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Full text of "Mein leben; Erinnerungen aus Österreichs grosser Welt. In Deutscher Übersetzung, mit einem Vorwort, vier Stammtafeln, Anmerkungen und Personenregister Versehen"

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SANTA BARBARA 

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OF F. VON BOSCHAN 



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DENKWÜRDIGKEITEN AUS ALTÖSTERREICH VII 

(UNTER DER LEITUNG VON GUSTAV GUGITZ) 

GRÄFIN THÜRHEIM, MEIN LEBEN I 




Gräfin Lulu Thürhcim (1819) 



Nach einem Pastell von Sir Thomas Lawrence, 
im Besitze des Grafen Eberhard zur Lippe- 
Weißenfeld, Mariathal bei Preßburg 



ALLE RECHTE (EINSCHLIESSLICH DEM DER ÜBERSETZUNG) VOR- 
BEHALTEN. — NACHDRUCK DER ORIGINALBILDER NUR MIT AUS- 
DRÜCKLICHER BEWILLIGUNG DES HERAUSGEBERS GESTATTET 



Ce Journal d'outre-tombe doit etre plus 
sincere meme que celui que me dictait 
le present. Une narration sans artifice et 
sans fiel vous mettra facilement au fait. 

(Aus „Mein Leben", IL Bd. S. 57) 



VORWORT DES HERAUSGEBERS 

Schon C. Ritter von Wurzbach bedauert in seinem 
„Biografischen Lexikon" (Bd. 27, S. 342) und zwar 
gerade an einer Stelle, die hier interessant ist, „daß die 
Memoirenlitteratur — in Frankreich eine so reiche, histo- 
rische Quelle — hierlands (in Österreich) nie geblüht 
habe." Interessant ist diese Bemerkung für uns deshalb, 
weil er sie an die ihm bekannten, noch unveröffentlich- 
ten Memoiren der Gräfin Rosalie Rzewuska-Lubomirs- 
ka (1788 — 1865) knüpft und bedauert, daß diese „eine 
Menge Details über österreichische Zustände und öf- 
fentliche Charaktere enthaltenden" Blätter noch im 
Verborgenen ruhen. 

Rosalie Rzewuska und besonders ihre Schwägerin Isa- 
beUa waren nun intime Freundinnen der Gräfin Thür- 
heim, wie aus den folgenden Erinnerungen hervorgeht, 
Rosalie war sogar im gleichen Jahre geboren und starb nur 
ein Jahr später, als die Verfasserin dieser Blätter. Es 
können daher die vorliegenden Memoiren wohl als ein 
gleichwertiger Ersatz angesehen werden und als eine 
künftige wertvolle Ergänzung für das Journal der Gräfin 
Rzewuska, dessen Ausgabe ihr Enkel, der Herzog Ono- 
rato Caetani-Sermoneta in Rom, vorbereitet. 

Diese Einleitung vorausgeschickt, bemerken wir, daß 
obiger Umstand nicht vielleicht Veranlassung bot, zur 
Publikation der folgenden Blätter zu schreiten. Einige 
Bruchstücke derselben, die der Herausgeber in den letz- 

VII 



ten Jahren in der „Österreichischen Rundschau" in 
selbständigen Aufsätzen veröffentlichte, bewiesen ihm 
den vielfach geäußerten Wunsch nach vollständiger Mit- 
teilung des Journales. 

Umso lieber kommt der Herausgeber aber dem Publi- 
kum hierin entgegen, als es ja auch der Wille der Ver- 
fasserin selbst war, daß ihre Erinnerungen 50 Jahre nach 
ihrem Tode möglichst unverändert herausgegeben wür- 
den. Ihre Erbin und Lieblingsnichte, die 1909 verstor- 
bene Baronin Therese Schwiter, geb. Gräfin Thürheim i) 
konnte diesem Wunsche ihrer Tante nicht mehr nach- 
kommen, da sie ein vorzeitiger Tod dieser Welt entriß. 

i) Therese Marie Leopoldine Gräfin Thürheitii, geb. zu Linz, 30. 4. 
1831, gest. Schwertberg 5. 11. 1909, von 1852 — 1865 Brünner 
Stiftsdame, vermählte sich zu Eferding am i. Febr. 1865 mit dem 
französischen, aus einem alten, seit 1633 regimentsfähigen Junker- 
geschlechte Luzern's stammenden Baron Louis Auguste de Schwiter, 
geb. Nienburg in Hannover i. 2. 1805. gest. Salzburg 20. 8. 1889, 
der durch seine kostbaren Kunstsammlungen in Paris und als Maler 
Schüler und Freund Eugene Delacroix') in Frankreich bekannt war. 

Laut Testament der Gräfin Lulu Thürheim ddo. Schwertberg, 
den 10. 8. 1862, vermachte sie der Ebengenannten den lebens- 
länglichen Nutzgenuß ihres bescheidenen Vermögens, das dann 
zur Schaffung einer Damenstiftspräbende in Brunn dem dortigen 
Stiftsvermögen zufallen sollte. 

Da ihre beiden Neffen, die Grafen Ludwig und Andreas Thür- 
heim, Brüder obiger Gräfin Therese, auf jedes Erbrecht und Legat 
nach ihrer Tante mit Urkunde ddo. Schwertberg 7. (bzw. 28.) Jul 
1866 freiwilligen Verzicht leisteten, so war die Baronin Schwiter 
alleinberechtigte Eigentümerin auch der hinterlassenen Memoiren. 
Sie starb aber, nachdem sie und ihre Tochter Louise vom Grafen 
Andreas Thürheim, 1899, ^^^ Herrschaft Schwertberg gekauft 
hatten, ohne den letzten Willen ihrer Tante mehr erfüllen zu 
können. Ihre Töchter und Erbinnen Baronin Leopoldine Blitters- 
dorff und Louise v. Schwiter, die am i. i. 191 1 das alte Familien- 
gut an den Grafen Alexander Hoyos, k. u.k. Legationsrat, verkauften, 
haben dann den Herausgeber bevollmächtigt, da 50 Jahre nach 
dem Tode der Gräfin Lulu Thürheim nahezu verstrichen, deren 
letzten Willen zur Ausführung zu bringen. 

VIII 



Der Herausgeber gUubt daher diesen dreifachen Wün- 
schen zu entsprechen, wenn er vorderhand wenigstens 
den ersten, in einer reichbewegten Zeit spielenden Teil 
der Memoiren der Öffentlichkeit vermittelt. Das Jahr 
1819 bildete im Leben der Gräfin Thürheim insofern 
einen markanten Abschnitt, als sie bis dahin fast aus- 
schließlich die Winter in Wien, die Sommer auf dem 
väterlichen Gute in Oberösterreich zubrachte, während 
nach der entscheidenden Reise nach Rußland zur Ord- 
nung der pekuniären Verhältnisse ihres Schwagers, des 
Fürsten Rasumoffsky, für sie ein reges, bildendes und in- 
teressantes Reiseleben anhob, das uns nach Italien, Frank- 
reich, England, Deutschland und Rußland führt und mit 
den jeweilig leitenden Persönlichkeiten bekannt macht. 

Als dann Gräfin Thürheim 1832 eine heimliche Ehe 
mit dem Sekretär ihres Schwagers, Charles Thirion, ein- 
ging, die schon nach halbjähriger Dauer einen tragischen 
Abschluß fand, als 1836 ihr väterlicher Beschützer, der 
Fürst Rasumoffsky, zu seinen Ahnen versammelt wurde, 
begann der dritte Teil ihres Lebens, der fast ausschließ- 
lich den Manen der Verstorbenen und besonders der Er- 
innerung an den unvergeßlichen Gatten geweiht ist, die 
Zeit- und Personenverhältnisse aber nur mehr flüchtig 
berührt. Die Gräfin schheßt daher auch ihr für die Öf- 
fenthchkeit bestimmtes Journal mit dem Jahre 1852, 
wohl bedenkend, daß das einsame, zurückgezogene und 
nur entschwundenen Erinnerungen nachtrauernde Le- 
ben einer Witwe der Allgemeinheit kein reges Interesse 
mehr abgewinnen könne. 

Was die eigenhändige Redigierung ihrer umfangrei- 
chen Tagebücher und Notizen anlangt, so fällt diese 
hauptsächhch in die Mitte der 1840 er Jahre, doch trug 
sie bis 1852 ihre weiteren Erlebnisse in großen Zügen 

IX 



nach. Bei dieser für sie sicherlich allerlei freudige und 
schmerzliche Erinnerungen hervorzaubernden Tätig- 
keit scheint sie eine strenge Richterin gegen sich selbst 
gewesen zu sein, besonders, wenn man ihr weitschweifi- 
ges Mädchen-Tagebuch mit dem bezüglichen, ausge- 
reiften Journal vergleicht, das hier vorliegt. Auch aller- 
lei treffende Kommentare wurden von ihr bei der Re- 
daktion beigefügt, die hier durch den Vermerk „Notiz 
der Verfasserin" kenntUch gemacht sind. 

Ihr so vervollständigtes Journal schrieb sie in der ihr 
geläufigen französischen Sprache, doch glaubte der Her- 
ausgeber, daß eine von ihm besorgte, möglichst getreue, 
deutsche Übersetzung im Interesse der Verbreitung des 
Werkes, das doch hauptsächlich österreichische Verhält- 
nisse behandelt, zweckdienlicher sein sind. 

Das Tagebuch ist mit überraschender Treue und 
Offenherzigkeit geschrieben, es verschweigt uns auch 
nicht die Enttäuschungen und kleinen Fehler der Ver- 
fasserin selbst. Jahrzehntelang in der großen Welt le- 
bend, die ihr infolge ihrer Geburt, ihren verwandt- 
schaftHchen Beziehungen und ihres anziehenden, lie- 
benswürdigen Benehmens offen stand, Zeuge aller wich- 
tigen und einschneidenden historischen Ereignisse des 
ausgehenden XVIII. und der ersten Hälfte des XIX. 
Jahrhunderts, mit einem offenen Blick und bedeuten- 
der Geistesschärfe begabt, war Gräfin Thürheim wohl, 
vide keine zweite Dame ihrer Zeit, dazu berufen, ein in- 
teressantes, lebensfrisches und wahrheitsgetreues Tage- 
buch zu schreiben. Die folgenden Blätter sind ohne Prä- 
tension oder Tendenz entstanden, hier, um eine Anek- 
dote festzuhalten, dort, um ein Porträt zu skizzieren, 
hier, um ein interessantes Erlebnis zu erzählen, dort, um 
ernste Betrachtungen anzustellen. Sie wollen nicht be- 

X 



leidigen und sollen ee auch nicht, darauf deutet auch 
schon der letzte Wille der Verfasserin hin, die Publika- 
tion ihrer Blätter erst 50 Jahre nach ihrem Tode zu be- 
sorgen. Der Wahrheit zuHebe konnte sie die kleinen Tor- 
heiten und Exzentrizitäten der Personen nicht ver- 
schweigen, mit denen sie verkehrte und die sie skizzieren 
wollte. Sie war vielleicht hie und da ein wenig mokant 
und übersprudelnd, aber sie bemühte sich immer, ob- 
jektiv zu bleiben und ihr vorgestecktes Ziel nicht aus 
den Augen zu verheren. Da es ihr letzter Wunsch war, 
ihr Journal vollständig der Öffentlichkeit zu übergeben, 
so konnten und durften auch solche Stellen nicht weg- 
bleiben, die vielleicht von einem allzu kritischen Auge 
übel genommen werden könnten. 

Biographische Details über die Gräfin Thürheim in 
der Vorrede zu erwähnen, ist nahezu überflüssig. Sie 
teilt über ihre Famihe im i. Kapitel ihrer Aufzeich- 
nungen alles Wünscheswerte mit und ihre einfache und 
doch so interessante Laufbahn rollt sich beim Lesen 
des Journals kaleidoskopartig vor unseren Augen auf. 

In Belgien, knapp vor der französischen Revolution 
1788 geboren, kam die Verfasserin 1794 mit ihren 
Eltern und Geschwistern nach Österreich und ver- 
blieb dort, ihre späteren Reisen in fast alle Länder 
Europas abgerechnet, bis zu ihrem Tode im Jahre 1864. 
In ihrem Herzen war sie eine treue Österreicherin, 
für Kunst und Literatur eingenommen, eine Welt- 
dame im besten Sinne des Wortes, deren Geistesblitzen 
und hinreißender Erzählungskunst selbst in ihrem 
Alter noch die junge Herrenwelt lieber lauschte, als 
sich mit dem hübschen Damenflor zu unterhalten. Im 
Zenite ihres Lebens ging sie, wde erwähnt, eine Liebes- 
heirat ein, die aber höchst tragisch endete und ihren 

XI 



Lebensmut brach. In ihren Blättern hat sie dem dahin- 
geschiedenen Gatten ein treues Andenken bewahrt 
und ihre stille Klage läßt von da an fast keine Seite 
unberührt. 

Selbst eine Meisterin des Stiftes und als Malerin sogar 
von Sir Thomas Lawrence, der 1819 in Wien weilte, 
unterwiesen, ergänzte sie ihre Aufzeichnungen teils 
durch Bilder von Landschaften, die sie besucht, teils 
durch Porträts solcher Personen, die sie in ihrem Leben 
kennen gelernt hatte. Einige derselben schmücken diese 
Blätter. 

In ihrer Gesamtheit bieten die folgenden Tagebuch- 
blätter ein farbenreiches Bild der ersten österreichischen 
Gesellschaft der franzisceischen und der daran sich an- 
schließenden Zeit. Die Verfasserin charakterisiert aber 
ihr Journal wohl am besten, wenn sie einmal schreibt: 
„Es sind nicht die großen Ereignisse des Lebens, die 
meinem Journal den Stempel aufdrücken, sondern die 
kleinen Interessen, die Art, die täglichen Begebenheiten 
zu betrachten. Ich möchte dies alles in einigen Jahren 
beisammen haben, denn daran wird sich meine und an- 
derer Erfahrung schulen!" 



Schließlich dankt der Herausgeber allen jenen von 
Herzen, die ihm in bezug auf Beschaffung von Illustra- 
tionen oder Ergänzung des Kommentars behilfHch wa- 
ren, so insbesondere den Herren Dr. A. Figdor, Gustav 
Gugitz, Grafen Camillo Razumovsky, Dr. Grafen Lud- 
wig Thürheim und Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. 
Johann Bapt. Witting in Wien, sowie dem Herzog 
Onorato Caetani-Sermoneta in Rom, die teils aus ihren 
Sammlungen, teils durch Umfrage den Bildschmuck 

XII 



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Christof Wilhelm 
Graf Thürheim, 
kais.Kämmerer,Geh. 
Rat u. Landeshaupt- 
mann in Ober- Öster- 
reich (i66i — 1738). 



Maria Franziska 

Gräfin Kuefstein, 

Sternkreuzord.- 

Dame, Erbin von 

Schwertberg 

(1669— 1751) 

00 1690. 



Otto Sigmund Frhr. 

Hager v. Allentsteig, 

kais. Kämmerer, 

Burggraf d. kais. 

Burg zu Wien, 

t 1750- 



Maria Frai 

Gräfin Ka'. 

V. Katzen. 

00 1708 



Josef Gundakar Graf Thürheim, 

kais. Kämmerer, Herr v. Schwertberg 

(1709— 1798). 



Maria Dominika Freiin Hager 
Allentsteig, Sternkreuzordens-Dj 
(1720— 1793), c« 1745. 



Josef Wenzel Graf Thürheim, Herr von Weinberg, Schwertberg etc., 
k. k. Kämmerer, Lüttichscher Deputierter (1749 — 1808). 



1. Isabella Gräfin Thürheim (1784 — 1855), Sternkreuzordens-Dame 

2. Constantine Gräfin Thürheim (17S5 — 1867), 00 1816: Andreas F 

3. Ludovika Gräfin Thürheim (1788 — 1864), Stiftsdame zu Brunn, 

4. Josefine Gräfin Thürheim (1791 — 1847), Sternkreuzordens-Dame 

5. Josef Ferdinand Graf Thürheim (1794 — 1832), k. k. Kämmerer, 



AHNENTAFEL DER VERFASSERIN. 



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Johann Heinrich 

Freiherr 
Berghe de Trips, 
geboren 1702. 



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Maria Anna 

Gräfin Ingelheim, 

geboren 1701, 

« 1731. 



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Moriz Ferdinand 

Graf Geloes, 

Baron d'Oost. 

(1698-1763). 



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Isabella Adolfine 

Gräfin Hoensbroech 

d'Oost, 

Sternkreuzord.- 

Dame, t 1742, 

00 1729. 



Franz Georg Graf Berghe von Trips 

Kurpf. Berg'scher OJägerm. 

(1732— 1799). 



Maria Theresia Gräfin Geloes, 

Stiftsdame von Andine (1733 — i?^?)? 

00 1752. 



Maria Ludovika Gräfin Bergbe von Trips, Sternkreuzordens-Dame 
(1759— 1812), 00 1783. 



37: Peter Graf Goess, Geh. Rat, Kämmerer, t 1846. 

isumoffsky, russ. Geh. Rat, Botschafter, t 1836. 

^serin der Memoiren), 00 1832: Charles Thirion, t 1832. 

32: Franz Graf Contarini, k. k. Kämmerer, t 1869. 

1: Leopoldine Gräfin Starhemberg, Sternkreuzordens-Dame, t 1859. 



XII (St. T.). 



vervollständigen halfen oder dem Herausgeber wertvolle 
Kommentare zukommen ließen. In dieser Hinsicht sind 
wir vor allem Herrn Dr. Figdor dankbar, der, im Be- 
sitze von eigenhändigen Porträtsalbums der Verfasserin, 
die Reproduktion mehrerer, hier einschlägiger Bilder 
gestattete. Auch dem rührigen Verlag möchten wir an 
dieser Stelle den verdienten Dank nicht versagen. 

Dürnberg-0., im März 191 3. 

RENE VAN RHYN. 



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PREFACE 

„Ma vie." 
Te suis nee le 14 mars 1788, je suis morte le 22 mai 

I 1864 (mes heritiers sont pries d'achever cette date). 

L'espace, qui separent ces deux jours forment une des 
epoques les plus riches en evenements importants que 
presente l'histoire humaine. La premiere revolution f ran- 
gaise et son i^gicide, l'affranchissement des classes in- 
ferieures, devenu une horrible menace pour l'avenir de 
la societe dans la presque totalite de l'Europe. Le regne 
colossal de Napoleon Bonaparte et sa chute. Le cholera en 
Europe, la revolution de Juillet, l'emancipation des ne- 
gres, Celles des catholiques en Angleterre et la revolu- 
tion de fevrier en France, celle de l'Autriche et dans 
autres pays, et puis l'ordre retabli partout avec le pou- 
voir monarchique; enfin les chemins de fer, les bateaux 
ä vapeur, le telegraphe electrique sur terre et sous eau, 
le paratonerre etc. 

Tous ces evenements, toutes ces decouvertes merveil- 
leuses, dont chacune separement suffit pour illustrer un 
siecle, entassees dans le cours d'une existence de medio- 
cre grandeur! 

Contemporaine de tant de phenomenes politiques, 
physiques, scientifiques et moraux, ce n'en est pas le 
recit que j'entreprend, — bien d'autres plumes plus 
dignes s'en sont chargees — non, c'est celui d'une 
humble vie de femrne qu'il me prend fantaisie de racon- 

XIV 



ter; vie presque sans utilite, sans influence, sans Illustra- 
tion, ressemblante ä tant d'autres que le soleil voit eclore 
et disparaitre en millions chaque annee avec les mouche- 
rons qui tourbillonnent dans la lumiere. Cette vie insig- 
nifiante c'est la mienne. Or pour le moucheron et pour 
moi, le Zephir qui nous fait tournoyer, le rayon qui nous 
vivifie, ou la goutte de pluie qui nous submerge sont 
d'une bien plus grande importance, que l'orage qui mu- 
git au loin ou la foudre qui frappe les cedres ou les em- 
pires. — Voila pourquoi cette vie insignifiante est di 
plus grand interet pour moi, voila pourquoi je l'ecris, — 
J'ai connu un abbe, qui aimait ä chanter, bien qu'il 
chantät du nez. „Ce n'est pas," disait-il, „que ma voix 
me semble fort belle, mais eile m'est plus chcie, qu'aucune 
autre. D'ailleurs, ajoutait-il — et moi aussi — jen'engage 
personne ä m'ecouter." — 

Si cependant dans une heure d'oisivite quelqu'une de 
mes nieces ou arriere-nieces se prend ä dechiffrer ce 
poudreux manuscript, je l'avertis, qu'eUe n'y trouvera 
aucune Instruction pour la guider dans la vie; mon ex- 
perience ne lui servira de rien, parceque le chemin de 
la vie comme celui du desert, couvert d'un sable mou- 
vant ne retient pas la trace des pas du voyageur; celui 
qui le suit en forme de nouvelles sans s'apercevoir, qu'il 
foule Celles du voyageur qui l'a precede. — 

J'ai fait monpaquet, mon Journal est termine, les por- 
traits de mes soeurs, de mon frere, de Rasoumoffsky, de 
Fran^ois Hager sont peints par moi pour la galerie de 
Weinberg, aussi celui de ma mere, qui n'y etait pas. Mon 
testament fonde une place de chanoinesse surnumeraire 
ä Brunn pour une fille de mon nom ou de ma f amille ^) . — 

i) Sie hinterließ ein Kapital von 8400 fl. zu Händen des Brünner 
Damenstiftes mit der Bestimmung, daß der Zinsengenuß zeitlebens 

XV 



Je suis donc prete ä partir, laissant apres moi des traces 
honorables pour ma memoire et utiles pour ma famille. 
Peut-etre quelque coeur honnete et chaud, comme etait 
le mien, benira mon Souvenir dans les temps qui vien- 
dront et prolongera son existence. — Et voila comme fer- 
mente dans le coeur de l'homme cette incessante se- 
mence d'eternite! 

ihrer Universalerbin verbleibe, nach deren Absterben aber aus dem 
Kapital ein Stiftsplatz geschaffen werde, — Das schöne, oben- 
genannte Porträt der Mutter der Verfasserin erscheint in den 
folgenden Blättern reproduziert. 



XVI 



1. KINDHEIT 
I. MEINE GEBURT UND FAMILIE 

In dem schönen flandrischen Schlosse Orbeck, nahe 
der häßlichen kleinen Stadt Tirlemont kam am 
14. Mai im Jahre des Heils 1788 ein Mädchen zur 
Welt, zur großen Enttäuschung der Eltern und Ver- 
wandten, da alle einen Knaben erwartet hatten. Schon 
dreimal dieselbe Enttäuschung. Trotzdem wurde der 
Ankömmling mit aller Zärtlichkeit begrüßt und ich, — 
denn das kleine Mädchen war ja meine Wenigkeit in 
eigener Person — erhielt sogar den Namen meiner Mut- 
ter Louise. Man nannte mich aber immer Lulu. 

Bevor ich mich selbst vorstelle, will ich von meinen 
Eltern, Großeltern und nächsten Verwandten sprechen. 

Mein Vater hieß Josef Wenzel Graf Thürheim, meine 
Mutter Luise Gräfin Berghe von Trifs, beide aus alten, 
edlen Geschlechtern entsprossen. Meine Mutter stammte 
von den alten Grafen von Berghe ab, und zu ihrer Familie 
zählten mehrere Kapitelherren von Straßburg, die ihre 
32 Quartiere hatten probieren müssen. 1447 war Rainer 
von Berghe deutscher Ordensritter. Die Berghe von Trips 
trugen den Hermelin in ihrem Wappen. Mein Großvater 
Anselm Tri-ps war bei der Geburt meiner Mutter noch 
Baron und wurde lange darnach erst Graf. Der Beiname 
Trips rührte von einem gleichnamigen Gute her^). 

i) Die Berghe von Trips gehören dem niederrhein. Uradel an und er- 
scheinen zuerst mit Gerhard v. Berghe Iii8. Sie stammen von dem 

I M. L. 1 I 



Die Urkunden über die Familie Thürheim sind von 
außergewöhnlichem Alter. 840 wurde schon ein Azzo^) 
Thürheim von Kaiser Karloman (?) zum Ritter ge- 
schlagen. In einem Turnierbuch ^), das zu Basel aufbe- 
wahrt wird, sieht man einen Thürheim eine Lanze unter 
den Säulen mit Rudolf von Habsburg brechen, was die 
Gleichwertigkeit ihres Adels beweist. 1099 bekam die 
Familie von Herzog Leopold von Osterreich das heutige 
Wappen zur Belohnung dafür, weil der Ritter Goswin 
V. Thürheim als erster den Turm von Ptolomais erstie- 
gen und das Banner des Erzherzogs dort aufgepflanzt 
hatte. Bekannt ist, daß Richard Löwenherz das Banner 
herabriß und der beleidigte Herzog sich später an dem 
englischen König furchtbar rächte. Kaiser Heinrich VI. 
gelang es, den ersten Streit der beiden kreuzfahrenden 
Fürsten zu schlichten und den Herzog von Österreich, 
wie den Ritter Thürheim, für ihre Tapferkeit zu beloh- 

brabantischen Schlosse Berghe und nannten sich später nach dem 
erworbenen Rittersitze Trips. — In dem Gesuche des Franz Georg 
Anselm Frhrn. v. Trips um die Verleihung des RGrafenstandes be- 
zieht er sich auf die von Kaiser Franz I. 1740 seinem Oheim, dem 
k. k. General Adolf Sigm. Karl Frhrn. Berghe genannt v. Trips ge- 
machte diesbezügliche Zusicherung. Das RGrafendiplom, datiert 
vom 27. 3. 1796, und wurde damals der Hermelinmantel um das 
vermehrte Wappen verliehen. 

i) Gemeint ist wohl Aribo v. Thürheim 883, bei Bucellini erwähnt. 
2) Als Quelle dient hier der Verf. die Nachricht aus Rüxners verrufe- 
nem und unglaubwürdigen Turnierbuche (1527), daß bei dem 3. 
Turnier in Konstanz 948 die Ritter Virich v. Stein und Heinrich 
V. Thierheim „zwischen den Säulen" standen. Es ist heutzutage er- 
wiesen, daß es im 10. und 11. Jahrhundert Turniere überhaupt nicht 
gegeben hat. Aber auch ohne diesen Heinrich v. Thierheim gehen 
die ersten beglaubigten Nachrichten über das alte Geschlecht weit 
zurück. Egino de Toureheim 1 127 ist der erste, urkundlich als Zeuge 
des Klosters SS. Ulrich und Afra in Augsburg erscheinende Th. — 
Die ununterbrochene, sichere Stammreihe beginnt, da von 1343 bis 
1419 jede Nachricht über die Familie fehlt, mit Eberhard v. Th. 
J451— 1494. 



nen, indem er ihre beiderseitigen Wappen vertauschte. 
Leopold trug von nun an den weißen Querbalken im 
roten Felde, zur Erinnerung an den weißen Streifen an 
seinem von Blut getränkten Waffenrock, als er seine 
Schärpe entfernte, Goswin Thürheim, der tapfere Ban- 
nerträger, bekam das Tor von Ptolomais, überhöht von 
einer Fahne. Der Kaiser wollte noch die Grafenkrone 
beifügen, aber der demütige Ritter wählte die Dornen- 
krone des Erlösers^), die heute noch unser Familien- 
wappen ziert und hoffentlich für alle Zukunft die Reli- 
gion des alten Geschlechtes beschützt. 
/ Wären meine Eltern mit irdischen Reichtümern eben- 
so versehen gewesen, wie mit Ahnen, so hätten sie mit 
ihrer gesellschaftlichen Stellung zufrieden sein müssen. 
Aber leider war das Gegenteil der Fall. Mein Groß- 
vater Josef Gundakar Thürheim^) war der Jüngere von 

i) Es braucht nach vorigem wohl kaum gesagt werden, daß diese 
ganze, schön ausgeschmückte Wappenhistorie in das Gebiet der 
Fabel verwiesen werden muß. Die Dornenkrone wird erst im Reichs- 
grafendiplom (1666) erwähnt und zwar ohne obigen sagenhaften 
Anhang. — Diesbezüglich sagt Frhr. v. Starkenfels im „Ob. Ost. 
Adel" (Neuer Siebmacher): „Die Dornenkrone und wohl auch die 
Rennfahne auf dem Helme der Thürheimer dürfte keiner älteren 
Zeit als höchstens dem Ende des XV. Jahrhunderts angehören. — 
Die Sage von dem fabelhaften Goswin v. Thürheim, der sich auf dem 
Kreuzzuge unter Gottfried v. Bouillon die Dornenkrone für sein 
Wappen ,ausgebeten' habe, hat jedenfalls erst später zur Verleihung 
Anlaß gegeben." Im Nachtrage (1. c.) wird das älteste, bisher aufge- 
fundene Siegel der Familie, und zwar des Hans des Thürheimers 
(13 18) wiedergegeben. (Original im Reichsarchiv in München). Das- 
selbe zeigt nur eine quergestellte Falltüre ohne Dornenkrone. — Der 
1904 t Major Graf Andreas Thürheim hat über seine uradelige Fa- 
milie eine ausführliche, schöne Geschichte 1895 in Linz als Manu- 
skript drucken lassen. 

2) Seine Mutter (vide Ahnentafel) erbte von ihrem Neffen Gottlieb 
Max Grafen Kuef stein 1748 die Herrschaften Schwertberg, Windegg, 
Poneggen, das Hartschlößl und Hartheim in Ob.-Ö., welche sie 
schon 1749 ihrem jüngeren Sohne Josef Gundakar Thürheim über- 



mehreren Brüdern und verdankte sein bescheidenes 
Vermögen nur der Großmut einer Tante Kuefstem, die 
als kinderlose Witwe starb und das Gut Schtvertberg in 
Oberösterreich meinem Großvater hinterließ. Obwohl 
dieses Gut nicht viel eintrug, hätten meine Großeltern 
doch, zusammen mit dem Erbteil meiner Großmutter, 
einer geborenen Baronin Hager, hinreichende Mittel be- 
sessen, um selbst auskömmlich zu leben und ihre Kinder 
auszustatten. Aber gerade, als mein Vater heiratete 
(1783), erschütterten die Maßnahmen Kaiser Josejs, 
welche den Grundbesitzern ein Drittel ihrer Revenuen 
entzogen, das Vermögen der Großeltern. Von allen Sei- 
ten bedrängt, mußte mein Großvater, um den vielen 
Gläubigern zu entgehen, ins Ausland flüchten und zog 
nach Nivelles (im heutigen Belgien), sein Gut und sein 
Allod seiner braven Frau überlassend. Diese erklärte 
sich als erste Gläubigerin ihres Mannes, da sie ja ihre 
Mitgift geopfert hatte, und übernahm die Zahlung aller 
Schulden und Verpflichtungen. Ihr edler Charakter, ihr 
lichter Geist gaben ihr die Kraft, allen Widerwärtig- 
keiten mit Ruhe und ausgezeichneter Geschäftskenntnis 
zu begegnen. Da sie durch einen kleinen, freigegebenen 
Alimentationsbetrag die Zukunft ihres Gatten sicher- 
gestellt hatte, war ihr einziges Bestreben, durch uner- 
müdliche Arbeit und Entbehrungen das Vermögen 
ihren Kindern aufs neue aufzubauen. Nachdem sie das 
elegante Mobiliar des Schlosses den Gläubigern lassen 
mußte, obwohl sie es größtenteils mit ihrer eigenen Mit- 
gift angeschafft hatte, verbrachte sie ihren Lebensabend 
allein und fast in ärmlichen Verhältnissen in Schwert- 
berg. Diese Selbstverleugnving war dem Entschlüsse 

gab. Sie hatte 16 Kinder und starb 1751. Ihr und das Thürheimsche 
Wappen zieren den Schloßhof in Schwertberg. 




Das üraflicli Bcrlusche Schloß Chokier a. Maas (1850) 



Nach einer Bleistiftzeichnung der Verfasserin 
im Besit/e der Familie des Herausgebers 



meines Großvaters ebenbürtig, sein geliebtes Gut, viel- 
leicht auf immer, verlassen zu müssen. Er hatte es ver- 
schönert, er hatte dort den ersten englischen Park in 
Österreich angelegt, einen Park, der so günstig gelegen 
und so tadellos angeordnet war, wie man es kaum in 
England finden würde, er hatte schließlich gegen jeder- 
mann die liebenswürdigste Gastfreundschaft und Ritter- 
lichkeit bewiesen. Doch, in philosophischem Gleich- 
mute fügte sich der immer heitere Greis in das Unver- 
meidliche und schrieb seiner Frau in diesen Tagen der 
Trennung: „Du liebst mich, ich liebe Dich; das genügt 
uns, um die Entbehrungen zu ertragen, die uns der liebe 
Gott auferlegt." 

Die Großeltern waren in der Tat schöne Charaktere. 
Ihre Briefe 1), von denen ein Großteil im Schwertberger 
Archiv erhalten sind, atmen ein zärtliches Gefühlsleben, 
getragen von tiefreligiöser Gesinnung und auferbauen- 
den Tugenden. 

Da die beiden guten Leute selbst auf weniges ange- 
wiesen waren, so konnten sie meinem Vater nur sehr 
wenig geben, als er heiratete. Es ist wohl wahr, daß die- 
ser glauben konnte, eine reiche Gemahlin heimzufüh- 
ren. Die Baronin Trips hatte in erster Ehe ihren mütter- 
lichen Onkel, den Grafen Bcrlo-Hauzemont^),geh.eivo.\:et; 

i) Sie existieren jetzt größtenteils nicht mehr. 
2) Maria Luise Gräfin Thürheim-Trips (1759 — 1812) hatte in i. Ehe 
am 5. Februar 1779 "^^^ Grafen Jean Amour de Berlo d'Hauzemont, 
ihren Onkel, geheiratet, der am 3. Dezember 1781 kinderlos starb. 
In seinem Testamente ddo. 30. November 1781 vermachte er seiner 
Frau sein schönes Schloß Chokier a. Maas und ein bedeutendes Ver- 
mögen, ,,was aber," sagt Gräfin Lulu, „nicht verhindern konnte, 
daß schmähliche Prozesse und bestochene Richter der jungen Erbin 
beides nahmen." Die Erbschaft bekam ein Neffe des Testators Jean 
Louis Comte Berlo-Suys in Maleves und teilweise Graf Jos. Alex. 
Maldeghem (gest. 1809). 



1781 Witwe geworden, erbte sie sein großes Vermögen 
und hatte auch von ihrem Vater ihr mütterhches Erb- 
teil später zu erhoffen. Aber von diesen beiden Vermö- 
gen wurde ihr das erste von einem Neffen des verstor- 
benen Grafen Berlo^ den sie nicht heiraten wollte, aus 
Rache streitig gemacht und das zweite stand nur in ent- 
fernter Aussicht, denn ihr Vater Trips*) lebte noch, 
besaß den Nutzgenuß des Vermögens seiner ersten 
Frau, einer Gräfin Geloes, und heiratete gerade zum 
dritten Male, seinem Prinzipe getreu : „so oft zu nehmen, 
als Gott uns nimmt." So brachte denn meine liebe 
Mutter ihrem Gatten nur den Ruf einer großen Er- 
bin, verbriefte Rechte, Hoffnungen und — endlose 
Prozesse. 

Inzwischen bewohnten meine Eltern in der Hoffnung, 
daß die Zukunft das halten werde, was sie versprach und, 
um ihren Lebensaufwand ihren bescheidenen Mitteln 
anzupassen, Lüttich, wo der Prozeß meiner Mutter ver- 
handelt wurde, dann mietweise Schloß Orbeck, wo ich 
geboren wurde. Später lebten sie in einem anderen 
Schlosse, Emeville genannt, und endlich in der kleinen 
Stadt Huy an der Maas. 

Ungefähr 56 Jahre später kam ich nach Huy, ich fand 
das Haus, das wir bewohnt hatten, das Speisezimmer, 
das Gemach meiner Mutter, das Kinderzimmer und den 
Hof, die Wagenremise, den Garten, kurz alles, wie es 
ehemals war. Der Eigentümer, M. Franquenne, der mei- 
nen Eltern früher das Haus vermietet hatte, war ganz 
erstaunt, als ich ihn bei seinem Taufnamen ,,M. Adrien" 
rief, und war noch verwunderter, als ich ihm sagte, ich 

i) Graf Trips hatte in i.Ehe die Gräfin Maria Therese Geloes, in 2. 
und 3. Ehe zwei Schwestern, Freiinnen von Rathsamhausen, gehei- 
ratet. 




Thürheimsches Wohnhaus In Huy (1850) 



Nach einer Beistiftzeichnung der Verfasserin 
im Besitze der Familie des Herausgebers 



sei das kleine Mädchen, mit dem er ehemals gespielt 
hatte 1). 

Nun zu meinen Jugenderinnerungen! Sie reichen 
nicht weiter, als wie nach Huy. Ich sehe vor mir, zum 
Greifen genau, unser Haus und den Speisesaal, wo sich 
auf der Tapete unzählige Male die Fabel vom Wolf und 
dem Storch wiederholte, wahrscheinlich, um den Gä- 
sten vorzuhalten, daß sie nicht gierig essen sollten. Ich 
erblicke den Hof mit dem Platz, wo zweimal jährlich 
die Drescherinnen das Stroh druschen, den Garten mit 
dem langen Laubengang, den man „la coulisse" nannte, 
die Spargelrabatten, wo meine Schwester Titine (Kon- 
stantine) und ich die Äpfel versteckten, die wir des 
Sonntags, während alles in der Kirche war, gestohlen 
hatten und während der Woche wieder einen um den 
anderen ausgruben. Ich sehe auch Die (Judith), unser 
Kindermädchen und Catsch (Katharina), die Köchin, 
Frangois den Bedienten und Grand-Josefh, den Kam- 
merdiener meines Vaters; den Namen des Kochs habe 
ich vergessen. 

Dann erinnere ich mich meines guten Vaters, vor dem 
ich übrigens große Angst hatte, er trug die Haare „en 
alles de pigeon", und ein Kleid aus geflammtem Taffet. 
Ich sehe vor mir meine Mutter mit ihren sanften Augen 
und den Hirten und Hirtinnen, die auf dem Besatz ihres 
MusseHnkleides aufgedruckt waren. Sie erlaubte mir, 
wenn ich brav war und keinen Lärm machte, diese Fi- 
guren, auf dem Boden sitzend, zu betrachten. Endlich 
sehe ich zwei hübsche Mädchen „en bidou et beguin" 
(eine Art Bluse) vor mir. Bebelle (Isabella) und Titine, 

i) Gelegentlich dieses Besuches fertigte Graf in Lulu einige reizende 
Skizzen des Hauses in Huy, des Schlosses Chokier u. a. an. (Siehe 
die hier beigegebenen Illustrationen.) 

7 



dann ein noch kleineres Mädchen, wie ich, Fifine'^) ge- 
nannt, das man noch auf dem Arm trug; es kam 3 Jahre 
später noch ein kleiner Bruder dazu, damals, als wir Huy 
verlassen mußten. 

Das erste Ereignis, dessen ich mich klar entsinne, kann 
als eine Art Ouvertüre meiner bürgerlichen Karriere 
zählen. Eines Tages rief mich meine Mutter in ihr Zim- 
mer, nahm mich auf die Knie und sagte: „Heute, Lou- 
lou, sind Sie drei Jahre alt. Sie sind groß genug, um mit 
dem Gelde, das ich Ihnen gebe, umgehen zu können. 
Da haben Sie 3 Sous und jeden Sonntag werde ich Ihnen 
ebensoviel geben. Einer gehört den Armen, mit den bei- 
den anderen können Sie machen, was Sie wollen." Da- 
mals duzten die Eltern ihre Kinder noch nicht und 
waren deshalb, trotzdem die elterliche Liebe nicht ge- 
ringer war, von diesen mehr geachtet. 

Ich weiß nicht, ob diese Worte meine Sparsamkeit in 
Geldsachen begründeten. Aber seit diesem Tage habe 
ich für mich nie Schulden gemacht und der Sou für die 
Armen blieb mir auch immer übrig. 

An zwei Unfälle, die der Zeit nach vielleicht nicht so 
weit zurückliegen, kann ich mich auch noch erinnern. 
Ein Loch, das ich mir an einer Mauer gegenüber dem 
Hause der Marie Sifplait in den Kopf rannte und eine 
sehr schmerzhafte Kontusion am Fuße, als Fran^ois un- 
versehens den Kutschenschlag unserer Berline zuschlug 
und dabei meinen armen Fuß einzwickte. Beinahe hätte 
ich damals die große Zehe eingebüßt, und erst nach 
Wochen konnte ich Gehversuche machen. Ich entsinne 
mich, daß sich meine Patin (Marie Anna Baronin Trips, 
Stiftsdame in Nivelles, genannt „la Grande") in diese 

i) Es handelt sich um die 3 Schwestern der Verfasserin: Bebelle (Isa- 
bella), Titine (Constantine) und Fifine (Josefine). 



Gehlektionen mischen wollte. Sie ging, rückwärts tre- 
tend, vor mir und hielt mich bei den Händen, indem sie 
mich mehr auszankte, als ermutigte. Sie war groß, sehr 
couragiert, denn sie ritt in Damhirschlederhosen nach 
Männerart im rotem Reitkleid mit einem schwarzen Filz- 
hut auf dem Kopf und einer Reitgerte in der Hand. 
Übrigens w-ar sie sonst sehr gutmütig, hatte einen edlen 
Charakter und hinterließ mir eine Genfer Uhr mit dem 
Porträt Henry IV. in Email. Sie war die Schwester mei- 
nes Großvaters Trips und hatte nach dem frühzeitigen 
Tode meiner Großmutter meine Mutter aufgezogen. 

Das schmerzhafte Ereignis, von dem ich eben sprach, 
trug sich in Nivelles zu. Dort war nicht allein meine er- 
wähnte Tante Marie Stiftsdame, sondern auch eine 
Schwester meiner Mutter, Jeanette Trips, eine Schwe- 
ster meines Vaters Therese Thürheim, bei der mein 
Großvater wohnte, eine Cousine meines Vaters Domi- 
nika Hager, von der ich später noch viel sprechen werde, 
und endlich war meine Mutter mit 9 Jahren in das Ka- 
pitel eingetreten und dort bis zu ihrer ersten Heirat ge- 
blieben. 

Das Niveller Stift^), das aus circa 40 Stiftsdamen und 
einer großen Anzahl Novizinnen unter der Leitung 
einer Vorsteherin (prevote) bestand, regierte samt allen 
Einkünften eine Äbtissin. Es gab damals sowohl in den 
Niederlanden, als auch in Jülich mehrere ähnliche Stifte, 

i) Das hochadelige Damenstift St. Gcrtrude zu Nivelles im heutigen 
Königreich Belgien, das in der belgischen Revolution, gleichzeitig 
mit dem Verluste der Niederlande aufgehoben wurde, worauf sich 
die Stiftsdamen in alle Winde zerstreuten, hatte die strengste Ahnen- 
probe. Es mußten nämlich von den in der obersten Reihe (16 Ahnen) 
erscheinenden 8 Ururgroßvätern noch deren Eltern, Groß- und Ur- 
großeltern probiert werden. Alle mußten altadeUg sein. (Annuaire 
de la Noblesse beige, par Ic Baron Isidor de Stein d' Altenstein. 1849.) 



alle alten Ursprunges und alle verlangten i6 adelige 
Quartiere, Maubeuge, wo die dritte Schwester meiner 
Mutter, Auguste, Stiftsdame war (sie starb 1844 als 
Stiftsdame in Prag), gar 32. Diese Niederlassungen, mit 
denen die Stifte in Osterreich gar nicht verglichen wer- 
den konnten, bildeten kleine Weiberrepubliken unter 
einem Konsul auf Lebenszeit. Die Stiftsdamen bildeten 
die Creme der kleinen Stadt, in der sich das Stift befand. 
Die Bevölkerung hing ganz von dem Kloster ab, das 
reichsunmittelbar war. Daher genossen die Stiftsdamen 
eine ziemlich unbeschränkte Freiheit unter einer ge- 
wöhnlich gebrechlichen und duldsamen Oberin. Die 
Offiziere, welche ein gütiges Geschick in solche Garni- 
sonen versetzte, priesen sich bald glücklich. Namentlich 
gefiel ihnen Maubeuge, vielleicht ein wenig gar zu viel. 
Nivelles hingegen, das sich getreu an das Beispiel seiner 
Gründerin der h. Gertrude^), Tante Pipins von Heristal, 
hielt, hatte durch mehr als 1 1 Jahrhunderte seinen un- 
bescholtenen Ruf bewahrt. Und seit der Regierung die- 
ser hohen und ehrwüdigen Prinzessin (seit 630) bis zu 
der der Gräfin Andernotte^) im Jahre 1788 galten die Ni- 
veller Stiftsdamen, obwohl nicht minder hübsch und 
liebenswürdig, als in anderen Stiften, für viel anständi- 
ger. Viele unter ihnen waren von zartem Alter an im 
Kapitel; eine meiner Tanten wurde schon in der Wiege 
Stiftsdame und trat mit 6 Jahren ein. Die Erziehung 
dieser jungen Damen, die das Kleid der Novizinnen tru- 
gen und den Titel „Madame" hatten, geschah auf Ko- 
sten des Stiftes durch die Prevote und unter der Auf- 

i) Die h. Gertrude, Tochter Pipins von Landen, geboren 626, trat in 
das damals gegründete Kloster Nivelles in Südbrabant und starb dort 
als Äbtissin am 17. 3. 659. 

2) Sie hieß richtig: Marie Felicite Philippine Comtesse Vander Noot, 
Äbtissin von Nivelles und k. k. Sternkreuz-O.-Dame. 

10 



sieht der Äbtissin. Auch die älteren Stiftsdamen betei- 
ligten sich daran und impften den Novizinnen Moral 
und Religion ein. Mit i6 Jahren wurden sie Stiftsdamen 
und bekamen ihre Präbende von loo Louisd'ors jährlich. 
Das Niveller Kapitel besaß große Güter, nicht allein 
durch die Freigebigkeit der Gründerin und verschiede- 
ner Regenten, sondern auch durch Legate vieler nieder- 
ländischer und deutscher Familien. Das Stiftsvermögen 
war sonach Eigenbesitz, was aber nicht hinderte, daß 
es die Franzosen einzogen und der König von Holland 
es nicht herausgab, als der Wiener Kongreß dem Prin- 
zen von Oranien^) die wenig verdiente Souveränität über 
die Niederlande zuerkannte. 

Die Einkleidung einer Stiftsdame in Nivelles war mit 
einem Zeremoniell verbunden, das ganz aus den alten 
ritterlichen und religiösen Zeiten hergeholt war, aus 
denen das Stift stammte. Von Tagesgrauen an verkün- 
dete der Klang aller Kirchenglocken das denkwürdige 
Ereignis, das bevorstand. Bei Sonnenaufgang begann die 
junge Neophitin, von ihren zukünftigen Mitschwestern 
umgeben, die Kleider ihren neuen Würde anzuziehen : 
einen Rock aus feinster Leinwand, garniert mit grauem 
Besatz, einen Mantel aus schwarzer Flockseide, der, wie 
der Rock innen gefüttert war, einen 3 Ellen langen Hanf- 
strick, einen schwarzen Gazeschleier, der, am Kopfe be- 
festigt, bis zur Erde in langen Falten niederwallte und 
das ebenso pittoreske, als schöne Kostüm mit einem ge- 
heimnisvollen Schatten umgab. Dann wurde die Novi- 
zin zur Äbtissin geführt, aus deren Hand sie einen Ka- 

i) Der König von Holland resignierte 18 10, worauf Holland mit 
Frankreich vereinigt wurde. Durch Beschluß der Mächte vom 14. 6. 
18 14 wurden Holland und Belgien ein Land. Wilhelm v. Oranien 
(später König) übernahm die provisorische Regierung. 

II 



valier empfing, und nun ging der Zug feierlich zur 
Kirche. Es scheint, daß die Äbtissin gewöhnlich einen 
zu jungen oder zu alten Kavalier auswählte, der der 
neuen Jungfrau kaum eine Zerstreuung gewähren 
konnte; so hatte meine Cousine „Madame" de Hager 
meinen Großvater Thürheim, der 75 oder j6 Jahre alt 
war, als Ehrenkavalier, und meine Tante Therese Thür- 
heitn wurde von dem kaum 15 Jahre alten Prinzen Louis 
Starhemberg^) geführt. Übrigens blieb die Regel nicht 
ohne Ausnahme, denn mein Vater wurde mit 31 Jahren 
der Führer meiner Mutter, die 21 Lenze zählte, was zur 
Folge haben sollte, daß er, der von der Schönheit seiner 
Dame ganz eingenommen war, sie nie vergaß und ii 
Jahre später heiratete^). 

Wie dem auch sei, — die Novizin mußte an der Seite 
ihres Kavaliers, der mit gezücktem Schwert aufrecht 
neben ihr stand, und umgeben von einer neugierigen 
Menge von Zuschauern und vom ganzen Kapitel, unter 
dem sich auch Niveller Stiftsherren befanden, eine feier- 
liche Messe kniend anhören. Dann ging sie am Arme ihres 
Ritters zum Throne der Äbtissin und empfing von die- 
ser kniend die goldene Epaulette, das breite moirierte, 
himmelblaue Band, das sie in Kreuzesform an ihr be- 
festigte, endlich auf der linken Schulter die Ordensme- 
daille. Dann schlug der Kavalier im Namen der ,, Ma- 
dame Marie mere de Dieu, de Madame S. Gertrude 
et de Monsieur S. George" mit drei Schlägen seines 
Schwertes über dem Haupte und über jeder der beiden 

i) Louis Fürst v. Starhemberg (1762 — 1833), Ritter des Goldenen 
Vließes, Gesandter in London, später zu Madrid. 1777 war er in 
Brüssel, wo sein Vater den Posten eines bevollmächtigten Ministers 
innehatte, s. später. 

2) Gräfin Maria Luise Trips wurde am 19. 11. 1770 Stiftsdame zu 
Nivelles und blieb es bis 5. 2. 1779. 

12 




Graf Rud. Salburg P. Lebitsch 



Gräfin Thürheim-Hager 

Abt von V 



Na 













• Graf Thürheim Therese Gräfin Thürheim 

Josef W. Graf Thürheim 

lung des P. Josef Lebitsch a. d. Jahre 1782, im Besitze der Familie des Herausgebers 



Schultern die junge Stiftsdame zur „Chevaliere". Nun 
folgte die Umarmung als Ritterdank und dann führte 
der Kavalier seine Dame zu „Madame l'Abbesse", wo 
ein großes Diner und oft auch ein Ball stattfand. 

In Nivelles wohnten die Stiftsdamen, wie wohl auch 
in allen anderen niederländischen Stiften nicht in einem 
und demselben Gebäude, etwa wie in Wien, Prag, Brunn 
oder Innsbruck. Sie wohnten vielmehr in getrennten 
Häusern. Wenn eine Stiftsdame eine gewisse Anciennität 
erreicht hatte,wurde ihr ein bestimmtes Haus zugewiesen . 
Je nach den Raumverhältnissen logierte sie 2 oder 3 junge 
Mitschwestern bei sich ein, führte die Aufsicht über sie 
und hielt mit ihnen gemeinsamen Tisch. Nur die Novi- 
zinnen wohnten im gleichen Gebäude mit der Äbtissin. 

Die Niveller Stiftsherren, auch eine Institution der 
ersten Gründerin, wohnten in einem großen und vom 
Kapitel und den Häusern der Stiftsdamen völlig ge- 
trennten Gebäude. Es scheint mir, daß zu meiner Zeit 
zwischen den Diener und Dienerinnen Gottes in Nivel- 
les sehr wenig Beziehungen bestanden haben. Vielleicht 
hatten die Stiftsherren die Geschichte von Abelard ^) 
gelesen. Ich will nun aber wieder auf meine Lebens- 
geschichte zurückkommen. 

Obwohl die Anwesenheit meines Großvaters, sowie 
einiger väterlicher und mütterlicher Tanten in Nivelles 
für meine Eltern einen großen Reiz besaßen, so erlaub- 
ten ihnen dennoch ihre Mittel nicht, in dieser Stadt 
öfteren Aufenthalt zu nehmen. Um so zahlreicher waren 

i) Anspielung auf Petrus Abelard (1079 — 1142), der die schöne 
Heloise (gest. 11 64) heimlich heiratete und von deren nicht damit 
einverstandenem Onkel, dem Kanonikus Fulbert, entmannt wurde. 
Als Abt von St. Gildas-de Ruys ließ Abelard die Nonne gewordene 
Heloise mit ihren Mitschwestern sich in nächster Nähe ansiedeln 
und verkehrte mit ihr in natürlich durchaus „platonischer" Weise. 

13 



dagegen ihre Besuche in Serin beim Grafen Hoenshroech, 
Fürstbischof von Lüttich und Großonkel meiner Mut- 
ter. Dieser ebenso großmütige, als reiche Verwandte 
liebte meine Mutter und half ihr fast wie ein Vater in 
ihren verschiedenen Angelegenheiten. Am Hof zu Serin 
oder zu Lüttich — der Bischof war nämlich souveräner 
Prinz — wurden meine Eltern mit aller Auszeichnung 
empfangen, und oft beschloß ein Geschenk von loo 
Louis die ebenso angenehmen, wie einträglichen Be- 
suche. Es scheint mir sogar nach den Briefen meiner 
Mutter, daß der Bischof ihr für jedes Kind eine jähr- 
liche Summe von lOO Louis versprochen hatte; leider 
verloren meine Eltern infolge der politischen Ereignisse 
und des Todes des Grafen bald diese Apanage. 

Der Einfluß des Kirchenfürsten konnte auch für den 
Gang des Prozesses meiner Mutter gegen den Grafen 
Berlo von Bedeutung sein, welcher Umstand wohl meine 
Eltern veranlaßt hatte, nach ihrer Heirat zuerst in Lüt- 
tich zu wohnen. Die großen Kosten dieses Aufenthaltes 
aber und die Vorliebe meines Vaters für das Landleben 
bewogen sie bald, nach Orbeck und Emeville zu ziehen. 
Warum sie endlich in Huy wohnten, weiß ich nicht mehr. 
* So vorteilhaft auch im Anfange die freundschaft- 
lichen und verwandtschaftlichen Beziehungen meiner 
Eltern zu dem Bischof von Lüttich schienen, so bildeten 
sie doch bald die Ursache von Ereignissen, die uns allen 
unselig und sogar gefährlich werden sollten. Zu dieser 
Zeit bedrohte nämlich ein demokratischer Geist, der 
Sohn des Neides und des Stolzes, von Paris ausgehend, 
alle Throne. Er entstand schon ein Jahr vor meiner Ge- 
burt, verdarb ganz Frankreich und warf seine stür- 
mischen Wellen bald über ganz Europa. 

Das Jahr 1788, in welchem sich die Notabein in Paris 

H 



zum zweiten Male konstituierten, war das meiner Ge- 
burt. Ich schob diesem Umstand immer die Schuld zu, 
daß ich im Grunde einen so unabhängigen und selb- 
ständigen Charakter bekam, wie ich auch meinen etwas 
männlich gearteten Geist wohl dem Wunsche meiner 
Eltern verdankte, endlich einen Sohn zu bekommen. 
Das Gestirn des Aufruhres, das damals in Frankreich 
aufging, bestrahlte wohl auch ein wenig mein beschei- 
denes Sternchen und verlieh ihm einen Keim von Unge- 
horsam und Insubordination. Wie dem auch sei, — wäh- 
rend die französische Revolution und ich ihre ersten 
Schritte machten, verlor Friedrich Wilhelm von Preus- 
sen, der aus der alten Schule der preußischen Regenten 
stammte, keine Gelegenheit, die Unordnung dort zu 
schüren, wo er sein Interesse vermutete und wo er, wie 
man zu sagen pflegt, im Trüben fischen konnte. So hatte 
er den Moment wahrgenommen, da im Lütticher Lande 
sich eine Gärung zeigte, um die Stimmung gegen den 
Grafen Hoensbroech und zugunsten eines preußischen 
Proteges zu beeinflussen. Die Revolution, durch die 
preußischen und französischen Emissäre entflammt, 
brach denn auch bald in Lüttich und Umgebung unter 
allen Symptomen der Anarchie aus. Im Sommer 1790 
sah sich Hoensbroech genötigt, eilends seinen bischöf- 
lichen Thron zu verlassen; man sagte, hauptsächlich 
veranlaßt durch die Ratschläge seines Verwandten, des 
Grafen von Mean, der sein Nachfolger werden wollte 
und es auch ganz \viderrechthch wurde. Aus den Brie- 
fen meiner Mutter sieht man, wie hinterlistig und 
tückisch dieser Mann war, wie er den guten Onkel be- 
herrschte und trachtete, die Freigebigkeit gegen meine 
Familie dadurch zu paralysieren, indem er den Bischof 
bewog, seine Familie zu unterstützen, 

15 



Die Flucht des Fürstbischofes hatte auch die unsere 
im Gefolge, Die Abneigung gegen jenen dehnte man 
ungerechter Weise auf Mama und meinen Vater aus, 
den man als Österreicher haßte. Meinem Vater gelang 
es, sich unter dem Namen eines Kaufmannes Pässe zu 
verschaffen und er verließ mit uns Huy, um über Aachen 
die deutsche Grenze zu gewinnen. In einer schweren 
Berline zusammengepfercht — die Eltern, Kammer- 
jungfer, Bonne und 3 Kinder, — zählte doch diese Aus- 
wanderung, obwohl sie gefährlich war und wir auf Um- 
wegen und schlechten Straßen im ärgsten Regenwetter 
reisen mvißten, zu den romantischsten aller fünf Emi- 
grationen, die ich bis heute mitgemacht habe. 

Schon hatte man in einer aufgeregten Versammlung, 
einige Stunden vor unserer Flucht, die Frage ventiliert, 
ob man nicht meine Mutter in ein Korrektionshaus, als 
Verwandte des „ci-devant" Bischofes, die Kinder in ein 
Findelhaus bringen und den Vater als österreichischen 
Aristokraten gefangen nehmen sollte. Glücklicherweise 
lasen meine Eltern diese Nachrichten nur in den Zei- 
tungen, als sie bereits die Grenze von Lüttich passiert 
hatten. Doch war diese Sicherheit nicht leicht gewon- 
nen worden. Als wir nämlich in einem kleinen Städt- 
chen, Henry Chapelle genannt, keine Vorspannpferde 
bekommen konnten, waren wir genötigt, in einem von 
revolutionärem Volke angefüllten Wirtshause einige 
Stunden zu rasten. Meine Mutter, die eine Entdeckung 
fürchtete, wagte kaum die Augen zu erheben, mein Va- 
ter beherrschte sich und zeigte eine gleichgültige Miene. 
Wir drei Mädchen, von denen die älteste kaum 6 Jahre 
alt war, saßen um unsere Eltern und fühlten eine große 
Unruhe in uns, obwohl wir die Größe der Gefahr ja 
nicht ahnten. Mehr als ein forschender Blick streifte den 

16 



angeblichen Kaufmann und seine Familie, mehr als ein- 
mal machte ein verdächtiges Geflüster der „Patrioten" 
das furchtsame Herz meiner Mutter erstarren. Man 
schwieg endlich auf beiden Seiten und beobachtete sich, 
als plötzlich ein Kinderstimmchen, an den Anführer der 
Aufrührer gewendet, die allgemeine Stille unterbrach: 
„Herr General, geben Sie doch Befehl, daß man uns zu 
essen bringt." Diese wenigen Worte, die von meiner 
Schwester Titine herrührten, machten die Bauern la- 
chen, während meine Eltern darüber sehr erschrocken 
waren. 

Meinem Vater gelang es endhch, mit viel Geld den 
alten Kutscher zu bewegen, dieselben Pferde wieder 
einzuspannen. Trotz des Mißtrauens und der Schimpf- 
worte der „Patrioten" trieb unser braver Kutscher seine 
Tiere so an, daß sie im Galopp Spa passierten und die 
Grenze bei Stableau gerade in dem Momente erreich- 
ten, als berittene Bauern, uns verfolgend, dem Wagen 
ganz nahe gekommen waren. Doch schon beschützte 
uns die österreichische Grenze und die Bauern wagten 
nicht, sie zu überschreiten. Wir erfuhren jetzt erst, 
warum man uns in Henry Chapelle für verdächtig ge- 
halten und verfolgt hatte. Als wir nämlich vor dem 
Wirtshause abstiegen, steckte meine Mutter ihrer Kam- 
merjungfer ein Paket Briefe des Bischofs mit dem Auf- 
trage zu, sie zu vernichten. Diese hatte sich damit be- 
gnügt, sie in kleine Stücke zu zerreißen und auf den 
Düngerhaufen zu streuen. Kaum hatten wir Henry 
Chapelle verlassen, als man diePapierfetzen entdeckte und 
diese den Verdacht der Bauern wachriefen. Man sandte 
einige zu Pferd zu unserer Verfolgung nach, während 
die gebildeteren sich daran machten, die Briefe des Bi- 
schofes zu dechiffrieren und sie dann dem Tribunal vor- 



3 M. L. I 



17 



zulegen. Sie konnten aber nur meiner Mutter zu ihrer 
Rechtfertigung dienen, denn sie enthielten hauptsäch- 
lich nur Gnaden- und Wohltätigkeitsakte, die der Kir- 
chenfürst auf Empfehlung meiner Mutter Unglück- 
lichen gewährt hatte. 

Wir blieben 6 Monate in Aachen, wo auch mein 
Großvater Thürheim und meine Tante Therese waren. 
Als dann im Februar 1791 der politische Horizont für 
Lüttich sich zu lichten begann und die Ordnung dort 
eingekehrt schien, gingen wir nach Huy zurück. Doch 
die Ruhe dauerte nur einige Monate. Hoensbroech'^) starb 
und Graf von Mean^) wurde sein Nachfolger, ein schwa- 
cher und schlecht gesinnter Fürst, der das Land völlig 
der Revolution in die Arme warf. Mein Vater entschloß 
sich diesmal beizeiten, in einer angrenzenden Provinz 
den Gang der Ereignisse abzuwarten. Er führte uns 
nach Westfalen, ein trauriges Land, das in meiner Er- 
innerung nur Sand und Moräste zurückließ. Das alte, 
delabrierte Schloß Ossendorf des Grafen Hatzfdd wurde 
unsere Wohnung. Ich glaube, daß die Freimaurerloge 
von Westfalen meinem Vater, der auch Freimaurer war, 
diesen Unterschlupf verschafft hatte. Dieselbe Protek- 
tion wies uns in Münster im Hause der Loge einige Zim- 
mer zu, als der Winter den Aufenthalt in dem alten 
Schlosse für eine Frau vmd 4 kleine Kinder unmöglich 
machte (Josephine war inzwischen geboren worden). 

Ich erinnere mich, wie jeden Sonntag gegen Abend 
eine Menge Herren in das Haus kamen; darunter kann- 

i) Philipp Damian Grsii Hoensbroech war von 1784 — 92 der 82. Bi- 
schof von Lüttich; er wurde durch das aufständische Volk gezwungen, 
die seit 1684 bestehende Verfassung aufzuheben und das Land zu 
verlassen. Er starb 1792. 

2) Franz Anton Graf Mean wurde am 16. 8. 1792 sein Nachfolger, 
aber bereits im November vertrieben. 

18 




Maria Dominika Gräfin Thürhelm, geb. Baronin von Hager, 1747 
(1721— 1793) 



Nach dem Original im Ahnen- 
saale des Schlosses Weinberg 



ten wir nur einen, den Baron von Jachen^), der in hollän- 
dischen Diensten stand und den wir in Huy oft gesehen 
hatten. An diesen Abenden wurden wir immer aus dem 
Kinderzimmer gebracht, da man von dort aus die Ge- 
spräche der Freimaurer hätte hören können. 

Unser Leben verHef in Münster ganz angenehm. 
Meine Eltern machten einige Bekanntschaften am Hofe 
des Kurfürsten 2). Unsere Gouvernante, MUe. Tisserant, 
war hier besonders glücklich, denn sie fand in Münster 
ihre Schwester, die bei einer Baronin Zedzvitz angestellt 
war. In diesem Hause und bei Aachens waren wir Kin- 
der oft geladen, und man überhäufte uns mit Zärtlich- 
keiten und Bonbons. Auch der Park des Kurfürsten bot 
uns viel Vergnügen, und, so oft wir an der Kathedrale 
vorbeikamen, erzählte man uns die Geschichte des Jo- 
hann von Leyden^), dessen Gebeine wir oben am Glocken- 
turm in einem Käfig bleichen sahen. 

Die köstliche Ruhe wurde durch die Nachricht vom 
Tode der Mutter^) meines Vaters im März 1793 ge- 

i) Edwald von Aachen, Offizier in der englisch-deutschen Legion, 
früher in holländischen Diensten, starb in London 18 16 als Letzter 
des ehemals speierischen Geschlechtes. 

2) Maximilian Franz Erzherzog von Österreich (1756 — 1801). Hoch- 
und Deutschmeister, seit 1784 Kurfürst von Köln und Bischof zu 
Münster. Er ließ Beethoven 1797 in Wien ausbilden, dessen Vater 
in der „kurfürstlichen Hof Musique" angestellt war. Infolge der 
französischen Invasion verließ der Kurfürst 1 794 sein Land für immer. 

3) Johann won Leiden, eigentlich Bockelson (1510 — 1536), Führer 
der Wiedertäufer in Münster, wurde nach dessen Einnahme unter 
schrecklichen Martern hingerichtet und sein verstümmelter Körper 
in einem eisernen Käfig auf dem Turme der Lambertikirche zu 
Münster aufgehängt. 

4) Maria Dominika Gräfin T^wV/^m«, geb. Freiin v. Hager von Allent- 
steig, gestorben in Wien 3.3. 1793. Ihre Stiefschwester Maria Karo- 
line Hager (1701 — 1793) war Obersthofmeisterin bei den Töchtern 
der Kaiserin Maria Theresia und seit 1746 mit dem Fürsten Joh. 
Wilh. Trautson vermählt. 

19 



stört. Papa weinte bitterlich und wir Kleinen mit ihm, 
weil er weinte und — weil uns diese Hiobsbotschaft eine 
schöne Marionettenvorstellung beim Erzherzog- Kur- 
fürsten versäumen ließ. 

Während unseres Aufenthaltes in Westfalen hatte die 
französische Revolution schreckUche und blutige Fort- 
schritte gemacht. Der König, die Königin und die un- 
schuldige Madame Elisabeth hatten das Schaffot bestie- 
gen und der Dauphin war zu einem langsamen und 
schmerzensreichen Tode verurteilt worden. Österreich, 
unentschieden und unaufrichtig, ließ nur schwache 
Kräfte gegen Frankreich marschieren, die nichts weiter 
bewiesen, als die ehrgeizigen Projekte, mit denen jenes 
sich trug. Es hatte geduldet, daß die Tochter und der 
Schwiegersohn Maria Theresias die Schrecken der Re- 
volution erfahren mußten, daß das Haupt eines Königs 
fiel und ein alter Thron in den Staub rollte; jetzt erst 
trat es auf, als es galt, die Beute zu teilen. Damals war 
es, daß in der Schlacht von Altenhoven Dumouriez von 
den Österreichern geschlagen wurde. 

Mein Vater glaubte nun den Augenblick gekommen, 
um nach Huy zurückzukehren, und wir verließen Mün- 
ster so kurz nach dem kriegerischen Ereignisse, daß wir 
auf dem Schlachtfelde, welches wir passierten, noch die 
Kadaver der Pferde und die Trümmer von Kanonen 
sahen. Wir kamen aber ohne Unfall in Huy an, und mein 
Vater hoffte nun, uns ruhig zurücklassen zu können, 
während er genötigt war, in Sachen der Hinterlassen- 
schaft seiner Mutter nach Österreich zu reisen. Meine 
Mutter erwartete zum fünften Male ein Kind, die 
Niederlande schienen pazifiert und die Koalition der 
Mächte hob in allen Gemütern die Hoffnung, daß nun 
Ordnung und Ruhe eintreten werde. Als mein Vater 

20 



aber nach wenigen Monaten zurückkehrte, gingen die 
Wogen der französischen Revolution in den benach- 
barten Provinzen wieder hoch und der Krieg drohte 
von allen Seiten. Das Kriegstheater schien unser Land 
werden zu wollen. Eine dritte Flucht war unvermeid- 
hch. Doch war meine Mutter noch nicht niedergekom- 
men. Endlich am 14. Mai 1794, inmitten der wachsen- 
den Unruhe, brachte sie einen schönen Knaben zur 
Welt, der Josef, wie mein Vater, getauft wurde. Zwölf 
Tage später hatten die Franzosen die Grenze über- 
schritten, es galt keine Zeit mehr zu verlieren. Man muß 
sich vorstellen, in welcher Verlegenheit mein guter Va- 
ter sich befand. Eine übereilte Flucht mit fünf Kindern, 
von denen das Jüngste erst wenige Tage alt war; meine 
Mutter, kaum aus dem Wochenbette aufgestanden, litt 
furchtbare Schmerzen, die ihr die offene Brust verur- 
sachte und war zudem sehr schwach und erschöpft. 
Welche Aufgabe für meine Eltern, die unter anderen 
Umständen die höchste Freude über die Geburt des 
lange ersehnten Sohnes empfunden hätten! Als Opfer 
der trostlosen Zeit, in der sie lebten, hatte sie das Schick- 
sal dazu auserkoren, alle Schrecknisse derselben durch- 
zukosten, ohne mehr ihr Ende zu erleben. 

Mein Gedächtnis hält das Bild dieser letzten Abreise 
von Huy getreulich fest. Es herrschte die unglaublichste 
Verwirrung. Mama weinte, die Dienerschaft weinte, 
die einen, weil sie ihre gute Herrschaft verloren, die 
anderen, weil sie ihr Vaterland verlassen mußten. Mein 
Vater gab, sehr gereizt, allerhand Befehle und zankte 
überall. Die große Berline stand, mit Koffern voll be- 
packt, im Hofe. Die allgemeine Verwirrung wurde noch 
durch alarmierende Nachrichten der ängstlichen Nach- 
barn erhöht. Wir Kinder stellten alle möghchen Fragen, 



21 



und, um uns los zu sein, jagte man uns in den Garten. 
Ich glaube mich noch mit Schwester Titine in der „Ku- 
lisse" zu sehen. Peter, der Gärtner, stach gerade unter 
Tränen ein Rübenfeld um, Titine weinte auch, und, 
um mich zu rühren, sagte sie mir, wir würden nun un- 
ser Schloß nicht mehr sehen. Dies ließ mich kalt. Als sie 
aber dazu setzte, auch von ,, Partout", dem getreuen 
Schloßhunde, würden wir uns trennen müssen, da zer- 
floß ich in Tränen. Es war das erstemal, daß ich wirklich 
seelischen Schmerz empfand, den des „adieu eternel". 
Ach, wie oft noch ließ mich dieses Scheidewort bittere 
Tränen vergießen ! 

Endlich setzte sich der Zug in Bewegung und wir ver- 
ließen unser erstes Vaterland für immer. In der Berline 
saßen mein Vater, meine Mutter, von Kissen umgeben, 
Judith, den kleinen Josef auf den Knien in einer Pappen- 
deckelschachtel haltend, und meine zwei älteren Schwe- 
stern. In der Kalesche folgten Mlle. Tisserant, Eifine 
und ich. Grand-Joseph überwachte vom Bock der Ber- 
line aus die kleine Karawane. 

Ich habe eigentlich noch nie von Mlle. Tisserant ge- 
sprochen, deren Schicksal mit dem unseren bis zu ihrem 
Tode verknüpft sein sollte. Vor der französischen Revo- 
lution lebte sie samt einer jungen Schwester als Waisen 
angesehener und wohlhabender Eltern in Saint Die in 
Lothringen bei ihrem Bruder, der Grand Vicaire war. 
Ein jüngerer Bruder war Pfarrer. Diese bescheidene, 
aber durchaus anständige Existenz vernichtete die Re- 
volution. Als diese in Lothringen ausbrach, veranlaßte 
sie den jüngeren Bruder, abzuschwören und sich zu ver- 
heiraten. Der Vikar und die beiden Schwestern verloren 
ihr Vermögen und verließen, hauptsächlich aus Schmerz 
über die Felonie ihres Bruders Frankreich. Die jüngere 




Mlle. Josephine Tisserant (Meretout) t 1S21 



Nach einem Aquarell im Besitze 
der Familie des Herausgebers 



Schwester trat, wie erwähnt, als Gouvernante bei einer 
Baronin Zedtwitz ein, der Bruder unterrichtete junge 
Engländer 1), während Mlle. Josephine Tisserant in unser 
Haus kam. Es gab keine bessere Person, als sie. Jeder 
selbstischen Regung fremd, zeigte sie immer nur Wohl- 
wollen, Liebe und Bescheidenheit. Ihr etwas beschränk- 
ter Geist verlor niemals das Gefühl für das Gute, das 
überhaupt das Cachet aller ihrer Handlungen bildete. 
Wenn sie auch vielleicht zu unserer geistigen Ausbil- 
dung wenig beitrug, so pflanzte sie doch in unsere Her- 
zen das Gefühl der Erkenntlichkeit, diese Quelle aller 
anderen Tugenden. Ihr Vaterland auf immer zu ver- 
lassen und in eine unbekannte Fremde zu ziehen, wo 
ihrer vielleicht Erniedrigung und Entbehrung warteten, 
hieß sie wirklich auf alles verzichten. Sie wollte aber 
meine Mutter in ihrem Unglück nicht verlassen und hat 
später getreulich alles mit uns geteilt. Wir liebten die 
gute „Meretout" (diesen Beinamen hatte sie seit un- 
serer Kindheit) und haben ihr trotzdem mehr als einen 
Kummer verursacht. Als wir größer wurden, haben wir 
aber immer getrachtet, ihr das Leben bei uns angenehm 
zu machen, namentlich in ihren letzten Lebensjahren. 
Sie starb in unseren Armen am lo. Januar 1821, 26 
Jahre, nachdem sie mit uns Huy verlassen hatte. 

Trotz meiner Abschiedstränen wurde ich bald heiter 
und der Reiz der Reise löschte die Erinnerung an das 
Verlorene aus. Anders war es bei den armen Eltern. 
Jeder Tag vergrößerte den Kummer und die Gefahren. 
Der Einbruch der Franzosen setzte das ganze Land in 
einen Zustand der Anarchie. Die Straßen waren von 
Truppen und Auswanderern überschwemmt, Pferde 

i) Abbe Joseph Twera«^, Erzieher der englischen Lords St. John of 
Bletsoe. 

23 



mangelten überall und die Herbergen waren besetzt. 
Oft genug mußte die ganz erschöpfte Mutter auch des 
Nachts die Reise fortsetzen, weil kein Bett aufzutreiben 
war. Ich erinnere mich nicht mehr an alle Details dieser 
Reise oder vielleicht, ich war überhaupt noch zu jung, 
um sie zu begreifen. Die Kinder entgehen ja in ihrer 
glücklichen Unkenntnis der Dinge dem Kummer, der 
sie umgibt. Dennoch entsinne ich mich, daß in Tonger, 
einer elenden kleinen Stadt in Brabant, deren Bewohner 
sehr demoralisiert waren, sowohl meine Mutter als mein 
kleiner Bruder, dem sie die Brust versagen mußte, auf 
dem Punkte standen, zu sterben. Mein Vater wußte 
keinen Ausweg, denn die grobe Bevölkerung verweigerte 
jede Hilfe und Gastfreundschaft. Endlich nach einigen 
Stunden banger Angst siegten die geistigen Kräfte mei- 
ner Mutter über ihre phsyischen, sie konnte wieder im 
Wagen Platz nehmen und wir erreichten ohne Unfall 
Mastricht in Holland, welches Land damals neutral war. 
Einige Wochen der Ruhe gaben ihr teilweise die Ge- 
sundheit wieder, aber ihre Leiden waren noch nicht zu 
Ende. Mastricht, das schon eine Belagerung ausgehalten, 
wurde von einer zweiten bedroht. Daher war meine 
Mutter, kaum erholt, genötigt, sich den Strapazen einer 
neuen Reise auszusetzen. Wir fuhren gegen Düsseldorf, 
wo sie ihren Vater wiederzusehen hoffte. Der Abschied 
von ihrer Heimat hatte aber meine Mutter schon mit 
großer Schwermut erfüllt, daher fürchtete mein Vater 
von einer Zusammenkunft mit ihrem Vater die übelsten 
Folgen. Ohne ihr seine Absicht zu verraten, änderte er 
die Route gegen Köln, wo sie erst zu ihrer Verzweiflung 
erfuhr, daß sie getäuscht worden war. Dieser Schmerz 
war für ihre Gesundheit viel verhängnisvoller, als es der 
de-r Trennung von ihrem Vater gewesen wäre. Ihr Zu- 

24 




Der Hof des Schlosses Schwertberg 



Nach einem Aquarell von J. P. Henry 1843 
im Besitze der Familie des Herausgebers 



stand wurde gefahrdrohend, und auf dem Schiff, das 
uns von Köln nach Mainz brachte, war er so ernst, daß 
man uns auf die Knie werfen und Gott um ihre Rettung 
anflehen hieß. Vielleicht erhörte er unsere unschuldigen 
Bitten, denn es öffnete sich der gefährliche Abszeß an 
der Brust und die Gefahr ging vorüber. Seit diesem 
Tage besserte sich ihre Gesundheit zusehends. Der Rest 
unserer Reise über Frankfurt, wo wir zwölf Tage blieben, 
über Nürnberg, Regensburgund Linz verlief ohne Unfall. 
Doch muß ich eines Ereignisses erwähnen, das uns bei 
Nürnberg traf und das leicht hätte verhängnisvoll werden 
können. Als wir einen Berg hinauf fuhren,tratendiePferde 
plötzlich zurück, und Grand-Joseph hatte gerade noch 
Zeit, vom Bock herabzuspringen und mit aller Kraft die 
Räder aufzuhalten. Mein Vater sprang rasch aus dem 
Wagen, riß Mama heraus, Judith den Säughng und meine 
Schwestern, dies gerade in dem Augenblick, als Joseph 
schrie: „Ich kann nicht mehr", das Rad seinen schwach 
gewordenen Armen entghtt und der Wagen in einen Gra- 
ben stürzte. Glücklicherweise rissen dieStränge,die Pferde 
konnten sich retten und Grand- Joseph zog mit Hilfe des 
Postillons und einiger Bauern die Berhne auf die Straße. 
Am 19. Juli 1794, ^^ einem schönen Abend fuhr die 
große, hellblaue, mit Perlknöpfen und einem Wappen 
gezierte Berline, die mit Koffern und Vahsen vollbe- 
packt war, unter Peitschenknall, Fanfarengeschmetter, 
dem Krachen von Petarden und lautem Vivatgeschrei 
in den Vorhof des Schzvertberger Schlosses. Vier schweiß- 
bedeckte Pferde zogen das schwere Vehikel, dem die be- 
scheidenere, aber ebenso beladene Kalesche folgte. 
Einen Augenblick später ächzte das gewaltige Schloßtor 
in seinen Angeln, das Steinpflaster des Burghofes er- 
schallte unter den Hufen der Pferde und meine Eltern 

25 



nahmen Besitz von ihrem alten Schlosse. Viele Arme 
streckten sich uns entgegen, um uns aus den Wagen zu 
helfen, viele Köpfe neigen sich respektvoll. Derjenige 
Kopf, welcher sich am meisten der Erde näherte, hing 
an dem langen, gekrümmten Körper eines mageren hüb- 
schen und jungen Mannes, des Pflegers von Schwert- 
berg. Eine andere Persönlichkeit, von Kopf bis zu den 
Füßen in Grün gekleidet, ein Waidmesser an der Seite 
und zwei Papilotten an den Ohren, näherte sich dann 
und küßte den Saum unserer Kleider. Er hieß Michael 
Strasser mit dem Spottnamen ,,der grüne Michel" und 
war der herrschaftliche Oberförster. Seine Papilotten 
löste er nur zweimal in seinem Leben, bei der Hochzeit 
seiner Tochter und der meiner Schwester Bebelle. Zum 
Kleiderkuß kam sodann ein Mann von 6 Fuß Länge mit 
einem 3 Fuß langen Haarbeutel; es war dies der Hofgärt- 
ner. Nun folgte eine Menge Subalterner der verschiede- 
nen Departements. Meine Mutter hatte inzwischen den 
Ortspfarrer und einen alten Mönch erblickt, die sich etwas 
rückwärts hielten. Sie machte sich Platz und sagte ihnen in 
ihrem schlechtenDeutscheinigehöflichePhrasen,dieder 
Pfarrer, glaubeich, mit seinem Segen erwiderte. Ein gutes 
Souper, das in einem hell erleuchteten, hübschen Saal 
serviert wurde und wobei wir von allen Würdenträgern 
bedient waren^), beschloß diesen feierlichen Tag. Meine 
gute Mutter konnte sich nun von allen Entbehrungen, 
Leiden und Mühsalen in einem schönen Bett unter einer 
gelben Damastdecke ausruhen, eingewiegt in die Hoff- 
nung, daß ihr jetzt Ruhe und Glück zuteil werden würde. 

i) Zu dieser Zeit bediente sogar noch der Pfleger, wenigstens stand 
er, die Serviette in der Hand, hinter dem Stuhl des Schloßherrn. 
Der Pfleger (Amtmann, Richter) hatte damals noch die niedere Ge- 
richtsbarkeit unter sich, der Gutsherr übte gewöhnlich die Jurisdik- 
tion nicht selbst aus, sondern durch seinen Pfleger. 

26 



IL IN SCHWERTBERG 

Am anderen Morgen beeilte sich mein Vater, seiner 
Frau die verschiedenen Räumlichkeiten des Schlos- 
ses, den Ziergarten, den Park, den man „die Fasanerie" 
nannte, die ,,Ferme" und die einzelnen Dependancen 
der Herrschaft zu zeigen. Es mußte meinem Vater eine 
große Freude gewähren, meiner Mutter alle Bedingun- 
gen eines ruhigen, angesehenen und behaglichen Lebens 
zu Füßen legen zu können und ihr so viele Gelegenheit 
zu gewähren, Gutes zu tun. Ach, warum war er trotz 
aller Liebe zu seiner Frau, trotz aller edlen Gefühle, 
die er im Herzen trug, nicht imstande, seine Laune zu 
bezähmen, die unselige Fessel, mit der er selbst alles 
Glück unterband, das er sich und den Seinen geben 
wollte! Ich komme darauf noch später zurück. 

Nach dem Tode seiner Frau hatte mein Großvater 
Thürheim sein Vermögen meinem Vater mit der Be- 
dingung überlassen, ihm eine lebenslängliche Rente aus- 
zuzahlen und sich das Recht vorbehalten, den Park wei- 
ter verschönern zu dürfen. Durch die Ökonomie meiner 
Großmutter war dieses Vermögen damals ziemlich ran- 
giert. Eine große Anzahl Briefe dieser verdienstvollen 
Frau an ihren Sohn Josef Wenzel und ihren Gatten 
haben mich ihren Wert und ihre Tatkraft erkennen 
lassen. 

Ich habe in Frankreich, England und Polen viele 
schöne und große Landsitze gesehen, aber ich kenne 

27 



keinen, wo der Aufenthalt so viele Annehmlichkeiten, 
ich möchte sagen unter der Hand bietet, wie in Schwert- 
berg. Abwechslungsreiche und mühelose Promenaden, 
schattige Plätzchen, bevölkert von Vögeln aller Art, 
Wiesen, Felder und ein lieblicher Fluß sind in solcher 
Nähe des Ortes, daß man nur einige Schritte zu machen 
braucht, um sich an diesem ländlichen Überflusse zu er- 
freuen. 

Im Innern des Schlosses sind schöne, große Zimmer, 
von den Fenstern aus genießt man eine angenehme Aus- 
sicht; beinahe möchte man glauben, daß jedes Fenster 
für den Komfort des Lebens genügen könnte. Es gibt 
hier nichts zu viel, aber alles ist genügend vorhanden. 

An die waldigen Bergrücken angelehnt, die sich am- 
phitheatralisch gegen Böhmen zu erheben, schließt das 
Schloß Schwertberg das Donautal ab, dessen Schlüssel 
es in alten Zeiten einmal gegen Norden gewesen sein 
mag. Ein ziemlich breiter Fluß, die Aist genannt, 
rauscht zu seinen Füßen und treibt durch ein Wehr 
eine reizende Mühle. Das Wasser tritt beim Schlosse 
aus einem schattigen und romantischen Defile, das sich 
weit nach Norden hinzieht, in die Ebene ein. 

Dieses Tal scheint im Mittelalter durch zwei 
kleine Türme mit Schießscharten verteidigt worden 
zu sein, die noch heute den alten Teil des Schlosses 
flankieren. Dieser ist um mindestens vier Jahrhunderte 
älter, als der neuere Bau. Ein sehr hoher Turm, nach 
seiner Basis zu urteilen, beschirmte weit hinaus das Land 
oder bedrohte es auch vielleicht, denn der Ruf der alten 
Herren von Schwertberg war nicht ohne Makel. Einer 
von ihnen, mit Namen Bernhard von Zeller'^), wurde in 

i) Die Schreiberin nennt ihn Ritter Kapeller, verwechselt ihn also 
mit Bernhard von Zeller, der allein als Raubritter am i. Juli 1521 

28 




> 1) 
CA) -5 



Linz enthauptet, weil er den Landfrieden gebrochen 
hatte. Die Chronik besagt, daß er an der Spitze einer 
Raubritterbande stand, die die Wege gegen Böhmen un- 
sicher machte, und daß eine Frau aus der FamiHe Trautt- 
mannsdorff sein Schloß bewohnte, wo sie beauftragt ge- 
wesen sein soll, die Beute unter die Rittern zu verteilen. 
Die Fama erzählt ferner, daß der Name Schwertberg 
von der Exekution des Ritters Zeller herstamme, was 
aber nicht wahrscheinlich ist, vielmehr weist der Name 
eher auf die kriegerische Bestimmung der Burg^). 

Wie dem auch sei, mein Großvater fand, daß ein enor- 
mer Turm im i8. Jahrhundert unnütz sei und er ließ 
ihn beinahe ganz rasieren. Mein Neffe Louis Thürheim 
ließ vor kurzem darauf eine Terasse bauen, von der man 
eine herrliche Aussicht auf das Aisttal und auf die Ebene 
bis zu den Bergen hat^). 

Auf einen Felsen gebaut, hat das Schloß auf der einen 
Seite nur einen Stock, während es auf der anderen zwei 
Stock hoch ist. Die Salons des neueren Teiles, der nach 

zu Linz enthauptet wurde. Er hatte trotz des 1495 erlassenen 
,, ewigen Landfriedens" mit anderen Spießgesellen das Handwerk 
eines Raubritters ausgeübt. Sein i. Verhör vor dem Reichstage zu 
Worms 1521 sprach ihn frei. Einige seiner Verbündeten sagten aber 
gegen ihn aus, worauf Erzherzog Ferdinand befahl, ihn als Schnapp- 
hahn und Heckenritter gefänglich einzuziehen. Auf der Folter zu 
Linz gestand er seine V^erbrechen ein und nannte seine Raubgenossen, 
i) Das Schloß Schwertberg im Bezirke Perg in Oberösterreich war 
ehedem eine sogenannte Wasserburg, rings von der Aist umflossen. 
Urkundlich erscheint es zuerst 1287, doch ist es viel älter. Es war ur- 
sprünglich im Besitze der Oeder, während der alte Markt Schwert- 
berg und das bereits 853 genannte Schloß Windegg den Capellern 
gehörten. Beide Burgen waren Lehen der berühmten Kuenringer. 
Das neuere Schloß in Schwertberg wurde erst unter den Frhrn. von 
TschernembI, wohl um bequemere Wohnräume zu schaffen, an die 
alte Ritterburg angebaut. 

2) Der Turm wurde von Ludwig Grafen Thürheim (1818 — 1894) 
wieder ausgebaut, war aber ehemals anscheinend viel höher. 

29 



der ehemaligen Aufschrift über dem Torweg aus dem 
Jahre 1606 stammt, sind im rez-de-chaussee; während 
man von ihren Fenstern fast aus der Vogelperspektive 
den Garten, den Markt und in der Ferne die Berge 
erblickt. Die Fassade zwischen den beiden Türmen 
bietet einen imposanten Anblick; sie ist teilweise noch 
ein Werk meines Groi3vaters, oder vielmehr hat er sie 
reguliert, während er das alte Schloß unverändert be- 
stehen ließ. Dieses erhebt sich, keineswegs drohend, 
hinter dem neuen, gleich einem edlen Greise, der, alter 
Zeiten gedenkend, sich wohlwollend auf die Schulter 
seines Enkels stützt. 

Die Pappelallee, die eine Art Avenue längs des Schlos- 
ses und der Häuser des Ortes bildet, habe ich im ersten 
Jahre nach dem Tode meines Vaters gepflanzt. Sie sind 
sehr groß geworden und ihre Gipfeln bilden von weitem 
einen halben Rahmen um das Schloß, das dann genau 
zwischen beiden Baumreihen erscheint. Ich liebe Pap- 
peln um Schlösser ; sie verleihen ihnen einen seigneuralen 
Anstrich und außerdem sind sie die architektonischen 
Säulen der Pflanzenwelt. 

Meine Schwester Josefine hat gerade ein Epitaph auf 
den Park von Schwertberg gemacht, den mein Neffe 
Louis niederschlagen ließ: 

„Son ayeul le crea, 
Son grand pere rembellit, 
Son pere le negligea 
Et Louis le detruit." 

Der Park wurde, wie bereits erwähnt, von meinem 
Großvater begründet und von meinem Vater bedeutend 
verschönert. Dieser ließ dort die pittoreske Partie der 
„Rochers" errichten, das Glashaus beim Teich mit dem 
Bosket, er pflanzte auch Orangenbäume und Blumen 

30 



beim Eingange des Schlosses, vergrößerte die „Ferme"^) 
und modernisierte den Gemüsegarten, den sich kreu- 
zende Mauern verunstalteten, durch Anpflanzung von 
mannigfachen Stauden, Zwergbäumen, spanischem Flie- 
der, Schneebällen und allerlei Blumen, so daß er einen 
freundlichen Anblick bot. 

Viele Leute tadeln heute meinen Vater, daß er nicht 
lieber diese mehr alltägliche Partie seines Besitzes ver- 
steckte: die Mode verdammte ihn, aber soll denn diese 
immer unsere Tyrannin werden, der wir uns willenlos 
opfern ? Mein Vater dachte augenscheinlich ebenso wie 
ich, daß nämlich die Gemüse nichts weniger als ein 
schimpflicher Teil der Schöpfung seien. Ich begreife 
nicht, warum sie, die sich doch durch die Vollendung der 
Formen, durch die Verschiedenheit von grünen Nuancen 
auszeichnen, nicht Zutritt haben sollten, nur, weil sie 
nicht den aristokratischen Luxus der Blumen entfalten. 
Zieht man deshalb, weil sie zu nichts gut sind, in den 
botanischen Gärten den Gemüsen die Blumen vor, die 
dort so monoton, so fremd, so kränklich sich gegenseitig 
ansehen, ohne sich zu kennen, wie eine bunte Gesell- 
schaft in einem Badesalon ? Ich wenigstens habe eine de- 
mokratische Neigung für den Gemüsegarten, vielleicht 
aus Dankbarkeit; und, wenn ich keinen besäße, würde 
es mir ein Vergnügen sein, einen zu pflanzen und ihm 
ein pittoreskes Aussehen zu geben. Ich würde mich aber 
hüten, ihn zu verstecken, ebensowenig wie die winzige 
Hütte des Arbeiters, deren Anblick den Engländern^) 
in der Nähe ihrer Schlösser so verhaßt ist. Diese Ab- 

i) Ein herrschaftlicher Meierhof westlich des Schlosses, wo Jungvieh 
gehalten wurde. 

2) In England sind die Schlösser gewöhnlich ganz vom Garten um- 
geben und man vermeidet die Nähe, selbst den Ausblick auf Ar- 
beiterhütten. (Notiz d. Verf.) 

31 



Schweifung möge man mir verzeihen, ich komme wieder 
zu meinem Thema zurück. 

Wir waren in Schwertberg schon einige Monate eta- 
bliert, als im Herbst 1794 mein Großvater ankam, be- 
gleitet von Tante Therese Thürheim^) und meiner Cousine 
der Stiftsdame Baronin Hager^). Durch die Revohition 
aus dem Niveller Stift verjagt, suchten diese Damen bei 
uns ein Asyl. Ihnen folgte bald ein anderes Opfer dieser 
Zeitepoche, der letzte Prälat der Abtei von Waldhau- 
sen^), eine derjenigen, die Kaiser^oj-^/ wenige Jahre vor- 
her aufgehoben hatte. Dieser Prälat war ein großer 
Freund meines Großvaters; er kam hierher, um in den 
Erinnerungen eines Zeitgenossen eigene Reflexe der 
Vergangenheit zu suchen und diesem als Ersatz dafür 
von den Freuden des Jenseits zu sprechen, dem beide 
mit großen Schritten zueilten. Diese Freundschaft 
zweier Überbleibsel eines vor seinem Ende entthron- 
ten Jahrhunderts muß etwas Erhabenes und Rührendes 
gehabt haben. Beide geistreich, beide ausgezeichnet 
durch eine glückliche Heiterkeit, wie sie dieses unbe- 
greifliche und unheilbringende Jahrhundert seinen 
Kindern verlieh, beobachteten diese Greise das Un- 
wetter von weitem, wie ein Seereisender, der, im sicheren 
Hafen angelangt, seine nassen Kleider schüttelt und 
seine Hände reibt, froh, dem Schiffbruch entkommen 
zu sein. 

i) Siehe später. 

2) Floridus Fromwald, gebürtig 1722 aus Melk als Sohn eines Post- 
meisters, wurde am 18. 5. 1768 Abt des Augustiner Chorherren- 
stiftes Waldhausen in Oberösterreich. Er wirtschaftete verschwen- 
derisch, so daß sich die Vermögensverhältnisse des Stiftes äußerst 
ungünstig gestalteten. 1786 resignierte er freiwillig, lebte dann 
einige Zeit in Saxen (Dorf b. Schwertberg), später in Schwertberg, 
wo er am 31. 8. 1796, 74 Jahre alt, starb, und in der Thürheimschen 
Familiengruft beigesetzt wurde. 

32 



MeineTante Therese'^) besaß wohl nicht den Geist ihres 
Vaters, aber seinen jovialen und liebenswürdigen Cha- 
rakter und wußte überall, wo sie hinkam, jenen heiteren 
Humor zu verbreiten, dessen Einfluß jedem Herzen 
einen Sonnenstrahl bedeutet. Meine Cousine Hager, 
genannt „Minnerl" nach ihrem Taufnamen Domi- 
nika, unterstützte sie in ihrem Bestreben, die Tage 
meines Großvaters aufzuheitern. Sie war ebenfalls 
lustig und hatte durch meine Tante, bei der sie 
erzogen worden war, deren Art angenommen. Ihre 
Anhänglichkeit hat sie Tante Therese gegenüber nie 
verleugnet. 

Wie man sich denken kann, belebte diese Verstärkung 
der Gesellschaft das Schloß ungemein. Wir befanden uns 
alle wohl dabei. Mein immer gutgelaunter Großvater 
liebte es, trotz seiner 85 Jahre, nach dem Diner mit uns 
zu spielen; er lief uns nach und warf uns die Serviette 
zu. Seine Gegenwart verhinderte meinen Vater auch oft, 
uns auszuzanken. Und wenn Papa genötigt war, das 
Schloß zu verlassen, so benützte der gute Großvater die 
Gelegenheit, um uns gute Goüters zu geben und uns zu 
unterhalten. Besonders liebte er die Verwandlungen. So 
zog er manchmal die lange, schwarze Soutane des Prä- 

i) Maria Theresia Gräfin Thürheim (1751 — 1835)) ^i^ Schwester von 
Lulus Vater, verlebte ihre Jugend im Hause ihrer mütterlichen Tan- 
te, der Fürstin Trautson-Hager, Obersthofmeisterin der Kaiserin 
Maria Theresia. 1774 wurde sie Stiftsdame zu Nivelles und lebte 
nach Auflösung dieses Stiftes in Wien in ihrem eigenen Hause, Woll- 
zeile 783, wo sie auch starb. Durch ihre liebenswürdigen Eigen- 
schaften, ihre prachtvolle Altstimme und den Reiz ihrer heiteren 
Konversation bezauberte sie alle Welt. Metternich und Louis Star- 
hemberg, der sie in seiner Jugend heiraten wollte, sprachen sich in 
überschwenglicher Weise über ihre Eigenschaften aus. Ihre Schön- 
heit legte ihr viele Bewerber um ihre Hand zu Füßen, so die Grafen 
Ficquelmont, Solohub und Clerfayt. Sie blieb aber unvermählt. 

3 M. L. I 33 



laten an, setzte das Priesterkäppchen auf seine silber- 
weißen Locken, während er dem Abt seine Perrücke und 
Kleider gab, und wenn wir dann zur Essenszeit in das 
Zimmer kamen, um ihm Guten Abend zu sagen, lach- 
ten die beiden laut auf, als wir die Hand des Prälaten für 
die des Großvaters hielten. Wir halfen natürlich absicht- 
lich diese Täuschung zu vollenden, denn es wäre wohl 
schwierig gewesen, das lange und strenge Gesicht des 
Geistlichen und seine groteske Haltung in den Herren- 
kleidern für die edlen, zierlichen, beweglichen und sehr 
regelmäßigen Züge des Großpapas zu halten, den außer- 
dem noch eine Aureole der seidigsten und weißesten 
Haare verschönte, die jemals den Kopf eines Greises 
geziert haben. Diese Überraschungen des Großvaters 
wurden wohl manchmal durch solche meines Vaters 
gestört, wenn dieser früher, als vermutet, zuhause 
kam. So geschah es einmal, daß gerade, da M. Constanz, 
der Kammerdiener meines Großvaters, mit trium- 
phierender Miene ein Brett voll Tassen, die mit 
schäumender Schokolade gefüllt waren, hereinbrachte 
und unsere kleinen Nasen schon den herrlichen Duft 
einatmeten, die Kalesche Papas clique, claque! in den 
Hof rollte. Was tun ? Es war zu spät, um die Dinge 
ungeschehen zu machen, der Vater trat ein, aber Groß- 
papa verlor den Kopf nicht: „Aha, da ist er ja, mein 
lieber Josef Wenzel (so titulierte er seinen Sohn), ich 
wußte wohl, daß Du früher heimkommen würdest, 
als Du uns gesagt hast, ich kenne ja Deine Art, die 
Geschäfte rasch zu erledigen. Du glaubtest, uns zu 
ertappen, statt dessen überrasche ich Dich, — da hast 
Du Deine Schokolade, die Dich schon erwartet." Mein 
Vater mußte danken und machte gute Miene zum 
bösen Spiele und auch zu den Vierteltassen, die uns an- 

34 




Therese Gräfin Thürheim, als Stiftsdame von Nivelles (175 1 — 1835) 



Nach einem Aquarell der Baronin 
Therese Schwiter, geb. Gräfin Thürheim 



stelle einer ganzen, vom Großvater bestimmten, jetzt 
serviert wurden. 

Die fast gänzliche Entziehung von allem Naschwerk 
bildete einen Hauptpunkt des Erziehungssystemes mei- 
nes Vaters für seine Kinder; so wurde oft eine Makrone 
in vier Teile geteilt. Ich will nicht darüber urteilen, ob 
er recht hatte, jedenfalls war das Resultat, daß man 
keine genäschigeren Kinder finden konnte, wie wir es 
waren. Jeder Widerspruch in der Erziehung erzeugt 
mehr Fehler, als er unterdrückt. Kinder haben alle von 
ihrer ersten Mutter eine eigentümliche Neigung für die 
verbotene Frucht geerbt; gleich ihr würden sie die köst- 
lichsten Früchte des irdischen Paradieses gegen den 
schlechten Apfel verschmähen, der das menschliche Ge- 
schlecht zugrunde richtete. Vielleicht wäre es vernünft- 
tig, dem Drang der Kinder zu Studien, die ihnen ge- 
fallen, Fesseln anzulegen, man würde dadurch ein Mittel 
erzielen, ihnen noch mehr Lust zu machen; denn an- 
dererseits mißfallen den Kindern immer die Lektionen, 
die man ihnen aufzwingt. Am Ende könnte es sogar gut 
sein, die Kinder zu schlagen, wenn sie sich befleißen, 
um sie noch eifriger zu machen. Wie dem auch sei, — 
die erwähnte Maxime stammt von Jean Jacques Rous- 
seau — , jedenfalls ist es sicher, daß das Aufdrängen der 
Musikstunden durch den Vater uns die Musik ganz und 
gar verleidet hat. Es ist dies sehr schade, denn meine 
Schwester Isabelle, mein Bruder und ich hatten wirk- 
lich sehr hübsche Stimmen. Die Musikwut meines Va- 
ters, meines Großvaters und meiner Tante bildeten in 
unserer Kindheit eigentlich das größte Interesse im 
Schlosse. Tante sang große Arien von Gretry und kom- 
ponierte ganz hübsche Romanzen, mein Vater übte auf 
dem Klavier, studierte den Kontrapunkt und erfand 

35 



Walzer, nach denen wir tanzen mußten. Großpapa aber 
hatte ein Piano mit sieben Klaviaturen ^) und halben und 
viertel Tönen erfunden, auf denen er das Pfeifen des 
Windes nachzuahmen pflegte. Nichts konnte ihm mehr 
schmeicheln, als wenn meine Mutter an einem völlig 
ruhigen Tage vorgab, sie habe den Nordwind pfeifen ge- 
hört oder wenn sie sich vor dem Sturm fürchtete. Er 
ermangelte dann nicht, sich lachend als Äolus vorzu- 
stellen. Oft erhob er sich schon um 5 Uhr früh, um sich 
mit seinen Kompositionen zu beschäftigen, und wenn 
man ihn bat, seine Nachtruhe nicht zu verkürzen, wurde 
er zornig und trachtete, daß seine Aufpasser seine Spur 
verloren. Eines Abends war der Ortspfarrer wie gewöhn- 
lich gekommen, um mit dem Großvater Whist zu spie- 
len. Es scheint, daß an diesem Tage die Begeisterung 
den alten Herrn ganz besonders ergriffen hatte. Auf der 
Treppe schon hörte der Pfarrer die gewissen Windmelo- 
dien; als er aber leise an der Türe klopfte, antwortete 
ihm niemand. Erst nach wiederholtem Pochen hörte er 
das Schleifen von Pantoffeln, dann rief eine halberlo- 
schene Stimme : „Herein". Der Pfarrer trat ein ; aus dem 
Bette sah er den Kopf des Grafen ragen, bis zur Nase in 
die Decke gewickelt : ,,Ach, mein lieber Pfarrer, "flüster- 
te der Greis mit zitternder Stimme, „ich bin heute so 
schwach, ich kann nicht spielen, sondern werde trach- 
ten, zu schlafen, ich danke Ihnen, auf ein andermal." 
Der Mann Gottes kannte sein Beichtkind und konnte 
den wahren Zustand beurteilen; er grüßte und verließ 
das Zimmer. Aber kaum hatte er die Türe geschlossen, 
als das Schleifen der Pantoffeln sich vdederholte und 
einen Augenblick später der „Wind" zu pfeifen begann. 

l) Es befindet sich heute noch im Thürheimschen Schlosse Wein- 
berg in Oberösterreich. 

36 



Eine andere Manie dieses originellen Greises war, daß 
er bei seinen Spaziergängen nicht begleitet sein wollte. 
Sein Kammerdiener Constanz erfand alle möglichen 
Kriegslisten, um seinen Herrn nicht aus den Augen zu 
verlieren, was bei dessen hohem Alter unerläßlich war. 
Das Kleid, welches er bei diesen angeblich einsamen 
Promenaden trug, bewies seine Eigenart. Im Sommer 
einen grauseidenen Überrock, im Winter einen dunkel- 
grünen Zwilchmantel, der mit einem breiten Bande um 
die Hüften zusammengebunden war. Ein flaches Kissen, 
mit Damleder überzogen, war an zwei Knöpfen rück- 
wärts so befestigt, daß es den Körperteil verdeckte, der vor 
der Feuchtigkeit der Bänke oder Steine, wo sich der Graf 
niedersetzen würde, beschützt werden sollte. Sein Kopf 
war von einem breitkrämpigen Hut bedeckt, von dem 
ein Schleier rings um seine weißen Locken herabfiel und 
am Gürtel festgesteckt war, um ihn im Sommer vor den 
Mücken, im Winter aber vor den Schneeflocken zu be- 
wahren. Leichte oder gefütterte Stiefeln je nach der 
Jahreszeit und ein großer Stock mit goldenem Knopfe 
vervollständigten seine Ausrüstung. Zerbin, seine kleine 
Bracke, folgte ihm als Eskorte. 

Die ersten Jahre, die unserer Einwanderung nach 
Österreich folgten, waren für unsere Eltern und für uns 
in jeder Weise angenehm. Der Krieg von 1797 verdun- 
kelte wohl den politischen Horizont, näherte sich aber 
nicht genug unserem Schlupfwinkel, um unserer Ruhe 
gefährhch werden zu können. Der Friede von Campo- 
formio hatte die Fortschritte des Generals Bonaparte 
aufgehalten. 1795 hatten meine Eltern einen kurzen 
Sommeraufenthalt in Wien genommen, w-o mein Vater 
ein hübsches Haus in Hietzing, ,, Feistmühle" genannt, 
verkaufte. Er schenkte damals meiner Mutter mehrere 

37 



Diamantaigretten und ein achtreihlges Perlenkollier. 
Meine zwei älteren Schwestern waren von der Reise, 
während Josephine und ich allein in Schwertberg blie- 
ben und beinahe die ganze Zeit im Bette eines der Eltern 
verbrachten, das wir uns als Schiff dachten und aus dem 
man uns nur mit Mühe zu den Mahlzeiten und Prome- 
naden „auszuschiffen" vermochte. So sehr waren wir 
entschlossen, unsere Seereise erst mit der Rückkehr der 
Eltern zu beenden. 

Mein Großvater hatte seinem Sohn die Verwaltung 
seines Vermögens, wie es seine Frau ihm hinterlassen 
hatte, übergeben. Die mannigfachen Beschäftigungen, 
welche diese Übernahme im Gefolge hatten, entspra- 
chen so recht der geistigen Regsamkeit meines Vaters. 
Er war es, der den Park verschönerte, der die „Ferme" 
vergrößerte, der eine Brauerei^) errichtete, der den 
Drahtzug^) im schönen Aisttale erbaute und den Plan 
einer Holzschwemme auf der Aist faßte, ein immenses 
Unternehmen, das, als es fertig war, unzählige Pfunde 
Pulver gekostet hatte. 

Seine Tätigkeit beschränkte sich aber nicht nur auf 
sein persönliches Interesse; bald verdankte ihm der 
Markt eine Schule, ein Spital für die Greise und die Re- 
konstruktion der Kirche. Stinkende Sümpfe verpesteten 
die Luft über ein großes Terrain, zwei Meilen von 
Schwertberg entfernt. Ihre gefährlichen Ausdünstungen 
konnten uns zwar nicht erreichen, aber jeden Herbst 
stiegen aus ihnen bösartige bläuliche Nebel empor, die 
sich auf dem angrenzenden Lande verbreiteten und eine 

i) Eine herrschaftliche Bräuerei (an anderer Stelle) bestand seit 1482. 
Diese wurde aber wieder aufgelassen. 

2) Eine durch Wasserkraft betriebene Nägelfabrik, heute Pappen- 
deckelfabrik Merkens & Co. im Josefstale nächst Schwertberg. 

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große Zahl Todesopfer .verlangten. Durch die Nach- 
lässigkeit der Regierung wurden keinerlei Mittel ergrif- 
fen, um diesen Landstrich zu assanieren, unter dem 
Vorwande, daß man niemanden einem sicheren Tode 
aussetzen wolle. Mein Vater ermutigte die Leute, seine 
Geldopfer und sein eigenes Beispiel machten die Arbeiter 
beherzt. Er verbrachte viele Stunden in den Miasmen, 
um die Arbeiten zu leiten und das Vertrauen der Leute 
zu heben. Kanäle wurden gebaut, Bewässerungen ange- 
legt, der Lauf der Naarn reguliert, und in kurzer Zeit 
war dieser Landstrich gesund und blieb es bis heute i). 

Während dieses arbeitssame Leben die Gesundheit 
meines Vaters und seine Laune erschöpfte, ging unsere 
Erziehung unter der Leitung Mamas und eines franzö- 
sischen Abbes, den man von Wien hatte kommen lassen, 
ihren ruhigen Lauf. Er war geistreich, guter Gesellschaf- 
ter, sehr belesen und dichtete schöne und oft ein wenig 
profane Verse. Er hieß Abbe Huilin. Leider war seine 
Laune nicht auf gleicher Stufe, wie sein Geist. Ein 
Brustleiden, dem er nach wenigen Jahren erlag, gab ihm 
misantropische Anwandlungen. Krittlich und mürrisch 
geworden, war es schwer, mit ihm auszukommen, und 
wir Kinder litten oft darunter. 

Die Stille der ersten Jahre unterbrach ein trauriges 
Ereignis, das besonders meine Mutter sehr angriff. Zwei 
Jahre nach ihrer Ankunft in Schwertberg wurde sie guter 
Hoffnung, und mein Vater brachte sie nach Wien, wo 
sie einem Mädchen das Leben gab, das Marianne ge- 
tauft wurde, aber wenige Monate später in Schwertberg 
starb. Wir hatten die Eltern nach Wien begleitet, ich 

i) Gemeint sind der ca. 6 km lange Naarnkanal im Bezirke Perg, der 
diesem Flusse eine günstigere Richtung gab und das sogenannte 
Machland entsumpfte, und viele kleinere Drainagekanäle. 

39 



habe aber nur wenige Erinnerungen an diesen Aufent- 
halt. Ich weiß nur, daß wir am Stockimeisenplatze wohn- 
ten, daß ich sehr unartig war und man mich öfters schlug. 
Während des Wochenbettes meiner Mutter schickte 
man uns jeden Morgen mit der Gouvernante in ein 
Haus nahe von uns in der Kärtnerstraße. Dort bekamen 
wir deutsche Schreibstunden, die ich ebenso wie unsere 
Lehrer haßte. Dem Hause gegenüber wohnte eine sehr 
schöne Dame, ebenso mehrere hübsche Herren, die alle 
uns Kußhände herübersandten und selbst Bonbons. 
Dies war sehr unterhaltend, bis eines Tages weder die 
Dame, noch die Herren erschienen. Die Ursache lag in 
einem sehr tragischen Ereignisse, das eine der ersten Fa- 
milien des Landes betraf. Diese Dame, deren Name, 
glaube ich, Frau von Czernitschefj^) war, kokettierte 

i) Kleiner Irrtum der Verf. — Es handelte sich hier nicht um eine 
Frau Czernitscheff, sondern um die schöne Jüdin Fanny v. Arnstein 
(-er), geborene Itzig, die Tochter des reichen Berliner Hofbankiers 
Itzig. Sie wurde 1758 geboren und heiratete 1774 den Wiener Ban- 
kier Nathan Adam Arnsteiner (am Graben Nr. 1175), der 1795 ge- 
adelt und 1798 baronisiert wurde. Sie ist die Stammutter der Grafen 
Fries und der Barons Pereira- Arnstein. — Das obige Duell spielte sich 
beiläufig folgendermaßen ab: Karl Prinz v. Liechtenstein (1765 bis 
24. 12. 1795), der Liebling Kaiser Leopolds IL und ein sehr schöner 
Mann, verkehrte viel im geistreichen Zirkel des Hauses Arnstein und 
verliebte sich in die schöne Fanny, welche Liebe auch erwidert wurde. 
Dort traf er 1795 den Osnabrücker Domherr Baron Weichs, der die 
Frau Arnstein in die italienische Oper begleitete. Liechtenstein 
suchte ihn wegzudrängen, es kam zu einem heftigen Wortwechsel, 
und Weichs gab dem Prinzen eine Maulschelle. Obwohl der Dom- 
herr, der ein vorzüglicher Fechter und ein unerschrockener Jäger 
war, sich gewiß nicht fürchtete, suchte er doch eine Versöhnung her- 
beizuführen, die auch gelungen wäre, wenn nicht der Bruder des 
Prinzen, der Salzburger Domherr Moriz Liechtenstein (1767 — 1842), 
ein leichtsinniger und unvorsichtiger Mensch, Karl riet, den Weichs 
zum Frühstück beim Grafen Rosenberg einzuladen. Alle fanden 
sich ein und wurden dort Erklärungen abgegeben. Moriz drang 
durchaus auf ein Duell. Weichs schlug Pistolen vor, da er im Fechten 

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zugleich mit dem Baron Weichs und dem Prinzen Karl 
Liechtenstein. Man dachte auch, nicht fehlzugehen, 
wenn man glaubte, daß der Bruder des letzteren, der 
Prinz Wenzel Liechtenstein, der ein ,,grand rhauvais su- 
jet" war und den man wegen seines häßlichen Äußern 
„l'Abbe Monstre" nannte, die Gunstbezeugungen der 
schönen Czernitscheff mit den anderen teilte. Eines Ta- 
ges begegneten sich die beiden ersten Rivalen bei dem 
Dritten. Eine Äußerung des Baron Weichs über ihre ge- 
meinsame Armida ärgerten den Prinzen Karl. Er zog 
den Degen und sein Bruder soll seine Erregtheit keines- 

überlegen sei. Man war schon fast auf dem Punkte angelangt, daß 
ein Duell hätte vermieden werden können, als Moriz und Rosenberg 
auf einem augenblicklichen Duell bestanden. Weichs befand sich in 
nicht geringer Verlegenheit: Er hielt den Ort nicht für geeignet und 
Rosenberg, der sich ihm als Sekundant antrug, war ein naher Ver- 
wandter seines Gegners. Das Duell fand aber trotzdem im Zimmer 
statt. Das Licht wurde geteilt, und die Sekundanten stellten sich an 
die Seite der Fechtenden. Karl Liechtenstein drang mit Ungestüm 
auf Weichs ein, dieser parierte besonnen und fügte seinem Gegner 
eine leichte Armwunde zu. ,,Das ist nichts," riefen die Sekundanten 
und forderten gegen die Duellregeln einen zweiten Gang. Bei dem 
zweiten Stoß des Prinzen, Quart über dem Arme, parierte der Dom- 
herr mit Terz und durchbohrte die Lunge Liechtensteins. Man trug 
den schwer Verletzten zu seiner Gattin (Maria Anna Josefine geb. 
Gräfin Khevenhüller), die furchtbar erschrak. Sie liebte ihren Ge- 
mahl, trotzdem sie von ihm vernachlässigt wurde. Einige Tage dar- 
auf (24. 12. 1795) verschied dieser. Weichs bekam 2 Jahre Festung 
und verlor seine Dompräbende, Rosenberg erhielt ein halbes Jahr 
Haft, und Wenzel, der Urheber, wurde auf i Jahr nach Graz ver- 
bannt. Die Arnstein soll seither stets am Jahrestage dieses unglück- 
lichen Duells sich in Trauerkleidern in ihr Zimmer verschlossen 
haben. (Nach Handzeichnungen a. d. Kreise d. höheren polit. u. 
gesellschftl. Lebens, 18 16, p. 93 ff. , Wurzbach, biograf. Lexikon Bd. 15, 
S. 130, wo auch Quelle genannt und Varnhagen von Ense, Denk- 
würdigkeiten, Brockhaus 1843, H. Bd., 2. Teil, S. 173 ff. und IV. Bd., 
I. Teil, S. 407 ff.) — Die vorstehende Schilderung dürfte darin un- 
recht haben, daß sie den Prinzen Moriz zum Domherrn macht, der in- 
dessen verheiratet war, sicherlich hat die Graf inThürheim recht, wenn 
sie Wenzel Liechtenstein als Sekundanten nennt, der Malteser war. 

41 



wegs zu besänftigen gesucht haben. Weichs zog ebenfalls 
blank. Ohne Sekundanten, ohne Beachtung irgendeiner 
Duellregel stießen die beiden Rivalen in einem Zimmer 
von vielleicht zwölf Fuß Länge und das so niedrig war, 
daß die Degen den Plafond berührten, wütend aufein- 
ander los. Weichs durchbohrte den Körper des Prinzen, 
der in wenigen Stunden eine Leiche war. Er hinterließ 
eine untröstliche Witwe und zwei kleine Söhne ^) . Weichs 
entfloh und wurde auf immer aus den kaiserlichen Staa- 
ten verbannt, Wenzel Liechtenstein wurde ebenfalls aus 
Wien entfernt, aber nachdem er seine Reue bewiesen 
hatte, wieder in Gnaden aufgenommen. Er verließ sei- 
nen Orden, wurde Malteserritter und starb letzthin als 
österreichischer Feldmarschalleutnant. Er besaß das 
Kreuz des Maria Theresienordens, und trotz des wenig 
empfehlenswerten Anfanges seiner Karriere, trotz seines 
Renomees eines Roues, starb er doch, von seinen Freun- 
den und von vielen anderen beweint als guter Christ im 
Alter von 82 Jahren. Seine alte Maitresse war es, die ihn 
bekehrte. In seiner Originalität fragte er einst seinen 
Cousin : „Hast du lange nicht mehr gebeichtet ? Glaube 
mir, beichte, es ist dies ein Hochgenuß." 

Ich bin wieder einmal von meiner einfachen Erzäh- 
lung weit abgewichen. Der Tod meiner kleinen Schwe- 
ster Marianne war dennoch mit einem Tröste für meine 
Mutter verbunden. Im gleichen Jahre fand sich eine ihrer 
Schwestern, meine Ta.nte Jeanette Trips^) in Schwert- 
berg ein, und mein Vater wollte, daß sie ganz bei uns 
bleibe. So vermehrte sich unsere Kolonie wieder um 

i) Sie war eine geb. Khevenhüller \ ein Sohn starb frühe, der ande e, 
Prinz Karl, ist der jetzige Chef der jüngeren Linie der Familie. 

(Notiz d. Verf.) 
2) Jeanette Gräfin Trips, Schwester von Lulus Mutter, Stiftsdame 
zu Nivelles, gestorben 1797. 

42 



eine Person, abgesehen von der dicken Mlle. Marchand, 
der Kammerjungfer meiner Tante, und ihren beiden 
Hunden Galaor und Mirza, die sie immer unter den Ar- 
men hielt, denn sie bissen manchmal die Anwesenden 
in die Beine. Die Gastfreundschaft meines Vaters be- 
schränkte sich nicht allein auf die Familie, sie war ge- 
radezu unerschöpflich. So beherbergte er mehr oder 
minder lange verschiedene emigrierte Familien : die des 
Marquis von Beaufort'^), bestehend aus ihm, seiner Frau, 
zwei Söhnen, einem Mädchen, das noch in der Wiege 
lag, und aus seinem Bruder, dem Vicomte de Beaufort. 
Dann war es die Familie des Baron Mandell mit seiner 
Frau, seinem Schwager, dem Grafen Stefan Ficquelmont 
und seinen zwei Söhnen. Jakob Ficquelmont kam auch 
manchmal nach Schwertberg, namenthch von meiner 
Tante Thürheim sehr warm empfangen; er war öster- 
reichischer Hauptmann und bekam in diesen Kriegs- 
jahren nur wenig Urlaub. Öfter kam der Bruder meiner 
Cousine Hager, der Baron Franz Hager, Kreiskommissär 
in Niederösterreich; er verkehrte sehr gerne in unserer 
Familie, die ihm später noch teurer werden sollte. 

Ich erinnere mich auch eines längeren Aufenthaltes 
der Prinzessin Lichnowsky, geb. Gräfin Thun, einer 
Freundin meiner Tante Türheim. Sie fand auf Einla- 
dung meines Vaters in Schwertberg durch einen sechs- 
wöchentlichen Sejour die ersehnte Erholung von einem 
Brustleiden. 

Eine große Anzahl Emigrierter konnte nicht genug 
des Lobes über die Gastfreundschaft und die Wohltaten 

i) Friedrich Gf. Beaufort -^pontin, gest. 1817, 1803 in den n. ö. 
Herrenstand aufgenommen, bewohnte lange das Schloß Hartheim 
bei Eferding, das den Thürheims gehörte und 1799 an den Fürsten 
Starhemberg verkauft wurde. Heute ist es Irrenanstalt. 

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finden, welche ihnen mein Vater gewährte. Mehrere 
Geisthche, verschiedene Edelleute aus Frankreich ver- 
Heßen das Schloß mit Geschenken und Geldspenden 
reichlich bedacht . Einiger Namen erinnere ich mich noch, 
so eines Grafen Des Essarts, eines M. d'Jldegonde; der 
erstere kam zu Fuß und ohne einen Sou in der Tasche 
zu uns. Wie viele solcher Emigrierter liefen zu dieser 
Zeit in Deutschland, England und Österreich herum 
und empfingen auf diskrete Weise Unterstützungen und 
wie wenige haben sich später, als sie zu Wohlstand ka- 
men, ihrer Wohltäter erinnert ! 

Unter denjenigen Familien, deren Andenken nicht 
von dem Bleigewicht der Dankbarkeit getrübt ist, ver- 
dient die des Baron Mandell ^) ein Blatt in diesen Annalen. 
Zwei Generationen waren sich in aufrichtiger Freund- 
schaft zugetan und Baron Louis, der einzige noch übrig- 
gebliebene, ist heute noch der beste und älteste unserer 
Freunde. Sein Vater war Oberst im Regiment Royal- 
Allemand in Frankreich, verlor beinahe sein Leben bei 
der Verteidigung des unglücklichen Königs Ludwig 
XVL und mußte sich dann aus seiner Heimat flüchten. 
Er trat in österreichische Dienste und erlangte bald sei- 
nen alten Rang. Seine Besoldung reichte jedoch für den 
Unterhalt seiner Frau, seiner zwei Söhne und des Gra- 
fen Stefan Ficquelvio7it^), welch' letzterer damals noch 
nicht Jägerleutnant geworden war, kaum aus. Mein Va- 

i) Über die Familie Mandell siehe p. igsff- 

2) Die 3 Brüder Grafen Ficquelmont waren: i. Joseph ya^oi, geb. 
1755 zu St. Avold, gest. 17.4. 1799 zu Verona als Major und M. 
Th. O. R. im Inft. Regt. Klebeck Nr. 14 an den Folgen einer am 
5. 4. bei Magnano erhaltenen Wunde. 2. Stephan, geb. ca. 1760 zu 
St. Avold, gest. ledig als Infanterie-Hauptmann am 9. 4. 18 16 in 
Preßburg (.'). 3. Karl Ludwig, geb. 23. 3. 1777 zu Dieuze (Lothr.), 
G. d. K., Geh. Rat, Staats- und Konferenzminister, gest. 6. 9. 1857 
zu Venedig. 

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Abt Fromwald von Waldhausen (1722 — 1796) 



Nach einem Gipsrelief im Besitze 
der Familie des Herausgebers 



ter suchte daher durch sein Vermögen und seinen Ein- 
fluß das Elend zu mildern. Öfters während der Feldzüge 
nahm er die Familie Mandell bei sich auf, und von da 
datiert unsere innige Freundschaft. Später wollte die 
Baronin ein hübsches Haus in Schwertberg bewohnen, 
ich weiß nicht, ob dies noch zu Lebzeiten ihres Mannes 
geschah, der 1 8oi als General an den späteren Folgen eines 
Steinwurfes bei Verteidigung der Tuilerien starb. Ich er- 
innere mich, daß die beiden jungen Mandells mit uns 
Stunden nahmen,daßLouis eine sehr hübscheHandschrift 
hatte und es ihm gelang, die unsere nachzumachen, um 
uns die Aufgaben abzunehmen, daß er mit 13 Jahren als 
Kadett den Krieg mitmachte und ein Jahr darauf ver- 
wundet wurde. Karl hingegen blieb bei uns und half uns, 
dem Lehrer Trautmarin allerlei Possen zu spielen. Er 
wurde später Offizier. Die alte Baronin Mandell eta- 
blierte sich in Wien, wo sie mit der bescheidenen Gene- 
ralswitwenpension lebte. Sie wurde dann Aja bei den 
Töchtern der Königin Karoline von Neapel. Von dieser 
Epoche an lebte sie in angesehener und bequemer Stel- 
lung am Hofe zu Neapel und bekam später eine bedeu- 
tende Pension und eine schöne Anzahl Diamanten. Sie 
lebte bis zu ihrem Tode auf einem Landgut in Steier- 
mark und ihre Söhne machten gute Heiraten. 

Der Graf Jakob Ficquelmont, Bruder der Baronin Man- 
dell, stand lange vor der Revolution bereits in österrei- 
chischen Diensten. Gelegentlich eines Aufenthaltes in 
Nivelles hatte er sich in meine Tante Thürheim verliebt, 
welche Neigung auch erwidert wurde. Während der 
kurzen Pausen, die das Ringen zwischen Österreich und 
Frankreich den Offizieren übrigließ, eilte Ficquelmont 
immer nach Nivelles. Wie liebten wir ihn alle, seine An- 
kunft war immer ein Fest, namentlich auch für uns Kin- 

45 



der, denn er war ungemein heiter. Josefine, deren Paten 
er und Tante Therese waren, galt als sein Liebling, Er 
nannte sie „ma petite femme" und hatte ihr für den 
Hochzeitstag lo ooo Ellen rotes Band versprochen. Ohne 
den Geschmack Fifines zu teilen, ihren Taufpaten und 
seine Bänder heiraten zu wollen, stand ich doch in seiner 
Gunst sehr obenan. Wir machten gemeinsame Speku- 
lationen mit dem i Fl. 24 Kr., den ich besaß und dem, 
was er dazulegte; er proponierte mir, damit ein unga- 
risches Gut zu kaufen, das er Tropeltrof nannte. Er hieß 
mich Briefe an meinen Intendanten schreiben, und, 
wenn er die angeblich erhaltenen Antworten vorlas, bog 
sich alles vor Lachen. Ich fühlte mich dann gekränkt, 
denn ich glaubte an das Gut felsenfest. Als mir eines 
Tages Meretout eingestand, daß die ganze Sache nur 
eine Komödie sei, fühlte ich einen niederschmetternden 
Kummer. Es scheint mir, daß die Erwerbung eines 
Landsitzes bis heute meine „idee fixe" geblieben ist, 
denn ich beschäftige mich jetzt noch mit dieser Absicht 
und mußte mehr als eines meiner Luftschlösser seit Tro- 
peltrof seligen Angedenkens in Staub zerrinnen sehen. 
Wenn die Sorgen und die schwache Gesundheit die 
Laune meines Vaters nicht verbitterten, konnte er lustig 
sein und an unseren Unterhaltungen selbst teilnehmen. 
Besonders Minerl Hager vermochte es, ihn aus seinem 
trüben Sinnen zu reißen und tat ihm allerlei Schaber- 
nack an. Wenn er an unseren Spielen teilnahm, machte 
er uns mehr Angst, als Freude. Wir hatten eben schon 
die Erfahrung gemacht, daß es nicht gut sei, mit Re- 
spektspersonen zu spielen. An Tagen, da sie gut aufge- 
legt sind, ist es ganz lustig, dann kommt aber der Sturm 
und bohrt das lebensfrohe Schifflein in den Grund. 
Mein revolutionärer Geist wollte erst spät sich zur Ehr- 

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furcht vor Autoritäten bequemen. So vergaß ich mich 
sogar einmal dem guten Großvater gegenüber. Ich 
hebte nämhch von jeher die Tiere, Großpapa auch, doch 
scheint es mir mehr die Hunde, als die Hasen. So ließ er 
einmal zwei arme Hasen einfangen, um seinem Hund 
Zerbin das Vergnügen einer Jagd zu machen. Die ganze 
Familie war eingeladen. Das Hoftor wurde geschlossen, 
dann ließ man die Tiere eines nach dem anderen aus. 
Zerbin stößt ein teufelisches Gebell aus, die Hasen 
springen in ihrer Verzweiflung wie Besessene herum 
und die Zuschauer leiden alle unter diesem grausamen 
Schauspiel. Nur der Jäger selbst ruft aus Leibeskräften: 
„Bravo Zerbin, sus, sus !" Beinahe ebenso verzweifelt, wie 
die Hasen, konnte ich nicht mehr an mich halten, ich 
stürze auf ihn zu und schreie ihn an : „Böser Großpapa !" 
Glückhcherweise war er stocktaub und hörte meine 
Worte nicht; ebenso wollte es das Glück, daß Großpapa 
die Jagd am nächsten Tage zu wiederholen vorhatte und 
daher die Hasen wieder einsperren ließ. In der Nacht 
setzte sie aber meine Mutter in Freiheit. 

Ein Vergnügen meiner Jugend ist meinem Gedächt- 
nisse treugeblieben, es ist das Erntefest, eine Feierhch- 
keit, die sich seither verloren hat, weil die Dorfbewoh- 
ner sich von diesem Servitut loskauften. Das Fest war 
ganz patriarchalisch und feudal, ich möchte fast sagen, 
bibhschen Charakters, da die Geschichte von Ruth es 
bereits erwähnt. Wenn das Korn der Frohnherren auf 
den Feldern gelb wurde, hatten die Ortsbewohner die 
Pfhcht, es in die Scheuern zu bringen. Die reicheren 
schickten nur ihre Knechte, wenn es sich um ein ent- 
legeneres Feld ihrer Herrschaft handelte. Kamen aber 
dann die Felder um den Park daran, so fanden sich auch 
jene samt Frau und Kind ein. Bei Morgengrauen weckte 

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der Ton der Querpfeife und der Trommel die Bewohner 
auf und rief alt und jung zur Arbeit. Die Mädchen und 
Burschen, gefolgt von den gewichtigeren Personen, dem 
Pfleger und dem Pfarrer, begaben sich auf die Felder, 
wo der Obermeier ihnen die Plätze zuwies. Ein ohren- 
betäubendes Pfeifen, wohltätig gedämpft durch den 
Wirbel der Trommel, begleitete die Arbeit. An diesem 
Tage hatten wir Kinder frei, um gleich den anderen ern- 
ten zu helfen. Das war eine Freude! Gegen 1 1 Uhr vor- 
mittags brachten der Großknecht und seine Leute in 
Körben, die mit weißen Servietten zugedeckt waren, 
eine reichliche Jause (Fleisch und Brot), das Bier floß un- 
aufhörlich und die Heiterkeit wuchs bis zum Sonnen- 
untergang, da der ganze Trupp vor das Schloß ging. 
Dort erwartete die Schnitter ein gutes Abendessen im 
Grünen, woran sich ein Tanz auf dem Gras anschloß. 
Wir Jungen tanzten von ganzem Herzen mit vielleicht 
der Hälfte der Anwesenden. Dieses Fest dauerte gewöhn- 
lich drei Tage, je nach der Größe der Felder und diente 
dazu, mehr den Schloßherrn populär zu machen, als 
ihm den Lohn für die Arbeit zu ersparen, denn die Er- 
nährung fast des ganzen Marktes kostete mindestens 
doppelt so viel. Wenn dann mein Vater, von uns um- 
geben, am Abend herunterkam, wenn er mit den Arbei- 
tern wohlwollend sprach, wenn er die älteren Leute um 
ihre Angelegenheiten ausfragte, wenn die Gräfin ihre 
Börse öffnete und sie und wir Kinder die armen Knaben 
und Mädchen beschenkten und ihnen Bier und Brot 
brachten, — da wurde kein Wort des Unwillens über die 
Frohnarbeit laut, sondern alles lobte und segnete den 
Frohnherrn. Meine Eltern waren denn auch von der 
ganzen Bevölkerung nach Verdienst geliebt. Ihre Wohl- 
tätigkeit schloß selbst die Undankbaren nicht aus und 

48 



oft waren wir es, die ihre Gaben austeilen mußten. So 
lernten wir von Kindheit an die Hütte der Armen ken- 
nen, ein wirklich rührender undgroßsinniger Unterricht. 
Ich erinnere mich, wie während einer Hungersnot Papa 
uns mehrere Wochen hindurch Brotlaibe an alle aus- 
teilen Heß, die ein Billett des Pfarrers vorzeigen konnten, 
das ihre Bedürftigkeit beglaubigte. 

Die Feudalität hat etwas Rührendes, wenn der Guts- 
herr sie so väterlich ausübt; sie wird die irdische Vor- 
sehung für die Untertanen. Ebenso gut, wie man sagt: 
Ein guter Fürst ist die beste Konstitution, so könnte 
man sagen: Die Knechtschaft ist der mildeste Zustand 
unter wohltätigen Herren. In Wahrheit, wären die 
Menschen alle gut, so ginge auch alles vortrefflich; aber 
eben, weil sie es nicht sind, müssen gerechte und feste 
Schranken die Rechte jedes einzelnen beschützen. 

Wir spielten oft ,^les petites Dames^^, ein Spiel, das 
mein Vater besonders protegierte. Es waren dies Fami- 
lien von aus Karten ausgeschnittenen Figuren, denen 
wir auf ziemlich sinnreiche Weise Häuser, Wohnungen, 
Möbel, Kleider und Schhtten verfertigten. Jeder von uns 
hatte seine Familie und je nach der natürUchen Abnüt- 
zung besaßen wir junge und ältere Generationen. Ein 
großer Mops meiner Mutter, Favori genannt, war der 
persönliche Feind dieser kleinen Leute und der „Gar- 
gantua"^) dieser Liliputaner. Eines Tages ertappte man 
ihn, einen jungen Prinzen auffressend, der auf seinem 
Pferde „Pik-Ass" in eine Fußbodenspalte gerutscht war, 
um sich zu einer schönen Prinzessin zu begeben, die ein 
Schloß unter dem Kamin bewohnte. Dieses Ereignis 
kostete uns viele Tränen und am gleichen Abende sollte 

i) Gargantua, Titel und Hauptperson eines Werkes von Rabelais, be- 
zeichnet so viel wie unser ,, Wehrwolf". 



4 M. L. I 



49 



der dicke Mops dem Gott Pan beim Mondenschein auf- 
geopfert werden. Die Statue des heiligen Raimund im 
Vorhofe des Schlosses diente uns profanen Wesen als 
Verkörperung des heidnischen Gottes der Felder und 
Favori wurde zu seinen Füßen geopfert. Es ist wohl un- 
nötig, zu sagen, daß dieser sich umso besser fühlte und 
daß nur unsere Fantasie die Kosten der Handlung tra- 
gen mußte. 

Wenn mein Vater zu diesen Spielen, die er für sehr ge- 
eignet hielt, unsere Intelligenz zu wecken, lächelte, so 
untersagte er strenge das Puppenspiel. „Diese abge- 
schmackte Unterhaltung", sagte er, „macht die kleinen 
Mädchen nur dumm und dient allein dazu, um ihnen 
Lust nach Toiletten zu geben." Er hatte so unrecht 
nicht. 

Der Namenstag meines Vaters, der, solange er unter 
uns weilte, auch der Großpapas war, wurde durch Über- 
raschungen (surprises) gefeiert, bei denen wir die han- 
delnden Personen waren. Oftmals mußte ich dabei 
Komödie spielen. Ich erinnere mich an die ,,Gla- 
neuse", an die ,, Roncia", den „Pagen", worin ich die 
Rolle eines bösen Menschen in grüner Uniform und 
weiß gepuderten, zu einem enormen Schöpfe aufge- 
kräuselten Haaren spielen mußte. An diesem Abend 
sang ich 22 deutsche Couplets, indem ich wie ein Pan- 
ther in seinem Käfig auf der Bühne immer auf und ab- 
ging. Des einen Gesanges erinnere ich mich zum ersten 
Male seit 45 Jahren, er lautete: „Ich bin zwar noch ein 
junges Blut, das wenig Jahre zählet, doch hab' ich schon 
an deutschem Mut, was mir an Jahren fehlet." 

Der Marquis de Beaujort bildete sich ein, Theater- 
stücke par excellence dichten zu können. Wir mußten sie 
dann in Gemeinschaft mit seinen Söhnen aufführen. In 

50 



einem derselben gab er der Prinzessin Lichnowsky und an- 
deren Damen Rollen. ZumSchlusse desStückes schrie man 
„Feuer" und alle, auch wir, erschienen im Kaminkehrer- 
kostüm. Diese Lösung schien ihm ausnehmend glücklich. 
Bei anderen Gelegenheiten, namentlich am Festtage 
meiner Eltern, fand ein Ball statt ; mein Vater schmückte 
dann den Theatersaal eigenhändig mit Blätter- und Blu- 
mengirlanden. Diese Erinnerung hat in mir die eigen- 
tümliche Vorliebe für den Geruch verdorrter Blätter 
erhalten; sie entrollen mir immer ein schmerzlich ver- 
mißtes Bild meiner Jugend. Die Überbleibsel dieser 
Feste benutzten wir, um damit nach unserer Art an- 
deren Leuten eine Freude zu bereiten. Es wurden fast 
immer Ballette aufgeführt, worin Titine die Hirtin, ich 
den Hirten und Isabella die Fee darstellten, letztere, 
weil sie den ,,pas de basque" allein tanzen konnte. Nach 
solchen Vorstellungen war es meine größte Freude, in 
meinen Knabenkleidern im Markte spazieren zu gehen. 
Das Erstaunen der guten Bevölkerung machte mich un- 
aussprechlich glücklich. Dann ließ ich mir zum hundert- 
sten Male die Geschichte vom Chevalier d'Eon'^) durch 
Mlle. Tisserant erzählen. Wie beneidete ich diesen Hel- 
den ! Josefine liebte mehr die Geschichte vom heiligen 
Nepomuk, die sie sich immer wieder erzählen ließ, wenn 
sie an seiner Statue bei der Ortsbrücke vorüberkam. Da- 
her stammt wohl auch ihre Vorliebe für die Märt^'rer! 
Diese Details sind vielleicht sehr kindlich und nichts- 
sagend, nicht wahr ? Aber ich liebe sie, ich lebe in ihnen 
wieder auf. Ich woUte ihnen ein Obdach geben, wie den 

i) Der Chevalier d'Eon hieß Charles Eon de Beaumont (1728 — 1810) 
und war der bekannte geheime Korrespondent Ludwig XV., der 
seine abenteuerliche Rolle meist in Frauenkleidern durchführte. Er 
starb schließlich in dürftigen Verhältnissen als Emigrant in London. 
(Vgl. Brockhaus, Konversat. Lexikon, 1819, Bd. III, p. 467ff.) 

51 



Trümmern aus einem Schiffsbruch, die man ans Land 
zieht, um sie vor dem Untergange zu retten. 

Das Jahr 1797 stand im Zeichen des Friedens von 
Camfoformio und der Impfung, soweit es unsere Familie 
betraf. Meine Eltern reisten nämlich nach St. Veit bei 
Wien, wo sie im Palais des Kardinals Gvaien Mtgazzi^), 
das dieser ihnen zur Verfügung gestellt hatte, wohnten. 
Hier sollten mein Bruder und meine Schwester Josephine 
geimpft werden. Dieses Präservativ gegen die fürchter- 
liche Krankheit der Pocken war damals noch nicht all- 
gemein bekannt und die Infektion machte daher immer 
noch erschreckende Fortschritte. Um die Bösartigkeit 
dieser Landplage zu schwächen, hatte man kein anderes 
Mittel, als die Krankheit in möglichst zartem Alter ein- 
zuimpfen, in einem Alter, wo sie sozusagen noch keine 
Keime vorfinden konnte. Dieses gefährliche Palliativ 
war von Konstantinopel durch die Lady Montague^) zu 
uns gebracht worden. Meine älteren Schwestern und 
ich wurden fast noch in der Wiege ohne Schaden ge- 
impft. Mein Bruder aber war vier, Josefine sieben Jahre 
alt, als die Eltern sich entschlossen, sie den Gefahren 
einer Impfung zu unterziehen, um eine noch größere zu 
vermeiden. Welche Kämpfe und Herzbeklemmung 
mußte diese Entscheidung einer Mutter verursachen! 

i) Der bekannte Wiener Kardinal Graf Migaxzi war der Onkel des 
Grafen Christof Migazzi, der 1786 die Tochter Maria Aloisia des 
oberösterreichischen Landeshauptmanns ChristofWilhelmThürheim 
heiratete. Durch ein bizarres Zusammentreffen der Umstände waren 
Maria Aloisia und Christof Migazzi Gatten und gleichzeitig Stief- 
geschwister geworden. Der Landeshauptmann hatte nämlich 1771 
in 2. Ehe die Gräfin Marianne Künigl, verwitwete Gräfin Migazzi, 
geheiratet, die aus ihrer 1. Ehe den obigen Christof mitbrachte. 
2) Lady Marie Montague (1690 — 1762), die Gattin des englischen 
Gesandten in Konstantinopel Eduard Wortley Montague Esq., führte 
1718 die bei den Türken gesehene Blatternimpfung ein. 

52 



Angesichts der frischen und rosigen Wangen des ge- 
hebten Kindes sollte sie ein Urteil aussprechen, ein Gift 
in die Adern ihres Liebhnges gießen lassen, das ihm 
viele Schmerzen verursachen und ihm vielleicht die 
Schönheit oder auch das Leben kosten sollte. Und 
wenn der Tod wirklich käme, sollte sie die blassen, ver- 
unstalteten Wangen, die erloschenen Augen ansehen, die 
schmerzlich lächelnd um das Leben bitten ? Welche 
Qual für das Mutterherz! Tausendfach sei der Mann 
gesegnet, der die armen Eltern von dieser Prüfung er- 
lösen will. Und dennoch ist der Name dieses Retters un- 
bekannt gebheben ^). Meine Mutter mußte den Kelch 
fast bis zur Neige trinken, doch Gott gab ihr endlich 
das Leben ihres Kindes zweifach zurück. Eines Tages 
ging bei meiner kleinen Schwester der Ausschlag zurück; 
schon verlor sie das Bewußtsein, schon ergriffen die blei- 
farbigen Todesschatten ihre kleinen Glieder, und meine 
arme Mutter war allein bei der Sterbenden. Der Arzt 
hatte sie verlassen und mein Vater durchhef die Straßen, 
um ihn zu suchen. Ohne irdische Hilfe nahm sie ihre Zu- 
flucht zu demjenigen, der sie niemals verlassen, sie flehte 
zum Himmel, und wie von ihm inspiriert, Heß sie das 
Kind einige Hoffmannsche Tropfen mit Wasser schluk- 
ken. Die Sterbende öffnet die Augen, ihre Wangen rö- 
ten sich, der Ausschlag erscheint auf allen Seiten — sie 
ist gerettet. Als mein Vater mit dem Doktor erscheint, 
ist die Gefahr vorüber. Mein Bruder hatte nicht so viel 
zu leiden gehabt und verdankte aber auch seine Gesund- 
heit der unermüdlichen Pflege der Eltern. 

i) Der Arzt Eduard ^exw^r (1749 — 1823) machte 1796 seine ersten 
Versuche mit der Kuhpockenimpfung. Bis dahin impfte man die 
menschlichen Blattern ein, was gefährliche Folgen hatte. Erst 1799 
wurde nach Jenners Methode zu impfen angefangen. 

53 



Meine lieben Geschwister wiederzusehen, bildete 
einen der schönsten Momente meines Lebens. Wir wa- 
ren ihnen nach Schloß Salaberg, das unserem Verwand- 
ten, Grafen Rudolf Salburg, gehörte, entgegengefahren. 
Als wir dort ankamen, zeigte mir im Hofe die große, 
blaue Berline, daß sie uns zuvorgekommen waren. Mit 
Herzklopfen die Stiege hinaufzulaufen, das Vorzimm.er 
zu durcheilen, ihre Schritte zu hören und mich in ihre 
Arme zu stürzen, ihre kurzgeschorenen Köpfe und roten 
Gesichter zu küssen, das sind Erinnerungen, die in mei- 
nem Herzen nicht verblassen werden. 

Doch wurden uns diese süßen Eindrücke wenige Tage 
später durch die üble Laune meines Vaters verdorben. 
Wir hatten nämlich zur Feier des Ereignisses eine Über- 
raschung geplant. Ein im Park gefundenes Vogelnest 
hatte in uns die Idee wachgerufen, dort eine kleine 
Laube zu bauen und in ihre Zweige das Nest zu verber- 
gen, so daß, wenn die Kinder in das Gebüsch eintraten, 
sie das Vergnügen hätten, das Nest zu entdecken. Da 
dieses Unternehmen über unsere Kräfte ging, mußte 
uns der Hofgärtner die kleine Laube aus Haselstauden 
bauen. Er machte es, so gut er es konnte und versah 
sie außerdem noch mit zwei kleinen Bänken und einem 
kleinen Tische. Die Laube ist fertig, das Nest hinein- 
versteckt und wir zittern vor Freude. Das Geheimnis 
war bis zu unserer Rückkunft von Salaberg nach Schwert- 
berg gut bewahrt worden. Alles ist verabredet, zur 
Stunde der Promenade sollten Josef und Josefine zur 
Laube geführt werden und würden dort die Jause und 
das übrige finden. Aber der Zufall wollte es anders! We- 
nige Stunden vorher hören wir einen unheilverheißen- 
den Lärm; Papa hat das Nest als erster entdeckt, er ist 
wütend, er zankt, er will nicht haben, daß der Gärtner 

54 



ohne seine Erlaubnis Zweige aus dem Parke nehme. 
Einen Augenblick später prasselt das Ungewitter über 
unsere unschuldigen Köpfe und über den der armen 
Gouvernante, die diese Missetat erlaubt hatte. Statt der 
erwarteten Freude flössen nun unsere Tränen. Kinder 
zu strafen, die es nicht verdient haben, ist nicht allein 
eine Ungerechtigkeit, sondern auch ein großer Erzie- 
hungsfehler. Es verwischt ihre Ansichten über Gut und 
Böse, man zerstört in ihnen den Glauben an die Unfehl- 
barkeit der Autoritäten, man veranlaßt sie, ihre Fehler 
von neuem zu begehen, kurz, es ist die Fabel von dem 
bekehrten Wolf, der den Hirten ein Lamm braten sieht. 
Die Wunde, die eine erste Ungerechtigkeit dem Kinder- 
herzen schlägt, schließt sich nur mühsam und die Narbe 
bildet die erste Runzel, die nie vergeht. Der Zorn mei- 
nes Vaters bei dieser Gelegenheit war umso unzeitiger, 
als er gerade ein kindliches Gefühl verletzte, das ihn 
w^enige Tage früher selbst ergriffen hatte. Man versteht 
die Kinder oft nicht: ihre Seele ist schwer zu zerglie- 
dern. Oft geht bei ihnen eine schlechte Handlung aus 
einem guten Motive hervor. Die Lebenserfahrung, diese 
Grundlage der Erziehung, dient oft nur dazu, um das 
Kind irre zu führen, weil ihre Gesetze fast immer auf 
der Verderbtheit aufgebaut sind, während die für die 
Jugend auf der Unschuld basiert sein sollten. Das 
Schlechte, das man ihnen vor Augen hält, kennen sie ja 
gar nicht. So passierte mir einige Jahre später eine neue 
„Laubenaffaire". Mein Vater hatte in Wien eine Woh- 
nung bezogen. Ich machte mich nun daran, alles zu 
durchstöbern, um zu sehen, ob es auf seinem alten 
Platze sei. In einem Kabinett oder in der Garderobe be- 
fand sich ein Schrank, auf dem eine staubige Kiste lag. 
Ich kannte sie nicht und dachte, daß sie von den frühe- 

55 



ren Bewohnern vergessen worden. Ich stieg also mit Le- 
bensgefahr hinauf und brachte die Kiste glückhch auf 
die Erde. Als ich sie öffnete, fand ich darin Zwirnreste, 
in Papier eingewickelt, alte Brotstücke, Kerzenenden, 
Käse, Fetzen und in einer Ecke dieser merkwürdigen 
Kiste zwei goldene, in ein schmutziges Papier einge- 
wickelte Ohrringe. Jedenfalls hatten die früheren Mieter 
diese Schätze absichtlich als wertlos zurückgelassen, und 
die Ohrringe waren aus Versehen hineingekommen! 
Doch, wo sollte ich diese Leute auffinden, um ihnen 
diesen Schmuck, der keine 5 Fr. wert war, zu übergeben. 
Da kam mir die Idee, damit das Küchenmädchen zu be- 
schenken, und ohne viel nachzudenken, übergab ich ihr 
die Ohrringe. Große Dankszene ihrerseits, große Befrie- 
digung meinerseits. Einige Stunden später ließ mich 
mein Vater in sein Arbeitszimmer rufen. Ich fand darin 
auch meine Mutter, deren sonst so sanfte Züge sehr 
strenge aussahen. Eine Flut von Vorwürfen ergießt sich 
nun von beiden Seiten über mich: ,,Wie konnten Sie, 
Loulou, das vergessen, was Sie Gott und sich selbst 
schuldig sind. . . . Wissen Sie denn nicht mehr das sie- 
bente Gebot ? (In Wahrheit — ich erinnerte mich in 
diesem Augenblicke nicht daran). Eine infame Hand- 
lung zu begehen.. . !" — Ganz bestürzt und betroffen 
stieß ich hervor: ,,Ich weiß nicht, um was es sich han- 
delt." — „Was, Sie wollen noch leugnen? Alles ist ent- 
deckt, Sie haben gestohlen." — „Gestohlen", rief ich 
aufgebracht! Dann erzählte ich alles wahrheitsgetreu, 
aber man glaubte mir nicht und ich litt noch lange unter 
der Verachtung meiner Eltern, empört über den un- 
gerechten Verdacht. Die Kiste samt Inhalt gehörte 
einer anderen einfältigen Dienerin, die mich bei den 
Eltern anklagte. — Dieses Ereignis ließ in meinem 

56 



Herzen ein bitteres Gefühl zurück, das lange nicht 
verschwand. 

1797 verließ der Großvater Schwertberg, um sich in 
Wien zu etablieren. Dies war ein großer Schlag für un- 
sere Kinderfreuden, die er vor der Laune Papas be- 
schützt hatte, ein noch größeres Unglück aber für ihn 
selbst, denn er starb ein Jahr später. Man hatte näm- 
lich geglaubt, daß Großvater der täglichen Pflege eines 
Arztes bedürfe. Das war ganz irrig. Wenn man alte Leute 
aus dem gewohnten Milieu bringt, heißt das soviel, als 
ihnen den Lebensfaden abschneiden. Übrigens war mei- 
nem Großvater der Lebensfaden bereits durchschnitten 
worden, denn ein Band, das ihn an Schwertberg fesselte, 
hatte sich gelöst; der alte Prälat von Waldhausen war 
1796 gestorben. Großpapa beweinte ihn nicht so, wie 
man hätte vermuten können, aber 1Y2 Jahre danach 
starb er selbst. Auf diese Weise bezeugen oft alte Leute 
ihren tiefen, inneren Schmerz. Sie stehen eben denjeni- 
gen, die sie zu Grabe bringen, zeitlich so nahe, daß sie 
nicht weinen, sondern ihnen nachfolgen. Man nennt 
dies „L'insensibilite des vieilles gens". Ich kannte einen 
alten Grafen Lamberg, der seit 60 Jahren nichts teueres 
auf der Welt hatte, als einen gleich alten Abbe. Sie 
trennten sich keinen Tag. Der Abbe starb und densel- 
ben Abend verlangte der Graf, daß man ihn in das The- 
ater führe, um sich zerstreuen zu können. Bald darauf 
starb er. Papst Pius VII. folgte auf diese Weise sein 
Freund, der Kardinal Consalvi^), und diesem die Her- 
zogin von Devonshire nach, welch letztere beide verehrt 
hatte. Warum sollte man das Alter zur Äußerung 

1) VapstPiusVII. starb 1823, die Herzogin Elis. von Devonshire, die 
große römische Mäzenatin, 1824 und der Kardinal Herkules Con- 
salvi auch 1824. 

57 



schmerzlicher Gefühle zwingen; hat es nicht schon ge- 
nug an seinen eigenen Jahren zu tragen ? Wenn es seine 
Tränen nicht so wie wir fließen lassen kann, so hat dies 
seinen Grund darin, daß die alten Leute wissen, daß 
ihnen nicht die Zeit bleibt, sie zu trocknen. 

Mein Großvater wurde im Januar 1798 in der Schwert- 
berger Gruft beigesetzt, die ersieh 1777 erbaut und worin 
er zuerst seine Enkelin Marianne (1796), dann seinen 
Freund, den Prälaten (1796) und meine Tante Jeanette 
Tri-ps (lyg'j) zur Ruhe bestattet hatte. Es folgten ihm 
dann noch die Bonne Judit Marcottin (1824), meine 
Tante Therse Thürheim (1835) und mein Schwager An- 
dreas Fürst Rasumoffsky (1836)1). Gott segne ihre Asche! 

i) Später wurden hier u. a. noch bestattet: Constantine Fürstin Ra- 
sumoffsky-Thürheim (1867), die Gräfin Lulu selbst (1864) und end- 
lich ihre Erbin Baronin Therese Schmtcr-Thürhcim (1909). Auf dem 
schweren Granitgruftsteine stehen die lapidaren Worte: Staub — 
Aschen — und Nichts. — Gelegentlich des bevorstehenden Aus- 
baues der alten Pfarrkirche (nächst der Gruft) soll letztere restauriert 
oder verlegt werden. 



•MIIIMintlllltllMMITIIIttllM 



58 



2. JUGEND 

III. DIE ELTERN UND MEIN 
UNTERRICHT 

Der Tod meines Großvaters oder vielmehr seine 
Abreise nach Wien scheint mir der Schlußstein 
einer Epoche meines Lebens zu sein. Das Leben im 
Schlosse wurde eintöniger, der Kontakt zwischen mei- 
nem Vater und uns inniger. Was anderen Kindern aber 
eine Quelle der Freude gewesen wäre, wurde leider für 
uns ein Anlaß zu Furcht und Kummer. Damals fing 
Papa an, sich mit unserer Erziehung ernstlich zu be- 
fassen und sich selbst einzumischen. Damit war die Zeit 
der eigentlichen Jugend abgeschlossen, jener Zeit, die 
uns bei Anbruch des Lebens eine Feenwelt, frei von 
jeder Banalität, gezeigt hatte. Um unsere Ausbildung 
zu fördern, entschlossen sich die Eltern, die Winter in 
Wien zu verbringen. Dieser teure Aufenthalt zwang sie 
zu großen Opfern, und wenn er uns auch mit bisher 
unbekannten Vergnügungen bekannt machte, so waren 
doch auch neue Verlegenheiten in seinem Gefolge. Leh- 
rer aller Schattierungen bemächtigten sich nun unseres 
Daseins. Es war nicht mehr die sanfte Stimme unserer 
Mutter oder der „Meretout", die uns unterrichtete, die 
Strafen oder Belohnungen waren jetzt kein Ausfluß ihrer 
Zuneigung. „Mietlinge" waren unsere Lehrer, denen wir 
gleichgültig waren und die wir nicht hebten. Sie zankten, 
sie verklagten uns, oder, durch unser Naschwerk be- 

59 



stochen, drückten sie ein Auge über unsere Ungelehrig- 
keit und Faulheit zu und lobten uns unverdienterweise. 
Ohne die Strenge meines Vaters hätte mir der Unter- 
richt Interesse abgewonnen; ich zeigte ja Fähigkeiten 
und Fleiß. Aber die Einmengung Papas in die Lektionen 
war so gefürchtet, sein Zorn so schrecklich und oft so 
handgreiflich, daß er mir mehr oder weniger jeden Un- 
terricht verhaßt machte. Meine Lehrer teilten dieses 
Gefühl und das einzige Ziel dieser teuer bezahlten Leute 
war, dem Vater mit eingebildeten Fortschritten zu im- 
ponieren. So zeichnete mein Zeichenlehrer statt mir, 
der Klavierlehrer bearbeitete die Tasten, wenn er 
glaubte, daß Papa es von seinem Schreibzimmer aus 
hören könnte, um diesen glauben zu machen, ich stu- 
diere ein Musikstück. Gefürchtet war der Moment, 
wenn mein Vater, durch seine Musikwut herbeigezogen, 
den vergeblichen Übungen beiwohnte. Dann half der 
Betrug nicht mehr, und ich mußte, so gut es eben ging, 
das Unglücksstück herabhaspeln, wobei oft eine Ohr- 
feige die Mazurka unterbrach. Dennoch weiß ich nicht, 
welcher Stern mich beschützte; ich war vor diesen 
handgreiflichen Verweisen viel mehr gefeit als meine 
Schwestern. Ich hatte auch viel weniger die Peitsche 
verkostet als sie. Es ist allerdings wahr, daß ich mir in 
meinem ganzen Leben immer zu helfen wußte, beson- 
ders in solchen Augenblicken. Konstantine und Jose- 
phine hingegen verloren, wenn Papa seine Stimme nur 
erhob, schon vollständig den Kopf, antworteten ganz 
verkehrt, und wenn das Gewitter über meinem Haupt 
noch grollte, fiel schon der Blitz auf die beiden nieder. 
Dieser Schrecken, den mein Vater auf sie ausübte, hatte 
auch den schlechtesten Einfluß auf ihre geistige und 
physische Erziehung. Beide wurden ungemein nervös, 

60 




Graf Josef Wenzel Thürheim, Vater der Verfasserin (1749— iS 



Nach dem Original in der Ahnen- 
galerie im Schlosse Weinberg 



unschlüssig, furchtsam und verloren ihr Selbstvertrauen, 
was ihnen in ihrem ferneren Leben nur schadete. 

Ach, es ist mir sehr peinlich, von dem Übel zu spre- 
chen, das mein sonst so guter, so zärtlicher und groß- 
mütiger Vater seinen Kindern zufügte. Aber das Bei- 
spiel dieser von einer einzigen Schwäche befleckten, ed- 
len Natur ist zu bedeutend, um nicht erwähnt werden 
zu müssen. Möge es für die mir folgende Generation 
ein Vorbeugungsmittel sein und eine Erklärung von dem, 
was wir zu leiden hatten. Mit dem Herzen einer Frau, 
den Gefühlen eines Edelmannes, der Liebe und Selbst- 
verleugnung eines Christen, hatten in meinem Vater 
sein Temperament, die Unabhängigkeit in seiner Ju- 
gend und später seine Gesundheit eine Heftigkeit, eine 
Ungeduld in Kleinigkeiten, eine Neigung zu übler 
Laune ausgelöst, die sich mit dem Alter verschärfte und 
sein Leben und das Dasein seiner ihm so teuren Fa- 
milie verbitterte. Dieser Fehler raubte ihm unser kind- 
liches Vertrauen und das seiner Frau, es entfremdete 
ihm seine Freunde, erschreckte die Dienerschaft und 
verdarb ihm das Wohlwollen seiner Gönner und der- 
jenigen Leute, von denen sein Vermögen abhing. So 
gab er sich in die Hände von Spitzbuben, die ihren Vor- 
teil aus der Situation zu ziehen wußten. Und dennoch 
war mein Vater beliebt und glaubte es auch zu sein. 
Er hätte verehrt, verhätschelt sein können und dadurch 
einen Trost gegen das Ungemach gewonnen, das ihm 
seine Gesundheit oft verursachte. Niemand konnte so 
verführerisch liebenswürdig sein, als er, wenn er einem 
Freund einen Dienst erweisen wollte oder wenn er 
einem Armen begegnete, so konnte er alles tun. So hat 
auch uns oft ein liebes Wort von seiner Seite zu Tränen 
gerührt, und ein kleiner Vertrauensbeweis, ja selbst ein 

6i 



einfacher Auftrag, den er liebenswürdig erteilte, ver- 
setzte uns in Stolz und Freude. Wie glücklich wären 
wir erst gewesen, ihm unsere Liebe zeigen zu dürfen, 
die er nicht hätte zurückweisen können. Und erst meine 
Mutter! Welch reines Glück hätte er in ihrem vor- 
trefflichen Herzen gefunden, wenn es nicht durch die 
Angst vor seinem Wüten schon erstarrt wäre. 

Über alle Maßen furchtsam und sanft, fand meine 
Mutter in ihrer Weichheit nicht die genügende Energie, 
um den täglichen Anfällen seiner Laune und seines Jäh- 
zornes Widerstand leisten zu können ! Ihr leidenschafts- 
loser Charakter konnte niemals die gleiche Liebe hegen, 
wie es die stürmische ihres Gatten war. Ihre edlen 
Eigenschaften hatten ihr zwar eine tiefe und dankbare 
Achtung meinem Vater gegenüber eingeflößt, vielleicht 
auch etwas mehr. Als sie aber täglich für sich, ihre Kin- 
der und Leute zittern mußte, so erkalteten ihre Ge- 
fühle. Sie wußte noch, daß sie ihn liebe, aber sie fühlte 
es immer seltener. Wenn mein Vater manchmal sein 
Unrecht einsah, bestrebte er sich, ihr alles vergessen zu 
machen und überhäufte sie mit Zärtlichkeiten, zu denen 
sie aber nicht mehr die rechte Antwort fand. Es war zu 
spät. Von der Zeit an verstanden sie sich nicht mehr, 
und sie vermochte ihm kein Glück mehr zu geben. 

Die Tage, an welchem Papa seine Laune hatte und 
namentlich, wenn er Rhabarber genommen hatte, wa- 
ren für das Haus wahrhaft Tage des Schreckens. Da 
hieß es „sauve qui peut". Jeder vermied nach Möglich- 
keit, ihn zu sehen, und nur meine Mutter zog, um uns 
vor der Gefahr zu bewahren, das Ungewitter auf sich 
herab. Ihr Charakter schien eigens vom Himmel dazu 
geschaffen worden zu sein, um als Muster zu dienen. Ich 
bin nie mehr einer solchen Sanftmut, einer solchen Ge- 

62 



duld begegnet. Alle die Tugenden und Eigenschaften 
waren aber nicht nur natürliche Anlagen, sondern ihre 
innige Frömmigkeit hatte den Samen entfaltet und zur 
Blüte gebracht. Alles in ihr war Tugend, da alles der 
Liebe zu Gott und ihrem Nächsten entsprang. Ihre stets 
zum Himmel gekehrten Gedanken schöpften, selbst bei 
alltägHchen Beschäftigungen, in einer Art unaufhör- 
lichen Gebetes Kraft, Trost, Ermutigung und Hilfs- 
mittel 

Niemals wurde bei ihr eine Klage laut, höchstens 
konnte man ihr Stillschweigen als innerlichen Wehruf 
deuten, denn selbst die Tränen versiegten ihr vor Mit- 
leid, dem Nächsten gegenüber. Dagegen entging ihr 
kein fremder Kummer, und wenn sie die Ursache er- 
raten hatte, waren ihr keine Mühe, kein Opfer zu groß, 
um zu helfen. Es ist nach Gesagtem unnötig, zu er- 
wähnen, in welchem Grade sie die Wohltätigkeit und 
christliche Liebe betätigte. Dreißig Jahre sind seit 
ihrem Tode vergangen und noch ist die Erinnerung an 
ihre Wohltaten in Schwertberg nicht verblichen. Ihre 
geistige Ausbildung war sehr gediegen, sie liebte leiden- 
schaftlich Literatur und Geschichte, ebenso auch die 
Poesie, die sie manchmal mit Erfolg betrieben hatte. 
Ihrer sanften Art entsprach besonders Racine. Ich habe 
oft gehört, wie sie zu Gott betete, er möge ihm die 
ewige Ruhe verleihen. Das gleiche galt auch von einigen 
anderen Schriftstellern, die, wie sie sagte, ihr so viel 
Vergnügen bereitet hätten und denen sie sich nicht 
mehr dankbar erweisen könne. Ich ahne nicht, ob sie 
jemals Liebe empfunden; wenn erst nach der Heirat, 
so war es zu ihrem Unglück, denn eine solche Liebe 
konnte nur für sie eine neue Erprobung ihrer Tugenden 
sein. Ein sehr geistreicher Mann sagte mir einmal, daß 

63 



Frauen, die besonders innig ihre Kinder lieben, kaum 
jemand anderen lieben können. Sicher ist, daß solche, 
die ihre Kinder vergöttern, für den Gatten keine rechte 
Liebe übrig haben. Das Herz kennt eben keine Viel- 
götterei. Es vermag nur damit einen Kultus zu treiben, 
aber keine Religion. 

Nach dem Tode des Großvaters war mein Vater Herr 
des ganzen Vermögens geworden und trachtete mit 
großer Tatkraft, es zu vergrößern. Er begann mehrere 
Spekulationen, die aber fast alle schlecht endigten. So- 
wohl seine Fehler, als seine Tugenden waren daran 
schuld. So boten ihm gewisse Ländereien nächst der 
Holzschzvemmey die er in Saiblingstein^) besaß, große Vor- 
teile. Sie waren ganz mit Wald bestanden und sicherten 
einen Holzvorrat für vierzig Jahre. Diese suchte er zu 
erwerben, und, da sie versteigert werden sollten, be- 
gab er sich an Ort und Stelle, fest entschlossen, selbst 
mit größten Opfern sie zu erhalten. Endlich, nach 
langem Kampfe gelang ihm der Kauf. Sein Preis über- 
stieg alle Angebote. Höchst erfreut und in der sicheren 
Überzeugung, sein Glück gemacht zu haben, kam er 
nach Schwertberg zurück. Aber am nächsten Morgen 
wurde ihm ein Herr gemeldet, ein kaiserlicher, land- 
wirtschaftlicher Beamter. Dieser erklärte, daß er den 
Auftrag gehabt habe, alle Angebote zu überbieten und 
das Terrain um jeden Preis zu erwerben. Durch eigenes 
Verschulden habe er den Tag der Versteigerung ver- 
säumt. In seiner Verzweiflung glaubte er sich verloren, 

i) Gemeint ist Sarmingstein, im Volksmunde Sarblingstein oder Saib- 
lingstein, das alte Sabanich, an der Grenze von Ober- und Nieder- 
österreich, an der Donau gelegen. Der flößbare Sarmingbach mün- 
det dort ein. Durch den Erwerb dieser Waldherrschaft hätte Graf 
Thürheim sein durch den Verlust von Emeville in Brabant geschwäch- 
tes Vermögen rangieren können. 

64 



vor Gericht gestellt, zum mindesten aber seiner Stelle 
verlustig, von der er, seine Frau und Kinder lebten. 
Schande und Armut erwarteten ihn. Er wirft sich mei- 
nem Vater zu Füßen, er fleht ihn an, großmütig zu 
sein, kurz er rührt schließlich das Herz meines edlen 
Vaters so, daß er vom Kaufe zurücktritt. 

Da infolge dieses Verzichtes das Holz für die Schwem- 
me in Saiblingstein bald darauf ausging, mußte sie Papa 
dem Kaiser Franz verkaufen, von dem er noch dazu 
schlecht bezahlt wurde, trotzdem mit ihrem Erwerb 
ungeheure Vorteile verbunden waren. 

Zur Entschädigung entschloß sich mein großmütiger 
Vater bald danach, in der Aist eine neue Schwemme zu 
errichten, doch reichten seine Mittel für den AUein- 
betrieb nicht aus. Er trug daher dem Prinzen Josef 
Schwarzenberg, Vater des Regierenden, den Eintritt in 
sein Unternehmen an, um so mehr, als dieser große 
Wälder nächst der Aist besaß. Schwarzenberg willigte 
ein, und mein Vater vollendete das Werk, obwohl er 
zur Sprengung der Felsen 3000 Pfund Pulver verwenden 
mußte, in kurzer Zeit. Trotz aller Schwierigkeiten ging 
das Unternehmen gut, und mein Vater hegte schon be- 
gründete Hoffnungen, als durch die Machinationen sei- 
nes Pflegers Mißhelligkeiten zwischen den beiden Asso- 
cies entstanden. Bei einer Begegnung mit dem Schwar- 
zenbergischen Bevollmächtigten ereiferte er sich gegen 
diesen, entzweite sich mit dessen Herrn, der sich auch 
von dem Unternehmen zurückzog. Ein Baron Hackel- 
herg^), ein selbstsüchtiger Mann, bot sich, wie durch 

i) Nach der späteren Bemerkung der Verfasserin (S. 143) war dies 
Rudolf Josef Baron Hackelberg-Latidau, geb. 8. 5. 1764, 1785 Appel- 
lationsrat in Böhmen und von 1800 — 1809 Regierungspräsident in 
Oberösterreich; er heiratete 1785 Maria Christine Gräfin Clary, geb. 
17. 12. 176S, gest. 23. 3. 1820. Er hatte 2 Töchter und 3 Söhne. 

5 M. L. I 65 



Zufall als Ersatz an. Da er oder sein Vertreter mit dem 
Pfleger meines Vaters unter einer Decke spielte und 
jenen für seine Pläne gewonnen hatte, gelang es ihm 
bald, meinen Vater ganz aus dem Unternehmen zu 
drängen. Er löste dessen Anteil ab und bemächtigte 
sich allein der Schwemme. Dieser Baron Hackelberg ist 
lange tot, aber die Schwemme, die heute noch besteht, 
begründete den Wohlstand seiner Familie. Der unge- 
treue Pfleger hatte bei diesem Verkauf 30 000 fl. Leih- 
geld bekommen. Diese Tatsache, sowie viele andere Be- 
trügereien des Pflegers wurden lange danach bei seinem 
Tode durch vorgefundene Dokumente bewiesen. Und 
dennoch verdankte dieser Mann seine ganze Existenz 
meinem Vater, den er verriet. Elender, ehrloser Krie- 
cher! Er verstand sogar das heftige Temperament sei- 
nes Herrn für seine Zwecke auszunützen, um ihm Geld 
aus der Tasche zu ziehen. So trachtete er, meinen Vater 
so in Zorn zu bringen, daß dieser sich vergaß und ihn 
schlug. Der Schuft wußte, daß sein Herr, seine augen- 
blickliche Schwäche bereuend, ihn durch ein Geldge- 
schenk entschädigen würde. Da er geistreich war und 
ein gewisses savoir-vivre besaß, so blieb seine Falschheit 
meinem Vater ewig verborgen. Meine Mutter hatte 
eine Abneigung vor diesem Menschen, doch gelang es 
ihm, während der Vormundschaft meines Bruders auch 
sie und namentlich den Vormund zu gewinnen. Erst bei 
seinem Tode entdeckte mein Bruder, der sein ganzes Ver- 
trauen in den Schurken gesetzt hatte, seine Schandtaten. 
Wie bei dieser Angelegenheit, die ich eben erzählte, 
so wurde mein Vater auch in anderen das Opfer seiner 
Großmut, seiner Leichtgläubigkeit, seines Vertrauens 
und der geringen Selbstbeherrschung, die er über sich 
hatte. 

66 



Im Jahre 1798 wuchs unser intimer Kreis um zwei 
Köpfe. Der eine war ein Herr Trautmann, ein ebenso 
großer Schwätzer und langweiliger Mensch, wie ein 
großer Theoretiker in der Landwirtschaft. Ich weiß 
nicht, wo mein Vater dieses groteske und phantastische 
Individuum aufgefischt hatte. Das Beharren bei einer 
Sache war seine Schwäche. Ein Bewunderer der Fort- 
schritte der Zivihsation, war er durch eine wissenschaft- 
hche oder praktische Schminke leicht zu gewinnen. Der 
Rat unserer beste Freunde hatten dann nicht den ge- 
ringsten Einfluß auf ihn. „Die eigene Erfahrung", sagte 
er, „ist die beste Lehrmeisterin." Allerdings hatte er 
damit recht, aber die Lektionen waren teuer. Daher 
wurde er auch von mehr als einem Scharlatan betrogen. 
Er war Gott sei Dank nicht, wie viele andere, unredlich. 
In seine phantastischen Projekte hatte er volles Ver- 
trauen und betrog sich früher als die anderen, getreu 
seinem Maxime, den Nächsten so zu betrügen, wie sich 
selbst, nur mit dem Unterschiede, daß er bezahlt wurde, 
um sich zu betrügen und seine Opfer es taten, um be- 
trogen zu sein. Bei seiner Ankunft in Schwertberg 
brachte er alles drunter und drüber, zerstörte die 
„Ferme" und änderte die bisherige Art, Felder und 
Wiesen zu bebauen. Sein Steckenpferd war die Dün- 
gung. Er fabrizierte solche in jeder Farbenschattierung 
und setzte nach seiner Bezeichnung sogenannte „Com- 
pottes" zusammen, zu denen jeder indirekt beitrug, 
und die er dann nach seiner Anleitung mischen und 
wenden ließ, ja selbst mit dem Spazierstock die „Es- 
senz" prüfte. Die Bauern, deren uralte Erfahrung 
er verhöhnte, haßten ihn. Ich weiß nicht, wer 
recht hatte. Nach zwei Jahren bewies jedenfalls der 
geringe Ertrag der Felder, die Trautmann düngte, 

5* 67 



daß er trotz seiner „Kompotte" seinen Beruf verfehlt 
hatte. 

Die Pflege der Felder war aber nicht die einzige Auf- 
gabe, wofür mein Vater diesen Menschen zahlte, er 
sollte auch die Erziehung von Herz und Geist meines 
Bruders pflegen. Wenn er hier das Feld verdorben hätte, 
wäre der Schaden ungleich größer geworden, aber ich 
glaube, daß der gute Mann von Erziehung ebensowenig 
verstand, wie von Landwirtschaft, auch war mein Bru- 
der damals so klein, daß die Lektionen weder schaden, 
noch nützen konnten. Meine Schwestern und ich er- 
freuten uns allein an diesem Unterricht; er ließ aber 
in uns keine andere Erinnerung zurück als an den Scha- 
bernack, den wir mit dem „Herrn Professor" trieben. 
Inzwischen war bei meinem Bruder eine Art Unter- 
lehrer, „Bonne d'enfants masculin" mit dem Elemen- 
tarunterrichte betraut worden. Er war sehr gutmütig, 
genau, bescheiden und sanft und hieß Czernikoff, Zwei 
Jahre später, als mein Bruder acht Jahre alt war, ent- 
deckte Papa endlich die wahren Verdienste des Herrn 
Trautmann, entließ ihn und zahlte ihm 600 fl. Pension. 
An seine Stelle trat ein emigrierter französischer Abbe 
d''Elvincourt und, nachdem dieser aus Heimweh nach 
Frankreich zurückgekehrt war, der Abbe Maas. 

Die zweite Persönlichkeit, von der ich sprechen 
wollte, verdiente viel eher einen eigenen Abschnitt als 
Herr Trautmann, aber ich werde von ihr erst später 
sprechen. Es genüge für jetzt, zu sagen, daß diese Per- 
son Pittony hieß. Ohne Trautmann auch nur im ge- 
ringsten zu gleichen, war er doch durch diesen meinen 
Eltern vorgestellt worden, die, über seinen Geist und 
seine Manieren entzückt, ihn aufforderten, einen Teil 
des Jahres auf dem Lande bei ihnen zu verbringen. Ich 

68 



glaube, er war hier immer ein lieber Gast, später wurde 
er sogar unser Freund. Als Sohn eines reichen Kauf- 
mannes vollständig unabhängig, gab er sich, ohne dabei 
etwas verdienen zu wollen, ganz seiner Vorliebe für 
Literatur und gute Gesellschaft hin. 

Meine Tante und Cousine verbrachten diesen Som- 
mer auch in Schwertberg. Mein Großvater hatte jener 
nämlich ein ziemlich bedeutendes Vermögen hinter- 
lassen, das ihr erlaubte, unabhängig zu leben; übrigens 
rissen sich ihre Freunde darum, sie auf ihre Besitzungen 
einzuladen, so die Gräfinnen Chotek'^), Buquoy^), die alte 
Fürstin Starhemberg^) u. a. Die Zeit, welche sie uns in 
diesem Jahre schenkte, gehörte zu unseren glücklich- 
sten Abschnitten. Sie und meine Cousine, die jene 
immer mitführte, erheiterten mit ihrer Lebenslust mei- 
nen Vater, außerdem hatte Minerl Hager eine beson- 
dere Vorliebe für Konstantine und mich gefaßt, die 
wir begeistert erwiderten. Bei den langen Promenaden 
an ihrem Arm zu hängen, war uns der liebste Zeitver- 
treib. Niemand erschien mir so liebenswürdig, so auf- 
geweckt und fähig, mit Kindern zu spielen. Ihr später 
ähnlich zu werden, war mein höchstes Streben. Ich 
hätte von Glück sagen können, wenn sich ihr Einfluß 
nur auf die Entwicklung meines Geistes beschränkt 
hätte, denn Minerl war geistreich und bezaubernd, aber 
sie besaß leider einen großen Fehler, sie spöttelte gerne, 
und diese Untugend ging auf mich über. Erst lange 
nach ihrem Tode entdeckte ich, als ich über meine 
Jugend nachdachte, das Übel, das ich von ihr geerbt 

i) Gräfin Marie Sidonie Chotek, geb. Gräfin Clary (1748 — 1824). 

2) Marie Gabriele Gräfin ÄMywoy-Rottenhan (1784 — 1863). 

3) Maria Franziska Fürstin Starhemberg, geb. Prinzessin Salm-Salm 
(1731— 1806). 

69 



hatte. Es wäre eine Wette wert, ob mir die Zeit bleiben 
wird, diesen Fehler abzulegen oder vielmehr ihn zu 
verbessern. 

In der Bildung gleicht mein Verstand meinen Augen, 
ich sehe besser auf weite als auf nahe Distanzen. In 
meinem Leben habe ich auch niemals die Folgen eines 
Ereignisses vorher erfaßt, erst wenn es vorüber war. 
In der Nähe erblicke ich nur die Details, von weitem 
erscheint mir erst das Ganze. Dies ist mein Unglück, 
und oft mußte ich, wie mein Vater, die Lektionen, die 
mir das Schicksal gab, teuer bezahlen. Die Hauptlehre, 
die man aus meiner moralischen Erziehung ableiten 
kann, ist: Die größten Gefahren für die Jugend birgt 
die erste Freundschaft mit älteren Personen. Aufrichtig 
und zärtlich gibt sich das junge Gemüt ohne Miß- 
trauen seiner ersten Bewunderung hin, begeistert ver- 
göttert es den Gegenstand seiner Neigung; wehe ihm, 
wenn seine erste Verehrung falschen Göttern gilt! 

Ich wiU aber wieder auf meine Cousine Minerl Ha- 
ger'^) zurückkommen, die in meinem Leben von Bedeu- 
tung war. Ihr für die Sicherheit ihrer Umgebung so 
bedrohlicher Fehler bestand anfangs nur in einer keines- 
wegs boshaften Heiterkeit. Nichts ist so amüsant, und 
der Nächste ist dabei oft so lächerlich. Aber man darf 
sich nicht darüber täuschen, die Neigung zur Neckerei 
behält, bei unverheirateten Frauen besonders, fast nie- 
mals seinen anfänglich unschuldigen Charakter. Ärger, 
Neid, Eifersucht und andere schlechte Leidenschaften 
mischen sich unwiderstehlich hinein, und aus dem ur- 
sprünglich heiteren Lachen wird ein verbittertes. — In 
jungen Jahren in das Niveller Kapitel eingetreten, 
wurde Dominika von Hager zuerst der Pflege meiner 
i) Dominica Baronin Hager starb 1827 als k. k. Stiftsdame zu Wien. 

70 



Tante Thürheim anvertraut, deren Liebe und Zärt- 
lichkeit sie dankbar erwiderte. Auch Bewoinderung ge- 
sellte sich zu ihren Gefühlen der Erkenntlichkeit, denn 
meine Tante war schön, liebenswürdig, von aller Welt 
geliebt, und ihr Auftreten bedeutete für sie überall einen 
glänzenden Erfolg. Solange die Eitelkeit und das Herz 
des jungen Mädchens noch schlummerten, konnte sie 
meine Tante neidlos bewaindern. Später aber, als sie 
das Bedürfnis nach ein wenig Liebe und Huldigung 
empfand, entbehrte sie diese nur schwer, denn, jung, 
hübsch, geistreich und heiter, wollte sie nicht zu den 
Enterbten der Liebe zählen. Wie sie dann trotzdem 
immer nur den zweiten Rang behauptete und in dem 
Herzen von niemandem den ersten Platz erobern konnte, 
da drängte sich ihr gewiß die Frage auf: „Wo ist mein 
Anteil am Glücke ?" Wenn eine Frau sich diese Frage 
das erstemal stellen muß, so träufelt sie in ihr Herz 
einen Tropfen Gift, der zu keimen und gären beginnt 
und aus ihr entweder eine Heilige oder aber leicht eine 
kleine Teufelin machen kann. Minerl Hager wurde 
weder das eine noch das andere, aber ihre verletzte 
Eigenliebe drängte sie zur unerbittlichen, neidischen 
und schändhchen Satire. So wenigstens kann ich mir 
den Charakter meiner Cousine erklären. Gut, gefühlvoll 
und ihren Freunden ergeben, liebte sie doch nie aus 
Liebe und woirde nicht geliebt, sondern sie spielte mit 
der Spötterei, der Zweideutigkeit und dem Verrat. 
Arme Minerl! Gott allein weiß es, welche Marter es 
dem Frauenherzen kosten mag, das dabei verdorrt, ent- 
stellt und durch nagende, trübe Gedanken gepeinigt 
ward. Du wirst niemals jemandem Glück bringen! 

Würden sich der Spott meiner Cousine nur auf un- 
sere Nachbarn oder ZudringHche und Langweilige aller 

71 



Art erstreckt haben, die oft in unser Schloß zusammen- 
strömten, so wäre das Übel nicht so groß gewesen. Aber 
ihr Hohnlachen, ihre boshaften Einfälle suchten sich 
auch unsere Freunde, meine Schwestern und sogar 
meine Eltern zum Opfer aus. Die gute, sanfte, ausge- 
zeichnete Mama war keineswegs vor dem Geifer ihres 
Spottes geschützt, Isabella wurde sogar unaufhörlich 
gehöhnt. Obwohl Minerl gewöhnlich ihre Opfer, wenn 
sie anwesend waren, nicht belästigte, so verstand sie es 
doch, in ihrer Abwesenheit sie lächerlich zu machen 
und jede Schwäche, jede Verkehrtheit hervorzuheben 
und zu travestieren. Ein instinktives Gefühl verriet ihr 
jede Liebelei auf zwei Stunden in der Runde; blühte 
diese auch nur in den tiefsten Falten eines Herzens, so 
brachte Minerl sie, gleich einem Hunde, der Trüffeln 
sucht, an das grelle Tageslicht. So entdeckte sie z. B. 
trotz dichtester Verschleierung, trotz der klügsten Re- 
serve in dem Herzen Pittonys ein ganz kleines, bebendes, 
bescheidenes Fünkchen Liebe zu meiner Schwester Isa- 
bella. 

Pittony gab nämlich meiner Schwester Mineralogie- 
stunden und erklärte ihr und Papa eine Mineralien- 
sammlung, die letzterer erworben hatte. Bald aber ver- 
nachlässigte mein Vater in seiner Unbeständigkeit diese 
Lektionen, während Isabella sie allein fortsetzte. Eine 
sechzehnjährige Schülerin ist für einen Lehrer von 
siebenundzwanzig Jahren sehr anziehend. Das Tete-ä- 
tete wird bald zu einer drohenden Gefahr. Pittony fiel 
ihm denn auch zum Opfer, aber nicht die geringste 
Andeutung verriet seine leidenschaftliche Liebe: die 
Neigung war seinerseits ebenso rein, wie großmütig. 
Doch konnte er dem Spotte meiner Cousine nicht ent- 
gehen, obwohl diese, durch den Geist und Ernst ihres 

72 



Opfers befangen, es nicht wagte, es direkt anzugreifen. 
Ihr Hohn, ihre kleinen Bosheiten und ihr böses Ge- 
klatsche fielen dagegen mit voller Wucht auf die arme 
Isabella. Vielleicht enthüllten diese Reden erst in dem 
Herzen meiner Schwester die Erkenntnis der Liebe Pit- 
tonys zu ihr und zeitigten den Beginn ihrer Gegenliebe. 
Sonst würde sie wohl in ihrer Reinheit nie die Neigung 
ihres Lehrers erkannt haben, die ihr selbst später arges 
Herzweh verursachen sollte. 

Ich bereue es heute noch, daß ich mit Minerl damals 
unbarmherzig über meine arme Schwester gespottet 
habe, daß wir boshafte Epigramme machten, gerade in 
dem Augenblick, da das Herz des jungen Mädchens das 
irdische Paradies zu ahnen begonnen, zu welchem sie 
die Natur bestimmt hatte und das ein Engel mit flam- 
mendem Schwerte ihr verbot. 

Mein Vater hatte zu dieser Zeit Lust bekommen, 
unsere wissenschafthche und geistige Erziehung selbst 
zu leiten. In letzterer Beziehung war er dazu vollkom- 
men geeignet, denn sein Verstand war scharf und sein 
Vortrag wunderbar deutlich und verständlich. Mehr als 
einer seiner Aphorismen wurde mir zum Licht, das in 
meinem Leben zu leuchten nicht aufhörte, die Übun- 
gen, welche er uns zur Entwicklung unserer intellek- 
tuellen Gewandtheit machen ließ, konnten nicht besser 
ausgewählt sein. Andererseits fand der natürlicherweise 
langsame und viele Geduld erfordernde Gang unseres 
Studiums an seinem jähzornigen Temperamente ein 
unübersteigliches Hindernis. Er vermochte sich nie einen 
Zwang aufzuerlegen (die Pflicht sine qua non jedes 
Lehrers), er konnte nicht, ohne in Zorn zu geraten, die 
mühsame, langsame und je nach den Fähigkeiten seiner 
Kinder unregelmäßige Gedankenarbeit erwarten. Auch 

73 



paralysierte unsere Angst vor ihm alle Erfolge. Beim ge- 
ringsten Zaudern wurde er ungeduldig und aufge- 
bracht, und oft waren Tränen und Maulschellen der 
Schluß dieser erbärmlichen Unterrichtsstunden. Auf 
diese Weise wollte er mich Arithmetik und Geographie 
lehren; ich kam deshalb nie über die Multiplikation 
hinaus, und ich kenne heute noch nur diejenigen Länder 
geographisch genau, die ich bereist habe. 

Noch jetzt erinnere ich mich mit Grausen der Mit- 
tagsglocke, die uns zum Unterricht bei Papa rief. Jeder 
Glockenschlag war gleichsam ein Schlag auf unsere 
armen Herzen, jeder Schritt, den wir zu der Marter- 
stube machten, vergrößerte unsere Todesangst. Zit- 
ternd langte ich vor der Türe an, stand ein Weilchen 
still und flüsterte ein Pater noster, damit ich heute 
nicht gezankt würde. Manchmal ließ uns Papa, mit 
anderen Angelegenheiten beschäftigt, glücklicherweise 
eine Stunde von den zwei von ihm anberaumten war- 
ten. Wir hatten auch tausend Auswege, um ihn zu 
zerstreuen, besonders durch passende Fragen, worauf 
er oft in langem Vortrag das angeschnittene Thema er- 
läuterte. Ich hatte immer das Talent, was man nennt 
„gut zuzuhören", d. h. die aufmerksamste Miene zu 
zeigen, obwohl mein Geist loo Meilen entfernt war. 

So kam es, daß ich auf diese Weise einmal die Seele 
und die Unsterblichkeit verstand. Ich sehe meinen 
Vater vor mir, wie er uns irgendeine These der Geo- 
metrie erklärte, und uns drei, Isabella, Konstantine und 
mich, um seinen Tisch mit auf ihn gerichteten Augen 
stehen. Meine Seele weilte aber weit ab, während mein 
Körper wohl mehr als eine halbe Stunde unbeweglich 
verharrte. Endlich brachte irgendeine Kleinigkeit mich 
zur Wirklichkeit zurück, die mich umgab. Erstaunt 

74 



fragte ich mich: ,,Bist du ein Doppelwesen? Wo war 
denn meine Seele ? So kann sie mich denn verlassen ? 
Sie muß frei und unsterblich sein." Ich weiß heute 
nicht mehr, welche Frage, mein Vater uns erläuterte, 
jedenfalls war meine Entdeckung mindestens so viel 
wert als das, was ich hätte lernen sollen. 

Meine geistigen Abschweifungen endigten aber nicht 
immer so lehrreich; sie brachten es oft mit sich, daß 
ich ohne den geringsten Nutzen das Zimmer Papas 
nach seinem zweistündigen Unterrichte verließ. Zu mei- 
nem Glücke hatte Isabella immer mit größter Aufmerk- 
samkeit zugehört und sagte mir alles, was ich am näch- 
sten Tage zu wissen hatte. Aber ach, wie oft war dies 
meinem Gedächtnisse entschwunden! So erinnere ich 
mich, daß Papa mich einmal aus dem Studierzimmer 
wies, weil ich den Ursprung der Mosel nicht wußte. 
Ganz in Tränen lief ich zu Mama und Meretout, die 
es aber auch nicht wußten; und doch sollte ich in einer 
Viertelstunde vor Papa stehen und Rede und Antwort 
geben. Schreckensbleich, weinend und bebend betrat 
ich das gefürchtete Zimmer. Ich höre heute noch die 
scharfe Frage Papas: ,,Wo ist die Quelle der Mosel?" 

Paff! Eine zweite Ohrfeige hatte mich belehrt, 

daß sie in den Vogesen liege. 

Für Konstantine und Josephine, die furchtsam und 
nervös waren, wurden die Lektionen, sobald die Reihe 
an $ie kam, zu wahren Torturen. Manchmal vermißte 
man bei diesen Szenen keineswegs die komische Seite, 
allerdings mehr für die Unbeteiligten als für die Han- 
delnden. Eines Tages ergriff meinen Vater die Laune, 
Josephine einen gewissen, deutschen Gesang zu lehren. 
Es war das Lied vom Maultiertreiber, der seine Tiere 
führt. Den Anfang konnte Fifine immer gut: „Ein 

75 



Maultiertreiber ist zufrieden mit dem, was ihm sein 
Gott beschieden," dann aber kam ein verwünschtes: 
Ah — Hil Ah — Ho! Hier irrte sie sich jedesmal und 
sang Oh — Hol Oh — Hai — Darauf Paffl eine Ohr- 
feige, Tränen und noch ein handgreifliches Pflaster. 
Endlich will Papa die Zerstreute dadurch zur Sammlung 
bringen, daß er ihr sein Taschentuch über den Kopf 
wirft. In diesem Augenblicke tritt glücklicherweise 
mein Cousin Hager ein, gerade als das unglückliche 
Kind unter dem Tuch sein unsehges Ah — Hi! Ah — Ho! 
ertönen läßt. Ein unauslöschhches Gelächter des Vetters 
machte der Tragödie rasch ein Ende. 

Ein anderes Mal wollte mein Vater Titine einen 
schottischen Tanzschritt beibringen; M. Fiquet, unse- 
rem Tanzmeister, gelang dies nämlich nicht. Da stürmt 
Papa aus seinem Toilettezimmer im Pudermantel mit 
nur einem gekräuselten „Taubenflügel" und Pantoffeln 
an den Füßen und beginnt sofort meiner Schwester den 
schottischen Tanz vorzutanzen. Doch Clic — clac ! die 
Pantoffeln hielten nicht, sie ärgerten ihn, und er warf 
den einen mit aller Kraft fort. Er flog M. Fiquet auf 
die Nase. 

Die ältere und gesetztere Isabella war die Favoritin 
Papas. Er ersparte ihr deshalb allerdings nicht das ge- 
ringste und mehr als eine Ohrfeige hat ihre Wangen 
gerötet. Doch liebte sie mein Vater vor uns allen, er 
war gerührt über ihre Demut, und oft, wenn er über 
seine Lebhaftigkeit Reue empfand, bat er sie um Ent- 
schuldigung und suchte ihr durch Beweise seines Ver- 
trauens und seiner Zärtlichkeit sein Benehmen ver- 
gessen zu machen. Für ein so gutes Herz, wie es meine 
Schwester hatte, genügte diese Genugtuung vollstän- 
dig, um ohne Klage die ärgste Behandlung auszuhalten. 

76 



Mit Engelsgeduld verbrachte sie Stunden und Stunden 
im Arbeitszimmer Papas, allen Wechselfällen seiner 
Laune ausgesetzt. Sie gestand mir ein, daß sie diese 
Geduld zum großen Teil dem Rate Pittonys verdanke, 
der ihr vorgestellt, welche Wohltat sie ihrer Mutter er- 
weise, wenn sie meinen Vater von der unseligen Idee, 
selbst zu erziehen, abbrächte. Er machte ihr klar, daß 
sie für die ganze Familie eine Art Blitzableiter der väter- 
lichen Laune sein könnte. ,,Es ist dies eine Friedens- 
mission," sagte er, „die Ihnen der Himmel übertragen 
hat." So opferten sich denn die beiden Liebenden für 
unsere Ruhe auf, während wir uns über die unschuldige 
Liebelei lustig machten. Sie durch ihre Hingebung, er, 
indem er sich des Vergnügens beraubte, sie in ihrer 
freien Zeit zu sehen. 

Der Einfluß meiner Cousine Hager, ganz verschieden 
von dem Pittonys auf Isabella, beschränkte sich nicht 
darauf, mich zu einer Spötterin zu machen, sondern er 
hätte noch weit üblere Folgen haben können. Konstan- 
tine und ich lasen nämhch eine Menge Romane und 
sogar schlechte Bücher, die uns Minerl und ihr Bruder 
Franz liehen. Mit fünfzehn Jahren hatte ich bereits 
sämtliche Romane von August Lafontaine'^), Christian 
Spießt) und selbst „Meißners Skizzen"^) gelesen, ein so 
freisinniges und obszönes Buch, daß ich es heute nicht 
wagen würde, seine Lektüre einzugestehen. Diese Bü- 

i) August Lafontaine, 1756 — 1831, deutscher Romanschriftsteller 
der empfindsamen Richtung, besonders leidenschaftlicher Liebes- 
geschichten. 

2) Christian Spieß, fruchtbarer deutscher Schriftsteller auf dem Ge- 
biete der Räuber- und Geisterromane, 1755 — 1799« 

3) August Gottlb. Meißner (1753 — 1804) Konsistorialrat und 
Direktor in Fulda. Seine bekannten ,, Skizzen" (14 Sammlungen) 
erschienen 1778 — 96. Sie enthalten allerlei Anekdoten, Fabeln usw. 

77 



eher, welche so geeignet sind, edle Gefühle zu ver- 
wirren und die Einbildungskraft zu beschmutzen, hät- 
ten uns ganz verderben können. Aber es gab einen Engel, 
der es nicht zuließ, daß unsere reinen und vertrauens- 
vollen Herzen verführt wurden. Unsere gesunde Natur 
stieß das Gift ab. Als eines Tages unsere Eltern ab- 
wesend waren, entnahm Konstantine aus der elterlichen 
Bibliothek heimlich ,,la nouvelle Heloise", die wir nach 
den bisherigen Sudeleien mit wahrer Freude lasen. Wir 
hatten schon die ersten Briefe gelesen, als diejenigen, 
welche gerade gefährlich sind, in uns eben das Gegen- 
gift erzeugten. Bei den ersten wollüstigen Bildern 
empörten sich unsere ehrlichen und reinen Herzen, und, 
ganz beschämt über unsere Neugierde, trugen wir ohne 
Schwanken das Buch an seinen Platz zurück. 

Ich frage mich heute noch, wie es nur möglich war, 
daß meine Cousine in sicherlich unschuldiger Absicht 
uns die Bücher gab und nicht an das Übel dachte, das 
sie uns zufügen konnte, wie unsere hingebende Liebe 
zu ihr in ihrem Herzen nicht heilige Pflichten wach- 
rief, die um so ernster zu nehmen waren, als sie ein 
Ausfluß des Vertrauens und der Gastfreundschaft mei- 
ner Eltern sein mußten. Aber so ist das Leben! Wie- 
viel Schlechtigkeit, wieviel Unglück entsteht auf Erden 
aus Unachtsamkeit! Ach, wie glücklich könnte man sein, 

wenn nur die Schlechten das Schlechte machten! 



liiuiiilliliilillllliiiiiiliiiliiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiHiiiiiiiniliiiiiiiiuiiliiiiiiliiiiiillitlilllliliiiiiiiiiiiilitiiniliiiilillllilillill 



78 



IV. 1799 — i^o3 

Wenn ich mich jetzt in jene Epoche meines Lebens 
vorwage, wo mich kein tägHches Tagebuch mehr 
führen kann, so fürchte ich, daß ich eine Menge chrono- 
logischer Fehler machen werde. Alle jene, welche sie 
hätten richtig stellen können, sind leider tot und das 
Gedächtnis meiner Schwestern ist kaum besser als das 
meine. Im allgemeinen hält mein Gedächtnis treuer die 
Tatsachen, die mich besonders interessieren, fest, nie- 
mals aber die Zeitdaten. Daher bilden meine Erinne- 
rungen ein Gemengsei loser, unzusammenhängender 
Blätter. Es schadet nicht; behalf man sich doch auch 
mit den SibyUinischen Sprüchen^). 

Ich sprach noch nicht von unseren Aufenthalten in 
Wien, die, was unsere Erziehung und unsere Kinder- 
freundschaften anlangt, auch einer kurzen Erinnerung 
wert sind. Ich sage absichtlich ,,kurz", weil diejenigen 
Bekanntschaften, welche die Gouvernantenzeit über- 
dauerten, von selbst im weiteren Verlaufe meiner Er- 
zählung auftauchen werden und die übrigen verdienen 
nicht mehr Beachtung, wie ein Passant, den man auf 
der Straße anspricht und der dann wieder in der Menge 
verschwindet. 

Die Kinder der Gräfin Marie Chotek^), Freundin 
meiner Tante Therese, waren und blieben unsere ersten 

i) Das genaue Tagebuch Lulus beginnt erst mit 25. 11. 1804. 

2) Gräfin Marie Chotek, geb. Gräfin Clary, 1748 — 1824, v. p. 278. 

79 



und besten Freunde. Zuerst waren es ihre zwei Söhne 
KarP) und Hermann^), dann eine junge Schwester 
Therese von dem Zeitpunkte an, da man sie aus dem 
Klostei-genommen, mit derwir innig befreundet wurden. 
Ich werde von ihr noch öfter zu sprechen haben. An 
den Ferialtagen versammelte man sich entweder bei 
Choteks oder bei uns. Dort lernten wir auch die Kinder 
der Gräfin Trautmannsdorff kennen. Der Sohn^) war 
ein nichtssagender, kleiner Knabe und die Tochter lang- 
weilig. Beide sind es ihr Leben lang geblieben und die 
Tochter ist jüngst unverheiratet gestorben. Sie hieß 
ebenso Therese, hatte aber keineswegs die Heiterkeit der 
Komtesse Chotek, sondern war taub „comme un pot" 
und etwas blödsinnig. Wir benutzten sie, um uns Ge- 
frorenes zu verschaffen, das bei den großen Diners, die 
ihr Vater, damals Staatsminister, gab, übrig geblieben 
war. Kam sie mit leeren Händen zurück, so wurde sie 
von uns ausgezankt, was nicht gerade dazu beitrug, ihr 
unsere Anwesenheit angenehm zu machen. Eine Cou- 
sine von uns, Baldine Cavrtani*), gesellte sich bald dar- 
auf in unsere kleine Gesellschaft. Sie war geistreich, 
originell und wunderhübsch. Wir blieben bis wenige 
Jahre nach ihrer Heirat mit dem Grafen, späteren Für- 
sten Karl Paar, sehr intim mit ihr, dann trennte uns 
ohne Zerwürfnis die Welt und das Leben. 

i) Karl Graf CÄoic^, 178 3 — i868,Toisonist, verheiratete sich 18 ijmit 
MarieGräfin5ercÄ/oW,der unausstehlichsten aller kaprlziösenFrauen. 
Sie schadete ihrem Manne viel In seiner Karrlere, die er endlich 
wegen Ihr aufgab. Er war Burggraf von Böhmen. (Notiz d. Verf.) 
2) Hermann Gf. Chotek, 1786 — 1822, starb als Genieoberst und 
heiratete 18 13 Henriette Gräfin Brunswick. 

2)]oseiGTaiTrauttmannsdorff, 1788 — 1870,!:. k. Gesandter In Berlin. 
Seine Schwester Therese, geb. 1784. 

4) Guidobaldlne, geb. Gräfin Cavriani (1783 — 1861) heiratete 1805 
Fürst KarlPöür, k. k. Geh. Rat, Km. und G. F. W. (1773— 1819). 

80 



Zu der Clique Trauttmannsdorff gehörte ferner 
Komtesse Charlotte Schlabrendorj^); sie war aber weder 
häßlich, noch taub. Dann nenne ich noch Sidonie de 
Ligne^), Enkelin des berühmten Prince de Ligne, dessen 
Bonmots und glänzender Geist so bewundert wurden. 
Ihr Vater war der Prinz Karl de Ligne^) und ihre Mutter 
eine Gräfin Potocka. Wir liebten Sidonie Ligne nicht, 
obwohl sie Esprit hatte, aber sie war mokant und 
schlimm. Seither ist sie sehr gutmütig geworden, und 
wenn man ihr jemals etwas vorwerfen wollte, so könnte 
man höchstens ihre zu große und häufige Güte tadeln. 

Sie hatte eine Bastardschwester, die man Mlle. Titine^) 
nannte und die i8ii den Grafen Moriz O^Donell hei- 
ratete. Wir sahen sie oft, sie war ein Schelm, liebens- 
würdig und das komischste Mädchen, das man finden 
konnte. Sie machte unser Entzücken aus und später, 
da sie geistreich und anmutsvoll war, auch das des 
Salons ihres Großvaters. Als Titines Vater, der Prinz 
Karl de Ligne, getötet wurde, nahm sich seine Schwe- 

1) Gräfin Schlabrendorf, geb. 1787, heiratete 1804 Josef Landgraf 
von Fürstenberg, Oberstküchenmeister. Wegen seiner Dicke nannte 
man ihn „le gros cuisinier" und die Gräfin „la grande cuisiniere". 
(Notiz der Verf.) 

2) Sidonie Franziska Karoline de Lzg«^, geboren 1786, heiratete 1807 
Grafen Franz Potocki, dessen Vater Vinzenz P. 1794 ihre Mutter, 
die hinterlassene Witwe Karl de Lignes, geheiratet hatte, welch letz- 
tere 18 14 starb. (Thürheims FM. Karl Josef Fürst de Ligne, Wien 
1877,8.176.) 

3) Karl Fürst de Ligne, Sohn des berühmten Prince de Ligne, geboren 
1759, gefallen 1792 als Oberst gegen die Franzosen, verheiratete sich 
1779 mit Helene Apoll. Prinzessin Massalska. 

4) Christine (Titine), die natürUche Tochter des Vorigen mit der 
Schauspielerin Fleury, geboren 1786, gestorben 1867, heiratete 181 1 
Graf Moriz O'Donell, Feldmarschalleutnant und Km. (1780 — 1843) 
Der witzige Prince de Ligne erläuterte einst ihre Verwandtschaft mit 
ihm mit den Worten: „Titine est une Ligne, mais pas une droite 
ligne." 

6 M. L. I ^' 



ster, die Prinzessin Clary, der kleinen Tochter an, die 
ganz bei ihrer Mutter, MUe. Fleury, einer Schauspiele- 
rin des Brüsseler Theaters, lebte. Sie hatte von dieser 
ein großes, schauspielerisches Talent geerbt, und es 
wäre fraglich, ob das Vermögen, das sie als Nachfolgerin 
der Kunst ihrer Mutter sich erworben hätte, nicht un- 
gleich größer gewesen wäre, als dasjenige, welches sie 
von ihrer „Marraine" (so nannte sie die Prinzessin Clary) 
und von der Familie ihres Vaters, von der sie es durch 
mehr als eine Demütigung erkaufen mußte, bekam. 

Obwohl wir diese „soirees de demoiselles" ungemein 
liebten, so zogen wir doch allen anderen die Abende 
bei meiner Cousine Minerl Hager und ihrem Bruder 
vor, die uns beide arg verhätschelten und die ausge- 
zeichnetsten Gouters gaben. Der Witz meiner Cousine 
allein wog den aller meiner kleinen Freundinnen auf. 

Das Jahr 1799 stand im Zeichen der Koalition Öster- 
reichs und Rußlands gegen Frankreich. Wir waren ge- 
rade in Wien, als die Kosaken ankamen. Man führte uns 
außerhalb der Stadt, um diese Soldaten vorbeireiten zu 
sehen, die mir sehr häßlich vorkamen. Ihr Erscheinen 
rief überall das gleiche Gefühl hervor; sie flößten mehr 
Furcht als Vertrauen ein, und man war froh, als sie sich 
unter der Führung Suwörozvs (Suwaroffs) nach Italien 
zogen. In den Provinzen war der Eindruck dieser rauh- 
bärtigen Gesellen mit ihren langen Lanzen noch nach- 
haltiger; man erzählte sich, daß sie dort Enten und 
Truthühner lebend an den Spieß steckten, über welche 
Neuerung die armen Tiere Ach und Wehe gerufen. Die 
Frauen berichteten, daß die Kosaken manchmal aus 
Versehen Kinder für Geflügel ansahen und ihr An- 
führer eines oder das andere, ohne es zu beachten, ganz 
roh verzehrte. Er wird sich wohl nur in einer Beziehung 

82 




i^'' 



U<.\y ,>Drvoi^()W- KlMTiK-SKY 






F. M. Alexander W. Graf Smvorow (1729 — 1800) 



Nach einem Stich in der K. u. K. 
Familien-Fideikommißbibliothek 



geirrt haben, nämlich in bezug auf das Geflügel, denn 
der russische General war nicht der Mann dazu, die 
Zeremonie des Bratens erwarten zu können. Sicher ist, 
daß er bei den großen Diners, die ihm zu Ehren der 
russische Botschafter Graf Rasumoffsky^) in Wien gab, 
ebensowenig Umstände machte und wie ein Vielfraß 
von den Speisen, die auf der Tafel standen, aß, ohne 
auf jemanden zu warten. War er satt, so erhob er sich 
und ließ die Gäste allein. Dieser Mensch, ein Nach- 
zügler der Horden Jttilas, hatte noch so ziemlich die 
Sitten dieser mongolischen Helden. Er verschmähte ein 
schönes und gutes Bett, das man ihm im Gesandtschafts- 
hotel bereitet hatte. Er legte sich einfach auf den Boden, 
worauf er sich Stroh gebreitet hatte und hüllte sich in 
seinen Mantel ein. Als er später in Italien, den Säbel 
in der Faust, an der Spitze seiner Soldaten marschierte, 
und mit ihnen die Strapazen teilend die Sommerhitze 
erduldete, kam er an einem Sumpf vorüber. Da 
riß er seine Kleider herab und wälzte sich wie ein 
Schwein ganz nackt in dem schmutzigen Wasser. War 
er fertig, so zog er seine Uniform mit feierlicher Miene 
an und stieg auf sein Pferd. Neben dieser Ungeschlacht- 
heit besaß er aber eine große Geistesfrische, die bis zur 
Verschlagenheit ausartete, wenn er etwas erreichen 
wollte. Auf diese Weise brachte er einmal Rasumoffsky 
in große Verlegenheit. Suwaroff^) kam gerade in Wien 

i) Andreas Graf Rasumoffsky (Razumovsky), 1752 — 1836, k. russi- 
scher Geheimer Rat und Botschafter zu Wien. Eine Gasse in Wien 
ist nach ihm benannt. Über ihn später. 

2) Graf AlcxandeTW3iSsi\]ev/itsch.Suw6row-Rymmkskij, (1729 — 1800) 
der bekannte russische Feldherr. Er war ein Gegner des Staatsmini- 
sters Baron Thugut und dessen unentschiedener Politik. Graf Ca- 
millo Razumowsky erzählt in seinem neuesten Buche ,, Fürst Andreas 
K. Rasoumoffsky" einige amüsante Anekdoten über Suwörow. So 

83 



an, um seine Armee zu erreichen, die gemeinsam mit 
der österreichischen operieren sollte. Seine geheime Ab- 
sicht war aber, ganz nach eigenem Gutdünken vorzu- 
gehen,, ohne sich um den Hofkriegsrat in Wien zu küm- 
mern, für den er eine souveräne Verachtung hegte und 
den er nur mit dem Worte „Unbestimmt" bezeichnete. 
Dennoch mußte er des Scheines halber sich mit den 
Alliierten über den Feldzugsplan beraten. Zu diesem 
Zwecke führte ihn Rasumoffsky nach der Audienz bei 
Kaiser Franz zu dem Staatsminister Thugut, der ihn 
mit allen Zeichen der Achtung empfing. Nach unzäh- 
ligen Verbeugungen von beiden Seiten, führte ihn Thii- 
gut in sein Arbeitskabinett und wollte nun die Beratung 
beginnen. Suzvaroff aber beugte sich fast bis zur Erde 
und rief aus: „Großer Minister! Großer Minister!" 
Thugut glaubte auch seine schönste Verbeugung ma- 
chen zu müssen. Kaum hatte er seinen Vortrag wieder 
begonnen, als der General wieder mit seiner schnarren- 
den Stimme die vorigen Worte wiederholte. Der Kaiser 
wurde endlich ungeduldig und sagte zu Suwaroff: „Der 
Baron wünscht, daß Sie, Herr Marschall, sich mit ihm 
über den Kriegsplan verständigen," „Ah, Euere Maje- 
stät!" erwiderte der General, indem er die Hände über 
der Brust kreuzte und sich noch tiefer verbeugte, 
„Seine Majestät der Kaiser Alexander — Baron Thugut 
ein Aristoteles! Großer Minister, großer Minister!" 
Mehr war aus ihm nicht heraus zu bringen. 

riet er der Gräfin Rasoumof fsky-Thun, doch ihrem Manne „die Rute 
zu geben". Nach Ribeaupierre wollte sich Suw6row nach der Au- 
dienz beim Kaiser in die Stefanskirche begeben. Das Volk rief ihm: 
„Es lebe Suwörow" zu, das er mit dem unaufhörlichen Gegenrufe 
erwiderte: „Es lebe Kaiser Josef!" Als er auf seinen Irrtum aufmerk- 
sam gemacht wurde, ließ er sich keineswegs beirren, sondern ent- 
schuldigte sich damit, er habe ganz auf den Thronwechsel vergessen. 

84 




Elisabeth Gräfin Rasumoffsky-Thun (1764 — 1806) 



Nach einem Bild von Elis. L. Lebrun -Vigee 
im Besitze des Grafen Camillo Razumovskv, Wien 



Diese Details habe ich von Rasumoffsky, der später 
mein Schwager wurde. Diesem blieb nichts übrig, 
als nach einer Viertelstunde den verschlagenen Posssen- 
spieler fortzuführen, der später einen Feldzugsplan nach 
seiner Art machte und davon geradeso wenig abging, 
als von seinem ,, großen Minister". Rasumoffsky er- 
zählte mir später einmal, er habe bei Gelegenheit dieser 
Unterredung Blut und Wasser geschwitzt. 

Der Krieg von 1799, wobei die Erfolge Suwaroffs in 
Italien und die des Erzherzogs Karl am Rhein doch nur, 
2 Jahre später, den Frieden von Luneville herbeiführten, 
ließ viel Blut und Tränen auf unserer Seite fließen. 
Der Hofkriegsrat, den der russische General nach seineiH 
wirklichen Werte schätzte und ihn auch immer den 
„Rat Unbestimmt" nannte, paralysierte stets die An- 
strengungen eines guten Generals und begünstigte die 
eines schlechten. Während das Volk seinen guten Wil- 
len bewies, sein Blut und seine Kraft vergeudete, wäh- 
rend der österreichische Adel sich im Dienste des Vater- 
landes und des Kaisers dezimierte — es gab kaum eine 
Familie, die diese Kriege nicht in Trauer versetzt hat- 
ten — machten die Untätigkeit und die Hofintrigen 
alle diese edelmütigen Opfer unnütz. Man sah stumpf- 
sinnig und ohne Zweck die Blüte der Edelleute wie 
Hekatomben fallen. Der arme Graf Jakob Ficquelmont^) 
war unter der Zahl dieser Opfer; er wurde unter den 
Mauern von Verona erschossen. Meine Tante Therese 
beweinte ihn aufrichtig, vielleicht auch mit reuevollem 
Grame, denn sie hatte sich gegen diesen so treuen Ver- 
ehrer ein Unrecht vorzuwerfen. Unabhängig geworden 
durch den Tod ihres Vaters und Erbin eines Vermögens 
von 80.000 fl., hatte sie sich geweigert, es mit dem 
i) Er starb in Verona 17.4. 1799. 

85 



Manne zu teilen, der ihr seit einer Reihe von Jahren sein 
Herz geschenkt hatte. 

Das Jahr 1800 hat in mir keine andere Erinnerung 
hinterlassen, als die Nachricht von der Schlacht von 
Marengo und einem Maskenball, bei welchem ich am 
Arme des sehr langvi^eiligen Marquis de Beaufort, eines 
Verehrers von Tante Therese, fast einschlief. Seither 
hatte er das Recht, mich mit seinen gelblichen Lippen 
zu küssen, obwohl er nicht verwandt war. 

Den Winter 1801 verbrachten wir in Wien. Die 
Kinderbälle waren viel lustiger, als die Maskenredoute 
des Vorjahres. Ich erinnere mich dabei eines kleinen, 
dicken, aber sehr netten Knaben, der mich den ganzen 
Abend nicht verließ und den man Prosper Arenberg^) 
nannte. Er heiratete später ein Fräulein Tascher de la 
Pagerie. Wir liebten uns an diesem Abend bis zum 
Wahnsinn und sahen uns seither nie mehr. Schon einige 
Jahre früher hatte mich eine frühreife Neigung zum 
Sohne der Vxmztssm Lichnowsky^) erfaßt. Ich habe ihn 
wohl nie gesehen, aber seine Mutter besaß ein reizendes 
Porträt von ihm, das mir und meiner Schwester Josefine 
den Kopf ganz verdreht hatte. In einem Muff der Prin- 
zessin hatten wir noch einen anderen Rivalen. Mit die- 
sem zu spielen, machte uns ebensolche Freude, als das 
Porträt des bildhübschen kleinen Eduard zu betrachten. 
Da wir uns oft wegen dieser beiden Dinge stritten, so 

1) Herzog Prosper Arenberg (1785 — 1861), heiratete 1808 Stefanie 
Tascher de la Pagerie, Nichte der Kaiserin Josef ine. Diese Ehe wurde 
18 16 für nichtig erklärt, worauf Prosper 18 19 die Prinzessin Lud- 
milla Lobkowitz heiratete. 

2) Christine GiMin Thun-Klösterle (1765 — 1841), die Schwester der 
Gräfin Rasumoffsky-Thun, hatte 1788 den Prinzen Karl Lichnowsky 
(gestorben 18 14) geheiratet. Aus dieser Ehe wurde der obengenannte 
Fürst Eduard Lichnowsky 1789 geboren. Dieser heiratete 1813 Ele- 
onore Gräfin Zichy. 

86 




Eduard Fürst Lichnowsky (1789 — 1845) 



Nach der Photographie eines Ölgemäldes in 
der K. u. K. Familien -Fideikommißbibliothek 



entschlossen wir uns, sie zu teilen. Ich rannte so schnell 
als möglich zur Prinzessin, um für eine von uns ihren 
Sohn zum Gemahl zu verlangen, für die andere den 
Muff. Jedenfalls wäre diejenige, die den Muff bekom- 
men hätte, besser dabei gefahren, denn der kleine Edu- 
ard wurde ein gar „mauvais sujet" und professioneller 
Lügner, den sein Sohn allein in diesem Metier noch über- 
treffen konnte. Man hat sie oft mit dem Baron von Crac^) 
und dessen Sohn verglichen, was aber den Kaiser Franz 
nicht hinderte, aus dem Vater den Historiographen seiner 
Familie zu machen. Er bekam dafür jährlich 1600 fl. 

Den Sommer 1801 verbrachten wir auf unserem 
Schlosse Schwertberg. Mein Vater ließ sich damals 
durch einen li^xonPuteani'^) in unglückliche Güterspeku- 
lationen ein. Dieser Mann bereicherte sich, indem er 
die Geschäfte großer Herren in Ordnung brachte und 
nahm für seine Bemühungen reichliche Perzente. Auf 
sein Anraten kaufte mein Vater die Herrschaft Choto- 
vin bei Tabor in Böhmen und ließ sie durch den älte- 
sten Sohn des Barons bewirtschaften. Er fand aber dabei 
so wenig seine Rechnung, daß er das Gut 1803 an einen 
Herrn v. Nadherny^) verkaufen mußte. In Zahlung nahm 

i) „Baron Crac et son fils", Personen in einem französischen Lust- 
spiele von Collin d'Harleville (1755 — 1806), ,,M. de Crac dans son 
petit castel (1796), worin Vater und Sohn um die Wette ä la Münch- 
hausen aufschneiden. Der,,Historiograph" war Eduard Maria Fürst 
Licbnowsky (1789 — 1845), der 1836 — 44 die „Geschichte des Hauses 
Habsburg" schrieb und nach Gräfin Lulu Thürheim dafür jährlich 
1600 fl. bekam. Vater und Sohn Lichnowsky konnte man wohl mit 
Recht die beiden Cracs nennen. 

2) Vielleicht Joh. Nep. Baron Puteani, geboren 1775. 

3) Johann v. Nadherny erwarb 1803 Chotovin im Kreise Tabor in 
Böhmen. Er besaß 13 Herrschaften und viele Industrien. Sein Enkel 
Johann (1838 — 1891) wurde 1882 österreichischer Freiherr. Das ein- 
trägliche Gut hatte Graf Thürheim 1795 von dem Grafen Christof 
Alex. Migazzi gekauft. 

87 



mein Vater auf Anraten Puteanis unsichere Obligati- 
onen des Käufers an, die protestiert waren und ihm nur 
Prozesse brachten, in denen er die 200,000 fl., welche 
Chottowin gekostet, beinahe vollständig einbüßte. 

In diesen Jahren machten wir in Schwertberg auch 
die Bekanntschaft zweier Nachbarn, die uns öfters be- 
suchten. Der eine war ein Engländer v. Scheldon'''), der 
andere ein Florentiner Cavaliere Del Hoste^). Der erstere 
wohnte in Enns an der Seite einer alten, häßlichen und 
dummen Frau. Sie war aus großem Hause, eine geb. 
Prinzessin Auersperg und Witwe nach einem Grafen 
Dann. Scheldon diente in einem österreichischen Regi- 
mente. Ich weiß nicht, ob er die Unvorsichtigkeit be- 
ging, seiner späteren Frau den Hof zu machen, kurz, die 
Dame faßte eine solche Leidenschaft für ihn, daß sie 
sich, als er einmal krank wurde, einfach an sein Bett 
setzte und ihn Tag und Nacht pflegte. Was blieb ihm 
als galantem Manne übrig, wie sie zu heiraten ? So fand 
er sich nach seiner Wiedergenesung mit 22 Jahren an 
eine Frau von 40 gefesselt, die häßlich, lächerlich und 
vermögenslos war. Trotzdem ertrug er sein Unglück 
nun schon durch 25 Jahre ohne Klage, man sagte aber, 
daß er manchmal eine kleine Tröstung außer Haus 
suchte. Im übrigen hatte er für seine Frau alle Rück- 

i) Franziska Fürstin Auersperg, Tochter des Grafen Karl und Jo- 
sefa Gräfin Trautson, geboren 1745, heiratete i. 1768 Franz Karl 
Graf Daun (1746 — 1771), k. k. Km. Oberst und Regimentskomman- 
dant, Sohn des Siegers bei Kolln, 2. 17. 5. 1789 Georg Grafen 
Sheldon (auch Scheldowe und Sheltown), geb. 1763, gest. vor 1820, 
s. 1810 k. k. Km. 

2) KarolineChrlstlne Gräfin Waldstein, geboren 1 766, heiratete i . 1 790 
Leopold Josef Grafen Daun (1769 — 1799), Sohn des vorigen Franz 
Karl Grafen Daun und der Franziska Fürstin Auersperg; heiratete 
2. 2. 10. 1802 Claudius Graf Dell Hoste, späteren portugiesischem 
Oberstleutnant und sizillanischem General-Konsul, gest. 1845. 



sieht und beweinte sie nach ihrem Tode, als ob er sie 
innig gehebt hätte. Er war eben auch alt geworden und 
die Gleichgültigkeit hatte sich unterwegs verloren. 
Außer ihrer Leidenschaft für ihren Mann, hatte die 
Frau Scheiden noch eine besondere Liebe für alle Tiere. 
Sie konnte es nicht ertragen, daß man sie tötete, noch 
weniger, daß man sie des Vermögens, zu heben, be- 
raubte. Sie rettete und ernährte so viele Tiere, als es 
ihre kleine Rente gestattete: Widder, Hähne und die 
männhchen Schweine. Sie alle hatten ein sicheres Asyl bei 
der empfindsamen Alten. Unnötig zu sagen, daß auch die 
Hunde sich einer besonderen Rücksicht erfreuten. Sie 
hatte eine Menge, und ihr Mann nahm, weil er sie spa- 
zieren führen mußte, immer mindestens 6 auf einmal mit. 
Der Cavaliere Del Hoste war der Stiefsohn des Herrn 
Scheldon, da er die Witwe des Sohnes seiner Frau ge- 
heiratet hatte, die Gräfin Dann, geb. Gräfin Waldstein. 
Wie sein Stiefvater wurde er das Opfer einer Neigung, 
die er in dem Herzen einer älteren und im Range höher 
stehenden Dame wachgerufen. Nur bot er weniger In- 
teresse, als Scheldon, da er hauptsächlich mit Rücksicht 
auf das Vermögen seiner Frau geheiratet hatte. Sie war 
reich und besaß das sehr schöne Schloß Wallsee an der 
Donau. Dagegen war sie zänkisch und eifersüchtig und 
quälte ihren Mann so lange, daß er ihr endlich Zeit ließ, 
sich ihrem Zorne hinzugeben, indem er aus Gesundheits- 
rücksichten vorgab, täglich 9 — loStunden marschieren zu 
müssen. So ging er oft am frühen Morgen von seiner Frau 
fort und kehrte erst des Nachts oder gar am nächsten 
Morgen zurück. Sein Stiefvater Scheldon hatte ebenfalls 
diesen Ausweg adoptiert und so durchwanderten die bei- 
den schlecht verheirateten Gatten, um der ehelichen Fes- 
sel zu entgehen, das Land der Länge und Breite nach. 

89 



In diesen Kriegszeiten sahen wir auch viele Offiziere^) 
in unserem Schlosse, da in der ganzen Gegend Truppen 
kantonierten. 

Im Winter 1802, 14 jährig, wurde ich bereits bei Hof 
vorgestellt. Dazu verhalf mir die Anwesenheit der 
Schwester meiner Mutter, einer geb. Gräfin Trtps^)^ 
die den Prinzen von Hessen geheiratet hatte, der sich in 
neapolitanischen Diensten bei der Verteidigung Gaetas 
ausgezeichnet hatte. An die leichtfertigen Sitten des 
Hofes der Königin Karoline gewöhnt, fand sie es nur 
natürlich, daß sie sich einen Liebhaber hielt, trotzdem 
sie ihren Gatten achtete. Dieser Anbeter war der eng- 
lische Botschafter Sir Arthur Paget^) am Wiener Hofe. 
Diese Liaison, mit der meine Tante kein Geheimnis 
machte, ärgerte meine Mutter sehr und sie sah darin 
eine Gefahr für ihre heranwachsenden Töchter. Sie 
beschloß daher, sich kühl gegen ihre Schwester zu ver- 
halten. Infolge ihrer Herzensgüte war aber meine 

i) Sie bildeten für uns eine angenehme Gesellschaft, nur war Minerl 
Hager sehr eifersüchtig gegen uns, wenn uns der Hof gemacht 
wurde. Sogar ihr Bruder Hans Hager, der auch bei Schwertberg 
garnisonierte, wurde von Isabella eingenommen. Er war ein Riese, 
heiratete 1809 Maria von Ilessy und wurde der Vater der späteren 
Gräfin Julie Hager- Oldof redt (1813 — 1879), der Letzten dieses 
uralten Geschlechtes. (Notiz d. Verf.) 

2) Marie Franziska Gräfin Berghe von Trips, gest. 1805, vermählte 
sich am 22. Januar 1791 mit dem Landgrafen Ludwig von Hessen- 
Philippsthal (1766 — 18 16). Deren einzige Tochter Marie, geboren 
14. I. 1793, heiratete 1810 den westfälischen Oberst Grafen Ferdi- 
nand de la Ville sur Illon (geschieden 18 14). 

3) Sir Arthur Paget (1771 — 1840) englischer Gesandter in Wien, hei- 
ratete 1809 Auguste Jane Fane. Der Gesandte Louis Fürst Starhem- 
berg schreibt von ihm u. a. : ,, Paget, ministre d'Angleterre, beau et 
bon garfon, excellent compagnon, rempli d'esprit, bien pensant, 
mais Selon moi, trop occupe de ses plaisirs et peut-etre trop leger 
pour un ministre." Er war früher in Neapel, wo ihn die Prinzessin 
von Hessen kennen und lieben lernte. 

90 



Mutter gar bald zur Vertrauten der beiden Liebenden 
avanciert, dieses Amt war keine leichte Aufgabe, denn 
meine Tante hatte ein südlich-lebhaftes Naturell. In 
ihren Zorne ohrfeigte sie oft ihren Liebhaber oder 
wälzte sich dann wieder auf den Knien vor ihm, um 
ihn zu versöhnen. Als später die schönste Frau Wiens, 
die Gräfin Spee, ihr den Botschafter abspenstig machte, 
begnügte sie sich mit den Brosamen seiner unbeständigen 
Neigung und verzieh ihm immer wieder, sobald er auf 
kurze Zeit zu ihr zurückkehrte. Sie starb, 32 Jahre alt, 
in München an den Masern, allein, auf einer Reise be- 
griffen. 

Dieser Tante verdankte ich also meine vorzeitige 
Vorstellung beim Wiener Hofe. Sonst wurden die jungen 
Fräuleins erst mit 16 Jahren präsentiert. Man gab ihnen 
dann Schleppkleider und Spitzen, man schenkte ihnen 
eine kleine Ausstattung an schönen Roben und Hüten, 
führte sie zum Kaiser und zur Kaiserin, zu den Ministern 
und Gesandten und ließ sie endlich die Tournee bei der 
ganzen Gesellschaft machen. Von diesem Zeitpunkte 
an waren sie nicht allein zu den Hof- und Stadtbällen 
eingeladen, sondern auch zu den Gesellschaften und 
großen Diners, deren es damals eine erkleckliche Anzahl 
gab. Heute ist es ganz anders geworden und es ist selten, 
daß die jungen Leute den Majestäten irgendwo anders 
vorgestellt werden, als beim Ball bei Hof, wo sie vorher 
schon eingeladen sind. Auf die Gesellschaft brauchen 
sie gar keine Rücksicht zu nehmen, sie tanzen auf allen 
Bällen, sobald es ihren Eltern gefällt, grüßen kaum die 
Hausherren und sagen nie eine höfliche Phrase zu 
irgend jemanden. Damals war es nicht so, unser Eintritt 
in die Welt war mit Schwierigkeiten verbunden. Man 
mußte die kaiserlichen Audienzen überstehen, man 

91 



mußte die Frohn der vielen Visiten auf sich nehmen, 
welche die Obersthofmeisterin Gräfin Wratislaw'^) an- 
empfahl. Sie erhob kaum das häßliche, runzelige und 
geschminkte Gesicht, sah einen mit durchdringendem, 
forschenden Blick an und gefiel sich darin, etwas Un- 
angenehmes zu sagen. Außerdem mußte man das Ex- 
amen und die Kritik mehrerer 80 jährigen Damen be- 
stehen und stundenlang, ohne den Mund aufzutun, 
im Cercle stehen, der sie umgab. Amüsant war es nicht, 
aber diese alten Damen hatten gute Manieren, machten 
schöne Konversation und man konnte viel Nützliches 
in ihren Salons lernen, und wäre es auch nichts weiter, 
als sich zu genieren und das Alter zu achten. 

Meine 2 Schwestern Isabelle und Konstantine waren 
bereits vorgestellt und, gewohnt, mit ihnen das Inter- 
esse jedes Tages zu teilen, langweilte ich mich an 
den Abenden zu Tode, wenn sie zu den Bällen fort- 
fuhren. 

Meine Tante von Hessen hatte mich besonders gerne, 
weil ich ihr ähnlich sehen sollte. Sie hatte Mitleid mit 
meiner Aschenbrödelrolle und lobte mich eines Tages 
gegenüber dem alten Herzog Albert von Sachsen'^), der 
gerne junge Leute um sich sah. So kam es, daß plötzlich 
eine Einladungskarte des Herzogs an meine Eltern kam, 
worauf statt der sonstigen 2 gebetenen Fräulein Töchter 
deren drei verzeichnet waren. Man durfte dem Onkel 
des Kaisers keinen Refus geben, meine Größe konnte 
meine große Jugend nicht leicht verraten, die Tante 
Hessen wußte außerdem alle Schwierigkeiten aus dem 

i) Gräfin Antonie ^ram/flw, geb. Gräfin Kinsky, Obersthof meisterin 
der Kaiserin Maria Theresia, gest. Wien 26. 3. 1816, 78 Jahre alt. 
2) Herzog Albrecht von SjcÄj^K-T^jcÄe«( 1738^1 822), Reichs-F.-M., 
bekannt als Gründer der „Albertina". 

92 



Wege zu räumen, die meine guten Eltern machten und 
freute sich im voraus auf das Vergnügen, das sie mir be- 
reitete. Kurz, ich bekam eine Girlande und ein gold- 
durchwirktes Kreppkleid und ging auf den Ball. Ich er- 
innere mich nicht, das Vergnügen dort empfunden zu 
haben, welches ich erwartet hatte. Die Pracht der Ge- 
mächer, der Aufwand an funkelnden Diamanten bei den 
Damen und Herren betäubten mich mehr, als sie mich 
entzückten. Man hatte mir so viele Dinge gesagt, wie: 
„Gib auf das und jenes acht, drehe keinem Erzherzog 
den Rücken, tritt nicht auf die Schleppe einer Erz- 
herzogin" usw. Dies alles drehte sich mir im Kopf 
herum, ich verlor meine Fassung und wußte nicht, wo- 
hin ich die Füße setzen sollte. So passierte es mir, daß 
ich in der deutschen Quadrille, als ich bei einer Figur 
zurücktreten mußte, versehentlich meinen Fuß auf den 
des Prinzen Leopold von Salerno^) setzte. Ich hatte 
Geistesgegenwart genug, nichts dergleichen zu tun und 
meinen Rigodon fortzusetzen, aber das ungeschickte 
Kind ging hinkend davon und setzte sich weinend auf 
die Knie der Königin von Neapel, um ihr zu sagen, daß 
das Fräulein von Thürheim ihm einen Fußstoß gegeben 
h^be. Man zog ihm die Schuhe aus, machte ihm Um- 
schläge und legte ihn der ganzen Länge nach auf ein 
Kanapee. Man erzählte mir dann das Unglück, das ich 
verschuldet hatte. Zu Tode erschrocken, wie wenn ich 

i) Leopold Prinz V. Sa/^rwo (1790 — 185 1) verheiratet 1816 mit Marie, 
Tochter Kaiser Franz I. von Österreich. Nostitz schreibt über ihn 
S. 1 57 : „Der Prinz Leopold" v. Sizilien hüpft und springt mit seinem 
Bourbonengesicht herum. Edel ist sein Stil nicht; sein Wesen 
scheint mir höchst langAveilig. II restera Prince d'une Sicile et cela 
est assez pour lui." Und Gräfin Bernstorff mokiert sich über sein 
bärenhaftes Tanzen, wodurch er der Schreck der Damen wurde. (De 
ja Garde: Gemälde des Wiener Kongresses, München 1912, 1. S. 248). 

93 



einen Königsmord begangen hätte, hätte ich mich gerne 
hinter einem Vorhang versteckt oder wäre am liebsten 
unter das Parkett gekrochen. Ich hatte das Gefühl, dem 
Schafott entgangen zu sein, als ich endlich in meinem 
Bette lag. 

Mein Debüt in der Welt war aber dennoch nicht 
ebenso unglücklich. Wenige Tage später war ein Concert 
pare in einem Redoutensaal. Das Eis schien gebrochen, 
denn man führte mich auch dorthin. Eine Hoftrauer 
zwang mich, schwarzen Jais in den Haaren und um den 
Hals zu tragen, ebenso wie ein Kleid derselben Farbe. 
Man glaube aber ja nicht, daß ich jedesmal meine Toi- 
lette beschreiben werde, wie die Herzogin von Abrantes^) . 
Die Trauer steht gut zu einem 14 jährigen, weißen und 
lustigen Gesicht. Die Jugend triumphiert über den 
Kummer. Wie es auch immer sei, ich war bei diesem 
Konzert sehr hübsch und jedermann sagte es mir. Als 
ich mich in einem Pfeilerspiegel einen Moment be- 
trachtete, fand ich, daß man recht hatte. Als ich nach 
Hause kam, schlief ich ganz anders, als das erstemal. 
Von diesem Abend an nahm ich an allen Unterhaltungen 
teil. Wir machten in der Tat ein holdseliges Trio aus. 
Meine Schwester Isabella war eine pikante Brünette 
mit schönen Zügen, wundervollen Augen und einer 
einnehmenden Gestalt. Konstantine, etwas kleiner, be- 
saß einen blendenden Teint, mandelförmige Augen von 
außerordentlicher Milde. Ihr Lächeln war lieblich. 
Ihre Zähne blendeten. Die Haare waren von einer 
schönen lichtbraunen Farbe und von einer Feinheit 
und einem Glänze, die auch die Jahre heute noch 
nicht zu ändern vermochten. Sie hatte außerdem sehr 

1) Die Gattin des napoleonischen Generals Andoche Junot (seit 
1807) Herzog v. Abrante». 

94 



hübsche Hände und Füße. Mit einem Worte, es hat- 
ten sich an ihr alle Schönheiten vereinigt und machten 
aus ihr die verführerischste Weltdame. Was mich be- 
trifft, so versprach ich damals hübscher zu werden, 
als ich es in meiner Jugend hoffen ließ. Ich war noch 
zu mager für meine hohe Gestalt, ein bischen Embon- 
point hätte mir nicht geschadet. Meine Taille blieb 
dünn und geschmeidig bis zu meinem 35. Jahre. 
Ebenso war es mit dem schmalen Oval meines Ge- 
sichtes. So mußte jemand, der mich in meiner Jugend 
nicht gekannt hatte, sich vorstellen, daß ich sehr schön 
gewesen, während man damals nur glaubte, daß ich es 
werden könnte. In Wirklichkeit war ich nie, was man 
eine hübsche Frau nennt, nur die Weiße meines Teints, 
die Regelmäßigkeit meiner Züge und eine gewisse Leb- 
haftigkeit meines Mienenspieles machten mich an- 
ziehend. Auf den BäUen sehr fetiert, gab ich mich ganz 
den Freuden des Tanzes hin und der damit verbundenen 
für mich noch größeren, plaudern zu können. Ziemlich 
geschwätzig, plauderte ich zwanglos mit meinen Ver- 
ehrern und meine unschuldige Koketterie brachte mir 
mehr, als eine Eroberung. Ein großer, schöner, junger 
Mann, Sir Blackgre oder Blaquin^), Kapitän in der eng- 
lischen Garde, schien mir der liebenswürdigste von allen 
zu sein, obgleich ich mich nicht erinnern kann, daß er 
viel sprach. Aber in seiner schönen blauen Uniform mit 
seinem glänzenden Stahlhelm, auf welchem ein Toten- 
kopf abgebildet war, kam er mir unwiderstehlich vor. 
Ich träumte zwei Tage und zwei Nächte nur von ihm. 
Ein anderer machte mir jedoch den Hof mit viel ernste- 
ren und solideren Absichten. Es war dies der Graf Tony 

i) Dürfte Sir William Houstoun-Boiwa// gewesen sein, der, englischer 
Offizier, damals in Wien war. 

95 



Starhemherg^), der später lange Jahre Vormund der Kin- 
der meines Bruders wurde. Er ließ keinen Walzer vor- 
über, ohne mit mir zu tanzen und drückte mir beim 
Tanze die Hand. Ich weiß nicht, wie es meine Mutter 
bemerkte. Die Partie gefiel meinen Eltern, die Güter 
des Grafen lagen neben den unseren; daher bestürmten 
mich Vater und Mutter mit tausend Fragen über die 
Artigkeiten, die mir der Graf gesagt hatte. Ich war in 
großer Verlegenheit, was ich antworten sollte. Aus 
Widerspruchsgeist verdarb mir die Freude der Eltern 
mein Vergnügen. Ich war beleidigt, daß man die Ge- 
heimnisse meiner ersten Liebeständeleien an die Sonne 
zog. Die Gewißheit, die man mir bewies, daß mir der 
Graf gefallen müsse und die Furcht meinerseits, daß 
ich ihm mißfiel, machten ihn mir wiederwärtig trotz 
seiner hübschen Augen, der Schmarre, die martia- 
lisch die Stirne eines Husarenmajors von 28 Jahren 
schmückte, und des Maria Theresienkreuzes, das ihm 
die Wunde eingetragen hatte. Ich zitterte bei dem Ge- 
danken, er könne mich zur Frau begehren, und als er 
2 oder 3 Monate später unangesagt nach Schwertberg 
kam, verbarg ich mich rasch in einem finsteren Loch 
des alten Schlosses, wo ich 2 Stunden an die kalte Mauer 
gekauert stand, bis die Dinerglocke mich herauslockte. 
Ich mußte meine Zeichnungen zeigen und entrann mit 

1) Anton Gundakar, Sohn des Gundakar Franz Grafen Starhemberg 
und der Wilhelmine Gräfin Neipperg, geboren 1776, gestorben 1842 
k.k. Km. und G.F.W.M., ein tapferer Soldat, der bei Austerlitz und 
Wagram als Oberst bei Stipsitzhusaren mitfocht und für Boara das 
Maria Thereslen-Kreuz erhielt. Marmont gedenkt seiner ehrenvoll 
in seinen Memoiren. Seine Schmarre über der Stirne rührte von ei- 
ner schweren Verw^undung im Gefechte bei Renchen 1796 her. 
Seine i. Gemahlin Vizr Julie, geb. Gräfin Esterhazy-Galantha, ge- 
storben 1829 und auch von seiner 2. Frau Karoline geb. Gräfin 
Kaunitz hatte er keine Kinder. 

96 




^ M>~^'^^. 



.Q) i-af ''3^!nt:'>^)itn4^r-^blrt\^l|cmlH'nv 



y/ 






Nach einem Stich von J. G. Mansfeld in der 
k. und k. Familien •Fideikommifibibliothek 



knapper Not der Notwendigkeit, meinen Gesang zu 
produzieren. Solange die Visite des Grafen dauerte, 
durch 6 Stunden, hüllte ich mich in eine unausstehliche 
Mürrischkeit und mußte trotzdem das Augenspiel 
meines zärtlichen Anbeters über mich ergehen lassen. 
25 Jahre später sah ich in Paris ein Vaudeville „la 
demoiselle ä marier", worin ich mich und meinen 
ersten Freier, der mir so verhaßt geworden, wie in einem 
Spiegel zu erkennen glaubte. Der einzige Unterschied 
zwischen dieser hübschen Theaterszene und der meini- 
gen war, daß die letztere keine anderen Folgen hatte, 
als die Heirat meines Bewerbers 6 Monate später mit 
der hübschen Gräfin Esterhäzy, die ihm gefälliger war 
und ihm i Million Gulden in die Ehe mitbrachte. 

Ich will hier noch einiges nachtragen, was sich um die 
Jahrhundertwende zutrug. Im Winter 1801 trat ein 
für unsere Familie großes Ereignis ein. Es nahte sich 
ein Bewerber um die Hand meiner Schwester Isabella, 
der Dragonerleutnant Graf S-peth^). Da er den Winter 
in Schwertberg in Garnison zugebracht hatte, gelang 
es ihm dort überall den Ruf seines Reichtums zu ver- 
breiten. Als wir ankamen, war sein erstes, bei meinen 
Eltern einen Antrittsbesuch zu machen und kurz darauf 
um die Hand IsabeUas zu bitten. Alles dies ging im Eil- 
schritte. Pittony sah der Bewerbung mit Wehmut zu, 
dennoch erbot er sich, als es sich darum handelte, über 
Speth Erkundigungen einzuziehen, nach München zu 
reisen, wo sich die Familie des angehenden Bräutigams 
aufhielt. Er sollte von dort nicht nur über das Vermögen, 

i) Mangels Taufnamen kann Obiger nicht mit Bestimmtheit eruiert 
werden. Grafen Speth gab es nicht. Er könnte also nur der freiherr- 
lichen FamiUe Speth angehören. Vielleicht war es Max Freiherr v. 
Speth-Zwiefalte7i (1785 — 1856), kgl. württembergischer Rittmeister 
a.D. 



7 M. L. I 



97 



sondern auch über den Charakter des Grafen sichere 
Nachrichten mitbringen, obwohl die Manieren des 
hübschen Leutnants nichts zu wünschen übrig heßen. 
Trotz der innigen Liebe, die Pittony meiner Schwester 
entgegenbrachte, riet er ihr doch in seiner Großmut, 
sich den Wünschen der Eltern nicht zu widersetzen, 
falls die Partie wirklich allen Erwartungen entsprechen 
würde. 

Zum Glücke Pittonys und Isabellas wurde jedoch 
aus der ganzen Angelegenheit nichts, Pittony begab sich 
in München sofort zur alten Gräfin Speth, der er die 
Absichten ihres Sohnes, in der sicheren Voraussetzung, 
daß ihr alles bekannt sei, berichtete. Doch diese war 
wie aus den Wolken gefallen, sie gestand, nicht das ge- 
ringste zu wissen, sie bekannte, daß ihr Sohn nicht ge- 
nug Vermögen besitze, um eine solche Heirat eingehen 
zu können, und sein Charakter leider nicht das Glück 
einer Frau sichern würde. Dieses Geständnis wurde ihr 
anscheinend sehr peinlich, denn sie schätzte die Ehre, 
die meine Familie ihrem Sohne zukommen lassen 
wollte. Diese Loyalität rettete meine Schwester, und 
der Abgesandte kam mit diesem Mißerfolge ebenso 
glücklich zurück, wie ein anderer, der sich über einen 
Erfolg erfreut. 

Als 1801 mein Vater noch Vertrauen in seine ge- 
schäftlichen Unternehmungen, namentlich in die Er- 
werbung von Chotovin hatte, war er oft genötigt, lange 
Reisen nach Böhmen zu machen. Wir benützten diese 
Abwesenheit, um in Frieden zu leben. Ich schäme mich 
einzugestehen, bis zu welchem Grade uns diese wirk- 
lichen Ferien entzückten, und doch arbeitete und mühte 
sich Papa nur für uns ab. Seine Person flößte uns aber 
immer Furcht ein. Kaum war er abgereist, als wir Pro- 

98 



menaden und größere Ausflüge verabredeten, die uns 
lieber waren, als die glänzendsten Vergnügungen. Ich 
erinnere mich mit Freude eines zweitägigen Ausfluges 
nach Zellhof (Schloß des Grafen SalhurgY) und nach 
Reichenstein 2), einer sehr schönen, uralten Ruine. Zu 
unserer Gesellschaft zählten damals auch der obenge- 
nannte Abbe Maas und ein Arzt der Umgebung, mit 
Namen Schober. Beide waren geistreich, heiter und sehr 
amüsant, nur hatte der Abbe seine Launen, wie alle 
Lehrer, während sich Schober immer gleichblieb. Auch 
war dieser wirkhch ein guter Arzt, sein Besuch allein 
heilte oft schon, weil er die Kranken vortrefflich zu 
unterhalten wußte. 

Ich habe auch der Besuche nicht gedacht, die wir 
regelmäßig einmal des Jahres in Linz bei dem alten 
Grafen Christof Thürheim^) machten, der Landes- 
hauptmann von Oberösterreich war. Dieser würdige 
Verwandte, von dem später einmal mein Vater die 
Fideikommisse erben sollte, verdiente alle Rücksicht, 
und meine Eltern Heßen es auch daran nie fehlen, was 
ihnen in Zukunft von großem Niitzen sein sollte. Er 
war der Chef der älteren Linie und der letzte Landes- 
hauptmann, denn schon zu seinen Lebzeiten hob man 
diese Stelle, die immer von einem Landeskind besetzt 
und vom Lande bezahlt wurde, auf und ernannte einen 
kaiserlichen Statthalter, der als Fremder weniger die 
Interessen der Provinz beschützte, als sie denjenigen 
der Krone unterordnete. Mit der Charge des Landes- 
hauptmannes erloschen die letzten Freiheiten von Ober- 

i) Zellbof, Schloß im Mühlviertel. 

2) Reichenstein, romantische Ruine an der Aist, seit ca. 1730 im 
fürstlich Starhembergschen Besitze. 

3) Christof Wilhelm Graf Tbürbeim 1731 — 1809 war der direkte 
Vetter dei Vaters der Verfasserin. 



7* 



99 



Österreich. So hatte Maria Theresia auf geschickte Weise 
den Landadel an ihren Hof gezogen und Höfhnge aus 
ihm gemacht. Die Krone fuhr nun, von Herrscher zu 
Herrscher fort, ihre Macht zu vergrößern, indem sie alle 
Schranken niederwarf, die sie von den öffentlichen Frei- 
heiten trennte, und indem sie auf deren Trümmern eine 
absolute Regierung errichtete. Es ist dies die Geschichte 
vom Löwen, dessen Adel man lobte, um ihm unter- 
dessen Zähne und Krallen auszureißen und ihn dann, 
als er keine Waffen mehr hatte, zu erwürgen. 

Graf Thürheim mußte es schmerzlich empfinden, als 
man ihm die Ägide entriß, die ihm sein Land anver- 
traut hatte, denn er war ein strenger und gerader Mann, 
der, glaube ich, sich niemals zu der Rolle eines Höflings 
geeignet hätte, trotzdem ihm Fürst Kaunitz seine ein- 
zige Tochter zur Frau gegeben hatte. Als gerechter 
Staatsmann geachtet, konnte er sich doch nicht die 
Herzen gevsännen. In seiner Familie zeigte er sich hart 
und aufbrausend bis zur Brutalität und wurde daher 
mehr gefürchtet, denn geliebt. Da es für den Familien- 
chef kein Privatgesetz gibt, so konnte er sich ohne Kon- 
trolle seiner Neigung zum Despotismus hingeben. Ich 
glaube auch, daß er bei der Regierung der Provinz eben- 
so willkürlich vorgegangen wäre, wenn ihn die Gesetze 
nicht zur Ausübung der Gerechtigkeit gezwungen hät- 
ten. Man sieht daraus, wozu sie doch gut sind. 

Seine zweite Gattin, eine Gräfin Küntgl^), besaß alle 
sanften Eigenschaften, die ihm fehlten; sie war eine 

i) Graf Christof Thürheim war dreimal vermählt: i. 1763 mit 
Maria Antonie Fürstin Kaunitz, 2. 1771 mit Maria Anna Gräfin 
Künigl und 3. 1802 mit Maria Gräfin Gaisruck. Er hinterließ aber 
nur Töchter. Bis 1783 war er Landeshauptmann in Oberösterreich, 
dann nach der Umwandlung erster Landesregierungs-Präsident. 
1786 resignierte er und starb 1809 in Linz. 

100 




Christof Wilh. Graf Thürheim ( 173 1— 1809), 
I. Landesregierungs-Präsident in Ober-Österreich 



Nach dem Gemälde in der Ahnen- 
galerie im Schlosse Weinberg 



vollendete Frau und hatte die zwei schönsten Töchter, 
die man sehen konnte. Die eine heiratete den österreich- 
ischen Gesandten in Stockholm Paris Grafen Lodron, 
die andere den Grafen Michael Althann. Letztere hatte 
einen Grafen Hoheneck^), den Letzten seines Namens, 
zum glühenden Verehrer. Sie liebte ihn aber nicht und 
gab Hand und Herz dem schönen und anmutigen Grafen 
Althann^). Der Abgewiesene klagte nicht, aber am Hoch- 
zeitstage seines Rivalen, als die Kirchenglocken erklan- 
gen, stürzte er tot zusammen. Sein ,,Herz" hatte ihn 
buchstäbhch getötet. So viel Liebe hätte ein anderes 
Los verdient, doch rächte ihn dasjenige seiner Geheb- 
ten, denn sie wurde in der Ehe sehr unglücklich. Ihr 
Gatte, der sie in seinem Jähzorn sogar mißhandelte, 
vergiftete ihr das Leben trotz aller Liebe, die sie für 
ihn empfand. 

Wir hatten in Linz noch einen anderen Verwandten, 
der uns namenthch zu jener Zeit einlud, als sich Christof 
Thürheim ständig in Weinberg etabherte. Es war dies 
Graf Rudolf Salburg^), Bruder Christofs, des Verehrers 

i) Graf Joh. Georg Hoheneck (1754 — 96), der Letzte der österreichi- 
schen Linie dieses alten Geschlechtes. Er wollte nicht heiraten, wes- 
halb sein Vater seinen Schwiegersohn Ferdinand Maria Frhrn. von 
Imsland adoptierte. 

2) Michael Max Grai Althann, k. k. Km. und Major a. D., gestorben 
1834, heiratete 1796 Maria Franziska, Tochter des Landeshaupt- 
manns Christof Wilhelm Grafen Thürheim, der ihr 1802 die Herr- 
schaft Hagenberg in Oberösterreich vermachte. Von den Althanns 
kam diese durch Heirat 1862 an die Grafen Dürckheim-Montmartln. 

3) Christof (1728 — 1775) und Rudolf (1732 — 1806) Grafen Salburg 
waren beide Söhne des Norbert Anton Grafen Salburg, k. k. Km,, 
Geh. Rat und Raltratspräsident, der 1723 Jakobea Eleonore Gräfin 
Thürheim heiratete (1698 — 1767). Während Christof Salburg der 
zu Beginn der Memoiren genannten Gräfin Thürhelm-Hager wich- 
tige Dienste In ihrer finanziellen Bedrängnis leistete, verlangte nach 
seinem Tode dessen Bruder Rudolf die Darlehen zurück und brachte 
dadurch die Thürhelms dem Ruine nahe. 

lOI 



meiner Großmutter Thürheim, welcher ihr in exal- 
tierter Weise Briefe geschrieben hatte, die diese, da sie 
auch Geschäftliches enthielten, immer ihren Gatten 
lesen ließ, worauf sie diese Liebesergüsse ihrer Schwä- 
gerin und Mutter ihres Verehrers zusandte. Rudolf war 
der nämliche, bei dem ich meine Geschwister nach der 
Impfung begrüßte. Er war, ebenso wie seine Frau, eine 
geborene Gräfin Kinsky, sehr reich. Beide überhäuften 
uns mit ihrer Gunst, und einmal, ich weiß nicht mehr 
in welchem Jahre, blieben wir 4 volle Tage mit unserer 
Gouvernante in ihrem Hause. Sie waren sehr gutmütig, 
aber sehr beschränkt, namentlich die Gräfin, die sich 
trotz ihrer 40 Jahre von ihrer ,, Gouvernante" aus- 
zanken ließ, wie wenn sie erst 10 Jahre alt wäre. Diese 
geschwätzige und sehr dezidierte Gouvernante war 
unsere „bete noire", trotzdem sie uns Bonbons gab. Ich 
sehe sie noch vor mir mit ihrer Haube aus schwarzer 
Gaze und ihren dick geschminkten, garstigen Wangen. 
Sie hieß Mlle. Cunotte (Cul-note), über welchen Namen 
ein Spaßvogel folgende Charade dichtete: 

„Mon „premier" pete, 
Mon „second" chante, 
Mon „tout" pete mieux, 
Qu'il ne chante." 



102 



V. i8o2 — 1804 

So hatte ich denn mitten unter Vergnügungen und 
Erfolgen meinen 14. Geburtstag erreicht. Um das 
Kapitel der ersten Jugend damit abzuschließen, ist es 
wohl etwas frühe, aber mein Eintritt in die Welt hatte 
ihr einen natürlichen Abschluß gegeben. Sobald ein 
Mädchen vom Becher der Eitelkeit genippt hat, so 
gehört sie nicht mehr in das Dunkel der Kinderjahre; sie 
hat bereits die Morgenröte aufgehen gesehen, rosig und 
hoffnungsreich, und ihre Blicke richten sich neugierig 
dem Glänze des Tages entgegen. Aber während meine 
Psyche, halb Raupe, halb Schmetterling, in mir noch 
schlummert, will ich ein wenig von meinen älteren 
Schwestern erzählen, bei denen sie schon vollkommen 
erwacht war. 

Seit 2 Jahren war Konstantine der Gegenstand einer 
leidenschaftlichen Liebe ihres Vetters Franz Baron 
Hager^). Es ist wahrscheinHch, daß sie als halbes Kind 
es gar nicht bemerkt haben würde, hätte er seine Nei- 
gung ihr nicht eingestanden. Diese Erklärung eines Ge- 
fühles, von dem ihr Herz noch nichts verstand, aus dem 

i) Franz Freiherr von Hager von und zu Allentsteig, Sohn des k. k. 
F. M. L. und Obersthofmeisters Franz Alois Freih. v. Hager und 
Maria Anna geb. Gräfin Schlik, geb. 1764, gest. im kaiserlichen 
Schlosse zu Stra in Italien am 31. Juli 1816, war k. Kämmerer, Geh. 
Rat und Präsident der obersten Polizei- und Zensurhofstelle. Seine 
Familie gehörte zu den wenigen altösterreichischen Geschlechtern, 
die noch auf unsere Tage gekommen sind. 

103 



Munde eines Mannes, der ihr Vater hätte sein können, 
erregte mehr ihr Erstaunen, als ihre Freude; da sie aber 
ihren Vetter gerne hatte, so fürchtete sie, ihm wehe zu 
tun und ertrug seine Liebe wie einen Unterricht. Doch 
verzögerten ihre große Jugend, der gänzhche Vermö- 
gensmangel ihres Anbeters und seine noch unbedeutende 
Stellung (er war damals Kreishauptmann) die Aus- 
führung der Heirat. Meine Eltern, die von der beab- 
sichtigten Verbindung Kenntnis hatten, vertrösteten 
meinen Cousin, hoffend, daß entweder die Zeit ihn 
bekehren oder daß eine reichere und dem Alter nach 
besser entsprechende Partie sich für meine Schwester 
finden würde. Jedenfalls flößte ihnen sein guter Charak- 
ter, sein edles und empfindsames Herz zuviel Achtung 
ein, um seine Hoffnungen kurzerhand zunichte zu 
machen. Je mehr sich jedoch meiner Schwester mit den 
Jahren die Lebenswege öffneten, desto hartnäckiger 
wurde seine Liebe. Mehr gefangen, als erobert sah sich 
das junge Mädchen ohne Unwillen, aber mit einer ge- 
wissen Genugtuung als Idol ihres Vetters und die Reden 
Minerls, die sie vergötterte, trugen auch dazu bei, bei- 
der Gefühle zu stärken. Konstantine nährte unwillkür- 
lich seine Hoffnungen und fand nicht den Mut, sie zu 
zerstören. Meine Cousine Minerl hatte anfangs die Be- 
werbung ihres Bruders bekämpft, weil sie dadurch ihre 
Kammerjungfer verlor, die er verführt hatte. Als sie 
aber später sah, daß sie durch ihr Verfahren die Liebe 
ihres Bruders einbüßen würde, bediente sie sich des Ver- 
trauens und der Zuneigung Konstantines ihr gegenüber, 
um die Verbindung zu fördern. 

Solange, als kein Rivale auf den Plan trat, herrschte 
ungetrübter Friede zwischen den beiden Liebenden und 
die kleinen Eifersuchtsszenen meines Vetters verflüch- 



104 




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ZT A1.V,:X ST F>I( 



y /7/:j/f///// ^f/ / /''■ ' yi"//.zr/////'/o/^'// ' 



W'i.ti i,.■^• Art-u-i.. .,',.1 r«T,),. 



Nach einem Stich von Blasius Höfel in der 
K. u. K. Familien -Fideikommi&bibliothek 



tigten sich bald, da sie ungerecht und sinnlos waren; 
doch die Zeit der Eroberungen, der Erfolge nahte für 
Konstantine und damit auch das Ungewitter. 

Therese Chotek hatte einen Bruder P^/)/^), der älter, als 
die oben genannten Karl und Hermann war. Ich sprach 
von ihm nicht früher, weil er unsere Adoleszentinnen- 
Soireen verachtete und sich dort nie zeigte. Schön, ele- 
gant, mit ^^erundzwanzig Jahren Generalstabshaupt- 
mann, hatte er damals besseres zu tun und trieb sich in 
den Salons und Boudoirs der jungen Modedamen 
herum. Kaum aber hatte er in der Gesellschaft das 
schüchterne, jedoch reizende Mädchen, meine Schwe- 
ster, gesehen, die er vorher kaum mit einem Blick ge- 
streift hatte, so suchte er unser Haus auf, besuchte eifrig 
unsere kleinen Reunionen, die bei seiner Schwester statt- 
fanden, und wollte immer von unserer Partie sein. Bald 
wurde Konstantine der Gegenstand seiner Aufmerksam- 
keit, bald hebte er sie innig und verlangte bei den Eltern 
ihre Hand. Sein Vermögen war nicht bedeutend, denn 
er war von fünf Söhnen der zweite, aber besonders seine 
Mutter, deren Lieblingskind er war, hatte ihm eine, 
wenn auch bescheidene, so doch ganz anständige Apa- 
nage (ich glaube 6000 fl.) zugesichert. Andererseits 
zeigte sich mein Vater, der, verschieden von anderen 
Vätern, seine Töchter nach ihren Neigungen verhei- 
ratet wissen wollte, zu jedem Opfer bereit. Es fehlte 
also nichts, wie die Einwilligung meiner Schwester und 
diese — verweigerte sie. Ich war damals noch zu jung 
und nicht ihre Vertraute, so daß ich nicht wußte, welche 
Unvollkommenheit sie bei dem Manne, den sie liebte 
und zurückwünschte, auszusetzen hatte. Alles, was ich 

i) Josef Graf Chotek {\jj6 — 1809), k. k. Km. und Oberst, heiratete 
1802 Sofie Fürstin Auersperg (1780 — 1865). 

105 



weiß oder vermute, ist, daß sie in ihrer Schwäche sich 
vor der Verzweiflung ihres Vetters fürchtete, der schon 
vom Selbstmorde sprach, dann, daß Minerl dazu beitrug, 
ihr Zweifel über die Treue Pepi Choteks einzuflößen. 
Mit einem Worte, sie gab ihm einen Korb; als aber bald 
darauf der Abgewiesene aus Trotz eine häßliche, dumme 
und ihm verhaßte Frau heiratete (die Fürstin Sofie 
Auersferg, mit der er zwei Söhne hatte, einer ist Guber- 
nialrat, der andere tötete sich aus Liebe zu einer Gräfin 
Colloredo), da empfand Konstantine einen solchen See- 
lenschmerz, daß wir befürchteten, ihre Gesundheit 
würde unterliegen. Sie gestand mir später ein, daß 
Franz Hager ihr trotz aller Eifersucht die freie Wahl 
zwischen ihm und Pepi Chotek gelassen, daß sie dann 
aus einer mädchenhaften Inkonsequenz Pepis Bewerb- 
ungen teils ermuntert, teils abgewiesen habe, immer 
hoffend, daß er sich nicht an ihre Worte halten und zu 
ihr zurückkommen werde. Er hatte ihr versprochen, 
nach Schwertberg zu kommen und hier erwartete sie 
ihn lange, nachdem er bereits geheiratet hatte. Mein 
Vetter konnte sich jetzt wohl keine Illusionen mehr 
machen, und ein immer wieder erwachender Verdacht 
wurde zum Skorpion seines Lebens, bis endlich, aller- 
dings sehr spät, Konstantine sich zu einer dezidierten 
und loyalen Abweisung entschloß. So opferte denn 
meine arme Schwester sich und zwei andere auf. 

Der Friede von Amiens schien die Ruhe Europas be- 
gründen zu wollen. Österreich atmete mit dem übrigen 
Deutschland auf. Napoleon Bonaparte richtete seine 
Blicke auf England und so blaute sich der Horizont des 
Kontinents aus, während kleine, tägliche Gewitter den- 
jenigen unseres bescheidenen Hauses verdüsterten. 

Die Gesundheit meines Vaters verschlechterte sich. 

io6 



Er hatte die Manie, sich selbst kurieren zu wollen 
und schwächte sich durch die vielen Hausmittel, mit 
denen er sich auch den Magen verdarb. Besonders hielt 
er den Rhabarber für ein Universalmittel, den er bei 
allen möglichen Gelegenheiten anwendete und sich 
dabei die Nerven ruinierte. Sobald er einen himmel- 
blauen Überrock anzog, was er nur an ,, Rhabarber- 
tagen" tat, wußten wir, daß der Tag mit Schelten und 
Gezanke enden würde. So konnte mein armer Vater, 
ein Opfer seiner Gesundheit und seiner Medizinen, nie 
die moralische Kraft finden, um sein durch die Leiden 
aufgepeitschtes Temperament zu zügeln. 

Eine neue, tägliche Aufregung für ihn störte um diese 
Zeit den Familienfrieden von neuem, und zwar in einer 
so peinlichen Weise, daß dadurch die Engelsgeduld 
meiner Mutter im Innersten erschüttert wurde und sich 
ihr Herz mit Bitterkeit erfülllte. Es handelte sich um 
die Erziehung meines Bruders, die mein Vater ganz in 
die Hand genommen hatte. Mama betete ihren einzigen, 
so lange ersehnten Sohn, den sie unter größten Schmer- 
zen geboren und unter tausend Gefahren am Leben er- 
halten, an. Er hatte ihr zu viel Leid gekostet, um nicht 
ihr Lieblingskind zu werden. Mein Bruder hatte eine 
schwache Konstitution und zarte Nerven und war weit- 
aus nicht kräftig genug, um die Schrecknisse der väter- 
lichen Unterrichtsstunden zu ertragen. Eine nervöse 
Erregung bemächtigte sich seiner, der sich noch ein 
hartnäckiges Fieber zugesellte; es wurde ihm nahezu un- 
mögUch, seine Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand 
zu konzentrieren, so zwar, daß er beim bloßen Versuche 
konvulsivische Zuckungen im Gesicht bekam, was ihm 
bis zu seinem Lebensende verblieb. Es war ein Glück 
für ihn, daß um diese Zeit ein neues Unterrichtssystem 

107 



in Österreich für alle Kinder, die einmal dem Staate 
dienen sollten, eingeführt wurde. Mein Vater war da- 
durch genötigt, seinem Sohne einen Hofmeister zu 
geben, der zufällig ein sehr ruhiger und fähiger Mann 
war; so besserte sich der Zustand, doch behielt Josef die 
Eigentümlichkeit bis zu seinem Tode, in der Erregung 
konvulsivische Bewegungen im Gesichte zu bekommen, 
was sich auch auf seinen älteren Sohn übertrug. 

Dies war vielleicht das einzig Gute, das dieses aus dem 
Kopfe eines schlechten Staatsbürgers entsprungene 
Unterrichtssystem, zur Folge hatte. Es war ein fauler und 
ganz verkehrter Einfall, der, eher geeignet, die Intelli- 
genz zu ertöten, als zu erleuchten, fast ein Produkt 
offenkundigster Albernheit genannt werden müßte, 
wenn sich nicht dabei eine hinterlistige Absicht ver- 
bergen würde, die Giftpille in diesem Konglomerat von 
Ungereimtheit. Stift'^), der Leibarzt und Günstling 
Kaiser Franz IL, ein ehrgeiziger Mann, war der Ur- 
heber. Ein Feind der Aristokratie, weil er dieser weder 
durch Geburt, noch durch Gesinnung angehörte, ein 
Feind der Aufklärung, weil die Dunkelheit sein Reich 
war, begriff er, daß er nur dann seinen Einfluß auf sei- 
nen despotischen und kleinmütigen Herrn werde er- 
halten können, wenn er, dessen Verdacht erregend, ihm 
seinen Haß einimpfe. Er mußte der Schwäche des Kai- 
sers schmeicheln, der einerseits in seinem Adel nur ein 
Hindernis für die Durchführung seiner absolustischen 
Pläne sah, andererseits Aufklärung für den ersten Fun- 

i) Andreas Josef Freiherr vonStifft (1760 — 1836), seit 1803 Leibarzt 
des Kaisers, seit 18 13 Staats- und Konferenzrat, organisierte das me- 
dizinisch-chirurgische Studium, stand auch dem Studiendeparte- 
ment vor und errichtete die Studien-Hofkommission. 1826 rettete 
er Kaiser Franz vom Tode; dafür vi^urde er Geh. Rat; Freiherr vi^ar 
er seit 18 14. 

108 



ken der Revolution hielt. Es war daher für Stift ein 
Leichtes, den Herrscher zur Schaffung eines Mittels 
zu veranlassen, um beides zu fesseln. Wenn es aber in 
einem demokratischen und fortschrittlichen Jahrhundert 
gefährlich war, offen den Adel zu unterdrücken, so war 
es doch unmöglich, den Fortschritt des menschlichen 
Geistes zu hemmen. Stift aber fand einen Ausweg, beide 
ungefährlich zu machen. Es war dies ein sehr verklau- 
suliertes Unterrichtssystem, das der Forschung aller 
Klassen ein gebieterisches „non plus ultra" und der 
höheren Intelligenz ein unübersteigliches Hindernis 
entgegensetzte, die geistige Regsamkeit gleichsam nivel- 
lierte, sie auf die Stufe der Mittelmäßigkeit herabdrück- 
te und ihr nur in der Knechtschaft Bewegungsfreiheit 
ließ. Dies hieß ein Geschlecht von Schafen erzeugen, 
damit der Kaiser ohne Sorge ihr Hirte sein konnte. 
Dieses ermüdende und rückständige System riß das 
Kind mit acht Jahren an sich und führte es bis zum 
Alter von zweiundzwanzig Jahren über eine Leiter fal- 
scher oder trügerischer Sprossen, wobei man eine Stufe 
nur dann erreichen konnte, wenn man die vorige un- 
widerbringlich aufgab. Ein höherer Grad von Fähigkeit 
war nicht imstande, diesen Trott zu beschleunigen. 
Dieses Lehrgebäude wurde nicht allein den öffentlichen 
L^nterrichtsanstalten vorgeschrieben, sondern jeder Fa- 
milienvater war dazu verhalten, seine Söhne diesem 
Zwang unterzuordnen, wenn er nicht auf immer die 
Aussicht auf ihren Eintritt in öffentliche Stellungen 
aufgeben wollte. 

Mehr als zwei Generationen wurden so erzogen und 
ich habe die Folgen selbst gesehen. In der Aristokratie 
hatte Unwissenheit und ein Ekel vor wissenschaftlicher 
Bildung der früheren Schöngeistigkeit Platz gemacht, 

109 



der Materialismus vertrat die Begeisterung, Vergnü- 
gungssucht und Trägheit die edlen Gefühle. In den 
unteren Klassen verhinderte ein kriecherischer, schwer- 
fälliger Geist jede höhere Regung, die Energie wurde 
von der „Form" unterbunden und überall bildete ein 
bequemes „laisser faire et laisser aller" den Grundzug 
dieses gemütlichen Status quo. So konnte Österreich, 
gegen jede Opposition geschützt, seine Macht ent- 
wickeln, die Schafherde weidete unter der unsichtbaren 
Knute des Hirtenstabes gemächlich das Gras, das ihr 
zugewiesen wurde, und ließ sich ohne Widerstreben 
scheren oder auch manchmal unter ungefährhchem und 
kaum merkbaren Blöcken erwürgen. 

Jene, welche noch in Illusionen ihrer Jugend leben 
oder ihren Glauben in die Aufrichtigkeit Franz II. be- 
wahrt haben, werden meine Anklage, daß sein Erzieh- 
ungssystem mit der geheimen Absicht geschaffen wurde, 
um seine Völker zu verdummen, als Verläumdung 
stempeln, meinetwegen; aber, wenn ein für die Re- 
gierung so glückliches Ereignis das Resultat eines Zu- 
falles wurde, so hätte das scharfsinnigste Genie nichts 
besseres machen können. Man hat also wirklich nur die 
Wahl zwischen Albernheit und schlechtem Willen. 

Mein Vater hatte, um zu meiner Erzählung zurück- 
zukommen, infolge des neuen Gesetzes viel freie Zeit, 
weil der Hofmeister die Erziehung seines Sohnes besorgte. 
Da er auch gerade wenig Geschäftliches zu erledigen 
hatte und seine Kasse ziemlich gefüllt war, so wollte 
er mit seinen älteren Töchtern eine größere Reise unter- 
nehmen. Bei dieser Gelegenheit hoffte er in Graz einen 
Empiriker, namens Speck, den er schon früher öfters um 
Rat gefragt hatte, sprechen und das militärische La- 
ger zu Muckendorf bei Wien, wo Manöver stattfinden 



HO 



sollten, seinen Töchtern zeigen zu können. Papa war 
nämlich früher Militär gewesen, mußte aber diesen 
Beruf infolge seiner Gesundheit aufgeben. Eine Vor- 
liebe für diesen Stand war ihm aber geblieben, und des- 
halb lud er auch, wenn Offiziere bei Schwertberg kan- 
tonierten, diese immer in sein Schloß. Infolge genannter 
Projekte wurde die Reiseroute Wien — Graz — Triest ge- 
wählt, um von dort nach Venedig zu fahren und auf 
dem Rückwege Tirol zu passieren. Eigentlich war für 
diesen Rückweg die Saison schon etwas zu vorgeschrit- 
ten; doch solche Bedenken hielten Papa nicht ab. Meine 
Mutter und die älteren Schwestern allein sollten ihn 
begleiten, während wir übrigen unter dem Schutze der 
Mlle. Tisserant und des Abbe Maas in Schwertberg zu 
bleiben hatten. Dieses erste Projekt erfüllte mich mit 
Freude, sah ich doch zwei Monate der Ruhe vor mir. 
Ich stellte mich dummerweise, als ob ich meine Schwes- 
tern beneidete, und dies nahm Papa für bare Münze 
und ordnete plötzlich an, ,,Loulou dürfe mitreisen, 
man würde eben in der BerUne etwas zusammenrücken". 
Noch niemals wurde einem undankbareren Herzen eine 
Gunst gewährt. Trotzdem mußte ich meine Tränen 
hinabwürgen und sogar Papa danken. 

Der unselige Tag kam bald heran, die Berline fuhr 
vor, wir fünf stiegen ein, der Bediente, die Kammer- 
jungfer und der Kutscher nahmen auf dem Bock Platz 
und das Reisevergnügen begann. 

Mein damaliges Tagebuch habe ich verloren, und ich 
bedauere es nicht, enthielt es doch sicherlich nur nichts- 
sagende Beobachtungen eines fünfzehnjährigen Mäd- 
chens. Ich erinnere mich, daß viel „du curieux et du 
voyageur" gesprochen wurde und ich mich zu tod lang- 
weilte, als ich das alles in mein Tagebuch niederschrieb. 

III 



Trotzdem fehlte es mir keineswegs an Witz, man zi- 
tierte sogar oft meine Einfälle. In Venedig hielt mir ein 
wunderschöner Lord, der bald darauf im baltischen 
Meer vor den Augen seiner Frau von einer Woge hin- 
"weggerissen wurde, einen Speech über den Vorzug der 
Männer vor den Frauen. „Denn, meinte er, dem Manne 
verdankt die Frau die Rippe, aus der sie geformt wurde." 
„Jedenfalls, erwiderte ich prompt, gab er ihr sein Bestes, 
denn das, was ihm übrig blieb, war nicht viel mehr wert." 

Ein anderes Mal suchte ein Spaßvogel meinen Bibel- 
glauben dadurch ins Schwanken zu bringen, daß er sich 
über den Ausruf Josuas: ,,Sta sol" mokierte, weil doch 
die Sonne sich nicht von der Stelle rühre, sondern die 
Erde. „Warum sollte dies ein Beweis gegen die Bibel 
sein," versetzte ich sofort, „damals drehte sich eben die 
Sonne und seither steht sie stille." 

Trotz meiner mehr oder weniger geistreichen Aper- 
9US wurde mein Reisejournal nichts weniger als unter- 
haltend, weil man mit fünfzehn Jahren noch nicht recht 
„reisefähig" ist. So machten denn auch die Wunder von 
Venedig, die Adelsbergergrotte, der Anblick des Meeres, 
die Arena in Verona und die mächtigen Tiroler Berge 
viel weniger Eindruck auf mein Gemüt, als ein gewisser 
„Tempel der Nacht", eine Art Theaterdekoration, der 
vomBaron^r^M«^), dem Theaterintendanten, im Garten 
von Schönau erbaut worden war. In diesem Tempel sah 
man Mond und Sterne aufgemalt, und in der Mitte 
dieses Heiligtumes erschien aus buntem Wachs darge- 
stellt, die Baronin Braun in schwarzem, von Gold- 

i) Peter Baron Braun (1758 — 1849) kaufte 1796 die Herrschaft 
Schönau bei Wien und öffnete seinen Park mit dem „Tempel der 
Nacht" dem Publikum. 1794—1807 leitete er beide Hoftheater 
(goldene Ära dieser Bühnen). 1796 wurde er Hofbankier. 

112 



pailletten übersäeten Schleier als Göttin der Nacht. 
Dieses operettenhafteBlendwerk erschien mirwundervoll 
und hinterließ in mir einen unauslöschlichen Eindruck. 
Der arme Baron Braun, ein wirklich guter Mensch, der 
sein ganzes Vermögen verschwendete, um seine bessere 
Hälfte zu „vergöttern", starb beinahe im Armenhaus, 
nachdem er Ruhm und Vermögen, wie eine Ballet- 
dekoration vernichtet sehen mußte. 

Der Anfang unserer Reise ließ sich gut an, das Wet- 
ter war schön und Papa guten Humors. In Triest gab 
ihm eine kaufmännische Spekulation eine neue, seinem 
Geschmack entsprechende Beschäftigung. Er vertraute 
nämhch einem Triester Kaufmann, der ihm anempfoh- 
len war, 24,000 fl. für ein Schiff an, das nach Amerika 
segelte. Ich glaube, daß er nicht einmal mehr die In- 
teressen dieses Kapitales sah. Dieser Herr PüleT machte 
uns in Triest die Honneurs, und die schönen Augen 
Konstantines erhöhten noch seinen Eifer. Durch ihn 
machten wir auch mit zwei Schiffskapitänen, einem 
Engländer und einem Amerikaner, Bekanntschaft, deren 
Namen ich vergessen habe. Ich erinnere mich nur, daß 
der erstere beim Abschied seine Bewunderung für 
Titine in die schönen Worte kleidete: „J'aime vous," 
und daß der andere, der sich für mich erwärmt hatte, 
das nächste Jahr mit Herrn Piller nach Schwertberg 
kam, dem er seine Neigung, mich zu heiraten, einge- 
standen hatte. Seine Hoffnungen woirden aber so gründ- 
lich vernichtet, daß er nach vierundzwanzig Stunden 
schon abreiste und mir beim Abschied beinahe einen 
Finger durch seinen Händedruck brach. Der Aufenthalt 
in Triest neigte seinem Ende zu, als meine arme Mutter 
plötzlich Blutbrechen bekam. Ein tüchtiger Arzt heilte 
sofort diese Neuralgie und vorderhand auch ihre Folgen, 

8 M. L. I 1^3 



doch wurde sie sieben Jahre später von einem ähnUchen 
Unfall betroffen, und ihr zwei Jahre später erfolgter 
Tod entstand auch durch eine ähnliche Kongestion, 
jedoch im Kopfe. 

Nach zweitägiger Ruhe fuhren wir über Laibach 
nach Venedig, doch waren die damaligen Wege nicht 
mit den heutigen zu vergleichen. Über die Flüsse führ- 
ten noch keine soliden und breiten Brücken; diese Berg- 
ströme ohne Ufer und Bett breiteten sich unregelmäßig 
aus und schlechte Fähren besorgten allein die Über- 
fuhr über die verschiedenen Flußarme. So stürzte bei 
der Piave unsere Kutsche fast in das Wasser, und muß- 
ten wir bei strömendem Regen eine lange Strecke durch 
den nassen Sand waten. Meine Mutter ertrug all dies 
Ungemach ohne Rückfall in ihre Krankheit und wir 
langten endlich bei schönstem Wetter in Venedig an. 
Wir blieben dort zehn Tage und füllten sie auf ange- 
nehmste Weise mit der Besichtigung der Sehenswürdig- 
keiten und mit der Bekanntschaft einer englischen Ge- 
sellschaft aus, die uns eine Frau Rawdon, die wir von 
Wien aus kannten, verschafft hatte. Diese war die Mutter 
derLady William Rüssel"^) . Der zXxtRowdon hatte ein Holz- 
bein, mit dem er seine Frau schlug, die schon mit fünf- 
zehnjahren geheiratet hatte und so beschränkt war,daß sie 
glaubte, das Los aller Frauen sei es, geschlagen zu werden. 

Eben erst war die tausendjährige Repubhk unter dem 
Anpralle der ephemeren französischen zusammenge- 
brochen oder vielmehr, sie war, wie ein in Kindheit ge- 
fallener Greis unter dem Gewichte von zehn Jahrhun- 
derten ohne Widerstand unterlegen. Trotzdem hatten 
ihr nicht die physischen Kräfte einem flottenlosen Geg- 
ner gegenüber gefehlt, dessen Macht und Absicht die 
i) V. p. 117. 

114 



„Königin der Adria" kaum bedrohten. In ihrer isolier- 
ten Lage hätte sie leicht eine ehrenvolle Neutralität be- 
haupten können, wenn die altbewährte Kraft und 
Bürgertugend ihrer Bewohner ihr, wie ehedem, zu Ge- 
bote gestanden wären. Aber die Zeiten hatten sich 
geändert. Durch Korruption, Vergnügungssucht und 
Reichtum verweichlicht, waren die Venezianer keine 
„citoyens" mehr, sondern nur ,,citadins", die ihre rei- 
zende Stadt liebten, denen aber ihr Ruhm gleichgiltig 
geworden war. Auf die bloße Drohung Bonapartes, ihre 
prächtigen Villen auf dem Festlande zu zerstören, schie- 
den sie ihr Interesse von dem des Vaterlandes und neig- 
ten in ihrer Schwäche das Haupt unter dem Joche. Ihr 
Doge Manin^) gingihnen mit schlechtem Beispiele voran, 
indem er im Augenblicke der Gefahr resignierte und die 
Repubhk im Stiche ließ, einem Piloten gleich, der im 
Sturme das Steuer fahren läßt. 

Unbekümmert um den Sturz einer verachteten und 
gefürchteten Regierung, hörten die Venezianer mit 
Begeisterung, wie die Franzosen auf dem Markusplatze 
eine Proklamation verkündeten, worin ihnen gesagt 
wurde, sie seien jetzt ihre eigenen Herren und brauch- 
ten weder Menschen, noch Göttern zu gehorchen. 
Trunken vor Freude begannen sie den Bucentaurus und 
die Kirchen zu plündern und die Gefangenen zu be- 
freien. Sie fanden nur einen Mann, der seinen Bruder 
im Augenblicke erdolcht hatte, als er die Messe las. Seit 
zwanzig Jahren eingekerkert, brachte ihn die triumph- 
heulende Menge auf den Markusplatz, wo ihm das grelle 
Sonnenhcht plötzlich die Sehkraft nahm und er er- 
blindete. 

i) Ludovico Manin, der letzte Doge von Venedig, dankte am 12. 5. 
1797 ab. Die obige Kirchenplünderung war am 25. 5. 1797. 

s» "5 



Als wir nun die Rückreise durch Tirol antraten, 
machte die dort herrschende Kälte nach der milden 
lombardischen Temperatur auf unser junges Blut einen 
geradezu erstarrenden Eindruck. Die Eltern vermoch- 
ten trotzdem nicht die Reise aufzuschieben; das ein- 
zige, was bewilligt wurde, war eine dreitägige Rast in 
Innsbruck. Ich spreche über diese Stadt noch später, 
nur will ich eine kleine Begebenheit hier verzeichnen, 
an die ich mich erinnere. Mein Vater machte dort die 
Bekanntschaft der Familie des Grafen Tannenbng^), die 
von einem unseligen Fluche betroffen war. Der größte 
Teil ihrer Kinder wurde im Alter zwischen 5 und 10 
Jahren blind. Papa traf dort mehrere kleine Mädchen, 
die bei seinem Eintritte sofort eine Arbeit vornahmen, 
um ihm ihre Blindheit zu verbergen. Der beiläufig 20- 
jährige Sohn gab bald darauf die Visite meines Vaters 
bei uns zurück. Er war ebenso blind, wie seine Brüder 
und Schwestern, von denen nur zwei das Augenlicht 
noch nicht verloren hatten. Man erzählte, daß ihr 
Großvater ein gottloser und ungläubiger Mann ge- 
wesen, der sich einen Spaß damit machte, den Christus- 
bildern die Augen auszustechen. Die Strafe für dieses 
Sacrileg dauerte, nach derselben Erzählung, während 
2 Generationen. Heute hat sie aufgehört. 

Die Reise von Innsbruck nach Schwertberg war für 
uns nur eine Reihe von Leiden. Hustenanfälle erstick- 
ten uns, und aus Furcht vor Papa suchten wir den Hu- 

i) Ignaz Graf Tannenberg (1742 — 1810), ein großer Patriot und Hu- 
manist, der, trotzdem er von Kindheit mit dem grauen Star behaftet 
"war, in den Tiroler Landständen eine große Rolle durch seinen 
scharfen Verstand und seine Rednergabe spielte. Er war mit Therese 
Gräfin Sarnthein und dann mit Victoria Baronin Taxis- Bor dogna 
(1770 — 18 17) vermählt. Von letzterer hatte er 2 Söhne und 4 Töch- 
ter. Die alte Familie ist ausgestorben. 

116 



sten zurückzuhalten. Ich erinnere mich an diese schreck- 
lichen Stunden und an die Erlösung, wenn nämlich die 
Pferde gewechselt \^a^rden und wir aussteigen und in 
eine Ecke gehen konnten, um uns dort auszuhusten. Ich 
war von diesem Übel am härtesten betroffen, das sich 
noch Monate hinzog und mich fast an den Rand des 
Grabes brachte. Ich verdankte meine Wiederherstel- 
lung dem Tokaverwein, von dem ich vor dem Diner 
immer ein Gläschen trank; er behob das Fieber und gab 
mir die Gesundheit zurück. 

So kehrten wir denn „tirant l'aile, clochant le pied" 
im November in unser väterhches Nest zurück, wie ar- 
me, kleine Vögel von ihrer Seereise. Wir trafen dort mit 
Vergnügen die beiden Geschwister dick und fett an ; sie 
waren glücklicher, als wir gewesen und hatten sich red- 
lich genährt. 

Nach einigen wohlverdienten Wochen der Ruhe fuh- 
ren wir wie gewöhnlich über den Winter nach Wien. 

i) Lady William Russell-Rawdon wurde wegen ihrer Schönheit und 
Lebensfrische von Lord Byron als „Aurora" besungen. Sie befand 
sich nämlich, noch unverheiratet, mit ihrer Mutter in Italien. 
Lord Byron gab in Genua einen Ball, bei dem er sich ausbedungen 
hatte, daß keine Dame das Fest vor Tagesanbruch verlassen dürfe. 
Bei Sonnenaufgang öffnete man plötzlich die Fenster. Alle jungen 
Damen schienen bleich und müde, nur Miß Rawdon blendete 
durch ihr frisches Aussehen. Da begrüßte sie Byron mit dem 
Namen „Aurora". (Du Montet „Souvenirs", Paris 1904, p. 374.) 



117 



3. REIFERE JUGEND 
VI. 1804 

Ich suche vergeblich in meiner Erinnerung persön- 
hche Ereignisse dieses Jahres. Und doch stand es un- 
ter dem Eindrucke der Proklamation Napoleons zum 
Kaiser der Franzosen, der Verschwörung PzVÄ^^r«/, dem 
Tode des Herzogs von Enghien. Kaum hatte der größte 
Bürger Frankreichs die absolute Macht erlangt, so ent- 
standen Verschwörungen und Unzufriedenheit, und der 
Heros war nichts anders mehr, als ein Tyrann. Courier 
sagt: „II avait aspire a descendre." 

Auch ich war an Wichtigkeit diesen Winter höherge- 
stiegen, ohne deshalb mehr Glück zu empfinden. Ich 
wurde bei Hof und in der Gesellschaft vorgestellt und 
trug Barben und Schleppkleid. Mein Eintritt in die große 
Welt gestaltete sich sogar feierlich. Bereits kannte ich die 
Bälle, bei denen ich vor zwei Jahren aufgeführt worden 
war, und die mir so verführerisch geschienen. Jetzt boten 
mir die Vorstellungen, die Besuche, die großen und lan- 
gen Diners kaum mehr einen Reiz ; selbst der Tanz machte 
mir nicht mehr dasselbe Vergnügen. Eine gewisse Schüch- 
ternheit hatte sich meiner bemächtigt, ich war nicht 
mehr zwanglos heiter, man hatte mich gewarnt „Prenez 
garde!" und damit mir die Offenherzigkeit genommen. 
Die guten Freunde, diese gefürchteten Feinde der Ju- 
gend, kamen zu Mama und flüsterten: „Loulou ist ko- 
kett, sie wird, wie ihre Tante von Hessen werden." Man 

118 



machte mir Vorwürfe, man zeigte mir den Abgrund, 
wohin mich diese Untugend führen würde; ohne mich 
von der Gefahr zu überzeugen, die ich nicht verstand 
und nicht erkannte, verdarb man mir damit doch das 
Vergnügen. Ich wurde steif und langweiHg und Wieb 
es noch mehrere Jahre. 

Der Sommer verging auch ohne besonderes Ereignis. 
Wir hatten nicht, wie sonst, viel Besuch. Tante Ihe- 
rese, Minerl, Franz Hager und Pittony teilten allein un- 
sere Einsamkeit. Franz konnte zudem nur immer auf 
kurze Zeit kommen, Tante Therese verbrachte nicht 
alle Sommer bei uns und das Einmengen Minerls in un- 
sere kleinen Mädchengeheimnisse verminderte unser 
Vertrauen zu ihr. Kaum hatten wir Herrenbesuch im 
Schlosse, so kundschaftete sie die leiseste Courmacherei 
aus und brachte uns vor ihr Inquisitionstribunal, dem 
gewöhnlich ihr Bruder als parteiischer Richter präsi- 
dierte. Nicht nur Konstantine war das alleinige Opfer, 
sondern auch ich mußte zahllose Spötteleien Minerls 
über mich ergehen lassen. Dennoch gestaltete ihre Hei- 
terkeit und die Güte ihres Bruders die Sommeraufent- 
halte in Schwertberg zu Lichtpunkten, die wir während 
dieser ganzen Zeit herbeiwünschten. Dieses Jahr war 
Franz Hager, wie erwähnt, wenig bei uns und auch 
Tante Therese hielt sich hauptsächlich mit Minerl in 
der Nähe von Wien auf, wo sie in der Wollzeile (altes 
No. 783) ein Haus gekauft hatte. Die Nähe von Erlaa 
rechtfertigte allein die Erwerbung dieses wenig schönen 
Hauses. In Erlaa hatte der alte Fürst Georg Adam 
Starhemberg'^) ein Schloß, und meine Tante, die ihm 

1) Fürst Georg Adam Starhemberg (1724— 1807), bekannter Staats- 
mann der Maria Theresianischen Epoche und k. k. Botschafter am 
Hofe zu Versailles, 1747 in erster Ehe vermählt mit seiner Kusine 

119 



von ihrer Jugend her viel verdankte, brachte ihm und 
seiner Gemahlin eine kindliche Liebe entgegen. 

Ein Wagenunfall ist das einzige, das die Ruhe dieses 
Sommers unterbrach. Eines Tages im Juni kamen wir 
von einem heiteren Ausfluge zurück und begegneten 
dem bereits erwähnten Arzt Schober, der in seinem Wä- 
gelchen, das ein ausgemergeltes Rößlein zog, seine Kran- 
kenbesuche machte. Ohne viel zu fragen, setzten sich 
Konstantine und Josefine auf den Vordersitz, Josef und 
ich in den Fond, der Doktor als „Pastete" zwischen uns. 
Das Pferd zog, so gut es ging, diese vermehrte Last. Da 
sperrte plötzlich eine Barriere den Weg. Schober stieg 
ab, um sie zu öffnen, und übergab unterdessen Josef die 
Zügel. Als er sie wieder ergreifen wollte, trieb plötzlich 
mein Bruder das Pferd heftig an, es griff wie ein Voll- 
blut aus und warf uns alle schließlich in einen acht Fuß 
tiefen Graben, wo wir liegen blieben, während das 
Pferd ruhig zu weiden anfing. Mlle. T isser ant, Abbe 
Maas und Isabella eilten herbei und man hob uns bleich 
und blutend auf. Der arme Arzt hatte beide Arme ge- 
brochen, ein blaues Auge und Knie und Hand verletzt, 
mein Bruder war im Gesichte ganz blutig, ebenso wie 
ich. Der Einzug in das Schloß, der Doktor auf einer 
provisorischen Tragbahre, gestaltete sich zu einem sor- 
genvollen Unternehmen. Die arme Gouvernante traute 
sich nicht hinein und blieb bei der Gartentüre stehen, 
bis ihr endlich Isabella den elterlichen Pardon brachte. 
Man mußte sich eben mit dem österreichischen Tröste 
beruhigen: „Hast du dir nur das Bein gebrochen, so 

Theresia Gräfin Starhemberg (gest. 1749), in zweiter Ehe 1761 mit 
Maria Fransziska Prinzessin Salm-Salm (gest. 1806). Sein Schloß 
Erlaa, wo er die Sommer verbrachte, lag bei Wien. (s. Thürheim , 
„Ludw. Fürst Starhemberg" S. 165 ff.). 

120 



freue ich mich, daß du nicht auch den Hals gebrochen." 
In ein paar Wochen war alles wieder wohlauf. Ich be- 
fand niich noch in der Rekonvaleszenz, als Herr Piller 
mit dem gefühlvollen Schiffskapitän, der mir, wie frü- 
her erzählt, durch seinen kräftigen Shakehands fast den 
kranken Finger brach, ankamen. 

Mein Tagebuch war zuerst Konstantine gewidmet, 
vor der ich kein Geheimnis hatte und die es immer lesen 
durfte. Ja sie führte es sogar manchmal selbst. Doch ge- 
fiel mir ihr Stil nicht und ich schrieb es wieder selbst, 
immer im Ton des Monologes, der mir allein zweck- 
dienlich erscheint. Gerade das Jahr 1804 wäre für den 
Beginn eines Tagebuches sehr geeignet gewesen, jedoch 
für jemand anderen, als ein Mädchen von 16 Jah- 
ren. Die Krönung Napoleons weihte die glänzende und 
blutige Epoche ein, die 10 Jahre später am ii. April zu 
Fontainebleau ihren Abschluß fand. Das edle Blut eines 
Enghien, eines George, eines Piche gru'^) würde allein die 
Tagebuchseiten gerötet haben. Mit Schrecken sah Eu- 
ropa diesen übermenschlichen, furchtbaren Mann sich 
erheben, dessen von der Apokahpse prophezeiter Name 
die Welt mit der Zerstörung bedrohte. — Ein glück- 
Hcher Erfolg erfüllte mein Herz damals nur mit Ball- 
freuden und meine kindliche Feder schrieb solche Al- 
bernheiten, daß ich sie hier nicht wiederhole. Einige 
Reflektionen über die Heirat zweier Freundinnen un- 
terbrechen allein dieses nichtssagende Geplauder. Ich 
bedauerte sie, trotzdem sie ihren Fall gewiß nicht ver- 
zweifelt ansahen, denn sie liebten ihre Männer und be- 



i) Georges Cadoudal (1771 — 1804) wurde wegen seines Komplottes 
gegen Napoleon (la machine infernale), in das auch der General 
PichegTu verwickelt war, hingerichtet. Letzterer erdrosselte sich im 
Gefängnisse 1804. 

121 



weinten sie aufrichtig bei ihrem Tode. Die eine war 
Baldine (Guidobaldine) Cavriani, die den älteren Sohn 
des Fürsten P^örheiratete, einen schönen, jungen Oberst, 
den das Theresienkreuz zierte, und von dem sie ein 
halbes Dutzend Kinder bekam. Die zweite eine Frl. von 
Schellenberg, die in Wirklichkeit Wenzel Chotek liebte, 
heiratete einen Herrn von Trott, was sie aber nicht hin- 
derte, nach dem Tode beider einen Dritten zu ehe- 
lichen. 

Ganz im Gegensatz zu Mädchen gleichen Alters hat- 
te ich eine Abneigung gegen die Heirat. Teils war daran 
mein Freiheitsdrang, teils das heitere Leben, das Tante 
Therese und Minerl führten, teils das Los meiner armen 
Mutter in ihrer Ehe schuld. Ich fand alle Heiratslusti- 
gen lächerlich, und auch meine älteste Schwester ent- 
ging meinem Spotte nicht, da sie sich zu den verschie- 
denen Projekten der Eltern willig hergab. Freilich war 
das Leben der guten Isabella das wenigst beneidens- 
werteste in der Familie, denn sie diente ja als „Blitzab- 
leiter" bei Papa, sah, daß eine Verbindung mit Pittony 
unmöglich wurde, und mußte auf eine Versorgung be- 
dacht sein, wenn diese nur passend und vorteilhaft war. 

Allerdings hatte sich ein Freier eingefunden, ein Edel- 
mann aus guter Familie, aber ohne Mittel, außer was 
sein Degen ihm einbrachte. Es war dies Hans Hager^), 
der Bruder von Vetter Franz, der als Oberstleutnant 
bei den Dragonern diente. Er maß mehr, wie 6 Fuß, und 
um die Brust fast drei. Trotz dieser riesenhaften Gestalt 
war er gutmütig und ermangelte nicht einer gewissen 

i) Johann Freiherr von Hager, 1761 — 1822, Landstand, Geh. Rat, 
Kämmerer, F. M. L. und kommandierender General im Banat, mit 
dem das alte Geschlecht im Mannesstamme erlosch. Er war früher 
Flügeladjutant des F. M. Erzherzog Karl. 

122 



Anmut. Deshalb machte er auch auf meine Schwester 
einen guten Eindruck, aber nur, wenn Pittony ab- 
wesend war, der eben Hans an Geist und Beständigkeit 
weit übertraf. Dies beweist mein Bericht über eine 
Soiree, den ich in meinem Tagebuch vorfand und wo- 
rin ich nach meiner Art einige Betrachtungen über die 
Männer eingeflochten habe. Der Stil ist nicht elegant, 
aber ich schreibe ja Geschichte: 

„Wir haben uns wie Schneekönige amüsiert. Minerl 
war, wie immer, charmant und der Rest unserer Ge- 
sellschaft sehr heiter, mit Ausnahme des armen Hans, 
der sich seinem Rivalen gegenüber nicht sehr wohl be- 
fand. Anfangs schmollte er und lachte gezwungen; als 
er jedoch sah, daß sich niemand um ihn kümmere, nahm 
er an der allgemeinen Heiterkeit teil. Isabella genierte 
sich nicht, und da vorderhand niemand von Heirats- 
projekten sprach, so widmete sie sich ganz ihrem Pit- 
tony. ,,Mais gare ä lui, le Carnaval approche." — „Ich 
habe nie diese große Zuneigung zweier Personen ver- 
standen, die so wenig zusammenpaßten. Es ist wahr, 
Isabella ist von einer Schönheit, Güte, Geduld und 
Sanftmut, die man nur schwer finden kann, aber ihre 
geistige Richtung scheint mir so verschieden von der 
ihres Freundes, daß mir eine Verbindung unmöglich 
dünkt. Doch ist dieser Fall nicht selten. Ich bilde mir 
ein, daß der Stolz der Männer, diese Triebkraft aller 
ihrer Handlungen, sich unter der Bevorzugung von 
Frauen verbirgt, die geistig unter ihnen stehen. Die 
Achtung der Geliebten schmeichelt ihnen, sie nehmen 
eine Protektormiene an, aus der nach und nach Liebe 
wird. Es ist möglich, daß Pittony aus anderer Quelle 
schöpfte, aber wenigstens haben meine Betrachtungen 
einen gewissen Grad von WahrscheinUclikeit." 

123 



Noch ein Wort über die Erzieher meines Bruders. 
Der Abbe Maas, früher Pfarrer in den Vogesen, verließ 
infolge der Revolution sein Vaterland und kam, den 
Stock in der Hand, nach Österreich, um dort ein Asyl 
zu suchen. Ich weiß nicht, wie er beim Fürsten Win- 
disch-Graetz. Aufnahme fand, der ihm die Erziehung 
seiner Kinder anvertraute. Später kam er dann zu uns. 
Er war ausnehmend gut dazu geeignet, zu unterrichten 
und die Seelenführung seiner Schüler zu übernehmen. 
Er hatte selbst vortrefflichen Unterricht genossen und 
sich in seiner einsamen Pfarre italienisch und englisch so 
angeeignet, daß er die Klassiker lesen konnte, ohne je- 
mals diese Sprachen sprechen gehört zu haben. Natürlich 
sprach er englisch mit ganz französischer Betonung, was 
für einen Engländer sehr merkwürdig klingen mußte. 
Infolge des neuen österreichischen Unterrichtssystems 
konnte er sich nur uns Schwestern widmen; wir waren 
ihm jedenfalls für seinen Einfluß auf unseren Geist von 
Herzen dankbar. Leider war er nicht immer guter Lau- 
ne, wie alle französischen Abbes, und dann konnte man 
ihm nichts recht machen. Wenn ich ihn z. B. fragte: 
„Herr Abbe, welchen Schriftsteller bevorzugen Sie, 
Racine oder Voltaire ?", so rief er aus: „Ach, kann man 
sie denn vergleichen, Racine, anmutig und tiefgründig, 
dichtete niemals einen Vers, der nicht musterhaft war, 
äußerte nie eine Idee, die nicht eine Lehre war, und 
Voltaire, der nur verdrehte Prosa schrieb, seine böse 
Zunge, seine sittliche Aufführung!" — „Sie haben wohl 
Recht, auch mir gefällt Racine viel besser. Er bezaubert 
mich geradezu." — „Bezaubern! — Wie wenn der Zau- 
ber alles wäre, Bewegung, das Unvermutete, Unvorher- 
gesehene reizt; Racine ist monoton, Voltaire hebt uns 
empor und reißt uns mit sich." — „Mein Liebhng ist 

124 




Ballettänzerin Josefa Vigano-Medina 



Nach einem Stich in der K. u. K. Hofbibliothek 



Voltaire," warf eine von uns ein. — »Und warum, 
Mademoiselle,' entgegnete der Abbe, ,vielleicht weil 
er sich über alles mokiert, sogar über die Regeln der 
Grammatik ?" — „Sicherlich,' beeilte sich eine andere 
einzuwerfen, ,er war weder orthodox, noch klassisch." 

— „Nicht klassisch, kann man so etwas sagen ? Voltaire 

— nicht klassisch. Wir haben niemals einen besseren 
Klassiker gehabt." — „Ja, aber sein Stil!" — „Sein 
Stil, sein Stil! Wie, wenn Racine keinen gehabt hätte!" 
und so ging es fort; er war unerschöpflich in Gegen- 
reden. 

Herr Lux, der den Abbe anfangs im Unterricht, 
später auch in der Erziehung meines Bruders ersetzte, 
war ganz anders geartet, obwohl er ein ausgezeichneter 
Charakter und ein guter Lehrer war. Er stammte aus 
Böhmen und war dort bei den Piaristen erzogen worden. 
Von dort hatte er seine linkischen Manieren, was ihn 
aber nicht hinderte, bei uns einen lächerlichen Roman 
zu spielen, von dem ich später sprechen werde. 

Zu Ende des Jahres 1804 wurde ich bei Hof vorge- 
stellt, während ich früher nur zu einem Balle beim Her- 
zog von Sachsen geladen worden war, was ich oben 
bereits erzählte. 

Meine Mutter führte mich zur Obersthofmeisterin 
Gräfin Wratislam, einerlangen, mageren, vertrockneten, 
gehässigen Dame in Witwentracht, die immer an ihrem 
Nährahmen saß und eifrig die Porträts der kaiserlichen 
FamiHe stickte. Ihre Nase war ebenso spitzig, wie ihre 
Nadel; sie fixierte mich von oben bis unten und ver- 
sprach dann, mich für den übernächsten Tag zur Au- 
dienz anzumelden. Ich habe sie, glaube ich, nur mehr 
am Tage der Audienz wiedergesehen. Man ging damals 
wenig zu Hof; die Kaiserin Marie Theresia liebte die 

125 



Vorstellungen nicht. Dagegen fand sie Gefallen, mit 
ihrer Kamerilla umzugehen, und entfaltete dabei eine 
sehr unschickliche Familiarität. Der Kaiser teilte ihren 
Geschmack, auch er fühlte sich unter den Leuten wohl, 
die er zu seiner Umgebung bestimmt hatte und deren 
Alltäglichkeit zu ihrer gemeinen Sprache paßte. 

So war der Kaiser Gevatter im Spiele mit vier Musi- 
kanten, die jeden Abend in das Schloß kamen, um zu 
musizieren, woran der Kaiser selbst teilnahm. Die Kaise- 
rin unterbrach oft das Konzert durch eine burleske 
Maskerade, die sie mit ihren Damen aufführte. Dann 
wurde die Ausgelassenheit allgemein; die Souveräne, 
die Musiker, die Adjutanten und Kammerfrauen tanz- 
ten miteinander und trieben allerlei Possen. Obwohl 
man behauptete, daß die Kaiserin ihrem Gemahl die 
Treue wahrte, gefiel sie sich doch darin, den einen 
oder den anderen mit ihrer Intimität auszuzeichnen. 
So spielte ein Hofsänger, der auch im Theater sang, 
mit Namen Simoni^), lange Zeit bei ihr eine Rolle. 
Die Wiener sprachen nur mit wenig Zurückhaltung 
von ihrer Kaiserin und ärgerten sich, wenn man sie 
am Arme Simonis in den Alleen von Schönbrunn spa- 
zieren gehen sah. Manchmal besuchte sie maskiert eine 
Redoute und tanzte in der leicht erkennbaren Verklei- 
dung das Menuett mit allerlei Leuten. Ich weiß nicht, 
ob der Kaiser nicht manchmal Anstoß an dem Be- 
nehmen seiner Frau nahm, doch, wenn sie sein Zart- 
gefühl auch nur wenig schonte, so konnte sie doch sehr 
eifersüchtig werden. Als einst eine Tänzerin Frau Fi- 

i) Josef Simoni, eigentlich Schimon, geb. Zitow, Böhmen 13. Febr. 
1764, gest. Wien 22. Sept. 1832, Tenor am Kärntnertor-Theater 
von 1796 — 1804, sodann k. k. Hofkapell- und Kammersänger, sowie 
k. k. Kammersingmeister (i. Katalog der Portraitsammlg. d. k. k. 
Intendanz). 

126 




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Nach einem Stich in der k. u. k. Familien-Fideikommißtibliothek 



gano"^) vom Kaiser sehr bevorzugt wurde, Heß sie deren 
Statue anfertigen und stellte sie auf einen Platz im 
Laxenburger Park; Kostüm und Gestalt waren in na- 
turgetreuer Darstellung die der Tänzerin, nur an Stelle 
des Kopfes ließ sie den Schädel eines Ziegenbockes set- 
zen. Ihre Scherze waren alle derart. Man könnte ihrer 
hundert ähnliche erzählen. 

Bei meinem Eintritte in die große Welt war ich na- 
türlich genötigt, eine Unzahl von Visiten zu machen. 
Von dieser Zeit an faßte ich einen Widerwillen daran 
und konnte ihn bis heute noch nicht ablegen. Denn- 
noch gab es Häuser, die vor meinen Augen Gnade fan- 
den, so das der alten und sehr Hebenswürdigen Gräfin 
Pergen^), einer Dame des alten Regimes mit viel Geist 
und ausgezeichnetem Geschmacke. Ich liebte es, ihr zu- 
zuhören und von dem, was ich in ihrem Salon hörte, zu 
lernen. „Mir kommen', sagt mein Tagebuch, ,die Per- 
sonen, die bei Frau v. Pergen verkehren, wie Juwelen 
vor, die dort im Schaufenster stehen; ich betrachte sie, 
unterrichte mich an ihnen und hier und dort kaufe ich 
ein, was mir erreichbar ist." Was die übrigen Salons be- 
trifft, so fand ich ,,1'esprit contrebande et l'ennuy eti- 
quette". 

In meinem Tagebuch entdecke ich zwei ziemlich be- 
kannte Anekdoten, die ich aber damals nicht kannte 
und von denen die heutige Zeit vielleicht nichts mehr 

i) Josef a Vigano-Medina, eigentlich Mayer, aus Wien, Gattin des 
berühmten Tänzers und Ballettkomponisten Salvatore Vigano (1769 
bis 1821), Mitglied der Hoftheater v. 1793 — 94, genannt „Terpsi- 
chore". 

2) Das Haus des damaligen Polizeiministers Johann B. Graf Pergen 
(1725^1814) in der Weihburggasse 997. Er heiratete 1762 Philippine 
Gabriele Freiin von Großscblag zu Dieburg. Ihr Sohn Johann Josef 
(1766 — 1830), Km., Geh. Rat u. Vizepräs. d. Finanzhofstelle, hei- 
ratete 1802 Therese Gräfin Cavriani. 



weiß. Die eine betrifft einen Franzosen, der eines schö- 
nen Sommertages einen Engländer fragte, warum er 
denn „Winterspitzen" trage. „Oh, mein Herr,' er- 
widerte dieser feierlich, ,weil ich verkühlt bin." — Die 
andere handelt von einem Milord, der die Diamanten 
seiner Frau gegen falsche umwechseln wollte. Heimlich 
ging er zu einem Juwelier, der ihm nach kurzer Besich- 
tigung sagte : „Ich bin untröstlich, Milord, aber Milady 
ist Ihnen bezüglich ihrer eigenen und der Diamanten 
Milords schon zuvorgekommen." 



iiiiiijiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii 



128 



VII. i8o5 

Das neue Jahr leitet meinTagebuch mit ziemlich t rau- 
rigen Reflexionen ein, die ich hier übergehen will. 
Dagegen will ich einer unserer Freundinnen ein Plätz- 
chen in meiner Erinnerung einräumen, einer Freundin, 
die es infolge ihrer guten Eigenschaften und ihrer rüh- 
renden Anhänglichkeit an uns wohl verdient. Sie war 
die Tochter eines Agenten meines Vaters und hieß 
Charlotte List. Sehr jung hatte sie den Oberst des Regi- 
mentes von Klebeck Marztani^) geheiratet. Ich weiß 
nicht, wodurch dieser Mann das Herz des jungen Mäd- 
chens gewonnen hatte, denn außerdem, daß er unge- 
heuer langweilig, steif und mürrisch war, hatte er den Ruf 
des strengsten Obersts in der Armee, sowohl für seine 
Soldaten als auch Offiziere. Wenn er zu ihnen sprach, 
glaubte man immer, er wolle sie zermalmen; seine Tage 
verbrachte er in fortwährender Aufregung, was ihn 
aber nicht hinderte, in seinem Zorn drei hübsche Kna- 
ben und eine Tochter zu erzeugen. Letztere machte 
ihrem Vater insoferne Ehre, indem sie ausgelassen und 

i) Franz Marziani Ritter v. Saale, geb. 1 1.4. 1763 zu Wien, 1800 — 
1807 Oberst-Regimentskdt. des Inft.-Rgts. Nr. 14, gest. 8. 10. 1840 
zu Linz als pens. F. Z. M.5 1804 war er bereits verheiratet und 
Vater eines Sohnes Moriz und einer Tochter Luise, die später 
Stiftsdame des k. k. Fräuleinstiftes zu Hall i. T. wurde. Seine Frau 
starb 1840. — „Sie beweinte ihren Mann, obgleich er in Kindheit 
gefallen war. Übrigens war er nicht gerade böse, sondern nur auf- 
geregt, wie ein Wirbelwind." (Notiz d. Verf.) 

9 M. L. I I 29 



sehr schlimm wurde, was sie bis heute blieb, trotz der 
unermüdlichen Sorgfalt ihrer armen Mutter, deren Le- 
ben sie verbitterte. 

Dieser Marziani war von seinen Untergebenen so ge- 
haßt, daß man von einem Tage zum anderen erwartete, 
er werde von einem seiner Offiziere getötet werden. Ja, 
eines Tages kam Papa ganz bestürzt vom Fürsten Auers- 
-perg zu uns und brachte die Nachricht, daß Marziani 
mit dem Prinzen Gustav von Hessen'^) sich duelliert habe 
und getötet worden sei. Pittony bestätigte diese Trauer- 
kunde. Doch, als man sich gerade zu trösten anfing, er- 
schien Frau List, die Schwiegermutter des Totgesagten, 
und berichtete, daß er wieder von den Toten aufer- 
standen sei. Es gab viele, die ihm gerne die Leichenrede 
gehalten hätten. 

Im folgenden will ich vom Theater beim Fürsten 
Clary^) sprechen. Man gab drei Lustspiele, das erste hieß 
„Der Liebhaber als Schiedsrichter"; Graf Nikolaus 
Esterhdzy^) spielte gut, Frau von 'Tiskevich mit ihren 
40 Jahren, ihrem Glasauge und ihrer unangenehmen 
Gestalt gab 'eine junge, hübsche Person; dies machte 
allen Häßlichen unter 40 Mut und unterhielt sie. Der 
Prinz Clary gab den Liebhaber, das Lustspiel hat aber 

i) Landgraf Gustav von Hessen-Homburg{iySi — 1848), k.k. G. d. K., 
Gouverneur der Bundesfestung Mainz, R. d. Mar. Ther. O., hei- 
ratete 18 18: Luise Prinzessin von Anhalt-Dessau. 

2) Joh. Nep. Fürst Clary und Aldringen (1753 — 1826), k. k. Geh. 
Rat, Km. u. Gen. Hofbaudirektor, heiratete 1775 Christine, Toch- 
ter des bekannten Prinde de Ligne. 

3) Nikolaus HL Fürst Esterhdzy (1765 — 1833), k. k. F. Z. M. und 
Staatsminister, von Napoleon 1805 und 1809 als ungar. Wahlkönig 
aufgestellt, bekannt wegen seines ungeheuren Aufwandes und seiner 
Harems. Heiratete 1783 Prinzessin Marie Liechtenstein (1768 bis 
1845), '^i^ Gönnerin Haydns. Baron Salomon Rothschild, mit dem 
sie als Witwe in Beziehungen trat, half dem zerrütteten Vermögen 
auf. 

130 



wenig inneren Gehalt. Das zweite war besser, es hieß 
„Nach Mitternacht" und handelte von einem Lieb- 
haber, der gleich nach Mitternacht am Neujahrstage 
seiner Gehebten einen Kuß rauben will. Gräfin Wrbna 
machte den Liebhaber ; sie wünschte, daß ihr die Män- 
nerkleidung gut stehe, ihre Gestalt wollte aber das 
Gegenteil. Beide waren eigensinnig und das Resultat — 
man zitterte vor Angst, die Kleider an allen Ecken aus- 
einanderplatzen zu sehen. Ihr Gesicht war aber reizend, 
voll Feuer und Übermut. Gräfin Lanskoronska^) da- 
gegen zeigte sich kalt und linkisch. 

Das dritte Lustspiel war wirkHch allerliebst; sein 
Titel ist „Alexis oder das wiedergefundene Kind", sein 
Inhalt folgender: Frau von Valcourt hatte aus ihrer 
ersten Ehe einen Sohn, den sie auf den Rat ihres zwei- 
ten Gatten in ein Institut gab. Kaum war er dort ein- 
getreten, als sie eine schlechtere Nachricht, als die an- 
dere über sein Betragen erhielt. Auf ihre mütterhchen 
Vorwürfe antwortete er nicht einmal. Endlich wurde 
sie von seinem Tode benachrichtigt, den er sich durch 
irgendeine Unvorsichtigkeit zugezogen hatte. Sie be- 
weinte ihn, konnte sich aber von einem so entarteten 
Kinde keinen anderen Ausgang erwarten. Wenige Mo- 
nate später starb ihr zweiter Gatte auch. Er war es, der, 
in der Hoffnung, seine Frau zu überleben und ihr Erbe 
zu werden, den Sohn angeschwärzt und für tot ausge- 
geben hatte. Sogar auf dem Totenbette hatte er sein 
Geheimnis nicht preisgegeben, nur der alte Gärtner 
wußte darum, verriet es aber niemandem, um seine 
Herrin nicht zu kränken. Während dessen litt der Sohn 
viel unter der schlechten Behandlung im Institute und 
entfloh endlich. Da man ihm aber seine Mutter in den 
i) Gräfin Ludovika La/ic^oroÄ^Aa, geb. Gräfin Rzewuska, gest. 1839. 



schwärzesten Farben dargestellt hatte, so traute er sich 
nicht unter seinem wahren Namen zurückzukehren, imd 
wurde als „Alexis" Gärtnerjunge im Schlosse zu Valcourt. 
Dort verliebte er sich in eine Kousine, die seine Mutter 
adoptiert hatte, und fand auch Gegenliebe. Allmählich 
zog er auch die Aufmerksamkeit seiner Mutter auf sich 
und erzählte ihr seine Geschichte, worin er einiges än- 
derte. Die Gräfin erbot sich, seiner unbarmherzigen 
Mutter zu schreiben, er diktierte den Brief. Nun folgte 
eine rührende Szene, alles klärte sich auf, Alexis wurde 
wieder als Kind angenommen und heiratete seine Kou- 
sine. . . Ich muß noch hinzufügen, daß Nikolaus Ester- 
hdzy den Alexis geradezu glänzend spielte, so daß alles 
weinte, ich nicht zum mindesten. 

Die Feste und Bälle drängten sich damals, der Karne- 
val schien eine ununterbrochene Guirlande von Ver- 
gnügungen zu sein. Die jungen Leute der damaligen 
Gesellschaft waren fast ausschheßlich Offiziere und da- 
rauf bedacht, in den kurzen Ruhepausen, die ihnen der 
Krieg ließ, die Freuden des Friedens voll auszukosten. 
Das Ungewisse der Zukunft machte ihnen die Gegen- 
wart um so teurer, und oft stürzten sie sich angesichts 
des Todes noch einmal in das Leben, selbst wenn sie 
Abschied nehmen mußten. Andererseits übten die 
Frauen auf sie ihren Einfluß wie im Fluge aus, sie hat- 
ten wirklich keine Zeit zu verlieren. Die Liebe von da- 
mals äußerte sich in erhöhter Begeisterung und größerer 
Hingebung. Der Enthusiasmus war in der Mode, so- 
wohl auf den Schlachtfeldern, als auch in den Salons. 
Ein junger Mann, der aus dem Kriege mit dem The- 
resienkreuze zurückkam, war unwiderstehlich und die 
„Vaterlandsliebe" belohnte mehr als einen solchen Hel- 
den. Heutzutage hat eine schwache Stunde keine Ent- 

132 



schuldigung mehr; lohnt es sich denn noch, sich der 
Männer wegen entehren zu lassen ? Kalt, blasiert, einer 
dem anderen gleich, vermögen sie nimmer das Herz ei- 
ner Frau, die, indem sie ihren Ruf opfert, sich durch den 
ihres Gehebten erheben will, höher schlagen zu machen. 
Was ist denn aber die Liebe ohne glänzendes Beiwerk ? 

Die zahlreichen russischen und polnischen Damen in 
Wien, die damals den Ton angaben, führten eine neue 
Gattung von Unterhaltungen ein, welche bald sehr be- 
liebt wurden. Dies waren die lebenden Bilder, dargestellt 
von Personen aus der Gesellschaft. Gräfin Flora Wrbna'^) 
geb. Gräfin Kageneck gab besonders reizende, von denen 
ich wie folgt berichtete: 

„Diese lebenden Bilder bilden wirkhch eine Über- 
raschung, von der sich nur ein Zuseher eine richtige 
Vorstellung machen kann. Die Kunst verschmilzt dabei 
mit der Natur, das Ideal gestaltet sich zur Wirkhchkeit. 
Eines derselben stellte die Familie des Darius zu Füßen 
Alexander d. Gr. dar (nach Paul Veronese), wobei als 
Damen die Gräfinnen JVrbna, F2Lnny Ester hdzy-Roisin^), 
Frau von Giaverttn, als Herren Alexander Karl Clary^), 
Enkel des Prinzen von Ligne, und Felix Woyna^) mit- 
wirkten. Bei einem anderen Bild, das die „Frauen beim 

i) Flora Gräfin Wrbna, geb. Gräfin Kageneck (1779 — 1857), seit 
1798 mit dem Grafen Eugen Wrbna vermählt. Zur Kongreßzeit 
(siehe diese) -wurde sie als Schönheit allgemein gefeiert. 

2) Franziska Marquise Roisin (1778 — 1845) heiratete 1799: Nikolaus 
Grafen Esterhäzy, k. k. Km. u. Geh. Rat, geb. 1775. 

3) Karl Josef Fürst Clary und Aldringen (1777 — 183 1), 1809 Major 
eines Landwehrbataillons, das er sich größtenteils aus seinen Unter- 
tanen gebildet hatte. 18 10 war er nach der Vermählung Kaiserin Ma- 
ria Louises kurze Zeit in Paris. Enkel des Prince de Ligne von seiner 
Mutter aus, heiratete er 1802 Gräfin Aloisia Chotek, geb. 1777. 

4) Graf Felix Woyna (1788 — 1857), später k. k. F. M. — Eduard sein 
Bruder, geb. 1793. 



h. Grabe" darstellte, erschien die Fürstin Schwarxen- 
herg^) als Engel, der vom Himmel herabstieg. (Wenige 
Jahre später kehrte sie dorthin tatsächlich zurück, als 
sie b;el dem Brande des Ballsaales in Paris verbrannte, 
den ihr Schwager, der Fürst Karl Schwarzenberg zu 
Ehren der Vermählung Napoleons mit Maria Luise hatte 
errichten lassen.) Gräfin Lanskoronska geb. Gräfin 
Rzewuska, schön wie der Tag, stellte eine Sibylle, der 
kleine Eduard Woyna einen Amor vor. Einige fromme 
Zuschauer hielten ihn wohl für Johann d. Täufer, doch 
glaube ich nicht, daß dieser so fein ausgesehen hat. 
Gräfin Wrbna erschien als Madonna della Sediola. Das 
letzte Bild zeigte „eine spanische Soiree". Alles dies war 
ebenso reizend, als es für mich langweilig ist, es zu be- 
schreiben, noch dazu, weil ich gerade eine „humeur de 
chien" habe, denn Papa ist an mein Tagebuch geraten 
und will es lesen. Ich bin also in arger Verlegenheit." 
Tatsächlich hatte mein Vater erfahren, daß ich ein 
Tagebuch schreibe, und forderte von mir, ich solle es 
selbst ihm vorlesen. Ich war ratlos. Wie konnte ich ihm 
so manche Stelle verraten, wo ich von unserer Vater- 
furcht, von unserer Freude, wenn Papa abreiste, sprach! 
Ich lief in meiner Verzweiflung zu Mama, erzählte ihr 
meine Situation und bat sie, meinem Vater folgendes 
zu sagen: ich könne ein Tagebuch nur dann wahrheits- 
getreu schreiben, wenn mir erlaubt würde, es vor jeder- 
mann zu vei bergen. Bestehe Papa weiter darauf, es zu 
lesen, so würde ich es in das Feuer werfen und niemals 
wieder etwas schreiben. Ich erwartete ein Donnerwet- 
ter, aber der Himmel Wieb wolkenlos. Mein Vater, 

i) Pauline Fürstin Schwarzenberg, geb. Prinzessin Arenberg, geb. 1 774, 
verbrannte am i. Juli 1810 in Paris bei einem Balle, den ihr Schwa- 
ger Karl Fürst Schw. (1771 — 1820) Napoleon gab. 



durch meine Festigkeit und Offenheit betroffen, teilte 
merkwürdigerweise meine Ansicht und sprach nie mehr 
ein Wort über mein Tagebuch. Ein Beweis, wie edel er 
im Innern dachte! 

Die Bälle gingen ihren Lauf fort, manche dauerten 
bis sieben Uhr früh und noch später. Besonders die- 
jenigen bei dem russischen Botschafter Grafen Rasu- 
moffsky, in seinem neuen, herrlichen Palaste auf der Land- 
straße, endigten immer mit einem Dejeuner um neun 
oder zehn Uhr vormittags. In diesem Falle wechselten die 
Damen in eigens dazu angewiesenen Kabinetten ihre 
Toilette und die unerschrockensten unter ihnen fuhren 
noch in den Prater, bevor sie ihr Haus aufsuchten. 

Als der Karneval vorüber war, herrschte bei uns eine 
ziemliche Aufregung, die zu mancherlei Szenen Anlaß 
gab. Man ventilierte nämlich ein neues Heiratsprojekt. 
Der Herzog von B . . .f . . t schien auf meine älteste 
Schwester ein Auge geworfen zu haben, trotzdem er so 
alt war, daß er ehemals meine Mutter heiraten wollte. 
Andererseits war aber sein Vermögen sehr bedeutend 
und seine Werbung meinen Eltern besonders willkom- 
men, weil ihm ein guter Ruf als Ehemann — er war da- 
mals Witwer — voranging. 

In meiner spöttischen Weise schrieb ich darüber in 
mein verschwiegenes Tagebuch: „W^er ist der Mann, 
von dem alle sprechen in meiner Familie ? auf den alle 
Hoffnungen beruhen ? den man mit Höflichkeit über- 
häuft? den jedermann wünscht, aber niemand haben 
will? der jeden langweilt, an dem aber jeder „Geist" 
finden soll ? der in meine Mutter verliebt war und der 
der Gatte ihrer Tochter werden soll ? den ehemals die 
Tante haben wollte und den sie heute ihrer Nichte zum 
Manne geben will ? Wer ist denn dieses Weltvvainder ? 

135 



Es ist der Herzog von B . . .j . .t. Er ist fünfzig Jahre alt, 
Witwer, besitzt eine Tochter oder vielmehr „un ma- 
got", die er aus dem Kloster genommen hat, und die 
garstig wie eine Eule und ebenso langweilig ist . . . In- 
folgedessen muß sich der Herzog all unseren Schabernak 
gefallen lassen. Er kann kein Bein heben, ohne in eine 
Schlinge zu geraten, besonders ist ihm meine Tante 
fürchterlich und auf diesem großkaliberigen Geschütz 
beruhen unsere Hoffnungen, die Schlacht zu gewinnen. 
Dennoch fürchte ich, daß dieser unser armseliger Stern 
uns einen seiner beliebten Streiche spielen und im Mo- 
ment, wo wir ihn am nötigsten haben, erlöschen wird." 
— Dies wurde in der Tat der Fall. Während der gute 
Herzog mehr, denn je geneigt war, die Hand meiner 
Schwester zu begehren, eilte seine Landsmännin und 
Jugendfreundin, die Fürstin St . . . berg, nach Wien, 
beeinflußte seinen „Geist" und verheiratete ihn „Im- 
promptu" mit der Ältesten ihrer Töchter, einem an 
Geist und Körper ebenso häßlichen, wie lächerlichen 
und widerwärtigen jungen Mädchen. Dreißig Jahre 
später erzählte mir die Fürstin, die keine Ahnung von 
dem Interesse hatte, daß B . . . f . . t uns entgegenge- 
bracht, wie sie den armen Herzog im Sturme „gewon- 
nen", indem sie ihm gar keine Zeit zur Fassung ge- 
lassen und die Hand ihrer Tochter in die seine gelegt 
habe, bevor er noch genau darauf acht gegeben. Dabei 
wälzte sie sich vor Lachen. Es war ein Henkersstreich 
von ihrer Seite — aber doch nicht der schlechteste, den 
sie meiner Familie spielte! Wie dem auch sei, meine 
gute Schwester wäre mit dem Herzog von B . . . f . . t 
recht glücklich geworden ; er war der beste Mensch der 
Welt, der nach einigen ruhigen Ehejahren seiner Frau 
ein bedeutendes Vermögen hinterlassen hätte, das nicht 

136 



von dem seiner Kinder aus erster und zweiter Ehe ab- 
gehangen wäre. 

Nachdem dieses Heiratsprojekt in die Brüche ge- 
gangen war, wurden wir drei Ältesten zu unserer Tante 
Thürheim geschickt, während alle übrigen nach Schwert- 
berg reisten, um dort den Sommer zuzubringen. Die 
gute, um unser Wohl und unsere Freiheit in jeder Weise 
besorgte Tante gestaltete uns diesen Aufenthalt zu ei- 
nem wahrhaft angenehmen. 

In dieser Epoche findet sich in meinem Tagebuch 
manches über die Opern des Fürsten Lobkowitz, die er 
oft selbst komponierte und in denen er auch trotz seiner 
Krücke 1) eine aktive Rolle spielte. Dieser Fürst war 
ein gutmütiges Kind und der größte Musiknarr, den 
man finden konnte. Von früh bis abends musizierte er 
und vergeudete ein großes Vermögen, um in der Stadt 
und auf seinen Gütern die hervorragendsten Musiker 
und Sänger auszuhalten. In seinem Schlosse Eisenberg 
gaben sich die Künstler die Türe in die Hand und es 
wurde ohne Unterlaß getafelt. Der Prinz führte dort 
einen königlichen Train, und heute noch erzählt man 
sich in der dortigen Gegend von den großartigen Festen. 
Obgleich er verschwendete, so war seine Börse doch 
auch für alle jene offen, die ihn um Hilfe angingen. Als 

i) Franz Josef Max Fürst Lobkowitz, geb. 7. 12. 1772, gest. 16. 12. 
18 16, Ritter d. gold. Vließes, k. k. Km., Geh. Rat u. G.F.W.M., 
heiratete 2. 8. 1792 Maria Karoline, geb. 7. 9. 1775, gest. 24. i. 1816, 
Tochter des Joh. Ant. Fürsten Schwarzenberg und Maria Eleonore 
Gräfin Oettingen. — Er hatte einen kürzeren Fuß, was ihn aber 
nicht hinderte, unermüdHch tätig zu sein. Großer Musikliebhaber, 
seit Jan. 1807 in der Direktion der neuen Theaterunternehmungs- 
Gesellschaft, die den Betrieb des Hofburgtheaters übernahm. Im 
August 18 12 wurde Lobkowitz an Stelle des Grafen Ferd. Pälffy 
Hoftheaterdirektor, doch bereits im' Mai 18 13 mußte sein Ver- 
mögen administriert werden, worauf er von der Leitung zurücktrat. 



er, noch jung, starb, hinterließ er seinen sieben kleinen 
Kindern nichts als eine enorme Schuldenlast, die man 
größtenteils nicht abzahlen konnte. Da seine Frau, eine 
geb., Prinzessin Schwarzenberg, auch damals schon tot 
war, so nahm ihr Bruder Josef Schwarzenherg alle diese 
Waisenkinder zu sich und zog sie in seiner edlen Groß- 
mut auf. Zehn Jahre später erbat sich Karl Schwar- 
zenberg, der die verbündeten Armeen als Oberbe- 
fehlshaber kommandiert hatte, für seine Dienste um 
das Vaterland und ganz Europa als Belohnung die 
Zahlung der Schulden seines verstorbenen Schwagers 
aus. Der weniger edelmütige Kaiser nahm ihn beim 
Worte, um ihm von den Belohnungen, die er ihm 
nach einem so eklatanten Erfolge nicht gut abschla- 
gen konnte, etwas abzuknausern, und gewährte ihm 
seine Bitte insoferne, indem er der Vormundschaft 
des jungen Prinzen Lobkowitz eine bedeutende Summe 
zu mäßigen Zinsen lieh^). Auf diese Weise hob sich 
das Lobkowitzsche Vermögen während der langen 
Vormundschaft und der jetzige Fürst, der sparsamer, 
aber weniger liebenswürdig ist als sein Vater, erfreut 
sich nunmehr eines der größten Vermögens in Böhmen. 
Unterdessen verbrachten wir unsere „Ferien" in herr- 
lichster Weise bei Tante Therese. „Quel changement de 
decoration", als wir anfangs Mai nach Schwertberg zu- 
rückkehren mußten. Die zwei letzten Tage gehörten 
allerdings nicht zu den angenehmsten. Am Mittwoch 
hatte nämhch Pauline Schwarzenberg einen Ausflug nach 

i) Während Rußland, England und Preußen ihre Heerführer nach 
den siegreichen Kriegen von 1813 und 14 mit Geschenken über- 
häuften, lieh Kaiser Franz dem Fürsten Schwarzenberg Geld, um 
ihn zu belohnen. (Not. der Verf.) Die Dankesschuld an den viel 
verkannten F. M. löst das Werk ,,F. M. Karl Fürst Schw." von 
Kerchnawe und Veltze, Wien 1913 in schöner Weise ein. 

138 



ihrer Art arrangiert. Ihre Schwägerin Lory Schwarzen- 
berg^), die Gräfin Kinsky-Dictrichstein^), Graf Merveldt 
und Oginski^) nahmen u. a. daran teiL Die Gesellschaft 
ritt des Morgens nach ,, Mauer" zu meiner Tante, wäh- 
rend wir vier Thürheim, mit der dicken Köchin als 
Pastete und allen möglichen Eßvorräten im Wagen, so 
gut es ging, nachkamen. Diese Herren und Damen fin- 
gen bei ihrer Ankunft sogleich zu frikassieren, zu braten, 
zu pfeffern und allerlei unappetitlichen Mischmasch zu 
machen an. Da ich keine Vorliebe für gräfliche Köche 
und ihre Spaße habe, so nahm ich ein Buch vor und 
setzte mich in eine Ecke. Meine Tante regte sich über 
die Nandl auf, welche einige Ingredienzien vergessen 
hatte, die jetzt die Damen in allen Tonarten verlangten. 
Das arme Mädchen entschuldigte sich, so gut es konnte, 
sie habe drei Champignons mitgenommen, aber einen 
aus ihrer Tasche verloren. Konstantine rührte den Sa- 
lat, Isabella murmelte zwschen ihren Lippen Ver- 
wünschungen gegen die gräflichen und fürstlichen 
Köche, die hübschen Damen gaben sich alle Mühe, um 

i) Dieselbe, die nach dem Tode ihrer Schwägerin Mutterstelle an 
deren Kindern vertrat, dürfte Y,\tonovt Schwarzenberg, geb. ii. 7. 
1783 gewesen sein. 

2) Die Gräfin Maria Theresia Kinsky, geb. Gräfin Dietrichstein 
(1768 — 1821), ließ ihre i. Ehe (1787) mit Graf Philipp Jos. Kinsky 
annullieren und heiratete 1807 den F. M. Lt. Max Gr^iien Merveldt 
(gest. 18 15), Maria Theresien Ordensritter, der seinerseits sich von 
dem Gelübde beim deutschen Ritterorden entbinden ließ. „Ses 
amis lui virent faire avec regret ce mariage. Orgueilleux, morose, 
ambitieux, le Cte de Merveldt ne passait pas pour partager vive- 
ment le sentiment, qu'il lui avait inspire." (Letzteres nach „Souve- 
nirs de la Baronne du Montet, Paris 1904, S. 235.) Übrigens war 
Merveldt ein tapferer Kavallerieoffizier. 

3) Graf Oginski, ein emigrierter Franzose, war in die Prinzessin 
Schwarzenberg verliebt. Nach ihrem Tode zog er deren jüngste 
Tochter bis zu ihrem 14. Jahre auf. (Notiz d. Verf.) 



eine natürliche Heiterkeit vorzutäuschen, Oginski wie- 
der stellte sich, als wenn er ein französischer Koch wäre, 
kurz es herrschte eine unnatürHche Komik. Und das 
nennt man eine Vergnügungspartie! Als man endUch 
die Pferde und den Wagen besteigen wollte, kam ein 
furchtbarer Platzregen und außerdem der gute Karl 
Mandellf der aus seiner technischen Akademie herbei- 
geeilt war, um von mir Abschied zu nehmen. Kaum 
vermochte er in unserer unangenehmen Situation einige 
Worte anzubringen, dann bestieg er wieder seinen Fiaker 
und raste davon. Für uns war dies nicht so einfach. Die 
Damen wollten sich von ihren Verehrern nicht trennen, 
diese suchten aber auf ihren Pferden zu entkommen. 
Endlich fand man ein gewaltsames Auskunftsmittel. Die 
verschiedenen Zizisbeos setzten sich in den Fond des 
Wagens, angeblich, weil sie auf dem Vordersitz see- 
krank würden, die Damen preßten sich, so gut es gehen 
wollte, auf die übrigen Plätze. Alles drückte, stieß und 
quetschte sich, bis schließlich im Laufe einer Viertel- 
stunde sich achtzehn Füße und neun Körper in der 
engen Berline zusammenfanden. Als wir nach Hause 
kamen, setzte die Anwesenheit der Mlle Tisserant dem 
Unglückstage die Krone auf. Meine Eltern hatten sie 
geschickt, um uns nach Schwertberg zu bringen. Sie 
erschien mir wie ein Gespenst, wir schrieen, zankten 
und weinten. Donnerstag musten wir unsere Koffer 
packen, abends war noch ein Ball bei Zichy, wo wir bis 
drei Uhr früh blieben und um fünf Uhr rollten wir auf 
der Straße nach Schwertberg davon. Samstag abends 
kamen wir dort an; die Eltern erwarteten uns auf der 
Gloriette mit den Kindern. Wir woirden mit offenen 
Armen empfangen, dann zeigte uns Papa eine sehr hüb- 
sche Promenade, die er während unserer Abwesenheit 

140 



im Parke machen ließ. Trotz des herzlichen Empfanges 
war ich sehr bedrückt. So undankbar ist die Jugend! 
Heute gäbe ich viel darum, wenn ich die guten Eltern 
wieder zum Leben zurückrufen und sie umarmen könnte. 
Trotzdem wir Wien nur zu sehr vermißten, übte das 
Landleben wie gewöhnHch, seinen Reiz auf mich aus. 
Konstantine dagegen, die viel mehr weltliche Neigun- 
gen hatte, fand unsere Einsamkeit schal und die Prome- 
naden ohne Herrengesellschaft öde. Namenthch abends, 
wenn wir alle beisammen saßen, legte sie sogleich ein 
Kissen unter ihren Kopf und schlummerte sanft ein. 
Was mich betrifft, so lernte ich itahenisch und las einige 
gute Bücher, dies alles mit Titine, die meine Neigungen 
immer teilte. Während unserer Spaziergänge lernten 
wir ganze Stücke aus Racine auswendig. Papa unter- 
brach allerdings damals unsere Studien, indem er uns 
vorschlug, täglich zwei Stunden Gedichte von Zachariü 
vorzulesen, aber, da er sehr gut las, so gewann ich an 
diesen Vorlesungen Interesse. Allerdings würde mir 
diese holperige Poesie heute wenig behagen. Wer könn- 
te auch in unseren Tagen den schweren Stil der deut- 
schen Poeten, die Goethe und Schiller vorangingen, er- 
tragen! Klopstock nehme ich natürhch aus, dessen wie 
vom Himmel gefallene erhabene Dichtkunst keiner 
Epoche angehört. Es gibt keinen unter ihnen, den wir 
uns nicht mit einer Magisterperücke und mit Augen- 
gläsern auf der Nasenspitze vorstellen müßten; so ge- 
mein und pedantisch sind sie. Die deutsche Poesie hatte 
eine eigentümliche Laufbahn, zwischen Kindheit und 
Tod lernte sie nur das Mannesalter kennen. Obwohl sie 
vielleicht älter ist, als die französische (es existieren ja 
allemannische Gedichte von sehr hohem Alter, nicht 
zu vergessen die Nibelungen), erlosch sie doch gegen das 

141 



Ende des Mittelalters. Als sie wieder erwachte, war sie 
ungelenk und gewöhnlich, von dem geflügelten Renner 
des Helikons war sie auf einen dicken Karrossegaul ge- 
stiegen und begann nun daher zu trappen, wie wenn es 
zum Markte ging. Während die Racine, Boileau, Jean 
Bapt. Rousseau und Voltaire die französische Dicht- 
kunst mit Ruhm bekränzten, verfertigten die Rahener^ 
Zachariä, Ramler, selbst der gute Geliert nur platte 
Poesie ohne Schwung oder vielmehr platte Verse ohne 
Poesie, die nicht einmal deutsch zu nennen sind. Als 
dann aber in Frankreich die Enzyklopädie, die Philan- 
thropie und die Revolution anhoben, floh die Poesie, über 
alle die neuen Definitionen, Reden und Vernunftgründe 
erschreckt, in das friedliche Deutschland. Nun erst sah 
man dort echte Dichter plötzlich aus dem Erdboden 
entstehen, ähnlich, wie Merkur aus dem Gehirn Jupi- 
ters entsprang. Sie wurden selbstherrlich, sie waren kei- 
ne Nachahmer, sondern schufen aus innerer Kraft. Eine 
einzige Generation stellte die deutsche Literatur auf die 
hohe Stufe, die Frankreich und England bereits erreicht 
hatten. Viel später vom Ziele abgegangen, kam Deutsch- 
land doch fast zu gleicher Zeit an, wie diese. Aber dann 
blieb es stehen, es erstarrte, und die folgende Gene- 
ration konnte diese Höhe nicht mehr behaupten. 

Seit ca. zwei Dezennien hat man manch schönes Ta- 
lent, aber keinen großen Dichter mehr entstehen sehen. 
Auf demselben Feld wuchsen nebeneinander Kohl und 
Disteln oder wenigstens Unkraut. Zedlitz wäre ein Poet 
geworden, wenn er sich nicht zum Höfling Metternichs 
degradiert hätte; nunmehr hat er keinen Schwung mehr, 
er versumpft. 

Diese lange Abschweifung, die vielleicht ganz un- 
sinnig ist, kam mir eben in die Feder. Man möge mir 

142 



verzeihen! Ich will zum Ersätze einige kleine Begeben- 
heiten des Sommers 1805 anfügen, der für uns überaus 
friedlich verlief, während schon in den Werkstätten der 
österreichischen Politik das Kriegsschwert geschmiedet 
wurde, mit dem man sich später auf Bonaparte stürzen 
woUte. Aber ach, er sollte das Schwert auffangen und 
es mit solcher Kraft gegen den Thron Franz II. schleu- 
dern, daß es diesen fast umwarf! 

13. Juni 1805: Heute hatten wir eine zahlreiche 
Gesellschaft im Schlosse. Außer dem Pfarrer, dem 
Kooporator und dem Arzt beherbergten wir noch den 
neuen Landespräsidenten Baron Hackelberg^)^ den 
Kreispräsidenten Grafen Aicholt^)^ den obersten Be- 
amten der Steuerbehörde Herrn von Sonnenstein^) und 
noch einen anderen Herrn aus Linz. Alle diese Herren 
waren in Mauthausen gewesen, um den Kaiser zu emp- 
fangen, der vorgestern durchpassierte. Papa war auch 

i) Derselbe, der so illoyal bei der Schwemmaffäre gehandelt hatte 
(S. 65). (Notiz d. Verf. ) 

2) Christian Graf Aicholt, 18 10 mit der provis. Verwaltung von Ob.- 
Öst. betraut, das damals im Vereine mit Niederösterreich unter dem 
Statth. Grafen Saurau stand. 18 10 wurde Aicholt unter die O.-Ö. 
Herrenstände rezipiert, 18 12 ist er Präs. d. Landesreg. in O.-Ö. u. 
gest. 1815. 

3) Josef Zacher (gest. Riedau 1799), Sohn eines reichen Wiener Kauf- 
mannes, zuerst OberpostamtskontroUor, ddo. Wien 20. Nov. 1760 
mit „von Sonnenstein" geadelt, 1765 Kreishauptm. und Postmeister 
zu Wels, kauft 1764 die Salburgische Herrschaft Riedau und vmrde 
am 25. Aug. 1764 gerittert. Er heiratete 5. Sept. 1757 Maria Anna 
Groß von Ehrenstein (geb. 29. Febr. 1736, gest. 22. Sept. 18 10). 
Sein Sohn, der obige Josef Karl Xaver Zacher v. Sonnenstein, geb. 
Linz 30. Sept. 1758, gest. Venedig 3. Dez. 1820, war zuerst Kreis- 
hptm. zu Freistadt, dann zu Linz, später Gubernialrat zu Triest. Er 
heiratete Marg. Perle, Witwe des Obstlt. Frhr. v. Ransonnet v. Villez. 
Seine Schwester Elisabet S. (1770 — 1823) heiratete 1793 Josef Ritter 
V. Henikstein (1768 — 1838), den Vater des 1866 bekannt geworde- 
nen F. M. Lt. Baron Henikstein. (Gr. Siebmacher, ob.-öst. Adel, 
Nachtrag.) 



dort. Man erzählte sich, daß es komisch gewesen sei, 
den übertriebenen Eifer zu beobachten, den jedermann 
betätigte, um den Kaiser zu sehen und von ihm gesehen 
zu werden. Mein Vater stand beim ersten Morgen- 
grauen auf, fuhr aber nicht vor 7 Uhr morgens weg, 
um den Kaiser zu begrüßen, der erst um 8 Uhr abends 
ankam. Der Pfleger und der Pfarrer fuhren mit; der 
eine trug einen riesigen Dreispitz, der andere hielt den 
ganzen Tag ein Paar neue Handschuhe in der Hand, 
ohne jemals die Zeit zu finden, sie anzuziehen. Der 
Pfleger stieg in den Wagen Papas ein, während der 
Pfarrer mit einer Miene, die seiner Würde entsprach, 
allein in dem zweiten Wagen kauerte. Der Doktor Scho- 
ber hat uns einiges von der köstlichen Szene in Maut- 
hausen verraten. Man konnte glauben, Narren vor sich 
zu haben, alle schrien, liefen herum, man rief sich an, 
ohne zu wissen warum. Unser Pfleger benahm sich wie 
ein alter Amtsdiener, besorgte alle Kommissionen, die 
man ihm auftrug, jammerte, sobald er Schober begeg- 
nete, über Herzklopfen und daß er sich zu Tode laufen 
müsse, und rannte doch gleich wieder weiter. Papa brach- 
te uns am anderen Tage die ganze Gesellschaft, die wir 
zum Diner erwartet hatten, erst gegen Abend in das 
Schloß. Hackelberg zeigte sich in seiner Präsidenten- 
würde so hochnäsig, als nur möglich. Herr v. Sonnen- 
stein hatte einige strenge Blicke des Kaisers aufgefangen, 
die ihn veranlaßt haben mochten, sich immer wieder 
bis zur Erde zu verbeugen. Aicholt hat den Ruf eines 
verdienstvollen Mannes; er ist seit 20 Jahren Haupt- 
mann des Rieder Kreises und hat nie ein Avancement 
verlangt. Er befand sich dort sehr wohl, sah niemanden 
und ging nie aus. Hackelberg sprach davon mit dem Kai- 
ser und Aicholt ist eben erst zum Regierungsrat in 

144 



Linz ernannt worden. Ich hatte mir den Grafen 
Aicholt als einen melancholischen, furchtsamen und 
verlegenen Mann vorgestellt, wie es bei Personen vor- 
kommt, die ganz für sich leben. Ich war daher über- 
rascht, als ich einen großen, behäbigen, heiteren Herrn 
vor mir sah, auf dessen Antlitz sich Güte und Offenheit 
paarten. Er sprach nicht zu viel und nicht zu wenig, 
aber immer mit richtigem Urteil, kurz, er zeigte sich 
ganz anders, als ich erwartet hatte. Die Biederkeit des 
Grafen Aicholt kontrastierte grell mit dem politisch- 
klugen Gebahren Sonnensteins, der einmal Papa zeigen 
wollte, daß er mit dem Präsidenten gut stehe, ein anderes 
Mal dem Präsidenten, daß er es mit meinem Vater sei. 

Einige Tage später traf der Neffe meiner Mutter, der 
Gvni Berlo^), ein. Derselbe hatte nach dem Tode seines 
Onkels, des ersten Gatten meiner Mutter, um die Hand 
der letzteren angehalten, weil er damals auf andereWeise 
kein Mittel fand, sich des großen Vermögens seines Ver- 
wandten zu bemächtigen, das dieser seiner Frau hinter- 
lassen hatte. Meine Mutter wußte jedoch, daß Berlo ein 
schlechter Mensch sei und gab ihm einen Korb. Darauf- 
hin strengte der Abgewiesene einen Prozeß an und nahm, 
als die Franzosen Belgien besetzten, einfach die Güter 
in Besitz, während seine Tante in Österreich weilte. 

Zu diesen alten Bosheiten hatte er noch neue hinzu- 
gefügt, weshalb sein Besuch mit sehr gemischten Ge- 
fühlen angesehen vmrde. Erstens war er von der Wiener 
Polizei abgeschoben worden, dann hatte man meinen 
Eltern erzählt, ein gev^dsser „Belgier" hätte, als er vor 
wenigen Jahren mit der französischen Armee nach 
Österreich gekommen war, sich als Verwandten meiner 

i) Jean Louis Comte Berlo-Suys (siehe Seite 5), niederländischer 
Kammerherr (1786). 



10 M. L. I 



HS 



Mutter geriert und geschworen, er würde, sobald er die 
Donau überschritten hätte, ihr Schloß in Brand stecken. 
Und nun unterfing sich dieser Mann, der von Rechts 
wegen von meiner Familie in Acht und Bann hätte getan 
werden sollen, an unsere Gnade oder Ungnade zu appel- 
lieren. Übrigens ergab es sich später, daß die obige prahle- 
rische Äußerung eines Belgiers nicht von Berlo herrührte. 

Meine Mutter hatte vor ihm große Angst und stellte 
sich vor, er würde ihr das Messer tatsächhch an die 
Kehle setzen, um eine für ihn vorteilhafte Wendung in 
dem Prozesse zu erzielen. Außerdem hatte der Graf 
einen unverschämten Kammerdiener, der in frechem 
Tone ein Bukett verlangte, das man ihm abschlug. Meine 
furchtsame Mutter sah in diesem Blumenstrauß irgend 
eine schlechte Absicht und glaubte, daß Berlo vielleicht 
in dem Gasthause des Ortes seine Maitresse zurückge- 
lassen hatte. Schließlich übertrug sich diese „Gespen- 
sterfurcht" auch auf Papa, der schon glaubte, daß er 
von Berlo zum Duell gefordert werden würde, und be- 
reits seine Waffen besichtigte. Übrigens hatte dieser 
„Mörder, Duellant, Brandstifter und Lebemann" ein 
ganz manierhches, höfliches und ruhiges Benehmen, 
sprach französisch wie Grand-Joseph, der belgische Be- 
diente meines Vaters, und schien absolut nicht gefähr- 
lich. Wie dem auch sei, — dieser gefürchtete Gast reiste 
nach dem Diner zu unserer größten Befriedigung ab. 

In dieser Zeit enthält mein Tagebuch auch einige 
spöttische Worte über ein allerdings dann nicht reali- 
siertes Heiratsprojekt des alten Fürsten Starhemberg mit 
meiner Tante Therese. Er hatte seiner Frau^), die da- 

i) Die Fürstin Starhemberg, geb. Prinzessin Salm-Salm starb am 
5 Dez. 1806. Ihr Gatte war damals 83, Therese Thürheim 54 Jahre 
alt. Ihr Alter betrug also zusammen 137 Jahre. 

146 



mals ihr Ende herannahen fühlte, versprechen müssen, 
nach ihrem Tode Tante Therese zu heirat en. Glücklicher- 
weise vereitelte sein eigener Tod dieses Projekt. Die bei- 
den Glücklichen hätten zusammen 125 Jahre gezählt. 

Es besuchte uns auch einer unserer besten Freunde 
Louis Baron Mandell; da seine Visiten immer sehr selten 
waren, weil er sich nicht leicht von seinem Regimente 
absentieren konnte, so war seine kurze Anwesenheit 
stets ein Fest für uns. Groß, schlank, zum Malen 
schön und sehr galant seinen „Schwestern" gegenüber, 
wie er uns zu nennen pflegte, war er wirklich ein bezau- 
bernder Freund. 

Wir waren ihm bis Zirking entgegen gefahren und 
kehrten abends, da er nicht kam, in gedrückter Stim- 
mung zurück. Kaum waren wir wieder zu Hause, als ein 
Wagen in den ersten Hof rollte. Wir sahen in die Dun- 
kelheit hinaus und riefen hinunter: ,,Wer ist da?" — 
„Guten Abend, meine Damen!" hörten wir Louis' 
Stimme. Unsere Eltern nahmen ihn zuerst ganz in Be- 
schlag, so daß man den ganzen Abend über nichts an- 
deres reden konnte, als über den Krieg, über „M. votre 
frere" und „Madame votre mere". Mama besonders war 
unermüdlich, sich Biwakgeschichten erzählen zu lassen. 
Sie begriff nicht, wie man „öffentlich" Toilette machen 
könne, worauf Louis wie ein Abbe mit Spitzbuben- 
miene ernst erwiderte: „WahrscheinHch ist man auf die 
Bäume gestiegen." Der andere Morgen aber gehörte 
uns; wir gingen den ganzen Vormittag spazieren. Mein 
Bruder Josef und sein Hofmeister Lux kamen von Wien 
zurück, wo beide ihr Examen gemacht hatten. Wir hat- 
ten gehofft, daß Karl Mandell auch mitkommen werde, 
aber er konnte keinen Urlaub bekommen. 

Abends las Papa seine Zeitung und wir tanzten, san- 

H7 



gen und machten tausend Dummheiten in unserem 
Zimmer, dann soupierte man und begab sich bald zur 
Ruhe. Anderen Morgens reiste Louis mit meinem Vater 
ab. Er hat sich sehr zu seinem Vorteil verändert. Sein 
großer Schnurrbart gibt ihm allerdings etwas Martia- 
lisches, aber er besitzt schöne Augen und Zähne, gut 
angesetzte Haare und dann spricht er ein prächtiges 
Deutsch, ohne sein Französisch vergessen zu haben, er 
versteht zu unterhalten, er tanzt graziös, mit einem 
Worte — er ist charmant. 

Karl Mandell ist in das Geniekorps eingetreten und 
hat dort viel für den Kriegsrat zu arbeiten, so daß er 
leider nicht Wien verlassen konnte. 

Nach Louis Mandell ging es bei uns wie in einem Tau- 
benschlag zu. Zuerst kamen die Del Hostes von Wallsee. 
dann die Starhembergs, dann ein Graf Lerchenfeld, ein 
langweiliger und furchtbar dummer Mensch, Der Be- 
such der beiden Starhembergs bildete eine wirkliche Un- 
terhaltung. Zuerst war ich ein wenig befangen, aber 
dies gab sich gar bald. Sie waren beide sehr guter Laune 
und gar nicht prätentiös. Die Gräfin trug ein seidenes 
Überkleid von dunkelkirschroter Farbe, von dem sich 
ihre weiße Haut effektvoll abhob, eine Chemisette mit 
Brüsseler Spitzen und einen reizenden braunen Hut. 
Man machte mit ihnen die gewöhnliche „Wallfahrt der 
Fremden" und besuchte die „heihgen" Orte, die Glo- 
riette und die „Rochers". Von der Drahtzugfabrik in 
Josefstal wurde nur gesprochen, weil man keine Zeit 
hatte, auch dorthin zu gehen. 

Ich will hier einen kleinen Bericht über die Gräfin 
Starhemberg^) einflechten, die ein Original war und es 

i) Julie Gräfin Starhemberg, geb. Gräfin Esterhäzy, gest. 1829 (siehe 
Seite 96). 

148 



sich zur Aufgabe zu machen schien, alle Gaben, die ihr 
die Natur verhehen, zu karikieren. Sie puderte ihr Ge- 
sicht, wodurch sie diesem das gewisse Etwas verheh, das 
mich anfangs so entzückte. Sie marterte ihren ohnehin 
aufgeweckten Geist mit ihrer Sucht nach Wohlreden- 
heit, wodurch sie Anlaß zu heute noch kursierenden 
Anekdoten und Witzen gab. Einmal rühmte sie das 
„dolce far niente" von Horaz, ein anderes Mal hatte sie 
sich die Nase beim Anzünden eines Phosphorwachs- 
stockes verbrannt und travestierte dieses Malheur, in- 
dem sie sagte, sie habe ihre Nase in den Bosporus ge- 
taucht. Dann klagte sie wieder einmal über die Abreise 
ihres Gatten zur Armee nach Italien, indem sie ausrief: 
„Nicht die Franzosen fürchte ich für Tony, sondern die 
Italienerinnen." Ich würde nicht fertig, wollte ich alle 
die lächerlichen Dinge wiederholen, die sie sagte oder 
tat. 

Sie war furchtbar eifersüchtig und mit Recht. Unter 
anderen hatte ihr Mann eine Maitresse Frau Calman. 
,,Das ist zu arg," äußerte sich die arme Gräfin Starhem- 
berg unter Tränen, „welch' schlechter Spaß ! Und das soll 
ein Calmant (Beruhigungsmittel) für mich sein ?" Eines 
Tages verließ sie in einem Anfall von Eifersucht einen 
Ball, weil sie ihren Mann hatte wegfahren gesehen. In 
der Ballrobe und blauen Atlasschuhen rannte sie in strö- 
mendem Regen durch den Kot dem Wagen nach und 
kam zugleich mit ihm vor dem Hause der Maitresse an. 
Auf der Stiege dieses Hauses machte sie dann ihrem 
Manne eine furchtbare Szene. 

Sehr abergläubisch, hatte sie sich ein System von 
freundlichen und feindlichen „Atomen" ausgedacht, 
nach dem sie sich richtete. So gab es z. B. Leute, die sie 
wirklich liebte, denen sie aber nicht in die Nähe kom- 

149 



men wollte, aus Furcht vor ihren Atomen. Diese Eigen- 
art erstreckte sich nicht nur auf Personen, sondern auch 
auf Gegenstände; so fand man nach ihrem Tode in 
einem gewissen Kabinett, zu dem niemand außer ihr 
Zutritt hatte, eine Masse der schönsten Sachen, die sie 
in Italien gekauft hatte, aber niemals auszupacken wagte 
aus Furcht vor den etwa aus ihnen strömenden feind- 
lichen Atomen. Dieser sonderbaren Manie lag ein Ge- 
heimnis zugrunde, das ihr erst in der Zeit ihrer letzten 
Krankheit manchmal entschlüpfte. Die arme Frau, die 
ihre ohnehin schmale Taille sehr stark zusammen- 
schnürte, zog sich nämlich einen Krebs an der Brust zu. 
Ihr durch das Überstreichen der kranken Brust mit einer 
Quecksilbersalbe vergiftetes Blut verschlimmerte noch 
das Übel, woran sie unter entsetzlichen Schmerzen starb. 
Sie war stark genug, ihr Leiden mehrere Jahre hindurch 
zu verheimlichen, bevor sie einen Arzt befragte. 

Sie starb ebenso ergeben, wie sie im Leben waghalsig 
gewesen war, sich den Tod zu holen. 

Ich will aber wieder zu meinem Bericht zurückkeh- 
ren, der nun das Vorspiel zu dem unglücklichen Feldzug 
von 1805 behandelt: „Starhemberg wird wahrscheinlich 
wieder in die Armee eintreten, trotz des Abmahnens 
seiner Frau. Er leidet noch viel an seiner Kopfwunde. 
Es scheint, daß das Kriegstheater nicht bei uns sein 
wird. Die Truppen kommen von allen Seiten, bei Wels 
ist der Sammelpunkt. Die Russen sind diesmal unsere 
Verbündeten und marschieren schon gegen Polen, um 
sich mit uns zu vereinigen. Man spricht davon, daß die 
Kaiser Alexander und Franz persönlich kommandieren , 
werden, ebenso, daß die Franzosen diesen Krieg fürch- 
ten und nur als eine Privatsache der Familie Bonaparte 
ansehen, endlich daß Napoleon durch diesen Angriff ein 

150 



wenig überrascht worden ist. Gott wolle weiterhelfen! 
Bis jetzt haben wir die besten Hoffnungen. Mack steht 
in Gunst und spielt im Kriegsrate die erste Geige, die 
Truppen sind darüber entzückt, auch hat er schon meh- 
rere Änderungen zur allgemeinen Zufriedenheit durch- 
geführt." 

Der allgemeine Enthusiasmus, der ganz Österreich 
ergriffen, packte mich auch. Ich betrachtete es als mein 
größtes Unglück, als Frau auf die Welt gekommen zu 
sein, und ich vergegenwärtigte mir wohl tausendmal des 
Tages das Glück, ein Mann zu sein und dem Vaterlande 
dienen zu können. 

Die Ankunft von Franz, Minerl Hager und Pitto- 
ny'^) entriß mich meinen trüben Gedanken. Hager 
wurde aber nach einigen Tagen vom Kaiser auf seinen 
Posten zurückgerufen. Pittony dagegen leistete uns in 
seiner reizenden Art Gesellschaft. Jeden Tag, nach der 
Evangelienstunde, setzte er sich in unser Zimmer und 
las irgend ein schönes Theaterstück oder gar Hermann 
und Dorothea vor; dann verließ uns Mama und der 
Rest des Vormittags verging uns bei der Arbeit und Ge- 
sprächen oder indem wir spazieren gingen. Nach dem 
Diner machten wir gewöhnlich eine große Promenade, 
nach der Rückkehr schwatzten wir noch ein wenig, dann 
machte Pittony mit Papa, der sich immer vor dem Sou- 
per zurückzog, eine Kartenpartie. So vergingen dreizehn 
Tage und sie taugten mehr, als die vier Monate, die 
ihnen vorangegangen waren. 

Bald daravif besuchten wir die Hackelbergs in Linz 
und wurden dort von der Präsidentin und ihren reizen- 
den Töchtern mit offenen Armen empfangen; nachmit- 

i) Pittony besaß ein Weingut in Nusdorf b. Wien; er starb Ende 
1811. 



tags fuhren wir nach Auhof^) und abends war ich mit 
Titine in der Loge der Baronin Hackelberg; man gab ein 
dummes Stück, das sehr viele Gespenster, aber wenigGeist 
aufwies. Von Linz fuhren wir nach Salaberg^), wohin auch 
mein Bruder Josef, der Abbe und Mlle. Tisserant hin- 
kommen sollten. Auf dem Wege dahin begegneten wir 
vielen Russen, die in den Feldzug zogen. Ich glaube, daß 
sich Napoleon diesmal nicht so gut aus der Affäre ziehen 
wird, wie früher. Als wir in Salaberg ankamen, war Josef 
noch nicht eingetroffen. Mama starb fast vor Angst und 
mein Vater zankte. Wir armen Kücken flohen unter die 
Fittiche der Mlle. Cunotte, bis das elterliche Gewitter 
vorüber war. Endlich während des Diners kam Josef; 
die vielen russischen Truppen hatten ihn aufgehalten. 
Es bedurfte der Heiterkeit meines Alters, um diesen 
zweitägigen Aufenthalt angenehm zu finden. Die 
Schloßgesellschaft bestand nämlich nur aus den beiden 
alten Salburgs, dem alten Verehrer der Gräfin, einem 
Grafen Sinzendorff^) und der Gouvernante, die noch 
älter war, als die drei Genannten. Die vier guten Leute 
besaßen zusammen einen ungewöhnlichen Schatz an 
Dummheit. Als wir von einem Ausflug zum Baron 
Risenfels^) nach Salaberg zurückkamen, fanden wir zwei 

i) Auhof, fstl. Starhembergsches Schloß b. Linz. 

z) Salaberg, grfl. Salburgsches Schloß in Nieder- Österreich. 

3) Maria Anna, Tochter des Fürsten Franz Ulrich Kinsky, geb. 1754, 
gest. 1828, heiratete i., 1770: Rudolf Frd. Grafen Salburg (1732 bis 
1806), k. k. G. F. W. M. — Nach dessen kinderlosem Tode gingen 
die Salburgischen Güter, bis auf Salaberg u. Leonstein an den Mann 
seiner Schwester Leontine, Grafen Karl Gundakar Josef Dietrich- 
stein-Hollenburg über. Seine Witwe Maria Anna Salburg-Klnsky 
heiratete ca. 1807 Wenzel Graf Sinzendorf (1755 — 18 10). 

4) Ferdinand Freiherr v. Risenfels (1748 — 1823), Herr zu Selseneck 
und Schwendt, k. k. Km. u. n. ö. Reg. Rat, heiratete 179 1 : Karoline 
Freiin von Huber zu Maur. 

152 



russische Offiziere, die zum Souper blieben. Der eine 
hatte vor wenigen Tagen seine Frau verlassen. Trotz- 
dem er schon fünf Jahre verheiratet und seine Gattin 
älter war, wie er, sprach er den ganzen Abend von ihr, 
wie wenn er sich noch in den Flitterwochen befände. 
Er zeigte uns auch ihre Miniatur, die er immer auf dem 
Herzen trug und die er reizend fand. Der gute, arme 
Herr! Das Bild erinnerte mich an die Eule in der Fabel, 
ich hätte es ebenso wie der Adler gemacht! 

Als wir Salaberg verließen, fuhren wir nach Wallsee'^) 
zu Frau von Del Hoste. Die beiden Gatten empfingen 
uns mit ausgesuchter Höflichkeit und zeigten uns die 
Zimmer mit ihren vielen Antiquitäten, das Burgver- 
ließ, die Souterrains und das Archiv des Schlosses, das 
ehemals den Tempelherren gehört hatte. Ich bewun- 
derte die Eleganz, die Ordnung und den guten Ge- 
schmack in den Zimmern, um so mehr, als die Schloß- 
herren keineswegs reich sind und die Gräfin noch alte 
Schulden hat, die sie kleinweise abzahlt. Papa brach 
nach dem Diner sofort auf; wir mußten bei einem strö- 
menden Regen die Donau übersetzen. Mein Bruder 
blieb mit dem Abbe noch in Wallsee, um am nächsten 
Morgen einen Hirsch zu schießen. Leider war das Wet- 
ter so schlecht, daß er gar kein Wild sah. 

Der Krieg hat begonnen. Man glaubte, er würde auf 
Napoleon wie ein Blitzstrahl wirken, da er sich noch im 
Lager von Boulogne befand, als man losschlug. In der 
Tat war Napoleon überrascht worden, aber das Ele- 
ment des Genies ist eben das Unvorhergesehene. Als 
man ihn noch in Boulogne vermutete, hatte er Mack be- 
reits eingeschlossen. Um Bonaparte irrezuführen, hatte 

i) fVallsee, Schloß a. d. Donau, jetzt im Besitze des Erzherzogs 
Franz Salvator. 



man den Gesandten Cobenzl^) von Paris nicht abberufen ; 
auch M. de la Rochefoucauld'^) wich nicht von Wien und 
wirkte für den Frieden. Österreich aber, in seiner wenig 
weitblickenden Anmaßung, erregte den Unvvällen des 
Kaisers und brachte sogar Bayern gegen sich auf. 
Dieses hat sich gegen uns erklärt und wir behandeln es 
en Canaille, unsere Truppen leben vom Lande des Kur- 
fürsten. Die Bayern fliehen, sobald ein Österreicher naht. 
Vor kurzem betrat mein Cousin Hans Hager an der 
Spitze von loo Ulanen Amberg, wo General v. Graven- 
reuth^) ein starkes bayerisches Korps versammelt hatte. 
Ohne Gegenwehr zog er sich beim Anblick der Ulanen 
zurück. Auf diese Weise drang man unbekümmert in 
ein Land vor, worin der Verrat drohte. Der Prinz von 
Schzoarzenberg, der zum Kurfürsten geschickt worden 
war, um mit ihm den Krieg zu organisieren, beging den 
Fehler, durch seinen Hochmut den Fürsten persönlich 
zu beleidigen. Die Folge davon war der Abfall Bayerns. 

Die folgenden Neuigkeiten sind nicht immer ganz 
korrekt; um sie zu berichtigen, braucht man aber nur 
die Weltgeschichte nachzusehen. 

2^. Oktober: Welch' trostlose Nachrichten, welcher 
Szenenwechsel! Unsere Truppen wurden in Bayern 
zwei, drei, ja man sagt, viermal geschlagen. Na-poleon, an 
der Spitze der Seinen hat Mack in Ulm mit dessen gan- 
zen Truppen eingeschlossen. So sind alle unsere Hoff- 

i) Johann Philipp Graf Cobenzl {ij^-i—iiio), seit 1801 österr. Bot- 
schafter in Paris. 

2) Alexander Graf de Larochefoucauld (1767 — 1841), seit 1805 Ge- 
sandter in Wien. 

3) Karl Ludw. Kasimir Graf Gravenreuth (15. Febr. 1786 bis 22. 
Okt. 1865), bayr. G. Lt. Km. u. Malt. O. R., heiratete am 27. Nov. 
1834: Theresia Karol. Walp. Freiin v. Gemmingen-Mühlhauscn, 
T. d. Karl Dietrich und der Marie Antonie Freiin v. Gemmin- 
gen-Steinegg, geb. 24. Febr. 1803. 



nungen wie in einer Mausefalle gefangen. Einige gute 
Städte des Reiches sind schon in Feindeshand. Außer- 
dem verbreitet man looo Lügen, die die Angst des Vol- 
kes noch erhöhen. Ich will hier nicht in die Details ein- 
gehen. Sicher ist, daß unsere Koffer gepackt sind, um 
bei der geringsten Gefahr zu fliehen, sicher ist ferner, 
daß sich Preußen für uns erklärt hat, ebenso wollen auch 
Dänemark, Schweden, Hessen und Sachsen die gute 
Sache verteidigen, Rußland ist unser Verbündeter und 
seine Truppen nahen in Eilmärschen. Ach, ich fürchte 
fast, das wird nur ,,moutarde apres le souper" sein. In- 
zwischen lassen wir uns schlagen. Um die Schande noch 
zu erhöhen, verlieren unsere sonst so tüdhtigen Soldaten 
jedes Ehrgefühl und jeden Mut, besonders die Infan- 
terie (siehe die Memoiren des Marschalls Marmont). 
Während ich schreibe, kommt die Nachricht, daß Macks 
Armee vollständig geschlagen, er selbst verwundet und 
3000 Mann vermißt sind. Wir reisen spätestens über- 
morgen. Gott will es, sein Wille geschehe! 

I. November: (auf dem Boote): Wir liegen seit zwei 
Tagen drei Meilen außerhalb Preßburg und warten auf 
einen Wind, der uns die Fahrt fortsetzen hilft . . . Scho- 
ber hatte nämlich durch seine Nachrichten, die er aus 
Linz brachte, unsere Abreise beschleunigt. Er hörte 
dort, Mack sei nicht verwundet, habe sich aber samt 
seiner Armee in Ulm ergeben, er und alle seine Offiziere 
seien gegen Ehrenwort freigelassen worden. Der Präsi- 
dent Hackelberg treffe bereits Anstalten, um seine Fa- 
milie wegzuschicken und andererseits der feindlichen 
Armee, die man in drei Tagen erwarte, Proviant sicher- 
zustellen. Diese Alarmnachrichten waren nur zu geeig- 
net, unsere Aufregung zu erhöhen. Papa beschloß zu- 
erst, auf sein böhmisches Schloß Chotovin zu flüchten 



und ordnete an, nur das absolut Nötigste einzupacken. 
Dann, am nächsten Tage, änderte er seinen Plan und 
befahl die Abreise nach Wien. Sonntags, als wir abfah- 
ren sollten, hatte dann mein Vater einen Streit mit sei- 
nem Pfleger, infolgedessen er in Schwertberg zurück- 
bleiben wollte, um, wie er sagte, „nicht den Wolf allein 
im Schafstalle" zu lassen. Endlich versöhnte man sich, 
der schuldige Pfleger beteuerte seine Ergebenheit und 
versicherte, er würde an die Verzeihung seines Herrn 
nur dann glauben, wenn der Herr Graf mit seiner gan- 
zen Familie sofort nach Wien abreiste. In der Tat ver- 
ließ der „Herr Graf", um seinen Edelmut zu beweisen, 
Schwertberg schon um 3 Uhr nachmittags. Um 4 Uhr 
lichteten wir den Anker in Au an der Donau. In diesem 
Falle, wie in vielen anderen wurde mein vertrauensseli- 
ger Vater das Opfer des schurkischen Pflegers; die An- 
wesenheit seines Herrn hätte diesen behindert, seine 
Unterschleife durchzuführen, die er bei der allgemeinen 
Unordnung zu machen beabsichtigte. Wäre Papa in 
Schwertberg geblieben, was er tatsächlich ohne Gefahr 
hätte tun können, denn der Feind berührte nur vorüber- 
gehend Oberösterreich, so hätte er manche Veruntreu- 
ungen des Pflegers vermeiden können. 

Unsere Flußreise ging bis Nußdorf ohne Anstand vor 
sich. Da dort große Schiffe den Kanal hinauffuhren, 
konnten wir an diesem Tage nicht in denselben einfah- 
ren (Donnerstag). Papa ging allein nach Wien hinein, 
um Nachrichten zu sammeln. Nach 3 Stunden kam er 
mit Madame List und Charlotte zurück. Diese erzähl- 
ten, daß die Kaiserin reisefertig sei, um nach Budapest 
zu flüchten, daß alle Kassen und Gelder schon voraus - 
gegangen, daß alle Fremden die Stadt innerhalb vier 
Tagen verlassen müßten, kurz, daß man alle Vorsichts- 

156 



maßregeln ergreife, falls der Feind bis Wien käme. Papa 
entschloß sich daher, nach Preßburg weiterzufahren. 
Obwohl uns Franz und Minerl Hager, die uns bald dar- 
auf in Nußdorf besuchten, zu beruhigen suchten und 
uns rieten, in Wien zu bleiben, verharrte mein Vater 
bei seinem Plane. Man schlief diese Nacht in dem Boote. 
Den Abend verbrachte man mit Seufzern und trüben 
Ahnungen. Franz und Minerl erzählten Details von der 
Niederlage bei Ulm. Der eingebildete Mach glaubte, 
sich den Franzosen nur zeigen zu müssen, um sie zu zer- 
schmettern. Napoleon wähnte er noch weit entfernt. 
Während ersterer bei Ulm mit seiner schönen und kaum 
noch im Feuer gestandenen Armee hielt, zeigten Kano- 
nensalven im feindlichen Lager irgendein freudiges Er- 
eignis an. Mack ließ sich einen am gleichen Morgen ge- 
fangen genommenen Franzosen vorführen und fragte 
ihn, was die Schüsse bedeuteten. „L'Empereur vient 
d'arriver", war seine stolze Antwort. Sofort erbleichte 
der Marschall. Er fürchtet den Kaiser, wie das Feuer, 
und es erschien ihm daher Wahnsinn, Widerstand zu 
leisten. Erzherzog Ferdinand^) fragte Mack, was er zu tun 
gesonnen sei; dieser antwortete, daß er, zerniert, ent- 
schlossen sei, sich zu ergeben, und verwies auf die Gene- 
ralvollmacht seines Kaisers, die ihm für alles freie Hand 
lasse. Seine Untergebenen hätten ihm einfach zu ge- 
horchen. Der tapfere Erzherzog antwortete, ein Befehl, 

i) Erzherzog Ferdinand Karl Josef von Österreich d'Este (1784 bis 
1850) F. M. Lt., Ritter d. Maria- Theresienordens, hatte 1805 das 
nominelle Oberkommando in Deutschland, doch besaß General v. 
Mack allzu große Vollmachten. Der Erzherzog schlug sich mit dem 
Fürsten Karl Schwarzenberg, mit Oberst Baron Bianchi, dem Ge- 
neraldirektor der Hofkriegsbuchhaltung Baron Josef Stipsicz, Ritt- 
meister Moriz Graf Clary u. Karl Hardegg samt 12 Schwadronen 
nach Böhmen durch. 



der eine Feigheit anordne, bekümmere einen kaiser- 
lichen Prinzen nicht, er werde mit allen jenen, die ihm 
folgen wollten, durchbrechen. Mehrere Regimenter 
waren damit einverstanden, andere wurden durch ihre 
Offiziere daran verhindert. Der Erzherzog versammelte 
die treugebHebenen Offiziere um sich und sprach sie 
also an: „Ich fürchte nicht den Tod, auch wäre mein 
Tod kein besonderes Unglück, für eine Ranzionierung 
hingegen müßte mein Kaiser große Opfer bringen. Man 
soll nicht sagen, daß sich ein Erzherzog habe fangen 
lassen, solange er sich noch mit den Waffen in der Hand 
einen Weg bahnen konnte." 

Diese Braven schlugen sich mit dem Mute der Ver- 
zweiflung durch. Oft erreichten die Franzosen die Nach- 
hut der Österreicher. Dann warf sich diese auf den 
Feind, schlug ihn etwas zurück und eilte wie der BHtz 
davon. Ihre Verfolgung dauerte bis Eger, wo sie zu Tode 
erschöpft und dezimiert ankamen. Schwarzenberg und 
Sttpsicz schützten den kaiserlichen Prinzen mit ihrem 
Leib. Moritz Clary, Karl Hardegg waren auch unter 
denen, die dem Erzherzog folgten. Auf dem Wege 
nach Böhmen gelang es der tapferen Truppe, 3000 Ge- 
fangene zu befreien und den Kurier, der die Übergabe 
von Ulm und die Gefangennnahme des Erzherzogs 
nach Paris zu melden hatte, aufzuheben. 3000 Mann 
stark hatten sie Ulm verlassen, 1500 von ihnen kamen 
in Böhmen an. Man erzählt, daß Napoleon zu Ehren 
der Heldentat des Prinzen Kanonen habe lösen lassen. 
Eine solche ritterliche Demonstration sieht ihm aber 
kaum gleich] 

Unterdessen übergab Mack die Festung und kompro- 
mittierte dadurch alle seine Offiziere und die kaiserliche 
Armee. Den Offizieren ließ Napoleon die Degen ab- 

158 



nehmen, dann entließ er sie unter Ehrenwort, ebenso 
wie Mack, die Soldaten aber behielt er zurück. 

Die nach Wien gekommenen Offiziere zeigen sich 
sehr entrüstet und verlangen, daß Mack gehängt werde. 
In der Tat soll er verhaftet sein. Jedenfalls wird es aber 
eines schlagenden Beweises bedürfen, um einen Mann, 
der den Ruf eines ehrenhaften und tapferen Kriegers 
genossen hatte, so ohne weiteres des Verrates anzukla- 
gen. Der Schein ist sicherlich gegen ihn. Ebenso ist es 
leider gewiß, daß der arme Paul Weissenwolff^) bei Ulm 
tödhch verwundet wurde und nicht aufgefunden wer- 
den kann. Er wird schon tot sein ! 

Unter allen diesen Erzählungen schhefen wir auf dem 
Boote fest ein. Mittwoch morgens hieß es von den Ha- 
gers Abschied nehmen, Gott allein weiß, auf wie lange! 
Minerl Hager und Tante Therese sind fest entschlossen, 
in Wien zu bleiben, und Pittony muß es auch, wenn auch 
mit Widerwillen. Sein Wein, sein ganzer Reichtum, 
läuft aber zu viel Gefahr, wenn „Messieurs les Frangais" 
ihn zu kosten bekommen sollten! 

(Immer noch im Boote zwischen Preßburg und Pest) : 
„In Regelsbrunn hatte uns der Gegenwind bis Samstag 
morgens aufgehalten. Wir verlassen das Boot nur, um 
am Strande die Beine ein wenig auszulaufen. Seit Wien 
ist Papa in einer furchtbaren Laune, Freitag machte er 
uns, ganz grundlos, eine entsetzHche Szene, gab Mama 
Geld, damit sie nach Belieben ohne ihn leben könne, und 
verließ das Boot, angebHch um nach Wien oder Triest 
zu fahren. Schon nach einer halben Stunde war er aber 

i) Paul Graf Ungnad-Weißenwolff (1780— 1848), heiratete 1817: 
Therese Gräfin Stadnicka, geb. 1788. Er war k. k. Km. u. Obstlt. i. 
d. A. u. der Urgroßvater des jetzigen Majoratsherrn Paul Grafen 
Weißenwolff, k, u. k. Km. u. Leutnant a. D. (vgl. Stammtafel). 



wieder zurück und der Abend verging, als ob nichts vor- 
gefallen wäre. 

Samstag endlich kamen wir bis Preßburg, wo uns der 
Bediente unseres Vetters Hager, Benedikt mit Namen, 
schon seit zwei Tagen mit einem Briefe seines Herrn er- 
wartete, worin dieser seine Ankunft in Preßburg an- 
zeigte. Mein Vater wollte aber, von panischem Schrecken 
vor dem Kriege ergriffen, erst in Pest Aufenthalt neh- 
men. Dort langten wir endlich am elften Tage unserer 
Wasserreise an. 

Budapest, ij. November: Die Franzosen sind vor den 
Toren Wiens, deren Einwohner ihnen eine Deputation, 
um zu kapitulieren, entgegengeschickt haben. Man 
spricht von Waffenstillstand oder Frieden. Ganz Öster- 
reich ist vom Feinde überschwemmt, ein französisches 
Korps hat bei Linz die Donau übersetzt, um in Böhmen 
einzurücken. Mach ist in Graz gefangen. Tausend Ge- 
rüchte sprechen über sein zweifelhaftes Verhalten. Der 
Schein ist ja gegen ihn, ich will aber keine Verleumdung 
riskieren. Ich warte lieber die strikte Wahrheit ab, be- 
vor ich ihn verurteile. Wenn ich mir seine gutmütigen, 
offenen und interessanten Züge vor Augen stelle, so 
muß ich selbst den kleinsten Gedanken, der seine Ehre 
beflecken könnte, verscheuchen. 

In Buda wohnen wir in ein paar schlechten Zim- 
mern, wie die Heringe zusammengepfercht. Und den- 
noch hatten wir selbst diese nur mit Mühe bekommen, 
denn Pest und Buda sind voll von Fremden. Mama weint 
viel und ist mutlos, wie immer. Papa quält sie „ä petit 
feu". Er langweilt sich gräßhch und spricht von frühe 
bis abends nichts, als von Politik. Außerdem entbehren 
wir in Buda jeder Bequemlichkeit. Nur in Pest, das aber 
eine Meile entfernt ist, fände man die nötigsten An- 

i6o 



nehmlichkeiten und Bedürfnisse des Lebens ; man müßte 
aber im Boote die große Donau überschiffen, da die 
Schiffsbrücke abgebrochen ist. Buda ist eine Ansamm- 
lung von stillosen und unansehnlichen Häusern mit Aus- 
nahme der Festung, die eine Stadt für sich bildet. Pest 
ist etwas besser, aber ein Judennest und ein Versamm- 
lungsort von Kaufleuten. Die Straßen sind breit, man 
sieht auch einige hübsche Häuser, man begegnet aber 
viel mehr Tieren als Menschen. Ich schätze, daß die 
Ochsen und Schweine ein Drittel der Bevölkerung aus- 
machen. Unser Viertel (die Wasserstadt) ist ziemHch 
ruhig, gleicht aber eher einem Dorfe. 

14. November: Wieder ein Brief Franz Hagers. Die 
Franzosen benehmen sich in Wien viel anständiger, als 
man erwartete. Die Soldaten sind in Kasernen, die Offi- 
ziere in den Gasthäusern einquartiert. Franz und Minerl 
wohnen bei Tante Therese, die ihren Mut nicht ver- 
loren hat. Der Einzug der Franzosen in Wien geschah 
in großer Ordnung. Ihre vorausgeschickten Offiziere 
wunderten sich, daß man in der Stadt gar keine besseren 
Leute sähe; ob man sie für Barbaren gehalten, weil alles 
geflohen sei! Jedenfalls waren diejenigen viel glück- 
licher, die in Wien ausgehalten hatten, denn ihnen ging 
es unvergleichlich besser als uns. 

Der arme Starhemberg hat die Ehre, einen so berühm- 
ten Namen zu tragen, schwer büßen müssen. Eine fran- 
zösische Abteilung kam nach seinem Schloß Haus'^), und 
da sie glaubte, daß dieses dem Vater des Botschafters 
Starhemberg in England gehöre, brannte sie es bis auf 
den Grund nieder. Starhemberg hat diesen Verlust 
Franz Hager selbst erzählt; die ganze Sorgfalt, die er 

i) Schloß Haus bei Pregarten, Ob.-Öst., gehörte damals nicht der 
fürstl., sondern der gräflichen Linie des Hauses Starhemberg. 

xzM.L.1 161 



für die Verschönerung des Schlosses aufgewendet, war 
umsonst gewesen. In Schwertberg sollen bisher keine 
Franzosen gewesen sein. 

Ich langweile mich in Buda gar nicht, leide aber unter 
den Sorgen meiner Eltern. Papa möchte nach Schwert- 
berg zurück, von wo er keinerlei Nachricht erhalten 
hat, trotzdem die Verbindungen dahin nicht unterbro- 
chen sind. Eine Unterredung mit dem Erzherzog Pala- 
tin'^) trägt auch viel dazu bei, unsere Abreise zu beschleu- 
nigen. Dieser Prinz sagte nämlich meinem Vater beim 
ersten Zusammentreffen, er müsse Budapest verlassen 
oder solange bleiben, als der Krieg währe. Dies werde 
von allen Fremden verlangt. Papa antwortete darauf, 
alles sei ja noch so ungewiß, er würde es vorziehen, noch 
einige Tage zu warten. Hierauf rief der Palatin in höchst 
ungnädigem Tone: „Warum sind Sie denn nicht in 
Oberösterreich geblieben ?" — „Ich war dort nicht in 
Sicherheit, übrigens verbringe ich alle Winter in Wien." 
— „Dann hätten Sie in Wien bleiben sollen." — »Ich 
konnte nicht meine Frau und Kinder in einer Stadt 
lassen, die vom Feinde besetzt werden würde. Auch be- 
kam ich ohne Schwierigkeit die Pässe für Ungarn." — 
„Das macht nichts, jedenfalls müssen Sie sich entschei- 
den, entweder abzureisen oder ganz zu bleiben." — 
„Ich bin schon entschlossen, ich werde meine Familie 
hier lassen, ich selbst wiD mich aber auf mein Gut be- 
geben." Hier endige ich diese sonderbare Konversation, 
die wirklich keinen Sinn und Verstand hatte. Unser 
Abreise verzögerte sich übrigens trotzdem noch einige 
Zeit. 

ly. November: Gott sei Dank, es trafen heute bessere 

i) Erzherzog Josef Anton Johann (1776 — 1847), seit 1795 Palatin 
von Ungarn. 

162 



Nachrichten ein. Der österreichische Generalf. 5f^w/i/^) 
hat bei Dürnstein den Franzosen ein siegreiches Gefecht 
geliefert. Die Franzosen verloren 6000 Mann, tot oder 
gefangen, unser Verlust ist nicht mehr als looo Mann. 
Doch ist unsere Freude, wie immer, nicht ungetrübt. 
Der tapfere General fand bei dieser Affäre den Helden- 
tod. Er war vor dem Kriege schon mehrere Jahre aus 
der Aktivität getreten und hatte infolge von Hofintri- 
gen quittiert. Später machte man ihm ehrenvolle Re- 
habilitierungsvorschläge, doch gab er seine Ruhe erst 
auf, als das Vaterland in Gefahr stand. Er übernahm das 
Kommando eines selbständigen Detachements. Sofort 
warf er sich auf den Feind und schlug ihn, fast unter den 
Toren Wiens, wurde aber von drei Kugeln getötet, die 
uns mehr Schaden, als sein Sieg Vorteil brachten. Jetzt 
bleibt uns nur mehr unser guter Erzherzog Karl (der 
aber in Italien ist); auf ihn und Gott setze ich meine 
letzten Hoffnungen. Unterdessen ist M^re/^W^ 2) in Steier- 
mark nach hartnäckigem Kampfe geschlagen worden. 
Ich glaube, daß auch Louis Mandell dabei war. Gott er- 
halte ihm Leben und Ehre; das ist es, was man in unserer 
Zeit immer beifügen muß. 

Wir bleiben übrigens hier. Jedermann sagt Papa, er 
solle nicht auf die Worte des Palatins achten. Ich glaube 
fast, daß dies hierzulande so Brauch ist. 

Bonaparte hat Frieden angeboten, aber seine Anträge 
taugen nichts und Kaiser Franz hat sie denn auch mit 
Festigkeit verworfen. Er will jetzt wenigstens die 

i) F. M. Lt. Heinrich von Schmidt (1743 — 1805) war damals Kutü- 
80W als Quartiermeister und militärischer Ratgeber zugeteilt und 
veranlaßte ihn zu einem erfolgreichen Angriff auf die Division Mor- 
tiers bei Dürnstein, nächst Krems (11. Dez. 1805). 
2) General Graf Merveldt wurde 1805 bei Stadt Steyr und bei Ma- 
riazell von Davoust geschlagen. 



t\* 



163 



Ehre verteidigen. Die Franzosen sind schon in Preß- 
burg . . 

28. November: Die Franzosen haben sich von Preß- 
burg wieder zurückgezogen, streifen aber immer noch 
nach Ungarn hinein. Die ungarische Insurrektion geht 
ihren Gang weiter, d. h, man spricht viel von Kampf 
und Verteidigung des Vaterlandes. Die Fortschritte 
sind aber so geringe, daß sie mehr für nächstes Jahr et- 
was versprechen, als für dieses. Was ich von der berühm- 
ten Insurrektion sehe, ist folgendes: Unappetitliche, 
von Fett triefende Leute vollführen auf allen möglichen 
Instrumenten, darunter auch einer Art Klavier (Zim- 
bal) einen infernalischen, disharmonischen Lärm, durch- 
ziehen mit dieser Musik die Dörfer, an ihrer Spitze ein 
halbbetrunkener Raufbold, der in allen Tonarten die 
braven Bürger zur Verteidigung des Vaterlandes und 
ihres Schnapsvorrates aufmuntert. In den Tavernen 
spricht man zwar viel von Kampf und Vaterland, man 
tut aber nichts. 

Ich arbeite viel, um die Zeit gewaltsam zu vertreiben : 

vormittags ein Kapitel aus dem Evangelienbuch und 

einige Briefe der Mme de Sevigne^), nach dem Diner 

einige aus den Episteln des Apostel Paulus oder aus 

Werken der anderen Apostel, abends kommt dann 

Mama zu uns, der ich ein kleines, neues deutsches Buch 

vorlese, „Der kopflose Mann"^)^ ein bodenlos dummes 

Buch, das uns aber lachen macht und zerstreut. Im 

übrigen sticke ich mir ein ganzes Kleid, eine Arbeit, die 

mindestens einen Monat in Anspruch nehmen wird. — 

i) Die berühmten Briefe der Marquise Marie de Sevigne (1626 bis 
1696) an ihre Tochter Franijoise Marguerite Comtesse de Grignan. 
2) Richtig hieß .dieser Zauberroman : „Der Bloxsberg oder der 
Kopf ohne Mann. Eine Wundergeschichte aus den Zeiten Ludwigs 
Königs von Ungarn." Wien, 1799, ^" (^* Kayser's, Bücherlexikon).i 

164 



2. Dezember: Freitag saßen ^vir um den großen Tisch 
und arbeiteten, als plötzlich Fifine hereinstürzte mit 
dem Rufe: „Benedikt ist hier." In der Tat trat dieser 
in das Zimmer und überbrachte einen Brief seines Herrn 
an Mama. Diese las ihn und rief, kaum, als sie angefan- 
gen, aus: „Er ist hier." Einen AugenbHck später kg 
Franz Hager in unseren Armen. Lange hatten wir nichts 
mehr von ihm gehört, ein Brief hätte uns glückUch ge- 
macht und nun kam er in eigener Person, gesund und 
heiter, wie von Gott gesandt! Der Gute hatte immer 
schon ein Mittel gesucht, uns zu besuchen, und fand es 
endlich. Der Kaiser hatte ihn nämlich ausgewählt, um 
von dem Palatin einen gewissen Rapport einzuholen, 
was niemand, der Franzosen wegen, unternehmen wollte. 
Hager bekam einen Paß unter fremdem Namen, pas- 
sierte glücklich die feindlichen Vorposten und kam 
heute um 6 Uhr abends an, nachdem er um 6 Uhr früh 
vorgestern Wien verlassen hatte, 36 Meilen in 36 Stun- 
den. Er erzählte uns eine Menge interessanter Details 
über die französische Invasion in Wien. Weder ihre 
außerordentliche Höflichkeit, noch ihre Grausamkeit 
entsprächen der Wahrheit. Sie seien eben, wie alle 
Feinde, anspruchsvoll, diebisch, unverschämt, kurz un- 
angenehme Gäste. Es gibt allerdings einige höfliche und 
selbstlose Generäle unter ihnen, aber diese sind selten. 
Berthier z. B. bezahle den geringsten Dienst, den man 
ihm leiste; er gebe tägHch i fl. der Dienerschaft des 
Hauses, wo er wohne. Im Gegensatze von ihm können 
die meisten Generäle ihren sans-culotteschen Ursprung 
nicht verleugnen. So fing Davoust, der beim Grafen 
Czernin'^) einquartiert ist, an, sofort die Überzüge 
der wertvollen Möbel herabzureißen und sich darauf 
i) Das Czerninsche Palais in Wien, Wallnerstraße Nr. 274. 

165 



seine Stiefel putzen zu lassen. — Tante Therese hat 
noch keinen „Gast" bekommen und in unserer Wohnung 
waren wohl einige Offiziere, die aber nichts angestellt 
haben. 

Als die französischen Truppen in Wien ankamen, 
waren sie der Bevölkerung verhaßt. Es entstand sogar 
ein kleiner Aufruhr, als sich die Nachricht verbreitete, 
die Franzosen seien geschlagen worden und die Russen 
nahten heran. Aber seither ist die Garnison verstärkt 
worden und die Zeitungen und Bulletins bearbeiten das 
Volk zugunsten der Eindringlinge. Leider gelingt dies 
nur zu gut, die Wiener klagen schon nicht einmal mehr. 
Nur auf dem Lande und in den Vororten, wo die Fran- 
zosen viel ärger hausen, ist man mit ihnen unzufrieden. 
Manche Dörfer sind von ihren Einwohnern ganz ver- 
lassen. Von Pittony in Nußdorf konnte uns Hager gute 
Nachricht geben; der erste Tag kostete ihm allerdings 
100 fl., aber seitdem hat seine außerordentliche Höf- 
lichkeit ihm das Vertrauen der Franzosen gewonnen, 
die ihn zu mancherlei kleinen Dienstleistungen heran- 
ziehen. 

Übrigens sind die fremden Truppen lange nicht so 
zahlreich, als man vermutete. Bonaparte hat eben bei 
Dürnstein und früher viele Soldaten verloren. Die ge- 
samten Spitäler Wiens sind überfüllt und man hat sogar 
neue errichtet. Um über ihre Anzahl hinwegzutäuschen, 
werden alle möglichen Mittel verwendet. So marschie- 
ren fortwährend Truppen in den Straßen; man hat so- 
gar beobachtet, daß dieselben Regimenter bei einem 
Tore hinausmarschieren, um bei einem anderen wieder 
hereinzukommen. Das gleiche Manöver machte man 
auch mit den österreichischen Gefangenen. Das Mitleid 
der Bevölkerung mit diesen ist rührend. Wo sie vorbei- 

i66 



kommen, geben ihnen die Wiener Lebensmittel, Klei- 
der und Geld. 

Das unglücklichste Geschöpf ist jetzt der Fürst Auers- 
■perg^). Er wurde auf Befehl des Kaisers festgenommen 
und in die Festung Königsgrätz deportiert. Man kennt 
seine bedauernswerte Geschichte und seine Ungeschick- 
lichkeit, durch die er sich von Mural hinter das Licht 
führen ließ. Als die Franzosen in Niederösterreich ein- 
drangen, hatte man ihm das Kommando des Restes un- 
serer Armee gegeben, mit dem Befehl, alle Donau- 
brücken abzubrennen und dadurch unsere Artillerie, 
die bereits den Strom übersetzt hatte, zu retten. Der 
Fürst folgte leider seinem guten Herzen und aus Mit- 
leid für die Stadt, welche sein Manöver in die größte 
Gefahr versetzt haben würde, von den Franzosen belagert 
zu werden, zauderte er so lange mit dem Abbrennen 
der Brücke, bis sich ihrer und der gesamten Artillerie, 
die man nicht einmal mehr demontieren konnte, die 
Franzosen bemächtigten. Anderen Tages kam Liechten- 
stein von Brunn an, hatte eine lange Unterredung mit 
dem Prinzen und nahm ihm, zum großen Erstaunen aller 
Welt, das Kommando ab. Nur von einem Offizier be- 
gleitet, begab sich Auersperg nach Königgrätz, wo er vor 
das Kriegsgericht gestellt wurde. Das Urteil lautete auf 
Füsilierung wegen Subordinationsverletzung, doch wur- 
de er begnadigt und zu einer unbegrenzten Festungs- 
haft und zum Verluste aller Würden und Orden verur- 
teilt. Für die arme Familie ist dies natürlich ein furcht- 
barer Schlag und die gute, alte Prinzessin wird ihn kaum 

i) Karl Fürst Auersperg (1750 — 1822) F. M. Lt. u. Theresienritter 
(1790), heiratete 2. Okt. 1776 Maria Josefa Prinzessin Lobkowitz, 
geb. 8. Aug. 1756. Vergl. Wertheimer I. 319 über obige Episode. — 
Es war übrigens nicht Murat, sondern Marschall Lannes, der Auers- 
perg an der Taborbrücke täuschte (25. Nov. 1805). 

167 



überleben. Alles ist entrüstet und verzweifelt, daß diese 
übrigens ganz gerechterweise angewandte Strenge einen 
Greis treffen mußte, dessen frühere hohen Verdienste 
zu einer großen Nachsicht verpflichtet hätten. 

Man macht auch Mack den Prozeß, ebenso Spangen'^), 
der Memingen übergab, Werneck"^), den man Gott sei 
Dank wieder gefangen hat und mehreren anderen, Un- 
zähhg sind die Opfer, die dieser verwünschte Krieg teils 
schuldig, teils unschuldig nach sich zieht. 

Unsere Lage ist dagegen keineswegs mehr verzweifelt. 
In Ungarn gibt es keine Franzosen mehr. lo ooo Mann, 
die bei Preßburg standen, haben sich zurückgezogen. 
Ihr Kommandant, General Davoust, ersuchte das Preß- 
burger Komitat in einem sehr höflichen Schreiben, die 
Behörden möchten allen Franzosen, die sich etwa noch 
auf ungarischem Boden befänden, seinen Befehl über- 
mitteln, das Land unverzüglich zu verlassen. Der Grund 
dazu lag darin, daß Napoleon die Ungarn sehr schonte 
und Hoffnung, hatte, sie zur Revolution zu treiben. Er 
hatte sogar dem Fürsten EsUrhäzy^) die Krone ange- 
tragen. 

Unser Vetter Hager erzählte auch, daß Bonaparte un- 
gemein darauf bedacht war, daß niemand wisse, wo er 

i) Karl Josef Graf S/)a«gen von Uyternesse, geb. 5.4. 1763, gest. 1824, 
k. k. Km. und G. M., heiratete Wien 1808 Anna Josefa Hortensia 
Gräfin de la Forts de la Plesnoye, geb. 1775, die 1825 den k. k. 
Hauptm. Grafen Josef Duc-Surville heiratete und 1847 starb. 

2) General Frz. Freiherr v. Werneck und Franz Freiherr v. Auffenberg 
nennt Gentz „les dignes confreres", von Mack, Werneck speziell 
kritisiert er wie folgt: „Werneck! Comment se trouvoit-il donc ä 
l'armee, cet homme tare et conspire i C'est Mack, qui l'avoit place." 
Er votiert für Mack, Werneck und Auffenberg die Todesstrafe. 
(Notiz d. Verf.) Mack vvurde 1808 der Rest der über ihn verhängten 
2Jährigen Festungshaft nachgesehen.Werneck rührte der Schlag 1806. 

3) Nikolaus III. Fürst Esterhäzy (1765 — 1833), siehe S. 130. 

168 




F.-M.-Lt. Karl Freiherr von Mack (1752 — 1820) 



Nach einem Stich nach Jos. Müller von Jak. Adam 
in der k. u. k. Familien • Fideikommißbibliothek 



sich aufhalte und was er mache. Nicht einmal seine 
Garden und Marschälle wüßten manchmal, wo er die 
Nacht zubrächte. Mehrere Nächte hindurch war der 
kaiserliche Palast hell erleuchtet, hinterher erfuhr man, 
daß der Kaiser gar nicht darin geschlafen habe; ein 
anderes Mal war alles finster und da gerade wohnte Na- 
poleon in dem Palaste. Man erzählt oder vielmehr man 
vermutet, daß er manchmal in Verkleidung zu Fuß in 
den Straßen Wiens herumwandle, ohne daß ihn selbst 
die Seinen erkennen. Murat wohnt beim Herzog Albert 
(von Sachsen), der sein Palais ganz möbliert und mit 
jeder Bequemlichkeit versehen, zurückgelassen hat. 
Einige Generäle logieren in kaiserlichen Gebäuden, so- 
gar in den Zimmern der Kaiserin. 

Der Minister Colloredo^) und seine Frau sind ganz in 
Ungnade gefallen und auf ihre Güter verbannt worden. 
Die Gräfin war Obersthofmeisterin bei der Erzherzo- 
gin Luise. Diese wurde nun ihrer Mutter zurückgegeben. 
Ich glaube, daß diese Veränderung für die junge Prin- 
zessin nicht vorteilhaft war, denn die Erziehung durch 
die Gräfin war jedenfalls mehr wert, als diejenige, wel- 
che ihr die Kaiserin Maria Theresia geben konnte. In 
der Tat zeigte sich später der Einfluß der letzteren in 
dem Betragen Maria Luisens. Die Ursache der Ungnade 
Colloredos lag in der Wärme, mit der er dem Kaiser 

i) Victoria, Tochter des Grafen Franz Crenneville aus der Norman- 
die und der Anna Pierette Baronne de Poutet, geb. 1767, gest. 1845, 
heiratete a) 1784 den k. k. Oberst Baron Poutet, der in der Türkei 
fiel; b) zu Wien 14. Jan. 1799 den Staatsminister Franz Grafen Col- 
loredo-Mels und Wallsee (1735 — 1806), der 1805 in Ungnade fiel; 
c) am 23. Jan. 18 16 Herzog Karl Eugen von Lothringen, Fürsten v. 
Lambesc (gest. 1825). — Als sie zur 3. Ehe schritt, sagte man spott- 
weise von ihr, sie rechne anscheinend noch darauf, die 5. Gemahlin 
des Kaisers Franz zu werden. Übrigens w^ar sie eine der geistreich- 
sten Frauen ihrer Zeit. 

169 



riet, die beschämenden Bedingungen zu einem vorläu- 
figen Waffenstillstand, die Napoleon anbot, anzuneh- 
men. Diese Vorschläge gipfelten in der Tat in dem un- 
verschämten Verlangen Bonapartes, der Kaiser solle ihm 
ganz Tirol und Italien abtreten, das er damals noch gar 
nicht ganz im Besitze hatte. Seither hat er es allerdings 
leider schon besetzt, aber Gott allein weiß es, ob er nicht 
einmal gezwungen sein wird, dieses ungerechte Gut her- 
auszugeben ! Jedenfalls ist ein ehrenhafter Krieg besser, 
als ein schimpflicher Frieden. 

7. Dezember: Ach, es bleibt uns kein anderer Ausweg, 
als der schimpfliche Frieden. Die Österreicher und Rus- 
sen wurden soeben bei Austerlitz aufs Haupt geschlagen. 
Drei Kaiser waren dort anwesend. Alle unsere Hoffnun- 
gen hatten auf dieser Schlacht geruht, die Zahl unserer 
Truppen überstieg die der Franzosen um ein Bedeuten- 
des, die Anwesenheit der Kaiser von Rußland und Öster- 
reich, kurz alles berechtigte zu dem Schlüsse, daß end- 
lich der Tag der Revanche gekommen sei. Alexander 
hielt vor der Schlacht an seine Truppen eine Ansprache, 
er erinnerte sie an ihre altbewährte Tapferkeit und 
sagte, er setze alles Vertrauen auf sie. Dann stellte er 
sein Garderegiment so auf, daß es mit gutem Beispiel 
vorangehen konnte. Dies war aber die Ursache unserer 
Niederlage. Beim ersten feindlichen Angriffe wich die- 
ses schöne Regiment zurück und floh in panischem 
Schrecken, trotz aller Bitten und Drohungen des Kai- 
sers und des Großfürsten Konstantin. Diese Feigheit 
brachte alles in Unordnung. Die Russen unter Kuto- 
sozo, die sich während des Krieges bisher tapfer ge- 
zeigt hatten, hielten wohl noch eine Zeitlang aus, aber 
endlich wurden sie in die Flucht mitgezogen. Die weni- 
gen deutschen Truppen, die dieser erbärmlichen 

170 



Schlacht beiwohnten, schlugen sich, wieVerzweifelte,aber 
sie waren viel zu schwach. Die ganze Artillerie fiel in die 
Hände des Feindes. Die beiden Kaiser zogen sich mit den 
Trümmern ihrer schönen Armeen nach Holitsch zurück. 
— Womit soll man jetzt noch Krieg führen ? Der 2. De- 
zember war es, der uns diese Unglücksschlacht schenkte. 

8. Dezember: Es wurde ein Waffenstillstand geschlos- 
sen, der einen Frieden herbeiführen wird. Aber welch' 
einen Frieden! Immerhin wird er dem Kriege ein Ende 
machen. Viele Leute freuen sich darüber, darunter auch 
ich. Wien wiederzusehen und meine Freunde, welch' 
Glück! Aber was wird aus meinem armen Vaterlande! 
Gott hat es gewollt. Erzherzog Karl wird die Nachricht 
von dem Waffenstillstand erhalten haben in dem Mo- 
mente, wo er uns zu Hilfe eilte. Zu was nützt nun die 
schöne Schlacht von Caldiero und der kunstvolle Rück- 
zug dieses Prinzen, zu was seine Gewaltmärsche durch 
Steiermark und seine Vereinigung mit Erzherzog Jo- 
hannl Er, dessen strategisches Talent und Feuereifer 
jetzt dem Vaterlande verloren gehen, wird dieses öffent- 
liche Unglück doppelt schwer empfinden. 

In der Tat war der Erzherzog verzweifelt, als er von 
der Schlacht bei Austerhtz Nachricht erhielt. In fünf 
Tagen wäre er in Wien gewesen. Er war in größter Eile 
gekommen und hatte seinen Anmarsch so gut ver- 
schleiert, daß er, während ihn Napoleon noch weit 
wähnte und seine ganze Kraft nach Mähren warf, wie 
ein Bhtz in Niederösterreich eingefallen wäre. Trotz 
unserer Niederlage ließ dieser Prinz, der es verdient 
hätte, unter einem anderen Herrn zu dienen, als es 
Franz II. war, noch nicht den Mut sinken und mar- 
schierte nach Ungarn, um sich mit derlnsurrektion zu ver- 
einigen, die nun in allen Komitaten aus dem Boden schoß. 

171 



Der Palatin hatte nämlich die Fortschritte der In- 
surrektion sorgfältig verheimlicht und falsche Gerüchte 
über die Langsamkeit verbreiten lassen, mit der sich die 
Volksmassen erhoben. Indem er so den Argwohn Napo- 
leons einschläferte, hatte er selbst in den entferntesten 
Komitaten alle Vorbereitungen getroffen, so daß sich 
die Ungarn auf den ersten Befehl wie ein Mann erhoben 
und mit dem siegreich aus Italien herankommenden 
Erzherzog Karl vereinigten, um gegen den Feind zu 
marschieren. So war also Österreich noch nicht ver- 
loren, so konnten eine mutige Beharrlichkeit, ein guter 
strategischer Plan und das Zusammenhalten aller noch 
immer die Hoffnungen Napoleons zunichte machen, 
seine Erfolge aufheben oder ihn wenigstens zwingen, 
einen ehrenvollen Frieden zu schließen. Einen Augen- 
blick glaubte man an den Wiederbeginn des Krieges; 
Erzherzog Karl hatte sich bei Raab mit der ungarischen 
Insurrektion vereinigt und bildete so eine für Napoleon 
gefährliche Macht. Die Zukunft schien in seinen Hän- 
den gelegen. Aber noch hatte für Österreich die Stunde 
der Befreiung nicht geschlagen, noch sollte es in vollen 
Zügen aus dem Becher der Erniedrigung trinken, wel- 
chen die Untätigkeit und der Verrat ihm darreichten. 
Die Kraft, Energie und Geschicklichkeit, sowie der Mut 
des Erzherzogs sollten auch jetzt dem Vaterland keinen 
Nutzen bringen: dies war und sollte immer das Ge- 
schick dieses unglücklichen Prinzen sein. 

Anstatt den Triumphzug Napoleons aufzuhalten, be- 
wirkten die Anstrengungen des Erzherzogs nur eine Ver- 
schiebung unserer Rückkehr nach Österreich, die infolge 
der Nachricht von einem Waffenstillstände etwas vor- 
eilig von meinem Vater beschlossen worden war. 

Wir hatten Budapest bereits verlassen, wurden aber 

172 



auf der ersten Poststation benachrichtigt, daß die Armee 
des Erzherzoges niemanden passieren lasse. So blieb uns 
nichts übrig, als das große Gepäck, das einen Tag Vor- 
sprung hatte, durch Jean zurückkommen zu lassen und 
wieder in unser Quartier einzuziehen. 

So waren denn unsere Hoffnungen auch vernichtet 
"Worden; ich schrieb damals, von dem gleichen Ver- 
trauen in unseren Kaiser beseelt, wie alle österreichi- 
schen Patrioten, in mein Tagebuch: 

„Es ist ganz klar, daß der Kaiser nur den einen 
Wunsch hat, sein armes Volk von der Kriegslast zu be- 
freien, da er selbst zu Napoleon gegangen ist, um ihm 
Friedensvorschläge zu machen. Dieser Fürst ist sehr zu 
bedauern, sein guter Charakter verdiente ein besseres 
Los." Ohne Zweifel ist er edel, er kann sogar eine ge- 
wisse Größe im Ertragen des Unglückes zeigen, aber 
sich erniedrigen ist eines Kaisers unwürdig, und die 
Waffen strecken, solange man sie noch in Händen hat, 
ziemt nicht dem Krieger. Doch Franz führte Kriege, 
ohne Soldat zu sein und regierte, ohne das Herz eines 
Regenten zu besitzen. In den Händen gemeiner Krea- 
turen schwach, jeder geistigen Überlegenheit miß- 
trauend, vor allem von Neid auf seine Brüder erfüllt, 
besaß er nur bürgerliche Tugenden und zeigte im Glück, 
wie im Unglücke nur die durch seine Mittelmäßigkeit 
bedingten Fähigkeiten. 

Weihnachten 1805: Der Pfleger von Schwertberg hat 
Papa geschrieben, daß die Franzosen zweimal den 
Markt heimgesucht und geplündert haben, weil man 
die Kontribution nicht rechtzeitig zahlen konnte. Das 
Schloß sei nie leer geworden; zuerst 40 Diener, dann 
viele Offiziere. Er und der arme Pfarrer stürben vor 
Angst und seien auf das angevvdesen, was sie am Leibe 

173 



trügen. Zweimal habe man schon den Säbel gegen sie 
gezückt. Das ganze Land sehe einer großen Hungersnot 
und ansteckenden Krankheiten entgegen. In Chotovin 
dagegen ist alles in bester Ordnung. Franz Hager ist in 
Holitsch bei den Kaisern; er wird dort sehr gnädig be- 
handelt. Auch gelang es ihm nochmals, mit wichtigen 
Aufträgen die feindlichen Linien unbemerkt zu pas- 
sieren und zu uns zu kommen. Er prophezeit uns den 
Frieden in kurzer Zeit. 



MIIUIIIIIIIIIIIIIllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllUllllllllllllMIllHllllllllllllllllllllllllllllllltllllllllllllllllll 



174 



VIII. i8o6 

Dieses Jahr brachte uns zu Beginn den Frieden 
von Preßburg, der, wenn ihm nicht drei Jahre 
später der von Wien gefolgt wäre, der schmachvollste in 
der Welt genannt werden müßte. Niemals zeigt sich die 
Anhänglichkeit des österreichischen Volkes an sein Für- 
stenhaus in besserem Licht, wie im Unglücke, im Gegen- 
satze zur französischen Nation, die in trüben Tagen 
ihren Fürsten im Stiche läßt. Ich gebe hier SteUen aus 
einem Briefe Minerl Hagers wieder, die den Enthusias- 
mus des Volkes am deutlichsten wiedergeben: 

„Nun, meine Kinder, müßt ihr Eure Reise nach 
Wien so einrichten, daß Ihr bei der Rückkehr des Kai- 
sers schon anwesend seid. Dies wird der rührendste Au- 
genblick im Leben einer Österreicherin sein und ich bin 
überzeugt, daß Ihr unsere Freude teilen werdet. Man 
kann sich keine Vorstellung von dem patriotischen Wett- 
eifer machen, der den Adel, die Bürgerschaft und das 
Volk in gleicher Weise ergriffen hat; niemand denkt 
mehr an die ausgestandenen Leiden, man ist nur mit der 
Rückkehr unseres Kaisers beschäftigt und mit den Vor- 
bereitungen, um ihm unsere Freude zu beweisen. Diese 
Huldigung wird den Herzen entspringen und nicht 
prunkvoll sein. Das Gefühl soll allein die Kosten tragen. 
Dieses Fest wird aber dadurch um so rührender sein. 
Man hat verabredet, daß ein Teil des Adels und der 
Bürger dem Kaiser zwei Meilen entgegengehen werden. 



Die Kavaliere von Distinktion werden in Uniform sein, 
der Rest und die Damen nicht in Gala, damit die Teil- 
nahme allgemeiner sein kann. Das Volk wird seinen Kai- 
ser bei der Burg erwarten oder am Fuß der Treppe und 
jedenfalls die Pferde ausspannen, denn es ist trunken 
vor Freude, der beste Beweis, daß alle Kunst, es zu de- 
moralisieren, vergebens war. Ihr solltet das Entzücken 
sehen, welches das Volk an den Tag legt, wenn es öster- 
reichischen Offizieren in den Straßen begegnet. Da 
wird ihnen Vivat und andere Begrüßungen entgegenge- 
rufen, die die Franzosen in helle Wut versetzen. Haben 
sie doch kein Mittel unversucht gelassen, um das Volk 
von ihrem Kaiser abwendig zu machen! 

Die Landstände haben die gute Idee gehabt, eine 
Kollekte zugunsten der Armen zu veranstalten, damit 
diese auch an der allgemeinen Freude teilnehmen kön- 
nen. Dieses Geld wird ihnen im Moment verteilt wer- 
den, wenn der Kaiser die Stadt betritt. Man hofft auf 
8000 fl. Der Fürst Johann von Liechtenstein'^) ist seit 
gestern in Wien, um die Friedensratifikationen auszu- 
wechseln; er kann keinen Schritt in den Straßen tun, 
ohne sofort von einer großen Menge angestaunt und be- 
jubelt zu werden. Die Franzosen wettern gegen das Volk 
und höhnen: „Diese deutschen B . . . (Spitznamen, den 
die Deutschen für , Bürger' nehmen) wie sie zusammen- 
halten!" Der Bürgermeister von Wien reiste neulich 
nach HoHtsch zum Kaiser und bat ihn im Namen Wiens, 
seinen Einzug nicht zur Abendzeit zu machen. „Wir 

1) Und dennoch verdankt man gerade diesem mehr rechtschaffenen, 
als geschickten Unterhändler den schimpflichen Frieden, den er 
eben unterzeichnet und der ihm den Spottnamen eintrug „Johann 
von Preßburg". (Notiz d. Verf.) Gemeint ist Johann Josef Fürst 
Liechtenstein (1760 — 1836) k. k. F. M., heiratete 12. April 1792 Jo- 
sefine Sofie Landgräfin v. Fürstenberg (1776 — 1848). 

176 



fühlen," fuhr er fort, „das Bedürfnis, Eurer Majestät 
am hellen Tage unsere Freude zu beweisen; dies wird 
uns über alle Widerwärtigkeiten hinweghelfen." Der 
Kaiser, zu Tränen gerührt, klopfte dem Bürgermeister 
auf die Schulter und erwiderte: ,,Ich werde alles tun, 
was nur möghch ist, um meinen Untertanen zu bewei- 
sen, wie ich von ihrer Treue und ihrer Hingebung über- 
zeugt und gerührt bin . . ."^). Erzherzog Karl wird in 
zwei bis drei Tagen mit seinen Truppen ankommen und 
kann über seinen Empfang in Wien beruhigt sein. In 
elf Tagen wird kein Franzose mehr in unseren Mauern 
weilen." 

Die arme Gräfin Sfangen von UyUrnesse (geborene 
Gräfin de la Föns de la Plesnoye) starb soeben unter 
dem Eindruck der Angst, daß ihr Gatte in Königgrätz 
füsiliert werden würde. Der Kaiser, der von der schwe- 
ren Erkrankung der Gräfin gehört, ließ den unglück- 
lichen General unter Ehrenwort nach Wien beurlauben, 
doch traf dieser seine Frau nur mehr auf der Bahre. 

Franz Hager schreibt uns jetzt die Friedensbedin- 
gungen; sie sind so einschneidend, daß ich mir kaum ge- 
traue, sie hier niederzuschreiben. Österreich ist von sei- 
nem hohen Postamente tief herabgestoßen. 

II. Januar: Die Bedingungen sind kurz folgende: 
Bayern wird für die Dienste, die es Napoleon geleistet, 
ebenso wie Württemberg, zum Königreich erhoben. 
Ersteres bekommt Franken und ganz Tirol. Napoleon 
behält sich unsere Länder in Italien, die er seinem 
Königreich einverleibt, Venedig ist darin einbegriffen, 
aber auch Istrien, mit Ausnahme von Fiume und Dal- 
matien. Außerdem müssen wir 40 Millionen Kriegsent- 

1 ) Fünf Jahre später sagte der Kaiser Bankerott an ; das war wohl 
das einzige, was er für sein Volk tun konnte! (Notiz d. Verf.) 



13 M. L. I 



177 



Schädigung zahlen, unsere Schulden nicht mitgerechnet. 
Kaiser Franz bekommt zur Entschädigung für Tirol und 
Vorderösterreich das Land Salzburg und Berchtesgaden, 
dessen Landesfürst mit Würzburg entschädigt wird. 
Der deutsche Ritterorden wird sekularisiert, sein Groß- 
meister kann die Ordensgüter noch lebenslänglich in 
Besitz behalten, nach seinem Tode kommen sie jeweilig 
an einen kaiserlichen Prinzen. Die Franzosen verlassen 
Wien in wenigen Tagen, bleiben dagegen noch drei 
Monate in Oberösterreich und drei Monate in Braunau. 
Bonaparte ist Gott sei Dank schon nach Paris abgereist! 

Dies sind die politischen Neuigkeiten. So schlecht sie 
für Österreich und insbesondere für uns sind, da ja die 
Franzosen noch lange in Schwertberg bleiben werden, 
so hat doch jedes Unglück auch seine gute Seite: So- 
lange Oberösterreich nicht vom Feinde geräumt ist, 
müssen wir wohl in Wien bleiben, wo es mir sehr gut 
gefällt. 

Unsere Reise nach Wien ging gut vonstatten. Mama 
und Papa fuhren allein in einer Kalesche, was nicht 
wenig dazu beitrug, die Reise für uns angenehm zu ge- 
stalten. Außerdem ist angeblich die Lage in Schwert- 
berg bei weitem nicht so traurig, als sie dargestellt 
wurde. Baron Hackelberg hat seine 20 000 oder 25000 fl., 
die er uns schuldete, gezahlt. Piller ist hier in Wien und 
versichert, daß kein Verlust an Schiffen zu verzeichnen 
sei, das Holz sei allerdings noch nicht verkauft. Sicher 
ist, daß man in Schwertberg viele Geldopfer bringen 
mußte, aber der Pfleger hatte doch sehr übertrieben. 
Von einer Plünderung des Marktes und von tausend 
anderen Dingen war keine Rede. 

Kaum waren wir in Wien angekommen, als Papa nach 
Schioertberg fuhr, um selbst den Stand der Dinge kennen 

178 



zu lernen. Nach sechstägiger Abwesenheit kam er am 23. 
zurück und berichtete, daß er alles in einem erbärm- 
lichen Zustande vorgefunden habe, kein Brot, kein 
Fleisch, keine Furage mehr, kurz die Leute haben kaum 
mehr ein Kopfkissen. Außerdem bleiben die Franzosen, 
die sich seit dem Frieden viel ärger benehmen, als vor- 
her, noch vier Wochen im Markte. Ihre Exzesse sind 
zahllos. Das Land sieht einem Feldlager gleich, überall 
begegnet man Soldaten; die Einwohner haben ihre 
Häuser verlassen und sich ins Innere geflüchtet. In den 
Pfarren von Ried, Naarn und Schwertberg kantonieren 
5000 Mann, ohne die ständigen Truppendurchmärsche 
zu rechnen. Bei seiner Ankunft war Papa genötigt, in 
der Wohnung des Pflegers abzusteigen. Im Schlosse und 
Pflegerstöckl war alles überfüllt. Papa mußte mit Pit- 
tony, dem Pfleger und seiner Frau in einem Zimmer 
schlafen. Die alte Pflegerin Lise weinte unausgesetzt, 
als sie ihren Herrn in dieser Situation auf seinem eigenen 
Gute sah. Ein kleiner Trost war es ihr, dem Obersten, 
der bei ihr wohnte, einen Fasan zu stehlen, um ihn Papa 
auf den Tisch zu setzen. Das Geld, welches mein Vater 
dem Pfleger anvertrauen wollte, nahm er nicht, indem 
er sagte, das Geld unter diesen Umständen sei nur eine 
Verantwortung und Gefahr mehr. Der Mangel an Ha- 
fer sei schon so groß, daß man bald genötigt sein werde, 
den Pferden Getreide als Futter zu geben. Es sei nur 
mehr ein einziges Paar Ochsen übrig, die am anderen 
Morgen geschlachtet werden würden, dann ginge es 
über die Kühe her; kurz, wenn die ungebetenen Gäste 
erführen, daß er vom Grafen Geld bekommen habe, so 
würden sie es ihm bis auf den letzten Kreuzer abnehmen. 
Da mein Vater einsah, daß er in Schwertberg von 
keinem Nutzen sein könne, so machte er dem französi- 

179 



sehen General im Schlosse einen Besuch, bat ihn, so viel 
als möglich auf Ordnung zu sehen, was dieser versprach 
und fuhr am nächsten Morgen nach Linz, wo er von 
Hackelberg, Sonnenstein und Konsorten, die weinten und 
vor Ingrimm mit den Zähnen knirschten, empfangen 
wurde. Sie beschworen ihn, in Wien von dem Unglück 
des Landes zu sprechen und die Gesellschaft dafür zu 
interessieren. Mein Vater sprach auch wirklich mit 
Wrbna^), der ihm versprach, dem Kaiser Vortrag zu er- 
statten; ich fürchte aber, daß der Monarch nicht in der 
Lage sein wird, alle seine Provinzen zu unterstützen, 
die der unglückselige Krieg an den Rand des Verderbens 
gebracht hat. 

Unterdessen war dieser „Gueux" von einem Bona- 
parte in Paris beinahe vergöttert worden. Ein miserabler 
Tribun, namens Carmionidas, schlug in einer heuchle- 
rischen Rede vor, dem Kaiser in der Kirche der h. Geno- 
feva gleiche Ehren angedeihen zu lassen, wie dieser Hei- 
ligen. Es tut mir leid, daß ich die Zeitungen nicht zur 
Hand habe, um diese abscheuliche Rede hier zu ko- 
pieren. Der Degen des „großen" Napoleon soll in einer 
Kirche aufbewahrt werden, um als zweite Oriflamme 
bei feierlichen Gelegenheiten zu dienen. 

Ein französischer Offizier erzählte selbst meinem Va- 
ter, daß Napoleon in der Schlacht bei Austerlitz seinen 
eigenen Soldaten verbot, die Verwundeten wegzutra- 
gen. Wenn Leute fielen, schlössen sich die Reihen sofort 
zusammen und zertraten Freund und Feind unter ihren 
Füßen. Als die Russen in Auflösung begriffen waren, 
flüchteten sie auf die Teiche, die so gefroren waren, daß 

i) Rudolf Graf Wrbna-Freudentbal (1761 — 1823), Ritter d. gold. 
Vließes, 1806 — 23 Oberstkämmerer, genoß das Vertrauen Kaiser 
Franz I, heiratete 1785 Mar. Th. Prinzessin Kaunitz, 1763 — 1803. 

180 



selbst die Kanonen darüber fahren konnten. Da ließ 
Napoloen mit Kartätschen auf das Eis schießen, so daß 
ganze Bataillone in der kalten Flut versanken und selbst 
seine eigenen Soldaten von Grauen geschüttelt wur- 
den i). 

Dieses Ungeheuer ist wohl auf unserer Welt erschie- 
nen, um dem Menschengeschlecht Unglück zu bringen 
und es in die alte Barbarei zurückzuwerfen. Es ent- 
rüstet mich nichts ärger, als wenn die Franzosen die 
Russen Barbaren nennen und sich rühmen, daß dieses 
nordische Volk sich in diesem Kriege ebenso grausam 
zeigte, wie sie selbst. Sie sollten sich schämen, ihr Volk, 
das das zivilisierteste Europas genannt wird, mit dem- 
jenigen zu vergleichen, das fast noch im Naturzustande 
sich befindet. Während ihres Aufenthaltes in Öster- 
reich haben die Franzosen solche Greueln verübt, daß 
ich sie unmöglich hier näher beschreiben kann. 

Wie sticht unser rührender Enthusiasmus von der fei- 
len Speichelleckerei in Paris ab! Ein Franzose, der die 
Rückkehr Kaiser Franz nach Wien mit ansah, sagte in 
fast prophetischem Tone: „Es ist sicher, daß Bonaparte 
als Sieger nicht mit einer solchen Freude und Herzlich- 
keit empfangen werden wird, wie der österreichische 
Kaiser nach dem für ihn so verhängnisvollen Kriege." 
Ein anderer meinte: „Wenn die Österreicher schon so 
viel für ihren Herrscher im Unglücke tun, was würden 
sie erst getan haben, wenn er siegreich gewesen wäre ?" 
Acht Jahre später zog er wirklich als Sieger ein und sein 
Volk empfing ihn trunken vor Begeisterung, aber der 

i) Die Details stammen von einem französischen Offizier, der die 
Schlacht mitmachte. In seiner Relation über die Schlacht erwähnte 
Napoleon dieser Grausamkeit, wie einer selbstverständlichen Sache. 
— Ohne Zweifel erschien schon damals Im Buche der Rache In 
blutiger Schrift der Name „Beresina". (Notiz d. Verf.) 



I«I 



Poet Bondi^) schrieb da mals : „E' piu f elice il suo triompho 
adesso m?. fü piü grande il suo triompho allora." 

20. Januar: Vorgestern taten wir nichts wie herum- 
laufen, um den Kaiser und Erzherzog Karl zu sehen. 
Man hat beide in gleicher Weise mit Begeisterung emp- 
fangen. Der Kaiser hat goldene und silberne Medaillen 
an die verdienstvollen Soldaten verteilt, die ihm der 
Erzherzog vorstellte. Es war das erstemal, daß ich die- 
sen lieben Prinzen ganz in der Nähe sehen konnte, was 
mir eine groi3e Freude war. Er sieht viel besser aus, als 
ich es mir vorgestellt hatte, aber leider sah ich ihn nur 
stark von der Seite, so daß ich mir seine Physiognomie 
nicht eingeprägt habe. Ich weiß nicht, warum Franz 
Hager eine kleine „Grippe" gegen diesen Prinzen hat, 
er behauptet, Grund dazu zu haben. Ich will nichts da- 
von wissen und mir mein Ideal nicht verkümmern las- 
sen. Jedenfalls ist Erzherzog Karl ein wirklich großer 
Held, der die Liebe und Verehrung seines Landes voll- 
auf verdient. 

ij. Februar: Erzherzog Karl wurde zum Generalissi- 
mus ernannt, so wie es ehedem Prinz Eugen war. 
Liechtenstein bekam das goldene Vließ. Heute gehe ich 
auf die Redoute, der „erste Spaß", den ich in diesem 
Faschng genieße; Montag ist ein Kinderball bei Fünf- 
kirchen, bei dem sich aber auch einige Erwachsene ein- 
geschmuggelt haben. Der Karneval nach dem Kriege 
hatte übrigens einen ernsten Anstrich, es gab keine 
Bälle großen Stiles. Um mich zu zerstreuen, fing ich da- 
mals zu zeichnen an. Ich erwähne diese Epoche meines 

i) demente Bondi (1742 — 1821) Italien. Dichter, wurde 1797 von 
Erzhz. Ferdinand, Statthalter v. Malland, zu seinem Bibliothekar 
in Brunn ernannt, kam dann als Lehrer der 3. Gemahlm Kaiser 
Franz' nach Wien u. unterrichtete sie In Geschichte u. Literatur. 
Seine Werke erschienen In Wien 1808. 

182 



Lebens besonders, weil sie einen großen späteren Ein- 
fluß auf mich ausübte. Ein schönes Werk „Die Prinzi- 
pien der Zeichnung von Figuren", das mir Franz Hager 
schenkte, erweckte in mir eine Passion, die jetzt nach 
38 Jahren noch nicht erloschen ist. Ich verdanke dieser 
Kunst die glücklichsten Stunden meines Daseins, und 
in trüben Gelegenheiten habe ich darin eine heilsame 
Ablenkung gefunden. Im gewöhnlichen Leben war sie 
mir eine interessante Beschäftigung, in Glück und 
Freude ein Beruhigungsmittel für meinen aufschäumen- 
den Geist und mein Herz. Kurz, diese wohltätige Nei- 
gung blieb der Talisman meines Lebens. Mein Schutz- 
engel hatte eben die Form der „Zeichnungsanfangs- 
gründe von Krininger" angenommen^). 

Die Lektüre des achtbändigen Romanes „Mathilde''^ 
half mir auch, den Karneval zu ersetzen. Diese reizende 
Erzählung, voll edler Gedanken und Begebenheiten, 
war nicht allein in den Händen aller Mädchen, sondern 
die Mütter gaben sie sogar ihren Töchtern zum Lesen. 
Mme. Göttin'^) mischte darin lebhafte Bilder von Kämp- 
fen und Unbilligkeiten mit liebenswürdigen Erdich- 
tungen von Tugenden und Liebesszenen. Ganz Europa, 
das diesen Roman las, verdankte ihm in dieser tränen- 



i) Ich habe ein großes Ölbild meiner Mutter beendet, (hier re- 
produziert) das allein schon genügen würde, um in mir den Namen 
Krininger dankbar wieder wachzurufen, auch wenn ich ihm nicht 
andere Freuden verdankte. (Notiz d. Verf.) Das Ölbild befindet sich 
im Schlosse Weinberg. — Gräfin Thürheim meint jedenfalls oben 
den Zeichenmeister Josef Kininger, der sich im „Vollständigen Aus- 
kunftsbuch oder einzig richtigen Wegweiser in der k. k. Hauptresi- 
denzstadt Wien" für 1805 findet. Er war vielleicht ein Bruder oder 
Verwandter des bekannten Vincenz Georg K., Kupferstecher, der 
bei Wurzbach XI. Bd. S. 271 erscheint. 

2) Sofin Cottin, gb. RisteaUg.(i770 — 1807), franz. Romanschrift- 
stellerin. Ihr Roman „Mathilde" (6 Bände) erschien 1805 zu Paris. 



183 



reichen und blutigen Zeit viele Stunden der Einkehr 
und süßer Illusionen. 

Die Cottin und andere französische Frauen hatten 
die Mission des Romanes wirklich erfaßt. Sie trösteten 
über die Wirklichkeit durch Vorführung eines idealen 
Bildes hinweg, sie machten die Herzen höher schlagen 
für das, was schön und gut ist, sie gaben dadurch ihren 
Lesern selbst einen Anflug von Tugend. Heute, da das 
zivilisierte Europa sich in einem faulen Frieden aus- 
ruht, finden die französischen Romanciers ihren Ge- 
fallen darin, in dem Schmutze der Gesellschaft zu wüh- 
len, um die ganze Schändlichkeit der Spezies Mensch 
an das Tageslicht zu zerren. Haben sie darin irgendeine 
häßliche und widerliche Mißgeburt entdeckt, so zeigen 
sie dieselbe im Spiritus und sagen dazu: „Das ist der 
Mensch!" Wozu kann dies dienen ? Etwa zur Förderung 
der Moral, des Vergnügens oder des guten Geschmackes ? 

Seit dem 13. Februar haben die Franzosen Schwert- 
berg verlassen. Papa kam von dort am 25. zurück und 
scheint nicht unzufrieden zu sein. Die fremden Solda- 
ten haben dort wohl viel getrunken und gegessen, aber 
nichts verwüstet oder verdorben, was sich nicht bald 
reparieren ließe. 

Im April verkaufte mein Vater das herrliche Choto- 
vin, das er acht Jahre vorher gekauft hatte, um 
350 000 fl. Bei diesem Geschäft wurde er auch wieder 
schmählich hintergangen und verlor durch den darauf- 
folgenden Prozeß 300 000 fl. 

Im selben Monat ging ich mit Titine und Minerl zu 
Fuß in den Prater, wo wir am Ende der großen Allee 
dem guten Erzherzog Karl begegneten, der dort, eben- 
falls zu Fuß, mit Colloredo promenierte. Wir hatten 
sofort die Equipagen und die anderen Fußgänger ver- 

184 



gessen und nur Augen für unseren Helden, hinter dem 
wir nun einhergingen. Dabei konnten war mit Vergnü- 
gen die Befriedigung in aller Gesichter sehen, die uns 
begegneten. Unter anderen rührte uns ein Soldat zu 
Tränen durch seine sichtliche Freude, seinen General 
wiederzusehen. Minerl fragte ihn: „Das ist wohl ein 
guter Herr ?" Seine Antwort bestand in zwei Tränen, 
die ihm über die Backen Hefen. Dies rührte sogar mich, 
die ich nur Tränen für „große Gelegenheiten" habe, so 
daß meine Augen naß wurden. Diese schöne Episode 
hätte ich nicht um alles Gold der Welt versäumen 
wollen. 

Der I. Mai dieses Jahr war besonders schön. Es war 
damals Mode, die ersten Stunden dieses Tages in dem 
herrlichen Augarten zu verbringen. Viele Leute früh- 
stückten dort, andere gingen nur spazieren, um die 
neuen Frühlingstoiletten zu sehen und selbst gesehen 
zu werden. Die sich mit zartem Grün bedeckenden Bos- 
kette, die Musik unter den großen Kastanienbäumen 
und die noch HebHchere der vielen kleinen Vögel in den 
Baumkronen, alles feierte heiter die Rückkehr des Lenzes . 

Dieses heitere Frühlingsfest hätte in Wien, wo man 
die Natur so liebt, nicht aussterben sollen. Ein anderer 
Gebrauch, der damals noch existierte, beweist, daß er 
uralt ist. Zur Zeit, als die Herzöge von Osterreich noch 
auf dem Kahlenberg wohnten, bekam diejenige Person, 
die das erste Veilchen dem Bürgermeister von Wien 
brachte, eine Belohnung, und die Blume wurde durch 
den Magistrat dem Herzog, später dem österreichi- 
schen Kaiser als erste Frühlingsgabe dargeboten. Dieser 
schöne Brauch hat sich seither verloren. 

Ich weiß nicht, ob in diesem Jahre der überaus herr- 
liche Frühling auch mein Herz zur Entfaltung brachte, 

185 



aber jedenfalls finde ich in dem Tagebuch unter dem 
7. Mai folgenden Seufzer, der in der Geschichte einer 
Frau getreulich festgehalten werden muß: 

„Ich bin gar nicht zufrieden. Ich bin 18 Jahre alt, 
man würde sagen, im schönsten Alter. Aber in zwei 
Jahren habe ich 20, ich stehe dann an der Neige der 
Jugend, und was sind zwei Jahre ? Werde ich dann sagen 
können, daß ich diese schönsten Jahre meines Lebens 
genossen habe ? Bilden der Landaufenthalt während des 
größten Teiles des Jahres und das Visitenmachen, wenn 
man in der Stadt ist, das größte Vergnügen der Jugend ? 
Es muß doch ein Glück geben, das nur der Jugend zu 
eigen ist. Wäre es die Heiterkeit ? Diese verliert sich 
aber nur zu bald inmitten der melancholischen Be- 
trachtungen, die mich von allen Seiten beeinflussen. 
Oder die Leichtlebigkeit .^ Wenn sich jedoch die ver- 
heißungsvolle Zukunft in eine traurige Gegenwart 
verwandelt, entflieht die Leichtlebigkeit eilends. Mit 
18 Jahren bin ich, wie wenn ich 50 hätte. Welchen 
Ausweg kann ich finden 1 Verzeih' mir's Gott, so sehr 
ich das väterliche Haus achte, so fange ich an, es 
übersatt zu bekommen. Wo finde ich den richtigen 
Ausweg ? Es hat vvnrklich keinen Reiz für mich, ent- 
weder Stiftsdame zu werden (übrigens denkt niemand 
daran, mir eine Präbende zu verschaffen) oder zu 
heiraten. Im zweiten Fall ist auch sehr viel riskiert. 
Denn ist es ungemein schwer, jemanden nach meinem 
Geschmacke zu finden. Ich bin in diesem Punkte sehr 
empfindlich und habe auf Ehre noch nie einen jungen 
Mann getroffen, der mir Liebe hätte einflößen können. 
Ich würde es vorziehen, lieber zu sterben, als einem un- 
geliebten Manne zu folgen. Meine Eltern kennen mich 
in dieser Beziehung und wissen, daß, wenn ich nicht 

186 



will, jede Mühe vergebens ist. Daher lassen sie mich mit 
ihren Projekten in Ruhe und gehen Heber auf die Jagd 
nach einem Gatten für die gutmütige Isabella. Da diese 
den Mann ihrer Liebe nicht hatte bekommen können, 
so ist sie nun entschlossen, demjenigen zu folgen, den 
ihre Eltern ihr vorschlagen würden. 

Diese waren damals sehr mit dem jungen Grafen 
Colloredo, dem Sohne des verstorbenen Ministers, be- 
schäftigt. Aber unsere Aussichten sind nicht so günstig. 
Colloredo hatte wohl dem alten Major Thürheim'^), un- 
serem Vetter, gesagt, daß ihm Isabella sehr gefalle, was 
der alte Haudegen meiner Mutter brühwarm erzählte, 
aber, da wir damals nach Schwertberg abreisten, so 
verzögerte sich die Werbung des Grafen und inzwischen 
war am Heiratshorizont eine andere Größe aufgetaucht. 
Dies war der Graf Peter von Goess, der ein Jahr später 
meine Schwester Isabella heiraten sollte und ihr in einer 
fünfunddreißigjährigen Ehe, wenn auch kein roman- 
haftes Glück brachte, so doch seiner Frau durch seinen 
guten Charakter und seine hervorragenden Eigenschaf- 
ten eine herzliche Neigung abnötigte. 

Ich schreibe über seine Visite im Mai 1806: Vetter 
Go'ess^) ist auch einer der ,, Hirsche", denen wir dieses 
Jahr nachgelaufen sind. Er kam ganz warm von der 
Provinz an, ein wenig steif, aber mit geraden Ghedern, 
nach der neuesten Mode angezogen und sprach das 

i) Die Verfasserin meint wohl den Grafen Franz Josef Thürheim 
(1740 — 1829), k. k. Km. und Generalmajor, Komtur d. deutschen 
Ritterordens, ihren Onkel. Ein Vetter Thürheim existierte damals 
nicht. 

2) Johann Peter Graf Goeß (1774 — 1846), damals k. k. Geh. Rat 
Kämmerer, Landrechtspräsident und Vizepräsident des Guberni- 
ums in Graz. Er war in i. Ehe mit Karoline Freiin v. Kaiserstein, die 
1800 im Wochenbette starb, verheiratet. Über ihn siehe S. 224 (vgl. 
Thürheim, die „RGrafen und Herren v. Thürheim"). 

187 



Französisch „Louis XIV. und XV." Im übrigen ist er 
„bon comme le pain" und soll nach allem, was man hört, 
von seinem Berufe sehr viel verstehen. Jetzt ist er Prä- 
sident in Graz, kurz vorher war er es in Klagenfurt, und 
damals kam er auf 14 Tage zu uns nach Wien. Man warf 
nach ihm alle Angeln aus und es gelang uns in der Tat, 
„de tirer quelques etincelles de ce froid mannequin". 
Als er abreiste, gestand er der Gräfin Migazzi-Thür- 
heim^) ein, daß ihm Isabella sehr gefallen habe, er sich 
aber aus Bescheidenheit nicht weiter vorwage, weil er 
nicht sicher sei, ob er auch genehm sei. Der gute 
Bursche kannte eben nicht unser Kartenspiel. 

Goess war unser Verwandter 2) und seit mehreren Jah- 
ren Witwer nach einer Baronin Kaiserstein, von der er 
nur einen Sohn gehabt, der noch in der Wiege starb. 
Im ganzen war er ein Mann, dem man höchstens ein 
wenig linkisches Wesen vorwerfen konnte, der sonst aber 
in jeder Beziehung als Partie willkommen sein mußte. 

Abbe Maas fragte vor unserer Abreise an, ob ihn 
Papa behalten wolle oder nicht. Dieser erwiderte, er sei 
genötigt, Reformen einzuführen und schenkte ihm zum 
Abschiede 4500 fl. Wahrlich eine schlecht angebrachte 
Großmut zu einer Zeit, da wir kaum wagten, uns satt 
zu essen, weil alles so viel kostete! 

Am 22. Mai trafen wir also in Schwertberg ein, wo ich 
bald wieder meinen Humor fand, da ich im Grunde be- 
deutend mehr auf das Land passe, wie in die Stadt. 

Der Krieg ist erst seit wenig Monaten zu Ende. Kaum 
haben die feindhchen Truppen unsere Länder verlassen, 

i) Maria Aloisia GiäimThürheim (1767 — 185 1), heiratete 1786 Chri- 
stof Graf Migazzi, der 1829 starb. 

2) Sein Großvater Johann Anton Graf Goeß (1699 — 1768) war seit 
1720 mit Maria Anna Karoline Graf in Thürheim (1695 — 1769) ver- 
heiratet gewesen. 

188 



so blühen schon überall der Wohlstand und die Zufrie- 
denheit wieder auf und verwischen rasch die Spuren des 
Krieges. Ich kann nicht finden, daß der Feind in Schwert- 
berg verwüstet hat. Das Schloß hat fast nicht gelitten 
und alles übrige ist in dem Zustande, wie wir es ver- 
ließen. Die Teuerung ist keineswegs übertrieben groß, 
das Elend hat nicht zugenommen und jedermann lebt 
dahin, ohne mehr an die Franzosen zu denken. Es gibt 
wohl Leute, die Verluste zu verzeichnen haben, aber es 
sind solche, die sich noch ertragen lassen. 

Ich habe überhaupt bemerkt, daß in Österreich die 
Folgen eines Krieges viel leichter vergessen werden, vvde 
die einer schlechten inneren Verwaltung. Wer denkt 
z. B. heute noch an den Verrat und Einfall des Feindes ? 
Wer aber hat jemals das Patent^) von i8ii und das- 
jenige vergessen, das diesem bald folgte? Für manche 
Nationen ist der furchtbarste, weil unsichtbare Feind, 
nicht der Fremde, der sie angreift, sondern die Willkür, 
mit der sie regiert werden. 

In Schwertberg ging ich nun wieder meinen länd- 
lichen Beschäftigungen nach; Lesen, Zeichnen, Italie- 
nisch lernen und große Promenaden wechselten ab und 
ließen mir keinen Tag lange erscheinen. 

Die gute Mere-tout hat uns damals ein Opfer gebracht, 
vondemichinmeinemTagebuchmitDankbarkeitspreche. 
Ich freue mich, auch einmal einen sentimentalen Zug in 
meinen Blättern zu finden; ich muß gestehen, daß sie 
bisher an solchen recht arm waren. Schhef meine Seele 
noch, oder sollte sie an der Schmerzensquelle trinken, 
bis sie aus einem Schmetterling eine Frau wurde ? 

i) Namen, den man dem einzig dastehenden Bankero.tt beilegte, den 
Kaiser Franz 1811 machte und den er einige Jahre später in ähn- 
licher Weise wiederholte. (Notiz d. Verf.) 

189 



„Mlle. Ttsserant ist bei uns nicht allzu glücklich, denn 
I. hat sie nur 200 fl. Jahresgehalt, während man allen 
Sekretären und Hofmeistern, die man nur nimmt, um 
sie wieder zu wechseln, das Geld mit vollen Händen 
austeilt, 2, behandelt sie Papa mit keiner besonderen 
Achtung, die sie doch vollauf verdient, 3. glaube ich, 
daß Personen, die nicht in unserem Hause bleiben 
müssen, hier zu wenig angenehmes erleben, um lange 
zu verweilen und 4. ist ihre Unruhe in Betreff der Zu- 
kunft nur zu begründet. Diesen Winter schlug ihr nun 
die Gräfin Fünjkirchen^) vor, einen sehr vorteilhaften 
Posten in ihrem Hause anzunehmen. Zuerst wollte sie 
zusagen, wir wagten es nicht, ihren Entschluß irgendwie 
zu beeinflussen, da wir sie ja doch nicht entschädigen 
konnten und ihr zu sagen, wie leid uns ihre Abreise sein 
würde. Eines Tages erriet sie aber unsere Gemüts- 
stimmung; sie stand sofort auf und ging zur Stunde zur 
Gräfin Fünfkirchen, um ihr zu sagen, daß sie uns zu sehr 
attachiert sei, um uns verlassen zu können. Solange sie 
sich noch nicht zu diesem Entschlüsse durchgerungen, 
war sie oft schlechter Laune; nun aber ist sie wieder 
übermütig heiter, fast, wie wenn wir ihr ein Opfer ge- 
bracht hätten. Gute Mere-tout! Du bist wohl das beste 
Geschöpf auf Gottes Erdboden; es ist unmöglich, dich 
nicht zu lieben! 

Zu dieser Zeit scheuten am Ufer der Aist die neuen 
Pferde, die mein Vater gekauft hatte. Die Kalesche, in 
der Papa fuhr, wurde mit ihm in den Fluß geschleudert, 
doch zog er sich nur unbedeutende Kontusionen zu. 
Zehn Schritte weiter, wo die Böschung des Straßen- 
körpers steiler ist und in der Tiefe ein Wasserfall rauscht, 

i) Graf u. Gräfin Johann Fünfkirchen wohnten In Wien in der Wal- 
fischgasse Nr. io8i. 

190 



wären Papa, Kutscher und Wagen auf Nimmerwieder- 
sehen verschwunden. 

Meine Ahnungen, daß wir diesen Sommer ganz iso- 
hert bleiben würden, bewahrheiteten sich Gott sei Dank 
nicht. Die Besuche überstürzten sich im Gegenteile, 
darunter auch solche, die wir gerne sahen. 

Nach dem Kriege hatte man in die Provinz ein In- 
fanterieregiment gegeben, von dem einige Offiziere in 
Schwertberg kantonierten. Es waren darunter sehr gut 
erzogene, angenehme junge Leute, die oft in das 
Schloß kamen und die Papa mit großer Höflichkeit be- 
handelte. Er liebte ja das Militär und bedauerte immer, 
daß seine körperliche Schwäche ihn genötigt hatte, den 
Dienst vorzeitig zu quittieren. 

So unterhielt uns der Hauptmann Dubois, von Geburt 
ein Belgier, durch seinen Witz und seine Lebhaftigkeit, 
die sogar meinen Vater ansteckte. Ein kleiner Leutnant, 
der Baron Zadubski^)^ schön wie ein Halbgott, zwanzig 
Jahre alt, hatte in meinen Augen außer seiner Jugend 
und seinen körperhchen Vorzügen einen Verdienst, in- 
folgedessen ich ihn dem Hauptmann weitaus vorzog. 
Er legte mir in überaus zarter Weise seine Huldigung zu 
Füßen, was mir sehr schmeichelte. 

Er unterhielt mich den ganzen Sommer, dieser hüb- 
sche, kleine Leutnant ! Ich erinnere mich mit Wonne der 
Tage, wenn er zu uns kam, um uns zu einem Spazier- 
gange abzuholen, seines lieblichen Lächelns und seiner 
tiefen Blicke, die aus seinen Augen unter den längsten 
Wimpern, die ich jegesehen, auf mich hervorleuchteten. 

i) Er stammte aus einer mährischen Familie; seine Schwester war 
Brünner Stiftsdame. (Notiz d. Verf.) In der Rangliste des Inft.- 
Rgts. Nr. 14 erscheint von 1806 — 08 ein Leutnant Friedrich Frei- 
herr Zadubsky von Schönthal, der wohl mit obigem identisch sein 
wird. 

191 



Wie leicht, wie duftend, wie zart sind diese Eindrücke 
aus der schönen Jugendzeit ? Sie haben nichts gemein 
mit den Leidenschaften, die dieser Ursprünghchkeit 
und Frische entbehren. Die Huldigung Zadubskis be- 
einflußte mehr meine Eitelkeit, als mein Herz und ließ 
mich so recht in der Glorie meines Prädikates „die Un- 
verwundbare" erglänzen, selbst, als der Leutnant schon 
abgereist war. 

Doch erlitt dieses Triumphgefühl eine große Bresche, 
die mir eine der tollsten Ideen eingab, welche einem 
achtzehnjährigen Gehirn entspringen können. Über die 
Veranlassung schreibe ich in meinem Tagebuche fol- 
gendes : 

„Ich will dieses Faktum hier festhalten, um es wieder 
zu lesen, wenn ich einmal Kinder habe. Heute bei Tisch 
befahl mein Vater plötzlich, die Stühle anders zu stellen. 
Ich rückte nur wenig, da ich nicht in seine Nähe kom- 
men wollte. Da forderte er mich nochmals auf, weiter 
wegzurücken, was ich auch sofort tat. Ein kleines Ver- 
ziehen meines Gesichtes brachte ihn auf, und ohne Rück- 
sicht auf die anwesenden Offiziere, den Pfarrer und an- 
dere geladene Personen überschüttete er mich mit einer 
Flut der ärgsten Schimpfwörter, worunter mich das 
Wort ,,Morveuse" (Rotzdirne) am meisten beleidigte. 
Ich brach in einen Strom von Tränen aus, worauf mein 
Vater augenblicklich die Taktik wechselte und mir höh- 
nend zurief, Tränen seien sehr gesund usw. Während 
des ganzen Diners wollte ich erwidern, aber ich wußte im 
voraus, daß ich doch im Unrecht bleiben würde, und 
schwieg daher. Dagegen faßte ich den Entschluß, 
dieses tolle Haus so bald als möglich zu verlassen. Das 
Gezanke dauerte während des ganzen Diners, in Gegen- 
wart der Dienerschaft. Eine Stunde danach hatte ich 

192 



mein kleines Paket gemacht und mir Männerkleider 
verschafft. In der Nacht wollte ich aus dem Schlosse 
flüchten und mir in den Dörfern eine Arbeit suchen, 
vielleicht auch bei den Pfarrern, mit einem Worte, ich 
gedachte, schon meinen Weg allein zu finden und zu be- 
weisen, daß ich keine „Morveuse" war. Doch ging der 
ganze schöne Plan nur zu bald in die Brüche. Meine 
Schwestern kamen mit ihren Trostsprüchen ; sie sprachen 
vom heben Gott, von rehgiösen Maximen, daß man das 
Leid ertragen müsse, daß Gott Widerwärtigkeiten sende, 
um die Menschen zu erproben, kurz, sie machten mich 
in meinem Plane, ohne ihn zu ahnen, schwankend. Ge- 
fährlich erschien mir übrigens meine Eskapate keines- 
wegs, im Gegenteil, ich empfand ein Gefühl der Er- 
leichterung, einmal auf eigenen Füßen zu stehen. 

Bald darauf forderte mich Mama sogar auf, Papa um 
Verzeihung zu bitten. Ich ging zu ihm, sagte aber kein 
Wort der Entschuldigung, sondern bewies ihm, daß er 
vollkommen im Unrecht gewesen, mir diese Szene zu 
machen. Schließlich sah er seinen Fehler auch ein, sein 
gutes Herz riß ihn sogar zu Entschuldigungen mir 
gegenüber hin. In diesem Momente trat gerade Mama 
ein, sehr zu meinem Arger, denn sie gab dieser Ver- 
söhnungsszene einen theatralischen Anstrich, was mich 
wieder ganz abkühlte. Das ganze hinterließ in meinem 
Herzen einen Rest von Scham und Heuchelei; es ist 
besser, von dieser garstigen Geschichte nicht mehr zu 
sprechen. 

Der Rest des Sommers verging für uns angenehmer, 
wie gewöhnhch. Mein Bruder und sein Hofmeister ka- 
men nach glückhch bestandenem Examen in die Ferien 
zu uns; ebenso traf auch Franz Hager ein. Dann hatten 
wir unseren Nachbarn Herr Del Hoste durch längere 

13 M. L. I 193 



Zeit zu Gast. Obwohl er Florentiner war, trug dieser 
Kämpfer für das „ancien regime" öffentliche Trauer 
um das gestorbene deutsche Kaiserreich. Sogar seinen 
Degenkorb hatte er mit einem Flor verhüllt, als er in 
einer Audienz dem Kaiser sein Patent als Unterleutnant 
zurückgab und ihn bat, die Hand des „letzten Kaisers 
von Deutschland" küssen und nach Spanien gehen zu 
dürfen, um dort gegen Bonaparte zu fechten. Ein Spaß- 
vogel schrieb bei dieser Gelegenheit in sein Album den 
folgenden Vierzeiler: 

„Vous allez donc au pays de Dom Sanche 
Combattre avec les braves Castillans; 
Si vous y rencontrez le heros de la Manche 
Faites lui bien mes compliments."!). 

Diese Anspielung paßte um so besser auf Del Hoste, 
da er mit dem Charakter eines Don Quichotte auch 
dessen Gestalt und theatralische Manieren in sich ver- 
einigte. Ich erinnere mich, daß er einmal in Baden bei 
einem Platzregen Damen in einen Wagen half, wobei er 
immer den Hut in der Hand hielt. „Aber setzen Sie doch 
auf, Herr Del Hoste" rief ihm eine zu. Mit feierlicher 
Miene antwortete er, während der Regen ihm in das 
Gesicht klatschte: „Madame, le siecle de Louis XIV. 
me le defend." 

Er war wirklich ein köstliches Original, von dem man 
allerhand komische Züge erzählte. Einmal in Frankreich 
gefangen, wollte er von seiner Frau, die ihn immer sehr 
kurz hielt, Geld bekommen; er schickte ihr also sein Bild 
als h. Sebastian, ganz nackt, und schrieb dazu, er sei 
nun auf dieses Kostüm angewiesen, nachdem er seine 

i) Der Verfasser war Graf Johann O'Donell (1762 — 1828), ein ge- 
scheidter Mann, der aber die Schwäche besaß, den Prinzen von 
Ligne kopieren zu wollen. (Notiz d. Verf.) 

194 



ganze Garderobe eingebüßt hätte. Ein anderes Mal, da 
er im Dienste Dom Pedros in Brasilien stand, schickte 
er seiner Frau, die er im Verdacht hatte, daß sie ihn in 
Rio Janeiro vielleicht aufsuchen würde, eine Preisliste 
der dortigen Lebensmittel, darunter die Preise für 
I Pfund Kakadu, i Pfund Papagei, i Pfund Affen- 
fleisch usw. 

Diesen Sommer kam auch unser ehemaliger Studien- 
freund Karl Baron MandeW^) oft zu uns. Er hatte die 

i) Das erste bekannte Glied dieser Familie ist Michael Frh. v. M., 
Oberst des Regiments Royal Allemand Dragoner. [^ 

In den Akten des k. u. k. Kriegsarchivs finden sich verhältnismä- 
ßig wenig Daten über ihn. Dies erklärt sich daraus, daß er den größ- 
ten Teil seiner militärischen Laufbahn in französischen Diensten zu- 
gebracht hat, und daß von dem Zeitpunkt seiner Übernahme in 
österreichische Dienste d. i. am 26. November 1792 an, weder Mu- 
sterlisten noch andere Personaldokumente über ihn vorhanden sind. 
Wie sich aus den Akten feststellen läßt, war Mandell ein gebür- 
tiger Elsässer, doch lassen sich Zeit und Ort seiner Geburt hier 
nicht konstatieren. JEr trat in französische Dienste und war seit 
I. März 1791 Oberst und Kommandant von Royal Allemand Dra- 
gonern. Im Jahre 1792 ging er so\vie einige andere Regimentskom- 
mandanten mit ihren Truppen zur österreichischen Armee über und 
wurde vom Feldmarschalleutnant Grafen Clerfayt am 26. Novem- 
ber 1792 in kaiserliche Verpflegung und Dienste übernommen, was 
durch ein hofkriegsrätliches Reskript vom 17. Jänner 1793 bestätigt 
•wurde. Im Jänner 1795 wurde Mandell bittlich, ihm das Obristen- 
patent zu erteilen; über Einschreiten des Erzherzogs Karl, der die 
gute Dienstleitung und das tapfere Verhalten des Regiments Royal 
Allemand Dragoner lobend erwähnte, wurde ihm mit A.h. Ent- 
schließung vom 29. Dezember 1796 das Obristenpatent mit dem 
Rang vom i. Februar 1793 verliehen. Am 3. Mai 1798 erfolgte seine 
Ernennung zum Generalmajor, er starb aber bereits am 12. März 
1799 nach dreimonatlichem Krankenlager in Jarmeritz in Mähren. 
Mandell hat die Feldzüge 1793 — 1797 mitgemacht, wurde für sein 
Verhalten in dem Kavalleriegefecht am 12. September 1793 bei 
Avesnes le See und am 29. März 1794 bei Pommereuil von Erzher- 
zog Karl belobt und kam auch 1796 um den Maria Theresienorden 
ein. Die .\kten hierüber erliegen in der Kanzlei des Maria Theresien- 
ordens. 



13' 



195 



Genieakademie absolviert und arbeitete als Offizier an 
den neuen Festungswerken von Enns, einige Meilen von 
uns entfernt. Karl war ein sehr hübscher Bursche ge- 
worden und das alte gute Kind geblieben; seine Be- 
suche erfreuten uns daher immer ganz besonders. Seine 
Neigung für mich aber war in eine wirkliche Leiden- 
schaft umgewandelt, von der ich übrigens die erste Zeit 

Bei seinem Tode hinterließ er eine Witwe Elisabeth, geborene 
Gräfin Ficquelmont St. K. O. D., mit der er seit dem Jahre 1781 ver- 
heiratet war, sowie zwei Söhne, Ludwig und Karl, über die weiter 
unten nähere Daten angeführt werden. Nach dem Tode ihres Man- 
nes wurde die Witwe um eine Pension bittlich und wies in dem Ge- 
suche darauf hin, daß er bei seinem Übertritt in die österreichische 
Armee die letzten Reste seines Vermögens eingebüßt habe. Der Kai- 
ser bewilligte ihr eine Pension im Betrage von 600 fl. Im Juli 1802 
erbat sie sich in einem Majestätsgesuch die Erlaubnis, ihre Pension 
im Ausland beziehen zu dürfen, da sie von der Königin von Sizilien 
eingeladen worden war, sie nach Neapel zu begleiten. Der Kaiser 
gewährte ihre Bitte. Baronin Mandell starb am 14. Dezember 18 18; 
der Sterbeort ist in den Akten nicht angegeben,': 

Ludwig Freiherr von Mandell wurde um 1783 geboren. In seiner 
Assentliste ist als Geburtsort St. Avold in Deutsch-Lothringen an- 
gegeben, in der Musterliste ist als Geburtsort Sodnabor in Lothrin- 
gen eingetragen. Er wurde am i. September 1797 ex propriis zur 
Dragonerdivision von Royal Allemand assentiert, die sein Vater 
als Oberst kommandierte. Da die Assentliste von seinem Vater unter- 
schrieben ist, kann mit einiger Berechtigung angenommen werden, 
daß die darin enthaltenen Angaben richtig sind. Nach der Auf- 
lösung dieser Devision kam er am i. Juni 1798 zum Kürassierregi- 
ment Nr. 6 (heute Dragonerregiment Nr. 12) und wurde mit 18. Ok- 
tober desselben Jahres als Leutnant beim Kürassierregiment Nr. 7 
(heute Dragonerregiment Nr. 7) eingeteilt. Am 16. März 1801 avan- 
cierte er zum Oberleutnant bei gleichzeitiger Versetzung zum Ula- 
nenregiment Nr. I, rückte daselbst zum Rittmeister vor und quit- 
tierte mit 29. Dezember 1810 ohne Beibehalt des Offizierscharak- 
ters „wegen äußerst wichtiger Familienangelegenheiten". Hiermit 
kam er aus der militärischen Evidenz, weshalb Daten über seine 
ferneren Schicksale im Kriegsarchiv nicht gefunden werden kön- 
nen. Seit 1812 war er k. k. Km. und steierm. Ausschußrat. 

Er war seit 1812 mit Anna Storch von Sturmbrand, Erbin des 
Gutes Nasenfaß (Krain) verheiratet, welche den 16. Oktober 1856 

196 



wenig merkte, denn er erzählte mir, aus Angst und Be- 
scheidenheit, sich verraten zu sehen, von seiner glühen- 
den Liebe zu einem mir ganz fremden Fräulein. 

Mein Vater war diesen Sommer öfters abwesend, und 
vnr benützten diese Tage, um mit unseren Freunden 
Landpartien zu machen. Auch fand ich großes Ver- 
gnügen daran, allein mit dem Gewehr auf der Schulter 
in der Fasanerie herumzustreifen und auf Eichhörn- 

zu Graz im 64. Lebensjahre verstorben ist. Laut deren Partezettel 
überlebten sie ihre Kinder Rudolf Frh. v. M. und Louise, verehe- 
licht (r838) mit Gustav Baron Berg, k. k. Oberstleutnant. 

Karl Freih. v. M. wurde am 9. Juli 1787 in St. Avold in Lo- 
thringen geboren und am 9. Juli 1799 in die Ingenicurakademie ein- 
geteilt. Am I. Juli 1800 wurde er mit einem Teuffenbachischen 
Stiftungsplatz bestellt, den er bis zu seinem am i. September 1805 
erfolgten Austritt als Kadett im Ingenieurkorps innehatte. Am 
I. September 1806 avancierte er zum Oberleutnant, quittierte aber 
bereits mit 15. Juli 1808, wobei ihm in Anbetracht seiner kurzen 
Dienstzeit die Beibehaltung des Offizierscharakters nicht zugestan- 
den wurde. Der Grund seiner Quittierung war seine Verheiratung 
( 1 808) mit der verwitweten Reichsgräfin Josef a Khevenhüller, gebore- 
nen Gräfin Säur au (geb. 22. 7. 1772), die seinen Austritt aus dem 
Heere zur Bedingung gemacht hatte. In zweiter Ehe war er mit 
Julie, geb. Jankovich von Priberd und Vuchin vermählt, welche am 
14. Mai Qahr fehlt am Partezettel) zu Ofen im 35. Lebensjahre ver- 
storben ist. Karl wird am Partezettel als Kämmerer (seit 18 12) und 
steirisch-ständischer Ausschußrat bezeichnet. Wann Karl Freih. v. M. 
verstorben ist, konnte nicht ermittelt werden ; er scheint keine Nach- 
kommenschaft hinterlassen zu haben. (Er starb 1829). 

Rudolf Freih. v. Mandell wurde am 9. April 18 16 zu Graz als Sohn 
des obenangeführten, 1849 gestorbenen Ludwig und der Anna geb. 
Storch von Sturmbrand geboren. Er war 185 1 schon k. k. Oberst- 
leutnant i. P., erhielt 1870 als Gutsbesitzer das Komturkreuz des 
F. J. O., starb am 3. April 1896 zu und virurde in der Familien- 
gruft zu St. Peter begraben. Er war unverehelicht. 

Das bedeutende von Mandellsche Vermögen ging auf die Frei- 
herrn von Berg über, welche von der 1838 mit Gustav Freiherrn von 
Berg vermählten Luise Freiin v. Mandell abstammen. 

Die Freih. v. Mandell wurden 18 11 in die Adelsmatrikel des Her- 
zogtumes Krain, 1821 unter die steirischen Stände aufgenommen. 

(Mitt. d. k. u. k. Kriegsarchives.) 

197 



chen und Vögel zu schießen. Eines Tages kam ich, mit 
Beute beladen, nach Hause und wollte damit dem guten 
Karl, der Namenstag hatte, eine Freude bereiten. Wir 
maskierten uns alle, mein Bruder, M. Lux, meine 
Schwestern, Mere-tout und sogar Mama und empfin- 
gen ihn in unserem, durch eine Menge kleiner Krem- 
nitzerkerzen hell erleuchteten Zimmer mit lauten 
Vivatrufen und einem leckeren Gouter. Das Fest hatte 
auch bei Karl vollen Erfolg, um so mehr, weil es von mir 
eigentlich inszeniert war. 

Am nächsten Tage reisten wir per Schiff nach Wien 
ab, wohin uns Papa und meine älteste Schwester, die in 
Prag gewesen waren, zwei Tage später nachkamen. Die 
Wasserreise auf der Donau war dazumals oft gefährlich. 
Jeder Landstreicher, der die Konskription scheute, 
nahm einfach Dienste bei der Schiffahrtsgesellschaft. 
Daher bildeten die Donauschiffer eine ganz abscheuliche 
Horde. Karl Ma7idell, der uns eine Strecke begleitete, 
war sehr traurig. Ich schrieb diese Stimmung dem Um- 
stände zu, daß er Angst vor dem einsamen Winter in 
Enns hatte. Wie groß war daher mein Erstaunen, als ich 
den Brief las, den er mir beim Abschiede heimlich in 
die Hand drückte. Alle seine früheren Konfidenzen, die 
er mir gemacht hatte, waren erlogen, er hatte sich mit 
einem ganzen Lügengewebe umgeben, um mir seine 
Liebe nicht ahnen zu lassen. Mehrere Jahre schon schlug 
aber sein Herz nur für mich. Sein Vater hatte ihm auf 
dem Totenbette gewünscht, daß er eines Tages eine 
Freundin finden möge, die seinen Charakter durch ihren 
Rat lenken würde. Diese Freundin glaubte nun Karl in 
mir gefunden zu haben und er bat mich, seine Führerin 
durch das Leben zu sein; ich hätte schon jetzt, ohne es 
zu ahnen, auf seinen Charakter günstig eingewirkt. 

198 



Letzteres Geständnis machte mir wirklich Freude, ohne 
mich zu rühren; mein Herz wußte nichts davon. Den- 
noch schrieb ich ihm einen rührenden Brief, worin ich 
ihm meine Freundschaft als „Schwester" für das Leben 
versprach. Ich sah ihn erst ein Jahr später. Er konnte 
mich nicht allein sprechen und war sehr verlegen. In 
Graz lernte er dann eine sehr reiche Witwe kennen, die 
zwanzig Jahre älter, wie er und sehr häßlich war. Diese 
eine Gräfin Saurau, verwitwete Gräfin Khevenhüller, 
verliebte sich sterblich in den hübschen, jungen Mann 
und heiratete ihn zwei Jahre nach unserer letzten Zu- 
sammenkunft. Da sie ebenso gut, wie freigebig war, so 
machte sie Karl sehr glücklich, und er vergalt es ihr 
durch seine innige Dankbarkeit und Sorge um ihr Wohl. 
Leider starb er schon mit zweiundvierzig Jahren (1829). 
Das Vermögen, welches er von seiner Frau bekommen 
hatte, hinterhes er seinem Bruder, und die Witwe ver- 
fügte auf dem Totenbette ebenfalls zu Gunsten ihres 
Schwagers, so daß dann Louis Mandell einer der reich- 
sten Leute seines Landes wurde. 

Kaum in Wien angekommen, lernte ich bei einem 
Tee bei der Marquise de Llano ^) , Witwe eines spanischen 
Gesandten, den Graien Marcolini^) kennen, dessen Vater 
Minister des Kurfürsten von Sachsen war. Er war reich, 
besaß hübsche Augen und galt als schöner, junger Mann. 
Ich hatte mich schon lange nicht so gelangweilt, wie 
auf dieser Soiree. Dennoch hatte ich auf Marcolini Ein- 

i) Die verwitwete Gräfin Llano wohnte damals in der unteren Bräu- 
nerstraße Nr. 1191. M 
2) Peter Paul Graf Marcolini, Sohn des kgl. sächs. Kabinettsmini- 
sters Camillo Grafen Marcolini (1739 — 1814), geb. Dresden 21. Febr. 
1785, gest. Preßburg 25. März 1863, kgl. sächs. Kmhr., toskan. St. 
Stefans-O. Ritter (s. Friedr. Aug. O'Byrn's „Camillo Graf M.", 
Dresden, 1877, S. 58). 

199 



druck gemacht. Einige Tage darauf, bei der Gräfin 
Nirnptsch'^), seiner Schwester, dieselbe Langeweile mei- 
nerseits, dieselbe Bewunderung seinerseits. Diese Besich- 
tigungen wiederholten sich noch mehrmals. Die Gräfin 
Nimptsch war eine Virtuosin auf dem Klavier, er auf der 
Geige. Diese Konzerte langweilten mich tödlich, und 
ich datiere von da an meine Abneigung gegen das Gei- 
genspiel. Kurzum dieser Graf Marcolini konnte sich 
noch so schön drehen und wenden, ich bemerkte es 
nicht einmal. Endlich, nachdem ich mit meinen Schwes- 
tern und dem Grafen einen Vormittag damit zuge- 
bracht hatte, das naturwissenschaftliche und andere 
Kabinette zu besichtigen, rief mich mein Vater in sein 
Zimmer und eröffnete mir, daß mich Marcolini hei- 
raten wolle, er sei aber zu schüchtern, um mit mir selbst 
zu sprechen. Ich zerfloß in Tränen. Ich wußte wohl, 
daß mich meine Eltern nie zu einer Heirat zwingen 
würden, andererseits wurde es mir schwer, sie zu krän- 
ken. Ich bat um acht Tage Bedenkzeit und schlich mich 
davon, wie ein armer Vogel, dessen Flügel mitten im 
besten Schwünge durch einen Steinwurf gebrochen 
worden war. Fünf Tage waren vergangen. Titine und 
meine Kousine hatten mich so weit gebracht, daß ich 
damit einverstanden war, meinen Eltern gegenüber 
wenigstens den guten Willen zu zeigen, meinen kind- 
lichen Widerwillen gegen die Heirat zu überwinden, als 
mich Papa wieder zu sich rief. „Du bist sehr blaß, mein 
Kind, du ißt nicht, du lachst nicht; ich will nicht, daß 
du traurig bist und vielleicht krank wirst. Ich komme 

i) Augusta GfHin Marcolini, geb. 1782, verheiratet ca. 1806 mit Jo- 
sef Grafen Nimptsch, k. k. geh. Rat, F. M, Lt., Obersthofmeister 
des Erzherzogs Johann (1763 — 1838). Sie war Malteserordensdame 
und befand sich unter dem Ehrengeleite der Erzherzogin Maria 
Luise bis Braunau a. Inn. Sie starb zu Karlsbad 18 17. (1. c. S. 58.) 

200 



vom Grafen Nimptsch und habe ihm gesagt, daß du dich 
noch für zu jung hältst, um zu heiraten. Ist es so recht ?" 
Ich fiel dem guten Vater um den Hals und dankte ihm 
für seine Güte. Wenige Tage darauf lachte und aß ich 
wieder, wie früher und hatte den Marcolini völlig ver- 
gessen. Als bald darauf Papa auf längere Zeit nach 
Schwertberg mußte, empfand ich nicht mehr das Ge- 
fühl der Erleichterung über seine Abwesenheit. Mein 
Herz war durch seine Großmut und die Entäußerung 
seiner Wünsche wirklich gerührt und empfand nichts, 
als die zärtlichste Dankbarkeit. 

Meine Lebenslust wurde einige Wochen später durch 
die Nachricht von dem Tode des Abbe Maas gestört, 
unseres einstigen Hofmeisters. Er hatte, nachdem er 
uns verlassen, obwohl fünfzig Jahre alt, einen Posten 
beim Hospodar der Walachei Murussi angenommen, 
um zwei alte Schwestern, die er in Frankreich hatte, 
besser mit Geld unterstützen zu können. Kaum war er 
in Jassy erschöpft und reisemüde angekommen, mußte 
er seinem in Ungnade gefallenen Herrn nach Konstan- 
tinopel folgen. Nach einigen Wochen bangen Erwar- 
tens erhielt der Hospodar die Erlaubnis, nach Jassy 
zurückzukehren. Als nun der arme Abbe endlich aus- 
ruhen zu können glaubte, überraschte ihn der Tod, 
tausend Meilen von seinem Vaterlande und fünfhundert 
von seinen Freunden entfernt. „Welche Erwägungen 
weckt dies in uns!" schrieb ich in meinem Tagebuch, 
„der Mensch sollte wirkhch nur den Augenblick ge- 
nießen, der ihm gehört; statt dessen kalkuliert er und 
macht Projekte auf Jahre hinaus, während das Grab 
schon zu seinen Füßen gähnt. Mein Gott, das macht 
erschauern. . .!" So verdüsterte schon der Tod meine 
jugendliche Einbildungskraft und die Leidenspforte 

20I 



öffnete sich vor mir, um sich nicht mehr zu schließen. 
Lange hernach schrieb ich, von dieser Idee ergriffen in 
meine Sammlung von Gedankensplittern: 

„The first misfortune in a man's Life is like a ghastly 
door, which opens never to be shut agam." 

Die Verleugnung ihrer Interessen bei dem Heirats- 
projekt Marcohni sahen meine guten Eltern durch die 
formelle Werbung Goess^ um die Hand Isabellens be- 
lohnt. Meine Schwester willigte ein und es wurde ver- 
einbart, daß der Bräutigam, so bald als möglich, nach 
Wien kommen sollte und man sodann den Hochzeitstag 
festsetzen werde. Der Ruf der Loyalität und Liebens- 
würdigkeit, der dem Grafen überall voranging, war 
so begründet, daß jedermann sich über dieses Ereignis 
freute. Was mich betrifft, so schrieb ich damals in mein 
vertrautes Tagebuch: ,,Wenn anders man nicht mehr 
an mich denkt, so bin ich mit allem zufrieden, was sich 
ereignet." 

Der Urteilsspruch über den Fürsten Karl Auersperg 
ist gefallen; alle Welt erwartete ihn mit Spannung, denn 
der sanfte und gutmütige Fürst genoß allgemeine Ach- 
tung. Das Urteil war hart, weil man die Schuld nicht 
durch Anerkennung der geistigen Beschränktheit des 
Schuldigen mildern konnte, ohne damit denjenigen zu 
verurteilen, der einen so unfähigen Mann auf einen 
solchen Posten gestellt hatte. Als nämlich die öster- 
reichische Armee und die Wiener Garnison auf das 
linke Donauufer übergegangen waren, erhielt Auersperg 
den Befehl, die Brücken abzubrennen. Schon hatten die 
Pioniere die Zünder in der Hand, als Murat dem Prin- 
zen durch einen Parlamentär sagen ließ, es sei ein Waf- 
fenstillstand abgeschlossen worden. Auersperg glaubte 
dem Feind, und dieser bemächtigte sich alsbald der 

202 



Brücken. Man weiß nicht, wer dümmer war, derjenige, 
der sich so vertrauensselig zeigte oder diejenigen, welche 
einen derartigen Mann dort verwendeten. Vielleicht 
milderte der Kaiser aus diesem Grunde auch die Strafe. 
Das Kriegsrecht sprach zehn Jahre Festungshaft in 
Königsgrätz, den Verlust aller Orden und eine Ent- 
schädigung von 600 000 fl. für die vom Feinde erbeu- 
tete Artillerie aus, der Kaiser begnadigte Auersperg 
dann zu sieben Jahre Festung und 500 000 fl. Dies war 
gewiß viel und hätte sogar der Gattin des Verurteilten 
milde genug erscheinen müssen, aber die Prinzessin 
Auers-perg war keineswegs eine Frau, welche die geringste 
Demütigung vertrug. Sie lief zum Kaiser, warf sich ihm 
zu Füßen, und während der ganzen Audienz konnte 
man in den anstoßenden Gemächern ihr Schreien hören. 
Der tiefbewegte Monarch sagte ihr, daß er getan, was 
ihm die Gerechtigkeit erlaube, daß er späterhin Mittel 
und Wege finden werde, um noch mehr zu tun, und daß 
er selbst darunter leide, strenge sein zu müssen. ,,Wenn 
Sie in mein Herz sehen könnten," rief er aus, ,,so würden 
Sie darin seine Begnadigung sehen." Da sie aber nicht 
aufhörte, zu weinen, bat er sie, ihn zu verlassen, da 
er sich zu gerührt fühle und doch nichts weiter für sie 
tun könnte. Bis zu ihrem Tode, der lange darnach 
eintrat, beklagte sie sich unaufhörlich über diese Ab- 
weisung. Es gibt eben Leute, die sich über jede Ge- 
rechtigkeit erhaben fühlen. Die Wiener Aristokratie ist 
davon voll. 

Am 5. Dezember 1806 starb in Wien die alte Prin- 
zessin Starhemberg^), von der ich schon früher ge- 

i) Georg Adam Fürst Starhemberg vermählte sich zum zweiten Male 
am I. Juli 1761 mit der Stiftsdame zu Maubeuge Maria Franziska, 
Tochter des Fürsten Nikolaus Leopold von Salm-Salm^ Ritters d. 

203 



sprechen habe, namentlich von dem sonderbaren Hei- 
ratsprojekt zwischen dem nun zweiundachtzigj ährigen 
alten Fürsten und meiner fünfundfünfzigj ährigen Tante 
Therese Thürheim. Da aber Starhemberg schon am 
19. April 1807 an Altersschwäche verschied, so war mei- 
ne Tante dieser Dankespflicht der verstorbenen Fürstin 
gegenüber Gott sei Dank enthoben und niemand dachte 
mehr daran. Wenn Starhemberg die enorme Schulden- 
last gekannt hätte, welche sein Sohn noch zu seinen 
Lebzeiten auf die väterliche Erbschaft kontrahierte, so 
würde er wohl aus Wut früher gestorben sein, denn er war 
ebenso geizig, wie sein Sohn verschwenderisch. Obwohl 
dieser österreichischer Gesandte in London war und dort 
schlecht gezahlt wurde (25 000 fl.), verweigerte ihm 
sein Vater die Mittel, um seinem Rang entsprechend 
zu leben. 

Eines Tages spazierte der ,,Graf Louis", wie man den 
Sohn nannte, nach einem abschlägigen Bescheid seines 
Vaters auf den Festungswerken Wien, als er plötzlich 
vor sich seinen Vater in animiertem Gespräche mit 
dem Fürsten Paaty seinem Freund und Zukunftsbe- 
rater, sah. 

„Mein lieber Fürst, sagte dieser, ich glaube dir mit- 
teilen zu sollen, daß dein Sohn viele Schulden hat." — 
„Bah, wer wird ihm denn Geld leihen; man weiß doch, 
daß ich es nicht zurückzahlen werde." — „Nun schließ- 
lich, du könntest doch einmal sterben — glaube mir, es 
gibt Leute, die auf die Zukunft leihen, und ich muß 
wahrhaftig . . ." „Mein lieber Paar, ich danke dir für 
deine Nachricht ; ich meinerseits bin nun aber auch ver- 

gold. Vließes, Feldmarschalls, Gouverneurs von Antwerpen und der 
Dorothea Prinzessin Salm. Sie war 1731 geboren, starb somit im 
75. Lebensjahre. 

204 



pflichtet, dir eine ähnliche zu geben. Ich kenne jeman- 
den, der deinem Sohne^) Geld leiht." Tatsache war es 
nämlich, daß der gewisse Jemand der Fürst selbst und 
der Gläubiger seines Sohnes der wohlmeinende Freund 
war, der ihm von der schlechten Aufführung des jungen 
Starhembergs Mitteilung machte. Die jungen Leute 
hatten also bloß ihre Gläubiger auszuwechseln. 

i) Karl Fürst Paar (1773 — 18 19) — s. p. 80 — Sohn des Fürsten 
Wenzel P. (1744 — 1812) k. k. Km., Geh. Rat und Oberstreichs- 
erblandpostm. und der 1768 vermählten Maria Antonie Prinzessin 
Liechtenstein (1749 — 1813). 



IIIIIIIIIIIIIIIIIMI 



205 



IX. i8o7 

Dieses Jahr fing für meinen Vater günstig an. 
Christof Thürhgini, der erste Landesregierungs- 
präsident in Oberösterreich, trat nämlich, da er keine 
Söhne hatte, am 2. Januar die Herrschaft Weinberg gegen 
den fideikommissarisch festgesetzten Einstand^) von 
200 000 fi. an ihn ab, während er seine Herrschaft 
Hagenberg seiner jüngsten Tochter Maria Franziska 
Gräfin Althann übertragen hatte. So kam also Weinberg 
an die jüngere Branche, wo es der Himmel erhalten 
wolle in saeculo saeculorum! 

Diese Übertragung und die Prozesse wegen Choto- 
vin versetzten meinen Vater in eine fieberhafte Tätig- 
keit, die ihm viele Reisen aufnötigte und seine ohnehin 
schwache Gesundheit untergrub. Allerdings erholte er 
sich jetzt noch ziemlich rasch von seinen Anfällen. 
Seine Laune dagegen war viel erträglicher geworden, er 

i) Der 1689 verstorbeneGraf Christof Leopold T^ür^fiOT, k. k.Km., 
Kais. Rat u. Landrat, '2. Besitzer von Weinberg, hatte in seinem 
Testamente ddo. 26. 8. 1687 die genannte Herrschaft zu einem Fi- 
deikommiß in männlicher Erbfolge und einen sogen, fideikommis- 
sarischen Einstand von 200 000 fl. bestimmt, der, nach Aussterben 
der männlichen Deszendenz des früheren Besitzers an dessen Kog- 
naten von der neu antretenden Linie geleistet werden müsse. Da 
obiger Christof Th. nur Töchter hinterließ, so mußte Josef 
Wenzel Th., als Anspruchberechtigter einer anderen Linie, den 
Einstand zahlen. — Christof Leopold (1629 — 1689), heiratete i. 
1657 Anna Judit Gräfin Salburg (gest. 1668), 2. 1678 Maria Katha- 
rina Gräfin Preysing (gest. 1739), die später den Grafen Joh. Ferd. 
Salburg ehelichte. 

206 



behandelte uns fortan nicht mehr wie Kinder und seine 
Güte machte uns vollkommen glücklich und zufrieden. 
Seine Seele war ja allen edlen Regungen und Eindrücken 
zugänglich, die sie für alle Zeiten getreulich in sich ver- 
schloß. Eines Tages gab er mir davon eine Probe, als er 
seine erste Liebe erzählte. Er kränkelte gerade und ich 
las ihm aus einem hübschen Roman vor. Er unterbrach 
mich öfters, um mir von einer ungarischen Dame zu spre- 
chen, die er ehemals geliebt, erzählte, wie er sie kennen 
gelernt, wie sie durch die Falschheit einer Freundin ge- 
trennt wurden, und welchen Schmerz er dabei empfun- 
den, als sie sich während seiner Abwesenheit verheira- 
tete. Von ihren schönen Augen sprach er lebhaft und 
lange, seine Worte ließen ihn fast jung erscheinen. 
Während unseres Aufenthaltes in Ungarn hatte er ge- 
trachtet, sie wiederzusehen, erfuhr aber, daß sie in 
Steiermark weile. Auch ihre Mutter konnte er nicht 
sprechen, da sie damals krank war. Alles dieses erzählte 
er nur mir und ein Jahr später. 

Mit welcher Zartheit, mit welcher Keuschheit faßte 
mein armer Vater die Liebe auf. Nie war er liederlich 
gewesen, wie andere junge Leute, er hatte immer die 
Gebote eines Christen strenge beobachtet. In seiner 
Jugend ungewöhnlich schön, war er den gefährHchsten 
Versuchungen ausgesetzt und fürchtete um seine Tu- 
gend. In seiner Herzensangst bat er Gott, ihm diese 
verhängnisvolle Schönheit zu nehmen. Der Himmel er- 
hörte ihn und die Blattern verunstalteten sein Antlitz. 
Diese für einen Mann wohl einzig dastehende Selbst- 
verleugnung erzählte mein Vater nur meiner Mutter, 
als der einzigen Frau, die darauf ein Anrecht haben 
konnte. Die Keuschheit des Mannes erhebt sein Inneres 
und verleiht ihm einen Hauch von Zartgefühl, das der 

207 



Wüstling nicht kennt. So bewahrte auch mein alter 
Vater, trotz seiner Mürrischkeit, trotz aller Verdrieß- 
lichkeiten und Plagen, die ihm das Leben gebracht, 
immer das Gefühl der Ehrfurcht vor der wahren Liebe. 
Ich habe ihn davon nie anders reden hören, als in Aus- 
drücken der höchsten Begeisterung, gleich einem jungen 
Manne. Daraus entsprang auch sein unumstößliches 
Prinzip, niemals unsere Neigungen bei den sich dar- 
bietenden Heiratsprojekten zu beeinflussen. „Es kann," 
sagte er mir, „vorkommen, daß eine Frau den Mann 
ihres Herzens nicht heiraten kann, sie soll aber niemals 
einen heiraten, den sie nicht Hebt, außer, wenn sie 
glaubt, daß ihre Achtung für ihn genügen wird, um ihr 
Glück zu gewährleisten." Diese seine Art, die Heirat 
aufzufassen, und die ich seit meiner Kindheit aus sei- 
nem Munde oft genug hörte, bestimmte schon zeitig 
meine Ideen und Entschlüsse über diese Vereinigung 
zweier Menschen, die nach Voltaire „si eile n'est le 
paradis sur la terre, devient un enfer dans le monde." 
Diese Tirade bildete eine ganze Religion in meinem 
Herzen und hat niemals aufgehört, mir Richtschnur zu 
sein. Ich hatte eine zu echte Seele, um einen Mann zu 
täuschen, eine zu weiche, um eine Existenz fortzu- 
schleppen, die das süße Gefühl nicht kennt, für welches 
die Frau erschaffen wurde, ohne das sie unvollständig 
bleibt. Mit einem Wort, ich konnte dem Glücke ent- 
sagen, aber nicht der Liebe. Eines Tages ^), allerdings 
sehr spät, schenkte mir der Himmel beides ; einen Augen- 
blick reichte er meinen durstigen Lippen eine Schale, 
voll von den reinsten und zugleich berauschendsten Ge- 

i) Die Schreiberin spielt hier auf ihre nur achtmonatliche Ehe mit 
CharlesTÄir/o«, dem Sekretär des Fürsten Rasumoffsky, an (1832). Das 
Nähere wird später in den Memoiren des Jahres 1832 erzählt werden. 

208 



nüssen dar, und, wie ich mit gierigen Zügen daraus 
trank, zerbrach er sie mir zwischen den Zähnen. . . Jahre 
des Schmerzes folgten einigen Monaten von Seligkeit. 
Ich habe keineswegs gemurrt; hatte ich doch den Him- 
mel auf Erden! 

Diesen Winter ging ich mehrmals auf die Masken- 
redoute. Es war dies für mich ein viel prickelnderes Ver- 
gnügen, als der Tanz: unter der Maske konnte ich mich 
ganz meiner Freude, meiner unschuldigen Koketterie 
— einer Angriffsart, die man mich zu benützen gelehrt 
hatte — hingeben. Die Redouten waren damals in der 
Mode und wurden vom Volke und der besseren Gesell- 
schaft besucht. Ersteres hielt sich aber reserviert und 
gab sich dem Tanzvergnügen ohne Übertreibung hin. 
Der Adel hebte es, zuzusehen, wie die Leute bei den 
Menuetten ihre komischen Tanzkünste zeigten oder wie 
Schneidergesellen und Korbmacher sich im Ausrut- 
schen und Geben von Rippenstößen, maskierten Kam- 
merjungfern gegenüber, die sie für Komtessen hielten, 
auszeichneten. Die bessere Gesellschaft tanzte nicht, 
aber die Menuette des Volkes gaben den Masken die 
beste Gelegenheit, sich in der Menge zu verlieren, wo- 
durch die Möghchkeit zu Intriguen ungleich mannig- 
facher und pikanter wurde. Die Kaiserin fehlte bei 
keiner Redoute; sie besuchte sie, maskiert bis „zu den 
Zähnen", und machte sich ein Vergnügen daraus, Leute 
niederen Standes zu haranguieren. Manchmal tanzte 
sie sogar ein Menuett mit irgendeinem Artisten oder 
hübschen Sänger. Dann verschwand sie durch die Gänge 
der Burg, fest davon überzeugt, von niemandem er- 
kannt worden zu sein, trotzdem ein Mannequin mit der 
Pohzeikokarde sich immer zehn Schritte von ihr ent- 
fernt hielt. Auch die Erzherzöge und selbst der Kaiser 



14 M. L. I 



209 



liebten dieses Vergnügen sehr, wo sie von den Damen 
der Gesellschaft und von anderen geneckt wurden. 
Doch glaube ich, daß die Folgen eines Maskenballes für 
sie selten einen pikanten Beigeschmack hatten. Der Erz- 
herzog Karl war der einzige unter den Prinzen, der 
liebenswürdig, die Manieren der großen Welt zeigte. 
Er fühlte sich in der Gesellschaft des Adels wohl, aber 
die Etikette und noch mehr die Eifersucht des Kaisers 
zwangen ihn, nur in der Kamarilla zu leben. Immer 
von den liebenswürdigsten Masken umgeben, gab es 
viele Mütter und noch mehr Frauen, die meine Be- 
geisterung für ihn teilten und trachteten, sich seiner zu 
bemächtigen, allerdings mit weniger unschuldigen Ab- 
sichten, als es die meinen waren. 

Mein Tagebuch vom 31. März 1807 erzählt darüber, 
wie folgt: 

„Wie hübsch war doch die Redoute und wie habe ich 
mich gut unterhalten; ich werde noch lange daran den- 
ken. Wir speisten beiLuise^), der Tochter des Ministers 
Kolowrat, ich. Josephine und Mere-tout; wir machten 
dort Toilette und betraten um Mitternacht den Re- 
doutensaal. Anfangs starb ich vor Angst, es war erst das 
zweitemal, daß ich ein derartiges Fest mitmachte. Bei 
der ersten Redoute zitterte ich, wie wenn ich in eine 
Gesellschaft von Räubern geraten wäre und floh nach 
einer Stunde nach Hause, ohne mit jemandem ge- 
sprochen zu haben. Aber gestern war es ganz anders. 
Mein Hauptschlager war, den Erzherzog Karl anzu- 
sprechen. Er war wirklich sehr liebenswürdig und wir 

i) Maria Luise (Aloisia), geb. 18. i. 1780, gest. 17. 12. 1823, T. d. 
k. k. Staatsministers, Km., Ritter d. gold. Vließes Leopold Graf 
Kolowrat (1727 — 1800) und Maria Ther. Prinzessin Khevenhüller 
(1741 — 1805), heiratete 1810 Josef Franz Grafen Herberstein-Moltke, 
Hofkammerpräsident, geb. 13. 11. 1757, gest. 31. 3. 1816. 

210 




M A KI t: t TT t: r t: s e 



^ 



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' ^ / ) 






Kaiserin Marie Theresia, t 1807 



Nach einem Stich nach Kreuzing:er, von Pfeiffer gestochen, 
in der k. u. k. Familien-Fideikommißbibliothek 



nicht minder. Ohne uns loben zu wollen, glaube ich, 
daß wir nicht wenig dazu beigetragen haben, ihm die 
Redoute interessant zu machen. Wir waren ständig von 
einer Menge Herren umgeben, was mich sehr unterhielt, 
um so mehr, als man uns nicht erkannte. Was meinem 
Inkognito sehr nützte, war, daß ich auch Leute ansprach, 
die ich nur dem Namen nach kannte. Unsere also Ver- 
trauten waren der Graf Strassoldo'^), den ich zum ersten 
Male sah, Christel Cavriani^), Herrn von Z^'ön/^), Herr 
Smittmer^), der Prinz Phihpp von Hessen^), der Graf 
Stadion^), Jerome Colloredo') usw. Ich spreche nur von 

i) Graf Julius Josef SfraiioWo (1773 — 1830), bis 1818 Polizeidirektor 
in Mailand, dann Reg.-Präs. der Lombardei. 

2) Bruder der Baldine Paar, voll toller Heiterkeit und sehr hübsch 
der ,,coqueluche des jolies femmes", hieß Christof Graf Cavriani 
1780 — 1857, k. k. Km. u. Major a. D., heiratete 181 1 Elis. Cavriani. 

3) Marquis d'Ivaui, ein junger Schweizer, der meiner Schwester 
Josephine den Hof machte. (Notizen d. Verf.) Vielleich,; am d r 
Neuchäteler Familie d'Ivernois.' 

4) Herr Smittmer: ,,Ich habe nie einen jungen Mann von einer sobe- 
zaubernden Schönheit gesehen und der würdiger gewesen wäre, in 
einem Roman zu figurieren. Er war bürgerlich." (Notiz d. Verf.): 
Die Smittmer waren eine alte Wiener Patrizierfamilie, die 1719 u. 
1740 geadelt u. in einer Linie 1740 gerittert wurden. Jakob Edler 
von S. besaß um 1800 die Wechselstube Gebrüder v. S. am Haar- 
markte 753. Dieser wird der Vater des obigen Franz Smittmer ge- 
wesen sein. 

5) Philipp Landgraf v. Hessen-Homburg, geb. 1779, gest. 1846, diente 
im österr. Heere als F. M., heiratete 1838 morganatisch Antonie 
Pototschnigg, verw. Baronin Schimmelpfennig, die 1838 zur Gräfin 
V. Naumburg erhoben wurde. 

6) Johann Philipp Graf Stadion (1763 — 1824), bis 1809 Minister des 
Auswärtigen (sein Nachfolger war Metternich), 1 8 1 5 Finanzminister, 
heiratete 1796 Maria Anna Gräfin Stadion-Thannhausen (1775 bis 
1841). Die Verfasserin sagt über ihn: ,,Ein Mann von Geist und 
tadellosen Sitten, hatte aber mehr Erfolg bei Damen, als in Ge- 
schäften." 

7) Colloredo, ein Ritter ohne Furcht, aber mit Tadel. (Notiz d. 
Verf.) Hieronym. C. (1775 — 1822) F. Z. ^L heiratete 1801 Wilh. 
Gräfin Waldstein, geb. 1775. 

. * 211 



denjenigen, die die erste Rolle spielten und dann ver- 
gaß ich noch auf Hansi Weißenwoljf^), der mich für die 
Frau eines Kriegskommissärs hielt, mit der sein Bruder 
Paul ein Verhältnis hatte. Er machte mir tausend Er- 
klärungen und erzählte allerlei Anekdoten von seinem 
Bruder. „InTroyes, wo mein Bruder gefangengehalten 
wurde, war es ja, wo Sie seine Bekanntschaft machten ?" 
Natürlich, erwiderte ich, waren wir in Troyes," — „Sie 
werden mir doch nicht weismachen wollen, daß Sie nie 
mit ihm allein waren, " Und dann erzählte er mir von den 
vergangenen Zeiten, von denen ich keine Ahnung hatte. 
Er hätte mir die ganze Chronik seines Bruders und seine 
eigene erzählt, wenn ich zugehört hätte. Wie unterhielt 
mich auch die Konversation Smittmers. Es wird wohl 
das erste- und letztemal sein. Er ist wirklich charmant, 
spricht französisch mit dem reinsten Akzent und der 
lieblichsten Stimme, ist ungeheuer liebenswürdig, sein 
Gesicht ist sehr interessant, die Augen prachtvoll, die 
Statur, wie gedrechselt. Ich muß gestehen, daß nur ein 
so unüberlegtes, so unverwundbar scheinendes Mädchen, 
wie ich es war, mit einem so bevorzugten und bezau- 
bernden Wesen reden konnte, ohne davon beeinflußt zu 
werden. Er hatte mich erkannt, trotzdem ich kein Wort 
mit ihm gesprochen, und lange Zeit danach war ich im 
Prater Gegenstand seiner scharfen und stummen Blicke. 
Ein altes Fräulein meiner und seiner Bekanntschaft 
hatte mir von seiner Bewunderung für mich erzählt. 
Durch sie erfuhr ich auch seine oder vielmehr seiner 
Mutter Geschichte, die ihm einen etwas orientahschen 
Anstrich gab. Seine Mutter war die Tochter des öster- 
reichischen Konsuls in Konstantinopel, wo sie bei ihm 
wohnte. Eines Tages wollte dieser, ebenso, wie der rus- 
i) Von ihm später. 



212 



sische Gesandte mit ihren Familien eine Moschee be- 
suchen. Anstatt sich dort ruhig zu verhalten, kokettierte 
die Tochter des Konsuls und die Frau des Gesandten 
mit einem jungen Mohamedaner nach europäischer 
Art; dieser antwortete aber auf türkische Art. Beim 
Verlassen der Moschee wurden sie nämlich geraubt und 
in ein Serail gebracht. Der russische Gesandte ließ es 
sich eine schöne Summe kosten und bekam seine Frau 
noch denselben Tag zurück. Der Konsul dagegen war 
nicht so reich und mußte den langen Justizweg betreten, 
so daß ihm seine Tochter erst am 3. Tage zurückge- 
geben wurde. Bald darauf verließ der Konsul die Stadt 
und verheiratete, so rasch als möglich, seine Tochter an 
den Bankier Smittmer. — Diese Anekdote veranlaßte 
mich, den jungen Herrn Smittmer nur mehr Ah zu 
nennen. Meine Beharrlichkeit diesem Herrn gegenüber 
trug mir aber eine sehr empfindliche Demütigung zu. 
Am I. April, dem Tage nach der Redoute, waren wir 
alle in unserem Zimmer, als man mir ein Billet brachte. 
Ich öffnete es: „Masque charmant!" fing der Brief an. 
Ich errötete, lief unter irgendeinem Vorwand hinaus 
und las draußen weiter. Das Billet war natürhch von 
meinem Verehrer, dessen glühende Liebe zwischen den 
Zeilen zu lesen war. Er bat mich, mein Versprechen 
halten und eine Blume an dem heutigen Tage im Prater 
tragen zu wollen, die er mir auf der Redoute angeboten 
und die ich angenommen hatte. Es war mit F. S. sig- 
niert. Zuerst wollte ich mich ärgern, größer jedoch war 
meine Lust, gleich in den Prater zu gehen. Vorsichtiger- 
weise zog ich aber Titine ins Vertrauen und zu meinem 
größten Erstaunen war sie gleich damit einverstanden. 
In größter Aufregung ging ich am Arme Titines auf den 
Bastionen herum und wagte kaum, die Augen zu er- 

213 



heben, aus Furcht, denen des gefährlichen Verführers 
zu begegnen. Leider war er nicht anwesend, und etwas 
enttäuscht traten wir endlich den Heimweg an. Dort 
angelangt wurde ich mit ,,Hahas" und dem Rufe 
„Poisson d' avril" empfangen. Das ganze war ein aus- 
gemachter Streich Titines. Ich mußte gute Miene zum 
bösen Spiele machen, obwohl ich innerlich vor Wut 
platzte und mir zuschwur, mich nicht mehr erwischen 
zu lassen. Zum Tröste hörte ich jedoch am gleichen 
Tage, daß der Erzherzog Karl nicht aufgehört habe, 
von einer Maske zu sprechen, die ihm auf der Redoute 
den Kopf ganz verdreht habe. Infolge dieser Staats- 
neuigkeit vergaß man auf das dumme Billet. 

Den 19. starb die Kaiserin Therese von Neapel im 
Wochenbett nach heftigen und langen Leiden. Sie hatte 
eine große Anzahl Kinder, von denen mehrere abnormal 
wurden. Einen Tag vor ihrem Tode behauptete man, die 
„weiße Frau" gesehen zu haben, die der Sage nach vor 
dem Tode von Mitgliedern der kaiserlichen Familie 
immer erschien. Ein viel sicherer Vorbote war übrigens 
die Angst, die sie vor ihrer Entbindung empfand. Die 
Obersthofmeisterin Gräfin Wraüslaw wollte ihr Mut 
zusprechen, indem sie auf ihre z.ehn bis zwölf Entbin- 
dungen hinwies. „Ach, erwiderte die Kaiserin, der Krug 
geht eben so lange zum Brunnen. . ." — 5,Ah," erwiderte 
die Gräfin sofort, „mais Votre Majeste est une si bonne 
cruche.'''' Maria Therese starb, vom Volke trotz ihrer 
großen Wohltätigkeit nur wenig bedauert. Der Kaiser 
beweinte sie ebenso, wie er alle seine Frauen betrauerte. 
Gelegentlich des Todes der Kaiserin frischte man Prophe- 
zeiungen auf, die ihr und dem Kaiser gemacht worden 
waren, u. a. daß sie im Wochenbette sterben werde, daß 
er drei Frauen haben und dreißig Jahre regieren werde. 

214 



Bei ihr ist es zugetroffen, Franz I. aber heiratete vier- 
mal und regierte 46 Jahre. 

Ende April waren wir wieder, wie alle Jahre, in unser 
friedliches Schwertberg zum Sommeraufenthalte ge- 
zogen. Im Mai kam dann endlich der langersehnte for- 
melle Antrag von Goess in Form eines Schreibens von 
dreizehn Seiten auf Velinpapier, worin er alle seine ver- 
gangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Sünden be- 
kannte. Seine Achtung für seine Cousine sei grenzenlos 
usw., aber kein Wort von Liebe oder auch nur ein Lob 
über die körperlichen und geistigen Vorzüge seiner Aus- 
erwählten. Er erhielt auf seinen ziemlich verworrenen 
Brief eine günstige und klare Antwort. Zur Steuer der 
Wahrheit muß ich hier anfügen, daß Graf Goess, ob- 
wohl heute der Beste aller Gatten, damals keineswegs 
der verführerischeste Liebhaber war. Zu dem steifen 
Gehaben eines Provinzlers, der vorgebeugten Haltung, 
wie ich sie nirgends noch gesehen, gesellte sich eine 
Schwerfälhgkeit in der Konversation, eine Befangenheit, 
Langweiligkeit und LImständlichkeit in seiner Aus- 
drucksweise, die ihn wirklich lächerlich machten. Unter 
diesen Umständen ist es wohl erklärlich, daß meine 
Schwester ihren Vetter nur schätzen, aber nicht lieben 
konnte. Es war für sie ein schwerer Entschluß und 
trotzdem schwankte sie nicht, den Mann zu heiraten, 
den man ihr vorgestellt, aber nicht aufgenötigt hatte. 
Wie ist doch das Schicksal des adeligen Mädchen in 
Österreich bedauernswert; es handelt sich ihm, zwi- 
schen dem Ersten auszuwählen, der sich ihm anbietet, 
und dem Verlassensein, der Einsamkeit, vielleicht dem 
Elend. Und wenn dieser Erste oder auch Zweite ein 
ehrlicher Mann ist, wenn sein Charakter und Vorleben 
genügende Garantien für eine ruhige Ehe bieten, so legt 

215 



ein frommes Mädchen aus guter Familie zu Füßen des 
Kruzifixes das Opfer seiner Hoffnungen nieder und 
sucht in der Erfüllung seiner Pflichten die Entschä- 
digung für sein verlorenes Glück. Andere Fräuleins aus 
weniger guten Familien sehen allerdings in der Zukunft 
ein Mittel, sich anderweitig zu entschädigen; Beweis 
hierfür bilden mehrere junge Frauen, deren Schönheit 
die Wiener Salons ziert. 

Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß mir we- 
niger das zukünftige Glück meiner Schwester, als das 
meine dabei am Herzen lag. Mußte ich doch befürch- 
ten, daß ich nun die Stelle Isabellens bei meinem Vater 
einnehmen und einen Teil meiner Freiheit einbüßen 
würde. 

Meine Tante Therese kam, wie sie es versprochen 
hatte, zu uns, aber ohne die Cousine Minerl, die durch 
die Ankunft einer ihrer Schwestern in Wien zurückge- 
halten wurde. Ihre lustigen Briefe mußten mich einiger- 
maßen über ihre Abw'esenheit trösten. Sie fütterte uns 
mit Wiener Anekdoten, von denen ich eine heitere hier 
erzählen will. Der junge Prinz Alfred Windisch-Grätz, 
der spätere FeldmarschaU, machte der Fürstin Pauline 
von Hohenzollern'^), geborene Herzogin von Qurland und 
Sagan, einer sehr koketten, hübschen Frau, den Hof. 
Als er eines Tages in trautem Tete-ä tete bei ihr weilte, 
sah er an ihrem Finger einen großen Ring, der seinen 

i) Pauline (1782 — 1845), Tochter des letzten 1800 gestorbenen Her- 
zogs Peter V. Curland u. Sagan, heiratete 1800 den Fürsten Frie- 
drich von'Hohenzollern-Hechingen (1776 — 1838). — Nostiz be- 
hauptet in seinem „Aus Nostiz' Leben", Dresden 1848, S. I45f, daß 
Windisch-Graetz „Herzens- u. Liebesgetrauter" ihrer Schwester 
Dorothea Herzogin v. Curland, später vermählten Herzogin v. 
Talleyrand-Perigord gewesen sei. Diese Liaison war aber anscheinend 
später. (Vgl. De la Garde's Denkwürdigkeiten, München 1912, I, 

s. 75.) 

216 



Verdacht wachrief. Zu seiner Beruhigung verlangte er 
von ihr, diesen Schmuck ihm zu opfern, was sie ver- 
weigerte. Er bittet, er beschwört sie, alles ist vergebens. 
In seiner Verzweiflung reist er ihr den Ring vom Finger 
herab. Sie will ihn wieder bekommen und in der Hitze 
des Gefechtes nimmt er den Ring zwischen die Zähne, 
der ihm dabei aber in den Schlund geratet. Windisch- 
Grätz wird blau im Gesicht und jede Bewegung bringt 
ihn in Erstickungsgefahr. Während mehrerer Stunden 
steht er Todesangst aus, während sich die Fürstin nicht 
um seine Leiden, sondern nur um die Wiedergewinnung 
ihres Ringes sorgt. Man bringt den Prinzen in seine 
Wohnung, wo ihm die Natur hilft; der Ring passiert die 
Kehle und am nächsten Morgen konnte ihn Windisch- 
Grätz der grausamen Geliebten zurückgeben, welche 
ihn trotz seiner abenteuerlichen Reise ruhig an den 
Finger steckte. 

Anfangs Mai reisten meine Eltern mit Titine und 
Isabelle nach Wien, um das Trousseau einzukaufen. 
Leider trafen gerade damals in Schwertberg der Graf 
Theodor Latour'^) und ein anderer Generalstabsoffizier 
ein, die dienstlich einige Tage hier verweilen mußten. 
Da sie sich im Schlosse annonziert hatten, so mußte man 
sie nach den Verfügungen meines Vaters auch für die 
ganze Zeit ihres Aufenthaltes zu den Mahlzeiten ein- 
laden. Wäre es möghch gewesen, mit Latour eine ruhige 
Konversation zu führen, so wäre ja alles gut gewesen, 
aber seine Pedanterie und Selbstüberhebung verbannten 
jede Gemütlichkeit. Ich schreibe über ihn: „Latour ist 
niemals verlegen, aber er verbreitet keine Gemütlichkeit 

i) Theodor Graf Baillet de Latour^ 1780 — 1848, österreichischer 
Finanz- und Kriegsminister, 1848 von den Revolutionären in Wien 
getötet, heiratete Sofie Gräfin Bourcier, geb. 1796. 

217 



er hat Verstand, verdirbt ihn aber durch die Geziertheit 
und Gesuchtheit seiner Worte. Er würde gut sprechen, 
wenn er nicht immer besser sprechen wollte. Zu seinem 
Vorbild hat er sich den Grafen Johann O^Donell ge- 
nommen, der wieder nur eine Kopie des Fürsten von 
Ligne war, ohne zu bedenken, daß er um 20 Jahre jün- 
ger ist. Wie er, so will er alle Fragen entscheiden und 
macht viele Worte, unbekümmert, ob man ihm zuhört. 
Wenn ihn jemand unterbricht, so erklärt er sofort ganz 
offen, daß das, was er sagte, nicht wahr sei. Kurz, trotz 
aller Talente, ein Hebenswürdiger Mann zu sein, ist es 
Latour nicht, und nun langweilt er uns schon 4 Tage 
zu Tode. 

Um mich für diese Langeweile zu rächen, versuchte 
ich ihm eine kleine Lektion zu geben. Bei einer Kontro- 
verse über die Liebenswürdigkeit, die er heraufbeschwo- 
ren, nahm ich das Wort, um eine Parallele zwischen den 
Ansprüchen zu ziehen, die man an den Verstand stellt 
und einem anspruchslosen Verstand. Die Wage neigte 
ich zu letzterem. Ich weiß nicht, ob er in der Antithese 
einige ihm verwandte Züge fand, jedenfalls zeigte er am 
nächsten Tage viel mehr NatürHchkeit in seinen Ma- 
nieren und im Gespräche. Diese Bekehrung, die meine 
Tante dem Bestreben Latours zuschrieb, mir zu ge- 
fallen, verhinderte uns nichtsdestoweniger nicht, bei 
seiner Abreise große Freude zu empfinden. 

Die Ankunft meiner Eltern und Schwestern brachte 
wieder Leben in das Schloß. Sie brachten eine Unmasse 
Pakete mit Einkäufen. Papa und Mama haben der Braut 
eine sehr schöne Garnitur Goldketten gegeben; ColHer, 
Ohrringe, Kamm, Diadem, nichts ist vergessen worden 
und alles ist vom besten Geschmacke. Uns versprach 
man schöne Kleider, die aber noch beim Schneider sind. 

2;i8 



Die ersten, die uns besuchten, um den Eltern zur 
Verlobung ihrer Tochter zu gratulieren, waren Graf 
und Gräfin Michael Althann, von denen ich schon 
früher (Seite loi) gesprochen habe. Beide waren sehr 
liebenswürdig, der Graf zudem sehr schön. Nie habe ich 
sanftere Augen gesehen, als die der Gräfin. Dann kamen 
die Menagen Del Hoste und Scheldon, die ich auch 
(Seite 88 ff.) nach ihren Eigentümlichkeiten bereits be- 
schrieben habe. Latour hatte uns außerdem mehrere 
Generalstabsoffiziere vorgestellt, die wegen militärischer 
Befestigungsarbeiten^) zeitweise nach Schwertberg ka- 
men. Es waren Leute aus guter Familie. Besonders ein 
Major von Babel^), ein Hannoveraner, besaß sehr gute 
Umgangsformen, welche durch die Anmut seiner 
Stimme noch gehoben wurden. Er hatte das ,, Glück", 
uns zu gefallen, nämlich Konstantine und mir, doch 
muß ich gestehen, daß erstere den Sieg davontrug, was 
mich ein wenig wurmte. Babel hatte einen Teil des 
italienischen Krieges, zugeteilt der Person des Groß- 
fürsten Konstantin von Rußland^), mitgemacht, urteilte 
aber lange nicht so strenge über die Fehler dieses ver- 
rufenen Prinzen. Er schilderte ihn allerdings als einen 
brutalen, rohen, launischen und halbverrückten Men- 

i) Gemeint sind die damals aufgeführten Befestigungen bei Maut- 
hausen a. d. Donau, Enns gegenüber. 

2) Ein „Major v. Babel" war 1842 hzgl. koburgischer Major u. Rit- 
ter des Ost. Leopoldsordens. Vielleicht stammt obiger aus der 1793 
geadelten galiz. Familie Babel von Fronsberg. 

3) Konstantin Pawlowitsch, Großfürst von Rußland, Sohn Kaiser 
Paul I (1779 — 1831)? russ. Generalissimus, zeichnete sich bei Au- 
sterlitz 1805 aus. Er war bekannt als Soldatenschinder und starb an 
der Cholera in Witebsk. Wegen seiner an Verwegenheit grenzenden 
Tapferkeit, wovon er bei Austerlitz an der Spitze der Garden Proben 
ablegte, aber auch wegen seines heftigen Temperamentes war er 
berühmt. Seit 1796 war er *mit Juliane Prinzessin von Sachsen- Co- 
burg vermählt, die Ihm aber davonlief. 

219 



sehen, der aber einen lebhaften und vielseitigen Ver- 
stand und ein gutes, empfängliches Gemüt besäße. 
Seine Umgebung dagegen schien es darauf abgesehen 
zu haben, den Großfürsten zu verderben. „Es ist un- 
möghch," sagte uns der Major, „verruchtere Leute zu 
finden, als an seinem Hofe; ihre schlechten Ratschläge 
und Schmeicheleien hätten auch einen vollendeteren 
Charakter verdorben, als den des Großfürsten. Ich will 
eine Anekdote erzählen, die beweist, daß er, in besseren 
Händen, einen ausgezeichneten Ruf genossen haben 
würde. Kosaken hatten zwei angebliche italienische 
Spione ins Hauptquartier gebracht. Ohne irgendeinen 
Prozeß verurteilte sie Konstantin zum Galgen und seine 
Höflinge zollten ihm Beifall. Nur einer benachrichtigte 
mich, daß die Gefangenen unschuldig seien und ich 
meinen Einfluß aufbieten wolle, sie zu retten. Ich setzte 
mich aufs Pferd, und als ich im Galopp ankam, war das 
Karre schon formiert und der Großfürst wollte gerade 
das Zeichen zur Exekution geben, als er mich erbhckte. 
Sofort spricht er mich an: „Wir haben einen guten 
Fang gemacht, zwei Spione, die ich jetzt hängen lasse." 
„Hoheit," erwiderte ich, „haben vollkommen recht, 
solche Leute sind der Krebsschaden einer Armee. Sie 
haben wohl schon den Prozeß gemacht ?" — „Nein, es 
ist auch nicht nötig, meine Kosaken versichern mir, daß 
es Spione sind." — „Ach, ich zweifle gewiß nicht daran, 
aber Hoheit sollten doch ihr Verbrechen beweisen, um 
jeder üblen Nachrede die Spitze abzubrechen." — 
„Das ist richtig, ich dachte nicht daran. Der Prozeß 
muß stattfinden, aber rasch." — Man untersuchte, die 
Unschuld der Italiener kam klar zutage. Da man ihre 
Hütten verbrannt hatte, waren sie in ihrer Todesangst 
auf den Feldern herumgeirrt, wo sie aufgegriffen wur- 

220 



den. Als die Untersuchung beendet war, ließ sie der 
Großfürst sofort in Freiheit setzen und gab jedem als 
Entschädigung zwölf Dukaten. Nach einigen Stunden 
kamen sie aber zurück, warfen sich mir zu Füßen und er- 
zählten, daß ihnen die Kosaken auf dem Wege zu ihren 
Familien das ganze Geld wieder abgenommen. Ich 
suchte sofort den Großfürsten auf und berichtete ihm 
diese Tatsache, wobei ich beisetzte: „So täuscht man 
die Großmut Eurer Hoheit, ohne ihr auch nur die Ehre 
zu lassen." Der Prinz ließ den Kosakenhäuptling kom- 
men und befahl ihm, innerhalb einer Stunde die Schul- 
digen vorzuführen, widrigenfalls er selbst zu Tode ge- 
peitscht werden würde. Die Zeit war noch nicht vor- 
über, als die Kosaken nicht nur die vierundzwanzig 
Dukaten, sondern auf Befehl noch einmal die gleiche 
Summe zurückgestellt hatten. Außerdem bekamen die 
Diebe noch einige Hundert Stockstreiche. Man kann 
sich das Erstaunen der guten Italiener vorstellen; sie 
ergriffen sofort mit ihrer Beute das Hasenpanier." 

Minerl Hager und ihr Bruder kamen zu dieser Zeit 
auch zu Besuch, doch hatten wir unter der Eifersucht 
der ersteren viel zu leiden. Sie mißgönnte Konstantine 
den guten Major Babel und machte uns allen die pein- 
lichsten Szenen, die den Major schließlich beleidigten. 

Durch unsere Abreise nach Weinberg'^) entgingen wir 
weiteren Repressalien. Dieses in einer viel wilderen 
Gegend gelegene Schloß bietet nicht dieselbe Anmut, 
•wie Schwertberg. Vom Gipfel eines bewaldeten Berges 

i) Schloß Weinberg, nächst des Marktes Kefermarkt in Ob-Österr., 
urkundlich bereits anfangs 14. Jhrds. erscheinend, von 1362 — 1629 
im Besitze der Herren v. Ze'king, seither der Grafen v. Thürheim. 
Die obige Verteidigung dürfte sich auf die sogen. „Hagerschen 
Knechte" beziehen, die unter ihrem Oberst Sebastian Günther 
von Hager-Allentsteig 1610 in dieser Gegend ihr Unwesen trieben. 

221 



in seiner ganzen Majestät herabblickend, beherrscht es 
ein Land, dessen düstere Tannenwälder und spärlich ge- 
säeten Bewohner, ebenso, wie die Ritterburg selbst, an 
das graue, strenge Mittelalter erinnern. Ein smaragd- 
grünes, von einem munteren Bächlein durchzogenes Tal 
unterbricht allerdings den Ernst der Landschaft. Das 
Schloß selbst hat trotz seiner Zugbrücken und Wart- 
türmen, trotz seines Arsenals, in dem man looo Mann 
ausrüsten könnte, nichts Melancholisches. Seine Terras- 
sen, seine Gärten mit ihren mannigfachen Blumen 
tragen eher dazu bei, heiter zu stimmen. Es war aber 
nicht immer ;o, wenigstens den zahlreichen Schrammen 
nach zu urteilen, mit denen das letzte Tor geradezu be- 
säet ist und die nur von Picken und Morgensternen her- 
rühren können. Es ist ein Skandal, die Chronik dieser 
glorreichen Verteidigung nicht zu kennen, denn das Tor 
blieb den Angreifern verschlossen. Sei es, daß die Eifer- 
sucht der Besitzer dieses interessante Dokument im 
Archiv vergraben hat, sei es, daß es von den Freiherrn 
von Zdking, die Weinberg in den Religionswirren ver- 
lassen mußten, mitgenommen wurde, sei es endlich, 
daß es überhaupt nie existierte, kurz, die Geschichte 
dieser denkwürdigen Belagerung hat sich sogar in der 
Überlieferung nicht erhalten, nur die materiellen Spu- 
ren sind Zeugen, die die Erinnerung an dieses Ereignis 
überdauern. 

Während meine Eltern auf einige Tage in Schwert- 
berg waren, bekam meine Tante plötzlich Lust, in das 
sogenannte „Bründl"^) mit Josefine und mir zu ziehen, 
wo ein kleines Jägerhaus und eine Kapelle ganz einsam 
mitten im Walde standen. Daneben entsprang eine 

i) Eine angeblich heilkräftige Quelle bei St. Oswald, nächst Frei- 
stadt, Ob.-Österr. 

222 



Quelle, deren Wasser als heilkräftig gegen Rheumatis- 
mus genannt wurde. Meine Tante wohnte dort in einer 
Kammer, ,,grande comme une assiette", die auch unser 
gemeinsames Speisezimmer war, wir hausten in einem 
etwas geräumigeren Zimmer. Babette, die Köchin und 
ein Lakai bildeten unsere einzige Bedienung. Tante 
nahm die Bäder früh morgens und jeden Abend in der 
Quelle, die gerade unter dem Maricnaltar entspringt. 
Das Wasser ist aber so klar, daß die Arzte niemals irgend- 
einen Mineralzusatz gefunden haben; dennoch ist das 
Vertrauen der Landesbewohner in dessen Heilkräftigkeit 
sehr groß. Ich meinerseits glaube viel eher, daß diese 
kalte Quelle geeignet sein kann, Rheumatismus zu er- 
zeugen, als zu heilen. Wie dem auch sei, ich erinnere 
mich noch heute mit Entzücken dieses romantischen, 
achttägigen Aufenthaltes, wo wir wie Einsiedler lebten. 
Im Sommer 1807 verunglückte der dritte Sohn des 
Grafen Chotek. Wenzel^) war weitaus der lebhafteste un- 
ter seinen Geschwistern; gescheidt, in seiner Ulanenuni- 
form bildhübsch, noch dazu Adjutant des Fürsten Jo- 
hann Liechunstein, gehörte er zu den ersten Salonlöwen 
in Wien und Prag. Seine fromme Mutter freute sich 
über diese Erfolge gar nicht, da sie für ihren Sohn nicht 
ohne Gefahr waren. Die schönsten Frauen rissen sich 
förmlich um ihn und suchten ihn mit allen Mitteln zu 
fesseln. Eine Gräfin Szdp'dry in Prag, als sehr kokett be- 
kannt, vermochte ihn längere Zeit hindurch anzu- 
fangen. Eines Tages kehrte er in seiner Kalesche von 
seiner Maitresse zu seinen Eltern zurück, die ihn zum 
Diner erwarteten. Kanonenschüsse einer in der Nähe 
schießenden Artillerieabteilung erschreckten die Pferde; 

i) Franz Wenzel Graf Chotek, Sohn der Grätin Chotek-Clary, geb. 
1778, gest. 1807. 

223 



sie gingen durch, warfen den Wagen um und schleiften 
den armen Wenzi Chotek, der die Zügel nicht loslassen 
wollte, auf der Straße dahin, wie weiland Hippolit. Sein 
verstümmelter Körper wurde gerade in dem Augenblick 
in das Schloß gebracht, als die Eltern, des Wartens müde, 
das Diner anzurichten befohlen hatten. Der Tod ihres 
Lieblingsbruders war für Therese Chotek allerdings ein 
harter Schlag, aber doch nur das Vorspiel des Verlustes 
von fünf Brüdern, die alle eines vorzeitigen Todes starben. 
Der Herbst brachte meinem Vater eine Reihe ärger- 
licher Unannehmlichkeiten. Zuerst den Verlust von 
fast 300 000 fl. infolge des unglücklichen Verkaufes von 
Chotovin, dann den Aufschub der Heirat Isabellas, da 
einerseits Goeß^) infolge der Anwesenheit des Kaisers in 
Graz nicht rechtzeitig nachSchwertberg kommen konnte, 
andererseits meine Schwester krank wurde, und, als diese 
Hindernisse endlich beseitigt waren, stellte es sich heraus, 
daß Goess sein Vermögen bedeutend überschätzt hatte. 
Mein Vater war schon entschlossen, diese Heirat ganz zu 
lösen, da aber Isabella nicht mehr zurückzutreten wünsch- 
te, so fand die Vermählung endlich doch am 27. Oktober 
1807 in der Schwertberger Schloßkapelle statt. 

i) Johann Peter Graf Co'eß., geb. Florenz 8. Februar 1774, gest. 
Wien II Juli 1846, 1797 Kreiskommissär, 1798 Kämmerer, 1800 
Oberlandeskommissär bei dem Korps Conde, 1802 selbständiger 
Hofkommissär in Dalmatien, wo er sich bei Bekämpfung der dor- 
tigen Hungersnot große Verdienste erwarb, 1804 Landespräs, in 
Kärnten, 1808 Gouverneur in Triest. Im Kriege 1809 General- 
intendant für Tirol u. Italien, wo er gefangen wurde, 1810 — 15 
Statthalter von Galizien, 1815 — 19 von Venedig, dann Hofkanz- 
ler d, lomb.-venez. Hofkanzlei in Wien, 1823 erster Hofkanzler u. 
Studien-Hofkommissions-Präsident, 1824 Obersthofm., des Erzhz. 
Franz Karl, 1825 niederösterr. Landesmarschall, 1830 Ritter d, 
gold. Vließes, 1834 Hofmarschall, 1843 Stellvertr. des i. Oberst- 
hofm. Er war wegen seiner Ehrenhaftigkeit u. Verdienste hochge- 
schätzt. (Wurzbach, Bd. 5, S. 295.) 

224 




Hofmarschall Peter Graf Goess (1774 — 1846) 



Nach einer Lithographie von Kriehuber 
im Besitze der Familie des Herausgebers 



Es war die erste Trauung^), der ich beiwohnte. Als 
Hochzeitsgäste wohnten bei uns: Gräfin Thürheim- 
Gaisruck, ihr Bruder der Bischof Graf Gaisruck, Graf 
und Gräfin Michael Althann, Herr Del Hoste mit Frau, 
Karl Graf Goess, der Bruder des Bräutigams und einige 
Pfarrer der Umgebung. Um zehn Uhr war die Trauung, 
bei der Isabella viel weinte, dann hielt man eine Stunde 
Cercle, worauf ein pompöses Diner serviert wurde. 
Abends wurden zwei Komödien aufgeführt, wobei ich 
für die erkrankte Gräfin Althann einspringen mußte. 
Ich gab Henry V. im Männerkostüm. Die Stücke ernte- 
ten allgemeinen Applaus. Darauf sah man sich die Illu- 
mination des Schlosses und Gartens an. Beim Souper 
zogen sich die Neuvermählten zurück, aber erst vier- 
zehn Tage nach dem Hochzeitstage reisten sie nach 
Steiermark ab. Die Eltern begleiteten sie bis über die 
Enns. Isabella zeigte sich dabei tapfer, nur beim end- 
giltigen Abschiede zerfloß sie in Tränen. Wir alle fühl- 
ten die Lücke, die die gute Isabella hinterUeß, und ich 
hätte nie geglaubt, daß meinem Vater das Fehlen seiner 
Tochter so nahegegangen wäre. Der Kummer Papas 
betrübte mich auch von Herzen; ich wußte erst damals, 
wie sehr ich ihn eigentUch liebte. 

Am 17. November reisten wir wieder nach Wien, 

mein Vater aber auf drei Wochen nach Graz, um seine 

so schwer vermißte Tochter zu sehen. Dieser Winter 

stand im Zeichen der V ermählung Kaiser Franz mit der 

Erzherzogin Louise von Este, Tochter der Erzherzogin 

Beatrix. Sie war reizend und sehr liebenswürdig. In der 

i) Im Heiratskontrakt ddo. Schwertberg 27. Oktober 1807 sind außer 
den Brautleuten und den Eltern der Braut unterschrieben: Franz 
Graf Säur au, Cajetan Graf Gaisruck, Weihbischof u. Kapitular zu 
Passau, Job. Karl Graf Goeß, Job. Gabriel Marquis Chasteler, k. k. 
F. M. Lt. u. Max Graf Altbann, k. k. Km. 



15 M. L. I 



225 



Verborgenheit, die ihren Grund in dem Verluste von 
Mailand hatte, aufgewachsen, konnte es sich die junge 
Prinzessin gewiß nicht erwarten, auf den Thron als 
Kaiserin berufen zu werden. Der Kaiser wählte wohl 
aus wirklicher Neigung seine schöne Cousine, denn poli- 
tische Rücksichten lagen für diese Familienheirat nicht 
vor. Dennoch störten die ganz verschiedenen Charaktere 
der Ehegatten bald die eheliche Harmonie. Die vul- 
gären Leute der Umgebung des Kaisers paßten schlecht 
zu dem geläuterten, eleganten und wohlerzogenen 
Wesen der Kaiserin. Bald verstanden sich die kaiser- 
lichen Gatten nicht mehr. Franz fürchtete auch viel- 
leicht den Einfluß der Familie seiner Gemahlin. Als 
dann die Kaiserin zu kränkeln anfing, war dies in den 
Augen ihres Gatten ein neues Unrecht; er wurde hart 
gegen sie, und nach kaum achtjähriger Ehe welkte sie 
dahin, wie eine Blume, die man in fremde Erde versetzt 
und nicht mit der nötigen Schonung behandelt hatte. 
Damals aber, zur Zeit ihrer Vermählung, erschien 
die Zukunft der jungen Prinzessin d'Este wolkenlos. 
Die glänzenden, prunkvollen Feste und der unge- 
heuchelte Enthusiasmus berauschten sie. Ihre Schön- 
heit und Anmut, sowie die freundlichen Worte, die sie 
jedem schenkte, gewannen ihr die Liebe aller, denen 
weder Ränke, noch Neid ihr richtiges Urteil getrübt 
hatten. Der Adel und die Fremden, die nach Wien da- 
mals geströmt waren, bewunderten sie, und jedes Hof- 
fest wurde ihr ein neuer Triumph. 



iiiiiiiiiiiiiiiii 



226 



X. i8o8 

Der Winter 1808 gehörte zu den glänzendsten, die 
ich mitgemacht, die Bälle folgten sich fast ohne 
Pause. Am 15. Januar schreibe ich darüber: 

„Das Jahr 1808 beginnt unter den Auspizien der Ver- 
mählung des Kaisers, tausend Feste waren in ihrem Ge- 
folge und werden noch folgen. Am Tage der Zeremonie 
fand im Redoutensaale ein großes Souper statt, eine 
große Menge vor Gold und Schmuck strotzender Damen 
und Herren bildete das Gefolge und von der Gallerie 
sah das geschmückte Publikum dem Schauspiele zu, das 
zu seinen Füßen wogte. Am nächsten Tage war Ball 
hei Hof, wobei die Kaiserin mit der ihr eigenen Grazie 
Menuett 1) tanzte. Das erste Menuett, das sie mit dem 
Prinzen Gustav von Mecklenburg'^) tanzte, erregte im 
ganzen Saale allgemeines Aufsehen. Mehrere Damen 
versuchten sich auch in diesem Tanze, konnten aber die 
Kaiserin und den Prinzen bei weitem nicht erreichen. 
An einem anderen Tage gab der Generalintendant des 
Theaters auf der Wieden eine große Oper für den Hof 
und den Adel. Der Saal war neu dekoriert worden, was 

i) Die strengen Grundsätze der Erzherzogin Beatrix (1750 — 1820) 
hatten den Walzer und die Contretänze aus der Erziehung ihrer 
Tochter verbannt. Das Menuett, das diese allein kannte und worin 
sie sich so auszeichnete, tanzte man bei Hof die ersten Jahre nach 
ihrer Heirat. (Notiz d. Verf.) 

2) Gustav VVilh. Prinz v. Mecklenburg-Schwerin, geb. 178 1, Sohn des 
Großh. Friedrich Franz und der Luise von Sachsen- Coburg- Gotha. 

X5* 227 



im \'^ereine mit der großen Gala, in der alle Besucher 
sich befanden, ein grandioses Schauspiel gab. Man 
spielte die Armida von Gluck *), dessen Musik aber keinen 
Erfolg erzielte; voriges Jahr hatte aber die Iphigenie 
auf Tauris sehr gefallen. 

Sonntag war eine Redoute fareo.. Die Fürstin Collo- 
redo an der Spitze von fünfzig Damen und ebenso vielen 
Herren bildeten das schönste Entree, das ich je gesehen. 
Sie stellten den Hof des Großmoguls^) vor, der gekommen 
war, um dem kaiserlichen Paare seine Huldigung und 
ein Bukett darzubringen; Collin^) hatte die nötige 
Poesie dazu verfaßt. Niemals hat man so viel Reichtum 
und solchen Geschmack vereinigt gesehen. Alle Frem- 
den versichern, daß kein einziger Hof Europas solche 
Perlen und Diamanten aufzuweisen habe. Besonders fiel 
mir bei dieser Maskerade auf, daß unter den gesamten 
Darstellern nur drei Frauen und vielleicht zehn Herren, 
die Garden inbegriffen, häßlich waren. 

Der Herzog Albert von Sachsen gab vorgestern einen 
Ball, wie man ihn schon seit Jahren nicht gesehen hat. 
Der Fürst Liechtenstein wird ebenfalls einen in wenigen 
Tagen geben und hat zu diesem Zwecke den Hof seines 
Palastes in einen riesigen Saal umgewandelt. Fürst 
Esterhäzy, Grai Jndreossy'^), Zichy*) und der russische 
Botschafter Fürst Kurakin^) treffen auch Vorbereitun- 

i) Die „Iphigenie en Aulide" von Gluck{iji\ — 1787) wurde 1774, die 
,, Armida" , sein bedeutendstes Werk, 1 777 zum erstenMale aufgeführt. 

2) Der Großmogul, auf den Schultern von sechs der schönsten 
jungen Herren getragen, wurde durch den 15jährigen bildhübschen 
Grafen Eduard Woyna dargestellt. Heute ist er österreichischer Ge- 
sandter in St. Petersburg. (Notiz d. Verf.) 

3) Collin galt damals als einer der besten Dichter. Heute liest nie- 
mand mehr seine Werke. (Notiz d. Verf.) — Heinr. Jos. v. Collin 
(1772— 18 11), Verfasser der Landwehrlieder 1809. 

4) Über sie siehe später. 

228 



gen. Diese Feste und Bälle reihten sich in einer so raschen 
Aufeinanderfolge aneinander, sie dauerten immer so 
lange, daß ich noch nicht begreifen kann, wie achtzehn- 
bis zwanzigjährige Mädchen diese Hetze aushalten 
konnten, ohne vor Müdigkeit zusammenzubrechen. Oft 
legte man sich um sechs, sieben oder acht Uhr frühe zu 
Bett und der Ball bei Liechtenstein dauerte gar bis ein 
Uhr nachmittags. Ich blieb allerdings nur bis lo Uhr, 
aber um zehn Uhr abends war ich schon wieder auf der 
Redoute, um meinen Karneval zu beschließen." 

Mein Held war in diesem glänzenden Winter der Graf 
Artur Potockt'^) ; ich hatte ihn auf einem Maskenball ken- 
nen gelernt und er suchte mich auf den Bällen immer 
wieder auf. Allerdings verwischte sich der Eindruck, den 
ich vielleicht auf ihn gemacht habe, im Laufe der glän- 
zenden Festlichkeiten, die er mitmachte, aber er blieb 
bis zu seinem Tode — er starb mit 45 Jahren — unser 
Freund, und ich habe nie mehr einen so verführerischen 
Mann kennen gelernt. Anmut und guter Geschmack 
bezeichneten jede seiner Bewegungen, und seine Ge- 
spräche, seine Nonchalence, sein Witz und sein natür- 
liches Wesen machten ihn unwiderstehlich. So sprach 
ihn Rothschild^), bei dem er in Paris zum Diner ein- 
geladen war, in der vertraulichen Art und Weise eines 
Parvenüs vor einer großen Gesellschaft einfach ,, Artur" 
an, wie er immer seine engeren Freunde mit ihren Vor- 
namen anrief. „Mein lieber Rothschild," erwiderte Po- 

i) Artur GraiPotocki (1787 — 1832), Sohn Johann P. und Julie Prin- 
zessin Lubomirska, poln. Oberst, Adjutant Poniatowskis, Flügelad- 
jutant Kaiser Alexander I., heiratete Sofie Gräfin Brantcka, geb. 
1792. Er wurde auf dem Wawel in der Potockischen Kapelle feier- 
lich beigesetzt. Als Historiker machte er sich auch bekannt. 
2) James (Jakob) Baron Rothschild (1792 — 1868), Begründer der 
Pariser Linie. 

229 



tocki kühl, „sagen Sie mir doch ihren Taufmmen, da- 
mit ich weiß, wie ich Sie anzusprechen habe.'* Seine 
Einfälle trafen immer, wie der Bhtz vom Himmel. „Ich 
werfe meine Worte wie Würfel," sagte er, „und sehe 
erst nachher hin, wieviel sie ausmachen." Er starb aus 
Schmerz über den Tod mehrerer Kinder, die er im 
zarten Alter verlor. Seine Frau, eine geb. von Branicka^ 
war nicht hübsch, zog jedoch ihr Los als Gattin eines Man- 
nes, der ihr oft untreu war, der aber für sie eine zärt- 
liche Achtung und große Verehrung für ihre Tugenden 
selbst in Gegenwart der von ihm bevorzugten Damen 
zeigte, allem anderen vor. Sie hatte auch recht; am 
Totenbette bekannte ihr Potocki: „Meine Hebe Sofie, 
ich habe dir viel Kummer bereitet und doch habe ich 
niemanden geliebt, als dich." Wenn die Ehemänner auf 
diese Weise ihre Unbeständigkeit entschuldigen können, 
so verzeiht man ihnen gerne. Ihre Launen, Ungescliick- 
lichkeiten, ihr Mangel an Taktgefühl und Anstand be- 
gründen immer das Unglück in der Ehe. Ein Philosoph 
behauptete, daß alle Laster aus der Rohheit entspringen ; 
wahrscheinHch hat dieser Mann in Osterreich gelebt. 

Endlich hatte der bleiche Aschermittwoch die Wie- 
ner Gesellschaft zur Ruhe verurteilt. Dennoch ersetzten 
zahlreiche Konzerte, Komödien, Gesellschaften, Diners 
und die Opern beim Fürsten Lohkowitz die Bälle, und 
wenn jetzt die Füsse weniger zu tun hatten, so war doch 
der Geist um so mehr beschäftigt. Er war damals nicht 
so außer Mode, wie heutzutage. Der Salon des Fürsten 
von Ligne erhielt ihn in Übung, mehrere andere nahmen 
sich seiner mit Eifer an, die Menge der Ausländer kulti- 
vierte ihn und die Ankunft der Madame de StaW^) ver- 

i) Anna Marie Germaine Baronin von Stael-Holstein (1766 — 1817), 
eine Tochter des franz. Premiermin. Jakob Necker u. der Susanne 




Anne Marie Germalne Baronne de Stael-Holstein (1766 — li^iy) 



Nach einem Stich in der k. u. k. Familien-Fideikommifibibliothek 



half ihm zum vollen Triumphe. Die Wiener Damen 
galten auch damals für die ersten von Europa, teils 
wegen ihres guten Geschmackes und ihres vornehmen 
Herkommens, teils wegen der Anmut ihrer Kon- 
versation und ihrer Manieren. Meine lieben Kinder, 
glaubet nicht, daß ich nach der Art alter Frauen die 
Vergangenheit zu Ungunsten der Gegenwart schön- 
färben will, gewiß nicht, es ist vielmehr notwendig, euch 
die Wahrheit zu sagen und die vorige Generation von 
dem Vorwurfe der Abgeschmacktheit, der auf ihr lastet, 
zu reinigen. Die Gründe dafür sind mannigfach, ich 
werde sie euch ein anderes Mal erläutern. 

Kommen wir zur Madame de Stael zurück. Ihr Er- 
scheinen in Wien machte genau so viel Aufsehen, als 
das Auftreten der jungen Kaiserin. Der Fürst de Ligne 
beeilte sich, als er von ihrer Ankunft hörte, ihr in dem 
schlechten Gasthofe, wo sie abgestiegen war, seine Hul- 
digung zu Füßen zu legen. Sie entschuldigte sich, ihn 
nicht besser empfangen zu können. ,,Wenn man bei 
Corinnen ist, befindet man sich überall auf dem Par- 
naß", erwiderte galant de Ligne. Bald war Madame de 
Stael in den elegantesten und geistreichsten Salons mit 
der Zuvorkommenheit aufgenommen, die sie sich durch 
ihre reizenden Werke, durch den unwiderstehlichen 
Reiz ihrer Konversation und die Sicherheit ihrer sanf- 
ten und keineswegs gehässigen Plauderei wohl verdient 
hatte. Sie war nicht nur die geistreichste Frau, sondern 
auch die beste ihrer Zeit. Niemals die Überlegenheit 
ihres Verstandes dazu benützend, um fremde Eigen- 

Curchod, vermählte sich mit dem schwedischen Gesandten Erik Ba- 
ron von Stael-Holstein 1786, von dem sie sich 1796 wieder trennte. 
Unter ihren Werken ist u. a. ,,Corinne ou l'Italie" berühm.t. — Die 
Wiener Gasthöfe waren damals noch schlechter, als jetzt (zur Zeit 
der Verfasserin), was viel bedeuten will. (Notiz d. Verf.) 

231 



liebe zu kränken, ertrug sie persönliche Anzüglichkeiten, 
selbst Anfeindungen mit der Sanftmut, die sich in ihren 
Antworten ausprägte und ihr den Sieg selbst gesichert 
haben würden, wenn ihr Genie diesen nicht längst schon 
davongetragen hätte. Die am wenigsten höflichen Geg- 
ner waren die Prinzessin Therese Jablonozvska'^) und der 
Graf von MzVr^) . Dieser, ein fanatischer Verteidiger der 
Klassiker, griff, wo er ihn nur vermutete, den Roman- 
tismus, seinen Feind an. Besonders aber trat dieser klei- 
ne, polnische Graf mit wütendem Zorn gegen den deut- 
schen Publizisten SchlegeP), einen Freund und Reise- 
begleiter der Madame de Stael, auf. Ich sage absicht- 
lich „Zorn" ohne Abschwächung, denn Graf Mier, 
ein gallsüchtiger Mann, wie kein zweiter, kam nie aus 
einer Art Aufregung heraus, die ihn veranlaßte, alle 
Hindernisse, die sich ihm im Gespräche und im Leben 
überhaupt entgegenstellten, durch Schmähungen und 
heftige Reden zu beseitigen. Man sagt sogar, daß seine 
Frau und seine Untergebenen noch handgreiflichere 
erhielten. 

In seiner Jugend trug er immer Pistolen bei sich, be- 
reit, den Leuten, die er beleidigt hatte, Genugtuung 
zu geben; sein Temperament drückte sich auch in seiner 
bleichen Gesichtsfarbe aus, wegen der man ihn „le Pal- 
mier" nannte. Seine Opfer waren hauptsächlich seine 
Frau, seine Verwandten und Dienstboten. Einmal woll- 

i) Therese Fürstin Jablonowska, geb. Prinzessin Lubomirska (1790 
bis 1847), heiratete 18 11 den Fürsten Max J. 

2) Adalbert (Albrecht) Graf Mier (gest. 1831), heiratete 30. 11. 1797 
Karoline Ungnadin Gräfin von Weißenwolff (1766— 1833). 

3) August Wilh. V. Schlegel (1767 — -1845) der bekannte Dichter, der 
1804 nach der Trennung seiner Ehe mit Karoline Böhmer-Schelling 
als Hauslehrer in das Haus der Frau v. Stael trat, wo er bis zum Tode 
der letzteren (18 17) blieb. 

232 



te er seine Schwägerin Kaunitz^) zum Fenster hinaus- 
werfen. Ein anderes Mal hatte er sich beim Wisthspiel 
erhoben, um etwas in seiner heftigen Art zu erklä- 
ren, als seine Frau ihm einen Teller mit Schlagsahne 
reichte. Ungeduldig gab er ihr ein Zeichen, den Teller 
auf seinen Stuhl zu stellen; kurz darauf setzte ersieh 
heftig nieder und natürlich mitten in die Sahne. 
Man kann sich seinen Zorn vorstellen. In seiner Wut 
lief er von einem zum anderen, fuhr jedem mit den ge- 
ballten Fäusten unter die Nase und stöhnte halberstickt : 
„Haben Sie jemals etwas Dümmeres gesehen als meine 
Frau ?" Von allen Seiten schallte ihm aber unauslösch- 
liches Lachen entgegen, denn hinter ihm erhob sich 
auf seiner Hose ein spitzer Cremeberg. 

Seine Frau, eine geb. Gräfin Weißenzvoljj, die er als 
dumm bezeichnete, war nichts weniger als beschränkt; 
ihre Sanftmut und ihre Zuneigung zu einem so ab- 
scheulichen Gatten hätten ihr ein schöneres Los ver- 
dient. Da sie aber einen glücklichen Charakter besaß, 
so ertrug sie ihr Schicksal mit unverwüstlichem Gleich- 
mut, und als Mier starb, trauerte sie die kurze Zeit, 
die sie ihn überlebte. Dieser, seinem Temperamente 
mehr getreu, als seiner Frau, starb an der Cholera 
in einem Wutausbruch, den ihm diese Krankheit ab- 
nötigte. 

Infolge dieser liebenswürdigen Eigenschaften war es 
natürlich gefährlich und undankbar, mit einem der- 
artigen Manne in Wortwechsel zu geraten; auch konn- 
ten es nur die Damen wagen, ohne in Todesgefahr zu 
kommen. Schade, daß ein so geistreicher und vielseitig 

i) Franziska Xav. Gräfin Ungnad- Weißenwolf f (1773 — 1859), hei- 
ratete 29. Juli 1798 Alois Fürsten Kaunitz (1774 — 1848), österr. Ge- 
sandten, Enkel des berühmten Staatsmannes. 



gebildeter Mann seine Gesellschaft durch seinen Fehler 
so gefürchtet machte! 

Die andere Antagonistin der Madame de Stael, die 
Fürstin Theresejablonowska, wählte auch oft ihre Worte 
nicht aus, wenn sie auch weniger heftig als Graf Mier 
war. Oft war die ganze Sanftmut der Madame de Stael 
nötig, um sie zu beruhigen. Im übrigen war die wegen 
ihrer männlichen Manieren bekannte Prinzessin eine 
sehr gute Person, und ihre Belesenheit und ihr Verstand 
machten sie zu einem manchmal siegreichen Wortge- 
fechte mit ihrer berühmten Gegnerin sehr geeignet. 
Gleich leidenschaftlich in ihren Neigungen, wie in 
ihren Meinungen, hegte sie die innigste Freundschaft 
zu der Gräfin Flora Wrbna, die die Geschichte ihres 
Lebens bildete. Sie trennte sich fast nie von ihr und 
opferte ihr ihr Vermögen und ihre ganze Existenz auf. 
Heute leben beide in einem sehr hübschen Hause im 
Bad Ischl. 

Ich will aber wieder zur Madame de Stael zurück- 
kommen. Weit davon entfernt, sich mit dem Ruhme 
ihrer Werke zu brüsten, sprach sie darüber nur mit der 
größten Bescheidenheit, dagegen hob sie gerne ihr dra- 
matisches Talent und ihre Figur hervor. Um beides ins 
rechte Licht zu rücken, komponierte sie diesen Winter 
mehrere lyrische und biblische Szenen, die sie beim 
Fürsten Liechtenstein und der Gräfin Zamoyska^) auf- 
führen ließ. Nichts war langweiliger, als diese kalten, 
mittelmäßigen Verse, vielleicht wäre die Vortragsweise 
etwas weniger langweilig gewesen, wenn nicht der Man- 
gel jeder Grazie, die Heftigkeit der Deklamation, die 

i) Sofie Gräfin Zamoyska, geb. Przss. Czartoryska (1778 — 1837), 
heiratete 1798 Grafen Stanislaus Zamoyski, poln. Senatspräsident 
(1775—1856). 



Häßlichkeit der Figur und das Sichgehenlassen der Tra- 
gödin, die ihre enormen Konturen kaum verhüllte, den 
widerwärtigsten Eindruck hervorgerufen haben würden. 
So trat sie in „Gcnevieve de Brabant" halbbekleidet auf 
die Bühne, die Arme, Beine und die Brust fast nackt. 
Sie kroch auf allen Vieren, die schwarzen, dichten Haare 
hingen ihr herab und dazwischen sah man ihr gerötetes 
Gesicht und ihre stechenden Augen, wie die eines wil- 
den Tieres. Ihre Freunde vermochten sie nicht vor dem 
Spotte zu bewahren und waren auch, nachdem die Stael 
sie durch Stunden mit ihren religiösen Lamentationen 
gelangweilt hatte, wenig nachsichtig geworden. Einer 
von ihnen gähnte nach der Vorstellung und sagte: „Nun 
gehe ich schlafen, da ich mein Abendgebet schon ge- 
macht habe." 

Es ist wirklich merkwürdig, daß eine so geistreiche 
Frau den wahren Wert ihrer persönlichen Vorzüge so 
wenig zu beurteilen vermochte. Sie glaubte sich schön, 
und doch war eigentlich alles an ihr häßlich, ihre Hände, 
ihre Arme und ihre Augen. Die Schultern und ihre 
Brust waren rot und unschön, und ihre Reize, die sie 
bei ihrer Koketterie vor allem ins Treffen führte, stie- 
ßen eher ab, als daß sie die Augen anderer auf sich zogen. 
Aber in ihrer Verranntheit hätte sie ihre starke Taille 
nicht gegen die der Venus von Milo umgetauscht. Es 
passierte ihr sogar, daß sie selbst über den unwidersteh- 
lichen Reiz, den sie ausübte, Worte fallen Heß. Als sie 
eines Tages ganz intim mit der Prinzessin Liechtenstein 
sprach und ihr schon einige seltsame Konfidenzen ge- 
macht hatte, fing sie plötzlich vom. Sterben zu reden 
an. Die gute Frau, die das Leben sehr liebte, zitterte 
bei der Idee der Auflösung ihres Körpers. „Ach," sagte 
sie, mit Tränen im Auge, wenn ich diese Arme, diesen 

235 



Busen ansehe, bei deren Anblick jedes Auge mit Wollust 
erfüllt wird, und wenn ich denke, daß diese Herrlichkei- 
ten alle einmal das Futter schmutziger Reptilien werden 
sollen, überläuft es mich kalt vor Schrecken und Mit- 
leid." Dabei zitterte sie am ganzen Körper, und die 
Prinzessin Liechtenstein, eine keusche und fromme Fa- 
milienmutter, fühlte eine lebhafte Anteilnahme mit die- 
ser Verzweiflung und Schwäche. 

Der Prinz Louis Liechtenstein'^)^ ein Vetter der Prin- 
zessin, hatte Gefallen vor den Augen der Madame de 
Stael gefunden. Und in der Tat verdiente er die Be- 
geisterung einer Corinna, denn er war der Bravste unter 
den Braven, die Ehre der deutschen Ritterschaft. Ohne 
Furcht und ohne Tadel, bedeckt mit ehrenvollen Wun- 
den, leuchtete auf seinem edlen Antlitz der Schimmer 
seiner schönen Tugenden. Zum Unglück für Corinna 
hatte der Prinz sein Herz bereits einer Frau von Specht^), 
die liebenswürdig und schön war, geschenkt. Die schmei- 
chelhaften Aufmunterungen Corinnas waren um so 
mehr verlorene Mühe, als Liechtenstein in seiner 
Schüchternheit und, da er nicht fHeßend französisch 
sprach, durch die Koketterien der Hebestollen Dame 
nur in Verlegenheit gesetzt wurde. Ihre sprühenden 
Blicke hatten auch keinen Erfolg. Als alles nichts half, 
verlor sie dennoch nicht den Mut und sandte ihm ein 
Billet, das nichts erklärte, den Kavalier aber doch nö- 

i) Alois (auch Louis) Fürst Liechtenstein (1780 — 1833), F. Z. M. u. 
Kdr. d. Mar. Ther. Ordens, 1805 bei Hausen, gleich seinem Bruder 
Moriz, schwer verwundet, später Ritter d. gold. Vließes, komm. 
General in Böhmen und als Gesandter mehrfach verwendet. Er starb 
unvermählt. 

2) Eine Baronin Specht von Bubenheim lebte als Witwe um diese 
Zeit in Wien in der Riemerstraße 860. Sie erscheint auch 18 10 in 
den Evidenzlisten der Wiener Polizei. 

236 



tigte, zu ihr zu gehen, weil sie etwas mit ihm besprechen 
zu wollen schien. Er wurde in einem eleganten und ver- 
führerischen Boudoir empfangen und das Neglige der 
Madame de Stael sagte ihm genug. Er konnte aber 
nicht mehr den Rückzug antreten, er mußte verstehen 
und antworten. Ritterhch, wie er war, bekannte er ihr, 
daß sein Herz bereits vergeben und seiner Herrin treu 
bleiben werde. Tränen, Herzkrämpfe und Erstickungs- 
anfälle folgten nun; den Schluß bildete eine förmUche 
Ohnmacht. Sprachlos und in größter Verlegenheit wuß- 
te der unbesiegbare Ritter dennoch die Situation aus- 
zunützen, er legte die dicke Corinna auf eine Chaise- 
longue, läutete mit aller Kraft und verschwand. Wenige 
Frauen hätten eine solche Beleidigung ihres Ehrgefühles 
ohne den Wunsch, sich zu rächen, erduldet; Madame 
de Stael, immer gütig, vergab ihm und sah den Prinzen, 
den sie immer wohlwollend und liebenswürdig empfing, 
öfters in der Gesellschaft. 

Bald darauf tröstete sie ein anderer; man sprach so- 
gar von Heirat. Ich weiß nicht, ob die Hindernisse von 
seiner oder ihrer Seite herrührten, jedenfalls heiratete 
dieser zweite Undankbare eine andere. Er hatte sehr 
unrecht, denn sicherlich erwies ihm Madame de Stael 
zu viel Ehre. Ihren anmutigen und umfassenden Ver- 
stand mit der schwerfälligen und langweiligen Gelehr- 
samkeit des Grafen Moriz O'Dondl verbinden zu wollen, 
hieß wirklich, sich von einem Kaiserthron auf ein Feld 
voll Unkraut setzen oder die Poesie mit der pedantischen 
Enzyklopädie der Akademie vermählen. Sich im Glänze 
des Ruhmes seiner Frau erhoben zu sehen, war für ihn 
wohl das einzige Mittel, aus der Verborgenheit hervor- 
zutreten, die ihm sonst sicher war. Übrigens wäre das 
Vermögen, das ihm Madame de Stael bieten konnte, .um 

237 



ein Bedeutendes größer gewesen, als sein eigenes und 
das der Frau, die er heiratete, zusammen. Diese Frau 
war Titine Fleury, oder, wie sie seit ihrer Heirat hieß, 
Titine de Ligne, die herzige, kleine Bastardtochter des 
Fürsten Karl von Ligne, von der ich schon früher ein- 
mal sprach (Seite 8i). Die Glückwünsche, die Madame 
de Stael gelegenthch dieser Heirat dem Grafen O'Dondl 
schrieb, sind ein Muster der Beredsamkeit, Billigkeit, 
Liebe und Großmut. Ich hörte es von jemandem, der 
sie gelesen. Wie konnte nur eine so geistreiche Frau ei- 
nen so langweiligen, so materiellen, an Geist und Kör- 
per so schwerfälligen Mann lieben ? Ihr Herz mußte 
wirklich großen Liebeshunger verspüren, daß es nicht 
bei der Begegnung des Grafen die Binde, die es trug, 
etwas lüftete. Das Schicksal hat es gewollt, daß die 
arme Corinna in keinem Manne, dem sie ihre Liebe an- 
bot, die erhabenen Gefühle entdecken konnte, die ihre 
Feuerseele, deren Wesen Begeisterung und Hingebung 
war, verstanden hätten. 

Ihr späterer Gatte Rocca^) machte sie auch nicht glück- 
lich. Er war egoistisch und launisch und bereitete der 
armen Stael böse Tage. Sie ertrug aber mit Heroismus 
alle diese Leiden und Sorgen, doch überlebte sie ihren 
Gatten nur wenige Jahre. 

Als die Stael in Wien war, hatte sie ihre Tochter und 

ihre zwei Söhne^) mit, die manchmal bei der Darstellung 

i) Die Stael heiratete 1811 heimlich, bereits 45 Jahre alt, den franz. 
Offizier Albert de Rocca. 

2) Von ihrer i. Ehe (1786) mit dem schwed. Gesandten in Paris 
Baron Erik Magnus Sta'el-Holstein (gest. 1802) hatte sie 2 Söhne, von 
denen der älteste August Louis (1790 — 1827) die Gesamtausgabe 
der Werke seiner Mutter veranstaltete, Albert aber im Duell in 
Schweden starb. Die 1797 geborene Tochter Albertine, spätere Her- 
zogin V. Broglie, gest. 1838, entstammte ihrem Verhältnisse mit dem 
Publizisten Benjamin Constant de Rebecque (1767 — 1830), der we- 

238 



ihrer Kompositionen mithalfen. Der eine der Söhne, 
der ziemlich impertinent war, wurde in einem Duell ge- 
tötet, der zweite starb vor wenig Jahren in Frankreich. 
Er war geistreich und gelehrt, ohne liebenswürdig zu 
sein; trotzdem wurde er von Madame dt St.- Aulair e'^)^ 
der Gattin des heutigen französischen Gesandten in 
London, sehr geliebt. Von Gewissensqualen gefoltert, 
benützte sie ihre Macht über ihren Geliebten dazu, um 
ihn zu zwingen, eine andere Frau zu heiraten. Er ge- 
horchte, Verzweiflung im Herzen, und starb bald dar- 
auf. 

Die Tochter der Madame de Stael ist heute Herzogin 
von Broglie. Ich sah sie vor i8 Jahren in Paris; sie war 
schön wie ein Gedicht, man nannte sie aucli gut, geist- 
reich und liebenswürdig. Dann wurde sie „Chef de file" 
der Sekte der Methodisten; dieser religiöse Fanatismus 
schadete ihrer Schönheit und ihrem Geiste. Sie scheint 
seither sehr überspannt zu sein. Beinahe noch Kind, 
war sie 1812 mit ihrer Mutter in Brunn, wo diese ihre 
Pässe erwartete, die man aus Kriecherei vor Napoleon 
ihr auszuhefern Schwierigkeiten machte. Die kleine Stael 
fing damals plötzlich bei einer Promenade auf den Wäl- 
len der Stadt an, über diese den Fluch und Zorn des 
Himmels herabzuwünschen. Doch dieser hörte nicht 

gen seiner Flatterhaftigkeit „L'inconstant" genannt wurde. (Vgl. 
Brandes „Die Emigrantenliteratur", Charlottenburg 1900, S. I43f., 
l62f.). 

i) Louis Clair de Beaupoil, Marquis de Saini-Aulaire, Sohn des Jo- 
sef Cte de S.-A., franz. Diplomaten und Schriftsteller, geb. zu St. 
Meard-de-Drome 9. Aprilji/yS, gest. Paris 12. Nov. 1854, Gesand- 
ter in Rom seit März 183 1, in Wien seit 4. Jan. 1833, in London seit 
9. Sept. 1844, Mitgl. d. franz. Akademie seit 7. Jan. 1841, heiratete 
1798 eine de Soyecourt, 1809 eine Mlle. de Roure. (Nach Öttinger). 
— Der heutige Botschaftsrat Comte Charles de S. A. bei der franz. 
Botschaft in Wien gehört zur gleichen Familie. 



auf sie, und die guten Brünner konnten weiter im Frie- 
den ihre Stoffe und Schlafmützen weben. 

Mitten unter die Freude des Winters von 1808 
schlichen sich aber auch Schatten der Trauer. Zweimal 
schien mich der Tod von mir Nahestehenden auf noch 
herzzerreißendere Aufregungen vorbereiten zu wollen, 
die mir dieses in Freude begonnene und mit Schmerz 
endigende Jahr aufgehoben hatte. Ende März starb die 
älteste Schwester meiner Cousine Minerl, die Baronin An- 
toinette Hager^), Stiftsdame in Wien, an einer Lungen- 
entzündung, dann starb auch eine ehemalige Kammer- 
jungfer meiner Mutter an derselben Krankheit. Diese 
hatte ich seit meiner Kindheit geliebt; ich pflegte sie 
in ihren letzten Stunden. Ihre Lebenssehnsucht zer- 
riß mir das Herz und nur langsam verwischte sich in 
meiner Seele die Erinnerung an dieses traurige Ereignis. 

Ich entsinne mich meiner ernsten Reflektionen ge- 
legentlich eines Konzertes bei dem Grafen Haugzvifz.^), 
wo Papa und ich allein von unserer Familie eingeladen 
waren. Ich verdankte diese Aufmerksamkeit dem Ge- 
sangsmeister Herrn VogeP), Opernsänger, für denHaug- 
witz eine besondere Gewogenheit hatte. Als leiden- 
schaftlicher Musikfreund lud der Graf zu seinen Kon- 
zerten nur Kenner und Enthusiasten, wie es z. B. mein 
Vater war, ein. 

i) Antonie Freiin Hager von Allentsteig, war hzgl. Savoysche Stifts- 
dame in Wien. 

2) Heinrich Wilhelm Graf Haugwitz t 1842, Geh. Rat und Käm- 
merer, Herr v. Namiest, erkaufte 1796 den ehemaligen Neuberger 
Hof in Wien u. wurde 1798 niederösterr. Landtand. 1794 heiratete 
er Sofie Gräfin Fries, die eine gute Harfinistin war. Deren Sohn 
Karl Wilhelm (1797 — 1874) war mit Leib und Seele Musiker und 
hatte eine ständige Musikkapelle in Namiest. 

3) Johann Michael Vogel (1768 — 1840), aus Stadt Steyr gebürtig, 
1794 — 1822 Hofopernsänger in Wien. Berühmter Sopran. 

240 



„Zuerst," schreibe ich in meinem Tagebuch, ,,war ich 
außer mir über diese Auszeichnung, kaum befand ich 
mich aber in dem Konzert, als ich meine Meinung wech- 
selte. Die Musik war entzückend, ernst, erhaben und 
ergreifend. Sie stammte von einem längst gestorbenen 
Komponisten Naumann^), Kapellmeister am Hofe zu 
Berlin, derText von einem protestantischen Pastor. Ohne 
daß die Poesie vollkommen war, zeigte sie Gefühl, 
Energie, an manchen Stellen Erhabenheit; dazu kamen 
eine die Seele ergreifende Musik, ein guter Chor mit 
viel Harmonie und Präzision, der schöne Baß eines 
Weinmüller^), der ausdrucksvolle Vortrag eines Vogel. 
Alles dies bewirkte ein ausgezeichnetes Zusammenspiel 
und erzeugte eine edle Wallung in der Seele, die Offen- 
barung einer idealen Welt, das Vorgefühl einer fernen 
Zukunft oder die verschwommene Erinnerung an eine 
unbekannte und geheimnisvolle Vergangenheit. 

Einige Tage zuvor war meine Schwester Isabella aus 
Graz zu uns gekommen, um uns zu besuchen. „Sie ist 
die glücklichste Frau der Welt, liebt ihren Mann mit 
einer Liebe, die sich immer gleich bleibt, und führt 
ihre Menage, wie wenn sie schon lO Jahre verheiratet 
wäre. Ihr Leben verläuft ziemlich monoton, sie sieht 

i) Joh. Gottlieb Naumann (1741 — 1801), 1774 Kapellmeister, seit 
1786 Oberkapellmeister am kurfstl. sächs. Hofe. Friedrich d. Gr. 
suchte ihn damals an seinen Hof zu ziehen. Er komponierte 23 Opern, 
12 Oratorien u. ca. 30 Messen. Am längsten w'urde der Pilgerchor 
(„Zagt nicht auf dunklen Wegen") aus der Santa Elena gesungen. 
(Vergl. A. G. Meissners, Bruchstücke zur Biograf ie Naumanns, 
Prag 1803, 2 Teile). 

2) Karl Friedr. Clemens Weinmüller (1764 — 1828), wohnte 1784 
fünf Monate beim Grafen Philipp Batthäny (s. p. 244) in Hainburg, 
der Sommerfrische B.s. Seit 1796 an den k.k. Hoftheatern als Bassist 
angestellt, 1797 Hofkammersänger. Er erreichte das Kontra-D u. 
schwang sich bis zum Tenor-F empor. (S. Wurzbach, biogr. Lexikon 
unter Weinmüller.) 



16 M. L. I 



241 



nur Leute, die überall lächerlich und langweilig wären, 
außer in der Provinz. Ihr Gatte kommt nur zu den 
Mahlzeiten nach Hause, die Stunden nach dem Souper, 
in denen sie ganz ungestört sind, sind ihnen besonders 
teuer. Isabella hat sich sehr zu ihrem Vorteil verändert; 
trotzdem beneide ich sie nicht. Der Mann, der mich 
glücklich machen könnte, müßte vollkommen sein. 
Vielleicht werde ich diesen Irrtum mit meinem Lebens- 
glücke bezahlen; es schadet nicht, denn ich habe in mei- 
ner Seele etwas, was nie wechseln kann" — und sich 
auch nie geändert hat. 

Während ich mich dieser unbestimmten und prophe- 
tischen Schwermut hingab, begann mich ein nahes und 
wirkliches Unglück zu bedrohen. Seit diesem Frühjahr 
verschlechterte sich die Gesundheit meines Vaters ; zu- 
erst war es nur eine Zahngeschwukt, aber der Zahn- 
arzt, der einen Zahn entfernen wollte, zerriß ihm den 
Kiefer, worauf sich ein gefährlicher Beinfraß entwickel- 
te, der den Kranken seiner besten Säfte beraubte und 
die Ursache schrecklicher Leiden und seines Todes 
wurde. 

Da uns aber die Zukunft damals noch verborgen war, 
so verlief der Rest unseres Wiener Aufenthaltes im Wir- 
bel verschiedener Vergnügungen. Am 4. April weist 
mein Tagebuch folgende begeisterte Schilderung auf: 
„Vergangenen Mittwoch Gesellschaftstheater beim 
Fürsten Liechtenstein. Wie war das schön und unter- 
haltend! Man gab drei kleine französische Stücke „La 
meprise volontaire", „Heureusement" und „Zozo". 
Im ersten spielte die Prinzessin Collotedo^) die Glanz- 

i) Philippine Fürstin Colloredo, geb. Gräfin Oettingen, geb. 1776, 
hatte damals ein Abenteuer mit dem Prinzen Heinrich Lubomirski, 
das eine Trennung der Ehe herbeiführte. Trotzdem stand sie mit 

242 



rolle, und der kleine Stael war auch sehr gut. Er ist ein 
lieber kleiner Kerl, geistreich, hat aber etwas von den 
freien Manieren seiner Mutter. „Heureusement" hat 
mir nicht gefallen; ohne pikant zu sein, ist es ziemlich 
abstoßend. Cobenzl spielte wie ein preisgekrönter Schau- 
spieler, der kleine Uwaroff^), das Entzücken aller schönen 
Frauen, war reizend, ebenso Gräfin Wrhna^), dagegen 
Molly Zichy^) im wahren Worte abscheulich. Dann gab 
man ,,Zozo", die reizendste Komödie, die ich seit lan- 
gem gesehen, voll Witz und Satire, interessant und, 
was Geschmack anlangt, gerade das Gegenteil von 
,,Heureusement". Gräfin Wrbna spielte mit großer 
Feinheit und Natürlichkeit eine Bäuerin, aber nichts 
ließe sich mit Artur Potocki vergleichen, der die Rolle 
eines naiven jungen Bauernburschen wirklich hin- 
reißend gab. Mit seiner kindlichen Miene ist Arthur 
schöner denn je; ich glaube, daß niemand besser The- 
ater spielen und mehr gefallen kann, wae er. Ich bin 
in ihn ganz vernarrt .... Als in dem Stücke Räuber 
die Bühne betraten und einer derselben den blitzenden 
Dolch gegen den schlafenden Zozo zückte, stieß ich 
unwillkürlich einen Schrei aus. Da die Zuschauer wäh- 
rend dieser aufregenden Szene sich so ruhig verhielten, 
daß man ihre Atemzüge hören konnte, so sah man 
natürlich auf mich und lächelte, so daß ich vor Scham 
fast zu sterben vermeinte." 



ihrem Gatten in reger Korrespondenz. Dieser eine Fehler war aber 
auch alles, was man ihr vorwerfen konnte. (Notiz d. Verf.) 
i) Wohl ein Sohn des russ. Generals Fedor Petrovitsch Utuarow 
(1769— 1824). 

2) Jedenfalls Flora Gräfin Wrbna-Kageneck (1777 — 1857); über sie 
siehe später. 

3) Maria Wilhelmine Gräfin Zichy, geb. Gräfin Ferraris (1780 bis 
1866), die „Molly" genannt wurde. Siehe später. 



i6» 



243 



Während dieser Zeit schien sich auch der Prinz Phi- 
lipp Batthyäny'^) für meine Schwester Konstantine zu 
interessieren, er sprach über dieses Heiratsprojekt mit 
einem seiner Freunde. Ich weiß nicht, ob sie damals ein- 
gewilligt haben würde, denn sie war noch ,, Rekonvales- 
zentin" nach ihrer Liebe zu Pepi Chouk, auch glaube 
ich nicht, daß sie sehr glücklich geworden wäre, obwohl 
Batthyani reich, rechtschaffen und sanft war. Er be- 
gehrte aber weder ihre Hand, noch die einer anderen 
Frau, — er hatte dazu seine guten Gründe. Er lebt 
heute noch und ist sehr dick geworden. 

Den Rest meines Tagebuches über den Wiener Au- 
fenthalt füllen genaue Aufzeichnungen darüber aus, 
was meine Bekannten über Potocki sagten und gehört 
hatten. Dies alles wurde wirklich schon für mich ge- 
fährlich. Glücklicherweise beseitigte unsere Abreise auf 
das Land diese Klippe, an der ich fast gestrandet wäre. 
Den Artikel über Arthur beschloß ich in meinen Blättern 
mit den Worten: ,,Wie lächerlich ist doch mein Tage- 
buch, angefüllt mit Nichtigkeiten, gefährlich für die 
Jugend! Ach, meine Kinder werden diese Zeilen nicht 
lesen. Ich will ihnen das Journal nicht vor meinem 
40. Jahre zueignen." 

Der Zustand meines armen Vaters wurde immer be- 
denklicher, er litt namenlos an dem Beinfraß im Kiefer, 
den er noch immer für eine Zahngeschwulst ansah. Als 

i) Fürst Philipp Batthyäny (178 1 — 1870), k. k. Km., Geh. Rat und 
Erbobergespan des Eisenburger Komitates. Friedr. Ant. v. Schön- 
holz, Traditiones zur Charakteristik Österreichs, Leipzig 1844, II, 
S. 255, schreibt über ihn: ,, Einige der bekanntesten dieser Damen 
(Maitressen) genossen sogar eine gewisse Achtung im Publikum, 
wie z. B. Frau von Bl. (Plaideux) des Fürsten Esterhazy, Kadün 
(Nebenfrau) und Demoiselle Eh., die Favorite des Fürsten Bat- 
thyäny ..." Auf dieses Hindernis scheint die Gräfin Thürheim 
wohl oben anzuspielen. 

244 



er sich eines Tages besonders sehwach fühlte, diktierte 
er mir einen Brief an einem jungen Mann^), dessen Vor- 
mund er war, und worin er Anordnungen für sein nahes 
Ende traf. Je länger ich schrieb, desto schwerer wurde 
mir das Herz, endlich konnte ich es nicht mehr aus- 
halten und brach in einen Tränenstrom aus, Papa 
umarmte und tröstete mich mit der Hoffnung auf Hei- 
lung. Aber gleichzeitig fügte er seinen tröstenden Wor- 
ten Betrachtungen über den Tod bei, die von einer so 
durchgeistigten Ruhe zeugten, daß ich mich ebenso er- 
schüttert, wie erbaut fühlte. 

Vier Tage später übersiedelte mein Vater mit Mama 
nach Tbbs, einer kleinen Stadt, eine Tagreise von 
Schwertberg entfernt, wo der Chirurg des allgemeinen 
Krankenhauses einen ausgezeichneten Ruf genoß. An- 
fangs hatte dessen Behandlung auch Erfolg; mein Vater 
mußte sich fünf Zähne reißen lassen, worauf er sich er- 
leichtert fühlte. Abwechselnd fuhren wir nach Ybbs, 
um Papa und unsere engelsgleiche Mutter zu besuchen. 
Ich hegte eine unverhohlene Bewunderung für sie; in 
einer elenden Wohnung, ohne die geringsten Bequem- 
lichkeiten, war sie nur um meinen leidenden Vater be- 
schäftigt, dessen schlechte Laune seine Dankbarkeit 
oft nicht aufkommen Heß. Trotzdem war sie heiter und 
guter Stimmung, wenn wir sie besuchen kamen. 

Jede Besserung im Befinden des Vaters machte uns 
froh. Die unerwartete Ankunft Karl Choteks trug auch 
dazu bei, die kurze, frohe Zeit voll zu genießen. Diese 
vier oder fünf Tage bildeten den Lichtpunkt in dem 
traurigen Sommer. Kaum hatte uns Karl verlassen, als 
ich mich mit Josephine und dem Arzt Schober nach Ybbs 

i) Wahrscheinlich einer der Brüder Mayhirt, von denen später 
gehandelt wird. 



aufmachte. Die Überschwemmung eines Baches nötigte 
uns zuerst, wieder umzukehren. Anderen Tages fuhren 
wir trotz strömenden Regens fort und übersetzten rich- 
tig den Bach. Die Donau dagegen war ungewöhnlich 
hoch; während der einstündigen Fahrt auf derselben 
überfiel uns ein Orkan, der uns nötigte, in einem kleinen 
Ort auszusteigen und dort auf besseres Wetter zu war- 
ten. Der Regen ließ aber nicht nach, wir mußten uns 
wieder einschiffen und nach der Landung bei Ybbs 
lange Zeit durch den Schlamm waten, da die übliche 
Landungsstelle überflutet war. 

Alles Ungemach wäre leicht vergessen gewesen, hät- 
ten wir unseren armen Vater in besserer Gesundheit 
angetroffen. Er war aber gerade sehr schwach und der 
Chirurg erklärte meiner Mutter, daß er wohl die Kiefer- 
erkrankung werde heilen können, daß er aber kaum glau- 
be, daß mein Vater imstande sein werde, wegen seiner 
Schwäche das Ende der Kur zu erleben. Den anderen 
Morgen reisten wir schweren Herzens ab. Es war das 
erste Mal, daß mir der Verlust Papas in greifbare Nähe 
gerückt erschien. Ich flehte Tag und Nacht zu Gott 
und vermeinte, je mehr ich betete, desto eher könnte 
ich seine Beschlüsse abändern. Nicht weit vom Schlosse 
im Aisttale befand sich ein Bild der Geißelung Christi, 
das an einer alten Tanne vor dem Eingange zur soge- 
nannten „Eremitage" befestigt war. Jeden Morgen wan- 
derte ich bloßfüßig dorthin und kam über die Berge 
zurück, um meine Pilgerschaft auszudehnen. Je größere 
Schmerzen ich empfand, desto wirksamer schien mir 
mein Gebet. Ach, der Himmel ließ sich nicht erweichen 
und der Zustand Papas wurde immer ernster! Dieser 
entschloß sich nun, Ybbs zu verlassen und einen Empi- 
riker in Wien, mit Namen Speck aufzusuchen, in dessen 

246 



Behandlung er einige Jahre zuvor gestanden war. Mama 
Heß uns durch den Bedienten sagen, ich solle mit Jose- 
fine kommen, um von den Eltern Abschied zu nehmen. 
Der Bericht des Bedienten über den Zustand meines 
Vaters ließ uns das Schlimmste befürchten. Die Ver- 
zweiflung Josefinens und MUe Tisserants zwangen mich, 
meinen Schmerz zu verbergen, um sie nicht noch mehr 
aufzuregen. Ich packte alles ein, was meine Mutter mir 
aufgeschrieben hatte, und nachdem meine Reisevorbe- 
reitungen beendet waren, eilte ich zu meinem Bildbaum 
wo ich meinem Schmerze freien Lauf ließ. „Ein Un- 
glück", schrieb ieh damals in meinem Tagebuche, ,, beugt 
mich niemals im ersten Anstürme. Es erscheint mir eine 
Pflicht, einen Entschluß fassen zu müssen und ich resi- 
gniere mich, ohne zu wagen, das Unglück auszumalen; 
aber so bald ich allein bin, fühle ich die Größe meines 
Schmerzes." Diese Betrachtung schrieb ich mit zwanzig 
Jahren, mehr in Vorahnung, als aus Erfahrung, denn 
das Unglück traf mich ja zum ersten Male. Heute, mit 
56 Jahren empfinde ich ihre Wahrheit bei allen Kata- 
strophen, bei jedem unerwarteten Kummer. Der erste 
Schicksalsschlag hatte meinen Charakter für immer ge- 
stählt. 

In Ybbs fanden wir Papa besser, als wir erwartet hat- 
ten. Titme wurde von meiner Mutter ausersehen, die 
Reise nach Wien mitzumachen, was mich sehr kränkte. 
Freitag um 5 Uhr morgens fuhren sie fort, Papa in 
heiterer Stimmung. Ein Boot brachte sie in 12 Stunden 
nach Wien. Als ich nach Schwertberg zurückkam, traf 
ein Brief Specks ein, worin er unter Ehrenwort ver- 
sicherte, er werde meinen Vater innerlich und äußer- 
lich in kurzer Zeit heilen. Auf diese Weise wurden wir 
noch einige Zeit über das Schreckliche hinweggetäuscht. 

247 



Isabella und ihr Gatte waren auch nach Wien gekommen, 
und jene wurde sich über den wahren Zustand Papas 
bald klar. Auch Speck nahm sein Ehrenwort rasch zu- 
rück. Als die Gefahr augenscheinlich wurde, berief man 
uns alle nach Wien, um den Segen des Sterbenden zu 
empfangen. Ich empfing diese trostlose Nachricht 
durch Herrn Scheldon bei der Rückkehr von Wallsee, 
wo wir die Del Hostes besucht hatten. Als wir nämlich 
die Donau überquerten, bemerkte ich am anderen Ufer 
einen Herrn, den ich, ahnungsvoll, gleich für Herrn 
Scheldon hielt. Ich wußte, daß er uns den Dolch in das 
Herz stoßen würde. Seine weitläufigen Redensarten be- 
stärkten mich nur um so mehr in meiner Überzeugung. 
Mir schien es fast, als ob man mir Dinge erzählte, die ich 
schon wußte, ich las in seinen Augen, daß Papa sehr 
schlecht sei, daß er versehen wurde, aber ich verstand 
den Sinn seiner Rede nicht. 

Bei unserer Ankunft in Schwertberg machten wir so- 
fort unsere geringen Vorbereitungen, und wenige Stun- 
den später reisten wir bei einer drückenden Hitze ab. 
Diese nahm uns das bißchen Auffassungsvermögen, das 
uns noch gebheben. Ich kann sagen, daß wir bis Pur- 
kersdorf überhaupt an nichts dachten, dort erwachten 
wir erst aus unserer Lethargie — und schliefen vor Mü- 
digkeit ein. Um 2 Uhr nachts passierten wir die Grenz- 
pfähle Wiens. Wenige Lampen brannten noch, in den 
Straßen war es totenstille, wie in einem Grabe. Als wir 
uns dem Hause näherten, sahen wir im Zimmer Papas 
einen schwachen Lichtschimmer. Ich ließ den Wagen 
etwas früher halten, um meinen Vater nicht zu er- 
schrecken, wir stiegen lautlos aus und schellten vorsich- 
tig an dem Tore. Endlich öffnete man. Ich frage: „Wie 
geht es Papa ?" — ,,So, so, im Alten !" Als wir die Treppe 

248 



emporstiegen, begegneten wir Jean, dem Kammerdie- 
ner Papas, der uns versicherte, es gehe besser. 

Aber mein armer Vater hatte den Chirurgen ge- 
wechselt und war in die Hände von Ignoranten gefallen; 
von Tag zu Tag verminderte sich die Hoffnung auf Ge- 
nesung. Erst am Tage nach unserer Ankunft sah ich den 
Kranken. Wir mußten uns stellen, als ob wir, wie im- 
mer, zu ihm kämen. Er schien sehr abgemagert und ver- 
ändert und hatte dabei große Angst, uns durch seinen 
Zustand zu erschrecken. Seine große Sorge um unsere 
Zukunft und um unseren Schmerz erfuhren wir erst 
durch seinen Beichtvater. 

Das Unglück verfolgte uns. Mein Bruder bekam 
gleich nach unserer Ankunft die Masern und Fifine eine 
Lungenentzündung, die sehr gefährlich wurde. Die Lei- 
den unserer Reise trugen wohl die Schuld daran. Josef 
und Josefine konnten ihren Vater nicht mehr sehen, da 
sie durch Wochen an ihr Bett gefesselt waren. 

Es war an einem Samstag, als dieser sein Ende heran- 
nahen fühlte, die Nacht war sehr schlecht gewesen. 
Wir hatten einen Teil derselben gewacht, bis Papa ge- 
gen Morgen in einen festen Schlaf verfiel. Go'eß und 
Franz Hager übernahmen die Wache. In der Frühe ver- 
langte mein Vater nach dem Beichtvater, der ihn für 
wenige Stunden verlassen hatte, beichtete und emp- 
fing die h. Kommunion, worauf er in einen unruhigen 
Schlummer fiel. Die bald darauf eintretenden Ärzte 
fanden den Puls sehr schwach und gaben dem Kranken 
nur mehr wenige Stunden zum Leben. Mein Gott, es 
war mein Vater, von dem sie redeten, — nur ein paar 
Stunden Frist und dann tot! Die menschliche Natui 
muß sehr kräftig sein, denn ich konnte dieses schreck- 
liche Todesurteil zur Gänze anhören. 

249 



Ach, sie sprachen nur zu sehr die Wahrheit. Von Mi- 
nute zu Minute wurde der arme Vater schwächer, den- 
noch verlor er bis zum letzten Augenblicke nicht die 
Besinnung. Um ^/ji Uhr nachmittags machte er ein 
Zeichen, daß er das Kreuz wolle. Wir fielen auf die 
Knie. Wenige Augenblicke später fiel sein Haupt auf 
die Brust herab — er hatte ausgerungen. . . . 

Wie rührend, erhaben und ruhig ist der Tod eines 
Gerechten, eines Christen; er erweckt in uns Trost und 
Hoffnung! 

Mein Vater hatte Mama und uns durch seinen Beicht- 
vater anempfohlen, uns keiner zu tiefen Trauer über 
seinen Verlust hinzugeben, vielmehr daran zu denken, 
daß er im Leben fast nie ein ruhiges Glück genießen 
durfte und ihn der Allmächtige für alle Mühsale, die 
er hienieden zu erdulden gehabt, nun belohnen werde. 
Er ließ uns sagen, wir möchten uns nicht verlassen und 
ließ auch meinen beiden kranken Geschwistern seinen 
Segen übermitteln. Josef trug er auf, niemals den Weg 
der Tugend zu verlassen und bis zu seinem Ende den Ge- 
setzendes christlichen Glaubens Untertan zu sein. Wenige 
Tage vor seinem Ende, hatte Papa seinen letzten Willen 
in Form eines Briefes an seine Frau zu Papier gebracht. 

Meine Mutter bekam eine fixe Rente von 8000 fl., 
jedes von uns die Zinsen von 50 000 fl. Kapital. Da- 
mit wäre uns ein ganz annehmbares Los beschieden ge- 
wesen, aber die wiederholten Staatsbankerotte ver- 
minderten unser Vermögen um mehr als vier Fünftel. 
Als vier Jahre später unsere Mutter starb, galten unsere 
50 000 fl. nicht einmal mehr 10 000 fl. So geht es mit 
einer väterlichen Regierung! 

Nach dem Tode unseres Vaters verbrachten wir noch 
einige Zeit in Wien. Karl Chotek, der während der 

250 



Krankheit Josefinens viele Stunden bei der glühenden 
Sommerhitze an ihrem Bette zugebracht hatte, um ihr 
vorzulesen, bemühte sich in seiner delikaten Art viel 
um unsere Aufheiterung. Er war damals in mich ver- 
liebt und hätte mich gerne geheiratet, wenn sein Vater 
ihm ein Vermögen und ich ihm Gegenliebe gegeben 
hätte. 

Um uns auf andere Gedanken zu bringen, stellte er 
uns einen antiken Pavillon mit Garten, der seiner Fa- 
milie gehörte, zur Verfügung. Wir verbrachten dort 
sehr angenehme Stunden. Karl überraschte mich mit 
Gedichten, Musikinstrumenten und Zeichenutensilien, 
kurz mit allem, was meinen Schmerz lindern konnte. 
Sein Bruder Hermann kam auch öfters zu Besuch, aber 
mehr, um sich zu zerstreuen, als um uns zu trösten. 

Meine traurigen Eindrücke, die ich bei meiner An- 
kunft in Schwertberg empfand, wo jeder Gegenstand 
die Lücke, die der Tod Papas gerissen, um so fühlbarer 
machte, will ich hier übergehen. Erwähnen möchte ich 
nur, daß Isabella in einem Gasthofe, wo wir nach der 
Abreise von Wien übernachteten, die ungarische Dame 
ganz zufällig antraf, die mein Vater ehemals so geliebt. 
Sie ließ sich seine Leiden und seinen Tod genau er- 
zählen und waUfahrtete sodann nach Mariazell, jeden- 
falls um für das Seelenheil Papas zu beten. 

Meine Gesundheit war durch die traurigen Ereig- 
nisse des Sommers etwas erschüttert. Eines Tages hatte 
ich auch einen schrecklichen Traum und erwachte in 
Tränen gebadet. Ich sah nämlich meine Mutter auf 
dem Fußboden genau in derselben Weise tot ausge- 
streckt, wie ich sie vier Jahre später erblicken sollte. 
Wollte die Vorsehung mein Herz sondieren, ob es stark 
genug sei, dieses Leid zu ertragen ? 

251 



Gegen Ende unseres Sommeraufenthaltes kamen 
mehrere Freunde, um uns zu zerstreuen. Darunter be- 
fand sich auch der junge Zadubskt, jener Offizier, von 
dem ich früher schon gesprochen. Er verband mit seinen 
zärtlichen und doch ehrerbietigen Gefühlen eine An- 
teilnahme, die mich rührte. Ich hoffte ihn kurz darauf 
wiederzusehen, aber ich traf ihn erst neun Jahre später 
bei einer Polonaise im Tanzsaale von Karlsbad. Wäh- 
rend des kurzen Augenblickes, da sich unsere Hände 
berührten, dachten wir an die glücklichen Stunden, die 
wir in Schwertberg verlebt. Aber diese Erinnerungen 
verflogen bei der Trennung und sind nicht mehr zu- 
rückgekehrt. 

Ich habe übrigens vergessen, einige Worte über das 
Begräbnis meines Vaters zu sagen. Die feierliche Ein- 
segnung fand zu St. Stefan in Wien statt. Beim Aus- 
steigen aus dem Wagen vor dem Dome wurde ich ohn- 
mächtig, so daß ich nach Hause gebracht werden mußte. 
Bebelle begleitete mich. Die Leiche wurde dann zuerst 
nach Schwertberg in die dortige Familiengruft ge- 
bracht ; die Del Hostes, Scheldons und Auerspergs wohn- 
ten der Zeremonie bei. Als man den Gruftdeckel öffnete, 
entdeckte man erst, daß das Testament die Beisetzung 
in dem Familienbegräbnis zu Weinberg anordnete. Lux 
ließ daher die Leiche dorthin transportieren. Als Vor- 
mund wurde Franz Hager bestellt. 

Unser trauriger Sommeraufenthalt wurde unerwarte- 
terweise durch die Ankunft Louis Mandells erheitert; 
sein lebhaftes Temperament und seine bezaubernde 
Artigkeit und Galanterie, die sozusagen die Freund- 
schaft des jungen Mannes zu uns jungen Mädchen ver- 
edelte, verscheuchten nach und nach unsere trüben 
Gedanken. Seine Anwesenheit war für uns wie ein Son- 

252 



nenstrahl. Um uns zu zerstreuen, erzählte er uns seine 
Lebensgeschichte. Er war ja fast seit seiner Kindheit 
von uns getrennt gewesen. Kaum 13 Jahre Heß ihn 
sein Vater, der General Mandell, als einfachen Kadett 
in ein Regiment eintreten, was damals fast so viel hieß, 
wie als gemeinen Soldaten. So jung in das wilde Lager- 
leben, ohne Zulage und Stütze, hinausgestoßen, machte 
er schwere Zeiten durch. Noch ärger wurde es, als sein 
Vater starb und er selbst am Beine verwundet wurde. 
Auch verlor er in einem Feldzuge seine ganze Habe. 
Glücklicherweise wurde damals ein Waffenstillstand 
abgeschlossen, und da sich Mandells Regiment gerade 
an der bayerischen Grenze befand, so konnte Louis zu 
Pferd uns besuchen. Er hatte damals das goldene Porte- 
epee erhalten und einen Urlaub dazu. Ich will ihn nun 
selbst erzählen lassen, wie wir alle, die Füße auf dem 
Kaminborde, lautlos um Louis herum saßen und ihm 
mit Spannung zuhörten. ,,Ich war gerade 16 Jahre alt 
und Offizier geworden; ich hielt mich daher für einen 
großen Mann. Da ich aber keinen Kreuzer in der Tasche 
hatte, so schien es mir billiger, auf dem Rücken meines 
Pferdes hierherzureiten. Aber zuvor will ich euch die 
Ursache meiner prekären Situation erzählen. Als ich 
das väterliche Haus zum ersten Male verheß, wollten 
mir die Eltern 500 fl. als einmahge Zulage geben. Ich 
wußte jedoch, wie schwer diese das Geld entbehren 
würden und nahm nur 200 fl. an, mich auch so reich 
dünkend. Anfangs ging alles gut, aber das Geld ging noch 
rascher davon; gar bald war es zu Ende. Noch dazu ver- 
lor ich damals meinen Vater und würde es nicht über 
das Herz gebracht haben, die kärgHche Witwenpension 
meiner Mutter zu schmälern. So wurde denn die knappe 
Gage meine einzige Unterstützung. Es kam nun der 

2S3 



Feldzug, meine Verwundung, kurz ich mußte mir vom 
Regimente 50 fl. ausborgen, mit denen ich einige Schul- 
den bezahlte, so daß mir noch 25 fl. übrigblieben. Mit 
diesen kam ich nach Schwertberg. Die Freude, euch 
alle wiederzusehen, machte mich rasch alles Ungemach 
vergessen, aber endlich schlug die Abschiedsstunde. Zu 
meinem Glück gab mir euer guter Vater beim Ab- 
schiede ein Billett von 100 fl. Ich will die Freude und 
die Hoffnungen übergehen, die dieses unerwartete Ge- 
schenk in mir weckte. Zwischen Linz und Passau verlor 
mein Pferd ein Eisen, und als ich den Schmied zahlen 
wollte und meine Taschen durchwühlte, bemerkte ich 
zu meinem Schrecken, daß ich sowohl die 100 fl. als auch 
den Rest meiner 25 fl. verloren hatte. Welcher Schlag! 
Und doch mußte ich den Schmied bezahlen. Ich bitte 
meinen Bedienten, mir die 10 oder 12 kr. zu borgen. 
,Ich besitze nur Gold', heuchelte ich. Aber auch er 
hatte kein Geld, ebensowenig wie meine Ordonnanz, die 
schon drei Wochen keinen Sold mehr bekommen hatte. 
Diese riet mir, einfach davon zu reiten, aber dagegen 
sträubte sich mein Ehrgefühl. Ich durchstöberte noch- 
mals alle Taschen und fand schließlich 20 kr., mit denen 
ich den Schmied zahlte und den Rest unter meinen 
Leuten verteilte. Der Himmel hatte mich diesmal, wie 
auch später nicht im Stiche gelassen," 

Ich möchte aber fast vermeinen, als ob sich auch der 
Teufel dareingemischt hat, denn ein anderes Mal ver- 
dankte er seine Rettung einer Versuchung, der er nach- 
gab. Nach dem Verluste seines Geldes blieb Mandell 
nichts übrig, als auf Kosten seiner Kameraden zu leben. 
Als eines Tages ein einziger Taler in seiner Börse sich 
befand, sah er jungen Offizieren zu, die Pharao spielten. 
Der Taler schien Füße zu bekommen, entweder um 

254 



seinen Herrn zu verlassen oder um Kameraden herbei- 
zurufen. Der Versucher aber flüsterte: „Ein Taler oder 
nichts kommt auf dasselbe hinaus." Louis wagte seinen 
Einsatz und zog ihn in Begleitung von 65 Dukaten zu- 
rück. Damit konnte er alle Schulden abzahlen, aber ge- 
spielt hat er nie mehr. 

Seit diesem Tage machte Mandell mit einem Comte 
de St. Aldegonde'^), ebenfalls einem Emigrierten, gemein- 
same Menage, um zu sparen. Sie aßen in der Woche 
Kartoffeln und Schwarzbrot und an den Sonntagen ge- 
kochtes Rindfleisch. Dies dauerte bis zu seinem Ein- 
tritt bei den Merveldtulanen, wo ihm seine Mutter 
eine Oberleutnantsstelle verschafft hatte. Nun kam er 
nach Wien, seine Mutter schenkte ihm aus ihren Er- 
sparnissen 500 fl. für seine Equipierung, von welcher 
Summe ihm 100 fl. übrig blieben, mit denen er in seine 
böhmische Garnison einrückte. Bald kam ihm die Lust 
an, sich in seiner schmucken Uniform in den Prager 
Kreisen zu zeigen, wo er nur zu bald Hahn im Korbe 
wurde. Ich will Louis darüber selbst erzählen lassen : 

,,Ich weiß nicht, wie mir die fatale Lust auf einmal 
kam, nach Prag zu gehen, kurzum ich reiste hin. Man 
nahm mich sehr gut auf, ich wurde ein joli coeur und 
machte Schulden. Ich ärgere mich heute noch, wenn 
ich an diese Schulden denke, denn ich dummer Teufel 

i) Graf Saint-Aldegonde bekam nach der Restauration große Güter 
in Frankreich und Baron Mandell wurde auch reich und erbte von 
seiner Mutter, seinem Bruder und seiner Schwägerin ein sehr be- 
deutendes Vermögen. (Notiz d. Verf.) Gemeint ist jedenfalls der 
Comte Charles- Camille- Joseph- Balthasard de Sainte-Aldegonde, 
franz. Brigadegeneral, geb. 6. Juni 1787 zu Paris, gest. ebendort 
23. Nov. 1853. Er heiratete am 15. Okt. 1817 Adelaide-Josephe 
Bourlon de Chavanges, geb. Arrigny 18. Okt. 1789, gest. Paris 2. Dez. 
1869. Seine Tochter Valentine (1820 — 1 891) heiratete 3. Okt. 1839 
den Marquis Alexandre de Talleyrand-Perigord (18 13 — 1894). 

" 255 



weiß jetzt noch nicht, wofür ich sie machte. In meinem 
Leben hatte ich nicht mehr gespielt und sonst auch mir 
keinen Spaß erlaubt. Mit einem Worte, für nichts und 
wieder nichts hatte ich 500 fl. Schulden beisammen. 
Ich kaufte mir allerdings damit ein Pferd, aber dieses 
kostete ja lange nicht so viel, und außerdem brauchte 
ich es gar nicht. Nun sollte ich bezahlen, die Gläubiger 
wurden von Tag zu Tag unverschämter und ich fühlte 
immer mehr, daß ich sie mit meinen Vertröstungen be- 
trog. Zu dieser Zeit bekam ich von meinem Obersten 
Graf Wallnioden^) einen Brief, der mir ein Semester gab, 
um meine Mutter in Wien sehen zu können, die als Aja 
zu den Kindern der Königin von Neapel ernannt wor- 
den war. Wie sollte ich nun meiner armen Mutter, in 
dem AugenbHcke, da sie sich auf lange Zeit von ihren 
Kindern entfernen mußte und da sie seit langer Zeit 
ein wenig Geld ihr Eigen nannte, meine Situation be- 
kennen ? Damals begriff ich es, wie sich ein feiger 
Mensch in einer derartigen Lage eine Kugel vor den 
Kopfe jagen kann. Ich vermag nicht zu sagen, wie 
schwer mir dieser Gang wurde, doch es müßte heraus, 
und einmal unter Weinen, Stottern und Erröten ge- 
stand ich ihr meine Schulden ein. Sie sagte kein Wort, 
ging zu ihrem Schreibtische, entnahm demselben einen 
Bankozettel auf 500 fl., den sie von der Königin für 
ihre Toilette bekommen, und händigte ihn mir ein. Ich 
konnte auch nichts antworten, so wehe tat es mir, das 
Geld annehmen zu müssen. Gerne hätte ich vor Scham 
und Reue geweint. Nie hat mir aber meine arme Mutter 
einen Vorwurf darüber gemacht." 

Oberst Wallmoden verriet das Geheimnis seines Ober- 

i) Graf Ludwig W allmoden-Gimborn (1769 — 1860) F. Z. M. Über 
ihn siehe später. 

256 



leutnants, und dieser mütterliche Wohltätigkeitsakt 
wurde von den Freundinnen der Baronin Mandell als 
ein Beweis ihrer Schwäche verurteilt. Bei einer Mutter 
aber grenzt Schwäche doch so nahe an Erhabenheit! 

Der Himmel, der meinen Freund immer beschützte, 
gab der Königin von Neapel den guten Gedanken ein, 
die Baronin Mandell mit Wohltaten zu überhäufen und 
jedem ihrer Söhne looo fl. zu schenken, womit diese 
ihre Finanzen ordnen konnten. Ein Jahr darauf ließ 
die Königin Louis sogar nach Neapel kommen, damit 
er seine Mutter sehen könnte. Dieser sechswöchentliche 
Aufenthalt bedeutete für ihn eine Reihe von Erfolgen, 
und beim Abschied gab ihm Prinz Leopold einen pracht- 
vollen Diamantring. Ich will mich nun kurz fassen. Das 
weitere Leben Louis Mandells gleicht von jetzt an dem 
aller jungen Männer seines Alters. Durch die freuden- 
reiche Zeit in Neapel verzogen, wurde er sehr leich- 
sinnig und beging tausend Sottisen in seiner Garnison 
und in Prag. Sein hübsches Gesicht verdrehte viele 
Köpfe, aber auch den seinen, und die Gewogenheit, so- 
wie das Beispiel des Obersten Wallmoden brachten ihn 
um so mehr auf die schiefe Ebene. Kurz, er machte vnt- 
der Schulden, diesmal aber über lOOO fl. In seiner Scham 
vertraute er sich niemanden an, sondern verkaufte den 
Diamantring, um sein finanzielles Gleichgewicht zu be- 
kommen und wurde nunmehr vernünftig, was er bis 
auf den heutigen Tag geblieben ist. 

Drei Tage nach Mandells Abreise von Schwertberg 
verließen auch wir unser Schloß, um den Winter in 
Wien zu verbringen. Die dreitägige Wasserreise war eine 
der gefährlichsten, die wir überhaupt erlebten. Wir wa- 
ren mehrere Male nahe daran, infolge des schlimmen 
Wetters und der Ungeschicklichkeit der Bootführer 



17 M. L. I 



257 



unterzugehen. Einmal mußten wir sogar auf das ab- 
schüssige Ufer springen, da unser Fahrzeug von einem 
viel größeren Boote in Gefahr kam, in den Grund ge- 
bohrt zu werden. Es gelang uns gerade noch, unsere 
arme Mutter ans Land zu ziehen, als das große Schiff, 
von der Strömung ergriffen, an unser Boot getrieben 
wurde und glücklicherweise nur die Ruderstangen ab- 
brach. Die Gefahr, in der wir geschwebt hatten, ruft in 
meiner Erinnerung eine rührende Episode wach. Als die 
Bootsleute, die, wie alle Donauschiffer untauglich und 
feige waren, in ihrer Verzweiflung zu weinen und zu 
schreien begannen, nahte sich mir die gute Judith, die 
belgische Kammerfrau meiner Mutter, die mich be- 
sonders liebte, und flüsterte mir zu: „Nehmen Sie diese 
kleine Reliquie, wenn man sie am Leibe trägt, kann man 
nicht zugrunde gehen." Ich nahm sie, drückte mich 
aber fest an das treue Mädchen und antwortete: „So 
wird sie uns beide retten." Ich fühlte, daß mein ganzes 
Leben die Hingebung dieser einfachen, aber erhabenen 
Person nicht aufwiegen konnte. 

Meine Aufschreibungen über unseren Wiener Aufent- 
halt bis zum Beginne des denkwürdigen Jahres 1809 bie- 
ten wenig Interesse, da wir infolge der tiefen Trauer 
keine Unterhaltungen mitmachten. 

Ich will aber wenigstens ein geistreiches Wort einer 
polnischen Dame verzeichnen, welches der Vergessen- 
heit entrissen zu werden verdient. Diese Dame be- 
dauerte in einer Gesellschaft in Warschau, an der auch 
Marschall Soult teilnahm, daß Napoleon den Polen kei- 
nen König ihrer Nation gegeben habe. „Aber, es gibt 
doch keinen Polen, der würdig wäre, die Krone zu tra- 
gen," versetzte Soult in seiner brutalen Weise. ,, Denken 
Sie doch," erwiderte die Dame, indem sie sich zu einer 

258 



Gruppe polnischer Edelleute wandte, „der Marschall 
vergleicht eben die polnische mit der großen Nation." 

Der Mutterwitz vieler Leute, denen die Triumphe 
Napoleons in ihren Interessen schadeten, suchte sich 
durch Sarkasmen zu rächen. In einer Karikaturen- 
sammlung sah man z. B. Frankreich als Daphne, lor- 
beerbekränzt und seufzend „sous l'ecorce" (sousles Cor- 
ses). In Rom sagte Maforio zu Pasquinio^): „l Francesi 
sono tutti briganti", worauf dieser schlagfertig erwider- 
te: ,,Tutti no, ma buona parte." 

Als ich dieses Wortspiel in meinem Tagebuch nieder- 
schrieb, fügte ich folgende Betrachtung bei, die auf 
sehr falschen Hoffnungen beruhte: 

„Vielleicht wird es Spanien endlich doch gehngen, 
diesen Korsen zum Seufzen zu bringen, diesen Feind der 
ganzen Welt. Die Erfolge der Insurrektion werden von 
Tag zu Tag größer, die Franzosen halten sich nur mehr 
mühsam. Wollte Gott noch ein wenig die gute Sache 
unterstützen, und bald wird man die Eroberer des Welt- 
alls überall weichen und unter den Anstrengungen eines 
edlen Volkes zusammenbrechen sehen. Wer weiß, ob 
die Kraft, welche den Ehrgeiz und die Ungerechtigkeit 
im Gefolge hat, nicht allmähHch unter der Selbsthilfe 
der Rache und Verzweiflung erliegen wird. Es gibt in 
dieser Welt nur deshalb Eroberer, weil es Schwächlinge 
gibt, und wären keine Sklaven, so würde man nie etwas 
von einem Tyrannen gehört haben. Ach, wenn Karl V. 

i) In Rom wurden auf dem Sockel einer im i6. Jahrh. aufgefunde- 
nen antiken Marmorgruppe, die die Römer nach einem satirischen 
Schuster Pasquino nannten, gelegentlich Spottverse angeheftet, die 
dann auf dem Maforio, einem kolossalen Flußgotte, der in Via di 
Maforio stand, prompt erwidert wurden. Die wechselseitigen Stiche- 
leien behandelten während mehr denn 2 Jahrhunderten nahezu alle 
Anekdoten und Schalkheiten, die damals in Rom vorfielen. 



17* 



259 



seinem Grabe entsteigen würde, er brauchte wenigstens 
nicht über alle seine Völker zu erröten." 

Die Zeit lehrte mich, wie ungerecht diese Verdre- 
hung des Ausspruches Karl V. war, namentlich bezüg- 
lich Österreich. Seit 30 Jahren hat es nun in ehrenvoller 
Weise seine Ketten zerbrochen, während Spanien heute 
noch rettungslos unter einer schrecklichen Anarchie 
seufzt. Es kommt daher, weil die Deutschen, obwohl 
oftmals durch Untüchtigkeit oder Verrat hingeopfert, 
das Unglück zu ertragen wissen. Ohne sich erniedrigen 
zu lassen, bleiben sie sogar im Glück der Tugend, der 
Ehre und ihrem Gotte treu, während die Spanier, Fa- 
natiker ohne Glauben, Diebe ohne Ehre, beutelustig, 
ohne die Freiheit zu verstehen, heute ihre eigenen La- 
ster und die Verbrechen ihrer Vorfahren büßen müssen. 
Ihr selbstverdientes Unglück erweckt nur Verachtung 
statt Mitleid. 



260 



XI. i8o9 

Das Jahr 1809 hatte begonnen. Österreich schien 
sich langsam und mühsam von den Schäden des 
letzten Krieges zu erholen und im Frieden ein Mittel 
für seine Leiden zu suchen. Doch verbarg es unter dieser 
scheinbaren Ruhe Rachepläne und machte seine Waffen 
scharf. 

Der Winter kündigte sich in Wien ebenso traurig und 
lustlos an, wie es der Friede war, der Karneval war lang- 
vveiUg, mehrere Häuser blieben geschlossen. Nur die 
Polen und Russen belebten die Gesellschaft ein wenig. 
Die Abreise des russischen Botschafters Prinz Kurakin'^), 
der die Botschaft in Wien mit der in Paris vertauschte, 
hinterließ eine große Leere in den Vergnügungen der 
ersten Gesellschaft. Der Prinz, den die Pariser wegen 
seiner sieben Großkreuze den „Großen Bären" nannten, 
war der dickste, dümmste und empfindlichste Mensch, 
den ich je gesehen. Immer lächelnd, immer wohlwollend, 

i) Alexander Borissowitsch Fürst Kurakin geb. 1752, gest. Weimar 
18 18, wurde mit Kaiser Paul I. erzogen und war sein Reisebegleiter. 
Von 1796 — 1 802 war er russischer Minister und Vizekanzler, von 1806 
bis 1809 Botschafter in Wien, wofür er den Geh. Rats-Titel i. Kl. 
und den eines Feldmarschalls erhielt. Von 1809 — 18 12 Großbot- 
schafter in Paris, fiel er im brennenden Ballsaale des Fürsten Schwar- 
zenberg (i. 7. 18 10) auf der Treppe und wurde, schwer verwundet, 
nach Hause getragen. 18 14 trat er aus Gesundheitsrücksichten in 
den Ruhestand, lebte meist in Paris und starb zu Weimar. — An- 
läßlich seiner Errettung bei obigem Brande wurde eine vergoldete 
Bronzemedaille von Droz geprägt. 

261 



war er stets zu jedem Vergnügen und jeder Gefälligkeit 
bereit, vorausgesetzt, daß es ihm keine Einschränkung 
brachte. Aus diesem Grunde gab er so viele Bälle, als 
man wünschte, weil er sehr eitel und sehr reich war. 
Immer in Anbetung vor seiner Würde als Botschafter, 
legte er diese bei keiner Gelegenheit beiseite, selbst 
nicht „pour aller aux commodites". Bei diesem Gange 
ließ er sich von zwei Bedienten begleiten, ebenso, wenn 
er auf galante Abenteuer ausging. Um sich unkenntlich 
zu machen, trug er dabei über seine zahlreichen Orden 
einen mauergrauen Radmantel und ließ zwei Läufer 
mit brennenden Fackeln vorausgehen. Die Liebe, wel- 
che er in Wien genoß, und die er hauptsächlich seinem 
Gelde verdankte, schrieb er seinen persönhchen Ver- 
diensten zu. Seine Abreise kostete ihm Tränen. Er wollte 
von der griechischen Kapelle nach dem Gottesdienst 
feierlich abfahren und von allen mit offenen Armen Ab- 
schied nehmen, die in der Kirche anwesend waren. Er 
umarmte jedermann und bat, ihn nicht zu vergessen, 
kam dann nochmals zurück und wiederholte diese rüh- 
rende Handlung. Der arme Prinz war in Tränen ge- 
badet. Der kleine Duboff, den er wiederholt umarmte, 
sagte ihm: ,, Weinen Sie nicht so viel, ich fahre mit 
Ihnen bis Paris." Aber Kurakin schluchzte weiter. Viel- 
leicht hatte er eine Vorahnung dessen, was ihn in Paris 
erwartete, wo er in dem Ballsaale der Prinzessin Schwar- 
zenberg i8 Monate später halb geröstet wurde. Jetzt 
aber, wo wir davon noch nichts wußten, machte uns 
seine Rührung viel Spaß. 

Bevor ich zur Erzählung ernsterer Ereignisse schreite, 
möchte ich von einem Manne sprechen, der damals viel 
von sich reden machte. Er war kein Scharlatan, trotz- 
dem es den Anschein hatte. Er stammte aus Spanien 

262 



und hatte ein Wasser erfunden, mit dem er sich wusch 
und das ihn gegen Hitze und Feuer vollständig un- 
empfindlich machte. So ging er bloßfüßig über glühende 
Kohle, heißes Eisen erkaltete in seinen Händen, ge- 
schmolzenes Blei nahm er in den Mund und trank sie- 
dendheißes Ol, worin er früher einen Zinnlöffel zer- 
gehen Heß. Er wusch sich auch Hände und Augen mit 
siedendem Ol und betrat endlich mit einer rohen Schöp- 
senkeule in der Hand einen brennenden Backofen, wo- 
raus er mit dem gebratenen Fleische hervorkam. Ganz 
Wien sah diesen Mann und die Polizei tat ihr möglich- 
stes, um diese Experimente auf ihre Richtigkeit zu prü- 
fen. Den besten Wahrheitsbeweis erbrachte er aber bei 
einem Brand in Petersburg, bei welchem er mehrere 
Male in das brennende Haus eilte und verschiedene Per- 
sonen rettete. Sei es nun, daß er das Experiment zu oft 
nacheinander wiederholte und die Flüssigkeit wirkungs- 
los wurde, sei es aus einem anderen Grunde, zuletzt 
ging er in den Flammen zugrunde. Leider ging auch 
sein Geheimnis mit ihm verloren. Man behauptete 
ferner, daß er ein Gegenmittel für die stärksten 
Gifte erfunden habe. Napoleon kaufte ihm dieses ab, 
während Kaiser Franz, ihm erwiderte, er brauche es 
nicht, da er sicher sei, nicht vergiftet zu werden. Viel- 
leicht rettete dieses Arkanum Bonaparte ^), als er sich 
fünf Jahre später in Fontainebleau vergiften wollte. 

i) Napoleon ließ sich im russischen Feldzuge von seinem Arzt Dr. 
Yvan eine große Dosis Opium für den Fall seiner Gefangennahme 
geben, die er sorgfältig in einem Beutelchen mit sich trug. In Paris 
angekommen, verschlang er in einem Anfall von Verzweiflung die 
ganze Dosis. Die Natur half sich aber selbst, und Caulaincourt 
schleppte den kranken Kaiser mit Hilfe einiger Diener zum offenen 
Fenster. Die frische Luft wirkte wohltätig. „Das Schicksal", sagte 
Napoleon zu Caulaincourt, „hat über mich entschieden, ich muß 
leben und abwarten, was die Vorsehung mit mir will." 

263 



Der Scharlatan, von dem ich eben sprach, nannte sich 

Am 8. Januar 1809 stiftete Kaiser Franz den Leopolds- 
ordeni Ich wohnte der FeierHchkeit aus dem Grunde bei, 
um in meinen alten Tagen meinen kleinen Neffen und 
Nichten davon erzählen zu können. Im großen Ballsaale 
nahm der kaiserhche Thron ein Panneau, die Loge der 
Kaiserin das Panneau gegenüber ein ; unter der Loge stan- 
den die Ritter des heiligen Stefansordens, zur Rechten 
des Kaisers ordneten sich die Golden- Vliess und die 
Maria-Theresien-Ordensritter, zur Linken die Neuer- 
nannten des Leopoldsordens. Dahinter erhoben sich Tri- 
bünen für die Zuseher und schlössen das erhabene Bild 
harmonisch ab. Der Kaiser sah in seinem Ordenskostüm 
sehr gut aus. Die verschiedenen Zeremonien versah er 
mit Grazie, seine Brüder umarmte er mit großer Herz- 
lichkeit und gestattete nicht, daß der alte Herzog Albert 
von Sachsen ihm die Hand küsse. Er umarmte ihn viel- 
mehr voll Rührung. Ich hatte Tränen im Auge, so 

i) Die Wiener Zeitschrift für Kunst, Litteratur und Mode 1828, 
4. Bd. p. II 58 schreibt: „Der unvcrbrennliche Spanier von 1803 
leistete viel Erstaunungswürdiges, denn er ertrug nicht nur die 
Backofenhitze, sondern wusch sich auch Hände und Gesicht mit 
siedendem Öl und geschmolzenem Blei, er stellte sich mit den 
Füßen auf weißglühende Eisenstangen, nahm sie in die Hände, 
brachte die Zunge daran und hielt seine Arme über die von einer 
Luftröhre bewegte Flamme. Alle diese Versuche nahm er vor der 
medizinischen Fakultät vor. Darauf wurden ganze Bände über 
diese Erscheinung geschrieben . . Ein Arzt, der weniger an Theo- 
rien und schönen Worten hing, vermutete Betrug. Er stellte zahl- 
reiche Versuche an sich selbst an, um ein Mittel zu finden, wo- 
durch er sich gegen die Hitze unempfindlich machen könnte. Darum 
rieb er sich nacheinander mit einer Menge Substanzen ein und 
entdeckte endlich, daß eine Auflösung von Alaun die Hitze im 
höchsten Grade abhalte, zumal wenn man sich nach ihrer An- 
wendung die Haut noch mit Seife reibe. Hierauf machte er wirklich 
alle vulkanischen Kunststücke des Spaniers nach." 

264 



fühlte ich mich durch dieses ehrfurchtgebietende Schau- 
spiel bewegt. Diese erlesene Versammlung der Besten, 
die der Staat hatte, erzeugte in mir einen tiefgehenden 
Enthusiasmus für das Wohlergehen meines teuren Vater- 
landes. Wer weiß, ob es in einem Jahr noch existieren 
wird! . . . 

27. Januar i8og: AUes ist zu Ende, kein Ball, kein 
Fest, keine Freude mehr. „Der Krieg, der Krieg", man 
hört kein anderes Wort mehr. Man spricht nur mehr 
von Abreise, Avancement, Regimentern und Armeen. 
Niemand kann mehr sagen: in einem Monat werde ich 
dies oder jenes tun, auf mein Gut reisen, mein Haus ver- 
mieten, vielleicht würde niemand nach diesem Zeit- 
räume ein Gut, ein Haus oder ein Vermögen haben . . . 
Unter den Enthusiasmus mischt sich auch bange Furcht 
und trübe Vorahnung. Die Begeisterung ist aber des- 
halb um so verdienstvoller, da sie viel mehr aus dem 
Wunsche hervorgeht, die verletzte Ehre zu rächen, als 
aus der Hoffnung eines wirklichen Erfolges. 

28. Februar 180g: Ich habe das Ende des Karnevals 
ohne Bedauern kommen sehen. Die Bälle machten mir 
kein Vergnügen mehr. Überall Unruhe und Sorge. In 
der Familie sprach man nur mehr vom Kriege, von der 
Abreise guter Bekannter. Mit solch schwerem Herzen, 
den Kopf voll trauriger Gedanken, wurden wir zum 
Tanze geschleppt. Oft wurde die interessanteste Kon- 
versation über unsere Zukunft durch den Eintritt eines 
Coiffeurs oder einer Putzmacherin gestört. Ein anderes 
Mal wieder mitten im Walzertanz und Geigenjubel 
schreckte mich eine heimliche Angst wie ein böser Alp. 
Ich bin froh, daß diese Zeit vorüber. Sobald ich mich 
ungestört ernsten Gedanken hingeben kann, gewinne 
ich meine innere Ruhe wieder. 

265 



28. Februar: Kaum acht Tage ist es her, daß man 
sagte: Mayer wird unser Generalquartiermeister, Faß- 
bender Generahnspektor des Proviantwesens; viele Leute 
krochen sofort vor diesen neuen Größen, ihr Emp- 
fangszimmer wurde nicht mehr leer. Heute sagt man: 
Mayer ist verkannt worden, Faßbender tot^). 

8. März: Heute sah ich das Regiment Hohenzollern 
defiheren, das einzige Regiment, welches das Recht hat, 
die Stadt und die Burg mit schlagendem Tambour und 
fliegender Fahne zu passieren. Die Geschichte dieses 
Vorrechtes ist folgende: Kaiser Ferdinand II. wurde in 
der Burg von Rebellen gefangen gehalten. Die Frech- 
heit dieser Leute ging so weit, daß sie den Kaiser zwin- 
gen wollten, eine Art Charte zu unterzeichnen, in wel- 
cher ihnen verschiedene Privilegien bewilligt wurden. 
Ferdinand weigerte sich, aber ferne von seiner Armee, 
nur auf sich angewiesen, blieb der Allmächtige seine 
einzige Stütze. Einer trieb die Unverschämtheit so weit, 
daß er den Kaiser beim Bart riß, um die Unterschrift 
zu erpressen. In diesem Augenblicke höchster Not 
schmetterte der Ton von Trompeten im Schloßhof. Das 
Regiment Damfierre (jetzt Hohenzollern) ist es, das bis 
zur Burg vorgedrungen ist und den Kaiser befreit. Das 

i) Faßbender war ein Günstling des Erzherzogs Karl. General 
Mayer hatte Talent, verriet aber einmal im Rausche bei einem 
militärischen Diner den ganzen Kriegsplan, was seine Verbannung 
zur Folge hatte. (Notiz d. Verf.) Gemeint ist hier der F. Z. M. und 
Theresienordensritter Fhr. Anton Mayer von Heldenfeld (1765 bis 
1842), der 1805 General-Quartiermeister des Kaisers und nach dem 
Frieden von Preßburg denselben Posten beim Armeehauptquartier 
innehatte. Ferner Mathias Faßbender, geb. Koblenz 17. 3. 1764, der 
durch die Protektion des Erzh. Karl hochkam, Staatsrat in inlän- 
dischen Geschäften und Direktor des Kriegministerial-Bureaus 
wurde. Er reorganisierte an der Hand des Erzherzogs die Armee 
und starb vor Ausbruch des Krieges 1809 am 23. 2. 1809 zu Wien. 

266 



Entsetzen der Rebellen war so groß, daß sie sich augen- 
blicklich zerstreuten. Der Regimentskommandant St. 
Hilaire-) kniete vor dem Kaiser nieder und legte seinen 
Degen zu Füßen des Monarchen, indem er um Gnade 
für sich bat. Er war nämlich, weil er im Duell einen 
Günstling Ferdinands getötet, von diesem in die Ver- 
bannung geschickt worden. Selbstverständlich gewährte 
der Kaiser die erbetene Verzeihung und schloß den 
Oberst in seine Arme. Seit diesem Tage bekam das Regi- 
ment das kaiserliche Privileg, das ich vorhin erwähnte, 
und das Recht, im Burghof den Werbetisch aufzu- 
schlagen. Man sagt, daß der junge Prinz Karl Liechten- 
stein'^) und ein anderer Edelmann sich auf diese Weise 
anwerben ließen. 

9. Alärz: Diesen Morgen wurden die Fahnen der 
Landwehr geweiht, worauf die Soldaten den Schwur 
leisteten, sie zu verteidigen. Wir sahen alles genau, teils 
in den Straßen, teils auf dem Glacis. Nachdem Erzher- 
zog Karl den Truppen eine rührende Proklamation ver- 
teilen ließ, nahm er bei jedem Bataillon, gefolgt von der 
ganzen Generalität, die Revue ab, sprach mit den Offi- 

i) Gilbert Carl Graf Santbülier (St. Hilaire), gest. Graz 20. 11. 1647, 
seit 1601 Erb-Arsenalhauptmann in Wien, rettete am 11. 6. 1619 
durch sein Erscheinen mit 400 Kürassieren des späteren Regiments 
Heinrich Duval Graf Dampierre (1560 — 1620) den Kaiser aus obiger 
Bedrängnis. (Das Regiment ist das heutige k. k. Dragoner-Rgt. 
Nr. 8.) — Interessant ist es, daß Gräfin Lulu Thürkeim durch die 
Ahnen ihrer Großmutter Thürheim-Hager direkt von Gilbert St. 
Hilaire abstammt, der ihr 5. Urgroßvater ist. Ebenso interessant 
ist es auch, daß der ehemalige Besitzer von Schxcertberg und Windegg 
Georg Erasmus Frhr. v. Tschernembl (1574 — 1626) der Führer und 
Sprecher obiger Deputation der protestantischen Stände bei Kaiser 
Ferdinand H. gewesen ist. 

2) Wahrscheinlich Karl Prinz Liechtenstein (1790 — 1865) k. k. 
G. d. K., Geh. Rat, Obersthofm. heiratete 18 19 Franziska Gräfin 
Wrbna-Freudenthal (1799 — 1863). 

267 



zieren und salutierte die Soldaten. Überall erschollen 
Vivats ohne Ende. Der Eifer der braven Landwehr 
ist unbeschreiblich. Ich will einige patriotische Züge 
dieser tapferen Truppe hier erzählen. Der Hauptmann 
V. Grevstein'^) (früher holländischer Gesandter in Wien 
vor der Regentschaft Louis Bonapartes) hatte in seiner 
Kompagnie drei Brüder, Weber von Profession, die einen 
alten Vater und einen vierzehnjährigen Bruder, der 
für das Waffenhandwerk noch zu jung war, zu Hause 
gelassen hatten. Der Verordnung zufolge, wonach nur 
solche Freiwillige bei der Landwehr aufgenommen wer- 
den durften, die zum Unterhalte ihrer Familie nicht 
unbedingt nötig waren, ließ Grevstein die drei Brüder 
vor sich kommen und sagte ihnen, er würde nur zwei 
von ihnen in seiner Kompagnie behalten. Sie sollten 
selbst entscheiden, welcher von ihnen nach Hause zu- 
rückkehren wolle. Die Brüder baten sich einen Tag Be- 
denkzeit aus. Am nächsten Morgen kommen sie zu 
fünft statt zu dritt und bitten, daß sie alle angeworben 
werden, damit niemand mehr zu Hause gepflegt wer- 
den müsse. — Am Vortage der Eidesleistung hielt Ba- 
ron Steigentesch^) eine kleine Ansprache an sein Bataillon 

i) Wahrscheinlich Gravenstein. 

2) August Ernst Freiherr v. Steigentesch, geb. Hildesheim 12. i. 1774, 
gest. Wien (oder Turin ?) 30. 12. 1826 als letzter seines Geschlechtes, 
Sohn des kurmainzischen Direktorialgesandten Andreas St. (1788 
geadelt und 1797 Reichsfreiherr) und Enkel eines komischen Schau- 
spielers am kaiserlichen Hoftheater in Wien, trat mit 15 Jahren 
bereits in die österreichische Armee und war mit 30 Jahren Major. 
Er starb als G. F. W. M. und Geh. Rat und war auch ein nicht 
unbedeutender dramatischer Dichter. Seine Gattin, von der er 
sich aber scheiden ließ, war Christine Friderike (geb. 4. 10. 1749, 
gest. 15.4. 1823), Tochter des 7.4. 1787 gest. preuß. Geh. Rats 
Frhrn. Joh. Frdrch. Erasmus von Hopffer und der 4. 3. 1786 gest. 
Christiane Elis., Witwe des 1793 gest. Frhrn. Christian Jakob von 
Zwierlein. (s. Monatsheft, Juni 1893 des „Adler", Wien) 

268 



und sagte, er wolle, wie einst Gideon, nur die ent- 
schlossensten Leute behalten; wen es reue oder wer 
wichtige Gründe habe, nach Hause zurückzukehren, 
würde ohne Schwierigkeit entlassen. Ein tiefes Schwei- 
gen folgt den Worten. Dann tritt ein Mann vor und 
meldet, er habe Weib und vier kleine Kinder ohne Stütze 
zurückgelassen, er bitte, wenn auch ungerne, um seine 
Entlassung. Kaum hatte dieser Mann ausgesprochen, 
als ein junger Soldat vortritt: ,,Herr Major, was mein 
Kamerad sagt, ist richtig. Ich kann ihm aber helfen. 
Mein Vater ist ein reicher Kaufmann in Wien; ich will 
meinem Kameraden augenblicklich 25 fl. monatlich 
für den Unterhalt seiner Familie anweisen lassen." Der 
Major nimmt im Einverständnisse mit dem Familien- 
vater das Anerbieten an. Darauf tritt ein anderer Soldat 
vor, der einen blinden Vater zu Hause hat, der ohne 
seine Hilfe verhungern müßte. Als dies der Soldat, wel- 
cher die 25 fl. bekommen sollte, hört, ruft er aus: „Ich 
brauche diese Summe für meine Familie nicht, die Hälfte 
genügt, die andere gebe ich dir und meine Frau wird 
deinen alten Vater pflegen. Besser ist es, einen braven 
Soldaten dem Kaiser zu erhalten." 

Die braven Landwehrbataillone, zusammengesetzt 
hauptsächlich aus Wiener Bürgern, die an Wohlleben 
und mäßige Anstrengung gewöhnt waren, hatten von 
Anfang an die ärgsten Strapazen zu erdulden; viele 
Kinder reicher Eltern gingen zugrunde, bevor sie einen 
Feind gesehen, und der Rest erlitt dasselbe Schicksal bei 
Ebelsberg, nachdem die Tapferen wie Löwen gekämpft 
hatten. 

Auch der Adel eiferte, dem Beispiele der Landwehr 
nicht nachzustehen. Fast keine adlige Familie gab es, 
die nicht Söhne unter die Fahnen schickte, ja sogar die 

269 



Vätev und altgediente, pensionierte Offiziere wollten 
ihre letzte Kraft dem bedrängten Vaterlande widmen. 
Jedoch die Meinungsverschiedenheit unter den Chefs, 
die Fessel, die der Kriegsrat bildete, der Neid, die Un- 
tauglichkeit und der Mangel an Fähigkeit, dazu noch 
das Mißtrauen des Kaisers, erfüllten, angesichts eines 
Kampfes gegen ein Genie wie Napoleon, die aufgeklär- 
ten Geister mit Sorge und Angst. Noch einmal gab 
Österreich durch seine Kraft ein Beispiel für ganz Eu- 
ropa, noch einmal stürzte es sich wie Decius in den Ab- 
grund, der sich aber nicht schloß. Während Europa in 
seinem Egoismus das Anerbieten Österreichs, seine Frei- 
heit zu erlangen, von sich wies, ohne an seinen Fesseln 
zu rütteln, stand der greise Kaiser über der allgemeinen 
Niedergeschlagenheit und zeigte, was die moralische 
Kraft über die materielle vermag. 

Der Karneval in Rom war sehr traurig gewesen. Der 
General M . . , ^) ließ an den Straßenecken eine Einladung 
an das Volk affichieren, sich während der letzten drei 
Tage zu unterhalten, und versprach, daß die öffentHchen 
Lustbarkeiten glänzender sein würden wie gewöhnlich. 
Plus VII. ließ daneben eine Proklamation heften des 
Inhaltes, die Gläubigen möchten nicht an Unterhal- 
tungen denken zu einer Zeit, da ihr Kirchenfürst ge- 
fangen gehalten würde. Die Franzosen, wütend über 
diese Eigenmächtigkeit des Papstes, rissen die Exhorta- 

i) Alexander Sextlus Mio///5, geb.AixiS.g. 1759, gest. nach i8i5bei 
Rom. Von Napoleon 1808 gegen Papst Plus VII. gesandt, erzwang 
er sich am 2. Februar den Eintritt in Rom und besetzte die Engels- 
burg. Darauf verleibte er die päpstlichen Truppen den französi- 
schen ein, ließ die neapolitanischen Kardinäle wie Verbrecher durch 
Soldaten nach Neapel führen und besetzte am 2. März auch die 
Post. Am 2. April anektierte Napoleon fast den ganzen Kirchen- 
staat. Miollis wurde Gouverneur von Rom. 

270 



tionen von den Mauern herab, stellten auf dem Korso 
Theater und Schaubuden auf und trafen Vorbereitun- 
gen, das Volk auf jede Weise zu ergötzen. Aber keine 
Römerin verließ in diesen Tagen ihr Haus, das Volk 
selbst vermied es, den Korso zu betreten, der infolge- 
dessen zum großen Ärger der Franzosen während der 
Karnevalstage leer blieb. 

Die Ankunft zweier Spanier, die von Ferdinand VII. 
geschickt waren, brachte einige Ablenkung von der all- 
gemeinen Sorge. Jedermann wollte diese Offiziere ken- 
nen lernen, man sah in ihnen menschgewordene Heroen. 
Sie kamen von Triest, wo mein Schwager Graf Go'eß 
seit einigen Monaten Statthalter war, und waren uns 
von meiner Schwester Isabella angelegentlichst emp- 
fohlen worden. Der eine hieß Campozano, der andere 
Andonazo. Beide waren liebenswürdig, interessant, voll 
Begeisterung für die gute Sache, bescheiden im Hin- 
blick auf den Heroismus ihrer Nation. Wenigstens könn- 
ten sie uns die Kunst zeigen, für das Vaterland zu ster- 
ben! Aber nein — der Tag ist gekommen, da die Ge- 
rechtigkeit sich uns zuwendet und unsere Feinde zittern 
werden. Dies — das Horoskop, das ich für den Krieg 
stellte und obendrein noch: „Napoleon wird gehängt 
werden. Amen!" 

Obwohl das Schwert halb gezogen, das Gewehr schuß- 
bereit, so wollte es noch nicht zur Entscheidung kom- 
men. Endlich sollte Erzherzog Karl abgehen, der Kaiser 
ihm folgen. Das Volk war halb wahnsinnig vor Begeiste- 
rung. In den Theatern sang man patriotische Lieder^) 

i) Diese Lieder waren von Heinrich v. Collin (1772 — 1811). Meine 
Tante Therese Thürheim komponierte Weisen dazu, die sie zum 
Vorteü der Witwen und der Landwehrmänner verkaufte. (Notiz d. 
Verf.) 

271 



zugunsten der künftigen Witwen und Waisen der Land- 
wehrsoldaten. EinGesang^) war eigens für den Kaiser ge- 
macht worden. Die Besucher des Theaters, trunken vor 
Enthusiasmus, sangen das Lied zusammen mit dem 
Chor, alles schrie, alles weinte. Sobald der Kaiser mit 
seiner Familie erschien, zitterte das Theater vor Vivat- 
rufen, die Kaiserin zerfloß in Tränen, der Kaiser dankte 
unzählige Male, kurz, es war ein Augenblick des Trium- 
phes für jeden guten Bürger. 

9. AfTÜ: Erzherzog Karl ist zur Armee geeilt, der 
Kaiser folgte ihm gestern morgens. Der Abschied des 
Erzherzogs war rührend. Die Kaiserin ließ ihre Kinder 
kommen und empfahl sie ihm, sowie ihren Gemahl. Der 
Marschall antwortete darauf: „Madame, je reviendrai 
vainqueur ou vous ne me reverrez jamais!" — Kaum 
hatte er das Schloß verlassen, als die Kaiserin anspannen 
ließ, um den Erzherzog nochmals in seinem Palais zu 
besuchen. Ihre Kinder waren bei ihr. Als der kleine 
Erzherzog Franz Karl den Marschall sah, rief er wieder- 
holt: „Onkel, wenn ich nur auch mitkönnte!" 

Bei der Abreise des Kaisers begleitete ihn die Kaiserin 
die Stiege hinab, sie und Erzherzogin Louise bewahrten 
mit Mühe die Fassung. Als der Kaiser in den Wagen 
stieg, drehte er sich gegen seine Tochter um, gab ihr die 
Hand zum Handkusse und umarmte sie mit warmer 
Innigkeit. Dann umarmte er auch die Kaiserin und 
wollte eben fortfahren, als er entdeckte, daß man seinen 
Mantel vergessen hatte. Während man lief, ihn zu su- 
chen, hing die Kaiserin minutenlang an dem Halse 
ihres Gemahls. Vergeblich mahnte letzterer: „Geh hin- 
auf, geh hinauf, es ist zu kalt, es könnte dir schaden!", 

i) Die österreichische Volkshymne, die Josef Haydn schon 1797 in 
Musik setzte, aber erst 1809 allgemein bekannt wurde. 

272 



sie antwortete nur mit einem Kopfschütteln und mit 
Tränen, Endlich kommt der Mantel, die Kaiserin legt 
ihn selbst auf die Schultern ihres Gatten, der Kaiser 
steigt ein und fährt davon. Die Kaiserin und die Prin- 
zessinnen bleiben an der Stiege so lange stehen, bis der 
Kaiser noch einmal aus dem Wagen herauswinkt und 
die Karosse verschwunden ist. 

Seit diesem Abschied soll die Kaiserin nur weinen 
und zu Gott beten. Bald fürchtet sie den Ausgang des 
Krieges, zu dem sie viel beigetragen, bald trauert sie 
um das Blut, das die nächste Zeit von ihren Unter- 
tanen fordern wird. Sie ist sehr zu bedauern, die gute 
Kaiserin Louise Beatrice. Ihre zarte Gesundheit ist nicht 
stark genug, um den heroischen Mut einer Fürstin mit 
der Empfindsamkeit einer Frau zu vereinen . . . 

Vor seiner Abreise empfing Erzherzog Karl eine 
Menge patriotischer Spenden für die Unglücklichen des 
Krieges. Ein Unbekannter schickte 30 000 fl.; ein armer 
Lastträger 100 fl., die er durch eine Kollekte von barm- 
herzigen Leuten zur Linderung seines Elendes erhalten 
hatte. 

21. April: Erzherzog Karl ist in Landshut. Der Über- 
gang über die Isar hat nicht viel Soldaten gekostet. In 
einem kleinen Gefechte haben wir durch das Korps 
Bellegarde einen Erfolg errungen. Der Feind zog sich 
eiligst zurück. 

In Tirol hat sich das Volk in Masse unter dem Kom- 
mando eines einfachen Gastwirtes erhoben. Dieser Mann, 
der Andreas Hof er oder der Sandwirt heißt, hat sich der 
wichtigsten Posten im Lande bemächtigt, die Bayern 
davongejagt, sie bei Hall geschlagen und sie zur Kapitu- 
lation gezwungen. Ein einfacher Handwerker, Adjutant 
des Gastwdrt-Generals, suchte den Kaiser in Schärding 



18 M. L. I 



273 



auf, um ihm die Erfolge der Tiroler anzuzeigen und ihn zu 
bitten, ihr Fürst zu werden. Der Kaiser, zu Tränen ge- 
rührt, umarmte den braven Bergsohn und hing ihm eine 
goldene Medaille um den Hals. Dann zog er ihn der 
Hoftafel bei. Der Prinz von Oranien^), der in österrei- 
chische Dienste getreten ist, saß zur Rechten des Mo- 
narchen, der gute Tiroler zur Linken. Schon hat sich 
Hofer Innsbrucks bemächtigt und dort in der Burg das 
Generalquartiermeisteramt etabliert. Der General Cha- 
steUr^), der mit einem Korps nach Tirol gesendet wor- 
den war, hat dort keine Feinde mehr gefunden. — Ich 
habe die Kopie zweier Briefe aus Tirol gelesen. Der 
eine ist vom Sandwirt, der andere von einem Offizier 
unter Chasteler, Herrn v. Taxis. Hofer meldet seine 
Erfolge und das Verhalten seiner braven Tiroler. Der 
Stil ist so einfach, daß man nicht weiß, ob man sich 
mehr über den Heroismus oder über die Ungeschliffen- 
heit des Briefstellers wundern soll. „Wir fürchten nicht 
die Franzosen, diese Beutelschneider, diese Kirchen- 
räuber, diese Menschenmörder usw. und wenn auch der 
Bonaparte uns selbst angreift, wir werden ihm schon 
seinen Buckel klopfen." Der zweite Brief enthält Auf- 
klärungen, namentlich über das heldenmütige Verhalten 
Hofers selbst, das dieser aus Bescheidenheit verschwieg. 
Er sagt, der Einmarsch der Österreicher in Tirol glich 
mehr einem Triumphzug, als einem einfachen Marsch; 
die ältesten Soldaten hatten Tränen in den Augen, als 
sie die begeisterten Demonstrationen sahen. Frauen, 

i) Der bekannte General Prinz Friedrich Wilhelm von Oranien 
und Nassau- Dietz, der 1797 Theresienritter wurde. Er war 1796 
in österreichische Dienste getreten. 

2) FML. Johann Marquis v. Chasteler befehligte das 8. Armeekorps 
im Jahre 1809, wurde bei Wörgl von den Bayern und Franzosen ge- 
schlagen und starb als Gouverneur von Venedig 1825 (v. p. 305). 

274 



Kinder und Greise beeilten sich, Lebensmittel herbei- 
zuschaffen und sie zu begleiten; unter ihnen waren 
Kinder von 12 Jahren und Greise von 70, die erbeutete 
Waffen trugen. Taxis fügt bei, er habe selbst ein Korps 
feindlicher Kavallerie gesehen, das von einem Haufen 
Tiroler angegriffen wurde. Die Bauern rissen mit den 
Zähnen und Nägeln die Reiter von den Pferden und 
nötigten sie, sich zu ergeben, und das mit einer Wut, mit 
einem Ungestüm, der die ältesten Krieger erzittern ge- 
macht hätte. 

Hier in Wien sind die Kirchen mit Gläubigen ange- 
füllt, die Straßen mit Prozessionen, niemals noch er- 
innert man sich ein solches Vertrauen in Gott und in 
die Tapferkeit unserer Truppen gesehen zu haben . . . 

2^. Afril: Erzherzog Johann hat die Franzosen voll- 
kommen bei Sacile und Pordenone besiegt, der Feind ver- 
lor IG 000 Mann, mehrere Generäle wurden teils ge- 
tötet, teils gefangen, 16 Kanonen und 3 Adler erbeutet. 
Unsere Soldaten kämpften heldenmütig, verloren aber 
auch viele Leute. Sie ließen sich nicht zurückhalten und 
gingen mit gesenktem Kopf in die Gefahr. Ferdinand 
Zichy"^) kam vorgestern mit dieser Freudenbotschaft 
an. Sein Regiment hat sich im Gefechte sehr ausge- 
zeichnet. 

Seit gestern leben wir in beständiger Unruhe. Unsere 
einzige Beschäftigung, sowie aller Frauen Wiens, be- 
steht im Scharpiezupfen. Man weiß durch zwei Bulletins 
von der deutschen Armee, daß man sich vom 19. auf den 
23 . mit größter Erbitterung schlug, Jeder Zoll Erde wird 
mit derselben Unerschrockenheit angegriffen und ver- 

i) Ferdinand Graf Zicby (1783—1862) F. M. Lt. und bis 1848 
Mil.-Kdt. von Venedig, heiratete 1807 Sofie Gräfin Szecbenyiy 
geb. 1790, gest. 1865. 

X8» 275 



teidigt. Bonaparte ist an der Spitze seiner Truppen. Erz- 
herzog Karl kommandiert die unserigen. Wir verlieren 
viele Mannschaft, der Feind opfert ganze Bataillons. 
Noch ist nichts entschieden. Viele Regimenter haben 
alle ihre Stabsoffiziere verloren. Die Prinzen Ludwig 
und Moritz Liechtenstein sind schwer verwundet, die 
Prinzessin Leopoldine i) ist abgereist, um ihren Mann 
und Schwager zur Ader zu lassen. Das Schrecklichste ist, 
daß niemand weiß, ob unsere Verluste wenigstens den 
Sieg erkauft haben. Seit gestern schrecke ich Jedesmal 
zusammen, wenn man eine Türe rasch öffnet. Meine 
Schwester Konstantine ist aus lauter Unruhe um Pepi 
Chotek krank geworden . . . Abends bekam ich infolge 
der Aufregungen einen ziemlich starken Nervenchok. 

27. April: Die Ereignisse haben sich verschlimmert. 
Erzherzog Ludwig und das Korps Hitler wurden bis an 
den Inn zurückgedrängt; gestern hieß es wieder, daß 
die Franzosen eine Schlappe erlitten, die sie zwang, über 
die Isar zurückzugehen. Was die Bestürzung allgemein 
macht, ist, daß Erzherzog Karl nach einem fünftägigen 
Kampfe, der uns unendlich viel Menschenleben kostete, 
sich gezwungen sah, über Regensburg nach Böhmen zu 
weichen. Wenigstens ging der Rückzug in bester Ord- 
nung vor sich. 

i) Marie Leopoldine Yüntin Liechtenstein, geb. Vrim^%%m Esterhäzy, 
geb. 1788, heiratete 1806 den F. M. Lt. und Maria Theresienritter 
Moriz Josef Fürsten Liechtenstein (1775 — 1819). Er wurde bei 
Hausen 19. 4. 1805 verwundet, ebenso sein Bruder Alois (Louis) 
Liechtenstein. „Die Prinzessin Liechtenstein-Y-ittihizy war die 
schönste Frau von Wien. Vernachlässigt von ihrem Manne, ver- 
göttert von ihrem Schwager, blieb ihr Verhalten trotzdem voll- 
kommen vorwurfsfrei. Nach dem Tode ihres Mannes Moritz wurde 
Prinz Ludwig deutscher Ordensritter, um das Gerücht zum Schwei- 
gen zu bringen, als ob er seine Schwägerin heiraten wolle. (Notiz 
d. Verf.) 

276 



Erzherzog Karl, einsehend, daß die feindlichen Kräfte 
bedeutend stärker waren, als er geglaubt, gab am 21, 
dem Prinzen Johann Liechtenstein den Befehl, sich be- 
reitzuhalten, um den Rückzug zu decken. Er ließ sogar 
an Erzherzog Johann in Italien einen Expreßkurier ab- 
gehen mit der Order, der Erzherzog möge sich nicht zu 
weit vorwagen. Eine solche Vorsicht bewies am besten 
die Macht der Faszination, welche die Persönlichkeit 
Napoleons auf den Feldmarschall ausübte. Den 25. woll- 
ten die Franzosen, völlig erschöpft und überall zurück- 
gedrängt, nicht weiterkämpfen. Napoleon ließ dem Mar- 
schall Davoust sagen, sofort anzugreifen, widrigenfalls er 
ihn ausgenblicklich füsilieren lassen werde. Davoust rafft 
darauf seine Kavallerie zusammen und fällt über unsere 
gänzlich erschöpfte Infanterie her, die dem gewaltigen 
Anstürme nicht standhalten kann. Man sagt, es sei unser 
Unglück, daß wir so wenig Kavallerie besäßen, aber die 
Finanzen erlaubten es nicht. Wie viel vergossenes Blut 
und warum ? Um dem Tyrannen den Weg ins Herz der 
Monarchie zu bahnen. Man muß das Haupt unter den 
Willen der Vorsehung beugen, aber jede Hoffnung hat 
mich verlassen, der Himmel Heß die gerechte Sache im 
Stich. 

Die ganze französische Armee dringt in Österreich 
ein. Bonaparte denkt nicht einmal daran, dem Erzherzog 
nach Böhmen zu folgen. Hiller, zu schwach, um den 
Stoß zu parieren, hat sich hinter den Inn zurückgezogen, 
man sagt, er würde auch noch hinter die Enns retirieren. 
Ich mache mir keine Hoffnungen mehr. Oberösterreich 
ist verloren, Napoleon wird bis an die Enns vordringen, 
dort dürfte vielleicht noch Blut vergossen werden, aber 
unnötigerweise. Wie könnte auch ein so schwaches Korps, 
wie das Hillers und des Erzherzogs Ludwig, die ganze 

277 



französische Armee aufhalten! Dann ist aber der Feind 
auch in Wien. Allerdings ist damit noch nicht alles ver- 
loren, es bleiben dem Kaiser noch Böhmen, Ungarn und 
eine gute Armee, um diese Länder zu verteidigen. Viel- 
leicht kommt es auch dazu. Doch Osterreich, verlassen, 
wie soll das enden ? Wir werden eine eroberte Provinz 
und bekommen einen Satelliten des Tyrannen von Eu- 
ropa als Herrscher. Und mein armes Vaterland, wann 
Averden wir dich und in welchen Verhältnissen wieder- 
sehen? Dieses so schöne, reiche und kaisertreue Land! 

Man erzählt, daß Oberösterreich sich im Aufstande 
befinde. Die armen Leute! Sie machen ein trauriges 
Opfer für ihre Pflicht und werden nur geopfert. Wenn 
Erzherzog Karl herbeieilte, um das rechte Donauufer zu 
verteidigen, was würde daraus folgen ? Oberösterreich 
wäre das Kriegstheater und diese blühenden Gefilde 
würden von beiden Armeen verwüstet . . . 

2. Mai: Eben bekommen wir Nachricht von Hermann^) 
und seinem Bruder Pepi C/^o/^^^). Beide sind wohl, aber 
Hermann ist kriegsgefangen. Ihre Schwester Therese ist 
selig. Als ich nach Hause kam, fand ich meinen Cousin 
Franz Hager in Verzweiflung über das Schicksal der 
Monarchie. Erzherzog Karl weit ab von der Operations- 
linie Napoleons, der Kaiser „conduit par quelques vieil- 
les perruques", die nur den einen Ausweg kennen, nach- 
zugeben, damit nichts verloren gehe. Mein Cousin hofft 
nichts mehr. Auch muß er dem Hofe folgen, wenn die- 
ser Wien verläßt. Wir bleiben also allein zurück. Das 
wird sehr traurig sein! 

Johann CÄo^^/^^) ist zum Stadtkommissär ernannt, Karl 

i) Zur Orientierung sei hier die Nachkommenschaft des Grafen 
Johann Rudolf Chotek (1749 — 1824) und Gräfin Maria Sidonie geb. 
Gräfin Clary (1748 — 1824) angegeben; I. Söhne: 

278 




Karl Graf Chotek (1783— 1868) 



Nach einer Lithographie von Kriehuber 
in der k. u. k. Hof bibliothek 



Chotek bleibt uns also erhalten, da sein Vater ihn nicht 
zu der Armee lassen will. 

Die Entmutigung der Behörden hat die Wiener nicht 
ergriffen; ja ihre Hingebung hat sogar die Behörden ver- 
anlaßt, die Stadt zu befestigen. Der Kaiser hat befohlen, 
daß seine Hauptstadt in belagerungsfähigen Zustand 
versetzt v^^erde, man bewaffnet die Bürger oder vielmehr 
man vertraut ihnen die Verteidigung an, denn Waffen 
trug jeder Mann schon seit 1808. Erzherzog Max, dem 
der Monarch die Verteidigung übertragen, erklärte, er 
lasse sich Heber von den Mauern zerschmettern, als Wien 
zu übergeben. Chotek prahlte und auch andere, man 
sprach nur von heroischem Soldatentod. 

Mein Cousin Hager, der seit dem Tode meines Vaters 
unser Vormund war, beschloß unsere Abreise von Wien, 
indem er erklärte, er fürchte für uns nicht so sehr die 
feindlichen Bomben oder die Beschwerden einer Belage- 
rung, als vielmehr die Tatsache, daß sich die Vereini- 

a) Johann Nep. Josef (1773 — 1824), der obige Stadtkommissär 
von Wien, n.-ö. Reg.-Rat, heiratete 12. 10. 1799 Maria Isabella 
Gräfin Rottenhan (1774 — 1817). 

b) Josef (1776 — 1809), k. k. Km. und Oberst, heiratete 6. 10. 1802 
Sofie Regine Fürstin Auersperg (1780 — 1865). 

c) Franz Wenzel (1778 — 1807), k. k. Km. u. Rittm. 

d) Ferdinand Maria, geb. 4. 9. 178 1, gest. Prag 5. 9. 1836, Fürst- 
bischof von Olmütz. 

e) Karl (1783— 1S68), k. k. Km., Geh. Rat, Ritter d. O. v. gold. 
\^eße, bis 1843 Oberstburggraf in Böhmen, Präs. d. böhm. Guber- 
niums, heiratete Wien 15. 7. 1817 Marie Gräfin 5frc^/oW (1795 bis 
1878). 

f) Hermann (1786 — 1822), k. k. Km. u. Genieoberst, heiratete 
22. I. 1813 Henriette Gräfin Brunsvik von Korompa (1789 bis 
1857). 

IL Töchter: a) Aloisia (1777 — 1864) heiratete 5. 12. 1814 Carl 
Josef Fürstin Clary und Aldringen (1777 — 183 1). 

b) Maria Therese (1785 — 1872), hzgl. savoysche Ehrenstiftsdame 
zu Wien. 

279 



gung Hillers mit Erzherzog Karl vor Wien vollziehen 
würde. Die Folgen einer verlorenen Schlacht könnten 
für die Bewohner der belagerten Stadt unselige sein, die 
dabei herrschende Unordnung und Gefahr wären nicht 
geeignet, verzagte Frauen zu beschwichtigen. Meine 
arme Mutter gehört aber leider zu den Furchtsamsten 
der Furchtsamen. 

5. Mai: Bis 1 1 Uhr nachts hatten wir eine lange Be- 
ratung in unserem Salon. Mama konnte sich zu nichts 
entschließen, kaum hat mein Cousin einer Hydra den 
Kopf abgeschlagen, erhob sich wieder eine neue. End- 
lich verlor er die Geduld, meine Schwester Konstantine 
wurde ganz unwirsch und das übrige „Volk" murrte. 
Ich für meine Person wollte nicht den letzten Abend 
verlieren, den ich mit meinem Bräutigam (Karl Chotek) 
zu verbringen hatte und saß mit ihm ruhig in einem 
Winkel, bis der Streit geschlichtet war. 

Am 6. Mai befanden wir uns bereits auf dem Wege 
nach Kärnten und reisten in kleinen Etappen, da meine 
Mutter, um ihre Pferde vor den Requisitionen zu retten, 
gewünscht hatte, sie alle zum Fortbringen unserer Ka- 
rawane zu benutzen. Wir fuhren nach Klagenfurt, wo 
meine Schwester Isabelle Goeß seit der Abreise ihres 
Mannes und dem Tode ihrer Schwiegermutter lebte. Die 
Abreise von Wien machte uns viel Kummer, ich beneidete 
meine Tante und meinen Cousin, die in der Stadt zu- 
rückgeblieben, und dachte mir, daß es vielleicht siche- 
rer gewesen, ruhig in Wien zu weilen, als sich den Ge- 
fahren einer Auswanderung auszusetzen. Ich wagte aber 
nicht die mindeste Einwendung zu machen. Am meisten 
schmerzte mich die Trennung von meinem Verehrer 
Karl Chotek, von dem ich zufälHgerweise nicht einmal 
richtigen Abschied hatte nehmen können. Je weiter wir 

280 



uns aber von Wien entfernten, desto mehr gewann die 
jugendliche Heiterkeit Gewalt über uns. 

Auf der Reise begegneten wir unserem Jugendfreunde 
B evnh.2ii d M ayhirt^) , Leutnant bei Oreilly-Dragoner. Er 
und der Rest seiner Kompagnie waren glücklich einem 
Hinterhalt entkommen, wohin sie der General Graf 
Merveldt^)^ der ein Korps unter Hiller kommandierte, 
unklugerweise geführt hatte und sie dann verließ, nach- 
dem sie sich bei der Verteidigung des unwichtigen Po- 
sten hatten dezimieren lassen. Die interessanten Erzäh- 
lungen Mayhirts und seiner Kameraden, die sich uns 
vorstellen ließen, machten diesen Tag zu einem der hei- 
tersten unserer Reise. — In Graz angelangt, fanden wir 
einen Brief Isabellens vor, worin sie uns mitteilte, daß 
ihr Mann kriegsgefangen sei, ein Unglück, das sich 
einem Nichtkombattanten selten ereignen dürfte. Erz- 
herzog Johann hatte einem Landwehrregiment den Be- 
fehl gegeben, Padua zu besetzen. Gleichzeitig in der 
Meinung, daß der Feind diese Stadt geräumt hätte, be- 
fahl er dem Grafen Goeß, als Generalintendanten der 
Armee, um für das Hauptquartier alles vorzusorgen, 
nach Padua zu eilen. Plötzlich gab der Erzherzog, wahr- 
scheinlich, weil er besser über den Feind unterrichtet 
worden war, dem Landwehrregiment Contreordre, ver- 
gaß aber auf den Generalindanten, der inzwischen in 
Padua eintraf. Allerdings war die Stadt vom Feinde ge- 
räumt, doch ein Reiterpiquet war in der Nähe geblie- 
ben und sah in der Stadt die Wagen unter einer Eskorte 

i) Über ihn später. 

2) Graf Max Merveldt war Maria Theresienritter und sein Mut 
sprichwörtlich. Bei diesem Gefechte benahm er sich derart, daß er 
sich mit knapper Not vor Strafe rettete. Er bekam später einen 
diplomatischen Posten, aber sein militärischer Ruf war nicht rehabi- 
litiert. (Notiz d. Verf.) 

281 



halten. Sie bemächtigten sich mühelos der kleinen Kara- 
wane und führten den Grafen Goeß und noch zwei Be- 
amte der Intendanz gefangen fort. (Grui Purgstall^), der 
letzte seines Namens und der Sekretär Cattoni, der spä- 
ter Baron und Polizeidirektor in Venedig wurde.) 

Diese Gefangennahme war für meinen armen Schwa- 
ger um so peinlicher, als er außer einer großen Summe 
Geldes eine Anzahl Proklamationen, die die Italiener 
gegen die Franzosen aufwiegeln sollten, und verschie- 
dene Schriften bei sich führte, welche für gewisse Be- 
wohner der Lombardei äußerst kompromittant waren. 
Glücklicherweise begünstigte die Nacht und die Rasch- 
heit der Entführung die Gefangenen; sie hatten Zeit, 
die wichtigsten Papiere zu verschlucken. Diese unver- 
dauliche Mahlzeit rettete mehr als einem der kompro- 
mittierten Herren das Leben. 

Diese Nachricht beschleunigte unsere Reise, um 
meine arme Schwester baldmöglichst trösten zu können. 
Am 12. Mai trafen wir in Klagenfurt ein, wo uns Isabelle 
mit offenen Armen empfing und in ihrem geräumigen 
Hause installierte. Wenige Tage vorher hatte sie ihre 
Schwiegermutter durch den Tod verloren, die sie aber 
nicht sehr betrauerte. Sie war eine nervöse, kranke, eifer- 

i) Wenzel Joh. Grai Purgstall (1772 — 1812), 1807 Gubernialrat in 
Graz, 1809 zur Generalintendanz bei der Armee Erzh. Johanns 
in Italien berufen. Er wurde mit Graf Goeß und Cattoni in Padua 
gefangen und in die feuchten Kasematten Mantuas geworfen. Seine 
Gemahlin Johanna Anna aus dem uralten englischen Geschlechte 
der Cranstoun (heiratete 1797), erwirkte in Wien allerdings seine 
Befreiung, doch starb er 18 12 an den Folgen der Gefangenschaft. 
Sein einziger Sohn Wenzel Gottfried (geb. 1798) beschloß den alten 
Stamm 7. i. 18 17 als 19 jähriger Jüngling. — Der Name Purgstall 
und die steiermärkischen Güter der Gräfin (gest. 23. 3. 1835) gingen 
durch Adoption 1836 an den berühmten Orientalisten Josef Frei- 
herrn V. Hammer-Purgstall (1774 — 1856) über. 

282 



süchtige Frau gewesen, die durch ihre Wutanfälle alle 
Welt erzittern machte. 

Bekam sie einen Anfall, so sperrte sie sich sofort ein, 
zog sich nackt aus, sprang gegen die Mauern und auf den 
Schränken umher und machte allerlei Luftsprünge, bis 
sie erschöpft zu Boden sank. Ihre Dienerinnen sahen der 
ganzen Szene durch das Schlüsselloch zu, und als der 
Moment gekommen war, traten sie durch eine geheime 
Tür ein und pflegten die Kranke. Zum Glück für diese 
wurde sie bald nach der Ankunft meiner Schwester von 
ihren Leiden erlöst. Übrigens hatte Isabella den günstig- 
sten Einfluß auf die Gräfin, die denn auch in ihren Ar- 
men starb und ihr noch für ihre Sorgfalt und Pflege 
dankte. 

Der alte, längst verstorbene Graf Go'eß'^) war sanft und 
gut und tat sein möglichstes, um die Härte zu mildern, 
mit der seine Frau die einzige Tochter erzog. Sie hatten 
außer dieser Tochter noch drei Söhne, Peter, meinen 
Schwager, Karl, der 1843 als Hof rat bei der Regierung 
in Klagenfurt starb, und Rudolf. Die Tochter heiratete 
einen Herrn von Rechbach'^) und starb, wie man erzählt, 
an den Folgen von Schlägen, die ihr die Mutter in der 
Jugend gegeben hatte. Diese sonderbare Art der Er- 
ziehung entsprang der Härte der Gräfin; die Diener- 
schaft widersetzte sich oft den barbarischen Exekutio- 
nen, die sie angeordnet hatte. Ein Bedienter, der heute 

i) Johann Karl Graf Goeß (18.8. 1728— 11. 5. 1798) k. k. Km. 
und Generalmajor heiratete Maria Anna Gräfin Chrtstalnigg, Palast- 
dame der Kaiserin Maria Ludovika (175 1 — 9. 5. 1809). 
2) Maria Anna Gräfin Gofyö( 1770 — 1795), heiratete 1794 Maria Josef 
Freiherrn v. Rechbach zu Mederndorf (1752 — 1821), k. k. Km., 
Gubernialrat und Kreishauptmann in Klagenfurt. Deren Tochter 
Marianne Rechbach, geb. 1795, heiratete 1820 den Marchese Hiero- 
nymo Ghisilieri. (Vgl. Franz Edler v. Hartmann-Franzenshuld, 
Gesch. der Grafen Goeß, Wien 1873.) 

283 



von einer Pension meines Schwagers lebt, versteckte sich 
eines Tages, als er den Grafen Karl mit einem Ochsen- 
ziemer züchtigen sollte. Die Gräfin ließ ihn aus seinem 
Verstecke herausziehen und drohte ihm mit der Entlas- 
sung, wenn er den Befehl nicht sofort ausführte. Darauf 
riß sich der brave Bediente seine Livree vom Leibe und 
schrie :„Ichwilllieber um meinBrot betteln gehen, als den 
Dienst eines Korporals bei Ihren Kindern versehen." 

Trotz dieser unglaublichen Härte verehrte Peter, der 
älteste Sohn, dennoch seine Mutter bis an ihr Lebens- 
ende. In seinem zehnten Lebensjahre gab er davon einen 
rührenden Beweis. Es war Befehl, daß die Kinder jeden 
Abend ihren Eltern die Hände küssen und deren Segen 
empfangen mußten. Einmal wurden sie wegen irgend- 
eines Vergehens von dieser Gunstbezeugung ausgeschlos- 
sen. Man warf sie mit Fauststößen und Fußtritten zur 
Türe hinaus. Die jüngeren Geschwister waren froh, den 
Armen der unbarmherzigen Mutter entronnen zu sein. 
Der kleine Peter hingegen konnte sich nicht entschlie- 
ßen, ohne den mütterlichen Segen zu Bette zu gehen. 
Ganz leise kauerte er sich an die Schlafzimmertür der 
Eltern und flehte unter Tränen um Verzeihung, Keine 
Antwort. Endlich schwieg der Knabe und man glaubte, 
daß er schlafen gegangen sei. Aber am nächsten Morgen 
fand man den Kleinen vor der Tür eingeschlummert 
mit Tränenspuren auf den Wangen. 

Der Mangel an politischen Neuigkeiten veranlaßte 
mich in Klagenfurt, über einige interessante Bekannt- 
schaften, die ich im Winter 1809 in Wien gemacht hatte, 
zu schreiben. 

Die erste war Komtesse Isabella Rzewuska, Enkelin 
der Marschallin Prinzessin Lubomirska^). Sie war eine 
i) Siehe Stammbaum Rzewuski im Anhang des II. Bandes. 

284 



der geistreichsten Damen, die ich kennen gelernt und 
wußte der Eitelkeit der weniger Begabten so zu schmei- 
cheln, daß sie von allen vergöttert wurde. Ich rechnete 
es mir zur Ehre an, daß sie mich zu ihrer Freundin aus- 
wählte, und ihr verdanke ich es, wenn meine Konver- 
sation in der Folge einigen Reiz bekam. Ich werde von 
ihr noch öfters zu sprechen haben. Ihre jüngere Schwe- 
ster heiratete den Grafen Jaroslaw Potocki. Ihr Bruder 
Wenzel Rzewuski fand ein tragisches Ende, d. h. zwölf 
Jahre, nachdem er verschwunden war, konnte man über 
seinen Tod noch keine Gewißheit bekommen. Seine und 
und seiner Familie Geschichte verdient ein eigenes Ka- 
pitel. Hier will ich nur erwähnen, daß Graf Wenzel 1809 
seinen ersten Feldzug an der Spitze eines Landwehr- 
bataillons mitmachte und sich das Maria Theresienkreuz 
erwarb. 

Eine weitere Bekanntschaft war Fräulein Scheldon, 
eine Nichte des sonderbaren Ehepaares, von dem ich 
schon früher sprach. Ihre Eltern waren die größten Ego- 
isten, die man finden konnte. Der Vater kümmerte sich 
blutwenig um seine Familie und lebte ganz in Paris, sei- 
nen beiden Leidenschaften fröhnend, gut zu essen und 
zu trinken und den Exekutionen auf der Guillotine zu- 
zusehen. Es gab kein Diner bei Very oder „au rocher de 
Cancal" ^) , an dem er nicht teilnahm, ebenso, wie er keine 
Hinrichtung am Greveplatze^) versäumte. Um gut zu- 
sehen zu können, hatte er sich der Guillotine gegenüber 
ein kleines Appartement gemietet. An Tagen, da er wuß- 
te, daß diese gräßliche Maschine arbeiten würde, gab er 

i) Es existiert heute an der Ecke der Rue du Rocher und des Boule- 
vards des Batignolles ein bekanntes Austernrestaurant ,,au rocher 
de Cancal". 

2) Greveplatz, die heutige Place de l'Hotel de Ville; dort fanden 
bis 1830 die öffentlichen Hinrichtungen statt. 

285 



seinen Freunden in seiner Wohnung die köstlichsten De- 
jeuners. Im übrigen war Mr. Scheldon jovial, geistreich 
und liebenswürdig; sein sorgenloses Leben machte sei- 
nem System Ehre: „Bon estomac et mauvais coeur." 

Seine Gattin war kalt, geizig und eine Betschwester, 
die ihrem Manne nur in einem glich, sich selbst mehr 
zu lieben, als den Nächsten. Trotzdem sie reich war, woll- 
te sie keine ihrer Töchter verheiraten aus Angst, ihnen 
eine Mitgift geben zu müssen. Dennoch verehelichten 
sich die Töchter, sobald sie majorenn geworden, mit 
armen Männern, die Geduld genug besaßen, den Tod ih- 
rer Eltern abzuwarten. Ich sah diese Damen i6 Jahre 
nach ihrer Heirat; der Vater war tot, aber die Mutter 
sah ihren Kindern mit größtem Gleichmut zu, wie sie 
mit der täglichen Not zu kämpfen hatten. 

Im Winter 1809 kamen wir oft zu Frau Scheldon'^) und 
sahen ihre reizenden Töchter sowohl dort, als auch bei 
der Gräfin Rzewuska. Karl Chotek machte mir sogar 
eine kleine Untreue, denn er schwärmte eine Zeitlang 
für Margarete Scheldon, die schönste derTöchter. Übri- 
gens hatte er ein weites Herz und folgte in seiner Liebe 
einer gewissen chronologischen Reihenfolge. Charlotte 
und Konstantine regierten auf diese Weise zusammen 
in seinem Herzen, dann folgten Margarete und ich, und 
wenn die Scheldons Österreich nicht verlassen hätten, 
so wären wohl auch noch Josephine und Lucie an die 
Reihe gekommen. Wie dem auch sei, ich erbte, gleich 
Bonaparte von meinen Kolleginnen die despotische 
Macht, und der arme Karl seufzte, ohne sich zu bekla- 

i) Ihr Gatte war der Bruder des auf S. 38 genannten Lords Georg 
von Sheldon (auch Scheldowe oder Sheltown). Das Ehepaar wohnte 
als „M. et Mme. Scheldon" in Wien in der Wieden, Heugasse 
Nr. 807. 

286 



gen, unter meinem launischen Szepter, bis die Auswan- 
derung der Scheldons seiner Sklaverei ein Ende berei- 
tete. Er vermißte diese übrigens mehr noch, als ich mei- 
ne Herrschaft. 

Vom Kriegstheater entfernt und ohne Nachrichten, 
da der Verkehr vollkommen unterbrochen war, lebten 
wir in Frieden und größter Ruhe. 

i6. Mai: Man spricht davon, daß Erzherzog Johann, 
der nicht mehr so glücklich war, wie es anfangs den An- 
schein gehabt, sich in zwei Kolonnen zurückziehe. Eine 
Kolonne gehe durch Tirol, die andere durch Steiermark. 
Letztere habe beim Übergang über die Piave eine 
Schlappe erlitten; das Generalquartier dieser Kolonne 
soll jetzt drei Postreisen von Villach entfernt sein. Wer 
sie kommandiert, ist unbekannt, ob der Erzherzog selbst 
oder Gyulai'^). Wie angenehm, hier in aller Ruhe den 
Verlauf der großen Ereignisse abwarten zu können! 

i8. Mai: Diese Ruhe dauerte nicht lange, schon hört 
man Kanonendonner sehr nahe von Klagenfurt. — Ge- 
stern hatten wir zwei verwundete Offiziere zum Diner, 
die uns aus unserem süßen Schlafe gewaltig aufrüttelten. 
Sie waren vollkommen erschöpft und aller Mittel be- 
raubt. Man gab ihnen zu essen und gute Betten; ihre 
Dankbarkeit bewies am besten, wie ihnen das bißchen 
Fürsorge nottat. Der eine schlief fortwährend auf seinem 
Stuhl ein, der andere machte uns einen sehr traurigen 
und rührenden Bericht über die Leiden unserer Trup- 
pen in ItaHen, selbst während ihrer größten Erfolge. 
Eine Hauptursache unseres Unglückes ist, daß sich die 

Ignaz Graf GyM/dj (1763— 183 1), F. Z. M., Ritter d. gold. Vließes 
und Kommandeur des M. Ther.-Ordens, Hofkriegsratspräsident, 
befehligte 1809 das 8. Korps unter Erzherzog Johann. Er erhielt 
den Befehl zur Verteidigung Krains. 

287 



französische Armee immer von neuem durch frische 
Kräfte rekrutiert, während uns die Siege nur schwächen. 
Dies war auch die Ursache unserer Niederlage bei Vero- 
na. Der Feind hatte auf der Flucht eine feste Stellung 
hinter der Etsch erreicht, Erzherzog Johann wollte ihn 
daraus vertreiben, trotzdem er schon den Rückzugs- 
befehl nach Österreich in der Tasche hatte. Der Kampf 
dauerte zwei Tage und war für uns günstig verlaufen, 
als plötzlich König Murat von Neapel mit 15 000 Mann 
Kavallerie eintrifft und unsere ermüdeten Truppen über 
den Haufen wirft . . .^). 

Eben ist Erzherzog Johann hier eingetroffen, er mar- 
schiert morgen mit dem Rest seiner Armee nach Un- 
garn. Tirol ist preisgegeben, ebenso das kleine Korps 
ChasUler, das sich dort wie in einer Festung halten soll ; 
auch wir sind verlassen und erwarten gleichmütig den 
Einmarsch der Franzosen in einigen Tagen. Diese Nach- 
richten habe ich zum Teil von Hieronymus Colloredo^)^ 
der gestern hier passierte und den wir besuchten. Er ist 
im Fuß, wenn auch ungefährUch, so doch äußerst 
schmerzlich verwundet. Seine Tapferkeit hat die Be- 
wunderung der österreichischen und französischen Ar- 
mee erregt. Die Regimenter St. Julien und Strassoldo 
sind fast ganz vernichtet, eines derselben hat in einem 
Gefechte allein 20 Offiziere verloren. Hieronymus, sowie 

i) Man verzeihe einer Geschichtsschreiberin von 20 Jahren, wenn 
einige Ungenauigkeiten sich eingeschlichen haben. — Die Ver- 
fasserin berichtigt diese Unrichtigkeit später. 
2) FZM. Hieronymus Graf Colloredo-Mansjeld (1775 — 1822), der 
Schrecken des Feindes im Kriege und des friedlichen Bürgers in 
ruhigen Zeiten; man sagte von ihm, daß er mit einer Hand den 
Maria Theresienorden, mit der anderen den Befehl verdiene, auf 
den Spielberg zu gehen. Man entschloß sich zu ersterem. Bei 
Marengo hatte er eine Schußwunde erhalten, an der er 1822 
unter schrecklichen Schmerzen starb. (Notizen der Verf.) 

288 



alle klarsehenden Leute hoffen nichts mehr von der 
Fortsetzung des Feldzuges. Sie sprechen sogar von Ver- 
rat, den einige GünstHnge des Erzherzogs Johann ver- 
übt haben sollen. 

Die Stadt ist voll von Soldaten, Bagagewagen, Kano- 
nen. Die ganze Nacht hindurch hört man das Rollen der 
Fuhrv\'erke, den Tritt der Truppen, die gegen Ungarn 
marschieren. Heute morgens kamen neue Mannschafts- 
und Munitionstransporte, auch Verwundete an. Groß ist 
die Zahl derjenigen, die mangels Pferden nicht mehr wei- 
ter können und dem Feinde in die Hände fallen werden. 

Die Nachrichten von der großen Armee sind unsicher. 
Man sagt, das Projekt, bei Wien Widerstand zu leisten, 
sei fallen gelassen worden.. . 

ig. Mai: Gestern schlug man sich bei Klagenfurt, ich 
war nahe daran, meine mir mühsam zusammengebaute 
Philosophie des Stoizismus zu verlieren. Die österreichi- 
sche Nachhut suchte die Fortschritte des Feindes aufzu- 
halten, um der Armee Zeit zu lassen, sich über die Drau 
zurückzuziehen. Die Stadt glich einem Kampfplatz. 
Man sah nur Waffen, Pferde und Soldaten; die meisten, 
die vorbeikamen, einzeln, ohne Ordnung, ohne Offiziere, 
niedergebrochen vor Mattigkeit, bedeckt mit Staub und 
Lumpen und beinahe alle verwundet oder krank. Man 
erblickte Leute aller Waffengattungen durcheinander. 
Dazwischen schoben sich allerlei Fuhrwerke, die um je- 
den Preis durchkommen wollten, die Kutscher schimpf- 
ten, die Soldaten fluchten ■ — eine Unordnung, ein 
Durcheinanderlaufen — niemand weiß, was er tun soll! 
Das Unglück wird immer drohender, der Feind gewinnt 
Terrain, er kommt heran, wie das düstere Schicksal, und 
keiner der ermüdeten Soldaten hat mehr die Kraft, den 
Marsch fortzusetzen. Mehrere höhere Offiziere sprechen 



19 M. L. I 



289 



mit uns, sie sind entmutigt und haben keine Hoffnung 
mehr auf die Zukunft. Der Generalquartiermeister Graf 
Nugent ^) und der General Nimptsch ^) , beide dem Erzher- 
zogzugeteilt, scheinen am meisten entkräftet. Das Schick- 
sal ihres Herrn macht sie so bestürzt, daß sie völlig ener- 
gielos sind. Ich denke, es wäre besser, wenn diese Herren 
ihre Gedanken nicht so offen zeigen möchten. Armer 
Prinz! Wir traurig muß es für dich sein, so plötzlich von 
den schönsten Hoffnungen in die tiefste Verzweiflung 
gestürzt zu werden! Seine militärischen Ansichten, sagt 
man, waren so richtig, so sicher, so im Interesse des Woh- 
les seines Kaisers, daß alle, die den Erzherzog Johann 
gesehen, nicht aufhörten, ihn zu loben und ihm ihre Ver- 
ehrung zu widmen. 

Meine arme Schwester Isabelle suchte den Prinzen in 
der Hoffnung auf, von ihm etwas über ihren Mann zu 
erfahren. Der Erzherzog empfing sie mit solcher Güte, 
daß sie wahrhaft gerührt war. Er sagte ihr: „Ich bin an 
dem Unglück des armen Goeß schuld. Unter allen 
Schlägen des Schicksals ist wohl dieser, durch meine eige- 
nen Fehler meinen Freund verloren zu haben, der 
schmerzlichste." — Er erzählte, daß er zwei gefangene 
Generäle gegen Goeß auswechseln wollte, doch wurde 
es abgeschlagen. Beim Abschied drückte meine Schwe- 
ster dem Erzherzog ihre Teilnahme an seinem Unglück 
aus. „Es ist Schickung Gottes", antwortete er und seine 
schönen Augen füllten sich mit Tränen. 

i) Laval Graf Nugent-Westmeath, (1777 — 1862), F. M,, Ritter d. 
gold. Vließes und Kommandeur des M.-Theresienordens, war 1809 
Oberst beim Generalquartiermeister-Stabe und von Erzh. Johann 
zum Generalstabschef ernannt, heiratete 1815: Johanna Duchessa 
di"^ Sforza-Riario, v. p. . . . 

2) Josef Graf Nimptsch (1763 — 1838), seit 1800 Obersthofmeister 
des Erzh. Johanns. (Siehe oben.) 

290 



Um 9 Uhr abends betrat die österreichische Nachhut 
die Stadt; sie hatte die letzten Tage ununterbrochen ge- 
kämpft. Ich sah sie mit meinem Bruder vorüberziehen. 
In den Straßen standen die Bürger in kleinen Haufen 
beisammen mit bestürzten Gesichtern, die Frauen wein- 
ten. Die Soldaten, mit Staub bedeckt, wurden von den 
wenigen Offizieren geführt, die noch am Leben geblie- 
ben waren. Im Dunkel der Nacht hörte man nichts, als 
das Gemurmel der Gaffer oder das Aviso der Komman- 
danten ,, Angeschlossen". Die armen Soldaten konnten 
sich kaum mehr aufrecht erhalten. Die Aufregung, die 
stets wachsende Dunkelheit, alles trug dazu bei, um dem 
Schauspiel einen düsteren und feierhchen Anstrich zu 
geben. Nie noch hatte ich ein so niederdrückendes Ge- 
fühl in mir, wie gestern. Aus meinen Augen stürzten 
mir die Tränen hervor . . . 

Den anderen Morgen ging ich hin, um den Abmarsch 
der Truppen anzusehen. Am Ufer des Klagenfurter Ka- 
nales hingestreckt, lagerte noch alles, obwohl die Sonne 
schon hoch stand. Die Tamboure schlugen die Tag- 
wache ohne Unterlaß, die Of fiziereschrieen, fluchten und 
schüttelten die unglücklichen Soldaten, die sich halb 
erhoben und dann wieder vor Müdigkeit zusammenfie- 
len. Ich sah auch solche, die sich nicht einmal unter den 
Schlägen des Korporalstockes erhoben. Nie hätte ich das 
Schlafbedürfnis für so zwingend, so mächtig gehalten. 
Oft stürzten selbst diejenigen Leute, die sich erhoben 
hatten, nach einigen Schritten wieder nieder und schlie- 
fen sofort wieder ein. Man mußte lange Zeit verschwen- 
den, um die Truppe endlich in Marsch zu bringen. Trotz- 
dem ging alles ohneUnordnung vorsieh. General/'nTwow^^) 

i) Joh. Maria Graf Frimont, später Fürst v. Antrodocco (gest. 26, 12. 
183 1), G. d. K., Komm. d. M.-Ther.-O., Hofkriegsratspräsident, be- 



19» 



291 



kam mit dem Rest der Nachhut an. Er ließ unter 
seine Soldaten Brot und Schuhe verteilen und setzte 
nach einigen Stunden Rast den Marsch in bester Ord- 
nung fort. In der Stadt selbst war es ganz anders. Man 
hatte dem Volk die Getreidemagazine geöffnet, damit 
sie nicht in Feindeshände fielen. Bald zeigte sich die 
Habsucht der Leute, der furchtsame Magistrat wußte 
sich keinen Gehorsam zu verschaffen, alles raubte, selbst 
reiche Leute schickten Plünderer aus. Gerade im Mo- 
mente, als der Erz.her'z.og abreiten wollte, hörte er von 
diesen Szenen und war genötigt, selbst Ordnung zu ma- 
chen. Ein zweiter Exzeß erfolgte kurz darauf. Kroaten 
waren in das Rathaus geschickt worden, um Mäntel zu 
holen. Sie erbrachen aber die Staatskasse und fingen zu 
plündern an. Ich konnte von meinem Fenster dieser 
schrecklichen Szene zusehen. Plötzlich erschien General 
Frimont, der von dem Verhalten der Kroaten gehört 
hatte und auf diese Nachricht hin zurückkehrte, wie 
eine Bombe unter der sauberen Gesellschaft, teilte rechts 
und links Hiebe mit seinem Säbel aus und ließ selbst 
einige Offiziere in Eisen legen. Ich sah ihn, wie er sich 
im Sattel aufrichtete, gleich einem Dämon, wie er mit 
seinem Blick und seiner schallenden Stimme alle jene 
niederschmetterte, die eine Entschuldigung hervorstam- 
meln wollten, wie er einen Korporal im Gesicht verletzte, 
weil er räsonnieren wollte. Diese Energie des Generals 
hatte zur Folge, daß das Rathaus bald gesäubert war 
und die Kassen dem Staat erhalten blieben. — Um 
3 Uhr nachmittags hatte der letzte österreichische Sol- 
dat Klagenfurt verlassen. Die Haustüren blieben ge- 

kam für sein Verhalten bei Pordenone, Sacile und San Daniele sofort 
ohne Einholung eines Kapitelbeschlusses das obige Kommandeur- 
kreuz, heiratete Kathmna.Mitterpacher vonMitterburg geb.3. i . 1 759. 

292 



schlössen; die Stadttore dagegen offen, jedermann er- 
wartete mit Todesstille die neuen Gäste. Wenn ich sage 
„jedermann", so muß ich drei unbesonnene, junge Mäd- 
chen, ihren kleinen Bruder, ihren Hofmeister und die 
Gouvernante ausnehmen. Da sie alle sahen, daß bis gegen 
7 Uhr abends kein Franzose erschien und das Wetter 
schön war, durcheilten sie die verlassenen Straßen, bis 
sie auf einen kleinen Hügel angelangt waren, der eine 
ziemliche Fernsicht bot. Der Hofmeister Monsieur Lux 
brummte wohl ein wenig und Mademoiselle Tisserant 
starb fast vor Angst, aber sie gingen doch mit. Auf das 
jungsprossende Gras hingebettet, lenkten wir unsere 
Blicke auf die Straße nach Italien, um bei den letzten 
Strahlen der untergehenden Sonne irgendeine unge- 
wöhnliche Erscheinung zu erspähen. Wir erblickten 
nichts. Plötzlich, gerade in der Mitte des versinkenden 
Sonnenballes, war es nicht wie Waffenblitzen, nahte da 
nicht ein Reiter ? Dann wieder einer ? Dann etwas rück- 
wärts ein Peloton Reiter ? Alle bleiben einen Moment 
stehen, dann lösen sich die beiden ersten von den an- 
deren und wie der Blitz galoppieren sie der Stadt zu, 
von einer Staubwolke umgeben. Es ist keine Zeit zu ver- 
lieren, wdr laufen, was wir können, die gute Mademoi- 
selle keuchend weit hinter uns und erreichen das Stadt- 
tor im selben Augenblicke, wie die beiden Reiter. In 
den ausgestorbenen Straßen stehen diese allein mit drei 
jungen Mädchen, die wie Diebe längst den Mauern sich 
fortschleichen wollen. Glücklicherweise haben die bei- 
den Dragoner, den Säbel zwischen den Zähnen, an jeder 
Hand eine Pistole angehängt, besseres zu tun, als junge 
Mädchen zu beachten, sie galoppieren wie besessen 
durch die Straßen, während wir atemlos nach Hause 
eilen und die Haustür fest verschließen . . . 

293 



An diesem Abend kamen nur mehr wenige Franzosen 
in die Stadt, sie verließen sie auch bald wieder, nachdem 
sie Quartier gemacht hatten. Die Avantgarde traf erst 
den anderen Morgen ein. Die Bürger setzten den Forde- 
rungen der Fremdlinge nur eine stoische Gleichgültig- 
keit und Ergebung entgegen, die von den Franzosen 
nicht mißbraucht wurde, denn sie hielten strenge Dis- 
ziplin. Ich fühle es gar nicht, daß sie Feinde seien, höch- 
stens in dem Schmerz und in der Wut, die ich im Her- 
zen trage. 

22. Mai: General Grouchy'^) und fünf andere Offiziere 
sind bei meiner Schwester einquartiert. Der General 
verläßt uns morgen. Klagenfurt ist voll Franzosen und 
Italienern, die wieder abmarschieren und durch neue 
Abteilungen ersetzt werden. Sie sind viel zalJreicher wie 
die Österreicher, v/ohl um das Doppelte. Ihre Infanterie 
hat kein so gutes Aussehen, wie die unserige, doch ist 
ihre Kavallerie schöner. Der Vizekönig Beauharnats^) ist 
ihr Kommandant. Es stellt sich als unwahr heraus, daß 
Murat ihm Truppen bei Verona zugeführt hat oder daß 
dort Erzherzog Johann geschlagen wurde. Der Kampf 
war nur an der Piave. 

General Grouchy scheint ein böser Mensch zu sein, 
trotz seiner äußeren Höflichkeit, doch läßt sich meine 
Schwester Isabelle von ihm nicht das geringste gefallen, 
während meine arme Mutter vor Angst vergeht. Mich 
selbst beschwert nicht die Furcht, nur ein furchtbarer 

i) Emanuel Marquis de Grouchy (1766 bis ca. 1848), unter Napoleon 
Generaloberst der Jäger, trug 1809 viel zur Entscheidung der 
Schlacht bei Raab bei. Seit 19. 11. 1831 Marschall von Frankreich. 
2) Eugen Beauharnais, (178 1 — 1824), 1805 Vizekönig von Italien, 
heiratete 1806 Auguste Amalie von Bayern und zog sich nach dem 
Sturze seines Adoptivvaters Napoleon I. auf sein Herzogtum 
Leuchtenberg zurück. 

294 




General Emanuel Marquis Grouchy (1766 — li 



Nach einer Lithographie nach Dubuse in der 
k. u. k. Familien-Fideikommißbibliothek 



Zorn über diese französischen Schurken. — Von Erz- 
herzog Johann hört man, daß er den Offizier, der die 
plündernden Kroaten in Klagenfurt kommandierte, fü- 
silieren ließ. 

23. Mai: General Grouchy hat meiner Schwester ge- 
raten, zum Vizekönig zu gehen und ihn um Auswechs- 
lung ihres Gatten zu bitten. Beauharnais empfing sie 
zuerst mit der hochmütigen Miene eines echten Parve- 
nüs. Er zeigte sich gegen den Grafen Go'eß sehr strenge 
und nannte ihn ,,un colporteur de libelles infames" i). 
Dannfuhrerfort: „Ihr Gemahl muß als Staatsgefangener 
behandelt werden und ich begreife selbst nicht, warum 
er nicht sofort füsiliert wurde. — Wenn ich Sie, Frau 
Gräfin, allerdings früher gekannt hätte" — warf er zy- 
nisch ein — ,,so würde ich mich verpflichtet gefühlt 
haben, Ihnen auf jede Art und Weise zu dienen. Jetzt 
ruht aber alles in den Händen des großen Napoleon. 
Der Kaiser ist strenge, er läßt sich nicht ungestraft be- 
leidigen und ich fürchte das Schlimmste für Graf Goeß. 
Mein persönlicher Wunsch ist es allerdings, Ihnen ge- 
fällig zu sein. Ich bedaure Sie, es muß schwer sein, so 
jung und so schön seit so langer Zeit als Witwe zu le- 
ben." Es folgte nun ein Schwall galanter Phrasen, bis 
meine Schwester bitterlich zu weinen anfing. Erst jetzt 
hörte Beauharnais mit seiner albernen Zudringlichkeit 
auf und die arme Isabelle konnte sich zurückziehen. Wel- 
cher Unterschied zwischen dieser Unterredung und der 
mit Erzherzog Johann vor zwei Tagen! 

Isabelle erzählte mir, Beauharnais habe eine hübsche 
Figur, schöne Augen und falsche Zähne. Er ist etwas 

i) Es ist wahr, daß ein junger^Mann, wie Erzherzog Johann nicht, 
wie Erzherzog Karl, in seinen Proklamationen die Ausdrücke ge- 
mildert haben wird. (Notiz d. Verf.) 

295 



hochrückig, aber trotzdem gutgewachsen. Seine Ma- 
nieren sind keineswegs vornehm und seine Augen haben 
einen falschen Blick. 

Isabelle ging sodann zu General Charpentter^), der sie 
mit der vollendeten Höflichkeit eines Mannes „de l'an- 
cien regime" empfing und ihr bezüglich ihres Mannes 
die besten Hoffnungen machte. Der Vizekönig jage gern 
Schrecken ein, sagte er lächelnd. — Trotzdem erfuhren 
wir viel später, daß Napoleon über Goeß sehr zornig 
war und wirklich die Absicht hatte, ihn erschießen zu 
lassen. 

24. Mai: Wir hatten heute zwei französische Offiziere 
zum Diner, die meine Schwester wegen ihres Benehmens 
dieser Ehre würdig erachtete. Es waren ein Oberst der 
Artillerie und sein Adjutant, ihre Namen habe ich ver- 
gessen. Während General Grouchy immer lärmte und die 
Dienstboten auszankte, bedankten sich diese beiden 
Herren für jede geringste Aufmerksamkeit. Sie erzähl- 
ten uns viel über ihre Kameraden, ihre Chefs und ihren 
Kaiser, dann auch von den Entbehrungen, die sie seit 
zwei Monaten zu erdulden hatten. Sie zeigten sich über 
ihre Zukunft besorgt. Eine verlorene Schlacht, meinten 
sie, könne die ganze Armee vernichten. Sie fürchteten 
die Berge mit ihren Pässen und Schluchten, wo ihnen die 
Kavallerie nur eine Last sei. Unsere Schilderungen über 
die Weg- und Paß verhältnisse im Gebirge schienen ihnen 
sehr unbehaglich zu werden. Der junge Adjutant sagte 
ganz offenherzig: „En ce cas je vois bien que nous som- 
mes frits." Ich möchte trotzdem nicht, daß diese beiden 
Offiziere getötet würden, besonders nicht der jüngere, 
der ein guter Mensch zu sein scheint und an einen Deut- 

i) Henri Fran^ois Marie Comte Charpentier, franz. Divisions- 
general, geb. Soissons 1769, gest. Origny 14. 10. 1831. 

296 



sehen erinnert. Außerdem ist er der einzige Sohn seiner 
Eltern. Er versprach mir, sich in den Spitälern zu er- 
kundigen, ob noch österreichische Offiziere zurückge- 
blieben wären, und versicherte mir später, daß er keine 
gefunden habe und die österreichischen Soldaten gut 
behandelt würden. Trotzdem glaube ich, daß beim Ab- 
märsche unserer Truppen Offiziere in Klagenfurt blie- 
ben, die sich vielleicht in Privathäusern versteckt halten. 
Spaßig ist es, daß wir früher die Österreicher durch- 
ziehen sahen, die sich für verloren hielten, und nun die 
Franzosen, die auch ihren Untergang prophezeien. 

26. Mai: Gestern sahen wir beim Bischof Graf Salm^) 
den General Chasseloup^) und seinen Adjutanten, die 
uns über das Schicksal des Grafen Goeß beruhigten. Der 
General war Gouverneur in Mantua, als man den Gra- 
fen dorthin brachte. Er habe sich viele Freunde gemacht 
und befinde sich vollkommen wohl. 

Ein geA\isser General, dessen Namen ich nicht weiß, 
läßt soeben unsere Pferde und die meiner Schwester, so- 
wie unsere hübsche Kalesche fortführen. Seine Leute 
hatten die genaue Liste der armen Tiere, jedenfalls wur- 
den sie verraten, denn wir hatten sie in den Bergen ver- 
steckt gehalten. Unser Kutscher kam mit dieser Nach- 
richt, weinend und mit zerrauften Haaren. Dieses Er- 

i) Franz Xav. Altgraf von Salm-Reifferscheid (1749 — 1822), Kar- 
dinal und Fürstbischof von Gurk, residierte seit 1787 in Klagenfurt. 
Sein opferwälliges, echt patriotisches Wirken in den Kriegsjahren 
1805 und 1809 ist heute noch unvergessen. Mit den Kärntnern zog 
er selbst gegen die Franzosen und stand bei Volano im Feuer. Seine 
Kunstschätze, sogar Wagen und Pferde gab er hin, wenn es galt, 
Klagenfurt eine Demütigung oder eine Kriegssteuer zu ersparen. 
— Sein Leichnam ruht in der Gruft der Gurker Fürstbischöfe in 
Straßburg zu Kärnten. 

2) Franfois Marquis de Chasseloup-Laubat (1754 — 1833), bekannter 
französischer Ingenieurgeneral. 

297 



eignis ist besonders für Mama sehr unangenehm. Wir 
hatten die Pferde von unserem Gute in Oberösterreich 
nach Wien, von dort nach Klagenfurt mit aller nur er- 
denklichen Schonung mitgeführt, und die Alpenluft 
hatte sie rund und munter gemacht. Welchem Schick- 
sal gehen sie jetzt wohl entgegen! 

30. Mai: Es sind 1800 gefangene Österreicher, Offi- 
ziere und Mannschaft angekommen. Es war ein schreck- 
licher Anblick, diese Armen in Lumpen, fast im Hemd 
zu sehen. Ein französischer Tambour, seine Trommel 
schlagend, ging voraus, wie bei einem Jahrmarkt, wo man 
wilde Tiere zeigen will. Das Volk lief zusammen, auch ich 
ging mit meiner Jungfer in der Hoffnung hin, etwas von 
der großen österreichischen Armee zu erfahren. Ich sprach 
mit diesem und jenem und bekam so gute Nachrichten 
über Erzherzog Karl, daß ich fast fürchte, sie zu glau- 
ben. Vor vier Tagen waren sie, wie sie erzählten, in 
einem Gefechte bei Murau gefangen genommen wor- 
den. Der General (Franz) Jellachich kommandierte sie; 
als er gegen Abend sah, daß Kavallerie den Franzosen 
zu Hilfe kam, befahl er seiner Infanterie, sich zu er- 
geben. Er selbst entkam zur Armee des Erzherzog Jo- 
hann. Auf diese Weise kamen diese tapferen Soldaten in 
Gefangenschaft. Diejenigen, welche sich ergeben hat- 
ten, wurden halbwegs menschlich behandelt, während 
solche, die mit den Waffen in der Hand ergriffen wurden, 
die härteste Mißhandlung über sich ergehen lassen muß- 
ten. Ein Leutnant erzählte mir mit Tränen im Auge: 
„Sie haben mir alles genommen, das lasse ich mir noch 
gefallen, aber mißhandelt haben sie mich, geschlagen, 
für einen Offizier ist das zu hart!" Dieser Unglückliche 
hatte nur seine Lumpen auf sich. Ich schämte mich, 
ihm eine Unterstützung zu geben, endlich überkam 

298 



mich das Mitleid und ich steckte ihm etwas Geld in die 
Hand mit den Worten: „Ich schäme mich recht sehr." 
- — Die Farbe meines Gesichtes muß diese Worte noch 
bekräftigt haben. Dann Hef ich davon. Zu Hause mach- 
ten wir eine Kollekte und verteilten die Summe unter 
die Soldaten. Die Ortsbewohner ahmten uns nach, be- 
traten ohne Scheu die Kaserne, wo eine große Zahl 
Österreicher einquartiert waren, und verteilten Brot, 
Wein und Fleisch. 

In der Früh wohnte ich mit Mama der heiligen Messe 
bei. Beim Verlassen der Kirche trafen wir mit zwei 
österreichischen Offizieren zusammen, die Mama um 
Nachrichten über die große Armee bat. Sie versicher- 
ten, daß alles gut ginge. Einer dieser Herren war ein 
polnischer Graf, ein halbes Kind, der als Kadett im Re- 
gimente Reuß diente. Er dauerte uns in seiner zerrisse- 
nen Uniform. Er kannte einen unserer Freunde, den 
Grafen Ignaz Ledochozvski^), konnte uns aber nicht sa- 
gen, wie es ihm gehe. Mama schickte, ohne ihren Na- 
men zu nennen, diesen beiden Offizieren eine kleine 
Summe. Wäre ich nur reicher! . . . 

Die guten Nachrichten, die ich mehrfach erwähnte, 
bestätigten sich immer mehr. Es war die Schlacht bei 
Aspern, diese Heldentat Erzherzog Karls. Das zwei Sei- 
ten lange Bulletin, das uns heimhch zukam, erzählte von 
der EinschHeßung Napoleons auf der Insel Lobau und 
von zahllosen Einzelheiten des entscheidenden Kamp- 
fes. Es war in dieser Schlacht, wo unser Freund Graf 

i) Graf Ignaz Ledöchozvski (1789 — 1870) leitete die heldenmütige 
Verteidigung der polnischen Festung Modlin, die sich am 9. Ok- 
tober 183 1 ergeben mußte. Er hatte schon früher in einem Gefecht 
ein Bein verloren und galt als ein vortrefflicher Soldat. Er starb 
als polnischer Generalmajor 1870 in Klimontow in Rußland. (Notiz 
d. Verf.) Er heiratete Luise v. Nalecz-Görski (gest. 1833). 

299 



Rzewuski^) das Maria Theresienkreuz verdiente. Zuerst 
Hauptmann der Landwehr, hatte er gebeten, als Kadett 
in ein Kavallerieregiment eintreten zu dürfen, um öfters 
in das Feuer zu kommen. Als der General Aspre^) sein 
Pferd durch einen Schuß verlor, gab ihm Rzewuski das 
seinige und machte die Attacke zu Fuß mit. Nach der 
Schlacht machte ihn Erzherzog Karl zum Rittmeister. 
In der Relation wollte er aber nicht genannt sein. 

Dieser Sieg, dessen Ereignisse ebenso, wie dessen ge- 
ringe Ausnützung durch den Sieger heute Geschichte 
sind, erregte begreiflicherweise große Begeisterung in 
Österreich. In der Tat hatte sich das Kriegsglück ge- 
wendet. Napoleon war genötigt worden, sich auf eine 
Donauinsel zurückzuziehen, wo er sich die ersten Tage 
verloren glaubte. Daß er es nicht war, daß Erzherzog 
Karl während sechs Wochen ihn untätig beobachtete, 
wie eine Katze eine Maus, bis der Besiegte sich eine 
Brücke erbaut hatte und entkam, um den Sieger anzu- 
greifen, das sind Rätsel, die 34 Jahre nicht aufzulösen 
vermochten. Dem denkenden Menschen erscheint in 
dem Dunkel dieser Ereignisse unwillkürlich dasWort 
Verrat wie ein entsetzliches Gespenst, aber dieses Wort 
hat die Geschichte bisher noch nicht ausgesprochen. 
Man muß es abwarten. Sicher ist, daß in den Annalen 
der Armee ein General^), der das blinde Vertrauen des 

i) Anscheinend ein Irrtum; im offiziellen Verzeichnisse der Maria 
Theresien-Ordensritter erscheint der Name Rzewuski nicht. 

2) Constantin Karl van Hoobreuck, Baron d^Aspre, F. M. Lt. und 
Kommandeur des M.-Ther.-Ordens, geb. 6. April 1761, gefallen bei 
Adlerklau 7. Juni 1809. 

3) Der Generalstabschef Philipp Gra.i Griinne (gest. 1854), auf den 
die Verfasserin hier anspielt. Wie die Sage und Hormayr erzählen, 
sollte er im Auftrage des Kaisers Franz selbst, der die Popularität 
und den aufsteigenden Ruhm seines Bruders mit bedenklichen 
Augen und unverhohlenem Neid ansah, Verrat geübt haben. Der 

300 



Siegers von Aspern besaß und noch besitzt, mit einem 
schimpflichen Verdachte befleckt bUeb. Einige Jahre 
nach dem Siege schlug Kaiser Franz dem Erzherzog 
vor, ihn an die Spitze der Armee zu stellen, unter der 
Bedingung, daß er aus seiner Umgebung den Mann ent- 
ferne, den die Armee als Verräter bezeichne. Der Mar- 
schall zog es vor, lieber auf alle Ehren zu verzichten, als 
dieser Forderung nachzukommen. Diese vielleicht 
schlecht angebrachte Großmut verurteilt seither den 
Sieger von Aspern dazu, in der Verborgenheit zu leben. 

Wenige Tage nach Empfang dieser Siegesbotschaft 
fanden wir, von einem Spaziergange zurückkehrend, die 
ganze Stadt in großer Aufregung; man erzählte, Gene- 
ral Chasteler nahe mit den Tirolern von der einen Seite, 
Y.rzh.exzog Johann mit den Ungarn von Völkermarkt her. 
Die Franzosen in Klagenfurt waren infolgedessen in 
nicht geringer Verlegenheit. Entfernt von ihrer Armee 
und vielleicht von ihr abgeschnitten, inmitten einer 
feindseligen Bevölkerung, die den zahlreichen Gefange- 
nen leicht Waffen zuführen konnte, schien ihre Lage 
fast verzweifelt. Verkleidete österreichische Offiziere 
zeigten den Klagenfurter Behörden heimlich die An- 
kunft Chastelers für den nächsten Tag an. 

Meine Schwester ließ die Haustüre versperren, ihre 
Dienstboten mußten die ganze Nacht wach bleiben. 
Bald darauf hatten wir ein komisches Abenteuer. Gegen 

Kaiser habe sich gefürchtet, verdrängt zu werden und so lieber die 
Schlacht verloren, um dadurch seine Prinzipien zu verfolgen (vide 
Vehse, Gesch. d. österr. Hofes u. Adels, 9. Bd., S. 221). Erzherzog 
Karl relationierte über G. äußerst lobend, doch schied dieser 1809 
aus der Aktivität und wurde dem Kriegsminister Graf Colloredo 
zugeteilt. „Eine vertrauliche Äußerung über den Verlauf der letzten 
Kriegsereignisse gab Anlaß zu seiner Pensionierung." (S. Ersch und 
Grubers Enzykl., Bd. 95, S. 326ff.) 

301 



1 1 Uhr, als wir zu Bette gehen wollten, ließen sich zwei 
italienische Offiziere bei meiner Schwester anmelden. 
Der eine war ihr bekannt, da er einmal, allerdings un- 
wichtige Nachrichten über ihren Gatten gebracht hatte. 
Nur der eine Offizier hatte einen Degen, der andere be- 
fand sich in Nachtkleidung und hatte offenbar nicht die 
Zeit gefunden, seine Toilette zu vollenden. Beide sahen 
bleich aus und zitterten. Sie beschworen meine Schwe- 
ster, sie vor der Wut der Bevölkerung und der öster- 
reichischen Gefangenen zu retten und ihnen ein Ver- 
steck anzuweisen. Meine Schwester, die nicht an diese 
Gefahr glaubten wollte, sagte zu, verlangte aber den 
Degen. Der junge Offizier gab ihn ohne Zaudern ab und 
erbot sich sogar, auch seine Uniform auszuziehen, was 
sich Isabella aber verbat, indem sie lachend sagte, sie 
sollten nicht noch mehr ihre Toilette derangieren. In 
einer Kammer unter dem Dache schliefen die beiden 
Helden ganz friedlich die ganze Nacht, bis der anbre- 
chende Tag ihre Schreckgespenster verscheuchte. Der 
Degen ruhte diese Nacht zu Füßen meines Bettes. Wä- 
ren alle Feinde Österreichs so beschaffen, wie diese beide 
Helden, so möchte unser Vaterland nichts zu befürchten 
haben. 

Da infolge des Gerüchtes vom Anrücken Chastelers 
— die andere Nachricht hatte sich als falsch herausge- 
stellt — alle österreichischen Offiziere die Privathäuser, 
wo sie untergebracht waren, gegen ein enges Quartier 
in einem öffentlichen Gebäude vetauschen mußten, so 
verließen uns auch zwei ungarische Offiziere (darunter 
ein Baron Sternfeld), die bei uns logierten. 

4. Juni: Die Österreicher sind vor der Stadt, die Tore 
sind geschlossen, die Franzosen alle unter Waffen. Die 
Belagerer befehligt General Chasteler; der französische 

302 



General Ruska'^), ein Septembrist der schlimmsten 
Sorte, hat das Kommando der Garnison übernommen. 

5. Juni: Ruska hat in die Stadt alle Truppen, Kano- 
nen und Bagagen zusammengezogen. Er wollte gestern 
auf die Nachricht vom Anrücken der Österreicher ab- 
marschieren, fand aber nicht genug Pferde, um seine 
Fuhrwerke zu bespannen und entschloß sich daher, die 
Stadt so teuer als möglich zu verkaufen. Nachmittags 
fiel Ruska aus, es begann eine Kanonade, doch wurde 
das Gefecht bei anbrechender Dunkelheit abgebrochen. 

6. Juni: Um 2 Uhr morgens begann die Kanonade 
wieder; die Österreicher werfen mit ihren geschickt auf 
einer Höhe postierten Kanonen ganze Reihen anstür- 
mender Franzosen nieder. Man schlägt sich mit größter 
Wut. Fortwährend werden Verwundete in die Stadt ge- 
bracht, ebenso gefangene Österreicher. Der Kampf dau- 
ert nun schon 15 Stunden und man erzählt sich, daß 
Ruska eine ehrenvolle Kapitulation angeboten, Chaste- 
1er aber geantwortet habe, es sei zu spät, er verlange alle 
Waffen und die ganze Bagage. An dieser hängt aber 

i) Fran(;ois-DominIque Rusca, geb. in Dolce aqua 1761, getötet bei 
der Belagerung von Soissons 1 8 14, ursprünglich Arzt, wurde während 
der französischen Revolution Soldat, 1794 — 95 in Italien, 1796 
Divisionsgeneral. In der Schlacht an der Trebbia gefangen, kehrte 
er erst nach der Schlacht von Marengo zurück und erhielt das 
Kommando über Elba. 1809 wieder aktiv, zeichnete er sich in Tirol, 
Kärnten und Krain aus, worauf er sich wieder zurückzog. 18 13 
war er Kommandant von Soissons. — In Klagenfurt bewohnte er 
1809 das fstl. Porziasche Haus; er ließ die Stadt in einen festen 
Platz umwandeln, die Häuser auf den Stadtwällen und vor den 
Festungswerken wurden niedergerissen, wobei auch die Schutz- 
engelkirche (erbaut 1670) in der St. Veitervorstadt zum Opfer fiel. 
Alle Stadtkirchen wurden Magazine, das Ursulinenkloster ein 
Militärspital. Als die Franzosen endlich am 11. i. 1810 Klagenfurt 
verließen, sprengten sie die Festungswerke und die schönen, alten 
Stadttore in die Luft. 



Ruska, seine Soldaten beklagen sich, daß sie wie die 
Hammel zur Schlachtbank geführt werden, nur um ihm 
seine Reichtümer zu retten, die er sich in dem Kriege 
zusammengeraubt habe. Ruska hat auf dem Platz, ge- 
rade unter unseren Fenstern, alle Munitionswagen auf- 
stellen und Chasteler diese Maßnahme sagen lassen, was 
diesen natürlich veranlaßte, Bomben in die Stadt zu 
werfen und seine Position weiter zu halten. Wir sehen 
von einer Dachluke dem Kampfe zu, wir betrachten den 
Angriff auf ein Dorf, die fruchtlosen Anstrengungen der 
Franzosen, Terrain zu gewinnen, und endhch ihre Rück- 
kehr, übrigens in guter Ordnung, in die Stadt. — Man 
erwartete für die Nacht einen Angriff der Österreicher 
auf die Stadt. Ein französischer Dragonermajor er- 
schreckte uns mit der Nachricht, Chasteler würde mit 
glühenden Granaten die Stadt beschießen und die 
schwachen Mauern niederlegen, die Franzosen seien aber 
entschlossen, sich auch in den Straßen bis auf den letz- 
ten Mann zu verteidigen. Welche Angst standen wir aus, 
sicherlich aber meine arme Mutter! Trotzdem legten 
wir uns ruhig zu Bette, überzeugt, daß es immer noch 
Zeit genug wäre, unsere Röcke anzulegen, bevor wir er- 
stochen, geröstet oder in die Luft gesprengt würden. 
7. Juni: Die ganze Nacht sah man außerhalb der 
Stadt Lagerfeuer brennen, des Morgens aber war kein 
österreichischer Soldat mehr zu sehen. Warum sie ab- 
gezogen, warum sie nicht ihre Vorrückungslinie einhiel- 
ten und die Franzosen aus Klagenfurt verdrängten, das 
wußte weder Feind noch Freund. — Abends kamen die 
Franzosen von ihrer Rekognoszierung sehr ermüdet und 
bestürzt zurück. Chasteler^) hatte eine Kriegslist ge- 

i) Joh. Gabriel Marquis Chasteler-Courcelles (1793 — 1825), Sohn 
des Marquis Franz Gabriel, k. k. Km. Geh. Rat, Lt. der niederl. 




^-''■r-^'-no r.'ntO''/"" 



( 






F.-Z.-M. Joh. Gabriel Marquis Chasteler (1763— 1825) 



Nach einem Stich nach Mensorno in der 
k. u. k. Familien-Fideikommißbibliothek 



braucht, indem er die Franzosen einen ganzen Tag be- 
schäftigte und unter dem Schutz der Nacht seine Kano- 
nen sowie sein Korps über die Drau brachte und die 
Brücken hinter sich zerstören Heß, um zu Erzherzog 
Johann in Ungarn zu stoßen. 

Nach diesen aufregenden Tagen folgten nun ruhigere, 
aber immerhin bekümmerte uns die Unkenntnis der 
weiteren Ereignisse auf dem Kriegsschauplatze. Dies- 
mal trug diese Unwissenheit nicht, wie vor einigen Wo- 
chen dazu bei, uns eine selige Ruhe zu verschaffen, da- 
für sorgte vor allem der boshafte und grausame General 
Ruska. 

Er wollte viele Österreicher, die wegen Aufruhr an- 
geklagt waren, erschießen lassen. Diesem widersetzte 
sich der edle General Regnauld, Stadtkommandant von 
Klagenfurt, trotzdem er dabei seine Stellung riskierte. 
Ruska beeilte sich auch, ihn durch eines seiner Geschöp- 
fe zu ersetzen. Nur dem Widerstände Regnaulds und 
dem Umstände, daß sich die Unschuld der Angeklagten 
nachträglich herausstellte, verdankten sie ihr Leben. 

Nicht nur die Bürger, sondern auch die eigenen fran- 
zösischen Soldaten hatten unter der Laune Ruskas viel 
zu leiden. Nur ein entschlossenes Auftreten konnte ihm 

Arcierengarde-Kompagnie (gest. 1790) und der Josef a Albertina 
Gräfin Thürheim (1742 — 65); aus einem Seitenzweig des Lothrin- 
gischen Hauses entsprossen, wurde er ein berühmter österreichischer 
Kriegsheld, F. Z. M. und Kommandeur des M.-Ther.-Ordens, 
1809 befehligte er das 8. Korps in Tirol, wurde schHeßlich am 
13. 5. 1809 bei Wörgl geschlagen und zog sich durch Tirol und 
Kärnten zurück, um sich bei Gonobitz mit dem Banus von Croatien 
F. M. Lt. Grafen Gyulai zu vereinigen. — Am 6. Juni entspann 
sich vor dem Villachertore und gegen das Kreuzbergl vor Klagen- 
furt ein scharfes Gefecht, welches die Österreicher aber in der 
Nacht abbrachen, um gegen Völkermarkt abzuziehen. Später wurde 
Ch. Militärgouverneur von Venedig. 



20 M. L. I 



305 



imponieren. So rettete Bischof Graf Salm auf diese 
Weise einem Bürger das Leben, das dieser verwirkt hatte, 
indem er das Vorhandensein von Waffen verheimhchte. 
Ruska verschwor sich zwar in einem Anfall sinnloser Ra- 
serei, der alle Zuhörer erzittern machte, der Bitte Salms 
nicht zu willfahren, aber in einem Moment der Rührung 
über den Tod eines seiner Freunde, gab Ruska dennoch 
nach. „Gehen sie," sagte der gezähmte Wüterich, ,,der 
Mann ist frei und verdankt nur Ihnen sein Leben." 

Meiner Schwester Isabelle gelang es ebenfalls einen 
solchen Akt der Menschlichkeit zu unterstützen. Eines 
Morgens machte ihr ein piemontesischer Offizier An- 
dreotti unter irgend einem Vorwande einen Besuch und 
erzählt unter anderem, daß ihm die Anklage gegen drei 
Bauern übertragen sei, die in der Verzweiflung einen 
unbewaffneten Franzosen erschlagen hätten. Mit eben- 
soviel Geist, als Menschlichkeit wies ihr Andreotti den 
Weg, diese Armen zu retten, ohne seiner Stellung als 
Richter etwas zu vergeben. Sobald er sah, daß wir ihn 
verstanden, verließ er uns augenblicklich. Meine Schwe- 
stern Goeß und Konstantine besuchten denn auch nach 
der Reihe alle Mitglieder des Stadtmagistrates, um diese 
für das Los der Angeklagten zu interessieren. Wie groß 
war aber ihre Enttäuschung, nur eine unverhüllte 
Gleichgültigkeit bei allen diesen Herren zu finden. Der 
feindliche Offizier zeigte viel mehr Herz, als die eigenen 
Landsleute. Erst die Andeutung Isabella's, daß bei Rück- 
kehr der Österreicher und Revision dieser Angelegenheit 
ihr Benehmen ihnen die Stellung kosten könnte, veran- 
laßte den Magistrat, im Vereine mit Andreotti, wenig- 
stens zwei der Angeklagten vom Tode zu erretten. 

Andreotti besaß ebensoviel Bescheidenheit, als militä- 
rische Verdienste. Er war mit Wunden bedeckt und fiel 

306 



noch vor Beendigung dieses Krieges. Seit der eben er- 
zählten Begebenheit, wo er sich für die österreichischen 
Gefangenen so uneigennützig verwendet hatte, ver- 
kehrte er viel in unserem Hause. Eines Tages erzählte er 
uns von einem edelmütigen Zuge eines österreichischen 
Offiziers, der ihm das Leben rettete. In einem Gefechte 
bei Trient griffen die Franzosen eine Brücke an, die der 
Feind unter heftigem Artilleriefeuer hielt. Unter großen 
Verlusten mußten sich die Franzosen zurückziehen. An- 
dreotti, der schon einen Schuß in die Hand, einen in den 
Fuß erhalten hatte, empfing noch einen dritten in die 
Brust und stürzte am Rande der Brücke nieder, so zwar, 
daß er mit dem halben Körper über der Etsch hing und 
sich im Todeskampf mit ersterbenden Händen an einer 
Planke festhielt. Plötzhch nahten die Österreicher, An- 
dreotti glaubte sich verloren, als ein feindlicher Offizier 
mit zwei Soldaten auf ihn zueilte und ihn in ein benach- 
bartes Haus tragen ließ, wo er gepflegt wurde und genas. 
Im ganzen konnte Andreotti neun Schuß- und mehrere 
Säbelwunden aufweisen, von denen nur zwei gefährlich 
waren, die er aber nicht zählte, weil er sie nicht vor dem 
Feinde bekommen hatte. Die Schußwunde, die er bei 
Trient durch die Brust bekommen, nötigte ihn, wäh- 
rend 40 Tagen nur durch diese Wunde zu atmen. Er 
zeigte uns die Narbe, man hätte ganz gut ein Taubenei 
hineinlegen können. 

Die Franzosen gefielen sich in diesen Tagen in fal- 
schen Alarmen, ich weiß nicht, ob ihre Angst begründet 
ist. Jedenfalls schien es uns sehr lächerlich, wenn sie die 
Waffen ergriffen, die Befestigungen besetzten, den Ge- 
neralmarsch schlugen und die ganze Nacht einen Heiden- 
lärm vollführten, wie wenn die Österreicher schon in 
nächster Nähe wären; und doch zeigte sich nirgends ein 

307 



Feind. Man erzählte uns, daß die Vedetten des Nachts 
frisch' aufgerichtete „Heumandeln" für österreichische 
Kavallerie gehalten hatten. 

Endlich verließ uns General Ruska und wir atmeten 
alle auf. Nur die Erpressungen der Intandanten stellen 
die Geduld der Klagenfurter noch auf die Probe. So 
verlangte einer dieser Herren von der Stadt eine be- 
deutende Summe für das Wickelzeug seines neugebore- 
nen Kindes. Und als er diese dank der Unterwürfigkeit 
der Behörde bekam, verlangte er noch einmal die gleiche 
Aussteuer, indem er sagte: ,, Madame l'intendante a tout 
l'air de devoir mettre au monde des jumeaux." 

27. Juni: Das Stocken der Ereignisse bedrückt nicht 
nur uns, sondern auch die französischen Offiziere. Man 
weiß, daß Erzherzog Karl die ganze Linie von der bay- 
rischen Grenze bis Preßburg in Händen und sich auf 
dem linken Donauufer verschanzt hat. Alles scheint auf 
einen Hauptschlag seinerseits zu deuten, der Horizont 
verdunkelt sich, ein großes Gewitter bereitet sich vor. 
Um den täglichen albernen Gerüchten und den Besu- 
chen der französischen Offiziere aus dem Wege zu gehen, 
entfliehen wir auf einige Tage auf das Gut meiner Schwe- 
ster Karlsburg, drei Meilen von Klagenfurt. 

Nicht weit von Karlsburg befindet sich das Saalfeld, 
worauf ein steinerner Thron, der sogenannte Herzogs- 
stuhl steht, ein aus alten Steinplatten zusammengesetz- 
ter großer Armsessel. Da er sehr verwahrlost aussah und 
durch das weidende Vieh beschmutzt wurde, erreichte es 
meine Schwester Goifyff durch Verwendung des Erzherzogs 
Johann und der kärntnerischen Stände, daß das ehrwür- 
dige Monument mit einem Eisengitter umgeben wurde ^) . 

i) Gemeint ist der bekannte Herzogsstuhl auf dem Zollfelde in 
Kärnten, den die Gräfin Goeß mit einem Schutzgitter umgeben 

308 



28. Juni: Der Friede ist geschlossen. Ich schreibe 
diese für die Menschheit so trösthchen Worte mit wah- 
rer Beklemmung, die Tränen hindern mich fast am 
Schreiben. Die Freiheit, das Glück meines armen Vater- 
landes sind also dahin. Wenn auch die Friedensbedin- 
gungen noch nicht bekannt sind, so weiß doch jeder- 
mann, was er von Napoleon zu erwarten hat. 

24. Juli: Noch ist nichts offiziell. Es scheint, daß 
der Friede noch nicht perfekt ist. Man spricht ferner da- 
von, daß die Russen, nachdem sie als unsere Freunde in 
Galizien einmarschiert waren, sich gegen uns erklärten; 
auch vdrd erzählt, daß Erzherzog Johann nichts von 
einem Frieden hören und auf eigene Faust weiterkämp- 
fen will usw. Eines ist sicher, daß die Stände von Kärn- 
ten, Steiermark und Krain überall dort, wo kein Feind, 
den Befehl erhielten, die Landwehr zu etablieren. Ganz 
verläßlich ist auch die Nachricht, daß Herr v. Zamoyski'^) 
zu den galo-polnischen Insurgenten an der Spitze einer 
Truppe übergegangen ist. Herr^/^.a;^«(^roz^/^z 2) und Graf 
ArtuT Potocki folgten seinem Beispiel. Und diese Leute 
sind die nämlichen, die unser Kaiser im letzten Winter 
mit Güte überhäuft hat. Artur und Alexandrowitz, 
beide Gahzianer, dienten dem Haus Österreich, LedS- 
chozoski^), Schvidegervater des letzteren, bekam den Leo- 
ließ. Ebenso ließ sie auch während der Statthalterschaft ihres 
Gatten in Galizien die Ruhestätte des Königs Boleslaw von Polen 
wiederherstellen, (v. „Carinthia", Jahrg. 1855, Nr. 26). 
i) Wohl Stanislaus Graf Zamoyski (1775 — 1826), s. später. Die 
Kämmererwürde wurde ihm 18 10 abgenommen. 
2) Stanislaus Graf Witold Alexandrowitz, geb. 16. 2. 1781, gest. 
13. 8. 1826, k. k. Km. Senator-Castellan von Polen, verheiratet 
16. 4. 1805 mit seiner Cousine Apollonia (geb. 9. 2. 1787, gest. 
28. 2. 1873), Tochter des Grafen Anton Ledochowski (gest. 1835) 
und Julie Gräfin Ostrowska (gest. 1802). Grafenstand ddo. 9. 10. 
1800. Stanislaus verzichtete 1809 auf die Kämmererwürde. 



poldsorden, Zamoyski wurde Geheimer Rat und seine 
Frau Palastdame. Die Polen machen sich durch diesen 
Verrat selbst in den Augen derjenigen unmöglich, die 
daraus Nutzen ziehen . . . 

Wir erhielten Nachrichten von Franz Hager und Karl 
Chotek. Sie leben in Todesangst und Ungewißheit, wie 
wir. Hermann Chotek, Johann Paar '), Herr del Hoste und 
Moriz Clary (Enkel des Prinzen de Ligne) sind in Cha- 
lons kriegsgefangen. Graf Go'eß schrieb Isabelle, sie möge 
nach Wien gehen und seine Befreiung von Napoleon 
verlangen. Aus diesem Grunde wird sie mit Konstantine, 
Monsieur Lux und mir in einigen Tagen abreisen. Ma- 
ma mit dem Rest der Familie bleibt vorderhand im 
Landhause meines Schwagers Goeß in Ebental bei Kla- 
genfurt. 

Am Tage unserer Abreise erfuhren wir den Tod Pepi 
Choteks, der in der letzten Schlacht gefallen war. Zum 
Nachteile ihrer schwachen Gesundheit härmte sich mei- 
ne arme Schwester Konstantine, die Pepi innig geliebt 
hatte, lange Zeit ab. Diese Todesnachricht war nicht 
die einzige, die wir in Wien erfuhren. Graf Tony Wei- 
ßenzvolff^), Graf Adalbert Clary^), der eine schwangere 
Frau und mehrere Kinder hinterließ, Hauptmann Kai- 
ser, der General (TAspre und viele andere waren auf 
dem Felde der Ehre geblieben. 

Wir erfuhren in Wien mehrere Details über die 
Schlacht von Asfern und das unerklärliche Verhalten 
des Erzherzogs Karls; hier sind sie: „Nach der Schlacht 

i) Joh. Karl Fürst Paar, seit 1801 Theresienritter, öst. General, 
heiratete 1783 Maria Aloisia Gräfin Cavriani. 

2) Anton Graf Ungnad-Weißenwolff, geb. 1770, Oberstlt. beiml.-R. 
Nr. 33, bei Aspern verwundet, starb 5. 6. 1809. 

3) Adalbert Wenzel Graf Clary-AUringen, k. k. Km. und Major, 
gest. 1809, heiratete 1804 Amalie Gräfin Nädasdy, gest. 1838. 

310 



sah sich Bonaparte auf der Insel Lobau mit einer ge- 
schlagenen und erschöpften Armee eingeschlossen, am 
Rande des Unterganges, Er litt Mangel an Lebensmit- 
teln, an Munition, und wie wenn sich auch der Himmel 
verschworen hätte, trat die Donau so über ihre Ufer, 
daß die Soldaten bis über die Knöchel im Wasser waten 
mußten. Der mittelmäßigste General, sogar ein An- 
fänger in der militärischen Kunst hätte, wie die Fach- 
leute sagen, diese entsetzliche Lage Napoleons benützt, 
um ihn zu vernichten. Eine Verfolgung auf die Insel 
war leicht zu bewerkstelligen, noch leichter aber, den 
Rest der Armee, welcher sich der Gefahr nicht entziehen 
konnte, mit Kanonen zu beschießen und die Brücken, 
welche die Lobau mit dem rechten Ufer verbanden, mit 
Brandern zu zerstören. Die meisten Generäle beschwo- 
ren den Erzherzog auf den Knien, diese einzig daste- 
hende Gelegenheit auszunützen, die den Feind der 
Menschheit ihm auf Gnade und Ungnade ausliefere. 
Der Prinz, stolz auf den errungenen Sieg und von un- 
faßlicher Blindheit geschlagen (wer erkennt hierin nicht 
den Finger Gottes!), verweigert standhaft jede offen- 
sive Bewegung. Sechs Wochen hindurch bleibt er ein 
ruhiger Zuschauer, als der Feind Verschanzungen auf- 
wirft, seine Schäden behebt, den Übergang auf das linke 
Ufer vorbereitet und den Angriff mit seiner ganzen 
Macht beginnt. Aber der Tapferkeit der österreichi- 
schen Soldaten, würdig der edlen Freiheitskämpfer, ge- 
lang es, in der mörderischen Schlacht von Wagram den 
Feind bis gegen Wien zurückzuwerfen. Der rechte Flü- 
gel siegte, der Feind hatte namhafte Verluste, als plötz- 
lich der linke Flügel, den der Erzherzog kommandierte, 
durch das geschickte Manöver eines französischen Gene- 
rals nachgab. Der Erzherzog verlor den Kopf, ließ zum 

311 



Rückzug blasen, verließ in guter Ordnung das Schlacht- 
fdd und zog sich hinter Znaim zurück, wo er, ohne den 
Kaiser zu fragen, einen Waffenstillstand abschloß, der 
dem Feinde das Herz der Monarchie und die wichtig- 
sten Grenzen überliefert. Es wird lange dauern, bis die 
letzten Triebfedern dieses eigentümlichen Ereignisses 
bloßgelegt sind. Gewiß ist es, daß der Kaiser wütend 
wurde, als er von dem Abschlüsse des Waffenstillstandes 
hörte; nur die drängendste Notwendigkeit veranlaßte 
ihn, in die Ratifizierung einzuwilligen. Erzherzog Karl 
hat auf alle militärischen Würden verzichtet und sich 
nach Teschen zurückgezogen, wo er bei seinem Onkel, 
dem Herzog Albert, lebt. So erlosch für immer der Ruhm 
dieses unglücklichen Prinzen. Man entschuldigte sein 
Vorgehen mit der Furcht, zwischen zwei Feuer zu ge- 
raten, da die russische Armee durch Galizien herannahte ; 
man schob auch, und wohl mit mehr Recht, die Schuld 
auf den zufälligen oder vorsätzlichen Aufenthalt, der 
den Erzherzog Johann hinderte, ihm zu Hilfe zu kom- 
men (auch ein Rätsel, das mit einem undurchdring- 
lichen Schleier bedeckt blieb). Was man aber auch tut, 
um den Erzherzog Karl zu entlasten, so blieben doch 
die Fehler, die er seit der Schlacht von Aspern bis zum 
Waffenstillstände von Znaim beging, ein unauslösch- 
licher Flecken auf seinem Ruhmesblatt." In meiner Par- 
teilichkeit für diesen Prinzen schrieb ich in meinem 
Tagebuch: ,, Trotz allem Übel, das er uns zugefügt, 
kann ich einen Mann nicht verachten oder hassen, dem 
wir viele Erfolge verdanken, der erst vor kurzem, nach 
schwerem Unglück, in seinem Genie und der Tapferkeit 
seiner Soldaten Mittel und Wege gefunden hatte, durch 
einen glänzenden Sieg mit einem Schlag die Ketten von 
ganz Europa zerreißen zu können.. . . Daß er zu diesem 

312 



Schlage nicht ausholte, daß er sich an seinem Ruhme 
bis zum Übermaße berauschte, oder daß er dem Bestände 
seines Glückes nicht traute, ist dies nicht eher Schuld 
des unglücklichen Sternes von Österreich, als die des be- 
dauernswerten Prinzen ? Seine heutige Situation ist er- 
barmungswürdig: einsam, eine Beute nervenerschüttern- 
der Vorwürfe, eines schönen Einkommens beraubt, von 
der ganzen Welt verlassen, angeklagt von seinen Lands- 
leuten, verurteilt von seinem Bruder und müßiger Zu- 
seher des Unterganges seines Vaterlandes, das er hätte 
Jetten können, ist sein Los wirklich entsetzlich. Diejeni- 
gen, welche ihn in ihrem feigen Egoismus mit Vorwür- 
fen überhäufen, bedenken nicht, daß er hundertfach das 
Übel sühnt, das er ihnen bereitet hat"^). 

Es ist schier unmöglich, alles zu erzählen, was die Be- 
wohner der Länder, wo sich der Krieg abspielte, erdul- 
den mußten. 

Man sagt, Napoleon selbst habe befohlen, die Öster- 
reicher für ihren Enthusiasmus zu bestrafen. Eines Tages 
befand er sich an einem Fenster und beobachtete meh- 
rere brennende Dörfer. Man fragte ihn, ob er nicht dem 
Brande und Raube Einhalt tun lassen wolle. Doch er 
antwortete kalt: „Der Soldat muß doch auch sein Ver- 
gnügen haben!" Der Kaiser hatte den General Graf 

i) Das Benehmen des Siegers von Aspern ist längst gerechtfertigt 
worden. Der vierte Teil der Armee war verloren, ebenso eine Menge 
Brückenmaterial; es fehlten also Erzherzog Karl alle Mittel, um 
über die angeschwollene Donau zu setzen. Die Abschließung des 
Znaimer Waffenstillstandes geschah im Auftrage des Kaisers, der 
allerdings später, von der Kriegspartei beeinflußt, seinen Entschluß 
änderte, als es zu spät war. Dies veranlaßte den Bruch mit seinem 
Bruder. (Siehe Näheres im epochalen Werke „Erzherzog Karl von 
Österreich" von Oberstleutnant Osk. Christe, Wien 1912.) — Die 
obigen Details sind aber insoferne interessant, als sie das Urteil der 
damaligen Zeitgenossen wiederspiegeln. 



Weißenwoljj^) zu Napoleon mit dem Auftrage geschickt, 
zu erklären, daß das Leben der von ihm gefangenen Ge- 
neräle Durosnel und Fouler 2) für das des Generals Chaste- 
ler bürge, den Napoleon in das Gefängnis werfen ließ. 
Napoleon kam in die höchste Wut und rief unter ande- 
rem aus: „Wenn der Kaiser von Österreich meinen Ge- 
nerälen nicht die Freiheit gibt, so lasse ich durch meine 
Tamboure eure Frauen schänden." 

Man erzählt von ihm auch ein Wort, das beweist, wie 
gering er das Leben seiner Soldaten veranschlagte. Als 
er die Donau angesichts der feindlichen Armee passie- 
ren wollte, machte man ihm Vorstellungen, wie groß das 
Wagnis sei; er aber antwortete ruhig: ,,Ich werde der 
Donau 50 000 Mann zum Opfer bringen und passieren." 
Diese Barbarei wußte er seinen Soldaten so gut beizu- 
bringen, daß seine Offiziere selbst zweifelten, wie sie 
diese undisziplinierte Horde würden nach Frankreich 
zurückbringen können. Ich schäme mich, hier alle Ab- 
scheulichkeiten zu beschreiben, die in den Vorstädten 
und umliegenden Dörfern von Wien vor sich gingen. 
Die Franzosen gefielen sich darin, die heiligsten Gegen- 
stände zu profanieren. In mehreren Kirchen zwangen sie 
die Priester, mit heiligen Gefäßen den Segen zu erteilen, 

i) Nikolaus Graf Ungnad-Weißenwolff (1763 — 1825), F. M. Lt., 
Ritter d. M.-Ther.-Ordens, später Militärkommandant in Linz. 
Machte Ebelsberg, Aspern und Wagram mit. 

2) Anton Joh. Aug. Comte Durosnel, geb. 9. 1 1. 1771, gest. 5. 2. 1849, 
französischer General, Kommandant der Pariser Nationalgarde 
während der 100 Tage, Pair von Frankreich seit 3. 10. 1837, wurde 
bei Aspern samt dem Oberststallmeister der Kaiserin General 
Fouler gefangen. Napoleon wollte Hormayr und Chasteler, sobald 
sie gefangen würden, füsilieren lassen. Daher die obige Erklärung 
Kaiser Franz', die aus Volkersdorf am 25. 5. 1809 datiert. Übrigens 
wurden weder Hormayr noch Chasteler gefangen; es blieb also 
bei der beiderseitigen Drohung. („Die Generale d. franz. Republik 
und des Kaiserreiches", Leipzig 1846, p. 335). 



die sie vorher mit ihrem Unrat beschmutzt hatten. Die 
wildesten Völkerschaften, wie die Hunnen, Vandalen und 
Tartaren hatten eine Religion, die Franzosen besaßen 
keine mehr. Seit Bestehen der Welt zeigte sich dieses 
Phänomen zum ersten Male bei dem zivilisiertesten Volk 
der Erde. . . . 

Wien ist von Verwundeten und Kranken überfüllt. 
Gegen 30 000 liegen in den Spitälern. Es bietet einen 
traurigen Anblick, so viele verstümmelte Soldaten in den 
Straßen zu sehen. Doch die Barmherzigkeit der Wiener 
wetteifert mit der Größe des Unglückes. 

General Jndreossy^), der von Napoleon als Stadtgou- 
verneur aufgestellt wurde, ist wegen seiner Milde sehr 
beliebt. Nach seiner Ankunft ließ er den Grafen Har- 
rach^), der Arzt ist, zu sich rufen und sagte ihm: „Ich 
weiß, mein Heber Graf, daß Sie bestrebt sind, Ihr Leben 
aufzuopfern, um ihren Mitmenschen zu helfen. Ich 
glaube mich daher an keine bessere Adresse wenden zu 
können, als an Sie, um einen genauen Bericht über den 

i) Anton Franz Graf Andreossy (1771 — 1828), nach dem Frieden 
von Amiens bis 1809 Botschafter in London, 1809 war er „General- 
insp. des kais. Artilleriekorps, Großoffizier der Ehrenlegion und 
Kdr. d. eisernen Krone", mit welchen Titeln er die Übergabe Wiens 
kontrasignierte. 

2) Karl Borromäus Graf Harrach (1761 — 1829) konnte die Ein- 
willigung zur Heirat mit einer Tochter des Grafen Fries von seinen 
Eltern nicht erlangen. Er faßte, um der Versuchung zu entgehen, 
sich selbst das Leben zu nehmen, das ihm zur Last geworden, den 
Entschluß, das Leben solcher zu erhalten, die weniger unglücklich 
waren wie er (Notiz d. Verf.). So wurde er 1803 Dr. med. und 
Magister der Geburtshilfe und ein hervorragender Humanist. 
„Mit goldenen Lettern", sagt Wurzbach, „verdiente es in der Ge- 
schichte des österreichischen Adels aufgezeichnet zu werden, was 
Graf Karl in den Unglücksjahren 1805 und 1809 geleistet hat, als 
Wien und seine Umgebungen mit einem Heere von notleidenden 
Gefangenen, Kranken, Verwundeten und Sterbenden über- 
schwemmt war." 



Zustand der Spitäler in Wien zu erhalten." Harrach er- 
widerte sofort, in den österreichischen Spitälern mangle 
den Kranken und Verwundeten alles Nötige. „Gut", er- 
widerte der General, „machen Sie mir eine genaue Auf- 
stellung alles dessen, was nötig ist. Ich werde sodann ver- 
sorgen." Und er hielt Wort. Er erzählte einmal, er habe 
sich von Napoleon das Kommando Wiens ausgebeten, 
um einer Bevölkerung zu nützen, die er über alles schätze. 

Die Truppen der Alliierten geben an Grausamkeit den 
französischen nichts nach. Die Bayern sind hart und bös- 
willig, die Italiener räuberisch, die Sachsen grob und 
diebisch, aber die Schandtaten der Württemberger über- 
steigen alles andere. Namentlich gegen die Priester, die 
sie wegen der Verschiedenheit der Religion hassen, be- 
nehmen sie sich abscheulich. Nur mit den Nassauern ist 
man zufrieden. Allerdings gab ihr Fürst seine Truppen 
mit dem Vorbehalt, daß sie nur für den Dienst in 
den Städten verwendet werden dürften, nachdem er 
früher bereits zwei Kontingente für Spanien beigestellt 
hatte. Daher machen diese braven Leute ihren Dienst 
im Vereine mit den Wiener Bürgern, die sie schätzen ge- 
lernt. Man versicherte mir auch, daß mehrere nassau- 
ische Offiziere sich in Wien verheiraten. 

Der Aufenhalt in Wien, das ich so ungerne verlassen 
hatte, war während des Krieges ebenso traurig als ge- 
fährlich geworden. Zuerst der Schrecken eines Bom- 
bardements, die Furcht vor Hungersnot, dann die La- 
sten der militärischen Einquartierung, die Requisitionen 
und die Teuerung, die Furcht vor Raub, Plünderung 
und Brand, die Frechheit der ausgelassenen Soldateska, 
der Mangel einer geregelten Administration, die falschen 
Nachrichten und die getäuschten Hoffnungen. Sofort 
nach der Abreise des Kaisers hatte Erzherzog Max er- 

316 



klärt, daß er Wien bis auf den letzten Mann verteidigen 
werde. Die braven Wiener nahmen ihn beim Worte, 
ohne Furcht j sie bewaffneten sich und arbeiteten an 
den Festungswerken. Inzwischen ruhte sich der Erz- 
herzog auf den Folgen seiner heldenmütigen Erklärung 
aus. Er traf keine Anstalten, Wien zu approvisionieren, 
keine Vorsichtsmaßregeln für einen Brand, er verlegte 
nicht die Artilleriemagazine aus den Vorstädten in die 
Stadt. Eine Deputation der Bürger, geführt von Magi- 
stratspersonen, wagte es, ihm Vorstellungen zu machen. 
Der Erzherzog antwortete, sein Schwager, der Kaiser, 
verlange keinen Rat, sondern nur Gehorsam. Er selbst 
sei der gleichen Meinung. Sein Stolz verletzte auch seine 
direkt Unterstellten. So hatte er mit dem Stadtinten- 
danten Grafen Chotek eine erregte Unterredung, in wel- 
cher er ihm scharfe und harte Worte gab. Statt in Hin- 
bhck auf das öffentliche Wohl die bittere Pille hinunter- 
zuschlucken, fühlte sich Chotek tief verletzt und verheß 
Wien fluchtartig. Der Kaiser erklärte ihn nachher aller 
Würden verlustig und verbannte ihn auf seine Güter. 
Als Napoleon wenige Tage später vor Wien anlangte, 
bot er eine ehrenhafte Kapitulation an, die aber abge- 
schlagen wurde. Man fing an, die Kanonen auf die Wälle 
zu bringen. Die Franzosen etablierten darauf einige 
Batterien auf den umliegenden Höhen und bombardier- 
ten Wien mit Granaten und glühenden Bomben, die sie 
in den Vorstädten vorgefunden. Am anderen Morgen 
erfuhr man plötzhch, daß der Feind durch ein vergesse- 
nes Tor eingedrungen und der Erzherzog mit der Garni- 
son bei einem anderen Tor abmarschiert sei. Groß war 
die Bestürzung. Dennoch gelang es dem Magistrat, eine 
ziemlich günstige Kapitulation zu schließen, deren Ar- 
tikel aber leider nicht eingehalten wurden. Das Inter- 

317 



essanteste der Hofbibliothek, der kaiserlichen Archive, 
des naturwissenschaftlichen Kabinetts und vieles andere 
wurde nach Paris entführt. Die geheimen Verhaftungen 
begannen. Jeden Morgen hörte man, daß in der Nacht 
diese oder jene Persönlichkeit aufgehoben worden sei, 
erschossen^) oder nach Frankreich als Geisel entführt 
würde. Die Bürger ertrugen alles mit echt österreichi- 
schem Gleichmut. Nur die Schlacht bei Asfern machte 
ihnen Mut und Hoffnung. Am 6. Juli stand die ganze 
Bevölkerung auf den Dächern der Kirchen und des 
Belvederes, von wo man das Schlachtfeld erblicken 
konnte. Man hörte deutlich den Kanonendonner näher 
kommen, man schoß auf der Lobau, jedermann wurde 
es klar, daß der Feind sich zurückziehe. Die Herzen 
schlugen höher, die Freude malte sich auf den Gesich- 
tern der braven Wiener, die Bestürzung auf denen der 
Franzosen. Plötzlich erhob sich, zuerst dumpf, dann 
lauter erschallend, ein allgemeiner Lärm. Man rief: 
„Herunter von den Dächern, geht nach Hause, die 
Österreicher zu empfangen, sie kommen über die Do- 
nau." Trunken vor Freude eilt alles nach Hause, in der 
Furcht, später anzukommen, als die Befreier. Doch die 
Kanonade begann gegen Abend, um in der Frühe nicht 
mehr anzuheben. Man stieg wieder auf das Belvedere 
und sah und hörte nichts. Zahlreiche Verwundete und 
Gefangene brachten bald die niederschmetternde Nach- 
richt, daß die Österreicher sich zurückgezogen. 

Unser Aufenthalt in Wien sollte nicht lange dauern. 
Durch die Vermittlung Eugen Beauharnais* erhielt meine 

i) Graf Brenner gehörte zu den zum Tode durch Erschießen Ver- 
urteilten. Er war sehr korpulent, man ließ ihn im leichten Nacht- 
kleidmarschieren. Er starb schließlich an der schlechten Behandlung, 
die er erdulden mußte. (Notiz d. Verf.) Nach den Akten d. k. u. k. 
Kriegsarchive ist von einer Verurteilung B's. nichts bekannt. 

318 



Schwester endlich die Auswechslung ihres Gatten gegen 
irgendeinen französischen General. Trotz des Dienstes, 
den der Vizekönig ihr erwies, fand Isabella denselben 
bei ihrer Audienz noch weniger comme il faut als bei 
der ersten Unterredung. Er sagte ihr tausend Albern- 
heiten, fragte sie, ob sie ihren Mann doch liebe und be- 
nahm sich ebenso unschicklich wie geschmacklos. 

Diesmal verlasse ich Wien ohne Bedauern, wenn ich 
auch einen Schmerz mitnehme, den ich niemals ver- 
winden werde. Ich. h'iite Napoleon sehen können, diesen 
gigantischen Mann, der mein Jahrhundert berühmt ge- 
macht hat, und versäumte durch eigenes Verschulden 
die Gelegenheit. Der Kaiser der Franzosen bewohnte 
Schönbrunn. Jeden Sonntag hielt er über seine Garde 
in dem geräumigen Schloßhofe eine Parade ab, die Ein- 
trittsbillette waren verhältnismäßig leicht zu bekommen 
und damit die Gelegenheit gegeben, ihn aus nächster 
Nähe zu betrachten. Ein lächerlicher patriotischer Fa- 
natimus hielt mich ab, diesem großen Manne gleich- 
sam meine Huldigung darzubringen. Während zwei 
oder drei Tagen fühlte ich mich als Spartanerin, end- 
lich aber siegte die Neugierde über meinen patrioti- 
schen Stoizismus, und ich suchte mir ein Billett für 
den nächsten Sonntag zu verschaffen. Ach! Ein junger 
Mann aus Erfurt hatte ein Attentat i) auf Napoleon ver- 
sucht, und von diesem Tage an wurde der Eintritt in 

i) Das versuchte Attentat fand am I2. lo. 1809 bei der Schön- 
brunner Parade statt. Friedrich Sra/)«, geb. 17.3. 1792 zu Naumburg, 
als Sohn eines Pastors, wollte Napoleon mit einem Küchenmesser 
erstechen. General Rapp ließ ihn aber vorher verhaften. Durch das 
Verhör, das Napoleon selbst führte, wurde dieser durch die Ent- 
schlossenheit und den Haß des jungen Mannes, sowie die Ablehnung 
jeder angebotenen Begnadigung tief bestürzt. Stapss wurde am 
17. 10. 1809 zu Wien in aller Stille erschossen. (Details siehe Weiß, 
Lehrb. der Weltgesch. II. 2, p. 95 — 98.) 



Schönbrunn jedermann untersagt. Ich habe mich nie 
darüber getröstet. 

Vor unserer Abreise sandten wir den Hofmeister mei- 
nes Bruders M. Lux nach Schwertberg voraus, um zu 
erfahren, wie weit die überspannten Unglücksberichte 
unseres Pflegers begründet waren. Er brachte uns die 
tröstlichsten Nachrichten. In Oberösterreich kanto- 
nierte Marschall Wrede mit den Bayern, der nach 
Schwertberg das Regiment „Chevaulegers du Roi" ent- 
sendet hatte, dessen Offiziere — darunter mehrere 
unserer Verwandten durch unsere Mutter — sich be- 
strebten, die beste Ordnung zu erhalten und uns jede 
Bedrückung zu ersparen. Wir verdankten diese Rück- 
sicht in erster Linie der Empfehlung des bayerischen 
Ministers Grafen Thürheim^), dann aber auch einem 
Brief, den der Minister Napoleons M. de Chamfagny^) 
auf Bitte meiner Schwester Isabelle an den Marschall 
Wrede geschrieben hatte. 

Wir reisten daher zuerst nach Ebental und von da mit 
Mama am 25. August nach Schwertberg. Trotz meines 
Kummers, mich von Isabelle zu trennen, die die Rück- 
kehr ihres Mannes erwartete, trotz der lästigen Aus- 
sicht, in dem väterlichen Schlosse unbequeme Gäste 
empfangen zu müssen, freute ich mich dennoch, die 
liebe Heimat zu sehen und nahm mir vor, von nun an 
das Leben von der heiteren Seite zu nehmen. Und in der 



i) Friedrich Karl Graf Thürheim der bayerischen Linie, geb. 1763, 
bayr. Km., Geh. Rat und Staatsm., heiratete 1785 Marie Walp. 
Baronin Weichs, geb. 1763. 

2) Jean Bapt. Nompere de Cham-pagny, Herzog v. Cadore (1756 
bis 1834), franz. Staatsmann, seit 1807 Minister des Auswärtigen, 
leitete die Verhandlungen zur Vermählung Napoleons mit Erz- 
herzogin Marie Louise und war auch während deren Regentschaften 
in Abwesenheit Napoleons deren vorzüglichster Ratgeber. 



320 



Tat, nach dem ersten demütigenden Eindrucke, im 
Schloßhofe eine bayerische Schild wache auf und ab 
wandeln zu sehen, gewöhnte ich mich bald an den An- 
bHck der fremden Offiziere, die einen Teil des Schlos- 
ses bewohnten. Es waren liebenswürdige, feinfühlende 
Menschen, die unser ungünstiges Vorurteil im Keime 
erstickten. Unsere Gäste bestanden aus dem Oberst 
Max Grafen Seyssel d'Aix^), einem Verwandten meiner 
Mutter, dem Major Max Baron Zandt und einem Adju- 
tanten Madroux. Meine Mutter fand es wirtschaft- 
licher, die Herren zu Tisch einzuladen, als ihnen in den 
Zimmern servieren zu lassen. Diese Annäherung hatte 
andere im Gefolge, die Offiziere begleiteten uns auf den 
Spaziergängen, sie verbrachten die Abende mit uns, 
kurz, aus Feinden waren sie rasch unsere besten Freunde 
geworden. Manchmal machte ich mir allerdings Vor- 
würfe, mein Herz zwischen Vaterland und Freund- 
schaft geteilt zu haben. 

Mein Tagebuch aus dieser Zeit enthält Stellen von 
einer Naivität, die mir heute ein Lächeln auf die Lippen 
zwängen, wenn nicht diese Offenbarungen einer begin- 
nenden Liebe mit ihrem Zauber reiner Unschuld und 
Poesie in mir eine tiefe Rührung hervorbrächten. 

Der Gegenstand meiner Neigung war Major Zandt^ 
und er verdiente sie auch. Er war ein Mann von vor- 
nehmster Gesinnung, von seltener Bravour, geistreich, 

i) Max Graf Seyssel d'Aix starb als Generalkapitän der Hartschier- 
leibgarde in München 1855. 

2) Max Freiherr v. Zandt (1778 — 1867), k. bayr. Km., Reichsrat, 
G.d.K. und Inhaber des 14. 1.-Rgts., heiratete i8i7Emilie, Tochter 
des französischen Generals Franz Sigm. Freiherrn v. Reinach- 
Steinbrunn und der Mariane Freiin v. Eptingen. Leopold Z., sein 
Bruder, (1784 — 1850) k. bayr. Km., G. M. und Adjt. des Königs, 
heiratete Antonie Freiin v. Conninx (gest. 1854). 



ax M. L. I 



321 



offenherzig und rücksichtsvoll. Trotz seiner 31 Jahre 
wußte er sich Respekt und Liebe zugleich zu verschaf- 
fen. Sein Geist verschönte seine nicht ganz regelmäßig 
gen Züge und seine harmonische, sonore Stimme drang 
zu Herzen. So w^ar der Held meines ersten Liebestrau- 
mes beschaffen. Ihm verdankten wir auch hauptsäch- 
lich die gute Ordnung, die im Schlosse und Dorfe 
herrschte, denn er war viel früher als der Oberst hier an- 
gelangt. Bald wurde er auch der Liebling meiner Schwe- 
ster Konstantine und meiner Mutter. Diese Entdeckung 
krönte meine Freude vollends, trotzdem ich wußte, daß 
der Major mit einer Baronin Reinach-Steinbrunn, die 
er mehrere Jahre hindurch geliebt, nahezu verlobt war. 
Ich wußte jedoch, daß diese Rivalin nicht mehr hübsch 
war, und mein Spiegel, sowie die verliebten Blicke Max 
Zandts versicherten mich meines Sieges. 

Ich will hier nicht alle Einzelheiten dieser schönen 
Zeit wiedergeben. Dennoch verweile ich oft und gerne 
dabei und habe in einer Novelle „Karoline" meine Ein- 
drücke zu Papier gebracht. 

Die entzückenden Tage sollten nicht lange dauern. 
Eines Abends — es war der 6. Oktober 1809 — standen 
wir mit unseren Gästen auf der,, Gloriette"^). Auch vier 
Kameraden des Majors waren mit uns, die beiden Gra- 
fen Karl und Christian v. Zweibrücken^) (die später in 
Rußland umkamen) und die beiden Grafen Fugger^) (die 
auch jung starben). Die Konversation war lebhaft und 

i) Schöner Aussichtspunkt im Park von Schwertberg, von einem 
Gartenhaus gekrönt. 

2) Karl Erbprinz v. Pfalz-Zweibrücken, geb. 1775, und sein Bruder 
Christian. Es ist nicht genau festzustellen, welche Zweibrücken 
oben gemeint sind. 

3) Ernst Graf v. Fugger-Glött, fiel als Oblt. im 4. bayr. Chevaux- 
legersreglment am 28. 10, 18 13 bei Hanau. 

322 



heiter, die sinkende Sonne sandte uns ihre letzten Ab- 
schiedsgrüße zu. Plötzlich nahte eine Ordonnanz, die 
dem Oberst ein mit großen Siegeln verschlossenes Ku- 
vert überreichte. Sofort hörte unser Lachen auf, tiefe 
Stille herrschte. Nach einem kurzen Blick in das Schrei- 
ben rief der Oberst erschrocken aus: „Meine Herren, 
wir brechen morgen nach Tirol auf." Groß war unsere 
Bestürzung. Der geschlossene Friede hatte den braven 
Tirolern nicht die gewünschte Zugehörigkeit zu Öster- 
reich gebracht und sie suchten nun im Heldenkampfe 
ihr Ziel zu erreichen. 

Ich für meine Person sah nur den Major, dessen 
trauriger Blick auf mich gefallen war. Vernichtet kehrte 
ich ins Schloß zurück. 

Am anderen Morgen sollte das Regiment abmarschie- 
ren. Max Zandt hatte erst am Abend zu folgen. Ein ein- 
ziger Tag bheb uns also übrig und dieser wurde uns ver- 
dorben. Ich glaubte, daß meine Schwester Konstantine 
die Neigung teile, die ich für Zandt fühlte. Anfangs war 
ich darüber nicht besonders erregt, im Gegenteil, ich 
freute mich, daß sie aus ihrer tiefen Depression, die sich 
ihrer seit dem Tode Pepi Choteks bemächtigt hatte, zu 
erwachen schien und an Zandts geistvoller Konversa- 
tion Gefallen fand. Bald jedoch machte diese großmü- 
tige Regung peinlicher Unruhe Platz. Ich schrieb den 
Schmerz des Majors der bevorstehenden Trennung von 
meiner Schwester zu. Tiefe Erbitterung zog in mein 
Herz. Seine Aufmerksamkeit mir gegenüber schienen 
Konstantine zu gelten. Wenn er sich mir nähern wollte, 
um eine Aussprache herbeizuführen, entwich ich oder 
warf ihm erstaunte Bhcke zu. 

Als wir von der Promenade des Vormittags zurück- 
kehrten, war ich allein vorausgeeilt und versuchte vor 



einem großen Spiegel die Spuren von Tränen aus mei- 
nem Gesichte zu wischen, als ich plötzlich Max Zandt 
hinter mir erblickte. Er war allein, blaß, zitternd und 
sah mich im Spiegel mit zärtlichen, aber traurigen 
Blicken an. Ohne es zu wagen, mich umzuwenden, stieß 
ich ihn sanft zurück. Da ließ er sich auf einen Stuhl fal- 
len, nahm meine Hand und bedeckte sie mit Küssen. 
Ich war so verlegen und so überrascht, daß ich kaum 
versuchte, meine Hand zurückzuziehen, die er festhielt. 
Glückhcherweise trat gerade Mlle. Tisserand ein, die 
ihren Papagei füttern wollte. Zandt ließ meine Hand 
frei und stürzte davon. Ohne die Dazwischenkunft des 
Fräuleins hätte er, glaube ich, meine Hand so lange hal- 
ten können, als es ihm beliebt haben würde. 

Des Abends schien er sich mehr um Konstantine zu 
kümmern, als um mich. Mir war es ganz recht, ich fühlte 
mich ohnehin durch seine Gegenwart genug beengt und 
mußte öfters den Salon verlassen, um Atem zu schöpfen. 
Beim Souper saß er mir gegenüber, seine Augen ver- 
ließen mich nicht, ich wagte es aber nicht, ihn anzu- 
sehen. Er trank auf die Gesundheit meiner Mutter, 
meiner Schwestern und endlich auch auf mich. Niemals 
werde ich den Blick vergessen, den er mir dabei zuwarf. 
Dann erhob er sich, wir begleiteten ihn in den Hof, wo 
er sich auf sein Pferd schwang und im Galopp in der 
Dunkelheit verschwand. 

Ich schlief die Nacht keinen Augenblick und am an- 
deren Morgen irrte ich schwankenden Schrittes im 
Schlosse umher, wie ein verwunschener Geist. Einige 
Tage darauf vertraute mir Zandts Bruder Leopold, der 
wegen einer Schußwunde im Fuß die Erlaubnis erhalten 
hatte, in Schwertberg so lange zu bleiben, bis die letzten 
Truppen Österreich verließen, an, daß sein Bruder nur 

324 



mich liebe. Ich stellte mich, als ob ich es nicht glaubte, 
empfand aber eine unbeschreibhche Freude, die sich 
aber bald wieder legte, als meine Schwester mir gestand, 
Zandt habe ihr, allerdings mit kaum verständlicher 
Stimme, auch eine Art Liebeserklärung gemacht. Sie 
wollte die Worte: „Ich liebe Sie" gehört haben. Ich 
weiß heute noch nicht, warum meine Schwester mir 
diese grausame Mitteilung machte, denn sie war von 
ihr nur erfunden worden, um mich von meiner Liebe zu 
heilen. 

Zwei Monate später erhielt ich von Zandt einen Brief, 
der über seine Liebe zu mir keinen Zweifel Heß. Ich ritt 
gerade mit meinem Bruder aus, als ich diesen Brief er- 
hielt. Ich durchflog ihn schnell und steckte ihn in mein 
Reitkleid, um ihn nach meiner Rückkunft mit Muße 
lesen zu können. Doch als ich in mein Zimmer kam, 
fand ich den Brief nicht mehr, ich mußte ihn verloren 
haben. Da ich Zandt auch nicht antworten konnte, weil 
ich die angegebene Adresse mir nicht gemerkt hatte, so 
endigte damit der kleine Liebesroman. 

Erst acht Jahre später heiratete Zandt die Baronin 
Reinach, mehr aus Vernunftgründen, als aus Liebe, 
denn Emihe war inzwischen alt und unschön geworden. 

Als ich den Baron 32 Jahre später sah, war er General 
und ein alter, kleiner Mann mit schneeweißen Haaren 
geworden, den eine russische Kugel zum Krüppel ge- 
schossen und den seine Frau vollkommen beherrschte. 

Bald, nachdem mich Zandt in Schwertberg verlassen, 
begann der Verzweiflungskampf der Tiroler gegen die 
Bayern. Unsere Unruhe wuchs von Tag zu Tag, da 
wir unsere Freunde gefährdet wußten. Der Haß der 
braven Bergbewohner gegen ihre Unterdrücker, die 
ihnen Napoleon aufgezwungen, widersetzte sich sogar 

325 



den Befehlen des österreichischen Kaisers. Sie konnten 
es nicht glauben, daß man sie nach so heldenhaften 
Kämpfen verlassen, sie hielten alles für Verleumdung, 
was man ihnen sagte. Der Kampf bei Sterzing erscheint 
fast fabelhaft, dennoch habe ich den Bericht von einem 
Augenzeugen. Ich finde darin auch die Wiedergabe 
eines edelmütigen Zuges eines bayerischen Offiziers. Er 
sah plötzlich zwischen Feind und Freund ein schreien- 
des Kind, das hin und her lief und sich zu retten suchte. 
Der Offizier verläßt seine Reihen, stürzt auf das Kind 
zu, ergreift es, und unter einem Hagel von Geschossen 
trägt er es in Sicherheit. Der Graf Fugger, der mir diese 
Tat erzählte, wußte leider nicht den Namen des Helden. 
Ich finde in meinem Tagebuch noch ein anderes Er- 
eignis, das beweist, wie unbeständig und schwank das 
menschliche Leben ist. Nach der Schlacht bei Znaim 
fanden der junge Baron Zandt und der Graf v. Zwei- 
brücken unter den Toten einen jungen österreichischen 
Offizier, der zwei Schußwunden im Kopfe hatte. Ein 
Brief sah aus seinem Rock ein wenig hervor. Neugierig, 
nahm ihn Zandt heraus und las ihn. Er war von seiner 
Frau, die ihre Freude ausdrückte, ihren Gatten nun 
bald wiederzusehen, sie sprach von ihrer schrecklichen 
Angst und Sorge um ihn, von einem Traum, in dem sie 
ihn tot ausgestreckt auf dem Schlachtfelde gesehen 
hatte. Dieses entsetzliche Bild sei erst dann aus ihrer 
Seele entschwunden, als sie einen Brief von ihm erhal- 
ten. Die Kinder sprächen nur noch von ihrem Papa und 
verrichteten täglich ein heißes Gebet für sein Wohl. 
Der ganze Brief atmete Zärthchkeit und Liebe. Zandt 
sagte mir, noch niemals habe er solchen Schmerz emp- 
funden als damals, wo er, den Brief in der Hand, den 
blutenden Körper vor sich sah, an den er gerichtet war. 

326 



2. Oktober: In den letzten Tagen trafen traurige Briefe 
ein. Der eine teilte uns die Nachricht vom Tode Andre- 
ottis, dieses edlen piemontesischen Offiziers, mit, von 
dem ich früher erzählte, der zweite kam von Therese 
Chotek, die über den Tod ihres Bruders Pepi ganz ver- 
zv^-eifelt schien. Schließlich hörten wir, daß das Chevau- 
legerregiment, in welchem Zandt diente, in den letzten 
Kämpfen stark gelitten habe. Wenn ich auch den Todes- 
kampf der Tiroler bewundern mußte, zitterte ich doch, 
er möchte mich ein entsetzliches Opfer kosten. 

Heute ist Max Zandts Namenstag, die letzten Nach- 
richten aus Tirol bedrückten mich; es regnete in Strö- 
men, trotzdem ging ich allein in die Kirche. Ich hätte 
geglaubt, an seinem Tode Schuld zu tragen, wenn ich 
heute nicht für ihn die Messe gehört hätte. Als ich die 
Kirche betrat, sang man gerade ein düsteres läbera, ein 
schwarz bedeckter Sarg stand vor dem Altar. Von Ent- 
setzen gepackt, betete ich inbrünstig für Zandts Seelen- 
heil. Der Himmel erhörte mich, am selben Abend langte 
ein Brief von Max an seinen Bruder an, daß sein Regi- 
ment nicht im Feuer gestanden. 

Ich will nun nicht mehr von Max Zandt sprechen, 
der kurze Liebesroman füllt ohnehin schon zu viel Sei- 
ten. Nur eines sei der Wahrheit gemäß noch erwähnt. 
Heute kam ein Brief der Baronin Reinach an ihn hier an; 
nach einigem Zögern öffnete ich ihn. Meine strafbare 
Neugierde wurde nur halb befriedigt. Ich entnahm dem 
Schreiben, daß die Beziehungen zwischen der Baronin 
und Zandt sehr erkaltet und nahe am Erlöschen waren. 

jo. Dezember: Ich will das traurige Jahr noch mit einer 
kösthchen Episode schließen, die uns viel Spaß machte. 

Die Anwesenheit des jungen Zandt's, der uns mit Ende 
des Jahres leider verheß, hatte uns manche unangenehme 

327 



Einquartierung erspart. Nur ein dicker französischer 
Major, der drei Tage bei uns wohnte, wurde uns einiger- 
maßen lästig. Trotz seines kurzen Aufenthaltes verliebte 
er sich sterblich in meine Schwester Konstantine, machte 
den jungen Zandt, der eigentlich sein Rivale war, zum 
Vertrauten, bat ihn, seine Interessen zu vertreten und 
kam selbst zu meiner Mutter, um die Hand Konstan- 
tines anzuhalten. Er rühmte seinen französischen Ur- 
sprung, seinen Namen, seine Gestalt, sein reifes Alter 
— er hatte 45 Jahre — seinen schönen Sold, seine Liebe 
und versprach, sich seiner Gattin zuvor zu entledigen. 
Seine Abreise hinderte ihn, noch mehr Verführungs- 
mittel ins Treffen zu führen. 



titiittfftHfMiinitiiiiiiittittintiiiiiiiiiiiiiiiMiitiiitnMiiniiiiiiiiiiiiniMiiiiiiiiiiiniiiiiMiMiintnininiriittftiiMiMninn 



328 



flllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllltlllllllllMinllllllM IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIMII 



XII. 1810 

Nach der Abreise Zandts trafen die Goesse in Schwert- 
berg ein. Da er zum Landesgouverneur von Ga- 
lizien ernannt worden war, nahm er Abschied von uns, 
erlaubte aber Isabella, fünf Wochen mit uns zu verbrin- 
gen, bevor sie ihm in dieses entfernte Land nachfolge. 

Bald darauf kam auch unser Vormund Franz Hager. 
Er hatte sich entschlossen, nachdem er Zeuge des großen 
Schmerzes Konstantines beim Tode Pepi Choteks ge- 
wesen und ihm dadurch die Augen geöffnet worden 
waren, auf ihre Hand zu verzichten. Dies wurde ihm um 
so leichter gemacht, als auch Konstantine, um sich voll- 
kommen freizumachen, die Einladung ihrer Schwester, 
sie nach Galizien zu begleiten, angenommen hatte. Wir 
waren alle über diese Lösung froh. 

Da diesen Winter uns auch Louis Mandell besuchte, 
so machten wir unserem Vormund, als er von Weinberg 
zurückkam, um seinen Namenstag zu feiern, ein lustiges 
Theater. Die Kostüme und die Rollen wurden während 
seiner Abwesenheit vorbereitet. Meine gute Mutter 
spielte einen Hegereiter, ebenso vne auch Judith, Isa- 
bella gab einen alten Bauer, Louis den Menschenfresser, 
ich die „mere bonnette" und die übrigen die kleinen 
Kinder. Das Stück hieß der „Däumling". Zum Schlüsse 
wurden von Mama gedichtete Couplets zu Ehren Franz 
Hagers gesungen ; alles gelang vortrefflich und war sehr 
amüsant. 

329 



Napoleon hat soeben die Hand Maria Luisens verlangt 
und erhalten. Ich schreibe darüber: „Was soll man dar- 
über sagen, was nicht schon jedermann gesagt hat. In 
Wien herrscht fast überall hellster Jubel, man sieht un- 
sere Macht wieder gefestigt, die Ruhe gesichert und die 
Finanzen geordnet. Dennoch gibt es Leute, die betrübt 
sind, daß eine Tochter aus dem Hause Österreich einen 
Parvenü, einen prinzipienlosen Menschen, den Feind 
unseres Vaterlandes und der Menschheit heiratet, daß 
sie auf einen Thron steigen will, der beinahe noch vom 
Blute ihrer Tante raucht. Andere wieder sehen aus die- 
sem Ereignis ebensoviel Hoffnung wie Besorgnis er- 
wachsen. Wenn Napoleon nun statt des unbesiegbaren, 
mächtigen Feindes den Protektor Österreichs hervor- 
kehrt, so wird er dieses vielleicht in eine schimpfliche Ab- 
hängigkeit bringen und das Blut seiner Braven, nicht um 
die Freiheit ihres Vaterlandes zu verteidigen, sondern 
um seinem tyrannischen Ehrgeize zu dienen, fließen 
lassen. Übrigens sagen sie, daß Österreich es ähnlich 
wie bei einem Brande gemacht hat: entweder in den 
Flammen umzukommen oder beim Fenster hinauszu- 
springen und dabei seinen Hals zu riskieren ..." Nie- 
mand erriet die Wahrheit, niemand dachte an den Mantel 
der Dejanira, ausgenommen vielleicht ein Mann, und dies 
war Metternich. Maria Luise sollte Österreich rächen. 

Eine, die sich am meisten kränkte, war meine Tante 
Therese. Sie weinte den ganzen Tag, wurde grob gegen 
diejenigen, die sich freuten oder nicht weinten; sie 
schien die Rolle der Rachel zu spielen, der man ihre 
Kinder genommen hatte. 

Anfang April reisten die beiden Goesse und Konstan- 
tine nach Galizien, Franz Hager nach Wien ab. Louis 
Mandell blieb uns noch einige Tage. Wir benützten 

330 



diese Zeit, um nach alter Gewohnheit beim Kaminfeuer 
gegenseitige Confidencen auszutauschen. Meine Erzäh- 
lung von Max Zandt schien ihn ermutigt zu haben; 
seine Neigung zu mir lohte auf. Da außerdem damals 
seine Mutter von Neapel ein kleines Vermögen mitge- 
bracht hatte, so fragte er brieflich bei meiner Schwester 
Isabella in Leopol i) an, was er beginnen sollte, und er- 
hielt die Antwort, mir selbst die Frage vorzulegen. Er 
schrieb mir darauf einen Brief, den ich aber nie erhielt 
— ich hatte wirklich ein eigenes Pech in bezug auf Lie- 
besbriefe. Übrigens ersparte mir dies, den Bewerber ab- 
zuweisen. Nichtsdestoweniger war das Glück seiner Zu- 
kunft hold. Ein Jahr später mußte er den Militärdienst 
quittieren, nachdem Napoleon durch ein grausames De- 
kret seinen Schwiegervater gezwungen hatte, alle ehe- 
maligen Franzosen aus seiner Armee zu entfernen. Trau- 
rig ließ sich Mandell, der sehr gerne Soldat war, auf dem 
kleinen Gute seiner Mutter und seines Bruders bei 
Graz nieder. In seinem philosophischen Gleichmut 
wurde er nun ein ebenso tüchtiger Landwirt, wie er 
Offizier gewesen war. Als bald darauf ein alter und 
kränkHcher Baron 2), dessen Liebe er gewonnen, ihn bat, 
der Vormund seiner Tochter zu werden und sie, wenn 
sie einverstanden wäre, zu heiraten, ließ er sich dieses 
nicht zweimal sagen. Er wurde der Gatte seines Mün- 
dels, erhielt dadurch ein sehr schönes Vermögen und ein 
hübsches Schloß, wurde Vater wohlgeratener Kinder 
und erbte 16 Jahre später das riesige Vermögen seines 
Bruders und dann das seiner Schwägerin. Auf diese 

i) Leopol = Lemberg. 

2) Wohl Wenzel v. Storch, k. k. Hauptmann, der 1790 mit dem 
Prädikat „von Sturmbrand" gerittert wurde und das Gut Nasenfuß 
in Krain besaß. 



Weise verschafften wir, Napoleon und ich, indem wir 
die Luftschlösser Louis Mandells niederrissen, diesem, 
reellere mit großen Einkünften und ließen ihn so das 
Unglück seiner Jugend bald vergessen. 

Maria Luise hat Napoleon geheiratet, indem sie ihre 
Hand durch Prokuration seinem alten Gegner, dem 
Erzherzog Karl, gab. Zwei der angesehensten Damen 
begleiteten sie nach Braunau. Dort erwarteten sie zwei 
andere Damen in großer Gala, eine Österreicherin, die 
andere Französin. Sie wurde bis auf das Hemd durch 
die Damen ihres neuen Hofstaates alles dessen entblößt, 
was sie als Österreicherin besessen und erschien darauf 
verwandelt und fast schön vor den erstaunten Augen 
ihrer Landsleute. Von diesem Tage bis zu ihrer Ankunft 
in Frankreich bekam Maria Luise täglich einen Brief 
ihres Gatten. Der Graf Karl Clary, ein Enkel des Für- 
sten von Ligne, den man „Lolo" nannte, brachte dem 
Kaiser nach Compiegne den ersten Brief seiner Gemah- 
lin. Er wurde mit aller Auszeichnung empfangen und 
jagte mit dem Kaiser. Nach sechstägigem Aufenthalte 
ging er mit Napoleon nach Paris. Sein Debüt in dieser 
Stadt erzählte er folgendermaßen: „Es war gerade zur 
Zeit, als man ,Cendrillon* gab. Beim Eintritte in das 
Odeontheater sagte man mir: ,Mein Herr, Sie können 
nicht hinein, es ist kein Platz mehr.' Mein Mietlakai be- 
mühte sich auf alle Weise, mir den Eintritt zu verschaf- 
fen. ,Meine Herren,' sagte er, ,es ist ein Fremder, machen 
Sie ein wenig Platz, bitte.' Und ich setzte bescheiden 
bei: ,Ich habe 300 Meilen hinter mir, um Cendril- 
lon zu sehen. Möchten Sie mir nicht ein wenig Platz 
machen ?' Endlich führte man mich in eine kleine Loge, 
wo schon drei Herren saßen, die, auf guten Sitzen, den 
Eindringling kaum beachteten, der ihnen noch mehr 

332 




General Baron von Zandt (1778 — 1S67) 



Nach einer Bleistiftzeichnungr der Verfasserin 
im Besitze des Herrn Dr. A. Figdor, Wien 



Platz wegnahm. Ich konnte nur mit Mühe etwas sehen, 
war aber über alles entzückt. Meine Nachbaren wun- 
derten sich über meine Begeisterung und daß ich nicht 
einmal die Namen der Schauspieler kannte. ,Wie, mein 
Herr,' meinte einer der Herren in impertinentem Tone, 
,Sie haben Cendrillon nie gesehen ?' — ,Nein, mein 
Herr, es ist das erste Stück, das ich in Paris sehe.' — 
,Sie sind wohl Ausländer ?' — ,Ja, mein Herr.' — ,Und 
kommen?' — ,Von Wien oder vielmehr von Compieg- 
ne.' — ,Ah, Ah,' riefen die Herren, und nach einer 
Pause: ,Man sagt, der Kaiser habe gestern dort gejagt!' 
— ,Ja, ich hatte die Ehre, mit Seiner Majestät zu jagen. 
Das Resultat war ziemlich gut.' — Kaum war dieser 
Satz aus meinem Munde, als die Herren aufsprangen, 
beinahe ihre Stühle umwarfen und mir den besten Platz 
in der Loge anboten, in welcher ich es mir ohne Um- 
stände bequem machte und den ganzen Abend sitzen- 
bheb. Die kriecherische Zuvorkommenheit der Herren 
speiste ich mit einigen hochmütigen Worten ab." 

Da meine Gesundheit sich nicht gebessert hatte, so 
verordnete man mir die Bäder in Baden. Durch Ver- 
mittlung eines gemeinsamen Freundes, des Grafen 
Mercy-Argenteau erklärte sich die Gräfin Rzewuska in 
zuvorkommendster Weise bereit, mich für die sechs- 
wöchentHche Kur in ihrem Hause in Baden zu etablieren. 
Ich reiste also Ende Mai mit meiner Cousine Althann 
nach Wien, die mich meiner Gönnerin übergab. 

Bevor ich von diesem Aufenthalte in Baden spreche, 
möchte ich über die Person des genannten Grafen 
Mercy-ATgenteau^)y der sehr geschätzt und sehr wenig 
liebenswürdig war, einige Worte verHeren. 

i) Andreas Florimund Graf Mercy d'Argenteau (1771 — 1840), 
diente zuerst in der französischen Armee, emigrierte und kam ca. 

333 



Er war 1789 infolge der Revolution, die sein Vermö- 
gen verschlungen hatte, mit seinem alten Vater nach 
Wien ausgewandert. Dort, fast mittellos angekommen, 
entschloß sich der Sohn, durch seine Arbeit dem Ur- 
heber seines Lebens ein behagliches, sorgenloses Dasein 
zu bereiten. Obgleich selbst nicht mehr in der ersten 
Jugend, fing er an, Deutsch zu lernen (was für einen 
Franzosen so schwierig ist) und brachte es durch seinen 
unermüdlichen Eifer dahin, daß er binnen Jahresfrist 
diese Sprache so gut lesen, schreiben und sprechen 
konnte, daß er in einem Bureau Stellung fand. Seine 
Tüchtigkeit, seine Intelligenz und die durch die Ach- 
tung vor seinem selbstlosen Verhalten als Sohn gewon- 
nene Protektion verschafften ihm bald einen Platz im 
Finanzministerium. Der Gehalt war allerdings nicht be- 
deutend, reichte aber hin, um dem, glaube ich, blind 
gewordenen Vater ein anständiges Auskommen zu si- 
chern. Indem sich der Sohn für seine Person in jeder 
Weise einschränkte, konnte er dem alten Herrn, der 
80 Jahre erreichte, einen angenehmen Lebensabend be- 
reiten. 

Vom Finanzministerium kam Graf Andreas Mercy in 
die Staatskanzlei, wo ihm Metternich bis zu seinem Tode 
sein Vertrauen schenkte. Die erwähnten guten Eigen- 
schaften des Grafen gewannen ihm viele Freunde, er 
war von jedermann geachtet, aber doch habe ich wenig 
ebenso unsympathische Männer kennen gelernt, wie er 

1795 nach Wien, wo er in der Hofkammer vom untersten Grade 
anfing, zu dienen; 18 14 wurde er Hofrat im Ministerium des 
Äußern. Er heiratete 1829 Marie Walp. Gräfin Stadion-Thznn- 
hausen (1777 — 1833) und starb kinderlos. — »Die alte Gräfin 
Stadion, seine langjährige Liebe, entschloß sich nur deshalb zu 
dieser Ehe, um nicht allein in die Gruft zu steigen", kommentiert 
Gräfin Thürheim. 

334 



es war. Durch sein hartes Los und wohl noch mehr 
durch seine abschreckende Häßhchkeit, die von den 
Blattern herrührte, verbittert, zeigte er, namentHch 
gegen Damen, eine so spröde und strenge Art, daß er 
allgemein mißfiel. Selbst in seiner Eitelkeit verletzt, be- 
leidigte er gern die seiner Nebenmenschen. So sagte er 
einmal einem jungen Mädchen: „Wenn man nur einen 
Augenblick hat, um schön zu sein" und einer 35jährigen 
Frau — er war damals 50 Jahre alt — : ,,In unserem 
Alter," usw. Wenn man einem jungen Manne einen 
Verweis geben wollte, so delegierten die Eltern Mercy, 
wenn ein Unglück eine Familie betroffen hatte, so über- 
nahm Mercy die peinliche Aufgabe, sie zu verständigen. 
Während er unermüdlich einen kranken Freund pflegte, 
war er der erste, der dessen Frau und Kinder davon be- 
nachrichtigte, daJ3 keine Hoffnung mehr vorhanden sei. 
Da er selbst das Schicksal besiegt hatte, schien er mit 
seinem Gleichmut diesen seinen Feind überall dort ver- 
folgen zu wollen, wo er ihn im Kampfe mit jemandem 
fand. Es gab wenig Unglückliche, die an Mercy nicht 
eine Stütze fanden, aber diese Hilfe schien nie gerne ge- 
währt Zu sein. 

Es sieht fast wie Undankbarkeit von meiner Seite aus, 
in dieser Weise über den Grafen Mercy zu sprechen, 
dem ich doch den so angenehmen Aufenthalt in Baden 
verdankte, aber er vernichtete meine Dankbarkeit mit 
einem Worte, womit er meine Eitelkeit treffen wollte. 
Er ließ mir nämhch zu Ohren kommen, daß er mich 
geheiratet hätte, wenn sein Vermögen etwas größer 
gewesen wäre. Diese unverschämte Anmaßung mit 
einem Gesicht, wie das seine, dünkte mir fast eine Be- 
leidigung. 

Nun zu meinem Aufenthalte in Baden. Im Hause der 

335 



Gräfin Rzezvuska'^) herrschte Überfluß, die Gesellschaft, 
die dort verkehrte, gehörte, was Geist und Stellung an- 
langte, zu der vornehmsten, und ich fühlte mich durch 
diesen neuen Horizont eher geblendet, als angezogen. 
Ohne zu sehr eingeschüchtert zu sein, beobachtete ich 
lange, bevor ich mich bescheiden in die feingedrechselte 
Konversation einmischte. Der Mangel an Offenherzig- 
keit, Gemütlichkeit und wirklichem Wohlwollen, den 
ich bald trotz aller liebenswürdigen Phrasen entdeckte, 
und der so scharf mit der offenen Herzlichkeit in mei- 
nem väterlichen Hause kontrastierte, veranlaßte mich, 
auf der Hut zu sein. Ich ließ mich nicht durch die 
Schmeicheleien, zärtlichen Worte und Gefälligkeiten 
blenden, mit denen ich überhäuft wurde. Dennoch 
fühlte ich mich bald bei der Gräfin glücklich und unter- 
hielt mich auch recht gut. Die Gräfin Rzewuska vertrat 
in gewissenhaftester Weise Mutterstelle an mir, während 
ihre Tochter Jsabella, die älter als ich war, mich wie eine 
Schwester behandelte und meine Anschauungen und Be- 
merkungen verbesserte. Allerdings schien mir die Tochter 
für meinen Geschmack zu gut erzogen, d. h. sie änderte 
nie ihreLiebens Würdigkeit, sie war nie natürlich, nie über- 
schäumend und niemals eigentlich jung. Ich liebe die 
Leute, welche ihrem Witz und Verstand manchmal freien 
Lauf lassen. Dies scheint aber in der Gesellschaft ziem- 
lich selten zu sein. Diese beständige Zurückhaltung, die 
mir bei meiner Freundin mißfiel, verlor sich mit der 
Zeit, wenigstens mir gegenüber, aber doch nie vollständig. 
Ich hatte bald die Ursache entdeckt. Die positive Na- 
tur der Tochter, verbunden mit einer etwas ungewöhn- 
lichen Einbildungskraft, verstand sich nicht mit der 

i) Über sie und ihre Familie siehe Stammbaum Rzewuski im 
Anhang des II. Bandes. 



durchaus polnischen Art der Mutter. Ihren Antipathien 
und ihrem Eigensinn nachgebend, war diese oft unge- 
recht und ein Opfer von Betrügern. In ihrer grenzen- 
losen Großmut und ihrer Wohltätigkeit gab sie mehr, 
als ihr Einkommen aus, warf das Geld mit vollen Hän- 
den hinaus und bezahlte dagegen ihre Schulden nicht. 
Auf diese Weise verschleuderte sie ein ungeheures Ver- 
mögen und das ihrer Kinder dazu. Unter tausenden 
will ich hier nur ein Beispiel ihrer Verschwendungssucht 
erzählen. Zu einer Zeit, als sie sich aus Sparsamkeits- 
rücksichten auf eines ihrer polnischen Güter zurückge- 
zogen hatte, erfuhr sie, daß der Kaiser Nikolaus nahe 
bei ihrem Schlosse vorbeikommen sollte. Sie trug ihm 
an, auf ihrer Besitzung Aufenthalt zu nehmen. In höch- 
ster Eile ließ sie aus Holz einen prunkvollen Pavillon 
erbauen, um den vornehmen Gast empfangen zu kön- 
nen. Der Himmel weiß es, wer diese große und ganz un- 
nötige Ausgabe bezahlte^). 

Die Gräfin Rzewuska hatte ihre zweite Tochter in 
sehr unglücklicher Ehe mit dem Grafen Jaroslaw Potocki 
verheiratet. Dieses Beispiel erschreckte Isabella, und 
daraus erwuchs zwischen Mutter und Tochter ein ge- 
wisses Mißtrauen gegen die Heiratsprojekte der ersteren, 
das sich aber nur den Intimsten offenbarte. In der Ge- 
sellschaft sah man die Gräfin sozusagen auf den Knien 
vor ihrer Tochter, und man war eher geneigt, diese einer 
gewissen Kälte anzuklagen. 

Gerade zu meiner Zeit hatte sich Graf Karl Ficquel- 
mont sterblich in Isabella verliebt und sie erwiderte im 
geheimen dessen Neigung. Aber er besaß nichts, wie 
seinen Degen und seine ausgezeichneten Eigenschaften. 
Die alte Gräfin Rzewuska hatte sich jedoch damals ge- 
i) Dasselbe in den „Souvenirs" der Baronin du Montet p. 407. 

22 M. L. I 337 



rade in ein neues Heiratsprojekt gestürzt. Der Glück- 
liche hieß Prinz Sangusko ^) und war wohl sehr reich, liebte 
aber bereits eine andere. Auch Isabella wollte von die- 
sem ihr aufgedrungenen Bräutigam nichts wissen. Die 
Zusammenkunft der alten Fürstin Sangusko, die ihren 
schweigsamen Sohn und eine langweilige Tochter mit- 
führte, mit den Rzewuskas war köstlich. Die beiden Ma- 
mas bemühten sich nach Kräften, die jungen Leute zu- 
sammenzubringen, während diese sich nicht ausstehen 
konnten. 

Ich war im Hause der Rzewuskas damals nicht die ein- 
zige Fremde. Während mehrerer Monate hielt sich dort 
eine Freundin der Gräfin, die Prinzessin Charlotte Rö- 
kan^) auf, die angebliche Frau des unglücklichen Herzogs 
von Enghien. Ihre große Güte, ihre Natürlichkeit und 
nicht zum mindesten ihre traurige Vergangenheit flöß- 
ten mir eine Art Verehrung für sie ein. Sie beehrte mich 
manchmal mit ihrem Vertrauen. So erzählte sie Ficquel- 
mont und mir bei einer Promenade Details über die Ge- 
fangennahme des Prinzen. Am Abend vor der Entfüh- 
rung ging sie, ahnungslos, mit ihm in Eppenheim spa- 

i) Vielleicht Clementine Fürstin Sa«gMja;^o-Lubartowicz, geb. 
Fürstin Czartoryska (gest. 1852) und ihr Sohn Roman geb. 1800. — 
Die Baronin du Montet erwähnt (S. 407) ein früheres Heirats- 
projekt Isabellens mit dem Herzog von Berry (1801). 
2) Der unglückliche Herzog Ludwig Anton Heinrich von Bourbon, 
Herzog v. Enghien, geb. 2. 8. 1772, erschossen In Vincennes am 20. 3. 
1804 war seit 1801 heimlich mit Prinzessin Charlotte von Rohan- 
Rochefort vermählt. Seine Liebe zu Ihr hatte Ihn nach dem Lüne- 
vlller Frieden nach Ettenhelm gezogen, wo er ganz als Privatmann, 
mit Blumenpflege und Jagd beschäftigt, lebte. — Vor seinem Tode 
verlangte der Unglückliche, man solle der Prinzessin Rohan eine 
Locke, einen Ring und einen Brief bestellen. Als ein Soldat den 
Auftrag übernahm, riß Ihm der Adjutant Napoleons alles aus den 
Händen, ausrufend: „Niemand darf hier Aufträge eines Verräters 
übernehmen." 



zieren. Zufällig gab sie den Weg an; sie folgte einem 
Fußpfade, ohne zu wissen, wohin er führte. Plötzlich 
standen sie vor einem Friedhofe. „Ach Gott," sagte der 
Prinz, „Sie führen mich zu dem Haus des Todes." Ruhi- 
ger geworden, verbrachte er den Abend, um die In- 
schriften auf den Gräbern zu entziffern, und kehrte spät 
zu seinem Onkel, dem alten Fürsten Rohan zurück. Ge- 
wohnheitsmäßig unterhielt er sich dort noch mit einigen 
Personen bis lo Uhr nachts. Da es finster und kalt war, 
ließ sich der Prinz von zwei Fackelträgern, die voraus- 
gingen, begleiten, zwei andere seiner Leute folgten ihm. 
Als die Prinzessin diesen Aufzug vom Fenster aus sah, 
rief sie hinunter: ,,Es sieht aus, als ob Sie ins Gefängnis 
gingen." Dies waren ihre letzten Worte, die sie mit ihm 
sprach. Eine Stunde später erwachte sie durch einen un- 
gewöhnlichen Lärm, sie lief zum Fenster und sah beim 
Fackelscheine den Herzog im Hemde und seine Leute 
unter der Eskorte von französischen Soldaten daherkom- 
men. Sie erkannte ihn sofort, aber er erhob seine Augen 
nicht zu ihr, sei es, weil er sich durch diese Bewegung 
seinen Entführern nicht verraten wollte, die ihn noch 
nicht erkannt hatten, sei es, um seine Gehebte nicht zu 
betrüben. Die außerordentliche Sorglosigkeit, in welcher 
sowohl der Herzog, wie auch die Dame seines Herzens 
in Eppenheim lebten, macht meines Erachtens die An- 
klage Napoleons auf Hochverrat haltlos. Man ist nicht 
bis zu diesem Punkte unklug, wenn man und noch dazu 
vor den Toren des Feindes konspiriert. Als der Herzog 
in Vincennes vor den Gewehren stand, verlangte er, 
man solle ihm Haare abschneiden und sie der Prinzessin 
Charlotte Rohan schicken. Man antwortete ihm, es sei, 
sobald er tot sei, sehr gleichgültig, ob seine Haare ihn 
überleben würden. 

339 



Trotz des Bemühens der Prinzessin, der Gesellschaft 
ihre traurigen Gedanken zu verbergen, entschlüpften 
ihr doch manchmal Worte, die bewiesen, daß ihre Seele 
einen ununterbrochenen Monolog führte. Als einmal 
davon gesprochen wurde, daß kein vernünftiger Grund 
vorhanden sei, die Erscheinung der Gespenster zu leug- 
nen, rief sie aus : „Ach, die Gespenster existieren nicht ! 
Nein, nein, die wir verloren haben, sie erscheinen nicht 
mehr!" Ihre Augen standen dabei voll Tränen. Als ein 
anderes Mal ein junger Mann, durch ein starkes Ge- 
witter erschreckt, sie fragte, ob sie denn den Donner 
nicht fürchte, erwiderte sie: „Oh nein, er kommt von 

Bei der Gräfin Rzewuska sah ich auch oft zwei Vet- 
tern der Prinzessin Rohan, den Prinzen von Monbazon^) 
und den Prinzen Viktor Rohan^). Der erstere war ein 
geistreicher Mann, der zweite extravagant, liebenswür- 
dig, aber barsch. Beide besaßen die Loyalität der alten 
französischen Edelleute und waren mit dem Theresien- 
kreuze dekoriert. Von Monbazon habe ich gehört, daß 
er niemals eine besondere Fertigkeit in der Fechtkunst 
erwerben wollte, um vor seinen Gegnern keinen Vorteil 
zu haben. 

Sein Bruder Viktor hatte, obwohl er sonst durchaus 
ritterhch war, einen Fehler, der eigentlich nicht ritter- 
lich ist. Er log nämUch, wie ein Zahnbrecher und neckte 

i) Karl Prinz v.Rohan-Guemenee, Herzog v. Montbazon, geb. i8. i. 
1764, gest. 24. 4. 1836, Ritter d. gold. Vließes und Maria Theresien- 
ordens, k. k. F. M. Lt., heiratete 1801 Louise Aglae Marquise v. 
Conflens, geb. 12. 11. 1763, gest. 6. 5. 18 19. 

2) Ludwig Victor Meriadec Prinz Rohan, Graf v. Saint-Pol, geb. 20. 
7. 1766, gest. 10. 12. 1846, Bruder des Vorigen, F. M. Lt. und Ritter 
des Maria Theresienordens, kommandierte 1809 ein österreichisches 
Reservekorps. 



diejenigen, welche auch logen, ähnlich wie ein Künstler 
sich ärgert, wenn er einen Rivalen entdeckt. Hier ist 
eine seiner tausend Flausen. „Es gibt Leute," sagte er, 
„die schamlos lügen. Es ist wohl wahr, daß es in der 
Welt ganz unglaubliche Dinge gibt, aber dann darf man 
von ihnen nur dann erzählen, wenn man sie selbst ge- 
sehen hat. So sah ich in Ungarn, wo die Dörfer aus zwei 
Häuserreihen bestehen, nach einem gräßlichen Sturm 
einen Haufen Hütten am Ende des Platzes, wo gestern 
noch das Dorf gestanden. Der Wind hatte sie von einer 
Seite gepackt und auf die andere geworfen, wie Karten- 
häuser." 

Die beiden O^Donells verkehrten auch im Hause der 
Gräfin. Der Neffe, der früher schon mehrmals erwähnte 
Moritz O'Donell war schwerfällig, langweiHg und pe- 
dant, sein Onkel, obwohl weniger gelehrt, verband mit 
weltmännischen Manieren sehr viel Anmut und Origi- 
nalität. Sein einziger Fehler bestand darin, daß er den 
Fürsten von Ligne imitierte, obwohl er selbst Witz ge- 
nug besaß, um nicht von anderen ausborgen zu müssen. 
Übrigens war er ein vortrefflicher Mann. Man nannte 
die beiden „den großen und den dicken O." 

Der Bischof von Nancy'^) wohnte in dem Hause der 

i) Anne Louis Henri de La Fare, 1787 — 1817 Bischof von Nancy. 
Durch und durch treuer Anhänger der Bourbonen, wollte er sich 
Napoleon nicht beugen, aber auch nicht abdanken. Er glaubte fest 
an die Rückkehr der Bourbonen. Er wurde 1802 durch den Bischof 
Anton Eustach d'Osmond ersetzt, führte aber den Titel eines 
Bischofes von Nancy bis zu seiner Ernennung zum Erzbischof von 
Sens weiter. Später wurde er Kardinal und Staatsminister. Er starb 
am 10. 12. 1829. In Wien (seit 1802) war er Vertreter des Comte 
de Lille, späteren Königs Ludwig XVIII. Er war es auch, der die 
Madame Royale, Marie Therese Charlotte, einzige überlebende 
Tochter Ludwig XVI., 1796 nach Wien brachte und ihr bei Er- 
langung der Mitgift^Marie';Antoinettes behilflich war. Madame 
Royale wohnte damals im Belvedere. De la Fare war ein Onkel der 



Gräfin Rzewuska; er war ein echter, konservativer fran- 
zösischer Priester, der bei jeder Gelegenheit Verse von 
Racine zitierte, und sehr fromm und tugendhaft war. 
Ein weiterer Tischgenosse war ein Herr von Ham- 
mer'^), ein großer Orientalist; ich habe nie einen Men- 
schen gekannt, der sich so unaufhörlich mit einem Ge- 
genstande beschäftigte, wie er. Obwohl er Österreich 
nie verlassen hatte, lebte sein Geist beständig im Orient, 
und ich glaube, daß er in keiner Stunde seines Lebens 
das Arabische und den Sanskrit aus den Augen verloren 
hat. Dies machte ihn gefürchtet, so sagte auch seine 
Frau von ihm: „Dieu! Que cet homme me rend occi- 
dentale!" Hammer gab dem Graf Wenzel Rzewuski 
arabische Lehrstunden und flößte ihm eine solche Pas- 
sion für diese Sprachen der Wüstenbewohner ein, daß 
er eines schönen Tages auf mehrere Jahre sich nach 
Arabien zurückzog, dort das Leben der Beduinen führte 
und nichts von sich hören ließ, außer wenn er um Geld 
schrieb. Während dieses Aufenthaltes verkaufte er dem 
Kaiser Nikolaus arabische Pferde. Bei der letzten un- 
glücklichen Erhebung der Polen setzte sich Rzewuski 
an die Spitze eines Bauernhaufens, verschwand aber 
plötzlich von der Bildfläche, ohne daß man jemals er- 
fahren konnte, was mit ihm geschehen sei. Nicht einmal 
sein Sohn Leon konnte den Tod seines Vaters konsta- 

Baronin du Montet, geb. de la Boutetiere (siehe deren Souvenirs 
p. 15 ff. und ,,Les fian^ailles de Mme Royale et la premiere annee 
de son sejour a Vienne," Paris, Plön 1912). 

1) Josef Freiherr von Hammer-Pur gstall, 1774 — 1856, der bekannte 
Orientalist, der übrigens öfter den Orient bereiste. Er erbte den 
Namen und das Vermögen der gräflichen Familie Purgstall. Die 
letzte Gräfin aus diesem Geschlechte, die ihn sehr v?enig kannte, 
adoptierte ihn als Sohn, ähnlich wie es Bernadotte seitens des 
Königs von Schweden wurde. Hammers Gemahlin war Caroline, 
geb. von Henikstein. Xftyj — 1844, heiratete 18 16. 



deren und hat heute noch nur den Nießbrauch des vä- 
terlichen Vermögens, Die russischen Besitzungen wur- 
den von Kaiser Nikolaus konfisziert. 

Seine Tochter Calistine Rzewuska'^) erzählte mir eine 
eigentümliche Geschichte betreffs des Todes ihres Va- 
ters 2) , Mehrere Jahre nach dessen Verschvtdnden hatte sie 
einen Traum, in welchem ihr jemand zurief: „Glauben 
Sie an Herrn Pownatzki." Sie erzählte diesen Traum 
ihrer Mutter, die aber, ebensowenig wie die Tochter, 
den Namen Pownatzki jemals gehört hatte. Zwei Tage 
später waren sie bei einem Nachbarn eingeladen; einer 
der Gäste bot der Komtesse Rzewuska den Arm und 
ließ sich durch den Haushofmeister als Herr Pownatzki 

i) Komtesse Calistine Rzewuska (1810 — 1842) heiratete 1840 
Michelangelo Caetani Herzog v, Sermoneta (1804 — 1882). „Sie 
war auffallend geistreich und häßlich," kommentiert Gräfin Lulu 
Thürheim. 

2) Wenzeln. Graf i?2!ew«j^z( 1784 — 1831,8. Stammtafel), zuerst k.k. 
Rittmeister, beschäftigte sich während seines Wiener Aufenthaltes 
1807 und 15, durch Baron Hammer-Purgstall angeregt, viel mit 
orientalischer Literatur und Sprache. Sie veröffentlichten 1809 die 
„Fundgruben des Orients" (Wien, Schmidt, 1809 — 18). Rzewuski 
quittierte und heiratete 1805 die Prinzessin Rosalie Lubomirska, 
dem Willen seines Vaters gehorchend. Die Ehe war keineswegs 
glücklich und Graf Rzewuski zog es vor, jahrelang im Orient zu 
leben. In Bagdad nannte er sich Tag-(Tadz) el-Faher (was Wenzels- 
laus = Ruhmeskränze bedeuten sollte, Tag — Kranz, Faher = 
Ruhm) und führte den stolzen Titel Emir und Scheik der Beduinen 
von Anazeisk in der Wüste Nezd. Von seinem kolossalem Reichtum 
unterstützt, wurde er von den Orientalen abgöttisch verehrt. 1825 
befand er sich wieder auf seinen Gütern in Podolien, wo er mit 
einem Gefolge von Kosaken, einem Marstall arabischer Pferde und 
seinen Zelten, in orientalischer Tracht, mit seinem silberweißen 
Patriarchenbarte die polnischen EdeUeute auf ihren Gütern be- 
suchte. Er komponierte auch mit Erfolg. 1830 nahm er beim pol- 
nischen Aufstande mit einer eigenen Truppe teil. Im Gefechte bei 
Daszow 183 1 wurde er zum letzten Male gesehen. Erst später ent- 
deckte man, daß er wohl von seinem eigenen Diener erschlagen, 
beraubt und eingescharrt worden war. (Wurzbach, Bd. 27, S. 353ff.) 

343 



vorstellen. Betroffen fragte ihn die Komtesse, ob er ihren 
Vater gekannt habe. „Nein," erwiderte er, „aber ich 
kann Sie versichern, daß er leider tot ist. Ein Chirurg, 
der ihn gekannt hat, versicherte mir, ihn unter den To- 
ten entdeckt zu haben, die er während des Krieges in 
einem Gehölze vorfand. Der Graf war ganz ausgeraubt, 
mit Wunden bedeckt, im Gesichte aber nicht entstellt." 
Der Chirurg war aber auch gestorben, und so konnte 
die Erzählung Pownatzkis höchstens für Mutter und 
Tochter als Beglaubigung dienen^). 

Ich kehre wieder zum Salon der Gräfin Rzewuska zu- 
rück. Eine weitere interessante Persönlichkeit war dort 
der Graf Georg Golojfkin ^), der auch an der chinesischen 
Gesandtschaft teilgenommen, die vom Kaiser von Ruß- 
land entsendet worden war. Er war gut unterrichtet, 
sehr natürlich und befriedigte alle durch seine klugen 
Antworten. Sehr interessant war auch ein Russe Graf 
Mackloff oder Meatkloff ^), der von seinen Reisen angeb- 
lich selbsterlebte Räuber- und Zaubergeschichten er- 
zählte, die ich hier übergehe. 

Einen Gegensatz zu dem vortrefflichen Grafen Ficquel- 
mont bildete ein Eindringling in unsere Gesellschaft, 

i) Seither habe ich gehört, daß Graf Wenzel Rzewuski von seinem 
Bedienten in einem Verstecke ermordet wurde, wohin er sich nach 
dem polnischen Kriege zurückgezogen hatte. Er stahl ihm auch 
seinen mit Goldstücken angefüllten Gürtel, doch verriet er sich 
durch seine Ausgaben und gestand das Verbrechen im Gefängnisse 
ein. (Notiz d. Verf.) 

2) Graf Golowkin war russischer Diplomat, 1795 in Neapel. Über 
ihn schreibt der russische Diplomat Graf Worontzow an den Bot- 
schafter Graf Rasumoffsky 1795: „Ce que vous me dites sur Golow- 
kin est tout a fait conforme ä ce que j'ai su d'autre part sur ce fat, 
menteur et intrigant. C'est une espece de Siciquiano (?)." TBrück- 
ner, Le Cte Rasoumowski, Halle, II. 2, p. 242.) 

3) A. J. Graf Morkotv, russischer Diplomat in Stockholm und 
Neapel. 

344 



Jean Baptiste Louis Baron Crossard^), der sich in seiner 
Eitelkeit rühmte, daß das Anagramm seines Namens die 
Prophezeiung des Sturzes Napoleons enthalte. Es war 
allerdings nicht schwer, aus den 25 Buchstaben, die sein 
Name umfaßte, fast das ganze Alphabet herauszulesen. 
Die ritterHchen und legitimistischen Gesinnungen Cros- 
sards im Vereine mit dem Maria Theresienkreuze, das 
er sich verdient hatte, öffneten ihm die Türen der be- 
sten Gesellschaft. Sein glühender Haß gegen Napoleon 
verbarg, gleich einem Talisman, vor den Augen der 
Schwärmer die Schwerfälligkeit seines Verstandes und 
seine Prahlerei. Ebenso eitel, wie langweilig, hatte er sich 
in Isabella Rzewuska verliebt und versuchte auf alle 
Weise, ihr Herz zu gewinnen. Er mietete sich ein Zim- 
mer, ihren Fenstern gegenüber, legte sich eines Tages 
auf einen Katafalk, von Kerzen umgeben und spielte 
während mehrerer Stunden den Toten. Als die Leute 
von allen Seiten fragen kamen, was dieser klägliche Auf- 

i) Johann Bapt. Ludwig Baron Crossard, geb. 1770, gest. Wien 13. 3. 
1845, französischer Marechal de camp, russischer Generalmajor und 
österreichischer Oberstlt., Ritter des Maria Theresienordens (1801) 
trat 18 12 in russischen Dienst, war Sous-Chef beim Generalstabe 
des Großfürsten Constantin, ging nach Rückkehr der Bourbonen 
nach Frankreich, wo er Adjutant des Herzogs v. Berry wurde. 1830 
verzichtete der alte Krieger auf Rang und Sold und kam nach Wien, 
wo er von seiner Oberstleutnants- und Theresienordens-Pension, 
sowie einem Gnadengehalte Kaiser Nikolaus lebte. Baronin du 
Montet (S. 408) erzählt einige Anekdoten über ihn. Interessant für 
Wien ist es, daß ihm die Laxenburger Allee (1797), die Verteidi- 
gungszwecken halber rasiert werden sollte, ihre Erhaltung verdankte. 
Er hatte Befehl bekommen, das Umhauen der Bäume zu über- 
wachen. Durch einen Unfall, den er erlitt, wurde die Allee gerettet. 
(Wurzbach, biogr. Lexikon, unter „Kaiser Franz"). — Das oben 
erwähnte Anagramm könnte vielleicht lauten: „Geant bätit, Louis 
croisa." [Ein Riese erbaute, Louis kreuzte ihn oder vertilgte (den 
Bau)]. Die richtige Lösung sei dem Scharfsinn der Leser vorbe- 
halten. 

345 



zug bedeute, ließ er verbreiten, daß der Baron Crossard 
aus unglücklicher Liebe zur Komtesse Rzewuska gestor- 
ben sei. 

Diese langweilige Persönlichkeit ist Verfasser von ver- 
schiedenen Werken über die Kriegskunst, die noch ein- 
töniger sind, als er selbst. Als Österreich mit Frankreich 
Friede geschlossen hatte, ging Crossard nach Spanien, 
um dort seinen Erbfeind anzugreifen. Er stellte sich dem 
Herzog von Wellington vor, bot ihm seinen Degen an 
und, um ihm einen Begriff von dem Werte seines Ge- 
schenkes zu geben, erklärte er dem englischen General 
lang und breit einen Feldzugsplan, den er ersonnen. 
Wellington hörte ihn mit der ihm eigentümlichen Kalt- 
blütigkeit an und sagte ihm, als er endlich schwieg: 
„Mein Herr, Sie verstehen viel, Sie reden viel, ich bin 
Ihr gehorsamer Diener," grüßte und ging fort. 

Als sich 1815 die Prophezeihung des Namens Cros- 
sards erfüllt hatte, beeilte sich dieser, seinen Degen und 
guten Rat den Bourbonen anzubieten, was aber nicht 
verhinderte, daß er 1832 aufs neue aus Frankreich aus- 
gevnesen wurde. Er kehrte dann nach Osterreich zu- 
rück, um dort seine Generalspension zu verzehren und 
seinen Fauteuil im Burgtheater einzunehmen, wo ihr 
ihn täghch von 7 — 9 p. m. sehen könnt. 

Die ungetrübte Heiterkeit unseres Aufenthaltes in 
Baden wurde durch das Entsetzen, das der schreckliche 
Brand gelegentlich der Vermählung Napoleons mit 
Maria Louise hervorrief, einigermaßen gestört. Schon 
zum zweiten Male war es, daß düstere und verderbliche 
Vorzeichen Frankreich erschütterten, sobald es mitOster- 
reich eine Verbindung eingegangen. Sie haben sich dies- 
mal erst vier Jahre später erfüllt. Mehrere österreichi- 
sche Damen verloren bei dieser Katastrophe ihr Leben 

346 



oder wurden entsetzlich verstümmelt. Man kennt ja das 
Schicksal der Fürstin Pauline Schwarzenberg^)^ die in den 
Flammen umkam, als sie dort ihre Tochter suchte, Für- 
stin Sofie von der Leyen-Schönborn^) starb an den erhal- 
tenen Brandwunden, der Botschafter Prinz Kurakin fiel 
auf dem Vestibül des Saales zu Boden, wurde mit Füßen 
getreten und halb geröstet. Ein Mann trug ihn trotz 
seiner Schwere aus dem brennenden Gebäude hinaus. 
Der Prinz konnte niemals den Namen seines Retters er- 
fahren und selbst die in den Zeitungen veröffentlichten 
Belohnungen vermochten ihn nicht, aus dem Dunkel 
der Verborgenheit herauszutreten. Zum ewigen Ange- 
denken an die Gefahr, der er entronnen, Keß sich Kura- 
kin mit seinen 22 Pflastern malen und sich dieselben zu 
den Sitzungen auf seinem umfangreichen Körper wie- 
der aufkleben. 

Ende August kam Frau Marziani, unsere alte Freun- 
din, um mich nach Schwertberg abzuholen. Ich verließ 
das gasthche Haus unter vielen Tränen, aber die Freude, 
wieder meine Mutter und Geschwister zu sehen, trock- 
neten sie bald. Ich erinnere mich mit Rührung, wie ich 
Mama in einem neuen, von ihr angelegten Teil des Par- 
kes antraf und mich in ihre Arme warf. Heute muß ich 
diese Stelle in meiner Erinnerung suchen, denn das hüb- 

i) Pauline Fürstin Schwarzenberg, geb. Prinzessin Arenberg, geb. 2. 9. 
1774, verbrannt in Paris i. 7. 1810, heiratet 25. 5. 1794 Josef Joh. 
Nep. Fürst Schwarzenberg, Bruder des F. M. und Siegers bei 
Leipzig. Der Ballsaal war in der damaligen Rue de Montblanc 
(Chausse d'Antin) provisorisch errichtet worden. Die Fürstin suchte 
ihre Tochter, die nachmalige Pauline Fürstin Schönburg-Harten- 
stein, in den Flammen, kam aber dabei ums Leben. Die Tochter 
wurde gerettet. 

2) Sofie Therese Gräfin Schönborn, geb. 15. 8. 1772, gest. Paris 4. 7. 
18 10, seit 1788 Gemahlin des Philipp Franz Fürsten von der Leyen 
(1766 — 1829). 

347 



sehe Boskett wurde jüngst von meinem Neffen Louis 
Thürheim entfernt. Die Jugend, in ihrem Zukunftshun- 
ger, ist oft sehr grausam für die Vergangenheit! 

Einige Wochen nach meiner Ankunft in Schwertberg 
traf auch Konstantine von Lemberg ein, wo sie mehr, als 
eine Eroberung gemacht hatte. So wollte sie ein Graf 
Skarbeck^) durchaus heiraten; sie gab ihm aber einen 
Korb, da sie nicht die geringste Neigung dazu empfand. 

Der Herbst i8io verging recht heiter. Die beiden 
Töchter Weweld^) verbrachten einige Tage bei uns und 
belustigten uns durch ihr munteres Wesen. Dann lernte 
ich damals den Grafen Hans Weißeniüolff kennen, der 
zu dieser Zeit Hauptmann oder Major in einem Regi- 
mente in Enns war und sich wähend meiner Abwesen- 
heit im Schlosse vorgestellt hatte. Zuerst machte er Jo- 
sefine den Hof, als ich aber ankam, wendete er das Blatt 
und wurde mein eifriger Verehrer, was meine Schwester 
ziemlich kränkte. Er war geistreich, ehrenhaft, immer 
gut gelaunt und wirklich ein braver Mann voller Her- 
zensgüte. Seinen Freunden wahrte er die unbedingte 
Treue, weniger seinen von ihm bevorzugten Damen; 
seine reinsten Neigungen litten unter seiner Unbestän- 

i) Wahrscheinlich Stanislaus Graf Skarbek (1778 — 1848), dessen 
Tante Julie Gräfin Rzewuska war und der Sofie Gräfin Jablonowska 
heiratete. Er widmete sein kolossales Vermögen wohltätigen Stif- 
tungen in Lemberg. 

2) Christof Freiherr von Weveld, k. bayr. Km., geb. 25. 10. 1742, 
gest. 30. 3. 1834, heiratet 27. 7. 1775 Leopoldine Freiin v. Leo- 
fr echting, gest. 18 II. Deren Töchter, die oben erwähnt sind: 
I. Maria Anna (Nany), geb. Sigmaringen 31. 12. 1786, gest. Neu- 
burg a. Donau 12. 3. 1872, seit 18 17 Hofdame der Kaiserin Karo- 
lina Augusta und Sternkr. O. D., heiratet Sigmaringen 6. 12. 
18 II Josef Freiherrn v. Leoprechting (1773 — 185 1), bayr. Km. und 
Appellationsgerichtsrat. — 2. Franziska, geb. 6. 3. 1785, verheiratet 
mit dem griechischen Oberstleutnant ä la suite Josef Freiherrn 
V. Laßberg (1782—1856). 



digkeit. Wie dem auch sei, jedenfalls war sein delikates 
Verhalten einer häßlichen, widerwärtigen, abgeschmack- 
ten und anspruchsvollen Frau gegenüber ein sicherer 
Beweis, wie er seine Leidenschaften zu bezähmen und 
das Versprechen, welches er für das Glück seiner Frau 
gemacht hatte, zu halten wußte. Die Zeit lernte mich 
erst den wahren Wert Weißenwolffs schätzen. 

Außer meinem Cousin Althann, von dem ich schon 
früher gesprochen, war auch noch ein junger Baron 
KuTZ^) bei uns, der gutmütig, aber im Grunde ge- 
nommen ein schlechter Mensch war. Sein Vater hatte 
sich, gleich einem Parasit, zu unserem FamiHenfreund 
erklärt, während der Sohn der beste Kamerad meines 
Bruders wurde. Während des Krieges 1813 nahmen 
beide Kurz an dem Befreiungskriege teil und bewogen 
auch Josef, in ein Ulanenregiment einzutreten. Der 
junge Kurz wurde gleich zu Anfang des Krieges, fast 
an der Seite seines Freundes, getötet. 

Unsere Abreise nach Wien machte meiner Koketterie, 
Hans Weißenwolff gegenüber, ein Ende. Trotz meiner 
Abwesenheit, oder vielleicht eben wegen ihr, Heß seine 
Liebe nicht nach. Ich fand ihn einige Monate später 
noch verhebter in mich, als je zuvor. 

1) Josef Freiherr v. Kurz, gest. um 18 14, k. k. Reglerungsrat in Ober- 
österreich, am 8. 8. 1806 als Mitglied des jungen oder reservierten 
o.-ö. Herrenstandes aufgenommen, wobei er seinen Freiherren- 
stand bis 1623 nachzuweisen suchte. Weiß v. Starkenfels bezweifelt 
ihren Freiherrenstand überhaupt und hält sie nur für Ritter (seit 
1610). Der einzige Sohn des obigen, Leopold, fiel als Oberleutnant 
beim k. k. Jägerbataillon Nr. 11 in dem Gefechte bei Roverbella 
bei Mantua am 10. 3. 18 14. — Gräfin Thürheim nennt dieses Ge- 
fecht bei „Caldiero", was nicht richtig ist. Das Letztere fand am 
15. II. 1813 statt, (o.-ö. Landtafel.) 



349 



«■■llllllllllllltllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllUIIIIIIIIIIIIIIIIIXINIIIil Illlllll Illllllllll.illlllllllll 



XIII. 1811 

Zu Anfang des Jahres bekam meine Mutter Blut- 
brechen und eine Gehirnhautentzündung, doch 
der Himmel schob noch einmal das Unglück hinaus, das 
uns erst später treffen sollte. 

Kaum war sie wieder halbwegs hergestellt, als der 
Staatsbankerott, den man Patent nannte, eine Erfindung 
des Finanzministers Grafen Wallis'^), Österreich, wie eine 
allgemeine Landplage niederwarf. Dieses Patent ver- 

1) Josef Graf Wallis, geb. Prag 31.8. 1767, gest. Wien 18. 11. 
1818, heiratet 11. 9. 1788 Maria Luise Gräfin Waldstein-Dux (1768 
bis 1828). Er war von 18 10 — 13 österreichischer Finanzminister. 
Als 18 10 der Staatsbankerott ausbrach und das Papiergeld kaum Y^a 
des Nennwertes galt, ließ er am 25. 3. 181 1 die Bankozettel durch 
die ominösen Einlösungsscheine ersetzen, die nur Ys ^^^ Nominales 
galten. Wurzbach erwähnt Bd. 52, S, 265 ff. auch die amüsante 
Anekdote über die 20 W des Grafen Wallis, die hier wiedergegeben 
sein mag. Man fand in diesen stürmischen Tagen eines Morgens am 
Haupttor des Stefansdomes ein großes Plakat, auf welchem stand: 
W.w.w.W.w.W.W.W.W.w. 
W. W.W.W. W.W. W.W. W.W. 
Man zerbrach sich vergebens den Kopf. Nächsten Tages brachte 
ein neues Plakat die folgende Auflösung: 

„Wie wohl war Wien, wie Wallis Worte Wiener Währung waren, 
Wie weh ward Wien, wie Wallis Worte Wiener Währung wurden." 
Wallis setzte wütend 100 Dukaten auf die Eruierung des Pamphle- 
tisten aus. Da erschien ein drittes Plakat des Inhaltes: 

„Wir sind unser vier: 

Ich, Feder, Tinte und Papier. 

Die letzten drei werden mich nicht verraten, 

Ich aber pfeif auf die hundert Ducaten." 



ringerte die Vermögen um ^5 ihres bisherigen Wertes, 
ohne eine andere Maßnahme, die sogenannte Skala, zu 
berücksichtigen, die den Bankerott zu einem retrograden 
gestaltete. Durch alle diese Operationen war z. B. unser 
väterhches Legat von 50 000 fl. nur mehr 9 000 fl. wert. 
Verschiedene gute, aber blinde Patrioten, wie es mein 
Vetter Franz Hager war, wollten in diesem fraudulösen 
Bankerott die Grundlage für einen gesicherten Wohl- 
stand sehen. Aber weit gefehlt, machen sich seine Fol- 
gen noch heute, trotz zweier glücklicher Feldzüge, trotz 
zweier Invasionen in Frankreich und 30 Friedens] ahren 
bemerkbar, und die Staatsschuld hat sich um mehrere 
hundert Millionen seither vermehrt. Man sagt, daß 
Wallis, bevor er sein Patent herausgab, seine persön- 
lichen Schulden bezahlt hätte, was ihm einen imensen 
Vorteil brachte. Sei diese Anschuldigung nun wahr oder 
erfunden, sicher ist es, daß, trotz der Lammgeduld des 
österreichischen Volkes, gegen die Leiche des Grafen 
Wallis, der mehrere Jahre später starb, Verwünschungen 
seitens der Wiener geschleudert wurden. Und viel 
später noch, als die sterbHchen Überreste Kaiser Franzi 
zu den Kapuzinern geführt vmrden, bewiesen das gleich- 
giltige Schweigen des Volkes und einige verhaltene Aus- 
rufe, wie „Bankrotteur", daß 24 Jahre nicht genügt 
hatten, um den Groll der Opfer zu beschwichtigen. 

Aus allen diesen Gründen verlief unser Winter in 
Wien sehr schwermütig. Mein Tagebuch strotzt von 
Betrachtungen, die ich hier nicht wiederholen will. Wie 
nützlich wäre mein Journal, wenn man daraus Belehrung 
schöpfen könnte und der Mensch Intelligenz genug be- 
säße, um von diesen Lektionen Nutzen zu ziehen. 

Außer einem kurzen Ausflug, den wir nach Baden 
machten, wüßte ich kein Ereignis, das wert wäre, hier 

351 



verzeichnet zu werden. Als wir in Schwertberg wieder 
eintrafen, besuchte uns bald darauf Hans Weißenwolf f^) 
und gefiel allen. Eines Tages, als wir wegen Regen un- 
sere beabsichtigte Promenade verschieben mußten, lag 
ich am Fenster meines Zimmers, um das Ende des Un- 
wetters abzuwarten. Hans saß an meiner Seite, auf dem 
Fensterbrette stand eine Vase, mit Blumen gefüllt. Er 
bat mich um einige Blumen. „Nehmen Sie sich doch, 
was sie wollen", erwiderte ich. — „Nein, ich möchte, 
daß Sie selbst mir einige geben." — „Warum ? Man ver- 
steht doch immer besser selbst auszuwählen". — „Ja, 
aber man kann nicht immer das haben, was man sich 
ausgesucht hat" — und nach einer Pause : „Liebe Loulou, 
ich beschwöre Sie, geben Sie mir eine Blume." Ich ver- 

i) Johann Nep. Ungnad Graf Weißenwolff, geb. Wien ii. 5. 1779, 
gest. Linz 27.4. 1855, 1809 Major des 5. n.-ö. Landwehrbataillons, 
1812 — 14 im Inf.-Regt. Nr. 59, 1815 — 19 Oberstleutnant im Inf-. 
Regt. Nr. 14, 1819 pensioniert, 1825 Fideikommißherr von Steyr- 
egg, Spielberg, Luftenberg, Lustenfelden und Parz in Oberöster- 
reich. Obersterblandhofmeister, Vorsitzender im o.-ö. Herrenstande, 
Vorstand des Linzer Museums 1848 — 55, Präsident der o.-ö. Land- 
wirtschaftsgesellschaft. Außerdem war er seit 1809 k. k. Km. und 
seit 1837 Komm, des Leopoldsordens. — In seinem Nachruf heißt 
es: „Seinen ehemaligen Untertanen war er ein milder Herr; heiter, 
geistreich, ein Freund seiner Freunde, ein Mäcen der Künste und 
Wissenschaften, unerschöpflich im Wohltun, unerschütterlich treu 
seinem Monarchen, voll tiefem und wahren religiösen Gefühl, war 
Graf W. das Bild eines echten Edelmanns." Er heiratete am 25. 10. 
18 15 Sofie Gabriele Gräfin Breuner (1794 — 1847). ^^er sie schrieb 
Schubert, der sich mit Vogl auf ihrer Reise nach Oberösterreich 
1825 eine Zeitlang bei der gräflichen Familie aufhielt, an seine 
Eltern: „In Steyregg kehrten wir bei der Gräfin Weißenwolff ein, 
die eine große Verehrerin meiner Wenigkeit ist, alle meine Sachen 
besitzt und auch manches recht hübsch singt." Die Lieder Schu- 
berts aus Walter Scotts „Fräulein vom See" (op. 52), die ihren be- 
sonderen Beifall fanden, sind ihr gewidmet. (Katalog der Schubert- 
ausstellung (S. 68) in Wien, wo auch die Porträts der Ehegatten 
Johann Weißenwolff von dem verstorbenen Grafen Konrad Un- 
gnad- Weißenwolff, Steyregg, ausgestellt waren). 




Johann Ungnad Graf Weißenwolff (1779 — 1855) 

Nach einer Bleistiftzeichnung der Verfasserin 
im Besitze des Herrn Dr. A. Figdor, Wien 



weigerte es und verließ das Fenster. Hans folgte mir er- 
regt, faßte meine Hände, küßte sie und stammelte: 
„Liebe Loulou, geben Sie mir die Blumen, ich bitte Sie, 
ich liebe Sie." In meiner Ungeduld stieß ich ihn zurück 
und rief: „Lassen Sie mich, Sie sind unausstehlich." 
Diese Worte trafen Hans ins Innerste, er stürzte aus dem 
Zimmer, schwang sich auf sein Pferd und raste davon. 
So mußten wir denn allein spazieren gehen. Nach ei- 
nigen Stunden kehrte er mit begossener Miene zurück, 
ich empfand Mitleid mit ihm, und, um meine harten 
Worte wieder gut zu machen, gab ich ihm eine kleine 
Blume, die ich in der Hand trug. Die Rührung, die er 
den Rest des Tages über zeigte, bewies mir, daß meine 
kleine Gabe ihn mit neuer Hoffnung erfüllt hatte. 

Am nächsten Vormittag ging Hans nach dem Früh- 
stück nach Hagenberg, um meine Cousine Althann um 
Rat und Trost zu bitten. Diese Anfälle von Niederge- 
schlagenheit wiederholten sich öfters und ich will 
einiges davon hier erzählen. Meine lieben Neffen und 
Nichten, wenn es euch zu langweilig ist, so überschlagt 
diese Seiten, aber lasset eurer alten Tante die Freude, 
sich an ihre schöne Jugendzeit zu erinnern; sie hat ja 
keine anderen mehr. Es sind Blätter aus ihrem Sachet, 
wovon Lord Byron singt: 

„, . . gathered when freshly they shone; 

A dew was distilled from their flowers that gave 

All the fragrance of Summer when Summer was gone . . ." 

Am i6. Juni gingen wir zu Fuß nach Windhag^) 
Hans zeigte sich fast ausgelassen vor Freude, „il etait 
aux anges". Alles ging gut von statten, aber beim Rück- 
wege konnte ich einmal ein Tete-ä-tete mit ihm nicht 

i) Altes Kloster bei Perg in Oberösterreich, gegründet von einer 
Tochter des ersten Grafen Windhag, damals längst aufgelassen. 
Schöner Aussichtspunkt. 

23 M. L. I 353 



vermeiden, das er dazu benutzte, um mich zu fragen, 
ob ich ihm gut gesinnt sei. Dies verdarb mir die Laune, 
ich antwortete mit einer banalen Phrase, die ihn so ver- 
letzte, daß er meine Hand losließ und tieftraurig blieb. 
Am nächsten Morgen war ein gemeinsamer Ausritt ver- 
abredet worden, dem ich mich nicht entziehen konnte; 
aber, als ich in den Sattel stieg, bat ich Hans, vernünftig 
zu sein. Während des ganzen Rittes blieb er einsilbig und 
mürrisch. In der Nähe des Schlosses fragte er mich dann, 
ob ich mit ihm zufrieden gewesen und ob er sich immer 
so verhalten müsse, um mir zu gefallen. „Sicherlich 
nicht," erwiderte ich, „denn so sind Sie unaussprechlich 
langweilig." Um Frieden zu schließen, sprach ich von 
meinem Wunsche, ihn ruhiger zu wissen, und von 
meinem Bedauern, ihm wehe getan zu haben. „Oh, 
rief er aus, wie haben Sie mich aus meinen teuersten 
Illusionen in die rauhe WirkHchkeit versetzt, und mit 
welcher Kaltblütigkeit, mit welcher Härte!" — „Ich 
liebte niemals die Illusionen, weder bei mir, noch bei 
anderen." — „Aber die meinigen machten mich so 
glücklich!" — „Sie konnten keine Dauer haben, und 
Sie verdienten nicht, auch nur einen Augenblick ge- 
täuscht zu werden." Auf dieses hin vermochte Hans 
seine Bewegung nicht mehr zu verbergen, Tränen er- 
stickten ihn. Ich versuchte, ihn zu trösten; ich sprach 
von meiner Freundschaft zu ihm und daß ich ihn lieben 
wolle, so viel es mir möglich sei. Es wäre weniger pein- 
lich, zu viel zu geben, als nichts zu besitzen, um sich 
dafür erkenntlich zu zeigen. Ich begreife, daß ihm meine 
Gründe wenig trostreich schienen und ihm ähnlich 
denen dünken mußten, die ein Kroate einem Bauern 
gegenüber anwandte, den er eben bis aufs Hemd aus- 
geraubt hatte. 

354 



Seine aufrichtigen und herzzerreißenden Tränen be- 
trübten mich besonders, als er dabei ausrief: „Es ist um 
mein Leben geschehen!" Wir kehrten in das Schloß 
zurück, und, als ich vom Pferd stieg, gab ich Hans ganz 
freundschaftlich die Hand. Er küßte sie und entfernte 
sich, in Tränen gebadet. Den Rest des Tages blieb er 
traurig und hatte für mich ein fast verächtliches 
Lächeln. Am nächsten Morgen brachte man Mama ein 
Billet, worin Hans seine eilige Abreise mit einigen Wor- 
ten entschuldigte. Auf seine Flucht war ich tatsächlich 
nicht gefaßt. Ich fühlte mich über die unvorteilhafte 
Meinung trostlos, die er über mein Benehmen mitge- 
nommen haben mußte, denn zweifellos klagte er mich 
der ärgsten Koketterie an. Auch empfand ich seinen 
Schmerz und, um die Wahrheit zu sagen, ärgerte ich 
mich, Hans verloren zu haben. Eine wahre Liebe, auch 
wenn sie nicht geteilt wird, ist ein großes Gut, auf das 
man nicht ohne Kummer verzichtet. 

Ich beschloß, Hans zurückzurufen, ohne zu bedenken, 
daß mein Brief ihm sagen mußte, daß, wenn ich ihn 
schon nicht liebte, ich es doch bedauere, ihn nicht zu 
Heben. Konstantine besorgte die Zustellung durch einen 
Boten, der ihn in den steirischen Bergen fand, wo er 
wie weiland Roland im Liebeswahn herumirrte. Wäh- 
rend dieser Tage befand ich mich in Todesangst, daß 
mein unbedachter Schritt entdeckt werden könnte. 
Ich versprach mir, Hans alles Erlittene vergessen zu 
machen, obwohl sich meine Gefühle für ihn nicht ge- 
ändert hatten, denn in meinem Herzen verdunkelte 
Zandts Bild immer noch das von Hans Weissenwolf. 

Dennoch hatte ich mir die Situation zurechtgelegt. 
Wenn Ferdinand Weissenwolff, Hans' älterer Bruder, 
diesen verheiraten wollte, würde mir die Nachbarschaft 



23' 



355 



Steyreggs'^), wo ich wohnen würde, von Schwertberg, das 
seltene Glück bieten, mich eigentlich nicht von meiner 
Mutter und meiner Familie trennen zu müssen. Ich 
entschloß mich daher, eine Versorgung nicht von der 
Hand zu weisen, die mir ein, wenn auch nicht roman- 
tisches und glänzendes, so doch angenehmes Los ver- 
sprach. Ich wollte also Hans während der beabsichtigten 
Probezeit weder zu viel, noch zu wenig Hoffnung lassen, 
ich wollte seinen Charakter studieren und trachten, 
diesen mit dem meinigen in Übereinstimmung zu brin- 
gen. Dies sagte ich meiner guten Mutter, bat sie um ihr 
Vertrauen und daß sie mich gewähren lasse, ohne meine 
Operationen zu stören. Tante Therese^ die es für ihre 
Pfhcht hielt, in dieser Angelegenheit zu raten und zu 
helfen, ersuchte ich, sich niemals um eine Heirat für 
mich zu bekümmern, da ich entschlossen sei, nur nach 
meinem Geschmack und meiner Fantasie zu heiraten. 
Auf diese Weise hatte ich von beiden Seiten Ruhe. 
Inzwischen studierte ich den Charakter meines Hans. 
Eigentlich begreife ich seine Liebe nicht, denn unsere 
Charaktere sind so verschieden, nicht die geringste 
Sympathie existiert zwischen uns. In den wichtigsten 
Punkten weichen wir von einander ab. Ach, Hans hat 
keine Religion! Sein Indifferentismus für das, was selbst 
die Neugierde der borniertesten Menschen erregt, ist 
unglaubhch. Die Schönheiten in der Natur können ihn 
bis zur Begeisterung ergreifen, ohne ihm aber die ge- 
ringste Lust einzuflößen, ihren Urheber kennen zu 
lernen. Er achtet die Moral als das Band der Gesell- 
schaft, er liebt die Tugend als den geläuterten Genuß, 
der geeigneter dazu ist, die Seelenruhe zu bewahren, 
als die von Leidenschaften getrübten Vergnügungen, 
i) Schloß der Grafen Ungnad-Weißenwolff bei Linz. 

356 



Er bewundert die Ordnung und Harmonie, die unter ein- 
ander alle Teile des Weltalles verbinden und hält diesen 
erhabenen Zusammenklang für einen blinden Zufall. Die 
Seele ist ihm ein höheres Wesen, dazu erschaffen, um 
sich über die Schöpfung zu erheben, aber in dem Augen- 
blick vernichtet zu vi^erden, wenn sie sich von der körper- 
lichen, groben Hülle trennt, die sie aufhielt und ihre 
Fähigkeiten herabzog. Mit einem Worte, er leugnet die 
Unsterblichkeit und glaubt nicht an Gott, weil er gar kein 
Bedürfnis in sich trägt, ihn zu lieben, der Unglückliche! 
Dennoch behauptet er, sich in dieser häßlichen Ver- 
sumpftheit ganz zufrieden zu fühlen. Ach, ist das doch 
möglich ? Und dieser Mensch kann lieben ! Das Schicksal 
stellt noch dazu ein Wesen, das mir so fremd erscheint, in 
meine Nähe. Hans scheint an mir alles zu bewundern, 
das ihm selbst nicht der Untersuchung wert erscheint. 
Vielleicht ist es aber kein Zufall, der diese unwidersteh- 
liche Anziehung zustandebrachte, vielleicht bin ich dazu 
bestimmt, Hans auf den rechten Weg zu führen. Nein, 
nein, ich werde ihn nicht abweisen, ich werde zu Gott 
flehen, mich zu erleuchten; er wird mir sein Licht nicht 
versagen, denn was gilt mir mein zeitliches Glück, voraus- 
gesetzt, daß ich meinen unglückhchen Freund errette. 
Ich hatte also die Hoffnung nicht aufgegeben, den 
gottlosen Hans in den Hafen zurückzuführen. Ohne 
Liebe zu ihm, fühlte ich, daß er durch seinen liebens- 
würdigen Charakter, seinen Geist, seine Stellung und 
besonders seine Liebe mir Garantien für meine Zu- 
kunft, die ich entschlossen war ihm anzuvertrauen, bot. 
Meine Neigung zu ihm wuchs immer mehr, ich konnte, 
nahe von meiner Familie, mich seiner Liebe hingeben, 
ohne diese Freude mit dem Verlust derjenigen, die mir 
das väterliche Dach bot, bezahlen zu müssen. 

357 



Hans hatte mir erzählt, daß sein Bruder Ferdinand^ 
der nur eine Tochter besaß, es für seine Pflicht hielt, 
einen seiner Brüder zu verheiraten, um das Majorat in 
der Familie zu erhalten. Graf Nikolaus Weißenwolf f 
hatte eigentlich, als der Ältere, die größeren Rechte 
dazu, aber er hatte zu Gunsten des Jüngeren darauf 
verzichtet, indem er die Ordensgelübde beim deutschen 
Ritterorden ablegte. Graf Nikolaus war in Bezug auf 
Geist und Herz so lebhaft, wie man es selten in Öster- 
reich trifft, er besaß in seinem Naturell etwas direkt 
provencalisches, den durchbohrenden Blick, das feine 
Lächeln, die Beweglichkeit seiner Gestalt, ja selbst den 
Akzent seines Französischen, das er wie ein Franzose 
aus dem Süden sprach. Sein Herz hatte die Wärme 
und das Feuer eines Südländers. Oft bis zum Übermaß 
zornig, war er dann ebenso schnell bereit, sich zu ver- 
söhnen oder zu beleidigen; seine Hingebung für seine 
Freunde ließ ihn sein eigenes Interesse ganz vergessen. 
So machte er später, als es sich um meine Heirat mit 
seinem Bruder handelte, solche Vorschläge, um sie zu 
ermöglichen, daß er selbst dann fast mittellos dage- 
standen wäre^). 

Diese Hoffnungen, durch seine Brüder etabhert zu 
werden, hatten Hans Weißenwolff ermutigt, meine 
Liebe zu gewinnen. Das Los, welches er mir bieten 
konnte, mußte mir angemessen erscheinen. In diesem 
Sinne hatte Hans mit mir gesprochen, doch hatte ich 
ihm geantwortet, er solle über die ganze Angelegenheit 
strengstes Stillschweigen bewahren. Ich fürchtete das 
Geklatsche in der Familie und wollte das Geheimnis 
nicht preisgeben. Die Anwesenheit meiner Tante The- 
rese gebot mir vor allem Schweigen; ich harmonierte 
i) Siehe Stammbaum Weißenwolff. 



Guidobald Utignad Graf von Weißenwolff, Freiherr zu Sonneck und Er 

Prag 2. I. 1757 mit Josefa Maria Michaela Ruperta Dominika, T. d. Wen: 

Franziska Cajetana Malowetz v. Malowitz u. Kosorz a. 



I, Ferdinand, k. k. Km. 
u. Major a. D. d. 4. 
Inf.-Rgts. * 29. 9. 
1757, t Wien Juli 
18 13, ooJohannaTheo- 
dora von Ernst aus Hol- 
land, * 1764, t Wien 
14. 3. 1828. 



a) Maria Anna Josefa, 
St. Kr. O. D., *i6. II. 
17955 t Obermais b. 
Meran3.5.i866,verm. 
7. I. 1812 m. Valentin 
Philipp Caspar Grafen 
Eszterhäzy von Galan- 
tha, t Venedig 3. 4. 

1838. 

b) Josefa, * 1800, t 
Graz 20. 7. 1805. 



4. Maria j 
Joh. Ne; 
Franz de P; 
Crispin, V 
Grenadier - 



2. Guidobald, 3. Nikolaus, Ritter d. 

k. k. Kreis- M. T. O., des souv. 

hptm., * 9. 9. Malt. O., Km., F. M. 

1759, t Brück Lt.jDivisionär u. 2.1n- 

a.d.Mur 7.10. haber d. 3. Inf.-Rgts., 

1788. * 16.8. 1763, t Linz i.Inf.-Rgt. 

(als dortiger Militär- dasdy, * 25 
Stationskmdt.) 1825. 1764, t i; 



9. Johann Nep. Wenzel Rudolf Ungnad RGra 
Freiherr v. Sonneck u. Ennseck, Fideikommiß! 
Spielberg, Luftcnberg, Lustenfelden u. Parz, Ot 
Österr. o. d. Enns, k. k. Km. u. Oberstlt. d. 2, . 
Präses des Linzer Museums, * Wien li. 5. 1779, 
CO 25. 10. 1815 Sofie Gabriele, * 2. 5. 1794, t i 
Tochter d. Josef Franz Grafen Brenner (1766 — 
Anna Josefa Gräfin v. Pergen (1775— 



UNGNAD VON WEISSENWOLFF. 



wirkl. Km. u. G. F.W. M., * 27. 3. 1724, t Wien 16. 2. 1784, vermählt 
Freiherrn v. Salza auf Heidersdorf u. Lindau u. d. Anna Clara Veronica 
schitz, • 26. 3. 1739, t Wien 28.3. 1798, St.Kr.O.D. 



oline, Kanonissin 
Evelies, k. k. Pa- 
ne u. I. Assi- 
1 d. Sternkr. O., 

12. 1766, t 31. 

13, 00 30. II. 
Adalbert Gra- 
ier auf Lezajsk, 
23. 8. 1831. 



6. Anton Xa- 
ver, k.k. Oberst 
u. Komman- 
dant d. 60. Inf. - 
Rgts., * Prag 
16. 7. 1770, t 
Uhichskirchen 
5. 6. 1809. 



7. Franziska Xaveria, k. k. 
Palast- u. St. Kr. O. D., 

* 3. 12. 1773, t Malatzka 
7. 10. 1859, 00 29. 7. 1798 
Alois Wenzel Reichsfür- 
sten V. Kaunitz, Frhrn. zu 
Rietberg u. Questenberg, 

* 19. 6. 1774, t Wien 15. 

II. 1848. 



8. Franz 
Xaver, * 7. 
8. 1776, t 
22. I. 1780. 



iwolff, 10. Paul Hippolyt, k. k. Km. u. Oberstlt. d. 24. Inf.-Rgts. a. D., 

!yregg, * Wien 13. 8. 1780, t 24. 9. 1848, 00 Januar 1817 Theresia, * i. 

fm. in Mai 1788, t auf Ruskawies 29. 10. 1870, St. Kr. O. D., Tochter 

D. u. d. Josef Grafen von Zmigrod Stadnicki des Wappens Szreniawa 

. 1855, auf Niemirowo u. der Katharina RGräfin v. Sierin Krasicka des 
O. D., Wappens Rogala a. d. H. Dubiecko. 

Maria , .^ ^ 

Guidohald, Fideikommißherr und Obersterblandhofmeister in Oe. 
o. d. E., * 17. 12. 18 17, t 16. 12. 1872, 00 8. 5. 1853 Hedwig 
Teophila Philippine Henriette, * Dubiecko 13. 9. 1839, t Ruskawies 
191 1, St. Kr. O. D., Tochter des Alexander Grafen Krasicki von 
Siecin des Wappens Rogala auf Dubiecko etc. und der Rosalie 
Henriette von Kurozweki-Mecinska. 
(Blühender Zweig.) 



(Größtenteils nach gefl. Mitteilung des Herrn Dr. J. B. Wittings.) 

I. 358/59 (St. w.). 



nicht mit ihrer wenig romantischen Art, die Heirat zu 
betrachten, ich fürchtete ihren Einfluß auf meine Mut- 
ter und vor allem hatte ich vor ihren Heimhchteiten 
mit Minerl Hager Angst. Sie schrieb ihr fast täglich 
und, da meine Cousine eine intime Freundin der Gräfin 
Mier, der Schwester von Hans, war, so hätte jene gewiß 
durch ihre Berichte und Kniffe die Angelegenheit ver- 
wirrt. (Dies traf denn auch später zu). Nur meine 
Schwester Konstantine, der ich vollkommen vertrauen 
durfte, wurde von mir über alles in Kenntnis gesetzt. 
Mitte Juli reiste Hans mit Ferdinand zu seinem Bru- 
der Nikolaus, der damals Brigadier in Böhmen war. 
Dieser vierzehntägige Ausflug war nicht nach unserem 
Geschmack, namentlich nicht nach dem meinen, denn 
ich blieb fast allein in dem einsamen Schlosse Weinberg 
zurück. Nur Konstantine war bei mir. Wir waren so an 
Hans gewöhnt, daß wir ihn schwer vermißten. Langsam 
und mühselig verstrichen die Tage. Wir hatten deren 
elf hinter uns, und es blieben nur mehr vier zu über- 
stehen, als plötzlich der Bediente des Abwesenden, Jo- 
hann, der im Schlosse zurückgebheben war, in den 
Salon mit einem Dienstbriefe vom Regiment an seinen 
Herrn trat. Es schien uns sicher, daß darin die Einbe- 
rufung Hans zu seinem Regimente in das Preßburger 
Lager enthalten war. So sprach sich auch Johann aus, 
der von der Abreise Jor^^V und Klebecks'^) nach Ungarn 
gehört hatte. Welcher Schrecken! Ich dachte an den 
Brief, der mir schon einmal den Gehebten (Max Zandt) 
geraubt hatte. Ich sah meine Illusionen im Keime er- 

i) F. M. Lt. Alexander von Jordis war von 1789 — 1815 Inhaber 
des 59., F. Z. M. Wilhelm Freiherr von Klebeck (1729 — 18 11) In- 
haber des 14. Infanterieregiments von 1788 — 181 1. Joh. Weißen- 
wolff war 18 14 überzähliger Major bei Nr. 59. 

359 



stickt. Hans würde sich in einem anderen Lande nieder- 
lassen und mich meiner Langweile und Einsamkeit auf 
unbestimmte Zeit überliefern, und dies gerade zu einer 
Zeit, da er den Kummer, den ich ihm verursacht hatte, 
zu vergessen anfing, und ich mich daran gewöhnt hatte, 
meine poetischen Träume gegen eine ruhige Wirklich- 
keit aufzugeben. Alles schien sich bisher ohne Hinder- 
nis abwickeln zu wollen, mein guter Wille dünkte mir 
zu genügen, um den Knoten meiner Bestimmung von 
selbst zu lösen. Was konnte ich nun mehr erhoffen ? 
Mein guter Freund würde, ferne von mir, bald wieder 
den Versuchungen erliegen, und ich würde dann mehr 
zu bedauern sein, wie er, „car on retrouve plus facilement 
une amourette, qu'un ami veritable". 

Konstantine und ich waren untröstlich. Ganz gegen 
meine Gewohnheit überließ ich mich diesmal dem 
Schmerze, und, um mich zu erleichtern, weinte ich aus 
vollem Herzen. Nach langen Beratungen mit Johann 
entschloß man sich, Hans einfach von dem Eintreffen 
eines offiziellen Schreibens in Weinberg in Kenntnis 
zu setzen. Ich wurde natürlich ausersehen, diese Nach- 
richt zu Papier zu bringen und benützte diese Gelegen- 
heit, um meinem Schmerze Ausdruck zu geben. Vier 
bange Tage vergingen nun und der letzte derselben 
sollte vielleicht der der Trennung auf lange sein. Der 
Vormittag des letzten Tages verging unter Herzklopfen, 
Ungeduld, Freude und Leid. Der Nachmittag war noch 
ärger. Gegen abend machten wir eine Spazierfahrt im 
Wagen, als plötzlich Tante Therese ausrief: „Ich glaube, 
ich sehe Hans, der von Freistadt herkommt." Ich konnte 
ihn nicht unterscheiden, aber mein Herz fing wieder 
heftig zu schlagen an. Wir kehrten zum Schlosse zurück 
und sahen Hans, der auf einem kürzeren Wege den 

360 



Schloßberg erstiegen hatte, beim Tore stehen. Der ge- 
öffnete Brief ist in seiner Hand. Er eilt zu unserem 
Wagen und hilft mir beim Aussteigen. Ich fühlte Trä- 
nen in den Augen, doch wagte ich es nicht, ihn zu fragen, 
und er schien zerstreut. Als man Lichter brachte, sah 
ich erst, wie glücklich er aussah, und nun erzählte er 
uns, daß der gräßliche Brief nichts weiter enthalte, 
als den Befehl, einem simplen Regimentschirurgen ein 
Quartier zu verschaffen. Wie war ich glücklich, wie 
dankbar meinem Gotte, der mir einen großen Kummer 
erspart hatte, wie froh, nicht gegen das Geschick ge- 
murrt zu haben! 

Und doch liebte ich diesen Mann nicht, dessen Ab- 
reise mich so erschüttert, dem ich einen vor Sehnsucht 
brennenden Brief geschrieben hatte und dessen Rück- 
kehr mich in alle Himmel versetzte. Aber ich wollte ihn 
nicht verlieren, und so stark war das Ungestüm meines 
Naturells, daß die Furcht, seine Gegenwart und seine 
Liebe entbehren zu müssen, meinen Gefühlen die 
Energie einer wahren Leidenschaft gab. Er wurde da- 
durch, wie auch andere im Laufe meiner Jugend und 
noch später, getäuscht. Die Furcht, ein Herz, das ich 
nicht liebte, verHeren zu müssen, veranlaßte mich zu 
manchen Torheiten und kompromittierte meinen ge- 
raden Charakter. 

Hans war zuerst das Opfer meiner Inkonsequenz; er 
mußte nach meinem Briefe annehmen, daß ich ihn 
liebe, und mit diesem Glauben wuchsen auch seine An- 
sprüche. Ich wurde darüber ärgerlich, ich fand ihn bald 
zu zärtlich, bald zu kalt und verletzte ihn durch meine 
Empfindlichkeit und die Kaprizen meiner Unerfahren- 
heit in der Liebe. Ich wollte geliebt sein, ohne diese zu 
erwidern, ich verlangte von Hans dieselbe Liebens- 

361 



Würdigkeit, den gleichen Scharfsinn, wie sie der Held 
der Madame deGenlis^) zeigte. Infolge dieser Theorie 
war ich natürlich mit Hans nicht zufrieden. Ich will 
davon ein Beispiel erzählen. Eines Tages sagte ich ihm, 
er solle nach dem Diner zu mir kommen. Als die Stunde 
schlug, wartete ich und wurde ungeduldig, da ich es 
unglaublich unhöflich fand, ein Rendezvous zu ver- 
säumen. Daher setzte ich die Stunde unserer gewöhn- 
lichen Promenade früher an und begab mich zu meiner 
Tante. Hans kam einige Augenblicke darnach und eilte, 
als er mich im Zimmer nicht fand, ganz beschämt zu 
mir, um mir zu sagen, er sei, die von mir bestimmte 
Stunde erwartend, auf der Chaiselongue eingeschlafen. 
Ich fand nun, daß er die Sache etwas gar zu leicht nehme, 
und fing zu schmollen an. Während der ganzen Prome- 
nade herrschte von meiner Seite ein eisiges Schweigen 
und eine herabsetzende Gleichgiltigkeit. Die ver- 
schwundenen Bedenken kamen wieder, ich war mir klar, 
daß Hans eine alltäghche Art habe, mich zu Heben, daß 
seine Beredsamkeit erschöpft sei, sobald es ihm gelungen, 
mich freiwillig oder gezwungen zu umarmen, und daß er 
daher nicht das Interesse verdiene, das ich ihm v^ddmete. 
So entzog ich es ihm einfach. 

Dem armen Hans war inzwischen das Lachen ver- 
gangen, ich peinigte ihn nach Kräften und gab ihm auf 
seine Entschuldigungen nicht einmal eine Antwort. 
So gingen wir endhch zu Bette. 

Als wir allein waren, machte mir Konstantine Vor- 
würfe darüber, daß ich die Entschuldigungen des armen 
Hans nicht angenommen. Ich entschloß mich denn 

i) Stephanie Fellcite Ducrest de St. Aubin, Marquise v. Sillery, 
Komtesse de Genlis (1746 — 1830), die bekannte französische Schrift- 
stellerin. Ihre Romane umfassen 100 Bände. 

362 



auch, anderen Tages meinem Freunde mit Güte zu be- 
gegnen. 

Dieser Morgen war ein Sonntag; nach der Messe in 
der alten Schloßkapelle bat mich Hans um Versöhnung. 
Doch dieser Moment schien mir nicht passend, ich rech- 
nete auf einen neuen Versuch seinerseits und setzte eine 
abweisende Miene auf. Er jedoch bheb stumm und zeigte 
kein Entgegenkommen mehr. Dieser Stolz verletzte mich, 
und wenn Konstantine nicht die Vermittlerin und Rich- 
terin gespielt hätte, so weiß ich nicht, was aus der ganzen 
Geschichte geworden wäre. 

Ich finde zu dieser Zeit in meinem Journal einen 
Artikel, der die Strenge meiner Ansichten über die ehe- 
hche Liebe bekundet; sie waren auch größtenteils die 
Ursache meines Mißtrauens, das mich vor diesem Ziel 
aller, mehr oder minder lebhaften Mädchenträume 
warnte. In meiner FamiHe hatte ich nur Beispiele 
reinster ehelicher Treue vor Augen gehabt, und meine 
Eltern waren immer ängstlich bestrebt gewesen, vor 
uns Kindern jedes freiere Wort zu vermeiden und 
unsere Einbildungskraft vor Ansichten zu bewahren, 
die bei Zeiten die heihgsten Gefühle von Liebe und Ehe 
ins Lächerliche zu ziehen bestrebt wären. Meine Mutter 
hatte vor jeder Verläumdung einen wahren Abscheu, 
und der Skandal in der großen Welt drang kaum in 
unseren Salon. Es gab in der Gesellschaft viele Liai- 
sonen, die die ganze Welt kannte, nur wir nicht. Ich er- 
innere mich, daß ich mich beleidigt fühlte, als ich Hans 
Weissenwolff einmal sagte, ich wolle mir seine Schwester 
zum Muster nehmen, und er darauf spitzbübisch lächelte. 
Ohne mir die Augen über die Schwächen dieses Mädchens 
ganz geöffnet zu haben, flößte er mir doch über die 
ehehche Treue von mancher anderen Frau, die ich für 

363 



untadelhaft gehalten hatte, Zweifel ein. Meine Über- 
legung führte mich zu dem Schlüsse, daß die Duldung 
des Lasters seitens der Gesellschaft geradezu ein An- 
sporn sein müsse, jenes fortzusetzen. 

Hans erzählte mir von einer Gräfin, die mit ihrem 
Gatten nur dann zusammenlebte, wenn es ihm und ihr 
paßte. Er hat Maitressen, sie Verehrer. Manchmal 
kommt er auf sechs Wochen zu ihr, wird auf das Beste 
empfangen und nach dieser Zeit trennen sie sich wieder, 
um jedes für sich nach seinen Neigungen zu leben. Die 
Gräfin ist allgemein geschätzt und genießt einen un- 
tadeligen Ruf, ihr Liebhaber, der ihr in der auffälligsten 
Weise den Hof macht, gilt nicht als ihr Geliebter und, 
wäre sie Witwe, so würde sie gewiß das Muster einer 
Frau sein. Die Welt nennt dieses Ehepaar eine ausge- 
zeichnete Menage. Und dennoch, erfüllt diese Frau 
die Pflichten gegen ihren Gatten; was würde man von 
einem Offizier, einem Beamten, einem Herrscher sagen, 
der alle seine Pflichten erfüllt, ausgenommen die gegen 
den Staat ? Meiner Meinung nach schadet eine anstän- 
dige Frau, die das Benehmen einer nicht in jeder Be- 
ziehung Tugendhaften billigt, durch ihre Duldsamkeit 
der Tugend viel mehr, als die andere durch ihr böses 
Beispiel. 

Die Gräfin war übrigens von ihrem Gatten sehr ver- 
nachlässigt worden und trotzdem liebte sie ihn leiden- 
schaftlich. Seine Untreue und Kälte taten ihrem Herzen 
wehe, in ihrem Schmerze vertraute sie ihren Kummer 
allen möglichen Leuten an. Ihre Klagen wurden dem 
Grafen übertrieben hinterbracht und führten natürlich 
zu einer noch größeren Entfremdung. Schön, obwohl 
durch verschiedene Krankheiten und Sorgen angegriffen, 
geistreich, liebenswürdig und distingiert, hatte die Gräfin 

364 



tausend Mittel, sich zu rächen. Sie tat es endlich und 
erlaubte dem Grafen Roger de Damas^), ihr den Hof zu 
machen. Dieses Mittel half aber nur, sie zu zerstreuen, 
denn der vertrauensselige oder gleichgiltige Gatte hegte 
keinerlei Mißtrauen gegen den Rivalen, sondern schloß 
mit diesem Freundschaft. So viel ich mich erinnere, 
handelte es sich hier um die Gräfin R,-Th. 

Die Fürstin Franziska Kaunitz, die Schwester von 
Hans Weißenwolff, von der ich oben sprach, hatte sich 
noch mehr verfehlt, ich weiß nicht, ob ich sagen sollte, 
gegen ihren Gatten, aber wenigstens gegen ihre Pflichten . 
Ihr Mann hatte sie nämhch systematisch verdorben, er 
stellte ihrer Tugend absichtlich geschickte Fallen, um sie 
dem Grafen Bernstorff^) in die Hände zu spielen, der ihr 
erster Geliebter wurde. Man sagt nach einem französi- 
schen Sprüchwort „c'est le premier pas qui coüte" und 
bei der Fürstin Kaunitz bewahrheitete es sich, denn 
auf den Grafen Bernstorf folgten noch viele andere. 
Dennoch war die Fürstin unaufhörlich bestrebt, ihre 
Fehler durch eine grenzenlose Ergebenheit, ihrem un- 
würdigen Gatten gegenüber, wieder gut zu machen. 
Nichts ist bewunderungswürdiger, als die Großmut, 
mit der sie sein Unrecht entschuldigte und sein Be- 
tragen verteidigte. Sogar heute, da der Fürst Kaunitz 
durch den skandalösesten Prozeß^) von der Gesellschaft 

i) Siehe II, 17. 

2) Entweder Christian Günther Graf Bernstorf f (1769 — 1835), zu- 
erst dänischer Diplomat und Minister, 181 1 — 15 am Wiener Hof 
Gesandter, seit 18 18 preußischer Minister des Äußern, der als 
Lebemann und Liebhaber der schönen Jüdin Eybenberg bekannt 
war oder sein Bruder Joachim (gest. 1835), der auch am Wiener 
Hofe akkreditiert war. 

3) Alois Wenzel Fürst ^ö«njf 2; (1774 — 1848) heiratete 29. 7. 1798 
Franziska Xav. Gräfin Ungnadin v. Weißenwolff. — Gräfin Thür- 
helm spielt hier auf die Skandale an, die Kaunitz anläßlich des 



geächtet und aus Wien verbannt wurde, wo er in der 
tiefsten Zurückgezogenheit sein Leben fristen muß und 
kein Anrecht auf ihr Interesse haben kann, läßt die 
Fürstin niemals zwei Jahre vorübergehen, ohne ihn in 
seinem Exil aufzusuchen und ihn zu trösten. So ist es 
wenigstens die Hoffnung, die dem Verbannten ein 
Restchen Illusion schenkt, wenn auch die gut unter- 
richteten Leute behaupten, daß die zahlreichen Be- 
suche seiner Gattin dem Fürsten sehr ungelegen wären, 
wenn sie nicht dazu beitrügen, ihm seine Schulden 
zahlen zu helfen. 

Ich will nach dieser Abschweifung wieder zu meiner 
Liebesgeschichte zurückkehren. Wollte ich alle Ge- 
spräche und Szenen niederschreiben, welche sich 
zwischen Hans und mir zutrugen, so würde es kein Ende 
nehmen. Ich hatte Hans zugesagt, ihm meinen Entschluß 
bekanntzugeben, bevor er uns verließe. Diese Unter- 
redung fand denn auch statt und ich sagte meinem 
Freunde, ich sei entschlossen, ihn zu heiraten, wenn er 
seine Irreligiosität aufgeben könne. Niemals würde ich 
mein Los einem Manne anvertrauen, den ich in der 
Ewigkeit vergessen müßte, mit dem ich wohl Leid und 
Freud auf Erden, aber nicht den Lohn im Himmel tei- 
len dürfte. Hans versprach es mir in einem so aufrich- 
tigen Tone, daß ich an seinem guten Willen nicht 
zweifeln konnte. Er ist einer Heuchelei nicht fähig. 

Der nächste Tag war Mamas und mein Geburtstag, 
wir machten einen wunderschönen Ausflug nach dem 

Kinderballettes in Wien verursachte. Letztere wurden am 30. 11. 
1821 auf behördliche Anordnung, wozu die „häuslichen Feste" im 
Kaunitzschen Palais Qohannesgasse 1030) die Veranlassung gaben, 
eingestellt. Kaunitz mußte sich auf Befehl Kaiser Franz I. auf seine 
Güter in Mähren zurückziehen, wo ihn dann seine Gemahlin, wie 
oben erzählt, besuchte. 

366 



Schlosse Brandegg^). Es war einer jener Tage, die man im 
Leben niemals vergißt. Kurz darauf verließ uns Hans, 
um auf drei Wochen nach Linz zu gehen. Beim Ab- 
schiede sagte ich ihm: „Nicht wahr, Sie werden ganz 
gut zurückkommen ?" — ,Ja, ich verspreche es. Aber 
Sie werden Ihr Versprechen auch halten ?" Auf meine 
Bejahung umarmte er mich. Ich sah ihn dann nur mehr 
einen Augenblick im Salon, sein Blick offenbarte Liebe 
und Dankbarkeit. 

Anfangs September kamen Josef und Herr Lux von 
Wien an, wo mein Bruder studierte. Dieser war sehr 
gewachsen und schön geworden. Sein ernster Charakter 
machte ihn vielleicht für die Damen weniger interes- 
sant, aber sein hübsches Gesicht wohl umso gefährlicher. 
Sein Verstand bildete sich, wenn auch die Schwer- 
fälligkeit des Studienplanes den richtigen Aufschwung 
verhinderte. Doch das wird kommen. Bis auf einige 
Jugendstreiche hat sich auch meine Prophezeiung 
erfüllt. 

Josefine hatte sich in Galizien in einen jungen, reizen- 
den Mann verliebt, der sie auch verehrt. Sie hofft, mit 
ihm bei ihrer Rückkehr nach Gahzien einig zu werden. 
Ich werde später Gelegenheit haben, von dem schreck- 
lichen Veto zu erzählen, das zwischen diese jungen 
Leute trat. 

Der Herbst 1811 verging unter den einfachen und 
doch so heiteren Freuden des Schloßlebens. Einigkeit, 
Zuneigung, Anspruchslosigkeit, Offenherzigkeit und 
die allgemeine Lust, sich zu unterhalten, bezahlten die 
Unkosten. Einige unserer Nachbaren nahmen daran teil 

i) Brandegg oder Prandegg, Schloßruine an der Waldaist bei 
Guttau, Oberösterreich, damals im Besitze der Grafen Dietrich- 
stein. 

367 



und revanchierten sich durch Einladungen. So lud uns 
der Graf Wimpjfen^), der die Del Hostes in Wallsee er- 
setzt hatte, dorthin zu einem Ball ein. Da es in Strömen 
regnete, so fuhren nur mein Bruder mit seinen zwei 
Freunden, dem jungen Grafen Thun und dem Baron 
Kurz hin, während Hans Weißenwolff, den meine Tante 
Therese vorzeitig von Linz zurückberufen hatte, sich 
gerne opferte und uns Gesellschaft leistete, umsomehr, 
als mein Vetter Hager am nächsten Tage abreisen mußte. 
Mein Freund ergriff diese Gelegenheit, um sich mit 
Franz Hager einmal gründlich auszusprechen. Dieser 
setzte starke Zweifel in die großmütigen Absichten von 
Ferdinand Weißenwolff^ und Hans mußte sie teilen, da 
er wußte, daß sein Bruder in diesem Jahre seine Toch- 
ter 2) verheiraten wollte und also kaum die Mittel be- 
saß, noch einen jüngeren Bruder auszustatten. Auch 
wußte er, daß Ferdinand die Frage angeregt hatte, ob 
es nicht besser sei, wenn Hans eine reichere Partie 
machte; als solche hatte er die Gräfin Everilda Ester- 
häzy, die Schwester seines künftigen Schwiegersohnes 

i) Frau Del Hoste hatte Wallsee an den Grafen Franz Wimpfjen 
verkauft. Dieser war mit der Prinzessin Victoria von Anhalt-Bern- 
burg vermählt, deren Page er gewesen. Die Liebe hatte sein Glück 
gemacht, die Eifersucht seiner Frau machte ihn aber unglücklich. 
Übrigens entschädigte er sich ohne eine Spur von Zartgefühl und 
rechtfertigte so den Verdacht seiner illustren besseren Hälfte. 
(Notiz d. Verf.). Franz Karl Ed. Graf fVtmpffen, geb. Stuttgart 
2. I. 1776, gest. Graz 8. 12. 1842, diente zuerst als Offizier in der 
landfl. hessen-kasselschen Schweizergarde, geheiratet in i. Ehe in 
Wien 16. 10. 1796 Victoria Prinzessin v. y^w^a//- Bernburg- Schaum- 
burg(i772 — 1817), Witwe desErbprinzen Karl von Hessen-Philipps- 
thal. Er quittierte und zog nach Österreich, wo er Wallsee, Groß- 
Kuntschütz (Böhmen), sowie Brunsee und Kainberg (Steiermark) 
erwarb, (v. Schmutz, Lexikon v. Steiermark). 
2) Anna Gräfin Weißenwolff [ij^s, — 1866) heiratete 1812 den Grafen 
Wz\tntin Esterhdzy (gest. 1838). Seine Schwester Everilda (1791^8 
1872) heiratete Karl Ludw. Grafen Fribert. 

368 



Valentin, vorgeschlagen. Das Ergebnis der langen 
Unterredung war, daß mein Vetter Hans riet, einmal 
ernstlich mit seiner Familie zu sprechen oder sich zurück- 
zuziehen. Mein armer Freund versprach alles, sagte 
aber, daß wenn man ihn mich nicht heiraten lasse, 
er seine Ansprüche auf das Majorat an seinen Bruder 
Paul abtreten werde. So verließ mich Hans in gedrück- 
ter Stimmung und hinterließ in mir noch weniger Hoff- 
nung, als er selbst hatte. 

Einige Tage nach seiner Abreise erhielten wir die 
Nachricht von dem Tode der Baronin Leopoldine 
Weveld (geborene Baronin Leoprechting), der Mutter 
unserer Freundin Nany Weveld. Meine Mutter er- 
laubte Konstantine und mir, nach Wien zu fahren, um 
sie zu trösten. Unsere Hin- und Herreise begleitete der 
schönste Komet, den ich in meinem Leben gesehen; 
sein Schweif durchschnitt den halben Himmel. 

Nach unserer Rückkehr verbrachte ich die Zeit bis 
zur Abreise meiner Schwestern nach Galizien mehr oder 
weniger traurig. Die Nachrichten von Hans aus Steyr- 
t^g lauteten nicht günstig. Seine Brüder hatten ihn 
nur zur Geduld gemahnt und unsere Hoffnung war 
dadurch in weite Ferne gerückt. 

Wir begleiteten alle Isabella und Josefine bis nach 
Wallsee. Dort hieß es Abschied nehmen. Die Schwestern 
sollten ihre Mutter nicht mehr am Leben treffen. 
Josefine schien etwas zu ahnen, denn sie wollte sich gar 
nicht aus den Armen Mamas trennen und weinte herz- 
zerbrechend. 

Bald darauf verließ uns auch unser Bruder. Ich bheb 
seinetwegen in Unruhe, denn gewisse Entdeckungen 
hatten mich über seine sogenannte Unschuld aufgeklärt. 
Er hatte die viel reellere Unschuld seines Mentors zu 



34 M. L. I 



369 



heimlichen Seitensprüngen benützt. Die keuschen Au- 
gen des Herrn Lux hatten nichts bemerkt, was beweist, 
daß ein wenig Erfahrung für alle Fälle gut ist. Übrigens 
hatte der Schüler der Unwissenheit seines Hofmeisters 
sonderbare Fallen gestellt. Gegenüber dem Hause in 
Wien, das mein Bruder bewohnte, hatten die schönen 
Augen einer Grisette die Aufmerksamkeit Josefs seit 
langem auf sich gezogen und mehr als ein Besuch folgte. 
Um seinen Mentor zu beschäftigen, machte der Schlin- 
gel vom Fenster seiner Geliebten aus, mit deren Haube 
auf dem Kopf, allerlei Schabernack. Die List gelang, 
der gute, tugendhafte Lux seufzte verstohlen und, um 
der Versuchung zu entgehen, sah er bei einem anderen 
Fenster auf die Straße hinab. 

Glücklicherweise war Josef erst siebzehn Jahre alt 
und so hafteten diese verderbHchen Eindrücke nicht 
nachhaltig; die nachfolgende Zeit hatte aber einen viel 
zu ernsthaften Charakter, um nicht diese Spuren durch 
tiefere und gründlichere zu verwischen. Meiner Mutter 
konnten wir die Entgleisung ihres gehebten Sohnes ver- 
heimlichen, während Josef gegen seinen Vormund und 
uns ganz aufrichtig war. 

Der Graf Ficquelmont, der Bruder der Baronin Man- 
dell, der zwei Jahre vorher seine Schwester nach 
Schwertberg begleitet hatte, wurde sein erster Ver- 
führer und führte ihn auf den Pfad des Leichtsinnes, 
ohne Rücksicht auf seine große Jugend. Josef hatte für 
diesen alten Sünder nur tiefste Verachtung, aber viele 
andere Leute des gleichen Schlages nahmen ihm den 
Glauben an die Tugend und die Reinheit seiner Seele; 
letzteres war noch viel ausschlaggebender, als das 
erstere. Davon überzeugt, daß lautere Sitten nur das 
Erbteil körperlich und geistig schwacher Menschen 

37° 



sein können, setzte er seinen Ehrgeiz darein, sich laster- 
haft zu zeigen. Ach, seine Geschichte ist die von fast 
allen jungen Leuten, sein Sohn tut und denkt heute 
gerade so! Und doch! unser seliger Vater war so ganz 
anders, und Josef konnte trotz seiner Verirrungen nur 
mit dem Ausdrucke tiefster Ehrfurcht von diesem Welt- 
wunder an selbstloser Keuschheit sprechen. 

Nach der Abreise aller unserer Freunde beschloß 
meine Mutter, aus Furcht vor dem Winter in Schwert- 
berg die kältesten drei Monate in Linz zu verbringen. 
Trotzdem uns der Aufenthalt in einer kleinen Provinz- 
stadt nicht viel Unterhaltung versprach, waren wir doch 
mit dieser Ortsveränderung sehr zufrieden. Froh, der 
tötlichen Einsamkeit zu entrinnen, war ich neugierig, 
die Gesellschaft, in der sich Hans als mein Mittelpunkt 
bewegte, kennen zu lernen. Auch trafen wir dort den 
jungen Kurz, den Mama sehr liebte, der aber meinen 
Bruder in seiner schlechten Aufführung eher ermutigt, 
als abgehalten hatte. Da Kurz aber aufrichtige Reue 
über seinen Fehler empfand, so mußten wir ihm bald 
verzeihen. Der Hofmeister Lux hatte nämlich bemerkt, 
daß der junge Mann Reue zeigte und so beschloß ich 
ihm ins Gewissen zu reden, w^ozu mir meine Schwestern, 
die sich an ein solches Unternehmen nicht wagen woll- 
ten, unbegrenzte Vollmacht gaben. Diese Unterredung 
fand noch in Schwertberg nach dem Hochamt statt. 
Ich hing mich in Kurz ein und ging langsam zum 
Schlosse zurück. In der Kirche hatte ich viel zum heili- 
gen Geist gebeten, er möge mich erleuchten und mich 
die rechten Worte finden lassen. Ich stellte nun dem 
jungen Mann die Unwürdigkeit seines Vorgehens, seine 
Undankbarkeit unserer Familie gegenüber und den 
Mißbrauch unseres Vertrauens, womit wir seine Freund- 



Schaft mit Josef immer gutgeheißen, vor Augen. Ich 
sprach von den Folgen seines Einflusses auf meinen Bru- 
der, sowohl für diesen, als auch für uns alle: dem mora- 
lischen Untergang Josefs, unserem Schmerze, der 
Trauer des Hofmeisters, der Verzweiflung unserer 
Mutter, der Schande meiner Familie usw. Und alles 
dieses käme von ihm, den wir mit Beweisen unseres Ver- 
trauens und unseres Wohlwollens überschüttet hätten. 
Er wurde unruhig, Tränen flössen über seine Wangen 
und sein Arm zitterte unter dem meinigen. Ich gab mir 
alle Mühe, mit christlicher Liebe zu sprechen und jede 
Bitterkeit und Mißachtung zu verbannen. Nach dieser 
übrigens kurzen Unterredung verließ ich ihn, ohne daß 
er imstande gewesen wäre, auch nur ein Wort zu ant- 
worten. Zum Abschied küßte er meine Hand. Tagsüber 
war er sehr traurig, gegen abend bat er mich um einige 
Augenblicke Gehör. Er dankte mir mit Tränen in den 
Augen, daß ich mich herabgelassen, mit ihm zu sprechen, 
und gestand, daß sein Leichtsinn mehr an dem Übel 
Schuld trage, wie seine Verderbtheit. Er könne nur 
wieder glücklich werden, wenn wir ihm unsere Achtung 
nicht entziehen würden. Ich antwortete ihm freund- 
schaftlich und beschwor ihn, durch seinen Einfluß auf 
meinen Bruder alles daranzusetzen, um ihn wieder auf 
den rechten Weg zu bringen. Dies versprach er unter 
Tränen; auch ich weinte. Darauf küßte er mir noch die 
Hand und anderen Morgens reiste er nach Linz ab. 

Kurz hielt sein Wort, und mein Bruder hatte seither 
keinen treueren Freund. Zwei Jahre später wurde er 
in der Schlacht bei Caldiero fast an der Seite Josefs ge- 
tötet. Mein Tagebuch hat später von der Bekehrung 
meines Bruders, der ein braver Gatte und ein guter 
Familienvater wurde, getreuHch Zeugnis gegeben. 

372 



Der Sejour in Linz, ohne gerade glänzend zu sein, 
verlief ganz heiter. Hans liebte und hoffte und ich ließ 
mich gemächlich auf dem Wege der Liebe und Hoff- 
nung, den er mir wies, geleiten. Trotz allem war Hans 
nicht immer über den Grad meiner Zuneigung zu- 
frieden; darüber sagt mein Tagebuch vom 7. Dezem- 
ber 181 1 folgendes: „Ein eigenes Wort, das „ich liebe 
dich"; alles, was man ihm etwa hinzufügte, vermindert 
seinen Wert. ,,Ich liebe dich sehr, ich liebe dich unend- 
lich, ich hebe dich aus ganzem Herzen" drückt das aus, 
was das einfache „ich liebe dich" besagt? Hans drängt 
mich öfters, es ihm zu sagen, aber ich weiß nicht warum, 
es ist mir unmöglich, es auszusprechen, ohne etwas dazu- 
zusetzen." 

Dennoch machte Hans in meinem Herzen Fort- 
schritte, denn die Eifersucht half mir dabei. Ich war 
nämlich auf eine Person eifersüchtig, die er gar nicht 
mehr liebte, ich hatte die Briefe gelesen, die er diesem 
Fräulein einst geschrieben. Was hatte ich im Grunde 
genommen darüber zu raisonieren ? Er verehrte eben 
dieses Fräulein zwei Jahre hindurch und sagte es ihr in 
vierundachtzig Briefen. Sein Schicksal vertrieb ihn von 
Wien, wo sie wohnte, er schrieb noch einige Zeit, sie 
antwortete nicht mehr, und so verflog die Liebe von 
beiden Seiten. Dann lernte er mich kennen und nahm 
den Faden seiner Liebe wieder auf, nur mit dem Unter- 
schiede, daß sie einem neuen Gegenstande galt. Das 
Mädchen heiratete seither, und er bekam die vierund- 
achtzig Briefe ohne Erklärung zurück, die ich mir von 
Hans zur Lektüre ausbat. Wie war ich weit davon ent- 
fernt, den Eindruck vorauszuahnen, die sie auf mich 
machen sollten! Sie haben mir die teuersten Illusionen 
geraubt. Ich fand darin so zärthche Ausdrücke, so 

373 



wahres Empfinden, daß ich daraus den Akzent einer 
richtigen Leidenschaft, die vielleicht inniger war, als 
seine jetzige zu mir, entnehmen mußte. Und doch hatte 
ich keine Ursache, an seiner Beständigkeit zu zweifeln. 
Je mehr ich las, desto mehr zog sich mein Herz zusam- 
men; ich ghch jenem Manne, der einen Schatz von 
echten Perlen zu besitzen glaubte, sie mit wirklichen 
verglich und fand, daß sie falsch seien. Ich verlor nicht 
allein mein Vertrauen in die Zukunft, sondern auch das 
an die Vergangenheit. Ich war so unklug, meine Ver- 
stimmung Hans merken zu lassen, dies mußte ihn 
traurig stimmen, vielleicht seine Gefühle zu mir er- 
kälten. 

Und dennoch liebte ich ihn, aber nur die Gefahr, ihn 
zu verlieren, entfaltete dieses Gefühl, das sozusagen 
noch in der Eierschale lag. Dieser Augenblick kam nun 
heran. Man hatte beschlossen, Hans nach Wien zu 
schicken, um bei seinem Bruder noch einen letzten Ver- 
such zu machen; im Falle dieser mißlänge, sollte unsere 
Verlobung ein für alle Male aufgehoben sein. 

Nach Monatsfrist kehrte Hans von Wien mit neuen 
Hoffnungen zurück, und ich hätte glückliche Tage vor 
mir gehabt, wenn nicht die Nachricht vom Tode unse- 
res treuen Pittoni, der seinen langen Leiden erlegen 
war, eingetroffen wäre. Isabella besonders wird diese 
Trauerkunde tief ergreifen. Nie hat eine beständigere 
und selbstlosere Liebe in einem edleren Herzen ge- 
wohnt, wie in dem seinen. Die Erfahrung hat mich erst 
gelehrt, wie selten eine Liebe vom Schlage Pittonis in 
der Welt zu finden ist. 



lllllllllllllllllinilllMMIIIIIIIIIIIIIIIItllllllinilllMIIIMIIMfMfllllllllllMII 



374 



XIV. i8i2 

Unsere Rückkehr von Linz nach Schwertberg war 
für den Monat März festgesetzt worden. Ob- 
wohl ich Hans verlassen mußte, fürchtete ich dennoch 
die ländliche Stille nicht. Meine Vorliebe für das Land- 
leben erwachte zugleich mit der Natur, ich mußte das 
Gras wachsen, die Blätter treiben, die Vögel ihre Nester 
flechten sehen. Unser Vormund, mein Bruder und Herr 
Lux sollten zudem die Ostern mit uns verbringen, und 
Nany Weveld hatte dankbar das Anerbieten meiner 
Mutter angenommen, den Sommer mit uns zu verbrin- 
gen. Hans kam auch, wenn auch immer nur auf ein paar 
Tage. Unsere Art, mit einander auszukommen, hatte 
sich seit Wien etwas geändert. Er war nun meiner sicher 
und hielt seine Hoffnungen für ausgemachte Tatsachen, 
die man eben nur in Geduld erwarten müsse. Er hatte 
die Rolle eines Liebhabers ein wenig aufgegeben, wenn 
auch seine Gefühle für mich nicht minder lebhaft waren. 
Er war zärtlicher, aufrichtiger und ich möchte sagen, 
ernster, kurz er schien ein Mann geworden zu sein, der 
viel und auf lange hin lieben will. Ich liebte ihn auch 
viel mehr, seitdem er von mir keine Leidenschaft mehr 
verlangte, und ohne mehr geschoben oder gedrängt zu 
werden, kam ich ein gutes Stück Weges vorwärts. 

Zehn Tage später hatte sich alles geändert. Welch' 
schöner Traum und welches Erwachen! Der Himmel 
hatte es anders beschlossen, sein Wille geschehe! 

375 



Ein Brief der Gräfin Mier, der von Ferdinand 
Weißenzvolff diktiert worden war, eröffnete Hans, daß 
sein Bruder nicht mehr gesonnen sei, ihn zu versorgen, 
und sein Versprechen zurückziehe. Der Brief strotzte 
von Phrasen der Freundschaft und Blutsverwandtschaft, 
aber manche Ausdrücke waren fast noch härter, als der 
grausame Urteilsspruch selbst. 

Bald darauf befand ich mich in der Schneelandschaft 
von Schwertberg, hoffnungsleer, die Seele voll von Er- 
innerungen. Ich bedurfte all' meiner Kraft und der 
Hilfe Gottes, um nicht melancholisch zu werden; 
äußerlich ließ ich mir nichts anmerken. Meine gute 
Mutter konnte sich nicht entschließen, auf alle Hoffnung 
zu verzichten, sie wiegte sich in Erwartungen, die für 
ein junges Herz hätten gefährlich werden können. Ich 
fühlte mich aber mit meinen vierundzwanzig Jahren 
schon alt und litt mehr für sie, als für mich. 

Hans besuchte uns, um den Namenstag meiner 
Schwester und meinen Geburtstag in Schwertberg zu 
verbringen. Ich fand ihn weniger verzweifelt, als ich 
ihn in Linz gesehen hatte. Er baute Luftschlösser, an 
die ich nicht glauben konnte, die ich aber auch nicht 
zerstören wollte. Ich sah voraus, daß die Zeit seinen 
Kummer besänftigen würde und er die Freude am 
Leben und an allem, was er vor unserer Bekanntschaft 
geliebt, wieder gewinnen würde. Für mich hoffte ich 
von der Zeit nicht dieselbe wohltuende Wirkung. „Die 
Frauen", schrieb ich, „dürfennurwenigTage für Klagen 
und Schmerz verwenden; wenn sie von ihrer Melan- 
cholie erwachen, hat sich die Welt von ihnen entfernt." 

Um nicht an mein Unglück denken zu müssen, suchte 
ich mich den ganzen Tag zu beschäftigen und doch 
fühlte ich mich nicht so betrübt, wie damals, als mich 

}7^ 




Schloß Schwertberg 
(Alter Teil; 



Max Zandt verließ. Der Mensch ist eben inkonsequent: 
die wirklichen Leiden erträgt er voll Mut, gegen die 
Leiden der Phantasie fühlt er sich machtlos. 

Die Ankunft meines Bruders machte das Maß unseres 
Unglückes voll. Sein Widerwille gegen das Studium, 
sein Freiheits- und Unabhängigkeitsdrang hatte ihn 
auf die Idee gebracht, seine Bücher, Hofmeister und 
Professoren im Stiche zu lassen und MiHtär zu werden. 
Meine Mutter widersetzte sich diesem Einfall mit einer 
ganz ungewöhnlichen Festigkeit, sie verlangte, daß ihr 
Sohn sein Jusstudium, diese für einen österreichischen 
Gutsherrn so wichtige und so seltene Wissenschaft, 
vollende. Ohne diese sind sie ihren Pflegern ausgeliefert, 
deren halbpolitische Stellung ihre Herren in einer 
schmählichen Abhängigkeit gefangen hält. Meine Mut- 
ter kannte diesen Nachteil unserer Provinzverwaltung 
nur zu gut, und aus diesem Grunde bestimmte sie als 
Ende des Studiums die Absolvierung der juridischen 
Fakultät. Leider konnte ihre weise Voraussicht das Übel 
nur um weniges aufhalten, und mein Bruder machte 
sein ganzes Leben hindurch die Erfahrung, wie nützlich 
ihm die Kenntnis einer Wissenschaft gewesen wäre, die 
ihn vor den Schurken gerettet hätte, deren Opfer er 
wurde. Dies hat übrigens seinen Sohn nicht verhindert, 
denselben Fehler zu begehen, was beweist, daß Er- 
fahrung eine ganz vergebliche Sache auf dieser Welt ist. 

Meine Mutter litt nicht allein unter der unseligen 
Grille meines Bruders, auch die Zukunft ihrer Töchter 
und das stetige Sinken der östereichischen Papiere mach- 
ten ihr schwere Sorgen. Schon hatte sie die wenigen 
Diamanten und Schmucksachen verkauft, es blieb ihr 
nur mehr ein KoUier sehr schöner Perlen übrig, mit 
deren Erlös sie den nächsten Wiener Winter bestreiten 

377 



wollte. Dann würde sie alles gegeben haben; sie mußte 
von ihrem Witwenlegat von 4.0000 fl. und dem Wenigen 
leben, was wir von unseren armseligen 490 fl. Zinsen 
(per Kopf) beisteuern konnten. Wenn jene Leute, die 
sich oft damit unterhalten, die Sorgen einer armen 
Mutter, die ihre Töchter zu verheiraten hat, zu ver- 
spotten, wüßten, was in ihrem Herzen vorgehe, so 
würden sie ihre Sarkasmen bereuen und Hochachtung 
und Mitleid empfinden, — wenn sie ein Herz haben, 
aber haben Leute von Welt überhaupt ein Herz ? 

Was mußte meine Mutter empfinden, wenn sie Zeuge 
war, wie ihre geliebten, von der Natur mit allen Gaben 
ausgestatteten Töchter, ihr Glück und ihr Stolz, eine 
Illusion nach der anderen zu Grabe tragen mußten, 
gleich den Blumen, deren Blätter kraftlos abfallen. Nur, 
weil sie arm waren, verschmähte man sie. Ich, die ich 
eben auf das Liebesglück verzichtet hatte, verstand 
ihren Schmerz und litt für meine Schwestern. Wie sollte 
ich für sie auf Glück hoffen, wo ihnen nur die Alter- 
native der Wahl bevorstand zwischen einer Vernunft- 
heirat oder von den Wohltaten und Opfern meiner 
Mutter und meines Bruders zu leben, außer sie würden 
es vorziehen, sich in ein ödes Stift zurückzuziehen, um 
dort ein müßiges und ihrer unwürdiges Leben zu führen. 
Sollte wirklich Konstantine, deren Schönheit, Geist und 
Herz gerade dazu gemacht sind, um Glück und Freude 
zu verbreiten, dazu bestimmt sein, ihr Dasein derart 
zu beschließen ? Und Josefine, dieses gute und gefühl- 
volle Wesen, deren zärtlicher und lenksamer Charakter 
so geschaffen erscheint, die PfUchten der Gattin und 
Mutter zu erfüllen ? 

Viele werden über meine Heiratssorgen für meine 
Schwestern lächeln, doch wie Unrecht haben sie! Ja, 

378 



wenn es sich nur darum handelte, ihnen Männer zu 
verschaffen, würde ich nicht besonders in Angst sein, 
diese Ware ist nicht selten, wenn man sie en gros ein- 
kauft, aber ich möchte ihnen das Glück verschaffen. 
Und dieses kann nur ein gutes, empfindsames, liebens- 
würdiges Wesen geben, das mit irdischen Glücksgütern 
gut versehen ist. Diese Geschöpfe namentlich in der 
Provinz zu finden, ist sehr schwer. Für mich wünsche 
ich nur Ruhe und Unabhängigkeit, für meine Schwes- 
tern aber das Glück. 

Die Hoffnung, Josefine in GaHzien ihr Glück finden 
zu sehen, war auch in die Brüche gegangen. Die Eltern 
ihres Geliebten, des Grafen Ignian Konarskis^), gaben es 
um keinen Preis zu, daß er eine Tochter der „Unter- 
drücker" ihres Vaterlandes heirate. Als jene tot waren, 
wollte mich Konarski in Wien besuchen — Josefine 
weilte damals (1816) in Venedig — um seine Absicht 
zu verwirkHchen, Ich war gerade ausgegangen, und un- 
glücklicherweise hatte der Graf wohl seine Karte zurück- 
gelassen, aber darauf sein Hotel nicht angegeben. Er 
kam noch zweimal wieder, jedesmal war ich zufälliger- 
weise nicht zuhause, so daß er schließlich glaubte, ich 
wolle ihn nicht empfangen, nach Polen zurückkehrte 
und eine ungehebte Frau heiratete, die ihn sehr un- 
glückhch machte. Sie war eine dumme, zimperliche Bet- 
schwester und starb 1845. Solche Launen hat das Schick- 
sal. Wie köstlich wäre es gewesen, meiner Schwester zu 
schreiben: „Dein kleiner Konarski war hier, so nett, so 
liebend, so gut, wie du ihn verließest. Er hat um deine 
Hand angehalten und will dich für dein ganzes Leben 

i) Ignaz Graf Jaxa v. GToß-KomTy-Konarski, gest. 1851, Sohn 
Adams und dessen Nichte Julie Konarski, verheiratet mit Katha- 
rina Gräfin fFodzicka, gest. 1845. Kinderlos. 

379 



glücklich machen." Ich will jedoch nicht länger ab- 
schiveifen und zu meiner Geschichte zurückkommen. 
Ich hatte Hans erlaubt, mich noch einmal an seinem 
Namenstag zu sehen. Dienstlich abgehalten, konnte er 
erst vier Tage später kommen. Wie schlug mein Herz, 
als man mir meldete, er sei im Schlosse. Vier schöne 
Tage verbrachten wir, die nur der Gedanke an die 
Trennung trübte. Ich erinnere mich an einen dieser 
Tage, wo ein Engel jedes Schreckgespenst verjagte und 
in unsere Seelen einen schönen Traum gesenkt zu haben 
schien, ohne uns die Angst des Aufwachens aus demsel- 
ben einzuflößen. Wir durchwanderten ein liebliches Tal, 
das ich noch nicht kannte, ein leichter Regen schien 
dem ohnehin frischen Grün der Vegetation kräftigere 
Farben aufgelegt zu haben, ein hübscher Fußpfad 
führte uns zwischen Felsen und an einem Bache ent- 
lang, der unter Erlen und Gebüschen langsam dahin- 
floß. Manchmal geriet er in schäumende Bewegung, 
wenn er die Räder von Mühlen treiben mußte. Ich will 
hier nicht vielleicht eine Beschreibung dieses reizenden 
Bildes geben, das meiner Erinnerung niemals ent- 
schwunden ist, nein, ich sah vielmehr darin eine Alle- 
gorie eines glücklichen und nützHchen Lebens. Wir 
waren allein ; auf seinen Arm gestützt, ging ich leicht- 
füßig dahin, ebenso wie er, den unbekannten Weg be- 
trachtend, der uns einem neuen Ziele entgegenführte. 
Wir hatten denselben Gedanken und sprachen ihn nicht 
aus. Auf einem grünen Anger angekommen, bot sich 
unseren Blicken eine niedliche Hütte dar, zu der über 
eine blumige Wiese ein Pfad führte. Aber unsere Stunde 
hatte geschlagen, wir mußten zu den Unseren zurück. 
Hans preßte mich gegen sein Herz, und ohne ein Wort 
zu sprechen, ohne einen Seufzer auszustoßen, gingen wir 

380 



denselben Fußweg zurück und wurden von der Gesell- 
schaft mit Scheltworten empfangen, weil wir uns so 
weit entfernt hatten. Dies war die rauhe Stimme, 
welche uns in die Wirklichkeit zurückrief. Wenige Tag« 
darauf reiste Hans ab, ich sah ihn heiße Tränen ver- 
gießen. Wir waren auf immer getrennt. 

Dreiunddreißig Jahre später schrieb ich in mein 
Tagebuch: „Und doch schien uns der Himmel für ein- 
ander geschaffen zu haben. Wir hätten, jeder nach 
seiner Manier, so glücklich werden können. Die Men- 
schen zerstörten das Glück, das uns bestimmt schien." 

Dieses Glück, diese reine und legitime Liebe war uns 
durch eine strafbare Liaison geraubt worden. Die Mai- 
tresse Ferdinand Weißenwolffs war es, die, in der Er- 
wartung, daß er nach dem Tode seiner immer kränk- 
lichen Frau sie heiraten werde, ihm das Projekt, seinem 
Bruder eine Versorgung zu geben, ausgeredet hatte. Ein 
Jahr darauf, beinahe an demselben Tage, starb Ferdinand, 
während seine Frau ihn noch lange überlebte. 

Nachdem Hans mich verlassen, hoffte ich, ein wenig 
Ruhe erwarten zu dürfen. Doch dem war nicht so; 
Freunde und Feinde schienen es darauf abgesehen zu 
haben, meine arme Seele immer wieder aufzurütteln, 
wenn sie ihr Gleichgewicht gewonnen zu haben schien. 

Die FamiUe Weißenwolff hatte in dieser Angelegen- 
heit eine für mich sehr schmeichelhafte Parteilichkeit 
gezeigt, besonders Graf Nikolaus, der auf sein Anrecht 
am Majorat verzichtet hatte, und die alte Prinzessin 
Esterhäzy-Weißeniüolff, die Hans zu ihrem Erben er- 
klären und ihm zu Lebzeiten schon alles geben wollte, 
was sie irgend entbehren konnte. Diese unzureichende 
Großmut gab nur Anlaß zu unfruchtbaren Unter- 
redungen, die meine Ruhe störten. Außerdem beging 

381 



Ferdinand Weißenwolff die Unzartheit, uns unter irgend 
einem Verwände zu besuchen. Auch die Prinzessin 
Esterhazy war fünf Tage in Schwertberg. Obwohl ich 
ihr Bestreben, uns zu helfen, dankbar anerkannte, waren 
doch ihre vielen vertrauHchen Unterredungen mit 
Mama ergebnislos, weil ihr guter Wille ihre Kräfte weit 
überstieg. Auch die Gräfin Mier war aus ihrem pol- 
nischen Winkel herbeigeeilt, um ihren älteren Bruder 
zu Gunsten seines jüngeren umzustimmen. Ich ärgerte 
mich, immer in Ungewißheit zu sein, ich liebe nicht 
Verpflichtungen, die zu nichts führen. 

Übrigens begann ich damals an der Beständigkeit 
meines Freundes zu zweifeln. Er hatte in der Nähe sei- 
ner neuen Garnison Krems im Schlosse Gravenwörth 
die sehr häßliche Komtesse Brenner kennen gelernt und 
spielte dort angeblich Komödie, in Wirkhchkeit gefiel 
es ihm aber in ihrer Gesellschaft und so verletzte er mein 
innerstes Gefühl, in dem Momente, da seine Fami/ie 
alles daransetzte, unsere Heirat zustandezubringe i. 
Als dann endlich Graf Ferdinand meiner Mutter ganz 
offen auseinandersetzte, daß er seinen Bruder nicht ver- 
sorgen könne, Htt ich allerdings unter dem Zusammen- 
bruche meiner Hoffnungen, aber ich wünschte mir 
Hans nicht mehr zurück. 

Der Zeitabschnitt, der jetzt herannaht, ist so schreck- 
lich, daß ich mich nur mit größtem Widerstreben ent- 
schließen kann, davon zu sprechen. Selbst die nichts- 
sagenden Ereignisse, die dem Unglück vorangingen, 
sind mir peinlich, zu erwähnen. 

Seit meinem Bruche mit Hans verflossen einige 
Wochen in ungetrübter Ruhe. Nany Weveld ^ '•streute 
mich mit ihrem reizenden Wesen, meine gute Mutter 
ließ verschiedene Ausflüge arrangieren, um mich auf 

382 




Gräfin Louise Thürheim-Trips, Mutter der Verfasserin (1759 — 1812) 
iS5 



Nach dem Gemälde der Verfasserin in der 
Ahnengalerie des Schlosses Weinberg 



andere Gedanken zu bringen, Freunde aus Linz kamen, 
dann mein Bruder, mein Vetter und Charlotte Marzi- 
ani. Der September hatte sich so heiter und sonnig an- 
gelassen, wie es der ganze Sommer nicht gewesen war. 
Meine Mutter überhäufte mich mit Güte. Als wir ihr 
eine kleine Komödie zu ihrem Namenstage vorgeführt 
hatten, dankte sie uns mit Tränen der Rührung in den 
Augen. Mein Herz begann sich freier zu fühlen, um- 
geben von ungetrübtem Glücke, — und plötzlich war 
es zu Ende. 

Am i6. September nahm unsere liebe, sanfte Mutter 
während des Diners an der allgemeinen Konversation 
teil und schien keineswegs unpäßlich. Auf einmal rief sie 
aus: ,,Mein Gott, wie wird mir?" Und sie war nicht 
mehr . . ., alle Bemühungen waren umsonst, sie öff- 
nete ihre Augen nicht mehr. 

Auf demselben Blatte meines Tagebuches, das meine 
Tränenspuren noch aufwies, fand ich folgende Be- 
merkung aus dem Jahre 1826: 

,, Vierzehn Jahre sind seither vergangen und ich be- 
weine noch immer meine Mutter, aber ich fühle mich 
ihr noch näher. Es ist ein großer Trost, sich sagen zu 
dürfen, daß es einen Tag unzweifelhaft geben wird, der 
uns mit den Toten auf immer vereinigt. Dann werde 
auch ich endlich jenes Glück verkosten, nach dem ich 
mich immer sehnte und das ich auf Erden nie fand, das 
aber dort oben, wo meine Mutter ist, wohnt." 

,,Ce ne sont pas ces cris qu'arrache la douleur, 
Qui peignent nos regrets et honorent la cendre 
De l'etre qu'au tombeau nous avons vu descendre. 
Mais un soupir, qu'exhale en secret notre coeur, 
Ces larmes, dont le cours tarit avec la vie, 
Ce constant souvenir conserve pieusement, 
Devant qui tout chagrln disparait aisement, 

383 



Tel doit etre l'hommage k ses manes rendu. 
Oh combien la vertu doit nous paraitre belle, 
/ Quand nous nous rappellons que ce n'est que pour eile, 
Que respirait celle, que nous avons perdu! 
De meme, que des saints l'antique sepulture 
S'imbibe des parfums de leur corps embaumes, 
L'image de celui que nous avons aime, 
En remplissant nos coeurs, les forme et les epure." 

i) Die Parte lautete: „Isabella Gräfin v. Goeß, geb. Gräfin v. 
Thürheim, Konstantine Gräfin v. Thürheim, Stiftsdame zu Brunn; 
Ludovika und Josephine Gräfinnen v. Thürheim, dann Joseph 
Graf V. Thürheim, geben Nachricht von dem betrübten Todes- 
falle ihrer innigst geliebten Frau Mutter, Ludovika Gräfin v. Thür- 
heim, geb. Gräfin von Perghes de Tryps, welche am i6. Sept. 1812 
zu Schwerdtberg in Österreich ob d. Enns, 53 Jahre alt, am Blut- 
schlage jähe verblichen ist. Der Leichnam wird am 19. in der 
Familien- Gruft zu Weinberg, in Oest. o. d. E. beygesetzet, die 
Exequien aber werden in den sämtlichen gräflich Thürheimischen 
Patronats-Pfarren abgehalten werden." 



iiiiHiiiitiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuuu 



384 



VERZEICHNIS DER ILLUSTRATIONEN 

Im ersten Band: 

1. Gräfin Lulu Thürhelm von Lawrence. . . Vor dem Titel 

2. Ex-Libris des Grafen Job. Christof Thürheim Nach dem Titel 

3. Das Berlosche Schloß Cbokier Vor S. 5 

4. Das Thürheimsche Wohnhaus in Huy .... Vor S. 7 

5. Silhouettengruppe 1782 Vor S. 13 

6. Gräfin Maria Dominika Thürhelm-Hager . . . Vor S. 19 

7. Der Scbloßhof von Schwertberg Vor S. 25 

8. Schwertberg nach Merian 1649 Vor S. 29 

9. Abt Floridus Fromwald v. Waldhausen .... Vor S. 45 

10. Therese Gräfin Thürheim, Stiftsdame .... Vor S. 35 

11. Graf Josef Wenzel Thürheim Vor S. 61 

12. F. M. Graf Suworow-Rimniksky Vor S. 83 

13. Elisabet Gräfin Rasumoffsky-Thun Vor S. 85 

14. Eduard Fürst Lichnowsky Vor S. 87 

15. Christoph Wilh. Graf Thürheim, Landeshaupt- 
mann Vor S. loi 

16. Franz Freiherr v. Hager Vor S. 105 

17. Partie aus dem Park von Schönau Vor S. 113 

18. Partie aus dem Park von Schönau Vor S. 115 

19. Josef a Vigano-Medina, Tänzerin Vor S. 125 

20. Joseph Simoni, Sänger Vor S. 127 

21. G. M. Graf Anton Gundakar Starhemberg . . Vor S. 97 

22. F. M. Lt. Karl Freiherr v. Mack Vor S. 169 

23. Mlle. Josef ine Tisserant Vor S. 23 

24. Marie Theresia von Sizilien, Kaiserin .... Vor S. 211 

25. Hofmarschall Peter Graf Goess Vor S. 225 

26. Anne Marie Germaine Baronne de Stael-Hol- 

stein Vor S. 231 

25 M. L. I 3 5 



2'/. Karl Graf Chotek Vor S. 279 

28. General Emanuel Marquis de Grouchy .... Vor S. 295 

29. F. M. Lt. Marquis de Chasteler Vor S. 305 

30. Max Baron Zandt, bayr. General Vor S. 333 

31. Johann Ungnad Graf Weissenwolff Vor S. 353 

32. Schloß Schwertberg, alter Teil Vor S. 31 

33. Gräfin Luise Thürheim-Trips Vor S. 383 



386 



INHALTSVERZEICHNIS 

Vorwort des Herausgebers VII 

Ahnentafel der Verfasserin Zwischen XII/XIII 

Preface der Verfasserin („Ma vie") XIV 

I. KINDHEIT 

I. Meine Geburt und Familie. Die Trips und die Thürheim. 
Meine Großeltern. Meine Jugenderinnerungen an Belgien. Das 
Niveller Damenstift und seine Geschichte. Die feierliche In- 
stallation einer Stiftsdame. Mein Onkel, der Bischof von Lüt- 
tich. Erste Anzeichen der Revolution, Sturz des Grafen Hoens- 
broech, unsere Flucht. Unser Aufenthalt in Münster. Tod 
meiner Großmutter. Rückkehr nach Huy, Geburt meines 
Bruders Josef. Die übereilte 2. Flucht. Mlle. Tisserant. Die 
Schrecken der Auswanderung. Einzug in Schwertberg ... i 

II. In Schwertberg. Beschreibung des Gutes. Raubritter 
Zeller. Der Park. Ankunft von Gästen, Charakter meines 
Großvaters, sein Klavier, seine Eigenheiten. Tätigkeit meines 
Vaters in Schwertberg. Das Duell Weichs- Liechtenstein wegen 
der Baronin Arnstein-Itzig. Emigrierte in Schwertberg, die 
Ficquelmont und Mandell. Minerl Hager. Das Erntefest. 
Spiele und Komödien im Schlosse. Die Impfung und ihre 
Schrecken. Die Laune meines Vaters. Mein Verhör, Groß- 
vater zieht nach Wien und stirbt zj 

2. JUGEND 

III. Die Eltern und der Unterricht. Der strenge Vater, die 
sanfte Mutter. Unglückliche Spekulationen des Vaters, Land- 
wirtschaftliche Theorien. Pittony, Minerl Hager und Tante 
Therese Thürheim Die schrecklichen Lehrstunden Papas , . 59 

IV. Aufenthalt in Wien. Die Chotek, Trautmannsdorff, de 
Ligne. Kosaken und Suworow in Wien. Dieser und seine 
Audienz. Der Vicomte de Beaufort. Meine Liebe zum jungen 
Lichnowsky. Der Kauf von Chotovin. Die Del Hoste und 



35* 



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Scheldon. Meine Tante Hessen-Trips. Vorstellung beim Wiener 
Hof. Mein erster Ball beim Herzog Albert von Sachsen. Tony 
Starhemberg und ich. Baron Speth und Isabella. Der Landes- 
hauptmann Thürheim in Linz. Die Salburgs ....... 79 

V. 1802 — 1804. Franz Hager und Konstantine, die Pepi 
Chotek liebt. Krankheit meines Vaters. Das neue österreichische 
Unterrichtssystem und seine Folgen. Unsere Reisenach Venedig. 
Baron Braun in Schönau. Die Republik Venedig. Unsere Rück- 
reise 103 

3. REIFERE JUGEND 

VI. 1804. Der Sommer in Schwertberg. Politik. Hans Hager 
und Isabella. Abbe Maas. Meine Vorstellung bei Hof. Der 
Kaiser und die Kaiserin Maria Theresia. Das Haus der Gräfin 
Pergen. Zwei Anekdoten 118 

VII. 1805. Das Ehepaar Marziani. Theater beim Fürsten 
Clary. Bälle und Feste. Gräfin Flora Wrbna-Kageneck. Papa 
will mein Tagebuch lesen. Ball bei Rasumoffsky. Der Herzog 
V. B . . . f . . t und Isabella. Die Opern des Fürsten Lobkowitz. 
F. M. Fürst Schwarzenberg und seine Belohnung. Landpartie 
bei der Fürstin Pauline Schwarzenberg. Einsamkeit in Schwert- 
berg, Lektüre. Kaiser Franz in Mauthausen. Graf Berlo in 
Schwertberg. Louis Mandell. Die abergläubische Gräfin Star- 
hemberg. In Salaberg, in Wallsee. Der unglückliche Feldzug 
von 1805 und unsere Flucht nach Ungarn. Erzherzog Ferdinand 
und General Mack. Die Franzosen in Wien. Der Erzherzog- 
Palatin und Papa. Gefecht bei Dürnstein. Franz Hagers Er- 
zählung vom Kriege und der französischen Einquartierung in 
Wien. Austerlitz und Erzherzog Karl. Der Kaiser. Begeisterung 129 

VIII. 1806. Friede von Preßburg. Rückkehr nach Öster- 
reich. Details von Austerlitz. Mein Zeichenunterricht. Einzug 
Erzherzog Karls in Wien und meine Begegnung mit ihm. Der 
Augarten, Maifieber. Graf Goess und Isabella. Franzosen in 
Schwertberg. Frl. Tisserant. Österreichisches Militär in 
Schwertberg, Leutnant Baron Zadubsky. Zorn Papas. Ver- 
zicht auf die deutsche Kaiservnirde. Der ritterliche Herr Del 
Hoste. Karl Mandell und ich. Schlacht bei Jena. Graf Marco- 
lini und ich. Tod des Abbe Maas. Fürst Auersperg und Murat. 
Tod der Fürstin Starhemberg-Salm, Schulden des Fürsten 
Louis Starhemberg 175 

IX. 1807. Vater erbt Weinberg. Die Keuschheit meines 
Vaters. Maskenredouten in Wien und der Hof. Erzherzog Karl 

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und ich auf der Redoute. Der schöne Herr Smittmer. Tod der 
Kaiserin. Graf Goess macht seinen Heiratsantrag. Ringge- 
schichte des Prinzen Alfred Windisch-Graetz. Politik. Graf La- 
tour in Schwertberg, weitere Besuche. Major Babel erzählt 
vom Großfürsten Konstantin. Aufenthalt in Weinberg und im 
„Bründl". Vermögenskalamitäten. Die Heirat meiner Schwe- 
ster Goess. Die Vermählung des Kaisers mit Louise Beatrix 
von Este 206 

X. 1808. Feste in Wien. Meine Schwärmerei für Arthur 
Potocki. Rothschild und Potocki. Frau von Stael und ihre 
Gegner, sie und Ludwig Liechtenstein, sie und Moritz O'Do- 
nell. Titine de Ligne. Die Kinder der Stael. Konzert bei Haug- 
witz, Theater bei Liechtenstein. Prinz Batthyäny und Kon- 
stantine. Erkrankung des Vaters, seine Transportierung nach 
Ybbs und Wien, sein Tod. Unser Vermögen, Karl und Her- 
mann Chotek. Geschichte Ludwig Baron Mandells. Unsere 
Reise nach W'ien, Schiffsunglück. Bonmot einer Polin. Be- 
trachtung über Napoleon und die Franzosen 227 

XL i8og. Abreise des russ. Gesandten Fürst Kurakin nach 
Paris. Meine Koketterie. Der unverbrennliche AL Roger. Stif- 
tung des Leopoldsordens. Kriegsfurcht. Die Generale Mayer 
und Faßbender. Das Regiment Dampierre. Fahnenweihe der 
Landwehr, ihr Patriotismus. Ebelsberg, Karneval in Rom. Ab- 
schied Hermann Choteks. Abreise Erzherzog Karls und des 
Kaisers. Andreas Hofer, ein Brief von ihm. Schlacht bei Sacile. 
Die Gefechte bei Abensberg. Rückzug der Österreicher. Hiller 
und Napoleon, Betrachtung. Wien befestigt. Unsere Abreise 
nach Kärnten. Bernhard Mayhirt. Gefangennahme meines 
Schwagers Goess. Klagenfurt. Tod der alten Gräfin Goess, ihre 
Härte. Die Familie Goess. Die Rzewuskis. Die Wiener Schel- 
dons. Rückzug Erzherzog Johanns. Kampf bei Klagenfurt. 
Durchzug der Österreicher, Audienz Isabellas bei Erzherzog 
Johann. Kroaten plündern die Stadtkassen. Die ersten Fran- 
zosen in Klagenfurt. Audienz meiner Schwester bei Beauhar- 
nais. Zwei verwundete Offiziere beim Diner. Nachrichten von 
Goess. Die armen, gefangenen Österreicher. Die abtrünnigen 
Polen. Nachrichten von Aspern. Erzherzog Karl nach Aspern. 
Zwei itahenische Offiziere bei uns versteckt. Gefecht bei 
Klagenfurt, die Österreicher ziehen ab. Grausamkeiten des 
französischen Generals Ruska. Der Fürstenstuhl bei Karlsberg. 
Edelmütige Züge österreichischer Soldaten. Friede. Auszeich- 
nung der Polen durch den Kaiser. Nachrichten vom Schlacht- 
felde von Aspern. Anklage gegen Erzherzog Karl. Die Grausam- 

389 



keit Napoleons. Graf Andreossy, Gouverneur von Wien. Der 
Arzt Graf Harrach. Die Soldateska in Wien. Erzherzog Max, 
Verbannung Choteks. Schlacht bei Wagram. Goess ausgevi'cch- 
selt. Napoleon in Schönbrunn, Parade. Bayrische Chevaux- 
legers in Schvi^ertberg. Unsere Rückkehr dorthin. Meine Liebe 
zu Major Baron Zandt, sein Brief, der mich nie erreichte. In- 
grimm der Tiroler. Nachrichten aus Tirol. Mein Gebet für 
Zandt 261 

XII. 1810. Hagers Korb. Napoleon und Marie Luise. Louis 
Mandell. Graf Clary im Auftrage des Kaisers in Paris. Mein 
Eintreffen in Baden bei Rzevpuskis. Graf Mercy-Argenteau. 
Die interessante Gesellschaft bei Rzewuskis. Die alte Gräfin 
und ihre Tochter Isabella. Die Erzählung der Prinzessin Rohan, 
der angeblichen Gemahlin des Herzogs von Enghien. Die 
beiden Rohans. Der große und der kleine ,,0". Hammer-Purg- 
stall. Die Rzevi^uskis. Graf Goloffkin, Herr Mackloff. Der eitle 
Baron Crossard. Brand des Ballsaales in Paris. Rückkehr nach 
Schwertberg. Hager und Konstantine, Hans Weissenwolff und 
ich. Baron Kurz 329 

XIII. 1811. Rückblick. Der österreichische Staatsbankerott, 
Konstantine Brünner Stiftsdame. Hans Welssenwolffs Liebe zu 
mir. Die Brüder Weissenwolff. Hans einberufen. Aufklärung. 
Die Gräfin R*Th* und Roger de Damas. Fürst Kaunitz und 
seine Frau, geb. Gräfin Weissenwolff. Liebessorgen. Wallsee 
an WImpffen verkauft. Meine Predigt an Baron Kurz. Ich 
lese Liebesbriefe von Hans. Unser Freund Pittoni gestorben . 350 

XIV. 1812. Ferdinand Weissenwolff zieht sein Versprechen 
zurück. Geldsorgen Mamas. Verlobungsgeschichte Joseflnens 
mit Graf Konarski. Hans und Ich, Verlobung gelöst. Tod 
meiner lieben Mutter. Betrachtung. (Beilage: Stammtafel 
Weissenwolff) 375 

Verzeichnis der Illustrationen 385 



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Gedruckt für Georg Müller Verlag in München in Old Face- 
Schriften von der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig. Buch- 
ausstattung von Paul Renner. Gebunden von der Leipziger Buch- 
binderei A.-G. vorm. Gustav Fritzsche in Leipzig. Einhundert- 
fünfzig Exemplare vmrden auf holländisches Bütten abgezogen in 
der Presse numeriert und in Ganzleder gebunden. 



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