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Full text of "Logik; drei Bücher, vom Denken, vom Untersuchen und vom Erkennen. Mit der Übersetzung des Aufsatzes: Philosophy in the last forty years, einem Namen- und Sachregister;"

HERMANN LOTZE 

Logik 

(System der Philosophie L) 




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Verlag von Felix Meiner in Leipzig. 



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Kants Samt: 
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Immanuel Kant. 

Sämtliche Werke. 



Herausgegeben von 

'XTo.^V.i^A lt. r\ n I. 



THE UNIVERSITY 



OF ILLINOIS 



W. Kinkel, 

ders Kant- 
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trükn^il^ T "^^ilfr^v.'^^* ^' ^f^ Wesentliche an der VernunftkrhTkfdef'mac: 
schone Stunden sichtlich wachsender Erkenntnis genießen. Und so wird in un^e- 
IZlfH' ''°T,?"J^"S^u^-'; d^«" Sinn weiter Schichten sich der Philosophie öffnet, 
w nfc^^'^i'-' ^""^ philosophischen Lektüre oftmals durch geringere Schwierig- 
Knm,^St?r"'^''{T"' besü"imt wird, und darum ins Allgemeine geht, Cohens 
Kommentar viel Segeq stiften. Er sei vielen empfohlen. L eipziger Zeitung. 

Kritik der Urteilskraft 

Neu herausgegeben und eingeleitet von Prof. Dr. Karl Vorländer. 
8. Auflage. 1902. 38, 378 u. 36 S. 
Preis M. 3.50, gebunden M. 4.10. 

U«^ ,I?,i^, "H"^'^1'^?^^' r/'^^^f ^''^ '^*^*<^ ^" ^^"^s Lebzeiten erschienene (3.) Auf- 
lage zugrunde legt, beruht auf erneuter genauer Textrevision. Außerdem bietet 
sie eine knappgefaßte historische und systematische Einleitung, die iSer die 
^i^S""f^'^•^''^•^l.^'^^^'■.'^'^• "^^'•'^'" ästhetisches und tele^o og sches Prin! 
führ^ches pJ^nP^'';^^'*l"i'*''?'?'^"^*I'^^ orientiert, sodann ein aus- 

Ti^ri. nf Di^-i°"^"u""u Sachregister. .Ich stehe nicht an, diese Ausgabe eine 
Zierde der Philosophischen Bibliothek zu nennen.« ^ 

Ferd. J, Schmidt in den Preuss. Jahrbüchern. 



Verlag 



Return this book on or before the 
Lotest Date stamped below. 



University of Illinois Library 



innerhalb 

Herausgegi 

3. 

Pr 

Der große Vor 
Einleitungen, welche 
so, in Verbindung mi 
und sein Verständnis 
gaben ihrem Zwecke 
ohne solche Hilfsmit 



Kleinere Sc 

2. Auflage. 

XXXI, 176 

Vorländers Kan 
kurzer Zeit Eingang 
keiner Empfehlung m 
in jeder Beziehung ei 
bei aller Kürze grüne 
trefflich. 



Neu herausgegel 
3 
P] 

Vom ersten H« 
Kollegheft von Kants 
pendium, welches seil 
möglichst fern steht, 
hat sich manches, wj 
paßt, eingeschlichen, 
gelungen ist, den Les 
von dem aus sich di 
Text ist sorgfältig re\ 



Mit 

XI, 211 

M. 3.60, in vornehmem Geschenkbd. M. 4.20. 

Kants Leben entbehrte vielleicht der in die Augen fallenden großen Mo- 
mente und, abgesehen von dem Zusammenstoß mit der preußischen Reaktion unter 
Friedrich Wilhelm II., der äußeren Erschütterung oder leidenschaftlichen Bewe- 
gungen. Trotzdem wird es für jeden Kantliebhaber von Wert sein , an der Hand 
eines unserer ersten Kantkenner dieses stille Gelehrtenleben näher kennen zu lernen ; 
man sieht dann bald, daß es innerer Bewegung nicht entbehrt hat. 




Verlag von Felix Meiner in Leipzig. 
Kirchner's 

Wörterbuch der philosoph. Grundbegriffe. 

6. Aufl., bearbeitet von C. Michaelis. 
1911. VIII, 1124 S. Preis M. 12.50, geb. M. 14.-. 

Die Festigkeit der Grundlagen, die umfassende Vollständigkeit des Stoffes, 
die durchsichtige Anlage und vortreffliche Form, sowie die würdige Ausstattung 
machen das Buch zu einem treuen Führer auf den verschlungenen Pfaden der 
Philosophie. Man kann ihm nur weitere und weitere Verbreitung wünschen. 

Zeitschrift für das Gymnasialwesen igii, 

Einführung in die Erkenntnistheorie. 

Von August .Messer. 

1909. VI, 188 u. 11 S. Preis M. 2.40, geb. M. 3.—. 

Das ist die beste einführende Schrift in die Erkenntnistheorie, die Ref. 
kennt. Sie zeichnet sich besonders dadurch aus, daß sie trotz des kleinen Umfanges 
eine Anschauung erweckt von der Fülle der Probleme, die der Erkenntnistheorie 
erwachsen; ferner daß sie stets auf die richtige Problemstellung hinweist; endlich 
ragt sie noch durch große Klarheit und Übersichtlichkeit hervor. 

Viertel Jahrsschrift f. wissensch. Philosophie u. Soziologie. 

Grundlinien der Psychologie. 

Von Stephan Witasek. 

Mit 15 Figuren im Text. 
1908. VIII, 370 u. 22 S. Preis M. 3.—, geb. M. 3.50. 

Was Witasek bietet, ist so gefaßt, daß niemand sein Buch ohne Gewinn 
aus der Hand legen wird. Der Stil ist einfach und durchsichtig, die erläutern- 
den Beispiele sind anschaulich und belebend, neue Begriffe werden so erklärt, 
daß auch der Laie bei einiger Aufmerksamkeit gut folgen kann. Besonders wohl- 
tuend ist die Präzision, mit der überall zwischen gesicherten Erkenntnissen und 
vorläufigen Hypothesen unterschieden wird. Alles m allem: ein tüchtiges Buch, 
dem auch wegen seines ungemein billigen Preises weiteste Verbreitung zu gönnen 
»St. Christliche Welt. 

Die Einteilung des Werkes ist ganz trefflich, die Schreibart klar. Es 
bietet die neuesten Forschungsergebnisse und ist wahrscheinlich der beste und 
vollständigste Grundriß dieser Wissenschaft, den wir zurzeit besitzen. 

Natur e {London). 

Grundlinien der Logik. 

Von A. Döring. 
XU, 181 S. Preis M. 2.50, geb. M. 3.—. 

Diese kleine »Logik" bemüht sich, die Mitte zu halten zwischen den allzu- 
knappcn »Leitfäden« und den voluminösen ..Lehrbüchern". Das pädagogische Ge- 
schick des als Gymnasial- und Hochschullehrer bewährten Verfassers dürfte das 
Buch zu einer vorzüglichen Einführung und zu einem bequemen Kompendium 
dieser Wissenschaft machen. 

Kant-Schiller-Goethe. 

Von Karl Vorländer. 
1907. XIV, 294 S. Preis M. 5.—, geb. M. 6.—. 

Das Buch wird durch seine ganze Anlage für lange Zeit, wenn nicht für 
immer, den Anspruch erheben dürfen, als das grundlegende Werk über dies 
Thema zu Rate gezogen zu werden. Zeitschrift für Gymnasialwesen. 



Philosophische Bibliothek 
Band 141 

Lotze. Logik 



Hermann Lotze 



System der Philosophie 



Erster Teil 

Drei Bücher der Logik 




Leipzig 

Verlag von Felix Meiner 
1912 



Hermann Lotze 

Logik 

Drei Bücher 

vom Denken, vom Untersuchen 

und vom Erkennen 



Mit der Übersetzung des Aufsatzes: Philosophy in 
the last forty years, einem Namen- und Sachregister 

Herausgegeben und eingeleitet von 

Oeorg Misch 




Der Philosophischen Bibliothek 
Band 141 



Leipzig 

Verlag von Felix Meiner 
1912 






Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig. 






Inhä^ltsübersicht. 

Seite 

Vorwort des Herausgebers VEC 

Einleitung des Herausgebers '\. . . IX — XCII 

I. Lotze's Ausgangspunkte > Xu 

IL Der erste Entwuif des Systems in Metaphysik und Logik XXII 

. j Ontologie XXVI 

Kosmologie, Logik und Erkenntnistheorie XXXV 
III. Der Fortgang in der Psychologie, Geistesphilosophie 

imd Wertlehre una der Entwicklungsgang Lotze's . . IL 
IV. Logik und Metaphysik als Glieder des „Systems der 

Philosophie" ./...... LXXI 

Literatur ^ XCn 

Die Philosophie in den letzten 40 Jahren (aus dem Eng- 
lischen übersetzt vom .Herausgeber) XCIV 

Lotze's Logik. 

Vorwort Lotze's , CXXV 

^ Inhalt des Werkes OXXVII 

Erstes Buch. Vom Denken I 

Zweites Buch. Vom Untersuchen 187 

^ Drittes Buch. Vom Erkennen 477 

c Namenregister 609 

Sachregister 611 



2Ji0i94 



Verbesserungen 

von Druckfehlem der zweiten Auflage von Lotze's Logik (1880). 

Seite 23 Zeile 5/6: Denkarbeit statt Denkbarkeit. 

„ 53 „11 von unten: Subsumption statt Subsumtion. 
„ 262 „ 21 „ „ der letzte Buchstabe der Formel 

hei 3t x' statt x. 
„ 395 „ 16 „ ,. ihn statt sie. 

„ 522 „ 22: untheilbar statt urtheilbar. 



Vorrede. 

Die Logik ist nach der zweiten Auflage (Leipzig, 
S. Hirzel, 1880) abgedruckt, der Bequemlichkeit halber so, 
daß die Seitenzählung mit der des Originals überein- 
stimmt. Das Namensregister ist von Herrn stud. phil. R. 
Barth, das Sachregister von Herrn stud. phil. C. Fran- 
kenberger angefertigt.^ Für die Sorgfältigkeit der Kor- 
rektur bürgt der Verlag, der auch den Nteudruck der Meta- 
physik vorbereitet. 

Der Gedanke dieser Ausgabe ging aus den Studien zur 
Erneuerung des (inzwischen in andre Hände übergegan- 
genen) 4. Bandes von Überweg's Grundriß der Geschichte der 
Philosophie hervor und aus der Arbeitsgemeinschaft für 
dieses Buch mit Herman Nohl- Jena, die auch der 
Einleitung zugute gekommen ist. 

Beigegeben habe ich der Einleitung eine Übersetzung 
von Lotze's Abhandlung Philosophy in the last forty 
years, die 1880 in der Contemporary Review erschienen 
ist als Anfang einer nicht weiter fortgesetzten Artikel- 
reihe; sie erfolgte nach dem Abdruck von Peipers in 
Lotze's kleinen Schriften Bd. III, 2 (Leipzig, Hirzel, 1891) 
mit Benutzung von dessen* Anmerkungen. Lotze schrieb 
deutsch imd ließ übersetzen, aber sein Originalmanuskript 
ist verloren, so daß eine Rückübersetzung nötig war. 

Das Porträt — verkleinert nach der im Berliner Psycho- 
logischen Institut hängenden Photographie — ist von Herrn 
Geheimrat C. Stumpf freundlichst zur Verfügung gestellt 
worden ; die Original-Aufnahme ist vom Mai 1870, es ist die 
Aufnahme VII B in Rehnisch's Verzeichnis der Lotze-Bilder 
(Anhang zu den Vorlesungen über Grundzüge der Prak- 
tischen Philosophie, 3. Aufl. S. 96). 

Marburg, im März 1912. 

Georg Misch. 



Einleitung. 



Die Logik und die Metaphysik sind von Lotze ent-. 
worfen als die beiden ersten Teile seines »Systems der 
Philosophie', das dreigliedrig gedacht war. Der dritte Teil, 
der nicht mehr zur Ausführung kam, sollte die Ethik, 
Ästhetik und Religionsphilosophie umfassen. Die Logik ist 
1874, die Metaphysik 1879 erschienen. Als Glieder des 
Systems gehören beide Werke zusammen. So werden sie 
hier wieder vorgelegt, und zwar nicht bloß um eine histo- 
rische Gestalt der Philosophie dem Studium zugäng- 
licher zu machen, sondern in der Überzeugung, die von 
verschiedenen. Seiten her durchzudringen beginnt: daß die 
begriffliche Arbeit, die Lotze vornehmlich in diesen beiden 
Werken geleistet hat, nicht genügend in den Vermögens- 
bestand unserer Wissenschaft aufgenommen ist und doch 
noch berufen scheint, aufklärend und fördernd einzugreifen 
in die gegenwärtigen Bestrebungen des wieder intensiver 
gewordenen Denkens. Denn diese Arbeit bildet zu ihnen 
die Brücke von der ,Deutschen Bewegung' i) her, deren 
Leistungen und Tendenzen in der Wissenschaftslehre nur 
vorübergehend, in einer empiristischen Übergangs-Lage, aus 
dem Horizont des philosophischen Bewußtseins haben 
schwinden können. Lotze hat, als der entscheidende syste- 
matische Kopf der mittleren Zeit des 19. Jahrhunderts, diese 
Tendenzen fortgesetzt und in die modernen Problemstel- 
lungen hinübergeführt. Und grade der Sinn für die Begriff- 
lichkeit ist es, was ihn auch gegenüber dem gleichstreben- 
den Fechner auszeichnet. 



1) Mit dem Ausdruck Deutsche Bewegung soll — gegenüber den 
engeren Begriffen Deutscher Idealismus oder Idealistische Systeme — 
der ganze Zusammenhang der philosophischen Arbeit von Kant, Jakob! 
und Goethe bis He^el und Herbart bezeichnet werden. Vgl. H. Nohl, 
Die Deutsche Bewegung u. die idealist. Systeme in Logos II, 3 (1912). 



X Einleitung. 

Das jSystem der Philosophie* ist die langsam gereifte 
Frucht gedanklichen Ringens, das durch vier Jahrzehnte 
hindurch fortgegangen war, seit der junge Lotze mit 
24 Jahren in einem ersten genialen Wurf die Meta- 
physik (1841) und alsbald auch die Logik (1843) ver- 
faßt hatte. Er hat dabei eine Entwicklung durchgemacht, 
"und ihre Kenntnis kann zum Verständnis des Werkes mit- 
verhelfen. Denn sie betrifft einen wesentlichen Punkt, 
an dem auch gegenwärtig noch erst Entscheidung ge- 
funden werden muß, nämlich die Art des Aufbaues der 
Philosophie, ihre systematische Struktur, die nach der 
Auflösung der konstruktiven Form von Systembildung aus- 
zubilden ist. Die verschiedenen Einsätze und Gredanken- 
gänge, die Lotze in seinem System zu verbinden suchte, 
sind vom ersten Entwurf seiner Logik und Metaphysik 
an fast alle da, wie sie denn einfache typische Gr€- 
danken sind, die von der Deutschen Bewegung wieder 
neu entwickelt waren und ihm von da aus zuflössen. 
Bis auf einen erkenntnistheoretischen, den er erst später 
im Apriorismus entdeckte und der dann auch die Ent- 
wicklung mit bestimmt hat, in der sich die Fügungs- 
weise seiner Gedanken wesentlich veränderte. 

Zuerst, als er inmitten der Auflösung der idealistischen 
Systeme festen Fuß faßte und sich in jenen zwei Jugend- 
schriften die Grundlage gab, von vorn herein klar über 
die Unmöglichkeit der konstruktiven Systematik, aber eben- 
so überzeugt von dem dauernden Gehalt, der in dieser Form 
an's Licht getreten war, hat er das, was ihm blieb, zu- 
sammen gepackt in der typischen massiven Struktur eines 
ethischen Idealismus, mit der Wurzel in der praktischen 
Vemimft, dem Vorantritt der Metaphysik vor der Logik 
imd der Spitze in der Religionsphilosophie. Er nannte es: 
teleologischer Idealismus. Auch der ,Mikrokosmos* — die 
Anthropologie, in der er den Ertrag des vielseitigen Unter- 
suchens und Nachdenkens seiner ersten Epoche in popu- 
lärer Zusammenfassung zur Wirkung aufs Leben brin- 
gen wollte — zeigt im wesentlichen noch dieses Gefüge, 
nur nicht mehr so streng geschlossen, sondern noch mehr 
auf Versöhnung gestellt, Versöhnung zwischen theoretischer 
und praktischer Philosophie, Versöhnung zwischen Erkennt- 
nis und Gemütsbedürfnis. Aber es ließ sich nicht halten, 
wenigstens nicht in dieser ursprünglichen Form. Weder 
vor dem Herbartschen Ansatz der Philosophie beim Ge- 
gebenen, noch vor dem Platonischen bei der Wahrheit, noch 



Die Entwicklung des Systems. XI 

auch vor dem Prinzip der sachlichen Einsicht, das ihm in 
Kant aufging. Es löste sich auf in den complizierten 
Bau, der dem ,System* eigen ist und der nun in neuer 
Weise Raum ließ für die Mehrheit der Ansätze und für die 
Fülle der Einfälle, die diesem produktiven Kopf zuströmten. 
So sind diese Bücher nicht ohne weiteres durchsichtig, 
trotz der außerordentlichen Sprachgewandheit von Lotze's 
Darstellung. Sie fließt nur scheinbar so leicht und be- 
weglich hin, fordert vielmehr an jedem Punkt extensiv 
interpretiert zu werden aus dem Zusammenhang des Gan- 
zen. Wer das Werk studiert, wie es studiert sein will: als 
ein Hauptwerk der gegenwärtigen logischen Bewegung, mit 
dem man sich auseinandersetzen muß und das die Aus- 
einandersetzung mit den Mitteln der modernen Logik ver- 
trägt, wird oft genug auf Stellen stoßen, an denen Lotze's 
scharfer Blick seinem, synkretistischen Bestreben zum Opfer 
gefallen scheint, und wird geneigt sein, das Ganze als ein 
Zwittergebilde 1) abzuweisen, um nur die vielen wertvollen 
Einzel-Gedanken und Einfälle gelten zu lassen. Begreift 
man aber das System als die Vollendung einer Entwick- 
lung, ^1 der das Suchen eines tiefen Denkers auch nur 
relativ zum Stehen gebracht ist, so heben sich aus dem 
scheinbaren Gemenge die Gedanken heraus, in denen die 
ursprünglich viel härteren Bindungen abgeschwächt fort- 
wirken, und die andern, in denen sich die Linien weiteren 
Fortgangs markieren. 

In diesem Sinne soll die Entwicklung von Lotze's 
Werk hier überblickt werden. 



1) Husserl, Log. Untersuchungen I (1900) S. 219. 



I. Lotze's Ausgangspunkte. 

Eine Wurzel von Lotze's Kraft liegt sicher in seiner 
naturwissenschaftlichen Bildung. Der Sohn eines Arztes, 
hatte er die Medizin zum Fach gewählt, als er mit 17 
Jahren 1834 die heimische Universität Leipzig bezog (er 
war Sachse aus der Niederlausitz wie Fichte und Les- 
sing). Dort wurde E. H. Weber sein Lehrer, Fechner sein 
Freund. Abhandlungen, Kritiken, Vorlesungen und zusam- 
menfassende Darstellungen auf dem Gebiete der Physiologie 
und Pathologie gingen während seiner ersten Epoche stän- 
dig neben seinen philosophischen Arbeiten her, bis dann, 
über die Biologie hinaus, 1852 seine ,Medizinische Psycho- 
logie* kam. Sie ist aus seiner ,Allgemeinen Physiologie des 
körperlichen Lebens* (1851) hervorgegangen, als ein zu 
selbständiger Behandlung abgelöster Teil derselben (abgelöst 
aus dem Kapitel, das die Leistungen der lebendigen Körper 
zu behandeln hatte) — < ein Markstein der physiologischen 
Psychologie, die sich damals in Deutschland konstituierte 
und nun alsbald durch Fechners Psychophysik (1860) in die 
modernen Bahnen experimenteller Forschung geführt wurde. 
Und über die physiologische Psychologie hinaus ist dann 
sein Gang zum ,Mikrokosmos' gegeben durch den Ge- 
danken, den er mit der von Herbart ausgehenden Völker- 
psychologie teilt und so formulierte: „Die Philosophie der 
Geschichte ist die notwendige Ergänzung der Psychologie." 
So gehört die Hauptmasse seiner Schriften aus seiner 
ersten und mittleren Zeit der Anthropologie an, in 
dem weiten Sinne, in dem er Anthropologie von vornherein 
verstanden und schließlich im ,Mikrokosmos* zur Darstel- 
lung gebracht hat; und diese Orientierung gab seinen 
Arbeiten von dem Unterbau der Physiologie aus einen 
fortschreitenden inneren Zusammenhang. Für die Philo- 
sophie eingeschätzt, bedeutet das zunächst den typischen 
Ausgangspunkt vom menschlichen Subjekt, angepaßt an die 



Sein Ausgang von der Naturwissenschaft. XIII 

neue Lage der Naturwissenschaft, wie er damals allgemein 
ergriffen wurde als die Rettung der Philosophie aus dem 
Zusammenbruch der spekulativen Geistesverfassung. 

Liegt hier der entscheidende Ansatz Lotze's in der 
Philosophie ? Eröffnet er also die Reihe der Denker, die mit 
der 15 Jahre später geborenen Generation sich nun auch in 
Deutschland mehrten: die von der Biologie und Physik 
zur Philosophie kamen, auf dem Wege der Wahrnehmungs- 
theorie oder der Kritik des Materialismus oder allgemein 
durch die universale Richtung und methodische Haltung 
in der positiven Forschung selber? wie Helmholtz, Wundt, 
Mach und die vielen Naturforschesr, die in den 70er Jahren 
an der Kant-Bewegung und der Grenzbestimmung ihrer Wis- 
senschaft teilnahmen ? Oder hat er wie sein viel älterer 
Freund Fechner (geb. 1801), der auch mit der Medizin be- 
gonnen hatte, den Weg zur Philosophie durch eine be- 
freiende Krisis gefunden, in der ihm „ein neues Licht auf 
einmal die ganze Welt und die Wissenschaft von der 
Welt zu erleuchten schien" ?i) Lotze selbst hat bekundet, 
seine Neigung zu Poesie und Kunst sei es gewesen, was ihn 
von Haus aus zur Philosophie hintrieb; er war in ihr be- 
reits darinnen, als er mit seinen biologischen Arbeiten 
hervortrat. Aber es bleibt die wesentliche Frage, ob 
und wieweit diesem ästhetisch, kontemplativ gerichteten 
Geist die Schulung in der Naturwissenschaft, das Er- 
fülltsein von ihrem Stoff und Geist, zu seinen philo- 
sophischen Leistungen verholfen habe? Auch die Tatsache 
seiner Abhängigkeit von Herbart, wie sie jeder, der da- 
mals in der Psychologie etwas vorwärts bringen wollte, 
erfahren mußte, läßt diese Frage offen. Lotze hat sich da- 
gegen gewehrt, als Herbartianer eingeordnet zu werden; 2) 
nicht ganz mit Recht, wenn er auch seinen letzten philo- 
sophischen Willen bei Herbart nicht berührt fand. Sein 
Ausgang vom Gegebenen, seine Methode der Bearbeitung der 
Begriffe, seine Gedankenführung, seine Lehre von der Rück- 
wirkung, seine metaphysische Conception von der Wech- 
sehvirkung der Wesen und das Charakteristischste, seine 
Terminologie, zeigen entscheidende Spuren Herbarts. Lotze 
hat nun aber diese Verwandtschaft, soweit er sie gelten 
ließ, darauf zurückgeführt, daß die fraglichen Anschauungen 
bei ihm wie bei Herbart gleichermaßen in der Physik ihre 



^) Fechner über sein Erlebnis, in Kuntzes Biographie (1892) S. 39. 
2) Lotze, Streitschriften, Heft 1 (1857) S. 5f. 



XIV Einleitung. I. Lotze's Ausgangspunkte. 

überpersönliche Quelle gehabt hätten. So scheint das Urteil 
begründet, das einer der besten Kenner Lotze's ausspricht: 
daß auch bei ihm von der Naturwissenschaft aus, „von 
einer in naturwissenschaftlichem Geiste betriebenen Psycho- 
logie neues Leben in die Philosophie kam."^) Es handelt 
sich um eine Frage von allgemeiner Bedeutung: die Frage 
nach den Kräften, die bei der Wiedererneuerung der Philo- 
sophie am Werke waren und sind und ein Recht auf 
Pflege in ihr haben. 

Tatsache ist, daß die bestimmte Gestalt der Natur- 
wissenschaft, an der auch Kant orientiert war, die Physik 
der Zentralkräfte mit Wirkungen und Gegenwirkungen 
nach dem Vorbilde der Himmelsmechanik, für ihn leitend 
gewesen ist. Er hat ihr mächtiges Aufsteigen in Deutsch- 
land, das Anwachsen ihres Selbstbewußtseins nicht nur 
miterlebt, sondern mit gefördert. So fest stand er in 
dieser Bewegung, daß er mit seinem klaren, philosophisch 
erzogenen Denken gleich durch seine erste Schrift, kaum 
21 Jahre alt, führend in sie eingreifen konnte. Seine Promo- 
tionsschrift zum Dr. med. handelte De futurae biologiae 
principiis philosophicis (1838); er entwarf und begründete 
darin das Programm einer strengen mechanischen Theorie 
unter Ausschluß der Rede von der Lebenskraft. Und dies 
in einer Zeit, wo der größte Physiologe Deutschlands, 
Johannes Müller, noch schwankte und seinen Schülern 
die entscheidenden Feststellungen überließ. Das Prinzip 
des Mechanismus — das Wort in dem weiten, von Kant 
geprägten Sinne: kausal erklärende Theorie — hat er 
nicht nur in der Biologie zuerst und allgemein durch- 
geführt, in den berühmten Abhandlungen, in denen er 
die Grundbegriffe und Grundsätze einer wissenschaftlichen 
Gestaltung seiner Fachdisziplin ausarbeitete 2), sondern 
es geht durch seine ganze anthropologische Schriften- 
reihe hindurch. Auch hierüber war er sich von Anfang an 
klar. In seiner ersten philosophischen Hauptschrift, der 
Metaphysik von 1841, forderte er es wie für die Physiologie 
so auch für die Psychologie, in der richtigen Einschätzung 
von Herbart's Verdienst: die Idee seiner Seelenmechanik 



1) Carl Stumpf, Die Wiedergeburt der Philosophie, Rektoratsrede 
Berlin (1907) S. 6; Philos. P.eden u. Vorträge, Lpz. (li>10) S. 1()6. 

2) .Leben und Lebenskraft' 1843: die Abb. wurde aus dem Text 
von Wagners Handwörterbuch der Physiologie heraus an die Spitze 
dos Werkes gestellt. 



Philosophie und Naturwissenschaft. XV 

bedeute einen der wenigen reellen Fortschritte der neueren 
Philosophie, die Durchführung aber sei nur „ein untergeord- 
netes Moment der eigentlichen Psychologie, die wir noch 
suchen." Und zugleich forderte er mit Herbart dies Prin- 
zip auch für die Geschichte; ein zeitgemäßer Gedanke, 
der dann im ,Mikrokosmos* wiedererscheint als die Auf- 
gabe einer „Mechanik der Gesellschaft, welche die Psycho- 
logie über die Grenzen des Individuums erweiterte."^) 

Den Mechanismus so allgemein zu fordern und die For- 
derung zu rechtfertigen, war Sache der ,Metaphysik' — da- 
mit ist schon gesagt, daß ihm die Philosophie der syste- 
matische Ort war, von dem die Einzelwissenschaften die 
Prinzipien der Beurteilung zu entnehmen haben. Er selber 
hat für alle seine spezialwissenschaftlichen Arbeiten bis 
zur ,Medizinischen Psychologie* hin den Titel Philosophie 
abgelehnt: sie sollten „das medizinische Studium von 
Seiten philosophischer Betrachtung" fördern. Als Lehrer 
wie als Autor wollte er „mit eiserner Konsequenz" den 
methodischen Weg festhalten: „Allgemeine Grundsätze, die 
bestimmen, wie etwas sein muß, wenn es überhaupt sein 
soll, und wie etwas untersucht werden muß, wenn es über- 
haupt untersucht werden soll, gehören an den Anfang der 
Beschäftigung mit dem Gegenstande" — ,metaphysische An- 
fangsgründe' der Wissenschaften. 

Aber nun hat Lotze weiter die Umkehrung dieses 
wissenschaftlichen Bewußtseins in Deutschland miterlebt, 
die durch die Ausbreitung des Empirismus in den Einzel- 
wissenschaften und insbesondere durch das Vordringen 
der Naturforschung gegen die Philosophie kam. Mit der 
construierenden Vernunft schien die philosophierende über- 
haupt gerichtet. Sollte die Philosophie aus ihrer Ohnmacht 
erweckt werden, so müßte sie zunächst naturwissenschaft- 
lich denken lernen; in einzelnen ihrer Disziplinen, wie Ästhe- 
tik, Ethik, Geschichtsphilosophie begann man schon damit, 
von der Psychologie zu schweigen. Diese seit den 50er 
Jahren vorherrschende Meinung, durch die die Philosophie 
als Ganzes in Frage gestellt war — man sieht leicht, es ist 
dieselbe Meinung, die den uns problematischen Gesichts- 
punkt für die Einschätzung Lotze's gab — , stand tat- 
sächlich allenthalben im Vordergrunde, wo zu Lotze's 
Zeit abseits von den metaphysiko-theologischen Seiten- 
gassen, in die sich die reaktionär erstarrte Deutsche Be- 

1) Metaphysik 1841, S. 251. Mikrokosmos III 5, S. 71f. 



XVI Einleitung. I. Lotze's Ausgangspunkte. 

wegung verrannt hatte, etwas für die Erneuerung der Philo- 
sophie geleistet wurde. Unter diesem Zeichen breitete sich 
damals der genetisch-psychologische Betrieb der Erkenntnis- 
theorie von Beneke und Herbartschülern her in der kriti- 
schen Philosophie und bei Naturforschern aus als einer 
der verschiedenen Anfänge, mit denen man, zunächst von 
speziellen Seiten her herankommend, sich um eine wissen- 
schaftliche Philosophie bemühte. Es bildete sich die eigen- 
tümliche Konstellation, unter der Kant ,erneuert* und sein 
Apriorismus mit gewissen Ergebnissen der physiologischen 
Wahrnehmungslehre identifiziert wurde. Aber auch nach- 
dem der rationale Sinn des Apriori wieder entdeckt war 
und die verschiedenen Richtungen des Kritizismus und 
Positivismus sich sonderten, die das negative Band der 
Antimetaphysik zusammengehalten hatte: blieb der An- 
schluß der Philosophie an die Naturwissenschaft mit Hilfe 
von Kant als der Heilsweg zur Wiedergeburt bestehen i). 
Und dieselbe Tendenz machte sich auf einer ganz anderen 
Linie, die abseits von der Kant-Bewegung zu wissenschaft- 
licher Philosophie hinführte, geltend: in einer Richtung, 
die trotz ihrer Ferne vom Deutschen Idealismus Lotze nahe- 
stand und schließlich berufen war, sein Werk zu ergänzen. 
Einer der bedeutendsten Denker aus der damals einsetzen- 
den Generation, Franz Brentano, der die vorkantische, 
aristotelische Tradition der Philosophie in das moderne ana- 
lytische Denken hinübergeführt hat auf dem Boden einer 
„phänomenalen Psychologie"; der mit dem distinguieren- 
den, klärenden Denken und der Richtung auf „bescheiden 
sorgsame Einzelarbeit von engumgrenzten Fragen aus" eine 
in ihrer Exaktheit geschlossene methodische Haltung be- 
gründete, die ihn und seine Schüler instand setzte, trotz 
des Ausgangs von der Psychologie über die „subjek- 
tivistische Fälschung der Begriffe des Wahren und des 
Guten" hinauszukommen — Brentano führte diese Denk- 
haltung auf dem Katheder ein (1865) mit dem Motto: Vera 
methodus philosophiae nulla alia nisi scientiae naturalis 
est.i) 

1) Riehl, über Begriff und Form der Philosophie 1872. Wundt, 
Ü. d. Aufgabe der Philosophie in der Gegenwart 1874 u. a. 

2) Gegenüber der von Windelband (Große Denker, hrg. v. E. v. 
Aster 1911, II S. 3T6; ähnlich Lask, die Logik der Philos. 1911, 
S. 12) ausgesprochenen Ansicht, die die Orientierung der gegenwärtigen 
Philosophie vereinfacht: daß insbesondere auch Hus^erl's Leistungen 
hauptsächlich von Lotze (und Bolzano) aus zu sehen seien, muß die ße- 



Naturwissenschaft und Philosophie. XVII 

Die Wirrungen jenes Synkretismus von Kant und 
Naturwissenschaft auf dem Boden der Psychologie hat 
Lotze nie mitgemacht; er hat zeitlebens im Kampf gegen 
die psychologisierende Erkenntnistheorie gestanden, die er, 
groß in der Kritik, fortdauernd in seinen Rezensionen 
verfolgte. Er wußte zu gut von der alten guten Tradition 
des Kritizismus her den Unterschied von Apriorität der 
Giltigkeit und des Angeborenseins, den die neuere Kant- 
Bewegung erst allmählich wieder heraufarbeitete; er konnte 
bei seinem Lehrer Weiße lernen, daß das Prinzip der 
kritischen Philosophie bestehe in dem „reinen und strengen 
Begriff des Apriori oder der formalen Vernunftnotwendig- 
keit", welche „die notwendige Pr.ämisse jedes wissenschaft- 
lichen Erkennens ist.i) Aber auch die Gleichsetzung der 
philosophischen Methode mit der der Naturwissenschaft 
im Sinne Brentano's hätte Lotze abgelehnt, als eine mißver- 
ständliche Redeweise, wie er den Titel ,nach naturwis- 



ziehung zu Brentano besonders betont werden. Brentano stimmt mit 
Lotze's späterer Lehre (s. unten S. LXIlIfif.) in dem Hauptpunkt überein, 
daß sich das Urteil — und das parallel behandelte Werturteil — 
durch die Sachlichkeit hindurch auf die Wirklichkeit bezieht. Die 
Unselbständigkeit der sachlich -idealen Sphäre drückt Lotze durch den 
Terminus Gelten aus. Brentano faßt jetzt die selbständige Behandlung 
der Urteils- und Interesse- Inhalte als methodische Fiktion (V. d. 
Klassifikation der psych. Phänomene 1911, S. 147 ff.); aber in der 
Gruppe von Denkern, die von Brentano ausgegangen sind, kann man 
die ganze Reihe in der Entscheidung der Frage finden, in welchem 
Sinne den objektiv- idealen Bedingungen der Erkenntnis und Sittlichkeit 
eine unabhängige Existenz zuzusprechen ist (Stumpf— Husserl — Marty 
— Meinong) ; schon dies allein sollte zeigen, daß hier eine geschlossene 
Entwicklung von einem gemeinsamen Ausgangspunkt vorliegt, die 
durch die Natur der Sache vorwärtsgetrieben wurde (wobei dann 
liOtze einerseits, Bolzano anderseits herein wirkte). Wird dann aber 
in der Rede von der zeitlosen Existenz mehr gesehen als eine „An- 
zeige für die Geltung gewisser Urteile" (Husserl), so fragt sich durch- 
aus, ob dies ein Fortschritt ist. — Auch die „Phänomenologie" im 
Sinne Husserl's, die von der Reinen Logik zu scheiden ist, kommt 
von Brentano's „Gedankenkreis einer Deskriptiven Psychologie" (Bren- 
tano, Vom Ursprung der sittlichen Erkenntnis, 1889, S. VI) her, wenn 
auch das hermeneu tische Verfahren erst durch die selbständige Be- 
handlung der Phänomenologie in seiner universalen Bedeutung als 
Methode der Grundlegung rein herausgearbeitet wurde; Lotze ist zwar 
auch auf diesen Punkt gestoßen, hat aber grade an dieser Stelle die 
Methode nicht reinlich von der Spekulation gesondert. 

1) Chr. Weiße, In welchem Sinne die deutsche Philosophie jetzt 
wieder an Kant sich zu orientieren hat, Lpz. 1847 S. 6 f. 11 f. 

Lotze, Logik. II 



XVIII Einleitung. I. Lotze's Ausgangspunkte. 

senschaf tlicher Methode* auf Lehrbüchern der Psychologie 
aus Herbart's Schule und für seine eigenen Arbeiten ab- 
gelehnt hat. Sei dieser Titel im eigentlichen engen Sinne 
gemeint, dann bedeute dies eine falsche Übertragung von 
Methoden, die für die Erforschung speziell physischer 
Gegenstände ausgebildet sind; solle damit aber nur die all- 
gemeinste Regel logischer und methodischer Genauigkeit 
gemeint sein, dann sei der Ausdruck unberechtigt, weil zu 
eng.i) 

So scheint von der philosophischen Bedeutung seines 
naturwissenschaftlichen Anfangs nur dies zu bjeiben: daß 
er die allgemeine Forderung wissenschaftlicher Strenge 
und Durchsichtigkeit, die in der Deutschen Bewegung im 
Ringen um die geistige Bewältigung eines neu aufgehenden 
Gehalts vernachlässigt worden war, hier am ehesten er- 
füllt vorfinden und dieses Vorbild in sich aufnehmen konnte. 
In Wahrheit bleibt doch mehr; aber etwas, was ihm nicht 
bloß Frucht trug, sondern ihn auch gehemmt hat. Es han- 
delt sich um die Bedeutung des Mechanismus. Aus all- 
gemeinen Gesetzen kausal erklärende Theorie und Wissen- 
schaft sind für Lotze wie für Kant äquivalente Begriffe; 
So bleibt er in der Wissenschaftslehre bei dem natura- 
listischen Monismus stehen, wenn er auch, Herbart fol- 
gend, den Begriff des Mechanismus durch Abstraktion von 
den Momenten, die durch die spezifische Natur der physi- 
schen Objekte bedingt sind, erweitert hat zu der Idee 
einer „allgemeinen Statik und Mechanik der Veränderungen 
von Wesen überhaupt", einer „metaphysischen Dynamik*', 
als deren Zweige Physik und Psychologie einander gleich- 
geordnet wären. 2) Daß er diese Stellung festhielt, hatte 
zur Folge, daß er überall da, wo er in philosophischer 
Betrachtung eine Grenze der Gesetzeswissenschaft er- 
kannte, sich nun nicht um eine Erweiterung des Begriffs 
der Wissenschaft für die Philosophie bemühte, sondern 
die Wissenschaft abwies, um eine spezifisch spekulative 
Behandlung Platz greifen zu lassen. Und durch diese 
Trennung von Philosophie und Wissenschaft wurde er ge- 
hemmt, seine eigenen fruchtbaren Ansätze zu einer Theorie 
des geistigen Lebens, insbesondere in der Wertlehre, voll 
auszunützen. Sie führen uns zu dem andern Pol seiner 
geistigen Entwicklung. 



1) Lotze, Kleine Schriften H S. 5, 479, HI S. 261 o. m. 

*) Medizin. Psychologie S. 34, 450 u. in s. anderen Schriften pasflim. 



Die Deutsche Bewegung. XIX 

Denn nicht sein fachmännisches Verhältnis zur Natur- 
wissenschaft allein, sondern — und damit wäre die positive 
Antwort auf die oben gestellte Frage gegeben — daß er zu- 
gleich ein Lebensverhältnis zu der Deutschen Bewegung be- 
saß, bestimmte seine Anfänge. Sie war für ihn noch volle 
Gegenwart, während für die um ein Jahrzehnt später Ge- 
borenen schon die Tradition verschüttet war, so daß erst 
die historische Erinnerung wieder die Kontinuität herstellen 
konnte, wo sie überhaupt von den Weiterschreitenden noch 
gesucht wurde, wie bei Sigwart, Dilthey, Eucken, Win- 
delband. Und sie blieb ihm dauernd gegenwärtig mit der 
universalen Problemlage, in die er hineinkam: die Kritik 
Hegel's seitens der Logik von ihrer formalen Tradition 
her wie von ihrer Erneuerung aus der Methodenlehre der 
Wissenschaften (Trendelenburg); der Ansturm gegen Hegel 
durch den Antirationalismus des späteren Schelling, durch 
den Lotze wie so viele damals intensiv hindurchgegangen 
ist, und die Auseinandersetzung beider mit Herbart, dessön 
Bewältigung eine Hauptangelegenheit seiner ersten Arbeiten 
war; endlich die schon beginnende Rückwendung zu ihren 
Grundlagen in Kant, den er mit Plato zusammen sehen 
lernte. Grade daß er mitten in die Auflösung der Systeme 
hineinkam, auch schon aus vorzüglichen historischen Dar- 
stellungen eine Orientierung über den Gang der ganzen Be- 
wegung mitbekam!), ermöglichte ihm von Anfang an die 
freie Stellung : nur im Bruch mit den „traditionellen Formen 
des Philosophierens" könne er seinen Weg gehen. 

Er fand hier das Wesentliche — die Philosophie noch 
als Ganzes. Er ergriff die idealistischen Systeme nicht 
als eine Abfolge von Lehrsystemen, sondern als eine Einheit 
im Aufbau einer geistigen Welt, als „eine charakteristische 
Art der Bildung überhaupt". So wenig zeigte der Natur- 
wissenschaftler in ihm dem Philosophen den Weg, daß 
der Leipziger Student an Drobisch und Hartenstein vor- 
überging, um sich ausschließlich an die Vorlesungen des 
Hegelianers Weiße zu halten; erst viel später, nachdem, 
sein Lehrer den ,Mikrokosmos* hart kritisiert hatte, ist 
ihm überhaupt aufgegangen, daß zwischen dessen und 

^) Chalybäus. Historische Entwicklung der spekulativen Philosophie 
von Kant bis Hegel, 18^1, giebt am Schluß ein Programm für die 
weitere Fortbildung der Philosophie und Lotze erklärt darüber (1847, 
8. KL Schriften II S. 303). daß es sehr nahe auf den von ihm selbst 
betretenen Weg traf. Auch bei Weiße hörte Lotze Geschichte der 
Philosophie seit Kant, s. Falckenberg, H. Lotze 1901, S. 18. 

n* 



XX Einleitung. I, Lotze's Ausgangspunkte. 

seiner Richtung ein wesentlicher Unterschied bestehe, i) Und 
doch gehört diese Gasse, durch die er in die Philosophie 
eingeführt wurde, mit Recht zu den verrufenen: wo die 
Harmonisierung der Philosophie mit der Theologie zwecks 
Befriedigung der Gemütsbedürfnisse betrieben wurde 2) und 
daher das Wort Metaphysik den reaktionären Klang be- 
kam, den es, auf die Deutschen Systeme angewandt, nicht 
verträgt. Denn diese neue Art von Metaphysik gehörte 
nicht wie die alte, gegen die man im Ausland kämpfte, einer 
überwundenen Stufe an, sondern war eine produktive Kraft. 
Diese Tatsache wirkte denn auch hindurch. Gewiß zieht 
sich auch durch Lotze's Werk bis zu Ende die Tendenz, 
Unvereinbares zu harmonisieren, um die Bedürfnisse des 
Gemüts in einer Weltansicht zu befriedigen; nach der 
Auflösung der metaphysisch-objektiven Logik Hegel's und 
gegenüber der Zerfällung der Philosophie bei Herbart suchte 
er die Einheit der Philosophie anthropologisch in dieser 
Richtung auf Weltansicht. 2) Aber das Eigentliche, was er 
in jenem Kreise der ,spekulativen Theisten* fand, war doch 
die durch die Metaphysiko-Theologie hindurchscheinende 
Richtung auf den „ganzen Geist", das von Schelling ge- 
nährte Bewußtsein, daß „der einzig richtige Weg sei, durch 
das Denken über die Annahme, daß das Denken selbst das 
einzig Absolute sei, herauszukommen",*) und vor allem 
die metaphysische Grundüberzeugung, für die er sich immer 
an Hegel gehalten hat, die Überzeugung von der Einheit 
des Wirklichen als eines sinnvollen Ganzen. 

Er w^ar in eine Zeit hineingeboren, in der eine der 
größten schöpferischen Epochen der Philosophie zu Ende 
ging. Aber er brauchte dieser historischen Stellung wegen 
noch nicht ein Epigone zu sein. Und jeder der ihn kennt, 
wird das Gefühl haben, daß dieser Mann das Zeug dazu 
hatte, der große Philosoph des 19. Jahrhunderts zu werden 
— wo er dann auf ähnlicher Höhe wie Plato und Leibniz 
gestanden hätte. Er ist es nicht geworden, und nur Fäden 
sieht man zu Plato und Leibniz sich ziehen, nicht die 



1) Lotze, Metaphysik v. 1879, § 88. 

*) Auch ia Weiße's oben zitierter Kant-Rede ist die Bestimmung 
des Apriori nur eine Seite, die andere liegt in der Tendenz, mittels 
des „idealen Universums" der reinen Vernunft den absoluten Grund 
alles Seins (in Gott) zu erreichen. 

») Lotze, Metaphysik v. 1841 S. 16. und Met. v. 1879 § 94. 

*) Chalybäua a. a. 0. 2. Aufl. 1839, S. 426. 



Historische Stellung", XXI 



Gestalt als Ganzes ihnen gleichgeordnet. Es bleibt eben 
bei ihm eine letzte Grenze in dem Maß von Freiheit, 
Härte und Ursprünglichkeit. Deshalb gehört er aber nicht 
in die Niederung des , spekulativen Theismus*, ^j Er hat 
sich aus ihr herausgearbeitet, und mit den Größten teilt 
er die philosophische Verfassung, die nie stehen bleibt, 
sondern bis zum Ende weiter sucht. 



^) So oharakterisiert ihn Ed. v. Haxtmann, IiOtzes Philosophie,. 
188S, als den „Erkenntnistheoretiker des spekulativen Theismus". • 



II. Der erste Entwurf des Systems i^i Meta* 
pliysik und Logik. 

Auf die historische Situation, die wir darlegten, ant- 
wortet Lotzes Metaphysik mit dem Satz: Die Widersprüche 
der Systeme sind nur scheinbare, sie lassen sich auflösen 
in verschiedene Aspekte des Einen in sich festen Gegen- 
standes der Metaphysik. Die Prinzipien, mit denen sie 
gegeneinander streiten, gehören in Wahrheit alle zu der 
„allgemeinen Rüstkammer" für das Weltbegreifen, die die 
Metaphysik darstellt, und haben in ihr jedes für sich eine 
feste stelle. Metaphysik ist eine formale Wissenschaft — 
eine inhaltvolle Weltansicht zu geben, muß sie der „leben- 
digen Bildung der Kunst und des Lebens" «überlassen. Man 
muß nur diesen formalen Charakter festhalten, dann ent- 
fällt die Ausschließlichkeit der Systeme; denn nur der 
Glaube, mit den Mitteln der Begrifflichkeit das wahrhaft 
Seiende inhaltlich bestimmen zu können, ist es, was den 
Metaphysiker verleitet, aus den verschiedenen intellektuellen 
Koordinatensystemen, auf die das Eine unverwüstliche 
Weltall mit gleichem Recht bezogen werden kann, eins als 
das allein berechtigte auszuwählen, die „geheime In- 
klination", die die Auswahl leitet, mit Gründen zu ver- 
decken und so ein immer einseitiges Prinzip absolut zu 
setzen, am sichtbarsten in Hegels Panlogismus mit seiner 
„Auflösung des Inhalts in bloße Formen." i) So rechtfertigt 
sich das Unternehmen des Eklektikers. Überall findet er 
eine Seite der Wahrheit: bei Hegel in seiner Idee der 
Welt als Entwicklung eines Geistigen, das zum Bewußt- 
sein seiner selbst im „Fürsichsein" strebt, in Schellings 
Wendung zu der Individualität des konkret Wirklichen, in 
dem von Herbart präzisierten Gedanken einer durch Systeme 

') Metaph. S. 135, 141 u. a. Vgl. Kl. Schriften lU S. 3 (1862). 



Lotze's teleologischer Idealismus. XXTTI 

von Gründen bedingten Weltordnung, in dem Mechanis- 
mus der Naturwissenschaft. Sie müssen verbunden werden. 

Der Gedanke, der die Verbindung ermöglicht, ist die 
Unterscheidung verschiedener Begriffe vom Sein, deren 
jeder eine wahre Bestimmung des Wirklichen abgibt: das 
logische Sein des Begründungszusammenhangs, das reale 
des Kausalnexus und der teleologische Zusammenhang, 
dessen Sein aus der Transzendenz hervorgeht — die drei 
Welten von Wahrheit, Wirklichkeit und Wert. Den Ge- 
danken, der die Verbindung herstellt, gibt der Satz, den 
er späterhin als seine Übereinstimmung mit Fichte so 
formuliert hat: „daß die Welt der Werte zugleich der 
Schlüssel für die Welt der Formen sei"i) — zusammen 
mit dem andern Satz, den er mit Leibniz teilt und den 
die Völkerpsychologen ähnlich aussprachen: daß die Ver? 
wirklichung von Werten, wie alle Realisierung überhaupt> 
notwendig an einen Kausalnexus gebunden ist. Es ist 
der Satz, durch den er das Prinzip der Naturwissenschaft 
zur Geltung brachte gegenüber dem Verstehen der Be- 
deutung nach, das er in der Deutschen Spekulation irrig 
mit dem Kausalerklären vermengt sah, sein Satz von der 
universalen, aber untergeordneten Mission des Mechanis- 
mus. So ist seine Annäherungsformel für den Begriff des 
wahrhaft Seienden: „der durch seine kausalen Mittel er- 
füllte Zweck." Und damit bekennt sich die Metaphysik zu 
dem Standpunkt des teleologischen Idealismus. 

Aber der Wert- oder Zweck-Gedanke kommt von 
zwei Seiten her herein, die wir sondern : Einmal bei dem 
Problem der konkreten Wirklichkeit mit ihren individuellen 
Gestalten, also analog wie in Kants Kritik der Urteils- 
kraft; hier werden sich wesentliche Ansätze für die philo- 
sophische Theorie ergeben. Anderseits aber von dem Ver- 
hältnis her, in das die Metaphysik zu der „Weltansicht 
des Gemütes" gesetzt ist. In den Ahnungen des religiösen 
Gefühls von einem absoluten Wert findet Lotze eine ge- 
sunde Voraussetzung, deren Recht er gegen Herbart und 
die Naturwissenschaft erweisen will : D a s allein kann wahr- 
haft sein, was nicht bloß mit logischer Notwendigkeit zur 
Erklärung des Gegebenen vom Denken gesetzt werden muß, 
sondern zugleich die Forderung erfüllt, „um seiner selbst 
willen sein zu sollen". Das ist der typische Ansatz einer 
ethisch-idealistischen Metaphysik und mit ihm ist der diesem 

1) Streitschriften 1857. 



XXIV Einleitung. II. Der erste Entwurf des Systems. 

Standpunkt eigene Weg in die Transzendenz gegeben. Lotze 
befindet sich hier innerhalb der moralisch-religiösen Oppo- 
sition, in der neben den , spekulativen Theisten' damals auch 
Fries und Herbart gegen den Pantheismus der Deutschen Be- 
wegung standen. Und rein von hier aus angesehen, scheint 
seine Metaphysik nur die Arbeit eines Unterbaus zu leisten, 
wie das klar ausgesprochen liegt in ihrer Problemstel- 
lung: „Den Geist zur Verständigung über die Voraus- 
setzungen zu bringen, die er über die Natur und die Be- 
dingungen alles Seienden macht, damit ... es sich zeige, 
ob es einen solchen Punkt gibt, wo mit einer Form des 
Seins zugleich der Anspruch auf an und für sich seiendea 
Wert zusammenfalle." (S. 14.) l 

Aber gerade hier liegt der kritische Punkt seiner 
Philosophie, derselbe kritische Punkt, auf den der ethische 
Idealismus immer, auch in seinen modernsten Formen, 
stößt, sobald er von seinen handfesten Lebensursprüngen 
loskommen und sich vom rein logischen Ansatz aus be- 
weisen will. Lotze hat diesen wesentlichen Ansatz schon 
hier genommen. Welches ist das Verfahren? 

Es ist nicht das der Erkenntniskritik. „Die ganze Frage 
nach der Wahrheit der Dinge, die Kritik der Vernunft, 
ist nicht eine der Metaphysik vorangehende, sondern ihr 
immanente Frage." i) Lotze nimmt den überkantischen 
Piatonismus der Deutschen Bewegung, 2) die Lehre von der 
in sich wesenden Wahrheit, soweit auf wie Hegel und 
sein Antipode Bolzano^) zusammengehen: die kritische 
Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit der Erkennt- 
nis ist sekundär gegenüber der metaphysischen nach den 
Voraussetzungen, die den Begriff des Seins konstituieren. 
Er hat dafür zwei Argumente, abgesehen von seinem 
Kampf gegen eine genetisch-psychologische („anthropolo- 
gische") Erkenntnistheorie. So gewiß die Rede von einer 
„bloß auffassenden", der ontologischen Voraussetzungen 
entledigten Betrachtung der Erkenntnis ein Widersinn ist, 
also Philosophie nur eine Verständigung der Gedanken 

M Metaphysik (1841) S. 280. T 

. «) Vgl. Nohl a. a. O. S. 369. 

3) Vgl. die Kant- Kritik des Bolzano-Schülers Prihonsky, Neuer 
Antikant 1850; „Nicht darf zuerst analysiert werden das Erkenntnis- 
vermögen des Menschen oder der denkenden Wesen überhaupt, 
sondern es ist nötig zu erforschen die Natur der Wahrheiten an 
sich . . . Erst dann läßt sich über das Erkennen "und die Be- 
dingungen des Erkennens mit Nutzen abhandeln." 



Die Methode der Ontologie. XXV 

über sich sein kann, „müssen wir das, was die fak- 
tische Grundlage des Erkennens bildet, seine Voraus- 
setzungen über die Natur der Dinge, vorher zum Gegen- 
stande der Untersuchung machen, um diesen allgemeinen 
Gesetzen, den einzigen, die wir haben können, das einzelne 
Problem der Erkenntnis zu unterwerfen."^) Der erkenntnis- 
kritische Ansatz mit dem Gegensatz Subjekt-Objekt fällt 
bereits unter den Begriff der Beziehung, u. zw. der Beziehung 
realer Wesen zueinander; tritt an die Stelle des einen 
Terminus der Relation, als das Fundament derselben, das 
erkennende Subjekt, dann muß dieser Spezialfall des Ich, 
das „zugleich Schauplatz und Zuschauer der Erscheinung" 
ist, doch immer den allgemeinen Bestimmungen unter- 
worfen bleiben, die für „das Verhalten des Objektiven 
gegen einander" gelten. Und dann das Argument mit 
dem Zirkel der Erkenntnistheorie. Muß die Giltigkeit der 
Erkenntnis vorausgesetzt sein, um sie überhaupt in Frage 
zu stellen, so kann auf alle Fälle das Verbot eines trans- 
zendenten Verstandesgebrauchs erst begründet werden, 
nachdem die Begriffe Sein, Wesen, Erscheinung, Objek- 
tivität usf. in ihrer Bedeutung und ihrem Zusammen- 
hang aufgeklärt sind. Das alles sind Sätze, die in der 
Linie der Gedanken über den Weg zur Fortbildung Kant's 
liegen, die unter anderm auch sein Lehrer Weiße vertrat. 
Die weiter führende Einsicht, die hier ihren Ort hat: daß 
der objektive, vom erfassenden Subjekt unabhängige Zu- 
sammenhang der Kategorien ein sachlicher ist, reifte ihm 
erst allmählich, verbaute ihm dann aber auch notwendig 
jenen ethisch-subjektiven Weg in die Transzendenz. — - 
Das Verhältnis seiner Ontologie zu Kant, das trotz 
allem entscheidend bleibt, ist leicht eingesehen. Er hatte 
schon als Student den kritisch-rationalen Begriff des Apriori 
gelernt und zugleich, daß man hinter die Trennungen 
Kant's auf den Zusammenhang der apriorischen Vernunft- 
formen zurückgehen müsse. 2) Bei Herbart war mit der 
Methode der Begriffsbearbeitung der Anschluß an die vor- 
kritische Tradition zu finden; sie sollte nun dazu helfen, 
Kant's „kopernikanische Tat" aus der psychologischen Ein- 
stellung herauszuheben. Lotze fügt die Beziehung auf die 
Struktur der Wissenschaft hinzu. Ihre Grundstruktur be- 
steht in der Gesetzlichkeit, die das Hinausgehen über 



1) Metaphysik (1841) S. 281. 

«) Vgl. Weiße a. a. O. S. llf. 18. 



XXVI Einleitung. II. Der erste Entwurf des Systems. 

das Gegebene (,Gegebenes* = der erlebte Inhalt der Emp- 
findung), den „Fortgang vom Gegebenen zu Nichtge- 
gebenem" bindet. Wird diese Gesetzlichkeit von der psycho- 
logischen Beziehung auf das Subjekt freigemacht, was 
durch Herbart's Auflösung der Vermögenstheorie vorbereitet 
war, und universal gefaßt, so ergibt sich der Standpunkt der 
Ontologie, die nach den das Sein konstituierenden 
Kategorien fragt. So nimmt die Metaphysik von 1841 
den Weg, auf dem späterhin der Neokritizismus das ra- 
tionale Wesen von Kant wieder entdeckte, was nur natür- 
lich ist bei L'otze's Einstellung auf Kant von Hegel aus. 
Aber er macht nun, durch Hegel's Schicksal gewitzigt, 
die Rationalisierung nicht mit, die sich ergibt, wenn der 
logische Ansatz für sich durchgeführt wird und bis zur 
Wirklichkeit hintragen soll, wie das gegenwärtig in zwei 
parallelen Formen versucht wird; durch Auflösung der 
Tatsächlichkeit in bloße vXt] für unendliches Problemstellen 
oder so, daß das Urteil über Tatsächliches bis in die 
Evidenz der Wahrnehmung hinein angebunden wird an 
die Formen, die den rein begrifflichen Sätzen eigen- 
tümlich sind. Er wußte vom Deutschen Pantheismus her 
zu gut, daß die Rätselhaftigkeit der Wirklichkeit nicht darin 
besteht, sondern nur darin sich kundgibt (und auch nur 
nach einer Seite hin sich kundgibt), daß sie ein unendliches 
Feld für den verhältnisbestimmenden Zug der Reflexion 
darbietet. Dem entspricht sein zweiter Hauptsatz, der nun 
wieder aus dem Mittelpunkt der Deutschen Bewegung 
kommt : die vTio^eoeig wurzeln nicht im reinen Denken, 
sondern ihr Ursprung ist ,der ganze Geist*. „Er und nicht 
das Erkennen, die sich wissende Wahrheit, regiert die Ent- 
wicklung der Metaphysik."!) Es ist wieder der Satz von 
der Unselbständigkeit der Metaphysik ihrer rationalen Natur 
nach, der vorhin im Sinne des ethischen Idealismus als 
Sprungbrett zu dem absoluten Wert diente, hier aber nun 
die andere, positive Bedeutung gewinnt, die Philosophie 
über den Rationalismus zu erheben. Und diese Doppel- 
heit blieb ihm. 

^ Ontologie. 

Welches ist nun aher der Weg der Ontologie, diese 
Voraussetzungen aufzufinden, die die Vernunft über das 
Seiende als solches machen muß? Es ist die Aufklä- 

1) Metaphysik S. 328. 



Die Dialektik. XXVIl- 

rung der Begriffe von den sprachlichen Ausdrücken 
aus, also die Aufklärung des mit dem Ausdruck , Sein* Ge- 
meinten. Und hier sieht sich nun Lotze wieder (oder auch 
er schon) auf Hegel's Dialektik angewiesen; sie bleibt 
ihm die Methode zum Erfassen der Wahrheit, nachdem ihre 
Hypostasierung zu der Form der Selbstentwicklung der 
Wahrheit aufgelöst ist. Lotze's Metaphysik entwickelt die 
ontologischen Voraussetzungen und dann parallel die An- 
schauungsformen in einem streng systematischen Aufbau, 
der von der einfachen „abstraktesten Gegenständlichkeit" 
stufenweis zu zusammengesetzteren Bestimmungen auf die 
konkrete Wirklichkeit hin führt, und dieser zielsichere 
Stufengang von Seinsbegriffen — auf ihre verschiedene 
Bedeutung weist die Sprache durch Ausdrücke wie Sein, 
Dasein, Wirklichkeit hin — kommt kraft der Negativität 
des vergleichenden Denkens zustande : jeder vorher-; 
gehende Seüisbegriff zeigt eine Schranke, durch die er 
etwas von dem mit Sein Gemeinten noch unbestimmt läßt 
und dieser Mangel muß durch einen neuen Begriff ge- 
deckt werden. So ist die Dialektik „die Bewegung des 
Geistes, durch die er einen Inhalt der Meinung allent- 
halben in Inhalt des Begriffes umwandelt." . »Meinung* 
und Inhalt oder Gegenstand der Meinung sind bei Lotze 
technische Ausdrücke. Der Inhalt der Meinung — „als 
was etwas gemeint ist" — ist, solange der Gegenstand 
nur in Gestalt der Meinung gegeben ist, nicht nur unbe- 
stimmt, sondern unbekannt und doch ein „unendlicher 
Inhalt", den der menschliche Geist irgendwie besitzt, so 
daß das Denken, indem es den Inhalt sucht, nichts anderes 
zu leisten hat, als „den wahren Sinn der Meinung voll- 
ständig aufzuhellen". Die Möglichkeit jeder suchenden 
Untersuchung ist dadurch bedingt, daß wir irgendwie wissen 
müssen, welche Begriffe dem Gesuchten zukommen können, 
welche nicht. „Diese innere Gesetzmäßigkeit des gesuchten 
Inhalts, weil sie noch eine unbekannte ist, ist nicht in 
einzelnen Bestimmungen des Gedankens gegenständlich für 
uns da; aber vorhanden in Gestalt der Meinung, besitzt sie, 
obwohl selbst unangebbar, doch die abwehrende Kraft, 
das zu verneinen, was ihr nicht gemäß ist . . . Wo. der unter- 
geschobene Erklärungsbegriff ein falscher "war, wird er durch 
das Gemeinte selbst zurückgewiesen, an dem nun durch 
die Kraft des Gegensatzes eine bestimmte Seite seines 
Wesens ins Bewußtsein tritt..." 

So fordert die Dialektik, auf den „ganzen Geist" zu- 



XXVIII Einleitung. II. Der erste Entwurf des Systems. 

rückzugehen, und wehrt damit zugleich das rationale Ideal 
eines voraussetzungslosen Anfangs der Philosophie ab. 
Der ganze Geist besitzt kraft der „in der Meinung inne- 
wohnenden Wahrheit" ein „nicht erst methodisch zu er- 
zeugendes Prinzip der Gewißheit und Entscheidung". Damit 
tut sich das Platonische Problem der ävdjuvrjoig auf. „Wir 
müssen voraussetzen, daß in der Philosophie nicht die 
Gesetze der Entscheidungen erst entstehen, sondern der 
ganze Geist bereits vorhanden ist, der sich seiner Wahrheit 
nur erinnert und sie eher besitzt und ausübt als er sie 
wissenschaftlich erkennt." i) Lotze löst das Problem hier 
noch einfach platonisch-ethisch aus der Transzendenz : 2) 
Der letzte Zusammenhalt der Wirklichkeit muß aus der Idee 
des Guten hervorgehend gedacht werden, und der mensch- 
liche Geist ist „tätige Kraft von der Substanz des Guten". 
So hat die Methode, die scheinbar mit logischer Genauigkeit 
durch die Begriffsstufen hindurch zu der Bestimmung 
des wahrhaft Seienden als des Seinsollenden hinführt, 
dieses Ziel bereits von vornherein vorausgenommen in 
sich. Auch hier sollte ihm später das Prinzip der immanent 
sachlichen Selbstverständlichkeit hinweghelfen. 3) 

Der systematische Aufbau der Ontologie ist somit von 
Anfang an nicht rein logisch, sondern ethisch gebunden. 
Aber innerhalb dieser Bindung hat nun die Systematik 
einen rein theoretischen Kern, der wieder nur scheinbar 
aus der formalen Dialektik, in Wahrheit kantisch aus 
ihrer Beziehung auf die Strukturformen des Wissens 
gewonnen wird. Man kann an seine Ontologie mit den- 
selben Mitteln herangehen, mit denen er selber und 
Trendelenburg damals Hegel kritisierten. Lotze hat die 
verschiedenen Auffassungen des Seins bei den Philosophen 
und die der Naturwissenschaft vor Augen, er erkennt in 
den historischen Gestalten nicht nur das Typische, sondern 
auch das giltige Moment von Wahrheit, und nun versucht 
er — und das ist das Bedeutende — für jeden dieser Seins- 
begriffe den Ort festzustellen, der ihm im System des 
Wissens zukommt. 

Als den ersten legt er die Gegenständlichkeit fest. Er 
hat von der Wolf fischen Schultradition her ihren weiten 
Begriff, der gegenwärtig wiedergewonnen wird: „Die ein^; 

: O 

1) ». a. O. S. 33 ff. 42 ff. 281. Vgl. Kleine Schriften II 400. 

*) Am Schluß der Metaphysik. 

«) Siehe § 358 dieser Logik, S. 595. 



Gegenständlichkeit. Der Beziehungsbegriff des Seins. XXIX 

fache Setzung, die frei von aller Behauptung des Daseins 
und der Wirklichkeit nur die Bejahung ist, die jedem Inhalt 
des Denkens zukommen muß." Und er gibt die moderne 
Terminologie 1): „Das Seiende ist das, was gemeint ist oder 
werden kann." So hat die Metaphysik denselben Aus- 
gangspunkt wie die Logik: bei der logischen Vorstellung, 
deren sprachliches Zeichen der Artikel ist, und sie scheidet 
sich von der Logik dadurch, daß sie nicht auf das Vor- 
stellen, das den Gegenstand setzt, sondern auf den Gegen- 
stand selber geht. Aber über diese Stelle, an der sich 
gegenwärtig eine philosophische Grundwissenschaft anbaut, 
geht er schnell hinweg, analog wie er auch in seiner zweiten 
Logik den Anfang mit der Begriffslehre gegen das Zeit- 
alter der Empirie festgehalten und doch das Urteil in den 
Mittelpunkt gerückt hat. Er will trotz des Ansatzes bei 
der Wahrheit über den Rationalismus hinaus auf die Wirk- 
lichkeit hin. Und hier macht sich nun seine naturwissen- 
schaftliche Orientierung geltend. Er führt als die nächste 
Stufe der ontologischen Formen, also an dem entscheiden- 
den Punkt, wo die erste Scheidung im Bereich der Gegen- 
ständlichkeit zu treffen, Seiendes vom Nichtseienden ab- 
zugrenzen ist, den Reiationsgedanken ein: die Be- 
stimmtheit des Daseins entspringt für das Denken durch 
die allgemeine logische Form der Reihenbildung. Dasein 
. bedeutet „die Gleichartigkeit der Beziehung, durch die ein 
Kreis des Gesetzten sich von einem andern Kreise ab- 
trennt". „Alles ist nur seiend, sofern es eine bestimmte 
Form des Daseins, der Beziehung zu anderem oder ein 
Sein in einer Reihe von Verhältnissen mit anderm Seienden 
hat." „Der Begriff des Seins ist nur ein beziehungs- 
weiser." (S. 48 f. 55 f.) 

In dieser Wendung liegt zweierlei. Einmal die Be- 
hauptung, daß alle Bestimmungen in Verhältnissen be- 
stehen, es also keine absoluten Beschaffenheiten gibt, die 
in gegenständlicher Weise als innere Bestimmtheiten er- 
faßt werden könnten. Diese Behauptung kommt wie bei 
Kant dadurch, daß dem gesuchten allgemeinen Begriff 
des Wissens der naturwissenschaftliche untergeschoben 
wird, und ist nur präzisiert mittels des Funktionsbegriffs, 
wie er im Positivismus seit d'Alembert und Lagrange zu- 
grunde gelegt war. Damit ist über den Gang der Ontologie 



1) Vgl. A. V. Meinong. Über Annahmen, 1910 S. 220 ff., 238 u. 
in früheren Schriften zur Gegenstandstheorie. 



XXiX Einleitung. IL Der erste Entwurf des Systems. 

entschieden. Denn wenn die universale Beziehungsfonn 
des Wissens nicht bloß eine höhere Stufe des Objektivi- 
tätsbewußtseins konstituiert, die sich auf dem Gegebenen 
aufbaut, um es aufzuklären i), sondern konstitutiv ist für 
Dasein überhaupt und wenn nun trotzdem die Wirklichkeit 
nicht bloß zu einer idealen Grenze für den unendlichen 
Prozeß der nach Einheit des Reihensystems strebenden 
Wissenschaft werden soll, so bleibt nur der Überschritt der 
Philosophie über die Wissenschaft übrig. Wohl hat Lotze 
auch den Unterschied zwischen „cognitio rei" und „cognitio 
circa rem" festgehalten; in der Psychologie war der natür- 
liche Ort, ihn aufzudecken. Aber wir werden sehen, wie 
er dort von der „cognitio rei" aus abbiegt zu spiritualisti- 
scher Spekulation. Das ist in seiner Ontologie vorge- 
zeichnet. 

Aber anderseits hat er hier nun die rationale Tiefe 
der deutschen Philosophie, die Leibniz-Kantsche Intention, 
den Zusammenhang des Wissens rein auf die dem Gedachten 
als solchem notwendigen Formen zu begründen, systema- 
tisch ausgeschöpft. Er führt den Relationsgedanken durch 
bis zur Auflösung des Substanzbegriffs in den Gesetzes- 
begriff — immer aber mit dem Hegeischen Bewußtsein, bei 
diesen Festsetzungen auf der Stufe der Reflexionsphilo- 
sophie zu verbleiben, die nicht das Letzte ist. Er stellt 
zunächst die Bedeutung des Substanz begriffes fest. 
Die ontologische Form der Beziehungsreihen, die „Re- 
flexionsbestimmungen über Verhältnisse verschiedener Sei- 
enden gegeneinander", dürfen nicht verabsolutiert werden. 
Sie sind formale, auf jeglichen Inhalt anwendbare „Unend- 
lichkeiten der Vorstellung", oder mit den Terminis Sub- 
stanz und Attribut ausgedrückt, „an anderem seiend" gegen- 
über dem Fürsichsein. Und Lotze weiß nun, antipositivistisch 
wie er ist, daß auch der Appell an die Mathematik als das 
Orgran der Naturerkenntnis hier nicht weiterhilft aus der 
Reflexionssphäre heraus. Denn die Größen Verhältnisse, 
durch die den Beziehungsreihen die unterschiedliche, un- 
endlich variable Bestimmbarkeit zugebracht wird, sind 
wiederum ihnen gegenüber „nur abstrakt seiende" formale 
Bestimmungen, sozusagen attributiv in zweiter Potenz. 
Würde doch durch den Dühringschen Gedanken, daß die 
Größengleichung auch eine Verbindungsform der Natur 
selber ist, die ungeheuerlich metaphysische Vorstellung von 

1) Vgl. Husserl, Logische Untere. Bd. II (1901), S. 616 ff. vu ». 



Der Beziehungsbegriff des Seins. XXXI 

der rechnenden und messenden Natur dekretiert werden! 
und zugleich die Leistungen der Naturwissenschaft ein 
permanentes Wunder werden I Denn welche Chancen hätten 
wir, das Rechen- und Maßsystem der Natur, ihren General- 
nenner und Maßstab wiederzufinden, um damit die wechsel- 
seitigen Relationen und die Variablen zu bestimmen, die 
die Natur hier gewählt hätte i)? Lotze stellte fest: „Nur 
aus dieser doppelten Negativität, Bestimmungen des an 
anderem Seienden zu sein, ist die Breite der Mathematik" 
als apriorischer Wissenschaft zu verstehen. (S. 59.) 

So bleibt dieser „Reihe der Grenzbestimmungen'* gegen- 
über, die den „objektiven Schein" an der Erscheinung aus- 
machen, als ein echtes Problem die Frage bestehen nach 
dem Seienden selber, nach den Trägern der Relationen. 
Und das ist der metaphysische Ort, an dem die Begriffe 
Substanz, Monade, Herbart's einfache Qualitäten usf. stehen 
Aber Lotze stellt sie nur fest, um sie aufzuheben. Sie sind 
Reflexionsbegriffe, die zwar auf etwas Wahres abzielen — auf 
die Notwendigkeit, ein vom Denken Unabhängiges zu setzen, 
das den sonst auseinanderfallenden Beziehungsreihen die 
Einheit gibt — , die aber auch nur Ausdruck dieser Forde- 
rung sind. Sofern sie dieselbe für erfüllt ausgeben durch 
Konstruktion realer Wesenheiten oder einer unendlichen 
Substanz, springen sie aus der Sphäre der Reflexionsbe- 
stimmungen in die der Realität hinüber und behalten da- 
bei für die Konstruktion des Ansich unmöglich mehr als 
die leere Gesetzlichkeit zurück, falls die ganze Arbeit nicht 
in einer Verdoppelung der Erscheinungswelt ausläuft. Die 
kritische Aufgabe ist dagegen, die Form der Dingheit zu 
bestimmen, d. h. zu fragen: „unter welchen Bedingungen 
die Komplexionen des Scheines, die Vereinigungen mannig- 
faltiger Bestimmtheiten, die aus einer Substanz nun ein- 
mal nicht erklärt werden können, vielmehr umgekehrt aus 
sich den Schein der Substantialität hervorbringen". Und 
diese Bedingungen liegen jenseit des Seienden, nämlich 
darin, daß es „sich zur Wahrheit aneinander gefügt hat". 
Wobei unter Wahrheit „nicht die relative gemeint ist, die 
in der Übereinstimmung zwischen Gegenstand und Vor- 
stellung besteht, sondern die transzendentale, daß in den 
Bestimmungen des Dinges eine Ordnung und Gesetzlichkeit 
sei. Sie ist ein wesenhaftes oder nicht seiendes Gesetz. 
Das Gesetz des Scheines ist selbst die Substanz." (S. 89ff.) 

1) Vgl. H. Bergson, Evolution Cr^atriceß 1909, S. 238. 



XXXIl Einleitung. II. Der erste Entwurf des Systems. 

Damit ist die Zweiweltentheorie gewonnen, die 
das Wesentliche von Lotze's erster Ansicht ausmacht; nur 
daß der Ausdruck „Gelten", den auch schon Herbart brauchte, 
noch nicht terminologisch fixiert ist und auch die An- 
knüpfung an Plato's ideenlehre erst später hinzuwuchs. 
Der Grundsatz der Ontologie war, daß die Bestimmbarkeit 
jedes Seienden von seiner Stellung in einer Mehrheit von 
Beziehungsreihen abhängt; dies konnte auf die allgemeine 
logische Form der Reihenbildung begründet werden. Hin- 
zu kommt, daß eine Konvergenz der Reihen zu „allge- 
meinen Begriffen" (nicht = Gattungsbegriffen!) gefordert 
werden muß, in denen der Inbegriff der Bestimmtheiten 
eines Seienden sich darstellt als gesetzmäßig ineinander- 
gefügte Komplexion, die den „Schein der Substanz" gibt, 
lind dies kann die Metaphysik nicht aus ihren eigenen 
Mitteln bewahrheiten, sondern nur als notwendige Forde- 
rung für das öv (bg dXtji^eg feststellen; in den Gesetzen 
der Wahrheit selber liegen die bestimmten Komplexionen 
nicht — „nur wenn ein Schein ist, ist sie es, die ihn 
ordnet". Die empirischen Gesetzeswissenschaften müssen 
hier eintreten und ermitteln „welche Komplexionen des 
Scheines die Wahrheit in sich aufnehmen, die, ohne in 
ihnen zu sein, überhaupt nicht wäre". Das führt nicht 
zum Nominalismus: die Allgemeinbegriffe sind deshalb, 
weil sie auf empirischen Inhalt angewiesen sind, noch nicht 
bloße Formen des zusammenfassenden Denkens, so wenig 
wie sie anderseits unmittelbar das Seiende bilden : sie bilden 
die Gründe des Seienden und haben als solche „den 
übergreifenden Sinn, daß jede Welt unmöglich sein würde, 
in der die Form des Allgemeinbegriffs nicht diejenige ob- 
jektive Geltung hätte", die darin besteht: „Alles was ist, 
hat sein Dasein darin, ein Mittelpunkt vieler sich durch- 
schneidender Allgemeinheiten der Gründe zu sein." Und 
weil die Gründe nicht bloß für das beziehende Denken be- 
stehen, sondern objektiv „gelten", liegt in ihrem Begriff 
implizite die Voraussetzung einer „Welt der Wirklichkeit", 
auf die hin sie gelten. Die metaphysische Reflexion 
reicht nur bis an den Ursprung der Wissenschaft, nicht der 
Wirklichkeit. Die Wissenschaften selber aber enthalten 
wiederum die Voraussetzung einer Wirklichkeit unaufgelöst 
in sich als eine bloße Faktizität; denn sie sind eben durch 
ihre logische Struktur als Gesetzeswissenschaften gebunden 
an die hypothetische Urteilsform: „sie erzählen nirgends, 
was wirklich ist, sich begibt, sondern in einem allgemeinen 



Die Zweiweltentheorie. XXXIII 

subsumtiven System von Gründen zeigen sie, was geschehen 
muß, wenn gewisse Bedingungen auf eine der Wissenschaft 
gleichgültige Art realisiert werden". So steht dem „Reich 
der möglichen Notwendigkeit", der Welt des Geltenden, das 
„Reich der freien Wirklichkeit" gegenüber, frei, weil es 
„den formalen Bestimmungen der Gründe die Möglichkeit 
und Bestimmtheit seines Seins und den Schein der Sub- 
stanz, sich selbst aber die Wirklichkeit verdankt". 

Aber über die Zweiweltentheorie hinaus führt nun das 
Problem der Wirklichkeit als solcher. Um es aufzu- 
lösen, also wesentlich zur Überwindung der bloßen Tat- 
sächlichkeit des Individuell-Wirklichen greift Lotze auf das 
Prinzip des teleologischen Zusammenhangs zurück. Auch 
hier sind wieder zwei Ansätze verflochten. Die Wirklich- 
keit ist charakterisiert als Causalnexus gegenüber der Ord- 
nung von Gründen und Folgen und ist nicht deren bloße 
Wiederholung, nur an einem Wirklichen gesetzt. Zwar 
bedeutet Ursache nichts anderes als „das Vehikel der Wirk- 
lichkeit eines Grundes"; und wie der Begründungszusam- 
menhang an jeder Stelle vielgliedrig ist, ist der Wirkungs- 
zusammenhang mindestens dreigliedrig, da das von der 
Ursache influierte Ding selber mit zu dem ganzen Real- 
grund des Effektes gehört — eine Aufklärung der Kausali- 
tät, die durch alle Hauptschriften Lotze's weiter fortgeht 
und gegenwärtig von einem tiefbohrenden Analytiker wieder- 
gewonnen isfi). Aber lediglich der ruhenden Ordnung 
des Begründungszusammenhanges gehört die Vorstellung 
an, daß jedes Reihenglied durch die Vielseitigkeit seiner 
Beziehungen in unendlichem Zusammenhange mit der Totali- 
tät der Denkinhalte stehe. Die Universalität der Kausal - 
Verhältnisse bedeutet nicht eine universale Wechselwirkung 
alles Seienden mit allem Seienden ; eine solche „Panspermie 
der Ursachen" ist vielmehr nur eine Hypostase eines Re- 
flexionsbegriffs von der Kausalität. Damit vollzieht sich 
die Abkehr vom Rationalismus; es ist ein Punkt, an dem 
Lotze rastlos weitergearbeitet hat im Durchdenken der 
Kausalvorstellung. Vorläufig kommt er schnell zum Ziel. 
Der faktische Hauptzug der kausal zusammenhängenden 
Wirklichkeit ist das Geschehen, die Veränderung; er ist 
nicht denkbar ohne die Voraussetzung, daß die Ursachen 
nur mit bestimmter Auswahl zusammen wirken. Das aber 
darf nicht fatalistisch hingenommen werden, will die Philo- 

1) Rehmke, Philosophie als Grundwissenschaft, 1909, S. 245 ff. 
Lotze, Logik. UJ 



XXXIV Einleitung. II. Der erste Entwurf des Systems. 

Sophie nicht im Positivismus stecken bleiben, sondern ver- 
langt ein eigenes Prinzip, das „als eine individuelle Form 
auftritt, welcher als einem zu verwirklichenden Gesetze 
das Wirkliche sich als Mittel fügen muß". „Daß die wirken- 
den Ursachen so zusammengetrieben werden, um nach den 
in ihnen liegenden Bestimmungen des Grundes durch den 
Prozeß der Kausalität das bewirkte Seiende hervorzubringen, 
dafür kann das entscheidende Moment nicht selbst wieder 
eine Ursache sein, sondern muß in einer andern Art des 
Seins als der bewirkende Zweck begriffen werden." Und 
hier greift nun der andere Ansatz ein, mit dem er von 
Schelling's Antirationalismus her an das Problem der Wirk- 
lichkeit herangeht, die Wendung gegen den Primat der 
theoretischen Vernunft. Den ontologischen Formen über- 
haupt, bis zu der Wurzel des naturwissenschaftlichen Ge- 
setzesbegriffs, eignet zwar Notwendigkeit, aber nur die 
schlechte Notwendigkeit der faktischen allgemeinen Geltung, 
„jenes Notwendige allein, das um der Allgemeinheit und 
Unendlichkeit seines Daseins willen durch keine andere 
Erfahrung seiner Notwendigkeit beraubt werden kann". Ihr 
steht die echte Notwendigkeit gegenüber, nun aber nicht 
die des sachlich Einsichtigen, sondern die moralische Not- 
wendigkeit dessen, was um seines Inhalts willen zu sein 
verdient: „das seiner Natur nach schlechthin Seinsollende". 
Lotze hebt mit Recht heraus, daß die Reflexion sich über- 
springt, wenn sie das Einzelwirkliche deshalb, weil es 
Ergebnis von Wirkungen ist, für das letzte und abhängigste 
Glied im Geschehen hält, so daß es nur ein zufällig wirk- 
licher Erfolg der abstrakten Gesetze wäre; das gilt ihm 
als logischer Fatalismus. Aber von diesem Gedanken, daß 
die Individualität alles konkreten Seins als innere Be- 
stimmtheit der Wirklichkeit selber einen Sinn des Ganzen 
fordert, aus dem allein sie verstanden werden könnte, 
strebt er hinüber zu dem Postulat eines absoluten Wertes, 
von dem derKausalzusammenhangderDinge seinen Sinn aus 
der Transzendenz vorbestimmt erst zu Lehen erhielte. Und 
die Ontologie, die vorsichtig bei der formalen Bestimmung 
des orTcog öv als des Seinsollenden Halt macht, will damit 
nur Raum schaffen für die inhaltliche Bestimmung des- 
selben aus der ethischen Gewißheit, die das Gute kennt 
, als das Einzige was unbedingt sein soll. 

Soweit die Grundlegung seines Standpunktes in der 
Ontologie. Sie hat den „teleologischen Idealismus" so 
entwickelt, daß in den umfassenden Begriff der Zweckbe- 



Kosmologie und Logik. XXXV 

stimmtheit des Wirklichen die beiden andern Begriffe des 
Seins, die Ordnung nach Gründen und der Kausalprozeß, 
als gleichfalls wahrhafte Bestimmungen eingeordnet sind, 
und dieser dreigliedrige Beziehungszusammenhang erweist 
sich dann am Schluß des Ganzen, wo der ethische Unter- 
grund des Idealismus frei hervortreten darf, als ein Er- 
füllungszusammenhang, in welchem die Idee des Guten 
— oder, in Lotze's späterer Terminologie, die Werte — 
durch das Mittel der Kausalität zur Verwirklichung gelangt. 

Kosmologie, Logik und Erkenntnistheorie. 

Von der Ontologie aus gabelt sich nun Lotze's Weg 
in diesem ersten Entwurf seines Systems nach zwei Seiten 
hin: einerseits zur „Kosmologie", die den zweiten Teil 
der Metaphysik bildet, und anderseits zur Logik, die erst 
etwas später und als selbständige Schrift herauskam 
(1843)^). Auf beiden Linien ist der ethische Idealismus 
mit der Richtung auf die rein theoretischen Zusammenhänge 
verknüpft; er gibt der Logik den iVnfang und er hilft in 
der Kosmologie die Brücke herstellen, die zu dem er- 
kenntnistheoretischen Teil hinüberführt, mit dem die Meta- 
physik abschließt 2) und der nun den Idealismus der Sub- 
jektivität erst voll auftut. Wir lassen ihn in dieser inneren 
Folge hervortreten und zeigen daher zunächst das andere, 
mit ihm verknüpfte, rein theoretische Motiv, durch welches 
Kosmologie und Logik auf der Ontologie aufgebaut sind. 
Dieses erscheint in der Kosmologie als die Intention, die 
den schon berührten rationalen Grundgedanken des Kritizis- 
mus weiter fortsetzt: die Begründung der Prinzipien der 
(exakten Wissenschaften auf die ontologischen Formen bis 
zu Ende durchzuführen. Lotze leistet das hier in einer 
Weise, die den Arbeiten des Neokritizismus verwandt 
ist 3). Aber auch die reinen Formen der Logik erfaßt er 
als sekundär gegenüber den ontologischen. Und zwar findet 
er das Mittel, das beide Disziplinen mit der Ontologie ver- 
bindet, in Kant's Lehre vom Schematismus. Er hat 



1) Sie giebt nur die formale Logik, nimmt also nur das erste 
Buch der hier vorliegenden Logik von 1874 vorweg. 

2) Im Unterschied von der Anordnung des späteren Systems, wo 
die Erkenntnistheorie in die Logik aufgenommen ist. 

') Vgl. insbesondere Natorp, Die logischen Grundlagen der 
exakten Wissenschaften 1910 mit Lotze's Metaphysik Teil II (Die 
Lehre von der Erscheinung) 1841. 

m* 



XXXVI Einleitung. II. Der erste Entwurf des Systems. 

sie zu universaler Anwendung von der psychologischen 
Fassung freigemacht. 

Unter dem Titel „Formen der Anschaulichkeit" faßt 
die Kosmologie den Inbegriff der Prinzipien der Natur- 
wissenschaft in einem systematischen Aufbau zusammen, 
der der dreigliedrigen Architektonik der Ontologie nach- 
gebildet ist: Zeit, Raum, Bewegung; dann Materie, Masse, 
Kraft, Anziehung; zu dritt Mechanismus und Teleologie. 
Ihr gemeinsames Wesen besteht darin, daß sie Regeln der 
Verbildlichung für die ontologischen Formen sind. Die 
letzteren bilden die tiefste uns erreichbare Schicht des 
Theoretischen; sie sind „die Formen des Seienden, wie 
es für uns an sich ist". Von ihr getragen ist die uns 
näherliegende Schicht der Formen der Erscheinung, 
„unter denen für uns das Seiende unser Objekt ist". Durch- 
wirkt von der Struktur der tieferen Schicht, geben sie 
selber wieder mit ihren allgemeinen Bestimmungen, „denen 
die ontologischen Begriffe als immanente Gesetze einge- 
bildet sind", die Grundlage für die erscheinende Wirklich- 
keit ab. So löst er mit Kant die Aufgabe, die Überein- 
stimmung der frei bestimmten Wirklichkeit mit den denk- 
notwendigen Beziehungen der Ontologie zu begreifen, da- 
durch, daß er die anschaulichen Formen des Zusammen- 
hangs dazwischenschiebt als „Bestimmungen des Inhalts 
als solchen, durch die sich an ihm die Linien der Be- 
ziehung selbst ziehen". Hinzu kommt die Einsicht, die 
über Kant hinausführt und den Gedanken des Schematis- 
mus erst frei macht: daß die sog. Anschauungsformen der 
Raum, die Zeit nur Reflexionseinheiten darstellen, die 
aufzulösen sind in die darunter befaßten einfachen Verhält- 
nisbestimmungen. Alle kosmologischen Formen sind „keine 
Ganzen, die sich gegenseitig abgrenzen, sondern ineinander- 
fließende Gruppen einzelner Momente". So sucht er nun 
mit seinem ganzen Scharfsinn „die Vernunft im Räume" 
und in der Zeit aufzuweisen. In das allein gegebene mo- 
mentane Jetzt strahlt als notwendiger Vor- und Nachschein 
die Beziehung auf die nichtgegebenen Gründe und Zwecke 
ein und läßt in den intensiven Einheiten einen immanenten 
Zusammenhang rhythmischer Ordnung sehen. Von dem 
allein gegebenen Hier geht ein Strahlenbüschel der Rich- 
tungen aus, in welchem die ontologisch geforderte Ver- 
knüpfungsmöglichkeit eines Seienden mit unbegrenzt vielen 
anderen schenaatisiert ist. Der Auflösung des Substanz- 
begriffs Entspricht dann einfach die positivistische Reini- 



Der transcendentale Schematismus. XXXVXX 

gung des Kraftbegriffs zum funktionalen Gesetzesbegriff. 
„Die Dinge sind ähnlich optischen Instrumenten, die für 
gar nicht konvergierende Strahlen dennoch einen geometri- 
schen Mittelpunkt in einer Richtung abbilden, wohin jene 
nicht gelangen." 

Der logische Schematismus hat eine andere Be- 
deutung. Lotze's erste Logik zeigt im Unterschiede von 
der Mehrfältigkeit der späteren noch fast ganz rein den 
Typus des Idealismus der Subjektivität, entsprechend der 
Situation, in der die Befreiung von Hegel die erste An- 
gelegenheit war, die die Logiker beschäftigte. Die Spon- 
taneität, von Kant und Fichte her, ist der entscheidende 
Begriff. „Das Wesen des Logischen ist in die Selbsttätig- 
keit zu setzen." Von ihr gesondert ist der psychologische 
Mechanismus des Vorstellungsverlaufs, der bloßes Material 
von Impressionen für das erkenntnisschaffende Denken her- 
anspült. Das vieldeutige Wort Logos soll die innere Leben- 
digkeit der Vernunft bezeichnen, gegenüber der Zweck- 
mäßigkeit der Mechanik. So stellte Lotze zunächst Herbart's 
Begriff der reinen Logik, die auf die einfachsten Verhält- 
nisse des Gedachten geht, zurück und nimmt Herbarts präzise 
Fassung der Begriffslehre nur auf, um die Spontaneität 
der „logischen Auffassungsformen" noch weiter nach unten 
zu erstrecken, als es bei Kant geschah: „auch schon das 
Einfache der Apprehension muß, um ein Einfaches der 
Apperzeption zu werden, eine Behandlung durch logische 
Auffassungsweisen erleiden", und das leistet die logische 
Vorstellung, die die einfachsten Einheiten von identischer 
Bedeutung schafft, ohne die das Denken dem Erkenntnis- 
zweck nicht dienen könnte. Nicht die Denkleistungen^ 
sondern die Denkakte sind das, was er unter den „Denk- 
formen als solchen" versteht; er definiert dieses subjektive 
Tun als die „Reduktion des Gegebenen auf seine Gründe"; 
„das logische Denken ist nichts anderes als eine kritische 
Erläuterung oder Bearbeitung des gewöhnlichen Vorstel- 
lungsverlaufs". Und er führt sie nun von der logischen 
Vorstellung bis zu den höchsten Formen des zusammen- 
fassenden Denkens (Klassifikation, erklärende Theorie, 
spekulatives Verstehen) wie in der späteren Bearbeitung 
auf in einer systematischen Entwicklung, die ihren Duktus 
aus den Aufgaben empfängt, die aus dem Zweck einer 
logischen Fassung des psychologischen Tatbestandes her- 
vorgehen. Die theoretische Bewältigung des Gegebenen 
legt sich auseinander in einer Reihe stufenweis gesteigerter 



XXXVIII Einleitung, II. Der erste Entwurf des Systems. 

Formprobleme, zu deren Lösung immer höhere logische 
Gebilde gefordert sind. Die logischen Grundsätze wie der 
der Identität ergeben sich dabei als „der reine Ausdruck 
des Sinnes der Denkformen". 

Aber von diesem Ansatz aus, mit dem er zwischen den 
Extremen Hegels und des traditionellen Formalismus, gleich 
der Mehrzahl der damaligen Logiker, vermitteln will, bahnt 
er sich nun den Weg zur reinen Logik zurück. Und 
hier greift der Gedanke des Schematismus ein. Subjektiv 
als Betätigung des Logos, ist das Denken seinem formalen 
Bestände nach abhängig von den ontologischen Foniien, 
die ihm erst die Motive für seine Kritik des Gegebenen 
liefern. Das Denken „besteht in der ausübenden Technik, 
welche die absoluten Voraussetzungen über die Natur alles 
Objektiven in den gegebenen Inhalt der Vorstellungen hin- 
einzuarbeiten sucht". Wohl beruht auf diesem Verhältnis 
zur Ontologie auch „die reale Seite" des Logischen; sie 
besteht in der teleologischen Beziehung auf den Zweck 
objektiver Erkenntnis. Aber anderseits unterscheiden sich 
die logischen Formen von den kosmologischen Vermitte- 
lungen gerade dadurch, daß ihr Schematismus nicht auf 
die Konstituierung von Gegenständen der Erfahrung be- 
schränkt ist, sondern sich auf Gedachtes als solches be- 
zieht ohne Frage nach der objektiven Bedeutung der so 
„gestifteten" Verhältnisse des Gedachten. Und hier liegt 
der Ursprung der rein logischen Begriffe wie Gleichheit, 
Ähnlichkeit, Verschiedenheit, Gegensatz, Widerspruch, Be- 
dingung. Zum Wesen der logischen Formen gehört nicht 
bloß, die Materie der Kategorien unbestimmt zu lassen, 
sondern die kategoriale Form, d. h. Kantisch die abstrakte 
Regel der Synthesis, auch noch völlig abstrakt, ohne Bezug 
auf Anschauungsformen überhaupt, zur Anwendung zu 
bringen und so einen „transzendenten Gebrauch" der Kate- 
gorien zu ermöglichen, der die schrankenlose Natur des 
Denkens kennzeichnet. So gelangt Lotze zur reinen 
Logik, indem er das Denken sich von seiner Ursprung 
liehen Bestimmung, ausübende Technik des Erkennens zu 
sein, emanzipieren und damit seiner „realen Bedeutung*' 
sich entledigen sieht in einem selbständigen Spiel seiner 
Fähigkeiten. Die ontologischen Formen, an die es von 
jener Zweckbeziehung her gebunden bleibt, werden bei 
diesem schrankenlosen Gebrauch „zu einem Gleichnis", 
aber diese Abschattung der konstitutiven Kategorien zu 
Symbolen ist es eben, was das rein Logische ausmacht. In 



Der teleologische Idealismus in der Kosmologie. XXXIX 

den rein logischen Begriffen „fixiert der Verstand sein 
eigenes Vorstellen des formalen Teils der Kategorie abge- 
trennt von dem realen Teil und ebenso von den Formen 
der Anschauung 1)". So stellte Lotze die Aufgabe, statt 
den gesamten Bestand des Apriori zusammenzunehmen, 
die rein logischen von den „metaphysischen" Formen zu 
sondern. Die Philosophie würde dadurch von den Über- 
griffen logischer Bestimmungen über reale Verhältnisse 
befreit werden. Und „eine bestimmte philosophische 
Sprache wird sich erst entwickeln können, wenn diese 
logischen Begriffe vollständiger zusammengestellt sind". 

Während so die Logik mit dem Idealismus der Sub- 
jektivität beginnt, um sich aus ihm herauszuarbeiten, führt 
umgekehrt die Metaphysik zu ihm hin. Und dies ist nun der 
andere Zug der Kosmologie und weiter dann der be- 
herrschende in der Erkenntnistheorie. Er setzt da ein, 
wo die erste Tendenz, die Ableitung der Prinzipien der 
Naturwissenschaft, zum Ende kommt, bei den „Regeln des 
Zusammenhangs der Erscheinungen", Mechanismus und 
Teleologie. Es ist der systematische Ort für die Begrün- 
dung seines Satzes, den wir schon kennen: Mechanismus 
und Organismus sind nicht zwei Reihen von Erschei- 
nungen, sondern Auffassungsformen für alles Erschei- 
nende, beide notwendig, aber die organische von über- 
geordneter Bedeutung. Die Notwendigkeit des Mechanis- 
mus folgt aus dem Ergebnis der Ontologie, daß für die 
Reflexion die Setzung eines vom Denken Unabhängigen 
sich in dessen Abhängigkeit von den Reihen der Gründe auf- 
lösen muß. Aber der reine Mechanismus bedeutet Fata- 
lismus: „Der absolute Zufall, der nur in sich selbst eine 
Konsequenz hat, muß als Moment eingehn in eine andere 
Ansicht, die ihm die Notwendigkeit sichert, ihm aber auch 
zugleich seine Schranken setzt." Dies leistet der Begriff 
des organischen Zusammenhangs. Was Lotze an dem 
Vitalismus bekämpft, ist nur die Annahme von Kräften, 
die nach nichtmechanischen Gesetzen wirkten: „Das Or- 
ganische ist niemals etwas anderes als eine bestimmte 
Richtung und Kombination des Mechanischen." Hier wird 
ganz deutlich, daß für sein Prinzip des teleologischen 
Zusammenhangs der sachliche Ansatz bei dem Problem 



^) Vgl. die Unterscheidung der reflexiven und konstitutiven 
Kategorien bei Windelband, Vom System der Kategorien, Philos. 
Abh. für Sigwart 1900. 



XL Einleitung. II. Der erste Entwurf des Systems. 

der konkreten Wirklichkeit liegt, daß es also zunächst 
unmetaphysich, methodisch als individuelle Form auftritt. 
Die Formen der Zusammenfassung der Massen und Kräfte 
zu „Gestalten" des Geschehens, welche „qualitative 
Einheiten verbundener mechanischer Prozesse sind", geben 
das Problem, das über den Mechanismus hinausführt. Die 
empirischen Wissenschaften haben in dem tatsächlichen 
Naturgeschehen wenige einfache, überall hindurchklingende 
Grundformen nachgewiesen, die aus den mannigfaltigen 
denkbaren Konstruktionsmöglichkeiten wie ausgewählt er- 
scheinen, und geben damit den Umriß einer „Lehre vom 
Leben der Welt". Lotze bildet einen allgemeinen Begriff 
»organische Formen des Geschehens*; unter ihn fällt schon 
die Regelmäßigkeit und Periodizität der Gestimbahnen, 
unter ihn fallen insbesondere die psychischen Verhaltungs- 
weisen, Wille, Gefühl usf. : diese sind das in unserm Innen- 
leben eigentlich Gegebene und lassen sich nicht in hypo- 
thetische Seelenmechanik auflösen, das bleibt gegen Her- 
bart als der Kern der Vermögenstheorie bestehen. (S. 260 f.) 
Allgemein erklärt er: „Soll eine wahrhafte Welt der Er- 
scheinung, ein geordneter Kosmos sein, so müssen sich 
die Elemente des Geschehens und ihre Kombinationen 
auf ein System innerer Bedeutungen zurückwerfen, durch 
welches allein jenen Komplexen das Recht ihres Daseins 
gesichert ist." 

Aber nun ist sein entscheidender Satz: der Sinn der 
Erscheinung ist ihr transzendent. Die organische Gestalt 
erscheint dem betrachtenden Verstehen als ein Sinnvolles, 
bietet ihm den Schein von etwas Wesenhaftem, wie die Ge- 
setze, die in ihr sich durchkreuzen, für die reflektierende 
Anschauung den Schein eines dinghaften substanziellen 
Seins ergeben. Aber während die Dingheit, diese „Reflektion 
in das Innere des Einzelnen", sich auflöste als eine meta- 
physische Illusion gleich dem Bild hinterm Spiegel und 
ihren Platz abgab an die Gesetzlichkeit, die von der 
objektivierenden Wissenschaft aufgebaut wird, führt die 
Deutung der organischen Form in eine andere Welt, in 
welche nach Lotze die Wissenschaft nicht mehr hineinreicht. 
„Alle organischen Tätigkeiten, wie sie auch sich in Gestalt 
der Kräfte oder Triebe auf ein Inneres reflektieren, haben 
doch als solches Innere nicht Etwas, das selbst innerhalb 
der Erscheinung verbliebe, eine Masse oder Materie, die 
im Räume oder der Zeit ihre eigentümlichen Bestimmungen 
hätte. Vielmehr tritt das Substantielle hier aus dem Be- 



Die Transzendenz und die metaphysische Ideenlehre. XTJ 

reiche der kosmologischen Erscheinung über in ein ihr 
transzendentes Gebiet, und die organischen Funktionen 
in ihren mannigfaltigen Verschlingungen inhärieren dem 
Sinne der Erscheinung, der als ihr allgemeiner Be- 
griff ihnen die Grenzen ihres Tuns und Lassens vorschreibt, 
ohne durch mechanische Mittel sie dahin zu treiben." 
Hier ist der Punkt, wo die Ideenlehre, der er selbst die 
wissenschaftliche Prägnanz durch den Begriff des Geltens 
gegeben hatte, nunmehr in ganz anderem Sinne, mit speku- 
lativer Wendung eintritt und der logische Idealismus mit 
dem ethisch-metaphysischen verschmilzt. 

Es ist der letzte kritische Punkt dieses Standpunktes 
überhaupt. Die Lehre von den Ideen in Natur und Ge- 
schichte war in der Deutschen Bewegung hervorgegangen 
aus der Richtung auf Verstehen des Lebendigen seiner Be- 
deutung nach, gegenüber der Kausalerklärung. Sie hatte 
sich in Lotze's Zeitalter aus der fortschreitenden Wissen- 
schaft zurückgezogen, und wo sie, wie in der Geschichts- 
philosophie von Humboldt bis Droysen hin erhalten blieb, 
hielt sie sich spekulativ an denselben massiven meta- 
physisch-religiösen Hintergrund, in welchem der ,speku- 
lative Theismus* von Lotze's Lehrern feststand in dem 
Glauben an einen unbedingten Zusammenhang aller Dinge 
in Gott. Diese Verquickung aufzulösen, für die nach der 
Lage des wissenschaftlichen Bewußtseins kein Raum mehr 
in der Philosophie ist, ist eine Hauptarbeit der Gegenwart 
grade auf dem Gebiete des geistig-geschichtlichen Lebens, 
auf dem allein die von dieser Ideenlehre gemeinten Pro- 
bleme sinnvoll gestellt werden können. Und auch Lotze 
arbeitete im Grunde in dieser Richtung. Aber immer 
wieder erscheint die Gefahr, daß die, welche das Be- 
stehen idealer Zusammenhänge gegenüber dem Positivis- 
mus einsehen, bei spekulativ-metaphysischem Bauen enden. 
Lotze hatte, dank seinen logischen Einsichten in der Be- 
griffslehre, die Metaphysik der Gattungs-Ideen von vorn- 
herein hinter sich gelassen. Aber er ist hier noch nicht 
der Lockung widerstanden, die auch manchen Neueren 
fortzieht: mittels der aufweisbaren Idealität des Logischen 
die ethisch - idealistischen Überzeugungen ins Reine zu 
bringen. Und man blickt nun hier bei diesem scharfen 
Denker in eine merkwürdige Vermengung, in der die be- 
schränkende Macht der zeitgeschichtlichen Lage sichtbar 
wird. 

Er nennt die innere Bedeutung, die er jedem orga- 



XLII Einleitung. II. Der erste Entwurf des Systems. 

nisch gefügten Effekte von Kausalprozessen zuschreibt, 
den „Begriff" der Erscheinung. Er meint die ,konkreten Be- 
griffe*, die er als teleologische Wesensbegriffe faßt und 
als die wahren und konstitutiven Begriffe den „zufäl- 
ligen Ansichten" gegenüberstellt, die sich für jeden Gegen- 
stand mehrfältig nach den verschiedenen Rücksichten seiner 
Stellung im Begründungszusammenhang bilden lassen 
(S. 117, 262 ff.). Er kennzeichnet sie als „ideale Einheiten". 
Er macht klar, daß in ihnen der Eigenwert der Sachen und 
ihre Bedeutung im Zusammenhang des Ganzen erfaßt sein 
würde. Aber diese Wesensbegriffe werden ihm nun, mittels 
eines äquivoken Gebrauchs des Ausdrucks Bedeutung, selber 
zu „idealen Wesen, die eine Apodiktizität ihres Daseins 
in der Reihe anderer genießen" um ihrer Bedeutung willen: 
als „seinsollende"; ihre Identität wird zu der ,Selbst- 
erhaltung*, die Herbart seinen , Realen* zuschreibt, und der 
Gegensatz ideal real springt über in den einer „inner- 
lichen Seite des Geschehens" und einer „äußerlichen" im 
Sinne von sinnlich-geistig und mechanisch. Er hat dabei 
das erkenntnistheoretische Verhältnis des Geistigen zu dem, 
worin es sich ausdrückt, im Auge, das ihm aber zu einem 
realen Verhältnis der Verwirklichung idealer Einheiten wird, 
wie er denn an anderer Stelle i) fonnuliert: „Die Äuße- 
rung des innerlichen Geistes ist die Bedeutung der Er- 
scheinung". So nimmt das Zentralproblem, „wie die be- 
herrschenden Ideen in das Getriebe der Erscheinungs- 
welt sich ihren Eingang bereiten", nun geradezu die Form 
an: das Dasein der erscheinenden Wirklichkeit, die ,,ganze 
Pracht des Lebens" und insbesondere die Sinnlichkeit, auf 
der alle qualitative Erscheinung basiert ist, zu kon- 
struieren als einen notwendigen Erfolg des transzendenten 
Bedeutungszusammenhangs idealer Wesen. Er konstruiert 
das mit den Mitteln von Herbart; es ist der erste Entwurf 
der Spekulation, die in seiner letzten Metaphysik besonnen 
eingegrenzt ist; sie unterscheidet sich hier nur in dem 
einen wesentlichen Punkte von Herbart, daß dessen Fest- 
setzungen über Reale auf werthafte Wesen beschränkt sind. 
Die idealen Wesenheiten sind, um zur Verwirklichung 
kommen zu können, gebunden an eine mechanische Grund- 
lage; „sobald ihre mechanischen, durch organische 
Richtungen beherrschten Grundlagen durch den Anstoß 
anderer umgewandelt werden, erleidet der transzendente 

1) Kl. Schriften II, 200 (Seele und Seelenleben, 1846). 



Erkenntnistheorie. XLIII 

Sinn, die Bedeutung, der Begriff der Dinge ebenfalls eine 
Veränderung", welche die Wesen als eine , Störung* ihrer 
idealen Natur setzen und in Gestalt von Sinnesqualitäten 
„auf idealem Gebiete von sich abstoßen". 

Die Absicht dieser Konstruktion ist: nach der Zen- 
trierung der Kosmologie auf die Grundlagen der mathe- 
matischen Naturwissenschaft den Weg zurückzufinden zum 
Konkreten, das mittels des transzendentalen Schematismus 
nicht erreichbar ist, also eine Brücke von Kant zu Schelling 
zu bauen. Ihr Sinn ist in dem Satze ausgesprochen: 
„Die Natur bringt so als iliren Gipfel notwendig die Emp- 
findung hervor," erst in ihr „erhebt sich der tote und 
erscheinungslose Zusammenhang des Kosmologischen zu 
der wahrhaften Erscheinung. In dem sinnlichen Spiel der 
Gestalten, dem farbigen Abglanz der Natur und den 
Verknüpfungen ihres Geschehens haben wir die ganze 
Erscheinung eines Wesenhaften vor uns". 

Damit ist der Übergang zur Erkenntnistheorie ge- 
geben. Ihr Hauptbegriff ist die Wirklichkeit der dem Subjekt 
erscheinenden Welt. Diese ist als Erscheinung dem Ansich 
gegenübergestellt, von dem die Wahrheit des Erkennens 
abhängt. Aber sie ist kein bloßes Epiphänomen und des- 
halb auch kein bloßes Zeichensystem für das Subjekt, 
das an ihr einen zufällig-menschlichen Stützpunkt hätte, um 
die Brücke zum transzendenten Gegenstand der Erkennt- 
nis zu schlagen. Sondern sie ist selber eine Erfüllung des 
Ansich in der Subjektivität und muß in dieser ihrer Be- 
deutung als Verwirklichung von Werten, sie selber etwas 
Wertvolles und in sich Beschlossenes, wahrhaft Wirkliches 
verstanden werden. So hat hier Kant's ,kopernikanische' Um- 
kehrung des Gegenstandsproblems den besonderen Sinn be- 
kommen, den später von Lotze aus Windelband als die 
wahre Meinung Kant's und Fichte's zu erweisen suchte. In 
Lotze's erstem Gang von der Ontologie durch die Kos- 
mologie hindurch zur Erkenntnistheorie kommt die Rück- 
wendung auf das erkennende Subjekt nicht dadurch herein, 
daß nach dem objektiven Ansatz bei der Wahrheit nun die 
Frage nach dem Erfassen der Wahrheit sich auftäte, 
sondern in der Ausbreitung der Subjektivität gipfelt 
der ganze teleologische Zusammenhang der Seinsweisen 
und Anschauungsprinzipien, und er gipfelt in ihr, weil er, 
der das Gelten der Wahrheit nur als ein Moment in sich 
enthält, sich vor dem sittlichen BcAvußtsein als ein realer 
Erfüllungszusammenhang erweist. 



XLIV Einleitung. II. Der erste Entwurf des Systems. 

Dabei trägt jedoch die Voranstellung der Ontologie, 
die Wendung zu einer „immanenten Kritik der Kategorien" 
noch eine wesentliche Frucht: der Idealismus der Sub- 
jektivität sondert sich scharf vom Anthropologismus ab. 
Eine fundierende Sinnlichkeit gehört zur Natur der ,,wahren 
Erscheinung", nur die Eigentümlichkeit ihrer Qualitäten 
ist etwas Anthropologisches. Und von den ,Kategorien* 
(er braucht jetzt noch diesen Ausdruck, den er später ab- 
lehnte) gilt, daß sie zwar als Bestimmungen der Be- 
ziehung nur „für die davon wissende Erkenntnis sind, 
die durch ihr Zusammenfassen die Beziehungen setzt", 
aber sie „sind nicht ein beschränktes Eigentum unserer 
Organisation, sondern der jedes Subjekts". So spottet er 
über die „anthropologischen Begründungen", die den „meta- 
physischen Neid" auf die Erkenntnis höher organisierter 
Subjekte nähren, indem sie „Momente metaphysischer Be- 
stimmungen zu Schranken der Erkenntnis verdichten". 

In dem eigentlichen Duktus der Erkenntnistheorie aber 
tritt nun der ethische Idealismus noch ganz einfach mit 
seinen typischen Hauptsätzen heraus. Die Methode ist: 
„die Wahrheit des Gedankens in einem teleologischen Zu- 
sammenhang zu suchen". Die Voraussetzung der Trans- 
zendenz ist die oben entwickelte: „ein unsagbares Für- 
einandersein der Wesen, das nur ihren unbekannten 
qualitativen Inhalt angeht, durch den sie Bedeutung für 
einander hahen". Zu diesen Wesen gehört das erkennende 
Subjekt — nicht in seinem erfahrbaren Dasein, sondern 
seiner inhaltvollen idealen Natur nach. Die Wesen in 
ihrer Bedeutung intellektuell erfassen zu wollen, sie mit 
den Kategorien, diesen bloßen Relationsgedanken, prädi- 
kativ bestimmen zu wollen, wäre ein Widersinn; nach den 
eigenen Aussagen der Kategorien gehört ja der Vorzug 
wesenhaften Seins einem über sie hinausliegenden Inhalt 
an. So präzisiert sich die Frage nach der Objektivität 
der ontologischen Formen: ob die Beziehungen, die mit 
ihnen erfaßt werden, den Wesen nur fremdartig oder 
aber derartig sind, „daß die unbekannten Qualitäten der 
Wesen um ihrer Natur willen es fordern, auf diese und 
keine andere Weise in dem Subjekt zusammengesetzt zu 
werden". Und die Antwort gibt die moralische Gewiß- 
heit von der Würde der Subjektivität: deren Ausbreitung 
in der Erscheinung, die selbst zum wahren Geschehen mit- 
gehört, muß einen Sinn haben. Das ist „der letzte Punkt, 
den eine Verständigung über das Erkennen erlangen kann. 



Die Erkenntnistheorie und der ethische Idealismus, XLV 

Die Formen desselben werden wahr sein, sobald sie dem 
dienen, was sein soll". Dessen Evidenz ist weit größer als 
die dessen was ist. „Die immanente Bestimmtheit der 
Erkenntnis ist die Folge aus zwei Prämissen: aus der 
Natur des Subjekts, welches zur Objektivierung seiner 
Störungen nur bestimmte Formen besitzt, und aus der 
der Dinge, welche gleichgiltig und zufällig an den Platz 
der zweiten Prämisse gekommen, dennoch ihrem Inhalt 
nach nur unter eigenen Verhältnissen in jene Formen 
eingehen können." Es bleibt noch die Frage nach dem 
Recht, einen transzendenten Inhalt der Wesen anzusetzen, 
wo doch die ganze Rede von Wesen auf den Kategorien, 
selber wurzelt. 

Und hier hilft wieder die Wendung gegen den Primat 
des Logischen und deckt damit zugleich die abschließende 
Lösung auf, indem nun der Zweckgedanke, in den die onto- 
logische Theorie auslief, übergeführt wird in die ethische 
Realität. Der Gedanke eines transzendenten Bestehens von 
Wesen würde nur dann mit in die Relativität des Für- 
misseins hineingezogen werden, wenn die Kategorien, deren 
notwendiges Ergebnis er ist, „als ein absolutes Prius aus 
sich selber da wären". Aber die Bestimmungen der Meta- 
physik sind „keine alleinstehende Gruppe fatalistisch vor- 
handener Begriffe". Aus sich selbst erzeugt sie nur den 
formalen Gegensatz von wesenhaftem Wert und kate- 
gorialer Wirklichkeit und braucht sich daher nicht im 
Dualismus zu verfangen; denn da die formale Bestimmung 
des Ansich als des zugleich Seienden und Seinsollenden 
nicht erst aus einer außertheoretischen Quelle in sie 
hineinkommt, ist jener Gegensatz „selbst als ein Moment 
in dem Wesen zu fassen". „Untersuchungen über die 
Verwirklichimg logischer Formen" sind unabweislich ; nur 
darf nicht mit einer „Theorie der Erkenntnis physika- 
lischer Art" nach dem Mechanismus geforscht werden, 
„durch den das Wesen durch seinen Inhalt die Erschei- 
nung in logischen Formen vom Bewußtsein erzwingt", 
isondem der Sinn dieses Zusammenhangs steht in Frage. 
Die Kategorien sind zu begreifen als „das System von 
Gründen, welches der seinsollende wahrhafte Inhalt der 
Welt seiner inneren Bestimmtheit nach verlangt, um durch 
das Zusammenwirken des Seienden nach jenen Gründen 
sich selbst zu verwirklichen". Aber auch nur bis zur for- 
malen Bestimmung ,Seinsollendes* gelangt die Theorie aus 
eigenen Mitteln; ihrem Gedanken einer „leeren prädesti- 



XLVI Einleitung. II. Der erste Entwurf des Systems. 

nierenden Position" würde das Eleatische eV oder Spinoza's 
Substanz auch genügen. Und hier ist der Punkt, wo die 
metaphysische Theorie über sich hinausführt kraft der 
ethischen Gewißheit — ganz so wie die Neueren schließ- 
lich die Realität des kritisch vorsichtig abgeleiteten 
,Normalbewußtsein* durch den religiösen Glauben verbürgt 
finden. „Der sittliche Geist weiß, daß dem unergründ- 
lichen Ansich solcher Wert nicht zukommt. Die for- 
male Bestimmtheit des Inhalts, die rela- 
tive Form des Sollens, die er im Vergleich mit 
anderen Bestimmungen des Gedankens hat, ist zu- 
gleich seine reale Form. Nur in dieser Form 
des Unerfüllten, das durch die Erscheinung in die Erfüllung 
übergeht, ist die Substanz des Geschehens das, was sie 
ist. Die Natur des Seinsollenden ist die Entwicklung." Erst 
durch diese ethische Spitze erhält dieser Typus von Meta- 
physik überhaupt Einheit in sich selbst. Denn alle ihre Be- 
stimmungen sind Formen des Überganges, der Beziehung, 
der Entwicklung, so ist ihre Seele „der fortwährende Prozeß 
der teleologischen Erfüllung". Aber sie selber kann sich 
diesen Abschluß nicht geben, sondern erhält ihn aus der 
Einheit des Geistes. „Unabhängig von der Metaphysik und 
für immer in diesem JPunkt von ihr unabhängig zu erhalten, 
weiß der ganze, nicht bloß der metaphysische, der er- 
kennende Geist, daß es einen solchen Inhalt gibt, der 
nicht bloß der absolute Zweck des Geschehens ist, son- 
dern zugleich zu seiner realen Form dieselbe Form der 
Zweckerfüllung hat... Das Gute ist das, was es ist, 
dadurch daß es nur in diesem Übergange der Entwick- 
lung durch die Tat sein kann . . . Die Wahrheit hängt 
daran, daß das Reich des Guten sie hervorbringt . . . Das 
wertvolle und allein substantielle Wesen des Seinsollenden 
geht im Bewußtsein auf. Der Wert der Subjektivität besteht 
darin, die Verwirklichung jenes Ansich zu erschaffen. So 
sind die Kategorien von der höchsten Wahrheit, weil 
sie subjektiv sin d." 

Lotze endet bei der typischen Problematik von Trans- 
zendenz oder Immanenz, die zugleich zwischen ontolo- 
gischer und erkenntnistheoretischer Fassung schwankt. Den 
„imaginären Gedanken" vom notwendigen Dasein eines 
Transzendenten fortzuwerfen, ist ihm wie den Theisten 
der Radikalfehler Hegels; „wir bedürfen den Anfang der 
Bewegung und die Ursachen, die sie fortführen" — im 
Mikrokosmos schränkt er das dahin ein, daß in dem ein- 



Der ethische Idealismus in der Logik. XLVII 

mal vorhandenen Zusammenhang der Welt die organische 
Bildung sich durch mechanische Tradition forterhält, aber 
die erste Stiftung der Keime nicht ohne die Voraus- 
setzung eines ordnenden Bewußtseins begreifbar ist. i) Aber 
da er die Metaphysik nicht mehr in die Religion auf- 
lösen will, behält er nur die Voraussetzung eines „unbe- 
kannten, nach dem Gebote der vorbestimmten Wirklich- 
keit angeordneten Zusammenhangs der Positionen" zurück, 
als Grundlage der Objektivität der Erkenntnis. Zugleich gibt 
er dem modernen Fichteschen P r o z e ß gedanken Recht; 
er drückt ihn mit den von Schelling aufgelösten aristo- 
tehschen Begriffen dvvajuig und ivegyeia so aus: „Das 
Wesen ist nur, was es als- Schein sein wird". 

Schließlich holt die Logik aus dem Idealismus der 
Subjektivität noch ein letztes fruchtbares Motiv heraus. 
Es handelt sich um das wesentliche philosophische Pro- 
blem, für dessen Lösung jüngst durch Husserl in der 
, Phänomenologie' ein Weg neu ausgebaut worden ist: die 
objektive Geltung der logischen Formen durch Rückgang 
auf ihren ,Ursprung' zum Verständnis zu bringen. Lotze 
erkennt die Bedeutung dieser Problemstellung, die er be- 
reits genetisch-psychologisch umgebogen vorfand, um den 
Formalismus zu überwinden. Die traditionelle Logik kenn- 
zeichnet er, im Zuge von Schelling,^) als eine „begriff- 
lose Empirie". Aber nicht auf der formalen Natur ihres 
Gegenstandes beruht das philosophisch Ungenügende an 
ihr, sondern auf dem Mangel einer wissenschaftlichen 
Behandlung desselben: daß sie sich mit der Evidenz ihrer 
Sätze begnügt, sie hinnimmt als auf sich allein beruhende 
Notwendigkeiten und sich dadurch den Weg abschneidet, 
ihren normativen Charakter auch zu begründen. Das 
ist es eigentlich, was ihm ein Stehenbleiben bei Herbart's 
rein logischer Verhältnislehre unmöglich macht. Aber diesen 
Blick gibt ihm nun wieder nicht ein rein theoretisches Be- 
dürfnis nach Verstehen des Logischen, sondern der speku- 
lative Zug, den der ethische Idealismus vorwärtstreibt. „Der 
moralische Idealismus stößt ein solches Gängeln des Geistes 
an dem Leitfaden eines für ihn völlig zufälligen Kom- 
plexes absolut notwendiger Formen mit entschiedener Evi- 



1) Mit Metaph. S. 328 vgl. Mikrok. II ß S. 24. 

2) Schelling, Vorl. ü. d. Methode des akad. Studiums 1803 (Werke I, 5 
S. 269): „Ganz zu den empirischen Versuchen in der Philosophie gehört 
auch, was man insgemein Logik nennt." 



XLVm Einleitung. II. Der erste Entwurf des Systems. 

denz zurück.** Und dem entspricht die Aufgabe, die er der 
„philosophischen Logik** stellt: eine teleologische Durch- 
forschung des Systems der geistigen Tätigkeiten, die zu 
zeigen hätte, „daß die logischen Formen allerdings aus dem 
Wesen des subjektiven Geistes hervorgehen, aber nicht als 
ein Ergebnis schlechthin vorhandener Seelenkräfte, sondern 
als ein Erzeugnis, eine Tat, deren Notwendigkeit darin liegt, 
daß nur durch sie der Geist seine ethische Natur verwirk- 
licht**. Seine Logik folgt dieser Intention nur sporadisch, 
bei der Deutung des Satzes der Identität. Dieser ist das 
höchste Denkgesetz „nur deswegen, weil er zugleich die 
tiefste Natur des Geistes ausdrückt nach der Seite hin, wo 
er nicht als bloße Intelligenz, sondern als sittlicher Geist er- 
scheint" — das denkende Ich soll das in sich Treue und 
Unwandelbare sein und kann deshalb das Objekt nur 
unter der nämlichen Form der Sichselbstgleichheit auf- 
fassen. Aber die Intention selber greift durch die Logik 
hindurch und in die Metaphysik hinüber: in dem ganzen 
Bestand des Apriorischen sind schließlich „nur Nachbil- 
dungen des innerlichsten Wesens des Geistes** zu sehen, 
der z. B. die Kategorie der Kausalität „nur hat und an- 
wendet, weil er von Haus aus ein handelnder ist**. 

Dies ist seine ursprüngliche Stellung, die er in der 
Formel ausgeprägt hat: „So wie der Anfang der Meta- 
physik, so liegt auch der der Logik in der Ethik und zwar 
durch das Mittelglied der Metaphysik selbst.** 



III. Der Fortgang in der Psychologie, Geistes- 
philosophie und Wertlehre. 

Dies waren die Grundlagen, mit denen er als Philo- 
soph anfing, nicht seine Lebensarbeit festlegte. Auf ihnen 
baute nun der positive Forscher. Er hatte nicht wie die 
nächste Generation sich überhaupt erst einen Weg zur Philo- 
sophie von der Empirie her zu bahnen brauchen; vielmehr 
hatte er Ordnung zu schaffen in der Fülle von gedanklichen 
Motiven, die in jener Auflösungszeit frei geworden waren. 
„Nach einer so langen Entwicklungsgeschichte der Philo- 
sophie, die alle möglichen Standpunkte mehr als einmal 
entdeckt und wieder verlassen hat, gibt es kein Verdienst 
der Originalität mehr, sondern nur das der Genauigkeit." i) 
Aber dieser feste Begriffszusammenhang diente ihm nun 
als Werkzeug, seine positiv wissenschaftliche Arbeit zu 
gliedern. Das erscheint fast schematisch durchgeführt: 
überall wo er ansetzt, von der Psychologie bis zur 
Ästhetik hin, legt er den dreigliedrigen Nexus der Ontologie 
— Wirklichkeit, Grund und Zweck — zugrunde und teilt 
damit die Geschäfte der Philosophie und Einzelwissenschaft 
ab. Auf jedem Forschungsgebiet, auch in der Biologie, 
kennt er neben und über der wissenschaftlichen Bear- 
beitung noch eine philosophische, d. h. spekulative „Unter- 
suchungsweise", die auf Sinn und Bedeutung der kausal 
erklärten Erscheinungen geht. Und dem wissenschaftlichen 
Teil selber geht Philosophie logisch voran, nach dem 
Schema: die Einzelwissenschaft darf positivistisch sein, 
sie bedarf nur Begriffe und Grundsätze, die fiir die Er- 
klärimg der Tatsachen brauchbar sind; aber mit ihrer 
Brauchbarkeit sind die Begriffe wie Materie, Kraft oder 
Seele noch nicht gerechtfertigt, sie dürfen vielmehr nur 
als handliche Abbreviaturen der eigentlichen Zusammen- 
hänge gelten, und diesen Nachweis zu geben, ist Aufgabe 
der Philosophie. 

1) Streitschriften 1857 S. 5. 

Lotze, Logik. IV 



L Einleitung. III. Der Fortgang in der Psychologie. 

Wie viel hat ihn trotz dieser Trennung die Berührung 
mit dem Stoff auch philosophisch weitergebracht? was 
doch der Natur der Sache nach kommen muß. An zwei 
Stellen berührt der Idealismus der Subjektivität das Grenz- 
gebiet positiver Forschung: bei der Einheit des Seelen- 
und Geisteslebens, die die entscheidende wissenschaftliche 
Instanz dieses Standpunktes ist, und bei der Lehre von 
den Werten, deren empirische Basierung nun Lotze's 
Leistung wurde. 

Psychologie. 

Eine „Phänomenologie des Selbstbewußtseins" sollte 
den Grundgedanken der Erkenntnistheorie zur Klarheit 
führen. 1) Lotze hat sich bereits in der Abhandlung , Seele 
und Seelenleben* an ihr versucht, und die , Medizi- 
nische Psychologie* geht nun in ihrem philosophi- 
schen Teil, diesen Versuch fortsetzend, darauf aus, den 
•wahren Zusammenhang zu bestimmen, dessen Ab- 
breviatur der Begriff Seele ist. Sie tut das in dem für 
Lotze charakteristischen suchenden Gang der Unter- 
suchung. 2) Als den Tatbestand, der ein selbständiges, 
mit Seele bezeichnetes Prinzip fordert, erkennt er mit den 
Klassikern der rationalen Psychologie die Einheit des Selbst- 
bewußtseins, „welches das Mannigfaltige zusammenfaßt". 
Aber auch nur sie allein. Das Erlebnis der Freiheit des 
Willens ist zu problematisch, um als wissenschaftliche 
Grundlage zu dienen. Erst die Tatsache, daß es ein „be- 
ziehendes Wissen" gibt, entscheidet gegen den Empiris- 
mus; denn „dem Wechsel der Eindrücke würde nur ein 
Wechsel des Wissens, nicht aber ein Wissen von diesem 
Wechsel nachfolgen können". Soweit steht er zu Kant, 
in der Widerlegung des Empirismus einstimmig mit den 
Späteren, die, wie Sigwart oder die ersten Führer der Kant- 
bewegung selber, Psychologie und aprioristische Erkennt- 
nistheorie in Verhältnis zu setzen suchten. Lotze nimmt 
zwar für die seelische Einheit wieder den Begriff im- 
materielle Substanz auf, aber — entsprechend der Auf- 
lösung des Substanzbegriffs in der vorangegangenen On- 

1) Vgl. Metaphysik (1841) Schluß mit der Abh. Seele und Seelen- 
leben (1846 HWB. der Physiologie Bd. III) ia Kleine Schriften II 
S. 134. 

*) Nnr aus der Verkennung dieses Ganges erklärt sich das Miß- 
verständnis von Külpe, Paulsen u. a., Lotze sei zunächst von einer 
substantialen , nicht aktualen Seelenauffassung ausgegangen; das wird 
schon durch seine Ontologie widerlegt. 



Phänomenologie des Selbstbewußtseins. LI 

tologie — nur ökonomisch, als „sekundäres Prinzip", um 
der empirischen Psychologie, die nicht weiter zurück 
zu fragen braucht, die Selbständigkeit gegenüber materiali- 
stischer und panpsychistischer Metaphysik zu sichern.^) 
Und auch nur, nachdem er klar gemacht hat, daß es sich 
um keine Hypostasierung handelt, sondern: „der Name 
Seele ist ein phänomenologischer Ausdruck, der 
gleich den chemischen Begriffen der Säure oder des Alkali 
eine Reaktionsform bezeichnet, die einer Reihe ihrer 
übrigen Natur nach unbestimmt gelassener Elemente ge- 
meinsam zukommt". „Seele ist oder heißt Etwas, so- 
fern dies übrigens unbestimmt gelassene Etwas die Tätig- 
keitsformen des Vorstellens, Fühlens, Strebens in sich 
zu erzeugen vermag." Nur schärfer ist, nichts Neues 
bringt die Formel der späteren Metaphysik: „die Tat- 
sache der Einheit des Bewußtseins ist es, die eo ipso 
zugleich die Tatsache des Daseins einer Substanz ist. 
Jede Substanz ist das als was sie sich gibt, in bestimmten 
Vorstellungen, Gefühlen und Strebungen lebende Einheit". 
So steht er von Anfang an auf dem Boden der von 
Wundt sog. Aktualitätstheorie. 

Aber dieser Seelenbegriff, der für die empirische, d. h. 
naturwissenschaftliche Psychologie den Ansatz gibt, um an 
die Erforschung des psychophysischen Mechanismus 2) zu 
gehen, ist nun für die philosophische ein Problem: 

^) Lotze gibt die Bestimmung des Gegenstandes : „Die psychischen 
Erscheinungen*' und sagt von ihr (wie Brentano 1874 angesichts der 
, Psychologie ohne Seele*): sie würde „den tai sächlich vorhandenen 
Gegenstand vorurteilslos bezeichnen'*. Aber die Rede von der Seele 
ist als vorwissenschaftliche Vorstellung da unJ darf nicht uniufgeklärt 
im Rücken bleiben ; sie erweist sich dann als z^ eckmäßig, um den 
Ansatz für de Fragestellung der ph siologischen Psychologie freizu- 
legen: mit der Einheit des Bewußtseins ist die Rede von der Seele 
gegenüber der Mal erialit - 1 gerechtfertigt und nun kann gefragt werden, 
unter welchen Bedingungen die psych. Phänomen in ihr auftreten. 

2) Loize's methodische Faltung ist hier: die Theorie des Paral- 
lelismus arbeitet mit unberechtigten Analogien, ist im Grunde 
dualistisch, strandet an der Einheit des Selbstbewußtseins, ist unver- 
träglich mit dem BegrifP einer kausal zusammenhängenden Wirklichkeit 
(vgl. s. Kiitik Fechneis in Kl. Schriften III 470, 1879). Die Theorie 
der Wechselwirkung ist der gegebene Ausgangspunkt für die 
Forschung. Sie wird durcii die Ungleichartigkeit des Physischen u. 
Psychischen nicht unm" glich gemacht, da der innere Nexus der Kausalität 
überhaupt der Wissenschaft undurchdringlich ist. Die Ungleichartigkeit 
schließt nur die Möglichkeit einer Konstruktion des Psychischen aus 

IV* 



1^ Einleitung, III. Der Fortgang in der Psychologie. 

welche Art von Sein kommt der mit Seele bezeichneten 
Einheit zu? Und hier, bei dem positiven Problem, hellt 
sich nun die Rede der Erkenntnistheorie von Wesen, Ideen 
und der Beziehung der Subjektivität auf sie auf. Wir 
entwickeln diese Darlegung in ihrem eigenen Zusammen- 
hang 1). 

Lotze unterscheidet drei Bedeutungen des Ausdrucks 
Ich: „gefühltes Selbst", Selbstbewußtsein und Seele. Sie 
ordnen sich in einen Stufengang zu dem Inhalt hin, der 
„den Begriff des Ich erfüllt". Das „Gefühl der Ichheit" oder 
„Selbstheit" ist das elementare Phänomen; es reicht ins 
animalische Leben hinab und ist charakterisiert durch die 
innige „Energie der Zweckbeziehung" gewisser erlebter 
Inhalte auf uns selbst; der Unterschied von Ich und Nicht- 
Ich kann primär nur im Gefühl gegeben sein, kein rein 
vorstellendes, bloß objektivierendes Wesen könnte ihn ge- 
winnen; er ist undeutlich, aber „im Gefühl evident" 2). 
„Hierzu reichen einfache sinnliche Gefühle ebenso aus wie 
jene feiner gegliederten intellektuellen, durch welche ent- 

den Ursachen aus, die Seele muß als eine Unbekannte miteingestellt 
werden, aber strenger Kausalzusammenhang bleibt denkbar: ,,jede 
Empfindung als ein umgeformtes Äquivalent der Wirkungsgröße zu 
betrachten, die vorher in Gestalt einer Bewegung vorhanden war, jede 
Kontraktion eines Muskels als ein Äquivalent der Erregung, die in 
der Form eines psych. Strebungsprozesses voranging." Nur als vor- 
sichtige Beschränkung auf das derzeit Beantwortbare legt er die 
positivistische Fragestellung (nach den gesetzlichen Abhängigkeitver- 
hältnissen) zugrunde, die er als „occasionalisiische Theorie des physisch- 
psych. Mechanismus bezeichnet. (Medizin Ps. S. 15). 

1) Mediz. Psych. S. 494—504. 4ff., 57 ff., 160 f., 136—164, 535 f. 
Vgl Abh. Seele usf. Kl. Schriften n 123—135. Mikr. 1 278f., II 146f. u. a. 

^) Vorangegangen waren Lotze hierin die Analysen des Glaubens 
an die Außen-Realität bei den französ. Ideologen Destutt de Tracy 
und Maine de Biran. Vgl. dann Dilthey, Vom Ursprung unseres 
Glaubens an die Realität usf. Sitzgeber. Berl. Akad. 1890. 

Lotze lehnt dem entsprechend die „veraltete Annahme" einer 
Projektion der Empfindimgen ab, die dann wieder nach 20 Jahren 
in den Anfängen der Kantbewegimg von Helmholtz und Schopenhauer 
her bis zu Liebmann hin eine Hauptrolle spielte, um Kants Be- 
gründung der Wirklichkeit auf das Kausalgesetz zu erreichen. — 
„Ursprünglich sind sie alle, Empfindungen sowohl wie Gefühle, nur 
mit ihrem qualitativen Inhalt im Bewußtsein und geben sich weder 
subjektiv noch objektiv, d. h. sie werden immittelbar weder auf 
äußere Objekte bezogen noch auch im Gegensatz zu dieser Beziehung 
als Bestimmungen des subjektiven Daseins wahrgenommen." Med. 
Psych. S. 282 u. 418 vgl. KL Sehr. II S. 129. 



Phänomenologie des Selbstbewußtseins. LHOL 

wickelte Geister zugleich den Wert und das eigentümliche 
Verdienst ihrer Persönlichkeit sich zur Anschauung bringen. 
Der geringste Wurm, wenn er getreten sich krümmt, unter- 
scheidet im Schmerze sein eigenes Leben von dem Dasein, 
der übrigen Welt in ebenso kraftvoller Weise als der ge- 
bildete Geist." Von dieser atomistischen Vergeistigung 
physiologischer Prozesse geht es über die musikalische 
Form des Selbstgefühls, mit der eine Pflanzenseele der 
Melodie ihres Daseins lauschen würde, und über das 
Sichfühlen in Instinkten, im Banne unüberwindlicher 
Traumideen, zu dem reflektierten Selbstbewußtsein, der 
Ich-Vorstellung. Das Selbstbewußtsein „ist nur eine 
theoretische Ausdeutung des Selbstgefühls". Lotze hebt 
heraus, daß dieser Fortgang erst durch die Einheit des Be- 
wußtseins ermöglicht wird. Aber der Aufbau von den 
emotionalen Erlebnissen aus trägt nun die Frucht, daß 
diese ,Bedingung der Möglichkeit* vor der Intellektuali- 
sierung zu einer reinen Form bewahrt wird — „das Selbst- 
bewußtsein ist keine Tatsache des bloßen Erkenntnislebens" 
— und vielmehr als seelischer Zusammenhang sich dar- 
stellt, der die erlebten Inhalte in ihrer Bedeutsamkeit ge- 
nießen läßt. Die „Begründung und Festhaltung des Selbst- 
bewußtseins" ist bedingt durch den „ununterbrochenen 
gleichmäßigen Strom der Teilnahme an uns selbst, in 
welchen uns die stets mit Empfindungen und Vorstel- 
lungen sich verknüpfenden leisesten Regungen des Ge- 
fühls hineinziehen". Die theoretische Ausdeutung, die dieser 
seelische Zusammenhang in der Ichvorstellung erfährt, ist 
selber wiederum nur ein Phänomen im Subjekt, ein Bild, 
das die Seele von sich faßt, also nicht die Seele selber, 
diese ist vielmehr das mit der Ichvorstellung Gemeinte. 
Es fragt sich, ob das Bild auch wirklich das darstellt, was 
wir mit dem Namen Ich zu bezeichnen meinen: das 
Wesen der Seele. 

Dies zu beantworten, dient die Methode einer be- 
grifflichen Aufklärung der Vorstellungen, wie in der On- 
tologie für das mit Sein Gemeinte. Und diese dialektische 
Methode wird wieder .ergänzt durch den Blick auf die tat- 
sächlich vorhandenen, in Leben und Wissenschaft ausge- 
bildeten Ichvorstellungen. Sie ordnen sich nach dem Grade 
der Verinnerlichung. Lotze geht hier analog vor wie die 
Neueren, die durch schrittweise Abstraktion von allem, was 
als Objekt vorgestellt werden kann, den Grenzbegriff des 
erkenntnistheoretischen Subjekts gewinnen — nur daß er 



jLIV Einleitung. III. Der Fortgang in der Psychologie. 

eben dieses reine Ich nicht als den wahren Schlußpunkt der 
Aufklärung gelten läßt. Als Ichvorstellung dienen stufen- 
weis und dann sich gabelnd: das Bild des umgrenzenden 
Leibes, der Leib mit einer Seele als ein dunkler Mittel- 
punkt der Erlebnisse, die psychologisch-historische Indi- 
vidualität mit der Einreihung der Ereignisse in die Lebens- 
geschichte; dann der Allgemeinbegriff der denkenden Sub- 
stanz und diesem theoretischen wie jenem empirischen 
Inhalt gegenüber der nur im Gefühl erfaßbare des 
„ästhetischen Charakters" (Temperament, Phantasieform 
usf.). Und das Suchen nach dem wahren Selbst ruht 
nicht, bis alles was „zwar etwas im Ich, aber nicht das 
Ich selbst ist", abgetan ist. „So entsteht die abenteuer- 
liche Sucht, das Ich als vollkommen bestimmun gs los von 
Natur, als bestimmt nur durch seine eigene freie Tat zu 
denken." Hier greift die Aufklärung ein. Die verschiedenen 
Motive, die sich bei dieser inhaltlichen Variation des 
Selbstbewußtseins durchkreuzen, müssen festgehalten 
werden, die Frage nach der spezifischen Natur der In- 
dividualität darf nicht der Frage nach der allgemeinen 
Natur der Seele geopfert werden. Lotze steht hier wieder 
auf dem Boden der Deutschen Bewegung, von Goethe 
her, wie er denn auch in dem ersten Programm seiner 
Psychologie unter ihre Aufgaben aufnahm : „Eine Psycho- 
logie der Individualitäten, die bisher den Werken der 
Dichter überlassen blieb". ^) 

Die Individualität kann als Moment in den Begriff 
der Seele aufgenommen werden, weil dieser, sofern er ein 
Allgemeines bezeichnet, nur ein ,phänomenologischer* Aus- 
druck ist: er hält sich an das Vorhandensein eines 
Wesens, ohne es zu bestimmen, er faßt nur dessen stabile 
Leistungen an Inhalten (die sog. Seelenvermögen) und 
die von ihm bestimmten „allgemeinen Formen der Schick- 
sale" von Inhalten (z. B. die konkreten Gesetze des Ge- 
dächtnisses) in einer Nominaldefinition zusammen. So 
dient dieser erste Seelenbegriff nur als Ausgangspunkt, 
um ;z;u einem inhaltvollen, konkreten Begriff, der das Wesen 
faßt, vorzudringen. Und hier benutzt nun Lotze die damals 
geläufige Unterscheidung von Seele und Geist: d. h. 
„die 3eele abgesehen von dem Inhalt ihrer Erfahrung 
und dieselbe Seele, wie sie durch das Leben zu einem 
ihrer Bestimmung entsprechenden Inhalt des Wissens, Füh- 

1) Kleine Schriften II 204 (1846). 



Phänomenologie des Selbstbewußtseins. LV 

lens, Wollens gelangt ist". Gegen die Ansicht von den 
Seelen als „ii^haltloser Befestigungspunkte, an die die 
öden und allgemeinen Fähigkeiten einer richtungs- 
losen Intelligenz und eines gegenstandslosen Wol- 
lens angehängt sind", kehrt sich die Einsicht, daß „alle 
Verbindung und Umgestaltung der Eindrücke wesentlich 
unter der Herrschaft von inhaltvollen Gedankenkreisen, Ver- 
stellungsmassen und Maximen geschieht, in denen eine 
mannigfaltige Anwendung jener allgemeinen und abstrakten 
Fähigkeiten auf bestimmten und konkreten Inhalt bereits 
enthalten ist". Diese Erkenntnis wurde entscheidend für 
seine Begründung der Wertlehre. Es ist dieselbe Einsicht, 
die alsbald von den Begründern der Zeitschrift für Völker- 
psychologie entwickelt wurde, die Vertiefung von Her- 
bart's Apperzeptionslehre durch die historische Fülle des 
Geistigen, die von der Deutschen Bewegung bis zu Hum- 
boldt hin gesehen worden war. Die Zustände, die inner- 
halb des seelischen Zusammenhangs auftreten, können nicht 
analytisch aus deti Vorzuständen abgeleitet werden, son- 
dern stets muß von neuem das ganze Wesen der Seele in 
Rechnung gezogen werden. Ihre Inhaltlichkeit wächst ihr 
nicht rein aus den Empfindungen zu, sondern ist mitbe- 
dingt durch die „unmittelbare Tiefe unserer geistigen Natur", 
auf der die logischen und metaphysischen Grundsätze, die 
ästhetischen Gefühle und das Bewußtsein ethischer Ver- 
pflichtungen beruhen. Und zu dieser inhaltvollen Natur 
gehört die Individualität als ein „spezifischer Koeffizient"; 
sie geht nicht in der physiologisch bedingten individuellen 
Verbindungs- und Sukzessionsform von Reizen auf. 

Damit ist der Punkt erreicht, wo die Fragen der 
Erkenntnistheorie beginnen. Der individuelle Geist ist ein 
Wesen von „idealem Gehalt", aber hat Realität. „Die 
Seele ist ideal in Bezug auf die Natur ihres Gehalts, 
und im Gegensatz zum Materialen, nicht in Bezug auf die 
Form ihres Daseins." So unterscheidet er sie von den 
Ideen, die auch ihrem Dasein nach ideal sind, also ideal 
grade im Gegensatz zur Realität, „auf die sie deshalb 
unmittelbar kein bewegendes Moment ausüben". Die realen 
geistigen Einheiten dagegen sind Mittelpunkte von Wir- 
kungen; sie werden erfaßt unter der logischen Form der 
Idee oder des , Gedankens*, unter dieser bestimmten Form 
von Wesensbegriffen,!) die das Bildungsgesetz veränder- 

1) Vgl. diese Logik § 129 u. a. 



LVI Einleitung. III. Der Fortgang in der Psychologie. 

lieber Gestaltungen, „den beständigen Sinn eines Ge- 
scbebens" ausdrücken, aber sie sind nicht selber Gedanken, 
sondern „das was dieser Gedanke meint". 2j 

Und hier greift nun die Unterscheidung des unmittel- 
baren Wissens vom Wesen und der Erkenntnis durch Re- 
lationen, der cognitio rei und circa rem ein. In Lotze's 
psychologischen Arbeiten steht neben den verschiedenen 
Ansätzen — dem Verhältnis der Psychologie zur Natur- 
wissenschaft, der Abwehr des Materialismus — an erster 
Stelle regelmäßig das Verhältnis der wissenschaftlichen 
Psychologie zu der im Leben, in Dichtung usf. vor- 
handenen Seelenkenntnis. Durch diese ist ein „Verstehen" 
verbürgt, das cogitio rei gibt. Der Unterschied ist durch 
die verschiedene Stellung des Objekts zu uns bedingt. 
Auf die Relations-Erkenntnis, wie sie in der Natur- 
wissenschaft ausgebildet ist, sind wir beschränkt, „wo 
unserer Wahrnehmung ein Objekt bloß in seinem äußer- 
lichen Verhalten gegenübersteht"; sie ermöglicht zwar, den 
Sinn, in welchem der Gegenstand als seiend gesetzt werden 
muß, genau zu bestimmen, durch Einordnung in ein helles 
Netz von Relationen nach Gesetzen, die eine Voraussage 
ermöglichen, aber sie gibt auch nur formale Beziehungen, 
„was wir nicht richtig das Wesen der Sache nennen" — 
das Materielle ist für uns stets eine fremdartige Larve. 
„Von einer cognitio rei kann nur die Rede sein, wo ein 
Objekt uns in so unmittelbarer Anschauung gegeben ist, 
daß wir den Mittelpunkt seiner eigentümlichen Natur in 
unser Gefühl gleich sehr wie in unsere Vorstellungen 
aufnehmen können, daß wir uns in sie hineinzuversetzen 
und nachzuempfinden wissen, wie einem solchen Dasein 
vermöge seines innerlichsten spezifischen Wesens zumute 
sein muß. Eine positive und unmittelbare Anschauung 
haben wir nur von dem Lebendigen und Tätigen, dies 
allein verstehen wir." Was vom geistigen Leben so er- 
faßt wird, ist „der eigentliche Sinn und Wert" desselben, 
sein idealer Gehalt, die Idee oder „der Gedanke". Das 
Organ dieses Verstehens ist die Phantasie. Sie „ist die 
bewegliche Urteilskraft des Gefühls, die nicht wie das 
gleichgiltige Erkennen nur die Tatbestände von Eigen- 
schaften, Verhältnissen und Beziehungen auffaßt, sondern 
in jedem dieser Gegenstände ihres Schauens zugleich seinen 
Wert mitempfindet, in jeder Form überhaupt das Glück und 

1) Vgl. Mikr. II S. 166 ff. 



Cognitio rei und circa rem. LVII 

Leid der Regsamkeit, welcher sie natürlich ist, unmittelbar 
gegenwärtig fühlt", i) Und Lotze bereits macht an den 
idealistischen Systemen klar, daß dieser „vollkommen 
schneidende Unterschied zwischen einer idealen Ausdeutung 
des Wertes der Wirklichkeit und einer kausalen Unter- 
suchung ihrer Bedingungen" zu lange namentlich in 
Deutschland übersehen wurde. 

Aber nun kommt seine eigentümliche Wendung, mit 
der er dem Wissenschaftsbegrifi" der Naturerkenntnis und 
damit zugleich der spekulativen Geistesverfassung Tribut 
zahlt — was beides auch heute dort zusammengeht, wo 
die Psychologie ganz dem naturwissenscha'ftlichen Be- 
triebe überantwortet und in der Philosophie Raum ge- 
wonnen wird für das Bauen. Lotze's klarer Gang bis 
zum Begriff des Verstehens läuft nach diesen zwei Rich- 
tungen hin aus : zur physiologischen Psychologie und 
zu spiritualistischer Metaphysik. Er folgert: weil uns von 
dem idealen Gehalt des seelischen Lebens nichts entgeht 
als durchaus unfaßbar, sei unglaublich, „daß jemals eine 
Psychologie uns in dieser Beziehung einen Zuwachs der 
Erkenntnis verschaffen könnte". Jene ,Urteilskraft' der 
Phantasie behält auch bei ihm nur ästhetische Bedeutung, 
sie ist nicht für die Wissenschaft zu disziplinieren, sondern 
um zu einer wissenschaftlichen Psychologie zu kommen, 
muß gerade die cognitio circa rem auch für das Seelen- 
leben möglich gemacht werden. So sieht er hier nur das 
methodologische Problem 2): die geistige Realität, deren 
Wesenhaftigkeit im Verstehen aufgeht, nun ihrem Dasein 
nach auch formal zu bestimmen, also einen brauchbaren 
Begriff von der Seele nach der Art des naturwissenschaft- 
lichen Seinsbegriffs festzustellen und damit die Beziehungs- 
punkte zu gewinnen für die Erforschung des „Mechanismus 
ihres Verkehrs mit allen übrigen Bestandteilen der Welt". 
Nur eine solche kausal erklärende Theorie ist Wissenschaft.; 
sie allein ist gemeint, wenn Pädagogik oder Psychiatrie 
nach psychologischen Grundlagen verlangen. 

Und die Kehrseite? Die logische Struktur des Ver- 
stehens von Geistigem tritt zwar heraus, aber wird sofort als 
metaphysischer Weltzusammenhang gefaßt. Die realen Ein- 
heiten geistigen Gehalts, Gehalt und Formen des seelischen 
Lebens sind nicht in ihrer Eigenbedeutung in sich selbst 



1) Kl. Sehr. III S. 305 (in e. Rezension). 

2) Mediz. Psych. S. 60, 67, 169. 



LVIII Einleitung III. Der Fortgang in der Psychologie. 

zu erforschen — das hieße, sie als primitive Sachlichkeit 
hinnehmen — , sondern müssen von einem absolut wert- 
vollen Inhalt aus verstanden werden, der sich notwendig 
in psychischen Formen verwirklicht, aber selber jenseits 
der geistigen Realität liegt als „eine noch weit innerlichere 
Wahrheit, die der Geist an der Umgebung des irdischen 
Lebens zu bewähren strebt". So nimmt der Sachverhalt, 
daß alles Geistige aus einem Ganzen übergreifender Zu- 
sammenhänge zu verstehen ist — oder, anders gewandt : daß 
das Individuum erst durch seine objektive Bedeutsamkeit 
innerhalb des Ganzen, in das seine Lebensäußerungen ver- 
flochten sind, dauernde Gestalt als individueller Geist hat 
— dieser Sachverhalt nimmt die spekulative Form an: die 
Seelen sind nur relativ reale Gestalten der absoluten ewigen 
Idee, die den Sinn des Weltzusammenhangs bestimmt, und 
ihre Realität ist verschieden intensiv nach dem Grade dor 
Bedeutung, die sie als wesentliche Glieder der Entwicklung 
der Idee gewonnen haben. Das teleologisrhp Verhältnis 
des Idealen zum Realen kann er nun auch direkt theologisch 
ausdrücken mit der Rede von der Gnade der höchsten Idee, 
deren Auftrag die Seelen zu erfüllen haben. Es ist hierin 
Konsequenz. Den idealen Gehalt der geistigen Wirk- 
lichkeit samt den Genuß dieses Gehalts erkennt er als etwas 
wahrhaft Wertvolles an; die Realität des Geistigen aber 
ist nun in die Relativität hinabgezogen: so muß er für den 
geistigen Gehalt als solchen eine Existenzform finden, und 
da doch Gedankliches nur als Gedachtes existieren kann, 
endet er bei dem schaffenden Weltgeist und den „Gedanken, 
die er hegte". Also einfach bei neuplatonisch-christlicher 
Metaphysik. Doch behält er auch inmitten der Spekulation 
seinen Blick und sagt mit Goethe: „Die Seele ist ein 
Moment der Idee, dessen Inhalt nicht in der Form einer 
Jiomogenen Qualität, sondern in der eines Gedankens ge- 
faßt werden muß, der gleich dem Geiste der Melodie eine 
Einheit bildet, obgleich er vielleicht für kein Erkennen 
anders als durch eine Mannigfaltigkeit verbundener Be- 
stimmungen erschöpfbar ist". 

Wo der Wissenschaft der Beruf abgesprochen wird, in 
die geistige Wirklichkeit einzudringen, wird immer, sofern 
nicht der Positivismus allmächtig ist, aber auch bei dem 
besten Vertreter des Positivismus, bei Comte selber, an die 
Kunst appelliert, damit sie den Mangel decke. So geht I/otze*s 
vorhin angeführter Satz über die werterfassende Phantasie 
weiter fort : „In dieser Phantasie werden die \\ erke der 



. Die Geschichtsphilosophie des Mikrokosmos. LIX 

Kunst geboren, welche die Welt der Werte in die 
Welt der Formen einführen, und sie ist ebenso das 
Organ des Verständnisses, durch das wir allein die äußer- 
lichen Formen, mit denen alle Kunst spielt, auf jenes in- 
tensive Reich zurückzuführen vermögen, in welchem unser 
eigenes Wesen seine wahre Heimat hat." 

Oeschichtsphilosophie. 

Ganz analog läuft nun auch die Philosophie der 
Geschichte aus, mit der der ,Mikrokosmos' den Gang 
von der Biologie zur Psychologie vollendete. Die Geschichte 
brachte damals, wo in Deutschland die anthropologische 
Einstellung über Hegel's Objektivismus siegte und von Frank- 
reich und England die Versuche ausgingen, das geistige 
Leben mit der positivistischen Theorie zu bewältigen, allent- 
halben den Bemühungen um eine wissenschaftliche Psycho- 
logie neue Nahrung mit ihrem reichen Stoff. Lotze konnte 
seiner ganzen wissenschaftlichen Verfassung nach gerade 
auch die naturalistisch-psychologische Behandlung der Ge- 
schichte schätzen, er nimmt die Tendenz zu einer Mechanik 
der Gesellschaft von Herbart her auf, aber zugleich stellt 
er sich ihr prinzipiell entgegen, in den Spuren von Herder, 
mit seinem Begriff von Sinn und Wert. So kehrt denn, 
das Heterogene zu verbinden, sein Grundgedanke über das 
Verhältnis von Mechanismus und Teleologie hier wieder 
oder findet sich vielmehr hier nun auf seinem eigent- 
lichsten Feld. Denn der ideale Gehalt des Lebens, den die 
Metaphysik mit ihrem Begriff der Wertverwirklichung for- 
derte und dessen Realität die Psychologie nachwies, wird 
seiner Inhaltlichkeit nach erst in der Geschichte sichtbar. 
Geschichte aber könnte nicht wirklich sein ohne die psycho- 
physischen Bedingungen (denn Geschichte ist nicht im- 
manente Selbstentwicklung des Geistes); sie spielen die 
Rolle, die nach der Ontologie dem Kausalzusammenhang 
-der Natur als einem Haushalt größten Stils zukam : die 
eigentümliche Art der Erfüllung, welche das Seinsollendc 
,auf unserem Planeten findet, mitzubestimmen. 

Er wendet sich also von der Psychologie zur Geschichte 
auf Grund der Einsicht, daß es schwerlich gelingen werde, 
„die still fortwirkenden Antriebe unserer tiefsten Natur 
anderswo deutlich zu gewahren, als in den größeren Er- 
folgen, welche sie im Ganzen der menschlichen Bildung, 
wie sie im Laufe der Geschichte sich entfaltet hat, hervor- 
gebracht haben". Und so breitet sich im Mikrokosmos 



LX Einleitung. III. Der Fortgang in der Psychologie. 

erst die Lehre vom Geiste eigentlich aus. Er studiert 
die ganze Breite der Kultur von Sprache und Geselligkeit 
an als Lebensäußerungen eines Geistigen, er stellt als den 
durchgreifenden und entscheidenden Zug die Richtung des 
Menschen auf den „Aufbau eines geistigen Universums'* 
fest. „Der menschliche Geist baute über der greifbaren 
sinnlichen Welt des tatsächlich Vorhandenen die nicht 
minder reiche Gliederung einer Welt von Verhältnissen auf, 
die dasein sollen, weil ihr eigener ewiger Wert ihre Ver- 
wirklichung gebietet". Lotze braucht den Hegeischen Spott 
über das Seinsollen, das immer soll und nie ist, nicht zu 
fürchten; denn die Ideale erhalten und haben nur Wirk* 
lichkeit „in dem Körper bestimmter Verhältnisse" — wie 
das Kunstwerk nicht als Konzeption, sondern nur als Ge- 
bilde ist. „Wir denken nicht bloß diskursiv, sondern leben 
auch so." 

Aber die vor ihm liegende Aufgabe, nun die geistige 
Welt in ihrer objektiven Gliederung sichtbar zu machen, 
ergreift er nicht, trotz seiner Schulung in Hegel. Sondern 
er teilt wieder die Aufgaben so ab, daß die Wissenschaft, 
die auf Objektivität zielt, von der Philosophie gesondert 
wird, für die dann nur die spekulative Verwertung des 
Gehalts der Geschichte für die Weltansicht des Gemüts 
übrig bleibt. Also er sieht die Notwendigkeit, in der Ge- 
schichte zur Objektivität zu kommen, nicht bloß „anschau- 
liche Bilder von dem Aussehen einzelner geschichtlicher 
Entwicklungsstufen und ihrer Reihenfolge zu erhalten, son- 
dern" — Regeln zur Vorausberechnung. Und diesem ein- 
seitig positivistischen Begriff von historischer Objektivität 
entspricht es, daß er nur durch naturwissenschaftlich er- 
klärende Theorie das Desiderat erfüllbar findet. „Eine 
Mechanik der Gesellschaft täte uns not, welche die Psycho- 
logie über die Grenzen des Individuums erweiterte und 
den Gang, die Bedingungen und die Erfolge der Wechsel- 
wirkungen kennen lehrte, die zwischen den inneren Zu- 
ständen vieler durch natürliche und gesellige Verhältnisse 
verknüpften Einzelnen stattfinden müssen." Seine eigene, 
philosophische Betrachtung aber verbleibt bei einem Ge- 
schichtsgemälde. Er sieht in der Geschichte der verschie- 
denen Kultursysteme wie auf einer Ebene ausgebreitet in 
mannigfachen Formen Äußerungen des Bewußtseins der 
Menschen von der Bedeutung des Lebens im Zusammen- 
hang der Welt. Im Grunde monoton, umkreisen sie in 
stetiger Bewegung die ewigen Rätsel, in deren Mittelpunkt 



Geschichtsphilosophie. Wertlehre. LXJ 

das Verhältnis von Werten, Gesetzen und Wirklichkeit steht. 
Das bloße Denken arbeitet sich vergeblich an ihnen ab, 
die Menschheit ist seit ihren ersten Schritten zur Aus- 
bildung einer Weltansicht nicht wesentlich weitergekommen. 
Es bleibt nur die Möglichkeit, die Ideen, zu denen sich die 
„Stellungen des menschlichen Bewußtseins der Wirklichkeit 
gegenüber" abgeklärt haben, zu verknüpfen. Ein solcher 
Versuch kann zwar, sofern er über die formalen Bestim- 
mungen der Ontologie hinausgeht, keinen Anspruch auf 
Wissenschaftlichkeit machen, aber kann dafür auf dem 
breiten Boden der religiösen Überzeugungen fußen. So 
rechtfertigt er, wie man das seit Hegel und Comte allgemein 
tat, seine eigene Richtung mit Hilfe der Geschichte. „Die 
Betrachtung des ganzen Lebens wird immer zu einem re- 
ligiösen Glauben führen, in dessen Evidenz und nicht in den 
theoretischen Überzeugungen der eigentliche Grund aller 
Gewißheit liegt." Und das Gemälde der Universalgeschichte 
zeigt, daß das Denken immer nur das nachkommende Organ 
war, das den erlebten Sinn der Wirklichkeit in einen ob- 
jektiven Zusammenhang bringt. Nachdem das wissenschaft- 
liche Denken die lebendige mythenbildende Phantasie dis- 
zipliniert hat, darf und muß es sich selber wieder darauf 
besinnen, daß das, was von ihm gelenkt werden soll, mehr 
ist als es selber. Das Christentum soll auch in der Philo- 
sophie über die Griechen siegen. — 

Die Wertlehre und der Entwicklungsgang Lotze's. 

Lotze's subjektiver Idealismus versperrte seiner Ge- 
schichtsphilosophie den Weg zu dem Begriff des objektiven 
Geistes, der damals, nachdem Hegel's System aufgelöst war, 
innerhalb des Gedankenkreises der Völkerpsychologie wieder- 
gewonnen wurde. Aber anderseits eröffnet dieser Stand- 
punkt, wie er ihm den Blick für den gefühlsmäßigen Zu- 
sammenhang und die willentliche Lebendigkeit des Seeli- 
schen gab, nun, da er empirisch basiert werden soll, einen 
andern wissenschaftlichen Weg, abseits von der Gesell- 
schaftsmechanik : die W e r 1 1 e h r e. Der Ausdruck Wert, 
praktischer, ästhetischer, moralischer, religiöser Wert, ge- 
hört neben der Rede von der Wechselwirkung zu den 
häufigsten in allen Schriften Lotze's i) und ist hauptsächlich 
von ihm aus zu der Vorherrschaft gekommen, die er heute 
im wissenschaftlichen Sprachgebrauch genießt. Auch hier 

*) Für die Kleinen Schriften s. das Sachregister von Peipers. 



LXII Einleitung. 111. Der Fortgang in der Psychologie. 

stand ursprünglich die moralisch-religiöse Spekulation da- 
hinter, wie denn in der Theologie der nachkantischen Gene- 
ration eine der Hauptquellen der Lehre von den Wert- 
urteilen lag. Auch hier finden wir eine Entwicklung, die 
das spekulative Moment zurückdrängte. Und wir wollen 
diesen Gan^ verfolgen, um eine Vorstellung von den 
Leistungen zu geben, deren Durchführung dem nicht mehr 
geschriebenen dritten Teil seines Systems vorbehalten war. 

Den Anfang gibt die Psychologie, die die Befreiung 
von Herbart's Intellektualismus brachte. „Unser Gedanken- 
lauf richtet sich beständig nach dem Interesse, das wir 
an den Vorstellungen nehmen." „Das Sittliche beruht auf 
diesem Grunde des Gefühls, das weit eigentümlicher als die 
Erkenntnis die wahre Natur des Geistes kennzeichnet." Für 
praktische Vernunft sagt Lotze „wertempfindende Ver- 
nunft" : sie ist es, die in der Weltansicht über die bloßen 
Denkmöglichkeiten hinausbringt, vyeil sie zu dem logischen 
Prinzip der Widerspruchlosigkeit die Gewißheit von der 
Unmöglichkeit des Absurden fügt. Von der „Urteilskraft des 
Gefühls", in der die Werte erfaßt werden, hörten wir ihn 
schon reden. Daß der Genuß der Werte im Gefühl sach- 
lich-notwendig mit ihrem Begriff verknüpft ist, ist einer 
seiner Hauptsätze. Aber gerade bei diesem psychologischen 
Anfang erhebt sich die eigentliche philosophische Schwierig- 
keit: Wie kommt Lotze über den Subjektivismus hinaus, 
dem die Philosophie scheinbar verfallen ist, wo das Gefühl 
an der Grundlegung beteiligt wird? Er mußte aus ihm 
herausstreben, als Philosoph überhaupt, aber auch als 
Wissenschaftler jener Zeitlage: die Einführung des Zweck- 
gedankens, die damals verschiedentlich, wenn auch zu* 
nächst noch isoliert in einzelnen Geisteswissenschaften wie 
Jurisprudenz oder Ästhetik, vollzogen wurde, hatte ja ihren 
Sinn darin, von dem historischen Relativismus wieder zur 
Systematik zu verhelfen. 

Bei Lotze erscheinen zwei Wege zu diesem Ziel — es 
sind dieselben Wege, die sich beim späteren Fortgang der 
Erkenntnistheorie wieder geltend machten, wo trotz des 
Ausgangs vom Subjekt (gegenüber dem von der Wissen- 
schaft oder Wahrheit) der Bruch mit dem Subjektivismus 
erzielt wurde. Das eine Verfahren entspricht einem Haupt- 
zuge der neueren Kant-Bewegung und besteht darin, daß 
an der Beziehung auf das Subjekt festgehalten wird, aber 
ein normales Bewußtsein an den Platz des empirischen 
tritt. So sucht Lotze im Verfolg jenes Gedankens seiner 



Die Objektivität der Werte. LXIII 

Erkenntnistheorie von der Würde der Subjektivität die 
Gültigkeit der ästhetischen Werte zu retten durch Be- 
ziehung auf eine „allgemeine Subjektivität". Das Ideal 
eines ethisch vollendeten, alles aus dem Ganzen verstehen- 
den Gemütes ist unser Maßstab bei dem Anspruch des 
ästhetischen Urteils auf Allgemeingültigkeit. „Die Objek- 
tivität der Schönheit liegt darin, daß sie nicht eine Coin- 
cidenz der Gegenstände mit der zufälligen Organisation des 
einzelnen endlichen Subjekts ist, sondern ein Zusammen- 
treffen mit den Formen des Daseins und der Tätigkeit,, 
welche die ideale Bestimmung des geistigen Lebens über- 
haupt zu ihrer Erfüllung überall fordert i)." Diesen Weg 
ist er nicht weiter gegangen; Sigwart und Windelband 
setzten hier ein. 

Der andere Weg aber, den er nun festhielt, eröffnet 
sich dadurch, das die Analyse des empirischen Bewußt- 
seins selber auf eine objektive Region sachlicher Inhalte 
und Verhältnisse derselben stößt. Hier liegt der Punkt, 
wo gegenwärtig der innerlich umgebildete Apriorismus. 
Kant's in einer entscheidenden Einsicht zusammentrifft mit 
der objektiven Logik und Wertlehre, die durch den Forscher- 
kreis, der von Brentano's Analytik ausging, zum Siege ge- 
führt wird 2). Lotze unterscheidet, wenn auch nicht termino- 
logisch, Akt und Inhalt oder Gegenstand der Gefühle: „als 
was" etwas erlebt wird. Im Zuge seiner Psychologie, die 
die Vorstellung von einem gegenstandlosen Wollen abwehrte 
und in dem allgemeinen Zuge seiner Abwehr der Re« 
flexionsbegriffe kehrt er sich gegen die Abstraktionen einet 
„unbenannten" Lust und Unlust, die nur quantitativ vari- 
iere. Es gibt keine Lust als solche, jede Lust hat einen 
eigenen qualitativen Inhalt — das was in ihr genossen 
wird — „dessen Verherrlichung und Lebendigkeit sie selbst 
ist". Wie die Bestimmtheit der Empfindungen und 
ihrer Verhältnisse, so weist auch die der Gefühle — „ob- 
wohl unsere Lust von unserer eigenen Natur insofern ab- 
hängen muß, als wir nur das fühlen können, wozu wir 
fähig sind" — auf die Objektivität. „Das spezifische Ge- 
fühl ist unmittelbar die unteilbare Übertragung des Wertes, 
welchen nur dieser bestimmte Fall der Anregung enthält,, 
in diese Sprache der Lustempfänglichkeit." Lotze erblickt 

*) Kl. Sehr. III S. 204 (Rezension von Hanslick, Vom Musikalisch- 
Schönen, 1855) u. a. ästhetische Abhandlungen. 
«) Vgl. oben S. XVI Anm. 2. 



LXrV Einleitung. III. Der Fortgang in der Psychologie. 

das in der ganzen Breite der menschlichen Werthaltungen 
als den entscheidenden Zug. Eben diese Beurteilungs- 
weise unterscheidet schon die menschliche Sinnlichkeit 
von der tierischen: „Wir empfinden in den Gefühlen, die 
die Sinneseindrücke begleiten, niemals bloß ihren Wert 
für uns, sondern ihren Wert an sich", und entsprechend 
dient menschliches Handeln nicht bloß der Selbstförderung, 
sondern „unabtrennbar davon dazu, in dem eigenen Ge- 
nießen dem Wert der Dinge und Ereignisse selbst eine 
Stätte des Daseins zu bereiten". „Man betrügt sich theore- 
tisch um das Beste der Lust, wenn man meint, sie könne 
irgendwie darin bestehen, daß man an etwas seine Freude 
habe. Von dem eigenen Werte der Dinge werden wir be- 
zw^ungen; er wird durch die Lust nur anerkannt^)." 
Damit ist das Thema angeschlagen, das, in der Logik 
parallel verlaufend, das System erneuern sollte. 

Und Jji Wahrheit steht nun auch hinter Lotze's 
Formel für die Philosophie, Weltanschauung zur „Befriedi- 
gung der Gemütsbedürfnisse", diese Intention: die Werte, 
die das Gefühl im Leben erfaßt, philosophisch sicherzu- 
stellen : die Richtung auf eine Lehre von den Lebenswerten. 
Sie ist schon früh bei ihm vorhanden 2), sie galt ihm als 
die Aufgabe, die nach der Auseinandersetzung mit Hegel 
für seine Fortsetzer zurückbliebe — eine „Phänomenologie 
des Gemüts" 3). ^,Der Geist hat sich als Geist zu begreifen 
gelernt; das Gemüt weiß sich nicht zu fassen als Gemüt." 
Die Wissenschaft soll die Werturteile, die aus dem un- 
befangenen „sinnenden Gefühl" erwachsen, klärend „in Er- 
kenntnisse umwandeln, damit sie, nun nicht mehr un- 
beschränktes Eigentum des einzelnen Gemüts, sondern über 
allen Wechsel der Stimmungen erhabene Wahrheiten, sich 
besser gegen . . . Zudringlichkeit schützen mögen"*). 

Aber das Konzept wird ihm nun wieder verdorben 
durch die spekulative Verfassung, die der geistigen Welt 
gegenüber nicht auf wissenschaftliche Objektivität ausgeht. 

1) Mediz. Ps. S. 233 ff. Mikrok. Buch 5 cap. 2 u. 5, Buch 7 cap. 2. 
Kl. Sehr. II S. 282. I S. 307. 

2) Vgl. das Jugend- Fragment „Geographische Phantasien", in KL 
Schriften III 2. 

') „Hegels Philosophie war in diesem Sinne phänomenologisch, 
sie kümmerte sich weder im Einzelnen, noch im Ganzen um die 
Verwirklichungsweise der Realität, deren idealen Sinn sie betrachtete", 
KL Sehr. II 313. 

*) Kl. Schriften II 207 (1847) u. III S. 568 (Jugendfragment). 



Lebensdeutung und Spekulation. LXV 

Das Wertverständnis wird nicht beschränkt auf das Leben, 
in dem wir darinnen sind, und bedeutet nicht rein das Er- 
lebte seiner Bedeutung nach aus geistigen Zusammenhängen 
verstehen und die geistige Wirklichkeit als solche gewahren 
lernen, sondern ist verschmolzen mit der Tendenz, das 
Dasein einer geistigen Wirklichkeit als Argument für die 
Gläubigkeit auszunutzen, und richtet sich daher nicht auf 
das Geistige, sondern gleich auf den Sinn der Welt über- 
haupt, als eine universale Methode für die spekulative 
Ausdeutung aller Erscheinungen, eben durch diese uni- 
versale Anwendung unsachlich gemacht; ja der theoretische 
Ansatz wird aufgezehrt durch diese Tendenz, deren Kraft 
in typischer Weise aus dem Kampf gegen das naturalistische 
Weltbild kommt. Durch den ganzen „Mikrokosmos" zieht 
sich das Bestreben, der ursprünglich in mythischen Formen 
schaltenden Lebendigkeit der spekulativen Phantasie des 
Gemüts ein Recht gegenüber dem naturwissenschaftlichen 
Seinsbegriff zu sichern. 

Wie hat sich gegenüber dieser Verquickung die sach- 
liche Natur des Wertgedankens geltend gemacht? Das ist 
die Hauptfrage. 

Zunächst führt hier, da die Kunst wieder eingreift, wo 
die Wissenschaft verzagen muß, die Ästhetik weiter, 
mit der Einfühlungstheorie. „Die Fähigkeit, unter Formen 
das Glück und Unglück des Daseins zu bemerken, macht 
für uns die Welt erst lebendig." Sie legt nicht bloß anthro- 
pomorphes Leben hinein, sondern in diesen Formgefühlen 
geht die primäre Erfahrung eines unverbrüchlichen eigenen 
Rechts der Dinge und ihrer inneren Gesetzlichkeit auf^). 
Und so steht neben dem metaphysisch-kosmischen Sinn der 
Schönheit, die „Versöhnung von Wirklichkeit und Wert" 
zu sein, die Funktion der Kunst als Lebensdeutung, die 
wiederum nicht bloß subjektive Beleuchtung ist, sondern: 
„Jedes echte Kunstwerk ist eine Eroberung einer neuen 
Erfahrungswelt 2)." 

Aber die entscheidende Angelegenheit bleibt die Be- 
gründung der Ethik. Und hier überblicken wir noch 
einmal den fortschreitenden Zusammenhang seines Denkens. 
Die erste Metaphysik hatte, auf ein psychologisches Apriori 
der praktischen Vernunft zurückgehend, sich zu dem reinen 



1) Mikrokosmos II S. 190ff., 139. Über den Begriff der Schönheit, 
Kl. Schriften I 320 ff. (1845). 

2) V. d. Bedingungen der Kunstschönheit (1847) Kl. Sehr. II 220. 
Lotze, Logik. V 



LXVI Einleitung. III. Der Fortgang in der Psychologie. 

Typus des ethischen Idealismus bekannt: der Ursprung des 
menschlichen Geistes liegt in der Idee des Guten oder in 
dem Reich der Werte, deren Verwirklichung der Sinn der 
Welt ist; in diesem teleologischen Zusammenhang ist die 
Bestimmung des Menschen begründet, ein sittliches Uni- 
versum aufzubauen, in dem die Werte zum Genuß kommen 
und damit erst wahrhaft wirklich werden. In diesen speku- 
lativen Gedankenkreis brach die Medizinische Psycho- 
logie mit der Lehre von der Lust als dem Maß des Wertes 
ein; damit war ein heterogener, der typische empirische 
Ansatz der Ethik gegeben, in dessen Konsequenz der Eudä- 
monismus liegt. Und die eudämonistische Ethik drang 
auch schon in Deutschland wieder vor, als ein Hauptmoment 
in der Reaktion des Erfahrungsstandpunkts gegen den 
Idealismus der Deutschen Bewegung, haltbarer gemacht 
durch die Lehre der englischen Moralisten von den sym- 
pathischen Gefühlen 1). Lotze ging auch hier nicht bis 
zu Ende mit: so sicher das Streben nach Lust die feste 
empirische Basis abgibt, da Unlust als Zweck, nicht als 
bloßes Mittel zu denken, eine Absurdität ist, so sicher 
weiß das Gewissen, daß die Maximation der Lust als 
solcher nichts Moralisches ist. Die psychologische Gefühls- 
lehre selber zeigte ihm einen andern Weg, vermöge der 
Einsicht in den qualitativen Charakter der Lust: das Ge- 
fühl ist das psychische Verhalten, durch das wir in Be- 
ziehung zu einer Welt der Werte treten. Es blieb die Auf- 
gabe, das moralische Apriori mit dieser empirischen Ge- 
dankenführung zu verbinden, also den festen rationalen 
Zusammenhang der Sittlichkeit, die unbedingt verbindlichen 
Forderungen des Gewissens zu lokalisieren. Und hier be- 
nutzt er nun zunächst wieder, bis zum Mikrokosmos 2), die 
teleologische Struktur seiner ersten Ontologie, die dem 
Begründungszusammenhang eine notwendige Stelle inner- 
halb der Wertverwirklichung gab. Analog behandelt er 
die moralischen Gesetze. Sie sind aus dem Lustprinzip 
zu begründen, aber nicht auf dem gewöhnlichen indirekten 
Wege des Empirismus, dem auch Fechner gefolgt war — 
wonach sie bloß relativ wertvoll sind, durch ihre Nützlich- 
keit gerechtfertigt als Durchschnittsmaximen der Lebens- 

*) Fechner, Über das höchste Gut (1847) und Lotzes Rezension, 
Kl. Sehr. II 272 fT. — Eine rationa'e Herleitung des Glückseligkeits- 
prinzips versuchte damals Bolzano, Religionswissenschaft 1S39, § 87. 

2) Mikr.6 II S 44, 320 ff. III 422 ff. u. a. Vgl. die Rezension v. 
Pechners Ethik (1847) a. a. O. 



Die Entwicklung der Ethik. LXVII 

klugheit — , sondern sie sind die rationalen Bedingungen, 
an die Gefühl und Wille unmittelbar in ihrer qualitativ- 
gegenständlichen Richtung gebunden sind, um ihren Zweck, 
die Wertverwirklichung, zu erfüllen. So lassen sie sich, 
weil das Gefühl in sich selbst ein „morphotisches Motiv" 
hat, begreifen als „Formen des Guten", denen moralische 
Würde immanent ist. „Das Prinzip der Lust selbst bewährt 
sich als ein so gestaltendes, daß es sich bestimmte unver- 
rückbare Formen der Wirklichkeit fordert, innerhalb deren 
heiligen Schranken allein das realisiert werden kann, was 
qualitativ ein Maximum der Lust heißen kann, eine ihrem 
Sinne nach höchste Lust^)." Das ist nicht bloß subjektiv 
gemeint (nur der Rechtschaffene kann glücklich sein), son- 
dern will sagen, daß die ganze Inhaltlichkeit der Werte 
im Gefühl nur aufblühen und vermöge der Urteilskraft des 
Gefühls in der Lebenserfahrung nur aufgebaut werden kann 
innerhalb des rationalen moralischen Gefüges, das die 
„Ideale des Gewissens" darstellen. Also sein Satz ist: 
der Organisation unseres Gefühlslebens ist die allgemeine 
Vernunft immanent — es ist derselbe Satz, auf den der 
erste Entwurf seiner Erkenntnistheorie gestellt war. Und 
so muß die Lustlehre, um das Apriori der praktischen 
Vernunft aufnehmen zu können, sich metaphysisch be- 
gründen, durch die Voraussetzung, daß „das, was als 
höchstes Prinzip unseres Handelns gelten soll, auch als 
Prinzip des Daseins betrachtet werden muß". Der Welt- 
lauf ist darauf angelegt, daß Werte im Gefühl aufgehn und 
aufgehn nur können in den unverrückbaren Formen des 
Guten. 

Lotze will durch diese Teleologie zwei Schwierigkeiten 
überwinden : den schlimmsten Dualismus, auf den das natur- 
wissenschaftliche Weltbegreifen führt, der „zuerst eine 
Welt der Realität annimmt, und hinterher in ihr zerstreut 
das Wertvolle nur findet"; aber auch den Objektivismus 
der Deutschen Bewegung und Hegel's zumal, der in Staat, 
Religion, Wissenschaft und überhaupt in den geistig-ge- 
schichtlichen Gebilden als solchen das Höchste gegenwärtig 
findet. Die Aufgabe, das geistige Leben nicht für ein zu- 
fälliges Epiphänomen zu nehmen, womit dann alles in die 
Subjektivität versänke, scheint ihm nur erfüllbar durch 
die Lösung: nicht nur, daß das allein wahrhaft sein kann, 
was sein soll; auch was sein soll wie Religion, Staat 

*) Kl. Schriften II 282 (1847). 

V* 



LXVIII Einleitung. III. Der Fortgang in der Psychologie. 

oder Wissenschaft, hat Existenzrecht nur durch den „re- 
ellen Lebensgenuß", der in diesen „Formen" menschlichen 
Ringens pulsiert. Es ist der Standpunkt des subjektiven 
Idealismus, vom Erkennen auf das Gefühl übertragen. In 
diesem Sinne lehnt Lotze den Begriff eines absoluten Wertes 
ab. Er lehnt ihn nicht ab, weil er die geistig-geschichtliche 
Wirklichkeit in ihrer objektiven Struktur vor Augen hätte 
mit der Gebundenheit aller Erfüllung an unwiederbringliche 
individuelle Gestalt und Fülle des Werdens, sondern um- 
gekehrt, weil ihm die Wertgestalten nur als Inhalte indivi- 
dueller Erlebnisse Realität haben. „Der Gedanke eines 
irgendwie unbedingt Wertvollen, das seinen Wert nicht 
durch seine Fähigkeit zur Erzeugung von Lust bewiese, 
überfliegt sich selbst und das was er meint." Und Lotze 
kann nun den menschlichen Annäherungsbegriff für das 
mit dem absoluten Werte Gemeinte — der Inbegriff der 
sittlichen Ideen in Verbindung mit dem Genuß ihres Wertes 
— in der christlichen Formel ausdrücken: „Der verschmol- 
zene Begriff der Heiligkeit und Seligkeit". In dieser Rich- 
tung liegen dann die bezeichnenden Schlußgedanken des 
Mikrokosmos wie die beinahe scholastisch anmutende Speku- 
lation über die Persönlichkeit Gottes und die These seiner 
Geschichtsphilosophie: die Rede von einem Fortschritt in 
dor Geschichte habe nur dann einen Sinn, wenn eine Mög- 
lichkeit bestehe, daß die von den Späteren heraufgearbeiteten 
"Werte von den Früheren, Seligen mitgenossen werden. 
J(3doch ließ sein ethischer Gedanke, daß die Wirklichkeit 
]iichts fertig Vorgefundenes ist, so daß die Werte nur spora- 
disch zu ihr hinzukämen, auch die andere Wendung zu, 
für die sich der idealistische Pragmatismus auf Lotze be- 
rufen konnte 1): daß durch das Schaffen der Werte die 
Wirklichkeit selber erhöht wird. 

Der Abschluß dieser Entwicklung liegt uns nicht voll 
vor, da der dritte Teil des Systems ungeschrieben blieb. 
Aber was von ethischen Arbeiten aus seiner letzten Zeit 
da ist 2), zeigt das Zurücktreten der metaphysischen Teleo- 
logie und damit eine veränderte Struktur — dieselbe, die 
die ausgeführten Teile des Systems haben. Es bleibt beim 
Anfang mit dem Gefühl, aber am Gefühl wird nun eine 
zweifache Richtung gesehen, die den Weg zur Objektivität 
öffnet : mit der Richtung auf bestimmte Werte hin, die 

1) W. James, Pragmatismus, deutsch v. Jerusalem 1908, S. 113. 

«) Die Prinzipien der Ethik (posthum), Kl. Schriften III 2 u. die 

Diktate s. Vorlesungen (1880) über d. Grundzüge der prakt. Philosophie. 



Die Entwicklung der Ethik. LXIX 

dem Handeln sein Ziel geben, ist verbunden das Erfassen 
der idealen Zusammenhänge, die als Normen des Handelns 
dieses zur Sittlichkeit binden. So geht nun einerseits der auf 
der psychologischen Stufe gewonnene Gedanke vom ge- 
staltenden Charakter der Wertgefühle weiter fort; von dem 
lustempfindenden Geiste heißt es: „Obwohl all diese Werte 
nur in seinem Gefühle Wirklichkeit haben, so stehen 
ihm doch seine eigenen Gefühle als ein System mannig- 
facher Glieder gegenüber, deren jedes seinen besonderen 
Charakter und seinen besonderen Wert hat, ohne daß der 
Geist imstande ist, die Verteilung zu ändern i).*' Ander- 
seits aber vollendet sich nun erst die objektive Wendung, 
indem — analog wie in der letzten Darstellung seiner Er- 
kenntnistheorie — das Prinzip des Als-was benutzt wird, 
um trotz des empirischen Anfangs die Apriorität der 
moralischen Prinzipien zu erreichen. 

„Alles kommt uns darauf an, als was jedesmal das- 
jenige erfahren wird, dessen wir uns allerdings immer 
nur auf diesem Wege einer inneren Erfahrung bemäch- 
tigen"; der Wert eines Inhalts unseres geistigen Lebens 
bestimmt sich nicht nach der Art der Entstehung — ob 
oder ob nicht aus Erfahrung — , sondern „nur nach dem, 
was er selbst ist und bedeutet, nachdem er da ist". Die 
Gültigkeit der moralischen Prinzipien ist unabhängig von 
der Erfahrung, weil sie, sobald die Reflexion sie heraus- 
hebt, kraft der Evidenz des Gewissens, die „schon auf 
Veranlassung einer einzigen Erfahrung sich in uns erhebt", 
als etwas unbedingt Verbindliches erfahren werden. „Was 
wir hauptsächlich sagen wollen, wenn wir die moralischen 
Ideen angeboren nennen, das ist wirklich nur dies, daß sie 
von unbedingt verpflichtender Heiligkeit sind."^ Sie haben 
dieselbe Sicherheit wie die Prinzipien der Mathematik — 
diesen Grundsatz der Aufklärungsphilosophie kann Lotze 
nun aufnehmen — , nur daß für die Ethik dieser Keim 
von Erkenntnis nicht ausreicht, um in „einheimischer Ent- 
wicklung" der Prinzipien bis zu einem unzweifelhaften 
Ideal des sittlichen Lebens hinzuführen. Und weil hier 
das unbedingt verbindliche rationale Gefüge nur die For- 
men der Gesinnung betrifft, wird ihre Apriorität nicht 
widerlegt durch die historische Mannigfaltigkeit der Wert- 
gebungen; so unsittlich diese oft erscheinen und mit Recht, 
nachdem das moralische Bewußtsein über sich selbst auf- 



1) Prakt. Philos. § 8. 



LXX Einleitung. III. Der Fortgang in der Psychologie. 

geklärt ist; sie lassen sich doch immer so verstehen, daß 
die Richtung auf das Sittliche der Intention nach da war 
und bloß assoziative oder intellektuelle Verwirrung die 
Einsicht in das eigentlich Gemeinte trübte. Neben dieser 
Apriorität der Geltung, die das Fundament der Ethik stellt, 
bleibt die psychologische Ursprünglichkeit, das Angeboren- 
sein der moralischen Ideen nur noch als „Corrolar" : daß 
der menschliche Geist nur das als unbedingt gut erfassen 
kann, was er seiner seelischen Natur nach so beurteilen 
muß. Auf diese Position hat sich nunmehr die meta- 
physische Teleologie zurückgezogen, die nun auch nur eine 
offene Stelle bezeichnen will für das spekulative Bedürfnis, 
das Dasein der in sich evidenten Grundsätze aus dem Welt- 
plan zu begreifen. Sie stößt damit zugleich auf das Pro- 
blem des Bösen, d. h. der Möglichkeit der Verwirrungen 
des sittlichen Bewußtseins, also nach der typischen Dialektik 
dieses Standpunktes auf das Problem der Theodizee, das 
der religiöse Glaube lösen muß. 

Die Vorlesungen über Praktische Philosophie zeigen 
dann, wie er zu den formalen Vorbedingungen sittlichen 
Handelns, die sich aus der Analyse des Willens und seiner 
Einheit in der Person ergeben (Mittel und Zweck, Kon- 
sequenz der Persönlichkeit usf.), nun aus dem qualitativ- 
morphotischen Charakter des Lustgefühls „das einzige Ideal 
von ganz voraussetzungslosem Inhalt" gewinnt: die in- 
dividualisierende Pietät; das Wohlwollen im Verhältnis 
von Person zu Person und allgemein „Schonung und Scheu 
vor den Verhältnissen der Wirklichkeit". Die moralischen 
Ideen gelten auf konkrete Erfüllung hin, für diese aber gilt 
der Salz der Ontologie, daß das Konkrete nicht bloßes 
Beispiel eines Gesetzes, sondern die eigentliche Leistung 
ist, die in ihrer bestimmten Lebendigkeit „mehr wert ist 
als jene Regeln in ihrer Allgemeinheit". So nimmt er den 
Übergang zu den Lebensverhältnissen, die „ein selbst inner- 
lich organisiertes System von Anregungen" für die Ver- 
wirklichung eines sittlichen Universums sind. Er erreicht 
damit den Schleiermacherschen Begriff einer in Gütern, 
Pflichten, Tugenden sich bildenden Kulturwelt, auf dem 
Wege vom Ausmalen und Ausgleichen der sittlichen Ver- 
hältnisse zum Struktursehen nur wieder aufgehalten durch 
die mehrfach berührte Schranke in seiner Stellung zur 
geistigen Welt, womit zusammenhängt das Nichtsehen des 
Dämonischen im Leben. 



TV. Logik und Metaphysik als Glieder des 
„Systems der Philosophie'^ 

Die neue Darstellung der Ergebnisse seiner Lebens- 
arbeit, zu der der Sechzigjährige schritt, trägt den Titel 
„System". Was bedeutet dieser Urtitel der Philosophie 
bei Lotze, der mit den „traditionellen Formen des Philo- 
sophierens" brechen wollte? An diesen Formen gemessen, 
ist das System weit weniger „systematisch" gebaut als der 
erste Entwurf. Die Logik geht jetzt voran — dies be- 
deutet, daß der Standpunkt nicht sogleich innerhalb 
der Philosophie genommen wird, sondern die Logik soll 
zur Metaphysik hinführen. Nur für den formalen Teil der 
Logik ist der geradlinig geschlossene Aufbau, der den teleo- 
logischen Idealismus ausdrückt, beibehalten, aber auch diese 
fertige Rundung hat nur den Sinn einer ersten Behauptung, 
deren Beweis dem erkenntnistheoretischen Teil obliegt, und 
dieser zieht dann in einen Prozeß schrittweisen Suchens 
und Abwägens hinein, der erst in der Metaphysik zum Ab- 
schluß kommt. In der Metaphysik aber ist die ursprüng- 
liche dreimsd dreigliedrige Architektur ganz zusammen- 
gefallen, und der untersuchende Gang, der sich nun fi;ei 
ausbreitet, ist so vielverschlungen, daß die Gedanken sich 
beim ersten Blick „von Kapitel zu Kapitel zu verändern"^) 
scheinen. Das Bewußtsein des Problematischen färbt die 
Darstellung selbst in den Punkten, über die Lotze, wie über 
die Phänomenalität des Raums und die innere Lebendigkeit 
alles Wirklichen ,,sicher zu sein glaubt". Und auch die 
Teilung in je drei Bücher ist kein letzter Nachhall von 
Hegel her, bedeutet nicht mehr Architektonik : auf die reine 
und die angewandte Logik, die er mit Kant unterscheidet, 
folgt die Erkenntnistheorie nicht so als Abschluß, wie das 
durch den Bandabschnitt erscheinen möchte. Und die Drei- 
teilung der Metaphysik drückt nunmehr nur die natürliche 

*) Vgl. die Kritik von Teichmüller, die wirkliche u. die scheinbare 
Welt, 1882 S. 73. In Wahrheit ist Lotzes Redeweise zunächst viel- 
fach lassig, um erst allmählich präzisiert zu werden. 



LXXII Einleitung. IV. Das System der Philosophie. 

Gliederung des Gegenstandes aus, die aus der vorkritischen 
Tradition stammt: das Seiende als solches — Natur — 
Geist. Dieser veränderten Anordnung entspricht von innen, 
daß die Systemform des subjektiven Idealismus aufgelöst 
ist. Es ist nur scheinbar ein letztes rückhaltloses Bekennt- 
nis zu diesem Standpunkt, wenn Lotze zum Schluß des 
Ganzen das Prinzip herausstellt, „in dem was sein soll, 
den Grund dessen zu suchen, was ist". Nach dem wie das 
durchgeführt ist, bedeutet es nur das Festhalten an dem 
Grundsatz des Idealismus, daß die Wirklichkeit ein sinn- 
volles Ganzes ist, und insbesondere an dem Prinzip der 
Deutschen Bewegung, das Lotze gerade als Hebel gegen 
die Systembildung benutzte: daß nur mit der Einsicht in 
diesen einheitgebenden Sinn ein philosophisches Weltver- 
stehen vollendet wäre. 

Ist nun hierdurch der Titel System zu einem bloßen 
Titel geworden, der seinem eigenen Sinn zuwider nur einen 
persönlichen Versuch bezeichnete, Resultate langen Nach- 
denkens als „persönliche Überzeugungen" zusammenzu- 
fassen, und das Bedürfnis nach einheitlicher Weltansicht 
subjektiv zu befriedigen? wie das scheinen möchte nach 
Lotze's eigenen Angaben vom Anfang an bis zu dem Schluß- 
satz der Metaphysik: „Gott weiß es besser"? Im Unter- 
schied zum ersten Entwurf tritt vielmehr hervor, daß die 
reine Theorie von dem Hintergrund ethisch-religiöser Über- 
zeugungen abgelöst ist. Das Werk hat eine feste Struktur, 
die seine beiden Glieder zusammenhält und die Ver- 
schlungenheit der Fäden drückt den Versuch aus, nicht 
durch formal-systematische Zurüstung den Sachverhalt zu 
verhüllen, daß die philosophische Einheit, im Denken über 
die Wirklichkeit wurzelnd, ein ,weitstrahlsinniges Ganzes* 
ist. An stelle des geometrischen Bildes tritt bei ihm der 
qualitative Zusammenhang im Reich der Töne als Symbol 
für die Weltordnung ein — die „polyphone Musik" des 
Universums. 

Die Reine Logik. 

Die Reine Logik verbindet die drei Motive: das 
psychologisch-ethische der Spontaneität, das objektiv-ideale 
der Sachlichkeit und das kritisch-realistische der Bezogen- 
heit des Denkens auf Wirklichkeitserkenntnis. Der Einsatz 
mit der Aktivität der Denkarbeit gegenüber dem asso- 
ziativen Vorstellungsverlauf bleibt erhalten, aber die „Denk- 
tätigkeiten" sind nicht mehr metaphysisch fundiert auf den 
apriorischen Formen der Ontologie, sondern „die Verhält- 
nisse vielmehr, die zwischen den bewußt gewordenen Ein- 



Aufbau der Reinen Logik. LXXIII 

drücken bestehen, sind es selber, welche die Tätigkeit des 
Denkens als ein stets nur rückwirkendes auf sich ziehen 
und nur darin besteht diese Tätigkeit, so vorgefundene Ver- 
hältnisse zwischen den Eindrücken, die wir leiden, in Be- 
ziehungen der Inhalte umzudeuten" (§ 9). Es bleibt die 
Charakteristik des logischen Denkens als eines durch 
„Nebengedanken" beseelten: diese sind die Voraussetzungen 
über Identität und Zusammenhang, die innerhalb jener 
durchgreifenden Tendenz des Denkens, „gegebenes Zusam- 
mensein in Zusammengehörigkeit zu verwandeln", auf jedem 
Schritt neu zum Ausdruck kommen; aber sie werden jetzt 
zunächst in diesem ihren Ausdruck, in den Denkleistun- 
gen aufgesucht, und die Metaphysik lehrt dann den Her- 
vorgang des Denkens aus der Wirklichkeit. So ist eine 
Bresche geschlagen in die Kant'sche Fassung von Form und 
Inhalt und ein Weg eröffnet, die formal-logischen Zusam- 
menhänge, obwohl sie aus synthetischen Funktionen des 
Subjekts erklärt werden, in den objektivierten Inhalten 
selber, d. h. in der Sachlichkeit zu lokalisieren. Die Art, 
wie diese verschiedenen Motive zusammengehen, hat Lotze 
unmittelbar durch den Bau der reinen Logik zur Dar- 
stellung gebracht, wie in einem Kunstwerk, das den Gegen- 
stand einfach hinstellt. 

Jede der drei Denkformen wird als eine dreifältige 
Einheit gezeigt. Der logische Akt, das Vergegenständlichen, 
Urteilen, Folgern, sucht die eindeutige Richtung des Denkens 
auf begründeten Zusammenhang durch eine Form am In- 
halt zu markieren, er kann das nur, wenn er im Inhalt 
eine sachliche Grundlage findet — abgesehen von der 
primären Leistung, der Objektivierung des Eindrucks zur 
logischen Vorstellung: das Identitätsprinzip ist das Gesetz 
des Vorstellbaren überhaupt, während der Satz vom Grunde 
nur den Charakter einer vjiod^eoig hat, deren sachliche 
Durchführbarkeit „eine glückliche Tatsache" ist. Und aus 
dieser immer in die Mitte gestellten „eigentümlichen Ab- 
hängigkeit der logischen Arbeit von der Natur des Inhalts, 
dem sie jeweils gilt", ergeben sich erst die bestimmten 
Aufgaben, denen nun die vollen logischen Formen zuge- 
ordnet sind, der Funktionsbegriff, das hypothetische Ur- 
teil, das sachlich Identisches unter verschiedenen Formen 
auf faßbar macht, und die „systematischen Formen", in 
deren Zusammenhang die formale Struktur der Wissenschaft 
selber eingestellt wird, von der Klassifikation zur erklären- 
den Theorie und bis hinauf zur „spekulativen Denkform". 
So läuft von der primären Vergegenständlichung bis zum 



LXXrV Einleitung. IV. Das System der Philosophie. 

höchsten Ideal von Systematik eine wesentlich einheitliche 
Tendenz fort, die stufenweis an dem Gegebenen sich aus- 
prägt; aber nachdem sie sich mit der logischen Vorstellung 
die Formelemente gegeben hat, vermag sie sich nicht weiter 
aus eigenen Mitteln zu erfüllen: daß in dem Reich der In- 
halte Gliederung gefunden wird, dieser Tatbestand ist, 
obwohl er die unentbehrliche Grundlage für Denkleistungen 
überhaupt ausmacht, nicht selber denknotwendig, sondern 
vorgefunden und kann vom Denken nur anerkannt und 
weiterentwickelt werden; denkbar wäre auch ein Reich 
identischer aber absolut disparater Inhalte i). So ist der 
Stufengang der Denkformen nicht ein ihnen immanenter 
Zusammenhang, sondern ist durch ihre Beziehung auf die 
Aufgaben, die das Gegebene für seine formale Bewältigung 
stellt, bestimmt und weist somit von Haus aus auf die 
Wirklichkeit hin. Die Logik beschränkt sich nur ihrer 
formalen Natur nach darauf, die Gesetze des Zusammen- 
hangs des Gedachten rein in der Zwischenregion der Sach- 
lichkeit aufzusuchen, sie hat dabei ständig als Ziel die 
Wirklichkeit vor Augen, die auch für die erkenntnistheore- 
tische Logik nur ein TiQog ^juäg nicht rfj (pvoei voteqov ist. 
So hält Lotze zwar an dem Beginn mit der Begriffslehre 
fest und weist den damals schon unter der Vorherrschaft 
des Erfahrungsstandpunkts vordringenden Anfang mit dem 
Urteil für die reine Logik ab; für sie ist der Platonische 
Blick in das „Reich der ideell gefaßten Inhalte" das Erste 2). 
Aber er legt die Logik nicht darauf fest, er lehnt es ab, 
sie in der Begriffslehre zu zentrieren und zwar mit dem 
Argument, das zum Urteil eilt : „auch die vollständige Kennt- 
nis der Ideenwelt würde uns wenig in der Begreifung des 
Wirklichen unterstützen" (§ 34). 



1) Vgl. Kant, Kr. d. R. V. (Ros. S. 607 f.): „Wäre unter den 
ErBcheinungen, die sich uns darbieten, eine so große Verschiedenheit 
dem Inhalte, d. i. der Mannigfaltigkeit existierender Wesen naoh, 
daß auch der allerschärfste menschliche Verstand durch Vergleichung . . . 
nicht die mindeste Ähnlichkeit ausfindig machen könnte (ein FaU, der 
sich wohl denken läßt), so würde das logische Gesetz der Gattungen 
ganz und gar nicht stattfinden und es würde gar kein allgemeiner 
Begriff, ja sogar kein Verstand stattfinden." 

*) § 2f. Entsprechend im Anfang der Angewandten Logik, Kap. 2 
§ 171 ff., die qualitativen Reihen der Töne und Farben. Für die 
Hineinnahme dieser Verhältnisse in die Logik vgl. Stumpfs Be- 
griff der Phänomenologie, Zur Einteilung der Wissensch., Abh. der 
Berl. AK. 1907, S. 26. 



Erkenntnistheorie. Das Gelten der Wahrheit. LXKV 

Die Erkenntnistheorie. 

Während die letztere Wendung erst in der Metaphysik 
zu begründen war, wird nun der Gedankenzusammenhang, 
der in jenem Aufbau der reinen Logik selber enthalten ist, 
expliziert in der Erkenntnistheorie. Sie geht von der 
Ideenlehre nicht nur aus, sondern erschöpft sich darin, 
deren Bedeutung herauszuarbeiten, in den verschiedenen 
Kapiteln von verschiedenen Seiten her herangehend, um 
schrittweis den Sinn des Apriori klarzustellen. So nimmt 
sie das Wahrheitsproblem, wie es in den idealistischen 
Systemen diskutiert war, auf und hält im Gegensatz zum 
damaligen Betrieb der Erkenntnistheorie daran fest, aus 
ihrem Anfang Gegensätze wie den von Subjekt und Objekt, 
Vorstellungswelt und transzendenter Dingwelt, innerer und 
äußerer Erfahrung auszuschließen. Und zwar nimmt Lotze 
nun Plato mit Kant zusammen, indem er den Apriorismus 
auf das Prinzip der sachlichen Einsjchtigkeit gründet. 

Durch Plato's Entdeckung ist gesichert, daß es eine 
Wahrheit und Erkenntnis gibt, ganz unabhängig von der 
skeptischen Frage nach der Erkennbarkeit einer transzen- 
denten W^irklichkeit — Wahrheit „nicht in dem beschränk- 
ten Sinn einer Übereinstimmung der Vorstellung mit ihrem 
vorgestellten Inhalt, sondern in der Bedeutung einer Folge- 
richtigkeit'*, die innerhalb der Ideenwelt besteht; also im 
Sinne von logische|- Notwendigkeit, die in dem Begrün- 
dungszusammenhahge als solchem ihren Ort hat. Unter 
der Ideenwelt versteht Lotze die systematischen Relationen 
zwischen den ideell gefaßten' Inhalten, das „Inhaltssystem", 
dessen logische Gesetzlichkeit er von der kausalen sondert, 
die für die Abfolge der Inhalte in der veränderlichen Wirk- 
lichkeil der Erscheinungen vorausgesetzt wird. Für diesen 
Grundgedanken seiner ersten Ontologie hat er nunmehr 
den Terminus „Gelten" geprägt und zwar zunächst als 
Interpretation von Plato's Meinung bei der Rede von der 
ovoia der Idee xcoQig rcbv örtcov}) Er operiert mit seinem 
anfänglich an Herbart gebildeten allgemeinen Begriff der 

1) Logik § 316fiE., vgl. Mikrok. lU^ S. 200ff. Zu L.'s Plato- 
Interpretation vgl die Wendung gegen die substantial-transzendente 
Fassung der Ideen bei G. Teich müller, Studien zur Gesch. der 
Begriffe, 1874 („die umwandelbaren Ideen bilden gerade die Vernunft, 
die dem All zukommt." S. 139 u. a.) und L.'s Anerkennung Kl. Sehr. III 
S. 367. 



LXXVI Einleitung IV, Das System der Philosophie. 

„Bejahtheit, Position oder Wirklichkeit" und stellt inner- 
halb desselben das Gelten als eine spezifische Art 
der Wirklichkeit der des Seins, Geschehens oder Be- 
stehens gegenüber. Und wie nun einer seiner Hauptsätze 
gegen die Reflexionsphilosophie ist, daß die Position nicht 
abgetrennt werden darf von dem Inhalt, zu dem sie ge- 
hört, läßt er die objektivierten Inhalte in dem Reich des 
Geltenden ^teh^n, jedoch so, daß er' die Terminologie, mit 
der er zunächs^t auch ihnen, imd nicht nur ihren Relationen/^ 
das Ansichgültigsein zusprach (§ 2), nunmehr auf die letz-j 
toren einschränkt (§ 321), Die logische Form für Gründe, 
die als Gesetze des Zusammenhangs der Inhalte ,gelten', 
ist das Urteil; j,nur mit halber Deutlichkeit läßt sich 
dieser Ausdruck auf einzelne Begriffe übertragen, von ihnen 
können wir nur sagen, daß sie etwas bedeuten, sie be- 
deuten aber dadurch etwas, daß von ihnen Sätze gelten". 
So sucht er den Fortgang über Plato (und entsprechend über 
die begriffliche Fassung der Kategorien bei Kant) darin, 
daß die wesentlichen Bestandteile der Ideenwelt statt vor- 
nehmlich in der Form des isolierten Begriffs , in dieser \ 
Gestalt als Sätze aufgewiesen werden. Und diese Unter- 
suchung der „in dem Bau der Ideenwelt herrschenden all- 
gemeinen Gesetzlichkeit, durch welche auch in ihr ,schon 
die einzelnen Bestandteile allein zu einem Ganzen ver- 
bunden sein können" — dies ist die Form,, in der die 
Frage nach der Wahrheit und ihren Ursprung zu stellen 
ist — ist nicht auf den S^ndesmos der Begriffe für sich 
gerichtet, sondern will dem von der Reinen Logik heraus- 
gehobenen Verhältnis des Logismus zu der Sachlichkeit 
gerecht werden, ausdrücklich entgegengestellt einem „un- ' 
fruchtbaren Spiel mit leeren von ihren' zukömmlichen Unter- 
lagen abgelösten Vorstellungen". Und nun führt er in diese 
Einsicht wieder seine Theorie von den Denktätigkeiten als-"* 
Rückwirkungen unserer geistigen Natur ein und \egi die 
damit als maßgebend für das Erfassen der Wahrheit ge- 
gebenen Verhältnisse auseinander durch Unterscheidung der 
formalen, sachlichen und realen Bedeutung des 
Logischen. 

Wie er die Charakteristik der Vorstellung gibt : „Das Vor- 
stellen ist nicht das, was es vorstellt, die Vorstellung nicht 
das, was sie bedeutet. . . Gleichwohl ... ist es nur, indem es 
vorstellt was es selbst nicht ist" (337), so unterscheidet er 
die jlogischen Denkhandlungen* und ihre ,Resultate^ die ,Ge- 
danken'. Jene sind subjektiv, weil sie die durch unsere 



Das Gelten der Wahrheitsbeziehungen. LXXVII 

Natur bedingten inneren Bewegungen sind, durch die wir 
einen Gedanken erfassen; aber sie haben forpiale Be- 
deutung, „weil ihre Eigentümlichkeiten zwar nicht die eige- 
nen Bestimmtheiten der Sachen sind, aber doch Formen 
des Verfahrens, eben die Natur der Sachen zu erfassen und 
deshalb nicht außer jedem Zusammenhang mit dem sach- 
lichen' Verhalten selbst". Jedoch auch nur formale Bedeu- 
tung : „weil es ihrer mehrere und gleichtriftige geben kann, 
die zu demselben Endgedanken führen". Die Denkleistun- 
gen haben, wenn die Frage nach dem Erkenntniswert 
zunächst .auf die Ideenwelt als das primäre Objekt der 
Logik beschränkt wird, sachliche Bedeutung. Lotze 
drückt das auf Grund einer psychologischen Beschreibung, 
nach welcher die Verhältnisse der Eindrücke ' an den Ver- 
änderungen des Vorstellens beim Übergang von einem Inhalt 
zum andern bewußt werden, so aus : „die gefundenen Gleich- 
heiten, Unterschiede und Verhältnisse unseres Vorstellens 
bezeichnen zugleich ein sachliches Verhalten unserer Vor- 
stellungsinhalte, das folglich unabhängig von unserem Den- 
ken besteht und von ihm nur aufgefunden und anerkannt 
wird." Und diesen Tatbestand bezeichnet er als das un- 
mittelbare Gelten der Belationen von den Denkinhalteh 
als solchen. Die Rede von dem , Enthaltensein' der Re- 
lationen in den Inhalten oder von ihrem Ansichbestehen 
lehnt er ab: Relationen können nur als gedachte , be- 
stehen'. So hält er immer die zwei Fundamente der Ob- 
jektivität zusammen: Einerseits „kein Verhältnis könnte 
zwischen zwei Inhalten gefunden werden, wenn es nicht 
durch beider Naturen begründet wäre, aber keines wird 
gefunden, ehe es gesucht wird". Anderseits: „Eine Be- 
ziehung zwischen ihnen besteht nur insofern wir sie denken. 
Aber so ist unsere eigene Seele beschaffen . . ., daß die- 
selben a und b, so oft und von wem sie auch vorgestellt 
werden mögen, stets im Denken dieselbe Beziehung her- 
vorbringen werden. Unabhängig ist diese daher von dem 
einzelnen denkenden Subjekt und von einzelnen Momenten 
seines Denkens; hierin allein liegt das was wir meinen^ 
wenn wir sie als an sich bestehend zwischen a und b be- 
trachten . . ., sie steht wirklich so fest, aber nur als ein 
Ereignis, das im Denken stets unter gleichen Bedingungen 
gleich 'sich erneuern wird." (342 f, vgl. Metaph. 80). ; 

Dieser Rekurs auf die Seele ist — außer daß er einen 
Ansatz für die Teleologie offen hält — darauf gerichtet, 
den Anspruch der logischen Formen auf ,reale Bedeutung', 



LXXVIII Einleitung. IV. Das System der Philosophie. 

d. h. unmittelbare Geltung für Wirkliches abzuwehren. Da 
jede Beziehung nur in dem Geist des Beziehenden existiert,. 
so ist sie, „wenn wir sie in dem Sein selbst anzutreffen 
glauben, hier allemal mehr als bloße Beziehung" — „die 
wir eigentlich nur sprachlich so bezeichnen, aber nicht 
als für sich bestehende Wirklichkeit denken können". Das 
ist seine These, von Kant her, aber er kehrt sich mit ihr 
vom Kantianismus ab, der hier das »Bewußtsein überhaupt' 
als imaginären Begriff einführt, um schließlich doch, zur 
Religionsphilosophie fortgezogen, bei der Realität desselben 
zu enden — wenn er nicht die antimetaphysische Haltung 
dadurch wahrt, daß er die Philosophie auf Methodologie 
der Naturwissenschaft beschränkt, um nun wieder von der 
Wirklichkeit nichts als ein großes Fragezeichen zurückzu- 
behalten. Für Lotze gibt es keinen Ausweg, nachdem er 
die Gleichung Wissenschaft = Naturerkenntnis = Relations- 
system akzeptiert hat. Die Unmöglichkeit, Verhältnisse, 
Differentialgleichungen als realiter existierend zu denken, 
wird ihm zum Eckstein, auf dem sich die metaphysische 
Spekulation aufbaut mit der Tendenz, an Stelle der von der 
Naturwissenschaft aufgebauten Welt von Verhältnissen die 
Ansicht von „lebendigen Wirksamkeiten" zu setzen. Da- 
gegen hat jener Rekurs nicht mehr den Sinn, einen 
Apriorismus der Subjektivität vorzubereiten. Im Gegenteil 
schaltet Lotze — und hier vollendet sich nun die objektive 
Wendung, die wir verfolgten — aus dem Wahrheitsproblem 
die Frage nach der Entstehung der Denk- und Anschauungs- 
formen als bedeutungslos aus und begründet die A p r i o r i - 
tat synthetischer Urteile auf das Was, auf die „sachliche 
Selbstverständlichkeit ihres Inhalts" — daß sie, einmal 
gedacht, als unbedingt gültig gedacht werden und nicht 
erst durch Induktion oder Summati on aus ihren einzelnen 
Beispielen entstehen. Das ist in § 357 festgelegt. 

Diese apriorische Erkenntnis, in der ein Sachverhalt 
in unmittelbarer Einsicht als allgemeingültig erfaßt wird, 
bezeichnet Lotze als Anschauung — in Erweiterung 
des Sprachgebrauchs, von der ,intellektuellen Anschauung* 
der Deutschen Bewegung her — und charakterisiert die- 
selbe gegenüber dem diskursiven Denken: ihre Leistung 
vollzieht sich so mit einem Schlage, „daß keine Schritte 
zu unterscheiden sind, die zu einer Beschreibung Veran- 
lassung gäben". Nur für die Anschaulichkeit im engeren 
Sinne, die die schlichte Wahrnehmung gibt, hat er die 
Charakteristik, die die Beschaffenheit des Inhalts heraus- 



Das Prinzip der Sacheinsicht und des Apriorismus. TiXXTX 

hebt^): „unbefangen sich selbst darstellend, auf Nichts 
außer sich hindeutend um verstanden zu werden, nicht 

^ Forderung eines noch zu suchenden Inhalts, sondern volle 

^ Erfüllung". 

Lotze unterscheidet die Einsicht, in der ein sach- 
lieber Zusammenhang als selbstverständlich aufgeht, als 
„ästhetische Evidenz" von der spezifisch logischen, die 
auf dem Identitätsgesetz beruht, er stellt ihre Sicher- 
heit auf gleiche Stufe mit dieser, er begründet auf sie 
Kant's Lehre von dem synthetischen Charakter der mathe- 
matischen Urteile (§ 353 ff.), er bestimmt von ihr aus das. 
Ziel der Erkenntnis: nicht Reduktion aller synthetischen 
Verknüpfungen auf analytische ist die Aufgabe, sondern. 
Aufsuchen der einfachsten synthetischen Wahrheiten. Denn, 
Zusammenhänge, die das Denken in der Sachverhaltswahr- 
nehmung erfaßt, weiter zurückführen zu wollen, wäre ein 
gegenstandloses Suchen nach Vermittelungen, die in dem; 
Zusammenhang selber nicht enthalten sind: „es gibt sach- 
lich ursprüngliche Zusammengehörigkeiten des Verschie- 
denen". Und dieser Gedanke ist in der angewandten Logik 
fruchtbar gemacht, wenn sie das Ziel der Induktion dahin 
bestimmt, „aus den unreinen Beobachtungen den reinen 
Fall eines in sich zusammengehörigen Bedingungsverhält- 
nisses zu finden" 2). Auch wird von hier aus die Rolle der 
Psychologie bestimmt: sie hat durch Kritik der Vorurteile 
die Nebenvorstellungen zu entfernen, die den reinen Be- 
griffsinhalt verdecken und zu Scheinevidenzen führen; denn 
die Erfahrung regt nicht immer an, sondern ist auch oft 
— Lotzo verweist auf die Geschichte der Mechanik — 
hinderlich zum Erfassen der „reinen Fälle" — ,,die Welt 
des Selbstverständlichen liegt nicht von selber selbstver- 
ständlich vor uns". 

Aber dieses Prinzip der Sacheinsicht ist ihm noch 
nicht Garantie genug für die Gültigkeit, sobald, das Denken 
über das Erfassen der Wahrheitsbeziehungen hinaus zur 
Wirklichkeits-Erkenntnis hintragen soll. Dafür bedarf es 
noch einer letzten Garantie, und diese findet er in Fries' 
Prinzip des Selbstvertrauens der Vernunft, das d;ann wieder 
in der ethisch-metaphysischen Überzeugung vom sinnvollen 
Zusammenhang der Welt verankert ist. Insofern behält der 
ethische Idealismus seine Position am Anfang der Logik,. 



^) Metaphysik § 17; vgl. Husserrs Terminologie.. 
») Logik § 258 ff. 



LXXX Einleitung. IV. Das System der Philosophie. 

in demselben Sinne, in welchem Lotze bei Descartes den 
Rückgang auf die veracitas Dei in der Erkenntnistheorie 
interpretiert. Und ebenso behält die Teleologie ihre Position 
am Schluß, wo die spekulative Denkform steht: die Voll- 
endung der Philosophie liegt im Zuge des Ideals von Plato's 
und Hegel's Dialektik: die einfachsten synthetischen Wahr- 
heiten in der Einheit eines Grundgedankens, ,logisch' un- 
beweisbar gleich ihnen selber, aber ,ästhetisch* evident ein- 
geordnet zu finden und durch die inhaltliche Natur dieses 
höchsten Prinzips die Einzelformen der Wirklichkeit und 
auch das Gelten von Gesetzen für sie bestimmt zu sehen. 



Die Metaphysik. 

So hat die Metaphysik, die nun auf die Wirklich- 
keit selber, die des Seins und Geschehens ausgeht, das 
Prinzip des Selbstvertrauens und damit die Teleologie im 
Rücken. Sie stellt die Frage nach dem övrcog öv in der 
kritizistischen Form: welchen Bedingungen das genügen 
müsse, von dem die Vernunft mit sich selber einstimmig 
sagen darf, das es sei oder geschehe. Und da nun Lotze 
realistisch daran festhält, daß die Wirklichkeit nicht darin 
aufgeht, das Ziel für den Begründungszusammenhang zu 
sein, durch den sie von der Wissenschaft konstruiert wird; 
da er, genauer gesagt, zwar an die universale Mission der 
Galilei'schen Physik glaubt, aber nicht bis zu der Konsequenz 
mitgeht, philosophische Wesenserkenntnis falle zusammen 
mit dem Aufdecken der Voraussetzungen, die gemacht wer- 
den müssen, wenn diese universale Erstreckung der Diffe- 
rentialgleichungen möglich sein soll : so wird er mit dem 
Anspruch, von der „auf sich selbst beruhenden Vernunft" 
„das innerste Wesen der Wirklichkeit" zu erfragen, zurück- 
geworfen auf die Annahme einer Übereinstimmung von 
Denken und Sein, also auf den Vernunftzusammenhang der 
Welt — der doch ein in sich problematischer Ansatz ist, 
nachdem der Gottesglaube aus der metaphysischen Theorie 
ausgeschieden wurde. Dem entspricht, daß er den Wahr- 
heitsgehalt der Ontologie relativiert und ihr, um das zu 
rechtfertigen, statt der Wahrheit noch immer das anthropo- 
logische Ziel stellt: Weltansicht zur Befriedigung der Ge- 
mütsbedürfnisse (§ 94). Gemindert wird die Problematik, 
dia aus diesem Ansatz fließt, dadurch, daß sich Lotze nun- 
mehr ausdrücklich in die Kontinuität der Philosophie-Ge- 



Die Struktur der Metaphysik. LXXXI 

schichte einstellt und seine Ontologie darauf baut, daß 
nach der Jahrhunderte langen Selbstbesinnung der Ver- 
nunft ein zusammenhängendes Bewußtsein über die Not- 
wendigkeiten sich müsse gewinnen lassen. So geht er an 
jedes Problem mit den Begriffen heran, die in der Ge- 
schichte dafür heraufgearbeitet sind, und entwickelt sie 
erst hypothetisch, ehe er zur Entscheidung kommt. Und 
eines der sichtbarsten Verdienste seiner Leistung liegt hier- 
in: die Begriffsarbeit der großen Metaphysik wird wieder 
heraufgehoben, unter seiner leichten Hand von dem ,Staub 
der Jahrhunderte' befreit, und in die moderne Stellung 
der Probleme hinübergeführt. 

Aber dies ist nun nicht der entscheidende Gang dieses 
viel verzweigten Werkes, das Lotze's tiefstes und reichstes 
ist. Es muß aus dem systematischen Zusammenhang mit 
der Logik begriffen werden und zeigt dann ein Gesicht 
mit festen Zügen. Die Erkenntnistheorie hatte den Kant- 
schen Dualismus von Empfindungen und Denktätigkeiten, 
die den Zusammenhang in der Erkenntnis hervorbringen, 
dadurch überwunden, daß sie die sachliche Bedeutung der 
Denkleistungen dazwischenschob und diese von dem Be- 
stehen einer gegliederten Ideenwelt abhängig fand, womit 
dann der Logismus der Denkfunktionen auf die Rolle sub- 
jektiv-reflexiver Formen herabrückte. Aber der Bestand 
der Ideenwelt selber blieb noch als bloße Tatsache stehen: 
sie eröffnete den Weg zu der Wahrheit und den Wahrheits- 
beziehungen, die kraft sachlicher Einsicht erfaßt werden, 
aber schon in dem Terminus ,Gelten' lag die Abwehr der 
Rede von der Wahrheit an sich. Die Ontologie führt 
nun diesen Gang zu Ende. Sie nimmt den entgegengesetzten 
Anfang, den von der Wirklichkeit der Erscheinungen, die 
nur „in der Empfindung erlebbar" ist, und bricht die dua- 
listische Spitze der Zweiweltentheorie — Wirklichkeit, die 
ist, Wahrheit, die gilt, — ab durch den monistischen Satz : 
„Alle notwendigen Wahrheiten, denen wir das Seiende unter- 
ordnen zu können glauben, sind nur Natur und Konsequenz 
des Seienden selbst und werden nur durch Reflexion des 
Denkens von ihm abgelöst und ihm als gebietendes Prius 
antedatiert." 

Hier lebt der Nerv seines Systems. Die konstruktive 
Metaphysik liegt hinter ihm, aber mit ihr fäl'.t die Kraft der 
Begriff lichkeit nicht dahin. Die antikonstruktive Haltung 
empfängt ihre letzte Begründung: die Wirklichkeit als 

Lot/e, Loffik. yj 



LXXXII Einleitung. IV. Das System der Philosophie. 

Ganzes ist nur einmal da, muß als Einziges gedacht werden, 
das Denken kann nicht hinter sie zurückgehen und ihre 
durchgreifenden Züge wie die Veränderung, das Werden, die 
bestimmte Richtung des Werdens erklären oder um der 
Logik willen Herbartisch wegdeuten wollen. Der Radikal- 
fehler der Metaphysik, , die den Weltzusammenhang in 
Wissen auflöst', wird von Lotze aufgedeckt : „Abstraktionen^ 
durch welche sie für ihren Gebrauch einzelne Restimmungen 
des Wirklichen fixiert, als konstruktive und selbständige 
Elemente anzusehen, die sie aus eigenen Mitteln wieder 
zum Aufbau des Wirklichen benutzen könnte" (§83). Die 
Ontologie muß sich „innerhalb des gegebenen Wunders 
der Wirklichkeit" halten und kann nur „die innere Ordnung 
des Gegebenen" erforschen wollen. Das aber verrriag sie 
durch die Kraft der begrifflichen Aufklärung, in gewissen 
Grenzen und in einem andern Sinne als die Einzelwissen- 
schaften. Sie kann die vorwissenschaftlichen Voraussetzun- 
gen, die die natürliche Weltauffassung konstituieren und 
auf die sich schließlich die Arbeit der Wissenschaft zu- 
rückbezieht, wie die Tatsache des Seins von Dingen oder 
des Wirkens, als etwas mit zum Gegebenen Gehöriges auf- 
nehmen und rechtfertigt nun ihren eigenen Reruf, solche 
Tatsächlichkeit zu verstehen, so: „Nachdem sie da war, 
konnte sie nicht da sein, ohne daß auch das gegolten hätte, 
was in ihrem eigenen Regriffe lag und ,uns allein gestattete, 
sie von dem zu unterscheiden, was sie nicht ist i)." Die 
Grenze, an der der unberechtigte Rationalismus anfängt, 
ist durch die idealistische Umkehrung markiert: Redingun- 
gen unserer Erkenntnis der Sache für Redingungen der 
Sache selbst, die logischen Prinzipien für Schranken des 
sachlich Möglichen anzusehen 2). So bleibt es bei der 
Wendung gegen den Primat des Logischen, aber der Anti- 
rationalismus ist nicht mehr Sprungbrett zur Metaphysiko- 
Theologie, sondern geht in dem Kampf gegen die Reflexions- 
philosophie auf, und der Primat fällt nicht mehr der Ethik, 
sondern der Wirklichkeit zu, die „unendlich viel reicher 
als das Denken ist". Dieser Hauptsatz der Deutschen Re- 
wegung geht mit dem realistischen des Aristoteles zu- 
sammen : „die Wirklichkeit des Seins gehört nur dem Einzel- 
dinge", und beide sind verbunden durch den Wertbegriff 
der Wirklichkeit als eines konkreten Ganzen. So geht 



1) Kl. Schriften III S. 418f. (Kritik Fechners 1879). 

2) Zu Metaph. § 76f. u. a. vgl. Mikrok. III^ 8. 542ff. 



Der neue Standpunkt der Ontologie. LXXXIII 

die Qntologie mit ihrer begrifflichen Arbeit antinomina- 
listisch nun im Zuge der Deutschen Bewegung auf „die 
ursprüngliche Einheit" der Wirklichkeit mit dem, was als 
Idee, oder Wesen von ihr nur auf dem Reflexionsstandpunkt 
getrennt wird. Es bedarf keiner ,Tat der Spekulation', 
um ,Ideales' und , Reales' erst zu ,verschmelzenV keiner 
Vermittelungen, die es auch nicht mehr gibt, sobald die 
unrechtmäßige Trennung gesetzt ist, sondern nur der „Rück- 
kehr zu einem Gedankenkreis, der , mir als die ursprüng- 
lichste und einfachste Wahrheit erscheint, während er der 
wissenschaftlichen Bildung als unklare Phantasie zu er- 
scheinen pflegt". Ihn zur Klarheit zu bringen, dazu dient 
die Einsicht in die verschiedenen Strukturformen, die Gel- 
tendes und Seiendes verbinden, und so geht nun die Unter- 
scheidung der formal-logischen und der sachlichen Zusam- 
menhänge weiter fort und zu den realen, metaphysischen, 
hin. 

Die logischen Formen des „beziehenden Vorstellens" 
sind zwar schon in jeder Kenntnis von etwas Seiendem 
enthalten, so daß die . Metaphysik auch hinter sie nicht 
zurückgehen, sondern, den Zirkel nur „reinlich begehen" 
kann. Aber, wie die. Erkenntnistheorie zeigte, sind sie 
bloße Mittel zur Wahrnehmung von Verhältnissen, die 
am Gegebenen nichts verändern. Jedoch lassen sie gerade 
wegen ihrer universalen Anwendbarkeit auf alles Denkbare 
die realen Sachverhalte unbestimmt, wie z. B. die Form 
des hypothetischen Urteils nichts darüber aussagt, ob Kau- 
salität, Zweckordnung - oder bloße Bedingtheit gemeint ist. 
„So oft man Auadrücke wie Einheit, Vielheit, Gleichheit, 
Gegensatz, Beziehung und Bedingung auf die Betrachtung 
des Wirklichen anwendet, muß man sich erinnern, durch 
sie allein noch gar nichts über das Seiende gesagt zu haben; 
man hat nur die logischen Handlungen verglichen, die wir 
an den Vorstellungen des Seienden vornehmen." Es bleibt 
für die Metaphysik die ständige Frage: „durch welche 
Leistung beweist sich, als eine Wirklichkeit", „betätigt sich" 
als sachlich erfüllt das was wir logisch als Einheit, Be- 
ziehung usw. prätendieren? 

Während dieses Verhältnis von Denken und Sein sich 
auf den Akt des Denkens bezieht, erscheint nun bei der 
Anerkennung der sachlichen Bedeutung der Denk- 
leistungen am Gegebenen der Gegensatz wieder, da das 
Denken nur die .Wahrheitsbeziehungen der Ideenwelt er- 
fassen kann und dieses Inhaltssystem von der Wirklichkeit 

YL* 



LXXXIV Einleitung. IV. Das System der Philosophie. 

sondert. Aber gerade diese Sonderung löst die Metaphysik 
jetzt auf als eine bloße Reflexionsform — „die Zerpflückung 
des Wirklichen in seinen Inhalt und in seine Wirklichkeit". 
Lotze bekämpft als den großen Irrtum seit Kant, essentia 
und existentia so zu trennen, als ob deshalb, weil das 
Denken den unterscheidenden Inhalt eines Individuell- Wirk- 
lichen abgesondert von seiner Wirklichkeit fixieren kann, 
die Wirklichkeit diesem Inhalt als eine bloße Form der 
Setzung nur zukäme, ohne etwas an der essentia zu 
ändern, — so daß sie ihm auch fehlen könnte und er 
doch seinen eigenen vollen Sinn behielte. Der Begriff 
des reinen Seins ist zwar eine legitim gebildete Abstraktion, 
aber eben nur eine Abstraktion, und wird unrechtmäßig 
angewandt, wenn nicht die konkrete Erfüllung, in der allein 
es Wirklichkeit gibt, mitgedacht wird. Da zur Wirklichkeit 
ein Wirkenszusammenhang gehört, von dem die Verände.- 
rung unabtrennbar ist, konzentriert sich der Irrtum in der 
Annahme, daß „das Was eines Dinges in völliger Ruhe 
schon dasselbe Was gewesen wäre, das es in dieser Be- 
wegung ist". „Die unaufhörlich fortschreitende Melodie 
des Geschehens ist der metaphysische Ort, in welchem die 
Systematik der Ideenwelt, die Vielheit ihrer harmonischen 
Verhältnisse, nicht bloß von uns gefunden wird, sondern 
auch allein ihre Wirklichkeit hat." So spricht er von dem 
„geschehenden Inhalt" und von den Ideen als der eigenen 
Verfahrungs weise der Dinge: „jede von ihnen ist die Nach- 
ahmung, die das Denken von einem der Züge versucht, in 
denen sich das ewig Wirkliche ausdrückt". Mit dieser ent- 
scheidenden Wendung muß der Weg zusammengehalten 
werden, auf dem Lotze sich Kant's Satz aneignet, daß der 
Verstand der Natur ihre Gesetze vorschreibe. Zu dem 
Ganzen derselben Welt gehörend, in der die mechanisch 
erklärbaren Wirkungen geschehen, „drängt die Vernunft 
nicht ihre subjektiven Gesetze der Natur auf, sondern sie 
errät die eigenen dieser und stellt sie nun als verbindliche 
Regeln dem Gewirr der einzelnen Vorgänge zu deren Be- 
urteilung und Erklärung voran". 

Hier liegt die Abkehr vom ethischen Idealismus voll- 
endet vor; sie wird ganz deutlich an dem Gegensatz zu 
Sigwart, der den Kantischen Satz von diesem Standpunkt 
aus so umformte : „Die allgemeinen Voraussetzungen, welche 
die Grundzüge unseres Ideals der Wissenschaft ausmachen, 
sind nicht sowohl Gesetze, welche der Verstand der Natur 
vorschreibt, als vielmehr Gesetze, welche er sich selbst 



Die Ideenwelt und die Realität. LXXXV 

in der Erforschung und denkenden Bearbeitung der Natur 
gibti)." Lotze erklärt im Zuge seiner Lehre von der sach- 
lichen Einsicht: Die Grundsätze der reinen Mechanik sind 
apriori, weil die Erfahrung nur Anlaß sein kann für die 
Gedankenarbeit, die den ,reinen Fall' aus den mitwirken- 
den Nebenbedingungen herauslöst und in ihm mit unmittel- 
barer Klarheit das Selbstverständliche sieht. So widerlegt 
er bereits die Ansicht, die den demonstrativen Charakter 
der reinen Mechanik in der Deduktion aus selbstgemachten 
Voraussetzungen beschlossen findet und ihre Gültigkeit für 
die Erfahrung dann hypothetisch Ibeschränken muß — wenn 
es Wirklichkeiten gibt, die sich den Begriffen genau sub- 
sumieren lassen. Diese Skepsis ist untriftig, weil die 
Mechanik „unter dem unablässigen Drucke der Erfahrung 
entstanden ist, die Erklärung verlangte. Die abstrakten 
allgemeinen Bedingungen, aus denen wir in ihr bestimmte 
Folgen ableiten, sind nicht problematische Entwürfe von 
etwas, das sich vielleicht finden könnte, sondern Reduk- 
tionen des assertorisch Gegebenen auf seine allgemein- 
gültige Gestalt" (Logik § 359). 

Aber dieser realistische Satz, daß die allgemeinen Natur- 
gesetze, sobald sie sachlich einsichtig sind, nicht bloß 
hypothetisch „gelten", sondern wirkliche Verläufe darstellen, 
empfängt nun seinen vollen Sinn erst dadurch, daß die 
physische Allgemeingesetzlichkeit als ein Grenzfall der in- 
dividuellen Kausalität begriffen wird. Und hier ist nun 
wieder einer der Punkte, wo Lotze's Blick den wahren Sach- 
verhalt sieht, aber, weil geistige Zusammenhänge in Sicht 
sind, spekulativ abgelenkt Vvdrd. Er stellt fest, daß die All- 
gemeingesetzlichkeit nur eine logische Forderung ist, mit 
der die exakten Wissenschaften ihren Anspruch auf Allein- 
herrschaft ausdrücken. Er schränkt ihn ein, aber nun nicht 
sachlich auf das Gebiet der Naturerkenntnis, sondern, weil 
er ihn als eine Notwendigkeit der Wissenschaft überhaupt 
gelten läßt, muß er ihn ganz allgemein einschränken, und 
alles Wirken letzlich durch den Sinn bestimmt denken 
und zwar sogleich durch den Sinn des Weltganzen. 

Er kommt an dieser kritischen Stelle wieder mit Hilfe 
der Unterscheidung der formalen, sachlichen und realen 
Bedeutung des Logischen vorwärts. Die Annahme der All- 
gemeingesetzlichkeit liegt der Naturwissenschaft als Vor- 
aussetzung apriori, die auch in der Induktion auf Wahr- 

1) Sigwart, Logik II « S. 22. 



LXXXVI Einleitung. IV. Das System der Philosophie. 

scheinlichkeit bereits enthalten ist, zugrunde; das ist seit 
Kant die Widerlegung des Empirismus. Aber ihre Apriorität 
ist nur eine formal-logische, nicht die der sachlichen Ein- 
sicht, und bedeutet daher von sich aus noch nicht Gültig- 
keit, sondern nur eine souveräne „Rückwirkung'* des Den-, 
kens> das sein eigenes Gebiet überschreitend, etwas über 
die Natur des Wirklichen allgemein festsetzt. ,^ichts be- 
rechtigt uns zu der Gewißheit, ausschließlich durch all- 
gemeine Gesetze, die in unzähligen Fällen der Anwendung 
dieselben sind, werde dem jedesmaligen Tatbestand der 
neue zugemessen, der seine Folge sein soll" (117). So 
konzentriert sich das Problem auf das Verhältnis von Ge- 
setzlichkeit oder Begründungszusammenhang und Kausalität. 
Und die Lösung liegt in der Richtung auf eine ursprüngliche 
reale Einheit beider, also in der Aufhebung der Lehre von 
der Wahrheit an sich. Kausalität oder Wirken bedeutet 
universal gefaßt „das, was dem ganzen Gestaltenreichtum 
der beobachtbaren Welt so zugrunde liegt, daß ohne sein 
Zugeständnis keine Ordnung des Weltlaufs, welche Form 
sie auch immer tragen möchte, verständlich sein würde". 
Dieses Ordnungsprinzip darf nicht von der Wirklichkeit, 
an der es herausgehoben wird, gesondert und als ein 
zeitloser Vernunftzusammenhang hingestellt werden, der 
in ,die' Zeit eintretend, erst zur Wirklichkeit käme. Ist 
diese Trennung einmal vollzogen, so wird das reale Ge- 
schehen unbegteifbar. Denn es bleiben dann nur die zwei 
Möglichkeiten: Entweder wird das Bestehen von Wahr- 
heitsbeziehungen, das als solches nur ein Gelten für, nicht 
ein Herrächen über Wirkliches sein kann, hypostasiert zu 
einer Macht der Gesetze, sich selbst zu verwirklichen. 
Oder die Naturwissenschaft wird im Verfolg der hypothe- 
tischen Form ihrer Gesetze und der Idealität ihrer Gegen- 
stände rein auf die systematische Folgerichtigkeit gestellt, 
so daß sie mit dem Begründungszusammenhang zusammen- 
fällt — man denke an die Weltformel des Laplace'schen 
Geistes — : dann ist das reine Denken von der Wirklichkeit 
isoliert und es gibt keinen Weg mehr, den Vorzug der 
wirklichen Welt vor einer bloß gedachten zu begreifen, 
vielmehr muß der Rationalismus, um die gesetzliche Bin- 
dung der Wirklichkeit zu verstehen, sich dahin übersteigern, 
daß er den Sinn der Welt darin findet, daß sie der Wissen- 
schaft einen Gegenstand der Erkenntnis abgibt. In diesem 
Zusammenhange hat bereits Lotze erkannt, daß es in der 
Konsequenz des selbstgenugsamen Relationsgedankens der 



Allgemeingesetzlicbkeit und Kausalität. LXXXVttl 

Naturwissenschaft li^gt, das wirkliche Geschehen aufzu- 
heben (65). Und seine Kosmologie vollendet dann die 
Kritik dieses logischen Relativismus durch den Appell an 
die Konstanten, die in die Differentialgleichungen eingehen. 
„Durch die unvermeidliche Relativität unserer Bezeich- 
nungen solcher Konstanten darf man sich nicht zu dem 
Mißgriff verleiten lassen, sie selbst deswegen für unbe- 
stimmt zu halten" (166). 

Aber das ganze naturwissenschaftliche Erklärungs- 
schema — unveränderliche Beziehungspunkte und Rela- 
tionen zwischen ihnen — ist metaphysisch unhaltbar. Es 
drückt nur die subjektive Bewegung des Denkens aus, das, 
zunächst auf die Unterscheidbarkeit der Inhalte achtend^ 
eine Vielheit ursprünglich gesonderter Elemente ansetzt 
und nun die Verbindung wieder herstellt durch ihnen äußer- 
liche Relationen, die doch nur für ein beziehendes Vor- 
stellen bestehen. Die Kluft ist eine selbstgeschaffene. Die 
Frage nach einem Übergang aus Isoliertheit in das Verhält- 
nis des Sich nacheinander Richtens ist gegenstandlos, da 
„ein NichtZusammensein kein Vorkommen in der Wirklich- 
keit hat". Gegeben ist immer nur die konkrete Leistung, 
das erfüllte Wirken; „alle räumlichen und zeitlichen Re- 
lationen, welche wir als Vorbedingungen künftigen Wirkens 
anzusehen pflegen, sind nur Ausdrücke und Folgen eines 
bereits geschehenden" (82). Gesetzlichkeit hat nicht an 
sich, sondern nur innerhalb eines Wirkenszusammenhanges 
einen Sinn. „Die ,Bedingungen' sind die allgemeine Ge- 
wohnheit dieses Wirkens selbst i)." Und was liegt im Be- 
griff des Wirkens selber? Allerdings die Vergleichbarkeit 
der Inhalte, diese „glückliche Tatsache", mit der die Ideen- 
welt den Satz vom Grunde bestätigte — aber nicht Ver- 
gleichbarkeit nach dem Schema der Unterordnung des Be- 
sonderen unter das Allgemeine der Gattung, sondern ent- 
sprechend dem Funktionsbegriff, der „die gliedernde Regel 
des Zusammenhangs", „das durchgreifende Bildungsgesetz 
der Einzelnen" gibt und der individuellen Kausalität Raum 
läßt. Also eine notwendige Voraussetzung ist die Rationali- 
tät des Wirklichen nur in dem Sinne eines Gewebes von 
Reihen, innerhalb dessen nach verschiedenen Richtungen 
Fortschritte von angebbarer Größe von Glied zu Glied 
fühi'en^). Die analytische Mechanik führt darüber hinaus, 



1) Metaph. § 58, 81, 156, vgl. Logik § 349, 359. Kl. Sehr. III S. 419. 
2} Zu § 232 vgl. Kl. Schriften a. a. 0. 



LXXXVIII Einleitung. IV. Das System der Philosophie. 

indem sie einen Gesamteffekt als Resultante aus isoliert 
berechenbaren Einzelwirkungen erklärt. Sie verdankt ihren 
konstruktiven Charakter der sachlichen Natur der Größen- 
verhältnisse, die den Inhalt eines Allgemeinbegriffs so voll- 
kommen aufschließbar machen, daß der Erfolg einer Be- 
dingung, die den Begriffsinhalt determiniert, konstruier- 
bar ist. Aber die Analytik ist nur ein Spezialfall des 
umfassenden Verhaltens, das der Grundsatz eines „er- 
weiterten Mechanismus" ausdrückt: „an die Vereinigung 
vieler Elemente zu einer gleichzeitigen Wirkung können 
Effekte geknüpft sein, welche nicht bloße Konsequenzen 
der Einzeleffekte sind, die durch die Wechselwirkung 
zwischen je zweien dieser Elemente entstehen" (87, 233). 
Auch sie erfolgen nach Regeln, aber nach Regeln, die von 
dem konkreten Sinn des Weltganzen unmittelbar, nicht erst 
durch das Mittelglied der allgemeinen Gesetze, abhängig 
sind. „Das Geschehen im großen und allgemeinen ist syn- 
thetische Verknüpfung des qualitativ Ungleichartigen und 
nur dem Sinne nach Zusammengehörigen, nicht bloße Com- 
bination des Identischen." So bestimmt die Kosmologie 
die Grundsätze der Physik nicht als apriorische Voraus- 
setzungen, sondern als „Gesetze der Wirkungen", in denen 
„große Gewohnheiten der Natur" fixiert sind, und ermög- 
licht es sich damit, die rationalen Zusammenhänge nicht 
auf die Logik, sondern auf die „konkrete Idee" des Welt- 
ganzen zu begründen. Diese Begründung geht dann freilich 
wieder darauf aus, das harte Faktum der Naturgesetzlich- 
keit mittels des Zweckgedankens zu verflüssigen — und 
schließlich bleibt doch für die Schwierigkeit der Teleologie, 
„daß das, was durch die Idee a fronte bedingt wird, immer 
mit dem identisch sei, wozu durch den Mechanismus ihrer 
Verwirklichung a tergo angetrieben wird", nur die Antwort: 
So ist es eben (92). 

Das Verhältnis der Metaphysik zum Rationalismus stellt 
sich nun einfach dar. Die Voraussetzungen, die unserer 
Weltauffassung zugrunde liegen, drücken Zusammenhänge 
der Wirklichkeit selber aus und sind nicht konstitutive 
Kategorien, die die Wirklichkeit logisch bedingten. Lotze 
lehnt jetzt die Rede von Kategorien und den Versuch, sie 
aus dem System der theoretischen Vernunft zu deduzieren, 
konsequent ab (XII). „Alle Begriffe des Bedingens, des 
Wirkens und der Tätigkeit fordern uns zur Voraussetzung 
von Zusammenhängen der Dinge auf, deren Konstruktion 
alles Denken übersteigt" (77). Und er läßt nun auch den 



Abgrenzung der Rationalität innerhalb der Wirklichkeit. LXXXIX 

ursprünglich und bis zum Mikrokosmus i) eingeschlagenen 
Weg, die ontologischen Begriffe gleich den logischen Grund- 
sätzen als Projektionen unserer geistigen Natur zu erklären 
(womit dann die ethische Ideologie folgte), fallen. Statt 
dessen führt er die Klärung der Annahmen, die in der 
natürlichen Weltauffassung enthalten sind, soweit, daß das 
mit ihnen Gemeinte und die Gedankenformen, die den ge- 
meinten Sachverhalten adäquat wären, bestimmt sind, und 
entscheidet dann folgendermaßen. Soweit es wie in der 
Physik gelingt, Tatbestände der Wirklichkeit rein auf 
logische Gestalt zu bringen, so weit reicht die Rationalität 
der Wirklichkeit selber. Schließt die deskriptive Natur eines 
Gegenstandes, konsequent durchdacht, ein vom Bewußtsein 
unabhängiges Dasein desselben aus, so muß, wie bei der 
Phänomenalität des Raumes, die logische Einsicht über die 
natürliche Anschauung siegen, die dann aber psychologisch 
erklärt werden muß, was in diesem Hauptfall mitteis der 
Lehre von den Lokalzeichen versucht wird. Ist dagegen ein 
Tatbestand, wie z. B. das Werden, durch keine logische 
Verbindung von Begriffen faßbar, so ist diese seine Un- 
ausdenkbarkeit kein Argument gegen seine Wirklichkeit; 
denn eine — gegebene oder auf Grund logischer Einsicht 
zu fordernde — Leistung des Wirklichen ist deshalb, weil 
ihre Konstruktion an der Unvereinbarkeit der Begriffe 
scheitert, noch nicht widersprechend, sondern nur den 
logischen Gesetzen überlegen und hebt deren richtige An- 
wendung nicht auf. „Das Werden lehrt uns, daß Sein und 
Nichtsein eben nicht, wie wir hätten denken müssen, kon- 
tradiktorische Prädikate jedes Subjektes sind, sondern daß 
es ein Drittes zwischen beiden gibt." 

So sucht die Metaphysik den sachlichen Bereich des 
Rationalen innerhalb der Wirklichkeit abzugrenzen und 
widersteht, wenn auch letztlich in spekulativem Interesse, 
den Lockungen des Rationalismus. Und da die Analysen 
bei jedem Problem neu mit unbefangener Deskription ein- 
setzen, bleibt der Wert dieser begrifflichen Arbeit unab- 
hängig von der spekulativen Lösung, die Lotze schließlich 
bietet. Das gilt insbesondere auch für die „Kosmologie", 
die nunmehr ausdrücklich auf die Grundlagen der Natur- 
erkenntnis ausgeht, mit einer tiefen Analyse der Zeit den 
,Kantischen Horizont der Phänomenalität' bereits vollständig 
durchbricht und auch gegenüber der empiristischen Reduk- 

1) Mikr. III 6 S. 543 f. Vgl. oben S. XLVni. 



XC Einleitung. IV. Das System der Philosophie. 

tion der Unendlichkeit auf einen unvollendbaren Denkprozeß 
den deskriptiven Begriff, „das Unendliche als in der Sache 
vorhanden und gegeben" (143, 145), wiedergewinnt. Der 
Wendepunkt liegt dann bei jedem Problem darin, daß die 
„ursprüngliche Einheit" von Idee und Wirklichkeit als Ziel 
gesetzt ist, das mit der reinen Kraft der Begrifflichkeit 
und zwar gerade an der dinglichen Welt erreicht werden 
soll und so doch nur immer als in Wirklichkeit erfüllt 
behauptet werden kann, mit Wendungen wie: „das Ding 
ist das [individuelle] Gesetz", „der Begriff ist nichts weiter 
als das eigene Leben des Wirklichen". Auch die Idee der 
Einheit des Weltganzen soll auf diesem Wege, mittels Zer- 
gliederung des Begriffes der Wechselwirkung, bestimmt 
werden. Hier stehen neben der fruchtbaren Gedanken- 
arbeit, mit der Lotze die Kausalvorstellung auf eine höhere, 
abstraktere Stufe erhoben und die metaphysische Unzuläng- 
lichkeit des positivistischen Funktionsbegriffs dargetan hat, 
seine Spekulationen über die „innerlichen Regungen" der 
Dinge, die sich stufenweis, von dem Grenzfall der Gravi- 
tationsprozesse an aufwärts, in der Ablaufsform des Wirkens 
geltend machen, und über den „sympathetischen Rapport" 
der Kraftzentren innerhalb der „Einheit des wahrhaft Seien- 
den, das für alle Wesen Grund ihres Seins, Quelle ihrer 
eigentümlichen Natur und die eigentliche in ihnen wirk- 
same Tätigkeit ist". Jedoch ist mit diesem Begriff des 
All-Einen analog wie bei dem der seelischen Einheit nicht 
eine substanziale, sondern eine Einheit des Sinnes, das 
„Sichgeltendmachen als Einheit" gemeint i). Es ist im 
Grunde der entwicklungsgeschichtliche Pantheismus der 
Deutschen Bewegung — die Welt als ein lebendiges Ganzes, 
in dem „ein Strom innerlichen Wirkens sich von Phase 
zu Phase fortpflanzt" und die Aufeinanderfolge der Phasen 
und die Gestalt eines jeden dieser „Weltaugenblicke" be- 
stimmt ist durch den „ästhetischen oder dialektischen Zu- 
sammenhang der konkreten Idee", die als der einfache 
Urcharakter des individuellen Weltganzen zu denken ist, 
aber immer nur in den bestimmten Ausprägungen ihres 
beständigen Sinnes Wirklichkeit hat und in ihrem Ansich 
unerforschlich ist. Diese Weltansicht, mit der ihn die 
Philosophie empfangen hatte, ist jedoch umgeformt: er 
wendet sie zum Panentheismus hin, so daß Raum für einen 
allmächtigen Gott bleibt; er bringt seinen Gedanken von 

1) Zu § 97 vgl. Kl. Schriften in S. 421. 



Die Weltansicht des Panentheismus. XOI 

dem Haushalt der Natur mit und. sucht zu zeigen, daß der 
dialektische Zusammenhang der Idee, um Wirklichkeit wer- 
den zu können, in einen Kausalzusammenhang übergehen 
muß ; er rettet schließlich für das Seelenleben ein relativ 
selbständiges Dasein: wo Selbstbewußtsein ist oder auch 
nur Selbstgefühl^ ist wesenhaftes Eigensein, echte wahre 
Bealität des Fürsichseins ; dagegen i?t mit dem Begriff der 
bloßen Dingheit eo ipso die absolute Unselbständigkeit des 
Daseins gesetzt: die Leistungen, die wir Dingen zuschreiben, 
lassen sich als elementare Aktionen des Einen Weltgrundes 
begreifen. Doch ist Lotze auch im Spekulieren nicht ein- 
seitig und läßt auch die Möglichkeit, mit Fechner's Phantasie 
an Allbeseelung zu glauben. In diesem Zuge konnte er 
mit Grund enden: „Gott weiß es besser". 



Literatur. 

Hauptsohriften Lo.tze's. 

Metaphysik, Lpz. 1S41. 

Logik, Lpz. 1843. 

Abhandlungen: Herbart's Ontologie 1843; Leben. Lebenskraft 1843 ; 

Seele und Seelenleben 1846; Über den Begriff der Schönheit 1845; 

Über Bedingungen der Kunstschönheit 1847. 
Allgemeine Physiologie des körperlichen Lebens, Lpz. 1851. 
Medizinische Psychologie oder Physiologie der SeeliB, Lpz. 1852. 
Streitschriften, Erstes (einziges) Heft, gegen J. H. Fichte, Lpz. 1857. 
Mikrokosmos. Ideen zur Naturgeschichte und Geschichte der 

Menschheit. Versuch einer Anthropologie. Lpz. Bd. I 1856, II 1858, 

III 1864; Fünfte Auflage 1905. 
Geschichte der Ästhetik in Deutschland, München 1868. 
System der Philosophie, Lpz. I. Teil. Drei Bücher der 

Logik 11874, 2 1879. IL Teil. Drei Bücher der Metaphysik 1879. 
Abhandlungen: Philosophy in the last forty years 1880 und (posthum). 

Über die Prinzipien der Ethik. 



XCII Die Philosophie in den letzten 40 Jahren. 

Die Abhandlungen findet man mit den aufschlußreichen Rezensionen 
und Selbst an zeigen zusammen in Kleine Schriften von H. L., 3 Bde. 
hrg. mit einem ausführlichen Sachregister von David Peipers, Lpz. 

, 1885—91. 

Die Diktate aus Lotze's Vorlesungen über Logik und Encyclopädie der 
Philosophie, Metaphysik. Naturphilosophie, Psychologie, Praktische 
Philosophie, Ästhetik, Religionsphilosophie, Geschichte der deutschen 
Philosophie seit Kant wurden in 8 Heften nach seinem Tode heraus- 
gegeben (in den verschiedenen Auflagen sind z. T. Vorlesungen 
verschiedener Jahre benutzt) ; im Anhang derselben findet man 
biographische und bibliographische Nachweise. 

Schriften über Lotze. 

Von der Biographie, die Richard Falckenberg in den Klassikern der 
Philosophie begann, ist bisher nur erschienen Teil I. Das Leben 
und die Entstehung der Schriften nach den Briefen, Stuttgart 1901. 
Von Falckenberg angeregt sind eine Reihe Erlanger Dissertationen 
über Lotze. 

Die zahlreichen Schriften über Lotze sind gesammelt in Überweg- 
Heinze's Grundriß der Geschichte der Philosophie Bd. IV. Eine 
zusammenfassende Darstellung gaben (mit besondprer Rücksicht auf 
das spekulative Moment): J. E. Erdmann, Grundriß der Geschichte 
der Philosophie, wo Lotze den Abschluß bildet, in der 4., von 
Benno Erdmann herausgeg. Auflage (Berlin 1896) S. 891 — 913; 
Edm. Pfleiderer, L.'s philosophische Weltanschauung nach ihren 
Grundzügen, Berlin 1884; Ed. v. Hartmann, L.'s Philosophie, 
Lpz. 1888; Henri Schoen. La melaphysique de H. L. ou la 
Philosophie des actions et des r^actions r6ciproques. These pour 
le doctorat ^s lettres, Paris 1901. Von einer Monographie, die 
L. Ambrosi vorbereitet, erschien die Einleitung in der Zeitschrift 
Cultura f.losofica t. III 1909. 

Schule hat Lotze nicht gemacht. Auf ihn beziehen sich innerhalb 
der Deutschen Philosophie (seine Wirkung ist auch in Frankreich, 
England und Amerika, Italien, Schweden zu bemerken) vornehmlich 
Stumpf, Husserl, auch Twardowski, in anderer R chtung (Zwei- 
weltentheorie, Wertbegriff der Wahrheit) Windelband. Rickert, Lask 
und in der naturwissenschaftlichen Fraktion des Kantianismus be- 
sonders Otto Liebmann und H. Driesch; ferner Steinthal, Dilthey 
in früheren Arbeiten, Teichmüller, Eucken; auch Frege iet ein 
Schüler von ihm. 



Die Philosophie in den letzten 40 Jahren 

(1880). 

Jede philosophische Ansicht, die den Geist ihrer Zeit 
und womöglich den der Zukunft zu beherrschen sucht, 
pflegt auf drei Vorzüge Anspruch zu machen: ihr höchstes 
Prinzip soll unwiderlegbar sein, ihre Methode, in der 
Regel durchgängig ein und dieselbe, soll einfach sein; 
und schließlich soll die logische Struktur des Systems, 
in welchem sie die von ihr gewonnenen Ergebnisse zu- 
sammenfaßt, durchaus auf intuitiver Evidenz beruhen. Ich 
würde mich scheuen, auf einen dieser drei Titel den 
viel bescheidneren Anspruch zu gründen, daß ich die freund- 
liche Aufmerksamkeit meiner englischen Leser für die 
Gedanken zu gewinnen suche, die ich ihnen hier vorlege; 
aber ich möchte die Gründe auseinandersetzen, aus 
denen ich den Wert von allen dreien bezweifle, und die 
mich bis jetzt dazu bestimmt haben, daß ich jeden Ge- 
danken an einen Versuch, meinen eignen Gedanken einen 
solchen Stempel aufzudrücken, aufgegeben habe. 

Als ich meine philosophischen Studien begann, war 
die herrschende Meinung noch die, der Fichte den 
deutlichsten Ausdruck gegeben hat, daß keine Theorie 
der Welt als Wahrheit und Wissenschaft gelten könne, 
welche nicht imstande wäre, alle besonderen Teile des 
Weltlaufs als unselbständige Folgen eines einzigen all- 
gemeinen Prinzips zu erklären. Groß geworden in den 
Traditionen der Hegeischen Schule, die selber diese 
Forderung vollständig erfüllt zu haben glaubte, habe ich 
ständig an dem Bestandteil von Wahrheit festgehalten, 
den Fichte 's Behauptung mir zu enthalten schien. Aber 
gleichzeitig konnte ich mir nicht verhehlen, daß ein 
Unterschied besteht, den diese Behauptung vollständig aus- 
löschte. Für die Welt selbst — den großen Gegenstand 



XCrV Die Philosophie in den letzten 40 Jahren. 

unsrer Forschungen — zögerte ich nicht, diese Einheit 
vorauszusetzen, welche alle individuellen Besonderheiten 
dieser Wirklichkeit aus einer gemeinsamen Quelle zieht; 
aber ganz anders schien es mir mit der Philosophie zu 
stehen, d. h. mit dem menschlichen Bestreben, von dem 
Standpunkt ßtMS, auf den wir uns in der Welt gestellt 
finden, für uns einen Einblick in dies allumfassende 
System zu , gewinnen. Nur ein Geist, so schien mir, der 
im Mittelpunkte des Universums stände, das er selbst 
geschg-ffen, könnte mit der Kenntnis des letzten Zwecks, 
den er selbst seiner Schöpfung gegeben, alle ihre ein- 
zelnen Teile vor sich vorüberziehen lassen in der 
majestätischen Folge einer ununterbrochenen Entwicklung. 
Wir endlichen Wesen aber sitzen nicht aii der lebendigen 
Wurzel alles Seins, sondern irgendwo in den Zweigen, die 
aus . ihr erwachsen sind, und nur auf mannigfachen Um- 
wegen : und : unter sorgfältiger Benutzung aller Hilfsmittel, 
die -unsre Lage uns bietet, können wir hoffen, von dem 
Boden, .auf dem wir stehen, von dem System, zu dem 
wir gehören, und von der Richtung, in der die Bewegung 
des großen Ganzen uns mit sich fortträgt, eine an- 
nähernde Kenntnis zu gewinnen. Der menschliche Geist 
verdient sicherlich keinen Tadel dafür, daß er auf jedem 
Standpunkt, den sein Wissen erreicht,, ein vollständiges 
Bild des Ganzen zu entwerfen sucht, das sich mit logischer 
Strenge auf der gewonnenen Grundlage erheben soll. Aber 
j6ne : Aufgabe einer Entwicklung, die die Mannigfaltig- 
keit der Welt von einem einzigen Grundprinzip aus 
fortschreitend ableiten soll, ist in sich selbst unvollend- 
bar ; die dringendere und größere Arbeit der Philosophie 
muß vielmehr meiner Ansicht nach die Gestalt einer regres- 
siven Untersuchung tragen, die zu entdecken und sicher 
festzustellen sucht,, was als lebendiges Prinzip in dem 
Aufbau und Lauf der Welt erkannt und angewandt 
werden kann. 

; Noch ein andrer Zweifel jedoch steigt in mir auf 
und macht es mir sehr ungewiß, ob ich selbst am Ende 
meiner Wanderschaft vor demselben Ziel stehe, von dem 
die idealistischen Ansichten jener Periode ausgingen. Seit- 
deiii die Menschen überhaupt philosophieren, haben sie 
sich zwischen zwei extremen Dispositionen bewegt. Düster 
und mißtrauisch, hält die eine dafür, daß der wahre Kern 
der» Wirklichkeit in einer dunklen Realität bestehe, die dem 
Denken nie zugänglich werde; die andre vertraut kühn und 



Die Philosophie in den letzten 40 Jähren. XGV 

hoffnungsvoll darauf, daß nichts der Wissenschaft un- 
durchdringlich sei, und ist überzeugt davon, Ideen als das 
innere Wesen von allem entdecken zu können, was auf 
den ersten Blick noch so seltsam und unerklärlich er- 
scheint. Ich konnte keine von diesen beiden Dispositionen 
teilen. Ich war überzeugt, daß die erste von ihnen irrig 
ist. Es mag in der Verwicklung der Dinge vieles geben, 
was vorübergehend oder dauernd verborgen oder im Dun- 
keln bleibt. Aber ganz unglaublich war mir der Begriff eines 
derart zwiespältigen Universums, daß das ganze geistige 
Leben immer mit einer äußerlichen ihm ewig undurch- 
dringlichen Realität zu tun hätte. Jedoch konnte mein 
Vorurteil zugunsten der Einheit der Welt, dem die erste 
dieser Ansichten so widersprach, mich nicht bestimmen, 
mir die zweite ohne Vorbehalt anzueignen. Philosophie 
will Wissenschaft sein, und ihr Werkzeug muß daher 
einfach die Verknüpfung von Gedanken sein; infolgedessen 
verfällt sie leicht in den schweren Irrtum, den Wert dieses 
Werkzeugs ihrer Arbeit auf eine doppelte Weise zu über- 
schätzen. Sie ist sehr leicht bereit, das Wissen als das 
einzige Tor zu betrachten, durch welches das, was das Wesen 
der Wirklichkeit ausmacht, mit dem Geiste in Konnex 
tritt, und die besonderen Formen der Verknüpfung, durch 
welche wir in unsrem eigenen Denken daä Mannigfaltige 
begreifen und vereinen, für die Bänder, und die einzigen 
Bänder, zu halten, die auch in der wirklichen Natur der 
Dinge die verschiedenen Elemente zusammenhalten. Aber 
geistiges Leben ist mehr als Denken. Vieles geht in uns 
vor, was selbst unser denkender Geist nur von außen 
verfolgt und betrachtet und dessen eigentlichen Inhalt 
er nicht erschöpfend darstellen kann, weder in der Form 
einer Vorstellung, noch durch eine Verbindung von Vor- 
stellungen. Wer von der Überzeugung beseelt ist, daß die 
Wirklichkeit dem Geist nicht undurchdringlich sein kann, 
vermag daher nicht mit gleicher Zuversicht zu behaupten, 
daß das Denken grade genau das Organ sei, das imstande 
wäre, das Wirkliche in seinem innersten Wesen zu erfassen. 
Ich werde etwas später auf den präzisen Sinn dieser Aus- 
drücke zurückkommen und will jetzt ihre Bedeutung nur 
dadurch erklären, daß ich an die Vielen erinnere, die be- 
haupten, daß sie das, was das Höchste in der Welt ist, 
vollkommen geistig erfahren, in Glaube, Gefühl, Ahnung, 
Offenbarung, und die trotzdem bekennen, daß sie es nicht 
im Denken besitzen. Wir werden unsern Standpunkt dieser 



XCVl Die Philosophie in den letzten 40 Jahren. 

Anschauung gegenüber auf einer späteren Stufe bestimmen, 
aber wir wollen schon hier eine Konzession im voraus 
machen. Alle Wissenschaft kann natürlich nur mit Ge- 
danken operieren und muß den Gesetzen unseres Denkens 
folgen; aber sie muß einsehen, daß sie in allen Objekten, 
mit denen sie sich beschäftigt, und besonders in jenem 
höchsten Prinzip von Allem, das sie voraussetzt, etwas 
finden wird, das selbst wenn es geistig ganz vollständig 
erfaßt wäre, dennoch nicht in Form einer Vorstellung 
oder eines Gedankens erschöpft werden könnte. Die Or- 
ganisation dieses Etwas, so wird sie weiter finden, ver- 
bindet seine Glieder nach einem Plan, der nicht nach 
den gewöhnlichen logischen Gesetzen demonstrierbar ist, 
sondern vielmehr, wenn er bekannt ist, die Richtung an- 
gibt, in welcher das Denken sich bewegen muß, um die 
Verbindung, die es sucht, zu finden. 

Man würde mich mißverstehen, wenn man dächte, ich 
gäbe diese beiden Ansichten für dauernde Lehrmeinungen 
aus, auf deren unzweideutiges Verständnis ich schon hier 
rechnen könne; in Wirklichkeit meine ich mit ihnen nur 
die Dispositionen und Vorurteile zu beschreiben — Vor- 
urteile, die sich ihrer Bedeutung nach nicht klar waren — , 
mit denen ich in den lebendigen philosophischen Strom 
meiner Jugend eintrat. Wer sich der Geschichte jener 
Periode erinnert, wird sich entsinnen, wieviel Anreize zu 
all diesen Zweifeln in der Philosophie Hegel 's liegen. 
Diese Philosophie suchte durch ihre dialektische Methode 
den ganzen Inhalt der physischen und geistigen Welt 
bloßzulegen, jedes besondere Ding genau an dem Platze, 
den es im Plan der Welt einnimmt; aber die Auf- 
schlüsse, die sie dann gab, besagten nicht viel mehr, 
als daß es eben diesen besonderen Platz einnehme. Die 
eigentümliche Bestimmtheit, mit der jeder einzelne Teil 
des Ganzen seinen Platz im System ausfüllt, blieb ein 
überflüssiger, wenig beachteter und für unerklärbar 
gehaltener Umstand, und das- Wesentliche in jeder 
Tatsache und Erscheinung bestand darin, daß sie als 
das n ^® oder n + 1 *^® Beispiel in den Gesamtreihen 
aller wirklichen Dinge einen der wenigen abstrakten Ge- 
danken wiederholte, die die Hegeische Methode als den 
tiefsten Sinn der Welt verkündete. Es ist bekannt, wie 
weit die Reaktion gegen diese Herabminderung alles Eigen- 
tümlichen und Konkreten um sich griff, und wie sie 
ScheUing zu dem unerfüllten Versprechen führte, dieses 



Die Philosophie in den letzten 40 Jahren. XGVII 

System der Notwendigkeit durch ein System der Frei- 
heit zu ersetzen. Zuerst hegte ich einige Sympathie |üb 
die Form, in der die Erfüllung dieses Versprechens gedacht 
war; aber wirklich befriedigen konnten mich weder die. 
Resultate, soweit sie vor mir lagen, noch, auch die Axt 
und Weise, wie sie erlangt werden sollten ; und schließ- 
lich fand ich mich in vollem Widerspruch zu dieser 
Anschauung. ;. 

Ich hätte diesen persönlichen Erinnerungen nicht Raum 
gegeben, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß mit Atis-- 
nahme weniger Fälle eine langhin fortgesetzte philo- 
sophische Arbeit nichts anders ist als der Versuch, eine 
in früher Jugend ergriffene Grundanschauung wissenschaft- 
lich zu rechtfextigen. In der Tat ist Philosophie immer 
ein Stück Leben, und ebenso wie wir im Handelsaustausch 
unis gegenseitig unterstützen, mag auch die Erzählung von 
einer Bewegung des Denkens, wie sie sich in eines Men- 
schen Brust gestaltet hat, andern nützlich seijx, die dem- 
selben Ziel nachstreben. Wenigstens biete ich meine Ge- 
danken nur in diesem Sinne an, nicht in der eitlen Hoff- 
nung, dem Strom der Forschung nach einem Lauf von 
Tausenden von Jahren eine definitive Wendung zu geben; 
aber mit der Zuversicht, daß man anerkennen wird, ich 
bin nicht am Anfang meiner Wanderschaft müde geworden,, 
sondern habe versucht, sie his zum Ende durcbzuführen, 
um mir selbst klär zu machen, ob und wieweit es mög- 
lich sei, eine wissenschaftliche Rechtfertigung für eine An- 
schauung zu gewinnen, die ich natürlich vorläufig nur als 
ein Vorurteil von mir, als das subjektive Prinzip, das mich; 
antrieb, beschreiben konnte. 

Und nun kehrt die Frage, die ich zuerst unbeantwortet 
lassen mußte, mit neuer Bedeutung wieder. Wenn es un- 
möglich war, von vornherein in kurzem und scharfem 
Ausdruck das festzustellen, wovon ich tätsächlich voraus- 
setzte, daß es die lebendige Quelle der Wirklichkeit sei, 
so war es um so wünschenswerter, sich jenes sicheren 
Prinzips der Erkenntnis zu vergewissern, von dem als 
einem Ausgangspunkt aus es möglich sein würde, einen 
Gedanken zu bestimmen und klarzumachen, dessen Inhalt 
noch: so undeutlich bekannt war. Wie oft in der Ge- 
schichte der Philosophie haben die Menschen, als sie 
sich in die Konsequenzen früherer Irrtümer verstrickt 
fanden, den Entschluß gefaßt, auf die Quellen aller Ge- 
wißheit zurückzugehen, und wie geringe Frucht haben alle 

Lotzc, Logik. ' VII 



XCVIII Die Philosophie in den letzten 40 Jahren. 

diese Versuche getragen? Und diesen Mißerfolg konnte 
man voraussehen. In den Erzen einer bisher unzugäng- 
lichen Mine kann man vielleicht ein neues Metall oder 
Element finden, das die Zahl der bis dahin bekannten ver- 
mehrt; aber wie könnten wir ernstlich hoffen, jetzt, nach- 
dem das menschliche Denken in Jahrtausenden alles Mög- 
liche und Unmögliche durchschritten hat, noch ein neues 
Prinzip der Gewißheit zu entdecken, das der Welt vorher 
unbekannt war? Alle solche Versuche haben in Wirk- 
lichkeit auf dem kürzesten Wege wieder auf längst be- 
gangene Pfade zurückgeführt. Wenn Descartes mit 
dieser Absicht von der Gewißheit eines C ogito smsging,^) 
so setzte er an die Spitze seiner Betrachtungen das Ge- 
wisseste von der Welt — denn niemand leugnete es — , 
aber auch das Unfruchtbarste. Niemand verlangt danach, 
die Tatsache, daß wir denken, noch einmal bestätigt zu 
bekommen; was uns zu wissen not täte, das wäre, welche 
von den vielen Gedanken, die wir haben, wahr, und 
welche von ihnen falsch sind; für dieses Problem aber 
konnte jene Tatsache, die Irrtum so gut wie Wahrheit ein- 
schließt, einen Entscheidungsgrund nicht enthalten. Des- 
cartes machte dementsprechend einen zweiten oder neuen 
Anfang, wenn er das Merkmal der Wahrheit in der Klar- 
heit und Deutlichkeit fand; neu, für ihn natürlich, denn 
dies zweite Prinzip konnte von dem leeren Cogito und 
der Gewißheit desselben nur vermöge einer Analogie ab- 
geleitet werden, die, wenn sie schlüssig wäre, selbst ein 
Teil der gesuchten Grundwahrheit wäre; aber in Wirk- 
lichkeit zieht sich dieses zweite Prinzip so sehr durch die 
ganze Geschichte des Philosophierens, daß überhaupt nie 
auf einem andern als ihm der menschliche Geist sein 
Vertrauen in die Wahrheit seiner Gedanken je gegründet 
hat. Und nachdem es erlangt war, war es geradeso un- 
fruchtbar wie das erste; denn es hilft uns wenig, die 
formalen Bedingungen zu kennen, denen ein Gedanke ge- 
nügen muß, wenn man ihn für wahr halten soll; es ist 
viel wichtiger, die tatsächlichen Gedanken festzustellen, 
die diesen Bedingungen genügen. So sehen wir uns denn 
nach dem ganzen Pomp dieses Anfangs wieder zu dem 
alten Problem zurückgeworfen. Wieder gilt es hinter der 
Wahrheit herzujagen, ohne zu wissen, wo wir sie zu 



1) Vgl. diese Logik § 323 (Anmerkung des Herausgebers; so auch 
die folgenden Anmerkungen). 



Die Philosophie in den letzten 40 Jahren. XCIX 

suchen haben; oder höchstens sind wir mit einem Kri- 
terium ausgerüstet, das uns gestattet, unter den Gedanken, 
die uns grade vorkommen, die wahren von den falschen 
zu unterscheiden. Und selbst dieses Kriterium ist nicht 
sicher, wie Descartes* eigenes Beispiel zeigt; denn 
als er, auf sein gutes Glück vertrauend und nicht länger 
von einer Methode geleitet, Umschau hielt nach den Grund- 
gedanken, die notwendig wahr sein müssen, da verleß 
ihn vollständig der gute Stern, der ihm bei seinen mathe- 
mathischen Untersuchungen geleuchtet hatte. Und das ist 
auch nichts Überraschendes, denn in bezug auf die Frage, 
worin die Evidenz bestehe, sind die Überzeugungen der 
Menschen niemals völlig einig gewesen, und üescartes 
hatte nicht zu bestimmen versucht, wie die falsche Evidenz 
eines geläufigen Irrtums von der echten Evidenz einer 
Wahrheit zu unterscheiden sei. Indem er erklärt, wahr 
ist, was sehr deutlich (fort distinctement) gedacht ist, 
überläßt er unsrer eignen Entscheidung die Aufgabe, den 
Grad von Klarheit festzustellen, bei dem unser Vertrauen 
auf seine Wahrheit beginnen darf. 

Ich werde das Ziel dieser Bemerkungen am ehesten 
erreichen, wenn ich noch ein wenig diese historischen 
Erinnerungen fortsetze. In den beiden letzten Jahrhun- 
derten ist Descartes der Ausgangspunkt eines Intel- 
lektualismus geworden, der, in seinem allgemeinsten Sinn 
gefaßt, immer eine teils anerkannte, teils abgeleugnete 
Voraussetzung alles Philosophierens gewesen ist. Denn 
sein allgemeinster Sinn besteht einzig darin, daß jeder, 
der eine Untersuchung führt, sich selbst notwendig den 
Besitz von Entscheidungsgründen für sein Urteil zuschreibtj 
wer irgendeine besondere Frage zu beantworten wünscht, 
braucht ein besonderes Prinzip, dessen Giltigkeit irgend- 
wie garantiert ist, und dem er sie unterordnet; wer philo- 
sophierend seine Untersuchung über das Weltganze er- 
streckt, muß einen endgiltigen Maßstab für alle Wahrheit 
selber zu besitzen glauben. Woher dieser Besitz stamme, 
das ist nicht die dringendste der Fragen, deren Lösung 
uns nun fernerhin obliegt, denn aus welcher Gegend er auch 
stammen möge, wir könnten ihn nicht ändern, nachdem 
er da war. Descartes sprach aus, daß er ein ur- 
sprünglicher Besitz des menschlichen Geistes sei, und ich 
zaudere nicht, seiner Behauptung beizupflichten in dem 
Sinne, in dem allein sie verstanden werden kann. Denn 
es ist vom Überfluß, wenn man an dem bequemen Aus- 

VII* 



G. Die Philosophie in den letzten 40 Jahren. 

druck eingeborne Idee viel auszusetzen findet. Mit diesen 
Worten sind nicht V orstellungen gemeint, die vor aller 
Erfahrung sich in und vor dem sonst noch leeren Be- 
wußtsein als erkennbare Gedanken oder Bilder bewegten. 
Mir bedeuten sie nichts weiter, als daß die Natur des 
Geistes so geartet ist, daß wenn die Aneignung der Er- 
fahrung sein Denken weckt, dann, und nur dann, gewisse 
Gedanken sich selber in ihm unfehlbar entwickeln müssen. 
Sie werden ihm eingeboren genannt, weil sie, wenn seine 
Natur anders wäre, sich unter dem Einfluß derselben 
Erfahrung entweder überhaupt nicht oder in andrer Form 
in ihm erheben würden. Nicht so unschuldig wie das Wort 
eingeboren aber ist, wie es hier den Anschein hat, das andere 
Wort Idee, das Descartes ausschließlich gebraucht. Wir 
verstehen gewöhnlich unter diesem Ausdruck die Vorstellung 
von einem einzelnen, wenn auch möglicherweise reich- 
haltigen Inhalt, ewig selbständig und selbstgenugsam, nicht 
aber einen Gedanken, der ohne eigentlich vorstellbaren 
Inhalt rein die gegenseitigen Beziehungen des Mannig- 
faltigen fixiert. Und doch können nur Gedanken dieser 
zweiten Art, Grundsätze, nicht Grundbegriffe, eine wirk- 
liche Hilfe für die Erweiterung unseres Wissens sein, und 
waren es in der Tat für Descartes. Wenn er die Ge- 
wißheit ausdrückte, daß aus Nichts Nichts werden kann, 
daß die Ursache von höherer oder wenigstens von gleicher 
Vollkommenheit sein muß, wie die Wirkung, daß Vor- 
stellungen vom Unendlichen auf keine Weise von endr 
liehen Wesen aus sich selbst hervorgebracht werden können, 
so waren diese drei Grundsätze, die er, ohne sie zuvor 
gesammelt zu haben, in einem Moment, wo sie nötig 
waren, verwandte, zwar in der Tat der innerste Kern 
der höchsten Wahrheit, die ihn leitete, aber sie sämt- 
lich ermangelten wenigstens teilweise der Klarheit und 
Gewißheit, die er als das Merkmal der AVahrheit anerkannte. 
Wenn wir diesen Mangel auszugleichen suchen, stoßen 
wir auf jenen Unterschied zwischen Inhalt und Form 
des Denkens, durch den Kant diesen Intellektualismus 
wieder zurechtstellte. Was unserm Geist ursprünglich ge- 
geben ist, sind nicht Vorstellungen, die etwas Wirkliches 
mit ihrem eignen Inhalt ausdrücken, sondern allgemeine 
Gnmdprinzipien, denen gemäß der wechselseitige Zusarn- 
menhang aller Wirklichkeiten, den Erfahrung, mid Er- 
fahrung allein, uns vorstellig macht, beurteilt werden muß. 
Und ich möchte hinzufügen, daß auch diese Grundprin- 



Die Philosophie in den letzten 40 Jahren. -Öl 

zipien nicht in solcher Weise dem Geist angehören, als 
ob sie einen Gegenstand des Bewußtseins vor aller Er- 
fahrung bildeten — eine Sammlung von Regeln, die auf 
Fälle für ihre Anwendung warteten; sondern die Natur 
des Geistes ist so beschaffen, daß er dann, wenn Er- 
fahrungseindrücke ihn anregen, unbewußt zu einer rück- 
wirkenden Tätigkeit getrieben wird, die teilweise in einer 
bestimmten gedanklichen Verbindung des in der Emp- 
findung gegebenen Mannigfaltigen, teilweise in instinktiven 
Handlungen besteht, deren Beweggründe ihm selbst noch 
verborgen sind. Erst auf einer späteren Stufe, wenn die 
Reflexion auf die vielen Fälle, in denen ein solcher Ge- 
danke und eine solche Handlung auftreten, zurückgeht, sie 
sammelt und sie miteinander vergleicht, wird für die 
verborgenen Motive, die uns geleitet haben, ein iVusdruck 
gefunden, durch den sie nun zum ersten Male Gegen- 
stände für unser Bewußtsein werden. Wir haben dann 
entdeckt und für uns in Besitz genonmaen, was bis dahin 
nur faktisch und unbewußt das Grundprinzip unsres Den- 
kens und Handelns war. 

Die deutsche Methode zu philosophieren hat lange fest 
zu diesen Überzeugungen gestanden und hat sich nicht 
beiseite schieben lassen- durch Einwände, die ich hier 
nur kurz anmerken kann. Wenn es einfach die Kon- 
stitution unsres Geistes ist, dessen rückwirkende Tätig- 
keit sich in den höchsten und allgemeinsten Grundprin- 
zipien zeigt, was für eine Garantie haben wir dann, daß 
die Wahrheit, die für unser Denken notwendig ist, auch 
für die Wirklichkeit gelte, auf die wir sie anwenden? 
So ausgedrückt, reicht dieser Einwand weiter als beab- 
sichtigt ist. 1) Wenn ein Zweifel durch positive Wider- 
sprüche oder Dunkelheiten veranlaßt ist, wird sich auch 
ein Standpunkt finden lassen, von dem aus die Lösung 
möglich wird. Doch die bloße Möglichkeit, ohne allen An- 
laß Zweifel zu erheben, ist unbegrenzt, und da dieser natür- 
lich für jede entgegenstehende Evidenz unzugänglich ist, be- 
streitet er naturgemäß die Sicherheit eines jeden ihm darge- 
botenen Beweises. Für die Frage, ob nicht im letzten 
Grunde alles ganz anders sei, als wir es zu wissen glauben 
und es notwendig denken müssen, gibt es keine wissen- 
schaftliche Lösung; aber ein Zweifel dieser Art richtet sich 
weder speziell gegen unsre Überzeugung von einer einge- 

1) Vgl § 303. 



CII Die Philosophie in den letzten 40 Jahren. 

bornen Wahrheit, noch läßt er sich auf die Frage nach der 
Richtigkeit der Anwendung denknotwendiger Urteile auf 
den Inhalt der Wirklichkeit beschränken. Denn einerseits, 
woher auch immer unser Wissen von der Welt, von ihren 
Inhalten sowohl als iliren allgemeinen Grundprinzipien, 
stammen mag, immer bleibt es unsre Vorstellung des 
Objekts und nicht das Objekt selbst, und so besteht immer 
die Möglichkeit des Irrtums, der das Bild dem Objekt un- 
ähnlich machte. Und andrerseits: alle unsre Gedanken 
könnten falsch sein, nicht nur in ihrer Anwendung, son- 
dern in sich selbst; und sogar die Prinzipien unsres 
mathematischen Wissens könnten in Wirklichkeit eine 
andere Verbindung ihrer Beziehungspunkte fordern, als 
es uns scheinen muß. Diesem vollständig ziellosen 
Skeptizismus hat die Menschheit ständig den Rücken ge- 
kehrt. Die menschliche Vernunft hat immer das lebendige 
Selbstvertrauen gehabt, daß sie, wenn sie auch nicht alle 
Wahrheit erlangen kann, doch in dem, was denknotwendig 
ist, nicht blos notwendigen Glauben, sondern zugleich 
Wahrheit besitzt. Sie hat immer an eine solche Ra- 
tionalität der Welt geglaubt, daß Denken und Wirklichkeit 
einander entsprechen, und daß das erstere sich eines 
begrenzten, aber nicht irreführenden Zuganges zu der 
letzteren erfreut. Wenn uns dennoch zuzeiten der Zweifel 
überschleicht, ob nicht alle unsre Weisheit durch und durch 
irrig sei, so wissen wir, daß es keinen Standpunkt gibt für 
die Beantwortung dieser Frage und wir müssen uns daher 
mit der Einsicht begnügen, so sehr wir das auch be- 
klagen mögen, daß Philosophie tatsächlich nur in der Be- 
mühung bestehen kann, auf der Grundlage dessen, was 
uns notwendig ist, ein Gesamtbild der Welt zu gestalten, 
das sich nicht widersprechen darf, oder die Widersprüche 
und Lücken vollständig klarzulegen, zu deren Forträumung 
unsere Vernunft, die Grenzen ihrer eignen Kompetenz be- 
stimmend, sich selbst unfähig erklärt. Denn so hoch wir 
auch von der Philosophie denken mögen, es ist doch un- 
sinnig, sie als die Krönung oder als eine der höchsten 
Mächte in der Weltordnung anzusehen. Sie ist und bleibt 
eine historische Tatsache in der Entwicklung des mensch- 
lichen Geistes auf dieser Erde, und sie erfüllt ihre Auf- 
gabe, wenn sie die Welt so darstellt, wie sie sich uns auf 
unserm gegenwärtigen Beobachtungsplatz projizieren muß. 
Ich habe soeben angedeutet, daß ich den andern Grund 
unhaltbar finde, aus dem man die intellektualistische Vor- 



Die Philosophie in den letzten 40 Jahren. CIII 

aussetzung einer eingeborenen Wahrheit in Zweifel zieht. 
In der Tat, die Behauptung, daß eine Denkweise, die dem 
Geiste seiner Natur nach notwendig ist, unanwendbar sein 
müsse für die Erkenntnis der Dinge, ist von Anfang bis 
zu Ende in keiner Weise sichrer- oder wahrscheinlicher, 
als die gegenteilige Behauptung. Wer der letzteren An- 
sicht ist, hat die wahrscheinliche Überzeugung für sich, 
daß die Einheit der Welt Denken und Sein für einander 
bestimmt hat; wer die erstere vorzieht, stützt sich einseitig 
auf den oberflächlichen Gegensatz, der zwischen dem den- 
kenden Subjekt und dem Gegenstand seines Denkens be- 
steht; aber über die Bedeutung dieses Gegensatzes für 
die Möglichkeit der Erkenntnis kann nur von jemandem 
entschieden werden, der mit vollendeter Klarheit den 
ganzen Vorgang wahrnimmt, den wir als Erkenntnis eines 
Gegenstandes durch den Geist bezeichnen. Er allein ist 
in der Lage, zu zeigen, entweder daß der Verstand seiner 
Herkunft wegen notwendig die Natur der Dinge verfälschen 
muß, oder andrerseits daß er sie innerhalb gewisser Gren- 
zen begreiifen kann. Dieser Gedanke ist tatsächlich in der 
historischen Entwicklung der Piii.osophie verfolgt worden. 
Von John Locke bis zu Kant war die Kritik des 
Verstandes der wesentliche Gegenstand der Untersuchung, 
und nachdem diese Tradition in Deutschland zeitweilig 
durch ein Gedränge anders gerichteter Bemühungen unter- 
brochen war. ist ihre Kontinuität wieder hergestellt worden 
durch die Lebhaftigkeit, mit der die Gegenwart sich von 
physiologischen und psychologischen Untersuchungen jeden 
nur möglichen Beistand holt, um über die Entstehung 
unseres Begriffes von der Welt Klarheit zu erlangen. Ich 
bin vollkommen empfänglich für den Wert aller dieser Be- 
strebungen und für die Vertiefung, die sie der Philosophie 
der Gegenwart im Vergleich zu der der Vergangenheit 
gegeben haben; aber ich zweifle nichtsdestoweniger an 
der Möglichkeit dieses Unternehmens^ dessen Verfolgung 
uns indes mit manchen guten Früchten beschenkt hat. Das 
Vorgehen Kant 's, zuerst das Vermögen der Vernunft zu 
untersuchen, ehe von ihr ein Gebrauch zu wirklicher Er- 
kenntnis gemacht wird, ist vom deutschen Idealismus 
parodiert worden zu der Mahnung, nicht ins Wasser zu 
gehen, bevor man schwimmen könne; diese triviale Be- 
merkung, die als Entschuldigung des modernen Enthusias- 
mus übel angebracht ist, trifft sehr gut den wesentlichen 
Irrtum des fraglichen Unternehmens, nämlich die Tau- 



CIV Die Philosophie in den letzten 40 Jahren. 

schung, daß es möglich sei, vor aller Anwendung des 
Denkens, und unabhängig von allen Quellen des Irrtums 
bei derselben, eine Bestimmung der Grenzen seines Ver- 
mögens auf Grund eines rein empirischen Berichts von 
seiner Entstehung zu geben. Ein Blick auf den Inhalt der 
Werke, die diesem Versuch gewidmet sind, zeigt uns so- 
fort, wie vollständig sie schon im voraus die Fragen ent- 
schieden haben, für deren Beantwortung sie nur den Weg 
bereiten wollten. Kant 's verschiedene Kritiken überlassen 
dem System, dem sie ihrer Versicherung nach rein als 
Einleitung dienen, keines der allgemeinen Probleme, die 
für die Philosophie von Interesse sind, sondern nur die 
weitere Anwendung von schon erlangten Lösungen der- 
selben. Auch Locke's Werk zeigt nicht nur die Quellen 
des Wissens auf, sondern schließt zugleich den ganzen 
Weltbegriff ein, der ihm aus diesen Quellen notwendig 
zu fließen schien. Das ist in gewisser Hinsicht ein Über- 
schuß der Leistung über das Ver&prechen, für den wir ihm 
nur ehrlich dankbar sein können; aber noch etwas anderes 
liegt in diesem Umstand verborgen. Es ist unmöglich, 
voraussetzungslos und mit vollständig unvoreingenommenen 
Augen der Entstehung unsrer Vorstellungen beobachtend 
zuzusehen, um daraus die Grenzen ihrer Giltigkeit zu be- 
stimmen. Selbst wenn der erste Teil dieses Unternehmens 
ausführbar wäre, so könnte doch der zweite Teil nur von 
jemandem angegriffen werden, der schon im festen Be- 
sitze von allgemeinen Prinzipien wäre, die imstande sind 
darüber zu entscheiden, was für Folgen notwendig aus 
was für Bedingungen hervorgehen müssen, und ob dem- 
gemäß das Erkenntnisvermögen seiner Entstehung zu- 
folge entweder immer irren muß, oder in gewissen Grenzen 
die Wahrheit zu finden vermag. Es ist unmöglich, ein 
Urteil darüber zu bilden, was bei der Berührung eines 
Objektes mit dem perzipierenden Geist vor sich gehen 
muß, außer wenn man zuvor bestimmte Begriffe über 
die Natur jener zwei Faktoren des Falles hat und ebenso 
über die Natur des Einflusses, den irgendein Element 
der WirklicTikeit, gleichviel welches es sei, auf irgendein 
anderes auszuüben in der Lage ist. In der Tat liegen, 
teils zu Recht, teils zu Unrecht, solche Voraussetzungen 
unabänderlich als anregende Impulse und als bestimmende 
Motive dem Denken zugrunde, das die Entwicklung unseres 
Erkennens herauszuarbeiten und die Grenzen seiner Wahr- 
heitsgeltung festzustellen sucht und sich dabei nur schein- 



Die Philosophie in den letzten 40 Jahreri. '1ßV 

bär auf dem Wege einer voraussetzungslosen Erfahrung 
bewegt. 

Wir wollen einräumen, daß der Intellektualismus, wenii 
er die Existenz eingeborner Wahrheiten behauptete, nur 
eine Hypothese aufstellte, die noch zu beweisen war ; 
aber welches war die Begründung für die Gewißheit, mit 
der andrerseits alles Wissen aus Erfahrung hergeleitet 
und die Seele als eine tabula rasa betrachtet wurde, 
die nur mit Eindrücken von außen beschrieben wird ? 
Erfahrung könnte, wie auch immer dieser verschieden 
verstandene Begriff gedacht sein mag, jedenfalls nur die 
Veranlassungen aufzeigen, aus denen sich unsre Vorstel- 
lungen ergeben haben; der Vorgang aber, der die Veran- 
lassung und das erfolgte Ergebnis verbindet, kommt nicht 
durch unmittelbare Wahrnehmung zur Kenntnis. Wer 
meint, es sei so, weil er die Seele für rein rezeptiv und 
die ganze Inhaltlichkeit ihres Bewußtseins für etwas auf 
sie bloß Übertragenes hält, vermag sich zur Begründung 
seiner Ansicht nur auf die Analogie andrer Beobachtungen 
zu berufen. Aber diese Analogie spricht durchaus gegen 
ihn. Überall wo wir einen Fall von dem, was wir Wirken 
nennen, beobachten, finden wir unabänderlich, daß der 
Erfolg, der aus dem Wirken hervorgeht, verschiedene Ge- 
stalt annimmt, wenn dieselbe sogenannte Ursache zu ver- 
schiedenen Dingen in Beziehung tritt, daß er also ebenso 
sehr durch die Natur desjenigen Beziehungsgliedes be- 
stimmt wird, welches wir für leidend oder rezeptiv halten, 
als durch die Natur des anderen Gliedes, das uns vor- 
zugsweise der tätige Teil zu sein scheint. ; Es ist das ein 
Gedanke, der in den Forschungen der Naturwissenschaft 
nie außer acht gelassen wird. Und die, die an der son- 
derbaren Meinung festhalten, die hier in Frage steht, 
könnten ihn auch eben in dem Gleichnis wieder ent- 
decken, welches sie vorbringen, um die entgegengesetzte 
Vorstellung zu versinnlichen. Denn wie könnte eine Tafel 
sich beschreiben lassen oder wie könnte das Wachs, das 
der Träger eines alten Gleichnisses ist, den Eindruck des 
Stempels aufnehmen und festhalten, wenn die Tafel nicht 
eine Adhäsion besäße, mit der sie die Schreibflüssigkeit 
festhält, und wenn dem Wachs nicht eine Zusammen- 
drückbarkeit seiner Teilchen eignete und eine Indifferenz 
gegen die besondere Form des erlittenen Druckes? Kurz, 
vermöge ihrer spezifischen Natur machen beide einen 
Erfolg möglich, den Luft und Wasser nicht hätten be- 



CVI Die Philosophie in den letzten 40 Jahren. 

wirken können. Hier scheint mir daher zweifellos zu 
sein, daß die Analogie der Erfahrung zugunsten des Postu- 
lats des Intellektualismus entscheidet, zugunsten der ein- 
gebomen Tätigkeit, mit der der Geist auf äußere Ein- 
drücke reagiert und die Vorstellungen und Verbindungen 
von Vorstellungen hervorbringt, die unser Denken über 
die Welt konstituieren. 

Nun kann natürlich dieses Zugeständnis, zu dem in 
der Tat auch der Empirismus sich treiben ließ, nichts für 
oder gegen die Wahrheit der so entstandenen Vorstel- 
lungen entscheiden; denn es ist gewiß ebenso möglich, 
daß diese eigentümliche Reaktion des Geistes auf Reize 
vx^n außen ständig die Bilder der Dinge, von denen diese 
Reize ausgehen, verfälscht, als daß sie zu einer wahren 
Auffassung ihrer Natur führt. Inzwischen bin ich zu- 
frieden, wenn mir die gleiche Möglichkeit beider Fälle 
zugegeben wird. Denn es ist ein sehr gewöhnliches Vor- 
urteil, daß ein Denkvorgang, von dem wir gesehen zu 
haben glauben, wie er sich aus der subjektiven Natur des 
Geistes entwickelt, nicht richtig sein könne. Die Ein- 
sicht in seine Entstehung scheint zugleich der Beweis 
seiner Ungiltigkeit zu sein. Es sei mir gestattet, über 
dies Vorurteil einige Bemerkungen zu machen. Ange- 
nommen, eine höhere Macht habe wirklich die Absicht 
gehabt, uns eine Erkenntnis zu sichern, die zwar nicht 
alle Dinge durchaus begriffe, aber doch nicht notwendig 
in dem wenigen irrte, das sie von ihnen begreift; und 
angenommen, jene Macht wollte uns die Erkenntnis nicht 
als eine fertig vorhandene Offenbarung zuteil werden 
lassen, sondern als Frucht von Erfahrungen, die wir im 
Leben zu machen hätten: wie müßten wir den Vorgang 
uns in Gedanken konstruieren, durch welchen diese Ab- 
sicht würde verwirklicht werden? Wenn wir nicht alles 
auf einmal wissen, sondern jetzt dies, dann jenes lernen 
sollen, sei es, weil in Wirklichkeit ein Ding auf ein 
anderes folgt, oder weil die Teile dessen, was im Sein 
gleichzeitig ist, für uns nur nacheinander Gegenstände 
des Bewußtseins werden, so muß das Erfahrene sich immer 
vom Nichterfahrenen unterscheiden vermöge einer Be- 
ziehung, in der der Gegenstand unsrer Erkenntnis jetzt 
zu uns steht und vorher nicht zu uns stand. Und da 
diesen Unterschied kein zweiter Beobachter außerhalb von 
uns verwendet, sondern wir selbst durch ihn zu einer 
Empfindung, die nichts im voraus Vorhandenes ist, be- 



Die Philosophie in den letzten 40 Jahren. ÜVll 

stimmt werden, so muß er etwas für uns selbst Emp- 
findbares sein und kann nicht in einer rein äußerlichen 
Beziehung zwischen uns und den Objekten, sondern muß 
in einem innem Zustand unseres eignen Seins bestehen, 
den wir erfahren und vorher nicht erfuhren. Die Natur 
dieses Zustandes muß jedenfalls sowohl von den ver- 
schiedenen Reizen, die ihn hervorrufen, als von dem 
eigentümlichen Wesen des Geistes abhängen, der ihn zu 
erfahren vermag. Es ist eine sehr einfache Wahrheit, 
die ich hier kennzeichne, und wir stimmen alle in ihr 
überein. Wenn wir ein Wissen von einem Ding, das 
existiert, oder von einem Ereignis, das geschieht, haben 
sollen, so genügt dazu nicht, daß das Ding existiert oder 
daß das Ereignis geschieht; sie müssen beide einen Ein- 
druck auf uns machen und sie können nur eine solche Art 
Eindruck auf uns machen als unsere geistige Natur zu er- 
fahren vermag. So wird von Anfang an jedes objektive 
Element der Außenwelt in uns durch einen elementaren 
subjektiven Zustand ersetzt. Soll es nun nicht bei dem 
einfachen Wechsel von Empfindungen verbleiben, sondern 
im Gegenteil eine richtige Erkenntnis auch der Zusammen- 
hänge entstehen, welche die verschiedenen Teile der Wirk- 
lichkeit miteinander verbinden, dann darf der Eindruck, 
den ein Wirklichkeitsaugenblick auf uns macht, nicht eben- 
so verschwinden wie diese Wirklichkeit selber, wenn sie 
der des nächsten Augenblickes Platz macht. Der eine 
Eindruck, der noch im Gedächtnis aufbewahrt zurück- 
bleibt, muß mit den anderen in der Einheit Eines 
Bewußtseins durch eine beziehende Tätigkeit verbunden 
werden. Diese Tätigkeit, die rückwärts von den Ergebnissen 
zu den Bedingungen und ebenso vorwärts von den Be- 
dingungen zu den Ergebnissen gehen kann, und sich so 
der Verschiedenheit ihrer Richtung bewußt wird, ist etwas 
gänzlich anderes als die Bewegung der Vorgänge selbst, 
die nur in einer einzigen Richtung, von der Ursache zur 
Wirkung hin, statthat. Selbst wenn wir zugeben, daß 
die zwei Endpunkte, zwischen denen sich diese beziehende 
Tätigkeit bewegt, durch die Assoziationen der Vorgänge 
festgelegt sind, welche von der Welt her auf uns innen 
einwirken, so beruht doch die Möglichkeit, daß jene Be- 
wegung des verbindenden Bewußtseins überhaupt statt- 
findet, lediglich auf der Natur des Geistes, in dem sie 
stattfindet. Und so beruht auch die Möglichkeit, daß sie im 
Denken das verbindet, was in der Wirklichkeit verbunden 



CVIII Die Philosophie in den letzten 40 Jahren. 

ist, auf der Tatsache, daß die Natur des Geistes den Ein- 
drücken, die er erleidet, eine gegenseitige Verknüpfung ver- 
leiht, die zwar mit der Verknüpfung der Reize nicht über- 
einstimmt, aber nicht völlig verschieden von ihr ist. 
• So würden wir also selbst bei der Annahme, eine 
höhere Macht habe uns dazu bestimmt, die wahren Be- 
ziehungen zwischen den Gegenständen unsrer Erfahrung 
zu entdecken, doch immer noch nicht diese Beziehungen 
einfach empfangen können ohne subjektive mitwirkende 
Tätigkeit von uns selbst, sondern würden genötigt sein, 
sie de novo zu reproduzieren mittels einer Tätigkeit, die 
uns, wenn wir in das Wesen des Geistes eindringen 
könnten, als ein notwendiges Ergebnis des Geistes, und 
des Geistes allein, erscheinen würde. Nehmen wir ferner 
än\ diese gute Macht habe ims noch überdies gewähren 
wollen, daß wir uns nicht nur eine getreue Vorstellung von 
dem Weltgeschehen im einzelnen und besonderen bilden, 
sondern auch die allgemeinen Gesetze begreifen, welche 
alledem zugrunde liegen, und sie so begreifen, daß sie 
uns zugleich die Empfindung ihrer Notwendigkeit geben, 
ja dann würde einer, der alles weiß, imstande sein, dieses 
Vollbringen mechanisch aus der Natur unseres Geistes zu 
erklären. Denn wenn, gemäß unsrer Annahme, die Er- 
keniitnis der höchsten Walirheit uns nicht in vollständig 
fertig vorhandener Klarheit eingeboren ist, sondern von 
uns erworben werden inuß, dann muß es eine Geschichte 
ihrer Entstehung in jedem individuellen Geiste geben. Von 
•der Zeit an, als sie noch nicht da war, bis zu dem Moment 
ihres Hervortretens muß eine Reihe von Vorgängen abge- 
laufen sein, die nicht vor sich gehen konnten, ohne mit der 
Natur unseres Geistes etwas zu tun zu haben und dessen 
notwendige Konsequenz unter den betreffenden Umständen 
zu sein. Dies alles gilt, selbst wenn wir die menschliche 
Vernunft ausdrücklich für die vollständige Erkenntnis aller 
Wahrheit bestimmt denken — nur nicht zu ihrem ur- 
sprünglichen Besitz, sondern um sie zu erwerben; selbst 
in diesem Falle ist immer ein psychischer Mechanismus zu 
denken, der alle errungene Erkenntnis der Wahrheit als 
notwendigen Erfolg der subjektiven Natur des Geistes und 
von - Eindrücken, die auf ihn wirken, zeigen würde. Da 
es also in jedem Falle so sein muß, kann der Beweis 
eines solchen subjektiven Ursprunges unsrer Erkenntnis 
eben aus diesem Grunde weder für noch gegen ihre Wahr- 
heit entscheiden; und wer glaubt, er entscheide dagegen. 



Die Philosophie in den letzten 40 Jahren. CIX 

tut damit nur den ersten Schritt in den Irrtum, den die 
idealistischen Ansichten noch viel weiter treiben. Denn 
wenn nur die Beziehung unserer Vorstellungen auf die 
Außenwelt in Frage steht, so betont der Idealismus mit. 
vollem Recht, daß die Vorstellung von der Außenwelt 
nur unsere Vorstellung und nichts mehr ist. Aber wena 
er nun weiter geht und die Existenz der Welt wegen dieser 
Subjektivität unserer Vorstellungen von ihr leugnet> so 
vergißt er ganz, daß es in jedem Falle so sein muß; 
Unsere Vorstellung muß subjektiv sein, nicht nur, wenn 
es eine Außenwelt nicht gibt, sondern . auch wenn die 
Außenwelt existiert. Auch von einer realen Welt könnten 
wir keine ß^ndere Art von Vorstellung haben als die wii; 
haben, eine Vorstellung, die durch unsere eigne subjektive 
Tätigkeit hervorgebracht ist, und die so oft betonte Sub- 
jektivität aller unsrer Erkenntnis entscheidet absolut nichts 
in bezug auf die Wirklichkeit ihres Gegenstandes und 
die Genauigkeit unserer Vorstellung von ihm. : Ti 

Ich komme jetzt auf den Punkt, zu dem mich meine 
Wanderschaft hingeführt hat und wo ich mich iii voll- 
ständigem Gegensatz zu den in unserer Zeit vorherrscheui 
den Anschauungen befinde. Es ist üblich geworden von 
einer Erkenntnistheo7'ie als dem wichtigsten Werkzeug zu 
sprechen, von dessen Vollendung der Fortschritt der Philo- 
sophie abhänge, insbesondere hat man gehofft, feste Grund-, 
lagen für die fruchtbare Anwendung unseres Denkens zum 
Erreichen der Wahrheit würden schließlich in einer voll- 
ständigen Darlegung seiner psychologisQhen Entwicklungs- 
geschichte gefunden werden. Im Gegensatz zu diesem 
Glauben spreche ich die Überzeugung aus, zu der ich mich 
schon bekannt habe, daß man über die Gültigkeit einer 
Vorstellung auf Grund ihres psychologischen Ursprungs 
nur dann entscheiden kann, wenn man bereits die wahre 
Beschaffenheit des Gegenstandes kennt, auf welchen sie 
sich bezieht;!) denn nur die Kenntnis des Gegenstandes, 
der. das Endziel der Vorstellung ist, kann uns ein Urteil 
darüber ermöglichen, ob sie auf dem besonderen Wege, die 
Wirklichkeit vorzustellen, den sie tatsächlich eingeschlagen 
hat, dieses Ziel erreichen oder verfehlen wird. Innerhalb 
dieser Grenzen kann die Psychologie zweifellos zu einer 
Kritik unserer verschiedenen Erkenntnisarten verhelfen. 
Nachdem wir die Gesetze der Bewegung, des Lichts und 



i> Vgl. diese Logik § 305 f., 322, 332. 



OX Die Philosophie in den letzten 40 Jahren. 

den Bau unseres Auges kennen, ist es uns, falls wir nicht 
in betreff eines von beiden irren, möglich, eine große An- 
zahl optischer Täuschungen zu korrigieren; und nach- 
dem wir die Gesetze der Assoziation und Reproduktion 
unserer individuellen Eindrücke gelernt haben, können wir 
in einzelnen Fällen zeigen, daß sich auf Grund dieser 
Gesetze eine regelmäßige Verknüpfung unserer Vorstel- 
lungen bilden muß, die der Verknüpfung der objektiven 
Elemente der Wirklichkeit nicht entspricht, aus der diese 
individuellen Eindrücke hervorgehen. Ebenso ist es mit der 
Frage, ob die allgemeinen Begriffe, die wir über die 
Natur der Dinge und Ereignisse, die Wirkung, die ein 
Ding auf ein anderes ausüben kann, und die Gesetze, 
unter denen diese Wirkungen erfolgen müssen, bilden, 
ob alle diese Begriffe wahr oder falsch sind. Dieses 
Problem vermöchten wir, selbst wenn wir die Geschichte 
ihrer psychologischen Entwicklung mit der vollkommensten 
Genauigkeit kennen würden, doch noch nicht vermöge 
dieser Kenntnis zu entscheiden, es sei denn, daß wir 
die Wahrheit in bezug auf alle diese Punkte schon wüßten. 
Nur in diesem Falle würden wir aus dem psychologischen 
Entwicklungslauf unseres Erkennens zu sagen vermögen, 
daß es grade, weil es allgemeinen Gesetzen unterworfen 
ist, entweder von den wahren Beziehungen der Dinge, 
auf welche es sich bezieht, notwendigerweise abweichen 
muß oder mit ihnen in seinen Ergebnissen übereinstimmen 
kann. Ich muß aus diesem Grunde den alten Anspruch 
erheben, den noch jede spekulative Philosophie erhoben 
hat. Psychologie kann, selbst wenn wir sie in voller 
Vollendung besäßen, niemals die Grundlage unserer ganzen 
Philosophie sein. Vielmehr würden wir nur dann dazu 
kommen, die Psychologie in solchem vollkommenen Zu- 
stande zu besitzen, wenn erst die Prinzipien selbstevidenter 
Wahrheit vollständig festgestellt wären, denen gemäß wir 
über die Natur und die Wechselwirkungen der Dinge über- 
haupt zu urteilen haben ; denn erst dann könnten wir die Vor- 
gänge, die zwischen dem erkennenden Subjekt und dem 
zu erkennenden Objekt stattfinden, diesen Pfmzipien unter- 
ordnen und nun über die Wahrheit der so entstandenen 
Vorstellungen entscheiden. Von einer solchen Vollendung 
der Psychologie sind wir noch weit entfernt. Wir können 
mit Sicherheit ein paar Schritte in der Entwicklungs- 
geschichte unserer Empfindungen tun, und wir können 
mit Sicherheit ein paar Prinzipien feststellen über die Wege 



Die Philosophie in den letzten 40 Jahren. CXI 

der Assoziation und Reproduktion unserer Vorstellungen 
im Gedächtnis; aber alles, was über die Entwickelung all- 
gemeiner Begriffe vorgebracht wird, ist reine Phantasie. 
Uns fehlen fast ganz Beobachtungen über den Verlauf, in 
dem, von den ersten Tagen der Kindheit an, die einzelnen 
Funktionen unseres Intellektes einander folgen. Nachdem 
man die vollentwickelte Vernunft vor sich hat, tappt man 
nach einem Wege, wie sich ihre allmähliche Entwicklung 
mit Wahrscheinlichkeit vorstellen lasse; und die mehr 
oder weniger anspruchsvollen Hypothesen, zu denen man 
durch unausgesprochene Lieblingsmeinungen geführt wird, 
werden mit merkwürdiger Zuversicht als Schätze eines 
vorurteilslosen Empirismus feil geboten. Diese Lage der 
Dinge wird sich nicht ändern, bis nach dem Beispiel der 
neueren psychologischen Forschungen, die vorliegenden Tat- 
sachen der psychologischen Erfahrung in Zweifel gezogen 
werden und dadurch das Material geschaffen wird, das 
jenen allgemeinen und immer bereits eingeschlossenen 
Wahrheiten untergeordnet werden kann. Wir würden des- 
halb die Psychologie für das letzte und schwierigste Pro- 
dukt der philosophischen Forschung oder der wissenschaft- 
lichen Forschung überhaupt halten. 

Um. zu der andern Lieblingsbeschäftigung unserer Zeit 
zurückzukehren, dem Entwurf einer Erkenntnistheorie im 
allgemeinen als eines ersten Erfordernisses, um dann 
hinterher die Philosophie darauf zu gründen, so ist es 
überflüssig, noch einmal auf den unvermeidlichen Zirkel 
aufmerksam zu machen, in dem man sich dabei bewegen 
muß. Die Vernunft soll über die Genauigkeit ihrer all- 
gemeinen Verfahrungsweisen entscheiden und kann doch 
als Grund für ihre Entscheidung nur dieselben notwendigen 
Prinzipien benützen, über die sie entscheiden soll. Ihre 
Arbeit kann also nur in einer Selbstbesinnung und einer 
sorgfältigen Reflexion auf ihr eigenes Tun bestehen. Im 
täglichen Leben sind wir durch unsere Bedürfnisse ge- 
nötigt, uns über viele Tatsachen ein Urteil zu bilden, deren 
wahre Bedeutung uns nur sehr unvollkommen bekannt ist 
und deren viele Verbindungen mit andern Dingen wir noch 
schlechter kennen. Die mannigfaltigen Bedingungen, die 
sich im Lauf der Dinge durchkreuzen, zwingen uns oft, 
etwas, was so nur halb bekannt ist, als Prinzip zu ge- 
brauchen, von dem wir bei der Beurteilung dessen, was 
noch weniger bekannt ist, ausgehen. Und endlich verleitet 
die Beschränktheit der Erfahrung, die unserer Beobachtung 



ßXII Die Philosophie in den letzten 40 Jahren. 

immer nur ein bestimmtes Merkmal von vielen möglichen 
vorführt, uns dazu, daß wir Notwendigkeit in Verknüpfungein 
sehen, wo in Wirklichkeit nichts als Tatsächlichkeit ohne 
ein entgegengesetztes Beispiel vorliegt. Nehmen wir nun 
diese Fälle, in denen das Urteil schwer und der Irrtum 
Reicht ist, zusammen, versuchen wir, sie zu vereinen und 
durch Abstraktion von der verwirrenden Mannigfaltigkeit 
des Gegebenen die einfachsten und reinsten Fälle von Be- 
ziehungen zwischen verschiedenen Gliedern festzustellen, 
so wird unsere Vernunft, sobald dieselben vergegenwärtigt 
werden, ein unzweideutiges Urteil abgeben, dessen Denk- 
notwendigkeit ebenso evident ist als die Unmöglichkeit, das 
Gegenteil zu denken. Die Vernunft wird sich immer als 
einen ständig gegenwärtigen gerechten Richter betrachten, 
gegen dessen Urteil es keine Berufung gibt, dessen Spruch 
aber nicht eher gefällt werden kann, als bis jede Dunkel- 
heit und Zweideutigkeit von der Vorstellung des Falles, über 
den er zu urteilen hat, entfernt ist. So hat das Selbst- 
vertrauen der Vernunft unvermeidlich allen philosophischen 
Forschungen zugrunde gelegen, auch jenen, die sich a^if 
die Bestimmung ihrer eigenen Wahrheitskraft beziehen. 
Als Locke zwei Quellen aller Erkenntnis unterschied, und 
als er dann die Eigenschaften, welche den Dingen selbst 
inhärieren, anderen Eigenschaften entgegensetzte, welche 
sie nur scheinb£i,r, in unserer Auffassung von ihnen, haben, 
hatte ihm keine unmittelbare Erfahrung diese Prinzipien 
gegeben. Er gelangte zu seiner Erkenntnis, indem er die 
Methode des Denkens befolgte, die für uns bei der Be- 
trachtung aller Dinge notwendig ist ; und er fragte sich ent- 
sprechend dieser Methode des Denkens, welches die wahr- 
scheinlichen Erklärungen der psychologischen Tatsachen 
wären, die er entdeckt hatte. Man mißversteht Kant, 
wenn man glaubt, er habe seiner „Kritik der Vernunft" 
eine psychologische Grundlegung zu geben sich bemüht, 
und wenn man beklagt, daß die Psychologie von ihm nur 
im Vorübergehen und unvollkommen behandelt worden ist. 
Wesentliche Prinzipien, wie seine Unterscheidung zwischen 
Form und Inhalt der Erkenntnis, oder seine Lehre von der 
rein subjektiven und phänomenalen Natur von Zeit und 
Raum, sind nicht Data psychologischer Erfahrung, sondern 
Ergebnisse einer metaphysischen Deutung solcher Data, 
Darin folgt Kant dem Prinzip, in das ich das Ergebnis^^ 
dieser Betrachtungen zusammenfasse: daß es sich nicht 
darum handelt, woher unsere Vorstellungen kommen und 



Die Philosophie in den letzten 40 Jahren. GXIII 

wie sie sich in uns psychologisch bilden, sondern von 
Wichtigkeit ist nur, zu wissen, ob wir, wenn wir sie haben, 
bei ihnen stehenbleiben dürfen, oder weitergehen und sie 
einer Kritik unterziehen müssen, um die vollständige Über- 
einstimmung unserer Vernunft mit sich selbst und mit den 
gegebenen Tatsachen zu sichern, das einzige Ziel, das 
uns überhaupt erreichbar ist. Dies ist der Weg, auf dem 
die Mathematik immer vorgegangen ist. Sie hat sich nie 
darum bekümmert, zu wissen, durch welchen psycho- 
logischen Akt die Vorstellung eines Punktes im Raum in 
uns entsteht oder durch welchen weiteren geheimnisvollen 
Prozeß wir unendlich viele Punkte in einer zusammen- 
hängenden geraden Linie vereinigen oder durch welchen 
andern Prozeß wir Figuren aus vielen Linien unterscheiden 
und die Vorstellung der Winkel bilden, an denen sie aus- 
einanderlaufen. Alles dies postuliert sie rein und legt es 
zugrunde. Sie ist sich dessen gewiß, daß, nachdem diese 
Postulates gebildet sind, gleichviel welches die psycho- 
logische Art ihrer Bildung sei, sich die tatsächliche Not- 
wendigkeit eines Satzes, der sich auf die Verbindung dieser 
Vorstellungen bezieht, auch zwingend ergeben wird; aber 
sie fragt nicht, was die Seele tut, um von der bloßen Per- 
zeption einer solchermaßen vorgestellten Verbindung zu 
dem Bewußtsein ihrer Notwendigkeit zu kommen, und sie 
hält eine Antwort auf diese Frage nicht für notwendig zur 
Sicherung der Wahrheit ihrer Ergebnisse. 

Wer eine Erkenntnistheorie zu besitzen wünscht, ehe 
er an die eigentliche Arbeit der Philosophie geht, wird 
hier den Einwand erheben, daß eine solche Theorie, wenn 
sie erlangt werden soll, notwendigerweise den Beruf hat, 
jene allgemeinen und intuitiv evidenten Prinzipien der Be- 
urteilung, von denen wir gesprochen haben, darzulegen 
und zu sammeln ; und vielleicht würde er weiter verlangen, 
sie alle von einem einzigen höchsten Prinzip abgeleitet 
zu sehen, um endlich jene phüosophia prima wirklich zu 
schaffen, von der die Menschen seit den Tagen des Aristo- 
teles geträumt haben. Aber wie denkt man sich, wäre 
ein solcher Plan auszuführen ? Wenn wir in einem Examen 
dem Prüfling eine bestimmte Frage stellen, können wir 
vernünftigerweise eine Antwort erwarten. Aber wenn wir 
von ihm verlangen wollten, uns in einer Antwort alles zu 
sagen, was er während seines ganzen Lebens gelernt hat, 
so würde er entweder nicht wissen, wo in aller Welt be- 
ginnen, oder er würde uns, wie die, die aus einer Feuers- 

Lotze, Logik. VIII 



CXtV Die Philosophie in den letzten 40 Jahren. 

brunst etwas retten wollen, Wichtiges und Unwichtiges 
in gleicher Weise ohne jede Ordnung und beides sehr un- 
vollkommen erzählen. So verhält es sich mit jenen im 
höchsten Grade allgemeinen Wahrheiten, welche wir als 
ein angeborenes Besitztum unseres Geistes betrachten: sie 
stehen nicht vor dem Bewußtsein von Anfang an als eine 
vollständige wohlgeordnete Reihe da. Wir werden uns einer 
jeden von ihnen erst in dem Augenblicke bewußt, wenn 
eine Wahrnehmung ihre Anwendung veranlaßt. Ihre syste- 
matische Sammlung zum Aufbau einer Erkenntnistheorie 
ist daher kein möglicher x^nfang für die Arbeit der Philo- 
sophie, sondern wäre das nur für den Schüler, der eine 
schon geleistete Arbeit für sich zu wiederholen hätte. Für 
die Philosophie selbst könnte sie, anstatt ein Anfang, nur 
ein Ende sein. Und ich zweifle, ob in beiden Fällen ihr 
Nutzen oder ihre Wichtigkeit sehr groß sein würden; denn 
je mehr wir von ihren speziellen Anwendungen und den 
Formeln dafür, in denen die ursprüngliche Wahrheit so in 
der Anwendung gezeigt werden muß, zu jenen allgemeineren 
Ausdrücken übergehen, denen sie selber sich streng unter- 
ordnen lassen, desto mehr nimmt immer die intuitive Evi- 
denz ihres Sinnes ab, und sogar das unmittelbare Gefühl 
ihrer Notwendigkeit verschwindet, welches wir so stark 
überall da fühlen, wo ein bestimmter Vorfall uns nötigt, 
eine Anwendung von ihnen zu machen. Auf alle Fälle 
aber konnte ich das andere Verlangen — das Verlangen, 
alle Wahrheit aus einem höchsten Prinzip mittels einer 
Erkenntnistheorie abzuleiten — nicht vor mir rechtfertigen. 
Die Einheit der Welt, die ich als den Ausgangspunkt meines 
Denkens hinstellte, ist zunächst nur ein Vorurteil, welches 
selbst einer Untersuchung bedarf, damit sich zeige, ob es 
zu der für uns denknotwendigen Wahrheit gehört oder 
aus einer solchen Wahrheit folgt oder nicht; und nur auf 
der Gewißheit dieses Vorurteils würde die Forderung der 
fraglichen Ableitung beruhen können. Auch dann aber 
würde sie nicht in dem Sinne bestehen, den man ihr gibt; 
im Gegenteil, man kann nur mittels eines zweiten Vor- 
urteils im. voraus bestimmen, welches die Art oder Weise 
jener Einheit sein müsse; denn, wie ich schon bemerkt 
habe, braucht jene Einheit nicht das Mannigfaltige in ein 
Allgemeines zusammenzufassen oder auch Einzelwahrheiten 
untereinander so zu vereinigen, daß wir in der Lage wären, 
eine aus der andern oder alle aus einer nach logischen 
Gesetzen abzuleiten. Sie mag, um einen unvollkommenen 



Die Philosophie in den letzten 40 Jahren. CXV 

Vergleich zu gebrauchen, das Ganze ihrer Organisation in 
der Art einer Melodie zusammenhalten, deren Einholt un(i 
Zusammenhang faßlich sind, obgleich keine Folgerung be- 
weisen kann, daß diese besondere Fortsetzung zu diesem 
besonderen Anfang gehört. Ist dem so, dann wird es für 
unser Erkennen viele gleich ursprüngliche und gleich ge- 
wisse Wahrheiten geben, von denen wir, nachdem sie da 
sind, sehen können, daß sie zueinander passen, während 
wir dauernd außerstande bleiben, sie durch zwingenden 
Beweis aus einer einzigen Quelle abzuleiten. Wir müßten 
uns dann damit zufrieden geben, daß wir einzelne Wahr- 
heiten mit Gewißheit erkennen, und es wäre töricht, wenn 
wir solche Gewißheit gering anschlagen und immer weiter 
nach der höchsten Wahrheit jagen wollten, die uns viel- 
leicht überhaupt nicht oder wenigstens nicht auf diesem 
besonderen Wege erreichbar ist. 

Ich komme allmählich zu einem Schluß. Wer ein 
Prinzip der Philosophie im Sinne eines sicheren Ausgangs- 
punktes für seine Betrachtungen sucht, wird sich nicht in 
Verlegenheit befinden, sobald er nur auf den sichere 
Gang seiner Gedanken acht zu haben weiß. Nicht eins, 
sondern unzählig viele Prinzipien, stellen sich ihm sogleich 
zur Verfügung. Denn jeder Teil der Erfahrung kann als 
solcher Ausgangspunkt dienen, wenn er sich in der Ge- 
stalt, in der er sich unmittelbar darbietet, in Widerspruch 
mit jenen eingeborenen Wahrheiten befindet, an die alle 
Wirklichkeit gebunden sein soll, und die selbst in dengi 
Augenblicke, wo die beobachtete Tatsache mit ihnen streitet, 
sich unserm Bewußtsein als unerläßliche Postulate auf- 
drängen. Dies ist der Weg, auf dem, ausgehend von der 
Erfahrung, jede Philosophie tatsächlich entstanden ist. 
Selbst die Ansichten, denen wir mit Recht Schwärmerei 
und Kaprize vorwerfen, wurden zu allen Träumen, die in 
ihnen sind, doch nur durch die Betrachtung des tatsäch- 
lichen Laufs der Welt geführt. Sie suchten durch eine 
Reihe erdichteter Zwischenglieder die tiefgefühlten aber 
schlecht verstandenen Mängel der Welt in Harmonie mit 
dem zu bringen, was ihnen als Amt und Aufgabe aller 
wahren Wirklichkeit erschien. Sie irrten nur darin, daß 
sie alle jene Züge, in denen der Lauf der Dinge die Vor- 
aussetzungen des Verstandes und die Bedürfnisse des 
Gemüts verletzt, als ungegliederte Masse auf den Geist 
wirken ließen; dann ließen sie sofort ihrer Phantasie die 
Zügel schießen, um sich eine andere und wahrere Welt als 

vin* 



CXVI Die Philosophie in den letzten 40 Jahren. 

Grundlage für diese unglückselige Erscheinung auszudenken. 
Sie hätten sorgfältiger prüfend in die inneren Zusammen- 
hängo der Wirklichkeit eindringen sollen, um die Zwischen- 
glieder zu finden, durch die der fragliche Widerspruch 
nicht nur hypothetisch, sondern wirklich und in Wahr- 
heit, gelöst würde. Es scheint also, daß die wahre Philo- 
sophie sich nicht auf ihre Prinzipien, sondern vielmehr auf 
ihre Methode der Gedankenentwicklung als den Besitz be- 
rufen muß, der sie von allem unwissenschaftlichen En- 
thusiasmus unterscheidet. Ich enttäusche vielleicht ganz 
wider Erwarten die Voreingenommenheit des Leseis, wenn 
ich sage, daß ich glaube, wir müssen auch diesen An pruch 
aufgeben, wenigstens in dem Sinne, in dem er oft erhoben 
wird. 

Eine Methode der ErTcenntnis kann nicht wie die eines 
praktischen Unternehmens ein im voraus feststehendes Ziel 
verfolgen. Sie sucht die eigentümliche Natur des Dinges, 
mit dem sie sich beschäftigt, zu erkennen, und worin diese 
Natur bestehe. Ich gebe zu, daß mit Ptücksicht auf unsere 
Stellung zu der in Frage stehenden Sache unsere ersten 
Schritte im voraus bestimmt werden können. Es müssen 
solche sein, die sich dazu eignen, die Hindernisse zu über- 
winden, die es uns erschweren, an das Ding überhaupt 
heranzukommen; aber sobald das Ding selbst uns ift 
Sicht kommt, ist die Methode unseres weiteren Vorgehens 
immer durch die Eigenheiten bedingt, die die Natur des 
Dinges unserem Erkenntnisstreben bietet. Es ist daher 
wahr, daß die Methoden der Erkenntnis so verschieden sein 
müssen wie die Natur der Dinge, die wir zu erkennen 
wünschen, wie es anderseits klar ist, daß da, wo mehrere 
einzelne Objekte dieselben Züge gemeinsam haben, be- 
stimmte stereotype Forschungsmethoden sich für solche 
Gruppen bilden werden, so daß ein analoger Fall immer 
auf dieselbe Weise behandelt und das Suchen nach neuen 
Methoden für jeden besondern Fall überflüssig gemacht 
werden kann. Aber solche nützlichen Erkenntnismethoden 
können niemals ohne Rücksicht auf die Eigentümlichkeiten 
jener verwandten Problem-Gruppen gefunden werden und 
es wird niemals eine Universalmethode geben, durch w^elche 
die Zwecke der Erkenntnis für alle möglichen Forschungs- 
objekte erreicht würden. Die Mathematik hat für bestimmte 
Klassen von Problemen ihre ingeniösen Verfahrungsweisen 
konstruiert, die bei jeder Anwendung auf einen besondern 
Fall seinen Eigenheiten angepaßt werden. Die Mechanik 



Die Philosophie in den letzten 40 Jahren. CXVH 

hat in derselben Weise die Auswahl von Entwürfen aus- 
gebildet, welche sie unbedenklich immer wieder benutzt, 
wenn dieselbe Art von Arbeit verlangt wird, wenngleich 
mit Anpassung an die Forderungen der besonderen Auf- 
gabe. Nie aber ist hier die Rede gewesen von einer Uni- 
versalmethode, alle mathematischen Probleme zu lösen, 
oder eine Maschine für jeden denkbaren und womöglich 
für einen noch unbekannten Zweck zu bauen. Es ist klar, 
was allein solchen maßlosen Wünschen entsprechen könnte ; 
das wäre die Gesamtheit der elementaren mathematischen 
und mechanischen Wahrheiten einerseits und anderseits 
ein weitblickender Scharfsinn, der sie in jedem vorkommen- 
den Falle angemessen zu gebrauchen verstünde. In der 
Philosophie ist es nicht anders, und ich bin versucht, hier 
ein Wort von Aristoteles zu parodieren. Als Alexander 
der Große ihn um einen leichteren Weg, Geometrie zu 
lernen, bat, soll er geantwortet haben: Es gibt keinen 
besonderen königlichen Weg in der Wissenschaft. Die 
Wissenschaft und die Philosophie zumal besitzt keinen ge: 
heimnisvoUen methodischen W^eg gegenüber dem, auf weh 
chem der einfache Gebrauch unseres Verstandes uns alle 
leiten kann. Die vornehmsten Prätensionen auf den Be- 
sitz einer Methode spekulativer Erkenntnis, die den Ge- 
v^^inn von Ergebnissen sichern sollte, welche mit dem natür- 
lichen menschlichen Denken unerreichbar wären, sind auf 
die eine oder die andere Art immer untergegangen, so oft 
sie aufgetaucht sind. Wenn dabei wertvolle Ergebnisse 
erlangt wurden, so lag das daran, daß ein Teil der Natur 
des Dinges entdeckt w^urde, der eine Reihe von dessen 
mannigfaltigen Erscheinungen bestimmte, und die Methode 
kam zu Unrecht in den Ruf einer Fruchtbarkeit an wert- 
vollen Ergebnissen, welche in Wirklichkeit aus dieser obr 
jektiven Quelle stammten. Andrerseits hat immer, wenn eine 
üniversalmethode für alle Forschung vorher festgesetzt 
wurde, das nur dazu geführt, daß auf ihre Rechnung den 
Dingen Gewalt angetan wurde. Sie sollen sich den Formen 
fügen, die eigensinnig im voraus für sie festgesetzt sind, 
und alles, was sich dazu nicht bequemen will oder was 
auf den Wegen der Methode nicht erreichbar ist, wird 
ignoriert. In vielen Fällen endlich sind diese anspruchs- 
voll vorgegebenen Methoden nur ein ziemlich müßiger 
Zierrat, mit dem die schon getane Arbeit hinterher ge- 
schmückt wird, während die Arbeit selbst auf ganz anderen 
und natürlicheren Wegen des Denkens verrichtet wurde, 



CXVIII Die Philosophie in den letzten 40 Jahren. 

die aus der Beschaffenheit der Probleme selber hervor- 
gingen. Es liegt ein Zug von Feigheit in dieser Sorge 
um vorbereitende Mittel zum Erfolg. Einst haben die 
Menschen, wenn sie nicht das Vertrauen auf das Ver- 
dienst ihrer eigenen Persönlichkeit hatten, daß ihnen ein 
günstiger Erfolg sicher sei, nach Liebestränken gesucht, 
um sich die Neigungen ohne Gewalt zu erobern ; jetzt stellen 
sie, wenn sie eine angesehene Position im Leben zu ge- 
winnen wünschen, am liebsten die ganze Gesellschafts- 
ordnung auf unmögliche Grundlagen, mit deren Hilfe uns 
der Lauf der Dinge von selbst das bringen soll, was wir 
durch die Anwendung unserer eigenen Kräfte erwerben 
sollten; um sittliche Mißstände zu verbessern, richten sie 
nicht einen zusammenraffenden Appell an den Willen, 
der sich kraft seiner Selbsttätigkeit davon lossagen sollte, 
sondern sie wählen den Umweg über den Versuch, durch 
diätetische Mittel das Gehirn der künftigen Generationen 
so zu gestalten, daß das Gute, das unsere eigene Tat sein 
sollte, dann von selbst komme als mechanische Folge 
der Umstände. Nicht anders ist es mit dem Suchen nach 
einer philosophischen Mathode. Nachdem soviele Irr- 
tümer begangen worden sind, möchte man gern einen 
logischen Kalkül erfinden, der uns der Notwendigkeit ent- 
höbe, uns selbst anzustrengen und uns, ohne unseren 
persönlichen Scharfsinn anzuspannen, die richtigen Er- 
gebnisse in jedem Falle mit der Sicherheit einer Ma- 
schine schenken würde. Solche Bemühungen sind ständig 
fruchtlos gewesen. Von soviel grober Arbeit uns die Ma- 
schinen auch befreien, eine Maschine, die uns die ganze 
Arbeit des Lebens auf einmal abnähme, ist bis jetzt noch 
nicht erfunden worden. Es muß der Mensch selbst schließ- 
lich immer bleiben, der sie zu lenken und sie ihrem Zwecke 
anzupassen hat. Ich will hierüber keine Worte mehr ver- 
lieren; ich behaupte im Gegensatz zu all diesen Präten- 
Sionen einfach, daß jeder Fortgang des Denkens und jede 
Methode gut ist, sofern sie sich in jedem Moment sogleich der 
Natur des untersuchten Dinges und dem besondern Zweck 
anpaßt, den die Untersuchung verfolgt; daß wir nie ver- 
säumen dürfen, die Angriffsmethode zu ändern, wenn die 
Natur des Gegners sich ändert; und daß wir nie daran 
denken dürfen, die zahllosen Einwürfe, die gegen irgend 
ein erlangtes Ergebnis erhoben werden, hauptsächlich aus 
dem Grunde zurückzuweisen, daß sie aus untergeordneten 
Standpunkten der Betrachtung hervorgingen; sondern wir 



Die Philosophie in den letzten 40 Jahren. CXIX 

müssen vielmehr ohne jedes Vorurteil zugunsten einer 
methodischen Gedankenparade jederzeit sorgfältig alles be- 
nutzen, woran ein beweglicher und scharfsinniger Geist 
sich irgendwie halten kann, um das Resultat zu finden, 
und müssen die Einwürfe erklären und zunichte machen. 
Man fragt vielleicht verwundert, ob denn diese Mißachtung 
aller traditionellen Vorurteile der Schule tatsächlich be- 
deutet, daß ich den gesunden Menschenverstand zum 
Richter über die wissenschaftlichen Arbeiten der Philo- 
sophie zu machen wünsche? Nun, ich möchte die Gegen- 
frage tun, ob der gesunde Menschenverstand nicht tat- 
sächlich immer ihr Richter gewesen ist? Wie viele speku- 
lative Systeme sind nicht im Laufe der Zeit mit der 
Versicherung hervorgetreten, daß sie mit Hilfe tief grei- 
fender Methoden auf Grund noch tiefer liegender Prinzipien 
Wahrheiten erlangt hätten, die auf keinem andern Wege 
zu finden seien; aber weil sie ihre Ergebnisse dem ge- 
sunden Menschenverstände, dem natürlichen Gefühl des 
Menschen für Wahrscheinlichkeit, nicht glaubhaft zu 
machen vermochten, haben sie nur die Masse des histo- 
rischen Materials vermehrt, in das wir uns neugierig ver- 
tiefen, und haben keinen dauernden Einfluß auf unser Leben 
oder unsere Anschauungen gewonnen. Wenn ich dies sage, 
habe ich gewiß nicht die Absicht, unter diesem Namen; 
natürlicher Verstand jene Summe von oberflächlichen Ein- 
drücken, halben Gedanken und grundlosen Vorurteilen zu 
begreifen, die, zusammen mit ein paar unumgänglichen 
oder traditionellen Wahrheiten den Schatz der nicht- 
wissenschaftlichen Bildung ausmachen. Es ist der Mangel 
dieser Bildung, daß sie fragmentarisch ist, und dieser Fehler 
kann nicht für die Zwecke der Wissenschaft dadurch aus- 
geglichen werden, daß sie, selber durch die Lebensvorgänge 
geweckt, sich mit größerer Intensität in diese persön- 
lichen Erfahrungen stürzt. Da sie sich nur von den Be- 
obachtungen nährt, die in ihren Gesichtskreis fallen, führt 
sie die Gedanken, zu welchen sie so angeregt wird, nur 
ein paar Schritte weiter und begnügt sich mit Lösungen, 
die den dringendsten Bedürfnissen des Falles in gewissem 
Maße genügen. Sie beobachtet nicht, daß die verschie- 
denen Ergebnisse, zu denen sie durch solche isolierten 
Versuche gelangt, kein in sich zusammenhängendes Ganzes 
bilden, und daß ein jedes von ihnen noch ungelöste 
Rätsel enthält, die bei einem Schritt weiter ans Licht ge- 
kommen wären. Aber diese Mängel können nicht durch 



CXX Die Philosophie in den letzten 40 Jahren. 

die Anwendung einer spezifischen Methode beseitigt werden, 
denn sie kommen im Überfluß auch in jenen philosophi- 
schen Weltanschauungen vor, die sich ausdrücklich mit 
dem Besitze solcher Methoden brüsten. Wenn ich sagen 
darf, was ich als den gewöhnlichsten Fehler beim Philo- 
sophieren betrachte, so ist es der Mangel an Beharrlichkeit 
und Zähigkeit. Man begnügt sich zu oft mit dem Blitz 
eines schlagenden Gedankens, der ein merkwürdiges und 
blendendes Licht auf einen Teil der Welt wirft, aber die 
andern in um so tieferem Dunkel läßt; während es viel 
wichtiger ist, jeden Grundgedanken, den man versucht, in 
alle seine möglichen Konsequenzen zu verfolgen, um sich 
zu vergewissern, wie weit seine Geltung ohne Widerspruch 
seitens der Wirklichkeit bleibt, und wo seine Fruchtbarkeit 
endet. In diesem unablässigen und konsequenten Ver- 
folgen der Aufgabe liegt der Vorzug, den eine wissen- 
schaftlich geführte Untersuchung vor den natürlichen Ver- 
suchen der nicht-wissenschaftlichen Bildung haben kann 
und haben sollte. 

In diesem Sinne sucht die Philosophie ganz natur- 
gemäß ihre Ergebnisse zu einem systematischen Ganzen 
zu vereinigen, und kein gerechter Einwand kann gegen die 
Notwendigkeit eines solchen Versuchs gemacht werden. 
Sehr unwichtig aber ist für die gesicherten Wahrheiten 
die Form der Verknüpfung, der Neben- und Überordnung, 
in der man ihre Vereinigung sucht; indem ich dies sage, 
will ich lediglich das Vorurteil zurückweisen, das den 
gewöhnlich vorgezogenen Typus der Klassifikation als die 
einzig wünschenswerte Form systematischer Verknüpfung 
betrachten läßt. Ich weiß, daß man für einen Überblick 
aller philosophischen Forschungen die Fragen klassifizieren 
muß, auf die man Antwort sucht; ich würde mich in dieser 
Beziehung ziemlich zufrieden geben mit Kants drei Fra- 
gen: Weis können wir wissen? Was sollen wir tun? Was 
dürfen wir hoffen ? Diese Einteilung bewahrt zum wenigsten 
eine starke und lebendige Erinnerung an die Bedürfnisse, 
zu deren Befriedigung alle Spekulation im letzten Grunde 
unternommen wird. Ich weiß auch, und es ist dringend 
notwendig, das zu erwähnen, daß nahe verwandte Gruppen 
von Gegenständen zu einer Vereinigung der ihnen ge- 
widmeten Untersuchungen unter den Namen von Einzel- 
disziplinen führen ; aber ich vermag keinen Wert auf 
subtile Unterscheidungen dieser einzelnen Forschungsge- 
biete zu legen, und ebensowenig auf die Konstruktions- 



Die Philosophie in den letzten 40 Jahren. CXXI 

kunst, die sie dann wieder zu dem Gebäude eines ein- 
zigen Systems vereinigt. Diese künstlichen Verknüpfungs- 
methoden sind von Vorteil nur für den Fall, daß es 
ein Vorteil ist, die Ergebnisse einer Betrachtung dem 
Gedächtnis klar einzuprägen ; aber da sie nicht zugleich mit 
den Ergebnissen auch die Wege in sich fassen, auf denen 
dieselben erreicht wurden, so erwirken sie nur eine äußer- 
liche Übermittelung von etwas Fix und Fertigem, ohne 
den lebendigen Geist der Forschung zu überliefern. Der 
Trieb zu systematisieren kann auf zwei verschiedene 
Ziele gerichtet sein. An erster Stelle können die Wissen- 
schaften klassifiziert werden als subjektive Bemühungen 
des forschenden Geistes, die Erkenntnis der Wahrheit zu 
erlangen. Nun ist gewiß nichts gegen dieses Vorhaben 
zu sagen, sondern nur gegen die übertriebene Wichtigkeit, 
die man ihm beilegt; und für diesen Erfolg können wir 
Aristoteles nicht Dank wissen. Es ist eine ganz un- 
fruchtbare Weitläufigkeit der Behandlung, wenn man wie 
er darüber diskutiert, ob eine gegebene Frage zu dieser 
oder jener von den unterschiedenen Disziplinen gehört. 
Denn es ist eine grundlose Meinung, daß jede Einzel- 
Disziplin eine besondere fruchtbare Methode besitze, die 
es ihr und keiner andern ermögliche, eine gegebene Frage 
zu beantworten; es ist daher schwer einzusehen, warum 
man, wenn man eine Frage zu beantworten weiß, sie nicht 
an der Stelle behandeln soll, wo der natürliche Gedanken- 
zusammenhang sie aufdrängt und ihre Lösung wünschens- 
wert macht; und anderseits, wenn man sie nicht beant- 
worten kann, dann ist es nur verlorene Mühe, sie anderen 
Disziplinen zu überweisen, die auch keine Aufklärung 
geben werden. Statt diesen Weg zu verfolgen, kann man 
den zweiten Standpunkt einnehmen, auf den ich anspielte: 
daß man versucht, nicht unsere subjektiven Verfahrungs- 
weisen, sondern den objektiven Inhalt der entdeckten 
Wahrheiten systematisch darzustellen; und daß man auf 
diesem Wege auch zu dem Ergebnis gelange, daß jede 
Frage, oder besser die Antwort auf jede Frage, ihren 
eigenen bestimmten unveränderlichen Platz in dem System 
als einem Ganzen hat. Ich kann diesen Anspruch nicht 
zugeben. Wir können naturgemäß die Lösung eines Pro- 
blems nur an dem Punkte der Forschung unternehmen, 
wo die Ergebnisse vorhergehender Untersuchungen uns 
die entsprechenden Entscheidungsgründe zur Verfügung 
stellen; und wenn wir den eigentlichen inneren Zusammen- 



CXXIT Die Philosophie in den letzten 40 Jahren. 

hang des Weltinhalts darzulegen streben, so ist diese Vor- 
hebe für systematische Klassifikation ein schädliches Vor- 
urteil. Die Welt ist sicherlich nicht so eingerichtet, daß 
die einzelnen Grundwahrheiten, die wir in ihr herrschend 
finden, nach dem armseligen Schema logischer Überord- 
nung, Nebenordi\ung und Unterordnung zusammenhängen. 
Sie bilden eher ein Gewebe, so gewoben, daß sie alle 
gleichzeitig in jedem Stückchen und jeder Falte gegen- 
wärtig sind. Man kann, je nachdem man ein Bedürfnis 
dazu fühlt, jeden von diesen einzelnen Fäden zum Haupt- 
objekt seiner Betrachtung machen ; aber man kann das nicht 
oder wenigstens nicht auf eine förderliche Weise tun, wenn 
man nicht in jedem Augenblick die anderen Fäden berück- 
sichtigt, mit denen er unlösbar vereinigt ist. 

Es könnte scheinen, als sagte ich mehr als ich eigent- 
lich will; so füge ich hinzu, daß ich nicht den begrenzten 
Nutzen dieser traditionellen Formen des Philosophierens 
bestreite, sondern nur ihren Anspruch, als die unumgäng- 
lichen Erfordernisse aller philosophischen Betrachtung zu 
gelten. Doch ich muß mich hier von dem geneigten Leser 
mit einer Apologie verabschieden. Ich habe einmal mit 
Bezug auf die Theorien der Erkenntnis, mit denen wir 
gegenwärtig überschwemmt werden, gesagt, daß das be- 
ständige Wetzen der Messer langweilig sei, wenn man nichts 
zu schneiden vorhabe. Und jetzt habe ich selber die Auf- 
merksamkeit des Lesers so lange für diese einleitenden Be- 
trachtungen in Anspruch genommen, daß ich sehr fürchte, 
ich werde keinen günstigen Eindruck gemacht haben. Ich 
werde mich bestreben, meinen Fehler dadurch zu sühnen, 
daß ich mich jetzt ohne weiteres, und mit der erwünschten 
Freiheit von scholastischen Formen, zu jenen wesent- 
lichen Fragen wende, deren Erörterung zu allen Zeiten, 
und nicht zum wenigsten in unserer eigenen, das leb- 
hafte Interesse der Menschheit erweckt hat. 



Lotze's Logik. 



Vorwort Lotze's. 

Wenn ich dieses Buch als ersten Theil eines Systems 
der Philosophie zu bezeichnen wage, so hoffe ich, daß 
man hinter dieser Benennung nicht dieselben Ansprüche 
vermuthen wird, die in früheren Zeiten sich durch sie 
anzukündigen pflegten. Es kann natürlich nur meine Ab- 
sicht sein, das Ganze meiner persönlichen Ueberzeugungen 
in einer systematischen Form darzustellen, welche dem 
Leser das Urtheil darüber möglich macht, in wieweit sie 
nicht nur in sich selbst zusammenstimmen, sondern auch 
dazu dienen können, die vereinzelten Gebiete unserer ge- 
wissen Erkenntniß über die großen Lücken hinweg, durch 
welche dieselben getrennt sind, in den Zusammenhang einer 
abschlioßbaren Weltansicht zu verknüpfen. Von diesem 
Beweggrund habe ich mich auch in diesem Anfang meiner 
Darstellung leiten lassen. Ihr erstes Buch, obwohl völlig 
neu geschrieben, wiederholt im Wesentlichen den Gedanken- 
gang meiner kleinen längst vergriffenen Logik vom Jahre 
1843; ich habe nicht Ursache gefunden, diesen zu ändern, 
und noch jetzt wie damals liegt nur in ihm das Interesse, 
das ich selbst an der Darstellung der Logik nehme; Er- 
weiterungen und Verbesserungen ihres Formalismus zu ver- 
suchen, jedoch innerhalb des allgemeinen Characters, den 
derselbe einmal hat und haben muß, halte ich jetzt wie 
damals für unfruchtbare Arbeit; was von ihm wissenswürdig 
ist, sei 6s auch nur in einer Art von culturgeschichtlichem 
Interesse, glaube ich dennoch vollständig mitgetheilt zu 



CXXVI Vorwort. 

haben, und bin bemüht gewesen, es in der einfachsten Form 
zu thun. Das zweite Buch, das, aller systematischen Fesseln 
ledig, zusammenstellt, was mir nützlich schien, bedarf keines 
Vorworts; Vieles läßt sich hier anders auswählen, Manches 
hinzufügen, Manches wird auch hinweggewünscht werden; 
man muß es wie einen offenen Markt betrachten, auf 
welchem man die unbegehrte Waare ruhig bei Seite läßt. 
Das dritte Buch war ganz anders beabsichtigt; es sollte 
dieselben Gegenstände, die es jetzt bespricht, in Gestalt 
einer historisch-kritischen Darstellung der logischen Ge- 
sammtansichten behandeln, die in Deutschland und bei 
den verschiedenen Nationen des Auslandes in vielen sehr 
interessanten und der Theilnahme würdigen Formen auf- 
getreten sind. Der Versuch der Ausführung zeigte, daß 
diese Aufgabe, wenn sie mit der Gründlichkeit gelöst werden 
sollte, die man allen jenen schätzenswerthen Arbeiten 
schuldig ist, innerhalb der Grenzen dieses Buches ganz 
unerfüllbar blieb; vielleicht findet sich für sie eine andere 
Gelegenheit; vor der Hand führt dies Mißlingen mich dazu, 
zunächst jeder Rücksichtnahme auf fremde Ansichten zu 
entsagen und nur vorzutragen, was entweder Gemeingut 
ist oder zu meiner individuellen Anschauungsweise gehört. 
Möge nicht Alles, was ich geäußert habe, immer nur dieser 
letzten angehören I 

Göttingen, 10. Juni 1874. 



Außer einigen kleinen Verbesserungen der Darstellung 
enthält diese zweite Auflage nur einen größeren Zusatz: 
die Anmerkung über logischen Calcül, S. 256; ich bemerke 
zu S. 268, daß Jevons von Kalium spricht; warum ich 
Natrium vorgezogen habe, erräth man vielleicht. 

Göttingen, 6. Sept. 1880. 

Der Verfasser. 



Inhalt. 



Seite 

Erstes Buch. Vom Denken (reine Logik) 1 

Einleitung- 3 

Erstes Kapitel. Die Lehre vom Begriffe 

A. Die Formung der Eindrücke zu Vorstellungen .... 14 

B. Setzung, Vergleichung und Unterscheidung der einfachen 
Vorstellungsinhalte 24 

C. Die Bildung des Begriffs 36 

Uehergang zu der Form des Urtheils 54 

Zweites Kapitel. Die Lehre vom Urtheil 57 

Vorbemerkungen über Bedeutung und gewöhnliche Eintheilung 

der Urtheile 57 

Die Reihe der Urtheilsformen 

A. Das impersonale Urtheil. Das kategorische Urtheil. Der 
Satz der Identität 69 

B. Das particulare Urtheil. Das hypothetische Urtheil. Der 
Satz des zureichenden Grundes 77 

C. Das generelle Urtheil. Das disjunctive Urtheil. Das 
Dictum de omni et nullo und das Princip. exclusi medii 91 

Anhang über die unmittelbaren Folgerungen 101 

Drittes Kapitel. Die Lehre vom Schluß und den syste- 
matischen Formen 108 

Vorbemerkungen über die Aristotelische Syllogistik .... 108 

A. Der Schluß durch Subsumption; durch Induction; durch 
Analogie 121 

B. Die mathematischen Folgerungen: durch Substitution; 
durch Proportion; die constitutive Gleichung .... 131 

C. Die systematischen Formen: Classification; erklärende 
Theorie; das dialektische Ideal des Denkens 148 

Zweites Buch. Vom Untersuchen (angewandte Logik) . . . 187 

Erstes Kapitel. Die Formen der Definition 192 

Zweites Kapitel. Von der Begrenzung der Begriffe . . 212 
Drittes Kapitel. Schematische Anordnungen und Bezeich- 
nung der Begriffe 232 

Anmerkung über logischen Calcül 256 



CXXVIII Inhalt. 

Seite 

Viertes Kapitel. Die Formen des Beweises 269 

Fünftes Kapitel. Die Auffindung der Beweisgründe . . 298 

Sechstes Kapitel. Beweisfehler und Dilemmen .... 335 

Siebentes Kapitel. Allgemeine Sätze aus Wahrnehmungen 353 

Achtes Kapitel. Autfiudung von Gesetzen 390 

Neuntes Kapitel. Bestimmung singularer Thatsachen und 

Wahrscheinlichkeitsberechnung 421 

Zehntes Kapitel. Von Wahlen und Abstimmungen . . 459 

Drittes Buch. Vom Erkennen (Methodologie). 

Vorbemerkung 477 

Erstes Kapitel. Vom Skepticismus 485 

Zweites Kapitel. Die Ideenwelt 505 

Drittes Kapitel. Apriorismus und Empirismus .... 524 
Viertes Kapitel. Reale und formale Bedeutung des 

Logischen 548 

Fünftes Kapitel. Die apriorischen Wahrheiten .... 572 



Druckfehler -Verzeichnis. 

Seite 104, Zeile 15 : heißt nicht „umgeändert" sondern „ungeändert". 
„ 124, „ 10: „eigensinnig". 
„ 125, „ 14: „beruht". 

167, „ 4 von unten: „logisch". 
„ 262, „ 4 ,, ,. statt „auf abenteuerliche" „auf weniger 

abenteuerliche**. 



Erstes Buch. 

Vom Denken, 

(Reine Logik.) 



I. Auf Anregungen der Sinne entstehen uns fast in 
jedem Augenblick unseres wachen Lebens verschiedene Vor- 
stellungen zugleich oder in unmittelbarer Abfolge. Von ihnen 
haben manche ein Recht, in unserem Bewußtsein so zu- 
sammenzutreffen, weil auch die Wirklichkeit, aus der sie 
stammen, ilire veranlassenden Ursachen immer zugleich er- 
zeugt oder aufeinander folgen läßt'; andere begegnen sich 
in uns nur deshalb, weil innerhalb des Bereiches der Außen- 
welt, für dessen Einwirkung wir erreichbar sind, ihre ver- 
anlassenden Ursachen thatsächlich in demselben Augenblick 
zusammentrafen, doch ohne einen inneren Zusammenhang, 
d^r 4hre gleiche Verknüpfung in jedem Wiederholungsfalle 
sfeiherte. Diese Misohung zusammengehöriger und nur 
z u s a-m m e ngerathener Vorstellungen , wiederholt nach 
einem Gesetze, welches wir unserer Selbstbeobachtung ent- 
lehnen, auch der Verlauf unserer Erinnerungen,' Denn jede 
Vorstellung, sobald sie irgendwie im Bewußtsein neubelebt 
wird, erweckt auch diejenigen anderen wieder, die früher 
einmal, gleichzeitig oder ohne Zwischenglied folgend, mit 
ihr zusammengewesen sind, gleichviel ob die frühere Ver- 
knüpfung auf jener Zusammengehörigkeit der vorgestellten 
Inhalte oder auf dieser bloßen Gleichzeitigkeit ' übrigens 
einander fremder; Erregungen beruht haben mag.l Der erste 
Fall, die Wiederbringung des Zusammengehörigen, begrün- 
det unsere Hoffnung, zu Erkenntnissen zu gelangen; der 
zweite, die Leichtigkeit, mit der das Zusammengerathene' 
an eiijander haftet und sich wechselseitig ins Bewußtsein 
drängt, ist die Quelle der Irrthümer und zunächst jener Zer- 
streuung, durch die unsere Gedanken von der Verfolgung 
eines sachlichen Zusammenhanges abgehalten werden. 

IL Mit dem Namen des Vorstellungsverlaufes 
bezeichnen wir das abwechselungsreiche Ganze der Vor- 
gänge, zu denen diese Eigenthümlichkeit unseres Seelen- 
lebens führt. Nothwendigen Zusammenhang zwischen den 
Gliedern dieses Ganzen würden wir, wenn eine allwissende 

1* 



6 Einleitung. 

zu welchem diese Betrachtung des Denkens einleiten soll; 
zulässig aber erscheint sie mir, weil sie zwar die allgemeine 
Färbung meiner folgenden Darstellung entschieden be- 
stimmen, aber die inneren Beziehungen des darzustellenden 
Inhalts nicht unnatürlich ändern wird. 

V. Es ist nützlicher, einer andern Fassung desselben 
Einwurfs zu begegnen, welche die allgemeine Gültigkeit des 
fraglichen Gegensatzes zugibt, aber hier nicht Veranlassung 
zu seiner Anwendung zu haben glaubt. Die Verknüpfung 
des Zusammengehörigen, die Wahrheit also, komme auf 
demselben Wege nur etwas später zu Stande, auf welchem 
Anfangs die irrigen Verbindungen des zufällig Zusammen- 
gerathenen entstehend Denn der Lauf der Dinge selbst sorge 
dafür, daß diejenigen Ereignisse, welche ein innerer Zu- 
sammenhang mit einander verknüpft, unverhältnißmäßig' 
häufiger auf uns verbunden einwirken, als diejenigen, die 
ohne inneres Band der Zufall bald so bald anders zu- 
sammentreffen läßt. Durch diese öftere Wiederholung , be- 
festige sich in uns die Verbindung des Zusammengehörigen, 
während die Verknüpfungen des Zusammengerathenen ein- 
ander durch ihre Ungleichheiten lockern und zerstören. 
Auf diese Weise vollziehe der Vorstellungsverlauf von selbst 
jene Scheidung des Zusammengehörigen vom Nichtzusam- 
mengehörigen, die wir einer besonderen rückwirkenden 
Thätigkeit des Geistes glaubten zuweisen, zu müssen; das 
Thier wie der Mensch erwerbe so die Menge, sachentsprechen- 
der Kenntnisse, durch welche das tägliche Verhalten beider 
im Leben bestimmt wird. Es würde überflüssig sein, aus- 
drücklich hervorzuheben, daß diese Schilderung völlig rich- 
tig sei, wenn sie nur eine Entstehungsgeschichte dieses 
zuletzt genannten Erwerbes sein will; aber ich denke zu 
zeigen, daß eben durch diesen die eigenthümliche Leistung 
des Denkens weder scharf bezeichnet noch erschöpft ist. 

VL Eine gewöhnliche Meinung behält dem Menschen 
das Vermögen des Denkens vor und spricht es dem Thiere 
ab. Ohne für oder wider diese Annahme ernstlich zu ent- 
scheiden, benutze ich sie zur Bequemlichkeit meiner Er- 
läuterung. In der Seele eines Thieres, die demgemäß auf 
bloßen Vorstellungsverlauf beschränkt wäre, würde der erste 
Eindruck eines belaubten Baumes nur ein Gesammtbild 
erzeugen, zwischen dessen Bestandtheilen besondere Be- 
ziehungen der Zusammengehörigkeit aufzusuchen hier außer 
der Fähigkeit auch noch jeder Antrieb fehlen würde. Der 
Winter entlaubt den Baum, und eine zweite Wahrnehmung 



Einleitung. 7 

des Thieres findet nur einen Theil des früheren Gesammt- 
bildes wieder, der zwar die Vorstellung des andern wieder 
zu erzeugen strebt, darin aber durch den gegenwärtigen 
Augenschein bestritten wird. Wenn nun der wiederkehrende 
Sommer den alten Thatbestand herstellt, so mag allerdings 
das erneuerte Gesammtbild des belaubten Baumes jetzt 
nicht mehr die einfache und unbefangene Einheit der ersten 
Wahrnehmung besitzen; die Erinnerung an die zweite, sich 
zwischendrängend, scheidet es in den Bestandtheil welcher 
blieb und den welcher wechselte. Ich halte nicht für an- 
gebbar, was eigentlich in der Seele des Thieres sich unter 
den angenommenen Umständen ereignen würde; schreiben 
wir ihm indessen selbst die Fähigkeit noch zu, vergleichend 
den Verlauf seiner Vorstellungen zu überblicken und das 
gefundene Verhalten auszudrücken, so würde doch dieser 
Ausdruck nicht mehr besagen können als die Thatsache, 
daß zwei Wahrnehmungen bald zusammen waren bald nicht. 
Der Mensch, wenn er dieselben Gegenstände seiner Be- 
obachtung den belaubten und den unbelaubten Baum nennt, 
drückt damit nur dieselben Thatbestände aus ; aber die Auf- 
fassung derselben, welche er in diesen ihm gewohnten 
sprachlichen Formen kundgibt, enthält doch eine ganz 
andere geistige Arbeit. Denn der Name des Baumes, dem 
er jene nähere Bezeichnung bald hinzufügt bald entzieht, 
bedeutet ihm nicht blos einen beharrlichen Theil seiner 
Wahrnehmung im Gegensatz zu einem veränderlichen, son- 
dern die auf sich beruhende Sache, das Ding im Gegen- 
satze zu seiner Eigenschaft. Indem er den Baum und seine 
Belaubung unter diesen Gesichtspunkt rückt, läßt er diese 
Beziehung, welche zwischen einem Dinge und seiner Eigen- 
schaft bestehe, als den Rechtsgrund erscheinen, der sowohl 
die Trennbarkeit als die Verbindung beider Vorstellungen 
rechtfertigt, und führt so die Thatsache ihres Zusammenseins 
oder NichtZusammenseins in unserem Bewußtsein auf eine 
sachliche Bedingung ihrer augenblicklichen Zusammen- 
gehörigkeit oder NichtZusammengehörigkeit zurück. Man 
kann dieselbe Betrachtung über andere Beispiele erstrecken. 
In der Seele des Hundes ruft der erneute Anblick des ge- 
schwungenen Stockes die Vorstellung des früher erlittenen 
Schmerzes zurück; der Mensch, wenn er den Satz aus- 
spricht, der Schlag thue weh, drückt damit nicht blos die 
thatsächliche Verknüpfung beider Ereignisse aus, sondern 
er rechtfertigt sie. Denn indem er in diesem Urtheile den 
Schlag als das Subject bezeichnet, von dem der Schmerz 



8 Einleitung. 

ausgehe, läßt er deutlich das allgemeine Verhältniß eiat-r 
Ursache zu ihrer Wirkung als den Grund erscheinen, um 
deswillen nicht blos beide Vorstellungen in uns zusammen 
sind, sondern die eine berechtigt und verpflichtet ist auf 
die andere zu folgen. Endlich mag dem Hunde mit der 
Erwartung des Schmerzes zugleich die Erinnerung wieder- 
kehren, mit der Flucht, zu der ihn früher ein unwillkürlicher 
Trieb anleitete, sei eine Milderung des Schmerzes ver- 
bunden gewesen; und gewiß wird diese neue Verkettung 
seiner Vorstellungen ihn zu der nützlichen Wiederholung 
seiner Flucht ebenso sicher bestimmen, als wenn er über- 
legend schlösse: drohende Schläge verhindere insgemein 
die Entfernung, ihm drohe der Schlag, also müsse er 
flüchten. Aber der Mensch, der in gleichem oder ernst- 
hafterem Falle einen solchen Schluß wirklich bildet, vollzieht 
doch eine ganz andere geistige Arbeit; indem er im Ober- 
satz eine allgemeine Erkenntniß ausspricht und ihr im 
Untersatz einen besonderen Fall der Anwendung unter- 
ordnet, wiederholt er nicht nur die Thatsache jener nütz- 
lichen Verknüpfung von Vorstellungen und Erwartungen, 
die das Thier auf sich. wirken läßt, sondern rechtfertigt sie 
durch Berufung auf die Abhängigkeit des Besonderen von 
seinem Allgemeinen. 

VII. Durch diese Beispiele, welche sich auf die all- 
bekannten Formen des Denkens, atif Begriff Urtheil und 
Schluß erstreckten, glaube ich hinlänglich den Ueberschuß, 
der Leistung deutlich gemacht zu haben, welchen das Denken 
vor dem bloßen Vorstellungsverlaufe voraus bat : er besteht 
überall in den Nebengedanken, welche zu der Wieder- 
herstellung oder Trennung einer Vorstellungsverknüpfung 
den Bechtsgrund der Zusammengehörigkeit oder Nicht- 
zusammengehörigkeit hinzufügen. Diese Leistung bleibt in 
ihrem Werthe völlig dieselbe, welche Meinung man auch 
über ihre Entstehung haben mag; zögen wir vor, sie nicht 
als Ausfluß einer besonderen Thätigkeit, sondern nur als 
ein feineres Erzeugniß zu betrachten, welches der Vor- 
stellungsverlauf unter' günstigen Umständen von selbst her- 
vorbringt, so würde uns Denken diesen Vorstellungsverlauf 
eben nur auf derjenigen Stufe seiner Entwicklung heißen, 
auf welcher er zur Erzeugung dieser neuen Leistung bereits 
gekommen ist. Hierin also, in der Erzeugung jener recht- 
fertigenden Nebengedanken, welche die Form unseres Auf- 
fassens bedingen, nicht in der bloßen Sachgemäßheit der 
Auffassungen, liegt die Eigenthümlichkeit des Denkens, der 



Einleitung. ^^ 

unsere ganze spätere Darstellung gilt. Daß auch ohne dieses 
Denken der bloße Vorstellungsverlauf des Thieres eine Menge 
nützlicher Verknüpfungen der Eindrücke, viele zutreffende 
Erwartungen und passende Rückwirkungen hervorbringt, 
leugnen wir nicht; wir geben im Gegentheil zu, daß selbst 
vieles von dem, was der Mensch sein Denken nennt, in 
der That nur in einem Spiele einander hervorrtt^ender Vor'- 
stellungen besteht. Dennoch bleibt hier vielleicht ein Unter- 
schied. In den plötzlichen Eingebungen, die uns im Augen- 
blick eine entscheidende Ma^egel tre'ffen lassen, in der 
raschen Uebersicht, welc]ie verwickeltes Mannigfaltige fast 
schneller zergliedert, als die bloße Wahrnehmung seiner 
Bestandtheile möglich schien, in der künstlerischen Erfin- 
dung endlich, die* sich ihrer treibenden Gründe unbewußt 
bleibt: in allen diesen Fällen glauben wir nicht einen Vor- 
stellungsverlauf, welcher noch nicht Denken wäre, sondern 
ein verkürztes Denken wirken zu sehen. An den bestimmten 
Beispielen, an denen diese überraschenden Leistungen voll- 
zogen werden, gelingen sie wohl nur, weil ein entwickeltes 
Denken längst an andern Beispielen die Gewohnheit jener 
Nebengedanken groß gezogen hatte, welche' die gegebenen 
Eindrücke unter allgemeine Gründe ihrer Zusammengehörig- 
keit bringen; und wie jede Geschicklichkeit, die zur mühe- 
losen zweiten Natur geworden ist, hat auch dieäe eirle 
vergessene Zeit mühsamer Uebung hifiter sich; "^ '' 

VIII. In den Beispielen, die ich benutzte, fielen die 
Nebengedanken, durch welche wir die Verknüpfungen der 
Vorstellungen rechtfertigten, ersichtlich mit gewissen Voraus- 
setzungen zusammen, deren wir uns über den Zusammen- 
hang des Wirklichen nicht entschlagen. In der That, ohne 
die Gesammtheit des Wahrnehmbaren durch den Gegensatz 
von Dingen und ihren Eigenschaften zu gliedern, ohne die 
Annahme einer Abfolge von Wirkungen aus Ursaclien^ ohne 
die bestimmende Macht endlich des Allgemeinen über das 
Besondere, ist uns jede Auffassung der umgebenden Wirk- 
lichkeit völlig unmöglich; Von hier aus erscheint es daher 
eine ganz von selbst sich ergebende Behauptung, in s.einen 
Formen und den si^ beseelenden • Nebengedanken* bildg, das 
Denken unmittelbar die allgemeinen Formen des Seienden 
selbst und seiner Zusammenhänge ab, und oft genug ist in 
der That diese reale Geltung des Denkens und seiner Ver- 
fahrungsweisen gelehrt worden. Die entgegengesetzte Be- 
hauptung, die man als volles Widerspiel erwarten könnte. 



10 Einleitung. 

ist nie gleich uneingeschränkt gewagt worden. Zu natürlich 
erscheint jedem Unbefangenen das Denken als ein Mittel, 
zur Erkenntniß des Wirklichen zu gelangen, und viel zu 
sehr beruht alle Theilnahme für die wissenschaftliche Unter- 
suchung seines Verfahrens auf dieser Voraussetzung, als daß 
man jemals von einer blos formalen Geltung alles 
logischen Thuns mit bestimmter Leugnung jeder Beziehung 
desselben zu der Natur des Seienden hätte sprechen können. 
Indem man daher die Formen und Gesetze des Denkens 
zunächst als eigenthümliche Folgen der Natur unserer 
geistigen Organisation ansah, schloß man nicht jedes Zu- 
sammenpassen derselben zu dem Wesen der Dinge aus, aber 
man leugnete jene Beziehung kurzer Hand, nach welcher 
die Formen des Denkens unmittelbare Abbilder der Formen 
des Seins wären. 

IX. Zu dieser viejbehandelten Streitfrage kann eine 
Einleitung nur eine vorläufige Stellung nehmen. Gewiß 
werden wir recht thun, wenn wir am Anfange unserer Be- ^ 
trachtung nur das beachten, was hier schon klar sein kann, 
die Entscheidung des Ungewissen aber ihrem Fortgange 
überlassen. Bleiben wir deshalb bei der natürlichen Voraus- 
setzung, welche das Denken als ein Mittel zur Erkenntniß 
ansieht; Nun hat jedes Werkzeug die doppelte Verpflich- 
tung, sachgerecht und handgerecht zu sein. " Sachgerecht, 
sofern es durch seinen eigenen Bau im Stande sein muß, 
den Gegenständen, die es bearbeiten soll, überhaupt nahe 
zu kommen, sie zu erreichen, zu fassen und an ihnen einen 
Angriffspunkt für seine umgestaltende Einwirkung zu finden ; 
und diese Forderung erfüllen wir für das Denken durch 
(Jas Zugeständniß, daß seine Formen und Gesetze gewiß 
nicht bloße Sonderbarkeiten menschlicher Geisteseinrich- 
tung, sondern daß sie; so wie sie sind, beständig und durch- 
gehends auf das Wesen des Wirklichen berechnet sirld. 
Handgerecht aber muß jedes Werkzeug dadurch sein, daß 
es durch andere Eigenschaften seines Baues ergreifbar halt- 
bar und bewegbar lür die Kraftjdie Stellung und den Stand- 
punkt desjenigen ist, der sich seiner bedienen soll; und 
diese zweite nothweüdig zu erfüllende Forderung beschränkt 
für das Denken den Sinn des vorigen Zugeständnisses. 
Nur ein Geist, der im Mittelpunkte der Welt und alles Wirk- 
lichen stände, nicht außerhalb der einzelnen Dinge, sondern 
sie alle durchdringend und mitseiend, nur ein' solcher möchte 
eine Anschauung der Wirklichkeit besitzen, die, weil sie 



Einleitung. 11 

nichts erst zu suchen brauchte, unmittelbar das völlige 
Abbild derselben in ihren eigenen Formen des Seins und 
der Thätigkeit wäre. Der menschliche Geist dagegen, um 
dessen Denken allein es sich für uns handelt, steht in 
diesem Mittelpunkte der Dinge nicht, sondern hat seinen 
bescheidenen Ort irgendwo in den letzten Verzweigungen 
der Wirklichkeit. Genöthigt, seine Erkenntniß durch Er- 
fahrungen, die sich unmittelbar nur auf einen kleinen Bruch- 
theil des Ganzen beziehen, stückweis zusammenzubringen 
und von hier aus vorsichtig zu der Auffassung de^en vor- 
zudringen, was nicht in seinen Gesichtskreis fällt, hat et' 
sehr wahrscheinlich eine Menge von Umwegen nöthig, die 
der "Wahrheit selbst, die er sucht, gleichgültig, aber ihm, 
der sie sucht, unvermeidlich sind. Wie sehr wir mithin die 
ursprüngliche Beziehung der Denkformen auf das Ziel der 
Erkenntniß, die J\^atur der Dinge, voraijgsetzen mögen : darauf 
müssen wir uns doch gefaßt machen, manche Bestandtheile 
in ihnen anzutreffen, die das eigne Wesen des Wirklichen 
nicht sofort abbilden, zu dessen Erkenntniß sie f ühi:en sollen ; 
ja es bleibt die Möglichkeit, daß ein sehr , großer Theil 
unserer Denkbemühungen nur einem Gerüste gleicht, das 
keineswegs zu den bleibenden Formen des Baues gehört, 
den es aufführen half, das im Gegentheil wieder abge- 
brochen werden muß, um den freien Anblick seines Er- 
gebnisses zu gewähren. Es reicht hin, diese vorläufige Er- 
wartung erregt zu haben, mit der wir dem Gegenstande 
unserer Betrachtung entgegenkommen wollen; jede bestimm- 
tere Entscheidung über die Grenzen, welche die formale 
Gültigkeit unseres Denkens von seiner realen Bedeutung 
trennt, kann nur von dem Verlaufe unserer Untersuchungen 
gefordert werden. 

X. Ich vermeide absichtlich, den Beginn dieser letzteren 
durch Erörterungen zu verzögern, die mir mit Unrecht den 
Zugang zur Logik zu erschweren scheinen. Welche Gemüths- 
verfassung dazu gehöre, um die Denkhandlungen mit Glück 
zu vollziehen, wie die Aufmerksamkeit zusammenzuhalten, 
die Zerstreuung zu verhüten, die Schläfrigkeit aufzuregen, 
die Uebereilung zu zügeln sei: alle diese Fragen gehören 
so wenig zum Gebiete der Logik, als die Untersuchungen 
über die Entstehung unserer Sinneseindrücke und die Be- 
dingungen, unter denen Bewußtsein überhaupt und bewußte 
Thätigkeit möglich ist. Vorausgesetzt vielmehr, daß es alles 
dies gebe, Wahrnehmungen Vorstellungen und ihre Ver- 



12 Einleitung. 

flechtung nach den Gesetzen eines seelischen Mechanismus, 
beginnt die Logik selbst erst mit der Ueberzeugung, daß 
es dabei sein Bewenden nicht haben soll, daß vielmehr 
zwischen den Vorstellungsverknüpfungen, wie sie auch 
immer entstanden sein mögen, ein Unterschied der Wahr- 
heit und Unwahrheit stattfinde, daß es endlich Formen gebe, 
denen diese Verknüpfungen entsprechen, Gesetze, denen sie 
gehorchen sollen. Allerdings kann es eine psychologische 
Untersuchung geben, welche auch den Ursprung dieses 
gesetzgebenden Bewußtseins in uns aufzuklären strebt; aber 
auch dieser Versuch würde die Richtigkeit seiner eignen 
Ergebnisse nur nach dem Maßstab messen können, den eben 
dieses von ihm zu untersuchende Bewußtsein aufstellt. Zu- 
erst muß daher das ermittelt werden, was der Inhalt dieser 
gesetzgebenden Ueberzeugung in uns ist; nur in zweiter 
Linie kann ihre eigne Entstehungsgeschichte, und dann nur 
in Uebereinstimmung mit den Forderungen, welche sie selbst 
ausspricht, unternommen werden. 

XL Indem ich für erschöpft halte, was ich zur Ein- 
leitung meiner Darstellung zu bedürfen glaubte, füge ich 
eine vorläufige Uebersicht ihres Ganges hinzu. Die Bei- 
spiele, welche wir bisher benutzten, führen von selbst in 
einen ersten Haupttheil ein, der unter dem Namen der 
reinen oder formalen Logik dem Denken überhaupt und 
jenen allgemeinen Grundformen und Grundsätzen desselben 
gewidmet ist, die ohne Rücksicht auf die Verschiedenheit 
der zu behandelnden Gegenstände überall sowohl in der 
Beurtheilung des Wirklichen als in der Ueberlegung des 
Möglichen gelten. Die bloße Nennung von Begriff Urtheil 
und Schluß genügt, um zu bemerken, wie natürlich diese 
Formen sich als verschiedene Stufen einer und derselben 
Thätigkeit darstellen; diesen Faden des Zusammenhangs 
wird meine Behandlung der reinen Logik etwas schärfer 
als gewöhnlich anzuspannen suchen. Sie wird die ver- 
schiedenen Denkformen in eine aufsteigende Reihe ordnen, 
in welcher jedes spätere Glied einen Mangel zu tilgen sucht, 
den das zunächst frühere übrig ließ, weil es dem allgemeinen 
Bestreben des Denkens, Zusammenseiendes auf Zusammen- 
gehöriges zurückzuführen, in Bezug auf die Frage, die ihm, 
diesem früheren Gliede, vorlag, noch keine vollständige 
Befriedigung verschaffte. Diese Reihe von Gliedern wird 
von den einfachsten Formungen der einzelnen Eindrücke 
bis zu dem Gedanken der umfassenden Ordnung fort- 
schreiten, welche wir, wenn es anginge, dem Ganzen der 



Einleitung. 13 

Welt, auf Grund dieses allgemeinen logischen Triebes, geben 
möchten. 

XII. Die reine Logik selbst nun wird zeigen und er- 
läutern, daß die Formen des Begriffs, des Urtheils und des 
Schlusses zunächst als ideale Formen zu betrachten sind, 
die dann, wenn es gelingt, den gegebenen Stoff der Vor- 
stellungen in sie einzuordnen, die wahre logische Fassung 
dieses Stoffes erzeugen. Aber die verschiedenen Eigen- 
thümlichkeiten der verschiedenen Gegenstände setzen dieser 
Einordnung Widerstände entgegen \ nicht von selbst ist klar, 
welche Summe von Inhalt als abgeschlossener Begriff einem 
andern entgegengesetzt zu werden verdient; nicht von selbst, 
welches Prädicat allgemeingültig welchem Subject zukommt, 
noch wie das allgemeine Gesetz zu finden ist, das einer 
systematischen Anordnung eines Mannigfachen als Princip 
dienen soll. Die angewandte Logik beschäftigt sich mit den 
Methoden des Untersuchens, welche diese Mängel be- 
seitigen. Als eine Betrachtung von Hindernissen und den 
Kunstgriffen zu ihrer Bewältigung muß diese Lehre, mit 
Aufopferung der Vorliebe für Systematik, nach Rücksichten 
der Nützlichkeit dasjenige auswählen, was die bisherige 
Erfahrung der Wissenschaft als erheblich und fruchtbar 
kennen gelehrt hat; die Grenzenlosigkeit des hier sich 
bietenden Beobachtungsstoffes macht es leider unmöglich, 
diesen glänzendsten, der Erfindungsgabe der Neuzeit an- 
gehörigen Theil der Logik mit an sich wünschenswerther 
Vollständigkeit herzustellen. 

XIII. Dem Erkennen wird der dritte Theil sich wid- 
men, der Frage also, die unsere Einleitung berührte, ohne 
sie zu beantworten: in wie weit kann ein Ganzes von Ge- 
danken, das wir durch alle Mittel der reinen und der an- 
gewandten Logik aufzubauen im Stande gewesen sind, darauf 
Anspruch machen, eine zutreffende Erkenntniß dessen zu 
sein, was wir als Gegenstand und veranlassende Ursache 
unserer Vorstellungen glauben voraussetzen zu müssen. Je 
geläufiger dem gewöhnlichen Bewußtsein dieser Gegensatz 
zwischen dem Gegenstande unserer Erkenntniß und unserer 
Erkenntniß dieses Gegenstandes ist, um so unbesorgter kann 
ich seine Erwähnung als eine vorläufige Bezeichnung der 
Betrachtungen gelten lassen, die diesem dritten Theile zu- 
fallen werden; ihm selbst mag es aufbehalten bleiben, die 
Schwierigkeiten aufzudecken, welche diese scheinbar klare 
Gegenüberstellung enthält, und sich darnach die Grenzen 
seiner Aufgaben genauer zu bestimmen. 



Erstes Kapitel. 

Die Lehre vom Begriffe. 



A. Die Formung der Eindrücke zu Vorstellungen. 

1. In Beziehungen eines Mannigfachen pflegen sich uns 
die Leistungen des Denkens zu zeigen; man kann daher 
glauben, auch die ursprünglichste seiner Handlungen in einer 
einfachsten Art der Verknüpfung zweier Vorstellungen 
suchen zu müssen. Eine leichte Ueberlegung räth uns 
indessen, noch einen Schritt weiter zurückzugehen. Aus 
lauter Kugeln läßt sich ein Haufe leicht zusammenwerfen, 
wenn es gleichgültig ist, wie sie liegen; ein Gebäude von 
regelmäßiger Gestalt dagegen ist nur aus Bausteinen möglich, 
die einzeln bereits jeder in Formen gebracht sind, in welchen 
sie einander passende Flächen zu sicherer Anfügung und 
Auflagerung zuwenden. Man wird Aehnliches hier erwarten 
müssen. Als bloße Erregungen unseres Inneren können die 
Zustände, welche den äußern Reizen folgen, ohne weitere 
Vorbereitung in uns beisammen sein und auf einander so 
wirken, wie es eben die allgemeinen Gesetze unseres Seelen- 
lebens gestatten oder befehlen ; um dagegen in der bestimm- 
ten Form eines Gedankens verbindbar zu werden, be- 
dürfen sie einzeln einer vorgängigen Formung, durch welche 
sie überhaupt erst zu logischen Bausteinen, aus Ein- 
drücken zu Vorstellungen werden. Nichts ist uns 
im Grunde vertrauter als diese erste Leistung des Denkens; 
wir pflegen nur deshalb über sie hinwegzusehen, weil sie 
in der Bildung der uns überkommenen Sprache beständig 
schon geleistet ist und darum zu den selbstverständlichen 
Voraussetzungen, nicht mehr zu der eigenen Arbeit des 
Denkens zu gehören scheint. 



Die Lehre vom Begriffe. 15 

2. Was unmittelbar unter dem Einflüsse äußerer Reize 
in uns entsteht, die Empfindung oder das sinnliche Gefühl, 
ist an sich nichts als ein Zustand unseres Befindens, eine 
Art, wie uns zu Muth ist. Nicht immer gelingt es uns, 
einen Namen zu finden für das, was wir so leiden, und es 
dadurch mittheilbar an Andere zu machen; nur die formlose 
Interjection, der Ausruf, bleibt uns zuweilen übrig, um dies 
Unsagbare, ohne sichere Hoffnung auf Verständniß, wenig- 
stens zu verlautbaren. In den günstigeren Fällen aber, in 
welchen uns die Schöpfung eines Namens gelungen ist, 
welche Leistung ist dann ausgeführt, und verräth sich eben 
in dieser Schöpfung selbst? Keine andere, als eben die, 
die wir hier suchen, die Verwandlung eines Eindrucks 
in Vorstellung. Sobald wir die verschiedenen Erregun- 
gen, welche uns Lichtwellen durch unser Auge veranlassen, 
grün oder roth nennen, haben wir ein früher Ungeschiedenes 
geschieden: unser Empfinden von dem Empfindbaren, auf 
das es sich bezieht. Dies Empfindbare stellen wir jetzt vor 
uns hin, nicht mehr als einen Zustand unseres Leidens, 
sondern als einen Inhalt, der an sich selbst ist was er ist 
und bedeutet was er bedeutet, und der dies zu sein und zu 
bedeuten fortfährt, gleichviel ob unser Bewußtsein sich auf 
ihn richtet oder nicht. Man wird leicht hierin den noth- 
wendigen Anfang jener Thätigkeit entdecken, die wir dem 
Denken überhaupt zueigneten; sie kann hier noch nicht 
darauf gerichtet sein, zusammenseiendes Mannigfaltige in 
Zusammengehöriges zu verwandeln; sie löst vor Allem die 
Voraufgabe, jedem einzelnen Eindrucke die Bedeutung eines 
an sich Gleichgültigen zu geben, ohne welche später eine 
sachliche Zusammengehörigkeit mehrerer keinen angebbaren 
Sinn im Gegensatze zu bloßem Zusammensein in uns haben 
könnte. 

3. Man kann diese erste Leistung des Denkens als 
Beginn einer Objectivirung des Subjectiven bezeichnen; 
ich benutze diesen Ausdruck, um durch Abwehr eines Miß- 
verständnisses den einfachen Sinn des Gesagten zu ver- 
deutlichen. Objectivität in der Bedeutung eines irgendwie 
gearteten wirklichen Daseins, das auch bestände, wenn Nie- 
mand es dächte, wird durch die logische That, die sich in 
der Schöpfung eines Namens verräth, dem durch eben diese 
Schöpfung entstehenden Vorstellungsinhalt nicht zuerkannt; 
was in Wahrheit diese erste Denkhandlung sagen will, 
machen die Sprachen am leichtesten klar, die sich den Ge- 
brauch des Artikels bewahrt haben. Denn durch diesen. 



16 Erstes Kapitel. 

welcher überall ursprünglich den Werth eines demonstra 
tiven Pronomen hatte, wird das mit ihm versehene Wort 
als der Name von Etwas bezeichnet, worauf sich hinweisen 
läßt; hin aber weisen wir auf das, was einem Andern 
ebenso wahrnehmbar werden kann, wie es uns gewesen ist. 
Nun freilich geschieht dies am leichtesten in Bezug auf 
Dinge, die in der That in äußerlicher Wirklichkeit zwischen 
den Sprechenden stehen, aber die gebildete Sprache ver- 
gegenständlicht auch jeden andern Uenkinhalt auf gleiche 
Weise. Die Objectivität, w^elche sie durch den auch in 
solchen Fällen gebrauchten Artikel ajideutet, fällt daher 
nicht im Allgemeinen mit der Wirklichkeit zusammen, die 
den Dingen zukommt; sie traf vielmehr in den Benennungen 
dieser nur mit einem thatsächlichen Anspruch auf eine solche 
zusammen, den ihnen die unterscheidende Eigenthümlichkeit 
ihrer realen Natur gibt. Von dem Schmerze, der Helligkeit, 
der Freiheit sprechen wir nicht so, als könnte der Schmerz 
dasein, wenn ihn Niemand fühlt, die Helligkeit, wenn sie 
kein Auge sieht, die Freiheit, wenn kein Wesen wäre, das 
sich der Uneingeschränktheit seines Handelns entweder 
selbst erfreute oder sie fühlbar machte für Andere. Noch 
weniger, wenn wir von dem Zwar dem Aber und dem 
Dennoch reden, meinen wir durch den Artikel ein Dasein 
anzudeuten, das den durch diese Worte bezeichneten Denk- 
inhalten irgendwie auch außerhalb jedes Vorstellens zu- 
käme; wir sagen durch diese Ausdrucksweisen nur, daß 
gewisse eigenthümliche Widerstreite und Spannungen, die 
wir im Verlauf unserer Vorstellungen fühlen, nicht blos 
Seltsamkeiten unseres Befindens und unabtrennbar von 
diesem sind, daß sie vielmehr auf eigenen Beziehungen ver- 
schiedener Vorstellungsinhalte beruhen, welche jeder, dei 
diese denken wird, el:)enso zwischen ihnen vorfinden wird, 
wie wir. Durch die logische Objectivirung, die sich in der 
Schöpfung des Namens verräth, wird daher der benannte 
Inhalt nicht in eine äußere Wirklichkeit hinausgerückt; 
die gemeinsame Welt, in welcher Andere ihn, auf den wir 
hinweisen, wiederfinden sollen, ist im Allgemeinen nur die 
Welt des Denkbaren; ihr wird hier die erste Spur eines 
eigenen Bestehens und einer inneren Gesetzlichkeit zu- 
geschrieben, die für alle denkenden Wesen dieselbe und von 
ihnen unabhängig ist, und es hier ganz gleichgültig, ob 
einzelne Theile dieser Gedankenwelt Etwas bezeichnen, was 
noch überdies außerhalb der denkenden Geister selbständige 
Wirklichkeit besitzt, oder ob ihr ganzer Inhalt überhaupt 



Die Lehre vom Begriffe. 17 

nur in den Gedanken der Denkenden, mit gleicher Gültig- 
keit dann für alle, Dasein hat. 

4. Durch diese Vergegenständlichung des eben so erst 
entstehenden Inhalts ist indessen picht der ganze Sinn 
dieser ersten Denkhandlung erschöpft; vor sich hinstellen 
kann ihn das Bewußtsein nicht blos überhaupt, sondern nur 
indem es ihm eine bestimmte Stellung gibt; nicht über- 
haupt b'OS kann es ihn von einem Zustand seiner eigenen 
Erregung unterscheiden, ohne ihm anstatt der Art des Seins, 
die er als solcher Zustand hatte, eine andere Art seines 
Bestehens zuzuerkennen. Was mit dieser Forderung ge- 
meint ist, denn ich gebe zu, daß es diesem Ausdruck der- 
selben an unmittelbarer Klarheit fehlt, zeigt uns am ein- 
fachsten die Sprache durch ihre wirkliche Erfüllung. Denn 
nur die Interjection, die keines Inhalts Name ist, läßt sie 
in der Formlosigkeit, die ihr als bloßem Ausdruck einer 
Erregung zukommt; ihren ganzen übrigen Wortschatz glie- 
dert sie in die bestimmten Formen der Substantiva der 
Adjectiva der Verba, der bekannten Redetheile über- 
haupt. Und daß sie durch diese verschiedenartige Aus- 
prägung ihres ganzen Schatzes eine Vorbedingung erfüllt, 
welche das Denken zu seinen späteren Leistungen nicht ent- 
behren kann, bedarf kaum der besonderen Versicherung, 
denn offenbar weder die Verbindung der Merkmale zum 
Begriff, noch die der Begriffe zum Urtheile oder der Urtheile 
zum Schluß wäre möglich, wenn alle Vorstellungsinhalte 
gleich formlos oder in gleicher Form gefaßt wären, und 
wenn nicht einige von ihnen substantivisch als Bezeich- 
nungen für sich feststehender Inhalte anderen adjectivischen 
eine Stätte der Anknüpfung gewährten, noch andere verbal« 
die flüssigen Beziehungen darstellten, die eines mit dem 
andern in Verbindung zu bringen bestimmt sind. Ich halte 
nicht für angemessen, diese eigenthümliche Gestaltung des 
Vorstellungsinhalts als eine zweite Denkhandlung von jener 
ersten zu trennen, der wir die Vergegenständlichung des- 
selben zuschrieben; ich fasse vielmehr die erste That des 
Denkens in diese untheilbare Leistung zusammen, dem vor- 
gestellten Inhalt eine dieser logischen Formungen zu geben, 
indem sie ihn für das Bewußtsein vergegenständlicht, oder 
auch ihn dadurch eben zu vergegenständlichen, daß sie 
ihm eine dieser bestimmten Formungen gibt. 

5. Unvermeidlich erinnern die drei Redelheile, die ich 
hervorhob, an drei unserer Beurtheilung der Wirklichkeit 
unentbehrliche Begriffe. Denn in der That nicht einmal eine 

Lotze, Logik. 2 



18 Erstes Kapitel. 

aussprechbare Uebersicht über die wahrnehmbare Welt ist 
uns . möglich, ohne in ihr Dinge als die festen Punkte zu 
denken, die einer Vielheit unselbständiger Eigenschaften 
als Träger dienen und durch veränderliche Ereignisse, das 
Spiel des Geschehens, unter einander verbunden werden. 
Ist Metaphysik die Untersuchung nicht des Denkbaren über- 
haupt, sondern des Wirklichen oder dessen, was als wirklich 
anerkannt werden soll, so sind diese Begriffe des Dinges 
der Eigenschaft und des Geschehens metaphysische Be- 
griffe; nicht solche vielleicht, welche die Metaphysik am 
Ende ihrer Untersuchung in unveränderter Geltung lassen 
würde, aber solche gewiß, die am Anfang derselben un- 
mittelbar das eigne Wesen und die Gliederung des Seienden 
zu bezeichnen vorgeben. Mit ihnen scheinen nun die 
logischen Formen der Substantivität Adjectivität und Ver- 
balität für den ersten Blick zusammenzufallen; ein zweiter 
freilich zeigt zwischen beiden Reihen den gleichen Unter- 
schied, welcher die logische Vergegenständlichung eines 
Vorstellungsinhaltes von äußerer Wirklichkeit trennte. Denn 
für Ding oder Substanz gilt uns nur, was außer uns wirklich 
und in der Zeit dauernd theils in Anderem Veränderungen 
bewirkt, theils veränderliche Zustände selbst zu erleiden 
vermag; substantivisch aber fassen wir nicht die Dinge 
allein, sondern ihre Eigenschaften ja auch; substantivisch 
sprechen wir von der Veränderung, dem Ereigniß, dem 
Nichts selbst, kurz von Unzähligem, was entweder nicht ist, 
oder doch nicht selbständig für sich, sondern nur an Anderem 
Bestand hat. Durch die Form der Substantivität eignen wir 
daher dem in sie gebrachten Inhalt nur in Beziehung auf 
das, was von ihm als einem Subject künftiger Urtheile weiter 
ausgesagt werden soll, dieselbe Priorität und Selbständigkeit 
zu, die dem Dinge gegenüber seinen Eigenschaften Zu- 
ständer und Wirkungen zukommt, aber keineswegs die 
Realität selbständiger Wirklichkeit und Wirksamkeit, die 
dieses vor dem blos Denkbaren voraus hat. Auch Verba 
bezeichnen am häufigsten freilich ein in der That zeitlich 
verlaufendes Geschehen; aber wenn wir sagen, daß die 
Dinge sind oder daß sie ruhen, daß eines das andere bedingt 
oder ihm gleicht, so zeigt sich, daß auch die verbale Form 
nicht allgemein ihrem Inhalt die Bedeutung eines Ge- 
schehens gibt, sondern sie nur gewöhnlich in ihm vorfindet. 
Um den Sinn solcher Verba, wie wir sie eben als Beispiele 
brauchten, vollständig zu denken, haben wir mehrere ein- 
zelne Inhalte durch eine Bewegung unseres Vorstellons zu 



Die Lehre vom Begriffe. 19 

verknüpfen, eine Bewegung, die ausführlich freilich nur in 
der Zeit, aber doch in dem, was sie bedeutet oder sagen 
will, von allem Zeitverlauf unabhängig ist. Mit einem Wort: 
nicht ein Geschehen, sondern eine Beziehung zwischen 
mehreren Beziehungspunkten ist der allgemeine Sinn der 
verbalen Form; unü diese Beziehung kann ebenso gut 
zwischen Inhalten vorkommen, die stets unzeitlich nur in 
der Welt des Denkbaren zusammen, wie zwischen solchen, 
die, der Wirklichkeit angehörig, einer zeitlichen Veränderung 
zugängiicli sind. Gewil^ bezeichnen endlich die Stamm- 
adjectiva der Sprache, wie blau und süß, zunächst das, was 
unserer ersten Auffassung als wirkliche Eigenschaft von 
Dingen erscheint; aber jede ausgebildete Sprache kennt 
docn Worte wie: zweifelhaft parallel und erlaubt; Worte, 
die schon der einfachsten Ueberlegung nicht mehr in dem 
einfachen Sinne, wie jene, eine an den Dingen selbst haftende 
Eigenschaft bedeuten können; sie sind verkürzte und ver- 
dichtete Bezeichnungen der Ergebnisse von allerhand Be- 
ziehungen, und nur für Zwecke des Denkens bringen wir 
ihren adjectivisch gefaßten Inhalt in das formale Verhältniß 
zu dem eines Substantivs, in welchem wir uns die Eigen- 
schaft zu ihrem Träger stehend vorstellen. Allgemein aus- 
gedrückt ist daher der logische Sinn der Redetheile nur ein 
Schatten von dem jener metaphysischen Begriffe : er wieder- 
holt nur die formalen Bestimmungen, die diese von dem 
Wirklichen behaupten ; aber indem er ihre Anwendung nicht 
auf das Wirkliche beschränkt, läßt er auch den Theil ihrer 
Bedeutung fallen, den sie nur in dieser Anwendung erhalten. 
6. Fanden wir endlich in den Formen der Redetheile 
die ursprünglichsten Denkhandlungen, so müssen wir sie 
nun auch von diesem ihrem sprachlichen Ausdruck zu unter- 
scheiden wissen. Jetzt, nachdem einmal der Mensch sich 
zur Mittheilung seiner Gedanken der Lautsprache bedient, 
jetzt erscheinen jene Denkhandlungen allerdings am anschau- 
lichsten in der Form der Redetheile; an sich aber sind sie 
nicht unlösbar an das Vorhandensein der Sprache gebunden. 
Schon die Entwicklung, deren die Gedankenwelt der Taub- 
stummen, wenn auch unter erster Anleitung der Sprechen- 
den, fähig ist, beweist uns, daß die innere logische Arbeit 
von der Möglichkeit ihres sprachlichen Ausdrucks unab- 
hängig ist. Nur darin besteht diese Arbeit, daß wir den 
einen Vorstellungsinhalt mit dem Gedanken seiner verhältniß- 
mäßigen Selbständigkeit begleiten, einen andern als der An- 

2* 



20 Erstes Kapitel. 

lehnung bedürftig, einen dritten als Mittelglied denken, das 
weder tür sich besteht, noch an einem anderen ruht, sondern 
die vermittelnde Beziehung zwischen beiden bildet. Nie- 
mand bezweifelt die höchst wirksame Unterstützung, welche 
für die Ausbildung des Denkens in der Fähigkeit der Sprache 
liegt, durch scharfbestimmte Lautbilder und regelmäßige 
Umlautungen derselben allen jenen Formungen und Um- 
formungen der Gedanken eine für das Bewußtsein anschau- 
liche Gegenständlichkeit zu geben; gleichwohl, wäre dem 
Menschen anstatt der Lautsprache eine andere Mittheilungs- 
weise natürlich, so würden dieselben logischen Neben- 
gedanken sich auch in dieser einen entsprecnenden, freilich 
ganz anders gearteten Ausdruck zu verschaffen wissen. 
Und wenn die Formenarmuth einzelner Sprachen nicht zur 
Ausprägung aller dieser Nebengedanken, nicht zum Beispiel 
zur Unterscheidung substantivischer und verbaler Fassung 
überall zureicht, so ist doch kein Zweifel, daß das Denken 
auch der so Redenden die logischen Unterschiede in der 
Formung der lautlich ununterscniedenen Vorstellungen fest- 
hält. Wo immer diese innere Gliederung ist, da ist Denken; 
es ist nicht, wo sie fehlt. Darum ist Musik kein Denken; 
denn wie mannigfach und fein abgemessen auch die Ver- 
hältnisse ihrer Töne sind, niemals bringt sie doch den einen 
zum andern in die Stellung eines Substantivs zum Verbum, 
nie in eine Abhängigkeit, die der eines Adjectivs von seinem 
Hauptwort, oder der eines Genitivs zu dem Nominativ gliche, 
von dem er regiert wird. 

7. Ich habe nur drei bisher aus der größeren Anzahl der 
Redetheile erwähnt : diejenigen, ohne die auch die einfachste 
logische Aussage unmöglich wäre; ich leugne darum den 
logischen Werth der übrigen nicht. Aber unser eigner Weg 
ist zu weit, um uns in das anziehende Gebiet sprachwissen- 
schaftlicher Betrachtung weitere Umwege zu gestatten, die, 
nach der eben besprochenen Unabhängigkeit des Denkens 
von seinen Ausdrucksweisen, für unsern Zweck doch Um- 
wege bleiben würden. Gliederung und Gebrauch der Sprache 
deckt eben die Leistungen des Denkens nicht durchaus. 
Wir werden später finden, daß sie häufig nicht den voll- 
ständigen Bau des Gedankens ausdrückt : und dann müssen 
wir für die Zwecke der Logik das Geäußerte ergänzen aus 
dem, was gemeint war; die Sprache besitzt anderseits tech- 
nisch Bestandtheile, die auf wesentlichen logischen Be- 
stimmungen nicht beruhen, oder doch auf solche sich nur 



Die Lehre vom Begriffe. 21 

mittelbar in verschiedenen Abstufungen beziehen: wir 
würden dann unrecht thun, wenn wir ebenso viele logische 
Handlungen des Denkens unterscheiden wollten, als uns 
die Sprache grammatisch oder syntaktisch verschiedene For- 
men des Ausdrucks darbietet. Nicht blos Interjectionen, 
sondern auch Partikeln gibt es, die im gewöhnlichen Ge- 
brauch, dem Tonfall der Stimme ähnlich, fast nur noch den 
gemüthlichen Antheil bezeichnen, den der Sprechende an 
seiner Aussage nimmt, nichts dagegen zu der logischen 
Fassung ihres Inhalts beitragen. Wenn die Sprache den 
Unterschied der Geschlechter in alle substantivischen und 
adjectivischen Worte einführt, folgt sie einer logisch ganz 
gleichgültigen ästhetischen Phantasie; wenn sie dann aber 
das Geschlecht des Adjectivs sich nach dem seines Haupt- 
worts richten läßt, deutet sie durch diese Folgerichtiglteit 
innerhalb einer willkürlich angenommenen Gewohnheit 
wieder auf ein echt logisches Verhalten hin, das wir kennen 
lernen werden. Wenn sie in den Beugungen des Zeitwortes 
den Redenden von dem Angeredeten und dem abwesenden 
Dritten unterscheidet, so hebt sie damit, für den lebendigen 
Gebrauch der Rede ganz unentbehrlich, ein vor allem wich- 
tiges sachliches Verhalten hervor, dem aber kein eigentlich 
logischer Unterschied entspricht. Es ist ganz nur derselbe 
Grund, der die Grammatik' berechtigt, Pronomina als eine 
eigene Klasse der Redetheile zu betrachten; logisch sind 
die persönlichen völlig den Substantiven zuzurechnen, mit 
denen sie die Form der Fassung gänzlich theilen: die 
possessiven und demonstrativen haben wir keinen Grund 
von den Adjectiven zu trennen; das relatire würden wir für 
das eigenthümlichste technische Element der Sprache an- 
sehen, nur dem Bedürfniß der geordneten Mittheilung ge- 
widmet, und auf kein anderes logisches Verbal tniß gegründet, 
als auf welchem auch sein Widerspiel, das demonstrative, 
beruht. Zahlworte behandelt die Grammatik als besondere 
Redetheile; die lebendige Sprache stellt sie den Adjectiven 
gleich, und ohne Zweifel gehören sie lopisch zu diesen, 
wenn man sich erinnert, daß logisch' die Form der Adjec- 
tivität jeder nicht für sich selbständigen Bestimmung eines 
Inhalts zukommt, und keineswegs derjenigen allein, welche 
an ihm in dem Sinne einer Eigenschaft haftet. Die Ad- 
verbien endlich treten zu dem verbalen Inhalt völlig in die- 
selbe Beziehung, wie die Adjectiva zu dem substantivischen; 
auch sie würde daher die Logik" nicht Veranlassung haben, 
als einen besonderen Theil der Rede oder als eine eigen- 



22 Erstes Kapitel. 

thümliche Form des Gedankeninhalts zu fassen. Nur die 
Präpositionen und Conjunctionen blieben mithin übrig, um 
diesen Anspruch zu erheben, und sie allerdings glaube ich, 
gleichviel welche Ableitungen ihre sprachlichen Ausdrüclce 
noch zulassen mögen, zu den unentbehrlichen Bestandtheilen 
unserer Vorstellungswelt rechnen zu müssen. Aus dem 
Begriffe der Beziehung, dem sie zunächst verwandt scheinen, 
sind sie nicht ableitbar; jede Beziehung, indem sie zwei 
Glieder verbindet, enthält den Gedanken einer Stellung jedes 
dieser Glieder innerhalb dieser Beziehung selbst, und diese 
Stellung braucht nicht für beide dieselbe zu sein, sie wird im 
Gegentheil am häufigsten verschieden, das eine Glied das 
Umfassende, Ganze, Bedingende, das andere das Umfaßte 
sein, der Theil, das Bedingte. Man wird nun, wenn man es 
versucht, nicht damit zu Stande kommen, die Verschieden- 
werthigkeit dieser beiden Endpunkte, ohne welche die Be- 
ziehung keinen Sinn hat, durch einen verbal gefaßten Inhalt 
allein auszudrücken; man wird irgendwo eine Präposition, 
eine Conjunction oder eine der verschiedenen Casusformen 
wenigstens bedürfen, in denen viele Sprachen eineni Theile 
dieser Nebengedanken einen noch kürzeren Ausdruck geben. 
Denn dies freilich ist logisch ganz gleichgültig, in welcher 
sprachlichen Form diese Nebengedanken auftretan; sowie 
wir Bedingtes bald im Genitiv, bald in anderem Sinne im 
Accusativ dem bedingenden Nominativ entgegenstellen, so 
könnte ein noch größerer Reichthum der Casus, wenn die 
Sprache ihn erzeugt oder bewahrt hätte, jede Präposition, 
eine gleiche Mannigfaltigkeit der Modi des Verbum jede 
Conjunction überflüssig machen. An den logischen Bedürf- 
nissen des Denkens würde hierdurch nichts geändert; so 
wie so müßte zu den substantivischen, den adjecti vi sehen 
und den verbalen Inhalten noch eine Anzahl von Vorstellun- 
gen treten, welche entweder, wie die sprachlichen Prä- 
positionen, die Stellung zweier als einfach geltender Inhalte 
in einer einfachen Beziehung, oder, wie die Conjunctionen, 
die verschiedenwerthige Stellung zweier Beziehungen oder 
Urtheile zu einander bezeichnen. 

8. Als die unerläßlichste und in diesem Sinne erste 
aller Denkhandlungen wird uns die Vergegenständlichung 
der Eindrücke und ihre damit verbundene Formung in dem 
Sinne der Redetheile dann stets erscheinen, wenn wir mit 
einem Blicke auf die ausgebildete Gestalt unserer Gedanken- 
welt nach den Bedingungen fragen, auf deren Erfüllung diese 



Die Lehre vom Begriffe. 23 

Gestaltung beruht. Denn gewiß, von dem einfacheren oder 
zusammengesetzteren Satzbau, durch den wir die Arbeit 
und die Ergebnisse unseres Denkens ausdrücken, wäre nichts 
möglich gewesen ohne diese Leistung. Aber unsere Meinung 
kann nicht diese sein, daß im Anfange aller seiner Denk- 
arbeit der logische Geist, ehe er einen weiteren Schritt wagte, 
diese erste seiner nothwendigen Handlungen ein für allemal 
an der Gesammtheit seines Vorstellungsinhalts vollzogen 
habe. Schon die Unbegrenztheit der Zahl möglicher Ein- 
drücke, deren jeder Augenblick neue bringen kann, hätte 
dies Geschäft unausführbar gemacht; es wird noch unaus- 
führbarer darum, weil ja das Denken selbst durch seine 
Bearbeitung des gegebenen Inhalts unablässig neuen Inhalt 
erzeugt und diesen wieder in dieselben logischen Formen 
bringen muß, aus deren Anwendung auf einfacheren Denk- 
stoff er selbst entstand. Jede gebildete Sprache enthält 
daher in der Form eines einfachen Substantiv, eines Ad- 
jectiv oder Verbum zahlreiche Vorstellungen, deren Inhalt 
nicht ohne vielfache höhere Denkarbeit, nicht ohne Be- 
nutzung von Urtheilen und Schlüssen, ja selbst nicht 
ohne Voraussetzung zusammenhängender wissenschaftlicher 
Untersuchung sich zusammenbringen ließ und nicht ohne 
sie völlig verständlich ist. Diese leicht zu machende Be- 
obachtung hat die Behauptung hervorgerufen, mindestens 
die Lehre vom Urtheile müsse in der Logik der Behandlung 
der Begriffe vorangeschickt werden, mit welcher nur altes 
Herkommen die Betrachtung des Denkens eröffne. Ich halte 
diese Behauptung für eine Uebereilung, die theils aus der 
Verwechslung des Zieles der reinen Logik, mit dem der 
angewandten, theils aus einer Verkennung dessen überhaupt 
entspringt, wodurch sich Denken von dem bloßen Verlaufe 
der Vorstellungen unterscheidet. Denn jene Urtheile, aus 
denen der begriff entstehen soll, woraus würden sie- selbst 
denn, so lange sie wirklich Urtheile sein sollen, bestehen 
können, wenn nicht aus Verknüpfungen von Vorstellungen, 
die nicht mehr bloße Eindrücke wären, deren jede vielmehr 
mindestens diese einfache bisher erwähnte Formung schon 
empfangen hätte, deren Mehrzahl aber, wie ein anzustellen- 
der Versuch lehren würde, in der That schon die höhere 
logische Form besäße, welche die Anhänger jener Meinung 
selbst mit dem Namen des Begriffs bezeichnen? Das Bich- 
tige dieser vorgeschlagenen Neuerung kommt auf einen sehr 
einfachen Gedanken zurück : um Begriffe eines verwickelten 
und mannigfachen Inhalts zu bilden, um namentlich die 



24 Erstes Kapitel. 

Grenzen festzustellen, innerhalb deren es sich lohnt und 
rechtfertigt, diesen Inhalt als ein Begriffsganzes zusammen- 
zufassen und von anderen zu unterscheiden, dazu freilich 
sind mannigfache Vorarbeiten des Denkens nöthig; aber 
damit diese Vorarbeiten selbst möglich sind, muß ihnen die 
Gestaltung einfacherer Begriffe vorangegangen sein, aus 
denen sie ihre Hülfsurtheile zusammensetzen. Ohne Zweifel 
hat daher die reine Logik die Form des Begriffes der des 
Urtheils voranzusetzen; die angewandte erst hat zu lehren, 
wie zur Bildung bestimmter Begriffe sich Urtheile verwenden 
lassen, die aus einfacheren Begriffen bestehen. Ein Vor- 
schlag zur Umkehrung dieser Ordnung kann sich nur denen 
empfehlen, welche das Denken überhaupt nur als Wechsel- 
wirkung der von außen uns angeregten Eindrücke betrach- 
ten und die rückwirkende Thätigkeit übersehen, die in den 
Verlauf der Vorstellungen, Zusammengerathenes scheidend, 
Zusammengehöriges verbindend, und darum auch schon 
die einzelnen Bestandtheile des künftigen Gedankens for- 
mend, überall eingreift. 



B. Setzung, Unterscheidung und Yergleichung der einfachen 
Yorstellungsinhalte. 

9. Erkennen wir nun in diesen ersten Formungen der 
Vorstellungen einen Beitrag an, den zu dem Ganzen unserer 
Gedankenwelt eben die einwirkende Thätigkeit des Denkens 
liefert, so schließt sich leicht hieran die Ansicht, der logische 
Geist trete mit ihnen als fertigen Auffassungsweisen den 
kommenden Eindrücken gegenüber, und daran dann knüpft 
sich die Frage, wie es ihm gelinge, jeglichen Inhalt in die- 
jenige dieser verschiedenen Formen zu bringen, die ihm 
angemessen ist? Aber jene Ansicht ist unzulässig und des- 
halb diese Frage gegenstandlos, oder sie führt wenigstens 
zu einer andern als der erwarteten Antwort. Das Denken 
steht nicht mit einem Bündel logischer Formen in der Hand 
dem Gewimmel der anlangenden Eindrücke gegenüber, rath- 
los, welche dem einen, welche dem andern sich wird über- 
streifen lassen, und deshalb eines besonderen Hülfsmittels 
bedürftig, um die für einander passenden Paarungen zu er- 
rathen. Die Verhältnisse vielmehr, die zwischen den be- 
wußt gewordenen Eindrücken bestehen, sind es selbst, welche 
die Thätigkeit des Denkens als eine stets nur rückwirkende 
auf sich ziehen, und nur darin besteht diese Thätigkeit, so 



Die Lehre vom Begriffe. 25 

vorgefundene Verhältnisse zwischen den Eindrücken, die 
wir leiden, in Beziehungen der Inhalte umzudeuten. Nicht 
dazu wird man daher eines besonderen Kunstgriffes be- 
dürfen, um jedem Inhalt die ihm zugehörige Form zu geben; 
wohl aber liegt nach anderer Richtung hin in dieser Ein- 
ordnung des mannigfachen Inhalts in logische Formen eine 
zweite nothwendige Denkhandlung; kein Name für irgend 
einen Inhalt kann geschaffen werden, ohne diesen als mit 
sich selbst gleich, als verschieden von anderen, endlich als 
vergleichbar mit anderen gedacht zu haben. 

10. Auch diese zweite Leistung des Denkens gehört zu 
denjenigen, welche für den Redenden die überlieferte Sprache 
beständig schon ausgeführt hat; auch sie wird deshalb leicht 
übersehen und der Denkarbeit des Geistes nicht zugerechnet. 
Aber die logische Wissenschaft, ausdrücklich dem Selbst- 
verständlichen gewidmet, darf nicht einen Theil desselben 
als noch selbstverständlichere Voraussetzung behandeln, die 
aus den eigentlichen Gegenständen ihrer Betrachtung sich 
ausschließen ließe. Doch bedarf wenigstens der erste Be- 
standtheil des dreigliedrigen Ausdruckes, welchen wir dieser 
neuen Denkhandlung eben gaben, einer ausführlichen Er- 
läuterung nicht. Es ist zu unmittelbar deutlich, wie jeder 
Name, sei es süß oder warm, Luft oder Licht, zittern oder 
leuchten, den von ihm bezeichneten Inhalt in irgend einem 
Sinne als zusammengehörige Einheit faßt, die für sich etwas 
bedeutet; nicht blos den substantivisch geformten hebt, am 
eindringlichsten allerdings, der vorgesetzte Artikel zu dieser 
Einheit mit sich selbst heraus; dieselbe hinweisende Kraft 
liegt, in anderer Art des Ausdrucks, in der Form des verbalen 
Infinitiv, und selbst ohne jeden unterscheidenden sprach- 
lichen Ausdruck begleitet dieser Nebengedanke der einheit- 
lichen Setzung des Bezeichneten jegliche Wortform. Man 
kann zweifeln, ob der Vorgang, den wir unter diesem Namen 
der Setzung des Inhalts verstehen wollen, nicht schon in 
jener Vergegenständlichung enthalten sei, durch welche wir 
den erlittenen Eindruck zur Vorstellung werden ließen; und 
wirklich kann man weder vorstellen, ohne dem Vorgestellten 
diese Setzung zu geben, noch hat diese Setzung einen Sinn 
ohne jene Vergegenständlichung dessen, dem sie ertheilt 
wird. In der That ist es daher eine sachlich untrennbare 
Leistung, die wir von verschiedenen Seiten her betrachten: 
dort brachten wir die Vorstellung, auf welche wir vor- 
stellend uns beziehen, in Gegensatz zu dem Eindruck, 
welchen wir leiden; hier, wo die Mannigfaltigkeit des Vor- 



26 Erstes Kapitel. 

Stellungsinhaltes unsere Aufmerksamkeit zu erregen beginnt, 
legen wir auf die einheitliche und selbständige Bedeutung 
Gewicht, mit welcher der so aus unserer Erregung heraus- 
gesetzte Inhalt ist was er ist und von allen anderen sich 
unterscheidet. 

11. Ich habe durch diese letzte Wendung sogleich fühl- 
bar machen wollen, in wie enger Verbindung jene bejahende 
Setzung des Inhalts mit der verneinenden Ausschließung 
jedes anderen steht. Sie ist so eng, daß eben zur Bezeich- 
nung des einfachen Sinnes der Setzung uns nur Ausdrücke 
zu Gebot standen, die ihre volle Klarheit erst durch Hinzu- 
fügung dieses zweiten Nebengedankens erhalten. Denn was 
mit jener Einheit des gesetzten Inhalts eigentlich gemeint 
war, interpretiren wir einleuchtend nur dadurch, daß wir 
seine Verschiedenheit von anderen hervorheben und nicht 
nur sagen, er sei was er sei, sondern auch: er sei nicht, 
was andere sind. Jene Bejahung und diese Verneinung 
sind nur ein untrennbarer Gedanke, und untrennbar ver- 
bunden begleiten sie jeden unserer Vorstellungsinhalte, auch 
dann, wenn wir nicht mit ausdrücklicher Aufmerksamkeit 
dies stillschweigend verneinte Andere verfolgen. Aber dieser 
verschmolzene Nebengedanke bestimmt nur die logische 
Fassung, die wir unserem Inhalte geben; er erzeugt nicht 
den Inhalt selbst erst, dem wir sie ertheilen. Man kann nicht 
sagen: roth werde als das was es ist, als roth, erst dann 
vorgestellt, wenn es von blau oder süß, und nur dadurch, 
daß es von beiden unterschieden werde; blau anderseits 
als blau nur durch gleichen Gegensatz zu roth. Weder ein 
veranlassender Grund zu dem Versuche dieser bestimmten 
Unterscheidung, noch eine Möglichkeit ihres Gelingens wäre 
denkbar, wenn nicht das, was jedes der beiden entgegen- 
zusetzenden Gheder für sich ist, vorher dem Bewußtsein klar 
wäre. Unzweifelhaft wird der eigenthümlich bestimmte Ein- 
druck, den wir unter der Einwirkung des rothen Lichtes 
erleben, völlig derselbe sein, bevor wir zum ersten Mal ein 
blaues Licht erfuhren, wie dann, nachdem wir diese Er- 
fahrung gemacht haben; die Möglichkeit der Vergleichung 
und Unterscheidung, welche durch die letztere gegeben wird, 
kann wohl, wenigstens bei zusammengesetzterem Vor- 
stellungsstoff, als diese einfachen Farben sind, die Auf- 
merksamkeit auf früher übersehene Theile der Eindrücke 
lenken und so den Inhalt beider vervollständigen ; aber selbst 
in diesem Falle, der unserer gegenwärtigen Betrachtung 
völlig fremd ist, wird das Neue nicht durch die Unter- 



Die Lehre vom Begriffe. 27 

Scheidung, sondern durch die unmittelbare Empfindung ge- 
funden werden, zu welcher die Vergleichung nur Ver- 
anlassung gab. Ueberall ist es daher die bejahende Setzung, 
welche die verneinende Unterscheidung möglich macht; nie- 
mals dagegen entspringt aus der Unterscheidung der Inhalt 
des Unterschiedenen. Nur die Nebengedanken, die wir uns 
über den vorgestellten Inhalt machen, nur seine logische 
Fassung gewinnt an Bestimmtheit durch die Verneinung des 
Andern, die zu seiner eignen Bejahung tritt, und selbst 
dieser Gewinn würde mir gering scheinen, wenn es bei ihm 
sein Bewenden hätte, und wenn nicht jene dritte Leistung 
positiver Vergleichung hinzukäme, welche ich in dem früher 
gegebenen Ausdruck dieser zuzeiten Denkhandlung zuletzt 
erwähnte. 

12. Ich leite die Betrachtung dieser dritten Leistung, 
die ich für den wesentlichsten Bestandtheil der hier zu 
erörternden logischen Arbeit ansehe, durch Erinnerung an 
eine bekannte Thatsache ein, die man zu anderen Fol- 
gerungen zu benutzen pflegt. Durch die Worte der Sprache 
werden Eindrücke niemals so bezeichnet, wie man sie er- 
leben kann; denn erleben oder wirklich empfinden läßt 
sich immer nur eine besondere Schattirung der Röthe, eine 
einzelne Eigenart der Süßigkeit, ein bestimmter Grad der 
Wärme, nicht das allgemeine Roth Süß und Warm der 
Sprache. Die Verallgemeinerung, welche in diesen und allen 
ähnlichen Ausdrücken der empfundene Inhalt erfahren hat, 
pflegt man als eine unvermeidliche Ungenauigkeit der 
Sprache, vielleicht selbst des Vorstellens anzusehen, das 
sich ihrer zu seinem Ausdrucke bedient. Unfähig entweder, 
oder nicht gewöhnt, für jeden einzelnen Eindruck einen 
bestimmten Namen zu schaffen, verwische sie in ihren 
Worten die kleinen Unterschiede des einen vom andern und 
halte nur das fest, was in ihnen allen als ein 'Gemeinsames 
in der Empfindung unmittelbar erfahren werde. Durch diese 
Verminderung ihrer Ausdrucksmittel auf eine mäßige Anzahl 
mache sie freilich wohl die Mittheilung der Vorstellungen 
überhaupt erst möglich, schädige aber ebenso sehr die Ge- 
nauigkeit des Mitzutheilenden. Ich glaube nun nicht, daß 
diese Auffassungsweise der Bedeutung der Thatsache volle 
Gerechtigkeit widerfahren läßt. 

13. Vor allem, indem man die erwähnte Verallgemeine- 
rung als eine Art von Verfälschung der Eindrücke ansieht, 
geht man zu achtlos über den sehr merkwürdigen Umstand 



28 Erstes Kapitel. 

hinweg, daß in einer Mehrheit verschiedener Eindrücke 
sich eben etwas Gemeinsames vorfindet, das von ihren 
Unterschieden getrennt denkbar ist. Denn so selbstver- 
ständKch ist doch dieses Verhalten nicht, daß ein entgegen- 
gesetztes gar nicht in Frage käme; sehr wohl ließe sich 
vielmehr denken, daß jeder einzelne unserer Eindrücke 
sich von jedem zweiten so unvergleichbar unterschiede, 
wie in der That süß von warm, gelb von weich sich unter- 
scheidet. Daß es sich nicht so verhält, ist mithin eine 
thatsächliche Einrichtung der Welt des Vorstellbaren selbst, 
die in Betracht zu ziehen sich der Mühe verlohnt. Ich kann 
ferner keineswegs reinen Verlust in dem Mangel an Ge- 
nauigkeit sehen, der allerdings der Mittheilung des Vor- 
gestellten durch die Anwendung der sprachlichen Allgemein- 
bezeichnungen anhängt. Ohnehin, wo der Werth völlig 
genauer Bestimmungen fühlbar wird, kann das, was diese 
einfachsten Schöpfungen des beginnenden Denkens zu 
wünschen lassen, durch die Leistungen des weiterfort- 
geschrittenen immer ergänzt werden; die Wissenschaft hat 
uns längst jeden Grad der Wärme messen gelehrt und würde 
im Fall des Bedürfnisses auch jede Abstufung der Röthc 
oder Süßigkeit zu messen wissen. Die Art aber, wie die 
Sprache und das an ihr wirksame naturwüchsige Denken 
dieselbe Aufgabe löst, scheint mir logisch sehr bedeutsam. 
Denn wenn wir nicht jeden einzelnen wirklich empfundenen 
Farbeneindruck mit einem besonderen Namen belegen, 
sondern blau roth gelb und wenige andere durch eigne Be- 
nennungen bevorzugen, wenn wir da,nn die übrigen Einzel- 
empfindungen als blauröthlich oder rothgelblich zwischen 
sie einschalten, so liegt in diesem Verfahren nicht blos ein 
Nothbehelf der Annäherung an unerreichbare Genauigkeit, 
sondern^ wie mir scheint, der Ausdruck der Ueberzeugung, 
nur jene wenigen Farben seien in der That feste Punkte, 
denen ein eigner Name gebühre, jene anderen aber müsse 
man durch annähernde Ausdrücke bestimmen, weil sie selbst 
nur Annäherungen zu diesen festen Punkten oder Zwischen- 
glieder zwischen ihnen sind. Hätten wir wirklich für alle 
einzelnen Schattirungen des Blau besondere von einander 
unabhängige Einzelnamen, und entspräche unser Vorstellen 
dieser Ausdrucksweise, so würden wir einseitig die Trennung 
jedes Inhalts von jedem andern vollzogen, dagegen die 
positiven Beziehungen völlig übersehen haben, die zwischen 
allen stattfinden. Sprechen wir dagegen von hellblau dunkel- 
blau schwarzbkiu, so ordnen wir dies Mannigfache in Reihen 



Die Lehre vom Begriffe. 29 

oder in ein Gewebe von Reihen, und in jeder von diesen 
geht ein drittes Glied aus dem zweiten durch Steigerung 
derselben fühlbaren Veränderung eines allen Gemeinsamen 
hervor, durch welche das zweite aus dem ersten entstand. 
Nun aber ist wohl schon hier vollkommen verständlich, daß 
ein Vorstellen, welches diese Vergleichung des Verschiedenen 
nicht enthielte, sondern sich auf die nackte Trennung jedes 
von jedem beschränkte, den späteren Leistungen des Denkens 
die hinlänglichen Beurtheilungsgründe nicht darbieten würde, 
nach denen zwei Vorstellungen als irgendwie zusammen- 
gehörig zweien andern als nicht zusammengehörigen ent- 
gegengesetzt werden könnten. Deshalb fassen wir diese 
zweite Denkhandlung, von welcher wir hier sprechen, nicht 
blos als Setzung überhaupt des a oder b, nicht blos als 
Unterscheidung überhaupt jedes a von jedem b, sondern 
zugleich als Bestimmung der Weite und der Eigenthümlich- 
keit des Unterschiedes, der nicht überall gleich groß und 
gleich geartet, sondern zwischen b und c ein anderer ist 
als zwischen a und b. Und hiermit meine ich nicht, daß 
jede einzelne Vorstellung a von der entwickelten Vorstellung 
aller ihrer Beziehungen zu der unendlichen Anzahl aller 
übrigen begleitet werden müsse; nur der allgemeine Neben- 
gedanke, daß jede nach allen Seiten hin in ein solches Netz 
von Beziehungen eingefangen ist, umgibt allerdings in 
unserem logischen Bewußtsein jede; aufgesucht werden 
diese Beziehungen in jedem Einzelfalle so weit, als ein 
bestimmtes Bedürfniß Veranlassung gibt. 

14. Diese Vergleichung nun des Verschiedenen setzt 
offenbar ein Gemeinsames voraus, das in den einzelnen 
Gliedern der Reihe mit eigenthümlichen Unterschieden be- 
haftet ist. So Gemeinsames pflegt die Logik nur in der 
Form eines allgemeinen Begriffs zu betrachten, und in 
dieser Gestalt ist es ein Erzeugniß einer größeren oder ge- 
ringeren Anzahl von Denkhandlungen. Es ist daher von 
Wichtigkeit, hervorzuheben, daß dieses erste All- 
gemeine, welches wir hier bei der Vergleichung ein- 
facher Vorstellungen antreffen, von wesentlich anderer Art, 
daß es der Ausdruck einer inneren Erfahrung ist, die von 
dem Denken nur anerkannt wird, und daß es eben um des- 
willen, wie sich später zeigen wird, eine unentbehrliche 
Voraussetzung jenes anderen Allgemeinen ist, dem wir in 
der Bildung des Begriffes begegnen werden. Den Allgemein- 
begriff eines Thieres oder einer geometrischen Figur theilen 
wir einem Anderen dadurch mit, daß wir ihm vorschreiben. 



30 Erstes Kapitel. 

eine genau angebbare ReiJie von Denivhandlungen der Ver- 
knüpiung Trennung oder Beziehung an einer Anzahl als 
bekannt vorausgesetzter Einzelvorstellungen auszuführen; 
am Ende dieser logischen Arbeit werde vor seinem Bewußt- 
sein derselbe Inhalt stehen, den wir ihm mitzutheilen 
wünschten. Worin dagegen das allgemeine Blau bestehe, 
das wir im Hellblau oder Dunkelblau, oder worin die all- 
gemeine Farbe, die wir im Roth und Gelb mitdachten, läßt 
sich nicht auf demselben Wege verdeutlichen. Freilich 
können wir dem Anderen vorschreiben, er solle alle einzel- 
nen Farben oder alle Schattirungen des Blau vorstellen und 
durch Absonderung ihrer Unterschiede das in beiden Fällen 
Gemeinsame der vorgestellten Inhalte hervorheben; aber 
dies ist nur scheinbar eine Anweisung zu logischer Arbeit; 
im Grunde muthen wir doch durch sie dem Anderen nur zu, 
selbst zu sehen, wie er mit der ganzen Aufgabe fertig wird. 
Denn wie er es eigentlich anfangen soll, um zu entdecken, 
ob überhaupt in Roth und Gelb etwas Gemeinsames liege, 
und wie er es machen müsse, um dies Gemeinsame von dem 
Verschiedenen zu trennen: das können wir ihm doch nicht 
sagen; wir müssen uns einfach darauf verlassen, er werde 
die im Roth und Gelb bestehende Verwandtschaft, das Ent- 
haltensein eines Gemeinsamen in beiden, unmittelbar selbst 
empfinden fühlen oder erleben; seine logische Arbeit kann 
hier nur in der Anerkennung und dem Ausdruck dieser 
inneren Erfahrung bestehen. So ist dies erste Allgemeine 
kein Erzeugniß des Denkens, sondern ein von ihm vor- 
gefundener Inhalt. 

15. Ich schalte hier eine Bemerkung ein, die mit ge- 
ringer ümdeutung auf jedes Allgemeine sich erstrecken läßt, 
am leichtesten aber an diesem einfachsten Falle, dem ersten 
Allgemeinen, zu verdeutlichen ist. Das, worin Roth und 
Gelb übereinstimmen, und wodurch sie beide Farben sind, 
läßt sich von dem nicht abtrennen, wodurch Roth roth und 
Gelb gelb ist; nicht so abtrennen nämlich, daß dies Gemein- 
same den Inhalt einer dritten Vorstellung bildete, welche von 
gleicher Art und Ordnung mit den beiden verglichenen wäre. 
Empfunden wird, wie wir wissen, stets nur eine bestimmte 
Einzelschattirung einer Farbe, nur ein Ton von bestimmter 
Höhe Stärke und Eigenart; nur diese ganz bestimmten Ein- 
drücke wiederholt auch die Erinnerung so, daß sie als 
inhaltvolle Bilder, die sich anschauen lassen, vor unserem 
Bewußtsein stehen. Diese Anschaulichkeit besitzen die all- 
gemeinen Vorstellungen niemals. Wer das Allgemeine der 



Die Lehre vom Begriffe. 31 

Farbe oder des Tones zu lassen sucht, wird sich stets dabei 
antreffen, daß er entweder eine bestimmte Farbe und einen 
bestimmten Ton wirklich vor seiner Anschauung hat, nur 
begleitet von dem Nebengedanken, jeder andere Ton und 
jede andere Farbe habe das gleiche Recht, als anschauliches 
Beispiel des selbst unanschaulich bleibenden Allgemeinen 
zu dienen; oder seine Erinnerung wird viele Farben und 
Töne nach einander ihm mit demselben Nebengedanken 
vorführen, daß nicht diese einzelnen selbst gemeint sind, 
sondern das ihnen Gemeinsame, das in keiner Anschauung 
für sich zu fassen ist. Vei-steht man daher unter Vor- 
stellung, wozu der gewöhnliche Sprachgebrauch allerdings 
neigt, das Bewußtsem eines Inhalts, der ruhig vor uns 
steht, oder eine Anschauung dessen, was uns vor uns hin- 
zustellen gelingt, so gebührt dem Allgemeinen der Name 
einer Vorstellung nicht. Worte wie Farbe und Ton sind in 
Wahrheit nur kurze Bezeichnungen logischer Aufgaben, die 
sich in der Form einer geschlossenen Vorstellung nicht 
lösen lassen. Wie befehlen durch sie unserem Bewußtsein, 
die einzelnen vorstellbaren Töne und Farben vorzustellen 
und zu vergleichen, in dieser Vergleichung aber das Ge- 
meinsame zu ergreifen, das nach dem Zeugniß unserer 
Empfindung in ihnen enthalten ist, das jedoch durch keine 
Anstrengung des Denkens von dem, wodurch sie verschieden 
sind, sich wirklich ablösen und zu dem Inhalt einer gleich 
anschaulichen neuen Vorstellung gestalten läßt. 

16. Richten wir nun unsere Aufmerksamkeit auf die 
Unterschiede, welche innerhalb des ersten Allgemeinen seine 
mannigfachen Beispiele trennen. Eine Wärmeempfindung 
unterscheidet sich von einer anderen, ein leiserer Klang 
vom stärkeren, hellblau von tiefblau offenbar durch ein 
Mehr oder Minder eines fühlbaren Gemeinsamen, das für 
sich, ohne jede Gradbestimmung, nicht anschaubar ist. Auf 
denselben Unterscheidungsgrund wird man sich bei allen 
andern Vorstellungen zurückgeführt finden; nur der Angabe 
des Allgemeinen, dem diese Größenvergleichung gilt, be- 
gegnet in den einzelnen Fällen eine nach den ebea ge- 
machten Bemerkungen verständliche Schwierigkeit. Der 
leisere Ton unterscheidet sich vom lauteren ohne Zweifel 
durch eine gewisse Steigerung, aber ebenso durch eine 
gewisse Steigerung der höhere vom tieferen; was aber 
eigentlich das Gemeinsame ist, dem diese Veränderung wider- 
lätirt, glauben wir nur im ersten Fall durch die Bezeichnung 



32 Erstes Kapitel. 

der Stärke unmittelbar, im zweiten nur bildlich durch den 
Namen der Höhe ausdrücken zu können. Noch mehr scheint 
Roth von Gelb wesentlich verschieden und das eine aus 
dem anderen nicht durch Anwachs oder Schwächung eines 
Gemeinsamen abzuleiten; nur was zwischen ihnen liegt, 
Rothgelb und Gelbroth, ist uns als eine Mischung verständ- 
lich, in welcher ein Mehr oder Minder des einen oder des 
andern von beiden enthalten ist. Gleichwohl leugnet doch 
Niemand, daß eine der Grundfarben einer zweiten ver- 
wandter ist als einer dritten, das Roth verwandter dem Gelb 
als dem Grün; diese Abstufungen der Aehnlichkeit sind 
nicht ohne ein Mehr oder Minder eines Gemeinsamen zu 
denken, dessen wir uns bei dem Uebergange von einem 
Gliede der Reihe zum nächsten und von diesem zum dritten 
bewußt bleiben. Zu bestimmen, worin in den einzelnen 
Fällen dies Gemeinsame bestehe, zu beurtheilen, ob 'eine 
Mehrheit von Vorstellungen sich nur durch Gradverschieden- 
heiten eines einfachen Allgemeinen oder durch Com- 
binationen von Werthunterschieden mehrerer einander be- 
stimmender Allgemeinheiten von einander sondere, ob also 
diese Vorstellungen in eine gradlinige Reihe oder flächen- 
förmig oder in Reihen noch höherer Ordnung zusammen- 
zufassen sind: dies alles sind anziehende Gegenstände der 
Untersuchung, aber sie sind nicht Gegenstände der Logik. 
Für diese genügt es, zu wissen, daß eine irgendwo verwend- 
bare Größenbestimmung zunächst des Mehr oder Minder das 
unentbehrliche Hülfsmittel der Unterscheidung zwischen den 
Reispielen eines Allgemeinen ist. Und auch diese Größen- 
bestimmung gehört zu dem, was wir nicht durch logische 
Arbeit erzeugen, sondern nur vorfinden anerkennen und 
weiter entwickeln. Ein Urtheil, a sei stärker als b, ist als 
Urtheil freilich eine logische Arbeit; aber der Inhalt, den 
es ausspricht, also die Thatsache selbst, daß es überhaupt 
Gradunterschiede desselben Vorstellbaren gibt, sowie die 
besondere, daß der Grad des a den des b übersteige, kann 
nur erlebt empfunden oder als Restandtheil unserer inneren 
Erfahrung anerkannt werden. Welches auch die künstlichen 
Vorrichtungen sein mögen, durch die wir wissenschaftlich 
die Genauigkeit einer Messung zu steigern suchen, zuletzt 
beruht doch Alles auf der Fähigkeit, zwei sinnliche Wahr- 
nehmungen unmittelbar als gleich oder als ungleich zu 
erkennen und sich darüber nicht zu täuschen, nach 
welcher Seite hin das Mehr und nach welcher das 
Minder liegt. 



Die Lehre vom Begriffe. 33 

17. Beschränkte sich nun die innere Erfahrung auf das 
Vorführen von Aehnlichkeiten und Unterschieden der Inhalte, 
so würde das Denken nur zu einer unveränderlichen syste- 
matischen Anordnung der Vorstellungen Veranlassung haben, 
ähnlich der musikalischen Scala, in welcher alle Töne ihre 
festen und unverrückbaren Plätze und wechselseitigen Be- 
ziehungen ein für allemal besitzen. Aber die Logik hat sich 
nicht mit einem Denken zu beschäftigen, welches unter 
nicht vorhandenen Voraussetzungen sein würde, sondern 
mit dem, welches ist. Allem wirklichen Denken aber ist 
durch den Mechanismus, welcher die Wechselwirkung der 
inneren Zustände beherrscht, von Haus aus mehr Anregung 
dargeboten, als jene Voraussetzung annahm; der mannig- 
fache Inhalt des Vorstellbaren wird ihm nicht blos in jener 
systematischen Ordnung, die seinen qualitativen Verwandt- 
schaften entspricht, sondern in der buntesten Fülle räum- 
licher und zeitlicher Verknüpfungen vorgeführt, und auch 
diese Thatsache gehört zu dem Stoffe, der dem Denken zur 
Ausführung seiner weiteren Leistungen dient und gegeben 
sein mußte. Die Verbindungen ungleichartiger Vorstellungen, 
die so herbeigeführt werden, sind die Aufgaben, an denen 
das Denken später seine Bemühung zu üben haben wird. 
Zusammenseiendes auf Zusammengehöriges zurückführen; 
ihrer braucht jetzt nicht weiter gedacht zu werden. Die 
gleichartigen oder gleichen dagegen geben Veranlassung, 
ihre Wiederholungen von einander zu trennen, sie zu ver- 
knüpfen, zu zählen; zu diesen Vorstellungen des Einen und 
Vielen fügen endlich die in Raum und Zeit stetig aus- 
gedehnten Inhalte die des Größeren und Kleineren hinzu. 
In diesen drei Paaren von Größenvorstellungen, denn die 
des Mehr oder Minder besaßen wir bereits, sind alle Maß- 
stäbe der Unterscheidungen für die Einzelbeispiele jedes 
Allgemeinen gegeben. 

18. Zweierlei schließe ich hier von den Gegenständen 
unserer Betrachtung absichtlich aus. Zuerst jede weitere 
Untersuchung über den Gang, den psychologisch die Ent- 
stehung und Entwicklung dieser Größenvorstellungen in 
unserem Bewußtsein nimmt, über die Reihenfolge, in welcher 
die eine die Bedingung für den Ursprung der andern sein 
mag, über den verschiedenen Werth endlich, den für ihre 
Bildung die zeitlichen und räumlichen Anschauungen haben. 
So anziehend diese Fragen sind, so würde doch ihre Be- 
antwortung unseren Weg unnöthig verlängern ; nicht darauf 
kommt es der Logik an, auf welche Weise die Elemente 

Lotze, Logik. 3 



34 Erstes Kapitel. 

entstehen, die das Denken benutzt, sondern darauf, welchen 
Werth sie, nachdem sie auf irgend eine Weise entstanden 
sind, für die Ausführung seiner Leistungen besitzen. Dies 
nun, was ich mehr als billig vernachlässigt finde, hebe ich 
hier hervor und werde es später im Auge behalten: die 
unerläßliche Nothwendigkeit, daß alle vom Denken zu ver- 
knüpfenden Vorstellungen einer von den drei erwähnten 
Arten der Größenbestimmung zugänglich sein müssen. Das 
Andere, das ich ausschließe, ist die Untersuchung der Fol- 
gerungen, die aus diesen Größenbestimmungen für sich 
gezogen werden können; sie haben sich längst zu dem 
großen Gebäude der Mathematik entwickelt, dessen reiche 
Gliederung jeden Versuch einer Wiedereinschaltung in den 
Zusammenhang der allgemeinen Logik verbietet. Aber die 
ausdrückliche Hinweisung darauf ist nothwendig, daß alles 
Rechnen eine Art des Denkens ist, daß die Grundbegriffe 
und Grundsätze der Mathematik ihren systematischen Ort 
in der Logik haben, daß wir uns endlich das Recht wahren 
müssen, auch später überall, wo das Bedürfniß es verlangt, 
unbedenklich auf die Ergebnisse zurückzugreifen, welche 
die Mathematik unterdessen, als ein sich für sich selbst fort- 
entwickelnder Zweig der allgemeinen Logik, gewonnen hat. 
19. Ueberblickt man nun das Ganze dieser zweiten 
Denkhandlung, in welcher ich jetzt die bejahende Setzung 
des Inhalts, die verneinende Abtrennung von jedem andern, 
endlich die vergleichende Größenschätzung der Unterschiede 
und Aehnlichkeiten zusammenfasse, so wird man die Be- 
merkung machen können, daß der Sinn dieser neuen 
logischen Arbeit in etwas von dem abweicht, welcher der 
ersten Denkhandlung, der Formung der Vorstellungen, zu- 
kommt. Man unterlag dort der allerdings von uns zurück- 
gewiesenen Versuchung, die Formen der Substantivität Ad- 
jectivität und Verbalität als Auffassungsweisen zu betrachten, 
welche das Denken, noch vor aller Aufforderung durch den 
gegebenen Inhalt, an diesem zu bethätigen begierig ist; 
allein, wenn wir gleich diese Aufforderung abwiesen, so 
bleibt es doch richtig, daß in jenen Formen das Denken 
nicht blos die auffordernde Thatsache des Vorstellungslaufs 
wiederholt, sondern ihr allerdings die Gestalt gibt, in der 
sie für den logischen Geist erst gerechtfertigt ist. Denn die 
Selbständigkeit, welche die substantivische Form, am kennt- 
lichsten durch den Artikel, dem einen Inhalt gibt, lag an 
sich nicht in der Thatsache, daß dieser Inhalt ein bleibendes 



Die Lehre vom Begriffe. 35 

Glied zwischen wechselnden Vorstellungsgruppen war; die 
Unselbständigkeit, welche die adjecüvische ausdrückt, war, 
als ein solcher Nebengedanke, nicht in der Thatsache vor- 
handen, die zur Ausprägung eines andern Inhalts in dieser 
zweiten Form anregte; man kann also fortfahren, in ge- 
wissem Sinne zu behaupten, daß in dieser ersten Handlung 
das Denken seine eignen Gesetze dem vorstellbaren Inhalt 
vorschreibe. Bezeichnen wir dies Verfahren mit einem Aus- 
druck, den wir übrigens vermeiden werden, als Beweis der 
Spontaneität, so trägt die zweite Handlung des Denkens 
den Charakter der Keceptivität; sie ist Anerkennung von 
Thatsachen, denen sie keine neue Form außer dieser An- 
erkennung ihres Bestehens gibt. Keinen Unterschied kann 
das Denken da machen, wo es keinen in dem Inhalt der 
Eindrücke vorfindet; das erste Allgemeine ließ sich nur in 
unmittelbarer Empfindung erleben, und dem erlebten konnte 
zwar ein Name gegeben, aber keine andere logische Arbeit 
konnte zu seiner weiteren Feststellung unternommen werden ; 
alle Größenbestimmungen, wie weit sich auch ihre fernere 
Vergleichung durch das Denken erstrecken mag, laufen 
immer auf das unmittelbare Innewerden gegebener Be- 
stimmtheiten des Vorstellungsinhalts zurück. Von zwei Ge- 
sichtspunkten möchte ich diese Thatsache betrachtet wissen. 
Zuerst liegt eine gewisse unrichtige Sorglosigkeit der Logik 
darin, daß sie in ihrem späteren Verlauf die Vergleichbar- 
keit von Vorstellungen und die Möglichkeit ihrer Unter- 
ordnung unter ein Allgemeines fast in jedem Augenblicke 
voraussetzt, ohne vorher bemerkt zu haben, daß diese Mög- 
lichkeit, daß überhaupt das Gelingen aller ihrer Schritte auf 
dieser ursprünglichen Einrichtung und Gliederung der ganzen 
Welt des Vorstellbaren beruht, einer Einrichtung, die an 
sich nicht denknoth wendig, um so nothwendiger freilich für 
die Möglichkeit des Denkens ist. Denn ich wiederhole: es 
ist an sich nicht widersprechend, daß jede Vorstellung von 
jeder anderen unvergleichlich verschieden wäre, daß mit 
dem Wegfall der qualitativen Vergleichbarkeit auch jeder 
Maßstab für ein Mehr oder Minder fehlte, daß' keine Vor- 
stellung zweimal sich der Wahrnehmung darböte, daß mit 
dem Mangel dieser Wiederholung des Gleichartigen auch 
die Vorstellungen des Größeren und Kleineren verschwänden. 
Daß es nicht so ist, daß vielmehr die Welt des Vorstellbaren 
eben die Gliederung besitzt, die wir fanden, dies mußte als 
eine höhchst wichtige Thatsache hervorgehoben werden, 

3* 



36 Erstes Kapitel. 

nicht aber sollte die Logik da, wo sie dieser Thatsache be- 
darf, sich auf sie als auf ein man weiß nicht woher ge- 
kommenes Selbstverständliche blos nebenbei berufen. Und 
hiermit hängt denn die andere Bemerkung zusammen, die 
ich noch vorhatte. Ist das Denken Rückwirkung auf ge- 
gebene Anregungen des Vorstellungslaufs, so wird an be- 
stimmten Stellen der systematischen Uebersicht seiner Hand- 
lungen auch der bestimmende Einfluß deutlich hervortreten, 
den auf diese die Gestaltung der Welt des Vorstellbaren 
ausübt; wie es hier das zweite Glied der ersten dreitheiligen 
Reihe von Denkhandlungen ist, so wird es auch später das 
zweite Glied der folgenden höher entwickelten Gruppen 
sein, worin sich diese eigenthümliche Abhängigkeit der 
logischen Arbeit von der Natur des Inhalts zeigen wird, 
dem sie jedesmal gilt. Doch beanspruche ich durch diesen 
vorläufigen Hinweis nichts weiter, als der Klarheit der 
Uebersicht über den systematischen Bau meiner Darstellung 
vorläufig zu Hülfe zu kommen; er selbst wird sich nur durch 
das rechtfertigen können, was er in jedem nach und nach 
hervortretenden Theile seiner Gliederung nützen wird. 

C. Die Bildung des Begriffs. 

20. In der Mannigfaltigkeit der Vorstellungen, die uns 
gegeben werden, Zusammengerathenes zu scheiden, Zu- 
sammengehöriges durch den Nebengedanken des Rechts- 
grundes seiner Zusammengehörigkeit neu zu verbinden, ist 
die fernere Aufgabe des Denkens. Es wird dienlich sein, 
um ihren Sinn zu verdeutlichen, die verschiedenwerthigen 
Bedeutungen zu überblicken, in welchen überhaupt eine 
Verknüpfung des Mannigfachen in unserer Gedankenwelt 
vorkommt. Zuerst ist keine spätere Handlung des Denkens 
möglich, ohne daß die verschiedenen Vorstellungen, auf 
welche sie sich beziehen soll, in einem und demselben Be- 
wußtsein zusammentreffen. Für die Erfüllung dieser Be- 
dingung sorgt die Einheit unserer Seele und der Mechanis- 
mus der Erinnerung, welcher zeitlich getrennte Eindrücke 
zu möglicher Wechselwirkung zusammenbringt. Man kann 
diese Vereinigung des Mannigfachen die Synthesis der 
Apprehension nennen; sie ist keine logische Handlung, 
sondern rafft nur das Mannigfache zu gleichzeitigem Besitz 
des Bewußtseins zusammen, ohne in seiner Vielheit eine 
Ordnung zu stiften, welche das eine Glied anders mit dem 
zweiten als dieses mit dem dritten verbände. Diese Ord- 



Die Lehre vom Begriffe. ' 37 

nung tritt ein in der zweiten Art der Verknüpfung, der 
Synthesis der Anschauung, in den räumlichen Bildern näm- 
lich und in der zeitlichen Aufeinanderfolge, worin die Einzel- 
eindrücke bestimmte mit einander ungleichwerthige Plätze 
einnehmen. Auch diese Verknüpfung wird uns ohne eine 
Handlung des Denkens fertig durch den Mechanismus, unserer 
inneren Zustände gegeben, und wie festbestimmt und fein- 
gegliedert auch die Verbindung des Mannigfachen in ihr 
sein mag, so stellt sie doch stets nur eine thatsächliche 
äußere Ordnung dar und offenbart keinen Grund der Zu- 
sammengehörigkeit, der das Mannigfache zu so geordnetem 
Zusammensein berechtigt. Ich gehe von dieser zweiten Stufe 
sogleich zu einer vierten über, zu einer Synthese, in welcher 
diese letzte Forderung vollständig in Bezug auf den jedes- 
maligen Inhalt erfüllt wäre. In ihr würde nicht nur eine 
thatsächliche Ordnung des Mannigfachen, sondern zugleich 
der bedingende Werth vorgestellt sein, den jeder Bestand- 
theil für das Zusammenkommen des Ganzen hat; bezöge 
sich diese Auffassung auf einen Gegenstand der Wirklichkeit, 
so würde sie zeigen, welche Bestandtheile die vorangehen- 
den bestimmenden und wirkenden sind, in welcher Reihen- 
folge der Abhängigkeit und Entwicklung die andern aus 
ihnen hervorgehen, oder welcher Zweck als der gesetz- 
gebende Mittelpunkt zu denken ist, dessen Sinn die gleich- 
zeitige Vereinigung aller Bestandtheile oder ihre allmähliche 
Nachentstehung fordert; bezöge sie sich auf einen Inhalt, 
der keine Wirklichkeit außer unserem Bewußtsein und keine 
zeitliche Entstehung oder Entwicklung hat, wie die geo- 
metrischen Figuren, so würde sie wenigstens versuchen, 
obwohl mit später zu erwähnender Beschränkung des Ge- 
lingens, auch hier die Bestandtheile des Ganzen in eine 
Rangordnung zu bringen, in welcher das, was in dem vor- 
gestellten Inhalt das Bedingende ist, dem Anderen voran- 
ginge, was in mannigfacher Abstufung seine Folge ist. Man 
bemerkt leicht, daß eine Synthese dieser Art nichts anderes 
als die Erkenntniß der Sache selbst sein würde; sie liegt 
als das Ziel, zu dem die Arbeit des Denkens führen soll, 
um ebenso viel höher über dem Boden der Logik, als die 
erste und zweite Weise der Verknüpfung des Mannigfachen 
unter ihm lag; in die Lücke dazwischen haben wir die 
dritte logische Form der Synthesis zu stellen, deren Eigen- 
heit jetzt aufzusuchen ist. 

21. Wenn der Unkundige vom Creditwesen oder vom 
Bankwesen spricht, so merken wir dieser Ausdrucks weise 



38 Erstes Kapitel. 

seine Ueberzeugung ab, eine Anzahl von Geschäften und 
Einrichtungen bilde ein zusammengehöriges Ganze; aber 
er würde nicht anzugeben wissen, worin der Nerv ihres 
Zusammenhangs liege oder welche Grenzen dies Ganze von 
dem abscheiden, was nicht zu ihm gehört. Durch diesen 
Nebengedanken, das Mannigfache sei nicht nur da, wie ein 
zusammenseiender Haufe, sondern gebe sich als ein Ganzes 
von Theilen gewisse Grenzen, innerhalb deren es eine ge- 
schlossene Einheit sei, ist die allgemeine Absicht des 
Denkens formell an diesem Inhalt markirt, ohne noch sach- 
lich erfüllt zu sein. In derselben Stellung findet sich nun 
unser Bewußtsein, wenn wir unsere Gedankenwelt mustern, 
zu sehr vielen Inhalten; ja man wird ohne Ueberraschung 
finden, daß sehr bedeutungsvolle Worte der Sprache diese 
unvollkommene Form der Fassung ihres Gegenstandes ver- 
rathen; denn eben je reicher wichtiger und mannigfaltiger 
ein Gegebenes ist, um so leichter werden überredende Ein- 
drücke vielfacher Wahrnehmungen das Gefühl seiner Eigen- 
thümlichkeit Ganzheit und Abgeschlossenheit in sich selbst 
erwecken, ohne uns darum sein inneres Gefüge wirklich 
aufzudecken. Worte wie Natur Leben Kunst Erkenntniß 
Thier und viele andere bedeuten im gewöhnlichen Gebrauch 
nichts weiter; sie drücken nur die Meinung aus, daß eine 
gewisse meist nicht genau begrenzbare Menge von Einzel- 
heiten, seien es Gegenstände oder Merkmale von Gegen- 
ständen oder Ereignisse, die sich aneinanderknüpfen, auf 
irgend eine Weise durch ein innerliches Band zu einem 
Ganzen vereinigt sind, welches sich weder einen Theil seines 
Inhalts rauben läßt, ohne zerstört zu werden, noch einen 
beliebigen Zusatz in seine abgeschlossene Einheit auf- 
nehmen kann. Wie wenig aber die Natur jenes Bandes 
wirklich bekannt ist, zeigt das Mißlingen des Versuchs, 
Rechenschaft über die Grenzen zu geben, welche das zu 
dieser Einheit Zugehörige umschließen und von Fremd- 
artigem trennen. So lange nun die logische Arbeit in der 
Zusammenfassung des Mannigfachen nicht weiter gediehen 
ist, würde ich Bedenken tragen, schon von Begriffen zu 
sprechen, ohne deshalb Werth auf die Erfindung eines be- 
sonderen technischen Namens für diese noch unvollkommene 
Fassung zu legen. Möge sie denn der unvollkommene oder 
der werdende Begriff heißen; den vollkommenen oder ver- 
wirklichten Begriff werden wir erst dann zu besitzen glauben, 
wenn der unbestimmte Nebengedanke der Ganzheit über- 



Die Lehre vom Begriffe. ^ 

haupt zu dem Mitdenken eines bestimmten Grundes ge- 
steigert ist, welcher das Zusammensein gerade dieser Merk- 
male, gerade diese Verbindung derselben und die Aus- 
schließung bestimmter anderen rechtfertigt. 

22. Es ist jetzt die Frage, wie wir zu diesem be- 
dingenden Grunde gelangen. Blieben wir nun bei der iso- 
lirten Betrachtung eines zusammengesetzten Bildes abcd 
stehen, so würde keine noch so lange fortgesetzte Be- 
obachtung uns entdecken, welche Bestandtheile desselben 
nur zusammensind, welche zusammengehören, in welcher 
Abstufung das Dasein des einen das des anderen bedingt. 
Vergleichen wir aber abcd mit andern seines Gleichen, 
d. h. mit solchen, auf welche von ihm aus unsere Aufmerk- 
samkeit ohne logisches Zuthun durch Gesetze imseres Vor- 
stellungslaufs gelenkt wird, und finden wir, daß in abcd, 
abcf, abcg und ähnlichen die Gruppe abc gleichmäßig vor- 
kommt unter Hinzufügung verschiedener ungleicher Bestand- 
theile, so erscheinen uns diese letzteren als das locker und 
trennbar mit dem festen Stamme des abc Verbundene; das 
gemeinsame abc aber steht ihnen nicht blos als thatsächlich 
gleicher Mittelpunkt ihrer Anknüpfung gegenüber, sondern 
unter der allgemeinen Voraussetzung, daß hier ein Ganzes 
einander bedingender Theile vorliege, wird dieser feste Kern 
zugleich zum Ausdruck der beständigen Regel, die in den 
Einzelfällen den Ansatz der verschiedenen Nebenbestand- 
theile gestattet und die Art ihrer Anfügung bestimmt. Wollen 
wir im Leben und zu praktischen Zwecken desselben er- 
mitteln, wo in einem Geschöpfe in einem Gegenstande oder 
in einer gegebenen Einrichtung die Grenzlinie verläuft, die 
das innerlich Zusammengehörige von zufälligen Anlagerun- 
gen scheidet, so setzen wir dies gegebene Ganze irgendwie 
in Bewegung; unter dem Einfluß der Veränderung werde 
sich zeigen, welche Theile hier fest zusammenhalten, während 
die fremden Beimischungen abfallen, und welche allgemeinen 
Verknüpfungsweisen jener Theile bestehen bleiben, während 
sie im Einzelnen ihre gegenseitigen Stellungen ändern; in 
dieser Summe des Beständigen sehen wir dann das wesent- 
liche innere Gefüge des Ganzen und erwarten von ihm, 
daß es auch die Möglichkeit und die Art und Weise des 
Ansatzes veränderlicher Bestandtheile bestimme. Das erste 
Verfahren, die Hervorhebung dessen, was verschiedenen 
ruhenden Beispielen gemeinsam zukommt, hat die Logik 
gewöhnlich befolgt und ist auf diesem Wege zur Aufstellung 



40 ' ' Erstes Kapitel. 

ihres Allgemeinen gekommen; ich würde den anderen be- 
vorzugen, die Bestimmung dessen, was in demselben Bei- 
spiel sich unter veränderten Bedingungen forterhält; denn 
nur die Voraussetzung, daß diese Selbsterhaltung sich auch 
an der Gruppe abc, dem Gemeinsamen vieler einzelnen 
Vorstellungsganzen, werde beobachten lassen, rechtfertigt 
eigentlich unsere Annahme, dieses Zusammenseiende als 
zusammengehörig und als Grund der Anfügbarkeit oder 
der Unzulässigkeit anderer Bestandtheile anzusehen. 

23. Man nennt Abstraction das Verfahren, nach welchem 
das Allgemeine gefunden wird, und zwar, wie man angibt, 
durch Weglassung dessen, was in den verglichenen Sonder- 
beispielen verschieden ist, und durch Summirung dessen, 
was ihnen gemeinsam zukommt. Ein Blick auf die wirkliche 
Praxis des Denkens bestätigt diese Angabe nicht. Gold 
Silber Kupfer und Blei sind an Farbe Glanz Gewicht und 
Dichtigkeit verschieden ; aber ihr Allgemeines, das wir Metall 
nennen, finden wir nicht dadurch, daß wir bei ihrer Ver- 
gleichung diese verschiedenen Merkmale ohne einen Ersatz 
einfach weglassen. Denn offenbar reicht zur Bestimmung 
des Metalls nicht die Verneinung aus, es sei weder roth 
noch gelb noch weiß oder grau; ebenso unentbehrlich ist 
die Bejahung, daß es jedenfalls irgend eine Farbe habe; 
es hat zwar nicht dieses nicht jenes specifische Gewicht, 
nicht diesen nicht jenen Grad des Glanzes, aber seine Vor- 
stellung würde entweder gar nichts mehr bedeuten oder 
doch sicher nicht die des Metalls sein, wenn ihr jeder Ge- 
danke an Gewicht überhaupt, an Glanz und Härte überhaupt 
fehlte. Durch Vergleichung der einzelnen Thierarten er- 
halten wir das allgemeine Bild des Thieres gewiß nicht, 
wenn wir jede Erinnerung an Fortpflanzung Selbstbewegung 
und Respiration deshalb fallen lassen, weil die einen lebendig 
gebären, andere Eier legen, manche sich durch Theilung 
vermehren, weil ferner jene durch Lungen, diese durch 
Kiemen, noch andere durch die Haut athmen, weil endlich 
viele auf Beinen wandeln, andere fliegen, einige zur Orts- 
veränderung unfähig sind. Im Gegentheil ist dies das Aller- 
wesentlichste, wodurch jedes Thier Thier ist, daß es irgend 
eine Art der Fortpflanzung, irgend eine Weise der Selbst- 
bewegung und der Respiration besitzt. In allen diesen Fällen 
entsteht mithin das Allgemeine nicht durch einfache Hin- 
weglassung der verschiedenen Merkmale p^ und p^, qi und q^, 
die in den verglichenen Einzelfällen vorkommen, sondern 
dadurch, daß an die Stelle der weggelassenen die' allgemeinen 



Die Lehre vom Begriffe. 41 

Merkmale P und Q eingesetzt werden, deren Einzelarten 
pi, p2 und qi, q2 sind. Das einfachere Verfahren der Weg- 
lassung kommt nur da vor, wo dem einen der verglichenen 
Einzelnen in der That gar keine Art eines Merkmals P zu- 
kommt, von welchem das andere nothwendig eine Art zu 
seinem Merkmal hat. So glauben wir, gleichviel ob mit 
Recht oder Unrecht, in der Pflanze keine Spur von Empfin- 
dung und Selbstbewegung zu entdecken, die beide wesentlich 
für alle Thiere sind ; aus der Vergleichung von Pflanze und 
Thier bilden wir daher allerdings die allgemeine Vorstellung 
des organischen Wesens durch Weglassung beider Merkmale 
ohne einen Ersatz. Eine sachlich eingehende Betrachtung 
würde, zwar nicht eben in diesem Beispiele, aber in vielen 
verwandten Fällen, vielleicht Veranlassung haben, dennoch 
beiden verglichenen Gliedern zwei Merkmale P und Q ge- 
meinsam zuzuschreiben, und nur für das eine, die Pflanze, 
einen Nullwerth dieser Merkmale anzunehmen, die in dem 
Thiere stets mit wirklichen Größenwerthen vorkommen. 
Etwas anders gewendet behaupten wir logisch, der Ersatz 
der weggelassenen Einzelmerkmale durch ihr Allgemeines 
sei die allgemeingültige Regel der Abstraction, die ersatzlose 
Weglassung bilde den Sonderfall, in welchem sich ein 
logisch gemeinsames Merkmal nicht finden läßt, als dessen 
verschiedene Arten der Besitz eines Einzelmerkmals hier 
und sein Nichtbesitz dort angesehen werden könnten. So 
gefaßt schließt mithin unsere Regel der Abstraction diese 
Fälle der bloßen Weglassung mit ein ; umgekehrt, eine Regel, 
welche nur von der Weglassung ausginge, fände keinen 
Rückweg zu der Forderung jenes Wiederersatzes, dessen 
Wichtigkeit für die Bildung des Allgemeinen alle späteren 
Schritte der Logik bestätigen werden. 

24. Nach den Betrachtungen des vorigen Abschnittes, 
von dessen Voraufsendung jetzt die Nothwendigkeit sicht- 
bar ist, wird man nicht ernstlich an dem nur scheinbaren 
Cirkel Anstoß nehmen, der uns hier Allgemeines durch 
Zusammensetzung von Allgemeinem zu bilden befiehlt. Wir 
haben gesehen, daß die allgemeinen Merkmale P und Q, die 
wir hier bedürfen, das erste Allgemeine des erwähnten 
Abschnittes, uns ohne logische Arbeit lediglich als beobacht- 
bare Erzeugnisse unseres Vorstellungslebens zufallen; eben 
deswegen können sie nun als Bausteine für die Bildung 
dieses zweiten Allgemeinen verwendet werden, welches wir 
allerdings durch eine logische Arbeit erzeugen. Daß das 
Gelb des Goldes das Roth des Kupfers und das Weiß des 



42 Erstes Kapitel. 

Silbers nur Abwandlungen eines Gemeinsamen sind, das 
wir dann Farbe nennen, das empfanden wir unmittelbai* ; 
wem es aber nicht empfindbar wäre, dem würde durch 
logische Arbeit nie deutlich gemacht werden können, weder 
daß diese Eindrücke Arten dieses Allgemeinen sind, noch 
überhaupt, was eigentlich ein Allgemeines und die Be- 
ziehung seines Besonderen zu ihm sagen will. Denn dies 
eben wünschte ich hier noch hervorzuheben, daß auf der 
unmittelbaren Anschauung eines ersten Allgemeinen und 
auf der Anwendung irgend welcher Größenvorstellungen 
die Bildung dieses zweiten Allgemeinen in allen Fällen 
beruht, nicht blos da, wo die Merkmale, wie die des Metalls, 
Farbe Glanz und Härte, sich ungezwungen als ruhende 
Eigenschaften des Bezeichneten fassen lassen, sondern auch 
da, wo sie, wie Fortpflanzungs- und Bewegungsfähigkeit 
des Thieres, nur kurze adjectivische Bezeichnungen von 
Verhaltungsweisen sind, die wir vollständig nur durch viel- 
fache Beziehungen zwischen mancherlei Beziehungspunkten 
denken können. Man überzeugt sich leicht durch eine Zer- 
gliederung, die ich nur um ihrer drohenden Weitläufigkeit 
willen hier der Aufmerksamkeit des Lesers überlassen muß, 
daß alle Unterschiede der Thiere auch in Bezug auf diese 
Merkmale immer auf Größenbestimmungen hinauslaufen, 
die entweder der Stärke gelten, mit der ein fühlbar gleicher 
oder gleichartiger Vorgang sich in ihnen ereignet, oder der 
Anzahl der Beziehungspunkte, zwischen denen er statt- 
findet, oder einer der Formverschiedenheiten, die er durch 
eben diese verschiedene Anzahl seiner Beziehungspunkte, 
durch die größere oder geringere Engigkeit ihrer Beziehung 
auf einander, endlich durch die ebenfalls meßbaren Unter- 
schiede ihres zeitlichen und räumlichen Verhaltens erfahren 
kann. Mit dem Hinwegfall dieser quantitativen Abstufung 
und Vergleicht)arkeit, die sich, in verschiedener Weise 
natürlich, über Alles, über einfache Merkmale, über ihre 
Beziehungen, über Verbindungsweisen des Gleichzeitigen 
und des Successiven erstreckt, würde die Bildung eines 
Allgemeinen aus der Vergleichung verschiedener zusammen- 
gesetzten Vorstellungsgruppen wenigstens in dem Sinne, 
in welchem diese Bildung für die Aufgaben des Denkens 
Werth hat, unmöglich sein. 

25. Ich gedenke jetzt einiger herkömmlichen Kunst- 
ausdrücke. Nennen wir Begriff (notio, conceptus) vorläufig 
überhaupt die zusammengesetzte Vorstellung, die wir als 
ein zusammengehöriges Ganze denken, so heißt Inhalt 



Die Lehre vom Begriffe. 43 

(niateria) des Begriffes S die Summe der Einzelvorstellungeii 
oder Merkmale (notae) a, b, c, d . . ., durch welche S voll- 
ständig gedacht und von jedem andern Begriffe Z unter- 
schieden wird; Umfang aber (ambitus, sphaera) die Anzahl 
der Einzelbegriffe s^, s^, s^. ., in deren jedem der Inhalt 
von S, also die Merkmalgruppe a, b, c, d . ., in irgend einer 
ihrer möglichen Modificationen enthalten ist. So würden 
Farbe a, Gewicht b, Dehnbarkeit d und die übrigen ähn- 
lichen zusammen den Inhalt des Metalls S; Kupfer s^ da- 
gegen, Silber s^, Gold s^ und ihres Gleichen zusammen- 
genommen den Umfang desselben S bilden. Man pflegt 
ferner die einzelnen Merkmale a, h, c als coordinirt in dein 
Inhalt von S, die einzelnen Arten aber, s^, s^, s^, als 
coordinirt in dem Umfange des S zu bezeichnen; in dem 
Verhältniß der Subordination endlich stehen die Arten s^, 
S", s^ zu dem allgemeinen S selbst, das ihre Gattung bildet; 
subsumirt aber sind sie sammt dem S selbst unter jedes 
der allgemein ausgedrückten Merkmale, welche den Inhalt 
des S und folglich auch den der s^, s^, s^ zusammensetzen. 
Zuletzt behauptet man, daß Umfang und Inhalt jedes Be- 
griffes in umgekehrtem Verhältniß zu einander stehen; 
je größer der Inhalt, also die Zahl der Merkmale, die der 
Begriff allen seinen untergeordneten Arten vorschreibt, um 
desto geringer die Zahl der Arten, welche diese Forderung 
erfüllen; je kleiner der Inhalt des S, um so größer «iie 
Menge der Einzelnen, welche die wenigen Merkmale be- 
sitzen, die ihnen nöthig sind, um Arten des S zu sein, 
oder in seinen Umfang zu gehören. Vergleiche man daher 
den allgemeinen Begriff S mit einem andern gleichartigen 
allgemeinen T und suche für sie beide das neue dritte 
Allgemeine U, dem sie wieder als Arten gehören, und setze 
man dies Verfahren fort, so werde jeder Allgemeinbegriff W, 
je höher er in dieser Stufenreihe steht, je weiter er nämlich 
von den ursprünglich verglichenen S und T absteht, um 
so ärmer an Inhalt und um so größer an Umfang sein; 
umgekehrt, steigen wir von jenen höchsten Allgemein- 
begriffen W durch V und U, S und T bis zu den Arten 
von S und weiter herab, so wachse mit abnehmendem 
Umfang der Inhalt und werde am größten in jenen Vor- 
stellungen des völlig Einzelnen und Individuellen, denen 
dann die Logik nicht ohne Bedenken den Namen eines 
Begriffes überhaupt noch zugesteht. 

26. Diese Bestimmungen sind von ungleichem, über- 
haupt aber von geringem Werth. Ich beginne, was über sie 



44 Erstes Kapitel. 

zu sagen ist, mit der Feststellung des künftig von mir zu 
befolgenden Sprachgebrauchs. Ich nenne jeden zusammen- 
gesetzten Inhalt s dann begrifflich gefaßt oder Begriff, wenn 
zu ihm ein Allgemeines S mitgedacht wird, welches den 
bedingenden Grund für das Zusammensein aller seiner Merk- 
male und für die Form ihrer Verknüpfung enthält. Nach 
dieser Erklärung sprechen wir unbedenklich von Begriffen 
auch des völlig Einzelnen, von singularen Begriffen nach 
dem alten Ausdruck der Logik und glauben uns dabei in 
völliger Uebereinstimmung mit dem Sprachgebrauch. Denn 
wenn wir zum ersten Male einen uns neuen Gegenstand s, 
vielleicht mit völliger Deutlichkeit der sinnlichen Wahr- 
nehmung, beobachten, mit dieser aber uns nicht zufrieden 
geben, sondern fragen, was denn nun eigentlich dies s sei, 
so wünschen wir offenbar die Regel kennen zu lernen, die 
in dem beobachteten Thatbestand die wahrgenommenen 
Merkmale verbindet und sie in ein zusammengehöriges 
Ganze von bestimmtem voraussagbaren Verhalten ver- 
wandelt. Erfahren wir dann, dies s sei ein S, ein Thier 
oder eine Pflanze, so glauben wir dies s begriffen zu haben ; 
seine Vorstellung ist es. also, die durch das Mitdenken des 
allgemeinen S zum Begriff erhoben wird. Jeder Eigenname 
bietet hierfür ein Beispiel. Alcibiades bedeutet für mensch- 
liche Gedanken niemals blos eine Vielheit verschieden- 
farbiger Punkte, die im Raum nach bestimmter obwohl 
nicht ganz unverschiebbarer Zeichnung mit einander ver- 
bunden sind und dem Versuch zu ihrer Trennung wider- 
stehen; ebensowenig drückt der Name blos den Neben- 
gedanken aus, diese Vielheit bilde auf irgend eine dahin- 
gestellte Weise ein Ganzes; das ganz bestimmte Allgemein- 
bild des Menschen vielmehr oder des Mannes wird als das 
Schema mitgedacht, nach welchem der Zusammenhang der 
hier beobachteten Merkmale unter einander und mit dem 
künftig von ihnen zu erwartenden Verhalten aufzufassen ist. 
Auf diese Auffassung aber paßt weder der Name der An- 
schauung, noch der einer bloßen Vorstellung, sondern nur 
der eines singularen Begriffes. 

27. Gar nicht finde ich dagegen in der Ordnung, daß 
man dem Allgemeinen S selbst, durch dessen Mitdenken 
das Einzelne zum Begriff wird, ohne allen Vorbehalt den 
Namen eines Allgemeinbegriffes gibt. Diese logische 
Form kann das S haben, hat sie aber keineswegs immer, 
sondern bleibt häufig ein bloßes allgemeines Bild, dessen 



Die Lehre vom Begriffe. 45 

Bestand zwar mit dem Nebengedanken seiner zusammen- 
gehörigen Ganzheit, aber ohne Angabe der gliedernden 
Regel seines Zusammenhangs gedacht wird. Im gewöhn- 
lichen Gebrauch der Rede ist schon der Name Mensch nur 
Ausdruck für ein solches Bild; einige Ueberlegung macht 
aus ihm leicht noch, durch Unterordnung unter das All- 
gemeine Thier, einen Begriff; dann bleibt aber Thier ein 
allgemeines Bild, das nur der Naturforscher noch durch 
Mitdenken der Vorstellung des organischen Wesens für 
seinen wissenschaftlichen Gebrauch zum Begriff umbildet. 
Auf diesem unfertigen Zustand der logischen Arbeit, die 
nur den einen Ring der ganzen Kette, den Zusammenhang 
des Einzelnen mit seinem nächsten Allgemeinen scharf 
beleuchtet, von da aus aber die übrigen im Dunkel läßt, 
beruhen die Begriffe, die im natürlichen Gebrauch des 
Denkens vorkommen; da jedoch wissenschaftliche Unter- 
suchungen, zu denen die Logik vorzugsweis einleiten will, 
wirklich dahin streben, auch jedes höhere Allgemeine eines 
gegebenen Begriffs selbst begrifflich zu fassen, so begnüge 
ich mich, die vorgetragene Bemerkung gemacht zu haben, 
sehe jedoch von ihrer hartnäckigen Durchführung ab und 
werde mit dem gewöhnlichen Sprachgebrauch auch jenen 
allgemeinen Bildern den Namen der Begriffe nicht vor- 
enthalten. Dies Zugeständniß wird mir dadurch erleichtert, 
daß in der Logik der Name des Begriffs nicht jene vornehme 
Bedeutung scheint haben zu dürfen, die ihm die Schule 
Hegel's gegeben hat, und in welcher er darauf Anspruch 
macht, die Erkenntniß der wesentlichen Natur seines Gegen- 
standes auszudrücken. Der Unterschied zwischen logischen 
Formen und metaphysischen Gedanken ist auch hier zu 
beachten. Es mag einen bevorzugten Begriff geben, welcher 
die Sache selbst in ihrem Sein und ihrer Entwicklung ver- 
folgt, oder zum Standpunkt der Auffassung den in ihr 
selbst liegenden Mittelpunkt wählt, von welchem aus sie 
ihr eignes Verhalten bestimmt und ihre eigne Wirksamkeit 
gliedert ; aber es ist nicht Aufgabe der Logik, ihrer Begriffs- 
form stets nur diese auserlesene Füllung zu geben. Der 
logische Begriff gilt uns als eine Denkform, welche ihren 
Inhalt, von irgend welchem Standpunkte aus, so auffaßt, 
daß aus dieser Auffassung Folgerungen zu ziehen sind, 
welche an bestimmten Punkten richtig wieder mit dem 
zusammentreffen, was aus diesem Inhalt selbst, aus der 
Sache selbst fließt; nach der Wahl jener Standpunkte, für 
deren jeden sich die Sache anders projicirt, kann es daher 



46 Erstes Kapitel. 

verschiedene gleich richtige und gleich fruchtbare logische 
Begriffe desselben Gegenstandes geben. Mag darum Begriff 
immerhin jede Auffassung heißen, die, wenn auch nur mit 
Hülfe eines selbst nicht weiter zergliederten Allgemein- 
bildes, dies leistet, den gegebenen Gegenstand einer Regel 
seines Verhaltens zu unterwerfen, deren i\.nwendung mit 
diesem wirklichen Verhalten in Uebereinstimmung bleibt. 
28. Ernstliche Bedenken erweckt die behauptete 
Coordination der Merkmale im Inhalt des Begriffs. Schon 
dies ist ein Uebelstand, daß uns ein passender Name für 
die Bestandtheile fehlt, aus denen wir den Begriff zu- 
sammensetzen ; Merkmal, Theilvorstellung passen nur für 
bestimmte Fälle. Sie erwecken die geläufige falsche Mei- 
nung, als seien ganz allgemein die Bestandtheile des Be- 
griffs gleichwerthig, jeder mit dem Ganzen des Inhalts 
ebenso verbunden wie jeder andere, und jeder erste mit dem 
zweiten ebenso wie dieser mit dem dritten. Hierzu verführen 
besonders die Beispiele, welche die Logik aus dem Kreise 
einfacher Naturgegenstände zu wählen pflegt. Zwar ist 
Gold gelb nur im Licht, dehnbar nur für eine einwirkende 
Zugkraft, schwer nur für den Körper den es drückt; aber 
diese verschiedenen Verhaltungsweisen lassen sich doch 
für unsere Einbildungskraft leicht als ruhende Eigenschaften 
vorstellen, die an einem bestimmten Punkte des Raumes 
versammelt sind und dort alle in nicht weiter angebbarer 
übrigens gleicher Weise an dem Realen haften, das um 
ihretwillen Gold heißt. Hier paßt der Name der Merkmale 
und hier sind die Merkmale allerdings in dem behaupteten 
Sinne in dem Inhalt coordinirt; nur bedeutet diese 
Coordination nichts mehr, als daß sie alle dem Ganzen, 
gleich unentbehrlich sind, außerdem aber eine irgendwie 
gegliederte Ordnung nicht besteht. Verlassen wir so ein- 
fache Beispiele, überlegen wir Begriffe wie Dreieck Thier 
oder Bewegung, so bedürfen wir, um ihren Inhalt richtig 
zu denken, eine Menge von Theilvorstellungen, die nicht 
mehr so gleichwerthig sind, sondern in den verschiedensten 
gegenseitigen Stellungen auf einander bezogen werden 
müssen. Die drei Seiten des Dreiecks sind nicht blos in 
ihm auch da, neben den drei Winkeln, sondern sie müssen 
durch ihre Schneidungen die Winkel bilden; der Begriff 
der Bewegung enthält nicht blos überhaupt die Theilvor- 
stellungen Ort Veränderung Richtung Geschwindigkeit; 
sondern Richtung und Geschwindigkeit sind, beide in ver- 
schiedenem Sinne, Bestimmungen der Veränderung; der 



Die Lehre vom Begriffe. 47 

Ort, da er ja verlassen wird, kann am wenigsten ein 
Merkmal des Begriffs heißen, er ist ein Beziehungspunkt 
für die Vorstellung der Veränderung, zu welcher sein Ver- 
hältniß durch den Sinn des Genitivs vergHchen mit dem 
regierenden Nominativ ausgedrückt wird. Die Verfolgung 
dieser Mannigfaltigkeit ist zu weitläufig; zu der Ueber- 
zeugung aber würde sie ersichtlich führen, daß im All- 
gemeinen die Merkmale eines Begriffs nicht gleichwerthig 
einander coordinirt sind, daß sie vielmehr in den mannig- 
faltigsten Stellungen sich auf einander beziehen, einander 
verschiedenartige Anlagerungen vorschreiben und so sich 
wechselseitig determiniren; daß ein zutreffendes Symbol 
für den Bau eines Begriffs nicht die Gleichung S^a-j-b 
-j- c -f- d , . ., sondern höchstens die Bezeichnung S = F 
(a, b, c, . . .) ist, welcher mathematische Ausdruck eben nur 
andeutet, daß a, b, c, . . . auf eine im Einzelfall genau angeb- 
bare, im Allgemeinen höchst vielförmige Weise verknüpft 
werden müssen, um den Werth von S zu ergeben. Wäre 
in irgend einem Einzelfalle 

S = a[bc8indJ + ^e — -W. 

so würde diese Formel, so läppisch sie sein würde, wenn sie 
etwas mehr bedeuten wollte, doch immer noch ein anschau- 
licheres Bild, als jene unzureichende Summenformel, für 
die Verschiedenheit der Beiträge geben, welche hier die 
einzelnen Merkmale a, b, c . . . zum Aufbau des ganzen 
Inhaltes von S liefern. 

29. Gegen die Coordination von s^ Kupfer, s^ Gold und 
s^ Silber in dem Umfang des S Metall ist nichts einzu- 
wenden, dagegen der große Werthunterschied zwischen 
dieser Unterordnung und der des allgemeinen S sowie jeder 
seiner Arten unter die allgemeinen Merkmale a dehnbar, 
b farbig hervorzuheben. Die Natur des Allgemeinen S, des 
Metalls, beherrscht die Natur seiner Arten, des Goldes und 
Kupfers, vollständig, und keine Eigenschaft der letz- 
teren entzieht sich ihrem bestimmenden Einfluß: gelb 
oder roth ist vieles, aber das schimmernde Gelb und 
Roth des Goldes und Kupfers kommt Metallen allein zu; 
dehnbar ist vieles, aber Größe und sonstige Eigenthümlich- 
keit der Dehnbarkeit, wie sie Gold und Kupfer zeigen, ist 
nur bei Metallen erhört; nur die Metallität endlich erklärt 
die Höhe des specifischen Gewichts. Ebenso bestimmt das 
Allgemeine Thier jede Eigenschaft und jede Regung dessen, 



48 Erstes Kapitel. 

was seine Art ist: das Thier bewegt sich anders wächst 
anders und ruht anders als die Pflanze und das Leblose. 
Versinnlichen wir das Allgemeine Metall durch einen Kreis S, 
so liegt der kleinere Kreis s^ des Goldes völlig in S ein- 
geschlossen; neben ihm, getrennt von ihm, aber ebenso ganz 
innerhalb des S, die Kreise s^ Kupfer, s^ Silber. Dies Ver- 
hältniß einer wahrhaften Unterordnung unter das maß- 
gehende Allgemeine bezeichne ich, indem ich zwei meist 
gleichbedeutend gebrauchte Namen verschieden benutze, 
als Subordination unter die Gattung; ich nenne da- 
gegen Subsumption unter das Merkmal die Unterord- 
nung des Goldes unter das Gelb g oder das Dehnbare d. 
Diese allgemeinen Merkmale beherrschen und durchdringen 
offenbar die ganze Natur des Goldes nicht; jedes drückt 
vielmehr nur eine Seite derselben aus, die andern Gegen- 
ständen von völlig abweichender Natur ebenfalls zukommt, 
und aus der sich, für unsere logische Einsicht, keinerlei 
Folgerung in Bezug auf die anderen Eigenschaften des 
Goldes ziehen läßt. An den größeren Kreis G des Gelben 
tritt daher der kleinere s des Goldes nur an einer bestimmten 
Stelle an und schneidet ihn, ohne gänzlich in ihm zu liegen ; 
an anderen Stellen wird G durch die Kreise der andern 
gelben Gegenstände ebenso geschnitten und sie alle bleiben 
theilweis außer ihm. 

30. Von dem Allgemeinen S aus, welches die Regel 
für die ursprünglich verglichenen s^ s^ s^ war, konnten 
wir zu immer höheren Allgemeinbegriffen T U V W auf- 
steigen. In der Naturgeschichte, für welche diese Stufen- 
reihe Werth hat, sind ihre einzelnen Glieder in der Richtung 
nach aufwärts als Art Gattung Familie Ordnung Klasse 
bezeichnet worden; doch ist schon dies nicht ganz un- 
streitig, was ein Allgemeinbegriff zu leisten habe, um eine 
Art, und was, um eine Gattung vorzustellen; noch ver- 
schiedener werden die übrigen Benennungen und immer 
nach Gesichtspunkten angewandt, die für den Kreis zu 
behandelnder Gegenstände jedesmal aus der besondem 
Natur derselben eigens gerechtfertigt werden. Ohne diese 
Unterstützung, welche die Bedeutung und Wichtigkeit dieser 
Abstufungen von Seiten sachlicher Kenntniß erfährt, läßt 
sich nur für Art und Gattung einigermaßen ein fester 
logischer Werth auf folgende Weise bestimmen. Ver- 
anlassung zur Aufsuchung eines Allgemeinen überhaupt 
findet das natürliche Denken nur in der Vergleichung von 
Einzelfällen, welche nicht gleich, aber ähnlich sind. Einen 



Die Lehre vom Begriffe. 49 

Begriff zu suchen, der Gurkenfrüchte und mathematische 
Lehrsätze unter sich befaßte, ist ein Spiel des Witzes; 
aber alle großen und kleinen alten und jungen dicken und 
magern schwarzen und weißen Menschen fordern das natür- 
liche Denken zu diesem Schritte auf. Denn ihre sinnlichen 
Erscheinungen liefern ähnliche Bilder, an deren entsprechen- 
den Punkten sich nur Merkmale finden, die unmittelbar 
als Arten desselben allgemeinen Merkmales, der Härte oder 
Farbe, empfunden werden; auch die Beziehungen zwischen 
zweien dieser Punkte sind in ihnen allen nur durch Grad 
und Größe verschiedene Modificationen einer und derselben 
allgemeinen Beziehung. Die Vergleichung der einzelnen 
Menschen erzeugt daher ein allgemeines Bild; nicht in 
dem Sinne freilich, als ließe der allgemeine Mensch sich 
wirklich malen, aber doch in dem Sinne der naturgeschicht- 
lichen Abbildungen, die gar nicht daran zweifeln, durch 
ein Pferd alle Pferde und durch ein Kameel alle Kameele 
in einer Anschauung, die mehr als bloßes Schema oder 
Symbol ist, deutlich darzustellen; oder in dem Sinne der 
Geometrie, die durch ein gezeichnetes Dreieck, obgleich 
es immer nur ein einzelnes sein kann, neben dem es andere 
gibt, doch alle diese andern, und zwar gleichfalls in an- 
schaulicher Weise, mit vertritt. Diese Möglichkeit ver- 
schwindet aber, wenn wir zu höheren Allgemeinheiten auf- 
steigen, die diese allgemeinen Bilder selbst wieder als ihre 
Arten unter sich befassen; das allgemeine Säugethier, das 
weder Pferd noch Kameel ist noch sonst Namen hat, läßt 
sich nicht in einem schematischen Bild'e mehr zeichnen, 
und ebenso wenig das Polygon, das weder Dreieck noch 
Viereck ist noch eine andere bestimmte Seitenzahl hat. 
Diese höheren Allgemeinbegriffe fassen wir mithin nicht 
mehr in einer Anschauung, sondern nur noch in einem 
Gedanken, durch eine Formel oder eine Gleichung, die im 
Wesentlichen dieselbe Beziehungsweise zwischen verschie- 
denen Beziehungspunkten vorschreibt, aber zu anschaulich 
ganz abweichenden Gestaltungen führt, je nachdem man die 
unbestimmt gelassenen Werthe dieser Beziehungspunkte 
selbst und ihrer engeren und schlafferen Verbindung so 
oder anders bestimmt denkt. Dasjenige Allgemeine nun, 
das noch ein Bild gewährt, würde ich eine Art, das erste 
von denen aber, die nur noch eine Formel möglich machen, 
die Gattung nennen, in Uebereinstimmung, wie ich glaube, 
mit dem gewöhnlichen Sprachgefühl und nebenbei mit den 

Lotze, Logik. 4 



50 Erstes Kapitel. 

alten Bestimmungen des Aristoteles. Denn die Wahl seiner 
beiden Ausdrücke Eidos und Genos ist ohne Zweifel durch 
die ursprüngliche Wortbedeutung bestimmt worden; Eidos, 
die Art, welche unter sich nur Individuen befaßt, ist das 
Gemeinsame des Aussehens oder der Erscheinung; Genos 
begreift das Formverschiedene, das in seiner Entstehung, 
oder, wenn es überhaupt nicht zeitlich entspringt, doch in 
dem bedingenden Zusammenhang seiner Bestandtheile der- 
selben gesetzgebenden Formel gehorcht. 

31. Es bleibt uns noch die letzte der früher angeführten 
Behauptungen : das umgekehrte Verhältniß zwischen Inhalt 
und Umfang der Begriffe; ich finde es unrichtig da, wo 
seine Richtigkeit wichtig wäre, und ziemlich unwichtig da, 
wo es richtig ist. Die Anzahl der Merkmale, aus denen 
wir unsere Begriffe zusammensetzen, ist nicht unendlich; 
reicht doch die Sprache mit zwar vielen doch nicht zahl- 
losen Worten zu ihrer Bezeichnung aus. Leicht möglich 
kann daher eine Gruppe derselben, sagen wir ikl, in mehreren 
Allgemeinbegriffen S T und Ü zugleich vorkommen, ohne 
daß deshalb ikl einen höhern Allgemeinbegriff darstellte, der 
ein Bildungsgesetz für alle Arten von S T und U enthielte. 
Man kann Kirschen und Fleisch unter die Merkmalgruppe ikl 
röthhcher saftiger eßbarer Körper unterordnen, aber man 
wird nicht glauben, damit einen Gattungsbegriff für beide 
erreicht zu haben, dessen Arten sie zu heißen verdienten. 
Ich behaupte nun nicht, daß die einseitige Hervorhebung 
einer solchen Merkmalgruppe überall so wenig Sinn habe, 
wie in diesem abgeschmackten Beispiele; im Gegentheil 
werden wir ihren Werth später kennen lernen: sie dient 
zu dem oft nützlichen und nöthigen Nachweis, daß ver- 
schiedene Subjecte, obgleich sonst einander ganz fremd und 
keinem gemeinschaftlichen Gattungsbegriffe subsumirbar, 
dennoch wegen eines einzigen oder weniger gemeinsamen 
Merkmale gewissen unabweislichen Folgerungen gleichmäßig 
verfallen sind. Wer nun fortfahren will, diese Merkmal- 
gruppen Allgemeinbegriffe zu nennen, hat dann freilich 
mit jenem umgekehrten Verhältniß zwischen ihrem Umfang 
und Inhalt Recht: je weniger Glieder die Gruppe zählt, 
um so sicherer wird sie in allerhand Begriffen anzutreffen 
sein; und anderseits je größere Anzahlen verschiedener 
Vorstellungsinhalte man vergleicht, um so kleiner wird die 
Merkmalgruppe sein, in der sie alle übereinstimmen. Von 



Die Lehre vom Begriffe. 51 

dem wahren Allgenieiiibegriff dagegen, dem, welcher die 
Regel für die ganze Bildung der Arten enthält, ließe sich 
eher behaupten, daß sein Inhalt allemal ebenso reich, die 
Summe seiner Merkmale ebenso groß ist, als die der Arten 
selbst; nur sind im Allgemeinbegriffe, in der Gattung, eine 
Menge Merkmale blos in unbestimmter und selbst allge- 
meiner Form enthalten, für welche in der Art bestimmte 
Einzelwerthe oder besondere Ausprägungen auftreten, bis 
in dem singularen Begriffe jede Unbestimmtheit verschwun- 
den und jedes allgemeine Merkmal der Gattung durch ein 
nach Größe Eigenthümlichkeit und Verknüpfung mit andern 
völlig determinirtes ersetzt ist. Allerdings kann man gegen 
die Allgemeingültigkeit dieser Behauptung Beispiele wie 
das früher erwähnte des organischen Wesens anführen, 
unter dessen Begriff wir Pflanze und Thier unterordnen; 
man kann es eine logische Willkürlichkeit nennen, in diesem 
Begriffe die Merkmale der Empfindungs- und Bewegungs- 
fähigkeit beizubehalten, mit dem Hintergedanken, beiden 
dann in der Pflanze einen Nullwerth zuzuschreiben; aber 
dies Beispiel zeigt eigentlich mehr, daß wirklich die höheren 
Allgemeinheiten, von der Gattung aufwärts, aufhören wahre 
Allgemeinbegriffe zu sein und in Complexe von Be- 
dingungen übergehen, denen der Inhalt verschiedener im 
eigentlicheren Sinne so zu nennender Gattungen mit gleichen 
daraus fließenden Folgen unterliegt. Der Begriff des orga- 
nischen Wesens ist ein solches ikl, eine Gruppe von Merk- 
malen, die für sich in keinem gegebenen Beispiel vorkommt, 
die aber in den Gattungen, in denen sie vorkommt, in 
Thier und Pflanze, dieselben aus ihr entspringenden Fol- 
gerungen nothwendig macht. 

32. Die vorigen Bemerkungen enthielten weder die Hoff- 
nung noch den Anspruch, eine bleibende Aenderung in 
dem hergebrachten Sprachgebrauch hervorzubringen; sie 
sollten nur der deutlicheren Einsicht in den Bau der 
Begriffe überhaupt dienen. Zu gleichem Zwecke füge ich 
noch Folgendes hinzu. Ich bezeichne die Gattung G, sofern 
ihr Begriff die Verbindungsregel einer Anzahl allgemeiner 
Merkmale ABC... darstellt, durch F [A B C], und nehme 
an, jedes der Merkmale lasse Einzelformen zu, welche 
ai a2 a3 . . h^ b^ b» . . c^ c^ c^ . . heißen mögen; die Ver- 
bindungsform F endlich bewege sich gleichfalls in einem 
Spielraum veränderlicher Gestaltungen, von denen wir drei 
durch f (p und f andeuten wollen. Da nun die Merkmale 

4* 



52 Erstes Kapitel. 

ABC von sehr verschiedenem Werthe für das Ganze von G 
sein können, ßo ist es möglich, daß die verschiedenen 
Werthe, welche etwa A annimmt, von entscheidender Wich- 
tigkeit für die Gestalt des Ganzen sind und sich auch in 
der Verbindungsweise der übrigen mit ihrem umformenden 
Einfluß gelten machen. Dies kann den Erfolg haben, daß, 
wenn A den einen oder den andern seiner Werthe annimmt, 
damit auch die Gliederungsweise F des Ganzen von 
einem ihrer Einzelfälle sich zu einem andern ändert; 
die Gesammtzahl der Arten von G würde dann sein: 
G = f (ai B C . .) + cp (a2 B C . .) + f (a3 B C . .), in welcher For- 
mel ich der Kürze halber die correspondirenden Aenderun- 
gen von B und C unausgedrückt lasse. Diese entscheiden- 
den Merkmale a^ a^ a^ sind in diesem Falle die art- 
bildenden Unterschiede, differentiae specificae. So pflegt 
schon Aristoteles, der dafür den Namen Diaphora hat, 
wenn er den Menschen unter die Gattung Thier unter- 
ordnet, die Bestimmung zum vernünftigen Denken als die 
eigenthümliche Ausprägung a^ des allgemeinen Seelen- 
lebens zu bezeichnen, durch die sich der Mensch von allen 
andern Thieren unterscheidet; im Sinne meiner obigen 
Bezeichnung kommt dann noch hinzu, daß dieses a^ nicht 
blos den Menschen von den Thieren abgrenzt, sondern 
auch die ihm eigenthümlichen Werthe der übrigen Eigen- 
schaften B und C, endlich die Verbindungsweise f derselben 
oder den ganzen Habitus bestimmt, durch den der Mensch 
sich von den Thieren mit ihrer durch cp oder f charakteri- 
sirten Organisation unterscheidet. Es kann ferner ge- 
schehen, daß die besonderen Werthe, welche eines oder 
mehrere der allgemeinen Gattungsmerkmale in einer ein- 
zelnen Art angenommen haben, nur in dieser Art und in 
keiner andern möglich sind, daß sie aber dennoch keinen 
wichtigen Einfluß auf die Gestaltung der übrigen Merkmale 
äußern und deshalb die Natur der Art, an welcher sie 
vorkommen, nicht nach ihrer ganzen Bestimmtheit repräsen- 
tiren. Eigenheit oder Idion nennt Aristoteles ein solches 
Merkmal: es ist das, was wir ein Kennzeichen nennen. 
Die Lachfähigkeit führt er als Idion des Menschen an, 
Hegel in ähnlichem Sinne das Ohrläppchen; beide unter- 
scheiden den Menschen vom Thiere, aber sie erschöpfen 
sein Wesen nicht. Noch gibt es nach Aristoteles Merkmale, 
die nicht zu dem eisernen Bestand eines Begriffs gehören, 
sondern etwas bezeichnen, was seinem Inhalt zustößt oder 



Die Lehre vom Begriffe. 53 

widerfährt; jedes Verbum, welches sagt, daß Sokrates sitze 
oder stehe, gibt davon ein Beispiel. Die Uebersetzer quälen 
sich vergeblich, den von Aristoteles dafür gebrauchten Aus- 
druck Symbebekos zugleich sachgemäß und in Ueberein- 
stimmung mit der ursprünglichen griechischen Wortbedeu- 
tung zu übersetzen; was an ihm sachlich wichtig und 
richtig ist, wird völlig dem entsprechen, was wir einen 
Zustand nennen. Daß dieser Ausdruck dennoch nicht 
den Sprachgebrauch des Aristoteles deckt, scheint mir die 
Schuld einer von ihm selbst begangenen Ungenauigkeit, 
deren Erörterung kaum die Mühe lohnen würde. Die Be- 
trachtung des sachlichen Verhältnisses aber, das zwischen 
dem Begriffsganzen und dieser Art seiner Merkmale ob- 
waltet, gehört der Lehre vom Urtheil an. Man findet in 
des Porphyrius Einleitung zur Aristotelischen Logik Stoff 
genug, um ein meist freilich nutzloses Nachdenken über 
die Aehnlichkeiten und Unterschiede der hier berührten 
logischen Bestimmungen noch weiter zu üben; uns dienten 
sie wesentlich zur Verdeutlichung der mannigfachen Glie- 
derung der Begriffe und sind zu diesem Zweck nicht in 
durchgängiger Uebereinstimmung mit Aristoteles vorgetragen 
worden. 

33. Wohin gelangt man nun zuletzt, wenn man zu allen 
gefundenen Allgemeinbegriffen immer höhere sucht? welche 
Form nimmt das Gesammtsystem aller unserer Begriffe 
an, wenn man sich dieses Geschäft vollendet denkt? Von 
einer breiten Grundfläche, welche durch alle singularen 
Begriffe oder Vorstellungen gebildet wird, erhebt es sich' 
offenbar mit zunehmender Verschmälerung ; die gewöhnliche 
Meinung gibt ihm geradezu die Gestalt einer Pyramide, 
die mit einer einzigen Spitze, dem alles umfassenden Be- 
griffe des Denkbaren, schließe. Ich finde wenig Witz in 
dieser Annahme; sie beruht ganz auf der geistlosen Sub- 
sumption unter ein Merkmal, deren logischen Werth wir 
gering anschlugen. Unter das Merkmal des Denkbaren über- 
haupt fällt alles auf einmal und mit einem Schlage; man 
kann sich die Mühe ersparen, zu diesem Ergebniß erst 
durch eine pyramidale Stufenleiter empor zu klettern; zu- 
gleich ist in diesem Endgliede von allem Inhalt und aller 
Eigenthümlichkeit des Gedachten auf die gründlichste und 
gedankenloseste Weise abgesehen. Folgen wir dagegen dem 
Verfahren der Subordination unter die Gattung und ordnen 
wir das Mannigfache nur solchen Allgemeinheiten unter, 
welche den Gedanken der allgemeinsten Regeln für die Eigen- 



54 Erstes Kapitel. 

arten seiner Formung noch aufbewahren, so kommen wir 
nicht zu einem, sondern zu mehreren auf einander nicht 
zurückführbaren Endbegriffen, in denen wir ohne Ueber- 
raschung dieselben Bedeutungen der Redetheile wieder- 
erkennen, die wir am Anfang dieses Hauptstücks als die 
ersten logischen Elemente kennen lernten. Alle substan- 
tivischen Inhalte führen auf den Stammbegriff des Etwas, 
alle adjectivischen auf den der Beschaffenheit, die verbalen 
auf den des Werdens, die andern auf den des Verhältnisses 
zurück. Alle diese Stammbegriffe haben freilich das ge- 
meinsame Merkmal, denkbar zu sein; aber eine gemeinsame 
Gattung, unter der ihre wesentlichen Inhalte verschiedene 
Arten bildeten, gibt es weder über ihnen allen, noch ver- 
tritt einer von ihnen diese Stelle für die übrigen; es ist 
nicht möglich, das Etwas als eine Art des Werdens, oder 
das Werden als eine Art des Etwas zu fassen. So an- 
gesehen erhebt sich das Gesammtgebäude unserer Begriffe 
wie eine Gebirgskette, die von einem breiten Fuße beginnt 
und mit mehreren scharf getheilten Gipfeln endigt. 



Uebergang zu der Form des Urtheils. 

34. Auf diesem Bilde einer zusammenhängend sich auf- 
bauenden Begriffswelt hat schon der Blick Piatons geruht. 
Ihn, der die ewige Sichselbstgleichheit jedes Begriffsinhaltes 
und ihre Bedeutung gegenüber der Veränderlichkeit des 
Wirklichen zuerst erkannt, ihn konnte es reizen, alle ein- 
fachen Elemente des Denkbaren aufzusuchen, alle Ver- 
bindungen der verbindbaren zu vollziehen und in dem 
gegliederten Ganzen einer Ideenwelt das ewige Vorbild auf- 
zurichten, dem die geschaffene Welt unvollkommen nach- 
ahmt. Weder er selbst indessen noch die Folgezeit hat 
eine wirkliche Ausführung dieser an sich unvollendbaren 
Aufgabe versucht; noch weniger könnten wir jetzt geneigt 
sein, in ihr eine wünschenswerthe Leistung zu sehen. Und 
dies nicht nur deshalb, weil die Wirklichkeit, das was ist, 
uns zu zahlreiche und schwere Räthsel aufgibt, um uns 
Zeit zur Aufstellung eines Verzeichnisses dessen zu lassen, 
was sein könnte, aber nicht ist; vielmehr auch die voll- 
ständige Kenntniß der Ideenwelt würde uns wenig in der 
Begreifung des Wirklichen unterstützen. Denn Alles, was 
wir im besten Fall auf diesem Wege erreichen könnten, 
würde nur das Bild einer ruhenden Ordnung sein, in welcher 



Die Lehre vom Begriffe. 55 

einfache und zusammengesetzte Begriffe, jeder unveränder- 
lich sich selbst gleich und jeder durch unwandelbare Be- 
ziehungen zu allen andern an seinen unverrückbaren syste- 
matischen Ort gestellt, neben einander ständen; was uns 
dagegen die Wirklichkeit vorhält, ist ein wechselndes Durch- 
einander der mannigfachsten Beziehungen und Verknüpfun- 
gen, die sich zwischen den einzelnen Vorstellungsinhalten, 
ohne Rücksicht auf ihre systematische Stellung, bald so 
bald anders gestalten. Diese große Thatsache der Ver- 
änderung hört nicht dadurch auf dazusein, daß wir im Sinne 
des Alterthums sie als eine Unvollkommenheit schelten, 
im Gegensatz zu der feierlichen Ruhe der Ideenwelt ; immer- 
fort führt sie der Verlauf unserer Vorstellungen uns wieder 
vor, und das Denken, das von diesem ja seine Anregung 
empfängt, muß sich bemühen, auch dies veränderliche Zu- 
sammensein auf Gründe der Zusammengehörigkeit zurück- 
zuführen. Hierdurch wird der weitere Weg der Logik be- 
stimmt. 

35. Verschiedene Erwägungen führen zu demselben 
nächsten Schritte. Wo an einen scheinbar unveränderten 
Begriffsinhalt neue Merkmale sich anfügen, die wir früher 
in ihm nicht mitdachten, werden wir am unmittelbarsten 
zu der Frage aufgefordert, welcher Grund eines veränd3r- 
lichen Zusammengehörens sich für beide denken lasse. 
Aber auch wenn wir verschiedene Beispiele eines All- 
gemeinen vergleichen, in dessen allgemeinen Merkmalen 
wir die Möglichkeit vieler besonderen bereits eingeschlossen 
haben, fragt es sich doch nach dem Grunde, der in jedem 
einzelnen dieser Beispiele die Zusammengehörigkeit des 
besondern Merkmals mit dem übrigen Ganzen des Inhalts 
vermittelt und dieses Merkmal vor den übrigen besonderen 
bevorzugt, die als Arten desselben Allgemeinen eben so gut 
vorhanden sein könnten, aber nicht vorhanden sind. Zu- 
letzt, da wir in jedem Begriffe eine Mehrheit von Merkmalen 
vereinigt denken, und zwar solchen, die nicht ihrem eigenen 
Inhalte nach, als Glieder e"ner und derselben systematischen 
Reihe einander verwandt, die vielmehr einander ungleicli- 
artig und fremd sind, die aber dennoch einander deteraiiniren 
und in ihrer Verbindung eine bedingende Macht über den 
Ansatz anderer ausüben sollen, so kehrt auch hierüber die 
Frage nach dem Rechtsgrunde wieder, der dieses Zusammen- 
sein des Ungleichartigen als ein Zusammengehören er- 
scheinen lasse. Wir werden uns bewußt, daß wir in unserer 



56 Erstes Kapitel. 

Betrachtung des Begriffs, als wir einer gewissen Verjcnüpfung 
von Merkmalen diese Stellung einer beherrschenden 
logischen Substanz zuschrieben, welche sich in einer Mannig- 
faltigkeit verschiedener oder wechselnder Formen bethätigt. 
eine Auffassungsweise gefordert und vorausgenommen 
haben, deren logisch rechtliche Ausführbarkeit uns noch 
zu erweisen obliegt. Dies also ist unsere Aufgabe nun, 
diese vorausgesetzten Verknüpfungen entweder wieder auf- 
zulösen, oder, wenn sie sich rechtfertigen lassen, sie noch 
einmal, dann aber in einer Form zu vollziehen, welche den 
Grund der Zusammengehörigkeit des Verbundenen mit aus- 
spricht. Wenn das Denken diese Aufgabe zu lösen sucht, 
wird ersichtlich die Form seiner Bewegung die des 
ürtheils sein. In ihm tritt ein bleibendes oder bedin- 
gendes Glied, das Ganze eines Begriffsinhalts, als Subject 
den veränderlichen oder bedingten Gliedern oder der Summe 
dieser Theile als Prädicaten gegenüber, die Beziehung 
beider aber, welche ihre Verknüpfung erklärt und recht- 
fertigt, liegt in der Copula, nämlich in dem Nebengedanken, 
welcher, sprachlich mehr oder minder vollständig ausge- 
drückt, beide Satzglieder zusammenhält. 



Zweites Kapitel. 

Die Lehre vom Urtheil. 



Vorbemerkungen über Bedeutung und gewöhnliche Eintheilung 
der Urtheile. 

Der allgemeinen Absicht meiner Darstellung gemäß 
würde ich die verschiedenen Urtheilsformen nun syste- 
matisch als Glieder einer Reihe von Denkhandlungen zu 
entwickeln haben, deren jede durch den von ihr unbewältig- 
ten Rest ihrer Aufgabe den Eintritt der nächstfolgenden 
begründet. Ehe ich diesen Versuch beginne, habe ich 
üblichen anderen Betrachtungsweisen und den Gründen 
meiner Abweichung von ihnen einige Worte zu widmen. 

36. Jedes Urtheil, welches im natürlichen Gebrauch 
des Denkens gebildet wird, will ein Verhältniß zwischen 
den Inhalten zweier Vorstellungen, aber nicht ein Ver- 
hältniß dieser beiden Vorstellungen aussprechen. Von diesem 
sachlichen Verhältniß der vorgestellten Inhalte ist natürlich 
ein gewisses Verhältniß der Vorstellungen, durch die wir 
es denken, eine unvermeidliche Folge; aber nicht diese 
freilich unausbleibHche Beziehung unserer Denkmittel, durch 
die wir den sachlichen Inhalt ergreifen wollen, sondern 
eben dieser selbst ist der wesentliche Sinn der im Urtheil 
vollzcgenen Derkhandlung. Wenn wir sagen: das Geld ist 
gelb, so ist es freilich unwidersprechlich, daß nach diesem 
Urtheile unsere Vorstellung des Goldes in dem Umfange 
unserer Vorstellung des Gelben hegt, daß mithin das Prädicat 
von weiterem Umfange ist, als das Subject; aber dies war 
es doch gewiß nicht, was man durch dies Urtheil aus- 
zusprechen beabsichtigte. Vom Golde selbst vielmehr wollte 
man sagen, daß das Gelb selbst ihm als Eigenschaft zu- 
komme, und nur deshalb, weil man dieses sachliche Ver- 



58 ' Zweites Kapitel. 

hältniß, gleichviel jetzt, welche Bedenken es sonst haben 
mag, als bestehend schon voraussetzt, kann man es in 
einem Satze abbilden, in welchem die Vorstellung des 
Goldes von der des Gelben eingeschlossen wird. Daß man 
nicht einmal ganz Recht hat mit diesem Satze, hat die 
Logik auch sonst schon bemerkt; indem sie von dem, was 
man ausdrückt, sich auf das beruft, was man meint, lehrt 
sie, daß auch das Subject seinerseits dies allzuweite Prädicat 
beschränke; das Gold sei nicht gelb überhaupt, sondern 
goldgelb, die Rose rosenroth, ja diese Rose habe eben nur 
das Roth dieser Rose. Aber auch diese Verbesserung 
ändert nichts an der UnvoUkommenheit dieser ganzen Auf- 
fassung des Urtheils; denn welches Verhältniß nun eigent- 
lich zwischen den beiden so corrigirten Gliedern stattfinde, 
sagt sie doch nicht, und die ganze Mannigfaltigkeit der 
verschiedenen Zusammenhangsweisen, die hier stattfinden 
können, geht für sie verloren. So ist ja das Gold im 
Finstern nicht gelb; seine Farbe hängt also an ihm nur 
unter einer Bedingung, der des Lichtzutrittes; wer nun 
diese neue Erfahrung mit der vorigen im Stil dieser Aut- 
fassung zu verbinden wünschte, würde sagen müssen, die 
Vorstellung des Goldes liege gleichzeitig im Umfange des 
im Lichte Gelben und im Umfange des im Finstern Nicht- 
gelben; aber durch diese Ausdrucksweise würde er, wie 
mir scheint, doch nur verrathen, daß es ihm Vergnügen 
macht, von dem worauf es ankommt, der Erwähnung jenes 
Bedingungsverhältnisses, zu freilich richtigen, aber ganz 
bedeutungslosen Folgen abzuschweifen. Natürlich haben 
auch diese Umfangsverhältnisse der im Urtheil verbundenen 
Vorstellungen ihren logischen Werth; aber wo man diesen 
bedürfen wird, ist er nicht so schwierig zu ermitteln, um 
sich seiner nicht nebenher augenblicklich zu bemächtigen; 
einen Hauptgesichtspunkt für die Betrachtung der Urtheile 
aus jenen Verhältnissen zu machen, halte ich für ebenso 
irrig als langweilig. 

37. Auf die Auffassung, welche ich hier vertrete, weisen 
übrigens die technischen Ausdrücke der Logik zurück. 
Subject unseres obigen Urtheils ist im Satze, oder gram- 
matisch betrachtet, das Wort Gold, logisch angesehen aber, 
oder im Urtheile, nicht die Vorstellung Gold, sondern das 
Gold; denn nur zu diesem gehört das Gelb als ein Prä- 
dicat, das von ihm ausgesagt wird, und zwar in einem 
bestimmten Sinne ausgesagt wird, den die Bedeutung der 
Copula angibt. Die Vorstellung des Gelben dagegen ist 



Die Lehre vom Urtheil. 59 

nicht in demselben Sinne eine Eigenschaft der Vorstellung 
des Goldes, in welchem Gelb eine des Goldes ist; jene 
wird gar nicht von dieser ausgesagt oder prädicirt ; zwischen 
beiden Vorstellungen findet zunächst nur die Beziehung 
statt, daß immer, oder doch unter bestimmten Bedingungen 
immer, die eine dieser Vorstellungen, gelb, sich einfindet, 
wo die andere, Gold, gegeben ist; daß aber, wo jene ge- 
geben ist, nicht überall diese hinzutritt. Was das aber ist, 
was dieses Verhalten ermöglicht rechtfertigt oder noth- 
wendig macht, das zu ermitteln und auszusprechen, ist 
allein die Aufgabe des logischen Urtheils, und es löst sie, 
indem es durch den Sinn seiner Copula die Beziehujig 
angibt, die zwischen den beiden vorgestellten Inhalten, 
um deswillen, was sie vorstellen, und in verschieden(m 
Fällen verschieden, stattfinde; nur zwischen diesen Inhaltcm 
ist anderseits eine logische Copula denkbar; zwischen ihren 
Vorstellungen besteht nur die psychologische Verbindung, 
die ich erwähnte, und außer ihr jenes monotone, in allen 
Fällen gleiche Verhältniß der Einordnung der einen in 
den Umfang der anderen. 

38. Es ist jetzt bereits deutlich, daß es für uns nur 
so viel wesentlich verschiedene Urtheilsformen wird geben 
können, als es wesentlich verschiedene Bedeutungen der 
Copula, d. h. verschiedene Nebengedanken gibt, welche 
wir über die Art der Verknüpfung des Subjects mit seinem 
Prädicat uns machen und in der syntaktischen Form des 
Satzes mehr oder minder vollständig zum Ausdruck bringen. 
Manche andere Unterscheidung, der wir in der Logik be- 
gegnen, fällt daher für unsere systematische Uebersicht 
als unbrauchbar hinweg, ohne deswegen ihren anderweitigen 
logischen Werth zu verlieren. Dieser Umstand macht mir 
zur Klarheit des Folgenden eine vorläufige Erörterung des 
Hergebrachten wünschenswerth ; doch glaube ich sie auf 
diejenige Eintheilung der Urtheile beschränken zu können, 
die, an sich sehr alt, in Deutschland durch Kant die 
üblichste geworden ist. Man weiß, daß Kant jedes Urtheil 
nach den vier verschiedenen Rücksichten der Quantität 
Qualität Relation und Modalität bestimmt sein ließ und 
in jeder dieser Rücksichten für jedes Urtheil eine von 
drei einander ausschließenden Formen nothwendig fand. 
Von dieser Eintheilung darf ich das dritte Glied aus dieser 
vorläufigen Betrachtung ausschließen. Denn die Relation 
(zwischen Subject und Prädicat), nach welcher Kant 
kategorische hypothetische und disjunctive Urtheile unter- 



60 Zweites Kapitel. 

scheidet, bezieht sich offenbar auf eben die wesentlichen 
Bestimmtheiten des Urtheils, die wir suchen, und die den 
weiteren Gegenstand meiner eigenen Darstellung ohnehin 
bilden werden. Wenn das kategorische sein Subject S und 
sein Prädicat P schlechthin, wie man sagt, oder nach 
dem einfachen Vorbild des Verhältnisses eines Dinges zu 
seiner Eigenschaft verknüpft, das hypothetische dagegen 
dem S an sich nicht, sondern nur unter Voraussetzung 
der Erfüllung einer Bedingung sein P beilegt, das disjunctive 
endlich dem S gar kein bestimmtes Prädicat ertheilt, ihm 
aber die nothwendige Wahl zwischen mehreren einander 
ausschließenden auferlegt, so ist ohne. Zweifel in jeder 
dieser drei Formen der Sinn der Copula, die Art der Ver- 
knüpfung zwischen S und P, verschieden und eigenthüm- 
lich; diese drei werden die Glieder der nachher aufzu- 
bauenden Stufenreihe der Urtheile bilden; nur die neun 
übrigen bedürfen der folgenden Vorerwägung. 

39. Ihrer Quantität nach müssen die Urtheile ent- 
weder allgemein oder particular oder singular sein. 
Drückt man diese Unterschiede durch die üblichen Formeln 
aus: alle S sind P, einige S sind P, dieses S ist P, so 
zeigen sie offenbar nur die verschiedene Ausdehnung an, 
in welcher eine Verbindung von S und P gelten soll; die 
Art der Verbindung ist in allen drei Fällen dieselbe, und 
muß dieselbe sein, weil das allgemeine Urtheil, in dieser 
Fassung seines Sinnes, aus der Summirung der besondern 
und particularen soll entstehen können, mithin diesen völlig 
gleichartig sein muß. Die quantitative Bezeichnung gilt 
deshalb dem Subject allein, aber sie bezieht sich nicht 
auf das logische Verhältniß zwischen ihm und seinem 
Prädicat; sie ist daher von Wichtigkeit da, wo es gilt, 
in dem Zusammenhang der Gedanken von einem Urtheile 
eine Anwendung zu machen, deren Tragweite sich nach 
dem Umfang richtet, über den seine Gültigkeit sich erstreckt ; 
einen eigenthümlichen Fortschritt der logischen Arbeit da- 
gegen bezeichnen diese Unterschiede in ihrer hier ge- 
gebenen Formulirung nicht. Ich füge diese letztere Be- 
schränkung hinzu, weil ja gewiß die quantitativen Unter- 
schiede der Urtheile mit logisch wichtigen Unterschieden 
auch der Verknüpfungsweise zwischen S und P wirklich 
zusammenhängen ; denn was allen S zukommt, haftet an der 
Natur seines Subjects ohne Zweifel auch in anderem Sinne, 
als das, was nur einigen eigen ist, anderen nicht; aber die 
quantitative Formulirung des Urtheils, welche die Subjecte 



Die Lehre vom Urtheil. 61 

blos zählt, bemächtigt sich eben dieser wichtigen Neben- 
gedanken nicht und läßt, häufig gegen die Natur der Sache, 
das Verhältniß des Prädicats zu seinem Subjecte überall 
als das nämliche erscheinen. 

40. In Bezug auf Qualität unterschied Kant affir- 
mative, negative und 1 imitative Urtheile. Nun ist 
nichts klarer, als daß die beiden Sätze: S ist P, und S ist 
nicht P, so lange sie die logische Eigenschaft haben sollen, 
einander entgegengesetzt zu sein, nothwendig genau die- 
selbe Verbindung von S und P meinen müssen, nur daß 
die Geltung derselben von dem einen bejaht, von dem 
andern verneint wird. Es ist gewiß nicht nothwendig, aber 
nützlich, sich dies Verhalten durch Spaltung jedes dieser 
Urtheile in zwei zu verdeutlichen. Eine bestimmte Be- 
ziehung zwischen S und P, welcher Art sie auch immer 
sein mag, denken wir uns durch ein Urtheil: S ist P, als 
einen noch fraglichen Gedanken ausgedrückt; diese Be- 
ziehung bildet den Gedankeninhalt, über den zwei einander 
entgegengesetzte Nebenurtheile gefällt werden; das eine 
affirmative gibt ihm das Prädicat der Gültigkeit oder der 
Wirklichkeit, das andere negative verweigert sie ihm. Natür- 
lich ist es im Zusammenhang unserer Gedanken von der 
größten Wichtigkeit, welches dieser beiden Nebenurtheile 
über eine gegebene Verknüpfung von S und P gefällt wird ; 
aber zwei wesentlich verschiedene Arten des Urtheils als 
solchen begründet dieser Unterschied nicht; Gültigkeit oder 
Ungültigkeit sind vielmehr in Bezug auf die Frage, die 
uns hier beschäftigt, als sachliche Prädicate zu betrachten, 
die von dem ganzen Urtheilsinhalte als ihrem Subjecte 
gelten. Dieser Inhalt selbst hat seinen von Bejahung und 
Verneinung noch freien Ausdruck im Fragesatz, und dieser 
hätte als drittes Glied wohl schicklicher die Dreiheit der 
Urtheilsqualitäten ausgefüllt, als das limitative oder un- 
endliche Urtheil, das durch eine positive Copula dem Subject 
ein negatives Prädicat beilegen soll und durch die Formel: 
S ist ein Nicht-P, ausgedrückt zu werden pflegt. Viel 
Scharfsinn ist auch in neuerer Zeit zur Ehrenrettung dieser 
Urtheilsform aufgeboten worden, in der ich dennoch nur 
ein widersinniges Erzeugniß des Schulwitzes finden kann. 
Schon Aristoteles hat vollkommen hinlänglich bemerkt, daß 
Ausdrücke wie Nicht-Mensch keine Begriffe sind; sie sind 
nicht einmal Vorstellungen, die sich fassen ließen. In der 
That, wenn Nicht-Mensch Alles bedeutet, was es logisch 
bedeuten soll, nämlich Alles, was nicht Mensch ist, mithin 



C)2 Zweites Kapitel. 

nicht blos Thier oder Engel, sondern auch Dreieck Weh- 
muth und Schwefelsäure, so ist es eine ganz unausführbare 
Forderung, dies wüste Gemeng des Verschiedenartigsten 
in eine V^orstellung zusammenzufassen, die sich dann als 
Prädicat zu einem Subject hinzufügen ließe. Jeder Versuch, 
dies undenkbare Nicht-P an einem S zu bejahen, schlägt 
für das unbefangene Denken stets dahin um, das denkbare P 
an demselben S zu verneinen, und anstatt zu sagen: der 
Geist ist eine Nicht-Materie, sagen wir alle: der Geist ist 
nicht Materie. Selbst in Fällen, wo wir im natürlichen 
Denken ein limitatives Urtheil wirklich zu bilden scheinen, 
wie z. B. wenn wir sagen, daß Aerzte Nicht-Combattanten 
seien, bilden wir in Wahrheit doch nur ein negatives. Denn 
dies Nicht-P hat hier nicht die Bedeutung, die ihm der 
limitative Satz gäbe; Nicht-Combattanten würden für diesen 
auch die Pferde die Wagen die Dreiecke und die Buch- 
staben sein; gemeint aber sind doch nur die menschlichen 
Personen, die zum Heere gehören, von denen aber die 
Theilnahme am Kampfe negirt wird. Und so gibt es nirgends 
für das natürliche Denken eine zwingende Veranlassung, 
limitative Urtheile zu bilden; jede Folgerung, die aus dem 
Satze: S ist ein Nicht-P, möglich wäre, bleibt auch möglich 
aus dem andern: S ist nicht P. Es ist nicht der Mühe 
werth, hierüber weitläufiger zu sein; offenbare Grillen 
müssen in der Wissenschaft nicht einmal durch zu sorg- 
fältige Bekämpfung fortgepflanzt werden. 

41. Durch die Formen der Modalität soll der zwischen 
S und P gedachten Beziehung ein verschiedener Werth 
ihrer Geltung gegeben werden; als blos mögliche spreche 
sie das problematische, als wirkliche das asser- 
torische Urtheil aus, als nothwendige das apodiktische. 
Aber man behandelt diese neuen Eigenschaften ganz un- 
abhängig von der Art, in welcher die Urtheile bereits nach 
jedem der drei andern Gesichtspunkte bestimmt sind. Nach- 
dem schon feststeht, ob ein gegebenes Urtheil U seine Be- 
standtheile in kategorischer in hypothetischer oder in dis- 
junctiver Form verbindet, nachdem schon entschieden ist, 
ob es die in einer dieser Formen gedachte Beziehung 
bejaht oder verneint, nachdem endlich durch die quan- 
titative Bezeichnung auch der Umfang des Subjects begrenzt 
ist, für den das ausgesprochene Prädicat gelten soll: nach 
alledem hält man es noch für eine offene Frage, ob das 
so zusammengesetzte Urtheil problematisch assertorisch 
oder apodiktisch sein wird. In dieser Behandlung der Sache 



Die Lehre vom Urtheil. 63 

liegt ganz offen das Zugeständniß, daß die Möglichkeit 
Wirklichkeit oder Nothwendigkeit, von denen hier die Rede 
ist, mit dem logischen Gefüge des Urtheils in gar keinem 
Zusammenhange stehen. Alle diese Urtheile, die man in 
den Formeln: S kann P sein, S ist P, S muß P sein, aus- 
zudrücken pflegt, sind in Bezug auf die Geltung, die sie 
ihrem Inhalt aus logischen Mitteln geben, einander voll- 
kommen gleichartig; sie sind sämmtlich bloße Behauptungen 
des Urtheilenden und unterscheiden sich nur nach dem 
Inhalt, den sie behaupten. Diesen Inhalt, hier MögUchkeit 
dort Wirklichkeit oder Nothwendigkeit einer Beziehung 
zwischen S und P, sprechen sie entweder ohne allen Grund 
oder aus Gründen einer sachlich richtigen Ueberlegung 
aus, welche sie in ihrem logischen Baue auf keine Weise 
mehr zum Vorschein kommen lassen; eben deswegen be- 
dürfen sie jener hinzugefügten Hülfszeitwörter, um neben- 
bei das auszudrücken, was in der Gliederung des Urtheils 
selbst nicht liegt. In dem weiteren Zusammenhang unserer 
Gedanken haben natürlich auch solche Urtheile ihren Werth ; 
denn häufig kommt es eben darauf an, Ergebnisse früheres 
Nachdenkens, ohne beständig ihre Begründung mit zu 
wiederholen, in die Gestalt einfacher Behauptungen zu- 
sammenzuziehen; hier sind jene Hülfszeitwörter am Platz, 
welche die einst logisch begründete Möglichkeit Wirklich- 
keit und Nothwendigkeit als einen jetzt bekannten Urtheils- 
inhalt bezeichnen. Aber für die Unterscheidung wesent- 
licher Urtheilsformen und für ihre systematische Anordnung 
könnte nur eine solche Modalität von Werth sein, welche 
nicht fremd neben dem übrigen logischen Gefüge der Urtheile 
herginge, sondern eben aus ihm selbst entspränge und den- 
jenigen Anspruch auf blos mögliche oder auf nothwendige 
oder wirkliche Geltung ausdrückte, welcher dem Urtheilsinhalte 
aus der ^rt der Verbindung seiner Bestandtheile erwächst. 
42. Es wäre nutzlos, eine solche Modalität zu ver- 
langen, wenn man nicht die Erfüllbarkeit des Verlangens 
zeigen könnte. Deshalb greife ich Späterem etwas vor. 
Der Satz : alle Menschen müssen sterben, gilt gewöhnlich 
für apodiktisch; für mich ist er nur assertorisch; denn er 
behauptet nur, aber er begründet nicht die Nothwendigkeit, 
von der er spricht; sogar dies läßt seine formelle Fassung 
unentschieden, ob alle Menschen aus demselben Grunde 
sterben oder jeder um eines besonderen Umstandes willen, 
so daß nur thatsächlich alle diese verschiedenen Zufälle 
sich dafür vereinigen, keinen am Leben zu lassen. Gemeint 



64 Zweites Kapitel. 

aber hatten wir mit diesem Satze doch dies, daß nicht alle 
blos thatsächlich sterben, sondern daß die Ausdehnung 
der Sterblichkeit auf alle ihren Grund in dem Allgemein- 
begriffe des Menschen, in der Natur der Menschlichkeit 
habe; und diesen Gedanken drücken wir in der That durch 
die generelle Form des Urtheils aus: der Mensch stirbt; 
denn der Sinn dieses Urtheils, auf dessen Unterscheidung 
von dem gewöhnlichen allgemeinen ich zurückkommen 
werde, ist natürlich nicht, daß der Allgemeinbegriff Mensch, 
wohl aber, daß Alles stirbt, was unter ihm befaßt ist und 
deswegen weil es unter ihm befaßt ist. Jedes hypothetische 
Urtheil ferner begründet durch seinen Vordersatz den Inhalt 
des Nachsatzes und ist deshalb in unserem Sinne eine 
apodiktische Urtheilsf orm ; der Nachsatz wird hier nicht 
schlechthin, sondern unter der Bedingung der Gültigkeit 
des Vordersatzes behauptet, aber diese Gültigkeit voraus- 
gesetzt ist dann der Inhalt des Nachsatzes nicht mehr 
eine ThatSache blos, sondern eine Nothwendigkeit, mit dem- 
selben Rechte, mit dem eben jede Folge aus ihrer Be- 
dingung nothwendig entspringt. Aehnliches, nur zu weit- 
läufig für diese Vorbemerkungen, würde sich über das 
disjunctive Urtheil sagen lassen, und wir würden so in den 
drei Formen der Relation zugleich drei verschiedene For- 
men apodiktischer Modalität gefunden haben. 

43. Ich scheue mich fast, ein gar zu grobes Mißver- 
ständniß noch ausdrücklich abzuwehren. Die sachliche 
Richtigkeit eines Urtheils kann ja nie durch die logische 
Form verbürgt werden, in die wir seinen Inhalt bringen; 
sie hängt allezeit davon ab, daß die eignen Beziehungen 
zwischen den Bestandtheilen dieses Inhalts selbst schon 
in Wahrheit solche sind, wie sie die Urtheilsform voraus- 
setzt, wenn sie ihnen eine Geltung von bestimmtem Werth 
zutheilen soll. Dies gilt von der gewöhnlichen Modalität 
nicht minder als von der, die wir an ihre Stelle setzen 
möchten. In der gewöhnlichen Form des apodiktischen 
Urtheils: S muß P sein, läßt sich jeder Widersinn aus- 
sprechen, ohne dadurch Sinn zu werden; ebenso steht 
es uns frei, unsere formell apodiktischen Urtheile zu den 
Aussagen zu mißbrauchen : der Mensch sei allmächtig ; wenn 
es regne, werde alles trocken; jedes Dreieck sei entweder 
krumm oder süß oder jähzornig. Auch diese letzteren 
Urtheilsformen machen also nicht jede Begriffsverbindung 
wahr oder nothwendig, die man in sie hineinbringt; ihre 
Bedeutung besteht nur darin, zu zeigen, unter welchen 



Die Lehre vom Urtheil. 65 

forinaleii Bedingungen wir dann, wenn ein bestimmter 
Inhalt ihnen durch sich selbst genügt, diesem Inhalt apodik- 
tische Geltung zuschreiben dürfen. Hierin aber unter- 
scheidet sich unsere Auffassung der Modalität zu ihrem 
Vortheil von der gewöhnlichen. Diese letztere sagt uns 
nur: es gebe apodiktische Erkenntnisse, und wenn man 
sie habe, könne man sie in der Form: S muß P sein, 
ausdrücken; wie aber eine Erkenntniß aussehen und inner- 
lich gefügt sein müsse, um apodiktisch zu sein und diesen 
Ausdruck zu rechtfertigen, sagt sie uns nicht; wir erfahren 
es dagegen auf unserem Wege. Wir finden: es gibt drei 
Formen der Beziehungen zwischen S und P, die, wo sie 
stattfinden, zu nothwendigen Erkenntnissen führen; in eine 
dieser Formen versucht eure Vorstellungen zu bringen: 
entweder bildet generelle Urtheile und sucht das P auf, 
welches in einem Gattungsbegriffe S an sich schon mit- 
gedacht wird; dies P kommt dann nothwendig jeder Art 
des S zu; oder bildet hypothetische Urtheile und zeigt, 
daß aus dem Hinzukojnmen einer Bedingung X zu S für 
dies S ein P entspringt, das ohne diese Bedingung nicht 
vorhanden sein würde; dies P gilt dann nothwendig von 
jedem S, auf welches dieselbe Bedingung in derselben 
Weise einwirkt; oder endlich bildet disjunctive Urtheile; 
sobald ihr eine Frage auf ein scharfes Entweder-Oder zurück- 
gebracht habt, seid ihr eurer Sache auch gewiß und es 
bedarf dann nur noch einer Erfahrung, um in jedem Einzel- 
falle zu bestimmen, welches von zwei Prädicaten, P oder Q, 
und zwar dann mit Nothwendigkeit, statthaben werde. 
Andere Wege aber, zu nothwendigen Erkenntnissen zu ge- 
langen, gibt es nicht, und jedes Urtheil, welches ihr in der 
Fonn: S muß P sein, aussprechen mögt, ist nur noch eine 
Behauptung, deren Inhalt, wenn er triftig ist, allemal auf 
einem jener drei Wege ursprünglich erkannt worden ist. 
44. Ich sprach bisher von den apodiktischen Urtheilen; 
die Zweideutigkeit der gewöhnlichen Modalitätslehre ist 
noch auffallender an den problematischen. Dem Satze : 
alle Körper können durch angemessene Kräfte in Bewegung 
gesetzt werden, kann man mit ungefähr gleich gutem Rechte 
jede der drei Modalitäten zuschreiben. Zuerst, als Be- 
hauptung, die den Grund ihres Behauptens nicht beifügt, 
ist er assertorisch; aber, was er behauptet, ist doch nicht 
ein wirkliches Ereigniß, sondern die Möglichkeit eines un- 
wirklichen oder nur in Gedanken gefaßten, und dies reicht 
nach gewöhnlichem Herkommen hin, ihn problematisch zu 

Loize, Logik. 5 



06 Zweites Kapitel. 

jieiiiien; apodiktisch endlich kann er heißen, weil er allen 
Körpern eine Eigenschaft zuschreibt, die mithin keinem 
fehlen kann und deshalb für jeden noth wendig ist; in der 
That, dieses Urtheil enthält die Wirklichkeit der Nothwendig- 
keit einer Möglichkeit. Nach welcher Rücksicht soll man 
nun den Namen wählen ? Ich würde mich dafür entscheiden, 
hier ein assertorisches Urtheil zu sehen, die noth wendige 
Möglichkeit aber zu dem asserirten Inhalt zu rechnen. 
Da jedoch dieselbe Betrachtung sich auf alle problematischen 
Urtheile der gewöhnlichen Form ausdehnen läßt, so ent- 
steht die Frage, ob es denn überhaupt eine Urtheilsform 
gebe, die an sich problematische zu heißen verdiene? Man 
hat Fragesatz und Bitte angeführt; beide behaupten in der 
That nichts; sie scheinen die Verbindung von S und P, 
die ihren Inhalt bildet, durchaus nur als mögliche vor 
dem Bewußtsein schweben zu lassen. Ich zweifle gleichwohl, 
ob sie überhaupt als eigene logische Urtheilsformen gelten 
können. Denn am Ende muß doch die Frage sich wieder 
von der Bitte unterscheiden, und das kann sie nur da- 
durch, daß das Bewußtsein des Fragenden sich anders 
zum Inhalt seiner Frage verhält, als das des Bittenden zu 
dem seiner Bitte. Bedeutet nun die Frage: ich weiß nicht, 
ob S ein P sei, und die Bitte: ich wünsche, daß S ein P 
sei, so würde die Behauptung freilich sehr pedantisch sein, 
der Redende selber müsse sich in jedem Falle seine 
Aeußerung in diese zweigliedrige Form zerlegen; allein 
in dem Gesammtzustand seines Inneren müssen sich doch 
in diesen beiden Fällen zwei verschiedene, sagen wir Zu- 
stände Stimmungen oder Dispositionen finden, welche, 
wenn man sie ausdrücken wollte, sich eben nur so aus- 
drücken lassen würden. Dann aber ist sogleich klar, daß 
beide Urtheile einen assertorischen Hauptsatz enthalten, 
der nichts vom Inhalt sagt, sondern nur die Stellung des 
Redenden zu diesem Inhalt seiner Rede bezeichnet; der andere 
abhängige Satz, durch die Conjunctionen Ob und Daß ein- 
geführt, enthält den ganzen Inhalt ohne irgend eine Aussage 
über Art und Werth seiner Geltung. Eben deshalb halte 
ich auch diesen abhängigen Satz nicht für ein proble- 
matisches Urtheil; denn dazu reicht nicht der Mangel 
einer Angabe über die Art der Geltung hin, vielmehr müßte 
diese ausdrücklich auf bloße Möglichkeit beschränkt werden. 
Von der Bitte ließe sich dies noch sagen, daß sie die Mög- 
lichkeit des Erbetenen und nichts als diese einschließt; 
die Frage, da sie ja eben nach der Möglichkeit selbst 



Die Lehre vom Urtheil. 67 

fragen kann, thut auch das nicht immer; in beiden würde 
auüerdem die Voraussetzung der Möglichkeit einer zwischen 
S und P gedachten Verbindung nur als ein dem Redenden 
zuzutrauender Gemüthszustand angerechnet werden können, 
in der logischen Form des Urtheils läge sie nicht. Ich 
halte vielmehr diesen abhängigen Satz für eine modalitäts- 
lose Bezeichnung eines bloßen Urtheilsinhaltes, und eben 
weil kein vollständiges Urtheil aussprechbar ist, ohne ent- 
weder Möglichkeit oder Wirklichkeit oder Nothwendigkeit 
seiner Geltung zu beanspruchen, so kommen diese moda- 
litätslosen Sätze nie selbständig, sondern immer von einem 
andern selbständigen regiert vor, welcher von ihrem Inhalt 
eine dieser Modalitäten asserirt. 

45. Problematisch könnten im Sinne unserer Ansicht 
nur die Urtheile heißen, welche durch ihre logische Form 
eine zwischen S und P gedachte Beziehung als mögliche 
und blos als mögliche charakterisiren. Dies thun alle nach 
ihrer Quantität particularen und singularen Urtheile. Sätze 
von der Form: einige S sind P; einige S können oder 
müssen P sein; dieses S ist P oder kann oder muß P sein, 
sagen unmittelbar nur von bestimmten Fällen des S das 
thatsächliche mögliche oder nothwendige Vorkommen des 
Prädicates P aus, und lassen zweifelhaft, wie in dieser 
Beziehung die nicht erwähnten andern Fälle des S sich 
verhalten; für S an sich ist daher nur die Möglichkeit 
jedes von jenen drei Verhältnissen zu P ausgesprochen 
und diese particularen Sätze sind gleichbedeutend mit den 
assertorischen: S kann P sein können; S kann P sein; 
S kann P sein müssen. Deshalb nenne ich die particularen 
Sätze problematisch in Bezug auf das allgemeine S; daß 
sie zugleich offenbar assertorisch sind in Bezug auf die 
einigen S, von denen jeder spricht, streitet gar nicht gegen 
meine Auffassung; dieser Umstand macht nur darauf auf- 
merksam, daß die bloße Möglichkeit einer Beziehung 
zwischen S und P sich in der That auf keinem andern 
Wege erkennen läßt, als durch die Beobachtung, daß diese 
Beziehung von einigen S wirklich gilt, gelten kann oder 
muß, von anderen nicht gilt, nicht gelten kann oder muß. 
Es gibt daher allerdings gar keine selbständigen problema- 
tischen Urtheile, die nicht in Bezug auf einen Theil ihres 
allgemein ausgedrückten Subjectsbegriffes insofern asser- 
torisch wären, daß sie von diesem die Möglichkeit Wirk- 
lichkeit oder Nothwendigkeit eines Prädicates behaupteten. 



68 Zweites Kapitel. 

46. Man bemerkt endlich leicht, daß das Kann und 
Muß der gewöhnlichen problematischen und apodiktischen 
Urtheile und das Ist der assertorischen einerseits zur Be- 
zeichnung aller sachlich wichtigen Unterschiede der Geltung 
des Urtheilsinhaltes gar nicht ausreichen, anderseits, und 
eben deshalb, sehr verschiedene Verhältnisse unter den- 
selben Ausdruck zusammenwerfen. Zuerst : welche Modalität 
haben Sätze wie diese: S wird P sein; S soll P sein; 
S darf P sein; S ist P gewesen? Wirklichkeiten behaupten 
sie alle nicht; aber die Unwirkhchkeit des Vergangenen 
im letzten ist doch ganz etwas anderes als die des Er- 
laubten Befohlenen oder Zukünftigen in den ersteren; mög- 
lich ist dies Unwirkliche im dritten, zweifelhaft seine Mög- 
lichkeit im zweiten, unvermeidlich seine Wirklichkeit im 
ersten, unwiderruflich, aber zugleich unwirklich im letzten. 
Hätte man alle diese Schattirungen berücksichtigt, so würde 
man die Modalitätsformen noch um viele Glieder haben 
vermehren können. Anderseits wie ganz Verschiedenes be- 
deuten die gleichgeformten Sätze : es kann . heute regnen ; 
der Papagei kann reden; jedes Viereck kann in Dreiecke 
getheilt werden! Dort eine Annahme, die möglich ist, weil 
man keinen Gegengrund weiß; dann eine Fähigkeit, die 
da ist aus Gründen, welche nicht dazusein brauchten; zu- 
letzt ein nothwendiges Ergebniß einer Operation, die man 
beliebig anstellen oder unterlassen kann. Ich vermeide, 
diese Beispiele zu häufen, die sich ins Unbestimmte ver- 
mehren ließen; sie alle zergliedern wollen wäre eine ebenso 
thörichte Aufgabe, als die eines mathematischen Lehrbuchs, 
das alle möglicherweis vorkommenden Exempel im Voraus 
auszurechnen unternähme. Im Gebrauch des Denkens fließen 
freilich unsere Folgerungen eben aus diesen verschiedenen 
sachlichen Bedeutungen der erwähnten Bezeichnungen; aber 
es bleibt nichts anderes übrig, als eben in jedem Einzelfalle 
zuzusehen, was man vor sich hat, ob eine versuchsweis 
annehmbare Möglichkeit wegen Mangels des Beweises der 
Unmöglichkeit, ob eine wohlbegründete auf ihren Bedin- 
gungen sicher ruhende Fähigkeit, ob eine Nothwendigkeit 
wegen Vorhandenseins zwingender Gründe, oder ob eine 
solche des Gebotes des Zweckes der Pflicht, ob endlich eine 
jener Combinationen von Möglichkeit Wirklichkeit und Noth- 
wendigkeit, von denen wir oben ein Beispiel berührten. 



Die Lehre vom Urtheil, 69 



Die Keihe der Urtheilsformen. 

A. Das Impersonale Urtheil. Das kategorische Urtheil. 
Der Satz der Identität. 

47. Es kann nicht zweifelhaft sein, daß in der Reihe 
der Urtheilsformen das kategorische dem hypothetischen 
und dem disjunctiven vorangeht. Das Auftreten eines Prä- 
dicates P an einem Subject S von einer vorauserfüllten 
Bedingung abhängig zu machen, kann Veranlassung ^ur 
durch frühere Erfahrungen gegeben sein, die an einigen S 
dies P fanden, an andern nicht; Erfahrungen, die zuletzt 
immer in der Form des kategorischen Urtheils: S ist P, 
ihren Ausdruck gefunden haben müssen. Ebensowenig kann 
daran gedacht werden, dem S die nothwendige Wahl 
zwischen verschiedenen Prädicaten vorzuschreiben, ehe 
frühere Erfahrungen die immer vorkommende Beziehung 
des S zu einem allgemeineren Prädicate festgestellt haben, 
dessen Arten jene zur Wahl gestellten sind; auch diese 
Erfahrungen würden ihren natürlichen Ausdruck in einem 
Urtheil der Form: S ist P, finden. Diese Abhängigkeit 
verräth sich bleibend auch in dem Bau der hypothetischen 
und der disjunctiven Urtheile; wie verwickelt auch im 
einzelnen Falle ihre Gliederung sein mag, sie laufen doch 
auf das allgemeine Schema zurück, zwei Urtheile der Form : 
S ist P, entweder als Vordersatz und Nachsatz oder als 
einander ausschließende Glieder zu einer Gesammtbehaup- 
tung zu verknüpfen. Aber fraglich kann sein, ob nicht 
eine noch einfachere Form dem kategorischen Urtheile selbst 
in der systematischen Reihenfolge vorangehen müsse. Der 
Satz: S ist P, kann nur ausgesprochen werden, wo der 
Vors tellungs verlauf ein feststehendes und durch seinen 
eignen Inhalt gekennzeichnetes S bereits kennen gelehrt 
hat, zu welchem der Inhalt eines P als hinzukommendes 
Prädicat gedacht werden kann. Dies wird nicht immer ge- 
schehen sein; ja man kann fragen, ob nicht in jedem Falle 
die Ermittelung des bestimmten S, welches einem kate- 
gorischen Urtheile zum Subject dienen wird, die logische 
Verwerthung von Erfahrungen voraussetzt, in denen S 
in dieser fertigen Gestalt noch nicht vorkommt. Die Be- 
antwortung dieser Frage, welche sich auf die psychologische 
Entwicklung unseres Donkens bezöge, lasse ich dahin ge- 



70 Zweites Kapitel. 

stellt; es genügt hier die Thatsache, daß auch in unserem 
ausgebildeten Denken sich eine Urtheilsform noch gar nicht 
verloren hat, welche diese einfachste Aufgabe behandelt, 
einen Inhalt der Wahrnehmung logisch zu fassen, ohne 
ihn als Bestimmung oder Veränderung eines schon fest- 
gestellten Subjectes anzusehen. Es ist das Impersonale 
Urtheil, welches ich, als die erste Urtheilshandlung des 
Denkens, hier zur Vorstufe des kategorischen mache. 

48. Ich glaube nicht nöthig zu haben, die logische Be- 
deutung des impersonalen Urtheils weitläufig gegen eine 
Meinung zu vertheidigen, die in ihm nur den sprachlichen 
Ausdruck des Wahrnehmungsinhaltes selbst, ohne alle 
logische Arbeit, erblicken möchte. Der Naturlaut, mit dem 
der Frierende sich gegen seinen frierenden Nachbar schüttelt, 
ist ein solches bloßes Zeichen, das nur zur Verlautbarung 
seines Zustandes dient; aber sobald er sein Unbehagen in 
dem Satze ausspricht: es ist kalt, hat er unstreitig eine 
Denkarbeit vollzogen. Indem er dem an sich ungeschiedenen 
Inhalt seiner Wahrnehmung diese zweigliedrige Form eines 
Prädicates gibt, das durch eine Copula auf ein Subject be- 
zogen ist, drückt er aus, daß nur in solcher Gestalt dieser 
Inhalt ihm als eine wahrgenommene Wirklichkeit denkbar 
ist. Allerdings ist er nicht im Stande, dem Subject einen 
für sich bestehenden Inhalt zu geben; nur die leere Stelle 
desselben, und daß sie einer Ausfüllung bedürfe, deutet 
er an, entweder durch das unbestimmte Pronomen oder 
in andern Sprachen durch die dritte Person des Zeit- 
wortes, die er statt seines Infinitivs braucht; allerdings 
fällt der ganze angebbare Inhalt der Wahrnehmung, die er 
ausspricht, in das Prädicat allein; allerdings endlich hat 
die Copula, die er zwischen beide stellt, noch nicht den 
Sinn einer bestimmten ausdrückbaren Beziehung; sie hält 
nur formell als Subject und Prädicat auseinander, was 
inhaltlich unaufhaltsam in einander übergeht und ver- 
schmilzt. Aber eben durch diesen Versuch, eine Gliederung 
herzustellen, der sich der vorgestellte Inhalt noch nicht 
fügen will, drückt das impersonale Urtheil um so deutlicher 
die Voraussetzung des Denkens aus. Alles, was Inhalt einer 
Wahrnehmung sein wolle, sei nur als Prädicat an einem 
bekannten oder unbekannten Subjecte zu denken. 

49. Warum ich hier wiederholt von Wahrnehmung ge- 
sprochen habe, erläutere ich jetzt. Die Unbestimmtheit 
des Subjects hat man so gedeutet, daß es nur in sub- 



Die Lehre vom Urtheil. 71 

stantivischer Fassung dasselbe meine, was das Prädicat 
verbal ausdrückt. Nun bezweifle ich nicht, daß Jemand, 
darüber befragt, was er unter dem Es meine, von dem 
er sagt, es blitze oder donnere, sehr leicht zu der Antwort 
getrieben werden kann: eben das Blitzen blitze oder der 
Donner donnere. Ich glaube jedoch, daß er dann aus Ver- 
legenheit etwas anderes sagt, als er mit seinem impersonalen 
Urtheile wirklich wollte. Ganz wesentlich scheint es mir, 
daß der, welcher es ausspricht, in der That den bestimmten 
Inhalt als haftend an einem unbestimmten Subject be- 
trachtet, dessen Umfang viel größer ist und über den des 
bestimmten Prädicates hinausreicht; wenn er dann ver- 
schiedene Ausdrücke dieser Art aufeinanderfolgen läßt: es 
blitzt, es regnet, es ist kalt, so sagt er zwar nicht ge- 
flissentlich, daß das unbestimmte Pronomen in allen diesen 
Sätzen dasselbe bedeute, aber gewiß würde er, wenn er 
sich selbst richtig verstände, diese Antwort eher geben 
als die vorige. Dieses Es ist in der That als das gemein- 
same Subject gedacht; an welchem alle verschiedenen Er- 
scheinungen als Prädicate hängen oder aus dem sie hervor- 
gehen; es bezeichnet den allesumfassenden Gedanken der 
Wirklichkeit, die bald so bald anders gestaltet ist. Dies 
haben diejenigen richtig gefühlt, welche in dem impersonalen 
Urtheile einen Existenzialsatz zu finden glaubten und 
den Satz : es blitzt, in den andern umformten : das Blitzen 
ist. Nur diese Umformung selbst halte ich für unnatürlich; 
so drückt man sich eben niemals aus; unser unbefangenes 
Denken sieht nicht den Inhalt der Erscheinung so an, 
als wäre er vor seiner Existenz schon etwas, wovon man 
sprechen und unter Anderem auch die Wirklichkeit aus- 
sagen könnte; sondern umgekehrt sieht es den bestimmten 
Inhalt der Wirklichkeit als eine Erscheinung ein Prädicat 
eine Folge an, die neben anderen aus einem vorausgehenden 
bleibenden wenn auch ganz unsagbaren Subjecte hervor- 
geht. Aber darin hat doch dieser unzulässige Versuch Recht, 
daß jedes echte impersonale Urtheil eine wirkliche jetzt 
eben gemachte Wahrnehmung ausdrückt und mithin seiner 
Form nach ein assertorisches Urtheil ist. Wir unter- 
scheiden dabei von den echten Urtheilen dieser Art jene 
anderen Ausdrucksweisen, die zwar mit dem unbestimmten 
Es als Subject beginnen, aber sogleich durch einen er- 
läuternden Satz seinen Inhalt feststellen, wie die Rede- 
formen : es ist nützlich, daß die« oder jenes geschehe, 



72 Zweites Kapitel. 

50. Je bestimmter nun das Denken die Nothwendig- 
keit des Subjects hervorhebt, an dem das Prädicat haften 
soll, um so weniger kann es bei dem Ausdrucke dieser 
unerfüllten Forderung bleiben. Es gehört nun, wie ich 
schon bemerkte, nicht zu meiner logischen Aufgabe, zu 
schildern, auf welchem Wege der Vergleichung und Be- 
obachtung uns allmählich die Vorstellungen der gesuchten 
Einzelsubjecte entstehen, welche in den verschiedenen 
impersonalen Urtheilen das unbestimmte Es zu ersetzen 
haben; nur die logische Form habe ich aufzuzeigen, in 
welcher diese Forderung erfüllt ist. Es ist die des kate- 
gorischen Urtheils von der bekannten Form: S ist P, 
unter welche die meisten der einfachen Beispiele fallen, 
deren die Logik sich gewöhnlich zur ersten Verdeutlichung 
des Urtheils überhaupt bedient: das Gold ist schwer, der 
Baum ist grün, der Tag ist windig. Zu lehren ist kaum 
etwas über diese Form, deren Bau ganz durchsichtig und 
einfach scheint; es ist nur zu zeigen, daß diese scheinbare 
Klarheit völlig räthselhaft ist, und daß die Dunkelheit, 
die über dem Sinne der Oopula in dem kategorischen 
Urtheile schwebt, auf lange hinaus den weitertreibenden 
Beweggrund zu den nächsten Umformungen der logischen 
Arbeit bilden wird. 

51. Man bemerkt sogleich eine gewisse Verlegenheit, 
welche entsteht, wenn nach dem Sinne der Verbindung 
zwischen S und P gefragt wird, durch den sich das kate- 
gorische vom hypothetischen und vom disjunctiven Urtheil 
unterscheide. Eine häufige Antwort ist: das kategorische 
behaupte das Prädicat P von seinem Subjecte S schlecht- 
hin; doch diese Antwort befriedigt nur durch den ver- 
neinenden Theil ihres Sinnes, welcher von dem l^ategorischen 
Satze den Gedanken einer Bedingung und den eines Gegen- 
satzes einander ausschließender Prädicate negirt ; aber nach- 
dem wir wissen, was diese Urtheilsform nicht thut, er- 
halten wir über das, was sie thut, gar keine positive Auf- 
klärung durch die Angabe, daß sie ihr P ihrem S schlechthin 
zufüge. In der That erwähnt diese Angabe nur die größere 
Einfachheit der kategorischen Copula im Vergleich mit der 
des disjunctiven und des hypothetischen Urtheils; aber 
immer muß doch diese einfachere Verknüpfung ihr S und P 
in einem bestimmten angebbaren Sinne verknüpfen, durch 
den sie sich von andern denkbaren theils verwickeiteren 
theils gleich einfachen Verbindungsweisen derselben unter- 
scheidet. Wie nöthig diese Forderung ist, erhellt am ein- 



Die Lehre vom Urtheil. 73 

fachsten daraus, daß unter allen Verbindungen von S und P 
die vollkommene Identität beider diejenige sein würde, 
die am allereinleuchtendsten den Namen einer schlecht- 
hinigen verdienen würde. Aber gerade diese wird im kate- 
gorischen Urtheil im Allgemeinen gar nicht gemeint; der 
Satz : Gold sei schwer, will nicht sagen, daß Gold und 
Schwere identisch seien; die Sätze: der Baum sei grün, 
der Himmel blau, setzen ebensowenig den Baum der Grüne 
und den Himmel der Bläue gleich. Im Gegentheil, was 
man wirklich mit diesen Urtheilen meint, wird man eifrig 
so ausdrücken: P sei nicht das S selbst, sondern nur ein 
Prädicat von S, oder: S sei nicht P, sondern habe nur P. 
Man gesteht damit ein, daß zwischen S und P hier ein be- 
stimmtes von anderen unterscheidbares Zusammengehören 
gedacht wird, und es bleibt nur übrig, auch wirklich klar 
zu machen, worin jenes Haben besteht, das man dem Sein 
gegenüberstellt, oder logischer ausgedrückt: worin das Ver- 
hältniß eines Subjects zu seinem Prädicate zu suchen 
sei, welches man von dem Verhältniß der Identität beider 
unterschieden wissen will. 

52. Piaton zuerst berührte diese Aufgabe ; seine Lehre, 
die Dinge besitzen ihre Eigenschaften durch Theilnahme 
an den ewigen Allgemeinbegriffen derselben, war mehr eine 
unzureichende Beantwortung einer metaphysischen Frage 
nach dem Baue des Wirklichen, als eine Auskunft über das, 
was wir uns dabei denken, wenn wir logisch eine Be- 
ziehung zwischen Subject und Prädicat aufstellen. Aristoteles 
schaffte die Vorbedingung richtiger Behandlung durch die 
Bemerkung herbei, daß die Merkmale vor allem von ihren 
Subjecten ausgesagt werden; es stand nun wenigstens 
fest, daß eine logische Thätigkeit des Denkenden es ist, 
welche den Begriffsinhalt des einen dieser Glieder auf 
den des anderen bezieht; aber mehr als diesen Namen des 
Aussagens, des xaTi^yopeiv, von dem das kategorische 
Urtheil und in lateinischer Uebersetzung das Prädicat den 
seinigen herleitet, entdeckte auch Aristoteles nicht. Von 
einer Verirrung späterer Logik blieb er allerdings frei : 
er schwächte die Verknüpfung von S und P, die er meinte, 
nicht aus einer logischen Thätigkeit zu einem blos 
psychischen Ereigniß ab, so daß die Beziehung zwischen 
beiden nur darin bestanden hätte, daß mit der Vorstellung 
von S sich die des P in unserem Bewußtsein lediglich 
associirte; ein sachliches Verhältniß zwischen beiden Vor- 
stellungsinhalten war vielmehr für ihn der Sinn des Urtheils 



74 ' Zweites Kapitel. 

und der Grund es auszusprechen. Aber er gab nicht an, 
was denn dem S eigentlich dadurch geschieht, daß wir P 
von ihm aussagen; das Aussagen selbst, welches doch 
diese sachliche Beziehung zwischen S und P nur anerkennen 
und zum Ausdruck bringen kann, ließ er zugleich als Be- 
zeichnung dieses Verhältnisses selbst gelten, welches den 
Gegenstand seiner Anerkennung bilden müßte. Nun ist es 
leicht, die völlige Unzulässigkeit dieser Vermischung ein- 
zusehen: man kann nicht von dem Sokrates den Begriff 
Sklave blos aussagen, so daß das Aussagen selbst das Ver- 
hältniß feststellte, in welchem dieser Begriff zu dem des 
Sokrates stände; was man mit einem Urtheile wirklich 
meint, ist immer dies, daß Sokrates entweder Sklave ist 
oder nicht ist, entweder Sklaven besitzt oder nicht besitzt, 
sie entweder freiläßt oder nicht freiläßt. Eine dieser ver- 
schiedenen Beziehungen, in welche die Inhalte beider Be- 
griffe gebracht werden können, bildet in jedem Falle das- 
jenige, was die Aussage aussagt, und es ist nur Sache des 
Sprachgebrauchs, wenn man gewöhnlich nur die erste dieser 
Beziehungen, nämlich daß Sokrates Sklave sei, still- 
schweigend verstanden wissen will, wo man den zweiten 
dieser Begriffe von dem ersten auszusagen behauptet. Das 
Verhältniß mithin, welches in einem kategorischen Urtheil 
zwischen S und P stattfindet, wird nicht in seinem Unter- 
schiede von andern Verhältnissen dadurch bestimmt, daß 
man angibt, P von S auszusagen, sondern die Bedeutung 
dieses Aussagens, welche an sich vieldeutig ist, wird viel- 
mehr durch den verschwiegenen Nebengedanken bestimmt, 
P solle von S als Prädicat vom Subjecte ausgesagt 
werden. Worin nun dieses eigenthümliche Verhältniß be- 
stehe, bleibt nach wie vor Gegenstand weiterer Frage. 

53. Wir Neueren sind gewöhnt, uns hierüber an die 
Lehre Kant's zu halten, welcher das Verhältniß eines 
Dinges zu seiner Eigenschaft oder der Substanz zu 
ihrem Accidens als das Muster bezeichnete, nach welchem 
das Denken in dem kategorischen Urtheile S und P ver- 
knüpfe. Welchen triftigen Sinn nun immer diese Behaup- 
tung in dem Gedankenzusammenhange Kant's haben möge, 
so scheint sie mir doch für unsere logische Frage unver- 
wendbar. Ohne die Bedenken darüber zu berühren, ob 
denn dieses Verhältniß selbst zwischen Substanz und Eigen- 
schaft ein so klarer und unmißverständlicher Gedanke sei, 
daß durch ihn alle Dunkelheit des kategorischen Urtheils 
verschwände, begnüge ich mich zn erinnern, daß logische 



Die Lehre vom Urtlieil. 75 

Urtheile nicht blos von Wirklichem, von Dingen sprechen; 
viele von ihnen haben zu ihrem Subjecte einen nur denk- 
baren Inhalt, ein Unwirkliches, selbst Unmögliches. Auf 
das Verhältniß dieser Subjecte zu ihren Prädicaten kann 
die Beziehung, welche zwischen dem wirklichen Dinge als 
solchem und seinen Eigenschaften stattfindet, offenbar nicht 
in ihrer vollen Bedeutung, sondern nur gleichnißweise, sagen 
wir symbolisch, übertragen werden. Drücken wir uns ge- 
nauer aus, so besteht zwischen den hier besprochenen Ver- 
hältnissen nur die formelle Gemeinsamkeit, daß beide das 
eine ihrer Beziehungsglieder, Ding oder Subject, als selb- 
ständig fassen, das andere, Eigenschaft oder Prädicat, un- 
selbständig diesem ersten anhaften oder inhäriren lassen. 
In Bezug auf das Ding aber hat sich die Metaphysik 
wenigstens darum bemüht, nachzuweisen, wie Eigenschaften 
entstehen können, die nicht das Ding sind, aber doch an 
ihm haften, und worin das besteht, was wir unter diesem 
Anhaften verstehen; in Bezug auf das Verhältniß zwischen 
Subject und Prädicat vermissen wir den gleichen Nachweis 
des Sinnes, den hier die Inhärenz des einen an dem andern 
hat. Die Berufung auf die Relation zwischen Ding und 
Eigenschaft nützt daher der Logik nichts; es wiederholt 
sich die Frage : wieviel bleibt von dieser metaphysischen 
Relation als eine im kategorischen Urtheil aussprechbare 
logische Beziehung zwischen S und P übrig, wenn an- 
statt des Dinges etwas gesetzt wird, was nicht Ding, und 
anstatt der Eigenschaft etwas, was nicht Eigenschaft ist? 
54. Ohne diesen üblichen, aber untriftig befundenen 
Versuchen zur Rechtfertigung des kategorischen Urtheils 
neue hinzuzufügen, spreche ich die Folgerung aus, zu der 
wir gedrängt werden : diese schlechthinige Verbindung zweier 
Begriffsinhalte S und P, so daß der eine unmittelbar der 
andere sei und doch auch wieder nicht sei, beide vielmehr 
einander als verschieden gegenüber bleiben, ist eine im 
Denken ganz unausführbare Beziehung ; durch diese Copula 
des kategorischen Urtheils, das einfache Ist, lassen sich 
überhaupt zwei verschiedene Inhalte nicht verknüpfen; sie 
müssen entweder ganz ineinanderfallen oder ganz getrennt 
bleiben, und das unmögliche Urtheil S ist P löst sich in 
die drei anderen auf: S ist S, P ist P, S ist nicht P. 
Man möge sich nicht zu sehr an das Auffallende dieser 
Behauptung stoßen. Kategorische Urtheile von der Form : 
S ist P, sind im Gebrauch unseres Denkens so gewöhnlich, 



76 Zweites Kapitel. 

daß ohne Zweifel das, was man mit ihnen meint, sich 
schließlich rechtfertigen wird, und wir werden sehr bald 
sehen, wie dies möglich ist. Aber dieser Rechtfertigung 
bedarf das kategorische Urtheil auch in der That; in der 
Form, in welcher es unmittelbar auftritt, ist es eine wider- 
sprechende und sich wiederauflösende Figur des Ausdrucks, 
in welcher das Denken entweder eine noch nicht gelöste 
Aufgabe, die Beziehung zwischen S und P zu bestimmen, 
als gelöst hinstellt, oder die gefundene Lösung so verkürzt 
ausspricht, daß ihr Zusammenhang nicht mehr sichtbar 
bleibt. Dem gegenüber drängt sich jetzt uns das Bewußtsein 
einer Schranke auf, die unserem Denken allgemein gesetzt 
ist, oder eines Gesetzes, dem es sich in allen seinen Ver- 
fahrungsweisen fügen muß : die Ueberzeugung, daß in kate- 
gorischer Urtheilsform jeder Inhalt nur als sich selbst gleich 
gedacht werden darf. Durch die Formel A:=A drücken wir 
dies erste Denkgesetz, den Grundsatz oder das Princip 
der Identität bejahend aus; die verneinende Formel 
A nicht = Non A bezeichnet es als Princip des Wider- 
spruchs gegen jeden Versuch, A=:B zu setzen. 

55. Ich unterbreche meine Darstellung hier noch nicht 
durch später nachzuholende Bemerkungen über die ver- 
schiedenen Deutungen, welche dies erste Denkgesetz er- 
fahren hat, und beschränke mich auf die genaue Bestimmung 
des Sinnes, den ich, im Gegensatz zu manchen dieser 
Deutungen, ihm beilegen werde. Von einem höchsten Grund- 
satz, welcher unser ganzes Denken einschränkt, versteht 
es sich von selbst, daß er in der Anwendung des Denkens 
auf verschiedene Gruppen seiner möglichen Gegens'tände 
sich in eine Anzahl specieller Sätze verwandelt, welche den 
allgemeinen Sinn des Princips in den besondern Formen 
darstellen, in denen es auf die besonderen Eigenthümlich- 
keiten jener Gegenstände anwendbar und für ihre Behand- 
lung wichtig ist. Diese Folgerungen aus dem Princip der 
Identität, die theils völlig theils gar nicht unzweifelhaft sind, 
müssen von seinem eignen ursprünglichen Sinne unter- 
schieden werden und haben ihre Heimat an dieser Stelle 
der Logik nicht. So ist es ganz nutzlos, den Ausdruck des 
Gesetzes bis zu der Formel anzuschwellen: jedem Dinge 
könne in demselben Augenblicke und an demselben Theile 
seines ganzen Wesens immer nur ein Prädicat A, aber 
nicht zugleich ein von A conträr oder contradictorisch 
verschiedenes Non A zukommen. Richtig freilich ist auch 



Die Lehre vom Urtheil. 77 

dieser Satz, aber er bleibt eine besondere Anwendung des 
Princips auf Subjecte von dinghafter Wirklichkeit, die aus 
Theilen zusammengesetzt und eines zeitlichen Wechsels 
ihrer Zustände fähig sind. Unrichtig dagegen ist die schon 
in diesem Ausdruck häufig vorausgesetzte, ebenso häufig 
offen ausgesprochene Unterscheidung zwischen verträg- 
lichen Prädicaten, die demselben Subject gleichzeitig 
zukommen könnten, und anderen, die es nicht könnten, 
weil sie unter einander und mit der Natur des Subjects 
unverträglich wären. In den Anwendungen des Denkens 
hat natürlich auch diese Behauptung ihre Gültigkeit, nach- 
dem sie sich einmal vor dem Gesetze der Identität gerecht- 
fertigt haben wird; unmittelbar aber weiß dies Gesetz gar 
nichts von Prädicaten, welche, von S verschieden, dennoch 
mit ihm so verträglich wären, daß sie mit ihm in einem 
kategorischen Urtheile verbunden werden könnten; jedes 
Prädicat P vielmehr, welches sich irgendwie von S unter- 
scheidet, wie freundlich es auch sonst gegen S gedacht 
würde, ist durchaus unverträglich mit S; jedes Urtheil 
von der Form: S ist P, ist unmöglich und es bleibt im 
allerstrengsten Sinne dabei, daß nur gesagt werden könne: 
S sei S und P sei P. Und diese Deutung muß man auch 
gegen andere metaphysische Folgerungen aus dem Princip 
aufrecht erhalten. Es kann sein, daß im Verlauf meta- 
physischer Untersuchung die Behauptungen nothwendig 
werden: Widersprechendes könne nicht wirklich sein, das 
Seiende müsse unveränderlich sein, und ähnliche; aber 
das logische Identitätsgesetz sagt nur: Widersprechendes 
sei widersprechend, Seiendes seiend, Veränderliches ver- 
änderlich; alle jene Sätze, welche den einen dieser Be- 
griffe zum Prädicat eines anderen machen, bedürfen ihrer 
weiteren besonderen Begründung. 



B. Das particulare Urtheil. Das hypothetische Urtheil. 
Der Satz des zureichenden Grundes. 

56. Es würde ermüden, länger auf einem Standpunkt 
zu verweilen, auf dem doch unseres Bleibens nicht ist; 
wir folgen dem Denken zu den neuen Formen, in denen 
es seine kategorischen Urtheile mit dem Gesetz der Identität 
in Einklang zu bringen sucht. Synthetisch nennt man 
Urtheile von der Form: S ist P, wenn man unter P ein 



78 Zweites Kapitel. 

Merkmal versteht, welches in der Merkmalgruppe noch nicht 
enthalten ist, durch welche man sich den Begriff von S 
bestimmt denkt; analytisch heißen sie, wenn P, obgleich 
nicht dem ganzen S identisch, doch wesentlich zu jenen 
Merkmalen gehört, durch deren Vereinigung der Begriff 
des S überhaupt erst vollständig wird. In den analytischen 
Urtheilen tand man keine Schwierigkeit; die synthetischen 
aber erregten früh die Aufmerksamkeit und smd für uns 
besonders durch Kant's Behandlung in den Vordergrund 
getreten. Auch ihm kam es jedoch hauptsächlich darauf an, 
die Möglichkeit synthetischer ürtheile a priori zu ergründen, 
d. h. solcher, welche zwischen S und einem zu dem Begriffe 
von S nicht unentbehrlichen P eine dennoch bestehende 
und nothwendige Verknüpfung behaupten, ohne sich auf 
die Erfahrung eines wirklichen Vorkommens derselben be- 
rufen zu müssen ; synthetische Ürtheile dagegen a posteriori, 
welche nur erzählen, daß eine solche Verbindung zweier 
für einander nicht nothwendiger Begriffsinhalte in der Er- 
fahrung vorliege oder vorgelegen haDe, schienen ihm als 
bloße AusdrücK:e von Thatsachen unverfänglich. Diese 
Unterscheidungen mögen ihre gute Berechtigung innerhalb 
des Kreises von Untersuchungen haben, in welchem Kant 
sich bewegte; unsere logische Frage nach der Möglichkeit 
kategorischer Ürtheile dagegen erstreckt sich auf alle drei 
genannten Formen mit gleicher Dringlichkeit. Es ist nur 
am meisten augenfällig, daß ein apriorisch-synthetisches 
Urtheil sich vor dem Satz der Identität rechtfertigen muß, 
dem es formell widerspricht; aber von dem aposteriorischen 
gilt dasselbe. Denn ein Urlheil bildet nicht wie ein Spiegel 
das Thatsächliche blos ab, sondern schiebt den ])eobachteten 
Bestandtheilen desselben allemal den Gedanken einer inneren 
Beziehung unter, die nicht mitbeobachtbar ist. Die Erfahrung 
zeigt uns immer nur, daß S und P beisammen sind; daß 
beide aber durch die innere Beziehung zusammengehören, 
welche wir meinen, wenn wir im Urlheil P als Prädicat des 
Subjectes S fassen, ist die Deutung, die lediglich unser 
Denken jenem Zusammensein gibt. Wie nun dieses Ver- 
hältniß zwischen Subject und Prädicat überhaupt, und wie 
es zwischen zwei bestimmten Inhalten S und P stattfinden 
könne, bleibt gerade so dunkel, wenn uns die Erfahrung 
ihr Zusammensein thatsächlich gezeigt, als wenn wir der 
Erfahrung vorgreifend es im Voraus behaupten. Die ana- 
lytischen Ürtheile endlich erregen dasselbe Bedenken. Wenn 



Die Lehre vom Urtheil. 79 

noch so sehr das Gelb in dem Begriffe des Goldes schon 
mit gedacht wird: das Urtheil, Gold sei gelb, behauptet 
nicht blos dies: die Vorstellung des Gelb liege in der Vor- 
stellung des Goldes, sondern dem Golde selbst schreibt es 
die Gelbheit, als seine Eigenschaft, zu; zu ihr muß also 
das Gold ein bestimmtes Verhältniß haben, welches nicht 
das der Identität ist. Dies Verhältniß ist zu ermitteln und 
es bleibt die Frage noch immer : mit welchem Recht können 
wir einem S ein P, welches nicht S ist, in einem kate- 
gorischen Urtheile als Prädicat beilegen? 

57. Die Antwort kann nur die sein: wir können es mit 
gar keinem Recht; die zahllosen kategorischen Urtheile der 
Form. S ist P, die wir im täglichen Leben bilden, lassen 
sich nur durch den Nachweis rechtfertigen, daß sie etwas 
ganz anderes meinen, als sie ausdrücken, und daß sie, 
wenn man hervorhebt, was sie meinen, in der That so 
identische Urtheile sind, wie sie der Satz der Identität 
verlangt. Die erste Form, in welcher sich dies im natür- 
lichen Denken verräth, sind die quantitativ bezeichneten 
Urtheile überhaupt, die ich künftig kurz die particularen 
nennen und als die erste Form dieser zweiten Gruppe von 
Urtheilsformen betrachten werde. Ich fasse unter diesem 
Namen nicht blos die hergebrachten Formen zusammen, 
welche, wie : alle S sind P, einige S sind P, dieses S ist P, 
eine Anzahl von Beispielen des Allgemeinbegriffs S zu ihrem 
Subjecte haben, sondern auch diejenigen, welche durch Zeit- 
partikeln, wie: jetzt, oft, oder durch Raumbestimmungen, 
wie: hier, dort, dann durch ein Präteritum oder Futurum 
des Zeitworts, endlich durch Nebengedanken überhaupt, die 
imv ollkommen oder gar nicht ausgesprochen werden, die 
allgemeine Geltung der Verbindung zwischen S und P auf 
bestimmte Fälle beschränken, also particularisiren. In der 
allgemeinen Formel : S ist P des kategorischen Urtheils sieht 
es so aus, als sei der allgemein ausgedrückte Begriff S das 
Subject, das allgemeine P sein Prädicat, die beständige un- 
veränderliche und uneingeschränkte Verknüpfung von S 
und P der Sinn des ganzen Urtheils. Ergänzt man dagegen 
ausdrücklich, was durch jene particularisirenden Neben- 
gedanken angedeutet, jedenfalls aber gemeint ist, so findet 
man, daß das wahre Subject nicht in dem allgemeinen S, 
sondern in einem bestimmten Beispiele Tl desselben, das 
wahre Prädicat nicht in dem allgemeinen P, sondern in 
einer besonderen Modification Tl desselben, daß endlich 
die behauptete Beziehung nicht zwischen S und P, sondern 



80 Zweites Kapitel. 

zwischen ^ und II besteht, und daß diese, wenn jene Er- 
gänzungen richtifr gemacht sind, keine synthetische mehr, 
ja nicht einmal eine analytische, sondern geradezu eine 
identische ist. Dies verdeutlichen wir an einigen Beispielen. 
58. Einige Menschen sind schwarz, sagen wir, und 
meinen damit ein synthetisches Urtheil zu bilden, weil die 
Schwärze P nicht im Begriff S des Menschen liege. Nun 
ist aber nicht der Allgemeinbegriff Mensch das wahre Sub- 
ject dieses Satzes, denn nicht er ist ja schwarz, sondern 
einige Einzelmenschen sind dies Subject; unter diesen 
einigen aber, obgleich sie nur als unbestimmter Theil des 
ganzen Umfangs der Menschheit bezeichnet sind, ver- 
stehen wir doch keineswegs einen so unbestimmt ge- 
lassenen Theil; denn es ist gar nicht in unser Belieben ge- 
stellt, welche einigen Menschen wir aus der ganzen Menge 
der Menschen herausgreifen wollen; durch unsere Aus- 
wahl, durch die sie zu „einigen" Menschen werden, werden 
sie nicht schwarz, wenn sie es nicht ohnehin sind; man 
muß also diejenigen wählen und meint von Anfang an 
nur diejenigen, die schwarz sind, kurz die Neger; diese 
allein sind das wahre Subject des Urtheils. Daß auch das 
Prädicat nicht in seiner Allgemeinheit, daß vielmehr nur 
diejenige bestimmte Schwärze gemeint wird, die an mensch- 
lichen Körpern vorkommt, ist für sich klar, und ich ver- 
folge diese Bemerkung später; hier erinnere ich nur, daß 
blos der Mangel an Flexion im deutschen Ausdruck uns 
über seinen eigentlichen Sinn täuscht; der lateinische: non- 
nulli homines sunt nigri, beweist sogleich durch den Plural 
und das Genus von nigri, daß homines zu ergänzen ist. 
Der völlige Sinn des Urtheils ist also: einige Menschen, 
unter denen jedoch nur die schwarzen Menschen zu ver- 
stehen sind, sind schwarze Menschen; es ist dem Inhalt 
nach völlig identisch und nur der Form nach dadurch syn- 
thetisch, daß ein und dasselbe Subject von verschiedenen 
Gesichtspunkten aus bezeichnet wird, einmal als schwarze 
Menschen im Prädicat, ein andermal als Bruchtheil aller 
Menschen im Subject. Wir sagen ferner: der Hund säuft. 
Aber der allgemeine Hund säuft nicht; nur ein bestimmter 
einzelner oder viele oder alle einzelnen sind Subject dieses 
Satzes. Aber auch das Prädicat meinen wir anders, als 
wir es ausdrücken: wir stellen den Hund nicht als Wider- 
spiel eines stets laufenden Röhrenbrunnens vor: er säuft 
nicht schlechthin, immer und unaufhörlich, sondern dann 



Die Lehre vom Urtheil. 8i 

und wann. Und dies Dann und Wann ist zwar als eine un- 
bestimmte Anzahl von Augenblicken ausgedrückt, aber auch 
nicht so gemeint; der Hund säuft nur in bestimmten Augen- 
blicken: wenn er Durst hat oder mindestens Appetit, wenn 
er etwas Trinkbares findet, wenn Niemand ihn dann durch 
Drohung abhält ; kurz : der Hund, den wir mit jenem Urtheil 
meinen, ist wirklich nur der saufende Hund, und derselbe 
saufende Hund ist auch das Prädicat. Ferner: Cäsar ging 
über den Rubico; aber nicht der Cäsar, der in den Windeln 
lag, sondern der, welcher aus Gallien kam; nicht der 
schlafende sondern der wachende, im Bewußtsein der eben 
vorhandenen Weltlage; nicht der unentschlossene sondern 
der, der seinen Entschluß gefaßt hatte, kurz: der Cäsar, 
den das Subject des Urtheils meint, ist nur derjenige, den 
das Prädicat bestimmt: der über den Rubico gehende; in 
allen frühern Augenblicken seines Lebens war er nicht das 
Subject, an welches dieses Prädicat sich hätte knüpfen 
können. Auch leuchtet schwacher Fassungskraft ein, daß 
Cäsar, als er über den Fluß gegangen war, nicht fortfahren 
konnte, hinüber zu gehen, sondern drüben war; auch in 
keinem späteren Augenblicke gedacht kann er also das 
Subject sein, welches wir meinten. Ich führe noch zwei 
Beispiele an, die durch Kant berühmt geworden sind. Syn- 
thetisch, sagt man, sei der Satz : die gerade Linie ist der 
kürzeste Weg zwischen zwei Punkten, denn wieder in dem 
Begriffe des Geraden noch in dem der Linie liege irgend 
eine Hindeutung auf Längenmaß. Aber der wirkliche geo- 
metrische Satz sagt ja nicht von einer geraden Linie über- 
haupt, daß sie dieser kürzeste Weg sei, sondern nur von 
derjenigen, welche zwischen jene beiden Punkte einge- 
schlossen ist. Darin aber, daß ihre Ausdehnung durch zwei 
Endpunkte begrenzt ist, und mit dieser Nebenbestimmung 
erst bildet sie das wahre Subject, darin liegt allerdings jede 
in diesem Fall wünschenswerthe Begründung des Prädicates. 
Man überzeugt sich leicht, daß der Begriff einer Geraden a b 
zwischen den Punkten a und b mit dem Begriff der Ent- 
fernung beider Punkte von einander völlig identisch ist; 
denn es ist unmöglich, von dem, was wir mit dem Namen 
räumlicher Entfernung eigentlich sagen w^ollen, eine andere 
Vorstellung zu geben als die, daß sie die Länge der ge- 
raden Linie zwischen a und b sei. Es gibt daher nicht 
kürzere und längere Entfernungen zwischen a und b, sondern 
nur die eine ab, die immer sich gleich ist. Von kürzeren 
und längeren Wegen dagegen läßt sich zwischen a und b 

Lotze, Logik. 6 



S'2 Zweites Kapitol, 

«preclieii ; der Begriff des Weges bedeutet nur irgend eine 
Art des Fortschreitens, die von a nach b führt ; da hierdurch 
die Ueberwindung der Differesz gefordert ist, welche b 
von a trennt, so kann es keinen von a zu b führenden Weg 
geben, der einen Theil dieser Differenz unüberwunden ließe; 
daß mithin der kürzeste aller möglichen Wege die Ent- 
fernung, mithin die Gerade zwischen den gegebenen Punkten 
sei, ist ein völlig, dem Inhalt nach, identisches Urtheil, 
das nur denselben Gedankeninhalt von verschiedenen Stand- 
punkten betrachtet. Auch der arithmetische Satz : 1 -\-b = 12 
kann nicht deswegen synthetisch sein, weil 12 weder in 7 
noch in 5 enthalten sei; das vollständige Subject besteht 
in keiner einzelnen dieser Größen, sondern in ihrer durch 
das Summenzeichen verlangten Verbindung; in dieser aber 
muß, sobald die Gleichung richtig sein soll, der Inhalt des 
Prädicats vollständig liegen: sie würde falsch sein, wenn 
zu der linken Seite 7-|-5 noch irgend ein x hinzutreten 
müßte, um die rechte Seite 12 zu erzeugen. Auch hier 
liegt daher ein dem Inhalte nach völlig identischer Satz 
vor, der nur seiner Form nach synthetisch wird, indem 
er dieselbe 12 einmal als Summe zweier andern Größen, 
das andere Mal als ein durch seine Ordnungszahl bestimmtes 
Glied der einfachen Zahlenreihe darstellt. Und nun füge 
ich noch hinzu, daß nicht Alles sich schicklich auf einmal 
sagen läßt; was es eigentlich damit auf sich habe und wie 
es möglich sei, daß das Denken den gleichen Inhalt unter 
verschiedenen Formen vorstellt, dies zu erwägen findet sich 
sehr bald Gelegenheit; eine spätere wird dann noch zeigen, 
daß meine letzten Bemerkungen nicht die Absicht hatten, 
Kant eines so leicht aufzufindenden logischen Versehens 
zu beschuldigen. 

59. Unser Ergebniß wäre jetzt dies : die kategorischen 
Urtheile von der Form : S ist P, sind im Gebrauch zulässig, 
weil sie immer als particulare in dem Sinne unserer Be- 
zeichnung gedacht werden, als solche aber schließlich iden- 
tische sind. Mit dieser Entscheidung wird sich jedoch 
Niemand befriedigt fühlen; man wird mit Recht einwenden, 
daß durch sie der wesentliche Charakter eines Urtheils, ein 
Verhältniß der Zusammengehörigkeit zwischen den Inhalten 
zweier Vorstellungen S und P auszusprechen, überhaupt 
wieder aufgehoben wird. In der That, wenn wir durch 
die angeführten Ergänzungen unsere Beispiele identisch 
machen, ihren ganzen Inhalt mithin schon in ihrem Sub- 



Die Lehre vom Ürtheil. 83 

jecte ziisanimeiidrängeu, so daß A den schwarzen Menschen, 
b den saufenden Hund, G den über den Rubico gehenden 
Cäsar bedeutet, so schmilzt die ganze Aussage dieser Ur- 
theiie, außer der unfruchtbaren Wahrheit, daß A = A, 
B == B, C = C, dahin zusammen, A gebe es in der Wirk- 
lichkeit beständig, B zuweilen, C sei einmal in der Ge- 
schichte vorgekommen. Mit andern Worten: diese Urtheile 
behaupten gar kein wechselseitiges Verhältniß 
zwischen den einzelnen Bestandtheilen ihres Inhalts mehr, 
sondern nur noch von dem zusammengefaßten Ganzen 
dieses Inhalts eine mehr oder minder ausgedehnte Geltung 
in der Wirklichkeit; ein offenbarer Rückfall auf den un- 
vollkommenen Standpunkt des impersonalen Urtheils. Dieser 
Mangel wird noch empfindlicher durch folgende Ueberlegung. 
Ich habe zwar eben noch B als Begriff des saufenden Hundes 
bezeichnet, aber eigentlich nicht mit Recht; denn dieser 
Ausdruck, welcher das Saufen participial zu dem Subject 
Hund hinzufügt, ist ja selbst begreiflich und zulässig nur 
unter der Voraussetzung, daß wirklich in einem kategori- 
schen Urtheile dem Begriff S des Hundes ein in ihm nicht 
enthaltenes Merkmal P des Saufens, und zwar in dem 
Sinne zugeschrieben werden könne, daß P wie die Eigen- 
schaft oder der Zustand an S als Subject oder Träger hafte. 
Diese Möglichkeit aber hat unsere vorige Erörterung eben 
aufgehoben; es bleibt uns blos die Befugniß, dieses B 
lediglich als zusammenseiende Summe seiner Merkmale 
abcd zu fassen und zu sagen: diesem nach dem Satz der 
Identität stets sich selbst gleichen abcd komme eine be- 
stimmte Wirklichkeit zu ; einem anderen Aggregat von Merk- 
malen abce komme solche Wirklichkeit ein anderes Mal 
zu. Dagegen haben wir gar kein Recht, etwa die gemein- 
same Gruppe abc als etwas anzusehen, das innerlich zu- 
sammengehörte und zwar in sich mehr zusammengehörte, 
als mit den wechselnden Bestandtheilen d und e, noch 
weniger als ein solches Etwas, das in der Weise eines 
Subjectes diesen wechselnden Elementen als Merkmalen 
einen Träger darböte. Sprachlich würden wir freilich fort- 
fahren, dieses abc als Hund, acbd als fressenden, abce viel- 
leicht als saufenden Hund zu bezeichnen; aber diese Aus- 
drucksweisen würden dann ohne logische Begründung sein; 
alle unsere Urtheile würden nur einfache oder zusammen- 
gesetzte Wahrnehmungen ausdrücken können, und zwischen 
diesen einzelnen Wahrnehmungen, ja selbst zwischen den 
einzelnen Bestandtheilen jeder zusammengesetzten würde 

6* 



84 Zweites Kapitel. 

gfir keine aiigebbare Verknüpfung bestehen, durch welclie 
ihr bloßes Zusammensein sich auf ein Zusammengehören 
zurückführen ließe. 

60. Gegen dieses vollständige Scheitern seiner logischen 
Absicht wehrt sich das Denken durch eine weitere andere 
Umformung des particularen Urtheils, die man zunächst 
als einfache Leugnung dieses Zerfalls unseres Vorstellungs- 
stoffes in lauter nur thatsächlich zusammenseiende Einzel- 
heiten auffassen kann. Die Ergänzungen, welche wir dem 
ausgesprochenen Subject S des kategorischen Urtheils hin- 
zufügten, waren für uns das Hülfsmittel, durch welches sich 
dieses Urtheil vor dem Satze der Identität rechtfertigte; 
sie werden jetzt auch als der sachlich gültige Grund an- 
erkannt, welcher jenes S befähigt, ein Prädicat P anzu- 
nehmen, das ihm, so lange es allein vorhanden wäre, nicht 
zukommen würde. Die Nebenumstände, durch welche jenes 
ausgesprochene S erst zu dem wahren Subject 2 des nun 
identischen Urtheils wurde, erscheinen jetzt als die Be- 
dingungen, durch deren Einwirken oder Hinzutreten der 
Inhalt jenes ausgesprochenen Subjectes S so beeinflußt 
wird, daß ein früher ihm fremdes P jetzt ihm angemessen 
ist und ihm nun in Uebereinstimmung mit dem Satze der 
Identität zugehört. Das hypothetische Urtheil ist es 
also, was als zweites Glied dieser zweiten Gruppe von 
Urtheilsformen auftritt, zusammengesetzt aus einem Vorder- 
satz und einem Nachsatz, die in dem einfachsten typischen 
Falle dasselbe Subject S, aber verschiedene Prädicate haben, 
im Vordersatz ein Q, welches die zu S hinzutretende Be- 
dingung, im Nachsatz ein P, welches das durch diese Be- 
dingung an dem S erzeugte Folgemerkmal bezeichnet. Alle 
hypothetischen Urtheile mit verschiedenen Subjecten ihrer 
beiden Glieder sind sprachliche Verkürzungen des Aus- 
drucks und führen durch leicht zu ergänzende Mittelglieder 
auf diese Urform zurück : wenn S ein Q ist, so ist S ein P. 
Der Wunsch ferner, zugleich die wirkliche Gültigkeit des 
an sich nur problematischen Vordersatzes mit auszudrücken, 
erzeugt die Form: weil S ein Q ist, so ist S ein P; die 
Behauptung endlich, Q sei nicht der Grund für S, ein P 
zu sein, bringt die letzte Form hervor, deren Erwähnung 
zu thun ist: obgleich S ein Q ist, so ist S dennoch 
nicht P. Beide haben logisch nichts Eigenthümliches. 

61. Zur Charakteristik der äußeren Formen des hypo- 
thetischen Urtheils reicht diese kurze Uebersicht völlig 
aus. Aber ein aufmerksamer Leser muß an dieser Stelle 



Die Lehre vom Urtheil. 85 

nach dem Rechte fragen, mit welchem wir die ergänzenden 
Nebenbestimmungen, durch deren Hinzufügung das wahre 
Subject T, des dann identischen Urtheils erst entstand, in 
Bedingungen umdeuteten, die auf ein schon bestehendes 
Subject S wirkend, an diesem das Prädicat P begründen. 
Für sich allein nun behauptet der Satz der Identität nur 
die Gleichheit jedes Inhaltes mit sich selbst, zwei ver- 
schiedene setzt er in keine andere Beziehung als die der 
gegenseitigen Ausschließung. Dächten wir uns nun ver- 
schiedene einfache Inhalte a b c q p in irgend einer Wirk- 
lichkeit zugleich gegeben, aber so, daß sie auch nur zugleich 
wären, ohne unter einander in irgend einem innern Zu- 
sammenhange zu stehen, so würde in jedem nächsten Augen- 
blicke jede beliebige andere Combination einiger dieser 
Elemente mit beliebigen anderen ebenso gut auftreten 
können, und wir würden daraus, daß a b c q zum zweiten 
Male in unsere Beobachtung fielen, nicht darauf schließen 
können, daß nun auch p sich einfinden müsse; jedes be- 
liebige r oder s würde seine Stelle mit demselben Rechte 
einnehmen. Machen wir dagegen die ganz allgemeine Vor- 
aussetzung, daß die Gesamtheit aller denkbaren und wirk- 
lichen Inhalte eine nicht blos zusammenseiende Summe, 
sondern ein zusammengehöriges Ganze sei, so reichen dann 
die Folgen des Identitätsgesetzes weiter. Mit genau dem- 
selben abcq, mit welchem einmal sich p verbunden fand, 
kann dann nach dem Gesetze der Identität weder jemals 
ein Non p verbunden sein, noch kann diesem acbq das 
frühere Prädicat p jemals fehlen. Wie überhaupt eine 
solche Zusammengehörigkeit zwischen verschiedenen Ele- 
menten denkbar ist, lassen wir einen Augenblick noch da- 
hingestellt; wenn sie aber stattfindet, so findet sie in 
allen Wiederholungsfällen identisch statt, und wenn wir 
uns auf drei Elemente beschränken, so kann, wenn ab ge- 
geben ist, nur c, wenn ac gegeben ist, nur 1), wenn bc, nur 
a als nothwendiges neues Glied hinzutreten ; d. h. für jedes 
erste dieser Elemente ist jedes zweite die zureichende und 
nothwendige Bedingung, unter der das jedesmal dritte zu 
ihm sich gesellen kann und muß. Dasjenige Element oder 
diejenige Gruppe von Elementen, der wir hier den ersten 
Platz geben, erscheint uns dann logisch als Subject, das 
Element oder die Gruppe, die wir zu zweit stellen, als die 
auf dies Subject wirkende Bedingung, das dritte oder die 
dritte Gruppe als die durch die Bedingung an jenem er- 



8G Zweites Kapitel. 

zeugte Folge. Ich bemerke noch ausdrücklich, daß diese 
Wahl der Plätze in unserer Willkür liegt und in der An- 
wendung sich nach der Natur der Gegenstände und unserem 
Denkinteresse an ihnen richtet; an sich ist jedes Element 
einer solchen Combination eine Function der übrigen, und 
von jedem kann man folgernd zu diesem übergehen. Ge- 
wöhnlich fassen wir eine Mehrheit in vielen Fällen ver- 
bunden bleibender Elemente, etwa amn, zusammen als 
ein Subject S, welches meistens ein Ding, einen beharr- 
lichen Gegenstand der Wirklichkeit bedeutet, ein einzelnes 
Element b dagegen, das in einigen Beobachtungen des S 
fehlt, in andern vorkommt, als die hinzutretende Bedingung 
Q, und ein mit b immer verbundenes c als die durch Q 
bedingte Folge P. Es ist einleuchtend, daß man auch anders 
verfahren kann; in der That: die mechanische Physik kann 
die immer sich gleiche einfache Schwerkraft b oder Q 
als Subject behandeln und die verschiedenen Folgen P 
untersuchen, die ihr zukommen, wenn man die Körper, 
auf welche sie wirkt, amn = S oder amr = S^ als die Be- 
dingungen ansieht, unter deren Einfluß sie in verschiedenen 
Fällen steht. 

62. Wir hätten hiermit jene Deutung, durch die wir 
überhaupt zu hypothetischen Urtheilen gelangten, insoweit 
gerechtfertigt, als wir sie auf die allgemeinste Voraussetzung 
einer Zusammengehörigkeit der verschiedenen Denkinhalte 
zurückführten. Diese Voraussetzung selbst als eine zu- 
lässige und triftige weiter zu beweisen, kann nicht unsere 
Aufgabe sein; offenbar würde jeder Versuch eines solchen 
Beweises seinerseits das zu Reweisende voraussetzen; denn 
wie könnte man zeigen, es sei erlaubt und nothwendig, das 
Gegebene als einen Zusammenhang von Gründen und 
Folgen zu fassen, wenn man nicht diese Behauptung 
wieder als Folge aus einem Grunde ableitete? Man muß 
daher diesen Gedanken der Zusammengehörigkeit des Denk- 
baren entweder, als die Seele alles Denkens, mit unmittel- 
barer Gewißheit erfassen, oder alles, was auf ihm beruht, 
zugleich mit ihm aufgeben. Berechtigt dagegen ist das 
Verlangen, weitere Aufklärung über die Möglichkeit und den 
Sinn einer solchen Zusammengehörigkeit des Verschiedenen 
zu erhalten. Die Möglichkeit nun der Wechselbeziehung 
des Verschiedenen wird nicht wirklich durch den Satz der 
Identität bedroht, w^elcher jedes Einzelne nur in Beziehung 
zu sich selbst setzt; denn nur seinen eigenen Inhalt kann 
dieser Satz behaupten, aber andere nicht ausschließen, die 



Die Lehre vom Urtheil. 87 

mit ihm nicht streiten. Was aber den Siim jener Zu- 
sammengehörigkeit betrifft^ so haben wir zwei Aufgaben 
zu scheiden. Uns, in der Logik, kümmert es gar nicht, 
worin der wirkliche Vorgang bestehen mag, durch den das 
uns hier ganz unbekannte Reale, das wir durch unsere 
Vorstellungen recht oder schlecht bezeichnen, auf einander 
einwirkt und Veränderungen seiner Zustände hervorbringt; 
über das Band dieses Zusammenhanges nachzudenken ist 
Aufgabe der Metaphysik, und mag in einer Lehre von der 
wirkenden Ursache, der causa efficiens, gelöst werden. Die 
Logik dagegen, die auch die Beziehungen des nur Denk- 
baren zu beachten hat, das niemals in sachlicher realer 
Wirklichkeit existiert, hat als ihr Eigenthum nur den andern 
Satz vom zureichenden Grunde, das principium 
rationis sufficientis, zu entwickeln; sie hat nur zu zeigen, 
wie aus der Verbindung zweier Denkinhalte S und Q die 
Nothwendigkeit entsteht, auch einen dritten Inhalt P, und 
zwar in bestimmter Beziehung zu S, zu denken; fände 
sich dann in wirklicher Erfahrung an irgend einem Realen 
diese Vereinigung zweier Inhalte S^ und Q^ vollzogen, so 
würde sich nach dem Satz vom Grunde das bestimmte P^ 
folgern lassen, welches zu dieser Combination denknoth- 
wendig hinzutreten müßte, im Unterschied von einem P^, 
welches zu ihr nicht hinzutreten könnte; wie dagegen es 
gemacht wird, daß gerade dies Pi, welches das Denken 
fordert, auch, in Wirklichkeit eintritt, diese Frage würde 
jenen metaphysischen Untersuchungen überlassen bleiben. 
63. Das unendlich oft erwähnte Gesetz des zu- 
reichenden Grundes, mit dem wir nun, als dem dritten 
Gliede und dem Reinertrag dieser zweiten Gruppe der Ur- 
theilsformen, abschließen, hat das wunderliche Schicksal 
gehabt, auch von denen, die am häufigsten sich auf es be- 
riefen, eigentlich niemals formulirt zu werden. Denn die 
gewöhnliche Anweisung, zu jedem Gültigkeit verlangenden 
Ausspruche müsse man einen Grund seiner Geltung suchen, 
vergißt, daß man das nicht suchen kann, von dem man 
nicht weiß, worin es besteht; zuerst muß offenbar klar ge- 
macht werden, in welchem Verhältniß Grund und Folge zu 
einander stehen, und in welchem Inhalt man folglich den 
Grund für einen andern zu entdecken hoffen darf. Ich 
werde am kürzesten deutlich sein, wenn ich im Vergleich 
mit dem Ausdruck des Identitätssatzes A = A sogleich die 
Formel A -f B =: C als Bezeichnung des Satzes vom Grunde 



88 Zweites Kapitel. 

aufstelle und folgende Erläuterung hinzufüge. Für sich 
allein würde A nur = A, B = B sein ; aber nichts hindert, 
daß eine bestimmte Verbindung A + B, deren in den ver- 
schiedenen Fällen sehr verschiedenartigen Sinn hier sym- 
bolisch das Additionszeichen vertritt, dem einfachen Inhalt 
der neuen Vorstellung C äquivalent oder identisch sei. 
Nennen wir dann A + B den Grund und C die Folge, so 
sind Grund und Folge völlig identisch, und der eine ist 
die andere ; man hat in diesem Falle unter A -}- B ein be- 
liebiges Subject sammt der Bedingung, von der es beein- 
flußt wird, unter C aber nicht ein neues Folgeprädicat dieses 
Subjects, sondern das Subject selbst in seiner durch dies 
Prädicat veränderten Gestalt zu verstehen. Der gewöhn- 
liche Sprachgebrauch verfährt anders. Da von dem ganzen 
Grunde A + B, wenn wir von Thatsachen der Wirklichkeit 
sprechen, gewöhnlich der eine Theil A vorher gegeben zu 
sein, der andere B nachher hinzuzukommen pflegt, so be- 
zeichnet man die Bedingung B, die nur einen Theil des 
ganzen Grundes A + B bildet, gewöhnlich als den Grund 
überhaupt, der auf A als leidendes Subject wirkt; unter C 
aber versteht man dann meist die neue Eigenschaft allein, 
die von B bedingt wird, und nennt dies C die Folge; in- 
dessen denkt man doch immer dabei diese Eigenschaft nicht 
als für sich, wie in einem leeren Baume, entstehend, 
sondern als haftend an dem Subject A, auf welches man B 
wirken ließ. Unter anderen Benennungen meint daher der 
gewöhnliche Sprachgebrauch dasselbe, wie wir. Wenn wir 
mit der Vorstellung A des Pulvers die Vorstellung B der 
hohen Temperatur des glühenden Funkens verbinden, mit- 
hin in A das Merkmal der gewöhnlichen Temperatur durch 
das der erhöhten B ersetzen, so ist dieses A + B die Vor- 
stellung C des explodirenden Pulvers, nicht der Explosion 
überhaupt; der gewöhnliche Sprachgebrauch läßt zu dem 
gegebenen Subject A des Pulvers die hohe Temperatur B 
als Grund treten, aus welchem die Explosion C folgt, aber 
diese Folge denkt er sich natürlich nicht als einen Vor- 
gang, der irgendwo stattfindet, sondern als eine Ausdehnung 
desselben Pulvers, auf welches der Funke wirkte. Es ist 
nicht nöthig, Erläuterungen so einfacher Art weiter fort- 
zusetzen. 

64. Ueberlegt man das Ganze unserer Erkenntnisse, so 
ist unmittelbar deutlich, daß der Satz der Identität nicht 
ihre einzige Quelle sein kann. Für sich allein würde er 
jedes Urtheil, ja jeden Begriff vereinzeln und keinen Fort- 



Die Lehre vom Urtheil. 89 

schritt von der unfruchtbaren Sichselbstgleichheit jedes Vor- 
stellungselements zu der fruchtbaren Verbindung ver- 
schiedener einleiten. Man irrt sich, wenn man zuweilen 
der Mathematik nur diesen einzigen Satz als Grundlage ihrer 
Wahrheiten zuschreibt; dem wirklichen erfinderischen Ver- 
fahren dient vielmehr auch hier nur der Satz vom Grunde. 
Aus einem sich selbst gleichen Obersatze würde gar nichts 
neues fließen, wenn es nicht möglich wäre, in mannig- 
fachen Untersätzen eine und dieselbe Größe C in unzähligen 
verschiedenen äquivalenten Gestalten bald =A + B, bald 
= M -f N oder = N — R zu setzen, oder anders ausgedrückt : 
wenn nicht die Natur der Zahlen so beschaffen wäre, daß 
man jede auf unzählige Weisen theilen und aus den Theilen 
in den mannigfachen Combinationen wieder zusammensetzen 
kann; wenn ferner nicht die Natur des Raumes so gebildet 
wäre, daß jede Linie sich unzähligen Figuren in den ver- 
schiedensten Lagen als Bestandtheil oder irgendwie zu- 
gehöriges Beziehungsglied einreihen läßt und daß jeder der 
Ausdrücke, die für sie aus diesen verschiedenen Relationen 
fließen, der Grund zu neuen vielfachen Folgerungen ist. Ich 
brauche kaum zu erwähnen, daß auch Mechanik und Physik 
den reichlichsten Gebrauch von diesen Zerlegungen und Zu- 
sammensetzungen gegebener Thatsachen machen, und daß 
der erfinderische Gedankengang auch in diesen Zweigen 
unserer Erkenntniß auf Operationen beruht, welche alle zu- 
letzt auf diese typische Formel A -[- B = C zurücklaufen. 
Her hart gebührt das Verdienst, die Wichtigkeit dieser in 
aller Praxis der Wissenschaft offen vorliegenden Ver- 
fahrungsweise in den Gesichtskreis der formalen Logik ge- 
rückt zu haben. 

65. Ich überlasse weitere Beispiele hiervon der an- 
gewandten Logik; über die Berechtigung des Satzes vom 
Grunde selbst hal3e ich noch eine Bemerkung zu machen. 
Wir konnten nur zeigen, eine Erweiterung unserer Erkennt- 
niß sei dann möglich, wenn es einen Grundsatz gibt, 
welcher A -f B = C zu setzen erlaubt. Man konnte nun ver- 
suchen, ohne Weiteres die Gültigkeit dieses Grundsatzes als 
eine unmittelbare Gewißheit, gleich der des Satzes der 
Identität, zu behaupten. Dies haben wir gethan; aber 
zwischen beiden Principien bleibt doch ein bemerklicher 
Unterschied. Der Satz der Identität sagt von jedem A eine 
Gleichheit mit sich selbst aus, die wir unmittelbar als noth- 
wendig und deren Gegentheil wir zugleich ebenso über- 
zeugend als denkunmöglich empfinden. Der letzteren Unter- 



90 Zweites Kapitel. 

Stützung entbehrt der Satz des Grundes; wir emnfinden die 
Annahme keineswegs als denkunmöglich, daß jeder Inhalt 
nur sich selbst gleich, eine Combination A + B von zweien 
dagegen niemals einem dritten C äquivalent sei. Die Geltung 
des Satzes vom Grunde ist daher von einer andern Art, als 
die des Princips der Identität; nennen wir dies letztere 
denknothwendig wegen der Unmöglichkeit seines Gegen- 
theils, so ist der Satz vom Grunde vielmehr nur eine dem 
Denken zweckmäßige Voraussetzung, welche in dem In- 
halt des Denkbaren eine gegenseitige Beziehung annimmt, 
für deren wirkliches Bestehen der vereinigte Eindruck aller 
Erfahrungen Bürgschaft gibt. Ich wünsche über den letz- 
teren Ausdruck nicht mißverstanden zu werden. Ich meine 
zuerst nicht, daß das Denken erst durch Vergleichung des 
Erfahrungsinhaltes auf die Vermuthung der Gültigkeit eines 
solchen Satzes geführt werde; die allgemeine Tendenz des 
logischen Geistes, Zusammenseiendes als Zusammengehöriges 
aufzuweisen, enthält für sich vielmehr den Trieb, der, auch 
abgesehen von aller wirklichen Erfahrung, zur Voraus- 
setzung eines Zusammenhanges von Gründen und Folgen 
führen würde. Aber daß diese Voraussetzung sich be- 
stätigt, daß das Denken in dem denkbaren Inhalt, den es 
selbst nicht macht, sondern empfängt oder vorfindet, solche 
Identitäten oder Aequivalenzen des Verschiedenen antrifft, 
das ist eine glückliche Thatsache, ein glücklicher Zug in 
der Organisation der Welt des Denkbaren, der thatsächlich 
besteht, aber nicht mit derselben Nothwendigkeit bestehen 
müßte, wie die Geltung des Identitätsprincips. Denkunmög- 
lich wäre eine Welt gar nicht, in welcher jeder einzelne 
Inhalt mit jedem andern so unvergleichbar wäre, wie süß 
und dreieckig, in welcher mithin jede Möglichkeit fehlte. 
Verschiedenes zur Begründung eines Dritten zusammen- 
zufassen; wäre diese Welt, so würde das Denken zwar 
nichts mit ihr anzufangen wissen, aber es würde sie, als 
eine nach seinem eigenen Urtheile mögliche, anerkennen 
müssen. Ich füge ferner hinzu, daß, wenn ich hier -von 
einer Art empirischer Beglaubigung des Satzes vom Grunde 
spreche, ich doch nicht eine Bestätigung meine, welche 
das Ganze unserer nach diesem Satze bereits gegliederten 
Gedankenwelt darin fände, daß der beobachtende Gehalt 
der äußeren Wirklichkeit mit dieser Gliederung zusammen- 
stimmt; ich spreche hier nur davon, daß die Welt des Denk- 
baren, die vorstellbaren Inhalte, die wir, woher sie auch 



Die Lehre vom Urtheil. 91 

immer kommen mögen, in unserer inneren Erfahrung an- 
treffen, sich der Forderung, als Gründe und Folgen zu- 
sammenzuhängen, wirklich fügen. Es ist an diesem Orte 
der Logik ganz gleichgültig, ob überhaupt außer den Vor- 
stellungen, die sich in unserem Bewußtsein bewegen, etwas 
vorhanden ist, was man äußere Welt oder Wirklichkeit 
nennen könnte; auch diese nur in uns sich bewegende in- 
haltvolle Vorstellungswelt ist von dem Denken nicht ge- 
macht, sondern wird von ihm, als Stoff seiner Thätigkeit, 
in uns nur angetroffen, ist also für den logischen Geist 
und seine Tendenz ein Gegenstand innerer Erfahrung; daß 
nun an diesem empirischen Gegenstand sich ein Ent- 
gegenkommen findet, das die Ausführung dieser Tendenz 
möglich macht, darin besteht das nicht Denknothw^endige, 
sondern Thatsächliche der Geltung des Satzes vom Grunde. 
6ß. Worin dies Entgegenkommen liegt, werde ich, wenn 
noch einmal hiernach gefragt werden sollte, am kürzesten 
erinnern, wenn ich auf die Analogie der systematischen 
Stellung, welche der Satz vom Grunde als zweites Denk- 
gesetz einnimmt, mit der des zweiten Gliedes in unserer 
Betrachtung des Begriffes hinweise. Die Möglichkeit, All- 
gemeinbegriffe zu bilden, beruhte auf der nicht selbst denk- 
nothwendigen, aber gegebenen Thatsache, daß nicht jeder 
Vorstellungsinhalt unvergleichbar mit jedem andern ist, daß 
vielmehr Farben Töne Gestalten sich in Reihen mit er- 
kennbarer abgestufter Verwandtschaft ihrer Glieder ordnen; 
daß es außer den Verwandtschaften auch Gegensätze von 
verschiedener Weite des Unterschieds und ein Aufheben des 
Entgegengesetzten, daß es endlich vor allem ein System von 
Größenbestimmungen in der Welt des Denkbaren gibt, durch 
deren Anwendung mittelbar auch die an sich nicht vergleich- 
baren Glieder verschiedener Inhaltsreihen in gegenseitige 
Beziehungen gebracht werden können. Mit diesem kurzen 
Hinweis begnügt, schließen wir die zweite Gruppe der ür- 
theilsformen mit dem Satze vom Grunde als dem durch sie 
gewonnenen Reinertrage ab. 



C. Das generelle Urtheil. — Das disjunctive UrtheiL ^ Das 
Dictum de omni et nuUo und das Principium exclusi medii. 

67. In jedem Einzelfalle der Anwendung bleibt nun zu 
bestimmen, welches A, in welcher Verbindung mit welchem 
B zusammengefaßt, den genügenden Grund welches C bilde. 



92 Zweites Kapitel. 

Die Aufgabe des sachlichen Erkennens hat die Logik der 
Erfahrung und den einzelnen Wissenschaften zu überlassen ; 
aber eine eigene neue Aufgabe erwächst ihr doch auch. 
Von allen Leistungen unseres Denkens würde wenig übrig 
bleiben, wenn wir wirklich in jedem Einzelfalle von neuem 
die Erfahrung befragen müßten, welche A B und C hier als 
Grund und Folge zusammengehören; einen Grundsatz 
wenigstens muß es geben, der uns erlaubt, wenn einmal die 
eine Wahrheit A -j- B = C gegeben ist, von ihr eine An- 
wendung zu machen auf Fälle, über die uns die Erfahrung 
noch nicht belehrt hat. Was wir nun hier suchen, ist 
leicht zu finden und nebenher schon früher erwähnt worden. 
So oft wir A + B als Grund einer Folge C ansehen, denken 
wir noth wendig die Verknüpfung dieser drei Glieder als 
eine allgemeine; A + B wäre gar nicht eine Bedingung 
von C, wenn es möglich wäre, daß in einem zweiten Bei- 
spiel seines Vorkommens nicht dasselbe C, sondern ein 
beliebiges D mit ihm verbunden würde. Für unsere hier 
zu machende Anwendung bedeutet dies nun: überall, in 
jedem Subject S, in welchem A + B als Merkmal neben be- 
liebigen andern Merkmalen N P enthalten ist, begründet 
dies A + B dieselbe Folge C ; und dieses C wird entweder 
wirklich als Merkmal dieses S auftreten, oder wo es nicht 
auftritt, kann es nur dadurch verhindert sein, daß die 
übrigen Merkmale, N -f- oder N + P oder + P, zusammen 
den Grund einer dem C entgegengesetzten und dieses selbst 
aufhebenden Folge bildeten; für sich allein, ohne diese 
Hemmung, geht die das C bedingende Kraft des A -}- B ihres 
Erfolges nie verlustig. Fassen wir nun A -|- B unter der 
Bezeichnung M als einen Allgemeinbegriff, unter welchen 
S untergeordnet ist, so können wir den gefundenen Grund- 
satz vorläufig so ausdrücken, daß von jedem Subject nach 
rein logischem Recht und ohne Anrufung der Erfahrung 
dasjenige Prädicat behauptet werden darf, welches durch 
den ihm übergeordneten Gattungsbegriff gefordert wird. 
Und es bedarf keiner weiteren Ausführung, daß eben dieser 
Gedanke, die Unterordnung des Einzelnen unter sein All- 
gemeines, das umfassende logische Hülfsmittel ist, dessen 
wir uns allenthalben zur weiteren denkenden Bearbeitung 
des erfahrungsmäßig Gegebenen bedienen. 

68. Die Urtheilsform, die erste dieser dritten Gruppe, 
in w^elcher das Denken diese Ueberzeugung ausspricht, ist 
die des quantitativ unbezeichneten Satzes, in welchem die 



Die Lehre vom Urtheil. 9^J 

Stelle des Subjectes einfach durch einen Allgenieinbegriff 
oder einen Gattungsbegriff M ausgefüllt erscheint: der 
Mensch ist sterblich; die Sünde ist strafbar. Ich unter- 
scheide diese Urtheile unter dem Namen der generellen 
von den universalen: alle Menschen sind sterblich; jede 
Sünde ist strafbar. Obgleich der sachliche Inhalt in beiden 
Formen derselbe ist, so ist doch die logische Fassung des- 
selben in beiden sehr verschieden. Das universale Urtheil 
ist nur eine Sammlung vieler Einzelurtheile, deren sämmt- 
licho Subjecte zusammengenommen thatsächlich den ganzen 
Umfang des Allgemeinbegriffs M ausfüllen; daß mithin das 
Prädicat P von allen M gilt, folgt hier nur daraus, daß es 
von jedem M einzeln gilt; es kann aber von jedem einzelnen 
aus einem besonderen Grunde gelten, der nichts mit der 
allgemeinen Natur des M zu schaffen hat. So läßt der 
universale Satz : alle Einwohner dieser Stadt sind arm, 
ganz zweifelhaft, ob jeder einzelne durch eine besondere 
Ursache verarmt ist, oder ob die Armuth aus seiner Eigen- 
schaft als Einwohner dieser Stadt fließt; ebenso läßt der 
Satz : alle Menschen sind sterblich, noch dahingestellt, ob 
sie nicht eigentlich alle ewig leben könnten, und ob nicht 
blos eine merkwürdige Verkettung von Umständen, die für 
jeden andere sind als für jeden andern, es dahin bringt, 
daß zuletzt keiner am Leben bleibt. Das generelle Urtheil 
dagegen: der Mensch ist sterblich, behauptet seiner Form 
nach: an dem Charakter der Menschheit liege es, daß die 
Sterblichkeit von jedem unzertrennlich ist, der an diesem 
Charakter theilnimmt. Während daher das universale Ur- 
theil eine allgemeine Thatsache blos behauptet und des- 
wegen nur assertorisch ist, läßt das generelle zugleich den 
Grund ihrer nothwendigen Geltung hindurchscheinen und 
kann also, in dem Sinne unserer früheren Festsetzungen, 
apodiktisch heißen. Zu unerhörten Entdeckungen wird diese 
Unterscheidung beider Urtheilsformen nicht führen; aber 
neben so vielen unnützen Distinctionen, welche die Logik 
belasten, verdiente sie wohl, nebenher erwähnt zu werden. 
Kaum der Erwähnung aber bedarf es, daß im generellen 
Urtheil nicht der Gattungsbegriff M, der die Stelle des Sub- 
jects im Satze einnimmt, das wahre logische Subject des 
Urtheils ist; nicht der allgemeine Mensch M ist sterblich, 
sondern der einzelne S, welcher an diesem für sich un- 
sterblichen Typus theilhat. Man sieht daraus, daß das 
generelle Urtheil eigentlich ein im Ausdrucke verkürztes 
hypothetisches ist; es muß vollständig heißen: wenn S ein 



94 /Zweites Kapitel. 

AI ist, SU ist S ein P; vveiiii irgend ein S ein Mensch ist, 
so ist dieses S sterblich. Und hierdurch rechtfertigt sich 
die systematische Stellung, die wir diesem Urtheil erst nach 
dem hypothetischen anweisen konnten. 

69. Ebenso klar wird aber auch sogleich die Nothwendig- 
keit eines neuen Schrittes. So lange formell in dem gene- 
rellen Urtheil ein allgemeiner Gattungsbegriff M als Sub- 
ject auftritt, so lange kann auch das Prädicat P nur in 
gleicher Allgemeinheit gefaßt ihm zugeordnet werden. Sagen 
wir: der Mensch ist sterblich, so umschließt das Prädicat 
alle denkbaren verschiedenen Arten der Sterblichkeit und 
bestimmt weder die Art des Todes noch seinen Zeitpunkt; 
oder behaupten wir: die Körper erfüllen den Raum, so 
bleibt unausgesprochen, mit welcher Dichtigkeit und mit 
welchem Grade des Widerstandes jeder einzelne diese all- 
gemeine Eigenschalt seiner Gattung realisirt. Aber gerade 
die einzelnen Menschen und die einzelnen Körper waren 
die wirklichen Subjecte des generellen Urtheils; es ist 
also ganz falsch zu behaupten, daß ihnen das Merkmal P 
ihrer Gattung in der Allgemeinheit als Prädicat zukommt, 
in welcher es zu dem Begriff der Gattung, und zwar hier 
nicht als Prädicat, hinzugedacht wird; vielmehr kann P 
an jedem dieser einzelnen Subjecte nur in einer der be- 
stimmten Arten oder Modificationen vorkommen, in welche 
das allgemeine P sich zerfallen oder besondern läßt. Den 
gemachten Fehler berichtigt das Denken durch die neue 
Behauptung: wenn irgend ein S ein M ist, so ist dies S 
entweder p^ oder p^ oder p^; und hier bedeuten pi p^ p3 
die verschiedenen Arten eines allgemeinen Merkmals P, 
welches in dem Gattungsbegriffe M enthalten ist. Dies ist 
die bekannte Form des disjunctiven Urtheils, des 
zweiten dieser dritten Gruppe, und für sich keiner weiteren 
Erläuterung bedürftig. Man pflegt mit ihm zusammen das 
copulative Urtheil: S ist sowohl p als q als r, und das 
remotive: S ist weder p noch q noch r, zu erwähnen; 
trotz der äußerlichen Analogie der Form haben jedoch beide 
nicht den gleichen logischen Werth mit dem disjunctiven; 
das erste ist nur eine Sammlung positiver, das andere eine 
Sammlung negativer Urtheile von gleichem Subject und ver- 
schiedenen Prädicaten, welche letztere in gar keine logisch 
wichtige Beziehung zu einander gesetzt werden. Das dis- 
junctive Urtheil allein drückt ein eigenthümliches Verhält- 
niß seiner verschiedenen Glieder aus : es gibt seinem Sub- 



Die Lehre vom Urtheil. 95 

ject gar kein i'rädicat, schreibt ihm aber die uothwendige 
Wahl zwischen einer bestimmten Anzahl verocniedener vor. 

70. Der Gedanke, uen die Form des uisjunctiven urtheiis 
ausdrückt, wird gewöhnlich in zwei gesonderten Denk- 
gesetzen, dem Dictum de omni et nullo und dem Princip^um 
exclusi tertii inter duo contradictoria ausgesprochen; ihre 
Verschmelzung in ein einziges drittes Grundgesetz ist 
indessen nicht nur leicht, sondern nOchwendig. Völlig falsch 
sind tili das erste die oft gehörten lässigen l^'ormuliiungen: 
was vom Allgemeinen gelte, gelte auch vom Einzelnen; 
was vom Ganzen, auch von den Theilen; es versteht sich 
vielmehr von selbst, daß, was vom Aligemeinen als solchem, 
oder von dem Ganzen als solchem gilt, nicht von dem 
Einzelnen oder von den Theilen als solchen gelten könne. 
Richtig ist nur die Formel: quidquid de omnibus valet, 
valet etiam de quibusdam et de singulis, und quidquid de 
nullo valet, nee de quibusdam valet nee de singulis. Aber 
diese Ausdrucksweise (über deren Geschichte man 
Rehnisch vergleichen kann, Fichte's Zeitschrilt LXXVI, 1) 
ist ebenso uniruchtbar als richtig; denn daß etwas von 
allen gelte, heißt und bedeutet gleich von Anfang an 
gar nichts anderes, als daß es von jedem Einzelnen gelte; 
soll daher anstatt dieser nackten Tautologie etwas gesagt 
werden, was der Mühe, werth ist, so muß allerdings an 
die Stelle der bloßen Summe aller die Natur des all- 
gemeinen Begriffs gesetzt werden. Dann aber läßt sich 
in der That der Satz gar nicht anders mit Genauigkeit 
ausdrücken, als so, daß er ganz mit dem Sinne der dis- 
junctiven Ürtheilsform zusammenfällt: von jedem allge- 
meinen P, welches als Merkmal in dem Allgemeinbegriff M 
enthalten ist, kommt jedem S, welches eine Art von M ist, 
eine seiner Modificationen p^ p^ ps mit Ausschluß der 
übrigen als Prädicat zu; und: von jedem allgemeinen P, 
welches aus dem Begriffe M ausgeschlossen ist, kommt 
jedem S, als einer Art von M, weder die eine noch die 
andere seiner Modificationen pi p^ oder p^ zu. 

71. Von diesem vollständigen Denkgesetz berücksichtigt 
der gewöhnliche Ausdruck des Dictum de omni et nullo 
nur den einen positiven, für sich, wie wir sahen, nicht 
genau ausdrückbaren Bestandtheil, nämlich den Gedanken, 
daß das Besondere sich überhaupt nach seinem Allgemeinen 
richte; der andere verneinende Bestandtheil, der erst die 
Art und Weise dieses sich Richtens bestimmt, der Gedanke, 
daß dem Besondern nur eine Art des allgemeinen Prädicats 



96 Zweites Kapitel. 

seines Allgemeineu mit Ausschluß der übiigeu zustefie, hat 
nur einen partiellen Ausdruck in dem Satze des ausge- 
schlossenen Dritten gefunden. Ich glaube hierüber am ein- 
fachsten iolgendermaiien zu J:)erichten. Steht tür ein SubjectS 
vermöge seiner Unterordnung unter M bereits fest, daß es 
sein eigenes Prädicat unter den Arten pi p^ p3 eines all- 
gemeinen, dem M zukommenden Merkmals F wählen muß, 
und beträgt die Anzahl der möglichen Arten des P mehr, 
als zwei, so wird die Bejahung der einen von ihnen pi, als 
Prädicat von S, die Verneinung aller übrigen, p^ p» pi^ ein- 
schließen, aber durch die Verneinung einer von ihnen wird 
keine bestimmte der übrigen als Prädicat von S bejaht; 
was nicht p^ ist, hat noch die unentschiedene Wahl zwischen 
p2 p3 p4. Prädicaten dieser Art legt man conträren 
Gegensatz bei. Gibt es aber überhaupt nur zwei Arten pi 
und p2 des allgemeinen P, so wird für ein Subject S, von 
welchem schon feststeht, daß es eine Art des P zum Prädicat 
haben muß, nicht nur die Bejahung der einen p^ die Ver- 
neinung der andern p^, sondern auch die Verneinung der 
einen p^ die bestimmte Bejahung der andern p^ als Prädicat 
zur Folge haben oder involviren; diese beiden p^ und p^ 
sind dann contradictorisch entgegengesetzte Prädicate 
des S. So sind für die Linie (S), welche eine Richtung 
überhaupt (P) haben muß, gerade (pi) und krumm (p^) 
contradictorische Prädicate, für den Menschen, dem ein 
Geschlecht von Natur gebührt, männlich und weiblich ; beide 
würden nur conträr sein für beliebige andere Subjecte, 
von denen noch nicht feststeht, ob in ihrem Begriffe das 
allgemeine P, Geschlecht oder Richtung, überhaupt vor- 
kommt; für sie wird die Eintheilung ihrer möglichen Prä- 
dicate immer dreigliedrig, sie sind entweder männlich p^ 
oder weiblich p^ oder geschlechtslos p^ entweder gerade p^ 
oder krumm p^ oder gestaltlos p^. Der Satz des aus- 
geschlossenen Dritten oder des exclusi tertii inter duo 
contradictoria behauptet nun nichts, als was wir eben be- 
merkten: von zwei Prädicaten, welche für ein Subject S 
contradictorische, sind, hat S immer das eine mit Ausschluß 
des andern, und wenn es das eine nicht hat, so hat es 
nothwendig das andere mit Ausschluß jedes dritten. So 
angesehen ist dieses Gesetz nur ein Sonderfall des all- 
gemeineren, welches den Sinn des disjunctiven Urtheils 
bildet : von allen conträren Prädicaten, deren Allgemeines P 
in dem Gattungsbegriff M eines Subjectes S liegt, hat S 



Die Lehre vom Urtheil. 97 

immer eines mit Ausschluß der übrigen, und vvenii es das 
eine nicht hat, so bleibt ihm nur die nothwendige Wahl 
zwischen den übrigen; diese Wahl wird zur bestimmten Be- 
jahung, wo sie nur noch auf ein Glied fallen kann, also 
m dem Grenzfall, wo die Zahl der conträren Prädicate 
nur zwei beträgt. Ohne Zweifel ist dieser Grenzfall, welcher 
den Inhalt des Satzes vom ausgeschlossenen Dritten bildet, 
in den Anwendungen des Denkens von besonderer Wichtig- 
keit; die logische Systematik dagegen wird ihn doch nur 
als ein besonderes Beispiel des allgemeineren Satzes 
fassen können, den wir schon mehrfach aussprachen 
und kurz als disjunctives Denkgesetz bezeichnen 
wollen. 

72. Man stellt dies gewöhnlich anders dar. Aus Beweg- 
gründen, die ebenfalls nur aus Zwecken des angewandten 
Denkens begreiflich sind, ist der logische Wunsch ent- 
istanden, die von uns stets festgehaltene Voraus setzurig, 
eine nothwendige Beziehung des jedesmaligen Subjects S 
zu dem allgememen P stehe bereits fest, unerwähnt lassen 
und von zwei Prädicaten sprechen zu dürfen, welche für 
jedes beliebige Subject als contradictorische gelten. Man 
findet leicht, daß dies nur möglich ist, wenn man die Ge- 
sammtheit aller denkbaren Prädicate eintheilt in ein be- 
stimmtes Q, und in die Summe aller derjenigen, welche 
nicht Q sind oder Non Q sind; von allen beliebigen 3ub- 
jecten, was sie auch immer bedeuten mögen, ist dann sicher, 
daß sie entweder Q oder Non Q, entweder gerade oder 
nicht-gerade sind; denn der letzte Ausdruck begriffe dann 
nicht blos das Krumme, sondern auch das Verdrießliche, 
das Süße, das Zukünftige, kurz alles, was außerhalb des 
Geraden liegt. Ich wiederhole in Bezug hierauf, was ich 
bei dem limitativen Urtheil bemerkte: Non Q ist gar keine 
wirkliche Vorstellung, die sich als Prädicat eines Subjects 
behandeln ließe, sondern nur eine Formel, welche die im 
Denken unerfüllbare Aufgabe bezeichnet, alles Denk- 
bare, was außerhalb des einen Begriffs liegt, in einen 
einzigen zweiten zusammenzuziehen. Man hat außerdem 
zur Stellung dieser unlösbaren Aufgabe keinen wirklichen 
Grund; alles, was man durch das bejahte Prädicat Non Q 
erreichen will, erreicht man durch die verständliche Ver- 
neinung von Q. Ich halte daher für ganz unschicklich, von 
contradictorischen Begriffen zu reden, d.h. solchen, die 
an und für sich in diesem Gegensatzverhältniß ständen 

Lotze, Logik. 7 



98 Zweites Kapitel. 

und des halb in demselben blieben, wenn man sie als 
Prädicate eines mid desselben Subjects behandelt, worin 
auch immer dieses bestehen möge; will man ein contra- 
dictorisches Verhältniß zweier Glieder, welches allgemein, 
immer und in Bezug auf jedes Subject gilt, so findet dies 
nur zwischen den zwei Ürth eilen statt: S ist Q und 
S ist nicht Q. Demzufolge würde der genaue Ausdruck 
des Satzes vom ausgeschlossenen Dritten sein: von jedem 
genau bestimmten Subject S gilt entweder die Bejahung 
oder die Verneinung eines ebenso bestimmten Prädicats Q, 
und es gibt keine dritte Möglichkeit; überall, wo eine 
solche stattzufinden scheint, ist S oder Q oder beide ent- 
weder von Anfang mehrdeutig und unbestimmt gefaßt oder 
ihre Bedeutung im Lauf der Ueberlegung unbewußt oder 
unwillkürlich verändert worden. 

73. Noch eine Betrachtung füge ich hinzu. Niemand 
zweifelt, daß dasselbe Subject roth süß und schwer zugleich 
sein kann, daß es aber roth nur ist, wenn es weder grün 
noch blau noch andersfarbig ist, und daß es gerade und 
krumm nicht zugleich sein kann. Eine unmittelbare Deut- 
hchkeit scheint mir nun aber doch die Behauptung nicht 
zu haben, daß zwei Prädicate p^ und p^ sich gerade dann 
an demselben Subject nicht vertragen, wenn sie übrigens 
als conträre Arten desselben Allgemeinen P mit einander 
vergleichbar sind, während an demselben Subject andere 
Prädicate p q r sich vertragen sollen, die als Arten ganz 
verschiedener Allgemeinen P Q und R mit einander un- 
vergleichbar sind. Ich versuche hierüber folgenden Ge- 
danken. Jedes Prädicat p^ eines Subjectes S müssen wir 
nach dem Vorigen und nach der Formel A -|- B = C als Folge 
einer in S enthaltenen Merkmalgruppe A^ -{- B^ ansehen, 
welche Gruppe überall, wo sie vorkommt, also auch in 
diesem S, dieselbe Folge C^, hier p^, hervorzubringen sucht. 
Sollte nun demselben S zugleich das mit p^ vergleichbare 
Prädicat p^ zukommen, so müßte es, wie leicht zu begreifen, 
von einer mit A^ -f- ß^ ebenfalls vergleichbaren Merkmal- 
gruppe A2 -(- B2 abhängen, welche neben A^ -{- B^ in dem- 
selben S vorhanden wäre und überall, wo sie vorkäme, 
also auch in S, die Folge C^, hier p^, begründen würde. 
Aber eben, weil A^ + B^ und A^ -j- B^ mit einander ver- 
gleichbar sein müssen, so kann es nicht fehlen, daß, nach 
einem neuen Satz von der allgemeinen Form A -f- B = C, 
nämlich nach dem Satze : [A^ + Bi] + [A2 + B^] = C^ das Zu- 
sammentreffen beider in demselben S den zureichenden 



Die Lehre vom Urtheil. 99 

Grund einer neuen Folge C^ bildet, in welche die 
beiden Enizelpräüicate p^ und p^ zusammenschmelzen, 
und die wir, weil sie beiden ähnlich sein muß, mit p^ 
bezeichnen wollen. Zwei conträre, vergleicnnare Prä- 
dicate p^ und p=^ würden also nur deshain unvereinbar 
sein, weil aus ihnen immer ein drittes einfaches p^ ent- 
stehen würde; zwei disparate, unvergleichbare Prädi- 
cate p und r dagegen, wie süß und warm, würden deshalb 
als zwei bleibende an S vereinbar sein, weil es für die 
unvergleichbaren Gründe A-j-B und etwa M + N, von denen 
sie einzeln abhängen, keinen Satz (A -j- B) -|- (M -j- N) = C 
gäbe, kraft dessen sie wie p^ und p^ ein drittes einfaches 
Prädicat bilden könnten. Ich will nicht gegen diejenigen 
streiten, die diese ganze Auseinandersetzung überflüssig fin- 
den; mir scheint sie nicht gegenstandslos, wenn ich von den 
Beispielen hinweg, welche (he Logik herkömmhch braucht, 
auf andere blicke, deren sie sich billig erinnern sollte. Wer 
vom Golde sagt, es sei gelb, hat freilich keine Veranlassung, 
sich diese einlache Eigenschaft als Product zweier anderen 
nicht wahrnehmbaren zu denken, die aus zwei im Golde 
nebeneinander gegebenen Bedingungen eigentlich hätten ge- 
sonuert entstellen müssen, aner gesonaert nicht bleiben 
konnten. Wenn aber aut einen Massenpunkt S zwei der Rich- 
tung nach conträre oder auch contraaictorische Bewegungs- 
antriene wirken, so ist das gegeben, was man vorhin K.eine 
Veranlassung hatte vorauszusetzen: man muß hier wirklich 
sowohl die bedingung, welche die Bewegung p^, als die 
andere, welche die Bewegung p^ hervorzubringen strebt, als in 
dem Massenpunkt wirksam und die beiden Bewegungen selbst 
in jedem Augennlick als Prädicate dieses Punktes S auf- 
fassen, als Pradicate aber, die sich getrennt nicht erhalten 
können, sondern in das dritte p^, die Bewegung nach der 
Diagonale zusammengehen. Und zuletzt gilt dies doch all- 
gemein. Eine krumme Linie kann ebenso gut roth als grün 
erscheinen. Wirkten aber die Bedingungen zu beiden Er- 
scheinungen gleichzeitig und gleich stark, so würde es uns 
wenig helfen, mit dem Satze der Ausschließung zu be- 
haupten, das Bild der Linie könne diese beiden conträren 
Eigenschaften nicht haben; irgendwie muß es doch aus- 
sehen. Da aber jene beiden Bedingungen vergleichbar und 
zur Bildung einer Resultante fähig sind, so wird eine dritte 
Farbe erscheinen, und durch die Entstehung dieser werden 
einestheils die Ansprüche jener beiden Bedingungen beide 



lÖÖ Zweites Kapitel. 

befriedigt sein, zugleich aber wird in ihr der Grund liegen, 
warum die beiden conträren Farben, welche sie einzeln 
erzeugt haben würden, nicht neben einander getrennt vor- 
handen sein können. 

74. Hier schließt die Reihe der Urtheile mit Innerei^ 
Nothwendigkeit ab. Je bestimmter das disjunctive seinem 
Subjecte die Wahl zwischen verschiedenen Prädicaten vor- 
schreibt, um so weniger kann es bei diesem Entweder Oder 
sein Bewenden haben; die Wahl muß vollzogen werden. 
Die Entscheidung aber darüber, welches p^ oder p^ dem S 
gebühre, kann nicht aus seiner bisher allein gegebenen 
Unterordnung unter M fließen, denn eben als Art von M 
hat es noch die freie Auswahl; sie kann nur fließen aus 
der eigenthümlichen Differenz, durch welche sich S, als 
diese Art des M, von anderen Arten des M unterscheidet. 
Zu dem Satze: M (und jedes S, welches M ist) ist P, muß 
daher ein zweiter Satz treten, welcher die Eigenthümlichkeit 
des jedesmal in Rede stehenden besondern Subjects S zur 
Geltung bringt und uns zeigt, welche Art von M es ist; 
aus der Vereinigung beider Sätze muß ein dritter fließen, 
welcher lehrt, welche bestimmte Modification p des all- 
gemeinen P diesem S zukomme, weil es nicht blos eine 
Art von M, sondern diese Art von M ist. Die Verbindung 
zweier Urtheile aber zur Erzeugung eines dritten ist im 
Allgemeinen die Denkform des Schlusses, und zu ihrer 
Darstellung sind wir daher nun aufgefordert überzugehen. 



Anhang 
über die unmittelbaren Folgerungen. 



Dem Herkommen zu Liebe schalte ich hier Erörterungen 
ein, die ihre richtigere Stelle in der angewandten Logik 
haben würden. 

Von demselben Subject S und demselben Prädicat P 
behauptet das allgemein bejahende Urtheil A : alle S sind P ; 
das particular bejahende I: einige S sind P; das allgemein 
verneinende E : kein S ist P ; das particular verneinende : 
einige S sind nicht P. Es fragt sich nun, welche unmittel- 
bare Folgerungen sich aus der Gültigkeit oder Ungültigkeit 
des einen dieser vier Urtheile in Bezug auf Gültigkeit oder 
Ungültigkeit der drei übrigen ziehen lassen. Aus dem Dictum 
de omni et nullo und dem Satze des ausgeschlossenen 
Dritten ergibt sich hierüber Folgendes. 

75. Zwischen jedem allgemeinen Urtheile und dem 
gleichnamigen besondern, also zwischen A und I, und zwischen 
E und 0, findet das Verhältniß der Subalternation statt. 
In der Richtung vom Allgemeinen zum Besondern, oder 
ad subalternatam, schließt man von der Gültigkeit des 
ersten auf die des letzteren, aber von der Ungültigkeit 
des Allgemeinen weder auf Gültigkeit noch auf Ungültig- 
keit des Besondern. Die Rechtmäßigkeit der ersten Fol- 
gerung leuchtet sofort, die Unmöglichkeit der zweiten nach 
Beseitigung eines Mißverständnisses ein. Wer den all- 
gemeinen Satz : alle S sind P, leugnet, wird hierzu ge- 
wöhnlich durch die schon gemachte Beobachtung einiger S 
veranlaßt, die nicht P sind ; aber er wird diese Beobachtung 
doch nicht an allen S gemacht haben. Seine Meinung pflegt 
daher die zu sein, nur die Allgemeingültigkeit jenes Satzes 
für alle S zu leugnen, seine Gültigkeit für einzelne S da- 
gegen unbestritten zu lassen; und deshalb haben in ge- 
wöhnlicher Rede Aeußerungen wie diese : es sei nicht wahr, 
daß alle S auch P sind, geradezu die Nebenbedeutung, den 
particularen Satz : einige S sind P, als richtig zuzugestehen. 



102 Zweites Kapitel. 

Die Logik dagegen kennt nicht diese ausgesprochenen Neben- 
gedanken bei der Leugnung des allgemeinen Satzes, sondern 
nur das, was in der ausgesprochenen Verneinung selbst liegt. 
Aber eben dies ist an sich zweideutig. Denn die behauptete 
Ungültigkeit des Stazes: alle S sind P, besteht gleichmäßig 
zu Recht, sowohl wenn der Satz nur für einzelne S, als 
auch, wenn er für keines gilt. So lange diese Zweideutigkeit 
nicht durch Nebenaussagen gehoben wird, kann man daher 
aus der Verneinung des allgemeinen Satzes weder auf 
Gültigkeit noch auf Ungültigkeit des besonderen schließen. 

76. In entgegengesetzter Richtung, vom Besonderen 
zum Allgemeinen oder ad subaltemantem, schließen wir 
von der Ungültigkeit des besondern Urtheils auf die des 
allgemeinen, aber nicht von der Gültigkeit des besondem 
auf die des allgemeinen. Auch hier ist die erste Folgerung 
nach Vermeidung der berührten Zweideutigkeit klar. Wer 
den Satz verneint, einige S seien P, kann zwar die Absicht 
haben, nur die Beschränkung des P auf einige S zu leugnen, 
und aus dieser Meinung, nicht blos einige S seien P. 
flösse dann die Bejahung des allgemeinen Satzes: alle S 
sind P. Aber eben weil diese Folge ja grade die fort- 
dauernde Gültigkeit auch des particularen Urtheils: einige 
S sind P, einschließen würde, kann die Logik unmöglich 
der Leugnung eben dieses particularen Satzes diese Aus- 
legung geben. Für sie bedeutet diese Leugnung durchaus 
nur: es gibt gar keine einigen S, die P wären; was aber 
nicht einmal in einigen Fällen gilt, gilt noch weniger 
in allen. Folglich verneint die Verneinung des Besondern 
allemal auch das Allgemeine. Die Unmöglichkeit der zweiten 
Folgerung ist für sich klar; die Gültigkeit eines P für 
einige S kann nie seine Gültigkeit für alle S beweisen; 
nur weil diese widerrechtliche Verallgemeinerung einzelner 
Wahrnehmungen der gewöhnlichste logische Fehler ist, dem 
die Wissenschaft und die Bildung des Lebens ihre meisten 
Irrthümer verdanken, ist es der Mühe werth, das Verbot 
dieser falschen Folgerung ad subaltemantem besonders zu 
betonen. 

77. Allgemeine Urtheile stehen zu den ungleichnamigen 
besondern, A zu und E zu I und umgekehrt, in contra- 
dictorischem Gegensatz; wir schließen ad contradictoriam 
sowohl von der Geltung des einen auf Nichtgeltung des 
andern, als von der Ufigültigkeit des einen auf die Gültigkeit 
des andern. Die erste Folgerung bedarf keiner, die zweite 



Die Lehre vom Urtheil. 103 

einer kurzen Erläuterung. Verneinen wir den Satz A, alle S 
sind P, so bestehen mit dieser Verneinung die beiden An- 
nahmen E: kein S ist P, und 0: einige S sind nicht P; 
die letzte aber, in der ersten eingeschlossen, ist in jedem 
Falle gültig; folglich fließt aus der Ungültigkeit von A die 
Gültigkeit von gewiß. Verneinen wir ferner : einige S 
sind nicht P, so heißt das nach dem vorhin Bemerkten: 
es gibt keine einigen S, die nicht P wären, und dies ist 
gleichbedeutend mit A: alle S sind P. Verneinen wir E: 
kein S ist P, so sind entweder alle S oder einige S, die 
letzteren also in jedem Falle, P, folglich gilt I: einige S 
sind P; verneinen wir I, so heißt dies: es gibt keine 
einigen S, welche P wären, gleichbedeutend mit der Be- 
jahung von E: kein S ist P. 

78. Die beiden ungleichnamigen allgemeinen Urtheile 
A und E haben nur conträren Gegensatz, und wir folgern 
ad contrariam aus der Geltung des einen die Nichtgeltung 
des andern, aber nicht aus der Ungültigkeit des einen die 
Gültigkeit des andern. Die erste Folgerung leuchtet ein; 
die Unmöglichkeit der zweiten ergibt sich nach dem Vorigen 
daraus, daß die Verneinung eines allgemeinen Urtheils zwar 
ad contradictoriam die Gültigkeit des ungleichnamigen be- 
sondern, diese aber nicht weiter ad subalternantem die 
Gültigkeit des übergeordneten allgemeinen Urtheils folgern 
läßt. Subconträren Gegensatz endlich nennt man das 
Verhältniß zwischen den beiden particularen Urtheilen I 
und 0. Man folgert ad subcontrariam aus der Ungültigkeit 
des einen die Gültigkeit des anderen, aber nicht aus der 
Geltung des einen die Nichtgeltung des andern. In der 
That : die beiden Sätze : einige S sind nicht P, und : einige S 
sind P, können beide zusammien bestehen; wird aber der 
eine verneint, so folgt ad contradictoriam die Geltung des 
entgegengesetzten allgemeinen und aus dieser ad subalter- 
natam die Bejahung des ihm untergeordneten particularen. 

79. Ich erwähne ferner eine andere logische Operation 
von verwandter Absicht. Beobachtungen, welche sich zu- 
letzt immer in der Form eines Urtheils : S ist P, ausdrücken 
lassen, stellen uns immer nur diejenige Verbindung von S 
und P vor Augen, die in dem Augenblick der Beobachtung 
wirklich stattfindet; sie sagen aber nichts darüber aus, ob 
in anderen Fällen S und P trennbar sein werden, oder nicht, 
ob es also S gibt, welche nicht P, oder P, welche nicht S 
sind. Man hat aber ein sehr begreifliches praktisches 
Interesse hieran; man will wissen, ob ein P, welches an S 



104 Zweites Kapitel. 

vorgekommen ist, als ein Kennzeichen betrachtet werden 
darf, nach dem sich die Natur des Subjects bestimmen läßt, 
an dem es vorkommt; kurz, ob alles, was sich als ein P 
darstellt, auch allemal ein S ist. Die auf diese Fragen zu 
erwartenden Antworten werden daher die Form haben: 
P ist S; man nennt sie deshalb Umkehrungen der 
ursprünglichen Urtheile, die zu ihnen Veranlassung gaben. 
Es versteht sich dabei, daß es von besonderem Interesse ist, 
zu wissen, ob P nothwendi^ und immer oder nur möglicher- 
weise und zuweilen auf ein Subject S hindeutet, oder in 
gewöhnlicher Bezeichnungsweise, ob alle P oder ob nur 
einige auch S sind. Man achtet deshalb besonders auf die 
Quantität des gegebenen und des umgekehrten Urtheils 
und nennt die Umkehrung rein fconversio pura), wenn die 
Quantität des letzten die umgeänderte des ersten ist, unrein 
(conversio impura), wenn sie eine andere ist, und zwar 
namentlich, wenn zur Triftigkeit des umgekehrten Urtheils 
die Allgemeinheit des ursprünglichen in blos particulare 
Geltung abgeschwächt werden muß. Man findet Folgendes. 
80. Das allgemein bejahende Urtheil: alle S sind P, 
versteht unter P entweder eine höhere Gattung, in welcher S 
neben andern Arten enthalten ist, oder ein allgemeines Merk- 
mal, an dem S neben andern Subjecten theilnimmt. In 
beiden Fällen bleibt ein Theil von P übrig, der nichts mit S 
zu schaffen hat, und die Umkehrung kann daher nur unrein 
geschehen in das particulare Urtheil : einige P sind S. Diese 
Regel verdient bemerkt zu werden; denn zu den gewöhn- 
lichsten Fehlern der Unaufmerksamkeit und zu den be- 
liebtesten Mitteln der Täuschung gehört es, dieser parti- 
cularen Folgerung die allgemeine unterzuschieben und zu 
behaupten: wenn allen S das P, so komme auch allen P 
das S zu. Man trifft allerdings allgemein bejahende Urtheile 
an, die diese reine Umkehrung gestatten; es sind diejenigen, 
in denen die Umfange von S und P einander genau decken, 
mithin nicht blos allen S, sondern auch nur allen S und 
keinem andern Subjecte das P zukommt, folglich alle P 
auch S sind. Solche reciprocabel genannte Urtheile 
sind : alle Menschen sind von Natur sprachfähig ; alle gleich- 
seitigen Dreiecke sind gleichwinklige; sie gestatten die Um- 
kehrung: alles von Natur Sprachfähige ist Mensch, jedes 
gleichwinklige Dreieck ist ein gleichseitiges. Aber daß jenes 
Verhältniß zwischen S und P stattfindet, an dem diese 



Die Lehre vom ürtheil. 105 

Möglichkeit hängt, wird in jedem Einzelfalle dieser Art 
nur durch die sachliche Kenntniß des gegebenen Urtheils- 
inhalts verbürgt. Mit Recht verlangt daher die Mathematilc, 
welche die reine Umkehrung allgemein bejahender Urtheile 
häufig vollzieht, für die Richtigkeit des umgekehrten jedes- 
mal einen besonderen Beweis und schärft durch dies vor- 
sichtige Verfahren die Regel ein, daß aus blos logischem 
Recht das allgemein bejahende ürtheil nur unreine Um- 
kehrung in ein particular bejahendes verträgt. Es verhält 
sich anders mit dem allgemein verneinenden Urtheile : Kein S 
ist P. Diese völlige Ausschließung beider Begriffe aus- 
einander gilt offenbar wechselseitig und rechtfertigt die 
Behauptung, daß auch kein P ein S sei. Allgemein ver- 
neinende Urtheile erfahren daher reine Umkehrung in wieder 
allgemein verneinende. 

81. Aus dem particular bejahenden Satze: einige S 
sind P, folgt einleuchtend die reine Umkehrune in den 
wieder particularen : einige P sind S. Und diese Folgerung 
befriedigt auch in allen Fällen, in welchen P ein allgemeines 
Prädicat ist, an welchem S neben andern Subjecten theilhat; 
so wird die Behauptung: einige Hunde sind bissig, mit 
Recht sich in die andere umkehren: einiges Bissige sei 
Hund. Wenn jedoch S die allgemeine Gattung ist, der P 
als Art gehört, wie in dem Satze : einige Hunde seien Möpse, 
wird die nach allgemein logischem Rechte allein zulässige 
ümkehrung : einige Möpse seien Hunde, unvortheilhaft gegen 
die sachlich richtige: alle Möpse sind Hunde, abstechen. 
Richtig: freilich ist auch sie ; aber sie drückt nur einen Theil 
der Wahrheit und zwar in einer Form aus, welche den 
andern Theil derselben, daß auch alle übrigen Möpse Hunde 
sind, eher zu verneinen als zu bejahen scheint. Dies wird 
noch fühlbarer, wenn man sich' das Ürtheil: alle Möpse 
sind Hunde, gegeben denkt und es zweimal convertirt. 
Aus der ersten Umkehrung: einige Hunde sind Möpse, 
kommt man durch die zw^eite Umkehrung nicht mehr zu 
dem gegebenen Satze zurück; die logischen Operationen 
haben also hier den Erfolg gehabt, einen Theil der Wahrheit 
aus dem Wege zu schaffen. Diese Unschicklichkeit wäre 
leicht zu vermeiden, wenn man die Quantitätsbezeichnungen, 
dem Sinne gemäß, als untrennbar von ihren Substantiven 
ansähe; man hätte dann gleich den gegebenen Satz so 
geformt: alle Möpse sind einige Hunde: umgekehrt: einige 
Hunde sind alle Möpse; zweite Umkehrung: alle Möpse 



106 Zweites Kapitel. 

sind einige Hunde. Aber es lohnt nicht, diese doch unfrucht- 
baren Formeln zu verbessern. 

Das particular verneinende ürtheil : einigf^ S sind nicht P, 
behauptet an sich nur die Trennbarkeit des S von P. nicht 
aber auch die des P von S. Die reine Umkehrung: einige P 
sind nicht S, gilt daher nicht allgemein, sondern nur für 
solche P. die als gemeinschaftliche Prädicate vers«"hiedener 
Subiecte nicht ausschließlich in der Natur d'es< S Redingungen 
ihres möglichen Vorkommens finden. Der Satz: einige 
Mensrhen sind nicht schwarz, gestattet aus di«^sem Grunde 
die ümkehrung: einiges Schwarze ist nicht Mensch: aber 
die Urtheile: einige Menschen sind nicht fromm, einige 
sind nicht Christen, würden ergeben : einiges Fromme ist 
nicht Mensch, einige Christen sind nicht Menschen, beides 
unzulässig, da Frömmigkeit und Christenthum zwar nicht 
allen, aber doch nur Menschen zukommen. Diese Un- 
zuträglichkeiten werden nur dadnrch allgemein vermie'^^n, 
daß man in dem gegebenen Urtheil die Negation zum Prä- 
dicat schlägt und den nunmehrigen Satz : einige S sind NcmP, 
nach Art der particular bejahenden umkehrt in: einige 
NonP sind S; einiges Nichtschwarze, einiges Nichtfromme, 
einige Nicht-Christen sind Menschen. 

82. Dies hier nothwendige Verfahren hat man unter 
dem Namen der Umkehrung durch Contraposition auf 
alle Urtheile ausgedehnt: in den bejahenden soll die Be- 
jahung des P durch Verneinung von NonP, in den ver- 
neinenden die Verneinung von P durch Bejahung von Non P 
ersetzt, die verwandelten Urtheile dann nach den gewöhn- 
lichen Regeln umgekehrt werden. Man erhält auf diesem 
Wege zuerst für A : alle S sind P, kein S ist Non P ; daraus : 
kein Non P ist S. Für das particular bejahende I dagegen : 
einige S sind P, würde die Transformation in: einige S sind 
nicht NonP, nach dem Obigen keine Conversion gestatten, 
für I also die Contraposition unausführbar sein ; für E da- 
gegen erhält man : kein S ist P, alle S sind Non P, einige 
Non P sind S ; für endlich : einige S sind nicht P, einige S 
sind Non P, einige Non P sind S. Die Durchführung dieser 
Operationen an Beispielen würde unförmliche, dem natür- 
lichen Denken fremde Ausdrucksweisen erzeugen; was man 
mit diesen vier Fällen eigentlich sagen will, läßt sich ein- 
facher mittheilen, wenn man die quantitativen Bestimmungen 
der vorkommenden Urtheile durch die gleichgeltenden 



Die Lehre vom Urtheil. 107 

modalen ersetzt; auch die an sich unmögliche Contra- 
position von I wird dann noch benutzbar. Es würde nämlich 
die Umkehrung von A bedeuten: wenn allen Einzelnen 
einer Gattung S das Prädicat P zukommt, so ist es un- 
möglich, daß etwas ein S sei, dem dies Merkmal fehlt; die 
von I : wenn nur von einigen Arten des S feststeht, P komme 
ihnen zu, so ist nicht nothwendig, sondern nur möglich, 
daß etwas, dem P fehlt, kein S sei ; die von E : wenn der 
Gattung S das Merkmal P allgemein fehlt oder widerspricht, 
so ist es nicht nöthig, sondern nur möglich, daß etwas, dem 
das P gleichfalls fehlt oder widerspricht, eine Art von S 
sei; und eben diese letzte Folgerung ist auch die von 0: 
wenn einige S nicht P sind, so wird etwas, das gleichfalls 
nicht P ist, ein S sein können, aber nicht müssen. 



Drittes Kapitel. 

Die Lehre vom Schluß und den syste- 
matischen Formen. 



Vorbemerkungen über die Aristotelische Syllogistik. 

Ich habe die unerledigte Aufgabe angedeutet, die vom 
disjunctiven Urtheil weiter treibt. Ehe ich diesen syste- 
matischen Zusammenhang verfolge, halte ich für vortheil- 
haft, die Lehre vom Schlüsse in der Gestalt vorzutragen, 
die sie durch Aristoteles erhalten hat. Doch folge ich nicht 
der originalen Darstellungsweise des großen griechischen 
Philosophen, sondern der bequemeren später üblich ge- 
wordenen. Die Schriften des Aristoteles sind erhalten; 
wer Antheil an der ersten Entstehung dieser Lehren nimmt, 
hat es leicht, sich an seiner meisterhaften Entwickelung zu 
erfreuen; wo es sich dagegen nicht um die Geschichte der 
Sache, sondern um die Sache selbst handelt, würde es 
nutzlose Coquetterie sein, die unbequemen Ausdrucks- 
weisen des Erfinders den kleinen Erleichterungen vor- 
zuziehen, welche die Folgezeit zu Gebote stellt. 

83. Schluß oder Syllogismus nennen wir im Sinn des 
Aristoteles jede Verknüpfung zweier Urtheile zur Erzeugung 
eines gültigen dritten, das nicht in der bloßen Summirung 
jener beiden besteht. Unmöglich würde diese Erzeugung, 
wenn der Inhalt jener vorausgeschickten Urtheile, der beiden 
Prämissen, propositiones praemissae, völlig verschieden 
wäre; sie wird nur möglich, wenn beide einen gemeinsamen 
Bestandtheil M, den Mittelbegriff oder medius terminus 
enthalten, welchen die eine mit S, die andere mit P in 
Beziehung setzt. Durch diese Vermittelung untereinander 
in Zusammenhang gebracht, können die beiden Begriffe S 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 109 

und P in dem Schlußsatz, der conclusio, zu einem Ürtheil 
von der Form : S ist P, oder kürzer bezeichnet : SP, zu- 
sammentreten, aus welchem der Mittelbegriff, der zu seiner 
Erzeugung gedient hat, wieder verschwunden ist. In der 
Natur der Sache besteht kein Grund, einen Werthunterschied 
zwischen den beiden Prämissen SM und PM zu machen; 
ein Herkommen jedoch, das geachtet werden muß, wenn 
nicht alle festgesetzten Kegeln eine verwirrende Umdeutung 
erheischen sollen, hat bestimmt, daß Obersatz oder prop. 
major diejenige Prämisse heißen soll, die außer M das 
Prädicat P, Untersatz oder prop. minor die, welche 
außer M das Subject S des künftigen Schlußsatzes enthält; 
dieser selbst wird immer in der Form SP, nicht in der 
umgekehrten PS gedacht. Unter dieser Voraussetzung ent- 
springen aus den verschiedenen Stellungen, welche die drei 
begritfe noch annehmen können, folgende vier verschiedene 
Anordnungen, deren drei erste die drei Aristotelischen 
Figuren darstellen, während die vierte die Figur des 
Galenus bildet. 

I) MP II) PM III) MP IV) PM 
SM SM MS MS 
W SP SP SP 

84. Fragen wir nun, ob und miter welchen Bedingungen 
diese zunächst nur combinatorisch angenommenen An- 
ordnungen der Prämissen einen triftigen Schluß begründen, 
so finden wir sogleich die Berechtigung, S und P in diesem 
zusammenzubringen, von der völligen Identität des Mittel- 
begriffs abhängig; sie wird selbstverständlich hinfällig, so- 
bald das M, welches in der einen Prämisse mit S verknüpft 
ist, ein anderes ist, als das M, welches in der andern mit P 
verbunden ist. Vier Begriffe würden durch diese Spaltung 
des M, anstatt der nothwendigen und hinreichenden drei, 
in den Prämissen auftreten ; die Vermeidung dieser quatemio 
terminorum und die Sicherung der völligen Identität des 
Mittelbegriffs ist daher die gemeinsame Bedingung für die 
Schlußkraft aller Figuren. Um diese Bedingung zu erfüllen, 
ist es zuerst in allen Figuren nothwendig, jede Doppel- 
deutigkeit des Wortes auszuschließen, durch welches wir 
den von uns gemeinten Mittelbegriff M bezeichnen; außer- 
dem aber machen zu gleichem Zweck die einzelnen Figuren 
je nach der Eigenthümlichkeit ihres Baues besondere, so- 
gleich zu erwähnende Vorsichtsmaßregeln nothwendig. 

85. Die erste Figur ordnet im Untersatz ihr S in 



110 Drittes Kapitel. 

den Umfang von M, im Obersatz dies M in den Umfang 
von P, und um deswillen im Schlußsatz S in den Umfang 
von P. Der Gedanke, der dieser Folgerung zu Grunde liegt, 
ist sichtlich der der Subsumption; jedem Subject kommt 
das Prädicat seiner Gattung zu. Schon hieraus kann man 
ableiten, daß der Obersatz der ersten Figur allgemein sein 
muß; denn er soll die Regel aussprechen, welche auf das 
Subject des Untersatzes angew^andt werden soll. Die For- 
derung der Identität des Medius terminus führt zu dem- 
selben Ergebniß. Denn das S des Untersatzes ist immer 
eine bestimmte Art, oder ein bestimmter Fall des M; die 
Form des Satzes sagt dies aber nicht, sondern läßt S nur 
überhaupt als eine unbestimmte Art des M erscheinen; 
soll nun dies unbestimmte M dasselbe sein, wovon der Ober- 
satz behauptet, es sei P, so ist dies nur zu .erreichen, wenn 
der Obersatz allgemein von allen M spricht, und so jenes 
unbestimmte mit umfaßt. Allerdings ist dann das aus- 
gesprochene M des Obersatzes nicht identisch mit dem M 
des Untersatzes, welches nothwendig, als Prädicat des S, 
nur einen Theil vom ganzen Umfang des M bedeutet; 
allein diese anscheinende Schwierigkeit hebt sich durch 
die Ueberlegung, daß das zur Hervorbringung des Schlusses 
benutzte M des Obersatzes ebenfalls nur ein Theil des 
dort ausgesprochenen, nämlich genau dasjenige ist, welches 
im Untersatz gemeint ist. Da ferner die Folgerung des 
Schlußsatzes auf der Unterordnung des S unter M beruht, 
so muß diese Unterordnung auch bestehen, der Untersatz 
mithin, der sie ausspricht, muß bejahend sein; wäre er ver- 
neinend, so würde er einfach das Vorhandensein des Rechts- 
grundes leugnen, aus dem die Gültigkeit des Schlußsatzes 
fließen könnte. Gleichgültig ist es dagegen für den logischen 
Zusammenhang des Schlusses und lediglich seinem jedes- 
maligen Inhalte zuzurechnen, ob das, was vom M des Ober- 
satzes ausgesagt wird, Bejahung oder Verneinung des P 
ist, und ob das Anwendungsbeispiel, welches der Untersatz 
für dieses allgemeine Verhalten herbeibringt, alle S oder 
nur einige derselben umfaßt. Daher ist die Qualität des 
Obersatzes und die Quantität des Untersatzes unbeschränkt. 
Im Schlußsatz endlich soll die Beziehung, welche der Ober- 
satz dem M zu P gibt, gleichviel ob Bejahung oder Ver- 
neinung, unverändert auf das unveränderte, gleichviel ob 
allgemeine oder particulare Subject des Untersatzes über- 
tragen werden; der Schlußsatz hat daher die Qualität des 
Obersatzes und die Quantität des Untersatzes. Denkt man 



Die Lebte vom Schluß und den systematischen Formen. 111 

sich jede Möglichkeit benutzt, weiche diese Regeln übrig 
lassen, so entstehen iiir gültige Arten oder Modi der ersten 
Figur. Ihre scholastischen iNamen ßaruara Celarent Darii 
und Ferio, in bekannter Weise durch die drei Vooaie der 
Reihe nach Qualität und Quantität der Prämissen und der 
Conclusion bezeichnend, machen uns die Auszeichnung der 
ersten Figur deutlich, Schlußsätze jeder Art erzeugen zu 
können. 

86. Die Prämissen der zweiten Figur zeigen uns 
zwei Subjecte S und P in Beziehung zu dem Prädicate M. 
Haben nun beide dies Prädicat oder haben sie es beide 
nicht, sind also beide Prämissen positiv oder beide negativ, 
so ist hieraus gar keine Folgerung in Bezug auf ein gegen- 
seitiges Verhältniß zwischen S und P möglich. Denn an 
einem Merkmal M zugleich Theil haben oder zugleich von 
ihm ausgeschlossen sein können unzählige Subjecte, ohne 
daß außer dieser Gemeinsamkeit irgend eine andere zwischen 
ihnen zu bestehen braucht, namendich ohne daß das eine S 
eine Art des andern P sein muß. iNur wenn das eine Sunject 
immer oder allgemein das Merkmal M hat oder nicht hat, 
das andere aner sich zu M entgegengesetzt verhält, ist die 
Folgerung begründet, das zweite könne keine Art des ersten 
sein. Die Prämissen der zweiten Figur müssen daher von 
entgegengesetzter Qualität, und eine von ihnen allgemein 
sein. Da aber außerdem herkömmlicher Weise der Untersatz 
jenes zweite Sunject liefert, so muß die Prämisse, in der 
das erste erwähnt wird, also der Obersatz, die allgemeine 
sein. Zusammengefaßt sind daher die Bedingungen der 
zweiten Figur: der Obersatz ist allgemein, aber seine Qua- 
lität unbeschränkt; der Untersatz hat die entgegengesetzte 
Qualität des Obersatzes und ist unbeschränkt in der 
Quantität; der Schlußsatz ist stets negativ und hat die 
Quantität des Untersatzes. Die möglichen Modi sind 
Camestres Baroco Cesare Festino. 

87. Die dritte Figur bringt dasselbe Subject M in 
Beziehung zu zwei Prädicaten P und S. Hat nun M beide 
Prädicate, sind also beide Prämissen positiv, so müssen P 
und S vereinbar sein; es folgt mithin, nach dem ge- 
bräuchlichen logischen Ausdruck einer solchen Möglichkeit, 
der particular bejahende Schluß: einige S sind P. Die 
nöthige Identität des M wird in diesem Falle durch die 
Allgemeinheit schon einer Prämisse, gleichgültig welcher, 
hinlänglich gesichert; denn es ist offenbar kein Unterschied, 
ob alle M das Merkmal P und nur einige das S, oder ob 



112 Drittes Kapitel. 

alle M das S und nur einige das P besitzen: so wie so 
gibt es immer einige M, die beide zusammen besitzen und 
hierdurch den stets particularen Schlußsatz: einige S sind P, 
rechtfertigen. Uebrigens könnte gerade hier, wo M in beiden 
Prämissen Subject ist, seine Identität auch leicht durch 
völlig individuelle Bedeutung, also durch den Eigennamen 
einer Person, verbürgt werden. Man begegnet solchen 
Schlüssen oft; um die Vereinbarkeit zweier Leistungen zu 
beweisen, die einander auszuschließen scheinen, führt man 
ein Beispiel an: Sokrates sei P gewesen, Sokrates auch S; 
folglich was S sei, könne auch P sein, oder : einiges S ist P. 
Die Logik rechtfertigt solche Schlüsse dadurch, daß sie dem 
singularen Urtheile, d. h. dem, dessen Subject nicht ein 
unbestimmter Theil eines Allgemeinbegriffs, sondern eine 
völlig bestimmte, nur einmal vorkommende Einzelheit ist, 
den syllogistischen Werth eines allgemeinen Urtheils zu- 
theilt. So tritt dieser Fall unter die obige Regel, welche 
bei zwei positiven Prämissen eine allgemeine verlangt, 
einen particular bejahenden Schlußsatz vorschreibt und die 
Modi Darapti Datisi und Disamis zuläßt. 

88. Hat ferner dasselbe Subject M das eine Merkmal, 
aber das andere nicht, ist also eine Prämisse positiv, die 
andere negativ, so müssen S und P trennbar sein, oder 
es folgt nach gewöhnlichem Ausdruck der particular ver- 
neinende Schluß: einige S sind nicht P. Zur Identität 
des M reicht auch hier die Allgemeinheit einer Prämisse 
hin, gleichgültig welcher, aber der Untersatz muß bejahend 
sein. Denn ein Merkmal, welches an einem Subject vor- 
kommt, ist allerdings immer trennbar von dem andern, 
welches an demselben Subject nicht vorkommt; aber dies 
letztere braucht nicht trennbar von dem erstem zu sein; 
es bleibt denkbar, daß dies zweite nur entweder gar nicht 
oder doch blos in Verbindung mit dem ersten bestehen kann. 
So ist Lebendigkeit ohne Vernünftigkeit, aber nicht Ver- 
nünftigkeit ohne Lebendigkeit ein mögliches Merkmal eines 
Thieres. Nur das bejahte Merkmal ist mithin das trennbare; 
nur von ihm als Subject kann der Schlußsatz behaupten, 
es sei nicht immer mit dem andern als Prädicat verbunden ; 
dies Subject des Schlußsatzes aber liefert herkömmlich 
der Untersatz; dieser also muß bejahend, nur der Obersatz 
darf verneinend sein. Unter dieser Bedingung geben ge- 
mischte Prämissen die Modi Felapton Ferison und Bocardo, 
auch sie wie die vorigen mit nur particularen Schlußsätzen. 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 113 

89. Allgemein behauptet endlich die Logik: aus zwei 
negativen Prämissen gebe auch die dritte Figur keinen 
gültigen Schluß. Dies ist irrig ; es kann mit Recht aus ihnen 
eine Folgerung gezogen werden, die ganz gleichartig und 
an Werth völlig ebenbürtig mit denen ist, welche aus 
positiven oder gemischten Vordersätzen fließen. Denn wenn 
jene beweisen, daß S und P vereinbar, diese, daß sie trenn- 
bar sind, so beweisen mit gleichem Recht zwei negative 
Prämissen, daJi S und P nicht contradictorisch entgegen- 
gesetzt sind, daß mithin, was nicht S ist, darum nicht P 
zu sein braucht; nach gewöhnlicher Bezeichnungsweise: 
einige Nicht-S sind nicht P. Es ist durchaus nicht einzu- 
sehen, warum diese Folgerung an Werth jenen beiden nach- 
stände; denn die erste ruft uns doch auch nur zu: wo 
ihr S findet, macht euch auf die Möglichkeit gefaßt, auch 
P zu finden; die zweite: wo ihr S antrefft, rechnet nicht 
darauf, daß auch P sein werde; ganz ebenso diese dritte: 
wo ihr S nicht beobachtet, hütet euch zu schließen, daß 
um so mehr P da sein werde. Im Leben aber begegnet 
man solchen Schlüssen oft; tausendfältig, wo aus dem 
Nichtvorhandensein einer Eigenschaft voreilig auf die Noth- 
wendigkeit einer andern geschlossen worden ist, beruft man 
sich auf Beispiele, in welchen weder die eine noch die 
andere angetroffen wird, und berichtigt so ein falsches 
Vorurtheil durch einen Schluß nach der dritten Figur aus 
zwei negativen Prämissen. Gültig ist daher diese B'olgerung 
ohne Zweifel; doch ist es nicht zeitgemäß mehr, nachträg- 
lich ihren möglichen Modis Namen zu erfinden. 

90. Die Prämissen der vierten dem Claudius Galenus 
zugeschriebenen Figur geben formell ein Gegenbild der 
ersten Aristotelischen, ohne ihr jedoch an logischem Werth 
zu gleichen. Man unterscheidet die Modi Bamalip Calemes 
Dimatis Fesapo Fresiso. Die Prämissen von Bamalip : alle 
Rosen sind Pflanzen, alle Pflanzen bedürfen Luft, wird jedes 
natürliche Denken stillschweigend umstellen und dann aus 
ihnen nach Barbara der ersten Figur schließen : alle Rosen 
bedürfen Luft. Dieser Schlußsatz ist dann freilich von der 
Form PS, aber der andere von der Form SP, welchen die 
vierte Figur verlangt, ist aus ihm durch einfache Umkehrung 
zu erhalten: einiges Luftbedürftige ist Rose. Dagegen ist 
aus dieser letztern Folgerung nach der vierten Figur durch 
Umkehrung diejenige nicht wiederzugewinnen, die wir nach 
der ersten Figur aus denselben Prämissen zogen, vielmehr 

L 1 z e , Logik. 8 



114 Dritlos Kapitel. 

gibt diese Couversioii nur den particularen Satz: einiges, 
was Rose ist, ist luftbedürftig. Mithin geht in diesem Falle 
durch den Schluß nach der Galenischen Figur geradezu ein 
Theil der Wahrheit verloren, die in den Prämissen begründet 
ist; eine üble Empfehlung für ein Schlußverfahren, dessen 
Pflicht immer ist, aus Gegebenem so viel neue Wahrheit 
zu folgern als möglich. Dies Ungeschick zwar könnte man 
vermeiden, wie früher gezeigt, natürlicher w^ürde jedoch 
auch hierdurch der Schluß nicht. Ebenso unnatürlich sind 
Calemes und Dimatis, deren Prämissen jedes unbefangene 
Denken umstellen und nach Celarent und Darii der ersten 
Figur benutzen wird; einen Wahrheitsverlust freilich ver- 
schulden sie nicht, da der negative Schlußsatz von Calemes 
reine Umkehrung erlaubt, anderseits der von Darii ebenso 
blos particular ist, wie der von Dimatis. Nur Fesapo und 
Fresiso lassen sich, wegen des entstehenden negativen Unter- 
satzes in beiden, des particularen Obersatzes im zweiten, 
minder bequem auf die erste Figur zurückbr'ngen; s'e gihen 
dafür durch reine Umkehrung der Obersätze in Felapton 
und Ferison der dritten über und geben nach dieser Um- 
formung ebenfalls natürlichere Schlußsätze. Nach allem 
ist daher die vierte Figur eine sehr entbehrliche Zugabe zu 
den drei Aristotelischen. 

91. Aristoteles hielt die Folgerungen nach allen drei 
Figuren für triftig, aber nur die nach der ersten für voll- 
kommen. Denn nur diese Figur lasse in der Gestaltung 
der Prämissen auch formell den Rechtsgrund klar hervor- 
treten, der die Möglichkeit jeder Folgerung bedingt: die 
Unterordnung des Besonderen unter sein Allgemeines. Auch 
in den beiden andern Figuren beruhe zwar der Schluß auf 
demselben Rechtsgrunde; auch seien die Unterordnungs- 
verhältnisse, die zur Folgerung nach diesem Princip noth- 
wendig und hinreichend sind, in den Prämissen enthalten 
und man bedürfe keiner nebenhergehenden Ergänzung der- 
selben durch anderweitige Kenntniß, aber die Gestaltung 
der Prämissen lege sie doch nicht von selbst dar; man 
müsse sie in ihnen aufsuchen. Diesen formalen Mangel 
der beiden letzten Figuren suchte Aristoteles durch An- 
gabe der Umformungen zu ergänzen, durch welche ihre 
Prämissen ohne Aenderung ihres Inhalts in solche nach 
der ersten Figur verwandelt werden können. Man hat dies 
überflüssig gefunden und eingew^andt, daß auch die beiden 
andern Figuren nach eigenen für sich einleuchtenden Grund- 
sätzen schließen ; so sei der Grundgedanke der zweiten : 



Die Lehre vom Schluß uiid den systematischen Formen. 115 

wenn zwei Dinge sich in Bezug auf dasselbe Merkmal ent- 
gegengesetzt verhalten, könne das eine keine Art des andern 
sein, iür sich klar und unabhängig von dem Grundsatz der 
Unterordnung. Dies bezweifle ich, lasse es aber auf sich 
beruhen; denn wenn man überhaupt die beiden letzten 
Figuren nach irgend einem Grundsatze schließen läßt, 
so gibt man damit schon zu, daß der Rechtsgrund aller 
Folgerungen in der Unterordnung des Einzelnen unter das 
Allgemeine liegt; denn wozu nützten diesen Figuren ihre 
Grundsätze, außer um durch Unterordnung des Prämissen- 
inhalts unter sie ihre Gonclusion zu rechtfertigen? Mit 
seinem allgemeinen Gedanken über den Vorzug der ersten 
Figur hatte daher Aristoteles Recht; auch kann man das 
Interesse theilen, welches er daran nahm, ein für allemal 
durch jene Umgestaltungen die beiden andern zu recht- 
fertigen; in dem Gebrauch des Denkens aber hat freilich 
die wirkliche Ausführung dieser Umformungen selten er- 
heblichen Werth; einen solchen Fall glaubten wir eben bei 
Betrachtung der vierten Figur zu finden; die Schlüsse der 
zweiten und dritten sind durchsichtig genug, um dies Hülfs- 
mittel entbehren zu können. 

92. Es reicht daher hin zu erwähnen, daß die scho- 
lastische Logik in den Namen der Modi der beiden letzten 
Figuren durch die Buchstaben m s p c die zu diesem Zwecke 
nöthigen Operationen angedeutet hat. Und zwar verlangt 
ni (metathesis) die Umstellung der Prämissen; s und p be- 
fehlen rein (simpliciter) oder unrein (per accidens) den- 
jenigen Satz umzukehren, hinter dessen charakteristischem 
V'ocal sie stehen ; nur die weniger einfache Bedeutung von c, 
die Zurückführung auf das Unmögliche (per impossibile 
ductio), ist sogleich durch das Beispiel Baroco zu erläutern. 
Die Prämissen sind hier: alle P sind M; einige S sind 
nicht M; der Schlußsatz: einige S sind nicht P. An- 
genommen nun, dieser Schlußsatz sei falsch, so folgt ad 
contradictoriam : alle S sind P. Verhielte sich dies nun so, 
und ordnete man dem gegebenen Obersatze: alle P gind M, 
diesen neuen Untersatz bei: alle S sind P, so würde nach 
Barbara der ersten Figur folgen : alle S sind M. Aber dieses 
Ergebniß widerspricht dem gegebenen Untersatz : einige S 
sind nicht M; mithin war die Leugnung der Richtigkeit des 
nach Baroco gefundenen Schlußsatzes unzulässig; er selbst: 
einige S sind nicht P, ist richtig. Die anderen Operationen 
bedürfen kaum der Beispiele. Wie Bamalip der vierten 
Figur durch Umstellung m der Prämissen und unreine 

8* 



116 Drittes Kapitel. 

Conversion p des Schlußsatzes, der dann nach der ersten 
Figur gezogen worden war, auf diese zurückgebracht wird, 
haben wir vor kurzem gesehen; Camestres der zweiten: 
alle P sind M; kein S ist M; kein S ist P, erhält durch 
Umstellung m der Prämissen und durch reine Umkehrung 
s des Untersatzes die neuen Prämissen: kein M ist S; 
alle P sind M; hieraus folgt nach Celarent der ersten: kein 
P ist S; dieser Schlußsatz bedarf noch der reinen Um- 
kehrung s^ um den von Camestres verlangten: kein S ist 
P, zu ergeben. Darapti der dritten lautet: alle M sind P; 
alle M sind S; einige S sind P; die unreine Umkehrung p 
des Untersatzes gibt die Prämissen: alle M sind P; einige 
S sind M; der hieraus nach Darii der ersten folgende 
Schlußsatz: einige S sind P, bedarf keiner weitern Um- 
formung, sondern ist unmittelbar mit dem von Darapti 
entspringenden identisch. 

93. Bisher dachten wir uns die Prämissen als kate- 
gorische Urtheile von der Form: S ist P. Aber die Ver- 
anlassungen unseres Denkens können sie auch in hypo- 
thetischer oder disjunctiver Form darbieten. Diese Unter- 
schiede, wichtig für die Urtheile als solche, sind es nicht 
für den Zusammenhang des Schlusses; sie gehören hier 
stets zu dem Inhalt und erfordern nur Beachtung, nicht 
Aenderung der gewöhnlichen Schlußregeln. Am einfachsten 
ist dies klar für den Fall zweier hypothetischen Prämissen, 
deren jede zwei von den drei Sätzen MSP als Vorder- 
und Nachsatz verknüpft. Genau wie bei kategorischen 
Prämissen, wo MSP drei Begriffe bedeuten, schließt man 
hier nach Darii: immer wenn M gilt, gilt P; zuweilen wenn 
S gilt, gilt M; also zuweilen wenn S gilt, gilt P; nach 
Camestres : immer wenn P gilt, gilt M ; niemals wenn S 
gilt, gilt M; folglich niemals wenn S gilt, gilt P; nach 
Disamis: zuweilen wenn P gilt, gilt M; immer wenn S gilt, 
gilt M; folglich zuweilen wenn S gilt, gilt P. — Eigen- 
thümlicher sind die Fälle, in welchen ein hypothetischer 
Obersatz an einen Grund G, welcher den Inhalt seines 
Vordersatzes bildet, allgemein eine im Nachsatz ausge- 
sprochene Folge F knüpft, ein kategorischer Untersatz aber 
für alle oder einzelne Fälle der Art S entweder G oder F 
bejaht oder verneint. Man schließt diese Fälle am ein- 
fachsten den unmittelbaren Folgerungen aus dem Urtheil 
an, denn Grund und Folge verhalten sich wie subalternans 
und subalternata. Man kann nun zuerst ad subalternatam 
aus der Ungültigkeit der Bedingung G für bestimmte Fälle 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 117 

von S nicht auf das Nichtgelten der Folge F in denselben 
Fällen schließen; denn dieselbe Folge kann aus andern 
äquivalenten Gründen dennoch bestehen. Aber man schließt 
aus der Geltung des Grundes auf die Geltung der Folge. 
Hieraus entspringen, da G sowohl Geltung als Nichtgeltung 
von F begründen kann, zwei Schlüsse: 1) wenn G gilt, 
gilt immer F; in allen oder einzelnen Fällen von S gilt G; 
also in allen oder einzelnen Fällen von S gilt F; dies ist 
ein modus ponendo ponens, der durch Setzung der Be- 
dingung die Folge setzt; er entspricht sichtlich den Modis 
Barbara und Darii der ersten Figur ; 2) wenn G gilt, so gilt 
niemals F; in allen oder einzelnen Fällen von S gilt G; 
folglich in allen oder einzelnen Fällen von S gilt F nicht; 
ein m. ponendo tollens, sofern er die Folge F durch Setzung 
der Bedingung ihres Gegentheils aufhebt; übrigens offenbar 
ein Gegenbild von Celarent und Ferio der ersten Figur. 
In der entgegengesetzten Richtung ad subaltemantem fließt 
aus der Gültigkeit des Satzes F in bestimmten Fällen von 
S nicht die Gültigkeit der einzelnen Bedingung G, von 
welcher er in andern Fällen abhängig gefunden wurde ; denn 
dieselbe Folge F kann aus mehreren äquivalenten Gründen 
entspringen. Aber aus der Nichtgeltung des Satzes F für 
bestimmte Fälle von S folgt die Ungültigkeit jeder, mithin 
auch der einzelnen Bedingung G, von der er begründet 
werden könnte. Zulässig sind daher die Schlüsse : 3) wenn 
G gilt, gilt F immer; in allen oder einzelnen Fällen von 
S gilt F nicht; also in allen oder einzelnen Fällen von 
S gilt G nicht; ein m. tollendo tollens, der durch Aufhebung 
der Folge den Grund aufhebt, der sie nothwendig begründet 
haben würde, wenn er gegolten hätte; übrigens offenbar 
Camestres und Baroco der zweiten Figur entsprechend; 
4) wenn G gilt, gilt F niemals; in allen oder einzelnen 
Fällen von S gilt F; folglich in allen oder einzelnen Fällen 
von F gilt G nicht; ein m. ponendo tollens, der durch 
Setzung einer Folge die Bedingung leugnet, unter der sie 
unmöglich gewesen wäre; er wiederholt Cesare und Festino 
der zweiten Figur. Man kann endlich erwägen, daß auch 
die Nichtgeltung des Satzes G Grund für Gültigkeit oder 
Ungültigkeit des Satzes F sein kann, und erhält dann die 
Schlüsse: 5) wenn G nicht gilt, gilt allemal auch F nicht; 
in allen oder einigen Fällen von S gilt G nicht; in den- 
selben Fällen mithin auch F nicht; ein m. tollendo tollens 
ohne Eigenthümlichkeit, der nur ins Negative den ponendo 



118 Drittes Kapitel. 

ponens übersetzt; 6) wenn G nicht gilt, gilt allemal F; 
nun aber in allen oder einigen Fällen von S gilt F nicht; 
folglich gilt in diesen Fällen G; ein m. tollendo ponens, 
der uns zur Vollständigkeit aller Combinationen von Setzung 
und Aufhebung noch fehlte; er setzt die Gültigkeit eines 
Grundes durch Aufhebung der nothwendigen Folge seiner 
Ungültigkeit. Eine leichte Umformung des Ausdru'ks zeigt, 
daß auch diese letzten beiden Fälle der zweiten Figur an- 
gehören; der zweite würde lauten können: wenn Non G 
gilt, gilt immer F; nun gilt immer oder zuweilen F nicht, 
also gilt immer oder zuweilen Non G nicht. — Da hiermit 
alles erschöpft ist, was aus dem Verhältniß der Subalter- 
nation fließt, so gibt es keine Folgerungen dieser Art, welche 
sich der dritten Figur anreihen ließen. 

94. Wichtiger als diese syllogistischen Künste ist mir 
ein Umstand, dessen ich bei dieser Gelegenheit nirgends 
eindringlich gedacht finde: alle diese Schlüsse beziehen 
sich nur auf ein Verhältniß zwischen dem Grunde G und 
seiner Folge F, nicht auf das einer Ursache G zu ihrer 
Wirkung F. Nur in der Welt der Gedanken hat eine Be- 
dingung G, wenn sie einmal als gültig gesetzt wird, die ihr 
zustehende denknothwendige Folge F immer; in der Wirk- 
lichkeit kann die Ursache G, auch wenn sie besteht und 
wirkt, ihr Erfolg F stets durch eine Gegenkraft U vereitelt 
werden. In ihrer Uebertragung auf wirkliches Geschehen 
bedürfen daher alle diese Schlüsse Modificationen, welche 
die angewandte Logik lehren wird; so ist es nicht zulässig 
zu schließen, überall wo die Ursache G wirke, müsse ihr 
Erfolg F wirklich sein; nicht zulässig, wenn G eine 
Hemmungsursache von F ist, zu behaupten, wo diese Hem- 
mung G wirklich sei, könne F nicht in Wirklichkeit vor- 
kommen; auch G kann seinerseits durch ein U gehemmt sein 
oder F dennoch durch eine dritte Ursache V verwirklicht. 
Es ist deshalb in der reinen Logik ganz unschicklich, die 
behandelten Fälle so zu bezeichnen: ihr Untersatz spreche 
die Wirklichkeit von G oder F aus; diese beiden einfachen 
Buchstaben bedeuten ja hier Urtheile von der Form: S ist 
P; nur die logische Zulässigkeit oder Nothwendigkeit dieser 
Gedankenverbindung zwischen S und P behauptet der Unter- 
satz in Bezug auf gewisse Fälle von S, während der Ober- 
satz sie mit einer andern ähnlichen Beziehung zwischen 
S und Q zu einem hypothetischen Urtheil von allgemeiner 
Geltung verbindet. Ich verfolge dies hier nicht weiter; 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 119 

meine in den Bezeichnungen etwas weitläufigere Darstelluüg 
hat dies wirkliche Verhalten anzudeuten versucht. 

95. Gilt von einem Subject Z : es sei entweder P oder 
Q oder R, oder: es sei sowohl P als Q als R, oder: es 
sei weder P noch Q noch R, so ersetzen wir zunächst dies 
dreigliedrige Prädicat durch das einfache U, und nennen 
dies U im ersten Falle disjunctiv, im zw^eiten positiv, im 
dritten negativ. Wer sich nun die nicht unerläßliche Mühe 
gibt, die Verwendung solcher disjunctiven copulatjven und 
remotiven Prämissen im Schlüsse zu verfolgen, wird finden : 
1) ist der Obersatz ZU, und ordnet der Untersatz SZ ein 
S dem Z unter, so folgen die gewöhnlichen Conclusionen 
SU der ersten Figur; in ihnen hat U stets dieselbe Be- 
deutung, wie im Obersatze; 2) ist der allgemeine Ober- 
satz ZU, der Untersatz SU, und U in dem einen von beiden 
positiv oder disjunctiv, im andern negativ, so entstehen die 
negativen Schlußsätze SZ der zweiten Figur mit der 
Quantität ihres Untersatzes; 3) aus dem Obersatze UZ mit 
positivem oder negativem U, und dem Untersatze US mit 
gleichem oder entgegengesetztem U folgen die stets parti- 
cularen Conclusionen SZ der dritten Figur; 4) in den beiden 
letzten Fällen, in welchen das zum Medius terminus ge- 
wordene U aus dem Schlußsatz verschwindet, ist seine 
Mehrgliedrigkeit ganz bedeutungslos ; was folgt, folgt ebenso 
gut, wenn man nur eins seiner Glieder P oder Q nach seinem 
Verhalten in beiden Prämissen in Betracht zieht. Ebenso 
wenig Neues entsteht, wenn zu dem allgemeinen Obersatz 
ZU ein Untersatz tritt, der für das einzelne Subject Z eines 
der Glieder von U behauptet oder leugnet. Sagt der Ober- 
satz mit blos zweigliedriger Disjunction: alle Z sind ent- 
weder P oder Q, der Untersatz aber: dieses Z ist P oder 
dieses Z ist nicht P, so folgt: dieses Z ist nicht Q oder 
dieses Z ist Q. Diese Folgerungen verstehen sich aus der 
Natur des contradictorischen Gegensatzes von selbst; auf 
die erste Figur sind sie, ohne denkbaren Nutzen, durch 
die Reduction zu bringen: jedes Z, welches nicht P ist, 
ist Q; nun ist dieses Z ein Z, welches nicht P ist, also 
ist dieses Z ein Q. Dieselben unfruchtbaren Betrachtungen 
lassen sich auf mehrgliedriges U des Obersatzes ausdehnen, 
denn immer kann man eine beliebige Anzahl seiner Glieder 
zum Subject ziehen und mit blos zweigliedrigem U sagen: 
jedes Z, welches nicht P und nicht Q ist, ist entweder R 
oder T. Polylemmen endlich (Dilemmen, Trilemmen) 



120 Drittes Kapitel. 

sind Schlüsse mit vielgliedrigem disjunctiven U des Ober- 
satzes ZU und einer gleichen Anzahl von Untersätzen, die 
zusammen für jedes der Glieder von U dieselbe weitere 
Folge T behaupten. Auf diese Fälle, nicht neue logische 
Formen, sondern nur eigenthümliche Verwendungen der 
bekannten, mag uns die angewandte Logik zurückführen. 

96. Gar nicht denke ich dagegen auf die Lehre von 
den Schlußketten zurückzukommen. Begreiflich kann 
jede Conclusion eines Schlusses Obersatz eines zweiten 
werden; Prosyllogismus des zweiten heißt dann der 
erste, Episyllogismus des vorigen jeder folgende. Die 
bloße Vergleichung der Namen der Schlußmodi lehrt so- 
gleich manche Eigenschaften der so entstehenden Kette. 
Soll ihr Endglied allgemein sein, so muß der letzte Schluß 
einer der beiden ersten Figuren angehören, und da in 
diesen der Obersatz ebenfalls allgemein sein muß, so muß 
die ganze Reihe der Prosyllogismen, also die ganze Kette 
in den beiden ersten Figuren verlaufen; jede Einmischung 
eines Gliedes nach der dritten bringt einen particularen 
Schlußsatz hervor, der nie wieder zu allgemeinen Con- 
clusionen zurückleitet. Hat einer der Schlüsse eine negative 
Conclusion, so werden auch die aller Episyllogismen negativ ; 
mit positivem und zugleich allgemeinem Endglied kann nur 
eine Kette schließen, die durchweg in Barbara verläuft. 
Man pflegt nun nach Analogie des einfachen Schlusses noch 
weiter zu verlangen, daß der Obersatz des ersten Prosyl- 
logismus das Prädicat P, der Untersatz des letzten Episyl- 
logismus das Subject S des endlichen Schlußsatzes liefere; 
die Regeln aufzufinden, die dann die Bildung dieser Schluß- 
kette bedingen, wäre nur Sache der Geduld; ihren Nutzen 
wüßte ich nicht anzugeben. Verschweigung des Schluß- 
satzes eines Prosyllogismus, der 'zugleich Obersatz des 
Episyllogismus ist, erzeugt aus den Ketten die beiden Formen 
des Sorites. Der Aristotelische: A ist B, B ist C, C ist D, 
also A ist D, ordnet jeden Begriff in den Umfang des folgen- 
den, schreitet also vom niederen zum höheren fort und ent- 
steht durch Unterdrückung der Schlußsätze, die man aus 
je zwei Gliedern so fände: B ist C, A ist B, also A ist C; 
dann C ist D, A ist C, also A ist D. Der andere, späte 
Erfindung des Professor Goklenius in Marburg [1547 bis 
16281 nimmt den entgegengesetzten Gang: seine Prämissen: 
B ist A, C ist B, D ist C , . . unterdrücken die Conclusion ; 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 121 

C ist A, der beiden ersten Glieder, die als Obersatz zu 
dem dritten nach der ersten Figur den Schluß der Kette 
liefert: D ist A. 



A. Der syllogistische Schluß. 

Der Schluß durch Subsumption. — Der Schluß durch Induction. — 
Der Schluß durch Analogie. 

97. Die logischen Wahrheiten, deren sich das Denken 
in seiner Behandlung des Vorstellungsinhalts nach und nach 
bewußt geworden war, hatte das disjunctive Urtheil vor- 
läufig dahin zusammengefaßt: jedem S, welches eine Art 
von M sei, komme von jedem der allgemeinen Prädicate 
des M eine besondere Modification mit Ausschluß aller 
übrigen als sein Prädicat zu. Die Aufgabe, die nun zu 
lösen blieb, war die Auffindung der Denkhandlungen, durch 
welche dies geforderte eigenthümliche Merkmal für ein 
gegebenes S bestimmbar wurde. Die Aristotelischen Syl- 
logismen lösen diese Aufgabe nicht; sie begnügen sich, 
das Subject ihres Schlußsatzes nur mit der allgemeinen 
Form des Prädicats in Beziehung zu setzen, die ihr Ober- 
satz erwähnt hatte; sie sind daher ungeachtet der reichen 
Verzweigung, die ihnen und ihren möglichen Verschieden- 
heiten der Scharfsinn der früheren Logiker gegeben hat, 
doch nur der formell erweiterte und ausführliche Ausdruck 
der logischen Wahrheit, die in dem disjunctiven Urtheil be- 
reits niedergelegt war. Aehnlich dem impersonalen Urtheile, 
welches eine im Begriffe bereits angedeutete Spaltung nur 
formell durch die Auseinandersetzung des Subjects und 
Prädicats zum Ausbruch brachte, ohne über die gegen- 
seitige Beziehung der beiden geschaffenen Glieder Neues 
zu lehren, ganz ähnlich setzt in seiner vollkommensten 
ersten Figur, auf die wir uns die andern zurückgeführt 
denken, auch der Aristotelische Schluß nur in zwei ge- 
sonderten Prämissen die allgemeine Regel und den Fall 
der Anwendung auch äußerlich auseinander, die in dem 
Sinne des disjunctiven Urtheils bereits in denselben gegen- 
seitigen Verhältnissen gedacht waren. Sämmtlich auf die 
unbestimmte Einordnung eines Begriffes in den Umfang 
eines andern gebaut, lassen sich daher die Aristotelischen 
Syllogismen, unter dem Namen des Schlusses durch 
Subsumption zusammengefaßt, als die erste und ele- 



122 Drittes Kapitel. 

mentarste Form der neuen Gruppe von Denkhandlungen 
betrachten; und wir versuchen, sogleich zu zeigen, zu 
welchem weiteren Fortschritte sie nöthigen. 

98. Als das sprechendste Beispiel des Gedankens, der 
dem Schlüsse durch Subsumption zu Grunde liegt, wähle 
ich den Modus Darii, der ausdrücklich dem allgemeinen 
Gesetze im Obersatze ein besonderes Beispiel der An- 
wendung im Untersatze unterordnet. Alle Menschen sind 
sterblich, sagt dieser Modus; Cajus aber ist ein Mensch; 
und hieraus schließt er: also ist Cajus sterblich; offenbar 
in der Meinung, durch diese Folgerung eine Wahrheit fest- 
gestellt zu haben, die vorher noch nicht feststand, nun aber 
durch die Wahrheit der beiden Prämissen und ihre Be- 
ziehung auf einander gesichert ist. Schon die Skepsis des 
Alterthums hat jedoch eingewandt, daß nicht die Prämissen 
die Richtigkeit des Schlußsatzes verbürgen, sondern daß 
der Schlußsatz bereits gültig sein muß, damit es die Prä- 
missen sein können. In der That, wo bliebe die Wahrheit 
des Obersatzes : alle Menschen seien sterblich, wenn es in 
Bezug auf Cajus noch nicht gewiß wäre, daß er an dieser 
Eigenschaft Theil hat? Und wo bliebe die Wahrheit des 
Untersatzes, daß Cajus ein Mensch sei, wenn es noch 
zweifelhaft wäre, ob er außer andern Eigenschaften des 
Menschen auch die der Sterblichkeit hat, die ja der Ober- 
satz als allgemeines Merkmal jedes Menschen aufführt? 
Anstatt mithin durch ihre für sich feststehende Wahrheit 
die des Schlußsatzes zu beweisen, sind vielmehr beide 
Prämissen nur unter Voraussetzung seiner Wahrheit richtig, 
und dieser doppelte Cirkel scheint zunächst jede logische 
Leistung des Syllogismus unmöglich zu machen. 

99. Das Gewicht dieses Einwurfs ist nicht hinwegzu- 
leugnen; wir verfolgen ihn in Bezug auf verschiedene Fälle. 
Wenn wir uns den Obersatz MP als ein analytisches Urtheil 
denken, wenn wir also annehmen, P sei ein festes Merk- 
mal, ohne welches sich überhaupt der Inhalt des Begriffs M 
nicht vollständig denken lasse, so steht allerdings dann die 
Allgemeingültigkeit des Obersatzes für sich fest; aber der 
Untersatz kann dann ein S nicht dem M unterordnen, ohne 
dem S dies unentbehrliche P bereits zuzuschreiben, also 
den Schlußsatz vorauszusetzen, der diese Behauptung erst 
aussprechen sollte. Wer z. B. es zu dem Begriff des Körpers 
rechnet, schwer zu sein, bildet unangefochten den Obersatz : 
alle Körper sind schwer; aber er kann die Luft dann im 
Untersatze nicht einen Körper nennen, ohne schon mitzu- 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 123 

denken, was erst der Schlußsatz lehren soll, daß auch die 
Luft schwer ist. Allgemein : der Grundsatz der Subsumption 
verlangt, daß das untergeordnete Einzelne die Merkmale 
seines Allgemeinen theile; aber umgekehrt läßt sich nichts 
einem Allgemeinen unterordnen, ohne bereits die Merkmale 
zu haben, die dieses ihm vorschreibt. Es würde sich aber 
anders verhalten, wenn wir uns den Obersatz MP als ein 
synthetisches Urtheil von allgemeiner Geltung dächten. Dann 
würde der Inhalt des Begriffes M sich vollständig fassen 
lassen, ohne in ihm P mitgedacht zu haben, aber eine Ge- 
wißheit von irgend welchem Ursprung lehrte uns zugleich, 
daß überall mit diesem M auch P verbunden sei. Darauf 
würde der Untersatz an S nur die Merkmale nachzuweisen 
haben, durch die es ein M ist, und nun erst der Schlußsatz 
das noch nicht mitgedachte P hinzufügen, welches dem S 
um seiner Unterordnung unter M willen gebührt. Im wirk- 
lichen Gebrauche der Subsumptionsschlüsse macht man 
diese Voraussetzungen immer. Wer behauptet, daß alle 
Menschen sterblich seien, denkt sich den naturgeschicht- 
lichen Charakter der Menschheit durch ihre übrige gegebene 
Organisation vollständig bestimmt und sieht die Sterblich- 
keit als ein Merkmal an, welches nicht ausdrücklich von 
unserem Denken in der Charakteristik des Menschen mit- 
gedacht zu werden braucht, weil es als unvermeidliche 
Folge ohnehin an jener Organisation hängt, durch die wir 
den Begriff des Menschen bestimmen. Darum reicht es 
nun im Untersatz aus, auch von Cajus nur diese wesent- 
liche Organisation festzustellen, um im Schlußsatze ihm 
jene unvermeidliche Folge derselben zuzuerkennen. Noch 
deutlicher wird dies, wenn wir uns den Obersatz hypo- 
thetisch vorstellen, unter P also nicht ein festes, bleibendes, 
sondern ein fließendes Merkmal des M, überhaupt eine Folge 
denken, die aus M unter einer gewissen Bedingung x her- 
vorgeht, ein Merkmal, welches M unter dieser Bedingung 
annimmt oder verliert, einen Zustand, in den es geräth, 
oder eine Wirkung, die es ausübt. Dann reicht es hin, im 
Untersatz S dem M allein unterzuordnen, um im Schluß- 
satz zu folgern, daß auch S, wenn die gleiche Bedingung 
X einwirkt, das Merkmal P zeigen müsse. Und auf diese 
Form laufen in der That die meisten in der Wissenschaft 
wirksamen Anwendungen der Syllogismen zurück; sie zeigen 
fast alle, daß S, weil es eine Art von M ist, unter der 
Bedingung x im Allgemeinen dieselbe Wirkung P entfalten 
oder erfahren werde, die wir an M kennen. Allein, wenn 



124 Drittes Kapitel. 

es sich vorhin bei analytischem Obersatz fragte, mit welchem 
Rechte der Untersatz ausgesprochen werden könne, so fragt 
es sich hier bei synthetisch angenommenem Obersatz, mit 
welchem Rechte dieser selbst als allgemeingültig behauptet 
werden dürfe? Wenn die Sterblichkeit als neues Merk- 
mal zu der übrigen Organisation des Menschen nothwendig 
hinzukommen soll, so kann doch diese Allgemeingültigkeit 
nur unter Voraussetzung der Richtigkeit des Schlußsatzes 
bestehen, und sie wird hinfällig, wenn es nun doch einen 
eigenesinnigen Cajus gibt, der nicht stirbt. Was man hier- 
auf antworten wird, ist klar: natürlich sei jeder allgemeine 
Obersatz falsch, der sich in einem einzelnen seiner unter- 
geordneten Fälle nicht bestätigt, und diese Gefahr liege 
überall nahe, wo jener allgemeine Satz nur durch eine 
unberechtigte Verallgemeinerung vieler beobachteten Einzel- 
fälle entstanden sei ; wo jedoch die nothwendige Verknüpfung 
des M und P an sich nachweisbar sei, da sorge eben diese 
gültige Allgemeinheit dafür, daß kein eigensinniger Einzel- 
fall vorkommen könne, welcher ihr widerspräche. In dem 
angeführten Beispiel liege die Sache zweifelhaft; für die 
gemeine Meinung sei die allgemeine Sterblichkeit der 
Menschen nur eine Voraussetzung, aus dem überwältigenden 
Eindruck unzähliger Beispiele entsprungen, zu denen sich 
noch kein Gegenbeispiel gefunden hat ; für den Physiologen 
stehe sie zwar, als Folge der gegebenen Organisation, in 
seiner Ueberzeugung fest, aber auch ohne sich mit der 
wünschenswerthen Genauigkeit darthun zu lassen. In andern 
Fällen jedoch sei die Allgemeingültigkeit des synthetischen 
Obersatzes entweder durch eine unmittelbare Anschauung 
oder durch Beweise verbürgt, die einen gegebenen Inhalt 
einer solchen Anschauung unterordnen, und in allen diesen 
Fällen reiche der Syllogismus zur sicheren Gewinnung einer 
besonderen neuen Erkenntniß hin; denn nichts sei zu ihr 
nöthig, als die ausführbare Unterordnung eines S unter 
ein M, welches hier wahrhaft den Dienst eines Mittelbegriffs 
leiste, S mit einem vorher ihm fremden P zu verknüpfen. 
100. Ich lasse hier dahingestellt, ob und in welcher 
Ausdehnung überhaupt die unmittelbare Anschauung der 
allgemeingültigen Wahrheit eines synthetischen Urtheils 
möglich sei; denn ganz unmittelbar klar ist so viel, daß 
wir jedenfalls nur sehr selten uns in der Lage befinden 
werden, den Inhalt eines allgemeinen Obersatzes auf diesen 
Rechtsgrund stützen zu können; unzählige allgemeine Ur- 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 125 

theiie werden von uns ausgesprochen und zu Folgerungen 
benutzt, ohne selbst als unmittelbare Anschauungen gelten 
zu können, und ohne daß die Beweise ausführbar wären, 
durch welche ihr Inhalt auf solche Quellen der Wahrheit 
sich zurückleiten ließe. Diese ganze ausgebreitete Thätig- 
keit unseres Denkens kann weder einfach als untriftig bei 
Seite gesetzt werden, noch kann sie bestehen ohne logische 
Regeln ihrer Gültigkeit. Diesen Regeln haben wir nach- 
zuforschen, und zwar sind es ihrer zwei, die wir bedürfen. 
Zu dem wirksamen Gebrauche des Schlusses ist es zuerst 
nöthig, daß wir allgemeine Obersätze finden lernen, deren 
Gültigkeit weder auf einer unmittelbaren Gewißheit, noch 
auf der schon gemachten Erfahrung ihrer Richtigkeit in 
jedem Einzelfalle beruht; es muß möglich sein, die all- 
gemeine Sterblichkeit der Menschen zu behaupten, sowohl 
bevor man sie als nothwendige Folge aus ihren Gründen 
begreift, als auch bevor man jeden Einzelnen darauf ge- 
prüft hat, ob er umzubringen sei oder nicht. Der Unter- 
satz aber macht eine zweite Regel nothwendig. Denn mög- 
lich ist es zwar in vielen Fällen, ein S dem M deswegen 
unterzuordnen, weil man an S alle Merkmale gefunden 
hat, welche das M jeder seiner Arten vorschreibt; ausführ- 
bar ist aber dennoch in den meisten Fällen diese Leistung 
nicht; Niemand wird es für nothwendig oder für vollendbar 
halten, auch nur den Cajus unseres Untersatzes in Bezug 
auf alle Organisationseigenheiten zu prüfen, um sich das 
Recht zu nehmen, ihn der Gattung Mensch unterzuordnen. 
Wenn der wirkliche fruchtbare Gebrauch des Denkens mög- 
lich sein soll, muß es daher ein Verfahren geben, nach 
welchem Untersätze sich finden lassen, die ein gegebenes 
Subject einer Gattung unterordnen, noch bevor von ihm 
erwiesen ist, daß es vollständig alle Merkmale dieser Gattung 
besitze. Die beiden Verfahrungsweisen, die ich hier ver- 
lange, lassen sich nun, ohne daß dies indessen von wesent- 
licher Bedeutung wäre, an eine etwas veränderte Auffassung 
der zweiten und dritten Aristotelischen Figur anschließen. 
101. Die allgemeine Aufgabe jedes Schlußverfahrens be- 
steht naturgemäß darin, aus gegebenen Datis oder Prämissen 
so viel neue Wahrheit zu entwickeln als möglich; wie dies 
geschieht, ist an sich völlig gleichgültig; das Verfahren 
wird sich nach der Gestalt der Prämissen richten, die wir 
nehmen müssen, wie sie uns die Erfahrung, innere oder 
äußere, darbietet. Nun ist es ein häufiges Vorkommen, 



12Ü Drittes Kapitel. 

daß nicht nur an zwei, sondern an sehr vielen verschiedenen 
Subjecten P S T V W dasselbe Prädicat M vorkommt oder 
nicht vorkommt, und es fragt sich, welche Folgerung aus 
diesen Prämissen PM, SM, TM, VM . . . möglich ist, die 
sich ihrer Form nach der zweiten Aristotelischen Figur an- 
schließen. Es ist klar, daß sie in ihrer Vielzahl nicht zu 
einem Schlüsse auffordern, welcher zwei einzelne dieser 
Subjecte in ein gegenseitiges Verhältniß brächte; so weit 
diese Folgerung beabsichtigt wird, ist sie nur durch die 
Aristotelische Beschränkung auf zwei Prämissen und mit 
Beachtung der Regeln der zweiten Figur möglich. Aber es 
ist ebenso erlaubt zu versuchen, ob nicht dies gemeinsame 
Vorkommen des M an so verschiedenen Subjecten uns etwas 
über die Bedeutung dieses M selbst lehre, das mithin im 
Schlußsatze nicht verschwinden würde. Diesen Versuch 
nun macht das natürliche Denken, wo ihm die Erfahrung 
solche Prämissen gibt, unfehlbar und wird dabei durch den 
allgemeinen Grundsatz geleitet, der alle seine Handlungen 
beherrscht : vorgefundenes Zusammensein der Vorstellungen 
in Zusammengehörigkeit ihrer Inhalte zu verwandeln. Wo 
wir dasselbe Merkmal an verschiedenen Subjecten wahr- 
nehmen, haben wir das Vorurtheil, daß diese Ueberein- 
stimmung keine zufällige, daß mithin die verschiedenen 
Subjecte nicht jedes einzeln für sich durch einen besonderen 
Umstand mit dcmsalben Prädicate zusammengerathen sei, 
daß vielmehr alle untereinander einen gemeinschaftlichen 
Stamm gleiches Wesens haben, von dem jene gleiche Be- 
ziehung zu demselben Merkmal die Folge ist. P S T V 
werden mithin zwar verschiedene sein, aber doch unter 
einen höheren Begriff Z als Arten desselben coordinirt; 
nicht sie als verschiedene Einzelne, sondern nur sofern sie 
Arten des 2 sind, tragen das gemeinsame Merkmal M als 
nothwendiges Merkmal dieser ihrer Gattung. Unser Schluß- 
satz lautet demnach: alle S sind M; und in ihm bedeutet 
Z das höhere Allgemeine, dem wir die einzelnen Subjecte 
unterordnen, und das wahre Subject für jenes M, das wir 
vorher gemeinsam an jenen einzelnen vorkommen sahen. 
Dies Schlußverfahren ist der einfachste Fall der Induc- 
tion und bildet für uns unter diesem Namen das zw^eite 
Glied dieser Gruppe von Folgerungen, die sich auf Unter- 
ordnung des Mannigfachen unter die Einheit eines All- 
gemeinen gründen. 

102. Die Aufgabe, die wir diesem Verfahren stellten, 
allgemeine Obersätze für Schlüsse der Subsumption zu er- 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 127 

zeugen, scheint es nun dennoch nur unvollkommen zu 
erfüllen. Denn übereinstimmend wirft man der Induction 
vor, daß sie Gewisses aber nicht Neues lehre, wenn sie 
vollständig, Neues aber nicht Gewisses, so lange sie unvoll- 
ständig sei. Sind P S T U alle Arten des 2, die es gibt, 
und hat von jeder dieser Arten eine Prämisse schon ge- 
lehrt, daß sie M sei, so kann der Schlußsatz nur als 
universales Urtheil: alle £ sind M, diese Aussagen der 
Vordersätze summiren; aber er kann nicht einmal mit 
logischem Recht sich in das generelle Urtheil verwandeln: 
jedes D als solches ist M; es nleibt vielmehr ganz zweifel- 
haft, ob nicht blos thatsächlich alle Arten des 2), und zuletzt 
doch jede Art aus einem besonderen Grunde, dasselbe M 
haben oder erleiden, oder ob wirklich in der allgemeinen 
Natur des Z selbst der immer gleiche Grund liegt, der dies 
Prädicat allen seinen Arten nothwendig macht. Gibt es 
aber außer den Subjecten, welche in den Prämissen mit M 
verbunden vorkommen, noch andere Arten des 2, von denen 
sie nichts aussagen, so ist der Schlußsatz eine unberechtigte 
Folgerung ad subalternantem aus der Gültigkeit einer be- 
schränkten Anzahl von Einzelfällen auf die Gültigkeit des 
allgemeinen Falles, eine Folgerung, die verschiedene Grade 
der Wahrscheinlichkeit mag haben können, Gewißheit aber 
niemals erlangt. Es scheint mir jedoch, daß diese an sich 
richtigen Bemerkungen die reine Bedeutung einer logischen 
Form mit den Schwierigkeiten ihrer wirksamen Anwendung 
verwechseln und daß derselbe Fehler auch schon in dem 
Tadel lag, den man gegen den Werth des Aristotelischen 
Syllogismus erhob. Der Gedanke, dem dieser folgte, jedes 
Einzelne sei zum Besitz seiner Prädicate durch seine Ab- 
hängigkeit von seinem Allgemeinen berechtigt und ver- 
pflichtet, ist ohne Zweifel ein logisch durchaus gültiger 
Grundsatz, welcher den inneren Zusammenhang des jedes- 
maligen Denkinhaltes in seine richtige Beleuchtung rückt. 
Diese logische Bedeutung verliert er dadurch gar nicht, 
daß die Wahrheit des Allgemeinen, um zu bestehen, die 
Gültigkeit desselben in allen Einzelfällen einschließt, oder 
wenn man lieber will, voraussetzt; es ist ja vielmehr 
der eigene Sinn des Grundsatzes, daß beide unzertrennlich 
von einander sind. Mag man daher im Gebrauche des 
Denkens zu der Wahrheit der Prämissen gekommen sein, 
auf welchem Wege man will; nachdem man sie gefunden 
hat, drückt die Unterordnung, welche die erste Aristotelische 
Figur ausspricht, die Gliederung aus, die dem inneren 



128 Drittes Kapitel. 

Zusamineiiliaiigc des fei tigeii Denkiiiliails entispriclit, obgleich 
vielleicht gar nicht die Gliederung der Gedankenarbeit, 
durch welche wir ihn gewonnen haben. So betrachtet ist 
der Schluß der Subsumption das logische Ideal, in dessen 
Form wir unsere Erkenntniß bringen sollen, aber nicht 
zugleich allgemein die instrumentale Methode, durch deren 
Befolgung wir den gegebenen Stoff zu einer Erkenntniß 
zusammenschließen. Aehnliches habe ich nun von der 
Induction zu sagen; der logische Gedanke, der ihr zu 
Grunde liegt, ist gar nicht blos wahrscheinlich, sondern 
gewiß und unanfechtbar. Er besteht in der auf dem Satze 
der Identität beruhenden Ueberzeugung, daß jede bestimmte 
Erscheinung M auch nur von einer bestimmten Bedingung Z 
abhängen könne, und daß mithin, wo unter anscheinend 
verschiedenen Umständen oder an verschiedenen Subjecten 
P S T U dasselbe M vorkommt, es ganz unvermeidlich in 
diesen etwas Gemeinsames 2 geben müsse, welches die 
wahre identische Bedingung des M oder das wahre Subject 
zu M sei. Man würde ganz mit Unrecht einwenden, es sei 
eine gewöhnliche Erfahrung, daß dieselbe Folge M von 
verschiedenen äquivalenten Bedingungen erzeugt werden, 
dasselbe Prädicat M an äußerst verschiedenen Subjecten 
vorkommen könne. Eben in diesem Einwurf zeigt sich die 
Verwechselung, die wir oben rügten, der logischen Regel 
mit ihren Ausführungsbedingungen, Gibt es für eine Folge M 
zwei verschiedene äquivalente Bedingungen, so sind diese 
beiden eben nicht durch das, wodurch sie verschieden, 
P oder S, sind, sondern durch das, worauf ihre Aequivalenz 
beruht, wirklich die Bedingungen dieser gleichen Folge M; 
so lange man diesen gemeinsamen Grundzug beider nicht 
absondern kann, so lange hat man eben das richtige Z des 
Schlußsatzes nicht gefunden, mithin die Induction nicht in 
der Weise ausgeführt, in welcher sie ausgeführt zu werden 
verlangt. Findet sich dasselbe M als Prädicat an sehr vielen 
höchst verschiedenen Subjecten und zwar, wie es gewöhn- 
lich in der wirklichen Anwendung zu begegnen pflegt, 
an solchen Subjecten, von deren jedem nur ein Theil seines 
ganzen Merkmalbestandes bekannt ist, so kann man sich 
natürlich sehr irren, wenn man das, was in diesen be- 
kannten Merkmalen aller Subjecte gemeinsam ist, zu dem Z 
zusammenfaßt, dem man nun, als dem wahren Subjecte, 
das fragliche Merkmal M zutheilen könnte. Ich leugne 
nicht, daß im Gebrauch der Induction wir selir häufig 
unter solche ungünstige Bedingungen gestellt sind; aber 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 129 

alle diese Schwierigkeiten, welche sich der Ausführung 
entgegenstellen, ändern die allgemeine logische Gültigkeit 
des Grundsatzes der Induction nicht, der behauptet, überall, 
wo verschiedene Bedingungen dieselbe Folge M oder ver- 
schiedene Subjecte dasselbe Prädicat M haben, müsse sich 
ein und nur ein ganz bestimmtes E auffinden lassen, welches 
die einzige immer gleiche Bedingung oder das einzige wahre 
Subject sei, dem allgemeingültig und nothwendig das Prä- 
dicat M oder die Folge M in einem Schlußsatz von der 
Form : jedes S ist M, zuzuschreiben sei. Der angewandten 
Logik aber überlassen wir die Beachtung der Regeln, durch 
welche die Auffindung dieses 2) gelingen kann. 

103. Die dritte Form dieser Gruppe führe ich unter 
dem etwas willkürlich gewählten Namen des Schlusses 
der Analogie ein. Die Prämissenstellung der dritten 
Aristotelischen Figur MP, MS enthält, bei der vöUigen 
Gleichheit des Baues beider Vordersätze, wiederum keinen 
Grund zur Unterscheidung von Ober- und Untersatz, und 
auch keinen, die Prämissen auf zwei zu beschränken. Sehr 
häufig wird im Gegentheil uns die Erfahrung eine größere 
Anzahl derselben, MP, MS, MT, MU . . ., also die Thatsache 
vor Augen stellen, daß an demselben Subject eine Vielheit 
verschiedener Merkmale entweder vorkomme oder nicht 
vorkomme. Diese Data darf das Denken nicht zurückweisen 
und es. benutzt sie zu einer Folgerung, die, nur in um- 
gekehrter Richtung, der vorigen völlig ähnlich ist. Auch 
hier läßt es sich durch die Voraussetzung leiten, daß nicht 
durch viele zusammenhanglose Zufälle die verschiedenen 
Prädicate sich an demselben Subjecte M vereinigt haben, 
sondern daß es einen Grund geben müsse, der sie alle, 
als zusammengehörige, versammelt hat; sie gehören dem M, 
weil M ein IT ist, zu der Natur des IT aber gehört es, 
diesen vollzähligen Merkmalbestand zu haben, der seinen 
Inhalt ausmacht; als eine Art des IT hat M darauf An- 
spruch, alle diese Prädicate an sich zu vereinigen. So bilden 
wir aus diesen Prämissen den Schlußsatz : M ist ein IT, 
und haben mit ihm die zweite Aufgabe erfüllt, für den 
Schluß der Subsumption jenen Untersatz zu haben, durch 
welchen ein Begriff M, das dortige S, unter den Unifang 
eines andern IT, des dortigen M, untergeordnet wird.-; 

104. Auch diese Aufgabe scheint aber schlecht erfüllt 
zu sein; denn wie die Induction, so unterliegt auch die 
Analogie dem Tadel, nichts Neues zu lehren, wetin sie. voll- 

Lotz e, Logik. 9 



130 Drittes Kapitel. 

ständig, und nichts Sicheres, wenn sie unvollständig ist. 
Geben die Prämissen bereits dem M alle Merkmale, die 
nöthig sind, damit es ein IT sei, so gewinnen wir an 
sachlicher Erkenntniß nichts durch die wirkliche Unter- 
ordnung desselben unter diesen Begriff; nur die Form 
unserer Auffassung des gegebenen Inhalts ändert sich. Aber 
in den allermeisten Fällen geben die Prämissen nur einen 
Theil der zu IT nothwendigen Prädicate an, und wir schließen 
ohne Sicherheit von ihrer Gegenwart auch auf die aller 
übrigen, durch welche an M erst der ganze Inhalt eines IT 
verwirklicht wird. Wo unsere Betrachtung Gegenständen 
der Wirklichkeit gilt, deren ganzes Wesen aus unzähligen 
uns zum großen Theil unbekannten zum Theil schwer be- 
obachtbaren Merkmalen besteht, ist dies immer der Fall; 
aus wenigen Eigenschaften, die wir an einem Gegenstande 
wirklich beobachten, schließen wir darauf, er sei ein Metall, 
ein Thier bestimmter Gattung, ein Werkzeug zu bestimmtem 
Zweck. Daß hieraus im Gebrauch der Analogie zahlreiche 
Irrthümer entstehen, bedarf keines Wortes weiter; aber 
die Schwierigkeit der Anwendung beeinträchtigt auch hier 
den Werth des logischen Grundsatzes nicht. Dieser Grund- 
satz behauptet: kein Inhalt eines Begriffes, der richtig ge- 
dacht sei, bestehe in einem zusammenhanglosen Haufen 
von Merkmalen, den man beliebig vermehren könne durch 
Hinzufügung gleichviel welcher neuen Bestandtheile ; zwar 
nicht durch ein Merkmal, aber durch eine Verbindung 
mehrerer, welche gegeben ist, sei vermöge der durch- 
gängigen gegenseitigen Determination aller auch schon 
darüber entschieden, welche anderen noch unbeobachteten 
sich mit den beobachteten verknüpfen können, welche nicht; 
deshalb sei es möglich, aus dem angefangenen Bilde des M, 
welches uns die Prämissen geben, auch die weitere Ver- 
vollständigung und Fortsetzung desselben zu folgern; es 
gebe mithin allemal ein und nur ein IT, welches die Ver- 
einigung der gegebenen Merkmale an M zugleich mit der 
Hinzufügung nicht gegebener rechtfertige und möglich mache. 
Dieses an sich richtige Ideal des Denkens verlangt nur, 
wie jede Denkform, nicht durch unpassenden, sondern durch 
passenden Inhalt realisirt zu werden. Nicht jede beliebigen 
paar Prädicate eines M reichen hin, um auf alle seine 
übrigen zu schließen; manche solche Combination mag 
nicht nur einem IT, sondern auch einem andern Begriffe 
IIi oder 112 zukommen; man wird im Gegensatz zu diesen 
unwesentlichen andere wesentliche Merkmale in den Prä- 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 131 

missen verlangen, eine Forderung, die man in der An- 
wendung wirklich allenthalben macht, und deren Erfüllung 
man der S9,chlichen Kenntniß des behandelten Inhalts über- 
läßt. Aber die wichtigste Quelle der Ungenauigkeit ist der 
Mangel aller bishergenannten Schlußformen: die Prädicate 
nur in allgemeiner Fassung, ohne Angabe ihres Maßes ihrer 
specifischen Modification und ihrer gegenseitigen Deter- 
mination anzugeben. So lange die Prämissen nur sagen: 
M ist schwer, M ist gelb, M ist schmelzbar u. s. w., so 
findet man in diesen Datis freilich keinen Entscheidungs- 
grund, um M entweder für Schwefel oder für Gold zu 
erklären; aber solche Prämissen haben dafür auch ihre 
Heimat nur in der abstracten Logik; im wirklichen Ge- 
brauche des Denkens wird vielmehr immer zugleich auf 
Größe eigenthümliche Schattirung und Verbindungsweise 
der Prädicate geachtet und aus diesem angefangenen 
charakteristischen Grundrisse auf seine Fortsetzung zu dem 
Ganzen IT geschlossen. Was nun das natürliche Denken 
allenthalben wirklich ausübt, das eben ist durch neue 
logische Formen, zu denen wir überzugehen haben, auch 
für die Theorie seines Thuns festzustellen. 



B. Die mathematischen Folgemngen. 

Der Schluß durch Substitution. — Der Schluß durch Proportion. — 
Constitutive Gleichung. 

105. Ich stelle noch einmal, und von verschiedenen 
Gesichtspunkten aus, die Veranlassungen zusammen, welche 
uns über die Syllogismen hinaus zur Aufsuchung neuer 
Denkformen treiben, und berühre zu diesem Zweck zuerst 
die Natur der Urtheile, welche die gewöhnliche Lehre sich 
als Glieder des Schlusses denkt. Wie ich schon früher 
erwähnte, drückt die Sprache in den Urtheilen von der 
Form: S ist P, das Prädicat in einer Allgemeinheit aus, 
in welcher es seinem wirklichen Subjecte nicht zukommt, 
und die Logik pflegt dies durch den Satz einzugestehen, 
daß nicht nur das Prädicat zur Bestimmung des Subjectes, 
sondern auch dieses zur Bestimmung jenes beitrage. Wer 
da sagt, diese Rose ist roth, meint nicht, daß ihr ein 
unbestimmtes Roth überhaupt, oder daß ihr jede beliebige 
Färbenschattirung zukomme, die unter dem Sammelnamen 
des Rothen begriffen wird ; es ist immer nur das Rosenroth, 
das er im Sinne hat, ja genauer das ganz bestimmte Roth 

9* 



132 Drittes Kapitel. 

dieser Rose. Wollte er mithin seinen Gedanken genau 
ausdrücken, so würde er sagen müssen: diese Rose ist 
so roth, wie es diese Rose ist. In diesem scheinbar ganz 
unfruchtbaren Satze würde die logische Arbeit darin be- 
stehen, daß die wahrgenommene Eigenschaft der Rose nicht 
mehr als eine Einzelheit gefaßt wird, die sonst heimatlos 
in der Welt wäre; indem das Denken sie als Art eines 
allgemeinen Roth betrachtet, das auch sonst vorkommt 
und abgesehen von diesem Beispiel gilt, vollzieht es die 
früher erwähnte Objectivirung der Wahrnehmung: es gibt 
dem Wahrgenommenen eine bestimmte Stelle in dem Welt- 
inhalt, durch die es für sich etwas und nicht blos subjective 
Erregung des jedesmal Vorstellenden ist. Hierin liegt der 
logische Gewinn, der allemal gemacht wird, wenn der be- 
sondere Inhalt einer Wahrnehmung im Urtheil durch das 
Allgemeine ersetzt wird, dessen Beispiel er ist. Aber zu- 
gleich wird natürlich auch ein logischer Verlust eintreten, 
wenn es bei dem Ausdruck dieses Allgemeinen bleibt, und 
wenn nicht der andere Theil der Wahrnehmung auch sein 
Recht erhält durch Hinzufügung der Besonderung, die dem 
genannten Allgemeinen höthig ist, um dem gemeinten Ein- 
zelnen gleich zu sein. Diesen Verlust machen nun die ge- 
wöhnlichen Urtheile der angeführten Form alle ; auch die 
Aristotelischen Syllogismen beschränken sich darauf, mit 
dem allgemeinen M oder dem allgemeinen P zu rechnen. 
106. Hierdurch lassen sie die Aufgabe ungelöst, die 
schon das disjunctive Urtheil aufstellte, und befriedigen 
überhaupt die Bedürfnisse des Denkens in seiner lebendigen 
Anwendung nicht. Denn schon das disjunctive Urtheil be- 
hauptete, dem Einzelnen komme nicht das allgemeine Prä- 
dicat seiner Gattung, sondern eine bestimmte Modification p 
desselben mit Ausschluß jeder andern zu. Dieses p hätte 
der Schluß zu ermitteln gehabt; er hätte es nur gekonnt, 
wenn er dem allgemeinen Obersatze, der die Gattung mit 
dem allgemeinen P verbindet, einen Untersatz gegeben hätte, 
welcher die Eigenthümlichkeit des S gelten machte, durch 
die es, als diese und nicht eine andere Art der Gattung, 
auch nur dieses Prädicat p, nicht eine andere Modification 
des allgemeinen P, erhalten mußte. Das ist nicht geschehen ; 
auch der Untersatz erwähnte nur die Unterordnung des 
Einzelnen unter die Gattung überhaupt, aber nicht seine 
speeifische Differenz von andern Arten derselben; daher 
konnte der Schlußsatz auch nur sagen, was dem Einzelnen 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 133 

zukommt, sofern es überhaupt eine Art seiner Gattung, 
aber nicht, was ihm zukommt, sofern es diese Art derselben 
und keine andere ist. Daß wir mit einer solchen Leistimg 
hinter den Bedürfnissen unseres wirklichen Denkens zurück- 
bleiben, bedarf kaum weiterer Verdeutlichung. Wenn wir 
schließen: die Wärme dehnt alle Körper aus, das Eisen 
ist ein Körper, also dehnt die Wärme auch das Eisen aus; 
oder: alle Menschen sind sterblich, Cajus ist ein Mensch', 
also ist Cajus sterblich, so wird jeder die Unfruchtbarkeit 
dieses Verfahrens fühlen und antworten: freilich dehnt die 
Wärme alle Körper aus, aber jeden in anderem Maße, als 
den anderen ; freilich sterben alle Menschen, aber die Sterb- 
lichkeit des einen ist von anderem Maße, als die des 
andern; wie das Eisen sich als Eisen ausdehnt, im Unter- 
schied vom Blei, wird die Technik zu wissen verlangen; 
wie die Sterblichkeit des Cajus als Cajus im Unterschied 
von der anderer Menschen zu veranschlagen ist, der Ver- 
waltungsrath einer Lebensversicherung. Dies ist also das, 
was die neuen Formen zu leisten haben; sie müssen das 
Einzelne als bestimmte Art des Allgemeinen gelten machen, 
und aus diesem seinem Unterschiede von andern Arten 
desselben eine Folgerung auf sein eigenthümliches Prädicat 
ermöglichen. 

107. Man kann von anderer Seite her daran erinnern, 
daß überhaupt die Logik sich etwas einseitig gewöhnt hat, 
Urtheile von kategorischer Form als Beispiele zu brauchen 
und darum auch die Unterordnungen eines Begriffs in den 
Umfang eines andern als die häufigsten und wichtigsten 
logischen Operationen erscheinen zu lassen. Im lebendigen 
Gebrauch des Denkens sind sie das gar nicht; es handelt 
sich selten darum, ein Merkmal zu bestimmen, welches 
als festes Prädicat zu dem Inhalt eines Begriffs ein für alle 
Mal gehört, oder in dessen Umfang jener Begriff einzureihen 
ist ; am häufigsten wollen wir wissen, welches veränderliche 
Merkmal P an einem Subject S auftreten wird, wenn auf S 
die Bedingung x einwirkt; Fragen dieser Art stellt das 
Leben die Wissenschaft die Technik jeden Augenblick. Es 
ist nun zuzugeben, daß die gewöhnliche Syllogistik diese 
Fälle nicht ganz übersieht ; aber sie behandelt sie doch nur 
unvollkommen dadurch, daß sie in einem Obersatze eine 
allgemeine Folge P an das Zusammensein des x mit einem M 
knüpft, und dann einem S durch Unterordnung unter M 
oder unter Mx wieder nur im Allgemeinen jene Folge P 



134 Drittes Kapitel. 

zuschreibt. Was hilft es zu sagen: wenn ein Mensch be- 
leidigt wird, so erzürnt er sich; Cajus ist ein Mensch, also: 
wenn er beleidigt wird, wird er sich erzürnen; was wir 
wissen wollen, ist, wie Cajus als diese Persönlichkeit sich 
erzürnen wird, und wie viel man ihm folglich bieten kann. 
Um diese Frage zu beantworten, nützt die Unterordnung 
unter den Begriff der Menschheit wenig ; man muß die eigen- 
thümlichen Charakterzüge aufsuchen, welche Cajus von 
andern Personen unterscheiden, und muß nun Mittel haben, 
den Erfolg zu berechnen, den die Beleidigung auf diese 
Züge haben wird. Man kann dies kurz so ausdrücken: 
unsere Folgerungen können nicht aus Umfangsverhältnissen 
der gegebenen Begriffe, sondern aus ihrem Inhalt fließen; 
ohne den unfruchtbaren Umweg durch die allgemeine 
Gattung zu nehmen, müssen wir unmittelbar aus den ge- 
gebenen Merkmalen eines Subjects und aus der hinzu- 
tretenden Bedingung x die neuen Merkmale bestimmen, 
welche sich zeigen, oder die Veränderungen der alten, 
welche stattfinden werden. 

108. Von diesem Gesichtspunkt betrachtet reihen sich 
die aufzusuchenden neuen Formen den Folgerungen der 
Analogie an. Denn auch diese schlössen von der Gegen- 
wart Abwesenheit und Verbindungsweise gewisser Merk- 
male an einem S auf die nothwendige Gegenwart Ab- 
wesenheit und Anlagerungsweise anderer Merkmale an dem- 
selben Subject. Man kann nun den Zweifel erheben, ob 
solche Folgerungen von Inhalt zu Inhalt, von Merkmal 
zu Merkmal, überhaupt aus blos logischen Gründen möglich 
seien, und ob nicht die wenigen wirklich möglichen doch 
durch die bekannten Lehren der Logik von der Vereinbarkeit 
der disparaten, der Unvereinbarkeit der conträren, der noth- 
wendigen Wahl zwischen contradictorischen Prädicaten 
bereits vorausgenommen seien; Behauptungen darüber, daß 
wo p sei, auch q sein müsse, werde doch immer nur die 
Erfahrung liefern, den einzigen Fall ausgenommen, von dem 
wir hier nichts mehr wissen wollen, daß q in den Inhalt 
des p schon eingeschlossen sei, oder p im Umfange von q 
liege. Dieser Zweifel ist an sich richtig; alle Behauptungen 
über die nothwendige Verknüpfung oder Ausschließung 
zweier Prädicate werden, diese letzten Fälle ausgenommen, 
immer nur auf das Zeugniß der Beobachtung gestützt 
werden können; aber es fragt sich doch, ob mit den bis- 
herigen Mitteln die Logik auch nur diesen vorauszusetzenden 
Thatsachen alle die Folgerungen abgewonnen hat, die mög- 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 135 

lieh sind ; daß es nicht der Fall ist, zeigen wir kürzer durch 
die Darstellung der Schlußformen selbst, die wir meinen, 
und die, übrigens dem natürlichen Denken sehr bekannt 
und geläufig, hier nur eben die ihnen in der systematischen 
Logik gebührende Stelle erhalten. 

109. Lassen wir dem Obersatze unserer neuen Figur 
die Form: alle M sind P, oder M = P; dem Untersatze aber 
geben wir nicht die unbestimmte Gestalt : S ist ein M über- 
haupt, sondern die bestimmte : S = sM, d. h. S ist die- 
jenige Art von M, welche man erhält, wenn man das ganze 
Gefüge der in M enthaltenen Merkmale sich durch den 
Einfluß einer specifischen Bedingung s determinirt oder 
modificirt denkt. Der Schlußsatz wird dann lauten müssen : 
S ist aP und sagt, dem S, sofern es diese durch den 
charakteristischen Zug s bestimmte und von andern unter- 
schiedene Art des M ist, komme nicht das allgemeine Merk- 
mal P, sondern diejenige besondere Ausprägung oF des- 
selben zu, welche unter dem Einfluß jenes s auf das Gefüge 
des M entstehen muß. Zur Vermeidung von Mißverständ- 
nissen ist zu beachten, daß die Einwirkung einer Bedingung s 
auf den gesammten Bau eines M die verschiedenen Merk- 
male des M in äußerst verschiedener Weise umformen 
kann; jede dieser Umformungen ist eine Folge von s, und 
deswegen habe ich die hier erwähnte aP durch den ver- 
wandten Buchstaben o bezeichnet; dagegen hat es im All- 
gemeinen nicht, wenn auch in besondern Fällen, Sinn, die 
Modification eines Merkmals der modificirenden Bedingung 
gleich zu setzen ; daher konnte der Schlußsatz nicht durch sP 
angedeutet werden. In dieser Gestalt aber, die wir hier 
dem Schlüsse gegeben haben, würde er die bloße Be- 
zeichnung einer Aufgabe sein, nicht ihre Auflösung. Darauf 
kommt es vielmehr an, dieses aP namhaft zu machen und 
zu zeigen, wie sich P durch das Einwirken des s auf M 
verändert. Dies ist so lange unausführbar, als man M nur 
unter dieser einfachen Form eines mit einem Namen ver- 
sehenen Allgemeinbegriffs aufführt; um zu wissen, wie s 
auf M einwirkt, müssen wir den Inhalt des M in seine 
einzelnen Theile, mit Beachtung ihrer gegenseitigen Ver- 
bindungsweise zerlegen. Wie z. B. der Gang einer Maschine 
sich ändern wird, wenn man auf sie eine Kraft s wirken 
läßt, wird Niemand zu beurtheilen unternehmen, so lange 
er die Maschine nur als ein anschauliches Ganze M, als 
Dampfmaschine überhaupt, vor Augen hat; man muß den 
inneren Bau, die Verknüpfung der Theile, die Lage eines 



136 Drittes Kapitel. 

möglichen Angriffspunktes für die Kraft s und die Rück- 
wirkung der hier erzeugten Erstwirkung auf die mit dem 
Angriffspunkte verbundenen Theile zuvor kennen gelernt 
haben. Nur dadurch mithin, daß man dem geschlossenen 
Ausdruck oder Begriff M die entwickelte Gesammtzahl aller 
Inhaltstheile mit Beachtung ihrer wechselseitigen Deter- 
minationen substituirt, kann man hoffen, den Einfluß 
des s so zu verfolgen, daß man daraus erst die Gesammt- 
natur des S, welche =sM ist, und folgeweis auch die 
Modification aP des Prädicats P bestimmen kann, welche 
diesem S zugehört. In der That ist nämlich stets die letzte 
Aufgabe in der ersten eingeschlossen; die specifische Modi- 
fication eines einzelnen Prädicates für S läßt sich gar nicht 
finden, ohne die durch s erzeugte Gesammtänderung des M, 
von der sie abhängig ist, vorher gefunden zu haben; denn 
dieselbe Bedingung s würde auf ein P, welches in dem 
Gefüge eines andern Begriffes N enthalten wäre, anders 
wirken, als auf das, welches sie in dem M antrifft. Aus 
diesem Grunde beachte ich fernerhin diese Folgerung auf aP 
nicht mehr, sondern betrachte als Aufgabe der neuen Form, 
sM zu bestimmen, und gebe ihr darum die Gestalt 

Obersatz: M = a + bx + cx2 ... 

Untersatz: S = sM 

Schlußsatz : S = s(a + bx + ex« . . .) 

woraus dann in Bezug auf einzelne Prädicate, z. B. b, 
anstatt des unbestimmten Schlusses: S ist bx, der be^ 
stimmte folgen würde : S ist s. bx. 

110. Es hat immer sein Mißliches, sehr verschieden- 
artige und dennoch zusammengehörige Fälle durch ein 
möglichst einfaches Symbol auszudrücken; ich bemerke 
daher zur Vermeidung von Mißverständnissen noch Fol- 
gendes. Unter a b c x will ich im Allgemeinen ver- 
schiedene Merkmale eines Begriffs M verstanden wissen, 
welche, wenn sie vollständig aufgezählt werden, den Ge- 
sammtinhalt von M ausmachen. In jedem Begriffe aber 
stehen diese Merkmale in den allerverschiedenartigsten Be- 
ziehungen zu einander, welche Beziehungen in meiner 
Formel nicht ausgedrückt sind; als schwache Andeutung 
ihrer möglichen Mannigfaltigkeit ist die Doppelheit der 
Zeichen -j- und — angewandt. Zum wirklichen Ausdruck 
reichen diese Zeichen nicht einmal dann hin, wenn M nicht 
einen Begriffsinhalt aus qualitativ verschiedenen Merk- 
malen, sondern ein bloßes Größenganzes aus den vergleich- 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 137 

baren Größentheilen a b c x bedeutet. Ein erschöpfenderes 
Symbol würde nur das früher gebrauchte der mathematischen 
Function überhaupt sein : M == F (a, b, c, x . .) ; aber es hätte 
den Nachtheil, alle Verbindungsweisen der Theile blos in 
Gedanken zu fordern und gar keine durch ein anschau- 
liches Schema zu verdeutlichen. Auch die Form der Reihe 
a + bx -|- cx2 ist willkürliches Symbol ; die Einführung des x 
bedeutet nur wieder die mögliche Ungleichwerthlgkeit der 
Merkmale, von denen eines, eben x, nur ein anderes, a, 
völlig freiläßt, zu den übrigen aber selbst als eine be- 
stimmende Bedingung hinzutritt. Das s des Untersatzes 
und Schlußsatzes tritt hier als multiplicirender Factor auf; 
ebenfalls nur, um an dem allereinfachsten und bekann- 
testen Verhältniß, in welchem eine Größe auf andere ein- 
wirken kann, die unzählig verschiedenen zu veranschau- 
lichen, in welchen irgend eine concrete Bedingung auf den 
mannigfachen Inhalt irgend eines Gegebenen ihren Einfluß 
ausüben kann. Drücken wir durch einen rechts unter- 
gesetzten Buchstaben die Aenderung irgend welcher Art 
aus, welche eine Bedingung in irgend einem Gegebenea 
hervorbringt, und bezeichnen wir M als Function von a b c x, 
also M = cp (a, b, c, x), so würden wir allgemein den Schluß- 
satz nur bezeichnen können durch S ^ cps (as, bs, Cs, Xs), 
nicht durch S == cp (as, bs, Cs, Xs) ; denn es ist an sich 
deutlich, daß der Einfluß von s nicht immer nur, nach 
dem zweiten Ausdruck, die einzelnen Merkmale mit Bei- 
behaltung ihrer allgemeinen Verbindungsweise cp, sondern 
auch, nach dem ersten, diese Verbindungsweise selbst ändern 
kann, so daß die auf einen Begriff wirkende Bedingung 
dessen ganzen Bau hinlänglich umgestalten kann, um das 
neue Ergebniß nicht mehr dem vorigen Begriffe M, sondern 
einem andern Mi oder N subsumirbar zu machen. Hierauf 
weiter einzugehen, macht ein Zugeständniß unnöthig, 
welches wir nun hinzuzufügen haben. 

111. Der Gewinn nämlich, den wir uns von dieser 
unserer Schlußfigur durch Substitution, der ersten 
dieser zweiten Gruppe, versprechen, hängt doch schließlich 
davon ab, daß wir wissen, was die einzelnen Theile der 
Conclusion bedeuten, welches also der Werth von as oder bxs 
ist, der durch die Einwirkung des s auf den entwickelten 
Ausdruck des M entspringt. Dies aber ist, wenn es nicht 
einfach aus Erfahrungen bekannt werden soll, im Denken 
nur dann zu ermitteln, wenn alle diese aufeinander be- 
zogenen Theile reine Größen und die zwischen ihnen be- 



138 Drittes Kapitel. 

stehenden Beziehungen solche der mathematischen V^er- 
knüpfung und Sonderung sind. Hierdurch wird der wirk- 
same Gebrauch unserer Figur auf das Gebiet der Mathematik, 
und zwar zunächst auf die Verhältnisse reiner Größen 
beschränkt. Nur die besondere Natur der Zahlen, deren 
jede ein angebbares Verhältniß zu jeder andern hat, ge- 
stattet, durch Substitution der Größentheile eines Ganzen, 
den vorher verschlossenen Inhalt des M so aufzuschließen, 
daß die einwirkende Bedingung s ihre Macht wirklich aus- 
üben kann, und daß nach den Regeln der Rechnungsarten, 
durch Aufhebung entgegengesetzter und durch Zusammen- 
ziehen sich addirender Bestandtheile, die mit jener Be- 
dingung nothwendig geforderte Veränderung dieses Inhalts 
von M sich wirklich ausführen und die Gestalt des heraus- 
kommenden neuen Ergebnisses darstellen läßt. Setzen wir 
dagegen an die Stelle vergleichbarer Größentheile die un- 
vergleichlich verschiedenen Merkmale eines Begriffes, so 
verschwinden diese Vortheile wieder; der Inhalt des M 
wird durch eine solche Substitution nur unvollkommen auf- 
geschlossen; denn wir besitzen hier nicht, wie bei den 
unter sich vergleichbaren Zahlen, eine Regel, nach welcher 
sich der Erfolg einer auf diese ungleichartigen Bestandtheile 
einwirkenden Bedingung bemessen ließe. Zwar wenden wir 
auch in solchen Fällen den allgemeinen Gedanken der 
Substitution an; wenn wir wissen wollen, wie eine Be- 
dingung s auf ein Ding wirken werde, das uns nur durch 
seinen naturgeschichtlichen Begriff M gegeben ist, so zer- 
gliedern wir auch M in seine Merkmale; aber die Schätzung 
des Erfolgs, den s auf jedes einzelne derselben und auf 
die Gesammtheit aller haben werde, erfolgt doch hier nur 
noch auf Grund mehr oder minder unbestimmter Analogien, 
welche uns die Erfahrung oder ein irgend woher ent- 
standenes Gefühl des Wahrscheinlichen darbietet. 

112. Die Beschränkung auf mathematischen Gebrauch 
kann uns nicht hindern, den Schluß durch Substitution 
in der systematischen Reihe der Denkformen aufzuführen. 
Denn zunächst muß man doch nicht ganz vergessen, daß 
jedenfalls das Rechnen auch zu den logischen Thätigkeiten 
gehört und daß nur eine praktisch begründete Spaltung 
des Unterrichts die vollkommene Heimatsberechtigung der 
Mathematik in dem allgemeinen Reiche der Logik übersehen 
läßt. Aber nicht nur deshalb haben diese Formen hier 
ihren Platz, weil sie einem Theile unserer Denkarbeit un- 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 139 

entbehrlich sind; sie bleiben vielmehr auch für diejenigen 
Fälle, in denen das nicht ausführbar ist, was sie verlangen, 
die Ideale unserer logischen Bestrebung. Denn wenn sie 
sich nur auf die Größenverhältnisse unmittelbar anwenden 
lassen, so ist es auch anderseits wahr, daß überall da, 
wo wir einen Gegenstand unserer Untersuchung in keiner 
Weise auf Größenverhältnisse zurückzuführen im Stande 
sind, unsere Erkenntniß desselben mangelhaft bleibt, und 
daß keine andere logische Form im Stande ist, uns dann 
zur Beantwortung der Fragen zu verhelfen, welche uns 
die mathematische Behandlung der Sache liefern würde, 
wenn sie möglich wäre. Es ist kaum nöthig, in unserer 
Zeit darauf aufmerksam zu machen, wie Naturwissenschaft 
nur durch Mathematik zu Stande gekommen ist; hat man 
doch längst auch in anderen Gebieten die wesentliche Hülfe 
schätzen gelernt, welche die statistischen Erhebungen der 
Größenverhältnisse für die Auffindung der Gesetze bieten, 
nach denen die Zusarmnenhänge der Gesellschaft bestehen; 
selbst in den Wissenschaften, die am weitesten durch die 
Natur ihres Gegenstandes von der Mathematik abstehen, 
empfindet man häufig sehr deutlich das Bedürfniß ihrer 
Verknüpfung mit Größenbetrachtungen. Die Sittenlehre mag 
jedes Verbrechen strafbar finden, ohne zu diesem Aus- 
spruch einer mathematischen Berechtigung zu bedürfen; 
aber jede wirklich zu verhängende Strafe muß ein Maß 
haben, und dieses muß sich nach dem Maße der zu strafen- 
den Bosheit des verbrecherischen Willens richten; wäre 
es nur bisher ausführbar, so würde auch das Strafrecht 
nach unserer Figur schließen; es würde jedes gegebene 
Verbrechen durch Substitution in seine einzelnen Bestand- 
theile auflösen und aus dem sM, aus der besonderen 
Größenbestimmtheit, in welcher in diesem Einzelfalle die 
einzelnen Merkmale des Verbrechens und mithin dessen 
Gesammtwerth auftreten, das aP, die Art und Größe der 
Strafe, ableiten, die diesem Einzelfalle gebührt. 

113. Nun aber gibt es doch nicht blos reine Mathematik, 
sondern es ist der Wissenschaft allerdings gelungen, auch 
zwischen Erscheinungen oder Merkmalen, die unter einander 
unvergleichlich sind, Vermittelungen herzustellen, welche 
von dem einen dieser Glieder auf das andere zu schließen 
erlauben. Die Formen aufzusuchen, nach denen dies möglich 
ist, muß anderseits die nächste Aufgabe der Logik sein, 
welche so die Unvollkommenheit des Substitutionsschlusses 
zu ergänzen sucht. Zum Theil nun scheint jener Uebergang 



140 Drittes Kapitel. 

zwischen dem Unvergleichbaren nur dadurch der Wissen- 
schaft gelungen, daß sie diese Unvergleichbarkeit aufhob, 
und nachwies, daß zwei Thatbestände a und b, die unserer 
Wahrnehmung zunächst als qualitativ völlig verschieden 
erscheinen, in Wahrheit doch nur auf Größenverschieden- 
heiten vergleichbarer Umstände beruhen; ich erinnere daran, 
wie die Physik die qualitativen Unterschiede unserer sinn- 
lichen Empfindungen der Farbe des Tones und der Wärme 
auf nur mathematische Differenzen vergleichbarer Be- 
wegungen vergleichbarer Elemente zurückführt. Sieht man 
jedoch näher zu, so findet man, daß in diesen Fällen doch 
nicht in der That unsere Empfindungen a und b auf unter 
sich und mit ihnen vergleichbare Bewegungen a und ß 
zurückgebracht werden, sondern nur das wirkliche Eintreten 
von a oder ß und sein Einwirken auf uns wird als Be- 
dingung bezeichnet, unter welcher uns die Empfindung a 
oder b entstehen muß. Die empfundene Farbe a bleibt 
nach wie vor völlig unvergleichbar mit der Schwingung a 
des Aethers, die man als ihre Entstehungsbedingung angibt, 
und wenn uns die Erfahrung nicht lehrte, daß a die Folge 
des a ist, so würden wir durch kein logisches Mittel aus a 
die Natur dieser seiner Ursache a errathen. Was also in 
diesen Fällen die Wissenschaft leistet, besteht in der That 
in einer Verknüpfung unvergleichbarer Glieder, die von 
dem einen auf das andere zu schließen erlaubt. Dieser 
erste Satz nun, daß überhaupt a und a, b und ß in diesem 
Verhältniß gegenseitiger Hinweisung auf- einander stehen, 
wird, wie ich eben erwähnte, der Erfahrung verdankt, 
und aus den Thatsachen derselben zwar durch Anwendung 
der Gesetze des Denkens, aber nicht durch eine besondere 
Form des Denkens gewonnen, die zu der an sich unmög- 
lichen Lösung der Aufgabe bestimmt wäre, wirklich Un- 
vergleichbares in Vergleichbares umzuwandeln. Aber nach- 
dem die Erfahrung das Zusammengehören zweier solcher 
Glieder, a und a, einmal gelehrt hat, schließt das Denken, 
daß diese Zusammengehörigkeit sich auch in der Ver- 
änderung beider erhalten werde, und daß mithin einer be- 
stimmten Aenderung des a in ai allemal eine und nur eine 
bestimmte Aenderung des a in a^ entsprechen müsse. Auch 
diese Aenderungen a— ai und a— a^ sind unmittelbar weder 
ihrer Art noch ihrer Größe nach vergleichbar; nimmt die 
Schwingungsanzahl der Schallwelle um die Größe b = a—a^ 
zu, so hängt von ihr allerdings eine bestimmte Zunahme 
d ,= a — ai des gehörten Tones ab ; aber diese Aenderung d 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 141 

der Tonhöhe ist der Art nach ein ganz anderem Vorgang, 
als die Zunahme b einer Anzahl von Schwingungen, und 
mit einer solchen nicht zu vergleichen; jede dieser Größen 
kann noch immer nur nach ihrem eigenen Maßstab ge- 
messen, ihr wechselseitiges Zusammengehören nur als eine 
Thatsache ausgesprochen werden. Aber unter einander sind 
die Aenderungen der Tonhöhe, und ihrerseits untereinander 
sind auch die Aenderungen der Schwingungszahlen ver- 
gleichbar; beziehen wir beide Aenderungen auf d und 5 
als ihre bezüglichen Einheiten, so läßt sich fragen, um 
welche Anzahl m von Einheiten der Art d sich die Ton- 
höhe ändert, wenn die Schwingungszahl sich um |li Ein- 
heiten der Art b ändert ; m und jli stehen dann in einem 
reinen Zahlenverhältniß. Dies Verhältniß kann unendlich 
verschieden sein; aber wie schon früher, deuten wir diese 
mögliche Mannigfaltigkeit in der Form nicht weiter an, 
die wir diesem Schlußverfahren geben ; wir wählen als 
Namen und als Schema derselben die einfachste Gestalt 
der Proportion: E:e=:T:t, welche zwar nur den Fall aus- 
drückt, in welchen m : fA eine constante Größe ist, aber doch, 
als Symbol, hinlänglich den logischen Gedanken dieses Ver- 
fahrens verdeutlicht. ■ 
114. Ich erläutere noch einmal diesen Gedanken an 
dem. elementarsten Beispiele. Zwei Winkel E und e sind 
unter einander vergleichbar; zwei Kreisbögen T und t sind 
es unter sich gleichfalls ; aber ein Winkel und ein Kreis- 
bogen sind unvergleichbar und unmittelbar nach keinem 
gemeinsamen Maßstab zu messen ; auch die Differenz zweier 
Winkel, die wieder einen Winkel darstellt, bleibt unvergleich- 
bar mit der Differenz zweier Bögen, die wieder ieinenj 
Bogen bildet. Steht jedoch einmal fest, daß zu einem Centri- 
winkel e eines Kreises von gegebenem Halbmesser eine 
Bogenlänge t gehört, bilden wir ferner aus einer m fachen 
Wiederholung von e den Winkel E und aus einer n fachen 
Wiederholung von t den zu E gehörigen Bogen T, so sind 
die reinen Zahlen m und n vergleichbar, welche angeben, 
wievielfäche Wiederholungen der beiden an sich unvergleich- 
baren Einheiten t und e nöthig sind, um zwei zusammen- 
gehörige Glieder der Reihe der Winkel und der Reihe der 
Bögen zu finden. Für den Kreis lehrt die Geometrie, daß 
m =: n. Sind uns also die beiden Einheiten e und . t ge- 
' geben, so bedürfen wir nur der Angabe einer bestimmten 
Vielheit E von e, um nach der Proportion E:e = T:t den 
zugehörigen Werth von T zu ermitteln. Als Schlüßfigur 



142 Drittes Kapitel. 

ausgedrückt würde daher das ganze Verfahren dem Schema 
entsprechen : 

Obersatz: E:e = T:t 

Untersatz: E = g(e) 

Schluß: T = ^ (e)t 

e 

115. Ich brauche kaum anzudeuten, daß auf diesem 
Schlüsse durch Proportion, in dessen einfachem 
Schema ich alle verwickeiteren Verhältnisse zwischen den 
obigen m und n mitbegreife, zuletzt alle Möglichkeit beruht, 
qualitativ verschiedene Ereignisse in eine gegenseitige Ab- 
hängigkeit zu bringen, welche die Berechnung der einen 
durch die andern gestattet. Auch bedarf es kaum der 
Erwähnung, daß eine völlige Wirksamkeit dieser Figur nur 
so weit zu erwarten ist, als die Zurückführung der Ver- 
hältnisse des Wirklichen auf reine Größenbestimmimgen 
gelingt; die Rechtfertigung dieser Beschränkung würde die- 
selbe sein, wie für die ähnliche des Substitutionsschlusses. 
In schlafferer Weise wenden wir zur Beurtheilung der 
Dinge auch im gewöhnlichen Leben alltäglich ungenaue 
Proportionen an, die meist in bloße Gleichnisse übergehen; 
indem sie ein Verhältniß zwischen a und b einem andern 
zwischen a und ß nur überhaupt ähnlich finden, ohne 
jedoch den gleichen Exponenten beider genau anzugeben, 
folgern sie mit meist sehr geringer Ueberzeugungskraft : 
wenn das eine dieser Verhältnisse unter einer gewissen 
Bedingung c eine gewisse Folge y begründe, werde unter 
derselben Bedingung auch aus dem andern eine überhaupt 
ähnliche Folge entspringen. Nur eine Bemerkung füge ich 
noch einmal, mich wiederholend, hinzu: die Form der 
Proportion bezeichnet eine Grenze des Erkennens. Wir 
finden in ihr die Abhängigkeit zweier Glieder E und T 
nur als Thatsache ausgesprochen und als solche weiter 
benutzt; dagegen bleibt ganz unerwähnt und unerörtert 
die Frage, auf welche Weise, durch welche Mittel, durch 
welchen Mechanismus, so zu sagen, das eine Glied E es 
anfängt, um das andere T zu sich überhaupt in irgend eine, 
und namentlich in diese bestimmte Art der Abhängigkeit 
zu bringen. Natürlich läßt sich auch diese Frage, in Bezug 
auf allerhand zusammengesetzte Erscheinungen, häufig noch 
beantworten; hat doch, wie erwähnt, die wissenschaftliche 
Untersuchung manche zwei disparat erscheinende Eigen- 
schaften oder Ereignisse auf nur quantitative Verschieden- 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 143 

heilen vergleichbarer Bestimmungen zurückgebracht, und 
dann läßt es sich einsehen, wie es zugeht, daß T überhaupt 
mit E, und ein bestimmter Zuwachs des einen mit einem 
bestimmten des andern zusammenhängen müsse. Allein 
dies gelingt nicht endlos; die letzten auffindbaren Gesetze 
der Erscheinungen werden jederzeit schon bestimmte Be- 
ziehungen zwischen disparaten Bestandtheilen enthalten, 
die man nur als Thatsachen hinnehmen und in der Form 
der Proportion benutzen kann, ohne doch den Grund auf- 
zeigen zu können, welcher die beiden Glieder zwingt, sich 
zu einander proportional zu verhalten. Viele Erscheinungen 
führen wir auf das Gesetz der Gravitation zurück, deren 
Intensität sich umgekehrt wie die Quadrate der Entfernung 
verhalte; bis jetzt wenigstens ist jedoch jeder Versuch miß- 
lungen, zu zeigen, wie diese Entfernung es anfängt, jene 
Kraft zu schwächen. Wir zeigen, wie mit der steigenden 
Schwingungszahl die empfundene Tonhöhe steigt, wie über- 
haupt unsere Empfindungen, ja alle unsere geistigen Thätig- 
keiten sich proportional physischen Bewegungen unserer 
Organe ändern ; dabei bleiben aber Töne und Schwingungen,, 
geistige Verrichtungen und physische Bewegungen, ewig an 
sich unvergleichbar und wir erfahren nie, wie die einen 
es anfangen, die andern zu correspondirenden Aenderungen 
zu nöthigen. Von Disparatem zu Disparatem gibt es für 
unser Denken keinen Uebergang: alle unsere Erläuterung 
des Zusammenhangs der Dinge geht nur bis auf Gesetze 
zurück, die sich in der Form der Proportion aussprechen 
lassen, und die keinen Versuch machen, die beiden Glieder 
in ein auffindbares Drittes zu verschmelzen, sondern beide 
in ihrer völligen Verschiedenheit bestehen lassen und nur 
anzeigen, daß dies gegeneinander Undurchdringliche dennoch 
thatsächlich einem gemeinsamen Gesetze gegenseitiger Be- 
stimmung unterliegt. 

116. In der wirklichen Anwendung der Schlüsse aus 
Proportionen wird ein anderer bisher nur kurz angedeuteter 
Mangel durch Beachtung eines nothwendigen Neben- 
gedankens stillschweigend ergänzt; in der systematischen 
Reihe der Denkhandlungen ist diese Ergänzung als eigen- 
thümliches Glied, das letzte dieser Gruppe, ausdrücklich 
aufzuführen. Unsere schematische Bezeichnung stellte das 
Verhältniß zwischen den Aenderungen zweier Merkmale E 
und T so dar, als bestände es immer zwischen beiden 
Merkmalen an sich, gleichgültig, an welchem Subject sie 
vorkommen. Nun gibt es wohl Prädicate, die aus logischen 



144 Drittes Kapitel. 

Gründen, um ihres conträren oder contradictorischen Gegen- 
satzes willen, oder weil das eine das andere ohnehin in 
sich einschließt, an jedem Subject entweder zugleich vor- 
handen sein müssen oder nicht zugleich vorhanden sein 
können; aber es gibt keine Merkmale, deren Größen und 
Größenänderungen immer in demselben Verhältniß zu 
einander stehen müßten, gleichviel, welches die Natur des 
Subjects sei, an welchem sie vereinigt sind. Diese Natur 
vielmehr ist es, welche den Exponenten ihres Verhältnisses 
bestimmt, und dieselben allgemein ausgedrückten Merkmale 
E und T, die an dem einen S nur in dem Verhältniß n : m 
möglich sind, sind an einem zweiten S^ nur in der andern 
Proportion n^ : m^ zulässig. Die Wärme dehnt jeden Körper 
aus, aber für verschiedenartige Körper sind auch die Ver- 
hältnisse verschieden, in denen das Maß der Ausdehnung 
zu einem gleichen Zuwachs der Temperatur steht. Die 
Anwendung, indem sie sich immer auf bestimmte einzelne 
Subjecte bezieht und nur diese bei ihrem ganzen Verfahren 
im Sinne hat, braucht diese Beschränkung nicht besonders 
auszusprechen; die Logik dagegen muß hervorheben, daß 
nur unter ihrer Voraussetzung überhaupt von einem Ge- 
brauch der Proportionen die Rede sein kann. Nur der 
eigenthümliche Charakter eines gegebenen Subjectes, durch 
den es die wechselseitige Determination aller seiner Merk- 
male beherrscht, berechtigt uns, von einem bekannten Werthe 
des einen derselben nach einer nur für dieses Subject 
gültigen Proportion auf den entsprechenden Werth eines 
anderen zu schließen. Wir kommen hiermit nur auf den 
Gedanken zurück, der schon der Analogie zu Grunde lag; 
denn nur um der Zusammengehörigkeit aller einander be- 
stimmenden Merkmale eines Begriffes willen glaubten wir, 
aus einer beschränkten Gruppe derselben, wie aus einem 
angefangenen Muster auf dessen Fortsetzung, auf die noth- 
wendige Gegenwart oder Abwesenheit anderer Merkmale 
schließen zu dürfen. Der vollständige Ausdruck eines 
Schlusses aus Proportionen würde daher die Hinzufügung 
dieser mitgedachten Bedingung erfordern und sein Obersatz 
müßte lauten: wenn S ein M ist, so ist für dies S immer 
T:t = E:e. Unsere logische Aufgabe aber bestände nicht 
darin, uns den Inhalt dieses Obersatzes lediglich durch' 
-Erfahrung geben zu lassen, um ihm dann einen besondern 
Pall in dem Untersatze: S ist M, unterzuordnen, sondern. 
•darin vielmehr, nachzuweisen, wie überhaupt sich ein Be- 
griff M finden läßt, aus welchem man die Proportionen 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 145 

ableiten kann, die zwischen je zweien seiner Merkmale 
stattfinden müssen. 

117. Die Mittel zur Entdeckung eines solchen gesetz- 
gebenden oder constitutiven Begriffes sind durch Früheres 
bereits angedeutet; sie liegen in der durchgängigen, aber 
sehr verschiedenartigen Determination jedes Merkmals durch 
jedes andere; diese Verschiedenartigkeit wird bewirken, daß 
in einzelnen Fällen der Besitz einer einzigen Proportion 
zwischen zwei beliebigen Merkmalen zur Bestimmung aller 
andern hinreicht, daß in anderen dagegen die Kenntniß der 
Verhältnisse gewisser wesentlichen Merkmale nöthig wird, 
um aus ihnen die unwesentlichen zu bestimmen, nicht aber 
die der letzteren zulänglich ist, um den ganzen Merkmal- 
bestand des Begriffsinhaltes unzweideutig festzustellen. Aber 
ich werde deutlicher sein, wenn ich diesen Betrachtungen 
ein Beispiel der wirklichen Ausführung dessen, was wir 
verlangen, eine sehr bekannte und einfache mathematische 
Gedankenform, voranschicke. Die analytische Geometrie be- 
sitzt in den Gleichungen, durch welche sie die Natur 
einer krummen Linie ausdrückt, ganz den constitutiven Be- 
griff ihres Gegenstandes, welchen wir suchen. Nur sehr 
wenige Beziehungsstücke, die unbestimmten Abscissen und 
Ordinaten in ihrer Verbindung mit constanten Größen, ent- 
halten hier, als eine Urproportion, eingeschlossen in sich 
und aus ihnen ableitbar alle Verhältnisse, die zwischen 
irgend welchen Theilen der Curve stattfinden müssen. Aus 
dem Gesetze, welches die Proportionalität zwischen den 
Aenderungen der Ordinaten und Abscissen ausdrückt, läßt 
sich jede andere Eigenschaft der krummen Linie entwickeln : 
der Verlauf ihres Zuges, ihre Geschlossenheit oder Offen- 
heit, die Symmetrie oder Unsymmetrie ihrer Theile, die 
Gleichförmigkeit oder das Maß der Veränderlichkeit ihrer 
Krümmung in jedem ihrer Punkte, die Richtung, nach 
welcher ihre Concavität oder Convexität sieht, die Größe 
des Flächeninhalts, den sie zwischen beliebig angenommenen 
Grenzen einschließt. An diese Entwicklungen, deren weiterer 
mathematischer Gang zu einfach ist, um hier der Erwähnung 
zu bedürfen, wollen wir uns halten, wenn wir dem hier 
behandelten Verfahren den Namen des Schlusses aus 
constitutiven Gleichungen geben. Das Verfahren 
selbst ist nicht auf diese geometrischen Aufgaben beschränkt; 
aber die anderen zum Theil weit interessanteren Beispiele, 
welche andere Gebiete der Mathematik, unter ihnen die 

Lotze, Logik. 10 



146 Drittes Kapitel. 

Variationsrechnung, liefern würden, lassen sich weniger 
leicht auf eine so einfache Anschauung bringen, wie sie 
zur schematischen Bezeichnung unserer Denkform erwünscht 
ist. Auch die Naturwissenschaft könnte wenigstens An- 
näherndes darbieten. Für analog zusammengesetzte Körper, 
in denen die verschiedenen chemischen Elemente die Stelle 
der Coordinaten und der Constanten vertreten, würde die 
Chemie constitutive Gleichungen besitzen, wenn es ihr 
gelänge, durch ihre Formeln nicht nur die Mengenpropor- 
tionen der Bestandtheile, sondern auch genauer, als es jetzt 
ihre schematischen Andeutungen thun, die Regel der Grup- 
pirung der Atome und das allgemeine Verhalten ihrer 
Wechselwirkungen auszudrücken. 

118. Den Einwand nun, daß auch dieses ganze Ver- 
fahren volle Wirksamkeit nur in der Mathematik habe, geben 
wir zu, wie früher, weisen den damit versuchten Tadel 
ebenso zurück und beleuchten ihn näher nur zu dem Zweck, 
den Hinweg zu neuen Ergänzungen des noch Vermißten zu 
finden. Es ist wahr, daß der scheinbare Reichthum der 
Entwicklung aus geometrischen Gleichungen logisch be- 
trachtet mehr blendend als wahrhaft ist. Wir bestimmen 
die Gestalt der Curve, indem wir der einen Coordinate x 
beliebige Werthe geben, die zugehörigen Werthe von y 
aus der Gleichung berechnen und dann die Endpunkte der 
rechtwinklig auf den Endpunkten der x aufgerichteten y 
durch einen stetigen Zug zu einer Linie verbinden; die 
Curve ist daher nur der geometrische Ort, in welchem die 
unzähligen Ergebnisse einer unzähligemal wiederholten Pro- 
portion zwischen verschiedenen Werthen der Coordinaten 
sich zusammenfinden. Die neuen Eigenschaften aber, die 
wir nun daraus schließen: Concavität, gleichförmige oder 
ungleichförmige Krümmung, Geschlossenheit oder Offenheit, 
Neigung oder Steigung der Curve nach dieser oder jener 
Seite, diese alle sehen zwar zunächst aus wie neue Merk- 
male, sind aber doch im Grunde auch nur Größen- und 
Lagenverhältnisse von Raumgebilden, zwischen andern Be- 
ziehungspunkten zwar, aber sonst von derselben Natur, wie 
die vorausgesetzten zwischen den Coordinaten. Man ge- 
langt hier nicht von einer Proportion zwischen zwei Merk- 
malen X und y zur Bestimmung wahrhaft neuer, qualitativ 
mit jenen unvergleichlicher Merkmale, sondern man schreitet 
nur von gleichartigen gegebenen Verhältnissen zu gleich- 
artigen neuen fort, deren Ableitbarkeit aus jenen ebenso wie 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 147 

ihre scheinbare Neuheit nur auf der Natur des Raumes und 
auf den Regeln beruht, nach denen die geometrische An- 
schauung die Beziehungen zwischen den Elementen des 
Raumes der allgemeinen Gesetzlichkeit der arithmetischen 
Größen unterworfen hat. Diese Folgerungen decken daher 
lange nicht unser Bedürfniß. Wo es sich nicht um bloße 
Größengebilde, sondern um wirkliche Gegenstände handelt, 
die eine Menge qualitativ nicht vergleichbarer Merkmale an 
sich vereinigen, und wo es ferner der Wissenschaft nicht 
gelingt, diese zunächst unvergleichbaren Bestandtheile auf 
bloße Zusammensetzungsverschiedenheiten vergleichbarer 
zurückzuführen, da wird das Denken, unter diesen er- 
schwerenden Umständen, dennoch eine Form suchen müssen, 
die annähernd wenigstens hier dieselben Vortheile ver- 
spricht, welche in Bezug auf ihre leichtere Aufgabe die 
Mathematik vollständig darbietet. 



119. Die Gruppe der mathematischen Schlußformen 
endet hier naturgemäß, nachdem das, was sich mathematisch 
nicht bewältigen läßt, das Disparate der Merkmale, als das 
nothwendig in Betracht zu ziehende Element ausdrücklich 
hervorgehoben ist. An die Stelle der Gleichung wird äußer- 
lich die Form der Definition treten, welche eine Anzahl 
verschiedenartiger Merkmale zu einem Ganzen verbindet, 
zwischen ihnen aber eine Gruppe wesentlicher von einer 
andern unwesentlicher unterscheidet, in der ersten das 
Gesetz für die Verbindung des Ganzen als gegeben be- 
trachtet, die andern aber nach Maßgabe dieses Gesetzes von 
ihnen abhängig und bestimmbar. Gefunden werden kann 
endlich diese bevorzugte Gruppe der wesentlichen Merk- 
male nur durch Vergleichung des gegebenen Begriffs mit 
seines Gleichen; so werden wir zu systematischen Formen 
der Zusammenstellung des Verschiedenen und zunächst zur 
Classification getrieben. 



10=» 



148 Drittes Kapitel. 



C. Die systematischen Formen. 

Die Classification. — Die erklärende Theorie. — Das dialektische 
Ideal des Denkens. 

120. Am Eingange des Weges, auf den wir jetzt ver- 
wiesen sind, standen wir schon einmal, bei der ersten Er- 
wägung der Bildung unserer Begriffe. Schon damals sahen 
wir in dem Inhalt einer Vorstellung ein Ganzes verschiedener 
Merkmale, die durch eine bestimmte Regel ihres Zusammen- 
hanges verbunden sind; schon damals glaubten wir diese 
Regel nur in demjenigen Merkmalbestande zu finden, der 
verschiedenen vergleichbaren Vorstellungsinhalten gemein- 
sam zukam, und vorgreifend haben wir bereits dort der auf- 
steigenden Stufenreihe immer höherer Allgemeinbegriffe ge- 
dacht, welche aus der Fortsetzung dieser Vergleichung des 
Vergleichbaren entspringt. Vorgreifend, denn die später 
entwickelten Formen der logischen Thätigkeit haben das 
dort Angedeutete noch nicht benutzt. In den Urtheilen 
und in den Schlüssen, die sich auf Subsumption gründen, 
ist stets nur das eine Verhältniß in Betracht gezogen worden, 
welches zwischen einem Begriffe S und seinem nächst- 
höheren Allgemeinen M besteht; dies M selbst in seine 
Beziehungen zu den höheren Stufen der ihm übergeordneten 
Begriffsreihe zu verfolgen, war keine Veranlassung. Denn 
immer kam es nur darauf an, ein Prädicat P, welches aus 
irgend einem Grunde einem M zugehört, auch jedem S 
zu sichern, welches in den Umfang des M fällt. Für diesen 
Zweck war die logische Bildung des M selbst in großer Aus- 
dehnung gleichgültig; man nannte es zwar Mittelbegriff, 
aber es brauchte in nichts das Gepräge eines Begriffs zu 
tragen; jedes einfache Merkmal, jede Summe mehrerer, 
gleichviel ob nach einer bestimmten Regel verbunden, oder 
nur überhaupt zusammengedacht, war gut genug, um jenen 
Mittelbegriff zu bilden. Erst die letzten Betrachtungen, die 
ich hier nicht wiederhole, haben uns auf die Nothwendigkeit 
zurückgeführt, unter dem Mittelbegriff, aus dem wir die 
Berechtigung und Verpflichtung eines Subjects zum Besitz 
seiner Merkmale herleiten, nur jenen schon damals im 
Sinne gehabten Begriff zu verstehen, der in Wahrheit die 
vollständige Regel der Zusammengehörigkeit und Gliederung 
des ganzen in jenem Subject vorliegenden Inhalts bildet. 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 149 

121. Wir kehren hiermit nicht einfach zu einem früheren 
Standpunkte zurück. Wenn die Logik die ursprünglichsten 
und einfachsten Formen des Denkens überlegt, kann sie 
die Ergebnisse derselben fast immer nur an Beispielen ver- 
deutlichen, welche bereits mehr logische Arbeit enthalten, 
als sie an ihnen veranschaulichen will. Denn der Schatz, 
aus dem sie diese Beispiele entnehmen muß, ist die Sprache, 
und diese ist nicht der Ausdruck eines in seinem Beginn 
stehen gebliebenen, sondern des ausgebildeten Denkens, 
welches durch eine Menge nacheinander gethaner Schritte 
über die unvollkommenen Ergebnisse seiner ersten An- 
strengungen hinausgekommen ist und nun die Erinnerung 
an sie unter der erlangten vollkommneren Fassung seiner 
Gegenstände verbirgt. Deshalb kann es scheinen, als wäre 
bereits an jener früher erwähnten Stelle das, was wir hier 
suchen, die Bildung eines wesentlichen Begriffs, geleistet; 
aber was wir dort als Beispiel brauchten, war nicht schon 
durch diejenigen logischen Handlungen entstanden, die wir 
damals, sondern entsteht erst durch die, welche wir hier^ 
im Uebrigen freilich sehr bekannte Verfahrungs weisen, an 
ihrem systematischen Ort zu betrachten haben. Der un- 
ermeßlichen Mannigfaltigkeit zusammengesetzter Bilder, 
welche die Wahrnehmung darbietet, stand damals das 
Denken mit dem Verlangen gegenüber, jedes Einzelne als 
ein Ganzes nach bestimmten Gesetz verknüpfter Theile zu 
fassen, und mit dem Bewußtsein, dies Gesetz nur durch Ver- 
gleichung vieler vergleichbaren Einzelnen und durch Fest- 
haltung des ihnen allen Gemeinsamen finden zu können. 
Aber der nützliche Erfolg dieser Vergleichung hing davon 
ab, ob die vergleichende Aufmerksamkeit auf eine Anzahl 
von Gegenständen S R T gelenkt wurde, deren Gemein- 
sames wirklich in dem durchdringenden Gesetz ihrer ganzen 
Bildung bestand, und nicht auf eine Anzahl anderer, U V W, 
die in allem Uebrigen völlig verschieden, nur eine be- 
schränkte Merkmalgruppe mit einander theilen. Für diese 
auswählende Richtung der Aufmerksamkeit gab es an jenem 
Anfang des Denkens keine logische Regel; sie wurde da- 
gegen sehr wirksam schon damals durch den psychischen 
Mechanismus gesichert, welcher ganz überwiegend die- 
jenigen zusammengesetzten Vorstellungen, die in der Total- 
form ihres Zusammenhangs ähnlich sind, einander in der 
Erinnerung reproduciren läßt, und vorzugsweise sie, nicht 
aber die unähnlich gebildeten und nur in einzelnen Merk- 



150 Drittes Kapitel. 

malgruppen übereinstimmenden, jener vergleichenden Auf- 
merksamkeit empfiehlt. 

122. Im Laufe seiner Ausbildung nimmt daher das 
Denken in der That seine Richtung zuerst auf solche All- 
gemeinbegriffe, welche wirklich das durchdringende Bil- 
dungsgesetz der Einzelnen enthalten, für die sie gesucht 
werden; Allgemeinheiten dagegen, welche sonst Unähnliches 
unter eine Minderheit gleicher Bestandtheile unterordnen, 
pflegen erst für gewisse Zwecke der Untersuchung auf- 
gestellt zu werden. Als wir von der ersten Bildung der 
Begriffe sprachen, schienen uns deshalb die landläufigen 
Beispiele, die Unterordnung des Cajus und Titus unter den 
Begriff des Menschen, die der Eiche und Buche unter den 
der Pflanze, vollkommen natürlich und selbstverständlich; 
es war, als wenn nichts außer der bloßen Anweisung, das 
Gemeinsame von Einzelheiten festzuhalten, dazu gehöre, 
um die Richtung auf diese wirklich gesetzgebenden Gattungs- 
begriffe M von selbst zu finden. Gleichwohl hätte nichts 
gehindert, nach derselben Anweisung für Neger Kohle und 
schwarze Kreide einen Gesammtnamen N zu erfinden, 
welcher die Vereinigung von Schwärze Ausdehnung Theil- 
barkeit Gewicht und Widerstand ausgedrückt hätte ; die An- 
triebe des psychischen Mechanismus begünstigten aber nur 
die erste und hinderten die zweite dieser Anwendungen der 
logischen Vorschrift. 

123. Unsere jetzige Aufgabe geht nun dahin, eben diese 
Antriebe, welche bisher unbewußt uns auf den Weg des 
Richtigen brachten, in logische Thätigkeit zu verwandeln, 
uns also der Gründe bewußt zu werden, durch welche wir 
uns rechtfertigen, wenn wir ausschließlich einen bestimmten 
Allgemeinbegriff M als die gesetzgebende Regel für die 
Bildung einer Anzahl von Einzelnen aufstellen, nicht aber 
einen andern N, auf den uns eine anders geleitete Ver- 
gleichung derselben Einzelnen auch hätte führen können. 
Nun hat uns die Logik verschiedene Verhältnisse einer nur 
einseitigen Abhängigkeit zwischen mehreren Beziehungs- 
punkten kennen gelehrt; aus der Geltung des Allgemeinen 
floß die des Besonderen, nicht aus der des Besondern auch 
die des Allgemeinen; von einem bestimmten Grunde ließ 
sich stets auf eine bestimmte Folge schließen, aber eine ge- 
gebene Folge führte nicht nothwendig nur auf einen Grund 
zurück, sondern möglicherweise auf verschiedene gleich- 
werthige. Wenden wir dies auf die Gliederung eines Be- 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 151 

griffsinhaltes an, so gibt es in ihm Merkmale a b c, deren 
Vorhandensein einen bestimmenden Einfluß auf Gegenwart 
Abwesenheit oder Modification anderer ausübt; das Vor- 
kommen dieser andern aber, a ß y, bedingt seinerseits 
nicht nothwendig jene, sondern ist verträglich auch mit 
andern^ p q r. Hierauf beruht der früher schon eingeführte 
Unterschied der wesentlichen Merkmale a b c von den 
•unwesentlichen a ß y; nur in der Vereinigung der ersten 
könnte der gesetzgebende Begriff der verglichenen Einzelnen 
gesucht werden, denn nur diese Vereinigung bestimmt auch 
die übrigen Merkmale und schließt daher nur solche Einzelne 
ein, die in ihrem ganzen Bau einander verwandt sind; die 
Gruppe der letzteren Merkmale dagegen ließe die ersten 
unbestimmt und würde deshalb, als Allgemeines gedacht, 
eine Menge sonst in jeder Rücksicht verschiedener Einzel- 
heiten unter sich befassen. 

124. Darauf käme es mithin an, jene wesentlichen von 
diesen unwesentlichen Merkmalen zu unterscheiden. Dies 
ist leicht, so lange wir mit Gegenständen zu thun haben, 
die wir in verschiedenen Zuständen beobachten können; 
von selbst sondern sich hier die veränderlichen Eigen- 
schaften, die unter wechselnden Bedingungen kommen und 
gehen, von dem bleibenden Bestand des Wesentlichen ab. 
Es ist anders, wenn die Möglichkeit solcher Beobachtungen 
fehlt, und mit Ausschluß veränderlicher Zustände sich unser 
Verlangen darauf richtet, zwischen bleibenden und unver- 
änderlichen Merkmalen desselben Begriffsinhaltes einen 
Unterschied wesentlicher von unwesentlichen zu finden; 
wir müssen dann die Beobachtung der Veränderungen durch 
Vergleichung verschiedener Beispiele ersetzen. Sei nun 
a b c d der Merkmalbestand des einen gegebenen Begriffes, 
so kann in einem zweiten Beispiel d nicht fehlen oder 
durch ein ganz anders gestaltetes b nicht ersetzt werden, 
ohne daß, bei der vorauszusetzenden Zusammengehörigkeit 
aller Theile des Begriffsinhaltes, auch die übrigen Merk- 
male eine Veränderung erfahren; ich bezeichne nun das 
zweite Beispiel mit a^ b^ c^ b, um anzudeuten, daß durch 
die Variation des d in b keines der allgemein ausgedrückten 
anderen Merkmale ganz zu Grunde, jedes vielmehr nur aus 
einer seiner möglichen Modificationen in eine andere über- 
geht, die Form der Verbindung aller aber die nämliche 
bleibt. In diesem Falle gehört d nicht zu den wesentlichen 
Merkmalen, sondern die Gruppe ABC, welche abc ufnd 
a^ b^ c^ als Modificationen unter sich befaßt, ist diejenige. 



152 Drittes Kapitel. 

welche die Gliederung des Begriffsinhaltes beherrscht. Aber 
dieser erste Schritt lehrt uns nur das thatsächliche Zu- 
sammenbleiben, nicht das innerliche Zusammengehören der 
in ABC vereinigten Merkmale ; der Werth, den die einzelnen 
Bestandtheile dieser Gruppe haben, kann sehr verschieden 
sein; möglich, daß nur AB oder AC oder BC das eigentliche 
Bildungsgesetz des Ganzen enthalten, das dritte Merkmal 
dagegen nur die nothwendige Folge oder ein zulässiger Zu- 
satz zu den beiden andern ist. Zur Entscheidung dieses 
Zweifels bleibt dem Denken, das hier noch nicht auf die 
sachliche Untersuchung des Gegenstandes mit allen Hülfs- 
mitteln der Erkenntniß eingehen kann, nur die Fortsetzung 
desselben Verfahrens übrig. Auch ABC haben wir mit 
Beispielen der Form ABT zu vergleichen; ist mit dem 
Unterschied des letzten Merkmals auch hier nur das oben- 
gedachte Maß der Abweichung in den übrigen verbunden, 
und bleibt die Verknüpfungsweise des Ganzen dieselbe, sd 
wird das Zusammensein und das Verhältniß von A und B 
die beherrschende Regel des ursprünglich gegebenen abcd 
sein, oder die Vereinigung der wesentlichen Merkmale dar- 
stellen, von denen das Vorhandensein der übrigen entweder 
zugelassen oder gefordert, in jedem Falle ihre Größe Ver- 
knüpfung und Verhalten zu dem Ganzen bedingt wird. 
Denkt man sich dies Verfahren fortgesetzt, so ist es der 
Weg der Classification, auf den wir verwiesen sind. 
Nicht mehr die Betrachtung des Einzelnen reicht uns hin, 
um seinen Begriff festzustellen, sondern nur diese erste der 
systematischen Formen, durch welche wir seine Natur 
in ihren Verhältnissen zu anderen untersuchen und aus der 
Stelle, welche es in einer geordneten Reihe einnimmt, den 
Grad der bedingenden Kraft beurtheilen, welche seine ein- 
zelnen Merkmale auf die Gestaltung seiner ganzen Natur 
und seines Verhaltens ausüben. Derjenige innere Kreis 
von Merkmalen erscheint uns als das gesetzgebende Princip 
seiner Gestaltung, der am längsten und unverändert in 
seiner allgemeinen Form beisammen bleibt, wenn wir durch 
das nächstliegende Allgemeine zu immer höheren Allgemein- 
heiten aufsteigen, und wir begreifen die Natur des Be- 
sonderen nur dann vollständig, wenn wir uns in einer 
umgekehrten Reihenfolge, die der Stufenleiter dieser All- 
gemeinheiten entspricht, zu jenem höchsten Gestaltungs- 
princip neue Bestimmungsstücke hinzutreten denken, auf 
welche dies seine rückwirkende Kraft ausdehnt. 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 153 

125. Das Verlangen, durch diese systematische Zu- 
sammenordnung Aufklärung über das innere Gefüge des 
Zusammengestellten zu erhalten, liegt jeder wissenschaft- 
lichen Classification zu Grunde, doch wird es nicht von 
jeder Form derselben gleichmäßig befriedigt; ehe ich zu 
der Gestalt derselben übergehe, die unseren Zwecken hier 
allein dient, erwähne ich deshalb kurz als eine Vorstufe 
die künstlichen oder combinatorischen Classifica- 
tionen, die mehr dem allgemeinen Bedürfniß nach Klarheit 
und Uebersicht und einzelnen besonderen Aufgaben des» 
angewandten Denkens entsprechen. Den Inhalt eines ge- 
gebenen Allgemeinbegriffs M zerfallen wir durch Partition 
zunächst in seine allgemeinen Merkmale AB C ... und 
jedes von diesen durch Disjunction in seine verschiedenen, 
an demselben Subject einander ausschließenden Modifica- 
tionen, A in a^ a,^ a^ . . ., B in b^ b2 b^ . . ., C in c^ c^ c^. 
Nach dem Grundsatz des disjunctiven Urtheils muß nun 
jede Art des M von jedem der allgemeinen Merkmale des 
M eine Modification mit Ausschluß der übrigen besitzen; 
beschränken wir uns der Einfachheit halber auf zwei Merk- 
male, deren eines A nur in zweigliedrige Disjunction a 
und b, das andere B in die dreigliedrige a ß und y zer- 
fällt, so werden die in bekannter Weise erhaltenen binären 
Combinationen aa aß a^ ba bß by alle denkbaren Arten 
des M einschließen. Wir stellen endlich ihre Gesammtheit 
übersichtlicher dar, wenn wir die Modificationen des einen 
Merkmals, welches dann den Eintheilungsgrund der Classi- 
fication bildet, so wie oben geschehen oder in der Form 
M = a(a-)-ß-|-T) + b(a + ß-fT) den übrigen Merkmalen 
vorangehen lassen. Man hat das einfachste Beispiel dieser 
Classification in der Anordnung der Wörterbücher; die un- 
veränderliche Reihenfolge der Buchstaben im Alphabet liefert 
hier nicht nur den ersten, sondern immer wiederholt auch 
die untergeordneten Eintheilungsgründe für die zahlreichen 
Combinationen, die in jeder durch den Anfangsbuchstaben 
eingeführten Gruppe enthalten sind. Der an sich deutliche 
Nutzen dieser lexicalischen Classification, nicht nur alle 
Worte der Sprache, mithin alle Glieder des einzutheilenden 
Gegenstandes vollständig zu umfassen, sondern auch ihre 
Auffindung leicht zu machen, dieser erste Nutzen der Ueber- 
sichtlichkeit ist allen gelungenen Versuchen combinatorischer 
Classification gemeinschaftlich; über diese Leistung hinaus, 



154 Drittes Kapitel. 

dagegen tragen sie in sehr verschiedenem Maße zur Keniit- 
niß der eigentlichen Natur ihrer Objecte bei. 

126. Man bemerkt zuerst, daß dies combinatorische Ver- 
fahren die Merkmale des gegebenen Begriffs nur vereinzelt, 
nicht aber die wechselseitige Determination berücksichtigt, 
in welcher sie erst den Begriff wirklich bilden. Die Ge- 
sammtheit der gefundenen Combinationen schließt daher 
zwar alle Arten des M ein, kann aber außer ihnen noch 
andere enthalten, die nur gültig sein würden, wenn der 
Begriff blos eine Summe seiner Merkmale wäre, aber un- 
gültig sind, weil er eine bestimmte Form der Vereinigung 
derselben befiehlt, welcher sie widersprechen. Der Begriff 
des Dreiecks besteht nicht darin, daß wir drei Winkel und 
drei Seiten denken, sondern darin, daß drei Seiten sich 
zur völligen Begrenzung eines ebenen Raumes schneiden 
und eben hierdurch jene Winkel erzeugen. Durch diesen 
Zusammenhang der Seiten und Winkel werden gleichwinklig 
ungleichseitige und rechtwinklig gleichseitige Dreiecke un- 
möglich; die blos combinatorische Classification würde sie 
neben den gleichwinklig gleichseitigen, den rechtwinklig 
gleichschenkligen und den übrigen möglichen Arten mit auf- 
geführt haben. Ist der Inhalt des M vollständig bekannt, 
wie in diesem Beispiele, und einer genauen Construction 
zugänglich, so scheidet die Kenntniß der Sache diese un- 
möglichen Glieder aus; ihre vorläufige Aufstellung hätte 
nur den Nutzen gehabt, die Aufmerksamkeit auf die Natur 
des M und auf die Gründe zu schärfen, welche die gültigen 
Arten möglich, diese ungültigen unmöglich machen. Ist 
dagegen M ein der Erfahrung verdankter Gattungsbegriff, 
dessen innere Gliederung nur unvollständig durch Beschrei- 
bung, nicht genau durch Construction angebbar ist, so 
bleiben die in Wirklichkeit nicht beobachteten Arten, auf 
welche das combinatorische Verfahren geführt hätte, nur 
zweifelhaft; der Fortschritt der Beobachtung kann sie noch 
entdecken, der Fortschritt der sachlichen Erkenntniß ihre 
Unmöglichkeit nachweisen; zu einem von beiden angeregt 
zu haben, kann auch hier der Nutzen ihrer vorläufigen Auf- 
stellung sein. 

127. Ist nun das combinatorische Verfahren in Bezug 
auf Erfahrungsgegenstände diesem zweifelhaften Ueberschuß 
seiner Ergebnisse über das Wirkliche ausgesetzt, so hat es 
anderseits in seiner gewöhnlichen Anwendung auch keine 
Bürgschaft der Vollständigkeit. Es ist für menschliche Eiii- 
bildimgskraft unausführbar, alle Modificationcn. denen ein 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 155 

Merkmal p unterworfen sein kann, vollständig im Voraus 
zu unterscheiden; unsere Aufmerksamkeit wird sich immer 
auf diejenigen pi p^ p3 beschränken, die uns in irgend einer 
Beobachtung gegeben sind ; eine andere Modification p-, 
die in unserem Erfahrungskreise nicht vorkommt, wird 
sammt allen den iVrten, an denen sie vielleicht bestehen 
kann, auch in unserer Classification fehlen, und späterer 
Zuwachs der Erfahrung erst wird diese Lücke füllen. Dieser 
Umstand ist der Grund einer logischen Regel, die von Werth 
ist, wo es sich zur Entscheidung einer Frage um er- 
schöpfende Kenntniß aller Fälle handelt, die es in Bezug 
auf irgend ein Z geben kann: man führt ihre Eintheilüng 
und Aufstellung durch lauter contradictorisch entgegen- 
gesetzte Eintheilungsglieder hindurch. Die Summe aller 
möglichen Fälle von Z ist immer von der Natur Q oder der 
entgegengesetzten Non Q ; die Fälle von der Form Q immer 
entweder R oder Non R, die Fälle Non Q immer entweder S 
oder Non S, so daß diese Eintheilüng an jeder Stelle, wo 
man ihre weitere Fortsetzung abbricht, die Anzahl aller 
möglichen Fälle vollständig enthält. Fruchtbar freilich wird 
dies Verfahren nur dann, wenn man entweder die ersten 
Gegensätze Q und Non Q, oder alle in gleichem Abstand 
ihnen untergeordneten, also S, Non S, R, glücklich gen-ug 
zu wählen im Stande ist, um für jeden dieser Fälle einzeln 
das Stattfinden oder Nichtstattfinden des fraglichen Ver- 
haltens Z aus leicht zugänglichen Gründen zu beweisen. 

128. Es ist ferner ersichtlich, daß es keine logische 
Regel geben kann, nach welcher die combinatorische Classi- 
fication bestimmte Merkmale als oberste Eintheilungsgründe 
für die Unterscheidung der Hauptgruppen, andere nur als 
untergeordnete für die Unterabtheilungen der Hauptgruppen 
benutzen müßte. So lange der einzutheilende Begriff M 
nur als eine Summe seiner Merkmale ohne Rücksicht auf 
deren gegenseitige Beziehungen angesehen wird, hat jedes 
von diesen das Recht, durch seine Modificationen die Haupt- 
eintheilung zu geben, jedes andere kann ihm als Neben- 
eintheilungsgrund untergeordnet werden. Die offenbaren 
Unzuträglichkeiten dieser Unbestimmtheit werden in der 
wirklichen Anwendung der Classification durch nebenher- 
gehende Ueberlegung, durch eine Schätzung des verschic: 
denen Werthes der Merkmale vermieden, welche auf Kennt- 
niß der Sache, auf richtigem Gefühl, oft nur auf einem er- 
rathenden Geschmacke beruht; die Logik kommt diesen Be: 



156 Drittes Kapitel. 

mühungen nur durch die allgemeine Vorschrift zu Hülfe, 
nicht notiones communes, nämlich nicht solche Merkmale 
zu Eintheilungsgründen zu wählen, welche bekanntermaßen 
an den allerverschiedenartigsten Gegenständen vorkommen, 
ohne einen erkennbaren Einfluß auf deren übrige Natur zu 
äußern. Aber was zu diesem Verbote als bejahende An- 
weisung gehören würde, wie man nämlich die entscheiden- 
den Eintheilungsgründe zu finden habe, überläßt sie doch 
völlig der jedesmaligen sachlichen Kenntniß. Und diese 
hat, wenigstens in Bezug auf mannigfach zusammengesetzte 
Gegenstände der Wirklichkeit, so lange sie einzelne xMerk- 
male zu maßgebenden Eintheilungsgründen machte, niemals 
den Vorwurf vermeiden können, nächstverwandte Arten zu- 
weilen an verschiedene oft sehr entlegene Stellen des 
Systems auseinander gerissen, andere in ihrem ganzen Ver- 
halten auffallend verschiedene in eine befremdliche Nach- 
barschaft aneinander gerückt zu haben. Dies ist sehr be- 
greiflich bei der Verschiedenwerthigkeit der Merkmale für 
den Bau des ganzen Begriffsinhaltes. Nichts hindert z. B., 
daß das Merkmal B, so lange es in der Modification b vor- 
kommt, einen vorwiegenden Einfluß auf die Bildung des 
Ganzen ausübt, und dann werden alle diesem Index b unter- 
geordneten Arten unter einander form verwandt bleiben ; aber 
dasselbe Merkmal kann diesen bestimmenden Einfluß ganz 
verlieren, sobald es in der Modification ß in die übrige 
Merkmalgruppe eintritt; dann folgen die dem ß als Index 
untergeordneten Arten allen den Schwankungen, welche die 
jetzt einflußreich gewordene Verschiedenheit der anderen 
Bestandtheile A C D mit sich führt, und die sonst unähn- 
lichsten Beispiele des einzutheilenden M finden sich nun in 
nächster Nachbarschaft vereinigt. So ist es dem botanischen 
System Linne's begegnet, welches die Anzahl der Staub- 
fäden zum Eintheilungsgründe wählte; da wo der ganze 
Organisationsplan der Pflanze diesem Bestandtheil Wichtig- 
keit gab, fanden sich auch nach dieser Auffassung die ver- 
wandten Arten zusammen; sie wurden zerrissen im ent- 
gegengesetzten Fall und das Verschiedenartige verbunden. 
Der sachkundige Geschmack begegnet auch diesem Uebel- 
stande theilweis dadurch, daß er für verschiedene Ab- 
theilungen des ganzen Systems verschiedene Eintheilungs- 
gründe wählt. Nur eine übel angebrachte logische Pedanterie 
könnte verlangen, daß in einem Systeme, welches seinen 
ganzen Gegenstand zuerst nach den Modificationen a b c 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 157 

des einen Merkmals A gespalten hätte, dann jede der durch 
a oder b oder c eingeführten Gruppen nach den Modifica- 
tionen eines und desselben zweiten Merkmals B weiter 
gegliedert werde; vielmehr können für die Gruppe mit a die 
Variationen eines Merkmals C, für die mit b die Variationen 
eines vierten Merkmals D ausschließlich wichtig werden, 
und die Classification, welche nach diesem Gesichtspunkt 
verfährt, nähert sich dadurch nur dem wirklichen Wesen 
der Sache. Die Gefahr, so nur unvollständig alle Arten 
zu finden, ist auf andere Weise zu vermeiden; die Classi- 
fication schafft nicht das vollständige Material, sondern 
setzt seine anderweit verbürgte Vollständigkeit voraus. 

129. Die Classificationen würden ganz der angewandten 
Logik angehören, wenn sie nur jene Uebersichtlichkeit und 
Vollständigkeit bezweckten, welche entweder eine praktische 
Behandlung ihrer Gegenstände oder eine nur erst beginnende 
logische Betrachtung derselben verlangen muß. Aber sie 
sind mehr als solche Vorbereitungen; sie stellen selbst ein 
logisches Ideal dar, welches in der systematischen Reihen- 
folge der Denkformen seine nothwendige Stelle hat ; dadurch, 
daß eine Mannigfaltigkeit in den Zusammenhang eines 
Classensystems gebracht ist, dadurch allein schon soll etwas 
über die Natur aller und jedes Einzelnen gesagt und nicht 
blos einer künftigen Untersuchung vorgearbeitet sein. Wir 
bemerken dies an den Vorwürfen, welche wir gegen ge- 
zwungene Classificationen richten; nicht allein der Weg, 
den unsere Aufmerksamkeit nehmen muß, um eine be- 
stimmte Art des eingetheilten Allgemeinen aufzufinden, soll 
durch eine genau vorgezeichnete Reihe von Begriffen hin- 
durchgehen, sondern die Orte selbst, an denen wir die 
einzelnen Arten antreffen, sollen in ihren Lagenbeziehungen 
den eigenen Verwandtschaften derselben entsprechen. Für 
jene praktischen Absichten genügt jede beliebige Ordnung, 
welche handgerecht ist für den, der sich ihrer bedienen 
will; das logische Verlangen des Denkens geht auf eine 
solche, die sachgerecht ist. Nun können wir die vollständige 
Vorstellung eines zusammengesetzten Inhalts immer hervor- 
bringen, gleichviel von welchem seiner Theile wir beginnen, 
so lange wir nur die Hinzufügungen jeder neuen Theilvor- 
stellung zu den vorigen zweckmäßig nach dem gewählten 
Anfangspunkte abändern. Jede so geordnete Vorstellung 
bildet einen Begriff des gegebenen Denkinhaltes, hin- 
länglich, um ihn von anderen zu unterscheiden und seinen 
eigenen Bestand deutlich zu machen. Unter diesen mancher- 



158 Drittes Kapitel. 

lei Begriffen desselben M suchen wir nun jenen bevorzugten, 
welcher von dem herrschenden Gesetze ausgeht, dessen Sinn 
die Anordnung aller übrigen Merkmale bestimmt. Con- 
stitutiven Begriff haben wir diesen bevorzugten genannt; 
man könnte ihn im Gegensatz zu der Form des bloßen Be- 
griffs überhaupt die logische Idee des Gegenstandes oder 
deutsch seinen Gedanken nennen; denn so unterscheidet 
unser Sprachgebrauch allenfalls den Gedanken der Pflanze 
oder des Organismus überhaupt als das bildende Gesetz 
von dem bloßen Begriffe, welcher den vollen Bestand der 
nothwendigen Merkmale und ihrer thatsächlichen Ver- 
knüpfungsform zusammenfaßt. 

130. Es wird der Anschaulichkeit dienen, hier sogleich 
zweier Nebenvorstellungen zu gedenken, welche sich an 
diese Aufsuchung des Gedankens oder der Idee eines Gegen- 
standes überall leicht anknüpfen, am deutlichsten aber in 
jenen naturgeschichtlichen Classificationen, welche die 
künstliche Anordnung der Pflanzen und Thiere durch Be- 
rücksichtigung der natürlichen Verwandtschaften zu ver- 
bessern suchen. Die allgemeine Idee des Thieres oder der 
Pflanze erscheint uns hier leicht als eine thätige lebendige 
Kraft; stets sich selbst gleich und in demselben Sinne wirk- 
sam führt sie zu einer Reihe verschiedener Gestaltungen, 
je nachdem außer ihr liegende Bedingungen einen oder 
mehrere ihrer Angriffspunkte feststellen und sie so nöthigen, 
nach diesem gegebenen Anfangspunkte die Gesammtheit 
ihrer Thätigkeit abzuändern. Sie erscheint uns ferner ebenso 
leicht als ein sich stets gleichbleibender Zweck, der seine Ver- 
fahrungsweisen nach diesen gegebenen Beziehungspunkten 
abmißt und in den verschiedenen Formen, zu denen er 
durch sie getrieben wird, eine und dieselbe Absicht theils 
überhaupt vielgestaltig, theils mehr oder minder dem Maße 
nach erreicht. Die verschiedenen Arten, welche die Classi- 
fication zusammenordnet, sind dann die Ausdrücke dessen, 
was aus der Wechselwirkung des allgemeinen Gedankens 
mit den besonderen Beziehungspunkten werden muß, die 
ihm als Allgemeinem fremd sind. Man wird zugeben, daß 
diese Auffassungsweisen der Sache eine große und anschau- 
liche Deutlichkeit verleihen, aber man wird hinzufügen, daß 
beide Gesichtspunkte der Logik fremd sind. Dieser Ein- 
wurf ist unbestreitbar; allein unsere Absicht geht nicht 
darauf, die Vorstellungen des wirkenden Triebes und des 
Zweckes für die Logik zu verwenden, sondern auf den Nach- 
weis, daß eben diese beiden Vorstellungen auch da, wo sie 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 159 

hingehören, nur unter Voraussetzung eines rein logischen 
Gedankens etwas bedeuten, den wir an dieser Stelle ver- 
deutlichen wollen. -Soll es möglich sein, daß derselbe Zweck 
unter wechselnden Umständen in verschiedenartigen Formen 
erfüllt werde, so muß es auch möglich sein, den Inhalt 
desselben durch eine Vorstellungsgruppe Z zu bezeichnen, 
deren Gefüge diese verschiedenen Erfüllungsformen als mög- 
liche Arten ihrer selbst enthält und als nothwendige Folge 
dann hervorbringt, wenn man der Reihe nach jedem ein- 
zelnen Merkmale des Z und jeder Beziehung zwischen 
mehreren alle Veränderungen ertheilt, die jenes und diese 
innerhalb der gegebenen Gesammtform des Z erfahren 
können. Soll ein thätiger Trieb unter wechselnden Be- 
dingungen seine Wirksamkeit ändern und in neuen Erzeug- 
nissen sich äußern, so muß die Combination von Kräften, 
in denen er selbst besteht, durch Gleichungen ausdrückbar 
sein, aus welchen alle diese neuen Gebilde als nothwendige 
Ergebnisse entspringen, sobald man den in jene Gleichungen 
eingehenden Größen nacheinander alle mit ihrer Natur ver- 
träglichen Werthe gibt. Absichtliche und unabsichtliche 
Wirksamkeit bringt mithin nie etwas anderes hervor, als 
das an sich Denkbare, das denknothwendig wird, sobald 
man einen Beziehungspunkt bejaht, von dem die übrigen 
abhängen; und dies ist eben, was wir hier im Auge haben. 
Wir betrachten den Gedanken, den wir suchen, weder als 
denkende Absicht eines Bewußtseins, welche nach Erfüllung 
strebt, noch als wirkende Kraft, welche ihre Erfolge her- 
vorbringt, sondern nur als den gedachten oder denkbaren 
Grund, dessen Folgen im Denken, unter Voraussetzung be- 
stimmter Bedingungen, dieselben sind, welche als Wirklich- 
keiten aus einer zwecksetzenden Absicht oder aus der Ur- 
sächlichkeit einer Kraft unter denselben Bedingungen ent- 
springen müssen. Behält man diese Bemerkung im Auge, 
so kann man duldsam sein gegen eine Ausdrucksweise, 
welche die Vorstellung eines Zweckes oder eines Entwick- 
lungstriebes in die Logik einführt; aber nützlicher wird es 
dennoch sein, diese Bezeichnungen zu vermeiden und das, was 
nur die Wirklichkeit kennt, nicht zur Benennung des bloßen 
Benkgrundes zu verwenden, auf dem das Wirkliche beruht. 
131. Noch einen Punkt, auf den sich ;hier unsere logische 
Aufmerksamkeit richten muß, führe ich sogleich im Ver- 
folg dieser Nebenvorstellungen ein. Von einem Triebe, der 
sich selbst verwirklicht, überrascht es uns nicht, wenn er 
unter bestimmten Bedingungen in seinen Bemühungen 



160 Drittes Kapitel. 

scheitert; von einem Zwecke begreifen wir, daß er unter 
verschiedenen Umständen mit verschiedener Vollkommen- 
heit zu erreichen ist. An beide Vorstellungen schließt sich 
daher sehr natürlich die Voraussetzung, daß verschiedene 
Verwirklichungen oder Beispiele der gestaltenden Idee von 
verschiedenem Werth sind, und daß sie nicht blos unter 
dem Allgemeinbegriff ihrer Idee als Arten überhaupt co- 
ordinirt sind, sondern innerhalb dieser Coordination eine 
auf- oder absteigende Reihe bilden, in welcher jede ihren 
unvertauschbaren Platz zwischen bestimmten andern hat. 
Von diesem Nebengedanken sind die Versuche natürlicher 
Classification, die unsere jetzigen Bedürfnisse zu befriedigen 
streben, allenthalben beherrscht; es ist zu zeigen übrig, 
daß diese bekannte Neigung, aus der blos combinatorischen 
Classification in die Form einer Entwicklungsreihe über- 
zugehen, ihre allgemeine logische Berechtigung, und zwar 
eben an dieser Stelle, besitzt. Betrachten wir einen Be- 
griff M, wie es leider in den Anfängen der Logik häufig 
zu geschehen pflegt, nur als ein Ganzes aus einer Anzahl 
allgemein ausgedrückter Merkmale, so hat es keinen Sinn, 
eine seiner Arten für besser zu halten, als die andere. 
Jedes S enthält entweder alle Merkmale seines Allgemeinen 
M und ist dann eine Art desselben, oder es enthält irgend 
eines dieser Merkmale nicht, und dann ist es nicht eine 
unvollkommene, sondern gar keine Art des M. Mit diesem 
trockenen Gegensatz ist das lebendige Denken in seinem 
wirklichen Gebrauch gar nicht einverstanden; es unter- 
scheidet Arten, die ihrem gemeinsamen Gattungsbegriffe 
mehr oder weniger entsprechen oder adäquat sind. Der 
erste Grund der Möglichkeit solcher Unterscheidung liegt 
nun in den Größenbestimmungen, denen die einzelnen Merk- 
male und ihre Wechselbeziehungen entweder zugänglich 
oder gar nicht entziehbar sind. Das Gefüge der Gattungs- 
begriffe, unabsehbar verschieden im Einzelnen, enthält im 
Ganzen doch immer eine Mehrheit von Bestandtheilen oder 
Beziehungspunkten, an deren jedem eine Gruppe einfacher 
Merkmale vereinigt ist, und die unter einander in allerhand 
Beziehungen stehen. Ich nenne hier einfache Merkmale 
nicht nur die sinnlichen Eigenschaften roth süß warm, 
sondern auch solche, welche, wie schwer ausgedehnt reiz- 
bar, allerdings den Ertrag vorangegangener Beobachtungen 
zusammengesetzter Verhaltungsweisen, diesen aber doch in 
so einfacher Gestalt enthalten, daß unsere logische Phantasie 
pich längst daran gewöhnt hat, jeden dieser Ausdrücke als 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 161 

ruhendes einfaches Prädicat seinem Subjecte hinzuzufügen. 
Die Unterschiede der Größe erstrecken sich nun auf alle 
diese Elemente des Gattungsbegriffs. Kein Merkmal irgend 
eines seiner Bestandtheile ist überhaupt ohne bestimmten 
Grad der ihm eigenthümlichen Art der Intensität denkbar, 
und die Grade können unendlich verschieden sein; die An- 
zahl der Bestandtheile selbst ist, wie jede Zahl, vermehr- 
bar und verminderbar und jeder einzelne Bestandtheil kann 
außerdem seinen logischen Werth dadurch verändern, daß 
er, dem der Gattungsbegriff einfach zu sein erlaubt, sich 
dennoch innerlich zu einem wiederum gegliederten System 
mannigfacher Elemente ausdehnt; jede Beziehung endlich, 
die zwischen den verschiedenen Inhaltspunkten des Be- 
griffs stattfindet, ist verschiedenwerthig je nach dem Werth 
dieser oder selbst nach eigenthümlichem Maßstabe einer 
größeren oder geringeren Engigkeit fähig. Aus dem Zu- 
sammenwirken aller dieser Veränderlichkeiten entspringt 
nun eine Vielheit von Arten, zwischen denen ein bemerk- 
licher Unterschied ist. Nehmen wir an, daß ein Merk- 
mal P des Gattungsbegriffs M die bestimmende Kraft, welche 
es stets auf alle übrigen Merkmale äußert, dann, wenn es 
den Werth p annimmt, bis zu völliger Umgestaltung des 
ganzen Begriffsinhaltes M steigert, so wird die so ent- 
stehende Art nicht mehr Art des M, sondern Art einer 
andern Gattung N sein. Diejenigen Werthe von P aber, 
welche sich diesem entscheidenden Grenzwerthe nur nähern, 
ohne ihn zu erreichen, werden Bildungen bewirken, die 
zwar noch unter die Gattung M fallen, aber sich stufenweis 
dem Gefüge anähnlichen, welches die andere Gattung N 
kennzeichnet. Hierauf beruht nun der Unterschied von 
Arten, welche ihrem gemeinsamen Gattungsbegriffe mehr 
oder minder angemessen oder adäquat sind; jede Art ist 
in einer bestimmten Beziehung um so vollkommener, je 
weiter sie von dem Uebergang in eine andere Gattung ab- 
steht, und diejenige ist die logisch vollkommenste, für welche 
die Summe ihrer Abstände von allen nächstverwandten 
Gattungen ein Größtes wird. 

132. Ich glaube behaupten zu dürfen, daß dieser Ge- 
sichtspunkt ein völlig logischer und unabhängig von den 
Ansichten ist, die wir uns aus anderweitiger Kenntniß der 
Sache über den Werth die Bedeutung und Bestimmung 
dessen bilden, was an irgend einem bestimmten Gattungs- 
begriff das Gesetz seines Daseins hat. Ich erläutere daher 

Lotze, Logik. 11 



162 Drittes Kapitel. 

durch Beispiele, für welche diese Nebengedanken keinen 
Sinn haben. Die Gleichung der Ellipse a2y2 -f b2x2 = a^b* 
läßt die Wahl der beiden Axen a und b willkürlich, und 
es wird nach ihrer Aussage immer eine Ellipse entstehen, 
welchen Werth man auch für a und b einsetzen mag; sie 
wird daher auch entstehen, wenn eine der beiden Axen 
zu Null wird. Aber dann geht die Curve in eine gerade 
Linie über; das Ergebniß, welches dieser Werth liefert, 
ist daher einem Allgemeinbegriff N, dem der geraden Linie, 
untergeordnet, welcher von dem der Ellipse verschieden ist. 
Aber dies Beispiel zeigt zugleich, was wir oben nicht all- 
gemein anführen wollten, daß die äußerste Art einer 
Gattung M, welche auf solche Weise entsteht, nicht blos 
zu einer neuen Gattung N gehören muß, sondern auch fort- 
fahren kann, der früheren M untergordnet zu sein. Denn 
die Mittelpunktsgleichung der Ellipse kann uns zwar in 
diesem Fall, für b==o, da sie aufhört, eine Curve zu be- 
deuten, nichts lehren; aber ein anderer Ausdruck der 
wesentlichen Bildung der Ellipse bleibt gültig, der nämlich, 
daß die Summe der Fahrstrahlen, die von zwei festen 
Punkten der großen Axo nach demselben Punkt der Peri- 
pherie gehen, eine constante Größe und gleich dieser Axe 
ist. In der geraden Linie, auf welche sich in unserem Fall 
die Ellipse zusammengezogen hat, sind ihre beiden End- 
punkte jene zwei festen Punkte, die Brennpunkte, geworden, 
und für jeden Zwischenpunkt c, den wir auf der geraden 
Linie ab annehmen, hat man die Summe der Entfernungen 
ac-j-cb, die Summe der beiden Fahrstrahlen also, gleich 
der Länge ab. Wenn ein schwerer Stab von der unver- 
änderlichen Länge ab mit dem Endpunkt a auf einer glatten 
reibungslosen Horizontalebene steht, mit dem andern b an 
einer glatten reibungslosen Verticalwand lehnt, so macht 
der Antrieb seiner Schwere ihm das Gleichgewicht unmög- 
lich und er sinkt. Eine leichte Rechnung lehrt, daß die Bahn, 
welche jeder beliebige Punkt c seiner Länge während dieses 
Sinkens beschreibt, ein Ellipsenbogen ist. Zugleich aber 
ist klar, daß der Endpunkt b senkrecht in gerader Linie 
an der Wand herabgleiten, der Punkt a dagegen horizontal 
und geradlinig sich auf dem glatten Boden verschieben muß. 
Da nun auf alle Punkte dieselbe Gruppe von Bedingungen 
einwirkt, so müssen auch diese geradlinigen Bewegungen 
als Arten der von diesen Bedingungen allgemein geforderten 
elliptischen Bahn angesehen werden. Sie sind in der That 
die beiden Grenzfälle, welche man erhält, wenn man ein- 



Die Lehie vom Schlui3 uiid den systematischen Formen. 163 

mal die eine, dann die andere Axe = Null setzt; der End- 
punkt bewegt sich in der andern Axe geradlinig. Ein 
anderer ausgezeichneter Fall findet für den Mittelpunkt des 
Stabes statt; für ihn werden die Axen seiner elliptischen 
Bahn einander gleich und er beschreibt einen Kreisbogen. 
Die Natur der vorliegenden Aufgabe nöthigt daher, auch 
den Kreis als eine Art der Ellipse aufzufassen, wovon die 
angeführte Mittelpunktsgleichung die Möglichkeit sogleich 
deutlich macht. Dies Beispiel lehrt uns also, daß die Arten 
einer Gattung M durch Größenveränderungen eines ihrer Be- 
standtheile sich allmählich dem Bildungsgesetze einer andern 
Gattung N nähern, daß es Grenzglieder geben kann, welche 
sowohl Arten von M als solche von N sind, weil sie den For- 
derungen beider Gattungsbegriffe genugthun ; dem bloßen That- 
bestand von Inhalt, der in einem solchen Grenzgliede vorliegt,, 
ist gar nicht anzusehen, von welchem gestaltenden Gattungs- 
begriffe er eigentlich bestimmt ist; hierüber entscheiden 
vielmehr, bis jetzt, Nebenrücksichten irgend welcher Art. 
133. Dagegen lassen diese Beispiele eine noch zu 
hebende Zweideutigkeit in Bezug auf den Maßstab übrige 
nach welchem wir den Grad der Vollkommenheit, sagen 
wir kurz: die Höhe jeder Art bestimmen. Die mathe- 
matischen Gebilde haben keine Lebens- und Entstehungs- 
geschichte; als bloße gesetzliche Denkbarkeiten ohne Wirk- 
lichkeit lassen sie sich auf den verschiedensten Wegen für 
unsere Einbildungskraft erzeugen, und es ist im Allgemeinen 
gleichgültig, im besondern Fall von der Natur der Aufgabe, 
die auf sie führt, abhängig, von welchem Anfangspunkt 
aus wir ihre Construction beginnen, oder welchem Gattungs- 
begriff, welcher allgemeinen Constructionsregel wir sie 
unterordnen. Für unsere nicht geometrische, sondern ästhe- 
tische Anschauungsweise, ich meine für die, welche den 
ganzen Eindruck des fertigen Gebildes, nicht seine Ent- 
stehung beachtet, sondern sich Kreise und gerade Linien 
von der Ellipse entschieden ab; zu dem Eindrucke der 
Ellipse gehört für unsere Anschauung die Ungleichheit der 
Axen nothwendig; anderseits freilich, je größer diese wird^ 
um so mehr nähert sich die Curve den Grenzgliedern, die 
wir ausschließen möchten, den beiden geraden Linien, die 
in die Richtung der einen oder der andern Axe fallen. 
Den charakteristischen Eindruck ihrer Gattung würde uns 
diejenige Ellipse am meisten machen, die gleichweit von 
der Gleichung a — b = o, die dem Kreise, sowie von der 
andern a = b=:a entfernt wäre, die einer Geraden zu- 



164 Drittes Kapitel. 

kommen würde. Man könnte aus der Verbindung beider 
die Bedingung dieses Eindrucks dahin bestimmen, daß eine 
Axe das Doppelte der andern sein müsse, und dies würde 
leidlich zutreffen; nur läßt sich überhaupt etwas nicht 
mathematisch feststellen, was nicht einfach von mathema- 
tischen Gründen abhängt. Von ähnlichen Neigungen wird 
nun unsere logische Einbildungskraft allenthalben be- 
herrscht. Nichts ist gewöhnlicher, als daß, wer vom Vier- 
eck spricht, eigentlich das Parallelogramm meint, ja oft 
genug das Quadrat; eine sehr natürliche Ungenauigkeit des 
Ausdrucks; denn die Phantasie, welche zu dem Begriff eine 
Anschauung wünscht, aber doch nur ein Bild auf einmal 
festhalten kann, wählt das logisch vollendetste; und in der 
That, sowohl durch wachsende Ungleichheit der Seiten als 
durch die der Winkel nähert sich allmählich immer mehr 
das Parallelogramm der Endform der geraden Linie, in 
welche alle vier Seiten zusammenfallen. Die Betrachtung 
natürlicher Gegenstände bezeugt dieselbe Neigung; als 
typische und ausdrucksvollste Beispiele jeder Gattung er- 
scheinen uns immer diejenigen Arten, in welchen alle ein- 
zelnen Merkmale die höchsten Werthe erhalten, welche ihre 
von der Gattung vorgeschriebene Verknüpfungsweise ihnen 
erlaubt, in denen mithin kein Merkmal einseitig hervortritt, 
keines bis zum Nullwerth herabgedrängt ist, alle vielmehr 
so viel als möglich in gleichmäßiger Stärke ausgebildet sich 
zu dem Eindruck eines festen Gleichgewichts des Ganzen 
vereinigen. 

134. Ich wiederhole hier eine frühere Bemerkung: ich 
besorge nicht, daß man diese Schätzung der Höhe der 
Arten als der Logik fremd tadeln werde; ihr Mangel be- 
steht vielmehr darin, daß sie von unzureichenden logischen 
Gesichtspunkten aus sich nicht hinlänglich an die Natur 
ihrer Gegenstände anpaßt. Fassen wir uns kurz: dieses 
Gleichgewicht der Merkmale, welches wir eben schilderten, 
für die Bedingung der größten Vollkommenheit einer Art 
zu halten, ist die Meinung, auf die wir aus rein logischen 
Gründen kommen müssen, so lange uns eine sachliche 
Kenntniß fehlt, welche aus der wesentlichen Bestimmung 
der classificirten Gattung einen anderen Maßstab für 
den steigenden Werth ihrer Arten ableiten könnte. In der 
Natur der Dinge kann es liegen, daß eine Gattung M dazu 
bestimmt ist, eben jenes Gleichgewicht der Merkmale nicht 
festzuhalten, sondern durch Verminderung des einen und 
Uebersteigerung des andern in eine andere Gattung N über- 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 165 

zugehen ; dann werden ihre Arten um so vollkommener sein, 
je näher sie diesem Uebergange liegen, der sie ihrer eigenen 
Gattung entzieht. Diesen Gedanken einer zu erreichenden 
Bestimmung, durch welche die Gattungen über ihr eigenes 
Wesen fortwährend hinausgetrieben werden, findet man in 
die bedeutendsten Versuche natürlicher Classificationen tief 
verflochten; ich führe ihn deshalb absichtlich hier ein, um 
seine Bedeutung für die Logik, welcher er an sich ganz 
fremd ist, zu erwähnen. Von dem Begriffe des Triebes 
haben wir früher die Vorstellung der hervorbringenden Wirk- 
samkeit, von dem des Zweckes die der Absicht abgesondert; 
wir sondern ebenso hier von dem Begriffe der Bestimmung 
die Vorstellung der Verpflichtung ab. Es entgeht Nie- 
mand, daß durch diese Abtrennung der ganze eigenthüm- 
liche Sinn dieser drei Begriffe sich überhaupt verflüchtigt; 
aber eben dies ist es, was wir beabsichtigen. Gar nicht 
jenen Begriff der Bestimmung selbst führen wir in die 
Logik ein, sondern eben nur den des logischen Verhält- 
nisses, das seinem wesentlichen Inhalt zu Grunde liegt, 
und zu dessen bildlicher Bezeichnung er selbst, als aus- 
drucksvollstes Beispiel, sich unserem Sprachgebrauch auf- 
drängt. Eine Bestimmung nun, welche erreicht werden soll, 
unterscheidet sich von einem Endzustande, der nun that- 
sächlich durch eine Veränderung erreicht wird; dort ent- 
hält der Merkmalbestand, welcher das erreichte Ziel kenn- 
zeichnet, auch für alle früheren Stufen der Entwicklung 
den gesetzgebenden Grund für den Zusammenhang der 
Merkmale und für die Richtung, in der sie sich verändern; 
ein Endzustand dagegen läßt möglich, daß die zu ihm 
führenden Vorgänge bunt abwechselnd, rechtläufig und rück- 
läufig, kreuz und quer verlaufen. Achtet man hierauf, so 
ist es nicht mehr zweifelhaft, welchen rein logischen Sinn 
es hat, wenn wir von einer Bestimmung sprechen, welcher 
die einzelnen Gattungen sich zu nähern haben. Bisher 
haben wir als das letzte gesetzgebende Formprincip, welches 
in einer Reihe von Arten herrscht, den eigenen Gattungs- 
begriff M dieser Arten angesehen, und diejenige Art mußte 
dann die vollkommenste sein, welche diesen Gattungsbegriff 
im schönsten Gleichgewicht seiner Merkmale darstellt; jetzt 
hat eine der Logik ursprünglich fremde Betrachtung erinnert, 
daß es auch anders feein kann, daß der wahrhaft bestimmende 
Grund für die Bildung der Artenreihe von M nicht in dem 
Gattungstypus von M selbst liegen muß, so daß man ihn 
in M entdecken könnte, wenn man dies M allein, in dem 



166 Drittes Kapitel. 

bloßen Bestände seiner Merkmale, ins Auge faßt; daß 
vielmehr die Bildung dieser Gattung ihre richtige Deutung 
erst dann erhalte, wenn man sie selbst mit einer andern N, 
in welche sie übergeht, und einer dritten L, aus welcher 
sie durch ähnlichen Uebergang entstanden ist, endlich diese 
wieder mit ihren Vorgängern und Nachfolgern vergleicht; 
erst aus dieser Vergleichung ergebe sich die Richtung, 
nach welcher innerhalb einer höheren Gattung Z, die jene 
alle, L M N, als Arten einschließt, der Fortgang vom Un- 
vollkommenen zum Vollkommenen stattfinde; in der Arten- 
reihe jeder einzelnen Gattung M werden dann diejenigen 
Glieder die höchsten sein, die am weitesten in dem Sinne 
der Richtung fortgeschritten sind, in welcher sich der ganze 
Typus der Gattung M innerhalb der höheren Z nach dem 
vollständigsten Ausdruck dieses Z hin entwickelt. Es bleibt 
übrig zu zeigen, daß diese Gedankenreihe, auf welche wir 
jetzt durch einen äußerlichen Anstoß uns bringen ließen, 
ohnehin an dieser Stelle aus den einheimischen Bedürf- 
nissen der Logik entspringt. 

135. Aber dieser Nachweis ist kaum noch nöthig. Wir 
haben gesehen, daß wir den Allgemeinbegriff, der eine i\.n- 
zahl Einzelner unter sich befaßt, nur aus der Vereinigung 
ihrer bleibenden und gemeinsamen Merkmale erzeugen 
konnten; dann: daß diese beständige Merkmalgruppe Be- 
standtheile von sehr verschiedenem Werthe enthalten 
konnte; um diejenigen auszusondern, welche nicht nur 
thatsächlich bleiben, sondern die bedingende Regel für die 
Fügung aller einschließen, mußten wir das gefundene All- 
gemeine mit anderen Allgemeinen vergleichen, Arten mit 
Arten; was dann in diesem größeren Wechsel dennoch fest 
bei einander blieb, das erschien uns als das wahre Wesen 
einer Gattung M, nach dessen mehr oder minder voll- 
konmiener Verwirklichung die Höhe der Arten von M ab- 
zumessen war. Aber dieses Verfahren hat keinen natür- 
lichen Abschluß; dieselben Zweifel erneuern sich immer 
wieder; auch in dem Bestände des M werden die Merkmale 
ungleichwerthig sein; die maßgebenden wird man von den 
unwesentlichen nur unterscheiden, wenn man abermals M 
mit L und N vergleicht, aus dem gemeinsamen Bildungs- 
gesetze, das in ihnen allen sich forterhält, die höhere 
Gattung Z bildet und den Werth von M L N sowohl als den 
ihrer einzelnen Arten nach dem Maße bestimmt, in welchem 
sie dies Bildungsgesetz Z verwirklichen, nicht aber nach 
(Jem Maße, in welchem jede Art nur das speciellere Gesetz 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 167 

ihrer eigenen nächsten Gattung zum Ausdruck bringt. Und 
dieser Fortschritt geht ins Endlose oder so weit, bis es 
uns gelungen wäre, ein höchstes Ideal A aufzufinden, 
welches diejenige Verknüpfungsweise des Mannigfachen dar- 
stellte, die allen Gattungen des Wirklichen und des Denk- 
baren als gemeinsame Pflicht obläge; aus diesem A würde 
sich eine classificatorische Entwicklung ableiten lassen, 
welche den ganzen Weltinhalt aus sich hervortriebe, und 
diese allein würde, wenn sie möglich wäre, die logische 
Bürgschaft dafür bieten, daß in der gesammten Artenreihe 
jede an den bestimmten Platz gerückt würde, der ihr durch 
den Grad, in dem sie das Wesentliche verwirklicht, zwischen 
allen ihren Verwandten zukäme. So führt diese Aufgabe 
natürlicher Classification von selbst über die vereinsamte 
Behandlung einer besonderen Aufgabe zur systematischen 
Gliederung unseres gesammten Denkinhaltes. Und diesem 
Antriebe sind in der That die bedeutendsten Versuche 
immer gefolgt. Wollte man die aufsteigende Entwicklungs- 
reihe der Pflanzen oder der Thiere darstellen, oder die ge- 
schichtlichen Ereignisse, denn auch auf das Geschehen er- 
streckt sich der Anspruch dieser Denkform : immer mußte 
man sich darüber rechtfertigen, warum man diesen, nicht 
jenen Maßstab für die Abschätzung des zunehmenden 
Werthes der einzelnen Glieder befolgte, und immer fand 
man zuletzt diese Rechtfertigung nur in den allgemeinsten 
Anschauungen über den Sinn alles Seins oder Geschehens, 
die man ausdrücklich an die Spitze der ganzen Untersuchung 
stellte, oder unausgedrückt als leitendes Princip hindurch- 
fühlen ließ. 

136. Die natürliche Classification, um mit diesem her- 
gebrachten Namen das nun geschilderte Verfahren zu- 
sammenzufassen, unterscheidet sich also von der combina- 
torischen oder künstlichen durch die Berücksichtigung der 
gegenseitigen Determination der Merkmale, die in jener nur 
nebenbei Beachtung fand, in der Gestalt ihres Erfolges aber 
durch die Form der Reihe, deren Glieder nicht nur über- 
haupt nebeneinander gestellt sind, sondern in bestimmten 
Plätzen aufeinander folgend aus dem Umfang oder dem 
Herrschaftsgebiet des einen Artbegriffes in das Gebiet eines 
andern hinüberleiten; diese Ordnung beginnt mit Gliedern, 
welche der logischen Bestimmung des ganzen Systems am 
mindesten entsprechen, und endigt mit denen, deren Merk- 
malbestand den vollständigsten \und reichsten Ausdruck ihrer 
Erfüllung bildet. Doch ist es nicht nothwendig, daß immer 



168 Drittes Kapitel. 

dieser einfachste Fall stattfinde, den wir hier annehmen^ 
daß nämlich die Reihe nur eine Richtung habe. Zuerst ist 
in jeder einzelnen Art eine Variation einzelner Merkmale 
denkbar, durch welche das entscheidende Gefüge der Art, 
für unsere Einsicht wenigstens, in nichts geändert wird; 
dann sind die verschiedenen Beispiele dieser Art gleich- 
werthig, und die Reihe nimmt hier eine Breite durch co- 
ordinirte Glieder an, ohne einen Fortschritt in ihrer Länge 
zu machen. Ebenso ist es ferner möglich, daß eine Art 
M durch verschiedene oder entgegengesetzte Variationen 
mehrerer Merkmale nicht nur in eine nächste Art N über-, 
sondern in mehrere Arten N Q auseinandergeht, denen 
sie gleich verwandt ist, und die für den Sinn der Ge- 
sammtentwicklung gleichen Werth haben; diese werden 
dann zu Ausgangspunkten neuer Reihen, die entweder 
parallel fortlaufen oder irgendwie sich später wieder mit 
der gemeinsamen Reihe verschmelzen. So ist die Form 
der natürlichen Classification im Allgemeinen die eines 
Gewebes oder Systems von Reihen, und nicht einmal der 
Gipfelpunkt dieses Systems braucht eine strenge Einheit zu 
sein, denn selbst für die vollendetste Erreichung der logi- 
schen Bestimmung bleibt die Möglichkeit verschiedener 
völlig gleichwerthiger Formen. 

137. Da die Gelegenheit es mit sich bringt, erwähne ich 
noch zwei oft gebrauchte Begriffe, die hier eine logische 
Erläuterung finden können. Die neue Werthbestimmung der 
Arten, zu der wir zuletzt kamen, nach dem Maße, in welchem 
sie sich dem Ziele der Gesammtentwicklung nähern, schließt 
die frühere nicht aus, welche auf dem Gleichgewicht der 
Merkmale des nächsthöheren Gattungsbegriffs beruhte. Sie 
bestehen beide nebeneinander, obwohl die eine der anderen 
Abbruch thut. Dieser Widerstreit wird in unserer ästhe- 
tischen Würdigung der Erscheinungen fühlbar. Jede Art, 
welche ihre eigene Gattung im festen Gleichgewicht ihrer 
Merkmale darstellt, macht uns den Eindruck des verhältniß- 
mäßig oder in sich selbst Vollkommenen; sie bildet den 
Typus der Gattung, welcher nicht die zureichende, aber 
die unerläßliche Bedingung der Schönheit des Schönen ist 
und selbst dem an sich Häßlichen die formale Berechtigung 
erwirbt, als Häßliches in künstlerischer Darstellung neben- 
her verwandt zu werden. Arten dagegen, welche dies Gleich- 
gewicht der Merkmale zerstören, indem sie einem höheren 
Ziele sich nähern, als innerhalb ihrer Gattung erreicht 
werden kann, gewähren uns den zweideutigen Eindruck des 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 169 

Interessanten, ähnlich den Dissonanzen, durch welche wir 
nicht befriedigt, aber auf eine höhere Befriedigung vor- 
bereitet werden. Ideal im Gegensatz zu Typus würde 
die Erscheinung bedeuten, in welcher das Gleichgewicht der 
Merkmale, welches dieser verlangt, mit der größten Ent- 
wicklungshöhe in Bezug auf die logische Bestimmung glück- 
lich zusammenfällt, eine Möglichkeit, welche logisch nicht 
ausgeschlossen ist, und welche die Kunst vielleicht in einer 
ruhigen Erscheinung, wahrscheinlicher nur in einer Situation 
dieser Erscheinung wird verwirklicht finden oder verwirk- 
lichen können. 

138. Man wird endlich fragen, wie nun die entwickelnde 
Classification zu jenem Schlußpunkt gelange, dessen sie 
bedarf, zu der Gewißheit nämlich, jenes höchste Gesetz, 
die logische Bestimmung, richtig gefunden zu haben, welche 
innerhalb ihres gegebenen Gegenstandes oder innerhalb des 
ganzen Weltinhaltes herrschend ist. Darauf haben wir nur 
zu antworten, daß auf blos logischem Wege diese Gewiß- 
heit zu erreichen ganz unmöglich ist. Die Form der ent- 
wickelnden Classification ist, wie alle logischen Formen, 
selbst ein Ideal, welches von dem Denken verlangt wird, 
dessen Erfüllung aber, so weit sie möglich, nur von dem 
Erkennen geleistet werden kann. In der That liegt hier 
kein Ausnahmsverhältniß vor, welches dieser ersten unserer 
systematischen Formen zu ihren Ungunsten zur Last fiele. 
Auch das Urtheil schreibt uns eine Verbindung von Subject 
und Prädicat vor, die im Denken geleistet werden müsse, 
sobald der Gedanke sich in seiner Weise dem Verhalten 
des Gedachten anschließen wolle; so lehrt uns das hypo- 
thetische Urtheil: nur durch Hinzufügung einer Bedingung 
zu dem Subjecte S sei es möglich, ihm ein Prädicat P zu- 
zuerkennen, welches nicht schon in dem eigenen Begriffe 
des S liege; aber die Logik lehrt nicht, welche Bedingung 
X nöthig sei, um diesem S dieses P zu erwerben; sie er- 
wartet diese Ausführung ihrer Befehle von der Erkenntniß 
des jedesmaligen Sachverhaltes. Auch die Theorie der Syl- 
logismen lehrt uns Folgerungen ziehen, wenn die Prämissen 
gegeben sind, aber sie gibt uns die Prämissen nicht und 
steht nicht für deren Wahrheit ein, es sei denn, daß sie 
selbst als Folgesätze aus anderen Prämissen entspringen 
können; diese letztern dienen dann als das dem Denken 
Gegebene und führen auf irgend eine Wahrheit schließlich 
zurück, die nicht wieder logisch ableitbar ist. Ebenso 
behauptet die natürliche Classification nur dies : jede Gruppe 



170 Drittes Kapitel. 

zusammengehöriger Mannigfaltigkeiten, und, da alles zu- 
sammengehört, zuletzt das ganze Reich des Wirklichen und 
des Denkbaren müsse als ein System von Reihen an- 
gesehen werden, in denen Begriff auf Begriff in bestimmter 
Richtung aufeinander folgt; aber diese Richtung selbst und 
das höchste in ihr treibende Princip aufzusuchen, über- 
läßt sie den Mitteln der sachlichen Erkenntniß. 



139. Nicht dieser Vorwurf, aber ein anderes Bedenken 
nöthigt uns zur Fortsetzung unseres Weges. Man wird es 
am leichtesten aus der systematischen Stellung der Classi- 
fication verstehen. Als Anordnung von Begriffen ent- 
spricht sie zunächst unserem ersten Haupttheil, der Lehre 
vom Begriffe selbst; aber eben aus diesem mußten wir zur 
Betrachtung der Urtheile übergehen, denn der gegebene 
Wechsel des Denkinhalts war nicht durch Begriffe allein 
zu fassen, im Gegentheil setzte der Begriff Verhältnisse 
seiner Merkmale voraus, deren Sinn erst im Urtheil klar 
zu machen war. Die Classification entspricht ferner der 
ersten Form der Urtheile, der kategorischen; wie in diesen 
das Subject seine Prädicate einfach hatte annahm oder ver- 
lor, so erscheint hier der gesetzgebende höchste Begriff 
für sich allein als der Hervorbringer aller seiner Arten, als 
die Quelle, aus welcher sie emaniren; aber dem kate- 
gorischen setzte das hypothetische Urtheil gegenüber, daß 
aus einem Subject S allein keine Mannigfaltigkeit ent- 
springt; ebenso werden alle Lehren der Emanation sich 
die Frage vorlegen müssen, welche zweite Bedingung ihr 
erstes Princip veranlaßt, sich überhaupt zu entwickeln, 
und woher ihm die Data kommen, gegen welche zurück- 
wirkend es gerade diese, nicht andere Formen seiner Aus- 
gestaltung annehmen muß. Ein ähnlicher Fortschritt steht 
uns auch hier bevor; wir können ihn noch in engerem 
Anschluß an die geschilderten Eigenheiten der Classification 
vorbereiten. Der künstlichen oder combinatorischen warfen 
wir vor, daß sie auf unmögliche Glieder führen könne, in 
der anderen entwickelnden achteten wir um so mehr auf 
die gegenseitige Determination der Merkmale und nahmen 
an, daß die Veränderung des einen auf die anderen zurück- 
wirke, daß durch sie ein Begriff in den andern übergeht, 
daß eine Art dem Begriffe besser als eine andere entspricht. 
Dies heißt offenbar: der Begriff hängt in der Bildung seiner 
Arten nicht blos von sich selbst, bildlich gesprochen, von 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 171 

seiner Absicht, sondern zugleich von einer andern Macht 
ab, die darüber bestimmt, welche Verwirklichungen seiner 
Absicht möglich oder unmöglich, mehr oder weniger adäquat 
ausfallen. Diese Macht haben wir aufzusuchen. 

140. Die Aufgaben des Denkens sind erst dann voll- 
ständig gelöst, wenn es Formen zur Auffassung alles des- 
jenigen entwickelt hat, was ihm die Wahrnehmung als 
Gegenstand und Anregung seiner Thätigkeit darbietet. Die 
Classificationen genügen dieser Anforderung der Umfassung 
alles Inhalts nicht. Ihr natürlicher Gegenstand sind stets 
nur die ruhenden Bilder der Gattungen mit ihren festen 
Merkmalen, die wir zwar in den Wahrnehmungen als 
stehende Ausgangspunkte mannigfaltiger Beziehungen zu 
bemerken glauben, die aber weit entfernt sind, die ganze 
Fülle der Wahrnehmung auszumachen. In dieser syste- 
matischen Gliederung, in welcher die Classification uns 
die einzelnen Gattungen geordnet darstellt, kommen sie in 
Wirklichkeit nicht vor; sie erscheinen nur, verwirklicht in 
unzähligen individuellen Beispielen, die durch Zeit und 
Raum zerstreut, einem beständigen Wechsel veränderlicher 
Zustände an sich selbst und veränderlicher Beziehungen 
untereinander unterworfen sind. Geben wir selbst zu, daß 
die Natur jedes Gattungsbegriffs vollständig das Gesetz 
enthalte, nach welchem jedes seiner Beispiele sich verhalten 
wird, wenn es in diese oder jene Beziehung eintritt, so 
liegt doch in demselben Gattungsbegriff eben kein Grund 
für das, was wir hier hypothetisch hinzufügen, weder für 
das Vorhandensein jenes Beispiels da und zu der Zeit, 
wo es vorhanden ist, noch für das Eintreten oder Nicht- 
eintreten dieser Beziehung. Durch die Form der Classi- 
fication umfaßt daher das Denken nicht alles, was es um- 
fassen muß; auch das, was hier nur als eine beiläufige 
Reizung der allgemeinen Begriffe zur Erzeugung dieser oder 
jener ihrer Arten erscheint, muß als ein wesentlicher Theil 
in der Gliederung des Ganzen der denkbaren Welt beachtet 
werden. 

141. Diese Betrachtung wird nicht dadurch widerlegt, 
daß nach einer früheren Bemerkung sich allerdings die ent- 
wickelnde Classification nicht auf ruhende Gattungen des 
Seienden und des Denkbaren, sondern auch auf den Fort- 
schritt des Geschehens erstrecken kann. Was das Ge- 
schehen zum Geschehen macht, das Werden des einen Zu- 
standes aus den andern, entzieht sich auch hier, in den 
Versuchen zu einer Entwicklung der Geschichte, der logi- 



172 Drittes Kapitel. 

sehen Thätigkeit ganz. Das Vergangene überlegend oder 
das Zukünftige voraussagend, können diese Speculationen 
die Bilder gewisser Lagen aufstellen, als augenblickliche 
Gleichgewichtszustände, die nach ihrer Annahme in dem 
Flusse des Geschehens auf einander in festgesetzter Reihe 
zu folgen bestimmt sind; allein wie es zugeht, daß dieser 
Uebergang geschieht, wissen sie nicht zu sagen. Auch 
dann nicht, wenn sie die unvollendbare Arbeit übernehmen 
wollten, den Zwischenraum zwischen zwei solchen Gleich- 
gewichtslagen in unzählige Stufen zu theilen; sie würden 
von jeder derselben, nachdem sie erreicht ist, zeigen 
können, daß ihr Begriff eine Vorstufe des Begriffs der 
folgenden ist; aber sie würden nicht nachweisen können, 
wodurch der wirkliche Inhalt dieses Begriffes die Wirklich- 
keit des andern nach sich zieht. Und außerdem muß man 
hinzubedenken, daß reine Begriffe sich nicht in Wirklich- 
keit vorfinden oder entwickeln, sondern nur ihre Beispiele, 
deren jedes eine specifische Bestimmtheit aller seiner Merk- 
male besitzt, welche sein Allgemeinbegriff zwar zuläßt, 
aber nicht bestimmt. Was daher in Wirklichkeit durch 
jenes Werden, das der Classification geheimnißvoll bleibt, 
entstehen wird, entsteht überdies nicht aus dem Begriff der 
vorangehenden Stufe, sondern aus dieser bestimmten Ver- 
wirklichung desselben, für welche jene Denkform ebenfalls 
kein Auge hat. Alle die Versuche der alten und der neuen 
Zeit, den Weltinhalt auf diesem Wege der Emanation aus 
einem Urbegriffe hervorgehen zu lassen, unterliegen dem- 
selben Mangel. Ist jener Urbegriff in der That nur ein 
reiner Gedanke irgend eines Verhältnisses, das zwischen 
noch ganz namenlosen Beziehungspunkten stattfinden soll, 
so können sie aus ihm nur als Möglichkeiten, meinetwegen 
als nothwendige Forderungen, gewisse ebenso allgemeine 
Formen ableiten, die in einer zukünftigen Wirklichkeit so 
oder so auftreten müssen ; aber sie haben kein Mittel, dieses 
So oder So zu entscheiden, und auch sonst kein Mittel zu 
zeigen, woher die gewünschte Verwirklichung kommen 
werde. Nehmen sie aber an, daß jener Urgedanke nicht 
zwischen so namenlosen, sondern zwischen bestimmt ge- 
arteten Beziehungspunkten von Haus aus bestehe, und 
theilen sie ihm selbst den Anstoß zur Entwicklung, der 
ihnen fehlt, als eine ursprüngliche Unruhe mit, die ihn zur 
Entfaltung seiner Consequenzen nöthigt, so gestehen sie 
damit nur zu, daß die volle Gestalt jeder neuen Entwick- 
lungsstufe nicht allein von dem Begriffe der vorigen, sondern 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 173 

von der thatsächlichen und grundlosen speciellen Gestalt 
abhängig ist, in welcher bereits dieser Begriff der voran- 
gehenden sich verwirklicht hatte. Das heißt mit andern 
Worten: sie geben zu, daß neben ihrer kategorischen Ent- 
wicklung durch Emanation des Begriffs aus sich selbst noch 
eine andere TVIacht thätig ist: ein hier ganz unbeachtet 
bleibendes Ganze gesetzgebender hypothetischer Bezie- 
hungen, welche gebieten, daß, wenn in einem gegebenen Be- 
griffe die Merkmale thatsächlich einen bestimmten Werth 
besitzen, und wenn auf diese Merkmalgruppe bestimmte 
Bedingungen einwirken, dann die Gestalt des aus jenem 
folgenden neuen Begriffs, der neuen Emanationsstufe, voll- 
ständig, aber auch dann erst vollständig bestimmt ist. Ver- 
gleichen wir endlich diese Emanationslehre mit dem Ver- 
fahren der Subsumptionsschlüsse, so können wir kurz sagen, 
daß ihr eben die zweite Prämisse mangelt, durch welche 
jene aus dem allgemeinen Obersatze den vergleichsweis 
specielleren Schlußsatz erst hervorbringen. Dieser hier 
verschwiegenen, nur vorausgesetzten Nebengedanken hat 
die Logik ausdrücklich zu ergänzen: sie reicht nicht mit 
einer Classification von Begriffen aus, sondern muß auch 
den gesetzlichen Zusammenhang der Urtheile aufweisen, 
durch welche jene bestimmende Kraft eines vorhandenen 
Merkmals auf dasjenige ausgesprochen wird, welches aus 
ihm entstehen soll. 

142. Es ist aber nicht nöthig, die Classification nur in 
ihrem Ungenügen zur vollständigen Auflösung der Denk- 
aufgabe zu schildern; sie muß zur Erreichung ihres eigenen 
beschränkteren Zieles dieselben verschwiegenen Voraus- 
setzungen machen. Jeden der Gattungsbegriffe, welche sie 
anordnet, setzt sie nothwendig aus Merkmalen zusammen, 
welche auch in anderen vorkommen. Denn alle Mühe, 
eine Stufenleiter der Gattungen L M N zu bilden, wäre ver- 
loren, wenn L Merkmale hätte, die nur in ihm, aber sonst 
in der Welt nicht erhört wären, und M und N sich durch 
gleiche Originalität auszeichnen wollten. Die Merkmale 
müssen vielmehr wie überall bereitliegende Bausteine an- 
gesehen werden, die, hier so dort anders zubehauen, ein 
vergleichbares Material darstellen, aus dessen verschieden- 
artiger Verwendung allein die verschiedenen Gebäude der 
Begriffe entstehen. Nun spricht aber die entwickelnde 
Classification von einer wechselseitigen Determination der- 
jenigen Merkmale, welche in demselben Gattungsbegriffe M 
vereinigt sind; die Aenderung des einen zieht Aenderungen 



174 Drittes Kapitel. 

des andern nach sich; der Fortschritt dieser Aenderungeii 
erzeugt nicht nur die einzelnen Arten der Gattung M, 
sondern führt über sie selbst auch zur Gattung N hinaus. 
Welchen Regeln kann diese bestimmende Macht des einen 
Merkmals über das andere folgen, wenn nicht solchen, die 
eine allgemeingültige Beziehung zwischen den Naturen 
dieser Merkmale enthalten, eine Beziehung, welche, da 
die gegebenen Merkmale selbst über den einzelnen Gattungs- 
begriff M hinaus Geltung haben, auch von diesem Begriffe M 
unabhängig sein müssen? Von dem, was diese allge- 
meinen Gesetze des Zusammenhanges der Merkmale 
zulassen oder verbieten, ist daher die Bildung, die Mög- 
lichkeit oder Unmöglichkeit der einzelnen Arten von M, 
zuletzt die von M selbst durchgängig bedingt. Mithin, um 
auch nur ihre eigene Aufgabe zu erfüllen, setzt die Classi- 
fication der Begriffe ein Reich von Urtheilen oder all- 
gemeinen Gesetzen voraus, nach denen sich die Zulässigkeit 
die Art der Verbindung und die gegenseitige Determination 
aller Merkmale richtet, die in diesem oder in jedem be- 
liebigen andern Gattungsbegriffe vereinigt werden sollen. 

143. Ich habe hier einen scheinbaren Widerspruch zu 
erwähnen, dessen Beseitigung diese Vorbetrachtung zum 
Schlüsse bringen wird. Diese gegenseitige Abhängigkeit 
eines Merkmals vom andern verlangten wir schon einmal, 
bei der Form der Proportion; damals berichtigten wir uns 
dahin, daß nicht zwischen zwei Merkmalen überhaupt eine 
constante Beziehung bestehe, sondern der Maßstab ihrer 
Wechselwirkung erst durch die Natur des Ganzen, an dem 
sie vorkommen, oder durch den Begriff dieses Ganzen ge- 
geben werde. Hier nun scheinen wir dies zu widerrufen; 
in Wahrheit bestätigen wir es. Denn eben dies wird uns 
jetzt deutlich, daß der Inhalt jenes Begriffes, dem wir dort 
die entscheidende Macht übertrugen, in nichts besteht, als 
in einer Anzahl von Merkmalen, deren jedes einzeln weiter 
reicht als dieser Begriff selbst, und die in ihm auf be- 
stimmte Weise verbunden sind. Zwischen diesen Merk- 
malen sind, wie wir sahen, verschiedene Beziehungen mög- 
lich; es kann kommen, daß die Vorstellung des einen die 
des andern einschließt; dann \.ird an jedem Subject, dem 
das erste zukommt, auch das andere sich einfinden; es 
kann sein, daß zwei Merkmale als conträre und contra- 
dictorische Glieder eines ihnen Gemeinsamen einander aus- 
schließen, und dann sind sie an keinem denkbaren Subject 
vereinbar; zwischen diesen äußersten Fällen liegen mittlere, 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 175 

in denen, ohne eine ähnliche logische Begründung, uns die 
Wahrnehmung zwei Merkmale thatsächlich verbunden zeigt, 
aber der Werth des einen nicht überall einen gleichen 
Werth des andern bedingt. Diesen Fällen galt unsere 
frühere Bemerkung; der Grund nun, der diesen Spielraum 
verengt und die Proportion genau feststellt, nach welcher 
sich in jedem einzelnen Sabject zwei Merkmale determiniren, 
liegt in der gleichzeitigen Gegenwart aller übrigen Merk- 
male, in ihren Werthen und in ihrer Verbindungsweise. 
Was an dem Verhältniß jener zwei unentschieden war, wird 
entschieden durch die Verhältnisse derselben zu allen 
übrigen; wo den verschiedenen Gleichungen, durch welche 
man diese sich ausgedrückt denken kann, nur ein einziger 
Werth jedes der Merkmale genugthut, ist die Bildung des 
Ganzen vollständig bestimmt; wo die Anzahl der Gleichun- 
gen hierzu nicht genügt, bleibt dies Ganze theilweis noch 
unbestimmt und stellt einen allgemeinen Begriff dar, in 
welchem es noch verschiedene mögliche Arten gibt. Der 
Allgemeinbegriff ist es daher allerdings, der seinen unter- 
gebenen Arten die Proportion bestimmt, in der je zwei 
Merkmale einander determiniren; aber er thut dies nur 
kraft der geordneten Summe seiner übrigen Merkmale 
und so weit diese selbst als bestimmtwerthige gegeben sind. 
In der That ist hierauf unser Verfahren immer begründet 
gewesen. Wenn wir classificirend aus einem Gattungs- 
begriffe seine Arten entwickeln wollten, haben wir stets 
annehmen müssen, einige seiner allgemeinen Merkmale seien 
der Reihe nach so oder anders bestimmt; dann erst folgte 
die Bestimmtheit der übrigen, durch die das Bild einer 
Art im Unterschied von der andern vollendet wurde. Daß 
aber diese erste Bestimmtheit stattfand, welche die andere 
nach sich zog, war in dem Gattungsbegriff selbst nur eine 
Möglichkeit, deren Verwirklichung unabhängig von ihm 
durch unser Denken gesetzt wurde. 

144. Ziehen wir diese Betrachtungen zusammen, so 
können wir sagen: jedes Einzelne und jede Art einer 
Gattung ist das, was sie ist, durch das Zusammenwirken 
der vollständigen Summe ihrer Bedingungen; diese Be- 
dingungen aber bestehen darin, daß eine Anzahl von Ele- 
menten oder Merkmalen, welche auch getrennt von einander 
sein könnten, thatsächlich in einer bestimmten Verbindung 
gegeben sind, neben der auch andere Verbindungen der- 
selben denkbar sind, und Größenwerthe besitzen, außer 



176 Drittes Kapitel. 

denen sie auch andere haben könnten. Aus dieser ge- 
gebenen Vereinigung der Bedingungen folgt nach allgemeinen 
Gesetzen, die über die Beziehungen jener Elemente gelten, 
dieses ganz bestimmte Ergebniß; aus einer Veränderung 
dieser Bedingungen jenes andere anders bestimmte. Jedes 
dieser Ergebnisse läßt sich, nachdem es da ist, mit anderen 
vergleichen und sich ihnen als Art den Arten beiordnen 
oder als Art der Gattung unterordnen ; aber man muß diesen 
Begriffen, die wir bisher als den Schlüssel zum Verständniß 
des Gefüges ihrer Unterthanen betrachten, nicht eine andere 
geheimnißvolle Macht der Gesetzgebung zutrauen außer der, 
kurze Ausdrücke für eine bestimmte Vereinigung trenn- 
barer Bestandtheile zu sein, deren an sich nach allge- 
meinen Gesetzen überall gleichartige Wechselwirkung durch 
diese Vereinigung zu diesen, durch eine andere zu anderen 
Folgen führt. 

145. Die Umkehrung der gesammten logischen Auf- 
fassung, welche in diesen Betrachtungen liegt, ist deutlich; 
sie tritt in der modernen Wissenschaft als die logische 
Form der erklärenden Theorie der Form der Classi- 
fication gegenüber, welche einseitig das Alterthum be- 
herrschte. Ich überlasse der angewandten Logik alles, was 
über die Methoden zu sagen ist, welche diese Wendung 
unserer Gedanken zur Ausführung ihrer Aufgabe erzeugen 
muß, und beschränke mich hier auf die kurze Hervor- 
hebung der Züge, durch welche sich die logische Auffassung 
des Weltinhalts, wenn sie im Sinne dieser Theorien erreicht 
wäre, von jener der Classification unterscheiden würde. 
Es ist vor allem nicht mehr von einer kategorischen 
Emanation alles Denkbaren und Wirklichen die Rede^ 
welches aus irgend einem Anfangspunkte, nur getrieben 
von dem dort enthaltenen Plane einer Entwicklung, aber 
ohne Beihülfe anderer Bedingungen hervorginge; die Form 
der Wissenschaft wird wesentlich hypothetisch. Sie 
erzählt nicht, was ist und geschieht, sondern sie bestimmt, 
was sein und geschehen muß, wenn bestimmte Bedingungen 
gegeben sind ; ob dagegen überhaupt und in welcher Reihen- 
folge oder Verknüpfung diese Bedingungen vorkommen, 
diese Frage schließt sie aus dem logischen Gebiet aus 
und überläßt sie der erfahrungsmäßigen Erkenntniß, welche 
diese Thatsachen als Anwendungsbeispiele der Theorie 
herbeibringen wird. Ich lasse ferner hier dahingestellt, 
auf welche Weise sich diese Theorie der allgemeinen Ge- 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 177 

setze bemächtigt, nach welchen sie entscheidet, daß überall, 
wo ein bestimmter Kreis von Bedingungen gegeben sein 
möchte, nur eine bestimmte Folge und keine andere ent- 
stehen müsse; es reicht jetzt hin zu bemerken, daß sie 
überhaupt von diesem Gedanken eines Gesetzes ausgeht, 
welches die bestimmte Folge einer bestimmten Bedingung 
allgemein feststellt. Das will sagen: überall, wo die 
Bedingung a -(- b sich findet, folgt aus ihr nur c, und die 
Natur des Gegenstandes, an dem a -|- b vorkommt, hat nicht 
die Macht, dieser Bedingung unmittelbar eine andere Folge 
zu geben, als dieses c ; sie kann dies nur, sobald außer a -f- b 
sich in ihr noch andere Bedingungen a -j- d vorfinden, deren 
Zusammenwirken mit a -|- b gleichfalls nach einer allgemeinen 
Nothwendigkeit, die von der Natur dieses Gegenstandes 
ganz unabhängig ist und für jeden andern ebenso gelten 
würde, die Veränderung von c in y befiehlt. In diesem 
neuen Erfolge y ist dann die Wirksamkeit des Gesetzes, 
welches c an a-|-b knüpfte, nicht aufgehoben, sondern un- 
verändert mit enthalten ; denn für sich allein würde a -|- d 
nicht y, sondern b erzeugt haben. 

Auf der Grundlage dieser allgemeinen Gesetze beruht 
der mechanisirende Charakter, den diese Theorien sich 
selbst zum Ruhme anrechnen, von ihren logischen Gegnern 
als Tadel angerechnet erhalten. Der Neigung, welche eine 
Reihe von Erscheinungen organisch, wie man sagt, aus 
dem Sinne eines Gedankens herleiten will, der sich in 
ihnen entwickle, treten sie mit der Behauptung gegenüber, 
der bloße Sinn, der sich entwickeln will, erzeuge nichts, 
sondern alles sei nur, sobald die vollständige Summe der 
Bedingungen gegeben sei, von der es nach allgemeinen 
Gesetzen als nothwendige Folge abhänge; als Ergebniß 
dieser Bedingungen allein müsse man es betrachten, und 
die Erklärung bestehe nur darin, ein Gegebenes in seiner 
ganzen vollständigen Bestimmtheit als die unvermeidliche 
Folge der Anwendung allgemeingeltender Gesetze auf 
ebenso bestimmte gegebene Umstände aufzuweisen. Mit 
dieser logischen Gesinnung, die wir am meisten ausge- 
sprochen in den mechanischen Naturwissenschaften finden, 
sind die erklärenden Theorien dem Gebrauch und der Auf- 
suchung allgemeiner Gattungsbegriffe sowie dem Unter- 
nehmen von Classificationen abgeneigt; sie würden eine 
Erscheinung so lange für nur wahrgenommen, aber un- 
begriffen ansehen, als sie sich nur auf die Eigenthümlichkeit, 

Lotze, Logik. 12 



178 Drittes Kapitel. 

durch die ein Begriff sich gegen den andern abschließt, 
und nicht auf die Vorschriften eines allgemeinen Bedingungs- 
rechtes zurückführen ließe, das für allen Denkinhalt und 
alles Wirkliche gleichmäßig verbindlich ist; ihr Stolz besteht 
darin, der Gattungsbegriffe und ihrer Stellung in einem 
Classensystem nicht zu bedürfen, sondern zu zeigen, daß 
man mit jeder Erscheinung, wohin sie auch ihrem Sinn 
nach gehören möge, fertig werden könne, sobald man die 
Summe der in ihr verbundenen Beziehungspunkte kenne; 
denn alles, was ist, sei lediglich ein Beispiel dessen, was 
da werden muß, wenn die allgemeinen Gesetze auf diese 
oder jene bestimmte Gruppe gegebener Elemente angewandt 
werden. Und selbst mit dem kann die erklärende Theorie 
sich nicht begnügen, was man als äußerstes Zugeständniß 
ihr zuweilen entgegenstellt: alles folge zwar allgemeinen 
Gesetzen, aber jedes Gebiet der Wirklichkeit doch seinen 
eigenen, und die Gesetze des Lebendigen, des Geistigen» 
seien andere als die des Unlebendigen und Materiellen. 
Selbstverständlich ist es freilich, daß diejenigen speciellen 
Gesetze, welche sich, als nächsthöhere allgemeine Regeln, 
am engsten an den Inhalt und die Gestalt gegebener Er- 
scheinungen anschließen, verschieden sind je nach der Ver- 
schiedenheit der Subjecte, deren Verhalten sie ausdrücken; 
aber nur zwei Welten, die einander nichts angingen und 
aus deren einer keine Wirkungen irgend welcher Art in 
die andere hinüberliefen, könnten auf zwei höchsten, von 
einander unabhängigen, Gesetzen beruhen; wer von Einer 
Welt spricht, welche jene verschiedenen Gruppen sich ent- 
wickelnder Dinge und Ereignisse einschließe, muß von 
Einem für alles WirkHche gültigen Gesetze oder Einem 
zusammengehörigen Gesetzkreise ausgehen, aus dem alle 
speciellen Gesetze der verschiedenen Gebiete als particulare 
Fälle hervorgehen, sobald man ihm nacheinander, als eine 
Reihe verschiedener zweiter Prämissen, die Bedingungen 
unterordnet, durch welche sich die Naturen der in den 
einzelnen Gebieten wirksamen Subjecte unterscheiden. 

146. Gemäß der Theilung der Aufgaben, die ich mir 
vorgenommen, habe ich in der letzten Darstellung noch 
keines der Mittel der Untersuchung erwähnt, deren die 
erklärende Theorie sich bedient, theils um jene allgemeinen 
Gesetze zu finden, denen sie jeden zusammengehörigen Kreis 
von Inhalt unterwirft, theils um in der Mannigfaltigkeit 
des Gegebenen das innerlich Zusammengehörige selbst erst 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 179 

zu entdecken, das eine gemeinsame Unterordnung unter 
dieselben Obersätze verträgt oder fordert. Ich behielt es 
der angewandten Logik vor, mit größtmöglicher Freiheit 
der Bewegung diese Anstrengungen zu verfolgen; die 
systematische Uebersicht der Denkhandlungen, deren Ab- 
schluß wir uns nun nähern, hatte nur die Gestalt ins Auge 
zu fassen, welche die erklärende Theorie dem Zusammen- 
hange alles Denkbaren zu geben wünscht, und welche, 
wenn es gelänge, sie in der That allem Denkbaren zu 
geben, als das erreichte letzte Ziel aller Bestrebungen des 
Denkens erscheinen würde. Ueber dieses letzte Ziel aber 
theile ich nicht die herrschende Ueberzeugung der Gegen- 
wart. Fast nur in der erklärenden Form der Theorie be- 
wegen sich die wissenschaftlich thätigen Kräfte unserer 
Zeit; das spät erst zur Klarheit gekommene Bewußtsein 
des in ihr zu befolgenden Grundsatzes unterscheidet mächtig 
alle moderne Wissenschaft von der des Alterthums und 
des Mittelalters, die von ihr entwickelten Methoden der 
Untersuchung bilden den werthvollen Schatz, durch welchen 
die Erkenntnißkunst der neuen Zeit die der antiken Philo- 
sophie überflügelt. Daß gleichwohl die Ueberzeugung, mit 
dieser Form des Denkens am Ende aller Wünsche zu sein, 
nicht allgemein ist, beweist der unablässige Widerstand, 
der ihrer ausschließlichen Herrschaft über alles Denkbare 
entgegengesetzt wird. Betrachten wir diesen Widerstand 
zuerst in den kenntlichen Gestalten, die er in der Ge- 
sammtheit unserer Weltauffassung annimmt, so werden wir 
den Rest rein logischen Bedürfnisses aus ihnen ablösen 
können, welchen die erklärenden Theorien unbefriedigt 
zurücklassen. 

147. Am deutlichsten tritt die ästhetische Abneigung 
künstlerisch gestimmter Gemüther gegen die Behauptung 
hervor, nur allgemeinen Gesetzen sei alles Seiende unter- 
worfen, und jedes Einzelne nur das, was es nach diesen, 
Gesetzen werden mußte, wenn Bedingungen, die sich auch 
anders hätten fügen können, in einer bestimmten that- 
sächlichen Form sich zusammengefügt haben. So meint 
man die Schönheit des Schönen nicht fassen zu können; 
nur dann scheint sie von Werth, und das zu sein, was 
sie ist, wenn die Endgestalt, die wir bewundem, das Er- 
gebniß einer einheitlichen Macht ist, _aus der sie zwar 
auch als unvermeidliches Ergebniß, aber nicht nur als 
solches, sondern als die Erfüllung und Erscheinung eines 

|0* 



180 Drittes Kapitel. 

lebendigen Triebes hervorgeht; sie schiene unverständlich 
zu werden, wenn sie nur der Glücksfall einer Harmonie 
zwischen zufällig zusammengerathenen Bestandtheilen wäre. 
Ich habe anderswo zu zeigen versucht, daß dieser Einwand 
der Aesthetik verfehlt ist, wenn er dazu übergeht, die 
allgemeine Macht der erklärenden Theorie oder des 
Mechanismus zu leugnen. Zufällig ist im Sinne dieser 
Theorie das Zusammenkommen der verschiedenen be- 
dingenden Elemente niemals ; es ist überall die nothwendige 
Folge der vorangegangenen Weltzustände; so führt nach 
rückwärts uns diese Ueberlegung entweder zu irgend einer 
Combination der Elemente, die wir als den Anfangszustand 
der Welt ansehen; und nichts hindert dann die Annahme, 
in dieser Combination, die denkbar auch eine andere hätte 
sein können, habe der bewundernswürdige Keim der Schön- 
heit gelegen, dessen einheitliche Macht, durch allen mecha- 
nischen Zusammenhang der Folgezustände hindurchwirkend, 
die Schönheit der einzelnen Erscheinungen als einzelne 
Zeugnisse seiner selbst hervortreibe. Oder wenn wir den 
schwierigen Gedanken eines Anfangszustandes vermeiden 
wollen, so hindert uns nichts, in einem beliebigen Zeit- 
punkt einen Durchschnitt gleichsam durch die Breite des 
Weltlaufs zu legen und anzunehmen, daß die Combination 
aller in gleichem Augenblick in ihm wirksamen Kräfte, 
eben weil sie diese ist und keine der andern denkbaren, 
die sie hätte sein können, den einheitlichen Grund aller 
jener einzelnen Schönheiten bildet. Diese Annahme würde 
alles einschließen, was unser ästhetisches Gefühl für noth- 
wendig hält, um die Würde der Schönheit zu sichern; sie 
würde nur den Ort etwas verändert haben, in welchem 
sie jene einheitlich treibende Macht fände; nicht mehr 
ganz auf sich beruhend läge diese Macht in dem einzelnen 
Schönen; sie führe zwar fort in ihm selbst wirksam zu 
sein, doch nur als Nachwirkung eines Allgemeinen, das 
alle Einzelheiten durchdringt. Diese Verschiebung des Ur- 
sprungs der Schönheit aber widerstrebt den Bedürfnissen 
der Aesthetik nicht; anderseits die mechanische Theorie, 
da sie irgend einen gegebenen Thatbestand voraussetzen 
muß, an dem sich die Folgerichtigkeit der allgemeingesetz- 
lichen Entwicklung vollzieht, hat kein Interesse, ihn lieber 
sinnlos als sinnvoll, lieber unvernünftig als vernünftig, 
lieber als Grund eines zwecklosen, denn als den eines 
zweckmäßig zusammenstimmenden Weltlaufs zu denken. 
Eins aber liegt gleichmäßig in jener Forderung der Aesthetik* 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 181 

und in diesem Zugeständniß der erklärenden Theorie: die 
zweiten Prämissen, welche wir den allgemeinen Gesetzen 
unterordnen und durch die wir die Thatbestände bezeichnen, 
auf welche sich die Aussprüche der Gesetze anwenden 
sollen, können nicht so zufälliger Herkunft sein, wie sie uns 
allerdings erscheinen, wenn wir, in der Untersuchung eines 
einzelnen Inhaltsgebietes begriffen, sie aus ihrem Zusammen- 
hang untereinander gerissen haben; sie selbst müssen 
systematisirt werden und Glieder eines Ganzen bilden, des 
Ganzen, welches alle wirklichen Anwendungsobjecte jener 
allgemeinen Gesetze umfaßt. Nicht in hypothetischer Form 
sollen die Untersätze unserer Weltbetrachtung eine Menge 
unzusammenhängender Möglichkeiten denken, deren jede, 
wenn sie einträte, in Folge der allgemeinen Gesetze zu 
einem bestimmten Erfolge führen würde, sondern asser- 
torisch müßten sie jede einzelne dieser Möglichkeiten, die 
eintritt, von denen, die nicht eintreten, als ein berechtigtes, 
an bestimmte Stelle gehöriges Glied der geordneten Ge- 
sammtreihe des Wirklichen vorführen. 

148. Theils bestätigt theils weiter umgeformt wird diese 
Forderung in Folge metaphysischer Bedenken. Denn was 
hieße es doch, auf der einen Seite ein Reich allgemein- 
gültiger Gesetze annehmen, auf der andern eine Summe 
von Wirklichem, das sich ihnen fügt, wenn zwischen diesen 
beiden kein weiteres Verhältniß stattfände und diese Unter- 
werfung begreiflich machte? Und worin anders könnte 
diese Unterwerfung bestehen, als darin, daß das Verhalten, 
welches jene Gesetze vorschreiben, von allem Anlsuig an 
eine thatsächliche Eigenschaft alles Wirklichen selbst, ein 
constantes Merkmal desselben ist neben den verschiedenen 
oder veränderlichen Merkmalen, durch die sich ein Wirk- 
liches vom anderen unterscheidet? Niemals läßt sich doch 
eine Wahrheit anwenden, wie wir zu sagen pflegen, 
auf einen Inhalt, der ihr nicht von selbst entspricht; jede 
Anwendung ist nur die Anerkennung, daß das, was wir 
anwenden wollen, die eigene Natur dessen ist, in Bezug 
auf welches die Anwendung stattfinden soll. Constante 
Verhaltungsweisen nun, die in jedem Wirklichen vorkommen> 
lassen sich aus einer beschränkten Anzahl von Beobachtun- 
gen gewinnen, und da sie nun in unserem Denken als 
Erwartungen, die sich bestätigen werden, den weiteren 
Beobachtungen vorangehen, so erscheinen sie leicht als 
etwas, was auch der Natur der Sache nach in selbständiger 



182 Drittes Kapitel. 

Geltung dem vorangehe, woran es sich für uns aufs Neue 
bestätigen wird; daher jener wunderliche Sprachgebrauch, 
der die allgemeinen Gesetze als für sich herrschende Mächte 
ansieht, denen alles Wirkliche, woher es auch kommen und 
was es immer sein mag, späterhin sich zu unterwerfen ge- 
nöthigt ist. Vermeiden wir nun dies Mißverständniß und 
verknüpfen wir, was wir an seine Stelle setzen, mit dem, 
was aus unserem ästhetischen Bedürfniß floß, so verlangen 
wir jetzt als den einzigen und einheitlichen Gegenstand 
unseres Denkens ein Seiendes, welches, nicht in Folge 
eines noch höheren Gesetzes, sondern weil es das ist, 
was es ist, zugleich der Grund der allgemeinen Gesetze ist, 
nach denen es überall sich verhalten wird, und zugleich 
der Reihenfolge der einzelnen Wirklichkeiten, die nachher 
uns sich diesen Gesetzen unterzuordnen scheinen werden. 
Ich beabsichtige nicht, diesen Gegenstand hier zu erschöpfen, 
und gehe über manche Schwierigkeiten hinweg, deren einige 
wir später innerhalb dieser logischen Untersuchungen selbst, 
andere im Zusammenhange der Metaphysik zu erwägen 
haben werden; es genügt mir, die logische Gedankenform 
zu verfolgen, welche das Streben nach Befriedigung des 
geschilderten Bedürfnisses suchen müßte. 

149. Sie wird nicht mehr ganz die des früheren 
Schlusses sein. Das allgemeine Gesetz, welches in diesem 
der Obersatz voranstellte, wird als latentes, stillschweigend 
überall mitgedachtes, aufhören, diese ausgezeichnete Stelle 
des wesentlich bestimmenden Gliedes einzunehmen; an 
seine Stelle tritt die allgemeine Natur des in der Welt 
sich entwickelnden Gesammtinhalts. Und diese Natur wird 
nicht aufgefaßt als der ruhende Inhalt einer Idee, der 
fremder Bedingungen bedürfte, um in Bewegung zu ge- 
rathen, sondern als begriffen in einer Bewegung, die mit 
zu dem gehört, was dieser Inhalt ist, und ohne die er 
nicht sein würde, was er ist; in jedem Augenblick aber 
ist die einzelne Gestalt, welche dieser bewegte Inhalt an- 
nimmt, abhängig von seinem bleibenden Sinne und der 
bleibenden Richtung seiner Bewegung einerseits, und von 
dem bestimmten Orte oder dem bestimmten Ergebniß seiner 
Entwicklung, zu dem er bis dahin, nicht durch fremde 
Bedingungen, sondern durch seine eigene Bewegung ge- 
kommen ist. Es würde nicht unmöglich, sondern nur weit- 
läufig sein, den wesentlichen Sinn dieser Vorstellungsweise 
auszudrücken, ohne den Begriff der Bewegung einzumischen; 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 183 

wir würden auf die Forderung einer Idee kommen, unter 
welcher alle Wirklichkeit als das System ihrer Arten und 
Unterarten befaßt ist; aber die Unterschiede und die Rang- 
ordnung dieser Arten würden nicht nach unabhängig von 
jener Idee vorgefundenen Merkmalen und deren Modi- 
ficationen bestimmt; sie selbst vielmehr würde den Grund 
des Vorhandenseins dieser Merkmale, der möglichen Ein- 
theilungen derselben und der Werthordnung der so ent- 
stehenden Varietäten, mithin den ganzen Grund ihrer eigenen 
classificatorischen Gliederung in sich selbst enthalten. Am 
kürzesten fassen wir uns in die Formel: die gesuchte 
Denkform solle nur einen Obersatz für alle ihre Schlüsse 
haben, und dieser die Bewegung des gesammten Welt- 
inhalts ausdrücken ; die veränderlichen Untersätze aber lasse 
sich dieser Obersatz nicht anderswoher geben, sondern 
erzeuge sie selbst als die nach seiner eigenen Consequenz 
nothwendigen und vollständigen Variationen seines Sinnes, 
und lasse so in geordneter Reihe die unendliche Anzahl 
der Schlußsätze hervorgehen, die zusammengenommen die 
entwickelte Wirklichkeit bilden, welche der Obersatz in 
Gestalt eines entwicklungsfähigen Princips gedacht hatte. 
150. Man kann nicht sagen, daß der Trieb, das Ganze 
unserer Gedankenwelt nach diesem Muster zu gliedern, 
dem unbefangenen Lauf unseres Denkens fremd sei; er ist 
vielmehr zu allen Zeiten wirksam gewesen, und jedesmal, 
wenn in mehr oder minder vollkommener Form sich eine 
Weltbetrachtung nach der mechanischen Weise der er- 
klärenden Theorien entwickelte, ist er dieser in der immer- 
wiederkehrenden Forderung einer Auffassung der Welt und 
aller Dinge als einer lebendigen Entwicklung gegenüber- 
getreten. Denn das Lebendige ist die Erscheinung, in der 
wir die Erfüllung der gemachten Ansprüche vollkommen 
verwirklicht zu sehen glauben ; so wie hier der ursprüngliche 
Typus des Organismus zur wirkenden Macht wird, die sich 
selbst die Anreize und die Bedingungen ihrer folgerechten 
Entwicklung erzeugt, so sollte das Ganze der Welt von 
innen heraus sich die Gelegenheiten herv^orbringen, die 
zur allmählichen Verwirklichung seines Gesammtinhaltes 
als nothwendige Bedingungen gehören. Was an diesem 
Glauben an die selbständige Entwicklung des einzelnen 
Lebendigen irrig ist, braucht hier nicht berührt zu werden; 
genug, daß es auf ausdrucksvolle Weise uns das zu sein 



184 Drittes Kapitel. 

scheint, was wir suchen. An dieses Bild hat sich auch 
stets die Lehre angeschlossen, die zum letzten Mal in 
unserer Zeit sich ausdrücklich zu dem Streben bekannte, 
aus der Einheit einer sich selbst entwickelnden und die 
Bedingungen ihres Fortschritts sich selbst erzeugenden Idee 
die Gesammtheit des Weltinhaltes entstehen zu sehen. Denn 
nicht selbst wollte diese Philosophie Hegel's, nicht als unter- 
suchendes und überlegendes Subject, nicht durch die Mittel 
eines verständigen oder discursiven Denkens, durch Unter- 
ordnung selbständiger zweiter Prämissen unter allgemeine 
Obersätze, eine Ableitung des Weltinhaltes aus jenem einen 
Princip vollbringen; nur zusehen wollte sie, wie aus eigener 
Triebkraft der Idee diese Entwicklung erfolgt. Und für dieses 
anschauende, im ursprünglichen Sinne des Wortes specu- 
lative Denken glaubte sie in der dialektischen Methode 
die Leitung gefunden zu haben, welche in jedem Falle dem 
Blicke des Schauenden die wahre Richtung nach der sich 
vollziehenden Entwicklung gibt. Ich beharre darauf, in 
dieser Uebersicht der logischen Formen noch von den Aus- 
führungsmaßregeln zu schweigen, durch welche ihre An- 
wendung auf den denkbaren Inhalt gesichert werden kann, 
und ich überlasse deshalb, was von jener Methode als 
Methode zu sagen ist, einem späteren Zusammenhange; 
aber zur Bezeichnung dieser letzten Gestalt, die wir allem 
Denkinhalt zu geben wünschen, eigne ich mir den Gegen- 
satz zwischen Speculation und erklärender Theorie an und 
nenne die Form des speculativen Denkens dies 
dritte Glied, mit welchem die Reihe der alles umfassenden 
systematischen Denkformen endet. 

151. Und doch fühle ich, daß ich nicht ganz so kurz 
abschließen darf ; auf eine schon früher gemachte Bemerkung 
muß ich noch einmal zurückkommen. Alle Denkformen, 
die wir betrachten, sind Ideale ; sie bezeichnen die End- 
gestalten, welche das Denken dem geringeren oder größeren 
Inhalte seiner Betrachtung zu geben wünscht, oder geben 
zu können wünscht, um durch ihn, durch den Nachweis 
der Zusammengehörigkeit alles Zusammenseienden, in 
seinem eigenen Streben befriedigt zu sein; alle diese Ideale 
verlieren nichts an ihrer Gültigkeit dadurch, daß es dem 
menschlichen Wissen nicht gelingt, ihnen jeden gegebenen 
Inhalt zu unterwerfen. Nicht in jedem Erscheinungskreis 
sind wir vielleicht im Stande, die allgemeinen Gesetze zu 



Die Lehre vom Schluß und den systematischen Formen. 185 

entdecken, die ihn beherrschen, und wenn wir sie entdeckt 
hätten, gelänge es uns vielleicht nicht, jeden Einzelfall 
ihnen so unterzuordnen, daß die Nothwendigkeit einer ge- 
gebenen Folge daraus einleuchtete. Aber wir würden unsere 
Forschungen nach dieser Richtung nicht rastlos fortsetzen, 
wenn wir nicht überzeugt wären von der /allgemeinen Geltung 
dieses Princips der erklärenden Theorie und davon, daß 
die Gültigkeit desselben unabhängig von der Möglichkeit 
bestehe, sie mit den Mitteln unserer Erkenntniß an jedem 
denkbaren Inhalte zu bewähren. Vielleicht ist die Form 
des speculativen Denkens noch ungünstiger gestellt; viel- 
leicht reichen überhaupt die Bedingungen, die dem 
menschlichen Denken gestellt sind, nicht dazu hin, um 
auch nur in wenigen, auch nur in einem Falle wirklich 
auszuführen, was hier angestrebt wird: immer wird auch 
dieses Ideal in verbindlicher Kraft bleiben und die Gestalt 
bezeichnen, durch welche, wenn man sie ihm geben könnte, 
der Gesammtinhalt der Gedankenwelt alle Ansprüche des 
Denkens voll befriedigen würde. Ihre berechtigte Stelle 
in der systematischen Reihe der Denkformen hat daher 
auch diese; daß sie zugleich das Endglied der Reihe ist, 
bedarf eines Beweises nicht : sie hat keine unverbundene 
blos zusammenseiende Mannigfaltigkeit übrig gelassen, 
sondern alles in jene Zusammengehörigkeit verbunden, 
deren Nachweis das beständige Ziel alles Denkens war. 
Zugleich aber weist sie über das logische Gebiet hinaus. 
Der erklärenden Theorie konnte es noch so vorkommen, 
als besäße sie in allgemeinsten Gesetzen, die das Denken 
aus sich allein erzeugt, einen Rechtsgrund, um über das 
Verhalten des Wirklichen im voraus zu entscheiden; die 
Speculation leugnet diese Berechtigung nicht, aber indem 
sie alles, die Macht dieser allgemeinen Gesetze selbst, die 
Richtung, welche die Entwicklung des Weltinhaltes nimmt, 
und die Einzelforaien, welche in Folge dieser beiden in 
jedem Augenblicke das Wirkliche annimmt, einzig und allein 
in der Natur des Inhalts eines höchsten Princips be- 
gründet sein läßt, deutet sie an, daß die endliche Erfüllung 
alles logischen Strebens nicht durch neue logische For- 
men, sondern nur durch sachliche Erkenntniß dessen 
möglich sein würde, was sie als höchstes sich selbst ent- 
wickelndes Princip voraussetzt. 



186 Drittes Kapitel. 

Indem ich diese Darstellung schließe, bin ich mir ihrer 
Abweichung von den Lieblingswegen der Gegenwart wohl- 
bewußt. So sehr sind wir gewöhnt, uns Geschichten er- 
zählen zu lassen und durch wahre oder erträumte Ent- 
stehungsweisen irgend eines Gebildes unsere Wißbegier be- 
friedigt zu fühlen, daß auch die Logik von psychologischen 
Begründungen und Ableitungen ihrer Lehren überschwillt; 
veraltet fremdartig und unverständlich dagegen erscheint 
jeder Versuch, die Formen des Denkens in eine Reihe zu 
ordnen, deren Fortschrittsgesetz in der Natur seiner Auf- 
gaben und nicht in der Ordnung liegt, in welcher die zur 
Lösung derselben nöthigen Aeußerungen der geistigen 
Thätigkeiten in der Entwicklung des einzelnen Seelenlebens 
hervortreten. Ich lasse mir gefallen und wünsche, daß 
man in der Wahl meiner Darstellungsweise den voraus- 
wirkenden Einfluß der idealistischen Philosophie erkennt, 
zu der sie einleiten soll; ich fürchte nicht, durch diese 
Wahl den Inhalt der logischen Wahrheiten getrübt zu haben, 
welche für alle Ansichten gleichmäßig feststehen müssen. 



Zweites Buch. 

Yom Untersuchen. 

(Angewandte Logik.) 



Vorbemerkung. 

152. So sehr sind wir gewöhnt, unsere Gedankenwelt 
in Gegensatz zu einer äußeren Wirklichkeit zu setzen, daß 
nur eben diese scheint gemeint sein zu können, sobald von 
einem Gegenstande die Rede ist, auf welchen die Formen 
unseres Denkens Anwendung finden sollen. Die Erinnerung 
an die Naturwissenschaften, die einen so großen Ausschnitt 
an dem wissenschaftlichen Gesichtskreis der Gegenwart 
einnehmen, bestärkt uns in dieser Meinung; die andere 
Erinnerung an Mathematik und Jurisprudenz ist geeignet, 
sie zu erschüttern. Aus der äußeren Wirklichkeit empfängt 
die Mathematik weder ihre Gegenstände noch die Methoden 
ihrer Bearbeitung; nur Anlässe gibt ihr das von dorther 
Kommende, ihre Untersuchung nach dieser oder jener Rich- 
tung zu wenden; aber die wahren Objecto ihrer Betrachtung 
sind immer nur die Gebilde, welche unsere Anschauung 
oder unser Denken in sich selbst vorfindet oder erzeugt, 
und an welche die Erscheinungen der Außenwelt, immer 
nur annähernd, uns erinnern ; und ihre Beschäftigung be- 
steht darin, nach Gesetzen der Beurtheilung, die ebenfalls 
keiner äußern Erfahrung entnommen sind, die unzähligen 
denknothwendigen Folgen zu entwickeln, die aus den 
mannigfaltigen möglichen Combinationen jener inneren Ge- 
bilde entspringen. Und kurz ist diese Entwicklung nicht; 
von selbst, so daß es nur der zuschauenden Aufmerksamkeit 
bedürfte, haben sich diese Consequenzen nicht vor uns 
entrollt; zu allen Zeiten hat sich vielmehr die Logik an 
die gleichalterige Mathematik gewandt, um Beispiele feiner 
tiefsinniger und wirksamer Untersuchungsmethoden zu 
finden; ein deutliches Zeichen davon, daß das Denken 
Gelegenheit zur Arbeit genug findet, auch wenn es, von 
einer fremden Außenwelt noch absehend, nur die Natur 
seiner eigenen Gebilde ergründen will. Der Jurisprudenz 



190 Vorbemerkung. 

gaben allerdings die Verhältnisse der irdischen Wirklichkeit, 
in welche der Mensch mit seinen Bedürfnissen und An- 
sprüchen verwickelt ist, die Veranlassung der Entstehung; 
aber zu ordnen sucht sie diese Wirklichkeit und unsere 
Beziehungen zu ihr durch Satzungen, die, obwohl der Natur 
gegenüber Erzeugnisse der Willkür, dennoch die noth- 
wendigen Folgen von Ideen des Rechts und der Billigkeit 
sind, Folgen einer seinsollenden Wahrheit, die nur in 
unserem Geiste selbst ihre Heimat hat. Nichtsdestoweniger 
ist auch hier logischer Scharfsinn beständig beschäftigt, 
immer genauer und untadelhafter den Zusammenhang der 
einzelnen gefundenen Folgerungen unter einander und mit 
jenen höchsten Principien darzulegen, aus denen sie fließen. 
Beide Wissenschaften beweisen mithin, daß die Logik, um 
Gegenstände ihrer Anwendung zu haben, sich nicht an eine 
äußere Wirklichkeit zu wenden braucht, daß sie übergenug 
Arbeit findet, wenn sie den Zusammenhang des Denkbaren 
und Denknothwendigen durchforscht, daß endlich die innere 
Welt unserer Vorstellungen ausgedehnt genug ist, um un- 
bekannte Gegenden zu enthalten, die mit den Mitteln einer 
geordneten Untersuchung noch zu entdecken sind. 

153. Mit dieser Vorstellungsweise kann man sich nun 
zu den Naturwissenschaften zurückwenden. Gegenstand 
unserer Forschung wird auch die vorausgesetzte Außenwelt 
doch nur so weit, als sie auf irgend einem Wege, der uns 
hier nichts angeht, zu einer Welt von Vorstellungen in uns 
geworden ist; wir betrachten zergliedern und untersuchen 
nicht jenes Unsichtbare, das außer uns liegen mag, sondern 
das sichtbare Bild, das sich von ihm in unserem Bewußtsein: 
entwirft. Welche gesetzlichen Zusammenhänge wir auch 
immer, als Ergebniß einer langen Arbeit, zwischen den 
unbekannten Bestandtheilen dieses unbekannten Aeußern 
glauben annehmen zu müssen: alle diese Behauptungen 
gründen sich doch immer auf die nicht minder gesetzlichen 
Beziehungen, die zwischen den Inhalten unserer Vorstellun- 
gen entweder ein für allemal bestehen, oder veränderlich 
wechseln. Was auch immer die hervorbringenden Ursachen 
dieses Wechsels sein mögen, die Gesetze, nach denen er 
erfolgt, können wir immer nur aus seinem Inhalt selbst,, 
aus der Reihenfolge erkennen, in der bestimmte Vor- 
stellungen in unserem Bewußtsein auf bestimmte folgen^ 
aus der beständigen Verknüpfung einiger, der Unvereinbar- 
keit anderer. Auch für die Betrachtung der Außenwelt 



Vorbemerkung. 191 

reicht es daher hin, sie zunächst als eine irgendwie in 
uns begründete Vorstellungswelt anzusehen; gleichviel, ob 
die Erscheinungen, die uns umgeben, einer wirklichen Welt 
äußerer Dinge entsprechen, oder ob sie Erzeugnisse einer 
schöpferischen, von unbekannten Antrieben geleiteten Ein- 
bildungskraft in uns selbst sind, die Entdeckung des Zu- 
sammenhanges zwischen ihnen wird immer dieselben Me- 
thoden der Untersuchung nöthig machen. Diese Auffassung 
wünsche ich, bei dem Uebergang zur angewandten Logik, 
festgehalten zu sehen, Sie soll indessen nur hier, am 
Anfang, die systematische Stellung der folgenden Betrach- 
tungen bezeichnen; innerhalb dieser selbst thun wir der 
gewohnten Vorstellungsweise keinen Zwang an; möge man 
immerhin die Anstrengungen des Denkens hier auf eine 
wirkliche Außenwelt bezogen denken ; nur wenn man findet, 
daß auf das Verhältniß dieser Welt zu unserem Vorstellen 
noch gar keine Rücksicht genommen wird, möge man hier- 
von die Rechtfertigung in dem Inhalt dieser kurzen Vor- 
bemerkung finden, das Eingehen aber auf den Sinn der 
hier abgelehnten Frage in dem dritten Theile dieser ganzen 
Darstellung erwarten. 



Erstes Kapitel. 

Die Formen der Definition. 

154. Innere Zustände, Empfindungen und Vorstellungen, 
Gefühle und Strebungen, lassen sich nicht nach der Weise 
von Stoffen überliefern, die ablösbar von dem ersten Be- 
sitzer und fertig von Hand zu Hand gereicht werden; wir 
theilen sie nur mit, indem wir das Gemüth des Andern 
unter Bedingungen versetzen, unter denen er genöthigt sein 
wird, sie von neuem selbst in sich zu erfahren oder zu 
erzeugen. Geradezu auf Herstellung äußerer Bedingungen 
der Wahrnehmung würden wir angewiesen sein, wenn es 
sich um die erste Mittheilung eines noch unbekannten 
Inhalts handelte, der zu einfach wäre, um durch Denken 
erzeugt, oder zu verwickelt, um durch dasselbe erschöpft 
zu werden. Hätte die Seele des Andern noch nie Licht 
gesehen. Töne gehört oder sinnlichen Schmerz empfunden, 
so bliebe jins nur übrig, sein Auge in den Bereich einer 
Lichtquelle zu bringen, Schallwellen auf sein Ohr zu leiten 
und durch einen auf seinen Körper ausgeübten Reiz ihn 
das Wehgefühl erleben zu lassen, das wir selbst auf keine 
andere Weise kennen gelernt hatten. Wünschen wir ihm 
eine noch ihm unbekannte Person kenntlich zu machen, 
so wird die Beschreibung der zahllosen kleinen Merkmale, 
die sie von anderen unterscheiden, immer unsicher sein, 
aber der hinweisende Finger wird ihm genau diejenige 
zeigen, die wir meinen. Daß überall da, wo sie überhaupt 
anwendbar ist, diese unmittelbare Hinweisung auf den Gegen- 
stand selbst oder auf eine ähnliche Abbildung desselben 
nützlich bleibt, bedarf nur dieser Erwähnung. Für die 
Fragen aber, welche uns hier angehen, machen wir eine 
doppelte weitere Voraussetzung: zuerst die eines reich- 
lichen Besitzes früherer Erlebnisse, die denen gemeinsam 
sind, zwischen welchen eine Mittheilung stattfinden soll, 
dann die einer für beide Theile verständlichen Sprache, 



Die Formen der Definition. 193 

mit deren einzelnen Worten, in großer Ausdehnung wenig- 
stens, das Bewußtsein beider dieselben einzelnen Vor- 
stellungsinhalte verknüpft. Durch die Reihenfolge der ge- 
sprochenen Worte rufen wir dann in der Erinnerung des 
Andern die mit ihnen verbundenen Vorstellungen in der- 
jenigen Ordnung hervor, die für ihn die innere Bedingung 
ist, das Mitzutheilende in seinem eigenen Bewußtsein zu 
erzeugen oder zu erfahren. 

155. Auch diese Mittheilungsform schließt noch manches 
ein, was unsere logische Betrachtung nur nebenher be- 
achten kann. Poesie und die Beredsamkeit des Lebens 
suchen beide auf diesem Wege nicht nur Vorstellungsgebilde 
mitzutheilen ; sie rechnen darauf, daß an diese vorgeführten 
Bilder sich Gefühle der Lust und Unlust, der Billigung und 
Mißbilligung, der Begeisterung und des Abscheus anknüpfen 
werden. Die Wirkungen, die sie so erzeugen, sind mächtig, 
aber unsicher. Denn für die blos vorstellende Auffassung 
von Thatbeständen zwar sind die verschiedenen Seelen 
gleichmäßig genug organisirt und ihre allgemeinen Gewohn- 
heiten des Wahrnehmens ändern sich nicht; in der 
Schätzung der Gefühlswerte dagegen, die wir dem Wahr- 
genommenen, beilegen, macht sich nicht nur die ursprüng- 
liche Verschiedenheit der geistigen Temperamente, sondern 
auch die Veränderlichkeit der augenblicklichen Stimmung 
gelten, die von dem eben Erlebten abhängig ist. Schon 
den wirklichen Thatsachen kommen daher Verschiedene 
mit sehr ungleicher Empfänglichkeit entgegen ; noch weniger 
können wir hoffen, durch die stets unvollständige Erinnerung, 
welche an diese Thatsachen die Rede zu erwecken vermag, 
in Andern genau dieselbe Gemüthsbewegung wieder zu 
erzeugen, in die sie uns versetzt hatten. Inwieweit kunst- 
volle Lenkung des Vorstellungslaufs und wohlabgemessener 
sprachlicher Ausdruck die Zweideutigkeit des Erfolgs zu 
mindern dienen, mögen Poetik und Rhetorik lehren ; unsere 
eigene Aufgabe beschränken wir enger auf die Mittheilung 
nur dessen, was in uns aus einem Zustande, den wir leiden, 
sich schon zu einer Vorstellung abgeklärt hat, die wir fassen : 
der Gedanken also, nicht der Gefühle und Stimmungen, 

156. Die Sicherheit auch dieser Mittheilung scheint da- 
durch gefährdet, daß dieselben Worte doch nicht immer 
dem Sprechenden und defti Hörenden dasselbe bedeuten. 
Gibt es doch, noch abgesehen von später entstandenem 
Gleichklang ursprünglich verschiedener Wurzeln, in jeder 

Lotze, Logik. 13 



194 Erstes Kapitel. 

Sprache der Worte viele, die mehrere sehr verschiedene 
Gegenstände bezeichnen; allerdings in Folge einer Aehn- 
lichkeit, die diese Dinge untereinander haben, aber doch 
einer Aehnlichkeit, die nicht immer dem, welcher sich der 
überlieferten Worte bedient, noch eben so bemerklich ist, 
wie dem ersten Urheber so übertragener Bedeutungen. Und 
selbst diejenigen Namen, mit denen alle dasselbe bezeichnen, 
verbürgen nicht eine gleiche Auffassung des Bezeichneten 
in allen; die besonderen Umstände, unter denen jeder Ein- 
zelne zur Kenntniß der Sache kam, der eigenthümliche 
Standpunkt, von dem aus er sie zuerst ins Auge faßte, 
die Verknüpfung mit anderen, in der er sie fand und aus 
welcher er sie lösen mußte, geben seiner Ansicht von ihr 
eine eigenthümliche Färbung und machen ihn zu anderen 
Folgerungen geneigt, als derjenige erwartete, der durch 
Nennung des gemeinschaftlich gebrauchten Wortes dem 
Gedankengang eine bestimmte Richtung zu geben dachte. 
Es ist unmöglich, diese Thatsachen zu leugnen, gefährlich, 
sich ganz sorglos über sie hinwegzusetzen, aber doch auch 
ungeschickt, sie zu übertreiben; der Verkehr des Lebens 
beweist hinlänglich, in wie ausgedehntem Umfange trotzdem 
die Sprache zu voller Verständigung über die verschiedensten 
Gedanken hinreicht. Gewiß werden Vorstellungen übrig 
bleiben, deren genaue Mittheilung schwierig ist ; aber be- 
ständen diese Schwierigkeiten nicht, so hätte es ja keinen 
Werth, Regeln zu suchen, nach denen durch passende 
Benutzung unzweideutiger Worte die Zweideutigkeit anderer 
zu beseitigen und ihr Inhalt identisch für jeden Mit- 
sprechenden festzustellen ist. Dem freien Scharfsinn des 
Mittheilenden bleibt hier überlassen zu beurtheilen, welche 
Worte für zweifellos genug gelten können, um andere zu 
erläutern ; aber wie weit man auch das Bedürfniß noch 
empfinden mag, in diesem Geschäft zurückzugehen und 
zuvor die Mittheilungsmittel eindeutig zu machen, deren 
man sich bedienen will: immer wird man nur zwei Wege 
betreten kt)nnen, den der Abstraction und den der Con- 
struction. 

157. Wir verdeutlichen den Inhalt eines Begriffes M 
durch Abstraction, indem wir zuerst auf eine Anzahl 
bekannter Beispiele hinweisen, in deren jedem M mitgedacht 
wird, dann aber von diesen Beispielen das abzusondern 
befehlen, was zu dem mitzutheilenden Inhalte des M nicht 
gehört. Auf diesem Wege sind ursprünglich alle unsere 
allgemeinen Begriffe und Vorstellungen entstanden; die 



Die Formen der Definition. 195 

einen, indem das Gemeinsame vieler Eindrücke sich voii 
selbst zum Gegenstand einer neuen gesonderten Vorstellung 
heraushob, die anderen, indem die nachdenkende Aufmerk- 
samkeit diesen Vorgang mit Absicht leitete. Und auf den- 
selben Weg kommen wir alle im Falle des Bedürfnisses 
zurück; der logisch Ungebildete, wenn er, die alte Klage 
des platonischen Sokrates, die Frage, was er unter M ver- 
stehe, nur mit den Beispielen beantwortet, in denen er M 
mitdenkt, dem Fragenden aber die Mühe überläßt, ihr Ge- 
meinsames, von dem die Rede sein sollte, von Nicht- 
zugehörigem zu sondern. Aber auch der logisch geschulte 
Verstand verfährt nicht anders; wie sauber auch der Aus- 
druck, den er dem Allgemeinen gibt, nur dessen eigenen 
Inhalt, ohne Erinnerung an einzelne Beispiele, enthalten 
mag : gewonnen ist doch dieser Ausdruck durch eine in der 
Stille ausgeführte Vergleichung vieler Einzelfälle. Nur diese 
Vergleichung lehrt uns, welche Merkmale des M vollständig 
bestimmt sein müssen, damit der Ausdruck seines Begriffs 
alles ausschließe, was ihm fremd ist; welche anderen Merk- 
male man unbestimmt zu lassen hat, um in M alles ein- 
zuschließen, was ihm als Beispiel zugehört; nur die Thiat- 
sache endlich, daß Beispiele überhaupt sich finden lassen, 
überzeugt uns davon, daß dies M, um dessen Feststellung 
wir uns bemühen, einer Feststellung fähig ist, daß es 
eine Aufgabe bedeutet, die im wirklichen Vorstellen sich 
auflösen läßt, nicht ein Hirngespinst widersprechender Be- 
standtheile, deren Vereinigung man zwar in Worten fordernj 
aber in der That nicht ausführen kann. - 

158. In jedem Falle bleibt es daher nützlich, dieseri 
Weg der Abstraction zu betreten und Begriffsbestimmungen, 
die man auf andere Weise gefunden hätte, wenigstens nach- 
träglich durch Aufweisung ihrer Beispiele zu beglaubigen. 
Ausschließlich anwendbar ist dies Verfahren überall, wo 
es sich um Festsetzung der einfachsten Begriffe handelt, 
die einem zusammengehörigen Kreise von Vorstellungen 
zu Grunde liegen. Sie kann man nur aufweisen, indem 
man von ihren bekannten Anwendungsbeispielen alles ab- 
zieht, was nicht zu ihrer Bedeutung gehört, aber man kann 
sie niemals aus Bestandtheilen zusammensetzen, welche 
sie nicht besitzen. Die auf diesen unmöglichen Zweck' 
verschwendete Mühe endet Immer mit dem fehlerhaften 
Cirkel, der unter den Mitteln, die er zum Aufbau brauchen 
will, eben das, was aufzubauen war, ganz und vollständig, 
wenn auch versteckt unter fremdartigen Bezeichnungen, 

13* 



196 Erstes Kapitel. 

voraussetzt. So sind in unserer Vorstellung des Werdens 
ohne Zweifel die Vorstellungen des Seins und des Nichtseins 
als zwei zusammengehörige Beziehungspunkte verbunden; 
wer aber das Werden als Einheit beider bestimmen wollte, 
würde nicht zum Ziele kommen. Er würde zuerst ver- 
pflichtet sein, die bestimmte Bedeutung festzustellen, die 
hier die an sich sehr vieldeutige Bezeichnung der Einheit 
haben soll. Sie kann nicht das bloße Zusammensein der 
beiden Vorstellungen des Seins und des Nichtseins in dem- 
selben Bewußtsein meinen, denn zu offenbar ist das Werden 
der Inhalt einer Beziehung, die zwischen den Inhalten 
beider stattfindet. Vereinigen wir aber Sein und Nichtsein 
an irgend einem mit sich identischen Subject als zugleich 
und in gleicher Weise gültige Prädicate, so erreichen wir 
nicht das Werden, sondern sehen uns blos der Unmöglich- 
keit gegenüber, diese sich widersprechende Aufgabe im 
Denken wirklich auszuführen. Trennen wir darum Sein 
und Nichtsein des Subjects wieder und lassen das eine von 
ihm gelten, wenn das andere nicht gilt, so schließt auch 
dieser Wechsel das Werden nicht ein; es fällt zwischen 
beide Zeitpunkte und liegt in keinem von beiden. Man 
wird daher beide wieder aneinander rücken; aber so lange 
sie außereinander bleiben, wird auch das Werden außer 
ihnen liegen; man wird es nur erfassen, wenn man es 
weder im Sein noch im Nichtsein, noch in einer ruhenden 
Einheit beider, sondern nur in dem Uebergang von einem 
zum andern sucht. In dieser Vorstellung des Uebergangs 
aber, oder in jeder anders ausgedrückten, die man ihr 
substituiren möchte, wird man, nur unter anderem Namen, 
den wesentlichen Sinn unserer Vorstellung vom Werden 
wiedererkennen. Völlig eigenartig, wie sie ist, kann daher 
diese Beziehung zwischen Sein und Nichtsein nur durch 
sich selbst gedacht, nur aus den Beispielen, in denen sie 
mitgedacht wird, abgesondert, aber nicht durch Zusammen- 
setzung aus Vorstellungen, in denen sie noch nicht ent- 
halten wäre, erzeugt werden. Ganz dieselbien Betrachtungen 
gelten von den gleich einfachen Begriffen des Seins des 
Wirkens des Vorstellens der Bejahung der Verneinung; 
und ganz in der dargestellten Weise bestimmt die euklidische 
Geometrie die Fläche als Grenze des Körperraums, die 
Linie als Grenze der Fläche, den Punkt als Grenze der 
Linie, indem sie jedesmal die einfachere Vorstellung, deren 
Auffassung schwieriger ist, durch Abstraction des nicht zu 
ihr Gehörigen aus der zusammengesetzteren finden lehrt. 



Die Formen der Definition. 197 

welche der Anschauung näher liegt oder eben vorher be- 
stimmt worden ist. 

159. Das entgegengesetzte Verfahren würde den Namen 
der Construction ganz nur dann verdienen, wenn es 
ihm gelänge, aus einer bestimmten Anzahl eindeutiger Theil- 
vorstellungen durch eine Reihe gleichfalls eindeutig be- 
stimmter Denkhandlungen, die es an ihnen vorzunehmen 
beföhle, den mitzutheilenden Inhalt vollständig zusammen- 
zusetzen. Fast nur die mathematischen Begriffen und einige, 
die aus den Anwendungen der Mathematik entspringen, 
Begriffe, die als Erzeugnisse unseres Denkens nur ent- 
halten, was dieses in ihnen vereinigt hat, sind dieser Be- 
handlung wirklich fähig. Sie sind es, weil die Theilvor- 
stellungen, die zu dem gemeinten Ganzen gehören, sich 
vollzählig angeben lassen und weil nicht blos jede der- 
selben, sondern auch jede der Verbindungsweisen, die 
zwischen mehreren stattfinden sollen, außer der quali- 
tativen Beschaffenheit, durch die sie sich von anders- 
gearteten unterscheidet, auch noch die Angabe des Maßes 
gestattet, durch welches sie von andern ihres Gleichen 
unterscheidbar ist. Nichts bleibt daher hier unbestimmt, 
was bestimmt sein sollte ; und wer der gegebenen Anweisung 
folgt, muß vor seinem Bewußtsein das zu erzeugende Bild 
mit demselben Grade der Individualität oder Allgemeinheit 
entstehen sehen, mit welchem der Mittheilende es zu über- 
liefern strebte. Beziehen sich dagegen unsere Mittheilungs- 
wünsche auf Gegenstände der Wirklichkeit, so begegnen 
sie bekannten Schwierigkeiten. Nicht aus einer begrenzten 
Anzahl von Beziehungspunkten, die man in Verbindungen 
von ebenso begrenzter Zahl zu bringen hätte, sondern aus 
unzähligen Theilvorstellungcjn besteht das Vorstellungsbild 
eines wirklichen Gegenstandes ; und diese Theilvorstellungen 
sind unvergleichbar, so weit sie verschiedenen Sinnen an- 
gehören, selbst die gleichartigen aber nur durch allgemeine 
Namen zu bezeichnen, genauen Maßbestimmungen schwer 
zugänglich, die Verbindungen endlich zwischen allen diesen 
Elementen unübersehbar, überhaupt wahrnehmbar nur so 
weit sie in äußerlicher räumlich zeitlicher Anordnung be- 
stehen, und auch dann wegen mangelnder Kenntniß eines 
durchgreifenden Bildungsgesetzes auf keinen zusammen- 
fassenden Ausdruck zurückzubringen. Solcher Fülle gegen- 
über schwächt sich die Construction zur Beschreibung 
ab. Diese, wenn sie ihre Aufgabe versteht, wird sich zuerst 
bemühen, die großen Umrisse des ganzen mitzutheilenden 



198 Erstes Kapitel. 

Inhaltes festzustellen, sei es, daß sie dies noch durch eine 
einfache Construction leistet, oder daß sie von bekannten 
ähnlichen Inhalten als Gleichnissen ausgeht und durch nach- 
trägliche Veränderung und Verschiebung, durch Hinweg- 
nahme einzelner und Hinzufügung anderer Züge, aus diesen 
den Grundriß ihres mitzutheilenden Bildes zu Stande bringt. 
In ihn wird dann die Fülle der Einzelmerkmale eingetragen, 
niemals vollständig, denn sie pflegt unermeßlich zu sein, 
sondern mit geschickter Auswahl derjenigen, von denen 
zu hoffen, daß ihre Erwähnung die Aufmerksamkeit sogleich 
bestimmen wird, auch die unerwähnten aus eigener Er- 
innerung zu ergänzen. Wie große Wirkungen prägnantester 
Anschaulichkeit die Poesie auf diesem Wege erzeugt, bedarf 
nur dieser Erinnerung; ebenso deutlich aber ist die Un- 
sicherheit dieses Erfolges. Die Ergänzungen des Nicht- 
erwähnten fallen in jedem andern Gemüth anders aus; wäre 
es ausführbar, die verschiedenen Gesammtanschauungen 
sichtbar zu machen, welche dieselbe Beschreibung in ver- 
schiedenen Hörern erweckt, so würden ihre Abweichungen 
die Unzulänglichkeit jeder Beschreibung zur Begründung 
bestimmter auf sie zu stützender Folgerungen beweisen. 
Für wissenschaftliche Zwecke bedarf daher die Beschreibung 
einer Regelung ihres Verfahrens, welche sie in der De- 
finition findet. 

160. Man pflegt zur Definition eines Begriffes M 
die Angabe seines nächsthöheren Gattungsbegriffs G, des 
genus proximum, und die des charakteristischen Merk- 
mals d, der differentia specifica, zu verlangen, durch welche 
sich M von andern Arten des G unterscheidet. Durch die 
Forderung des Gattungsbegriffes G wird der willkürliche 
und launenhafte Gang der Beschreibung eingeschränkt; ihr 
stand es frei, an jedem beliebigen Punkte ihres Gegen- 
standes zu beginnen und ihm, nach welcher Richtung sie 
immer wollte, die übrigen Punkte nach und nach anzu- 
reihen, wenn sie sich nur zutrauen durfte, am Schlüsse 
ihres Verfahrens das deutliche Bild des Gemeinten zu 
liefern. Ohne die Anwendung vieler Allgemeinbegriffe würde 
indessen auch sie nicht zum Ziele kommen; anstatt diese 
nun willkürlich zu wählen, verlangt die Definition, daß 
man von demjenigen Allgemeinen ausgehe, in welchem 
der größte Theil der zu leistenden Constructionsarbeit schon 
fertig und vollzogen vorliegt, und welches, durch einen 
eindeutigen Namen sprachlich bezeichnet, in jedem Be- 
wußtsein als eine bekannte Anschauung vorausgesetzt 



Die Formen der Definition. 199 

werden kann, geeignet als Grundriß für die Einzeichnung 
der Einzelmerkmale zu dienen, durch welche das mit- 
zutheilende Bild vollendet wird. Bezeichnet man uns ein 
noch nie gesehenes Geschöpf als Vogel, so gibt dieser 
Allgemeinbegriff uns mit einem Male die deutliche Vor- 
stellung einer Anzahl untereinander auf charakteristische 
Weise verknüpfter Glieder und zugleich der besonderen Art 
der Beweglichkeit und des lebendigen Gebrauchs, zu dem 
sie dienen ; in diesen Grundriß tragen wir leicht die weiteren 
besonderen Merkmale ein, denn er selbst bestimmt die 
Stellen, an die jedes gehört. Wir würden dagegen nie eine 
gleich deutliche Vorstellung des unbekannten Geschöpfes 
erhalten, wenn wir sie aus den Urbestandtheilen zusammen- 
setzen sollten; endlos würde die Arbeit sein, alle ver- 
schiedenfarbigen Punkte seiner Gestalt nach Lage und dem 
Maß ihrer Verschiebbarkeit aufzuzählen, so daß daraus 
auch nur das anschauliche Sinnesbild derselben entstände; 
noch endloser wäre es, an dies Bild die Eigen thümHchkeiten 
der Lebensweise und des Benehmens zu knüpfen, die alle, 
wenn nicht zur Anschauung, so doch zur Vorstellung des 
tu schildernden Thieres gehören. Man begreift also den 
Werth der Abkürzung, welche durch den Ausgang von einem 
als bekannt annehmbaren Allgemeinbegriffe entsteht; man 
begreift ebenso, daß nun zum Ausgangspunkt nicht mehr 
irgend ein höheres Allgemeine, sondern ausdrücklich nur 
das genus proximum zu wählen ist, welches sich durch 
den Bestand und die Verbindung seiner Merkmale am 
engsten an den zu definirenden Begriff anschließt und 
mithin für jede der letzten Determinationen, die diesen 
endgültig bestimmen, den Punkt, an welchem, und die Art, 
in welcher sie anzubringen ist, eindeutig vorschreibt. Von 
einem höheren Allgemeinen als von diesem ausgehend, 
würden wir nicht nur die noch zu leistende Arbeit wieder 
vermehren, auf deren Abkürzung die Definition zielte, 
sondern auch den Erfolg gefährden. Denn eine ganze Reihe 
weiterer Merkmale würden wir jetzt hinzufügen müssen, 
um auf dem weiten Weg von jenem unbestimmteren All- 
gemeinen bis zu unserem speciellen Gegenstande herab 
alles Fremdartige auszuschließen, und jedes neue Merkmal 
Würde eine neue Fehlerquelle öffnen, denn kaum ausführbar 
ist es, die Art und Weise, in der jedes sich den früheren 
anschließen soll, völlig genau zu bestimmen, ohne sich auf 
eine Anschauung zu berufen, die man hierüber in jedem 
Bewußtsein schon voraussetzen darf. Wir würden daher 



200 Erstes Kapitel. 

auf diesem Wege jenes genus proximum in der Bestimmtheit 
und Sicherheit nicht wieder erzeugen, in welcher wir es, 
sogleich seinen Namen nennend, in der Erinnerung hervor- 
rufen können, und deren es bedarf, um als Grundriß für 
die Einzeichnung der letzten Charakteristik des mitzutheilen- 
den Begriffes zu dienen. Was wir so erreichten, würde 
mehr oder weniger ein Räthsel sein. Denn wenn wir 
Räthsel aufgeben, verfahren wir so: an ein sehr un- 
bestimmtes Allgemeine, an ein Etwas überhaupt, befehlen 
wir unmittelbar Prädicate anzuknüpfen, die nur an einem 
sehr bestimmten Einzelsubject vereinbar sind, und über- 
lassen nun dem Scharfsinn, dies Subject oder zunächst 
das genus proximum zu finden, welches diese Vereinbarkeit 
begründet. 

161. Bisher galt uns die Definition als methodische 
Beschreibung. Sollte sie dies bleiben, so müßte sie von M 
vollständig die Modificationen p^ qi r^ angeben, in welchen M 
die allgemeinen Prädicate P Q R seiner Gattung G enthält. 
Anstatt dieser Vielheit verlangt die gewöhnliche Vorschrift 
der Definition nur die Bezeichnung des einen Merkmals d, 
der specifischen Differenz, durch die sich M von allen andern 
Arten der Gattung G unterscheidet. Die Definition stellt 
sich hiermit offenbar eine beschränktere und darum aus- 
führbarere Aufgabe als die Beschreibung; sie will nicht 
mehr den ganzen Gehalt des M positiv darstellen, sondern 
nur das Kennzeichen namhaft machen, durch welches M 
von allem sich abgrenzen läßt, was nicht M ist; hierauf 
beruhen die Namen definitio und ÖQiojuog, beide nur Ab- 
grenzung des einen vom andern verlangend. Und hierauf 
muß in der That die allgemeine Aufgabe der Definition 
beschränkt werden. In den weiteren Anwendungen des 
Denkens macht sich allerdings der Trieb gelten, nicht nur 
zu unterscheiden, sondern das Unterschiedene vollständig 
zu erkennen; dann macht man gesteigerte Ansprüche an 
die Definition; dann will man als specifische Differenz 
nur eines jener wirklich artbildenden Merkmale zulassen, 
dessen Vorkommen einen entscheidenden Einfluß auf die 
Modificationen hat, in welchen auch alle übrigen, von der 
Definition verschwiegenen, Merkmale des Allgemeinen G 
dem Definiendum M zukommen. Diese hohen Forderungen 
sind jedoch ganz nur am Ende einer Untersuchung erfüllbar, 
welche uns M völlig kennen gelehrt hat und darum die 
Aufgabe übrig läßt und möglich macht, einen abschließenden 



Die Formen der Definition. 201 

und classischen Ausdruck seines Inhalts festzusetzen. Aber 
außer dieser gibt es nicht minder dringliche andere Auf- 
gaben; für den Beginn einer theoretischen Untersuchung, 
die eine Anzahl von M gültiger Sätze noch finden will, 
für ein praktisches Verhalten, das an ein gegebenes Ver- 
hältniß M ihm angemessene Folgen knüpfen soll: für beide 
ist es von äußerster Wichtigkeit und ist zunächst auch 
nur dies von Wichtigkeit, daß unzweideutig und leicht Er- 
kennbar der Umfang jenes M abgegrenzt werde, von welchem 
die zu behauptenden Sätze oder die zu treffenden Ent- 
scheidungen gelten sollen. Hierzu reicht jedes Merkmal d, 
auch das unbedeutendste hin, sobald es nur wirklich ein 
ausschließliches Kennzeichen des M ist. In dem ersten Falle, 
dem einer theoretischen Untersuchung, wird dann der weitere 
Fortgang dieser selbst entweder den Grund kennen lehren, 
welcher die Gültigkeit einer Reihe von Sätzen an dies 
unscheinbare Merkmal d knüpft, oder er wird zeigen, daß 
deren Geltung weitere oder engere Grenzen hat, d folglich 
nicht die passende Charakteristik ihres Subjectes war. In 
dem anderen praktischen Falle wird man vorher, da wo 
es sich noch de lege ferenda handelt, die ganze volle Be- 
deutung eines Rechtsverhältnisses zu erwägen haben, von 
dem das zu gebende Gesetz gelten soll ; wer aber die lex lata 
auszuführen hat, verlangt mit Recht, daß eben diese Vor- 
erwägung ihr die Gestalt einer Definition gegeben habe, 
die nicht durch das tiefsinnigste, sondern durch das am 
leichtesten erkennbare Merkmal d die Fälle, in denen eine 
Entscheidung gelten soll, von denen unterscheidbar macht, 
in welchen sie nicht gelten soll. Man übersieht diese un- 
abweisbaren Aufgaben angewandter Logik, wenn man zu 
geringschätzig von dieser hergebrachten Form der Definition 
denkt, und man mißversteht den guten Sinn vieler Beispiele 
derselben in praktischer Philosophie und Jurisprudenz, wenn 
man in ihnen anstatt der Kennzeichen eines Begriffs M, 
welche sie geben wollen und vollständig geben, eine un- 
zulängliche Bezeichnung des ganzen Inhalts von M sieht, 
welche zu liefern sie überhaupt nicht beabsichtigen. 

162. An diese Bemerkungen schließt sich bequem die 
Erwähnung des Unterschiedes, den man, nicht ganz über- 
einstimmend, zwischen nominaler und realer Definition 
macht. Namen lassen sich aussprechen oder übersetzen, 
definiren aber können wir immer nur ihren Inhalt: unsere 
Vorstellung nämlich von dem, was sie bezeichnen sollen: 



202: Erstes Kapitel. 

die Sache anderseits ist ebensowenig selbst in unserem 
Denken vorhanden, sondern nur das Vorstellungsbild, das 
wir von ihr entworfen haben. Beide Arten der Definition 
scheinen daher dasselbe bezeichnen zu müssen, und in 
der That trifft dies für alles zu, was außerhalb unserea* 
Gedanken keine Wirklichkeit hat und dessen ganzer Inhalt 
deshalb durch das erschöpft wird, was wir von ihm vor- 
stellen. Von einer geometrischen Definition gibt es keine 
reale Definition, die von der nominalen noch unterschieden 
wäre; jede richtige, die wir geben, drückt zugleich die 
ganze Natur dessen, was hier die Sache ist, und zugleich 
die ganze Bedeutung des Namens aus. In anderen Fällen 
bedeutet jedoch der Unterschied beider Definitionsweisen 
etwas, was der Mühe werth ist. Nennen wir die Seele 
das Subject des Bewußtseins, des Vorstellens Fühlens und 
Wollens, so kann dies schickUch eine nominale Definition 
heißen: wir machen damit die Bedingung namhaft, welche 
irgend ein Reales erfüllen muß, um Anspruch auf den 
Namen einer Seele zu haben. Wer aber oder was nun 
dasjenige ist, was durch seine eigenthümliche Natur diese 
Bedingung zu erfüllen im Stande wäre, bleibt völlig dahin- 
gestellt; erst eine Ansicht, welche bewiese, daß entweder 
nur ein übersinnliches und untheilbares Wesen oder nur 
ein verbundenes System materieller Elemente den Träger 
des Bewußtseins und seiner mannigfachen Erscheinungen 
bilden könne, würde die reale Definition der Seele fest- 
gestellt haben. Eine nominale Definition gab Kant von 
der Schönheit, als er sie nicht in der Angemessenheit 
des schönen Gegenstandes zu irgend einem Begriff, nicht 
in seiner Fähigkeit, ein Begehren in uns zu befriedigen, 
sondern in seiner unmittelbaren und auf kein Interesse 
bezogenen Wohlgefälligkeit fand; die reale Definition würde 
die bestimmten Verhältnisse zwischen mannigfaltigen Be- 
ziehungspunkten oder Bestandtheilen nachweisen müssen, 
die jeden Gegenstand, in dem sie vorkommen, zur Erregung 
jenes Wohlgefallens befähigen. Allgemein also : wenn ent- 
weder die Erfahrung uns eine Merkmalgruppe pqr häufig 
vorkommend und beständig beisammen bleibend vorführt, 
öder wenn irgend ein Zusammenhang unserer Untersuchun- 
gen uns veranlaßt, sie zusammenzusetzen und in ihr einen 
Gegenstand weiterer Fragen zu sehen, so bilden wir zuerst 
für sie einen Begriff M, dessen nominale Definition immer 
möglich sein wird, weil sie nur jene Prädicate, die uns zur 
Schaffung seines Namens bewogen, oder die Leistung zu 



Die Formen der Definition. 203 

bezeichnen hat, die wir von dem so benannten Gegenstande 
erwarten. Aber die reale Definition wird nicht immer mög- 
lich sein ; denn nichts verbürgt, daß wir nicht in M Merkmale 
vereinigt haben, deren Verknüpfung wir zwar aus il'gend 
einem Grunde glaubten voraussetzen oder wünschen zu 
dürfen, ohne daß sich doch etwas auffinden ließe, worin 
sie wirklich verbunden vorkämen oder verbindbar wären. 
Da es ein häufiger Irrthum ist, diese bloße Bezeichnung 
einer Aufgabe, die wir gelöst sehen möchten, für die Lösung 
selbst anzusehen, so ist die Unterscheidung beider Defi- 
nitionsarten eine nützliche Warnung. 

. 163. Drei Fehler sind zu vermeiden, welche die Defi- 
nition unzulänglich machen. Ihre Behauptung, M = 2, soll 
zuerst keine Tautologie sein; sie wird aber dazu, sobald 
unter den in Z verbundenen Vorstellungen, durch welche M 
erklärt werden soll, offen oder versteckt M selbst voraus- 
gesetzt wird. Diesen Fehler des circulus in definiendo 
verschuldet häufig Unachtsamkeit, gegen die es keine Regel 
gibt; mit einer gewissen Nothwendigkeit sehen wir uns 
zu ihm geführt, sobald wir in der Form einer Definition 
Einfaches bestimmen wollen, für das es einen superordinirten 
Allgemeinbegriff nicht gibt. Die Definition, als Bestimmung 
eines Begriffes, muß zweitens ein allgemeines Urtheil sein, 
gültig von allen Beispielen dieses Begriffes. Sind nun alle 
Mi=Z, so muß auch die Contraposition gelten: kein M 
ist NonZ; belehrt uns dann weiteres Nachdenken oder neue 
Erfahrung, daß es dennoch M gibt, die Non Z sind, so war 
die Definition : M = Z zu eng, definiendo angustior und galt 
nicht von allen M, von denen sie hätte gelten müssen. Die 
Definition soll endlich reciprocabel sein; sind alle M = Z, 
so müssen auch alle Z = M sein : sobald daher w;eiteres 
Nachdenken oder neue Erfahrung uns zeigt, daß einige Z 
nicht M sind, so war die Definition M = Z zu weit, 
definiendo latior, und schloß einige Non M mit ein, die sie 
hätte ausschließen sollen. Nützlicher als diese Benennung 
der Fehler würde eine Anweisung zu ihrer Vermeidung sein ; 
wir können jedoch deshalb nur auf ihre gewöhnliche Quelle 
hinweisen : auf die Beschränktheit des Beobachtungskreises, 
der jedem Einzelnen in der Regel nur einen und denselben 
Bruchtheil eines ganzen Begriffsumfanges vorführt, und auf 
die Einseitigkeit, in welche unser Gedankengang leicht ver- 
fällt, wenn er neuer Anregung von außen entbehrt. In 
unserem Himmelsstrich drängt sich das sommerliche Er- 



204 Erstes Kapitel. 

wachen der Pflanzenwelt und ihr Winterschlummer unserer 
lebhaften Theilnahme auf; das thierische Leben scheint, 
in stetiger Regsamkeit begriffen, den vollen Gegensatz zu 
bilden. Eine wissenschaftliche Unterscheidung nun zwischen 
Thier und Pflanze wird man hierauf zwar nicht gründen; 
aber unzählige Gleichnisse, deren sich Poesie und Bered- 
samkeit bedienen, zeigen doch, daß wir gewohnt sind, die 
jährliche Periodicität als wesentlichen Charakter der Pflanze 
zu betrachten. Eine Definition, die dies ausspräche, würde 
zu eng und zu weit auf einmal sein ; sie würde die tropischen 
Pflanzen ausschließen, die in absatzloser Vegetation leben, 
und sie würde die winterschlafenden Thiere einschließen, 
die in unserem Klima der hauptsächlich auf Hausthiere 
gerichteten Aufmerksamkeit leicht entgehen. Wer politische 
und sociale Rechte und Pflichten aller Staatsangehörigen 
neu begründen möchte, dem begegnet es wohl, nur an die 
Männerwelt zu denken, innerhalb deren die Verhandlungen 
geführt zu werden pflegen, und seine Vorschläge werden 
zu weit, indem sie für alle verlangen, was sie nur für die 
Männer meinen, oder zu eng, indem sie nur in Rücksicht 
auf diese etwas aussprechen, was für alle Geltung haben 
muß. Wir ziehen hieraus die allgemeine Lehre, man solle 
keine Aufgabe aus dem Stegreif behandeln, sobald man die 
Möglichkeit hat, durch Verkehr mit Anderen oder durch 
Berücksichtigung von Gesichtspunkten, welche die über- 
lieferte Wissenschaft schon zusammengestellt hat, die Be- 
schränktheit der eigenen Erfahrung zu erweitem; die Gre- 
lehrsamkeit ist an sich nicht erfinderisch, aber größere 
Sicherheit vor extremen Irrthümern hat sie, wie jede 
Schulung und Disciplin, vor blos naturalistischem Verfahren 
voraus. 

164. Man stellt außerdem an die Definition Forderungen 
der Eleganz und Kürze, die ich an einem einfachen Beispiele 
durchgehen will. Wer den Kreis die krumme Linie nennt, 
deren sämmtliche Punkte gleichweit von ihrem Mittelpunkte 
entfernt sind, begeht zuerst den wirklichen Fehler einer 
zu weiten Definition. Denn ziehen wir, auf der Oberfläche 
einer Kugel, eine Schlangenlinie, die mit gleichen und ab- 
wechselnd entgegengesetzt gerichteten Bögen einen größten 
Kreis umläuft, so sind alle Punkte dieser Linie gleichweit 
vom Mittelpunkt der Kugel entfernt. Braucht dann die 
Linie eine ungerade ganze Anzahl dieser Doppelbogen, um 
wieder an ihren Ausgangspunkt auf dem größten Kreise 
zurückzukehren, so besteht sie aus unzähligen Paaren an 



Die Formen der Definition. 205 

den entgegengesetzten Endpunkten eines Kugeldurchmessers 
einander gegenüberliegender Punkte; der Mittelpunkt der 
Kugel halbirt also die geradlinige Entfernung zwischen den 
beiden Punkten jedes Paares; er würde mithin in jedem 
Sinne, dem man hier den Namen des Mittelpunktes geben 
könnte, auch der Mittelpunkt der Summe aller Paare, 
d. h. jener Linie sein, die gleichwohl kein Kreis wäre. 
Es war daher nöthig zu sagen, der Kreis sei die ebene 
krumme Linie, die jene Bedingung erfüllt. Weiter gilt es 
dann aber als eine Forderung der Eleganz, daß die Definition 
nicht mehr Vorstellungen enthalte, als zur völligen Be^ 
Stimmung des gegebenen Begriffs unentbehrlich sind. Man 
kann deshalb verlangen, daß nicht von einer krummen Linie, 
sondern von einer Linie überhaupt die Rede sei; erfüllt 
sie die hinzugefügte Bedingung, so folgt ohnehin, daß sie 
nicht gerade sein kann. Diese Bedingung selbst ist jedoch 
nicht correct ausgedrückt. Die Definition soll unter ihren 
Verdeutlichungsmitteln nicht solche Vorstellungen enthalten, 
welche selbst erst deutlich werden unter Voraussetzung 
des zu definirenden Begriffs. Eine solche Vorstellung ist 
hier gewiß die des Mittelpunktes. Denn hätten wir die 
Anschauung des Kreises noch nicht (und in der That können 
wir wenigstens hier nicht veranlaßt sein, uns dieser An- 
schauung zu erinnern, naphdem wir das Merkmal der 
Krümmung aus unserer Definition weggelassen haben), so 
könnten wir unter dem Mittelpunkt einer Linie zunächst 
nur den Halbirungspunkt ihrer Länge verstehen, und erst 
der Versuch, unter dieser Voraussetzung den Kreis zu 
construiren, würde unsern Irrthum entdecken. Diese dem 
gewöhnlichen Sprachgebrauch naheliegende Bedeutung des 
Mittelpunktes, die uns schon in der Erwähnung unserer 
Schlangenlinie oben zu unwillkommener Weitläufigkeit 
zwang, muß daher in der Definition durch die genaue 
allgemein zutreffende Bestimmung dessen ersetzt werden, 
was für alle Raumgebilde unter diesem Ausdrucke zu ver- 
stehen ist. Diese Bestimmung läßt sich leicht geben, aber 
ich darf sie übergehen, denn es folgt aus ihr, daß, wenn 
es für eine ebene Linie einen Punkt derselben Ebene gibt, 
von dem alle ihre Punkte gleich entfernt sind, eben dieser 
Punkt ihr Mittelpunkt ist. Setzen wir nun diese Definition 
des Mittelpunktes in unsere Definition des Kreises ein, so 
wird die nähere Bedingung, durch welche die ebene Linie 
zum Kreise werden soll, völlig tautologisch und der Sinn 



206 Erstes Kapitel. 

des Ganzen ist offenbar nur noch der: Kreis ist die ebene 
Linie, für die es in derselben Ebene einen Punkt gibt, 
von dem alle ihre Punkte äquidistant sind. So ist die 
Definition dem Inhalt nach richtig; dennoch läßt sie sich 
formell bemängeln. Denn nachdem wir den Begriff des 
Mittelpunktes hinweggelassen haben, erinnern wir uns, daß. 
nur seine Beibehaltung uns nöthigte, den äquidistanten 
Punkt in derselben Ebene zu suchen ; nicht dieser wirkliche 
Mittelpunkt allein, sondern jeder Punkt einer durch ihn 
senkrecht zu der Ebene der Linie gelegten Axe erfüllt die 
Bedingung, gleichweit von allen Punkten der Linie zu sein> 
Es reicht daher hin zu sagen : Kreis ist die ebene Linie, 
für deren sämmtliche Punkte es einen äquidistanten Punkt 
gibt; daß es solcher Punkte viele gibt und wo sie liegen, 
kann unerwähnt bleiben; der Versuch, die Linie nach dieser 
Anweisung zu construiren, lehrt beides ohnehin. Auch so 
endlich entspricht die Definitiim noch nicht allen Wünschen. 
Sie sagt zwar, daß alle Punkte des Kreises äquidistant von 
einem und demselben Punkte sind, aber sie läßt unent- 
schieden, ihrer Form nach, ob alle von diesem Punkte 
äquidistanten Punkte auch Punkte des Kreises sind oder 
nicht. Sie sind es nun aber, sobald sie in derselben Ebene 
liegen, und um dies mit auszudrücken, nennen wir endlich 
den Kreis die Linie, welche alle von irgend einem Punkte 
äquidistanten Punkte einer Ebene enthält. 

165. Ueber die Anforderungen an die Definition, die 
wir an diesem Beispiele durchgingen, kann man verschieden 
urtheilen. Die Anwendung von Vorstellungen, die un- 
abhängig von dem zu definirenden Begriffe sich zwar be- 
stimmen lassen, aber doch, wenigstens außerhalb des Zu- 
sarhmenhanges einer wissenschaftlichen Behandlung, volle 
Deutlichkeit erst durch ihn selbst erhalten, wie hier die 
der Vorstellung vom Mittelpunkt, ist ein jedenfalls zu ver- 
meidender Fehler. Die Hinzufügung überflüssiger Bestim- 
mungen hingegen kann unbedenklich erscheinen, da sie 
die Richtigkeit der Definition nicht beeinträchtigt, ihre Ver- 
ständlichkeit dagegen erhöht. Dennoch ist sie zu vermeiden. 
Denn leicht erweckt der Zusatz einer entbehrlichen Neben- 
bestimmung z, eben weil ihre Entbehrlichkeit nicht mit 
ausgesprochen wird, den falschen Nebengedanken, sie ge- 
höre dazu, um das zu definirende M von einem NonM zu 
unterscheiden, von welchem, mit einziger Ausnahme von z* 
selbst, alle Behauptungen der Definition auch gültig seienu 
Nennen wir den Kreis die krumme ebene Linie, für dereß 



Die Formen der Definition. 207 

Punkte es einen äquidistanten Punkt gibt, so hat es formell 
den Anschein, als gäbe es auch gerade Linien, die derselben 
Bedingung genügten. Wenig schadet dies in diesem ganz 
einfachen Falle; aber wirkliche Nachtheile können in ver- 
wickeiteren aus jener scheinbar harmlosen Hinzufügung 
des Ueberflüssigen entstehen. Mindestens hemmt sie uns 
in der Ableitung von Folgen, um deren willen wir die 
Definition doch überhaupt nur aufstellten. Denn es kann 
sich zutragen, daß von einem Q auf irgend eine vielleicht 
mittelbare Weise ganz sicher die Prädicatsumme feststeht^ 
die nach richtiger Definition hinreicht, um Q unter M zu 
subsumiren, daß es aber schwer oder unthunlich ist, direct 
an Q auch noch das Prädicat z nachzuweisen, welches die 
wirklich gegebene Definition überflüssig hinzufügte; dann 
wird man ganz unnützes Bedenken tragen, Q dem M unter- 
zuordnen und die hierdurch zu begründende Folgerung 
wirklich zu ziehen. Es ist daher im Allgemeinen doch 
eine richtige Forderung, die Definition solle nur die zur 
Bestimmung ihres Gegenstandes unentbehrlichen Vorstellun- 
gen enthalten, blos beschreibende Elemente aber aus- 
schließen; sie vergütet dann durch Sicherheit der aus ihr 
zu ziehenden Folgerungen den Mangel an Anschaulichkeit, 
166. Bisher betrachteten wir die übliche Form der 
Definition durch Angabe des nächsten Gattungsbegriffs und 
der specifischen Differenz als die allein gültige. Der un- 
gebildete Verstand definirt zum Aerger der Logiker anders, 
etwa in bekannter ungeschickter Bedeweise: Krankheit ist, 
wenn mir etwas weh thut. Dies freilich bedarf der Ver- 
besserung, aber doch schwerlich so, wie die Logik es etwas 
eigensinnig wünscht, sondern so, wie thatsächlich die Physik 
viele ihrer Begriffe definirt. Die gewöhnliche Form paßt 
leicht sich eigentlich nur einem seiner Natur nach sub- 
stantivischen Inhalt an; wo es sich aber um adjectivische. 
oder verbale Inhalte handelt, ist es nicht blos kürzer und 
klarer, sondern auch richtiger, ihnen im Satzbau der 
Definition die Stelle zu geben, an die sie gehören, und sie 
auf das Subject bezogen erscheinen zu lassen, als dessen 
Zustände oder Eigenschaften sie allein Sinn haben. Mit 
Recht definirt man daher Adjective, wie krank oder elastisch, 
durch Sätze von der Form: krank ist ein lebendiger: 
Organismus dann, wenn seine Functionen von einer be-; 
stimmten Grenze abweichen; elastisch ist der Körper,, 
welcher nach dem Aufhören äußerer Einwirkung seine 
Gestalt herstellt. Und ebenso würden den verbalen Inhalten 



208 Erstes Kapitel. 

leben und sündigen Definitionen entsprechen, welche 
zuerst die Subjecte, von denen beide gelten können, den 
organisirten Körper und den bewußten wollenden Geist, 
und dann die Bedingungen namhaft machten, unter denen 
beide von diesen Subjecten auszusagen sind. Es hat 
schlechthin keinen Nutzen, alle diese Vorstellungsinhalte 
zuerst in substantivische Form zu bringen und sie etwa 
den Allgemeinbegriffen von Zuständen Eigenschaften oder 
Verfahrungsweisen unterzuordnen; daß sie unter diese ge- 
hören, wird unmittelbar deutlich, wenn man ihnen mit 
der ad jecti vischen oder verbalen Form die entsprechende 
Stellung im Satze läßt. Dagegen hat die übliche Definitions- 
weise den Nachtheil, daß sie viel zu sehr daran gewöhnt, 
das, was eben nur Zustand oder Eigenschaft eines Andern 
ist, von diesem seinem Subject abzulösen und als etwas 
Selbständiges zu betrachten. Nachdem man einmal die 
substantivischen Namen der Krankheit der Sünde der Frei- 
heit geschaffen hat, ist es schwer, die seltsame Mythologie 
gaöz abzuwehren, die von dem Inhalt dieser Begriffe wie 
von eigenen Wesen spricht und ihre Entwicklungen verfolgt, 
ohne im Lauf solcher Untersuchungen ernstlich auf die 
realen Subjecte zurückzukommen, als deren Eigenschaften 
Zustände oder Thätigkeiten sie aliein Existenz haben und 
an deren wirkliche Entwicklung ihre scheinbare in jedem 
Augenblicke gebunden bleibt. 

167. Noch immer haben wir als zu definirende Begriffe 
verhältnißmäßig einfache im Sinne gehabt, Begriffe von 
Figuren Dingen Eigenschaften und leichtfaßlichen Verhält- 
nissen; in den Worten der Sprache aber, deren jedes unter 
Umständen eine Definition verlangen kann, finden sich 
häufig sehr verwickelte Beziehungen zwischen sehr mannig- 
fachen Beziehungspunkten in einen einfachen Ausdruck zu- 
sammengezogen. Es würde nur Befangenheit sein, die Be- 
stimmung solcher Begriffe in der regelmäßigen Form einer 
einfachen Definition zu verlangen, und nur nutzlose Pedan* 
terie, die sehr vielfältigen anderen Verfahrungsweisen, die 
man hier benutzen kann, mit besonderen Namen zu ver- 
zieren. Das allgemeine Princip angewandter Logik ist immer 
nur dies, daß alle Wege erlaubt sind, die zu dem richtigen 
Ziele führen; nur den Zweifel darüber, welcher Weg bis 
zu Ende gangbar sein werde, welcher nicht, hofft sie durch 
Angabe der längst geprüften zu heben; neue zu suchen, wo 
neue Bedürfnisse vorliegen, verbietet sie nie. Immer ist 
es daher gestattet, durch vorangehende Beschreibung, durch 



Die Formen der Definition. 209 

Gleichnisse und Analogien, durch Erörterungen aller Art 
in den Sinn der Hülfs Vorstellungen, die man brauchen, 
und in die Eigenthümlichkeit der Verbindungen, die man 
zwischen ihnen herstellen will, vorbereitend einzugewöhnen, 
um dann in einem kurzen und verständlichen, obwohl von 
dem Kreise dieser Voraussetzungen nicht ablösbaren Aus- 
drucke das aufzuzeigen, was man zu bestimmen wünschte. 
Nur noch an eine allgemeine Unterscheidung der Definitionen 
werden wir hierdurch erinnert. Man kann M durch den 
Thatbestand von Merkmalen charakterisiren, den sein Be- 
griff dann aufweist, wenn er fertig vor unserem Bewußtsein 
steht, diese Definition, von der die früher erwähnte des 
Kreises ein Beispiel war, kann die descriptive heißen; 
auf sie sind wir hauptsächlich verwiesen in Bezug auf 
Gegenstände der Wirklichkeit, die wir nur äußerlich kennen 
und deren Definition daher in der That nur eine methodisch 
geregelte Beschreibung ist. Aber man kann M auch dadurch 
feststellen, daß man irgend einen Weg angibt, auf welchem, 
nicht durch bloße Addition, sondern durch beliebige Be- 
nutzung und Verwendung anderer Vorstellungen, die Vor- 
stellung seines Inhalts entstehen muß; diese Definiton 
würden wir genetische nennen, und wir würden, um 
dies ausdrücklich hervorzuheben, unter ihr nicht die An- 
gabe des Hergangs verstehen, durch welchen der Inhalt 
des Begriffs M wirklich entsteht, sondern nur die Bezeich- 
nung des Weges, auf dem die Vorstellung dieses Inhalts 
entstehen kann oder muß. Lassen wir eine gerade Linie 
in derselben Ebene sich um einen ihrer Endpunkte drehen 
und verbinden die successiven Lagen des anderen End- 
punkts, so ist dies eine genetische Definition des Kreises; 
der Kreis nun als solcher entsteht überhaupt nicht; ein be- 
stimmter gezeichneter Kreis aber kann auf andere Weise 
wirklich entstanden sein, nur seine Anschauung entsteht 
auf dem von dieser Definition angegebenen Wege für uns 
gewiß ; sie entsteht aber ebenso, wenn wir beide Axen einer 
Ellipse sich ändern und zuletzt = r werden lassen, oder 
wenn wir einen geraden Kegel senkrecht auf seine Axe 
durch eine Ebene schneiden. Es gibt daher für Vor- 
stellungen, deren Inhalt an sich selbst gar keine Genesis 
hat, nicht nur eine, sondern so viele genetische Definitionen, 
als sich Wege angeben lassen, durch Benutzung anderer 
Vorstellungen die Vorstellung dieses Inhalts zu erzeugen. 
Diesen genetischen Definitionen nun schließen sich, in 
weiterem Sinne, die oben erwähnten gemischten Ver- 

Lotze, Logik. 14 



210 Erstes Kapitel. 

fahrungsweisen an; sie suchen auf Umwegen die Vorstellung 
des Mentstehen zu lassen, wenn die directe Angabe 
des Inhalts, aus weichem M besteht, unausführbar oder 
unbequem wird. 

168. Eigentlich immer, sobald wir die Definition eines 
M unternehmen, suchen wir seinem Inhalt durch sie einen 
höheren Grad der Bestimmtheit zu geben, als er vorher 
besaß. Doch beschränkt sich unsere Aufgabe meistens 
darauf, eine klare Vorstellung (clara perceptio), die wir 
von M schon hatten, in eine deutliche (distincta p.), 
oder eine bloße Vorstellung, welche nur überhaupt M 
als zusammengehöriges Ganze bekannter Theile faßte, in 
einen wirklichen Begriff des M zu verwandeln. Beides 
können wir als gleichbedeutend ansehen. Denn klar nennen 
wir nach altem Sprachgebrauch einen Inhalt schon dann, 
wenn er als einer, als in sich zusammengehöriger, endlich 
mit einer Bestimmtheit, welche zur Verhütung der Ver- 
wechselung hinreicht, als verschieden von anderen gedacht 
wird ; deutlich aber wird er erst dann, wenn die ? allgemeine 
Regel, unter die der Zusammenhang seiner Theile fällt, 
wenn ferner die Merkmale, die er mit anderen Arten dieses 
Allgemeinen gemeinsam besitzt, wenn endlich auch die- 
jenigen einzeln mitgedacht werden, die ihn von allen andern 
Arten seines Allgemeinen unterscheiden. Diese Steigerung 
der Bestimmtheit fiel uns, in der reinen Logik, mit dem 
Uebergang aus der Form logischer Vorstellung in die Form 
des wirklichen Begriffes zusammen. Nun gibt es aber 
Fälle, in welchen die Vorstellung eines zu definirenden M 
die Klarheit keineswegs besitzt, die wir hier voraussetzten; 
durch UeberlieferUng sind Namen an uns gekommen, welche 
die Sprache mit unbestimmten Grenzen ihrer Bedeutung ge- 
bildet hat. So pflegen wir von Tugend und Sünde, vom 
Guten und dem höchsten Gut, von Erscheinung und wahr- 
haft Seiendem zu sprechen, überzeugt, mit diesen Namen 
durchaus Bestimmtes zu meinen, und bereit, aus ihnen 
wichtige Folgerungen in Bezug auf das abzuleiten, was wir 
ihnen unterordnen; zuletzt überzeugen uns die Schwierig- 
keiten, in die wir uns verwickeln, daß wir eigentlich nicht 
genau wußten, was wir meinten, daß die Bedingungen nicht 
vollständig feststanden, die alles erfüllen muß, was diesen 
Namen untergeordnet werden soll, daß wir also uns un- 
klaren Vorstellungen anvertraut hatten, deren Aufklärung 
vor allem Noth thut. Wir suchen diese auf einem sehr 
einfachen Wege. Wäre der Sinn dessen, was M bezeichnen 



Die Formen der Definition. 211 

soll, uns völlig unbekannt, so hätten wir kein Mittel, ihn 
zu entdecken; aber wir würden auch nie in den Fall ge- 
kommen sein, diesen Namen anzuwenden, wenn nicht irgend 
ein Bestandtheil a seiner Bedeutung uns zweifellos fest- 
stände, eben der, der uns jetzt veranlaßte, die im übrigen 
noch unklare Benennung zu gebrauchen. Dieses a sehen 
wir zunächst versuchsweis als vollständige Definition des 
M an und überlegen, ob a demjenigen entspricht, was wir 
unter M meinen. Bekannte Erfahrungen lehren, daß in 
Fällen, wo wir den Inhalt eines M positiv auszusprechen 
nicht im Stande sind, wir doch sehr wohl bemerken, ob 
eine zu seiner Definition angebotene Vorstellung a ihm 
genügt oder nicht. So entscheiden wir, wenn wir einen 
vergessenen Namen vergeblich suchen, doch mit Sicherheit 
verneinend, daß ein versuchsweis genannter nicht der 
richtige ist; aber auch das, was dieser an Aehnlichkeit mit 
dem richtigen besitzt, macht Eindruck auf uns, erweckt 
zuweilen unmittelbar dessen verdunkelte Vorstellung und 
läßt jedenfalls deutlicher werden, worin er sich noch von 
dem angebotenen falschen unterscheidet. In gleichem Falle- 
befinden wir uns hier; a ist nicht völlig falsch und unver- 
gleichbar mit M; die Vergleichung beider führt daher nicht 
zur bloßen Verneinung ihrer Gleichheit zurück, sondern 
bringt auf die Spur einer Ergänzung b, die zu a hinzu- 
zufügen, oder einer Aenderung b, die an a anzubringen ist, 
um den Inhalt von M völlig zu treffen. Nun setzen wir in 
einem zweiten Versuche M^a + b, und wiederholen den- 
selben Gang der Vergleichung und Ergänzung durch neue 
Glieder c und d, bis wir eine Definition M = a + b-|-c-}-d 
erreicht haben, welche in ihrer entwickelten Merkmalsumme 
sich völlig mit dem deckt, was wir unter M gemeint hatten. 
In dieser sehr einfachen Gedankenbewegung bestand schon, 
viel weniger in einem eigentlich inductiv6n Verfahren, die 
Kunst des platonischen Sokrates, unklare Begriffe aufzu- 
klären. 



14^ 



Zweites Kapitel. 

Von der Begrenzung der Begriffe. 

169. Bestimmte Bedürfnisse der Untersuchung können 
uns veranlassen, eine Merkmalgruppe ikl durch alle die 
übrigens verschiedenen Gegenstände hindurch zu verfolgen, 
an denen sie vorkommt, und den Einfluß aufzusuchen, 
welchen ihre Gegenwart auf den übrigen Merkmalbestand 
dieser mannigfachen Subjecte ausübt. Der Erfolg dieser 
Vergleichung selbst belehrt uns dann, ob das Vorhandensein 
von ikl die übrigen Merkmale, die jedes dieser Subjecte 
vermöge seines Gattungsbegriffes besitzt, in bemerklicher 
und zwar in gleichartiger Weise modificirt. Ist dies der 
Fall, so bilden wir häufig aus ikl und aus der Vorstellung 
eines mehr oder minder bestimmten Subjects einen neuen 
Gattungsbegriff M und betrachten als Arten desselben alle 
die Vorstellungsinhalte, in denen ikl vorkommt. Nicht 
selten aber, und in dem entgegengesetzten Falle immer, 
begnügen wir uns, ikl als eine der unzähligen variablen 
Bedingungen zu fassen, welche, auf andere Vorstellungs- 
inhalte einwirkend, in diesen bestimmte Aenderungen nach 
sich ziehen, für sich selbst aber keinen eigenen Begriff 
bilden, dem ihre Beispiele als Arten unterzuordnen wären. 
Die lebendige Sprache nun glaubt in der Ausprägung ihr^s 
Wörterschatzes die beiden Fälle bereits hinlänglich ge- 
schieden zu haben, in denen das eine oder das andere Ver- 
fahren schicklich ist. Zwar dies wird sie zugeben, daß 
fortschreitende Vertiefung der Untersuchung noch manche 
Merkmalgruppe ikl von so entscheidendem Einfluß auf das 
Gesammtverhalten jedes sie einschließenden Begriffes ent- 
decken wird, daß es sich der Mühe verlohnt, aus dieser 
Gruppe einen eigenen Gattungsbegriff M zu bilden und 
durch einen Namen zu bezeichnen; in der That bereichert 
sich ja auch die Sprache beständig durch neue Benennungen 



Von der Begrenzung der Begriffe. 213 

für so neu entdeckte Vorstellungen. Dagegen wird sie auch 
behaupten, daß keiner derjenigen Begriffe, welche sie be- 
reits gefunden und durch Schöpfung eines Namens ver- 
festigt hat, dieser Auszeichnung unwerth sei; jeder bedeute 
vielmehr wirklich etwas in sich Zusammengehöriges, das 
er mit Recht von jedem andern gleichfalls in sich zu- 
sammengehörigen Inhalte als ein wohlbegrenztes Ganze 
abtrenne. 

170. Mit diesen in der überlieferten Sprache gegebenen 
Begriffen muß nun unser Denken wirthschaften ; nicht blos 
weil wir kein Mittel der Verständigung besitzen außer den 
Worten, die zu ihrer Bezeichnung geschaffen sind, viel- 
mehr enthält dieser Wortschatz das verdichtete Ergebniß 
des Nachdenkens, welches von jeher der menschliche Geist 
auf die Welt des Vorstellbaren gerichtet hat, und wir können 
vermuthen, daß dieselben Antriebe, die ihn zu dieser Fest- 
stellung der Begriffe geführt haben, sich zunächst auch in 
uns bei der Wiederholung dieser Bemühung gelten machen 
würden. Daß gleichwohl diese Antriebe, so natürlich sie 
dem Menschen sein mögen, doch dem Zweifel Raum lassen, 
zeigt uns der häufige Zwiespalt, der bei der Anwendung 
der so gebildeten Begriffe entsteht. Wenn es sich darum 
handelt, von irgend einem S ein P zu bejahen oder zu ver- 
neinen, so behauptet der eine: S sei eine Art von M, und 
darum komme ihm P zu; ein anderer wirft ein: S sei 
kein M und darum auch kein P; der dritte gesteht: S sei 
zwar kein M, sondern ein N, aber dies thue nichts, und 
was dem M zukomme, gelte auch von N; der vierte besteht 
darauf, die Verschiedenheit von M und N begründe auch 
einen Unterschied beider in Bezug auf P. Der hier sicht- 
bare Zwiespalt dehnt sich zu zwei entgegengesetzten Nei- 
gungen aus, die unser ganzes Denken beherrschen : die eine 
übertreibt jeden gefundenen Unterschied bis zum unbe- 
dingten, und mit der bekannten Redensart: dies sei etwas 
ganz anderes, sträubt sie sich, von einem Falle a auf einen 
zweiten ihm ähnlichen, aber nicht gleichen b irgend einen 
Grundsatz der Beurtheilung zu übertragen ; sie wird so 
im Leben und in der Wissenschaft das Princip der Pedanterie 
und der Philistrosität ; die andere Neigung übersieht den be- 
dingten Werth jedes Unterschiedes, der kein unbedingter 
ist, und mit dem öden Wahlspruch: im Grunde sei alles 
eins, verwischt sie alle festen Grenzen, welche die Um- 
fange verschiedener Begriffe scheiden, und damit auch 
die Rechtsgründe, welche bestimmte Prädicate ausschließ- 



214 Zweites Kapitel. 

lieh an bestimmte Subjecte knüpfen, an andere nicht; so 
wird sie im Denken und im Handeln zum Princip eines 
ebenso verderblichen Libertinismus. Ein Blick auf diese 
Verirrungen im Großen erweckt das Bedürfniß, darüber klar 
zu werden, welche Gründe uns berechtigen, den ganzen 
Bestand des Vorstellbaren in bestimmte Begriffe einzu- 
theilen, wo ferner für diese die Grenzlinien ihrer Herr- 
schaftsgebiete zu ziehen sind, endlich welcher Werth den 
so gemachten Unterscheidungen beizulegen ist. 

171. Die Beantwortung dieser Fragen führt schon da, 
wo sie am meisten leicht und am wenigsten dringlich ist, 
in Bezug auf die einfachen Inhalte sinnlicher Empfindungen, 
zu sehr mannigfachen Verhältnissen. Vollen Unterschied 
haben wir ein Recht, zwischen einfachen Inhalten A B C 
dann anzunehmen, wenn keine Mittelglieder vorstellbar sind, 
durch welche das Eigenthümliche des einen stufenweis in 
das des andern überginge, wenn ferner keine Mischung 
zweier von ihnen denkbar ist, die einen neuen einfachen 
Inhalt gäbe, wenn endlich keine Grade des Gegensatzes 
zwischen ihnen so stattfinden, daß 'die Weite des Unter- 
schiedes zwischen A und B größer oder kleiner geschätzt 
werden könnte, als die des Unterschiedes zwischen A und C 
oder B und C. Diese Verhältnisse oder vielmehr dieser 
Mangel jedes angebbaren Verhältnisses findet statt zwischen 
Farbe A Ton B und Geruch C; für diese Inhalte kann die 
alte Benennung disparater oder unvergleichbarer bei- 
behalten werden. Und dies Verhalten wird nicht geändert 
durch verschiedene Nebenbetrachtungen. Zuerst nicht durch 
Hinweis darauf, daß diese drei sämmtlich nur als Zustände 
unseres Bewußtseins Wirklichkeit haben; alle sind sie zwar 
Empfindungen und nach dem Sprachgebrauch der Logik 
Arten der Empfindung; allein dem allgemeinen Begriffe der 
letzteren sind sie nicht wie einem superordinirten Gattungs- 
begriff untergeordnet, der irgend ein Gesetz ihrer Bildung 
enthielte. Wer das Bild eines stumpfwinkligen Dreiecks 
dem Allgemeinbegriffe des Dreiecks untergeordnet denkt, 
hat in diesem eine Bildungsregel, deren Anwendung er blos 
innerhalb ihrer eigenen Grenzen zu variiren braucht, um 
zu bemerken, daß es außer jener einen Art des Dreiecks 
auch noch rechtwinklige und spitzwinklige gibt. Wer da- 
gegen die Farbe dem Allgemeinen der Empfindung sub- 
sumirt, denn nur dies, nicht Subordination ist möglich, 
-wird aus diesem Allgemeinen niemals folgern können, daß 
OS außer den Farben noch Töne und Gerüche gibt. Obgleich 



Von der Begrenzung der Begriffe. 215 

daher diese drei nach gewöhnlichem Ausdrucke Arten der 
Empfindung sind, so bleiben sie doch innerhalb des Um- 
fangs dieses Allgemeinen völlig disparat gegen einander. 
Als Zustände ferner, als Bewegungen oder Erschütterungen 
der Seele mögen diese verschiedenen Empfindungsarten 
gewisse vergleichbare Nebenwirkungen hervorrufen, und 
man mag immerhin deshalb eine bestimmte Farbe a^ einem 
bestimmten Tone b^ oder einem Geschmack c^ vergleichen: 
was diese vergleichbaren Nachwirkungen hervorbringt, bleibt 
dennoch an sich selbst ganz unvergleichbar. Und dasselbe 
ist der Physik und der Physiologie zu erwiedern, wenn sie 
die Vorgänge in der Außenwelt oder die in unseren Nerven, 
die zur Entstehung der verschiedenen Empfindungsklassen 
nöthig sind, auf vergleichbare ja vielleicht sehr nahe ver- 
wandte Bewegungen stofflicher Elemente zurückführen; 
beide müssen dann nicht mit der wunderlichen Behauptung 
schließen: also seien eigentlich diese Empfindungen gar 
nicht qualitativ verschieden, sondern eben mit der andern 
richtigen: trotz der Aehnlichkeit der Entstehungsweisen 
finde nicht die mindeste Aehnlichkeit zwischen den ent- 
standenen statt. Ein Zweifel hierüber kann nur insoweit 
stattfinden, als die unbefangene Selbstbeobachtung, die hier 
allein zu entscheiden hat, ihrerseits einen übrig läßt. Dies 
ist der Fall in Bezug auf Geschmack und Geruch. Das Saure 
haben beide zweifellos mit einander gemein; auch ihre 
übrigen Empfindungen aber scheinen eine zusammen- 
hängende Gruppe zu bilden, nur daß einige Glieder dieser 
Gruppe blos durch flüssige, andere nur durch gasförmige 
Reize erregt werden; deswegen an verschiedene Organe 
vertheilt, unterscheiden sich vielleicht die an sich gleich- 
artigen Empfindungen beidet Sinne nur durch Nebenemp- 
findungen, die von der Lage Gestalt und Functionsweise 
des einen oder des andern erregten Organs abhängen. Dies 
zu entscheiden ist nicht Sache der Logik; sie hat hier nur 
zu ermahnen, man solle sich nie durch Hinweis auf die 
Aehnlichkeit dessen, was zwei Inhalte begründet oder 
ihnen folgt, sophistisch und der unmittelbaren Wahr- 
nehmung widersprechend, die Unvergleichbarkeit dessen ab- 
streiten lassen, w^as beide sind. 

172. Zu einer ähnlichen Bemerkung veranlaßt mich die 
andere Frage, nicht nach dem Rechte der Trennung zwischen 
A und B, sondern nach dem Rechte der Vereinigung dessen^ 
was wir unter A zusammenfassen. Man hat lange mit der 
langweiligen Paradoxie geglänzt, Schwarz und Weiß seien 



216 Zweites Kapitel. 

keine Farben, weil sie nicht wie die prismatischen von einer 
bestimmten Zahl der Lichtwellen abhingen. Die neuere 
Ausbildung der physiologischen Optik hat diesen Grund hin- 
fällig gemacht; aber auch wenn dies nicht geschehen wäre, 
hätte man doch kein Recht, auf diese Weise die Sprache 
zu meistern. Lange bevor man etwas von den Veran- 
lassungsursachen unserer Empfindungen wußte, hatte die 
Sprache den Namen der Farbe für eine Gruppe von Inhalten 
geschaffen, die durch eine unmittelbar empfundene und un- 
widersprechliche Gleichartigkeit, durch ihr Scheinen, 
oder wie man es sonst nennen mag, unter sich zusammen- 
gehören und sich von dem Klingen oder Schallen der 
Töne, dem Duften der Gerüche abscheiden. Mag nun 
immerhin der Name des Scheinens nur noch für das Weiß, 
nicht für das Schwarz passend erachtet werden: daß beide 
doch mit den übrigen Farben den gemeinsamen hiermit un- 
vollkommen bezeichneten Grundzug gemein haben, ließe 
sich nur mit Worten, nicht in der That bestreiten, und die 
Sprache war deshalb vollkommen befugt, gegen den un- 
berechtigten Einspruch der Gelehrsamkeit, auch jene beiden 
in den Umfang der Farbe einzuschließen. Man begegnet 
auch sonst diesen nicht immer unschädlichen Uebergriffen 
der Theorie. Auch die Chemie trug eine Zeit lang zur 
Sprachverwirrung bei, als sie Oxydation und Verbrennung 
für gleichbedeutend ausgab. Von Verbrennung sprach die 
Menschheit ebenfalls eher, als sie den Sauerstoff kannte, 
und sie verstand darunter immer einen von sichtbarem 
Licht und fühlbarer Wärme begleiteten Vorgang, der das 
frühere Gefüge eines Stoffes dauernd veränderte ; das Glühen 
eines Eisenstabes nannte sie deshalb nicht Verbrennung, 
weil sie nach der Abkühlung die bleibende Veränderung 
vermißte; sie würde aber auch um der dauernden Ver- 
änderung willen einen Vorgang, der sie veranlaßt hätte, 
nicht so genannt haben, wenn ihm die bemerkliche Ent- 
wickelung vom Flamme und Wärme gefehlt hätte. Der 
Begriff der Verbrennung deckt daher den der Oxydation 
gar nicht; viele Stoffe oxydiren ohne Verbrennung, ander- 
seits, wenn erwärmtes Antimon in Chlorgas sich unter 
Flammenerscheinung mit Chlor verbindet, so ist dieser 
Vorgang ganz zweifellos eine Verbrennung, obwohl keine 
Oxydation. Die Geometrie wußte längst, daß abstract oder 
arithmetisch gedachte Ordnungssysteme dann, wenn sie 
ihre vielen Elemente nach nicht mehr als drei verschiedenen 



Von der Begrenzung der Begriffe. 217 

Scalen gliedern, durch Gebilde räumlicher Art sich anschau- 
lich darstellen lassen; nichts hindert nun die Mathematik, 
Ordnungssysteme zu denken, die nach einer beliebigen 
größeren Anzahl von Scalen entworfen sind, nur daß es 
für diese Systeme keine räumliche Anschauung mehr gibt, 
und daß der Name der Dimensionen, der jenen Scalen in 
räumlicher Bedeutung gegeben werden konnte, so lange 
sie nur drei waren, jetzt nur noch den abstracteren Sinn 
haben kann, den ich mit der Benennung der Scalen zu be- 
zeichnen suchte. So gewiß nun der Name des Raumes 
für uns nur ein Ordnungssystem bedeutet, von welchem 
wir diese ursprüngliche, aus arithmetischen Betrachtungen 
allein gar nicht ableitbare Anschauung haben, so gewiß 
ist es logische Spielerei, ein System von vier oder fünf 
Dimensionen noch Raum zu nennen. Gegen alle solche 
Versuche muß man sich wehren; sie sind Launen der 
Wissenschaft, die durch völlig nutzlose Paradoxie das ge- 
wöhnliche Bewußtsein einschüchtern und über sein gutes 
Recht in der Begrenzung der Begriffe täuschen. 

173. Man begegnet eigenthümlichen und nicht überall 
gleichartigen Verhältnissen, wenn man fragt, wie nun inner- 
halb eines jener disparaten Inhalte A B und C die in ihm 
zusammengehörigen Glieder zu einander stehen. Es ist bis- 
her gelungen, die mannigfachen Arten des Geschmacks C 
in eine befriedigende systematische Ordnung zu bringen; 
aber der Weg, den die Sprache zu ihrer allerdings unvoll- 
kommenen Bezeichnung einschlägt, scheint mir dennoch 
der richtige: sie unterscheidet durch eigene Namen einige 
feste Grundformen des Süßen |li, des Sauern v, des Bittern tt 
und betrachtet die übrigen, das Sauersüße liv, das Bitter- 
süße jLi:r, als Zusammensetzungen jener wohlcharakterisirten 
Urgeschmäcke. Auf diese Bezeichnungsweise könnte unsere 
Einbildungskraft nicht verfallen, wenn sie nicht durch den 
unmittelbaren Eindruck angeleitet würde, denn Unterschiede 
lassen sich da nicht machen, wo sie in dem Inhalt nicht 
entweder vorhanden oder doch möglich sind. Jene Namen 
nun setzen voraus, daß sie vorhanden sind, allerdings nicht 
so, daß das Saure und das Süße als zwei unterschiedene 
Gemengtheile des Sauersüßen so auseinander fallen, wie 
sie es thun, wenn eines nach dem andern empfunden wird, 
sondern in dem Sinne, in welchem wir Mischung der 
Mengung entgegenzusetzen pflegen. Daß diese Mischung 
hier möglich ist, daß also Sauer und Süß in einer nicht 
wohl beschreiblichen, aber leicht fühlbaren Weise eine 



218 Zweites Kapitel. 

Einheit der Vorstellung bilden, die aus Süß und Roth nicht 
entstehen könnte, unterscheidet das Verhalten der einzelnen 
Geschmäcke zu einander von dem der unter sich disparaten 
Gruppen ABC. Man kann nun einwenden, der Unter- 
schied des Sauern und des Süßen sei im Sauersüßen nur 
ein möglicher, nicht ein vorhandener; es könne leicht ein 
dritter Eindruck cd, einfach an sich und keineswegs zu- 
sammengesetzt, doch ein Mittelglied zwischen p, und v 
bilden; um der doppelseitigen Aehnlichkeit willen, die er 
mit diesen beiden zeigt, bezeichne ihn dann die Sprache 
durch die beiden Grenzen jn und v, zwischen die er fällt, 
ohne daß er darum aus der Mischung beider bestände. 
Aber ich würde diesen Einwurf für triftig nur dann halten, 
wenn in co außer seiner doppelten Aehnlichkeit mit |li und v 
noch ein Rest vorhanden wäre, der für sich etwas bedeutete, 
was aus der Zusammensetzung von ju, und v nicht be- 
greiflich wäre; wo dies nicht der Fall ist, wird dieser dritte 
Eindruck co nicht blos durch eine willkürliche und zufällige 
Ansicht als eine Mischung jliv gedeutet werden, sondern in 
der That nichts anderes sein. Jene Grundformen jii v :t 
selbst aber und alle ihre Mischungen gehören zwar durch 
das fühlbare Allgemeine der Schmeckbarkeit C zusammen; 
aber innerhalb des Umfangs von C kann man sie doch nur 
disparat gegen einander nennen. Wer nur das Süße 
empfunden hätte, würde durch keine vorstellbare Modifi- 
cation dessen, was er in ihm empfindet, die noch nicht 
erfahrene Eigenthümlichkeit des Sauern oder des Bittern 
entdecken können; es findet also kein Uebergang durch 
selbständige Mittelglieder von |li zu v oder n statt, sondern 
man muß diese drei vorher kennen, um durch verschieden- 
artige Mischungen derselben die überleitenden Mittelglieder 
erst zu erzeugen. Gleiche Verhältnisse finden sich bei 
den Farben, und ich hatte früher schon Gelegenheit, die 
Sprache zu rechtfertigen, wenn sie stets eine begrenzte 
Anzahl von Grundfarben unterschied und die übrigen als 
Mischungen zwischen sie einschaltete. Allerdings kann man 
durch geschickt gewählte Mitteltinten das Auge stetig aus 
dem Eindruck der einen Farbe in den einer andern hinüber- 
leiten; aber aus dem Roth wird Orange oder Violet doch 
nur durch eine Zumischung von Gelb oder Blau, die der 
Vorstellung noch als solche fühlbar bleibt; von dem aber, 
was Roth zu Roth macht, gibt es an sich keinen Ueber- 
gang zu dem, was Blau zu Blau macht; wer nur jenes, 
nicht aber dieses empfunden hätte, würde in der einfachen 



Von der Begrenzung der Begriffe. 219 

Natur des ersten nichts entdecken, was auf irgend eine Art 
mpdificirt gesteigert oder vermindert von selbst zur Vor- 
stellung des Blau führen könnte; man muß dies letztere 
vorher schon kennen, um durch Mischung dieser beiden 
Endglieder das Mittelglied des Violet zu finden. Auch die 
Modificationen, dei:en jede einzelne Grundfarbe fähig ist, 
sind in dieser Weise zu betrachten. Man hat unstreitig 
Recht, hellblau und dunkelblau als Arten desselben Blau 
zu betrachten, aber auch diese Arten entstehen durch 
Mischung der immer sich selbst gleichen, unvermischt frei- 
lich niemals sichtbaren Bläue mit Weiß oder Schwarz. Ich 
wiederhole nur kurz die Bemerkung, daß alle bisherigen 
Betrachtungen sich nur auf die empfundenen Inhalte be- 
ziehen, nachdem die Empfindung in unserem Bewußtsein 
entstanden ist, und daß sie nichts mit den physischen oder 
psychischen Entstehungsbedingungen des Empfindungsactes 
zu thun haben. 

174. Wesentlich anders verhalten sich die Töne. Die 
Vergleichung vieler läßt uns zunächst drei Prädicate sondern. 
Der Eigenklang des tönenden Instrumentes, worauf er auch 
immer physisch beruhen mag, ist für unsere Empfindung 
eine einfache nicht weiter zerlegbare Eigenschaft, am meisten 
dem Geschmacke vergleichbar. So groß auch die Neben- 
wirkungen dieses Klanges auf unser Gemüth sein mögen, 
die wesentliche Natur des Tones scheint er uns ebenso 
wenig zu bestimmen, wie die zweite Eigenschaft, die der 
Stärke; beide fassen wir nur als verschiedene Vortrags- 
weisen desselben Tones, dessen unterscheidende Natur in 
seiner Höhe liegt. In dieser dritten Rücksicht aber zerfallen 
die Töne nicht wie die Farben in eine Anzahl discreter 
Stufen, zwischen denen Uebergänge nur durch Mischung 
möglich wären, sie bilden vielmehr eine stetige Reihe, in 
welcher zwei von ginander entferntere Glieder sich nur 
durch öftere Wiederholung derselben Differenz unter- 
scheiden, durch welche zwei nah benachbarte von einander 
sich sondern. Man kann keine Proportion aufstellen, nach 
der sich Roth zu Blau verhielte, wie Gelb zu irgend einer 
vierten Farbe; zwei Töne dagegen unterscheiden sich durch 
ein angebbares Multiplum eines als Einheit angenommenen 
Unterschiedes. Die Art dieses Unterschiedes selbst ist eigen- 
thümlich genug ; wir würden nicht bildlich von höheren und 
tieferen Töjaen sprechen, wenn nicht, ganz abgesehen natür- 
lich von der Frequenz der Schallwellen, welche wir ja nicht 
empfinden, in den Empfindungen selbst eine Steigerung des 



220 Zweites Kapitel. 

einen Tones über den anderen enthalten wäre; aber diese 
quantitative Vorstellung läßt sich hier nicht wie sonst auf 
einen von ihr unabhängigen qualitativen Inhalt beziehen; 
der Ton d ist eben dadurch auch ein qualitativ anderer 
als c, daß er das undefinirbare Allgemeine des Klingens, 
das er mit diesem theilt, in jener eigenthümlichen Weise 
gesteigert enthält, die wir nur mit dem glücklichen Bilde 
der Höhe, in technischerem Ausdruck höchstens als quali- 
tative Intensität bezeichnen können. Die Unterschiede der 
Töne sind daher gleichartig und in Bezug auf ihre Weite 
meßbar, was die der Farben nicht waren; die Mittelglieder 
entstehen zwischen zwei Tönen nicht durch Mischung dieser 
zwei, sondern sind, als vollkommen ebenbürtige Glieder 
der Reihe, gleich selbständig und ursprünglich, wie die, 
zwischen welche sie eingeschaltet gedacht werden. Die 
ganze Reihe endlich ist unbegrenzt; zu den Farben, die wir 
erfahrungsgemäß kennen, kann Niemand eine neue ersinnen, 
die sich vorstellen ließe und etwa nur in unserer sinnlichen 
Erfahrung nicht vorkäme; die Scala der Töne dagegen, 
eben weil jeder aus dem vorigen durch eine fühlbar gleich- 
artige Steigerung entsteht, läßt sich ins Unendliche fort- 
setzen; es hat noch Sinn, von höheren oder tieferen Tönen 
zu sprechen, als jemals in unsere Erfahrung fallen können, 
denn wir haben hier, was wir bei dem Versuch, neue Farben 
zu ersinnen, nicht haben würden : eine deutliche Vorstellung 
davon, wie diese Töne sich ausnehmen müßten, wenn sie 
hörbar wären. 

175. Ziemlich Aehnliches gilt, mit einigen Abweichungen, 
die ich dem Leser überlasse, von der Reihe der Wärme- 
empfindungen; sie führt zugleich noch zu einem anderen 
Verhalten. Das eigene Wärmebedürfniß des lebendigen 
Körpers gibt verschiedenen Strecken dieser Reihe eigen- 
thümliche Werthe; wir unterscheiden Kaltes Kühles Laues 
AVarmes Heißes, und glauben mit jedem dieser Ausdrücke 
etwas Bestimmtes zu meinen; aber nicht blos allgemein- 
gültig würden wir die Grenze nicht angeben können, bei 
der für Jeden das Kühle endigt und das Laue beginnt, 
sondern auch, wenn wir nur unsere eigene Empfindung 
befragen, müssen wir uns gestehen, daß wir nur mit einer 
gewissen Willkür den einen oder den andern Namen wählen 
würden. Man kann an diesen Gegensatz des Warmen und 
des Kalten sowie der hohen und der tiefen Töne sogleich 
eine große Anzahl anderer Vorstellungspaare anschließen, 
deren Inhalt nicht ebenso unmittelbar aus sinnlicher Emp- 



Von der Begrenzung der Begriffe. 221 

findung entspringt: das Große und das Kleine, das Starke 
und das Schwache, das Viele und das Wenige, das Alte 
und das Junge, und zahlreiche ihres Gleichen. So ent- 
schieden die beiden Glieder solcher Gegensätze wirklich 
Entgegengesetztes meinen, so ist doch in keinem eine Grenze 
zu finden, welche den Umfang des einen Gliedes von dem 
des andern trennte, stetig und unmerklich gehen sie in 
einander über. Die Richtungen dagegen, nach denen unser 
Vorstellen diese Reihen von a bis z oder von z bis a 
durchläuft, sind unzweideutig verschieden und theils einer 
Definition fähig, theils wenigstens für die unmittelbare 
Empfindung unvertauschbar. Es läßt sich nicht sagen, was 
warm und was kalt ist, aber ganz unzweifelhaft ist, ob a 
wärmer oder kälter als b ist, und zwar entscheidet in 
diesem Fall die Empfindung, die beim Uebergang von a 
zu b sich der entgegengesetzten Veränderung von derjenigen 
bewußt wird, die sie beim Rückgang von b nach a erfährt; 
es läßt sich auch nicht sagen, was groß und klein überr 
haupt ist, aber ganz eindeutig ist die Behauptung, a sei 
größer als b, und sie läßt sich dahin definiren, daß b von a 
abgezogen einen positiven Rest h gibt. Es ist das Näm- 
liche mit den übrigen Beispielen; sämmtlich aus der Ver- 
gleichung verschiedener Fälle hervorgegangen, nicht aus 
der Auffassung eines einzigen, bedeuten alle diese ad- 
jectivischen Vorstellungen Beziehungen, die ohne Rücksicht 
auf einen zweiten Beziehungspunkt keinen festen Werth 
und Sinn haben. Der Positiv dieser Adjective ist daher 
unbestimmt; nur ihr Comparativ ist eindeutig. Wo sie im 
Gebrauche der lebendigen Rede als Positive vorkommen, 
drücken sie aus, daß dem Bezeichneten der Comparativ 
ihres Sinnes im Vergleich mit einem nicht ausgesprochenen 
Maßstabe zukommt, der entweder nach subjectiver Schätzung 
des Sprechenden oder nach allgemeiner Meinung die nor- 
male oder die gewöhnliche Beschaffenheit des fraglichen 
Gegenstandes bildet. 

176. Noch eine Betrachtung knüpft sich an Töne und 
Wärmeempfindungen. An sich vollkommen gleichwerthig 
bieten die Töne keine Veranlassung, einige wenige von ihnen 
als feste Punkte durch eigene Namen hervorzuheben und 
vor den anderen zu bevorzugen. Aesthetische Bedürfnisse 
aber regen den Wunsch an, die ganze Reihe zu gliedern. 
Da nun die einfache Tonempfindung nicht definirbar ist, 
so wird sie bestimmt durch die Angabe der Ursache, durch 
welche sie in jedem Augenblick mit sich identisch erzeug- 



222 Zweites Kapitel. 

bar ist, durch die Frequenz der Schwingungen, von denen 
sie abhängt. Aber keine Zahl hat einen Vorzug vor der 
anderen, und da jedes Glied der Reihe auf dem genannten 
Wege mit gleicher Leichtigkeit definirbar ist, so kommt es 
in der That in der musikalischen Scala zu keinem absoluten 
Anfangspunkte. Andere Verhältnisse, die harmonischen der 
Töne, die ich hier trotz des auch logischen Interesses, 
welches sie erwecken, übergehen muß, führen allerdings 
zu einer Gliederung der Reihe in Octaven ; aber auch diese 
Gliederung hat keinen festen Anfangspunkt, sondern kann 
von jeder Tonhöhe aus beginnen. Die Wärmeempfindungen 
gestatten eine so einfache Definition durch ihre Ursachen 
nicht; man mußte sich an die beobachtbaren anderen Er- 
folge ihrer unbekannten Ursache, an die Ausdehnung und 
Zusammenziehung der Körper wenden. Als man nun den 
Schmelzpunkt des Eises zum Ausgangspunkt auf- und ab- 
steigender Temperaturgrade machte, war dies ein ganz will- 
kürlich, obwohl sehr zweckmäßig gewählter Nullpunkt der 
Bezeichnung; denn Flüssigkeit oder Starrheit des Wassers 
bildet einen wichtigen Wendepunkt für die Gestaltung der 
meteorischen und organischen Vorgänge, die uns umgeben. 
Es war aber doch nur ein Nullpunkt der Bezeichnung, nicht 
der bezeichneten Sache; von dem unbekannten Werthe x 
an, den diese für den Schmelzpunkt des Eises hat, theilen 
wir nur ihre positiven und negativen Zunahmen nach An- 
zahlen einer für unsere Zwecke passend gewählten Grad- 
einheit ein. Daher sind 12° nicht das Doppelte von 6", 
aber zwischen 0°=:x und 12° = x-j-12Ax ist die Zu- 
nahme der Wärme doppelt so groß, als zwischen O^^x 
und 6°:=x-|-6Ax. An diesem einfachen Beispiele wollte 
ich bemerklich machen, daß eine Gliederung und gesetzliche 
Ordnung einer Reihe oder eines Systems mannigfacher In- 
halte allerdings ohne eine entsprechende sachliche Gesetz- 
lichkeit ihrer eigenen Beziehungen nicht möglich ist, daß 
aber dennoch das Denken häufig eines durchaus willkür- 
lich gewählten Ausgangspunktes und willkürlicher Maßstäbe 
bedarf, um sich dieser immanenten Ordnung der Sache 
fruchtbar zu bemächtigen; daß man endlich diese willkür- 
liche Systematik, obwohl sie durch die Natur der Sache 
zugelassen und in ihrer Anwendung gerechtfertigt wird, 
doch nicht für eine in ihr selbst liegende Bestimmtheit an- 
sehen darf. 

177. Beispiele für diese Bemerkung bietet das praktische 
Leben sehr viele. Es kommen hier Eiojenschaften in Be- 



Von der Begrenzung der Begriffe. 223 

tracht, die entweder an verschiedenen Personen oder Dingen 
in sehr verschiedenen Größen haften oder, an einem und 
demselben Subject, eine stetige Reihe von Größenwerthen 
nach einander durchlaufen, so zwar, daß an diese Größen- 
werthe ihnen proportionale Wirkungen geknüpft werden 
sollten. Aber nur Naturwirkungen ändern sich stetig mit 
ihren Bedingungen ; soll unser Handeln erst die Wirkungen 
hervorbringen, so verbietet sich in der Regel die genaue 
Befolgung der gewünschten Proportion um der Arbeit willen, 
welche sie im Mißverhältniß zu dem erreichbaren Zwecke 
erfordern würde. Man muß sich begnügen, gewisse Strecken 
der ganzen Werthreihe der Bedingungen als einheitliche 
Werthe zu betrachten und an sie eine gleiche mittlere 
Größe der Wirkung zu knüpfen, welche zu groß für die 
Anfangsglieder und zu klein für die Endglieder der Strecke 
sein wird. So zerlegt man für Zwecke der Besteuerung 
die Reihe der Vermögen von der völligen Armuth an bis 
zu dem höchsten wahrscheinlich anzutreffenden Reichthum 
in eine Anzahl von Klassen; so berechnet man nach Jahren 
des Lebensalters oder doch nur nach größeren Theilen der- 
selben den zur Erwerbung einer Lebensversicherung 
nöthigen Beitrag; so hält die Berechnung der Zinsen bei 
dem Tage als untheilbarer Einheit an. Es kann ferner vor- 
kommen, daß eine wachsende Eigenschaft allmählich einen 
Werth erreicht, an den der Eintritt bestimmter Wirkungen 
gebunden sein soll, ohne daß doch der Augenblick angebbar 
wäre, in welchem diese entscheidende Bedingung erfüllt 
ist. Die körperliche und geistige Reife, die wir in den 
Begriffen der Mündigkeit und Majorennität mitdenken, wird 
von Verschiedenen gewiß in verschiedenen Lebensaltern 
erreicht; aber nicht nur die unüberwindbare Weitläufigkeit, 
auch nicht die Unzulässigkeit einer über den Gesammt- 
werth der Person zu fällenden Censur, macht die Ermittelung 
des wirklichen Zeitpunktes für jeden Einzelfall unmöglich; 
während die ausgezeichneten Grade der Reife und Unreife 
leicht erkennbar sind, fehlt es wirklich an einem unzwei- 
deutigen Kennzeichen, welches in zweifelhaften Fällen eine 
von der andern unterschiede. Gleichwohl verlangen die 
Bedürfnisse des geselligen Lebens die Feststellung eines 
bestimmten Zeitpunktes; die Gesetzgebung hat ihn daher 
eigenmächtig zu bestimmen und sie knüpft an vollendete 
Tage und Stunden den Beginn von Rechten und Pflichten, 
zu denen sachlich allerdings die gestern noch fehlende Be- 
fugniß oder Verbindlichkeit nicht über Nacht entstanden ist. 



224 Zweites Kapitel. 

Obgleich eigenmächtig, verfährt sie doch hier nicht grund- 
los; der Spielraum ihrer Wahl beschränkt sich auf Be- 
stimmungen, die der Natur des vorliegenden Verhältnisses 
ohne angebbaren Unterschied der Genauigkeit entsprechen, 
ihre Willkür auf die Bevorzugung der einen unter diesen 
gleichberechtigten. Noch andere Fälle gibt es, in denen die 
Natur der Sache, welche zur Aufstellung einer Bestimmung^ 
veranläßte, noch weniger einen genauen Maßstab für sie 
darbot, dieser vielmehr nur in den anderweitigen Zwecken 
lag, zu deren möglicher Erfüllung die fragliche Bestimmung 
höthig wurde. Hierher gehören die Zeitfristen, innerhalb 
deren die Bedingung einer zu erlangenden oder zu ver- 
meidenden Rechtsfolge zu erfüllen ist; im Großen aller- 
dings durch die erwähnte Rücksicht zweckmäßig bestimmt, 
haben im übrigen diese Festsetzungen nur die logische 
Pflicht der Unzweideutigkeit; ihr genügte die Vorzeit, in- 
dem sie wichtige Fristen nicht nach ganzen größeren Zeit- 
ieinheiten abmaß, sondern einen Bruchtheil derselben, den 
Wochen eine Anzahl von Tagen, dem Tage einige Stunden 
zugab; sie verengte dadurch den Zeitraum, innerhalb dessen 
man, nach alltäglichem loserem Sprachgebrauch, der Vor- 
schrift hätte zu genügen glauben können. Ebenso thun die 
Behörden recht, wenn sie zur Verhütung von Ruhestörungen 
die Anzahl der Personen, die für eine verbotene Zusammen- 
rottung gelten sollen, authentisch auf drei oder fünf fest- 
setzen und sich dadurch der Disputation entziehen, die schon 
die antike Sophistik übte: wie viele Körner nöthig sind, 
um einen Haufen, oder wie vieler Haare Verlust, um einen 
Kahlkopf zu machen. 

178. Ich kehre von dieser Abschweifung zurück. Ob 
irgend ein Ton hoch oder tief, ob eine Flüssigkeit kalt oder 
warm zu nennen sei, darüber streitet man nicht; an dem 
Inhalt dieser Begriffe haftet kein Interesse, welches uns 
zögern ließe, die oben erwähnte Relativität ihrer Be- 
deutungen sofort zuzugestehen. Anders denken wir über 
den Unterschied von gut und böse. Auf die Festigkeit 
und Abgeschlossenheit dieser beiden Begriffe legen wir den 
höchsten Werth; jede Handlung muß für sich allein, nicht 
blos im Vergleich mit einer andern, unzweideutig in den 
Umfang des einen fallen und aus dem Umfang des andern 
ausgeschlossen sein; selbst daß es Gradunterschiede der 
Güte im Guten und der Bosheit im Bösen gebe, hat man 
leugnen zu müssen geglaubt, damit nicht die abnehmenden 
Werthe beider zuletzt in einem Nullpunkt des Gleichgültigen 



Von der Begrenzung der Begriffe. 225 

zusammentreffen und so ein stetiger Uebergang zwischen 
zwei Gegensätzen vermittelt werde, zwischen denen viel- 
mehr jede Brücke abgebrochen sein soll. Aber diesem 
logischen Rigorismus widerspricht durchaus das unbefangene 
Urtheil, dem wir im Leben alle folgen. Denn Niemand 
zweifelt wohl an Gradunterschieden der Bosheit und der 
Güte; und daß keine Handlung gleichgültig sei, überredet 
man uns erst, nachdem man den Begriff der Handlung 
künstlich beschränkt hat. Es hilft aber in der That nichts, 
der drohenden Vermischuiig des Guten und des Bösen durch 
eine erste Eintheilung aller Handlungen in sittlich beurtheil- 
bare und in sittlich unbeurtheilbare zuvorzukommen, um 
dann desto sicherer die erste dieser Gruppen in die beiden 
un vermittelbaren Gegensätze des Guten und des Bösen zu 
vertheilen; der Zweifel ändert so nur den Ort, denn die 
Frage geht nun darauf, wo die Grenzen zu ziehen sind 
zwischen dem, was sittliche Beurtheilung herausfordert, und 
dem was nicht; und diese Grenzen werden wieder durch 
stetigen Uebergang des einen in das andere zu ver- 
schwimmen scheinen. Nicht ebenso dringliches aber doch 
lebhaftes Interesse hat für ästhetische Betrachtungen das 
Verhältniß des Angenehmen zum Schönen und zum Guten. 
Für eine unbefangene Auffassung ordnen sie sich, nicht 
nur nach dem Werthe sondern auch nach der Bedeutung 
ihrer Inhalte, in eine zusammenhängende Reihe; nicht so 
zwar, daß durch einfache Steigerung das intensivste An- 
genehme zum Schönen oder die höchste Schönheit zur 
niedrigsten Stufe des Guten würde, aber doch so, daß es 
qualitativ bestimmte Arten des Angenehmen gibt, die be- 
ginnen ein Recht auf den Namen des Schönen zu haben, 
und Formen der Schönheit, deren ästhetischer Eindruck 
der sittlichen Billigung verwandt wird. Aber Moral und 
Aesthetik sträuben sich gleichmäßig gegen dieses Zugeständ- 
niß , sie halten das Schöne für verfälscht, wenn es mit dem 
Guten, das Gute für erniedrigt, wenn es mit dem Schönen, 
nnd vollends durch dieses hindurch mit dem Angenehmen, 
irgend eine Gemeinschaft habe. Und in Bezug auf das 
Schöne wenigstens hat auch hier die Leugnung jeder Grad- 
abstufung nicht gefehlt; was einmal schön sei, sei durch- 
aus schön, und man denke es eben nicht wahrhaft als 
schön, wenn man zulasse, daß es ein Anderes gebe, welches 
noch schöner sei. 

179. Sehen wir uns zur Beurtheilung dieser Zweifel 
nach anderen Beispielen um. Die Geometrie kennt von der 

Lotze, Logik. 1,5 



226 Zweites Kapitel. 

geraden Linie, um der Natur derselben willen, allerdings 
nur eine Art, an den Curven aber unterscheidet sie un- 
zählige Grade der Krümmung von bestimmbarem Werth; 
und so zwar, daß die gerade Linie selbst ihr als der äußerste 
Grenzfall erscheint, dem sich die Curve bei immer zu- 
nehmendem Wachsthum ihres Krümmungshalbmessers stetig 
annähert. Ungeachtet dieses stetigen Ueberganges beharrt 
dennoch die Geometrie nicht nur im Allgemeinen auf der 
Behauptung, Krummes und Gerades sei entgegengesetzt und 
unvereinbar, sondern auch in der Anwendung entsteht in 
Bezug auf eine Linie, die man genau kennt, niemals ein 
Zweifel; so nahe sie auch der Geraden liegen mag, sie 
ist dennoch ganz unwidersprechlich krumm, so lange ihr 
Krümmungsradius noch eine endliche Größe hat. Eine Curve 
kann ferner eine Strecke ihres Verlaufes concav gegen eine 
Axe sein, gegen die sie im weiteren Verlaufe convex wird; 
erfährt sie diese Veränderung ihrer Richtung in stetigem 
Zuge ohne discontinuirliche Spitze, so ist unzweifelhaft 
ihre Tangente am Wendepunkt, mithin das Element der 
Linie selbst, zu jener Axe parallel, also weder concav noch 
convex; aber obgleich so beide Richtungen sichtlich in 
einem Nullpunkt zusammenhängen, der keiner von ihnen 
gehört, so wird doch durch ihn der Gegensatz ihrer Be- 
deutungen nicht geändert, oder aufgehoben; diesseit dieses 
Punktes bleibt die Linie nur concav, jenseit nur convex. 
-Noch einfacher: zwischen 1 und 2 lassen sich unzählig© 
Brüche einschalten, die von dem Werthe der 1 zu dem 
der 2 hinüberführen ; zwischen Tageshelle und Nachtfinsterniß 
lassen sich unzählige Abstufungen der Beleuchtung nicht 
nur denken, sondern sie treten wirklich ein; zwischen 
Wohlbefinden und Schmerz liegt eine stetige Reihe von 
Gefühlen, die jenes mit diesem verbinden: aber darum 
wird doch nicht 1 = 2, darum hört die Finsterniß und der 
Schmerz nicht auf, der volle Gegensatz zu Licht und Wohl- 
befinden zu sein; und zugleich sind die Glieder dieser 
Gegensätze jedes für sich, auch außer Vergleich mit dem 
anderen, etwas so Bestimmtes, daß Niemand das eine mit 
dem anderen verwechselt. Diese Beispiele reichen zur Ver- 
deutlichung des Satzes aus, daß die Existenz unzähliger 
Gradabstufungen, durch welche die Inhalte zweier ent- 
gegengesetzten Begriffe A und B in einem gemeinsamen 
Nullpunkt zusammenstoßen, den Unterschied oder Gegensatz 
dessen nicht aufhebt, was A und B an sich selbst bedeuten. 
180. Wäre es daher der Siltenlehre gelungen, was ihr 



Von der Begrenzimg der Begriffe. 227 

Geschäft ist und nicht hier das unsrige, das was sie unter 
dem Guten A und dem Bösen B meint, ebenso unzwei- 
deutig zu bestimmen, wie die Geometrie definirt, was sie 
unter convex und concav verstehen will, so hätte sie keinen 
Grund, um die Festigkeit des Unterschiedes beider Begriffe 
zu schützen, die Abstuf barkeit des Guten und des Bösen 
und ihr Zusammentreffen am Gleichgültigen zu bestreiten. 
Die specifischen Bedeutungen der allgemeinen Begriffe gut 
und böse ändern sich nicht im geringsten deshalb, weil die 
einzelnen Beispiele, von denen sie prädicirt werden, sich 
mit verschiedener Intensität an dem Charakter des einen 
oder des andern der Gegensätze betheiligen. Jener Null- 
punkt aber des Gleichgültigen kann noch weniger zur Ver- 
mischung beider beitragen, denn er findet ja nicht so statt, 
daß beide in ihm, sondern so, daß keiner von beiden in 
ihm gültig ist; er ist mithin nur ein Trennungspunkt, dies- 
seit dessen unzweideutig nur das Gute, jenseit nur das 
Böse liegt. Braucht nun die Abstufbarkeit beider Begriffs- 
inhalte nicht um ihrer Festigkeit willen geleugnet zu werden, 
so muß man anderseits darauf halten, daß sie ausdrücklich 
zugestanden wird. Sie zu leugnen, die alte stoische Para- 
doxie zu wiederholen, omnia peccata esse aequalia, oder 
beständig zu predigen, auch der kleinste Irrthum sei nicht 
Wahrheit, sondern ehen Irrthum und weiter nichts, dies 
alles sind logische Langweiligkeiten, die, weil sie nur halbe 
Wahrheiten enthalten, nach dem eben erwähnten Grundsatz 
selber, Irrthümer und nichts weiter heißen könnten. Die 
Carven sind nicht blos Curven schlechthin, so daß die 
Grade ihrer Convexität oder Concavität sie blos nach einer 
Nebenrücksicht unterschieden, welche nichts mit ihrem 
Curvencharakter zu schaffen hätte, sondern die eine krumme 
Linie ist wirklich krümmer als die andere, thut also dem 
gemeinsamen Charakter beider in größerer Intensität Genüge. 
Und ebenso wird die gute oder böse Gesinnung, aus der 
eine Handlung entspringt, nicht blos nebenbei nach der 
Wichtigkeit der Objecte, auf welche die letztere sich bezieht, 
oder der Umstände, unter denen sie ausgeübt wird, sondern 
nach dem Grade ihrer Bosheit oder Güte selbst meßbar 
sein, denn sie ist keineswegs blos eine Form des Ver- 
haltens, die überall gleich bleibt, sie ist selbst ein inneres 
Thun, das nicht nur einen Grad der Intensität bedarf, um 
den Anstoß zum Handeln überhaupt zu erzeugen oder die 
Widerstände zu überwinden, sondern auch einen Grad des 
Werthes hat je nach der Größe des Wohls oder Wehes, 

15* 



228 Zweites Kapitel. 

auf dessen Erzeugung es sich absichtlich richtet. Auch der 
Irrthum ist nicht blos Nichtwahrheit, denn das unterschiede 
ihn nicht vom Zweifel, sondern er ist eine Abweichung 
von ihr, und hat deshalb eine meßbare Größe, ohne die 
er nicht denkbar ist; wer daher sein Denken auf wirkliche 
Aufgaben richtet, wird nicht den Widersinn begehen, zwei 
Annahmen gleich wegwerfend unter den Begriff der Irr- 
thümer überhaupt zu verweisen, von denen die eine der 
Wahrheit so fern steht, daß sie gar keine, die andere so 
nahe, daß sie fast alle über ihren Gegenstand zu erwartende 
Erkenntniß möglich macht. 

181. Vielleicht könnte schon die Reihe des Angenehmen 
Schönen und Guten, deren Ueberlegung ich übrigens dem 
Leser überlasse, noch auf ein anderes Verhalten einer 
Begriffsreihe führen, das ich zunächst durch ein geo- 
metrisches Bild verdeutlichen will. Wir denken uns zwei 
Körperräume, A und B, beide pyramidalisch von einer 
Spitze beginnend, zu ähnlichen Querschnitten mit ver- 
schiedener Beschleunigung anwachsen; schieben wir sie so 
in einander, daß die Spitze eines jeden auf irgend einem 
Punkt der Axe des andern liegt, so gehört die Ebene, welche 
durch den Durchschnitt ihrer Oberflächen gelegt wird, so- 
wohl zu der Reihe der Ebenen, deren Integral A ist, als 
zu der Reihe der anderen, deren unendliche Folge B zu- 
sammensetzt ; man kann sich ebenso einen dritten Körper C 
vorstellen, der in gleicher Weise eine Ebene mit B ge- 
meinsam hat. Das Wachsthumsgesetz jedes dieser Körper 
läßt sich, bezogen auf die gemeinsame Axe aller drei und 
auf die Lage ihrer Gipfel in derselben, durch je eine 
Formel darstellen, welche wir der Reihe nach den drei 
allgemeinen Begriffen A oder B oder C zu vergleichen 
hätten. Und dann würde sich zeigen, daß es in der Reihe 
der einzelnen Beispiele von A ein bestimmtes gibt, das 
zugleich der Forderung des Begriffes B genügt; daß also 
für dieses Beispiel es zweifelhaft oder willkürlich wird, 
ob es .dem Begriff A oder B unterzuordnen ist, nicht des- 
halb, weil es keinem von beiden, sondern weil es vollständig 
beiden zugleich genügt; über diesen Einzelfall hinaus aber 
würden alle anderen Beispiele des A, alle jene übrigen 
Ebenen, die durch die so zusammengesetzte Körperfigur 
gelegt würden, ausschließlich entweder dem A oder dem B 
angehören; Gleiches endlich fände statt in Bezug auf die B 
und C gemeinsame Ebene. In diesen Fällen liegt es also 
an der Natur der wesentlich verschiedenen Begriffe selbst. 



Von der Begrenzung der Begriffe. 229 

daß einzelne Glieder ihrer Artenreihe zweideutig werden 
und an sich, ohne irgend eine Nebenrücksicht, z. B. auf 
die Art ihrer Entstehung oder Entwicklung zu nehmen, 
mit Sicherheit keinem dieser Begriffe ausschließlich zu^ 
gerechnet werden können, obgleich, abgesehen von diesen 
Einzelfällen, die Verschiedenheit der Bedeutung jener Be- 
griffe nicht zweifelhaft ist. So wie wir uns nun hier A B 
und C durch Namen bezeichnet, mithin als Begriffe aus- 
gedrückt, jene Sonderfälle aber namenlos gelassen dachten, 
so kann die Sprache auch zu dem Umgekehrten veranlaßt 
sein; sie kann Begriff M N durch Namen fixiren, die 
nur in Einzelfällen, welche wir etwa als ausgezeichnete 
Punkte, als Maxima oder Minima, einer zusammenhängenden 
Reihe versinnlichen könnten, ganz eindeutige von einander 
völlig verschiedene Bedeutungen besitzen; dann wird es 
umgekehrt in der Wahrnehmung und Erfahrung sehr viele 
Inhalte geben, die jedenfalls ihren Platz zwischen, aber 
auch nur zwischen zweien dieser Begriffe haben müssen, 
vollständig dagegen keinem von ihnen entsprechen. 

182. Als Beispiele, die auf dies letzte Verhalten zurück- 
geführt werden können, dienen Begriffe zusammengesetzter 
Bildung, welche die Sprache erzeugt hat, indem sie nicht 
von einem, sondern von vielen Vergleichungsgesichtspunkten 
zugleich ausging. Zweifellos stimmt dann mit einem solchen 
Begriffe jedes Beispiel überein, welches in jeder dieser 
Vergleichungsrücksichten an dem aus ihr entsprungenen 
Merkmale des Allgemeinen theilhat; aber die Zugehörigkeit 
zu dem Begriffe wird sehr zweideutig für viele andere 
Beispiele, die von dem einen Gesichtspunkt aus ganz ent- 
schieden ihm zuzurechnen sein würden, aber von einem 
anderen zugleich mitgedachten aus gar nicht. In dem Be- 
griffe der Krankheit haben sich auf diese Weise verschiedene 
Gedanken gekreuzt. Gewiß ist sie vor allem eine Abweichung 
des körperlichen Zustandes von einer als feststehend be- 
trachteten Norm. Aber eine angeborene Mißbildung, die 
von dem natürlichen Bau des Körpers sehr bedeutend ab- 
weicht, mögen wir doch nicht Krankheit nennen, so lange 
sie nicht auch die lebendigen Functionen der Organe be- 
einträchtigt, und so lange sie, immer in derselben Weise 
bestehend, keinen natürlichen Verlauf durch verschiedene 
Stadien hat. Eine Wunde ändert Bau und Functionen immer 
in irgend einem Grade, auch hat sie einen natürlichen 
Verlauf; aber eine leichte nennen wir doch nicht Krankheit, 
offenbar, weil sie weder Gefahr noch Unbrauchbarkeit des 



230 Zweites Kapitel. 

Körpers für wesentliche Lebenszwecke einschließt; eine 
sehr schwere aber auch nicht, obwohl sie beides thut ; 
sie ist zu plötzlich ganz und gar durch äußere Kräfte 
entstanden, und wir bemerken jetzt, daß wir uns unter 
Krankheit einen Zustand vorstellten, der zwar auf äußerliche 
Veranlassung begonnen, aber seine bestimmte Form doch 
nur durch die eigenthümlichen Wechselwirkungen der 
inneren Kräfte angenommen hat. Eine solche Reaction 
der inneren Kräfte gegen den äußeren Reiz bildet nun 
jeder Schnupfen; aber auch ihn nennen wir Krankheit 
doch kaum, so lange ihm das Moment der Gefahr fehlt; 
und ebenso wie wir uns hier mit dem milderen Namen 
des Unwohlseins helfen, sprechen wir auch von einer ge- 
wissen Breite der Gesundheit, um in ihr eine Menge langsam 
sich fortbildender Störungen unterzubringen, die mit einer 
ursprünglichen Eigenthümlichkeit der körperlichen Con- 
stitution zusammenhängen. Was nun hier Rechtens ist, 
ist leicht zu sagen. Unmöglich ist in solchen Fällen eine 
Definition, die mit wissenschaftlichen Bedürfnissen und mit 
diesen Wunderlichkeiten des Sprachgebrauchs zugleich in 
Einklang wäre; bedarf man einer Begriffsbestimmung, so 
muß man sie, unbekümmert um den Sprachgebrauch, will- 
kürlich festsetzen. In unserem Beispiel ist sie ziemlich 
entbehrlich, denn die Pathologie kommt recht gut aus auch 
ohne das allgemeine Wesen der Krankheit vorwurfslos 
definirt zu haben; die Praxis vollends braucht logische 
Allgemeinheiten nicht, aus denen keine Indicationen zum 
Handeln fließen. Anders in anderen Fällen. Auch in dem 
Begriff des Verbrechens durchkreuzen sich Rücksichten auf 
Vorbedacht oder Uebereilung, auf den Grad der bösen Ab- 
sicht, auf Versuch oder Vollendung, auf die Größe des 
erzeugten Uebels; in dem Unterschiede des Kunsterzeug- 
nisses von dem Produkt des Handwerks, in dem Verhältniß 
der freien Nachbildung zur Copie finden sich ähnliche 
Zweideutungen. Hier hat es mehr Werth, die Grenzen der 
Begriffe zu bestimmen, da gesetzlich Vortheile und Nach- 
theile sich unmittelbar an die Zugehörigkeit eines gegebenen 
Falles zu dem einen von ihnen knüpfen; aber auch hier 
wird man sie, zwar mit Berücksichtigung des Sprach- 
gebrauchs, im Wesentlichen doch durch Satzung feststellen 
müssen. 

183. Selbstverständlich kann man jeden Begriff M 
jedem beliebigen andern N gleichsetzen, wenn man den 
Inhalt von N durch nähere Bestimmungen so umwandelt, 
daß er =M ist. Hieraus entspringen vielerlei zufällige An- 



Von der Begrenzung der Begriffe. 231 

sichten oder Transformationen des Ausdrucks für dasselbe M, 
welche wir später nützlich finden werden, um M bald dem 
einen bald dem anderen Gesetz suhsumirbar zu machen, 
aus dem eine neue Behauptung über M entspringen kann. 
Eine Grenze des Erlaubten gibt es an sich für dies Ver- 
fahren nicht, so lange das transformirte M wirklich das 
ursprüngliche deckt, so lange also N = M. Man könnte selbst 
ein Dreieck M dem Begriff des Vierecks N unterordnen, 
mit der Nebenbestimmung freilich, daß eine der Viereck- 
seiten bis zu Null abgenommen habe; so sehr dies Spielerei 
scheint, so ist es doch nützlich zu verwenden; man kann 
sehr anschaulich machen, wie jedesmal, wenn zwei Seiten, 
die früher durch eine Zwischenseite getrennt waren, durch 
das Verschwinden derselben mit ihren Endpunkten zu- 
sammenstoßen, zwei rechte Winkel von der ganzen Winkel- 
summe des Polygons, hier des Vierecks verloren gehen. 
Diese Verwendung der Transformationen wird uns später 
interessiren ; hier heben wir hervor, daß durch sie der 
Unterschied der beiden so aufeinander zurückgeführten Be- 
griffe natürlich nicht geändert wird. Das Viereck bleibt 
vom Dreieck so verschieden, wie es immer war, nämlich 
so, daß es eben seines wesentlichen Charakters entkleidet 
werden muß, um jenem zugeordnet zu werden, und ebenso 
wird jede andere Umänderung, die an N nöthig ist, um 
daraus M zu machen, die Größe des bleibenden Unter- 
schiedes beider Begriffe messen. Handelt es sich nicht, 
wie in diesem Falle, um abstracte Gedankengebilde, sondern 
um Wirklichkeiten, die in der That eine eigene Entstehung 
haben, so ist der Werth solcher Transformationen sehr 
gering; sie sind zunächst bloße Einfälle, deren Bedeutung 
erst durch besondere Untersuchungen zu ermitteln ist. In 
Gedanken kann man jede gegebene Krystallgestalt durch 
willkürliches Abschnitzeln hier und da in jede beliebige 
andere, in der bloßen Zeichnung die Figur des Krokodils 
durch successive Aenderungen der Contouren in die eines 
Vogels verwandeln, und aus jedem chemischen Element 
kann man jedes andere ableiten, wenn man alle Coefficienten, 
welche die allgemeinen physischen Eigenschaften in dem 
einen haben, stetig in bestimmte andere Werthe übergehen 
läßt. Durch solche Künste kann man nicht die Begriffe M 
und N einander nähern, denn ihr Unterschied bleibt immer 
so groß, wie die Summe der Schritte, die man vom einen 
zum andern machen mußte; man kann aber auch nicht 
die wirklichen Dinge, welche Beispiele dieser Begriffe sind, 
hierdurch in einen Zusammenhang des möglichen Ueber- 



232 Drittes Kapitel. 

gehens in einander bringen. Dazu wäre der Nachweis 
nöthig, daß die physischen Kräfte derjenigen Elemente, 
die einen wirklichen Krystall von der Form M aufbauen, 
an demselben Stoff auch ein Gleichgewicht der Lagerung 
in der Form N möglich machen; oder daß das verkettete 
System von Kräften, welches den Bildungstypus des 
Krokodils vorzeichnet und physisch verwirklicht, überhaupt 
durch andere natürliche Einwirkungen sich so verschieben 
lasse, daß aus ihm die Gestalt des Vogels wirklich heraus- 
wachsen kann, daß mit einem Worte in dem Zusammen- 
hange der Wirklichkeit Triebe vorhanden sind, welche die 
Umänderungen der Begriffsinhalte reaHsiren, die wir in 
Gedanken und auf dem Papier willkürlich an ihnen vor- 
nehmen können. Man erinnert sich, glücklicherweise als 
eines überwundenen Irrthums, der wilden Willkür, mit 
welcher man früher etymologisirend jedes Wort der einen 
Sprache am Ende aus jedem beliebigen der andern ableitete; 
jetzt ist die Warnung vor Aehnlichem in Bezug auf das 
neuerwachte Bedürfniß nützlich, die Mannigfaltigkeit der 
organischen Wesen, mit Aufhebung aller festen Artunter- 
schiede, aus einander entstanden zu denken. Jedenfalls 
hat indessen Darwin's Versuch, gleichviel ob zulänglich 
oder nicht, sich wenigstens eifrig darum bemüht, die wirk- 
lichen Vorgänge aufzuweisen, durch welche die denkbare 
Verwandlung der einen organischen Form in die andere 
realisirt worden sein mag. 



Drittes Kapitel. 

Schematische Anordnungen und Bezeichnung 
der Begriffe. 

184. Ich setze in diesem Abschnitt von etwas ver- 
ändertem Gesichtspunkt aus die Betrachtungen des vorigen 
fort. Die Weite und die Bedeutung des Unterschiedes 
mehrerer Vorstellungsinhalte war nur dann einer näheren 
Bestimmung fähig, wenn wir Gelegenheit fanden, mehrere 
gleichartige Unterschiede unter einander zu vergleichen, 
wenn also die verglichenen Inhalte selbst Reihen bildeten, 
deren Glieder nach einem mehr oder minder genau aus- 
drückbaren Gesetze fortschritten, und wenn außerdem das 
fühlbar Allgemeine, dessen quantitativ und qualitativ ver- 
schiedene Modificationen diese Glieder darstellten, nur in 
einer und derselben Richtung solche Abwandlungen ge- 



Schematische Anordnungen und Bezeichnung der Begriffe. 233 

stattete. Zusammengesetzte Begriffe, sei es von Dingen 
oder von Eigenschaften, Verhältnissen oder Ereignissen, 
lassen sich wegen der Vielheit einander determinirender 
Merkmale oder Beziehungspunkte, welche sie einschließen, 
nach mancherlei Richtungen hin verändern, theils dadurch, 
daß die Merkmale und die Beziehungspunkte, einzeln oder 
einige oder alle, die verschiedenen Beschaffenheiten an- 
nehmen, deren sie fähig sind, theils dadurch, daß die 
zwischen ihnen obwaltenden Determinationen die verschie- 
denen möglichen Werthe der Lockerheit oder Engigkeit 
und die Formänderungen durchlaufen, denen sie ihrer Natur 
nach unterworfen sind. Nun hindert nichts, daß öfters der 
Werth und die Weite des Unterschiedes zwischen zwei 
so entstandenen Begriffen M und N uns durch unmittel- 
baren Eindruck mit dem Grade der Sicherheit deutlich sei, 
den wir in dem fraglichen Falle wünschen müssen; hätten 
wir jedoch ein wissenschaftliches Interesse an genauerer 
Bestimmung, so würden wir die Werthe der verschiedenen 
Scalen, nach denen die einzelnen Unterschiede stattfinden, 
und aus ihnen den Werth der Gesammtveränderung be- 
stimmen müssen, welche M von N oder N von trennt. 
Man wird geneigt sein, schon hier einzuwerfen, daß wir, 
in den meisten Fällen wenigstens, die Bedeutung einer 
Scala, nach welcher die Veränderung eines Begriffsinhaltes 
stattgefunden hat, vielmehr umgekehrt nach der Größe der 
Umwandlung schätzen, welche diese Veränderung in dem 
unmittelbaren Totaleindruck hervorgebracht hat; diese Ein- 
wendung kann ich zugeben, ohne sie weiter zu berück- 
sichtigen; denn was ich hier erläutern will, ist nicht eine 
logische Regel, sondern ein Hang unseres Gedankenganges, 
der weit mehr einzuschränken als zu befriedigen sein wird, 
der aber um seiner Unaustilgbarkeit willen eine besondere 
Berücksichtigung verlangt. Man begreift nämlich leicht, wie 
aus jener obenerwähnten Aufgabe der Wunsch entstehen 
kann, ein allgemeines Schema zu besitzen, in welchem 
nicht nur alle denkbaren modificablen Beziehungen ver- 
schiedener Elemente, sondern auch die Werthe der Unter- 
schiede je zweier Modificationen dergestalt festgestellt 
wären, daß jeden zwei Begriffen M und N der bestimmte 
Unterschiedswerth oder zugleich Verwandtschaftswerth zu- 
käme, welcher an den von ihnen eingenommenen Stellen 
des allgemeinen Schema haftet. 

185. Ich gehe zunächst zur Erläuterung auf eine Er- 
scheinung des ältesten Alterthums zurück, auf Py thagoras. 
Aus den spärlichen und großentheils wenig glaubwürdigen 



234 Drittes Kapitel. 

Quellen, die wir besitzen, ein sicheres Lehrgebäude pytha- 
goreischer Philosophie wieder aufzubauen unternehme ich 
nicht; aber den Grundgedanken, der sie belebt haben kann, 
und von dem begreiflich ist, daß er eine "ebenso lang- 
dauernde als in ihren Aeußerungen oft verkehrte Theil- 
nahme erregt hat, glaube ich angeben zu können. Die 
Hinneigung der Schule theils zu abstract mathematischen 
Untersuchungen theils zur Anwendung derselben auf Natur- 
vorgänge ist hinlänglich gewiß ; die erste Richtung der 
Studien mußte auf die Vorstellung der Zahlenreihe und 
der Gestaltenwelt als zweier großen gesetzlich in sich selbst 
zusammenhängenden Ganzen führen, und noch überdies 
die Abhängigkeit der räumlichen Gebilde selbst von den 
in sie eingegangenen Zahlengrößen lehren ; die andere Rich- 
timg hat, neben uns weniger bekannten Erfolgen, zur Auf- 
findung des Verhältnisses zwischen der gehörten Tonhöhe 
und der Länge der schwingenden Saite geführt und damit 
sicher den allgemeinen Gedanken rege gemacht, daß auch 
Erscheinungen, deren Verschiedenheiten von uns zunächst 
als qualitative empfunden werden, auf mathematischen Ver- 
schiedenheiten vergleichbarer Bedingungen beruhen. Zu 
schrankenloser Verallgemeinerung so gefundener Ergebnisse 
neigt menschliche Einbildungskraft ohnehin ; für den mathe- 
matisch gebildeten Pythagoreer kam die Erwägung hinzu, 
wenn einmal einer Reihe von Größenveränderungen eine 
Veränderungsreihe von Erscheinungen entspreche, so werde 
auch keinem anderen denkbaren mathematischen Verhält- 
nisse und seinen Modificationen das entsprechende Gegen- 
bild in der Erscheinung fehlen, oder umgekehrt: wenn 
eine Gruppe von Erscheinungen sich auf Größenbestim- 
mungen gründe, so werde der Zusammenhang aller Natur- 
vorgänge unter einander auch die übrigen Erscheinungen 
zu gleichartiger Abhängigkeit von mathematisch bestimm- 
baren Gründen nöthigen. So denken wir uns das philo- 
sophische Unternehmen entstanden, dem Aristoteles den 
Ausdruck gibt, Pythagoras habe die Principien der Zahlen 
für die Principien der Dinge gehalten; aber den Sinn dieses 
Ausdrucks selbst haben wir noch weiter zu überlegen. 
Die Absicht der pythagoreischen Philosophie ging gewiß 
nicht blos darauf, worauf sie nach dem anderen Spruche 
ihres Urhebers, Gott habe alles nach Maß und Zahl ge- 
ordnet, gerichtet scheinen kann; nicht auf eine bloße An- 
wendung der Mathematik auf die Natur in der Art, daß 
e])en nur die Größenbestimmtheiten der natürlichen Kräfte 



Schematische Anordnungen und Bezeichnung der Begriffe. 235 

und Ereignisse im Falle ihres Wechselwirkens nach dem- 
selben mathematischen Rechte einander modificiren, das 
für Größen überhaupt gilt; vielmehr diese Data selbst, 
auf welche unsere mathematische Physik nur Anwendungen 
der Mathematik macht, erschienen dem Pythagoras als selbst 
schon ein System bildend, dessen innere Gliederung nach 
denselben Verhältnissen entworfen ist, nach denen die 
Glieder der Zahlenreihe gebildet sind oder sich zusammen- 
setzen können. Ich unterscheide in dieser Ansicht einen 
allgemeinen Gedanken und seine besondere Ausprägung. 

186. Die sogenannte Naturphilosophie der Jonier war 
damit beschäftigt gewesen, die Bildung und Rückbildung 
der Naturkörper aus ihrem Urstoff und in ihn zu be- 
schreiben; da sie sehr allgemein dazu Vorstellungen von 
Verdichtung und Verdünnung brauchte, kann sie, um dieser 
quantitativ bestimmten Hülfsmittel willen, der pytha- 
gorischen Auffassung schon verwandt scheinen. Sie ist 
ihr dennoch sehr fremd; denn nirgends findet sich in ihr 
ein ausgesprochenes Interesse dafür, daß die Summe dessen, 
was auf diese Weise entstand, in irgend einem Augenblicke 
seines Bestehens oder in der Reihenfolge seines Werdens 
ein zusammengehöriges Ganze bilde, dessen Theile ein- 
ander fordern. Pythagoras hingegen scheint sich sehr wenig 
um diese Entstehung der Welt gekümmert zu haben, aber 
so wie sie bestand, nachdem sie entstanden war, galt sie 
ihm für ein System, dessen Theile nicht blos neben einander 
da waren, sondern in dem eine Lücke gewesen wäre, wenn 
während des Bestandes der einen Erscheinung die Wirklich- 
keit der anderen gefehlt hätte. Wenn es in der Wirklichkeit 
a b und d gibt, so ist c, falls es da ist, nicht blos auch 
da, sondern es ist da, weil es von dem Gesetze, nach 
welchem die Reihe ab . . bis d fortschreitet, als nicht fehlen 
könnendes drittes Glied zu dem vierten d gefordert wird; 
oder falls c nicht ist, so ist es nicht blos thatsächlich nicht, 
sondern weil das Bildungsgesetz jener Reihe die Möglichkeit 
dieses dritten Gliedes vor d ausschließt. Dieselbe Betrach- 
tung würde sich auf andere Reihen des Wirklichen, auf 
aßyb und aBcb, anwenden lassen, und diese Anwendung 
ist von der pythagoreischen Philosophie gemacht worden. 
Welches Verhältniß sie zwischen den verschiedenen Cha- 
rakteren dieser Reihen angenommen haben mag, die ich 
durch die verschiedenen Alphabete andeuten wollte, wissen 
wir allerdings nicht, und seTir wahrscheinlich würden uns 
darüber, wie Aristoteles merken läßt, auch die vollständig- 



236 Drittes Kapitel. 

sten Quellen nicht belehren; was aber das Gesetz betrifft, 
welches in jeder dieser Reihen die gleichartigen Glieder 
unter einander verbindet, so scheint unzweifelhaft, daß 
dies eben als dasselbe identische für alle diese Reihen 
angesehen, daß also ein allgemeiner Parallelismus des Ver- 
haltens in den verschiedenen Gruppen zusammengehöriger 
Erscheinungen behauptet wurde. Dies zeigt sich in der 
Erfindung einer unsichtbaren Gegenerde, um die Zahl der 
damals bekannten Planeten auf jene Zehn zu bringen, 
der einmal die arithmetische Mystik des Systems eine be- 
sondere Bedeutung beigelegt hatte, in der Annahme eines 
fünften Elements, das mit Wasser Erde Feuer und Luft 
den fünf regelmäßigen Körpern Tetraeder Würfel Octaeder 
Dodekaeder und Ikosaeder entsprechen sollte, in dem Ver- 
suche ferner, die Entfernungen der Planeten nach musi- 
kalischen Intervallen geordnet zu denken, selbst in der 
ärmlichen Form der Tafeln von Gegensätzen, die für unser 
Verständniß freilich nur das häufige Vorkommen des Gegen- 
satzverhältnisses selbst an willkürlich zusammengestellten 
Begriffspaaren versinnlichen, aber durch die Zehnzahl der 
Paare anzudeuten scheinen, daß sie für alle verschieden- 
werthigen Stufen einer zehngliedrigen Reihe dies Ver- 
hältniß als wesentlich darstellen wollten. Endlich, wenn 
der Zahl Sechs das Belebtsein, der Sieben die Intelligenz 
und das Licht, der Acht die Freundschaft zugeordnet wurde, 
so geht daraus hervor, daß nicht blos die Erscheinungen 
der äußeren Natur, sondern auch die des geistigen Lebens, 
daß überhaupt alles Denkbare als geordnet nach demselben 
Reihengesetze betrachtet wurde. So hat diese Philosophie 
ganz dasselbe gesucht und glaubte es gefunden zu haben, 
was wir oben aussprachen : ein allgemeines Schema, welches, 
vom Einfachen zu Verwickeltem aufsteigend, die Summe 
möglicher Bildungen zu umfassen dachte, deren eine jedem 
Wirklichen als Muster seiner eigenen dienen mußte, und 
das zugleich diese Vorbilder so in eine Reihe ordnete, 
daß jedem Wirklichen durch die Stelle seines Vorbildes 
in ihr seine eigene Bedeutung und die Größe seines Unter- 
schiedes oder seiner Verwandtschaft mit den anderen 
Dingen, den Nachbildern anderer Reihenglieder, zukam. 
Dies scheint mir der allgemeine Gedanke, den ich der 
pythagoreischen Philosophie zueigne : nicht blos eine gleich- 
sam später gestiftete Anordnung von Dingen, deren Wesen 
ursprünglich ohne Rücksicht auf das Princip dieser Ordnung 
gegeben gewesen wäre, sondern eine Harmonie des Kosmos, 



Schematische Anordnungen und Bezeichnung der Begriffe. 237 

— mit diesem Namen bezeichnete zuerst Pythagoras die 
Welt, — begründet darauf, daß alle Dinge von Anfang an nur 
verschiedene Verwirklichungen einer Reihe von Typen waren, 
welche ein allgemeingültiges Entwicklungsgesetz bestimmte. 
187. Die specielle Ausprägung dieses Gedankens ist 
weit hinter der unleugbaren Großartigkeit seines allgemeinen 
Sinnes zurückgeblieben. Auch die Mathematik der Gegen- 
wart, so vielförmig die Größenverhältnisse sind, deren 
interessante Wechselbeziehungen sie in Betracht gezogen 
hat, würde nicht im Stande sein, in diesen ausreichende 
Vorbilder oder Symbole oder abstracte Ausdrücke der 
mannigfacheren Verhältnisse zu finden, die zwischen den 
Elementen des Wirklichen und den aus ihnen entspringen- 
den Combinationen bestehen; die antike Arithmetik aber, 
zu deren Ausbildung die pythagorische Schule beigetragen 
zu haben scheint, fand in ihrer Kenntniß der Zahlenreihe 
nur sehr wenige und ärmliche Beziehungen auf, deren 
Werth man sehr überhöhen und schon ziemlich willkürlich 
deuten mußte, um sie als dieselben ansehen zu können, 
auf welche die Bildungen des Wirklichen gegründet seien. 
Die Beobachtungen, daß alle Zahlen aus vielfacher Wieder- 
holung der Einheit entstehen, daß in ihrer Reihe die durch 
das Princip der Vielheit, die Zweizahl, untheilbaren und 
darum vornehmer geachteten ungeraden abwechseln mit 
den geraden, daß die erste Einheit des Geraden und des 
Ungeraden die Drei, die erste Quadratzahl einer Mehrheit 
die Vier, die Summe dieser ausgezeichneten vier ersten 
Zahlen die Zehn ist, konnten eigentlich nur für eine Sym- 
bolik, der jedes interessante Motiv recht ist auch ohne 
Rücksicht auf den Zusammenhang mit anderen, die bekannte 
Verehrung der Zehnzahl rechtfertigen, zu der ohne Zweifel 
in der Gewöhnung an das dekadische Zahlensystem der 
eigentlich wirksame Grund lag. Hätte diese Speculation 
alle die algebraischen und transscendenten Functionsformen 
gekannt, mit denen jetzt die Mathematik wirthschaftet, wie 
viel reicher würde die Mannigfaltigkeit der Symbole ge- 
wesen sein, die sie den einzelnen Erscheinungen, mit viel 
feinerer Anschmiegung an die Natur derselben, hätte zu- 
ordnen können ! , Sind wir doch jetzt noch geneigt, auch da, 
wo keine eigentliche Rechnung möglich ist, den Namen 
der Potenz für eigenthümliche Steigerungen der Bedeutung 
und Wichtigkeit zu brauchen, die ein Begriffsinhalt erfährt, 
wenn etwa jeder der Beziehungspunkte, in deren gegen- 
seitiger Determination sein Sinn besteht, zu einem kleinen 



238 Drittes Kapitel. 

Systeme sich vervielfältigt, zwischen dessen Gliedern die- 
selbe Determination besteht, welche das Ganze beherrscht; 
und wie sehr hätten manche Abhängigkeitsverhältnisse ver- 
schiedener Elemente durch die Relation eines Logarithmen 
zu seiner Zahl, alle periodischen Regelmäßigkeiten durch 
Anwendung trigonometrischer Functionen verdeutlicht 
werden können 1 Da dieser Reichthum fehlte, der doch 
auch uns noch nicht genügen würde, so hat es gar keinen 
Werth, im Einzelnen die Sinnigkeit der pythagoreischen 
Symbole zu untersuchen. 

188. Die auseinandergehenden Deutungen aber und die 
Mißverständnisse, denen die ganze Ansicht unterlag, lassen 
sich leicht aus ihr selbst begreifen. Nach der einen 
Aeußerung des Aristoteles waren es die Principien der 
Zahlen, die Pythagoras den Principien der Dinge gleich- 
setzte. Dies ist uns völlig verständlich; unter jenen Prin- 
cipien der Zahlen waren die Reziehungen der Einheit zur 
Vielheit, die Wiederholbarkeit der ersten, die Theilbarkeit 
oder Untheilbarkeit der anderen, überhaupt die Möglichkeit 
zu verstehen, durch Renutzung dieser immer gleichen Ver- 
hältnissen und Operationen die ganze Zahlenreihe zu er- 
zeugen, oder, wie wir sagen würden, jede Zahl als Function 
anderer Zahlen darzustellen; dieses innere Gefüge sollten 
die Dinge auch haben, nach denselben Principien auch 
ihre Reihen so geordnet sein, daß die Natur des einen 
sich als eine Function der Natur der anderen darstellen 
ließe. Aber Aristoteles behauptet auch mit Anderen, die 
Zahlen selbst habe die pythagoreische Schule für Dinge, 
jedenfalls die Dinge für Zahlen erklärt. Auch dies ist gar 
nicht unbegreiflich für den, der den Gang philosophischer 
Gedanken und die Gewohnheiten des Ausdrucks für sie 
kennt. Ris zu gewissem Grade hätten die Pythagoreer 
sogar mit dieser Rehauptung Recht gehabt, und eben daraus 
ist zu vermuthen, daß sie sie wirklich ausgesprochen haben; 
denn, wie erwähnt, eine bloße Anwendung der Zahlen 
auf Größenbestimmungen von Dingen, deren eigentliches 
Wesen von diesen Restimmungen noch unabhängig wäre, 
sowie es etwa ähnliche Dreiecke von den verschiedensten 
Größen gibt, wollten sie keineswegs machen; ihre Zahlen 
sollten das bedeuten, wodurch sich das Wesentliche eines 
Dinges von dem Wesentlichen eines anderen unterscheidet; 
a war a, weil es seinen Inhalt in der Functionsform a 
oder nach dem Rildungsgesetz a der einen Symbolzahl zu- 
sammenfaßte, und unterschied sich hierdurch von b, das b 



Schematische Anordnungen und Bezeichnung der Begriffe. 239 

war, weil es dem Bildungsgesetze ß einer anderen folgte. 
Man konnte daher, mit einem nachher zu erwähnenden 
Vorbehalt, allerdings sagen, das Wesen eines Dinges, näm- 
lich das Wesen in dem Sinne dessen, wodurch eines vom 
anderen sich unterscheidet, bestehe in der ihm immanenten. 
Zahl. Die andere Behauptung, das Wesen der Dinge, nämlich 
das, wodurch sie sämmtlich Dinge sind, oder ihre Realität, 
bestehe in diesen Zahlen, oder die Zahlen seien das Reale, 
hat vielleicht die Schule positiv so nicht ausgesprochen; 
that sie es aber, so konnte sie den letzteren Ausdruck 
freilich nicht rechtfertigen, den ersten aber allerdings ; denn 
wenn es nichts wirklich gibt, dessen Wesen nicht durch 
eine jener Symbolzahlen bestimmt ist, so sind die Zahlen 
allerdings die conditio sine qua non jeder Realität; sie für 
mehr zu halten und sie selbst Reales zu nennen, ist eine 
Ueberspannung des Ausdrucks, von der wir später sehen 
werden, wie sehr nahe sie dem philosophischen Gedanken- 
laufe aller Zeiten gelegen hat. Eine große Unvollkommenheit 
bleibt zurück, die wir schon erwähnten. Dieselbe typische 
Zahlenreihe soll sich in sehr vielen parallelen Reihen des 
Wirklichen, in abcd, aß^b, aBcb wiederholen; wie unter- 
scheiden sich nun die Glieder b ß b von einander, wenn 
das ganze Wesen jedes von ihnen durch dieselbe Symbolzahl 
erschöpft wird? Hierauf ist keine Antwort möglich; an 
diesem Punkte wird die Theorie, welche das Wesen der 
Dinge ganz zu umfassen dachte, doch wieder zu einer 
Anwendung einer allgemeinen Regel der Bildung auf ver- 
schiedene Fälle, deren charakteristische Unterschiede als 
gegebene zu betrachten sind; aber eben hierdurch ist sie 
ganz das, zu dessen Verdeutlichung wir sie benutzen wollten : 
der Versuch, ein allgemeines Schema für die Beziehungen 
Verwandtschaften und Unterschiede aller beliebigen even- 
tuell in Frage kommenden Inhaltsgruppen aufzustellen. 

189. Ich rechtfertige die Ausführlichkeit dieser Be- 
trachtung durch Hinweis auf die außerordentliche Zähigkeit, 
mit der sich die Vorliebe für diese Schematisirung alles 
Denkinhaltes durch den Lauf der Zeiten hindurch erhalten 
hat. Zuerst in dieser Form der mystischen Zahlenspeculation 
selbst; über diese Bestrebungen können wir flüchtig hinweg- 
gehen; da ihnen das Interessante und Ueberraschende, 
übrigens aber Sinnlose genügte, so waren sie eigentlich 
immer nur auf der Suche nach einer geheimen Wahrheit, 
die sie nie fanden, und es gehörte stets viel guter Wille 
dazu, in den Symbolen den Sinn, den man in sie legte^ 



240 Drittes Kapitel. 

irgendwie besser ausgedrückt zu sehen, als es ohne Symbol 
auch geschehen konnte. Dann ist man nach verschiedenen 
Richtungen hin von der blos arithmetischen Basis der 
Träumerei abgegangen. Zuerst hat fast regelmäßig jedes 
bedeutende Verhältniß zwischen wichtigen Beziehungs- 
punkten, dem die fortschreitende Wissenschaft auf die Spur 
gekommen war, sich zum Schema für die Gliederung des 
ganzen Weltinhaltes ausgedehnt. Lange fand man den 
Habitus der antiken vier Elemente in allen Dingen wieder, 
und die mystische Bedeutung dieser Vierzahl wurde später 
nur auf die neuentdeckten Grundstoffe der Organismen, 
Kohlenstoff Wasserstoff Sauerstoff und Stickstoff über- 
tragen; sie stimmte vortrefflich mit den vier Himmels- 
gegenden, denn Zenith und Nadir fallen ja außer die natür- 
liche Visirlinie unseres Blickes; sie stimmte ebenso mit 
den vier Jahreszeiten der gemäßigten Zone, in welcher 
diese Speculationen geübt wurden, und mit den vier un- 
erläßlichen Casus der Declination; später kam mit der 
Vollendung der astronomischen Theorie der Gegensatz 
zwischen centripetalen und centrifugalen Bestrebungen in 
die Vorstellungen aller Dinge und verschmolz mit dem 
Gegensatze der Geschlechter und dem Verhältniß zwischen 
Säure und Alkali; Magnetismus und Elektricität führten 
das Schema der Polarität fast noch weiter in die Betrachtung 
alles Denkbaren ein. Entgegengesetzte Bestrebungen gingen 
von dem richtigen Gedanken aus, daß auch die Zahlen- 
verhältnisse, zum Theil wenigstens, nur Beispiele noch 
abstracterer Grundbeziehungen seien; diese müsse man 
aufsuchen und werde sie finden, wenn man die Operationen 
überlege, durch welche unser Vorstellen eben die Vor- 
stellungen aller Inhalte zu Stande bringe. Nun entsteht 
mindestens jede zusammengesetzte Vorstellung dadurch, daß 
man ein a setzt, ein b von ihm unterscheidet oder ihm 
entgegensetzt, beide endlich in eine Beziehung c bringt; 
so gilt nun Thesis Antithesis und Synthesis als das Schema 
der Bildung alles Wirkhchen und als Rhythmus der An- 
ordnung seiner Betrachtung; man sieht aber leicht, daß 
diese Symbole, je abstracter sie gefaßt werden, desto mehr 
in notiones communes übergehen, die zwar ziemlich von 
Allem gelten, aber über Nichts Aufschluß geben. Diesem 
ganzen Wirrwarr tritt nun die Logik mit der Anforderung 
entgegen, jeder Inhalt sei lediglich nach seiner eigenen 
Natur zu betrachten, einzutheilen und zu untersuchen; 
es gebe kein verwendbares allgemeines Schema, und die 



Schematische Anordnungen und Bezeichnung der Begriffe, 241 

Benutzung grundlos ausgedachter Schablonen könne nur 
der unparteiischen Aufsuchung der Wahrheit Gewalt anthun. 
190. An diesem Verwerfungsurtheil ist nichts abzu- 
brechen, und einige Bemerkungen, die ich noch machen 
will, haben nicht diesen Zweck. Wenn uns der Inhalt M 
eines Begriffs einer Vorstellung oder einer Anschauung so 
gegeben ist, daß er irgend eine Mehrheit von Merkmalen 
Theilen oder Beziehungspunkten in der Form \x vereinigt, 
so ist es eine ganz gerechtfertigte wissenschaftliche Neu- 
gier, erfahren zu wollen, wie sich seine Beispiele verhalten 
oder verändern und unterscheiden werden, wenn man ent- 
weder die Theile des Inhalts allein oder zugleich die all- 
gemeine Verbindungsform [x, innerhalb der zulässigen 
Grenzen ihrer Veränderlichkeit variirt. Bleiben wir zu- 
nächst bei der ersten Aenderungsart, so wird es uns 
meistens wenig interessiren, alle Arten von M zu ent- 
wickeln, die durch verschiedene Größenwerthe von Merk- 
malen entstehen, denn sie werden, im Allgemeinen wenig- 
stens, einander ähnlich sein und dasselbe nur in ver- 
schiedenem Maßstabe wiederholen. Ist aber eines von 
diesen Merkmalen m von der Beschaffenheit, daß für das- 
selbe der Gegensatz des Negativen zum Positiven einen an- 
gebbaren und anschaulichen Sinn hat (sowie etwa rechts 
und links, Attraction und Repulsion, Concavität und Con- 
vexität, überhaupt Wachsthum über einen Nullpunkt hinaus 
und Abnahme unter diesen Punkt hinab, einander gegen- 
überstehen), so interessirt es uns lebhaft zu wissen, was 
aus M wird, wenn man seinem Bildungsgesetz jetzt diesen 
entgegengesetzten Anwendungspunkt — m anstatt -f-m gibt. 
Nimmt man y=:fx als Gleichung einer krummen Linie, so 
versäumt Niemand, successiv die positiven und negativen 
Werthe von x einzusetzen, und nicht eher als bis man 
die hieraus entspringenden Resultate vereinigt hat, glaubt 
man die Natur der Curve M zu kennen, die sich der An- 
schauung hier nicht als Allgemeines, sondern als das Ganze 
darstellt, welches aus der Verkniipfung aller möglichen 
Beispiele der allgemeinen Gleichung entsteht. Fällt uns 
irgendwo, als künstlerisches Ornament vielleicht, eine nach 
rechts und unten geschwungene Volute ins Auge, so emp- 
findet unsere Einbildungskraft dasselbe Bedürfniß; auch 
ohne mathematisch das Bildungsgesetz dieser Curve zu 
kennen, begreifen wir doch, wegen der Gleichartigkeit der 
Raumrichtungen, daß sie ganz mit gleichem, aber entgegen- 
gesetztem Schwünge sich nach rechts und oben, und mit 

Lotze, Logik. 16 



242 Drittes Kapitel. 

noch anderem Gegensatz links sich nach oben und untea 
wiederholen könnte. Fehlen nun diese Fortsetzungen, zu 
deren Vorstellung der gesehene Anfang anregt, ohne daß 
in den Umgebungen ein erklärender Grund für diesen Mangel 
sichtbar würde, so fühlen wir uns ästhetisch unbefriedigt; 
aber dies Bedürfniß nach Symmetrie hat doch einen Grund 
logischer Art. Es gehört zur Natur des Gesetzes, An- 
wendung zu haben auf alle Variationen seiner Beziehungs- 
punkte; darum liegt ein Widerspruch in der Anschauung, 
welche den Gedanken des Gesetzes zugleich mit der Mög- 
lichkeit seiner allgemeinen Geltung rege macht, und doch 
nur einen Theil seiner Geltung wirklich sichtbar werden 
läßt ; was hier in der Anschauung fehlt, scheint in der Sache 
zu fehlen; wir suppliren es, um den grundlosen Mangel der 
Allgemeingültigkeit zu heben. Ein ähnlicher Trieb be- 
gleitet uns in die Betrachtung aller Begriffe. Ueberall, wo 
in irgend einem M eines seiner Bestimmungsstücke zwischen 
-fm und — m schwanken kann, was nur möglich ist durch 
den Zwischenwerth m = o, überall da wird das Bild der 
so entstehenden dreigliedrigen Eintheilung für uns ein 
Schema, nach welchem wir die Untersuchung des ganzen 
Umfangs von M beginnen. Dies nämlich muß hier, zum 
Unterschied von den oben zurückgewiesenen Träumereien, 
hervorgehoben werden, daß dieses Schema uns nichts als 
eine Aufforderung zur Leitung der Untersuchung 
sein kann, aber nicht anticipirend ein Bild des heraus- 
kommenden Erfolges. Nicht überall, wie in dem Beispiele 
unserer Volute, werden sich die Gegenstücke, die wir dort 
erwarteten, finden lassen; es hängt von der Natur der Ver- 
bindungsform jLi ab, ob M überhaupt noch mögliche Arten 
liefert, wenn jenes -|-m in ihm in — m übergeht; noch 
weniger ist vorherzusehen, ob und wie die so entstandenen 
Arten den Unterschieden ihrer Bedingungen sich propor- 
tional verhalten werden; nichts hindert die Möglichkeit, daß 
für ein bestimmtes |Li dieser völlige Gegensatz von -{-Tn. 
und — m ebenso völlig bedeutungslos ist. Man wird nun 
ebenso |li durch alle seine möglichen Arten, die durch eine 
vollständige Disjunction seines Begriffs gegeben werden, 
variiren lassen; man wird für bloße Größenzunahmen auch 
hier nur eine Beihe ähnlicher Resultate, für jeden Wende- 
punkt aber, an welchem jj, eine qualitativ andere Bedeutung 
annimmt oder einen Sprung zu seinem Entgegengesetzten 
macht, auch in dem von ihm abhängigen M das Auftreten 
einer ganz neuen Bildung erwarten; man wird endlich für 



Schematische Anordnungen und Bezeichnung der Begriffe. 243^ 

jedes ausgezeichnete Verhalten, welches man in einem 
Sonderfalle von M gefunden, als Gegenstück ein gleich aus- 
gezeichnetes Verhalten in einem auf ähnlichen Bedingungen 
beruhenden Sonderfall eines ähnlich gebauten N erwarten, 
wie man denn zu allem, was Lichtwellen begegnet, das 
Entsprechende für Schallwellen sucht: aber alles dies bleibt 
stets eine Frage an den Gegenstand, auf welche die Ant- 
wort zu erwarten ist; sie kann der Erwartung völlig ent- 
gegengesetzt ausfallen und muß hingenommen werden, wie 
die Untersuchung sie gibt. Darin bestand aber die Täuschung 
jener schematisirenden Tendenz, daß sie annahm, jede Stelle 
eines als allgemein vorausgesetzten Schema werde bei jeder 
Anwendung desselben auf einen beliebigen Stoff stets durch 
eine bedeutungsvolle Gestalt desselben ausgefüllt werden, 
niemals aber leer bleiben, und daß sie ferner hinzufügte-^ 
auch die Formen, mit denen wirklich die verschiedenen In- 
halte, nach gleichem Rhythmus sich ändernd, dieselben Stelleö 
des Schema füllen, würden durch hervorstechende Aehnlich- 
keit oder Analogie ihres gesammten Habitus als zusammen- 
gehörige, als verwandte oder als Gegenstücke, sich ankün- 
digen. Wo dies nicht zutraf, lag dann die Versuchung nahe, 
die Lücken durch grundlose Vermuthungen zu füllen und 
die mangelnde Correspondenz entsprechender Glieder durch 
sachwidrige Hervorhebung von Nebenzügen herzustellen. 
191. Die moderne Zeit hat mehrere großartige Beispiele 
schematischer Entwicklung des Weltinhaltes gesehen, welche 
selbst einen wesentlichen Mangel der pythagorischen Auf- 
fassung zu vermeiden schienen. An einem anderen Orte 
(Geschichte der Aesthetik in Deutschland S. 176 ff.) habe 
ich ausführlicher die Motive erläutert, die zur Ausbildung 
der Hegelischen Dialektik, der bedeutendsten unter 
diesen Bestrebungen, geführt haben; ich begnüge mich hier 
mit wenigen Bemerkungen über ihren logischen Charakter. 
Die pythagorische Art und Weise, unzählige parallele Ent- 
wicklungsreihen verschiedener Inhalte neben einander vor- 
zustellen, gab nicht Rechenschaft von den Unterschieden, 
durch welche die correspondirenden Glieder verschiedener 
Reihen, ungeachtet ihrer identischen Plätze in dem all- 
gemeinen Schema, von einander getrennt sind. Das de^ 
kadische Zahlensystem, mit seinen aufsteigenden Potenzen 
der Zehnzahl, hat hier doch nicht zu dem nahe liegenden 
Versuche veranlaßt, jene Parallelreihen selbst wieder als 
successive Perioden einer und derselben Hauptreihe zw 
fassen, in ihrer innerlichen Structur einander gleich, aber 

16* 



244 Drittes Kapitel. 

gleichsam durch die Höhe des Niveaus, auf dem sie diesen 
Bau entfalten, einander so überbietend wie die Octaven der 
musikalischen Scala. Die moderne Phantasie hat diesen 
Mangel ergänzt; die Vielheit der Parallelen ist in eine 
einzige Reihe zusammengezogen, bestehend aus formell 
gleichgebauten Cyclen, deren jeder in seinem Endgliede den 
charakteristisch neugeformten Anfangspunkt für die Ent- 
wicklung des nächstfolgenden erzeugt. Ist es möglich, das 
erste Glied der ganzen Reihe und das Formgesetz des 
ersten Cyclus zu finden, so läßt sich für die Verschieden- 
heiten der Inhalte, welche die Glieder der folgenden Perioden 
bilden, ein Grund in der Länge des Abstandes vom Anfang 
und in der Umformung finden, die das Anfangsglied bei 
jedem Schritte dieses Weges erfahren hat. Man muß nun 
Hegel als eine metaphysische Voraussetzung, über deren 
Triftigkeit logisch gar nicht zu urtheilen ist, die Gewißheit 
zugeben, daß der Weltinhalt nicht eine Summe neben ein- 
ander bestehender Dinge und neben einander verlaufender 
Ereignisse ist, jene so lange ruhig bestehend, bis sie von 
außen zur Veränderung gereizt werden, diese in ihren 
Wechselwirkungen und in ihrem Verlauf durch immer gel- 
tende allgemeine Gesetze bestimmt; vielmehr ist alle Viel- 
heit der Welt nur die rastlose Entwicklung eines nie ruhen- 
den Einen, alle Ereignisse nur Stufen seiner Entwicklung 
oder Nebenwirkungen derselben, die Dinge selbst entweder 
vergängliche oder in jedem Augenblick neu entstehende Er- 
scheinungen, deren ganzes Wesen in den thätigen Be- 
wegungen jenes Einen besteht, die sich in ihnen als secun- 
dären Subjecten seiner Entwicklung kreuzen und sammeln. 
Ich mache mit dieser Bezeichnung des Hegelischen Stand- 
punktes keinen Anspruch auf vorwurfslose Genauigkeit, die 
für eine weitläufige Darstellung schwierig, für einen kurzen 
Ausdruck unmöglich sein würde; aber das Gesagte reicht 
hin, um begreiflich zu machen, daß innerhalb jedes dialek- 
tischen Cyclus sich nicht verschiedene Gestaltungen von 
etwa sich immer steigernder Bedeutung blos neben einander 
befinden können, sondern jede folgende aus der voran- 
gehenden hervorgehen muß; Entwicklung ist der Charakter 
dieser Gliederung selbst. 

192. Nun ist keine Entwicklung vorstellbar ohne eine 
bestimmte Richtung, welche sie nimmt, im Unterschiede 
von anderen, welche sie nicht nimmt; ebenso klar aber, daß 
in diesem Falle am wenigsten diese Richtung dem sich ent- 
wickelnden Einen von außen gegeben werden kann; sie 



Schematische Anordnungen und Bezeichnung der Begriffe. 245 

muß von seiner eigenen Natur abhängen. Aber hier findet 
sich, daß für das volle Wesen dessen, was unter dem Namen 
des Absoluten als der eine Weltgrund betrachtet wird, ein 
genauer und erschöpfender Ausdruck nicht möglich ist, daß 
vielmehr das, was wir mit ihm ahnungsvoll meinen, erst 
durch die Entwicklung selbst uns offenbar, ja auch an 
sich erst vollständig es selbst werden kann ; begreiflich dem 
Wortlaut nach, denn da es nur Entwicklung ist, so kann 
es nicht ganz schon es selbst sein, bevor es sich zu ent- 
wickeln begonnen hat. Es bleibt daher nichts übrig, als 
eben hieran anzuknüpfen, an die Erkenntniß, daß jenes 
Absolute nicht Ruhe, sondern Entwicklung ist. Ganz gewiß 
wird dann seine Entwicklung in derjenigen Richtung und 
Form verlaufen müssen, die aus dem Begriff der Entwick- 
lung selbst fließt und daher eigentlich in jedem Beispiele 
dieses Begriffes wiederzufinden sein wird. Dies führt auf 
sehr einfache Gedanken. Soll irgend ein A sich entwickeln, 
so darf es nicht schon sein, wozu es sich erst entfalten soll; 
es darf ebenso wenig nicht sein oder inhaltlos sein, so 
wäre es ja nicht der bestimmende Grund dessen, was ent- 
stehen soll; es muß, noch unentfaltet und gestaltlos doch 
die bestimmte Möglichkeit seiner zukünftigen Bildung, kurz : 
es muß an sich sein, wozu es werden wird. Aber sein 
Wesen würde nicht in Entwicklung bestehen, wenn es in 
diesem Ansichsein verharrte; es muß wirklich zu dem 
werden, wozu werden zu können seine Natur ist. Das 
Werden jedoch, der Vorgang der Entwicklung, ist nur ein 
Zwischenglied zwischen Möglichkeit und Erfüllung; nur 
werdend, zwischen Ausgangspunkt und Ziel schwebend, 
würde das sich Entwickelnde weder sich selbst gleich sein, 
wie es in seinem Ansichsein war, noch das schon sein, 
wozu es werden soll. Man begreift schon hieraus, warum 
dies zweite Glied der Entwicklung, als eine Art der Ent- 
zweiung des Ursprünglichen mit sich selbst, den Namen 
des Andersseins erhalten hat; er wird noch begreiflicher, 
wenn man sich erinnert, daß es der allumfassende Welt- 
grund ist, dem eigentlich diese Entfaltung zugeschrieben 
wird; es ist nicht eine einfache geradlinige Bewegung, in 
der dieses sein Werden besteht, sondern die Erzeugung un- 
endlich mannigfacher Gebilde, deren Möglichkeit er war; 
jedes einzelne von diesen ist eine seiner Consequenzen, 
keines drückt sein ganzes Wesen aus; in der Summe aller 
mag wohl ein Ausdruck dieses ganzen Wesens vollständig 
liegen, aber doch nur für den Beobachter, der diese Summe 



246 Drittes Kapitel. 

zieht und das Mannigfaltige in seinem Gedanken zur Ein- 
heit verbindet. Für sich selbst aber, nicht blos für andere, 
muß das sich Entwickelnde diese Einheit sein, weiin es 
wirklich zu dem soll geworden sein, wozu zu werden sein 
Wesen war, und so trägt denn den Namen des Fürsichseins 
dies dritte Glied des triadischen Cyclus, die Erfüllung des 
Werdens bedeutend, die Erreichung des Entwicklungszieles, 
die Rückkehr des Ansich zu sich selbst. Einfache Rück- 
kehr freilich nicht: nicht in dem Sinne nämlich, daß das 
Zwischenglied des Werdens ergebnißlos aufgehoben oder 
ausgelöscht wäre; es soll aufgehoben sein in der Bedeutung 
des Aufbewahrtbleibens; durch die Geschichte seines Wer- 
dens, die es hinter sich hat, steht das Fürsichsein be- 
reichert in sich selbst dem Ansichsein gegenüber. Es ist 
leicht, hierfür Bilder zu finden; denn so ist die Octave 
des Grundtons Rückkehr zu ihm selbst, und doch bewahrt 
sie in der Zunahme ihrer Höhe das Ergebniß der durch- 
laufenen Intervalle; so würde ein Geist, dem allgemeine 
Wahrheiten als instinctiveVerfahrungsweisen seines l3enkens 
angeboren wären, nur zu sich selbst und doch in sich 
selbst bereichert zurückgekehrt sein, wenn er durch mannig- 
faltige Erfahrungen und Untersuchungen hindurch, die den 
Zweifel und seine Beseitigung enthielten, für sich jene 
Wahrheiten zum Bewußtsein gebracht hätte. Ich vermeide 
jedoch, auf weitere Deutung des eigenthümlichen Sinnes 
dieser Ausdrucks weisen einzugehen; für uns reicht es hin, 
daß in dem dritten Gliede der Entwicklung etwas gegeben 
ist, was zwar Consequenz des ersten, aber doch ihm nicht 
gleich ist, sondern ihm wie überhaupt Erfüllung der Mög- 
lichkeit gegenübersteht. So gefaßt sind die drei Momente 
des Ansich des Andersseins und des Fürsichseins nur die 
Bestandtheile des Begriffs der Entwicklung, und in allem, 
was sich entwickelt, werden sie anzutreffen sein. Daß 
aber aller Inhalt der Welt, daß das Reich des Denkbaren, 
die Natur und alles geistige Leben, nur Entwicklungsstufen 
des einen Absoluten sind, und daß innerhalb jedes dieser 
großen Gebiete die einzelnen Glieder desselben nach dem 
gleichen Rhythmus aus einander begründet hervorgehen, 
daß also eine vollendete Erkenntniß die Summe alles Denk- 
baren und Wirklichen als eine große Reihe anschauen würde, 
deren einzelne gleichgebaute Perioden an eigenthümlicher 
Bedeutung ihres Inhalts sich unablässig steigern: dies ist, 
wie oben erwähnt, die metaphysische Ueberzeugung Hegel's, 
die wir hier nicht beurtheilen; zu fragen bleibt, welchen 



Schematische Anordnungen und Bezeichnung der Begriffe. 247 

logischen Werth die so geschilderte dialektische Methode 
habe. 

193. Es ist nun leicht erkennbar, daß sie nicht eigent- 
lich Methode in der Bedeutung einer Vorschrift oder An- 
weisung ist, die ein Gesuchtes zu finden lehrt; sie ist viel- 
mehr in dem bisher gebrauchten Sinn ein Schema, das 
uns nur auffordert zu suchen, ob etwas und was wohl in 
einer angegebenen Richtung oder an einem vorausbestimmteA 
Platze zu finden sein werde, mit der Zuversicht freilich, 
daß nie das Suchen vergeblich sein könne. Soll dies 
Schema zur independenten Behandlung eines Allgemein- 
begriffs M verwandt werden, um seine verschiedenen Arten 
in eine Reihe zu ordnen, die ihren wesentlichen Verwandt- 
schaften und Unterschieden entspräche, oder soll es benutzt 
werden, um eine Reihe von Begriffen, die durch ander- 
weitige Beziehungen, etwa so wie Recht Unrecht Verbrechen 
und Strafe zusammengehören, in ihren wahren gegenseitigen 
Verhältnissen darzustellen, so empfindet man sogleich die 
Ungewißheit, in der man über die einzuschlagende Richtung 
der Gedanken gelassen ist. Es ist möglich, daß diese Un- 
gewißheit verschwände, wenn man auf die Universalreihe 
recurrirte, in welcher die vollendete Philosophie die Ent- 
wicklungsgeschichte alles Denkbaren bereits gegeben und in 
ihr folglich auch den Begriff des Rechtes so gefunden hätte, 
daß aus ihm sich der Sinn und die Richtung seiner eigenen 
dialektischen Weiterentwicklung ergäbe. Aber dies hieße 
doch nur gleich von Anfang an die Anwendbarkeit der 
Methode als allgemeiner Anweisung zur Auffindung der 
Wahrheit leugnen; als solche könnte sie sich nur durch 
diesen independenten Gebrauch bewähren, den wir hier 
verlangen: jeden gegebenen Begriff müßte sie durch die 
Kraft ihrer blos formalen Behandlungsweise in alle seine 
wahren Consequenzen entwickeln lehren. Denken wir uns 
also den allgemeinen Begriff des Rechts gegeben, denn äiif 
ihn als ursprünglich feststehenden beziehen sich offenbar 
die drei anderen angeführten Begriffe: was ist dann sein 
Ansich? in welches Anderssein geht er über? in welches 
Fürsichsein kehrt er zurück? Nun ist so viel wohl klar, 
daß in dem Recht eine Billigung von Verhältnissen liegt, 
welche zwischen den Willensansprüchen verschiedener 
geistigen Persönlichkeiten an irgend ein Object stattfinden, 
an welchem sie sich begegnen. Es gibt folglich kein Recht, 
wenn es keine Welt mit Verhältnissen und Objecten gibt, 
auf welche sich ein Wille beziehen, oder wenn es die Person- 



248 Drittes Kapitel. 

lichkeiten nicht gibt, die in einer und derselben Welt ihren 
Willen auf diese gemeinsamen Zielpunkte richten könnten. 
Das Recht ist daher nur Recht an sich und noch nicht das, 
was es seinem Begriffe nach sein will, so lange es nur 
anticipirend Billigung oder Mißbilligung von Verhältnissen 
bedeutet, die noch nicht da sind. Nun wird auch das 
Anderssein begreiflich; es läuft alles auf die einfache Wahr- 
heit hinaus, daß Allgemeinbegriffe nichts bedeuten, wenn 
es die Besonderheiten nicht gibt, die sie zusammenfassen; 
das Anderssein des Rechts besteht in den verschiedenen 
Rechten, deren Bedingungen in dem Dasein dieser Natur, 
dieser menschlichen Personen mit diesen bestimmten Be- 
dürfnissen und Ansprüchen liegen; dem allgemeinen Theil 
der Wissenschaft, welcher den Begriff des Rechtes aufstellt, 
wird der besondere folgen, der dessen Anwendungen ent- 
hält. Diese Anweisung ist so einfach, daß man sie nicht 
erst von der dialektischen Methode zu erwarten brauchte; 
zu ihrer weiteren Befolgung leistet aber die Methode nichts ; 
denn welche thatsächlichen Bedingungen existiren, die dem 
allgemeinen Gedanken des Rechts Veranlassung geben, sich 
in specielle Rechtsbildungen zu entwickeln, lernen wir doch 
nur aus Erfahrung. 

194. Es ließe sich aber doch noch ein anderer Fort- 
schritt denken. Uebergang des Allgemeinen in die Fülle 
seiner besonderen Gestalten bedeutet allerdings das Anders- 
sein oft; aber ich habe schon bemerkt, daß die Methode 
Gewicht auf das Gegensatzverhältniß legte, das zwischen 
beiden Gliedern, auch zwischen dem Allgemeinen und Be- 
sonderen besteht; dieser Gedanke des Gegensatzes, verall- 
gemeinert und bis zu dem Begriffe des Widerspruchs ver- 
schärft, gibt dem Anderssein auch die Bedeutung des Gegen- 
theils überhaupt von dem, was das Ansich ist. Diesem 
anderen Antrieb folgend, ließ man Recht in Unrecht über- 
gehen; daran schloß sich die Strafe zwar nicht als Für- 
sichsein, aber doch als das Mittel, durch Negation des 
Andersseins oder des Verbrechens das verletzte Recht zu 
seiner Geltung wiederherzustellen. x\uch dies ist einerseits 
nichts, was nicht ohne die Zurüstung der Methode für sich 
klar gewesen wäre ; anderseits wird es selbst unklarer durch 
sie. Die unbefangene Ueberlegung sagt sich, daß alles Recht 
eben nur lebendige Wirklichkeit hat, wenn es von lebendigen 
Personen nicht blos gewußt, sondern auch in ihrem Handeln 
geachtet wird; daß aber die Regungen der Willen nicht 



Schematische Anordnungen und Bezeichnung der Begriffe. 249 

durch das Ideal thatsächlich beherrscht werden, dem sie 
folgen sollen; daher erscheint das Unrecht und das Ver- 
brechen nicht als ein Nothwendiges, das da sein müßte, 
sondern als ein Mögliches, das da sein kann, und das 
freilich, wenn wir nach unserer empirischen Kenntniß 
menschlicher Natur urtheilen, niemals fehlen wird. Diese 
behutsame Vermittelung beider Begriffe fehlt in jenem 
methodischen Uebergamg; er läßt es zu dem Begriffe des 
Rechts gehörig erscheinen, daß es in Unrecht übergeht, 
und diese Paradoxie wird nicht durch eine nachher zu er- 
wähnende Vertheidigung gerechtfertigt. Der Uebergang zu 
dem dritten Gliede aber, zur Strafe, befremdet uns blos 
deshalb weniger, weil wir die Motive zu ihm ergänzen, die 
in Wahrheit durch die Methode selbst gar nicht gegeben 
werden. Denn sie verlangt zwar Herstellung des Rechts 
und zwar durch Verneinung seiner Verneinung, des Un- 
rechts; aber sie gibt gar nicht an, durch welchen Vorgang 
diese abstracte Aufgabe der Verneinung des Unrechts aus- 
zuführen ist. Warum soll sie die Gestalt der Strafe haben? 
Die böse Gesinnung, aus der das Unrecht entsprang, wird 
durch Mißbilligung und durch Besserung gleichfalls ver- 
neint, das entstandene Uebel durch Schadenersatz, die Ver- 
letzung der Würde des Rechts durch Reue und Wieder- 
anerkennung seiner Verbindlichkeit. Alle diese Ueber- 
legungen zeigen, daß die dialektische Methode hier nur 
den Werth eines Schema hatte, für dessen vorherbestimmte 
Stellen man sich nach einer Ausfüllung umsehen konnte, 
daß aber der Inhalt, mit dem man sie zu füllen hatte, ob- 
wohl dies überhaupt hier leidlich gelang, nur aus einer 
von diesem Schema ganz unabhängigen Untersuchung der 
eigenthümlichen Natur des behandelten Gegenstandes zu 
finden war. 

195. Daß es zu dem Begriffe des Rechts an sich gehöre, 
in Unrecht überzugehen, erschien uns widersinnig; gleich- 
wohl ist dies Umschlagen eines Begriffs in sein 
G e g e n t h e i 1 so oft und so ausdrücklich als eine durch die 
Dialektik aufgefundene höhere Wahrheit behauptet worden, 
daß es der Mühe werth ist, hierauf zurückzukommen. Zu- 
erst freilich, bemerkt Hegel (S. W. VI, 152 ff.), glaube der 
Verstand, die Natur und Wahrheit der Wirklichkeit durch 
viele feste in sich abgeschlossene und einander aus- 
schließende Begriffe aufzufassen; das Wahre aber sei, daß 
verschiedene Begriffe nicht blos neben einander Ansprüche 
an das Endliche erheben, sondern durch seine eigene Natur 



250 Drittes Kapitel. 

hebe dieses sich auf und gehe durch sich selbst in sein 
Gegentheil über. So sage man, der Mensch sei sterblich, 
und betrachte dann das Sterben als etwas, was blos in 
äußerlichen Umständen seinen Grund habe, nach welcher 
Betrachtungsweise es dann zwei verschiedene Eigenschaften 
des Menschen sein würden, lebendig und auch sterblich 
zü sein. Die wahrhafte Auffassung aber sei, daß das Leben 
als solches den Keim des Todes in sich trage und daß 
überhaupt das Endliche sich in sich selbst widerspreche 
und dadurch sich aufhebe. Nicht alle anderen auf Dialektik 
bezüglichen Stellen Hegel's gestatten so leicht wie diese die 
Unterscheidung zweier hier in einander verfließenden Be- 
hauptungen. Von den Begriffen, durch die wir das Wirk- 
liche aufzufassen streben, behauptet die erste dieser Perioden 
Festigkeit und Abgeschlossenheit; nicht von den Begriffen, 
sondern von dem Endlichen, worauf wir sie anwenden, 
spricht sie den Uebergang in das Gegentheil aus, und hierin 
liegt in der That die ganze Wahrheit, von der dann die 
weiteren Sätze verrathen, daß sie eigentlich ohne oder gegen 
die Absicht des Sprechenden zum Ausdruck gekommen ist. 
Denn eben, wenn das Endliche als solches durch seine eigene 
Natur sich aufhebt, so hebt es sich nicht auf, weil die All- 
gemeinbegriffe, die von ihm gelten, ihre Bestimmtheit ver- 
lören und in ihr Gegentheil umschlügen, sondern deshalb, 
weil es selbst, das Anwendungsobject jener Allgemein- 
begriffe, als Endliches oder als Wirkliches unfähig ist, 
dauernd das zu leisten, was jeder dieser in dem einen 
Augenblick von ihm geltenden Begriffe von ihm verlangt; 
durch Schuld seiner Natur gleitet es aus dem Umfange 
des einen stets mit sich identischen Begriffes in den Um- 
fang eines anderen, ebenso mit sich selbst stets identischen, 
hinüber. Die Begriffe selbst aber ändern darum ihre ewige 
Bedeutung nicht, weil sie nur einen Augenblick vielleicht 
das richtige Maß ihrer veränderlichen Anwendungsgegen- 
stände sind. Die wahre Auffassung kann daher nicht darin 
bestehen, daß das Leben als solches den Keim des Todes 
in sich trage und daß überhaupt das Endliche sich in sich 
selbst widerspreche; vielmehr beide Glieder dieses Satzes 
widersprechen einander. Das Leben als solches stirbt nicht, 
und der allgemeine Begriff des Lebens verpflichtet das 
Lebendige nur zum Leben, aber nicht zum Tode; nur das 
Endliche, welches der zweite Theil des Satzes erwähnt, 
nur die einzelnen lebendigen Körper tragen den Keim des 
Todes in sich. Und auch sie nicht vermöge der Idee des 



Schematische Anordnungen und Bezeichnung der Begriffe. 251 

Lebens, die sich ihnen realisirt hat, sondern allerdings nur 
um des äußerlichen Umstandes willen, weil die Verknüpfung 
der realen Elemente, durch die sich auf der Oberfläche der 
Erde das Leben allein verwirklicht findet, im Zusammen- 
hang mit den allgemeinen hier wirksamen Naturbedingungen 
nicht ausreicht, oder im Zusammenhang mit einem uni- 
versalen Weltplan nicht ausreichen soll, um der Idee des 
Lebens ein ihr selbst keineswegs widersprechendes ewig 
dauerndes Beispiel zu geben. Und ebenso, geht nie das 
Recht selbst in Unrecht über, aber theils der Wille der 
lebendigen Persönlichkeit, der sein Träger sein soll, wird 
durch Mangel der Einsicht oder den Antrieb der Leiden- 
schaften zum Unrecht geführt, wo er das Recht zu verwirk- 
lichen strebt, theils wird das Gesetz, dessen Allgemeingültig- 
keit für unser menschliches Verfahren nothwendig ist, da 
ein Unrecht bewirken können, wo Verwicklungen des be^ 
sonderen Falles vorliegen, für deren Behandlung es keinen 
Anhalt bietet. In keiner Weise kann daher die Logik diese 
Lehre von der dialektischen Selbstaufhebung der Begriffe 
anerkennen; die Thatsache aber, daß die Wirklichkeit so 
geordnet ist, wie wir sie finden, so daß das Seiende durch 
seine eigene Natur nicht zwar sich selbst aufhebt, aber aus 
dem Gebiete des einen Begriffs in den des anderen über- 
geht, bleibt für sich der Beachtung werth, als ein Ver- 
halten der Dinge nämlich, nicht als eine Eigenthümlichkeit 
der Denkmittel, welche wir zur Erkenntniß der Dinge an- 
wenden. 

196. In jedem Falle, auch wenn nicht alle die hier er- 
hobenen Einwürfe stattfänden, würde doch die dialektische 
Methode uns zuletzt nur eine Anordnung der Begriffe liefeni, 
die wohl einer vergleichenden Reflexion mancherlei Inter- 
esse durch den ästhetischen Eindruck aufgefundener Ana- 
logien Parallelen und Gegensätze böte, aber sie würde kaum 
eine neue Erkenntniß vermitteln, welche zu bestimmten 
neuen Urtheilen oder Sätzen, zur besseren und genaueren 
Entscheidung vorher zweifelhafter Fragen führen könnte. 
Eben diesen hier vermißten Vortheil möchten andere weit- 
aussehende Entwürfe sichern, die Entwürfe zu einer logi- 
schen Sprache, einer allgemeinen Charakteristik 
der Begriffe oder einem philosophischen Calcül, denen 
Leibnitz eine fortgesetzte Aufmerksamkeit widmete. Der 
Rechnende, der eine Reihe von großen Zahlen auch nur zu 
addiren hätte, würde nie mit seiner Aufgabe fertig werden, 
wenn er von jedem der Tausende oder Hunderte von Ein- 



252 Drittes Kapitel. 

heilen, die seine Summanden enthalten, eine gesonderte 
Vorstellung haben und durch Wiederholung des Zusatzes 
von Einheit zu Einheit sich im Moment des Rechnens jede 
einzelne dieser Zahlen und zuletzt ihre Summe aufbauen 
müßte. Die Einrichtung unseres Ziffersystems gestattet ihm 
aber, ohne von jenen Zahlen sich irgend eine deutliche Ge- 
sammtvorstellung machen zu müssen. Einer unter Einer, 
Zehner unter Zehner, Hunderte unter Hunderte zu setzen, 
und indem er jede einzelne dieser einfachen Verticalreihen 
summirt, fehlerlos ein Ergebniß zu Stande zu bringen, das 
selbst wieder in einer einzigen Vorstellung durch seine Ein- 
bildungskraft gar nicht zu übersehen ist. Nun stimmen 
mit den Zahlen unsere Begriffe darin überein, daß auch sie 
meistens eine große Anzahl von Einzelvorstellungen ent- 
halten, deren gegenseitige Verknüpfung nicht in jedem 
Augenblicke deutlich, sondern nur jin einem Gesammtein- 
drucke von uns gedacht wird; ihre Bezeichnung durch 
Worte aber steht weit hinter der der Zahlen durch Ziffern 
zurück. Durch etymologische Verwandtschaft, die doch oft 
dem Bewußtsein nicht mehr fühlbar ist, setzen die Worte 
der Sprache zusammengehörige Inhalte nur unvollständig 
in Beziehung überhaupt, denn auch für Verwandtes brauchen 
sie daneben von einander unabhängige Wurzeln; die Art 
der Beziehung drücken sie gleich unvollständig durch eine 
geringe Anzahl von Ableitungsformen aus, die unzureichend 
für die Mannigfaltigkeit der zu bezeichnenden Verhältnisse 
sind; von jedem Verhältniß finden sich außerdem Beispiele, 
auf welche die Aufmerksamkeit der sprachbildenden Phan- 
tasie am frühesten gelenkt war, durch einfache Worte be- 
zeichnet, denen die bezeichnende Form jener Ableitung 
fehlt; nirgends endlich enthält der Name eines Begriffs die 
sämmtlichen Theilvorstellungen seines Inhalts durch ein- 
fache Zeichen und in solcher Verbindung repräsentirt, daß 
es uns möglich wäre, bei der Verknüpfung verschiedener 
Begriffe M N von der Totalvorstellung ihrer Bedeutung 
abzusehen und aus der Combination einzelner von ihren 
Bestandtheilen doch so zweifellos richtige neue Resultate 
zu gewinnen, wie die Einrichtung unseres Ziffersystems sie 
bei der Rechnung mit Zahlen möglich macht. Diese Mängel 
müßte man zu verbessern suchen ; durch Zergliederung aller 
unserer Begriffe müßten die einfachen nicht weiter zerleg- 
baren Urvorstellungen aller Art und ebenso die einfachsten 
Arten ihrer möglichen Combination aufgefunden und durch 



Schematische Anordnungen und Bezeichnung der Begriffe. 253 

unwandelbare Zeichen charakterisirt werden, um aus der 
Zusammensetzung derselben für jeden Begriff ein seinen 
Inhalt adäquat ausdrückendes Symbol zu finden. Auf die 
Ausbildung einer neuen sprechbaren Sprache, die doch 
niemals die geschichtlich entstandenen und nationalen ver- 
drängen würde, braucht man dies Unternehmen nicht ge- 
richtet zu denken; nur zu wissenschaftlichem Gebrauch 
des Denkens würde es eine Formelsammlung erzeugen, auf 
die zur Entscheidung der Zweifel, welche durch die An- 
wendung der zweideutigen Sprachausdrücke entstehen, in 
jedem Falle zurückgegangen werden könnte; dann, wenn 
man dies Hülfsmittel besäße, so schmeichelt sich Leibnitz, 
würden alle Streitenden mit dem gütlichen Abkommen: 
lasset uns die Sache berechnen, ihre Streitigkeiten ab- 
brechen. 

197. Ohne Zweifel gehört dieser Entwurf zu denen, 
über deren Ausführbarkeit nur die Ausführung selbst voll- 
gültig richten kann, und man würde übereilt die Möglich- 
keit dessen leugnen, was eine glückliche Erfindungsgabe 
doch vielleicht, bis zu gewissem Grade wenigstens, zu 
Stande brächte. Der bisherige Mangel jedes Erfolges läßt 
uns jedoch die inneren Schwierigkeiten des Unternehmens 
vor der Hand deutlicher werden als die Möglichkeit ihrer 
Beseitigung. Käme es nur auf systematische Bezeichnung 
der Begriffsinhalte an, so könnte die Aufgabe zwar groß, 
aber nicht unlösbar scheinen. Denn man würde sie wohl 
von Anfang an, mit Uebergehung aller naturgeschichtlichen 
Gattungsbegriffe, auf diejenigen Begriffe beschränken, aus 
deren Verknüpfung im Denken die Zweifel entspringen, 
welche die Wissenschaft oder die praktischen Ueberlegungen 
des Lebens belästigen. Gleichwohl ist schon diese Auf- 
gabe größer als sie scheint, und ihre Lösbarkeit wird nur 
scheinbar durch Hinweisung auf die Zeichensprache der 
Mathematik und etwa auf die Symbole der Chemie be- 
glaubigt. Die Mathematik rechnet eben nur mit vergleich- 
baren Elementen, mit Größen, deren einfachste Verbindungs- 
formen sie allerdings vollkommen klar und eindeutig zu 
symbolisiren versteht; aber je zusammengesetzter die so 
entstehenden Functionen und Gleichungen sind, desto mehr 
macht sich schon hier im Gebrauch eine Art rückgängiger 
Bewegung merkbar; an die Stelle derjenigen Bezeich- 
nungen, welche wirklich den inneren Bau einer in Rede 
stehenden Größe vollkommen genügend zur Anknüpfung 
der Rechnung darstellen, treten der nothwendigen lieber- 



254 Drittes Kapitel. 

sichtlichkeit zu Gefallen willkürliche Symbole, die diese 
Eigenschaft nicht mehr haben, sondern den Namen der 
Sprache gleichen, deren Bedeutung man unabhängig von 
ihrem Klange wissen muß. Die Formel ^ — 1 drückt noch 
die Herkunft der so bezeichneten Function aus, und aus 
ihr läßt sich nach allgemeinen Regeln bestimmen, was ent- 
steht, wenn man sie mit sich selbst ein oder mehrere Male 
als Factor zusammensetzt; aber schon diese Bezeichnung 
ist als zu weitläufig durch die andere i verdrängt worden, 
die an sich nicht verräth, was sie bedeutet und deren Sinn 
man nebenher kennen muß, um sie richtig zu verwenden. 
Wenn femer von B- und F-Functionen die Rede ist, so sind 
diese Ausdrücke freilich kurz, aber verständlich nur durch 
Wied^rgleichsetzung mit weitläufigen Formeln, die selbst 
nur durch eine vorangegangene Erläuterung darüber ver- 
ständlich werden, welchen Sinn die in ihnen verwandten 
allgemeinen Größenzeichen und die Symbole der Verknüp- 
fungen haben. Hierin liegt so wenig ein Tadel für die 
Mathematik als ein Beweis der Unmöglichkeit einer all- 
gemeinen Begriffscharakteristik ; es wird nur klar, daß die 
von der letzteren zu erwartenden Formeln nicht von selbst 
alles Nöthige lehren, sondern sehr Vieles voraussetzen, was 
man erst lernen müßte, um sie nur zu verstehen. Die 
chemischen Symbole machen dies noch deutlicher; sie be- 
ziehen sich bis jetzt nur auf die quantitativen Verhältnisse 
der zusammensetzenden Elemente und einigermaßen aller- 
dings auf die vorausgesetzte Form ihrer Verknüpfung; 
welche Buchstaben nun welche Elemente bedeuten, und wie 
man durch ihre Reihenfolge die Lagerung derselben be- 
zeichnen will, muß man natürlich lernen oder auswendig 
wissen, denn beides kann nur conventioneil bestimmt sein; 
aber der so zu Stande gekommenen Formel kann Niemand 
ansehen, ob sie ein Gas eine Flüssigkeit oder einen festen 
Körper bedeutet, nicht welches die Dichtigkeit oder das 
specifische Gewicht oder die Farbe des Produkts ist, nicht 
ob es feuerbeständig oder flüchtig, in Wasser lösbar oder 
nicht sein wird. Wer nach Ansicht der Formel diese Fragen 
richtig beantwortet, beantwortet sie auf Grund der Ana- 
logien, welche ihm die Erfahrung darbietet, und welche er 
den Formeln nicht mit der Sicherheit ihres Zutreffens ent- 
nehmen konnte. Und doch würde alles das, was hier ver- 
mißt wird, nur die Bestimmung von Eigenschaften oder 
Verhaltungsweisen sein, die zwar nicht unmittelbar gleich^ 
artig, aber doch als physische Vorgänge von einander ab- 



Schematische Anordnungen und Bezeichnung der Begriffe. 255^ 

hängig und Functionen von einander sind, und deshalb 
Hoffnung auf Entdeckung von Gesetzen geben, nach denen 
ihre Wechselabhängigkeit einer leichten Bezeichnung zu- 
gänglich würde ; die Schwierigkeiten steigen aber weit mehr, 
wo es sich, bei Bestimmung von Begriffen überhaupt, um 
die Verknüpfung ungleichartiger Elemente von dennoch noth- 
wendiger Beziehung auf einander handeln würde. 

198. Aber die Bezeichnung allein ist nicht das, was 
wir bedürfen, und die Mathematik verdankt ihre Erfolge 
nicht ihrer Symbolik, obgleich sie gewiß durch die glück- 
liche Wahl derselben in ihren Fortschritten unterstützt wird ; 
der Nutzen der Bezeichnungen beruht vielmehr hier auf 
dem Vorhandensein unzweideutiger Regeln, nach denen 
sich bestimmen läßt, was aus den einfachsten Verknüpf ungen 
der Größen folgt, und die dann, mit eben derselben Unzwei- 
deutigkeit auf die zuerst gewonnenen Resultate von neuem 
angewandt, die eleganten und sicheren Verfahrungsweisen 
zur Lösung der Probleme hervorbringen. Diese Regeln 
sind das, was uns am empfindlichsten fehlt, wenn wir Be- 
griffe, die nicht blos Größen bedeuten, zur Erzielung eines 
Ergebnisses verknüpfen wollen, und ich glaube, daß man 
sich ganz grundlos .mit der Hoffnung schmeichelt, sie würden 
plötzlich von selbst unzweideutig klar werden, sobald mau 
nur die Inhalte, auf die man sie anwenden will, bis in ihre 
letzten Bestandtheile zergliedert hätte. Gewiß ist es nicht 
nöthig, noch besonders zu versichern, daß wachsende Klar- 
heit der Anwendungsobjecte in jedem Falle nur eine günstige 
Wirkung auf die Sicherheit (unserer Folgerungen haben kann ; 
aber im Wesentlichen wird es nicht die Analyse unserer 
Begriffe und ihre Zurückführung auf Grundbegriffe, sondern 
die Zergliederung unserer Urtheile und ihre Zurück- 
führung auf einfache Grundsätze sein, worauf die all- 
mähliche Feststellung unserer jetzt in Bezug auf so Vieles 
schwankenden Ueberzeugungen beruhen muß. Zweierlei 
aber werden wir zu wissen verlangen: zuerst, welche denk- 
nothwendigen Folgen aus bestimmten, entweder von uns 
willkürlich vorausgesetzten oder uns aufgedrängten Be- 
ziehungen verschiedener Begriffsinhalte fließen, dann aber: 
welche nicht nachweisbar denknothwendigen, aber that- 
sächlich gültigen allgemeinen Gesetze verschiedene Inhalte 
so verknüpfen, daß unser Denken auf Grund dieser Ge- 
setze die dann nothwendig werdenden Folgen gegebener Be- 
dingungen ableiten kann. Diese Aufgaben, welche die An- 



256 Drittes Kapitel. 

Wendung der Urtheilsform angehen, müssen wir zu lösen 
suchen, vorläufig ununterstützt durch die schätzbare Bei- 
hülfe, welche jene allgemeine Charakteristik, wenn sie voll- 
endet wäre, uns ohne Zweifel gewähren würde. 



Anmerkung über logischen Calcül. 

Die reiche und sorgfältige Ausführung, welche dem oft ge- 
hegten und oft wieder fallen gelassenen Entwurf logischer Rech- 
nung der Engländer Boole gegeben hat, beginnt auch in Deutsch- 
land die Aufmerksamkeit zu fesseln. Bei aller Anerkennung des 
erfinderischen Scharfsinns, der sein geistreiches Werk (An in- 
vestigation of the laws of thought, Lond. 1854) sehr anziehend 
macht, kann ich mich dennoch nicht überzeugen, daß dieser Calcül 
Mittel zur Auflösung von Aufgaben darbieten werde, welche den 
gewöhnlichen Methoden der Logik unüberwindlich wären. 

Allerdings dringt Boole darauf, daß das Ergebniß einer ge- 
führten Rechnung logisch deutbar sein müsse; zwischen Aufgabe 
und Lösung hält er aher doch einen Gang der Operationen für zu- 
lässig, der im Einzelnen eine logische Interpretation nicht vertrüge ; 
er beruft sich auf die Erweiterung, welche die Mathematik durch 
die Zulassung des Imaginären erfahren hat. Diese Berufung ist 
schwerlich triftig. Der imaginären Formel konnte die Mathematik 
gar nicht ausweichen, sondern stieß auf sie im Zusammenhang 
wohlbegründeter Rechnungen; anderseits ist sie bestrebt gewesen, 
die Interpretation des räthselhaften Gebildes zu finden und hat sie 
ja auch auf geometrischem Gebiete gefunden. Im logischen Calcül 
dagegen würde dies zeitweilige Arbeiten im Finstern mit Sym- 
bolen geschehen müssen, die willkürlich zur Bezeichnung logischer 
Elemente und Elementarverhältnisse gewählt worden sind; kann 
daher eine Rechnung allerdings nur nützen, wenn sie uns die 
mechanische Lösung einzelner Aufgaben erlaubt, ohne in jedem 
Augenblicke ein Bewußtsein von der logischen Bedeutung des Ge- 
schehenen zu erheischen, so ist es um so nothwendiger, eben 
die Regeln, welche solche Erleichterungen gestatten, ganz nur aus 
rein logischen Grundsätzen und ohne jede gewagte und undurch- 
sichtige Analogie aus dem Gebiete der Größenlehre festzustellen. 
Hierin ganz einverstanden mit der vortrefflichen Darstellung 
Schröder's (Der Operationskreis des Logikcalcüls, Leipz. 1877), 
werde ich doch auch ihr nicht ganz folgen; Demonstrationen, welche 
man in der Art der Mathematiker den Theoremen folgen läßt, 
haben für mich nun die Bedeutung zu zeigen, daß der ganze Calcül 
consequent in sich zusammenhängt und daß alle nach ihm zu- 
lässigen Umformungen und Verknüpfungen seiner Elemente zu iden- 
tischen Resultaten in Bezug auf identische Aufgaben führen; unser 
Zutrauen zu der Triftigkeit des Ganzen kann nur auf der unmittel- 
baren Nachweisung beruhen, daß jeder allgemeine Satz nur die 
Transscription einer logischen Wahrheit in die Sprache der ge- 
wählten Svmbole ist. 



Anmerkung über logischen Calcül. 257 

In dem Kapitel über künstliche Classificationen ist die Logik 
längst daran gewöhnt gewesen, Buchstaben zur Bezeichnung der Merk- 
male zu verwenden, welche sich in verschiedener Weise zu den- ver- 
schiedenen Arten eines Begriffes verbinden. Gehörten zu dem Allge- 
meinen M die drei Merkmale ABC, so würde der disjunctive Lehrsatz 
uns anweisen, jedes von ihnen in seine Unterarten a^ a2 ag . . ., 
bj bo bg . . ., zu zerfallen ; die Gesammtheit der Ternionen von der 
Form abc, und zwar selbstverständlich ohne Wiederholungen und 
Permutationen, würde die sämmtlichen Arten von M darstellen, welche, 
so lange keine näheren Bestimmungen vorliegen, als gleich mögliche 
angesehen werden können. Diese combinatorischen Zusammenstel- 
lungen sagen an sich nichts weiter aus, als die gleichzeitige Gegenwart 
ihrer Elemente; die Art der Verbindung aber zwischen diesen lassen 
sie in zweifacher Hinsicht unbestimmt. Sie erwähnen zuerst die End- 
form nicht, die aus der vollzogenen Combination hervorgehn soll. In 
der Anwendung auf logische Classification wird dieser Mangel durch 
das in Gedanken behaltene Bild des Allgemeinen M ergänzt, um dessen 
Arten es sich handelt; zu jeder Combination abc ist dieses M als 
der gemeinsame Grundriß hinzuzudenken, den die Verknüpfung der 
Elemente ausfüllen soll; sehen wir von dieser Veranlassung des com- 
binatorischen Verfahrens ab, so bedeutet für sich genommen abc nur 
noch jedes irgendwie beschaffene Gedankending, in welchem sich die 
Merkmale a b und c, oder, was wichtiger ist, jeden noch nicht näher 
characterisirbaren Fall, in welchem sich die Bedingungen ab 
und »usajmmenfinden. Für die Mathematik besteht diese Unbestimmt- 
heit nicht, denn die Endform, welche das Ergebniß der Rechnung an- 
zunehmen hat, wird hier völlig und allein durch die genau angebbare 
Art der Verbindung bestimmt, welche sie zwischen ihren Elementen 
herzustellen befiehlt. An sich selbst nun enthalten auch über diesen 
zweiten Punkt, die gegenseitige Determination ihrer Bestandtheile, die 
combinatorischen Formeln keinerlei Aufklärung. Ein Herkommen hat 
sie für die Algebra zum Ausdruck der Multiplication gemacht; die 
Buchstabenrechnung wenigstens hat das für die Zahlenrechnung bei- 
zubehaltende besondere Zeichen dieser Operation entbehrlich und das 
Product von Polynomien gleich der Summe der Combinationen ihrer 
Elemente gefunden. Die Logik ihrerseits setzt zwar jedes Merkmal 
eines Ganzen als in besonderer Weise mit jedem zweiten verbunden 
voraus, aber sie hat keine Mittel, diese specifischen Determinationen 
wirklich anzugeben, sondern überläßt sie der nebenhergehenden Kennt- 
niß der Sache; nur, wus sie aus eignem Rechte Allgemeines über die 
Verknüpfung der Merkmale weiß, hat keine Aehnlichkeit mit dem Sinne 
einer Multiplication. Ich lege hier wenig Werth darauf, daß der/ ur- 
sprünglich ganzzahlig zu denkende Multiplicator den an sich imgeäii- 
derten Werth des Multiplicandus nur vervielfältigt, während jedes neue 
Merkmal c, das zu einer Combination ab hinzutritt, nicht nur die 
gegenseitige Determination dieser schon vorhandenen Bestandtheile 
modificirt, sondern durch Vermehrung des Inhalts zugleich den Um- 
fang beschränkt, in welchem das Ganze gelten kann; wer Lust am 
Disputiren hätte, würde es vielleicht nicht schwer finden, auch hier 

Lotze, Logik. 17 



258 Drittes Kapitel. 

die Analogien des beiderseitigen Verhaltens mehr zu betonen als die 
Unterschiede; wesentlich aber ist es für uns, daß die Multiplication 
sowohl die Wiederholungen aa, bb, als die Permutationen ab, ba, 
als nothwendige Bestandtheile ihrer Producte beibehalten muß, die 
Logik dagegen für jene keinen Sinn und für diese keinen Unterschied 
zugeben kann. In der Natur der Sache lag daher keine Aufforderung, 
von dem neutralen Sinne combinatorischer Formeln abzugehen, die 
sehr vielerlei bedeuten können, und auf sie den Rechnungsmechanis- 
mus anzuwenden, den sie eigentlich nur als Symbole multiplicirbarer 
Größen vertragen; man konnte dies nur in der Hoffinung wagen, die 
weitere Anwendung des Calcüls werde durch Ergebnisse, die nur durch 
ihn erreichbar wären, für Weitläufigkeiten entschädigen, zu denen 
man zunächst gezwungen war; denn man mußte nun durch Ausnahms- 
regeln die unpassend gewählte Rechnungsart mit der Natur ihres logi- 
schen Anwendungsgegenstandes in Einklang bringen. 

Das natürliche Denken hat keine Veranlassung, irgend ein A, das 
nacli dem Satze der Identität =A sein muß, noch einmal durch den 
Charakter A zu bestimmen in derselben Weise, in welcher A durch 
ein zweites Merkmal b determinirt werden könnte. Wir reden zwar wohl 
von einem Menschen, der wahrer Mensch, oder emphatisch von einem 
Manne, der Mann ist; aber mit solchen Ausdrücken befinden wir uns 
auf einem Gebiete, wo es erlaubt ist, den Begriff M eines Ideals von 
dem Begriffe jLi desjenigen Thatbestandes zu unterscheiden, der zur 
Realisirung des Ideals berufen ist; wir bestimmen daher im Gnmde 
nicht dasselbe M durch sich selbst ; der Mensch M [i, der nun wahrer 
Mensch ist, genügt nur einmal und vollkommen seiner Bestimmung M 
und eben so in anderer Hinsicht einmal und vollkommen seinem natur- 
geschichtlichen Begriffe |Li; keine Aehnlichkeit besteht zwischen solchen 
Gedanken und dem Versuche, vierbeinige Thiere noch einmal durch 
den Character der Vierbeinigkeit zu determiniren. Nur der Mechanis- 
mus des Calcüls kann zu dieser Aufforderung führen, a durch a multi- 
plicatorisch zu bestimmen; die Formel aa = a oder a2 = a aber, 
welche nun zur Herstellung der logischen Wahrheit eingeführt wird, 
dürfte wenigstens nicht vorgeben, ein neu aufgefundenes Grundgesetz 
des Denkens und nicht bloßer Nothbehelf zur Correction eines un- 
passenden Verfahrens zu sein. Denn die Determination des a durch a 
ist logisch eine unvollziehbare Aufgabe; nur weil und soweit als im 
Zusammenhange unsers Denkens der fruchtlose Versuch das a nicht 
aufhebt, an dem er gemacht wird, iat es erlaubt, an die Stelle 
des a2, auf welches die Rechnung führen würde, a allein, keineswegs 
aber dies a^, als existirte es, dem a gleich zu setzen ; die linke 
Seite dieser Gleichung enthält eine unlösbare Aufgabe, die rechte aber 
enthält nicht die Lösung, sondern das, wobei es sein Bewenden haben 
muß, weil es jene Lösung nicht gibt. Daß dies nicht bloßer Wortstreit 
ist, zeigt uns eine Betrachtung, die Boole hier weiter anknüpft, Gilt 
einmal a2=:a als Gleichung, so ist der Schritt sehr leicht zu den 
Folgerungen a^ — a=:0 oder a — a-=:0; die letzte Formel löste 
Boole auf in a (1 — a) = 0. Nun lehrt der Satz vom ausgeschlossenen 
Dritten, daß alles Denkbare entweder a oder Non a ist; und diese 



Anmerkung über logischen Calcül. 259 

Wahrheit hatte Boole, indem er die Gesammtheit alles Denkbaren durch 
das Symbol 1 bezeichnete, dahin ausgedrückt, Non a sei dasjenige, 
was von dieser Gesammtheit übrig bleibe, wenn wir a von ihr ab- 
ziehen ; (1 — a) ist mithin der contradictorische Gegensatz zu a. Da 
rmn die Nullsetzung der Gleichung nur bedeuten kann, daß es für die 
Combination, welche die linke Seite enthält, gar keinen Umfang gebe, 
den sie beherrsche, daß sie also überhaupt nicht vorkommen köime, 
so wurde die Formel a (1 — a) = zum Ausdruck des Satzes, daß 
nichts Denkbares zugleich a und Non a sein könne. Man kann sich 
nun über die Geschmeidigkeit des Calcüls freuen, der für eine be- 
kannte Wahrheit diese anschauliche Formel findet; um so weniger 
wird man der Deutung beistimmen, die ihr Boole S. 50 seines Werkes 
gibt. Sie zeige, daß der Satz, den man für den höchsten Grundsatz 
der Metaphysik ansehe, nur die Consequenz eines seiner Form nach 
mathematischen Denkgesetzes sei; weil dies Gesetz in einer quadra- 
tischen Gleichung sich ausspreche, seien wir genöthigt, unsere Zer- 
gliederungen und Classificationen dichotomisch zu vollziehen; wäre 
die Gleichung vom dritten Grade gewesen, so würden wir zu einem 
trichotomischen Verfahren gezwimgen sein. Ich fürchte nicht der 
Trichotomie im Sinne des Haarspaltens schuldig zu sein, wenn ich 
gegen diese sonderbare Argumentation Einspruch thue. Boole selbst 
erwähnt, daß aus a^ = a auch a^ = a folge, aber er beseitigt diese 
cubische Gleichung durch die Bemerkung, daß zwei der" Factoren, die 
sie voraussetze, i (1 -|- x), keiner logischen Bedeutung fähig sind ; der- 
selbe Grund hatte ihn offenbar bestimmt, nicht an a^ — a = 0, sondern 
an a — a^ = seine Folgerungen anzuknüpfen. In diesem Verfahren 
liegt der ganz richtige Gedanke: von den mehrerlei Formeln, welche 
sich mathematisch aus dem für logisches Grundgesetz gehaltenen 
a2 = a ableiten lassen, seien nur diejenigen von Bedeutung, welche 
etwas logisch Brauchbares ausdrücken; nicht die Gültigkeit des logi- 
schen Gesetzes hängt von der Gestalt der Formel, sondern die sym- 
bolische Brauchbarkeit dieser von ihrer Uebereinstimmung mit dem 
Sinne des Gesetzes ab. Aber die ganze quadratische Form selbst und 
ihre Deutung ist nur ein Spiel der Willkür. Ich will nicht weiter dar- 
auf bestehen, daß eben wegen a^ rr= a sogleich a an die Stelle von a^ 
zu setzen war, womit man auf a — a = verständlich zurückkam ; 
selbst wenn man glaubte, a^ als wirkliches Ergebniß einer ausführ- 
baren Determination des a durch a beibehalten und es nun dem a 
gleichsetzen zu können, so gab es doch gar keine logische Berech- 
tigung, a — a2 in a (1 — a) aufzulösen ; mathematisch, wenn wir von 
Größen sprechen, war die Umformung richtig und 1 bedeutet dann 
wirklich die Einheit ; logisch lag in der Differenz a — a^ nicht die 
mindeste Aufforderung, sie als Product zweier Factoren zu fassen; 
die 1 aber, die hier eingeführt wird, ist nicht die Einheit, welche 
sie sein müßte um die Zerfällung mathematisch richtig zu machen^ 
sondern sie ist Boole's willkürlich obwohl nicht unpassend gewähltes 
Symbol für die Gesammtheit alles Denkbaren; daß a und 1 — a zu- 
sammen diese Gesammtheit erschöpfen, mußte daher vorher feststehen 
um nur die Interpretation möglich zu machen, durch welche man 
eben diese Wahrheit erst aus der Formel gewinnen wollte. 

17* 



260 Drittes Kapitel. 

Diese Träumereien sind nicht nach Deutschland übergegangen; 
ich erwähnte sie ausführlich, weil sie mit einem allgemeinen Ge- 
danken zusammenhängen, der auch unter uns Zustimmung findet. Die 
Unterschiede arithmetischer und logischer Rechnung verkennt man 
nicht; aber man hegt den Gedanken eines noch allgemeineren mathe- 
matischen Algorithmus für den dieser Unterschied der Anwendungs- 
gegenstände gleichgültig wäre. In der That nun, jede einzelne Denk- 
handlung, abgesehen von dem logischen Sinne ihres Ergebnisses, läßt 
viele gleichartige Wiederholungen, und die Ergebnisse selbst mancher- 
lei Verknüpfungen imd Anordnungen zu; die Begriffe der Gleichheit 
der Ungleichheit und des Gegensatzes femer haben Bedeutung auch 
da wo sie sich nicht auf Größen beziehen; was dann aus ihnen folgt, 
wird allerdings für jedes Gebiet aus dessen eigner Natur zu ent- 
scheiden sein; nachdem es jedoch bestimmt, nachdem also nach logi- 
schem Rechte über das Resultat entschieden ist, welches aus dem 
Zusammenkommen oder der Sonderung mehrerer Denkhandlungen und 
ihrer Einzelergebnisse fließen muß: dann lassen sich die Wieder- 
holungen und Verknüpfungen auph aller dieser Elemente denselben 
Regeln der Vereinigung Sonderung und Anordnung unterwerfen, die 
in Bezug auf alles Wiederholbare und Mannigfache gelten. Nur die 
specifisch logischen Gesetze, welche, wie das des ausgeschlossenen 
Dritten, die Bildung der Elemente selbst beherrschen, die in diese Zu- 
sammenhänge eintreten sollen, müssen auf eigenen Füßen stehen, und 
es ist ein eben so unrichtiger als unklarer Gedanke, für sie Be- 
gründung in einer abstractesten Mathematik zu suchen, die doch noch 
diesen Namen zum Unterschied von der Logik verdiente. Was eine 
solche Wissenschaft zu lehren hätte, würde im Gegenteil nur die 
Entwicklung einfachster logischer Wahrheiten sein, die gleichmäßig 
von allem Mannigfaltigen und seinen Verknüpfungen, von denen des 
Zählbaren und Gleichartigen eben so gut gelten wie von denen des 
nur Beziehbaren und Ungleichartigen; diese Wahrheiten, noch ab- 
getrennt von ihren Anwendungen, für sich aufzuzählen, kann man ja, 
da sich mit Worten viel beweisen läßt, als eine wichtige Aufgabe an- 
sehen, ich halte es mehr für langweilig als für unerläßlich. 

Unmittelbare Ausdrücke solcher einfachsten Wahrheit sind so- 
gleich die Axiome, deren besondere Vorerwähnung fast nur Sache 
der Etikette ist. natürlich auch für den logischen Calcül muß ai=ra, 
and jede a und b die einem dritten c gleich sind, auch unter 
einander gleich sein; nur die Definition der Gleichheit selbst bedarf 
eines Wortes. Die Logik bezeichnet durch a ein allgemeines Merk- 
mal eine allgemeine Gattung oder einen allgemeinen Fall, und kann 
deshalb dem Sprachgebrauch des Calcüls beistimmen, welcher a das 
Symbol einer Klasse nennt, deren Umfang alle irgendwie beschaffenen 
Einzelheiten oder Einzelfälle umfaßt, welche an dem Character a theil 
haben. Nur diese Umfangsverhältnisse berücksichtigt nun der Calcül; 
ihm gelten daher zwei Klassensymbole a und b für gleich, wenn die 
durch sie vorgestellten Klassen identisch die nämlichen Einzelheiten 
lunfassen und deswegen nur zwei Namen für dieselbe Klasse sind. 
An sich selbst können dabei a und b verschieden sein, auch wenn 
ihre Umfange sich vöUig decken; gleichseitige und gleichwinklige 



Anmerkung über logischen Calcül. 261 

Dreiecke sind so, ihren Umfang allein betrachtet, allerdings nur 
zwei Namen für dieselbe Klasse; logisch würden wir dennoch beide 
Begriffe in Bezug auf den Inhalt nicht gleichsetzen, den sie unmittel- 
bar durch sich selbst aussprechen. Ebenso einfach folgt aus jenen 
einfachsten Wahrheiten, daß es immer möglich ist, in einer Summe 
a-|-b zwei Denkhandlungen und ihre Ergebnisse zusammenzufassen; 
daß auch a — b logisch möglich ist, wenn b in a enthalten und da- 
durch die nöthige Homogeneität hergestellt ist; daß die andere Com- 
bination ab, welche beide in eine Vorstellung zusammenzieht, ein 
neues Klassensymbol von bestimmtem Umfange darstellt; daß end- 
lich, wo nur die Aufgabe einer gleichartigen Verknüpfung überhaupt 
gestellt ist, die Ordnung der Summaäiden und Factoren gleichgültig 
ist, die wir zur Summe oder zum Producte zusammenstellen. Mehr 
als diese begreiflichen Analogien mathematischer und logischer Rech- 
nung verdienen die Differenzen Erwähnung, welche die specifische 
Natur des Logischen herbeiführt. Ich habe die Gleichung a^zzia be- 
reits erwähnt ; in ebenso paradoxer Form verhüllt der Satz a -f- a = a 
die logische Wahrheit, daß jeder Allgemeinbegriff nur eimnal vorhan- 
den ist, daß mithin jede logische Behauptung über das ihm Unter- 
geordnete völlig erschöpft ist, wenn sie einmal von diesem durch- 
gängig gilt, und daß keine neue Wahrheit durch Wiederholung des- 
selben Verfahrens an demselben Gegenstande gewonnen werden kaim; 
ebenso erinnern uns die Theoreme a -j- a- b r= a und a (a -{- b) = a, daß 
jede Behauptung, die einmal allgemein von a gilt, auch von jeder 
Art des a gilt, die durch irgend ein b noch weiter bestimmt ist, 
daß mithin die Erwähnung von a b neben a nutzlos bleibt oder jenes 
durch dieses „absorbirt" wird. Nur der unpassende Gebrauch des 
Gleichheitszeichens gibt diesen Sätzen den Schein der Sonderbarkeit; 
was sie sagen, ist nur dies : überall wo der Mechanismus des Calcüls zu 
den Formen a^, a -|- a, a -4- a b, führen sollte, sind diese nutzlosen Neben- 
producte desselben für logische Zwecke durch das einfache a zu ersetzen. 

Wichtiger ist der ausgedehnte Gebrauch, den der Calcül von dem 
Satze des ausgeschlossenen Dritten macht; denn nur dieser wohl- 
bekannte Satz steckt hinter dem Princip der Dualität, das hier als 
neues Denkgesetz auttritt. Bezeichnen wir mit a' den contradictori- 
schen Gegensatz des a, und mit 1 die Gesammtheit alles, Denkbaren, 
so gelten, wirklich als Gleichungen, die Formeln a -|- a' = 1, nach 
welcher aller Inhalt des Denkbaren durch a und Non a erschöpft 
wird, und a a'= 0, welche die Unmöglichkeit einer Verbindung von a 
und Non a ausspricht. Weder für diese Sätze noch für den" andern, 
daß die Negation von Non a nur auf a zurück und nicht zu irgend 
einem Dritten führt, sind weitere Beweise möglich oder nothwendig; 
sie sind logische Wahrheiten, die allerdings in jenen Formeln eine 
sehr bequeme und anschauliche Bezeichnung erhalten haben. 

In ihren Kapiteln von den unmittelbaren Folgerungen, den Um- 
kehrungen und Contrapositionen der Urtheile versuchte auch die alte 
Logik, auf denselben Grundsatz gestützt, den Inhalt eines ausgespro- 
chenen Urtheils in seine Beziehungen zu nicht ausgesprochenen zu 
verfolgen ; Boole stellt sich umfassender die Aufgabe, die verschiedenen 
einander ausschließenden Abtheilungen des Denkbaren zu entwickeln, 



Drittes Kapitel. 

welche sich durch Bejahung und Verneinung der in einem Urtheile 
verbundenen Begriffe Klassensymhole oder Elemente überhaupt bilden 
lassen. Wenn x und y die gegebenen Elemente sind, und x', y' ihre 
contradictorischen Gegentheile, so sind selbstverständlich xy, xy', x'y 
und x'y' die vier Gattungen, in welche sich alles Denkbar© muß ver- 
theilen lassen, oder die Constituenten der gesammten Eintheilung, 
welche Boole die Expansion oder Entwicklung des zwischen x und y 
gegebenen Verhältnisses nennt. Es hat einige Unbequemlichkeit, daß 
er nach mathematischem Herkommen jenes Verhältniß zwischen x 
und y als Function beider, /(x, y), bezeichnet; logisch bedeutet ein 
solcher Ausdruck erst dann etwas, wenn er als Definition oder JPrädicat 
irgend eines M aufgefaßt wird; dann werden aus der gegebenen Ver- 
bindung zwischen x und y alle jene Constituenten xy, xy' u. s. w. 
liebst den Coefficienten.sich ableiten lassen, durch welche sie, inner- 
halb des Umfangs von M, als möglich oder unmöglich bezeichnet 
werden. Boole benutzt indessen vorläufig die unabhängige Function 
/ (x, y) um aus ihr ebenso allgemein das Gesetz der Bildung jener 
Coefficienten zu entwickeln. Seine anfängliche Gleichung x^ = x ver- 
anlaßt ihn, da er für sie nur die beiden arithmetischen Analogien 
0^ = undl^ z=z 1 findet, zu der Annahme, logischer und mathema- 
tischer Calcül würden einander völlig decken, wenn alle Größen nur 
diese beiden Werthe annehmen könnten; alle mathematischen Opera- 
tionen findet er umgekehrt logisch erlaubt, wenn man die Klassen- 
symbole, auf die man sie anwendet, als Größen behandle, die nur 
diese beiden Werthe zulassen. Sei nun a x -{- b x' die gegebene Func- 
tion /(x) und /(l) und / (0) die beiden Werthe welche sie annimmt, 
wenn wir x = 1 und x = setzen, wodurch x' allemal die entgegen- 
gesetzten Werthe annimmt, so wird gezeigt, daß /(x) sich durch die 
Verbindung beider Werthe herstellen läßt: / (x) = / (1) x + / (0) x'. 
Dieselbe Betrachtung führt dann für den Fall, daß die gegebene Func- 
tion die beiden Elemente x und y enthält, zu der Formel: 

/ (x,y) =. f (1, 1) xy + f (1, 0) xy'-f / (0, 1) x'y + / (0. 0) x'y' 

in welcher die beiden eingeklammerten Werthe sich der Reihe nach 
auf X und y beziehen. 

Wenn man Gewicht auf dies Schema der logischen Entwicklung 
einer Function legt, so wäre es leicht gewesen, es auf abenteuerliche 
Weise zu begründen. Man muß doch bedenken, daß die Null, welche 
jeden Größenwerth verneint, so daß für jedes m immer 0-m = 0, und 
die Einheit, die als imausgesprochener Factor in jeder Größe enthalten 
ist, so daß für jedes m immer l-m=:m, auch in der Arithmetik eine 
Sonderstellung haben und nicht einfach allen andern Größen gleich- 
artig zu achten sind; mögen sie, einzeln betrachtet, als Größenwerthe 
gelten, so haben sie doch in ihrer combinatorischen oder multipli- 
catorischen Verbindung mit andern Größen den allgemeinen logischen 
Sinn der Bejahung und der Verneinung. Nur diese auch für die 
Arithmetik gültige aber nicht aus ihr stammende logische Bedeutung 
brauchte man hier und hätte deshalb nicht den Schein verschulden 
sollen, als habe die Logik die Hülfsmittel zu ihren Operationen aus 
arithmetischen Specialitäten zu entlehnen. Wie dies zu verstehen 



Anmerkung über logischen Calcül. 263 

ist, zeige ich an zwei Beispielen. Wenn zuerst M = a x -{- h x' ist, so 
erhält man offenbar den Werth der rechten Seite wieder, wenn man 
erst das erste Glied unterdrückt und das zweite bestehen läßt, dann 
das zweite unterdrückt und das erste bestehen läßt, endlich die 
beiden bestehen gelassenen wieder addirt: ax -|- bx'= ax -j- 0-bx' 
-f- bx'-[- 0-ax; natürlich sind dann die Coefficienten durch /(l) und 
/ (0) ausdrückbar und a x -f- b x'= / (1) x -j- / (0) x'. Sei nun die Func- 
tion /"(x, y) = ax-f-by gegeben und ihre Entwicklung nach den Glie- 
dern X y, X y', x'y und x'y' verlangt, und sehen wir femer, um zu wissen 
wovon wir sprechen, / (x, y) sogleich als ein bestimmtes M an, dessen 
Definition oder Umfangsangabe die rechte Seite der Gleichung ent- 
hält. Es ist dann, innerhalb dieses M, die Combination xy in drei 
Fällen möglich, nämlich für diejenigen ax, welche zugleich y, für 
diejenigen by, welche zugleich x, und für diejenigen ax, welche zu- 
gleich völlig b y oder die b y, die zugleich völlig a x sind ; denn keine 
dieser Combinationen ist durch die rechte Seite der Gleichung aus- 
drücklich ausgeschlossen. Man würde also haben axy, bxy, abxy; 
da jedoch die ab logisch ohnehin schon sowohl unter a als unter b 
enthalten sind, so reicht es hin a -|- b als Coefficienten von x y auf- 
zuführen und allerdings ist a-|-b = /(l, 1), gleich dem Werthe der 
rechten Seite für xr=l, y = 1. Das zweite Glied der Entwicklung 
würde xy' enthalten; die Gleichung lehrt, daß wenn wir by unter- 
drücken, welches niemals mit y' combinirt werden kann, es innerhalb 
des Umfangs von M kein anderes y' oder Non y geben kann, als ax; 
folglich ist a der Coefficient von xy' und a ist allerdings = f{l, 0). Eben 
so folgt, daß innerhalb M kein anderes x' oder Non x möglich ist, 
als by; folglich ist bx'y das dritte Glied, und b allerdings = f (0, 1). 
Endlich lehrt die Gleichung, daß der Umfang von M durch ax und 
by völlig erschöpft ist und Nichts enthält, was weder« x noch y wäre; 
mithin ist der Coefficient von x'y', und er ist wieder =f{0,0). 

Rechtfertigen ließe sich daher aus blos logischen Ueberlegungen 
die aufgestellte Formel der Functionsentwicklung allerdings, und ich 
würde versuchen, dies allgemeiner zu beweisen, weim mir deutlicher 
wäre, wozu dies ganze Verfahren dienen soll. Die nächsten Beispiele, 
die Boole anführt, können nur als Uebungsexempel angesehen werden. 
Wenn die reinen Thiere x nach jüdischem Gesetz diejenigen sind, 
welche den Huf spalten y und wiederkäuen z, und di© Entwicklung 
lehrt uns nun, es gebe keine reinen Thiere, die zwar den Huf spalten 
aber nicht wiederkäuen, keine, die zwar wiederkäuen aber nicht den 
Hui spalten, keine reinen Thiere ferner, die weder das eine noch das 
andere thun, endlich keine Thiere, die beides thun ohne doch rein 
zu sein ; so bezweifle ich die Häufigkeit des logischen Wunsches, diese 
Folgerungen des Gegebenen zu erfahren, hat man aber das Bedürfniß, 
so ist es ohne Zweifel ohne Calcül leichter zu befriedigen als mit 
ihm. Aber zwei andere Aufgaben hofft Boole durch diese Formu- 
lirungen zu lösen ; zuerst, wenn eine Anzahl Elemente irgendwie , 
verbunden gegeben sind, soll die Gleichung, welche diese Verbindung 
ausspricht, nach jedem beliebigen der darin erhaltenen Elemente 
aufgelöst, und dann jedes beliebige aus der Gleichung eliminirt 



264 Drittes Kapitel. 

werden können, um die Verhältnisse der übrigen zu einander bloß- 
zulegen. 

In Bezug auf die erste Aufgabe kann ich nur bedauern, daß 
Boole sich rücksichtslos seinem Grundsatz überläßt, alle Rechnungs- 
operationen sich zu erlauben, sobald das Resultat nur logisch deutbar 
wird. Wenn der Satz: alle Menschen y sind sterblich x, gegeben ist, so con- 
traponirt er ihn in: Kein Mensch ist unsterblich: yx'= 0. Da aber x'-j- x 
= 1, also x'= 1 — X, so wird y (1 — x) = oder y — xy = 0, xy = y; 

V y 

und nun weiter x = — und durch Entwicklung von — erhält man: 

y y 

X = y -|- — (1 — y) oder = y -j- — y'; dies aber heiße, indem die mathe- 
matische Bedeutung des Symbols ^ eingeführt wird: Das Sterbliche 

schließt ein alle Menschen und eine unbestimmte Menge dessen, was 
Nicht Mensch ist. Ergebnisse, die nur auf so unverantwortlichen 
Wegen erhaltbar wären, würden sicher keine Erweiterung der Logik 
bilden. Zudem waren diese Künste hier nicht einmal nöthig. Denn 
nicht die contraponirte Form y (1 — x) = 0, sondern die ursprüngliche 
y = X war mit der Vorsicht hier zu brauchen, x sogleich, mit einem 
particularisirenden Factor v zu versehen, ymvx; denn nur dies, und 
gar nichts anderes, meint der Satz: alle Menschen sind sterblich; 
er faßt nur y als untergeordnet dem x, in dessen. Umfang es dann 
noch anderes gibt. Es versteht sich nun von selbst, und, es hat gar 
keinen Sinn, eben dies, was man voraussetzt, noch einmal zu er- 
rechnen, nämlich, daß x außer den vx, welche y sind, noch eine 
üichtbestimmbare Anzahl w von Arten umfaßt, welche nicht y sind, 
also daß x ^ y -f- wy'. 

In Bezug auf das Eliminationsverfahren begnüge ich mich mit 
einem Beispiele. Jede logische Gleichung kann durch Contraposition 
des durch sie ausgedrückten bejahenden Urtheils auf gebracht 
werden; denn Nichts anderes als: kein x ist z, bedeutet die Gleichung 
xz = 0. Ich lasse nun dahin gestellt, was über das Verfahren ge- 
lehrt wird, alle gegebenen Einzelurtheile oder Gleichungen in eine 
einzige resultirende Gleichung zusammenzuziehen und unterdrücke die 
Bedenken, die ich gegen die Nothwendigkeit oder Ersprießlichkeit 
dieser Operation hege. Gesetzt aber, es sei die Gleichung so ge- 
ordnet gegeben : p a b -|- q a b'-j- r a'b -{- s a'b'=: 0, so wird als Resultat 
der gleichzeitigen Elimination von a und b das Product der Coeffi- 
cienten pqrs = angegeben. Man versteht dies leicht durch die 
gewöhnlichen Mittel der Logik. Denn logisch kann diese Gleichung 
nur Null sein, wenn jedes ihrer Glieder einzeln =0 ist. Dann sagt 
pab = 0: kein pa ist b; aber qab'=0 gibt contraponirt : alle qa 
sind b; folglich nach Cesare: kein qa ist pa; oder pqa=:0 und 
hieraus: kein pq ist a oder contraponirt: alle pq sind a'. Ferner 
gibt ra'b = 0: kein ra' ist b; aber sa'b'=0 contraponirt: alle sa' 
sind b; folglich nach Cesare: kein s a' ist r a' oder s r a' = 0, oder : 
kein rs ist a'. Ordnen wir dem ersten Schlußsatze: alle pq sind a', 
den zweiten unter: kein rs ist a', so folgt nach derselben Figur: 



Anmerkung über logischen Calcül. 265 

Keiif r s ist p q oder p q r s = 0. Man bemerkt leicht, daß dann, wenn 
eine ebenso geordnete auf Null gebrachte Gleichung außer a, b und 
a', b' noch andere Paare solcher Gegensätze c, c' enthält, die Eli- 
mination auf demselben Wege fortgesetzt werden kann, aber aller- 
dings ist, für solche Fälle, die abgekürzte Regel dankenswerth, das 
Resultat der Elimination bestehe aus dem gleich Null zu setzenden 
Producte der Coefficienten; hätte außerdem die Gleichung ein von den 
zu eliminirenden Paaren unabhängiges Glied z = enthalten, so würde 
dies unverändert fortbestehen, also dem vorigen so hinzugefügt wer- 
den können, daß in pqrs-{-z = jedes der beiden Glieder für, sich 
1=0 bleibt. Schröder bemerkt hierbei S. 23 seiner Schrift, die Er- 
gebnisse der Elimination eines Symbols a aus mehreren getrennten 
Gleichungen seien weniger umfassend als die der Elimination aus 
der vereinigten Endgleichung; xa-j-ya'=0 und pa-4-qa'=0 geben 
gesondert nur x y ==: und p q = ; die vereinigte Gleichung dagegen : 
xy-}-qx-|-py4"Pq = 0; deshalb sei die letztere Geschäftsordnung 
vorzuziehen. Schafft man sich hier nicht künstlich kleine Schwierig- 
keiten eben durch die Geschäftsordnung, die zul«tzt auf die Ent- 
wicklung der Functionen zurückläuft? Warum vereinigt man die vier 
Glieder xar=0, ya'=:0, pa=:0 und qa'=0, die doch für sich 
gelten müssen, in zwei Gleichungen und betrachtet sie nicht eben als 
vier beliebig zu benutzende? Dann fände man ja ohne Schwierigkeit 
alle Eliminationsresultate, an deren Aufsuchung man ein Interesse hätte. 
Ich behaupte nicht, daß in allen oder in verwickeiteren Fällen 
dasselbe syllogistische Verfahren zum Ziele führen würde. Allein wenn 
Boole selbst einschärft, man müsse sorgsam zergliedern, was man in 
jedem Falle meine, ehe man das Gemeinte in die Sprache der Symbole 
übersetze, so glaube ich allerdings, daß die Erfüllung dieser Vor- 
bedingung uns des ganzen Calcüls überheben, und daß die Logik reich 
genug sein würde, um für besondere Aufgaben auch die Hülfsmittel 
der Lösung erfinden zu lassen, selbst wenn diese nicht stereotyp vorher 
festgesetzt wären. Ich erwähne in dieser Beziehung eine Aufgabe, die. 
Boole stellt und die auch Schröder wiederholt. 

Es werde angenommen, man wisse aus einer Bearbeitung von 
Erfahrungen, daß in einer Klasse von Natur- oder Kunsterzougnissen 
die Combinationen der Merkmale abcde folgenden Regeln dergestalt 
unterliegen, daß nicht blos das Vorkommen, sondei^ auch das Nicht- 
vorkommen jedes einzelnen Merkmals zu den Bedingungen gehört, aus 
denen auf Dasein oder Nichtdasein der übrigen geschlossen w^erden muß. 

1. überall wo a und c gleichzeitig fehlen, ist e vorhanden und 
zwar mit b oder d, aber nicht zugleich mit beiden; 

2. wo a und d vorkommen, e jedoch nicht, sind stets b und c 
entweder zugleich vorhanden oder fehlen zugleich; 

3. überall wo a mit b oder e oder mit beiden zugleich vorkommt, 
ist zugleich c oder d da, jedoch nicht beide zusammen; 

4. umgekehrt: wo von c und d das eine oder das andere vor- 
kommt, findet sich a mit e oder b oder mit beiden zusammen. 



266 Drittes Kapitel. 

Man verlange nun zu wissen: • 

1. was aus der Gegenwart von a in Bezug auf b c und d ge- 
folgert werden kann; 

2. ob und welche Beziehungen zwischen b c und d unabhängig 
von den übrigen Merkmalen bestehen; 

3. was aus dem Vorhandensein von b in Bezug auf a c und d, und 

4. was für a c d an sich folgt. 

Boole sieht voraus, kein Logiker werde auf syllogistischem Wege 
hierauf die richtigen Antworten finden, ohne sie vorher gekannt zu 
haben; ich gebe dies völlig zu; allein wer würde diesem Problem 
gegenüber versucht sein, diesen Weg zu wählen, da der passendere 
sich ganz von selbst darbietet? Wir haben nur alle Combinationen zu 
fünf, die sich aus a b c d e und a'b'c'd'e' mit Vermeidung der Wieder- 
holungen und des gleichzeitigen Vorkommens contradictorischer Ele- 
mente bilden lassen, ganz mechanisch zu verzeichnen und dann, oder 
gleich während des Verzeichnens diejenigen zu unterdrücken, welche 
durch die Gesammtheit der gegebenen Bedingungen ausgeschlossen 
sind. Es bleiben nur 11 Combinationen: 

abcd'e ab'cd'e a'bcde a'b'cde 

abcd'e' ab'c'de a'bcde' a'b'cde' 

abc'de ab'c'd'e' a'bc'd'e 

Man liest aus ihnen die Beantwortung der gestellten Fragen ab : 1. aus 
der Gegenwart von a ist zu schließen, daß entweder c oder d, jedoch 
nicht beide zusammen, da sind, oder daß b c und d zusammen fehlen; 

2. zwischen b c und d findet keine unabhängige Relation statt, denn 
alle denkbaren Combinationen derselben mit b'c'd' sind gleich gültig; 

3. aus dem Vorhandensein von b folgt, daß entweder a c und d zu* 
gleich fehlen, oder nur eines von ihnen fehlt; 4. wenn a und c' beide 
vorhanden sind oder beide fehlen, so ist d nicht möglich. Außerdem 
würden ähnliche Fragen in Bezug auf e, welche nicht gestellt sind, 
sich aus derselben Uebersicht ergeben, ohne besondere Arbeit nöthig 
zu machen. 

Ich entlehne, dem gegenüber, der Schrift Schröder's wenigstens 
den Anfang der Auflösung durch Rechnung, nicht sowohl um zu 
zeigen, daß diese, wenn alle Zwischenglieder wirklich hergestellt 
werden, sich keineswegs durch Kürze auszeichnet, sondern hauptsäch- 
lich, um überhaupt den Gebrauch des Calcüls an einem Beispiele zu 
erläutern, das doch eine wirkliche Aufgabe enthält und nicht blos 
rückwärts das Bekannte in schwerfällige Formeln einkleidet. 

Wenn man die positiven Aussagen, welche die gegebenen Be- 
dingungen über die möglichen Combinationen machen, contraponirt, 
mithin sie als Gleichungen auf Null bringt, so erhält man 

aus 1. a'c'[e'+bd + b'd'] = 

aus 2. ad[bc'+b'c]e'=0 

aus 3. a [b 4- ej [cd + c'd'J -f [cd'+ c'd] [a'+ b'e'] = 0. 

Da nun die Fragen von e und e' nichts wissen wollen, so ist zuerst 



Anmerkung über logischen Calcül. 267 

die für uns überflüssig gewesene Elimination dieses Gegensatzpaares 
auszuführen. Nach dem Früheren besteht ihr Resultat aus der gleich 
Null gesetzten Summe der von e und e' freien Bestandtheile der 
Gleichungen und des Productes der Coefficienten von e und e'. Nun 
ist zuerst der Coefficient von e in 3. r=: a (c d -j- C d') und der von e' 
in 1. 2. und 3. = a'c' + ad [bc'-fb'c] + b' [cd'-f c'd]; das Product 
beider wird nach Beachtung der früher erwähnten Regeln = ab'cd und 
mit Zufügung der von e und e' freien Glieder, welche =:a'c'[bd-j-b'd'] 
-|-ab [cd-|-c'd'] -[-a'[cd'-t-c'd] sind, wird das ganze Eliminations- 
resultat zusammenzuziehen sein in: 

a [cd -f bc'd'] + a'[cd'-f- c'd -f Vc'd'] = 0. 

Um nun hieraus zunächst die zweite Frage nach den Relationen 
zwischen b c und d zu beantworten, müßten wir a und a' eliminiren; 
das hierzu erforderliche Product ihrer Coefficienten ist aber = 0, da 
jedes entstehende Einzelproduct wegen der Combination contradicto- 
rischer Elemente für sich zu Null wird; das Resultat ist also = 
und dies müssen wir uns als Zeichen dafür genügen lassen, daß 
keine unabhängige Relation zwischen diesen drei Merkmalen statt- 
findet. Man sieht jedoch zugleich, daß, wenn wir p den Coefficienten 
von a nennen, der von a' zu Non p oder p' wird; wir habe» daher 
aus a p -}- a' p' = die beiden Gleichungen : a p = oder kein a ist 
p und a'p' = 0, kein Non a ist Non p; die erste gibt sogleich: alle 
a sind Non p oder p' ; mithin a = c d'-\- c' d + b' c' d', woraus die 
erste Frage zu beantworten ist. 

Ich unterlasse die Fortsetzung, welche nöthig wäre, um auch der 
dritten und vierten Frage zu genügen, und bemerke nur, daß für 
diese ganze Aufgabe jene Entwicklung von Functionen gar nicht in 
Anspruch genommen ist, über deren Wichtigkeit ich schon oben meinen 
Zweifel aussprach; unmittelbar aus den vorliegenden Aussagen wurden 
die zu benutzenden Gleichungen gewonnen und die Eliminationen aus 
ihnen erfolgten nach einer Methode, deren Ursprung aus Schlüssen 
nach der zweiten Figur uns begreiflich war. Gegen die Triftigkeit dieses 
Verfahrens ist daher nichts einzuwenden; aber ebenso wenig gegen 
die größere Einfachheit und Anschaulichkeit des von uns innegehal- 
tenen, welches, nebenbei bemerkt, nicht erst von Jevons entdeckt 
zu werden brauchte, sondern in der Anweisung zu Classicationen vor- 
lag, die längst zuerst die combinatorische Zusammenstellung der 
Mtjrkmale und dann die Streichung der Combinationen verlangte, 
welche durch die nun zu berücksichtigende gegenseitige Determination 
der Merkmale unzulässig wurden. Ich kann mich daher von den Vor- 
theilen nicht überzeugen, welche aus dem Versuche entspringen wür- 
den, alle jene Veranschaulichung s- und Abkürzungsmittel, auf welche 
im gegebenen Falle Jeder von selbst verfällt, und die er bald so in 
Uebereinstimmung mit der vorliegenden Aufgabe anwendet, zu einem 
festen logischen Calcül zu systematisiren. Es wird nicht zu vermeiden 
sein, daß eine Methode der Symbolisirung, die für Alles gleichartig 
sorgen will, ihre Bequemlichkeit für die Lösung einer Aufgabe durch 
unnütze Weitläufigkeit in der Bearbeitung anderer und durch man- 
cherlei Zwiespalt mit dem Sprachgebrauche erkauft. 



268 Drittes Kapitel. 

Schon die quantitative Bestimmung des Prädicats im Urtheile, 
von welcher die neuere englische Logik ausging, war keine neue Ent- 
deckung, sondern die überflüssige Aufbauschung eines bekannten Ge- 
dankens zu übertriebener Wichtigkeit. Daß das Prädicat im Urtheil, 
die reciprocablen ausgenommen, größeren Umfang hat als das Sub- 
ject, das eben in diesen Umfang eingeordnet wird, daß also nicht blos 
das Prädicat das Subject determinirt, sondern auch dieses das Prä- 
dicat auf diejenige Modification einschränkt, die ihm, dem Subjecte 
zukommt, waren alte Lehren der Logik und in ihren Umkehrungs- 
regeln hatte sie auch für die Anwendung derselben gesorgt. Daß diese 
Wahrheit in den Schematen der Urtheile ebenso wenig wie in der 
gewöhnlichen sprachlichen Form der Sätze besonders ausgedrückt 
wurde, was schadete das, wenn man die Sache wußte? hat dieser 
Mangel jemals einen besonnenen Denker zum Irrthum verführt? und 
mußte man, um solche Kleinigkeiten zu bessern, gleich zu so gefähr- 
lichen Anstalten greifen, den natürlichen Ausdruck der Gedanken an 
eine neue Symbolisirung und einen neuen Calcül zu knüpfen? Wenn 
man den Satz : alle Menschen sind sterblich, durch y = v x ausdrückte, 
so wäre ein reeller Gewinn nur gewesen, wenn man nun Mittel gehabt 
hätte, dieses v zu bestinmien ; so lange es ein unbestimmter Coefficient 
bleibt, ist es eine wirkungslose Bezeichnung dessen, was wir vorher 
wußten. In der Umkehrung des Urtheils : einiges Sterbliche ist Mensch, 
würde diese unbestimmte Particularität auch nach der alten Logik 
weder besser noch schlechter als vermittelst jenes v zum Ausdruck 
gekommen sein; nimmt man aber an dem „Einiges" Anstoß, so war 
er leicht durch die Betrachtung zu entfernen, daß solche unbestimmt 
particulare Urtheile zugleich Formen der Modalität sind, und die Mög- 
lichkeit einer Verknüpfung ihres Prädicats mit dem Allgemeinbegriffe 
ihres Subjects aussprechen, indem sie diese Verknüpfung für einige 
aber nicht für alle Exemplare dieses Begriffs asseriren. 

Zu dieser Bemerkung regt unter andern eine Stelle von Jevons 
an (Principles of Science, London 1877, Seite 59) : er bildet zwei 
Prämissen: Natrium = Natriummetall und Natrium = auf Wasser 
schwimmendem Natrium; zu dem daraus gezogenen Schlüsse: Natrium- 
metall ==z auf dem Wasser schwimmendem Natrium, fügt er die Be- 
merkung hinzu: „dies ist nun wirklich ein Schluß nach Darapti der 
dritten Figur, nur daß wir eine Conclusion von exacterem Charakter 
erhalten haben, als nach dem „alten" Syllogismus möglich ist. Aus 
jenen Prämissen würde Aristoteles gefolgert haben: einiges Metall 
schwimmt auf Wasser; wenn man aber fragte, welche Metalle dies 
wären, würde er haben antworten müssen: das Natrium. Mithin ent- 
hält des Aristoteles Schluß einen Theil der Wahrheit nicht, den die 
Prämissen darbieten und behütet uns nicht davor, jenes „einiges 
Metall" in weiterem Sinne zu verstehen, als erlaubt ist. Von diesen 
deutlichen Fehlern des alten Syllogismus ist unser Schluß frei und 
man kann ihm höchstens den Vorwurf machen of being tediously 
minute and accurate." nein, höchstens das tediously könnte man 
bejahen; außerdem wird Aristoteles Recht behalten. Denn das ganze 
Verfahren von Jevons ist eben nur die Wiederholung oder höchstens 
die Summirung seiner beiden Prämissen; in einer solchen aber, die 



Anmerkung über logischen Calcül. 269 

bei dem gegebenen Thatbestande einfach bleibt, hat man nie einen 
Schluß gesehen, sondern nur in einer Gedankenbewegung, die das 
Gegebene benutzt, um darüber hinauszugehen. Die hier vor- 
geschlagene Zusammenstellung von Worten ist daher überhaupt 
kein Schluß und folglich auch keiner in Darapti; wenn Aristoteles 
den seinigen bildete, so sagte er damit: das Vorkommen des auf 
dem Wasser schwimmenden Metalls Natrium beweist, daß die 
Eigenschaft solcher Leichtigkeit mit dem Character des Metalls 
im Allgemeinen nicht unvereinbar ist; drückte er dies aus durch: 
einiges Metall ist schwimmbar, so wollte er natürlich niciht die 
Prämissen wiederholen, die man ohnehin wußte, sondern die Mög- 
lichkeit einer allgemeinen Verbreitung dieser Eigenschaft unter 
den Metallen aussprechen als eine Vermuthung, deren factiscihe 
Richtigkeit man weiter zu prüfen Veranlassung hat, weil sie 
logisch nicht undenkbar ist. Selbst der Ausdruck: einiges Metall, 
ist im Grunde ganz richtig, denn gewiß ist Natrium einiges Metall; 
zugleich an andere Metalle zu denken befiehlt dieser Ausdruck 
gar nicht; daß er es aber nicht auch verbietet, ist eben so richtig 
und hat keinen Irrthum zur nothwendigen Folge. 

Wie oft haben solche moderne Unternehmungen schon den 
Anbruch einer ganz neuen Epoche für die Logik und den Untergang 
der verächtlichen alten verkündigt! Ich bin überzeugt: wenn nun 
wirklich einige Menschenalter hindurch die alte Logik ganz ver- 
gessen wäre, dann aber von einem Glücklichen wieder entdeckt 
würde, so würde man in ihr den so lange gesuchten, nun endlich 
gefundenen, naturgemäßen Gang des Denkens begrüßen, aus wel- 
chem die Sonderbarkeiten und zugleich die dennoch in gewissem 
Maße vorhandene Triftigkeit der logischen Rechnungen begreiflich 
würde, mit denen man sich bis dahin beholfen hätte. 



Viertes Kapitel. 

Die Formen des Beweises. 

199. Die verschiedenen Formen der Urtheile hatte die 
systematische Logik aufzuführen und die bestimmte Art 
der Verknüpfung zu zeigen, welche zwischen S und P in 
jeder derselben als vorhandene oder als zu vollziehende 
gedacht wurde; die angewandte Logik hat zu überlegen, 
welche Inhalte S und P mit Recht in einer dieser Ver- 
knüpfungsformen verbunden werden können. Verschiedene 
Aufgaben, die wir nicht immer trennen werden, fallen in 
diese Richtung. Hauptsächlich Mittheilung fremder Ge- 
danken überliefert uns zahlreiche Sätze von der Form: 
S ist P, deren Sinn und Inhalt vollständig bestimmt, deren 
Gültigkeit jedoch fraglich ist; dann entsteht für uns die 



270 Viertes Kapitel. 

Aufgabe eines Beweises für den gegebenen Satz T; 
eigene Beobachtungen führen uns anderseits auf die Ver- 
muthung, zwischen zwei Inhalten S und P müsse eine 
Beziehung obwalten, die, wenn sie bekannt wäre, sich 
durch ein Urtheil der Form: S ist P, würde ausdrücken 
lassen müssen; dann entspringt für uns die Forderung der 
Erfindung des noch nicht bekannten Satzes T, der den 
genauen Ausdruck dieser vorausgesetzten Beziehung bilden 
würde. Beide Leistungen, Beweis und Erfindung, unter- 
scheiden sich nur durch abweichende Handhabung derselben 
logischen Mittel. Die nämlichen Gedankenverbindungen, 
durch welche Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit eines 
Satzes T zuerst gefunden worden sind, lassen sich theils 
in etwas veränderter Fassung, theils selbst ohne solche 
Umformung immer auch zum Beweise der Wahrheit oder 
Wahrscheinlichkeit eines gegebenen T verwenden. Auch 
bemerkt man sogleich, daß das erfinderische Nachsinnen, 
um sein Ziel nicht zu verfehlen, allerhand kleiner 
Zwischenglieder von der Form des Beweises bedarf; um- 
gekehrt wird dieser, gleichfalls um sein Ziel zu erreichen, 
einer erfinderischen Gedankenbewegung nicht entbehren 
können. Gleichwohl reicht im Ganzen die Erfindung weiter 
als der Beweis; ich trenne deshalb, ohne indessen bei 
jeder Gelegenheit ihre natürliche Vermischung zu ver- 
meiden, beide Aufgaben. Wissenschaftliche Untersuchungen 
führen auf beide ziemlich gleichmäßig; die Bedürfnisse 
des Lebens häufiger auf die Erfindung. Aber ich habe 
Grund, meinen nächsten Gegenstand noch weiter zu theilen 
und den Beweis für allgemeine Sätze von dem für parti- 
culare oder singulare zu trennen. Eine allgemeine Be- 
ziehung zwischen S und P wird sich allerdings selten fest- 
stellen lassen, ohne von Erkenntnissen Gebrauch zu machen, 
welche die Erfahrung geliefert hat; aber da diese Er- 
kenntnisse, um zu allgemeinen Folgerungen zu führen, 
selbst allgemeine Geltung besitzen müssen, so kann man 
sie als solche ansehen, die, früher allerdings aus Er- 
fahrungen gewonnen, doch jetzt, nachdem man sie mit 
dem Zutrauen zu ihrer Allgemeingültigkeit besitzt, zu den 
eigenen Hülfsmitteln des Denkens zu rechnen sind. Der 
Beweis einzelner Thatsachen dagegen, geschichtlicher Er- 
eignisse oder gewöhnlicher Begebenheiten des Lebens, kann 
nie aus allgemeinen Sätzen allein fließen, auch aus solchen 
nicht, die selbst der Erfahrung entlehnt sind; er setzt die 
Kenntniß einer Menge von Einzel umständen voraus, die 



Die Formen des Beweises. 271 

nur hier vorkamen und nur hier sich in dieser bestimmten 
Weise verbanden. Die vorgängige Ermittlung aller dieser 
Bedingungen, aus denen zu schließen ist, erfordert eigen- 
thümliche Hülfsmittel, deren Betrachtung später folgen wird. 
Die Auflösung gestellter Aufgaben dagegen, auch wenn sie 
nicht einen allgemeinen Satz, sondern ein ganz singulares 
Ergebniß liefern sollen, läßt sich mit dem Beweise all- 
gemeiner Sätze verknüpfen; unter den Bedingungen, die 
hier nicht gesucht zu werden brauchen, sondern gegeben 
sind, und so weit sie gegeben sind, ist der bestimmte Satz T, 
welcher sie alle erfüllt, immer durch die allgemeinen Mittel 
des Denkens zu finden, und diese theoretischen Ergebnisse 
sind nur insoweit ungenau und in praktischer Anwendung 
einer Verbesserung bedürftig, als es eben nicht gelungen 
war, alle jene Bedingungen anzugeben, denen T genügen 
sollte. 

200. Jeder Beweis ist ein Schluß oder eine Schlußkette, 
welche zu dem gegebenen Satze T die Prämissen ergänzt, 
aus deren Ineinandergreifen T als denknothwendige Fol- 
gerung hervorgeht. Die Gültigkeit jeder Folgerung aber 
hängt ab von der Gültigkeit ihrer Prämissen; auch diese 
würde sich durch neue Beweise feststellen lassen, nur 
würde dies Verfahren sich fruchtlos ins Unendliche fort- 
setzen, wenn es nicht irgend eine Anzahl allgemeiner Sätze 
gäbe, deren Gültigkeit für uns unmittelbar feststeht, die 
daher eines Beweises weder bedürftig noch fähig sind, 
vielmehr selbst die letzten Entscheidungsgründe bilden, nach 
denen sich Triftigkeit oder Untriftigkeit jeder einzelnen 
Folgerung aus ihren Prämissen beurtheilen läßt. Ich er- 
örtere hier noch nicht die Frage, woher unserem Denken 
der Besitz so unmittelbar gewisser Wahrheiten kommen 
mag; nur die Frage nach dem Kennzeichen geht uns hier 
an, das uns berechtigt, einen Satz T zu der Reihe dieser 
Axiome zu rechnen, deren Zugeständniß man von jedem 
gesunden Denken glaubt fordern zu können. Nun ist be- 
greiflich, daß dies Kennzeichen, eben weil jeder Beweis 
eines Axioms unmöglich ist, zuletzt nur in der Evidenz,, 
in der unmittelbaren Klarheit und Gewißheit bestehen kann, 
mit welcher der Inhalt eines allgemeinen Satzes sich uns 
als denknothwendig aufdrängt; und in der That ist man 
hierauf immer zurückgekommen. Vielfältige Erfahrung lehrt 
uns jedoch, daß Sätze, deren Unrichtigkeit spätere Zeiten 
nachwiesen, für frühere die größte Evidenz und Ueber- 
zeugungskraft besessen haben; Verhältnisse, die wir in 



272 Viertes Kapitel. 

dem beschränkten Beobachtungskreise, in welchen wir ein- 
geschlossen sind, beharrlich bestehen oder wiederkehren 
sehen, ohne daß eine Erfahrung des Gegentheils uns an 
ihnen irre macht, nehmen sehr allgemein für uns den 
Schein der Denknothwendigkeit an. Es gibt nur ein Mittel, 
diese falsche Evidenz der Vorurtheile von der echten wahr- 
hafter Axiome zu unterscheiden: man muß versuchen, ob 
das contradictorische Gegentheil des fraglichen Satzes T 
ebenso undenkbar ist, als T selbst uns denknothwendig 
scheint. Diese Probe wird oft völlig entscheidend sein; zu 
unserer Verwunderung werden wir häufig finden, daß der 
Versuch, S und P in der entgegengesetzten Weise von der- 
jenigen zu verbinden, welche der gegebene Satz T be- 
hauptete, zu gar keinem inneren Widerspruch im Denken 
führt. Dann wird T kein Axiom sein, sondern entweder 
überhaupt ein Irrthum, oder eine Wahrheit von nur parti- 
cularer Geltung, oder eine allgemeine zwar, aber eine solche, 
die eines Beweises bedürftig ist. Im anderen Falle, wenn 
das contradictorische Non T ebenso undenkbar scheint, wie T 
denknothwendig, werden wir mit um so größerem Ver- 
trauen T als unmittelbares Axiom betrachten; vollständige 
Sicherheit indessen gewährt dann die Probe nicht, denn 
nichts hindert, daß die Undenkbarkeit von Non T auf ebenso 
falscher Evidenz beruhe, wie die scheinbare Denknoth- 
wendigkeit von T. Fände dieser doppelte gleichzeitige Irr- 
thum statt, so würde es kein kurzes logisches Mittel zu 
seiner Entdeckung geben ; nur das Gewahrwerden der Wider- 
sprüche, welche die Erfahrung gegen die angenommene 
Gültigkeit von T erhebt, und eine langsame vielseitige Um- 
formung unseres Gedankensystems auf Veranlassung dieser 
Widersprüche könnte allmählich die Verbesserung unseres 
Fehlers herbeiführen. Grundsätze blos theoretischer Er- 
kenntniß werden selten von diesem Doppelirrthum behaftet 
sein, öfter die, welche unserer ethischen Beurtheilung zu 
Grunde liegen, und die man wohl den echten oder schein- 
baren Axiomen zurechnen darf, obgleich sie nicht eigentlich 
denknothwendig, sondern nur selbstverständlich und ihre 
Gegen theile nicht undenkbar, sondern nur absurd erscheinen. 
Daß man den Feinden schaden müsse, galt im Alterthum 
lange und allgemein als selbstverständlich und das Gegen- 
theil für absurd; solche Irrthümer kann am meisten nur 
die langsame Umstimmung der Gewohnheiten des Gemüthes 
beseitigen. 

201. Sei nun T ein allgemeiner Satz von nicht axio- 



Die Formen des Beweises. 273 

malischer Geltung, ein solcher also, der eines Beweises 
bedürfen würde, so wird man doch diesen Beweis nicht 
eher antreten, bis man weiß, daß T ihn verdient. In drei 
Fällen wird er es nicht. Zuerst dann nicht, wenn sein 
Inhalt ein unvollständiger und deshalb unbestimmter Ge- 
danke ist. Der ungeschulte Verstand pflegt, so lange er 
sich auf die Gegenstände seines natürlichen Gesichtskreises 
beschränkt, gewissenhaft in der Aufzählung und Erfor- 
schung aller Beziehungspunkte zu sein, welche zum Ver- 
ständniß einer Thatsache gehören; er befolgt hier die alte 
Regel, die Fragen alle zu beantworten: quis? quid? ubi? 
quibus auxiliis? cur? quomodo? quando? Desto unbehülf- 
licher wird er, wo er in allgemeine Betrachtungen ab- 
schweift, die dem Gebiete der Speculation angehören; er 
gelangt dann meist nur zu einem unförmlichen Ausdruck 
von etwas, was er vielleicht mit Recht meint verlangt 
oder voraussetzt, aber an keine bestimmten oder bestimm- 
baren Beziehungspunkte anzuknüpfen weiß. Die Speculation 
ihrerseits, in Abstractionen schwelgend, kommt ihm hier 
nicht immer helfend entgegen, sondern begnügt sich auch 
oft, mit Begriffen zu verfahren, die von ihren natürlichen 
Anwendungspunkten abgelöst im Leeren schweben ; nirgends 
sind daher unbestimmte Thesen häufiger als da zu finden, 
wo der logisch nicht disciplinirte Verstand naturalistisch 
zu philosophiren beginnt. Daß Gott und Welt Eins sei, 
kann nur der beweisen, der diesen Satz selbst aufgestellt 
hat; so weit dann sein Beweis richtig sein wird, hat er 
durch ihn ecst interpretirt, was er mit seinem Satze meinte ; 
wer diesen aber nicht selbst aufgestellt hat, thut am besten, 
ihn weder zu beweisen noch zu widerlegen; denn daß Gott 
und Welt in gewissem Sinne Zwei sind, sagt der Satz 
selber, sonst könnte er sie nicht unterschieden haben; 
daß sie aber in irgend einer der vielen Bedeutungen, welche 
der Begriff der Einheit hat, auch Eins sind, läßt sich im 
voraus vermuthen. Daß die Dinge Erscheinungen sind, 
ist ebenso zweideutig; die scheinbaren Dinge der sinnlichen 
Wahrnehmung sind es natürlich, sonst erschienen sie uns 
nicht; daß aber diejenigen Dinge, die wir als selbst un- 
beobachtbar dem sinnlichen Wahrnehmen unterlegen, auch 
Erscheinungen seien, ist so lange ein unvollständiger Ge- 
danke, bis hinzugefügt wird, was denn hier erscheinen 
soll und wem. Alle diese und ähnliche Sätze verdienen 
Beweis und Widerlegung nicht, sondern sind angebracliter 
Maßen zurückzuweisen, ganz ebenso wie man im rechtlichen 

Lotze, Logik. 28 



274 Viertes Kapitel. 

Verfahren jeden abweist, der blos über erlittenes Unrecht 
klagt, aber nicht angibt, was ihm geschehen sei und von wem. 
202. Der zweite Fall findet statt, wenn zwar von dem S 
oder P des Satzes T eine völlig scharfe Nominaldefinition 
gegeben werden kann, diese aber entweder eine nachweisbar 
unmögliche oder eine nicht nachweisbar gültige Vorstellungs- 
verknüpfung enthält. Niemand wird sich um Beweis oder 
Widerlegung eines Satzes bemühen, dessen Subject der 
Begriff eines hölzernen Eisens ist; Niemand untersuchen, 
ob dies hölzerne Eisen im Feuer verbrennen werde wie 
Holz, und nicht vielmehr schmelzen wie Eisen. Gespenster 
und Irrlichter enthalten so logischen Widerspruch nicht; 
ob aber jene schlafbedürftig sind, diese von vergrabenem 
Metall angezogen werden, läßt man doch dahingestellt, bis 
die Existenz beider bewiesen ist. Was man hier verlangt, 
läßt sich im Allgemeinen die Rechtfertigung eines Be- 
griffes nennen, die dann, wenn von ihm Gebrauch gemacht 
werden soll, allemal zu seiner nominalen Definition hinzu- 
gefügt werden muß. Sie kann in verschiedener Weise ge- 
leistet werden. Bedeutet M etwas, dem äußere Wirklichkeit 
zukommen soll, so wird am kürzesten M durch unmittelbare 
Aufzeigung eines Beispiels oder einer Thatsache ge- 
rechtfertigt, in welcher die Wirklichkeit seines Inhalts ge- 
geben und der Beobachtung zugänglich vorliegt. Bezeichnet 
M eine Vorstellungsverknüpfung, deren Gültigkeit darin be- 
steht, daß sie ausführbar ist und daß ihr Ergebniß sich 
vorstellen oder in innerer Anschauung verwirklichen läßt, 
so wird eben diese Verwirklichung des von M verlangten 
Inhaltes, oder seine Construction, M selbst rechtfertigen; 
so legitimirt die Geometrie die Zulässigkeit von Begriffen, 
die sie gebildet hat, durch anschauliche Herstellung dessen, 
was sie vorher nur als Aufgabe enthielten, und beweist 
hierdurch am einleuchtendsten, daß diese Aufgabe lösbar 
war. Ist weder ein Beispiel von M nachweisbar, Qoch 
seine Construction ausführbar, so muß wenigstens eine 
Begründung (Deduction) eintreten, welche zeigt, im Zu- 
sammenhang mit welcher nachweisbaren Wirklichkeit oder 
im Verfolg welcher Aufgabe wir mit Fug und Recht zu der 
Bildung des Begriffes von M veranlaßt werden. Nicht immer 
kann diese Begründung die Gültigkeit von M, in der Gestalt, 
in welcher sein Begriff vorliegt, unmittelbar beweisen, aber 
immer stellt sie M als vorläufige Bezeichnung eines nicht 
grundlos, sondern mit Recht gesuchten Inhalts dar; der 



Die Formen des Beweises. 275 

weiteren Untersuchung, deren Beginn hierdurch gerecht- 
fertigt wird, bleibt es überlassen, ob M selbst sich als 
gültiger Begriff wird rechtfertigen lassen, oder welche Um- 
formung seines Inhalts vorzunehmen ist, um diese Gültig- 
keit herbeizuführen. Im Alterthum war die Verdoppelung 
des Würfels ein wichtiges Problem; aber auch wenn man 
durch geometrische Operationen die gesuchte Seite des 
doppelten Würfels nicht construiren konnte, war doch von 
Anfang an gewiß, daß die Aufgabe überhaupt lösbar und 
die gesuchte Seite eine Größe sei, die sich irgendwie auf- 
finden lassen muß. Denn man konnte zeigen, daß mit 
stetiger Zunahme der Seite auch das Volumen des Würfels 
ohne Aenderung seiner cubischen Gestalt stetig zunehmen 
muß; in der unendlichen Reihe wachsender Würfel muß 
sich daher auch derjenige finden, welcher das Doppelte 
eines gegebenen ist, und somit ist auch seine Seite eine 
in der Reihe der Linien existirende. Diese Begründung 
der nothwendigen Gültigkeit des Gesuchten ersetzt hier 
die wirkliche Ausführung der Gonstruction. Man kann femer 
darüber zwar Bedenken haben, ob ein und derselbe Begriff 
von Länge auf krumme und gerade Linien passe; setzt 
man aber dies Bedenken beiseit, so war es vorläufig eine 
nicht unbegründete Hoffnung, durch elementare geometrische 
Construction die gerade Linie zu finden, die dem Umfange 
eines Kreises von gegebenem Halbmesser gleich ist; denn 
gewiß war dies, daß die gesuchte Länge von der dieses 
Halbmessers und zugleich nur von dieser abhängt. Die 
ausgeführte Untersuchung erst hat diese Hoffnung beseitigt 
und gezeigt, daß der Umfang als geschlossene reale und 
algebraische Function des Halbmessers nicht herstellbar 
ist. Naturwissenschaftliche Hypothesen nehmen häufig That- 
sachen an, die man nicht hoffen kann, jemals in unmittel- 
barer Beobachtung nachweisen zu können; nicht selten 
muß man sogar Gott und der Zukunft überlassen, auch 
nur die Möglichkeit und Construirbarkeit dessen zu be- 
weisen, was man vorläufig als Annahme gar nicht ent- 
behren kann. Dann bleibt nur die Begründung übrig, welche 
aus den gegebenen Thatsachen die Dringlichkeit der an- 
gewandten Vorstellungsweise ableitet, allerdings dann mit 
dem Vorbehalt, sie in Zukunft so ändern zu können, daß 
sie construirbar wird, ohne ihre Brauchbarkeit einzubüßen. 
Hierauf führen uns andere Gelegenheiten zurück; für den 
Augenblick genügt es, auf die zuerst gebrauchten Beispiele 
zurückzuverweisen, um deutlich zu machen, welche Art 

18* 



276 Viertes Kapitel. 

der Rechtfertigung wir für Begriffe verlangen, deren Ver- 
knüpfungen im Urtheile Beweis oder Widerlegung verdienen 
sollen. 

203. Haben nun auch die Begriffe, die in dem all- 
gemeinen Satze T verbunden sind, die nöthige Bestimmtheit 
und Gültigkeit, so wird man sich dennoch auf einen Beweis, 
welcher T als nothwendige Folge aufzusuchender Prämissen 
darzustellen hätte, nicht eher einlassen, bis man sich einige 
vorläufige Bürgschaft für seine thatsächliche Geltung ver- 
schafft hat; denn jede Mühe würde verschwendet sein, 
etwas zu beweisen, was eben nicht gilt. Ist T ein all- 
gemeiner Satz, dessen Anwendungsgebiet sich in Gedanken 
nicht leicht übersehen läßt, so versuchen wir zuerst, ob T 
in einigen naheliegenden Beispielen zutrifft; ein einziger 
Fall, in welchem dies nicht geschähe, würde die Allgemein- 
gültigkeit von T aufheben und die Aufgabe würde sich 
in die der Auffindung von Bedingungen verwandeln, unter 
denen T wenigstens eine particulare Geltung besäße; ist 
dagegen, was T behauptet, in allen verglichenen Beispielen 
seiner Anwendung gültig, so kann diese hier stets unvoll- 
ständige Durchprobirung zwar nicht die Allgemeingültig- 
keit des T beweisen, aber seinen Inhalt doch so weit 
empfehlen, daß die Aufsuchung eines Beweises der Mühe 
werth wird. Dies durchaus nothwendige Vorverfahren, das 
später seine Stelle auch unter den Beweisformen selbst 
finden wird, versäumen wir in der That nur selten und 
meist nur dann, wenn die Gültigkeit von T nicht durch 
bloße Ueberlegung in Gedanken aufzufindender Anwen- 
dungsbeispiele, sondern nur durch äußere Beobachtung 
oder Versuch festzustellen ist. Nicht nur die Höflinge 
Ludwigs XIII. erschöpften sich in geistreichen Beweisen 
für den Satz, daß ein lebendig hineingeworfener Fisch 
ein ganz volles Gefäß zum Ueberlaufen bringe, ein todter 
aber nicht, und erst der hinzugerufene Gärtner zeigte durch 
den Versuch die Ungültigkeit der ganzen Behauptung; auch 
sonst finden sich, in den weniger exacten Theilen der 
Naturwissenschaft, tiefsinnige erklärende Beweise genug für 
Erscheinungen, deren thatsächliches Vorkommen völlig 
zweifelhaft ist. 

204. Wäre nun diese Vorfrage erledigt, und T ein 
allgemeiner Satz, der eines Beweises würdig ist, so kann 
seine Wahrheit oder Unwahrheit entweder in kürzester 
Linie oder auf einem Umwege festgestellt werden, und 
hiemach unterscheiden wir die Beweise zuerst. Sie sind 



Die Formen des Beweises. 277 

direct, wenn sie unmittelbar den gegebenen Satz T als 
nothwendig oder als unmöglich nachweisen; sie heißen 
indirect oder apagogisch, wenn sie Wahrheit oder 
Unwahrheit von T mittelbar durch Aufzeigung der Un- 
wahrheit oder Wahrheit seines contradictorischen Gegen- 
theils Non T begründen. In beiden Fällen kann die Richtung, 
welche der Gang der Gedanken nimmt, noch eine doppelte 
sein. Ich nenne den Beweis rechtläufig oder pro- 
gressiv, wenn er aus dem, was in der Natur der Sache 
das Bedingende ist, das Bedingte als Folge entstehen läßt; 
er ist rückläufig oder regressiv, wenn er das, was 
in der Natur der Sache das Bedingte ist, als Erkenntniß- 
grund des Bedingenden benutzt. Der Beweis der ersten 
Form, da er a principio ad principiatum geht, mag ebenso- 
wohl d e d u c t i V heißen ; für die Beweise der zweiten Form, 
die a principiato ad principium fortschreiten, wird man 
den entgegengesetzten Namen der inductiven im All- 
gemeinen nicht ebenso passend finden. Beide Beweisgänge 
lassen endlich noch einen Unterschied zu: man kann pro- 
gressiv von allgemeinen Wahrheiten zu T oder von T zu 
seinen eigenen Folgen und ebenso regressiv von den Folgen 
des T zu T, oder von ihm selbst zu den Wahrheiten 
übergehen, die seinen Grund bilden. Ueber den verhältniß- 
mäßigen Werth der acht verschiedenen Formen, die so 
entstehen, wird man erst dann urtheilen können, wenn 
man jede von ihnen mit Rücksicht auf die Aufgaben ins 
Auge faßt, für die sie verwendet zu werden pflegt. Hierzu 
mag folgende Uebersicht dienen. 

205. Die erste Beweisform, direct progressiv, geht 
von einer allgemeinen Wahrheit aus, die sie als Obersatz 
an die Spitze ihres ganzen Verfahrens stellt; im Untersatz, 
oder in einer Reihe von Episyllogismen, wenn der Beweis 
nur in einer Schlußkette vollendbar ist, wird dann nach- 
gewiesen, in welchem Verhältniß die Bestandtheile S und P 
des gegebenen Satzes T zu jenem Obersatz stehen; der 
Schlußsatz endlich folgert, daß um dieser Verhältnisse willen 
von S und P der zu beweisende Satz T gelten müsse. 
Bestimmt man die Aufgabe auf diese allgemeine Weise, 
so scheinen alle drei aristotelischen Figuren zu dieser 
Beweisform benutzt werden zu können; in der That aber 
entspricht dem Sinne derselben doch blos die erste. Die 
dritte Figur halte ich nicht deswegen für ungenügend, weil 
sie nach gewöhnlicher Bezeichnung blos particulare Schluß- 
sätze gibt, während wir hier allgemeine Sätze beweisen 



278 Viertes Kapitel. 

wollen ; übertragen wir die particulare Conclusion : 
einige S sind P, in modale Fomi : was S ist, kann P sein, 
so gibt sie allerdings einen allgemeinen Satz, dessen Beweis 
von Werth sein kann. Wird zum Beispiel eine Leistung P 
verlangt, zu deren Herstellung man an das scheinbar un- 
günstige Material S gebunden ist, so wird man gern in 
einem Beweise, nach Bamalip, gezeigt sehen, daß an einem 
Subject M sich S und P vertragen, folglich S die Leistung P 
nicht allgemein unmöglich mache. Aber die dritte Figur 
liefert diesen Beweis nicht in progressiver Richtung. Sie 
stellt in ihren beiden Prämissen nur ein Beispiel des Zu- 
sammenbestehens von S und P auf, aus welchem wir 
regressiv, ab esse ad posse, auf die Verträglichkeit beider 
zurückschließen. Die zweite Figur erlaubt zwar allgemeine, 
aber nur verneinende Folgerungen; auch diese können von 
Werth sein, aber um in dieser Figur gewonnen werden zu 
können, setzen sie qualitativ entgegengesetzte Prämissen 
voraus und befriedigen deshalb nicht. Denn ein allgemein 
verneinender Satz T, der von einem S ein Prädicat P blos 
deshalb ausschließt, weil, was S und was P ist, sich ent- 
gegengesetzt zu einem dritten M verhält, beruft sich auf 
ein Kennzeichen, welches die Unvereinbarkeit des S 
und P sicher bezeugt, aber nicht auf einen Grund, der 
sie erklärt; er drückt nur eine Thatsache aus, die zwar 
gilt, aber so lange unverstanden bleibt, bis man in einem 
bejahenden Urtheile erfahren hat, was S wirklich ist, und 
nun einsieht, daß es, weil es dies ist, jenes andere, P, nicht 
sein kann. Auch die zweite Figur liefert daher zwar triftige 
und zwingende, aber nicht erklärende Beweise ihrer Schluß- 
sätze, auch sie ist mehr von regressivem, als von pro- 
gressivem Charakter.' Auf die erste Figur, und zwar vor- 
züglich auf ihre bejahenden Modi, für unsere Aufgabe aus- 
schließlich auf Barbara, hat sich daher gewöhnlich die 
Aufmerksamkeit gerichtet, wenn von direct progressiven 
Beweisen die Rede war; nur hier findet die Unter- 
ordnung eines gegebenen Inhalts unter eine allgemeine 
Wahrheit statt, aus welcher nicht blos begriffen wird, 
daß T gilt, sondern auch warum es gilt. 

206. So urtheilte schon Aristoteles; es verdient jedoch 
angemerkt zu werden, daß nicht blos in diesem Sinne diese 
Beweisform als ein Ideal zu betrachten ist: sie hat An- 
spruch auf das ihr gespendete Lob nur dann, wenn es uns 
gelingt, sie mit dem Inhalt zu füllen, den ihre Gliederung 



Die Formen des Reweises. 279 

verlangt: wenn wir also im Obersatze ein solches ali- 
gemeine Urtheil voranschicken, welchem untergeordnet zu 
werden der besondere Fall des Untersatzes seinem eigenen 
Inhalte nach fordert, und welcher deshalb wirklich der 
bedingende Grund sein würde, aus dem die Gültigkeit des 
zu beweisenden Satzes, nicht blos für unsere Erkenntniß, 
sondern nach der eigenen Natur der Sache selbst hervorgeht. 
Aber es ist klar, daß man die Form dieses Beweises be- 
nutzen kann, ohne im mindesten die eben gestellte Be- 
dingung zu befriedigen. Gibt es doch, und zwar gerade 
auf dem exact zu behandelnden Gebiet mathematischer 
Erkenntniß, zahlreiche Sätze T, für die sich verschiedene 
gleich triftige Beweise geben lassen, die alle in dieser 
subsumptiven Form verlaufen, und von denen daher keiner 
beanspruchen kann, ausschließlich den eigenen Zusammen- 
hang und Entwicklungsgang der Sache selbst auszudrücken. 
Die Möglichkeit, denselben Inhalt in sehr verschiedenen 
Formen ohne Veränderung seines Werthes darzustellen, 
erlaubt hier, ihn sehr verschiedenen allgemeinen Obersätzen 
subsumirbar zu machen und von allen diesen willkürlich 
gewählten Ausgangspunkten zu derselben Behauptung T 
zu gelangen. Ich wünsche hierüber nicht mißverstanden 
zu sein und gehe deshalb ins Einzelne. Ich gebe zuerst 
zu, daß sehr viele mathematische Sätze T so offenbar 
bloße Anwendungsbeispiele eines bestimmten Obersatzes M 
sind, daß nur die Herleitung aus diesem Obersatze natürlich, 
die aus jedem andern N als eine Künstlichkeit erscheint. 
Ich bemerke ferner, daß da, wo T aus verschiedenen Ober- 
sätzen ^, N, mit gleicher Leichtigkeit ableitbar ist, hierin 
allein kein Grund für mich liegt, diese verschiedenen Be- 
weise dem eigenen Zusammenhange der Sache fremd zu 
nennen; denn ich will hier zwar nicht eben lehren, aber 
als eine mögliche Ansicht hinstellen, daß das Ganze z. B. 
unserer geometrischen Erkenntniß in der That auf einer 
Mehrheit ursprünglicher gleich evidenter Anschauungen be- 
ruht, von denen keine aus der andern ableitbar ist, die 
aber alle zusammen, gleich einzelnen Bestandtheilen eines 
ganzen Gedankens, zugleich gelten und unter einander 
auf bestimmte Weise zusammenhängen. Dann begreift man, 
wie vermöge dieses Zusammenhanges derselbe Satz T ver- 
schiedene gleich triftige Beweise zuläßt, je nachdem man 
von einer oder der andern jener untrennbar verknüpften 
Anschauungen ausgeht; keiner dieser Beweise wird aus- 
schließlich die Natur der Sache, aber jeder kann sie doch 



280 Viertes Kapitel. 

wirklich so darstellen, wie sie sich für den gewählten Stand- 
punkt projizirt; die Möglichkeit einer Mehrheit von Be- 
weisen beruht hier auf der eigenen Organisation des Inhalts, 
der nicht nur nach einer, sondern nach vielen Richtungen 
zugleich ein zusammenstimmend gegliedertes Ganze bildet. 
Aber ich muß nun doch drittens hinzufügen, daß zahlreiche 
Sätze T übrig bleiben, deren Beweis, immer in dieser 
subsumptiven Form, nur durch Kunstgriffe gelingt, die sich 
rechtfertigen lassen, nachdem sie angewandt sind, von denen 
aber nicht erfindlich ist, wie man durch die Natur des 
gegebenen Inhalts selbst dazu aufgefordert wird, sie an- 
zuwenden. Von diesen Beweisen, deren es manche in der 
reinen Mathematik, eine viel größere Anzahl in ihren An- 
wendungen gibt, soll die oben gemachte Bemerkung gelten: 
namentlich, wenn sie sehr vielgliedrige Schlußketten bilden, 
mögen sie zwar an Triftigkeit nichts zu wünschen übrig 
lassen, aber sie werden auch so unübersichtlich wie möglich, 
und da sie fast nur erlauben, die nothwendige Folge der 
Verkettung je zweier nächsten Glieder einzusehen, der 
erfinderische Scharfsinn dagegen, der diese Verkettung an- 
stiftete, völlig regellos sich zu bewegen scheint, so kann 
man nicht in Wahrheit sagen, daß diese Beweise zeigen, 
warum der Schlußsatz T gilt; sie nöthigen uns auch nur 
zuzugestehen, daß er gilt. Ich habe dies angeführt um 
seiner praktischen Bedeutung willen. Das Ideal unserer 
Erkenntniß und Beweisführung besteht ohne Zweifel darin, 
daß wir jeden gegebenen Satz T aus den bedingenden 
Gründen, von denen er wirklich bedingt wird, erklärend 
ableiten, nicht aber uns seiner Gewißheit blos durch 
eine logische Hinterlist bemächtigen; und wenn diese Auf- 
gabe gelöst werden soll, ist sie immer nur in der Form 
dieses direct progressiven Beweises zu lösen. Aber sie 
ist überhaupt nur innerhalb enger Grenzen lösbar, und 
wo sie es nicht ist, wo man mithin sich an der bloßen 
Gewißheit von T muß genügen lassen, da hat diese sub- 
sumptive Beweisform nicht den mindesten Vorzug vor 
anderen. Es ist logische Pedanterie, sie dennoch erzwingen 
zu wollen und für einen Satz, der indirect sich mit zwei 
Worten schlagend beweisen läßt, eine directe Ableitung 
zu suchen, die nur durch eine Kette willkürlich gewählter 
Zwischenglieder möglich ist, die Erlangung jener Gewißheit 
umständlicher und die Einsicht in den inneren Grund ihres 
V^orhandenseins um nichts reicher macht. 



Die Formen des Beweises. 281 

207. Eine zweite direct progressive Form geht von 
dem gegebenen Satze T aus, den sie als gültig voraussetzt^ 
und entwickelt aus ihm seine nothwendigen Folgen. Findet 
sich unter diesen Folgen auch nur eine einzige, welche 
entweder feststehenden Thatsachen oder allgemeinen Wahr- 
heiten widerspricht, so ist T, als allgemeiner Satz, un- 
gültig, und der Beweis gestaltet sich zu einer Form der 
Widerlegung eines gegebenen Satzes; er schließt dann, 
wie man leicht sieht, jenes früher erwähnte Vorverfahren 
ein, welches vor dem Antreten des wirklichen Beweises 
sich versichert, daß überhaupt kein gegebenes Beispiel eine 
Instanz gegen die Gültigkeit des zu Beweisenden bildet. 
Fände die Entwicklung der Folgen des T, so weit sie auch 
fortgesetzt würde, keinen Widerspruch mit Thatsachen oder 
Wahrheiten, so würde sie dennoch nicht hinreichen, um 
die Wahrheit von T festzustellen, denn die nächste Fort- 
setzung jener Entwicklung über die Grenze hinaus, bei 
der man Halt gemacht hat, könnte das bisher verborgenei 
Bestehen eines Widerspruchs nachweisen; aber wenigstens 
reicht dies Verfahren auf theoretischem Gebiete zur 
Empfehlung einer Hypothese hin, deren weitere Prüfung 
man sich vorbehält. Sein wirkliches Anwendungsgebiet hat 
aber dieser Beweis im praktischen Leben; durch ihn 
empfiehlt man Vorschläge, Einrichtungen die zu treffen, 
Entschlüsse die zu fassen sind. Und hier ist die Unvoll- 
ständigkeit der Entwicklung der Folgen von T kein Hindemiß ; 
in allen menschlichen Angelegenheiten reicht es hin, zu 
ermitteln, welche Wirkungen innerhalb einer übersehbaren 
Zeit und eines übersehbaren Gebietes der Anwendung aus 
einer vorzuschlagenden Maßregel entspringen werden; alle 
mikroskopisch erkennbaren Nebenwirkungen oder auf Jahr- 
hunderte hinaus alle Folgen unseres heutigen Handelns 
in Betracht ziehen zu wollen, ist superciliöse Pedanterie; 
^ur Vermeidung kleiner Nachtheile wird man neue Ent- 
schlüsse fassen, und die fernste Zukunft hat für sich selbst 
zu sorgen. 

208. Eine dritte Form, die erste directregressive, 
geht von der angenommenen Gültigkeit von T aus und 
sucht nach rückwärts die Bedingungen auf, unter denen 
diese Gültigkeit stattfinden kann. Der Unterschied dieser 
Form von der jetzt behandelten ist nicht erheblich, doch 
fehlt er nicht; nicht erheblich deswegen, weil man die 
zur Geltung von T nöthigen Vorbedingungen doch auch 
nur findet, indem man T als ihren Erkenntnißgrund be- 



282 Viertes Kapitel. 

handelt und sie aus ihm als Folgen ableitet, ein Verfahren, 
welches mit dem vorigen direct progressiven zusammenfällt ; 
vorhanden aber ist der Unterschied dennoch, wenn man 
(Jie Natur des so Abgeleiteten berücksichtigt. Als Beispiel 
für beide Formen zusammen kann die in der Mathematik 
übliche Lösung von Aufgaben dienen, denn jede solche 
Lösung ist zugleich der Beweis der Lösbarkeit, also der 
Gültigkeit der Vorstellungsverknüpfung, welche die gestellte 
Aufgabe T enthielt. Nimmt man nun T als gültig an und 
entwickelt die aus ihm fließenden Denkfolgen, so werden 
diese letzteren selbst verschieden sein können; einige von 
ihnen werden Einzelumstände sein, die mit gegebenen That- 
sachen stimmen oder streiten, andere werden allgemeine 
Verhältnisse zwischen verschiedenen Beziehungspunkten 
ausdrücken, die mit anderweit feststehenden Wahrheiten 
entweder in Einklang oder in Widerspruch sind. Kommt 
man nur auf Einzelfolgen, die mit gegebenen Thatsachen 
oder Nebenbedingungen streiten, so wird man daraus zwar 
die Ungültigkeit von T mit Gewißheit ableiten, aber ohne 
Einsicht in den Grund derselben; ist T ein praktischer 
Vorschlag, so kann er selbst ganz annehmbar an sich sein 
und ist nur in der Ausführung auf ein Hinderniß gestoßen, 
und dies ist der Fall der vorigen Beweisform; kommt man 
dagegen auf widersinnige allgemeine Sätze, die wahr sein 
müßten, wenn T gelten sollte, so erhält man außer der 
Gewißheit, T sei unmöglich, noch eine starke Hindeutung 
auf die Gründe dieser Unmöglichkeit; sie liegen in den 
allgemeinen Wahrheiten, gegen welche die abgeleiteten 
widersinnigen Bedingungen streiten; und hierin würden 
wir die Leistung dieser dritten Beweisform finden. Es 
wird durch sie nicht nur der späteren Auffindung eines 
directen und progressiven Gegenbeweises vorgearbeitet, 
sondern es liegt eine ungemein überzeugende und anschau- 
liche Verneinung des gegebenen Satzes T in der Aufweisung 
aller der widersinnigen Voraussetzungen, die zu seiner 
Gültigkeit nothwendig sein würden; und um deswillen ist 
dieser regressive Beweis häufig einem progressiven vor- 
zuziehen. Etwas anderes als die Ungültigkeit von T kann 
er nicht liefern; er bleibt also eine Form der Wider- 
legung. Führte der Rückschritt zu den Bedingungen von T 
auf lauter zulässige Voraussetzungen, so würde hieraus 
nur auf dem Gebiete der Mathematik die Gültigkeit von T 
wirklich fließen; denn nur hier ist es möglich, aus einer 
gestellten Aufgabe alle zu ihrer Lösung nothwendigen 



Die Formen des Beweises. 283 

Vorbedingungen zu entwickeln; in anderen Anwendungs- 
fällen bleibt der Zweifel, ob man in der That aus T alle 
die Denkfolgen erschöpfend abgeleitet hat, die zu den Vor- 
bedingungen seiner Gültigkeit gehören; der nächste Schritt, 
den man noch weiter thäte, könnte eine vorauszusetzende 
Widersinnigkeit zu Tage bringen. Bejahend reicht daher 
auf theoretischem Gebiet dieser Beweis nur zur Begründung 
der Wahrscheinlichkeit von T hin; das praktische Leben 
aber bedient sich seiner zur Empfehlung von Vorschlägen 
ebenso wie des vorigen progressiven. Denn nicht nur durch 
die zu erwartenden Folgen machen wir einen Vorschlag 
annehmbar, sondern ebenso sehr dadurch, daß wir nach- 
weisen, die Bedingungen seiner Ausführung seien nicht 
im Widerspruch entweder mit allgemeingültigen Bestim- 
mungen der Möglichkeit des Bechts und der Sittlichkeit, 
oder mit den thatsächlichen Mitteln, die ihr zu Geboto 
stehen. Jeder politische Antrag hat diese Doppelpflicht, 
theils nach der vorigen Beweisform durch seine nützlichen 
Folgen, theils nach dieser durch die rechtliche und sittliche 
Zulässigkeit seiner allgemeinen Voraussetzungen sich zu 
rechtfertigen; und jedes alltägliche Handeln berücksichtigt 
nicht nur den zu erwartenden Vortheil einer Vorkehrung, 
sondern auch die Kosten, deren Aufwendung ihn möglich 
macht 

209. Eine vierte Form, die zweite direct regres- 
sive, geht von gegebenen Sätzen aus, um aus ihrer Gültig- 
keit die von T als ihrer erzeugenden Bedingung zu beweisen. 
Zu einem solchen Gedankengang sind wir überaus häufig 
aufgefordert; denn der größte Theil unserer allgemeinen Er- 
kenntnisse wird auf diesem Wege des Bückschlusses von 
gegebenen Thatsachen auf die Bedingung gewonnen, die 
zur Möglichkeit dieser Thatsachen angenommen werden 
muß. Man sieht jedoch leicht, daß die bedeutendsten An- 
wendungen hiervon dem erfindenden Gedankengange an- 
gehören, der ein noch unbekanntes T aus dem Gegebenen 
zu ermitteln sucht. Ist der allgemeine Satz T selbst ge- 
geben und sieht man sich nach den einzelnen Sätzen um, 
die zu seiner Bestätigung dienen können, so beginnt dies 
Verfahren eigentlich immer mit der progressiven Entwick- 
lung dessen, was als Folge von T gelten muß. wenn T gilt; 
und erst nachdem man davon eine Uebersicht gebildet hat, 
vergleicht man nun das Gefundene mit der Erfahrung oder 
mit anderen Wahrheiten, um aus seiner Gültigkeit auf die 
von T regressiv zu schließen. Ich überlasse deshalb manches 



284 Viertes Kapitel. 

Hierhergehörige späterer Gelegenheit und erwähne nur eine 
Art dieser Form, welche aus der Gültigkeit der Einzelfälle 
eines T seine allgemeine Gültigkeit folgert : es ist die voll- 
ständige Induction oder der collective Beweis. 
Man ist zu ihm sehr oft genöthigt; so ist es nicht immer 
möglich, einen Satz T zugleich und auf einmal für ganze 
und gebrochene, positive und negative, rationale nnd ir- 
rationale, reelle und imaginäre Größen zu beweisen; aber 
jede einzelne dieser Arten von Größen kann eine 'besondere 
Handhabe darbieten, um zunächst für sie allein T fest- 
zustellen; sind wir nun sicher, die möglichen einzelnen 
Anwendungsfälle von T sämmtlich umfaßt zu haben, also 
in diesem Falle: sind wir sicher, daß außer den genannten 
keine anderen Arten von Größen denkbar sind, so gilt 
nun T von allen Größen überhaupt. Es wird dann ganz 
gewiß in dem allgemeinen Begriff der Größe an sich selbst 
irgend ein Grund liegen, der diese allgemeine Geltung mög- 
lich macht; gleichwohl kann man nicht immer oder doch 
nicht immer mit hinlänglicher Evidenz und Klarheit diesen 
Grund aufzeigen; dann bleibt der collective Beweis un- 
entbehrlich. 

210. Die Nothwendigkeit, alle Arten von Anwendungs- 
fällen des T vollständig zu umfassen, um T allgemein zu 
beweisen, führt hier zu einer interessanten speciellen Form. 
Man kann freilich jene Vollständigkeit an sich immer er- 
reichen, wenn man alle Fälle in den einen Q und in Non Q, 
dies Non Q wieder in R und Non R eintheilt, und dies 
Verfahren bei einem beliebigen Gegensatz U und Non U 
abbricht; aber dies nützt selten; denn wenn man auch für 
die bejahten Fälle Q, R, U leicht noch Einzelbeweise findet, 
so findet man doch sehr schwer einen solchen für das 
negative Restglied Non U, das eine Menge verschiedener 
Fälle zusammenfaßt. Man fühlt daher das Bedürfniß, aus 
einem Falle Q, für welchen man irgendwie in den Besitz 
eines Beweises von T gekommen ist, die übrigen Fälle R, 
U . . so abzuleiten, daß sich zeigt, die Umwandlungen, durch 
welche Q in R, R in U übergeht, ändern entweder die Be- 
dingungen nicht, auf denen die Gültigkeit von T für Q be- 
ruhte, oder sie erzeugen dieselben Bedingungen stets von 
neuem wieder. Dies ist der in der Mathematik bekannte, 
zuerst von Jacob Bernoulli formulirte Beweis von n 
zu n + 1, hauptsächlich anwendbar, wenn die Einzelfälle, 
in denen allen T gelten soll, von selber eine Reihe bilden, 
in der jedes folgende (n + l)te Glied auf dieselbe genau 



Die Formen des Beweises. 285 

angebbare Weise aus dem vorhergehenden nten gebildet 
wird. Gilt dann T, sobald es von dem Gliede n gilt, auch 
von dem Gliede n -f- 1, um der Art willen, wie n -h 1 aus n 
entsteht, so gilt es aus gleichem Grunde auch von dem 
nächstfolgenden Gliede n + 2 und so fort von allen Gliedern 
der Reihe. So pflegt man z. B. im elementaren Unterricht 
den binomischen Lehrsatz für ganze Exponenten anschau- 
lich zu beweisen, indem man die wiederholte Multiplication 
des Binoms mit sich selbst ausführt. Der allgemeine Ge- 
danke dieses Beweises ist aber gar nicht auf Mathematik 
beschränkt, sondern wird im gewöhnlichen Leben sehr oft, 
und zuweilen unter dem nicht ganz passenden Namen eines 
Beweises durch Analogie, angewandt. Um einen Vor- 
schlag oder eine Behauptung annehmbar zu machen, er- 
wähnt man zuerst einen Fall, in welchem jener offenbar 
empfehlenswerth, diese offenbar gültig ist; dann zeigt man, 
daß die denkbaren anderen Fälle sich von jenem im Grunde 
durch gar keinen Zug unterscheiden, welcher im Stande 
wäre, hierin eine Aenderung hervorzubringen; folglich gelte 
T allgemein. Wie ein unvorsichtiger oder sophistischer 
Gebrauch dieses Verfahrens zum Irrthum führt, ist leicht 
zu sehen. Zwischen zwei sehr verschiedene Fälle A und Z 
schaltet man sehr viele Zwischenfälle ein, die sich um un- 
beträchtliche Differenzen d unterscheiden. Man zeigt dann 
nicht, daß T, wenn es von A gilt, auch von A-[-d = B 
gelten müsse, sondern setzt dies einfach, wegen der Ge- 
ringfügigkeit von d, voraus; so schließt man weiter von B 
auf C, und trägt endlich die Gültigkeit des T von A, für 
welches sie feststand, auf ein Z über, das durch Ansamm- 
lung der vielen vernachlässigten Differenzen d von A völlig 
verschieden ist und nicht im mindesten zu dem wirklichen 
Anwendungsgebiete des T gehört. 

211. Ich kann kürzer über die indirecten Beweise sein ; 
sie verhalten sich formell zu Non T wie die directen zu T 
und erlangen nur darum einige Eigenthümlichkeit, weil wir 
durch sie nicht zu Non T, sondern zu T kommen wollen; 
sie sind also nicht behauptende, sondern widerlegende Be- 
weise in Bezug auf Non T. Die fünfte Beweisform, die 
erste indirecte progressive, würde die Ungültigkeit 
von Non T aus allgemeinen Gründen nachweisen, was durch 
Schlüsse in der ersten und zweiten Figur mit einer all- 
gemein negativen Prämisse geschehen kann. Aber man wird 
selten Gelegenheit zu dieser Beweisform finden; gibt es 



286 Viertes Kapitel. 

für T einen directen Beweis, so wird man diesen vorziehen ; 
gibt es keinen, so pflegt eine allgemeine Widerlegung von 
Non T um nichts leichter zu sein. Für den Gebrauch wichtig 
ist daher nur die Nebenform dieses Beweises, welche dem 
einen contradictorischen Gegentheil Non T von T die voll- 
ständige Summe aller conträren Gegentheile substituirt. 
Für jedes dieser Gegentheile, eben weil jedes ein ganz be- 
stimmter positiver Inhalt ist, läßt sich eher ein Beweis 
seiner Ungültigkeit hoffen, der aus allgemeinen Gründen, 
also in progressiver Form geführt werden kann. Die Ver- 
einigung aller dieser negativen Einzelbeweise zu dem Be- 
weis der allgemeinen Ungültigkeit von Non T ist dann 
freilich schon ein regressiver Gedankengang, der dem posi- 
tiven cüUectiven Beweise entspricht. Denkt man sich T 
und alle conträren Gegentheile desselben vereinigt als die 
Summe aller überhaupt denkbaren Beziehungen, die zwischen 
den Beziehungspunkten S und P des Inhalts von T vor- 
kommen können, so ist die hier erwähnte Beweisform unter 
dem Namen des Beweises durch Ausschließung 
bekannt : die Geltung von T folgt dann aus der Ungültigkeit 
aller anderen Glieder dieser vollständigen Disjunction. Und 
von dieser Form selbst ist wieder eine der wichtigsten An- 
wendungen der besondere Fall einer dreigliedrigen Dis- 
junction, in welcher T zwei Gegentheile hat, oder Non T 
in zwei contradictorische Gegensätze zerfällt; es entsteht 
dann der Beweis durch Eingrenzung. Man kennt 
ihn und seine außerordentliche Wichtigkeit in der Mathe- 
matik, und er gehört hier ebenso sehr dem erfindenden als 
dem beweisenden Gedankengange an: jede Größe a ist ent- 
weder gleich oder größer oder kleiner als eine andere mit 
ihr vergleichbare, d ; läßt sich zeigen, daß sie weder größer 
noch kleiner als d ist, so ist der Satz a = d erwiesen. In 
der Anwendung gestaltet sich dieser Gedanke meistens 
anders; denn das Vorige setzt voraus, daß man auf den 
bestimmten Werth d, der zuletzt dem a gleich sein wird, 
bereits aufmerksam geworden sei. Dies wird in der Regel 
nicht der Fall sein, sondern man wird nur wissen, daß a 
kleiner als eine zweite Größe b und größer als eine dritte c 
ist; gelingt es dann nachzuweisen, daß dasselbe Verhältniß 
immer bestehen bleibt, wenn man den Werth von b auf ß 
verringert, den von c auf y erhöht, so wird der Werth 
von a zwischen einander immer näher rückenden Grenzen 
ß und Y liegen und es wird möglich sein, ihn mit un- 



Die Formen des Beweises. 287 

beschränkt wachsender Annäherung zu berechnen. Das be- 
kannteste und elementarste Beispiel bietet die Bestimmung 
der Länge des Kreisumfanges durch Einschließung zwischen 
die größere des umschriebenen und die kleinere des ein- 
geschriebenen Vielecks, von denen man die erste durch 
fortgesetzte Vermehrung der Seitenzahl unbegrenzt ab- 
nehmen, die zweite zunehmen läßt. Auf Beweisformen 
dieser Art muß man seine Aufmerksamkeit richten; sie 
sind die mächtigen operativen Hülfsmittel, durch welche wir 
wirklich unsere Erkenntnisse erweitern; Ausbildung und 
Anwendung dieses Beweises durch Archimedes ist ein 
größerer Fortschritt der angewandten Logik, als irgend einer 
aus der blos s.yllogistischen Kunst des Aristoteles hervor- 
ging. 

212. Eine sechste, die zweite progressiv in- 
directe Form, würde von der Annahme des Non T aus- 
gehen, ihre nothwendigen Folgen entwickeln und aus der 
Ungültigkeit dieser, in Bezug auf diesen letzten Schritt 
freilich regressiv, auf die Ungültigkeit von Non T zurück- 
schließen. Ich verweise auf den zweiten direct progressiven 
Beweis und füge in Bezug auf diesen indirecten nur hinzu, 
daß alle gültigen Folgen, die sich aus Non T ableiten lassen, 
hier bedeutungslos sind ; denn auch aus einem falschen 
Satze können über solche Punkte, für deren gegenseitige 
Verhältnisse sein Irrthum gleichgültig ist, eine Anzahl zu- 
lässiger Consequenzen fließen; aber eine einzige ungültige, 
mit Non T nothwendig verbundene Folge hebt dessen all- 
gemeine Gültigkeit auf. Widerstreitet diese Folge lediglich 
gegebenen Thatsachen, so hat man eigentlich keinen Grund, 
diesen Beweis eine deductio ad absurdum zu nennen, 
obwohl dieser Name zuweilen allen Anwendungen dieser 
Form gegeben wird ; man hat vielmehr nur die thatsächliche 
Ungültigkeit eines an sich nicht undenkbaren und auch nicht 
absurden Gedankens erwiesen. Absurd oder abgeschmackt 
ist aber eigentlich auch nicht das, was als denkunmöglich 
bekannt ist, sondern das, was allen probablen Annahmen, 
dem allgemeinen Wahrheitsgefühl und einer Menge in diesem 
enthaltener, vielleicht beweisbarer, aber nicht wirklich be- 
wiesener Wahrheiten widerspricht. Daß 2 = 3 sei, ist mehr 
als absurd; es ist unmöglich; daß aber die ganze Welt ein 
gedankenloser Spaß sei, daß die Aeltern den Kindern ge- 
horchen sollen, daß man Verbrecher belohnen und die Sünde 
schonen müsse, sind absurde Behauptungen. Deductio ad 
absurdum würde ich daher nur den indirect progressiven 



288 Viertes Kapitel. 

Beweis nennen, der aus Non T solche nicht denkunmögliche, 
<aber unzähligen für Wahrheit geltenden und hinlänglich 
jjegründeten Ueberzeugungen widersprechende Folgen ent- 
wickelt. So kommt dieser Beweis im Leben tausendfach 
vor, namentlich überall da, wo Non T einen an sich viel- 
leicht richtigen Gedanken zu allgemein ausspricht, also 
von einer zu weiten Definition des Subjects S, dem ein P 
zukommen soll, oder von einer zu weiten Definition dieses 
F ausgeht; auf diese Weise zeigt man die Unvernunft und 
Abgeschmacktheit eines Gesetzvorschlags, gleichviel ob er 
Hechte und Pflichten nimmt oder zutheilt, indem man deut- 
lich macht, welche unerträglichen und unerhörten anderen 
Consequenzen sich aus der Allgemeingültigkeit des Vor- 
geschlagenen ergeben würden. Gewöhnlich schließt man 
jedoch in die deductio ad absurdum auch die Form des 
japagogischen Beweises ein, welche auf denkunmögliche 
folgen des angenommenen Satzes führt und ihn durch sie 
widerlegt. Es ist ein besonderer Fall hiervon, wenn diese 
Entwicklung auf eine Folge führt, welche unmittelbar die 
gemachte Voraussetzung selbst aufhebt, so daß der innere 
Widerspruch, der in der angenommenen Gültigkeit derselben 
Jag, von selbst zu dem Ergebniß ihrer Ungültigkeit treibt. 
Ein einfaches Beispiel sei der indirecte Beweis für den 
Satz T: auf einer Geraden ab ist in derselben Ebene und 
in demselben Punkte c nur eine Senkrechte cd möglich. 
J^on T würde also behaupten, in c seien unter denselben 
Bedingungen mehrere Senkrechte möglich. Angenommen 
nun, dies sei richtig, angenommen femer, cd sei die erste 
Senkrechte, d. h. sie bilde mit ab die beiden gleichen 
Nebenwinkel a, so wird jede zweite Senkrechte ce, um 
von cd unterschieden zu sein, mit ihr am Punkte c irgend 
einen Winkel b bilden müssen, zugleich aber, damit sie 
senkrecht auf ab sei, mit dieser gleiche Nebenwinkel. Die 
Anschauung der Figur lehrt dann, daß die beiden Winkel 
a-{-b und a — b gleich und jeder gleich einem rechten sein 
müssen; ist aber a4-^ ein rechter Winkel, so ist a, als 
Theil dieses rechten, kein rechter Winkel, gegen die Vor- 
aussetzung, welche behauptete, er sei einer. Die Gleichung 
a -{- b = a — b kann nur bestehen, wenn b = o, also ce 
mit cd zusammenfällt. Mithin gilt T: auf demselben Punkt 
einer Geraden ist in derselben Ebene nur eine Senkrechte 
möglich. Zu Beweisen dieser Art wird man überall geführt 
werden, wo es sich um die einfachsten grundlegenden An- 
ßchauungen oder Sätze eines zusammenhängenden Gedanken- 



Die Formen des Beweises. 289 

gebiets handelt; die Unmöglichkeit, die Beziehung zwischen 
S und P anders zu fassen, als sie in T ausgedrückt ist, 
also die Fruchtlosigkeit des Versuchs, Non T zu behaupten, 
wird sich immer dadurch verrathen, daß die daraus fließen- 
den Folgen das Subject S oder das Prädicat P aufheben 
oder verändern, die man beide für Non T in demselben 
Sinne gültig voraussetzte, in welchem sie für T galten. 

213. Wie der directe, so ist auch der indirecte Be- 
weis zweier regressiven Formen fähig; beide, die 
siebente und achte unserer Uebersicht, haben wenig 
Eigenthümliches ; sie verhalten sich zur Ungültigkeit von 
Non T ganz wie die beiden direct regressiven zur Gültig- 
keit von T. Die erste würde von Non T zu den Bedingungen 
zurückgehen, die zu seiner Gültigkeit nothwendig wären, 
und aus der Ungültigkeit oder Undenkbarkeit dieser Prin- 
cipien würde sie dann auf die des Non T zurückschließen. 
In der Ausführung ist dies Verfahren wenig von dem vorigen 
progressiven verschieden; denn die zur Richtigkeit von 
Non T nöthigen Principien findet man doch nur, wenn man 
Non T als ihren Erkenntnißgrund benutzt, und sie aus ihm 
als Folgen, mithin progressiv, entwickelt. Die zweite Form 
würde von gegebenen Sätzen oder Thatsachen ausgehn und 
zeigen, daß sie nicht von Non T als ihrem Grunde abhängen 
können, vielmehr die Ungültigkeit dieser Annahme aus- 
drücklich verlangen. Auch dies läßt sich am Ende nur aus- 
führen, wenn man entweder Non T progressiv in seine 
Folgen entwickelt und findet, daß das Bestehen derselben 
die gegebenen Thatsachen unmöglich machen würde, oder 
indem man diese gegebenen Thatsachen als Erkenntniß- 
grund verwendet und aus ihnen, ebenfalls progressiv, ihre 
nothwendigen Voraussetzungen ableitet; dies aber wird am 
seltensten viel nützen, denn meistens wird dann die noth- 
wendige Gültigkeit von T als solcher Voraussetzung leichter 
direct zu ermitteln sein als indirect die nothwendige Nicht- 
geltung von Non T. Ueberhaupt schließe ich diese Ueber- 
sicht mit der Bemerkung, daß ich zwar die verschiedenen 
Absichten der Beweisführung durch meine Eintheilung 
richtig glaube gesondert zu haben, daß aber nicht jeder 
dieser Absichten eine gleich wichtige und gleich eigenthüm- 
liche mit den andern nicht vermischte Beweisform ent- 
spricht; es reichte daher hin, diejenigen eingehender zu 
erwähnen, die sich im Gebrauche als häufig anwendbare 
Figuren bewährt haben. 

214. Man wird in meiner Aufzählung die Beweise durch 

Lotze, Logik. 19 



290 Viertes Kapitel. 

Analogie vermissen; ich glaube allerdings nicht an ihr 
Dasein. In allen Fällen wo man glaubt, Beweise durch 
Analogie führen zu können, ist die Analogie in der That 
gar nicht der Grund für die Richtigkeit des Behaupteten; 
sie bildet nur die erfinderische Gedankenbewegung, durch 
welche man zur Entdeckung eines zulänglichen Beweis- 
grundes gelangt; auf diesem, und dann immer durch Sub- 
sumption des Einzelnen unter ein Allgemeines, beruht die 
Nothwendigkeit des zu beweisenden Satzes. Obwohl es 
weitläufig sein wird, glaube ich doch hierauf eingehen zu 
müssen. Als ausnahmslos gültigen Grundsatz strenger Ana- 
logie kann man diesen betrachten, daß von Gleichem unter 
gleichen Bedingungen Gleiches gelte, eine Behauptung, der 
die Mathematik für ihre verschiedenen Aufgaben noch eine 
Reihe besonderer Ausdrucksformen gibt. Es ist leicht, 
diesen Grundsatz auf den der Subsumption zurückzubringen : 
wenn von einem S unter der Bedingung x ein P gilt, so 
kann S und x zusammen als ein Allgemeinbegriff M ge- 
faßt werden, dem als solchem P zukommt; unter dasselbe 
M ist jedes zweite S zu subsumiren, das dem ersten gleich 
und der gleichen Bedingung x unterworfen ist; deßwegen 
gehört diesem S dasselbe Prädicat, wie dem ersten. Diese 
Transformation, die hier willkürlich und überflüssig er- 
scheinen kann, wird man schon bei dem zweiten Satze 
nicht entbehren können: von Ungleichem unter gleichen 
Bedingungen gelte Ungleiches. Man wird geneigt sein, 
auch ihn für unbedingt gültig anzusehen, aber in der An- 
wendung erwachsen doch Verlegenheiten. Nehmen wir an, 
die ungleichen Größen a und b seien durch dieselbe dritte 
c dividirt, so wird in diesem ersten Falle der Satz gelten: 
die Quotienten werden ungleich sein. Dividiren wir aber 
im zweiten Falle jede der beiden ungleichen Größen durch 
sich selbst, so scheint er nicht zu gelten, denn die Quotienten 
sind beide = 1. Natürlich wird man sogleich erinnern, hier 
sei die Bedingung x, der man die ungleichen Elemente a 
und b unterwarf, eben nicht die gleiche für beide; denn 
wenn wir jede Größe durch sich selbst dividiren, so 
führen wir ja ihre Ungleichheit wieder in den Inhalt der 
Bedingung ein, die wir für beide gleich denken wollten. 
Aber diese Erörterung paßt nicht für den dritten Fall : wenn 
wir beide Größen mit multipliciren, so ist das Product 
beide male =0. Man wird nicht leugnen können, daß die 
Operation, eine Größe Nullmal zu nehmen, durchaus ein- 
deutig ist, und nicht, wie im vorigen Falle, abhängig von 



Die Formen des Beweises. 291 

dem Werthe der Größe, auf die man sie anwendet; dagegen 
wird man mit Recht hervorheben, hier sei eben der Sinn 
der gleichen Bedingung oder Operation x von der eigen- 
thümlichen Art, daß er die Ungleichheit der Größen, auf die 
man diese anwendet, unwirksam macht. In dem vierten 
Falle, wenn wir die ungleichen a und b quadriren, ist der 
Sinn dieser Bedingung, der wir sie unterwerfen, wieder ab- 
hängig von den Größen selbst, wie im zweiten Falle, aber 
mit dem entgegengesetzten Erfolg: die Quadrate a^ und b^ 
sind ungleich. Die Erfolge sind endlich wieder gleich und 
= 1 in dem fünften Falle, wenn wir a und b auf die nullte 
Potenz erheben; und hier scheint die Bedingung, der wir 
die ungleichen Größen unterwarfen, von ihrem eigenen 
Werth unabhängig; in der That ist aber die Erhebung auf 
die nullte Potenz eine für sich ganz unvorstellbare Ope- 
ration ; man muß sich erinnern, daß allgemein a"*~° eine 

andere Bezeichnung für — , folglich auch a^~^=a*' iden» 

ä 

tisch mit — ist. dieser fünfte Fall also derselbe wie der 
a 

zweite. Will man alle diese Zweideutigkeiten vermeiden, 
so bleibt nur übrig zu sagen: von Ungleichem gilt Un- 
gleiches unter gleichen Bedingungen dann, wenn die Natur 
der Bedingung der Ungleichheit des Ungleichen ihre Be- 
deutung läßt; es gilt Gleiches, wenn die Bedingung so be- 
schaffen ist, daß sie diese Ungleichheit wirkungslos macht. 
Aber diese beiden Sätze sind ganz unfruchtbare Tauto- 
logien; nicht einmal die armselige Entscheidung darüber, 
ob Gleiches oder Ungleiches gelten werde, machen sie 
möglich ohne eine vorgängige Zergliederung des jedesmal 
gegebenen Falles, welche uns lehrt, unter welche allgemeine 
Regel MP denn eigentlich hier a und b zu subsumiren 
sind, und welche bestimmten Prädicate p^ und p2 ihnen 
vermöge der speciellen Werthe zukommen, mit denen sie, 
als ungleiche Arten des M, an dessen allgemeinem P theil- 
nehmen. Nachdem man diese p^ und p^ gefunden hat, sieht 
man, ob beide gleich oder ungleich sind; nicht durch Ana- 
logie also, sondern durch Subsumption wird die ganze 
Folgerung zu Stande gebracht. 

215. Den dritten Satz: von Gleichem gelte unter un- 
gleichen Bedingungen Ungleiches, kann man höher schätzen ; 
in der That würde es dem Gesetze der Identität wider- 
sprechen, wenn ein identisches Subject unter wirklich ver- 

19* 



292 Viertes Kapitel. 

schiedenen Bedingungen keinen Einfluß dieser Verschieden- 
heit spüren sollte, und ich werde, weit später, Gelegenheit 
haben, diesen Satz als eine nicht unfruchtbare Maxime bei 
der Behandlung philosophischer Aufgaben zu benutzen. 
Für den Augenblick fallen aber die zahlreichen scheinbaren 
Ausnahmen auf. Wie wäre denn die Aufgabe der Maschinen- 
technik lösbar, einen Apparat zu construiren, der sich unter 
wechselnden Bedingungen selbst regulirt und gleichförmigen 
Gang beibehält, wenn schlechthin dasselbe Subject oder 
Substrat unter verschiedenen Bedingungen verschiedene 
Wirkungen erfahren müßte? Die genauere Betrachtung 
entfernt diesen Einwurf ; sie lehrt, daß in den hierher ge- 
hörigen Fällen entweder die ungleichen Bedingungen nicht 
einfach, sondern Paare von Bedingungen, oder das gleiche 
Subject nicht einfach, sondern ein Ganzes von verschiedenen 
Theilen ist. Zwei Paare von Bedingungen aber können in 
Bezug auf eine bestimmte Wirkung äquivalent sein, weil 
die Ungleichheiten der einzelnen Glieder in jedem Paar, 
v^ermöge der bestimmten Beziehung, die zwischen ihnen 
stattfindet, sich bis zu gleichen Resten aufheben; ander- 
seits auf die verschiedenen Theile eines Ganzen können 
verschiedene ungleiche Bedingungen so wirken, daß diese 
Einzelwirkungen in jedem Falle einander bis zu gleichem 
Folgezustand des Ganzen modificiren. Ein einfaches 
materielles Element, das außer Beziehung zu anderen steht, 
kann niemals unter dem Anstoß der einen Kraft a dieselbe 
Bewegung annehmen, wie unter dem einer ungleichen Kraft b. 
Aber unter der gleichzeitigen Einwirkung von a und b 
kann es dieselbe Geschwindigkeit und Richtung erhalten, 
wie unter der verbundenen Einwirkung von c und d; 
wirken diese vier Kräfte in derselben geraden Linie, so 
reicht die Gleichheit ihrer algebraischen Summen, also die 
Bedingung a±b=:cid hin, um dem materiellen Element 
die gleiche Bewegung m mitzutheilen ; allgemeiner: jede 
Bewegung m läßt sich als Resultante unzähliger ver- 
schiedenen Paare von Componenten begreifen. Man kann 
sich nun dies Ergebniß verschieden zurechtlegen. Betrachtet 
man die Summen a^-b und c i d als die auf das 
materielle Element einwirkenden Bedingungen, so sind diese 
Bedingungen selbst einander gleich, und unser Fall gehört 
unter den Satz, daß von Gleichem unter gleichen Um- 
ständen Gleiches gelte; läßt man aber die einzelnen Kräfte 
gesondert, so scheint er einen Ausnahmsfall des dritten 
Satzes zu bilden. Gleichwohl möchte ich die allgemeine 



Die Formen des Beweises. 293 

Gültigkeit dieses letzteren aufrecht halten, denn seine wahre 
Meinung ist es doch offenbar: die Summe aller Ein- 
wirkungen, welche dasselbe Subject oder Substrat unter ver- 
schiedenen Bedingungen erfährt, werde immer verschieden 
sein. Wenn daher zwei Paare von Bedingungen auch äqui- 
valent sind in Bezug auf eine Art der Wirkung, die sie an 
demselben Subject erzeugen, so sind sie es deswegen nicht 
auch in Bezug auf alle Wirkungen, und wir verfahren un- 
gehörig, wenn wir nur jenen gleichen, aber nicht diesen 
ungleichen Theil ihres Einflusses in Betracht ziehen. Wenn 
a und b in entgegengesetzter Richtung auf ein materielles 
Element wirken, ebenso c und d, und wenn die Summen 
oder Differenzen a i b und c i d gleich sind, so erfährt 
allerdings dies Element die gleiche Bewegung m, und es 
bleibt in Ruhe, wenn a = b und c = d ; aber es erleidet 
offenbar sehr verschiedene Drucke, je nachdem es von 
zwei großen oder zwei kleinen Kräften im Gleichgewicht 
gehalten wird. Wenn eine sich selbst compensirende 
Maschine unter constanten und unter veränderlichen Be- 
dingungen gleichen Gang behält, so ändert sie doch die 
Stellung ihrer Bestandtheile mit der Veränderung der Be- 
dingungen, und ihre Abnutzung ist größer, wenn sie ge- 
nöthigt ist, ihre Compensation auszuführen, als wenn sie 
unter immer gleichförmigen Umständen dieselbe unbenutzt 
läßt. Wenn auf die eine Schale einer im luftleeren Räume 
sich im Gleichgewicht befindenden Wage volles Licht, auf 
die andere der Schatten eines Gegenstandes fällt, so wird 
das Gleichgewicht nicht gestört, aber die erste Schale wird 
doch mehr erwärmt und ausgedehnt als die andere. End- 
lich, wenn wir a einmal mit ab, dann mit ba multipliciren, 
so sind diese Bedingungen freilich ganz äquivalent in Be- 
zug auf die Größe des herauskommenden Produkts, aber 
doch nicht in Bezug auf seine Structur, und aab ist immer 
eine andere Combination als aba. Man kann diese an sich 
schon sehr verschiedenen Beispiele leicht vermehren und 
dadurch die allgemeine Gültigkeit des dritten Satzes stützen; 
aber sein Nutzen für einen Beweis durch Analogie bleibt 
(loch sehr gering; man kann durch ihn nicht darthun, was 
doch alle Analogie will, daß in einem zweiten Fall das- 
selbe stattfinde, wie in einem ersten, sondern man kommt 
nur zu dem negativen Schlußsatz, daß jede Verschieden- 
heit der Bedingungen an demselben Subjecte die Gleichheit 
der Gesammtwirkung unmöglich mache; wa§ an dieser noch 
gleich, was ungleich ist, bedarf allemal ganz andersartiger 



294 Viertes Kapitel. 

Untersuchung. Den vierten Satz erwähne ich nur; daß von 
Ungleichem unter ungleichen Bedingungen Ungleiches gelte, 
ist nach allem Vorigen so offenbar unbegründet oder zwei- 
deutig, daß eine nützliche Anwendung dieser Behauptung 
undenkbar ist. Ich füge nur zum Abschluß hinzu, daß 
die Gedanken, die man Beweise durch Analogie nennen zu 
können meint, nicht einmal unmittelbar von diesen Grund- 
sätzen ausgehen, obwohl sie auf dieselben zurückgeführt 
werden müßten. Ihre allgemeine Voraussetzung lautet viel- 
mehr: von Aehnlichem gelte unter ähnlichen Bedingungen 
Aehnliches. Nun ist Aehnlichkeit immer eine Mischung 
von Gleichheit in der einen und Ungleichheit in der anderen 
Rücksicht; fällt es daher schon schwer, aus den vorigen 
Sätzen, welche doch die Bestandtheile der Mischung sondern, 
eine triftige Folgerung zu ziehen, so ist dies noch weniger 
möglich, wenn in den Aehnlichkeiten, auf die man sich 
beruft, beide ungeschieden verschmolzen sind. Ich glaube 
daher hinlänglich gezeigt zu haben, daß es Beweise durch 
Analogie nicht gibt; ich leugne damit nicht, daß die Be- 
achtung selbst entfernter Aehnlichkeiten ein sehr wirksames 
Hülfsmittel des erfindenden Gedankenganges theils zur Ent- 
deckung neuer Wahrheiten, theils zur Aufsuchung eines 
Beweisgrundes für gegebene ist; denn, um mich kurz zu- 
sammenzufassen, nicht die abstracte Gültigkeit der drei 
letzten Grundsätze braucht bezweifelt zu werden, sondern 
nur ihre Fruchtbarkeit für den Beweis. Man kann nicht 
um unzergliederter Aehnlichkeit zweier Subjecte willen das 
Prädicat des einen auf das andere übertragen, sondern nur 
um nachgewiesener Gleichheit willen, wenigstens der Gleich- 
heit in Bezug auf die Bedingungen, an denen dies Prädicat 
überall hängt; und dies führt immer auf die Aufstellung 
eines allgemeinen Satzes MF und auf die Unterordnung 
beider Subjecte unter den bedingenden Begriff M zurück. 

216. Ich habe noch der mathematischen Folgerungen 
zu gedenken, die man als Schlüsse nach strenger Ana- 
logie bezeichnet. Da der Name der Analogie ursprünglich 
von den Proportionen herrührt, so hat jedes Verfahren, das 
auf diese zurückführt, ein begründetes Recht auf die an- 
geführte Benennung ; indessen hat doch der Sprachgebrauch 
es dahin gebracht, daß wir unter einem Schluß durch 
Analogie eine Folgerung erwarten, welche unmittelbar von 
Aehnlichem auf Aehnliches schließt, ohne dazu des Um- 
wegs durch ein übergeordnetes Allgemeine zu bedürfen. 
In diesem Sinne aber lassen sich die mathematischen Ver- 



Die Formen des Beweises. 295 

fahrungsweisen den Schlüssen durch Subsumption nicht 
entgegenstellen. Eine Proportion zwischen vier bestimmten 
Größen, a : b = c : d, ist nur Ausdruck einer Thatsache ; zu 
einer Quelle neuer Folgerungen wird sie erst, wenn die 
beiden letzten Glieder unbestimmt gelassen werden; in 
dieser Form aber : a : b = m : n ist sie der Ausdruck eines 
allgemeinen Gesetzes; sie behauptet: diejenigen Größen, 
auf welche die im Sinne gehabte Aufgabe führt, gehören 
paarweis so zusammen, daß in jedem Paar das eine Glied 
zum andern sich wie a : b verhält. Geben wir m und n 
irgend einen bestimmten Einzelwerth, so folgt hieraus ein 
Schluß nach Darii : alle durch den Sinn der Aufgabe ge- 
gebenen Größenpaare (M) haben das Verhältniß P, näm- 
lich a : b ; nun sind m und n (das S des Untersatzes) ein 
solches Paar, also ist zwischen m und n das Verhältniß a : b. 
Ohne Zweifel ist diese Reduction auf die erste Figur sehr 
langweilig; aber man täuscht sich, wenn man wegen der 
Kürze des formulirten Ausdrucks, den der Mathematik die 
Natur ihrer Objecte möglich macht, in der einfachen Pro- 
portion auch einen kürzeren Gedankengang als den hier 
angegebenen zu finden glaubt; selbst das gewöhnlichste 
Exempel der Regel de tri kommt nur durch ihn zu Stande. 
Wir sagen: wenn 1 Pfund zwei Thaler kostet, so kosten 
10 Pfund 10 • 2 Thaler ; dabei setzen wir voraus, was uns 
selbstverständlich scheint, nämlich, daß das Verhältniß 
zwischen jeder Quantität der Waare und ihrem Preise das- 
selbe sei; wir ordnen also das der 10 Pfund zu dem ihrigen 
dem des einen Pfundes zu dem seinigen als einen Anwen- 
dungsfall unter; der Kaufmann aber verkauft die 10 Pfund 
vielleicht zu 18 Thalern und zeigt dadurch, daß jene Vor- 
aussetzung sich nicht unbedingt von selbst versteht, sondern 
daß man sie eben zum Behuf jener ersten Berechnung wirk- 
lich machen mußte; ebenso versteht sich, daß man still- 
schweigend unter m und n Mengen derselben Waare und 
derselben Münzeinheiten denkt, wie unter a und b, also 
auch in dieser Beziehung den zweiten Fall jenem ersten 
als der allgemeinen Regel unterordnet. Jede allgemeine 
Gleichung, welche einen und denselben Inhalt unter zwei 
verschiedenen Formen darstellt, ist gleichfalls eine all- 
gemeine Regel, die nur gültig ist für diejenige Art von 
Größen, welche man nach einer in der Formel selbst nicht 
mit ausgedrückten Convention durch die gewählten Buch- 
staben bezeichnet haben will und für welche Größenart 
man die Gültigkeit der Gleichung ursprünglich bewiesen hat. 



296 Viertes Kapitel, 

Es ist daher nicht erlaubt, an die Stelle der Größen m 
oder n, die in einer Gleichung vorkommen, beliebige andere 
|Li und V zu setzen und die Gleichung auch dann noch als 
gültig anzusehen; man muß zuvor wissen, daß ]li und v 
unter den allgemeinen Artbegriff der m und n subsumirbar 
sind, in Bezug auf welchen die Gültigkeit der Gleichung 
bewiesen ist. Hätte man durch wirkliche Ausführung der 
Multiplication und vermittelst des Beweises von n zu n -[- 1 

gefunden, daß (1 + x)^= 1 + ^ -f m ^^- x^ . . . ist, 

1 1 • Z 

so hätte man nicht das Recht zu schließen, daß auch 

(1+x) ^=l-f --^+ ^ ^^~^K x^ sein werde; 

1 • m m 1 • 2 

denn in jener ersten Formel bedeutete m nur den 
Gattungsbegriff der ganzen positiven Zahl, für welche 
allein jener Beweis durch Multiplication sich ausführen 
ließ; ihm aber ist der Begriff eines Bruches nicht sub- 
sumirbar. Hätte man dagegen ein Mittel gehabt, diesen 

binomischen Lehrsatz zuerst für den Bruchexponenten — , 

und zwar für jeden positiven Werth der Ganzzahlen m 
und n, zu beweisen, so hätte man, da jedes ganze m sich 
durch einen unechten Bruch darstellen läßt, hieraus auch 
den ersten Lehrsatz unmittelbar entwickeln können. 

217. Ich will endlich diese Betrachtungen noch einmal 
mit dem Dictum de omni et nullo oder dem disjunctiven 
Denkgesetze in Verbindung bringen. Wenn S^ und S^ zwei 
Arten des Allgemeinbegriffs M oder zwei Einzelfälle des 
allgemeinen Falles M sind, in dem Inhalt von M aber P 
allgemein vorkommt, so wissen wir, daß dem S^ und S^ 
nicht P in dieser Allgemeinheit, sondern dessen Modifi- 
cationen pi und p^ als Prädicate zukommen. Es kann nun 
der specielle Fall eintreten, daß nach der Art, wie die ver- 
schiedenen Prädicate P Q R in M zusammenhängen, die ver- 
schiedenen Merkmalgruppen pi qi r^, p2 q2 r^, p» qs r^, die 
in den einzelnen Subjecten S^ S^ und S^ entstehen, unter 
einander identisch sein müssen; sie stellen dann ein, wenn 
wir so sagen wollen, secundäres Prädicat 11 dar, welches 
man schon dem M zuschreiben kann, und welches un- 
modificirbar ganz ebenso jeder Art des M zukommt. So 
erfordert der Begriff M des Dreiecks drei Winkel p q r, 
aber die verschiedenen Werthe dieser Winkel combiniren 
sich in den verschiedenen unähnlichen Dreiecken immer 



Die Formen des Beweises. 297 

zu derselben Summe 11 := 2 Rechten ; dieses identische 
Merkmal IT kommt daher allen Dreiecken zu und kann 
jedem einzelnen durch bloße Subsumption unter seinen 
Gattungsbegriff sofort zugeschrieben werden. Abgesehen 
aber von solchen Fällen bleibt das p^ oder q-, welches einem 
S- gebühren wird, unbestimmt, mit der einzigen Einschrän- 
kung, daß es eine Art von Q, und daß es überhaupt, wenn 
auch mit einem Nullwerth, dessen Annahme man recht- 
fertigen kann, vorhanden sein muß. Soll dies q^ bestimmt 
werden, so muß es eine Regel geben, nach welcher die 
specifische Eigenthümlichkeit von S^, durch welche es nicht 
blos eine Art von M, sondern diese Art von M ist, die 
Modification der allgemeinen Merkmale des M, hier die 
des Q, mitbedingt, und man muß voraussetzen, daß nach 
derselben Regel auch die Eigenheit des S^ die ihm 
zugehörige Modification q^ des allgemeinen Q bedingen wird. 
Ist diese Regel bekannt, so kann man q^ bestimmen, und 
dies ist eben der Fall, den man den Schluß nach strenger 
Analogie nennt, der aber, wie sich ergibt, auf nichts 
anderem, als auf der Subsumption unter die gleiche all- 
gemeine Regel beruht. Ist diese letztere aber nicht be- 
kannt, so wird allerdings in uns die Tendenz fortdauern, 
q^ durch Berücksichtigung der Aehnlichkeiten und Ver- 
schiedeaheiten in dem Verhalten von S^ und S^ zu einander 
und zu M zu finden, und die hierauf gebauten Verfahrungs- 
weisen nennen wir dann gewöhnlich Folgerungen durch 
Analogie; sie reichen jedoch nur aus, das richtige Ergeb- 
niß zu errathen, aber nicht es zu beweisen. Der 
pythagoreische Satz hatte gelehrt, daß für rechtwinklige 
Dreiecke das Quadrat der Hypotenuse h gleich der Summe 
der Quadrate der Seiten a und b ist, die den rechten 
Winkel einschließen. Da dies Verhalten von nichts anderem, 
als von der allgemeinen Natur des Dreiecks, von dem rechten 
Winkel und von der Länge der Seiten abhängen kann, so 
ist die Tendenz völlig gerechtfertigt, auch für andere Werthe 
des Gegenwinkels einen analogen Satz über das Quadrat 
der Gegenseite zu suchen. In der Formel h^^ia^-f-b^ 
findet sich nun keine Erwähnung des rechten Winkels mehr; 
die Formel, die wir suchen, muß aber den Gegenwinkel er- 
wähnen, denn die einfachste Anschauung lehrt, daß bei 
gleichen a und b sich h mit seiner Vergrößerung verlängert 
und mit seiner Verminderung verkürzt. Folglich muß die 
pythagoreische Formel durch ein Glied ergänzt werden, 
welches für den Winkel (p==90o zu Null wird, und da nicht 



298 Fünftes Kapitel. 

der Winkel selbst, sondern nur eine von ihm abhängige 
Länge, oder ein Zahlencoefficient, der eine andere Länge 
bestimmt, zur Ausmessung von h dienen kann, so wird 
man h^ = a^ -|- b^ ^ m cos cp versuchsweise setzen. Die Zwei- 
deutigkeit des Zeichens hebt sich sogleich durch die Be- 
obachtung, daß h wächst, wenn 9 über 90° wächst, der 
oosinus mithin negativ wird; es kann daher in der Formel 
nur das negative Zeichen gelten. Um das unbestimmte m 
zu finden, wenden wir uns an die beiden Grenzwerthe 
(p = o und (p = TT. Im letzten Falle wird h^ = {a,-{- b)2 und 
cos cp = — 1 ; im ersten ist h^ = (a — b)2 und cos cp 1= -f 1 ; 
beide Fälle geben gleichmäßig h^ = a^ + b^ — 2 ab cos cp. 
Diese Formel ist nun richtig für alle Werthe von cp, aber 
bewiesen ist sie keineswegs; sie deckt mit Sicherheit nur 
die drei Specialwerthe 9 = 0, cp = 71, cp = n/2, aus denen sie 
entwickelt ist; es ließe sich leicht eine andere Formel denken, 
z. B. h^ = a^ -f- b^ — 2 ab cos cp. cos^ {k — (p), welche densel- 
ben Dienst leistete; welche von beiden auch den Zwischen- 
werthen von cp allgemein entspricht, bleibt also unbestimmt, 
bis eine leichte geometrische Construction, welche den pytha- 
goreischen Satz auch voraussetzt, für die wirkliche All- 
gemeingültigkeit der zuerst gefundenen entscheidet. Ich 
führte dies einfache Beispiel aus, um an ihm zu zeigen, 
wie vielerlei Nebenerwägungen nöthig sind, um unser 
Streben, neue Wahrheiten nach Analogie gegebener zu 
finden, nur überhaupt in eine Direction zu bringen, die 
einen Erfolg verspricht. 



Fünftes KapiteL 

Die Auffindung der Beweisgründe. 

^>. 218. Die wesentlichste Leistung jeder Beweisführung 
für einen gegebenen Satz T ist die Auffindung des Ober- 
satzes G, aus welchem, durch sc