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Full text of "Mechanismus und Vitalismus"

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MECHANISMUS 



UND 



VITALISMUS 



VON 



O. BUTSCHLI 

PROFESSOR DER ZOOLOGIE ZU HEIDELBERG 



LEIPZIG 

VERLAG VON WILHELM ENGELMANN 

1901. 



Alle Rechte, besonders das der Uebersetzung, vorbehalten. 



Druck der Kgl. Universitäts-Druckerei von H. Stürtz, Würzburg. 



Vorbemerkung. 



Die kritische Studie über ein in neuerer Zeit vielfach 
behandeltes Thema, welche ich hiermit der Oeffentlichkeit 
übergebe, entsprang der ehrenden Aufforderung, welche der 
geschäftsleitende Ausschuss des internationalen Zoologen- 
Congresses an mich richtete. Das Thema habe ich selbst ge- 
wählt; es lag mir insofern nahe, als mich meine Arbeiten viel- 
fach anregten, über das Problem nachzudenken. Die Kürze der 
gegebenen Zeit machte es nöthig, bei dem mündlichen Vor- 
trag vieles wegzulassen, was in den Druck aufgenommen wurde. 
Manches, was bei einer anderen Darstellung füglich im Text 
besprochen worden wäre, musste in Anmerkungen verwiesen 
werden. Ich fühle selbst, dass dem vorliegenden Versuch zahl- 
reiche Mängel anhaften. Da jedoch die fortschreitende Einsicht 
an die Zusammenarbeit Vieler gebunden ist, so wird man viel- 
leicht auch aus dieser Studie einiges zu entnehmen vermögen, 
was zur Förderung und Klärung des Problems beitragen kann. 

Heidelberg, 3. Juni 1901. 






JYlan wird darüber streiten können, ob das für meinen Vortrag 
gewählte Thema sich zur Besprechung auf unserem Kongress eignet, 
ganz abgesehen davon, ob es mir gelingen mag, seine gewiss nicht 
geringen Schwierigkeiten einigermassen zu bewältigen. Auch ge- 
statten es diese Schwierigkeiten nicht, den Vortrag rhetorisch zu 
beleben oder zu verschönen ; trockene Klarheit kann allein das 
wünschenswerte Ziel sein 1 ). 

Keiner Frage dagegen unterliegt es, dass die alten Gegensätze 
Mechanismu s und Vitalismus neuerdings wieder schärfer 
hervortreten, nachdem sie insofern ausgeglichen schienen, als die 
Möglichkeit des ausreichenden Begreifens der Lebenserscheinungen 
auf mechanistischer Grundlage recht allgemein zugegeben wurde. 

Wenn die Denker und Forscher, die in neuerer Zeit für den 
Vitalismus eintraten, auch häufig als Neo-Vitalisten bezeichnet 
werden, so scheint mir doch der Gegensatz zwischen dem älteren 
Vitalismus und dem sog. Neo-Vitalismus kein eigentlich prinzipieller 
zu sein. Im alten w 7 ie im neuen Vitalismus spricht sich gleicher- 
weise die fundamentale Ueberzeuguns-f aus, dass Lebewesen und 
Lebensvorgänge nicht, oder doch nicht vollständig, begriffen werden 
könnten, ohne das Zugeständniss einer nur in der Organismenwelt 
bestehenden, dem Nichtlebenden mangelnden Geschehensgesetzlich- 
keit, eines besonderen Prinzips oder einer besonderen Kraft, wie 
man dies eigenthümliche Etwas, je nach der bevorzugten Ausdrucks- 
weise, bezeichnen mag. Mehr als der ältere Vitalismus gesteht der 
Neo- Vitalismus zu, dass die rein kausal-mechanistische Betrachtung 
der Lebenserscheinungen ebenso berechtigt ist als die teleologische, 
dass beide nebeneinander herzugehen hätten. Doch bildet auch 
dies eigentlich keinen Gegensatz zum älteren Vitalismus ; derselbe 

ßütschli, Mechanismus und Vitaiismus. 1 



2 

konstruirte ebenfalls kausal. Die von ihm postulirte Lebenskraft 
wurde als Ursache der Lebenserscheinungen in das kausale Schema 
eingefügt. Fraglich blieb nur, ob die Voraussetzung solch' einer 
hypothetischen Ursache berechtigt war, und ob das Leben damit 
wirklich begriffen werden konnte. 

Eine Untersuchung über die Natur und Berechtigung der beiden 
gegensätzlichen Beurtheilungsweisen des Lebens führt naturgemäss 
bald auf sehr allgemeine philosophische Probleme, deren Erörterung 
man bei derartigen Betrachtungen nicht wohl völlig umgehen kann. 
Andererseits erscheint es aber auch unmöglich, dieser Besprechung 
eine ausführliche kritische Begründung des erkenntniss-theoretischen 
Standpunktes vorauszuschicken , auf welchen mich zu stellen ich 
bei dieser Besprechung für richtig erachte. Umgehen kann ich es 
aber nicht, wenigstens zu skizzieren, auf welchem Boden ich mich 
zu bewegen gedenke ; obgleich ich nicht versuchen kann, die Be- 
rechtigung hiezu ausreichend zu erweisen. 

Am Beginn jeder wissenschaftlichen Wahrnehmung, jeder Er- 
kenntniss, finden wir den Gegensatz zwischen dem Ich, dem Subjekt, 
welches wahrnimmt und erkennt, und dem Objekt, das von dem 
Ich erkannt wird. Diesen Gegensatz erfahrungsgemäss zu über- 
winden, oder auf etwas Gemeinsames, Höheres oder Allgemeineres 
zurückführen und damit begreifen zu wollen, ist unmöglich. Gehen 
wir von dem Ich und seinen Bewusstseinselementen, als dem uns 
allein direkt Gegebenen aus, so gelingt es auf keine Art, nach- 
zuweisen, dass eine Objektenwelt gesondert von diesem Ich wirklich 
besteht, und dass nicht alles, was das einzelne naive Ich als Objekte 
wahrnimmt, nur und ausschliesslich sein Bewusstseinselement ist. 
Wie gesagt, scheint eine Widerlegung dieses zwar eigentlich nie 
praktisch gewordenen Standpunktes, des sog. theoretischen 
Egoismus oder Solipsismus, unmöglich. Wenn er praktisch 
stets verworfen wurde, so geschah dies nur wegen der geradezu 
ungeheuerlichen und höchst beunruhigenden Konsequenzen, zu 
denen er nothwendig führt. 

Der umgekehrte Standpunkt, die Objektenwelt als das anzu- 
sehen, von dem ausgehend das Ich zu begreifen sei, scheitert 



ebenso an der Unmöglichkeit, das Subjekt und seine Bewusstseins- 
elemente auf diesem Wege zu begreifen. Unter diesen Umständen 
gewährt es die meiste Befriedigung, die von dem naiven Menschen- 
verstand stets gemachte, obgleich, wie die genauere Untersuchung 
ergibt, hypothetische Annahme: dass der Gegensatz zwischen 
Subjekt und Objekt, zwischen Empfindendem und Empfundenem, 
wirklich besteht, zum Ausgangspunkt der weiteren Betrachtung 
zu machen. Hiernach stehen sich also Ich und Objekt gegen- 
über , doch nicht ohne Zusammenhang ; denn die Objektenwelt 
bedingt Vorgänge in dem Ich (Empfindungen und Empfindungs- 
komplexe), welche eben die Wahrnehmungen sind, die das Ich von 
der Objektenwelt hat. Da nun nur das eigene Ich Bewusstsein 
und Bewusstseinselemente direkt erlebt, so vermag es auch nur, 
auf einen mehr oder weniger gesicherten Analogieschluss gestützt, 
anzunehmen, dass auch gewisse Bestandtheile der Objektenwelt 
analoge bewusste und empfindende Ich sind. 

Auf dem Boden der hypothetischen Annahme des Gegensatzes 
zwischen dem empfindenden Ich und der empfundenen Objekten- 
welt wird das Ich, ausgerüstet mit den verschiedenen Bedingungs- 
beziehungen seiner Sinnesorgane zu der Objektenwelt, auch dazu 
gelangen müssen, zu erfahren, dass zwischen den Objekten Ab- 
hängigkeiten bestehen, dass diese' sich bedingen; es wird empirisch 
zu der Erkenntniss einer kausalen Abhängigkeit gelangen, die wir 
daher nicht für aprioristisch gegeben erachten. Ferner wird das 
Ich dazu gelangen, die Objektenwelt in eine Aussenwelt und seinen 
Körper oder das Ich-Objekt zu scheiden ; auf einem Wege, dessen 
Möglichkeit schon häufig zu zeigen versucht wurde. Mit dieser 
Scheidung vollzieht sich auch eine weitere wichtige Sonderung in 
dem Empfundenen, indem das Ich bemerkt, dass es nicht nur die 
Objekte der Aussenwelt und seinen Körper empfindet, sondern noch 
eine besondere Reihe von Empfindungen erlebt, deren Beziehungen 
zur Aussenwelt keine unmittelbaren, sondern entferntere sind. Da 
das Ich nun für die Aussenwelt überzeugt ist, dass es nicht nur 
empfindet, sondern Etwas empfindet, so konstruirt es auch für 
diese Reihe von Empfindungen das Empfundene, die Seele. 



— 4 — 

Mit Hilfe der durch die verschiedenen Sinnesorgane vermittelten 
gleichzeitigen, jedoch verschiedenen Empfindungen, die durch ein 
Objekt bedingt werden, wird das Ich ferner erfahren, dass Empfind- 
ungen durch ein Objekt dann bedingt werden , wenn dieses eine 
Veränderung erfährt. Das heisst also : gewisse von dem Objekt 
abhängige Empfindungen werden bedingt von Aenderungen anderer, 
von diesem Objekt abhängiger Empfindungen. Dass aber Ver- 
änderungen der von dem Objekt abhängenden Empfindungen von 
Veränderungen des Objektes begleitet sein müssen, ist für unseren 
Standpunkt selbstverständlich, da ja dem Ich die Objekte ver- 
schieden sind, die es verschieden empfindet. Auf diese Weise tritt 
allmählich hervor, dass von Zustandsänderungen der Objekte zu- 
nächst Zustandsänderungen in dem Ich-Objekt (dem Körper des 
Ichs) abhängen, und dass diesen gleichzeitig Bewusstseinselemente 
oder Empfindungen parallel gehen oder koordinirt sind, welche das 
Ich erlebt. 

Wir gelangen also schliesslich zur Ueberzeugung, dass den Zu- 
standsänderungen in der Objektenwelt Empfindungen des Ich parallel 
gehen. Da nun das Ich von dem Objekt nur durch solche parallel 
gehende Empfindungen etwas erfährt, ein Objekt eben als nichts 
weiter erkannt werden kann als ein Komplex von Empfindungen, 
so erscheinen alle Spekulationen darüber, was das Objekt unab- 
hängig von diesem Empfindungskomplex sein könnte, nichtig. Das 
Objekt oder Ding an sich wäre eigenschaftslos, das reine Objekt 
als Abstraktum im Gegensatz zum Subjekt gedacht, ein Nichts. 

Nun finden wir jedoch die Körper, mit denen ein Ich, ein 
bewusstes Empfinden verbunden ist, zeitlich beschränkt ; sie ent- 
stehen und vergehen. Unmöglich aber scheint es uns zu begreifen, 
wie ein solcher Parallelverlauf zwischen Zustandsänderungen der 
Objektenwelt und dem entstehenden und wieder vergehenden 
Körper und seinem Ich entsteht und wieder vergeht. Den Zu- 
sammenhang zweier derartig gegensätzlicher und doch koordinirter 
Verläufe können wir nicht weiter begreifen, sondern nur als solchen, 
als eine Unbegreiflichkeit hinnehmen. Zu denken nun, dass der 
Eintritt dieser Unbegreiflichkeit sich bei dem Entstehen jedes Ichs 



5 



wiederhole und ebenso wieder aufhöre, wäre eine Häufung solcher 
Unbegreiflichkeiten, welche wir nur durch die Erweiterungshypothese 
zu umgehen vermögen, dass wir diese Unbegreiflichkeit nur einmal, 
an den Beginn unseres Denkens setzen ; indem wir annehmen, dass 
alle Zustandsänderungen, wie wir sie in der Objektenwelt erfahren, 
stets von parallel gehenden psychischen Vorgängen, Empfindungen 
mit Gefühlsbetonung, begleitet sind ; dass daher dieser Parallelismus, 
welchen wir zwischen den Empfindungen des Ichs und den Zustands- 
änderungen des Ich-Objekts, des Körpers, erfahren, etwas Allge- 
meines sei und nicht etwas, was mit dem Ich-Objekt entsteht und 
vergeht 2 ). 

Wenn wir diesen Standpunkt einnehmen, so nähern wir uns 
in mancher Hinsicht den Anschauungen Mach 's, der als die 
Elemente der Welt Empfindungskomplexe ansieht, die mit dem 
Ich bald in Beziehung (ins Bewusstsein) treten, bald nicht. Denn 
da wir Zustandsänderungen der Objekte wahrnehmen oder empfinden, 
und nach unserer Annahme diesen stets Empfindungen koordinirt 
sind, so Hesse sich ja auch ebensowohl sagen, dass wir diese 
Empfindungen der Objekte wahrnehmen. Immerhin unterscheidet 
sich unsere Auffassung doch wesentlich von der Mach 's darin, 
dass dieser die Objekte selbst für Empfindungskomplexe erklärt, 
demnach als dauernd empfindend. Unsere Auffassung dagegen 
würde dazu führen, zu sagen : Objekt ist nicht ein Empfindungs- 
komplex, sondern etwas, was empfinden kann, aber nicht stets 
empfindet. Damit wäre jedoch eigentlich auch der scharfe Gegen- 
satz zwischen Subjekt und Objekt aufgehoben, insofern, als beide 
etwas sind, was empfinden kann a ). 

Der Gegensatz bleibt aber doch bestehen, indem das Ich be- 
wusst, das Objekt dagegen unbewusst empfindet. Ob mit diesen 
Worten zwar der Gegensatz richtig bezeichnet ist, scheint zweifel- 
haft. Empfindung als primäres Bewusstseinselement erscheint uns, 
wie gesagt, am rationellsten als eine den Zustandsänderungen in 
der Objektenwelt koordinirte Erscheinung. Bewusste Empfindung 
dagegen ist nach aller Erfahrung etwas, was von dem Vorhan- 
densein eines besonderen körperlichen Systems des Ich-Objekts 



— 6 — 

bedingt ist, dem Nervensystem. Wir vermögen auch eine besondere 
Leistung des Ichs zu nennen, welche an dieses System gebunden 
ist, und ohne welche Bewusstsein nicht denkbar erscheint, das 
Gedächtniss. 

So sind wir denn der Meinung, dass zwar Empfindungen die 
Vorgänge der ganzen Welt begleiten, dass dagegen das Bewusst- 
sein oder die bewusste Empfindung geworden sei durch die Kon- 
struktion des Nervensystems und damit des Gedächtnisses, welches 
die Grundlage und der Eckpfeiler des bewussten Objekts oder des 
Ichs ist 4 ). 



Nachdem wir so über die philosophisch-erkenntniss-theoretische 
Stellung, von der aus wir unser Thema zu betrachten gedenken, 
Rechenschaft gaben, ist noch eine zweite Vorfrage kurz zu er- 
ledigen, nämlich die Frage nach dem Verhältniss der sogenannten 
exakten Naturwissenschaften zu den beschreibenden. 

Die ersteren suchen die kausalen Abhängigkeiten der Stoffe 
und der Erscheinungen an den Stoffen festzustellen. Sie unter- 
suchen dabei nicht die gegebenen Naturobjekte in ihrer natürlichen 
Umgebung, sondern bringen die Dinge oder Stoffe unter bekannte, 
genau kontrollirbare Bedingungen, in eine genau bekannte Um- 
gebung. Indem sie so von festdefinirten und möglichst vereinfachten 
Bedingungen ausgehen, vermögen sie scharf bestimmte, exakte Ab- 
hängigkeiten festzustellen, welche jedoch nur so lange gelten, als 
die künstlich hergestellten und genau bestimmten Ausgangsbeding- 
ungen bestehen. Da aber in der gegebenen Natur einfache und 
genau feststellbare Bedingungen nicht angetroffen werden, so führen 
auch die von den exakten Naturwissenschaften ermittelten gesetz- 
mässigen Abhängigkeiten nur zu mehr oder weniger weitgehenden 
Annäherungen an das natürliche Geschehen. Der Versuch, die 
Ergebnisse der exakten Naturwissenschaften für die Erklärung der 
Bildung und Entstehung natürlicher Objekte in der Astrophysik, 
Geologie und Meteorologie zu verwenden, führt fast nie zu scharf 
bestimmten, eindeutigen Ergebnissen, sondern in der Regel nur 



zur Ueberzeugung, dass unter gewissen physiko- chemischen Be- 
dingungen das Entstehen dieser Bildungen begreiflich, nicht aber 
zur exakten Feststellung, dass der Vorgang dabei genau dieser oder 
jener gewesen sei 5 ). 

Die Objekte der sogenannten beschreibenden Naturwissen- 
schaften sind nun stets natürlich gegebene, von zweifellos hoch- 
gradiger innerer Bedingungskomplikation. Erklärungsversuche der- 
selben werden sich daher schwerlich höher zu erheben vermögen, 
als jene der anorganischen Naturdinge, d. h. zu der Ueberzeugung 
ihrer Begreiflichkeit oder der Möglichkeit ihres Entstehens, auf Grund 
gewisser Komplexe bedingender und wirksamer Ursachen. Dies 
gilt für die lebenden Naturdinge noch in viel höherem Grade als 
für die nichtlebenden, da der Bedingungskomplex der Organismen 
wesentlich ein innerer ist, der sich experimentell wenig, und wegen 
seiner Komplizirtheit, hinsichtlich des „Wie", kaum scharf be- 
stimmbar abändern lässt. 



Am Beginn unserer Erörterungen steht natürlich die Frage : 
was unter Mechanismus und V i t a 1 i s m u s zu verstehen ist ; 
worin der Gegensatz zwischen diesen beiden Beurtheilungsweisen 
der Organismen besteht. Der Begriff des Mechanismus hängt nur 
in entfernterem Sinne mit Mechanik, der Lehre von den Bewegungs- 
und Gleichgewichtserscheinungen körperlicher Gebilde zusammen. 
Nicht um das Begreifen der Lebenserscheinungen auf mechanische 
Weise handelt es sich für den Mechanismus, sondern um die Be- 
greiflichkeit oder Erklärbarkeit des Organismus auf Grund der 
gesetzmässigen Geschehensweisen, welche wir auf anorganischem 
Gebiet erfahren. Rein mechanische Auffassung ist ja selbst in der 
anorganischen Welt undurchführbar. Selbst wenn sie hier als eine 
zukünftig mögliche erschiene, was ja von erfahrener Seite geleugnet 
wird, so berührt dies die mechanistische Auffassung der Lebens- 
erscheinungen erst in zweiter Linie. Für sie genügt die Rück- 
führung auf die Geschehensweisen der anorganischen Natur ; wo- 
gegen sie es den physiko-chemischen Wissenschaften überlassen kann, 



— 8 — 

sich darüber zu entscheiden, in wie weit und in wie fern an die 
Ableitung dieser gesetzmässigen Geschehensweisen -von mechanischen 
Grundvorstellungen gedacht werden kann. Eine Laplace'sche 
Weltformel gehört ins Gebiet der Mythe und kann auch überhaupt 
nichts anderes ausdrücken wollen, als die Möglichkeit der Erklärung 
und Begreiflichkeit aller physischen Vorgänge auf Grund kausaler 
Abhängigkeitsverhältnisse von einem gegebenen Anfangszustand aus. 

Dagegen muss sich die mechanistische Beurtheilungswei.se ver- 
wahren gegen die Verwechslung mit einer materialistischen, insofern 
letztere die Ansicht vertritt, auch die psychischen Erscheinungen 
als kausale Folgen physischer Vorgänge begreifen oder erklären 
zu können. Die mechanistische Auffassung ist nicht der Meinung, 
dass Psychisches aus Physischem begriffen werden könne; ihr er- 
scheinen diese beiden Gebiete gesondert, obgleich nicht ohne 
Zusammenhang. Jedem physischen Zustand entspricht ein psy- 
chischer, es besteht ein Koordinationsverhältniss beider, dagegen 
keine Kausalbeziehung des Psychischen zu einem zeitlich vorher- 
gehenden Physischen im Sinne von Wirkung und Ursache '"'). 

Der Mechanismus erachtet es also für möglich, wenn auch zur 
Zeit nur in beschränktestem Maasse durchführbar, die Lebensformen 
und Lebenserscheinungen auf Grund komplizirter physiko-chemischer 
Bedingungen zu begreifen. Im Gegensatz hierzu leugnet der Vita- 
lismus diese Möglichkeit. Er ist überzeugt, dass das physiko- 
chemische Geschehen der anorganischen Natur für die Be- 
greiflichkeit der Organismen nicht ausreiche; dass vielmehr ein 
ganz besonderes Geschehen, wie wir es in der anorganischen Natur 
nicht erfahren, in der Organismenwelt bestehen müsse. In früheren 
Zeiten dachte man sich dies besondere Geschehen im Organismus 
unter dem Bilde einer psychischen Kraft, einer Art das Physische 
gestaltenden und funktionirenlassenden Anima, von der schliesslich 
die spätere Lebenskraft nicht wesentlich verschieden war, obgleich 
sie gewöhnlich unter dem Bilde einer einfachen Ursache gedacht 
wurde, ähnlich den als einfache Ursachen gesetzlichen Geschehens 
auf anorganischem Gebiet angenommenen Kräften. Denn wenn 
die, als einfache Ursache zwar gedachte Lebenskraft so Komplizirtes 



- 9 

und Zweckmässiges hervorbringen, dirigiren und leiten sollte, so 
konnte sie nur unter dem Bilde eines zwar unbewussten, aber 
nichts destoweniger nach Art eines intelligenten Bewusstseins wirken- 
den Prinzips vorgestellt werden. Anderenfalls wäre sie ganz nichts- 
bedeutend gewesen, d. h. hätte eben nicht mehr besagt, als dass 
die Lebensformen und -Erscheinungen eine besondere, ihnen eigen- 
thümliche Ursache haben müssten. Im Grunde genommen, erwies 
sich diese Lebenskraft eben nur als eine Umschreibungshypothese, 
welche das zu erklärende komplizirte Sein und Geschehen als be- 
sondere Wirkungsweise auf eine hypothetische Kraft oder Ursache 
übertrug, und welche desshalb ebenso wenig zum Begreifen des 
Lebens und seiner Erscheinungen führen konnte, als entsprechende 
Umschreibungshypothesen auf anorganischem Gebiet 7 ). In beiden 
Fällen verleiten solche Hypothesen leicht, zu übersehen, dass jedes 
Geschehen die Folge des Zusammentreffens mehrerer oder zahl- 
reicher Bedingungen ist, dass daher von einer einfachen Ursache 
zu reden, wirklichem Geschehen nie entspricht. 

Ganz dieselben Betrachtungen gelten für die Annahme mehrerer 
verschiedener hypothetischer Unterkräfte, wie sie der ältere Vitalis- 
mus ebenfalls machte, so der Sensibilität, Irritabilität, Motilität, 
welche auch nur Umschreibungshypothesen einzelner allgemeiner 
Lebenserscheinungen sind 8 ). 

Eine wesentliche Wandlung hat der Vitalismus erfahren seit 
das Prinzip der Erhaltung der Kraft oder der Energie zur Aner- 
kennung gelangte ; was ja ursprünglich gerade mit Rücksicht auf 
die Vorgänge im Organismus geschah. Auch der Vitalist kann 
sich heute nicht der Einsicht verschliessen, dass die energetischen 
Leistungen des Organismus in letzter Instanz und allein, auch 
quantitativ, von den energetischen Leistungen der nichtlebenden 
Welt abhängen. Dieser Anerkenntniss hat sich denn auch der 
sogenannte Neo-Vitalismus nicht entzogen ; daher bleibt ihm nur 
die Eventualität offen, anzunehmen oder zu erweisen, dass im 
Organismus ein besonderes eigengeartetes gesetzliches Geschehen 
eintrete, welches zwar energetisch derselben Abhängigkeit unter- 
worfen sei, wie das der anorganischen Welt, dagegen in letzterer 



— 10 

sich in solcher Weise nicht finde. In letzter Instanz müsste der 
Neo- Vitalismus auch anerkennen, dass dies eigenartige Geschehen 
bedingt werde durch besondere physiko-chemische Kombinationen, 
wie sie den Organismen eigenthümlich sind. Dass dies vitale Ge- 
schehen eine besondere Energieform sei, eine vitale Energie, wird 
wenigstens von mancher Seite geleugnet ; doch vermag ich nicht 
wohl einzusehen, in welch' anderer Weise man sich davon eine 
Vorstellung machen soll 9 ). 

Im Allgemeinen ist auch der Neo-Vitalismus geneigt, zuzu- 
geben, dass eine kausal-mechanistische Beurtheilung der Organismen 
berechtigt ist ; jedoch nur insofern, als die kausale Betrachtung 
eine dem menschlichen Intellekt a priori eigenthümliche Anschauungs- 
form sei, welcher eine zweite, ebenso berechtigte und gleichfalls 
aprioristische Anschauungsform gegenüberstehe, die teleologische. 
Oder er argumentirt auch so : die Kausalität ist zwar allgemein- 
giltig, jedoch nicht alleingiltig; im Organismus besteht noch eine 
andere Abhängigkeitsform, eine teleologische Kausalität, welche der 
nichtlebenden Welt fehlt. 

Indem der Neo-Vitalismus die kausal-mechanistische Betrachtung 
des Lebens als eine berechtigte, ja in ihrer Durchführung not- 
wendige Forderung anerkennt, so können wir auch nicht die kausale 
Betrachtung als solche, als den Charakter des Mechanismus im 
Gegensatz zu dem Vitalismus ansehen, wie es gelegentlich geschah. 
Vielmehr wäre als der wesentliche Unterschied festzuhalten, dass 
die Geschehensweisen der nichtlebenden Natur für das Begreifen 
des Lebens nicht ausreichen ; sowie die, wenigstens von einem Theil 
der Neo-Vitalisten betonte Ueberzeugung, dass volles Begreifen des 
Lebens in kausal-mechanistischer Denkweise überhaupt unmöglich 
sei und seine Ergänzung durch die teleologische Betrachtung, die 
Berücksichtigung der Endursachen, der Causae finales, finden müsse. 



Da der Mechanismus die Möglichkeit festhält, dass das kausale 
Geschehen der anorganischen Welt für die Begreifbarkeit der 



— 11 — 

Organismen ausreiche, so scheint es nöthig, näher zu erörtern, 
was man unter kausaler Abhängigkeit versteht. 

Wenn wir in der anorganischen Welt ein Ding A sich ver- 
ändern sehen, z. B. aus dem Ruhezustand in Bewegung kommen, 
so finden wir, dass eine Anzahl Bedingungen bestehen müssen, 
wonach diese Veränderung folgt. Das Ding A muss an einem be- 
stimmten Ort und seine Umgebung derart sein, dass es in Be- 
wegung gerathen kann ; das stossende Ding B muss in einer 
bestimmt gerichteten Bewegung sein, damit A getroffen wird. Es 
müssen also eine ganze Anzahl Bedingungen zusammentreffen, damit 
A sich verändert. Diese Bedingungen sind alle gleichwerthig; 
mangelt eine, so verändert sich A nicht. Zunächst scheinen daher 
alle diese Bedingungen von derselben Bedeutung und keine das 
Anrecht zu besitzen, vor den anderen etwa als Ursache besonders 
betont zu werden. Dennoch zeichnet sich eine dieser Bedingungen 
vor den anderen aus, indem sie selbst eine Veränderung, eine Be- 
wegung ist, nämlich die des stossenden Dings B, während die übrigen 
Bedingungen nicht in Veränderung sind. Gleichzeitig ergibt sich, 
unter der Voraussetzung vollkommener Elastizität der beiden Dinge, 
dass das Maass der Veränderung, welche A erfährt, gleich dem 
Maass der Veränderung ist, welche B verliert; dass also die 
Quantität der Veränderung A's direkt diejenige ist, welche B ver- 
liert. B als Ding verändert sich dabei nicht, ebenso wenig A ; 
dagegen der Zustand beider Dinge. B geht aus dem Bewegungs- 
zustand in den der Ruhe über, umgekehrt A. Demgemäss zeichnet 
sich das Ding B vor den übrigen Bedingungen dadurch aus, dass 
es in einem Veränderungszustand befindlich ist (dass es freie Energie 
hat, wie man auch sagt), welcher seinerseits den Veränderungs- 
zustand von A bedingt. Man hat nun häufig diesen bedingenden 
Veränderungszustand von B als die wirkende Ursache bezeichnet, 
im Gegensatz zu den übrigen Bedingungen, welche keine solche Ver- 
änderung zeigen, und man kann diese letzteren auch die bedingenden 
Ursachen oder kürzer, die Bedingungen des kausalen Vorgangs nennen. 

In dem besprochenen Fall finden wir, dass die wirkende Ur- 
sache von B ihrer Quantität nach in dem bewirkten Zustand von 



— 12 — 

A sich wiederfindet. Es gibt jedoch eine zweite Form kausaler 
Abhängigkeit, bei welcher kein solches Verhältniss zwischen wirken- 
der Ursache und Wirkung besteht ; eine kausale Abhängigkeit, die 
man in der Regel als Auslösung bezeichnet und welche gerade 
in der Organismenwelt allgemein vorkommt. Um diese kausale 
Abhängigkeit mit der ersterwähnten zu vergleichen, stellen wir uns 
Folgendes vor. Ein Gewicht werde gehoben und dadurch in einen 
veränderten Zustand versetzt, der als wirkende Ursache unter ge- 
eigneten Bedingungen seine Bewegung oder den Fall zur Unterlage 
bedingt. Das Gewicht werde auf das eine Ende eines Waage- 
balkens gesetzt und bedinge durch seinen Veränderungszustand das 
Herabsinken desselben. Nun werde aber gleichzeitig auf jedes 
Ende des Waagebalkens ein gleiches solches Gewicht gesetzt, dann 
bedingen die Zustände beider Gewichte keine Bewegung des Balkens, 
sondern die Veränderungszustände beider Gewichte paralysiren sich, 
halten sich gegenseitig das Gleichgewicht. Eine der Quantität nach 
äusserst geringfügige wirkende Ursache, welche das eine Gewicht 
von dem einen Waagebalken herabwirft, bedingt nun, dass das 
andere Ende des Balkens mit dem darauf befindlichen Gewicht 
sinkt und dabei eine Quantität Veränderung bewirkt, welche die- 
jenige vielmals übertreffen kann, welche das erste Gewicht ent- 
fernte. In der Regel bezeichnet man nun die das eine Gewicht 
entfernende wirkende Ursache als die Auslösungsursache, deren 
Wirkung die damit in auffallendem quantitativem Missverhältniss 
stehende Senkung des entgegenstehenden Waagebalkens sei. Bei 
näherer Überlegung des geschilderten Falles ergibt sich jedoch 
leicht, dass es sich dabei nicht um eine einfache Kausalabhängigkeit 
handelt, wie in dem erstdargelegten Fall, sondern um eine wieder- 
holte, oder eine sogenannte Kausalkette. Zunächst haben wir die 
wirkenden Ursachen, welche in der Hebung der beiden Gewichte 
gegeben waren und deren Wirkung ein veränderter Zustand der 
beiden Gewichte ist , der nun seinerseits wieder als wirkende 
Ursache eine Wirkung bedingen kann. Diese Wirkung erfolgte 
jedoch nicht , da unter den gegebenen Bedingungen die beiden 
Gewichte sich gegenseitig hemmen. Wird nun durch eine sogenannte 



13 

Auslösungsursache die hemmende Bedingung beseitigt, so folgt unter 
den geänderten Bedingungen die Senkung des verbliebenen Ge- 
wichts, d. h. die, wegen der vorhandenen Hemmung nicht realisirte 
Wirkung der früheren wirkenden Ursache, der ehemaligen Hebung 
des Gewichts, tritt nun, nach Beseitigung der Hemmung durch die 
Auslösungsursache, verspätet auf. 

Die erwähnte Kausalkette wäre demnach: 1. Hebung der 
Gewichte (Gleichgewichtszustand, Hemmung oder Nichteintritt der 
Wirkung) ; 2. Entfernung des einen Gewichts (neuer Bedingungs- 
zustand); 3. die Wirkung der Hebung des verbliebenen Gewichts 
tritt nun als Senkung hervor. Eine solche, durch die gegebenen 
Bedingungen in ihrer Wirkung gehemmte, d. h. durch einen ein- 
getretenen Gleichgewichtszustand nicht zur Wirkung gelangte, wirk- 
ende Ursache wird bekanntlich auch als potentielle Energie bezeichnet. 

Betrachten wir noch einen zw r eiten Fall. Nehmen wir einen 
Glasfaden, den wir ringförmig zusammenbiegen, so ist die Folge 
dieser Biegung eine Zustandsänderung des Fadens, die unter geeig- 
neten Bedingungen die Rückbewegung des Fadens in die ursprüng- 
liche Form, und den ursprünglichen Zustand bewirkt. Wenn ich 
nun die beiden sich berührenden Enden des ringförmig gebogenen 
Fadens zusammenschmelze, so kehrt der Faden nicht mehr zur 
ursprünglichen Form zurück, er verharrt in der Ringform. Durch 
die Herstellung der Kontinuität der beiden vereinigten Enden wurde 
eine Hemmung herbeigeführt, die einen Gleichgewichtszustand be- 
dingt, aber einen Gleichgewichtszustand, der sich von dem ursprüng- 
lichen Zustand durch erhöhten Gehalt an potentieller Energie 
unterscheidet. Durch eine Auslösungsursache, welche die Kon- 
tinuität der verlötheten Fadenenden aufhebt, werden die Beding- 
ungen so verändert, dass nun die Wirkung der früheren Biegungs- 
ursache eintritt. Die Kausalkette ist hier wieder: 1. Wirksame 
Ursache der Fadenbiegung - - Eintritt der Hemmung (Gleichgewichts- 
zustand). 2. Aufhebung der Hemmung (Auslösungsursache). 3. Die 
Wirkung der ehemaligen Biegung tritt nun als Streckung hervor. 

Als Ergebniss unserer Betrachtung dürfen wir also hervor- 
heben : dass das kausale Abhängigkeitsverhältniss, wie es bei der 



14 

sog. Auslösung vorliegt, als eine Kausalkette sich darstellt, bei 
welcher die Wirkung einer früheren wirkenden Ursache, welche 
wegen besonderer Bedingungen nicht erscheinen konnte, infolge der 
Aenderung dieser Bedingungen durch eine Auslösungsursache, nun 
in Erscheinung tritt oder ausgelöst wird lu ). 



Mechanismus und Vitalismus bemühen sich, die Lebewesen zu 
begreifen oder zu erklären, Bezeichnungen, welche ich ihrem Wesen 
nach für identische halte. Beide Richtungen differiren nur hin- 
sichtlich der Grundlage, auf der ihnen ein solches Begreifen oder 
Erklären möglich erscheint. Gerade bei manchen Neo -Vitalisten 
ist jedoch die Meinung verbreitet, dass man, nach Kirch ho ff 's 
Vorgang, von „Erklären" der Naturerscheinungen gar nicht reden, 
sondern sich auf das von ihm geforderte „einfachste und vollstän- 
dige Beschreiben" beschränken solle. Einige Kritiker haben schon 
richtig erkannt, dass Kirchhoff zu seiner Forderung gelangte, auf 
Grund einer von der üblichen abweichenden Definition des Begriffes 
„Beschreiben". Es kann doch wohl nicht zweifelhaft sein, dass 
Beschreiben im gewöhnlichen Sinne bedeutet : einmal das Aufzählen 
der im Räume gleichzeitig nebeneinander bestehenden Mannig- 
faltigkeiten und zweitens der in der Zeit aufeinanderfolgenden succe- 
direnden Mannigfaltigkeiten. Dass dieses die ursprüngliche und 
eigentliche Bedeutung des Beschreibens ist, erweist ja gerade die 
Benennung der „beschreibenden Naturwissenschaften", im Gegen- 
satz zu den sogenannten exakten. 

Nebeneinandersein im Raum oder Folge in der Zeit ist 
jedoch kein Beweis kausaler Abhängigkeit, des gesetzmässig be- 
dingten Nebeneinanderseins oder Aufeinanderfolgens. Einer solchen 
Aufzählung des Nebeneinander oder Nacheinander nicht genauer 
analysirter Komplexe, selbst wenn sie sich noch so oft und so regel- 
mässig wiederholen, fehlt daher diejenige Einsicht der nothwendigen 
Bedingtheit, welche wir mit der kausalen Succession verbinden. 
Eine Aufzählung von Aufeinanderfolgen, die sich kausal bedingen, 



15 

von welchen jede spätere kausal-nothwendig auf die vorhergehende 
folgt, ist natürlich auch eine aufzählende Beschreibung, aber eine 
solche, in der jedes folgende Glied logisch und empirisch durch die 
vorhergehenden nothwendig bedingt erscheint ; nothwendig in dem 
Sinne, dass jede andere Folge logisch wie erfahrungsgemäss ein Wider- 
spruch sein würde. Eine derartige kausal-noth wendige Beschreibung 
ist jedoch das, was man eine Erklärung genannt hat. Nur dann 
aber wird eine solche kausale Beschreibung eine wirkliche Nöthig- 
ung in sich schliessen, wenn das Ausgangsglied nicht mit Bedingungen 
oder Eigenschaften ausgestattet wurde, aus denen zwar die folgen- 
den Glieder logisch nothwendig folgen, welche Eigenschaften aber 
dem Ausgangsglied nicht erfahrungsgemäss und nothwendig zu- 
kommen, sondern ihm willkürlich beigelegt sind. Denn wie ich und 
Andere schon bemerkten, ist das Kennzeichen einer befriedigen- 
den Erklärung die Rückführung oder Unterordnung einer unbe- 
griffenen Erscheinung unter eine allgemeinere , erfahrungsmässig 
bekannte Erscheinung. 

Beispielsweise mag darauf hingewiesen werden, dass Kepler 
eine genaue Beschreibung der Planetenbewegung gegeben hat, da- 
gegen keine, von gewissen erfahrungsgemässen Voraussetzungen in 
kausaler Folge succedirende Beschreibung oder Erklärung. Diese 
entwickelte später Newton, ausgehend von der Voraussetzung der 
Gültigkeit des Gravitationsgesetzes durch den Himmelsraum und 
der Translationsbewegung. Natürlich ist solch' eine widerspruchs- 
lose kausale Beschreibung auch die einfachste, vollständigste oder 
ökonomischste, wie man ihren Charakter in neuerer Zeit nicht 
unbezeichnend auch nannte. 11 ) 



Es wird unsere Aufgabe sein, die Einwände zu erörtern, welche 
der sogenannte Neo- Vitalismus gegen die Möglichkeit eines physiko- 
chemischen Begreifens oder Erklärens der Lebenserscheinungen 
erhob. Dabei mag unbeachtet bleiben, in wie fern diese Ein- 
wände von allen Vertretern gleichmässig anerkannt, oder stets 
festgehalten wurden. Es handelt sich hier um die Einwände an sich. 



16 — 

Am häufigsten und allgemeinsten wird der mechanistischen 
Richtung vorgeworfen, dass sie bis jetzt keine, oder doch nur sehr 
wenige der Lebenserscheinungen wirklich auf ihre Weise erklärt 
habe; dass im Gegentheil die meisten physiko- chemischen Er- 
klärungsversuche gewisser Theilerscheinungen der Lebensvorgänge 
sich nachträglich als unzutreffend erwiesen. So hart dies Urtheil 
klingt, so ist es doch nicht ganz unrichtig. Gleichwohl scheint es 
mir sehr ungerecht, wenn wir bedenken, wie sich unsere Kenntnisse 
von den physiko-chemischen Vorgängen in den Lebewesen zu dem 
verhalten, was man etwa vor 100 Jahren davon w 7 usste. Denn 
diese Vertiefung unseres Wissens ist erzielt worden auf dem 
Boden der Voraussetzung, dass, wenn auch nicht der Organismus 
in seiner Gesammtheit physiko-chemisch begreiflich sei, doch 
die in ihm sich abspielenden Vorgänge physiko-chemisch begreiflich 
sein müssten. 

Zurückweisen muss ich aber die zuweilen von neo-vitalistischer 
Seite aufgestellte Behauptung, dass alle jene Theilerscheinungen 
der Lebensvorgänge, welche sich physiko-chemisch begreifen Hessen, 
aus der Reihe der eigentlichen Lebenserscheinungen zu eliminiren 
wären ; dass sie ebensowenig wirkliche Lebenserscheinungen seien, 
als die vom Wind bewirkten Bewegungen der Blätter zum Leben 
des Baumes gehörten (Bunge). Wer sich auf diesen Standpunkt 
stellt, für den gibt es natürlich keine mechanistische Erklärung der 
eigentlichen Lebensvorgänge. Aber dieser Standpunkt basirt auf 
einer Petitio principii, nämlich der: es sei eben der Charakter 
der wahren Lebenserscheinungen, dass sie physiko-chemisch 
nicht erklärbar sind. Dagegen lautet das zu lösende Problem 
doch: sind die Lebenserscheinungen physiko-chemisch erklärbar 
oder nicht? 1 -) Ihren eigenthümlichsten Ausdruck scheint mir diese 
Denkart bei einem der modernen Neo-Vitalisten (Cossmann) er- 
langt zu haben, w T elcher meint, dass ein künstlich erzeugter Körper, 
aus denselben Stoffen wie eine Pflanze und von denselben Struk- 
turen, eben doch kein Organismus sei*). Ein Körper aber, der 



*) Cossmann 1S99, p. 41. 



17 

stofflich und strukturell ebenso gebildet ist wie eine bestimmte 
Pflanze, kann sich unter geeigneten äusseren Bedingungen nicht 
anders verhalten als jene Pflanze, d. h. er wird leben wie sie. Es 
wäre eine Willkür, dieses Kunstprodukt wegen seiner abweichenden 
Entstehung von dem Begriff des Organismus auszuschliessen. Mit 
demselben Recht könnte man den im Laboratorium dargestellten 
Sauerstoff als begrifflich von dem der Luft verschieden erachten wollen. 

Niemand wird bestreiten, dass auch dem einfachsten Organismus 
ein äusserst verwickelter Bedingungskomplex zu Grunde liegen muss, 
und dass desshalb der physiko-chemischen Erklärung der Lebens- 
vorgänge - - ihre Möglichkeit zugegeben - einstweilen nur Weniges, 
einzelne Theilerscheinungen zugänglich sein können ; und auch 
das nur im Sinne der allgemeinen Wahrscheinlichkeit ihrer Ab- 
leitung aus gewissen physiko-chemischen Bedingungen. Beachten 
wir ferner die bekannte Thatsache, dass für Physik und Chemie 
gerade diejenigen Stoffe, welche die Lebensformen aufbauen, noch 
ungelöste Räthsel sind; dass wir chemisch von dem Protoplasma 
nur die Zerfallsprodukte kennen und auch diese nur wenig genau, 
so ist nicht sehr erstaunlich, dass physiko-chemisch einstweilen nur 
wenig erklärbar sein kann. Ich halte es sogar für wahrscheinlich, 
dass selbst die experimentelle Erforschung der Lebensvorgänge 
einfachster Organismen nicht sehr erheblich zur Lösung dieser 
Probleme beizutragen vermag. Wenn man die wahrscheinliche 
Komplikation der Bedingungen, auch der einfachsten Lebensvorgänge, 
berücksichtigt, und ferner, dass es sich in der Hauptsache um 
innere Bedingungen handelt, deren Modificirung in sicher feststell- 
barer, eindeutiger Weise kaum möglich erscheint, so wird man 
sich schwerlich der Ueberzeugung verschliessen können, dass die Er- 
mittelung der ursächlichen Abhängigkeiten der fundamentalen ein- 
fachsten Lebenserscheinungen, wie Assimilation und Dissimilation, 
Wachsthum, Selbstbewegung und Selbsttheilung, auf dem experi- 
mentellen Wege , der bei den exakten Naturwissenschaften so 
Glänzendes ergeben hat, kaum zu erreichen sein dürfte. 

Mir scheint sogar ein anderer Weg gangbarer, nämlich der- 
jenige, den ich in einigen meiner Arbeiten einzuschlagen versuchte. 

Bütschli, Mechanismus und Vitalismus. 2 



— 18 — 

Das heisst, die physiko- chemische Natur derjenigen Stoffe, von 
denen wir wissen oder annehmen dürfen, dass sie die stoffliche 
Grundlage der einfachsten Lebewesen bilden, möglichst genau zu 
erforschen, und dabei auch die in vieler Hinsicht recht wenig be- 
kannten feineren Struktur- und Formerscheinungen auf rein an- 
organischem Gebiet sorgfältig zu berücksichtigen. In zweiter Linie 
aber Vorgänge aufzusuchen, welche sich unter bekannten Beding- 
ungen an unbelebtem, seiner Natur nach bekanntem Material ab- 
spielen, und die mit jenen an den einfachsten Organismen beobach- 
teten mehr oder weniger übereinstimmen. 

Natürlich folgt aus der allgemeinen Aehnlichkeit solcher 
Vorgänge und Formbildungen an nichtlebendem Material mit 
solchen am lebenden Organismus nicht direkt reale Identität der 
ursächlichen Bedingungen in den verglichenen Fällen. Eine 
solche Uebereinstimmung kann unter den gegebenen LTmständen 
nur auf dem Wege der Ausschliessung ergründet werden ; indem 
nämlich einmal gezeigt wird, dass thatsächlich bei der zu er- 
klärenden Lebenserscheinung dieselben allgemeinen Bedingungen 
bestehen oder doch bestehen können, wie bei der damit ver- 
glichenen, unter bekannten Bedingungen verlaufenden ; und ferner 
durch den Nachweis, dass unter anderen möglichen und wahr- 
scheinlichen Bedingungen die Erscheinung im Organismus nicht 
eintreten kann. Es ist begreiflich, dass es meist sehr schwierig 
sein wird, diese Nachweise mit aller Schärfe zu erbringen. Selbst 
wenn sie erbracht sind, wird das Ergebniss nur sein, dass 
festgestellt ist, zu welcher Kategorie von Kräfte- oder Energie- 
äusserungen die betreffende Lebenserscheinung zu rechnen ist. 
Die speziellen Bedingungen in den Einzelfällen entziehen sich da- 
gegen der Feststellung; ebenso wie dies auch bei anorganischen 
gegebenen Naturobjekten und -Erscheinungen in der Regel der 
Fall ist 13 ). 

Man erkennt, dass dieser Forschungsweg ein wesentlich deduk- 
tiver ist, wie er bei sehr verwickelten Naturerscheinungen meist 
allein gegeben scheint. Es ist nöthig, zunächst eine Ansicht über 
die physiko-chemischen Geschehensweisen zu gewinnen, unter die 



19 — 

eine Lebenserscheinung möglicherweise untergeordnet werden könne; 
und dann sowohl durch Beobachtung als Experiment nachzuweisen, 
dass diese Voraussetzung weder mit den im Organismus thatsäch- 
lich gegebenen Bedingungen, noch den aus der Voraussetzung 
folgenden Konsequenzen in Widerspruch geräth. 

Eine besonders schwerwiegende Bedeutung schreibt die neo- 
vitalistische Betrachtung der Formbildung der Organismen zu ; 
nicht etwa nur der äusseren Form, sondern im weiteren Sinne 
dem äusseren und inneren organisatorischen Aufbau u ). Selbst sehr 
überzeugte Anhänger der Ansicht, dass alles Geschehen im Orga- 
nismus physiko- chemisch verlaufe, waren dennoch ebenso über- 
zeugt, dass die gegebene Form, an und in welcher sich dieses 
Geschehen abspielt, nicht selbst physiko-chemisch begriffen werden 
könne. Die Unbegreiflichkeit der Form auf mechanistischer Grund- 
lage wurde denn auch von neueren Vitalisten vielfach hervor- 
gehoben, mit der weiteren Betonung, dass nur eine teleologische 
Beurtheilung zu dem Verständniss der Form führen könne. 

Nun ist nicht zu leugnen, dass die Formen, welche in der 
Organismenwelt eine so ausserordentlich komplizirte und das Ganze be- 
dingende Ausgestaltung erlangen, etwas Eigenartiges haben. Formen, 
in dem Sinne, wie es die organisirten Individuen sind, d. h. deren 
Beschaffenheit durch den inneren Bedingungskomplex bestimmt 
wird, finden sich in der unorganischen Natur in geringer Aus- 
bildung. Es lassen sich hierher nur rechnen die Gieichgewichts- 
figuren flüssiger Körper und die Krystalle. Derartige Formen sind 
Ruhezustände. Ruhe- oder Gleichgewichtszustände sind eigentlich 
kausal nur dadurch charakterisirt, dass keine wirkenden Ursachen 
ihrer Veränderung vorhanden sind und dass dieses Nichtbestehen 
von Veränderungsursachen von gewissen formalen Bedingungen 
abhängt. Bei den Flüssigkeiten davon, dass die Summe der beiden 
auf einander senkrechten Krümmungsradien jedes Punktes der 
Oberfläche überall dieselbe ist. Auch bei den Krystallen müssen 
es zweifellos derartige formale Gleichgewichtsbedingungen sein, 
welche wenigstens im Moment der Entstehung die Form bestimmen. 
Wird ein solcher Gleichgewichtszustand gestört, so bedingt dies 

2* 



- 20 — 

das Auftreten von Kräften oder Energien, in diesem Fall der Ober- 
flächenenergie, welche, wenn die übrigen Bedingungen zureichen, 
den ursprünglichen Zustand wieder herstellen. 

Hieraus folgt, dass man bei derartigen Formzuständen nicht 
eigentlich von formbildenden Kräften oder Energien, sondern nur 
von formalbedingenden reden kann. 

Als eine zweite Art von Formzuständen auf anorganischem 
Gebiet erkennen wir diejenigen, welche nicht ruhende, sondern Be- 
wegungszustände sind, deren beharrende Form von einem gleich- 
massig beharrenden Bewegungszustand wechselnden Stoffes bedingt 
wird. Beispiele solch' „dynamischer Gleichgewichtszustände" sind 
der Wasserfall, der Fluss, der Springbrunnen, die Flamme ; lauter 
Formzustände, welche man denen der Organismen häufig verglich. 
Bei derartigen Zuständen handelt es sich um stetig wechselnden, 
in Bewegung begriffenen Stoff, welcher unter gleichmässig bleiben- 
den Bedingungen dauernde gleichmässige Bahnen durchläuft, und 
so eine dauernde dynamische Gleichgewichtsform besitzt. In 
diesen Fällen ist es also eine unter gleichbleibenden Bedingungen 
fortdauernde freie Energie , welche der Formerscheinung zu 
Grunde liegt. 

Man hat die Formzustände der Organismen wegen des Stoff- 
wechsels häufig mit dynamischen Gleichgewichtszuständen ver- 
glichen. Mir scheint dies nicht zutreffend, denn ein solch' rascher 
und andauernder Stoffwechsel, wie er derartige Zustände bedingt, 
liegt doch im Organismus sicherlich nicht vor. Dies trifft um so 
weniger zu, als wir den Stoffwechsel des Organismus unter gewissen 
Bedingungen häufig auf ein Minimum reduzirt finden, ja wohl auf 
Null, ohne dass dies seine Form alterirt. Unter solchen Umständen 
können wir die organisirte Form auch nicht den dynamischen 
Gleichgewichtszuständen unterordnen, sondern müssen sie im Prinzip 
den ruhenden zugesellen. Dies schliesst keineswegs den Wechsel 
des Stoffes aus. Ein Flüssigkeitstropfen kann eine Wandlung oder 
einen Stoffwechsel wohl erfahren, ohne seine Gleichgewichtsform 
zu ändern ; ja selbst ein Krystall ist in dieser Lage, wie jede Pseudo- 
morphose erweist. 



21 - 

Mir erscheint es daher als das Richtigste, die organisirten 
Formen den ruhenden Gleichgewichtsformen der anorganischen Natur 
anzureihen; mit der Einschränkung, dass die aufbauenden Stoffe 
einem allmählichen Wechsel, d.h. unter geeigneten Bedingungen einer 
allmählichen Zersetzung und Neubildung fähig sind. Doch nicht 
in der Weise, dass etwa der gesammte Stoff fortdauernd in einem 
solchen Wechsel begriffen ist. 

Die komplizirte organisirte Form entsteht in einer Weise, die 
auf anorganischem Gebiet ohne Analogie ist, d. h. sie entwickelt 
sich. Sie durchläuft, von einer einfachsten Gleichgewichtsform aus- 
gehend, eine Reihe successiver, sich komplizirender Formzustände, 
welche jedoch bei fortdauernden hinreichenden Bedingungen labiler 
Natur sind, in andere übergehen, bis schliesslich eine unter normalen 
äusseren Bedingungen dauernde Gleichgewichtsform erreicht wird. 
Wie gesagt, vermögen wir bei der Entstehung anorganischer 
Formen nichts aufzufinden, was einer Entwickelung vergleichbar 
wäre. Ueberraschen kann dies eigentlich nicht ; denn auch bei den 
organisirten Formen hat sich die Entwickelung erst mit der höheren 
Komplikation allmählich eingestellt. Ich vermag wenigstens nicht 
einzusehen, dass man von der Entwickelung eines Micrococcus 
reden kann. Seine Vermehrung durch Theilung scheint mir nicht 
mehr von Entwickelung einzuschliessen, als etwa die unter geeigneten 
Bedingungen eintretende Selbsttheilung eines Flüssigkeitstropfens 15 ). 

Betrachten wir die Formen einfachster Lebewesen, so muss 
ich gestehen, dass sie mir dem Verständniss weniger Schwierigkeit 
darzubieten scheinen als die unorganisirten Krystalle, für welche 
ja ein eigentliches Verständniss bis jetzt nur insofern erreicht ist, 
als gezeigt wurde, dass, unter gewissen Voraussetzungen über die 
Anordnung ihrer Theilchen, einzusehen ist, dass gerade die sich 
findenden Krystallsysteme möglich sind 16 ). Die einfachsten leben- 
den Formen dagegen sind kugelige Gebilde. Auch isolirte Zellen, 
so zahlreiche Eizellen, wiederholen häufig genug diese einfachste 
Gleichgewichtsform flüssiger Körper. Eine solche Form bietet dem 
Verständniss weniger Schwierigkeit als die einfachste Krystallform, 
wenn wir voraussetzen, dass sie als Gleichgewichtsform eines flüssigen 



22 — 

Zustands der lebenden Substanz entstanden sei. Die von der 

Kugelgestalt abweichenden einfachsten Formen, wie ellipsoidische, 
cylindrische etc., lassen sich begreifen unter der meist direkt nach- 
weisbaren Voraussetzung, dass eine äussere, festgewordene Membran, 
oder doch Schicht, vorhanden ist, deren auf ungleichmässiger Struktur 
oder sonstiger Beschaffenheit beruhenden besonderen Dehnungs- 
verhältnisse beim Wachsthum zu Gleichgewichtsformen führen, die 
von der Kugelgestalt -abweichen. Ich erachte es daher nicht für 
unmöglich, wenn auch nur in den allereinfachsten Fällen wirklich 
erreichbar, die organisirten Formen als Gleichgewichtsformen zu 
begreifen 17 ). 



Wenn man dem Mechanismus nun auch zugeben wollte, dass 
das Entstehen eines allereinfachsten Organismus nach Form und 
Inhalt, auf Grund besonderer physiko-chemischer Bedingungen, nicht 
unbegreiflich und unmöglich sei, so erhebt sich doch die Frage : 
lässt sich eine solche Annahme auch für den hochkomplizirten 
Organismus rechtfertigen, führt sie für diesen nicht zu unlösbaren 
Schwierigkeiten ? 

Vor dieser Entscheidung angelangt, begegnen wir selbst bei 
Denjenigen, welche wie Lotze das Geschehen im gegebenen 
fertigen Organismus nicht anders als ein physiko-chemisches, auf 
der Grundlage äusserst verwickelter formaler und stofflicher Be- 
dingungen, begreiflich erachten, doch der Ueberzeugung, dass der 
wunderbare Bau dieser organisirten und so fein harmonisirten Maschine 
unmöglich das Ergebniss eines zufälligen örtlichen Zusammen- 
treffens physiko - chemischer Bedingungen sein könnte. Zwar 
schränkte Lotze diese Anschauung insofern etwas ein, als er 
zuzugeben geneigt war, dass ein solch' zufälliges Entstehen ein- 
fachster Organismen wohl denkbar und möglich sei; dagegen 
könne der komplizirte harmonische Bau eines höheren Organismus 
unmöglich als Zufallsprodukt gedacht werden 18 ). 

Es wird sich ja auch kaum Jemand finden, der geneigt wäre, 
sich das Entstehen eines komplizirten Organismus unter dem Bilde 



— 23 — 

eines plötzlichen zufälligen Zusammentreffens verwickelter physiko- 
chemischer Bedingungen zu denken. 

Wie ersichtlich hat für solche Betrachtungen der Begriff" des 
„Zufälligen", des „Zufalls", eine wichtige, ja entscheidende 
Bedeutung. Dieser Begriff wurde jedoch häufig nicht genauer 
präcisirt, andererseits auch recht verschieden definirt. Die Ueber- 
legung ergibt ja einmal, dass zufälliges Geschehen oder zufälliges 
zeitliches oder örtliches Zusammentreffen (denn für diese beiden 
Modalitäten wird der Zufallsbegriff gleichmässig verwendet) nicht 
ein bedingungsloses oder kausal unabhängiges Geschehen oder Zu- 
sammentreffen bedeutet. Ein solches Geschehen oder Zusammen- 
treffen wäre ein „Wunder". „Zufällig" nennen wir dagegen ein 
Geschehen oder ein Zusammentreffen, das trotz kausaler Bedingt- 
heit, von der wir bestimmt überzeugt sind, wegen der komplexen 
und unbekannten, sowie in den sich wiederholenden ähnlichen Fällen 
wechselnden Bedingungen ganz unberechenbar und deshalb un- 
möglich vorauszusagen ist ; wie z. B. der Ort, an dem eine auf die 
Erde geworfene Kugel zur Ruhe gelangt, oder das Vorkommniss, 
dass die für das grosse Loos gezogene Nummer mit der von 
einer gewissen Person gekauften Loosnummer zusammentrifft. 

Eine Einschränkung machen wir bei dem Zufallsbegriff insofern, 
als wir nicht alles unberechenbare Zusammentreffen als Zufall be- 
zeichnen ; nämlich dann nicht, wenn es sich regel- oder gesetz- 
mässig wiederholt. So nennt man das sich regelmässig wieder- 
holende Zusammentreffen eines bestimmten Eigenschaftskomplexes 
der chemischen Elemente und ihrer Verbindungen nicht zufällig; 
obgleich gerade diese Kombinationen von Eigenschaften im All- 
gemeinen unberechenbar und daher wenigstens heutzutage noch 
von einem zufälligen Charakter erscheinen. 

Ueberschauen wir jedoch die wirkliche, nichtlebende Welt, so 
ist darin mehr Zufall als Nichtzufall. Abgesehen von periodischen, 
auf Grund einfacher Gesetzmässigkeiten sich wiederholender astro- 
nomischer und meteorologischer Erscheinungen, deren Eintreffen wir 
voraussagen können, besitzt alles natürliche Geschehen und Zu- 
sammentreffen mehr oder minder zufälligen Charakter, wiewohl 



— 24 - 

es nach unserer Ueberzeugung kausal bedingt ist; doch ver- 
laufen die verschiedenen , zeitlich oder örtlich zusammentreffen- 
den Kausalketten unabhängig neben einander, oder ihre Abhängig- 
keit liegt doch zeitlich soweit zurück, dass sie sich der Er- 
kenntniss entzieht. Schon die Konfiguration unserer Erdoberfläche, 
die Vertheilung von Land und Wasser, die Gestaltung und Oert- 
lichkeit der Gebirge und Flüsse, Wolkenbildungen u. s. f. erscheinen 
uns als Zufallsprodukte. Das Gleiche gilt auch für die mensch- 
liche Geschichte, deren erschütternde Ereignisse, deren weltbe- 
wegende Personen ebenso als Zufallsprodukte uns entgegentreten, 
wenn auch wohl in etwas eingeschränktem Sinne. Das heisst beispiels- 
weise etwa so, dass zwar Bewölkung und heiterer Himmel in ihrem 
Wechsel nicht mehr unter dem Bilde des Zufalls erscheinen, da- 
gegen die örtliche Wolkenbildung und ihre besondere Konfiguration; 
oder so, dass der Tod als Abschluss des Lebens nicht als Zufall 
erscheint, dagegen wohl Zeit, Ort und Art dieses Todes. 

Gerade im Hinblick auf den Organismus wurde gelegentlich be- 
tont, dass wir darin den wesentlichen Unterschied eines zufälligen 
und eines zweckmässigen Geschehens fänden, dass das erstere sich 
nur einmal oder nur gelegentlich, das letztere dagegen sich häufig 
oder immer mit demselben typischen Effekt wiederhole. Nun ist 
ja richtig, dass wir ein sich regelmässig wiederholendes Geschehen 
oder Zusammentreffen, auch wenn es unberechenbar oder unbegreif- 
lich, nicht unter den Zufall rechnen. Wenn jedoch in der an- 
gegebenen Weise ein Gegensatz zwischen zufälligem und zweck- 
mässigem Geschehen begründet werden soll, so scheint dies nicht 
gerechtfertigt ; denn ein zufälliges Geschehen wird auch durch 
häufige Wiederholung nicht zweckmässig, wenn es den Charakter 
des Zweckmässigen nicht schon im Einzelfalle besass. Der Gegen- 
satz von zweckmässig ist unzweckmässig, aber nicht „zufällig"; 
eine Handlung, die nur einmal geschieht, kann dennoch höchst 
zweckmässig sein. 10 ) 

Da es aber eine der wesentlichsten Eigenschaften der lebenden 
Naturkörper ist , sich fortzupflanzen oder zu vermehren , so er- 
scheinen die Organismen in dieser Betrachtungsweise überhaupt in 



- 25 

besonderem Lichte. Denn es wird kaum Jemand meinen, dass eine 
dauernde Bevölkerung unserer Erde mit Organismen wahrschein- 
lich gewesen sei, wenn sie nicht Fortpflanzungsfähigkeit erlangt 
hätten. Zweifellos hätten aber die vermehrungsfähigen diejenigen 
bald verdrängt, denen dieses Vermögen mangelte. Wenn nun 
Fortpflanzung, Vermehrung des Individuums, zu den bezeichnen- 
den Eigenthümlichkeiten des Organismus gehört , so folgt , dass 
eben der Organismus, welcher mit dieser Fähigkeit, auch durch 
zufälliges Zusammentreffen physiko-chemischer Bedingungen, ent- 
stand, sich wesentlich anders verhalten musste, als die Zufalls- 
produkte auf unorganischem Gebiet. Denn der so entstandene 
Organismus war befähigt , sich selbst zu wiederholen ; nicht in 
dem Sinne , dass er dies zufällige Zusammentreffen der Beding- 
ungen wiederholt hätte obgleich in dem fundamentalen Vor- 
gang der assimilatorischen Vermehrung der lebendigen Substanz 
etwas derartiges versteckt sein muss — sondern im Sinne der 
Wiederholung des Produktes jenes zufälligen Ereignisses, der Zer- 
legung des Individuums in mehrere neue. 

Die zufällige Entstehung eines fortpflanzungsfähigen Organis- 
mus erhebt demnach das zufällige Produkt zu etwas Dauerndem, 
sich regelmässig Wiederholendem, wodurch ihm in seiner dauernden 
regelmässigen Succession der Charakter des Zufälligen entzogen 
wird; nicht aber nothwendig auch im Hinblick auf sein erstes Ent- 
stehen, das recht wohl die Bezeichnung zufällig verdienen kann. 

Wie aber, wenn die Organismen eine andere Entstehung als 
die hier zunächst erörterte genommen hätten ? Dann könnten sie 
einmal ewig, d. h. so lange als wir irgend zurückzudenken ver- 
mögen, gewesen sein. Nimmt man an, dass es Organismen von 
ähnlicher stofflicher Natur wie die heutigen gewesen seien, die 
seit Ewigkeit bestanden, so konnten sie auf unserer Erde nur von 
einem gewissen Zeitpunkt an existiren, und ihre Uebertragung auf 
die Erde kann uns nur als zufällig erscheinen. Nimmt man 

dagegen an, dass Organismen ganz anderer stofflicher Natur 
ursprünglich existirten, so behauptet man eigentlich nicht die 
Ewigkeit der Organismen, sondern die ewige Möglichkeit von 



26 

Bedingungskombinationen verschiedenster Art, deren Verhalten in 
der umgebenden Welt dem entspricht, was wir Lebenserscheinungen 
nennen. Die Organismen von der stofflichen Natur, die wir 
allein kennen, müssen aber dann ebenfalls einer besonderen Be- 
dingungskombination von zufälligem Charakter entsprungen sein. - 
Erscheinen uns die Lebewesen irgendwie mit einem besonderen 
gesetzlichen Geschehen verknüpft, wie es in gleicher Weise in der 
nichtlebenden Welt fehlt, so muss dieses vitale Geschehen doch 
unter gewissen physiko-chemischen Bedingungen eintreten und diese 
Bedingungen können wir uns nur durch Zufall realisirt denken. - 
Lassen wir endlich die Organismen durch einen Schöpfungsakt, 
also ausserhalb des Kreises kausalbedingten natürlichen Geschehens 
entstehen, nach Art eines Wunders, so nimmt ihre Entstehung 
erst recht den Charakter des Zufalls an ; denn ein solcher 
Schöpfungsakt ist unberechenbar, die Gedanken eines Schöpfers 
nachzudenken unmöglich. 

Es scheint demnach, dass wir auf den verschiedenen mög- 
lichen Wegen über die zufällige Entstehung der Lebewesen auf 
unserer Erde nicht hinaus kommen. 

Man hat nun aber nicht mit Unrecht betont, dass das zufällige 
Entstehen eines komplizirten, erstaunlich zweckmässig gebauten 
und arbeitenden Organismus undenkbar, ja absurd sei. Ebenso- 
wenig als geologische Ereignisse in zufälligem Zusammenspiel das 
Parthenon hätten hervorbringen können, ebensowenig sei auch 
das zufällige Entstehen eines höheren Organismus denkbar. So 
wenig die Erfindung der Dampfmaschine als ein kindliches Zufalls- 
spiel zu denken sei, so wenig gelte dies auch für einen solchen 
Organismus. Gerade das letzte Beispiel kann zuerst etwas stutzig 
machen. Es fragt sich eben: wie viel oder wie wenig Zufall steckt 
in einem menschlichen Kunstwerk oder in der Konstruktion einer 
Maschine. Wohl mehr als man gemeinhin denkt. 

Im Allgemeinen lässt sich eine Maschine wohl nur als ein 
menschliches Werkzeug einfacherer oder komplizirterer Art be- 
zeichnen, dazu bestimmt, Bewegungen des Menschen selbst oder 
anderer Naturkörper auf wieder andere zu übertragen, die Bewegung 



27 

in gewisser Weise zu ändern und damit gewisse beabsichtigte 
Wirkungen hervorzurufen. Es ist behauptet worden, dass wir die 
Maschine ebensowenig kausal oder logisch zu begreifen vermöchten 
als die Form des Organismus. Beide bieten denn auch viel Ana- 
logien hinsichtlich ihrer Begreiflichkeit, wenn wir ihr wahrschein- 
liches Entstehen beachten. Die einfachsten Maschinen, Werkzeuge 
und Geräthe, wie z. B. den Hebel, die Walze, den Keil, das Beil, 
den Topf, Tisch und Stuhl, lernte der Mensch in zufälligen Natur- 
produkten kennen, deren Wirkungen von v ihm ebenso zufällig 
beobachtet oder erfahren , dann auch vorausgesagt und daher 
zweckmässig angewendet werden konnten. Komplizirtere Maschinen 
entstanden durch zufällige associative Kombination verschiedener 
einfacher ; so die Verbindung der einfachen Schleife, die zur Beförder- 
ung von Gegenständen diente, mit der Walze ; darauf folgte Probiren 
dieser Kombination, was ihre Zweckmässigkeit ergab. In gleicher 
Weise kann man durch ähnliche Vorgänge die Erfindung der 
Räder wohl ableiten. Auch die Dampfmaschine entsprang nicht 
einer fertigen Idee, sondern aus zufälligen Beobachtungen über die 
hebende Wirkung des Dampfdrucks und aus fortgesetztem langdauern- 
dem Probiren neuer, zufälliger, verbessernder und vervollkommnender 
kleiner Kombinationen, deren Zweckmässigkeit erst < die Probe oder 
das Experiment ergab. Alle unzweckmässigen Kombinationen wurden 
baldigst ausgemerzt und gingen unter ; die zweckmässigen dagegen 
erhielten sich. Jede Maschine hat sich demnach allmählich ent- 
wickelt, ausgehend von zufälligen Erfahrungen, durch associative, 
intuitive, d. h. unberechenbare zufällige Kombinationen, von denen 
bei der Verwirklichung die zweckmässigen sich erhielten, die un- 
zweckmässigen nicht. Wir finden daher, dass zweifelsohne bei der 
Erfindung der Maschinen der Zufall ein sehr wesentlicher Faktor 
ist, und dass der Gang der Maschinenentwickelung grosse Aehn- 
lichkeit mit der allmählichen Umbildung der Organismen hat, wie 
sie Darwin 's Lehre für wahrscheinlich hält. Natürlich werden 
auch auf dem Gebiete der Maschinenerfindung die möglichen 
Kombinationen und Konstruktionen um so ausgedehnter, je umfang- 
reicher die überlieferten Erfahrungen sind und je ausgiebiger der 



— 28 — 

zufällige Erfinder sie verwerthet. Dieses Wissen aber ist das 
Produkt langer zufälliger Erfahrungen, Kombinationen und der Er- 
haltung des Zweckmässigen. 

Nun noch ein Wort über den oder die Erbauer des Parthenon! 
Dieser Erbauer selbst ist eine zufällige, in keiner Weise berechen- 
bare oder sich wiederholende Erscheinung gewesen. Sein Werk 
aber war bedingt durch die vorhergegangene lange Entwickelungs- 
epoche griechischer Baukunst, die ihrerseits wieder auf älteren 
Vorläufern ruhte. Alles, was der Zufall durch geniale Baumeister, 
mit ihren ebenso zufälligen Ideen, als Zweckdienliches und Zweck- 
schönes hervorgebracht und überliefert hatte, war es, worauf der Er- 
bauer des Parthenon fusste, und auf Grund dessen er, als eine, 
wie gesagt, zufällige Erscheinung (auch in dem Sinne gesteigerten 
Gefühls für das Zweckdienliche und Zweckschöne) seine Weiter- 
führung bethätigte. Von einem Ausschluss des Zufalls kann demnach 
auch hier keine Rede sein. 

Weder auf dem Gebiet der Technik, noch auf dem der Kunst 
und der Wissenschaft vermag daher ein Zufall etwas Komplizirtes 
hervorzubringen ; dagegen spielt die im Laufe einer langen Ent- 
wicklungsepoche fortdauernde Häufung zufälliger Kombinationen, 
die sich als zweckdienlich oder zweckschön erhielten, eine wich- 
tige Rolle. 20 ) 

Dass nun ein zufällig auftretender, erhaltungs- und fortpflanz- 
ungsfähiger einfachster Organismus durch Häufung zufälliger neuer 
Kombinationen, welche sich erhielten, insofern sie unter den ge- 
gebenen allgemeinen Bedingungen zweckmässig waren, zu höherer 
Komplikation von zweck- oder erhaltungsmässiger Funktionirung 
fortschreiten konnte, halte ich, trotz der vielen erhobenen Ein- 
wände, für wahrscheinlich. Nicht ein Zufall wäre in diesem Sinne 
das Entstehen eines höheren Organismus, sondern eine Häufung 
zahlreicher Einzelzufälle unter Fortdauer des Zweck- oder Erhaltungs- 
mässigen. 

Dem alten wie dem neuen Vitalismus gilt vor Allem die weit- 
gehende, häufig geradezu als unbeschränkt bezeichnete wunderbare 
Zweckmässigkeit des Organismus als die schärfste Angriffswaffe 



— 29 — 

gegen den Mechanismus. Selbst so überzeugte Vertheidiger des 
rein physiko-chemischen Geschehens im Organismus, wie Lotze 
und Claude -Bernard, sahen sich doch zur Annahme gezwungen, 
dass der gesammte Bedingungskomplex, welcher dem harmonisch 
funktionirenden Organismus zu Grunde liegt, durch ein höheres, 
ein metaphysisches oder teleologisches Prinzip hervorgebracht und 
geregelt werde. Wie schon bemerkt, konnte nach Lotze der 
höhere Organismus nicht dem Zufall, sondern nur einem Schöpfer 
sein Entstehen verdanken; und Claude-Bernard meint: Ein meta- 
physisches Prinzip, eine ,,force vitale", die zwar nichts ausführt, 
da alles im Organismus physiko-chemisch bedingt ist, muss diese 
Bedingungen so geregelt und harmonisirt haben ; denn von einem 
Zufall konnte dies unmöglich abhängen. ,,La force vitale . . . ne 
serait qu'une force legislative mais nullement executive." 

Aehnliche Anschauungen, welche im Grunde auf die Voraus- 
setzung eines entsprechenden Prinzips hinauslaufen, möge es nun 
als ,, Zielstrebigkeit ", „Lebenskraft", ,,Organisatrix", 
„Bildungstrieb", oder sonst wie bezeichnet werden, haben auch 
Neo-Vitalisten vielfach geäussert. Zur Beurtheilung solcher Meinungen 
wird es zunächst nöthig sein, den allgemeinen Begriff der „Zweck- 
mässigkeit" genau zu präzisiren und weiterhin zu untersuchen, 
in welchem Maasse Zweckmässiges in der Organismenwelt an- 
getroffen wird. 

Niemand wird leugnen, dass der Begriff der Zweckmässigkeit 
ursprünglich von menschlichem Thun abgeleitet wurde und zwar 
von bewusst psychischem Thun. Zweck ist die Vorstellung eines 
Gewollten, oder, wie man auch gesagt hat, das Motiv, der psychische 
Grund einer menschlichen Handlung, welche die Wahl geeigneter 
oder ungeeigneter Mittel zur Ausführung der Handlung bedingt. 
Die Handlung erscheint uns insofern zweckmässig, als der vor- 
gestellte Zweck durch sie wirklich realisirt wird. Wie bemerkt, 
erscheint daher der Zweck als das Motiv, der psychische Grund der 
zweckmässigen Handlung. 

Hieraus folgt jedoch, dass zweckmässiges Geschehen oder 
Handeln im strengeren Sinne ein Bewusstsein voraussetzt, welches 



30 — 

Erfahrungen enthält; denn nur auf dieser Grundlage kann von dem 
Eintreten einer Zweckvorstellung und der Wahl geeigneter Mittel 
zur Ausführung die Rede sein. Ins Physische übersetzt würde 
diese Betrachtung lauten: Eine zweckmässige Handlung Jcann nur 
da geschehen, wo die physische Grundlage in Form eines hoch- 
entwickelten Nervensystems vorliegt, dem die Möglichkeit eines 
Erfahrungsschatzes koordinirt ist. 

Für die Beurtheilung eines Geschehens als zweckmässig oder 
nicht, erscheint daher zuerst erforderlich das Erkennen eines 
Zwecks desselben und weiterhin, ob dieser Zweck durch jenes 
Geschehen, d. h., die dabei in Thätigkeit gesetzten Mittel, wirk- 
lich erreicht wird. — In der anorganischen Natur ist nun die An- 
gabe von Zwecken etwas ganz unbestimmtes, willkürliches ; man 
könnte schliesslich nur sagen, dass hier der Zweck des Geschehens 
ist, dass es geschieht. In der Organismenwelt scheint mir, wenn 
wir den Gesämmtorganismus und sein Lebensgeschehen betrachten, 
auch keine sehr präcise Zweckangabe möglich. Denn der Gesammt- 
zweck dieses Geschehens kann doch auch nur sein, dass der frag- 
liche Organismus besteht, existirt, sich erhält. Dies ist aber etwa 
dasselbe, als wenn ich sage, der Zweck der Planetenbewegungen 
ist der, dass sie bestehen, sich erhalten, und dass so das gesammte 
Planetensystem sich erhält, wie es ist. Dazu kommt, dass man 
auch das Paradoxon wagen könnte : es sei das Sterben der Zweck, 
des Lebenden, indem ja jeder Organismus sein Endziel im Tode 
findet. 

Deutlicher wird der Zweck erst, wenn wir die einzelnen Organe 
und ihre Leistungen für den Gesämmtorganismus ins Auge fassen. 
Obgleich wir zwar über den eigentlichen Zweck jedes Organs nichts 
anderes angeben können, als die Leistung, welche es in der That 
ausführt, so vermögen wir doch das Verhalten dieser Leistung zu 
dem Gesammtzweck des Organismus als zweckmässig oder unzweck- 
mässig zu beurtheilen. Vergessen sollten wir dabei jedoch nicht, 
dass ein solches Urtheil über die Zweckmässigkeit einer Einrichtung 
oder einer Leistung des Organismus ein Schluss aus der Analogie mit 
zweckmässigen menschlichen Erzeugnissen oder Handlungen ist ; d. h. 



- 31 — 

in dem Sinne, dass diese Einrichtungen und Leistungen des Organis- 
mus solche seien, welche den Anschein hervorrufen, als liege ihnen 
ein ähnliches Geschehen zu Grunde wie dem bewussten zweck- 
mässigen Handeln des Menschen- 1 ). 

Kann jedoch eine solche Beurtheilung des Organismus dazu 
berechtigen, auch die Abhängigkeitsverhältnisse im Organismus in 
ähnlicher Weise zu denken, wie wir menschliche Zwecke und Hand- 
lungen, sowie ihr Ergebniss, in Abhängigkeit denken? D. h., dürfen 
wir annehmen, dass der Zweck eines Organs das Motiv seines 
Entstehens und seiner zweckmässigen Thätigkeit ist? Solch' eine 
teleologische Beurtheilung des Organismus nach Zweckursachen oder 
Causae finales ist ja eine uralte und auch im Neo- Vitalismus in 
etwas veränderter Form wieder hervorgetreten. Eine solche Be- 
urtheilung verstösst jedoch gegen den eigentlichen Begriff des 
Zwecks, der eben die Vorstellung einer bewussten und erfahrenen 
Intelligenz ist, deren Koordination mit den hochkomplizirten Ein- 
richtungen eines Nervensystems wir erfahrungsgemäss kennen, und 
die wir daher auch nur da zuzugeben berechtigt sind, wo wir 
solche organisatorischen Einrichtungen antreffen. 

Die Annahme einer unbewussten Intelligenz, die zweckmässiges 
Geschehen bedinge, oder einer entsprechenden, den Organismen 
eisenthümlichen Geschehensform ist daher meiner Ansicht nach 
eine nichtberechtigte Umschreibungshypothese ; weil Zweckhandlung 
oder Zweckgeschehen und Bewusstsein nicht willkürlich von einander 
trennbare Erscheinungen sind. Wenn ich ein hypothetisches, zweck- 
handelndes, jedoch unbewusstes Geschehen voraussetze, so nehme 
ich nicht eine empirisch bekannte Geschehensform als Erklärungs- 
grund an, sondern eine willkürlich konstruirte, welche das schon 
enthält, was erklärt werden soll, nämlich die zweckmässige Ein- 
richtung und Funktion des Organismus. Nur dann wäre ein solches 
Geschehen zuzugeben, wenn die Erfahrung zeigte, dass die zweck- 
mässige Reaktion thatsächlich die stete Geschehensform des Orga- 
nismus ist. 22 ) 

Wir warfen vorhin die Frage auf, ob denn die Zweckmässig- 
keit der Organismen so unbeschränkt sei , wie vielfach behauptet 



- 32 

wird; weshalb sogar schon die zweckmässige Reaktion auf äussere 
Einwirkungen als das eigentliche Charakteristikum des Organis- 
mus bezeichnet wurde. 23 ) Mir erscheint diese Zweckmässigkeit 
keineswegs so umfassend, als die Vertreter der teleologischen 
Anschauungen gewöhnlich behaupten. Es ist hier nicht möglich, 
das Dysteleologische, Unzweckmässige, und das Zwecklose in der 
Organismen weit eingehender zu erörtern. Nur auf Weniges sei 
hingewiesen. Die zweckmässigen Reaktionen auf äussere Einwirk- 
ungen erfolgen in der Regel nur innerhalb gewisser Grenzen der 
Reizintensitäten, d. h. innerhalb der Grenzen, in welchen diese 
Einwirkungen in der natürlichen Umgebung gewöhnlich auftreten. 
Dagegen geschieht häufig, ja meist, Unzweckmässiges, wenn die 
Einwirkungen die üblichen Grenzen überschreiten. Ein solches 
Verhalten steht mit einem immanenten zweckmässigen Reagiren 
in Widerspruch, ist dagegen wohl vereinbar mit der Ansicht, 
dass die zweckmässige Reaktion ein Produkt allmählicher Entwick- 
lung unter dem regulirenden Einfluss der äusseren Einwirkungen 
ist. Denn dies liesse verstehen, dass abnorme Reize, wie sie in 
der natürlichen Umgebung nur selten und vereinzelt auftreten, 
keine bleibenden regulatorischen und zweckmässigen Reaktionen 
zu bedingen im Stande waren. 

Hinweisen möchte ich ferner auf die unleugbare Thatsache, 
dass im Laufe der Erdgeschichte eine Menge Lebensformen aus- 
gestorben sind; ausgestorben eben doch nur deshalb, weil sie 
ausser Stande waren, sich für die gegebenen Bedingungen zweck- 
und erhaltungsmässig zu modificiren und in solcher Weise auf ver- 
änderte Verhältnisse zu reagiren. Diese Thatsache scheint mir 
unvereinbar mit der Annahme, dass dem Organismus an und für 
sich ein zweck- und erhaltungsgemässes Reagiren zukomme. Will- 
kürliche Beschränkungen der zweckmässigen Reaktion anzunehmen, 
scheint mir aber ein Widerspruch gegen das Prinzip. 

Endlich möge hier ein dritter Punkt kurz erörtert werden. 
Die Vertheidiger eines unbewusst zweckmässig wirkenden Prinzips 
im Organismus sind Gegner der Darwin' sehen Lehre, der sie 
vorwerfen, dass sie die weitgehende Zweckmässigkeit in der 



— 33 — 

Organismenwelt nicht hinreichend zu erkären vermöge. Dennoch 
wurde gerade von dieser Seite häufig gegen den Darwinismus ein- 
gewendet, dass die Lebewesen zahlreiche Einrichtungen besitzen, 
für welche zweckmässige Leistungen gar nicht nachzuweisen 
sind. Schon Schopenhauer*), einem konsequenten Vertreter 
teleologischer Erklärung, fiel dies wohl auf und bestimmte ihn, 
gewissermassen eine Grenze anzunehmen , über die hinaus das 
teleologische Prinzip unwirksam sei. Man wirft also dem Dar- 
winismus vor, er sei unfähig, das Entstehen vieler organisatorischer 
Einrichtungen zu begreifen , weil ein Zweck derselben nicht auf- 
zufinden ist ; und dies geschieht meist gerade von Denjenigen, 
welche andererseits betonen, dass die zweckmässige Reaktion eine 
allgemeine Eigenschaft des Lebenden bilde. Ich meine jedoch, 
der Darwinismus vermag sich sehr wohl mit der Thatsache abzu- 
finden, dass viel Zweckloses im Organismus vorkommt; voraus- 
gesetzt nur, dass es nicht schädlich ist. Dagegen sehe ich nicht 
ein, wie die Ansicht, dass eine immanente zweckmässige Reaktion 
das Wesen des Organismus sei, sich mit der offenbaren Zweck- 
losigkeit zahlreicher Einrichtungen vereinbaren lässt. 

Den Angelpunkt der Frage nach der Bedeutung des Zweck- 
mässigen im Organismus für die mechanistische und vitalistische 
Auffassung bildet die Möglichkeit oder Unmöglichkeit, das Entstehen 
des Zweckmässigen auf mechanistischer Grundlage zu begreifen. 
Der einzige Versuch hierzu ist der Darwinsche, sammt den 
Modifikationen, welche im Laufe der Zeit berechtigter oder unbe- 
rechtigter Weise dazu gefügt wurden. Für unsere Stellung gegen- 
über dem Mechanismus muss daher die Anerkennung oder Ablehn- 
ung der Darwinschen oder einer anderen, Aehnliches anstreben- 
den Lehre fundamentale Bedeutung haben. Unmöglich erscheint es 
jedoch, hier eine kritische Untersuchung des Darwinismus anzu- 
stellen. Ich vermag nur meiner eigenen Ueberzeugung Ausdruck 
zu geben, welche, trotz der in den letzten Jahren erhobenen, an- 
geblich vernichtenden Einwände gegen Darwin's Lehre, dahin 



*) Vergl. hauptsächlich: Zur Teleologie Bd. 3 p. 377 ff, jedoch auch: Kritik 
d. Kant. Philosophie Bd. 2, p. 630 ff. 



Bütschli, Mechanismus und Vitaiipmus. 



— 34 — 

geht, dass ich diese Lehre, in Verbindung mit der Voraussetzung 
von Keimesvariationen, welche allein vererblich sind (wie ich selbst 
dies schon 1876 angedeutet habe), für eine sehr mögliche, und 
unter den sonstigen Erklärungsversuchen für den wahrschein- 
lichsten halte 24 ). 

Jede teleologische Beurtheilung des Organismus und seines 
Werdens muss zu dem Ergebniss führen, dass das zu erreichende 
Endziel, oder der Zweck der werdenden Bildung, eine ähnliche 
Rolle spielt wie der Zweck oder das Zweckmotiv bei der zweck- 
mässigen Handlung. So bemerkte denn auch der überzeugte Vi- 
talist Schopenhauer: „Wir müssen es kühn heraussagen: Die 
Endursache ist das Motiv, welches auf ein Wesen wirkt , von 
welchem es nicht erkannt wird. Die Termitennester sind das 
Motiv, das die lange Zunge des Ameisenbären hervorgebracht hat." 
„Die Endursache und die causa efficiens, die wirkende Ursache, 
fallen eben bei dem Zweckmotiv in eine zusammen 25 )". 

Betrachten wir diesen Fall auch von mechanistischem Stand- 
punkt , unter den Voraussetzungen , welche die Darwin 'sehe 
Lehre für seine Begreiflichkeit macht. Nach ihr wären es Va- 
riationen , die von nicht genauer bekannten veränderten Be- 
dingungen abhängen , welche die Zunge bei den Vorfahren des 
Ameisenbären verlängert hätten. Hiervon allein hing es jedoch 
nicht ab, dass die heutigen Ameisenbären so stark verlängerte 
Zungen besitzen ; es musste die weitere Bedingung hinzu treten, dass 
Termitennester vorhanden waren, welche diese Zunge erst nützlich 
machten. Letztere Bedingung erscheint daher für das Bestehen 
der verlängerten Zunge der heutigen Ameisenbären ebenso wesentlich 
als die der Variationen. Also auch nach Darwin 's Auffassung sind 
die Termitennester eine wesentliche bedingende Ursache für die 
Existenz der verlängerten Zunge ; zwar haben sie nicht die Be- 
deutung einer wirkenden Ursache, die Termitennester liefern nicht 
etwa die Energie für das Auswachsen der Zunge ; sie spielen auch 
nicht die Rolle einer auslösenden Ursache oder eines Reizes. Sie 
sind aber eine unerlässliche Bedingung für die Erhaltung der 
langen Zunge. In diesem Sinne geht also das Schopenhauer'sche 



35 - 

Motiv als wesentlicher Bestandtheil in den Bedingungskomplex ein. 
Nur können wir dieses Geschehen, ebensowenig wie irgend welches, 
von einer einzigen Bedingung abhängig finden, sondern von einem 
Komplex zusammentreffender, von gleicher Unerlässlichkeit. 

Schon im Vorhergehenden wurde mehrfach angedeutet , dass 
einige Biologen nachzuweisen suchten : im Organismus bestehe eine 
besondere Art kausalen Geschehens oder der kausalen Abhängigkeit, 
worin sich ein fundamentaler Unterschied des Lebenden und 
Nichtlebenden offenbare.- So versuchte Pflüger (1877) zu zeigen, 
dass im Organismus ein eigenartiges „teleologisches Kausal- 
gesetz" herrsche, dessen Abhängigkeitsbeziehungen sich in folgen- 
dem Schema aussprächen : „Die Ursache jeden Bedürfnisses 
eines lebendigenWesens ist zugleich die Ursache der 
Befriedigung des Bedür f nisses" (p. 76). Erläutert wird dies 
teleologische Kausalgesetz hauptsächlich an der bekannten Er- 
scheinung, dass ein intensiver, das Auge treffender Lichtreiz, 
welcher einerseits ein gestörtes Funktioniren des Auges zur Folge 
hat, andererseits eine Verengerung der Pupille bedingt, die das 
Funktioniren des Organs verbessert oder korrigirt. Wenn Pflüger 
hierbei von einem „Bedürfniss" und dessen „Befriedigung" spricht, 
so führt er in den Vorgang etwas ein , was er nicht enthält. 
Thatsächlich ist die Folge des intensiven Lichtreizes nur eine un- 
angenehme Empfindung im Auge und unkorrektes Sehen; dass 
die Folge dagegen ein Bedürfniss nach Korrektur oder Regulation 
dieser Erscheinungen sei, ist ein Urtheil über das, was wir für 
ein so funktionirendes Auge als wünschenswerth erachten. Dass 
die Pupillenverengerung eine Befriedigung sei, ist ebenfalls ein 
Urtheil auf Grund des vorherigen über ein bestehendes Bedürfniss. 
Dieselbe Argumentation lässt sich für jede Regulationseinrichtung 
an einer Maschine anstellen. Zu hoher Dampfdruck in der Dampf- 
maschine bewirkt zu raschen Gang der Maschine, was wir als ein 
Bedürfniss nach Korrektur, nach Verminderung der Schnelligkeit 
beurtheilen. Gleichzeitig wird jedoch auch der Regulator geöffnet 
und der Dampfdruck vermindert, was wir als Befriedigung beur- 
theilen. In diesen Fällen handelt es sich um eine Ursache (die 



- 36 — 

Veränderung einer der Gesammtbedingungen) , welcher zwei ver- 
schiedene Wirkungen folgen, von denen eine die Bedingungen so 
ändert, dass die andere Wirkung regulirt wird. Ein solcher 
Doppelerfolg ist nur auf Grund eines, in besonderer Weise ein- 
gerichteten Bedingungssystemes möglich, wie es uns ja die Dampf- 
maschine mit ihrem Regulator vorführt. Pflüger denkt sich denn 
auch dies teleologische Kausalgesetz als etwas ,, mechanisch" Ent- 
standenes. Er sagt: „Wie diese teleologische Mechanik entstanden, 
bleibt eines der höchsten und dunkelsten Probleme." Andererseits 
scheint er jedoch anzunehmen , dass sie von Anfang an als eine 
besondere Fähigkeit oder Gesetzlichkeit mit der ersten lebenden 
Materie entstand, so dass also zweckmässige Reaktion das 
stete und regelmässige Geschehen der lebenden Materie bilde. Da 
ich ein solch' gesetzliches zweckmässiges Reagiren des Organismus 
nicht für begründet und nachweisbar erachte, wie schon erörtert 
wurde, so halte ich auch Pflüger 's teleologische Kausalität für 
nicht begründet. Von meinem, und dem mechanistischen Stand- 
punkt überhaupt, würde die Beurtheilung folgendermassen lauten : 
Unter den Reaktionsmöglichkeiten der lebenden Materie auf äussere 
Einwirkungen fanden sich auch solche , die zweckmässig w r aren, 
und diese wurden, als die auf die Dauer allein existenzfähigen, 
erhalten. 

An Pflüg er 's Gesetz erinnert in mancher Hinsicht Coss- 
mann's Ansicht über ein besonders „biologisches Geschehen" in 
den Organismen, im Gegensatz zu kausalem Geschehen. Coss- 
mann, dem die Kausalität als eine aprioristische Anschauungsform 
gilt, findet in der Lebewelt ein besonderes teleologisches Naturgesetz 
von folgender Formel: „Auf eine Erscheinung (c), die ver- 
änderlich, folgt eine Erscheinung (d), die gleichfalls 
veränderlich ist, und auf diese eine Erscheinung (e), 
die zu verschiedenen Zeiten, an verschiedenen Indi- 
viduen die gleiche ist." Dies dreigliedrige Geschehen sei 
charakteristisch für die Organismen ; und das eigentlich teleologische 
desselben äussere sich darin , dass das Mittelglied (d) oder das 
Medium gleicherweise abhängig, oder eine Funktion sei von 



— 37 — 

dem vorangehenden. Glied (c), dem An t ecedens, und dem nach- 
folgenden Glied (e), dem Su ecedens. Hiermit wäre natürlich 
das Gegentheil kausalen Geschehens gegeben. Denn dass das 
Succedens, als das Nachfolgende, das Medium oder das Vorher- 
gehende beeinflusst, also die Ursache von der Wirkung abhängt, 
dies ist das gerade Gegentheil kausaler Abhängigkeit, und steht 
eigentlich auch mit der wahren teleologischen Abhängigkeit im 
Widerspruch. 

Betrachten wir jedoch zunächst dies dreigliedrige teleologische 
Geschehen an einem der gegebenen Beispiele näher, da erst dann 
ganz klar werden wird, wie sich Cossmann diesen Vorgang 
denkt. Wir wählen dazu das auch schon von Pflüger erörterte 
Beispiel der Pupillenverengerung auf intensiven Lichtreiz. Nach 
Cossmann würde sich das dreigliedrige Schema folgendermassen 
darstellen : 

c (Antecedens) d (Medium) e (Succedens) 

Lichtreiz Reflex Schutz 

und 1 (variabel) (variabel) (konstant). 

Organismus 
Was hier eigentlich unter dem Medium oder dem Reflex verstanden 
wird, scheint mir unklar; ob der innere Nervenprozess , der zur 
Verengerung der Pupille führt, oder letzterer Vorgang selbst, oder 
die Gesammtheit dieser Vorgänge. Eines dagegen ist klar, dass 
nämlich dasjenige, was thatsächlich von dem Lichtreiz bedingt 
wird oder auf ihn folgt, nur die Pupillenverengerung ist ; dass hin- 
gegen dasjenige, was Cossmann als Succedens oder drittes Glied 
einführt, nämlich der „Schutz", ein abstrakter Begriff ist, der in dem 
wirklichen Vorgang sich natürlich nicht findet. Denn dieser Schutz 
ist ja nur unser Urtheil über den Werth oder den Zweck, welchen 
die Pupillenverengerung für den Organismus besitzt. Indem Coss- 
mann so einen abstrakten Begriff als Succedens in das drei- 
gliedrige Schema einführt, kommt er zu dem Ergebniss, dass das 
Succedens konstant sei; denn ein Begriff ist natürlich konstant; 
wogegen das, was der Lichtreiz eigentlich bedingt , die Pupillen- 
verengerung , direkt mit dem Lichtreiz zu- und abnimmt. Wie 



— 38 — 

soll aber das Medium abhängen von einem Begriff, dem 
Succedens ? 

Wenn wir ähnlich argumentiren, so finden wir in jedem Auslös- 
ungsgeschehen und in jedem Regulationsgeschehen an einer Maschine 
das charakteristische dreigliedrige Schema wieder, wie folgende 
Beispiele zeigen. Betrachten wir ein aufruhendes Gewicht, das auf 
Anstoss aus einer gewissen Höhe herabfällt, so haben wir: 

Antecedens. Medium Succedens 

Schwerezustand 
des Gewichts, 



Auslösungsursache 
(Anstoss) 
Gewicht 



(variabel) 

v Mangel der 



/ • , i, Fall 
(variabel) 

(konstant). 



Hemmung 
oder bei der Dampfmaschine : 

Antecedens. Medium Succedens. 

Dampfdruck I Hebung des j Schutz, Sicherung 

Ventil j ( variabel ) Ventils j <™ iabel > (konstant) 

Schon E. Albrecht erkannte richtig, dass jedes Auslösungs- 
geschehen sich in Form einer dreigliedrigen Kette vollziehe, und 
wir erörterten dies ja oben gleichfalls 26 ). 

Die Pupillenverengerung bei intensivem Lichtreiz beurtheilen wir 
als nützlich für den Organismus. Wohl bemerkt ist dies ein 
Urtheil über den Werth dieses Vorgangs für den Organismus. 
Thatsächlich hat ja die Pupillenverengerung oder -Erweiterung in 
ihrer Abhängigkeit von der Intensität des Lichtreizes zur Folge, dass 
der Organismus auch bei Lichtintensitäten, die in gewissen Grenzen 
schwanken, annähernd gleich gut sehen kann. Insofern nun die 
äusseren Bedingungen so waren, dass eine solche Einrichtung die 
Erhaltung der mit ihr ausgestatteten Individuen, im Gegensatz zu 
den übrigen , bedingte also eine Einrichtung erhalten wurde, 

die wir als eine schützende beurtheilen insofern könnte man 

davon reden, dass die gegebenen Bedingungen einen solchen 
Schutz erforderten und dieser daher nach unserer Beurtheilung als 
eine Bedingungsursache beim Entstehen der Pupillenreflexe auf- 
getreten sei; naturgemäss aber nicht rückwirkend, sondern nach 
Art jeder bedingenden Ursache vor der Wirkung. Ebenso wie 



— 39 

wir für die Konstruktion des Ventils der Dampfmaschine das 
Urtheil über die Notwendigkeit eines Schutzes als bedingendes 
Motiv für die Handlungen des Erfinders erachten; wobei jedoch 
dies Urtheil gleichfalls nicht rückwirkte, sondern nach Art jedes 
kausalen Vorgangs das Folgende bedingte. 

Cossmann ist sich bewusst, dass sein teleologisches Natur- 
gesetz gar nicht eigentliches teleologisches Geschehen ist ; denn 
bei diesem tritt der Zweck oder das Ziel des Gewollten oder Ge- 
wünschten als Motiv der Handlung, als zeitlich vorhergehen- 
der Grund, auf. Aber gerade von diesem wesentlichen Charakter, 
der ein anthropomorphistischer sei, sucht Cossmann die Teleo- 
logie zu reinigen. Aus dem Begriffe der Teleologie sei das ,, Wollen" 
zu entfernen, wie aus dem der Kausalität das „Müssen". Dieser 
Vergleich zwischen Kausalität und Teleologie trifft jedoch nicht zu. 
Der Begriff der Kausalität enthält gar nichts von dem aus dem psychi- 
schen Gebiete entnommenen Müssen. Die Kausalität braucht daher 
auch gar nicht von dem Müssen gereinigt zu werden. Der Begriff der 
Kausalität enthält nicht mehr als unsere Erfahrung über die gesetz- 
mässige Abhängigkeit der Erscheinungen ; von einem Müssen, in 
dem Sinne einer psychischen Unfreiheit, ist darin nichts enthalten. 

Mit dem teleologischen Geschehen verhält es sich anders. 
Dass die teleologische Denkweise keine aprioristische Anschauungs- 
form ist, welche gleich nothwendig und berechtigt neben der 
kausalen steht, geht für mich, abgesehen von anderem, schon 
daraus hervor, dass auch die Vorkämpfer der Teleologie sie für 
die Vorgänge in der nichtlebenden Welt einfach ignoriren ; während 
doch, wenn es sich um zwei, unserem Intellekt a priori gegebene, 
gleichberechtigte Anschauungsformen handelte, nicht einzusehen 
wäre, warum die teleologische Betrachtungsweise in der anorganischen 
Welt plötzlich aufhört. Auch Cossmann ist ja der Meinung, 
dass sein teleologisches Naturgesetz nur für die lebende Welt gelte. 

Indem er jedoch den Zweck als Motiv des Geschehens ent- 
fernt, hebt er, wie bemerkt, den teleologischen Charakter seines 
besonderen biologischen Geschehens auf und macht daraus ein für 
die Erklärung der Lebenserscheinungen besonders konstruirtes 



— 40 — 

Geschehen, das nicht psychisch-teleologisch bedingt ist und mit 
der Kausalität im Widerspruch steht. Dies teleologische Natur- 
gesetz hat daher den Charakter einer Umschreibungshypothese, 
welche die zweckmässige Reaktion des Organismus voraussetzt, 
also nicht begreiflich macht. 

Nun könnte man ja sagen, die kausale Abhängigkeit sei ebenso 
unbegreiflich, als die sogenannte teleologische; und mit vollem 
Recht. Wir begreifen ja die kausale Abhängigkeit nicht, wir 
wissen nur, dass sie besteht. Verhält es sich nun mit dieser 
teleologischen Abhängigkeit etwa ebenso? Das wäre der Fall, 
wenn wir im Organismus ein zweckmässiges Reagiren als aus- 
nahmsloses Geschehen anträfen, wie es nimmer der Fall ist. 
Neben zweckmässiger Reaktion findet sich auch die unzweck- 
mässige. 

Oder spricht es etwa für ein solch' allgemeines Gesetz zweck- 
mässiger Reaktion, dass bei dem Triton für die herausgenommene 
Linse eine funktionsfähige neue gebildet wird, während bei dem 
nahe verwandten Frosch ein ganz funktionsunfähiges Gebilde 
regenerirt ; oder dass der zerschnittene Regenwurm mit Leichtig- 
keit regenerirt, der zerschnittene Nematode dagegen hierzu ganz 
unfähig ist? Regeneration verloren gegangener Theile wäre für 
jeden Organismus sicherlich sehr zweckmässig; und da sie in vielen 
Fällen in weitgehender Weise realisirt werden konnte, so ist nicht 
einzusehen, weshalb, wenn zweckmässige Reaktion das gesetzliche 
Geschehen des Organismus ist, sie ebenso oft unterbleibt. Will 
man aber etwa sagen, der Organismus sei zwar stets bestrebt, 
zweckmässig zu reagiren, soweit als es die entgegenstehenden 
Hindernisse gestatten, so gelangt man im Wesentlichen zu der 
Anschauung, die auch wir festhalten, wenn wir meinen, dass der 
Organismus eben unter den gegebenen Bedingungen das leistet, was 
er leisten kann ; und dass es von dieser seiner Leistungsfähigkeit ab- 
hängt, ob er unter den veränderten Bedingungen zu existiren ver- 
mag. Denn eine gewisse Summe zweckmässiger Reaktionen ist 
eben unerlässliche Bedingung für die dauernde Erhaltung einer Art. 



— 41 — 

Betrachtungen über ontogenetische und reparative Vorgänge 
führten auch Driesch (1899) zur Anerkennung einer besonderen 
,,eigenthümlichen Geschehensgesetzlichkeit, eines vitalistischen Ge- 
schehens, einer vitalistischen Kausalität", welche an Cossmann's 
teleologisches Naturgesetz etwas erinnert. Es muss jedoch hervor- 
gehoben werden, dass Driesch's Erörterungen sich von den 
Mängeln der Cossmann'schen, die auch Driesch erkannte, frei 
halten. In dem Nachweis eines solch' charakteristischen vitalisti- 
schen Geschehens, „welches den kausalen Verknüpfungsformen des 
Anorganischen nicht subordinirt, sondern koordinirt sei", erblickt 
Driesch ein von ihm längst erstrebtes Ziel, und beurtheilt dem- 
gemäss seine frühere Anerkennung der sog. „Maschinentheorie" 
des Organismus als eine dogmatische Verirrung. 

Den Ausgangspunkt seiner Betrachtung bildet das sogenannte 
„Lokalisationsproblem" harmonisch-aequipotentieller Systeme, 
d. h. solcher entwicklungsfähiger Systeme, welche bei experimen- 
teller Prüfung, durch operative Entfernung von Theilen, zeigen, dass 
die Leistungsfähigkeit oder die Entwicklungsmöglichkeit jedes unter- 
geordneten Theils die gleiche ist, wie die des Ganzen; oder, wie 
sich Driesch auch ausdrückt, bei denen jeder Theil die gleiche 
„prospektive Potenz" besitzt. Zu derartigen Systemen gehören z.B. 
die Darmanlage der Echinidenlarve und der Stamm der 
Tu bular ia. Bei der Weiterentwicklung gliedert sich jene Darm- 
anlage durch zwei ringförmige, an bestimmten Stellen auftretende 
Einschnürungen in drei Abschnitte. Der Tubulariastamm da- 
gegen kann an jedem, frei in das umgebende Medium ragenden 
künstlichen Querschnitt einen neuen Polypen repariren. Dabei er- 
gibt sich ferner, dass die beiden Einschnürungen des Echiniden- 
darmes stets in ordnungsgemässer richtiger Lage (Lokalisation) an 
der Darmanlage auftreten, mögen deren Grössenverhältnisse auch 
sehr verschiedene sein. Besonders trifft dies auch dann zu, wenn 
durch operative Eingriffe eine künstliche Verkleinerung der Darm- 
anlage herbeigeführt wurde. Das Gleiche gilt im Allgemeinen auch 
bei der Reparation des Stammendes der Tubularien für die ord- 
nungsgemässe Vertheilung der Organanlagen, namentlich in solchen 



— 42 — 

Fällen, wo die regenerirenden Stammstücke sehr kurz, ja kürzer 
als die in normaler Weise reparirten Polypen sind. 

Dieses ordnungsgemässe Anpassen der entstehenden Theile, 
oder diese ordnungsgemässe Lokalisation der Neubildungen, in 
richtigen Lagebeziehungen zu den normalen Verhältnissen des ent- 
stehenden späteren Ganzen, bildet nun Driesch's Lokalisations- 
problem. Seine Ansicht ist, dass ein derartiges Geschehen in 
keiner Art von Wirkungsweisen abhängen könne, wie sie die 
anorganische Natur aufzeigt, welche zur Ableitung solcher Vor- 
gänge nicht ausreichten. Ein Geschehen, wie es im Lokalisations- 
problem auftrete, finde sich in der anorganischen Natur überhaupt 
nicht und sei deshalb ein den Lebewesen eigentümliches vitalisti- 
sches. Die besondere Art dieses Geschehens dokumentire sich darin, 
dass dasselbe nicht allein von der zeitlich vorgehenden Ursache, als 
welche im Fall der Tubularia die Operation gesetzt wird (in ihrer 
Spezifität nach Art und Quantum), abhänge, sondern auch von dem 
zeitlich nachfolgenden Endergebniss, dem Endzustand, welchem 
die von der Ursache (der Operation) eingeleitete Entwicklung zu- 
strebt. Eine derartige Verkettungsart von Abhängigkeiten wird „An- 
passungsgeschehen" oder „Antwortsgeschehen" genannt 
und auch folgendermassen erläutert: „Jeder (der Quantität nach) 
spezifischen Ursache (Operation) korrespondirt eine 
(der Lokalisat ion nach) typische Wirkung, die endliche 
Erreichung eines gegebenen Zieles ermöglichend" (p. 85). 

Wäre eine solche Geschehensart nun wirklich ohne jede Ana- 
logie in der anorganischen Natur, so liesse sich nicht wohl be- 
streiten, dass sie einen strikten Gegensatz der Organismenwelt zu 
den Anorganismen erweise. Mir scheint aber dieser Gegensatz 
geringer, als Driesch meint. Betrachten wir zunächst die ein- 
fache Auslösungsursache, welche Driesch bei seiner vergleichenden 
Erörterung kausaler Abhängigkeiten der Anorganismen eigenthüm- 
licher Weise nicht spezieller erörtert, so zeigt sich auch schon, 
dass es sich bei der Auslösung ebenfalls „nicht um ein ganzes 
oder theilweises Wiederauftreten der Ursache handelt", wie Driesch 



— 43 — 

für anorganische kausale Abhängigkeiten annimmt, sondern um 
eine „typische Wirkung, die endliche Erreichung eines gegebenen 
Zieles ermöglichend". Dies gegebene Ziel ist der unter den ver- 
änderten Bedingungen, welche die Wirkung der Auslösungsursache 
sind, mögliche neue Gleichgewichtszustand. Ist unter diesen neuen 
Bedingungen nur ein bestimmter Gleichgewichtszustand möglich, 
so kann eben auch nur dieser regelmässig eintreten. Dagegen 

vermissen wir bei der Auslösungsursache im allgemeinen Sinne die 
der „Lokalisation nach typische Wirkung", als abhängig von der 
Auslösungsursache. Doch dürften sich auch hiefür auf anorga- 
nischem Gebiet Analogien bieten. 

Organisirte Formen sind formale Gleichgewichtszustände ; Ana- 
logien mit ihnen müssen wir daher auch bei anorganischen for- 
malen Gleichgewichtszuständen suchen. Die kugelige Tropfenform 
als Gleichgewichtsgestalt flüssiger Körper können wir durch Weg- 
nahme eines Theils der Kugel operiren, worauf der Rest sich 
wieder reparirt zu einer neuen Kugel. Wenn wir die Wegnahme 
eines Theils auch hier nach Driesch's Vorgang als Ursache be- 
zeichnen, so können wir meiner Ansicht nach auch für diesen 
Vorgang sagen: „jeder (der Quantität nach) spezifischen Ursache 
korrespondirt eine (der Lokalisation nach) typische Wirkung, die 
endliche Erreichung eines gegebenen Ziels ermöglichend." Das ge- 
gebene Ziel ist hier die normale Gleichgewichtsform der Flüssig- 
keiten , die Kugel ; die der Lokalisation nach typische Wirkung 
korrespondirt mit der der Quantität nach spezifischen Ursache ; 
denn der Grösse des entfernten Kugelabschnitts muss der restirende 
Theil seine unformenden Bewegungen anpassen, um das gegebene 
Endziel zu erreichen. Der Charakter des dabei stattfindende)! 
Geschehens ist Auslösungsgeschehen. Der weggenommene Theil des 
kugeligen Tropfens vertrat gegenüber dem verbleibenden Rest die 
Hemmung an der gespannten Feder ; nehme ich diesen Theil des 
Tropfens weg, so geht der nicht mehr im Gleichgewicht befindliche 
Theil in einen neuen Gleichgewichtszustand über , indem Energie 
frei wird, d. h., indem eine frühere, im System potentielle wirkende 
Ursache nun zur Wirkung gelangt. 



44 — 

Noch deutlicher tritt in dem folgenden Fall die Analogie mit 
dem sogen. Anpassungsgeschehen hervor. Wird ein Flüssigkeits- 
tropfen unter geeigneten Bedingungen zu einem Faden ausgezogen, 
so nimmt er zunächst cylindrische Form an, um dann, wenn seine 
Länge, dividirt durch den Durchmesser, gleich oder grösser als n 
wird, in eine neue Gleichgewichtsform überzugehen. Er zerfällt 
nämlich in eine gewisse Zahl gleichgrosser, in gleichen Entfern- 
ungen hintereinander gereihter Kugeln ; indem je ein Cylinderstück, 
dessen Länge gleich dem Durchmesser des Cylinders ist, sich 
zu einer Kugel umformt*). Die Zahl der Kugeln hängt daher von 
dem Verhältniss des Durchmessers zur Länge des zerfallenden 
Cylinders ab. Wenn wir nun zwei verschieden grosse, jedoch in 
Bezug auf Länge und Durchmesser ähnliche Cylinder derselben 
Flüssigkeit haben, und sie in gleichem Verhältniss dehnen, so 
werden sie auch in dieselbe Zahl gleich geordneter oder lokalisirter 
Kugeln zerfallen, wobei die Quantität der dehnenden Ursache in 
beiden Fällen spezifisch verschieden ist. Dieser Fall verläuft daher 
analog der Dreigliederung des Echinidendarms oder der ordnungs- 
gemäss lokalisirten Anlage der Organe der reparirenden Tubu- 
laria bei verschiedener Grösse des Ausgangsobjektes. Auch hier 
finden wir „eine der Quantität nach spezifisch verschiedene Ursache, 
w r elcher eine, der Lokalisation nach, typische Wirkung korrespon- 
dirt, die endliche Erreichung eines gegebenen Zieles ermöglichend". 

Formale Gleichgewichtszustände der Anorganismen sind auch 
die Krystalle. Bekanntlich können diese unter geeigneten 
äusseren Bedingungen (und solche sind ja unter allen Umständen 
auch für den reparirenden Organismus erforderlich) Reparations- 
erscheinungen zeigen. Ein wesentlicher Unterschied gegen den 
Organismus besteht insofern , als der letztere, auch ohne Zufuhr 
neuer Substanz, aus der schon vorhandenen zu repariren vermag, 
ähnlich wie der Flüssigkeitstropfen, während bei dem Krystall stets 
die Zufuhr neuer Substanz Bedingung ist. Der Krystall kann sich 



*) Es kann hier ausser Betracht bleiben , dass zwischen je zwei der grossen 
kugeligen Tropfen sich regelmässig einige sehr kleine bilden. (Vergl. z. B. Violle, 
Lehrb. d. Physik. Bd. I, pag. 592). 



45 

nur wachsend repariren. Dies hängt jedenfalls damit zusammen, 
dass die Gleichgewichtsform des Krystalls bedingt ist von dem 
flüssigen Zustand der Substanz vor dem Festwerden. Ist letzteres 
eingetreten, so besteht, wie bei jedem festen Körper, Gleichgewicht 
unabhängig von der Form. 

Aus jedem beliebigen Partikel eines Krystalls kann sich unter 
geeigneten Bedingungen ein neuer Krystall mit typisch geordneten 
Flächen, Winkeln, Kanten und Ecken bilden. In dieser Hinsicht 
können wir daher auch den Krystall ein harmonisch-aequipotentielles 
System nennen. Nehmen wir ein kleines Partikelchen , so bildet 
sich ein kleines Kryställchen mit ordnungsgemäss gelagerten Flächen, 
Kanten und Ecken ; nehmen wir einen grossen Partikel, so bildet sich 
ein entsprechend grosser Krystall mit derselben ordnungsgemässen 
Lagerung der Flächen in vergrössertem Massstab. Brechen wir 
an, einem Krystall ein Stück ab, so wird unter geeigneten Be- 
dingungen das entfernte Stück reparirt, und zwar in grösserem 
oder kleinerem Umfang, je nach der Grösse des Defektes, so dass 
die Normalgestalt wieder hergestellt wird. Auch in dem Krystall 
haben wir daher einen formalen Gleichgewichtszustand , der sich, 
nach Störung durch eingetretene Defekte, unter geeigneten Be- 
dingungen wieder herstellt ; und bei dem ,,die typische Wirkung", 
welche zur Herbeiführung der neuen Gleichgewichtsform geleistet 
wird, von der Grösse des Defektes abhängt, während die Form 
selbst von dem inneren Bedingungskomplex des Ausgangssystems 
bestimmt wird, der eben diesen und nur diesen Gleichgewichts- 
zustand unter den gegebenen Umständen gestattet. 

Das Lokalisationsproblem des sich entwickelnden Organismus 
kann meiner Meinung nach entsprechend beurtheilt werden 27 ). 
Doch ist hier die Komplikation viel grösser, da es sich um ent- 
wicklungsfähige Systeme handelt, wie sie in ähnlicher Art in der 
anorganischen Natur fehlen. Bei solcher Beurtheilung erscheint 
uns der Vorgang der Tubulär i a -Reparation z. B. in etwas 
anderem Licht. Die Operation, durch welche ein Theil der 
T u b u 1 a r i a entfernt wird , kann ich nur als Auslösungsursache 
ansehen, durch welche das Gleichgewicht des entwicklungsfähigen 



— 46 

Systems gestört wird. Das, was nun geschieht, kann daher mit 
dieser Auslösungsursache in keiner direkten Beziehung stehen, wie 
dies ja bei jeder Auslösungsursache der Fall ist; d. h. die Operation 
setzt neue Bedingungen, ist dagegen nicht eine wirkende Ursache. 
Die Operation ist die Entfernung einer Hemmung, welche nun den 
in dem System potentiell enthaltenen wirkenden Ursachen ge- 
stattet, in Wirkung zu treten und den dem System gemässen 
neuen Gleichgewichtszustand zu entwickeln. Was bei dem Ueber- 
gang des gestörten Systems in den neuen Gleichgewichtszustand 
geschieht , wird abhängen : von den in dem System gegebenen 
Bedingungen, welche diesen Gleichgewichtszustand als möglichen 
ergeben, und von dem Umfang und der Art des Defektes , d. h. 
also von der Gesammtheit der Bedingungen, die nach der Operation 
vorliegen. 

Vor allem vermag ich jedoch in diesen Vorgängen nichts ,zu 
erkennen, was zur Anerkennung eines an Endursachen (causae finales) 
erinnernden Zweckmässigkeitsgeschehens nöthigte, eines Geschehens, 
welches, im Gegensatz zu kausaler Abhängigkeit, von einem zu- 
künftig zu erreichenden Ziel abhinge. Denn meiner Meinung nach 
sind es die besonderen gegebenen Bedingungen des entwicklungs- 
fähigen Systems, von welchen einerseits sowohl dieses und gerade 
dieses Ziel abhängt, als andererseits die typische Wirkung, in 
welcher dieses Ziel nach Störungen erreicht werden kann , aber 
nicht stets erreicht werden muss. Von dem Geschehen auf an- 
organischem Gebiet scheint mir aber, wie erörtert wurde, das in 
dem Lokalisationsproblem gegebene Geschehen nicht prinzipiell 
und fundamental verschieden 28 ). 



Wir sind am Ende unserer Erörterungen angelangt und müssen 
uns fragen, was dürfen wir als deren Ergebniss bezeichnen? Die 
Möglichkeit , die Lebenserscheinungen physiko-chemisch , mecha- 
nistisch, begreifen zu können, wird so lange bestritten werden, so 
lange nicht für alle Einzelheiten ein solcher Weg als gangbar auf- 
gezeigt ist. Selbst die Herstellung eines lebendigen Organismus 



— 47 — 

unter gewissen physiko-chemischen Bedingungen dürfte wohl von 
manchen Neo- Vitalisten nicht als genügender Beweis der Berechtigung 
des Mechanismus erachtet werden. Wie wir von vornherein be- 
tonten, konnte es sich unter den gegebenen Verhältnissen für uns 
nur darum handeln, zu zeigen , dass die von vitalistischer Seite 
gegen den Mechanismus und seine Befähigung, das Leben aus- 
reichend zu begreifen, erhobenen Einwände, eine solche Unmöglich- 
keit nicht erweisen. Den thatsächlichen Beweis, dass der Mechanismus 
das zu leisten vermag, was er beansprucht, könnte nur der Erfolg 
selbst führen. Dieser wird es allein sein, welcher schliesslich die 
Entscheidung nach der einen oder der anderen Seite zu lenken 
vermag. Alter wie neuer Vitalismus betonen schliesslich immer 
wieder die vorhandenen ungelösten Räthsel und bezweifeln ihre 
Lösung auf mechanistischem Boden. Begreifen lehren sie uns den 
Organismus nicht. Denn die Voraussetzung vitalistischen Geschehens 
schliesst eben die Anerkenntniss ein , dass es sich hier um ein 
letztes , gesetzliches , an und für sich unbegreifliches Geschehen 
handle, das wir nicht unter allgemeinere Gesetzlichkeiten einzu- 
ordnen vermögen. 

Daher dürfen wir wohl sagen : Begreifen können wir von den 
Lebenserscheinungen nur das, was sich physiko-chemisch erklären 
lässt. Schliesslich wird es aber von dem Vitalismus und Mecha- 

nismus auch heissen : An ihren Früchten sollt ihr sie er- 
kennen! 



ANMERKUNGEN. 



1) (zu pag. 1.) Es bedarf vielleicht kaum besonderen Hinweises, dass ich 
weder mit diesem Vortrag, noch mit den ihm beigegebenen Anmerkungen 
beabsichtige, das behandelte Problem in voller Ausdehnung, historisch und 
kritisch zu besprechen. Ich betone dies namentlich deshalb, weil ich weiss, 
dass ich nur eine beschränkte Auswahl der Aeusserungen über das Problem 
und seine Unterfragen näher erörterte und erörtern konnte, viele andere 
dagegen ganz unberührt liess; und namentlich auch in keiner Weise an eine 
vollständige Aufzählung der Autoren und ihrer Stellung zu den besprochenen 
Fragen denken konnte. Ich habe nur da angeknüpft, wo es mir schien, dass 
ich etwas zur Klärung beizutragen vermochte. Ob mir dies wirklich gelungen 
ist, nicht nur so geschienen hat, wird die Zukunft ergeben. 

2) (zu pag. 5.) Der von mir vertretene Standpunkt, welcher die Zustands- 
änderungen, also das Auftreten und Schwinden von Energie, von Empfindungen 
begleitet sein lässt (wobei man eventuell noch an die Erweiterung denken 
könnte, dass beim Freiwerden von Energie die Empfindung lustbetont, bei 
dem Schwinden freier Energie dagegen unlustbetont sei), schliesst sich in 
gewissem Grade den von Häckel und Nägeli aufgestellten Hypothesen 
an. Im Gegensatz zu beiden letzteren Hypothesen steht jedoch, dass meine 
Anschauung in keiner Weise mit Atom- oder Molekülhypothesen zusammen- 
hängt, wie jene. Häckel's und Nägeli's Meinung hat Albrecht (1899 
p. 40 ff.) scharf kritisirt. Dass er die Anschauungen Crato's verwirft, gegen 
die auch ich schon gesprochen habe (s. Zoolog. Centralbl. IV p. 46), finde 
ich ganz gerechtfertigt. Alb recht geht bei seiner Kritik Nägeli's von 
der richtigen Ansicht aus, dass es nicht gerechtfertigt sei, zur Erklärung 
komplexer Erscheinungen diese Erscheinungen auf die Theilchen zu über- 
tragen. Es ist dies ja dasselbe, was ich gegen die Umschreibungshypothesen 
gesagt habe. Nun vermag ich jedoch nicht zuzugeben, dass die Empfindung 
eine komplexe Erscheinung sei; vielmehr ist sie die einfache Elementar- 
erscheinung des psychischen Gebietes und steht hier ebenso da, wie jene 
letzten allgemeinen Eigenschaften auf physischem Gebiete, welche wir 
ebensowenig weiter zu begreifen im Stande sind, wie Masse, Raumerfüllung, 

Rutsch li, Mechanismus und Vitalismus. i 

Anmerkung No. 1 — 2. 



— 50 — 

Form, Bewegung. Da nun das erstmalige Entstehen einer Empfindung für 
uns absolut unbegreiflich ist, ebenso wie das jener letzten Eigenschaften 
auf physischem Gebiet, indem auf psychischem die Empfindung ganz ebenso 
den Charakter des elementar Gegebenen besitzt, so bietet sich als einzige 
Möglichkeit begrifflicher Vereinigung nur die Erweiterungshypothese : die 
elementare Empfindung als einen allgemeinen Vorgang aufzufassen, welcher 
den Zustandsänderungen in der physischen Welt koordinirt ist, so wie Zu- 
standsänderungen unseres physischen Ichs mit Empfindungen koordinirt sind. 

3) (zu pag. 5.) Mach's erkenntniss-kritischer Standpunkt hat zwar einiges 
gemein mit dem von mir in dieser Schrift vertretenen, dennoch vermag ich den- 
selben nicht zu theilen. Mir scheint, dass Mach's Anschauung derjenigen 
Berkeley 's sehr nahe kommt, welche alle sinnlichen Wahrnehmungen 
für Ideen (notions) des göttlichen Geistes erklärt, die dem menschlichen 
Geist von Gott „eingeprägt" werden. Während daher für Berkeley die 
Dinge Ideen des göttlichen Geistes sind, sind sie nach Mach „Empfindungs- 
komplexe", die als solche die Bestandtheile der Welt bilden, und die mit 
dem Ich in Beziehung treten können; d. h. dann wahrgenommen werden. 
Der gemeinsame Charakter beider Anschauungen ist, dass die Welt nur aus 
Empfindendem bestehe, dass dagegen nichts Empfundenes vorhanden sei. Da 
nun nur das eigene Ich Kenntniss von Empfindungen hat, und Mach selbst 
zugibt, dass das Erkennen anderer Ichs ein „Analogieschluss" sei, d.h. eine 
Annahme, so ergibt sich auch weiter, dass die Existenz von Empfindungs- 
komplexen ausserhalb des eigenen Ichs nur eine Annahme ist, eine Erweiter- 
ungshypothese , um unbefriedigenden Konsequenzen, der „Monstrosität des 
Solipsismus", zu entgehen. Berkeley entging dieser eigentlich natürlichen 
Konsequenz durch die stillschweigende Voraussetzung anderer Geister neben 
dem eigenen Geist. 

Geben wir nun Mach's Hypothese zu, d. h., dass ausserhalb des Ichs 
Empfindungskomplexe existiren, die, mit ihm in Beziehung tretend, seine 
Empfindungen sind. Ist dann, wie Mach meint, der Gegensatz zwischen 
Physischem und Psychischem, der Dualismus zwischen dem wahrgenomme- 
nen Objekt und dem wahrnehmenden Subjekt, zu Gunsten einer monistischen 
Auffassung wirklich beseitigt? Ich bin dieser Meinung nicht. Das Ich ist 
nach Mach ein Empfindungskomplex, der von den übrigen Empfindungs- 
komplexen nicht scharf getrennt ist, ein Komplex von festerem beständi- 
gerem Zusammenhang, mit Kontinuität und langsamerer Aenderung begabt. 
Dies aber weist doch daraufhin, dass das Ich, sei es auch nicht ganz scharf 
begrenzt, nicht nur „eine praktische Einheit für eine vorläufige orientirende 
Betrachtung" (p. 20) ist. Die besonderen Qualitäten, die ihm Mach selbst 
zuertheilt, bezeichnen doch deutlich seinen Gegensatz gegen die von dem 
Ich wahrgenommenen Empfindungskomplexe. 

Nun belehren mich die Aussagen meiner Neben-Ich, welche ich ja auf 
Grund des „Analogieschlusses" als ebenfalls empfindend anerkenne oder vor- 
stelle, darüber, dass sie, gleichzeitig mit mir, mit gewissen Empfindungs- 
komplexen in Beziehung treten können, das sind eben jene der Aussenwelt 

Anmerkung No. 3. 



51 - 

angehörigen Empfindungskomplexe; während diese Neben-Ichs dagegen mit 
einer gewissen Kategorie von Empfindungskomplexen niemals in direkte 
Beziehung treten, d. h. mit allen jenen, welche als Erinnerungsbilder, Vor- 
stellungen etc. mein eigenstes Ich ausmachen. Ebensowenig, wie ich mit 
jenen, welche ich in ihren Ichs voraussetze. Hieraus ergibt sich, dass die 
Empfindungskomplexe in zwei ganz verschiedene Kategorien zerfallen, in 
diejenigen, welche gleichzeitig mit vielen Ichs in Beziehung treten, und die- 
jenigen, die nur mit einem Ich dies thun. Ein Begreifen dieser Verschieden- 
heit auf der Mach'schen Grundlage scheint unmöglich; wogegen die sog. 
naive Ansicht, welche nicht einfach die Empfindung mit dem Empfundenen 
identifizirt, keine besondere Schwierigkeit in dieser Hinsicht findet. 

Die Schwierigkeit, welche darin liegt, dass ein Empfindungskomplex 
gleichzeitig mit zahlreichen Ichs in Beziehung tritt, scheint mir nicht uner- 
heblich zu sein. Denn sie erforderte gewisseftnassen die Vorstellung, dass 
alle Empfindungskomplexe eine einheitliche Masse bilden, eine Einheit. 

Die Erfahrung lehrt ferner, dass meine Neben-Ichs auch Zustände 
(Tod , Ohnmacht) zeigen können , in welchen ich ihnen auf Grund des 
gleichen „Analogieschlusses" keine Beziehung zu den Empfindungskom- 
plexen der Aussenwelt mehr zuschreibe ; und dass ich mittels des um- 
gekehrten Analogieschlusses denken muss, dass auch mein Ich einstmals 
diesen Zustand zeigen wird, wo sein Körperkomplex zwar noch besteht, 
dagegen seine Beziehungen zu den beiden Kategorien der Empfindungs- 
komplexe aufgehört haben. Auch diese Schwierigkeit scheint mir auf Grund 
der Mach' sehen Identifizirung der Empfindung mit dem Empfundenen 
nicht begreiflich, während sie für die gegentheilige Auffassung keine unüber- 
windliche ist. 

4) (zu pag. 6) Gedächtnis s. Ein solcher Parallelismus, ein solches 
Zugeordnetsein, wie ich es hier für die physischen und psychischen Vor- 
gänge annehme, hat auch schon E. Hering (1870) vorausgesetzt; wenn auch, 
soweit ich sehe, nicht über das Gebiet des Lebenden ausgedehnt. Im Gegen- 
satz zu meiner Auffassung folgert Hering aber daraus, dass das Ge- 
dächtniss oder die Erinnerung eine ganz allgemeine Eigenschaft der 
lebenden oder „organisirten Materie" sei, indem ja, wie natürlich, auch die 
Gedächtnissempfindungen von einem physischen Vorgang begleitet sein 
müssen. Es scheint mir jedoch zweifelhaft, ob wir annehmen dürfen, dass 
in einem einfachen Elementarorganismus, einer einfachen Zelle, die Beding- 
ungen gegeben sein können zu einer Art dauernder Aufspeicherung und 
gelegentlicher Wiederholung der durch äussere Reize häufiger bedingten 
inneren Zustandsänderungen in einer modifizirten und abgeschwächten Form, 
wie wir sie eben, als die Gedächtnissempfindungen begleitend, voraussetzen 
müssen. Mir will es nicht recht gelingen, einzusehen, dass dergleichen in 
einem einfachen Elementarorganismus, in der lebendigen Substanz, ohne 
weitere besondere Einrichtungen, möglich sein sollte. Die Schwierigkeit 
dieses Problems liegt ja darin, dass wir uns einstweilen keinerlei genügende, 
wenn auch nur bildliche Vorstellung davon machen können, wie eine 

Anmerkung No. 3—4. 4 * 



52 

physische Zustandsänderung sich gewissermassen aufspeichern können soll, 
um dann in gewissem Sinne spontan, oder als Folge von damit häufig verknüpft 
gewesenen Zustandsänderungen, in modifizirter Form von Neuem einzutreten. 
Alle etwa möglichen physischen Bilder, wie das Mitschwingen von Saiten 
und Aehnliches, das Hinterbleiben dauernder Aenderungen wie bei photo- 
graphischen Vorgängen, die andauernde schwache Lichtentwicklung gewisser 
Körper nach Belichtung, scheinen mir keine Möglichkeit eines einigermassen 
adäquaten Verstehens eines solchen Vorgangs zu eröffnen. Wie gesagt, halte 
ich es daher für zweifelhaft, ob wir berechtigt sind, der lebendigen Substanz 
an sich eine solche Fähigkeit zuzuschreiben, und nicht vielmehr dieselbe erst 
von einem komplizirter entwickelten Nervenapparat bedingt erachten müssen. 

Das Gedächtniss oder Erinnerungsvermögen, welches Hering der 
organisirten Substanz als allgemeine Eigenschaft zuschreibt, wird natürlich als 
ein „unbewusstes" betrachtet'; worin ja ein Widerspruch liegt, da eigentliche 
Gedächtnisserscheinungen nur im Bewusstsein sind und das Gedächtniss als 
die Bedingung des Bewusstseins oder des Ichs erscheint. Die Begründung 
der Annahme eines solch' unbewussten Gedächtnisses, die Hering ent- 
wickelt, scheint mir auch eine andere Auffassung zuzulassen. Er geht dabei 
von der Erfahrung aus, dass Fertigkeiten, die ursprünglich mit Hilfe bewusster 
Gedächtnissoperationen erlangt wurden, durch anhaltende Uebung allmählich 
so vollzogen werden, dass die einzelnen Gedächtnissakte dabei nicht mehr 
ins Bewusstsein treten; und dass in gleicher Weise Urtheile, welche ur- 
sprünglich eine Anzahl getrennter psychischer Operationen erfordern, sich 
schliesslich unbewusst vollziehen. Hieraus folge, dass Gedächtnisserschein- 
ungen auch unbewusst verlaufen können, dass ein unbewusstes Gedächtniss 
bestehe. Ich halte dagegen eine andere Auffassung dieser Erscheinung für 
wahrscheinlicher. Eine Empfindung erfordert, um als besondere, isolirte 
Erscheinung ins Bewusstsein zu treten, eine gewisse Zeit; zu rasch auf 
einander folgende Empfindungen werden nicht mehr gesondert wahrge- 
nommen. Ein komplizirter, ursprünglich aus einer ganzen Anzahl einzelner 
Gedächtnissakte zusammengesetzter Vorgang wird um so schneller ver- 
laufen, je besser er eingeübt wurde. Wenn nun der Ablauf der einzelnen, 
ihn ursprünglich zusammensetzenden Gedächtnissakte so rasch ist, dass sie 
nicht mehr gesondert empfunden werden können, so wird der Verlauf des 
Aktes den Charakter des Unbewussten annehmen, indem seine einzelnen 
Glieder nicht mehr getrennt bewusst werden. 

Wie gesagt, scheinen mir daher diese Vorgänge nicht nothwenig zur 
Annahme eines unbewussten Gedächtnisses zu führen; wenigstens nicht in 
dem Sinne, dass sie uns berechtigen, solch' unbewusste Gedächtnissvorgänge 
auch da voraussetzen zu dürfen, wo wir ein Bewusstsein als solches nicht 
annehmen können. Die Erfahrung, dass Organe durch Uebung und Ge- 
brauch kräftiger werden (dass sie bei Uebung ihre Leistung auch direkt 
leichter oder schneller vollziehen, wie Hering annimmt, ohne dass hierbei 
Innervationsverhältnisse eingreifen, scheint mir zweifelhaft), kann ich nicht 
als einen weiteren Beleg für eine unbewusste Gedächtnissbefähigung der 

Anmerkung No. 4. 



53 

organisirten Substanz erachten, da es mir unwahrscheinlich ist, dass diese 
Erscheinung überhaupt mit einem dem Gedächtniss analogen Vorgang in 
Verbindung gebracht werden könne. 

5) (zu pag. 7). Eine Erörterung A. v. Humboldt's, auf die ich 
durch ein Citat von C. Hauptmann aufmerksam wurde, möchte ich an 
dieser Stelle wiederholen (siehe Cosmos, Ausg. in 5 Bd., Bd. I, pag. 32): 
„Einzelheiten der Wirklichkeit, sei es in der Gestaltung oder der Aneinander- 
reihung der Naturgebilde, sei es in dem Kampfe des Menschen gegen die 
Naturmächte oder der Völker gegen die Völker, alles, was dem Felde der 
Veränderlichkeit und realer Zufälligkeit angehört, kann nicht aus Begriffen 
abgeleitet (konstruirt) werden. Weltgeschichte und Weltbeschreibung stehen 
daher auf derselben Stufe der Empirie" .... Diese Betrachtung scheint 
mir dasjenige, was ich gleichfalls zum Ausdruck bringen wollte, schon 
recht treffend darzulegen. 

Es mag vielleicht nicht ungerechtfertigt erscheinen, an diesen Gegen- 
satz zwischen beschreibenden und exakten Wissenschaften noch einige Be- 
merkungen zu knüpfen. Richtiger bezeichnet würde dieser Gegensatz 
eigentlich wohl als der jener Wissenschaften, welche die gesetzmässigen Ab- 
hängigkeitsverhältnisse der Veränderungen der Dinge auf experimentellem 
Wege festzustellen suchen, und derjenigen Wissenschaften, welche die ge- 
gebenen Regelmässigkeiten in der gegenwärtigen Natur und ihren historischen 
Wandel im Laufe der Zeit zu ermitteln suchen. Im weiteren Sinne Hessen 
sich die letzteren auch als die Wissenschaften des historischen Werdens und 
Seins der Natur bezeichnen. In einseitiger Weise wurde nun gelegentlich 
über die geringe Bedeutung dieser historischen Wissenschaften geurtheilt. 
„Es kann uns durchaus gleichgültig sein" sagt Driesch (1893 p. 27) „dass 
nun gerade die und die Formen" (von Organismen) „auf unserer Erde 
realisirt sind und so aufeinander folgten, durchaus gleichgültig im 
Sinne der theoretischen allgemeinen Naturforschung, welcher der sich an 
bestimmte Orte und Zeiten knüpfende Begriff der Geschichte fremd ist." 
Es wird dies speziell bemerkt im Hinblick auf den Darwinismus und die 
Bestrebungen, die historische Aufeinanderfolge, die phyletische Entwick- 
lung der Organismengruppen zu ermitteln. Ganz abgesehen davon, dass 
wir die Natur nicht nur desshalb studiren, um das gesetzliche Geschehen 
in ihr kennen zu lernen, sondern auch, um überhaupt zu wissen, worin 
wir denn leben und von was wir umgeben sind, auch in der gewiss 
nicht zu verachtenden praktischen Rücksicht, unser Verhalten demgemäss 
einzurichten , so lässt sich doch auch fragen , was interessiren uns denn 
eigentlich jene gesetzlichen Geschehensweisen , welche meist als an sich 
wenig interessante mathematische Gleichungen erscheinen? Warum sind 
uns diese nicht gleichgültig? An und für sich bietet es doch keinen er- 
heblichen geistigen Genuss zu wissen, dass die Gravitationsbeschleunigung 
proportional der Masse und umgekehrt proportional dem Quadrate der Ent- 
fernung ist. Was uns diese Gesetzlichkeiten nicht gleichgültig erscheinen 
lässt, ist doch eben gerade das, was wir aus ihnen zu folgern vermögen, 

Anmerkung No. 5. 



— 54 — 

sei es für unsere praktischen Zwecke oder für das Verständniss der gegen- 
wärtig in der Natur verlaufenden und der ehemals verlaufenen historischen 
Vorgänge. Ganz dasselbe würde auch für die experimentell eventuell fest- 
zustellenden Gesetzlichkeiten in der Entwicklungsphysiologie gelten; sie 
wären uns nur soweit nicht gleichgültig, sondern von höchstem Interesse, 
als sie uns das Begreifen der historisch gewordenen Organismenformen 
ermöglichten. Hierzu ist aber doch vor allen Dingen die genaue Kenntniss 
dieser Formen sowohl, als ihrer, wenn auch nur wahrscheinlichen historischen 
Aufeinanderfolge nothwendig. Vermag denn die Geologie etwas mit den 
physikalischen und chemischen Gesetzlichkeiten zu erklären, bevor sie die 
jetzige Beschaffenheit und den wahrscheinlichen historischen Verlauf einer 
geologischen Erscheinung genau festgestellt hat. Wenn uns die existirenden 
Formen der Organismen gleichgültig sein sollten, warum dann nicht auch die 
existirenden chemischen Elemente? 

Eine gute Kritik des ablehnenden Verhaltens mancher Entwickelungs- 
mechaniker gegen jegliche, auch die vorsichtigste phylogenetische Folgerung 
siehe bei Eisig (1898 pag. 255 ff.). 

Da ich mich schon 1876 (s. Einleitung pag. 1) dahin aussprach, dass 
„auch jede einzelne organische Gestalt aus den gegebenen Grundlagen und 
Bedingungen ihres Hervorgehens sich erklären lassen müsste", d. h. also, 
ganz abgesehen von phylogenetischen Erwägungen, auf entwickelungs- 
mechanischem Wege aus dem gegebenen Bedingungskomplex des befruch- 
teten Eies, in solcher Weise, wie es später die Entwickelungsmechanik 
als ihr Forschungsziel aufstellte , so möchte ich hier noch Folgendes 
zufügen. Zugegeben, dass solch eine entwickelungsmechanische Erklärung 
irgend einer thierischen Form möglich sei, so geschieht dies, ohne jede 
phylogenetische Rücksichtnahme, von einem gegebenen Anfangssubstrat aus, 
dem befruchteten Ei und seinem besonderen Bedingungskomplex. Wie aber 
erklärt sich gerade dieser Bedingungskomplex des Ausgangssubstrates 
der Entwicklung, des befruchteten Eies? Hier hört die rein entwickelungs- 
mechanische Erklärung definitiv auf. Denn dieses Ei und sein besonderer 
Bedingungskomplex ist etwas historisch gewordenes und daher in seiner 
Besonderheit auch nur mit Berücksichtigung des historischen Werdegangs 
der Organismen zu verstehen , welche im Laufe der Erdgeschichte an 
seiner Hervorbringung mitgearbeitet haben. In diesem Sinne also ist die 
phylogenetische Forschung für das Verständniss des Organismus unent- 
behrlich. 

6) (zu pag. 8). Einem solchen Zusammenwerfen von Mechanismus 
mit Materialismus begegnen wir bei Bunge, der bemerkt (pag. 13): 
„Den umgekehrten und verkehrten Weg schlägt der Mechanismus ein, der 
nichts anderes ist als der Materialismus - - er geht von dem Unbekannten 
aus, von der Aussen weit, um das Bekannte zu erklären, die Innenwelt". 

7) (zu pag. 9.) Ich habe 1896 in einer kleinen Abhandlung zwischen 
„Umschreibungs- und Erweiterungshypothesen" unterschieden, im besonderen 
Hinblick auf die in neuerer Zeit in der Biologie aufgestellten Hypothesen. 

Anmerkung No. 5 — 7. 



5o 



Die erste Art der Hypothesen suchte ich als eine blosse Umschreibung der 
Probleme, als nichts erklärend, zurückzuweisen; die zweite Art erkannte 
ich dagegen als eine Erweiterung unseres Verständnisses, unseres Begreifen s 
der Erscheinungen, als erklärend an. Erst später fand ich, dass Driesch 
schon 1894 (pag. 151 — 157) die Umschreibungshypothesen kritisirte, in ganz 
ähnlicher Weise als eine „Photographie der Probleme" zutreffend 
bezeichnete, auch das Wort „umschreiben" gebrauchte und, ebenso wie ich, 
auf das charakteristische alte Beispiel M o 1 i e r e 's über die „schlafmachende 
Kraft" des Opiums hingewiesen hat. 1893 dagegen schien ihm Wiesner 's 
Plasomtheorie noch als ebenso berechtigt wie die optische Theorie des 
Lichts oder die kinetische Gastheorie, und auch die Weis man n'sche 
Theorie berechtigt, „indem sie sich damit befasse, zu erläutern, wie, d. h. 
durch welche Art der Energie diese (d. h. die spezifische Formgestaltung) 
in die Erscheinung treten könnte" (p. 46). 

Hinsichtlich der sog. Umschreibungshypothesen besteht daher eine 
erfreuliche Uebereinstimmung zwischen Driesch 's und meiner Auffassung. 
Nicht so völlig gilt dies für die Hypothesen, welche ich „Erweiterungs- 
hypothesen" genannt habe. Driesch 's Meinung, dass Theorien, wie die 
kinetische Gastheorie, die Undulationstheorie des Lichts, die Atomtheorie 
der Chemie, das betreffende Gebiet oder die betreffenden Probleme nur 
„veranschaulichten und leichter fassbar machten", theile ich nicht. Ich bin 
der Meinung, dass durch diese Theorien und die ihnen zu Grunde liegenden 
Hypothesen thatsächlich Einsicht gewonnen wird, d. h., dass Vorgänge, 
welche vorher unbegreiflich waren, unter der gemachten, und aus dem 
empirischen Bestand der sonst bekannten Naturvorgänge übertragenen 
Voraussetzung, nun als von dieser bedingt und nothwendig erscheinen. 
Driesch erblickt in Erkenntniss nur Analyse; dies scheint mir aber für 
die korrekte und zulässige Erweiterungshypothese nicht zutreffend. Diese 
geht wie jede Hypothese über Analyse hinaus, indem sie eben als Aus- 
gangspunkt unserer Erkenntniss des Problemes eine Erfahrung setzt, welche 
nicht durch die Analyse dieser Erscheinung gewonnen ist, von welcher 
letztere sich jedoch hypothetisch, unter gerechtfertigten Bedingungen, wider- 
spruchslos ableiten lässt. 

8) (zu pag. 9.) Für das Verständniss des älteren Vitalismus scheint 
es angezeigt, hier wenigstens die Anschauungen eines seiner hervorragend- 
sten Vertreter wiederzugeben. Ich citire daher einige der bezeichnendsten 
Ausführungen über Lebenserscheinungen und die Lebenskraft aus Joh. 
Müll er 's „Handbuch der Physiologie der Menschen" (1833). 

(pag. 23): „Allein diese Harmonie der zum Ganzen nothwendigen 
Glieder" (des Organismus) „besteht doch nicht ohne den Einfluss einer 
Kraft, die auch durch das Ganze hindurch wirkt, und nicht von einzelnen 
Theilen abhängt, und diese Kraft besteht früher als die harmonischen Glieder 
des Ganzen vorhanden sind, sie werden bei der Entwicklung des Embryo 
von der Kraft des Keimes erst geschaffen". „Diese vernünftige Schöpfungs- 
kraft äussert sich in jedem Thiere nach strengem Gesetz". 

Anmerkung No. 7 — 8. 



- 56 — 

(pag. 24): „Stahl's Seele ist die nach vernünftigem Gesetz sich 
äussernde Kraft der Organisation selbst". Die Organisationskraft äussere 
sich „zweckmässig aber nach blinder Nothwendigkeit". „Die bewusstlos 
wirkende zweckmässige Thätigkeit". 

(p. 25): „Man darf ihre blinde nothwendige Thätigkeit mit keinem Be- 
griffbilden vergleichen." „Die organische Kraft dagegen, die Endursache 
des organischen Wesens, ist eine die Materie zweckmässig verändernde 
Schöpfungskraft". 

Bei der Besprechung von Reil 's Ansichten scheint es Joh. Müller 
doch auch möglich, dass diese Kraft eine imponderable Materie sei (p. 26 — 27), 
jedoch nicht identisch mit einem der Imponderabilien der unorganischen 
Welt: „Das Leben . . . beginnt sich zu äussern mit einer in der Materie 
des Keimes wirkenden Kraft oder imponderablen Materie" (p. 28). 

(pag. 29.): „Die organische Kraft, welche in dem organischen Körper 
den zum Leben nothwendigen Mechanismus erschafft, ist doch keiner Acte 
ohne diesen äusseren Impuls und ohne beständige materielle Umwandlungen 
mit Hilfe der äusseren sogenannten Lebensreize fähig". 

(pag. 36.): „Es lässt sich viel angemessener annehmen, dass das von 
einem organisirten Körper organisirte in dem Mass zugleich theilhaftig wird 
der organisirenden Kraft, als es organisirt wird". 

(pag. 38.) : „Nun wird die organische Kraft bei dem Wachsthum und 
der Fortpflanzung der organischen Körper multiplizirt .... während auf 
der anderen Seite die organische Kraft des sterbenden Körpers zu Grunde 
zu gehen scheint". 

(pag. 39.): „So viel scheint aber gewiss, dass bei dem Sterben der 
organischen Körper die organische Kraft wieder in ihre allgemeinen 
natürlichen Ursachen aufgelöst wird". Müller ist daher der 
Ansicht, dass die organische Kraft aus „unbekannten Quellen der 
Aussenwelt in den einmal vorhandenen organischen Körpern" vermehrt 
wird, da man sonst nicht begreifen könne, dass sie bei der Fortpflanzung 
in ihrer Intensität nicht geschwächt werde. 

Diese Aussprüche, welche leicht durch zahlreiche ähnliche vermehrt 
werden könnten, scheinen doch recht deutlich zu zeigen, dass Müller's 
Anschauungen, abgesehen von der Unsicherheit, welche das mangelnde 
Verständniss des Prinzips der Energieerhaltung bedingen musste, im Grunde 
ganz dieselben sind, wie sie von dem Neo- Vitalismus geäussert werden. 
Ob das Prinzip Lebenskraft oder organische Kraft oder besonderes gesetz- 
liches Geschehen, biologisch-vitalistisches Geschehen u. s. f. genannt wird, 
darauf kommt wenig an. Man könnte aus Müller's Darstellung mit 
Recht ableiten, dass er sich die Lebenskraft als eine besondere vitale 
Energieform gedacht habe. 

Gleichzeitig dürfte jedoch aus obigen Nachweisen auch hervorgehen, 
dass die Darstellung, welche E. D ubois-Rey mon d (1894) von J. Müller's 
Anschauungen über die Lebenskraft gab, sehr wenig korrekt ist. 

Anmerkung No. 8. 



- 57 - 

9) (zu pag. 10.) Driesch (1899 pag. 99) bezeichnet den Vitalismus 
als „diejenige Auflassung, welche in Lebensgeschehnissen Vorgänge mit 
ihnen eigenthümlicher Elementargesetzlichkeit erblickt.". Er verwahrt sich 
aber dagegen, dass jene „eigenthümliche Elementargesetzlichkeit" als eine 
besondere Energieart anzusehen sei; das, was der Vitalismus „einführt, als 
Agens, ist etwas ganz wesentlich Anderes" (1899 pag. 109). 

Die gelegentlich geäusserte Ansicht, dass die Besonderheit der 
Lebewesen von einer eigenthümlichen Energieform abhängen könnte, 
welche nur unter den besonderen, im Organismus bestehenden Beding- 
ungen erscheine — deren erstes Auftreten also mit den Bedingungen 
gegeben war, unter denen ein erster Organismus sich bildete — scheint 
mir unhaltbar. Einmal desshalb, weil in der Organismen weit von einer 
solchen Energieform bis jetzt nichts beobachtet wurde. Zur Annahme, dass 
die besonderen stofflichen Verhältnisse des Organismus von einer besonderen 
Energieform abhingen, welche von der chemischen Energie verschieden 
wäre, scheint kein Grund vorzuliegen. Die äusseren und inneren Form- 
verhältnisse des Organismus von einer besonderen Energieform abhängen 
zu lassen, scheint ebenfalls nicht gerechtfertigt. Mit keiner der bekannten 
Energieformen stehen komplizirte Bau- und Strukturverhältnisse, wie sie 
der Organismus zeigt, in einfacher Abhängigkeit. Komplizirte Formver- 
hältnisse, welche Gleichgewichtszustände sind, können nur von komplizirten 
gehäuften Bedingungen abhängen, überhaupt nicht einfach bedingte Gleich- 
gewichtszustände sein, möge die Energieform, von der sie abhängen, auch 
eine andere sein, als die bekannten. Gegen die Annahme einer besonderen 
vitalen Energieform hat sich auch Albrecht (1899 pag. 19) ausgesprochen. 
Ebenso ist Driesch, wie vorhin bemerkt, kein Anhänger dieser Meinung. 

Auf etwas eigenthümliche Weise versuchte H. Buchner (1898) nachzu- 
weisen, dass eine besondere vitale Energieform im Bereich der Lebewelt 
bestehe. Nachdem er, in nicht sehr klarer Weise sich auf Schopenh au er 
stützend, die sog. Naturkräfte (jetzt Energieformen) als Ursachen verworfen 
hat, kommt er doch zur Anerkennung sog. „energetischer causae" oder 
„causae physicales", die nichts anderes sind als jene zuerst verworfenen Natur- 
kräfte oder Energieformen. Neben diesen causae physicales und den causae 
occasionales (Auslösungsursachen), welche nach Buchner den Vorgang 
kausal-energetisch feststellen, erhebt sich jedoch nach ihm noch die Frage 
nach dem Grund, d. h. warum nun gerade ein solcher Vorgang, wie z. B. 
die Verbindung von Wasserstoff und Sauerstoff zu Wasser, geschieht. Dieser 
Grund ist nach Buchner die „chemische Affinität" ; sie bildet nach ihm den 
„logischen Erkenntnissgrund" oder die „ratio" dieser Erscheinung; und 
diese ratio muss von der causa streng gesondert werden; „der Erkenntniss- 
grund bleibt ganz ausserhalb der analytisch-kausalen Betrachtung." 

Die Erscheinung, dass sich H und O zu H 2 zu verbinden vermögen, 
ist, wie man sagt, eine Eigenschaft dieser beiden Naturkörper und, da sie 
keiner weiteren Erklärung zugänglich ist, eine sog. qualitas occulta. Quali- 
tates occultae derselben Art, d. h. von grosser Aehnlichkeit, zeigen uns 

Anmerkung No. 9. 



— 58 — 

jedoch sämmtliche elementare Naturkörper, weshalb wir für diese überein- 
stimmenden Eigenschaften aller Elemente und auch ihrer Verbindungen den 
Sammelnamen oder den Begriff der chemischen Affinität gebildet haben. 
Wenn ich daher sage, der Grund, warum sich Wasserstoff und Sauerstoff 
verbinden, ist die chemische Affinität dieser Körper, so sagt dies nur, die 
Erscheinung der Verbindung von Sauerstoff und Wasserstoff gehört zu den- 
jenigen Erscheinungen, welche wir unter dem Begriffe der chemischen 
Affinitätserscheinungen zusammenfassen. Dagegen ist die Annahme einer 
chemischen Affinität als wirkende Ursache oder Kraft ungerechtfertigt und 
nichts erklärend, wie dies für diesen und andere Fälle schon häufig hervor- 
gehoben wurde. Buchner nennt denn auch ganz richtig die chemische 
Affinität den „logischen Erkenntnissgrund", d.h., der Vorgang gehört zu dem 
empirischen Begriff der chemischen Affinität, etwa so, wie ein Mensch zu 
dem Begriff Organismus gehört; und ich muss, wenn ich über den Einzel- 
vorgang gar nichts Näheres weiss, durch diese Zurechnung schon die all- 
gemeine Art des Vorgangs kennen lernen, wenn mir der Begriff bekannt ist. 
Diese Eigenschaft der Körper H und O, die wir als chemische Affinität 
bezeichnen, kann jedoch bei der Beurtheilung des Vorgangs ihrer Vereinigung 
zu Wasser nicht unberücksichtigt gelassen werden, denn sie muss eben 
doch vorhanden sein, wenn die Verbindung eintreten soll. Bei dem kau- 
salen Vorgang, welcher zur Bildung von H2O aus H und O führt, tritt 
diese Eigenschaft als Bedingung oder als bedingende Ursache auf, ebenso 
wie ja bei dem einfachen Stossproblem der Ort des gestossenen Körpers 
und die Bewegungsrichtung des stossenden nothwendige Bedingungen sind, 
wenn ein Effekt eintreten soll, obwohl davon in die Energiegleichung nichts 
eingeht. — Die Eigenschaft der chemischen Affinität von H und O geht, 
wie gesagt, als Bedingung in das Kausalproblem ein; und dies zeigt wiederum, 
dass es nicht richtig ist, diese Eigenschaft als wirkende Ursache einführen 
zu wollen. Dagegen dürfen wir uns diese Eigenschaft von einem be- 
sonderen Gleichgewichtszustand wirkender Ursachen in den Stoffen H und 
O bedingt vorstellen; und da Gleichgewichtszustände überhaupt nicht kausal 
abhängig erscheinen, sondern irgendwie formal oder quantitativ formal be- 
dingt sind, so kommen wir schliesslich auf strukturelle Bedingungen, von 
welchen diese Eigenschaft abhängen kann. 

Buchner ist nun der Meinung, dass, ebenso wie die chemische Affinität, 
die Gravitation etc., Erkenntnissgrund oder ratio der betreffenden Vorgänge 
seien, auch für die Organismenbildung ein solcher Erkenntnissgrund, eine solche 
ratio vorhanden sein müsse. Dies wird in einer meiner Meinung nach un- 
zulässigen Weise aus der Entstehung der Stärkekörner abzuleiten gesucht, 
welche B. nach Nägel i als organisirte Substanzen auffasst. Ihre Natur 
lässt sich jedoch meiner Ansicht nach auf die der gewöhnlichen Sphäro- 
krystalle zurückführen, und ihre Eigenschaften daher als zur Kategorie dieser 
gehörig betrachten. Danach wäre daher auch kein besonderer Erkennt- 
nissgrund für sie nothwendig, ein „Wachsthums- oder Bildungs- 
trieb", wie ihn Buchner für sie und die Organismen überhaupt annehmen 

Anmerkung No. 9. 



— 59 

will; es genügte die „Krystallanziehung", die B. als Erkenntnissgrund der 
Krystallbildung bezeichnet. Demnach gelangt Buchner also zu der Ansicht, 
dass die besondere Konstellation der Bedingungen in den Organismen eine 
besondere, den Anorganismen fehlende Gesetzlichkeitsform oder Energie- 
form bedinge, die er den „Bildungstrieb" nennt; ähnlich, wie er sich die 
Krystallbildung von einer besonderen Krystallanziehung bedingt denkt. Nun 
ist es schon nicht üblich, sich die Krystallbildung in dieser Weise von einer 
besonderen Energieform bedingt zu denken, aus dem Grunde, weil die Er- 
fahrung nicht ergeben hat, dass mit der Krystallbildung in gesetzmässiger 
Weise freie Energie besonderer oder bekannter Art verknüpft ist. Das- 
selbe gilt jedoch auch von den organisirten Individuen; auch sie sind for- 
male Gleichgewichtszustände wie die Krystalle, doch auch mit ihnen lässt 
sich in keiner Weise eine besondere Energieform in Verbindung bringen. 
Die mögliche Bildung komplizirter Gleichgewichtsformen erfordert jedoch 
auch keineswegs neue besondere Energien, wie ja die Maschinen ver- 
schiedenster Art erweisen; sie erfordert nur das Zusammentreffen günstiger 
Bedingungen unter den aus der Anorganismenwelt bekannten energetischen 
Gesetzmässigkeiten und einer successiven Steigerung der Komplikation im 
Zusammenhang mit den äusseren wechselnden Verhältnissen. 

Dieser Versuch, einen besonderen sog. Erkenntnissgrund (Naturkraft, 
Energieform) als „Erklärungsgrund" der Organismen einzuführen, gibt 
Veranlassung, der Frage nach den sog. Energien selbst etwas näher zu 
treten. Zunächst finden wir das, was wir freie (aktuelle) Energie nennen: 

1) mechanische Energie oder Bewegung von Dingen und Formveränderungen, 

2) freie Wärme und 3) freie strahlende Energien (Licht, Elektrizität, Mag- 
netismus). 

Freie Energien treten stets auf bei gewissen Zustandsänderungen von 
Dingen, wenn das Ding aus einem ruhenden Gleichgewichtszustand in 
einen anderen übergeht. 

Potentielle oder latente Energien nennt man dagegen die Eigenschaft, 
das Vermögen der Dinge, bei solchen Zustandsänderungen freie Energien 
obengenannter Art zu geben. Andererseits finden wir, dass bei Zustandsänder- 
ungen der Dinge freie Energien verschwinden können, d. h. dass sich andere 
Ruhe- oder Gleichgewichtszustände bilden, welche jene freie Energie potien- 
tiell, d. h. gewissermassen im Gleichgewicht sich paralysirend, enthalten. 
Aus diesem geht hervor, dass Energie identisch ist mit dem, was wir auch 
als wirkende Ursachen bezeichneten. Der Uebergang potentieller Energie 
in freie und ebenso umgekehrt geschieht nach gewissen Gesetzmässigkeiten, 
welche mit den sonstigen Bedingungen der kausalen Prozesse zusammen- 
hängen. Hiernach unterscheidet man gewisse potientielle Energieformen, 
welche bei dem Uebergang in freie Energie in der Form von mechanischer 
Energie auftreten, so Distanzenergie (Lageenergie, Gravitation), Formenergie 
und Volumenergie (Elasticität), Oberflächenenergie; hier handelt es sich 
demnach um Energieformen, welche nur in dem potentiellen Zustand und 
der Art ihrer gesetzlichen Bedingungen Besonderheit zeigen, dagegen sich 

Anmerkung No. 9. 



— 60 — 

frei nur als mechanische Bewegung äussern, und welche daher auch in 
ihrem potentiellen Zustand nicht wohl anders als mechanisch bedingte Gleich- 
gewichtszustände beurtheilt werden können. Das, was man chemische 
Energie nennt, äussert sich frei in verschiedener Form als Wärme, Licht, 
Elektrizität, mechanische Energie, aber doch nur in Form anderer Energien; 
eine chemische Energie existirt daher auch nur in potentieller Form 
als in besonderer Weise gesetzlich bedingter Gleichgewichtszustand; als 
wirkende Ursache dagegen, wie mechanische Bewegung, Wärme und 
sonstige freie Energien, begegnen wir ihr nicht. Die übrigen Energien 
scheinen dagegen eine Art Mittelstufe einzunehmen, da sie latent oder 
potentiell und frei auftreten können. Auf diesen Erwägungen und der 
allgemeinen Betrachtung, dass die Zustände potentieller Energie sich nicht 
wohl mit etwas anderem, als mit Gleichgewichtszuständen vergleichen 
lassen, wie sie in Bezug auf mechanische Energie die Mechanik in formaler 
Weise kennen lehrt, scheint mir wesentlich das Streben zu beruhen, die 
Gesammtheit der Energien auf mechanische zurückzuführen, was natürlich 
nur auf der Grundlage eines formal strukturellen atomistischen Aufbaues 
der Stoße möglich erscheint. 

10) (zu pag. 14.). Wenn ich den kausalen Vorgang bei dem einfachen 
Stoss zweier elastischer Körper aufeinander, im Gegensatz zu den eigent- 
lichen Auslösungsprozessen, als eine einfache Kausalkette betrachtet habe, 
bei welcher auf die wirkende Ursache des Körpers B die Aenderung des 
Körpers A, d. h. dessen Bewegungszustand, einfach folge, so ist dies eine 
Vereinfachung der Betrachtung, welche nach unseren Erfahrungen dem wirk- 
lichen Geschehen nicht genau entspricht. Der eigentliche Vorgang bei dem 
Stoss elastischer Körper kann vielmehr nur so aufgefasst werden, dass bei 
dem Zusammentreffen des sich bewegenden Körpers B und des ruhenden 
A zunächst eine innere Zustandsänderung (elastische Aenderung) der beiden 
Körper eintritt, deren Folge erst die Bewegung des Körpers A ist. Man 
erkennt jedoch leicht, dass wenn schon der einfache Stoss sich als eine 
Kausalkette ergibt, ein kausaler Auslösungsvorgang stets eine noch kom- 
plizirtere Kausalkette ist; denn wenn die Auslösungsursache ein Stoss 
ist, der eine Hemmung beseitigt, so erscheint ja schon sie in der Form einer 
solchen einfachen Kausalkette wie der elastische Stoss. Die Kausalverket- 
tung bei einem Auslösungsvorgang wird daher stets komplizirter sein als 
die, welche wir bei einem einfachen Kausalvorgang antreffen. 

Bei Erörterung des Kausalitätsbegriffes ging man in neuerer Zeit viel- 
fach auf Schopenhauer zurück, der ja auch in mancher Hinsicht recht 
klar ist. Im Allgemeinen besagt seine Definition : Ursache ist eine Verän- 
derung, auf welche eine andere , Regelmässig, d. h. allemal, so oft die erstere 
da ist, folgt". (Siehe besonders in „Vierfache Wurzel des Satzes vom zu- 
reichenden Grund". Ges. Werke : Bd. I p. 34 ff.) Statt Veränderung gebraucht 
er auch den Begriff „Zustand"; doch würde ich den ersteren, oder noch besser 
„Zustandsänderung" vorziehen, weil er eben dasjenige klar hervorhebt, was 
die wirkende Ursache, oder die Ursache im engeren Sinne, von den 

Anmerkung No. 9 — 10. 



— 61 — 

Bedingungsursachen unterscheidet. Bei genauerern Zusehen ergibt sich jedoch, 
dass Schopenhauer eigentlich nur Auslösungsursachen kennt, dagegen 
die einfachen Ursachen gar nicht aufführt. Dies erweisen die von ihm an- 
geführten Beispiele. Hierauf beruht es denn auch, dass er sich auf das ent- 
schiedenste dagegen verwahrt, dass die Naturkräfte, also Schwere, Elasti- 
zität, Wärme etc., d. h. das, was wir heute Energieformen nennen, Ursachen 
seien; sie sind es, nach ihm, „was den Ursachen die Kausalität, d. i. die 
Fähigkeit zu wirken, allererst ertheilt, von welchen sie also diese zu Lehn 
haben" (pag. 45). Die Naturkräfte sind ihm eben die Erscheinungsformen 
des Willens, welcher durch die Ursachen zur Aeusserung veranlasst wird. 
Mit der Unkenntniss des Gesetzes von der Erhaltung der Energie fehlt 
in der Erörterung der Kausalität bei Schopenhauer ganz die Kenntniss, 
dass die in Folge der Auslösungsursache auftretenden sogenannten Naturkräfte 
oder Energien Folgen früher aufgetretener, jedoch nicht zur Wirkung ge- 
kommener, sondern in einem Gleichgewichtszustand verharrender Ursachen 
sind, dass jedes Auftreten einer solchen Naturkraft der Uebergang aus 
einem Gleichgewichtszustand in einen anderen ist, in welchem die im 
Gleichgewicht befindlichen (potentiellen) Ursachen quantitativ geringer sind. 
Sehr richtig hat dagegen Schopenhauer schon hervorgehoben, dass 
regelmässige Succession allein keine Kausalität ist (Bd. I pag. 87 — 88.) Er 
lässt jedoch die Frage ganz offen, worin wirkliche Kausalität von regel- 
mässiger Succession sich unterscheide. Diese Untersuchung würde zur Ueber- 
zeugung geführt haben, dass jene Erkenntniss nur durch das Experiment, 
die willkürliche Veränderung der Bedingungen, herbeizuführen ist. 

Lotze (1842) betonte sehr richtig die stete Vielheit der Ursachen 
(Bedingungen) bei jedem Kausalvorgang; dagegen tritt bei ihm das kenn- 
zeichnende Moment der wirkenden Ursache, die Zustandsänderung, nicht 
genügend hervor, so dass er nicht diese, sondern die Dinge selbst, als die 
Ursachen bezeichnet. Neben diesen steht daher bei ihm die Kraft, das hypo- 
thetisch in den Dingen wirkend Gedachte, als der „Grund" des Wirkens 
der beiden Ursachen, die Naturkraft Sc hop enh auer's. 

Eine scharfe Unterscheidung zwischen wirkender Ursache und bedingen- 
den Ursachen (Bedingungen, Umstände) vermisst man in den Erörterungen 
über kausale Vorgänge vielfach; ebenso fehlen häufig klare Anschauungen der 
Beziehungen zwischen einfachen Ursachen und Auslösungsursachen (Ver- 
anlassungen Bunge 's). Beispielsweise finde ich eine Erörterung über den 
Kausalvorgang bei der Bildung von Wasser durch die Vereinigung von 
Wasserstoff und Sauerstoff, in welcher die Zufuhr von Wasserstoff zum 
Sauerstoff (bei genügender Temperatur) als Ursache, das gebildete Wasser 
dagegen als Wirkung bezeichnet wird. Nun ist dieser Vorgang überhaupt 
kein einfacher Kausalvorgang im Sinne des Stosses etwa , sondern ein 
Auslösungsvorgang. Sauerstoff und Wasserstoff sind zwei chemisch-energe- 
tische Gleichgewichtszustände, die bei Steigerung der Temperatur auf eine 
gewisse Höhe in einen neuen Gleichgewichtszustand übergehen, den des 
Wassers. Bedingungsursachen sind einmal die beiden Systeme H u. O, 

Anmerkung No. 10. 



— 62 - 

in welchen frühere wirkende Ursachen im Gleichgewicht sich finden, wie 
in dem gehobenen und auf einer Unterlage im Gleichgewicht ruhenden 
Gewicht. Die Steigerung der Temperatur oder der Zusammentritt (Be- 
wegung) ist Auslösungsursache, wie der seitliche Stoss auf das Gewicht. 
Folge ist Aufhebung des Gleichgewichtszustandes, so dass die im Gleich- 
gewicht gewesenen wirkenden Ursachen der beiden Systeme ihre Wirkung 
äussern (Fall des Gewichts) und Folge davon neuer Gleichgewichtszustand 
(neue Ruhelage des gefallenen Gewichts), das Sj-stem Wasser. 

O. Hertwig's (1897) Stellung zu dem Kausalitätsproblem scheint mir 
einiger Erörterungen zu bedürfen, angesichts der hervorragenden Bedeutung 
dieses Biologen und des Umstandes, dass er mehrfach das vitalistisch- 
mechanistische Problem behandelte. Hertwig vertritt die Meinung, dass 
eine genaue deskriptive Beschreibung der Entwickelungsstadien und der 
formalen Entwickelungsvorgänge eines Organismus eine kausale Darstellung 
sei. Ich und andere versuchten demgegenüber schon darzulegen, dass regel- 
mässige Aufeinanderfolge als solche nicht nothwendig kausale Abhängigkeit 
ist, sondern wie Tag und Nacht, der Wechsel der Jahreszeiten u. s. f. von 
einem dritten kausal bedingt sein kann. Der alte Grundsatz, dass post hoc 
nicht propter hoc bedeutet, ist eben bei kausalen Betrachtungen vor allem 
zu beherzigen. Dieselbe Ansicht vertritt auch H. Buchner (1898 pag. 4 ff.) 
Nach ihm (pag. 11) „enthält eine genaue Beschreibung der Succession ja 
ohnehin den Kausalzusammenhang." Die von ihm angeführten Beispiele, 
welche diese Anschauung erweisen sollen, halte ich nicht für massgebend, 
sondern gerade für solche, z. B. das Zusammentreffen der Häufigkeit der 
Typhusvorkommnisse mit gewissen Bewegungen der Grundwasserkurve, 
welche kausal von einem dritten bedingt sein können, ohne jedoch selbst in 
kausaler Abhängigkeit zu stehen. 

Hertwig wirft Roux Unklarheit vor, weil er Ursache gleich Kraft 
setze. Nun ist ja richtig, dass sich Roux häufig des Kraftbegriffes bedient, 
den man besser ganz eliminirt. Dagegen geht doch aus R o u x's Darlegungen 
klar hervor, dass ihm Kraft als eine Bezeichnung für ein gewisses gesetz- 
liches Geschehen, eine Wirkungsweise, gilt, und dass daher die Bezeichnung 
Kraft bei ihm nichts Unklares und Mystisches hat. Wenn Hertwig sich auf 
Schopenhauer und Lotze beruft, indem er die Gleichsetzung von Ursache 
und Kraft bei Roux tadelt, so übersieht er, dass eben für Schoppen hauer 
gerade die Naturkräfte das sind, was den Ursachen erst ihre Wirksamkeit 
verleihe (s. oben), und dass auch bei Lotze die Kraft als der „Grund" der be- 
sonderen Wirkungsweise der Ursachen figurirt. Wie gesagt, vertrete ich ja die 
Meinung, dass der überflüssige Begriff der Kraft am besten ganz ver- 
mieden würde. Wenn aber etwas geschieht, so muss es in einer gewissen 
gesetzlichen Weise geschehen, und da jedes Geschehen durch vorhergehen- 
des Geschehen bedingt wird, so ist für die vollständige kausale Erkenntniss 
eines Geschehens dasjenige Geschehen, von welchem es abhängt, von be- 
sonderer Bedeutung; die bedingenden Ursachen, d. h. die sonstigen Be- 
dingungen allein geben keine vollständige Darstellung der Abhängigkeit. 

Anmerkung No. 10. 



— 63 

Auf die Ermittelung dieses Geschehens (Wirkungsweise), von welchem das 
einzelne Entwickelungsgeschehen, resp. auch die einzelnen Entwickelungs- 
stadien als formale Gleichgewichtszustände abhängen, ist jedoch Roux's 
Bestreben gerichtet. Wenn er von „gestaltenden Kräften" im Entwicklungs- 
leben spricht, gegen die sich H e r t w i g besonders lebhaft wendet, so ist 
nicht zu verkennen, dass Roux's Darstellung leicht zu Missdeutungen Ver- 
anlassung gibt ; da mit dieser Bezeichnung die Vorstellung verbunden wer- 
den kann, als beabsichtige R. nach Analogie der alten Lebenskraft einfache 
hypothetische Ursachen einzuführen für die Erklärung der Gestaltbildung 
im Entwickelungsleben Da er jedoch bestimmt erklärt, dass diese „ge- 
staltenden Kräfte" als komplexe Komponenten zu betrachten seien, d.h. als 
die Gesammtheit der Bedingungen und Ursachen, von welchen die Bildung 
einer gewissen Form oder des Theils einer gewissen Form abhängt, so lässt 
sich gegen eine solche Auffassung nichts Entscheidendes einwenden; wenn 
ich auch zweifle, ob damit etwas Wesentliches gewonnen wird. 

O. Hertw T ig's Anschauungen über kausale Abhängigkeit scheinen 
noch in anderer Hinsicht angreifbar. So bemerkt er pag. 36: „Ist nicht 
kausal die Erkenntniss, dass die Eier und Samenfäden einfache Elementar- 
organismen oder Zellen sind?" Nein, diese Erkenntniss ist nicht kausal, 
sondern besagt, dass jene Körper denjenigen, welche man unter dem 
Begriffe der Elementarorganismen oder Zellen zusammenfasst, so ähnlich 
sind, dass sie diesem Begriff untergeordnet zu werden verdienen. Man 
kann hier von einem logischen Grund oder einer logischen Nothwendigkeit 
reden, welche zu dieser Erkenntniss führen ; kausale Abhängigkeit dagegen 
liegt ebensowenig vor, als wenn ich urtheile: diese geometrische Figur ist 
ein Dreieck ! 

Nicht wesentlich anders liegt Hertwig's zweite Frage: ob es nicht 
kausal sei, dass der Entwickelungsprozess auf fortgesetzter Zelltheilung be- 
ruhe? Auch hier zielt schon die Fragestellung nicht auf kausale Abhängig- 
keit hin. Die Eizelle zerfällt successiv in mehrere Zellen; diese von anderen 
Zellen bekannte Erscheinung fasse ich unter dem Begriff der Zelltheilung 
zusammen, und in derselben Weise wie vorhin urtheile ich daher, dass auch 
der Zerfall der Eizelle unter den Begriff der Zelltheilung gehöre. Diese 
Erkenntniss ist eine wichtige und vereinfachende Umgestaltung meines 
Wissens, aber nur insofern etwa auf Kausalität hinweisend, d. h. auf Ab- 
hängigkeit von vorhergehenden Veränderungen, als ich nun auch behaupten 
darf, dass die kausalen Bedingungen der Zelltheilung auch für die Theilungen 
der Eizelle gelten werden. Kenntniss der kausalen Abhängigkeit erlange 
ich jedoch erst dann, wenn ich nachweise, von welchen wirkenden Ur- 
sachen und von welchen Bedingungen die Zelltheilung überhaupt abhängt. 
Ein wesentliches Moment kausaler Abhängigkeiten ist stets die Succession 
in der Zeit, ein Moment, das den beiden von H e r t w i g angeführten Beispielen 
mangelt; schon aus diesem Grund sind sie keine Beispiele von Kausalität. 

Man kann nun aber sagen, die Theilungen der Eizellen folgen ja in 
der Zeit aufeinander und jedes Stadium ist Ursache des folgenden. Das 

Anmerkung No. 10. 



64 

erste ist richtig, das zweite dagegen nicht. — Richtig ist nur, dass jedes 
vorhergehende Stadium sammt den umgebenden Bedingungen die sämmt- 
lichen Bedingungen und Ursachen für das folgende Stadium enthalten 
muss. Habe ich einen Stab, der durch irgend welche äussere Einwirkung 
successive in 2, 4 u. s. f. Stücke zerbrochen wird, so kann ich nicht sagen: 
der ungetheilte Stab ist die Ursache der beiden Stücke u. s. f. Der Stab 
bildet einen Theil der Bedingungen und wirkenden Ursachen, seine Um- 
gebung den übrigen Theil, und das Ergebniss ist der neue Zustand, in dem 
der Stab nun zweigetheilt ist. Die vornehmste wirkende Ursache, welche 
in diesen Bedingungungskomplex eintritt, gehört hier örtlich nicht dem 
Stab, sondern der Umgebung an (z. B. Stoss eines Körpers der Umgebung 
auf den Stab). Bei der Theilung der Eizelle ist dies insofern anders, als 
hier diese vornehmste wirkende Ursache dem Bedingungskomplex der Zelle 
örtlich zugehört. Im Uebrigen lassen sich die beiden Fälle wohl vergleichen 
und dabei erkennen, dass ich nicht kausales Verständniss erziele, wenn ich den 
Stab als die Ursache der beiden Theilstücke bezeichne oder die Eizelle als 
die Ursache ihrer beiden Theilzellen, sondern erst dann, wenn ich den ge- 
sammten Komplex der bedingenden und wirkenden Ursachen nachweise; 
oder, da dies schwerlich jemals vollständig zu erreichen ist, wenigstens die 
vornehmste wirkende Ursache (analog dem Stoss, der den Stab zerbricht) 
aufzuweisen im Stande bin. Denn die Gesammtheit der Bedingungen zu er- 
mitteln ist bei natürlichen Vorgängen wohl niemals zu erreichen. Auch Roux 
(1897 pag. 33) bemerkt bei Besprechung der Hert w ig' sehen Einwände 
einmal, dass die Aufeinanderfolge der Stadien „bereits kausale Erkenntniss 
darstellt, da jedes frühere Stadium die Ursache der folgenden ist. Das be- 
streitet wohl Niemand." Dieser Ausspruch kann nach den sonstigen Dar- 
legungen Roux's nicht als korrekt bezeichnet, sondern nur in dem Sinne 
aufgefasst werden, dass die eigentlich wirkenden Ursachen, welche die 
Veränderung zum nächsten Stadium bedingen, in dem Bedingungskomplex 
des vorgehenden gegeben sind. 

Kurze Erwähnung verdienen hier noch die Form und Differenzirung, 
welche ja biologisch eine so grosse Rolle spielen, da z. B. Hertwig 
Form und Differenzirung des Eies unter die Ursachen rechnet (pag. 178). 
Form und Differenzirung als Gleichgewichtszustände können naturgemäss 
nie wirkende Ursachen sein; sie treten als bedingende Ursachen in die 
kausale Abhängigkeit ein. In dem formal ungemein komplizirten Organis- 
mus sind daher auch die Bedingungsursachen, gegenüber dem Einzel- 
geschehen in der anorganischen Welt, ungemein komplizirt, während die 
wirkenden Ursachen verhältnissmässig einfacher Natur sein können. 

11) (zu pag. 15). Meine Auffassung des „Erklären" habe ich schon 
1896 auf Grund dessen, was man von jeher als befriedigende naturwissen- 
schaftliche Erklärungen betrachtete, dargelegt. Eine Erscheinung erklären, 
ist ihre Ableitung, Rückführung oder ihre Unterordnung unter eine empirisch 
bekannte allgemeinere Erscheinung oder Gesetzlichkeit. In dieser Auf- 
fassung begegne ich mich, wie ich nachträglich sehe, mit verwandten 

Anmerkung No. 10 — 11. 



65 — 

Anschauungen. So sagt z.B. schon S ig wart: Erklärung ist „die Ableitung 
eines thatsächlich feststehenden, durch unmittelbare Wahrnehmung ge- 
wonnenen Satzes aus einem allgemein gültigen Obersatz"; hieraus folge 
denn auch, dass alle Erklärung ihrem Wesen nach Deduktion sei. Auch 
Cornelius verwirft den Begriff des Erklärens nicht, der nach ihm die 
Einordnung einer Wahrnehmung unter einen Begriff nach dem sogenannten 
Oekonomieprinzip von Avenarius und Mach bedeutet. Im Grunde ist 
das ganz dasselbe, was ich als Erklärung bezeichnete, nämlich die Einord- 
nung einer Wahrnehmung (Erfahrung), ebenso jedoch auch eines empirischen 
Begriffs unter einen anderen umfassenderen. Dieser Begriff, unter welchen 
das zu Erklärende eingeordnet wird, darf jedoch, wenn damit wirklich eine 
ökonomische Vereinfachung unseres Wissens, ein Erklären oder Begreifen, 
erreicht werden soll, kein willkürlich definirter oder erfundener sein, nicht 
ein Begriff, welchem das zu Erklärende oder Begreifende willkürlich als 
Definition zugeschrieben wird , sondern ein erfahrungsgemässer oder em- 
pirisch gegebener Begriff. Denn zu begreifen vermag ich nur, wenn die 
Ableitung des zu Begreifenden aus dem Oberbegriff nicht nur eine willkürlich 
herbeigeführte logische Nothwendigkeit ist , sondern eine empirisch ge- 
gebene, insofern eben dieser Oberbegriff ein empirisch gegebener und als 
solcher sich zwingend aufdrängender, nicht zu umgehender und nicht 
willkürlich konstruirter ist. Aus dem Dargelegten folgt auch, dass ich 
Denjenigen nicht zuzustimmen vermag, welche den Begriff „Erklären" 
wegen „seiner Dunkelheit" möglichst vermeiden wollen, wie z. B. P. Du- 
bois-Reymond (1890), der jedoch schon richtig erkannte, dass 
Kirchhoff den Begriff „Beschreiben" in einer von der üblichen wesentlich 
verschiedenen Weise definirte und so zu seiner bekannten Forderung ge- 
langte. Dagegen kann ich nicht einsehen, dass das, was Dubois an Stelle 
des Kir chh of f'schen „Beschreibens" setzen will, nämlich: „die Synthese 
oder die Konstruktion des Erscheinungsgebietes aus einfachsten Mechanismen", 
sich empfehle. Hierin liegt doch schon die keineswegs gerechtfertigte 
Voraussetzung, dass eine solche Konstruktion aus einfachsten Mechanismen 
allgemein möglich sei, oder selbst, wenn möglich, zum Begreifen des Er- 
scheinungsgebietes wesentlich beitrage, was keineswegs der Fall ist. De- 
duktion aus allgemeinsten oder allgemeineren Erfahrungen besagt ganz das 
Gleiche und ist eben das, was man als Begreifen oder Erklären bezeichnete; 
abgesehen natürlich von sog. Scheinerklärungen mit Hilfe von Umschreibungs- 
hypothesen oder Umschreibungsbegriffen, die nichts erklären. Auch Driesch 
(1894) will den Begriff „Erklären" vermeiden, obgleich er mit Dubois 
die besondere Natur des Kirchhoff'schen Beschreibens richtig bemerkte. 
Ebenso erörterte Roux (1897 p. 46) das Kirchhoff'sche Beschreiben in 
seiner Abweichung von dem gewöhnlichen Begriff des Beschreibens richtig 
und fügt treffend zu: „Herr K. hat wohl nicht geahnt, was sein Ausspruch 
über die ,vollständige und möglichst einfache Beschreibung' .... für Ver- 
wirrung anrichten würde". Er bemerkte dies namentlich im Hinblick auf O. 
Hertwig, welcher aus der Kirchhoff'schen Forderung abzuleiten suchte, 

Bütschli, Mechanismus und Vitalismus. 5 

Anmerkung No. 11. 



— 66 — 

dass eine vollständige und einfachste Beschreibung der thatsächlich zu be- 
obachtenden, successiven Entwickelungsstadien eine kausale Beschreibung 
sei im Sinne Kirchhoff 's. Dass eine solche Ansicht nicht zutrifft, 
führten auch Roux und Driesch aus. Schon in der Anmerkung 
No. 8 p. 61 wurde zu zeigen versucht, dass diese Ansicht Hertwig's 
unhaltbar ist. Wenn H e r t w i g meint, dass bei der Planetenbewegung 
jeder vorhergehende Zustand des Planetensystems die Ursache des folgen- 
den sei, dass daher für die vollständige und einfachste Beschreibung der 
Planetenbewegung die Kenntniss der Kepler 'sehen Gesetze genüge, so 
übersieht er, dass dies zwar richtig, insofern ich eben die von Newton 
aufgestellten beiden wirkenden Ursachen der Planetenbewegung, die trans- 
latorische und die Gravitations - Bewegung, als die in jedem Moment 
wirkenden ausser den übrigen Bedingungen kenne; dass dies jedoch 
nicht zutrifft, wenn ich nur die formalen Veränderungen kenne, die von 
Moment zu Moment statthaben, wie sie die Kepler'schen Gesetze angeben. 
Die beschreibende Entwickelungsgeschichte liefert eben eine Darstellung 
der formalen Aenderungen, gibt dagegen keinen Aufschluss über die wirken- 
den Ursachen oder Bedingungen, von welchen diese Aenderungen ab- 
hängen; sie vermag desshalb auch eine eigentlich kausale Beschreibung, 
wie sie Kirchhof im Sinne hatte, nicht zu geben. 

Wenn ich bei dieser Gelegenheit mir erlauben darf, über die Kirch- 
hoff 'sehe Forderung, welche sich zunächst auf mechanische Bewegungen 
bezog, etwas zu bemerken, so wäre es Folgendes. Kirchhoff hatte sehr 
wohl gefühlt, dass der Begriff der ,, Kraft" als Ursache der Bewegung un- 
klar oder eigentlich nichts erklärend ist; unrichtig ist es jedoch, wenn er 
meint: „dass der Begriff der Ursache und des Strebens sich von solchen 
Unklarheiten nicht befreien Hesse". Für die realen oder empirischen Ur- 
sachen gilt dies nicht. Desshalb fordert K., dass die Mechanik, „die in der 
Natur vor sich gehenden Bewegungen beschreiben und zwar vollständig 
und auf die einfachste Weise beschreiben solle". In dieser Forderung 
scheinen mir jedoch selbst zwei Dunkelheiten enthalten zu sein, nämlich 
dass die Beschreibung „vollständig und auf die einfachste Weise" geschehen 
soll. Beides scheint mir nicht klar definirbar zu sein, und besonders unter 
dem vollständig verbirgt sich meiner Meinung nach die Forderung der 
kausalen Beschreibung, d. h. die Forderung, dass die einzelnen successiven 
Glieder der Beschreibung nothwendig auseinander folgen. Die Forderung 
der Einfachheit dagegen wäre die alte Newton'sche, dass nicht mehr An- 
nahmen gemacht werden sollen, als durchaus nothwendig. Kirch ho ff 
fordert einfache Beschreibung und geht dann sofort zur Betrachtung der 
Bewegung des „unendlich kleinen Körpers", des „materiellen Punktes", über. 
Ob man jedoch eine solche Betrachtung überhaupt das Recht hat, eine Be- 
schreibung zu nennen, scheint mir doch sehr zweifelhaft. 

Ich finde nachträglich, dass auch schon der Physiker O. Wiener 
(1900, pag. 42—43) sich in ganz ähnlicher Weise, wie ich und Andere, gegen 
Kirchhoff's Anwendung des Begriffes „Beschreiben" aussprach. Ich 

Anmerkung No. 11. 



67 — 

entnehme seiner Bemerkung ferner, dass auch O. Holder („Anschauung und 
Denken in der Geometrie", Leipzig 1899 pag. 71) Entsprechendes äusserte. 
Auch Mac h's (1900) Standpunkt in der Beschreibungsangelegenheit scheint 
mir nicht zutreffend. Er sagt pag. 210: „Unbefangene Ueberlegung lehrt aber, 
dass jedes praktische und intellektuelle Bedürfniss befriedigt ist, sobald unsere 
Gedanken die sinnlichen Thatsachen vollständig nachzubilden vermögen." 
Er führt dies an dem Beispiel des Erdbebens näher aus, über das wir 
vollständig unterrichtet wären, wenn wir die dabei auftretenden sinnlichen 
Erscheinungen in Gedanken uns vorführen könnten. Diese Argumentation 
halte ich, wie gesagt, nicht für zutreffend, indem dabei das Warum oder die 
kausale Beschreibung ganz mangelt. Wir sind über das Erdbeben erst dann 
vollständig unterrichtet, wenn wir wissen, mit welchen Erscheinungen der 
Erde es in gesetzlicher Abhängigkeit steht; wenn wir uns nicht nur die sinn- 
lichen Erscheinungen des Erdbeben in Gedanken vorführen können, sondern 
auch diejenigen sinnlichen Erscheinungen, von denen das Erdbeben als Folge- 
erscheinung abhängt, und wenn wir überhaupt alle bei dem Erdbeben auf- 
tretenden sinnlichen Erscheinungen als Glieder mit vorausgehenden Gliedern 
in Abhängigkeit bringen können. 

In seiner Wärmelehre (1896) spricht sich Mach schon ähnlich aus. Da 
er sich hauptsächlich gegen solche Erklärungen Avendet, die Umschreibungs- 
hypothesen zur Grundlage haben, wie Wärmestoff, Elektrizitäts- 
stoff etc., so fällt es ihm leicht zu zeigen, dass derartige Erklärungen 
nicht mehr enthalten wie die Thatsachen. Der Unterschied zwischen Be- 
schreibung im gewöhnlichen Sinne und kausaler Beschreibung (Erklärung) 
tritt auch an diesem Ort nicht hervor. Die einfache Beschreibung gilt 
Mach als „klar", während ich meine, dass Widerspruchslosigkeit das Kri- 
terrium von „klar" ist. Auch wendet er sich gegen die Meinung, dass bei 
der gewöhnlichen Beschreibung die Glieder nicht nothwendig auseinander 
folgten, während dies bei der Erklärung oder kausalen Beschreibung der 
Fall sei. Er sucht zu zeigen, dass es keine physikalische Notwendigkeit 
gebe, sondern nur eine logische. Mir scheint dies nicht zutreffend. Jeder 
Schluss aus gewissen Praemissen ist natürlich ein logisch notwendiger, 
wenn er den logischen Regeln nicht widerspricht. Was zwingt mich jedoch 
die Praemissen so zu nehmen, dass mit logischer Nothwendigkeit daraus ein 
richtiger, d. h.ein der Erfahrung nicht widersprechender Schluss folgt (vor- 
ausgesetzt natürlich, dass ich diese Praemissen nicht einfach logisch und 
willkürlich so annehme, dass der gewünschte Schluss resultiren muss)? Die 
Wahl der richtigen Praemissen ist keine logische Nothwendigkeit, sondern 
Erfahrung oder physikalische Nothwendigkeit. Die kausale Beschreibung 
deducirt mit logischer Nothwendigkeit aus physikalischer. 

Mit dem vorstehend über den Begriff der Erklärung Bemerkten ist 
jedoch der Gegenstand noch nicht erschöpft. Häufig kann nämlich der Fall 
auch so liegen, dass es sich bei dem zu Erklärenden nicht um die Erkenn- 
ung der wirkenden Ursachen eines Vorganges handelt, sondern um die der 
Bedingungen, deren genaue Präzision fehlt. Es kann ja der Fall so liegen 

Anmerkung No. 11. -5* 



68 — 

und liegt häufig genug so, dass mir die wirkende Ursache eines Vorganges 
bekannt ist, die Bedingungen dagegen nicht. Betrachten wir einen einfachen 
Fall; ich stosse gegen einen Gegenstand und sehe, dass derselbe in zwei 
Theile auseinanderfällt. Die genauere Untersuchung zeigt mir dann, dass 
der Gegenstand einen Sprung besass oder dass er überhaupt aus zwei ge- 
trennten Theilen zusammengefügt war. Hier handelt es sich also um die 
Aufklärung einer Bedingung für die kausale Beschreibung oder Erklärung 
des Vorganges, eines Bedingenden, nicht dagegen einer wirkenden Ursache. 
Wie in dem vorausgesetzten Falle wird die Bedingung meist formaler Natur sein, 
im weiteren Sinne sich als eine Form- oder Struktureigenthümlichkeit ergeben. 
Gerade derartige Erklärungen müssen jedoch in der Organismenwelt, wo 
Form und Struktur so hochgradig gesteigert sind, eine besondere Rolle 
spielen. Aber auch auf dem anorganischen Gebiet haben solche Erklärungen 
weiteste Bedeutung. Fragen wir z. B., warum ein Krystall in bestimmten 
Richtungen spaltet, so kann es sich bei der Erklärung auch nur um die Fest- 
stellung einer solchen, im weiteren Sinne strukturellen Bedingung handeln. 
Fragen wir, warum ein gedehnter Kautschukstreif sich bei Erhöhung der 
Temperatur zusammenzieht, so gilt auch hier wieder dasselbe. Fragen wir, 
warum eine emulsive Flüssigkeit trübe und undurchsichtig erscheint, so finden 
wir strukturelle Verhältnisse als bedingende Ursache. Eine sehr grosse 
Zahl von Eigenschaften finden, oder werden ihre Erklärung in solchen struk- 
turellen formalen Bedingungen finden, wie bei der Erwähnung der Struk- 
turen (s. pag. 73) noch genauer auszuführen sein wird. 

Eine mit der meinigen übereinstimmende Auffassung des Begriffes 
„Erklären" auf naturwissenschaftlichem Gebiet gab vor Kurzem auch 
J. Classen mit folgenden Worten (1901 pag. 6): „Nun kann aber, einen 
Vorgang erklären, niemals etwas anderes heissen , als ihn zurückführen 
auf einen anderen, einfacheren, den wir schon kennen, oder als bekannt 
voraussetzen (? B.) oder den wir schon erklärt haben, oder dessen weitere Er- 
klärung wir in einen anderen Zweig der Wissenschaft verweisen." 

12) (zu pag. 16). Vergleiche über diese Frage auch die treffende, 
besonders gegen Baur (1898), der ähnliche Anschauungen vertrat, gerichtete 
Kritik Albrech t's (1899 pag. 73-76). 

13) (zu pag. 18). Ueber die Bedeutung des Experiments für die kausal- 
biologische Forschung wurde in letzterer Zeit viel gestritten. So schrieb 
O. Hertwig im Gegensatz zu Roux dem Experiment auf dem Gebiete 
der Entwickelungsgeschichte eine sehr geringe Bedeutung, wenn überhaupt 
eine, zu. Er würdigte dabei jedoch das Experiment nur von der Seite des 
zufälligen Probirens, der Bewirkung zufälliger neuer Bedingungskombinationen, 
dagegen nicht von der Seite des planvollen Ermitteins der noth wendigen 
Bedingungen und Abhängigkeiten einer Erscheinung. Die Experimente 
lassen sich in zwei Kategorien sondern, von welchen die erste diejenigen 
umfasst, welche man als Zufallsexperim ente bezeichnen kann, nämlich 
die Herbeiführung, resp. Entdeckung irgend welcher, seither unbekannter That- 
sachen durch probirendes (d. h. ohne bewusste Voraussicht des Ergebnisses 

Anmerkung No. 11 — 13. 



— 69 — 

geschehendes) Kombiniren von Bedingungen. Hierher gehörte z. B. die Ent- 
deckung des Phosphors u. s. f. Die zweite Kategorie liesse sich als die der 
Eliminationsexperimente bezeichnen. Bei diesen handelt es sich darum, 
durch planvolles Experimentiren zu ermitteln, von welchen der mehrfachen 
Bedingungen eine Erscheinung wirklich abhängt, und welche dieser Beding- 
ungen weiterhin die wirkende Ursache ist. Diese Ermittelung geschieht ent- 
weder durch Ausschaltung der einzelnen manigfaltigen Bedingungen aus 
dem Komplex, oder durch Intensitätsvariirung einzelner derselben und der 
Beobachtung ihres Einflusses auf die zu erforschende Erscheinung. Beispiel 
wäre also etwa die Feststellung, dass das Nichtherabfallen des Quecksilbers 
in der Barometerröhre direkt abhängt von dem Druck der Atmosphäre. 
Nur als eine Unterabtheilung des Eliminationsexperiments wäre der Versuch 
anzusehen, den man als das Verifikationsexperiment bezeichnen 
kann, d. h. ein Experiment, bei welchem der Experimentator von einer be- 
stimmten hypothetischen Vorstellung über die direkte Abhängigkeit einer 
Erscheinung von einer anderen ausgeht, und hieraus auf Ergebnisse schliesst, 
welche unter bestimmten Bedingungen eintreten müssen, wenn die gemachte 
Voraussetzung richtig ist. Der Ausfall des Experiments, resp. der Experi- 
mente, entscheidet daher für oder gegen die Voraussetzung. Beispiel hiefür 
wäre das Experiment, auf Grund gewisser hypothetischer Vorstellungen 
eine chemische Verbindung synthetisch darzustellen u. s. f. 

Obgleich ich schon früher (1896, 1897) die von Roux, Driesch und 
Anderen so hoch gewerthete Bedeutung des biologischen, insbesondere des 
ontogenetischen Experiments, anerkannte, blieb ich doch immer etwas im 
Zweifel, ob es möglich ist, damit die wirkenden Ursachen oder Energien fest- 
zustellen, welche die Entwickelung bedingen; was doch nach Roux die 
Aufgabe der Entwickelungsmechanik ist. Roux unterscheidet (1897 pag. 278) 
zwischen dem „kausal-analytischen morphologischen" Experiment und dem 
„formal-analytischen". „Das Wesen des kausal-analytischen morphologischen 
Versuchs besteht darin", sagt er, „dass eine einfache oder komplexe ursäch- 
liche Komponente (oder auch eine eng verknüpfte ganze Gruppe solcher 
Komponenten) des organischen Gestaltungsgeschehens verändert wird, und 
dass wir einerseits sowohl die dadurch bewirkte Abänderung des normalen 
Gestaltungsgeschehens vollständig beobachten, wie andererseits auch die 
von uns abgeänderten ursächlichen Komponenten wenigstens soweit ermitteln, 
um die Aenderung der Gestaltung auf diese Ursachen beziehen zu können." Zu 
diesen „kausal-analytischen morphologischen" Experimenten rechnet Roux 
vor allem die Versuche über die Wegnahme oder Tödtung einzelner 
Blastomeren des sich entwickelnden Eies. 

Das formal-analytische Experiment dagegen ist nach Roux der 
Versuch, welcher nur die finale Reaktion auf gewisse experimentelle 
Einwirkungen festzustellen sucht, ohne Frage nach den Ursachen. Hierher 
werden z. B. die Regenerationsversuche an erwachsenen Organismen gestellt. 

Nun scheint mir, dass der Gegensatz dieser beiden Arten von Experi- 
menten kein prinzipieller ist. Wenn ich eine oder einige Blastomeren des 

Anmerkung No. 13. 



— 70 — 

sich entwickelnden Eies wegnehme, so führe ich prinzipiell dasselbe aus, 
als wenn ich von dem entwickelten Organismus einen Theil wegnehme. 
Im ersteren Fall studire ich die mögliche ontogenetische Regeneration, im 
zweiten die des entwickelten Organismus. Wenn ich im Zweizellenstadium 
die eine Blastomere entferne und es tritt hierauf, unter sonst gleichen Be- 
dingungen, einmal Entwickelung zu einem ganzen Embryo, bei einer anderen 
Form solche zu einem halben, und bei einer dritten Form gar keine Ent- 
wickelung ein, so lehrt dies, dass bei der ersten Form die Gegenwart 
der weggenommenen Blastomere eine Bedingung für die Entwickelung der 
anderen zu einem halben Embryo war, und dass ferner die isolirte zweite 
Furchungskugel das Vermögen besitzt, sich so umzugestalten, dass in ihr 
(abgesehen von dem Volum) wieder die Bedingungen des ungefurchten Eies 
eintreten (beziehungsweise kann diese Umgestaltung zu einer normalen 
Entwicklungsstufe auch erst später eintreten). Bei der zweiten Form finden 
wir, dass die zweite Blastomere keine Bedingung für die Entwickelung der 
anderen zu einem halben Embryo bildet, und dass sie das Vermögen der 
sog. Reparation (Driesch) nicht besitzt. Bei der dritten Form endlich 
würde die zweite Blastomere überhaupt nothwendige Bedingung für die 
Weiterentwickelung sein. 

Schneide ich einem Triton ein Bein ab, so erscheint mir im Prinzip 
die Betrachtung ganz dieselbe, wie in dem eben erörterten Fall. Wir er- 
fahren aus dem Ergebniss, dass das Bein Bedingung dafür war, dass keine 
weiteren Entwickelungsprozesse an dem übrigen Körper stattfanden und 
ferner, dass dieser nach Wegnahme des Beins das Vermögen besitzt, sich 
so umzugestalten, dass wieder ähnliche Bedingungen eintreten, wie sie vor 
Entwickelung des Beins bestanden, und demgemäss ein neuer Entwickelungs- 
prozess anhebt. 

Noch klarer werden uns diese Verhältnisse, wenn wir uns erinnern, 
dass jede Form, die ausgebildete sowohl als jedes Entwickelungsstadium, 
ein Gleichgewichtszustand ist und dass die Wegnahme eines Theils einer 
solchen Form stets unter dem Gesichtspunkt einer Störung dieses Gleich- 
gewichts aufzufassen ist. Daraus folgt auch, dass die Wegnahme nie als 
eine wirkende Ursache aufgefasst werden kann, sondern nur als eine 
veränderte Bedingung. Von den nun gegebenen Gesammtbedingungen des 
restirenden Systems wird es abhängen, ob es im Gleichgewicht ver- 
harren kann, etwa wie ein fester Körper, von dem ein Theil entfernt 
wurde, oder ob das Gleichgewicht gestört ist und ein Entwickelungsprozess 
beginnt, der zur Wiederherstellung des Gleichgewichts, unter Ergänzung der 
verloren gegangenen Theile, führt; etwa wie ein Wassertropfen sich bei 
Wegnahme eines Theils immer wieder zur früheren Gestalt ergänzt, den 
Gleichgewichtszustand wieder annimmt. 

Aus obigen Darlegungen scheint mir hervorzugehen, dass derartige 
Experimente nur Bedingungsursachen, dagegen nicht wirkende Ursachen 
oder Kräfte des Entwickelungsgeschehens feststellen können. Das Ent- 
wickelungsgeschehen führt in letzter Instanz auf die Leistungen oder das 

Anmerkung No. 13. 



— 71 — 

Leben der Zellen zurück; daher werden die wirkenden Ursachen auf dem 
Gebiete des Zellgeschehens zu ermitteln sein. Nun sind aber, wie Roux 
sehr richtig betont, alle Leistungen der Zellen sog. Selbstleistungen, d. h. 
solche, zu welchen sich die äusseren Einwirkungen nur wie Reize 
oder Auslösungsursachen verhalten. In einem solchen Falle leistet nun aber 
auch das Eliminationsexperiment sehr wenig für die Feststellung der wirk- 
samen Kräfte. Nehmen wir z. B. den Fall, es handle sich darum, festzu- 
stellen, welche wirksamen Kräfte es bedingen, dass eine Rhizopoden- 
zelle, oder eine nichtumhüllte Zelle überhaupt, in der Ruhe die Kugel- 
gestalt annimmt, unter Einziehung von Pseudopodien; ob die elastischen 
oder sonstigen Kräfte kontraktiler Fasern des Protoplasmas, oder ob die 
Oberflächenenergie flüssiger Körper dies bedinge? In letzterem Falle 
handelt es sich um eine allgemeine Eigenschaft der Flüssigkeiten, deren 
Bestehen im Allgemeinen ein Beweis der flüssigen Natur ist. Alles, was 
sich nun in diesem Fall experimentell prüfen lässt, ist, ob sich das Proto- 
plasma wie eine Flüssigkeit verhält ; denn ist dies der Fall, so sind wir an- 
zunehmen berechtigt, dass auch für es die gesetzmässigen Eigenschaften 
der Flüssigkeiten gelten. Dazu müsste ferner der Nachweis kommen, dass 
sich kontraktile Fasern der Art, wie sie die andere Ansicht voraussetzt, 
nicht finden, und dass der Vorgang der Abrundung etc. anders geschieht, 
als er bei der Annahme solcher Fasern verlaufen müsste. 

Nehmen wir weiterhin den Fall : es solle entschieden werden, ob die 
Strahlungen im Plasma um die Centrosomen etc. von Zugwirkungen be- 
dingt werden, die auf einer Art Schrumpfung im Centrum der Strahlung 
beruhten. Das einzige Experiment, welches in diesem Falle helfen könnte, 
wäre der Versuch, etwas in das Protoplasma einzuführen, was schrumpft, 
und zu sehen, ob die vorausgesetzte Strahlung um dasselbe wirklich eintritt. 
Immerhin gäbe dieser Versuch auch noch keine Gewissheit, indem die 
Strahlung um die Centrosomen doch noch etwas anderes sein könnte. Ich 
müsste daher ergänzend nachweisen, dass die Strahlungen in jeder Be- 
ziehung mit den durch Zugwirkungen hervorgerufenen übereinstimmen, 
und dass keine anderen Einrichtungen oder Bedingungen vorhanden sein 
können, welche sie hervorzubringen vermögen. — Die Anwendung des Eli- 
minationsexperiments, nach Art der einfacheren Sachlage der anorgan- 
ischen Experimente, findet in der Komplizirtheit der Bedingungen und in 
der Unmöglichkeit dieselben wirklich selbstthätig zu schaffen, was ja 
bei dem anorg. Experiment der Fall ist, ihre ziemlich engen Grenzen. 
Denn das eigentlich massgebende, die lebende Zelle, ist ja das grosse X, 
dessen inneren Bedingungen zum geringsten Theile bekannt sind; wobei 
ferner zu beachten ist, dass es eben in der Regel unmöglich ist, die inneren 
Bedingungen der lebenden Zelle in scharf bestimmter eindeutiger Weise 
zu ändern. — Unter diesen Umständen scheint mir der gangbarere Weg, um 
die bei den Lebenserscheinungen der Zelle wirkenden Ursachen zu er- 
mitteln, der zu sein, dass wir Erscheinungen aufsuchen, welche mit den 
Lebenserscheinungen möglichst übereinstimmen, und welche wir ihrer 

Anmerkung No. 13. 



— 72 — 

ursächlichen Bedingtheit nach kennen ; und dass wir ferner zeigen, dass die 
Bedingungen für das Entstehen analoger Erscheinungen in der lebenden 
Zelle gegeben sind, andere Bedingungen dagegen, welche Aehnliches hervor- 
bringen könnten, fehlen. Roux selbst hat ja schon ganz richtig hervorge- 
hoben (1897 p. 251—254), dass dieser Weg ein sehr mühsamer ist, da ihm, 
wie bemerkt, schiesslich die Last zufällt, zu erweisen, dass eben nur diese 
und keine andere Erklärung der betreffenden Lebenserscheinung unter den 
gegebenen Bedingungen möglich ist, d. h. nicht zu Widersprüchen führt. 
Schliesslich wird aber dies die Aufgabe jeder Erklärung sein, auch derjenigen, 
welche sich auf das kausal- analytische morphologische Experiment stützt. 

Vergl. über diese Fragen auch Albrecht 1899, p. 49 — 50 und sonstige 
dort citirte Autoren. 

14) (zu pag. 19). Organisation ist, wie ich schon mehrfach betonte, 
ursprünglich ein Begriff, der von dem komplizirten höheren Organismus 
abstrahirt ist und dessen Zusammensetzung aus untergeordneten Theilen 
oder Organen bedeutet; wozu sich jedoch noch gesellt, dass diese Theile 
so beschaffen sind und arbeiten, dass aus ihnen die Gesammtleistung des 
Organismus resultirt, welche wir als korrekt beurtheilen. Eine richtig 
gebaute und arbeitende Maschine könnten wir daher in gewissem Sinne, 
d. h. abgesehen von ihrer Leistung, die von der des Organismus ganz ver- 
schieden ist, ebenfalls organisirt nennen. Einen Sandhaufen dagegen oder einen 
Granitblock, die ja auch aus untergeordneten Theilen bestehen, würde Nie- 
mand als organisirt bezeichnen. So klar nun auch ist, was man im höheren 
Organismus unter Organisation versteht, so verschwommen wird dagegen 
die Anwendung dieses Begriffes auf die einfachsten Lebewesen. Was bleibt 
bei einem Micrococcus von Organisation übrig? Wenn ich zwar schon 
die natürliche Anordnung spezifisch verschieden schwerer Substanzen in 
der Eizelle, oder eine typische polar oder bipolar gerichtete Anordnung der 
Theilchen des Plasmas eine Organisation nenne, so schwindet jede Grenze 
dieses Begriffes gegen das anorganische Gebiet, denn derartige Organi- 
sationen sind auch im Anorganischen anzutreffen. Wir gelangen dann zu 
Vorstellungen, wie sie Nägeli (1884) äusserte, wonach schliesslich 
alles in der Welt organisirt ist, in verschiedengradiger Abstufung. Dann hat 
aber auch der Begriff der Organisation für die Lebewesen jede besondere 
Bedeutung eingebüsst. 

Es ist nun eine sehr verbreitete Ansicht: das Geheimniss der letzten 
Bestandteile lebender Organismen, des Plasmas, des Kernes etc. wieder in 
einer versteckten Organisation zu suchen. Dies kann nur bedeuten in einer 
Zusammensetzung aus verschiedenartig beschaffenen und harmonisch zu- 
sammenarbeitenden untergeordneten Theilen, wie sie der komplizirte Orga- 
nismus aufweist. Der Schwerpunkt dieser Vorstellung liegt aber in diesem 
maschinellen Zusammenarbeiten verschiedener Theile, was natürlich auch 
eine besondere Formzusammenfügung bedingt; wesshalb diese Ansicht auch 
die Forderung nach einer sehr komplizirten, wenn auch bis jetzt noch nicht 
aufgefundenen Struktur jener letzten Bestandtheile erhebt. Im Allgemeinen 

Anmerkung No. 13 — 14. 



— 73 — 

ist diese Anschauung also eine Erweiterungshypothese, welche die Erfahr- 
ungen über die gröbere Organisation des komplizirten Organismus auch auf 
dessen letzte Bestandtheile überträgt. 

Dieser Hypothese von der maschinellen Organisation der letzten be- 
kannten Bestandtheile der Organismen steht eine andere gegenüber, welche 
man die der chemischen Organisation jener Bestandtheile nennen kann; 
d. h. die Ansicht, welche meint, dass die letzten Bestandtheile bezüglich 
ihrer Struktur keine Besonderheiten zeigen, welche nicht auch ausserhalb 
der Organismenwelt angetroffen werden, dass daher ihre strukturelle Orga- 
nisation nicht das für die Lebenserscheinungen Ausschlaggebende sein kann, 
wenn sie auch mitbedingend sein muss. Nach dieser Ansicht ist dagegen die 
chemische Organisation dieser Bestandtheile — sowohl im Hinblick 
auf die besondere Art und Komplikation der vorhandenen chemischen Ver- 
bindungen, als auch auf ihre Mischungsverhältnisse mit einander — der funda- 
mentale und unterscheidende Charakter des Lebenden von dem Nicht- 
lebenden. Diese zweite Hypothese stützt sich vor Allem darauf, dass die 
Leistungen des Organismus in letzter Instanz auf chemischer Energie be- 
ruhen ; dass der Organismus im Gegensatz zu den physikalischen Maschinen 
der Technik eine chemische Maschine ist, eine Maschine, welcher die Trieb- 
kraft, die durch chemische Energie gewonnen wird, nicht zugeleitet wird, 
sondern in welcher die Substanz der Maschine selbst die chemische Energie 
hervorbringt, welche bei dem Betrieb verbraucht wird. 

Wenn soeben betont wurde, dass ich die Besonderheit der Lebewesen 
nicht in einer ganz eigenthümlich gearteten maschinellen Struktur ihrer 
letzten Bestandtheile suchen kann, so brauche doch gerade ich kaum zu 
versichern, dass ich den formalen Strukturverhältnissen trotzdem eine hervor- 
ragende Bedeutung für die eigenthümlichen Leistungen des Organismus zu- 
schreibe. Ich meine nur, dass diese bedingenden Strukturverhältnisse 
keinen trennenden und unbedingten Gegensatz zwischen Organismus und 
Anorganismus bilden, dass vielmehr solche Strukturen auch bei Anorganis- 
men schon in prinzipiell übereinstimmender Weise sich finden und im Orga- 
nismus nur einerseits weitergebildet und komplizirter, andererseits durch 
die besondere chemische Natur der konstituirenden Substanzen zu besonderen 
Leistungen befähigt werden. Vielleicht wird es nicht nutzlos sein, von 
solchen Strukturen und den Eigenschaften, welche, soweit wir zu urtheilen 
vermögen, von ihnen bedingt sein können, eine allgemeine Uebersicht zu 
geben. 

Struktur im weitesten Sinne können wir jede innere Inhomogenität eines 
Körpers nennen. Demnach Hessen sich wieder unterscheiden: 1. Rein 
physikalische Strukturen, d. h. solche, bei welchen diese Inhomogenität nur 
auf physikalischen Differenzen der konstituirenden Theilpartieen beruht, also 
z. B. auf verschiedener Dichte und Lichtbrechung, verschiedenen optischen 
Spannungszuständen in verschiedener Richtung, (z. B. mikrokrystallinische 
Struktur) u. s. f. 2. Chemisch-physikalische Strukturen, bei welchen die 
konstituirenden Theilpartieen nicht nur physikalisch, sondern auch chemisch 

Anmerkung No. 14. 



— 74 — 

verschieden sind. Hierher gehören z. B. die Strukturen der aus ver- 
schiedenen Mineralien zusammengesetzten Gesteine, die Schaumstrukturen, 
bei welchen der Inhalt der Schaumwaben chemisch von dem Schaumgerüst 
unterschieden ist (natürlich ebenso auch Emulsionen; und wo ist deren Grenze 
gegen die wahre Lösung?). Dagegen nehmen die schaumartigen Mikro- 
strukturen, bei welchen die freien Hohlräumchen leer, d. h. nur vom Dampf 
der Gerüstsubstanz erfüllt sind, eine eigenthümliche Stellung ein, indem sie 
eigentlich zu den physikalischen Strukturen gerechnet werden müssen, inso- 
fern man nicht in den Vordergrund stellt, dass etwa der Dampfzustand eine 
besondere Modifikation der Substanz ist, und damit eine Annäherung an 
chemisch-physikalische Strukturen versucht. 

Eine grosse Zahl besonderer Eigenschaften können von solchen Struk- 
turen bedingt sein, oder doch sehr wahrscheinlich bedingt werden. Im 
Einzelnen haben darüber vielfach erst noch eingehendere Untersuchungen 
zu entscheiden. 

Von physikalischen oder auch physikalisch-chemischen derartigen Struk- 
turen können bedingt sein: 

Hinsichtlich der Oberflächenbeschaffenheit : Glätte, Rauhigkeit, 
Glanz, Spiegelung oder Trübe. Farbenerscheinungen : Interferenzfarben, 
Strukturfarben. 

In Bezug auf das Innere: Durchsichtigkeit oder Undurchsichtigkeit 
und weisse Farbe in auffallendem Licht ; oder unter besonderen sonstigen 
Bedingungen auch anderweitige Farben in durchfallendem und auflallendem 
Licht. Farben trüber Medien. Polarisirung des Lichts durch derartige 
Strukturen. 

Möglicher- oder wahrscheinlicher Weise durch solche Mikrostrukturen 
bedingt scheint mir ferner die Spaltbarkeit der Krystalle, eventuell 
auch Verschiedenheiten der Elastizität in verschiedenen Richtungen und ver- 
schiedene Ausdehnung durch Wärme. Nicht ganz ausgeschlossen erscheint 
mir, wie ich schon 1898 (pag. 147) andeutete, die Möglichkeit, dass die Doppel- 
brechung fester Körper überhaupt von solchen Mikrostrukturen bedingt ist, 
während ich die Doppelbrechung gedehnter und gepresster wabig struk- 
turirter Körper wohl für sicher von besonderen Strukturverhältnissen bedingt 
erachte. 

Bedingt durch Mikrostrukturverhältnisse sind ferner die Imbibition 
und ebenso die sie begleitenden sonstigen physikalischen Erscheinungen, 
Wärmeentwickelung u. dgl. Bedingt sind durch derartige Strukturen, 
in Verbindung mit sonstigen Eigenschaften, die Quellungserscheinungen 
und die besonderen weiteren Eigenthümlichkeiten, die mit diesem im Orga- 
nismus ungemein bedeutsamen Vorgang zusammenhängen. Verschieden- 
gradige Quellung in verschiedenen Richtungen; eventuell auch Kontraktion 
in gewisser Richtung u. s. f. 

Besondere Dehnungsfähigkeit gewisser Körper. 

Die besonderen Eigenschaften der Sphärokrystalle. Die rela- 
tive Festigkeit schäum artig strukturirter flüssiger Körper. 

Anmerkung No. 14. 



— 75 — 

Von chemisch-physikalischen Strukturen bedingt erscheinen die von mir ge- 
schilderten Bewegungserscheinungen der Oelseifenschäume und 
vermuthlich die analogen Bewegungserscheinungen des Protoplasmas. 

Endlich besteht auch die Möglichkeit, dass die Kontraktions- 
erscheinungen der Muskel fib rillen und Muskelfasern von ähn- 
lichen strukturellen Verhältnissen abhängen, wie sie bei quellbaren Körpern 
unter bestimmten Strukturbedingungen zu Verkürzungen oder Kontraktionen 
führen. 

Obgleich eine genauere Durchsicht des Bekannten gewiss noch viele 
Eigenschaften aufzeigen wird, welche von Mikrostrukturen direkt abhängen 
(um so mehr, als sich bei eingehender mikroskopischer Analyse das Ver- 
breitungsgebiet solcher Strukturen fortgesetzt erweitert), so wird doch diese 
unvollständige Uebersicht schon einigermaassen darüber orientiren. 

Die Ansicht, dass das eigentlich Bedingende der besonderen Eigen- 
schaften lebender Körper eine eigenartige, den Anorganismen mangelnde 
maschinelle Struktur sei, ist eigentlich die verbreitetste, von den hervor- 
ragendsten Biologen der neueren Zeit vertretene. Sie wird gewöhnlich in 
der Weise gedacht, dass eine Zusammensetzung der letzten sichtbaren Be- 
standtheile der Zelle aus unsichtbaren elementaren Organen (Elelementar- 
organismen, Plasome [Wiesner], Biophoren [Weismann], Pangene [Darwin, 
de Vries]) als eine unerlässliche Hypothese für das Verständniss des Lebenden 
gefordert wird. 

Ich führte schon 1892 (pag. 11 d. S. A.) in meinen Bemerkungen gegen 
Wiesner's Lehre und eingehender 1896 aus, dass ich in solchen Um- 
schreibungshypothesen eine Vertiefung unseres Verständnisses der Lebens- 
erscheinungen nicht finden kann. Wie schon oben bemerkt, erachte ich die 
einfache Annahme einer maschinellen Struktur für eine Erweiterungshypo- 
these und daher an sich nicht verwerflich ; dagegen wird sie dies, wenn 
eine willkürlich erfundene Struktur, welche das zu Erklärende schon ent- 
hält, zu Grunde gelegt wird. 

Wie angegeben, wird die Ansicht von der maschinellen Struktur als 
letztes Bedingendes der Lebenserscheinungen von den hervorragendsten Bio- 
logen vertreten, unter denen ich hier nur W. Pfeffer, O. Hertwig und W. 
Roux anführen will. Pfeffer (1897) erklärt sich in seiner „Pflanzenphysiologie" 
sehr bestimmt für die maschinelle Struktur und für einen komplizirten Aufbau 
des Protoplasmas aus „Organen und Strukturelementen", die nur zum Theil 
optisch wahrnehmbar seien, aus „kleinen und kleinsten Lebenseinheiten", so- 
genannten P ang enen (p. 3, p.41). In jedem Protoplasten sei wahrscheinlich 
„eine grosse, ja vielleicht eine gewaltige Zahl verschiedener einfachster, d. h. 
nicht weiter in physiologische Einheiten zergliederbarer Pangene vereinigt". 
Das Pangen sei „kein einfaches Micell, sondern ein Verband von Micellen oder 
Molekülen mit spezifischer Organisation". Also das Pangen selbst ist wieder 
maschinell strukturirt. Der Begriff der Organisation wird dabei nicht näher 
erörtert. „Aber selbst, wenn dem bewaffneten Auge," sagt Pfeffer (p. 3), 
„eine direkte Wahrnehmung von Organen versagt bliebe, so müsste man 

Anmerkung No. 14. 



— 76 — 

doch einen Aufbau der Protoplasten aus distinkten Elementen (Bioplasten) 
fordern, die, wenn sie auch im kleinen Räume unter die Grenzen des Sicht- 
baren sinken, doch desshalb nicht minder bedeutungsvoll sind. Denn anders 
als durch das Zusammenwirken verschiedenartiger Organe und Organele- 
mente ist ein regulatorisches Lebensgetriebe ebensowenig zu verstehen, 
wie der gesetzmässige Gang einer Uhr oder einer Spieldose, die, so lange 
die Betriebskräfte nicht verlöschen, in bestimmter Reihenfolge und Wieder- 
holung eine Harmonie von Tönen erklingen lässt." „Die beste chemische 
Kenntniss der im Protoplasma vorkommenden Körper kann für sich allein 
ebensowenig zur Erklärung und zum Verständniss der vitalen Vorgänge aus- 
reichen, wie die vollendetste chemische Kenntniss von Kohle und Eisen zum 
Verständniss einer Dampfmaschine und der mit derselben verbundenen 
Buchdruckerpresse." 

Die im Ganzen ähnlichen Anschauungen O. Hertwig's über die 
Organisation des Protoplasmas habe ich schon vor einiger Zeit (1901, 
pag. 539—546) von meinem Standpunkt aus einer kritischen Besprechung 
unterzogen. Aus dem dort Gesagten geht auch meine eigene Stellungnahme 
hervor. Um eventuellen Missverständnissen vorzubeugen, bemerke ich nur 
noch, dass ich eine maschinelle Struktur der Zelle, insofern diese sich aus 
verschiedenen Organen (Kern, Centrosom, Plasma und dessen eventuellen 
Differenzirungsprodukten) zusammensetzt, nicht leugne; für den höheren 
Organismus dagegen erst recht nicht. Meine Ansicht geht nur dahin, dass 
die Substanz dieser Zellorgane, insofern sie nicht als zusammengesetzt er- 
kennbar ist, eine solche Hypothese über ihre maschinelle Struktur nicht 
erfordert. 

Sehr entschiedener Anhänger einer ganz eigenartigen maschinellen 
Struktur der letzten Bestandteile der Zelle ist auch W. Roux, der sich 
hierüber an verschiedenen Stellen seiner zahlreichen Schriften (s. Ges.-Ab- 
handl.) ausspricht: „Ich halte daher alle rein chemischen Definitionen des 
Lebens für vollkommen unzureichend (Bd. I, pag. 406, Anm. ; ebenso 
Bd. II, pag. 142) : „Das Leben ist seinem Wesen nach Prozess und 
kann daher nicht statisch definirt werden" (aber die Chemie handelt auch 
von Prozessen). „Es muss aus den komplizirten Verrichtungen des schein- 
bar homogenen organischen Substrats mit Sicherheit eine komplizirte Struktur 
gefolgert werden." (II. p. 142.) Im Allgemeinen kommt seine Ansicht der 
Pfeffer 's und Hertwig's sehr nahe, und er bezeichnet jene unsichtbaren 
Strukturen, welche die Lebenserscheinungen bedingen, als „Metastrukturen." 
Roux versucht sogar (II. pag. 83 ff.), die „kleinsten lebensthätigen Bestand- 
theile" (Bionten), welche jene Metastrukturen aufbauen, nach ihren muth- 
masslichen Leistungen zu klassifiziren : 1. „Automerizonten" können 
assimiliren, ausscheiden, sich bewegen und sichtheilen. 2. Idioplassonten 
sind Automerizonten, die „gestaltende Wirkungen in sich selber und auf 
die anderen Bionten auszuüben vermögen". 3. Au tokin e ont en sind Nr. 1, 
denen die Theilungsfähigkeit fehlt. 4. Isoplassonten zeigen Assi- 
milation, Ausscheidung und Wachsthum. 5. Fragliche Auxonten, durch 

Anmerkung No. 14. 



- 77 

Mangel des Wachsthumsvermögens von Nr. 4 verschieden. Die niederen 
Kategorien dieser Bionten (3 — 5) sollen „in oder neben" den höheren vor- 
kommen, sie also zusammensetzen können. Isoplasson (also aus Iso- 
plassonten, die der Selbstausscheidung und Selbstassimilation fähig sind, 
zusammengesetzt), „komme als Flamme, wie auch mannigfach als bei ge- 
wöhnlicher Temperatur verlaufender chemisch-physikalischer Assimilations- 
prozess im Anorganischen in einfachster Weise vor". Demnach wären also 
die Moleküle einer brennenden Wasserstoffflamme Isoplassonten und 
ihre Verbrennung ein Assimilationsprozess, die Bildung von Wasser 
dagegen eine Ausscheidung. Mir scheint dies eine ungewöhnliche Ver- 
wendung des Begriffes der Assimilation. Ein einfacher chemischer Prozess, 
wie ihn die Verbrennung von H in O darstellt, entbehrt doch des eigent- 
lichen Charakters der Assimilation. Die Aufstellung Roux's scheint mir 
durch den von ihm viel gebrauchten, meiner Ansicht nach nicht zutreffenden 
Vergleich des „dynamischen Gleichgewichtszustandes" der Flamme und 
des Organismus bedingt. Der Flamme liegt kein besonderer, von ihr 
assimilirter Flammenstoff zu Grunde; die Grundlage des Organismus da- 
gegen bilden besondere, eigenthümliche Stoffe, die er chemisch aus anderen 
Stoffen aufzubauen, zu assimiliren vermag. Das Eigenthümliche der Assi- 
milation scheint nun darin zu bestehen, dass ihr Stattfinden von der Gegen- 
wart solcher Stoffe, wie sie durch die Assimilation entstehen, bedingt wird, 
dass sie ohne diese nicht geschieht. Schon Kassowitz (Bd. I, pag. 193 — 194) 
hat dies richtig erkannt und auch nachzuweisen gesucht, dass ein solcher 
Vorgang nicht ganz ohne Analogie auf rein chemischem Gebiet ist; indem 
sich wenigstens einige chemische Prozesse nachweisen lassen, wo die Gegen- 
wart der zu bildenden Verbindung deren Entstehungsprozess einleitet oder 
befördert. Obgleich ich mir hier kein Urtheil darüber erlaube, ob diese 
Prozesse thatsächlich richtig interpretirt sind, betone ich nur, dass auch ich 
selbständig zu der Ueberzeugung gelangte, dass bei der Assimilation im 
Organismus ein solcher Vorgang stattfinden muss. 

Man wird vielleicht gegen eine solche Auffassung der Assimilation 
einwenden, dass gerade der einfachste sog. Assimilationsprozess auf pflanz- 
lichem Gebiet, die Bildung des Amylum, nicht an schon vorhandenes 
Amylum gebunden sei. Dies ist richtig; fraglich dagegen, ob es zutreffend 
ist, wie es zuweilen geschieht, den Bildungsprozess der Stärke als 
einen einfachen Assimilationsvorgang anzusehen, und ob es nicht wahrschein- 
licher ist, die Bildung der Stärke auf die Zerlegung komplicirterer, bei der 
Assimilation entstehender Verbindungen zurückzuführen. Für die dem 
Amylum nahe verwandte Cellulose sind die Botaniker fast einstimmig 
der Ansicht, dass sie aus dem hochkomplizirten Protoplasma hervorgehe; 
dies spricht doch auch gegen die Meinung, dass die Stärke direkt aus 
CO-2 und H2O gebildet werden könne. 

Als beweisend für die Existenz besonderer sogen. Metastruk- 
turen führt Roux (I. pag. 187—188 Anm.) das Verhalten der Sehnen bei 
Ouellung, Schrumpfung und Lösung an. Es handelt sich dabei um sehr 

Anmerkung No. 14. 



— 78 — 

verschiedengradiges Quellen und Schrumpfen in der Längs- und Querdimen- 
sion. Da ich ausführlicher zeigte, dass solche Erscheinungen an nicht organi- 
sirten, quellbaren Körpern unter gewissen Bedingungen ebenfalls auftreten und 
durch besondere Strukturverhältnisse bedingt sind (1896 und 1898), so geht 
daraus wenigstens soviel hervor, dass solche Erscheinungen auch auf Grund 
struktureller Verhältnisse, wie sie beim Nichtlebenden vorkommen, zu ver- 
stehen sind. Womit ich natürlich nicht sagen will, dass die Vorgänge 
an den Sehnen sich schon jetzt mit Hilfe dieser Erfahrungen ausreichend 
erklären Hessen. 

Ein sehr überzeugter Anhänger der „Maschinenstruktur" der lebenden 
Substanz ist auch J. Reinke (1899 pag. 85). Da er die Gründe seiner 
Annahme etwas genauer darlegt, so mögen sie hier besprochen werden. 
Sein Beweis ist insofern ein indirekter, als er zu zeigen sucht, dass eine 
chemische Organisation das Wesen der lebenden Substanz nicht sein könne ; 
demnach könne es nur in einer Maschinenstruktur gesucht werden. Der 
Beweis ist in folgendem Passus enthalten : „Ich habe durch Versuche die 
Ueberzeugung gewonnen, dass ein im lebenden Zustand im Mörser zerriebenes 
Plasmodium ebensowenig Protoplasma ist, wie eine zu feinem Pulver zer- 
stossene Taschenuhr noch eine Taschenuhr sein würde"*). 

Ich bestreite die Richtigkeit der angeführten Thatsachen keineswegs; 
dagegen sehr, dass hieraus die Berechtigung folge, das Protoplasma mit 
einer Taschenuhr zu vergleichen. Denn die Behauptung, worauf Reinke 
diesen Vergleich stützt, dass nämlich „im zerriebenen Plasmodium 
doch die chemischen B estand theile des Protoplasmas noch 
sämmtlich vorhanden sind" (pag. 85), erachte ich nicht nur für 
unbewiesen, sondern sogar für sehr unwahrscheinlich. Reinke scheint 
zu meinen, dass das lebende Protoplasma des Plasmodiums thatsächlich aus 
denjenigen Proteinen bestehe, die er und Rodewald daraus gewonnen 
haben. Dies ist jedoch sehr unwahrscheinlich, da es von vornherein nicht 
wohl denkbar ist, dass diese Proteinstoffe, selbst bei der Voraussetzung 
irgendwelcher maschinellen Struktur, diejenigen chemischen Stoffwechselvor- 
gänge leisten könnten, welche im Plasma thatsächlich stattfinden; um so 
weniger, als eine maschinelle Struktur überhaupt nicht die Bedingung 
chemischer Vorgänge sein kann. Zudem wissen wir, dass Druckwirkungen 
Vorgänge im Plasma hervorrufen, Vakuolisation, schliesslich Auflösung, Zer- 
fall, ja häufig auch Gerinnung, welche es wahrscheinlich machen, dass schon 
mechanischer Druck genügt, um chemische Zersetzungsprozesse im lebenden 
Protoplasma zu veranlassen. Dies ist ja eine nicht sehr geläufige Vorstellung, 
welche ich dennoch für recht wahrscheinlich halte. Wir wissen , dass es 
genug chemische Stoffe gibt, welche durch mechanische Einwirkungen sich 
zersetzen, und wissen andererseits, dass es sich im lebenden Protoplasma 
um eine oder mehrere sehr leicht zerfallende Verbindungen handeln muss, 
da ja sonst ein solcher Stoffwechsel, wie er thatsächlich besteht, gar nicht 

*) J. Reinke u. H. Rodewald, Studien über Protoplasma. Berlin 1881. 
Vorwort p. VII. 

Anmerkung No. 14. 



— 79 — 

möglich wäre. Schon Pflüger (1875) stellte sich vor, dass in der lebenden 
Substanz fortgesetzt explosive Prozesse stattfänden. Wie gesagt, erscheint 
mir daher Reinke's angeblicher Beweis für die „Maschinenstruktur" 
des Protoplasmas in keiner Weise zwingend; um so weniger, als alle 
Energie, welche diese Maschinenstruktur in Thätigkeit setzt, ja doch von 
chemischen Prozessen geliefert würde, und schliesslich mit der Maschinen- 
struktur nichts weiter erklärt oder verstanden wird. 

15) (zu pag. 21). Die Entwickelungserscheinungen sind in 
ihrer Eigenart den Organismen durchaus eigentümlich ; speziell die 
Entwickelungserscheinungen der vielzelligen Organismen, wo die Zell- 
theilung die Grundlage der Entwickelungsprozesse bildet. Bei den Ein- 
zelligen dagegen haben die Entwickelungserscheinungen den Charakter von 
Differenzirungen, die ja auch bei der Entwickelung der Vielzelligen, sowohl 
für die Einzelzelle als für Zellkomplexe, eine wichtige Rolle spielen. 
Nur für Differenzirungsvorgänge kann man in der nichtlebenden Natur ent- 
fernte Analogien finden; für Vorgänge also, deren Wesen darin besteht, 
dass ein einheitlich gebauter Körper unter Bedingungen, die wesentlich in 
seiner eigenen Natur (System) gegeben sind, von den Bedingungen der 
Umgebung nur mittelbar abhängen (d. h. nur hinsichtlich des Eintritts oder 
Nichteintritts der Prozesse), zu einem System mannigfaltig gestalteter, ver- 
schiedenartiger Theile wird. Wie gesagt, kann man für solche Vorgänge 
in der anorganischen Natur entfernte Analogien finden; z. B. dann, wenn 
ein homogenes heissflüssiges Magma unter langsamer Abkühlung zu einem aus 
verschiedenen Mineralien bestehenden krystallinischen Gestein erstarrt, oder 
wenn ein Oeltropfen, in dem Seife aufgelöst ist, unter Aufnahme von 
Wasser allmählich zu einem Schaumtropfen wird , der sogar in formaler 
Hinsicht gewisse gesetzmässige Bildungen zeigt, wie den Alveolarsaum der 
Oberfläche. Langsam verlaufende chemische Prozesse lassen sich dagegen 
nicht mit formaler Differenzirung und Entwickelung vergleichen. Einfaches 
Wachsthum hat weder etwas mit Differenzirung noch Entwickelung gemein, 
wenn auch Entwickelung aufs innigste mit Wachsthumsvorgängen zusammen- 
hängt. Man redet zwar von der Entwickelung der Krystalle, doch hat 
dies höchstens insofern einen Sinn , als man die Lösung sammt den sich 
darin bildenden Krystallen gleichzeitig ins Auge fasst. Die Zelltheilung, welche 
ja das eigentliche Fundament der Entwickelung vielzelliger Wesen bildet, 
muss in letzter Instanz von der Wirkung zweier besonders gearteter Centren 
in der Zelle bedingt sein; denn ohne die besondere Natur und Wirkung 
zweier Centren (oder auch Pole eines Centralkörpers) , deren Aktion man 
sich nun so oder anders denken mag , wird die Selbsttheilung einer Masse 
in zwei nicht begreiflich sein. Etwas in der Zelle , sei es Centrosom oder 
Kern, muss daher polar gebildet sein, etwa vergleichbar einem quadratischen 
oder hexagonalen Krystall mit seinen beiden Polen. 

16) (zu pag. 21) Krystalle. Der nicht selten ausgeführte Vergleich 
zwischen dem lebenden Individuum und dem Krystall wird zwar häufig an- 
gezweifelt; ob mit Recht scheint mir sehr fraglich. Jedenfalls gibt es auf 

Anmerkung No. 15 — 16. 



80 — 

anorganischem Gebiet, abgesehen von dem Flüssigkeitstropfen, überhaupt 
nichts anderes als das Krystallindividuum, was wenigstens in einzelnen Be- 
ziehungen mit dem lebenden Individuum vergleichbar wäre. Beide haben 
eben die charakteristische Eigenthümlichkeit gemein, dass sowohl ihre 
äussere Gestalt als ihre innere Struktur wesentlich durch innere Beding- 
ungen bestimmt werden; die äusseren Bedingungen beeinflussen wenigstens 
nicht direkt und unmittelbar, sondern nur indirekt Form und Struktur. Einwände 
wie der O. Lehmann's (1900), welcher den Begriff des Individuums dess- 
halb für Krystalle nicht anwendbar hält, weil letztere „keine untheilbaren 
Wesen — Individuen" - - seien, sind natürlich ohne Bedeutung, da sie von 
der irrigen Meinung ausgehen, dass zum Charakter des lebenden Individuums 
die Untheilbarkeit gehöre. Warum eigentlich Albrecht (1899 pag. 65 Anm.) 
neuerdings wieder scharf gegen jeden Vergleich von Krystall und Organis- 
mus auftritt, da „der Begriff des Individuums für den Krystall unzulässig 
erscheint, wie er denn noch weniger als anorganisches Individuum 
dem organischen entgegengesetzt werden darf, vermag ich nicht einzu- 
sehen. — Die von den Krystallographen in neuerer Zeit gegebenen Defini- 
tionen von Krystall beziehen sich eigentlich nur auf die innere sog. Struktur, 
d. h. die krystallinische Beschaffenheit der Substanz, lassen dagegen die für 
den Krystall als Individuum (im Gegensatz zu der Umgebung) doch 
charakteristische äussere Begrenzung, die Form, ganz ausser acht, und 
kommen so zu dem Schluss, dass die äussere Form in der Definition der 
Krystalle ganz zu vernachlässigen sei. So z. B. Groth (1895 pag. 245 
cit. nach Lehmann): „Ein Krystall ist ein homogener anisotroper fester 
Körper"; wogegen Lehmann einerseits die Homogenität als nicht charakte- 
ristisch streicht, andererseits das geordnete Wachsthum für charakteristisch 
erklärt,, indem sich die neu angefügten Theilchen parallel den schon vor- 
handenen anordneten, und dies Wachsthum auf eine molekulare Richtkraft 
zurückzuführen sucht. Auf diese Weise gelangt er zu der Definition, dass 
ein Krystall „ein anisotroper, mit molekularer Richtkraft begabter Körper" 
sei (p. 696). 

Beide Definitionen beziehen sich, wie gesagt, auf krystallinische Sub- 
stanz, jedoch nicht auf ein Krystallindividuum, da sich aus ihnen ja auch 
in keiner Weise ergibt, dass ein Krystallindividuum von ebenen, unter ge- 
wissen gesetzmässigen Winkeln sich schneidenden Flächen begrenzt wird ; 
was auch nicht als nothwendige Folge der Definitionen einzusehen ist. 
Die Groth'sche Definition gilt ferner auch für gedehnte und gepresste sog. 
amorphe Körper. Die Leh man n' sehe, welche diese Unsicherheit ver- 
meidet, da sie das geordnete Wachsthum als etwas charakteristisches zufügt, 
muss doch gerade desshalb den eigentlichen Charakter der krystallinischen 
Substanz in die Natur jener Theilchen verlegen, die sich in paralleler Rich- 
tung anordnen sollen und daher irgendwie schon ungleichmässig gebaut sein 
müssen; was ja auch in ihrer „molekularen Richtkraft" sich ausspricht. 

Für die eventuellen Beziehungen zwischen Krystall und organisirtem 
Individuum dürften die sog. flüssigen Krystalle Lehmann's von besonderer 

Anmerkung No. 16. 



— 81 

Bedeutung sein, da sie die äussere Form des flüssigen Gleichgewichts- 
zustandes, der ja auch bei den einfachsten Organismen die Grundform 
zu sein scheint, mit krystallinischen Eigenschaften der Substanz vereinigen. 
Obgleich ich die Natur dieser flüssigen Krystalle nicht für genügend auf- 
geklärt erachte, halte ich sie, wie gesagt, doch für sehr bedeutungsvoll für 
die Beurtheilung organisirter Gebilde. 

Sehr beachtenswerth für die Erscheinungen des Organismus sind auch 
die Uebersättigungs- und Ueberschmelzungsphänomene und deren Uebergang 
in stabile Zustände (Phasen) durch Zufügung kleinster Mengen (Keime, 
Ostwald) des stabilen Zustandes. Obgleich ja ein solcher Uebergang 
zuweilen ganz zufällig, unter unaufgeklärten Bedingungen, wie eine Art 
Urzeugung, eintreten kann, worauf Errera (1899) für das Glycerin hin- 
gewiesen hat, so ist er doch in keiner Weise vergleichbar mit dem Ent- 
stehen eines Organismus. Trotzdem aber haben diese Vorgänge ihre grosse 
Bedeutung für die Lebenserscheinungen. 

Haeckel hat gewisse im Plasma entstehende Produkte Biokrystalle 
genannt, so die Kiesel- und Kalknadeln der Spongien und dergleichen. 
Wenn damit ausgedrückt werden soll, dass solche Bildungen eine Art 
Mittelding zwischen wirklichen Krystallen und lebenden Bildungen seien, 
so scheint mir dies unzutreffend. Das Verhalten jener Gebilde spricht 
keineswegs für eine solche Auffassung. Sie sind theils amorphe, theils 
krystallinische Substanz von anorganischer Natur und haben nichts an sich, 
was die Annahme einer solchen Mittelstufe rechtfertigte. 

17) (zu pag. 22). Form. Neuerdings erörterte auch J. C lassen 
die Möglichkeit der „mechanischen" Erklärung des Lebens und der 
Organismen. Er gelangt zu dem Ergebniss, dass das Geheimniss des Lebens 
in der besonderen Form des Organischen enthalten sein müsse. Was das 
Allgemeine der Frage angeht, so muss ich betonen, dass C lassen in 
seiner Schrift stets von einer Rückführung auf „Mechanik" und auf die 
„Prinzipien der mathematischen Mechanik" spricht, obgleich er selbst meint, 
dass diese nicht einmal für das Begreifen der Vorgänge in der anorganischen 
Welt ausreichten. Ich hob in dieser Schrift mehrfach hervor, dass ich nicht 
von einer mechanischen Erklärbarkeit der Lebenserscheinungen rede, sondern 
von einer mechanistischen, und dass diese die Frage nach der Mechanik 
ruhig den betreffenden Disciplinen der anorganischen Welt überlassen kann; 
soviel oder so wenig mechanisch Erklärbares diese enthalten, so viel oder 
so wenig wird davon auch auf die mechanistische Deutung der Lebens- 
prozesse übergehen. 

C lassen erörtert an dem Beispiel des in einem Loch einer Membran 
aufgehängten Wassertropfens recht treffend, dass ein solcher Tropfen, unter 
geeigneten Bedingungen und unter Bewahrung seiner Form, wachsen oder 
sich verkleinern kann; dass er ferner einem Wechsel seiner Substanz unter- 
liegen kann, sowie unter Beibehaltung seiner Gestalt sich bei hinreichendem 
Anwachsen durch Abschnürung eines Tropfens sogar zu theilen vermag; also 
unter Stoffwechsel und Wachsen seine Form erhält und sich sogar theilt. Hieraus 

Bütschli, Mechanismus und Vitalismus. 6 

Anmerkung No. 16 — 17. 



— 82 — 

schliesst er, dass diese Erscheinungen „noch nicht den Begriff des Lebens 
bilden, denn Niemand wird diesen Tropfen lebendig nennen wollen" (pag. 13). 
Anschliessend hieran bemerkt er: „Ich glaube nicht zuviel zusagen, wenn 
ich behaupte, dass wir den Tropfen eben desshalb nicht lebendig nennen, 
weil wir bei all' den genannten Vorgängen gerade noch übersehen 
können, dass sie einfach mechanischer Natur sind. So scheint es also 
direkt im Begriffe des Lebens, wie wir denselben zu verwenden gewöhnt 
sind, zu liegen, dass dasselbe eben über jedes mechanische Verstehen 
hinausgeht." 

Hier liegt nun ein offenbarer Trugschluss vor. Nicht desshalb scheint 
mir der Tropfen nicht lebendig, weil ich sein Wachsen, seinen Stoffwechsel, 
sein Theilen mechanisch verstehe; sondern weil ich bestimmt weiss, dass 
zwar dieser Stoffwechsel, dieses Wachsen und Theilen des Tropfens eine 
allgemeine Analogie in seinem Endergebniss mit Erscheinungen am ein- 
fachsten Organismus hat , dass aber diese Erscheinungen in dem Organis- 
mus ganz andere sein müssen, einen anderen eigenartigen Verlauf nehmen 
müssen, welcher auf viel verwickeiteren Bedingungen beruhen muss, als 
dies bei dem Wassertropfen der Fall ist. Wenn jedoch der Wassertropfen 
auf mechanistisch verständliche Weise Erscheinungen zeigt, die in ihrem 
Endergebniss Aehnlichkeit mit gewissen des lebenden Organismus haben, 
so vermag gerade dies die Ueberzeugung zu befestigen, dass auch jene 
Erscheinungen der wirklich lebendigen Körper dem mechanistischen Ver- 
ständniss zugänglich sein dürften. Wer solche Schlussfolgerung zieht, wie 
Classen, gehört zu jenen Eliminationsvitalisten, die alles, was sich mecha- 
nistisch erklären lässt, als nicht zu der eigentlichen Lebensthätigkeit gehörig 
erachten. Wie gesagt, gelangt Classen schliesslich zu dem Ergebniss, 
dass in der „Form etwas Besonderes stecken müsse" (pag. 14), 
und dass sie gerade das Besondere des Lebenden, das Unterscheidende 
von dem Nichtlebenden sei. An einem etwas eigentümlichen Beispiel wird 
darauf zu zeigen versucht, „dass für das Zustandekommen einer 
Form ausser dem Gesetz (das hier soviel heissen soll, wie Energie, 
Kräfte) noch eine besondere Prädisposition bestehen muss"; 
und ferner angedeutet, dass diese Prädisposition in einer Art besonderer Struktur 
der lebenden Substanz („Verhältnisse der elementarsten Theile im Körper") 
zu suchen sei. Im Allgemeinen dürfen wir sagen, diese Prädisposition, 
welche Classen verlangt, ist nichts anderes, als derjenige innere Beding- 
ungskomplex, der ja auch unserer Meinung nach vorhanden sein muss, 
wenn eine Form bestehen oder sich bilden soll. Wie ein solcher Beding- 
ungskomplex entstehen konnte, das ist ja das grosse Geheimniss; und die 
Frage, ob er sich auf natürlichem Wege bilden konnte, oder ob etwas, der 
nichtlebenden Natur Mangelndes hinzukommen musste, ist der eigentliche 
Angelpunkt des Streits zwischen Mechanismus und Vitalismus. 

Auf Grund dieser Ansichten über die besondere „Prädisposition" der Form 
kommt dann Classen zu folgender Definition des Lebendigen (p. 16): „Ein 
Körper ist leb endig, wenn er unter beständigem Wechsel des 

Anmerkung No. 17. 



— 83 — 

Stoffes immer wieder dieselbe Form erzeugt. Welches die 
typische Form ist, ist in jedem Fall zu bezeichnen, dass sie 
immer neu entsteht, ist zu beobachten, der Stoffwechsel ist 
nachzuweisen." Ich frage: ist denn die Form etwas, was in der an- 
organischen Welt so ganz fehlt; muss denn bei dem von Classen an- 
geführten Wassertropfen, der 'stets seine Form beibehält, nicht auch eine 
Prädisposition für diese Form vorhanden sein, und nicht ebenso bei jeder 
bestimmten chemischen Substanz, die stets wieder in derselben Krystallform 
krystallisirt? Ich frage ferner, ist denn etwa der Stoffwechsel des Organis- 
mus so zu verstehen, dass Stoff und Form von einander unabhängig wären, 
oder wechselt nicht der Stoff im Organismus so, dass trotzdem auch das 
Stoffliche sich immer wesentlich gleich bleibt ? Hat denn die Form für das 
Erkennen des Lebendigen die Bedeutung, welche ihr Classen in obiger 
Definition zuschreibt? Ist es wirklich nothig, dass ich beobachte, „dass 
dieForm immer neu entsteht", um zu wissen, ob ein Körper lebendig 
ist oder nicht? Um letzteres zu entscheiden, bedarf es doch in den meisten 
Fällen keiner Beobachtung des Entstehens neuer Formen; und wie viel sterile 
lebende Wesen existiren, welche nie eine neue Form zu erzeugen vermögen, 
obgleich Niemand in Verlegenheit sein wird, zu entscheiden, ob sie leben 
oder nicht. In diesem Sinne lässt sich daher die Form nicht in die Defi- 
nition des Lebenden einführen. Und wenn heute ein Wesen existirte, das 
nie im Stande wäre, seine typische Form neu zu erzeugen, sondern fort- 
gesetzt atypische, abweichende hervorbrächte, es würde ihm Niemand den 
Charakter des Lebendigen absprechen, wenn es nur im übrigen lebte. 

Nein darin liegt das Geheimniss des Lebens nicht. Man könnte viel- 
mehr mit Bunge in gewissem Sinne sagen: „Das Geheimniss des 
Lebens liegt in der Aktivität"; zwar nicht, in dem Bunge 'sehen Sinne, 
in einer metaphysischen Aktivität, sondern in einer auf inneren Bedingungen 
beruhenden, von gewissen äusseren abhängenden Aktivität des lebenden 
Körpers, die sich im Wachsen, Bewegen, Vermehren und anderen Thätig- 
keiten äussert oder doch äussern kann, und wozu die Substanzen und Ener- 
gien durch im Innern des Lebenden stattfindende Prozesse, auf Grund eines 
ganz besonders gearteten Chemismus, geliefert werden. 

Hieraus folgt dann als letztes, dass eigentlich der eigenartige, von ganz 
besonderen chemischen Einrichtungen bedingte Stoffwechsel des Organis- 
mus dasjenige ist, was ihn in letzter Instanz charakterisirt; weil er es ist, 
von dem jene Aktivitätserscheinungen abhängen. So sagt denn auch z. B. 
Hering (1889 pag. 35) sehr treffend: „Das wesentliche Merkmal, durch 
welches sich für die physiologische Betrachtung die lebendige Substanz von 
der todten unterscheidet, ist ihr Stoffwechsel." Die Form dagegen hängt als 
Gleichgewichtszustand von der Erfüllung formaler physikalischer Bedingungen 
ab; sie hat für den einfachsten Organismus, der ja eigentlich formlos sein 
kann, nur eine sehr geringfügige Bedeutung. Im komplizirten Lebewesen da- 
gegen erlangt sie allmälig eine immer mehr steigende Bedeutung, da sie es 
ist, welche das Maschinelle im höheren Organismus darstellt. Dieses bewirkt, 

Anmerkung No. 17. 6* 



— 84 — 

dass die Aktivität der lebendigen Substanz Erhaltungs- oder Zweckgemässes 
leistet, wie es die allmählich sich steigernden Anforderungen bedingen. 

Das Verhältniss der Form zu der Energie bedarf noch einiger Be- 
merkungen. Die moderne Energetik nimmt scheinbar keine Rücksicht auf 
die Form. Da jedoch in das Mass der mechanischen Energie, '/' 2 rnv 2 , welches 
grundlegendes Vergleichsmaass für Energie überhaupt ist, die Masse ein- 
geht, und Massenvergleichung verschiedener Substanzen nur auf Grundlage 
gleichen Volums, also einer gewissen Form möglich ist, so erscheint auch 
der Energiebegriff nicht unabhängig von der Form, sondern setzt sie vor- 
aus. Ein Begreifen der Formen kann daher auch wohl nicht durch energe- 
tische Betrachtungen ermöglicht werden; eher kann man ja umgekehrt argu- 
mentiren, insofern die Oberflächenenergie und Volumenergie von der Form 
abhängen und die Schwere von Lagebeziehungen, also formaler Anordnung 
der Dinge. Indem die energetischen Betrachtungen von den formalen Ver- 
hältnissen der Dinge möglichst abstrahiren, beschränken sie sich auf das 
Begreifen des allgemeinen Verlaufs der Prozesse, der Zustandsänderungen, 
sind dagegen ausser Stand die wirkliche Welt, in welcher Form und Anordnung 
die Grundlage bilden, zu begreifen. Eine Andeutung dieses Gedankens finde 
ich bei O. Wiener, wenn er betont (pag. 38), dass der Energiebegriff zur 
Darstellung vieler und gerade der einfachsten physikalischen Erscheinungen, 
z. B. der Bewegungserscheinungen, nicht umfassend genug sei; denn „es 
kommt ihr" (der Energie) „keine Richtung zu". Hiermit ist eben das 
Formale betont, welches neben der Energie als bedingender Faktor in alle 
Vorgänge eingeht. 

18) (zu pag. 22) Generatio aequivoca. Lotze's Stellung zur 
Frage nach der Generatio aequivoca ergibt sich aus seinem Aus- 
spruch 1842 pag. 45. „Sie (die Physiologie) kann als ersten Grund dieser 
durch den Prozess der Gattung kontinuirlich fortlaufenden Reihe von Ent- 
wickelungen nur eine über das Gebiet der Naturwissenschaft hinausliegende 
Schöpfung, nicht aber eine selbst nach mechanischen Prinzipien folgende 
zufällige Entstehung annehmen". Im Nachfolgenden wird dieser Ausspruch 
jedoch modifizirt, da er ihn nur für das Entstehen der höheren Organismen 
festhalten will, deren komplizirter Bau die direkte Entstehung unmöglich 
mache; wogegen die Generatio aequivoca für die einfachsten denkbar sei; 
für letztere könne hierüber nur die Erfahrung entscheiden. (Vergl. auch 
1856 pag. 92). 

Es verdient vielleicht daran erinnert zu werden, dass ein so enragirter 
Vitalist wie Schopenhauer doch keinerlei Bedenken gegen die Urzeug- 
ung hatte; wie ja die älteren Vitalisten diese Meinung fast allgemein ver- 
traten, (s. Parerga, Philosophie der Natur, pag. 162). 

Roux (s. Ges.-Abh. I. pag. 409 ff.) hat meiner Ansicht nach das Problem 
der Urzeugung insofern nicht unwesentlich vertieft, als er erläuterte, dass 
auch die einfachsten jetzt lebenden Organismen (er spricht von Moneren) 
schon als Produkte phylogenetischerFortbildung und Entwickelung anzusehen 
seien, denen eine Epoche allmählicher Entwickelung lebendiger Substanz 

Anmerkung No. 17—18. 



— 85 — 

vorausgegangen sein müsse. Auch ich erachte es für wahrscheinlich, dass 
einfachste Organismen von der Form und den Leistungen, wie wir sie heute 
kennen, nicht durch einen zufällig zusammengetretenen Bedingungskomplex 
entstanden ; sondern dass zunächst assimilationsfähige organische Substanz 
sich bildete, von der ausgehend weitere Entwickelung statthatte. Immer- 
hin sind die Leistungen der einfachsten Organismen, der primitivsten Bak- 
terien, doch so einfacher Art, dass die Möglichkeit ihres direkten Entstehens, 
— die Existenz hochkomplizirter organischer Stoffe vorausgesetzt — unter 
gewissen Bedingungen nicht ganz undenkbar scheint. 

19) (zu pag. 24). Ueber Zufall und Zweck vergl. auch die, sich mit 
meinen Anschauungen vielfach berührenden Erörterungen von Albrecht 
(1399 pag. 52—56, sowie die gute Kritik 1900). 

20) (zu pag. 28) Zufall. Schon Mach (1896 pag. 438 ff.) würdigte die 
Bedeutung des Zufalls für die Entwickelung der Technik und Wissenschaft 
richtig. Als Beispiele für die zufälligen Fortschritte der Wissenschalt führt 
er an: die Galvani'sche Entdeckung, die Beobachtung der Lichtpolarisation 
durch Malus, des Sehpurpurs durch Boll und der sog. X-strahlen durch 
Röntgen. „Analoge Prozesse laufen im technischen Leben ab, und können 
durch die Erfindung des Fernrohres, der Dampfmaschine, der Lithographie, 
der Daguerrotypie u. s. w. erläutert werden". Auch für die Entwickelung 
der ersten Kultur scheint ihm der Zufall massgebend. 

Charakteristisch für Mach ist, dass er auch den gesammten Ent- 
wickelungsgang menschlichen Wissens für einen mit der Darwinschen 
Ansicht über die Entwickelung der Organismen vergleichbaren hält. Er 
spricht daher von „Umbildung und Anpassung im naturwissen- 
schaftlichen Denken". Aehnliche Anschauungen wurden nach seiner 
Angabe auch schon von Spencer entwickelt. Ich bin der Meinung, dass 
Mach auch in diesem Punkt wesentlich recht hat; indem er annimmt, dass 
sich das Denken durch Associationen den beobachteten Vorgängen „an- 
passt", und dass bei auftretenden neuen Erscheinungen, welche mit dem 
seitherigen Denken kontrastiren (Problemen), eine entsprechende Umwand- 
lung der Denkgewohnheit, eine neue Anpassung statthaben müsse. Zufügen 
möchte ich noch, dass diese Umbildung des Denkens bei Eintritt einer neuen 
Erscheinung (Thatsache) zu sehr verschiedenen Ergebnissen (Variationen) 
führen kann, von denen jedoch nur dasjenige sich erhalten wird , welches 
zweckmässig (ökonomisch nach Mach) ist, d. h. nicht zu Erfahrungswider- 
sprüchen führt; und welches von Erfahrungen ausgeht, nicht von willkür- 
lichen Erfindungen, da letztere eine Komplikation, nicht eine Vereinfachung 
oder Oekonomie des Wissens herbeiführen würden. 

Dass auch die entgegengesetzte Meinung über das Verhältniss von Zu- 
fall und physikalischen Entdeckungen vertreten wird, beweist folgendes 
Citat aus O. Lehmann's Schrift „Physik und Politik (Karlsruhe, G. 
Braun, 1901 pag. 54). ,,Nie ist eine physikalische Entdeckung 
durch Zufall gemacht worden". Diese fast paradox klingende Be- 
hauptung, welche ja, so zu sagen, a priori unmöglich erscheint, da für die 

Anmerkung No. 19 — 20. 



— 86 — 

Mehrzahl der grundlegenden Entdeckungen gar kein anderer Weg als 
der zufällige denkbar ist — denn wie anders sollte z. B. entdeckt wor- 
den sein, dass der Magnetstein Eisen anzieht? klärt sich jedoch bei 
genauerem Zusehen auf. Lehmann fährt nämlich fort: „Stets ist sie 
(die physikalische Entdeckung) herangereift durch die rastlosen Be- 
mühungen und das unablässige Forschen sehr Vieler und nicht eines Ein- 
zelnen . . . ." Hieraus folgt, dass Lehmann hier unter Entdeckung eigent- 
lich den weiteren Ausbau einer ursprünglichen Entdeckung zu ihrer späteren 
vollendeten Gestalt versteht, welcher natürlich nicht das Ergebniss eines 
Zufalls ist, wohl aber unter dem Einfluss zahlreicher zufälliger Gedanken- 
kombinationen vieler Forscher zu Stande kam, wie ich dies schon darzulegen 
suchte. Ich kann daher nur wiederholen, dass der Zufall auch für die 
Entwickelung der Physik, wie die jeder Wissenschaft, eine wesentliche 
Bedeutung hat. 

21) (zu pag. 31). Wenn es erlaubt ist, sich über die Dunkelheit eines 
Begriffes zu beklagen, so gilt dies gewiss für den des Zwecks. Zwar 
was der Zweckbegriff besagt, das ist klar; dagegen welcher Zweck bei 
irgend einem besonderen Geschehen vorliegt, das weiss ich doch zunächst 
nur für meine eigenen Handlungen sicher, für die der Mitmenschen in der 
Regel nur durch ihre Aussagen; sehr häutig bleibt mir aber schon hier der 
Zweck höchst dunkel. Stets aber wird die Feststellung des Zweckes der 
Handlung eines Anderen (insofern er ihn nicht selbst angibt) ein mehr oder 
minder sicheres Urtheil sein, zu dem ich auf Grund derjenigen Erfahrungen 
gelange, welche ich über mein eigenes zweckmässiges Handeln besitze; 
d. h. ich werde analysiren müssen, welche Wunschvorstellung suchte der 
Betreffende durch seine Handlung zu erreichen. — Eine andere Art der Be- 
urtheilung der Zweckmässigkeit einer Handlung wäre dagegen die, dass 
ich jene Handlung im Hinblick auf ein Urtheil, welches ich mir über das 
wünschenswerthe Verhalten des Betreffenden gebildet habe, als dessen 
Zweck beurtheile. Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass ich die 
Handlung dann nicht hinsichtlich ihres immanenten Zwecks beurtheile, 
sondern mittelst eines von mir angelegten Zweckmässigkeits- Massstabes. 
Wenn sich ein Mensch todtschiessen will und dies richtig erreicht, so war 
diese Handlung durchaus zweckmässig, insofern er den Wunsch hatte, 
sich zu ermorden und hierzu die richtigen Mittel wählte ; dagegen kann mir 
diese Handlung im höchsten Masse unzweckmässig erscheinen, im Hinblick 
auf die Familie des Selbstmörders, welche dadurch in Noth und Elend ge- 
räth. — Im Hinblick auf das Geschehen in der Natur, für welches ich Motive 
oder Zwecke nie wirklich kenne, wird daher die Beurtheilung stets von 
der zweiten Art sein; ich muss mich stets zuerst schlüssig machen, zu ur- 
theilen, was ich denn eigentlich erwarte, dass geschehen sollte. Für die 
unorganische Natur wird nun allgemein zugegeben, dass unter bestimmten 
Bedingungen nur eines geschehen kann; daher entzieht sie sich einer 
Zweckbetrachtung in ihrem Einzelgeschehen durchaus. In der lebenden 
Welt dagegen variirt das Geschehen im Organismus unter wechselnden und 

Anmerkung No. 20 — 21. 



— 87 — 

nicht scharf präcisirbaren Bedingungen so sehr, dass sich ein Urtheil über 
das, was die einzelnen Theile eigentlich sollten, was ihr Zweck oder Ziel 
sei, aufdrängt. Dabei ist jedoch nie zu vergessen, dass dies eben ein 
Urtheil ist, welches nur die bekannte Normalleistung der Theile mit dem 
Charakter des Sollen ausstattet. Sobald wir den Gesammtorganismus in 
seiner Umgebung betrachten, wird dies Zweckurtheil meist höchst unbe- 
stimmt und willkürlich. Was soll er hier? Er tritt wie ein anorganisches, 
regelmässiges Geschehen in das Gesammtgetriebe ein. Bei dergleichen all- 
gemeinen Erscheinungen in der Natur tritt eben die Willkürlichkeit und 
Bedeutungslosigkeit der ganzen Zweckbeurtheilung hervor. — Nehmen wir 
die häufig erörterte Angelegenheit der massenhaften Ueberproduktion wieder 
zu Grunde gehender Keime in der Lebewelt, die vielfach als unzweck- 
mässig, als Verschwendung bezeichnet und gegen die Ansicht von der Zweck- 
mässigkeit aller biologischen Vorgänge eingewendet wurde. C. E. v. Bär 
setzte diesem Vorwurf die schönen Worte entgegen: „Die Sparsamkeit 
aber, die eine Nothwendigkeit für den Armen, ein Vortheil für den Wohl- 
habenden, eine Zierde für den Reichen, wird wenigstens ganz überflüssig und 
zwecklos bei dem unendlich Reichen." — Will ich dieses Problem vom Stand- 
punkte der Zweckmässigkeit wirklich behandeln, so muss ich doch zunächst 
ein Urtheil darüber gewinnen, welchen Zweck denn die Natur bei dieser 
Erscheinung verfolge. Gerade dies aber geschieht in dem, was Bär sagt, 
nicht; vielmehr wird darin nur ausgesprochen, dass Sparsamkeit dieser 
Zweck nicht sein könne, indem diese für die Natur „zwecklos" wäre. 
Demnach bliebe eben auch hier wieder als Zweck nur das übrig, was eben 
gescnieht, und was, natürlich ebenso unberechtigt, da gleichfalls von anthro- 
pomorph-teleologischer Beurtheilung diktirt, als Verschwendung bezeichnet 
wurde. Die teleologische Beurtheilung fördert eben hier nicht im geringsten. 
Dagegen können wir auf Grund der Entwicklungslehre diese Erscheinung 
zwar nicht als eine zweckmässige verstehen, aber doch als einen Faktor, 
ohne dessen Bestehen die Organismenwelt sich nicht in der Weise hätte 
entwickeln können, wie wir sie heute vorfinden. 

22) (zu pag. 31). C. E. v. Bär, welcher die sog. „Zielstrebigkeit" 
als teleologisches und eingestandenermassen metaphysisches Prinzip für das 
Begreifen des Lebenden nothwendig erachtete, war doch, im Gegensatz zu 
neueren Vitalisten, darüber klar, dass zweckmässiges Geschehen als Er- 
klärungsprinzip, ohne Voraussetzung eines vernünftigen, zwecksetzenden 
Bewusstseins, eine willkürliche Hypothese sei. Er sagt hierüber ganz treffend : 
,, Einen Zweck können wir uns nicht anders denken als von einem Wollen 
und Bewusstsein ausgehend In einem solchen wird denn auch das Ziel- 
strebige seine tiefste Wurzel haben, wenn es uns als ebenso vernünftig wie 
nothwendig erscheint" (74/75 Reden II pag. 473 citirt nach S t ö 1 z 1 e). „Es 
sind Gedanken oder Aufgaben, welche die Naturgesetze bei der Erzeugung 
der Thiere verfolgt haben, darum findet man die einzelnen Theile immer 
in Harmonie". Dies vernünftige metaphysische Prinzip erscheint bei Bär 
schliesslich als „geistiger Weltgrund", als „Schöpfer". 

Anmerkung No. 21 — 22. 



— 88 — 

Wenn wir uns hier gegen ein teleologisch-vitalistisches Erklärungs- 
prinzip der Organismen verwahren, so haben wir dabei nur das Eingreifen 
eines solchen Prinzips in die kausale Abhängigkeit des Geschehens inner- 
halb der bestehenden Welt im Auge. Sobald wir dagegen in das Meta- 
physische fortschreiten, d. h. nach dem fragen, was hinter oder vor dem 
liegt, von dem, als gegeben ausgehend, wir zu begreifen vermögen ; wenn 
wir nach letzten Gründen fragen, oder auch nur bedenken, dass in der nicht 
künstlich von uns geregelten Welt das meiste Geschehen für uns ein zu- 
fälliges ist, obgleich alles Einzelne kausal bedingt erscheint, so können wir 
mit Niemanden rechten, der an den Anfang ein teleologisch-metaphysisches 
Prinzip stellt, welches den Gang des Ganzen so vorausgesehen und ge- 
ordnet habe, dass er in der gewünschten und als zweckmässig erachteten 
Weise verlief. 

23) (zu pag. 32). So sagt z. B. G. Wolff (1894, 3. Abh.) : „Die zweck- 
mässige Anpassung ist das, was den Organismus zum Organismus macht, 
was sich uns als das eigentliche Wesen des Lebendigen darstellt. Wir 
können uns keinen Organismus denken (!) ohne dieses Charakteristikum". 
Hierauf könnte man fragen: Ist eine nur wenige Stunden oder Tage 
lebensfähige, also gewiss sehr unzweckmässige Missgeburt kein Organismus? 

24) (zu pag. 34) Darwinismus. Wie aus dem Gesagten hervorgeht, 
erscheint mir die Stellungnahme zur Darwinschen Lehre oder irgend 
einer möglichen Lehre, welche, unter Voraussetzung der prinzipiellen Iden- 
tität des Geschehens in der Welt der Anorganismen und der Organismen, 
die Entstehungsmöglichkeit erhaltungs- oder zweckmässig organisirter, sowie 
innerhalb gewisser Grenzen entsprechend reagirender Lebewesen begreiflich 
macht, als der eigentlich springende Punkt in dem Problem des Mecha- 
nismus und Vitalismus. Ich muss mich jedoch hier damit begnügen, 
diese Meinung hervorzuheben, indem es unmöglich ist, diese Darstell- 
ung durch eine eingehende kritische Untersuchung über die Grundlagen 
des Darwinismus und der sonstigen Versuche zur Erklärung der Zweck- 
mässigkeit ins Ungemessene zu erweitern. — Betonen muss ich jedoch, 
dass mich das Studium der neueren Kritiker der Darwinschen 
Lehre nicht davon überzeugte, dass sie „ein Kuriosum unseres Jahr- 
hunderts wie die Hegel 'sehe Philosophie sei"; obgleich ich dies Urtheil 
hinsichtlich der letzteren theile. Im Gegentheil scheint mir die Meinung 
Nägeli's, eines Kritikers des speziellen Darwinismus, sehr zutreffend 
(1884 pag. 507): „Der geniale Gedanke Darwin's, dass in der orga- 
nischen Natur nur solche Einrichtungen zur Ausbildung gekommen sind, 
welche dem individuellen Träger Nutzen gewähren, ist so einfach, so 
naturgemäss und so sehr in Uebereinstimmung mit aller Erfahrung, dass 
die hier allein kompetente Physiologie unbedingt zustimmt und sich 
höchstens verwundert, dass nicht schon langst ein Columbus dieses physio- 
logische Ei festgestellt hat". Inwiefern der Darwinismus, der historisch 
Gewordenes zu erklären versucht, dies erreichen kann, wurde schon im 
Text pag. 6—7, im Hinblick auf die Natur alles historisch Entstandenen, zu 

Anmerkung No. 22 — 24. 



— 89 — 

erläutern versucht. Ich bin auch nicht der Meinung, das die ursprüngliche 
Darwinsche Lehre schon die mögliche allgemeine Lösung des Problems 
enthielt; wenn ich auch den Kritikern nicht zustimme, welche der Lehre 
einen Hauptvorwurf daraus machen, dass sie ja die Bildung und Ent- 
stehung der Form, d. h. die Variation, nicht erkläre, sondern als gegebene 
Thatsache zu Grunde lege. Es war gar nicht Darwin 's Bestreben, die 
Form und ihr Hervorgehen aus physiko-chemischen oder sonstigen Beding- 
ungen erklären zu wollen , obgleich seine Nachfolger häufig genug ver- 
kannten, dass dies Problem als ein besonderes neben dem Darwinismus 
stehe, es vielmehr durch ihn gelöst wähnten. Darwin war nicht ohne 
Schuld an der Verbreitung solch' irriger Meinungen. Indem er in seiner 
Lehre der Uebertragung erworbener Charaktere eine wichtige Stelle anwies 
und andererseits das Entstehen solch' erworbener Charaktere auf äussere 
Einwirkungen zurückzuführen suchte, erweckte er selbst die Vorstellung, 
dass auf diesem Wege eine mechanistische Lösung des Problems der 
Formbildung möglich sei. 

Auf solche Weise wurde er denn auch zu jener willkürlichen Um- 
schreibungshypothese, der Pangenesis, geführt, welche zuerst dazu beitrug, 
durch ihre Konsequenzen seinen unhaltbaren Standpunkt in der Variations- 
frage zu durchschauen. 

Mit der Ansicht, dass die vererblichen Variationen Keimvariationen sind, 
welche ich schon 1876 vertrat, wurde die Lehre von diesen mechanistischen 
ungerechtfertigten Ansprüchen befreit und auf ihren naturgemässen Boden 
zurückgeführt, d. h. den historischen Sie sucht die Möglichkeit zu erweisen, 
dass unter den erfahrungsgemäss vorhandenen Bedingungen das gegebene 
oder entstehende Zweckmässige sich erhalte, das Unzweckmässige dagegen 
ausgemerzt werde, und dass auf solche Weise, mit Rücksicht auf die un- 
zweifelhafte Veränderung der äusseren Bedingungen im Laufe der erd- 
geschichtlichen Zeiträume, eine Umgestaltung der Organismenwelt, unter 
steter Wahrung zeitlicher und örtlicher Zweck- und Erhaltungsmässigkeit, 
eine logisch nothwendige Folge aus den gegebenen Prämissen sei. Dass 
diese Lehre die Nöthigung enthalte, es müsse die Umbildung oder Variation 
in Inkrementen oder Differentialen fortschreiten, kann ich nicht zugeben, 
indem dies sogar für viele Keimvariationen, wie Vermehrung der Segmente 
und Radienzahl, Vermehrung von Organen überhaupt, ausgeschlossen er- 
scheint. Dagegen ist auch bei Differentialvariation die Auslese eines ge- 
wissen Durchschnittes durchaus nichts Unmögliches. 

Ebensowenig erblicke ich darin, dass zweckmässige Variationen angeb- 
lich nur in geringer Zahl auftreten sollen, eine besondere Schwierigkeit. Denn 
wenn es sich um Keimvariationen handelt, so müssen diese irgendwie bedingt 
sein. Unter diesen Umständen liegt es doch am nächsten, die Aenderung der 
äusseren Verhältnisse, welche auch allein die Bedingungen für die Ver- 
änderung der Organismen enthalten müssen, als diejenigen zu betrachten, 
welche den Bedingungskomplex der Propagationszellen so änderten, dass 
ein abweichendes Entwicklungsprodukt hervorging. Wenn es sich aber um 

Anmerkung No. 24. 



— 90 — 

allgemeine Aenderung der äusseren Bedingungungen handelt, welche auf 
die Mehrzahl der vorhandenen Individuen in gleicher Weise wirkten, so ist 
auch die Wahrscheinlichkeit sehr gross, dass die Variation in derselben 
Weise bei zahlreichen Individuen auftritt. Es wird sich dann darum 
handeln, ob unter den gegebenen Bedingungungen ein mehr oder weniger 
zweckmässiges Variiren möglich ist oder nicht. Im letzteren Falle wird 
die Art aussterben. 

25) (zu pag. 34). Die Schopenhauer'sche Argumentation halte ich 
jedoch auch vom teleologischen Standpunkt aus nicht für ganz richtig. Die 
„Termitennester" als solche bilden nicht das Zweckmotiv, wenn der Vorgang 
nach Analogie einer bewussten zweckmässigen Handlung gedacht wird; denn 
die Zweckvorstellung wäre doch nicht das Termitennest, sondern das 
Aus fressen des Termitennestes mit einer dazu geeigneten 
langen Zunge. Die Termitennester bedingten daher nur das Eintreten 
des eigentlichen Zweckmotivs, ebenso wie sie nach der Darwinschen 
oder einer ähnlichen, nicht teleologischen Lehre als eine der Bedingungen 
für die jetzige Existenz der langen Zunge des Ameisenbären erscheinen. 

26) (zu pag. 38). Vergl. Alb recht 1900. 

27) (zu pag. 45). Gegen Driesch's Folgerung eines spezifisch vita- 
listischen Geschehens aus dem sog. „Lokalisationsproble m" sprachen 
sich vor einiger Zeit schon Morgan (1900 pag. 108) und Doflein (1900 
pag. 141 ff.) aus; beide versuchten jedoch keine speziellere Begründung 
ihrer Ansicht, sondern bezweifelten nur, dass ein solch' vitalistischer 
Schluss aus den beobachteten Thatsachen zwingend folge. 

Ich habe das sog. Gesetz vitalistischen Geschehens, wie es Driesch 
besonders auf Grund der Beobachtungen über die Reparationsvorgänge der 
Tubularia entwickelt, bei den obigen Erörterungen als zu Recht bestehend 
vorausgesetzt. Dass dies jedoch streng zutrifft, scheint mir aus den vorliegen- 
den Ergebnissen nicht zu folgen. Sicher steht doch, dass die Reparation 
eines vollständigen Hydranthen nur von Stammstücken geschieht, welche 
eine gewisse Länge haben. Stücke, die unter dieser Länge bleiben, bilden 
in der Regel unvollständige Polypen ohne Stiel, oder nur ein der Rüssel- 
region entsprechendes Gebilde, oder eine Doppelbildung dieser Art, häufig 
nur den oralen Tentakelkranz ; auch sind ihre Tentakel an Zahl häufig ver- 
ringert. Ganz kurze Stücke endlich (von V< mm un d kürzer) vermögen 
nie mehr zu regeneriren*). Hieraus geht doch hervor, dass es für solch' 
kleine Stücke überhaupt kein typisches „Endziel gibt, welches erreicht 
werden soll", sondern dass dies Endziel in den verschiedenen Fällen selbst 
sehr verschieden ist und jedenfalls abhängig von der Quantität der Operation, 
der sog. Ursache. Es unterliegt daher keiner Frage, dass die Gesammtheit 
der durch die Operation geschaffenen neuen Bedingungen das Endziel 
hervorgehen lässt und dass nur unter nicht zu stark alterirten gewissen 



*) Siehe hierüber ausser bei Driesch auch Morgan: „Reparation in Tu- 
bularia". Arch. f. Entwickl. Median. XI. (1901) pag. 346—381. 

Anmerkung No. 25—27. 



— 91 — 

Bedingungen dieses Endziel das gewöhnliche typische ist, während bei zu 
starker Abweichung der neugeschaffenen Bedingungen die normale Gleich- 
gewichtsform nicht mehr erreicht werden kann. Bei typischen sog. He tero- 
morphosen tritt diese Abweichung des Endziels von dem normalen Zu- 
stand noch deutlicher hervor. Das ganze System steuert hier unter Umständen 
einem Endziel zu, wie es normaler Weise in der Natur nirgend vertreten 
ist. Ebenso ist es bei der sog. Lithiumlarve der Seeigel, die Herbst ent- 
deckte. Wie sollen wir uns unter diesen Umständen die Abhängigkeit des 
Entwicklungsganges von dem zu erreichenden Endziel denken ? Wir wissen 
experimentell, dass der Zusatz von Lithiumsalzen zum Meerwasser Bedingung 
der Entwickelung dieser abweichenden Larven ist; soll man sich etwa vor- 
stellen, dass das Lithium auf das zu erreichende Endziel verändernd wirkt 
und dass dieses nun rückwirkend den Gang der Entwickelung modifizirt? 
Mir scheint in diesen Fällen die kausale Betrachtung die einzig zulässige. 

28) (zu pag. 46). Bunge's (1899) Vitalismus ist nicht ganz leicht zu 
erfassen. Er gründet sich hauptsächlich auf die Behauptung, dass der 
Mechanismus oder der Materialismus, welch' beide er für identisch erachtet, 
nichts zu erklären vermöge , und dass alles mechanistisch Erklärbare 
nicht zu den Lebenserscheinungen gehöre. „Das Wesen des Vitalismus 
besteht darin, dass w r ir den allein richtigen Weg der Erkenntniss ein- 
schlagen, dass wir ausgehen von dem Bekannten, von der Innenwelt, um 
das Unbekannte zu erklären, die Aussenwelt." „In der Aktivität, da steckt 
das Geheimniss des Organismus", d. h. in der Aktivität, w r elche wir durch 
den „inneren Sinn" erfahren. Unter dieser Aktivität lässt sich jedoch 
schwerlich etwas anderes denken, als das, was Wille genannt wird; so 
gelangten wir ungefähr zu der Scho penh a uer' sehen Metaphysik, welche 
den Willen für den letzten Grund der Erscheinungen erachtet. Dass diese 
Auffassung eine metaphysische ist, ist klar, da ja die Koordination zwischen 
Physischem und Psychischem uns zweifellos, dagegen eine kausale Ab- 
hängigkeit des Physischen vom Psychischen und umgekehrt unbegreiflich ist. 
Wir können das Physische kausal nur aus physischen, das Psychische nur 
aus psychischen Ursachen begreifen. Dazu gesellt sich ferner, was in 
neuerer Zeit deutlicher erkannt wurde (mir persönlich schon in der Mitte 
der siebziger Jahre, als ich Schopenhauer zuerst studirte, auffiel), 
dass der sog. Wille gar nicht in dem Sinne von etwas Aktivem bei der 
Willenshandlung sich geltend macht, sondern nur als eine Vorstellung der 
Willenshandlung. Ich persönlich wenigstens vermag in mir bei Ausführung 
einer Handlung nichts wahrzunehmen, was ich als einen aktiven Willen 
bezeichnen könnte. Seltsam wird jedoch diese an Schopenhauer sich 
lehnende Auffassung Bunge's dadurch, dass er diese Aktivität nicht wie 
ersterer sämmtliehen Erscheinungen zu Grunde legt, sondern sie ausschliess- 
lich auf die Organismenwelt beschränken will. Aus dem dritten Kapitel 
geht dies klar hervor, wo Bunge sich für die anorganische Welt als über- 
zeugten Mechanisten, ja Mechaniker erklärt, der alle Verursachungen in 
Bewegungsvorgängen, theils sichtbaren, theils unsichtbaren (molekularen) 

Anmerkung No. 27 — 28. 



— 92 — 

erblickt. Demnach geschieht nach ihm auch im Organismus 
alles mechanisch; nur vor dem Psychischen stockt er und 
sagt: „Ob der letzte Bewegungsvorgang, der als unmittelbare Folge des 
Reizes im Centrum anlangt, in die Empfindung sich umsetzt (!), oder ob 
er nur den Anstoss gibt zur Entstehung der Empfindungen - etwa aus 
chemischen Spannkräften (!!) oder ob hier eine ganz besondere Art des 
Kausalzusammenhangs statthat — das können wir nicht entscheiden". Ja 
Bunge wirft sogar die Frage auf : „ob die Seelenerscheinungen umgesetztes 
Sonnenlicht sind?" Wie ein Vitalismus, welcher das Geheimniss des Lebens 
in der „Aktivität" sucht, gleichzeitig die Möglichkeit vertreten kann, die 
Seelenerscheinungen aus materiellen Bewegungserscheinungen zu begreifen, 
vermag ich nicht einzusehen. 

Der Gesichtspunkt, dass die vitalistische Auffassung neben der mecha- 
nistischen als gleichberechtigt anzuerkennen sei, weil „die mechanisti- 
sche Betrachtung zur Zeit so wenig erklärt habe", ist auch der 
Borodin's (1898). Es ist dies ein Standpunkt, der zwischen zwei Gegen- 
sätzen zu vermitteln sucht, die sich gegenseitig ausschliessen, die man 
nicht etwa zu einem mittleren Durchschnitt verschmelzen kann. Es ist 
ein Standpunkt, wie er bezeichnender Weise gelegentlich von Manchen 
in dem Determinationsproblem, der Frage nach der Freiheit oder der 
Determination des Willens, eingenommen wurde, mit der Behauptung: Der 
Wille sei eigentlich weder frei noch unfrei, sondern etwas mittleres; während 
doch frei und unfrei Gegensätze sind, von denen einer den andern aus- 
schliesst. So ist es auch mit Mechanismus und Vitalismus; eine Vereinigung 
beider zu etwas mittlerem ist nicht denkbar; und erst recht nicht, wenn ich 
die sog. Lebenskraft, „deren Vorhandensein in lebenden Körpern zwar un- 
bewiesen sei", mit Borodin ganz in der Weise der alten Vitalisten auf- 
fasse, als eine „schöpferische Kraft", „die bewusst oder unbewusst, aber 
sicher in vernünftiger Weise (!) den Stoff und die Kräfte der todten Natur 
gebraucht, indem sie dieselben einem bestimmten Ziele, der Erbauung und 
Erhaltung des Organismus, zulenkt." Im Grunde genommen ist dies der 
alte Animismus, die alte Anschauung von der bewussten oder unbewussten 
Lebensseele. 

Die Verachtung, mit der Borodin auf die seitherigen Ergebnisse 
biologischer Forschung blickt, erleichtert ihm diese Stellungnahme. Nach 
ihm ist: „das Protoplasma gegenwärtig nichts anderes, als ein Lagerhof für 
unser Unwissen;" etwas, das „auch heute noch ein völliges X darstellt." Gar 
keine Bedeutung haben nach ihm die Versuche an „künstlichen Amöben"; sie 
stehen auf einer Stufe mit den Uhrwerksautomaten vonVaucanson und 
den beiden Droz; „das Wesentliche bleibt in beiden Fällen die künstliche 
Hervorbringung der äusseren Erscheinung des Lebens aus einem Mate- 
rial, das sicher tod ist." Es dürfte Borodin schwer fallen, zu sagen, 
was denn ein Material ist, das sicher nicht tod ist, oder lebendes Material zu 
definiren. Die Grenze zwischen tod und lebendig zu ziehen, und damit das 

Anmerkung No. 28. 



— 93 — 

Leben zu definiren, ist ein Unternehmen, das bis jetzt stets scheiterte. Ist 
ein von einer Zelle abgelöster Plasmatropfen, der sich einige Zeit amöboid 
bewegt, lebend oder tod ? Ist ein Samenkorn, das jahrelang ohne jede 
Lebensäusserung ruht, jedoch unter geeigneten Bedingungen seine Ent- 
wickelung und seine Lebensthätigkeiten beginnen kann, tod oder lebendig? 
Sollen wir einen Körper, der zwar eine oder einige Lebenserscheinungen 
zeigt, andere nicht, tod oder lebendig nennen? Wer behauptet, dass alle 
Erscheinungen an sog. todtem Material ohne jegliche Analogie und ohne 
jeden Erklärungswerth für die Lebenserscheinungen seien, der begeht eben 
von vornherein eine petitio principii, welche ja auch in der Betonung des 
„lebenden Materials" enthalten ist; er dekretirt nämlich, dass von vorn- 
herein nichts vergleichbar oder analog mit Lebenserscheinungen ist, als die 
Lebenserscheinungen selbst. Dieser Standpunkt deckt sich mit demjenigen, 
der allem physiko-chemisch Begreifbaren die Natur der Lebenserscheinung 
abspricht. 

Der von Borodin angestellte Vergleich der sog. künstlichen Amöbe 
mit den Automaten des Vaucanson und der Droz ist ganz ungerecht- 
fertigt und unüberlegt. Bei jenen Automaten handelte es sich um die äusser- 
liche Nachahmung der Form von Bewegungserscheinungen eines Organis- 
mus auf Grund mechanischer Vorrichtungen, deren Existenz im Organismus 
von vornherein als unmöglich einzusehen war. Bei der sogen, „künstlichen 
Amöbe" ') dagegen handelt es sich ganz und gar nicht um eine beabsichtigte 
äusserliche Nachahmung von Bewegungserscheinungen einfachster Orga- 
nismen, sondern um die Beobachtung von Bewegungsvorgängen (an Material 
von bekannter Beschaffenheit), welche in vieler Hinsicht weitgehende Ueber- 
einstimmung mit jenen einfachster Organismen zeigen, und die gleichzeitig 
auch auf Grund der Struktur und Natur des Materials den wahrscheinlichen 
Schluss gestatteten, dass diese beiderlei Bewegungserscheinungen ihrer 
Natur nach identisch seien, d. h. von denselben energetischen Prozessen 
bedingt werden. 

Wie steht es denn aber mit den zahlreichen Errungenschaften der 
Physiologie über die Verdauungs- und Stoff Wechselvorgänge im Organismus? 
Sind diese etwa an lebendem oder todtem Material gewonnen; oder ge- 
hören sie nicht zu den Lebenserscheinungen im Organismus? 

Wenn es nun aber wirklich gelänge, eine lebende Amöbe aus leben- 
dem Material künstlich darzustellen,' wären dann etwa deren Bewegungs- 



*) Gemeint sind jedenfalls die von mir eingehend geschilderten künstlichen 
Amöben (obgleich ich selbst n i e diese Bezeichnung gebrauchte), wenn ihre Dar- 
stellung aus „Oel und Potasche" von dem Uebersetzer auch Professor Quincke 
zugeschrieben wird. Die Art, wie Borodin über diese Untersuchungen spricht, 
lässt mich vermuthen, dass er nur eine sehr flüchtige, aus zweiter Hand geschöpfte 
Kenntniss derselben hat. Das Gleiche dürfte wohl für viele ähnliche absprechende 
Urcheile gelten. 

Anmerkung No. 28. 



— 94 — 

erscheinungen erklärt? Zunächst hätten wir eine Amöbe mehr, deren Be- 
wegungserscheinungen ebenso problematisch blieben, wie die der natür- 
lichen. 

Von gewissen Neo-Vitalisten, so Ri ndfleisch, wird die Begründung 
des Neo -Vitalismus auf R. Virchow (1856) zurückgeführt; mit welchem 
Recht, wollen wir ein wenig untersuchen. In der citirten Abhandlung (v. 
1856) tritt V. mit voller Bestimmtheit, und als ausgesprochener Anhänger 
des Mechanismus, gegen den Vitalismus auf. Er verwirft die alte Auf- 
fassung der Lebenskraft ,,als einheitlichen Erklärungsgrund der Lebens- 
äusserungen und des Lebendigen" und bezeichnet sie sogar als „Aber- 
glaube". Sehr richtig bemerkt er (pag. 9): ,,Eine Kraft mit solcher 
Mannigfaltigkeit der Strebungen, Triebe und Zwecke, die sich nicht bloss 
die Wege, sondern auch die Mittel zur Erreichung ihrer Ziele aufsucht, die 
nicht bloss nach einem prästabjlirten Plan, sondern, je nach Umständen, auch 
nach freier, aber stets zweckmässiger Wahl die Stoffe gestaltet, das ist 
nicht mehr eine Kraft, sondern es ist ein Wesen, ein lebendiger Organismus''. 
Der Charakter der Lebenskraft als „Umschreibungshypothese" wird hier 
von V. recht gut gekennzeichnet. Im Weiteren gelangt er jedoch zu folgen- 
dem Schluss: „Aber trotzdem können wir nicht erkennen (!), dass die 
Erscheinungen des Lebens sich einfach als eine Manifesta- 
tion der den Stoffen inhärirenden Molekularkräfte be greifen 
lassen" (p. 20). Dies ist das bekannte Argument des Vitalismus, dass 
der Mechanismus einstweilen nichts oder doch nichts genügend erkläre. Ist 
Virchow mit diesem Ausspruch aber auf die vitalistische Seite getreten? 
Gewiss nicht ! Denn er ist gleichzeitig überzeugter Anhänger der Möglich- 
keit des Entstehens der Organismen durch Urzeugung. So sagt er (pag. '22): 
„Wir können uns nur vorstellen, dass zu gewissen Zeiten der Entwickelung 
der Erde ungewöhnliche Bedingungen eintraten, unter denen die zu neuen Ver- 
bindungen zurückkehrenden (!) Elemente im Statu nascente die vitale Be- 
wegung (!) erlangten, wo demnach die gewöhnlichen mechanischen Be- 
wegungen in vitale umschlugen". So wenig klar dieser Ausspruch auch 
ist, so geht daraus doch hervor, dass V. meint : Unter gewissen ungewöhn- 
lichen Bedingungen, welche doch nur die Manifestation einer besonderen 
Kombination der „Stoffe und der ihnen inhärirenden Molekularkräfte" sein 
könnten, sei das Lebendige entstanden. Damit ist aber der zuerst citirte 
Satz über die Nichtbegreifbarkeit des Lebens aus den den Stoffen inhäriren- 
den Molekularkräften wieder aufgehoben. Denn selbst zugegeben, dass das, 
was sich unter diesen Bedingungen ereigne, etwas sei, was an und für sich 
ebenso unbegreiflich erscheine, als das Auftreten von Wärme oder Elek- 
trizität unter gewissen Bedingungen, so wäre dies eben doch ein Vorgang 
gesetzlichen Naturgeschehens derselben Art wie in der anorganischen 
Natur, und daher ebenso viel oder wenig begreiflich als die Vorgänge der 
nichtbelebten Welt. Etwas derartiges ist es ja, was sich Virchow eigent- 
lich beim Entstehen eines ersten Organismus als das Wesentliche denkt, 

Anmerkung No. 28. 



- 95 — 

und was er ungefähr folgendennassen ausspricht : ,,Wenn der Naturforscher 
von Lebenskraft redet, so kann er darunter also nur dasjenige Bewegungs- 
gesetz (!) verstehen, dessen sinnlich wahrnehmbares Resultat Zellenbildung 
ist" (pag. 11). „Dieses Gesetz ist ein ewiges" (das soll heissen wie jedes 
Naturgesetz, es gilt immer, wenn die betreffenden Bedingungen eintreten). 
Was sich Virchow unter einem solchen „Bewegungsgesetz" vorstellt, 
dem eigentlich Charakteristischen des Organismus, ist natürlich wenig klar. 
Er bemerkt hierüber auch : „Vielmehr glaube ich immer noch , als den 
wesentlichen Grund des Lebens eine mitge th eilte, abgeleitete Kraft 
neben den Molekularkräften unterscheiden zu müssen" (p. 20). „Abgeleitete 
oder mitgetheilte" Kräfte sind nach V. jedoch „die Kräfte wie Stoss etc.", im 
Gegensatz zu den „immanenten Kräften der Materie" (Gravitation etc.). 
Demnach wäre die Lebenskraft nach V. eine nach einem besonderen Be- 
wegungsgesetz übertragene mechanische Bewegung oder „vitale Be- 
wegung", wie er selbst sagt; was man, streng genommen (da er ja selbst 
die sog. immanenten Kräfte ausschliesst), nicht einmal eine besondere 
Energieform in modernem Sinne nennen könnte; vielmehr wäre diese 
Virchow'sche Ansicht etwa ein Vorläufer der späteren Elsb er g'schen 
und Haeckel'schen Hypothesen von einer besonderen vitalen Bewegungs- 
form der kleinsten Theilchen oder Plastidule der lebendigen Substanz. 
Daneben jedoch erachtet V. noch die besondere „Stoffkombination", 
welche in dem einzelnen Organismus (Elementarorganismus) vorliegt, für den 
„Grund der besonderen Richtung, in welcher die Bewegung (die vitale Be- 
wegung) stattfindet". Ein sehr seltsamer Gedanke — eine „mechanische 
Kraft", deren Richtung durch die Natur des Stoffes bestimmt oder modifi- 
zirt wird. 

Jedenfalls geht aus diesen Erörterungen hervor, dass Virchow (1856), 
wie gesagt, überzeugter Mechanist, ja eigentlich „Mechaniker" ist, der eine 
eigenthümliche „mechanische" Bewegungsart (vitale Bewegung) für den 
Grund der Lebenserscheinungen hält; also, wenn man will, eine besondere 
Energieform, obgleich dies nicht recht zutrifft. Bedeutung hätte eine solche 
Anschauung, ebenso wie spätere ähnliche, erst erlangen können, wenn V. 
in der Lage gewesen wäre, über das grundlegende „Bewegungsgesetz" 
etwas Positives mitzutheilen und damit eine oder die andere Lebens- 
erscheinung zu erklären oder zu begreifen. So, wie dieses Gesetz aufgestellt 
wird, ist es nichts anderes als die Anerkennung, dass eine unbekannte 
Gesetzlichkeit den Lebenserscheinungen zu Grunde liegt; mit der jedenfalls 
ungerechtfertigten Annahme, dass diese Gesetzlichkeit das Wesen einer 
sog. „abgeleiteten mechanischen Kraft" habe. 

Rindfleisch (1888) glaubt eigentümlicher Weise auf demselben neo- 
vitalistischen Standpunkt z-u stehen, wie Virchow. Seine Meinung bewegt 
sich jedoch in unlöslichen Widersprüchen. Einerseits soll nach ihm (pag. 20) 
jedes Geschehen „Mechanismus" sein; andererseits dagegen ist er überzeugt, 
dass in der Zelle ein „Ze llen will e" bestehe, „allerdings geregelt und 
eingeschränkt durch das Bedürfniss des Gesammtorganismus; immerhin 

Anmerkung No. 28. 



— 96 — 

schliesst er (dieser Wille) als letzte Konsequenz die persönliche Frei- 
heit ein, welche der starre Materialismus nie zugeben kann". Hier wird 
demnach Physisches und Psychisches in unzulässiger Weise durcheinander 
gemengt. Obgleich alles Geschehen, auch das der Zelle, Mechanismus ist, 
greift der ausserhalb des Mechanismus stehende Zellwille in diesen Me- 
chanismus beliebig ein, und dazu noch ganz unnöthiger Weise; denn wenn 
alles Mechanismus ist, so ist doch gar kein Platz mehr für ihn ; er läuft 
neben dem Mechanismus hin, wie es ja auch unsere Meinung ist. 

Noch eigenthümlichere Anschauungen trug Rindfleisch 1895 vor. 
Das Problem der „Freiheit", d.h. der Selbstbewegung, der „ursachlosen 
Bewegung", beschäftigt ihn auch hier. Im Organismus findet er eine An- 
näherung an diese Selbstbewegung und Selbstbestimmung, ja glaubt sogar, 
in der Häufung potentieller Energie im Organismus und in dessen Aufbau 
aus Kolloiden einen Fingerzeig für das Verständniss dieser Eigenthümlich- 
keit des Organismus zu finden. ,, Freiheit und Nächstenliebe! Das 
sind die Merkmale des Lebens; Freiheit das Ziel und 
Nächstenliebe das Mittel dazu! Das ist das Wort des Lebens" 
(pag. 129). Nächstenliebe soll hier das zweckmässige harmonische Zusammen- 
wirken der Theile und der Zellen im Organismus bedeuten. Nächstenliebe 
als wirksames Prinzip im Organismus und der Organismenwelt erscheint 
gewiss sehr seltsam in einer Welt lebender Wesen, wo der Grundsatz gilt : 
„öte toi, que je m'y mette". Ueber die Freiheit dagegen wurde vorhin 
schon einiges bemerkt. 

Die Stellung, welche Oscar Hertwig zu den in dieser Schrift er- 
örterten Problemen einnimmt, bedarf etwas genauerer Darlegung. In 
seiner Streitschrift (1897) gegen Roux bekennt er pag. 19/20, dass er das 
„Glaubensbekenntniss theile, dass in der Biologie alles in natürlicher, d. h. 
philosophisch-mechanischer Weise hergeht" (womit etwa gesagt sein soll, 
dass in der Biologie alles Geschehen ebenso ein kausalabhängiges ist wie 
in der nichtlebenden W T elt; „natürlich" steht hier im Gegensatz zu 
„Wunder"). Bei der Besprechung des Einflusses, den Lotze's Kampf 
gegen die Lebenskraft ausgeübt hat, bemerkt Hertwig ferner gesperrt 
(pag. 29—30): „Die mechanistische Auffassung von Lotze hat sich rasch 
den Sieg in der biologischen Forschung errungen. Ohne auf Widerspruch 
zu stossen, kann ich wohl behaupten, dass die gesammte Biologie seit 
vielen Decennien auf dem Standpunkt von Lotze steht, dass das Orga- 
nische nur eine höhere Form des Mechanischen ist." Der ganze Passus 
und weiterhin auch das Folgende: „Es hiesse daher offene Thüren ein- 
rennen, wollte man jetzt noch, wie es Lotze gethan hat, für eine mecha- 
nistische Auffassung der Lebewelt zu Felde ziehen", scheint doch klar zu 
zeigen, dass Hertwig ein Anhänger Lotze's ist. 

Wenden wir uns dagegen zu demjenigen Theil seiner Schrift, in dem 
er die sog. „gestaltenden Kräfte" Roux's bekämpft, von welchen die 
besondere Form der sich in der Ontogenese bildenden Theile (Organe) 

Anmerkung No. 28. 



— 97 — 

abhängen sollen, so verändert sich Hertwig's Stellung bedeutend. Unter 
Roux's ja nicht übermässig klarem Begriff „gestaltender Kräfte" muss man 
sich die Summe der bedingenden und wirkenden Ursachen (Kräfte) vor- 
stellen, von welchen ein sich bildender Theil abhängt. In diesem bildlichen 
Sinne verwendet Roux den Begriff. Bei der Kritik dieser Anschauungen 
Roux's kommt Hertwig endlich zu folgender letzter Erwägung hinsicht- 
lich jener „gestaltenden Kraft" (pag. 59—60): „Noch ein dritter Weg 
bleibt zu versuchen, die gestaltende Kraft direkt in die Grundkräfte der 
Physik zu zerlegen und die organischen Gestalten direkt aus komplexen 
Komponenten von Schwerkraft, Cohäsionskraft, chemischen, elektrischen, 
magnetischen Kräften zu erklären. Dass dieser Weg ebenfalls nicht der 
rechte ist, braucht kaum einer näheren Darlegung. Zwar sind die Grund- 
kräfte der Natur wie in den unorganischen Körpern auch in den Organismen 
wirksam und können, wo sie sich in den Erscheinungen zeigen, untersucht 
werden, aber wir können keine „gestaltende Kraft" durch Combination von 
Schwerkraft, Cohäsionskraft, chemischer, elektrischer Kraft konstruiren oder 
durch Vereinigung von ein bischen Schwerkraft, chemischer Kraft, Cohä- 
sionskraft ä la Dreyer organische Gestalt produzieren". Diese Auslassung 
steht jedoch in direktem Widerspruch mit Lotze's Meinung; denn dieser 
ist gerade der Ansicht, dass nicht nur das Geschehen im fertigen Organis- 
mus von den den Stoffen eigenthümlichen Kräften, unter besonderen kom- 
plizirten Bedingungen, abhänge, sondern dass ebenso das Entwickelungs- 
geschehen auf Grund derselben Geschehensweisen, welche auch in der 
anorganischen Natur sich finden, unter besonderen Bedingungen sich ab- 
spiele. Das eine, was Lotze, wenigstens für die höheren Organismen, 
auf die gesetzlichen Geschehensweisen der anorganischen Natur nicht 
zurückführen zu können glaubt, ist das Ausgangssubstrat der Entwickelung, 
d. h. das Ausgangssubstrat, dessen Bedingungskomplex den ganzen Verlauf 
der Entwickelung mechanistisch hervorruft; dessen Entstehen durch zufälliges 
Zusammentreffen der Bedingungen scheint ihm unmöglich. In dem vorhin 
citirten Ausspruch über die gestaltenden Kräfte befindet sich Hertwig also 
in Widerspruch mit den mechanistischen Anschauungen Lotze's. — In 
Hertwig's Erörterung vermisse ich aber auch den Nachweis für die auf- 
gestellte Behauptung: dass die sog. Kräfte der anorganischen Natur auch 
unter besonderen, komplexen Bedingungen nicht ausreichten, die Entwickel- 
ung der lebenden Gestalten zu begreifen oder zu erklären (was ja nach 
dem früher von ihm Bemerkten das Glaubensbekenntniss des überzeugten 
Vitalisten ist). In dem citirten Ausspruch wird nur angegeben, dass diese 
Annahme des Mechanismus „nicht die rechte ist, und dass dies kaum 
einer näheren Darlegung bedürfe". Darauf folgt die Behauptung : es sei 
eben unmöglich, die „gestaltende Kraft" aus den Kräften der anorganischen 
Natur abzuleiten. Gründe dafür werden nicht mitgetheilt. Auch fehlt völlig 
eine Andeutung darüber, welcher Art denn nun eigentlich das Geschehen 
im Organismus ist, das durch „gestaltende Kraft", wenn auch nur bildlich 
aufgefasst, bedingt wird. Von was wird denn dieses Geschehen bedingt, 

Bütschli, Mechanismus und Vitalisnms. 7 

Anmerkung No. 28. 



— 98 — 

wenn nicht von den sog. Kräften der anorganischen Natur; denn alles, was 
im Organismus vorgeht, geschieht doch nach Hertwig „philosophisch- 
mechanisch", muss daher von wirkenden und bedingenden Ursachen ab- 
hängen. Da nun die anorganischen Kräfte keine organischen Gestalten be- 
dingen können, so bliebe nur die Möglichkeit einer besonderen vitalen 
wirkenden Ursache, einer vitalen Kraft oder Energie, und O. Hertwig 
träte damit auch schon 1897 als erklärter Vitalist auf. 

Entschiedener ist dies 1900 in seinem Vortrag über die Entwickel- 
ung der Biologie im 19. Jahrhundert der Fall, wo der schon 1897 ange- 
deutete Standpunkt genauer erläutert wird. Hier erhalten wir zunächst 
von dem Leben im Allgemeinen die Definition (pag. 4) : Dass dasselbe 
„auf einer besonderen eigenthümlichen Organisation des Stoffes beruhe", 
mit der Verrichtungen (Funktionen) verknüpft seien, die sich in der leblosen 
Natur nicht finden. In dieser Definition ist, wie dies häufig der Fall, das 
Hypothetische an die Spitze gestellt (die Organisation des Stoffes), dagegen 
das Thatsächliche, die besonderen Verrichtungen (Leistungen, Thätigkeiten 
lebender Körper), hinten angefügt. Diese Definition ist so dunkel wie 
jede, in welche der unsichere Begriff der „Organisation" eingeführt ist 
(s. Anmerk. No. 14). Der Schwerpunkt liegt aber nicht in der Organisation 
als solcher, sondern in der „besonderen" Organisation, und bevor nicht 
angegeben werden kann, worin diese Besonderheit besteht, ist die ganze 
Definition bedeutungslos; denn was lebend ist, können wir dann nur aus 
den besonderen Verrichtungen des Lebenden erfahren. 

Hertwig glaubt in diesem Vortrag eine Art Vermittelung zwischen 
Vitalismus und Mechanismus anbahnen zu können. Er meint (pag. 24) : 
,,dass ebenso wie der vitalistische auch der mechanistische Standpunkt in 
der Biologie ein einseitiger sei". Wie ich schon hervorhob, kann ich mich 
einer solchen Meinung nicht anschliessen, da Vitalismus und Mechanismus 
Gegensätze sind, die sich nicht zu etwas Mittlerem vereinigen lassen. 
Natürlich setze ich dabei voraus, dass man unter Vitalismus nicht etwas ganz 
anderes verstehen will, als was gewöhnlich und richtiger Weise darunter 
begriffen wird. Denn es ist ja klar, dass Lebewesen, als besondere Klassen 
natürlicher Objekte, ihre eigenthümlichen sekundären Gesetzmässigkeiten be- 
sitzen, wie sie etwa bestimmte Kategorien von Objekten auch auf physikali- 
schem oder chemischem Gebiet darbieten (z. B. die quellbaren Körper u.s. f.); 
womit jedoch natürlich nicht ausgesprochen ist, dass diese sekundären 
Gesetzmässigkeiten nicht von den allgemeinen physiko-chemischen abhängen. 
Ein Vitalismus in diesem Sinne steht nicht im Gegensatz zum Mechanismus, 
hat aber auch nichts mit der Beurtheilungsweise zu thun, welche von jeher 
als Vitalismus bezeichnet wurde. 

Hertwig hat nun nirgends genauer erörtert, was er eigentlich 
unter Vitalismus versteht; er verwirft den älteren Vitalismus als Irrthum, 
dagegen fehlt eine Aufklärung darüber, was ihm an dem Vitalismus oder 
Neo -Vitalismus berechtigt scheint. — Suchen wir daher selbst nach präciserer 
Aufklärung über seine Ansicht, so erfahren wir (pag. 23), dass der „öde 

Anmerkung No. 28. 



— 99 — 

Mechanismus glaubte, in der Erklärung des Lebens nur ein chemisch-phy- 
sikalisches Problem erblicken zu dürfen". Hieraus geht also, wie aus der 
Aeusserung von 1897, hervor, dass Hertwig Vitalist ist in dem Sinne, dass 
die Lebenserscheinungen sich mit dem Geschehen der anorganischen Natur, 
d. h. physiko-chemisch, nicht begreifen und auch niemals werden begreifen 
lassen; der Mechanismus ist „öde", d. h. also wohl, er führt in die Oede, 
in die Wüste, zu keinen Ergebnissen. In dieser Hinsicht schliesst sich H. 
den Anschauungen anderer Neo -Vitalisten an. 

Zwar fehlt auch hier wieder die Begründung; denn dass E. Dubois- 
Reymond verschiedene Welträthsel anerkennt, hat doch mit der Frage 
nichts zu thun. Es handelt sich um die Möglichkeit, ob auf Grund des 
gesetzlichen Geschehens der anorganischen Natur das Geschehen im Or- 
ganismus begreiflich sein kann; wobei es natürlich gleichgültig ist, inwiefern 
die verschiedenen Geschehensweisen in der anorganischen Natur begreiflich 
oder etwas Letztes, nicht weiter Rückführbares, d. h. Unbegreifliches sind. 
Ebensowenig hat das Problem des Vitalismus und Mechanismus etwas mit 
atomistischen Hypothesen, sowie den damit zusammenhängenden Vor- 
stellungen über Materie und Kraft zu thun und wird davon in keiner Weise 
berührt. 

In weiterer Begründung seiner Ansicht macht nun Hertwig wieder 
eine Einschränkung bezüglich der physiko-chemischen Begreiflichkeit der 
Lebenserscheinungen, indem er sagt (p. 24) : „Ebenso unberechtigt, wie der 
Vitalismus ist das mechanistische Dogma, dass das Leben mit allen seinen 
komplizirten Erscheinungen nichts anderes sei als ein chemisch-physikalisches 
Problem, unberechtigt, wenigstens so lange, als man unter Physik 
und Chemie nicht ganz anders geartete Wissenschaften versteht, als sie uns 
jetzt nach Inhalt und Umfang, auf Grund ihrer historischen Entwickelung 
entgegentreten" *). 



*) Hinsichtlich des Verhaltens der heutigen Physik (und ähnlich auch der 
Chemie) zur Lösung biologischer Fragen theile ich etwa die Anschauung Mach 's, 
der darüber sagt (1900 pag. 68j : „Beide (d. h. das physikalische und das bio- 
logische Gebiet) enthalten wohl dieselben Grundthatsachen , manche Seiten äussern 
sich aber nur in dem einen, manche nur in dem anderen merklich, so dass nicht nur 
die Physik der Biologie , sondern auch die letztere der ersteren hilfreich und auf- 
klärend zur Seite stehen kann. Den unbezweifelten Leistungen der Physik in der 
Biologie stehen ebenso andere Fälle gegenüber, in welchen erst die Biologie neue 
physikalische Thatsachen ans Licht gefördert hat (Galvanismus, PfefFer'sche Zelle 
u. s. w.). Die Physik wird in der Biologie noch mehr leisten, wenn sie erst durch 
die letztere gewachsen sein wird", pag. 72: „Die Physik wird also aus dem Studium 
des Organischem an sich noch sehr viel neue Einsicht schöpfen müssen, bevor sie 
auch das Organische bewältigen kann". 

Gerade für die Physik gilt dies noch viel mehr als für die Chemie, welche der 
Mannigfaltigkeit der chemischen Erzeugnisse des Organismus von jeher ihre Aufmerk- 
samkeit zuwandte. In der Physik dagegen haben diejenigen Erscheinungen, welche 

Anmerkung No. 28. ?* 



— 100 — 

Genau diese Worte hätte zu Anfang des 19. Jahrhunderts ein Vitalist 
Demjenigen zurufen können, welcher die kühne Behauptung gewagt hätte: 
die Bildung des Harnstoffs im thierisehen Organismus sei ein chemisch- 
physikalisches Problem und bedürfe zu seiner Begreiflichkeit keiner be- 
sonderen vitalistischen Kraft. Hertwig hält die frühere vitalistische An- 
sicht über den Harnstoff für eine „vitalistische Irrlehre" obgleich die ehe- 
maligen Vertheidiger dieser Irrlehre sich darauf berufen konnten, dass die 
damalige Physik und Chemie nicht vermögend seien, eine im Organismus 
gebildete chemische Verbindung ausserhalb desselben darzustellen, dass also 
die Physik und Chemie „ganz anders geartete Wissenschaften" sein müssten, 
bevor man an das physiko-chemische Begreifen der Harnstoffentstehung 
denken könne. Auch die weitere Argumentation Hertwig 's: „dass das 
Lebensproblem überhaupt erst beginne, wo die Untersuchung des Chemikers 
aufhört" (pag. 25), konnte der Harnstoffvitalist mit derselben Berechtigung 
anführen; denn sobald er die Harnstoff bildung zu den charakteristischen 
Lebenserscheinungen zählte, die chemischem Begreifen unzugänglich seien, 
so ergab sich dies von selbst. Der Chemiker kann nach Hertwig 
„streng genommen überhaupt nicht dem eigentlichen Lebensproblem näher 
treten", „da sich über dem Bau des chemischen Moleküls der Bau der leben- 
den Substanz als eine weitere, höhere Art von Organisation erhebt". Nun 
denkt sich Hertwig, wie ich schon vor einiger Zeit näher darlegte (1901 
pag. 539 ff.), diese höhere Organisation der lebenden Substanz als eine 
maschinelle Organisation, welche natürlich der Chemiker nicht begreifen 
kann. Wie gesagt, ist dies jedoch eine Hypothese, welche sich ebenso 
wohl durch die der chemischen Organisation ersetzen lässt. Das Charak- 
teristische in Hertwig's Anschauung ist, dass er die Entstehung dieser 
höheren, über die physiko-chemische sich erhebenden Organisation für 
physiko-chemisch unbegreiflich hält, ebenso wie die vielen Lebenserschein- 
ungen („Wirkungsweisen"), die auf Grund dieser und immer höher ent- 
wickelter Organisationen auftreten („Erhaltung der Art durch Wachsthum 
und Zeugung, Stoffwechsel, die verschiedene Arten der Irritabilität" etc.). 
Nun haben jedoch schon alle Mechanisten, voraus in besonders klarer Weise 
Lotze, darauf hingewiesen, dass in allen diesen besonderen Wirkungs- 
weisen des Organismus sich nichts äussere, was einer der gesetzlichen 
Wirkungsweisen (Kräfte, Energieformen) der anorganischen Natur als 
eine besondere— entgegengestellt werden könne, dass vielmehr diese 
„Wirkungsweisen" des Organismus in letzter Instanz Kombinationen solcher 
seien, die sich in der anorganischen Natur linden; ebenso wie in einer 
Maschine nur die gesetzlichen Wirkungsweisen der leblosen Natur, jedoch 
in der eigenthümlichen Kombination eines bestimmten Bedingungskomplexes 



für das Verständniss des Organismus von besonderer Bedeutung sind, wenig Beacht- 
ung gefunden. Sehr wenig berücksichtigt aber wurde in beiden anorganischen Dis- 
ciplinen bis jetzt das Formproblem, welches für die lebende Welt eine so hervor- 
ragende Bedeutung hat. 

Anmerkung No. 28. 



— 101 

auftreten. Wenn es nun keine besonderen vitalistischen, den avitalisti- 
schen gleichberechtigte gesetzliche Wirkungsweisen gibt, so muss eben 
die sog. „höhere Organisation" der lebenden Substanz der besondere 
Komplex der bedingenden und wirkenden Ursachen (nicht vitalistischer 
Natur) sein , von welchen die besonderen Leistungen abhängen. Das Ent- 
stehen dieses Bedingungskomplexes nun ist nicht eigentlich chemisch-physi- 
kalisch zu begreifen, ebensowenig wie ich physiko-chemisch begreifen kann, 
warum der amerikanische Kontinent seine eigenthümliche Form hat, oder 
warum sich der Vesuv gerade an der Stelle bildete , wo er sich findet. 
Denn dieses hängt von dem zeitlichen und örtlichen Zusammentreffen jener 
physiko-chemischen Bedingungen ab, welches ich aber nicht selbst wieder 
von einer letzten Bedingung abhängig finde, sondern das den Charakter des 
Zufälligen hat. In letzter Instanz führt demnach auch der Hertwig'sche 
vitalistische Standpunkt auf das Problem zurück : Ist es zulässig , das 
Entstehen des eigenthümlichen Bedingungskomplexes , von welchen die 
Lebenserscheinungen abhängen, sowie dessen Fortschreiten zu höherer Aus- 
bildung, als ein im Laufe der Erdentwickelung (resp. auch Weltentwickelung) 
zufällig eingetretenes zu beurtheilen oder nicht. Ich vertrete die Meinung, 
dass dies zulässig; wer die entgegengesetzte hegt, muss natürlich ein be- 
sonderes vitalistisches Prinzip annehmen, von welchem das Entstehen dieses 
Bedingungskomplexes abhängt. Hertwig selbst geht auf dieses Problem 
nicht ein ; er ist Anbänger der Descendenzlehre, dagegen nicht des Darwinis- 
mus ; wie er sich zur Frage nach der möglichen Entstehung des Lebenden 
aus Nichtlebendem verhält, bleibt unsicher. 

Der erwähnte Vortrag Hertwig's wurde schon von E. Albrecht 
(1901) einer Besprechung unterzogen, in welcher zwar mancherlei von den 
Uebereinstimmungen zwischen den Anschauungen Hertwig's und Al- 
brecht's die Rede ist, die aber im Allgemeinen, wie auch schon aus 
Albrecht's früheren Schriften hervorgeht, eigentlich für die physiko- 
chemische, mechanistische Beurtheilung der Lebenserscheinungen, im Gegen- 
satz zu Hertwig, eintritt. Bezeichnet sich Albrecht doch selbst als 
„hoffnungslustigen Mechanisten" (pag. 108). Albrecht erkennt die mecha- 
nistische Betrachtungsweise als durchaus berechtigt an und hat in seinen 
Schriften vielfach die vitalistischen und teleologischen Anschauungen sehr 
treffend kritisirt. Dennoch gelangt er auf Grund seiner erkenntniss-theoretischen 
Ueberzeugung zu dem Ergebniss: „Es besteht zwischen den Lebenser- 
scheinungen und irgend welcher Aufstellung physikalischer oder chemischer 
Mechanismen, welche sie produziren und ihr „Wesen" ausmachen sollen, 
erkenntniss-theoretisch eine unüberbrückbare Kluft" (1899 pag. 33). Seiner 
Meinung nach ist dies aber keine Besonderheit der Lebenserscheinungen, 
sondern die gleiche Schwierigkeit „liege auch vor" oder gelte „von be- 
obachteten Vorgängen der anorganischen Natur", „bezüglich ihrer Zurück- 
führung auf deren physikalisches oder chemisches Wesen". Ich weiss nicht, 
ob ich die Gedankengänge richtig verstehe, welche Albrecht zu diesen 
Ergebnissen führen. Sein erkenntniss-theoretischer Standpunkt scheint der 

Anmerkung No. 28. 



— 102 — 

von Mach und Avenarius zu sein, dass nämlich unsere Erkenntniss nur 
Bewusstseinselemente enthält und deren Verknüpfung, dass diese Bewusst- 
seinselemente das alleinexistirende sind, dass nichts besteht, was empfunden 
wird, sondern nur das Empfinden. Auf dieser Grundlage, welche, wie wir 
schon bei Mach sahen, in keiner Weise etwa hypothesenfrei ist, wird 
dann geschlossen, dass die Verknüpfung jener unabhängigen Bewusstseins- 
elemente eine sehr verschiedene sei, je nach dem Standpunkt der Betracht- 
ung, welchen der Betrachter einnimmt. Es ergäben sich auf diese Weise 
verschiedene „Betrachtungsweisen" bei verschiedenartiger Einstellung, für 
welche die Identität nur behauptet werde. So also beispielsweise, wenn 
ich einen Körper einmal makroskopisch betrachte und dann mikroskopisch. 
(Wie steht es denn aber mit den verschiedenen Objektiven? Jedem der- 
selben entspricht doch wohl eine besondere Betrachtungsweise bei beson- 
derer Einstellung). Mir scheint diese Folgerung nicht einmal für den Stand- 
punkt des „reinen Idealisten", welcher nur unabhängige Bewusstseinselemente 
anerkennt, wirklich zutreffend; für den des Realisten, welcher etwas Em- 
pfundenes voraussetzt, wenn er auch dessen „Wesen" nicht zu ermitteln ver- 
mag, sondern nur die Koordination des Empfindens mit ihm, besteht diese 
Schwierigkeit um so weniger. Zwei Punkte, welche ich auf dem Empfindungs- 
komplex Papier mache, sind doch zwei unabhängige Bewusstseinselemente 
bei bestimmter Verknüpfung der sonstigen Bewusstseinselemente. Entferne 
ich mich bis zu gewisser Weite, so vereinigen sich die beiden Punkte zu 
einem Bewusstseinselement , d. h., bei einer gewissen Aenderung der 
sonstigen Bewusstseinselemente werden sie eines. Hieraus muss ich doch 
schliessen, dass es die übrigen Bewusstseinselemente bedingen, ob die bei- 
den Bewusstseinselemente, welche ich selbst gegeben habe, als solche er- 
scheinen oder nicht; und der meiner Meinung nach hieraus folgende natür- 
liche Schluss wäre der : die uns einfach erscheinenden Bewusstseinselemente 
können auch gleichzeitig auftretende mehrfache sein, es hängt von den 
übrigen Bewusstseinselementen ab, ob ich sie gesondert empfinde oder 
nicht. Wie gesagt, auf dem erkenntniss-kritischen Boden, welchen ich in 
diesen Betrachtungen einzunehmen für richtig erachtete, scheint mir die 
Schwierigkeit der verschiedenen unabhängigen Betrachtungsweisen bei ver- 
schiedenartiger Einstellung nicht zu existiren, und selbst auf dem des reinen 
Idealisten bezweifle ich sie. So bin ich denn auch nicht der Meinung, dass 
die chemische und physikalische Untersuchung der Stoffe zwei derartige 
ganz unabhängige Betrachtungsweisen darstellen; um so weniger als ja 
Chemie doch nur die gesetzmässigen und sprungweise eintretenden 
Aenderungen der physikalischen Konstanten der Stoffe in ihren verschiedenen 
chemischen Gleichgewichtszuständen untersucht. Ich kann mich daher auch 
nicht der Meinung anschliessen, dass die Untersuchung der Lebens- 
erscheinungen eine solche besondere Betrachtungsweise sei, welche ihrem 
„Wesen" nach durch eine unüberbrückbare Kluft von chemisch-physikalischen 
Vorgängen getrennt werde. 



Anmerkung No. 28. 



— 103 — 

Eine eigenthümliche vitalistische Theorie entwickelte 1899 J. Reinke, 
welche ich hier nach seiner kurzen Darlegung im biologischen Central- 
blatt besprechen will. Reinke geht von der Ueberzeugung aus, dass 
das „Wesen der Organisation" in einer „Maschinenstruktur" zu suchen 
sei. (Vergl. Anm. No. 14). Er untersucht zunächst die von Menschen 
künstlich hergestellten Maschinen und gelangt darüber zu eigenthüm- 
lichen Anschauungen. „Die dynamischen Vorgänge, welche uns in der 
Maschinenleistung entgegentreten", sagt er, „beruhen nicht bloss auf 
Energien, sondern auch auf Kräften (!), welche die Energien lenken und sie 
zwingen, bestimmte Richtungen und Bahnen einzuschlagen. Diese Kräfte 
nenne ich Dominanten". Nun beruht in der Welt kein Vorgang nur auf 
Energien (oder wirkenden Ursachen), sondern immer auch auf einer Summe 
von Bedingungen ; genau so ist es auch bei jeder Maschine. Wir finden 
hier ein System bestimmter Bedingungen und Energien, welche ein gewisses 
Resultat ergeben. Was Reinke Dominanten nennt, sind also weiter 
nichts als die besonderen Bedingungen des maschinellen Systems. Wenn 
er diese nun „Kräfte" nennt, so findet er sich im Widerspruch mit dem, 
was man von jeher unter Kraft verstanden hat. Zu dieser seltsamen Auf- 
fassung der sog. Dominanten als Kräfte gelangt er durch folgende Argu- 
mentation. Die Kräfte zerfallen nach ihm „in zwei Gruppen: in geistige 
oder intelligente Kräfte und in materielle Kräfte oder Energien". Nun ge- 
hörten die Dominanten nicht zu den Energien; „es bleibt daher nur übrig, 
sie zu den intelligenten Kräften zu rechnen". In der That vollbringe auch 
die Maschine eine „intelligente Arbeitsleistung" (pag. 87); die Dominanten 
seien der Ausdruck einer, den Maschinen eingepflanzten Intelligenz" (pag. 90). 
„Die Thatsachen weisen auf die Wirksamkeit intelligenter Kräfte neben 
Energien in Maschinen und Organismen hin" (pag. 90). „Natürlich ist die 
Intelligenz der Dominanten eine unbewusste" (pag. 91). So kommt denn 
Reinke, von dem seltsamen Trugschluss ausgehend, dass die Beding- 
ungen eines maschinellen Systems Kräfte seien und zwar, weil nicht Ener- 
gien, nothwendig intelligente Kräfte, zu dem Resultat, dass in der Maschine 
unbewusste intelligente Kräfte „auf die Energie einwirkten" (pag. 87). Der 
eigentliche ursprüngliche Gedankengang war jedoch jedenfalls der : Da eine 
Intelligenz die Bedingungen (Dominanten) der Maschine so geordnet und 
geregelt hat, dass dieselbe ein bestimmtes und gewünschtes Ergebniss 
liefert, so sind die Kräfte dieser Intelligenz auf die Maschine übergegangen 
und befinden sich nun in ihr als unbewusste Intelligenz. Dies ergibt sich 
klar aus dem folgenden Satz: „Bei der Herstellung einer Maschine ver- 
wandelt sich bewusste Intelligenz in unbewusste" (pag. 113). 

Ein einfacherer derartiger Fall würde daher etwa lauten: Wenn ich, 
um mich gegen den Angriff eines Feindes zu wehren, demselben einen 
Stein an den Kopf werfe, so besitzt dieser Stein nicht nur mechanische 
Energie (Bewegung), sondern auch eine intelligente unbewusste Kraft, 
welche ihn so lenkt, dass er den Kopf meines Gegners trifft. Diese Ueber- 
tragung intelligenter Kraft auf den energetischen Vorgang erscheint fast wie 

* 

Anmerkung No. 28. 



— 104 — 

ein Gesetz der Erhaltung der Intelligenz („bei der Herstellung einer Ma- 
schine verwandelt sich bewusste Intelligenz in unbewusste" pag. 113). Den- 
noch ist Reinke gerade der entgegengesetzten Meinung: „Die intelli- 
genten Kräfte sind zerstörbar, die Energie ist es nicht" (pag. 113), was ja 
natürlich : die Bedingungen sind veränderlich, die Energien ihrer Quantität 
nach dauernd. 

Auf diesem trügerischen Boden ist es nun Reinke leicht, den 
Organismus und seine Leistungen zu erklären. Ueberall, wo derselbe etwas 
leistet, thut er dies eben unter Leitung der vorhandenen unbewussten in- 
telligenten Dominanten; und für jede Art dieser Leistungen gibt es be- 
sondere derartige Dominanten ; die ursprünglichen Dominanten entwickeln 
neue u. s. f. Die Dominanten „arbeiten intelligent" „als unsichtbare Bau- 
meister" (pag. 115) u. s. f. Auf diese Weise gelangen wir denn zu einer 
neuen Dominanten-Umschreibungshypothese von bekanntestem Charakter. 
Und das eigentliche Fundament der ganze Lehre ist „in nuce" die alte vita- 
listische Argumentation: da die lebenden Wesen sich wie Maschinen ver- 
halten, Maschinen jedoch nur von einer Intelligenz konstruirt sein können, 
so müssen auch die Organismen von einer Intelligenz hervorgebracht 
worden sein. Dabei berührt nur eigentümlich, dass R. sich als Anhänger 
der Urzeugung erweist, ohne die Frage zu erörtern, von welcher intelli- 
genten Kraft denn die zahlreichen Dominanten, die er schon in diesen ersten 
Organismen voraussetzt, abstammen. Hier bleibt doch kein anderer Aus- 
weg als die intelligente Schöpfungskraft. 




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