürchtet 

den Tod. 



348 LYRISCHE DICHTUNGEN 

DER KENNER 

ALTE Vasen und Urnen! Das Zeug wohl könnt ich 
entbehren; 
Doch ein Majolika-Topf machte mich glücklich und reich. 

ERREURS ET VfiRITfi 

IRRTUM wolltest du bringen und Wahrheit, o Bote von 
Wandsbeck; 
Wahrheit, sie war dir zu schwer; Irrtum, den brachtest 

du fort! 

DER PROPHET 

SCHADE, daß die Natur nur einen Menschen aus dir schuf, 
Denn zum würdigen Mann war und zum Schelmen 

der Stoff. 

DAS AMALGAMA 

ALLES mischt die Natur so einzig und innig, doch hat sie 
Edel- imd Schalksinn hier, ach! nur zu innig ver- 
mischt. 

DER ERHABENE STOFF 

DEINE Muse besingt, wie Gott sich der Menschen er- 
barmte, 
Aber ist das Poesie, daß er erbärmlich sie fand? 

BELSAZER EIN DRAMA 

KÖNIG Belsazer schmaust in dem ersten Akte, der 
König 
Schmaust in dem zweiten, es schmaust fort bis zu Ende 

der Fürst. 

GEWISSE ROMANHELDEN 

OHNE das mindeste nur dem Pedanten zu nehmen, er- 
schufst du, 
Künstler wie keiner mehr ist, einen vollendeten Geck. 



1794/7 WEIMAR 349 

PFARRER CYLLENIUS 

STILL doch von deinen Pastoren und ihrem Zofen- 
französisch, 
Auch von den Zofen nichts mehr mit dem Pastoren- 
latein! 



I 



JAMBEN 



JAMBE nennt man das Tier mit einem kurzen und langen 
Fuß, und so nennst du mit Recht Jamben das hinkende 

Werk. 

NEUSTE SCHULE 

EHMALS hatte man Einen Geschmack. Nun gibt es Ge- 
schmäcke; 
Aber sagt mir, wo sitzt dieser Geschmäcke Geschmack? 

AN DEUTSCHE BAULUSTIGE 

KAMTSCH ADALISCH lehrt man euch bald die Zim- 
mer verzieren, 
Und doch ist manches bei euch schon kamtschadalisch 

genug. 

AFFICHE 

STILLE kneteten wir Salpeter, Kohlen und Schwefel, 
Bohrten Röhren; gefall nun auch das Feuerwerk 

euch. 

ZUR ABWECHSLUNG 

EINIGE steigen als leuchtende Kugeln, und andere 
zünden, 
Manche auch werfen wir nur spielend, das Aug zu er- 

freun. 



DER ZEITPUNKT 

EINE große Epoche hat das Jahrhundert geboren, 
Aber der große Moment findet ein kleines Geschlecht. 



350 LYRISCHE DICHTUNGEN 

COLONES ZEITALTER 

OB die Menschen im ganzen sich bessern? Ich glaub es, 
denn einzeln, 
Suche man, ,wie man auch will, sieht man doch gar 

nichts davon. 

MANSO, VON DEN GRAZIEN 

HEXEN lassen sich wohl durch schlechte Sprüche 
zitieren, 
Aber die Grazie kommt nur auf der Grazie Ruf. 

TASSOS JERUSALEM, VON DEMSELBEN 

EIN asphaltischer Sumpf bezeichnet hier noch die Stätte, 
Wo Jerusalem stand, das uns Torquato besang. 

DIE KUNST, ZU LIEBEN 

AUCH zum Lieben bedarfst du der Kunst? Unglück- 
licher Manso, 
Daß die iVa/wr auch nichts, gar nichts für dich noch getan! 

DER SCHULMEISTER ZU BRESLAU 

IN langweiligen Versen und abgeschmackten Gedanken 
Lehrt ein Präzeptor uns hier, wie man gefällt und ver- 
führt. 

AMOR ALS SCHULKOLLEGE 

WAS das entsetzlichste sei von allen entsetzlichen 
Dingen? 
Ein Pedant, den es juckt, locker und lose zu sein. 

DER ZWEITE OVID 

ARMER Naso, hättest du doch wie Manso geschrieben, 
Nimmer, du guter Gesell, hättest du Tomi gesehn. 

DAS UNVERZEIHLICHE 

ALLES kann mißlingen, wir könnens ertragen, ver- 
geben; 
Nur nicht, was sich bestrebt, reizend imd lieblich zu sein. 



1794/7 WEIMAR 351 

PROSAISCHE REIMER 

WIELAND, wie reich ist dein Geist! Das kann man 
nun erst empfinden, 
Sieht man, wie fad und wie leer dein caput mortuutn ist. 

^ JEAN PAUL RICHTER 

HIELTEST du deinen Reichtum nur halb so zu Rate, 
wie jener 
Seine Armut, du wärst unsrer Bewimderung wert. 

AN SEINEN LOBREDNER 

MEINST du, er werde größer, wenn du die Schultern 
ihm leihest? 
Er bleibt klein wie zuvor, du hast den Höcker davon. 

FEINDLICHER EINFALL 

FORT ins Land der Philister, ihr Füchse mit brennen- 
den Schwänzen, 
jbt Und verderbet der Herrn reife papierene Saat! 

NEKROLOG 

UNTER allen, die von uns berichten, bist du mir der 
liebste; 
t. Wer sich lieset in dir, liest dich, zum Glücke nicht mehr. 

" BIBLIOTHEK SCHÖNER WISSENSCHAFTEN 

JAHRELANG schöpfen wir schon in das Sieb und brüten 
den Stein aus, 
Aber der Stein wird nicht warm, aber das Sieb wird 

nicht voll. 
DIESELBE 

INVALIDEN Poeten ist dieser Spittel gestiftet, 
Gicht imd Wassersucht wird hier von der Schwind- 
sucht gepflegt. 

DIE NEUESTEN GESCHMACKSRICHTER 

DICHTER, ihr armen, was müßt ihr nicht alles hören, 
damit nur 
^ Sein Exerzitium schnell lese gedruckt der Student! 



I 



352 LYRISCHE DICHTUNGEN 

AN SCHWÄTZER UND SCHMIERER 

TREIBET das Handwerk nur fort, wir könnens euch 
freilich nicht legen; 
Aber nihig, das glaubt, treibt ihr es künftig nicht mehr. 

GUERRE OUVERTE 

LANGE neckt ihr uns schon, doch immer heimlich und 
tückisch; 
Krieg verlangtet ihr ja, führt ihn mm offen, den Krieg. 



AN GEWISSE KOLLEGEN 
ÖGT ihr die schlechten Regenten mit strengen 

Worten verfolgen, 
Aber schmeichelt doch auch schlechten Autoren nicht 

mehr! 



M 



AN DIE HERREN N. O. P. 

EUCH bedaur ich am meisten, ihr wähltet gerne das Gute, 
Aber euch hat die Natur gänzlich das Urteil versagt. 

DER KOMMISSARIUS DES JÜNGSTEN GERICHTS 

NACH Kalabrien reist er, das Arsenal zu besehen. 
Wo man die Artillerie gießt zu dem Jüngsten Ge- 
richt. 



KANT UND SEINE AUSLEGER 
IE doch ein einziger Reicher so viele Bettler in 

Nahrung 
Setzt! Wenn die Könige baun. haben die Kärrner zu tun. 



V7 



J-B. 

STEIL wohl ist er, der Weg zur Wahrheit, und schlüpfrig 
zu steigen, 
Aber wir legen ihn doch nicht gern auf Eseln zurück. 

DIE STOCKBLINDEN 

BLINDE, weiß ich wohl, fühlen, und Taube sehen viel 
schärfer; 
Aber mit welchem Organ philosophiert denn das Volk? 



1794/7 WEIMAR 353 

F ANALYTIKER 

IST denn die Wahrheit ein Zwiebel, von dem man die 
Häute nur abschält? 
Was ihr hinein nicht gelegt, ziehet ihr nimmer heraus. 

DER GEIST UND DER BUCHSTABE 



^ 



LANGE kann man mit Marken, mit Rechenpfennigen 
zahlen; 
J Endlich, es hilft nichts, ihr Herrn, muß man den Beutel 
doch ziehn. 
WISSENSCHAFTLICHES GENIE 

WIRD der Poet nur geboren? Der Philosoph wirds 
nicht minder. 
Alle Wahrheit zuletzt wird nur gebildet, geschaut. 

DIE BORNIERTEN KÖPFE 

ETWAS nützet ihr doch: die Vernunft vergißt des Ver- 
standes 
Schranken so gern, und die stellet ihr redlich uns dar. 

BEDIENTENPFLICHT 

REIN zuerst sei das Haus, in welchem die Königin 
einzieht ; 
Frisch denn, die Stuben gefegt! dafür, ihr Herrn, seid 

ihr da. 

UNGEBÜHR 

ABER, erscheint sie selbst — hinaus vor die Türe, 
Gesinde! 
Auf den Sessel der Frau pflanze die Magd sich nicht 

hin. 

WISSENSCHAFT 

EINEM ist sie die hohe, die himmlische Göttin, dem 
andern 
Eine tüchtige Kuh, die ihn mit Butter versorgt. 

GOETHE XI V 33. 



354 LYRISCHE DICHTUNGEN 

AN KANT 



VORNEHM nennst du den Ton der neuen Propheten? 
Ganz richtig; 
Vornehm philosophiert, heißt: wie Roture gedacht. 

DER KURZWEILIGE PHILOSOPH 

EINE spaßhafte Weisheit doziert hier ein lustiger Dok- 
tor, 
Bloß dem Namen nach Ernst ^ und in dem lustigsten 

Saal. 

VERFEHLTER BERUF 

SCHADE, daß ein Talent hier auf dem Katheder ver- 
hallet, 
Das auf höherm Gerüst hätte zu glänzen verdient. 

DAS PHILOSOPHISCHE GESPRÄCH 

EINER, das höret man wohl, spricht nach dem andern, 
doch keiner 
Mit dem andern; wer nennt zwei Monologen Gespräch? 

DAS PRIVILEGIUM 

DICHTER und Kinder, man gibt sich mit beiden nur 
ab, um zu spielen; 
Nim, so erboset euch nicht, wird euch die Jugend zu 

laut. 



J 



LITERARISCHER ZODIAKUS 

ETZO, ihr Distichen, nehmt euch zusammen, es tut 

sich der Tierkreis 

Grauend euch auf; mir nach, Kinder! wir müssen hin- 
durch. 

ZEICHEN DES WIDDERS 

AUF den Widder stoßt ihr zunächst, den Führer der 
Schafe; 
Aus dem Dykischen Pferch springet er trotzig hervor. 



, 1794/7 WEIMAR 355 

* ZEICHEN DES STIERS 

NEBENAN gleich empfängt euch sein Namensbruder; 
mit stumpfen 
Hörnern, weicht ihr nicht aus, stößt euch dtx Hallische 

Ochs. 

ZEICHEN DES FUHRMANNS 

ALSOBALD knallet in G** des Reiches würdiger 
Schwager; 
Zwar er nimmt euch nicht mit, aber er fährt doch vorbei. 

ZEICHEN DER ZWILLINGE 

KOMMT ihr den Zwillingen nah, so sprecht nur: Ge- 
lobet sei J — 
C — ! "In Ewigkeit" gibt man zimi Gruß euch zurück. 

ZEICHEN DES BARS 

NÄCHST daran strecket der Bär zu K** die bleier- 
nen Tatzen 
Gegen euch aus, doch er fängt euch nur die Fliegen 

vom Kleid. 

ZEICHEN DES KREBSES 

GEHT mir dem Krebs in B*** aus dem Weg; manch 
lyrisches Blümchen, 
Schwellend in üppigem Wuchs, kneipte die Schere zu 

Tod. 

ZEICHEN DES LÖWEN 

JETZO nehmt euch in acht vor dem wackem Eutini- 
schen Leuen, 
Daß er mit griechischem Zahn euch nicht verwunde 

den Fuß. 

ZEICHEN DER JUNGFRAU 

BÜCKET euch, wie sichs geziemt, vor der zierlichen Jung- 
frau zu Weimar-, 
Schmollt sie auch oft— wer verzeiht Launen der Grazie 

nicht? 



3S6 LYRISCHE DICHTUNGEN 

ZEICHEN DES RABEN 

VOR dem Raben nur sehet euch vor, der hinter ihr 
krächzet; 
Das Nekrologische Tier setzt auf Kadaver sich nur. 

LOCKEN DER BERENICE 

SEHET auch, wie ihr in S*** den groben Fäusten ent- 
schlüpfet, 
Die Berenices Haar striegeln mit eisernem Kamm. 

ZEICHEN DER WAGE 

JETZO wäre der Ort, daß ihr die Wage beträtet; 
Aber dies Zeichen ward längst schon am Himmel ver- 
mißt. 

ZEICHEN DES SKORPIONS 

ABER nun kommt ein böses Insekt aus G — b— n her, 
Schmeichelnd naht es; ihr habt, flieht ihr nicht 

eilig, den Stich. 
OPHIUCHUS 

DROHEND hält euch die Schlang jetzt Ophiuchus 
entgegen; 
Fürchtet sie nicht, es ist nur der getrocknete Balg 

ZEICHEN DES SCHÜTZEN 

SEID ihr da glücklich vorbei, so naht euch dem zielen- 
den Hofrat 
Schütz nur getrost, er liebt und er versteht auch den 

Spaß. 

GANS 

LASST sodann ruhig die Gans in L***g und G**a 
gagagen; 
Die beißt keinen, es quält nur ihr Geschnatter das Ohr. 

ZEICHEN DES STEINBOCKS 

IM Vorbeigehn stutzt mir den alten Berlinischen Stein- 
bock; 
Das verdrießt ihn; so gibts etwas zu lachen fürs Volk. 



I 



1704/7 WEIMAR 357 

ZEICHEN DES PEGASUS 

ABER seht ihr in B**** den Grad^ ad Parnassum, so 
bittet 
Höflich ihm ab, daß ihr euch eigene Wege gewählt. 

ZEICHEN DES WASSERMANNS 

ÜBRIGENS haltet euch ja von dem Dr***r Wasser- 
mann ferne, 
Daß er nicht über euch her gieße den Elbestrom aus. 

ERIDANUS 

AN des Eridanus Ufern imigeht mir die furchtbare 
Waschfrau, 
Welche die Sprache des Teut säubert mit Lauge und 

Sand. 

FISCHE 

SEHT ihr in Leipzig die Fischlein, die sich in Sulzers 
Zisterne 
Regen, so fangt euch zur Lust einige Grundein heraus. 

DER FLIEGENDE FISCH 

NECKT euch in Breslau der fliegende Fisch, erwar- 
tets geduldig; 
In sein wäßrigtes Reich zieht ihn Neptun bald hinab. 

GLÜCK AUF DEN WEG 

MANCHE Gefahren umringen euch noch, ich hab sie 
verschwiegen; 
Aber wir werden uns noch aller erinnern — niu: zu! 

DIE AUFGABE 

WEM die Verse gehören? Ihr werdet es schwerlich 
erraten; 
Sondert, wenn ihr nun könnt, o Chorizonten, auch hier! 



358 LYRISCHE DICHTUNGEN 

WOHLFEILE ACHTUNG 

SELTEN erhaben und groß und selten würdig der Liebe, 
Lebt er doch immer, der Mensch, und wird geehrt 

und geliebt. 

DAS DEUTSCHE REICH 

DEUTSCHLAND? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land 
nicht zu finden; 
Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf. 



z 



DEUTSCHER NATIONALCHARAKTER 

UR Nation euch zu bilden, ihr hofifet es, Deutsche, 

vergebens; 
Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus. 



DONAU IN B** 

BACCHUS der lustige führt mich und Komus der fette 
durch reiche 
Triften, aber verschämt bleibet die Charis zurück. 

AN DEN LESER 

LIES uns nach Laune, nach Lust, in trüben, in fröhlichen 
Stunden, 
Wie uns der gute Geist, wie uns der böse gezeugt. 



V 



GEWISSEN LESERN 

lELE Bücher genießt ihr, die ungesalzen; verzeihet, 
Daß dies Büchelchen uns überzusalzen beliebt. 



z 



DIALOGEN AUS DEM GRIECHISCHEN 

UR Erbauung andächtiger Seelen hat F*** S***, 
Graf und Poet und Christ, diese Gespräche ver- 
deutscht. 



A 



DER ERSATZ 

LS du die griechischen Götter geschmäht, da warf 

dich Apollo 
Von dem Parnasse; dafür gehst du ins Himmelreich ein. 



1794/7 WEIMAR 359 

DER MODERNE HALBGOTT 

CHRISTLICHER Herkules, du ersticktest so gerne die 
Riesen; 
Aber die heidnische Brut steht, Herkuliskus! noch fest. 



I 



CHARIS 
ST dies die Frau des Künstlers Vulkan? Sie spricht von 

dem Handwerk, 
Wie es des Roturiers adliger Hälfte geziemt. 



w 



NACHBILDUNG DER NATUR 
AS nur Einer vermag, das sollte nur Einer uns 

schildern: 
Voß nur den Pfarrer und nur Iffland den Förster allein. 

NACHÄFFER 

ABER da meinen die Pfuscher, ein jeder Schwarzrock 
und Grünrock 
Sei, auch an und für sich, unsrer Beschauung schon wert. 



1 



KLINGKLANG 

N der Dichtkunst hat er mit Worten herzlos geklingelt, 
In der Philosophie treibt er es pfäffisch so fort. 



AN GEWISSE UMSCHOPFER • 
"V TICHTS soll werden das Etwas, daß Nichts sich zu 
1 N Etwas gestalte; 

Laß das Etwas nur sein! nie wird zu Etwas das Nichts. 

AUFMUNTERUNG 

DEUTSCHLAND fragt nach Gedichten nicht viel; ihr 
kleinen Gesellen, 
Lärmt, bis jeglicher sich wundernd ans Fenster begibt. 



A 



DAS BRÜDERPAAR 
LS Zentauren gingen sie einst durch poetische Wälder, 
Aber das wilde Geschlecht hat sich geschwinde be- 
kehrt. 



36o LYRISCHE DICHTUNGEN 

TT** 

HÖRE den Tadler! Du kannst, was er noch vermißt, 
dir erwerben; 
Jenes, was nie sich erwirbt, freue dich! gab dir Natur. 

DER LEVIATHAN UND DIE EPIGRAMME 

FÜRCHTERLICH bist du im Kampf, nur brauchst du 
etwas viel Wasser; 
Aber versuch es einmal, Fisch, in den Lüften mit tms. 

LUISE VON VOSS 

WAHRLICH, es füllt mit Wonne das Herz, dem Ge- 
sänge zu horchen. 
Ahmt ein Sänger, wie der. Töne des Altertums nach. 

JUPITERS KETTE 

HÄNGEN auch alle Schmierer tmd Reimer sich an dich, 
sie ziehen 
Dich nicht hinunter; doch du ziehst sie auch schwerlich 

hinauf. 

AUS EINER DER NEUESTEN EPISTELN 

KLOPSTOCK, der ist mein Mann, der in neue Phrasen 
gestoßen, 
Was er im höllischen Pfuhl Hohes und Großes vernahm. 

B**S TASCHENBUCH 

EINE Kollektion von Gedichten.^ Eine Kollekte 
Nenn es, der Armut zulieb und bei der Armut gemacht. 

EIN DEUTSCHES MEISTERSTÜCK 

ALLES an diesem Gedicht ist vollkommen, Sprache, 
Gedanke, 
Rhythmus; das Einzige nur fehlt noch: es ist kein Gedicht. 

UNSCHULDIGE SCHWACHHEIT 

UNSRE Gedichte nur triflft dein Spott?" O schätzet 
euch glücklich, 
Daß das Schlimmste an euch eure Erdichtungen sind. 



^ 1794/7 WEIMAR 361 

i 

DAS NEUESTE AUS ROM 

RAUM und Zeit hat man wirklich gemalt; es steht zu 
erwarten, 
Daß man mit ähnlichem Glück nächstens die Tugend 

tms tanzt. 



DEUTSCHES LUSTSPIEL 
tten wir wohl, wir hätten Fratz 
Leider helfen sie nur selbst zur Komödie nichts. 



^T^OREN hätten wir wohl, wir hätten Fratzen die Menge; 



DAS MÄRCHEN 

MEHR als zwanzig Personen sind in dem Märchen 
geschäftig. 
"Nun, und was machen sie denn alle?" Das Märchen, 

mein Freund. 

FRIVOLE NEUGIER 

DAS verlohnte sich auch, den delphischen Gott zu be- 
mühen, 
Daß er dir sage, mein Freund, wer der Armenier war. 

BEISPIELSAMMLUNG 

NICHT bloß Beispielsammlung, nein, selber ein war- 
nendes Beispiel, 
Wie man nimmermehr soll sammeln für guten Ge- 
schmack. 

MIT ERLAUBNIS 
"K TIMMS nicht übel, daß nun auch deiner gedacht wird! 
1 N Verlangst du 

Das Vergnügen umsonst, daß man den Nachbar vexiert? 

DER SPRACHFORSCHER 

ANATOMIEREN magst du die Sprache, doch nur ihr 
Kadaver; 
Geist und Leben entschlüpft flüchtig dem groben Skal- 
pell. 



362 LYRISCHE DICHTUNGEN 

GESCHICHTE EINES DICKEN MANNES 
(Man sehe die Rezension davon in der N. deutschen Bibliothek.) 

DIESES Werk ist diirchaus nicht in Gesellschaft zu 
lesen, 
Da es, wie Rezensent rühmet, die Blähungen treibt. 

ANEKDOTEN VON FRIEDRICH H. 

VON dem unsterblichen Friedrich, dem Einzigen, 
handelt in diesen 
Blättern der zehenmalzehn tausendste sterbliche Fritz. 



LITERATURBRIEFE 

AUCH Nicolai schrieb an dem trefflichen Werk? Ich 
wills glauben; 
Mancher Gemeinplatz auch steht in dem trefiflichen 

Werk. 

GEWISSE MELODIEN 

DIES ist Musik fürs Denken! Solang man sie hört, 
bleibt man eiskalt; 
Vier, fünf Stunden daraufmacht sie erst rechten Effekt. 

I 

ÜBERSCHRIFTEN DAZU 

FROSTIG und herzlos ist der Gesang, doch Sänger und 
Spieler 
. Werden oben am Rand höflich zu fühlen ersucht. 

DER BÖSE GESELLE 

DICHTER, bitte die Musen, vor ihm dein Lied zu be- 
wahren! 
Auch dein leichtestes zieht nieder der schwere Gesang. 

KARL VON KARLSBERG 

WAS der berühmte Verfasser des 'Menschlichen 
Elends' verdiene? 
Sich in der Charit^ gratis verköstigt zu sehn. 



1794/7 WEIMAR 363 

i SCHRIFTEN FÜR DAMEN UND KINDER 

BIBLIOTHEK für das andre Geschlecht, nebst Fabeln 
für Kinder": 
Also für Kinder nicht, nicht für das andre Geschlecht. 

DIESELBE 

IMMER für Weiber und Kinder! Ich dächte, man schriebe 
für Männer 
Und überließe dem Mann Sorge für Frau und für Kind! 

GESELLSCHAFT VON SPRACHFREUNDEN 

Owie schätz ich euch hoch! Ihr bürstet sorglich die 
Kleider 
Unsrer Autoren, und wem fliegt nicht ein Federchen an? 

DER PURIST 

SINNREICH bist du, die Sprache von fremden Wörtern 
zu säubern; 
Nun, so sage doch, Freund, wie man Pedant uns 

verdeutscht. 

VERNÜNFTIGE BETRACHTUNG 

WARUM plagen wir einer den andern? Das Leben 
zerrinnet, 
Und es versammelt uns nur einmal wie heute die Zeit. 

AN** 

GERNE plagt ich auch dich, doch es will mir mit dir 
nicht gelingen; 
Du bist zum Ernst mir zu leicht, bist für den Scherz 

mir zu plump. 

AN*** 

NEIN! Du erbittest mich nicht. Du hörtest dich gerne 
verspottet. 
Hörtest du dich nur genannt; darum verschon ich dich, 

Freund. 



I 



364 LYRISCHE DICHTUNGEN 

GARVE 

HÖR ich über Geduld dich, edler Leidender, reden, 
O wie wird mir das Volk frömmelnder Schwätzer 

verhaßt. 



AUF GEWISSE ANFRAGEN 
jB dich der Genius ruft? Ob du dem rufenden folgest: 
wenn du mich fragst — nein! Folge dem rufen- 
den nicht. 



OB die 
Ja, 



STOSSGEBET 

VOR dem Aristokraten in Lumpen bewahrt mich, ihr 
Götter, 
Und vor dem Sanscülott auch mit Epauletten und Stern. 

DISTINKTIONSZEICHEN 

UNBEDEUTEND sind doch auch manche von euren 
Gedichtchen!- 
Freilich, zu jeglicher Schrift braucht man auch Komma 

und Punkt. 

DIE ADRESSEN 

ALLES ist nicht für alle, das wissen wir selber; doch 
nichts ist 
Ohne Bestimmung, es nimmt jeder sich selbst sein 

Paket. 

SCHÖPFUNG DURCH FEUER 

ARME basaltische Säulen! Ihr solltet dem Feuer ge-^ 
hören, .'| 

Und doch sah euch kein Mensch je aus dem Feuer 

entstehn. 

MINERALOGISCHER PATRIOTISMUS 

JEDERMANN schürfte bei sich auch nach Basalten und 
Lava, 
Denn es klinget nicht schlecht: hier ist vulkanisch 

Gebirg! 



1794/7 WEIMAR 365 

KURZE FREUDE 

ENDLICH zog man sie wieder ins alte Wasser herunter, 
Und es löscht sich nun bald dieser entzündete Streit. 

DIE MÖGLICHKEIT 

LIEGT der Irrtum nur erst, wie ein Grundstein, unten 
im Boden, 
Immer baut man darauf, nimmermehr kommt er an Tag. 

WIEDERHOLUNG 

HUNDERTMAL werd ichs euch sagen und tausendmal: 
Irrtum ist Irrtum! 
Ob ihn der größte Mann, ob ihn der kleinste beging. 

WER GLAUBTS? 

NEWTON hat sich geirrt?" Ja, doppelt und dreifach! 
"Und wie denn?" 
Lange steht es gedruckt, aber es liest es kein Mensch. 

DER WELT LAUF 

DRUCKEN fördert euch nicht, es unterdrückt euch 
die Schule; 
Aber nicht immer, imd dann geben sie schweigend 

sich drein. 
HOFFNUNG 

ALLEN habt ihr die Ehre genommen, die gegen euch 
zeugten; 
Aber dem Märtyrer kehrt späte sie doppelt zurück. 

EXEMPEL 

SCHON Ein Irrlicht sah ich verschwinden, dich, Phlo- 
giston! Bälde, 
O Newtonisch Gespenst! folgst du dem Brüderchen nach. 

DER LETZTE MÄRTYRER 

AUCH mich bratet ihr noch als Huß vielleicht, aber 
wahrhaftig! 
Lange bleibet der Schwan, der es vollendet, nicht aus. 



366 LYRISCHE DICHTUNGEN 

MENSCHLICHKEITEN 

LEIDLICH hat Newton gesehen, und falsch geschlossen; 
am Ende 
Blieb er, ein Brite, verstockt, schloß er, bewies er so fort. 

UND ABERMALS MENSCHLICHKEITEN 

SEINE Schüler hörten nun auf, zu sehn und zu schließen. 
Referierten getrost, was er auch sah und bewies. 

DER WIDERSTAND 

ARISTOKRATISCH gesinnt ist mancher Gelehrte; 
denn gleich ists, 
Ob man auf Helm und Schild oder auf Meinungen ruht. 

NEUESTE FARBENTHEORIE VON WÜNSCH 

GELBROT und Grün macht das Gelbe, Grün und 
Violblau das Blaue! 
So wird aus Gurkensalat wirklich der Essig erzeugt! 

DAS MITTEL 

WARUM sagst du uns das in Versen?" Die Verse 
sind wirksam; 
Spricht man in Prosa zu euch, stopft ihr die Ohren 

euch zu. 

MORALISCHE ZWECKE DER POESIE 

BESSERN, bessern soll uns der Dichter!" So darf denn 
auf eurem 
Rücken des Büttels Stock nicht einen Augenblick ruhn? 

SEKTIONS -WUT 

LEBEND noch exenterieren sie euch, und seid ihr 
gestorben, 
Passet im Nekrolog noch ein Prosektor euch auf. 

KRITISCHE STUDIEN 

SCHNEIDET, schneidet, ihr Herrn, durch Schneiden 
lernet der Schüler; 
Aber wehe dem Frosch, der euch den Schenkel muß leihn ! 



1794/7 WEIMAR 367 

NATURFORSCHER UND TRANSZENDENTAL- 
PHILOSOPHEN 
FEINDSCHAFT sei zwischen euch, noch kommt das 
Bündnis zu frühe; 
Wenn ihr im Suchen euch trennt, wird erst die Wahr- 
heit erkannt, 

AN DIE VOREILIGEN VERBINDUNGSSTIFTER 

JEDER wandle für sich und wisse nichts von dem 
andern; 
Wandeln nur beide gerad, finden sich beide gewiß. 

DER TREUE SPIEGEL 

REINER Bach, du entstellst nicht den Kiesel, du bringst 
ihn dem Auge 
Näher; so seh ich die Welt, ***, wenn du sie be- 
schreibst. 

NICOLAI 
"X TICOLAI reiset noch immer, noch lang wird er reisen, 
1 N Aber ins Land der Vernunft findet er nimmer 

den Weg. 

DER WICHTIGE 

SEINE Meinung sagt er von seinem Jahrhundert, er 
sagt sie. 
Nochmals sagt er sie laut, hat sie gesagt und geht ab. 



M 



DER PLAN DES WERKS 
EINE Reis* ist ein Faden, an dem ich drei Lustra 

die Deutschen 
Nützlich führe, so wie formlos die Form mirs gebeut. 

FORMALPHILOSOPHIE 

ALLEN Formen macht er den Krieg; er weiß wohl, 
zeitlebens 
Hat er mit Müh und Not Stoff nur zusammengeschleppt. 



368 LYRISCHE DICHTUNGEN 

DER TODFEIND 

WILLST du alles vertilgen, was deiner Natur nicht 
gemäß ist, 
Nicolai, zuerst schwöre dem Schönen den Tod! 



Q. 



PHILOSOPHISCHE QUERKÖPFE 
UERKOPF!" schreiet ergrimmt in unsere Wälder 

Herr Nickel; 
"Leerkopfl" schallt es darauf lustig zum Walde heraus. 

EMPIRISCHER QUERKOPF 

ARMER empirischer Teufel! Du kennst nicht einmal 
das Dumme 
In dir selber, es ist, ach! a priori so dumm. 

DER QUELLENFORSCHER 

NICOLAI entdeckt die Quellen der Donau! Welch 
Wunder! 
Sieht er gewöhnlich doch sich nach der Quelle nicht 

um. 

DERSELBE 

NICHTS kann er leiden, was groß ist und mächtig; drum, 
herrliche Donau, 
Spürt dir der Häscher so lang nach, bis er seicht dich 

ertappt. 

N. REISEN XL BAND, S. 177. 
A propos Tübingen! Dort sind Mädchen, die tragen 
-^^ die Zöpfe 

Lang geflochten; auch dort gibt man die Hören heraus. 

DER GLÜCKLICHE 

SEHEN möcht ich dich, Nickel, wenn du ein Späßchen 
erhaschest 
Und, von dem Fund entzückt, drauf dich im Spiegel 

besiehst. 



1794/7 WEIMAR 369 

VERKEHRTE WIRKUNG 

n ÜHRT sonst einen der Schlag, so stockt die Zunge 
Iv gewöhnlich; 

Dieser, so lange gelähmt, schwatzt nur geläufiger fort. 

PFAHL IM FLEISCH 
"V TENNE Lessing nur nicht, der Gute hat vieles ge- 
1 N litten, 

Und in des Märtyrers Kranz warst du ein schrecklicher 

Dorn. 

DIE HÖREN AN NICOLAI 

UNSERE Reihen störtest du gern, doch werden wir 
wandeln; 
Und du tappe denn auch, plumper Geselle! so fort. 

FICHTE UND ER 

FREILICH tauchet der Mann kühn in die Tiefe des 
Meeres, 
Wenn du, auf leichtem Kahn, schwankest und Heringe 

fängst. 

BRIEFE ÜBER ÄSTHETISCHE BILDUNG 

DUNKEL sind sie zuweilen, vielleicht mit Unrecht, o 
Nickel! 
Aber die Deutlichkeit ist wahrlich nicht Tugend an dir. 

MODEPHILOSOPHIE 

LÄCHERLICHSTER, du nennst das Mode, wenn 
immer von neuem 
' Sich der menschliche Geist ernstlich nach Bildung be- 



strebt. 



DAS GROBE ORGAN 



WAS du mit Händen nicht greifst, das scheint dir 
Blinden ein Unding, 
Und betastest du was, gleich ist das Ding auch be- 
schmutzt. 

GOETHE XIV 24. 



3 7 o LYRISCHE DICHTUNGEN 

DER LASTTRÄGER 

WEIL du vieles geschleppt und schleppst und 
schleppen wirst, meinst du, 
Was sich selber bewegt, könne vor dir nicht bestehn. 

DIE WEIDTASCHE 

REGET sich was, gleich schießt der Jäger; ihm schei- 
net die Schöpfung, 
Wie lebendig sie ist, nur für den Schnappsack gemacht. 

DAS UNENTBEHRLICHE 

KÖNNTE Menschenverstand doch ohne Vernunft nur 
bestehen, 
Nickel hätte fürwahr menschlichsten Menschenverstand. 



w 



DIE XENIEN 
AS uns ärgert, du gibst mit langen entsetzlichen 



Noten 
Uns auch wieder heraus unter der Reiserubrik. 

LUCRI BONUS ODOR 

GRÖBLICH haben wir dich behandelt, das brauche 
zum Vorteil 
Und im zwölften Band schilt uns, da gibt es ein Blatt. 

VORSATZ 

DEN Philister verdrieße, den Schwärmer necke, den 
Heuchler 
Quäle der fröhliche Vers, der nur das Gute verehrt. 

NUR ZEITSCHRIFTEN 
PRANKREICH id&l er mit einer, ^z.%^TmtDeutsch- 
"^ land gewaltig 

Mit der andern, doch sind beide papieren und leicht! 

DAS MOTTO 

WAHRHEIT sag ich euch, Wahrheit und immer 
Wahrheit, versteht sich: 
Meine Wahrheit; denn sonst ist mir auch keine bekannt. 



1794/7 WEIMAR 371 

DER WÄCHTER ZIONS 

MEINE Wahrheit bestehet im Bellen, besonders wenn 
irgend 
Wohlgekleidet ein Mann sich auf der Straße mir zeigt. 

kj VERSCHIEDENE DRESSUREN 

ARISTOKRATISCHE Hunde, sie knurren auf Bettler; 
ein echter 
Demokratischer Spitz klaflft nach dem seidenen Strumpf. 

BÖSE GESELLSCHAFT 

ARISTOKRATEN mögen noch gehn, ihr Stolz ist doch 
höflich; 
Aber du, löbliches Volk, bist so voll Hochmut und grob. 

AN DIE OBERN 

IMMER bellt man auf euch! Bleibt sitzen! Es wünschen 
die Beller 
Jene Plätze, wo man ruhig das Bellen vernimmt. 

BAALSPFAFFEN 

HEILIGE Freiheit! Erhabener Trieb der Menschen 
zum Bessern! 
Wahrlich, du konntest dich nicht schlechter mit Prie- 
stern versehn! 

VERFEHLTER BERUF 

SCHRECKENSMÄNNER wären sie gerne, doch lacht 
man in Deutschland 
Ihres Grimmes, der nur mäßige Schriften zerfleischt. 

AN MEHR ALS EINEN 

ERST habt ihr die Großen beschmaust, nun wollt ihr 
sie stürzen; 
Hat man Schmarotzer doch nie dankbar dem Wirte 

gesehn. 



372 LYRISCHE DICHTUNGEN 

DAS REQUISIT 

LANGE werden wir euch noch ärgern und werden euch 
sagen: 
Rote Kappen, euch fehlt nur noch das Glöckchen zum 

Putz. 

VERDIENST 

HAST du auch wenig genug verdient um die Bildung 
der Deutschen, 
Fritz Nicolai, sehr viel hast du dabei doch verdient. 



N 



UMWÄLZUNG 
EIN, das ist doch zu arg! Da läuft auch selbst noch 

der Kantor 
Von der Orgel, imdach! pfuscht auf den Klaven des Staats. 

DER HALBVOGEL 

FLIEGEN möchte der Strauß; allein er rudert vergeblich, 
Ungeschickt rühret der Fuß immer den leidigen Sand. 

DER LETZTE VERSUCH 

VIELES hast du geschrieben, der Deutsche wollt es 
nicht lesen; 
Gehn die Journale nicht ab, dann ist auch alles vorbei. 

KUNSTGRIFF 

SCHREIB die Journale nur anonym, so kannst du mit 
vollen 
Backen deine Musik loben, es merkt es kein Mensch. 

DEM GROSSSPRECHER 

ÖFTERS nahmst du das Maul schon so voll und konn- 
test nicht wirken; 
Auch jetzt wirkest du nichts, nimm nur das Maul nicht 

so voll. 
MOTTOS 

SETZE nur immer Mottos auf deine Journale, sie zeigen 
Alle die Tugenden an, die man an dir nicht bemerkt. 



Hl 



1794/7 WEIMAR 373 

SEIN HANDGRIFF 

AUSZUZIEHEN versteh ich und zu beschmutzen die 
Schriften, 
Dadurch mach ich sie mein, und ihr bezahlet sie mir. 

DIE MITARBEITER 

WIE sie die Glieder verrenken, die Armen! Aber 
nach dieser 
Pfeife zu tanzen, es ist auch, beim Apollo! kein Spaß. 

UNMÖGLICHE VERGELTUNG 

DEINE Kollegen verschreist und plünderst du! Dich 
zu verschreien 
Ist nicht nötig, und nichts ist auch zu plündern an dir. 

DAS ZÜCHTIGE HERZ 

GERN erlassen wir dir die moralische Delikatesse, 
Wenn du die zehen Gebot' nur so notdürftig befolgst. 

ABSCHEU 

HEUCHLER, ferne von mir! Besonders du widriger 
Heuchler, 
Der du mit Grobheit glaubst Falschheit zu decken und 

List. 

DER HAUSIERER 

JA, das fehlte nur noch zu der Entwicklung der Sache, 
Daß als Krämer sich nun Kr** er nach Frankreich 

begibt! 

DEUTSCHLANDS REVANCHE AN FRANKREICH 

MANCHEN Lakai schon verkauftet ihr uns als Mann 
von Bedeutung; 
Gut! wir spedieren euch hier Kr**** als Mann von 

Verdienst. 
DER PATRIOT 

DASS Verfassung sich überall bilde! Wie sehr ists zu 
wünschen, 
Aber ihr Schwätzer verhelft uns zu Verfassungen nicht! 



374 LYRISCHE DICHTUNGEN 

DIE DREI STÄNDE 

SAGT, wo steht in Deutschland der Sanscülott? In der 
Mitte; 
Unten und oben besitzt jeglicher, was ihm behagt. 

DIE HAUPTSACHE 

JEDEM Besitzer das Seine! und jedem Regierer den 
Rechtsinn, 
Das ist zu wünschen; doch ihr, beides verschafift ihr 

uns nicht. 

ANACHARSIS DER ZWEITE 

ANACHARSIS dem Ersten nahmt ihr den Kopf weg, 
der Zweite 
Wandert nun ohne Kopf klüglich, Pariser, zu euch. 

HISTORISCHE QUELLEN 

AUGEN leiht dir der Blinde zu dem, was in Frankreich 
geschiehet, 
Ohren der Taube; du bist, Deutschland, vortrefflich 

bedient. 

DER ALMANACH ALS BIENENKORB 

LIEBLICHEN Honig geb er dem Freund; doch nahet 
sich täppisch 
Der Philister, ums Ohr saus ihm der stechende Schwärm! 

ETYMOLOGIE 

OMINÖS ist dein Nam, er spricht dein ganzes Ver- 
dienst aus: -| 

Gerne verschafftest du, ging' es, dem Pöbel den Sieg. 



AUSNAHME 

ARUM tadelst du manchen nicht öffentlich?" Weil 

er ein Freund ist. 
Wie mein eigenes Herz tadl ich im stillen den Freund. 



w 



1794/7 WEIMAR 375 

DIE INSEKTEN 

WARUM schiltst du die einen so hundertfach?" Weil 
das Geschmeiße, 
Rührt sich der Wedel nicht stets, immer dich leckt und 

dich sticht, 

EINLADUNG 

GLAUBST du denn nicht, man könnte die schwache 
Seite dir zeigen?" 
Tu es mit Laune, mit Geist, Freund, und wir lachen 

zuerst. 

WARNUNG 

UNSRER liegen noch tausend im Hinterhalt; daß ihr 
nicht etwa, 
Rückt ihr zu hitzig heran, Schultern und Rücken ent- 
blößt. 

" ■ AN DIE PHILISTER 

FREUT euch des Schmetterlings nicht: der Bösewicht 
zeugt euch die Raupe, 
Die euch den herrlichen Kohl, fast aus der Schüssel, 

verzehrt. 

HAUSRECHT 

KEINEM Gärtner verdenk ichs, daß er die Sperlinge 
scheuchet; 
Doch nur Gärtner ist er, jene gebar die Natur. 

CURRUS VIRUM MIRATUR INANES 

WIE sie knallen, die Peitschen! Hilf Himmel! Jour- 
nale! Kalender! 
Wagen an Wagen! Wie viel Staub und wie wenig Ge- 
päck! 



KALENDER DER MUSEN UND GRAZIEN 
USEN imd Grazien! oft habt ihr euch schrecklich 

verirret, 
Doch dem Pfarrer noch nie selbst die Perücke gebracht. 



M 



376 LYRISCHE DICHTUNGEN 

SCHILLERS ALMANACH VON 1796 

DU erhebest uns erst zu Idealen tmd stürzest 
Gleich zur Natur uns zurück; glaubst du, wir danken 

dir das? 
DAS PAKET 

MIT der Eule gesiegelt? Da kann Minerva nicht weit 
sein! 
Ich erbreche, da fällt "Von und für Deutschland" her- 
aus. 

DAS JOURNAL DEUTSCHLAND 

ALLES beginnt der Deutsche mit Feierlichkeit, und 
so zieht auch 
Diesem deutschen Journal blasend ein Spielmann voran. 

REICHSANZEIGER 

EDLES Organ, durch welches das Deutsche Reich mit 
sich selbst spricht! 
Geistreich, wie es hinein schallet, so schallt es heraus. 

A. D. PH. 

WOCHE für Woche zieht der Bettelkarren durch 
Deutschland, 
Den auf schmutzigem Bock Jakob, der Kutscher, regiert. 



z 



A. D. B. 
EHNMAL gelesne Gedanken auf zehnmal bedruck- 
tem Papiere, 
Auf zerriebenem Blei stumpfer und bleierner Witz. 



A. D. Z. 



i 



AUF dem Umschlag sieht man die Charitinnen; doch 
leider 
Kehrt uns Aglaia den Teil, den ich nicht nennen darf, zu. 

DER WOLFISCHE HOMER 

SIEBEN Städte zankten sich drum, ihn geboren zu haben; 
Nun, da der Wolf ihn zerriß, nehme sich jede ihr Stück. 



1794/7 WEIMAR 377 

WEIL du doch alles beschriebst, so beschreib uns 
zu gutem Beschlüsse 
Auch die Maschine noch, Freund, die dich so fertig 

bedient. 

HERR LEONHARD ** 

DEINEN Namen les ich auf zwanzig Schriften, und 
dennoch 
Ist es dein Name nur, Freund, den man in allen vermißt. 

PANTHEON DER DEUTSCHEN, i. BAND. 

DEUTSCHLANDS größte Männer und kleinste sind 
hier versammelt; 
Jene gaben den Stofif, diese die Worte des Buchs. 

BORUSSIAS 

SIEBEN Jahre nur währte der Krieg, von welchem du 
singest: 
Sieben Jahrhunderte, Freund, währt mir dein Helden- 
gedicht. 
GUTER RAT 

ACCIPE facundi Culicem, studiose, Maronis, 
Ne, nugis positis, arma virumque canas. 



V 



REINEKE FUCHS 
OR Jahrhunderten hätte ein Dichter dieses gesungen? 
Wie ist das möglich? Der Stoff ist ja von gestern 

imd heut. 

MENSCHENHASS UND REUE 

MENSCHENHASS? Nein, davon verspürt ich beim 
heutigen Stücke 
Keine Regung; jedoch Reue, die hab ich gefühlt. 

SCHINKS FAUST 

FAUST hat sich leider schon oft in Deutschland dem 
Teufel ergeben, 
Doch so prosaisch noch nie schloß er den schrecklichen 

Bund. 



378 LYRISCHE DICHTUNGEN 

AN MADAME B** UND IHRE SCHWESTERN 

JETZT noch bist du Sibylle, bald wirst du Parze; doch, 
furcht ich, 
Hört ihr alle zuletzt gräßlich als Furien auf. 

ALMANSARIS UND AMANDA 

WARUM verzeiht mir Amanda den Scherz, und 
Almansaris tobet? 
Jene ist tugendhaft, Freund, diese beweiset, sie seis. 

WÄRE Natur und Genie von allen Menschen ver- 
ehret, 
Sag, was bliebe, Phantast, denn für ein Publikum dir? 

ERHOLUNGEN. ZWEITES STÜCK 

DASS ihr seht, wie genau wir den Titel des Buches 
erfüllen. 
Wird zur Erholung hiemit euch die Vernichtung gereicht. 

DEM ZUDRINGLICHEN 

EIN vor allemal willst du ein ewiges Leben mir schafifen? 
Mach im zeitlichen doch mir nicht die Weile so lang. 

HÖCHSTER ZWECK DER KUNST 

SCHADE fürs schöne Talent des herrlichen Künstlers! 
O hätt er 
Aus dem Marmorblock doch ein Kruzifix uns gemacht! 



M 



ZUM GEBURTSTAG 
ÖGE dein Lebensfaden sich spinnen wie in der Prosa 
Dein Periode, bei dem leider die Lachesis schläft. 

UNTER VIER AUGEN 

VIELE rühmen, sie habe Verstand; ich glaubs: für 
den einen, 
Den sie jedesmal liebt, hat sie auch wirklich Verstand. 



N 



1794/7 WEIMAR 379 

CHARADE 

ICHTS als dein Erstes fehlt dir, so wäre dein Zweites 

genießbar; 

Aber dein Ganzes, mein Freund, ist ohne Salz und 

Geschmack. 



FRAGE IN DEN REICHSANZEIGER, WILHELM 
MEISTER BETREFFEND 

ZU was Ende die welschen Namen für deutsche Per- 
sonen? 
Raubt es nicht allen Genuß an dem vortreflflichen 
i Werk? 

GOSCHEN AN DIE DEUTSCHEN DICHTER 

IST nur erst Wieland heraus, so kommts an euch übrigen 
alle, 
Und nach der Lokation! Habt nur einstweilen Geduld! 

VERLEGER VON P** SCHRIFTEN 

EINE Maschine besitz ich, die selber denkt, was sie 
drucket; 
Obengenanntes Werk zeig ich zur Probe hier vor. 

JOSEPHS n. DICTUM AN DIE BUCHHÄNDLER 

EINEM Käsehandel verglich er eure Geschäfte? 
Wahrlich, der Kaiser, man siehts, war auf dem 

Leipziger Markt. 

PREISFRAGE DER AKADEMIE NÜTZLICHER 
WISSENSCHAFTEN 

WIE auf dem u fortan der teure Schnörkel zu sparen? 
Auf die Antwort sind dreißig Dukaten gesetzt. 

HÖRSÄLE AUF GEWISSEN UNIVERSITÄTEN 

PRINZEN und Grafen sind hier von den übrigen Hörern 
gesondert. 
Wohl! Denn trennte der Stand nirgends, er trennte 

doch hier! 



38o LYRISCHE DICHTUNGEN 

DER VIRTUOSE 

EINE hohe Noblesse bedien ich heut mit der Flöte, 
Die, wie ganz Wien mir bezeugt, völlig wie Geige 

sich hört. 



SACHEN, SO GESUCHT WERDEN 

Bedienten wünscht man zu haben, der 

schreibet 
Und orthographisch, jedoch nichts in Bell- Lettres getan 

FR 

w 



FRANZOSISCHE LUSTSPIELE VON DYK 

IR versichern auf Ehre, daß wir einst witzig ge- 
wesen. 

Sind wir auch hier, wir gestehns, herzlich geschmack- 
los und fad. 



BUCHHÄNDLER- ANZEIGE 

NICHTS ist der Menschheit so wichtig, als ihre Bestim- 
mung zu kennen; 
Um zwölf Groschen Courant wird sie bei mir jetzt 

verkauft. 

AUKTION 

DA die Metaphysik vor kurzem unbeerbt abging, 
Werden die Dinge an sich morgen sub hasta ver- 
kauft. 

GOTTESURTEIL 

(Zwischen einem Göttinger und Berliner.) 

OFFNET die Schranken! Bringet zwei Särge! Trom- 
peter, geblasen! 
Almanachsritter, heraus gegen den Ritter vom Sporn! 



z 



SACHEN, SO GESTOHLEN WORDEN 
(Immanuel Kant spricht.) 
WANZIG Begriffe wurden mir neulich diebisch ent- 
wendet; 

Leicht sind sie kenntlich, es steht sauber mein I. K. 

darauf. 



1794/7 WEIMAR , 381 

ANTWORT AUF OBIGEN AVIS 

WENN nicht alles mich trügt, so hab ich besagte 
Begriffe 
In Herrn Jakobs zu Hall' Schriften vor kurzem gesehn. 

SCHAUSPIELERIN 

FURIOSE Geliebten sind meine Forcen im Schauspiel, 
Und in der Coniidie glänz ich als Branntevveinfrau. 

PROFESSOR HISTORIARUM 

BREITER wird immer die Welt, und immer mehr 
Neues geschiehet; 
Ach! die Geschichte wird stets länger, und kürzer das 

Brot! 
REZENSION 

SEHET, wie artig der Frosch nicht hüpft! Doch find 
ich die hintern 
Füße um vieles zu lang, so wie die vordem zu kurz. 

LITERARISCHER ADRESSKALENDER 

JEDER treibe sein Handwerk, doch immer steh es ge- 
schrieben: 
Dies ist das Handwerk, und der treibet das Handwerk 

geschickt. 

NEUSTE KRITIKPROBEN 

NICHT viel fehlt dir, ein Meister nach meinen Be- 
griffen zu heißen, 
Nehm ich das Einzige aus, daß du verrückt phantasierst. 



L 



EINE ZWEITE 
lEBLICH und zart sind deine Gefühle, gebildet dein 

Ausdruck, 
Eins nur tadl ich: du bist frostig von Herzen und matt. 

EINE DRITTE 

DU nur bist mir der würdige Dichter! Es kommt dir 
auf eine 
Platitüde nicht an, nur um natürlich zu sein. 



382 . LYRISCHE DICHTUNGEN 



v 



SCHILLERS WÜRDE DER FRAUEN 
ORN herein liest sich das Lied nicht zum besten; ich 

les es von hinten, 
Strophe für Strophe, und so nimmt es ganz artig sich aus. 



PEGASUS, VON EBEN DEMSELBEN 

MEINE zarte Natur schockiert das grelle Gemälde; 
Aber, von Langbein gemalt, mag ich den Teufel 

recht gem. 

DAS UNGLEICHE VERHÄLTNIS 

UNSRE Poeten sind seicht; doch das Unglück ließ' 
sich vertuschen, 
Hätten die Kritiker nicht, ach! so entsetzlich viel Geist. 

NEUGIER 

ETWAS wünscht ich zu sehn: ich wünschte einmal von 
den Freunden, 
Die das Schwache so schnell finden, das Gute zu sehn! 

GELEHRTE ZEITUNGEN 

WIE die Nummern des Lotto, so zieht man hier die 
Autoren, 
Wie sie kommen, nur daß niemand dabei was gewinnt. 

ÜBERTREIBUNG UND EINSEITIGKEIT 

DASS der Deutsche doch alles zu einem Äußersten 
treibet. 
Für Natur und Vernunft selbst, für die nüchterne, 

schwärmt! 



V 



NEUESTE BEHAUPTUNG 
ÖLLIG charakterlos ist die Poesie der Modernen, 
Denn sie verstehen bloß, charakteristisch zu sein. 



GRIECHISCHE UND MODERNE TRAGÖDIE 

UNSRE Tragödie spricht ziun Verstand, drum zerreißt 
sie das Herz so; 
Jene setzt in Affekt, darum beruhigt sie so! 



II 794/7 WEIMAR 383 

ENTGEGENGESETZTE WIRKUNG 
WIR Modernen, wir gehn erschüttert, gerührt aus 
dem Schauspiel; 
Mit erleichterter Brust hüpfte der Grieche heraus. 

DIE HÖCHSTE HARMONIE 

OEDIPUS reißt die Augen sich aus, Jokaste erhenkt 
sich. 
Beide schuldlos; das Stück hat sich harmonisch gelöst. 

AUFGELÖSTES RÄTSEL 

ENDLICH ist es heraus, warum ims Hamlet so anzieht: 
Weil er, merket das wohl, ganz zur Verzweiflung 

uns bringt. 

GEFÄHRLICHE NACHFOLGE 

FREUNDE, bedenket euch wohl, die tiefere, kühnere 
Wahrheit 
Laut zu sagen, sogleich stellt man sie euch auf den Kopf. 



M 



XENIEN 
USE, wo führst du uns hin? Was, gar zu den Manen 

hinunter? 
Hast du vergessen, daß wir nur Monodistichen sind? 

MUSE 

DESTO besser! Geflügelt wie ihr, dünnleibig und luftig, 
Seele mehr als Gebein, wischt ihr als Schatten hin- 
durch. 

ACHERONTA MOVEBO 

HÖLLE, jetzt nimm dich in acht, es kommt ein Reise - 
beschreiber, 
. Und die Publizität deckt auch den Acheron auf. 

STERILEMQUE TIBI PROSERPINA VACCAM 

HEKATE! Keusche! Dir Schlacht ich 'Die Kunst, zu 
lieben' von Manso; 
Jungfer noch ist sie, sie hat nie was von Liebe gewußt. 



384 LYRISCHE DICHTUNGEN 

ELPENOR 

MUSS ich dich hier schon treffen, Elpenor? Du bist 
mir gewaltig 
Vorgelaufen! Und wie? Gar mit gebrochnem Genick? 

UNGLÜCKLICHE EILFERTIGKEIT 

ACH, wie sie "Freiheit" schrien und "Gleichheit", ge- 
schwind wollt ich folgen, 
Und weil die Trepp mir zu lang deuchte, so sprang ich 

vom Dach. 
ACHILLES 

VORMALS im Leben ehrten wir dich wie einen der 
Götter; 
Nun du tot bist, so herrscht über die Geister dein Geist. 



L 



TROST 

ASS dich den Tod nicht reuen, Achill! Es lebet dein 

Name 
In der Bibliothek schöner Szientien hoch. 

SEINE ANTWORT 

LIEBER möcht ich fürwahr dem Ärmsten als Acker- 
knecht dienen. 
Als des Gänsegeschlechts Führer sein, wie du erzählst. 

FRAGE 

DU verkündige mir von meinen jimgen Nepoten, 
Ob in der Literatur beide noch walten vmd wie? 

ANTWORT 

FREILICH walten sie noch \md bedrängen hart die Tro-"" 
janer, 
Schießen manchmal auch wohl blind in das Blaue hinein. 

FRAGE 

MELDE mir auch, ob du Kunde vom alten Peleus ver- 
nähmest. 
Ob er noch weit geehrt in den Kalendern sich liest? 



1794/7 WEIMAR 385 

ANTWORT 

ACH! ihm mangelt leider die spannende Kraft und die 
Schnelle, 
Die einst des G*** herrliche Saiten belebt. 

AJAX 

AJAX, Telamons Sohn! So mußtest du selbst nach dem 
Tode 
Noch forttragen den Groll wegen der Rezension? 

TANTALUS 
JAHRELANG steh ich so hier, zur Hippokrene gebücket. 
J Lechzend vor Durst; doch der Quell, will ich ihn 

kosten, zerrinnt. 

PHLEGYASQUE MISERRIMUS OMNES ADMONET 

Oich Tor! Ich rasender Tor! Und rasend ein jeder. 
Der. auf des Weibes Rat horchend, den Freiheits- 
baum pflanzt! 

DIE DREIFARBIGE KOKARDE 

WER ist der Wütende da, der durch die Hölle so 
brüllet 
Und mit grimmiger Faust sich die Kokarde zerzaust: 

AGAMEMNON 

BÜRGER Odysseus! Wohl dir! Bescheiden ist deine Ge- 
mahlin, 
Strickt dir die Strümpfe und steckt keine drei Farben 

dir an! 

PORPHYROGENETA, DEN KOPF UNTER DEM ARME 

KÖPFE schaffet euch an, ihr Liebden! Tut es beizeiten! 
Wer nicht hat, er verliert auch, was er hat^ noch 

dazu! 
SISYPHUS 

AUCH noch hier nicht zur Ruh, du Unglückseiger! 
Noch immer 
Rollst du bergauf wie einst, da du regiertest, den Stein! 

GOETHE XIV 25. 



386 LYRISCHE DICHTUNGEN 

SULZER 

HÜBEN über den Urnen! Wie anders ists, als wir dach- 
ten! 
Mein aufrichtiges Herz hat mir Vergebung erlangt. 

HALLER 

ACH! Wie schrumpfen allhier die dicken Bände zu- 
sammen, 
Einige werden belohnt, aber die meisten verziehn. 

MOSES MENDELSSOHN 

JA! Du siehst mich unsterblich!— "Das hast du uns ja 
in dem Phädon 
Längst bewiesen."— Mein Freund, freue dich, daß du es 

siehst! 

DER JUNGE WERTHER 

WORAUF lauerst du hier?"— Ich erwarte den dum- 
men Gesellen, 
Der sich so abgeschmackt über mein Leiden gefreut. 

EDLER Schatten, du zürnst?"— Ja, über den lieblosen 
Bruder, 
Der mein modernd Gebein lasset im Frieden nicht ruhn. 

DIOSKUREN 

EINEN wenigstens hofft ich von euch hier unten zu finden; 
Aber beide seid ihr sterblich, drum lebt ihr zugleich. 

UNVERMUTETE ZUSAMMENKUNFT 

SAGE, Freund, wie find ich denn dich in des Todes 
Behausung? 
Ließ ich doch frisch und gesimd dich in Berlin noch 

zurück! 
DER LEICHNAM 

ACH, das ist niu: mein Leib, der in Almanachen noch' 
lungeht; 
Aber es schiffte schon längst über den Lethe der Geist 



1 



1794/7 WEIMAR 387 

PEREGRINUS PROTEUS 

SIEHESl' du Wieland, so sag ihm: ich lasse mich schön- 
stens bedanken, 
Aber er tat mir zuviel Ehr an, ich war doch ein Lump. 

LUCIAN VON SAMOSATA 
~\ TUN, Freund, bist du versöhnt mit den Philosophen? 
1 N Du hast sie 

Oben im Leben, das weiß Jupiter! tüchtig geneckt." 

GESTÄNDNIS 

REDE leiser, mein Freund. Zwar hab ich die Narren 
gezüchtigt, 
Aber mit vielem Geschwätz oft auch die Klugen geplagt. 

ALCIBIADES 

KOMMST du aus Deutschland? Sieh mich doch an, ob 
ich wirklich ein solcher 
Hasenfuß bin, als bei euch man in Gemälden mich zeigt? 

MARTIAL 

XENIEN nennet ihr euch? Ihr gebt euch für Küchen - 
präsente? 
Ißt mau denn, mit Vergimst, spanischen Pfeflfer bei euch? 

XENIEN 
"X TICHT doch! Aber es schwächten die vielen wäßrigten 
1 N Speisen 

So den Magen, daß jetzt Pfefifer imd Wermut nur hilft. 



EINER AUS DEM CHOR 
{Fängt an, zu rezitieren) 
'AHRLICH, nichts Lustigers weiß ich, als wenn 
die Tische recht voll sind 
^on Gebacknem und Fleisch, imd wenn der Schenke 

nicht versäumt." — 



388 LYRISCHE DICHTUNGEN 



T 



VORSCHLAG ZUR GÜTE 
EILT euch wie Brüder! Es sind der Würste gerade 

zwei Dutzend, 
Und wer Astyanax sang, nehme noch diese von mir. 

MUSE ZU DEN XENIEN 

ABER jetzt rat ich euch, geht, sonst kommt noch gar 
der Gorgona 
Fratze oder ein Band Oden von Haschka hervor. 



A 



AN DIE FREIER 
LLES war nur ein Spiel! Ihr Freier lebt ja noch alle, 
Hier ist der Bogen, und hier ist zu den Ringen 

der Platz. 



WAS in Frankreich vorbei ist, das spielen Deutsche 
noch immer. 
Denn der stolzeste Mann schmeichelt dem Pöbel und 

kriecht. 

PÖBEL! wagst du zu sagen. Wo ist der Pöbel?" Ihr 
machtet. 
Ging' es nach eurem Sinn, gerne die Völker dazu. 



VOTIVTAFELN 

von Schiller und Goethe 

DER MORALISCHE UND DER SCHÖNE 

CHARAKTER 

T\ EPRÄSENTANT ist jener der ganzen Geistergemeine, 

fv. Aber das schöne Gemüt zählt schon allein für sich 

selbst. 

DER SCHÖNE GEIST UND DER SCHÖNGEIST 

NUR das Leichtere trägt auf leichten Schultern der 
Schöngeist, 
Aber der schöne Geist trägt das Gewichtige leicht. 



I 1794/7 WEIMAR 389 

PHILISTER UND SCHÖNGEIST 
JENER mag gelten, er dient doch als fleißiger Knecht 
J noch der Wahrheit. 

Aber dieser bestiehlt Wahrheit und Schönheit zugleich. 

NATUR UND VERNUNFT 

WÄRT ihr, Schwärmer, imstande, die Ideale zu 
fassen, 
O so verehrtet ihr auch, wie sichs gebührt, die Natur. 
Wärt ihr, Philister, imstand, die Natur im Großen zu sehen. 
Sicher führte sie selbst euch zu Ideen empor. 

DAS SUBJEKT 

WICHTIG wohl ist die Kunst und schwer, sich selbst 
zu bewahren. 
Aber schwieriger ist diese: sich selbst zu entfliehn. 

ZUCHT 

WAHRHEIT ist niemals schädlich , sie straft — und die 
Strafe der Mutter 
Bildet das schwankende Kind, wehret der schmeicheln- 
den Magd. 

DIE ZERGLIEDERER 

SPALTET immer das Licht! Wie öfters strebt ihr zu 
trennen. 
Was euch allen zum Trutz Eins und ein Einziges bleibt. 

DIE QUELLEN 

TREFFLICHE Künste dankt man der Not und dankt 
man dem Zufall, 
Nur zur Wissenschaft hat keines von beiden geführt. 

EMPIRIKER 

DASS ihr den sichersten Pfad gewählt, wer möchte das 
leugnen? 
Aber ihr tappet nur blind auf dem gebahntesten Pfad. 



390 LYRISCHE DICHTUNGEN 

THEORETIKER 

IHR verfahrt nach Gesetzen, auch würdet ihrs sicherlich 
treffen, 
Wäre der Obersatz nur, wäre der Untersatz wahr! 

LETZTE ZUFLUCHT 

VORNEHM schaut ihr im Glück auf den blinden Em- 
piriker nieder, 
Aber, seid ihr in Not, ist er der delphische Gott. 

DIE SYSTEME 

PRÄCHTIG habt ihr gebaut. Du lieber Himmel! Wie 
treibt man, 
Nun er so königlich erst wohnet, den Irrtum heraus! 



DIE VIELWISSER 
I seid ihr und kenne 
Aber der Horizont decket manch Sternbild euch zu. 



\ STRONOMEN seid ihr und kennet viele Gestirne, 



MORALISCHE SCHWÄTZER 

WIE sie mit ihrer reinen Moral uns, die Schmutzi- 
gen, quälen! 
Freilich, der groben Natur dürfen sie gar nichts vertraun! 
Bis in die Geisterwelt müssen sie fiiehn, dem Tier zu 

entlaufen. 
Menschlich können sie selbst auch nicht das Mensch- 
lichste tim. 
Hätten sie kein Gewissen, und spräche die Pflicht nicht 

so heilig, 
Wahrlich, sie plünderten selbst in der Umarmung die 

Braut. 

DER STRENGLING UND DER FRÖMMLING 

JENER fodert durchaus, daß dir das Gute mißfalle. 
Dieser will gar, daß du liebst, was dir von Herzen 

mißfällt. 
Muß ich wählen, so seis in Gottes Namen die Tugend, 
Denn ich kann einmal nicht lieben, was abgeschmackt ist. 



J 



1794/7 WEIMAR 391 

THEOPHAGEN 

DIESEN ist alles Genuß. Sie essen Ideen, und bringen 
In das Himmelreich selbst Messer und Gabel hinauf. 

FRATZEN 

FROMME gesunde Natur! Wie stellt die Moral dich an 
Pranger! 
Heiige Vernunft! Wie tief stürzt dich der Schwärmer 

herab! 

MORAL DER PFLICHT UND DER LIEBE 

JEDE, wohin sie gehört! Erhabene Seelen nur kleidet 
Jene, die andere steht schönen Gemütern nur an. 
Aber Widrigers kenn ich auch nichts, als wenn sich durch 

Bande 
Zarter geistiger Lieb Grobes mit Grobem vermählt; 
Und verächtlicher nichts als die Moral der Dämonen 
In dem Munde des Volks, dem noch die Menschlichkeit 

fehlt. 

DER PHILOSOPH UND DER SCHWÄRMER 
TENER steht auf der Erde, doch schauet das Auge zum 
J Himmel; 

Dieser, die Augen im Kot, recket die Beine hinauf. 

DAS IRDISCHE BÜNDEL 

HIMMELAN flögen sie gern, doch hat auch der Körper 
sein Gutes, 
Und man packt es geschickt hinten dem Seraph noch auf. 



w 



DER WAHRE GRUND 
AS sie im Himmel wohl suchen, das, Freunde, will 

ich euch sagen: 
Vorderhand suchen sie nur Schutz vor der höllischen 

Glut. 

DIE TRIEBFEDERN 

IMMER treibe die Furcht den Sklaven mit eisernem Stabe; 
Freude, führe du mich immer an rosichtem Band. 



392 LYRISCHE DICHTUNGEN 

WAHRHEIT 

EINE nur ist sie für alle, doch siehet sie jeder verschieden; 
Daß es Eines doch bleibt, macht das Verschiedene 

wahr. 

SCHÖNHEIT 

SCHÖNHEIT ist ewig nur Eine, doch mannigfach wech- 
selt das Schöne; 
Daß es wechselt, das macht eben das Eine nur schön. 

BEDINGUNG 

EWIG strebst du umsonst, dich dem Göttlichen ähnlich 
zu machen, 
Hast du das Göttliche nicht erst zu dem Deinen gemacht. 

DER VORZUG 

J WER das Herz zu siegen, ist groß, ich verehre den 
^^ Tapfern; 

Aber wer durch sein Herz sieget, er gilt mir doch mehr. 

DIE ERZIEHER 

BÜRGER erzieht ihr der sittlichen Welt; wir wollten 
euch loben, 
Stricht ihr sie nur nicht zugleich aus der empfindenden 

aus. 

DAS GÖTTLICHE 

WÄRE sie unverwelklich, die Schönheit, ihr könnte 
nichts gleichen; 
Nichts, wo die göttliche blüht, weiß ich der göttlichen 

gleich. 
Ein Unendliches ahndet, ein Höchstes erschafft die Ver- 
nunft sich: 
In der schönen Gestalt lebt es dem Herzen, dem Blick. 

VERSTAND 

BILDEN wohl kann der Verstand, doch der tote kann 
nicht beseelen. 
Aus dem Lebendigen quillt alles Lebendige nur. 



\ 



1794/7 WEIMAR 393 

PHANTASIE 

SCHAFFEN wohl kann sie den Stoflf, doch die wilde kann 
nicht gestalten, 
Aus dem Harmonischen quillt alles Harmonische nur. 

DICHTUNGSKRAFT 

DASS dein Leben Gestalt, dein Gedanke Leben ge- 
winne, 
Laß die belebende Kraft stets auch die bildende sein. 

WITZ UND VERSTAND 

DER ist zu furchtsam, jener zu kühn; nur dem Genius 
ward es, 
In der Nüchternheit kühn, fromm in der Freiheit zusein. 

ABERWITZ UND WAHNWITZ 

U" BERSPRINGT sich der Witz, so lachen wir über den 
Toren; 
Gleitet der Genius aus, ist er dem Rasenden gleich. 

DER UNTERSCHIED 

LÄCHELND sehn wir den Tänzer auf glatter Ebene 
straucheln. 
Aber auf ernstlichem Seil wer mag den Schwindelnden 

sehn ? 

LEHRE AN DEN KUNSTJÜNGER 

DASS du der Fehler schlimmsten, die Mittelmäßigkeit, 
meidest, 
Jüngling, so meide doch ja keinen der andern zu früh! 

DAS MITTELMÄSSIGE UND DAS GUTE 

WILLST du jenem den Preis verschaffen, zähle die 
Fehler; 
Willst du dieses erhöhn, zähle die Tugenden ab. 



394 LYRISCHE DICHTUNGEN 

DAS PRIVILEGIUM 

BLÖSSEN gibt nur das Reiche dem Tadel, am Werke 
der Armut 
Ist nichts Schlechtes, es ist Gutes daran nichts zu sehn. 



N 



DIE SICHERHEIT 
UR das feurige Roß, das mutige, stürzt auf der Renn- 
bahn, 
Mit bedächtigem Paß schreitet der Esel daher. 



GENIALISCHE KRAFT 

ALLE Schöpfung ist Werk der Natur. Von Jupiters 
Throne 
Zuckt der allmächtige Strahl, nährt und erschüttert die 

Welt. 
Pflanzet über die Häuser die leitenden Spitzen undKetten, 
Über die ganze Natur wirkt die allmächtige Kraft. 

DELIKATESSE IM TADEL 

WAS heißt zärtlicher Tadel? Der deine Schwäche 
verschonet? 
Nein, der deinen Begriff von dem Vollkommenen stärkt. 

DER BERUFENE RICHTER 

WER ist zum Richter bestellt? Nur der Bessere? Nein, 
wem das Gute 
Über das Beste noch gilt, der ist zum Richter bestellt. 

AXT **** 

DU vereinigest jedes Talent, das den Autor vollendet; 
O entschließe dich, Freund, nichts als ein Leser 

zu sein. 

DAS MITTEL 

WILLST du in Deutschland wirken als Autor, so trifl 
sie nur tüchtig, 
Denn zum Beschauen des Werks finden sich wenige nur. 



1794/7 WEIMAR 395 

DIE UNBERUFENEN 

TADELN ist leicht, erschaifen so schwer; ihr Tadler 
des Schwachen, 
Habt ihr das Treffliche denn auch zu belohnen ein Herz? 

DIE BELOHNUNG 

WAS belohnet den Meister? Der zart antwortende 
Nachklang 
Und der reine Reflex aus der begegnenden Brust. 

DAS GEWÖHNLICHE SCHICKSAL 

HAST du an liebender Brust das Kind der Empfindung 
gepfleget, 
Einen Wechselbalg nur gibt dir der Leser zurück. 



'I 



DER WEG ZUM RUHME 



GLÜCKLICH nenn ich den Autor, der in der Höhe 
den Beifall 
Findet; der deutsche muß nieder sich bücken dazu. 

BEDEUTUNG 

WAS bedeutet dein Werk?" so fragt ihr den Bildner 
des Schönen; 
Frager, ihr habt nur die Magd, niemals die Göttin ge- 
sehn. 

AN DIE MORALISTEN 

LEHRET! das ziemet euch wohl, auch wir verehren 
die Sitte; 
Aber die Muse läßt sich nicht gebieten von euch. 
Nicht von dem Architekt erwart ich melodische Weisen, 

Und, Moralist, von dir nicht zu dem Epos den Plan. 
Vielfach sind die Kräfte des Menschen; o daß sich doch 

jede 
Selbst beherrsche, sich selbst bilde zum herrlichsten aus! 



396 LYRISCHE DICHTUNGEN 

DEUTSCHE KUNST 

GABE von oben her ist, was wir Schönes in Künsten 
besitzen, 
Wahrlich, von unten herauf bringt es der Grund nicht 

hervor. 
Muß der Künstler nicht selbst den Schößling von außen 

sich holen? 
Nicht aus Rom und Athen borgen die Sonne, die Luft? 

TOTE SPRACHEN 

TOTE Sprachen nennt ihr die Sprache des Flaccus und 
Pindar, 
Und von beiden nur kommt, was in der unsrigen lebt! 

DEUTSCHER GENIUS 

RINGE, Deutscher, nach römischer Kraft, nach griechi- 
scher Schönheit! 
Beides gelang dir, doch nie glückte der gallische Sprung. 



VIER JAHRESZEITEN 

FRÜHLING 

AUF, ihr Distichen, frisch! Ihr muntern lebendigen 
Knaben! 
Reich ist Garten und Feld! Blumen zum Kranze herbei! 

REICH ist an Blumen die Fltur; doch einige sind nur 
dem Auge, 
Andre dem Herzen nur schön; wähle dir, Leser, nun 

selbst! 

ROSENKNOSPE, du bist dem blühenden Mädchen 
gewidmet, 
Die als die Herrlichste sich, als die Bescheidenste zeigt. 

■X /TELE der Veilchen zusammengeknüpft, das Strauß - 
V chen erscheinet 

Erst als Blume; du bist, häusliches Mädchen, gemeint. 



1794/7 WEIMAR 397 

EINE kannt ich, sie war wie die Lilie schlank, und ihr 
Stolz war 
Unschuld; herrlicher hat Salomo keine gesehn. 

SCHÖN erhebt sich der Aglei, und senkt das Köpfchen 
herunter. 
Ist es Gefühl: oder ists Mutwill? Ihr ratet es nicht. 

VIELE duftende Glocken, o Hyazinthe, bewegst du; 
Aber die Glocken ziehn, wie die Gerüche, nicht an. 

NACHTVIOLE, dich geht man blendenden Tage vor- 
über; 
Doch bei der Nachtigall Schlag hauchest du köstlichen 

Geist. 

TUBEROSE, du ragest hervor und ergetzest im Freien; 
Aber bleibe vom Haupt, bleibe vom Herzen mir 

fern! 

FERN erblick ich den Mohn; er glüht. Doch komm ich 
dir näher, 
Ach! so seh ich zu bald, daß du die Rose nur lügst. 

TULPEN, ihr werdet gescholten von sentimentalischen 
Kennern; 
Aber ein lustiger Sinn wünscht auch ein lustiges Blatt. 

NELKEN, wie find ich euch schön! Doch alle gleicht 
ihr einander, 
Unterscheidet euch kaum, und ich entscheide mich nicht. 

PRANGT mit den Farben Aurorens, Ranunkeln, Tulpen 
und Astern! 
Hier ist ein dunkles Blatt, das euch an Dufte beschämt. 

KEINE lockt mich, Ranunkeln, von euch, und keine 
begehr ich; 
Aber im Beete vermischt sieht euch das Auge mit Lust. 



398 LYRISCHE DICHTUNGEN 

SAGT! was füllet das Zimmer mit Wohlgerüchen? Reseda, 
Farblos, ohne Gestalt, stilles, bescheidenes Kraut. 



z 



lERDE wärst du der Gärten; doch wo du erscheinest, 

da sagst du: 
Ceres streute mich selbst aus mit der goldenen Saat. 



DEINE liebliche Kleinheit, dein holdes Auge, sie sagen 
Immer: Vergiß mein nicht! immer: Vergiß nur nicht 

mein! 

SCHWÄNDEN dem inneren Auge die Bilder sämtlicher 
Blumen, 
Eleonore, dein Bild brächte das Herz sich hervor. 



SOMMER 

GRAUSAM erweiset sich Amor an mir! O spielet, ihr 
Musen, 
Mit den Schmerzen, die er, spielend, im Busen erregt! 

MANUSKRIPTE besitz ich, wie kein Gelehrter noch 
König; 
Denn mein Liebchen, sie schreibt, was ich ihr dichtete, 

mir. 

WIE im Winter die Saat nur langsam keimet, im 
Sommer 
Lebhaft treibet und reift, so war die Neigung zu dir. 

IMMER war mir das Feld und der Wald, und der Fels 
und die Gärten 
Nur ein Raum, und du machst sie, Geliebte, zum Ort. 

"n AUM und Zeit, ich empfind es, sind bloße Formen 
fv. des Anschauns, 

Da das Eckchen mit dir, Liebchen, imendlich mir 

scheint. 



1794/7 WEIMAR 399 

SORGE! sie steiget mit dir zu Roß, sie steiget zu SchiflFe; 
Viel zudringlicher noch packet sich Amor uns auf. 

NEIGUNG besiegen ist schwer; gesellet sich aber Ge- 
wohnheit, 
Wurzelnd, allmählich zu ihr, unüberwindlich ist sie. 

WELCHE Schrift ich zwei-, ja dreimal hinterein- 
ander 
Lese? Das herzliche Blatt, das die Geliebte mir schreibt. 

SIE entzückt mich, und täuschet vielleicht. O Dichter 
und Sänger, 
Mimen! lerntet ihr doch meiner Geliebten was ab! 

ALLE Freude des Dichters, ein gutes Gedicht zu er- 
schafifen, 
Fühle das liebliche Kind, das ihn begeisterte, mit. 

EIN Epigramm sei zu kurz, mir etwas Herzlichs zu sagen? 
Wie, mein Geliebter, ist nicht kürzer der herzliche 

Kuß? 

KENNST du das herrliche Gift der unbefriedigten 
Liebe? 
Es versengt und erquickt, zehret am Mark und erneuts. 

KENNST du die herrliche Wirkvmg der endlich be- 
friedigten Liebe? 
Körper verbindet sie schön, wenn sie die Geister befreit. 



D 



AS ist die wahre Liebe, die immer vmd immer sich 

gleichbleibt, 
Wenn man ihr alles gewährt, wenn man ihr alles versagt. 



ALLES wünscht ich zu haben, um mit ihr alles zu 
teilen; 
Alles gab ich dahin, war sie, die Einzige, mein. 



400 LYRISCHE DICHTUNGEN 

KRÄNKEN ein liebendes Herz, und schweigen müssen: 
geschärfter 
Können die Qualen nicht sein, die Rhadamanth sich 

ersinnt. 

WARUM bin ich vergänglich, o Zeus? so fragte die 
Schönheit. 
Macht ich doch, sagte der Gott, nur das Vergängliche 

schön. 

UND die Liebe, die Blumen, der Tau vuid die Jugend 
vernahmens; 
Alle gingen sie weg, weinend, von Jupiters Thron. 

LEBEN muß man und lieben; es endet Leben imd 
Liebe. 
Schnittest du, Parze, doch nur beiden die Fäden zu- 



gleich! 



HERBST 



RICHTET den herrschenden Stab auf Leben und 
Handeln, und lasset 
Amom, dem lieblichen Gott, doch mit der Muse das 

Spiel! 

LEHRET! Es ziemet euch wohl, auch wir verehren 
die Sitte; 
Aber die Muse läßt nicht sich gebieten von euch. 

"\ TIMM dem Prometheus die Fackel, beleb, o Muse, die 
1 N Menschen! 

Nimm sie dem Amor, und rasch quäl imd beglücke, 

wie er! 

ALLE Schöpfung ist Werk der Natur. Von Jupiters 
Throne 
Zuckt der allmächtige Strahl, nährt und erschüttert die 

Welt. 



1794/7 WEIMAR 401 

FREUNDE, treibet nur alles mit Ernst und Liebe; die 
beiden 
Stehen dem Deutschen so schön, den ach! so vieles 

entstellt. 

KINDER werfen den Ball an die Wand und fangen ihn 
wieder; 
Aber ich lobe das Spiel, wirft mir der Freund ihn zurück. 

IMMER strebe zum Ganzen, und kannst du selber kein 
Ganzes 
Werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes 

dich an. 

WÄRT ihr, Schwärmer, imstande, die Ideale zu 
fassen, 
O! so verehrtet ihr auch, wie sichs gebührt, die Natur. 

WEM zu glauben ist, redlicher Freund, das kann ich 
dir sagen: 
Glaube dem Leben; es lehrt besser als Redner und Buch. 

SCHÄDLICHE Wahrheit, ich ziehe sie vor dem nütz- 
lichen Irrtum. 
Wahrheit heilet den Schmerz, den sie vielleicht uns 

erregt. 

SCHADET ein Irrtum wohl.- Nicht immer! aber das Irren, 
Immer schadets. Wie sehr, sieht man am Ende des 

Wegs. 

FREMDE Kinder, wir lieben sie nie so sehr als die 
eignen; 
Irrtum, das eigene Kind, ist uns dem Herzen so nah. 

IRRTUM verläßt uns nie; doch ziehet ein höher Bedürfnis 
Immer den strebenden Geist leise zur Wahrheit hinan. 

GLEICH sei keiner dem andern; doch gleich sei jeder 
dem Höchsten. 
Wie das zu machen? Es sei jeder vollendet in sich. 

GOETHE XIV 26. 



402 LYRISCHE DICHTUNGEN 

WARUM will sich Geschmack und Genie so selten 
vereinen? 
Jener furchtet die Kraft, dieses verachtet den Zaum. 

FORTZUPFLANZEN die Welt, sind alle vemünftgen 
Diskurse 
Unvermögend; durch sie kommt auch kein Kunstwerk 

hervor. 

WELCHEN Leser ich wünsche? Den unbefangen- 
sten, der mich, 
Sich und die Welt vergißt, und in dem Buche nur lebt. 

DIESER ist mir der Freund, der mit mir Strebendem 
wandelt; 
Lädt er zum Sitzen mich ein, stehl ich für heute mich 

weg. 

WIE beklag ich es tief, daß diese herrliche Seele, 
Wert, mit zum Zwecke zu gehn, mich nur als 

Mittel begreift! 

PREISE dem Kinde die Puppen, wofür es begierig die 
Groschen 
Hinwirft; wahrlich, du wirst Krämern und Kindern ein 

Gott. 

WIE verfährt die Natur, um Hohes und Niedres im 
Menschen 
Zu verbinden? Sie stellt Eitelkeit zwischen hinein. 

AUF das empfindsame Volk hab ich nie was gehalten; 
es werden. 
Kommt die Gelegenheit, nur schlechte Gesellen daraus. 

FRANZTUM drängt in diesen verworrenen Tagen, wie 
ehmals 
Luthertum es getan, ruhige Bildtmg zurück. 

A V 70 Parteien entstehn, hält jeder sich hüben und 



drüben; 
Viele Jaihre vergehn, eh sie die Mitte vereint. 



1 



1794/7 WEIMAR 403 

WILLST du, mein Sohn, frei bleiben, so lerne was 
Rechtes, und halte 
Dich genügsam, und nie blicke nach oben hinauf! 

WER ist der edlere Mann in jedem Stande? Der 
stets sich 
Neiget zum Gleichgewicht, was er auch habe voraus. 

WISST ihr, wie auch der Kleine was ist? Er mache 
das Kleine 
Recht; der Große begehrt just so das Große zu tun. 



w 



AS ist heilig? Das ists, was viele Seelen zusammen 
Bindet; band es auch nur leicht, wie die Binse 

den Kranz. 



WAS ist das Heiligste? Das, was heut und ewig die 
Geister, 
Tiefer und tiefer gefühlt, immer nur einiger macht. 

WER ist das würdigste Glied des Staats? Ein wackerer 
Bürger; 
Unter jeglicher Form bleibt er der edelste Stoff. 

WER ist denn wirklich ein Fürst? Ich hab es immer 
gesehen: 
Der nur ist wirklich Fürst, der es vermochte zu sein. 

FEHLET die Einsicht oben, der gute Wille von unten. 
Führt sogleich die Gewalt, oder sie endet den Streit. 

REPUBLIKEN hab ich gesehn, und das ist die beste, 
Die dem regierenden Teil Lasten, nicht Vorteil ge- 
währt. 

BALD, es kenne nur jeder den eigenen, gönne dem an- 
dern 
Seinen Vorteil, so ist ewiger Friede gemacht. 

KEINER bescheidet sich gern mit dem Teile, der ihm 
gebühret. 
Und so habt ihr den Stoff immer und ewig zum Krieg. 



404 LYRISCHE DICHTUNGEN 

ZWEIERLEI Arten gibt es, die treffende Wahrheit zu 
sagen: 
Öffentlich immer dem Volk, immer dem Fürsten ge- 
heim. 

WENN du laut den einzelnen schiltst, er wird sich 
verstecken, 
Wie sich die Menge verstockt, wenn du im ganzen sie 

lobst. 

DU bist König und Ritter und kannst befehlen und 
streiten; 
Aber zu jedem Vertrag rufe den Kanzler herbei. 

KLUG imd tätig und fest, bekannt mit allem, nach oben 
Und nach unten gewandt, sei er Ministerund bleibs. 

WELCHEN Hofmann ich ehre? Den klarsten und 
feinsten! Das andre, 
Was er noch sonst besitzt, kommt ihm als Menschen 

zugut. 

B du der Klügste seist, daran ist wenig gelegen; 
Aber der Biederste sei, so wie bei Rate, zu Haus. 



o 
o 



B du wachst, das kümmert uns nicht, wofern du nur 

singest. 
Singe, Wächter, dein Lied schlafend, wie mehrere tun. 

WINTER 

WASSER ist Körper, undBoden der Fluß. Das neuste 
Theater 
Tut in der Sonne Glanz zwischen den Ufern sich auf. 

WAHRLICH, es scheint nur ein Traum! Bedeutende 
Bilder des Lebens 
Schweben, lieblich imd ernst, über die Fläche dahin. 

I 

EINGEFROREN sahen wir so Jahrhimderte starren, 
Menschengefühl xmd Vernunft schlich nur verborgen 

am Grimd. 



j^ 1794/7 WEIMAR 405 

"\ TUR die Fläche bestimmt die kreisenden Bahnen des 
1 N Lebens; 

Ist sie glatt, so vergißt jeder die nahe Gefahr. 

ALLE streben und eilen und suchen und fliehen ein- 
ander; 
Aber alle beschränkt freimdlich die glättere Bahn. 

DURCH einander gleiten sie her, die Schüler imd Mei- 
ster, 
Und das gewöhnliche Volk, das in der Mitte sich hält. 

JEDER zeigt hier, was er vermag; nicht Lob und nicht 
Tadel 
Hielte diesen zurück, förderte jenen zum Ziel. 

EUCH, Präkonen des Pfuschers, des Meisters Verklei- 
nerer, wünscht ich 
Mit ohnmächtiger Wut stumm hier am Ufer zu sehn. 

LEHRLING, du schwankest und zauderst und scheuest 
die glättere Fläche. 
Nur gelassen! du wirst einst noch die Freude der Bahn. 

WILLST du schon zierlich erscheinen, imd bist nicht 
sicher? Vergebens! 
Nur aus vollendeter Kraft blicket die Anmut hervor. 

FALLEN ist der Sterblichen Los. So fällt hier der Schüler, 
Wie der Meister; doch stürzt dieser gefährlicher hin. 

STÜRZT der rüstigste Läufer der Bahn, so lacht man 
am Ufer, 
Wie man bei Bier und Tabak über Besiegte sich hebt. 

GLEITE fröhlich dahin, gib Rat dem werdenden Schüler, 
Freue des Meisters dich, und so genieße des Tags. 

SIEHE, schon nahet der Frühhng; das strömende Wasser 
verzehret 
Unten, der sanftere Blick oben der Sonne das Eis. 



4o6 LYRISCHE DICHTUNGEN 

DIESES Geschlecht ist hinweg, zerstreut die bunte Ge- 
sellschaft; 
Schiffern und Fischern gehört wieder die wallende Flut. 

SCHWIMME, du mächtige Scholle, nur hin! uad kommst 
du als Scholle 
Nicht hinunter, du kommst doch wohl als Tropfen ins 

Meer. 

MIGNON 

SO laßt mich scheinen, bis ich werde; 
Zieht mir das weiße Kleid nicht aus! 
Ich eile von der schönen Erde 
Hinab in jenes feste Haus. 

Dort ruh ich eine kleine Stille, 
Dann öffnet sich der frische Blick, 
Ich lasse dann die reine Hülle, 
Den Gürtel und den Kranz zurück. 

Und jene himmlischen Gestalten, 
Sie fragen nicht nach Mann und Weib, 
Und keine Kleider, keine Falten 
Umgeben den verklärten Leib. 

Zwar lebt ich ohne Sorg und Mühe, 
Doch fühlt ich tiefen Schmerz genung. 
Vor Kummer altert ich zu frühe — 
Macht mich auf ewig wieder jung! 

[An die Herzogin Luise] 

SKLAVEN sollten wir haben in deiner Gegenwart.^ Alle, ' 
Fürstin, machest du frei, alle verbindest du dir. 



[In Ifflands Stammbuch] 

lEL von Künsten und Künstlern wird immer in 
Deutschland gesprochen; 
Angeschaut haben wir nun Künstler und Künste zu-^ 

gleich. 



V 



1794/7 WEIMAR 407 

DIE SPRÖDE 

AN dem reinsten Frühlingsmorgen 
Ging die Schäferin mid sang, 
Jung und schön und ohne Sorgen, 
Daß es durch die Felder klang, 
So la la! le ralla! 

Thyrsis bot ihr für ein Mäulchen 
Zwei, drei Schäfchen gleich am Ort. 
Schalkhaft blickte sie ein Weilchen, 
Doch sie sang und lachte fort, 
So la la! le ralla! 

Und ein andrer bot ihr Bänder, 
Und der dritte bot sein Herz; 
Doch sie trieb mit Herz und Bändern 
So wie mit den Lämmern Scherz, 
Nur la la! le ralla! 

DIE BEKEHRTE 

BEI dem Glänze der Abendröte 
Ging ich still den Wald entlang, 
Dämon saß und blies die Flöte, 
Daß es von den Felsen klang, 
So la la! 

Und er zog mich, ach, an sich nieder 
Küßte mich so hold, so süß. 
Und ich sagte: Blase wieder! 
Und der gute Junge blies, 
So la la! 

Meine Ruhe ist nun verloren, 
Meine Freude floh davon. 
Und ich höre vor meinen Ohren 
Immer nur den alten Ton, 
So la la, le ralla! 

u. s. w. 



4o8 LYRISCHE DICHTUNGEN 

ALEXIS UND DORA 

ACH! unaufhaltsam strebet das Schiff mit jedem Mo- 
mente 
Durch die schäumende Flut weiter und weiter hinaus! 
Langhin furcht sich die Gleise des Kiels, worin die Delphine 

Springend folgen, als flöh ihnen die Beute davon. 
Alles deutet auf glückliche Fahrt: der ruhige Bootsmann 

Ruckt am Segel gelind, das sich für alle bemüht; 
Vorwärts dringt der SchiflFenden Geist, wie Flaggen imd 

Wimpel; 
Einer nur steht rückwärts traurig gewendet am Mast, 
Sieht die Berge schon blau, die scheidenden, sieht in das 

Meer sie 
Niedersinken, es sinkt jegliche Freude vor ihm. 
Auch dir ist es verschwunden, das Schiff, das deinen Alexis, 
Dir, o Dora, den Freund, ach! dir den Bräutigam raubt. 
Auch du blickest vergebens nach mir. Noch schlagen die 

Herzen 
Füreinander, doch ach! nun aneinander nicht mehr. 
Einziger Augenblick, in welchem ich lebte! du wiegest 
Alle Tage, die sonst kalt mir verschwindenden, auf. 
Ach! nur im Augenblick, im letzten, stieg mir ein Leben 

Unvermutet in dir, wie von den Göttern, herab. 
Nur umsonst verklärst du mit deinem Lichte den Äther; 

Dein allleuchtender Tag, Phöbus, mir ist er verhaßt. 
In mich selber kehr ich zurück; da will ich im stillen 
Wiederholen die Zeit, als sie mir täglich erschien. 
War es möglich, die Schönheit zu sehn und nicht zu emp- 
finden.^ 
Wirkte der himmlische Reiz nicht auf dein stumpfes 

Gemüt? 
Klage dich. Armer, nicht an! — So legt der Dichter ein 

Rätsel, 
Künstlich mit Worten verschränkt, oft der Versammlung 

ins Ohr: 
Jeden freuet die seltne, der zierHchen Bilder Verknüpfung, 
Aber noch fehlet das Wort, das die Bedeutung ver- 
wahrt; 



1 



|| 1794/7 WEIMAR 409 

Ist es endlich entdeckt, dann heitert sich jedes Gemüt auf 

Und erblickt im Gedicht doppelt erfreulichen Sinn. 
Ach, warum so spät, o Amor, nahmst du die Binde, 

Die du ums Aug mir geknüpft, nahmst sie zu spät mii 

hinweg! 
Lange schon harrte befrachtet das Schifif auf günstige Lüfte; 

Endlich strebte der Wind glücklich vom Ufer ins Meer. 
Leere Zeiten der Jugend! und leere Träume der Zukunft! 

Ihr verschwindet, es bleibt einzig die Stunde mir nur. 
Ja, sie bleibt, es bleibt mir das Glück! ich halte dich, Dora! 

Und die Hoffnvmg zeigt, Dora, dein Bild mir allein. 
Öfter sah ich zum Tempel dich gehn, geschmückt und 

gesittet, 

Und das Mütterchen ging feierlich neben dir her. 
Eilig warst du und frisch, zu Markte die Früchte zu tragen. 

Und vom Brunnen, wie kühn! wiegte dein Haupt das 

Gefäß. 
Da erschien dein Hals, erschien dein Nacken vor allen. 

Und vor allen erschien deiner Bewegungen Maß. 
Oftmals hab ich gesorgt, es möchte der Krug dir entstürzen , 

Doch er hielt sich stet auf dem geringelten Tuch. 
Schöne Nachbarin, ja, so war ich gewohnt dich zu sehen. 

Wie man die Sterne sieht, wie man den Mond sich be- 
schaut, 
Sich an ihnen erfreut, imd innen im ruhigen Busen 

Nicht der entfernteste Wunsch, sie zu besitzen, sich regt. 
Jahre, so gingt ihr dahin! Nur zwanzig Schritte getrennet 

Waren die Häuser, imd nie hab ich die Schwelle be- 
rührt. 
Und nun trennt uns die gräßliche Flut! Du lügst nur den 

Himmel, 

Welle! dein herrliches Blau ist mir die Farbe der Nacht. 
Alles rührte sich schon; da kam ein Knabe gelaufen 

An mein väterlich Haus, rief mich zum Strande hinab: 
Schon erhebt sich das Segel, es flattert im Winde, so 

sprach er. 

Und gelichtet, mit Kraft, trennt sich der Anker vom Sand; 
Komm, Alexis, o komm! Da drückte der wackere Vater, 

Würdig, die segnende Hand mir auf das lockige Haupt- 



4IO LYRISCHE DICHTUNGEN 

Sorglich reichte die Mutter ein nachbereitetes Bündeh 

Glücklich kehre zurück! riefen sie, glücklich und reich! 
Und so sprang ich hinweg, das Bündelchen unter dem Arme, 

An der Mauer hinab, fand an der Türe dich stehn 
Deines Gartens. Du lächeltest mir und sagtest: Alexis! 
Sind die Lärmenden dort deine Gesellen der Fahrt? 
Fremde Küsten besuchest du nun, und köstliche Waren 
Handelst du ein, und Schmuck reichen Matronen der 

Stadt. 
Aber bringe mir auch ein leichtes Kettchen; ich will es 
Dankbar zahlen: so oft hab ich die Zierde gewünscht! 
Stehen war ich geblieben und fragte, nach Weise des 

Kaufmanns, 
Erst nach Form und Gewicht deiner Bestellung genau. 
Gar bescheiden erwogst du den Preis! da blickt ich in- 
dessen 
Nach dem Halse, des Schmucks unserer Königin wert. 
Heftiger tönte vom Schiff das Geschrei; da sagtest du 

freundlich: 
Nimm aus dem Garten noch einige Früchte mit dir! 
Nimm die reifsten Orangen, die weißen Feigen; das Meer , 

bringt "^-i 

Keine Früchte, sie bringl jegliches Land nicht hervor. ' 
Und so trat ich herein. Du brachst nun die Früchte ge- 
schäftig. 
Und die goldene Last zog das geschürzte Gewand. 
Öfters bat ich: es sei nun genug! und immer noch eine 
Schönere Frucht fiel dir, leise berührt, in die Hand. 
EndHch kamst du zur Laube hinan; da fand sich ein Körb- 
chen, 
Und die Myrte bog blühend sich über uns hin. 
Schweigend begannest du nun geschickt die Früchte zu 

ordnen: 
Erst die Orange, die schwer ruht, als ein goldener Ball, 
Dann die weichliche Feige, die jeder Druck schon ent- 
stellet; 
Und mit Myrte bedeckt ward und geziert das Geschenk. 
Aber ich hob es nicht auf; ich stand. Wir sahen einander 
In die Augen, und mir ward vor dem Auge so trüb. 



1794/7 ^VEIMAR 4ii 

Deinen Busen fühlt ich an meinem! Den herrhchen Nacken, 

Ihn umschlang nun mein Arm, tausendmal küßt ich den 

Hals; 
Mir sank über die Schulter dein Haupt, nun knüpften auch 

deine 
Lieblichen Arme das Band um den Beglückten herum. 
Amors Hände fühlt ich: erdrückt' uns gewaltig zusammen, 

Und aus heiterer Luft donnert' es dreimal; da floß 
Häufig die Träne vom Aug mir herab, du weintest, ich 

weinte, 
Und vor Jammer und Glück schien uns die Welt zu 

vergehn. 
Immer heftiger rief es am Strand; da wollten die Füße 
Mich nicht tragen, ich rief: Dora! und bist du nicht 

mein? 
Ewig! sagtest du leise. Da schienen unsere Tränen, 

Wie durch göttliche Luft, leise vom Auge gehaucht. 
Näher rief es: Alexis! Da blickte der suchende Knabe 

Durch die Türe herein. Wie er das Körbchen empfing! 
Wie er mich trieb! Wie ich dir die Hand noch drückte! — 

Zu Schifife 
Wie ich gekommen? Ich weiß, daß ich ein Trunkener 

schien. 

Und so hielten mich auch die Gesellen, schonten den 

Kranken; 
Und schon deckte der Hauch trüber Entfernung die 

Stadt. 
Ewig! Dora, lispeltest du; mir schallt es im Ohre 

Mit dem Donner des Zeus! Stand sie doch neben dem 

Thron, 
Seine Tochter, die Göttin der Liebe; die Grazien standen 

Ihr zur Seiten! Er ist götterbekräftigt, der Bund! 
O so eile denn, Schiff, mit allen günstigen Winden! 

Strebe, mächtiger Kiel, trenne die schäumende Flutl 
Bringe dem fremden Hafen mich zu, damit mir der Gold- 
schmied 
In der Werkstatt gleich ordne das himmlische Pfand. 
Wahrlich! zur Kette soll das Kettchen werden, o Dora! 
Neunmal umgebe sie dir, locker gewunden, den Hals! 



412 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Ferner schaff ich noch Schmuck, den mannigfaltigsten; 

goldne 
Spangen sollen dir auch reichlich verzieren die Hand: 
Da wetteifre Rubin und Smaragd, der liebliche Saphir 

Stelle dem Hyazinth sich gegenüber, und Gold 
Halte das Edelgestein in schöner Verbindung zusammen. 
O wie den Bräutigam freut, einzig zu schmücken die 

Braut! 
Seh ich Perlen, so denk ich an dich; bei jeghchem Ringe 
Kommt mir der länglichen Hand schönes Gebild in den 

Sinn. 
Tauschen will ich und kaufen; du sollst das Schönste von 

allem 
Wählen; ich widmete gern alle die Ladung nur dir. 
Doch nicht Schmuck und Juwelen allein verschafft dein 

Geliebter: 
Was ein häusliches Weib freuet, das bringt er dir auch. 
Feine wollene Decken mit Purpursäumen, ein Lager 

Zu bereiten, das uns traulich und weichlich empfängt; 
Köstlicher Leinwand Stücke. Du sitzest und nähest und 

kleidest 
Mich und dich und auch wohl noch ein Drittes darein. 
Bilder der Hoffnung, täuschet mein Herz! O mäßiget, 

Götter, 

Diesen gewaltigen Brand, der mir den Busen durchtobt! 

Aber auch sie verlang ich zurück, die schmerzliche Freude, 

Wenn die Sorge sich kalt, gräßlich gelassen, mir naht. 

Nicht der Erinnyen Fackel, das Bellen der höllischen Hunde 

Schreckt den Verbrecher so in der Verzweiflung Gefild, 

Als das gelaßne Gespenst mich schreckt, das die Schöne 

von fern mir 
Zeiget: die Türe steht wirklich des Gartens noch auf! 
Und ein anderer kommt! Für ihn auch fallen die Früchte! 

Und die Feige gewährt stärkenden Honig auch ihm! 
Lockt sie auch ihn nach der Laube? und folgt er,^ O macht 

mich, ihr Götter, 
Blind, verwischet das Bild jeder Erinnrung in mir! 
Ja, ein Mädchen ist sie! imd die sich geschwinde dem einen 
Gibt, sie kehret sich auch schnell zu dem andern herum. 



1794/7 WEIMAR 413 

Lache nicht diesmal, Zeus, der frech gebrochenen Schwüre! 

Donnere schrecklicher! Triff! — Halte die Blitze zurück! 
Sende die schwankenden Wolken mir nach! Im nächtlichen 

Dunkel 

Trefife dein leuchtender Blitz diesen unglücklichen Mast! 
Streue die Planken umher und gib der tobenden Welle 

Diese Waren, und mich gib den Delphinen zum Raub! — 
Nun, ihr Musen, genug! Vergebens strebt ihr zu schildern, 

Wie sich Jammer und Glück wechseln in liebender Brust. 
Heilen könnet die Wunden ihr nicht, die Amor geschlagen; 

Aber Linderung kommt einzig, ihr Guten, von euch. 

MUSEN UND GRAZIEN IN DER MARK 

Owie ist die Stadt so wenig; 
Laßt die Maurer künftig ruha' 
Unsre Bürger, unser König 
Könnten wohl was Bessers tun. 
Ball und Oper wird uns töten; 
Liebchen, komm auf meine Flur, 
Denn besonders die Poeten, 
Die verderben die Natur. 

O wie freut es mich, mein Liebchen, 
Daß du so natürlich bist; 
Unsre Mädchen, rmsre Bübchen 
Spielen künftig auf dem Mist! 
Und axii unsern Promenaden 
Zeigt sich erst die Neigung stark. 
Liebes Mädchen! laß ims waden, 
Waden noch durch diesen Quark. 

Dann im Sand uns zu verlieren, 
Der uns keinen Weg versperrt! 
Dich den Anger hin zu führen. 
Wo der Dorn das Röckchen zerrt! 
Zu dem Dörfchen laß uns schleichen 
Mit dem spitzen Turme hier; 
Welch ein Wirtshaus sondergleichen! 
Trocknes Brot und saures Bier! 



L 



414 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Sagt mir nichts von gutem Boden, 
Nichts vom Magdeburger Land! 
Unsre Samen, unsre Toten 
Ruhen in dem leichten Sand. 
Selbst die Wissenschaft verlieret 
Nichts an ihrem raschen Lauf, 
Denn bei uns, was vegetieret. 
Alles keimt getrocknet auf. 

Geht es nicht in unserm Hofe 
Wie im Paradiese zu? 
Statt der Dame, statt der Zofe 
Macht die Henne glu! glu! glu! 
Uns beschäftigt nicht der Pfauen, 
Nur der Gänse Lebenslauf; 
Meine Mutter zieht die grauen, 
Meine Frau die weißen auf. 

Laß den Witzling uns bestichein! 
Glücklich, wenn ein deutscher Mann 
Seinem Freunde Vetter Micheln 
Guten Abend bieten kann. 
Wie ist der Gedanke labend: 
Solch ein Edler bleibt uns nah! 
Immer sagt man: Gestern abend 
War doch Vetter Michel da! 

Und in unsem Liedern keimet 

Silb aus Silbe, Wort aus Wort. 

Ob sich gleich auf deutsch nichts reimet. 

Reimt der Deutsche dennoch fort. 

Ob es kräftig oder zierlich, 

Geht uns so genau nicht an; 

Wir sind bieder und natürlich. 

Und das ist genug getan. 



EINE nicht hält mich zurück, gar zwei sinds, die mii 
gebieten. 



1 



1794/7 WEIMAR 415 

KOMM nur von Giebichenstein, von Malepartus! Du 
bist doch 
Reineke nicht, du bist doch nur halb Bär und halb Wolf. 

DER CHINESE IN ROM 

EINEN Chinesen sah ich in Rom; die gesamten Gebäude 
Alter und neuerer Zeit schienen ihm lästig und schwer. 
Ach! so seufzt' er, die Armen! ich hoffe, sie sollen begreifen, 
Wie erst Säulchen von Holz tragen des Daches Gezelt, 
Daß an Latten und Pappen, Geschnitz und bunter Ver- 
goldung 
Sich des gebildeten Augs feinerer Sinn nur erfreut. — 
Siehe, da glaubt ich, im Bilde so manchen Schwärmer zu 

schauen. 
Der sein luftig Gespinst mit der soliden Natiir 
Ewigem Teppich vergleicht, den echten, reinen Gesunden 
Krank nennt, daß ja nur ^r heiße, der Kranke, gesund. 

HERMANN UND DOROTHEA 

ALSO das wäre Verbrechen, daß einst Properz mich 
begeistert, 
Daß Martial sich zn mir auch, der verwegne, gesellt? 
Daß ich die Alten nicht hinter mir ließ, die Schule zu hüten, 

Daß sie nach Latium gern mir in das Leben gefolgt." 
Daß ich Natur und Kunst zu schaun mich treulich bestrebe, 
Daß kein Name mich täuscht, daß mich kein Dogma 

beschränkt? 
Daß nicht des Lebens bedingender Drang mich, den Men- 
schen, verändert, 
Daß ich der Heuchelei dürftige Maske verschmäht? 
Solcher Fehler, die du, o Muse, so emsig gepfleget, 
Zeihet der Pöbel mich; Pöbel nur sieht er in mir. 
Ja, sogar der Bessere selbst, gutmütig und bieder, 

Will mich anders; doch du, Muse, befiehlst mir allein. 
Denn du bist es allein, die noch mir die innere Jugend 

Frisch erneuest, und sie mir bis zu Ende versprichst. 

Aber verdopple nunmehr, o Göttin, die heilige Sorgfalt! 

Ach! die Scheitel umwalltreichlichdie Locke nicht mehr: 



4 1 6 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Dabedarfman der Kränze, sich selbst und andre zu täuschen; 

Kränzte doch Cäsar selbst nur aus Bedürfnis das Haupt. 

Hast du ein Lorbeerreis mir bestimmt, so laß es am Zweige 

Weiter grünen, und gib einst es dem Würdigern hin; 
Aber Rosen winde genug zum häuslichen Kranze, 

Bald als Lilie schlingt silberne Locke sich durch. 
Schüre die Gattin das Feuer, auf reinlichem Herde zu 

kochen! 

Werfe der Knabe das Reis, spielend, geschäftig dazu! 

Laß im Bechernicht fehlen den Wein! Gesprächige Freunde, 

Gleichgesinnte, herein! Kränze, sie warten auf euch. 

Erst die Gesundheit des Mannes, der, endlich vom Namen 

Homeros 
Kühn ims befreiend, uns auch ruft in die vollere Bahn. 
Denn wer wagte mit Göttern den Kampf? und wer mit 

dem Einen? 
Doch Homeride zu sein, auch nur als letzter, ist schön. 
Darum boret das neuste Gedicht! Noch einmal getrunken! 
Euch besteche der Wein, Freundschaft und Liebe das 

Ohr. 
Deutschen selber fuhr ich euch zu, in die stillere Wohnung, 
Wo sich, nah der Natur, menschlich der Mensch noch 

erzieht. . 

Uns begleite des Dichters Geist, der seine Luise M 

Rasch dem würdigen Freund, uns zu entzücken, verband. 
Auch die traurigen Bilder der Zeit, sie führ ich vorüber; 

Aber es siege der Mut in dem gesunden Geschlecht. 
Hab ich euch Tränen ins Auge gelockt, imd Lust in die 

Seele 
Singend geflößt, so kommt, drücket mich herzHch ans 

Herz! 
Weise denn sei das Gespräch! Uns lehret Weisheit am 

Ende 
Das Jahrhundert; wen hat das Geschick nicht geprüft: 
Blicket heiterer nun auf jene Schmerzen zurücke, 

Wenn euch ein fröhlicher Sinn manches entbehrlich 

erklärt. 
Menschen lernten wir kennen und Nationen; so laßt uns, 
• Unser eigenes Herz kennend, uns dessen erfreun. 



üi 



1794/7 WEIMAR 417 

AUCH erscheint ein Herr F* rlietorisch, grimmig- 
ironisch, 
Seltsam gebärdet er sich, plattdeutsch, im Zeitungs- 
format. 

SfiANCE 

HIER ists, wo unter eignem Namen 
Die Buchstaben sonst zusammenkamen. 
Mit Scharlachkleidern angetan, 
Saßen die Selbstlauter obenan: 
A, E, I, O und U dabei. 
Machten gar ein seltsam Geschrei. 
Die Mitlauter kamen mit steifen Schritten, 
Mußten erst um Erlaubnis bitten: 
Präsident A war ihnen geneigt. 
Da wurd ihnen denn der Platz gezeigt; 
Andre aber, die mußten stehn, 
Als Pe-Ha und Te-Ha und solches Getön. 
Dann gabs ein Gerede, man weiß nicht wie: 
Das nennt man eine Akademie. 

HAUS -PARK 

LIEBE Mutter, die Gespielen 
Sagen mir schon manche Zeit, 
Daß ich besser sollte fühlen, 
Was Natur im Freien beut. 
Bin ich hinter diesen Mauern, 
Diesen Hecken, diesem Buchs, 
Wollen sie mich nur bedauern 
Neben diesem alten Jux. 

Solche schroffe grüne Wände 
Ließen sie nicht länger stehn; 
Kann man doch von einem Ende 
Gleich bis an das andre sehn. 
Von der Schere fallen Blätter, 
Fallen Blüten, welch ein Schmerz! 
Asmus, unser lieber Vetter, 
Nennt es puren Schneiderscherz. 

GOETHE XIV 27. 



4 1 8 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Stehn die Pappeln doch so prächtig 
Um des Nachbars Gartenhaus; 
Und bei uns wie niederträchtig 
Nehmen sich die Zwiebeln aus! 
Wollt ihr nicht den Wunsch erfüllen— 
Ich bescheide mich ja wohl! 
Heuer nur, um Gottes willen, 
Liebe Mutter, keinen Kohl! 

ALEXIS UND DORA 
Alexis 

SAG, wie kommst du zu dem Besen 
Und, was schlimmer ist, zum Reim? 

Dora 
Bin in Halberstadt gewesen 
Bei dem guten Vater Gleim. 

DER SCHATZGRÄBER 

ARM am Beutel, krank am Herzen, 
Schleppt ich meine langen Tage. 
Armut ist die größte Plage, 
Reichtum ist das höchste Gut! 
Und, zu enden meine Schmerzen, 
Ging ich, einen Schatz zu graben. 
Meine Seele sollst du haben! 
Schrieb ich hin mit eignem Blut. 

Und so zog ich Kreis' um KLreise, 
Stellte wunderbare Flammen, 
Kraut und Knochenwerk zusammen: 
Die Beschwörung war vollbracht. 
Und auf die gelernte Weise 
Grub ich nach dem alten Schatze 
Auf dem angezeigten Platze; 
Schwarz imd stürmisch war die Nacht. 

Und ich sah ein Licht von weiten, 
Und es kam gleich einem Sterne 



j 



1794/7 WEIMAR 419 

Hinten aus der fernsten Ferne, 
Eben als es Zwölfe schlug. 
Und da galt kein Vorbereiten: 
Heller wards mit einem Male 
Von dem Glanz der vollen Schale, 
Die ein schöner Knabe trug. 

Holde Augen sah ich blinken 
Unter dichtem Blumenkranze; 
In des Trankes Himmelsglanze 
Trat er in den Kreis herein. 
Und er hieß mich freundlich trinken; 
Und ich dacht: es kann der Knabe 
Mit der schönen lichten Gabe 
Wahrlich nicht der Böse sein. 

Trinke Mut des reinen Lebens! 
Dann verstehst du die Belehrung, 
Kommst, mit ängstlicher Beschwörung, 
Nicht zurück an diesen Ort. 
Grabe hier nicht mehr vergebens: 
Tages Arbeit! Abends Gäste! 
Saure Wochen! Frohe Feste! 
Sei dein künftig Zauberwort. 



DER NEUE PAUSIAS UND SEIN BLUMENMÄDCHEN 

Pausias von Sicyon, der Maler, war als Jüngling in Glyceren, seine 
Mitbürgerin, verliebt, welche Blumenkränze zu winden einen sehr 
erfinderischen Geist hatte. Sie wetteiferten miteinander, und er 
brachte die Nachahmung der Blumen zur größten Mannigfaltigkeit. 
Endlich malte er seine Geliebte, sitzend, mit einem Kranze be- 
schäftigt. Dieses Bild wurde für eins seiner besten gehalten und die 
Kranzwinderin oder Kranzhändlerin genannt, weil Glycere sich auf 
diese Weise als ein armes Mädchen ernährt hatte. Lucius LucuUus 
kaufte eine Kopie in Athen für zwei Talente. {Plinius, Historia 
aaturalis XXXV, 11.) 

Sie 

SCHÜTTE die Blumen nur her, zu meinen Füßen und 
deinen! 
Welch ein chaotisches Bild holder Verwirrung du streust! 



420 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Er 
Du erscheinest als Liebe, die Elemente zu knüpfen; 
Wie du sie bindest, so wird nun erst ein Leben daraus. 

Sie 
Sanft berühre die Rose, sie bleib im Körbchen verborgen; 
Wo ich dich finde, mein Freund, öffentlich reich ich sie dir. 

Er 
Und ich tu, als kennt ich dich nicht, und danke dir freund- 
lich; 
Aber dem Gegengeschenk weichet die Geberin aus, 

Sie 
Reiche die Hyazinthe mir nun, und reiche die Nelke, 
Daß die frühe zugleich neben der späteren sei. 

Er 

Laß im blumigen Kreise zu deinen Füßen mich sitzen, 
Und ich fülle den Schoß dir mit der lieblichen Schar. 

Sie 
Reiche den Faden mir erst; dann sollen die Garten- 
verwandten, 
Die sich von ferne nur sahn, nebeneinander sich freun. 

Er 
Was bevvundr ich zuerst? was zuletzt? die herrlichen 

Blumen? 
Oder der Finger Geschick? oder der Wählerin Geist? 

Sie 
Gib auch Blätter, den Glanz der blendenden Blumen zu 

mildern: 
Auch das Leben verlangt ruhige Blätter im Kranz. 

Er 

Sage, was wählst du so lange bei diesem Strauße? Gewiß ist 
Dieser jemand geweiht, den du besonders bedenkst. 

Sie 
Hundert Sträuße verteil ich des Tags, und Kränze di 

Menge; 
Aber den schönsten doch bring ich am Abende dir. 



I 



17 94/7 WEIMAR 421 

Er 
Ach! wie wäre der Maler beglückt, der diese Gewinde 
Malte, das blumige Feld, ach! und die Göttin zuerst! 

Sie 
Aber doch mäßig beglückt ist der, mich dünkt, der am 

Boden 
Hier sitzt, dem ich den Kuß reichend noch glücklicher 

bin. 
Er 
Ach, Geliebte, noch Einen! Die neidischen Lüfte des 

Morgens 
Nahmen den ersten sogleich mir von den Lippen hinweg. 

Sie 
Wie der Frühling die Blumen mir gibt, so geb ich die 

Küsse 
Gern dem Geliebten; und hier sei mit dem Kusse der 

Kranz! 
Er 
Hätt ich das hohe Talent des Pausias glücklich empfangen: 
Nachzubilden den Kranz, war ein Geschäfte des Tags! 

Sie 
Schön ist er wirklich. Sieh ihn nur an! Es wechseln die 

schönsten 
Kinder Florens um ihn, bunt und gefällig, den Tanz. 

Er 
In die Kelche versenkt ich mich dann und erschöpfte den 

süßen 
Zauber, den die Natur über die Kronen ergoß. 

Sie 
Und so fand ich am Abend noch frisch den gebundenen 

Kranz hier; 
Unverwelklich sprach uns von der Tafel er an. 

Er 
Ach, wie fühl ich mich arm und unvermögend! wie wünscht 

ich 
Festzuhalten das Glück, das mir die Augen versengt! 



42 2 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Sie 
Unzufriedener Mann! Du bist ein Dichter, und neidest 
Jenes Alten Talent? Brauche das deinige doch! 

Er 

Und erreicht wohl der Dichter den Schmelz der farbigen 

Blumen: 
Neben deiner Gestalt bleibt nur ein Schatten sein Wort! 

Sie 

Aber vermag der Maler wohl auszudrücken: Ich liebe? 
Nur dich lieb ich, mein Freund! lebe für dich nur allein! 

Er 
Ach! und der Dichter selbst vermag nicht zu sagen: Ich 

liebe! 
Wie du, himmlisches Kind, süß mir es schmeichelst ins 

Ohr. 
Sie 
Viel vermögen sie beide; doch bleibt die Sprache des Kusses, 
Mit der Sprache des Blicks, nur den Verliebten ge- 
schenkt. 
Er 
Du vereinigest alles; du dichtest und malest mit Blumen: 
Florens Kinder sind dir Farben und Worte zugleich. 

Sie 
Nur ein vergängliches Werk entwindet der Hand sich des 

Mädchens 
Jeden Morgen: die Pracht welkt vor dem Abende schon. 

Er 3^ 

Auch so geben die Götter vergängliche Gaben, und locken 
Mit erneutem Geschenk immer die Sterblichen an. 

Sie 
Hat dir doch kein Strauß, kein Kranz des Tages gefehlet, 
Seit dem ersten, der dich mir so von Herzen verband. 

Er 

Ja, noch hängt er zu Hause, der erste Kranz, in der Kammer, 
Welchen du mir, den Schmaus lieblich umwandelnd, 

gereicht. 



& 1794/7 WEIMAR 423 

Sie 
Da ich den Becher dir kränzte, die Rosenknospe hineinfiel, 

i- Und du trankest, und riefst: Mädchen, die Bhimen sind 
Gift! 
Er 
Und dagegen du sagtest: Sie sind voll Honig, die Blumen; 
Aber die Biene nur findet die Süßigkeit aus. 

Sie 
Und der rohe Timanthergriffmich und sagte: Die Hummeln 
r Forschen des herrlichen Kelchs süße Geheimnisse wohl? 

' Er 

Und du wandtest dich weg, und wolltest fliehen; es stürzten 
Vor dem täppischen Mann Körbchen und Blumen hinab. 

Sie 
Und du riefst ihm gebietend: Das Mädchen laß nur! die 

Sträuße, 
So wie das Mädchen selbst, sind für den feineren Sinn. 

Er 
Aber fester hielt er dich nur, es grinste der Lacher, 
Und dein Kleid zerriß oben vom Nacken herab. 

Sie 

Und du warfst in begeisterter Wut den Becher hinüber, 

Daß er am Schädel ihm, häßlich vergossen, erklang. 

Er 

Wein und Zorn verblendeten mich; doch sah ich den weißen 
Nacken, die herrliche Brust, die du bedecktest, im Blick. 

Sie 
Welch ein Getümmel ward tmd ein Aufstand! Purpurn 

das Blut lief. 
Mit dem Weine vermischt, greulich dem Gegner vom 

Haupt. 

Dich nur sah ich, nur dich am Boden knieend, verdrießlich; 
Mit der einen Hand hieltst das Gewand du hinauf. 



424 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Sie 
Ach, da flogen die Teller nach dir! Ich sorgte, den adeln 
Fremdling träfe der Wurf kreisend geschwungnen Me- 
talls. 
Er 
Und doch sah ich nur dich, wie rasch mit der anderen 

Hand du 
Körbchen, Blumen und Kranz sammeltest unter dem 

Stuhl. 
Sie 
Schützend tratest du vor, daß nicht mich verletzte der Zufall, 
Oder der zornige Wirt, weil ich das Mahl ihm gestört. 

Er 
Ja, ich erinnre mich noch; ich nahm den Teppich wie einer. 
Der auf dem linken Arm gegen den Stier ihn bewegt. 

Sie 
Ruhe gebot der Wirt und sinnige Freunde. Da schlüpft ich 
Sachte hinaus- nach dir wendet ich immer den Blick. 

Er 
Ach, du warst mir verschwunden! Vergebens sucht ich in,, 

allen 1 

Winkeln des Hauses herum, sowie auf Straßen und Markt. ' 

Sie 
Schamhaft blieb ich verborgen. Das unbescholtene Mäd- 
chen, 
Sonst von den Bürgern geliebt, war nun das Märchen 

des Tags. 
Er 
Blumen sah ich genug und Sträuße, Kränze die Menge; 
Aber du fehltest mir, aber du fehltest der Stadt. 
Sie 
Stille saß ich zu Hause. Da blätterte los sich vom Zweif 
Manche Rose, so auch dorrte die Nelke dahin. 
Er 

Mancher Jüngling sprach auf dem Platz: Da liegen die 

Blumen! 
Aber die Liebliche fehlt, die sie verbände zum Kranz. 



1794/7 WEIMAR 425 

Sie 
Kränze band ich indessen zu Haus, und ließ sie verwelken, 
■ ' Siehst du? da hangen sie noch, neben dem Herde, fürdich. 

Er 
Auch so welkte der Kranz, dein erstes Geschenk! Ich ver- 
gaß nicht 
Ihn im Getümmel, ich hing neben dem Bett mir ihn auf. 

Sie 
Abends betrachtet ich mir die welkenden, saß noch und 

weinte, 
Bis in der dunkelen Nacht Farbe nach Farbe verlosch. 

Er 
Irrend ging ich umher und fragte nach deiner Behausung; 
Keiner der Eitelsten selbst konnte mir geben Bescheid. 

Sie 
Keiner hat je mich besucht, und keiner weiß die entlegne 
Wohnung; die Größe der Stadt birget die Ärmere leicht. 

Er 
Irrend lief ich umher und flehte zur spähenden Sonne: 
Zeige mir, mächtiger Gott, wo du im Winkel ihr scheinst! 

Sie 
Große Götter hörten dich nicht; doch Penia hört' es. 
Endlich trieb die Not nach dem Gewerbe mich aus. 

Er 
Trieb nicht noch dich ein anderer Gott, den Beschützer 

zu suchen? 
Hatte nicht Amor für uns wechselnde Pfeile getauscht? 

Sie 
Spähend sucht ich dich auf bei vollem Markt, und ich sah 

dich! 

Er 
Und es hielt das Gedräng keines der Liebenden auf. 

Sie 
Schnell wir teilten das Volk, wir kamen zusammen, du 

standest. 



426 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Er 

Und du standest vor mir, ja! und wir waren allein. 

Sie 
Mitten unter den Menschen! sie schienen nur Sträucher 

und Bäume, 

Er 
Und mir schien ihr Getös nur ein Geriesel des Quells. 

Sie 
Immer allein sind Liebende sich in der größten Ver- 
sammlung; 
Aber sind sie zu zwein, stellt auch der Dritte sich ein. 

Er 
Amor, ja! er schmückt sich mit diesen herrlichen Kränzen. 
Schütte die Blumen nun doch fort, aus dem Schöße 

den Rest! 

Sie 
Nun, ich schüttle sie weg, die schönen. In deiner Um- 
armung, 
Lieber, geht mir auch heut wieder die Sonne nur auf. 



NACHGEFÜHL 

WENN die Reben wieder blühen, 
Rühret sich der Wein im Fasse; 
Wenn die Rosen wieder glühen, 
Weiß ich nicht, wie mir geschieht. 

Tränen rinnen von den Wangen, 
Was ich tue, was ich lasse; 
Nur ein unbestimmt Verlangen 
Fühl ich, das die Brust durchglüht. 

Und zuletzt muß ich mir sagen, 
Wenn ich mich bedenk und fasse, 
Daß in solchen schönen Tagen 
Doris einst für mich geglüht. 



1794/7 WEIMAR 427 

ABSCHIED 

ZU lieblich ists, ein Wort zu brechen, 
Zu schwer die vvohlerkannte Pflicht, 
Und leider kann man nichts versprechen, 
Was unserm Herzen widerspricht. 

Du übst die alten Zauberlieder, 

Du lockst ihn, der kaum ruhig war. 

Zum Schaukelkahn der süßen Torheit wieder, 

Erneust, verdoppelst die Gefahr. 

Was suchst du mir dich zu verstecken! 
Sei offen, flieh nicht meinen Blick! 
Früh oder spät mußt ichs entdecken. 
Und hier hast du dein Wort zurück. 

Was ich gesollt, hab ich vollendet. 

Durch mich sei dir von nun an nichts verwehrt; 

Allein verzeih dem Freund, der sich nun von dir wendet 

Und still in sich zurücke kehrt. 

AN MIGNON 

ÜBER Tal und Fluß getragen. 
Ziehet rein der Sonne Wagen. 
Ach, sie regt in ihrem Lauf, 
So wie deine, meine Schmerzen, 
Tief im Herzen, 
Immer morgens wieder auf. 

Kaum will mir die Nacht noch frommen, 

Denn die Träume selber kommen 

Nun in trauriger Gestalt, 

Und ich fühle dieser Schmerzen, 

Still im Herzen 

Heimlich bildende Gewalt. 

Schon seit manchen schönen Jahren 
Seh ich unten Schiffe fahren, 
Jedes kommt an seinen Ort; 



42 8 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Aber ach, die steten Schmerzen, 

Fest im Herzen, 

Schwimmen nicht im Strome fort. 

Schön in Kleidern muß ich kommen, 
Aus dem Schrank sind sie genommen, 
Weil es heute Festtag ist; 
Niemand ahnet, daß von Schmerzen 
Herz im Herzen 
Grimmig mir zerrissen ist. 

Heimlich muß ich immer weinen, 
Aber freundlich kann ich scheinen 
Und sogar gesund und rot; 
Wären tödlich diese Schmerzen 
Meinem Herzen, 
Ach, schon lange war ich tot. 

LEGENDE 

ALS noch, verkannt und sehr gering, 
Unser Herr auf der Erde ging, 
Und viele Jünger sich zu ihm fanden, 
Die sehr selten sein Wort verstanden. 
Liebt' er sich gar über die Maßen, 
Seinen Hof zu halten auf der Straßen, 
Weil unter des Himmels Angesicht 
Man immer besser und freier spricht. 
Er Heß sie da die höchsten Lehren 
Aus seinem heiligen Munde hören; 
Besonders durch Gleichnis und Exempel 
Macht' er einen jeden Markt zum Tempel. 

So schlendert' er in Geistes Ruh 
Mit ihnen einst einem Städtchen zu, 
Sah etwas blinken auf der Straß, 
Das ein zerbrochen Hufeisen was. 
Er sagte zu Sankt Peter drauf: 
Heb doch einmal das Eisen auf! 
Sankt Peter war nicht aufgeräumt, 
Er hatte soeben im Gehen geträumt, 



1794/7 WEIMAR 429 

So was vom Regiment der Welt, 
Was einem jeden wohlgefällt: 
Denn im Kopf hat das keine Schranken; 
Das waren so seine liebsten Gedanken. 
Nun war der Fund ihm viel zu klein, 
Hätte müssen Krön und Scepter sein; 
Aber wie sollt er seinen Rücken 
Nach einem halben Hufeisen bücken? 
Er also sich zur Seite kehrt 
Und tut, als hätt ers nicht gehört. 

Der Herr, nach seiner Langmut, drauf 
Hebt selber das Hufeisen auf 
Und tut auch weiter nicht dergleichen. 
Als sie nun bald die Stadt erreichen. 
Geht er vor eines Schmiedes Tür, 
Nimmt von dem Mann drei Pfennig dafür. 
Und als sie über den Markt nun gehen, 
Sieht er daselbst schöne Kirschen stehen. 
Kauft ihrer, so wenig oder so viel, 
Als man für einen Dreier geben will, 
Die er sodann nach seiner Art 
Ruhig im Ärmel aufbewahrt. 

Nun gings zum andern Tor hinaus. 
Durch Wies und Felder ohne Haus, 
Auch war der Weg von Bäumen bloß; 
Die Sonne schien, die Hitz war groß. 
So daß man viel an solcher Statt 
Für einen Trunk Wasser gegeben hätt. 
Der Herr geht immer voraus vor allen, 
Läßt unversehens eine Kirsche fallen. 
Sankt Peter war gleich dahinter her. 
Als wenn es ein goldner Apfel war; 
Das Beerlein schmeckte seinem Gaum. 
Der Herr, nach einem kleinen Raum, 
Ein ander Kirschlein zur Erde schickt, 
Womach Sankt Peter schnell sich bückt. 
So läßt der Herr ihn seinen Rücken 
Gar vielmal nach den Kirschen bücken. 



430 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Das dauert eine ganze Zeit. 
Dann sprach der Herr mit Heiterkeit: 
Tatst du zur rechten Zeit dich regen, 
Hättst dus bequemer haben mögen. 
Wer geringe Ding wenig achtet, 
Sich um geringere Mühe macht. 

DIE BRAUT VON KORINTH 

NACH Korinthus von Athen gezogen 
Kam ein Jüngling, dort noch unbekannt 
Einen Bürger hofft' er sich gewogen; 
Beide Väter waren gastverwandt, 
Hatten frühe schon 
Töchterchen xmd Sohn 
Braut und Bräutigam voraus genannt. 

Aber wird er auch willkommen scheinen, 

Wenn er teuer nicht die Gunst erkauft? 

Er ist noch ein Heide mit den Seinen, 

Und sie sind schon Christen und getauft. 

Keimt ein Glaube neu, 

Wird oft Lieb und Treu 

Wie ein böses Unkraut ausgerauft. 

Und schon lag das ganze Haus im stillen, 

Vater, Töchter, nur die Mutter wacht; 

Sie empfängt den Gast mit bestem Willen, 

Gleich ins Prunkgemach wird er gebracht. 

Wein tmd Essen prangt, 

Eh er es verlangt: 

So versorgend wünscht sie gute Nacht. 

Aber bei dem wohlbestellten Essen 

Wird die Lust der Speise nicht erregt; 

Müdigkeit läßt Speis und Trank vergessen, 

Daß er angekleidet sich aufs Bette legt; 

Und er schlummert fast, 

Als ein seltner Gast 

Sich zur offnen Tür herein bewegt. 



1794/7 WEIMAR 431 

Denn er sieht, bei seiner Lampe Schimmer 

Tritt, mit weißem Schleier und Gewand, 

Sittsam still ein Mädchen in das Zimmer, 

Um die Stirn ein schwarz- und goldnes Band. 

Wie sie ihn erblickt, 

Hebt sie, die erschrickt. 

Mit Erstaunen eine weiße Hand. 

Bin ich, rief sie aus, so fremd im Hause, 

Daß ich von dem Gaste nichts vernahm.* 

Ach, so hält man mich in meiner Klause! 

Und nun überfällt mich hier die Scham. 

Ruhe nur so fort 

Auf dem Lager dort. 

Und ich gehe schnell, so wie ich kam. 

Bleibe, schönes Mädchen! ruft der Knabe, 

Rafft von seinem Lager sich geschwind: 

Hier ist Ceres', hier ist Bacchus' Gabe, 

Und du bringst den Amor, liebes Kind! 

Bist vor Schrecken blaß! 

Liebe, komm und laß, 

Laß uns sehn, wie froh die Götter sind. 

Ferne bleib, o Jüngling! bleibe stehen; 

Ich gehöre nicht den Freuden an. 

Schon der letzte Schritt ist, ach! geschehen 

Durch der guten Mutter kranken Wahn, 

Die genesend schwur: 

Jugend und Natur 

Sei dem Himmel künftig Untertan. 

Und der alten Götter bunt Gewimmel 
Hat sogleich das stille Haus geleert. 
Unsichtbar wird Einer nur im Himmel, 
Und ein Heiland wird am Kreuz verehrt; 
Opfer fallen hier. 
Weder Lamm noch Stier, 
Aber Menschenopfer unerhört. 



432 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Und er fragt und wäget alle Worte, 

Deren keines seinem Geist entgeht. 

Ist es möglich, daß am stillen Orte 

Die geliebte Braut hier vor mir steht? 

Sei die Meine nur! 

Unsrer Väter Schwur 

Hat vom Himmel Segen uns erfleht. 

Mich erhältst du nicht, du gute Seele! 

Meiner zweiten Schwester gönnt man dich. 

Wenn ich mich in stiller Klause quäle. 

Ach! in ihren Armen denk an mich, 

Die an dich nur denkt. 

Die sich liebend kränkt; 

In die Erde bald verbirgt sie sich. 

Nein! bei dieser Flamme seis geschworen, 

Gütig zeigt sie Hymen uns voraus; 

Bist der Freude nicht und mir verloren, 

Kommst mit mir in meines Vaters Haus. 

Liebchen, bleibe hier! 

Feire gleich mit mir 

Unerwartet unsern Hochzeitschmaus. 

Und schon wechseln sie der Treue Zeichen; 

Golden reicht sie ihm die Kette dar. 

Und er will ihr eine Schale reichen, 

Silbern, künstlich, wie nicht eine war. 

Die ist nicht für mich; 

Doch, ich bitte dich, 

Eine Locke gib von deinem Haar. 

Eben schlug die dumpfe Geisterstunde, 

Und nun schien es ihr erst wohl zu sein. 

Gierig schlürfte sie mit blassem Munde 

Nun den dunkel blutgefärbten Wein; 

Doch vom Weizenbrot, 

Das er freundlich bot. 

Nahm sie nicht den kleinsten Bissen ein. 



1794/7 WEIMAR 433 

Und dem Jüngling reichte sie die Schale, 

Der, wie sie, nun hastig lüstern trank. 

Liebe fordert er beim stillen Mahle; 

Ach, sein armes Herz war liebekrank. 

Doch sie widersteht, 

Wie er immer fleht, 

Bis er weinend auf das Bette sank. 

Und sie kommt imd wirft sich zu ihm nieder: 

Ach, wie ungern seh ich dich gequält! 

Aber, ach! berührst du meine Glieder, 

Fühlst du schaudernd, was ich dir verhehlt. 

Wie der Schnee so weiß, 

Aber kalt wie Eis 

Ist das Liebchen, das du dir erwählt. 

Heftig faßt er sie mit starken Armen, 

Von der Liebe Jugendkraft durchmannt: 

Hoffe doch, bei mir noch zu erwarmen. 

Wärst du selbst mir aus dem Grab gesandt! 

Wechselhauch und Kuß! 

Liebes Überfluß! 

Brennst du nicht und fühlest mich entbrannt.^ 

Liebe schließet fester sie zusammen, 

Tränen mischen sich in ihre Lust; 

Gierig saugt sie seines Mundes Flammen, 

Eins ist nur im andern sich bewußt. 

Seine Liebeswut 

Wärmt ihr starres Blut, 

Doch es schlägt kein Herz in ihrer Brust. 

Unterdessen schleichet auf dem Gange 

Häuslich spät die Mutter noch vorbei. 

Horchet an der Tür und horchet lange, 

Welch ein sonderbarer Ton es sei: 

Klag- und Wonnelaut 

Bräutigams und Braut, 

Und des Liebestammeins Raserei. 

GOETHE XIV 28. 



434 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Unbeweglich bleibt sie an der Türe, 
Weil sie erst sich überzeugen muß, 
Und sie hört die höchsten Liebesschvvüre, 
Lieb und Schmeichelworte, mit Verdruß- 
Still! der Hahn erwacht! — 
Aber morgen Nacht 
Bist du wieder da?— und Kuß auf Kuß. 

Länger hält die Mutter nicht das Zürnen, 

Öffnet das bekannte Schloß geschwind:— 

Gibt es hier im Hause solche Dirnen, 

Die dem Fremden gleich zu Willen sind?— 

So zur Tür hinein. 

Bei der Lampe Schein 

Sieht sie — Gott! sie sieht ihr eigen Kind. 

Und der Jüngling will im ersten Schrecken 

Mit des Mädchens eignem Schleierflor, 

Mit dem Teppich die Geliebte decken; 

Doch sie windet gleich sich selbst hervor. 

Wie mit Geists Gewalt 

Hebet die Gestalt 

Lang und langsam sich im Bett empor. 

Mutter! Mutter! spricht sie hohle Worte, 

So mißgönnt Ihr mir die schöne Nacht! 

Ihr vertreibt mich von dem warmen Orte. 

Bin ich zur Verzweiflung nur erwacht? 

Ists Euch nicht genug, 

Daß ins Leichentuch, 

Daß Ihr früh mich in das Grab gebracht? 

Aber aus der schwerbedeckten Enge 

Treibet mich ein eigenes Gericht, 

Eurer Priester summende Gesänge 

Und ihr Segen haben kein Gewicht; 

Salz und Wasser kühlt 

Nicht, wo Jugend fühlt; 

Ach! die Erde kühlt die Liebe nicht. 



1794/7 WEIMAR 435 

Dieser Jüngling war mir erst versprochen, 

Als noch Venus' heitrer Tempel stand. 

Mutter, habt Ihr doch das Wort gebrochen, 

Weil ein fremd, ein falsch Geliibd Euch band! 

Doch kein Gott erhört, 

Wenn die Mutter schwört, 

Zu versagen ihrer Tochter Hand. 

Aus dem Grabe werd ich ausgetrieben, 

Noch zu suchen das vermißte Gut, 

Noch den schon verlornen Mann zu lieben 

Und zu saugen seines Herzens Blut. 

Ists um den geschehn, 

Muß nach andern gehn, 

Und das junge Volk erliegt der Wut. 

Schöner Jüngling! kannst nicht länger leben; 

Du versiechest mm an diesem Ort. 

Meine Kette hab ich dir gegeben; 

Deine Locke nehm ich mit mir fort. 

Sieh sie an genau! 

Morgen bist du grau, 

Und nur bratm erscheinst du wieder dort. 

Höre, Mutter, nun die letzte Bitte: 

Einen Scheiterhaufen schichte du; 

Öffne meine bange kleine Hütte, 

Bring in Flammen Liebende zur Ruh! 

Wenn der Funke sprüht. 

Wenn die Asche glüht, 

Eilen wir den alten Göttern zu. 



DER GOTT UND DIE BAJADERE 
Indische Legende 

MAHADÖH, der Herr der Erde, 
Kommt herab zum sechsten Mal, 



Daß er unsersgleichen werde. 
Mit zu fühlen Freud und Qual. 



436 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Er bequemt sich, hier zu wohnen, 

Läßt sich alles selbst geschehn. 

Soll er strafen oder schonen, 

Muß er Menschen menschlich sehn. 
Und hat er die Stadt sich als Wandrer betrachtet, 
Die Großen belauert, auf Kleine geachtet, 
Verläßt er sie abends, um weiter zu gehn. 

Als er nun hinausgegangen, 

Wo die letzten Häuser sind, 

Sieht er, mit gemalten Wangen, 

Ein verlornes schönes Kind. 

Grüß dich, Jungfrau! — Dank der Ehre! 

Wart, ich komme gleich hinaus — 

Und wer bist du? — Bajadere, 

Und dies ist der Liebe Haus. 
Sie rührt sich, die Zimbeln zum Tanze zu schlagen, 
Sie weiß sich so lieblich im Kreise zu tragen, 
Sie neigt sich und biegt sich, und reicht ihm den Strauß. 

Schmeichelnd zieht sie ihn zur Schwelle, 

Lebhaft ihn ins Haus hinein. 

Schöner Fremdling, lampenhelle 

Soll sogleich die Hütte sein. 

Bist du müd, ich will dich laben. 

Lindern deiner Füße Schmerz. 

Was du willst, das sollst du haben, 

Ruhe, Freuden oder Scherz. 
Sie lindert geschäftig geheuchelte Leiden. 
Der Göttliche lächelt; er siehet mit Freuden 
Durch tiefes Verderben ein menschliches Herz. 

Und er fordert Sklavendienste; 
Immer heitrer wird sie nur. 
Und des Mädchens frühe Künste 
Werden nach und nach Natur. 
Und so stellet auf die Blüte 
Bald und bald die Frucht sich ein; 
Ist Gehorsam im Gemüte, 
Wird nicht fern die Liebe sein. 



1794/7 WEIMAR 437 

Aber, sie schärfer und schärfer zu prüfen, 
Wählet der Kenner der Höhen und Tiefen 
Lust und Entsetzen und grimmige Pein. 

Und er küßt die bunten Wangen, 

Und sie fühlt der Liebe Qual, 

Und das Mädchen steht gefangen, 

Und sie weint zum erstenmal; 

Sinkt zu seinen Füßen nieder, 

Nicht ma Wollust noch Gewinst, 

Ach! und die gelenken Glieder, 

Sie versagen allen Dienst. 
Und so zu des Lagers vergnüglicher Feier 
Bereiten den dunklen behaglichen Schleier 
Die nächtlichen Stunden, das schöne Gespinst. 

Spät entschlummert unter Scherzen, 

Früh erwacht nach kurzer Rast, 

Findet sie an ihrem Herzen 

Tot den vielgeliebten Gast. 

Schreiend stürzt sie auf ihn nieder, 

Aber nicht erweckt sie ihn; 

Und man trägt die starren Glieder 

Bald zur Flammengrube hin. 
Sie höret die Priester, die Totengesänge, 
Sie raset und rennet und teilet die Menge. 
Wer bist du? was drängt zu der Grube dich hin? 

Bei der Bahre stürzt sie nieder, 

Ihr Geschrei durchdringt die Luft: 

Meinen Gatten will ich wieder! 

Und ich such ihn in der Gruft. 

Soll zu Asche mir zerfallen 

Dieser Glieder Götterpracht? 

Mein! er war es, mein vor allen! 

Ach, nur Eine süße Nacht! 
Es singen die Priester: Wir tragen die Alten, 
Nach langem Ermatten und spätem Erkalten, 
Wir tragen die Jugend, noch eh sies gedacht. 



43» LYRISCHE DICHTUNGEN 

Höre deiner Priester Lehre: 

Dieser war dein Gatte nicht. 

Lebst du doch als Bajadere, 

Und so hast du keine Pflicht. 

Nur dem Körper folgt der Schatten 

In das stille Totenreich; 

Nur die Gattin folgt dem Gatten: 

Das ist Pflicht und Ruhm zugleich. 
Ertöne, Drommete, zu heihger Klage! 
O nehmet, ihr Götter! die Zierde der Tage. 
O nehmet den Jüngling in Flammen zu euch: 

So das Chor, das ohn Erbarmen 

Mehret ihres Herzens Not; 

Und mit ausgestreckten Armen 

Springt sie in den heißen Tod. 

Doch der Götter-Jüngling hebet 

Aus der Flamme sich empor. 

Und in seinen Armen schwebet 

Die Geliebte mit hervor. 
Es freut sich die Gottheit der reuigen Sünder; 
Unsterbh'che heben verlorene Kinder 
Mit feurigen Armen zum Himmel empor. 



AN SCHILLER 

mit einer kleinen mineralogischen Sammlung 

DEM Herren in der Wüste bracht 
Der Satan einen Stein 
Und sagte: Herr, durch deine Macht 
Laß es ein Brötchen sein! 

Von vielen Steinen sendet dir 
Der Freund ein Musterstück, 
Ideen gibst du bald dafür 
Ihm tausendfach zurück. 



'1 



H 



1794/7 WEIMAR 439 

DER ZAUBERLEHRLING 

AT der alte Hexenmeister 
Sich doch einmal wegbegeben! 



Und nun sollen seine Geister 
Auch nach meinem Willen leben. 
Seine Wort' und Werke 
Merkt ich und den Brauch, 
Und mit Geistesstärke 
Tu ich Wimder auch. 

Walle! walle 

Manche Strecke, 

Daß, zum Zwecke, 

Wasser fließe 

Und mit reichem, vollem Schwalle 

Zu dem Bade sich ergieße. 

Und nun komm, du alter Besen! 
Nimm die schlechten LumpenhüUenj 
Bist schon lange Knecht gewesen: 
Nun erfülle meinen Willen! 
Auf zwei Beinen stehe, 
Oben sei ein Kopf, 
Eile nun und gehe 
Mit dem Wassertopfl 

Walle! walle 

Manche Strecke, 

Daß, zum Zwecke, 

Wasser fließe 

Und mit reichem, vollem Schwalle 

Zu dem Bade sich ergieße. 

Seht, er läuft zum Ufer nieder, 
Wahrlich! ist schon an dem Flusse, 
Und mit Blitzesschnelle wieder 
Ist er hier mit raschem Gusse. 
Schon zum zweiten Male! 
Wie das Becken schwillt! 



440 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Wie sich jede Schale 
Voll mit Wasser füllt! 

Stehe! stehe! 

Denn wir haben 

Deiner Gaben 

Vollgemessen! — 

Ach, ich merk es! Wehe! wehe! 

Hab ich doch das Wort vergessen! 

Ach, das Wort, worauf am Ende 
Er das wird, was er gewesen. 
Ach, er läuft und bringt behende! 
Wärst du doch der alte Besen! 
Immer neue Güsse 
Bringt er schnell herein, 
Ach! und hundert Flüsse 
Stürzen auf mich ein. 

Nein, nicht länger 

Kann ichs lassen; 

Will ihn fassen. 

Das ist Tücke! 

Ach! nun wird mir immer bänger! 

Welche Miene! welche Blicke! 

O, du Ausgeburt der Hölle! 
Soll das ganze Haus ersaufen? 
Seh ich über jede Schwelle 
Doch schon Wasserströme laufen. 
Ein verruchter Besen, 
Der nicht hören will! 
Stock, der du gewesen. 
Steh doch wieder still! 

Willsts am Ende 

Gar nicht lassen.* 

Will dich fassen. 

Will dich halten 

Und das alte Holz behende 

Mit dem scharfen Beile spalten. 



1794/7 WEIMAR 441 

Seht, da kommt er schleppend wieder! 
Wie ich mich nur auf dich werfe, 
Gleich, o Kobold, liegst du nieder; 
Krachend trifft die glatte Schärfe. 
Wahrlich! brav getroffen! 
Seht, er ist entzwei! 
Und nun kann ich hoffen, 
Und ich atme frei! 

Wehe! wehe! 
Beide Teile 

Stehn in Eile 

Schon als Knechte 

Völlig fertig in die Höhe! 

Helft mir, ach! ihr hohen Mächte! 

Und sie laufen! Naß und nässer 
Wirds im Saal vmd auf den Stufen. 
Welch entsetzliches Gewässer! 
Herr und Meister! hör mich rufen! — 
Ach, da kommt der Meister! 
Herr, die Not ist groß! 
Die ich rief, die Geister 
Werd ich nun nicht los. 

"In die Ecke, 

Besen! Besen! 

Seids gewesen. 

Denn als Geister 

Ruft euch niu-, zu diesem Zwecke, 

Erst hervor der alte Meister.'- 



1797 
REISE IN DIE SCHWEIZ 



DER EDELKx\ABE Ui\D DIE MÜLLERIN 

Edelknabe 

WOHIN: Wohin? 
Schöne Müllerin! 
Wie heißt du: 

Müllerin 
Liese. 

Edelknabe 
Wohin denn? Wohin, 
Mit dem Rechen in der Hand? 

Müllerin 
Auf des Vaters Land, 
Auf des Vaters Wiese. 

Edelknabe 
Und gehst so allein? 

Müllerin 
Das Heu soll herein, 
Das bedeutet der Rechen. 
Und im Garten daran 
Fangen die Birnen zu reifen an, 
Die will ich brechen. 

Edelknabe 
Ist nicht eine stille Laube dabei? 

Müllerin 
Sogar ihrer zwei, 
An beiden Ecken. 

Edelknabe 
Ich komme dir nach, 
Und am heißen Mittag 
Wollen wir uns drein verstecken. 
Nicht wahr, im grünen vertravdichen Haus— 

Müllerin 
Das gäbe Geschichten. 

Edelknabe 
Ruhst du in meinen Armen aus? 



446 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Müllerin 
Mitnichten! 

Denn wer die artige Müllerin küßt, 
Auf der Stelle verraten ist. 
Euer schönes dunkles Kleid 
Tat mir leid 
So weiß zu färben. 

Gleich und gleich! so allein ists recht! 
Darauf will ich leben und sterben. 
Ich liebe mir den Müllerknecht; 
An dem ist nichts zu verderben. 



DER JUNGGESELL UND DER MÜHLBACH 

Gesell 

WO willst du, klares Bächlein, hin 
So munter? 
Du eilst mit frohem, leichtem Sinn 
Hinunter. 

Was suchst du eilig in dem Tal.^ 
So höre doch und sprich einmal! 

Bach 
Ich war ein Bächlein, Junggesell; 
Sie haben 

Mich so gefaßt, damit ich schnell 
Im Graben 

Zur Mühle dort hinunter soll, 
Und immer bin ich rasch und voll. 

Gesell 

Du eilest mit gelaßnem Mut 

Zur Mühle, 

Und weißt nicht, was ich junges Blut 

Hier fühle. 

Es blickt die schöne Müllerin 

Wohl freundlich manchmal nach dir hin? 



J 



1797 REISE IN DIE SCHWEIZ 447 

Bach 

Sie öfifnet früh beim Morgenlicht 

Den Laden 

Und kommt, ihr liebes Angesicht 

Zu baden. 

Ihr Busen ist so voll und weiß; 

Es wird mir gleich zum Dampfen heiß. 

Gesell 

Kann sie im Wasser Liebesglut 

Entzünden, 

Wie soll man Ruh mit Fleisch imd Blut 

Wohl finden? 

Wenn man sie einmal nur gesehn. 

Ach! immer muß man nach ihr gehn. 

Bach 
Dann stürz ich auf die Räder mich 
Mit Brausen, 

Und alle Schaufeln drehen sich 
Im Sausen. 

Seitdem das schöne Mädchen schafft, 
Hat auch das Wasser beßre Kraft. 

Gesell 

Du Armer, fühlst du nicht den Schmerz, 

Wie andre? 

Sie lacht dich an und sagt im Scherz: 

Nun wandre! 

Sie hielte dich wohl selbst zurück 

Mit einem süßen Liebesblick? 

Bach 
Mir wird so schwer, so schwer, vom Ort 
Zu fließen: 

Ich krümme mich nur sachte fort 
Durch Wiesen; 

Und kam es erst auf mich nur an, 
Der Weg war bald zurückgetan. 



448 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Gesell 
Geselle meiner Liebesqual, 
Ich scheide; 

Du murmelst mir vielleicht einmal 
Zur Freude. 

Geh, sag ihr gleich und sag ihr oft, 
Was still der Knabe wünscht und hofift. 

DER MÜLLERIN REUE 
Jüngling 

NUR fort, du braune Hexe, fort! 
Aus meinem gereinigten Hause, 
Daß ich dich, nach dem ernsten Wort, 
Nicht zause! 

Was singst du hier für Heuchelei 
Von Lieb und stiller Mädchentreu? 
Wer mag das Märchen hören! 

Zigeunerin 
Ich singe von des Mädchens Reu 
Und langem, heißem Sehnen; 
Denn Leichtsinn wandelte sich in Treu 
Und Tränen. 

Sie fürchtet der Mutter Drohen nicht mehr, 
Sie fürchtet des Bruders Faust nicht so sehr, 
Als den Haß des herzlich Geliebten. 

Jüngling 
Von Eigennutz sing und von Verrat, 
Von Mord imd diebischem Rauben; 
Man wird dir jede falsche Tat 
Wohl glauben. 

Wenn sie Beute verteilt, Gewand und Gut, 
Schlimmer als je ihr Zigeuner tut, 
Das sind gewohnte Geschichten. 

Zigeunerin 
"Ach weh! ach weh! Was hab ich getan! 
Was hilft mir nun das Lauschen! 



1797 REISE IN DIE SCHWEIZ 449 

Ich hör an meine Kammer heran 

Ihn rauschen. 

Da klopfte mir hoch das Herz, ich dacht; 

O hättest du doch die Liebesnacht 

Der Mutter nicht verraten!" 

Jüngling 
Ach, leider! trat ich auch einst hinein 
Und ging verfuhrt im stillen: 
Ach, Süßchen! laß mich zu dir ein 
Mit Willen! 

Doch gleich entstand ein Lärm und Geschrei, 
Es rannten die tollen Verwandten herbei 
Noch siedet das Blut mir im Leibe. 

Zigeunerin 
"Kommt nun dieselbige Stunde zurück, 
Wie still michs kränket und schmerzet! 
Ich habe das nahe, das einzige Glück 
Verscherzet. 

Ich armes Mädchen, ich war zu jung! 
Es war mein Bruder verrucht genung. 
So schlecht an dem Liebsten zu handeln." 

Der Dichter 
So ging das schwarze Weib in das Haus, 
In den Hof zur springenden Quelle; 
Sie wusch sich heftig die Augen aus. 
Und helle 

Ward Aug und Gesicht, und weiß und klar 
Stellt sich die schöne Müllerin dar 
Dem erstaunt- erzürnten Knaben. 

Müllerin 
Ich furchte fürwahr dein erzürnt Gesicht, 
Du Süßer, Schöner und Trauter! 
Und Schlag imd Messerstiche nicht; 
Nur lauter 

Sag ich von Schmerz imd Liebe dir 
Und will zu deinen Füßen hier 
Nun leben oder auch sterben. 

GOETHE XIV ,9. 



450 LYRISCHE DICHTUNGFN 

Jüngling 
O Neigung, sage, wie hast du so tief 
Im Herzen dich verstecket? 
Wer hat dich, die verborgen schlief, 
Gewecket? 

Ach, Liebe, du wohl unsterblich bist! 
Nicht kann Verrat und hämische List 
Dein göttlich Leben töten, 

Müllerin 
Liebst du mich noch so hoch und sehr, 
Wie du mir sonst geschworen. 
So ist uns beiden auch nichts mehr 
Verloren, 

Nimm hin das vielgeliebte Weib! 
Den jimgen unberührten Leib, 
Es ist nun alles dein eigen! 

Beide 
Nun, Sonne, geh hinab und hinauf! 
Ihr Sterne, leuchtet imd dunkelt! 
Es geht ein Liebesgestim mir auf 
Und funkelt. 

Solange die Quelle springt und rinnt. 
So lange bleiben wir gleichgesinnt. 
Eins an des andern Herzen. 

AMYNTAS 

NIKIAS, trefflicher Mann, du Arzt des Leibs mid der 
Seele! 
Krank, ich bin es fürwahr; aber dein Mittel ist hart. 
Ach! mir schwanden die Kräfte dahin, dem Rate zu folgen; 
Ja, und es scheinet der Freund schon mir ein Gegner 

zu sein. 
Widerlegen kann ich dich nicht; ich sage mir alles, 

Sage das härtere Wort, das du verschweigest, mir auch. 
Aber, ach! das Wasser entstürzt der Steile des Felsens 
Rasch, und die Welle des Bachs halten Gesänge nicht 

auf. 



1797 REISE IN DIE SCHWEIZ 451 

Rast nicht unaufhaltsam der Sturm? und wälzet die Sonne 

Sich, von dem Gipfel des Tags, nicht in die Wellen 

hinab? 
Und so spricht mir rings die Natur: Auch dubist, Amyntas, 

Unter das strenge Gesetz ehrner Gewalten gebeugt. 
Runzle die Stime nicht tiefer, mein Freimd, imd höre 

gefällig. 

Was mich gestern ein Baum, dort an dem Bache, ge- 
lehrt. 
Wenig Äpfel trägt er mir nur, der sonst so beladne; 

Sieh, der Efeu ist schuld, der ihn gewaltig umgibt. 
Und ich faßte das Messer, das krummgebogene, scharfe, 

Trennte schneidend, imd riß Ranke nach Ranken herab; 
Aber ich schauderte gleich, als, tief erseufzend und kläglich, 

Aus den Wipfeln zu mir lispelnde Klage sich goß: 
O verletze mich nicht! den treuen Gartengenossen, 

Dem du als Knabe, so früh, manche Genüsse verdankt. 
O verletze mich nicht! du reißest mit diesem Geflechte, 

Das du gewaltig zerstörst, grausam das Leben mir aus. 
Hab ich nicht selbst sie genährt, und sanft sie herauf mir 

erzogen? 

Ist v/ie mein eigenes Laub nicht mir das ihre verwandt? 
Soll ich nicht lieben die Pflanze, die, meiner einzig be- 
dürftig. 

Still mit begieriger Kraft mir um die Seite sich schlingt? 
Tausend Ranken wurzelten an, mit tausend und tausend 

Fasern senket sie fest mir in das Leben sich ein. 
Nahrung nimmt sie von mir; was ich bedürfte, genießt sie. 

Und so saugt sie das Mark, sauget die Seele mir aus. 
Nur vergebens nähr ich mich noch; die gewaltige Wurzel 

Sendet lebendigen Safts, ach! nur die Hälfte hinauf. 
Denn der gefährliche Gast, der geliebteste, maßet behende 

Unterweges die Kraft herbstlicher Früchte sich an. 
Nichts gelangt zur Krone hinauf; die äußersten Wipfel 
. Dorren, es dorret der Ast über dem Bache schon hin. 
Ja, die Verräterin ists! sie schmeichelt mir Leben und 

Güter, 

Schmeichelt die strebende Kraft, schmeichelt die Hoff- 
nung mir ab. 



452 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Sie nur fühl ich, nur sie, die umschlingende, freue der 

Fesseln, 
Freue des tötenden Schmucks fremder Umlaubimg mich 

nur. 
Halte das Messer zurück! o Nikias, schone den Armen, 
Der sich in liebender Lust, willig gezwungen, verzehrt! 
Süß ist jede Verschwendung; o laß mich der schönsten 

genießen! 
Wer sich der Liebe vertraut, hält er sein Leben zu Rat? 



EUPHROSYNE 

AUCH von des höchsten Gebirgs beeisten zackigen 
Gipfeln 
Schwindet Purpur und Glanz scheidender Sonne hin- 
weg. 
Lange verhüllt schon Nacht das Tal und die Pfade des 

Wandrers, 
Der, am tosenden Strom, auf zu der Hütte sich sehnt. 
Zu dem Ziele des Tags, der stillen hirtlichen Wohnimg; 

Und der göttliche Schlaf eilet gefällig voraus. 

Dieser holde Geselle des Reisenden. Daß er auch heute 

Segnend kränze das Haupt mir mit dem heiligen Mohn! 

Aber was leuchtet mir dort vom Felsen glänzend herüber 

Und erhellet den Duft schäumender Ströme so hold? 

Strahlt die Sonne vielleicht durch heimliche Spalten und 

Klüfte? 
Denn kein irdischer Glanz ist es, der wandelnde, dort. 
Näher wälzt sich die Wolke, sie glüht. Ich staune dem 

Wunder! 
Wird der rosige Strahl nicht ein bewegtes Gebild? 
Welche Göttin nahet sich mir? und welche der Musen 

Suchet den treuen Freund, selbst in dem grausen Geklüft? 
Schöne Göttin! enthülle dich mir, tmd täusche, verschwin- 
dend, 
Nicht den begeisterten Sinn, nicht das gerührte Gemüt. 
Nenne, wenn du es darfst vor einem Sterblichen, deinen 
Göttlichen Namen; wo nicht: rege bedeutend mich auf, 



J 



1797 REISE IN DIE SCHWEIZ 453 

jDaß ich fühle, welche du seist von den ewigen Töchtern 
ft^ Zeus', und der Dichter sogleich preise dich würdig im 
'' Lied. 

''Kennst du mich, Guter, nicht mehr? Und käme diese Ge- 
stalt dir, 
Die du doch sonst geliebt, schon als ein fremdes Gebild? 
Zwar der Erde gehör ich nicht mehr, und trauernd ent- 

schwang sich 
Schon der schaudernde Geist jugendlich frohem Genuß; 
Aber ich hoffte mein Bild noch fest in des Freundes Er- 

innrung 
Eingeschrieben, und noch schön durch die Liebe ver- 
klärt. 
Ja, schon sagt mir gerührt dein Blick, mir sagt es die Träne: 

Euphrosyne, sie ist noch von dem Freunde gekannt. 
Sieh, die Scheidende zieht durch Wald und grauses Ge- 
birge, 
Sucht den wandernden Mann, ach! in der Feme noch 

auf; 
Sucht den Lehrer, den Freimd, den Vater, blicket noch 

einmal 
Nach dem leichten Gerüst irdischer Freuden zurück. 
Laß mich der Tage gedenken, da mich, das Kind, du dem 

Spiele, 
Jener täuschenden Kunst reizender Musen geweiht. 
Laß mich der Stunde gedenken und jedes kleineren Um- 

stands; 
Ach, wer ruft nicht so gern Unwiederbringliches an! 
Jenes süße Gedränge der leichtesten irdischen Tage, 

Ach, wer schätzt ihn genug, diesen vereilenden Wert! 
Klein erscheinet es nun, doch ach! nicht kleinlich dem 

Herzen; 
Macht die Liebe, die Kunst jegliches Kleine doch groß. 
Denkst du der Stunde noch wohl, wie auf dem Bretter- 
gerüste 
Du mich der höheren Kunst ernstere Stufen geführt.' 
Knabe schien ich, ein rührendes Kind, du nanntest mich 

Arthur, 
Und belebtest in mir britisches Dichter- Gebild, 



454 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Drohtestmitgrimmiger Glut den armen Augen und wandtest 

Selbst den tränenden Blick, innig getäuschet, hinweg. 
Ach! da warst du so hold und schütztest ein trauriges Leben, 

Das die verwegene Flucht endlich dem Knaben entriß. 
Freundlich faßtest du mich, den Zerschmetterten, trugst 

mich von dannen, 

Und ich heuchelte lang, dir an dem Busen, den Tod. 
Endlich schlug die Augen ich auf, und sah dich, in ernste, 

Stille Betrachtung versenkt, über den Liebling geneigt. 
Kindlich strebt ich empor und küßte die Hände dir dankbar, 

Reichte zum reinen Kuß dir den gefälligen Mund, 
Fragte: Warum, mein Vater, so ernst? und hab ich gefehlet, 

O! so zeige mir an, wie mir das Beßre gelingt. 
Keine Mühe verdrießt mich bei dir, und alles und jedes 

Wiederhol ich so gern, wenn du mich leitest und lehrst. 
Aber du faßtest mich stark und drücktest mich fester im 

Arme, 

Und es schauderte mir tief in dem Busen das Herz. 
Nein! mein liebliches Kind, so riefst du, alles und jedes, 

Wie du es heute gezeigt, zeig es auch morgen der Stadt. 
Rühre sie alle, wie mich du gerührt, und es fließen zum 

Beifall 

Dir von dem trockensten Aug herrliche Tränen herab. 
Aber am tiefsten trafst du doch mich, den Freimd, der im 

Arm dich 

Hält, den selber der Schein früherer Leiche geschreckt. 
Ach, Natur, wie sicher und groß in allem erscheinst du! 

Himmel und Erde befolgt ewiges, festes Gesetz: 
Jahre folgen auf Jahre, dem Frühling reichet der Sommer, 

Und dem reichlichen Herbst traulich der Winter die 

Hand. 
Felsen stehen gegründet, es stürzt sich das ewige Wasser 

Aus der bewölkten Kluft schäumend und brausend hinab. 
Fichten grünen so fort, und selbst die entlaubten Gebüsche 

Hegen, im Winter schon, heimliche Knospen am Zweig. 
Alles entsteht und vergeht nach Gesetz; doch über des 

Menschen 

Leben, dem köstlichen Schatz, herrschet ein schwanken- 
des Los. 



1797 REISE IN DIE SCHWEIZ 455 

Nicht dem blühenden nickt der willig scheidende Vater, 

Seinem trefif liehen Sohn, freundlich vom Rande der 

Gruft; 
Nicht der Jüngere schließt dem Älteren immer das Auge, 

Das sich willig gesenkt, kräftig dem Schwächeren zu. 
Öfter, ach! verkehrt das Geschick die Ordnung der Tage: 

Hilflos klaget ein Greis Kinder und Enkel umsonst, 
Steht, ein beschädigter Stamm, dem rings zerschmetterte 

Zweige 

Um die Seiten umüer strömende Schloßen gestreckt. 
Und so, liebliches Kind, durchdrang mich die tiefe Be- 
trachtung, 

Als du, zur Leiche verstellt, über die Arme mir hingst; 
Aber freudig seh ich dich mir in dem Glänze der Jugend, 

Vielgeliebtes Geschöpf, wieder am Herzen belebt. 
Springe fröhlich dahin, verstellter Knabe! Das Mädchen 

Wächst zur Freude der Welt, mir zum Entzücken heran. 
Immer strebe so fort, und deine natürlichen Gaben 

Bilde, bei jeglichem Schritt steigenden Lebens, die 

Kunst. 
Sei mir lange zur Lust, und eh mein Auge sich schließet. 

Wünsch ich dein schönes Talent glücklich vollendet 

zu sehn. — 
Also sprachst du, und nie vergaß ich der wichtigen Stunde! 

Deutend entwickelt ich mich an dem erhabenen Wort. 
O wie sprach ich so gerne zum Volk die rührenden Reden, 

Die du, voller Gehalt, kindlichen Lippen vertraut! 
O wie bildet ich mich an deinen Augen, und suchte 

Dich im tiefen Gedräng staunender Hörer heraus! 
Doch dort wirst du nun sein, und stehn, und nimmer be- 
wegt sich 

Euphrosyne hervor, dir zu erheitern den Blick. 
Du vernimmst sie nicht mehr, die Töne des wachsenden 

Zöglings, 

Die du zu liebendem Schmerz frühe, so frühe! gestimmt. 
Andere kommen und gehn; es werden dir andre gefallen. 

Selbst dem großen Talent drängt sich ein größeres nach. 
Aber du, vergesse mich nicht! Wenn eine dir jemals 

Sich im verwormen Geschäft heiter entgegen bewegt^ 



456 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Deinem Winke sich fügt, an deinem Lächeln sich freuet 

Und am Platze sich nur, den du bestimmtest, gefällt, 
Wenn sie Mühe nicht spart noch Fleiß, wenn tätig der 

Kräfte, 

Selbst bis zur Pforte des Grabs, freudiges Opfer sie 

bringt — 
Guter! dann gedenkest du mein, und rufest auch spät noch: 

Euphrosyne, sie ist wieder erstanden vor mir! 
Vieles sagt ich noch gern; doch ach! die Scheidende weilt 

nicht. 

Wie sie wollte; mich führt streng ein gebietender Gott. 
Lebe wohl! schon zieht michs dahin in schwankendem 

Eilen. 

Einen Wunsch nur vernimm, freundlich gewähre mir 

ihn: 
Laß nicht ungerühmt mich zu den Schatten hinabgehn! 

Nur die Muse gewährt einiges Leben dem Tod. 
Denn gestaltlos schweben umher in Persephoneias 

Reiche, massenweis. Schatten vom Namen getrennt; 
Wen der Dichter aber gerühmt, der wandelt, gestaltet, 

Einzeln, gesellet dem Chor aller Heroen sich zu. 
Freudig tret ich einher, von deinem Liede verkündet, 

Und der Göttin Blick weilet gefällig auf mir. 
Mild empfängt sie mich dann, und nennt mich; es winken 

die hohen 

Göttlichen Frauen mich an, immer die nächsten am 

Thron. 
Penelopeia redet zu mir, die treuste der Weiber, 

Auch Euadne, gelehnt auf den geliebten Gemahl. 
Jüngere nahen sich dann, zu früh herunter gesandte. 

Und beklagen mit mir unser gemeines Geschick. 
Wenn Antigene kommt, die schwesterlichste der Seelen, 

Und Polyxena, trüb noch von dem bräutlichen Tod, 
Seh ich als Schwestern sie an xmd trete würdig zu ihnen; 

Denn der tragischen Kunst holde Geschöpfe sind sie. 
Bildete doch ein Dichter auch mich; und seine Gesänge, 

Ja, sie vollenden an mir, was mir das Leben versagt." — 
Also sprach sie, und noch bewegte der liebliche Mund sich. 

Weiter zu reden; allein schwirrend versagte der Ton. 



1797 REISE IN DIE SCHWEIZ 457 

Denn aus dem Purpurgewölk, dem schwebenden, immer 

bewegten, 

Trat der herrliche Gott Hermes gelassen hervor; 
Mild erhob er den Stab und deutete: wallend verschlangen 

Wachsende Wolken, im Zug, beide Gestalten vor mir. 
Tiefer liegt die Nacht um mich her; die stürzenden Wasser 

Brausen gewaltiger nun neben dem schlüpfrigen Pfad. 
Unbezwingliche Trauer befällt mich, entkräftender Jammer, 

Und ein moosiger Fels stützet den Sinkenden nur. 
Wehmut reißt durch die Saiten der Brust, die nächtlichen 

Tränen 

Fließen; und über dem Wald kündet der Morgen sich an. 

SCHWEIZERALPE 

WAR doch gestern dein Haupt noch so braun wie die 
Locke der Lieben, 
Deren holdes Gebild still aus der Ferne mir winkt; 
Silbergrau bezeichnet dir früh der Schnee nun die Gipfel, 
Der sich in stürmender Nacht dir um den Scheitel er- 
goß. 
Jugend, ach! ist dem Alter so nah, durchs Leben ver- 
bunden. 
Wie ein beweglicher Traum Gestern imd Heute ver- 
band. 

DAS BLÜMLEIN WUNDERSCHÖN 
Lied des gefangnen Grafen 

Graf 

ICH kenn ein Blümlein Wunderschön 
Und trage darnach Verlangen; 
Ich möcht es gerne zu suchen gehn, 
Allein ich bin gefangen. 
Die Schmerzen sind mir nicht gering; 
Denn als ich in der Freiheit ging, 
Da hatt ich es in der Nähe. 

Von diesem ringsum steilen Schloß 
Laß ich die Augen schweifen 



458 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Und kanns vom hohen Turmgeschoß 

Mit Blicken nicht ergreifen; 

Und wer mirs vor die Augen brächt, 

Es wäre Ritter oder Knecht, 

Der sollte mein Trauter bleiben. 

Rose 
Ich blühe schön, und höre dies 
Hier unter deinem Gitter. 
Du meinest mich, die Rose, gewiß, 
Du edler, armer Ritter! 
Du hast gar einen hohen Sinn, 
Es herrscht die Blumenkönigin 
Gewiß auch in deinem Herzen. 

Graf 
Dein Purpur ist aller Ehren wert 
Im grünen Überkleide; 
Darob das Mädchen dein begehrt, 
Wie Gold und edel Geschmeide. 
Dein Kranz erhöht das schönste Gesicht: 
Allein du bist das Blümchen nicht, 
Das ich im stillen verehre. 

Lilie 
Das Röslein hat gar stolzen Brauch 
Und strebet immer nach oben; 
Doch wird ein liebes Liebchen auch 
Der Lilie Zierde loben. 
Wems Herze schlägt in treuer Brust 
Und ist sich rein, wie ich, bewußt, 
Der hält mich wohl am höchsten. 

Graf 
Ich nenne mich zwar keusch imd rein, 
Und rein von bösen Fehlen; 
Doch muß ich hier gefangen sein 
Und muß mich einsam quälen. 
Du bist mir zwar ein schönes Bild 
Von mancher Jungfrau, rein imd mild: 
Doch weiß ich noch was Liebers. 



1797 REISE IN DIE SCHWEIZ 459 

Nelke 
Das mag wohl ich, die Nelke, sein, 
Hier in des Wächters Garten, 
Wie würde sonst der Alte mein 
Mit so viel Sorge warten? 
Im schönen Kreis der Blätter Drang, 
Und Wohlgeruch das Leben lang, 
Und alle tausend Farben. 

Graf 
Die Nelke soll man nicht verschmähn, 
Sie ist des Gärtners Wonne: 
Bald muß sie in dem Lichte stehn, 
Bald schützt er sie vor Sonne; 
Doch was den Grafen glücklich macht, 
Es ist nicht ausgesuchte Pracht: 
Es ist ein stilles Blümchen. 

Veilchen 
Ich steh verborgen und gebückt 
Und mag nicht gerne sprechen, 
Doch will ich, weil sichs eben schickt, 
Mein tiefes Schweigen brechen. 
Wenn ich es bin, du guter Mann, 
Wie schmerzt michs, daß ich hinauf nicht kann 
Dir alle Gerüche senden. 

Graf 
Das gute Veilchen schätz ich sehr: 
Es ist so gar bescheiden 
Und duftet so schön; doch brauch ich mehr 
In meinem herben Leiden. 
Ich will es euch nur eingestehn: 
Auf diesen dürren Felsenhöhn 
Ist 's Liebchen nicht zu finden. 

Doch wandelt imten, an dem Bach, 
Das treuste Weib der Erde 
Und seufzet leise manches Ach, 
Bis ich erlöset werde. 



46o LYRISCHE DICHTUNGEN 

Wenn sie ein blaues Blümchen bricht 
Und immer sagt: Vergiß mein nicht! 
So fühl ichs in der Ferne. 

Ja, in der Ferne fühlt sich die Macht, 
Wenn zwei sich redlich lieben; 
Drum bin ich in des Kerkers Nacht 
Auch noch lebendig blieben. 
Und wenn mir fast das Herze bricht, 
So ruf ich nur: Vergiß mein nicht! 
Da komm ich wieder ins Leben. 



1798-1805 WEIMAR 



I 



WEISSAGUNGEN DES BAKIS 

WAHNSINN nift man dem Kalchas, und Wahnsinn 
ruft man Kassandren, 
Eh man nach Ilion zog, wenn man von Ilion kommt. 
Wer kann hören das Morgen und Übermorgen? Nicht Einer! 
Denn, was gestern und ehgestem gesprochen— wer hörts? 

LANG und schmal ist ein Weg. Sobald du ihn gehest, 
so wird er 
Breiter; aber du ziehst Schlangengewinde dir nach. 
Bist du ans Ende gekommen, so werde der schreckliche 

Kjioten 
Dir zur Blume, und du gib sie dem Ganzen dahin. 

NICHT Zukünftiges nur verkündet Bakis; auchjetztnoch 
Still Verborgenes zeigt er, als ein Kundiger, an. 
Wünschelruten sind hier, sie zeigen am Stamm nicht die 

Schätze; 
Nur in der fühlenden Hand regt sich das magische Reis. 

WENN sich der Hals des Schwanes verkürzt und, 
mit Menschengesichte, 
Sich der prophetische Gast über den Spiegel bestrebt, 
Läßt den silbernen Schleier die Schöne dem Nachen ent- 
fallen. 
Ziehen dem Schwimmenden gleich goldene Ströme sich 

nach. 

ZWEIE seh ich! den Großen! ich seh den Größern! 
Die beiden 
Reiben, mit feindlicher Kraft, einer den andern sich auf. 
Hier ist Felsen und Land, und dort sind Felsen und Wellen! 
Welcher der Größere sei, redet die Parze nur aus. 

KOMMT ein wandernder Fürst, auf kalter Schwelle zu 
schlafen, 
Schlinge Ceres den Kranz, stille verflechtend, um ihn; 
Dann verstummen die Hunde; es wird ein Geier ihn wecken. 
Und ein tätiges Volk freut sich des neuen Geschicks. 



464 LYRISCHE DICHTUNGEN 

SIEBEN gehn verhüllt, und sieben mit offnem Gesichte. 
Jene furchtet das Volk, fürchten die Großen der Welt. 
Aber die andern sinds, die Verräter! von keinem erforschet; 
Denn ihr eigen Gesicht birget als Maske den Schalk. 

GESTERN war es noch nicht, und weder heute noch 
morgen 
Wird es, imd jeder verspricht Nachbarn und Freunden 

es schon; 
Ja, er verspricht es den Feinden. So edel gehn wir ins neue 
Säclum hinüber, und leer bleibet die Hand und der 

Mund. 

MÄUSE laufen zusammen auf offnem Markte; der Wan- 
drer 
Kommt, auf hölzernem Fuß, vierfach und klappernd 

heran. 
Fliegen die Tauben der Saat in gleichem Momente vorüber: 
Dann ist, Tola, das Glück unter der Erde dir hold. 

EINSAM schmückt sich, zu Hause, mit Gold und Seide 
die Jungfrau; 
Nicht vom Spiegel belehrt, fühlt sie das schickliche 

Kleid. 
Tritt sie hervor, so gleicht sie der Magd; nur Einer von 

allen 
Kennt sie; es zeiget sein Aug ihr das vollendete Bild. 

JA, vom Jupiter rollt ihr, mächtig strömende Fluten, 
Über Ufer und Damm, Felder tmd Gärten mit fort. 
Einen seh ich! Er sitzt und harfeniert der Verwüstung; 
Aber der reißende Strom nimmt auch die Lieder hinweg. 

MÄCHTIG bist du! gebildet zugleich, und alles ver- 
neigt sich, 
Wenn du, mit herrlichem Zug, über den Markt dich be- 
wegst. 
Endlich ist er vorüber. Da lispelt fragend ein jeder: 
War denn Gerechtigkeit auch in der Tugenden Zug.^ 



1798/1805 WEIMAR 465 

MAUERN seh ich gestürzt, und Mauern seh ich er- 
richtet, 
Hier Gefangene, dort auch der Gefangenen viel, 
Ist vielleicht nur die Welt ein großer Kerker? und frei ist 
Wohl der Tolle, der sich Ketten zu Kränzen erkiest. 

LASS mich ruhen, ich schlafe.— "Ich aber wache."— 
Mitnichten! — 
"Träumst du?"— Ich werde geliebt!— "Freilich, du redest 

im Traum." — 
Wachender, sage, was hast du?— "Da sieh nur alle die 

Schätze!"— 
Sehen soll ich? Ein Schatz, wird er mit Augen gesehn? 

SCHLÜSSEL liegen im Buche zerstreut, das Rätsel zu 
lösen, 
Denn der prophetische Geist ruft den Verständigen an. 
Jene nenn ich die Klügsten, die leicht sich vom Tage be- 
lehren 
Lassen; es bringt wohl der Tag Rätsel und Lösung zu- 
gleich. 

AUCH Vergangenes zeigt euch Bakis; denn selbst das 
Vergangne 
Ruht, verblendete Welt, oft als ein Rätsel vor dir. 
Wer das Vergangene kennte, der wüßte das Künftige; beides 
Schließt an heute sich rein, als ein Vollendetes, an. 

TUN die Himmel sich auf und regnen, so träufelt das 
Wasser 
Über Felsen und Gras, Mauern und Bäume zugleich. 
Kehret die Sonne zurück, so verdampfet vom Steine die 

Wohltat; 
Nur das Lebendige hält Gabe der Göttlichen fest. 

SAG, was zählst du?— "Ich zähle, damit ich die Zehne 
begreife. 
Dann ein andres Zehn, Hundert und Tausend her- 
nach." — 
GOETHE xrv ,o. 



466 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Näher kommst du dazu, sobald du mir folgest.— "Und 

wie denn?" — 
Sage zur Zehne: sei zehn! Dann sind die Tausende dein. 

HAST du die Welle gesehen, die über das Ufer ein- 
her schlug? 
Siehe die zweite, sie kommt! rollet sich sprühend schon 

aus! 
Gleich erhebt sich die dritte! Fürwahr, du wartest ver- 
gebens. 
Daß die letzte sich heut ruhig zu Füßen dir legt. 

EINEM möcht ich gefallen! so denkt das Mädchen; den 
zweiten 
Find ich edel und gut, aber er reizet mich nicht. 
Wäre der dritte gewiß, so wäre mir dieser der Liebste. 
Ach, daß der Unbestand immer das Lieblichste bleibt! 

BLASS erscheinest du mir, und tot dem Auge. Wie rufet 
du, 
Aus der innem Kjaft, heiliges Leben empor? 
"War ich dem Auge vollendet, so könntest du ruhig ge- 
nießen; 
Nur der Mangel erhebt über dich selbst dich hinweg." 

ZWEIMAL färbt sich das Haar; zuerst aus dem Blonden 
ins Braime, 
Bis das Braune sodann silbergediegen sich zeigt. 
Halb errate das Rätsel! so ist die andere Hälfte 
Völlig dir zu Gebot, daß du die erste bezwingst. 

WAS erschrickst du? — "Hinweg, hinweg mit diesen 
Gespenstern! 
Zeige die Blume mir doch; zeig mir ein Menschen- 
gesicht! — 
Ja, nun seh ich die Blumen; ich sehe die Menschenge- 
sichter — " 
Aber ich sehe dich nun selbst als betrognes Gespenst. 



1 798/1805 WEIMAR 467 

EINER rollet daher; es stehen ruhig die Neune: 
Nach vollendetem Lauf liegen die Viere gestreckt. 
Helden finden es schön, gewaltsam trefiend zu wirken; 
Denn es vermag nur ein Gott, Kegel und Kugel zu sein. 

WIEVIEL Äpfel verlangst du für diese Blüten?— "Ein 
Tausend; 
Denn der Blüten sind wohl zwanzig der Tausende hier. 
Und von zwanzig nur Einen, das find ich billig." — Du bist 

schon 
Glücklich, wenn du dereinst Einen von Tausend be- 
hältst. 

SPRICH, wie ward ich die Sperlinge los? so sagte der 
Gärtner: 
Und die Raupen dazu, ferner das Käfergeschlecht, 
Maulwvurf, Erdfloh, Wespe, die Würmer, das Teufelsge- 
züchte? — 
"Laß sie nur alle, so frißt einer den anderen auf." 

KLINGELN hör ich: es sind die lustigen Schlittenge- 
läute. 
Wie sich die Torheit doch selbst in der Kälte noch rührt! 
"Klingeln hörst du? Mich deucht, es ist die eigene Kappe, 
Die sich am Ofen dir leis um die Ohren bewegt." 

SEHT den Vogel! er fliegt von einem Baume zum andern, 
Nascht mit geschäftigem Pick imter den Früchten 

umher. 
Frag ihn, er plappert auch wohl, imd wird dir offen ver- 
sichern, 
Daß er der hehren Natur herrliche Tiefen erpickt. 

EINES kenn ich verehrt, ja angebetet zu Fuße; 
Auf die Scheitel gestellt, wird es von jedem verflucht. 
Eines kenn ich, und fest bedruckt es zufrieden die Lippe: 
Doch in dem zweiten Moment ist es der Abscheu der 

Welt. 



468 LYRISCHE DICHTUNGEN 

DIESES ist es, das Höchste, zu gleicher Zeit das Ge- 
meinste; 
Nun das Schönste, sogleich auch das Abscheulichste 

nun. 
Nur im Schlürfen genieße du das, und koste nicht tiefer: 
Unter dem reizenden Schaum sinket die Neige zu Grund. 

EIN beweglicher Körper erfreut mich, ewig gewendet 
Erst nach Norden, und dann ernst nach der Tiefe 

hinab. 
Doch ein andrer gefällt mir nicht so; er gehorchet den 

Winden, 
Und sein ganzes Talent löst sich in Bücklingen auf. 

EWIG wird er euch sein der Eine, der sich in Viele 
Teilt, und Einer jedoch, ewig der Einzige bleibt. 
Findet in Einem die Vielen, empfindet die Vielen wie 

Einen; 
Und ihr habt den Beginn, habet das Ende der Kirnst. 

AN DEN NEUEN SANKT ANTONIUS 

HERR Bruder, 
Welch ein Luder 
Bringst du in deine Einsiedelei! 
Ohne Zweifel, 
Dich versucht der Teufel. 
Gott steh uns bei! 

DEUTSCHER PARNASS 

UNTER diesen 
Lorbeerbüschen , 
Auf den Wiesen, 
An den frischen 
Wasserfällen 

Meines Lebens zu genießen, 
Gab Apoll dem heitern Knaben, 
Und so haben 



1 798/1805 WEIMAR 469 

Mich, im stillen, 

Nach des Gottes hohem Willen 

Hehre Musen auferzogen, 

Aus den hellen 

Silberquellen 

Des Pamassus mich erquicket 

Und das keusche, reine Siegel 

Auf die Lippen mir gedrücket. 

Und die Nachtigall umkreiset 
Mich mit dem bescheidnen Flügel. 
Hier in Büschen, dort auf Bäumen 
Ruft sie die verwandte Menge, 
Und die himmlischen Gesänge 
Lehren mich von Liebe träumen. 

Und im Herzen wächst die Fülle 

Der gesellig edlen Triebe, 

Nährt sich Freimdschaft, keimet Liebe, 

Und Apoll belebt die Stille 

Seiner Täler, seiner Höhen. 

Süße laue Lüfte wehen. 

Alle, denen er gewogen, 

Werden mächtig angezogen. 

Und ein Edler folgt dem andern. 

Dieser kommt mit munterm Wesen 

Und mit oflöiem, heitrem Blicke; 

Diesen seh ich ernster wandeln; 

Und ein andrer, kaum genesen. 

Ruft die alte Kraft zurücke; 

Denn ihm drang durch Mark imd Leben 

Die verderblich holde Flamme, 

Und was Amor ihm entwendet, 

Kann Apoll nur wiedergeben: 

Ruh und Lust und Harmonien 

Und ein kräftig rein Bestreben. 

Auf, ihr Brüder, 
Ehrt die Lieder! 
Sie sind gleich den guten Taten. 



470 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Wer kann besser als der Sänger 
Dem verirrten Freunde raten? 
Wirke gut, so wirkst du länger, 
Als es Menschen sonst vermögen. 

Ja! ich höre sie von weiten, 
Ja! sie greifen in die Saiten, 
Mit gewaltgen Götterschlägen 
Rufen sie zu Recht und Pflichten 
Und bewegen, 

Wie sie singen, wie sie dichten, 
Zum erhabensten Geschäfte, 
Zu der Bildung aller Kräfte. 

Auch die holden Phantasien 

Blühen 

Ringsumher auf allen Zweigen, 

Die sich balde. 

Wie im holden Zauberwalde, 

Voller goldnen Früchte beugen. 

Was wir fühlen, was wir schauen 
In dem Land der höchsten Wonne, 
Dieser Boden, diese Sonne 
Locket auch die besten Frauen. 
Und der Hauch der lieben Musen 
Weckt des Mädchens zarten Busen, 
Stimmt die Kehle zum Gesänge, 
Und mit schön gefärbter Wange 
Singet sie schon würdge Lieder, 
Setzt sich zu den Schwestern nieder, 
Und es singt die schöne Kette, 
Zart und zarter, um die Wette. 

Doch die eine 

Geht alleine 

Bei den Buchen, 

Unter Linden, 

Dort zu suchen, 

Dort zu finden, 

Was im stillen Morgenhaine 



1798/1805 WEIMAR 471 

Amor schalkisch ihr entwendet, 
Ihres Herzens holde Stille, 
Ihres Busens erste Fülle. 
Und sie traget in die grünen 
Schattenwälder, 

Was die Männer nicht verdienen, 
Ihre lieblichen Gefühle; 
Scheuet nicht des Tages Schwüle, 
Achtet nicht des Abends Kühle 
Und verliert sich in die Felder. 
Stört sie nicht auf ihren Wegen! 
Muse, geh ihr still entgegen! 

Doch was hör ich? Welch ein Schall 

Überbraust den Wasserfall? 

Sauset heftig durch den Hain? 

Welch ein Lärmen, welch ein Schrein? 

Ist es möglich, seh ich recht? 

Ein verwegenes Geschlecht 

Dringt ins Heiligtum herein. 

Hier hervor 
Strömt ein Chor! 
Liebeswut, 
Weinesglut 
Rast im Blick, 
Sträubt das Haar! 
Und die Schar, 
Mann und Weib — 
Tigerfell 
Schlägt umher — 
Ohne Scheu 
Zeigt den Leib. 
Und Metall, 
Rauher Schall, 
Grellt ins Ohr. 
Wer sie hört, 
Wird gestört. 
Hier hervor 



472 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Drängt das Chor; 
Alles flieht, 
Wer sie sieht. 

Ach, die Büsche sind geknickt! 
Ach, die Blumen sind erstickt 
Von den Sohlen dieser Brut. 
Wer begegnet ihrer Wut? 

Brüder, laßt uns alles wagen! 

Eure reine Wange glüht. 

Phöbus hilft sie uns verjagen, 

Wenn er unsre Schmerzen sieht; 

Und uns Waffen 

Zu verschaffen, 

Schüttert er des Berges Wipfel, 

Und vom Gipfel 

Prasseln Steine 

Durch die Haine. 

Brüder, faßt sie mächtig aufl 

Schloßenregen 

Ströme dieser Brut entgegen 

Und vertreib aus unsem milden, 

Himmelreinen Lustgefilden 

Diese Fremden, diese Wilden! 

Doch was seh ich? 

Ist es möglich? 

Unerträglich 

Fährt es mir durch alle Glieder, 

Und die Hand 

Sinket von dem Schwünge nieder. 

Ist es möglich: 

Keine Fremden! 

Unsre Brüder 

Zeigen ihnen selbst die Wege! 

O die Frechen! 

Wie sie mit den Klapperblechen 

Selbst voraus im Takte ziehn! 

Gute Brüder, laßt uns fliehn! 



1798/180 5 WEIMAR 473 

Doch ein Wort zu den Verwegnen! 
Ja, ein Wort soll euch begegnen, 
Kräftig wie ein Donnerschlag. 
Worte sind des Dichters Waffen; 
Will der Gott sich Recht verschaffen, 
Folgen seine Pfeile nach. 

War es möglich, eure hohe 
Götterwürde 

Zu vergessen! Ist der rohe, 
Schwere Thyrsus keine Bürde 
Für die Hand, auf zarten Saiten 
Nur gewöhnet hinzugleiten.^ 
Aus den klaren Wasserfällen, 
Aus den zarten Rieselwellen 
Tränket ihr 

Gar Silens abscheulich Tier.i* 
Dort entweiht es Aganippen 
Mit den rohen, breiten Lippen, 
Stampft mit ungeschickten Füßen, 
Bis die Wellen trübe fließen. 

O wie möcht ich gern mich täuschen? 

Aber Schmerzen fühlt das Ohr; 

Aus den keuschen, 

Heilgen Schatten 

Dringt verhaßter Ton hervor. 

Wild Gelächter 

Statt der Liebe süßem Wahn! 

Weiberhasser und -Verächter 

Stimmen ein TriumphHed an. 

Nachtigall und Turtel fliehen 

Das so keusch erwärmte Nest, 

Und in wütendem Erglühen 

Hält der Faun die Nymphe fest. 

Hier wird ein Gewand zerrissen, 

Dem Genüsse folgt der Spott, 

Und zu ihren frechen Küssen 

Leuchtet mit Verdruß der Gott. 



474 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Ja, ich sehe schon von weiten 
Wolkenzug und Dunst und Rauch. 
Nicht die Leier nur hat Saiten, 
Saiten hat der Bogen auch. 
Selbst den Busen des Verehrers 
Schlittert das gewaltge Nahn, 
Denn die Flamme des Verheerers 
Kündet ihn von weiten an. 
O vernehmt noch meine Stimme, 
Meiner Liebe Bruderwort! 
Fliehet vor des Gottes Grimme, 
Eilt aus unsern Grenzen fort! 
Daß sie wieder heilig werde, 
Lenkt hinweg den wilden Zug! 
Vielen Boden hat die Erde, 
Und unheiligen genug. 
Uns umleuchten reine Sterne, 
Hier nur hat das Edle Wert. 

Doch wenn ihr aus rauher Ferne 

Wieder einst zu uns begehrt. 

Wenn euch nichts so sehr beglücket. 

Als was ihr bei ims erprobt, 

Euch nicht mehr ein Spiel entzücket. 

Das die Schranken übertobt: 

Kommt als gute Pilger wieder, 

Steiget froh den Berg heran, 

Tiefgefühlte Reuelieder 

Künden uns die Brüder an, 

Und ein neuer Kranz umwindet 

Eure Schläfe feierlich. 

Wenn sich der Verirrte findet. 

Freuen alle Götter sich. 

Schneller noch als Lethes Fluten 

Um der Toten stilles Haus 

Löscht der Liebe Kelch den Guten 

Jedes Fehls Erinnrung aus. 

Alles eilet euch entgegen, 

Und ihr kommt verklärt heran, 



1798/1805 WEIMAR 475 

Und man fleht um euem Segen; 
Ihr gehört uns doppelt an! 

DIE MUSAGETEN 

OFT in tiefen Wintemächten 
Rief ich an die holden Musen: 
Keine Morgenröte leuchtet, 
Und es will kein Tag erscheinen; 
Aber bringt zur rechten Stimde 
Mir der Lampe fromm Geleuchte, 
Daß es, statt Auror und Phöbus, 
Meinen stillen Fleiß belebe! 
Doch sie ließen mich im Schlafe, 
Dumpf und unerquicklich, liegen. 
Und nach jedem späten Morgen 
Folgten ungenutzte Tage. 

Da sich nun der Frühling regte, 
Sagt ich zu den Nachtigallen: 
Liebe Nachtigallen, schlaget 
Früh, o früh! vor meinem Fenster, 
Weckt mich aus dem vollen Schlafe, 
Der den Jüngling mächtig fesselt. 
Doch die lieberfüllten Sänger 
Dehnten nachts vor meinem Fenster 
Ihre süßen Melodien, 
Hielten wach die liebe Seele, 
Regten zartes, neues Sehnen 
Aus dem neugerührten Busen. 
Und so ging die Nacht vorüber, 
Und Aurora fand mich schlafen, 
Ja, mich weckte kaum die Sonne. 

Endlich ist es Sommer worden, 
Und beim ersten Morgenschimmer 
Reizt mich aus dem holden Schlummer 
Die geschäftig frühe Fliege. 
Unbarmherzig kehrt sie wieder, 
Wenn auch oft der halb Erwachte 



476 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Ungeduldig sie verscheuchet, 
Lockt die unverschämten Schwestern, 
Und von meinen Augenlidern 
Muß der holde Schlaf entweichen. 
Rüstig spring ich von dem Lager, 
Suche die geliebten Musen, 
Finde sie im Buchenhaine, 
Mich gefällig zu empfangen, 
Und den leidigen Insekten 
Dank ich manche goldne Stunde. 
Seid mir doch, ihr Unbequemen, 
Von dem Dichter hochgepriesen 
Als die wahren Musageten. 

DIE METAMORPHOSE DER PFLANZEN 

DICH verwirret, Geliebte, die tausendfältige Mischung 
Dieses Blumengewühls über dem Garten umher; 
Viele Namen hörest du an, und immer verdränget 

Mit barbarischem Klang einer den andern im Ohr. 
Alle Gestalten sind ähnlich, und keine gleichet der andern; 

Und so deutet das Chor auf ein geheimes Gesetz, 
Auf ein heiliges Rätsel. O könnt ich dir, liebliche Freundin, 

Überliefern sogleich glücklich das lösende Wort! — 
Werdend betrachte sie nun, wie nach und nach sich die 

Pflanze, 
Stufenweise geführt, bildet zu Blüten und Frucht. 
Aus dem Samen entwickelt sie sich, sobald ihn der Erde 
Stille befruchtender Schoß hold in das Leben entläßt 
Und dem Reize des Lichts, des heiligen, ewig bewegten, 
Gleich den zartesten Bau keimender Blätter empfiehlt. 
Einfach schlief in dem Samen die Kraft; ein beginnendes 

Vorbild 
Lag, verschlossen in sich, unter die Hülle gebeugt, 
Blatt und Wurzel und Keim, nur halb geformet und 

faibios; 
Trocken erhält so der Kern riihiges Leben bewahrt, 
Quillet strebend empor, sich milder Feuchte vertrauend, 
Und erhebt sich sogleich aus der umgebenden Nacht. 



1 798/1805 WEIMAR 477 

Aber einfach bleibt die Gestalt der ersten Erscheinung, 

Und so bezeichnet sich auch unter den Pflanzen das 

Kind. 
Gleich darauf ein folgender Trieb, sich erhebend, erneuet, 

Knoten auf Knoten getürmt, immer das erste Gebild. 
Zwar nicht immer das gleiche; denn mannigfaltig erzeugt 

sich, 

Ausgebildet, du siehsts, immer das folgende Blatt, 
Ausgedehnter, gekerbter, getrennter in Spitzen und Teile, 

Die verwachsen vorher ruhten im untern Organ. 
Und so erreicht es zuerst die höchst bestimmte Vollendung, 

Die bei manchem Geschlecht dich zum Erstaunen bewegt. 
Viel gerippt und gezackt, auf mastig strotzender Fläche, 

Scheinet die Fülle des Triebs frei und unendlich zu sein. 
Doch hier hält die Natur, mit mächtigen Händen, die 

Bildung 

An imd lenket sie sanft in das Vollkommnere hin. 
Mäßiger leitet sie nun den Saft, verengt die Gefäße, 

Und gleich zeigt die Gestalt zartere Wirkungen an. 
Stille zieht sich der Trieb der strebenden Ränder zurücke. 

Und die Rippe des Stiels bildet sich völliger aus. 
Blattlos aber imd schnell erhebt sich der zartere Stengel, 

Und ein W^undergebild zieht den Betrachtenden an. 
Rings im Kreise stellet sich nun, gezählet und ohne 

Zahl, das kleinere Blatt neben dem ähnlichen hin. 
Um die Achse gedrängt, entscheidet der bergende Kelch 

sich. 

Der zur höchsten Gestalt farbige Kronen entläßt. 
Also prangt die Natur in hoher, voller Erscheinung, 

Und sie zeiget, gereiht, Glieder an Glieder gestuft. 
Immer staunst du aufs neue, sobald sich am Stengel die 

Blume 

Über dem schlanken Gerüst wechselnder Blätter be- 
wegt. 
Aber die Herrlichkeit wird des neuen Schaffens Verkün- 
dung. 

Ja, das farbige Blatt fühlet die göttliche Hand; 
Und zusammen zieht es sich schnell; die zartesten Formen, 

Zwiefach streben sie vor, sich zu vereinen bestimmt. 



4 7 8 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Traulich stehen sie nun, die holden Paare, beisammen, 

Zahlreich ordnen sie sich um den geweihten Altar. 
Hymen schwebet herbei, und herrliche Düfte, gewaltig, 

Strömen süßen Geruch, alles belebend, umher. 
Nun vereinzelt schwellen sogleich unzählige Keime, 

Hold in den Mutterschoß schwellender Früchte gehüllt. 
Und hier schließt die Natur den Ring der ewigen Kräfte; 

Doch ein neuer sogleich fasset den vorigen an. 
Daß die Kette sich fort durch alle Zeiten verlange. 

Und das Ganze belebt, so wie das Einzelne, sei. 
Wende nun, o Geliebte, den Blick zum bunten Gewim- 
mel, 

Das verwirrend nicht mehr sich vor dem Geiste bewegt. 
Jede Pflanze verkündet dir nun die ewgen Gesetze, 

Jede Blume, sie spricht lauter und lauter mit dir. 
Aber entzifferst du hier der Göttin heilige Lettern, 

Überall siehst du sie dann, auch in verändertem Zug. 
Kriechend zaudre die Raupe, der Schmetterling eile ge- 
schäftig. 

Bildsam andre der Mensch selbst die bestimmte Ge- 
stalt. 
O, gedenke denn auch, wie aus dem Keim der Bekannt- 
schaft 

Nach und nach in uns holde Gewohnheit entsproß, 
Freundschaft sich mit Macht aus unserm Innern enthüllte, 

Und wie Amor zuletzt Blüten und Früchte gezeugt. 
Denke, wie mannigfach bald die, bald jene Gestalten, 

Still entfaltend, Natur unsern Gefühlen geliehn! 
Freue dich auch des heutigen Tags! Die heilige Liebe 

Strebt zu der höchsten Frucht gleicher Gesinnungen 

auf. 
Gleicher Ansicht der Dinge, damit in harmonischem An- 

schaun 

Sich verbinde das Paar, finde die höhere Welt. 



1 798/1805 WEIMAR 479 

SOLDATENLIED ZU WALLENSTEINS LAGER 

ES leben die Soldaten, 
Der Bauer gibt den Braten, 
Der Winzer gibt den Most, 
Das ist Soldatenkost. 
Trallerallallallalla. 

Der Bürger muß uns backen, 
Den Adel muß man zwacken. 
Sein Knecht ist unser Knecht, 
Das ist Soldatenrecht. 
Trallerallallallalla. 

In Wäldern gehn wir pirschen 
Nach allen alten Hirschen 
Und bringen frank imd frei 
Den Männern das Geweih. 
Trallerallallallalla. 

Heut schwören wir der Hanne 
Und morgen der Susanne, 
Die Lieb ist immer neu, 
Das ist Soldatentreu. 
Trallerallallallalla. 

Wir schmausen wie Dynasten, 
Und morgen heißt es fasten; 
Früh reich imd abends bloß. 
Das ist Soldatenlos. 
Trallerallallallalla. 

Wer hat, der muß nur geben; 
Wer nichts hat, der soll leben. 
Der Ehmann hat das Weib, 
Und wir den Zeitvertreib. 
Trallerallallallalla. 

Es heißt bei unsem Festen: 
Gestohlen schmeckt am besten! 
Unrechtes Gut macht fett. 
Das ist Soldatengebet. 
TrallerallallallaUa. 



48o LYRISCHE DICHTUNGEN 

DIE ZERSTÖRUNG MAGDEBURGS 

O Magdeburg die Stadt, 
Die schöne Mädchen hat, 
Die schöne Fraun und Mädchen hat, 
O Magdeburg die Stadt. 

Da alles steht im Flor, 

Der Tilly zieht davor. 

Durch Garten und durch Felder Flor 

Der Tilly zieht davor. 

Der Tilly steht dadraus. 
Wer rettet Stadt und Haus? 
Geh, Lieber, geh zum Tor hinaus 
Und schlag dich mit ihm draus. 

Es hat noch keine Not, 
So sehr er tobt und droht; 
Ich küsse deine Wänglein rot, 
Es hat noch keine Not. 

Die Sehnsucht macht mich bleich. 
Warum bin ich denn reich? 
Dein Vater ist vielleicht schon bleich. 
Du, Kind, du machst mich weich. 

O Mutter, gib mir Brot! 

Ist denn der Vater tot? 

O Mutter, gib ein Stückchen Brot! 

O welche große Not! 

Dein Vater lieb ist hin. 

Die Bürger alle fliehn; 

Schon fließt das Blut die Straße hin, 

Wo fliehn wir hin, wohin? 

Die Kirche stürzt in Graus, 

Da droben brennt das Haus. 

Es qualmt das Dach, schon flammts heraus; 

Nur auf die Straß hinaus! 



1 798/1805 WEIMAR 481 

Ach, keine Rettung mehr! 

In Straßen rast das Heer; 

Es rast mit Flammen hin und her. 

Ach, keine Rettung mehr! 

Die Häuser stürzen ein. 
Wo ist das Mein und Dein! 
Das Bündelchen, es ist nicht dein, 
Du flüchtig Mägdelein. 

I 

' Die Weiber bangen sehr. 

Die Mägdlein noch viel mehr. 
Was lebt, ist keine Jungfer mehr; 
So raset Tillys Heer. 

DIE BURG VON OTRANTO 

Fortsetzungs-Weissagung 

SIND die Zimmer sämtlich besetzt der Burg von Otranto, 
Kommt, voll innigen Grimms, der erste Riesenbesitzer, 
Stückweis an und verdrängt die neuen falschen Bewohner. 
Wehe! den Fliehenden. Weh! den Bleibenden. Also ge- 
schieht es. 

ALS das heilige Blatt von Maros Grabe getrennt ward, 
Naht' es, der Asche getreu, welkend polarischer 

Nacht; 
Aber im Lande bedeckt von Schnee ergrünt es aufs neue. 
Bietet im welkenden Schmuck traulich den Grazien an. 

PHÖBOS UND HERMES 

DELOS' ernster Beherrscher und Majas Sohn, der ge- 
wandte, 
Rechteten heftig, es wünscht' jeder den herrlichen Preis. 
Hermes verlangte die Leier, die Leier verlangt' auch 

Apollon, 
Doch vergeblich erfüllt Hoffnung den beiden das Herz. 

GOETHE XIV 31. 



482 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Denn rasch dränget sich Ares heran, gewaltsam ent- 
scheidend, 

Schlägt das goldene Spiel wild mit dem Eisen entzwei. 
Hermes lacht unmäßig, der schadenfrohe; doch Phöbos 

Und den Musen ergreift inniger Schmerz das Gemüt. 

SPIEGEL DER MUSE 

SICH zu schmücken begierig, verfolgte den rinnenden 
Bach einst 
Früh die Muse hinab, sie suchte die ruhigste Stelle. 
Eilend und rauschend indes verzog die schwankende Fläche 
Stets das bewegliche Bild; die Göttin wandte sich zürnend; 
Doch der Bach rief hinter ihr drein und höhnte sie: Freilich 
Magst du die Wahrheit nicht sehn, wie rein dir mein 

Spiegel sie zeiget! 
Aber indessen stand sie schon fern, am Winkel des Seees, 
Ihrer Gestalt sich erfreuend, und rückte den Kranz sich 

zurechte. 

DIE ERSTE WALPURGISNACHT 
Ein Druide 

ES lacht der Mai! 
Der Wald ist frei 
Von Eis und Reifgehänge. 
Der Schnee ist fort; 
Am grünen Ort 
Erschallen Lustgesänge. 
Ein reiner Schnee 
Liegt auf der Höh; 
Doch eilen wir nach oben, 
Begehn den alten heiigen Brauch, 
Allvater dort zu loben. 
Die Flamme lodre durch den Rauch! 
So wird das Herz erhoben. 

Die Druiden 
Die Flamme lodre durch den Rauch! 
Begeht den alten heiigen Brauch, 



17 98/1805 WEIMAR 483 

Allvater dort zu loben! 
Hinauf! hinauf nach oben! 

Einer aus dem Volke 
Könnt ihr so verwegen handeln? 
Wollt ihr denn zum Tode wandeln? 
Kennet ihr nicht die Gesetze 
Unsrer harten Überwinder? 
Rings gestellt sind ihre Netze 
Auf die Heiden, auf die Sünder. 
Ach, sie schlachten auf dem Walle 
Unsre Weiber, unsre Kinder. 
Und wir alle 
Nahen uns gewissem Falle. 

Chor der Weiber 

Auf des Lagers hohem Walle 
Schlachten sie schon unsre Kinder. 
Ach, die strengen Überwinder! 
Und wir alle 
Nahen uns gewissem Falle. 

Ein Druide 
Wer Opfer heut 
Zu bringen scheut, 
Verdient erst seine Bande. 
Der Wald ist frei! 
Das Holz herbei, 
Und schichtet es zum Brande! 
Doch bleiben wir 
Im Buschrevier 
Am Tage noch im stillen, 
Und Männer stellen wir zur Hut 
Um eurer Sorge willen. 
Dann aber laßt mit frischem Mut 
Uns unsre Pflicht erfüllen. 

Chor der Wächter 
Verteilt euch, wackre Männer, hier 
Durch dieses ganze Waldrevier 



484 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Und wachet hier im stillen, 
Wenn sie die Pflicht erfüllen. 

Ein Wächter 
Diese dumpfen Pfaffenchristen, 
Laßt mis keck sie überlisten! 
Mit dem Teufel, den sie fabeln, 
Wollen wir sie selbst erschrecken. 
Kommt! Mit Zacken und mit Gabeln 
Und mit Glut und Klapperstöcken 
Lärmen wir bei nächtger Weile 
Durch die engen Felsenstrecken. 
Kauz und Eule 
Heul in unser Rundgeheule! 

Chor der Wächter 
Kommt mit Zacken und mit Gabeln, 
Wie der Teufel, den sie fabeln, 
Und mit wilden Klapperstöcken 
Durch die leeren Felsenstrecken! 
Kauz und Eule 
Heul in imser Rundgeheule! 

Ein Druide 
So weit gebracht. 
Daß wir bei Nacht 
Allvater heimlich singen! 
Doch ist es Tag, 
Sobald man mag 
Ein reines Herz dir bringen. 
Du kannst zwar heut. 
Und manche Zeit, 
Dem Feinde viel erlauben. 
Die Flamme reinigt sich vom Rauch: 
So reinge unsern Glauben! 
Und raubt man uns den alten Brauch, 
Dein Licht, wer will es rauben? 

Ein christlicher Wächter 
Hilf, ach, hilf mir, Kriegsgeselle! 
Ach, es kommt die ganze Hölle! 



1 798/1805 WEIMAR 485 

Sieh, wie die verhexten Leiber 
Durch und durch von Flamme glühen! 
Menschen- Wolf und Drachen- Weiber, 
Die im Flug vorüberziehen! 
Welch entsetzliches Getöse! 
Laßt uns, laßt uns alle fliehen! 
Oben flammt und saust der Böse, 
Aus dem Boden 
Dampfet rings ein Höllen-Broden. 

Chor der christlichen Wächter 
Schreckliche, verhexte Leiber, 
Menschen-Wölf und Drachen -Weiber! 
Welch entsetzliches Getöse! 
Sieh, da flammt, da zieht der Böse! 
Aus dem Boden 
Dampfet rings ein Höllen-Broden. 

Chor der Druiden 
Die Flamme reinigt sich vom Rauch: 
So reinge unsern Glauben! 
Und raubt man uns den alten Brauch, 
Dein Licht, wer kann es rauben! 

AN DIE GÜNSTIGEN 

DICHTER lieben nicht zu schweigen,^ 
Wollen sich der Menge zeigen. 
Lob und Tadel muß ja sein! 
Niemand beichtet gern in Prosa; 
Doch vertraun wir oft sub Rosa 
In der Musen stillem Hain. 

Was ich irrte, was ich strebte, 
Was ich litt und was ich lebte. 
Sind hier Blumen nur im Strauß; 
Und das Alter wie die Jugend, 
Und der Fehler wie die Tugend 
Nimmt sich gut in Liedern aus. 



486 LYRISCHE DICHTUNGEN 

DER MUSENSOHN 

DURCH Feld und Wald zu schweifen, 
Mein Liedchen wegzupfeifen, 
So gehts von Ort zu Ort! 
Und nach dem Takte reget, 
Und nach dem Maß beweget 
Sich alles an mir fort. 
Ich kann sie kaum erwarten, 
Die erste Blum im Garten, 
Die erste Blut am Baum. 
Sie grüßen meine Lieder, 
Und kommt der Winter wieder. 
Sing ich noch jenen Traum. 
Ich sing ihn in der Weite, 
Auf Eises Läng und Breite, 
Da blüht der Winter schön! 
Auch diese Blüte schwindet, 
Und neue Freude findet 
Sich auf bebauten Höhn. 
Denn wie ich bei der Linde 
Das junge Völkchen finde, 
Sogleich erreg ich sie. 
Der stumpfe Bursche bläht sich, 
Das steife Mädchen dreht sich 
Nach meiner Melodie. 
Ihr gebt den Sohlen Flügel 
Und treibt durch Tal und Hügel 
Den Liebling weit von Haus. 
Ihr lieben holden Musen, 
Wann ruh ich ihr am Busen 
Auch endlich wieder aus? 

AN LINA 

LIEBCHEN, kommen diese Lieder 
Jemals wieder dir zur Hand, 
Sitze beim Klaviere nieder, 
Wo der Freund sonst bei dir stand. 



1 798/1805 WEIMAR 487 

Laß die Saiten rasch erklingen 
Und dann sieh ins Buch hinein; 
Nur nicht lesen! immer singen! 
Und ein jedes Blatt ist dein. 

Ach, wie traurig sieht in Lettern, 
Schwarz auf weiß, das Lied mich an, 
Das aus deinem Mund vergöttern, 
Das ein Herz zerreißen kann! 

PARABELN* 
I 

EIN Meister einer ländHchen Schtde 
Erhub sich einst von seinem Stuhle 
Und hatte fest sich vorgenommen, 
In bessere Gesellschaft zu kommen; 
Deswegen er, im nahen Bad, 
In den sogenannten Salon eintrat. 
Verblüfft war er gleich an der Tür, 
Als wenns ihm zu vornehm widerführ; 
Macht daher dem ersten Fremden rechts 
Einen tiefen Bückling, es war nichts Schlechts; 
Aber hinten hätt er nicht vorgesehn, 
Daß da auch wieder Leute stehn. 
Gab einem zur Linken in den Schoß 
Mit seinem Hintern einen derben Stoß. 
Das hätt er schnell gern abgebüßt; 
Doch wie er eilig den wieder begrüßt, 
So stößt er rechts einen andern an. 
Er hat wieder jemand was Leids getan. 
Und wie ers diesem wieder abbittet, 
Ers wieder mit einem andern verschüttet. 
Und komplimentiert sich zu seiner Qual, 
Von hinten und vorn, so durch den Saal, 

* In den Ausgaben der Werke folgen der Überschrift die Worte: 
Werden fortgesetzt bis zum Dutzend, wodurch man den hier an- 
gedeuteten Charakter völlig zu umzeichnen hofft und zugleich 
unserer Zeit, welche das Charakteristische der Kunst so sehr zu 
schätzen weiß, einigen Dienst zu leisten glaubt. 



488 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Bis ihm endlich ein derber Geist 
Ungeduldig die Türe weist. 

Möge doch mancher, in seinen Sünden, 
Hievon die Nutzanwendung finden. 

II 

Da er nun seine Straße ging, 

Dacht er: ich machte mich zu gering. 

Will mich aber nicht weiter schmiegen; 

Denn wer sich grün macht, den fressen die Ziegen. 

So ging er gleich frisch querfeldein, 

Und zwar nicht über Stock und Stein, 

Sondern über Äcker und gute Wiesen, 

Zertrat das alles mit latschen Füßen. 

Ein Besitzer begegnet ihm so 

Und fragt nicht weiter wie? noch wo? 

Sondern schlägt ihn tüchtig hinter die Ohren. 

Bin ich doch gleich wie neugeboren! 
Ruft unser Wandrer hochentzückt. 
Wer bist du. Mann, der mich beglückt? 
Möchte mich Gott doch immer segnen, 
Daß mir so fröhliche Gesellen begegnen! 

JENE machen Partei; welch unerlaubtes Beginnen? 
Aber unsre Partei, freilich, versteht sich von selbst. 



FRÜCHTE bringet das Leben dem Mann; doch hangen 
sie selten 
Rot und lustig am Zweig, wie uns ein Apfel begrüßt. 

ALLE Blüten müssen vergehn, daß Früchte beglücken; 
Blüten und Frucht zugleich gebet ihr Musen allein. 



DIESMAL streust du, o Herbst, nur leichte, welkende 
Blätter; 
Gib mir ein andermal schwellende Früchte dafür. 



1 798/1805 WEIMAR 489 

DAS SONETT 

SICH in erneutem Kunstgebrauch zu üben, 
Ist heiige Pflicht, die wir dir auferlegen: 
Du kannst dich auch, wie wir, bestimmt bewegen 
Nach Tritt und Schritt, wie es dir vorgeschrieben. 

Denn eben die Beschränkung läßt sich Heben, 
Wenn sich die Geister gar gewaltig regen; 
Und wie sie sich denn auch gebärden mögen. 
Das Werk zuletzt ist doch vollendet blieben. 

So möcht ich selbst in künstlichen Sonetten, 
In sprachgewandter Maße kühnem Stolze, 
Das Beste, was Gefühl mir gäbe, reimen; 

Nur weiß ich hier mich nicht bequem zu betten. 
Ich schneide sonst so gern aus ganzem Holze, 
Und müßte nun doch auch mitunter leimen. 



NATUR und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen 
Und haben sich, eh man es denkt, gefunden; 
Der Widerwille ist auch mir verschwunden, 
Und beide scheinen gleich mich anzuziehen. 

Es gilt wohl nur ein redliches Bemühen! 

Und wenn wir erst in abgemeßnen Stunden 
Mit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden. 
Mag frei Natur im Herzen wieder glühen. 

So ists mit aller Bildung auch beschaffen: 
Vergebens werden ungebundne Geister 
Nach der Vollendung reiner Höhe streben. 

Wer Großes will, muß sich zusammenraffen; 

In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister, 
Und das Gesetz nur kann ims Freiheit geben. 



490 LYRISCHE DICHTUNGEN 

[In das Stammbuch seines Sohnes] 

GÖNNERN reiche das Buch und reich es Freund- und 
Gespielen, 
Reich es dem Eilenden hin, der sich vorüber bewegt. 
Wer des freundlichen Worts, des Namens Gabe dir spendet. 
Häufet den edlen Schatz holden Erinnrens dir an. 

SELBST erfinden ist schön; doch glücklich von andern 
Gefundnes 
Fröhlich erkannt und geschätzt, nennst du das weniger 

dein? 



w 



AS den Jüngling ergreift, den Mann hält, Greise 

noch labet. 
Liebenswürdiges Kind, bleibe dein glückliches Teil. 



ALTER gesellet sich gern der Jugend, Jugend zum 
Alter; 
Aber am liebsten bewegt Gleiches dem Gleichen sich zu. 

DAUER IM WECHSEL 

HIELTE diesen frühen Segen, 
Ach, nur Eine Stimde fest! 
Aber vollen Blütenregen 
Schüttelt schon der laue West. 
Soll ich mich des Grünen freuen. 
Dem ich Schatten erst verdankt: 
Bald wird Sturm auch das zerstreuen. 
Wenn es falb im Herbst geschwankt. 

Willst du nach den Früchten greifen, 
Eilig nimm dein Teil davon! 
Diese fangen an zu reifen. 
Und die andern keimen schon; 
Gleich mit jedem Regengiisse 
Ändert sich dein holdes Tal, 
Ach, und in demselben Flusse 
Schwimmst du nicht zum zweitenmal. 



I 



1 798/1805 WEIMAR 491 

Du nun selbst! Was felsenfeste 
Sich vor dir hervorgetan, 
Mauern siehst du, siehst Paläste 
Stets mit andern Augen an. 
Weggeschwunden ist die Lippe, 
Die im Kusse sonst genas, 
Jener Fuß, der an der Klippe 
Sich mit Gemsenfreche maß. 

Jene Hand, die gern und milde 
Sich bewegte, wohlzutun, 
Das gegliederte Gebilde, 
Alles ist ein andres nun. 
Und was sich an jener Stelle 
Ntin mit deinem Namen nennt, 
Kam herbei wie eine Welle, 
Und so eilts zum Element. 

Laß den Anfang mit dem Ende 
Sich in Eins zusammenziehn! 
Schneller als die Gegenstände 
Selber dich vorüberfliehn! 
Danke, daß die Gunst der Musen 
Unvergängliches verheißt. 
Den Gehalt in deinem Busen 
Und die Form in deinem Geist. 



FRÜHZEITIGER FRÜHLING 

TAGE der Wonne, 
Kommt ihr so bald? 
Schenkt mir die Sonne, 
Hügel und Wald? 

Reichlicher fließen 
Bächlein zumal. 
Sind es die Wiesen? 
Ist es das Tal? 



492 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Blauliche Frische! 
Himmel und Höh! 
Goldene Fische 
Wimmeln im See. 

Buntes Gefieder 
Rauschet im Hain; 
Himmlische Lieder 
Schallen darein. 

Unter des Grünen 
Blühender Kraft 
Naschen die Bienen 
Summend am Saft. 

Leise Bewegung 
Bebt in der Luft, 
Reizende Regtmg, 
Schläfemder Duft. 

Mächtiger rühret 
Bald sich ein Hauch, 
Doch er verlieret 
Gleich sich im Strauch. 

Aber zum Busen 
Kehrt er zurück. 
Helfet, ihr Musen, 
Tragen das Glück! 

Saget, seit gestern 
Wie mir geschah? 
Liebliche Schwestern, 
Liebchen ist da! 



ul: 



einem Herren steht es gut, 
was er befohlen, selber tut. 



[In ein Stammbuch] 

WEISE die Rose nicht ab von deinem Busen, sie 
blühet 
Noch auf der Wange dir, noch in dem Herzen dir auf. 



1 798/1805 WEIMAR 493 

LIEBE teilet die Freud und den Schmerz und fühlt 
sich nur Liebe. 



STIFTUNGSLIED 

WAS gehst du, schöne Nachbarin, 
Im Garten so allein? 
Und wenn du Haus und Felder pflegst, 
Will ich dein Diener sein. 

Mein Bruder schlich zur Kellnerin 
Und ließ ihr keine Ruh. 
Sie gab ihm einen frischen Trunk 
Und einen Kuß dazu. 

Mein Vetter ist ein kluger Wicht, 
Er ist der Köchin hold. 
Den Braten dreht er für imd für 
Um süßen Minnesold. 

Die Sechse, die verzehrten dann 
Zusammen ein gutes Mahl, 
Und singend kam ein viertes Paar 
Gesprungen in den Saal. 

Willkommen! und Willkommen auch 
Fürs wackre fünfte Paar, 
Das voll Geschieht' und Neuigkeit 
Und frischer Schwanke war. 

Noch blieb für Rätsel, Witz und Geist 
Und feine Spiele Platz; 
Ein sechstes Pärchen kam heran, 
Gefunden war der Schatz, 

Doch eines fehlt' und fehlte sehr, 
Was doch das Beste tut: 
Ein zärtlich Pärchen schloß sich an, 
Ein treues — nun wars gut. 

Gesellig feiert fort und fort 
Das imgestörte Mahl, 
Und eins im andern freue sich 
Der heiigen Doppelzahl. 



494 LYRISCHE DICHTUNGEN 

ZUM NEUEN JAHR 
WISCHEN dem Alten, 



z: 



^Zwischen dem Neuen, 
Hier uns zu freuen 
Schenkt uns das Glück, 
Und das Vergangne 
Heißt mit Vertrauen 
Vorwärts zu schauen, 
Schauen zurück. 

Stunden der Plage, 
Leider, sie scheiden 
Treue von Leiden, 
Liebe von Lust; 
Bessere Tage 
Sammlen uns wieder, 
Heitere Lieder 
Stärken die Brust. 

Leiden und Freuden, 
Jener verschwundnen. 
Sind die Verbundnen 
Fröhlich gedenk. 
O des Geschickes 
Seltsamer Windung! 
Alte Verbindung, 
Neues Geschenk! 

Dankt es dem regen. 
Wogenden Glücke, 
Dankt dem Geschicke 
Männiglich Gut; 
Freut euch des Wechsels 
Heiterer Triebe, 
Offener Liebe, 
Heimlicher Glut! 

Andere schauen 
Deckende Falten 



17 98/1805 WEIMAR 495 

Über dem Alten 
Traurig und scheu; 
Aber uns leuchtet 
Freundliche Treue; 
Sehet, das Neue 
Findet uns neu. 

So wie im Tanze 
Bald sich verschwindet, 
Wieder sich findet 
Liebendes Paar, 
So durch des Lebens 
Wirrende Beugung 
Führe die Neigung 
Uns in das Jahr. 



ICH wüßte nicht, daß ich ein Grauen spürte 
Vor jenen Alten in der Unterwelt; 
Wenn nur nicht jede, die mir wohlgefällt. 
Hier oben mich nach Wunsch regierte. 



SELBSTBETRUG 

DER Vorhang schwebet hin und her 
Bei meiner Nachbarin. 
Gewiß, sie lauschet überquer, 
Ob ich zu Hause bin, 

Und ob der eifersüchtge Groll, 
Den ich am Tag gehegt. 
Sich, wie er nun auf immer soll, 
Im tiefen Herzen regt. 

Doch leider hat das schöne Kind 
Dergleichen nicht gefühlt. 
Ich seh, es ist der Abendwind, 
Der mit dem Vorhang spielt. 



496 LYRISCHE DICHTUNGEN 

KRIEGSERKLÄRUNG 

WENN ich doch so schön war 
Wie die Mädchen auf dem Land! 
Sie tragen gelbe Hüte 
Mit rosenrotem Band. 

Glauben, daß man schön sei, 
Dächt ich, ist erlaubt. 
In der Stadt, ach! ich hab es 
Dem Junker geglaubt. 

Nun im Frühling, ach! ists 
Um die Freuden getan; 
Ihn ziehen die Dirnen, 
Die ländlichen, an. 

Und die Taill und den Schlepp 
Verändr ich zur Stund; 
Das Leibchen ist länger. 
Das Röckchen ist rund. 

Trage gelblichen Hut 
Und ein Mieder wie Schnee, 
Und sichle mit andern 
Den blühenden Klee. 

Spürt er imter dem Chor 
Etwas Zierliches aus, 
Der lüsterne Knabe, 
Er winkt mir ins Haus. 

Ich begleit ihn verschämt. 
Und er kennt mich noch nicht, 
Er kneipt mir die Wangen 
Und sieht mein Gesicht. 

Die Städterin droht 
Euch Dirnen den Krieg, 
Und doppelte Reize 
Behaupten den Sieg. 



1 798/1805 WEIMAR 497 

RITTER KURTS BRAUTFAHRT 

MIT des Bräutigams Behagen 
Schwingt sich Ritter Kurt aufs Roß; 
Zu der Trauung soUs ihn tragen 
Auf der edlen Liebsten Schloß: 
Als am öden Felsenorte 
Drohend sich ein Gegner naht, 
Ohne Zögern, ohne Worte 
Schreiten sie zu rascher Tat. 

Lange schwankt des Kampfes Welle, 
Bis sich Kurt im Siege freut; 
Er entfernt sich von der Stelle, 
Überwinder und gebleut. 
Aber was er bald gewahret 
In des Busches Zitterschein! 
Mit dem Säugling still gepaaret, 
Schleicht ein Liebchen durch den Hain. 

Und sie winkt ihm auf das Plätzchen: 
Lieber Herr, nicht so geschwind! 
Habt Ihr nichts an Euer Schätzchen, 
Habt Ihr nichts für Euer Kind: 
Ihn durchglühet süße Flamme, 
Daß er nicht vorbei begehrt, 
Und er findet mm die Amme, 
Wie die Jungfrau, liebenswert. 

Doch er hört die Diener blasen, 
Denket nun der hohen Braut, 
Und nun wird auf seinen Straßen 
Jahresfest und Markt so laut. 
Und er wählet in den Buden 
Manches Pfand zu Lieb und Huld; 
Aber ach! da kommen Juden 
Mit dem Schein vertagter Schuld. 

Und nun halten die Gerichte 
Den behenden Ritter auf. 
O verteufelte Geschichte! 

GOETHE XIV 3». 



498 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Heldenhafter Lebenslauf! 
Soll ich heute mich gedulden? 
Die Verlegenheit ist groß. 
Widersacher, Weiber, Schulden, 
Ach! kein Ritter wird sie los. 

WANDRER UND PÄCHTERIN 

Er 

KANNST du, schöne Pächtrin ohnegleichen, 
Unter dieser breiten Schattenlinde, 
Wo ich Wandrer kurze Ruhe finde, 
Labung mir für Durst und Hunger reichen? 

Sie 
Willst du. Vielgereister, hier dich laben. 
Sauren Rahm und Brot und reife Früchte, 
Nur die ganz natürlichsten Gerichte, 
Kannst du reichlich an der Quelle haben. 

Er 
Ist mir doch, ich müßte schon dich kennen, 
Unvergeßne Zierde holder Stunden! 
Ähnlichkeiten hab ich oft gefunden; 
Diese muß ich doch ein VVimder nennen. 

Sie 
Ohne Wunder findet sich bei Wandrern 
Oft ein sehr erklärliches Erstaunen. 
Ja, die Blonde gleichet oft der Braunen; 
Eine reizet eben wie die andern. 

Er 
Heute nicht, fürwahr, zum ersten Male 
Hat mirs diese Bildung abgewonnen! 
Damals war sie Sonne aller Sonnen 
In dem festlich aufgeschmückten Saale. 

Sie 
Freut es dich, so kann es wohl geschehen, 
Daß man deinen Märchenscherz vollende: 
Purpurseide floß von ihrer Lende, 
Da du sie zum erstenmal gesehen. 



r 



1798/1805 WEIMAR 499 

Er 
Nein, fürwahr, das hast du nicht gedichtet! 
Konnten Geister dir es offenbaren; 
Von Juwelen hast du auch erfahren 
Und von Perlen, die ihr Blick vernichtet. 

Sie 
Dieses eine ward mir wohl vertrauet: 
Daß die Schöne, schamhaft, zu gestehen, 
Und in Hoffnung, wieder dich zu sehen. 
Manche Schlösser in die Luft erbauet. 

Er 

Trieben mich umher doch alle Winde! 
Sucht ich Ehr und Geld auf jede Weise! 
Doch gesegnet, wenn am Schluß der Reise 
Ich das edle Bildnis wieder finde. 

Sie 
Nicht ein Bildnis, wirkUch siehst du jene 
Hohe Tochter des verdrängten Blutes; 
Nun im Pachte des verlaßnen Gutes 
Mit dem Bruder freuet sich Helene. 

Er 
Aber diese herrlichen Gefilde, 
Kann sie der Besitzer selbst vermeiden? 
Reiche Felder, breite Wies- und Weiden, 
Mächtge Quellen, süße Himmelsmilde. 

Sie 
Ist er doch in alle Welt entlaufen! 
Wir Geschwister haben viel erworben; 
Wenn der Gute, wie man sagt, gestorben, 
Wollen wir das Hinterlaßne kaufen. 

Er 
Wohl zu kaufen ist es, meine Schöne! 
Vom Besitzer hört ich die Bedinge; 
Doch der Preis ist keineswegs geringe. 
Denn das letzte Wort, es ist: Helene! 



500 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Sie 
Könnt uns Glück und Höhe nicht vereinen! 
Hat die Liebe diesen Weg genommen? 
Doch ich seh den wackren Brader kommen; 
Wenn ers hören wird, was kann er meinen? 

HOCHZEITLIED 

WIR singen und sagen vom Grafen so gern, 
Der hier in dem Schlosse gehauset, 
Da, wo ihr den Enkel des seligen Herrn, 
Den heute vermählten, beschmauset. 
Nun hatte sich jener im heiligen Krieg 
Zu Ehren gestritten durch mannigen Sieg; 
Und als er zu Hause vom Rösselein stieg. 
Da fand er sein Schlösselein oben, 
Doch Diener und Habe zerstoben. 

Da bist du nun, Gräflein, da bist du zu Haus, 

Das Heimische findest du schlimmer! 

Zum Fenster da ziehen die Winde hinaus, 

Sie kommen durch alle die Zimmer. 

Was wäre zu tun in der herbstlichen Nacht? 

So hab ich doch manche noch schlimmer vollbracht, 

Der Morgen hat alles wohl besser gemacht. 

Drum rasch bei der mondlichen Helle 

Ins Bett, in das Stroh, ins Gestelle. 

Und als er im willigen Schlummer so lag, 

Bewegt es sich unter dem Bette. 

Die Ratte, die raschle, solange sie mag! 

Ja, wenn sie ein Bröselein hätte! 

Doch siehe! da stehet ein winziger Wicht, 

Ein Zwerglein so zierlich mit Ampelen- Licht, 

Mit Redner- Gebärden und Sprecher- Gewicht, 

Zum Fuß des ermüdeten Grafen, 

Der, schläft er nicht, möcht er doch schlafen. 

Wir haben uns Feste hier oben erlaubt, 

Seitdem du die Zimmer verlassen. 

Und weil wir dich weit in der Ferne geglaubt, 



1798/1805 WEIMAR 501 

So dachten wir eben zu prassen. 

Und wenn du vergönnest und wenn dir nicht graut, 

So schmausen die Zwerge, behaglich und laut, 

Zu Ehren der reichen, der niedlichen Braut. 

Der Graf im Behagen des Traumes: 

Bedienet euch immer des Raumes! 

Da kommen drei Reiter, sie reiten hervor, 

Die imter dem Bette gehalten; 

Dann folget ein singendes, klingendes Chor 

Possierlicher, kleiner Gestalten; 

Und Wagen auf Wagen mit allem Gerät, 

Daß einem so Hören als Sehen vergeht, 

Wie's nur in den Schlössern der Könige steht; 

Zuletzt auf vergoldetem Wagen 

Die Braut imd die Gäste getragen. 

So rennet nun alles in vollem Galopp 

Und kürt sich im Saale sein Plätzchen; 

Zum Drehen und Walzen und lustigen Hopp 

Erkieset sich jeder ein Schätzchen. 

Da pfeift es und geigt es imd klinget und klirrt, 

Da ringelts und schleift es und rauschet und wirrt, 

Da pisperts und knisterts und flisterts und schwirrt; 

Das Gräflein, es blicket hinüber, 

Es dünkt ihn, als lag er im Fieber. 

Nun dappelts und rappelts und klapperts im Saal 

Von Bänken und Stühlen und Tischen, 

Da will nun ein jeder am festlichen Mahl 

Sich neben dem Liebchen erfrischen; 

Sie tragen die Würste, die Schinken so klein 

Und Braten und Fisch und Geflügel herein, 

Es kreiset beständig der köstliche Wein; 

Das toset und koset so lange, 

Verschwindet zuletzt mit Gesänge. — 

Und sollen wir singen, was weiter geschehn, 
So schweige das Toben und Tosen. 
Denn was er, so artig, im Kleinen gesehn, 
Erfuhr er, genoß er im Großen. 



502 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Trompeten und klingender, singender Schall 
Und Wagen und Reiter und bräutlicher Schwall, 
Sie kommen und zeigen und neigen sich all, 
Unzählige, selige Leute. 
So ging es und geht es noch heute. 

RÄTSEL 

EIN Bruder ists von vielen Brüdern, 
In allem ihnen völlig gleich, 
Ein nötig Glied von vielen Gliedern 
In eines großen Vaters Reich; 
Jedoch erblickt man ihn nur selten, 
Fast wie ein eingeschobnes Kind: 
Die andern lassen ihn nur gelten 
Da, wo sie unvermögend sind. 

TISCHLIED 

MICH ergreift, ich weiß nicht wie, 
Himmlisches Behagen. 
Will michs etwa gar hinauf 
Zu den Sternen tragen? 
Doch ich bleibe lieber hier, 
Kann ich redlich sagen, 
Beim Gesang und Glase Wein 
Auf den Tisch zu schlagen. 

Wundert euch, ihr Freunde, nicht, 
Wie ich mich gebärde; 
Wirklich ist es allerliebst 
Auf der lieben Erde: 
Darum schwör ich feierlich 
Und ohn alle Fährde, 
Daß ich mich nicht freventlich 
Wegbegeben werde. 

Da wir aber allzumal 
So beisammen weilen, 
Dächt ich, klänge der Pokal 
Zu des Dichters Zeilen. 



1 798/1805 WEIMAR 503 

Gute Freunde ziehen fort, 
Wohl ein hundert Meilen, 
Darum soll man hier am Ort 
Anzustoßen eilen. 

Lebe hoch, wer Leben schafft! 
Das ist meine Lehre. 
Unser König denn voran, 
Ihm gebührt die Ehre. 
Gegen inn- und äußern Feind 
Setzt er sich zur Wehre; 
Ans Erhalten denkt er zwar, 
Mehr noch, wie er mehre. 

Nun begrüß ich sie sogleich, 
Sie, die einzig Eine. 
Jeder denke ritterlich 
Sich dabei die Seine. 
Merket auch ein schönes Kind, 
Wen ich eben meine, 
Nun, so nicke sie mir zu: 
Leb auch so der Meine! 

Freunden gilt das dritte Glas, 
Zweien oder dreien, 
Die mit uns am guten Tag 
Sich im stillen freuen 
Und der Nebel trübe Nacht 
Leis und leicht zerstreuen; 
Diesen sei ein Hoch gebracht, 
Alten oder neuen. 

Breiter wallet nun der Strom, 

Mit vermehrten Wellen. 

Leben jetzt im hohen Ton 

Redliche Gesellen! 

Die sich mit gedrängter Kraft 

Brav zusammen stellen 

In des Glückes Sonnenschein 

Und in schlimmen Fällen. 



S04 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Wie wir nun zusammen sind, 

Sind zusammen viele. 

Wohl gelingen denn, wie uns, 

Andern ihre Spiele! 

Von der Quelle bis ans Meer 

Mahlet manche Mühle, 

Und das Wohl der ganzen Welt 

Ists, worauf ich ziele. 

GENERALBEICHTE 

LASSET heut im edeln Kreis 
Meine Warnung gelten! 
Nehmt die ernste Stimmung wahr, 
Denn sie kommt so selten. 
Manches habt ihr vorgenommen, 
Manches ist euch schlecht bekommen, 
Und ich muß euch schelten. 

Reue soll man doch einmal 

In der Welt empfinden! 

So bekennt, vertraut und fromm. 

Eure größten Sünden! 

Aus des Irrtums falschen Weiten 

Sammelt euch und sucht beizeiten 

Euch zurecht zu finden. 

Ja, wir haben, seis bekannt, 
Wachend oft geträumet. 
Nicht geleert das frische Glas, 
Wenn der Wein geschäumet; 
Manche rasche Schäferstunde, 
Flüchtgen Kuß vom lieben Munde 
Haben wir versäumet. 

Still und maulfaul saßen wir. 
Wenn Philister schwätzten, 
Über göttlichen Gesang 
Ihr Geklatsche schätzten. 



17 98/180.5 WEIMAR 505 

Wegen glücklicher Momente, 
Deren man sich rühmen könnte, 
Uns zur Rede setzten. 

Willst du Absolution 

Deinen Treuen geben, 

Wollen wir nach deinem Wink 

Unabläßlich streben. 

Uns vom Halben zu entwöhnen 

Und im Ganzen, Guten, Schönen 

Resolut zu leben. 

Den Philistern allzumal 
Wohlgemut zu schnippen, 
Jenen Perlenschaum des Weins 
Nicht nur flach zu nippen, 
Nicht zu liebeln leis mit Augen, 
Sondern fest uns anzusaugen 
An geliebte Lippen. 

SCHÄFERS KLAGELIED 

DA droben auf jenem Berge, 
Da steh ich tausendmal, 
An meinem Stabe gebogen, 
Und schaue hinab in das Tal. 

Dann folg ich der weidenden Herde, 
Mein Hündchen bewahret mir sie. 
Ich bin herunter gekommen 
Und weiß doch selber nicht wie. 

Da stehet von schönen Blumen 
Die ganze Wiese so voll. 
Ich breche sie, ohne zu wissen, 
Wem ich sie geben soll. 

Und Regen, Sturm und Gewitter 
Verpaß ich unter dem Baum. 
Die Türe dort bleibet verschlossen; 
Denn alles ist leider ein Traum. 



So6 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Es stehet ein Regenbogen 
Wohl über jenem Haus! 
Sie aber ist weggezogen, 
Und weit in das Land hinaus. 

Hinaus in das Land und weiter, 
Vielleicht gar über die See. 
Vorüber, ihr Schafe, vorüber! 
Dem Schäfer ist gar so weh. 

DIE GLÜCKLICHEN GATTEN 

NACH diesem Frühlingsregen, 
Den wir so warm erfleht, 
Weibchen, o sieh den Segen, 
Der unsre Flur durchweht. 
Nur in der blauen Trübe 
Verliert sich fern der Blick; 
Hier wandelt noch die Liebe, 
Hier hauset noch das Glück. 

Das Pärchen weißer Tauben, 
Du siehst, es fliegt dorthin, 
Wo um besonnte Lauben 
Gefüllte Veilchen blühn. 
Dort banden \vir zusammen 
Den allerersten Strauß, 
Dort schlugen unsre Flammen 
Zuerst gewaltig a.us. 

Doch als uns vom Altare, 
Nach dem beliebten Ja, 
Mit manchem jungen Paare 
Der Pfarrer eilen sah, 
Da gingen andre Sonnen 
Und andre Monden auf. 
Da war die Welt gewonnen 
Für unsern Lebenslauf. 

Und hunderttausend Siegel 
Bekräftigten den Bund, 



1 798/1805 WEIMAR 507 

Im Wäldchen auf dem Hügel, 
Im Busch am Wiesengrund, 
In Höhlen, im Gemäuer 
Auf des Geklüftes Höh, 
Und Amor trug das Feuer 
Selbst in das Rohr am See. 

Wir wandelten zufrieden, 
Wir glaubten uns zu zwei; 
Doch anders wars beschieden. 
Und sieh! wir waren drei; 
Und vier und fünf und sechse, 
Sie saßen um den Topf, 
Und nun sind die Gewächse 
Fast all uns übern Kopf. 

Und dort in schöner Fläche 
Das neugebaute Haus 
Umschlingen Pappelbäche, 
So freundlich siehts heraus. 
Wer schaffte wohl da drüben 
Sich diesen frohen Sitz? 
Ist es, mit seiner Lieben, 
Nicht unser braver Fritz? 

Und wo im Felsengrunde 
Der eingeklemmte Fluß 
Sich schäumend aus dem Schlünde 
Auf Räder stürzen muß: 
Man spricht von Müllerinnen, 
Und wie so schön sie sind; 
Doch immer wird gewinnen 
Dort hinten unser Kind. 

Doch wo das Grün so dichte 
Um Kirch und Rasen steht. 
Da, wo die alte Fichte 
Allein zum Himmel weht. 
Da ruhet unsrer Toten 
Frühzeitiges Geschick 



5o8 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Und leitet von dem Boden 
Zum Himmel unsern Blick. 

Es blitzen Waffenwogen 
Den Hügel schwankend ab; 
Das Heer, es kommt gezogen, 
Das uns den Frieden gab. 
Wer mit der Ehrenbinde 
Bewegt sich stolz voraus? 
Er gleichet unserm Kinde! 
So kommt der Karl nach Haus. 

Den liebsten aller Gäste 
Bewirtet nun die Braut; 
Sie wird am Friedensfeste 
Dem Treuen angetraut. 
Und zu den Feiertänzen 
Drängt jeder sich herbei; 
Da schmückest du mit Kränzen 
Der jüngsten Kinder drei. 

Bei Flöten und Schalmeien 
Erneuert sich die Zeit, 
Da wir uns einst im Reihen 
Als junges Paar gefreut; 
Und in des Jahres Laufe, 
Die Wonne fühl ich schon! 
Begleiten wir zur Taufe 
Den Enkel imd den Sohn. 

WELTSEELE 

VERTEILET euch nach allen Regionen 
Von diesem heiigen Schmaus! 
Begeistert reißt euch durch die nächsten Zonen 
Ins All und fiillt es aus! 

Schon schwebet ihr in ungemeßnen Fernen 
Den selgen Göttertraum, 
Und leuchtet neu, gesellig, unter Sternen 
Im lichtbesäten Raum. 



i 



1798/1805 WEIMAR 509 

Dann treibt ihr euch, gewaltige Kometen, 
Ins Weit und Weitr hinan; 
Das Labyrinth der Sonnen und Planeten 
Durchschneidet eure Bahn. 

Ihr greifet rasch nach ungeformten Erden 
Und wirket schöpfrisch jung, 
Daß sie belebt und stets belebter werden 
Im abgemeßnen Schwung. 

Und kreisend fuhrt ihr in bewegten Lüften 
Den wandelbaren Flor 

Und schreibt dem Stein in allen seinen Grüften 
Die festen Formen vor. 

Nun alles sich mit göttlichem Erkühnen 
Zu übertreffen strebt; 

Das Wasser will, das unfruchtbare, grünen. 
Und jedes Stäubchen lebt. 

Und so verdrängt mit liebevollem Streiten 
Der feuchten Qualme Nacht; 
Nun glühen schon des Paradieses Weiten 
In überbimter Pracht. 

Wie regt sich bald, ein holdes Licht zu schauen, 
Gestaltenreiche Schar, 
Und ihr erstaunt, auf den beglückten Auen, 
Nun als das erste Paar, 

Und bald verlischt ein unbegrenztes Streben 
Im selgen Wechselblick. 

Und so empfangt mit Dank das schönste Leben 
Vom All ins All zurück. 

BERGSCHLOSS 

DA droben auf jenem Berge, 
Da steht ein altes Schloß, 
Wo hinter Toren und Türen 
Sonst lauerten Ritter und Roß. 



5IO LYRISCHE DICHTUNGEN 

Verbrannt sind Türen und Tore, 
Und überall ist es so still; 
Das alte verfallne Gemäuer 
Durchklettr ich, wie ich nur will. 

Hierneben lag ein Keller, 
So voll von köstlichem Wein; 
Nun steiget nicht mehr mit Krügen 
Die Kellnerin heiter hinein, 

Sie setzt den Gästen im Saale 

Nicht mehr die Becher umher, 

Sie füllt zum Heiligen Mahle 

Dem Pfaffen das Fläschchen nicht mehr. 

Sie reicht dem lüsternen Knappen 
Nicht mehr auf dem Gange den Trank, 
Und nimmt für flüchtige Gabe 
Nicht mehr den flüchtigen Dank. 

Denn alle Balken und Decken, 
Sie sind schon lange verbrannt. 
Und Trepp und Gang und Kapelle 
In Schutt und Trümmer verwandt. 

Doch als mit Zither und Flasche 
Nach diesen felsigen Höhn 
Ich an dem heitersten Tage 
Mein Liebchen steigen gesehn, 

Da drängte sich frohes Behagen 
Hervor aus verödeter Ruh, 
Da gings wie in alten Tagen 
Recht feierlich wieder zu. 

Als wären für stattliche Gäste 
Die weitesten Räume bereit. 
Als kam ein Pärchen gegangen 
Aus jener tüchtigen Zeit. 

Als stund in seiner Kapelle 
Der würdige Pfaöe schon da 
Und fragte: Wollt ihr einander? 
Wir aber lächelten: Ja! 



1 798/1805 WEIMAR 5" 

Und tief bewegten Gesänge 
Des Herzens innigsten Grund, 
Es zeugte, statt der Menge, 
Der Echo schallender Mund. 

Und als sich gegen den Abend 
Im stillen alles verlor, 
Da blickte die glühende Sonne 
Zum schroffen Gipfel empor. 

Und Knapp und Kellnerin glänzen 
Als Herren weit und breit; 
Sie nimmt sich zum Kredenzen 
Und er zum Danke sich Zeit. 



NACHTGESANG 

Ogib, vom weichen Pfühle, 
Träumend, ein halb Gehör! 
Bei meinem Saitenspiele 
Schlafe! was willst du mehr? 

Bei meinem Saitenspiele 
Segnet der Sterne Heer 
Die ewigen Gefühle; 
Schlafe! was willst du mehr? 

Die ewigen Gefühle 
Heben mich, hoch und hehr, 
Aus irdischem Gewühle; 
Schlafe! was willst du mehr? 

Vom irdischen Gewühle 
Trennst du mich nur zu sehr, 
Bannst mich in diese Kühle; 
Schlafe! was willst du mehr? 

Bannst mich in diese Kühle, 
Gibst nur im Traum Gehör. 
Ach, auf dem weichen Pfühle 
Schlafe! was willst du mehr? 



512 LYRISCHE DICHTUNGEN 



w 



SEHNSUCHT 
AS zieht mir das Herz so? 



Was zieht mich hinaus? 
Und windet und schraubt mich 
Aus Zimmer und Haus? 
Wie dort sich die Wolken 
Um Felsen verziehn! 
Da möcht ich hinüber, 
Da möcht ich wohl hin! 

Nun wiegt sich der Raben 

Geselliger Flug; 

Ich mische mich drunter 

Und folge dem Zug. 

Und Berg und Gemäuer 

Umfittichen wir; 

Sie weilet da drunten, 

Ich spähe nach ihr. 

Da kommt sie und wandelt; 
Ich eile sobald, 
Ein singender Vogel, 
Zum buschigen Wald. 
Sie weilet und horchet 
Und lächelt mit sich: 
"Er singet so lieblich 
Und singt es an mich." 

Die scheidende Sonne 
Verguldet die Höhn; 
Die sinnende Schöne, 
Sie läßt es geschehn. 
Sie wandelt am Bache 
Die Wiesen entlang, 
Und finster und finstrer 
Umschlingt sich der Gang; 

Auf einmal erschein ich, 
Ein blinkender Stern. 
"Was glänzet da droben, 



1798/1805 WEIMAR 513 

So nah und so fem?" 
Und hast du mit Staunen 
Das Leuchten erblickt, 
Ich lieg dir zu Füßen, 
Da bin ich beglückt! 

DES NEUEN ALCINOUS 
erster Teil 

LASST mir den Phäaker schlafen! 
Jenen alten, jenen fernen; 
Freunde! kommt in meinen Garten, 
Den gefühlten, den modernen. 

Freilich nicht vom besten Boden; 
Doch in allerschönster Richtung, 
Nächst an Jena, gegen Weimar, 
Recht im Mittelpunkt der Dichtung. 

Will dort unter Freundes -Zweigen 
Und geschenkten Bäiunen leben; 
Doch zu ganz gewisser Rührung 
Steht der Kirchhof gleich daneben. 

Doch weil hinten mancher Toter 
An der dumpfen Mauer ranzet, 
Hat daher der gute Loder 
Lebensbäume hingepflanzet. 

Der nicht gerne Geld vergeudet. 
Der Direktor Graf von Soden, 
Schickt für jedes Stück mir vierzehn 
Stämmchen aus dem besten Boden. 

Ob sie alle, wie in Franken 
Und bei Sickler, frisch bekleiben, 
Wird sich finden; wenn sie dorren, 
Werd ich neue Stücke schreiben. 

Hier an diesem Wege stehen 
Die Verleger miteinander. 
Diese Mispeln pflanzte Kummer, 
Diesen Korkbaum schickte Sander. 

GOETHE XIV 33. 



514 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Sollte dieser Kork nun freilich 
Wie der Geber sich verdicken, 
Mögen Enkel und Urenkel 
Mit dem Weg zur Seite rücken. 

Pflaumen hat er mir versprochen, 
Der scharmante, kleine Merkel^ 
Und nun sind es Schlehen worden; 
Meine Kinder, sind sie Ferkel? 

Hahnebutten wählte Bötfger 
Aus Pomonens bvmten Kindern; 
Leidlich schmecken sie durchfrostet, 
Doch sie kratzen mich im H 



Kammerkätzchen, Kammermäuschen 
Stifteten die schönsten Nelken; 
Wieland gab ein Lorbeerreischen, 
Doch es will bei mir verwelken. 

Haselstauden will die Gräfin 
Mir ein ganzes Wäldchen schenken, 
Und sooft ich Nüsse knacke, 
Will ich an die Freundin denken. 

Auch aus Tiefurts Zauberhainen 
Seh ich manches Reis mit Freuden; 
Doch um einen Lilienstengel 
Will man mich besonders neiden. 

Und so pflanzten sie, mit Eifer, 
Nah' und ferne, gute Seelen, 
Und der Magistrat zu Naumburg 
Ließ es nicht an Kirschen fehlen. 

Zweiter Teil 

Wenn ich nun im holden Haine 
Unter meinen Freunden wandle, 
Mögens meine Feinde haben, 
Die als Kegel ich behandle. 



1 798/1805 WEIMAR 515 

Kommt nur her, geliebte Freunde! 
Laßt uns schleudern, laßt uns schieben; 
Seht nur, es ist jedem Kegel 
Auch sein Name angeschrieben. 

Da den Procerem der Mitte 
Tauft ich mir zu Vater Kanten^ 
Hüben Fichte^ drüben Schelling, 
Als die nächsten Geistsverwandten. 

Brown steht hinten in dem Grunde, 
Röschlaub aber trutzt mir vorne, 
Und besonders diesen letzten 
Hab ich immer auf dem Korne. 

Dann die Schlegels und die Tiecke 
Sollen durcheinander stürzen 
Und durch ihre Purzelbäume 
Mir die lange Zeit verkürzen. 

Schieb ich Holz, da wird gejubelt: 
Dreie! Fünfe! Sechse! Neune! 
Immer stürz ich meine Feinde 
Über ihre steifen Beine. 

Aber weil durch ihren Frevel 
Sie verdienen ewige Hölle, 
Setzt sie der behende Junge 
Immer wieder auf die Stelle. 

Und so stürzen meine Feinde 
Durch des Arms Geschick und Stärke; 
Danun nannt ich auch die Kugeln 
Nach den Namen meiner Werke. 

Eine heißt die Sucht zu glänzen', 
Und dann steigt es immer höher: 
Das Jahrhundert nannt ich eine, 
Eine den Hyperboreer. 

Wie Alcinous behaglich 
Könnt ich mich auf Rosen betten; 
Doch das Weimarsche Theater 
Schickt mir mit dem Westwind Kletten. 



Si6 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Und das Unkraut wächst behende, 
Und aus jedem Distelkopfe 
Seh ich eine Maske blicken, 
Gräßlich mit behaartem Schöpfe. 

Merkel schickt mir einen Boten, 
Doch ich schweige, laß ihn warten; 
Weiter geh ich, und er folgt mir 
Gar bescheiden durch den Garten. 

Und wie jener römsche König 
Sich den höchsten Mohn erlesen, 
Also fahr ich mit der Gerte 
In das schnöde Distelwesen. 

Alle die verdammten Köpfe, 
Die so frech herüber gucken, 
Sollen gleich vor meinen Hieben 
Fallen oder niederducken. 

Und der Bote merkt verwimdert 
Mein geheinmisvolles Wandeln, 
Geht und meldets meinem Freunde; 
Dieser fängt nun an zu handeln. 

Und so glänzen wir, mit Ehren, 
Unter allen kritschen Mächten, 
Die Verständgen, die Bescheidnen 
Und besonders die Gerechten. 



TEUTSCHER MERKUR, NEUNTES STUCK, 1802 

TNS Teufels Namen, 

XWas sind denn eure Namen! 

Im Teutschen Merkur 

Ist keine Spur 

Von Vater Wieland, 

Der steht auf dem blauen Einband; 

Und unter dem verfluchtesten Reim 

Der Name Gleim. 



1 798/1805 WEIMAR 517 

[Erklärung der XIV. Tafel des Werkes: 
Naturhistorisches Bilder- und Lese-Buch oder Erzählungen übei 
Gegenstände aus den drei Reichen der Natur. Von Jakob Glatz.' 

NICHT auf der grünen Erde nur 
Am heitren Sonnenschein 
Erfreut sich mannigfach Natur; 
Auch in die Felsen tief hinein 
Zeigt sich der Form imd Farbe Spur. 
Hier dürfens kleine Muster sein: 
Vernimm, wie Quarz und Kalk so rein 
In Säulen sich und Tafeln häutt; 
Ein schmales, schön gefärbtes Band 
Harmonisch durch Aen Jaspis läuft; 
Ein millionenkörnger Sand 
Als Fels durch alle Lande reicht: 
Ein Pflanzenhaiifeji sich verkohlt, 
Verschüttet, in der Erde zeigt. 
Vernimm, daß, wer auf Berge steigt, 
Meermuscheln oft herunterholt. 

Und femer wird man dir erklären. 

Wie du dereinst nach manchem sauem Schritt 

Erfahren wirst, wohin Granit, 

Porphyr imd Marmor auf der Welt gehören. 

Hast du an Stein und Felsen dann genug, 
Gleich werden dich Metalle reizen, 
Nach denen Ktmst, Gewalt imd Trug 
Mit unverwandter Mühe geizen. 

Du findest in der Erde Schoß 

Mit stillen, ahndungsvollen Freuden 

Das Gold als ein metallisch Moos 

Sich wachsend von dem Steine scheiden, 

IDas Silber als Gesträuch, das Kupfer als Gestrippe. 
Bewundrung stammelt deine Lippe, 
Und neue Schätze werden bloß. 

Wenn geometrisch Zinn und Blei 
In Fläch und Ecke sich beschränken, 



5 1 8 LYRISCHE DICHTUNGEN 

So wird das Elsen oft sich frei 

In Zapfen tropfend niedersenken. 

Aus des Zinnobers roter Kraft 

Läuft dir Merkur in Kügelchen entgegen, 

Und was der Zink^ der Kobalt Gutes schafft, 

Das weiß dein Lehrer auszulegen. 

Was nun auf diesen Blättern fehlt, 
Das zeigt er dir im Kabinette; 
An seiner Hand besuche dann die Stätte, 
Wo unverhüllt sich uns Natur verhehlt, 
Die dich und jeden Stein beseelt. 

VORSCHLAG ZUR GÜTE 

Er 

DU gefällst mir so wohl, mein liebes Kind^ 
Und wie wir hier beieinander sind, 
So möcht ich nimmer scheiden; 
Da war es wohl uns beiden. 

Sie 
Gefall ich dir, so gefällst du mir; 
Du sagst es frei, ich sag es dir. 
Eh nun! heiraten wir eben! 
Das übrige wird sich geben. 

Er 
Heiraten, Engel, ist wunderlich Wort; 
Ich meint, da müßt ich gleich wieder fort. 

Sic 
Was ists denn so großes Leiden? 
Gehts nicht, so lassen wir uns scheiden. 

DER NARR EPILOGIERT 

MANCH gutes Werk hab ich verriebt, 
Ihr nehmt das Lob, das kränkt mich nicht: 
Ich denke, daß sich in der Welt 
Alles bald wieder ins Gleiche stellt. 
Lobt man mich, weil ich was Dummes gemacht, 



1 798/1805 WEIMAR 519 

Dann mir das Herz im Leibe lacht; 
Schilt man mich, weil ich was Gutes getan, 
So nehm ichs ganz gemächlich an. 
Schlägt mich ein Mächtiger, daß es schmerzt, 
So tu ich, als hätt er nur gescherzt; 
Doch ist es einer von meinesgleichen, 
Den weiß ich wacker durchzustreichen. 
Hebt mich das Glück, so bin ich froh 
Und sing in dulci Jubilo; 
Senkt sich das Rad und quetscht mich nieder, 
So denk ich: Nun, es hebt sich wieder! 
Grille nicht bei Sommersonnenschein, 
Daß es wieder werde Winter sein; 
Und kommen die weißen Flockenscharen, 
Da Heb ich mir das Schlittenfahren. 
Ich mag mich stellen, wie ich will, 
Die Sonne hält mir doch nicht still. 
Und immer gehts den alten Gang 
Das liebe lange Leben lang. 
Der Knecht so wie der Herr vom Haus 
Ziehen sich täglich an und aus; 
Sie mögen sich hoch oder niedrig messen: 
Müssen wachen, schlafen, trinken und essen. 
Drum trag ich über nichts ein Leid. 
Machts wie der Narr, so seid ihr gescheit! 

B. UND K. 

IHR möchtet gern den brüderlichen Schlegeln 
Mit Beil imd Axt den Reisekahn zerstücken; 
Allein sie lassen euch schon weit im Rücken 
Und ziehen fort mit Rudern und mit Segeln. 

Zwar war es billig, diesen frechen Vögeln 
Auch tüchtig was am bimten Zeug zu flicken; 
Doch euch, ihr Musenlosen, wirds nicht glücken, 
Drum, Flegel, bleibt zu Haus mit euem Flegeln, 

Dramatisch tanzt ein Esel vor Apollen 

Und reichet traulich seinem Frexmd die Pratschen, 
Dem Häßlichzerrer besserer Naturen. 



520 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Der liefert Hexen, jener liefert Huren, 
Und beide hören sich aus einer vollen 
Parterre -Kloak bejubeln und beklatschen. 

Schämt euch, ihr Bessern, auch mit einzupatschen! 
Die Müh, uns zu vernichten, ist verloren: 
Wir kommen neugebärend, neugeboren. 

TRIUMVIRAT 

DEN Gott der Pfuschereien zu begrüßen, 
Kam Leichtfuß, Genius der Zeit, gegangen: 
Laß uns, mein Teurer, aneinander hangen 
Wie Klett und Kleid; Pedanten mags verdrießen. 

Wir ruhen bald von unsrer einzgen, süßen, 
Planlosen Arbeit mit genährten Wangen; 
Wenn Dilettanten- Skizzen einzig prangen, 
Sei ernste Kirnst ins Fabelreich verwiesen. 

An Schmierern fehlts nicht, nicht am Lob der Schmierer; 
Der rühmt sich selbst, den preiset ein Verleger, 
Der Gleiche den, der Pöbel einen Dritten; 

Doch fehlt im ganzen noch ein Rädelsführer, 
Ein unermüdlich unverschämter Präger 
Papierner Münze. Da trat in die Mitten 

Herr Überall, in Tag- und Monatstempeln 

Den Lumpenbrei der Pfuscher und der Schmierer 
Mit B f r zum Meisterwerk zu stempeln. 

K. UND B. 

DIE gründlichsten Schuften, die Gott erschuf, 
Und zwar zu eigenstem Beruf, 
Auf Deutschlands angebauten Gauen 
Die Menge zu kirren und zu krauen. 
Indem sie sagten Tag für Tag, 
Was jeder gerne hören mag: 
Der Nachbar sei brav in vielen Stücken , 
Doch könne man ihm auch am Zeuge flicken. 



1 798/1805 WEIMAR 521 

Vor ihnen beiden, wie vor Gott, 

Sei alle Menschen-Tugend Spott, 

Ja, wenn mans recht nimmt, gar ein Laster. 

Das machte die Herren nicht verhaßter; 

Denn Hinz und Kunz, an ihren Stellen, 

Glaubten doch auch was vorzustellen. 



GOTTHEITEN zwei, ich weiß nicht, wie sie heißen- 
Denn ich bin nicht des Heidentums beflissen — 
Von böser Art Gottheiten, wie wir wissen, 
Die gern, was Gott und Mensch verband, zerreißen. 

Die beiden also sagten: Laß versuchen, 
Wie wir dem deutschen Volk ein Unheil bringen; 
Sie mögen reden, schwätzen, tanzen, singen, 
Sie müssen sich und all ihr Tun verfluchen. 

Sie lachten gräßlich, fingen an zu formen 
Schlecht schlechten Teig, und kneteten beflissen. 

Figuren warens; aber wie , 

Das sind nun Bött'ger, Kotz'bue, die Enormen! 



WELCH ein verehrendes Gedränge 
Schließt den verfluchten Bött'ger ein? 
Natürlich! Jeder aus der Menge 
Wünscht sehnlich, so ein Mann zu sein. 
Er sah fürwahr die Welt genau; 
Doch schaut' er sie aus seinen Augen: 
Deswegen konnte Mann und Frau 
Auch nicht das Allermindste taugen. 
Daß er aus Bosheit schaden mag, 
Das ist ihm wohl erlaubt; 
Doch fluch ich, daß er Tag für Tag 
Auch noch zu nützen glaubt. 



522 LYRISCHE DICHTUNGEN 

TROST IN TRÄNEN 

WIE kommts, daß du so traurig bist, 
Da alles froh erscheint? 
Man sieht dirs an den Augen an, 
Gewiß, du hast geweint. 

"Und hab ich einsam auch geweint, 
So ists mein eigner Schmerz, 
Und Tränen fließen gar so süß, 
Erleichtem mir das Herz." 

Die frohen Freunde laden dich, 
O komm an unsre Brust! 
Und was du auch verloren hast. 
Vertraue den Verlust. 

"Ihr lärmt und rauscht und ahnet nicht, 
Was mich, den Armen, quält. 
Ach nein, verloren hab ichs nicht, 
So sehr es mir auch fehlt." 

So rafie denn dich eilig auf. 
Du bist ein junges Blut. 
In deinen Jahren hat man Kraft 
Und zum Erwerben Mut. 

"Ach nein, erwerben kann ichs nicht, 
Es steht mir gar zu fern. 
Es weilt so hoch, es blinkt so schön. 
Wie droben jener Stern." 

Die Sterne, die begehrt man nicht, 
Man freut sich ihrer Pracht, 
Und mit Entzücken blickt man auf 
In jeder heitern Nacht. 

"Und mit Entzücken blick ich auf, 
So manchen lieben Tag; 
Verweinen laßt die Nächte mich, 
Solang ich weinen mag." 



1798/1805 WEIMAR 523 

MAGISCHES NETZ 

Zum ersten Mai 1803 

SIND es Kämpfe, die ich sehe? 
Sind es Spiele? sind es Wunder? 
Fünf der allerliebsten Knaben 
Gegen fünf Geschwister streitend, 
Regelmäßig, taktbeständig. 
Einer Zaubrin zu Gebote. 

Blanke Spieße führen jene, 
Diese flechten schnelle Fäden, 
Daß man glaubt, in ihren Schlingen 
Werde sich das Eisen fangen. 
Bald gefangen sind die Spieße; 
Doch im leichten Kriegestanze 
Stiehlt sich einer nach dem andern 
Aus der zarten Schleifenreihe, 
Die sogleich den Freien haschet, 
Wenn sie den Gebundnen löset. 

So mit Ringen, Streiten, Siegen, 
Wechselflucht und Wiederkehren 
Wird ein künstlich Netz geflochten, 
Himmelsflocken gleich an Weiße, 
Die, vom Lichten in das Dichte, 
Musterhafte Streifen ziehen. 
Wie es Farben kaum vermöchten. 

Wer empfängt nun der Gewänder 
Allerwünschtes? Wen begünstigt 
Unsre vielgeliebte Herrin 
Als den anerkannten Diener? 
Mich beglückt des holden Loses 
Treu und still ersehntes Zeichen! 
Und ich fühle mich umschlungen, 
Ihrer Dienerschaft gewidmet. 

Doch indem ich so behaglich. 
Aufgeschmückt stolzierend wandle, 



524 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Sieh! da knüpfen jene Losen, 
Ohne Streit, geheim geschäftig, 
Andre Netze, fein und feiner, 
Dämmrungsfäden, Mondenblicke, 
Nachtviolenduft verwebend. 

Eh wir nur das Netz bemerken, 
Ist ein Glücklicher gefangen, 
Den wir andern, den wir alle. 
Segnend und beneidend, grüßen. 

DIE PEST AN HERRN POSSELT 

MAN sucht mich von des Meeres Strand, 
Von Landes Grenze zu entfernen, 
Doch hoflf ich sehr, dein Vaterland 
Soll mich auch nächstens kennen lernen. 
Der Bettler jammert wie der Fürst, 
Die Kleinen heulen wie die Großen; 
Doch hofif ich, daß du mich so höchlich preisen wirst 
Wie meine Vettern, die Franzosen, 

BIST du Gemündisches Silber, so fürchte den schwarzen 
Probierstein; 
Kotzebue, ach, warum hast du nach Rom dich verfügt? 

ULTIMATUM 

WOLLT', ich lebte noch hundert Jahr 
Gesund und froh, wie ich meistens war; 
Merkel, Spazier und Kotzebue 
Hätten auch so lange keine Ruh, 
Müßtens kollegialisch treiben, 
Täglich ein Pasquill auf mich schreiben. 
Das würde nun fürs nächste Leben 
Sechsunddreißigtausend fünfhundert geben, 
Und bei der schönen runden Zahl 
Rechn ich die Schalttag nicht einmal. 
Gern würd ich dieses holde Wesen 
Zu Abend auf dem Nachtstuhl lesen, 



1798/1805 WEIMAR 525 

Grobe Worte, gelind Papier 
Nach Würdigkeit bedienen hier; 
Dann legt ich ruhig, nach wie vor. 
In Gottes Namen mich aufs Ohr. 

AN DEN PRINZEN VON LIGNE 

IN früher Zeit, noch froh und frei. 
Spielt ich und sang zu meinen Spielen; 
Dann fings im Herzen an zu wühlen, 
Ich fragte nicht, ob ich ein Dichter sei: 
Doch, daß ich liebte, könnt ich fühlen. 

So bleibt es noch. Ich weiß nicht viel 
Von eignen dichterischen Taten. 
Man sagt, mir sei als Ernst und Spiel 
Nicht übel dies und Jens geraten. 
Gern hör ich Gutes von der Kunst, 
Der ich mein Leben treu geblieben; 
Doch mich in meinen Fretmden lieben. 
Dies, edler Mann, dies ist die schönste Gunst. 

WIE du Vertrauen erweckst, o Genius anderer 
Welten? 
Mehr als der irdische Mann zeige dich selig und reich! 

JOHANNIS-FEUER sei unverwehrt, 
Die Freude nie verloren! 
Besen werden immer stumpf gekehrt 
Und Jungen immer geboren. 

SIEH! das gebändigte Volk der lichtscheu muckenden 
Kauze 
Kutscht nun selber, o Kant, über die Wolken dich hin! 

CAMPES LAOKOON 

SCHON vom Gifte durchwühlt, gebissen und wieder- 
gebissen, 
Vater und Sohn! O! Weh! — Heilige Plastik! o weh! 



526 LYRISCHE DICHTUNGEN 

OFFEN zeigt sich die Pforte des bergabstürzenden 
Waldstroms; 
Doch in die offene kehrt nimmer das Wasser zurück. — 
Ja doch! es kehret zurück! Schon steigt es in Wolken- 
gebild auf, 
Ziehet, erhöhtesten Schwungs, morgengerötet hinan. 

[An die Herzogin Anna Amalia] 

FREUNDLICH empfange das Wort laut ausgesprochner 
Verehrung, 
Das die Parze mir fast schnitt von den Lippen hinweg. 



HALTE das Bild der Würdigen fest! Wie leuchtende 
Sterne 
Teilte sie aus die Natur durch den unendlichen Raum. 



WER ist der glücklichste Mensch? Der fremdes Ver- 
dienst zu empfinden 
Weiß und am fremden Genuß sich wie am eignen zu 

freun. 



/'lELES gibt uns die Zeit und nimmts auch, aber der 
/ Bessern 

Holde Neigimg, sie sei ewig dir froher Genuß. 



WAS auch als Wahrheit oder Fabel 
In tausend Büchern dir erscheint, 
Das alles ist ein Turm zu Babel, 
Wenn es die Liebe nicht vereint. 



WAR nicht das Auge sonnenhaft. 
Die Sonne könnt es nie erblicken; 
Lag nicht in uns des Gottes eigne Kraft, 
Wie könnt uns Göttliches entzücken? 



1798/1805 WEIMAR 527 

PERFEKTIBILITÄT 

MÖCHT ich doch wohl besser sein 
Als ich bin! Was war es! 
Soll ich aber besser sein, 
Als du bist, so lehr es! 

Möcht ich auch wohl besser sein 
Als so mancher andre! 
"Willst du besser sein als wir, 
Lieber Freund, so wandre.'' 



i8o6-i8io WEIMAR 



GOETHE XIV 34 



IST erst eine dunkle Kammer gemacht 
Und finstrer als ägyptische Nacht, 
Durch ein gar winzig Löchlein bringe 
Den feinsten Sonnenstrahl herein, 
Daß er dann durch das Prisma dringe, 
Alsbald wird er gebrochen sein. 
Aufgedröselt, bei meiner Ehr, 
Siehst ihn, als ob er ein Stricklein war. 
Siebenfarbig statt weiß, oval statt rund. 
Glaube hierbei des Lehrers Mimd: 
Was sich hier auseinander reckt. 
Das hat alles in Einem gesteckt. 
Und dir, wie manchem seit himdert Jahr', 
Wächst darüber kein graues Haar. 



VANITAS! VANITATUM VANITAS! 

ICH hab mein Sach auf Nichts gestellt. 
Juchhe! 
Drum ists so wohl mir in der Welt. 

Juchhe! 
Und wer will mein Kamerade sein, 
Der stoße mit an, der stimme mit ein 
Bei dieser Neige Wein. 

Ich stellt mein Sach auf Geld und Gut. 

Juchhe! 
Darüber verlor ich Freud und Mut. 

O weh! 
Die Münze rollte hier imd dort, 
Und hascht ich sie an einem Ort, 
Am andern war sie fort. 

Auf Weiber stellt ich nun mein Sach. 

Juchhe! 
Daher mir kam viel Ungemach. 

O weh! 
Die Falsche sucht' sich ein ander Teil, 
Die Treue macht' mir Langeweil, 
Die Beste war nicht feil. 



532 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Ich stellt mein Sach auf Reis' und Fahrt. 

Juchhe! 
Und ließ meine Vaterlandesart. 

O weh! 
Und mir behagt' es nirgends recht, 
Die Kost war fremd, das Bett war schlecht, 
Niemand verstand mich recht. 

Ich stellt mein Sach auf Ruhm und Ehr. 

Juchhe! 
Und sieh! gleich hatt ein andrer mehr. 

O weh! 
Wie ich mich hatt hervorgetan. 
Da sahen die Leute scheel mich an, 
Hatte keinem recht getan. 

Ich setzt mein Sach auf Kampf und Krieg. 

Juchhe! 
Und ims gelang so mancher Sieg. 

Juchhe! 
Wir zogen in Feindes Land hinein. 
Dem Freunde sollts nicht viel besser sein, 
Und ich verlor ein Bein. 

Nun hab ich mein Sach auf Nichts gestellt. 

Juchhe! 
Und mein gehört die ganze Welt. 

Juchhe! 
Zu Ende geht nun Sang und Schmaus. 
Nur trinkt mir alle Neigen aus; 
Die letzte muß heraus! 



AN SILVIEN 

WENN die Zweige Wurzeln schlagen, 
Wachsen, grünen, Früchte tragen, 
Möchtest du dem Angedenken 
Deines Freunds ein Lächeln schenken. 



i8o6/io WEIMAR 533 

UND wenn sie zuletzt erfrieren, 
Weil man sie nicht wohl verschanzet, 
Will sichs alsobald gebühren, 
Daß man hofifend neue pflanzet. 

[In das Stammbuch von Esther Stock, geb. Moritz] 

WAS uns Günstiges in fernen Landen 
Auch begegnet, sehnt, bei allem Glück, 
Doch das Herz zu seiner Jugend Banden, 
Zu dem heimschen Kreise sich zurück. 



AN TISCHBEIN 

ERST ein Deutscher, dann ein Schweizer, 
Dann ein Berg- und Tal -Durchkreuzer, 
Römer, dann Napolitaner, 
Philosoph und doch kein Aner, 
Dichter, fruchtbar allerorten. 
Bald mit Zeichen, bald mit Worten, 
Immer bleibest du derselbe 
Von der Tiber bis zur Elbe! 
Glück und Heil! so wie du strebest, 
Leben! so wie du belebest, 
So genieße! laß genießen! 
Bis die Nymphen dich begrüßen, 
Die sich in der Ilme baden 
Und aufs freundlichste dich laden. 

AN DENSELBEN 

ALLES, was du denkst und sinnest. 
Was du der Natur und Kunst 
Mit Empfindung abgewinnest. 
Drückst du aus durch Musengunst. 
Farbe her! Dein Meisterwille 
Schafft ein sichtliches Gedicht; 
Doch, bescheiden in der Fülle, 
Du verschmähst die Worte nicht. 



534 LYRISCHE DICHTUNGEN 

AN DENSELBEN 

FÜR das Gute, für das Schöne, 
Das du uns so reichlich sendest, 
Möge jegliche Kamöne 
Freude spenden, wie du spendest! 
Möge dir, im nordschen Trüben, 
Aller Guten, aller Lieben 
Reine Neigung so bereiten, 
Überall dich zu begleiten 
Mit des Umgangs trauter Wonne, 
Wie im heitern Land der Sonne! 

AN DENSELBEN 

STATT den Menschen in den Tieren 
Zu verlieren, 
Findest du ihn klar darin 
Und belebst, als wahrer Dichter, 
Schaf- vmd säuisches Gelichter 
Mit Gesinnung wie mit Sinn. 
Auch der Esel kommt zu Ehren 
Und yaht uns weise Lehren. 
Das, was BuflFon nur begonnen. 
Kommt durch Tischbein an die Sonnen. 

ZELEBRITÄT 

AUF großen und auf kleinen Brücken 
Stehn vielgestaltete Nepomuken 
Von Erz, von Holz, gemalt, von Stein, 
Kolossisch hoch imd puppisch klein. 
Jeder hat seine Andacht davor. 
Weil Nepomuk auf der Brücken das Leben verlor. 

Ist einer nun mit Kopf und Ohren 
Einmal zum Heiligen auserkoren, 
Oder hat er unter Henkershänden 
Erbärmlich müssen das Leben enden, 
So ist er zur Qualität gelangt. 
Daß er gar weit im Bilde prangt. 



i8o6/io WEIMAR 535 

Kupferstich, Holzschnitt tun sich eilen, 

Ihn allen Welten mitzuteilen; 

Und jede Gestalt wird wohl empfangen, 

Tut sie mit seinem Namen prangen: 

Wie es denn auch dem Herren Christ 

Nicht ein Haar besser geworden ist. 

Merkwürdig für die Menschenkinder, 

Halb Heiliger, halb armer Sünder, 

Sehn wir Herrn Werther auch allda 

Prangen in Holzschnitts- Gloria. 

Das zeugt erst recht von seinem Werte, 

Daß mit erbärmlicher Gebärde 

Er wird auf jedem Jahrmarkt prangen, 

Wird in Wirtsstuben aufgehangen. 

Jeder kann mit dem Stocke zeigen: 

"Gleich wird die Kugel das Hirn erreichen!" 

Und jeder spricht bei Bier und Brot: 

"Gott seis gedankt, nicht wir sind tot!" 

[Mephistopheles spricht] 

SO war es schon in meinen Tagen: 
Ein jeder schlägt gar hoch sich an. 
Und würdest du sie alle fragen — 
Das Wichtigste hat Er getan. 

Es lastet schwer die schwere Last, 
Die selber du zu tragen hast; 
Und ob ein andrer ächzt und keicht, 
Für dich ist seine Bürde leicht. 
* 

WAS Völker sterbend hinterlassen, 
Das ist ein bleicher Schattenschlag: 
Du siehst ihn wohl; ihn zu erfassen. 
Läufst du vergebHch Nacht und Tag. 

* 

WER immerdar nach Schatten greift, 
Kann stets nur leere Luft erlangen: 
Wer Schatten stets auf Schatten häuft, 
Sieht endlich sich von düstrer Nacht umfangen. 



536 LYRISCHE DICHTUNGEN 

[In ein Stammbuch] 

ZU unsres Lebens oft getrübten Tagen 
Gab uns ein Gott Ersatz für alle Plagen, 
Daß unser Blick sich himmelwärts gewöhne, 
Den Sonnenschein, die Tugend imd das Schöne. 

DER Zeitungsleser sei gesegnet, 
Der liest, was heute mir begegnet. 

METAMORPHOSE DER TIERE 

WAGT ihr, also bereitet, die letzte Stufe zu steigen 
Dieses Gipfels, so reicht mir die Hand und öfihet 

den freien 
Blick ins weite Feld der Natur. Sie spendet die reichen 
Lebensgaben umher, die Göttin; aber empfindet 
Keine Sorge wie sterbliche Fraun um ihrer Gebomen 
Sichere Nahrung; ihr ziemet es nicht: denn zwiefach 

bestimmte 
Sie das höchste Gesetz, beschränkte jegliches Leben, 
Gab ihm gemeßnes Bedürfnis, und ungemessene Gaben, 
Leicht zu finden, streute sie aus, und ruhig begünstigt 
Sie das muntre Bemühn der vielfach bedürftigen Kinder; 
Unerzogen schwärmen sie fort nach ihrer Bestimmung. 

Zweck sein selbst ist jegliches Tier, vollkommen ent- 
springt es 
Aus dem Schoß der Natur und zeugt vollkommene Kinder. 
Alle Glieder bilden sich aus nach ewgen Gesetzen, 
Und die seltenste Form bewahrt im geheimen das Urbild. 
So ist jeglicher Mund geschickt, die Speise zu fassen. 
Welche dem Körper gebührt; es sei nun schwächlich und 

zahnlos 
Oder mächtig der Kiefer gezähnt, in jeglichem Falle 
Fördert ein schicklich Organ den übrigen Gliedern die 

Nahrung. 
Auch bewegt sich jeglicher Fuß, der lange, der kurze. 
Ganz harmonisch zum Sinne des Tiers und seinem Be- 

dürfiiis. 



i8o6/io WEIMAR 537 

So ist jedem der Kinder die volle, reine Gesundheit 
Von der Mutter bestimmt: denn alle lebendigen Glieder 
Widersprechen sich nie und wirken aUe zum Leben. 
Also bestimmt die Gestalt die Lebensweise des Tieres, 
Und die Weise, zu leben, sie wirkt auf alle Gestalten 
Mächtig zurück. So zeigt sich fest die geordnete Bildimg, 
Welche zum Wechsel sich neigt durch äußerlich wirkende 

Wesen. 
Doch im Innern befindet die Kraft der edlern Geschöpfe 
Sich im heiligen Kreise lebendiger Bildung beschlossen. 
Diese Grenzen erweitert kein Gott, es ehrt die Natur sie: 
Denn nvir also beschränkt war je das Vollkommene möglich. 

Doch im Inneren scheint ein Geist gewaltig zu ringen, 
Wie er durchbräche den Kreis, Willkür zu schaffen den 

Formen 
Wie dem Wollen; doch was er beginnt, beginnt er ver- 
gebens. 
Denn zwar drängt er sich vor zu diesen Gliedern, zu jenen. 
Stattet mächtig sie aus, jedoch schon darben dagegen 
Andere Glieder, die Last des Übergewichtes vernichtet 
Alle Schöne der Form imd alle reine Bewegung. 
Siehst du also dem einen Geschöpf besonderen Vorzug 
Irgend gegönnt, so frage nur gleich: wo leidet es etwa 
Mangel anderswo? tmd suche mit forschendem Geiste; 
Finden wirst du sogleich zu aller Bildung den Schlüssel. 
Denn so hat kein Tier, dem sämtliche Zähne den obem 
Kiefer umzäunen, ein Hörn auf seiner Stime getragen. 
Und daher ist den Löwen gehörnt der ewigen Mutter 
Ganz unmöglich zu bilden, und böte sie alle Gewalt auf; 
Denn sie hat nicht Masse genug, die Reihen der Zähne 
Völlig zu pflanzen und auch Geweih und Hörner zu treiben. 

Dieser schöne Begriff" von Macht imd Schranken, von 

Willkür 

Und Gesetz, von Freiheit und Maß, von beweglicher Ord- 
nung, 

Vorzug und Mangel erfreue dich hoch; die heilige Muse 

Bringt harmonisch ihn dir, mit sanftem Zwange belehrend. 



538 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Keinen hohem Begriff erringt der sittliche Denker, 
Keinen der tätige Mann, der dichtende Künstler; der 

Herrscher, 
Der verdient, es zu sein, erfreut nur durch ihn sich der 

Krone. i 

Freue dich, höchstes Geschöpf der Natur, du fühlest dich 

fähig, 
Ihr den höchsten Gedanken, zu dem sie schaffend sich 

aufschwang, 
Nachzudenken. Hier stehe nun still und wende die Blicke 
Rückwärts, prüfe, vergleiche, imd nimm vom Munde der 

Muse, 
Daß du schauest, nicht schwärmst, die liebliche, volle 

Gewißheit. 

ZUEIGNUNG AN PRINZESS KAROLINE VON 
SACHSEN-WEIMAR 

DIESES Stammbuch, wie mans auch nimmt, 
War eigentlich für 'nen Studenten bestimmt, 
Der es auf akademischen Pfaden 
Sich wählen sollt aus Hertels Laden; 
Wie ichs denn auch — nicht guter Ding' — 
Aus der hübschen Frau Hertel Hand empfing. 

Denn guter Dinge könnt ich nicht sein; 
Wir waren schon in den Oktober hinein. 
Und preußische Scharen allzumal 
Zertrappelten uns Berg vmd Tal, 
Und damals war noch nichts verloren. 

Ich kraute mir aber hinter den Ohren 
Und setzte mich, wie vor alter Zeit, 
Wieder an des Tales Wirklichkeit 
Und wollte kühnlich mich erdreisten, 
An der Saale das auch zu leisten. 
Was an der Tepel ich trieb im Spiel; 
Das war nun freilich gar nicht viel. 

Kaum hatt ich aber ein paar Pappeln zeichnet 
Und ein paar Berge mir angeeignet, 



i8o6/io WEIMAR 539 

Da brach die Sündflut auf einmal herein; 
Es hätte nicht können schlimmer sein. 

Wie aber nach dem Jüngsten Gericht, 

Was vorgeschah, auch wieder geschieht, 

Und über Wolken und unter Flammen 

Freunde und Feinde kommen zusammen. 

Und überall im höchsten Chor 

Jeder Heilige, nach wie vor. 

Hebt und trägt sein Marterinstrument, 

Woran man ihn allein erkennt: 

So werd ich auch wohl in Abrahams Schoß 

Bleistift und Pinsel nicht werden los; 

Bei vieler Lust und wenig Gaben 

Werd ich doch nur gekritzelt haben. 

Doch sei dem allen, wie es sei: 
Kein Blatt im Buch ist überlei, 
Auf beiden Seiten manche beschrieben 
Und so nichts weiter übrig blieben, 
Als daß du glaubst, das viele Papier, 
Was auch drauf stehe, gehöre dir. 
Und dazu hast du Fug und Macht, 
Immer war dein dabei gedacht. 
So steht dein Bild auch klar und glatt 
In unserm Herzen auf jedem Blatt. 
Und Liebe bleibt in unserm Gewinn 
Ein beßrer Zeichner, als ich bin. 

[In das Stammbucli von Karoline Bardua] 

WIE wir dich in unsrer Mitte 
Üben dein Talent gesehn, 
Mögest du mit gleichem Schritte 
Immer, immer vorwärts gehn. 

AN URANIUS 

HIMMEL, ach! so raft man aus, 
Wenns uns schlecht geworden. 
Himmel will verdienen sich 
Pfafif- und Ritterorden. 



540 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Ihren Himmel finden viel' 
In dem Weltgetümmel; 
Jugend unter Tanz und Spiel 
Meint, sie sei im Himmel. 

Doch von dem Klaviere tönt 
Ganz ein andrer Himmel; 
Alle Morgen grüß ich ihn, 
Nickt er mir vom Schimmel. 

MÄCHTIGES ÜBERRASCHEN 

EIN Strom entrauscht umwölktem Felsensaale, 
Dem Ozean sich eilig zu verbinden; 
Was auch sich spiegeln mag von Grimd zu Gründen, 
Er wandelt unaufhaltsam fort zu Tale. 

Dämonisch aber stürzt mit einem Male— 

Ihr folgen Berg und Wald in Wirbelwinden— 

Sich Oreas, Behagen dort zu finden, 

Und hemmt den Lauf, begrenzt die weite Schale. 

Die Welle sprüht, und staunt zurück und weichet, 
Und schwillt bergan, sich immer selbst zu trinken; 
Gehemmt ist nun zum Vater hin das Streben. 

Sie schwankt und ruht, zum See zurückgedeichet; 
Gestirne, spiegelnd sich, beschaun das Blinken 
Des Wellenschlags am Fels, ein neues Leben. 

FREUNDLICHES BEGEGNEN 

IM weiten Mantel bis ans Kinn verhüllet, 
Ging ich den Felsenweg, den schroffen, grauen, 
Hernieder dann zu winterhaften Auen, 
Unruhgen Sinns, zur nahen Flucht gewillet. 

Auf einmal schien der neue Tag enthüllet: 
Ein Mädchen kam, ein Himmel anzuschauen. 
So musterhaft wie jene lieben Frauen 
Der Dichterwelt, Mein Sehnen war gestillet. 



i8o6/io WEIMAR 541 

Doch wandt ich mich hinweg und ließ sie gehen 
Und wickelte mich enger in die Falten, 
Als wollt ich trutzend in mir selbst erwarmen; 

Und folgt ihr doch. Sie stand. Da wars geschehen! 
In meiner Hülle könnt ich mich nicht halten, 
Die warf ich weg, sie lag in meinen Armen. 

KURZ UND GUT 

SOLLT ich mich denn so ganz an sie gewöhnen? 
Das wäre mir zuletzt doch reine Plage. 
Darum versuch ichs gleich am heutgen Tage 
Und nahe nicht dem vielgewohnten Schönen. 

Wie aber mag ich dich, mein Herz, versöhnen, 
Daß ich im wichtgen Fall dich nicht befrage? 
Wohlan! Komm her! Wir äußern tmsre Klage 
In liebevollen, traurig heitern Tönen. 

Siehst du, es geht! Des Dichters Wink gewärtig, 
Melodisch klingt die durchgespielte Leier, 
Ein Liebesopfer traulich darzubringen. 

Du denkst es kaum, und sieh! das Lied ist fertig; 
Allein was mm: — Ich dächt, im ersten Feuer 
Wir eilten hin, es vor ihr selbst zu singen. 

REISEZEHRUNG 

ENTWÖHNEN sollt ich mich vom Glanz der Blicke, 
Mein Leben sollten sie nicht mehr verschönen. 
Was man Geschick nennt, läßt sich nicht versöhnen, 
Ich weiß wohl, und trat bestürzt zurücke. 

Nun wüßt ich auch von keinem weitem Glücke; 
Gleich fing ich an, von diesen und von jenen 
Notwendgen Dingen sonst mich zu entwöhnen: 
Notwendig schien mir nichts als ihre Blicke. 

Des Weines Glut, den Vielgenuß der Speisen, 
Bequemlichkeit und Schlaf imd sonstge Gaben, 
Gesellschaft wies ich wtg, daß wenig bliebe. 



542 LYRISCHE DICHTUNGEN 

So kann ich ruhig durch die Welt nun reisen: 
Was ich bedarf, ist überall zu haben, 
Und Unentbehrlichs bring ich mit — die Liebe. 

ABSCHIED 

WAR unersättlich nach viel tausend Küssen, 
Und mußt mit Einem Kuß am Ende scheiden. 
Nach herber Trenmmg tiefempfundnem Leiden 
War mir das Ufer, dem ich mich entrissen, 

Mit Wohnungen, mit Bergen, Hügeln, Flüssen, 
Solang ichs deutlich sah, ein Schatz der Freuden; 
Zuletzt im Blauen blieb ein Augenweiden 
An fernentwichnen, lichten Finsternissen. 

Und endlich, als das Meer den Blick umgrenzte, 
Fiel mir zurück ins Herz mein heiß Verlangen; 
Ich suchte mein Verlornes gar verdrossen. 

Da war es gleich, als ob der Himmel glänzte; 

Mir schien, als wäre nichts mir, nichts entgangen. 
Als hätt ich alles, was ich je genossen. 

DIE LIEBENDE SCHREIBT 

EIN Blick von deinen Augen in die meinen, 
Ein Kuß von deinem Mund auf meinem Munde, 
Wer davon hat, wie ich, gewisse Kunde, 
Mag dem was anders wohl erfreulich scheinen? 

Entfernt von dir, entfremdet von den Meinen, 
Führ ich stets die Gedanken in die Runde, 
Und immer treflfen sie auf jene Sttmde, 
Die einzige; da fang ich an, zu weinen. 

Die Träne trocknet wieder unversehens: 
Er liebt ja, denk ich, her in diese Stille, 
Und solltest du nicht in die Feme reichen? 

Vernimm das Lispeln dieses Liebewehens; 
Mein einzig Glück auf Erden ist dein Wille, 
Dein freundlicher, zu mir; gib mir ein Zeichen! 



i8o6/io WEIMAR 543 

DIE LIEBENDE ABERMALS 

WARUM ich wieder zum Papier mich wende? 
Das mußt du, Liebster, so bestimmt nicht fragen: 
Denn eigentlich hab ich dir nichts zu sagen; 
Doch kommts zuletzt in deine lieben Hände. 

Weil ich nicht kommen kann, soll, was ich sende, 
Mein imgeteiltes Herz hinüber tragen 
Mit Wonnen, Hoffnungen, Entzücken, Plagen: 
Das alles hat nicht Anfang, hat nicht Ende. 

Ich mag vom heutgen Tag dir nichts vertrauen. 
Wie sich im Sinnen, Wünschen, Wähnen, Wollen 
Mein treues Herz zu dir hinüber wendet: 

So stand ich einst vor dir, dich anzuschauen, 
Und sagte nichts. Was hätt ich sagen sollen? 
Mein ganzes Wesen war in sich vollendet. 

SIE KANN NICHT ENDEN 

WENN ich nun gleich das weiße Blatt dir schickte. 
Anstatt daß ichs mit Lettern erst beschreibe, 
Ausfülltest dus vielleicht zum Zeitvertreibe 
Und sendetests an mich, die Hochbeglückte. 

Wenn ich den blauen Umschlag dann erblickte. 
Neugierig schnell, wie es geziemt dem Weibe, 
Riss' ich ihn auf, daß nichts verborgen bleibe; 
Da las ich, was mich mündlich sonst entzückte: 

Lieb Kindl Mein artig Herzt Mein einzig Wesen! 
Wie du so freundlich meine Sehnsucht stilltest 
Mit süßem Wort und mich so ganz verwöhntest. 

Sogar dein Lispeln glaubt ich auch zu lesen, 
Womit du liebend meine Seele fülltest 
Und mich auf ewig vor mir selbst verschöntest. 



544 LYRISCHE DICHTUNGEN 

WARNUNG 

AM Jüngsten Tag, wenn die Posaunen schallen 
Und alles aus ist mit dem Erdeleben, 
Sind wir verpflichtet, Rechenschaft zu geben 
Von jedem Wort, das unnütz uns entfallen. 

Wie wirds nun werden mit den Worten allen, 
In welchen ich so liebevoll mein Streben 
Um deine Gunst dir an den Tag gegeben. 
Wenn diese bloß an deinem Ohr verhallen? 

Darum bedenk, o Liebchen! dein Gewissen, 
Bedenk im Ernst, wie lange du gezaudert. 
Daß nicht der Welt solch Leiden widerfahre. 

Werd ich berechnen imd entschuldgen müssen, 
Was alles imnütz ich vor dir geplaudert. 
So wird der Jüngste Tag zum vollen Jahre. 



EPOCHE 

IT Flammenschrift war innigst eingeschrieben 
Petrarcas Brust vor allen andern Tagen 
Karfreitag. Ebenso, ich darfs wohl sagen, 
Ist mir Advent von Achtzehnhundertsieben. 



m: 



Ich fing nicht an, ich fuhr nur fort, zu lieben 
Sie, die ich früh im Herzen schon getragen, 
Dann wieder weislich aus dem Sinn geschlagen, 
Der ich nun wieder bin ans Herz getrieben. 

Petrarcas Liebe, die unendlich hohe, 

War leider unbelohnt und gar zu traurig, 
Ein Herzensweh, ein ewiger Karfreitag; 

Doch stets erscheine, fort und fort, die frohe, 
Süß, tmter Palmenjubel, wonneschaurig. 
Der Herrin Ankunft mir, ein ewger Maitag. 



i8o6/io WEIMAR 545 

DAS MÄDCHEN SPRICHT 

DU siehst so ernst, Geliebter! Deinem Bilde 
Von Marmor hier möcht ich dich wohl vergleichen: 
Wie dieses gibst du mir kein Lebenszeichen; 
Mit dir verglichen zeigt der Stein sich milde. 

Der Feind verbirgt sich hinter seinem Schilde, 
Der Freund soll offen seine Stirn uns reichen. 
Ich suche dich, du suchst mir zu entweichen; 
Doch halte stand, wie dieses Kunstgebilde. 

An wen von beiden soll ich nun mich wenden? 
Sollt ich von beiden Kälte leiden müssen, 
Da dieser tot und du lebendig heißest? 

Kurz, um der Worte mehr nicht zu verschwenden, 
So will ich diesen Stein so lange küssen, 
Bis eifersüchtig du mich ihm entreißest. 

NEMESIS 

WENN dmrch das Volk die grimme Seuche wütet, 
Soll man vorsichtig die Geseilschaft lassen. 
Auch hab ich oft mit Zaudern und Verpassen 
Vor manchen Influenzen mich gehütet. 

Jnd obgleich Amor öfters mich begütet, 
Mocht ich zuletzt mich nicht mit ihm befassen. 
So ging mirs auch mit jenen Lacrimassen, 
Als vier- und dreifach reimend sie gebrütet. 

•^un aber folgt die Strafe dem Verächter, 
Als wenn die Schlangenfackel der Erinnen 
Von Berg zu Tal, von Land zu Meer ihn triebe. 

ch höre wohl der Genien Gelächter; 
Doch trennet mich von jeglichem Besinnen 
Sonetten wut und Raserei der Liebe. 

lOETHE XIV 35. 



546 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Die Zweifelnden 

IHR liebt, und schreibt Sonette! Weh der Grille! 
Die Kraft des Herzens, sich zu offenbaren, 
Soll Reime suchen, sie zusammenpaaren; 
Ihr Kinder, glaubt, ohnmächtig bleibt der Wille. 

Ganz ungebunden spricht des Herzens Fülle 

Sich kaum noch aus: sie mag sich gern bewahren. 
Dann Stürmen gleich durch alle Saiten fahren, 
Dann wieder senken sich zu Nacht imd Stille. 

Was quält ihr euch und uns, auf jähem Stege 

Nur Schritt vor Schritt den lästgen Stein zu wälzen 
Der rückwärts lastet, immer neu zu mühen? 

Die Liebenden 
Im Gegenteil, wir sind auf rechtem Wege! 
Das AUerstarrste freudig aufzuschmelzen. 
Muß Liebesfeuer allgewaltig glühen. 



Mädchen 

ICH zweifle doch am Ernst verschränkter Zeilen! 
Zwar lausch ich gern bei deinen Silbespielen; 
Allein mir scheint, was Herzen redlich fühlen. 
Mein süßer Freund, das soll man nicht befeilen. 

Der Dichter pflegt, um nicht zu langeweilen. 
Sein Innerstes von Grund aus umzuwühlen; 
Doch seine Wunden weiß er auszukühlen. 
Mit Zauberwort die tiefsten auszuheilen. 

Dichter 
Schau, Liebchen, hin! Wie gehts dem Feuerwerker? 
Drauf ausgelernt, wie man nach Maßen wettert, 
Irrgänglich-klug miniert er seine Grüfte; 

Allein die Macht des Elements ist stärker. 

Und eh er sichs versieht, geht er zerschmettert 
Mit allen seinen Künsten in die Lüfte. 



i8o6/io WEIMAR 547 

WACHSTUM 

ALS kleines artges Kind nach Feld und Auen 
Sprangst du mit mir, so manchen Frühlingsmorgen. 
"Für solch ein Töchterchen, mit holden Sorgen, 
Möcht ich als Vater segnend Häuser bauen!" 

Und als du anfingst, in die Welt zu schauen. 
War deine Freude häusliches Besorgen. 
"Solch eine Schwester! und ich war geborgen: 
Wie könnt ich ihr, ach! wie sie mir vertrauen!" 

Nun kann den schönen Wachstum nichts beschränken; 
Ich fühl im Herzen heißes Liebetoben. 
Umfass ich sie, die Schmerzen zu beschwichtgen? 

Doch ach! nun muß ich dich als Fürstin denken: 
Du stehst so schrofif vor mir emporgehoben; 
Ich beuge mich vor deinem Blick, dem flüchtgen. 



WIRKUNG IN DIE FERNE 

DIE Königin steht im hohen Saal, 
Da brennen der Kerzen so viele; 
Sie spricht zum Pagen: "Du läufst einmal 
Und holst mir den Beutel zum Spiele. 
Er liegt zur Hand 
Auf meines Tisches Rand." 
Der Knabe, der eilt so behende, 
War bald an des Schlosses Ende. 

Und neben der Königin schlürft zur Stund 

Sorbett die schönste der Frauen. 

Da brach ihr die Tasse so hart an dem Mund, 

Es war ein Greuel zu schauen. 

Verlegenheit! Scham! 

Ums Prachtkleid ists getan! 

Sie eilt und fliegt so behende 

Entgegen des Schlosses Ende. 



548 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Der Knabe zurück zu laufen kam 

Entgegen der Schönen in Schmerzen; 

Es wüßt es niemand, doch beide zusamm, 

Sie hegten einander im Herzen; 

Und o des Glücks, 

Des günstgen Geschicks! 

Sie warfen mit Brust sich zu Brüsten 

Und herzten und küßten nach Lüsten. 

Doch endlich beide sich reißen los; 

Sie eilt in ihre Gemächer, 

Der Page drängt sich zur Königin groß 

Durch alle die Degen und Fächer. 

Die Fürstin entdeckt 

Das Westchen befleckt: 

Für sie war nichts unerreichbar, 

Der Köngin von Saba vergleichbar. 

Und sie die Hofmeisterin rufen läßt: 
"Wir kamen doch neulich zu Streite, 
Und Ihr behauptetet steif und fest. 
Nicht reiche der Geist in die Weite; 
Die Gegenwart nur, 
Die lasse wohl Spur, 
Doch niemand wirk in die Ferne, 
Sogar nicht die himmlischen Sterne. 

Nun seht! Soeben ward mir zur Seit 

Der geistige Süßtrank verschüttet, 

Und gleich darauf hat er dort hinten so weit 

Dem Knaben die Weste zerrüttet. — 

Besorg dir sie neu! 

Und weil ich mich freu. 

Daß sie mir zum Beweise gegolten. 

Ich zahl sie! sonst wirst du gescholten." 



z 



1806/10 WEIMAR 549 

CHARADE 

WEI Worte sind es, kurz, bequem zu sagen. 
Die wir so oft mit holder Freude nennen, 
Doch keineswegs die Dinge deutlich kennen. 
Wovon sie eigentlich den Stempel tragen. 



Es tut gar wohl in jung- und alten Tagen, 
Eins an dem andern kecklich zu verbrennen; 
Und kann man sie vereint zusammen nennen, 
So drückt man aus ein seliges Behagen. 

Nim aber such ich ihnen zu gefallen 

Und bitte, mit sich selbst mich zu beglücken; 
Ich hoffe still, doch hoff ichs zu erlangen: 

Als Namen der Geliebten sie zu lallen, 
In Einem Bild sie beide zu erblicken. 
In Einem Wesen beide zu umfangen. 



M 



CHRISTGESCHENK 

EIN süßes Liebchen! Hier in Schachtelwänden 
Gar mannigfalt geformte Süßigkeiten. 
Die Früchte sind es heiiger Weihnachtszeiten, 
Gebackne nur, den Kindern auszuspenden! 



Dir möcht ich dann mit süßem Redewenden 
Poetisch Zuckerbrot zum Fest bereiten; 
Allein was solls mit solchen Eitelkeiten? 
Weg den Versuch, mit Schmeichelei zu blenden! 

Doch gibt es noch ein Süßes, das vom Innern 
Zum Innern spricht, genießbar in der Feme, 
Das kann nur bis zu dir hinüber wehen. 

Und fühlst du dann ein freundliches Erinnern, 
Als blinkten froh dir wohlbekannte Sterne, 
Wirst du die kleinste Gabe nicht verschmähen. 



5 5 o LYRISCHE DICHTUNGEN 

ZUM 21. JUNI, KARLSBAD i8o8 
[An Silvie v. Ziegesar] 

NICHT am Susquehanna, der durch Wüsten fließt, 
Wo zum irdschen Manna geistges man genießt; 
Nicht vom Gnadentale, nicht nach Herrenhut, 
Wo beim Liebesmahle Tee man trinkt für Blut: 
Nein! am Tepelstrande, von der großen Brück, 
Wo die Mohrenbande schaut Sankt Nepomuk, 
Zu dem Weißen Hirschen, der beständig rennt, 
Ohne daß ein Pirschen seine Straße hemmt, 
Eile dieses Blättchen munter und geschwind. 
Wo im kurzen Bettchen ruht das liebe Kind. 

Nennet mir beizeiten gleich den schönsten Tag, 
So daß niemand streiten, niemand zweifeln mag. 
"Meinst du den, wos Krippchen frömmlich bunt ge- 
schmückt? 
Den, wo sich am Püppchen Püppchen hoch entzückt? 
Den vielleicht vor Fasten, wos am tollsten geht, 
Wo man ohne Rasten sich mit Liebchen dreht? 
Ist es Ostern? Pfingsten? Corpus Domini? 
Freundchen! du besingst'n, frisch zur Melodie!" 

Keiner ist der meine, der sich rücken läßt; 
Einer ists, der Eine, dieser steht so fest. 
Läßt er nah sich blicken, wünscht man ihn heran; 
Hat man ihn im Rücken, gleich fängts Trauren an. 
Bruder nicht, noch Schwester hat er für und für, 
Und man glaubt, Silvester steh schon vor der Tür. 
Drum mit Wohlbedachte grüßt ihn ehrenvoll, 
Weil er, was er brachte, wohl \ms lassen soll. 
Wird er gleich entweichen, wie nun Tage sind, 
Läßt er seinesgleichen uns: das längste Kind. 

Froh am schönen Feste solls in Karlsbad sein! 
Ein paar hundert Gäste stellten schon sich ein. 
Gleich soll jeder haben, was ihm konveniert; 
Früh mit Wassergaben jeder wird traktiert, 
Freuet sich nicht minder als beim größten Schmaus, 
Denn er geht gesünder, als er kam, nach Haus. 



i8o6/io WEIMAR 55 » 

Liebliches Gedudel tönte gestern nacht; 
Lustger ist der Sprudel heut schon aufgewacht. 
Frischlich angefeuchtet steht der Fels umlaubt, 
Kreuzes Panner leuchtet um das kahle Haupt. 
HerzHch grüßt der Biedre dieses Tages Stern, 
Hoch wird alles Niedre, Hohes neigt sich gern. 
Der verschloßne Stolze grüßet heiter, mild; 
Tätger wird Graf Bolze, Herr vom Goldnen Schild. 

Doch sie kömmt geschritten! Schaut nur, wie sie steigt, 

Wo sich auf Graniten manche Blume zeigt. 

In den bunten Höhen eil ihr nachzugehn, 

Wo die Orchideen und Dianthen stehn 

Und Omithogalen, weiß und schlank wie sie. 

Ihr zuliebe strahlen Lenz und Sommer hie. 

Doch die Wetterkenner, zweifelnd stehn sie dort, 

Wohlbedächtge Männer! Und du schreitest fort, 

Pflückest junge Rosen, lächelst leichtem Stich; 

Wie im Lande Gosen sonnt es rings um dich. 

Reich an Strauß- und Kränzen, trotz dem Wolkengraus, 

Bringst du die Exzellenzen ungenetzt nach Haus. 

Folge so dir immer, wie sichs wölken mag, 

Heitrer Sonnenschimmer, dir zum eignen Tag! 

Trotz dem Wetterbübchen gehs dir jimgem Blut, 

Tochter, Freundin, Liebchen, wie dus wert bist, gut! 

EINER HOHEN REISENDEN 

WOHIN du trittst, wird \ms verklärte Stunde, 
Dir leuchtet Klarheit frisch vom Angesicht, 
Vom Auge Gutheit, Lieblichkeit vom Munde, 
Aus Wolken dringt ein reines Himmelslicht. 
Der Ungeheuer Schwärm im Hintergrunde, 
Er drängt, er droht, jedoch er schreckt dich nicht, 
Wie du mit Freiheit imbefangen schreitest. 
Das Herz erhebst und jeden Geist erweitest. 

So wandelst du, dein Ebenbild zu schauen, 
Das majestätisch uns von oben blickt, 
Der Mütter Urbild, Königin der Frauen, 
Ein Wimderpinsel hat sie ausgedrückt. 



552 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Ihr beugt ein Mann, mit liebevollem Granen, 
Ein Weib die Knie, in Demut still entzückt; 
Du aber kommst, ihr deine Hand zu reichen, 
Als wärest du zu Haus bei deinesgleichen. 

Doch schreite weiter, was auch hier sich finde, 
Zum Lande hin, dem doch kein andres gleicht. 
Wo uns Natur befreit, wie Kunst auch binde, 
Der Geist sich stählt, wenn sich das Herz erweicht, 
Vor stillem Schaun so Zeit- als Volksgewinde 
Zum Abgrund wallt, zur Himmelshöhe steigt: 
Dorthin gehörst du, die du schaffend strebest, 
Die Trümmer herstellst, Totes neu belebest. 

Führ uns indes durch blumenreiche Matten, 
Am breiten Fluß durchs wohlbekannte Tal, 
Wo Reben sich um Sonnenhügel gatten. 
Der Fels dich schützt vor mächtgem Sonnenstrahl; 
Genieße froh der engen Laube Schatten, 
Der reinen Milch unschuldig würdges Mahl. 
Und hier und dort vergönn, an deinen Blicken, 
An deinem Wort uns ewig zu entzücken! 



DER GOLDSCHMIEDSGESELL 

ES ist doch meine Nachbarin 
Ein allerliebstes Mädchen! 
Wie früh ich in der Werkstatt bin, 
Blick ich nach ihrem Lädchen. 

Zu Ring und Kette poch ich dann 
Die feinen goldnen Drähtchen. 
Ach, denk ich, wann, und wieder, wann 
Ist solch ein Ring für Käthchen? 

Und tut sie erst die Schaltern auf. 
Da kommt das ganze Städtchen 
Und feilscht und wirbt mit hellem Häuf 
Ums Allerlei im Lädchen. 



i8o6/io WEIIVIAR 553 

Ich feile; wohl zerfeil ich dann 
Auch manches goldne Drähtchen. 
Der Meister brummt, der harte Mann! 
Er merkt, es war das Lädchen. 

Und flugs, wie nur der Handel still, 
Gleich greift sie nach dem Rädchen. 
Ich weiß wohl, was sie spinnen will: 
Es hofft das liebe Mädchen. 

Das kleine Füßchen tritt und tritt; 

Da denk ich mir das Wädchen, 

Das Strumpfband denk ich auch wohl mit, 

Ich schenkts dem lieben Mädchen. 

Und nach den Lippen führt der Schatz 
Das allerfein ste Fädchen. 
O war ich doch an seinem Platz, 
Wie küßt ich mir das Mädchen! 

WALLSTEIN TRAGÖDIE EN CINQ ACTES 

DER du des Lobs dich billig freuen solltest, 
O! guter Constant, bleibe still! 
Der Deutsche dankt dir nicht, er weiß wohl, was er will; 
Der Franke weiß nicht, was du wolltest. 

JOHANNA SEBUS 

Zum Andenken der siebzehnjährigen Schönen Guten aus dem Dorfe 

Brienen, die am 13. Januar 1809, bei dem Eisgange des Rheins und 

dem großen Bruche des Dammes von Cleverham, Hilfe reichend 

unterging 



D 



ER Damm zerreißt, das Feld erbraust, 
Die Fluten spülen, die Fläche saust. 
"Ich trage dich, Mutter, durch die Flut, 
Noch reicht sie nicht hoch, ich wate gut." — 
"Auch uns bedenke, bedrängt wie wir sind, 
Die Hausgenossin, drei arme Kind! 
Die schwache Frau! ... Du gehst davon!" — 
Sie trägt die Mutter durchs Wasser schon. 



554 LYRISCHE DICHTUNGEN 

"Zum Buhle da rettet euch! harret derweil; 
Gleich kehr ich zurück, uns allen ist Heil. 
Zum Bühl ists noch trocken und wenige Schritt; 
Doch nehmt auch mir meine Ziege mit!" 

Der Damm zerschmilzt^ das Feld erbraust^ 

Die Fluten wühlen^ die Fläche saust. 
Sie setzt die Mutter auf sichres Land, 
Schön Suschen, gleich wieder zur Flut gewandt. 
"Wohin: Wohin? Die Breite schwoll. 
Des Wassers ist hüben und drüben voll. 
Verwegen ins Tiefe willst du hinein!" — 
"Äi? sollen und müssen gerettet sein!^^ 

Der Damm verschwindet, die Welle braust, 
Eine Meereswoge, sie schwankt und saust. 
Schön Suschen schreitet gewohnten Steg, 
Umströmt auch gleitet sie nicht vom Weg, 
Erreicht den Bühl und die Nachbarin; 
Doch der und den Kindern kein Gewinn! 

Der Damm verschwand, ein Meer erbrausts, 

Den kleinen Hügel im Kreis ums aus ts. 

Da gähnet und wirbelt der schäumende Schlund 

Und ziehet die Frau mit den Kindern zu Grund; 

Das Hörn der Ziege faßt das ein', 

So sollten sie alle verloren sein! 

Schön Suschen steht noch strack und gut: 

Wer rettet das junge, das edelste Blut! 

Schön Suschen steht noch wie ein Stern; 

Doch alle Werber sind alle fern. 

Rings um sie her ist Wasserbahn, 

Kein Schifflein schwimmet zu ihr heran. 

Noch einmal blickt sie zum Himmel hinauf, 

Da nehmen die schmeichelnden Fluten sie auf. 

Keiti Damm, kein Feld! Nur hier und dort 
Bezeichnet ein Baum, ein Turn den Ort. 

Bedeckt ist alles mit Wasserschwall; 

Doch Suschens Bild schwebt überall. — 



i8o6/io WEIMAR 555 

Das Wasser sinkt, das Land erscheint, 
Und überall wird schön Suschen beweint. — 
Und dem sei, wers nicht singt und sagt, 
Im Leben und Tod nicht nachgefragt! 

[In das Stammbuch von Bertha v. Loder] 

WIE die Blüten heute dringen 
Aus den aufgeschloßnen Zweigen, 
Wie die Vögel heute singen 
Aus diurchsichtigen Gesträuchen, 
So begleitet reis' und lebe 
Und so freundlich nimm und gebe. 

VERSUS MEMORIALES 

zu Verbreitimg imd Festhaltimg der zwei wichtigsten 

natürlichen Systeme 

Natürliches System der Erze nach Oleen 

"^LINZE^ wenig Erz enthalten s', 
Halde, nu! die sind Gesalzens; 

Malme sind gut durchgesotten, 

Gelfe hättens bald getroffen. 

So, mit mancherlei Gescherze, 

Hätten wir die alten Erze. 

Natürliches System des Organisch-Gebacknen nach Knebel 
Leber ist nicht wert des Schmalzes, 
Hering hat zu viel des Salzes, 
Frösche sind zum Frühlingsfeste, 
Fische dennoch sind die beste. 
Und mit diesen laß im Stiche 
Niemals uns des Freimdes Küche! 

[In das Stammbuch der Frau v. Berg, geb. v. Sievers] 

WIE es dampft und braust und sprühet 
Aus der imbekannten Gruft! 
Von geheimem Feuer glühet 
Heilsam Wasser, Erd und Luft. 



F'. 



556 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Hilfsbedürftge Schar vermehrt sich 
Täglich um den Wunderort, 
Und im stillen heilt und nährt sich 
Unser Herz an Freundes Wort. 

PROBLEM 

WARUM ist alles so rätselhaft? 
Hier ist das Wollen, hier ist die Kraft; 
Das Wollen will, die Kraft ist bereit, 
Und daneben die schöne, lange Zeit." 
So seht doch hin, wo die gute Welt 
Zusammenhält! 
Seht hin, wo sie auseinanderfällt! 

RECHENSCHAFT 

Der Meister 

FRISCH! der Wein soll reichlich fließen! 
Nichts Verdrießlichs weh uns an! 
Sage, willst du mitgenießen, 
Hast du deine Pflicht getan? 

Einer 
Zwei recht gute junge Leute 
Liebten sich nur gar zu sehr, 
Gestern zärtlich, wütend heute. 
Morgen war es noch viel mehr; 
Senkte sie hier das Genicke, 
Dort zerrauft' er sich das Haar; 
Alles bracht ich ins Geschicke, 
Und sie sind ein glücklich Paar. 

Chor 
Sollst uns nicht nach Weine lechzen! 
Gleich das volle Glas heran! 
Denn das Ächzen tmd das Krächzen 
Hast du heut schon abgetan. 

Einer 
Warum weinst du, junge Waise? 
"Gott! ich wünschte mir das Grab; 



i8o6/io WEIMAR 55? 

Denn mein Vormund, leise, leise, 
Bringt mich an den Bettelstab." 
Und ich kannte das Gelichter, 
Zog den Schacher vor Gericht, 
Streng und brav sind unsre Richter, 
Und das Mädchen bettelt nicht. 

Chor 
Sollst uns nicht nach Weine lechzen! 
Gleich das volle Glas heran! 
Denn das Ächzen und das Krächzen 
Hast du heut schon abgetan. 

Einer 
Einem armen, kleinen Kegel, 
Der sich nicht besonders regt, . 
Hat ein ungeheurer Flegel 
Heute grob sich aufgelegt. 
Und ich fühlte mich ein Mannsen, 
Ich gedachte meiner Pflicht, 
Und ich hieb dem langen Hansen 
Gleich die Schmarre durchs Gesicht. 

Chor 
Sollst uns nicht nach Weine lechzen! 
Gleich das volle Glas heran! 
Denn das Ächzen und das Krächzen 
Hast du heut schon abgetan. 

Einer 
Wenig hab ich nur zu sagen: 
Denn ich habe nichts getan. 
Ohne Sorgen, ohne Plagen 
Nahm ich mich der Wirtschaft an; 
Doch ich habe nichts vergessen. 
Ich gedachte meiner Pflicht: 
Alle wollten sie zu essen, 
Und an Essen fehlt' es nicht. 

Chor 
Sollst uns nicht nach Weine lechzen! 
Gleich das volle Glas heran! 



558 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Denn das Ächzen und das Krächzen 
Hast du heut schon abgetan. 

Einer 
Einer wollte mich erneuen, 
Macht' es schlecht: verzeih mir Gott! 
Achselzucken, Kümmereien! 
Und er hieß ein Patriot. 
Ich verfluchte das Gewäsche, 
Rannte meinen alten Lauf. 
Narre! wenn es brennt, so lösche, 
Hats gebrannt, bau wieder auf! 

Chor 
Sollst uns nicht nach Weine lechzen! 
Gleich das volle Glas heran! 
Denn das Ächzen tmd das Krächzen 
Hast du heut schon abgetan. 

Meister 
Jeder möge so verkünden. 
Was ihm heute wohlgelang! 
Das ist erst das rechte Zünden, 
Daß entbrenne der Gesang. 
Keinen Druckser hier zu leiden. 
Sei ein ewiges Mandat! 
Nur die Lumpe sind bescheiden. 
Brave freuen sich der Tat. 

Chor 
Keiner soll nach Weine lechzen! 
Gleich das volle Glas heran! 
Denn das Ächzen und das Krächzen 
Haben wir nun abgetan. 

Drei Stimmen 
Heiter trete jeder Sänger, 
Hochwillkommen, in den Saal: 
Denn nur mit dem Grillenfänger 
Halten wirs nicht liberal; 
Fürcliten hinter diesen Launen, 
Diesem ausstaffierten Schmerz, 



i8o6/io WEIMAR 559 

Diesen trüben Augenbraunen 
Leerheit oder schlechtes Herz. 

Chor 
Niemand soll nach Weine lechzen! 
Doch kein Dichter soll heran, 
Der das Ächzen und das Krächzen 
Nicht zuvor hat abgetan! 

ERGO BIBAMUS! 

HIER sind wir versammelt zu löblichem Tun, 
Drum, Brüderchen! Ergo bibamus. 
Die Gläser sie klingen, Gespräche sie ruhn, 

Beherziget Ergo bibamus. 
Das heißt noch ein altes, ein tüchtiges Wort, 
Es passet zum ersten und passet so fort, 
Und schallet ein Echo vom festlichen Ort, 
Ein herrliches Ergo bibamus! 

Ich hatte mein freundliches Liebchen gesehn, 

Da dacht ich mir: Ergo bibamus. 
Und nahte mich traulich, da ließ sie mich stehn; 

Ich half mir und dachte: Bibamus. 
Und wenn sie versöhnet euch herzet und küßt, 
Und wenn ihr das Herzen und Küssen vermißt, 
So bleibet nur, bis ihr was Besseres wißt, 

Beim tröstlichen Ergo bibamus. 

Mich ruft das Geschick von den Freunden hinweg; 

Ihr Redlichen! Ergo bibamus. 
Ich scheide von hinnen mit leichtem Gepäck, 

Drum doppeltes Ergo bibamus. 
Und was auch der Filz von dem Leibe sich schmorgt, 
So bleibt für den Heitern doch immer gesorgt. 
Weil immer dem Frohen der Fröhliche borgt; 

Drum, Brüderchen! Ergo bibamus. 

Was sollen wir sagen zum heutigen Tag? 

Ich dächte nur: Ergo bibamus. 
Er ist nun einmal von besonderem Schlag, 

Drum immer aufs neue: Bibamus. 



56o LYRISCHE DICHTUNGEN 

Er führet die Freude durchs offene Tor, 
Es glänzen die Wolken, es teilt sich der Flor, 
Da leuchtet ein Bildchen, ein göttliches, vor; 
Wir klingen und singen: Bibamus. 

KATZENPASTETE 

BEWÄHRT den Forscher der Natur 
Ein frei und ruhig Schauen, 
So folge Meßkunst seiner Spur 
Mit Vorsicht und Vertrauen. 

Zwar mag in Einem Menschenkind 
Sich beides auch vereinen; 
Doch, daß es zwei Gewerbe sind, 
Das läßt sich nicht verneinen. 



Es war einmal ein braver Koch, 
Geschickt im Appretieren; 
Dem fiel es ein, er wollte doch 
Als Jäger sich gerieren. 

Er zog bewehrt zu grünem Wald, 
Wo manches Wildbret hauste, 
Und einen Kater schoß er bald, 
Der junge Vögel schmauste. 

Sah ihn für einen Hasen an 
Und ließ sich nicht bedeuten, 
Pastetete viel Würze dran 
Und setzt' ihn vor den Leuten. 

Doch manche Gäste das verdroß, 
Gewisse feine Nasen: 
Die Katze, die der Jäger schoß, 
Macht nie der Koch zum Hasen. 



i8o6/io WEIMAR 561 

DAS TAGEBUCH 

— aliam tenui, sed iam quum gaudia adirem, 
Admonuit dominae deseruitque Venus. 

[Tibull 1,5. V. 39. 40, 

WIR hörens oft und glaubens wohl am Ende; 
Das Menschenherz sei ewig unergründlich, 
Und wie man auch sich hin und wider wende, 
So sei der Christe wie der Heide sündlich. 
Das Beste bleibt, wir geben uns die Hände 
Und nehmens mit der Lehre nicht empfindlich; 
Denn zeigt sich auch ein Dämon, uns versuchend, 
So waltet was, gerettet ist die Tugend. 

Von meiner Trauten lange Zeit entfernet, 
Wie's öfters geht, nach irdischem Gewinne, 
Und was ich auch gewonnen und gelernet. 
So hatt ich doch nur immer Sie im Sinne; 
Und wie zu Nacht der Himmel erst sich stemet, 
Erinnrung uns umleuchtet ferner Minne: 
So ward im Federzug des Tags Ereignis 
Mit süßen Worten ihr ein freundlich Gleichnis. 

Ich eilte nun zurück. Zerbrochen sollte 
Mein Wagen mich noch eine Nacht verspäten; 
Schon dacht ich mich, wie ich zu Hause rollte, 
Allein da war Geduld und Werk vonnöten. 
Und wie ich auch mit Schmied und Wagner tollte, 
Sie hämmerten, verschmähten, viel zu reden. 
Ein jedes Handwerk hat nun seine Schnurren. 
Was blieb mir nun? Zu weilen und zu mturen. 

So stand ich nun. Der Stern des nächsten Schildes 

Berief mich hin, die Wohnung schien erträglich. 

Ein Mädchen kam, des seltensten Gebildes, 

Das Licht erleuchtend. Mir ward gleich behaglich. 

Hausflur und Treppe sah ich als ein Mildes, 

Die Zimmerchen erfreuten mich unsäglich. 

Den sündigen Menschen, der im Freien schwebet— 

Die Schönheit spinnt, sie ists, die ihn umwebet. 

GOETHE XIV 36. 



562 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Nun setzt ich mich zu meiner Tasch und Briefen 
Und meines Tagebuchs Genauigkeiten, 
Um so wie sonst, wenn alle Menschen schliefen, 
Mir und der Trauten Freude zu bereiten; 
Doch weiß ich nicht, die Tintenworte liefen 
Nicht so wie sonst in alle Kleinigkeiten: 
Das Mädchen kam, des Abendessens Bürde 
Verteilte sie gewandt mit Gruß und Würde. 

Sie geht und kommt; ich spreche, sie erwidert; 
Mit jedem Wort erscheint sie mir geschmückter. 
Und wie sie leicht mir nun das Huhn zergliedert, 
Bewegend Hand und Arm, geschickt, geschickter- 
Was auch das tolle Zeug in uns befiedert — 
Genug, ich bin verworrner, bin verrückter. 
Den Stuhl umwerfend, spring ich auf und fasse 
Das schöne Kind; sie lispelt: "Lasse, lasse! 

Die Muhme drunten lauscht, ein alter Drache, 
Sie zählt bedächtig des Geschäfts Minute; 
Sie denkt sich unten, was ich oben mache. 
Bei jedem Zögern schwenkt sie frisch die Rute. 
Doch schließe deine Türe nicht und wache. 
So kommt die Mitternacht uns wohl zugute." 
Rasch meinem Arm entwindet sie die Glieder, 
Und eilet fort und kommt nur dienend wieder; 

Doch blickend auch! So daß aus jedem Blicke 

Sich himmlisches Versprechen mir entfaltet. 

Den stillen Seufzer drängt sie nicht zurücke, 

Der ihren Busen herrlicher gestaltet. 

Ich sehe, daß am Ohr, um Hals und Gnicke 

Der flüchtigen Röte Liebesblüte waltet. 

Und da sie nichts zu leisten weiter findet, 

Geht sie und zögert, sieht sich um, verschwindet. 

Der Mitternacht gehören Haus und Straßen, 
Mir ist ein weites Lager aufgebreitet, 
Wovon den kleinsten Teil mir anzumaßen 
Die Liebe rät, die alles wohl bereitet; 



i8o6/io WEIMAR 563 

Ich zaudre noch, die Kerzen auszublasen, 

Nun hör ich sie, wie leise sie auch gleitet, 

Mit gierigem Blick die Hochgestalt umschweif ich, 

Sie senkt sich her, die Wohlgestalt ergreif ich. 

Sie macht sich los: "'Vergönne, daß ich rede, 

Damit ich dir nicht völlig fremd gehöre. 

Der Schein ist wider mich; sonst war ich blöde. 

Stets gegen Männer setzt ich mich zur Wehre. 

Mich nennt die Stadt, mich nennt die Gegend spröde; 

Nim aber weiß ich, wie das Herz sich kehre: 

Du bist mein Sieger, laß dichs nicht verdrießen. 

Ich sah, ich liebte, schwur dich zu genießen. 

Du hast mich rein, und wenn ichs besser wüßte, 
So gab ichs dir; ich tue, was ich sage." 
So schließt sie mich an ihre süßen Brüste, 
Als ob ihr niu: an meiner Brust behage. 
Und wie ich Mund und Aug und Stime küßte, 
So war ich doch in wunderbarer Lage: 
Denn der so hitzig sonst den Meister spielet. 
Weicht schülerhaft zurück und abgekühlet. 

Ihr scheint ein süßes Wort, ein Kuß zu gnügen, 
Als war es alles, was ihr Herz begehrte. 
Wie keusch sie mir, mit liebevollem Fügen, 
Des süßen Körpers Fülleform gewährte! 
Entzückt und froh in allen ihren Zügen 
Und ruhig dann, als wenn sie nichts entbehrte. 
So ruht ich auch, gefällig sie beschauend. 
Noch auf den Meister hoffend und vertrauend. 

Doch als ich länger mein Geschick bedachte. 
Von tausend Flüchen mir die Seele kochte, 
Mich selbst verwünschend, grinsend mich belachte. 
Nichts besser ward, wie ich auch zaudern mochte, 
Da lag sie schlafend, schöner als sie wachte; 
Die Lichter dämmerten mit langem Dochte. 
Der Tages-Arbeit, jugendlicher Mühe 
Gesellt sich gern der Schlaf und nie zu frühe. 



564 LYRISCHE DICHTUNGEN 

So lag sie himmlisch an bequemer Stelle, 
Als wenn das Lager ihr allein gehörte, 
Und an die Wand gedrückt, gequetscht zur Hölle, 
Ohnmächtig jener, dem sie nichts verwehrte. 
Vom Schlangenbisse fällt zunächst der Quelle 
Ein Wandrer so, den schon der Durst verzehrte. 
Sie atmet lieblich holdem Traum entgegen; 
Er hält den Atem, sie nicht aufzuregen. 

Gefaßt bei dem, was ihm noch nie begegnet, 
Spricht er zu sich: So mußt du doch erfahren, 
Warum der Bräutigam sich kreuzt und segnet, 
Vor Nestelknüpfen scheu sich zu bewahren. 
Weit lieber da, wos Hellebarden regnet, 
Als hier im Schimpfl So war es nicht vor Jahren, 
Als deine Herrin dir zum ersten Male 
Vors Auge trat im prachterhellten Saale. 

Da quoll dein Herz, da quollen deine Sinnen, 
So daß der ganze Mensch entzückt sich regte. 
Zum raschen Tanze trugst du sie von hinnen, 
Die kaum der Arm und schon der Busen hegte, 
Als wolltest du dir selbst sie abgewinnen; 
Vervielfacht war, was sich für sie bewegte: 
Verstand imd Witz und alle Lebensgeister 
Und rascher als die andern jener Meister. 

So immerfort wuchs Neigimg imd Begierde, 
Brautleute wurden wir im frühen Jahre, 
Sie selbst des Maien schönste Blum und Zierde; 
Wie wuchs die Kraft zur Lust im jungen Paare! 
Und als ich endlich sie zur Kirche führte, 
Gesteh ichs nur, vor Priester und Altare, 
Vor deinem Jammerkreuz, blutrünstiger Christe, 
Verzeih mirs Gott, es regte sich der Iste. 

Und ihr, der Brautnacht reiche Bettgehänge, 
Ihr Pfühle, die ihr euch so breit erstrecktet, 
Ihr Teppiche, die Lieb und Lustgedränge 
Mit euren seidnen Fittichen bedecktet! 



i8o6/io WEIMAR 565 

Ihr Käfigvögel, deren Zwitscher- Sänge 
Zu neuer Lust und nie zu früh uns wecktet! 
Ihr kanntet uns, von euerm Schutz umfriedet, 
Teilnehmend sie, mich immer unermüdet. 

Und wie wir oft sodann im Raub genossen 
Nach Buhlenart des Ehstands heiige Rechte, 
Von reifer Saat umwogt, vom Rohr umschlossen, 
An manchem Unort, wo ichs mich erfrechte, 
Wir waren augenblicklich, unverdrossen 
Und wiederholt bedient vom braven Knechte! 
Verfluchter Knecht, wie unerwecklich liegst du! 
Und deinen Herrn ums schönste Glück betriegst du. 

Doch Meister Iste hat nun seine Grillen 
Und läßt sich nicht befehlen, noch verachten, 
Auf einmal ist er da, und ganz im stillen 
Erhebt er sich zu allen seinen Frachten; 
So steht es nun dem Wandrer ganz zu Willen, 
Nicht lechzend mehr am Quell zu übernachten. 
Er neigt sich hin, er will die Schläferin küssen, 
Allein er stockt, er fühlt sich weggerissen. 

Wer hat zur Kraft ihn wieder aufgestählet, 
Als jenes Bild, das ihm auf ewig teuer. 
Mit dem er sich in Jugendlust vermählet? 
Dort leuchtet her ein frisch erquicklich Feuer, 
Und wie er erst in Ohnmacht sich gequälet. 
So wird nun hier dem Starken nicht geheuer; 
Er schaudert weg, vorsichtig, leise, leise 
Entzieht er sich dem holden Zauberkreise, 

Sitzt, schreibt: "Ich nahte mich der heimischen Pforte, 

Entfernen wollten mich die letzten Stunden, 

Da hab ich nun, am sonderbarsten Orte, 

Mein treues Herz aufs neue dir verbunden. 

Zum Schlüsse findest du geheime Worte: 

Die Krankheit erst bewähret den Gesunden. 

Dies Büchlein soll dir manches Gute zeigen, 

Das Beste nur muß ich zuletzt verschweigen," 



566 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Da kräht der Hahn. Das Mädchen schnell entwinde! 
Der Decke sich und wirft sich rasch ins Mieder. 
Und da sie sich so seltsam wiederfindet, 
So stutzt sie, blickt und schlägt die Augen nieder: 
Und da sie ihm zum letztenmal verschwindet, 
Im Auge bleiben ihm die schönen Glieder. 
Das Posthorn tönt, er wirft sich in den Wagen 
Und läßt getrost sich zu der Liebsten tragen. 

Und weil zuletzt bei jeder Di chtungs weise 
Moralien uns ernstlich fördern sollen, 
So will auch ich in so beliebtem Gleise 
Euch gern bekennen, was die Verse wollen: 
Wir stolpern wohl auf unsrer Lebensreise, 
Und doch vermögen in der Welt, der tollen. 
Zwei Hebel viel aufs irdische Getriebe: 
Sehr viel die Pflicht, unendlich mehr die Liebe! 



i8io 
REISE NACH BÖHMEN 



DER KAISERIN ANKUNFF 
Den 6. Juni 1810 

ZU des einzigen Tages Feste 
Schmückt euch alle, windet Kränze! 
Daß für Heimische, für Gäste 
Herrlicher das Tal erglänze, 
Dem ein neuer Frühling weht. 
Väter, Mütter, Töchter, Söhne, 
Aufl Ein frohes Lied ertöne. 
Alles um euch her verschöne 
Den Empfang der Majestät! 

Hier im waldbewachsnen Tale, 
Das so mancher Fremde segnet. 
Weil mit heilsam heißer Schale 
Die Genesimg ihm begegnet 
Und ihm frisches Leben schafft, 
Muß in tiefen Felsenschlünden 
Feuer sich mit Wasser binden, 
Klüften siedend sich entwinden; 
Neue Kräfte wirkt die Kraft. 

Dem Genesnen, dem Gesunden 

Bieten sich so manche Schätze. 

Daß der Freund den Freund gefunden, 

Zeugen die erwählten Plätze, 

Wie Erinnrung köstlich sei. 

Und so wurden Wald und Wiese 

Zum bewohnten Paradiese, 

Daß ein jeglicher genieße. 

Sich empfinde froh und frei. 

Aber heute neu mit Machten 
Sprudle, Quell, aus deinen Höhlen! 
Faltet aus die frischen Prachten, 
Ihr, des grünen Tals Juwelen, 
Holde Blumen, euren Flor! 
Und ihr Sprossen dieser Gauen, 
Kinder, eilt, sie anzuschauen, 
Blickt mit Wonne, mit Vertrauen 
Zu der Herrlichen empor! 



57° LYRISCHE DICHTUNGEN 

Sie, die Tausenden gehöret, 
Sie erwählt euch, sie ist euer! 
Ihr umgebt sie unverwehret; 
Gnädig gönnt sie dieser Feier 
Mutterblicke hoch und mild. 
Dränget euch, ihr jungen Scharen! 
Dem, der früh solch Glück erfahren. 
Wächst an Glanz, von Jahr zu Jahren, 
Der Erinnrung Himmelsbild. 

Was in segensreicher Enge 
Diese Kaiserstadt umwallet. 
Was in fröhlichem Gedränge 
Seit Jahrhunderten erschallet. 
Werde diesem Tag zuteil! 
Alles Wohl, das hier gequollen, 
Alle Lust, die hier erschollen. 
Ruft herab mit feuervollen 
Segenswünschen, ihr zum Heil! 

DER KAISERIN BECHER 
Den lo. Juni 1810 

DICH, klein geblümt Gefäß, mit Schmuck und Leben 
Des Blumenflores malerisch zu umwinden, 
Ist zwar zu spät; doch unser Glück zu künden, 
Soll nun von Worten dich ein Kranz umgeben. 

Und möcht er auch so zierlich dich umschweben, 
Wie ihn die Grazien, die Musen binden; 
Rein auszusprechen, was wir rein empfinden, 
Ist für den Dichter selbst vergebhch Streben. 

Den Lippen, denen Huld und Gunst entquellen. 
Von denen Freundlichkeit und Frohsinn wirken. 
Hast du, beglückt Gefäß! dich nähern dürfen; 

Gekostet haben sie die heißen Wellen. — 
O möchten sie aus imsem Lustbezirken 
Des Lebens Balsam frisch erquicklich schlürfen! 



i8io REISE NACH BÖHMEN 571 

DER KAISERIN PLATZ 
Den 19. Juni 1810 

WENN vor dem Glanz, der um die Herrin schwebet, 
Das Volk sich teilt in drängendem Gewühle, 
Dann gleich um sie sich neu zu sammeln strebet, 
Stumm erst und staunend, dann im Hochgefühle 
Mit Leberuf den Widerhall belebet: 
So spreche nun die Nymphe dieser Kühle 
Zu jedem still empfindenden Gemüte 
Von ihrer Anmut, Heiterkeit und Güte. 

Ehrwürdger Fels! der sich vom Himmelsblauen 
Herab dem Tale reich bemoost vermählte, 
Am schattengrünen Berg, ihr bunten Auen! 
Die längst zum Bilde sich der Künstler wählte, 
Ihr ließt euch stets geschmückt und fröhlich schauen; 
Doch immer wars, als ob euch Eines fehlte: 
Ntm sie auf euch mit Huld und Neigung blicket, 
Nun wißt ihr erst, warum ihr euch geschmücket. 

Die Sonne wird, o Nymphe! bald sich senken, 
An die du mit uns allen dich verwöhnet; 
Nicht ohne Schmerz läßt sie entfernt sich denken. 
O möchte sie, nach der sich alles sehnet, 
Hieher den Weg, froh wiederkehrend, lenken! 
O möchtest du, wenn du dich neu verschönet. 
In deinem zweigum wölbten, luftgen Saale 
Sie wiedersehn, sie sehn mit dem Gemahle! 



DER KAISERIN ABSCHIED 
Den 22. Juni 18 10 

LASSET uns die Nacht erhellen 
Abermals mit bunten Feuern! 
Die von Felsen, die von Wellen 
Widerglänzend ihr beteuern 
Unsrer treuen Wünsche Glut. 
Abermals zur Morgenstunde 



572 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Sammle sich die bunte Menge! 
Stimme fröhliche Gesänge; 
Von dem Herzen zu dem Munde 
Ströme neuer Lebensmut! 

Hörner schallen, Fahnen fliegen, 
Trommeln künden frohe Feier; 
Aber ach! auf allen Zügen 
Liegt es wie der Wolkenschleier, 
Der um Gipfel sich getan. 
Und so sprichts aus trüben Blicken: 
Sie, die unser sich bemeistert. 
Uns erhoben, uns begeistert, 
Ach! sie zieht in Augenblicken 
Langsam scheidend berghinan. 

Die, zu uns hemiedersteigend. 
Mit uns wandelt unsre Pfade, 
Unsrem Gruße freundlich neigend, 
Die allseitig heitre Gnade, 
Sie zu missen, welch ein Schmerz! — 
Tröstet euch! auch sie empfindet, 
Und die Muse solls euch sagen: 
Denn die Muse darf es wagen. 
Die das Innre wohl ergründet. 
Auch zu blicken ihr ins Herz. 

"An der Kluft, vom Fels umschlossen, 
Dem der größte Schatz entquillet; 
Bei dem Volk, das unverdrossen 
Junggewohnte Pflicht erfüllet. 
Allen dient um kleinen Lolm; 
In dem menschenreichen Tale, 
Dem von allen Ort- und Enden 
Hilfsbedürftge zu sich wenden, 
Herrsch ich nun im grünen Saale, 
Herrsche von dem Blumenthron. 

Und so seh ich Abgesandte 
Vieler Völker, die mich ehren; 
Freunde find ich, Nahverwandte, 



iSio REISE NACH BÖHMEN 573 

Die ganz eigens mir gehören, 
Und so nenn ich alles mein. 
Ja, durch Neigung mir verbunden. 
Fühlt sich jeder aufgeheitert; 
Auch mir ist das Herz erweitert, 
Und die Freiheit dieser Stunden 
Wird mir unvergeßlich sein. 

Keine Blumen soll man streuen, 
Da ich mit Bedauern scheide. 
Geh, o Muse! sag den Treuen, 
Daß ich selbst mit ihnen leide: 
Schnell war mir die Stimde da. 
Laßt verstummen alle Lieder; 
Doch auf euren Lippen schwebet 
Jener Wunsch, der mich belebet. 
Wenn ihr lispelt: Kehre wieder! 
Habt ihr gleich mein oflfnes Ja." 

Auf denn, Muse! zu verkünden. 
Was die Frau dir aufgetragen. — 
Lasset alle Nebel schwinden! 
Laßt die schönste Sonne tagen! 
Weil ein jeder hoffen mag. 
Die ihr traurig sie begleitet, 
Eilt entzückt ihr dann entgegen; 
Und ihr bringt auf neuen Wegen, 
Kaiserlich umhergeleitet, 
Sie herab am schönsten Tag. 



[Von Goethe?] 

SIEH, wir segnen dich, wir bringen 
Dir ein bleibendes Geschick, 
Und auf himmlisch reinen Schwingen 
Rxihet über dir das Glück. 



574 LYRISCHE DICHTUNGEN 

BLUMENGRUSS 

DER Strauß, den ich gepflücket, 
Grüße dich vieltausendmal! 
Ich habe mich oft gebücket, 
Ach, wohl eintausendmal, 
Und ihn ans Herz gedrücket 
Wie hunderttausendmal! 

MAILIED 

ZWISCHEN Weizen und Korn, 
Zwischen Hecken und Dorn, 
Zwischen Bäumen und Gras, 
Wo gehts Liebchen? 
Sag mir das! 

Fand mein Holdchen 
Nicht daheim; 
Muß das Goldchen 
Draußen sein. 
Grünt imd blühet 
Schön der Mai, 
Liebchen ziehet 
Froh und frei. 

An dem Felsen beim Fluß, 
Wo sie reichte den Kuß, 
Jenen ersten im Gras, 
Seh ich etwas! 
Ist sie das? 

Owie lallt das Kind so faul! 
Hat den Brei noch nicht verschluckt, 
Den ihm die Mutter strich ins Maul 

[An die Prinzessin Christine v. Ligne] 

EIN klein Papier hast du mir abgewonnen, 
Ich war auf größeres gefaßt; 
Denn viel gewinnst du wohl, worauf du nicht gesonnen. 
Worum du nicht gewettet hast. 



i8io REISE NACH BÖHMEN 575 

SIE saugt mit Gier verrätrisches Getränke 
Unabgesetzt, vom ersten Zug verführt; 
Sie fühlt sich wohl, und längst sind die Gelenke 
Der zarten Beinchen schon paralysiert, 
Nicht mehr gewandt, die Flügelchen zu putzen, 
Nicht mehr geschickt, das Köpfchen aufzustutzen — 
Das Leben so sich im Genuß verliert. 
Zum Stehen kaum wird noch das Füßchen taugen; 
So schlürft sie fort, imd mitten unterm Saugen 
Umnebelt ihr der Tod die tausend Augen. 



i8io-i8i2 WEIMAR 



GOETHE XIV 37. 



ANTIKRITIK 

ARMER Tobis, tappst am Stabe 
Siebenfarbiger Trödeleien, 
Kannst dich jener Himmelsgabe 
Reinen Lichtes nicht erfreuen; 

Nicht erlustigen dich im Schatten, 
Wo mit urgebotner Liebe 
Licht und Finsternis sich gatten, 
Zu verherrlichen die Trübe. 

VVerd ihm doch die kräftge Salbe, 
Diesem Armen, bald gesendet, 
Dem die theoretische Schwalbe 
Augenkraft und -Lust geblendet. 



NEVVTONISCH Weiß den Kindern vorzuzeigen, 
Die pädagogischem Ernst so gern sich neigen. 
Trat einst ein Lehrer auf, mit Schwungrads Possen; 
Auf selbem war ein Farbenkreis geschlossen. 
Das dorlte nun. "Betracht es mir genau! 
Was siehst du, Knaber" Nun, was seh ich? Grau! 
"Du siehst nicht recht! Glaubst du, daß ich das leide? 
Weiß, dummer Junge, Weiß! so sagts MoUweide.'" 

GOTT, GEMÜT UND WELT 

IN wenig Sttmden 
Hat Gott das Rechte gefunden. 



\v> 



ER Gott vertraut, 
Ist schon auferbaut. 



SOGAR dies Wort hat nicht gelogen: 
Wen Gott betriegt, der ist wohl betrogen. 

DAS Unser Vater, ein schön Gebet, 
Es dient und hilft in allen Nöten; 
Wenn einer auch Vater Unser fleht. 
In Gottes Namen, laß ihn beten. 



5 8 o LYRISCHE DICHTUNGEN 

ICH wandle auf weiter, bunter Flur 
Ursprünglicher Natur; 
Ein holder Born, in welchem ich bade, 
Ist Überlieferung, ist Gnade. 

WAS war ein Gott, der nur von außen stieße, 
Im Kreis das All am Finger laufen ließe! 
Ihm ziemts, die Welt im Innern zu bewegen, 
Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen, 
So daß, was in Ihm lebt und webt und ist. 
Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermißt. 

IM Innern ist ein Universum auch; 
Daher der Völker löblicher Gebrauch, 
Daß jeglicher das Beste, was er kennt. 
Er Gott, ja seinen Gott benennt. 
Ihm Himmel und Erden übergibt, 
Ihn fürchtet, und womöglich liebt. 



w 



IE? Wann? und Wo? — Die Götter bleiben stumm! 
Du halte dich ans Weil, und frage nicht Warum? 



WILLST du ins Unendliche schreiten, 4 

Geh nur im Endlichen nach allen Seiten. | 

WILLST du dich am Ganzen erquicken, 
So mußt du das Ganze im Kleinsten erblicken. 

AUS tiefem Gemüt, aus der Mutter Schoß 
Will manches dem Tage entgegen; 
Doch soll das Kleine je werden groß. 
So muß es sich rühren und regen. 

DA, wo das Wasser sich entzweit, 
Wird zuerst Lebendigs befreit. 

UND wird das Wasser sich entfalten, 
Sogleich wird sichs lebendig gestalten; 
Da wälzen sich Tiere, sie trocknen zum Flor, 
Und Pflanzen- Gezweige, sie dringen hervor. 



i8io/2 WEIMAR 581 

DURCHSICHTIG erscheint die Luft so rein, 
Und trägt im Busen Stahl und Stein. 
Entzündet werden sie sich begegnen; 
Da wirds Metall und Steine regnen. 

DENN was das Feuer lebendig erfaßt, 
Bleibt nicht mehr Unform und Erdenlast. 
Verflüchtigt wird es xmd unsichtbar, 
Eilt hinauf, wo erst sein Anfang war. 

UND so kommt wieder zur Erde herab, 
Dem die Erde den Ursprung gab. 
Gleicherweise sind wir auch gezüchtigt: 
Einmal gefestet, einmal verflüchtigt. 

UND wer durch alle die Elemente, 
Feuer, Luft, Wasser und Erde, rennte, 
Der wird zuletzt sich überzeugen. 
Er sei kein Wesen ihresgleichen. 



Wt; 



AS will die Nadel nach Norden gekehrt?" 
ch selbst zu finden, es ist ihr verwehrt. 



DIE endliche Ruhe wird nur verspürt, 
Sobald der Pol den Pol berührt. 

DRUM danket Gott, ihr Söhne der Zeit, 
Daß er die Pole für ewig entzweit. 

MAGNETES Geheimnis, erkläre mir das! 
Kein größer Geheimnis als Lieb und Haß. 

WIRST du deinesgleichen kennen lernen, 
So wirst du dich gleich wieder entfernen. 

WARUM tanzen Bübchen mit Mädchen so gern? 
Ungleich dem Gleichen bleibet nicht fern. 

SIND Könige je zusammengekommen, 
So hat man immer nur Unheil vernommen. 



582 LYRISCHE DICHTUNGEN 

DAGEGEN die Bauern in der Schenke 
Prügeln sich gleich mit den Beinen der Bänke. 

DER Amtmann schnell das Übel stillt, 
Weil er nicht für ihresgleichen gilt. 

SOLL dein Kompaß dich richtig leiten 
Hüte dich vor Magnetstein', die dich begleiten. 

VERDOPPELTE sich der Sterne Schein, 
Das All wird ewig finster sein. 

UND was sich zwischen beide stellt?" 
Dein Auge, so wie die Körperwelt. 

AN der Finsternis zusammengeschrunden, 
Wird dein Auge vom Licht entbunden. 

SCHWARZ und Weiß, eine Totenschau, 
Vermischt ein niederträchtig Grau. 



w 



ILL Licht einem Körper sich vermählen, 
Es wird den ganz durchsichtgen wählen. 



D 



U aber halte dich mit Liebe 

An das Durchscheinende, das Trübe. 



DENN steht das Trübste vor der Sonne, 
Da siehst die herrlichste Purpur- Wonne. 

UND will das Licht sich dem Trübsten entwinden, 
So wird es glühend Rot entzünden. 

UND wie das Trübe verdunstet und weicht, 
Das Rote zum hellsten Gelb erbleicht. 

IST endlich der Äther rein und klar, 
Ist das Licht weiß, wie es anfangs war. 



i8io/2 WEIMAR 583 

STEHT vor dem Finstem milchig Grau, 
Die Sonne bescheints, da wird es Blau. 

AUF Bergen, in der reinsten Höhe, 
Tief Rötlichblau ist Himmelsnähe. 

DU staunest über die Königspracht, 
Und gleich ist sammetschwarz die Nacht. 

UND so bleibt auch, in ewigem Frieden, 
Die Finsternis vom Licht geschieden. 

DASS sie miteinander streiten können, 
Das ist eine bare Torheit zu nennen. 

SIE streiten mit der Körperwelt, 
Die sie ewig auseinander hält. 



SPRICHWÖRTLICH 

WENN ich den Scherz will ernsthaft nehmen, 
So soll mich niemand drum beschämen; 
Und wenn ich den Ernst will scherzhaft treiben, 
So werd ich immer derselbe bleiben. 

DIE Lust, zu reden, kommt zu rechter Stunde, 
Und wahrhaft fließt das Wort aus Herz imd Munde. 

ICH sah mich um, an vielen Orten, 
Nach lustigen gescheiten Worten; 
An bösen Tagen mußt ich mich freuen, 
Daß diese die besten Worte verleihen. 

WILLST lustig leben, 
Geh mit zwei Säcken, 
Einen zum Geben, 
Einen um einzustecken. 
Da gleichst du Prinzen, 
Plünderst imd beglückst Provinzen. 



584 LYRISCHE DICHTUNGEN 

AS in der Zeiten Bildersaal 
Jemals ist trefiflich gewesen, 
Das wird immer einer einmal 
Wieder auffrischen und lesen. 



Wi 



NICHT jeder wandelt nur gemeine Stege: 
Du siehst, die Spinnen bauen luftge Wege. 

EIN Kranz ist gar viel leichter binden, 
Als ihm ein würdig Haupt zu finden. 

WIE die Pflanzen zu wachsen belieben, 
Darin wird jeder Gärtner sich üben; 
Wo aber des Menschen Wachstum ruht, 
Dazu jeder selbst das Beste tut. 

WILLST du dir aber das Beste tun. 
So bleib nicht auf dir selber ruhn, 
Sondern folg eines Meisters Sinn; 
Mit ihm zu irren ist dir Gewinn. 

BENUTZE redlich deine Zeit! 
Willst was begreifen, suchs nicht weit. 

ZWISCHEN heut und morgen 
Liegt eine lange Frist; 
Lerne schnell besorgen, 
Da du noch munter bist. 

DIE Tinte macht uns wohl gelehrt, 
Doch ärgert sie, wo sie nicht hingehört. 
Geschrieben Wort ist Perlen gleich; 
Ein Tintenklecks ein böser Streich. 

WENN man fürs Künftige was erbaut, 
Schief wirds von vielen angeschaut. 
Tust du was für den Augenblick, 
Vor allem opfre du dem Glück. 



i8io/2 WEIMAR 585 

TU nur das Rechte in deinen Sachen; 
Das andre wird sich von selber machen. 

WENN jemand sich wohl im Kleinen deucht, 
So denke: der hat ein Großes erreicht. 

GLAUBE nur, du hast viel getan, 
Wenn dir Geduld gewöhnest an. 

WER sich nicht nach der Decke streckt, 
Dem bleiben die Füße unbedeckt. 

DER Vogel ist froh in der Luft gemutet. 
Wenn es da unten im Neste brütet. 

WENN ein kluger Mann der Frau befiehlt, 
Dann sei es um ein Großes gespielt; 
Will die Frau dem Mann befehlen, 
So muß sie das Große im Kleinen wählen. 

WELCHE Frau hat einen guten Mann, 
Der sieht maus am Gesicht wohl an. 

EINE Frau macht oft ein bös Gesicht, 
Der gute Mann verdients wohl nicht. 

EIN braver Mann! ich kenn ihn ganz genau: 
Erst prügelt er, dann kämmt er seine Frau. 

EIN schönes Ja, ein schönes Nein, 
Nur geschwind! soll mir willkommen sein. 

TANUAR, Februar, März, 
J Du bist mein liebes Herz. 
Mai, Juni, Juli, August, 

Mir ist nichts mehr bewußt. 



N 



EU -MOND und geküßter Mund 

Sind gleich wieder hell, und frisch und gesund. 



M 



IR gab es keine größre Pein, 
War ich im Paradies allein. 



586 LYRISCHE DICHTUNGEN 

ES ließe sich alles trefflich schlichten, 
Könnte man die Sachen zweimal verrichten. 

NUR heute, heute nur laß dich nicht fangen, 



z 



T 



\ So bist du hundertmal entgangen. 

GEHTS in der Welt dir endlich schlecht, 
Tu, was du willst, nur habe nicht recht. 

ÜCHTGE den Hund, den Wolf magst du peitschen; 
Graue Haare sollst du nicht reizen. 

AM Flusse kannst du stemmen und häkeln; 
Überschwemmung läßt sich nicht mäkeln. 

AUSEND Fliegen hatt ich am Abend erschlagen; 
Doch weckte mich Eine beim frühsten Tagen. 



WÜSSTE nicht, was sie Bessers erfinden könnten, 
Als wenn die Lichter ohne Putzen brennten. 

LIEF' das Brot, wie die Hasen laufen. 
Es kostete viel Schweiß, es zu kaufen. 

WILL Vogelfang dir nicht geraten, 
So magst du deinen Schuhu braten. 

DU mußt dich niemals mit Schwur vermessen: 
Von dieser Speise will ich nicht essen. 

WER aber recht bequem ist und faul, 
Flog dem eine gebratne Taube ins Maul, 
Er würde höchlich sichs verbitten. 
War sie nicht auch geschickt zerschnitten. 

FREIGEBIG ist der mit seinen Schritten, 
Der kommt, von der Katze Speck zu erbitten. 

HAST deine Kastanien zu lange gebraten; 
Sie sind dir alle zu Kohlen geraten. 



D 
D 



1 8 10/2 WEIMAR 587 

AS sind mir allzu böse Bissen, 

An denen die Gäste erwürgen müssen. 

AS ist eine von den großen Taten, 
Sich in seinem eignen Fett zu braten. 



GESOTTEN oder gebraten! 
Er ist ans Feuer geraten. 

GEBRATEN oder gesotten! 
Ihr sollt nicht meiner spotten. 
Was ihr euch heute getröstet, 
Ihr seid doch morgen geröstet. 

WER Ohren hat, soll hören; 
Wer Geld hat, solls verzehren. 



D 



ER Mutter schenk ich, 
Die Tochter denk ich. 



KLEID' eine Säule, 
Sie sieht wie ein Fräule. 

SCHLAF ich, so schlaf ich mir bequem; 
Arbeit ich, ja, ich weiß nicht wem. 

GANZ und gar 
Bin ich ein armer Wicht. 
Meine Träume sind nicht wahr, 
Und meine Gedanken geraten nicht. 



m: 



IT meinem Willen mags geschehn! — 
Die Träne wird mir in dem Auge stehn. 



WOHL unglückselig ist der Mann, 
Der unterläßt das, was er kann. 
Und unterfängt sich, was er nicht versteht; 
Kein Wunder, daß er zugnmde geht. 

DU trägst sehr leicht, wenn du nichts hast; 
Aber Reichtum ist eine leichtere Last. 



588 LYRISCHE DICHTUNGEN 

ALLES in der Welt läßt sich ertragen, 
Nur nicht eine Reihe von schönen Tagen. 



w 



AS räucherst du nun deinem Toten? 
Hättst dus ihm so im Leben geboten! 



JA! Wer eure Verehrung nicht kennte: 
Euch, nicht ihm, baut ihr Monumente. 

WILL einer in die Wüste predgen. 
Der mag sich von sich selbst erledgen; 
Spricht aber einer zu seinen Brüdern, 
Dem werden sies oft schlecht erwidern. 

LASS Neid und Mißgunst sich verzehren. 
Das Gute werden sie nicht wehren. 
Denn, Gott sei Dank! es ist ein alter Brauch: 
Soweit die Sonne scheint, so weit erwärmt sie auch. 

DAS Interim 
Hat den Schalk hinter ihm. 
Wie viel Schälke muß es geben, 
Da wir alle ad Interim leben. 

WAS fragst du viel: Wo wills hinaus? 
Wo oder wie kanns enden? 
Ich dächte, Freund, du bliebst zu Haus 
Und sprächst mit deinen Wänden. 

VIELE Köche versalzen den Brei; 
Bewahr uns Gott vor vielen Dienern! 
Wir aber sind, gesteht es frei, 
Ein Lazarett von Medizinern. 

IHR meint, ich hätt mich gewaltig betrogen; 
Habs aber nicht aus den Fingern gesogen. 

NOCH spukt der babylonsche Turm, 
Sie sind nicht zu vereinen! 
Ein jeder Mann hat seinen Wurm, 
Kopernikus den seinen. 



V 



i8io/2 WEIMAR 589 

DENN bei den alten, lieben Toten 
Braucht man Erklärung, will man Noten; 
Die Neuen glaubt man blank zu verstehn, 
Doch ohne Dolmetsch wirds auch nicht gehn. 

SIE sagen: Das mutet mich nicht an! 
Und meinen, sie hättens abgetan. 

IN meinem Revier 
Sind Gelehrte gewesen; 
Außer ihrem eignen Brevier 
Konnten sie keines lesen. 

lEL Rettungsmittel bietest du! was heißts? 
Die beste Rettung: Gegenwart des Geists! 

LASS nur die Sorge sein, 
Das gibt sich alles schon; 
Und fällt der Himmel ein. 
Kommt doch eine Lerche davon. 

DANN ist einer durchaus verarmt, 
Wenn die Scham den Schaden umarmt. 

DU treibst mirs gar zu toll, 
Ich furcht, es breche! 
Nicht jeden Wochenschluß 
Macht Gott die Zeche. 

DU bist sehr eilig, meiner Treu! 
Du suchst die Tür, und läufst vorbei. 

SIE glauben, miteinander zu streiten. 
Und fühlen das Unrecht von beiden Seiten. 

HABENS gekauft, es freut sie baß; 
Eh mans denkt, so betrübt sie das. 

WILLST du nichts Unnützes kaufen, 
Mußt du nicht auf den Jahrmarkt laufen. 



590 LYRISCHE DICHTUNGEN 

ANGEWEILE ist ein böses Kraut, 
^Aber auch eine Würze, die viel verdaut. 



W 



IRD uns eine rechte Qual zuteil, 
Dann wünschen wir uns Langeweil. 

DASS sie die Kinder erziehen könnten, 
Müßten die Mütter sein wie Enten: 
Sie schwämmen mit ihrer Brut in Ruh; 
Da gehört aber freilich Wasser dazu. 

DAS junge Volk, es bildet sich ein, 
Sein Tauftag sollte der Schöpfungstag sein. 
Möchten sie doch zugleich bedenken. 
Was wir ihnen als Eingebinde schenken. 

NEIN! heut ist mir das Glück erbost!"— 
Du, sattle gut und reite getrost! 

ÜBER ein Ding wird viel geplaudert, 
Viel beraten und lange gezaudert, 
Und endlich gibt ein böses Muß 
Der Sache widrig den Beschluß. 

EINE Bresche ist jeder Tag, 
Die viele Menschen erstürmen. 
Wer auch in die Lücke fallen mag, 
Die Toten sich niemals türmen. 

WENN einer schiffet und reiset, 
Sammelt er nach imd nach immer ein, 
Was sich am Leben, mit mancher Pein, 
Wieder ausschälet imd weiset. 

DER Mensch erfährt, er sei auch, wer er mag, 
Ein letztes Glück und einen letzten Tag. 

DAS Glück deiner Tage 
Wäge nicht mit der Goldwage. 
Wirst du die Krämer-Wage nehmen. 
So wirst du dich schämen und dich bequemen. 



i8io/2 WEIMAR 591 

HAST du einmal das Rechte getan 
Und sieht ein Feind nur Scheeles daran, 
So wird er gelegentlich, spät oder früh. 
Dasselbe tun, er weiß nicht wie. 

WILLST du das Gute tun, mein Sohn, 
So lebe nur lange, da gibt sichs schon; 
Solltest du aber zu früh ersterben, 
Wirst du von Künftigen Dank erwerben. 



w 



AS gibt uns wohl den schönsten Frieden, 
Als frei am eignen Glück zu schmieden? 



LASST mir die jungen Leute nur 
Und ergetzt euch an ihren Gaben! 
Es will doch Großmama Natur 
Manchmal einen närrischen Einfall haben. 

UNGEBILDET waren wir unangenehm; 
Jetzt sind uns die Neuen sehr unbequem. 



w 



O Anmaßung mir wohlgefällt? 

An Kindern: denen gehört die Welt. 



IHR zählt mich immer unter die Frohen; 
Erst lebt ich roh, jetzt unter den Rohen. 
Den Fehler, den man selbst geübt, 
Man auch wohl an dem andern liebt. 

WILLST du mit mir hausen. 
So laß die Bestie draußen. 

WOLLEN die Menschen Bestien sein, 
So bringt nur Tiere zur Stube herein; 
Das Widerwärtige wird sich mindern, 
Wir sind eben alle von Adams Kindern. 



M 



IT Narren leben wird dir gar nicht schwer, 
Erhalte nur ein Tollhaus um dich her. 



592 LYRISCHE DICHTUNGEN 

'AG mir, was ein Hypochondrist 
>Für ein wunderlicher Kunstfreund ist. 
In Bildergalerien geht er spazieren 
Vor lauter Gemälden, die ihn vexieren. 






DER Hypochonder ist bald kuriert, 
Wenn euch das Leben recht kujoniert. 

DU sollst mit dem Tode zufrieden sein, 
Warum machst du dir das Leben zur Pein? 

KEIN tolleres Versehn kann sein. 
Gibst einem ein Fest und lädst ihn nicht ein. 



D 



A siehst du nun, wie's einem geht, 
Weil sich der Beste von selbst versteht. 



WENN ein Edler gegen dich fehlt. 
So tu, als hättest dus nicht gezählt; 
Er wird es in sein Schuldbuch schreiben 
Und dir nicht lange im Debet bleiben. 

SUCHE nicht vergebne Heilung! 
Unsrer Krankheit schwer Geheimnis 
Schwankt zwischen Übereilung 
Und zwischen Versäumnis. 

JA, schelte nur und fluche fort, 
Es wird sich Beßres nie ergeben; 
Denn Trost ist ein absurdes Wort: 
Wer nicht verzweiflen kann, der muß nicht leben. 

ICH soll nicht auf den Meister schwören. 
Und immerfort den Meister hören! 
Nein, ich weiß, er kann nicht lügen, 
Will mich gern mit ihm betrügen. 

MICH freuen die vielen Guten und Tüchtgen, 
Obgleich so viele dazwischen helfen. 
Die Deutschen wissen zu berichtgen, 
Aber sie verstehen nicht nachzuhelfen. 



i8io/2 WEIMAR 593 

DU kommst nicht ins Ideen-Land!" 
So bin ich doch am Ufer bekannt. 
Wer die Inseln nicht zu erobern glaubt, 
Dem ist Ankerwerfen doch wohl erlaubt. 

MEINE Dichterglut war sehr gering, 
Solang ich dem Guten entgegen ging; 
Dagegen brannte sie lichterloh. 
Wenn ich vor drohendem Übel floh. 

ZART Gedicht, wie Regenbogen, 
Wird nur auf dunklen Grund gezogen; 
Darum behagt dem Dichtergenie 
Das Element der Melancholie. 

KAUM hatt ich mich in die Welt gespielt 
Und fing an aufzutauchen. 
Als man mich schon so vornehm hielt, 
Mich zu mißbrauchen. 



WER dem Publikum dient, ist ein armes Tier; 
Er quält sich ab, niemand bedankt sich dafür. 



GLEICH zu sein unter Gleichen, 
Das läßt sich schwer erreichen: 
Du müßtest, ohne Verdrießen, 
Wie der Schlechteste zu sein dich entschließen. 

MAN kann nicht immer zusammenstehn. 
Am wenigsten mit großen Haufen. 
Seine Freunde, die läßt man gehn. 
Die Menge läßt man laufen. 

DU magst an dir das Falsche nähren. 
Allein wir lassen vms nicht stören; 
Du kannst uns loben, kannst ims schelten, 
Wir lassen es nicht für das Rechte gelten. 

GOETHE XIV 38. 



594 LYRISCHE DICHTUNGEN 

MAN soll sich nicht mit Spöttern befassen; 
Wer will sich für 'nen Narren halten lassen! 
Darüber muß man sich aber zerreißen, 
Daß man Narren nicht darf Narren heißen. 

/^HRISTKINDLEIN trägt die Sünden der Welt, 
V^Sankt Christoph das Kind über Wasser hält; 
Sie haben es beid uns angetan, 
Es geht mit uns von vornen an. 

EFEU und ein zärtlich Gemüt 
Heftet sich an imd grünt und blüht. 
Kann es weder Stamm noch Mauer finden, 
Es muß verdorren, es muß verschwinden. 



z 



lERLICH Denken tmd süß Erinnern 
Ist das Leben im tiefsten Innern. 



ICH träumt und liebte sonnenklar; 
Daß ich lebte, ward ich gewahr. 

WER recht will ttm, immer und mit Lust, 
Der hege wahre Lieb in Sinn und Brust. 

WANN magst du dich am liebsten bücken?-' 
Dem Liebchen Frühlingsblume zu pflücken. 

DOCH das ist gar kein groß Verdienst, 
Denn Liebe bleibt der höchste Gewinst. 

DIE Zeit, sie mäht so Rosen als Domen, 
Aber das treibt immer wieder von vornen. 

GENIESSE, was der Schmerz dir hinterließ! 
Ist Not vorüber, sind die Nöte süß. 

VIELE Lieb hab ich erlebet, 
Wenn ich liebelos gestrebet; 
Und Verdrießliches erworben. 
Wenn ich fast für Lieb gestorben. 
So du es zusammengezogen, 
Bleibet Saldo dir gewogen. 



i8io/2 WEIMAR 595 

TUT dir jemand was zulieb, 
Nur geschwinde, gib nur, gib. 
Wenige getrost erwarten 
Dankesblume aus stillem Garten. 

DOPPELT gibt, wer gleich gibt, 
Hundertfach, der gleich gibt. 
Was man wünscht und liebt. 

WARUM zauderst du so mit deinen Schritten?" 
Nur ungern mag ich ruhn; 
Will ich aber was Gutes tun, 
Muß ich erst tun Erlaubnis bitten. 

WAS willst du lange vigilieren. 
Dich mit der Welt herumvexieren? 
Nur Heiterkeit und grader Sinn 
Verschafft dir endlichen Gewinn. 



w 



EM wohl das Glück die schönste Palme beut? 
Wer freudig tut, sich des Getanen freut. 



GLEICH ist alles versöhnt; 
Wer redlich ficht, wird gekrönt. 

DU wirkest nicht, alles bleibt so stiunpf. 
Sei guter Dinge! 
Der Stein im Sumpf 
Macht keine Ringe. 

IN des Weinstocks herrliche Gaben 
Gießt ihr mir schlechtes Gewässer! 
Ich soll immer unrecht haben, 
Und weiß es besser. 

WAS ich mir gefallen lasse? 
Zuschlagen muß die Masse, 
Dann ist sie respektabel; 
Urteilen gelingt ihr miserabel. 



596 LYRISCHE DICHTUNGEN 

'S ist sehr schwer oft, zu ergründen, 
/Warum wir das angefangen; 
Wir müssen oft Belohnung finden, 
Daß es uns schlecht ergangen. 






SEH ich an andern große Eigenschaften, 
Und wollen die an mir auch haften. 
So werd ich sie in Liebe pflegen; 
Gehts nicht, so tu ich was anders dagegen. 

ICH, Egoist! — Wenn ichs nicht besser wüßte! 
Der Neid, das ist der Egoiste; 
Und was ich auch für Wege gelofFen, 
Aufm Neidpfad habt ihr mich nie betroffen. 

NICHT über Zeit- noch Landgenossen 
Mußt du dich beklagen; 
Nachbarn werden ganz andere Possen, 
Und auch Künftige, über dich sagen. 

IM Vaterlande 
Schreibe, was dir gefällt: 
Da sind Liebesbande, 
Da ist deine Welt. 



DRAUSSEN zu wenig oder zu viel. 
Zu Hause nur ist Maß und Ziel. 



WARUM werden die Dichter beneidet: 
Weil Unart sie zuweilen kleidet, 
Und in der Welt ists große Pein, 
Daß wir nicht dürfen unartig sein. 

SO kommt denn auch das Dichtergenie 
Durch die Welt, und weiß nicht wie. 
Guten Vorteil bringt ein heitrer Sinn; 
Andern zerstört Verlust den Gewinn. 



i8io/2 WEIMAR 597 

IMMER denk ich: mein Wunsch ist erreicht, 
Und gleich gehts wieder anders her!" 
Zerstückle das Leben, du machst dirs leicht; 
Vereinige es, und du machst dirs schwer. 

BIST du denn nicht auch zugrunde gerichtet? 
Von deinen Hoffnungen trifft nichts ein!" 
Die Hoffnung ists, die sinnet und dichtet, 
Und da kann ich noch immer lustig sein. 

NICHT alles ist an Eins gebunden; 
Seid niu: nicht mit euch selbst im Streit! 
Mit Liebe endigt man, was man erfunden; 
Was man gelernt, mit Sicherheit. 

WER ims am strengsten kritisiert? 
Ein Dilettant, der sich resigniert. 

DURCH Vernünfteln wird Poesie vertrieben, 
Aber sie mag das Vernünftige lieben. 



W 



O ist der Lehrer, dem man glaubt?" 
Tu, was dir dein kleines Gemüt erlaubt. 



GLAUBST dich zu kennen, wirst Gott nicht erkennen, 
Auch wohl das Schlechte göttlich nennen. 

WER Gott ahnet, ist hoch zu halten, 
Denn er wird nie im Schlechten walten. 



M 



ACHTS einander nur nicht sauer; 
Hier sind wir gleich, Baron und Bauer. 



WARUM uns Gott so wohlgefällt: 
Weil er sich uns nie in den Weg stellt. 



W 



IE wollten die Fischer sich nähren und retten, 
Wenn die Frösche sämtlich Zähne hätten? 



598 LYRISCHE DICHTUNGEN 

WIE Kirschen und Beeren behagen, 
Mußt du Kinder und Sperlinge fragen. 

WARUM hat dich das schöne Kind verlassen? ' ' 
Ich kann sie darum doch nicht hassen: 
Sie schien zu fürchten und zu fühlen, 
Ich werde das Prävenire spielen. 

GLAUBE mir gar imd ganz, 
Mädchen, laß deine Bein' in Ruh; 
Es gehört mehr zum Tanz 
Als rote Schuh. 



WAS ich nicht weiß, 
Macht mich nicht heiß. 
Und was ich weiß. 
Machte mich heiß, 
Wenn ich nicht wüßte, 
Wie's werden müßte. 

OFT, wenn dir jeder Trost entflieht, 
Mußt du im stillen dich bequemen. 
Nur dann, wenn dir Gewalt geschieht. 
Wird die Menge an dir Anteil nehmen; 
Ums Unrecht, das dir widerfährt. 
Kein Mensch den Blick zur Seite kehrt. 



w 



AS ärgerst du dich über fälschlich Erhobne! 
Wo gab es denn nicht Eingeschobne? 



WORAUF alles ankommt? Das ist sehr simpel! 
Vater, verfüge, ehs dein Gesind spürt! 
Dahin oder dorthin flattert ein Wimpel, 
Steuermann weiß, wohin euch der Wind führt. 

EIGENHEITEN, die werden schon haften; 
Kultiviere deine Eigenschaften. 



i8io/2 WEIMAR 599 

VIEL Gewohnheiten darfst du haben, 
Aber keine Gewohnheit! 
Dies Wort, unter des Dichters Gaben, 
Halte nicht für Torheit. 

DAS Rechte, das ich viel getan, 
Das ficht mich nun nicht weiter an; 
Aber das Falsche, das mir entschlüpft, 
Wie ein Gespenst mir vor Augen hüpft. 

GEBT mir zu tun, 
Das sind reiche Gabenl 
Das Herz kann nicht mhn, 
Will zu schaffen haben. 

IHRER viele wissen viel. 
Von der Weisheit sind sie weit entfernt. 
Andre Leute sind euch ein Spiel; 
Sich selbst hat niemand ausgelernt. 

MAN hat ein Schimpf- Lied auf dich gemacht; 
Es hats ein böser Feind erdacht." 

LASS sies nur immer singen. 
Denn es wird bald verklingen. 

DAUERT nicht so lang in den Landen 
Als das: Christ ist erstanden. 

DAS dauert schon 1800 Jahr 
Und ein paar drüber, das ist wohl wahri 

WER ist denn der souveräne Mann? 
Das ist bald gesagt: 
Der, den man nicht hindern kann, 
Ob er nach Gutem oder Bösem jagt. 

ENTZWEI' imd gebiete! Tüchtig Wort; 
Verein' und leite! Beßrer Hort. 



6oo LYRISCHE DICHTUNGEN 

TAGST du einmal mich hintergehen, 
LMerk ichs, so lass ichs wohl geschehen; 
Gestehst du mirs aber ins Gesicht, 
In meinem Leben verzeih ichs nicht. 



M; 



NICHT größern Vorteil wüßt ich zu nennen, 
Als des Feindes Verdienst erkennen. 

HAT man das Gute dir erwidert.-" 
Mein Pfeil flog ab, sehr schön befiedert; 
Der ganze Himmel stand ihm offen. 
Er hat wohl irgendwo getroffen. 

WAS schnitt dein Freund für ein Gesicht?" 
Guter Geselle, das versteh ich nicht. 
Ihm ist wohl sein süß Gesicht verleidet, 
Daß er heut saure Gesichter schneidet. 

IHR sucht die Menschen zu benennen 
Und glaubt, am Namen sie zu kennen. 
Wer tiefer sieht, gesteht sich frei. 
Es ist was Anonymes dabei. 

MANCHERLEI hast du versäumet: 
Statt zu handeln, hast geträumet, 
Statt zu danken, hast geschwiegen, 
Solltest wandern, bliebest liegen." 

NEIN, ich habe nichts versäumet! 
Wißt ihr denn, was ich geträumet.- 
Nun will ich zum Danke fliegen. 
Nur mein Bündel bleibe liegen. 

HEUTE geh ich. Komm ich wieder, 
Singen wir ganz andre Lieder. 
Wo so viel sich hoffen läßt, 
Ist der Abschied ja ein Fest. 



w 



AS soll ich viel lieben, was soll ich viel hassen? 
Man lebt nur vom leben lassen. 



i8io/2 WEIMAR 60 1 

NICHTS leichter, als dem Dürftigen schmeicheln; 
Wer mag aber ohne Vorteil heucheln? 



w 



IE konnte der denn das erlangen?" 
Er ist auf Fingerchen gegangen. 



SPRICHWORT bezeichnet Nationen; 
Mußt aber erst unter ihnen wohnen. 

ERKENNE dich!— Was soll das heißen? 
Es heißt: Sei nur! und sei auch nicht! 
Es ist eben ein Spruch der lieben Weisen, 
Der sich in der Kürze widerspricht. 

ERKENNE dich!— Was hab ich da für Lohn? 
Erkenn ich mich, so muß ich gleich davon. 



A 



LS wenn ich auf den Maskenball käme 
Und gleich die Larve vom Angesicht nähme. 



ANDRE zu kennen, das mußt du probieren, 
Ihnen zu schmeicheln oder sie zu vexieren. 

WARUM magst du gewisse Schriften nicht lesen?" 
Das ist auch sonst meine Speise gewesen; 
Eilt aber die Raupe sich einzuspinnen, 
Nicht kann sie mehr Blättern Geschmack abgewinnen. 

WAS dem Enkel so wie dem Ahn frommt, 
Darüber hat man viel geträumet; 
Aber worauf eben alles ankommt, 
Das wird vom Lehrer gewöhnlich versäumet. 

VERWEILE nicht, und sei dir selbst ein Traum, 
Und wie du reisest, danke jedem Raum, 
Bequeme dich dem Heißen wie dem Kalten; 
Dir wird die Welt, du wirst ihr nie veralten. 

OHNE Umschweife 
Begreife, 
Was dich mit der Welt entzweit; 
Nicht will sie Gemüt, will Höflichkeit. 



6o2 LYRISCHE DICHTUNGEN 

GEMÜT muß verschleifen, 
Höflichkeit läßt sich mit Händen greifen. 



W 



AS eben wahr ist allerorten, 

Das sag ich mit ungescheuten Worten. 



NICHTS taugt Ungeduld, 
Noch weniger Reue; 
Jene vermehrt die Schuld, 
Diese schafft neue. 

DASS von diesem wilden Sehnen, 
Dieser reichen Saat von Tränen 
Götterlust zu hoffen sei, 
Mache deine Seele frei! 

DER entschließt sich doch gleich, 
Den heiß' ich brav imd kühn! 
Er springt in den Teich, 
Dem Regen zu entfliehn. 

DASS Glück ihm günstig sei, 
Was hilfts dem Stöfifel? 
Denn regnets Brei, 
Fehlt ihm der Löffel. 

DICHTER gleichen Bären, 
Die immer an eignen Pfoten zehren. 

DIE Welt ist nicht aus Brei und Mus geschaflfenj 
Deswegen haltet euch nicht wie Schlarafifen; 
Harte Bissen gibt es zu kauen: 
Wir müssen erwürgen oder sie verdauen. 

EIN kluges Volk wohnt nah dabei. 
Das immerfort sein Bestes wollte; 
Es gab dem niedrigen Kirchturm Brei, 
Damit er größer werden sollte. 



i8io/2 WEIMAR 603 

SECHSUNDZWANZIG Groschen gilt mein Taler! 
Was heißt ihr mich denn einen Prahler? 
Habt ihr doch andre nicht gescholten, 
Deren Groschen einen Taler gegolten. 

NIEDERTRÄCHTIGERS wird nichts gereicht, 
Als wenn der Tag den Tag erzeugt. 



w 



AS hat dir das arme Glas getan? 

Sieh deinen Spiegel nicht so häßlich an. 



LIEBESBÜCHER und Jahrgedichte 
Machen bleich und hager; 
Frösche plagten, sagt die Geschichte, 
Pharaonem auf seinem JL,ager. 

SO schließen wir, daß in die Läng 
Euch nicht die Ohren gellen; 
Vemimft ist hoch. Verstand ist streng, 
Wir rasseln drein mit Schellen. 

DIESE Worte sind nicht alle in Sachsen, 
Noch auf meinem eignen Mist gewachsen; 
Doch, was für Samen die Fremde bringt, 
Erzog ich im Lande gut gedüngt. 

UND selbst den Leuten du bon ton 
Ist dieses Büchlein lustig erschienen: 
Es ist kein Globe de Compression^ 
Sind lauter Flatterminen. 

ANNONCE 

EIN Hündchen wird gesucht. 
Das weder murrt, noch beißt, 
Zerbrochene Gläser frißt 
Und Diamanten " 

GLÜCKSELIG ist, wer Liebe rein genießt, 
Weil doch zuletzt das Grab so Lieb als Haß verschließt. 



6o4 LYRISCHE DICHTUNGEN 

ES ist ein schlechter Zeitvertreib, 
Ramdohr- und Speth- und Schreibergeschreib; 
Was sie alles gegen mich sagen. 
Wird wohl am Abend vorgetragen. 
Wie nickt das Haupt, wie schmeckt die Ruh, 
Kommt nun noch Atterbom dazu. 
* 

Derselbe setzt sich zu Gericht, 
Hat gar eine eigne Kunstgeschicht. 
* 

Das hören wii alles ohne Scherz 

In jener Gesellschaft für Geist und Herz. 

SO soll die orthographische Nacht 
Doch endlich auch ihren Tag erfahren; 
Der Freund, der so viel Worte macht. 
Er will es an den Buchstaben sparen. 

DAS BLUMENCHOR 

Zum 30. Januar 181 2 

WIR begegnen dem Entzücken, 
Wie es jeder fühlen mag. 
Und mit kindlich heitern Blicken 
Grüßen wir den schönsten Tag. 

DIE Blumen, in den Wintertagen, 
Versammeln froh sich hier zuhauf, 
Mit heitern Blicken uns zu sagen: 
An ihrem Fest blüht alles auf. 

ZUM 16. FEBRUAR 18 12 

WER Marmor hier und Erz und Elfenbein erblickt. 
Und was noch sonst von Stoff die edle Kunst be- 
schickt, 
Der denkt: Wie möchten wir mit emsigem Fleiß 
Und treuem Sinn das alles umgestalten. 
In tausend Bildern ihren hohen Preis 
Und unsre Liebe zu entfalten! 



i8io/2 WEIMAR 605 

GROSS IST DIE DIANA DER EPHESER 
Apostelgeschichte 19, 39 

ZU Ephesus ein Goldschmied saß 
In seiner Werkstatt, pochte, 
So gut er könnt, ohn Unterlaß, 
So zierlich ers vermochte. 
Als Knab und Jüngling kniet' er schon 
Im Tempel vor der Göttin Thron 
Und hatte den Gürtel unter den Brüsten, 
Worin so manche Tiere nisten, 
Zu Hause treulich nachgefeilt, 
Wie's ihm der Vater zugeteilt; 
Und leitete sein kimstreich Streben 
In frommer Wirkung durch das Leben. 

Da hört er denn auf einmal laut 

Eines Gassenvolkes Windesbraut, 

Als gäbs einen Gott so im Gehirn, 

Da! hinter des Menschen alberner Stirn, 

Der sei viel herrlicher als das Wesen, 

An dem wir die Breite der Gottheit lesen. 

Der alte Künstler horcht nur auf. 
Läßt seinen Knaben auf den Markt den Lauf, 
Feilt immer fort an Hirschen und Tieren, 
Die seiner Gottheit Kniee zieren. 
Und hofft, es könnte das Glück ihm walten, 
Ihr Angesicht würdig zu gestalten. 
* 

Wills aber einer anders halten, 

So mag er nach Belieben schalten; 

Nur soll er nicht das Handwerk schänden, 

Sonst wird er schlecht und schmählich enden. 



l8l2 

REISE NACH BÖHMEN 



IHRO DES KAISERS VON ÖSTERREICH MAJESTÄT 

ER kommt! Er naht! — Wie fühlt bei diesem Schalle 
Die Seele gleich sich ahnungsvoll bedingt! 
Doch schon befreien sich die Herzen alle 
Durch Leberuf, davon der Fels erklingt. 
Nun, Muse! streue gleich auf die im Schwalle 
Bewegte Volksflut, die den Herrn umringt, 
Den Samen aus zu würdiger Beachtung 
Des Augenblicks und ewiger Betrachtung. 

Denn wendet er in seinen weiten Reichen 
Den Blick umher nach mannigfaltgem Gut, 
So übersieht er Fülle sondergleichen, 
Die über allem ausgebreitet ruht; 
Wo Ebne sich verflächet. Berge steigen, 
Der Ähre Gold, der edlen Rebe Blut, 
Und scharenweis zum Nutzen eingehändigt 
Der Tiere Herden, die der Mensch gebändigt. 

Und wo die großen Flüsse sich ergießen 
Durch überbreites, reichbebautes Land, 
Mit schnellen Fluten manche Städte grüßen, 
Dort hält er gern das Auge hingewandt. 
Nun lass er auch des Vaterblicks genießen 
Die tiefe Stadt, die kühn sich unterwand, 
In enge Schlucht sich notgednmgen setzte, 
Vielleicht die kleinste, keineswegs die letzte. 

Weil dieses Tal, von Bergen rings umfriedet, 
Ein ungeheures Wunder sich erzeugt. 
Wo heimlich, seit Urjahren unermüdet, 
Heilsam Gewässer durch die Klüfte schleicht, 
In tiefen Höhlen ohne Feuer siedet 
Und ohne Fall hoch in die Lüfte steigt 
Und, wenn des Wirkens Leidenschaft gestillet, 
Die Felsen bildet, denen es entquillet. 

In tiefer Wildnis dieser Täler schreckte 
Des Jägers Hom die scheuen Wilde kaum. 
Er war es, der den Wunderquell entdeckte. 
Und Böhmens Karl belebt den stummen Raum. 

OOETHE XIV 39. 



6io LYRISCHE DICHTUNGEN 

Ein jeder» der zu bauen sich erkeckte 

Auf heißem Boden, an der Schlünde Saum, 

Und ferneher nun die Erkrankten ladet, 

Sieht sich mit Wald und Feld und Trift begnadet. 

So hat fortan, mit immer regem Streben, 
Natur und Kunst viel Tausenden genützt. 
Was Gott dem Bürger in die Hand gegeben, 
Wenn es der Fürst begünstigt und beschützt, 
Dann bleibt fürwahr ein unverwüstlich Leben, 
Indem der Sohn dem Vater nachbesitzt. 
Geschlechter widerstehn der größten Plage 
Und blühn und wachsen bis zum spätsten Tage. 

Vollständig ist jedoch kein Glück zu nennen, 
Wenn bei so manchem Gut das höchste fehlt; 
Wir durften das nur in der Feme kennen, 
Und Jahre haben wir umsonst gezählt. 
Erst heute mögen wir getrost bekennen, 
Wie solch ein Mangel uns bisher gequält; 
Heut fühlen wir entbehrter Regvmg Wonne: 
Der Blick des Herrn, er ist die zweite Sonne. 

Erhabne Gegenwart! die heute gründet, 

Was lange schon der Wunsch im stillen war. 

Beamte, Bürger, wechselseits entzündet, 

Beeifem sich im neuen Jubeljahr, 

Und jeder macht die Kraft, die er sich findet. 

Nach allen Seiten tätig offenbar. 

Und nun erscheint, damit der Herr sich freue, 

Das Alte fest und lebenvoll das Neue. 

Selbst jener wilde Quell, den tief im Grunde 
Kein Menschenwitz und keine Kraft beschwor, 
Ergrimmt nicht mehr am eingezwängten Schlünde, 
Ihm läßt die Weisheit nun ein offnes Tor; 
Damit der fernste Pilger hier gesunde, 
Wirft sprudelnd frei er volle Kraft hervor. 
Zerreißt nicht mehr die selbstgewölbten Decken; 
Nur heilen will er künftig, nicht erschrecken. 



1 8 1 2 REISE NACH BÖHMEN 6 1 1 

Und wo die Brunnen lau und milder wallen, 
Befiehlt der Herr, soll es auch heiter sein. 
Schon richten sich empor geraume Hallen, 
Behauner Stamm fiigt sich geviertem Stein. 
Des Herren Preis wird stets daselbst erschallen: 
Er gab uns diesen Raum, er lud uns ein! 
Uns wird die Not nicht mehr zusammendrängen, 
Behaglich soll das Wandeln sich verlangen. 

Von seines Auges mildem Blick entbrennet 
Ein heilig Feuer, das tms nie entweicht; 
Und wie man erst des Sommers Kräfte kennet. 
Wenn sich im Herbst der Trauben Fülle zeigt, 
So zeige sich, wenn er von uns getrennet, 
Der Segen wirksam, den er uns gereicht, 
Und werde so, beim glücklichsten Ereignis, 
Die kleine Stadt des großen Reiches Gleichnis. 



IHRO DER KAISERIN VON ÖSTERREICH 
MAJESTÄT 

WIE lange harren wir gewisser Kunde! 
Wie ist das Zweifeln bang, die Hoffnung süß! 
Noch schwebt sie vor, die unwillkommne Stunde, 
Da uns die Frau, die herrliche, verließ 
Und ims das letzte Wort vom Gnadenmunde 
Die Wiederkehr, die baldige, verhieß; 
Wir sollten ja in diesem stillen Tale 
Sie wiedersehn, sie sehn mit dem Gemahle. 

Doch solch ein Wort läßt immer noch in Sorgen, 

Und leider waren wir zu sehr verwöhnt; 

Erinnerten an jedem heitren Morgen, 

Wie sie ims einst den schönsten Tag verschönt 

Und unser Leben, häuslich sonst verborgen. 

Mit Herrlichkeit der Majestät gekrönt. 

Es war geschehn! Sie war tms nun entrissen. 

Und wo sie ging, wird man sie stets vermissen. 



6 1 2 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Der starre Fels, er scheint sich noch zu neigen 
Vor ihrer Hoheit, ihrer Majestät; 
Die Stämme wiegen sich, in allen Zweigen 
Von ihrer Anmut lind imd leis umweht; 
Die Blumen, die ihr Haupt im Grünen beugen, 
Erhebens forschend, wo vielleicht sie geht? 
Und mit den Büschen, die ihr Blüten streuen, 
Wetteifern all die Herzen ihrer Treuen. 

Und wenn sie sich im weiten Reich beweget. 

Nach jeder Richtung wird sogleich gefragt; 

Wenn dann der Weg sie in die Ferne traget, 

Vereitelt Hoffen bitterlich beklagt. 

Und immer neu die Hoffnung aufgereget: 

Sie wird erfüllen, was sie zugesagt; 

Erst soll es ihr und dem Gemahle glücken, 

Die Tochter und den Eidam zu erblicken. 

Es ist geschehn! Im seligsten Momente 
Begegnet sich der liebevolle Blick, 
Und was die Donau ernst und schmerzlich trennte, 
Gibt wonnevoll die Elbe nun zurück. 
Wer ist es, ders in Worte fassen könnte? 
Begünstigt ist der Höchsten größtes Glück, 
Im Drang der ahnungsvollsten Weltgewühle 
Die elterHchen, kindlichen Gefühle. 

Auf hoher Burg sodann ein festlich Prangen 
Erhebt den Geist und überrascht den Sinn: 
Denn Böhmens Hauptstadt soll das Glück erlangen, 
Des höchsten Anblicks einzigen Gewinn; 
Der Vater will die Tochter dort empfangen, 
Der Kaiser Ostreichs Frankreichs Kaiserin. 
So wird er sie am Tag der Freude führen. 
Die herrhch Fremdgewordne, zu den Ihren. 

So nah gerückt sollt es vorüberrollen, 
Ein Glück, das dann wohl immer sich verliert? 
Nein! Ihr versagt es nicht den Hoffnungsvollen, 
Sie rufen aus, was sie im Tiefsten rührt: 



1 8 1 2 REISE NACH BÖHMEN 6 1 3 

Wie unsre Brunnen immer treu gequollen, 
So unser Herz dem, der das Szepter führt, 
Und unser Tun, wie wir die Gäste pflegen, 
Verdienet seinen Blick und seinen Segen. 

Nun endlich meldet würdevoll Geläute 
Der Majestäten feierliches Nahn, 
Und an des Berges ausgeglichner Seite 
Rückt schon der Zug den Kaiserweg heran; 
Die Menge schwillt in wogenhafter Breite, 
Zu seiner Herrscher Blick drängt sie hinan. 
Verstumme, Lied! und laßt in vollen Chören 
Den Freuderuf entzückten Busens hören! 



IHRO DER KAISERIN VON FRANKREICH 
MAJESTÄT 

SIEHT man den schönsten Stern die Nacht erhellen, 
So wird das Auge wie das Herz erquickt; 
Doch wenn, in seltnen, langersehnten Fällen, 
Ein herrliches Gestirn zum andern rückt. 
Die nahverwandten Strahlen sich gesellen, 
Dann weilt ein jeder schauend, hochentzückt; 
So unser Blick, wie er hinauf sich wendet, 
Wird vom Verein der Majestät geblendet. 

Wir denken noch, wie sie hin weggezogen, 

Der Eltern Lust, die holde Friedensbraut; 

Schon beugten sich des Rheines edle Wogen, 

Die beiden Ufer lächelten vertraut; 

So freut die Erde sich am Himmelsbogen 

Von farbigen Juwelen aufgebaut. 

Der, wenn er schon vor tmsern Augen schwindet. 

Den Frieden sichert, den er angekündet. 

Im neuen Reich empfängt sie das Behagen 
Von Millionen, die aus düstrer Nacht 
Aufschauen wieder zu gesunden Tagen, 
Zum festen Leben abermals erwacht. 



6 1 4 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Ein jeder fühlt sein Herz gesichert schlagen 
Und staunet nun, denn alles ist vollbracht: 
Die holde Braut in lebensreichem Scheine — 
Was Tausende verwirrten, löst der Eine. 

Worüber trüb Jahrhunderte gesonnen, 

Er übersiehts in hellstem Geisteslicht, 

Das Kleinliche ist alles weggeronnen, 

Nur Meer und Erde haben hier Gewicht; 

Ist jenem erst das Ufer abgewonnen. 

Daß sich daran die stolze Woge bricht. 

So tritt durch weisen Schluß, durch Machtgefechte 

Das feste Land in alle seine Rechte. 

Und wenn dem Helden alles zwar gelungen. 
Den das Geschick zum Günstling auserwählt, 
Und ihm vor allen alles aufgedrungen, 
Was die Geschichte jemals aufgezählt, 
Ja reichlicher, als Dichter je gesungen! — 
Ihm hat bis jetzt das Höchste noch gefehlt; 
Nun steht das Reich gesichert wie gerundet, 
Nun fühlt er froh im Sohne sich gegründet. 

Und daß auch diesem eigne Hoheit gnüge, 
Ist Roma selbst zur Wächterin bestellt. 
Die Göttin, hehr, an ihres Königs Wiege, 
Denkt abermal das Schicksal einer Welt. 
Was sind hier die Trophäen aller Siege, 
Wo sich der Vater in dem Sohn gefällt? 
Zusammen werden sie des Glücks genießen. 
Mit milder Hand den Janustempel schließen. 

Sie, die zum Vorzug einst als Braut gelanget, 

Vermittlerin nach Götterart zu sein, 

Als Mutter, die, den Sohn im Arme, pranget, 

Befördre neuen, dauernden Verein; 

Sie kläre, wenn die Welt im Düstem banget. 

Den Himmel auf zu ewgem Sonnenschein! 

Uns sei durch sie dies letzte Glück beschieden— 

Der alles wollen kann, will auch den Frieden. 



i8i 2 REISE NACH BÖHMEN 615 

ELEONORE 

WENNS jemand ziemt, zu sprechen mit Vertrauen, 
So ziemt es mir: ich stelle heut den Chor 
Gebildeter und liebevoller Frauen, 
Der sich so gern um sie versammelt, vor. 
Mir ist vergönnt, an ihr hinaufzuschauen, 
Mich zu erquicken an dem frischen Flor, 
Der jede Stunde neuen Wert betätigt 
Und Frauenwürde ewiglich bestätigt. 

UND wärst du auch zum fernsten Ort, 
Zur kleinsten Hütte durchgedrungen, 
Was hilft es dir? du findest dort 
Tabak und böse Zungen. 

AN HERRN ABBATE BONDI 

AUS jenen Ländern echten Sonnenscheines 
Beglückten oft mich Gaben der Gefilde: 
Agrumen reizend, Feigen süß rmd milde. 
Der Mandeln Milch, die Feuerkraft des Weines. 

So manches Musenwerk erregte meines 
Nordländschen Geistes innigste Gebilde, 
Wie an Achilleus' lebensreichem Schilde 
Erfreut ich mich des günstigsten Vereines. 

Und daß ich mich daran begnügen könnte, 
War mir sogar ein Kunstbesitz bereitet, 
Erquickend mich durch Anmut wie durch Stärke. 

Doch nichts erschien im größeren Momente, 
Voll innem Werts, von so viel Glück begleitet. 
Als durch Luisen, Bondi, deine Werke. 

DEN ZUDRINGLICHEN 

WAS nicht zusammengeht, das soll sich meiden! 
Ich hindr euch nicht, wos euch beliebt, zu weiden: 
Denn ihr seid neu imd ich bin alt geboren. 
Macht, v/as ihr wollt; nur laßt mich ungeschoren! 



i8i2-i8i3 WEIMAR 



DER LIEBENDEN, VERGESSLICHEN 

zum Geburtstage 

DEM schönen Tag sei es geschrieben! 
Oft glänze dir sein heitres Licht. 
Uns hörest du nicht auf zu lieben, 
Doch bitten wir: Vergiß uns nicht! 

DEN ORIGINALEN 

EIN Quidam sagt: "Ich bin von keiner Schule; 
Kein Meister lebt, mit dem ich buhle; 
Auch bin ich weit davon entfernt, 
Daß ich von Toten was gelernt." 
Das heißt, wenn ich ihn recht verstand: 
"Ich bin ein Narr auf eigne Hand." 

GEGENWART 

ALLES kündet dich an! 
Erscheinet die herrliche Sonne, 
Folgst du, so hoff ich es, bald. 

Trittst du im Garten hervor, 
So bist du die Rose der Rosen, 
Lilie der Lilien zugleich. 

Wenn du im Tanze dich regst, 
So regen sich alle Gestirne 
Mit dir und um dich umher. 

Nacht! und so war es denn Nacht! 
Nun überscheinst du des Mondes 
Lieblichen, ladenden Glanz. 

Ladend und lieblich bist du, 
Und Blumen, Mond xmd Gestirne 
Huldigen, Sonne, nur dir. 

Sonne! so sei du auch mir 
Die Schöpferin herrlicher Tage; 
Leben und Ewigkeit ists. 



620 LYRISCHE DICHTUNGEN 

[An Amalie Wolff, geb. Malcolmi] 

ERLAUBT sei dir, in mancherlei Gestalten 
Das junge Volk und die ehrwürdgen Alten 
Zum besten, wie es dir beliebt, zu halten: 
Und Phädra, wütend, leidenschaftlich groß; 
Elisabeth, so lieb-, als schonungslos; 
Messinas Fürstin, fest, wenn das Geschick bricht; 
Jungfrau, gestählt, nur gegen Liebesblick nicht; 
Klärchen zuletzt, die jeden so verführt, 
Daß er den Kopf wie Belgiens Held verliert. 
Der Wechsel bilde dein beglücktes Reich, 
Bleibst du nur uns, den Freimden, immer gleich. . 

LASST geschafifne Ritter kämpfen, 
Reiche retten. Feinde dämpfen, 
Wie so manche Lanze brach. 
Tilget, edle Legionen, 
Tief bedrängter Nationen 
Langertragne, dumpfe Schmach! 

Listges Weichen, falsche Flucht, 
Waffen gegen Eifersucht, 
Mächtiger als Lanz und Stahl. 
Mußt dich ja des Trugs nicht schämen: 
Leisetreten, klug Benehmen, 
Sie betören den Rival. 

DIE Wolle, sie ist gut und fein. 
Jedoch die Arbeit nicht zu loben, 
Mag leidlich gekrempelt, gesponnen sein. 
Aber abscheulich schlecht gewoben. 

Was man von Reinhard sagen kann, 
Das sagt man nicht von Böttigers Witze: 
War jener ein gevierter Mann, 
Der ist ein Drehdorl auf der Spitze. 

Zwar Böttiger macht gar manchen Knicks, 
Doch oft passiert ihm auch ein Knacks: 
Mit griechschen Namen ist er fix, 
Doch schlecht verdankt es ihm Demonax. 



1 



i8i2/3 WEIMAR 621 

DIE LUSTIGEN VON WEIMAR 

DONNERSTAG nach Belvedere, 
Freitag gehts nach Jena fort: 
Denn das ist, bei meiner Ehre, 
Doch ein allerliebster Ort! 
Samstag ists, worauf wir zielen, 
Sonntag rutscht man auf das Land; 
Zwätzen, Burgau, Schneidemühlen 
Sind ims alle wohlbekannt, 

Montag reizet uns die Bühne; 
Dienstag schleicht dann auch herbei, 
Doch er bringt zu stiller Sühne 
Ein Rapuschchen frank rmd frei. 
Mittwoch fehlt es nicht an Rührung, 
Denn es gibt ein gutes Stück; 
Donnerstag lenkt die Verfühnmg 
Uns nach Belveder' zurück. 

Und es schlingt unvmterbrochen 
Immer sich der Freudenkreis 
Durch die zweiundfunfzig Wochen, 
Wenn mans recht zu führen weiß. 
Spiel und Tanz, Gespräch, Theater, 
Sie erfrischen unser Blut; 
Laßt den Wienern ihren Prater; 
Weimar, Jena, da ists gut! 

PARABEL 

IN einer Stadt, wo Parität 
Noch in der alten Ordnung steht. 
Da, wo sich nämlich Katholiken 
Und Protestanten ineinander schicken, 
Und, wie's von Vätern war erprobt. 
Jeder Gott auf seine Weise lobt, 
Da lebten wir Kinder Lutheraner 
Von etwas Predigt und Gesang, 
Waren aber dem Kling und Klang 
Der Kathohken nur zugetaner: 



62 2 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Denn alles war doch gar zu schön, 
Bunter und lustiger anzusehn. 

Dieweil nun Aflfe, Mensch und Kind 

Zur Nachahmung geboren sind, 

Erfanden wir, die Zeit zu kürzen, 

Ein auserlesnes Pfaffenspiel: 

Zum Chorrock, der uns wohlgefiel, 

Gaben die Schwestern ihre Schürzen; 

Handtücher, mit Wirkwerk schön verziert, 

Wurden zur Stola travestiert; 

Die Mütze mußte den Bischof zieren, 

Von Goldpapier mit vielen Tieren. 

So zogen wir nun im Ornat 
Durch Haus und Garten, früh und spat, 
Und wiederholten ohne Schonen 
Die sämtlichen heiligen Funktionen; 
Doch fehlte noch das beste Stück. 
Wir wußten wohl, ein prächtig Läuten 
Habe hier am meisten zu bedeuten; 
Und nun begünstigt uns das Glück: 
Denn auf dem Boden hing ein Strick. 
Wir sind entzückt, und wie wir diesen 
Zum Glockenstrang sogleich erkiesen. 
Ruht er nicht einen Augenblick: 
Denn wechsehid eilten wir Gesqhwister, 
Einer ward um den andern Küster, 
Ein jedes drängte sich hinzu. 
Das ging nun allerliebst vonstatten, 
Und weil wir keine Glocken hatten. 
So sangen wir Bum Baum dazu. 

* 
Vergessen, wie die ältste Sage, 
War der unschuldge Kinderscherz; 
Doch grade diese letzten Tage 
Fiel er mit einmal mir aufs Herz: 
Da sind sie ja, nach allen Stücken, 
Die neupoetischen Katholiken! 



i5i2/3 WEIMAR 623 

IHRO KAISERLICHEN HOHEIT DER FRAU 

ERBGROSSHERZOGIN VON SACHSEN-WEIMAR 

UND -EISENACH 



Z 



U würdiger Umgebung deines Bildes, 
Wie es mir immerfort im Geiste waltet, 
Wählt ich in Tagen, wo der Frühling schaltet. 
Des Gartens Blumen, Blumen des Gefildes. 



Dann schien der Rand des Achilleischen Schildes, 
So reich er war, nicht reich genug gestaltet; 
Ja, würd ein Purpurteppich umgefaltet. 
Darauf gesät der Sterne blendend Mildes. 

Nun aber wird ein zierlich Heft geschmücket. 
Ein treuer Diener widmets deiner Hoheit, 
Und du vergönnest mir die erste Weihe. 

Wie Sprech ich aus, wie sehr mich das beglücket? 
Jetzt fühl ich erst in neubelebter Froheit: 
Die schönsten Kränze winden Lieb und Treue. 

STAMMBUCHS- WEIHE 

MUNTRE Gärten lieb ich mir, 
Viele Blumen drinne. 
Und du hast so einen hier, 
Merk ich wohl, im Sinne. 

Mögen Wünsche für dein Glück 
Tausendfach erscheinen; 
Grüße sie mit heitrem Blick, 
Und voran die meinen. 

TRAUERREGLEMENT 

DIESES Heft Persönlichkeiten 
Spar ich euch auf späte Zeiten: 
Scheidend will ich nicht betrüben, 
Ihr sollt lachen, meine Lieben. 



i8i3 
REISE NACH BÖHMEN 



GOETHE XIV 40. 



DER GETREUE ECKART 

O wären wir weiter, o war ich zu Haus! 
Sie kommen. Da kommt schon der nächthche Graus; 
Sie sinds, die unholdigen Schwestern. 
Sie streifen heran und sie finden uns hier, 
Sie trinken das mühsam geholte, das Bier, 
Und lassen nur leer uns die Krüge. 

So sprechen die Kinder und drücken sich schnell; 

Da zeigt sich vor ihnen ein alter Gesell: 

Nur stille, Kind! Kinderlein, stille! 

Die Hulden, sie kommen von durstiger Jagd, 

Und laßt ihr sie trinken, wie's jeder behagt. 

Dann sind sie euch hold, die Unholden. 

Gesagt so geschehn! und da naht sich der Graus 
Und siehet so grau und so schattenhaft aus. 
Doch schlürft es und schlampft es aufs beste. 
Das Bier ist verschwunden, die Krüge sind leer; 
Nun saust es und braust es, das wütige Heer, 
Ins weite Getal und Gebirge. 

Die Kinderlein ängstlich gen Hause so schnell. 

Gesellt sich zu ihnen der fromme Gesell: 

Ihr Püppchen, nur seid mir nicht traurig. — 

Wir kriegen nun Schelten und Streich' bis aufs Blut.— 

Nein keineswegs, alles geht herrlich und gut. 

Nur schweiget imd horchet wie Mäuslein. 

Und der es euch anrät und der es befiehlt, 

Er ist es, der gern mit den Kindelein spielt. 

Der alte Getreue, der Eckart. 

Vom Wundermann hat man euch immer erzählt, 

Nur hat die Bestätigung jedem gefehlt, 

Die habt ihr nun köstlich in Händen. 

Sie kommen nach Hause, sie setzen den Krug 
Ein jedes den Eltern bescheiden genug 
Und harren der Schlag und der Schelten, 
Doch siehe, man kostet: Ein herrliches Bier! 
Man trinkt in die Runde schon dreimal und vier. 
Und noch nimmt der Krug nicht ein Ende. 



628 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Das Wunder, es dauert zum morgenden Tag. 
Doch fraget, wer immer zu fragen vermag: 
Wie ists mit den Krügen ergangen? 
Die Mäuslein, sie lächeln, im stillen ergetzt; 
Sie stammeln und stottern und schwatzen zuletzt. 
Und gleich sind vertrocknet die Krüge. 

Und wenn euch, ihr Kinder, mit treuem Gesicht 
Ein Vater, ein Lehrer, ein Aldermann spricht, 
So horchet und folget ihm pünktlich! 
Und liegt auch das Zünglein in peinlicher Hut, 
Verplaudern ist schädlich, verschweigen ist gut; 
Dann füllt sich das Bier in den Krügen. 

DER TOTENTANZ 

DER Türmer, der schaut zumitten der Nacht 
Hinab auf die Gräber in Lage; 
Der Mond, der hat alles ins Helle gebracht. 
Der Kirchhof, er liegt wie am Tage. 
Da regt sich ein Grab und ein anderes dann: 
Sie kommen hervor, ein Weib da, ein Mann, 
In weißen und schleppenden Hemden. 

Das reckt nun, es will sich ergetzen sogleich. 

Die Knöchel zur Runde, zum Kranze, 

So arm imd so jung, und so alt und so reich; 

Doch hindern die Schleppen am Tanze. 

Und weil hier die Scham nun nicht weiter gebeut, 

Sie schütteln sich alle, da liegen zerstreut 

Die Hemdelein über den Hügeln. 

Nim hebt sich der Schenkel, nun wackelt das Bein, 

Gebärden da gibt es vertrackte; 

Dann klipperts und klapperts mitunter hinein, 

Als schlug man die Hölzlein zum Takte. 

Das kommt nun dem Türmer so lächerhch vor; 

Da raunt ihm der Schalk, der Versucher, ins Ohr: 

Geh! hole dir einen der Laken. 



i8i 3 REISENACH BÖHMEN 629 

Getan wie gedacht! und er flüchtet sich schnell 

Nun hinter geheiligte Türen. 

Der Mond, und noch immer er scheinet so hell 

Zum Tanz, den sie schauderlich führen. 

Doch endlich verlieret sich dieser und der, 

Schleicht eins nach dem andern gekleidet einher, 

Und husch ist es unter dem Rasen. 

Nur einer, der trippelt und stolpert zuletzt 
Und tappet und grapst an den Grüften; 
Doch hat kein Geselle so schwer ihn verletzt, 
Er wittert das Tuch in den Lüften. 
Er rüttelt die Turratür, sie schlägt ihn zurück. 
Geziert und gesegnet, dem Türmer zum Glück, 
Sie blinkt von metallenen Kreuzen. 

Das Hemd muß er haben, da rastet er nicht, 

Da gilt auch kein langes Besinnen; 

Den gotischen Zierat ergreift nun der Wicht 

Und klettert von Zinne zu Zinnen. 

Nun ists um den armen, den Türmer getan! 

Es ruckt sich von Schnörkel zu Schnörkel hinan. 

Langbeinigen Spinnen vergleichbar. 

Der Türmer erbleichet, der Türmer erbebt, 

Gern gab er ihn wieder, den Laken. 

Da häkelt—jetzt hat er am längsten gelebt— 

Den Zipfel ein eiserner Zacken, 

Schon trübet der Mond sich, verschwindenden Scheins, 

Die Glocke, sie donnert ein mächtiges Eins, 

Und unten zerschellt das Gerippe. 

GEWOHNT, GETAN 

ICH habe geliebet, nun lieb ich erst recht! 
Erst war ich der Diener, nun bin ich der Knecht. 
Erst war ich der Diener von allen; 
Nun fesselt mich diese scharmante Person, 
Sie tut mir auch alles zur Liebe, zum Lohn, 
Sie kann nur allein mir gefallen. 



630 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Ich habe geglaubet, nun glaub ich erst recht! 1 

Und geht es auch wunderlich, geht es auch schlecht, ^ 
Ich bleibe beim gläubigen Orden: 
So düster es oft und so dunkel es war 
In drängenden Nöten, in naher Gefahr, 
Auf einmal ists lichter geworden. 

Ich habe gespeiset, nun speis ich erst gut! 

Bei heiterem Sinne, mit fröhlichem Blut 

Ist alles an Tafel vergessen. 

Die Jugend verschlingt nur, dann sauset sie fort; 

Ich liebe, zu tafeln am lustigen Ort, 

Ich kost und ich schmecke beim Essen. 

Ich habe getrunken, nun trink ich erst gern! 

Der Wein, er erhöht uns, er macht uns zum Herrn 

Und löset die sklavischen Zungen. 

Ja, schonet niu: nicht das erquickende Naß: 

Denn schwindet der älteste Wein aus dem Faß, 

So altem dagegen die jungen. 

Ich habe getanzt und dem Tanze gelobt. 

Und wird auch kein Schleifer, kein Walzer getobt, 

So drehn wir ein sittiges Tänzchen. 

Und wer sich der Blumen recht viele verflicht, 

Und hält auch die ein und die andere nicht, 

Ihm bleibet ein munteres Kjänzchen. 

Drum frisch nur aufs neue! Bedenke dich nicht: 
Denn wer sich die Rosen, die blühenden, bricht. 
Den kitzeln fürwahr nur die Dornen. 
So heute wie gestern, es flimmert der Stern; 
Nur halte von hängenden Köpfen dich fern 
Und lebe dir immer von vornen. 

DIE WANDELNDE GLOCKE 

ES war ein Kind, das wollte nie 
Zur Kirche sich bequemen, 
Und Sonntags fand es stets ein Wie, 
Den Weg ins Feld zu nehmen. 



1 8 1 3 REISE NACH BÖHMEN 631 

Die Mutter sprach: Die Glocke tönt, 
Und so ist dirs befohlen, 
Und hast du dich nicht hingewöhnt, 
Sie kommt vmd wird dich holen. 

Das Kind, es denkt: Die Glocke hängt 
Da droben auf dem Stuhle. 
Schon hats den Weg ins Feld gelenkt, 
Als lief es aus der Schule. 

Die Glocke Glocke tönt nicht mehr. 
Die Mutter hat gefackelt. 
Doch welch ein Schrecken hinterher! 
Die Glocke kommt gewackelt. 

Sie wackelt schnell, man glaubt es kaum; 
Das arme Kind im Schrecken, 
Es lauft, es kommt als wie im Traum; 
Die Glocke wird es decken. 

Doch nimmt es richtig seinen Husch, 
Und mit gewandter Schnelle 
Eilt es durch Anger, Feld und Busch 
Zur Kirche, ztu: Kapelle. 

Und jeden Sonn- und Feiertag 
Gedenkt es an den Schaden, 
Läßt durch den ersten Glockenschlag, 
Nicht in Person sich laden. 

MEMENTO 

KANNST dem Schicksal widerstehen, 
Aber manchmal gibt es Schläge; 
Wills nicht aus dem Wege gehen, 
Ei! so geh du aus dem Wege! 

EIN ANDRES 

MUSST nicht widerstehn dem Schicksal, 
Aber mußt es auch nicht fliehen! 
Wirst du ihm entgegengehen, 
Wirds dich freundlich nach sich ziehen. 



i8i3 WEIMAR 

UND REISE NACH ILMENAU 



DIE ZWEI MARIEN 

T\ER hats den Engeln, der den Teufeln abgelauscht; 
•^-^Franzos und Deutscher haben die Rollen getauscht. 

IM VORÜBERGEHN 

ICH ging im Felde 
JLSo für mich hin, 
Und nichts zu suchen, 
Das war mein Sinn. 

Da stand ein Blümchen 
Sogleich so nah, 
Daß ich im Leben 
Nichts lieber sah. 

Ich wollt es brechen, 
Da sagt es schleunig: 
Ich habe Wurzeln, 
Die sind gar heimlich. 

Im tiefen Boden 
Bin ich gegründet; 
Drum sind die Blüten 
So schön gerundet. 

Ich kann nicht liebeln, 
Ich kann nicht schranzen; 
Mußt mich nicht brechen, 
Mußt mich verpflanzen. 

* 

Ich ging im Walde 
So vor mich hin; 
Ich war so heiter, 
Wollt immer weiter — 
Das war mein Sinn. 

GEFUNDEN 

ICH ging im Walde 
So für mich hin. 
Und nichts zu suchen, 
Das war mein Sinn. 



6s6 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Im Schatten sah ich 
Ein Blümchen stehn, 
Wie Sterne leuchtend, 
Wie Äuglein schön. 

Ich wollt es brechen, 
Da sagt' es fein: 
Soll ich zum Welken 
Gebrochen sein? 

Ich grubs mit allen 
Den Würzlein aus, 
Zum Garten trug ichs 
Am hübschen Haus. 

Und pflanzt es wieder 
Am stillen Ort; 
Nun zweigt es immer 
Und blüht so fort. 



DA sind sie wieder, 
Die losen Dinger! 
An hübschen Händchen 
Gar sechs der Finger! 

Es rühmt das Volk sich 
Als Zeitgefährte 
Und ziert gar lieblich 
Geschorne Barte. 

Kein Schneider kleidet 
So viele Nackte, 
Wenn er auch Höllen 
Aus Höllen packte. 

Sie wären H . . . ., 
Wenn man sie würbe; 
Doch ist ihr Leibchen 
Nur 2:ar zu mürbe. 



i8i3 WEIMAR 637 

Man ignorieret, 
Woher sie kamen. 
Ich nannte zweimal 
Schon ihren Namen. 

OFFNE TAFEL 

VIELE Gäste wünsch ich heut 
Mir zu meinem Tische! 
Speisen sind genug bereit, 
Vögel, Wild und Fische. 
Eingeladen sind sie ja, 
Habens angenommen. 

Hänschen, geh und sieh dich um! 
Sieh mir, ob sie kommen! 

Schöne Kinder hoff ich nun, 
Die von gar nichts wissen, 
Nicht, daß es was Hübsches sei, 
Einen Freund zu küssen. 
Eingeladen sind sie all, 
Habens angenommen. 

Hänschen, geh und sieh dich um! 

Sieh mir, ob sie kommen! 

Frauen denk ich auch zu sehn, 
Die den Ehegatten, 
Ward er immer brummiger, 
Immer lieber hatten. 
Eingeladen wurden sie, 
Habens angenommen. 

Hänschen, geh imd sieh dich uml 

Sieh mir, ob sie kommen! 

Junge Herrn berief ich auch, 
Nicht im mindsten eitel, 
Die sogar bescheiden sind 
Mit gefülltem Beutel; 
Diese bat ich sonderlich, 
Habens angenommen. 

Hänschen, geh und sieh dich um! 

Sieh mir, ob sie kommen! 



638 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Männer lud ich mit Respekt, 
Die auf ihre Frauen 
Ganz allein, nicht neben aus 
Auf die Schönste schauen. 
Sie erwiderten den Gruß, 
Habens angenommen. 

Hänschen, geh und sieh dich um! 

Sieh mir, ob sie kommen! 

Dichter lud ich auch herbei, 

Unsre Lust zu mehren, 

Die weit lieber ein fremdes Lied 

Als ihr eignes hören. 

Alle diese stimmten ein, 

Habens angenommen. 

Hänschen, geh und sieh dich um! 

Sieh mir, ob sie kommen! 

Doch ich sehe niemand gehn, 
Sehe niemand rennen! 
Suppe kocht und siedet ein, 
Braten will verbrennen. 
Ach, wir habens, furcht ich nun, 
Zu genau genommen! 

Hänschen, sag, was meinst du wohl? 

Es wird niemand kommen. 

Hänschen, lauf und säume nicht, 

Ruf mir neue Gäste! 

Jeder komme, wie er ist. 

Das ist wohl das beste! 

Schon ists in der Stadt bekannt, 

Wohl ists aufgenommen. 

Hänschen, mach die Türen auf: 
Sieh nur, wie sie kommen! 



i8i3 WEIMAR 639 

BALLADE 

HEREIN, o du Guter! du Alter, herein! 
Hier unten im Saale, da sind wir allein, 
Wir wollen die Pforte verschließen. 
Die Mutter, sie betet; der Vater im Hain 
Ist gangen, die Wölfe zu schießen. 
O sing uns ein Märchen, o sing es uns oft, 
Daß ich und der Bruder es lerne; 
Wir haben schon längst einen Sänger gehofft — 
Die Kinder, sie hören es gerne. 

Im nächtlichen Schrecken, im feindlichen Graus 

Verläßt er das hohe, das herrliche Haus, 

Die Schätze, die hat er vergraben. 

Der Graf nun so eilig zum Pförtchen hinaus. 

Was mag er im Arme denn haben: 

Was birget er unter dem Mantel geschwind,^ 

Was trägt er so rasch in die Ferne. ^ 

Ein Töchterlein ist es, da schläft nun das Kind — 

Die Kinder, sie hören es gerne. 

Nun hellt sich der Morgen, die Welt ist so weit. 

In Tälern und Wäldern die Wohnung bereit, 

In Dörfern erquickt man den Sänger. 

So schreitet und heischt er undenkliche Zeit, 

Der Bart wächst ihm länger und länger; 

Doch wächst in dem Arme das liebliche Kind, 

Wie unter dem glücklichsten Sterne, 

Geschützt in dem Mantel vor Regen und Wind — 

Die Kinder, sie hören es gerne. 

Und immer sind weiter die Jahre gerückt, 

Der Mantel entfärbt sich, der Mantel zerstückt, 

Er könnte sie länger nicht fassen. 

Der Vater, er schaut sie, wie ist er beglückt! 

Er kann sich für Freude nicht lassen; 

So schön und so edel erscheint sie zugleich. 

Entsprossen aus tüchtigem Kerne, 

Wie macht sie den Vater, den teuren, so reich — 

Die Kinder, sie hören es gerne. 



640 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Da reitet ein fürstlicher Ritter heran, 

Sie recket die Hand aus, der Gabe zu nahn; 

Almosen will er nicht geben. 

Er fasset das Händchen so kräftiglich an: 

Die will ich, so ruft er, aufs Leben! 

Erkennst du, erwidert der Alte, den Schatz, 

Erhebst du zur Fürstin sie gerne; 

Sie sei dir verlobet auf grünendem Platz— 

Die Kinder, sie hören es gerne. 

Sie segnet der Priester am heiligen Ort; 

Mit Lust imd mit Unlust nun ziehet sie fort, 

Sie möchte vom Vater nicht scheiden. 

Der Alte, er wandelt nun hier und bald dort, 

Er traget in Freuden sein Leiden. 

So hab ich mir Jahre die Tochter gedacht, 

Die Enkelein wohl in der Ferne; 

Sie segn ich bei Tage, sie segn ich bei Nacht— 

Die Kinder, sie hören es gerne. 

Er segnet die Kinder; da polterts am Tor, 

Der Vater, da ist er! Sie springen hervor, 

Sie können den Alten nicht bergen — 

Was lockst du die Kinder! du Bettler! du Tor! 

Ergreift ihn, ihr eisernen Schergen! 

Zum tiefsten Veriies den Verwegenen fort! 

Die Mutter vemimmts in der Ferne, 

Sie eilet, sie bittet mit schmeichelndem Wort— 

Die Kinder, sie hören es gerne. 

Die Schergen, sie lassen den Würdigen stehn, 

Und Mutter und Kinder, sie bitten so schön; 

Der fürstliche Stolze verbeißet 

Die grimmige Wut, ihn entrüstet das Flehn, 

Bis endlich sein Schweigen zerreißet: 

Du niedrige Brut! du vom Bettlergeschlechtl 

Verfinsterung fürstlicher Sterne! 

Ihr bringt mir Verderben! Geschieht mir doch recht- 

Die Kinder, sie hörens nicht gerne. 



i8i3 WEIMAR 641 

Noch stehet der Alte mit herrlichem Blick, 

Die eisernen Schergen, sie treten zurück, 

Es wächst nur das Toben und Wüten. 

Schon lange verflucht ich mein ehliches Glück, 

Das sind nun die Früchte der Blüten! 

Man leugnete stets, und man leugnet mit Recht, 

Daß je sich der Adel erlerne; 

Die Bettlerin zeugte mir Bettlergeschlecht — 

Die Kinder, sie hörens nicht gerne. 

Und wenn euch der Gatte, der Vater verstößt 

Die heiligsten Bande verwegentlich löst. 

So kommt zu dem Vater, dem Ahnen! 

Der Bettler vermag, so ergraut und entblößt, 

Euch herrliche Wege zu bahnen. 

Die Burg, die ist meine! Du hast sie geraubt, 

Mich trieb dein Geschlecht in die Ferne; 

Wohl bin ich mit köstlichen Siegeln beglaubt! — 

Die Kinder, sie hören es gerne. 

Rechtmäßiger König, er kehret zurück. 

Den Treuen verleiht er entwendetes Glück, 

Ich löse die Siegel der Schätze. — 

So rufet der Alte mit freundlichem Blick: 

Euch künd ich die milden Gesetze. 

Erhole dich, Sohn! Es entwickelt sich gut, 

Heut einen sich sehge Sterne; 

Die Fürstin, sie zeugte dir fürstliches Blut— 

Die Kinder, sie hören es gerne. 

REGEN UND REGENBOGEN 

AUF schweres Gewitter und Regenguß 
Blick' ein Philister zum Beschluß 
Ins weiterziehende Grause nach. 
Und so zu seinesgleichen sprach: 
Der Donner hat uns sehr erschreckt, 
Der Blitz die Scheunen angesteckt, 
Und das war unsrer Sünden Teil! 
Dagegen hat, zu frischem Heil, 

GOETHE XIV 4«. 



642 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Der Regen fruchtbar uns erquickt 
Und für den nächsten Herbst beglückt. 
Was kommt nun aber der Regenbogen 
An grauer Wand herangezogen? 
Der mag wohl zu entbehren sein, 
Der bunte Trug! der leere Schein! 

Frau Iris aber dagegen sprach: 

Erkühnst du dich zu meiner Schmach? 

Doch bin ich hier ins All gestellt 

Als Zeugnis einer bessern Welt, 

Für Augen, die vom Erdenlauf 

Getrost sich wenden zum Himmel auf 

Und in der Dünste trübem Netz 

Erkennen Gott und sein Gesetz. 

Drum wühle du, ein andres Schwein, 

Nur immer den Rüssel in den Boden hinein 

Und gönne dem verklärten Blick 

An meiner Herrlichkeit sein Glück. 



ANGEBINDE ZUR RÜCKKEHR 

DIE Freundin war hinausgegangen, 
Um in der Welt sich umzutun; 
Nun wird sie bald nach Haus gelangen 
Und auf gewohnte Weise ruhn. 
Und neigt sie dann das artge Köpfchen, 
Umwunden reich von Zopf und Zöpfcheu, 
Nach einem kissenreichen Sitzchen, 
So bietet freundlich ihr das Mützchen. 



EIGENTUM 

ICH weiß, daß mir nichts angehört 
Als der Gedanke, der ungestört 
Aus meiner Seele will fließen. 
Und jeder günstige Augenblick, 
Den mich ein liebendes Geschick 
Von Grund aus läßt genießen. 



i8i3 WEIMAR 643 

[Von Goethe?] 

HÖCHSTES hast du vollbracht, mein Volk, Schmach- 
volles erduldet; 
Stets dir selber nur gleich hast du das Schönste bewahrt. 
Wirst du dereinst dich, deiner bewußt, .... 

DIE JAHRE 

DIE Jahre sind allerliebste Leut: 
Sie brachten gestern, sie bringen heut, 
Und so verbringen wir Jüngern eben 
Das allerliebste Schlaraflfen- Leben. 
Und dann fällts den Jahren auf einmal ein, 
Nicht mehr, wie sonst, bequem zu sein; 
Wollen nicht mehr schenken, wollen nicht mehr borgen, 
Sie nehmen heute, sie nehmen morgen. 

DAS ALTER 

DAS Alter ist ein höflich Mann: 
Einmal übers andre klopft er an; 
Aber nun sagt niemand: Herein! 
Und vor der Türe will er nicht sein. 
Da klinkt er auf, tritt ein so schnell, 
Und nun heißts, er sei ein grober Gesell. 



NACHTRAG 



[In das Stammbuch von Johann Christoph Claras] 
[Zu Seite 12] 

CES lignes, mon ami, que je vais Vous dcrire, 
Vous marquent mon amour, quand Vous irez les lire. 
Le seul de mes souhaits c'est: jusqu'ä mon trepas, 
Ami, m'aimez toujours, et ne m'oubliez pas. 

ce 18. Avril 1764. JWGoethe. 

[In das Stammbuch von Georg Gröning] 
[Zu Seite 68] 

W''AS unterm Monde liegt, ist eitel! 
Sprach Salorao und Phanias; 
Und Goethe spricht heut abend eben das. 

Leipzig, am Abend vor dem 28. August, dem Tage seiner 
Abreise, 1768. 



GUTE NACHT AN ANNETTEN, 

DA SIE HEURATETE 

[Zu Seite 82] 

WENN man zwanzig Freier zählet 
Keinen liebt und alle quälet, 
Alle liebt und keinen wählet, 
Das ist eine stolze Lust 
Für so eines Mädchens Brust. 
Wenn so zwanzig bettlend stehn, 
O wie lebt sichs da so schön! 
Ist wohl eine Wollust größer: 
Doch im Ehstand sitzt man besser. 

Zwar mit Freuden und mit Scherzen 

In zwei kopulierten Herzen 

Ists wie mit den Hochzeitkerzen. 

Glänzend leuchten sie im Saal 

Und verherrlichen das Mahl, 

Aber so nach zehen Uhr 

Bleiben kleine Stümpfchen nur; 

Damit leuchte dir zu Bette! 

Gute Nacht! Schlaf wohl, Annette! 



648 LYRISCHE DICHTUNGEN 

SALOMONS,KÖNIGSVONISRAELUNDJUDA,GÜLD- 

NE WORTE VON DER ZEDER BIS ZUM YSOP 

\Zu Seite 1^6] 

I 

ES stand eine herrliche Zeder auf Libanon in ihrer Kraft 
vor dem Antlitz des Himmeis. Und daß sie so strack da- 
stund, des ergrimmten die Dornsträuche umher und riefen: 
Wehe dem Stolzen, er überhebt sich seines Wuchses! Und 
wie die Winde die Macht seiner Äste bewegten, und Bal- 
samgeruch das Land erfüllte, wandten sich die Dörner und 
schrien: Wehe dem Übermütigen, sein Stolz braust auf wie 
Wellen des Meers; verdirb ihn, Heiliger vom Himmel! 

2 
Eine Zeder wuchs auf zwischen Tannen, sie teilten mit ihr 
Regen und Sonnenschein. Und sie wuchs, und wuchs über 
ihre Häupter und schaute weit ins Tal umher. Da riefen die 
Tannen: Ist das der Dank, daß du dich nun überhebest, dich, 
die du so klein wärest, dich, die wir genährt haben! Und die 
Zeder sprach: Rechtet mit dem, der mich wachsen hieß. 

3 
Und um die Zeder stunden Sträucher. Da nun die Männer 
kamen vom Meer und die Axt ihr an die Wurzel legten, 
da erhub sich ein Frohlocken: Also strafet der Herr die 
Stolzen, also demütigt er die Gewaltigen! 

4 
Und sie stürzte und zerschmetterte die Frohlocker, die 
verzettelt wurden unter dem Reisig. 

5 
Und sie stürzte und rief: Ich habe gestanden, und ich werde 
stehen! Und die Männer richteten sie auf zum Mäste im 
Schilfe des Königs, und die Segel wehten von ihm her, 
und brachte die Schätze aus Ophir in des Königs Kammer. 

6 
Eine junge Zeder wuchs schlank auf und schnell und drohte 
die andern zu überwachsen. Da beneideten sie alle. Und 
ein Held kam und hieb sie nieder, und stutzte ihre Äste, 
sich zur Lanze wider die Riesen. Da riefen ihre Brüder: 
Schade! Schade! 



NACHTRAG 649 

7 

Die Eiche sprach: Ich gleiche dir, Zeder! Tor! sagte die 
Zeder, als wollt ich sagen, ich gleiche dir. 



Zwei Birken stritten: wer der Zeder am nächsten käme, 
Birken seid ihr! sagte die Zeder. 

9 

Uns ist wohl, sagte ein brüderlich gleicher Tannenwald 
zur Zeder, wir sind so viel, und du stehst allein. Ich habe 
auch Brüder, sagte die Zeder, wenngleich nicht auf die- 
sem Berge. 

10 
Ein Wald ward ausgehauen, die Vögel vermißten ihre Woh- 
nungen, flatterten umher und klagten: Was mag der Fürst 
für Absichten haben! den Wald! den schönen Wald! Unsre 
Nester! Da sprach einer, der aus der Residenz kam, ein 
Papagei: Absicht, Brüder? Er weiß nichts drum. 



Ein Mädchen brach Rosen vom Strauch und kränzte ihr 
Haupt mit. Das verdroß die Zeder und sprach: Warum 
nimmt sie nicht von meinen Zweigen? Stolzer, sagte der 
Rosenstock, laß mir die meinen! 



Ein Wandrer, der unter der Eiche Mittagsruh gehalten 
hatte, erwachte, streckte sich, stand auf und wollte weiter. 
Der Baum rief ihm zu: Undankbarer! Hab ich dir nicht 
meinen Schatten ausgebreitet? und nun nicht einen Blick! 
Du! mir! lächelte der Wandrer zurückschauend. 



13 
Das Gräslein, da der Wind drüber spielte, ergötzte sich 
und rief: Bin ich doch auch da, bin ich doch auch gebildet, 
klein, aber schön, und bin!— Gräslein in Gottes Namen, 
sagte die Zeder. 



650 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Ein Waldstrom stürzte die Tannen drunter und drüber ins 
Tal herab und Sträucher und SprößUng' und Gräser und 
Eichen. Ein Prophete rief zuschauend vom Fels: Alles ist 
gleich vor dem Herrn. 

Ha, sagte die Zeder, wer von meinen Zweigen brechen will, 
muß hoch steigen! Ich, sagte die Rose, habe Dornen. 



ALS AUF EINEM LANDGUT BEI KOPENHAGEN 
DREI URNEN GEFUNDEN WURDEN 

[Von Goethe? Zu Seite 16^] 
TN Siegesfrieden ruhe 
JlHeldengebein 

Dreier Edlen, freier Vorzeit Söhne. 
Fromme fanden dich, gaben dich wieder, 
Mit Ehrfurcht segnend, 
Dem kühlen Hügel, der auch ihrer harrt. 

[In das Stammbuch von ?] 
[Zu Seite 260] 

ALLE gleichen wir uns, denn wir sind eines Geschlechtes; 
„ Allen gleichen wir nicht, sagt einem jeden das Herz. 
Weimar, den i.Jan. 1785. Goethe. 

EDELKNABE UND WAHRSAGERIN 
[Entwurf zu einer Elegie; zu Seite 281] 

KENNT ihr die Dirne mit lauerndem Blick und raschen 
Gebärden? 
Die Schalkin, sie heißt Gelegenheit; lernt sie nur kennen! 
Sie erscheinet euch oft, immer in andrer Gestalt. 
Gern betrügt sie den Unerfahrenen, den Blöden, 
Schlummernde neckt sie stets, Wachende flieht sie eilends. 
Und die Unschuld betört sie, der kömmt sie am leichtsten. 
Einst erschien sie dem Knaben, ein bräunliches Mädchen, 

die Arme, 
Nacken und Busen und Leib nicht allzu sittig verhüllt. 



NACHTRAG 651 

Zukünftges deutend zeigte ihr Finger nach oben, 

Bog ihren Hals sie nach vorn; 

Ungeflochtnes Haar krauste vom Scheitel sich auf; 

Lockend war ihre Miene, doch schaute der Bube nicht auf, 

Wie sehr sie sich mühte, des Harmlosen Auge zu fangen, 

Er hört' sie nur halb, 

Dacht an sein Lied. Doch stille!— Die Dirne ist weg — 

Degen und Schärpe verschwunden, die ihm die Liebste gab. 

[Römische Elegien] 
{Zu Seite 294] 

MEHR als ich ahndete schön, das Glück, es ist mir ge- 
worden, 

Amor führte mich klug allen Palästen vorbei. 
Ihm ist es lange bekannt, auch hab ich es selbst wohl erfahren. 

Was ein goldnes Gemach hinter Tapeten verbirgt. 
Nennet blind ihn und Knaben und ungezogen, ich kenne. 

Kluger Amor, dich wohl, nimmer bestechlicher Gott! 
Uns verführten sie nicht, die majestätschen Fassaden, 

Nicht der galante Balkon, weder das ernste Kortil, 
Eilig ging es vorbei, und niedre zierliche Pforte 

Nahm den Führer zugleich, nahm den Verlangenden auf. 
Alles verschafft er mir da, hilft alles und alles erhalten, 

Streuet jeglichen Tag frischere Rosen mir auf. 
Hab ich den Himmel nicht hier? — Was gibst du, schöne 

Borghese, 

Nipotina, was gibst deinem Geliebten du mehr? 
Tafel, Gesellschaft und Kors' und Spiel und Oper und Bälle, 

Amorn rauben sie nur oft die gelegenste Zeit. 
Ekel bleibt mir Gezier und Putz und hebet am Ende 

Sich ein brokatener Rock nicht wie ein wollener auf? 
Oder will sie bequem den Freund im Busen verbergen. 

Wünscht er von alle dem Schmuck nicht schon behend 

sie befreit? 
Müssen nichtjeneJuwelenundSpitzen,PolsterundFischbein 

Alle zusammen herab, eh er die Liebliche fühlt? 
Näher haben wir das! Schon fällt dein wollenes Kleidchen, 

So wie der Freund es gelöst, faltig zum Boden hinab. 



652 LYRISCHE DICHTUNGEN 

Eilig trägt er das Kind, in leichter linnener Hülle, 

Wie es der Amme geziemt, scherzend aufs Lager hinan. 
Ohne das seidne Gehäng und ohne gestickte Matratzen, 

Stehet es, zweien bequem, frei in dem weiten Gemach. 
Nehme dann Jupiter mehr von seiner Juno, es lasse 

Wohler sich, wenn er es kann, irgendein Sterblicher sein. 
Uns ergötzen die Freuden des echten nacketen Amors 

Und des geschaukelten Betts lieblicher knarrender Ton. 



ZWEI gefährliche Schlangen, vom Chore der Dichter 
gescholten, 

Grausend nennt sie die Welt Jahre die tausende schon, 
Python, dich, und dich, Lernäischer Drache! Doch seid ihr 

Durch die rüstige Hand tätiger Götter gefällt. 
Ihr zerstöret nicht mehr mit feurigem Atem und Geifer 

Herde, Wiesen und Wald, goldene Saaten nicht mehr. 
Doch welch ein feindlicher Gott hat uns im Zorne die neue 

Ungeheure Geburt giftigen Schlammes gesandt? 
Überall schleicht er sich ein, und in den lieblichsten Gärtchen 

Lauert tückisch der Wurm, packt den Genießenden an. 
Sei mir,hesperischer Drache , gegrüßt , du zeigtest dich mutig, 

Du verteidigtest kühn goldener Äpfel Besitz! 
Aber dieser verteidiget nichts — und wo er sich findet. 

Sind die Gärten, die Frucht keiner Verteidigung wert. 
Heimlich krümmet er sich im Busche, besudelt die Quellen, 

Geifert, wandelt in Gift Amors belebenden Tau. 
Ol wie glücklich warst du, Lukrez! du konntest der Liebe 

Ganz entsagen und dich jeglichem Körper vertraun. 
Selig warst du, Properz! dir holte der Sklave die Dirnen 

Vom Aventinus herab, aus dem Tarpeischen Hain. 
Und wenn Cynthia dich aus jenen Umarmungen schreckte. 

Untreu fand sie dich zwar, aber sie fand dich gesund. 
Jetzt wer hütet sich nicht, langweilige Treue zu brechen! 

Wen die Liebe nicht hält, hält die Besorglichkeit auf. 
Und auch da, wer weiß! gewagt ist jegliche Freude, 

Nirgend legt man das Haupt ruhig dem Weib in den Schoß . 
Sicher ist nicht das Ehbett mehr, nicht sicher der Ehbruch; 

Gatte, Gattin und Freund, eins ist im andern verletzt. 



NACHTRAG 653 

O! der goldenen Zeit! da Jupiter noch, vom Olympus, 

Sich zu Semele bald, bald zu Kalhsto begab. 
Ihm lag selber daran, die Schwelle des heiligen Tempels 

Rein zu finden, den er liebend und mächtig betrat. 
O! wie hätte Juno getobt, wenn im Streite der Liebe 

Gegen sie der Gemahl giftige Waffen gekehrt. 
Doch wir sind nicht so ganz, wir alte Heiden, verlassen. 

Immer schwebet ein Gott über der Erde noch hin, 
Eilig und geschäftig, ihr kennt ihn alle, verehrt ihn! 

Ihn, den Boten des Zeus, Hermes, den heilenden Gott. 
Fielen des Vaters Tempel zu Grund, bezeichnen die 

Säulen 

Paarweis kaum noch den Platz alter verehrender Pracht, 
Wird des Sohnes Tempel doch stehn, und ewige Zeiten 

Wechselt der Bittende stets dort mit dem Dankenden ab. 
Eins nur fleh ich im stillen, an euch, ihr Grazien, wend ich 

Dieses heiße Gebet tief aus dem Busen herauf: 
Schützet immer mein kleines, mein artiges Gärtchen, ent- 
fernet 

Jegliches Übel von mir; reichet mir Amor die Hand, 
O! so gebet mir stets, sobald ich dem Schelmen vertraue. 

Ohne Sorgen und Furcht, ohne Gefahr den Genuß. 



HIER ist mein Garten bestellt, hier wart ich die Blumen 
der Liebe, 
Wie sie die Muse gewählt, weislich in Beete verteilt. 
Früchte bringenden Zweig, die goldenen Früchte des 

Lebens, 
Glücklich pflanzt ich sie an, warte mit Freuden sie mm. 
Stehe du hier an der Seite, Priap! ich habe von Dieben 
Nichts zu befürchten, und frei pflück und genieße, wer 

mag. 
Nur bemerke die Heuchler, entnervte, verschämte Ver- 
brecher; 
Nahet sich einer und blinzt über den zierlichen Raum, 
Ekelt an Früchten der reinen Natur, so straf ihn von hinten 
Mit dem Pfahle, der dir rot von den Hüften entspringt. 



654 LYRISCHE DICHTUNGEN 

HINTEN im Winkel des Gartens, da stand ich, der letzte 
der Götter, 
Rohgebildet, und schlimm hatte die Zeit mich verletzt. 
Kürbisranken schmiegten sich auf am veralteten Stamme 
Und schon krachte das Glied unter den Lasten der Frucht. 
Dürres Gereisig neben mir an, dem Winter gewidmet, 

Den ich hasse, denn er schickt mir die Raben aufs Haupt, 
Schändlich mich zu besudeln; der Sommer sendet die 

Knechte, 
Die, sich entladende, frech zeigen das rohe Gesäß. 
Unflat oben und unten! ich mußte fürchten, ein Unflat 

Selber zu werden, ein Schwamm, faules verlorenes Holz. 
Nun, durch deine Bemühung, o! redlicher Künstler, ge- 
winn ich 
Unter Göttern den Platz, der mir und andern gebührt. 
Wer hat Jupiters Thron, den schlechterworbnen, befestigt? 

Färb und Elfenbein, Marmor und Erz und Gedicht. 
Gern erblicken mich nun verständige Männer, und denken 
Mag sich jeder so gern, wie es der Künstler gedacht. 
Nicht das Mädchen entsetzt sich vor mir und nicht die 

Matrone, 
Häßlich bin ich nicht mehr, bin ungeheuer nur stark. 
Dafür soll dir denn auch halbfußlang die prächtige Rute 
Strotzen vom Mittel herauf, wenn es die Liebste gebeut, 
Soll das Glied nicht ermüden, als bis ihr die Dutzend 

Figuren 
Durchgenossen, wie sie künstlich Philänis erfand. 



[Venezianische Epigramme] 
[Zu Seite J2Ö\ 

SAUBER hast du dein Volk erlöst durch Wunder und 
Leiden, 
Nazarener! Wohin soll es, dein Häufchen, wohin? 
Leben sollen sie doch und Kinder zeugen doch christlich, 
Leider dem früheren Reiz dienet die schädliche Hand. 
Will der Jüngling dem Übel entgehn, sich selbst nicht 

verderben, 
Bringet Lais ihm nur brennende Qualen für Lust. 



NACHTRAG 655 

Komm noch einmal herab, du Gott der Schöpfung, und leide. 
Komm, erlöse dein Volk von dem gedoppelten Weh! 

Tu ein Wunder und reinge die Quellen der Freud und 

des Lebens, 
Paulus will ich dir sein, Stephanus, wie dus gebeutst. 

HERAUS mit demTeile des Herrn! heraus mit dem Teile 
des Gottes! 
Rief ein unglücklich Geschöpfblind für hysterischer Wut, 
Als, die heiligen Reste Gründonnerstag abends zu zeigen. 
In Sankt Markus ein Schelm über der Bühne sich wies. 
Armes Mädchen, was soll dir ein Teil des gekreuzigten 

Gottes? 
Rufe den heilsamem Teil jenes von Lampsacus her. 

WUNDERN kann es mich nicht, daß unser Herr 
Christus mit . . . 
Gernund mit Sündern gelebt,gehts mir doch eben auch so. 

WARUM willst du den Christen des Glaubens selige 
Wonne 
Grausam rauben?" Nicht ich, niemand vermag es zutun. 
Steht doch deutlich geschrieben: die Heiden toben ver- 
geblich. 
Seht, ich erfülle die Schrift, lest und erbaut euch an mir. 

KREBSE mit nacktem Hintern, die leere Muscheln sich 
suchten, 
Sie bewohnen und sie wähnen ihr eigenes Haus, 
Sind mir seltne Geschöpfe, sie sind so klug als bedürftig; 

Manches kam mir in Sinn, als ich am Ufer sie sah. 
Christ und Mensch ist eins! sagt Lavater! Richtig! Die 

Christen 
Decken die nackende Scham weislich mit Menschen - 

Vernunft. 

IN ein Puppenspiel hatt ich mich Knabe verliebet, 
Lange zog es mich an, bis ich es endlich zerschlug. 
So griff Lavater jung nach der gekreuzigten Puppe. 
Herz' er betrogen sie noch, wenn ihm der Atem entgeht! 



656 LYRISCHE DICHTUNGEN 

/^^C^T'jEiV schreibt er, das glaub ich, die Menschen müssen 
^-^ wohl gut sein, 

Die das alberne Zeug lesen und glauben an ihn. 
Weisen denkt er zu schreiben, die Weisen mag ich nicht 

kennen: 

Ist das Weisheit, bei Gott, bin ich mit Freuden ein Tor. 

DICH betrügt der Staatsmann, der Pfaffe, der Lehrer 
der Sitten, 
Und dies Kleeblatt, wie tief betest du, Pöbel, es an. 
Leider läßt sich noch kaum was Rechtes denken und sagen. 
Das nicht grimmig den Staat, Götter und Sitten verletzt. 

WAS auch Helden getan, was Kluge gelehrt, es ver- 
achtets 
Wähnender christlicher Stolz neben den Wundern des 

Herrn. 
Und doch schmückt er sich selbst und seinennackten Erlöser 

Mit dem Besten heraus, was uns der Heide verließ. 
So versammelt der Pfaffe die edlen leuchtenden Kerzen 
Um das gestempelte Brot, das er zum Gott sich geweiht. 

VIELE folgten dir gläubig und haben des irdischen 
Lebens 
Rechte Wege verfehlt, wie es dir selber erging. 
Folgen mag ich dir nicht; ich möchte dem Ende der Tage 
Als ein vernünftiger Mann, als ein vergnügter mich nahn. 
Heute gehorch ich dir doch und wähle den Pfad ins Gebirge, 
Diesmal schwärmst du wohl nicht, König der Juden, leb 

wohl. 

OFFEN steht das Grab! Welch herrlich Wunder! Der 
Herr ist 
Auferstanden! — Wers glaubt! Schelmen, ihr trugt ihn 

ja weg. 



w 



AS vom Christentum gilt, gilt von den Stoikern; 

freien 
Menschen geziemet es nicht, Christ oder Stoiker sein. 



NACHTRAG 657 

JUDEN und Heiden hinaus! so duldet der christliche 
Schwärmer. 
Christ und Heide verflucht! murmelt ein jüdischer Bart. 
Mit den Christen an Spieß und mit den Juden ins Feuer! 
Singet ein türkisches Kind Christen und Juden zum Spott. 
Welcher ist der Klügste? Entscheide! Aber sind diese 
Narren in deinem Palast, Gottheit, so geh ich vorbei. 

HÖLLENGESPENSTER seid ihr und keine Christen, 
ihr Schreier, 
Die ihr den lieblichen Schlaf mir von den Augen ver- 
scheucht. 
Warum macht der Pfaffe so viele tausend Gebärden 
Und verscheuchet euch nicht wieder zur Hölle zurück? 

WENN ein verständiger Koch ein artig Gastmahl 
bereitet. 
Mischt er unter die Kost vieles und vieles zugleich. 
So genießet auch ihr dies Büchlein, und kaum unterscheidet 
Alles ihr, was ihr genießt. Nun, esbekomm euch nur wohl. 

WAGST du deutsch zu schreiben unziemliche Sa- 
chen!"— Mein Guter, 
Deutsch dem kleinen Bezirk,leider, ist griechisch der Welt. 



A^ 



US zu eklem Geschmack verbrannte Nauger Martialen. 
Wirfst du das Silber hinweg, weil es nicht Gold ist? 

Pedant! 



M 



EHR hat Horaz nicht gewollt; er fand es, weniger 

wollen 

Kann man mit größerm Verdienst, und man erhält auch 

nicht das. 



WIE der Mensch das Pfuschen so liebt! Fast glaub 
ich dem Mythus, 
Der mir erzählet, ich sei selbst ein verpfuschtes Geschöpf. 

DAS Gemeine lockt jeden: siehst du in Kürze von vielen 
Etwasgeschehen,sogleichdenke nur: dies ist gemein. 

GOETHE XIV 42. 



658 NACHTRAG 

WÄREN der Welt die Augen zu öffnen! — Das könnte 
geschehen! 
Besser, du suchest dir selbst und du erfindest dein Teil. 

HELDEN,herrlichzu sein, beschädigenTausende. Tadelt 
Nicht den Dichter, der auch wie ein Eroberer denkt. 

WENN du schelten willst, so wolle kein Heiliger 
scheinen, 
Denn, ein rechtlicher Mann schweigt und verzeihet uns 

gern. 

UNGLÜCKSELIGEFrösche,die ihr Venedig bewohnet! 
Springt ihr zum Wasser heraus, springt ihr auf hartes 

Gestein. 

\ LLE Weiber sind Ware, mehr oder weniger kostet 
-/v. Sie den begierigen Mann, der sich zum Handel ent- 
schließt. 
Glücklich ist die Beständige, die den Beständigen findet. 
Einmal nur sich verkauft und auch niu: einmal gekauft 

wird. 

HAT dich Hymen geflohn? Hast du ihn gemieden? — Was 
sag ich? 
Hymen! köstlich ist er, aber zu ernsthaft für mich. 
Aus dem Ehbett darf man nicht schwätzen, und Dichter 

sind schwatzhaft. 
Freie Liebe, sie läßt frei uns die Zunge, den Mut. 

JUNGFER! ruf ich das Mädchen, ist, Jungfer, der Herr 
nicht zu Hauser 
Aber sie hört nicht, der Ruf schlägt ihr am Ohre nicht an. 

VIER gefällige Kinder hast du zum Gaukeln erzogen, 
Alter Gaukler, und schickst nun sie zum Sammlen 

umher. 
Meine Güter trag ich bei mir! so sagte der Weise; 
Meine Güter, sagst du, hab ich mir selber gemacht. 



NACHTRAG 659 

li MERIKANERIN nennst du das Töchterchen, alter 
J\. Phantaste; 

Glücklicher! hast du sie nicht hier in Europa gemacht? 

ICH empfehle mich euch! Seid wacker, sagst du und reichest 
Mir das Tellerchen dar, lächelst und dankest gar schön. 
Ach, empfohlen bist du genug, und wärst du nur älter. 
Wacker wollten wir sein, wach bis zum Krähen des Hahns. 

ZÜRNET nicht, ihr Frauen, daß wir das Mädchen be- 
wundern: 
Ihr genießet des Nachts, was sie am Abend erregt. 

WAS ich am meisten besorge: Bettina wird immer 
geschickter, 
Immer beweglicher wird jegliches Gliedchen an ihr; 
Endlich bringt sie das Züngelchen noch ins zierliche F , . ., 
Spielt mit dem artigen Selbst, achtet die Männer nicht 

viel, 

AUSZUSPANNEN befiehlt der Vater die zierlichen 
Schenkel, 

Kindisch der liebliche Teil den Teppich herab. 

Ach, wer einst zuerst dich liebet, er findet die Blüte 
Schon verschwunden, sie nahm frühe das Handwerk hin- 
weg. 

KAFFEE wollen wir trinken, mein Fremder!— da meint 
sie branlieren; 
Hab ich doch, Freunde, mit Recht immer den Kafifee 

gehaßt. 

SEID ihr ein Fremder, mein Herr? bewohnt ihr Venedig? 
so fragten 
Zwei Lazerten, die mich in die Spelunke gelockt. 
Ratet! — Ihr seid einFranzos! einNapolitaner! Sie schwatzten 
Hin und wieder und schnell schlürften sie Kafi"ee hinein. 



66o NACHTRAG 

Tun wir etwas! sagte die Schönste; sie setzte die Tasse 

Nieder, ich fühlte sogleich ihre geschäftige Hand. 
Sacht ergriff ich und hielte sie fest; da streckte die zweite 

Zierliche Fingerchen aus, und ich verwehrt es auch ihr. 
Ach! es ist ein Fremder! so riefen sie beide; sie scherzten, 

Baten Geschenke sich aus, die ich, doch sparsam, verlieh. 
Drauf bezeichneten sie mir die entferntere Wohnung 

Und zu dem wärmeren Spiel spätere Stunden der Nacht. 
Kannten diese Geschöpfe sogleich den Fremden am Wei- 
gern, 

O so wißt ihr, warum blaß der Venetier schleicht. 



GIB mir statt "Der Seh . . . ." ein ander Wort, oPriapus, 
Denn ich Deutscher, ich bin übel als Dichter geplagt. 
Griechisch nennt ich dich cpaXXog, das klänge doch präch- 
tig den Ohren, 
Und lateinisch ist auch mentula leidlich ein Wort. 
Mentula käme von inens^ der Seh .... ist etwas von hinten, 
Und nach hinten war mir niemals ein froher Genuß. 



CAMPER der jüngere trug in Rom die Lehre des Vaters 
Von den Tieren uns vor, wie die Natur sie erschuf, 
Bäuche nahm und gab, dann Hälse, Pfoten und Schwänze. 

Alles gebrochenes Deutsch, so wie geerbter Begriff. 

Endlich sagt' er: "Vierfüßiges Tier, wir habens vollendet. 

Und es bleibet uns nur. Freunde, das Vöglen zurück!" 

Armer Camper, du hast ihn gebüßt, den Irrtum der Sprache, 

Denn acht Tage darnach lagst du und schlucktest Merkur. 

KNABEN liebt ich wohl auch, doch lieber sind mir die 
Mädchen; 
Hab ich als Mädchen sie satt, dient sie als Knabe mir 

noch. 

KÖSTLICHE Ringe besitz ich! Gegrabne fürtreffliche 
Steine 
Hoher Gedanken und Stils fasset ein lauteres Gold. 



NACHTRAG 661 

Teurer bezahlt man die Ringe, geschmückt mit feurigen 

Steinen, 
Blinken hast du sie oft über dem Spieltisch gesehn. 
Aber ein Ringelchen kenn ich, das hat sich anders ge- 
waschen, 
Das Hans Carvel einmal traurig im Alter besaß. 
Unklug schob er den kleinsten der zehen Finger ins Ring- 
chen; 
Nur der größte gehört, würdig, der eilfte, hinein. 

ALLE sagen mir, Kind, daß du mich betriegest, 
J\. O betriege mich nur immer und immer so fort. 

WELCHE Hoffnung ich habe? Nur eine, die heut 
mich beschäftigt: 
Morgen mein Liebchen zu sehn, das ich acht Tage 

nicht sah. 

^LLES, was ihr wollt! ich bin euch wie immer gewärtig, 
j\. Freunde, doch leider: allein schlafen, ich halt es 

nicht aus. 

NACKEND willst du nicht neben mir liegen, du süße 
Geliebte, 
Schamhaft hältst du dich noch mir im Gewände verhüllt. 
Sag mir: begehr ich dein Kleid? begehr ich den lieblichen 

Körper? 
Nun, die Scham ist ein Kleid! zwischen Verliebten hin- 
weg! 

LANGE sucht ich ein Weib mir, ich suchte, da fand ich 
— ' nur Dirnen, 

Endlich erhascht ich dich mir, Dirnchen, da fand ich ein 

Weib. 

EINE Liebe wünscht ich und konnte sie niemals gewinnen. 
Wünschen läßt sich noch wohl, aber verdienen nicht 

gleich. 



662 NACHTRAG 

FÜRCHTE nicht, liebliches Mädchen, die Schlange, die 
dir begegnet! 
Eva kannte sie schon, frage den Pfarrer, mein Kind. 

OB erfüllt sei, was Moses und was die Propheten ge- 
sprochen, 
An dem heiligen Christ, Freunde, das weiß ich nicht 

recht. 
Aber das weiß ich: erfüllt sind Wünsche, Sehnsucht und 

Träume, 
Wenn das liebliche Kind süß mir am Busen entschläft. 

PTIFTEN die Christen mit Heil viel Unheil, so stiften die 
iD Büchlein 

Heidnisch durch Unheil viel Heil. Aber noch eile dich 

nicht, 
Laß mich erst noch hienieden! es kann die Barke passieren; 
Nimmt sie mich diesmal schon mit, nun so leb wohl in 

die Welt. 

IMMER glaubt ich gut[mütig?], von anderen etwas zu 
lernen; 
Vierzig Jahr war ich alt, da mich der Irrtum verließ. 
Töricht war ich immer, daß andre zu lehren ich glaubte; 
Lehre jeden du selbst, Schicksal, wie er es bedarf. 

IMMER hab ich dich, heilige Sonne, mit Freude verehret. 
Wenn du aus trübem Gewölk oder nach Nebel mir kamst; 
Niemals aber so fröhlich als im venetischen Pfuhle [.-], 
Wenn du nach Regen erscheinst, freudig die Gondel dir 

dampft. 

[Entwürfe zur Zweiten Epistel] 
[Zu Säte 338] 

UND daß deine Söhne nur lesen, sofern es zum Sinne 
Ihrer Bildung gehört, das brauch ich dir nicht zu sagen, 
Denn das richtest du selber mit klugcrVorsicht und Plan ein . 
Gut, so wären wir denn im Hause sicher, wir hätten 
Unsrer Kinder Seelen gesegnet [.'], wofern sie das Beispiel, 



NACHTRAG 663 

Das lebendiger lehrt als tote Lettern, verschonet. 
Aber sage mir nun, versetzest du zweiflend, was sollen 
Von der Menge wir denken, die viele schädliche Schriften 
Lesen [?], um eigne Bosheit an fremden Zeilen zu wetzen. 

Auch darüber sag ich mein Wort. Ich kenne nur eine 
Ganz verderbliche Schrift, die allen Menschen die Köpfe 
Ganz und völlig verrückt, die allen mit heftigen Reden 
UndGeschichten die Seelen zerstört, so daß man die klügsten 
Nicht zu kennen vermag; denn eben weil sie in Worten 
Mehr oder weniger sagt, und weil sie am Ende die Wahrheit 
Sagen muß, so glaubt ihr ein jeder und höret das Falsche 
Mit dem Wahren so gern, und höret im Falschen und 

Wahren 
Seine Meinung allein. Und diese Schrift, sie erscheinet 
Selbst von Kaiser und Reich und allen Fürsten begünstigt. 
Was verbietest du noch, wenn diese . . ., wenn diese 

Verkündung. 

Du verstehst mich, ich meine die Zeitung, und sage dir 

redlich, 
Sie ist die gefährlichste Schrift, indem sie die Tollheit, 
DieVerruchtheit der Menschen, den Leichtsinn, die Dumm - 

heit und 
Was nur jeden Plan der Vern[unft] zerstört, so deutlich 

darlegt. 
Da ist keiner, er sei so toll und dumm, er findet noch 
Schlimmere Werke da oder dort. Verworren verwirrt er, 
Und der Kluge . . . allen, die wie seine Vorfahren. 
Könnt ihr also die Menschen nicht hindern zu hören, was 

täglich 
Außer ihnen geschieht, so laßt sie auch ohne Bedenken, 
Ohngehindert sie hören, was außer ihnen gemeint wird. 
War ich ein Fürst, ich ließe sogleich aufrührische Schriften 
Alle kaufen vmd teilte sie aus, damit sich ein jeder 
Satt dran läse, damit nichts Tolles könne gesagt sein, 
Was man nicht läse bei mir. Allein ich würde zugleich auch 
Jeden Zweck der Tätigkeit ehren von dem, an der die Erde, 
Sie zu befruchten, bewegt, bis zu den geistigen Denkern 
Oder Künstlern; es sollte kein Mann der 



664 NACHTRAG 

Feiern, es lägen [?] gewiß die vielfach bunten Hefte, 
Die wie Schale den Kern bedecken 



UND was deine Söhne betrifft, so weiß ich, mit ihnen 
Bist du nimmer verlegen. Denn früh die Blicke der 

Knaben 
Auf die lebendige Welt zu richten verstehst du und jedem 
Das ihm eigne Organ zu künftiger Tat zu entwickeln. 
Frisch erhältst du die Kraft des jungen Gemüts, behende 
Faßt ein jegliches Wort ihr Gedächtnis, die trockenste 

Sprache 
Wird im heiteren Sinn und ihrer Schönheit lebendig. 
Ehren lehrest du sie das Vergangne und schätzen vor allem 
Jeglichen Tages Wert und in dem Neuen die Vorzeit. 
Nur das Gute hat Sinn für sie 

Denn unschuldig ist, wenn Menschen lesen. 
Was sich vorzeiten begeben, was dieser und jener ge- 
meint hat, 
Oder was der Charakter beschloß, zur heftigen Tat gleich 
Zaubert. Sie[h], das trifft und reget alle Gemüter 

Eine gefährliche Schrift, 

Und kannst du diese verbrennen, 

So ist allen auf einmal, den großen und kleinen, geholfen, 

Denn mit größrer Begierde wird keine gelesen. 

Willst aber du die Meinung beherrschen, beherrsche durch 

Tat sie, 
Nicht durch Geheiß und Verbot; der wackere Mann, der 

beständge, 
Der den Seinen und sich zu nutzen versteht und dem Zufall 
Klug sich beugt und groß dem Zufall wieder gebietet. 
Der den Augenblick kennt, dem unverschleiert die Zukunft 
In der stillen .... des hohen Denkens erscheint, 

Der, wo alle wanken, noch steht, 

Der beherrscht sein Volk und gebietet der Menge der 

Menschen. 
Einen solchen habt ihr gesehen vor kurzem hinaufwärts 
Zu den Göttern getragen, woher er kam; ihm schauten 



NACHTRAG 665 

Alle Völker der Welt mit traurigem Blick nach, 
Jeder schien 

Wechselsweise bewahren Geschmack und Sitte einander. 

Aber Kaiser und Reich privilegiert sie, der Papst wie der 

Doge 
Muß in jedem Kaffeehaus sie leiden, in jeglichem Gasthof. 
Pater Mamachius, ach, was hast du nicht alles gestrichen! 
Kein bedenkliches Wort der lustigen Oper entging dir. 
Kein heroischer Vers des übermütigen Helden. 
Ach, vermöchtest du doch die atheistischen Reden 
Des verruchten Konvents dem römischen Volke verbergen. 

Und die Knaben, versteht sich von selber, sie führet ein 

wackrer, 
Gradgesinnter Mann ins Heiligtum aller Erkenntnis, 
Die uns die griechische Welt und die lateinische darbeut; 
Und so wären die Kinder vor allem Unheil gesichert. 

Keiner jammert mich mehr in diesen fließenden Zeiten 
Als Mamachius du, o Dechant aller Zensoren, 
Du des heiligen Palasts Magister, des Ketzergerichtes 
Strenger Assessor; was mußt du, des hohen Dom[inicus] 

Zögling, 
Alles erleben! Nachdem du die vielen Jahre gelesen 
Und gestrichen 

[In das Stammbuch des Grafen Emerich Bethlen] 
[Zu Seite 406] 

B AUE, Jüngling, denGarten beizeiten; SO erntestduFrüchte 
Schon, wenn viele sich erst ungewiß suchen den Platz. 
Jena, den 13. März 96. Goethe. 

[Zu Seite 482] 

NACHTGESPENSTER ziehen nicht mehr, die gar- 
stigen, langen; 
Neumond kündest du an! Almanach, redest du wahr? 



666 NACHTRAG 

Leuchtet mir doch das Gemach von holdem mondlichem 

Schimmer, 
Wohl das Mondengesicht senkte vom Himmel sich her. 

MIRABELLEN pflanz ich in meinem Garten in Reihen, 
Daß nun die Wunderschöne wandelnd in Gesell- 
schaft sei. 

GOLDSTAUB wirf in das Wasser, er wird zum Grunde 
sich senken; 
Bärlappsamen, er deckt leicht wie ein Häutchen das Naß. 



w 



[Zu Seite S38] 
AS uns gefällt und scheinet fein, 
Muß erst mit Müh erworben sein. 



w 



AS der Mensch als Gott verehrt, 

Ist sein eigenstes Innere herausgekehrt. 



T 



[An Pauline Gotter, spätere v. Schelling] 
[Zu Seite ^ßi] 
RAUN! ein schönes Geheimnis hast du durch dein 

Wesen gelöset: 
Wie mit weiblichem Sinn tieferes Wissen sich eint. 

[Zu Seite 603] 

IN Jena weiß man viele Sachen, 
Nur nicht aus Essig Wein zu machen. 

UND was bleibt denn an dem Leben, 
Wenn es alles ging zu Funken, 
Wenn die Ehre mit dem Streben 
Alles ist im Quark versunken. 

Und doch kann dich nichts vernichten, 
Wenn, Vergänglichem zum Trotze, 
Willst dein Sehnen ewig richten 
Erst zur Flasche, dann zur . . . 



NACHTRAG 667 

[Zu Seite 604] 

ES hat ein hübsches Maidel 
Nur allzuviel zu tun, 
Der Bursche trinkt manch Seidel 
Und kann hernach nicht ruhn. 
Und wenn sie dann sich trafen, 
Wer kann dann was dafür? 
Er hat den Rausch verschlafen, 
Der Rausch, er schläft mit ihr. 

ÜBER **** 
JUNIUS AN DIE NACHKOMMEN 

PROLOGUS 

SOVIEL wir von ihm zu sagen wissen, 
So hat er zuerst in die Windeln geschissen; 
Als Kind hat er, zum Trotz uns allen, 
Gar manche Löcher in Kopf gefallen; 
Als Jüngling hat er sich branliert. 
Und als Student auch renommiert; 
Dabei hat er bei guten Sitten 
Auch schrecklich an der Krätze gelitten. 
Nachdem er von solchen Übeln frei. 
Legt er sich ein hübsch Mädchen bei. 
Die macht ihm gelegentlich bekannt 
Das heilige Holz aus fremdem Land. 
Dadurch ward er nun präpariert, 
Daß Staaten würden durch ihn regiert. 
Wie schlecht er getan, wie schlecht's ihm gegangen, 
Wird reihenweise nun angefangen. 



668 NACHTRAG 

HEIDENRÖSLEIN 

SJ/olkslied- Umdichtung] 

SAH ein Knab ein Röslein stehn, 
Röslein auf der Heiden, 
War so jung und morgenschön, 
Lief er schnell, es nah zu sehn, 
Sahs mit vielen Freuden. 
Röslein, Röslein, Röslein rot, 
Röslein auf der Heiden. 

Knabe sprach: Ich breche dich, 
Röslein auf der Heiden! 
Röslein sprach: Ich steche dich, 
Daß du ewig denkst an mich. 
Und ich wiils nicht leiden. 
Röslein, Röslein, Röslein rot, 
Röslein auf der Heiden. 

Und der wilde Knabe brach 
's Röslein auf der Heiden; 
Röslein wehrte sich und stach. 
Half ihm doch kein Weh und Ach, 
Mußt es eben leiden. 
Röslein, Röslein, Röslein rot, 
Röslein auf der Heiden. 

[Aus dem Singspiel "Lila"] 

FEIGER Gedanken 
Bängliches Schwanken, 
Weibisches Zagen, 
Ängstliches Klagen 
Wendet kein Elend, 
Macht dich nicht frei. 

Allen Gewalten 

Zum Trutz sich erhalten. 

Nimmer sich beugen. 

Kräftig sich zeigen, 

Rufet die Arme 

Der Götter herbei. 



NACHTRAG 669 

SCHWEIZERLIED 

[ Volkslied- Umdichtung\ 

UFM Bergli 
Bin i gesässe, 
Ha de Vögle 
Zugeschaut; 
Hänt gesunge, 
Hänt gesprunge, 
Hänt 's Nestli 
Gebaut. 

In ä Garte 
Bin i gestände, 
Ha de Imbli 
Zugeschaut; 
Hänt gebrummet, 
Hänt gesummet, 
Hänt Zelli 
Gebaut. 

Uf d' Wiese 

Bin i gange, 

Lugt i Summer - 

Vögle a; 

Hänt gesoge, 

Hänt gefloge, 

Gar z' schön hänt s' 

Getan. 

Und da kummt nu 
Der Hansel, 
Und da zeig i 
Em froh, 
Wie sies mache, 
Und mer lache 
Und mache 's 
Au so. 



670 NACHTRAG 

DER MÜLLERIN VERRAT 

[Nachdichtung einer französischen Romanze] 

WOHER der Freund so früh und schnelle, 
Da kaum der Tag im Osten graut? 
Hat er sich in der Waldkapelle, 
So kalt und frisch es ist, erbaut? 
Es starret ihm der Bach entgegen; 
Mag er mit Willen barfuß gehn? 
Was flucht er seinen Morgensegen 
Durch die beschneiten wilden Höhn? 

Ach, wohl! Er kommt vom warmen Bette, 
Wo er sich andern Spaß versprach; 
Und wenn er nicht den Mantel hätte, 
Wie schrecklich wäre seine Schmach! 
Es hat ihn jener Schalk betrogen 
Und ihm den Bündel abgepackt; 
Der arme Freund ist ausgezogen 
Und fast, wie Adam, bloß und nackt. 

Warum auch schlich er diese Wege 
Nach einem solchen Äpfelpaar, 
Das freilich schön im Mühlgehege, 
So wie im Paradiese, war. 
Er wird den Scherz nicht leicht erneuen; 
Er drückte schnell sich aus dem Haus 
Und bricht auf einmal nun, im Freien, 
In bittre laute Klagen aus: 

"Ich las in ihren Feuerblicken 
Nicht eine Silbe von Verrat; 
Sie schien mit mir sich zu entzücken 
Und sann auf solche schwarze Tat! 
Könnt ich in ihren Armen träumen, 
Wie meuchlerisch der Busen schlug? 
Sie hieß den holden Amor säumen, 
Und günstig war es uns genug. 



NACHTRAG 671 

"Sich meiner Liebe zu erfreuen! 
Der Nacht, die nie ein Ende nahm! 
Und erst die Mutter anzuschreien, 
Nun eben als der Morgen kam! 
Da drang ein Dutzend Anverwandten 
Herein, ein wahrer Menschenstrom; 
Da kamen Vettern, guckten Tanten, 
Es kam ein Bruder und ein Ohm. 

"Das war ein Toben, war ein Wüten! 
Ein jeder schien ein andres Tier. 
Sie forderten des Mädchens Blüten 
Mit schrecklichem Geschrei von mir. — 
Was dringt ihr alle wie von Sinnen 
Auf den unschuldgen Jüngling ein? 
Denn solche Schätze zu gewinnen, 
Da muß man viel behender sein. 

"Weiß Amor seinem schönen Spiele 
Doch immer zeitig nachzugehn. 
Er läßt fürwahr nicht in der Mühle 
Die Blumen sechzehn Jahre stehn. — 
Sie raubten nun das Kleiderbündel, 
Und wollten auch den Mantel noch. 
Wie nur so viel verflucht Gesindel 
Im engen Hause sich verkroch! 

".Nun sprang ich auf und tobt und fluchte, 
Gewiß, durch alle durchzugehn. 
Ich sah noch einmal die Verruchte, 
Und ach! sie war noch immer schön. 
Sie alle wichen meinem Grimme; 
Es flog noch manches wilde Wort; 
Da macht ich mich, mit Donnerstimme, 
Noch endlich aus der Höhle fort. 

"Man soll euch Mädchen auf dem Lande, 
Wie Mädchen aus den Städten, fliehn. 
So lasset doch den Fraun von Stande 
Die Lust, die Diener auszuziehn! 



672 NACHTRAG 

Doch seid ihr auch von den Geübten 
Und kennt ihr keine zarte Pflicht, 
So ändert immer die Geliebten, 
Doch sie verraten müßt ihr nicht." 

So singt er in der Winterstunde, 
Wo nicht ein armes Hälmchen grünt. 
Ich lache seiner tiefen Wunde; 
Denn wirklich ist sie wohlverdient. 
So geh es jedem, der am Tage 
Sein edles Liebchen frech betriegt 
Und na-chts, mit allzu kühner Wage, 
Zu Amors falscher Mühle kriecht. 

EPILOG ZU SCHILLERS GLOCKE 

[Aufgeführt am lO. 8. 1805, erneut am 10. 5. l8lS\ 

Freude dieser Stadt bedeute, 
Friede sei ihr erst Geläute! 

UND so geschahs! Dem friedenreichen Klange 
Bewegte sich das Land, und segenbar 
Ein frisches Glück erschien: im Hochgesange 
Begrüßten wir das junge Fürstenpaar; 
Im Vollgewühl, in lebensregem Drange 
Vermischte sich die tätge Völkerschar, 
Und festlich ward an die geschmückten Stufen 
Die Huldigung der Künste vorgerufen. 

Da hör ich schreckhaft mitternächtges Läuten, 
Das dumpf und schwer die Trauertöne schwellt. 
Ists möglich? Soll es unsern Freund bedeuten, 
An den sich jeder Wunsch geklammert hält? 
Den Lebenswürdgen soll der Tod erbeuten? 
Ach! wie verwirrt solch ein Verlust die Welt! 
Ach! was zerstört ein solcher Riß den Seinen! 
Nun weint die Welt, und sollten wir nicht weinen? 

Denn er war unser! Wie bequem gesellig 
Den hohen Mann der gute Tag gezeigt, 
Wie bald sein Ernst, anschließend, wohlgefällig, 
Zur Wechselrede heiter sich geneigt, 



NACHTRAG 673 

Bald raschgewandt, geistreich und sicherstellig 
Der Lebensplane tiefen Sinn erzeugt 
Und fruchtbar sich in Rat und Tat ergossen: 
Das haben wir erfahren und genossen. 

Denn er war unser! Mag das stolze Wort 
Den lauten Schmerz gewaltig übertönen! 
Er mochte sich bei uns, im sichern Port, 
Nach wildem Sturm zum Dauernden gewöhnen. 
Indessen schritt sein Geist gewaltig fort 
Ins Ewige des Wahren, Guten, Schönen, 
Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine, 
Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine. 

Nun schmückt' er sich die schöne Gartenzinne, 
Von wannen er der Sterne Wort vernahm, 
Das dem gleich ewgen, gleich lebendgen Sinne 
Geheimnisvoll und klar entgegenkam. 
Dort, sich und uns zu köstlichem Gewinne, 
Verwechselt' er die Zeiten wundersam, 
Begegnet' so, im Würdigsten beschäftigt. 
Der Dämmerung, der Nacht, die uns entkräftigt. 

Ihm schwollen der Geschichte Flut- auf Fluten, 
Verspülend, was getadelt, was gelobt. 
Der Erdbeherrscher wilde Heeresgluten, 
Die in der Welt sich grimmig ausgetobt. 
Im niedrig Schreckhchsten, im höchsten Guten 
Nach ihrem Wesen deutlich durchgeprobt. — 
Nun sank der Mond, und zu erneuter Wonne 
Vom klaren Berg herüber stieg die Sonne. 

Nun glühte seine Wange rot und röter 
Von jener Jugend, die uns nie entfliegt. 
Von jenem Mut, der, früher oder später. 
Den Widerstand der stumpfen Welt besiegt. 
Von jenem Glauben, der sich, stets erhöhter, 
Bald kühn hervordrängt, bald geduldig schmiegt, 
Damit das Gute wirke, wachse, fromme. 
Damit der Tag dem Edlen endlich komme. 



674 NACHTRAG 

Doch hat er, so geübt, so vollgehaltig, 
Dies bretterne Gerüste nicht verschmäht; 
Hier schildert er das Schicksal, das gewaltig 
Von Tag zu Nacht die Erdenachse dreht, 
Und manches tiefe Werk hat, reichgestaltig, 
Den Wert der Kunst, des Künstlers Wert erhöht. 
Er wendete die Blüte höchsten Strebens, 
Das Leben selbst, an dieses Bild des Lebens. 

Ihr kanntet ihn, wie er mit Riesenschritte 
Den Kreis des Wollens, des Vollbringens maß. 
Durch Zeit und Land, der Völker Sinn und Sitte, 
Das dunkle Buch mit heiterm Blicke las; 
Doch wie er atemlos in unsrer Mitte 
In Leiden bangte, kümmerlich genas, 
Das haben wir in traurig schönen Jahren, 
Denn er war unser, leidend miterfahren. 

Ihn, wenn er vom zerrüttenden Ge wühle 
Des bittern Schmerzes wieder aufgeblickt, 
Ihn haben wir dem lästigen Gefühle 
Der Gegenwart, der stockenden, entrückt, 
Mit guter Kunst und ausgesuchtem Spiele 
Den neubelebten edlen Sinn erquickt 
Und noch am Abend vor den letzten Sonnen 
Ein holdes Lächeln glücklich abgewonnen. 

Er hatte früh das strenge Wort gelesen. 
Dem Leiden war er, war dem Tod vertraut. 
So schied er nun, wie er so oft genesen; 
Nun schreckt uns das, wofür uns längst gegraut. 
Doch schon erblicket sein verklärtes Wesen 
Sich hier verklärt, wenn es herniederschaut. 
Was Mitwelt sonst an ihm beklagt, getadelt. 
Es hats der Tod, es hats die Zeit geadelt. 

Auch manche Geister, die mit ihm gerungen, 
Sein groß Verdienst unwillig anerkannt, 
Sie fühlen sich von seiner Kraft durchdrungen, 
In seinem Kreise willig festgebaimt: 



NACHTRAG 675 

Zum Höchsten hat er sich emporgeschwungen, 
Mit allem, was wir schätzen, eng verwandt. 
So feiert Ihn! Denn was dem Mann das Leben 
Nur halb erteilt, soll ganz die Nachwelt geben. 

So bleibt er uns, der vor so manchen Jahren — 

Schon zehne sinds! — von uns sich weggekehrt! 

Wir haben alle segenreich erfahren. 

Die Welt verdank ihm, was er sie gelehrt; 

Schon längst verbreitet sichs in ganze Scharen, 

Das Eigenste, was ihm allein gehört. 

Er glänzt uns vor, wie ein Komet entschwindend, 

Unendlich Licht mit seinem Licht verbindend. 



HERAUSGEBER 
DIESES BANDES IST 
HANS GERHARD GRÄ 

DRUCK DES 
27. BIS 29. TA U S E N D S 

VON 
EREITKOPF & HÄRTEL 

IN LEIPZIG 



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